Der Goetheanumgedanke inmitten der Kulturkrisis der Gegenwart

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER G E S AMTAUSGAB E 

SCHRIFTEN 
GESAMMELTE AUFSATZE 



RUDOLF STEINER 



DER 

GOETHEANUMGEDANKE 
INMITTEN DER KULTURKRISIS 
DER GEGENWART 

GESAMMELTE AUFSATZE 1921-1925 
AUS DER WOCHENSCHRIFT «DAS GO ETHEANUM» 



1961 

VE RL AG DER RUDOLF STEINE R-N AC HLASSVE RWALTUNG 

DORNACH/SCHWEIZ 



Herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach 
Die Herausgabe besorgte Johann Waeger 



Die 83 Aufsatze erschienen erstmals in «Das Goetheanum», 
Internationale Wochenschrift fur Anthroposophie und Dreigliederung, 
Dornach, August 1921 bis Marz 1925 

Erste Auflage in dieser Zusammenstellung, Dornach 1961 

Nachweis anderweitiger Publikationen der Aufsatze sowie der in diesem Bande 
nicht aufgenommenen Aufsatze siehe Seite 376. 



Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung Dornach/Schweiz 
© 1961 by Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung Dornach/Schweiz 
Druck: Benteli AG Bern-Bumpliz 
Printed in Switzerland 



INHALT 



ZUR WELTLAGE 

Von der Weltlage der Gegenwart und der Gestaltung neuer 

HofFnungen. I. Jahrgang Nr. i, 21. August 1921 it 

Die Weltfrage. I 2, 28. August 1921 17 

Amerika und Deutschland. I 3, 4. September 1921 21 

Was kann dem Trennenden im Gegenwartsleben entgegen- 

wirken? I 4, 11. September 1921 24 

Wilsons Erbe. I 7, 2.0ktober 1921 27 

Arbeitslosigkeit. I 8, 9-Oktober 1921 30 

Gefuhle beim Lesen des dritten Bismarck-Bandes. I 10, 

23,Oktober 1921 34 

Das Vergessen des Geisteslebens in den Weltfragen. I 12, 

6. November 1921 37 

Die falsche und die wahre Dreigliederung des sozialen Orga- 

nismus. I 13, 13. November 1921 40 

Was man heute sehen miiBte. I 18, i8.Dezember 1921 44 

Der osterreichische Generalstabschef, Conrad, innerhalb der 

Weltkatastrophe. I 21, 8.Januar 1922 47 

Ein Betrachter der Weltkrisis. I 28, 26.Februar 1922 51 

Die Konferenz von Genua, eine «Notwendigkeit». I 33, 

26. Marz 1922 56 

Emile Boutroux. I 18, i8.Dezember 1921 59 

Wladimir Solo wj off, ein Vermittler zwischen West und Ost. 

I 20, i.Januar 1922 62 

West-Ost-Aphorismen. I 45, 18. Juni 1922 65 

Weitere West-Ost-Aphorismen. I 46, 25. Juni 1922 69 

Psychologische Aphorismen. I 47, 2. Juli 1922 73 

Der gegenwartige Mensch und die Geschichte. II 1, 6. August 

I9 22 77 

Spenglers «Welthistorische Perspektiven». II 2, 13. August 

1922 81 

Die Fluent aus dem Denken. Eine Fortsetzung des Artikels 

uber Spenglers «Welthistorische Perspektiven». II 3, 

20. August 1922 86 

Spenglers physiognomische Geschichtsbetrachtung. II 4, 

27. August 1922 91 



Spenglers geistverlassene Geschichte. II 5, 3. September 1922 95 
Scheinbare und wirkliche Perspektiven der Kultur. II 47, 
i.Juli 1923 100 

BEITRAGE ZUR WIEDE RBELEBUNG DES VERS CHUTTETEN 
GEISTESLEBENS - GOETHE-STUDIEN 

Die verschiittete Geist-Erkenntnis. I 11, 30. Oktober 1921 . 107 
Ein Beitrag zur Wiederbelebung des «versunkenen Geistes- 

lebens». I 27, i9.Februar 1922 111 

Von den volkstiimlichen Weihnachtspielen. Eine Christfest- 

Erinnerung. II 18/19, 24.Dezember 1922 113 

Zur Auffuhrung unserer volkstiimlichen Weihnachtspiele. 

II 20/21, 3i.Dezember 1922 118 

Wie eine dichterisch-begeisterte Personhchkeit vof fiinfzig 

Jahren unsere Zeit vorfiihlte. Ill 16, 25. November 1923 . 121 

Faust und Hamlet. I 34, 2. April 1922 125 

Goethe, der Schauende, und Schiller, der Sinnende. I 35, 

9. April 1922 128 

Warum man eine hundert Jahre alte « Anthropologic » wieder 

veroffentlicht. II 50, 22.Juli 1923 132 

Etwas von Geistes-Wandelungen in der Menschheitsge- 

schichte. II 51, 29. Juli 1923 136 

Der werdende Goethe im Lichte Benedetto Croces. Ill 1, 

1 2. August 1923 140 

Die Schaffenshdhe Goethes im Lichte Benedetto Croces. Ill 2, 

1 9. August 1923 145 

Goethe und die Mathematik. Ill 3, 26. August 1923 150 

«Die Lehre Jesu» von Franz Brentano. I 48, 9. Juli 1922 . . 153 
Das Verstehen der Menschen (Brentano und Nietzsche). I 49, 

16. Juli 1922 158 

Der Philosoph als Ratselschmied. II 48, 8. Juli 1923 162 

Philosophenhande. Ill 4, 2. September 1923 166 

Eine vielleicht zeitgemaBe personliche Erinnerung. II 43, 

3. Juni 1923 169 

Wie sich heute «Gegenwart» schnell in « Geschichte » wan- 

delt. II 44, 10. Juni 1923 173 

Der notwendige Wandel im Geistesleben der Gegenwart. II 

45, 17. Juni 1923 177 



Der Geist von gestern und der Geist von heute. II 46, 24. Ju- 

ni 1923 181 

Das Unzulangliche eines Geist-Suchers. II 49, 15. Juli 1923 . . 186 
Wie die Geschichte der Dichtung den Geist verloren hat. II 
52, 5. August 1923 191 

BUCHBESPRECHUNGEN 

Albert StefFen als Lyriker : Weg-Zehrung. I 22, 1 5 Januar 1922 197 

Albert Steffen: Das Viergetier. Ill 65, 2. November 1924 ... 201 
Albert Steffens «Pilgerfahrt zum Lebensbaum ». IV 8-10, 

22. Februar 1925, i.Marz 1925, 8.Marz 1925 210 

« Der Spiegelmensch » von Franz Werfel. I 51/5 2, 30. Juli 1922 225 

Ein neues Buch iiber den Atheismus. II 10, 8.0ktober 1922 233 
Anspruchslose aphoristische Bemerkungen iiber das Buch: 

Reformation oder Anthroposophie ? von Edmund Ernst. 

Ill 64, 26.0ktober 1924 239 

Alois Magers Schrift «Theosophie und Christentum». Mein 
Erlebnis beim Lesen dieser Schrift. Ill 66, 9. November 1 924 244 

ANTHROPOSOPHIE - DAS GOETHEANUM UND SEINE ARBEIT 

Die Wissenschaftlichkeit der Anthroposophie. I 27, i9-Fe- 

bruar 1922 255 

Wie ist die Gegnerschaft gegen Anthroposophie oft geartet? 

I 14, 20. November 1921 259 

Ist Anthroposophie Phantastik? II 37, 22. April 1923 262 

Anthroposophie und Idealismus. II 38, 29. April 1923 267 

Anthroposophie und Mystik. II 40, 13. Mai 1923 270 

Das Goetheanum in Dornach und seine Arbeit. II 8, 24. Sep- 
tember 1922 274 

Anthroposophie, Erziehung, Schule. 1 19, 25.Dezember 1921 278 
Ein Vortrag iiber Padagogik wahrend des franzosischen Kur- 
ses am Goetheanum, 16. September 1922, II 17, i7-Dezem- 

ber 1922 282 

Padagogik und Kunst. II 34, 1. April 1923 288 

Padagogik und Moral. II 35, 8. April 1923 292 

Sprache und Sprachgeist. I 50, 23. Juli 1922 296 

Einleitende Worte zu einer Eurythmie-Vorstellung. Ill 7, 

23. September 1923 300 



Eurythmische Kunst. Ill 27, io.Februar 1924 304 

Das Goetheanum in seinen zehn Jahren. II 23-26, 14. Januar 

4. und i8.Februar, 4. und i8.Marz 1924 305 

Goethe und Goetheanum. II 33, 2 5.Marz 1923 334 

Der Streit Michaels mit dem Drachen. Ill 8, 30. September 

i9 2 3 338 

Der Michaelstreit vor dem BewuBtsein der Gegenwart. Ill 9, 

7. Oktober 1923 342 

Goethes geistige Umgebung und die Gegenwart. Ill 10, 

14. Oktober 1923 345 

Vom Seelenleben: 

I. Das Seelenwesen im Dammerdunkel des Traumes. Ill 

11, 2 1. Oktober 1923 349 

II. Das Seelenwesen in der Helligkeit der Geist-Anschau- 

ung. Ill 12, 28. Oktober 1923 352 

III. Das Seelenwesen auf dem Wege zur Selbstbeobachtung. 

Ill 13, 4.November 1923 . 356 

IV. Das Seelenwesen in Seelenmut und Seelenangst. Ill 14, 

1 1. November 1923 360 

Das Geistige ist dem gewohnlichen BewuBtsein «entfallen» 

und kann wieder erinnert werden. Ill 17, 2. Dezember 1923 364 
Der Wiederaufbau des Goetheanums. Sondernummer, 18. 

Dezember 1924 368 

Hinweise 371 

Nachweis friiherer Veroffentlichungen der Aufsatze 375 

Nachweis der in diesem Bande nicht aufgenommenen Aufsatze 3 76 
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 378 



I 

ZUR WELTLAGE 



VON DERWELTLAGE DER GEGENWART 
UND DER GESTALTUNG NEUER HOFFNUNGEN 



Wer heute iiber die allernachsten Tagesinteressen hinaus- 
blickt, der empfindet, daB die Menschheit vor Aufgaben ge- 
stellt ist, wie sie nur in den groBen Wendepunkten der ge- 
schichtlichen Entwickelung aufgetreten sind. Es sind Aufga- 
ben, die alle Volker angehen, und die alle Lebensgebiete be- 
treffen. - Es leben Menschen, die im geistigen Leben iiberall 
Keime des Verfalles und des Sterbens wahrnehmen wollen, 
und die eine Moglichkeit des Fortschrittes nur in einer Neu- 
geburt von geistigen Kraften sehen. Andere finden, daB der 
Verfall nur davon herruhre, daB weite Kreise sich von dem 
bewahrten Alten abgewendet haben. Aber auch diese glauben, 
daB das Alte nach neuen Wegen suchen rmisse, um Herz und 
Sinn der Menschen wieder zu ergreifen. 

Die sozialen Verhaltnisse haben eine Form angenommen, 
die zu erschutternden Katastrophen gefiihrt hat, und die die 
Keime zu neuen Katastrophen in sich birgt. Aus diesen Kata- 
strophen ist fur Millionen eine materielle Not hervorgegan- 
gen, die zu beschreiben Worte machtlos sind ; deren Linderung 
nur derjenige erhoffen kann, der an die Moglichkeit neuer 
weltwirtschaftlicher Betatigungswege glaubt. 

Eine groBe Auseinandersetzung zwischen dem Westen und 
Osten steht bevor. Bange blicken viele Menschen nach den 
moglichen Ergebnissen, die der bedeutsame Ruf haben kann, 
der von Amerika ausgegangen ist. Wie wird dieses, wie wird 
England die fuhrende Rolle gestalten, die diesen Westmach- 
ten zugefallen ist? Wie wird aus dem fur diese Machte my- 
stisch-dunklen Asiatengermit der Japaner auf diesen Ruf ge- 
antwortet werden? 

Das sind Fragen, von deren Losung Dinge abhangen, an 
die in der allernachsten Zukunft Wohl und Wehe der Men- 
schen bis in die alleralltaglichsten Erlebnisse und bis in 
die Pnege der hochsten geistigen Interessen gebunden sein 
wird. 



Von dem, was viele Menschen empfinden, ist damit Einiges 
gesagt. Dem aber stent ein Anderes gegeniiber. Man gesteht 
sich : vieles muBte geschehen. Aber eine groBe Miidigkeit ist 
zugleich in die Seelen der Menschen eingezogen. Ein Unglau- 
be an die menschliche Kraft. Es wird von vielen Seiten vieles 
vorgebracht; ein Glaube, daB etwas helfen konne aus den gro- 
Ben Noten der Zeit, antwortet nicht auf das Vorgebrachte. 
Man glaubt zwar auf vielen Seiten recht gut zu wissen, was 
notwendig ist; aber kein solches Wissen wird in den Willen 
der Menschen aufgenommen. 

Wie viele Lobreden auf den geistigen und materiellen Fort- 
schritt hat man horen konnen, bevor die groBe europaische 
Katastrophe hereingebrochen ist ! Wie ohnmachtig erscheint 
jetzt alles, was in diesem Fortschritte gelebt hat, gegeniiber 
dem Chaos, das uber die zivilisierte Welt gekommen ist ! 

Wie eine schmerzvolle Ernuchterung konnte wirken, was in 
dieser Erfahrung angedeutet ist. Und doch; man miiBte an 
dem Menschenwesen selbst verzweifeln, wollte man bei die- 
ser Ernuchterung Halt machen. Es ist ja doch die Kraft des 
Geistes, an die viele der Lobredner auf den Fortschritt in der 
neueren Zeit geglaubt haben. Selbst in dem Materialismus 
lebte dieser Glaube an menschliche Geisteskraft. Durch diese 
glaubten sich diejenigen ihren Materialismus errungen zu ha- 
ben, die an ihn als das allein Heilsame sich hielten. 

DaB die Wege, auf denen diese Geisteskraft wandelte, zu- 
nachst zu einem jahen Absturz gefiihrt haben, das sollte in sei- 
ner ganzen Bedeutung empfunden werden. Man sollte fiihlen, 
daB die Weltereignisse einen Gang genommen haben, auf dem 
ihnen die Ergebnisse dieser Geisteskraft nicht haben folgen 
konnen. Die Gedanken der Menschen haben sich nicht trag- 
kraftig genug fur diese Ereignisse erwiesen. 

Von der rechten Einsicht in diese Tatsache ist nur ein 
Schritt zu der Anerkenntnis der Notwendigkeit, daB die 
menschliche Geisteskraft andere Wege suchen miisse; Wege, 
die den Menschengeist defer in die Wirklichkeit hinein fiihren 
als die bisherigen. 



Wer so spricht, stoBt zunachst begreif licher Weise auf har- 
ten Widerstand. Was willst du, so sagt man ihm, jetzt von ei- 
nem Umschwung im geistigen Leben erhoffen; sprich uns 
doch da von, wie die Welt aus ihren wirtschaftlichen Noten her- 
auszufiihren ist. Der Mensch braucht zunachst Brot; ist dieses 
geschaffen, dann werden die Wege zum Geiste sich finden. 

Das scheint ganz selbstverstandlich. Und wegen dieses 
Schemes von Selbstverstandlichkeit kann man viel Beifall mit 
einer solchen Rede finden. Doch liegt nur ein Schein vor, und 
keine Wirklichkeit. Denn alle wirtschaftlichen Verhaltnisse im 
Menschenleben sind zuletzt ein Ergebnis der geistgetragenen 
menschlichen Arbeit. Sind die Ergebnisse schlecht, so liegt es 
am Geiste, der seinen Aufgaben nicht gewachsen ist. 

Durchschauen wird man diese Wahrheit in ihrer Bedeutung 
fur die Gegenwart nur, wean man aus der Zeitnot heraus sich 
nicht einer blinden abweisenden Kritik der geistigen Fort- 
schritte der neueren Zeit hingibt, sondern wenn man das Gute 
dieser Fortschritte voll anerkennt. Man wird gerade dadurch 
zur Einsicht in die Griinde kommen, warum sie auf gewissen 
Gebieten dem Weltengange nicht gewachsen sind. 

Am augenfalligsten erweisen diese Fortschritte sich auf dem 
Gebiete des heute anerkannten Naturwissens und der von die- 
sem beherrschten Technik. Die Menschheit hat sich eine Ge- 
dankenkraft erworben, durch die sie Mechanik, Botanik, Al- 
tertumskunde und so weiter treiben kann. Niemand sollte die- 
ser Gedankenkraft ihre Berechtigung auf dem ihr zukommen- 
den Gebiete absprechen. Aber diese Gedankenkraft bedient 
sich des menschlichen Geistes, um das zu bewaltigen, was au- 
Berhalb dieses Geistes liegt. Sie erfaBt die Natur durch den 
Geist; aber sie vergiGt dabei den Geist selbst. Sie wird sogar 
nicht miide, immer wieder zu betonen, daB sie die Natur um 
so treuer vor den Menschen hinstellen konne, je weniger die- 
ser von seinem eigenen Geiste in seine Ideen iiber die Natur 
hineinlegt. Es kann hier nicht iiber den Wert der Naturer- 
kenntnis gesprochen werden, die auf diesem Wege gewonnen 
wird. Aber Ideen hervorzubringen, welche tragende Krafte 



des Willens sind, vermag eine Menschheit nicht, die vorziig- 
lich an dieser Seelenbetatigung sich erzieht. Im Menschen ar- 
beitet der Wille durch den ihn durchpulsenden Geist. Und ein 
Geist, der nut auf das Ungeistige gerichtet ist, verliert die 
Tragkraft seines eigenen Wesens. Erstarken in seiner Kraft 
kann der Geist, der sich an der Natur betatigt ; einen tragkraf- 
tigen Inhalt kann er sich auf diese Art nicht geben. 

Von der Einsicht in diese Tatsache glauben diejenigen aus- 
gehen zu miissen, die in der Gegenwart eine selbstandige Gei- 
stesanschauung der Naturanschauung an die Seite stellen wol- 
len. Damit kann nicht eine Geistesanschauung gemeint sein, 
die nur das am Naturerkennen Herangezogene weiterspinnt, 
sondern eine solche, die den Geist und seine Welt als ein Le- 
bendiges anerkennt, wie Augen und Ohren und der auf sie ge- 
stiitzte Verstand die Natur als ein ungeistig Wirkliches aner- 
kennen. 

Aber von diesem lebendigen Geiste redet die Gegenwart nur 
mehr, indem sie sich auf die Uberlieferungen der Vergangen- 
heit stiitzt. In iiberwundenen Zeitaltern waren die Menschen 
davon iiberzeugt, daB auf dieser Erde nicht nur die sichtbaren 
Wesen wandeln und das geschichthche Weltensein gestalten; 
sondern sie fiihlten in diesem Weltensein geistige Wesen mit 
wirksam. Sie wuBten sich im unmittelbaren Erlebnis nicht nur 
in einer Natur-, sondern auch in einer Geisteswelt drinnen ste- 
hend. An die Stelle dieses Geist-Erlebens hat der neuere 
Mensch allein das unwirkliche Gedankenerlebnis gesetzt. Er 
weiB sich nur im Gedanken; er weiB sich nicht mehr unmit- 
telbar im lebendigen Geistgeschehen. Der in dem Naturwis- 
sen erzogene Mensch weist die Erkenntnis des Geistes ab. Er 
ist so allein auf das angewiesen, was von den Geist-Erkennt- 
nissen abgelaufener Zeitalter iiberliefert ist. Das aber ver- 
blaBt allmahlich. Es verliert seine Tragkraft in der mensch- 
lichen Seele. 

Anthroposophische Geistes wis senschaft glaubt, wieder ei- 
ne Erkenntnis gewinnen zu konnen von dem lebendigen Gei- 
ste. Sie spricht von einem Geiste, der im Menschen lebt; nicht 



nur von Gedanken, die ein Bilddasein im Menschen fiihren. 
DaB Geist im Menschen sich lebend offenbart, das ist fur diese 
Geisteswissenschaft ein Ergebnis wie fur die gegenwartige 
Naturwissenschaft dasjenige Ergebnis ist, was der Verstand 
auf der Grundlage der Sinneswahrnehmung durchschaut. 
Nicht von einem nebelhaften Geiste spricht diese Geisteswis- 
senschaft, an den sich nur der abstrakte Verstand herandrangt, 
sondern von einer wirklichen Geisteswelt mit ihren einzelnen 
Wesen und Tatsachen, wie die Naturwissenschaft von einzel- 
nen Pflanzen, einzelnen Flussen, einzelnen Naturtatsachen 
spricht. 

Von zwei Seiten her glaubt diese Geisteswissenschaft an die 
Aufgaben der Gegenwart herantreten zu diirfen. 

Sie ist Wissen und kann als solches empfunden werden von 
alien, die durch eine gesunde Urteilskraft sich von ihr an- 
regen lassen, ein menschlich befriedigendes Verhaltnis zu 
Welt und Leben zu gewinnen. Sie tragt aber nicht den Charak- 
ter jener neueren Wissenschaftlichkeit, der in diesen oder je- 
nen Wissenszweig einfuhrt, ohne daB dadurch der Mensch aus 
seinem Wissen heraus uber seine Wesenheit und Bestimmung 
sich Gedanken machen, oder aus ihr zu einer tatkraftigen Wil- 
lensentfaltung kommen kann. Sie glaubt, den Gedanken er- 
hellen, die Gefiihle hingebungsvoll an die Welt, und den Wil- 
len geisterfiillt gestalten zu konnen. Sie redet zu der Seele je- 
des einzelnen Menschen, ohne Unterschied des Bildungsgra- 
des, weil sie zwar in echtem Wissenschaftsgeist ihre Quelle 
sucht, aber zu Ergebnissen kommt, die in jeder Seele verstand- 
nisvollen Widerhall aus dem gesunden Urteilen der mensch- 
lichen Natur heraus selbst finden konnen. 

Die andere Seite zeigt ihre Fruchtbarkeit fur die einzelnen 
Wissens- und Kunstgebiete und fur das religios gerichtete und 
das sozial gestimmte Leben. Die einzelnen Wissenschaften 
sind durch ihre Betrachtungsart heute an einem Punkte ange- 
langt, an dem sie die Durchdringung mit dem erlebten Gei- 
steswesen brauchen. Die Kiinste haben ihre naturalistische 
Epoche hinter sich; nur aus dem Geiste heraus konnen sie 



wieder zu einem Inhalt kommen, der nicht bloB eine iiberflus- 
sige Wiederholung des Natiirlichen ist. Die sozialen Massen- 
impulse haben in den praktischen Folgen der marxistischen 
Denkungsart ihre Unmoglichkeit erwiesen; sie bediirfen der 
sozialen Krafte des ein^elnen Menschen, die dieser auf dem 
Wege zum Geistesleben finden kann. Dem religiosen Erleben 
wird Geisteswissenschaft die seelischen Tiefen erschlieBen, 
ohne die es verdorren muB. Sie kann ihrem Wesen nach nicht 
selbst religionsbildend auftreten. Man verkennt sie, wenn man 
ihr solche Absichten zuschreibt. Aber sie wird den Menschen, 
die aus den alten Geistesrichtungen heraus die Religion nicht 
mehr finden konnen, diese wieder als den Quellpunkt wahren 
Menschentums erweisen. 

Geisteswissenschaft mochte geben, was die Menschheit no- 
tig hat, damit die Ideen dem Gang der Weltenereignisse wie- 
der folgen konnen. Man wird sich mit solchen Gedanken ge- 
genwartig gewiB dem billigen Vorwurf aussetzen : man wolle 
sagen, wer in den Noten der Gegenwart, die alle Volker und 
Lebenslagen umfassen, sich zurechtfinden will, der solle nur 
bei den Leuten des Goetheanums anfragen; die wissen, wie 
alle Fragen gelost werden. - Wer wirklich zu leben weiB in 
dem Geiste der Anthroposophie, der im Goetheanum gepflegt 
werden will, leidet wahrlich nicht an GroBenwahn, nicht ein- 
mal an Unbescheidenheit; aber er mochte in ganz bescheide- 
ner Art auf das hinweisen, was in dem Wirken der gegenwar- 
tigen Menschheit fehlt, und was gesucht werden muB, damit 
eine nicht allein den Kopf, sondern den ganzen Menschen 
durchseelende Geisteskraft den groBen Aufgaben dienen kann, 
die ja doch von Vielen als drangend empfunden werden. Erne 
solche Denkungsart fuhrt allerdings zu Anderem, als jetzt 
noch von Manchem erwartet wird, der sich diese Aufgaben 
vor die Seele stellt. Auch der Westen und der Osten werden 
sich nur verstandigen aus einer lebensvollen Geistigkeit her- 
aus, nicht auf den Grundlagen, auf denen man heute baut. 
Und die wirtschaftlichen Note werden nur Linderung finden, 
wenn der rechte Geist die Richtung dazu weist. 



DIE WELTFRAGE 



Die Welt erwartet wichtige Entscheidungen von der Wa- 
shingtoner Konferenz, die im November stattfinden soil. Wenn 
als eine Art Programm fur diese Zusammenkunft von den 
Westmachten die Abriistung und die Fragen des Stillen Ozeans 
aufgefuhrt werden, so wird man doch ernsthaft zunachst nur 
an das letztere zu denken und das erstere als eine Art mora- 
lische Dekoration anzusehen haben. Denn im Stillen Ozean 
laufen die Linien zusammen, auf die die Aufmerksamkeiten der 
Machte gerichtet sind, von denen heute die Geschicke der Welt 
abhangen: Nordamerikas, Englands, Japans. Pratt man die In- 
teressen, die dabei herrschen, so wird man deren wirtschaft- 
lichen Charakter als den eigentlich maBgebenden erkennen. 
Man will sich uberwirtschaftlicheVorteile auseinandersetzen ; 
und man wird abriisten, oder riistenin dem MaBe, als dies diese 
Vorteile notwendig erscheinen lassen. Man kann auch nicht 
anders. Denn so, wie sich die emzelnen Staaten nun einmal 
gestaltet haben, miissen sie als wirtschaftliche Machte wirken ; 
und alle anderen Fragen konnen ihnen nur in dem Lichte er- 
scheinen, das von ihren wirtschaftlichen Antrieben ausgeht. 

Aber Europa und Nordamerika werden mit der Denkungs- 
art, die ihnen in solcher Art durch ihre eigene geschichtliche 
Entwickelung gegeben ist, in Asien auf die schwersten Hin- 
dernisse stoBen. Was von dem siidafrikanischen Minister 
Smuts auf der Londoner Reichskonferenz gesagt worden ist, 
kommt Vielen bedeutsam vor. Er meinte, die politischen Blik- 
ke konnten in der Zukunft nicht mehr nach dem Atlantischen 
Ozean und der Nordsee, sondern miiBten fur das nachste 
Halbjahrhundert nach dem Stillen Ozean gerichtet sein. Aber 
die Taten, die unter dem EinnuB dieser Blickrichtung gesche- 
hen werden, miissen mit dem Willen der Asiaten zusammen- 
stoBen. Die Weltwktschaft, die sich seit etwa funf Jahrzehn- 
ten angebahnt hat, soil sich innerlich weiter ausbilden, soli die 
Volker Asiens in einer Art in ihren Bereich einbeziehen, von 
der bisher doch nur Anfange vorhanden waren. 



2 



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Das wird aber nicht moglich sein, wenn zu den vorhande- 
nen Bedingungen der Volkerverstandigung nicht noch andere 
treten. Man wird mit den Volkern Asiens nicht wirtschaften 
konnen, wenn man ihr Vertrauen nicht gewinnen kann. Aber 
Vertrauen laBt sich auf rein wirtschaftlichem Boden nur bis zu 
einem gewissen Grade gewinnen. Der wird nicht ausreichen 
fur das, was man vorhat. Die Seelen der asiatischen Menschen 
wird man gewinnen miissen. Ohne dieses wird jeder Verkehr 
durch MiBtrauen dieser Menschen untergraben werden. 

Und demgegeniiber tauchen Weltfragen von groBter Trag- 
weite auf. Die westlichen Menschen haben bei sich im Laufe 
der letzten Jahrhunderte Gedanken- und Empfindungsrich- 
tungen ausgebildet, welche das MiBtrauen des Asiaten her- 
vorrufen. Dieser mag noch so viel erfahren von der Wissen- 
schaft des Western, von den technischen Ergebnissen dieser 
Wissenschaft : das zieht ihn nicht an, das stoBt ihn ab. Wenn 
er bei seinen asiatischen Genossen, den Japanern, eine Hinnei- 
gung zu der Zivilisation des Westens sieht, so betrachtet er 
diese als Abtriinnige des wahren Asiatentums. Er blickt auf 
die westlichen Kulturen wie auf etwas, das unter dem steht, 
was er an innerem Reichtum des Seelenlebens besitzt. Er sieht 
nicht sein Zunickbleiben hinter dem materiellen Fortschritt ; 
er sieht nur seine seelischen Strebungen, und die erscheinen 
ihm uber denen der westlichen Menschen zu stehen. Auch die 
Art, wie sich diese zum Christentum stellen, findet er nicht 
heranreichend an die Tiefe seines religiosen Erlebens. Was er 
jetzt von dieser Art kennen lernt, betrachtet er als religiosen 
Materialismus ; und die Tiefe des christlichen Erlebens tritt 
ihm jetzt nicht entgegen. 

Die westlichen Volker werden vor unmoglich zu losenden 
Fragen stehen, wenn sie diesen Gegensatz der Seelen nicht 
aufnehmen in ihre weltpolitischen Empfindungen. So lange 
man ein Bedenken dieses Gegensatzes als eine Sentimentalitat 
ansieht, mit der sich der Praktiker des Lebens nicht abgibt, 
wird man nur in ein weltpolitisches Chaos hineinarbeiten. Man 
wird lernen miissen, als praktische Impulse Dinge anzusehen, 



die man bisher nur als die Ideologie von Traumern betrachtet 
hat. 

Und der Westen konnte diese Sinnesanderung vollziehen. 
Er hat bisher nur die AuBenseite seines Wesens ausgebildet. 
Er hat damit errungen, was der Asiate nicht versteht, was er 
nie wird verstehen wollen. Aber diese AuBenseite entspringt 
einer inneren Kraft, die sich bisher in ihrer Eigenart noch 
nicht geoffenbart hat. Diese Kraft kann entfaltet werden, und 
dann wird sie zu den Errungenschaften im Materiellen Ergeb- 
nisse eines geistigen Lebens hinzuerobern, die fur den Asiaten 
Weltenwerte darstellen konnen. 

Man kann natiirlich gegen eine solche Behauptung sagen : 
Gegeniiber asiatischer Barbarei ist doch im Westen Verinner- 
lichung, Durchseeltheit, ist iiberhaupt die «hohere» Kultur 
vorhanden. Das ist gewiB richtig. Aber darauf kommt es nicht 
an, sondern darauf, daB der westliche Mensch tief-seelisches 
Wesen entwickeln kann; aber seine bisherige Geschichte hat 
ihn dazu gebracht, das Seelische in das offentliche Leben nicht 
hineinzutragen; der Asiate mag seelisch-kindhaft, sogar ober- 
flachlich sein: er lebt mit diesem Seelischen in dem ofFent- 
lichen Leben. Auch mit ethisch gut und bose hat der hier ge- 
meinte Gegensatz nichts zu tun. Ebensowenig mit schon und 
haBlich, kiinstlerisch und unkiinstlerisch. Wohl aber damit, 
daB der Asiate seine Empfindung, seinen Geist in seiner auBe- 
ren Sinneswelt miterlebt, dem westlichen Menschen die Seele 
im Innern stecken bleibt, wenn er sich der Welt seiner Sinne 
hingibt. Der Asiate findet den Geist, indem er sinnlich lebt; 
er findet da wohl auch oft einen schlechten Geist; aber eben 
einen Geist. Der westliche Mensch kann noch so enge in sei- 
nem Innern mit dem Geiste verbunden sein; seine Sinne ent- 
laufen diesem Geiste und streben einer mechanisch gedachten 
und geordneten Welt zu. 

NaturgemaB wird der westliche Mensch sich nicht urn des 
Asiaten willen eine geistige Denk- und Empfindungsweise an- 
eignen. Das kann er nur aus seinen eigenen seelischen Bediirf- 
nissen heraus tun. Die asiatische Frage kann nicht einmal der 



AnlaB dazu sein. Aber die materielle Zivilisation des Westens 
hat den Punkt erreicht, auf dem sie ihre Offenbarungen selbst 
als unbefriedigend empfinden muB, auf dem sich ihre Mensch- 
heit innerlich leer und verodet fuhlen muB. Die Seele des 
westlichen Menschen muB nach Verinnerlichung des ganzen 
Daseins, nach einer geistgemaBen Lebenserfassung streben, 
wenn sie sich selbst in dem gegenwartigen Augenblick ihrer 
Entwickelung recht versteht. 

Dieses Streben ist eine von der Gegenwart geforderte An- 
gelegenheit des Westens selbst. Sie trifft zeitlich zusammen mit 
der notwendig gewordenen weltpolitischen Blickrichtung 
nach dem Osten. Und man wird sich im Westen so lange iiber 
die groBen Aufgaben der Zeit unheilvollen Illusionen hinge- 
ben, so lange man nicht bemerkt, daB man ohne den Willen zu 
einer Erneuemng des Seelenlebens den weiteren Menschheit- 
fortschritt unmoglich macht. Seelische Scham kann man emp- 
finden, wenn man vor das gestellt sich sieht, was der Asiate 
seine seelische Uberlegenheit nennt. 

Und Tauschung ist nur, wenn der westliche Mensch die 
Geistesart des alten Orients wie ein Seelengut aufnimmt, das 
er zu seinen materiellen Errungenschaften als Erganzung hin- 
zunimmt. Der geistige Inhalt, durch den der westliche Mensch 
seine Wissenschaft, seine Technik, seine wirtschaftlichen Fa- 
higkeiten zu wahrhaft menschenwiirdigen machen kann, muB 
aus den Fahigkeiten kommen, die er selbst in sich entwickeln 
kann. «Ex oriente lux» haben Viele gesagt. Doch das von au- 
Ben kommende Licht wird nicht zur Lichtwahrnehmung, 
wenn es nicht von einem inneren Lichte empfangen wird. 

Die seelenlose Weltpolitik muB zu einer seelischen werden. 
GewiB, Entwickelung der Seele ist eine intime menschliche 
Angelegenheit. Aber die Taten des Menschen mit einem ver- 
innerlichten Seelenleben sind Glieder der auBeren Weltord- 
nung. Der kommerzielle Sinn, den der Asiate an dem europa- 
ischen Menschen kennen lernt, wird im Osten zuriickgewie- 
sen; eine Seele, die geistigen Inhalt offenbart, wird Vertrauen 
einnoBen. 



Es mag fur die alten Denkgewohnheiten allein praktisch 
scheinen, die Frage zu beantworten, wie man China zu einem 
Wirtschaftsgebiet macht, das den Westmachten seine Ergeb- 
nisse darbietet ; aber die wirklich praktische Frage der Zukunft 
wird sein, wie man sich mit den Seelen der in Asien lebenden 
Menschen verstandigt. Die Weltwirtschaft kann nur ein auBe- 
rer Leib sein fur eine Seele, die ihr gefunden werden muB. 

Es mag manchem als recht ideologisch erscheinen, daB eine 
Zeitbetrachtung mit der Washingtoner Konferenz beginnt 
und mit den Forderungen der Seele schlieBt. Doch in unserer 
schnell lebenden Zeit konnte mancher der jetzt lebenden Ide- 
enverachter noch die Erfahrung machen, daB die Verleug- 
nung des Seelischen sich nicht als Lebenspraxis erweisen wird. 

AMERIKA UND DEUTSCHLAND 

Zwischen Amerika und Deutschland ist ein Friedensdoku- 
ment zustande gekommen. Es ist ein rechtes Spiegelbild der 
Gedanken und Empfindungen, aus denen heraus heute Staa- 
ten vermeinen ihre Beziehungen ordnen zu konnen. 

Wilsons Denkrichtung lebt nicht mehr in diesem Doku- 
ment. Sie war der Niederschlag des Glaubens an weltfremde 
Verstandeserwagungen. Sie wurde in weiten Kreisen bewun- 
dert undbeherrschte die Uberzeugungen vieler Menschen, bis 
sie an den Tatsachen zerschellte. Wilson gait als der Mann, der 
aus dem Geiste heraus der Welt eine neue Richtung geben 
wollte. Aber man kann heute vom Geiste reden, ohne daB die 
Rede aus dem Geiste stammt. Man kann als Idealist erschei- 
nen, ohne daB man Ideen hat, die in dem wirklichen Geiste 
wurzeln. Mit solchen Ideen kann man Scheinbegeisterung er- 
regen; vor den wahren Aufgaben des gegenwartigen Lebens 
zerflattern sie. 

Wilson war eben politischer Romantiker. So werden jetzt 
die Menschen sprechen, die sich fur die wahren Praktiker hal- 
ten. Und Viele werden unter ihnen sein, die das, was Wilson 



sagte, bis vor kurzem noch als ein Minimum von Idealismus 
in denUmkreis ihrer «praktischen» Uberzeugungen zulassen 
woJlten. Verziickt stehen diese nun vor dem Friedensdoku- 
mente, das die wirtschaftlichen Beziehungen regeln mochte 
von dem Gesichtspunkte des niichternen Verstandes, der sich 
von politischer Romantik fern zu halten weiB. 

Aber diese Nuchternheit ist doch nur die Kehrseite dessen, 
was sie als idealistische Romantik ansieht. Sie lebt in der glei- 
chen Illusion; sie weiB es nur nicht, weil sie die weltfremden 
Ideen nicht von vorne, sondern von hinten ansieht. 

Wilson glaubte einer Welt Gesetze geben zu konnen ; aber 
er verstand nicht, daB miteinander wirtschaften nur diejenigen 
konnen, die zueinander Vertrauen haben. Das Vertrauen kann 
nur erstehen, wenn die Seelen sich verstandnisvoll begegnen. 
Dieses Verstandnis aber muB aus dem Geiste stammen, der als 
eine Wirklichkeit erlebt wird. Wilsons Grundsatze stammen 
nicht aus diesem Geiste, sondern aus wirklichkeitsfremder 
Verstandesabstraktion. Aber er wollte doch aus dem Geiste 
heraus handeln; aus einem geistfremden Scheingeiste. 

Jetzt korrigiert man Wilson, indem man den Geist ganz 
fortlaBt und an denjenigen Geschaftssinn sich halt, den man 
fur wirksam ansieht, weil man ihn nuchtern-praktisch findet. 
Und wieder einmal diirfen diejenigen empfinden, wie recht sie 
haben, die da glauben, am besten miteinander zu wirtschaften, 
wenn sie sich um alle geistig-seelischen Menschenbeziehun- 
gen nicht kiimmern. 

Nun, in dieser Gedankenrichtung hat sich die neuere 
Menschheitsentwickelung bewegt, bis sie zur furchtbaren 
Kriegskatastrophe gekommen war. 

Aber hat man denn nicht alles fur eine Geistgemeinschaft 
getan? so wird man sagen. Hat man denn nicht sogar Profes- 
soren ausgetauscht, die in Europa aus amerikanischer, in 
Amerika aus europaischer «Mentalitat» heraus sprachen? O 
ja, das hat man getan. Aber diese Professoren sprachen eben 
nicht aus einer Weltanschauung heraus, die aus dem lebendi- 
gen Geiste kommt. Und so blieb diese Geistgemeinschaft eine 



Dekoration, von der die wirtschaftlichen Interessen nicht be- 
ruhrt worden sind. Die Menschheit aber muB mit geistiger 
Wirklichkeit geheilt werden; die Geistdekoration hat ihr kei- 
ne Hilfe gebracht. 

Erst wenn diese Erkenntnis aufleuchtet, werden im Vol- 
kerverkehr Dokumente entstehen, die auch das wirtschaftliche 
Arbeiten lebensmoglich machen. 

Mit einem soichen Bekenntnis stoBt man auf das uberlegene 
Lacheln derer, die sagen: da konnt ihr lange warten, denn fiir 
solches Denken wiirde die Menschheit erst nach funfzig Jah- 
ren reif werden. Andere sagen nach hundert; andere wahlen 
sich eine noch groBere Zahl. Die ZahlengroBe wachst in dem 
MaBe, in dem sich die Menschen gedrangt fuhlen, das sich ab- 
zulacheln, was sie unpraktischen Idealismus nennen. 

Nun, der Versuch diirfte in diesem Falle besser sein als die 
Prophetic Die Menschheit wird fur den lebendigen Geist 
schneller zuganglich sein, als die sich praktisch diinkenden 
Leute glauben, wenn der Drang nach diesem Geiste nicht 
mehr von derjenigen verfiihrerischen Denkungsart gelahmt 
wird, die iiberall Aberglaube, Romantik, Unlogik wittert, wo 
nach einer Lebensauffassung aus dem Geist-Erleben gestrebt 
wird. Man muB den Geist wollen, wenn er wirksam werden 
soil; und um ihn nicht zu wollen, braucht man nur sich an dem 
fruchtlosen Urteil zu weiden, das die Wartezeit bestimmen 
will, nach deren Ablauf er von selber kommt. Soichen Warte- 
Seelen kann erwidert werden: der Geist wird auch in fiinfzig, 
in hundert, in fiinf hundert Jahren nicht erscheinen, wenn sein 
Erscheinen nicht gewollt wird. 

Aber es ist doch absurd, wenn man uns sagt: wir wollten 
den Geist nicht, sagen die Warte-Seelen. Wir wollen ihn doch 
ebenso wie ihr. - Doch nein, muB man diesen erwidern. Ihr 
wollt nicht; ihr wiinscht hochstens. Denn aus dem Wiinschen 
macht nur der lebendige Geist selbst ein Wollen. Er kann das 
aber nur, wenn die Menschen ihm die Seelentore offhen. 

Der Leib, der sich aus den Weltwirtschaftsinteressen gebil- 
det hat, bedarf der Pflege seiner Seele. Man sollte nicht war- 



ten, bis diese von selbst erscheint. Sie ist da; denn jeder Leib 
hat eine Seele. Aber sie will mit ihrer Wesenheit auch in die 
Denkungsart der Menschen ubergehen, um wirksam zu war- 
den. 

WAS KANN DEM TRENNENDEN 
IM GEGENWARTSLEBEN ENTGEGEN WIRKEN ? 

Eine Miidigkeit der Empfindungen gegeniiber dem offentli- 
chen Leben geht durch die Seelen. Herausgerissen werden die 
Menschen aus dieser Stimmung nur, wenn ein Ereignis sie 
iiberrascht, bei dem sie den Blick wegwenden konnen von den 
politischen Disharmonien, von den wirtschaftlichen Zerset- 
zungsvorgangen. Fur Deutschland war ein solches eingetre- 
ten in der Ermordung Erzbergers. tlber die Parteimeinung, 
iiber das personliche oder Klasseninnere hinweg muBte man 
rein menschlich fuhlen im Angesicht dessen, was geschehen war. 
Gegner und Anhanger des Ermordeten sind im Wesentlichen 
des Empfindens einig. 

Symptomatisch bedeutsam steht ein solches Sich-Finden 
von Seelen in dem Leben der Gegenwart. Man braucht heute 
iiber allem Zerkliiftenden der Meinungen, das aus dem alten 
Partei- und Klassengedanken, aus den Interessen der alten 
Wirtschaftsgestaltungen sich unheilgebarend erhalten hat, ein 
Allgemein-Menschliches, in dem die Menschen sich verstehen 
konnen. 

Kann nur der Anblick des Todes die Menschenseelen sich 
so finden lassen? Es ware gewiB, daB die Gegenwart nicht 
Krafte eines Aufganges gegeniiber dem Niedergange hervor- 
bringen konnte, wenn diese Frage mit « Ja » beantwortet wer- 
den miiJBte. Auch der Anblick des Lebens muB zu diesem Emp- 
finden im Allgemein-Menschlichen fiihren konnen. 

Aus tiefen Untergriinden der Seele heraus ahnt der Mensch, 
daB der Tod ihn vor eine hohere Verantwortlichkeit stellt, als 
die ist, welche er sich auferlegt, indem er sich aus den gegen- 
wartigen Denkgewohnheiten heraus politische oder wirt- 



schaftliche Gedanken macht. Das kann empfunden werden an 
der Erregung, die Erzbergers Ermordung hervorgerufen hat. 
Instinktiv regt sich ein aus dem Geistesleben Stammendes, 
wenn so das Allgemein-Menschliche hinwegweht iiber den 
Streit der aus dem Materiellen geborenen Interessen. 

Was zu tun ist, kiindigt sich durch solche Zeichen an. Aus 
dem Leben heraus mussen die Wege zum Geiste gesucht wer- 
den. Die Miidigkeit der Seelen riihrt von dem Unglauben wei- 
tester Kreise an die alten Partei- und Klassenmeinungen her. 
Diese bilden die groBe Enttauschung der Menschheit. Man 
hat sich ehedem mit Begeisterung oder aus Interesse hingege- 
ben. Man schrieb ihnen eine Wirkungskraft zu. Man sieht, 
daB die Ereignisse iiber sie hinwegschreiten. Man hat den 
Glauben an sie verloren. 

Dennoch treten sie iiberall als Grundlagen des offentlichen 
Urteilens und Handelns noch allein auf. Wer etwas will, der 
sucht nach dieser oder jener Idee, zu der man sich vor den ka- 
tastrophalen Ereignissen bekannt hat. Und er sucht fur diese 
Idee die Angehorigen dieser alten Parteigruppierung zu ge- 
winnen. Eben bei diesem Streben zeigt es sich ihm, wie die 
Menschen, die er anregen will, unempfanglich sind, weil die 
Enttauschung ihr Empfinden lahmt. 

Aus diesem Notstande kann nur eines fiihren. In einer ge- 
niigend groBen Anzahl von Menschen muB dieses Geistesle- 
ben angeregt werden von dem in den vorangehenden Num- 
mern dieser Wochenschrift gesprochen worden ist. Die Mii- 
digkeit gegeniiber dem, was so bitter enttauscht hat, wird 
doch ein guter Saatboden sein fur das Keimen dieses Geistes- 
lebens. Aber dazu ist notwendig, daB man den Gedanken 
ganz meide: wie kniipfe ich an an dasjenige, was diese oder 
jene Menschengruppe bisher gemeint hat. Gerade dieses An- 
kniipfen beirrt die Menschen. Man halt es fur klug, so an das 
den Menschen Eingewohnte anzukniipfen. Doch gerade das 
macht sie in ihrer innersten Seele miBtrauisch. Denn sie glau- 
ben im Grunde selbst nicht mehr an dieses Eingewohnte; sie 
halten sich nur noch daran, weil die tatsachlichen Verhaltnisse 



ihrer Parteigruppierung sie fesseln. Aber man braucht Ideen, 
die aus der Macht des Geistes heraus so wirken, daB die ein- 
zelnen Menschen kraft des Allgemein-Menschlichen sich um 
sie versammeln. Von der Reinheit, mit der solche Ideen unter 
die Menschen gebracht werden, wird es abhangen, ob der 
Weg aus dem gegenwartigen Chaos gefunden werden kann. 
GewiB, fur die Reinheit der Ideen zu wirken, ist gegenwartig 
schwierig. Aber nur die Einsicht, daB diese Schwierigkeken 
iiberwunden werden miissen, kann helfen. 

Man findet heute schon eine Anzahl von Menschen, die 
dem in dieser Wochenschrift gekennzeichneten Geistesleben 
mehr oder weniger zuneigen. Aber viele von diesen glauben, 
man konne zu dem oder jenem nur in einer gewissen Art spre- 
chen. Man wird da von abkommen miissen. Denn dadurch 
hort der andere doch nur etwas, wo von er meint, daB es mit 
dem oder jenem ubereinstimmt, das ihm gut bekannt ist. Und 
von dem glaubt er, daB man damit nichts anfangen konne. Er 
hort dann nur halb hin und kommt bald wieder in die alte 
miide Stimmung. 

Man muB den Mut haben, zu marten, bis die Kraft, die im 
lebensvollen Geisteswesen liegt, den Menschen ergreift. Man 
wird dann die Erfahrung machen, daB man weniger lang zu 
warten hat, als wenn man mit dem Vorbringen wartet bis zm 
« Reife » der Menschen, deren Eintreten man in eine moglichst 
unbestimmte Zukunft verlegt. 

In dem Geiste des Lebens werden sich, wenn dieser nur 
recht zur Geltung gebracht wird, die Menschenseelen finden 
miissen, wie sie sich finden konnen, wenn der Schatten des Gei- 
stes, der Tod, vor sie hintritt. Auch vor dem lebendigen Geiste 
konnen die zerkliifteten Krafte verstummen; und, was die 
Hauptsache ist, sie werden da nicht bloB erregend in den Ge- 
fuhlen wirken; sie werden in den Willen sich ergieBen; sie 
werden zu Taten werden. Und dessen bedarf die Gegenwart. 



WILSONS ERBE 



Ein Volkerbund ist aus der Kriegsnot der Welt hervorgegan- 
gen. Auf seiner grundlegenden Tagung muB er ohne die An- 
teilnahme Amerikas, Deutschlands und RuBlands zu Ergeb- 
nissen kommen. Diese Ergebnisse sollen entscheidend wer- 
den fur das Schicksal der Welt. 

Man setze dagegen, wie sich dieses Schicksal gestaltet hat. 
Amerika, Deutschland und RuBland sind an dieser Gestal- 
tung am starksten beteiligt. RuBland und Deutschland sind 
nach dern Kriege nicht mehr, was sie vorher war en. Und man 
male sich aus, was aus dem Kriege geworden ware, wenn 
nicht Amerika im entscheidenden Augenblicke eingegrifTen 
hatte. 

Die Zusammenstellung dieser beiden Tatsachen wirft das 
hellste Licht auf die gegenwartige Weltsituation. Denn sie 
zeigt den Abgrund zwischen den Kriegs- und Friedensmog- 
lichkeiten der Welt. 

Das Ideal Wilsons war der Volkerbund. Aus diesem Ideal 
heraus hat er entscheidend in den Krieg eingegriffen. Wegen 
dieses Ideales gait er jahrelang als der Prophet eines neuen 
Zeitalters. Mit diesem Ideal ist er zu den Friedensverhandlun- 
gen nach Europa gezogen. Er konnte nicht erreichen, was er 
erstrebte. Von seinem eigenen Volke ist er verleugnet wor- 
den. Er urnfite es, weil sich seine Denkungsart als aussichtslos 
erwies. Diese Denkungsart ist mit seinem Trager wirkungslos 
geworden. 

Wilsons Ideal war ein solches, von dem man sprechen konnte, 
solange ganz andere Interessen als die von diesem Ideale urn- 
spannten, im Kriege walteten; es 1st kein solches, mit dem 
man fur den Frieden handeln kann. Und dennoch konnte es 
durch Jahre hindurch die Zustimmung Vieler finden. 

Man sollte sich den freien Ausblick auf solche Tatsachen 
nicht verdunkeln, weil er unbequem 1st. Man sollte sich rest- 
los vor Augen fiihren, wie man sich in den Glauben an cine 
Idee verrennen kann, die in keiner Wirklichkeit wurzelt. Uber 



das Schicksal der Welt werden die Krafte entscheiden, die in 
den Seelen der verschiedenen Volkern angehorigen Menschen 
walten. Wilsons Idee war der Traum davon, wie diese Krafte 
in Harmonie sich betatigen konnen. Aus diesem Traum sollte 
man erwachen. Und man wxirde sehen, daB sein Inhalt nur ein 
Verstandesprodukt ohne Wirklichkeitsgehalt ist. Dann erst 
konnte man den ganzen Ernst der gegenwartigen Weltsitua- 
tion erblicken. 

In dem Erblicken dieses Ernstes lage aber erst der Anfang 
der Gesundung. Denn wer ihn erblickt, der wird in dem 
Scheitern Wilsons nicht das MiBgeschick eines einzelnen Man- 
nes sehen, sondern das einer ganzen Denkungsart. Und zwar 
derjenigen, die in das Ungliick der Welt hineingefuhrt hat. 

Wilson hat durch seine besondere Intelligenz die Vorstel- 
lungsart in besonders iibersichtliche Formeln gebracht, aus 
der heraus im ofTentlichen Leben der neuesten Zeit gewirkt 
worden ist. In seinem Denken waren politisch-juristische Vor- 
stellungen ganz durchsetzt von wirtschaftlichen Richtlinien. 
Er wuBte nichts davon, wie Wirtschaft und Politik einander 
storen miissen, wenn ein Denken Einrichtungen trifft, in denen 
beide unorganisch ineinander geworfen sind. Ebenso kannte 
die Denkungsart dieses Mannes nichts von den Beziehungen 
der geistigen Interessen der Menschheit zu den staatlich-recht- 
lichen. In seinem groBen Werke iiber den Staat kann man le- 
sen : « Der Unterricht in der Volksschule ist zur Erhaltung der- 
jenigen Bedingungen der politischen und sozialen Freiheit not- 
wendig, die fur die freie individuelle Entwicklung erforderlich 
sind, und zweitens ist dieser Unterricht das universellste 
Macht- und Autoritatsmittel der Regierung.» Das ist ganz die 
Denkungsart, in der poHtisch-rechtliche Vorstellungen die Be- 
dingungen der Selbstandigkeit des menschlichen Geistesleben 
verkennen. Der Satz ist so abstrakt und wirklichkeitsfremd, 
daB ihn der Reaktionar, der Liberale, der Kommunist mit glei- 
chem Wortlaut vertreten kann. 

Wilson ist der Typus fur alle diejenigen Menschen, in deren 
Kopf die drei Glieder des sozialen Organismus unorganisch 



ineinanderspielen, und die in der neueren Zeit auch alle Welt- 
einrichtungen bewirkt haben, an denen sich die Unmoglichkeit 
des Ineinanderspielens in der Wirklichkeit zeigt. Diese Men- 
schen werden auch, wenn von der Notwendigkeit gesprochen 
wird, das geistige, das rechtlich-politische und das wirtschaft- 
liche Element nach deren eigenen Lebensbedingungen zu ge- 
stalten, mit einem gewissen Einwand bei der Hand sein. Sie sa- 
gen : in der Wirklichkeit sind die geistigen, die rechtlich-staat- 
lichen und die wirtschaftlichen Betatigungen gar nicht zu tren- 
nen; deshalb muB es unrichtig sein, von einer Gliederung zu 
sprechen. Aber gerade damit beweisen diejenigen, die wie Wil- 
son denken, daB sie eine wirklichkeitsfremde Vorstellungsart 
haben. Das Zusammenwirken der drei Elemente des sozialen 
Organismus wird namlich dann am besten geschehen, wenn 
ein jedes in seiner besonderen Eigenart sich selbstandig entfal- 
ten kann. Die Einheit wird am vollkommensten sein, wenn das 
Einzelne aus seinem Wesen heraus diese Einheit bewirken 
kann. Sie wird am unvollkommensten, wenn ein jedes schon in 
sich geschwacht wird, indem ihm die Eigenart des Andern auf- 
gedrangt wird. 

Es kann nicht eingewendet werden, Wilson sei kein starrer 
Vertreter der abstrakten Vereinheitlichung des geistigen, 
rechtlich-politischenund wirtschaftlichen Gliedes des sozialen 
Organismus gewesen. GewiB, seine Denkweise neigte, wie die 
vieler Staatsmanner, zu Kompromissen. Und man kann sagen, 
er habe doch auch das Folgende ausgesprochen : «Es muB 
eine ... Lehre gefunden werden, die dem Einzelnen weiten 
Spielraumfur seine eigene Entwicklung gestattet ...», die «den 
Gegensatz zwischen der Selbstentwicklung des Einzelnen und 
der sozialen Entwicklung auf das geringste MaB herab- 
setzt ...» - Aber so wahr es ist, daB Wilson durch den Anblick 
der Wirklichkeit solche Gedanken gekommen sind, so wahr 
ist es auch, daB er in seinem Wirken als Staatsmann ganz von 
dem unklaren Ineinanderdenken von Geistesleben, Wirtschaft, 
Recht und Politik beherrscht war. Und in seinen beruhmten 
vierzehn Punkten ist nichts als dieses zur Geltung gekommen. 



Ein Typus des modernen Staatsmannes ist Wilson. Was an- 
dere getan haben: er hat es nur auf die abstrakteste, auf die 
theoretischste Art in das Leben des ganzen Erdkreises einfiih- 
ren wollen. In der Fiihrung der offentlichen Angelegenheiten 
waltete vor dem Kriege diese Denkungsart. Aus dem Kriege 
sind die Volker so hervorgegangen, daB diese Denkweise sich 
in ihrer Ohnmacht zeigt. Es bedarf heute der Erkenntnis dieses 
Tatbestandes. Aller «guter Wille » wird ohne diese Erkenntnis 
nichts fruchten. Wilson konnte im Kriege wirken; am Frie- 
denswerk zerschellten seine Ideen. Es geniigt nicht, daB seine 
Gedanken nicht mehr durch ihn wirken; es miissen nicht nur 
andere an seiner Stelle denken ; es muB aus einem andern Geiste 
heraus gedacht werden. Er ist mehr Opfer einer Zeitstromung 
als etwas anderes. Aber die Menschheit sollte nicht das Opfer 
dieser Stromung fur lange Zeit werden. Dagegen hilft nur 
riickhaltloses Durchschauen von deren Eigenart. 



ARBEITS LOSIG KEIT 

Es hat vor dem Weltkriege Leute gegeben, die sagten, eine 
Katastrophe dieser Art konne nicht von langer Dauer sein. Die 
weltwirtschaftlichen Verhaltnisse, die sich fur die Gegenwart 
herausgebildet haben, mit den komplizierten Beziehungen der 
Volker, miiBten bald Zustande herbeifuhren, durch die ein sol- 
dier Krieg nicht fortgesetzt werden konnte. 

Es war «volkswirtschaftliche Einsicht», die so sprach. Die 
Wirklichkeit hat anders gesprochen. Sie ist mit ihrer Sprache 
tiefer gedrungen. Sie hat die weltwirtschaftlichen Zusammen- 
hange iiberrannt. Und aus diesem Uberrennen ist heute ein 
weltwirtschaftliches Chaos geworden. 

Ein bitteres Symptom - unter anderen - wirkt aus diesem 
Chaos heraus: die Arbeitslosigkeit. Deren Ursprxinge sind 
wohl fiir die «volkswirtschaftliche Einsicht» ebenso in Dun- 
kel gelegen wie diejenigen der langen Kriegsdauer. 

Beide aber, die lange Kriegsdauer und die Arbeitslosigkeit, 



und noch manches Andere, zeigen doch deutlich, daB die 
<<volkswirtschaftliche Einsicht», die da geurteilt hat, eben 
keine wirkliche Einsicht ist. 

In der Entstehung der Weltwirtschaft haben die geschicht- 
lichen Notwendigkeiten der Menschheitsentwickelung ge- 
wirkt. Die Einrichtungen, die in diese Entwickelung hinein- 
gestellt worden sind, sind aber im hohen MaBe beeinfluBt wor- 
den von den politischen Intentionen, die den wirtschaftlichen 
Notwendigkeiten zuwiderliefen. 

Niemals hatten aus einer Weltwirtschaft, die von politischer 
Denkart nicht durchkreuzt worden ware, die Valutaverhalt- 
nisse sich bilden konnen, die jetzt alles Wirtschaften lahmlegen 
und korrumpieren. 

Die Entstehung der Weltwirtschaft drangte dazu, Verwal- 
tungskorper fur das wirtschaftliche Leben zu schaffen, die nur 
aus den Bedingungen der Wirtschaft selbst heraus arbeiten. 
Solche Verwaltungskorper konnen nur Assoziationen sein, die 
aus den Verhaltnissen der Produktion, des Konsums, der Wa- 
renzirkulation sich ergeben. Nur solchen Assoziationen ist es 
moglich, das Ineinanderwirken der genannten drei Faktoren 
so zu gestalten, daB nicht, zum Beispiele, aus einer ungesunden 
Produktion auf der einen Seite, auf der andern zahllosen Men- 
schen die Produktionsmoglichkeit entzogen werde. Arbeits- 
losigkeit kann nur die Folge ungesunder Wirtschaftsverwal- 
tung sein. 

Es wird hier nicht etwa behauptet, durch dieses oder jenes 
theoretisch erdachtes Rezept konne der Arbeitslosigkeit ent- 
gegengewirkt werden. Das ware utopistisch gedacht. Es ist ge- 
meint, daB im lebendigen Wirken von Assoziationen, die aus 
den Bedurfnissen der Wirtschaft selbst hervorgehen, eine 
Denkart sich entwickeln kann, die gesunde Zustande zur Folge 
hat. 

Erst in einem Wirtschaftsleben, das sich so entwickelt, kann 
auch eine gesunde Politik sich entfalten. 

Solange nicht Weltwirtschaft war, konnten die politischen 
Intentionen sich in der alten Art ausleben. Denn die einzelnen 



Volkswirtschaften konnten in deren Sinne sich gestalten. Die 
Weltwirtschaft kann nur aus ihren eigenen Bedingungen her- 
aus sich in einer gesunden Form entwickeln. 

Und in einer ahnlichen Weise, wie die Entwickelung der 
Weltwirtschaft zu einer selbstandigen assoziativen Wirt- 
schaftsverwaltung hinstrebt, so durch die geschichtlichen Not- 
wendigkeiten das neuere Geistesleben zu einer Gestaltung aus 
seinen eigenen Bedingungen heraus. 

Lord Cecil traumt von der Zukunft des Volkerbundes. Denn 
ein Traum ist ja, was er an der Volkerbundstagung gesprochen 
hat, daB « sparer einmal» dieser Volkerbund durch die Teil- 
nahme der Staatsmanner aller Lander in imponierenden Aus- 
sprachen das Heil der Welt bringen werde. Es geht dieser 
« Traum » aus derselben Wurzel hervor, aus der die « Einsicht » 
stammte, daB ein Weltkrieg wegen der Weltwirtschaft nicht 
von langer Dauer sein konne. Aus derselben Wurzel konnte 
wohl auch die « Einsicht » entspringen, daB innerhalb der Welt- 
wirtschaft eine Arbeitslosigkeit in dem Umfange, wie sie heute 
herrscht, sich nicht ergeben konne. 

Ware die Weltwirtschaft aus ihren Bedingungen heraus 
wirksam gewesen, so hatten wir keinen Weltkrieg gehabt. 
Seine Lange hatte ihren Ursprung in der Unwirksamkek der 
weltwirtschaftlichen Untergriinde. Die Aussprachen, von de- 
nen Lord Cecil traumt, werden nur fruchtbare Wirkhchkeit 
werden konnen, wenn sie nicht Ursachen im Leben der Volker 
schaffen, die eigentlich gar nicht da « sein konnen », wie ja, nach 
der «volkswirtschaftlichen Einsicht » die Ursachen fur eine 
lange Kriegsdauer gar nicht da waren. Dank der politischen 
« Einsicht » war aber das weltwirtschaftlich Unmogliche doch 
moglich. Es haben wohl die «politisch Einsichtigen » auch 
Traume gehabt, die nach der Ansicht der «volkswirtschaft- 
lich Einsichtigen » keine Moglichkeit einer Verwirklichung 
hatten. 

Das Vertrauen in die Verwirklichung von Traumen in der 
Art des Lord Cecil kann nach den Erfahrungen der letzten 
Jahre kein groBes sein. 



Ein Volkerbund braucht Weltpolitiker. Die miissen an die 
Stelle von « Traumen » im Stile der bisherigen Politik die Lehre 
setzen, die so laut davon spricht, wieviel diese bisherige Politik 
an der Weltwirtschaft verdorben hat. Sie hat eben an die selb- 
standigen Bedingungen der Weltwirtschaft gar nicht gedacht. 
In die Debatten, die auf der Grundlage eines assoziativen Wirt- 
schaftslebens sich ergeben, werden die wirtschaftlichen Krafte 
selbst hineinflieBen. Sie werden kiirzer sein konnen als die po- 
litisch-wirtschaftlichen. Denn ein groBer Teil des Wesentli- 
chen wird sich nicht im Reden, sondern im Tun der in den As- 
soziationen stehenden Personlichkeiten ausleben. Was geredet 
wird, wird nur das fur das Tun Richtunggebende sein. 

Den wirklich im Sinne der Weltwirtschaft Denkenden wer- 
den Politiker zur Seite stehen konnen, die fruchtbar mit ihnen 
zusammenarbeiten. 

Arbeitslosigkeit ! Menschen konnen nicht Arbeit finden ! Sie 
muB aber doch da sein. Denn die Menschen sind da. Und es 
kann im gesunden sozialen Organismus die Arbeit, die nicht 
getan werden kann, nicht eine uberfLussige sein, sondern sie 
mufi irgendwo fehlen. Soviel Arbeitslosigkeit, soviel Mangel. 
Das spricht aber deutlich dafur, daB Arbeitslosigkeit nur in der 
allgemeinen Gesundung der wirtschaftlichen Institutionen ihr 
Gegengewicht finden kann. 

Das chaotische Zusammenwirken von Politik, Geistesleben 
und Wirtschaftuntergrabt diese Gesundung. Es erzeugt staats- 
mannische Traume, wie ein chaotisches Zusammenwirken der 
organischen Funktionen im Menschen bedenkliche Traume 
erzeugt. Es ware an der Zeit, einmal im offentlichen Leben der 
Volker Traume von wahren Wirklichkeiten unterscheiden zu 
lernen. Denn unwirksam sind auch Traume nicht. Wenn sie 
namlich in ihrem Traumcharakter nicht durchschaut werden, 
dann erzeugen sie falsche Wirklichkeiten. Der Weltkrieg ist ja 
doch die Folge davon gewesen, daB viele Leute in dem Trau- 
men sich zu wohl befunden haben, um die wahre Wirklichkeit 
nicht zu verschlafen. 



gefOhle beim lesen 
des dritten bis marc k-b andes 



Der dritte Band von Bismarcks Gedanken und Er innerungen 
tragt auf dem Titelblatt die Widmung : «Den Sdhnen und En- 
keln zum Verstandnis der Vergangenheit und zur Lehre fur die 
Zukunft.» - Wer den Band durchgeiesen hat, ohne Parteivor- 
urteile, aber mit Anteilnahme an den Schicksalen der Mensch- 
heit, der Volker undihrer Entwickelung, der kann nur erschiit- 
tert zu dieser «Widmung» zuriickblicken. Bismarck spricht 
zum Verstandnis der Vergangenheit. Einer Vergangenheit, in 
der sein Wort die wirklichkeitsbestimmende Kraft hatte. Was 
er damber sagt, ist so, wie wenn die Tatsachen selber sprechen 
wiirden. Und wie dieses tatsachenzeugende Wort in die un- 
mittelbare Zukunft hiniiberwirkte, das steht auf Seite 115 des 
Buches : «Wie genau, ich mochte sagen subaltern Caprivi die 
,Consigne e befolgte, zeigte sich darin, daB er iiber den Stand 
der Staatsgeschafte, die zu iibernehmen er im Begriife stand, 
iiber die bisherigen Ziele und Absichten der Reichsregierung 
und die Mittel zu deren Durchfuhrung keine Art von Frage 
und Erkundigung an mich gerichtet hat.» Die « Lehre fiir die 
Zukunft », die Bismarck hatte geben konnen, wurde nicht ein- 
malgesucbtvon dem Manne, der in seine Stelle einruckte. 

Ein bedeutungsvolles Symptom fur die geschichtliche Ent- 
wickelung Mitteleuropas ist durch Bismarcks Aussage gege- 
ben. Seine Entlassung steht in der Tat an einem Wendepunkte 
der neuesten Geschichte. Bei dieser Entlassung tauchen die 
beiden Faktoren auf, die zwar lange bestimmend fiir die Ge- 
schicke Europas gewirkt haben, die aber zu dieser Zeit gewis- 
sermaBen geschichtlich aktuell geworden sind. Es sind dies die 
soziale Frage und die Auseinandersetzung mit dem Osten. Die 
soziale Frage muBte in die praktisch-politischen Erwagungen 
aufgenommen werden. Sie hatte die Zeit hinter sich, in der 
man sie nur in gewissen Grenzen als die Tragerin der Kritik 
unzufriedener Menschenmassen halten konnte. Man mag iiber 
Revolutionen sonst denken, wie man will: jeder Unbefangene 



sollte sich klar dariiber sein, daB jedenfalls die soziale Fr age auf 
revolutionarem Wege niemals eine Antwort finden kann. 
Wenn irgendwo, so ist hier ruhige Verrmnft durch die Sache 
selbst gefordert. Und eigentlich wird das erste in bezug auf 
diese Frage sein, wie man auf ihrem Gebiete zu dieser « ruhigen 
Vernunft » praktisch kommt. An dieser «Vorfrage » krankt die 
europaische Entwickelung der letzten drei Jahrzehnte. Bei Bis- 
marcks Entlassung entladt sie sich wie in einem bedenklichen 
Wetterleuchten. Von diesem Wetterleuchten heben sich laut 
sprechend ab die Worte auf Seite 1 16 des dritten Bandes : «Die 
Grande, welche Se. Majestat bestimmt haben, mich zu entlas- 
sen ... sind mir amtlich oder aus dem Munde Se. Majestat nie- 
mals bekannt geworden, ... ich habe sie mir nur durch Con- 
jectur zurechtlegen konnen. ... Ich habe den Eindruck gehabt, 
daB der Kaiser mein Erscheinen in Berlin vor und nach Neu- 
jahr 1890 nicht wiinschte, weil er wuBte, daB ich mich meiner 
Uberzeugung nach iiber die Sozialdemokratie im Reichstage 
nicht im Sinne derjenigen aussprechen wurde, die inzwischen 
die seinige geworden war ...» 

Man steht heute in ganz Europa noch an dem Punkte, an 
dem man damals gestanden hat s als Bismarck wegen desjeni- 
gen, was er gesagt haben wiirde, nicht in Berlin erscheinen 
sollte. 

Der andere Faktor, der bei Bismarcks Entlassung wirkte, ist 
die Frage des Ostens. Man wird sagen mussen, die Frage: wie 
soil Europa sich verhalten, wenn die Krafte der ostlichen 
Volkstiimer gestaltend in seine Angelegenheiten hereinwir- 
ken ? Bismarck hat zu dem Dreibund ein politisches Verhaltnis 
zu RuBland hinzugefugt, von dem er sich versprach, daB es zu- 
sammen mit dem Dreibund die Staatenbildungen Europas, wie 
sie unter seiner Mitwirkung entstanden sind, erhalten konne. 
Gegen ein solches Verhaltnis sprechen die slavischen Aspira- 
tionen. Der scharfe Gegensatz zwischen dem Westen und dem 
Osten der Welt spricht in ein solches Verhaltnis hinein. Auch 
Bismarck konnte bei dem, was er in dieser Richtung tat, nur an 
ein Provisorium denken. Aber er konnte glauben, daB in der 



Zeit, in welcher dies Provisorium vorhanden ist, sich Dinge 
ergeben werden, welche die groBe Volkerfrage des Ostens auf 
eine andere Grundlage stellen werden, als die ist, auf der sie 
1 890 stand. DaB diejenigen, die ihn entmachten konnten, nicht 
so die Verhaltnisse ansahen wie er, das wirkte zu seiner Entlas- 
sung mit. 

Und auch in bezug auf die Ostfrage stent Europa heute noch 
an dem Punkte, an dem die gestanden haben, die Bismarcks 
russische Politik verlassen haben. Die Ostfrage ist letzten En- 
des eine Frage der geistigen Verstandigung ; und alles andere 
ist Provisorium. 

Auch fur diejenigen, welche nicht glauben, daB Bismarcks 
Anschauungen sich von der Vergangenheit vor 1890m die Zu- 
kunft eine entscheidende Kraft henibergerettet hatten, ist doch 
der dritte Band seiner Erinnerungen eine « Lehre fur die Zu- 
kunft». Und heute in ganz besonderem Sinne. Denn die «Zu- 
kunft», von der Bismarck spricht, ist heute zum Teil grausige 
Vergangenheit, zum Teil aufgaben-reiche Gegenwart. Man 
liest heute wohl die dramatische Schilderung dieses Buches nur 
richtig, wenn man das Gefiihl im Leben erhalt, daB in Bis- 
marcks Sturz ein Symptom sich ausspricht fur das Herauf kom- 
men groBer entwicklungsgeschichtlicher Fragen der Mensch- 
heit, und daB die Unfruchtbarkeit der letzten dreiBig Jahre in 
Behandlung dieser Fragen die Fortsetzung der « Lehre » ist, die 
aus diesem Sturze spricht. Aus den Gefuhlen taucht das Ver- 
standnis fur Ideen auf ; aus dem Gefiihl, das der dritte Band von 
Bismarcks Gedanken und Erinnerungen weckt, konnte fur 
wichtige Ideen Verstandnis auf blitzen. 



DAS VERGESSEN DES GEISTESLEBENS 
IN DEN WELTFRAGEN 



Es wird berichtet, daB sich in dem nachstens erscheinenden 
Bande von Bethmann-Hollwegs nachgelassenen «Betrach- 
tungen 2um Weltkriege» der Satz findet: «Mit einem euro- 
paischen Chaos hebt das Zeitalter der Freiheit und Gerechtig- 
keit an, das unsere Gegner der Welt verheiBen haben.» Es hat 
erst des Weltkrieges bedurft, um Personlichkeiten, die durch 
ihre Stellung im ofFentlichen Leben Europas einen so groBen 
EinfluC hatten haben konnen wie Bethmann-Hollweg, in eine 
Gedankenrichtung zu bringen, wie sie in diesem Satze ange- 
deutet ist. Als er diesen Satz schrieb, war Bethmann-Hollweg 
langst ein Entmachteter. 

Die Verhaltnisse im europaischen Volkerleben sind nicht 
erst aus dem Weltkriege geboren. Sie waren vor ihm da. Sie 
haben ihn verursacht. Sie haben durch ihn nur die Moglich- 
keit erlangt, sich auszuleben. 

Die fuhrenden Personlichkeiten des ofFentlichen Lebens 
waren nicht in der Lage, die furchtbare Katastrophe zu ver- 
hindern, weil sie die im Volkerleben vorhandenen Krafte 
nicht sehen wollten. Sie stellten ihr Denken auf die auBeren 
Machtverhaltnisse ab; und das wirkliche Leben wurzelte in 
den Seelenverhaltnissen der Volker. 

Ein Lichtpunkt in dem Chaos kann sich nicht eher ergeben, 
als die Einsicht reifen wird, daB ohne Verstandnis des Vol- 
kerseelenlebens die offentlichen Angelegenheiten nicht in ei- 
nen gesunden Verlauf zu bringen slnd. 

Nach dem Fernen Osten, nach Japan, sind heute die Blicke 
derjenigen gerichtet, die an die Washingtoner Konferenz den- 
ken. Aber wieder sind diese Blicke nur durch die auBeren 
Machtmittel gebannt. Was man gegeniiber Japan tun soil, um 
in China und Sibirien westliche Interessen wirtschaftlicher 
Art in befriedigender Art vertreten zu konnen, das fragt man. 

Das muB man allerdings fragen. Denn diese wirtschaftli- 
chen Interessen sind vorhanden, und das Leben des Westens 



kann nicht weitergehen, wenn sie nicht befriedigt werden 
konnen. Aber man nehme an, sie werden in irgendeine Bahn 
nur durch diejenigen Mittel gelenkt, an die man heute denkt. 
Was muB geschehen? 

Japan ist gegenwartig in einer gewissen Beziehung der vor- 
geschobenste Posten des asiatischen Lebens. Es hat am mei- 
sten auBerlich europaische Formen in diesem Leben angenom- 
men. Man kann es dadurch durch Biindnisse, Vertrage und so 
weiter politisch so behandeln, wie man das im Westen ge- 
wohnt geworden ist. Aber in bezug auf die Volksseelenver- 
fassung bleibt es doch mit dem asiatischen Gesamtleben ver- 
bunden. 

Asien aber hat die Erbschaft eines alten Geisteslebens. Das 
geht ihm iiber alles. Dieses Geistesleben wird in machtigen 
Flammen auf lodern, wenn vom Westen her solche Verhalt- 
nisse geschafTen werden, die es nicht befriedigen konnen. Man 
glaubt aber im Westen aus bloB wirtschaftlichen Griinden her- 
aus diese Verhaltnisse ordnen zu konnen. Man wird damit die 
Ausgangspunkte schaffen fur noch furchtbarere Katastro- 
phen, als der europaische Krieg eine war. 

Die heute die Welt umspannenden ofxentlichen Angelegen- 
heiten durften nicht ohne den Einschlag geistiger Impulse ge- 
fuhrt werden. Die Volker Asiens werden auf den Westen ver- 
standnisvoll eingehen, wenn dieser ihnen Ideen bringen kann, 
die einen allgemein-menschlichen Charakter tragen. Die da- 
von sprechen, was der Mensch im Weltzusammenhange ist, 
und wie das Leben in GemaBheit dieses Weltenzusammen- 
hanges sozial eingerichtet werden sollte. Wenn man im Osten 
vernehmen wird, daB der Westen iiber Dinge etwas Neues 
weiB, von denen die alten Uberlieferungen Kunde geben, fur 
die aber ein dunkles Gefiihl nach einer Erneuerung strebt, 
dann wird man zu einem verstandnisvollen Zusammenleben 
kommen. Wenn man aber das offentliche Wirken mit sol- 
chem Einschlag weiter als die phantastische Idee unprakti- 
scher Leute betrachtet, dann wird zuletzt der Osten gegen den 
Westen Krieg fuhren, trotzdem man in Washington sich dar- 



iiber unterhalt, wie schon es in der Welt ware, wenn abgerii- 
stet wiirde. 

Der Westen mochte Weltenruhe haben, urn zu seinen wirt- 
schaftlichen Zielen zu gelangen. Der Osten wird sich in wirt- 
schaftliche Ziele nur hineinfinden, wenn der Westen ihm gei- 
stig Wertvolles zu iibermitteln hat. Die Ordnung der groBen 
Weltfragen hangt heute daran, ob man in der Lage ist, das 
Geistesleben in das rechte Verhaltnis zum wirtschaftlichen zu 
bringen. 

Man wird das nicht konnen, solange in unseren sozialen 
Organismen das geistige Leben nicht auf seine eigene freie 
Grundlage gestellt wird. Der Westen hat die Moglichkeit ei- 
ner lebendigen geistigen Entwicklung. Er kann aus dem 
Schatze, den er angehauft hat, durch seine naturwissenschaft- 
liche und technische Denkart, eine geistgemaBe Weltanschau- 
ung herausholen. Aber bisher ist aus diesem Schatze nur das 
herausgehoben worden, was zu einer mechanistisch-materiali- 
stischen Anschauungsweise fuhrt. Das dffentliche Denken 
ordnete das Geistige dem Wirtschaftlichen im sozialoffentli- 
chen Leben ein. Die freie Entfaltung des Geistes, die innerlich 
stark im Westen veranlagt ist, war gehindert, weil die Verwal- 
tung der geistigen Angelegenheiten mit den anderen Faktoren 
des sozialen Lebens verquickt ist. Einzelne Menschen mit ho- 
heren seelischen Interessen verhalten sich zum Osten so, daB 
sie dessen altes Geisteserbe ubernehmen und es in auBerlicher 
Weise auf das geistige Leben des Westens aufpfropfen. Das 
«Licht aus Osten » ist unter solchen Voraussetzungen nicht 
nur ein Armutszeugnis fur den Westen. Es ist eine furchtbare 
Anklage. Es bedeutet, daB der Westen von den finsteren Inter- 
essen sich so hingenommen fuhlt, daB er das eigene Licht 
nicht sieht. 

Von der Hebung der geistigen Werte im Westen hangt es 
ab, ob die Menschheit das Chaos von heute bemeistert, oder 
ob sie hilf los in demselben weiter irren muB. Solange man das 
Wollen mit diesem Grundton als das utopistisch-mystische 
Schwarmen unpraktischer Leute ansieht, wird das Chaos wei- 



tergehen. Man wird von Frieden sprechen ; aber auBerstande 
sein, die Kriegsursachen zu bannen. Man wird genotigt sein, 
iiber das Schicksal Europas zu beben, wenn, wie in diesen 
Tagen, eine einzelne Persdnlichkeit, die ehedem in Macht saB, 
zu einer solchen Macht wieder gelangen will. Aber man wird 
schon daran denken miissen, daB Verhaltnisse ungesund sind, 
in denen solches Beben iiberhaupt moglich ist. - 

DIE FALSCHE UND DIE WAHRE DREIGLIEDERUNG 
DES SOZIALEN ORGANISMUS 

Die Wirrnisse in den okonomischen Zustanden Mittel- und 
Osteuropas beginnen den fiihrenden Kreisen der westlichen 
Lander eine Art politischen Alpdriickens zu machen. Man 
furchtet in den allgemeinen Verfall mithineingezogen zu wer- 
den. Wer unbefangen diese Furcht ins Auge fassen kann, der 
sieht aus ihr die Ratio sigkeit in der Fuhrung der offentlichen 
Angelegenheiten herausblicken. 

Die Ratlosigkeit wurzelt in dem Mangel an Willen, unter 
die Oberflache der Vorgange des offentlichen Lebens zu 
schauen. Man scheut davor zuriick. Denn man ahnt, daB man 
mit einem solchen Schauen auf Dinge kommt, die nicht mit 
den Mitteln zu bewaltigen sind, an die man sich gewohnt hat. 
Man veranstaltet Kongresse und Konferenzen : man findet es 
vorlaufig selbstverstandlich, auch dabei nur an diese gewohn- 
ten Mittel zu denken. 

Aber diese werden in alien Fallen versagen miissen, denn 
sie trefTen nicht die Krafte, die in den Tiefen des Volkerlebens 
walten. Und in diesen Tiefen formen sich heute die Fragen, 
welche die Welt beunruhigen. Aus der Erkenntnis dessen 
miiBte gehandelt werden, was in diesen Tiefen nach einem 
Wandel in Lebensauffassung und Lebenshaltung schreit. 

Die Menschheit hat sich in ihrer Anschauung der Weltvor- 
gange aus dem wirklichen Leben herausgerissen. Sie traumt 
selbst in den praktischesten Fragen des Lebens von Zielen, 



die vor dem Verlauf der Wirklichkeit zerflattern miissen. Wa- 
ches Beobachten dieser Wirklichkeit kann allein zur Gesun- 
dung fiihren. 

Alles politische und okonomische Leben wurzelt zuletzt in 
dem geistigen. Wie die Menschen denken, so handeln sie. 
Aber in das Handeln konnen gesunde Krafte nur einflieBen, 
wenn das geistige Leben seine gesunde Nahrung hat. Diese 
Nahrung geht verloren, wenn der Geist sich selbst verleugnet. 
Wenn er in seinen Offenbarungen nicht sich, sondern die 
Geistlosigkeit zum Ausdrucke bringt. 

In diesen Zustand ist die Menschheit der neuesten Zeit ge- 
worfen worden. Man hat sich gewohnt, fur den Geist nicht 
aus dem Geiste selber zu schopfen, sondern durch den Geist 
nur das Geistlose, die Materialitat des Lebens auszudriicken. 
Wer aber die Wahrheit auf diesem Wege sucht, dem geht sie 
zuletzt ganz verloren. Denn die Wahrheit will aus dem Geiste 
heraus auch dann gestaltet sein, wenn sie die materiellen Vor- 
gange des Lebens in ihren Bereich zieht. 

Ein Wahrheitsuchen, das nicht aus dem Geiste selbst seine 
Safte ziehen kann, kommt aus innerer Notwendigkeit bei der 
Phrase an. Und die Phrase ist heute das Kennzeichen des 6f- 
fentlichen Lebens. Die Parteien pragen die Phrasen. Sie agi- 
tieren mit den Phrasen; sie finden Glauben mit den Phrasen. 

Der Phrase fehlt das Herzblut des Geistes. Sie wird deshalb 
nie die Wirklichkeit des Lebens durchpulsen konnen. Aber 
sie betaubt. Sie zieht die Menschenseelen in ihren Bann. Diese 
glauben, durch sie konnten sie das ofFentliche Leben meistern. 
Man wird aber nicht eher zu einer Gesundung kommen, als 
bis eine geniigend groBe Anzahl von Menschen die Phrase in 
ihrer Lebensunfruchtbarkeit erkannt haben. Bis dahin wird 
man die Wurzeln der gegenwartigen Volkerkrankheiten nicht 
einmal sehen konnen. Man wird die Wirklichkeit in die Valu- 
tawirrnis segeln sehen; aber man wird von der «Verbesserung 
der Zustande » in Parteiphrasen sprechen. 

Und wenn die Phrase die Herrin des geistigen Lebens wird, 
dann laBt sie auch die Wahrheit nicht auf kommen, die im po- 



litisch-rechtlichen Leben walten sollte. Das Verhalten der 
Menschen zu einander kann die Rechtsgestalt nicht anneh- 
men. Denn das Recht muB in dem Gefuhle sich einwurzeln. 
Die Phrase aber laBt das Gefuhl verdorren. Das Recht wird 
zur Konvention. Diese ist auf rechtlich-politischem Gebiete 
die Genossin der auf geistigem sich auslebenden Phrase. 

Die Konvention kann in toten Gesetzen und Verwaltungs- 
maBnahmen ihr lebensfremdes Dasein fristen; das wirkliche 
Leben braucht im Sozialen das in den Seelen wurzelnde Recht, 
wie das geistige Leben den Geist notig hat, und unter der Ge- 
walt der Phrase verkiimmert. 

Im wirtschaftlichen Leben entwkkelt sich unter dem Ein- 
flusse von Phrase und Konvention an Stelle einer wirklichen 
Praxis die Routine. Und diese Routine beherrscht heute tat- 
sachlich die okonomische Seite des Daseins. Das wirtschaftli- 
che Leben entfaltet sich nicht im Zusammenklang mit den an- 
dern Bedurfnissen der menschlichen Lebenshaltung. Es ist 
allmahlich zu einem Element des Daseins geworden, dem sich 
der Mensch widmet, weil er eben leben muB, das er aber nicht 
in das Ganze der Lebensentwicklung einbezieht. Wenn das 
geistige und das rechtliche Leben in ihrer Wahrheit die Ge- 
sinnung formen, dann entsteht auf okonomischem Gebiet die 
echte Lebenspraxis. Wenn aber die Handhabung des rein Ma- 
teriell-Technischen im Wirtschaftsleben herrscht, dann ent- 
steht die blutlose, herzlose Routine. Wie ein automatischer 
Mechanismus rollen die Vorgange des okonomischen Lebens 
unter der Macht der Routine ab. Sie Ziehen das Menschenle- 
ben selbst in ihren Kreislauf. 

Unter dieser Macht der Routine im wirtschaftlichen Leben 
seufzt die heutige Menschheit. Durch sie verodet das echte 
Rechtsgefuhl; durch sie entsteht die Gleichgiltigkeit gegen 
das Geistige und die Neigung zum Berauschen an der Phrase. 
Denn im Leben bringt die Ursache nicht nur die Wirkung her- 
vor, sondern das Bewirkte wirkt wieder zuriick auf das Ver- 
ursachende. Phrase und Konvention drangen zur Routine ; die 
Routine laBt die Phrase groB werden, und verkiimmert das 



warmherzige menschliche Zusammenleben im befruchtenden 
Rechtsgefuhle zur herzlosen, lebenlahmenden Konvention. 

Eine Dreiteilung der sozialen Organismen ist unter der 
Gewalt des modernen Lebens entstanden, die in Phrase, Kon- 
vention und Routine sich auslebt. Die «Dreigliederung des 
sozialen Ofganismus » mochte diese Dreiteilung uberwinden. 
Ihr wirft man vor, daB sie, was soziale Einheit ist, zerteilen 
wolle. Das Gegenteil will sie wirklich. Sie will es, weil sie 
glaubt, die Erkenntnis zu haben davon, daB unter jenem Ein- 
heitsstreben, das man ihr entgegenhalt, die Dreiteilung des 
sozialen Lebens in Phrase, Konvention und Routine sich bil- 
det. Dieser Dreiteilung kann nur abgeholfen werden durch 
das gesunde Zusammenwirken der drei Glieder des sozialen 
Organismus. Die Phrase muB durch die Impulse eines freien 
Geisteslebens sich in ihrer Wirklichkeitsfremdheit, die Kon- 
vention durch die Gesundung des Rechtsgefuhles sich in ih- 
rer Lebenskalte; die Routine durch ihre Mechanisierung des 
Daseins in ihrer Unfruchtbarkeit erkennen. Lebensfahig ist 
das Dasein nur durch Wahrheit im Geiste, Recht im Zusam- 
menleben der Menschen, und echte Praxis im wirtschaftlichen 
Wirken. Wie der ganze Organismus des einzelnen Menschen 
leidet, wenn einem Gliede die diesem ureigenen Lebensbedin- 
gungen vorenthalten werden, so kann der soziale Organis- 
mus nicht gedeihen, wenn das geistige Leben in Phrase ver- 
odet, das rechtliche in Konvention erstirbt und das wirt- 
schaftliche in der Routine sich mechanisiert. Wenn solches 
auch schon in dem beruhmten alten romischen Gleichnis aus- 
gedriickt ist: die Menschheit leidet ganz besonders heute dar- 
unter, daB ihre Fiihrer dagegen sundigen. Es ist eben auch 
dieses Gleichnis zur Phrase geworden. 



WAS MAN HEUTE SEHEN MUSSTE 



Man kann jetzt schon deutlich sehen,daB sich die Zahl der Men- 
schen vergroBert, die von der Konferenz in Washington fur eine 
Auf besserung der Weltverhaltnisse nicht viel erwarten. Nicht 
im gleichen MaBe aber ist zu bemerken, daB sich Ansichten 
dariiber bildeten, welches die Griinde der Enttauschung sind. 

Es steht auf dieser Konferenz die Weltwirtschaft zur Dis- 
kussion. Alle anderen Fragen werden da von dem Gesichts- 
punkt aus aufgerollt, der durch diese Tatsache gegeben ist. 
Wenn dies auch fur manches weniger durchsichtig ist, fur den 
Unbefangenen kann kein Zweifel dariiber sein. In Artikeln, 
die in dieser Wochenschrift erschienen sind, ist dariiber ge- 
sprochen worden. 

Im Weltgeschehen aber stehen andere Fragen zur Diskus- 
sion als auf dieser Konferenz. Und diese Fragen miissen erst 
durchschaut werden, wenn man iiber die heute offen aufge- 
worfenen in fruchtbarer Art reden will. 

Das Wirtschaften ist eben doch nur dann zu ordnen, wenn 
die Menschen sich iiber ihre rein-menschlichen Beziehungen 
verstandigen konnen. Und diese Verstandigung ist ins Wan- 
ken gekommen und hat die Wirtschaft mitgerissen. Wilson 
hat das gefiihlt. Deshalb hat er seinen beriihmten vierzehn 
Punkten eine ethisch-idealistische Einkleidung gegeben. Al- 
lein der innere Gehalt dieser Punkte war abstrakt und wirk- 
lichkeitsfremd. Sie waren Gedankenschatten, die in das wilde 
Gewoge realer Leidenschaften und gegeneinander wirkender 
Lebensinteressen geworfen waren. 

Es kommt eben darauf an, zu sehen, aus welchen Untergriin- 
den dieses Gewoge an die Oberflache treibt. Und jeder Ver- 
such, in dieser Richtung klar zu sehen, muB dazu fuhren, an- 
zuerkennen, wie in unserer Zeit gar nicht gefragt werden 
kann : wie laBt sich unter den gegebenen offentlichen Verhalt- 
nissen wirtschaften; sondern, wie soli man die allgemein- 
menschlichen Grundfragen ofTentlich behandeln, um zu einer 
moglichen Verstandigung zu kommen ? 



Man muB heute sehen, wie das kompliziert gewordene Le- 
ben die drei Ur-Teile alles Menschendaseins : das Wirtschaf- 
ten, die politisch-rechtliche Verstandigung und die Pflege des 
geistigen Lebens dahin gefuhrt hat, daB sie miteinander im 
Streite stehen. Wo irgendein Wirtschaftsplan ersonnen oder 
ausgefuhrt wird, da scheitert er an den politisch-rechtlichen 
Empfindungen oder den geistigen Interessen derer, die von 
ihm betroffen werden. Wo politische Entscheidungen getrof- 
fen werden, prallen sie auf wirtschaftliche Unmoglichkeiten 
und seelische Verstimmungen auf. 

Die Harmonisierung der wirtschaftlichen, politisch-recht- 
lichen und der geistigen Lebensbedingungen der Volker: das 
ist die brennende Weltfrage geworden. Und zu dieser Harmo- 
nisierung kann kein iiber die Menschenkopfe hinwegwehen- 
der KonferenzbeschluB etwas beitragen, wenn er nicht an die 
Grundfrage selbst riihrt : In welchen sozialen Zusammenhan- 
gen miissen die Menschen stehen, damit, was sie auf einem 
dieser drei Gebiete anstreben, mit den beiden andern vertrag- 
lich ist? 

Das kann nicht geschehen, wenn die drei Gebiete nicht ihre 
relative Selbstandigkeit in dem sozialen Leben erhalten. Es ist 
eben nicht richtig im Leben, daB eine daseinsmogliche Einheit 
den Gliedern von vornherein aufgepragt werden kann; diese 
kann sich nur aus dem selbstandigen Entfalten der Glieder ge- 
stalten. Nicht durch einen abstrakten Einheitsgedanken oder 
Einheitswillen kann das Zusammenwirken erreicht werden, 
sondern allein durch den Impuls der einheitlichen Menschen- 
natur, die in jedem einzelnen Gliede sich frei entfalten kann. 

Wie kann es dahin gebracht werden, daB, wenn Wirtschaft- 
liches entschieden werden soil, nur die im Wirtschaftsleben 
Stehenden zur Entscheidung aufgerufen werden? Aber so, 
daB diese Personlichkeiten aus ihren Lebenskreisen eine poli- 
tisch-rechtliche und geistige Seelenverfassung mitbringen, die 
ihre Entscheidungen sachlich tragt, ohne daB sie zerstorend 
eingreift? Und fur die anderen Lebensgebiete muB ein Glei- 
ches gelten. 



Man sieht ein Denken in dieser Richtung als utopisch an. 
Aber sieht man denn nicht, wie Urteile von Menschen, die den 
Vorwurf des Utopischen weit von sich weisen, sich in dem 
Augenblick heute als Utopie erweisen, in dem sie in das wirk- 
liche Leben eintreten sollen? Hatten denn die Konferenzen 
der Gegenwart nicht einen durchaus utopischen Charakter? 

Man wird erst sehen, wie fest man heute in der Wirklich- 
keit des Lebens steht, wenn man die angedeuteten Fragen erst 
einmal im offentlichen Leben sachgemaB aufwirft. Man wird 
bemerken, daB man damit iiberall an die Wirklichkeit dessen 
stoBt, was in den unausgesprochenen Sehnsuchten der Volker 
und Menschen liegt. Wenn das noch nicht sichtbar wird, so 
liegt es lediglich daran, daB der Hinweis darauf heute iiber- 
tont wkd von den Stimmen derjenigen, welche die Augen 
verschlieBen vor den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart 
und der nachsten Zukunft. 

Man kann nicht uber das Sekundare fruchtbar verhandeln, 
wenn man das Primare nicht sehen will. Fur jede Konferenz 
in offentlichen Lebensangelegenheiten ist aber das Angedeu- 
tete das Primare. 

Es wird viel geredet davon, daB die Gesundung der Mensch- 
heit von der moralischen Seite her kommen miisse. Daran 
kann kein Zweifel sein. Wenn aber jemand mit dem Pnuge 
den Acker bearbeiten soli, dann hilft es ihm nichts, wenn ich 
ihm sage : Tue das auf moralische Art. Ich muB ihm die Kunst 
des Ackerns vermitteln. Aber der Gesamtlebenszusammen- 
hang erfordert allerdings, daB an den PfTiigen moralische 
Menschen stehen. Das Wirtschaftsleben kann nicht mit ab- 
strakten Ideen durchmoralisiert werden; aber es wird eine 
moralische Gestalt annehmen, wenn es in Zusammenhang 
steht mit einem frei aus sich wirkenden Geistesleben und ei- 
ner dem Menschen-Empfinden entsprechenden politisch- 
rechtlichen Gestaltung, die sich auf ihrem eigenen Boden re- 
lativ selbstandig entwickeln. 

Auf einfacher, schlichter Lebensbetrachtung ruht die An- 
schauung von der Dreigliederung des sozialen Organismus. 



Und viele sehen diese Einfachheit nicht, weil sie von der 
Kompliziertheit des modernen Lebens betaubt sind und in der 
Betaubung sich lieber mit Phrasen abfinden, die im Sekunda- 
ren platschern, statt zu dem Einfachen vorzudringen, das an 
das Primare riihrt. 



DER OSTERREICHISCHE GENE RALSTAB S CHEF, 
CONRAD, INNERHALB DER WELTKATASTROPHE 

« Nur nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung bei tausend- 
faltigen Kausalbeziehungen rollen die Geschicke der Mensch- 
heit dahin, — was zahlt ein Einzelner in diesem elementaren 
Wirken an letzten Quellen unfaBbarer Gewalten! » Dieser Satz 
steht im Eingange des Buches, in dem der osterreichische Feld- 
marschall Conrad von H'dt^endorj "sein Wirken vor und wahrend 
der Kriegskatastrophe schildert. Es liegt der erste Band dieses 
Buches bereits vor. (Feldmarschall Conrad: Aus meiner 
Dienstzeit 1906-1918. Erster Band: Die Zeit der Annexions- 
krise 1 906-1 909. Rikola Verlag Wien, Berlin, Leipzig, Miin- 
chen 1 92 1.) - Man Hest in diesem Satze das Bekenntnis des 
Mannes, der 1906 zum Generalstabschef der osterreichisch- 
ungarischen Armee ernannt worden ist, und der als solcher bis 
zu seiner Enthebung im Juli 191 8 im Mittelpunkte der oster- 
reichischen Kriegsfuhrung stand, 

Wer das Buch liest, findet fast auf jeder Seite unausgespro- 
chen dieses Bekenntnis der in den Kriegsjahren fur Osterreich- 
Ungarn wichtigsten Personlichkeit. Und man kann sogar den 
Eindruck bekommen, in diesem Bekenntnis driickt sich eine 
auBerordentlich bedeutsame Tatsache innerhalb des Kriegs- 
verlaufes aus. Conrad ist zweifellos eine geniale Personlichkeit 
in seiner Art. Man erkennt das aus dem Buche. Mit sicherem 
Blicke durchschaut er von seinem militarischen Gesichts- 
punkte die drohenden Gefahren fur den Bestand seines Lan- 
des ; mit Sicherheit des Wollens will er gegen sie ankampfen als 
Verwalter des militarischen Apparates. Aber die ganze Schil- 



derung, die Conrad gibt, ist eigentlich nur ein Beweis dafiir, 
daB ihm auf seinem militarischen Posten der sichere Blick und 
die Sicherheit des Wollens nichts helfen. Conrad meint, um 
den drohenden Gefahren zu begegnen, braucht Osterreich eine 
VergroBerung seiner Wehrmacht; der Kriegsminister verhilft 
ihm nicht zu dieser VergroBerung; Conrad hat die Stellung 
Osterreichs innerhalb der europaischen Politik im Auge und 
die Krafte, welche sich aus den Nationalitaten heraus zur Auf- 
losung des Staatsgebildes geltend machen; er halt eine ganz 
bestimmte auswartige Politik fiir notwendig, wenn das Heer, 
an dessen Spitze er stent, dieser Stellung eine Festigkeit geben, 
dieser Auflosung vorbeugen soli: der AuBenminister macht 
eine ganz andere Politik, die Conrad fiir schadlich halt. 

Und so fiihlt sich der Mann, der diejenige Macht in seinen 
Handen halt, die er fiir die einzige sichere Grundlage fur den 
Bestand Osterreichs halt, absolut machtlos. Dieses Gefiihl 
stromt durch das ganze Buch. Es wirft Gedankenwellen an 
die Oberflache der Darstellung, die charakteristisch sind fiir 
einen Mann, den die Welt einen solchen der Tat nennt. «Es 
ist nicht zutrefTend, zu behaupten, daB die Geschichte die Lehr- 
meisterin der Menschheit sei ; die Menschen im GroBen ge- 
nommen lernen aus ihr nichts^ sonst begingen sie nicht seit 
Jahrtausenden immer wieder dieselben Irrtumer. So wenig 
Kinder sich die Erfahrungen und Lehren ihrer Eltern zunutze 
machen, so wenig tun dies neue Generationen gegenuber den 
alten ...» 

Was hatte Conrad getan, wenn er als Militar auch die politi- 
sche Macht gehabt hatte ? Er empfmdet sich als Einer, der vor- 
ausgesehen hat, Osterreich werde einen Krieg furchtbarer Art 
fuhren miissen, wenn es werde weiter bestehen wollen. Er 
weist Andere, seitdem er auf seinem wichtigen Platze steht, un- 
auf horlich auf diese seine Uberzeugung hin. Er glaubt, daB die 
Aussichten fiir einen solchen Krieg immer schlimmer werden, 
je spater er erfolgen wird. Er mochte fur friihere Zeitpunkte 
die Bedingungen des Krieges herbeifuhren. Er hat dariiber 
ganz bestimmte Ansichten. Seite 41 des Buches driickt er diese 



so aus: «Die osterreichisch-ungarische Monarchic hat weder 
Mittel noch Krafte, um gegen alle Kriegsfalle gleichmaBig gut 
vorbereitet zu sein. Ihre Vorbereitungen miissen sich daher auf 
bestimmte Kriegsfalle konzentrieren ; es muB darum festgestellt 
werden, welches diese Kriegsfalle sind, und zwar rechtzeitig, 
da, insbesondere wegen des langsamen ZufheBens der flnan- 
ziellen Mittel - nur in kleinen Raten - Jahre fur die Vorberei- 
tung vergehen miiBten - endlich aber, und das ist das Wesent- 
lichste : die Monarchic hat iiberhaupt nicht die Krafte, um ge- 
gen alle in Betracht kommenden Feinde gkick(eitig in den 
Kampf zu treten. Ihre Politik muB daher derart gefuhrt wer- 
den, daB es niemals zu einem vielfachen ZusammenstoB kom- 
me, sondern mit ihren aggressiven, unvermeidlichen, auf den 
Kampf gegen sie hinarbeitenden Gegnern nacheinander y ein^eln 
abgerechnet werde.» Eine in diesem Sinne gehaltene Politik 
will Conrad, seit er Generalstabschef ist. Er hat stets dariiber 
zu klagen, daB der AuBenminister kein Verstandnis fur eine 
solche Politik entwickelt. Er ist der Meinung, dessen von ihm 
fur schadlich gehaltene Politik bringe zuletzt diejenige Kriegs- 
form zustande, die er vermeiden will, und in der er notwendig 
als Fuhrer der Heeresmacht unterUegen miisse. Durch den 
Verlauf des Weltkrieges sieht Conrad bestatigt, was er jahre- 
lang vorhergesagt hat. 

Von diesem Gesichtspunkte aus gibt Conrad Schilderungen 
der allgemeinen Lage Osterreich-Ungarns, die durchsichtig 
klar die Zerfallsmomente der Monarchic vor Augen fiihren ; 
von eben diesem Gesichtspunkte stellt er die Annexion Bos- 
niens und der Herzegowina dar in einer auBerordentlich stark 
dramatischen Art. Er fiihrt die Gestaltung des osterreichisch- 
ungarischen Heerwesens vor, so daB man immer sieht, in welch 
trostloser Lage er sich fuhlt. 

Ein Stuck Weltgeschichte, das eindringlich spricht, ein 
Stuck Biographie, das menschlich ergreifend wirkt, Ziehen an 
dem Leser voriiber. Man sieht tief hinein in die Gesamtverwal- 
tung der osterreichisch-ungarischen Monarchic Man lernt die 
Personlichkeiten kennen, die glauben ihrem Lande gut zu die- 



nen, und die doch alle gegeneinander und alle so arbeiten, daB 
sie zur Auf losung das Moglichste beitragen. 

Wer das Buch durchliest, lernt durch die pragnante, an- 
schauliche Art Conrads ein gut Teil von dem kennen, was zu 
kennen notig ist, urn das Schicksal der europaischen Mensch- 
heit in der Gegenwart zu verstehen. Und hat man das Buch zu 
Ende gelesen, dann blattert man nachdenklich zuriick zu den 
ersten Seiten; man fiih.lt wohl noch einmal die Notwendigkeit, 
einen Blick auf das Seelenleben eines der Manner zu werfen, die 
in den Geschicken Europas im zwanzigsten Jahrhundert fuh- 
rend werden konnten. In Conrad stent ein Mann da, der ge- 
nialische Fahigkeiten hat. Und er verrat viel von seinen intim- 
sten Gedanken auf diesen ersten Seiten. « Auch der Gang des- 
sen, was wir historische Ereignisse nennen, ist jener, die ganze 
Natur beherrschende UmgestaltungsprozeB, der sich im unun- 
terbrochenen Werden und Vergehen ausspricht - in seiner au- 
Bersten Ursache - nach unerforschlichen Gesetzen vollzieht. » - 
Der osterreichische Feldherr mit der in dieser Wochenschrift 
ofter geschilderten, die echte Menschen-Erkenntnis ausschlie- 
Benden Weltanschauung! «Nicht einzelne Manner machen 
ihre Zeit, - sondern diese schafft ihre Manner. Und jene Man- 
ner, die in groBen Epochen zufallig an fiihrenden Stellen ste- 
hen, wirken dort, indem sie den Antrieben gehorchen, die 
durch den groBen Zug der Zeit bedingt sind », so schreibt Con- 
rad. Und fur den Leser kann dessen Darstellung ausklingen in 
die Worte, die auf der ersten Seite stehen : «In spateren Jahren 
war ich zu einer Weltanschauung gelangt, die mich iiberhaupt 
alle irdischen Geschehnisse als schlieBlich nichtig erkennen 
lieB.» 



EIN BETRACHTER DER WELTKRISIS 



In der Schrift «Die drei Krisen. Eine Untersuchung iiber den 
gegenwartigen politischen Weltzustand », Stuttgart 1920, gibt 
J. J.Ruedorffer eine Darstellung des Weltgeschehens, wie sie 
nur eine Persdnlichkeit zustande bringen kann, die sich einen 
Gesichtspunkt erobert hat, von dem aus eine sachgemaBe Be- 
urteilung moglich ist. Der Verfasser stent mit seinen Ideen so 
innerhalb der Dinge, die sich abspielen, daB man seiner Schil- 
derung das jahrelange Verbundensein mit denselben auf jeder 
Seite ansieht. Er sagt in der Vorrede: «Die folgende Untersu- 
chung ist im Mai des Jahres (1 920) als Nachwort zu einer wei- 
teren Neuauflage meiner <Grundziige der Weltpolitik> ge- 
schrieben. Sie erscheint auf Wunsch des Verlags als Sonder- 
druck.» 

Man liest die Schrift wie das Bekenntnis eines Mannes, der 
die Weltgeschichte fragt, was sie zu dem gegenwartigen Welt- 
zustande zu sagen hat. Der ohne Parteivoreingenommenheit 
sich die so entstandene Frage beantworten mochte. Seine ein- 
fuhrenden Worte sind aber ein Glaube an die Hoffnungslosig- 
keit. « Ohne Verstandnis steht der Zeitgenosse vor dem Welt- 
geschehen. Was geht vor, aus welchen Ursachen und zu wel- 
chem Ende ? War diese beste aller Welten doch bisher vernunf- 
tig und ist nun dem Irrsinn verfallen ; Revolutionen folgen ein- 
ander und Volker wiiten gegen sich selbst. Aber die Welt war 
weder bis vor kurzem verniinftig noch ist sie jetzt unvermittelt 
dem Wahnsinn verfallen. Ein RiB klafft seit Anbeginn. Es gibt 
Zeiten, die ihn mit allerlei Straucherwerk verdecken, Men- 
schengeschlechter, die ihn sorglos entlang gehen oder wegse- 
hend leugnen wollen, und andere, die hineinzusehen gezwun- 
gen zunickschaudernd sich abwenden wollen und doch nicht 
konnen. Wir sind aus einem Zeitalter der ersten in ein Zeitalter 
der zweiten Art getreten.» 

Drei Krisen des gegenwartigen Zeitalters verzeichnet der 
Verfasser. Eine erste sieht er darin, daB die Staaten, besonders 
die europaischen, in eine Lage geraten sind, in der es ihnen un- 



moglichist,ihre gegenseitigenVerhaltnisse ohneErschiitterun- 
gen zu ordnen. Eine zweite liegt fur ihn darin, daB die Fiihrung 
des einzelnen Staates allmahlich ihre Macht an die einander 
widerstrebenden Parteien verloren hat, so daB das Geschehen 
nicht von ihr, sondern von dem Mechanismus dessen abhangt, 
was aus dem Spiel der Parteikrafte zum Vorschein kommt. Als 
eine dritte Krise erscheint ihm die Summe der sozialen Stre- 
bungen, die, aus den Tiefen der Volker an die Oberflache drin- 
gend, ohne Einsicht in das, was durch sie geschieht, die Mog- 
lichkeit des menschlichen Zusammenlebens zerstoren, indem 
sie eine Besserung der bisherigen Lebensverhaltnisse herbei- 
fuhren wollen. 

Am Schlusse jedes der drei Kapitel, welche diese drei Krisen 
besprechen, steht, den Inhalt der Untersuchung zusammenfas- 
send, einBekenntnis derHofmungslosigkeit. Das erste schlieBt 
so: «Der europaische Zustand, vor dem Krieg unhaltbar, ist 
durch Krieg und Frieden noch hundertmal unhaltbarer gewor- 
den. Damals drohte ein groBartiges aber gedankenloses Gedei- 
hen, eines Tages an der Labilitat des europaischen Gleichge- 
wichts scheiternd, von einem Weltkriege verschlungen zu wer- 
den. Es war gemeinsames Interesse der europaischen Volker, 
diesen Weltkrieg zu vermeiden. Mangel an Einsicht in diese 
Gemeinsamkeit, Mangel an einer kalten, die gemeinsame Ge- 
fahr liberschauenden und von Demagogen unabhangigen po- 
litischen Fiihrung haben ihn ausbrechen lassen. Der Krieg ist 
vorbei : er hat jedes einzelne der Volker des europaischen Kon- 
tinents zerriittet, die Gesamtheit bis aufs auBerste desorgani- 
siert. Die Volker Europas, einzeln oder zusammen, in dem ge- 
genwartigen Zustand unfahig, auch nur zu leben, geschweige 
denn die Wunden des Krieges zu heilen, sind vor die Wahl ge- 
stellt, neue Wege zu finden und mit Entschiedenheit zu be- 
schreiten oder vollig unterzugehen.» 

Zur zweiten Krise wird gesagt: «Diese Erkrankung des 
staatlichen Organismus entreiBt der Vernunft die Fiihrung, 
iiberantwortet die EntschlieBungen des Staats mannigfachen 
unsachlichen Nebeneinfliissen und Nebenriicksichten. Sie be- 



schrankt die Bewegungsfreiheit, zersplittert den staatlichen 
Willen und hat iiberdies zumeist noch eine gefahrliche Labili- 
tat der Regierungen im Gefolge. Die Zeit des ungebardigen 
Nationalismus vor dem Krieg, der Ktieg selbst, der europa- 
ische Zustand nach dem Kriege haben ungeheure Anforderun- 
gen an die Vernunft der Staaten, ihre Ruhe und Bewegungs- 
freiheit gestellt. DaB mit den Aufgaben das Vermogen nicht 

wuchs, sondern abnahm, hat die Katastrophe vollendet 

Wenn die Demokratie bestehen soli, muB sie ehrlich und mutig 
genug sein, zu sagen, was ist, auch wenn sie gegen sich selbst 
zu zeugen scheint. Europa steht vor dem Untergang.» 

Im dritten Kapitel findet man das folgende: «Es ist ein 
Schauspiel von tiefer Tragik, wie jeder Versuch einer bessern- 
den Handlung, jedes Wort der Umkehr sich in den Netzen die- 
ses Verhangnisses fangt und, hundertfach umstrickt, schlieB- 
lich wirkungslos zu Boden fallt ; wie das europaische Biirger- 
tum, gedankenlos an dem Zeitirrtum des steten Fortschritts der 
Menschheit hangend oder die gewohnte Bahn jammernd wei- 
tertrottend, nicht sieht und sehen will, daB es von deraufgespei- 
cherten Arbeit fruherer Jahre zehrt und kaum fahig ist, die 
Schaden der jetzigen Weltordnung zu erkennen, geschweige 
denn, aus sich heraus eine neue zu gebaren ; wie auf der anderen 
Seite die Arbeiterschaft, sich in nahezu alien Landern radika- 
lisierend, von der Unhaltbarkeit des gegenwartigen Zustands 
liberzeugt, sich Heilbringer einer neuen Ordnung glaubt, in 
Wirklichkeit aber in diesem Glauben nur unbewuBtes Werk- 
zeug der Zerstorung und des Untergangs, auch des eigenen, 
ist. Die neuen Parasiten der wirtschaftlichen Desorganisation, 
der klagende Reichtum von gestern, der zum Proletarier her- 
absinkende Kleinbiirger, der glaubige Arbeiter, der eine neue 
Welt zu begrunden wahnt, sie alle scheint dasselbe Verhangnis 
zu umschlingen, sie alle scheinen Erblindete, die ihre eigenen 
Graber schaufeln.» 

Man ginge nicht so schmerzvoll von diesem Bekenntnis hin- 
weg, wenn Stil und Haltung der Schrift einen literarischen Be- 
trachter verrieten, und nicht den «Praktiker», der niichtern 



schreiben will, weil er sich in den Vorgangen drinnen stehend 
fuhlt. Man hat, nach dem Lesen der drei Kapitel, die von dem 
Untergange sprechen, die bange Frage in der Seele : wie denkt 
der Verfasser einer solchen Darstellung iiber die Frage : was 
soil werden? 

Man liest: «Nur eine Sinnesanderung der Welt, eine Wil- 
lensanderung der beteiligten Hauptmachte kann einen ober- 
sten Rat der europaischen Vernunft entstehen lassen.» 

Kein Ausblick, wie diese Sinnesanderung, diese Willensan- 
derung entstehen soil. Auch nach einer solchen aufriittelnden 
Einsicht in die Unmoglichkeit des Fortfahrens in den alten 
Ideen nicht der Mut, die Bedingungen zu suchen, von denen 
eine Gesundung der Verhaltnisse abhangt. Sucht man sie, so 
kommt man zu dem, was in dieser Wochenschrift nun schon 
ofter ausgesprochen worden ist. Die soziale Organisation der 
Menschheit empfing stets ihre Nahrung von dem geistigen In- 
halte, der durch die Entwicklung dieser Menschheit gestromt 
ist. Ideen, welche die Gesellschafts-Organisation tragen sollen, 
auch die wirtschaftliche, miissen aus dem Verbundensein der 
Seelen mit einer wirklichen geistigen Welt kommen. Sonst 
sind sie bloBe Gedanken. Aber der Sinn fur ein solches Ver- 
bundensein fehlt gerade solchen Personlichkeiten, wie der Ver- 
fasser der «drei Krisen» eine ist. Er kann zu Gedanken kom- 
men iiber das, was seine Sinne wahrnehmen, was sein Verstand 
aus diesen Wahrnehmungen kombinieren kann. Der Rest ist - 
Schweigen. Denn nach dem Bekenntnis zur Negation kame das 
andere : die alten Ideen waren aus lebendiger Geistigkeit ge- 
schopft; sie haben ihre Aufgaben erfiillt; man kann nicht wei- 
ter von den «aufgespeicherten» Ideen «£ruherer Jahre» zeh- 
ren; es miissen neue geboren werden. Dazu aber ist Verbun- 
densein mit der Geistwelt notwendig. - Aber zu solcher Fort- 
setzung des Bekenntnisses gehort der Mut, nicht nur von « Sin- 
nesanderung » und «Willensanderung » zu sprechen, sondern 
davon, da!3 die Abkehr von einem lebendigen Geist-Erleben 
zu der Unmoglichkeit gefiihrt hat, wachend die Griinde fur 
den drohenden Untergang zu erkennen^ auch wenn man sie sieht. 



RuedorfFer sieht klar; aber er erkennt nicht. Nur die Tragkraft 
geistgemaBer Ideen, die Warme in die Seelen stromen lassen, 
die den Menschen aufblkken lassen von der erdgebundenen 
Tagesarbeit zu seiner Weltbestimmung und zu seinem Welt- 
zusammenhange, wird ihm die Hand zu fruchtbarer Arbeit 
fiihren, wird ihm den Willen zur Menschenbruderschaft ge- 
ben. Man verachtet heute solches Reden iiber den Geist. Die 
Gesundung der Zivilisation wird nur kommen, wenn diese 
Verachtung auf hort. Man kann von der Dreigliederung des 
physischen Menschenorganismus in den Nerven-Sinnesorga- 
nismus, in den rhythmischen und den StofFwechselgliedmaBen- 
Organismus sprechen. Man muB anerkennen, daB die beiden 
andern Organisationen verfallen, wenn der StorTwechsel-Or- 
ganismus nicht reale Stoflfe dem Gesamt-Organismus zufiihrt. 
Beim sozialen Organismus ist ein umgekehrtes Verhaltnis vor- 
handen. Dieser gliedert sich in die wirtschaftliche, die recht- 
lich-staatliche und die geistige Organisation. Die beiden an- 
dern verfallen, wenn die geistige Organisation nicht wirkliche 
aus dem Geist-Erleben geborene Ideen empfangt und sie ihnen 
zufiihrt. Wie der Menschenkorper die wirkliche Materie 
braucht, so der soziale Organismus den wirklichen Geist. 

Heute aber besteht noch etwas wie eine Furcht vor dem Gei- 
ste. Man wittert Aberglauben, Schwarmerei, Unwissenschaft- 
lichkeit, wenn jemand von der geistigen Welt nicht nur in all- 
gemeinen Redensarten, sondern so spricht, daB er von ihr ei- 
nen wirklichen Inhalt angibt, wie man dies gegenuber der Na- 
tur und Geschichte selbstverstandlich tut. Aber nur, wenn man 
diese geheime Furcht iiberwindet, kann man erkennen, was im 
gegenwartigen Weltgeschehen ist. Kommt es zu dieser Uber- 
windung nicht, so bleibt es beim Sehen. Und nur von diesem 
Sehen spricht die hier besprochene Schrift. 



DIE KONFERENZ VON GENUA, 
EINE «NOTWENDIGKEIT» 



Allzuviel versprechen sich von der Konferenz in Genua wohl 
auch diejenigen nicht, die sie fur eine «Notwendigkeit » halten. 
Denn angesichts der tiefen Verworrenheit der ofTentlichen An- 
gelegenheiten Europas fiihlen sie, daB, was fiir die Gesundung 
der Welt geschehen muB, ganz wo anders sich vollziehen muB 
als auf Konferenzen. Sie fiihlen das, auch wenn sie denken, Kon- 
ferenzen zur Herbeifuhrung dieser Gesundung seien eine 
«Notwendigkeit ». 

Das ist begriindet in dem tiefen Widerspruch, der heute be- 
steht zwischen dem, was in den Gedanken gewisser Menschen 
aus den Beziehungen der Staatsgebilde sich festgelegt hat, und 
den wirklichen Interessen der diese Staatsgebilde bewohnen- 
den Menschen. Man denkt aus den Ergebnissen des politischen 
Geschehens der letzten Jahrzehnte heraus, und man hat Inter- 
essen, die aus diesen Ergebnissen langst herausgewachsen sind. 
Diese Interessen fordern ein Verstandnis des Lebens, das erst 
gefunden werden muB. Und man redet von einem Verstandnis 
aus, in das man sich hineingewohnt hat. Die geistigen, recht- 
lichen und wirtschaftlichen Probleme, die heute die Welt er- 
schuttern, werden nicht gefaBt von Ideen, die Aussicht haben, 
auf einer Konferenz besprochen zu werden. 

Eine Illustration dieser fiir die Gegenwart bedeutungsvollen 
Wahrheit ist die Erwartung, die man in Europa hegt, uber die 
Beteiligung der Amerikaner an der Konferenz in Genua. 
Deutlich wird diese Illustration dadurch, daB Stimmen uber 
den Atlantischen Ozean dringen : man wolle sich in die Ange- 
legenheiten Europas erst dann mischen, wenn die Europaer es 
selbst erst zu einer gewissen Ordnung bei sich gebracht haben. 
Europa weiB nicht, was es mit sich machen soil; und Amerika 
wird wissen, was es fiir Europa machen soli, wenn dies Europa 
erst selbst wissen wird. 

Alles aber wird davon abhangen, daB man wird einsehen 
miissen, in welche Einseitigkeit die Welt verfallen ist dadurch, 



daB sie den Blick nur auf die wirtschaftlichen Fragen richtet. 
Man tut dies, weil sie das Nachstliegende sind. Millionen von 
Menschen des Ostens leben in Hungersnot. Von RuBland her 
droht der Zivilisation eine Krankheit, fur die Worte zu ohn- 
machtig sind, sie zum Ausdruck zu bringen. GewiB, solcher 
Menschennot gegeniiber erscheint zunachst jede Diskussion 
als billiges Auskunftsmittel; unmittelbare Hilfe ist allein am 
Platze. Aber es ist nun einmal im Menschenleben so, daB die 
Hilfe fur die groBen Ubel nicht erfolgen kann ohne die Er- 
kenntnis von deren Ursachen. Und die Ursachen fur das gegen- 
wartige Weltelend liegen doch in der geistigen Verfassung der 
Menschen. 

(Man muB heute, um nicht miBverstanden zu werden, auch 
Selbstverstandliches sagen. Deshalb nur fiige ich hier ein, daB 
ich natiirlich nicht etwa von der geistigen Verfassung derjeni- 
gen spreche, die in RuBland den Hungertod erleiden.) 

Kein Unbefangener wird behaupten, daB man der Natur die 
Ursache der gegenwartigen Weltnot zuschreiben miisse. Sie 
liegt in der Art, wie die Menschen mit dem verfahren, was 
ihnen die Natur gibt. Sie liegt in dem Verhaltnis der Menschen 
zueinander. Und dieses Verhaltnis ist doch das Ergebnis der 
Vorstellungsart, des Empflndungslebens der Menschen. Es 
ruht auf dem Geistesinhalt der Menschen. Wie die Menschen 
fur einander arbeiten, das hangt zuletzt davon ab, wie sie in den 
Tiefen ihrer Seelen die Welt erleben. 

Uber diese bedeutungsvolle Wahrheit wird eine rein wirt- 
schaftliche Orientierung in den Weltangelegenheiten immer 
hinwegsehen. Die wirtschaftlichen Fragen der Gegenwart sind 
zugleich in dem Sinne soziale, als sie allgemein-menschliche 
sind. Man kann nicht wirtschaften, ohne daB man ein Herz hat 
fur das wahrhaft Menschliche. Aber man verfallt immer wieder 
in diese «Herzlosigkeit». Die Wirtschafter haben sich in eine 
Denkweise eingewohnt, die mit Produktion, Warenzirkula- 
tion und Konsum so rechnet, wie wenn sich das alles vollzoge 
als ein Mechanismus, den man dirigieren kann. Aber in all das 
sind die lebenden, die fuhlenden Menschen eingeschaltet. In 



der Theorie gibt das jeder als etwas Selbstverstandliches zu. In 
der Praxis, die aber keine wahre Praxis, sondern nur eine Rou- 
tine ist, kalkuliert er, wenn er ein Geschaft beginnt, oder fuhrt, 
mit AusschluB des wirklichen menschlichen Lebens. Er setzt 
die Zahlen aneinander, die zuletzt die rein zahlenmaBige 
Fruchtbarkeit des Geschaftes ergeben sollen. 

Aber wie sollte man das anders machen? So wirdimmer wie- 
der die Frage derer lauten, die Routine mit Praxis verwechseln. 
Sie sollten sich die Antwort aber aus den Ergebnissen heraus 
holen, die ihre Denkweise im Menschenleben hat. Sie wollen 
sie nicht holen, so lange ihre Zahlen durch die nachsten Er- 
folge gerechtfertigt erscheinen. Die weiteren MiBerfolge im 
Menschenleben bringen sie dann nicht mehr mit ihrer Denk- 
weise in Zusammenhang. Deshalb ist es, daB ein Streben nach 
der Gesundung der offentlichen Verhaltnisse keine Stiitze fin- 
det an den Menschen des Wirtschaftslebens. 

Das zeigt sich in kleinen Verhaltnissen ; das hat sich aber 
iibertragen auf die Behandlung der groBen Weltangelegenhei- 
ten. Man rechnet auf Konferenzen; und die Rechnungen ste- 
hen in keinem Zusammenhang mit dem, was Menschen fuhlen 
und erleben. Deshalb werden die Rechnungsergebnisse nicht 
Wirklichkeit. Deshalb weiB Europa nicht, was es mit sich ma- 
chen soil. Deshalb wartet Amerika, bis Europa dies wissen 
wird, weil es vorlaufig auch nicht weiB, wie es in Europa ein- 
greifen soil. Wenn allerdings Europa das vollzogen haben 
wird, worauf Amerika wartet, wird die Frage ein anderes Ge- 
sicht haben. Und dieses Gesicht muBte werden; denn Europa 
miiBte die Kraft finden, sich selber zu helfen. 

Konferenzen konnen doch nicht die Gebuttsstatten von vol- 
kerbegliickenden Ideen sein, sondern hochstens Mittel zur 
Verstandigung iiber schon vorhandene, etwas voneinander 
verschiedene Ideen. Die Giite einer Konferenz hangt ab von 
dem, was die Teilnehrner mitbringen. Denn, wenn sie nichts 
mitbringen, konnen sie auch nichts nach Hause bringen. Heute 
ist erst notwendig, zu sehen, was zu Hause fehlt. Gelingt dies, 
dann wird es mit der Verstandigung vorwarts gehen. 



Ehe man dies eingesehen hat, werden die «Notwendigkei- 
ten» eine groBe Rolle spielen; aber diese «Notwendigkeiten» 
werden wirklichkeitsfremd sein. Diese Einsicht wird auBer 
den am engeren Geistesleben beteiligten auch den wirtschaf- 
tenden Kreisen kommen miissen. Auch an ihnen prallt gegen- 
wartig das Streben nach Gesundung gerade des wirtschaftli- 
chen Lebens ab. Solche Gedanken mussen dem kommen, der 
auf die Erwartungen sieht, die manche mit Genua jetzt verbin- 
den, wie sie das mit der nun schon stattlichen Zahl von Konfe- 
renzen getan haben, die Genua vorangegangen sind. Die Dis- 
kussionen, ob und wann man sich in Genua versammeln soil, 
sind kein gutes Vorzeichen. Sie sprechen dafiir, daB man ent- 
weder dahin nichts mitzubringen hat, oder nichts mitbringen 
will. - 

E MILE BOUTROUX 

Von den neuesten franzosischen Philosophen wird Bergson 
mehr genannt als der kiirzlich verstorbene Emile Boutroux. Das 
zeitgenossische Urteil diirfte damit nicht ganz im Rechte sein. 
Bergson spricht fur das Publikum verstandlicher ; er lehnt sich 
mit seinen Vorstellungsbildungen mehr an gelaufige naturwis- 
senschaftliche Ergebnisse an als Boutroux. Dieser aber scheint 
derjenige von beiden zu sein, der sich mit groBerer Leichtig- 
keit in der souveranen philosophischen Begriflfsbildung be- 
wegt. Bergson geht von einzelnen naturwissenschaftlichen 
Feststellungen aus ; Boutroux von derUberschau iiberTragwei- 
te und Grenzen des naturwissenschaftlichen Erkennens als sol- 
ches. Bergson stellt der naturwissenschaftlichen Anschauungs- 
art seine auf einer unbestimmten gefiihlsmaBigen Intuition be- 
ruhende Mystik gegeniiber; Boutroux seine denkerische Welt- 
interpretation. Beide fuhlen die Notwendigkeit, vom Natur- 
erkennen zum Geisterkennenvorzuschreiten; beide schrecken 
vor einer wirklichen Erfahrung uber die geistige Welt zuriick. 

Boutroux fragt sich : wie erkennt der Mensch die leblose mi- 
neralische Welt? Er vergegenwartigt sich die Erkenntnisart, 



die hiebei angewendet wird. Er charakterisiert sie. Dann geht 
er zur lebendigen Natur iiber. Er findet, daB dabei eine andere 
Erkenntnisart angewendet werden muB. Und wieder eine an- 
dere in der Seelenkunde fur den einzelnen Menschen; wieder 
eine andere in der Soziologie. Zu einer Stufenfolge der Er- 
kenntnisarten kommt er. Damit deutet ihm das Erkennen auf 
eine Stufenfolge des erkannten Seins von dem materiellen Ge- 
biete in die geistigen herauf. Aber dem Geistigen gegeniiber 
entfallt ihm der lebendige Zusammenhang mit der Wirklich- 
keit. Hier ist es notwendig, zu der Wirklichkeit durch Produk- 
tive innere Seelenorgane, die dem gewohnlichen Seelenleben 
nicht zum BewuBtsein kommen, ein ahnliches Verhaltnis her- 
zustellen, wie es durch die Sinne und durch das Verstandesden- 
ken fur die materielle Wirklichkeit gegeben ist. Daher bleiben 
Boutroux fur die Geist- Wirklichkeit doch nur die abstrakten 
Verstandesbegriffe. Daher lauft seine Anschauung auf einen 
Intellektualismus hinaus, der zwar auf den Geist hinweisen, 
aber ihn nicht inhaltlich erfassen kann. 

Man muB bis in Leibnizens Zeit zuriickgehen, wenn man 
einen Denker wie Boutroux historisch einschatzen will. Bei 
Leibniz findet man noch den Ausblick auf eine wirkliche gei- 
stige Welt. Er blickt auf Monaden, die Vorstellungen haben 
und wesenhaft sind. Bis zur Monadenhaftigkeit, das heiBt bis 
zum geistigen, abstrakten Punktwesen ist allerdings zusam- 
mengeschrumpft, was Leibniz hinter der Sinneswelt sucht. 
Aber immerhin : es ist noch wesenhaft. Die spatere Zeit hat an 
die Stelle des Suchens nach solcher Wesenhaftigkeit dasjenige 
nach Geset^en gesetzt. Man kummert sich nicht mehr um die 
Wesen, die in Wechselwirkung treten und dabei Gesetze er- 
kennen lassen; man sieht nur mehr auf die GesetzmaBigkeit 
selber. Das Naturgesetz sucht man; nicht die Wesen, welche 
in ihrem Verhalten dieses Gesetz offenbaren. Man kommt da- 
bei hochstens noch auf das Atom, den Leichnam jeglicher 
Wesenhaftigkeit. 

Boutroux hat bis zu einem gewissen Grade diesen Gang 
des modernen Wissenschaftslebens erkannt. Er sucht daher 



die Gesetze wieder <%wischen den Wesen ; er sieht in ihnen die 
OfTenbarung der Betatigungsart der Wesen. Dadurch ge- 
langt er zu dem Hinweis auf die Selbstandigkeit, die Innerlich- 
keit der Wesen. Er ist sich klar dariiber, daB man mit dem 
Einblick in die Weltgesetze noch nicht die Weltwesen durch- 
schaut hat. 

Hier wiirde beginnen die Notwendigkeit, eine solche mensch- 
liche Anschauungsart zu entwickeln, die von der kombinie- 
renden Gesetzeswissenschaft zu einer lebendigen Wesensan- 
schauung aufsteigt. Diesen Weg hat Emile Boutroux nicht 
beschreiten wollen. Er konnte die Hindernisse nicht iiber- 
schreiten, welche die modernen Denkgewohnheiten einem 
solchen Weg entgegenstellen. - Aber er hat in der scharfsten, 
eindringlichsten Art auf einen solchen Weg hingewiesen, den 
er vielleicht nicht einmal nach seiner Eigenart geahnt hat. Er 
hat so intensiv auf ihn hingewiesen, wie es nur ein von der 
modernen intellektualistischen Art des modernen Forschens 
gefesselter Denker kann. 

Das ist sein groBes Verdienst. Vielleicht kommt ihm in der 
TrefFsicherheit der nach dieser Richtung gehenden Begriffe 
kein Anderer gleich. Man muB das anerkennen, trotzdem sich 
die Schattenseiten des Intellektualismus gerade dadurch bei 
ihm ganz auBerordentlich enthiillen. Er suchte eine Berech- 
tigung der religiosen Vorstellungsart neben der wissenschaft- 
lich-philosophischen nachzuweisen. Allein dabei zeigte sich 
gerade das Unzulangliche seiner Anschauungsart. Er konnte 
innerhalb des Erkenntnisgebietes das religiose Element nicht 
finden. Er glaubte, daB Erkennen nicht aus dem ganzen Men- 
schen kommen konne, daB man aber doch eine Weltanschau- 
ung haben rniisse, die auf den Kraften der vollen Personlich- 
keit beruhe. Dadurch entsteht fur ihn die Wissenschaft als ein 
AusfluB eines Teiles der Menschennatur, und die Religion als 
ein solcher des ganzen Menschen. Damit ist ein Wissenschafts- 
geist geschaffen, der seine Sicherheit doch wieder nur dadurch 
erkauft, daB er von sich aus nicht zur Innerlichkeit des reli- 
giosen Lebens eine Beziehung schafft; und der Religion wird 



das Dasein zugesichert, indem ihr eine zwar umfassendere 
Aussicht als der Wissenschaft, doch aber eine mindere GewiB- 
heit zugestanden wird. Der schwere Zwiespalt, der durch das 
Empfinden des Gegenwartsmenschen geht, findet damit nicht 
eine Heilung, sondern er wird, indem er gewissermaBen phi- 
losophisch dogmatisiert wird, wesentlich verscharft. 

Auch durch diese Wendung seines Denkens zeigt sich Bou- 
troux als ein bedeutender Reprasentant der gegenwartigen 
Weltanschauungskrisis. Man muB ihn kennen, wenn man be- 
urteilen will, wie diese Weltanschauung in ihren hervorragen- 
deren Pflegern iiberall iiber sich hinausweist und doch wieder 
in ihrem Netz so verstrickt ist, daB sie nicht hinaus kann; wie 
sie sich unfahig erklart, auf ihren Grundlagen zu bauen, und 
doch auch von diesen Grundlagen nicht lassen will. 



WLADIMIR SOLOWJOFF, 
EIN VERMITTLER ZWISCHEN WEST UND OST 

DaB der «Kommende-Tag-Verlag » in Stuttgart sich entschlos- 
sen hat, die Werke des russischen Philosophen Wladimir So- 
lo wj off in deutscher Ubersetzung der OfFentlichkeit vorzule- 
gen, entspricht einer Notwendigkeit im Geistesleben der Ge- 
genwart. Aus der Fiille dessen, was Solowjoff geschrieben hat, 
ist vor kurzem erschienen: «Zw6lf Vorlesungen iiber das 
Gottmenschentum.» Aus dem Russischen von Harry Kohler 
(Stuttgart 1 921). Das Leben SolowjofFs fallt in die zweite 
Halfte des neunzehnten Jahrhunderts, seine Werke in dessen 
Ende. Wie osteuropaische Vorstellungsart iiber die tiefsten 
Fragen des Menschendaseins sinnt, wie sie sich mit den Le- 
bensfragen ihrer eigenen Zeit auseinandersetzt, das tritt in den 
Betrachtungen SolowjofFs in anschaulicher Art zutage. Er ist 
eine Personlichkeit, die sich mit der Denkweise der west- und 
mitteleuropaischen Weltauffassungen griindlich auseinander- 
setzt. Er redet in den Vorstellungsformen, in denen sich Mill, 
Bergson, Boutroux, Wundt auch ausdriicken. Aber er redet 



doch auf ganz andere Art als alle diese. Er bedient sich dieser 
Vorstellungsformen als einer Sprache; aber er offenbart das 
Menschen-Innere aus einem anderen Geiste heraus. Er zeigt, 
daB in Osteuropa von dem Geiste noch Vieles lebt, der im 
Beginne der christlichen Entwickelung derjenige anderer eu- 
ropaischen Gebiete war, der aber da sich vollig umgewandelt 
hat. Was das iibrige Abendland nur noch aus der Geschichte 
erfassen kann, im Osten hat es unmittelbares Leben. 

SolowjofF spricht so, daB man in einer gewissen Art wieder 
auf leben fiih.lt, wie bis zum vierten Jahrhundert die Denker 
des Christentums sich mit der Vereinigung der Christus- We- 
senheit in dem Menschen Jesus von Nazareth auseinanderge- 
setzt haben. Von diesen Dingen so zu reden wie SolowjofF re- 
det, dazu fehlen den west- und mitteleuropaischen Denkern 
heute iiberhaupt alle BegrifFsmoglichkeiten. 

In SolowjofFs Seele sind deutlich zwei Erlebnisse nebenein- 
ander vorhanden : das Erleben des Vater-Gottes in Natur- und 
Menschendasein, und des Sohn-Gottes, Christus, als der 
Macht, welche die menschliche Seele den Banden des Natur- 
daseins entreiBt und dem wahren Geistdasein erst einverleibt. 

Mitteleuropaische Gegenwartstheologen sind nicht mehr in 
der Lage, diese beiden Erlebnisse auseinanderzuhalten. Ihre 
Seele kommt nur zu dem Vater-Erlebnis. Und aus den Evan- 
gelien gewinnen sie nur die Uberzeugung, daB der Christus 
Jesus der menschliche Verkiinder des gottlichen Vaters ge- 
wesen sei. Fur SolowjofF steht der Sohn in seiner Gottlichkeit 
neben dem Vater. Der Mensch gehort der Natur an wie alle 
Wesen. Die Natur in alien ihren Wesen ist das Ergebnis des 
Gottlichen. Man kann sich mit diesem Gedanken durchdrin- 
gen. Dann schaut man zu dem Vater-Gott auf. Man kann 
aber auch fiihlen : der Mensch darf nicht Natur bleiben. Der 
Mensch muB sich aus der Natur erheben. Die Natur wird, 
wenn er sich nicht iiber sie erhebt, in ihm siindhaft. Wenn 
man die Seelenwege in dieser Richtung verfolgt, gelangt man 
in die Regionen, wo man in dem Evangelium die OfFenba- 
rung des Sohn-Gottes findet. Solowjoffs Seele bewegt sich auf 



diesen beiden Wegen. Er gibt eine Weltanschauung, die sich 
weit erhebt iiber die russisch-orthodoxe Religion, die aber 
durchaus christlich-religios ist, obgleich sie auch als echtes 
philosophisches Denken sich offenbart. 

Die Philosophic spricht bei Solowjoff religios; die Religion 
ringt sich bei ihm dazu dutch, philosophische Weltanschau- 
ung zu sein. In dem europaischen Denken ist dergleichen nur 
noch bei Scotus Erigena im neunten Jahrhundert vorhanden, 
spater nicht mehr. Dieser im Frankenland lebende Schotte hat 
in seinem Buche «Von der Gliederung der Natur» eine Ge- 
samtanschauung iiber Welt- und Menschenwesen gegeben, in 
der noch etwas ahnliches im Abendlande lebt, wie es in So- 
lo wjoffs Gedanken und Empfindungen atmet. Aber man sieht 
bei Erigena bereits dasjenige Element aus der Weltanschau- 
ung des Abendlandes schwinden, das in Solowjoff noch voi- 
les Leben hat. Dieses tritt aus dessen Darstellung vor die Seele 
des europaischen Lesers wie eine Auferstehung des Geistes 
der ersten christlichen Jahrhunderte. 

Man sehe, wie Solowjoff in einem Aufsatz iiber Natur, Tod, 
Siinde, Gnade zu sprechen anhebt : «In der Menschenseele sind 
wie zwei unsichtbare Fliigel zwei Wiinsche. Sie erheben diese 
iiber die Natur. Das sind der Wunsch nach Unsterblichkeit 
und der Wunsch nach Wahrheit als derjenige nach sittlicher 
Vollkommenheit. Der eine Wunsch ist ohne den andern sinn- 
los. Ein unsterbliches Leben ohne sittliche Vollkommenheit 
brachte dem Menschen kein Gluck. Der Mensch kann sich 
nicht damit begniigen, unsterblich zu sein; er muB auch die 
Wiirdigkeit zu dieser Unsterblichkeit dadurch erlangen, daS 
er der Wahrheit nachlebt. Aber auch die Vollkommenheit ist 
kein Gut, wenn sie dem Tode verfallen miiBte. Ein unsterbli- 
ches Leben ohne die Vollkommenheit ware Betrug ; eine Voll- 
kommenheit ohne Unsterblichkeit ware eine emporende, 
schadenstiftende Unwahrheit.» 

Aus solcher Denkergesinnung spricht Solowjoff. Sie gibt 
seinen Darstellungen den ostlichen Charakter. Die Gegen- 
wart hat notwendig, den Gesichtskreis des Geistes zu erwei- 



tern. Die Menschen des Erdkreises miissen einander naher 
kommen. Solowjoff ist ein Reprasentant des europaischen 
Ostens. Er kann dem Geistesleben des Abendlandes zur Er- 
weiterung dienen. Er war selbst in dieses Geistesleben in der 
Art seines Ausdruckes hineingewachsen ; aber er hat auch 
ganz seine ostlich empfindende Seele bewahrt. Ihm begegnen, 
bedeutet fur den Abendlander, etwas finden, das bedeutsame 
Seiten des Menschentums ofFenbart, das aber der westliche 
und mitteleuropaische Mensch wenigstens auf den Wegen 
nicht mehr finden kann, welche die Erkenntniswege der letz- 
ten Jahrhunderte geworden sind. 

Der Westen und der Osten miissen fur einander Verstand- 
nis finden. SolowjofF kennen lernen, kann auf der Seite des 
Westens viel zum Gewinnen eines solchen Verstandnisses bei- 
tragen. 

WEST-OST-APHORISMEN 

Man verliert den Menschen aus dem seelischen Gesichtsfelde, 
wenn man nicht sein ganzes Sein in alien seinen Lebensoffen- 
barungen ins Seelenauge faBt. Man sollte nicht von der Er- 
kenntnis des Menschen sprechen, sondern von dem ganzen 
Menschen, der sicherkennend ofFenbart. Erkennendgebraucht 
der Mensch sein Sinnes-Nervenwesen als Werkzeug. Fuhlend 
dient ihm der Rhythmus, der in der Atmung und dem Blut- 
kreislauf lebt. Wollend wird der Stoffwechsel zur physischen 
Grundlage des Daseins. Aber in das physische Geschehen des 
Sinnes-Nervenwesens pulst der Rhythmus hinein; und der 
Stoffwechsel ist materieller Trager des Gedankenlebens. Auch 
in dem abstraktesten Denken lebt das Fuhlen und wogt das 
Wollen. 

Der alte Orientale zog in sein traumendes Denken mehr 
von dem rhythmischen Leben des Fiihlens herauf als der 
Mensch der Gegenwart. Daher erlebte jener auch mehr rhyth- 
misches Weben in seinem Gedankenleben, dieser empfindet 



darin mehr iogisches Zeichnen. Im Aufstieg zu iibersinnli- 
chem Schauen verwob der orientalische Yogi bewuBtes At- 
men mit bewuBtem Denken. Er erfaBte damit das im Atmen 
sich fortsetzende rhythmische Weltgeschehen. Die Welt er- 
lebte er atmend als Selbst. Und auf den rhythmischen Wellen 
des bewuBten Atmens bewegte sich der Gedanke durch das 
ganze Menschenwesen. Erlebt wurde, wie das Gottlich-Gei- 
stige in den Menschen den geisterfiillten Odem fortdauernd 
stromen laBt, und wie dadurch der Mensch eine lebende Seele 
wird. - Der Mensch der Gegenwart muB anders seine iiber- 
sinnliche Erkenntnis suchen. Er kann nicht das Denken an 
das Atmen binden. Er muB meditierend das Denken aus dem 
logischen Leben zum anschauenden erheben. Anschauend 
aber webt das Denken in einem geistig-musikalisch-bildhaf- 
ten Element. Es wird vom Atmen losgebunden und mit dem 
Geistigen der Welt verwoben. Das Selbst wird jetzt nicht 
atmend im eigenen Menschenwesen erlebt, sondern im Um- 
kreis der Geisteswelt. Der Ostmensch erlebte einst die Welt in 
sich und hat heute in seinem Geistesleben den Nachklang da- 
von; der Westmensch steht im Anfange mit seinem Erleben 
und ist auf dem Wege, sich in der Welt zu finden. Wollte der 
Westmensch ein Yogi werden: er muBte zum rafflnierten 
Egoisten werden, denn die Natur hat ihm das Selbstgefuhl 
schon gegeben, das der Orientale nur erst traumhaft hatte; 
hatte der Yogi wie der Westmensch sich in der Welt suchen 
wollen : er hatte sein traumendes Erkennen in den unbewuB- 
ten Schlaf eingefuhrt und ware seelisch ertrunken. 

Der Ostmensch sprach von der Sinnenwelt als von dem 
Schein, in dem auf geringere Art lebt, was er in vollgesattig- 
ter Wirklichkeit in seiner Seele als Geist empfand; der West- 
mensch spricht von der Ideenwelt als dem Schein, in dem auf 
schattenhafte Art lebt, was er in vollgesattigter Wirklichkeit 
mit seinen Sinnen als Natur empfindet. Was sinnliche Maja 
dem Ostmenschen war, ist sich selbst tragende Wirklichkeit 
dem Westmenschen. Was seelisch erbildete Ideologic dem 



Westmenschen ist, war sich selbst schaffende Wirklichkeit 
dem Ostmenschen. Findet der heutige Ostmensch in seiner 
Geist- Wirklichkeit die Kraft, um der Maja die Seinsstarke zu 
geben, und findet der Westmensch in seiner Natur- Wirklich- 
keit das Leben, um in seiner Ideologic den wirkenden Geist 
zu schauen : dann wird Verstandigung kommen zwischen Ost 
und West. 

Der Ostmensch hatte das geistige Erlebnis als Religion, 
Kunst und Wissenschaft in voller Einheit. Er opferte seinen 
gottlich-geistigen Wesenheiten. Gnadenvoll floB ihm von ih- 
nen zu, was ihn zum wahren Menschenwesen erhob. Das war 
Religion. Aber in der Opferhandlung und an der Opferstatte 
ofFenbarte sich ihm auch die Schonheit, durch die das Gottlich- 
Geistige in der Kunst lebte. Und aus der schonen Geistoffen- 
barung erfloB die Wissenschaft. - Nach Westen stromte die 
Welle der Weisheit, die das schone Licht des Geistes war, und 
die den kunstlerisch begeisterten Menschen fromm machte. Da 
erbildete sich Religion ihr Eigenwesen ; und nur die Schon- 
heit blieb noch der Weisheit verbunden. Heraklit und Anaxa- 
goras waren Weltweise, die kunstlerisch dachten; Aeschy- 
los und Sophokles waren Kiinstler, die Weltenweisheit bil- 
deten. Spater ward die Weisheit dem Denken anheimgege- 
ben ; sie wurde Wissen. Die Kunst wurde in eine eigene Welt 
versetzt. Religion, die Quelle von allem, ward das Erbgut des 
Ostens ; Kunst ward zum Denkmal der Zeit, in der die Erden- 
mitte herrschte; Wissen ward selbstandige Herrscherin eines 
eigenen Feldes in der Menschenseele. So ward das Geistesle- 
ben des Westens. Ein Vollmensch wie Goethe fand die in Wis- 
sen getauchte Geistwelt. Aber er sehnte sich, die Wahrheit 
des Wissens in der Schonheit der Kunst zu schauen. Das trieb 
ihn nach dem Siiden. Wer ihm im Geiste folgt, kann ein reli- 
gios inniges Wissen finden, das in Schonheit nach kiinstleri- 
scher OfTenbarung ringt. Schaut der Westmensch in seinem 
kalten Wissen das unter ihm quellende Gottlich-Geistige im 
Schonheitsglanz; ahnt der Ostmensch in seiner gefiihlswar- 



men Weisheitsreligion, die von der Schonheit des Kosmos 
kiindet, das befreiende Wis sen, das im Menschen in Willens- 
macht sich wandelt: dann wird der ahnende Ostmensch den 
denkenden Westmenschen nicht mehr seelenlos schelten; 
dann wird der denkende Westmensch den ahnenden Ostmen- 
schen nicht mehr als weltfremd bestaunen. Religion kann aus 
kunstlerisch belebtem Erkennen vertieft; Kunst aus religios 
geborenem Erkennen belebt; Wissen aus kunstgetragener Re- 
ligion durchleuchtet werden. 

Die Menschheit des Ostens erlebte in ihrem grauen Alter- 
turn erkennend eine hohe Geistigkeit. Diese denkend ergrif- 
fene Geistigkeit durchpulste das Fuhlen ; sie ergoB sich in das 
Wollen. Der Gedanke war noch nicht Vorstellung, welche 
Dinge abbildet. Er war Wesenheit, die das Leben der Geist- 
Welt in das Menschen-Innere trug. In den Nachklangen die- 
ser hohen Geistigkeit lebt der Ostmensch heute. Sein Er- 
kenntnisauge war einst noch nicht auf Natur eingestelk. Es 
sah durch die Natur hindurch auf den Geist. - Als die Ein- 
stellung auf die Natur begann, sah der Mensch noch nicht so- 
gleich Natur ; er sah den Geist auf Naturweise ; er sah Ge- 
spenster. Einer hohen Geistigkeit letzter Auslaufer wurde auf 
dem Weg vom Osten zum Westen der Gespenster-Aberglau- 
be. - Dem Westmenschen ward Naturwissen gegeben, als ihm 
Kopernikus und Galilei erstanden. Er muBte in sein Inneres 
schauen, um nach dem Geiste zu suchen. Da verbarg sich ihm 
noch der Geist, und er sah nur Triebe und Instinkte. Aber sie 
sind materielle Gespenster, die sich vor das Seelenauge stellen, 
da dieses noch nicht nach innen auf den Geist eingestellt ist. 
Wenn die Einstellung auf den Geist beginnen wird, werden 
die Innengespenster schwinden, und der Mensch wird durch 
seine Natur auf den Geist schauen, wie der alte Ostmensch 
durch die Natur auf ihn geschaut hatte. Durch die Welt der 
Innengespenster wird der Westgeist zum Geist kommen. Sein 
Gespensterglaube ist Anfang der Geist-Erkenntnis ; was der 
Osten als Gespensterglauben an den Westen vererbt hat, ist 



Ende der Geist-Erkenntnis. Uber Gespenster hiniiber sollten 
sich die Menschen im Geiste finden - und so wird die Briicke 
sich erbauen zwischen Ost und West. 

Der Ostmensch empfindet «Ich» und schaut «Welt»; das 
Ich ist Mond, der die Welt widerspiegelt. Der Westmensch 
denkt die «Welt» und strahlt in seine Gedankenwelt «Ich». 
Das Ich ist Sonne, welche eine Bildwelt erstrahlt. Wird der 
Ostmensch im Schimmer seines Weisheitsmondes den Son- 
nenstrahl erfuhlen; wird der Westmensch im Strahl der Wil- 
lenssonne den Weisheit-Mondesschimmer erleben: dann wird 
der West-Wille den Ost-Gedanken erkraften, dann wird der 
West-Gedanke den Ost-Willen erlosen. 



WEITERE WEST-OST-APHORISMEN 

Der alte Orientale fuhlte sich in einer ge'istgewohten. sozialen 
Ordnung. Gebote der Geistmacht, die ihm seine Fiihrer zum 
BewuBtsein brachten, gaben ihm die Vorstellungen davon, 
wie er sich dieser Ordnung einzugliedern hatte. Diese Fiihrer 
hatten diese Vorstellungen aus ihrem Schauen in die iiber- 
sinnliche Welt. Der Gefuhrte empfand in ihnen die aus der 
Geistwelt ihm iibermittelten Richtlinien fur sein geistiges, 
rechtliches und wirtschaftliches Leben. Die Anschauungen 
uber des Menschen Verhaltnis zum Geistigen, die uber das 
Verhalten von Mensch zu Mensch, und auch die uber die Be- 
sorgung des Wirtschaftlichen kamen fur ihn aus derselben 
Quelle der geistgewollten Gebote. Geistesleben, rechtlich- 
staatliche Ordnung, Wirtschaftsbesorgung waren im Erleben 
eine Einheit. - Je weiter die Kultur nach dem Westen zog, 
desto mehr trennten sich die rechtlichen Verhaltnisse zwi- 
schen Mensch und Mensch und die Wirtschaftsbesorgung 
von dem Geistesleben im BewuBtsein der Menschen ab. Das 
Geistesleben wurde selbstandiger. Die andern Glieder der so- 
zialen Ordnung blieben noch eine Einheit. Beim weiteren 



Vordringen nach dem Westen trennten sich auch diese. Neben 
dem rechtlich-staatlichen, das eine Zeitlang auch alles Wirt- 
schaften regelte, bildete sich ein selbstandiges 6konomisch.es 
Denken aus. In dem Vorgange dieser letztern Trennung lebt 
der Westmensch noch drinnen. Und zugleich erwachst ihm 
die Aufgabe, die drei getrennten Glieder des sozialen Lebens, 
das Geistesleben, das rechtlich-staatliche Verhalten, die Wirt- 
schaftsbesorgung zu einer hohern Einheit zu gestalten. Ge- 
lingt ihm dies, so wird der Ostmensch verstandnisvoll auf sei- 
ne Schopfung schauen, denn er wird wiederfinden, was er 
einst verloren hat, die Einheit des menschlichen Erlebens. 

Unter den Teilstromungen, deren Zusammenwirken und 
gegenseitiges Sich-Bekampfen die menschliche Geschichte 
ausmachen, befindet sich die Eroberung der Arbeit durch das 
menschliche BewuBtsein. Im alten Orient arbeitete der Mensch 
im Sinne der ihm auferlegten geistgewollten Ordnung. In die- 
sem Sinne fand er sich als Herrenmensch oder Arbeitsmensch. 
Mit dem Zuge des Kulturlebens nach dem Westen trat in das 
menschliche BewuBtsein das Verhaltnis von Mensch zu 
Mensch. In dieses wurde eingesponnen die Arbeit, die der 
eine fur den andern tut. In die Rechtsvorstellungen drangen 
die von dem Arbeitswert ein. Ein groBer Teil der romischen 
Geschichte des Altertums stellt dieses Zusammenwachsen der 
Rechts- und der Arbeitsbegriffe dar. Beim weiteren Vordrin- 
gen der Kultur nach dem Westen nahm das Wirtschaftsleben 
immer kompliziertere Formen an. Es zog die Arbeit in sich, 
ohne daB die rechtliche Gestaltung, die sie vorher angenom- 
men hatte, den Forderungen der neuen Formen geniigt. Dis- 
harmonie zwischen Arbeits- und Rechtsvorstellungen ent- 
stand. Harmonie wieder herzustellen zwischen beiden ist das 
groBe soziale Problem des Westens. Wie die Arbeit im Rechts- 
wesen ihre Gestaltung finden kann, ohne durch die Wirt- 
schaftsbesorgung aus diesem Wesen herausgerissen zu wer- 
den, das ist der Inhalt des Problems. Wenn der Westen sich 
durch Einsicht in sozialer Ruhe auf den Weg der Losung be- 



gibt, wird der Osten dem mit Verstandnis begegnen. Wenn 
im Westen das Problem ein Denken erzeugt, das in sozialen 
Erschiitterungen sich auslebt, wird der Osten das Vertrauen 
in die Weiterentwickelung der Menschheit durch den We- 
sten nicht gewinnen konnen. 

Die Einheit von Geistesleben, Rechtswesen und Wirt- 
schaftsbesorgung im Sinne einer geistgewollten Ordnung 
kann nur bestehen, so lang in der Wirtschaft das Land-Be- 
bauen uberwiegt, und Handel sowie Gewerbe sich als unter- 
geordnet der Land-Bewirtschaftung eingliedern. Deshalb 
tragt das geistgewollte soziale Denken des alten Orients im 
wesentlichen fur die Wirtschaftsbesorgung den auf die Land- 
wirtschaft hingeordneten Charakter. Mit dem Gang der Zivili- 
sation nach dem Westen tritt zuerst der Handel als selbstandige 
Wirtschaftsbesorgung auf. Er fordert die Bestimmungen des 
Rechtes. Man muB mit jedem Menschen Handel treiben kon- 
nen. Dem kommt nur die abstrakte Rechtsnorm entgegen. - 
Indem die Zivilisation weiter nach dem Westen fortschreitet, 
wird das Gewerbe in der Industrie zum selbstandigen Ele- 
ment in der Wirtschaftsbesorgung. Man kann nur frucht- 
bringend Giiter erzeugen, wenn man mit den Menschen, mit 
denen man in der Erzeugung arbeiten muB, in einer den 
menschlichen Fahigkeiten und Bedurfnissen entsprechenden 
Verbindung lebt. Die Entfaltung des industriellen Wesens er- 
fordert aus dem Wirtschaftsleben heraus gestaltete assoziative 
Verbindungen, in denen die Menschen ihre Bediirfnisse be- 
friedigt wissen, soweit die Naturverhaltnisse das ermoglichen. 
Das rechte assoziative Leben zu flnden, ist die Aufgabe des 
Westens. Wird er sich ihm gewachsen bezeugen, so wird der 
Osten sagen: unser Leben verfloB einst in Briiderlichkeit ; sie 
ist im Laufe der Zeiten geschwunden; der Fortschritt der 
Menschheit hat sie uns genommen. Der Westen laBt sie aus 
dem assoziativen Wirtschaftsleben wieder erbluhen. Das hin- 
geschwundene Vertrauen in die wahre Menschlichkeit stellt 
er wieder her. 



Im alten Osten fiihlte der Mensch, wenn er dichtete, daB 
die Geistesmachte durch ihn sprachen. In Griechenland lieB 
der Dichter die Muse durch sich zu seinen Mitmenschen spre- 
chen. Dies BewuBtsein war Erbgut des alten Orientes. Mit 
dem Zuge des Geisteslebens nach dem Westen ward die Dich- 
tung immer mehr die Offenbarung des Menschen. - Im alten 
Orient sangen die Geistesmachte durch Menschen zu Men- 
schen. Von den Gottern herunter zu den Menschen erklang 
das Weltenwort. - Es ist im Westen zum Menschenwort ge- 
worden. Es muB den Weg finden hinauf zu den Geistesmach- 
ten. Der Mensch muB dichten lernen in solcher Art, daB ihm 
der Geist zuhoren mag. Der Westen muB eine dem Geist ge- 
maBe Sprache gestalten. - Dann wird der Osten sagen: das 
Gotterwort, das einst uns erstromt ist vom Himmel zur Erde : 
es findet aus Menschenherzen wieder zunick den Weg in Gei- 
steswelten. In dem aufsteigenden Menschenworte sehen wir 
verstehend das Weltenwort, dessen Absteigen dereinst unser 
BewuBtsein erlebt hat. 

Der Ostmensch hat keinen Sinn fur das «Beweisen». Er er- 
lebt schauend den Inhalt seiner Wahrheiten und weiB sie da- 
durch. Und was man weiB, das «beweist» man nicht. - Der 
Westmensch fordert iiberall «Beweise ». Er ringt sich zu dem 
Inhalt seiner Wahrheiten aus dem auBeren Abglanz denkend 
hin und deutet sie dadurch. Was man aber deutet, das muB 
man «beweisen». - Erlost der Westmensch aus seinen Bewei- 
sen das Leben der Wahrheit, dann wird der Ostmensch ihn 
verstehen. Findet der Ostmensch am Ende der Beweissorge 
des Westmenschen seine unbewiesenen Wahrheitstraume in 
einem wahren Erwachen, dann wird der Westmensch ihn in 
der Arbeit fur den Menschenfortschritt als einen Mitarbeiter 
begriiBen miissen, der leisten kann, was er selbst nicht vermag. 



PSYCHOLOGISCHE APHORI S MEN 



Wer im gewohnlichen BewuBtsein die Eigenfarbe der Seelen- 
erlebnisse mit dem Worte «Ich» zusammenfaBt, hat zunachst 
noch nicht ein Verstandnis dafur, was mit diesem Worte aus- 
gesprochen ist. Dazu gelangt er erst, wenn er das Ich-Erlebnis 
allmahlich in innerer Anschauung in die Reihe anderer Innen- 
erlebnisse hineinstellen lernt. - Er kann beachten, wie sich das 
Hungererlebnis auf seiner ersten Stufe zu dem Sattigungser- 
lebnis verhalt. Das Ich-Gefiihl wird auf diesen ersten Stufen 
durch das Hungererlebnis gesteigert, durch das Sattigungser- 
lebnis abgestumpft. Das Ruhebedurfnis nach der Sattigung 
hangt damit zusammen. Erst auf den weiteren Stufen, wo der 
Hunger in die Organisation zerstorend eingreift, wird es an- 
ders. Im weiteren Verfolg dieser Beobachtung ersteht die Er- 
kenntnis, daB mit dem Worte «Ich» nicht eine Erfiillung des 
Seelenlebens, sondern eine Sehnsucht, ein Begehmngs-artiges 
bezeichnet wird, das auf die Erfiillung wartet. - Gedanken, 
die man hegt, verstarken das Ich-Gefiihl nur dann, wenn sie 
Ideale sind, wenn also das Begehren in ihnen lebt. - Das «Ich » 
wird vom gewohnlichen BewuBtsein in der Sphare der Begeh- 
rungen erlebt. Es ist daher auf dieser Stufe ein Verlangen nach 
Erfiillung, ein Quell der Selbstsucht. 

Man kann das «Ich» auch die «Nacht des gewohnlichen 
BewuBtseins » nennen. Je mehr sich der Mensch mit Gedan- 
ken von der Welt erfullt, desto mehr tritt das Ich-Erlebnis zu- 
ruck. Wenn aber das «Ich» stark erlebt werden soil, dann 
miissen die Gedanken von der Welt aus der Seele heraus. In 
diesen Gedanken aber erlebt sich der Mensch wie in seinem 
«inneren Tage»; im «Ich» erlebt er sich zunachst wie in der 
«inneren Nacht». Aber der innere Tag lost ihm nicht das Rat- 
sel der Nacht. Ein anderes Licht muB in die innere Nacht hin- 
einscheinen. Das «Ich» kann sein Lichtverlangen an dem 
Sonnenschein der AuBenwelt nicht befriedigen. Aber nach 
Sonnenschein verlangt es. Ahnend lebt es in dem Verlangen 



nach Sonnenschein. Als Selbst verlangt das Ich Erfiillung aus 
der Selbstlosigkeit. - Es ist immer auf dem Wege, aus dem 
Quell der Selbstsucht den Strom der Selbstlosigkeit erstehen 
zu lassen. 

Das Verlangen nach Geist-Erkenntnis ist der Inhalt des Ich- 
Erlebens. Man mag iiber das «Ich» denken, wie man will; je- 
de Deutung, jede Definition des «Ich», sie mogen wie immer 
lauten : sie sind doch nur die Umschreibungen dieses Verlan- 
gens. Diese Umschreibungen konnen oft das Gegenteil der 
Wirklichkeit ausdriicken. Dann sind sie so, wie wenn ein 
Hungriger seinen Hunger in irgend etwas anderes uminter- 
pretierte. - So lange das Ich-Gefuhl im gewohnlichen BewuBt- 
sein erlebt wird, bleibt es Verlangen nach Geist-Erfullung. Es 
hort erst auf, dies zu sein, wenn das Licht der Sinne-Erkennt- 
nis durchdrungen wird von dem Licht der Geist-Erkenntnis. 
Seelen-Erlebnis aus Sinne-Welt macht das Ich zum Begehren ; 
Seelen-Erlebnis aus Geistes-Welt macht das Ich zum Seins- 
Inhalt. - In den moralischen Impulsen west das erste mensch- 
liche Erlebnis der Geistes-Welt. Sie stammen nicht aus der 
Sinne-Welt. Sie werden in einem Denken gewollt, das auBer- 
halb der Sinne-Welt urstandet. Im Lichte des «reinen Den- 
kens » werden sie gewollt. - Leben in wahren Moral-Impulsen 
ist der Anfang des Geistes-Welt-Erlebens. Fortsetzung der 
Tatigkeit, in welcher die Seele west im Erleben der Moral-Im- 
pulse, fiihrt zur Erkenntnis der Geistes-Welt. Jeder Mensch, 
der sittlich will, schaut so die Methoden der Geistesforschung 
an. Es ist nur notwendig, daB er sie auch anerkenne. Dann 
verrinnt die Selbstsucht des Ich in die Selbstlosigkeit der Gei- 
stes-Welt-Erkenntnis. 

Ist das «Ich» im Korper des Menschen? - Nein. - Der Kor- 
per erzeugt mit alien seinen Tatigkeiten nur das Verlangen 
nach dem Ich. Das gewohnliche BewuBtsein verwechselt die- 
ses Verlangen mit dem Ich selbst. Man muB sich mit einem 
seelischen Ruck aus dem Korper heben, um das Verlangen, 



das der Korper erzeugt, im Geiste zu befriedigen. - Der Kor- 
per ist ohne den Geist nicht denkbar, dean er ist nut die Of- 
fenbarung des Verlangens nach dem Geiste. - Wer den Kor- 
per recht versteht, in dem bildet sich wie etwas Selbstver- 
standliches die Fahigkeit des Geist-Erlebens. Wissenschaft- 
licher Materialismus entsteht aus mangelhafter Erkenntnis der 
materiellen Welt. - Mangelhafte Erkenntnis des Menschen- 
Korpers vermeint, der Korper fasse seine Erlebnisse in dem 
Worte «Ich» zusammen; er faBt nur sein Verlangen in dieses 
Wort zusammen. Verstandnis der korperlichen Grundlage des 
«Ich» setzt sich durch sich selbst in das Verstandnis der Geist- 
Natur des Ich urn. Die Selbstheit, die der Korper entwickelt, 
ist die Offenbarung der selbstlosen Hingabe an die Geistes- 
Welt, die den wahren Charakter des Ich enthullt. 

Das Leben des Korperlichen ist das Verlangen, der Hunger 
nach dem Geist. Wird der Hunger nicht befriedigt, so tritt 
Zerstorung des Korperlichen ein. Ein K6rperlich.es, das selb- 
standig sein will, kampft gegen sein eigenes Wesen. Der 
Mensch kann deshalb von einer geistlosen Natur nur reden, 
wenn er in ihr einen Abfall von ihrem eigenen Wesen sehen 
will. Besinnt er sich darauf, daB eine korperliche Natur nur 
Verlangen nach dem Geiste sein kann, so ergibt sich fur ihn 
als Ziel der Natur-Erkenntnis ein Entweder-Oder. - Entwe- 
der muB er der Natur gegenuber fragen : ist sie von ihrem ei- 
genen Wesen abgefallen? Und was wird aus ihr durch diesen 
Abfall? - Oder er muB fragen, was ist in ihr, das auch ihre 
scheinbare Geistlosigkeit zuletzt als Verlangen nach dem Gei- 
ste erscheinen laBt? Das aber laBt alle Fragen gegenuber der 
Natur in die Eine auslaufen : Ist die Geistlosigkeit der unbe- 
lebten Natur nicht die Offenbarung eines verborgenen Gei- 
steshungers? 

Im Wirtschaftsleben ist der Mensch iiber die Tierheit da- 
durch hinausgehoben, daB er die instinktbestimmte Wirtschaft 
der Tiere in eine solche wandelt, die seelen-bestimmt ist. Das 



Tier bleibt mit seiner Arbeit-Organisation und seiner Kapital- 
Ansammlung innerhalb der Natur-Bestimmtheit stehen. Der 
Mensch hebt zunachst die Arbeit-Organisation in die Seelen- 
Bestimmtheit herauf. Er kann das nicht vollig mit der Natur- 
Grundlage der Wirtschaft. Weil aber bei ihm die Instinkte 
nicht mit der Kraft wirken wie beim Tiere, entschwindet aus 
seiner bewuBten Wirtschaftsorganisation ein Teil des okono- 
mischen Lebens, wie die ultraroten Teile des Spektrums aus 
der Beleuchtungswirkung entschwinden. Man sieht deshalb, 
wie der auf BewuBtsein gebauten Nationalokonomie die Er- 
kenntnis des Naturgegebenen in dem Wirtschaftsleben nicht 
voll durchsichtig ist. - Die Organisation der Arbeit gehort in 
das Licht des BewuBtseins wie der mittlere Teil des Spek- 
trums in das Licht. - Die Kapitalansammlung mit ihren Wir- 
kungen entzieht sich aber dem bewuBten Denken. Was in der 
Welt als Kapitalwirkungen okonomisch sich ergibt, tritt aus 
dem Bereich des gewohnlichen okonomischen seelen-be- 
stimmten Denkens heraus wie der ultraviolette Teil des Spek- 
trums aus dem Lichte. - Wirtschaftswissenschaft strebt iiber 
die gewohnlichen wissenschaftlichen Methoden hinaus wie 
das Spektrum iiber seinen Lichtteil. - Man wird deshalb zu 
einer vollstandigen okonomischen Wissenschaft ein Erkennt- 
nisstreben brauchen, das in den Natur-Instinkten den Geist, 
und in den seelen-bestimmten Kapitalwirkungen den Uber- 
gang in naturgleiche Tatsachen findet. 

Ich-Erkenntnis gibt wahre Natur-Erkenntnis. Wahre Na- 
tur-Erkenntnis gipfelt in Ich-Erkenntnis. Natur- und Geistes- 
wissenschaft miissen sich so als Schwestern begruBen, wenn 
sie sich selbst recht verstehen. Und die Betatigung im Men- 
schenleben, von der das Okonomische nur ein Teil ist, kann 
das Einverstandnis der beiden Schwestern nicht entbehren. 
Die Menschheit ist zum Spezialistentum in Wissenschaft und 
Arbeit gelangt; heute verlangen die Teile zu ihrem eigenen 
Heil die Vereinigung zu einem Ganzen. Geisteswissenschaft 
muB den Geist als schopferischen, nicht als abstrakten schau- 



en; dann aber schaut sie in dem schaffenden Geist die geschaf- 
fene Natur; Naturwissenschaft muB in der Natur das Geist- 
verlangen schauen; dann tritt ihr, indem sie naturforschend 
ist, der Geist entgegen. Der wirklichen Erkenntnis ist Natur- 
forschung der Weg zum Geist und Geistesforschung die Au- 
gen-Offnung fiir die Naturgeheimnisse. 

DER GEGENWARTIGE MENSCH 
UND DIE GESCHICHTE 

Es ist ungefahr ein halbes Jahrhundert her, seit Friedrich 
Nietzsche seine « UnzeitgemaBe Betrachtung» verorTentlicht 
hat, die sich mit dem Werte der Geschichte fur das Leben be- 
schaftigt. Ihm war es zu einer Lebensfrage geworden, ob die 
Krafte, die im Innern der Menschenseele wirken und den 
Menschen durch das Dasein tragen, nicht gelahmt werden, 
wenn er den Blick zu stark in die Vergangenheit richtet. - 
Man versteht, wie Nietzsche diese Frage zu einer «unzeitge- 
maBen » Betrachtung anregte, wenn man die Entwicklung an- 
sieht, die im mitteleuropaischen Denken manche Anschauun- 
gen iiber die Stellung des Menschen im geschichtlichen Wer- 
den in der neuesten Zeit durchgemacht haben. 

Im Beginne des neunzehnten Jahrhunderts sprach man von 
einem «Naturrecht». Man war der Meinung, der Mensch 
konne auf seine eigene Wesenheit, seine « Natur » die Auf- 
merksamkeit lenken, und er miisse dann finden, welche «Rech- 
te» ihm im Leben zukommen. Man nannte dieses «Natur- 
recht» auch das «Vernunftrecht». Da glaubte der Mensch, er 
konne seine Stellung im Leben nach der rechtlichen Seite fin- 
den, wenn er die Ideen dazu sich aus dem hole, was durch sein 
eigenes Wesen in ihn gelegt ist. 

Man verlor allmahlich den Glauben an dieses «Vernunft- 
recht ». Man wurde gewahr, wie sich gewohnheitsmaBig, halb 
instinktiv im menschlichen Zusammenleben die «Rechte» ge- 
bildet haben. Man richtete den Blick auf das «Historische» 



des Rechtslebens. Dem Walten dieses Historischen gegeniiber 
fand man ein aus dem Menschen geschopftes «Vernunftrecht » 
bedeutungslos. Man fand, daB der Mensch in das hineingebo- 
ren wird, was instinktartige Entwickelungskrafte in das Leben 
gebracht haben. Nur an diese konne man sich halten, so mein- 
te man, wenn man die menschlichen Rechte betrachtet. Will 
man zu Ideen iiber das Recht kommen, musse man an die Ge- 
schichte herantreten. 

Nietzsche empfand diese Anschauung, die er vorfand, als er 
seine Jugendentwickelung durchmachte, wie eine Vergewal- 
tigung des menschlichen Seelenlebens. Der Mensch nehme 
sich, so meinte er, seine lebenskraftige Gegenwart, wenn er 
sich nicht aufraffe und sein Wollen aus seinem unmittelbaren 
Dasein hole ; und pflanze sich eine totgewordene Vergangen- 
heit ein, die sein Wollen lahme. Auf diese Art verliere der 
Mensch der Gegenwart sich selbst. 

Es ist begreiflich, daB Nietzsche zu einer solchen Ansicht 
kam. Er sah sich in ein Zeitalter versetzt, in dem der Mensch 
wenig Vertrauen zu einer Erkenntnis der geistigen Welt hatte. 
Das Schopferische des eigenen Geisteslebens war deshalb et- 
was Fragwurdiges geworden. Man zweifelte daran, selber et- 
was schaffen zu konnen, und so hielt man sich an die Betrach- 
tung des Geschaffenen. Die «historische Rechtsschule » trat an 
die Stelle der «Vernunftrechtsschule». 

Man konnte auch heute noch, wenn auch in etwas veran- 
derter Form, Empfindungen haben, wie sie Nietzsche ausge- 
sprochen hat. Denn noch immer wendet der Mensch seinen 
Blick mckwarts, wenn er sagen soli, was er in der Gegenwart 
in sein Leben einfuhren soli. Man fragt, wie es in primitiven 
Zustanden mit dem und jenem beschaffen war, wenn man das 
Wesen des «Rechtes», der «Sitte» und dergleichen verstehen 
will. Und es kann bemerkt werden, wie dieser Blick das un- 
mittelbar Schopferische der Gegenwart zuriickdrangt. 

Und doch: ein gesundes Gefiihl wird nicht zugeben kon- 
nen, daB ein solcher riickwarts gewendeter Blick den Men- 
schen schwach machen musse. Dieses Gefiihl erzeugt die 



Anschauung, daB nicht die wahre Geschichte in der «histo- 
rischen Schule» den Nachteil hervorgebracht haben kon- 
ne, von dem Nietzsche spricht, sondern eine irrtumlich be- 
trachtete. 

Es ging namlich parallel der Einfiihrung des Geschicht- 
lichen in die Betrachtung des Rechtlichen, des Sittlichen, die 
Streitfrage : was denn eigentlich die treibenden Krafte in der 
Geschichte der Menschheit seien. Die einen sagten, der 
Mensch in seinem Wirken bringe die Tatsachen des Lebens 
hervor. Die groBen PersonUchkeiten seien die treibenden 
Machte in der Geschichte. Andere meinten, die Wirksamkei- 
ten der Menschen seien die Ergebnisse der auBeren Verhalt- 
nisse. Man miisse diese Verhaltnisse in einem Zeitalter ins 
Auge fassen, wenn man dieses geschichtlich verstehen wolle. 
- Das fiihrte dann zu einer immer mehr dem Materiellen zuge- 
neigten geschichtlichen Anschauung. Und es entstand der hi- 
storische Materialismus, der meint, das eigentlich Wirksame 
seien die in der menschlichen Wirtschaft tatigen Krafte, und, 
was der Mensch wirke, miisse aus diesen Kraften heraus ver- 
standen werden. 

Wie aber Anschauungen in das Leben hineinwirken, davon 
spricht nun gerade einer der neuesten Geschichtschreiber in 
bezug auf die unmittelbare Gegenwartsgeschichte. Heinrich 
Friedjung hat in seinem Buche «Das Zeitalter des Imperialis- 
mus 1 8 84-1 9 14 » (Verlag von Neufeld und Henius, Berlin, 2. 
Band, 1922, Seite 356) geschrieben: «Stellt irgendeine Denk- 
richtung die Bedeutung der groBen Personlichkeit fiir das 
Geschehen in Abrede, so wird ihr eine solche dann fehlen, 
wenn sie am notwendigsten ware. ... die marxistische Lehre 
scheidet die Einzelpersonlichkeit aus den Faktoren der ge- 
schichtlichen Rechnung aus ; kein Wunder, daB hier wie dort 
die ungewohnlichen Gestalten verschwanden, um dem Mittel- 
und UntermaBe Platz zu machen.» - Da ware also zugegeben, 
daB Denkrichtungen hemmend oder f ordernd in das geschicht- 
liche Leben eingreifen konnen. Das aber konnen sie doch 
wieder nur durch die PersonUchkeiten. 



Und in den Personlichkeiten wirken die Ideen durch den 
dem Menschen innewohnenden lebendigen Geist. Diesen aber 
verliert der Mensch auch fur die Geschichte, wenn er ihn 
nicht in seinem eigenen Wesen finden kann. Das «Vernunft- 
recht» im Beginne des neunzehnten (und im achtzehnten) 
Jahrhundert war nicht aus dem lebendigen Menschengeist ge- 
schopft, sondern aus dem «Gedanken», der, wenn er bloB in- 
tellektuelles, nicht geschautes Seelisches ist, nur das Tote vom 
Geiste vorstellt. Das «historische Recht» hinwiederum gab 
dem Menschen nichts fur sein geistiges Erleben, weil es in der 
Geschichte nicht bis zum Geiste vordrang, sondern sich an 
die auBeren geschichtlichen Offenbarungen des Geistes hielt. 

Findet der Mensch in sich den lebendigen, den schopferi- 
schen Geist, so findet er ihn auch in der Geschichte. WeiB er, 
daB sein Seelenleben hinaufragt in geistige Regionen, so wird 
er auch in diesen geistigen Regionen die treibenden Krafte des 
geschichtlichen Werdens suchen. Er wird bis zu den ge- 
schichtlichen Personlichkeiten gehen; aber noch iiber diese 
hinaus zu den waltenden Geistes-Machten, die aus der Gei- 
steswelt so in die Seelen der Menschen in der Vergangenheit 
wirkten wie gegenwartig in seine eigene. Als die Vollzieher 
der Absichten jener Geistes- Machte wird er die Personlichkei- 
ten ansehen. Er macht die Menschen dadurch nicht zu Mario- 
netten der Geisteswelt; er schaut ihr freies Wesen im Verkehr 
mit dieser Welt, wie er sich selbst frei weiB in seinem Zusam- 
menhange mit dem geistigen Dasein. Vor einer geistgemaBen 
Geschichtsbetrachtung wird das «Vernunftrecht » und die ge- 
genwartig «aus der Menschenseele quellende Sitte» zwar ein 
aus dem Vergangenen Entwickeltes, aber doch auch heute 
geistig Schopferisches. Und das «historische Recht», sowie 
die «geschichtlich gewordene Sitte» untergraben das gegen- 
wartig Lebendig-Schopferische nicht, denn sie erweisen sich 
als aus derselben Quelle stammend; sie geben dem Gegenwar- 
tigen das Recht zum eigenen Wollen, denn sie offenbaren sich 
selbst als solches eigenes Wollen. Ein «Vernunftrecht », das 
sich um die Vergangenheit nicht kiimmert, schrumpft zu ab- 



strakten Gedankenformen zusammen; eine «historische 
Rechtsschule », die kein «Vernunftrecht » gelten lassen will, 
schopft nicht aus dem Geiste, sondern beschreibt nur die au- 
Bere OfFenbarung des Geistes. - 

SPENGLERS «WELTHISTORISCHE PERSPEKTIVEN» 

Oswald Spengler hat dem ersten Bande seines « Untergang des 
Abendlandes» nun den zweiten folgen lassen. Er nennt ihn 
«Welthistorische Perspektiven ». Man fuhlt sich zunachst ge- 
drangt, Anfang und Ende dieser Perspektiven in der Empfin- 
dung neben einander zu stellen. 

Der Anfang richtet den Blick auf die Natur . «Betrachte die 
Blumen am Abend, wenn in der sinkenden Sonne eine nach 
der andern sich schlieBt : etwas Unheimliches dringt dann auf 
dich ein, ein Gefiihl von ratselhafter Angst vor diesem blin- 
den, traumhaften, der Erde verbundenen Dasein. Der stum- 
me Wald, die schweigenden Wiesen, jener Busch und diese 
Ranke regen sich nicht. Der Wind ist es, der mit ihnen spielt. 
Nur die kleine Miicke ist frei; sie tanzt noch im Abendlichte; 
sie bewegt sich, wohin sie will. - Eine Pflanze ist nichts fur 
sich. Sie bildet einen Teil der Landschaft, in der ein Zufall sie 
Wurzel zu fassen zwang. Die Dammerung, die Kiihle und das 
SchlieBen aller Bliiten - das ist nicht Ursache und Wirkung, 
nicht Gefahr und EntschluB, sondern ein einheitlicher Natur- 
vorgang, der sich neben, mit und in der Pflanze vollzieht. Es 
steht der einzelnen nicht frei, fur sich zu warten, zu wollen 
oder zu wahlen.» 

Man empfindet nun durch das ganze Buch hindurch die 
«weltgeschichtlichen Perspektiven » durch diesen Blick auf 
das schlafende Pflanzenleben, zu dem man im Anfange aufge- 
fordert wird, bestimmt. - Warum soil es gerade dieser Blick 
sein? Ist es derjenige, zu dem der Mensch der Gegenwart na- 
turgemaB gedrangt wird, wenn die Ratsel und Beunruhigun- 
gen seines Zeitalters in seiner Seele sturmen? 1st, was durch 



diesen Blick als Seelenstimmung erregt wird, geeignet, die 
Kulturgestaltung der Gegenwart in ihrem Wesen so zxx durch- 
schauen, daB sie gewertet werden kann? 

Man endete mit dem Lesen, und war am Schlusse vor die 
ganze Tragik des Gegenwartsmenschen gestellt. «Eine Leiden- 
schaft im Erfinden zeigt schon die gotische Architektur - die 
man mit der gewollten Formenarmut der dorischen verglei- 
che - und unsre gesamte Musik. Es erscheinen der Buchdruck 
und die Fernwaffe. Auf Kolumbus und Kopernikus folgen das 
Fernrohr, das Mikroskop, die chemischen Elemente und end- 
lich die ungeheure Summe der technischen Verfahren des frii- 
hen Barock (Seite 628). - Dann aber folgt zugleich mit dem 
Rationalismus die Erfindung der Dampf mas chine, die alles um- 
stiirzt und das Wirtschaftsbild von Grund aus verwandelt. Bis 
dahin hatte die Natur Dienste geleistet, jetzt wird sie als Sklavin 
ins Joch gespannt und ihre Arbeit wie zum Hohn nach Pfer- 
dekraften bemessen. ... Mit den Millionen und Milliarden 
Pferdekraften steigt die Bevolkerungszahl in einem Grade, 
wie keine andre Kultur es je fur moglich gehalten hatte. Die- 
ses Wachstum ist ein Produkt der Maschine^ die bedient und ge- 
lenkt sein will und dafiir die Krafte jedes Einzelnen verhun- 
dertfacht. Um der Maschine willen wird das Menschenleben 
kostbar. ... Die ganze Kultur ist in einen Grad von Tatigkeit 
geraten, unter dem die Erde bebt. - Was sich nun im Laufe 
kaum eines Jahrhunderts entfaltet, ist ein Schauspiel von sol- 
dier GroBe, daB den Menschen einer kiinftigen Kultur mit 
andrer Seele und andern Leidenschaften das Gefuhl iiberkom- 
men muB, als sei damals die Natur ins Wanken geraten (Seite 
629). ... Und diese Maschinen werden in ihrer Gestalt immer 
mehr entmenschlicht, immer asketischer, mystischer, esoteri- 
scher. ... Niemals hat sich ein Mikrokosmos dem Makrokos- 
mos uberlegener gefuhlt. Hier gibt es kleine Lebewesen, die 
durch ihre geistige Kraft das Unlebendige von sich abhangig 
gemacht haben (Seite 630). ... Aber gerade damit ist der fausti- 
sche Mensch^^? Sklaven seiner Schopfung gewozdtn. ... Der Bau- 
er, der Handwerker, selbst der Kaufmann erscheinen plotzlich 



unwesentlich gegeniiber den drei Gestalten, wekhe sich die Ma- 
s chine auf dem Weg ihrer Entwicklung herange^uchtet hat: dem Un- 
fernehmer, dem Ingenieur^ dem Fabrikarbeiter (Seite 631). 

Warum soli der Mensch, der in ein solches Verhaltnis zur 
Maschine gestellt erscheint, die Wertung dieser Stellung mit 
dem Blick vornehmen, der auf das schlafende Leben der PfLan- 
ze sich zuerst gerichtet hat? 

Es hat doch diese Blickrichtung ganz gewiB den Menschen 
nicht zwischen die Rader, Kurbeln, Motoren hineingestellt. 
Es war vielmehr die Blickstellung auf die leblose Natur. Seit 
der Mensch an diese herantrat mit einer Betrachtung, die ihre 
Gegenstande geistig so durchsichtig haben wollte wie die ma- 
thematischen sind, ist er zur modernen Technik geschritten. 
An dem Blicke in das geistig Durchsichtige hat sich das neue- 
re Denken herangeschult. Dieses Denken erfahrt iiber sich 
eine Auskunft, wenn es sein Begreifen beim StoB zweier elasti- 
scher Kugeln, oder bei der Wurflinie eines Korpers erfaBt. 
Wie es da begreift, will es auch bei allem begreifen, was ihm 
an den Vorgangen im physikalischen oder chemischen Labo- 
ratorium entgegentritt. Geistig durchsichtige Vorgange will 
es vor dem Blicke haben. Wenn jemand sagt: aber es ist doch 
der StoB zweier elastischer Kugeln kein geistig durchsichtiger 
Vorgang, die Kraft der Elastizitat selbst bleibt doch ein dunk- 
ler, undurchschaubarer Vorgang ; so ist es berechtigt zu erwi- 
dern: darauf kommt es nicht an; ich brauche die Natur der 
Tinte nicht zu kennen, mit der ein Brief geschrieben ist, wenn 
ich alles restlos verstehen will, was mich in dem Briefe fur 
meinen Lebenszusammenhang angeht. Der Mensch schaut in 
der leblosen Natur in voller Durchsichtigkeit, was ihn angeht, 
um aus dem Naturzusammenhang heraus eine Maschine zu 
konstruieren. Er braucht dazu Ideen, die verzichten konnen, 
mehr zu umspannen, als die unlebendige Natur in voller 
Durchsichtigkeit schauen laBt. - 

Aber in der Seele des Menschen sind diese Ideen doch 
bloB Bilder. Das BewuBtsein erkennt sie als solche. Sie leben 
selbst kraftlos im BewuBtsein; sie verhalten sich zu dem, was 



sie abbilden wie die Spiegelbilder zu den Gegenstanden, die 
vor dem Spiegel stehen. Kein Spiegelbild stoBt das andere; 
dennoch geben die beiden ein zusammenhangendes Bild des 
StoBes. In diesem Bildwissen hat das moderne Denken seine 
GroBe und seine Unzulanglichkeit, Versteht es sich selbst in 
dieser GroBe und dieser Unzulanglichkeit, so ist es schon hin- 
eingestiirmt in seine Ratsel und seine Beunruhigungen. 

Dieses Bildwissen hat die Durchsichtigkeit an sich. Fiihlt 
diese der Mensch, so sagt er sich : alles Wissen, das dieses Na- 
mens wert ist, muB so durchsichtig sein. Aber schon beim 
Pflanzenwesen ist diese Durchsichtigkeit nicht vorhanden, 
wenn man zu keiner andern Erkenntnis greifen will als derje- 
nigen, die man fur die Bilder der leblosen Natur anstrebt. Das 
hat Goethe empfunden. Deshalb hat er fur das PfLanzenwesen 
nach einer andersgearteten Erkenntnis gestrebt. Er wollte das 
Bild der Urpflanze, aus der sich die einzelne Pflanzenform be- 
greifen laBt, wie der einzelne physikalische Vorgang aus dem 
«Naturgesetz». 

Wie er im Leblosen erkennt, so kann der Mensch im Leben- 
digen nur erkennen, wenn er seine Auffassungsfahigkeiten er- 
weitert. - An der Erkenntnis des Leblosen hat die Menschheit 
erst ersehen, welche Anspriiche sie an das Wissen stellen muB. 
Aber diese Erkenntnis offenbart nur, was der eigenen mensch- 
lichen Wesenheit fremd ist. Nichts kann vom Begreifen des 
Leblosen zum Erleben der eigenen Menschenwesenheit fuh- 
ren, wenn bei diesem Begreifen stehen geblieben wird. 

In der Maschine hat sich der Mensch mit einem zwar Durch- 
sichtigen, aber ihm Fremden umgeben. Er hat sein Leben mit 
diesem Fremden verbunden. Kalt und menschenfern steht die 
Maschine da, ein Triumph der « sicheren » Erkenntnis ; neben 
ihr steht der Mensch selbst, Finsternis vor sich, wenn er mit 
dieser Erkenntnis in sich selbst hineinsieht. 

Und dennoch : diesen Blick in das durchsichtige Tote muBte 
die Menschheit in sich erziehen, wenn sie vollig wach werden 
sollte. Sie braucht das Bildwissen von dem, was ihrem eigenen 
Wesen fremd ist, zum Wachsein. Denn alles vorangehende 



Wis sen ist aus dem Dunkel der eigenen Menschennatur mit- 
bestimmt; klar wird es erst vor der Seele, wenn die Menschen- 
seele zum bloBen Spiegel wird, der nur noch Bilder des Men- 
schenfremden entwirft. Vorher hatte der Mensch in seinem 
Seeleninhalt, wenn er von Wissen sprach, die Triebe, die In- 
halte seiner eigenen Natur, die als solche nicht klar sein kon- 
nen. Seine Ideen waren von einem Sein durchsetzt; aber sie 
waren nicht klar. - Die Bilder des leblosen Seins sind klar. Nun 
aber hat der Mensch an diesen Bildern nicht nur die Offenba- 
rung des Leblosen, sondern auch innere Erlebnisse. Bilder 
konnen durch ihre eigene Natur nichts veranlassen. Sie sind 
kraftlos. Erlebt der Mensch seine sittlichen Impulse in dem 
Reich des Bildlichen so, wie er es an der leblosen Natur sich 
anerzogen hat, dann erhebt er sich zur Freiheit. Denn Bilder 
konnen nicht wie Triebe, Leidenschaften oder Instinkte den 
Willen bestimmen. Erst das Zeitalter, das am Toten das Ma- 
thematik-ahnliche Bilddenken entwickelte, kann den Men- 
schen zur Freiheit geleiten. 

Die kalte Technik gibt dem Menschendenken ein Geprage, 
das in die Freiheit fuhrt. Zwischen Hebel, Radern und Moto- 
ren lebt nur ein toter Geist; aber in diesem Totenreiche er- 
wacht die freie Menschenseele. Sie muB den Geist in sich er- 
wecken, der vorher nur mehr oder weniger traumte, als er 
noch die Natur beseelte. Aus dem traumenden wird waches 
Denken an der Kalte der Maschine. 

Der wache Blick, der auf die Maschine gerichtet sein kann, 
wird wieder traumend, wenn er so wie in der Spenglerschen 
Betrachtung zur Pflanze zuruckgetrieben wird. Denn diese 
Betrachtung geht nicht wie die Goethesche auch zur Durch- 
sichtigkeit des Pflanzen-Beschauens fort, sondern sie zieht sich 
zuriick in das Halbdunkel, in dem das Leben erscheint, wenn 
man es so ansieht, wie man in dem vor-technischen Zeitalter 
auch das Leblose angeschaut hat. 

Der Blick, zu dem man am Anfang der Spenglerschen Be- 
trachtung aufgefordert wird, laBt allerdings die Technik wie 
ein Damonisches erscheinen. Aber nur, weil er die an ihr er- 



rungene Klarheit verleugnet. Durch dieses Verleugnen prallt 
der Mensch vor seinem eigenen Wachsein zuriick. Statt der 
Klarheit die Kraft abzuringen, an der Maschine den freien 
Menschengeist zu entziinden, wird im Anschauen der Pflanze 
die Furcht herbeigerufen, die da sagt: «Diese Rader, Walzen 
und Hebel reden nicht mehr. Alles was entscheidend ist, zieht 
sich ins Innere zuriick. Man hat die Maschine als teuflisch 
empfunden, und mit Recht» (Seite 630). - Es scheint aber 
notwendig, der Maschine den Teufel auszutreiben. Darf man, 
wenn man das will, so Anfang und Ende des Denkens gestal- 
ten, und dazwischen «Weltperspektiven » legen, wie es Speng- 
ler tut? (Auf diese Frage wird in der Fortsetzung dieses Arti- 
kels eine Antwort versucht werden.) 



DIE FLUCHT AUS DEM DENKEN 

Eine Fortsetzung 
des Artikels uber Spenglers « Welthistorische Perspektiven » 

Spengler redet von dem schlafenden Pflanzenleben in Aus- 
drucksformen wie diese: «Eine Pflanze fiihrt ein Dasein ohne 
Wachsein. Im Schlaf werden alle Wesen zu Pflanzen: die Span- 
nung zur Umwelt ist erloschen, der Takt des Lebens geht wel- 
ter. Eine Pflanze kennt nur die Beziehung zum Wann und War- 
um. Das Drangen der ersten griinen Spitzen aus der Winter- 
erde, das Schwellen der Knospen, die ganze Gewalt des Blii- 
hens, Duftens, Leuchtens, Reifens : das alles ist Wunsch nach 
der Erfullung eines Schicksals und eine bestandige sehnsiich- 
tige Frage nach dem Wann » (Seite 9). 

Im Gegensatze damit erscheint das Wachsein der Tiere und 
des Menschen. Das Wachsein entwickelt ein Innenleben. Aber 
dieses ist abgerissen vom kosmischen Dasein. Es scheint, als 
ob nichts von dem Drangenden, Treibenden der Kosmos- 
krafte, die in dem Pflanzenhaften Schicksal werden, weiter wal- 
tete in den Erlebnissen des Wachseins. - Die Empfindung die- 
ser Abgerissenheit lebt sich in der Spenglerschen Ansicht aus. - 



Im menschlichen Wesen waltet das Pflanzenartige weiter. Es 
treibt in den unterbewuBten Betatigungen, die wie Ergebnisse 
der geheimnisvollen Krafte des «Blutes » erscheinen. Aus dem 
«Blute» steigt auf, was als SchicksalsmaBiges in der Mensch- 
heit lebt. Demgegeniiber ist wie eine zu dem wahren Dasein 
hinzukommende Beigabe, was das wache BewuBtsein ausbil- 
det. Spengler findet scharf konturierte Worte, urn die Bedeu- 
tungslosigkeit des wachen BewuBtseins im Verhaltnis zu den 
eigentlich schaffendenpfianzenhaftenKrafteninder Menschen- 
natur zu kennzeichnen : ... «das Denken ... wird seinen Rang 
innerhalb des Lebens stets falsch und viel zu hoch ansetzen, 
weil es andere Arten der Feststellung neben sich nicht bemerkt 
oder anerkennt und damit auf einen vorurteilslosen Uberblick 
verzichtet. In der Tat haben samtliche Denker von Beruf - und 
sie fiihren hier in alien Kulturen fast allein das Wort - kaltes, 
abstraktes Nachdenken fur die selbstverstandliche Tatigkeit 
gehalten, durch die man zu den detzten Dingem gelangt» 
(Seite 14). Es ist nicht gerade eine tiefe, sondern mehr eine 
leicht errungene Einsicht, die Spengler mit den Worten aus- 
driickt: «Aber wenn der Mensch ein denkendes Wesen ist, so 
ist er doch weit davon entfernt, ein Wesen zu sein, dessen Da- 
sein im Denken bestehfy> (Seite 14). - Das ist so wahr, wie « daB 
zweimal zwei vier ist ». Aber fur eine Wahrheit ist wichtig, wie 
man sie in den Zusammenhang des Lebens hineinzustellen ver- 
mag. Und Spengler stellt das Denken nicht einmal in das Leben 
hinein; er stellt es neben das Leben. Er tut dieses, weil er es nur 
in der abstrakten Form erfassen will, in der es seine Rolle in der 
modernen naturwissenschaftlichen Forschungsart spielt. Da 
ist es abstraktes Denken. In dieser Form ist es Nachdenken iiber 
das Leben, nicht eine Kraft des Lebens selbst. Diesem Denken 
gegemiber kann man sagen : was im Menschen Dasein-bildend 
wirkt, das treibt aus seinem Schlafenden, Pflanzenhaften her- 
vor; das ist nicht Ergebnis der wachenden Abstraktion. Da 
gilt: «Das wirkliche Leben, die Geschichte kennt nur Tatsa- 
chen. Lebenserfahrung und Menschenkenntnis richten sich 
nur auf Tatsachen. Der tatige Mensch, der Handelnde, Wol- 



lende, Kampfende, der sich taglich gegen die Macht der Tat- 
sachen behaupten und sie sich dienstbar machen oder unterlie- 
gen muB, sieht auf bloBe Wahrheiten als etwas Unbedeutendes 
herab» (Seite 15). 

Aber dieses abstrakte Denken ist nur eine Entwickelungs- 
phase im Leben der Menschheit. Ihm geht ein bildhaftes, mit 
den Dingen verbundenes und in den Menschentaten pulsieren- 
des Denken voraus. Im bewuBten Menschenleben wirkt dieses 
Denken allerdings traumhaft, abet es ist der Schopfer aller 
Friihstadien der Kulturen. Und wenn man sagt : was in solchen 
Kulturen als Taten der Menschen auftritt, das ist nicht Ergeb- 
nis des Denkens, sondern des «Blutes », so verzichtet man auf 
alles Durchschauen der treibenden Impulse der Geschichte, 
um in das triibe Gebiet einer materialistischen Mystik unterzu- 
tauchen. Denn jede Mystik, die aus diesen oder jenen seeli- 
schen oder geistigen Qualitaten das Werden der geschichtli- 
chen Tatsachen entstehen laBt, ist hell gegenuber der Mystik 
des «Blutes». 

Wenn man zu einer solchen Mystik greift, schneidet man 
sich die Moglichkeit ab, den Zeitabschnitt richtig zu bewerten, 
in dem die Menschenentwickelung von friiheren bildhaften 
Formen des Denkens zu dessen abstrakter Art fortgeschritten 
ist. Diese ist, an und fur sich, nicht eine zum Handeln treibende 
Kraft. Aber wahrend sie fur die Ausgestaltung des naturwis- 
senschaftlichen Forschens gewirkt hat, war das Handeln der 
Kulturmenschheit den Nachwirkungen alter, aus dem bild- 
haften Denken entsprossenen Impulsen unterworfen. Das ist 
das Bedeutsame der Kultur des Abendlandes in den letzten 
Jahrhunderten, daB das abstrakte Denken fortschreitet, und 
das Handeln unter dem Einflusse der vorangehenden Impulse 
stehen bleibt. Diese nehmen zwar kompliziertere Formen an, 
bringen aber nichts wesenhaft Neues hervor. Die neuere 
Menschheit fahrt mit Eisenbahnen, in denen abstrakte Ge- 
danken verwirklicht sind ; aber sie tut dieses aus dem Willens- 
inhalte heraus, der auch schon im eisenbahnlosen Verkehr 
wirkte. 



Doch dieses abstrakte Denken ist nur eine Durchgangsstufe 
der denkerischen Fahigkeit. Wer es in seiner volligen Reinheit 
erlebt hat, wer seine Kalte und Kraftlosigkeit, aber auch seine 
Durchsichtigkeit mit vollem menschlichen Anteil in sich auf- 
genommen hat, der kann bei ihm nicht stehen bleiben. Es ist 
ein totes Denken; aber es kann zum Leben erweckt werden. 
Es hat die Bildhaftigkeit verloren, die es als Traumerlebnis ge- 
habt hat; aber es kann diese wieder erringen im Lichte eines 
intensiveren BewuBtseins. Von traumhafter Bildlichkeit durch 
vollbewuBte Abstraktion zur ebenso vollbewuBten Imagina- 
tion: das ist der Entwickelungsgang des menschlichen Den- 
kens. Der Aufstieg zu dieser bewuBten Imagination steht als 
Zukunftsaufgabe vor der abendlandischen Menschheit. Goe- 
the hat einen Anfang damit gemacht, indem er fur das Ver- 
standnis der Pflanzengestaltung das Ideenbild der Urpflanze 
forderte. Und dieses imaginative Denken kann wieder Impulse 
des Handelns aus sich heraustreiben. 

Wer das nicht zugibt und beim abstrakten Denken stehen 
bleiben will, der kommt allerdings zu der Ansicht, daB das 
Denken eine unfruchtbare Zugabe zum Leben sei. Das ab- 
strakte Denken macht den erkennenden Menschen zum bio- 
Ben Zuschauer des Lebens. Dieser Zuschauerstandpunkt gibt 
der Spenglerschen Betrachtung ihr Geprage. - Spengler hat 
sich in das abstrahierende Denken als moderner Mensch einge- 
lebt. Er ist eine bedeutende Personlichkeit. Er kann fuhlen, wie 
er mit diesem Denken auBerhalb des Lebens steht. Er hat aber 
vor allem an dem Leben Interesse. Und in ihm entsteht die 
Frage : was kann der Mensch mit diesem Denken im Leben an- 
fangen ? Damit ist aber auf die ganze Tragik imDasein des mo- 
dernen Menschen gewiesen. Dieser hat es bis zur Stufe der ab- 
strakten Denktatigkeit gebracht; er weif aber mit dieser fur das 
Leben nichts an^ufangen. Spenglers Buch spricht aus, was fur 
Viele Tatsache ist, aber von ihnen nicht bemerkt wird. Die 
Kulturmenschheit ist denkend vollerwacht; allein sie steht mit 
ihrem Wachsein ratios da. 

Ein Buch der Ratlosigkeit ist Spenglers «Untergang des 



Abendlandes ». Sein Verfasser hat ein Recht dazu, von diesem 
«Untergang» zu sprechen. Denn die Medergangskrafte, de- 
nen andre passiv unterliegen, wirken in ihm aktiv. Er versteht 
sie, und er lehnt es ab, zu den Aufgangskraften zu kommen, die 
im Wachen errungen werden konnen. Deshalb schaut er nur 
den Niedergang und erwartet die Fortsetzung von der Wir- 
kung im mystischen Dunkel des « Blutes »♦ 

Es geht ein beangstigender Zug durch Spenglers Darstel- 
lung. Vollendete intellektuelle Seelenverfassung, die an sich 
selbst irre geworden ist, tritt an die Ereignisse des geschichtli- 
chen Lebens der Menschheit heran, um sich stets von diesen 
Tatsachen iiberwaltigen zu lassen. Der Agnostizismus der mo- 
dernen Zeit wird so vollig ernst genommen, dai3 er nicht nur 
theoretisch formuliert, sondern zur Methode der Untersu- 
chung erhoben wird. Die einzelnen Kulturen werden so ge- 
schildert, daB jede einzelne ein Bild vor den Menschen hin- 
stellt, das ihn vor seinem eigenen Wachsein in die Flucht 
treibt. Aber diese Flucht ist nicht die in fruchtbare Dichter- 
traume, die in das Dasein untertaucht, indem sie das kalte Den- 
ken in Geist wandelt; es ist vielmehr die Flucht in ein kiinstli- 
ches Alpdriicken; glanzendes abstraktes Denken, das Angst 
vor sich selber hat und sich im Traume ertranken mochte. 

(Was aus der « Weltgeschichte » durch eine solche Betrach- 
tung wird, soil eine weitere Fortsetzung dieses Artikels zei- 
gen.) 



SPENGLERS PHYSIOGNOMISCHE 
GESCHICHTSBETRACHTUNG 



Was hier iiber Spenglers Buch gesagt wor den ist, muB sich gera- 
de demjenigen aufdrangen,derin ihm einen hervorragenden re- 
prasentativen Ausdruck der gegenwartigen Seelenverfassung 
innerhalb der Menschheit des Abendlandes sieht. Spengler 
denkt zu Ende, was in Anderen zur Half te oder zu einem Viertel 
seelisch durchlebt wird. Dieses Denken kann die geistigen Ent- 
wicklungskrafte nicht finden, die in der Menschheit von deren 
Anbeginn im Erdendasein bis in zu erahnende Zukiinfte hinein 
wirken. Diese Krafte leben sich in den einzelnen Kulturen aus, 
so dafi eine jedeKulturKindheit,Reife,Verfall durchmacht und 
schlieBlich demTode verfallt. Aber innerhalb jeder Kultur bildet 
sich ein Keim, der in einer nachsten aufgeht, urn in diesem Auf- 
gehen die Menschheit durch ein ihr notwendiges Entfaltungs- 
stadium hindurchzufiihren. GewiB haben die Abstraktlinge 
unrecht, die in dieser Entwickelung nur ein Fortschreiten zu 
immer hohern Stufen sehen. Manches Spatere erscheint gegen- 
iiber berechtigten Bewertungen als ein Riickschritt. Aber die 
Riickschritte sind notwendig, denn sie fiihren die Menschheit 
durch Erlebnisse hindurch, die gemacht werden miissen. 

Hegels Idee, daB die Geschichte den Fortschritt der Mensch- 
heit im BewuBtsein der Freiheit zur Offenbarung bringe, ist 
gewiB abstrakt. Aber sie stellt wenigstens einen bedeutungs- 
vollen Versuch dar, einen Faden durch das geschichtliche Wer- 
den hindurch zu finden. Will man fur die abstrakte Idee einen 
Inhalt, der in die Mannigfaltigkeit des menschlichen Gesche- 
hens eindringt, so braucht man ditgeistige Anschauung. Das in- 
teliektualistische Denken reicht dazu nicht aus. 

Bleibt dieses Denken ehrlich, so mufi es sich darauf beschran- 
ken, diePhysiognomien der Kulturen zukennzeichnen. Es kann 
nicht durch die Physiognomien hindurch auf die Seelen der 
Kulturen schauen. Aber gerade in dem, was sich erst hinter der 
Physiognomie ofFenbart, liegt der Keim, der von einer Kultur 
in die andere hinuberwirkt. 



Spenglers Betrachtung ist in dieser Beziehung grausam ehr- 
lich. Sie beschrankt sich auf die Kulturphysiognomien. «Wahr- 
heiten gibt es fur den Geist ; Tatsachen gibt es nur in Bezug auf 
das Leben. Historische Betrachtung, in meiner Ausdrucks- 
weise physiognomischer Takt: das ist die Entscheidung des Blu- 
tes, die auf Vergangenheit und Zukunft erweiterte Menschen- 
kenntnis, der angeborne Blick fur Personen und Lagen, fur 
das, was Ereignis, was notwendig war, was dagewesen sein 
mufi, und nicht die bloBe wissenschaftliche Kritik und Kenntnis 
von Daten. Die wissenschaftliche Erfahrung kommt bei jedem 
echten Historiker nebenher oder nachher» (Seite 56). So mufi 
sprechen, wer vollig im intellektualischen Denken aufgeht, 
und sich ehrlich dem geschkhtlichen Werden gegemiberstellt. 
Ein solcher kann nicht weiter hinein in die geschichtlichen 
Krafte; aber er wird, wenn scharfe Intellektualitat den phy- 
siognomischen Takt fuhrt, glanzende Charakteristen der ein- 
zelnen Kulturen liefern konnen. 

Von solch glanzender Art ist das Kapitel, das Spengler in den 
Mittelpunkt seiner «Welthistorischen Perspektiven » gestellt 
hat: «Probleme der arabischen Kultur.» Die Essenz der Welt- 
anschauungen, die Jahrhunderte vor der Entstehung des Chri- 
stentums dem SchoBe des orientalischen Lebens entspringen, 
wird hier in eindringlich scharfsinniger, kenntnisreicher Weise 
dargestellt. Der BegrifF der «magischen »Weltanschauung wird 
in scharfen Konturen herausgearbeitet. Man sieht, wie eine alte 
Welt, die den Menschen als ortlich beschranktes Wesen unter 
Stammesgenossen hineinstellt, so daB er sich als Glied dieses 
Stammes fiihlt, abgelost wird von einer spateren, die Menschen 
inGemeinschaften hineinfiihrt,in denen sie zusammengehalten 
werden von dem BewuBtsein eines dem Irdischen iibergeord- 
neten Geistes. Aus dem Gotte, der nur an dem einzelnen Orte, 
in dem der Stamm lebt, gedacht werden kann, wird der Gott, 
der, vom Orte unabhangig, in den Seelen der Menschen lebt, 
die sich zu ihm bekennen konnen. Fur den Lokalgott des Stam- 
mes kann man keine Bekehrungsversuche machen. Ein an- 
derer Stamm verehrt den Gott, der an einem andern Orte sich 



offenbart, in anderen Kulten. Es ware sinnlos, das, was denCha- 
rakter des einen Ortes tragt, auf einen andern iibertragen zu 
wollen. Fur die Lokalgottheiten entwickeln sich keine Missio- 
nen. Diese treten erst auf, wenn die Seele sich zu dem «hoheren» 
Gotte erhebt, dessen Geisteskraft in die Seelen einstromt. Fur 
dieses Einstrdmen will man moglichst viele Seelen gewinnen. 

Die Menschheit tritt so in das Stadium der magischen Reli- 
gionen ein. Der Mensch auf Erden fiihlt sich wie die Umhiil- 
lung des einheitlichen Weltengeistes, der in alien Seelen leben 
soil. Das menschliche Ich ist da noch nicht auf sich selbst ge- 
stellt. Es ist die Hiille des Weltenwesens. Dieses denkt im Men- 
schen, handelt durch den Menschen. Das ist das Charakteristi- 
sche der magischen Religionsempflndung. 

In Vorderasien, getragen von verschiedenen Volkern, er- 
scheint diese Empfindung. Jesus steht - nach Spenglers Mei- 
nung - ganz in ihr. Das abendlandische Christentum entsteht 
dadurch, daB diese magische Empfindung einstromt in die 
griechische und romische Welt und deren Formen annimmt. 
So lebt, was eigentlich seinem Wesen nach orientalischer Ma- 
gismus ist, in den auBeren Formen fort, die sich im Griechen- 
tum, im Romertum aus Kultarten ergeben haben, die selbst 
nicht magisch orientiert waren. Seite 227 seines Buches spricht 
Spengler den abstrakten Gedanken aus, durch den er das zu 
begreifen versucht: «In einer Gesteinsschicht sind Kristalle 
eines Minerals eingeschlossen. Es entstehen Spaltenund Risse ; 
Wasser sickert herab und wascht allmahlich die Kristalle aus, 
so daB nur ihre Hohlform iibrig bleibt. Spater treten vulkani- 
sche Ereignisse ein, welche das Gebirge sprengen; gliihende 
Massen quillen herein, erstarren und kristallisieren ebenfalls 
aus. Aber es steht ihnen nicht frei, es in ihrer eigenen Form zu 
tun; sie miissen die vorhandenen ausfullen und so entstehen 
gefalschte Formen, Kristalle, deren innere Struktur dem auBe- 
ren Bau widerspricht, eine Gesteinsart in der Erscheinungs- 
weise einer fremden. Dies wird von den Mineralogen Pseudo- 
morphose genannt. - Historische Pseudomorphosen nenne ich 
Falle, in welchen eine fremde alte Kultur so machtig iiber dem 



Lande liegt, daB eine junge, die hier zu Hause ist, nicht zu 
Atem kommt und nicht nur zu keiner Bildung reiner, eigener 
Ausdrucksformen, sondern nicht einmal zui vollen Entfaltung 
ihres SelbstbewuBtseins gelangt ...» 

So lebt in dem westlichen Christentum der ersten Jahrhun- 
derte der magische Arabismus als Pseudomorphose sich aus. 
Er nimmt die Formen der griechischen und romischen Welt 
an. «In Wirklichkeit ist Augustin der letzte groBe Denker der 
friiharabischen Scholastik und nichts weniger als ein abend- 
landischer Geist. Er war nicht nur zeitweise Manichaer, son- 
dern ist es in sehr wesentlichen Ziigen auch als Christ geblie- 
ben; seine Nachstverwandten findet man unter den persischen 
Theologen des jiingeren Awesta mit ihren Lehren vom Gna- 
denschatz der Heiligenund der absoluten Schuld» (Seite 293^). 

So sieht die Sache derjenige, der auf die Physiognomie des 
Arabismus schaut, und der diese scharfsinnig fortverfolgt bis 
zu den Personlichkeiten, in denen sie sich noch beobachten 
laBt. Aber die Seek ist dabei nicht geschaut, die nicht nur als 
Pseudomorphose in eine fremde Umgebung hineinstromt, 
sondern die diese Umgebung auch erlebt, sich als Keim erweist, 
der in neuen Formen zum Dasein gelangt. Das abstrakte mine- 
ralische Bild geniigt nicht. Die Seele einer Kultur ist lebendig 
und nimmt ihre Umgebung wahr. Aus dieser Wahrnehmung 
heraus entfaltet sie nicht eine Pseudomorphose, sondern einen 
verwandelten Trieb. An Augustin ist charakteristisch sein 
Manichaertum, nicht seine Verwandtschaft mit persischen 
Theologen, sondern seine elementarische Selbstschau, die sich 
eingliedert in das christliche Romertum und dadurch einen 
Gnaden- und Schuldbegriff gestaltet, der verzerrt wird, wenn 
man nur auf die physiognomische Ahnlichkeit mit orientali- 
schen Anschauungen hinwcist In der Augustin-Physiogno- 
mie lebt nicht der verwandelte Orient in alter gewordener 
Form fort, sondern diese Physiognomie ist wie die des Sohnes, 
der die Ziige des Vaters tragt, aber eine eigene Seele hat. (Die 
Schlufibetrachtung \iber Spenglers Buch soil in der nachsten 
Nummer dieser Wochenschrift stehen.) 



SPENGLERS GEISTVERLASSENE GESCHICHTE 
Scblufi des Artikels iiber Spenglers aWelthistoriscbe Perspektivenv> 

Besonders glanzend ist die « welthistorische Perspektive », in 
der Spengler den « Staat » sieht. Er mochte ihn in seiner Wirk- 
lichkeit erfassen. Aber er kommt nicht dazu, die unbewuBten, 
instinktiven Menschheitszusammenhange, aus denen sich das 
staatliche Leben erst herausentwickelt, richtig zu werten. Denn 
es liegt ganz auBerhalb seiner Anschauungsart, in dem Unbe- 
wuBten, das in primitiven Zustanden den Menschen an den 
Menschen gliedert, reale geistige Krafte zu suchen. Er findet 
die Zusammenhange im Blute verursacht. Aber er sieht nicht, 
wie im Blute der Geist wirkt, wie dieser in den Instinkten sei- 
nen Ausdruck findet. 

Indem der Geist dem Menschen allmahlich bewuBter wird, 
erscheint er fur das BewuBtsein auch immer mehr in abstrakter 
Form. Er wird das, als das ihn Spengler kennzeichnet : bloBe 
Wahrheit, unwirksamer Seeleninhalt des betrachtenden Men- 
schen; nichts fur den Haadelnden, der in Tatsacben lebt. 

Und so findet Spenglers Blick im Entstehen der menschli- 
chen Gemeinwesen das tatige Adelstum, das gan£ in der Tat- 
sachenwelt aufgeht und in dem Strom der Geschichte lebt, Ge- 
schichte macht, und das beschauliche Priestertum, das nur in 
Wahrheiten lebt und eigentlich auBerhalb der Geschichte das 
Dasein verbringt. 

Dasjenige Priestertum, das in Urkulturen der Inspirator der 
Tatmenschen ist, das auch noch ratend und Richtung gebend 
in den Tatmenschen weiter wirkt, wertet Spengler nicht rich- 
tig. Er miiBte bei einer solchen Wertung sehen, wie die Tat- 
menschen nur die Fortsetzer durch den Arm dessen sind, was 
die Tat-bestimmenden Geistmenschen in die Richtung brin- 
gen. 

Spenglers Blick kommt erst zu einer richtigen geschichtli- 
chen Wertung fur diejenigen Tatsachen, in denen das eigent- 
lich impulsive Wirken der Geistmenschen aufhort, und die 
AuBenseite des geschichtlichen Lebens mehr sichtbar wird, in 



denen es allerdings scheint, als ob die Trager des Tatsachenstro- 
mes sich nicht kiimmerten urn die Inspiration der Geistesmen- 
schen. Denn Schein ist dies auch da noch. Durch tausend Ka- 
nale flieBen die Impulse der «Ratenden» in die Tatem Es ist, 
als ob Spengler ganz blind ware fur diese Kanale. Denn nur so 
kann er liberall bei dem «Blute» stehen bleiben. Nur so kann 
er zu einer Ansicht kommen, die er (Seite 414) ausspricht: 
« Und zwar ist der Adel der etgentliche Stands der InbegrifT von 
Blut und Rasse, ein Daseinsstrom in denkbar vollendeter 
Form.» 

Stellt man sich aber an den Ausgangspunkt der Spengler- 
schen Perspektive, um zu sehen, was gerade von da aus zu se- 
hen ist, so muB man seine Darstellung glanzend finden. Sie 
kennzeichnet Teilwahrheiten, die in dieser Perspektive mit be- 
sonders scharfen Konturen erscheinen. Wie das Priestertum 
aus der Sphare der geistigen Impulse hiniibergleitet in eine 
Wirksamkeit, die aus den Kraften des Blutes kommt, dafur fin- 
det Spengler die denkbar scharfste Zeichnung. «Die Ge- 
schichte des Papsttums ist bis ins achtzehnte Jahrhundert hin- 
ein die Geschichte einiger Adelsgeschlechter, welche die Tiara 
erstrebten, um einen furstlichen Familienbesitz zu griinden. 
Aber das gilt auch von byzantinischen Wurdentragern und von 
englischen Premierministern, wie die Familiengeschichte der 
Cecils zeigt, und sogar noch von sehr vielen Fuhrern groBer 
Re volutionen » (Seite 415). 

Fur Spengler wird « Geschichte », was aus dem Blute der 
herrschenden Stande quillt. Im « Staate » wird dieser Strom nur 
gewissermaBen festgehalten. Die Wirklichkeit der fortschrei- 
tenden Tatsachen, die von den Standen ausgeht, wird zu einem 
Schein krystallisiert im Staate, der im Raume mit abgeschwach- 
ter Realitat festhalten will, was in der Zeit von den Standen im 
steten Werden gemacht wird. Fur Spengler wird zur Ge- 
schichte, was sich aus dem Zusammenwirken und Sich-Be- 
kampfen der Blutkrafte zwischen den Standen abspielt. «Und 
daraus folgt, daB echte Geschichte nicht < Kulturgeschichte > in 
dem antipolitischen Sinne ist, wie er unter Philosophen und 



Doktrinaren jeder beginnenden Zivilisation und also gerade 
heute wieder beliebt wird, sondern ganz im Gegenteil Rasse- 
geschichte, Kriegsgeschichte, diplomatische Geschichte, das 
Schicksal von Daseinsstromen in Gestalt von Mann und Weib, 
Geschlecht, Volk, Stand, Staat, die sich im Wellenschlag der 
groBen Tatsachen verteidigen und gegenseitig iiberwaltigen 
wollen » (Seite 41 9). - Spengler hat gewiB zehnmal Recht, wenn 
er so die kulturgeschichtlichen Standpunkte charakterisiert, 
die aus dem, was die Menschen denken, Tatsachen herleiten, 
die doch nur der wirtschaftliche, kiinstlerische, wissenschaft- 
liche Ausdruck dessen sind, was die « Stande » untereinander 
ausmachen. Aber er hat eben keinen Blick dafiir, wie teils un- 
bewuBt, teils bewuBt - durch Menschen - der wirksame Geist 
in dem Blute sich zur OfFenbarung bringt. Und dieser Geist ist 
nicht dasselbe, was Spengler meint, wenn er - in seiner Art ganz 
richtig - sagt : « Eine Kultur ist Seelentum, das in sinnbildli- 
chen Formen zum Ausdruck gelangt, aber diese Formen sind 
lebendig und in Entwicklung begriffen ...» (Seite 408 f.). Denn 
der wirksame Geist ist derselbe, der als Wahrheit allerdings 
nicht von dem abstrakten, aber von dem lebendigen, in eben 
diesem Geiste webenden Denken ergriffen wird, als das Funda- 
ment jeder Menschentat. 

Und so kommt bei Spengler als « Geschichte » nur zu seinem 
Rechte, was im Bereiche jener Kulturen liegt, die der Ausdruck 
des aus dem Blute flieBenden Tat-Gestaltens der Stande und 
Klassen sind. 

Deshalb kann Spengler die tiefsten Impulse der Gegenwart 
nicht flnden. Und gerade darauf kommt es ihm doch an. Er 
mochte die Vergangenheiten der einzelnen Kulturen betrach- 
ten> um zu einer Perspektive in die Zukunft zu gelangen. Aber 
die gegenwartige Menschheit innerhalb aller in Betracht kom- 
menden Kulturen und Zivilisationen steht an dem Punkte, wo 
der Mensch als «Mensch» sich herauslost aus den geschicht- 
lichen Verbanden, in deren Geborensein, Reifwerden, Altern, 
Spengler die « Geschichte » sieht. Dieser Mensch ist daran, aus 
seinem individuellen Innern heraus das zu entwickeln, was 



Stande und Klassen vorher in ihn hinein entwickelt haben. Die- 
sen welthistorischen Augenblick, der da ist trotz alles Nieder- 
ganges der Kulturen, um dessentwillen gemde jene Kulturen 
bergab gehen, die Spengler allein als solche gelten las sen will, 
gilt es in lebendig-tatigen, vom Geist getragenen Willen aufzu- 
nehmen. (Ich habe in meiner « Philosophic der Freiheit » den 
Menschen als von moralischen Denk-Intuitionen getragenes 
Willenswesen innerhalb dieses welthistorischen Augenblicks 
festzuhalten versucht.) Aber fur Spengler ist fur den Menschen 
kein Tat-Impuls mehr da, wenn er sich aus den alten Verban- 
den lost. Scharf, schneidend in der Begriffsbildung wird 
Spengler, indem er von seiner Perspektive aus diese Losung 
kennzeichnet. «Der Adel aller Friihzeiten war der Stand im ur- 
spriinglichen Sinne gewesen, die fleischgewordene Geschich- 
te, die Rasse in hochster Potenz » (Seite 444). «Das Biirgertum 
hat Grenzen ; es gehort zur Kultur ; es umfafit im besten Sinne 
alle ihr Zugehdrigen und zwar unter der Bezeichnung Volk, 
populus, demos, wobei Adel und Priestertum, Geld und Geist, 
Handwerk und Lohnarbeit als Einzelbestandteile ihm einge- 
ordnet sind. - Diesen BegrifF findet die Zivilisation vor und 
vernichtetihn durch den BegrifF des vierten Standes, der Masse y 
der die Kultur mit ihren gewachsenen Formen grundsatzlich 
ablehnt. ... Damit wird der vierte Stand zum Ausdruck der 
Geschichte, die ins Geschichtlose iibergeht. Die Masse ist das 
Ende, das radikale Nichts » (Seite 444 f.). 

Aber in diesem Nichts wird der welthistorische Augenblick 
der Gegenwart ein geschichtliches «A11» zu suchen haben, 
nicht im vierten Stand, auch nicht in einem andern, sondern in 
dem « Menschen » (aller Stande), der jetzt erst aus dem tiefsten 
Quell seines Innern die wahre Kraft der Freiheit finden muB. 
Aber zu dieser Freiheit bahnt man sich nicht den Weg, wenn 
man rein aus den Blutsverhaltnissen heraus in der Spengler- 
schen Geschichtsperspektive die Freiheit so charakterisiert : 
«Es ist die zeugende Begeisterung des Menschen der Stadt, 
die seit dem 10. Jahrhundert in der Antike und <gleichzeitig> 
in den andern Kulturen immer neue Geschlechterfolgen in 



den Bann eines neuen Lebens zwingt, mit dem zum ersten 
Male inmitten der Menschengeschichte die Idee der Freiheit er- 
scheint. ... Die Stadt ist der Ausdruck dieser Freiheit; stadti- 
scher Geist ist freigewordnes Verstehen, und alles was in Spat- 
zeiten unter dem Namen Freiheit an geistigen, sozialen und 
nationalen Bewegungen hervorbricht, leitet seinen Ur sprung 
zu dieser einen Urtatsache des Freiseins vom Lande zuriick» 
(Seite 439). 

So wahr das in Spenglerscher Perspektive erscheint, so un- 
wahr ist es von einem weiter zuriickliegenden Standpunkte 
aus. Denn das innere Gewahrwerden der tiefsten Seelenkrafte 
der Menschheit, das sich in dem Impuls der Freiheit auslebt, 
ist ein geschichtlicher Motor, der Stadte gegriindet hat, um die 
Freiheit in einer auBeren Tatsache zu erleben. 

Nur wer diesen Motor sehen kann, wird in der Gegenwart 
den Anfang sehen konnen eines Geschichtsabschnittes, der 
Geschichte aus dem Menschen-Innersten holt, der sich als Fort- 
schritt anschlieBt an die Epochen, die Geschichte in den Men- 
schen hineingetrieben haben. Wer das nicht sehen kann, der 
wird, wie Spengler, ein Ende sehen, das zu einem Ausdruck 
dessen wird, was dieser ausgezeichnete Reprasentant der ge- 
genwartigen Denkungsart in den vorangehenden Kulturen 
gefunden hat. «Mit dem geformten Staat hat auch die hohe 
Geschichte sich schlafen gelegt. Der Mensch wird wieder 
Pflanze, an der Scholle haftend, dumpf und dauernd» (Seite 
546). «M6gen die Machthaber der Zukunft, da die groBe po- 
litische Form der Kultur unwiderruf lich zerfallen ist, die Welt 
als Privatbesitz beherrschen, so enthalt diese formlose und 
grenzenlose Macht doch eine A.ufgabe^ die der unermudlichen 
Sorge um diese Welt, die das Gegenteil aller Interessen im 
Zeitalter der Geldherrschaft ist und die ein hohes Ehrgefuhl 
und PflichtbewuBtsein fordert. Aber eben deshalb erhebt sich 
nun der Endkampf zwischen Demokratie und Casarismus, 
zwischen den fuhrenden Machten einer diktatorischen Geld- 
wirtschaft und dem rein politischen Ordnungswiilen der Casa- 
ren» (Seite 583). «Die Heraufkunft des Casarismus bricht die 



Diktatur des Geldes und ihrer politischen Waffe, der Demo- 
kratie» (Seite 634). «Fxir uns aber, die ein Schicksal in diese 
Kultur und diesen Augenblick ihres Werdens gestellt hat, in 
welchem das Geld seine letzten Siege feiert und sein Elbe, der 
Casarismus, leise und unaufhaltsam naht, ist damit in einem 
eng umschriebenen Kreise die Richtung des Wollens und 
Miissens gegeben ...» (Seite 635). 

Man kann dazu nur sagen : mochte doch die Menschheit der 
Gegenwart und der nachsten Zukunft die Kraft des Geistes 
finden, damit aus dem freien Wollen diese Richtung des Wol- 
lens und Miissens nicht Geschichte werde. Moge eine Zeit 
kommen, in der eine geistgemaBe Weltanschauung nicht sagt 
wie Spengler : « Und eine Aufgabe, welche die Notwendigkeit 
der Geschichte gestellt hat, W/v/gelost, mit dem einzelnen oder 
gegen ihn» (Seite 63 5) ; sondern : Es wird die Zeit kommen, in 
der geschichtliche Notwendigkeit werden wird, was der Ein- 
zelne aus seinem Welterleben in Freiheit zu gestalten vermag. 
Spengler ist eine Persdnlichkeit, die viel Geist hat, in der aber 
der Geist seine Mission darinnen sieht, das geistige Dasein aus 
der Natur- und Geschichtswirklichkeit hinwegzudekretieren. 



SCHEINBARE UND WIRKLICHE 
PERSPEKTIVEN DER KULTUR 

Der Leser von Jllbert Schweitzer s « Geschichte der Leben- Jesu- 
Forschung» (von Reimarus zu Wrede, 1906) und anderer 
Schriften desselben Verfassers, muB diesen fur einen sehr 
scharfen Denker halten. Fur einen solchen, der mit seinen Ge- 
danken in Gebiete des Geisteslebens eindringen mochte, die 
viele andere fur das Denken unzuganglich und nur fur gefuhls- 
maBiges, mystisches oder Glaubenserlebnis erreichbar halten. 

Man greift daher mit Interesse nach dem eben erschienenen 
ersten Teil einer « Kulturphilosophie » von Albert Schweitzer, 
der den Titel tragt : «Verfall und Wiederauf bau der Kultur » 
(Paul Haupt, Akademische Buchhandlung Bern, 1923). 



Sogleich auf den ersten Seiten stoBt man auf die Wieder- 
gabe von Empfindungen, die von den Verfallserscheinungen 
der « Kultur » der Gegenwart widerklingen. Der Mangel an 
einem Denken, das die Geistigkeit der Welt ergreift, wird 
griindlich empfunden und mit schneidender Scharfe charak- 
terisiert. Die Worte der Kritik fallen wie schneidende Messer 
auf das Gesamtantlitz des gegen wartigen Lebens. 

Der erste Satz lautet : «Wir stehen im Zeichen des Nieder- 
gangs der Kultur.» Damit ist der Grundton angeschlagen. 
Und aus dessen Weiterfuhrung horen wir : «Wir kamen von 
der Kultur ab, weil kein Nachdenken iiber Kultur unter uns 
vorhanden war. » ... «So iiberschritten wir die Schwelle des 
Jahrhunderts mit unerschiitterten Einbildungen iiber uns 
selbst.» ... «Nun ist fur alle ofFenbar, daB die Selbstvernich- 
tung der Kultur im Gange ist.» ... «Die Auf klarungszeit und 
der Rationalismus hatten ethische Vernunftideale iiber die Ent- 
wicklung des Einzelnen zum wahren Menschentum, iiber sei- 
ne Stellung in der Gesellschaft, iiber deren materielle und gei- 
stige Aufgaben ... aufgestellt.» ... «Aber um die Mitte des 
neunzehnten Jahrhunderts ring diese Auseinandersetzung 
ethischer Vernunftideale mit der Wirklichkeitan abzunehmen. 
Im Laufe der folgenden Jahrzehnte kam sie mehr und mehr 
zum Stillstand. Kampf los und lautlos vollzog sich die Abdan- 
kung der Kultur ...» 

Schweitzer glaubt zu sehen, woran das liegt. Die ethischen 
Vernunftideale waren bei friiheren Weltanschauungen in den- 
selben Quellen Hegend wie die Gedanken iiber die Natur. 
Diese Weltanschauungen sahen hinter der Natur eine geistige 
Welt. Und aus dieser flossen in den Tatsachen der Natur die 
Antriebe; ebenso aber auch in der Menschenseele die ethischen 
Vernunftideale. Es gab eine «Totalweltanschauung ». Die gibt 
es heute nicht. Die Gedanken der neuen Naturanschauung kon- 
nen nur von Kraften in den Naturerscheinungen, nicht aber 
von ethischen Zielen der Menschenseele sprechen. 

Schweitzer sieht innerhalb dieser Situation nur eine kraft- 
lose Philosophic, die die Schuld tragt an dem Niedergange. 



«DaB das Denken es nicht fertig brachte, eine Weltanschau- 
ung von optimistisch-ethischem Charakter aufzustellen und 
die Ideale, die die Kultur ausmachen, in einer solchen zu be- 
griinden, war nicht Schuld der Philosophic, sondern eine Tat- 
sache, die sich in der Entwicklung des Denkens einstellte. 
Aber schuldig an unserer Welt wurde die Philosophic da- 
durch, daB sie sich die Tatsache nicht eingestand und in der 
Illusion verblieb, als ob sie wirklich einen Fortschritt der Kul- 
tur unterhielte.» ... «So wenig philosophierte die Philosophic 
iiber Kultur, daB sie nicht einmal merkte, wie sie selber, und 
die Zeit mit ihr, immer mehr kulturlos wurde. In der Stunde 
der Gefahr schlief der Wachter, der uns wach erhalten sollte. 
So kam es, daB wir nicht um unsere Kultur rangen.» 

Schweitzer weist scharf darauf hin, daB Institutionen in der 
auBeren Welt, auf welche die neuere Menschheit allein baut, 
den Verfall der Kultur nicht aufhalten konnen. Ihm ist klar, 
daB aller materielle Lebensinhalt, soil er sich zur Kultur ge- 
stalten, von den selbstandigen Schopfungen des Geisteslebens 
ausstrahlen miissen. Er finder, daB die Menschen der Gegen- 
wart, weil sie sich an das Materielle der AuBenwelt verloren 
haben, unfrei, im Denken ungesammelt, in der Entfaltung der 
vollen Menschlichkeit unvollstandig, im ethischen Verhalten 
humanitdtslos geworden sind. Die Einrichtungen des Lebens 
erscheinen ihm iiberorganisiert, weil die Initiative des Einzelnen 
gehemmt ist durch die Einspannung in die Organisationen, 
die uberall das Individuelle in ein abstraktes, unpersonliches 
Allgemeines aufnehmen wollen. 

DaB das Vertrauen in die Schopferkraft des denkenden Gei- 
stes geschwunden ist, kennzeichnet Schweitzer in der ver- 
schiedensten Art. «Fruher war jeder wissenschaftliche Mensch 
zugleich ein Denker, der in dem allgemeinen geistigen Leben 
seiner Generation etwas bedeutete. Unsere Zeit ist bei dem 
Vermogen angelangt, zwischen Wissenschaft und Denken 
scheiden zu konnen. Darum gibt es bei uns wohl noch Frei- 
heit der Wissenschaft, aber fast keine denkende Wissenschaft 
mehr.» In den Seelen der Denker miissen, im Sinne Schweit- 



zers, die Impulse entstehen, die in alles materielle Kulturge- 
schehen wirken. «Kant und Hegel haben Millionen regiert, 
die nie eine Zeile von ihnen gelesen haben und nicht einmal 
wuBten, daB sie ihnen gehorchten.» ... «DaB das romische 
Reich, trotz der vielen hervorragenden Herrscher, die es be- 
saB, zugrunde ging, lag letzten Endes daran, daB die antike 
Philosophie keine Weltanschauung mit reichserhaltenden Ge- 
danken hervorbrachte.» ... «Fiir die Gesamtheit wie fiir den 
Einzelnen ist das Leben ohne Weltanschauung eine pathologi- 
sche Stoning des hoheren Orientiemngssinnes.» 

Ich muB nun den Rest dieser Ausfuhrungen so gestalten, 
daB ich mich der Gefahr aussetze, von Vielen fiir einen einge- 
bildeten Tropf gehalten zu werden. Doch das geht nun einmal 
angesichts meiner Uberzeugung iiber die Dinge, die Albert 
Schweitzer bespricht, nicht anders. 

Nehmen wir an, jemand wolle ein Haus bauen, und man 
frage ihn: wie soli es gestaltet sein? Er antwortet: fest, witte- 
rungssicher, schon und so, daB man bequem darin wohnen 
kann. Man wird mit dieser Antwort nicht sonderlich viel an- 
fangen konnen. Man wird einen konkreten Plan und in sich 
begnindete Formen gestalten miissen. Albert Schweitzer 
durchschaut die Baufalligkeit der «Gegenwartskultur». Er 
fragt sich: wie soli der Aufbau einer neuen sein? Er antwor- 
tet: «Die groBe Aufgabe des Geistes ist, Weltanschauung zu 
schaffen.» «Die Zukunft der Kultur hangt also davon ab, ob 
es dem Denken moglich ist, zu einer Weltanschauung zu ge- 
langen, die den Optimismus, das heiBt die Welt- und Lebens- 
bejahung, und die Ethik sicherer und elementarer besitzt als 
die bisherigen.» Nun, auch mit dieser Antwort kann man 
nicht sonderlich viel anfangen. Die Anthroposophie empfin- 
det das Negative in der «Gegenwartskultur» ahnlich wie 
Schweitzer. Sie wird dies vielleicht weniger polternd und we- 
niger kraftmeierisch zum Ausdruck bringen; aber sie beant- 
wortet das Beobachtete mit einer geistigen Erkenntnis, die das 
menschliche Denken von den berechtigten Forderungen der 
Naturanschauung zu einer Einwurzelung in die lebendige Gei- 



steswelt weiterfiihrt. In dieser Geisteswelt haben die ethischen 
Ideale wieder Kraftwirkung wie auf dem Felde der Natur die 
Naturkrafte. 

Schweitzer meint, das neuere Denken schrecke davor zu- 
riick, in das Geistige einzudringen und iiberlasse dieses Feld 
der gedankenfreien Mystik. « Aber waram» - sagt er - «an- 
nehmen, daB der Weg des Denkens vor der Mystik ende ? » Er 
will ein Denken, das so lebendig ist, daB es in die Regionen 
eindringen kann, die Viele der Mystik zuteilen. Nun - die An- 
throposophie lebt ganz in einem solchen Denken und in ei- 
nem solchen Verhaltnis zur Mystik. - Schweitzer findet: 
«Wieviel ware fur die heutigen Zustande schon gewonnen, 
wenn wir alle nur jeden Abend drei Minuten lang sinnend zu 
den unendlichen Welten des gestirnten Himmels emporblick- 
ten und bei der Teilnahme an einem Begrabnis uns dem Ratsel 
von Tod und Leben hingeben wiirden ...» Man sehe, wie sich 
da%u die Anthroposophie verhalt. 

Schweitzer kennzeichnet das alles, wie Einer, der sagt : ich 
will ein Haus haben, das fest, wettersicher, schon und so ist, 
daB man bequem darin wohnen kann. Die Anthroposophie 
mochte nicht in diesen Abstraktionen verbleiben, sondern den 
konkreten Bauplan gestalten. 



II 

BEITRAGE zur wiederbelebung 
DES VERSCHUTTETEN gei ste s leben s 

goethe-studien 



DIE VERSCH UTTETE GEIST-ERKENNTNIS 



Wer sich in die mitteleuropaische Literatur der Zeit um die 
Mitte des neunzehnten Jahrhunderts vertieft, der kann eine 
merkwurdige Entdeckung machen. Er wild dies aber nur 
dann tun, wenn er sich nicht ausschlieBlich an dasjenige halt, 
was in der folgenden Zeit beliebt geblieben ist und was in der 
Gegenwart gewohnlich als wertvoll neu gedruckt wird und 
viel gelesen ist. Denn es gibt etwas wie eine durch die Den- 
kungsart der spatem Zeit verschiittete Schicht mitteleuropa- 
ischer Anschauungen, die in Ton, Haltung und Interesse fur 
bestimmte Ideenkreise heute ganz fremdartig anmuten. 

Man kann sich aus der Lektiire von Werken dieser ver- 
schiitteten Schichte Bilder von Persdnlichkeiten mit einer der 
Gegenwart ganz fernen Geistesart vor die Seele stellen. Mir ist 
iibrigens das Gliick widerfahren, in meinem alten Lehrer und 
Freund, Karl Julius Schroer^ in den achtziger Jahren in lebhaf- 
tem Geistesverkehr mit einer Personlichkeit zu stehen, die 
nach ihrer Seelenverfassung ganz in dem Leben der Mitte des 
neunzehnten Jahrhunderts wurzelte. Ein idealischer Zauber 
ging von dieser Personlichkeit aus. Wenn Karl Julius Schroer 
von Goethe sprach, so lebte etwas von der verschiitteten 
Schichte auf. 

Ich habe ein Bild aus dem Verkehr mit Karl Julius Schroer 
vor mir. Ich besuchte ihn wenige Stunden, nachdem der oster- 
reichische Kronprinz in der Tragodie von Meyerling zu- 
grunde gegangen war. Karl Julius Schroer stand wie starr vor 
dem, was in einer Zeit geschehen konnte, von der er empfand, 
daB sie der seinigen so unahnlich geworden war. Seine Augen 
blickten wie aus einer fremden Welt heraus, und er sprach: 
«Es ist ja, wie wenn das Zeitalter Neros wieder auf lebte. » 

Schroer selbst schrieb sein Anderssein gegenuber der jiin- 
geren Generation allerdings auch personlichen Anlagen zu. 
Er sagte mir einmal - allerdings ohne sich damit als einen An- 
hanger der Phrenologie zu bekennen: ein Phrenologe habe 
ihn vor langer Zeit untersucht und eine E
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