Document text
RUDOLF STEINER GES AMT AUSG ABE
VORTRAGE
VORTRAGE FUR DIE ARBEITER AM GOETHE ANUMBAU
RUDOLF STEINER GES AMT AUSG ABE
Vortrage fur die Arbeiter am Goetheanumbau
Band 1 Die Erkenntnis des Menschenwesens nach Leib, Seele und Geist.
Uber friihe Erdzustande
Zehn Vortrage, 2. August bis 30. September 1922 (Bibl.-Nr. 347)
Band 2 Uber Gesundheit und Krankhek. Grundlagen einer geisteswis-
senschaftlichen Sinneslehre
Achtzehn Vortrage, 19. Oktober 1922 bis 10. Februar 1923 (Bibl.-Nr. 348)
Band 3 Vom Leben des Menschen und der Erde. Uber das Wesen des
Christentums
Vierzehn Vortrage, 17. Februar bis 9. Mai 1923 (Bibl.-Nr. 349)
Band 4 Rhythmen im Kosmos und im Menschenwesen. Wie kommt
man zum Schauen der geistigen Welt?
Sechzehn Vortrage, 30. Mai bis 22. September 1923 (Bibl.-Nr. 350)
Band 5 Mensch und Welt. Das Wirken des Geistes in der Natur - Uber
das Wesen der Bienen
Funfzehn Vortrage, 8. Oktober bis 22. Dezember 1923 (Bibl.-Nr. 35 1)
Band 6 Natur und Mensch in geisteswissenschaftlicher Betrachtung
Zehn Vortrage, 7. Januar bis 27. Februar 1924 (Bibl.-Nr. 352)
Band 7 Die Geschichte der Menschheit und die Weltanschauungen der
Kulturvolker
Siebzehn Vortrage, 1. Marz bis 25. Juni 1924 (Bibl.-Nr. 353)
Band 8 Die Schopfung der Welt und des Menschen. Erdenleben und
Sternenwirken
Vierzehn Vortrage, 30. Juni bis 24. September 1924 (Bibl.-Nr. 354)
RUDOLF STEINER
Die Geschichte der Menschheit
und die Weltanschautmgen
der Kulturvolker
Siebzehn Vortrage
gehalten fur die Arbeiter am Goetheanumbau
in Dornach
vom 1. Marz bis 25. Juni 1924
1988
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgte Paul Gerhard Bellmann
1. Auflage in dieser Zusammenstellung
Gesamtausgabe Dornach 1968
2. Auflage, neu durchgesehen
und mit den Stenogrammen verglichen
Gesamtausgabe Dornach 1988
Einzelausgaben siehe zu Beginn der Hinweise
Bibliographie-Nr. 353
Die Zeichnungen sind nach den Wandtafelskizzen Rudolf Steiners von
Hedwig Frey angefertigt worden (siehe auch S. 319).
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach /Schweiz
© 1988 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach /Schweiz
Satz: Kooperative Diirnau, Diirnau
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-3532-1
2« den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen-
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861 - 1925) geschriebenen und
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch
fiir die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen
Gesellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als
«mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich
veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute
er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra-
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Her-
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst kor-
rigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen
sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge-
nommen werden miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An-
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
Die besondere Stellung, welche die Vortrage fiir die Arbeiter am
Goetheanumbau innerhalb des Vortragswerkes einnehmen, schildert
Marie Steiner in ihrem Geleitwort, welches diesem Band vorange-
stellt ist.
INHALT
Geleitwort von Marie Steiner
Erster Vortrag, Dornach, 1. Marz 1924
Einwirkung der Friedhofsatmosphare auf den Menschen - Die Le-
bensanschauungen der alten Inder, Agypter, Babylonier und Juden
Linden- und Walnufibaume als Ausgleicher der schadlichen Wirkungen
des Friedhofs. Wenn der Mensch im Walde wohnt, sind seine aufbauenden
Krafte starker; wenn er beim Friedhof wohnt, sind seine abbauenden
Krafte starker. Der Hang genau zu denken. Das Schadliche am Friedhof
sind die Leichname. Bauernschlauheit wachst durch Friedhofsatmosphare.
Die Atmosphare der Weinrebe wirkt auch ausgleichend. Der Lindenbliiten-
duft und der Duft des Walnufibaums wirken mehr belebend auf den astra-
lischen Leib, die Atmosphare der Weinrebe wirkt mehr belebend auf das
Ich. Friedhofe aufierhalb der Stadt. Auf den Atherleib wirkt besonders
stark das Wasser einer Umgebung. Ausgleichende Wirkung des kohlen-
sauren Wassers gegeniiber dem verseuchten Wasser vom Friedhof. Leichen-
zeremonien. Gandhi. Bagdadbahn. Indisches Kastenwesen. Agyptische
Priesterherrschaft. Geheimnis der alten indischen Weisheit. Die Inder
sahen den physischen Leib geistig an. Naturbeherrschung der Agypter.
Osiris, Typhon und Isis. Die Agypter kamen auf den Atherleib und
nahmen ihn als Geist. Die agyptischen Mumien. Babylonische Stern-
kunde. Die Babylonier entdeckten den Astralleib geistig. Die Juden woll-
ten nur einen unsichtbaren Gott haben. Die Juden kamen auf das Ich als
Geistiges und nannten es Jahve.
Zweiter Vortrag, 5. Marz 1924
Uberphysische Zusammenhange im Menschenleben - Griechen-
tum und Christentum
Urspriingliche Bedeutung des Faschingsfestes und was daraus geworden
ist. Uberphysische Zusammenhange beim garenden Wein, in der Funktele-
graphie und bei Zwillingsgeschwistern. Tiere als Propheten von Naturka-
tastrophen. Vorankiindigung Sterbender. Einfliisse von einem Menschen
auf den anderen. Naturanschauung der Griechen. Menschenansicht der
alten Volker. Das Mysterium von Golgatha und seine griechisch-romische
Umwelt. Der Mensch ist ein Wesen, das aus der geistigen Welt stammt und
das, wenn es stirbt, wiederum in die geistige Welt zuriickgeht. Jesus und
Christus. In den Mysterienstatten war der Kultus mit dem Lehren ganz
verbunden. «Vater» und «Kinder». Gottersohne und Menschensohne.
Was durch Christus Jesus in die Welt gekommen ist. Geheime Ahnlich-
keiten der Sprachen.
Dritter Vortrag, 8. Marz 1924
Der Eintritt des Christentums in die antike Welt und die Mysterien
Griechische Kultur in Unteritalien. Romulus und der romische Rauber-
staat. Etrusker. Tacitus iiber den Christus Jesus. Ursprunglich freier Zug
im Christentum. Katakomben-Christentum. Verquickung des Christen-
tums mit der aufteren Staats- und Weltherrschaft. Die Mysterien und die
sieben Einweihungsstufen: Rabe, Okkulter, Verteidiger, Sphinx, Volks-
seele, Sonnenmensch und Vater. Was das Allerwichtigste an dem Christus
Jesus ist : daft er die Sonnenwahrheit ist und dafi er das Sonnenwort lehrt.
Was mit dem Tode Christi geschehen ist, das war eine Wiederholung
dessen, was im Kultus durch die Mysterien immer geschehen ist, vor aller
Welt. Vom Begriff des Sonnenmenschen und dem Vaterbegriff.
Vierter Vortrag, 12. Marz 1924
Sternenweisheit, Monden- und Sonnenreligion
Abhangigkeit der Erdenereignisse von der ganzen Welt im Zusammen-
hang mit dem Mysterium von Golgatha. Die alte jiidische Religion. Mon-
deneinflusse auf den Menschen. Die besondere Geistesart der Juden.
Christus Jesus, ein Zweimal-Geborener: in den Jesus von Nazareth zieht
als zweite Personlichkeit das Sonnenwesen, der Christus, ein. Die Mon-
stranz. Jesus von Nazareth: der letzte Mensch, der noch den Sonnenein-
flufi erlangt hat. Das Christentum als Sonnenreligion. Die ungeheure
Revolution des Christus Jesus: Dasjenige, was friiher eingeschlossen in
den Mysterien war, hat er vor alle Welt hingestellt. Julianus Apostata.
Heinrich II. und die von ihm angestrebte Ecclesia catholica non romana.
Die Kreuzziige. Vom wirklichen Christentum. Uber das von der alten
Kirche nicht gern gesehene Monchstum. Die grofite Idee des Christen-
tums ist die von dem Herunterfahren der Sonnenkraft auf die Erde.
FuNFTER Vortrag, 15. Marz 1924
Wie hat Europa ausgesehen zur Zeit der Ausbreitung des
Christentums ?
Von der alten keltischen Bevolkerung Europas und den nachstofienden,
nach Westen wandernden asiatischen Volkern. Tacitus und seine Schrift
«Germania». Die alten Griechen sahen die Natur, die nordischen Volker
sahen die Naturgeister; die Griechen haben Tempel gebaut fur die Gotter,
die Menschen im Norden haben ihre Gotter auf Bergen und in Waldern
verehrt. Verbreitung eines veraufierlichten Christentums iiber Europa.
Wulfilas Bibelubersetzung. Die drei Hauptbeschaftigungen der germani-
schen Volker. Die Wege, wie das Christentum nach Europa gebracht
wurde und in welcher Form es unter den germanischen Volkern verbreitet
worden ist. Entstehungder romanischen und der germanischen Sprachen.
Sechster Vortrag, 19. Marz 1924
Die Trinitat - Die drei Formen des Christentums und der Islam -
Die Kreuzziige
Im ostlichen Christentum, der ersten Form des Christentums, kommt es
viel mehr auf den Kultus an als auf die Lehre; das romische Christentum,
die zweite Form des Christentums, hat zwar auch den Kultus bewahrt,
legt aber viel mehr Wert auf die Lehre. Der Islam und sein Grundsatz: Es
gibt nur einen Gott. Die Trinitat Vater, Sohn und Heiliger Geist: Die
Vatergottheit ist uberall in der Natur, die Sohnesgottheit ist uberall da,
wo Menschen freien Willen entwickeln und die dritte Gestalt ist die
Geistgottheit, die den Willen wieder heiligt und vergeistigt. Diese drei
gottlichen Gestalten sind aber eins und wirken im Menschen als eine
Einheit. Fatalismus im Mohammedanismus. Karl der Grofie. Harun al
Raschid. Das geistige Element, das die alte Wissenschaft fortgepflanzt hat,
ist mit dem Mohammedanismus nach Europa gekommen. Kampfe zwi-
schen dem Christentum und dem Mohammedanismus. Im ostlichen
Christentum ist der Vatergott mehr zur Geltung gekommen. Die grofie
Kirchenspaltung. Die Araber und ihre ausgesprochene Naturreligion.
Die besondere Art der Tiirken, den Gott anzuschauen, ging auf den Mo-
hammedanismus uber. Die Kreuzziige dnicken den Kampf zwischen dem
Christentum und dem tiirkisch gewordenen Mohammedanismus aus.
Die morgenlandische uralte Wissenschaft wurde aus den Kreuzziigen
mitgebracht. Der dritten Form des Christentums, dem evangelischen
Christentum, liegt der Impuls zugrunde, das Christentum durch das
innere Leben kennenzulernen. Luther und Hus. Das Kennenlernen des
Evangeliums. Das wirkliche Christentum wurde in alien drei Formen des
Christentums nicht mehr verstanden.
SiEBENTER Vortrag, 26. Marz 1924
Christus-Vorstelktngen in alter und neuerer Zeit
Christus als der Gute Hirte. Der Gekreuzigte. Christus als aufierirdisches
Wesen und das Dogma von der sogenannten unbefleckten Empfangnis.
Die Trichotomie als ketzerische Anschauung im Mittelalter. Das Lamm
Gottes. Die Monstranz. Der Halbmond der Tiirken. Abendmahlsstrek.
Der Dreifiigjahrige Krieg. Bei der Entstehung des Protestantismus war
das Geistprinzip das Wirksame. Otfrieds «Evangelienharmonie» und der
«Heliand». Christentum vor Christus. Materialismus in kirchlichen
Anschauungen.
Achter VORTRAG, 12. April 1924
Uber das Osterfest
Uber Lesen mit der Haut. Das Osterfest als bewegliches Fest. Die Meta-
morphose der Pflanzen: dreimaliges Ausdehnen und Zusammenziehen;
Ausdehnen ist Sonnenwirken und Zusammenziehen ist Mondenwirken.
Hervorgehen des Osterfestes aus dem alten Adonisfest, das im Herbst
gefeiert wurde. Das Bestreben, die alten Wahrheiten aus der Welt zu
schaffen. Kaiser Konstantin. Julianus Apostata. Vergeistigte Auffassung
des Osterfestes. Das Antreten der Herrschaft uber die Seelen von Rom
aus. Der Allerseelentag als Totentag und das Osterfest als Auferstehungs-
tag gehoren zusammen. Das Osterfest, ein Erinnerungsfest an die Auf-
erstehung und die Unsterblichkeit der Menschenseele. Die Erde ist ein
lebendiges Wesen. Das Osterfest als Sieg des Lebens uber den Tod.
Neunter Vortrag, 26. April 1924
Uber Narbenbildung - Die Mumie
Wundheilung und Narbenbildung. Von der Starke oder Schwache des
Atherleibes hangt es ab, ob eine Narbe entsteht und ob sie bleibt. Wer
immer draufien in der frischen Luft arbeitet, hat einen starken Atherleib.
Blutvergiftung wegen der Schwache des Atherleibes. Geruch der Gall-
apfeltinte. Schreibmaschinenschreiben. Von der vergifteten Luft in den
Mumiengrabern. Uber die Zeit zwischen zwei Inkarnationen. Vernich-
tungskrafte, die die Verhaltnisse vernichten, in denen wir friiher gelebt
haben. Warum die Agypter die Leichname einbalsamierten. In einer
Mumie leben ungeheuer viele Vernichtungskrafte. Magische Kraft der
Sprache. Besprechen der Spezereien zum Einbalsamieren und zum Her-
richten der Mumien. Weihrauchatmosphare. Keimfahigkeit der Getreide-
samen aus den agyptischen Konigsgrabern. Lebensfeindliche Wirkung der
Mumien. Warum es so aufierordentlich schwierig ist, an die Pharaonen-
graber heranzukommen. Die Macht der alten Pharaonen.
Zehnter Vortrag, 5. Mai 1924
Zur Begriindung einer geisteswissenschaftlichen Astronomie
Rousseaus Geschichte mit den Kroten. Helmonts Erlebnis mit dem Eisen-
hut. Einfluft des Mondes auf das Wachstum der Pflanzenwurzeln. Wir-
kung der Roten Rube auf Darmparasiten. Wurzeldiat. Einflufl der Mon-
denkrafte auf Fortpflanzung und Wachstum. Abhangigkeit der inneren
animalischen Krafte von der Sonne. Das Denken und das ganze innere
Leben hangt vom Saturn ab. Der Mond hat eine Beziehung zum Pflanz-
lichen im Menschen, die Sonne zu dem Tierischen im Menschen und der
Saturn zu dem ganz Menschlichen im Menschen. Kenntnis der Sternen-
wirkungen bei den Babyloniern und Assyriern. Alle Mineralien waren
einmal Pflanzen. Metalle und Planeten. Ausrottung der alten Wissen-
schaft zwischen dem 5. und dem 11., 12. Jahrhundert. Commodus als
«Eingeweihter». Die Pergamentrollen von Konstantinopel und was daraus
geworden ist. Kopernikus als Begriinder der neueren Astronomic Die
drei kopernikanischen Satzc Svedberg und die Alchemic Wie kann man
Paracelsus verstehen? Elend des heutigen Wissens. Sternenwissenschaft
mufi mit Menschenwissenschaft verbunden werden.
Elfter Vortrag, 8. Mai 1924
Vom Wesen des Judentums
Verfinsterung der Sonne beim Tode Christi. Wie Christus heilte. Sonnen-
flecken. Mitwirkung der Erscheinungen am Himmel und in der ganzen
Natur im Leben Christi. Uber den Monotheismus der Juden. Juden als
Musiker. Heidentum im Christentum. Anteil der Juden an der Entste-
hung der mittelalterlichen Medizin. Uber die zionistische Bewegung und
die erfiillte Mission des judischen Volkes. Das Exilgeschick der Juden.
In das israelitische Volk fahren in siebzig Seelen die verschiedenen Volks-
geister. Der Jude entwickelt alles aus dem Begriff heraus.
Zwolfter Vortrag, 10. Mai 1924
Uber den Sephirotbaum
Was die alten Juden mit dem Sephirotbaum eigentlich gemeint haben.
Die Krafte der Welt wirken von alien Seiten auf den Menschen ein. Zehn
Krafte - Sephirot - wirken von aufien auf den Menschen. Drei Krafte for-
men den menschlichen Kopf : Kether (die Krone), Chokmah (Weisheit)
und Binah (Intelligenz); drei andere Krafte wirken mehr auf den mittleren
Menschen : Chesed (Freiheit), Geburah (Kraft) undTiphereth (Schonheit);
drei weitere Krafte wirken auf den unteren Menschen: Netsah (Uberwin-
dung), Hod (Mitgefuhl) und Jesod (das Fundament, auf dem der Mensch
stent), und als zehnte Kraft wirkt die irdische Aufienwelt auf ihn ein:
Malkuth (das Feld). Mit den zehn Sephirot erfafiten die Juden die geistige
Welt; die Sephirot sind ein geistiges Alphabet. Raimundus Lullus und das
iibersinnliche Erkennen. Spiritistische Sitzungen. Vom Alphabet.
Dreizehnter Vortrag, 14. Mai 1924
Uber Kant, Schopenhauer und Eduard von Hartmann
Friihe Beschaftigung mit Kant. Wie Kant die Welt angesehen hat. Kants
«Kritik der reinen Vernunft*. Das Kantsche «Ding an sich». Kant behaup-
tet aus dem Denken heraus: Von dem Ding an sich weifi niemand etwas,
sondern die ganze Welt ist nur aus dem Eindruck gemacht, den wir von
den Dingen empfangen. Schopenhauer in der Nachfolge Kants. Konse-
quenzen der Kantschen Lehre. Kants transzendentale Deduktion des
Raumes und der Zeit und sein Beweis, dafi der Mensch eine transzen-
dentale Apperzeption hat. Kants kurioser Satz: «Ich mufite das Wissen
absetzen, um fur den Glauben Platz zu bekommen.» Kants «Kritik der
praktischen Vernunft» und seine Lehre vom Glauben an Gott, Freiheit
und Unsterblichkeit. Kant als Wissenschaftskrankheit.
VlERZEHNTER VORTRAG, 17. Mai 1924
Uber Kometen und das Sonnensystem, Tierkreis und den ubrigen
Fixsternhimmel
Wandelsterne und Fixsterne. Sternschnuppen und Kometen. Ptolemai-
sches und kopernikanisches Weltsystem. Uber Weltsysteme kann nicht
absolut entschieden werden. Von den Kometen ruhrt die Unregelmafiig-
keit in der Bewegung oder in der Ruhe des ganzen Planetensystems her.
Entstehen und Vergehen der Kometen. Das ganze Planetensystem mit
der Sonne rast dahin gegen das Sternbild des Herkules (Apexbewegung).
Durch die Kometen wird die unbrauchbar gewordene, ausgeschiedene
Substanz des Planetensystems wieder ersetzt. Die Erde bezieht aus dem
Weltenall ihre Stoffe. Zerfallen der Kometen. Gute und schlechte Wein-
jahre. Durch zwolf Sternbilder geht der Weg der Sonne und des Mondes.
Einflufi der Tierkreis-Sternbilder auf den Menschen und deren Zu-
deckung durch den Mond. Die Sonne: ein Hohlraum. Die Sonne ist der
leichteste Korper im Weltenraum, der Mond der materiellste Korper.
Sonnen- und Mondeneinflusse auf den Menschen.
FUNFZEHNTER VORTRAG, 20. Mai 1924
Moses - Dekadente atlantische Kultur in Tibet - Der Dalai Lama -
Wie kann Europa seine Geisteskultur in Asien verbreiten ? - Eng-
ender und Deutsche als Kolonisatoren
Moses und das Stillstehen des Meeres. In der tibetanischen Kultur lebt die
alte atlantische Kultur in dekadenter Form weiter. Von der altesten Form
der Baukunst. Das Herrscherprinzip und die Macht der Priesterschaft in
Tibet. Der Dalai Lama. Vom Chinesentum. Die Europaer haben bis jetzt
nichts Rechtes getan, um in Asien rechtes Geistesleben zu verbreiten.
Alexander der GrofSe als Verbreiter der griechischen Kultur in Asien.
Englander und Deutsche als Kolonisatoren. Grundbedingung fur die
Ausbreitung einer Geisteskultur: Achtung vor der Kultur der anderen.
Rudolf Steiners Eingehen auf Nietzsche und Haeckel. Wie der Buddhis-
mus verbreitet wurde. Sinn fur die Wirklichkeit und wirkliche Geistes-
kultur. Der Asiate will Bilder. Spenglers «Untergang des Abendlandes».
Die Europaer miissen selber erst eine Geisteskultur erringen.
Sechzehnter Vortrag, 4. Juni 1924 28 1
Die Natur der Sonne - Ursprung der Freimaurerei - Von Zeichen,
Griff und Wort - Ku-Klux-Klan
Wie die Sonnenstrahlen entstehen. Die heutige Freimaurerei ist nur der
Schatten dessen, was sie einmal war. In den alten Mysterien war es so, dafi
die Schule, die Kunstanstalt und die Religion eines waren. Griff, Zeichen
und Wort. Sanskrit. Von der Ursprache. In der Sprache liegt etwas, woran
man den ganzen Menschen erkennen kann. Was die Freimaurerei an
Kultus ubernommen hat. Die katholische Kirche und die Freimaurerei
als grofie Gegner. Ziele der Freimaurer. Die extrem nationalistische
Geheimverbindung Ku-Klux-Klan.
Siebzehnter Vortrag, 25. Juni 1924 . 298
Der Mensch und die Hierarchien - Das Verlorengehen des alten
Wissens - Zur «Philosophie der Freiheit»
Der Mensch tragt alle Naturreiche in sich. Er reicht in die iiber ihn ste-
henden Geistesreiche hinein: Mit dem Denken in die dritte Hierarchie,
mit dem Fiihlen in die zweite Hierarchie und mit dem Willen in die erste
Hierarchie. Der Untergang des alten Wissens kommt davon, daft die
Menschheit in Entwickelung zur Freiheit hin begriffen ist. Durch den
Materialismus hat sich die Menschheit die Freiheit erkauft. Fragen zum
2. Kapitel der «Philosophie der Freiheit*. Kants grofiter Fehler.
Hinweise
Namenregister
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe
319
325
327
GELEITWORT
zum Erscheinen von Veroffentlichungen
aus den Vortragen Rudolf Steiners fur die Arbeiter am Goetheanum
vom August 1922 bis September 1924
Man kann diese Vortrage auch Zwiegesprache nennen, denn ihr In-
halt wurde immer, auf Rudolf Steiners Aufforderung hin, von den
Arbeitern selbst bestimmt. Sie durften ihre Themen selber wahlen;
er regte sie zu Fragen und Mitteilungen an, munterte sie auf, sich zu
aufiern, ihre Einwendungen zu machen. Fern- und Naheliegendes
wurde beruhrt. Ein besonderes Interesse zeigte sich fur die therapeu-
tische und hygienische Seite des Lebens; man sah daraus, wie stark
diese Dinge zu den taglichen Sorgen des Arbeiters gehoren. Aber
auch alle Erscheinungen der Natur, des mineralischen, pflanzlichen
und tierischen Daseins wurden beruhrt, und dieses fiihrte wieder in
den Kosmos hinaus, zum Ursprung der Dinge und Wesen. Zuletzt
erbaten sich die Arbeiter eine Einfiihrung in die Geisteswissenschaft
und Erkenntnisgrundlagen fur das Verstandnis der Mysterien des
Christentums.
Diese gemeinsame geistige Arbeit hatte sich herausgebildet aus
einigen Kursen, die zunachst Dr. Roman Boos fur die an solchen
Fragen Interessierten, nach absolvierter Arbeit auf dem Bauplatz, ge-
halten hat; sie wurden spater auch von andern Mitgliedern der
Anthroposophischen Gesellschaft weitergefuhrt. Doch erging nun
die Bitte von seiten der Arbeiter an Rudolf Steiner, ob er nicht selbst
sich ihrer annehmen und ihren Wissensdurst stillen wurde - und ob
es moglich ware, eine Stunde der iiblichen Arbeitszeit dazu zu ver-
wenden, in der sie noch frischer und aufnahmefahiger waren. Das
geschah dann in der Morgenstunde nach der Arbeitspause. Auch
einige Angestellte des Baubiiros hatten Zutritt und zwei bis drei aus
dem engeren Mitarbeiterkreise Dr. Steiners. Es wurden auch prakti-
sche Dinge besprochen, so zum Beispiel die Bienenzucht, fur die
sich linker interessierten. Die Nachschrift jener Vortrage iiber Bie-
nen wurde spater, als Dr. Steiner nicht mehr unter uns weilte, vom
Landwirtschaftlichen Versuchsring am Goetheanum als Broschure
fur seine Mitglieder herausgebracht.
Nun regte sich bei manchen andern immer mehr der Wunsch,
diese Vortrage kennenzulernen. Sie waren aber fur ein besonderes
Publikum gedacht gewesen und in einer besonderen Situation ganz
aus dem Stegreif gesprochen, wie es die Umstande und die Stim-
mung der zuhorenden Arbeiter eingaben - durchaus nicht im Hin-
blick auf Veroffentlichung und Druck. Aber gerade die Art, wie sie
gesprochen wurden, hat einen Ton der Frische und Unmittelbar-
keit, den man nicht vermissen mochte. Man wurde ihnen die beson-
dere Atmosphare nehmen, die auf dem Zusammenwirken dessen be-
ruht, was in den Seelen der Fragenden und des Antwortenden lebte.
Die Farbe, das Kolorit mochte man nicht durch pedantische Um-
stellung der Satzbildung wegwischen. Es wird deshalb der Versuch
gewagt, sie moglichst wenig anzutasten. Wenn auch nicht alles darin
den Gepflogenheiten literarischer Stilbildung entspricht, so hat es
dafur das unmittelbare Leben.
Marie Steiner
ERSTER VORTRAG
Dornach, 1. Marz 1924
Guten Morgen, meine Herren! Hat sich fur heute etwas aufgetan?
Herr Dollinger: Ich mochte fragen, warum das so ist, dafi die Menschen, die in der Nahe
eines Friedhofes wohnen, oft nicht so lebhaft sind und bleich aussehen? - Er fuhrt ein Bei-
spiel an, das dieses zu bewahrheiten scheint. - Ich mochte wissen, wie der Rhythmus in den
Leibern ist - ob es nicht auch etwas Gutes bewirken konne ?
Dr. Steiner: Nun, ich glaube ja, dafi ich ziemlich gut uber diese
Frage Auskunft geben kann, weil ich von meinem achten bis zu mei-
nem achtzehnten Jahre unmittelbar am Friedhof gewohnt habe - ich
mufi also wohl dazumal furchtbar bleich ausgesehen haben. Es hat
so ein wenig gestimmt. Nach den verschiedenen Angaben, die Sie
gemacht haben, miifite das gerade bei mir gestimmt haben.
Nun, der Friedhof war der Friedhof eines kleinen Ortes - der Ort
hatte vielleicht sechshundert Einwohner -, und es war also ein ma-
fiig grofier Friedhof. Aber immerhin war er unmittelbar an dem
Hause und dem Bahnhof, wo wir wohnten. Und die Leute wohnten
ringsherum ziemlich nahe, wie es eben in solchen Orten ublich war.
Da war die Kirche, ringsherum der Friedhof und dann kamen die Tafel 1*
Hauser: man konnte immer sehen, wie die Leute mit ihrer Gesund- ^ n ^ s un
heit beschaffen waren, die um den Friedhof herum wohnten. Nun,
man kann sagen, dafi schon betrachtliche Unterschiede waren an
den Einwohnern, und dafi zum Beispiel der nicht sehr weit entfernt
vom Friedhof wohnende Pfarrer nicht blafi und auch nicht
schmachtig war, sondern der war ziemlich korpulent und schaute
auch ganz gut aus. Das ist so mein Befund von dazumal.
Aber die Ansicht, die man sich da bildet, ist doch diese, dafi,
wenn man sonst gesundheitliche Verhaltnisse herstellt - und das ge-
schah vielfach an Orten, wo Friedhofe um die Kirchen waren -,
man nicht annehmen kann, dafi das so furchtbar schadet. In den Or-
ten waren zu gleicher Zeit uberall Nufibaume, Walnufibaume ver-
breitet. Diese Walnufibaume sind so, dafi sie auch durch den Duft,
* Zu den Tafelzeichnungen siehe Seite 319.
den sie verbreiten, aufierordentlich starkend auf die Gesundheit
wirken. Nun miissen Sie nur annehmen, dafi in denjenigen Orten
gesunde Instinkte waren, wo das urspriinglich allgemein Sitte war;
die haben dazu gefuhrt, weil der Kirchhof innerhalb des Ortes ist
und die Leute ringsherum wohnen, Kastanien- oder Walnufibaume,
namentlich auch Lindenbaume in die Nahe zu bringen. Linden-
baume und Walnufibaume, die wirken dann im Gegensatz zu dem,
was der Friedhof an schadlichen Wirkungen bringt, wiederum aus-
gleichend.
Nun ist auch dieses noch zu beachten: Sehen Sie, wenn man ge-
nauer auf das eingeht, was eigentlich Herr Dollinger wissen will,
namlich die Wirkung auf die hoheren Leiber, so mufi man sich klar
sein dariiber, dafi eigentlich von diesen Leibern, die ich angefuhrt
habe, nur der physische Leib und der Atherleib belebend wirken,
wahrend der astraiische Leib und das Ich nicht belebend, sondern im
wesentlichen lahmend wirken; die wirken als Seele und Geist. Und
schon aus manchem, was ich Ihnen gesagt habe, werden Sie sehen,
daft physischer Leib und Atherleib wie eine Pflanze sind; die wachsen,
da bilden sich die Organe. Wenn wir nur diese hatten, physischen
Leib und Atherleib, wiirden wir fortwahrend ohnmachtig sein. Wir
wiirden sonst ein Schlafleben fiihren wie die Pflanzen, wenn nicht
fortwahrend in uns abgebaut wurde; nur dadurch, dafi in uns immer
wiederum abgebaut wird, fiihren wir kein Schlafleben wie die Pflan-
ze. Der Astralleib und das Ich bauen ab, die zerstauben wiederum.
Es wird immer im Menschen aufgebaut und abgebaut. Und der
astraiische Leib, der ist derjenige, der eigentlich am starksten in un-
serem Menschenwesen abbaut. Und alle diese Auswurfprodukte,
von denen ich gesprochen habe, die werden eigentlich durch Astral-
leib und Ich abgebaut. Der Atherleib wirkt nur ein bifichen mit. Das
habe ich Ihnen ja auseinandergesetzt.
Nun sehen Sie, meine Herren, die Friedhofsatmosphare, die da auf-
steigt, die ist verwandt mit demjenigen, was im astralischen Leib im
Menschen abbaut, und die unterstiitzt dann das Abbauen. Und der
Mensch wird mehr abgebaut, wenn er in der Nahe vom Friedhof
wohnt, als wenn er irgendwo draufien im Walde wohnt. Wenn er
draufien im Walde wohnt, sind seine aufbauenden Krafte starker;
wenn er beim Friedhof wohnt, sind seine abbauenden, seine zersto-
renden Krafte starker. Aber wenn wir keine zerstorenden Krafte
hatten, dann wiirden wir ja, wie ich Ihnen schon gesagt habe, lebens-
langlich dumm bleiben. Wir brauchen eben diese zerstorenden Krafte.
Dann ist noch etwas zu beachten. Ich sagte Ihnen: Ich kann reden
iiber die Sache, weil ich sie selbst erfahren habe und erfahren habe
gerade im jugendlichen Alter, wo sich so viele Dinge heranbilden. -
Ich habe immer einen Hang gehabt, genau zu denken. Nun, diesen
Hang, genau zu denken, den verdanke ich nach meiner Uberzeu-
gung gerade dem Umstande, dafi mich das Schicksal hat aufwachsen
lassen in der Nahe eines Friedhofs. Also das ist wiederum das Gute,
meine Herren. Das miissen Sie auch wiederum in Betracht ziehen.
Nicht wahr, das Schadliche am Friedhof sind die Leichname, die
darinnen sind. Die Leichname setzen ja nur den Abbau fort. Wenn
wir sterben, fallt das weg, dafi wir immer wieder aufbauen und ab-
bauen. Der Aufbau fallt nun fort. So dafi also der astralische Leib
aufgefordert wird in der Nahe des Friedhofes, eigentlich gut zu
denken. Das ist auch wieder nicht zu leugnen.
Im heutigen sogenannten Burgenlande, wo ich aufgewachsen bin,
waren iiberall die Dorfer so, dafi die Friedhofe in der Mitte waren.
Das Burgenland ist ja dasjenige, um das so viel gestritten worden ist.
Es sind einzelne grofiere Stadte, Eisenstadt und so weiter, aber die
sind weit auseinander, so dafi also iiberall die Dorfer verbreitet sind,
und iiberall lag der Friedhof in der Mitte. Und da ist es schon so, dafi
man sagen kann, die Leute dort hatten eine gewisse Bauernschlau-
heit. Und das ist auch wiederum nicht abzuleugnen, dafi diese Bau-
ernschlauheit eigentlich gewachsen ist unter dem Einflufi der Fried-
hof satmosphare. Das Schadliche haben sie abgehalten dadurch, dafi
sie iiberall Walnufibaume und Lindenbaume gepflanzt haben.
Dann war die Gegend dort auch eine Weingegend. Die Atmo-
sphare der Weinrebe wirkt auch in einer gewissen Weise ausglei-
chend. Der Lindenbliitenduft, das wissen Sie ja, ist ein sehr starker
Duft, der Walnufibaum hat auch einen sehr starken Duft; das wirkt
auf den astralischen Leib wieder mehr belebend. Und die Atmo-
sphare der Weinrebe wirkt wieder mehr belebend auf das Ich. So
dafi Sie da schon auch auf die hoheren Leiber des Menschen eine
sehr starke Einwirkung haben.
Nun darf man aber natiirlich wiederum nicht in Abrede stellen,
wie mit der wachsenden Kultur sich die Sachen andern. Natiirlich,
in dem Augenblicke, wo die Ortschaften grofier werden, wo viele
Hauser herumgebaut werden und dadurch, dafi Hauser herumge-
baut werden, die Wirksamkeit der Baume beeintrachtigt wird, fangt
der Friedhof an schadlich zu wirken, dann sind natiirlich um den
Friedhof herum diese Bleichgesichter. Das kann sich nicht mehr aus-
gleichen und die Folge davon ist, dafi dann der Friedhof bewirkt,
dafi die Menschen unter der Friedhofsatmosphare leiden. Das hat
wiederum zu einem natiirlichen Instinkt gefuhrt: dafi man dann,
wenn die Dorfer zu Stadten angewachsen waren, den Friedhof
aufierhalb der Stadt gemacht hat.
Nun kommt natiirlich noch etwas in Betracht. Das ist dann der
Fall, wenn die Wirkung noch weiter geht, wenn sie auf den Ather-
leib geht. Sehen Sie, alles das, was in der Atmosphare aufsteigt als fei-
ner Dunst, wirkt auf den astralischen Leib und auf das Ich. So dafi al-
so ebenso der feine Leichengeruch, der ja immer um einen Friedhof
herum ist, wie auch Walnufiduft, Lindenbliitenduft, Rofikastanien-
duft, der besonders belebend wirkt, eigentlich nur auf die hoheren
Leiber wirken konnen; an den Atherleib kommen diese nicht so
stark heran.
Nun ist es aber mit dem Atherleib so, dafi auf den Atherleib be-
sonders stark das Wasser in irgendeiner Gegend wirkt. Das Wasser
wirkt ganz besonders stark. Und das Wasser ist in der Umgebung
eines Friedhofs doch sehr leicht durchsickert von demjenigen, was
also eben aus den Leichen herauskommt. Das Wasser wird getrun-
ken, mit dem Wasser wird gekocht. Und wenn also irgendwo in
einem Dorf, wo der Friedhof in der N'ahe der Hauser ist, das Wasser
beeintrachtigt wird, so helfen keine Baume! Dann hilft die Natur
sehr wenig. Und die Folge davon ist, dafi dann allerdings die Leute
sehr leicht schwindsuchtig werden, und dafi sie dann darunter
aufierordentlich stark leiden.
Sehen Sie, das konnte ich auch sehr gut konstatieren. Es war da
ein Ort - er war mehrere Stunden entfernt von dem Ort, wo ich
wohnte ein kleiner Ort. Fast alles wohnte urn den Friedhof her-
um. Die Leute waren sehr trage von Natur aus; sie konnten einfach
nicht. Sie hatten schlaffe Muskeln, schlaffe Nerven, alles an ihnen
war schlaff; sie waren blafi. Und da kam mir doch der Gedanke:
Woher kommt das? - Und sehen Sie, das ist sehr interessant: Bei uns
in Neudorfl waren die Leute, die auch um den Friedhof herum
wohnten, verhaltnismaftig gesund! Nun, das ist eine grofie Frage fur
den, der das Land wirklich betrachtet nach den Verhaltnissen, die
fur die Menschen in Betracht kommen. Da hatte man ein Dorf, wo
die Leute um den Kirchhof herum wohnten, und wo sie nichts ande-
res taten, als Nufibaume pflanzen; die pflanzten sie schon auch, das
war ein sehr gesunder Instinkt - aber im ubrigen nahmen sie das
Wasser zum Kochen sogar sehr haufig aus dem Dorfbachlein! Da
war eine Reihe von Hausern (es wird gezeichnet), dazwischen das Tafel 1
Dorfbachlein; da war der Kirchhof, da war die Kirche; da wohnten ^ in ^ s °'
wir, da der Pfarrer, da war das Schulhaus; dann war hier eine Hau-
serreihe, zwischendurch ein Bachlein, und da waren uberall Nuft-
baume. Die Leute nahmen sich das Wasser einfach aus dem Bach-
lein; in dem Bachlein waren natiirlich die Uberreste und die Bakte-
rien, die Bazillen von dem, was aus dem Friedhof durchsickerte. Das
war uberall vorhanden. Die Leute, namentlich jene, die dort wohn-
ten, die zeichneten sich nicht durch eine besondere Reinlichkeit aus:
da waren Hauser mit Strohdachern und uberall der Misthaufen un-
mittelbar am Eingang, der Schweinestall auch daneben - eine schone
Verbindung gab das von Schweinestall und Misthaufen -, wiederum
der Abgang zum Dorfbachlein, so dafi, wenn man hineinkam, man
in einer braunlichen Sauce watete. Nun, sehen Sie, es war schon
nicht gerade, wie man heute sagt, hygienisch hergerichtet! Und den-
noch waren die Leute gesund! Man konnte nicht anders sagen, als
dafi sie gesund waren.
Nun, erstens, wenn die Leute gesund sind, sind auch die Leichen
im Anfang nicht so schlimm, als wenn die Leute im Orte verseucht
sind. Aber das hat ja weniger Bedeutung. Dagegen war doch die
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:353 Seite:19
Frage eine grofie: Woher kam es, dafi die Leute gesund waren, und
die anderen krank oder schlapp und unfahig zu leben? - Das erklart
sich aus dem Folgenden. In der Nahe dieses Ortes war ein anderer,
ganz kleiner Ort, aber ein Kurort: da war ein Sauerlingquell, koh-
lensaures Wasser. Das ganze Dorf holte sein Trinkwasser von die-
sem Orte. Und das Trinkwasser von diesem Orte, das kohlensaure
Wasser, wirkte wiederum ausgleichend gegeniiber dem verseuchten
Wasser vom Friedhof. Das hatten die anderen, die weit ablagen von
dieser Sauerlingquelle, eben nicht. Also da konnte man direkt stu-
dieren, wie das kohlensaure Wasser, das, wie ich Ihnen einmal darge-
stellt habe, besonders stark auf das Ich und auf das Denken wirkt,
wiederum zuriickwirkt auf das Ich und den Atherleib, und im
Atherleib wiederum ausgleicht das Zerstorende desjenigen, was vom
Friedhof durchsickerte in das Dorfbachlein.
Naturlich, wenn in Stadten der Friedhof noch dableibt, ist im
Grunde genommen, wenigstens solange nicht Quellwasser von wei-
tem hergeleitet wird, kaum eine Hilfe fur die Umwandlung der
Friedhofsatmosphare moglich. Wenn also eine Stadt so liegt, dafi
der Friedhof noch in der Mitte des Ortes liegt und das Wasser noch
als Brunnenwasser bezogen wird, dann sind da naturlich die schlech-
testen Bedingungen fur die Gesundheit, weil dann der Atherleib
angegriffen wird; und der Atherleib ist dasjenige, was vom astra-
lischen Leib und vom Ich aus nicht weiter bezwungen werden
kann.
Sehen Sie, die sanitaren, die hygienischen Verhaltnisse, die sind
schon gerade von diesem Gesichtspunkte aus aufierordentlich inter-
essant. Es darf aber dann naturlich wiederum nicht aufier acht gelas-
sen werden, dafi auf solche Leute, die um den Friedhof herum woh-
nen, doch auch fortwahrend, wenn sie noch glaubige Leute sind,
wenn sie nicht schon unglaubig geworden sind, immer wiederum er-
warmend wirkt das immer fortdauernde Ansehen der Leichenzere-
monie! Die wirkt doch wiederum ausgleichend. Die wirkt auf das
Ich. Die wirkt schon starkend. Man mufi doch auch das vom Ge-
sundheitsstandpunkt aus betrachten konnen. Das wirkt doch auch
wiederum ausgleichend.
Das ist wohl so ungefahr das, was Sie haben wissen wollen? -
Vielleicht ist noch jemandem etwas eingefallen?
Nun, meine Herren, dann will ich, von einer ganz anderen Seite
aus betrachtet, gerade diese Frage fortsetzen. Sehen Sie, wir haben ja
schon vieles betrachtet; wollen wir heute einmal von dem Gesichts-
punkt, von den Erkenntnissen, die wir gewonnen haben, das Fol-
gende uns anschauen.
Wenn Sie die Landkarte anschauen, so konnen Sie flir die Land-
karte sich so interessieren, dafi Sie sagen: Nun, da wohnt dieses
Volk, dort wohnt jenes Volk. Wir interessieren uns fur die verschie-
denen nebeneinander wohnenden Volker. - Aber Sie konnen auch
sagen: Ich will mir die Landkarte einmal von dem Gesichtspunkte
aus anschauen, wie sich die Menschheit entwickelt hat. - Und da
wird dann die Landkarte wirklich recht interessant.
Wollen wir einmal ein Stuckchen Landkarte betrachten. Ich will
das nur ganz annahernd zeichnen. Da haben wir zum Beispiel, wenn Tafel 1
wir nach Asien hiniibergehen - ich habe es Ihnen einmal aufgezeich-
net fur die Menschenrassen -, Indien, Vorderindien; da haben wir
Arabien; dann haben wir hier Kleinasien. Da geht dann Asien schon
nach Europa heriiber; wir kommen dann schon heriiber nach Euro-
pa, also an die Inseln, die nach Europa herubersehen. Da ist Grie-
chenland. Dann kommen wir hier nach Afrika. Und da haben wir
dann einen Flufi: das ist der Nil; da ist Agypten - heute, wie Sie
wissen, von den Englandern ganz beherrscht -; das war einmal ein
freies Land. Nun sehen Sie, heute wohnen iiberall die Volkerschaf-
ten. In Indien wohnen die Inder, die sich heute ja ganz aufraffen. Sie
waren lange Zeit von den Englandern beherrscht, sind es natiirlich
auch heute noch, aber sie raffen sich heute auf, und derjenige, der et-
was einsichtsvoll in England ist, hat eine heillose Angst davor, dafi
die Inder sich irgendwie einmal unabhangig machen konnten. Es
gibt heute eine grofie indische Bewegung: der sogenannte Mahatma
Gandhi hat in Indien eine solche Bewegung aufgeriittelt und ist dann
eingesperrt worden, ist aber jetzt wieder freigelassen worden aus Ge-
sundheitsriicksicliten. Ebenso wohnen hier in Arabien Leute, die
mehr oder weniger von den Englandern beherrscht sind; das ist eine
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:353 Seite: 21
ziemlich unwegsame Gegend noch, Arabien. Sie wissen ja, dafi unter
den Kriegsursachen fur den grofien Weltkrieg hauptsachlich auch
die war, dafi man eine Bahn anlegen wollte durch die Turkei hin-
durch, hier heriiber, und den Weg gesucht hat auf der einen Seite
nach Indien, auf der andern Seite nach Arabien. Das wollte Deutsch-
land machen, und dadurch hat Deutschland so vielfach den Neid
und die Eifersucht der anderen Volker hervorgerufen, weil es durch
die Turkei hindurch die sogenannte Bagdadbahn bauen wollte, bis
nach Asien hinein. - Und da war einstmals Syrien.
Sehen Sie, von den allerverschiedensten Gesichtspunkten aus ist
es interessant, sich einmal zu fragen: Da lebten also seit uralten
Zeiten uberall Volker; die waren ganz verschieden geartet in ihrem
Leben. Man braucht nur ein paar Sachen zu nennen, dann wird man
finden, wie verschieden diese Menschen in ihrem Leben waren.
In Indien gab es zum Beispiel eine strenge Kasteneinteilung, eine Ka-
steneinteilung, gegen die alles dasjenige, was die europaischen Klas-
sen sind, eigentlich nur ein Schattenbild ist. In Indien wurde man
hineingeboren in eine Kaste. Die oberste Kaste waren die Brahma-
nen. Das waren diejenigen, die die Priesterdienste leisteten, die etwas
lernen durften. Es gingen also die Kinder der Brahmanen eigentlich
alle in den altesten Zeiten in die Schule. Das waren diejenigen, die
schreiben konnten; das war die oberste Kaste. Aus dieser Kaste wur-
den zwar die Priester genommen, nicht aber die Konige. Die Konige
wurden schon aus der zweiten Kaste genommen, aus der Krieger-
kaste. Aber niemals konnte jemand aufsteigen aus der Kriegerkaste
in die Brahmanenkaste; das war streng geschieden. Die dritte Kaste
waren die Ackerbauer, die Landleute; und die vierte Kaste waren
diejenigen, die eigentlich als Handarbeiter galten. Nun waren stren-
ge Trennungen zwischen diesen Kasten. Das war ganz so angesehen
im alten Indien, wenn ein Mensch von einer Kaste in eine andere
hineingekommen ware, wie wenn ein Lowe hatte ein Lamm werden
sollen ! Man hat die Kasten so getrennt voneinander angesehen, wie
man die einzelnen Gattungen der Tiere voneinander getrennt hat.
Und deshalb nahmen auch die Leute gar keinen Anstofi daran. Es
ware ihnen so verriickt vorgekommen, wenn einer von der dritten
Kaste hatte in die erste kommen sollen, wie wenn ein Lowe ein
Ochs hatte werden wollen. Also das ist ganz evident gewesen, das
war eine absolute Selbstverstandlichkeit bei den Leuten. Nun, das
war also in Indien.
Gehen wir nun heriiber nach Agypten: da waren auch noch Ka-
sten. Was ich Ihnen jetzt erzahle, meine Herren, das konnen Sie ver-
setzen in die Zeit ungefahr dreitausend oder dreitausendfunfhundert
Jahre, vielleicht auch noch viertausend Jahre vor der Entstehung des
Christentums. Wir miissen also zuriickgehen um fiinf bis sechs Jahr-
tausende, wenn wir in die Zeit, von der ich Ihnen jetzt erzahle, zu-
riickblicken wollen. In Agypten also, da waren wiederum auch Ka-
sten, aber sie waren nicht so streng eingehalten; da konnte schon der
eine oder andere von der einen in die andere Kaste himiberkommen.
Also so streng war es nicht eingehalten, aber es gab in Agypten noch
Kasten. Dagegen war es in Agypten so, dafi wiederum die ganze
Staatseinteilung ausging von der Priesterschaft. Die Priesterschaft
ordnete alles an. Das war in Indien auch so, aber da war eben durch
die Kasteneinteilung alles gegeben, wahrend in Agypten die Kasten-
einteilung nicht so streng war. Aber man hielt daran fest, daft alles
das, was Gesetz werden sollte, ausging von der Priesterschaft.
Und in entsprechender Weise waren auch die anderen Volker, die
in Syrien wohnten, in Kleinasien wohnten. Sie hatten ihre Eigen-
tiimlichkeiten, sie waren verschieden.
Nun mochte ich Ihnen heute, damit Sie sehen, was in der
Menschheitsgeschichte die Dinge, die wir gelernt haben, fur eine
Rolle spielen, gerade von diesen Volkerschaften noch etwas anderes
erzahlen. Nehmen wir vier von diesen Volkerschaften heraus: er-
stens die Inder, dann die Agypter, dann diejenigen Volker, die da
hier gesessen haben. Der Euphrat und Tigris munden da in diesen
Meerbusen hinein, und da war ein Volk, welches spater die Baby-
lonier hiefi. Diese wollen wir als dritte betrachten.
Und dann wissen Sie ja, daft hier sich ein Volk hervortat, das
spater eine grofie Rolle in der Geschichte gespielt hat: das sind die
Semiten, die Hebraer, die juden. Sie zogen heriiber nach Agypten,
zogen spater wieder zuriick und wohnten dann hier in Palastina -
ein an Ausdehnung verhaltnismafiig kleines Volk, aber ein Volk, das
seine grofie Rolle in der Geschichte gespielt hat. Wir konnen also
hintereinander betrachten : Erstens die Inder, zweitens die Agypter,
drittens die Babylonier, viertens die Juden. Wollen wir heute einmal
diese vier Volker betrachten.
Sehen Sie, das ist besonders charakteristisch an den Indern, dafi
sie eigentlich die Menschen, die da sind, so getrennt voneinander an-
schauen wie die Tierklassen und sie in vier Kasten einteilen. Dazu
kommt die eigentiimliche Religion, die in den alten Zeiten die Inder
gehabt haben. Die Inder haben nicht unterschieden zwischen Geist-
und Korperwelt; in der Zeit, in der diese indische Bevolkerung in In-
dien zuerst sich ausgebildet hat, da unterschied man nicht zwischen
Geist und Korper. Ein Baum wurde nicht etwa unterschieden wie
bei vielen anderen Volkern: da ist der physische Baum, und da lebt
ein Geist drinnen - nichts, das war nicht unterschieden. Der Baum
war zugleich ein Geist, nur ein etwas groberer Geist als der Mensch
und das Tier. Das Tier war auch fur die Inder nicht unterschieden in
Korper und Seele, sondern es war Seele und der Mensch auch. Es
war nicht unterschieden in Korper und Seele. Und wenn der alteste
Inder nach der Seele fragte - und er wufite, dafi man einatmet, die
Luft einatmet da war ihm die Luft, die man einatmete, der Geist.
Und dann wufite er: Die Luft ist da draufien; das ist der Geist, der
die ganze Erde umgibt. Und wenn dieser Geist, der die ganze Erde
umgibt, anfangt zu stromen, zu wehen, dann nannte er den Geist,
der sich bewegt, der auf der ganzen Erde weht: Varuna. Aber das,
was er in sich hatte, das war auch Varuna. Wenn es gestiirmt hat
draufien, war es Varuna; drinnen: auch Varuna. Heute hort man
vielfach sagen, diese Inder hatten einen Naturdienst, weil sie Wind
und Wetter verehrten und so weiter. Aber man kann ebensogut sa-
gen, sie hatten einen Geistdienst, weil sie wiederum alles als Geist
ansahen. Den Korperbegriff hatten die Inder gar nicht. Und weil das
so war, war bei den Indern jeder Teil des Menschen zugleich ein
Geist : Leber war Geist, Niere war Geist, alles war Geist. Sie unter-
schieden nicht zwischen Korper und Geist. Das ist gerade das Ge-
heimnis der alten indischen Weisheit, dafi gar nicht unterschieden
wird zwischen Korper und Geist. Leber war Lebergeist, Magen war
Magengeist.
J a, sehen Sie, wenn wir heute den Magen anschauen, dann finden
wir, dafi etwas im Magen sein mufi, wenn der Magen richtig verdau-
en soil; wir nennen den Stoff Pepsin. Wenn er fehlt, so wird nicht
ordentlich verdaut; dann miissen wir etwas Salzsaure hineintun. Der
Inder hat sich gesagt - er hat den Namen noch nicht gehabt, aber er
hat gewufit, dafi da ein Geist ist -, der Magen ist so aufgebaut: das ist
der Magengeist. Und davon ist dann die Bezeichnung der Heilmittel
geblieben : «Magengeist.» Freilich, heute kann man Tropfen nehmen
fur den Magen, nicht mehr «Magengeist», sondern nach dem Erf in-
der «Hoffmannsgeist» oder so irgendwie genannt; aber Sie werden
noch immer finden, wo einfach geredet wird, dafi der Geistbegriff
noch in den Worten drinnensteckt.
Also die Inder sahen iiberall Geist. Und deshalb haben sie auch
keinen Anstofi genommen an dem Kastengeist, weil sie das als etwas
Geistiges angesehen haben, so wie sie die Gliederung der Tiere als
etwas Geistiges angesehen haben.
Wenn man auf diese indischen Anschauungen eingeht, dann ist es
interessant, dafi die Inder eine ganz genaue Kenntnis hatten von
alien menschlichen Organen. Sie sahen sie nur als Geist an. Der
Mensch war aus lauter Geistern zusammengesetzt : Lungengeist, Ma-
gengeist, Nierengeist und so weiter; sie sahen dabei nur auf den phy-
sischen Korper. Wenn wir also auf die Inder schauen, so konnen wir
sagen: Die Inder waren durchdrungen von einer Anschauung, die
auf den physischen Korper ging. Den physischen Korper sahen sie
als Geist an.
1. Inder: Physischer Korper geistig Tafel 2
Das ist sehr interessant, denn jetzt haben wir ein Volk entdeckt, das
zunachst eine genaue Kenntnis vom physischen Leib, physischen
Korper hat.
Jetzt gehen wir zu den Agyptern hiniiber. Bei den Agyptern ist
das eine merkwiirdige Geschichte. Die Agypter hatten ja den Nil.
Der Nil ist eigentlich, man konnte sagen, der Nahrvater des Landes.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:353 Seite:25
Jedes Jahr, wenn der Juli kommt, steigt der Nil aus seinen Ufern
heraus, und im Oktober geht er wiederum zuriick. So dafi der alte
Agypter eigentlich nichts anderes gewufit hat, als : Der Nil enthalt
das Wasser; das Wasser geht zuriick wahrend der kalten Jahreszeit;
das Wasser kommt wieder heraus, uberschwemmt das Land und
wird zum Wohltater der Menschen. Wenn aber das Wasser im
Oktober zuruckgeht, dann bleibt zuriick - die brauchen nicht zu
diingen! - ein ganz fruchtbarer Schlamm. In diesen Schlamm wur-
den die Getreidearten und so weiter hineingesat; die gingen dann auf
und wurden geerntet, bevor wieder der Nil Uberschwemmte. Und
so bereitete ihnen der Nil eigentlich alljahrlich das Ackerland. So
dafi die Agypter tief durchdrungen waren von der Wohltatigkeit des
Wassers. Sie haben sich vielfach beschaftigt mit dem, was das Wasser
in der Natur ist. Sehen Sie, wir bewundern heute an unserer Inge-
nieurkunst, dafi sie kanalisieren kann. J a, die Agypter haben
Tausende von Jahren vor uns schon sehr gut kanalisieren konnen!
Natiirlich, wenn der Nil iiber die Ufer getreten ist und da iiberall
uberschwemmt war, da ist er auch unter Umstanden dorthin ge-
kommen, wo er nicht hatte sein sollen. Da haben die Agypter schon
in den altesten Zeiten den Morissee angelegt - einen ganzen See!
Der ist nicht von der Natur aus dagewesen, sondern der ist angelegt
worden, damit er die Uberschwemmung in richtige Geleise gebracht
hat. Was Uberflufi wasser war, hat sich in diesem Morissee gesam-
melt. Also eigentlich kunstlich haben die Agypter die Natur be-
herrscht. Aber dadurch ist ihre Aufmerksamkeit aufierordentlich
auf das Wasser gelenkt worden.
Nun habe ich Ihnen schon bei der Beantwortung dessen, was
Herr Dollinger gefragt hat, gesagt: Das Wasser hat ungeheuren Ein-
flufi auf den Atherleib des Menschen. Und bei dem Instinkt, den die
Agypter noch gehabt haben, haben sie die Lehre ausgebildet: Der
Mensch besteht nicht blofi aus einem physischen Korper, sondern
der hat noch einen Atherleib. - Es ist interessant, sehen Sie : Da hin-
ten in Indien waren alteste Volker; viele von diesen altesten Volkern
sind iiber Arabien heriiber erst nach Agypten eingewandert. In
Agypten war eine Art alte Kultur: alles von Indien her. Wie die
Inder nach Agypten eingewandert sind, haben sie die Wohltat des
Wassers empfunden. Aber sie haben sich gesagt: Das wirkt nicht auf
den physischen Leib, den wir in Indien kennengelernt haben, son-
dern das wirkt auf einen noch hoheren Leib des Menschen. - Und so
haben die Agypter - die Inder auch - hauptsachlich durch das, was
sie erlebt haben mit dem Wasser, eigentlich den Atherleib entdeckt.
Dadurch, dafi die Agypter den Atherleib entdeckt haben, da-
durch haben sie ihre ganze Religion ausgebildet, denn die ist eine Re-
ligion des Atherleibes. Wenn man das Allerwichtigste aus der agyp-
tischen Religion nimmt, so ist es die folgende Sage. Diese Agypter
sagten, - und das war etwas, was die Agypter uberall erzahlten, wie
in einer gewissen Zeit in Europa die Evangeliengeschichten erzahlt
worden sind: Es gibt einen hohen Gott; Osiris nannten sie diesen
hohen Gott. Dieser hohe Gott ist der Wohltater der Menschen. Er
ist eigentlich der Urheber alles desjenigen, was dem Menschen durch
das Element des Wassers kommt. Aber er hat einen Feind. Er wirkt
zur Wohltat des Menschen; aber er hat einen Feind. Und dieser
Feind, der lebt im heifien Wind, der von der Wiiste kommt. Da war
ja die Wiiste (auf die Zeichnung deutend). So hatten sie zwei Gott- Tafel 1
heiten gehabt: den Osiris und den Typhon, den Osiris und seinen
Feind, den Typhon. - Das alles, was sie da in der Natur gesehen ha-
ben, haben sie auch im Menschenleben drinnen gesehen. Aber sie
haben es nicht wie die Inder dem physischen Leib, sondern dem
Atherleib zugeschrieben. - Dann erzahlten sie die Sage weiter: Eines
Tages erschlug der Typhon den Osiris und verschleppte ihn. Und
die Gemahlin des Osiris, die Isis, holte den Leichnam wiederum zu-
riick, begrub die verschiedenen Glieder an verschiedenen Orten. Da
hat man dann Baudenkmaler dariiber errichtet. Und seither nun ist
der Osiris Herrscher iiber die Toten. Einmal war er Herrscher iiber
die Lebendigen, dann ist er Herrscher geworden iiber die Toten. Die
Agypter haben ja schon an den Tod gedacht.
Nun wissen Sie - ich habe es Ihnen schon gesagt -, ein paar Tage
nach dem Tode geht der Atherleib des Menschen fort; dann kommt
der Mensch allmahlich erst wieder zum Bewufitsein. Das driickt sich
in der Sage so aus, daft der Osiris fortgeht und wiederum zuriickge-
Copy right Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:35 3 Seite:27
bracht wird von der Isis. Der Mensch bekommt sein Bewufitsein
wiederum nach dem Tode.
So dafi man sagen kann : Die Agypter sind darauf gekommen, dafi
der Mensch einen Atherleib hat. - Sehr interessant ist das! Die In-
der, die haben noch den physischen Leib als Geistiges genommen.
Die Agypter, die kamen auf den Atherleib und nahmen den als
Geist :
Tafel 2 2. Agypter: Atherleib geistig Osiris Typhon
Isis
Und alles das, was die Agypter geglaubt haben, alles das, wofiir sie
gearbeitet haben, war eigentlich fiir den Atherleib. Das beherrschte
ganz ihr Anschauen.
Sehen Sie, meine Herren, Sie haben jedenfalls von den Agyptern
eines gesehen: das sind die Mumien. Ich habe sie Ihnen neulich er-
wahnt; ich habe gesagt: Wenn die mittelalterlichen Mediziner von
Mumien gesprochen haben, so ist es etwas Geistiges gewesen; das
habe ich Ihnen erklart. Aber der Mensch meint heute, wenn von
Mumien gesprochen wird, nur diese agyptischen Mumien. Die Leich-
name wurden einbalsamiert, fein einbalsamiert und wurden aufbe-
wahrt. Ja, warum geschah denn das? Die Agypter wufiten nur vom
Atherleib und bewahrten den physischen Leib auf, damit, wenn der
Mensch wieder einmal lebt, er seinen physischen Leib wieder findet.
Hatten sie schon vom Astralleib und vom Ich gewufit, dann hatten
sie nicht geglaubt, dafi man den physischen Leib aufbewahren mufi.
Sie kannten erst den Atherleib, den zwar sehr geistig. Hatten sie
vom Ich und vom Astralleib gewufit, dann hatten sie gesagt: Die
bauen sich ja selber ihren physischen Leib auf. - Aber sie haben nur
den feinen Atherleib gekannt; da haben sie geglaubt, man mufi den
physischen Leib erhalten, damit der Mensch ihn wieder findet,
wenn er wiederkommt. Also die Agypter haben den Atherleib
entdeckt.
Jetzt kommen wir zu den dritten, zu den Babyloniern. Die haben
etwas sehr grofi und stark ausgebildet, namlich das Denken gut aus-
gebildet, so dafi vieles von dem Denken der Babylonier heute noch
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:353 Seite:28
erhalten ist; aber was sie ganz besonders stark ausgebildet haben, das
war die Sternkunde. Sie haben ihre grofien Sterntiirme gebaut, von
denen aus sie die Sterne beobachtet haben. Und da haben sie gese-
hen, daft der Mensch nicht nur abhangt von dem, was auf der Erde
ist, sondern abhangt von dem, was in den Sternen ist. Sie haben die
Einfliisse der Sterne auf den Menschen ganz besonders gesucht und
haben vor alien Dingen ihre Beobachtungen dariiber angestellt, wie
das Jahr sich einteilte. Das Jahr hat wiederum durch die Sterne einen
grofien Einflufi auf den Menschen. Die Babylonier gingen also zuerst
mit ihrem Leben von der Erde weg und bildeten die Sternkunde,
das Wissen von dem Einflufi der Sterne auf die Menschen, in ihrer
besonderen Wissenschaft aus. Und dadurch kamen sie auch
darauf, daft sie alles nach sechzig und zwolf und so weiter einzuteilen
haben.
Sie haben zum Beispiel das Geld nach sechzig und zwolf einge-
teilt. Erst spater ist die Zehnereinteilung gekommen, die Dezimal-
einteilung. Aber Sie finden heute noch im englischen Shilling diese
alte babylonische Einteilung nach zwolf. Also diese Zahleneintei-
lung ist zuerst vom Himmel heruntergeholt worden von den Baby-
loniern. Nun, auf was hat denn beim Menschen die Sternenwelt be-
sonderen Einflufi? Auf den Astralleib, meine Herren. Der Astralleib
steht ganz und gar unter dem Einflufi der Sternenwelt. Aber weil die
heutige Sternenwissenschaft nichts wissen will vom Astralleib, geht
sie auch nicht darauf aus, die Sterne in ihrem Einflufi auf den Men-
schen zu beobachten. Was da errechnet wird in der heutigen Astro-
nomie, das hat wirklich keinen besonders starken Einflufi auf den
Menschen. Aber die Babylonier hatten eine feine Sternenwissen-
schaft. Und sie entdeckten dadurch den Astralleib des Menschen.
Das ist das Wunderbare. So dafi wir sagen konnen, die Babylonier
entdeckten den Astralleib geistig.
3. Babylonier: Astralleib geistig Tafel 2
Der Astralleib hat ja sogar daher den Namen. Zuerst haben die Ba-
bylonier ihn entdeckt. Und weil sie ihn aus den Sternen entdeckt ha-
ben, aus dem Astralischen - Astrologie, Astronomic, Sternenwissen-
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:353 Seite:29
schaft, Sternenkunde -, hat man ihn den Astralleib genannt. Also
Sie sehen, die aufeinanderfolgenden Volker entdeckten aus dem
Geist heraus nacheinander: die Inder den physischen Leib, die
Agypter den Atherleib und die Babylonier den Astralleib.
Wenn man dem nachgeht, was den babylonischen Sagen iiberall
zugrunde liegt, sind es die Sterne. Sie miissen sich nur nicht tauschen
lassen von der heutigen Wissenschaft und ihren Biichern. Da ist ein
Gelehrter, der sagt: Urspriinglich sind alle Religionen ausgegangen
von einem Sternendienst. Deshalb musse man den Sternendienst als
den Ursprung aller Religionen ansehen. - Ein anderer kommt und
sagt: Ach was, die Religionen sind alle ausgegangen von Naturver-
ehrungen. Da sind der Wind und das Wetter verehrt worden. - Ein
dritter sagt : Die Religionen sind alle ausgegangen von den Elemen-
ten, vom Wasser und seinen Wirkungen. - Ja, meine Herren, woher
riihrt das, dafi die Leute das sagen? Derjenige, der Ihnen sagt, die
Religion riihrt her vom Sternendienst, der hat nichts anderes stu-
diert als die babylonische Zeit. Nun glaubt er, so wie es bei den Ba-
byloniern war, sei es iiberall gewesen. Derjenige, der Ihnen sagt, die
Religion ruhre her von den Elementen, hat nichts studiert als die
Agypter. Nun wiederum veragyptisiert er alles. - Und er sagt: Alle
Religionen sind aus der Verehrung von Wind und Wetter entstan-
den. - Das riihrt davon her, dafi die Leute beschrankt sind, dafi sie
nur einzelne Sachen studieren. Die Religionen gehen aus von dem
verschiedensten.
Nun gibt es etwas noch, sagte ich Ihnen, ein kleines Volk da in
Palastina: die Hebraer, die Juden. Sehen Sie, die lebten unter diesen
anderen Volkern, und die waren von gar nichts befriedigt bei den
anderen Volkern. Sie konnen es in der Bibel, im Alten Testament,
lesen, wie die Juden iiberall unbefriedigt sind und wie sie auf eine
ganz unsichtbare, geistige Wesenheit kommen. Der physische Leib
ist naturlich ganz sichtbar. Der Atherleib driickt sich aus in den
Uberschwemmungen, in den Wasserwirkungen des Nil; sie sind da.
Der astralische Leib der Babylonier, der ist zwar auf der Erde nicht
mehr sichtbar, aber wenn man die Sterne studiert, findet man den
Astralleib. Die Juden wollten alles das nicht mehr haben, sondern
nur einen unsichtbaren Gott. Dieser unsichtbare Gott, was ist er?
Er ist dasjenige, was auf das menschliche Ich wirkt. Also:
4. Juden: Ich geistig Qahve) Tafel 2
Die Juden, die kamen auf das Ich als Geistiges und nannten es Jahve.
Und jetzt haben Sie Geschichte! Sie konnen in Geschichtsbu-
chern lesen, so viel Sie wollen : Sie werden nicht verstehen, wie die
Volker des Altertums fortschreiten. Da wird Ihnen iiberall von al-
lem moglichen erzahlt, von alien moglichen Kriegen und Konigen -
das gibt ein kunterbuntes Chaos im menschlichen Schadel; da weifi
man nicht, was das eigentlich ist. Dann wird hochstens noch erzahlt
von Religionen; aber man weifi nicht, woher die kommen. Wenn
Sie aber jetzt wissen: Der Mensch besteht aus physischem Leib,
Atherleib, Astralleib und Ich, und diese sind nacheinander von den
Menschen erst entdeckt worden, und davon waren ihre Lebensan-
schauungen abhangig, dann kriegen Sie in dieser Hinsicht heraus:
Die Inder entdecken den physischen Leib, die Agypter den Atherleib,
die Babylonier den Astralleib, die Juden das Ich. Nach und nach
kommt es heraus, dafi der Mensch diese verschiedenen Leiber hat.
Das ist nicht gleich vom Himmel gefallen, sondern das entdecken
die Menschen nach ihren Lebensverhaltnissen.
1. Inder: Physischer Korper geistig Tafel 2
2. Agypter: Atherleib geistig Osiris Typhon
Isis
3. Babylonier: Astralleib geistig
4. Juden: Ich geistig (Jahve)
Die Inder, bei denen viele Volker durchgezogen sind, so dafi sie
rassisch verschieden sind, kommen auf den physischen Leib. Die
Agypter, die sich viel mit dem Wasser zu befassen hatten, kommen
auf den Ather und dadurch auf den Athermenschen. Die Babylo-
nier, die alles dasjenige, was sie fixr den Astralleib brauchten, von
den anderen Volkern ubernahmen, bei denen kamen die Priester
darauf, hohe Turme zu bauen: die kamen auf die Sternkunde. Und
die Juden, die immer gewandert sind - Sie konnen das in den
Geschichten von Abraham, Moses und so weiter verfolgen -, waren
abgeneigt, iiberhaupt in dem Oben und Unten etwas Sichtbares
zu verehren: die kommen auf den unsichtbaren Jahve, der der
Schopfer und Auswirker des menschlichen Ich ist.
Da bekommen Sie Sinn in das Ganze hinein! Da sehen Sie, wie
nach und nach der Mensch sich selber entdeckt. Dann geht das wei-
ter. Wir wollen das auch noch betrachten. Also, meine Herren -
heute ist Samstag -, am nachsten Mittwoch sehen wir uns dann
wiederum.
ZWEITER VORTRAG
Dornach, 5. Marz 1924
Nun, meine Herren, ist fur heute jemandem noch etwas eingef alien?
Fragesteller: Es wird nach dem Zweck der Fastnacht, des Faschings, gefragt, ob man dar-
iiber etwas von Dr. Steiner horen konne ? Woher das Fastnachtsfest komme, was es bedeute ?
Dr. Steiner: Also Sie meinen, was fur einen Zweck die Fastnacht,
der Fasching hat? Nun, sehen Sie, das Fastnachtsfest ist nicht gerade
dadurch zu verstehen, dafi man nach dem Zweck fragt, denn, minde-
stens nach der Art und Weise, wie man es heute feiert, werden Sie ja
zugeben, dafi schliefilich die Menschheit mit den Jahren auch ohne
Fasching auskommen konnte. Also man kann schon sagen, nach
dem heutigen Anschauen ist das Faschingsfest im Grunde zwecklos.
Aber es hat auch nicht mehr seine urspriingliche Bedeutung. Es ist
mit solchen Dingen wie Faschingsfesten geradeso gegangen, wie es
mit den Orden gegangen ist, mit den Gewandern und so weiter. Die
haben friiher ihren guten Sinn gehabt; nach und nach haben sie die-
sen Sinn verloren. Nun, nicht wahr, es verschwinden nach und nach
auch die anderen Feste des Jahres; allmahlich, wenn sie nicht mehr
aufgefrischt werden in ihrem Sinn, verlieren sie ihre Bedeutung. Fur
das Faschingsfest ist noch nicht aufierordentlich viel getan, um seine
Bedeutung wieder zu gewinnen. Denn eigentlich wurde das Fa-
schingsfest tief eingreifen in das ganze soziale Leben, wenn es den
urspriinglichen Sinn, den es zum Beispiel im alten Rom gehabt hat,
wo es etwas friiher gefeiert worden ist, wieder bekommen hatte.
Gehen wir gerade ins alte Rom zuriick, dann finden wir das Fol-
gende. Die Leute waren damals auch, wenn man so sagen darf, so
eingeteilt, wie hier in der jetzigen Zeit: der eine war Staatsbeamter,
der andere war Krieger, der dritte war Arbeiter und so weiter, und
die Eintcilung war damals mindestens im sozialen Sinne noch barter
als heute. Denn derjenige, der Sklave war, konnte ja sogar als
Mensch gekauft werden! So dafi man sagen kann: Es war der Unter-
schied der Menschen im alten Rom noch ein sehr, sehr bedeutender.
Aber das Bewulksein, dafi man diese oder jene Stellung hat, das soll-
te wenigstens for einige Tage des Jahres verlorengehen. Nicht wahr,
heute redet man von der Demokratie und meint, zunachst allerdings
mehr im theoretischen Sinne, dafi alle Menschen gleich seien. Nun,
das haben die Romer durchaus nicht irgendwie geglaubt, sondern
bei denen war derjenige, der in irgendeinem hoheren Stand geboren
worden war, erst ein richtiger Mensch. Sie wissen ja, dafi bis in unse-
re Zeiten herein noch fur gewisse Leute das Sprichwort gegolten
hat: Der Mensch fangt erst beim Baron an. - Also diejenigen, die
unter dem Baron sind, sind keine Menschen.
Im alten Rom war das natiirlich aufierordentlich stark. Wenn
auch dazumal der Adel in der Weise nicht eingefohrt war, wie er
dann spater erschien - denn das ist eine mittelalterliche Einrichtung
aus der sogenannten Feudalzeit -, so war aber doch ein grofier Un-
terschied der Stande im alten Rom iiblich. Nun aber, ein paar Tage
im Jahr hindurch sollten die Menschen gleich sein, sollte Demokra-
tie herrschen. Das konnte man natiirlich nicht so machen, dafi die
Menschen mit ihren gewohnlichen Gesichtern kommen, sonst hatte
man sie ja erkannt; da mufiten sie Masken tragen. Da waren sie
dann, was die Masken waren. Da gab es dann auch einen Menschen,
der Faschingskonig war. Der konnte in diesen Tagen tun, was er
wollte. Er konnte Befehle ausiiben, wahrend er sonst nur Befehle
empfangen hat. Und das ganze Rom war in dieser Zeit ein paar Tage
verriickt, von der Stelle geriickt; und die Menschen konnten sich
auch ihren Vorgesetzten gegeniiber anders benehmen, brauchten ih-
nen gegeniiber nicht hoflich zu sein - also for einige Tage, um die
Menschen gleich zu machen! Und diese Einrichtung hat natiirlich
dazu gefohrt, dafi die Leute in diesen Tagen nicht gerade geweint
und getrauert haben; denn das hat sie gefreut, dafi sie ein paar Tage
so leben konnten. Aus dieser Freude heraus ist dann die Faschings-
lustbarkeit geworden: Die Leute haben nur tolle Streiche gemacht,
wenn sie frei geworden sind for ein paar Tage. Und so ist die ganze
Faschingsvergniiglichkeit entstanden.
Die Folge davon war, dafi, weil das den Leuten sehr gut gefallen
hat, es sich auch erhalten hat. Aber die Dinge erhalten sich, ohne
dafi man den urspriinglichen Sinn noch weift. So bleibt nur der Fa-
sching als die Zeit, in der man tolle Streiche macht - weil man da tol-
le Streiche machen durfte. Dann hat das Kirchentum gefunden, dafi
es notwendig ist, dafi man just danach auch den Aschermittwoch
folgen lafit, dafi man sich als schuldiger Mensch fuhlt, nicht alles
darf, was man will und so weiter, und da das Christentum, wenig-
stens in fruherer Zeit, den Brauch entwickelt hat, dafi der Mensch
entbehren soli, so wurde die Fastenzeit eingerichtet. Und es war na-
turlich zweckmafiig, gerade die Fastenzeit anzureihen an die Fa-
schingszeit, weil da die Leute am wenigsten entbehrt haben; alles
das, was ihnen wohlgefallen hat, haben sie eben, so gut es ging, ge-
macht. Und nachher ist es viel schlimmer, die Sachen nicht zu essen,
die man da vorher gegessen hat. Es war dann, als ob die Zeit nicht
vorangegangen ware. Und so haben sich diese Feste zusammen-
gestellt.
Nur war die Sache in Rom so, dafi der Fasching viel friiher war,
ungefahr um unsere heutige Weihnachtszeit, denn alles ist etwas
hinausgeriickt worden in eine spatere Jahreszeit. Dadurch haben wir
diesen heutigen Fasching eben erhalten. Das Datum des Faschings
richtet sich ja, wie ich glaube, in alien ubrigen Gegenden nach der
Osterzeit, nur in Basel wird es um eine Woche spater gefeiert, soviel
mir bekannt ist. Aber das fuhrt ja, wie ich hore, nur dazu, dafi man
es dann zweimal feiert!
Nun, das ist also dasjenige, was in bezug auf diese Frage zu sagen
ware. Das kann man von vielen Sachen in der Menschheit sagen,
dafi sie urspriinglich schon einen Sinn hatten, aber diesen Sinn dann
spater verloren haben. Dann fragt man sich: Warum denn das alles?
Nun, vielleicht hat jemand fur heute noch etwas anderes zu
fragen?
Fragesteller : Ich mochte Herrn Doktor fragen, ob er vielleicht fortfahren wiirde mit der
Geschichte vom letzten Mai?
Fragesteller: Ich mochte Herrn Doktor fragen, ob so etwas moglich ware, dafi Menschen
einen anderen beleidigen oder ihm Schmerz zufugen konnen, also auf andere einwirken kon-
nen? Frau A hatte ein dreijahriges Kind, das sah immer Wesenheiten zur Ture und zu den
Fcnstern hereinkommen. Das Kind hatte oft unruhige Nachte, und besonders wenn die Frau
die Leibwasche gewaschen hatte - die Frau entlehnte Sachen im Haus -, so wurde das Kind
immer unruhig. Zuletzt hat es dann nichts mehr gegeben; dann ist die Frau spater gestorben.
Ich mochte Herrn Doktor fragen, ob so etwas moglich ware ?
Dr. Steiner: Das sind natiirlich Dinge, die in allerlei Gebiete hin-
einschlagen, in denen ebenso stark mitspielen kann - weil die Leute
leichtglaubig sind - der Aberglaube, aber auch die Tatsachen. Sie
miissen sich nur klar dariiber sein, daft in der Welt Zusammenhange
vorhanden sind, die physisch nicht ohne weiteres zu verfolgen sind.
Ich will von ganz einfachen Zusammenhangen ausgehen.
Nehmen Sie einmal die Sache so: nehmen Sie eine Weinernte. Sie
ernten Wein und Sie pressen ihn aus, richten ihn zu, geben ihn in
Fasser, kellern ihn ein. Nun, Sie werden bemerken, daft er in der
Zeit, in der dann der nachste Wein herankommt - wenn die Zeit
herankommt, wo der Wein wieder gart -, unruhig wird. Er bleibt,
ohne daft er physisch einen Zusammenhang hat, noch in Verbin-
dung. Das ist eine einfache Tatsache, die Ihnen zeigt, daft es in der
Natur selbst solche Verbindungen gibt, die man nicht ohne weiteres
mit dem Auge und so weiter verfolgen kann.
Nun gibt es aber heute schon, wie Sie wissen, eine Moglichkeit,
die gewohnliche Sichtbarkeit zu uberbrucken. Sie brauchen nur dar-
an zu denken, daft also selbst in der leblosen Natur heute Einrich-
tungen vorhanden sind, wo man das gewohnliche Sichtbare - nicht
das feiner Sichtbare, aber das gewohnlich Sichtbare - iiberwindet;
Sie brauchen nur an die Funktelegraphie zu denken! Worauf beruht
denn die Funktelegraphie? Sie beruht darauf, daft Sie irgendwo
einen Elektrizitatserreger haben; an den schliefit sich zunachst gar
kein Draht an, sondern der steht fur sich da. Irgendwo anders, ohne
Verbindung damit, findet sich ein Apparat, in dem gewisse feine
Scheibchen drinnen sind, die in Bewegung kommen konnen. Man
nennt einen solchen Apparat einen Koharer. Sie haben gar keine
physische Verbindung zunachst, wie es scheint, sondern wenn Sie
hier die Elektrizitat erregen, so kommt es dazu, daft sich dort die
Zeichen bewegen; und wenn Sie es da mit einem Apparat in Zusam-
menhang bringen, so konnen Sie dort die Depeschen aufnehmen,
geradeso wie Sie mit den Drahten Elektrizitat aufnehmen konnen.
Gewifi, es beruht darauf, dafi sich die Elektrizitat ausbreitet, aber die
kann man eben nicht sehen; sie breitet sich ohne eine grobere physi-
sche Verbindung aus. Da haben Sie also selbst in der leblosen Natur
eine Verbindung, die durchaus so ist, dafi man sagen kann : Es ist das
Sichtbare wenigstens bis zu einem gewissen Grade iiberwunden.
Nun kann ja die Sache weitergehen. Nehmen Sie einmal gewisse
Zwillingsgeschwister an. Zwillingsgeschwister stehen auch nicht
mehr in einem physischen Zusammenhange, wenn sie ein spateres
Alter erreicht haben. Der eine ist vielleicht da, der andere dort. Den-
noch kann man gerade bei Zwillingsgeschwistern wahrnehmen, wie
der eine zu einer bestimmten Zeit zum Beispiel eine Krankheit
kriegt; der andere, der weiter entfernt ist, auch! Oder der eine wird
in einer bestimmten Zeit durch irgend etwas traurig; der andere
auch. Alle solche Dinge zeigen Ihnen, dafi es schon Wirkungen
in der Welt gibt, wo man nicht gleich von einer physischen Ein-
wirkung sprechen kann.
Wenn man aber nun ans Tierreich herankommt, dann merkt
man sehr bald, daft es zum Beispiel Wahrnehmungen gibt bei den
Tieren, die der Mensch nicht hat. Nehmen Sie zum Beispiel an, in ir-
gendeiner Gegend kame ein Erdbeben oder ein Vulkanausbruch, der
sehr schadlich wird fur die Menschen. Die Menschen bleiben ruhig
sitzen; die Tiere sieht man manchmal schon tagelang vorher wegzie-
hen, die Gegend verlassen ! Auch aus dem konnen Sie sehen, dafi fur
die Tiere eine Empfindung von etwas da sein kann, was man nicht
physisch wahrnimmt. Wiirde man es physisch wahrnehmen, so
wurde auch der Mensch in der Lage sein, die Sache wahrzunehmen.
Aus alledem sehen Sie, dafi es eben Verbindungen gibt, die aufier
dem Physischen in der Welt moglich sind. Nun, wenn wir auf sol-
che feinere Verbindungen eingehen, so kommen wir dazu, dafi zu-
weilen Menschen etwas in sich spuren, was sie ganz gewifi nicht
physisch haben wahrnehmen konnen. Ich will zum Beispiel sagen:
Es gibt irgendwo einen Menschen - die Dinge sind ia in Hunderten
und Tausenden von Fallen vorgekornmen -, der zuckt plotzlich zu-
sammen und sieht etwas vor sich wie ein Bild - es ist natiirlich nur
ein Traum - und er schreit und sagt: Mein Freund! - der Freund ist
aber vielleicht weit weg; der kann das in Europa erleben, der Freund
ist vielleicht in Amerika mein Freund! Dem ist jetzt etwas pas-
siert! - Es stellt sich heraus: Der ist gestorben. Also solche Dinge
sind durchaus vorhanden. Man kann da wiederum konstatieren, wie
solche Wirkungen stattfinden konnen, ohne dafi eine physische
Verbindung da ist.
Ja, man mufi nun aber schon sagen: Fur unsere Menschheit ist es
gut, dafi diese Dinge nicht allzu verbreket sind; denn denken Sie
nur, wenn Ihr Kopf geeignet ware, all dasjenige wahrzunehmen, was
der eine oder andere Mensch zum Beispiel Schlimmes iiber Sie denkt
oder sagt, dann ware das eine schlimme Geschichte! Nicht wahr, Sie
wissen ja, wenn man einen Telegraphenapparat hat, dann mufi erst
die Einrichtung erfolgt sein, der Draht mufi erst eingeschaltet sein,
dann geschieht die Ubertragung. Ebenso mufi bei der drahtlosen Te-
legraphic das hier in Ordnung sein, darf nicht weggenommen sein
Tafel 3 (auf die Zeichnung deutend), dann geschieht die Ubertragung. Nun,
im allgemeinen, beim voll gesunden Menschen ist es so, dafi der
Mensch eben nicht eingeschaltet ist in all die Stromungen, die da ge-
hen; er ist ausgeschaltet; aber in speziellen Fallen kann es allerdings
geschehen, dafi man eingeschaltet ist in irgend etwas.
Nehmen Sie also zum Beispiel an - auf Ihren Fall kann ich aus
dem guten Grunde nicht gut eingehen, weil Sie wahrscheinlich nicht
wissen, wie stark er beglaubigt ist; aber ich will auf ahnliches einge-
hen, dann werden Sie auch dieses sich erklaren konnen. Ich mochte
immer nur iiber Dinge reden, die absolut beglaubigt sind, weil man
sonst sehr leicht in die blofie Rederei hineinkommt. Sie haben den
Fall wahrscheinlich nicht selbst erlebt, sondern gelesen oder erzah-
len horen? Also nur auf das, was gut beglaubigt ist, will ich einge-
hen. Nehmen Sie an: Eine Frau A, die habe wahrend der Schwan-
gerschaft einen Streit gehabt mit einer Frau B, die in der Nachbar-
schaft wohnt. Es kommt ja vor, nicht wahr, dafi die Leute miteinan-
der streiten. Nun hat vielleicht diese Frau B, die in der Nachbar-
schaft wohnt, ganz besonders stark die Frau A verwunscht, und die
Frau A ist, als die Frau B gezetert und geschimpft hat, furchtbar er-
schrocken. Dadurch kann das Kind, das dann geboren wird, in eine
gewisse Abhangigkeit von der Frau B kommen, aber auch die Frau B
in eine gewisse Abhangigkeit zum Kind, und es kann schon vor-
kommen, dafi dadurch das Kind empfanglich wird fur dasjenige, was
sie ihm als Leibwasche oder dergleichen gibt, wenn es die Frau B
wascht. Aber auf der anderen Seite kann es auch wichtig sein fur die
Frau B, dafi sie Leibwasche bekommt; sie braucht dann, weil sie
doch ein bifichen Reue hat dariiber, dafi sie der Frau A das angetan
hat, irgend etwas aus diesem Hause, um sich fortwahrend zu beruhi-
gen; und in dem Augenblicke, wo ihr das dann entzogen wird, da
sucht sie es auf alle mogliche Weise zu bekommen. Es konnen Leute
dadurch, dafi sie so etwas bekommen wollen, ohne dafi sie von Na-
tur aus Diebe sind, allerlei Sachen entwenden. Sie werden diebisch
nur fiir diese Dinge; sie stehlen sonst nicht, aber suchen auf alle
Weise diese Dinge zu bekommen. Dann kann es allerdings sogar
vorkommen, dafi sie, wenn ihnen das entzogen wird, weil schon ein-
mal auch geistig-seelische Einfliisse auf die Gesundheit des Men-
schen vorhanden sind, dadurch an einer Art inneren Auszehrung,
an einem Auszehrfieber siechen und dahinsterben, oder sagen wir,
selbst an einem Herz- oder Nervenschlag dahinsterben. Es kann das
durchaus sein.
Man kann also sagen: Diese Dinge kommen vor in der Welt, und
diese Dinge sind auch erklarlich, weil eben, ohne dafi eine physische
Verbindung besteht, durchaus ein Einflufi von einem Menschen auf
den andern unter gewissen Verhaltnissen ausgeubt wird. Aber man
mufi dann immer auf die Veranlassung eingehen konnen. Es kann in
diesem Fall, den Sie nannten, eine ganz andere Veranlassung gewe-
sen sein. Aber wenn zum Beispiel wahrend der Schwangerschaft ein
Krakeel zwischen den beiden Frauen gewesen ware, so konnte das
die Ursache sein, dafi eine Einschaltung zwischen dieser Frau und
dem Kinde spater noch stattgefunden hat. -
Nun, meine Herren, es wurde gewunscht, dafi ich noch etwas
weiter spreche iiber dasjenige, was ich neulich ausgefuhrt habe. Ich
habe Ihnen gezeigt, wie im alten Indien in einer Zeit, die heute viel-
leicht vier- bis fiinftausend jahre zuruckliegt, die Menschen unter
ganz andern Verhaltnissen lebten. Und gerade durch diese beson-
dere indische Natur und durch die Art, wie die Volker beisammen
waren, haben diese alten Inder die Ansicht ausgebildet von dem
physischen Menschenleib.
Die Agypter wiederum, die ihr Land ganz unter dem Einflufi des
Nils gehabt haben, die sozusagen alles, was sie waren, dem Nil
verdankten, die haben, weil dadurch der Mensch auch auf den
Ather aufmerksam wird, die Anschauung von dem Atherleib des
Menschen ausgebildet.
Die in Assyrien Wohnenden und die Babylonier, die haben, weil
bei ihnen durch die besonders reine Luft, durch die Hohenlage, die
Sterne zu gewissen Jahreszeiten leicht beobachtbar waren, den
Astralleib als Anschauung ausgebildet.
Und die Juden, die eigentlich wandern mufiten in ihrer friiheren
Zeit, die nirgends zunachst sefihaft waren, erst spater sefihaft gewor-
den sind, die mehr aus dem Inneren der Menschennatur heraus ge-
dacht und empfunden haben, die haben ausgebildet die Anschauung
von dem Ich des Menschen.
So hat sich nach und nach die Anschauung von dem physischen
Leib, dem Atherleib, dem Astralleib und dem Ich ausgebildet. Sehen
Sie, das Wort Jahve heifit ja nichts anderes als: Ich bin der Ich-bin. -
Das ist die Wortbedeutung. Da wird eben, indem Jahve gilt als der
oberste Gott, durch dieses Bekenntnis zum obersten Gott auf das
menschliche Ich in klarer Weise hingedeutet.
We mi wir diese Entwickelung der Geschichte verfolgen, dann
finden wir, dafi eigentlich alle diese Volker mehr das in ihren Ge-
danken, in ihren Gefuhlen zum Ausdruck gebracht haben, was sie
erlebt haben. Der Inder hat eine fruchtbare, reiche Natur erlebt - da
ist alles in einem fortwahrenden Bluhen und Wachsen: eine reiche,
iippige Natur. Er hat also eigentlich den Reichtum des Physischen
besonders wahrgenommen, und er hat demgemafi aus seiner An-
schauung heraus die Ansicht vom physischen Leib besonders ausge-
bildet. Der Agypter wiederum, der hat gesehen, dafi ihm nur der
Nil, den man sieht, hilft; der hat deshalb die Lehre vom Ather ausge-
bildet und so weiter. Aber alle diese Menschen haben eigentlich alles
das ausgebildet, was sie erlebt haben.
Dem gegeniiber stand nun ein anderes Volk. Wir konnen sagen
(es wird eine Zeichnung entworfen) : Hier das alte Indien, hier Ara- Tafel 3
bien; hier also dann Agypten, da fliefit der Nil. Nun geht es hier her-
tiber, und hier haben wir dann gegen Afrika her gerichtet ein Land,
das sich dann an Europa anschliefit. Hier wiirde wiederum Assyrien
sein, wie ich Ihnen das letzte Mai gesagt habe, hier Agypten, hier In-
dien; hier wiirde Palastina liegen, wo die Juden ansassig waren; und
hier haben wir dann Griechenland. In diesem Griechenland sind
Volker ansassig geworden, die aus den verschiedensten Gebieten
von Asien und Europa eingewandert sind, und die also dort sich un-
tereinander vermischt haben. Sie haben auch schon urspriingliche
Einwohner gefunden, als sie eingewandert sind, aber es hat sich
dann auf dieser Halbinsel von Europa eben nach und nach das grie-
chische Volk ausgebildet. Dieses griechische Volk, das war nun
eigentlich das erste, welches, man mochte sagen, die Augen aufge-
macht hat und auch etwas gesehen hat von der Welt, was nicht nur
von innen erlebt war. Der Inder hat die Natur von innen erlebt; der
Agypter hat die Atherwirkungen erlebt; die Assyrier haben den
Astralleib an den Sternen erlebt; die Juden haben ihr Ich erlebt. Die
Griechen, die haben eigentlich zuerst, wie ich schon sagte, die Au-
gen nach aufien gerichtet und die Welt angesehen. Die anderen ha-
ben ja eigentlich die Welt nicht angesehen. So dafi man sagen kann:
Die Naturanschauung, die war weder bei den Indern und den Agyp-
tern noch bei den Babyloniern und bei den Juden besonders ent-
wickelt; sie haben nicht viel gewufit von der Natur, weil sie nicht
die Augen aufgemacht und herausgeschaut haben. Bei den Griechen
erst ist eine Naturanschauung entstanden, weil eben die Griechen
die Augen aufgemacht und nach aufien geschaut haben. Und so wird
der Mensch in Griechenland eigentlich erst auf die aufiere Welt auf-
merksam.
Sehen Sie, die Inder, die haben ganz gut gewufit : Diese physische
Welt hier, die ist ein Teil der ganzen Welt, und ich bin bei der Ge-
burt herausgekommen aus dem Geistigen; ich gehe nach dem Tode
wiederum hinein. Die Agypter haben zwar geglaubt, daS man die
Mumien erhalten miisse, damit der Mensch wiederum zuriickkom-
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:353 Seite:41
men konne; aber sie haben auch besonders auf das Geistige gesehen.
Die Babylonier haben in dem Sternenhimmel, den sie beobachtet
haben, im Astralen, den Willen der Geister gesehen. Also sie haben
auch an Geister geglaubt. Und von den Juden wissen Sie ja, dafi sie
der Anschauung waren, dafi Jehova, Jahve, sie wiederum zuriick-
fuhrt in jene alten Zeiten, in denen die Urvater gelebt haben. Also
die haben im Grunde genommen auch auf dasjenige gesehen, was
den Menschen mit der geistigen Welt verbindet.
Bei den Griechen ist das anders geworden. Die Griechen haben
eigentlich als die ersten die aufiere Welt liebgewonnen. Den frtihe-
ren Volkern lag nicht viel an der aufieren Welt. Den Griechen lag
sehr viel an der aufieren Welt; und es gibt einen griechischen Aus-
spruch, der besagt : Es ist besser, ein Bettler zu sein in der Oberwelt -
also, er meint in Griechenland, auf der Erde -, als ein Konig im
Reiche der Schatten, also der Abgestorbenen. Also die Griechen
haben vor alien Dingen die Welt liebgewonnen und haben dadurch
zuerst auch eine Naturanschauung gewonnen.
Die anderen Volker haben zum Beispiel entwickelt eine Men-
schenansicht. Bei den Indern namentlich war schon in den altesten
Zeiten eine gewisse Menschenansicht. Aber die haben diese Men-
schenansicht nicht etwa dadurch gewonnen, dafi sie den toten Men-
schen in den Seziersaal gebracht und zerschnitten haben! Wenn die
Inder das hatten machen mlissen, so hatten sie niemals ihre Men-
schenansicht gewonnen. Sondern sie haben gespurt in den einzelnen
Teilen des Menschen - das war in der Zeit noch moglich wie sich
die Leber, die Lunge verhalt. Durch innere Erkenntnis haben sie
das gewufit. Das ist dasjenige, was die Inder zu ihrer grofien Weisheit
gefiihrt hat, dafi sie durch inneres Empfinden und Fiihlen gewuik
haben, wie die Leber wirkt und so weiter. Heute weifi der Mensch
nur, wie ihm ein Stiickchen Fleisch im Munde schmeckt. Der Inder
hat gewufk, wie sich ein Stiickchen Fleisch verhalt in den Ge-
darmen, was die Leber, was die Galle tut, durch inneres Erleben, so
wie der Mensch heute die Stiickchen Fleisch, die er ifit, im Munde
spurt.
Die Agypter haben die Geometrie ausgebildet, weil sie das
brauchten. Sie mufiten immer wieder feststellen, wo die Acker lie-
gen; der Nil hat ja jedes Jahr alles uberschwemmt. Das ist auch et-
was, was man aus dem Kopf heraus spinnt. Die Babylonier haben
die Astrologie ausgebildet, die Sternenerkenntnis - also auch wieder
etwas, was nicht mit dem Irdischen zusammenhangt; sie haben kein
starkes Interesse gehabt fur das Irdische. Und dafi die Juden kein
starkes Interesse haben fur das Irdische, zeigt sich darin, wie der
Jude alles eher hat als ein eigentliches Interesse fur dasjenige, was in
der Sinneswelt um ihn herum ist; er kann gut denken, aber er hat
nicht ein eigentliches Interesse fur das, was in der Sinneswelt um ihn
herum ist.
Das Volk, das am meisten Interesse hat fur das, was in der Sinnes-
welt um einen herum ist, das sind die Griechen. Wenn man nach-
forscht, so ist es interessant, dafi man darauf kommt, dafi sie die
ganze Welt anders gesehen haben, als wir heute. Das ist sehr inter-
essant. Wir sehen heute den Himmel blau. Die Griechen haben gar
nicht einen solchen Eindruck von der blauen Farbe gehabt wie wir,
sondern sie haben den Himmel viel dunkler, fast schwarzlich gese-
hen, und einen etwas grunlichen Anstrich. Ganz besonders stark
haben sie das Rot wahrgenommen. Wir konnen uns gar nicht mehr
vorstellen mit unserer matten Rotwahrnehmung, welchen starken
Eindruck die rote Farbe auf die Griechen gemacht hat ! Gerade weil
sich in der Menschheit nach und nach die Empfindung fur das Blaue
entwickelt hat, dadurch ist die Menschheit wiederum zuriickgekom-
men von dem sinnlichen Eindruck. Also die Griechen haben zuerst
dasjenige besonders liebgewonnen, was aufier ihnen vorhanden war.
Und dadurch haben die Griechen ganz besonders dasjenige ausgebil-
det, was man heute eine Mythologie nennt. Die Griechen haben
eine ganze Gotterwelt verehrt: Zeus, Apollo, Pallas Athene, Ares,
Aphrodite; iiberall haben sie Gotter gesehen. Eine ganze Gotterwelt
haben sie verehrt, weil ihnen das, was sie liebten als aufiere Natur,
iiberall noch belebt und durchgeistigt vorkam. Nicht so tot, wie es
bei uns ist, sondern iiberall noch belebt und durchgeistigt kam es ih-
nen vor. Also sie verehrten in der Natur selber, die sie liebgewonnen
hatten, iiberall die Gotter.
Dadurch aber ist wahrend der Griechenzeit gerade fur alle diejeni-
gen Menschen, die von der griechischen Zivilisation, von der grie-
chischen Kultur, vom griechischen Geistesleben abhangig geworden
sind, vergessen worden, was eigentlich die Inder, die Agypter, die
Babylonier vom Geistigen erlebt haben.
Nun werden Sie ja wissen, meine Herren, einen wie grofien Ein-
flufi auf die ganze Entwickelung der Menschen eigentlich Griechen-
land genommen hat. Das geht ja bis heute! Wer heute seinen Sohn
ins Gymnasium schicken kann, der lafit ihn heute noch die griechi-
sche Sprache lernen. Das war fruher aber viel ausgebreiteter. Man
war fruher sozusagen ein Esel, wenn man nicht Griechisch konnte,
oder nicht wenigstens die griechischen Schriftsteller, Poeten lesen
konnte. Griechenland hat einen ungeheuer starken Einflufi auf die
Welt genommen, weil es sich zuerst interessiert hat fur diese aufiere
Welt.
Nun, wahrend in Griechenland sich dieses Interesse fur die aufie-
re Welt entwickelt, tritt in Asien druben das Bedeutsame ein, dafi
von da aus sich das Mysterium von Golgatha entwickelt hat, das
heifit, als Griechenland schon iiberwunden war, alles eigentlich
schon romische Herrschaft war. Aber was bedeutet diese romische
Herrschaft? Sie war ja ganz erfiillt von griechischem Geist. Die ge-
bildeten Romer hatten auch alle Griechisch gelernt, und wer in
Rom gebildet war, konnte eben Griechisch. Das Griechische hat
iiberall den allergrolken Einflufi gewonnen. Wahrend also das Grie-
chische sich so ausbreitete, war in Asien druben, in einer eigentlich
wenig bekannten romischen Provinz - das war dazumal Palastina,
die Juden waren iiberwunden, Palastina war romische Provinz ge-
worden - ein Mensch aufgetreten, Jesus aus Nazareth, der etwas
ganz anderes sagte, als was bisher die Menschen jemals gesagt haben.
Und Sie konnen sich vorstellen, weil er so etwas Besonderes sagte,
wurde er auch von den anderen nicht gleich begriffen. Daher ist er
in der ersten Zeit nur von wenigen begriffen worden.
Was sagte denn eigentlich diese Personlichkeit des Jesus, als er in
Palastina auftrat? Nun, diese Personlichkeit des Jesus sagte in der
Art, wie er es dazumal ausdriicken konnte: Ja, man glaubt heute -
das war das damalige «heute» - iiberall, dafi der Mensch ein Erden-
wesen ist. Das ist er aber nicht. Er ist ein Wesen, das aus der geisti-
gen Welt stammt und das, wenn es stirbt, wiederum in die geistige
Welt zuriickgeht. - Heme, wo das Christentum fast zweitausend
Jahre gewirkt hat, mufi man sich wundern, dafi so etwas damals ge-
sagt worden ist. Aber damals war es eben nicht so. Die asiatischen
und afrikanischen Vorstellungen vom Geiste waren in Griechenland
wenig bekannt, wenig ausgebreitet. Da war man mehr der Welt zu-
gewandt. Und daher war schon insbesondere auch gegen das ver-
weltlichte Griechentum, wie es in Rom war, dasjenige, was der Jesus
aus Nazareth zunachst lehrte, etwas ungeheuer Bedeutendes.
Aber damit hatte er noch nichts anderes getan, als dafi er dasjeni-
ge, was schon die fruheren Volker, die Inder, die Agypter und so
weiter auch gesagt haben, wiederum hatte auferstehen lassen. Es ware
nur dasjenige wiederum auferstanden, was ich Ihnen eben erzahlt
habe; es ware nur das wiedergekommen, was schon da war. Aber
jener Jesus aus Nazareth hat nicht nur dasjenige wiederum aufge-
warmt, was schon da war, sondern er hat auch noch folgendes ge-
sagt. Er hat gesagt : Ja, wenn ich heute nur auf dasjenige hingehort
hatte, was mir die Menschen sagen konnen, so ware ich gar nicht auf
die Lehre vom Geist gekommen, denn die Menschen wissen gar
nicht mehr in Wirklichkeit etwas vom Geiste. Das ist mir gekom-
men von aufierhalb der Erde. - Und so ist er sich bewufit geworden,
dafi er nicht blofi der Jesus war, sondern dafi in seiner Seele eine We-
senheit aufgegangen ist, die der Christus war. Der Jesus, der war fiir
ihn derjenige, der auf der Erde aus dem Mutterleib geboren ist. Der
Christus war derjenige, der in seine Seele hineingestromt ist erst in
spaterer Zeit. Dadurch ist in seiner Seele die Wahrheit aufgegangen,
dafi die Menschen geistiger Natur sind.
Jetzt miissen wir uns einmal fragen : Wie sind denn die verschie-
denen alten Lehren in Indien, in Agypten, in Babylonien und auch
unter den Juden gepflegt worden ? W enn Sie sich heute in dem geisti-
gen Leben umsehen, so finden Sie auf der einen Seite die Kirche, auf
der anderen Seite die Schulen. Hochstens streiten sich die Herrscher
der Kirche mit den Beherrschern der Schulen, wie grofi der Einflufi
von dem einen auf das andere sein soli; aber abgesondert ist es von-
einander. Das war bei diesen alten Volkern weder bei den Indern
noch den Agyptern noch den Babyloniern noch auch bei den Juden
der Fall. Alles, was dazumal mit Religiosem verkniipft war, war zu
gleicher Zeit mit den Schulen verkniipft; es war eines, der Kirchen-
dienst und der Schuldienst. Vieles davon hat sich natiirlich noch in
unsere Zeit herein verpflanzt; aber so ist es eben nicht, wie es in al-
ten Zeiten war, daft der Priester zugleich der Lehrer war. Der Prie-
ster war der Lehrer sowohl in Indien wie in Agypten, Babylonien
und so weiter. Der Priester war der Lehrer. Und wo lehrte er? Nun,
er lehrte dort, wo man auch den Gottesdienst verrichtete, wo man
den Kultus hatte. Der Kultus war iiberhaupt mit dem Lehren ganz
verbunden. Das waren die Mysterienstatten. Man hatte nicht Kirche
und Schule, sondern man hatte solche Orte, also solche Institute, die
beides zugleich waren, und die wir heute Mysterien nennen. Aber es
war da iiberall die Ansicht, daft man vorsichtig sein mufi mit alldem,
was da gelernt werden kann.
Sehen Sie, meine Herren, das war eben eine alte Anschauung: daft
der Mensch erst reif sein soil dazu, wenn er ein bestimmtes Wissen
bekommt. Das ist heute ganz verlorengegangen. Und so hat man
iiberall diejenigen, welche die hochste Wiirde hatten in den Myste-
rien, die «Vater» genannt. Es ist davon noch zuriickgeblieben, zum
Beispiel in der katholischen Kirche, daft man gewisse Priester die
Patres nennt, die Vater. In den alten Zeiten, sowohl bei den Indern,
den Agyptern, den Babyloniern und so weiter, iiberall waren dieje-
nigen, die eigentlich eingeweiht waren in das Wissen, die Erkennt-
nisse hatten, die «Vater» genannt worden. Und wenn diese Vater
dann gelehrt hatten diejenigen, die aufgenommen worden sind, von
denen sie geglaubt haben, daft sie sie reif machen konnen, dann hat-
ten sie sie auch erst, so wie sie «Vater» genannt worden waren, die
«S6hne» genannt. Und alle ubrigen Menschen, die nicht in die My-
sterien hinemkamen, die nicht aufgenommen wurden, die nannte
man die «Kinder» der Vater; oder man sagte auch zu ihnen: Sonne
und Tochter. Nun, Sie konnen begreifen, daft sich da eine bestimm-
te Anschauung herausgebildet hat. Diese Anschauung bestand darin-
nen, dafi die Menschen, die dazumal viel glaubiger waren als sie heu-
te sind, wirklich auch im geistigen Sinne diejenigen, die in den My-
sterien waren, als ihre Vater empfunden haben; sie haben gern sie als
ihre Vater angesehen, als ihre geistigen Vater. Und sie haben vor al-
ien Dingen geglaubt : Diese geistigen Vater stehen mit den Gottern
in einem engeren Verkehr als sie draufien; sie draufien miissen erst
die Botschaft, die Kundschaft von den Vatern empfangen. Und so
sind allmahlich die Menschen stark abhangig geworden von den Va-
tern. Der Zustand, den heute die katholische Kirche, ich glaube, von
Herzen gern herstellen mochte, der ist in den alten Zeiten das Selbst-
verstandliche gewesen. Es war iiberall so. Da hat sich auch kein
Mensch dagegen aufgelehnt. Man hat eben gesagt : Wenn man rich-
tig Mensch sein will, dann mufi man entweder selber ein Vater sein,
dann verkehrt man direkt mit den Gottern, oder man mufi eben
von den Vatern etwas von den Gottern erfahren. - Man ist also ein
Mensch dadurch, dafi einem diejenigen, die in den Schulen, in den
Mysterien sind, etwas sagen. Dadurch entstand der Unterschied zwi-
schen Gotteskindern und Menschenkindern, Gottessohnen und
Menschensohnen. Diejenigen, die in den Mysterien waren, nannte
man die Gottessohne, weil sie wiederum zu den Gottern aufschau-
ten wie zu den Vatern. Aber diejenigen, die draufien lebten, denen
dann nur verkiindet wurde, was in den Mysterien war, die nannte
man die Menschenkinder oder Menschensohne. Und so unterschied
man die Menschen in Gottersohne und in Menschensohne oder
Menschenkinder. Heute kommt das dem Menschen sogar lacherlich
vor, aber dazumal war das ganz natiirlich. Heute unterscheidet er
zwar - wenn auch nicht gerade in der Schweiz, aber ich weifi nicht,
ob da etwas Ahnliches auch trotzdem ein bifichen Platz greift; aber
gleich in den Nachbarlandern -, jetzt hat es etwas aufgehort, aber es
ist noch nicht lange her, da unterschied man zwar Exzellenzen von
gewohnlichen Menschen, die Barone von gewohnlichen Menschen;
das nahm man mehr als selbstverstandlich hin. Aber in der alten
Zeit war es eben ganz etwas Selbstverstandliches, dafi man unter-
schied zwischen Gottersdhnen, Gotterkindern und Menschen-
kindern.
Derjenige, der sich dann Christus Jesus genannt hat, der so genannt
wurde, der sagte: Ein Gottessohn, ein Geisteskind wird man nicht
durch einen anderen Menschen, sondern jeder wird es durch Gott
selber. Es kommt nur darauf an, dafi man sich dessen bewufit wird. -
Der alte Mensch sagte : Der Vater aus den Mysterien, der mufi einem
das zum Bewufitsein bringen. - Der Christus Jesus sagte : Man tragt
schon den Keim des Gottlichen in sich, und man kann ihn, wenn
man sich nur richtig anstrengt, selber aus sich herausholen.
Damit aber hat der Christus Jesus dasjenige gelehrt, was die Men-
schen iiber die ganze Erde in der Seele gleich macht. Und der grofite
Unterschied, der durch den Christus Jesus iiberwunden worden ist,
das ist der zwischen Gottersohnen und Menschensohnen.
Die Leute haben dies dann in aller moglichen Weise mifiverstan-
den - die Alten, weil sie nicht wollten, dafi das aufkommt, nicht
mehr zu unterscheiden zwischen Gottersohnen und Menschenkin-
dern, die Spateren, weil sie iiberhaupt nicht mehr gewufit haben,
was damit gemeint war. Geradeso wie die Spateren nicht mehr den
Fasching gekannt haben, so haben sie auch nicht mehr gewufit, was
mit «Gottersohnen» und «Menschens6hnen» gemeint war. Daher ist
in die Bibel, in das Neue Testament fortwahrend hineingekommen,
dafi der Jesus Christus einmal der Gottessohn und einmal der Men-
schensohn genannt wird, wahrend all die Stellen, die von dem Got-
tessohn und dem Menschensohn reden, eigentlich meinen, dafi man
beides in dem gleichen Sinne gebrauchen kann; deshalb wird ab-
wechselnd davon geredet. Aber wenn man das nicht weilS, dafi das
dazu gefuhrt hat, kann man eigentlich die Evangelien gar nicht ver-
stehen. Und sie werden eigentlich heute in sehr schlechtem Sinne
verstanden gerade von denjenigen, die sich dazu bekennen.
Damit haben Sie gefuhlsmafiig dargestellt, was eigentlich durch
den Christus Jesus in die Welt gekommen ist. Und wenn ich zu-
nachst heute auf die aufieren Dinge eingehe, so mufi ich sagen: Se-
hen Sie, iiberall gab es auch sonstige grofie Unterschiede zwischen
den Menschen. Man braucht nur an das alte Indien zu denken. Da
wurden unterschieden, wie die Tiere oder Tierklassen : die Brahma-
nen, die Priester, die Landleute, die Arbeitenden. Die Agypter wie-
derum hatten ein ganzes Heer von Sklaven. Die Kasten waren nicht
so streng voneinander abgegrenzt, aber sie waren doch auch in ei-
nem gewissen Sinne vorhanden. Ja, noch in Griechenland und Rom
gab es den Unterschied zwischen Freigeborenen und Sklaven. Diese
aufieren Unterschiede, die sind nur dadurch in der neueren Zeit
weggewischt worden in der Geschichte, weil der Unterschied weg-
gewischt worden ist zwischen Gotterkindern und Menschenkin-
dern. Also es war schon auch auf das ganze soziale Leben der
Menschheit ein ungeheurer Einflufi ausgeubt worden von dem, was
durch den Christus Jesus in Palastina geschehen ist.
Aber nun kann man tatsachlich bei allem fragen: Ja, ist es denn
so, dafi aufgefunden werden kann, woher eigentlich das Geistige von
aufierhalb der Erde in den Menschen hereinkommt? - Sehen Sie, in
dieser Beziehung ist es heute sogar sehr schwer zu reden, denn heute
wird eigentlich alles nur materialistisch betrachtet. Zum Beispiel, sa-
gen wir, die Sprache. Sie wissen ja, es werden verschiedene Sprachen
in verschiedenen Gebieten, verschiedenen Landern der Erde gespro-
chen; aber dennoch, die Sprachen haben alle eine geheime Ahnlich-
keit. Es braucht ja die Ahnlichkeit nicht so auffallig zu sein, wie,
sagen wir, in Deutschland und in England, in Deutschland und in
Holland. Aber dennoch, es ist schon so, dafi die Sprachen, trotzdem
sie verschieden sind, eine gewisse Ahnlichkeit haben. Man kann fin-
den, dafi zum Beispiel die Sprache, die in Indien geredet wird, wenn
man es auch nicht ohne weiteres versteht, wenn man darauf eingeht,
so sind doch die einzelnen Wortbilder zum Beispiel der deutschen
Sprache ahnlich.
Nun, was sagen da die Leute, die heute so etwas erklaren wollen?
Sie sagen: Nun ja, solch eine Sprache ist an einem Orte der Erde ent-
standen - weil alles nur von der Erde herruhren soil -, dann sind die
Volker gewandert, haben die Sprache irgendwo anders hingetragen,
da hat sie sich etwas verandert. Aber das stammt alles von einer
Sprache ab.
Das ist der grdlke wissenschaftliche Aberglaube, der in der neue-
ren Zeit herausgekommen ist. Denn sehen Sie, meine Herren, dieser
wissenschaftliche Aberglaube, der ist gerade so, wie das Folgende
ware. Denken Sie sich, ein Mensch lebt in Indien, und er wird, wenn
die Sonne scheint, warm. Nun, da bildet sich die Ansicht : Der Mensch
kann warm werden. - Nun entdecken spater die Menschen in Europa,
dafi sie auch im Sommer warm werden. Sie werden auch warm. Jetzt
nehmen sie nicht ihren Verstand zu Hilfe, sondern die Sinne. Sie sa-
gen: Dafi man warm wird, das kann man aus der Gegenwart nicht
erklaren; aber im alten Indien, da sind die Menschen warm geworden;
die sind ausgewandert nach Europa und haben die Eigenschaft, warm
zu werden, nach Europa verpflanzt. - J a, meine Herren, wenn das
einer sagt, so ist er natiirlich verriickt. Aber die Sprachgelehrten sa-
gen dasselbe! Die sagen nicht, wenn eine Sprache in Europa ahnlich
ist einer Sprache in Indien, dafi in Indien derselbe Einflufi von
aufierhalb der Erde gewirkt hat wie in Europa, sondern sie sagen:
die Sprache ist hingewandert! Wenn in zwei Gegenden ein Mensch
warm wird, so wird man nicht sagen, der hat die Eigenschaft, warm
zu werden, durch Wanderung hierhergebracht, sondern man blickt
auf zu der gemeinsamen Sonne, und die warmt sowohl den in Indien
wie den in Europa. Wenn man zwei Sprachen findet, die einander
ahnlich sind an entfernten Orten, so riihrt das nicht davon her, dafi
die Sprache hiniibergewandert ist, sondern dafi der gemeinsame Ein-
flufi, geradeso wie der Einflufi der Sonne fur die ganze Erde da ist,
der gemeinsame Einflufi vom Aufierirdischen auf die Volker der ver-
schiedensten Erdgebiete wirkt. Aber weil die Menschen durchaus
nicht zugeben wollen, daft ein aufierirdischer Einflufi im Geistigen
stattfindet, so sinnen sie allerlei Dinge aus, bei denen man nur nicht
merkt, dafi sie verriickt sind, weil sie so gelehrt sind. Wenn die Men-
schen sich nicht furchteten davor, dafi man sie fur verriickt halten
wiirde, so wiirden sie ja auch iiberall ableugnen, dafi die Sonne
warmt, sondern sie wiirden sagen: In Urzeiten ist einmal die Eigen-
schaft entstanden, warm zu werden, und das hat sich verpflanzt iiber
die ganze Erde. - Sie wiirden den Sonneneinflufi ableugnen, wenn
das nicht verriickt ware! - Das ist etwas, was man beriicksichtigen
mufi, wenn man die Entstehung des Christentums verstehen will.
Fur die weitere Beantwortung ist es heute schon zu spat; dariiber
konnen wir dann nachsten Samstag sprechen.
DRITTER VORTRAG
Dornach, 8. Marz 1924
Guten Morgen, meine Herren! Ich werde nun also heute fortfahren
in den Betrachtungen, die wir angefangen haben. Nicht wahr, die
Situation machen Sie sich da ganz klar: Im Osten drtiben ist Asien.
Von Asien kam man im Altertum heruber nach Europa, nach Grie-
chenland, direkt langs einer ganzen Reihe von Inseln. Die Sache war
also so (es wird gezeichnet) : Hier endete Asien; hier ging es hinuber Tafel 4
nach Afrika; da war der Nil, von dem ich Ihnen viel gesprochen
habe. Hier ist Griechenland, hier das Adriatische Meer, und hier ist
Italien, hier dann die Insel Sizilien. Hier war en also eine Menge In-
seln, Samos, Rhodos, Zypern und so weiter, und auf diesen Inseln
kam man von Asien heruber nach Griechenland. Hier ware Grie-
chenland, hier das Romische Reich, das heutige Italien.
Nun miissen Sie sich einmal folgendes richtig ins Gedachtnis ru-
fen, meine Herren. Sehen Sie, in Griechenland hat sich, man kann
sagen, etwa vom Jahre 1000, 1200 vor Christi Geburt an, alles das
entwickelt, wovon ich Ihnen erzahlt habe, dafi dadurch die Men-
schen eben gelernt haben, die Welt anzuschauen. Aber schon, man
kann sagen, vom 4., 3. Jahrhundert vor Christus an ging allmahlich
in Griechenland die Herrschaft verloren, und sie ging iiber nach
Rom. Das war ja die Hauptstadt. - Die Sache war so gegangen, daft
in den altesten Zeiten immer mehr Griechen, solche die mehr oder
weniger unzufrieden waren in Griechenland, ausgewandert sind und
hier, sowohl in Sizilien wie hier in Unteritalien, sich angesiedelt ha-
ben. Dadurch hat sich durch ein halbes Jahrtausend, vier- bis funf-
hundert Jahre, die griechische Kultur ganz heriibergezogen, so dafi
Unteritalien und Sizilien damals genannt wurden: Grofigriechen-
land. Man bezeichnete sogar die alte griechische Heimat blofi als
Griechenland, und das andere bezeichnete man ais Grofigriechen-
land. Es haben sich nicht etwa blofi Unzufriedene dorthin gewandt,
sondern es sind Leute hingegangen wie der grofie Philosoph Plato,
der dort einen Musterstaat begriinden wollte. Und es haben eigent-
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:353 Seite:51
lich die wichtigsten Leute, die die Kultur gemacht haben, in Unter-
italien gelebt. Und man mufi schon sagen: Es ist in Unteritalien, hier
im Siiden, ein feines, gebildetes Leben gewesen, wahrend sich von
oben aus die brutale, spater als Romertum bezeichnete Herrschaft
verbreitet hat.
Sie wissen ja, dafi die ursprungliche Bevolkerung Roms auf eine
sehr merkwurdige Art entstanden ist: Es wurde zusammengerufen
von Hauptlingen, von denen der Name Romulus besonders bekannt
geworden ist, alles dasjenige, was an Halunken in der Umgegend
war. Alle Halunken von der Umgebung wurden zusammengerufen
in Rom, und mit denen wurde ursprunglich der erste romische
Rauberstaat gebildet. Es ist dann ja auch die Raubergesinnung noch
fortgesetzt worden unter den ersten romischen Konigen. Aber sehr
bald machte sich geltend, schon unter dem vierten und fiinften
Konig, dann die Ansiedelung und Einwanderung eines nordlichen
Stammes, der Etrusker. Das waren wiederum Menschen, man kann
schon so sagen, die dann sich vermischten mit den Nachkomm-
lingen der Rauber, und es ist dadurch wiederum ein menschlicher
Zug in das Romertum hineingekommen. Aber alles dasjenige, was
Rom eigentlich spater an Weltherrschaft begriindet hat, was dann
ubergegangen ist bis in unsere Zeit in die Menschheit an Herrschafts-
geliisten, das stammt eigentlich - man darf sich daruber keinen
Illusionen hingeben - aus dieser ursprunglichen Halunkenkolonie,
die gegriindet worden ist auf den sieben Hiigeln von Rom. Nur
hat sich da alles mogliche driiber gegossen; die Sache ist natiir-
lich furchtbar verfeinert worden, aber man begreift eben die
Sache, wie das spater gemacht worden ist, nicht, wenn man nicht
weifi, dafi da eine ursprungliche Rauberkolonie aus den Waldern
zusammengesammelt war. Daraus sind dann auch alle iiber
Europa ausgestromten Herrschaftsgeliiste und dergleichen gekom-
men, die noch heute eine so grofie Rolle spielen. Es hat sich
auch in Rom herausgebildet dasjenige, was dann immer mehr und
mehr die Kirche verflochten hat mit der weltlichen Herrschaft.
Und dadurch sind dann die Zeiten des Mittelalters entstanden und
so weiter.
Nun, sehen Sie, im Anfange unserer Zeitrechnung geschah das
Mysterium von Golgatha. Nicht wahr, die romische Herrschaft
wurde begriindet, wie ich es Ihnen jetzt geschildert habe, im 8.
vorchristlichen Jahrhundert. Damals also, sieben Jahrhunderte nach
Begrundung der romischen Herrschaft, war aber diese Herrschaft
weit ausgebreitet, bildete ganze Gebiete bis hiniiber nach Asien.
Auch da, wo das Mysterium von Golgatha stattfand, war die romi-
sche Herrschaft uberall ausgebreitet. Die in Palastina wohnenden
Juden, unter denen Jesus von Nazareth auftrat, waren auch unter
der romischen Herrschaft. Es wird gut sein, nach alldem, was wir
iiber das Mysterium von Golgatha gesprochen haben, auch ein we-
nig Rucksicht zu nehmen auf dasjenige, was sich eigentlich auf der
italienischen Halbinsel seit altesten Zeiten abgespielt hat.
Es ist tatsachlich so, dafi man sagen mufi : Europa versteht eigent-
lich nur noch dasjenige, was bis ins Romertum zuriickgeht. Unsere
sogenannten gebildeten Leute haben zwar immer Griechisch ge-
lernt, aber vom Griechentum ist eigentlich in Europa sehr wenig
verstanden worden. Sehen Sie, es ist nun sehr interessant, dafi hun-
dert Jahre, nachdem das Mysterium von Golgatha stattgefunden hat-
te, einer der allerbedeutendsten romischen Schriftsteller, namlich
Tacitus, einen einzigen Satz iiber den Christus Jesus in seinem urn-
fangreichen Geschichtswerke schreibt! Dieser Tacitus hat in einer
Art, wie man uberhaupt spater gar nicht mehr schreiben konnte,
zum Beispiel die alten Germanen, die Vorfahren der Deutschen ge-
schildert, hundert Jahre nach dem Mysterium von Golgatha. In sei-
nen Schriften findet sich iiber den Christus Jesus nur ein einziger
Satz, der heifit: Der sogenannte Christus hat unter den Juden eine
Sekte gegriindet, und ist dann nach gerichtlichem Urteil hingerich-
tet worden. - Das nur hat der gebildete Romer Tacitus, hundert Jah-
re nachdem in Palastina das Christentum begriindet worden ist, ge-
sagt! Sie konnen sich also denken: Die Schiffe sind fortwahrend
hin- und hergefahren, alles mogliche an Handelsbeziehungen, ja
auch an Beziehungen geistiger Art hat sich entwickelt, und in Rom
hat man hundert Jahre spater nicht mehr Notiz genommen vom
Christentum als diese Notiz, dafi da eine Sekte begriindet worden ist
und der Begriinder nach richtigem gerichtlichem Urteil hingerichtet
worden ist!
Nun, dazu kommt allerdings, dafi bei den Romern, trotzdem
man das Romische Reich noch nicht einen Staat nennen kann - der
richtige Begriff des Staates kommt eigentlich erst im 16. Jahrhundert
in Europa auf -, aber schon, ich mochte sagen, die staatliche Gesin-
nung da ist. Eigentlich ist aus dem Rdmertum herausgewachsen das-
jenige, was dann Staatsgesinnung geworden ist. Man kann also sa-
gen : Tacitus war schon von solcher Staatsgesinnung durchdrungen,
dafi ihm als das Wichtigste an dem Christus Jesus erschienen ist, dafi
er nach richtigem gerichtlichem Urteil hingerichtet worden ist. Das
ist das eine.
Dann aber miissen Sie bedenken: Das Christentum war anfangs
durchaus nicht so, wie es sich spater herausgebildet hat. Das Chri-
stentum hatte urspriinglich einen wirklich freien Zug. Und man
kann schon sagen: Es waren die verschiedensten Ansichten da, die
nur sich alle darinnen fanden, dafi sie in dem Christus Jesus etwas
Besonderes sahen; aber sie haben sonst die verschiedensten Ansich-
ten gehabt.
Nun, meine Herren, Sie werden nur verstehen, was eigentlich mit
dem Christus Jesus in die Welt gekommen ist, und warum es letzt-
hin notwendig war, dafi ich Sie hinwies darauf, wie die Erden-
Umwelt einen Einflufi auf die Erde hat, selbst in der Sprache, Sie
werden es nur verstehen, wenn ich jetzt versuche, Ihnen zu zeigen,
wie eigentlich als Lehre, als Ansicht, als Weltansicht, als Lebensan-
sicht das Christentum sich gebildet hat und wie der Christus Jesus in
diese Bildung des Christentums eingegriffen hat. Es ist doch etwas
ganz Besonderes, zu sehen: Da in Jerusalem, da wird das Christen-
tum begriindet; hundert Jahre darnach weifi der gebildetste Romer
noch nicht mehr von ihm, als was ich Ihnen gesagt habe! Aber fort-
wahrend wandern die Leute jetzt auch von Asien durch Afrika nach
Italien hiniiber. Und unter der Oberflache, mochte ich sagen, des-
sen, was man in Rom als Menschheit betrachtet, breitet sich diese
christliche Sekte aus. Und als der Tacitus das, was ich Ihnen sagte,
schrieb, da waren in Rom die Christen, die Christianer, wie man sie
nannte, schon langst da unter dem Volk, um das sich ein vornehmer
Romer nicht kiimmerte, ausgebreitet.
Aber was tat man denn mit den Christen? Ja, sehen Sie, die Nach-
kommen Romulus*, des Raubers, die waren mit der Zeit auch auf
einem Standpunkt angekommen, wo sie «recht gebildet» geworden
waren. Namlich ihre Bildung bestand darinnen, dafi sie unter ande-
rem grofie Arenen bauten; da fanden Kampfe mit wilden Tieren
statt. Man hatte eine grofie Lust, diejenigen, die nicht im romischen
Sinne zur Menschheit gerechnet wurden, den wilden Tieren vorzu-
werfen und sich zu ergotzen daran, wie sie aufgefressen wurden,
nachdem sie mit ihnen erst kampfen mufiten. Das war ein «feiner»
Genufi zum Beispiel. Nun, die verachtete Sekte der Christen eignete
sich da ganz besonders dazu, von den wilden Tieren aufgefressen zu
werden, als man in Rom so dachte, wie ich es Ihnen angedeutet ha-
be; sie eigneten sich auch ganz besonders gut dazu, mit Pech angestri-
chen zu werden, so dafi man sie anziinden konnte und dann als Fak-
keln im Zirkus ansehen konnte. Aber die Christen fanden Moglich-
keiten, trotzdem zu leben. Und das konnten sie dadurch erreichen,
dafi sie unbemerkt ihre Zeremonien und so weiter abhielten. Das,
was sie fur das Richtige hielten zur Verbreitung, das verbreiteten sie
unter der Erde, in den Katakomben. Katakomben sind weite Raume
unter der Erde. In diesen weiten Raumen unter der Erde gruben die
Christen diejenigen Toten ein, die sie gern hatten. Da waren die
Graber, und auf den Grabern wurden die Gottesdienste, die gottes-
dienstlichen Handlungen abgehalten. - Das war iiberhaupt Sitte in
der Zeit, dafi man iiber den Grabern die gottesdienstlichen Hand-
lungen hielt. Daher konnen Sie heute noch sehen, wenn Sie sich ei-
nen Altar in einer katholischen Kirche anschauen: das ist ja in Wirk-
lichkeit eine Grabstatte (es wird gezeichnet), und dadrinnen sind Tafel 4
zum Beispiel noch sogenannte Reliquien, die Gebeine von Heiligen rec ^ ts
und so weiter. In der altesten Zeit war der Altar iiberhaupt ein wirk-
licher Grabstein, und darauf hielt man die gottesdienstlichen Hand-
lungen ab. Aber unter der Erde, in diesen Katakomben, konnten die
Christen in den ersten Jahrhunderten verbergen, was sie zu tun
hatten.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:353 Seite:55
Und wenn man ein paar Jahrhunderte spater schaut, dann veran-
dert sich das Bild ganz bedeutend. Da geschieht das Folgende. Sehen
Sie, die Romer, die safien in den ersten Jahrhunderten nach der Be-
griindung des Christentums oben und ergotzten sich so, wie ich es
Ihnen erzahlt habe, und unten in den Katakomben safien die Chri-
sten. Nach ein paar Jahrhunderten sind die Romer verschwunden
gewesen, und die Christen traten die Weltherrschaft an. Ob sie es
besser gemacht haben oder schlechter, das wollen wir bei einer ande-
ren Gelegenheit besprechen; aber sie traten die Weltherrschaft an.
Und das ist dasjenige, was dem Christentum gerade zum grofiten
Schaden gereicht hat, dafi es verbunden wurde mit der Weltherr-
schaft; denn das religiose Leben vertragt eben immer weniger in der
Weltgeschichte die Verquickung mit der aufieren Staats- und Welt-
herrschaft.
Die Sache ist nun die folgende : Die Bildung des Christentums, die
Teilnahme des Christus Jesus an der Bildung des Christentums kann
man nur verstehen, wenn man weifi, wie das religose Leben, das uber-
haupt alles durchdrungen hat, in den alten Zeiten war. Ich habe Ih-
nen schon gesagt : da bestanden in den alten Zeiten die sogenannten
Mysterien. Nun, sehen Sie, die Mysterien, die waren - wenn ich ein
modernes Wort gebrauchen wiirde, wiirde man sagen Anstalten -,
die Mysterien waren die Anstalten, wo man alles, was iiberhaupt ein
Mensch lernen konnte, lernte. Aber sie waren zugleich die Religions-
anstalten und die Kunstanstalten. Alles geistige Leben ging von den
Mysterien aus. Und das Lernen war in den altesten Zeiten nicht so
wie es heute ist. Wie ist denn schliefilich das Lernen heute? Das Ler-
nen ist heute so, nicht wahr, dafi man im Gymnasium oder in der
Realschule eingedrillt wird; nachher macht man Universitatsjahre
durch, und man ist dadurch kein anderer Mensch geworden. Aber
in den Mysterien, da wurde man ein anderer Mensch. Da mufite man
zu der ganzen Welt ein anderes Verhaltnis gewinnen. In den Myste-
rien, da mufite man weise werden. Heute wird durch die Anstalten,
die in der Welt sind, iiberhaupt kein Mensch mehr weise; er wird
hochstens gelehrt. Aber zwei Dinge sind miteinander vereinbar, und
zwei Dinge sind nicht miteinander vereinbar: Weisheit mit Dumm-
heit ist nicht gut vereinbar, aber Gelehrtheit ist mit grofier Dumm-
heit sehr gut vereinbar. Also das ist es einmal: In den alten Myste-
rien wurden ja Weise gemacht; man wurde ein Mensch, der vom
Geistigen durchdrungen war. Man wurde ein Mensch, der das Gei-
stige ernst nehmen konnte. Und man mufite sieben Stufen durchma-
chen. Bis zu der hochsten Stufe kamen die wenigsten Leute. Diese
sieben Stufen, die hatten Namen, die man erst verstehen mufi, damit
man weifi, was die Menschen, die auf diesen Stufen waren, zu tun
hatten.
Wenn man dasjenige ubersetzt, was der zu tun hatte, der in die
Mysterien zuerst aufgenommen wurde, so kommt man auf den Aus-
druck «Rabe». Also die erste Stufe waren die sogenannten Raben.
Wer also aufgenommen wurde in die Mysterien, der wurde ein Ra-
be. Was hatte der Rabe zu tun? Nun, der Rabe, der hatte dies zu tun,
dafi er vor alien Dingen den Verkehr vermittelte zwischen der
Aufienwelt und den Mysterien. Zeitungen gab es ja dazumal noch
nicht. Die ersten Zeitungen sind erst Jahrtausende spater entstan-
den, als die Buchdruckerkunst gekommen war. Diejenigen, die in
den Mysterien ihren Lehrberuf hatten, die mufiten sich unterrichten
durch vertrauensvolle Leute, die sie hinausschicken konnten und die
die Welt beobachteten. Also man konnte auch sagen, die Raben
waren einfach die Vertrauensleute derjenigen, die in den Mysterien
waren. Und das mufite man zuerst lernen, wirklich ein Vertrauens-
mann zu sein. Heute werden viele Leute, insbesondere bei Parteien
und so weiter, als Vertrauensleute angestellt, aber man fragt sich, ob
diese Vertrauensleute auch immer vertrauenswurdig sind! Diejeni-
gen, die hier - in den Mysterien - als Raben angestellt wurden,
wurden nur dann, wenn sie ausgeprobt waren, als Vertrauensleute
betrachtet. Sie mufiten vor alien Dingen lernen, dasjenige, was sie
sahen, recht ernst zu nehmen und es der Wahrheit gemafi in den
Mysterien berichten. Also man mufite in jener Zeit auch erst lernen,
was eigentlich die Wahrheit im Menschen bedeutet. Man kann gewifi
sagen: Weniger verlogen als heute die Menschen sind, waren schon
die Menschen im Altertum auch nicht. Aber heute tragi man die
Verlogenheit iiberall hinein, dazumal aber mufite nian erst lernen,
ein wahrer Mensch zu sein. Und das muftte man sich aneignen,
wenn man jahrelang Rabe war, ein Vertrauensmann der Mysterien.
Die zweite Stufe nun, die ist etwas, was dem heutigen Menschen
ganz unsympathisch ist: die zweite Stufe ist diejenige der sogenann-
ten «Okkulten». Okkult heifit: verborgen, geheim. Die wurden
nicht mehr ausgeschickt, sondern die hatten jetzt durch eine gewisse
Zeit hindurch etwas zu lernen, was der moderne Mensch nicht gern
lernt, namlich Schweigen. Und das war eine Lehrstufe in diesen
alten Mysterien, das Schweigen zu lernen. Ja, es wird Ihnen selber
ganz grotesk vorkommen, ganz spafiig vorkommen, dafi man da
durch ein Jahr mindestens, auch langer, einfach schweigen mufite!
Aber es ist wahr. Durch das Schweigen lernt man ungeheuer viel;
furchtbar viel lernt man durch das Schweigen. Heute ist das ja nicht
mehr durchfuhrbar. Denn denken Sie, wenn in unseren Schulen auf-
erlegt wurde - was wirklich ganz nutzlich ware zum Erreichen der
Weisheit - den jungen Leuten zwischen dem achtzehnten und zwan-
zigsten Jahre, ein Jahr zu schweigen, statt zum Militar zu kommen,
dann wurden sie allerdings durch dieses Schweigen furchtbar weise
werden! Doch man kann das heute nicht mehr durchfuhren. Aber
etwas anderes ist schon durchfuhrbar. Gewifi, man kann den Leuten
das nicht abgewohnen, die wollen heute nicht schweigen, sondern
schwatzen, und jeder Mensch weifi alles sehr gut, und wenn man
einen Menschen heute trifft, so hat er vor alien Dingen dasjenige, was
man einen Standpunkt nennt. Jeder hat einen Standpunkt. Natur-
lich hat jeder einen Standpunkt; aber von jedem Standpunkt aus
sieht auch die Welt anders aus, und das ist demjenigen, der das Le-
ben kennt, nichts Neues, ganz selbstverstandlich : Wenn Sie hier ste-
hen, schaut dieser Berg anders aus, als wenn Sie driiben stehen wur-
den. So ist es auch im geistigen Leben. Jeder hat seinen Standpunkt
und jeder kann etwas anderes sehen. Und wenn ein Dutzend Men-
schen beisammen sind, nun, heute haben sie natiirlich dreizehn Mei-
nungen! Das ist nicht notwendig. Aber dafi sie zwolf Standpunkte
haben, das braucht einen nicht zu verwundern; nur mufi man das
auch nicht fiir so wichtig nehmen. Aber es nimmt jeder seinen eige-
nen Standpunkt fiir sich meistens sehr wichtig, furchtbar wichtig!
Friiher aber mufiten die Leute in den Mysterien iiber dasjenige, was
sie lernen sollten, einfach schweigen, nur Zuhorer durften sie sein.
Man konnte sie im Okkulten nur «Zuh6rer» nennen, weil sie zuho-
ren mufiten. Heute nennt man namlich diejenigen, die an unsere
Hochschulen kommen - indem man das «Zu» weggelassen hat -,
«H6rer», nicht mehr Schuler. Aber sie sind oftmals nicht mehr H6-
rer, sondern sie sind Schwatzer. Und mancher betrachtet auch das
Schwatzen mit den Kameraden fur viel wichtiger als das Zuhdren in
den Horsalen. Manchmal ist auch das Zuhoren nicht mehr dasjeni-
ge, was besonderen Ernst hervorbringt. - Nun, das war die zweite
Stufe. Da konnten die Leute das Schweigen lernen. Und im Schwei-
gen pragt sich besonders stark aus - wie Ursache und Wirkung
hangt das zusammen -, dafi das Innere des Menschen anfangt, zu
ihm zu reden. Da kommt der Mensch eben darauf. Denken Sie sich,
Sie haben ein Bassin mit Wasser; wenn Sie nun einen Schlauch anle-
gen und das Wasser, das im Bassin ist, ableiten, dann rinnt eben das
Wasser fort - wenn es keine Quelle ist, sondern nur ein Bassin -,
und es ist nichts mehr drinnen. Und so ist es, wenn der Mensch fort-
wahrend schwatzt: da rinnt alles mit den Worten nach aufien, da
bleibt nichts drinnen. Das haben die Alten eingesehen, und deshalb
waren ihre Zuhorer zunachst zum Schweigen bestimmt. Also nach-
dem man sich angewohnt hatte, die Wahrheit zu schatzen, lernte
man das Schweigen; erst dann lernte man das Schweigen.
Und die dritte Stufe war diejenige, welche man nennen konnte,
wenn man es ubersetzen wiirde, die «Verteidiger». Jetzt durften die
Leute zu reden anfangen. Jetzt durften sie die Wahrheit, die sie in
den Mysterien gelernt hatten durch Schweigen, verteidigen. Na-
mentlich war ihnen auferlegt die Verteidigung des Geistes. Die «Ver-
teidigung» ist eben ein Wort, das schon gebraucht werden kann fur
diese dritte Stufe. Es mufiten diejenigen, die dieser dritten Stufe an-
gehorten, eben schon so viel wissen, dafi das, was sie sagen konnten
iiber das Geistige, Gewicht hatte, richtiges Gewicht hatte. Also man
durfte nicht einfach in diesen Mysterien reden iiber den Geist, son-
dern man mufite es erst gelernt haben und erst richtiger Verteidiger
geworden sein. Dann stieg man zu der vierten Stufe auf.
Die vierte Stufe, man kann sie iibersetzen mit «L6we». So wird es
gewohnlich ubersetzt. Noch besser wiirde es sein, zu iibersetzen mit
dem Worte «Sphinx». Sphinx ist ein Wort, das ungefahr bedeutet,
selber schon ein Geist geworden sein. Man geht naturlich noch mit
menschlichem Leibe herum, aber man benimmt sich unter den
Menschen, wie sich Gotter benehmen. Die Menschen im Altertum
haben gar nicht den grofien Unterschied gemacht zwischen Men-
schen und Gottern, sondern in den Mysterien wurde man eben ein
Gott nach und nach. Das ist der ungeheuer viel freiere Standpunkt
der Alten. Die Neueren, ja, die sehen die Gotter iiberall iiber der
Menschheit stehen. So war aber nicht die Ansicht der Alten. Heute
sagt man ja: Gut, der Mensch stammt vom Affen ab. - Der beriihm-
te Naturforscher Du Bois-Reymond hat sogar den Ausspruch getan,
es habe einmal ein riesiger Sprung in der Naturentwickelung zwi-
schen dem Menschenaffen und dem Menschen stattgefunden, ein
riesiger Sprung sogar in der Vergrofierung des Gehirns. Das Gehirn
wurde plotzlich grofier als beim Menschenaffen. - Sehen Sie, es ist
ein merkwiirdiger Ausspruch von einem heutigen Gelehrten! Denn
man miifite eigentlich annehmen, dafi, wenn er sagt, dafi das Gehirn
des heutigen Menschen viel grofier ist als das vom Menschenaffen, er
den Menschenaffen seziert hatte und wiifite, wie grofi dessen Gehirn
war. Aber wenn Sie wiederum nachlesen, so werden Sie finden, dafi
diese Gelehrten sagen mulken : Der Menschenaffe ist noch gar nicht
entdeckt in Wirklichkeit ! - Also der beriihmte Naturforscher Du
Bois-Reymond, der sprach iiber dasjenige, was noch gar nicht
entdeckt ist, was noch keiner gesehen hat: vom Menschenaffen,
der noch ein viel kleineres Gehirn hat als der Mensch. Mit solcher
«Gewissenhaftigkeit» bildet man heute Wissenschaft aus. Und die
Menschen denken gar nicht daran, dafi der beriihmte Naturforscher
Du Bois-Reymond von etwas redet, von dem er nie etwas gesehen
hat, sondern sie denken: Oh, das ist der beriihmte Naturforscher,
der weifi ja alles! - denn leichtglaubig ist heute die Menschheit
viel mehr, als die Alten waren.
Nun also, die Alten hatten durchaus die Meinung, dafi der
Mensch sich entwickeln kann bis zum gottlichen Bewufitsein hin.
Derjenige, der auf der vierten Stufe war, der ein Sphinx war, der
redete nun nicht mehr wie ein Verteidiger der dritten Stufe, sondern
der redete in einer Sprache, in der er sich so ausdriickte, dafi man ihn
eigentlich schwer verstand; man mufite erst nachdenken, wie er zu
verstehen ist. Von dieser Sprache, die da von den Sphinxen geredet
worden ist, kann sich der heutige Mensch schwer eine Vorstellung
machen, weil er gar nicht mehr richtig die Sache ansieht, wie sie da
angesehen worden ist. Aber noch im Mittelalter, zum Beispiel noch
im 17. Jahrhundert, also das ist erst zweihundert Jahre zuriick, da
war noch etwas vorhanden als eine Uberlieferung von jener Sprache.
So zum Beispiel gab es dazumal, vor zwei Jahrhunderten, sogenannte
Rosenkreuzerschulen. Da sprachen auch gewisse Eingeweihte in ei-
ner Sprache, die etwas verhullt war und die man erst studieren mufi-
te; namentlich sprachen sie in einer bildhaften Sprache. Und so fin-
den Sie zum Beispiel noch vor zwei Jahrhunderten ein Bild - das
wird Sie vielleicht interessieren -, das uberall den Menschen etwas
erklaren sollte. Dieses Bild war (es wird gezeichnet) : eine menschli- Tafel 5
che Gestalt mit einem Lowenhaupt, und hier daneben eine mensch-
liche Gestalt mit einem Ochsenkopf. Man sagte unter denjenigen
Leuten, die man unterrichten wollte, indem man die Beziehung zwi-
schen diesen zwei Wesen ausdriicken wollte, «das Wesen mit dem
Ochsenkopf, das Wesen mit dem L6wenkopf» - man meinte Mann
und Weib. Aber man sprach nicht die zwei Worte Mann und Weib,
sondern man sagte: das Wesen mit dem Ochsenkopf -, und meinte
den Mann; und man sagte: das Wesen mit dem Lowenkopf und
meinte die Frau, weil man in der Beziehung zwischen Ochs und
Lowe etwas sah, was die Beziehung war zwischen Mann und
Frau. Heute erscheint das dem Menschen natiirlich ganz paradox,
spafiig; aber das hat sich als Uberlieferung noch erhalten. Und die
Sphinxe haben uberall Tiernamen gebraucht, um deutlicher und
charakteristisch dasjenige, was im Menschen lebt, zum Ausdruck
zu bringen. Und in einer solchen Sprache, sehen Sie, womit man
mehr aus dem Geistigen heraus redete, sprachen dann die Sphinxe.
Die waren also schon so, dafi sie mehr aus dem Geiste heraus
redeten.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:353 Seite:61
Dann aber kam die fiinfte Stufe. In der fiinften Stufe waren dieje-
nigen Menschen, die die Verpflichtung hatten, iiberhaupt nur noch
aus dem Geiste heraus zu reden. Nun, man nannte sie, je nachdem
sie dem oder jenem Volke angehorten, «Perser» oder «Inder» oder
«Grieche». In Griechenland waren das erst die wirklichen Griechen.
Denn man sagte sich so: Ja, wenn einer einem Volke angehort, so
hat er seine Privatinteressen, dann will er das oder jenes, dann will er
etwas anderes als einer, der einem andern Volk angehort! Erst wenn
er so weit gekommen ist, dafi er zu der fiinften Stufe aufgestiegen ist,
dann will er eigentlich nicht mehr etwas Besonderes, sondern er will
dasjenige, was das ganze Volk will; das ist auch sein Interesse. Er ist
so geworden wie der Geist des Volkes. Also, er ist ein Geist des Vol-
kes geworden. Diese Geister des Volkes, die waren tatsachlich in
den alten Mysterien, auch noch in Griechenland, sehr, sehr weise
Leute. Sie haben nicht etwa gemeint: Wenn irgend etwas kommt,
ich stelle mich hin und habe meinen Standpunkt, ich weifi alles -,
sondern die haben sich, trotzdem sie schon zur fiinften Stufe aufge-
stiegen waren, lange vorbereitet durch Ubungen, um in irgendeiner
Sache zum Urteil zu kommen. Sehen Sie, wenn heute einer ein
Staatsmann ist, nun, dann wird im Reichstag vielleicht eine Interpel-
lation eingebracht, und dann mufi er antworten. Denken Sie sich
einmal, wenn das so gemacht wiirde, wie es dazumal war! Wenn
derjenige, der zu antworten hat, sagen wiirde: Ich mull erst acht Ta-
ge lang mich zuriickziehen von der Welt, ganz zu mir kommen, um
ein Urteil dariiber zu haben - nun, ich mochte wissen, was die
Reichstagsparteien, sagen wir, zu Herrn Stresemann sagen wurden
oder auch zu anderen Korperschaften, wenn ein Interpellant zur
Antwort kriegen wiirde: Damit ich ein reifes Urteil habe iiber dasje-
nige, was Sie mich gefragt haben, mufi ich mich erst acht Tage zu-
riickziehen! - Aber das war dazumal so. Denn man glaubte dazumal
an die geistige Welt, und man wufite: wenn man im Trubel des Le-
bens drinnen ist, da spricht die geistige Welt nicht; die geistige Welt
spricht nur, wenn man sich zuriickziehen kann. - Allerdings, man
bekommt dann die Fahigkeit, sich auch zuriickziehen zu konnen,
wenn man mitten im Trubel der Welt drinnensteht; aber das mufi
man erst lernen. Und wenn man es gelernt hatte, stieg man in den
alten Zeiten zu der sechsten Stufe auf.
Die sechste Stufe, die war so, dafi der Betreffende iiberhaupt nicht
mehr einen irdischen Standpunkt hatte, auch nicht den des Volkes,
sondern er sagte sich: Ich bin ein «Grieche», mein Bruder Eingeweih-
ter driiben in der funften Stufe in Assyrien ist ein «Assyrier», der
weiter driiben wohnt, ist ein «Perser». Aber das ist ja alles ein einsei-
tiger Standpunkt. Die Sonne kommt heriiber iiber Persien nach Grie-
chenland; die scheint iiber uns alle. - Und so wollten diejenigen, die
in der sechsten Stufe Eingeweihte waren, nicht mehr von dem lernen,
was ein Volk sagt, sondern sie wollten von dem lernen, was die Sonne
sagt. Sie wurden «Sonnenmenschen» - nicht mehr Erdenmenschen,
sondern Sonnenmenschen. Sehen Sie, solche Sonnenmenschen, die
suchten alles vom Standpunkte der Sonne aus zu erforschen. Was
dazumal alles gemacht worden ist, davon machen sich die heutigen
Menschen gar nicht mehr einen Begriff, weil die heutigen Menschen
gar nicht irgend etwas kennen von den Geheimnissen der Welt.
Wenn man einen Einblick in solche Dinge haben will, dann mufi
man zum Beispiel folgendes iiberlegen. Zu mir kam vor einiger Zeit
ein Mann, der sagte : Da ist doch ein merkwiirdiges Buch erschienen,
in diesem Buch wird nachgewiesen, dafi die Evangelien nach einem
Zahlenschliissel geschrieben sind. Namlich wenn irgendein Wort im
Evangelium da ist, nehmen wir an den «Urbeginn» im Johannes-
Evangelium: «Im Urbeginn war das Wort. Und das Wort war bei
Gott, und ein Gott war das Wort», dann, wenn man das Wort ab-
teilt, und man bekame heraus, irgendeine Abteilung ist zweimal so
lang als die andere, und jedes Wort hat einen Zahlenwert: an der
Stelle steht ein Wort, wo der Zahlenwert 50 ist, dann folgt 25, wie-
derum ein Wort, 50, wiederum ein Wort, 25. Und man kann aus-
rechnen, was fur ein Wort an einer bestimmten Stelle stehen mufi.
Nun ist es interessant, meine Herren, nachzusehen, wie solche
Sachen stimmen. Nehmen wir also zum Beispiel irgendein Wort,
sagen wir - ich will es Ihnen durch ein im Deutschen noch gebrauch-
liches Wort klarmachen - : nehmen wir das Wort Eva. Nehmen wir
jetzt an, es hatte das E ebensolchen Wert wie eins, das v wie zwei,
das a wie drei. Nehmen wir an, das ware so. In alten Zeiten hatte
jeder Buchstabe seinen Zahlenwert; er war nicht nur Buchstabe, son-
dern man wulke, wenn man zum Beispiel ein L hatte, so bedeutete
das L diese oder jene Zahl. Sie konnen es ja bei den romischen Buch-
staben noch verfolgen, wie die Zahlenwerte drinnen sind:
Tafel 5 I = eins, V = funf, X = zehn
i v x
es sind zugleich Buchstaben, aber die Buchstaben haben Zahlen-
werte.
Wir wollen nun einmal als Beispiel nehmen - es stimmt nicht mit
1, 2, 3 fiir Eva, aber als Beispiel, um es klarzumachen, konnen wir es
so annehmen
1 2 3
Eva ist die Mutter alles Lebendigen. Jetzt drehen wir esum:
3 2 1
Ave Ja, dann kriegen wir das Worte Ave, welches das Ende
des Lebens bedeutet. Auseinandergehend, von riick-
warts aus, umgekehrt gelesen:
1 2 3 3 2 1
Eva Ave
So kann man, wenn man die Zahlen verandert, iiberall finden, wie
Zahlen und Buchstaben ubereinstimmen.
Und so gibt es einen Zahlenschliissel. Und man kann sagen: Jetzt
wollen wir uns einmal die erste Zeile des Johannes-Evangeliums an-
sehen. Das sind diese Zahlen. Schauen wir uns die zweite an: da sind
die Zahlen nur umgestellt, und dafi sie umgestellt sind, bedeutet et-
was. - Sehen Sie, iiber solche Sachen sind die Leute heute sehr ver-
wundert. Aber, meine Herren, ich habe einen Mann gekannt - er
heifit Louvier -, der hat sich auf die «Sphinx» gestiirzt: «Das Ratsel
ist gelost»; er hat den Goetheschen «Faust» nach diesem Zahlenver-
haltnis behandelt, und es hat auch gestimmt. - Goethe hat gar nicht
daran gedacht, nach irgendeinem Zahlengesetz seinen «Faust» zu
dichten. Aber dennoch stimmt es, weil in jedem Dichten etwas zahlen-
mafiig drinnen ist. Aber wenn Sie sich bemiihen, irgendeinem etwas
zu sagen und ich gebe mir Miihe, einen Zahlenschliissel zu gebrauchen,
so kann ich ihn auf Ihr Sprechen auch anwenden; das liegt schon in
der Rede selber. In Ihrem Sprechen waltet schon ein Geistiges.
Und das, meine Herren, ist das Aufterirdische : das gibt der Son-
neneinfluft. Daher haben diese Sonnenmenschen die Geheimnisse
der Sonne erforscht. Die Pyramiden zum Beispiel sind ja wahrlich
nicht blofi deshalb gebaut worden, um Konigsgraber zu sein, son-
dern die Pyramiden hatten ganz bestimmte Offnungen, zu denen
nur zu einer ganz bestimmten Zeit im Jahr der Sonnenstrahl herein-
kommen konnte. Der Sonnenstrahl hat auf der Erde eine Figur be-
schrieben. Diese Figur haben sich diese Leute betrachtet, haben sich
inspirieren lassen von dieser Figur. Dadurch haben sie die Geheim-
nisse des Sonnenlebens erforscht. Also solch ein Mensch, der Son-
nenmensch geworden ist, konnte sagen, er richte sich iiberhaupt
nicht mehr nach Irdischem, sondern er richte sich nach der Sonne.
Und dann, wenn er eine Zeitlang Sonnenmensch gewesen ist und
den Menschen dasjenige gelehrt hatte, was Aufierirdisches ist, dann
wurde er emporgehoben zu der Wurde des «Vaters». Das war die
hochste Wurde, zu der wenige kamen. Das waren diejenigen, die ganz
reif geworden sind, denen man gehorchte, folgte. Man gehorchte
ihnen, weil sie erstens schon an Jahren alt geworden sind - denn bis
man diese sieben Stufen durchgemacht hatte, war man wirklich auch
an Jahren alt geworden -, und man gehorchte ihnen, weil sie Lebens-
weisheit hatten, und weil sie aufierdem auch Weltweisheit hatten.
Mysterien :
Tafel4
und 5
1. Rabe
2. Okkulter: Zuhorer
3. Verteidiger - Verteidigung des Geistes
5. Griechen: Geist des Volkes
6. Sonnenmenschen
7. Vater
Clnrwrinht Rurlnlf Steiner Nar-hlass-Verwaltnnn Riii-h - 3 ^ 3 <?oito- R 5
Nun, meine Herren, jetzt denken Sie sich einmal, daft der Christus
Jesus, der Jesus von Nazareth, doch in einer Zeit lebte, in der drii-
ben in Asien iiberall noch etwas gewufit wurde von diesen Myste-
rien. Und gewufit wurde zum Beispiel noch, daft es Menschen gibt,
die Sonnenweisheit verkiindeten. Und das, was der Jesus von Naza-
reth wollte, war, daft nicht mehr blofi in den Mysterien, sondern
aufierhalb der Mysterien die Menschen aufgeklart werden konnten,
daft den Menschen klargemacht wurde: Dasjenige, was die Sonne an
den Menschen tut, das ist auch im Menschen schon gelegen, liegt in
jedem Menschen. Und das ist das Allerwichtigste an dem Christus
Jesus, daft er die Sonnenwahrheit ist und daft er das Sonnenwort,
wie man es nannte, als etwas, was alien Menschen gemeinschaftlich
ist, lehrt.
Nun miissen Sie nur den grofien Unterschied betrachten zwi-
schen dem Christus Jesus und den anderen Sonnenmenschen. Wenn
Sie das nicht auffassen, so werden Sie niemals zu einem Verstandnis
des Mysteriums von Golgatha kommen. Denn sehen Sie, die Sache
ist doch so : Was muftte man denn in alten Zeiten tun, um ein Son-
nenmensch zu werden? Man muftte zuerst Rabe werden, dann Ok-
kulter, Verteidiger, Sphinx, Volksseele - dann konnte man zum
Sonnenmenschen aufsteigen. Einen anderen Weg gab es nicht. Man
muftte sich in die Mysterien aufnehmen lassen. Was tat der Jesus
von Nazareth? Er lieft sich taufen, nach der Sitte der damaligen Ju-
den im Jordan; und bei dieser Gelegenheit, also nachdem er nicht
erst in den Mysterien gewesen war, ging ihm auf dieselbe Weisheit,
die sonst die Sonnenmenschen hatten. Was konnte er also sagen? Er
konnte sagen: Mir ist von der Sonne selber diese Weisheit gekom-
men. - Er war also der erste, der ohne die Mysterien in Beziehung
zum Himmel getreten ist. Was hat denn der, der in den Mysterien
ein Sonnenmensch gewesen ist, gesagt, wenn er zu dem, der auf der
siebenten Stufe gestanden ist, hinaufgeblickt hat? Da hat er gesagt:
Siehe, das ist der Vater. - Der stand auf dem Altar in weiftem Ge-
wand, im Priesterornat. Das war der Vater. Das war der «Vater» un-
ter denjenigen, die in den Mysterien diese verschiedenen Stufen
durchgemacht hatten. Der Christus Jesus hatte das nicht in den My-
sterien durchgemacht, sondern er hatte es empfangen von der Sonne
selber. Daher sagte er : «Mein Vater ist nicht auf Erden» - er meinte,
nicht in den Mysterien -, «sondern mein Vater ist oben in der geisti-
gen Welt.» Er wies also zuerst im eminentesten Sinne auf den Vater
hin in der geistigen Welt. Der Christus Jesus wollte also die Men-
schen, die friiher noch von der Erde aus alles Geistige empfangen
hatten, hinweisen auf die Quellen des Geistigen im Aufierirdischen
selber. Daher hat man immer mifiverstanden, was der Christus Jesus
eigentlich gemeint hat. Denn, sehen Sie, man sagte zum Beispiel, der
Christus Jesus habe gelehrt, daft nun die Erde zugrunde gehen werde,
wie es hieft, und ein geistiges tausendjahriges Reich kommen werde,
sehr bald. Die heutigen gescheiten Leute, die in ihrer Gescheitheit
manchmal auch gegen die Alten wohlwollend sein wollen, auch ge-
gen den Jesus wohlwollend sein wollen, die sagen: Nun ja, das hat
der Jesus damals von seiner Zeit iibernommen; er war eben auch ein
Kind seiner Zeit und hat es iibernommen.
Aber das ganze, was da die Leute reden, ist ein Unsinn; denn das
tausendjahrige Reich ist ja wirklich gekommen - nur hat es nicht so
ausgeschaut, wie es sich die Menschen in der Welt vorgestellt haben,
sondern die Sache war so: In alten Zeiten hatte man durch die Art,
wie ich es Ihnen geschildert habe, von der geistigen Welt Begriffe be-
kommen, auch Erlebnisse bekommen. Das war so Sitte in alten Zei-
ten, wo die Menschen anders waren. Das horte auf in der Zeit, in der
der Christus Jesus lebte, und die Menschen mufiten auf eine andere
Weise zum Geiste kommen. Es muftte der Geist direkt gefunden
werden. Das hat der Christus Jesus gemacht. Und wenn nicht der
Christus Jesus das, was er gemacht, getan hatte, dann ware die
Menschheit ganz verkommen. Sinnlos ware das Leben geworden.
Das widerspricht nicht dem, daft in spaterer Zeit gerade durch viele
christliche Einrichtungen viel Sinnloses herausgekommen ist; aber
das war urspriinglich natiirlich nicht darin. Und die Menschen wa-
ren verdummt. Die Mysterien waren ebenso zugrunde gegangen,
wie sie da zugrunde gegangen sind; aber die Menschen hatten nichts
gewuftt von dem, was in den Mysterien gelehrt worden ist. Denn,
nehmen Sie jetzt den alten Sonnenmenschen. Was sagte man von
dem Sonnenmenschen? Man wufite ja: Der weifi das, was vom
Standpunkt der Sonne da ist; der ist fur das Erdenleben gestorben. -
Man sprach von einem fair das Erdenleben Gestorbenen, wenn man
vom Sonnenmenschen sprach. Und deshalb wurde auch, bevor ei-
ner Sonnenmensch wurde, in den Mysterien immer eine Zeremonie
vorgenommen, die Tod und Begrabnis nachmachte. Und der Chri-
stus Jesus hat Tod und Begrabnis aufierlich vor alle Welt hingestellt;
und dasjenige, was mit dem Tode Christi geschehen ist, das war vor
alien Leuten der Welt nur eine Wiederholung dessen, was im Kultus
durch die Mysterien immer geschehen ist. Nur war es damals Myste-
riengeheimnis und dann stand es auf Golgatha vor aller Welt da.
Sehen Sie, es war wirklich mit dem Sonnenmenschen so, dafi er fur
die Erde abgestorben war. Dadurch war er aber auch zwischendrin-
nen, zwischen der untergehenden Welt des Todes und der Welt der
Auferstehung, der Welt des Ewigen.
Manchmal erinnern Dinge an die alten Sachen, von denen man
gar nicht mehr den Sinn merken kann. Denken Sie sich zum Bei-
spiel, es wird in Rom eine Heiligsprechung vollzogen. Irgend je-
mand wird heilig gesprochen in Rom. Das ist eine grofie Zeremonie,
wenn einer nach seinem vor Hunderten von Jahren stattgefundenen
Tode heilig gesprochen wird. Wie vollzieht sich denn diese Zeremo-
nie? Diese Zeremonie vollzieht sich so, dafi zuerst auftritt der Advo-
catus Dei, der gottliche Verteidiger. Der hebt alle Eigenschaften her-
vor, die gut waren an dem Betreffenden, der heilig gesprochen wer-
den soil. Und dann tritt auf der sogenannte Advocatus diaboli, der
teuflische Anklager; der hebt hervor alle die schlechten Eigenschaf-
ten, die der Heilige gehabt hat. Und zwischen diesen zweien wird
dann entschieden - ich will nicht sagen, dafi immer gerecht entschie-
den wird, aber es wird entschieden. Die Zeremonie wird heute noch
ausgefiihrt. Wenn irgend jemand, wie die Jungfrau von Orleans zum
Beispiel, heilig gesprochen wird, dann treten auf der Advocatus Dei
und der Advocatus diaboli. Zwischen demjenigen, der alles Gute
und dem, der alles Bose anfuhrt, steht der Heilige selber, geistig. Sie
wissen, dasjenige, was immer als Bild von Golgatha ausgefiihrt wird,
ist : der Christus Jesus am Kreuz in der Mitte, daneben die beiden so-
genannten Schacher, Rauber nennt man sie. Aber das Merkwiirdige
ist, dafl der Christus zu dem einen sagt: «Heute noch wirst du mit
mir im Paradiese sein.» Der gent also nach oben, und der andere
geht nach unten. Das sind Luzifer und Ahriman - Advocatus Dei
und Advocatus diaboli.
Und so war es auch mit dem alten Sonnenmenschen. Er machte
Bekanntschaft mit Luzifer und Ahriman, mit demjenigen, was den
Menschen hinaufziehen will in die geistige Welt, dafi er ganz geistig
wird - was fur den Menschen auch nicht paflt und demjenigen,
was den Menschen hinunterbringen will zum Irdischen, was wieder-
um fur den Menschen nicht palk, denn der Mensch gehort in die
Zwischenstufe hinein.
Und so steht vor der ganzen Welt dasjenige da durch das Mysteri-
um von Golgatha, was friiher nur in den Mysterien drinnengestan-
den hat, und auch nur bildlich vollzogen wurde, denn man starb
nicht wirklich. Man wurde da Vater. Der Christus stirbt wirklich.
Aber er sagt : Mein Geist stirbt nicht; der geht zum Vater, weil der
Vater jetzt nicht als der Urvater hier unten wirkt, sondern in der
geistigen Welt wirkt. - Diese Anschauung ist ganz aus den Myste-
rien heraus gekommen. Und will man den Vaterbegriff haben, mufi
man ihn in den alten Mysterien suchen. Nur dann versteht man
richtig, wie eigentlich das Christentum gebildet worden ist.
Nun, sehen Sie, meine Herren, all dasjenige, was ich Ihnen da ge-
schildert habe, das war druben in Asien ganz gebrauchlich. Das hat
noch hineingespielt in die Begriindung des Christentums. Von dem
haben schon die Griechen aufierordentlich wenig gewufit, weil sie
die aufiere Kultur aufgebaut haben. Und erst das von einer Kolonie
der Halunken abstammende Romulusvolk, das hat schon gar nichts
gewufit davon; das kannte nur aufiere Weltherrschaft. Das kannte so
gut nur aufiere Weltherrschaft, dafi die romischen Casaren, die Im-
peratoren, ja sich aufterlich auch als Eingeweihte benommen haben;
aber es war das in einer Zek, wo die Mysterien schon verfallen wa-
re n. So zum Beispiel gibt es einen romischen Casar der allerersten
Kaiserzeit, Caligula ist sein Name. Nun, sehen Sie, ein deutscher Hi-
storiker hat in den neunziger Jahren einmal den deutschen Kaiser
Wilhelm beschreiben wollen; aber das konnte man nicht, weil das
nicht ging; man ware eingesperrt worden, wenn man das niederge-
schrieben hatte! Da hat denn der gute Mann ein Biichelchen ge-
schrieben, das hiefi: «Caligula». Er beschrieb den romischen Caligu-
la, aber jeder Zug pafite auf Wilhelm II. ! Jeder Mensch, der etwas da-
von verstand, wufite: der Caligula, das ist unser Wilhelm II.; nur so
konnte man es machen. Dieser Caligula war nun zu gleicher Zeit ein
Eingeweihter, weil alles schon aufierlich geworden war. Naturlich
konnte man, was die Raben zu tun hatten, wenn es nicht sehr ernst
genommen wurde, durch das begreifen, was die Fursten auch taten.
So war Caligula ein Sonnenmensch geworden, aber naturlich nur
aufierlich, so wie einer, nun, sagen wir, ein «General» ist, der mit
fiinf oder sechs Jahren sich Soldatengewander anzieht. So war der
Caligula ein Eingeweihter geworden. Er hatte nur das Aufiere ge-
nommen. Aber er sollte ja sogar andere einweihen! Da ist ihm bei
einer Zeremonie die Geschichte passiert, wo man den sinnbildlichen
Schlag ausfuhrt mit dem Schwert bei einem der Sphinxe, dafi er den
Betreffenden wirklich erschlagen hat mit dem Schwert ! Aber das hat
naturlich bei dem Casar nichts gemacht. Bei den Romern war das so
geworden, dafi alles schon aufierlich geworden war; die haben nichts
mehr von alledem innerlich verstanden. Kein Wunder, dafi sie das
Christentum erst recht nicht verstehen konnten.
Und so ist denn das Christentum in Rom an die weltliche Herr-
schaft ubergegangen. In Rom war es so, dafi in den Zeiten, als das
Christentum nach Rom kam, es den weltlichen Herrscher gab, der
sich aber als Gott ansah - naturlich, man wurde ja Gott, wenn man
Eingeweihter war. Augustus ist als Gott angesehen worden; seine
Nachfolger auch. Aber aufierdem gab es da den Pontifex maximus,
den «grofien Briickenbauer». Das war der geistige Herrscher. Aber
der war nach und nach ein Schatten geworden in Rom, der hatte kei-
ne Bedeutung, und die einzige Bedeutung hatte der weltliche Herr-
scher. So entsprach es ja auch naturlich mehr einem Volke, das den
Romulus zum Ahnen hatte, der alle Halunken aus der Umgebung
zusammengesammelt hatte. Und nun, sehen Sie, wurde gerade
durch Rom das Christentum verweltlicht.
Und das ist dasjenige, was ich Ihnen zunachst heute zu sagen hat-
te uber das Auftere des Christentums. Das Innere, wie jetzt wirklich
der Einflufi der Sonne auf den Jesus war, das werde ich Ihnen dann
das nachste Mai, am nachsten Mittwoch, auseinandersetzen.
VIERTER VORTRAG
Dornach, 12. Marz 1924
Nun, meine Herren, wir wollen in der Betrachtung des Mysteriums
von Golgatha fortfahren. Ich sagte Ihnen: die weitere Entwickelung
mufi nun davon ausgehen, dafi dasjenige, was auf der Erde geschieht,
nicht allein von der Erde abhangt, sondern von der ganzen Welt.
Diese Abhangigkeit der Erdenereignisse von der ganzen Welt, das ist
ja eine Vorstellung, die dem gegenwartigen Menschen besonders
schwer eingeht. Aber man kann schon das einfachste menschliche
Ereignis nicht begreifen, wenn man nicht weifi, dafi vom Welten-
raum aus fortwahrend Einfliisse auf die Erde geschehen. Nun, das
habe ich Ihnen fur die verschiedensten Dinge schon dargestellt.
Heute mufi ich es Ihnen in dem Zusammenhang mit dem Mysterium
von Golgatha darstellen.
Ich habe Sie darauf aufmerksam gemacht, dafi die Juden, die ich
als das vierte der Volker im Entwickelungsgange angefuhrt habe,
eigentlich das vierte Wesensglied des Menschen, das Ich des Men-
schen, entdeckt haben. Sie haben diesen vierten Bestandteil, als das
gottliche Innere des Menschen aufgefafit, Jahve genannt. Und sie ha-
ben auch diesen Jahve in eine gewisse Beziehung zum Weltenall und
Sternenhimmel gebracht.
Nun wissen Sie ja, dafi das Christentum seinen Ursprung in Pala-
stina genommen hat. Jesus von Nazareth hat in Palastina gelebt, und
die Umgebung des Jesus von Nazareth war eine jiidische. Die jiidi-
sche Religion herrschte dort in Palastina als Religion; die politische
Herrschaft war schon die romische, aber die Romer waren in bezug
auf diese weit entfernten Lander nicht in der Lage, etwa auch die Re-
ligion dort abzuschaffen. Also es herrschte um Jesus von Nazareth
herum die jiidische Religion.
Was war eigentlich die jiidische Religion? Sie werden es noch bes-
ser verstehen, wenn ich Ihnen noch einiges sage iiber dasjenige Volk,
das ich vor den Juden genannt habe, das in Mesopotamien gelebt
hat, also etwas weiter in Asien drinnen: die Babylonier, Assyrier.
Diese Volker, die da weiter in Asien driiben lebten, allerdings Nach-
barn der Juden waren, sie hatten eine ausgesprochene Sternenreli-
gion. Nun sagen die Leute jetzt: Ja, die Menschen da in Assyrien ha-
ben die Sterne angebetet. - Sie haben aber gar nicht die Sterne ange-
betet, sondern sie haben nur nach der instinktiven Weisheit der da-
maligen Zeit mehr noch gewufit von den Sternen, als die heutigen
Menschen von den Sternen wissen. Es ist ja so, dafi die heutigen
Menschen glauben, alles iiber die Sterne zu wissen.
Nun werden Sie vielleicht in diesen Tagen gelesen haben, dafi so-
gar dieses sichere Wissen von den Sternen droht zugrunde zu gehen.
Es ist in diesen Tagen bekanntgeworden, daft eine Entdeckung ge-
macht worden ist, wonach tatsachlich die Erde umgeben ist nicht
von dem leeren Weltenraum, sondern wenn man hinaufkommt in
eine Hohe von vierhundert Kilometern, so ist die Erde umgeben
von festen Stickstoffkristallen ! So dafi man also annehmen mufi,
dafi der alte Kristailhimmel, von dem im griechischen Altertum ge-
sprochen worden ist, heute von der Wissenschaft nach und nach
wiederum gerechtfertigt wird. Aber das will ich nur nebenbei
erwahnen. An solchen Dingen konnen die ganz gescheiten Leute
der Gegenwart sehen, wie wenig eigentlich iiber die Sternenwelt
bekannt ist.
Aber Sie brauchen ja nur das Folgende zu bedenken. Denken Sie
sich einmal einen Marsbewohner - es wird ja in der Astronomie
auch angenommen, daft der Mars bewohnt ist. Nun, wenn der her-
unterschaut, so sieht er auch nicht die Menschen auf der Erde; wenn
der Marsbewohner nicht schon ganz fortgeschrittene Fernrohre hat,
sieht er nicht die Menschen, sondern er sieht die Erde mit einem
griinlichen Schein in den Weltenraum hinaus leuchten. Aber auf der
Erde wimmelt es von Menschen, und diese Menschen stehen in Ver-
bindung mit geistigen Wesenheiten. Ebenso die anderen Sterne. Und
geradeso wie die physischen Krafte der Sterne auf die Erde einen
Einflufi haben, so haben natiirlich auch die geistigen Krafte der
Sterne auf die Erde einen Einflufi, namentlich auf das Menschenwe-
sen. Das hat namlich die alte Weisheit, die instinktive Weisheit der
Morgenlander gut gewufit, dafi die Sterne auch geistige Wesenheiten
in sich haben, und diese geistigen Wesenheiten, die haben sie verehrt
auf ihre Art, nicht die aufieren physischen Sterne. In diesem Sinne
war die Religion dadriiben in Vorderasien eine Sternenreligion. Das
heifit, die Menschen haben angenommen, der Saturn zum Beispiel
hat geistige Wesenheiten, die haben einen gewissen Einflufi auf die
Menschen. Der Jupiter hat geistige Wesenheiten und so weiter, und
alle diese Wesenheiten haben einen gewissen Einflufi auf das irdische
Menschenleben.
Nun, die Juden haben sich um die anderen Sterne wenig gekiim-
mert; aber dasjenige, was sie aus den alten Religionen genommen
haben, das war der Einflufi des Mondes. Und sie haben ihren Jahve,
ihren Jehova in Zusammenhang gebracht mit dem Geistigen im
Mond. Das ist also eigentlich die ursprungliche judische Religion,
dafi der Jahve, der im menschlichen Ich lebt, abhangig ist vom
Mond.
Nun, meine Herren, das ist nicht eine blofie Sage, das ist auch
nicht eine blofie religiose aberglaubische Vorstellung, sondern das
ist etwas, was sich wissenschaftlich gut nachweisen lafit. Die Sache
ist namlich so, dafi der Mensch tatsachlich in der Zeit, die auch
wichtig ist fur sein irdisches Dasein, in der Zeit wahrend der
Schwangerschaft der Mutter, also wahrend er noch ein Menschen-
keim, ein Embryo ist, ganz vom Monde abhangig ist. Diese Abhan-
gigkeit des Menschen vom Monde wahrend seiner Embryonalzeit,
wahrend seiner Keimeszeit, die hat man lange gewulk, und man hat
darnach sogar die Zeit der Schwangerschaft berechnet auf zehn
Mondmonate. Erst in der allerletzten Zeit ist es aufgekommen, die
Mondenmonate auf Sonnenmonate zu rechnen, auf neun Monate.
Aber in diesen zehn Mondmonaten, die man fur die Zeit der
Schwangerschaft mit Recht angenommen hat, da steckt noch drin-
nen, dafi der Mensch in seiner Embryonalzeit, also als Menschen-
keim, im Leibe der Mutter, abhangig ist vom Mond. Nun, inwie-
ferne ist er abhangig vom Mond? Ich habe auch darauf schon auf-
merksam gemacht.
Sehen Sie, die Sache ist so, dafi dasjenige, was der erste befruchtete
Eikeim ist, eigentlich zerstorte Erdenmaterie enthalt, pulverisierte
Erdenmaterie, und aus dem wiirde nie etwas, wenn nur Erdenkrafte
auf ihn wirken wiirden - niemals! Aus diesem Menschenkeim wird
lediglich dadurch etwas, dafi vom Monde her der Einflufl auf die
Erde stattfindet. Und man kann sagen: Der Mensch kommt ins Er-
denleben durch die Krafte des Mondes. - So daft also die Juden, die
Jahve als eine Mondgottheit angesehen haben, eigentlich haben hin-
weisen wollen auf diese Abhangigkeit des Menschen von Monden-
kraften, wenn er auf die Erde hereintritt.
Nun gewiR, die Leute weiter in Asien driiben, Babylonier, Assy-
rier, die haben auch noch andere Einfliisse als nur Mondeneinfliisse
angenommen. Sie haben zum Beispiel gesagt: Der Jupiter, der hat ei-
nen gewissen Einflufi darauf, ob der Mensch in seiner weiteren Ent-
wickelung gescheit wird oder dumm bleibt oder dergleichen. Aber
auf solche nebensachlichen Einfliisse haben sich die Juden nicht ein-
gelassen. Sie haben nur den einen Gott verehrt, und das war eben
eine Mondengottheit. Das wird ja gewohnlich als ein grofierreligioser
Fortschritt angesehen, dafi die Juden von vielen Gottern zu einem
Gotte fortgeschritten sind.
Diesen einen Gott, den die Juden verehrten, den Jahvegott, den hat
auch Jesus von Nazareth angetroffen in der umliegenden jiidischen
Religion. Und darin ist er gewissermafien unterrichtet worden.
Nun, Sie konnen sich denken, wenn man nur den Mondengott
verehrt, von dem der Mensch abhangig ist in der Zeit, wo er im
Mutterleib getragen wird, dann fiihrt man eigentlich alles darauf zu-
riick, dafi der Mensch schon sein ganzes Wesen, wie er ist und so
weiter, auf die Erde mitbringt. Und das druckt sich auch aus in der
alten jiidischen Religion, in der Jahvereligion. Wenn Sie irgendeinen
alten Juden gefragt haben, der, sagen wir, krank geworden ist: War-
um bist du krank geworden? - dann sagte er: Jahve hat es so ge-
wollt. - Wenn ihm sein Haus angeziindet worden ist und man fragte
ihn: Warum ist dir dein Haus angeziindet worden? - sagte er: Jahve
hat es so gewollt - und so weiter. Er hat eben nur diesen einen Gott,
durch den der Mensch in die Erdenwelt hereintritt, anerkannt, und
alles fiihrte er auf diesen Jahve zuriick. Dadurch hat die jiidische
Religion etwas von einer starren Religion. Der Mensch fiihlte sich
sozusagen sein ganzes Leben hindurch abhangig von dem, was er
sich da mitgebracht hat auf die Erde.
Der Jesus von Nazareth lernte nun aufier der judischen Religion
andere Religionen kennen, die da sagten: Es findet nicht blofi ein
Einflufi vom Monde auf den Menschen statt, sondern auch von den
anderen Sternen. Sehen Sie, die Sache wird ja in den Evangelien auch
angedeutet, dafi schon eine Beziehung war zwischen den Sternen-
religionen des Ostens, Asiens, und den von Juden bewohnten
Landern, in denen Jesus von Nazareth geboren worden ist. Es wird
gesagt, dafi die Weisen aus dem Morgenlande einen Stern gesehen
haben, der sie hingefuhrt hat zur Geburtsstatte von Jesus von
Nazareth.
Nun ist das natiirlich so, wie es heute in den Evangelien steht, ja
ein Mifiverstandnis. Die Sache ist vielmehr so, dafi die Weisen aus
dem Morgenlande von ihrer Sternenwissenschaft herkamen und aus
der Sternkonstellation, aus der Stellung der Sterne gesehen hatten:
ein ganz wichtiges Ereignis tritt ein. Und so kommt schon die Ster-
nenweisheit des Ostens, die Sternenweisheit von Asien, bei der Ge-
burt des Jesus von Nazareth in Beriihrung mit ihm selber. Diese
Verbindung ist ja auch immer aufrechterhalten geblieben.
Und nun war das Hauptziel des Jesus von Nazareth, dem Menschen
auch dann noch, wenn er schon auf der Erde herumgeht, eine innere
Wesenheit zu geben. Derjude sagte: Alles kommt von Jahve. - Aber
der Jahve hat eben den entscheidenden Einflufi nur bis zur Geburt,
und wenn der Mensch geboren ist, setzt er als ein auf der Erde her-
umgehender Mensch nicht einfach den Jahve-Impuls fort. Und
Christus Jesus brachte vor alien Dingen in die Welt, dafi der Mensch
wahrend seines Lebens nicht nur so eine abrollende Kugel ist, die ge-
rade nur fortsetzt den Stofi, den Jahve im Mutterleibe gegeben hat,
sondern dafi der Mensch auch wahrend seines Lebens noch einen in-
neren Willen hat, durch den er sein eigenes Wesen, seine Personlich-
keit besser oder schlechter machen kann. Das war fur die damalige
Zeit eine ganz grofie Idee. Denn, sehen Sie, die Sternenweisheit, die
war eigentlich ganz geheimgehalten worden, und in Palastina selber
wufite niemand etwas davon; in Rom erst recht nicht. Die Sternen-
weisheit war ganz geheimgehalten worden. Und es war eine sehr be-
deutende Tat, als der Jesus von Nazareth, zunachst auf die Sonne
und nicht auf die anderen Sterne hinweisend, sagte : Nicht blofi vom
Monde her kommt ein Einflufi auf den Menschen, sondern es
kommt ein Einflufi auch von der Sonne.
Damit war damals aufterordentlich viel getan. Aber man mufi nur
bedenken, dafi man solche Dinge nicht blofi als Theorien betrachten
kann, sondern man mufi sie der Wirklichkeit nach betrachten. Was
geschieht denn eigentlich, wahrend der Mensch im Leibe der Mutter
ist, durch den Einflufi des Mondes? Ja, meine Herren, da ist es das
Seelische, das Geistig-Seelische, das vom Monde her in den physi-
schen Menschen hineinkommt. Der Mensch kommt als Seele aus
der Himmelswelt herunter vom Monde her. Und was bedeutete es
denn, dafi die Juden sagten: Jahve hat Einflufi auf den Menschen
wahrend der Schwangerschaft der Mutter? - Das bedeutete, dafi die
Juden meinten: Alles, was im Menschen seelisch-geistig ist, das
stammt vom Monde her; im Monde, da ist der Schopfer der Men-
schenseele. - Wenn also die Menschen herumgehen auf der Erde, da
sagt der Jude: Nun, das, was physisch am Menschen ist, was stoff-
lich ist, das hat er von der Erde; dasjenige, was geistig-seelisch ist, das
hat er durch den Mond aus der weiten Welt. - Da fahrt also wirklich
der Geist des Menschen durch den Mond in den Menschen hinein.
Und damit ist eigentlich das gesagt: Begegne ich einem Menschen,
so mufi ich der Meinung sein: Deine Seele ist durch den Mond in
dich hineingefahren, und was in dieser Seele drinnen lebt, das hast
du auf dem Wege durch die Mondengotter erhalten.
Der Jesus von Nazareth lehrte: Ja, das ist richtig, der Mensch hat
diese Seele; aber in seinem spateren Leben kann diese Seele noch ver-
andert werden. Der Mensch hat etwas von einem freien Willen. Die
Seele des Menschen kann im spateren Leben verandert werden.
Wie kam der Jesus von Nazareth dazu, so etwas zu behaupten ?
Das ist die gro^e Frage. Und wenn man diese Frage beantworten
will, dann kommt man auf das Folgende.
Sie wissen ja, dafi man den Juden unterscheidet von der andern
irdischen Bevolkerung. Und dieser Unterschied riihrt schon davon
her, dafi durch Jahrhunderte hindurch die Juden in der Mondreli-
gion erzogen worden sind und jeden anderen Einflufl in ihrer Seele
abgewiesen haben. Sehen Sie, man mufi da schon auf gewisse Eigen-
tiimlichkeiten des Judentums eingehen, wenn man diese Dinge ver-
stehen will. Sie konnen iiberall nachforschen: die Juden haben eine
grofie Begabung fur Musik, dagegen eine sehr geringe Begabung fur
Bildhauerei, Malerei und dergleichen. Die Juden haben eine grofie
Begabung flir den Materialismus, aber wenig Begabung fiir die Aner-
kennung der geistigen Welt, weil sie von der ganzen aufierirdischen
Welt einzig den Mond eigentlich verehrt haben und das kaum mehr
gewufk haben. Der judische Charakter und der griechische Charak-
ter sind vollstandige Gegensatze. Die Griechen waren vorzugsweise
auf die Bildhauerei, Malerei aus, auf die Baukunst wenigstens bild-
hauerisch aus. Die Juden sind das musikalische Volk, das Priester-
Volk, das vorzugsweise das Innere ausbildet, was aus der urspriing-
lichen Begabung vom Mutterleibe herriihrt.
Nun, in der Zeit, als der Jesus von Nazareth lebte, war diese
Eigenschaft ganz aufierordentlich stark ausgebildet. Nicht wahr, die
Juden, die man heute in Europa kennenlernt, die haben ja schon un-
ter den anderen Volkern gelebt, und da haben sie sich manches ange-
eignet. Aber derjenige, der unterscheiden kann, kann immer noch
die besondere Geistesart der Juden von der Geistesart der anderen
Menschen unterscheiden. Damit ist gar nicht gesagt, dafi sie schlech-
ter ist, aber sie ist unterscheidend. Nun, wie war das bei den Juden?
Das war so: Sie haben ihr ganzes Gemut, die ganze Seele auf den
Mond hingelenkt. Dadurch hat sich bei ihnen alles das ausgebildet,
was sich auf den Mond bezieht, aber gar nicht dasjenige, was sich auf
die Sonne bezieht. Die Sonne ist vollstandig vergessen gewesen. Und
ware der Jesus von Nazareth ein Jude geblieben, so hatte er auch
nichts anderes lehren konnen als die Mondenreligion. Aber er blieb
nicht blofi Jude, sondern er bekam im Laufe seines Lebens einen an-
deren Impuls: ein direkter geistiger Einflufi wurde ihm zuteil von
der Sonne her.
Sehen Sie, dadurch ist er gewissermafien zweimal geboren. Dieses
Zweimal-Geborenwerden, das haben die fruheren morgenlandi-
schen Religionen alle noch gehabt. Aber es ist vergessen worden;
heute ist es nur vorhanden als Nachricht. Da versteht man es nicht
mehr. - So daft also der Jesus von Nazareth in einem bestimmten
Momente gefuhlt hat : Jetzt bin ich gewissermaften noch einmal ge-
boren; geradeso wie ich im Mutterleib durch den Mond meine Seele
bekommen habe, habe ich jetzt eine Auffrischung meiner Seele be-
kommen von der Sonne her. - Und in Eingeweihtenkreisen nannte
man von dem Momente an denjenigen, der Jesus von Nazareth war,
den Christus Jesus. Und man sagte: Nun, der Jesus von Nazareth ist
eben geradeso Mensch, Jude geworden durch die Mondenkrafte, wie
die anderen Juden; aber dadurch, daft er in einem bestimmten Zeit-
punkt seines Lebens den Einfluft von der Sonne bekommen hat, ist
er ein zweites Mai geboren als Christus.
Natiirlich, der heutige Mensch, der solche Sachen nicht geistig
nehmen kann, der kann sich bei all diesen Sachen iiberhaupt nichts
denken. Er denkt sich schon nichts dabei, daft der Mensch vor der
Geburt im Mutterleibe durch den Mond mit seiner Seele vereinigt
wird, diese also von der Aufienwelt bekommt. Und er denkt sich
erst recht nichts dabei, daft der Jesus von Nazareth einen Sonnenein-
flufi bekommen hat, daft gewissermafien eine zweite Personlichkeit
in ihn hineingezogen ist. Wie die erste Personlichkeit in den Mutter-
leib hineinzieht, so zieht in den Jesus von Nazareth als zweite Per-
sonlichkeit eben das Sonnenwesen hinein.
Sehen Sie, die romisch-katholische Religion, die hat in ihren Wor-
ten das, was ich Ihnen jetzt erzahlt habe, vollstandig vergessen. Aber
gehen Sie einmal in eine Messe; da werden Sie, wenn es eine feierli-
che Messe ist, auf dem Altar stehen sehen und damit auch den Segen
erteilen sehen das sogenannte Sanktissimum, die Monstranz (siehe
Zeichnung S. 80); hier drinnen die Hostie, hier nun Strahlen. Ja, was Tafel 6
ist denn das? Das ist die Sonne, und darin der Mond. Und die ganze
Monstranz, das ganze Sanktissimum sagt durch seine Gestalt, daft
das Christentum abstamme von einer Anschauung, die nicht, wie
die Juden, blofi den Mond anerkannt habe, sondern auch die Sonne.
Und wie der Mensch bei seiner Geburt den Einfluft hat vom Monde,
so der Christus von der Sonne her.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:353 Seite:79
Nun kann man sagen: Da konnte ja jeder Mensch nun zweimal
geboren werden und den Einflufi von der Sonne auch bekommen
im Laufe seines Lebens. - Das ist aber nicht so; die Sache ist doch et-
was anders. Die Sache ist namlich so: Der Christus Jesus hat einen
Einflufi bekommen, der direkt auf das menschliche Ich ging. Wor-
auf geht der Einflufi vom Monde her, der im Mutterleibe besteht?
Nun, meine Herren, ich habe Ihnen gesagt: Der Mensch besteht aus
dem physischen Leib, Atherleib, Astralleib und Ich. Der Monden-
einflufi, der geht auf den astralischen Leib, und der astralische Leib,
der im Menschen unbewufit ist, der wird vom Monde beeinflufit.
Dagegen der Sonneneinflufi des Christus, der ging auf das Ich. Aber
das Ich, das ist selbstandig!
Wenn der Sonneneinflufi auf den Menschen ebenso ware wie der
Mondeneinflufi, was wiirde da geschehen? Nun, meine Herren, auf
unsere Geburt haben wir als einzelner Mensch nicht gerade einen
sehr starken Einflufi; wir werden halt in die Welt hereingeschickt
durch unsere Geburt. Wenn nun der Sonneneinflufi genau so ware
wie der Mondeneinflufi, da wiirden wir, sagen wir, mit dem dreifiig-
sten Lebensjahr diesen Sonneneinflufi erfahren, und wir wiirden gar
nichts dazu machen konnen, geradeso wie wir zu unserer Geburt
nichts machen konnen. Wir waren mit dreifiig Jahren plotzlich ein
anderer Mensch, wiirden sogar das vergessen, was wir fruher getan
haben. Denken Sie sich, wenn Sie als junge Leute bis zum neunund-
zwanzigsten Jahre alle herumgehen wiirden, und dann kame meinet-
willen Ihr dreifiigstes Jahr, und da wiirden Sie alle wiedergeboren.
Nun begegnet Ihnen einer, der noch nicht das dreifiigste Jahr er-
reicht hat, wenn Sie wiedergeboren worden sind, und sagt zu Ihnen :
Guten Morgen, Erbsmehl! - Was? Ich, ich weifi nichts von dem!
Ich bin ja erst seit heute da! Was gehst du mich an? - So wiirde es
sein, wenn tatsachlich auf jeden Menschen der Sonneneinflufi, sagen
wir, im dreifiigsten Jahre stattfinden wiirde. Ja, meine Herren, es
wird Ihnen ganz unwahrscheinlich erscheinen, und dennoch ist es
wahr. Es ist nur vergessen worden, weil fortwahrend eine Ge-
schichtsfalschung stattfindet; daher erfahrt man nichts davon. Etwas
ganz Ahnliches war namlich in alteren Zeiten vorhanden, wenn
auch nicht so drastisch stark, wie ich es Ihnen jetzt geschildert habe.
Aber in ganz alten Zeiten, sagen wir, vor sieben- bis achttausend
Jahren, wenn wir hinsehen zum Beispiel nach Indien, da ist es wirk-
lich so gewesen, dafi die Menschen dreifiig Jahre alt geworden sind,
nichts mehr gewufit haben von ihrem friiheren Leben, ganz neue
Menschen geworden sind. Und dann nahm sich ihrer ihre Umge-
bung an und sagte ihnen: Jetzt mufit du zum «Amt» gehen - ich ge-
brauche moderne Ausdriicke -, und da wurde dem Betreffenden erst
wiederum gesagt, wie er heifit, wer er ist. Das ist naturlich immer
schwacher und schwacher geworden, diese Umwandlung, aber sie
war doch eben vorhanden. Und noch bei den Agyptern war es zum
Beispiel so, daft einfach die Menschen, wenn sie fiinfzig Jahre alt wa-
ren, sich nicht zuriickerinnerten an ihre Kindheit, sondern sich nur
zuruckerinnerten bis zu ihrem dreifiigsten Jahr; das andere erfuhren
sie von ihrer Umgebung, wie wir heute erfahren von unserer Umge-
bung, was wir getrieben haben, als wir ein Baby waren oder zwei
Jahre alt. - Daft sich die Menschheit auf der Erde so verandert hat,
das erzahlt eben die Geschichte nicht, aber das ist dennoch so.
Nun war der Jesus von Nazareth durch besondere Ereignisse der
letzte Mensch, der, wahrend die anderen alle schon keinen Sonnen-
einflufi mehr erlangt haben, noch den SonneneuiflulS eriangt hat. Es
steht auch dieses von dem Sonneneinflufi in den Evangelien, nur
legen das die Menschen immer falsch aus. Sehen Sie, es wird in den
Evangelien erzahlt, dafi der Jesus sich im Jordan taufen liefi von
Johannes. Dabei kam eine Taube herab. Diese Taube deutet eben
den Sonneneinflufi an. Und da kam dieses Sonnenwesen in den
Jesus. - Und jetzt war Schlufi; er war der letzte, der dieses Sonnen-
wesen in sich bekam. Die anderen waren schon zu seiner Zeit durch
ihre korperliche Beschaffenheit nicht mehr dazu reif. Er war
der letzte.
Gehen wir zuriick zu den Menschen im alten Orient; da konnte ein
jeder sagen : Im Laufe des Lebens hat die Sonne einen Einflufi auf den
Menschen; da kommt ein neues Wesen in den Menschen hinein. - In
der Zeit, in der der Christus Jesus lebte, konnte man das im all-
gemeinen nicht mehr sagen, und die Priester wufiten es nur aus der
aufieren Wissenschaft, nicht durch innere Anschauung.
Nun, was mufite denn jetzt an die Stelle der Verehrung der Sonne
treten? In alten Zeiten haben die Leute die Sonne verehrt, vor der
Judenzeit, weil sie gewufit haben: Von der Sonne kommt dieser
grofie, machtige Einflufi wahrend der Zeit des Lebens. - Jetzt konn-
ten sie die Sonne nicht mehr verehren, weil sie ja keinen Einflufi
mehr bekamen. Wer trat denn an die Stelle der Sonne? Der Christus
Jesus selber! Und so wurde das Christentum so begriindet, dafi man
mit der Sternenreligion auch eine Sonnenreligion hatte und direkt
auf die Sonne hindeutete; als der Christus Jesus als der letzte diesen
Sonneneinflufi erlangt hatte, konnte man nur auf den Christus hin-
deuten und konnte sagen: In dem steckt ja der Sonnengeist.
Und das ist namlich der grofie Umschwung. Das ist die unge-
heuerlichste Revolution im Denken, dafi der Christus Jesus dasjeni-
ge, was man friiher auf der Sonne gesehen hat, auf die Erde herunter-
geholt hat. Und in alten Zeiten oder in den ersten Zeiten des Chri-
stentums hat man deshalb den Christus immer die Sonne genannt.
Sie finden noch in den Evangelien uberall den Ausdruck: «die Sonne,
der Christus», weil man eben gewufk hat, um was es sich handelt.
Das ist spater ganz und gar vergessen worden. Bei jeder feierlichen
Messe kann man es in dem Sanktissimum, in der Monstranz sehen.
Aber wenn irgendeiner das dann auch wirklich sagt, dafi es so ist,
was man ja sehen kann, dann ist er ein grower Ketzer, dann wird er
verfolgt als ein Irrglaubiger. Denn man hat es in der christlichen Kir-
che immer als gefahrlich betrachtet, die Wahrheiten iiber die Sterne,
also auch iiber die Sonne zu verkiindigen.
Ja, meine Herren, warum ist denn das? Da mufi man wiederum
zuriickgehen auf die alten Mysterien und sie vergleichen mit dem
Christentum. Sehen Sie, in den alten Mysterien wurden ja nicht alle
Leute zugelassen. Ich habe Ihnen gesagt, wie die Grade waren; die
Eingeweihten waren Rabe, Okkulter, Verteidiger, Sphinxe und so
weiter. Die wufiten, dafi von den Sternen der Einflufi kommt; die
wufiten das. Und deshalb hat auch die eingeweihte Priesterschaft
streng gewacht dariiber, dafi nicht alle Leute gescheit wurden, dafi
nur bei ihnen in den Mysterien die Gescheitheit vorhanden sei.
Denn Wissen ist schon eine Macht, wenn es auch oftmals unter-
driickt wird. Aber wenn die Priesterschaft noch machtig ist, dann ist
eben das Wissen eine Macht.
Diese Sternenweisheit war aber zugrunde gegangen. Und nun
kam der Christus Jesus. Der brachte sie neuerdings auf, allerdings in
der verwandelten Gestalt, dafi er sagte: Man mufi den Sonnengott
auf die Erde herunterholen. - Er brachte die Sonnenreligion neuer-
dings auf. Und wenn das nun geschehen ware, dafi der Christus ganz
durchgedrungen ware mit seiner Lehre, dann ware die ganze alte
Sternenreligion wiederum dagewesen als Sonnenwirkung! Das war
auch in den ersten Zeiten des Christentums vielfach der Fall. Die al-
ten Mysterien haben wieder aufgebliiht. Aber nun kam das, dafi der
Christus Jesus die ungeheure Revolution durchfiihrte: Dasjenige,
was fruher eingeschlossen in den Mysterien war, hat er vor alle Welt
hingestellt. Es ware also fur alle Menschen dagewesen. Nun, keine
Bemiihung konnte durchdringen, das, was ich Ihnen jetzt sage,
unter die Menschen zu bringen.
Da war im 4. Jahrhundert ein romischer Kaiser, Julianus, den man
den Abtriinnigen, den Apostaten nennt; der wollte seine alte Ster-
nenreligion wiederum einfiihren. Er ist auf einem Zuge nach Persien
ermordet worden! Dasjenige, was in Rom geschehen ist, das kann
man nur in der folgenden Weise erzahlen.
In Rom geschah das, dafi der Sternendienst, der eigentlich mit
dem Christus Jesus wiederum gegeben war, verleumdet wurde als
Aberglaube, ja, nicht nur als Aberglaube, sondern als Teufelsglaube
verleumdet wurde. Also gerade das, was zum wirklichen Erkennen,
zur Erkenntnis des Geistigen in der Welt fuhrt, das wurde verleum-
det, das wurde gewissermafien sogar abgeschafft. Dagegen sollte man
nur an das aufiere geschichtliche Ereignis mit dem Christus Jesus in
Palastina glauben, so wie die Kirche es verkundet. Dadurch wurde
die Kirche fur alle diejenigen, die die Glaubigen wurden, die hochste
Macht in dem, was man denken soli. Sehen Sie, das Christentum als
solches ist eigentlich nicht iiber Rom nach Europa gekommen, son-
dern ein verandertes Christentum, das nur dieses aufiere Ereignis
von Palastina genommen hat, nicht den ganzen Weltzusammen-
hang. Und wodurch ist das gekommen?
Nun, sehen Sie, eigentlich stammt Rom ab von einer Schar von
Raubern, die urspriinglich sich da zusammengesammelt haben. Und
etwas von dieser Gesinnung ist eben lange eingeflossen damals. Und
so hat Rom immer darnach gestrebt, mit der weltlichen Herrschaft
zugleich die religiose Herrschaft an sich zu reifien. Das ist geradezu
ein Zug von Rom, mit der weltlichen Herrschaft auch die geistige
Herrschaft an sich zu ziehen. Und an die Stelle des alten, noch heid-
nischen Hohepriesters, des Pontifex Maximus, von dem er nur den
Namen angenommen hat, ist der Papst getreten. Der Papst ist eigent-
lich im Laufe des Mittelalters an die Stelle der romischen Casaren,
der romischen Kaiser getreten, hat die Weltherrschaft angetreten
zugleich mit der Herrschaft iiber die Gedanken. Nur einmal war es,
im Anfange des 11. Jahrhunderts, als in Mitteleuropa ein sehr bedeu-
tender deutscher Kaiser etwas ahnliches machen wollte wie damals
Julian, den man den Apostata, den Abtriinnigen nannte; das war
Heinrich II. Es ist sehr interessant! Heinrich II. wurde zunachst an-
gesehen wie eine Art Heiliger, weil er die christliche Anschauung
sehr gut vertrat. Von 1002 bis 1024 regierte er. Wie eine Art Heiliger
regierte er. Er hat auch in der Geschichte den Beinamen: der Heili-
ge. Ja, sehen Sie, wenn man heute noch bei katholischen Priestern
das Brevierbuch, wo alle Heiligen drinnenstehen, sich anschaut, so
steht auch dieser Heinrich II. , der Heilige, drinnen. Aber dieser
Heinrich II. war eben auch einer, der auf so etwas wie die alte Wahr-
heit hindeuten wollte. Er wollte retten fur das Christentum die An-
schauung, dafi in dem Christus Jesus der Sonnengeist gelebt hat. Und
da hat er angestrebt eine Ecclesia catholica non romana, das heifk,
eine katholische Kirche, die nicht romisch ist. Bedenken Sie die Jah-
reszahl: anfangs des 11. Jahrhunderts! Erst spater ist das Luthertum
gekommen. Ware das dazumal gelungen, was Heinrich II. ange-
strebt hat, eine katholische Kirche, die nicht romisch ist, so ware das
Christentum in seiner Weltbedeutung in Europa aufgetreten, und
man hatte durch das religiose Leben dazumal schon eine wirkliche
Geisteswissenschaft bekommen. Aber Rom hat dazumal gesiegt, das
heilk das religios-casaristische Rom. Es kam eben keine Ecclesia ca-
tholica non romana, sondern es lebte die Ecclesia catholica romana
weiter. Ganz trennen wollte der Kaiser Heinrich II. die katholische
Kirche von der weltlichen Herrschaft.
Nun werden Sie ja alle zugeben miissen: Es ware eine ungeheuer
grofte Tat gewesen, denn all dasjenige, was dann nachgekommen ist
an Verfolgungen von Ketzern, von Irrglaubigen, hatte dann nicht
kommen konnen. Denn alle diese Verfolgungen kommen nur von
der Herrschaft iiber die Gedanken. Aber in Wirklichkeit kann man
ja die Gedanken nicht beherrschen. Denken Sie nur einmal nach
dariiber! Kann man denn Ihre Gedanken in Wirklichkeit beherr-
schen? Nein, man kann sie nicht beherrschen! Man kann sie nur be-
herrschen, wenn man den Menschen beherrscht von der weltlichen
Seite her, wenn man den Menschen dazu zwingt, in bestimmte
Schulen zu gehen, ihm da gewisse Dinge eintrichtert, wenn man ihn
dazu bestimmt, in eine gewisse Klasse zu gehoren. Mit der Klasse be-
kommt er dann seine Anschauung und so weiter. Die Gedanken las-
sen sich nicht beherrschen! Niemals hatte eine Kirche schadlich
werden konnen, wenn ihr die weltliche Herrschaft nicht geholfen
hatte, indem sie die Herrschaft iiber den Menschen als physisches
Wesen ausiibt. Denn die Kirche kann nur lehren, und der Mensch
muE das, was sie lehrt, selber annehmen. Und das wollte Heinrich
II. herstellen. Nur eben, wie gesagt, siegte der alte Casar, der alte
Kaiser in dem Papst damals. Und Sie wissen ja: damals war die welt-
liche Herrschaft sehr stark. Man mag das schlimm finden, aber je-
denfalls war die weltliche Herrschaft in der Zeit, als Heinrich II.
wirkte, sehr stark. Und wiirde es damals gelungen sein, eine ka-
tholische Kirche einzurichten, die nicht romisch ist, so ware eben
aufierhalb der weltlichen Herrschaft die Lehre der Kirche da-
gewesen.
Sehen Sie, im Grunde genommen verfolgten ja die Kreuzziige das-
selbe. Von den Kreuzziigen wird immer gesagt, dafi sie im Dienste
von Rom gefuhrt worden seien. Die Kreuzziige werden gewohnlich
so geschildert: Weil diese entsetzlichen Tiirken Jerusalem erobert
hatten, da konnten die Pilger in Jerusalem nicht mehr in Ruhe ihre
Gebete verrichten, wenn sie dahin wallfahrteten. Da setzte sich
Rom ein, schickte den Peter von Amiens iiberall hin; der predigte in
Europa den Kreuzzug. Das heifk, es sollten viele Leute zum Kreuz-
zug zusammenstromen, sollten hiniiberwandern nach Asien, nach
Jerusalem. Nun kam ja allerdings auch durch die Predigten des Peter
von Amiens ein groiSes Kreuzfahrerheer zustande, stand auch unter
dem Kommando des Peter von Amiens und des Walther von Habe-
nichts. Warum er von Habenichts geheifien hat, konnen Sie sich
vielleicht denken. Nun, er war eben solch ein Habenichts wie wir
alle. Wir konnten auch nicht aufbringen das ganze, was ein Kreuzzug
nach Asien hiniiber kostet. - Dieses ganze Kreuzzugheer ging aber
schon auf dem Wege zugrunde. Es hat gar nichts erreicht.
Dagegen machten sich dann andere Leute auf unter der Fuhrung
des Gottfried von Bouillon. Die waren nicht im Dienst von Rom,
sondern die wollten wiederum etwas Ahnliches wie Heinrich II. Die
wollten die weltliche Herrschaft ausschalten. - Hier ist Italien (es
Tafel 6 wird gezeichnet), hier Griechenland, das Schwarze Meer, Asien, hier
Palastina, hier Jerusalem: und da sollte das Kreuz ja hiniibergehen,
und Jerusalem sollte der Hauptsitz der christlichen Religion werden.
Rom sollte abgesagt werden von dem wirklichen ersten Kreuzzug
an. Es waren die Kreuzziige eigentlich gegen Rom gefuhrt. Und wie-
derum wollte man die Ecclesia, die Kirche, unabhangig machen von
der weltlichen Herrschaft.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:353 Seite:86
Nun, alle diese Dinge sind ja nicht gelungen. In die spateren
Kreuzziige haben sich wiederum die romanischen Fiirsten hineinge-
mischt. Die Sache ist ja auch in der Kreuzzugsgeschichte zu lesen.
So ist es eigentlich dann gekommen, dafi diese ganze Grundlage
des Christentums, die die grofiartige Idee enthalt, dafi die Sonnen-
kraft heruntergeholt worden ist durch den Christus Jesus auf die Er-
de, und dafi jeder Mensch, der das einsieht, dadurch frei werden
kann - «Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird
euch frei machen», aber es wurde nicht die Wahrheit erkannt
diese ganze Sache, die ist im Grunde genommen durch die ganze
menschliche Entwickelung hindurch unbekannt geblieben, und erst
heute mufi man wieder durch Geisteswissenschaft das wirkliche
Christentum entdecken. Es ist gar nicht wunderbar, dafi diejenigen,
die das heute bestehende Christentum vertreten, sich wenden gegen
das Christentum, das nun wirklich an den Christus Jesus ankniipft
und dasselbe lehrt, was der Christus Jesus gelehrt hat. Aber das ge-
schieht in der Anthroposophie. Daher ist es auch nicht zu verwun-
dern, dafi bei denjenigen, die das Christentum heute nur kennen
von dem, was da ist, eine grofie Abneigung gegen das Christentum
ist. Aber die Abneigung bezieht sich nicht auf das Christentum. Das
Christentum hat ja in sozialer Beziehung einen ungeheuren Fort-
schritt gebracht, namlich den, dafi die Sklaverei nach und nach ver-
schwunden ist. Gabe es kein Christentum, ja, meine Herren, dann
ware auch die ganze Wissenschaft von heute nicht da. Denn schauen
Sie nach: Die meisten wirklich grofien Entdeckungen sind ja eigent-
lich von den Monchen gemacht worden. Blofi die Luftpumpe ist
vom braven Burgermeister Guericke von Magdeburg; aber die mei-
sten grofien Entdeckungen sind von Monchen gemacht worden.
Und derjenige, der das Kopernikanische System gefunden hat, Ko-
bernikus* das war ia ein Domherr, ein katholischer Domherr. Und
die Schulen waren eigentlich alle abhangig von den Monchen.
Aber da kommt eben etwas anderes dazu. Sehen Sie, die Sache ist
ja so, dafi man die Kloster eigentlich nicht gern gesehen hat in der
alten Kirche, weil die Monche noch viel bewahrt hatten von der al-
ien Wissenschaft. Und bei den Monchen - die durften nur nicht den
Mund aufmachen - findet man schon ein Wissen von der alten Ster-
nenweisheit. Das ist schon durchaus zu finden, wenn man es nur su-
chen will. Dinge, die ich Ihnen erzahlt habe - ich habe Ihnen das
Tafel 5 letzte Mai aufgezeicb.net, wie man Weib und Mann noch im 17.
Jahrhundert unterschieden hat -, ja, die haben sich fortgepflanzt in
alten Zeiten iiber das Monchtum, nicht iiber das aufiere weltliche
Regiment, sondern iiber das Monchtum, und im Grunde ist es erst
im 17., 18. Jahrhundert gelungen, damit vollstandig aufzuraumen.
Das Mittelalter ist gar nicht so finster, wie man gewohnlich glaubt.
Nur dasjenige ist finster, was die Leute gewohnlich sehen. Aber im
Geheimen haben die Leute viel Weisheit gehabt; nur versteht man
sie heute nicht, selbst wenn man in alten Schriften liest. Ich habe
Ihnen ja beim Ausdruck «Mumie» gezeigt, dafi kein Mensch heute
bedenkt, was Mumie ist. Ich habe es Ihnen erklart.
Und so ist es schon, dafi also die grofite Idee des Christentums
diese ist von dem Herunterfahren der Sonnenkraft auf die Erde.
Sehen Sie, meine Herren, dadurch ist eigentlich erst das gekom-
men, was man Geschichte nennt. Denn im Morgenlande driiben hat
man eine grofie Sternenweisheit gehabt, aber auf die Geschichte hat
man nichts gegeben. Diejenigen, die im Morgenlande die Gelehrten,
die Wissenden waren, die haben immer darauf hingewiesen: In den
Himmelsweiten ist die Schopfung. Aber was die Menschen auf der
Erde gemacht haben, darum haben sie sich nicht viel gekiimmert.
Bei den Juden tritt etwas ein von Geschichte, aber das ist eine
Geschichte, die ja auch mit der Sternenweisheit beginnt, denn die
«sieben Sch6pfungstage» sind Sternenweisheit. Und dann wird es
chaotisch, dann geht es durcheinander. Eine richtige Geschichte, die
die ganze Entwickelung auf der Erde einteilte in das Vorchristliche
und das Nachchristliche, trat eben erst mit dem Christentum ein.
Das ist dasjenige, was ich Ihnen heute sagen konnte. Einige Er-
ganzungen dazu will ich dann noch am nachsten Samstag geben.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:353 Seite:88
FUNFTER VORTRAG
Dornach, 15. Marz 1924
Meine Herren, wir wollen darin fortfahren, daft ich Ihnen noch eini-
ges zeige, wie das Christentum sich in Europa eingelebt hat.
Sehen Sie, in der ersten Zeit nach der Begriindung des Christen-
tums breitete es sich ja zuerst im Siiden aus, bis nach Rom heriiber,
und dann spates vom 3., 4., 5. Jahrhunderte an, kam die Ausbrei-
tung nach Norden. Nun wollen wir uns Europa einmal anschauen
in der Zeit, in der das Christentum sich ausgebreitet hat, also zur
Zeit der Begriindung des Christentums, respektive etwas darnach.
Ich mochte Ihnen die Frage beantworten: Wie hat Europa bezie-
hungsweise unsere Zivilisation ausgesehen in der Zeit, als sich das
Christentum ausgebreitet hat?
Wenn wir uns dadriiben Asien vorstellen (es wird eine Zeichnung Tafel 7
entworfen), so ist da Europa wie ein kleines Anhangsel von Asien,
wie eine kleine Halbinsel. Sie werden ja wissen, Europa sieht so aus:
Hier haben wir Skandinavien, hier haben wir dann die Ostsee; wir
kommen dann nach Rufiland heriiber. Hier haben wir das heutige
Danemark. Hier kommen wir heriiber an die Nordkiiste von
Deutschland, hier kommen wir in das hollandische, hier in das fran-
zosische Gebiet. Hier kommen wir nach Spanien, kommen hier her-
iiber nach Italien. Jetzt kommen wir an die Gebiete, die wir schon
kennen: kommen an das Adriatische Meer, kommen hier nach
Griechenland heriiber; dann ist da das Schwarze Meer. Hier kom-
men wir anstoftend nach Kleinasien, da hiniiber kamen wir dann
nach Afrika. Auf der anderen Seite, hier, wiirden wir dann England
mit Wales haben, und dann hier Irland, beilaufig nur angedeutet.
Nun werde ich Ihnen also klarzumachen versuchen, wie Europa
ausgeschaut hat in der Zeit, in der das Christentum, allmahlich sich
ach Europa gekommen ist. Hier ist ja Europa von
Asien abgeschlossen durch den Ural. Wir haben dann hier den
machtigen Flufi, die Wolga, und wenn wir dazumal in diese Gegen-
den, die heute Slidrafiland, die Ukraine und so weiter bilden, ge-
Copy right Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:35 3 Seite: 8 9
kommen waren, so hatten wir dort zu der Zeit, da das Christentum
von Siiden heraufstiefi, ein Volk, das spater ganz verschwunden ist
von diesem Boden, weiter nach Westen gezogen ist und im Westen
dann in anderen Volkern untergegangen ist: die Ostgoten. Also in
der Zeit, in der das Christentum beginnt sich auszubreiten, haben
wir hier die Ostgoten. Sie werden gleich nachher sehen, wie diese
Volkerschaften alle in einer gewissen Zeit ins Wandern gekommen
sind. Aber in der Zeit, als das Christentum von Siiden heraufstiefi,
waren diese Volkerschaften in Europa an diesem Platze sefihaft.
Sehen Sie, wenn Sie die Donau nehmen, dann haben Sie, weiter
heriibergehend, hier das heutige Rumanien, das heutige Ungarn. In
diesen Gegenden - dem heutigen Ungarn, dem heutigen Rumanien -
safien dazumal die Westgoten. Gehen wir weiter heriiber, hier nach
dem heutigen westlichen Ungarn, nordwarts von der Donau, so ha-
ben wir hier die Vandalen. So hiefien dazumal diese Volkerschaften.
Und da, wo das heutige Mahren, Bohmen, Bayern ist, safien die so-
genannten Sueven, aus denen dann die Schwaben geworden sind.
Gehen wir weiter herauf - hier entspringt die Elbe, und die Elbe
fliefit dann in die Nordsee: hier sind alles iiberall Goten. Hier aber -
da ist dann der Rhein, den Sie gut kennen; da ware also etwa das
heutige Koln -, hier um den Rhein herum, da wohnen die sogenann-
ten ripuarischen Franken. Weiter heroben, wo der Rhein miindet,
da wohnen die salischen Franken. Und hier bis zur Elbe hin, da
wohnen die Sachsen. Die Sachsen haben ihren Namen bekommen
von den Menschen, die da sudwarts waren. Sie haben ihren Namen
bekommen, weil diesen Volkern sudwarts aufgefallen ist, dafi sie
vorzugsweise oder fast ausschliefilich sich von der Fleischkost ge-
nahrt haben, und sie haben sie «Fleischfresser» genannt.
Hier weiter in diesen Gegenden waren ja die Romer ausgebreitet :
auch noch im heutigen Frankreich, im heutigen Spanien und so wei-
ter, auch hier waren iiberall griechisch-romische Volker. Unter
denen breitete sich zuerst das Christentum aus, und dann stiefi es
nach dem Norden. Man kann sagen, hier in diesen Gegenden kam
das Christentum friiher nach dem Norden als in den mehr west-
lichen Gegenden. So haben wir ja unter den Goten einen alten
Bischof : Wulfila^ das heifit «das W6lflein». Wulfila hat eine gotische
Bibelubersetzung gemacht, schon sehr fruh, im 4. Jahrhunderte.
Diese Bibelubersetzung ist sehr interessant, weil sie sich sehr von
den spateren Bibelubersetzungen unterscheidet. Sie ist in einem
aufierordentlich wertvollen Buche enthalten, das heute in der Biblio-
thek in Uppsala, in Schweden, sich befindet; und es ist so, dafi man
daraus sehen kann, dafi sich hier im Osten das Christentum schon
fruher ausgebreitet hat.
Wenn Sie dieses, was ich aufgezeichnet habe, verfolgen, so wer-
den Sie finden: Da sitzen also die griechisch-romischen Volker; aber
in diesen Gegenden ist in altesten Zeiten iiberall noch eine uralte Be-
volkerung, eine uralte Bevolkerung von Europa, die sehr interessant
ist. Diese Bevolkerung von Europa, die ich Ihnen jetzt auf der Zeich-
nung mit roter Farbe angestrichen habe, die war zur Zeit, als das
Christentum von Suden nach Norden heraufstiefi, schon mehr nach
den westlichen Gegenden zuriickgedrangt. Denn alle diese Volker-
schaften waren ursprunglich gar nicht in diesen Gegenden, sondern
eben nur zu der Zeit, als das Christentum sich ausbreitete; sie waren
alle mehr im Osten driiben. Alle diese Volkerschaften mufi man sich
wohnend an der Grenze zwischen Asien und Europa vorstellen.
Und dasjenige, was heute die Slawen sind, die sind noch weiter in
Asien drinnen.
Die Frage ist nun diese: Wenn wir namlich in Zeiten vor der Ent-
stehung des Christentums zuruckgehen, so miifite ich Ihnen diese
ganze Karte von Europa mit den roten Strichen anzeichnen; da war
ganz Europa von einer alten keltischen Bevolkerung durchsetzt.
Und all dasjenige, was spater da in Europa ist, was ich Ihnen da auf-
gezeichnet, aufgeschrieben habe, das ist eigentlich erst spater - die
paar Jahrhunderte vor, die paar Jahrhunderte nach der Begriindung
des Christentums - von Asien heriibergekommen. Und da entsteht
die Frage: Ja, warum wandern diese Volkerschaften da auf einmal
heriiber? Diese Volkerschaften sind in einer gewissen Zeit der Welt-
geschichte in Bewegung gekommen; sie drangten heriiber nach Eu-
ropa. Das ist aus dem folgenden Grunde gewesen : Wenn Sie sich das
heutige Sibirien anschauen, so ist das eigentlich eine riesige ode Fla-
che, die sehr wenig bevolkert ist. Dieses Sibirien, das war vor noch
nicht gar zu langer Zeit, namlich nicht lange vor der Entstehung des
Christentums, ein paar Jahrhunderte vorher, noch viel niedrigeres
Land, und dieses niedrigere Land war verhaltnismafiig warm. Und
dann hat es sich gehoben. Es braucht sich ein Land nicht sehr stark
zu heben, dann wird es doch, wahrend es vorher warm war, kalt in
den Landern, und die Seen trocknen aus, und es wird ode. Das hat
also die Natur hier selber bewirkt, dafi die Menschen von Osten
nach Westen heriibergezogen sind.
Die keltische Bevolkerung in Europa, das war eine sehr interes-
sante Bevolkerung. Auf die keltische Bevolkerung stiefien ja die
nach Westen wandernden Volker. Sie war eine verhaltnismafiig
friedliche Bevolkerung. Die keltische Bevolkerung in Europa hat
namlich durchaus noch dasjenige gehabt, was man ein urspriing-
liches Hellsehen nennen kann, ein richtiges ursprungliches Hell-
sehen. Wenn diese Menschen sich an irgendein Handwerk gesetzt
haben, dann haben sie gedacht: bei diesem Handwerke, da helfen
ihnen die Geister. Und wenn einer fiihlte, er kann geschickt Stiefel
machen - Stiefel hatte man zwar noch nicht, aber solche Dinge, mit
denen man die Fufie bedeckte -, da sah er in seiner Geschicklichkeit
drinnen Geisterhilfe. Und er konnte wirklich auch dasjenige wahr-
nehmen, was ihm da aus der geistigen Welt heraus half. Diese alten
keltischen Menschen, die haben also ihr Leben noch durchaus so an-
gesehen, dafi sie mit der geistigen Welt in gewissem Sinne «auf du
und du» waren. Und daher haben auch diese Volkerschaften sehr
schone Dinge hervorgebracht. Die keltische Bevolkerung ist auch in
Italien in uralten Zeiten eingedrungen, hat viel Schones hingebracht,
wodurch sich abgeschliffen hat die rohe romische Lebensart, die
durch das Raubervolk gekommen ist. Gerade durch das Eindringen
von keltischer Bevolkerung ist die ursprungliche romische Roheit
etwas gemildert worden.
Also hier war uberall in alten Zeiten keltische Bevolkerung in
Europa. Im Suden war dann die romisch-griechische, romanisch-
griechische, lateinisch-griechische Bevolkerung. Und, wie gesagt,
durch die Hebung von Sibirien, wodurch Sibirien ode geworden ist,
bewegten sich diese Volkerschaften heriiber. Und zur Zeit, als das
Christentum von Siiden nach Norden heraufstiefi, schaute eben die
Karte von Europa so aus (auf die Zeichnimg deutend). Tafel 7
Es ist sehr merkwiirdig, meine Herren: Gewisse Eigenheiten der
Volker erhalten sich gut, andere Eigentiimlichkeiten erhalten sich
weniger. Man mufi zum Beispiel folgendes bemerken: Unter den
Volkerschaften, die da von Asien nach Europa heriiberzogen, waren
auch die Hunnen, die als ihren machtigsten Konig Attila hatten.
Aber Attila ist ein gotischer Name! Denn Attila heifit Vaterchen im
Gotischen. Weil viele von den Volkerschaften, die ich Ihnen hier
aufgeschrieben habe, auch den Hunnenkonig Attila anerkannten als
ihren Konig, hat er einen gotischen Namen bekommen. Aber diese
Hunnen unterschieden sich ganz stark von den anderen Volker-
schaften. Und das kam dadurch, dafi alle diese mehr wilderen Vol-
ker, die da heruberkamen, ursprunglich in Asien Bergvolker gewe-
sen waren. Die etwas zahmeren Volker, die heruberkamen, wie die
Goten, das waren mehr Volker der Ebene. Und die wilden Taten
der Hunnen und auch spater die wilden Taten der Magyaren, die
ruhrten davon her, dafi das ursprunglich in Asien Bergvolker gewe-
sen waren.
Es ist ja so gekommen, dafi die Romer immer mehr und mehr -
also unabhangig vom Christentum - ihre Herrschaft nach Norden
ausgedehnt haben, und da stiefien sie mit diesen Volkerschaften, die
aus Asien heruberkamen, zusammen. Da entstanden viele Kriege
zwischen den Romern und den Volkern, die hier im Norden waren.
Ich habe Ihnen schon das letzte Mai den Namen erwahnt von einem
sehr bedeutenden rdmischen Schriftsteller, Tacitus. Der hat viel iiber
romische Geschichte geschrieben, aber er hat auch ein ganz grofiar-
tiges, gewaltiges Biichelchen geschrieben, das heifit «Germania». In
dem hat er etwa hundert Jahre, nachdem das Christentum schon be-
griindet war, die Volkerschaften, die da oben safien, beschrieben,
grofiartig beschrieben, so dafi man in der Beschreibung von Tacitus
diese Menschen wie lebendig vor sich hat. Aber ich habe Ihnen auch
schon das andere gesagt : Der Tacitus schreibt als einer der gebildet-
sten Romer, aber er hat nicht mehr von dem Christentum zu sagen
gewufit, als dafi es begriindet worden ist als eine Sekte in Asien drii-
ben von einem gewissen Christus, der vom Gericht hingerichtet
worden ist! Also der Tacitus hat in Rom in einer Zeit geschrieben,
als die Christen noch geknechtet waren, als sie noch in ihren unter-
irdischen Katakomben lebten, eigentlich noch nicht einmal das rich-
tig. Und da war also noch nichts vom Christentum unter diesen
nordlichen Menschen.
Diese nordlichen Menschen haben aber damals auch eine Reli-
gion gehabt. Und das ist sehr interessant, was diese nordlichen Men-
schen fur eine Religion gehabt haben. Erinnern Sie sich noch ein-
mal, meine Herren, wie sich die religiosen Vorstellungen bei den
siidlichen und ostlichen Volkern ausgebildet haben. Wir haben von
den Indern gesprochen; die haben vorzugsweise auf den physischen
Leib gesehen, also auf etwas vom Menschen. Die Agypter haben auf
den Atherleib gesehen - wiederum etwas vom Menschen. Die Baby-
lonier und Assyrier haben auf den astralischen Leib gesehen - wie-
derum etwas vom Menschen. Die Juden haben auf das Ich gesehen
in ihrem Jahve - wiederum etwas vom Menschen. Nur von den
Griechen - und das ist dann auf die Romer iibergegangen - mufite
ich Ihnen sagen : die haben vom Menschen weniger gesehen, die ha-
ben ihren Blick mehr auf die Natur gewendet. Und die Griechen
sind ja wirklich die grofiartigsten Naturbeobachter gewesen.
Aber diese Menschen da hier im Norden, die haben iiberhaupt
vom Menschen als solchem, vom innerlichen Menschen, nichts gese-
hen, weniger noch als die Griechen. Das ist interessant : Diese Men-
schen hier im Norden haben den inneren Menschen vollstandig ver-
gessen, und nicht einmal Erinnerungen hatten sie an dasjenige, was
iiber den inneren Menschen hat gedacht werden konnen. Die Grie-
chen und die Romer hatten wenigstens noch Erinnerungen; sie wa-
ren Nachbarn von den Volkerschaften uberall in Vorderasien, von
Agyptern, Babyloniern und so weiter; sie hatten Erinnerungen an
dasjenige, was diese alten Volkerschaften gedacht hatten. Diese nor-
dischen Volkerschaften, die blickten nur in die Umwelt, nur hinaus
aus dem Menschen. Und sie sahen nicht die Natur, sondern aufier-
halb des Menschen die Naturgeister. Die alten Griechen sahen die
Natur; diese Menschen hier im Norden sahen die Naturgeister. Da-
her sind gerade unter diesen Menschen die schonsten Erzahlungen,
Marchen, Sagen, Mythen entstanden, weil diese Menschen uberall
die Geister gesehen haben. Die Griechen sahen den hohen Berg, den
Olymp; aber auf dem Olymp wohnten die Gotter. Diese Menschen
da im Norden, die sagten nicht : Auf einem Berg wohnen die Gotter -,
sondern die sahen gewissermafien im Gipfel des Berges den Gott
selber, weil ihnen der Gipfel des Berges nicht als Felsen erschien.
Wenn auf dem Gipfel des Berges das Morgenrot erglanzte, den Berg
iibergoldete und so liber die Berge hin die Morgensonne ging, da sa-
hen diese Volkerschaften nicht den Berg, sondern dieses Webende
von der Morgensonne iiber den Berg
…[truncated]