Mysterienwahrheiten und Weihnachtsimpulse. Alte Mythen und ihre Bedeutung

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Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

vortrAge vor mitgliedern 
der anthroposophischen ge sells ch aft 



Zu den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch or ientierte'n Geisteswissenschaft 
bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und ver- 
offentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 1924 
zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fiir die 
Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesell- 
schaft. Er selbst wollte urspriinglich, daB seine durchwegs frei ge- 
haltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als 
« miindliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht wa- 
ren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte Horer- 
nachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich veran- 
laBt, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er 
Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra- 
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fiir die Her- 
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus 
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst kor- 
rigieren konnte, muB gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen 
sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenom- 
men werden miissen, daB in den von mir nicht nachgesehenen Vor- 
lagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Ober das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur 
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen 
Schriften auBert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein 
Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am SchluB 
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermaBen 
auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen 
begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten 
Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemaB ihren 
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe 
begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Ge- 
samtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den 
Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



RUDOLF STEINER 

Mysterienwahrheiten 
und Weihnachtsimpulse 

Alte Mythen und ihre Bedeutung 

Sechzehn Vortrage, 
gehalten in Basel am 23. Dezember 1917 
und in Dornach vom 24. Dezember 1917 

bis 17.Januar 1918 



1980 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung 

Die Herausgabe der 2. Auflage besofgten Hermann Hug und Ulla Trapp 



1. Auflage in dieser Zusammenstellung 
Gesamtausgabe Dornach 1966 

2., durchgesehene Auflage (fotomechanischer Nachdruck) 
Gesamtausgabe Dornach 1980 

Einzelausgaben : 

Basel, 23. Dezember 1917 
«Et incarnatus est. 
Die Umlaufszeit geschichtlicher Ereignisse» 
Dornach 1933 und 1956 

Dornach, 24. bis 31. Dezember 1917 
«Mysterienwahrheiten und Weihnachtsimpulse» 
Dornach 1935 

Dornach, 4. bis 13. Januar 1918 
«Alte Mythen und ihre Bedeutung. 
Die verjiingenden Krafte in der Menschennatur» 
Dornach 1937 



Bibliographie-Nr. 180 

Zeichen auf dem Einband von Rudolf Steiner 
Schrift von B. Marzahn 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/ Schweiz 
© 1966 by Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Switzerland by Meier + Cie AG, Schaffhausen 

ISBN 3-7274-1800-1 



INHALT 



Erster Vortrag, Basel, 23. Dezember 1917 9 

Et incarnatus est. Das Mysterium der jungfraulichen Geburt. Die 
Gaben der drei Magier: Gold, Weihrauch, Myrrhen - gottliche 
Weisheit, Tugend, Unsterblichkeit. Gedanken einiger Personlich- 
keiten des 19. Jahrhunderts iiber das Wesen des Christus- Jesus. Das 
Weihnachtsfest gehort zusammen mit dem Osterfest, das 33 Jahre 
spater liegt. Die Bedeutung des Rhythmus von 33 Jahren fur das 
Verstandnis geschichtlicher Ereignisse. 

Zweiter Vortrag, Dornach, 24. Dezember 1917 28 

Pallas Athene, die jungfrauliche Gottin. Die 33jahrige Umlaufs- 
zeit der Ereignisse. Die Verehrung der Konstellationen im Him- 
melsraume in friiheren Zeiten; die Verehrung des in der Zeit Ver- 
laufenden als Pflicht in der Gegenwart. Die Geheimnisse der Ma- 
gier: Zusammenhang zwischen Vergangenheit, Gegenwart und 
Zukunft. 

Dritter Vortrag, Dornach, 25. Dezember 1917 42 

Der Verlust des Verstandnis ses fur das Mysterienwesen seit dem 
letzten Drittel des 18. Jahrhunderts. St. Martins Anschauungen als 
Uberreste alter Mysterienweisheit. Dupuis' Schrift «Origine de 
tous les cultes » und ihre Wirkung auf die Theologie des ^.Jahr- 
hunderts. Was war friiher und was ist jetzt: esoterisch und exo- 
terisch? Die Entstehung luziferischer Elementarwesen im Alter- 
tum bei den Verrichtungen physischer Wissenschaft. Die Entste- 
hung ahrimanischer Elementarwesen heute durch die Verbindung 
physisch-wissenschaftlicher Denkweise mit nationaler Gesinnung. 
Die Kraft des Logos. 

Vierter Vortrag, Dornach, 26. Dezember 1917 57 

Altes Mysterienwesen und neue spirituelle Wissenschaft. Die Aus- 
gleichung schadlicher Krafte durch das Mysterium von Golgatha. 
Das Wirksamwerden menschlicher Handlungen im sozialen Zu- 
sammenhang nach dreiunddreiBig Jahren. Das Ausreifen der Ge- 
danken- und Tatenkeime und ihre Wirksamkeit durch drei Gene- 
rationen. Die «Conceptio immaculata». Goetheanismus : Die An- 
schauung der Urphanomene statt theoretischer Kombinatorik. 



Funfter Vortrag, Dornach, 29. Dezember 1917 



74 



Die beiden Tore der unsichtbaren Welt als Grundlage des christ- 
lichen Jahres : das Geheimnis der Geburt und das Geheimnis des 
Todes. Die von Indien und Agypten ausgehenden Mysterien des 
Feiiers oder der Geburt. Die Mysterien des Todes, Licht- oder 
Sternenmysterien, aus Chaldaa und Vorderasien. Geheimnisse der 
Sternenkonstellationen. Die Uberwindung der Gegensatze zwi- 
schen Religion und Wissenschaft durch die Geisteswissenschaft. 

Sechster Vortrag, Dornach, 30. Dezember 1917 90 

Spiritualitat im Studium der Sinne am Beispiel des Auges. Die 
Sinneszonen als eine Art Fortsetzung der AuBenwelt; deren ob- 
jective Seite im Universum. Die Sinnesspharen und die hinter den 
Sinnen wirkenden Hierarchien. Die Mysterien der Persephone. 
Bernardus Silvestris, Alanus ab Insulis, Brunetto Latini, Dante. 
Die mystische und die alchimistische Hochzeit. 

Siebenter Vortrag, Dornach, 31. Dezember 1917 112 

Silvester-Betrachtungen. Denkbequemlichkeit und Wirklichkeits- 
fremdheit der Menschen als Hindernis fur das Einschlagen neuer 
Wege. Das Notwendigste in der Gegenwart ist Verstandnis fur 
wahre Wirklichkeit. 

Achter Vortrag, Dornach, 4. Januar 1918 131 

Die Mythen: Ausdruck des BewuBtseins von der Zusammenge- 
horigkeit des Menschen als Mikrokosmos mit dem Makrokosmos. 
Verwandtschaften und Verschiedenheiten der agyptischen, grie- 
chischen und israelitischen Art, sich zum Weltall zu stellen. Die 
Osiris-Isis-Mythe und die griechischen Mythen von Gaa und 
Uranos, Rhea und Kronos, Hera und Zeus. Die drei Naturprozesse 
von Sal, Mercur und Sulfur der mittelalterlichen Naturforscher 
und ihr Zusammenhang mit den griechischen Gottergenerationen. 

Neunter Vortrag, Dornach, 5. Januar 1918 150 

Riickblick auf die Anderungen der Seelenzustande in der BewuBt- 
seinsentwickelung. Die tiefere Bedeutung der Osiris-Mythe. Die 
heilige Bilderschrift und die sich daraus entwickelnde abstrakte 
Buchstabenschrift. Seelische Vorgange bei der Geschlechtsreife zur 
Zeit der alten Agypter. Der Zusammenhang zwischen Sternen- 
weisheit und sozialem Leben in friiheren Zeiten. Sexualitat und 
Nationalismus. Abstraktionsprozesse in Sprache und BegrifFen. 
Das Symbol des Kreuzes. 



Zehnter Vortrag, Dornach, 6. Januar 1918 



171 



Wichtige Unterschiede zwischen der agyptischen und der griechi- 
schen Gotterlehre und dem Alten Testament. Die Geheimnisse der 
Osiris-Isis-Mythe. Die neue Isis-Legende. Eulenspiegeleien als 
Grundton in der heutigen Zeit. Bewufttes Alterwerden. 

Elfter Vortrag, Dornach, 8. Januar 1918 189 

Welche Impulse schaffen ein Gegengewicht gegen das die Wissen- 
schaft und das Leben beherrschende Vererbungsprinzip ? Die alte 
Isis-Inschrift und der sie erganzende Spruch fur Gegenwart und 
Zukunft. Der Zusammenhang konkreter Konstellationen von Tier- 
kreis und Planeten mit der Entwickelung des Menschen in den 
nachatlantischen Kulturen. Die «Weltenuhr». 

Zwolfter Vortrag, Dornach, 11. Januar 1918 209 

Die physische und die seelisch-geistige Entwickelungsfahigkeit 
des Menschen. Das Jiingerwerden der Menschheit. Friedrich Schle- 
gels Hoffnungen und Illusionen in bezug auf eine Durchchristung 
des Wissenschafts- und Staatslebens. Das Jiingerwerden des Ather- 
leibes bei gleichzeitigem Alterwerden des physischen Leibes des 
Menschen. Das Unheil einseitig wirkender Impulse von Sozialis- 
mus und Gedankenfreiheit ; ihr Ausgleich durch die Geisteswis- 
senschaft. 

Dreizehnter Vortrag, Dornach, 12. Januar 1918 229 

Die Ungeeignetheit abstrakter Begriffe fur eine wirkliche Men- 
schenerkenntnis. Die Zweiheit der menschlichen Gestalt : der Kopf- 
mensch (Kugelform) und der Rumpfmensch (Mondenform). Kopf- 
wissen und Herzenswissen. Die notwendige Umwandlung von 
Kopfwissenschaft in Herzens wis senschaft; ihre Bedeutung fur das 
Erziehungs- und Unterrichtswesen und fur das Soziale. Das Zaren- 
tum. 

Vierzehnter Vortrag, Dornach, 13. Januar 1918 253 

Die Zusammenhange des menschlichen Kopfes mit dem Sternen- 
himmel und des iibrigen Organismus mit den Vererbungskraften. 
Das Einstromen von aurischer Weltensubstanz auf die Erde und 
ihr Wiederausstromen. Die Polaritat zwischen Kopf- und Herz- 
leben und ihr Zusammenhang mit der von der Erde ein- und aus- 
geatmeten Geistsubstanz. Aufgaben einer zukiinftigen Erziehungs- 
wissenschaft. Ahnlichkeiten zwischen dem siebenten lemurischen 
Zeitraum und unserer gegenwartigen Epoche. Die katastrophalen 
Kriegsereignisse; Unterschiede gegeniiber friiheren Kriegen. 



Funfzehnter Vortrag, Dornach, 14. Januar 1918 283 

Geschichte Europas bis zum 9. Jahrhundert. Der Zerfall des Romi- 
schen Reiches und das Aufbliihen des Arabismus. Die Volker- 
wanderung. Kelten und Germanen. Die Verbindung von romi- 
schem Christentum mit dem frankischen Erobererelement. Karl 
der GroBe. Papst Nikolaus I. ; Beginn der Trennung des orientali- 
schen Christentums vom Abendland. 

Sechzehnter Vortrag, Dornach, 17. Januar 1918 304 

Geschichte Europas bis zum 15. Jahrhundert. Das SeBhaftwerden 
der europaischen Menschheit nach der Volkerwanderung. Geld- 
wirtschaft und Naturalwirtschaft. Rittertum und Burgertum. Die 
Entwickelung der verschiedenen Volksstamme zu Nationen in 
Mittel- und Westeuropa. Die Jungfrau von Orleans. Papsttum, 
Ketzertum, Kreuzziige. Jerusalem gegen Rom. Goldmacherkunst, 



Stein der Weisen. Rosenkreuzertum. 

Hinweise 336 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 347 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 349 



ERSTER VORTRAG 
Basel, 23.Dezember 1917 



Der Sinn, der verbunden ist mit der Kraft des menschlichen Sehnens, 
wie sie viele Jahrhunderte hindurch in den menschlichen Herzen Platz 
gegriffen hat mit dem Feste, dessen Symbolum in der neueren Zeit der 
Weihnachtsbaum geworden ist, dieser Sinn ist auszudriicken in den 
Worten, die da ertonen seit dem Beginn der Zeitrechnung, welche 
vom Mysterium von Golgatha ausgeht, und die sich in die Entwicke- 
lung des Erdenwesens weiter hineinverpflanzen sollen. Dieser Sinn, 
der durch diese Zeit hindurchleuchtet, ist verbunden mit den Worten : 
«Et incarnatus est de spiritu sancto ex Maria virgine. » 

Man darf sagen, ein groBer Teil der neueren Menschheit wird mit 
den Worten «Et incarnatus est de spiritu sancto ex Maria virgine » 
ebensowenig Bedeutung verbinden wie mit dem Auferstehungs- 
mysterium der Osterzeit. Man darf gewissermaBen sagen, so unwahr- 
scheinlich es dem nicht mehr der spirituellen Welt zugewandten neue- 
ren Sinn erscheint, das Mittelpunktsmysterium des Christentums in 
der Auferstehung vom Tode zu sehen, ebensowenig erscheint es dem- 
selben Denken, demselben Empfinden wahrscheinlich, die geistige 
Tatsache anzunehmen, die mit dem Weihnachtsmysterium verbun- 
den ist: die Fleischwerdung, die Verkorperung aus der jungfrau- 
lichen Geburt heraus. Ja, man kann wohl sagen, ein groBer Teil der 
neueren Menschheit wird dem Naturforscher, welcher das Mysterium 
der jungfraulichen Geburt genannt hat «eine freche Verhdhnung der 
menschlichen Vernunft», mehr zustimmen als demjenigen, der im 
spirituellen Sinne dieses Mysterium ernst nehmen will. 

Und dennoch, in dem christlichen Sinne ist das Mysterium von der 
Inkarnation vom Heiligen Geiste aus Maria der Jungfrau heraus 
geltend seit dem Mysterium von Golgatha. In einem andern Sinne 
war es giiltig bereits vor dem Mysterium von Golgatha. Diejenigen, 
welche dem in der Krippe liegenden Kind dargebracht haben die 
Symbole, oder besser gesagt die symbolischen Gaben Gold, Weih- 
rauch, Myrrhen, sie haben in den Sternen gelesen im Sinne der alten 



Wissenschaft seit Jahrtausenden das Mysterium von der jungfrau- 
lichen Geburt, also das Weihnachtsmysterium. Und sie, die Magier 
mit dem Golde, dem Weihrauch, den Myrrhen, sie sind gekommen, 
weil sie die Zeichen der Zeit geschaut haben. Was waren das fur 
Zeichen der Zeit? Die Magier mit dem Golde, dem Weihrauch, den 
Myrrhen, sie waren in dem Sinne, in dem die alte Weisheit dies verstand, 
Astrologen. Sie waren bekannt mit jenen geistigen Vorgangen, die sich 
im Kosmos abspielen, wenn sich gewisse Zeichen am Himmel zeigen. 

Ein solches Zeichen war fur sie, daB in der Nacht vom 24. auf den 
25. Dezember - in dem Jahre, das wir heute als das der Geburt des 
Christus Jesus bezeichnen - die Sonne, das groBe Weltensymbolum 
des Weltenerlosers, herfunkelte vom Himmelsgewolbe, herfunkelte 
aus dem Sternbilde der Jungfrau. Sie sagten, wenn die Konstellation 
am Himmel eintreten werde, daB die Sonne in der Nacht vom 24. auf 
den 25. Dezember in dem Sternbilde der Jungfrau stehen werde, dann 
wird mit der Erde eine wichtige Verwandlung vor sich gehen. Dann 
ist die Zeit gekommen, wo wir das Gold, das heiBt das Symbolum 
unserer Erkenntnis der gottlichen Weltenlenkung, die wir bisher in 
den Konstellationen der Sterne allein gesucht haben, darbringen wer- 
den jenem Impuls, der sich einfugt der irdischen Menschheits- 
entwickelung ; wo wir den Weihrauch, den Opfersinn, der zu gleicher 
Zeit symbolisiert die hochste menschliche Tugend, so hinzuopfern 
haben, daB wir uns zur Verrichtung dieser hochsten menschlichen 
Tugend verbinden mit der Kraft, die von dem Christus ausgeht, der 
inkarniert werden soli in derjenigen menschlichen Personlichkeit, der 
wir den Weihrauch als symbolische Gabe darbringen; und als drittes 
die Myrrhen als das Symbolum desjenigen, was ewig ist im Menschen. 
Was wir verbunden gefiihlt haben durch die Jahrtausende mit den 
Kraften, die aus den Sternenkonstellationen herunter sprechen, wir 
suchen es im weiteren, indem wir es als Gabe darbringen Dem, der 
der Menschheit ein neuer Impuls werden sollte. Wir suchen unsere 
Unsterblichkeit dadurch, daB wir unsere Seele verbinden dem Impulse 
des Christus Jesus. Wenn aus der Jungfrau das kosmische Symbolum 
der Weltenkraft, der Sonnen-Weltenkraft, herunterleuchten wird, dann 
wird eine neue Erdenzeit beginnen. 



So war es geglaubt, so war es angesehen durch Jahrtausende hin- 
durch. Und als sich die Magier veranlaBt fiihlten, die Weisheit vom 
Gottlichen, den menschlichen Tugendsinn, die Erfiihlung der mensch- 
lichen Unsterblichkeit - symbolisch ausgedriickt in Gold, Weihrauch 
und Myrrhen - hinzulegen vor dem gottlichen Kinde, da wiederholten 
sie als in einem geschichtlichen Ereignisse dasjenige, was in unzahligen 
Mysterien, in unzahligen Opferhandlungen durch die Jahrtausende 
eben symbolisch dargestellt worden ist, indem man wie eine prophe- 
tische Hinweisung auf das Ereignis, das eintreten sollte, wenn die Sonne 
um die Mitternacht vom 24. auf den 25.Dezember aus der Jungfrau 
vom Himmel herunterscheint, dem symbolischen Gotterkinde, das 
in den alten Tempeln als der Reprasentant der Sonne aufbewahrt 
wurde, in dieser Weihnachtsnacht opferte Gold, Weihrauch, Myrrhen. 
So spricht auf christliche Weise das «Incarnatus est de spiritu sancto 
ex Maria virgine» seit bald zwei Jahrtausenden, so spricht dasselbe 
Incarnatus seit Menschengedenken auf der Erde. Die Zeit, in der wir 
leben, ihr gegeniiber stellen wir die Frage : Wissen die Menschen noch 
so recht, wozu sie eigentlich aufschauen sollen, wenn sie ihr Weih- 
nachtsfest feiern? Ist in der Gegenwart ein voiles BewuBtsein vor- 
handen davon, daB aus kosmischen Hohen, unter kosmischen Zeichen 
erschienen ist eine Weltenkraft durch jungfrauliche Geburt, im spiri- 
tuellen Sinne erfaBt, und daB die Weihnachtslichter in unser Herz 
gieBen sollen ein BewuBtsein davon, daB die menschliche Seele ver- 
bunden ist, durch ihre innigsten Bande verbunden ist mit dem, was 
da nicht nur als ein irdisches Ereignis, was als ein kosmisch-irdisches 
Ereignis erschaut werden kann? 

Die Zeiten sind ernst, und es ist wohl auch angemessen, in solchen 
ernsten Zeiten Fragen wie die eben aufgeworfenen in heiligen Stun- 
den sich ernst zu beantworten. Und so wollen wir denn emmal zu- 
nachst eine kleine Umschau halten bei Gedanken von besten Mit- 
gliedern der Menschheit im abgelaufenen 19.Jahrhundert, um zu 
sehen, ob die Idee des Christus Jesus so lebte in der neueren Mensch- 
heit, daB wir finden konnen: das Weihnachtsmysterium hat seinen 
Sinn dadurch, daB die Menschheit ein Ewiges feiern will unter dem 
Schein der Weihnachtslichter. 



Wir wollen uns einige Stimmen bester Personlichkeiten des 19. Jahr- 
hunderts vergegenwartigen. Zunachst seien Worte einer Personlich- 
keit angefuhrt, die sich viel beschaftigt hat mit der Ergriindung des 
Wesens Jesu, die versucht hat, ein Bild von dem Christus Jesus zu 
geben aus dem BewuBtsein des 19. Jahrhunderts heraus: Ernest Renan. 
Ernest Renan richtete seinen Blick in echt realistisch-materialistischer 
Weise mit auBeren physischen Augen auf die Statten von Palastina. 
Wieder auferwecken will er aus der unmittelbar materiellen Anschau- 
ung in seiner eigenen Seele ein Bild derjenigen Personlichkeit, die durch 
die Jahrhunderte, ja Jahrtausende hindurch genannt worden ist der 
Weltenerloser. Wir horen von Ernest Renan aus dem «Leben Jesu»: 

«Eine rei^ende Natur trug dazu bei, jenen, wenn ich sagen darf, 
monotheistischen Geist zu schaffen, der alien Traumen Galilaas eine 
idyllische und reizende Pragung gab. Der traurigste Landstrich der 
Welt mag vielleicht die Umgebung Jerusalems sein. Galilaa dagegen 
war ein sehr begriintes, sehr schattiges und sehr lachendes Gefilde, die 
rechte Heimat des Hohenliedes und der Lieder des Vielgeliebten. In 
den Monaten Marz und April ist dieses Gebiet ein Blumenteppich von 
unvergleichlicher Farbenfrische. Die Tiere sind hier klein, aber sehr 
zahm. Zierliche, lebhafte Turteltauben, blaue Amseln, so leicht, daB 
sie sich auf einen Halm setzen, ohne ihn niederzudriicken, Hauben- 
lerchen, die sich fast vor den FiiBen des Wanderers niederlassen, kleine 
Bachschildkroten mit lebendigen, sanften Augen, Storche mit gravita- 
tischen, ernsten Mienen lassen den Menschen ganz nah an sich heran- 
kommen, ja sie scheinen ihn sogar zu rufen. » 

Und Ernest Renan wird nicht mude, so recht zu schildern dieses 
von der groBen Weltgeschichte so vollstandig abgelegene Idyll von 
Galilaa, damit sich in diesem Idyll, in dieser anspruchslosen Land- 
schaft mit den Turteltaubchen und Storchen, dasjenige habe abspielen 
konnen, was die Menschheit durch die Jahrhunderte in Verbindung 
bringt mit dem Weltenerloser. 

Der Sinn der Erde, dasjenige, wozu die Menschheit durch Jahr- 
hunderte hat aufblicken wollen, ist fur den Denker des ^.Jahr- 
hunderts nur dann reizend, wenn er es schildern kann als ein Idyll mit 
Turteltaubchen und Storchen. 



«So ist denn die ganze Geschichte der Entstehung des Christen- 
tums» - sagt Ernest Renan weiter - «eine kostliche Idylle geworden. 
Ein Messias beim Hochzeitsgelage, den die Courtisane und der gute 
Zacchaus zu seinen Festen gerufen, die Stifter des gottlichen Reichs 
wie ein Zug Brautfuhrer - das ist es, was Galilaa gewagt hat, was es 
zur Annahme gebracht hat. » 

Dies eine der Stimmen. Horen wir daneben aus dem weiteren Chor 
der Stimmen des 19.Jahrhunderts eine andere Stimme, die Stimme 
John Stuart Mills, der sich auch zurechtflnden will aus dem BewuBtsein 
des 19. Jahrhunderts mit derjenigen Wesenheit, in welcher die Mensch- 
heit durch Jahrhunderte und der prophetische Sinn der Menschheit 
durch Jahrtausende vorher den Weltenerloser gesehen hat. 

«Was immer sonst» - sagt John Stuart Mill - «die Vernunftkritik 
am Christentum zerstoren mag, Christus bleibt uns: eine einzig da- 
stehende Gestalt, seinen Vorgangern so unahnlich wie alien seinen 
Nachfolgern, sogar denen, die sich des Vorteils seiner personlichen 
Unterweisung erfreuten. Dieser Schatzung tut es keinen Eintrag, 
wenn man sagt, der Christus der Evangelien sei nicht historisch, und 
daB wir nicht wissen konnen, wieviel von dem, was bewunderungs- 
wurdig an ihm ist, von seinen Anhangern hinzugefugt worden sei . . . 
[Denn] wer unter seinen Jiingern oder den von diesen Bekehrten ist 
imstande gewesen, die Jesus zugeschriebenen Reden zu ersinnen oder 
ein Leben auszudenken und eine Personlichkeit zu gestalten, wie sie 
uns aus den Evangelien entgegentritt? Sicherlich nicht die Fischer- 
leute aus Galilaa, und ebensowenig St.Paulus, dessen Charakter und 
Neigungen von ganz anderer Art waren; am wenigsten jedoch die 
ersten christlichen Schriftsteller. Was von einem Schuler hinzugefugt 
und eingeschoben werden konnte, laBt sich aus den mystischen Teilen 
des Evangeliums Johannes ersehen, welche dem Philo und den 
alexandrinischen Platonikern entlehnt und dem Heiland in den Mund 
gelegt werden, und zwar in langen Reden iiber sich selbst, wovon die 
anderen Evangelien nicht die leiseste Spur enthalten . . . Der Orient war 
voll von solchen Mannern, die jede beliebige Menge von solchem 
Zeug gestohlen haben konnten, wie es die vielerlei Sekten der orienta- 
lischen Gnostiker spater taten. Aber dem Leben und den Reden Jesu 



ist der Stempel des Tiefsinns und eine so personliche Originalitat auf- 
gepragt, daB sie - wenn wir der miiBigen Erwartung entsagen, wissen- 
schaftliche Genauigkeit da zu finden, wo es auf etwas ganz anderes 
abgesehen war - den Propheten von Nazareth, selbst in der Schatzung 
derer, welche an seine Inspiration nicht glauben, in die erste Reihe der 
erhabensten Manner stellen, deren unser Geschlecht sich riihmen darf. 
Da dieser auBerordentliche Geist auBerdem noch mit den Eigen- 
schaften des wahrscheinlich groBten Reformators und Martyrers aus- 
gestattet war, der je auf Erden gelebt hat, so kann man nicht sagen, 
daB die Religion eine schlechte Wahl getroffen habe» - eine Wahl 
getroffen! Man wahlt ja im 19.Jahrhundert! - «daB die Religion eine 
schlechte Wahl getroffen habe, indem sie diesen Mann als idealen 
Vertreter und Fuhrer der Menschheit aufstellte; auch jetzt wiirde es, 
selbst fur einen Unglaubigen, nicht leicht sein, eine bessere Uber- 
tragung der Tugendregeln vom Abstrakten ins Konkrete zu finden, 
als so zu leben, daB Christus unser Leben guthieBe. Beriicksichtigt 
man schlieBlich noch, daB sogar fur den Skeptiker immerhin die Mog- 
lichkeit bestehen bleibt, daB Christus wirklich das war, wofur er sich 
selbst ausgab - nicht Gott, denn der zu sein hatte er nie den leisesten 
Anspruch erhoben; auch wiirde er in einem solchen Anspruch wahr- 
scheinlich eine ebenso groBe Gotteslasterung erblickt haben wie die 
Manner, die ihn verurteilten -: wohl aber der von Gott ausdriicklich 
mit der einzigen Mission, die Menschheit zur Wahrheit und zur 
Tugend zu fuhren, betraute Mann, so diirfen wir sicherlich schlieBen, 
daB die Einfliisse der Religion auf den Charakter, die verbleiben 
werden, nachdem die Vernunftkritik ihr AuBerstes gegen die Beweise 
der Religion getan haben wird, der Erhaltung wohl wert sind, und 
daB, was ihnen im Vergleiche mit denen eines andern, besser be- 
griindeten Glaubens an direkter Beweiskraft abgeht, durch die groBere 
Wahrheit und Richtigkeit der Sittlichkeit, die sie sanktionieren, mehr 
als aufgewogen wird. » 

Da haben wir das Bild, welches die Philistrositat des 19.Jahr- 
hunderts, indem sie Geist von ihrem Geiste nahm, dem Wesen auf- 
pragte, das die Menschheit durch Jahrhunderte den Weltenerloser 
genannt hat. 



Sehen wir uns noch eine andere Stimme an eines in gewissem Sinne 
internationalen Geistes, Heinrich Hemes: 

« Christus ist der Gott, den ich am meisten liebe - nicht weil er so 
ein legitimer Gott ist, dessen Vater schon Gott war und seit undenk- 
licher Zeit die Welt beherrschte: sondern weil er, obgleich ein ge- 
borener Dauphin des Himmels, dennoch, demokratisch gesinnt, keinen 
hofischen Zeremonialprunk liebt, weil er kein Gott einer Aristokratie 
von geschorenen Schriftgelehrten und galonierten Lanzenknechten, 
und weil er ein bescheidener Gott des Volkes ist, ein Biirgergott, un 
bon dieu citoyen. Wahrlich, wenn Christus noch kein Gott ware, so 
wiirde ich ihn dazu wahlen, und viel lieber'als einem aufgezwungenen 
absoluten Gotte wiirde ich ihm gehorchen, ihm, dem Wahlgotte, dem 
Gotte meiner Wahl. ...» 

«Nur solange die Religionen mit anderen zu rivalisieren haben und 
weit mehr verfolgt werden als selbst verfolgen, sind sie herrlich und 
ehrenwert, nur da gibt's Begeisterung, Aufopferung, Martyrer und 
Palmen. Wie schon, wie heilig lieblich, wie heimlich suB war das 
Christentum der ersten Jahrhunderte, als es selbst noch seinem gott- 
lichen Stifter glich im Heldentum des Leidens. Da war's noch die 
schone Legende von einem heimlichen Gotte, der in sanfter Jiing- 
lingsgestalt unter den Palmen Palastinas wandelte und Menschenliebe 
predigte und jene Freiheits- und Gleichheitslehre offenbarte, die auch 
spater die Vernunft der groBten Denker als wahr erkannt hat, und die, 
als franzosisches Evangelium, unsere Zeit begeistert. » 

Nun haben wir dieses Heine-Bekenntnis, worinnen derjenige, den 
die Menschheit durch Jahrhunderte den Weltenerloser genannt hat, 
gelobt wird, weil man ihn nach demokratischer Weise jetzt wahlen 
wiirde, wenn er nicht schon dastehen wiirde, und weil er dasselbe 
Evangelium, das dann am Ende des 18.Jahrhunderts gepredigt wor- 
den ist, auch schon gepredigt hat. Er war also brav genug dazu, 
schon so groB zu sein wie diejenigen, die dieses Evangelium verstehen 
konnen ! 

Nehmen wir einen andern Geist des 19. Jahrhunderts. Sie wissen, 
daB ich Eduard von Hartmann sehr schatze. Ich fuhre nur diejenigen 
an, die ich schatze, um an ihnen zu zeigen, in welchem Sinne sich die 



Gedanken iiber den Christus Jesus im 19. Jahrhundert bewegt haben. 

«Man sieht» - sagt Eduard von Hartmann, der Philosoph -, «daB 
ohne den Zauber einer imponierenden und gewinnenden Personlichkeit 
Jesus durch seine geistigen Fahigkeiten nicht wohl solche Erfolge 
hatte erzielen konnen. Diese Personlichkeit auBerte sich zunachst in 
einer ungewohnlichen oratorischen Begabung. Es muB aber auch 
seine stille Hoheit und hingebende Weichheit etwas ungemein Fesseln- 
des fur die sich ihm AnschlieBenden gehabt haben, nicht bloB fur 
Manner, sondern auch fur Weiber, deren viele sich ihm anschlossen, 
Prostituierte (Luc. 7, 37), verheiratete Frauen hoherer Stande (Luc. 8,3) 
und ehrbare Jungfrauen ohne Unterschied. Meist waren es exaltierte 
Personen, Epileptische, Hysterische und Wahnsinnige, zum Teil viel- 
leicht solche, die sich von ihm geheilt glaubten. Bekanntlich sind 
solche Frauen immer am leichtesten geneigt, ihre religiose Schwarme- 
rei auf einen anziehenden mannlichen Gegenstand zu konzentrieren 
und zu individualisieren und diesen mit einem Kultus zu umgeben. Es 
kann nichts naherliegen, als daB diese Frauen es auch gewesen sind, 
die in Jesus die Idee seiner Messianitat wo nicht geweckt, so doch 
genahrt haben und durch ihre vergotternden Huldigungen haben 
Wurzel schlagen lassen. Nach unseren heutigen psychologischen und 
psychiatrischen Ansichten kann auf solchem krankhaften Boden eine 
gesunde Religiositat nicht erwachsen, und wir wiirden heute einem 
religiosen Reformator oder Propheten den Rat geben, solche Bestand- 
teile aus seinem Gefolge nach Moglichkeit auszuscheiden, da sie ihn 
und seine Sache allzu leicht kompromittieren konnen. » 

Noch eine andere Stimme mochte ich anfiihren, die Stimme einer 
der Hauptpersonlichkeiten in einem Romane, der im letzten Drittel 
des 19.Jahrhunderts groBen EinfluB gewonnen hat auf die Urteile 
der sogenannten gebildeten Menschen eines weiten Gebietes. In Paul 
Heyses «Die Kinder der Welt», findet sich das Tagebuch der Lea. In 
diesem Tagebuch der Lea ist ein Urteil iiber den Christus Jesus ent- 
halten, und derjenige, der die Welt kennt, der weiB, daB das Urteil, 
das die Lea in den «Kindern der Welt» iiber den Christus Jesus fallt, 
dasjenige ist, das unzahlige Menschen im Lauf des 19.Jahrhunderts 
gefallt haben. Paul Heyse laBt Lea schreiben : 



«Ich habe vorgestern zu schreiben aufgehort, weil es mich plotzlich 
trieb, einmal wieder im Neuen Testament zu lesen. Ich hatte es nicht 
wieder aufgeschlagen, seit so mancher unbegreifliche, drohende und 
verdammende Spruch darin mein Herz befremdet und ganz auf sich 
selbst zuriickgewiesen hat. Jetzt, da ich die kindische Furcht verloren, 
als erschalle darin die Stimme eines unfehlbaren Geistes, eines All- 
wissenden, seit ich die Geschichte eines der edelsten und wunderbarsten Men- 
schen darin erblicke, jetzt habe ich viel darin gefunden, was mich sehr 
erquickt hat. Nur die gedampfte Stimmung des Ganzen hat mich 
zuletzt wieder beklommen gemacht. Was haben wir Menschen Be- 
freienderes, Holderes, Trostlicheres als die Freude, die Freude an der 
Schonheit, an der Giite, an der Heiterkeit der Welt ! Und wahrend wir 
diese Schrift lesen » - sie meint also das Neue Testament - «wandeln 
wir immer im Halbdunkel der Erwartung und Hoffhung, das Ewige 
ist nie erfullt, sondern soil erst anbrechen, wenn wir uns durch die Zeit 
hindurchgerungen haben, nie erglanzt ein voller Schein der Frohlich- 
keit, kein Scherz, kein Lachen - die Freude dieser Welt ist eitel - wir 
werden in eine Zukunft verwiesen, die alle Gegenwart wertlos macht, 
und die hochste Erdenwonne, uns in einen reinen, tiefen und Hebe- 
vollen Gedanken zu versenken, soil uns audi verdachtig werden, da 
nur derer das Himmelreich sein soil, die arm an Geist sind. - Ich bin 
es, aber es macht mich unselig, daB ich es fuhle und zugleich fuhle, 
wenn ich diese Beschrankung durchbrechen konnte, wiirde ich nicht 
mehr die sein, die ich bin, also meiner Erlosung und Beseligung doch 
nicht gewahr werden. Denn was iiber mich hinausgeht, ist doch nicht 
mehr mein. 

Und dann, daB dieser sanfte, gottbewuBte Mensch, um der ganzen 
Menschheit anzugehoren, mit so seltsamerHarte sich von den Seinigen 
abwandte, daB er familienlos wurde - es hat wohl sein miissen -, aber 
es erkaltet meine Empfindung. Alles GroBe, was ich sonst lieb- 
gewonnen habe, war traulich, heiter, mitten in der Majestat durch die 
Faden menschlicher Bedurftigkeit mit meinem Wesen verbunden. » 

Nun, da haben Sie es, wie das Neue Testament sein muBte, wenn 
es solch einer Reprasentantin des 19.Jahrhunderts hatte geniigen 
sollen! Denn sie sagt, daB alles GroBe, was sie sonst liebgewonnen, 



traulich, heiter, mitten in der Majestat durch die Faden menschlicher 
Bediirftigkeit mit dem eigenen Wesen verbunden sei. - Weil das 
Neue Testament nun doch eine Kraft enthalt, die man nicht gerade 
bezeichnen kann so, daB man sie sanft liebzugewinnen hat, daB sie 
traulich ist, heiter, mitten in der Majestat durch die Faden mensch- 
licher Bediirftigkeit mit dem eigenen Wesen verbunden ist, so taugt 
das Evangelium fur einen Menschen des 19. Jahrhunderts nicht mehr 
so recht. 

«Wenn ich Goethe's Briefe lese - Schillers enge Hauslichkeit - von 
Luther und den Seinigen - von Altern noch, bis zu Sokrates' boser 
Frau - immer spiire ich einen Hauch von dem Mutterboden, aus dem 
die Pflanze ihres Geistes gewachsen ist, » - also selbst von der seligen 
Xanthippe fiihlt sich die gute Lea noch mehr angezogen, als von den 
Gestalten des Neuen Testaments! - «der auch meinen so viel ge- 
ringeren nahrt und tragt. » 

So ist dasjenige, was die Meinung von Tausenden und aber Tausen- 
den von Menschen des 19. Jahrhunderts ist. 

«Aber die Weltlosigkeit angstigt und entfremdet mich, und zur 
Entschuldigung dafur habe ich freilich nicht den guten Glauben, daB 
das alles, als bei einem Gott, ganz in der Ordnung sei. » 

Es geziemt sich wohl, in dieser ernsten Stunde zu fragen: Was ist 
also eigentlich der Gehalt in der Seele, den heute die Menschheit den 
Weihnachtslichtern entgegenbringt? Denn dieser Gehalt in den Seelen 
setzt sich zusammen aus solchen Stimmen, wie wir sie jetzt ver- 
nommen haben und wie wir sie vermehren konnten ins Hundert- 
fache, ins Tausendfache. Und es geziemt sich nicht, in ernster Stunde 
leichten Sinnes hinwegzusehen iiber dasjenige, was in bezug auf das 
groBte Mysterium des Erdenwesens gesagt worden ist. Es geziemt 
sich vielmehr, heute zu fragen: Was vermochten die offiziellen Ver- 
treter des Christentums aller Konfessionen zu tun, um hintanzuhalten 
eine Entwickelung, die also hinweggefuhrt hat von einem wirklich 
innerlich wahrhaftigen und ehrlichen Sich-Bekennen zu demjenigen, 
was hinter den Weihnachtslichtern stent? Denn, kann eine Menschheit 
ein solches Fest als etwas anderes denn als eine umfassende Luge 
feiern, wenn sie die eben vorgebrachten Gedanken in ihren besten 



Reprasentanten an diejenige Wesenheit ankmipft, welche durch das 
Weihnachtsmysterium geschaut werden soil als der Impuls, der sich 
aus dem Kosmos heraus mit dem Erdengeschicke verbunden hat? 
■ Was wollten die Magier aus dem Morgenlande, als sie gottliche 
Weisheit, Tugend und Unsterblichkeit hintrugen zu der Krippe, nach 
dem Ereignisse, das sie in dem Zeichen des Erscheinens der Sonne 
aus dem Sternbilde der Jungfrau geschaut hatten in der Nacht vom 
24. auf den 25.Dezember, im ersten Jahre unserer Zeitrechnung? 
Was wollten die Magier aus dem Morgenlande? Sie wollten damit den 
groBen geschichtlichen Beweis liefern, daB sie verstanden haben, daB 
dasjenige, was an Kraften aus dem Kosmos auf die Erde herunter- 
stromte bisher, nicht in derselben Weise - durch bloBes Hinauf- 
blicken zum Kosmos, zu den Konstellationen der Sterne - in der 
Zukunft fur die Menschen erreichbar ist. Sie wollten zeigen, daB not- 
wendig ist, daB die Menschen nunmehr beginnen, den Blick hinzu- 
wenden selbst auf dasjenige, was innerhalb des geschichtlichen Wer- 
dens, des sozialen, des sittlichen Werdens in der Erdenmenschheit 
selbst geschieht, daB der Christus heruntergestiegen ist aus den Regionen, 
aus denen die Sonne aus der Jungfrau erscheint, aus denen alle 
Sternkonstellationen mit ihren Kraften kommen, die den Mikro- 
kosmos als ein Nachbild des Makrokosmos erscheinen lassen. DaB 
dieser Geist, daB dieses Wesen eingezogen ist in die unmittelbare 
Erdenentwickelung, daB die Erdenentwickelung selber fortan mit sol- 
cher innerer Weisheit nur durchschaut werden kann, wie fruher die 
Sternkonstellationen durchschaut worden sind, das wollten die Magier 
aus dem Morgenlande sagen. Und dessen muB man heute noch immer 
eingedenk sein. 

Der Mensch sieht heute auf die Geschichte so hin, als ob immer nur 
das Fruhere die Ursache des Spateren ware, als ob, wenn wir die Er- 
eignisse des Jahres 1914, 1915, 1916, 1917 betrachten wollen, wir 
einfach zuriickgehen miiBten auf 1913, 1912, 1911 und so weiter, um 
das geschichtliche Werden so zu betrachten, wie man auch das natiir- 
liche Werden betrachtet, wo man von der Wirkung aus auf das An- 
stoBende geht, um in diesem AnstoBenden die Ursache zu finden. 
Aus dieser Gesinnung heraus hat sich jene Fable convenue gebildet, 



die heute unserer Jugend zu deren Unheil als «Geschichte» ein- 
geimpft wird. 

Wahres Christentum und insbesondere ehrliches und aufrichtiges 
Durchschauen des Weihnachts- und Ostermysteriums ist der scharfste 
Protest gegen diese ins Naturwissenschaftliche verkarikierte Welt- 
geschichte. Das Christentum hat die Weltgeheimnisse in Zusammen- 
hang gebracht mit dem Jahreslauf. Es laBt in der Zeit, die immer 
erinnern soil an die Urkonstellation vom Jahre 1, vom 24. auf den 
25. Dezember, vom Erscheinen der Sonne aus dem Sternbilde der 
Jungfrau, es laBt diese Zeit jedes Jahr als das Weihnachtsfest feiern. 
Die christliche Anschauung hat das Weihnachtsfest unter diesem Ge- 
sichtspunkt festgesetzt. Sie laBt dann Ostern feiern, indem sie eine 
gewisse Himmelskonstellation nimmt; wir wissen, der Sonntag nach 
dem ersten Vollmond nach Friihlingsanfang ist der festgesetzte Tag - 
der heute schon von der materialistischen Gesinnung bestritten 
wird der festgesetzte Tag fur die Feier des Osterfestes. 

In der Zeit von Weihnachten bis zu Ostern schaut im Jahreslauf 
als einen Teil desselben derjenige, der in ehrlicher und aufrichtiger 
Weise seinen Sinn verbinden will mit dem Mysterium von Golgatha, 
ein Bild des dreiunddreiBigjahrigen Christus-Lebens. Vor dem Myste- 
rium von Golgatha, zu dem ich auch das Weihnachtsmysterium 
rechne, wiesen die Magier auf den Himmel, wenn sie irgendwelche 
Geheimnisse, auch iiber die Menschheitsentwickelung, behandeln 
wollten. Auf die Konstellationen wiesen sie hin. Wie ein Stern sich 
zum andern stellt, in dem erschauten sie, was hier unten auf der Erde 
vor sich geht. In dem Augenblicke aber, als sie geschaut haben, was 
auf der Erde vor sich ging, aus dem Zeichen des Standes der Sonne in 
der Jungfrau vom 24. auf den 25. Dezember, da sagten sie: Es muB 
nun auch die Sternenkonstellation in den menschlichen Handlungen 
auf der Erde selbst in unmittelbarer Weise geschaut werden. 

Ist Sternenkonstellation in den menschlichen Handlungen? Meine 
lieben Freunde, lesen konnen, das ist die Anforderung; lesen konnen 
dasjenige, was gemeint ist mit der wunderbaren Anleitung zum Lesen, 
die in den Jahresmysterien des Christentums gegeben ist, welche 
Jahresmysterien nur wiederum aufgebaut sind auf den samtlichen 



andern Jahresmysterien aller Volker des Erdenlebens. DreiunddreiBig 
Jahre sind gemeint fur die Zeit von Weihnachten zu Ostern. Das muB 
verstanden werden, das muB ins Auge gefaBt werden. DreiunddreiBig 
Jahre, so ist die Meinung, sollen vergehen zwischen Weihnachten und 
Ostern. 

Was folgt daraus? Daraus folgt, daB das Weihnachtsfest, das wir 
dies Jahr feiern, erst gehort zu dem Osterfeste, das in dreiunddreiBig 
Jahren kommen wird, und daB das Osterfest, das wir in diesem Jahre 
[1917] feierten, zu dem Weihnachtsfeste gehort vom Jahre 1884. 1884 
feierte die Menschheit ein Weihnachtsfest, welches zu dem dies- 
jahrigen Osterfest gehort. Und das Weihnachtsfest, das wir in diesem 
Jahre feiern, das gehort nicht zu dem Osterfeste des nachsten Jahres, 
das gehort zu dem Osterfeste, das dreiunddreiBig Jahre darauf folgen 
wird, Eine vollstandige Menschheitsgeneration ist die Zeit von drei- 
unddreiBig Jahren, so rechnet man. Eine Menschheitsgenerationszeit 
muB vergehen zwischen dem zusammengehorigen Weihnachts- und 
Osterfeste. Dies ist die Anleitung, um die neue Astrologie zu lesen, 
jene Astrologie, welche auf die Sterne, die in der geschichtlichen 
Menschheitsentwickelung selber glanzen, das Augenmerk hinlenkt. 

Wie kann das erfullt werden? So kann das erfullt werden, daB der 
Mensch das Weihnachtsfest dazu anwendet, um sich bewuBt zu wer- 
den: Dasjenige, was ungefahr - man kann natiirlich von diesen 
Dingen nur sagen ungefahr - in dieser Zeit geschieht, weist im 
historischen Zusammenhang so zuriick, daB es seinen Geburtsausgang 
genommen hat vor dreiunddreiBig Jahren, daB es selber wiederum 
der Geburtsausgang ist fur dasjenige, was sich im Lauf der nachsten 
dreiunddreiBig Jahre abwickelt. 

Im einzelnen personlichen Leben, im individuellen Dasein, waltet 
unser Karma. Da ist jeder fur sich selbst verantwortlich; da muB aber 
auch jeder dasjenige, was in seinem Karma liegt, hinnehmen. Da muB 
er erwarten, daB ein unbedingter Zusammenhang besteht im karmi- 
schen Sinne zwischen dem Vorangehenden und Nachfolgenden. 

Wie ist es mit dem geschichtlichen Zusammenhange? Mit dem ge- 
schichtlichen Zusammenhange ist es so, daB fur unseren gegenwarti- 
gen Menschheitszyklus wir nicht verstehen konnen, wir nicht be- 



greifen und richtig empfinden konnen ein Ereignis, das sich heute, 
1917, vollzieht, wo sein Osterjahr ist, wenn wir nicht suriickschauen 
bis in die Zeit, da sein Weihnachtsjahr war, wenn wir nicht zuriick- 
schauen in das Jahr 1884. Fiir das Jahr 1914 ist also zuruckzuschauen 
in das Jahr 1881. Was die Generation, die vorher an der Geschichte 
mitgetan hat, fiir Impulse hineingeworfen hat in den Strom des 
geschichtlichen Werdens, das hat eine Lebenszeit von dreiunddreiBig 
Jahren ; dann ist sein Osteranfang, dann ist seine Auferstehung. Wann 
wurde der Keim gelegt zu jenen Ostern, die die Menschheit nun 
durch Jahre, seit dem Jahre 1914 hat? Vor dreiunddreiBig Jahren. 

Zusammenhange in Intervallen von dreiunddreiBig zu dreiund- 
dreiBig Jahren, das ist dasjenige, was Verstandnis bringt in dem fort- 
laufenden Strom des geschichtlichen Werdens. Und eine Zeit muB 
kommen, wo der Mensch in der Weihezeit, die ihren Anfang nimmt 
mit der Weihenacht vom 24. auf den 25.Dezember, sich darauf be- 
sinnt: Was du - so moge er sich sagen -, was du jetzt tust, das wird 
fortwirken und erst auferstehen und erst auBere Tat werden, nicht im 
personlichen, im geschichtlichen Sinne, nach dreiunddreiBig Jahren. 
Ich verstehe dasjenige, was jetzt geschieht, wenn ich zuruckblicke - 
selbst im auBeren Geschehen verstehe ich dasjenige, was jetzt ge- 
schieht - auf die Zeit, die sich jetzt nach der Regel der dreiund- 
dreiBig Jahre erfullen muB. 

Als im Beginne der achtziger Jahre der Aufstand des mohamme- 
danischen Propheten, des Mahdi, auftrat, als er damit endete, daB 
die englische Herrschaft sich iiber Agypten ausdehnte, als in dersel- 
ben Zeit von franzosischer Seite Hinterindien sogar durch einen Krieg 
mit China fiir die europaische Herrschaft erobert werden muBte, als 
die Kongo-Konferenz gehalten worden ist, als die andern Ereignisse 
von dieser Art stattfanden - studieren Sie alles, was jetzt, 1917, eine 
dreiunddreiBigjahrige Erfxilkmg hat! -, da wurde die Ursache gelegt 
zu demjenigen, was jetzt geschieht. Damals hatten die Menschen sich 
fragen sollen: Welche Aussichten fiir das Ostern nach dreiunddreiBig 
Jahren verspricht das Weihnachten von diesem Jahre? - Denn alle 
Dinge im geschichtlichen Werden erstehen nach dreiunddreiBig Jahren 
in verwandelter Gestalt aus dem Grabe, durch eine Gewalt, die zu- 



sammenhangt mit dem Heiligsten und Erlosendsten, das die Mensch- 
heit durch das Mysterium von Golgatha bekommen hat. 

Aber das Mysterium von Golgatha will nicht nur sentimental be- 
schwatzt werden. Das Mysterium von Golgatha will verstanden wer- 
den mit den hochsten Weisheitskraften, die dem Menschen zuganglich 
sind. Das Mysterium von Golgatha will empfunden werden mit dem 
Tiefsten, was der Mensch in seiner Seele erregen kann, wenn er das, 
was die Weisheit in ihm entzunden kann, in den Untergriinden der 
Seele selber sucht, wenn er von Liebe nicht bloB redet, sondern diese 
Liebe entflammt dadurch, daB er seine Seele verbindet mit dem, was 
als Weltenseele wallt und stromt durch der Zeiten Wende, wenn er 
sich aneignet Sinn und Verstandnis fur die Geheimnisse des Werdens. 
Denn so, wie einstmals zu den alten Magiern sprach der Sternen- 
himmel, wie sie ihn fragten, wenn sie irgend etwas vollbringen wollten 
im sozialen Menschen werden, so hat derjenige, der in der heutigen 
Zeit irgend etwas im sozialen Menschenwerden vollbringen will, hin- 
zuschauen auf die Sterne, die auf- und untergehen im geschichtlichen 
Werden. Und wie berechnet worden ist die Umlaufszeit der Sterne 
um die Sonne, so ist berechnet in der wahren geschichtlichen Men- 
schenweisheit die Umlaufszeit der geschichtlichen Ereignisse. Und 
diese Umlaufszeit ist von einem Weihnachten zu einem Ostern, das 
dreiunddreiBig Jahre nachher liegt. So regeln die Geister der Um- 
laufszeiten dasjenige, in dem die Menschenseele lebt und webt, indem 
sie nicht bloB eine personliche Wesenheit ist, indem sie eine in das 
geschichtliche Werden hineinverwobene Wesenheit ist. 

Wenn wir in dieser Zeit uns versenken in das Weihnachtsmyste- 
rium, tun wir es dann am besten, wenn wir uns bekanntmachen mit 
den Geheimnissen, die enthiillt werden sollen gerade in unserer Zeit, 
um die bereichert werden soil der Strom der christlichen Oberliefe- 
rung, wie sie sich anschlieBt an das Mysterium von Golgatha und an 
dasjenige, was durch das Weihnachtsmysterium ausgedriickt wird. 
Der Christus sprach zu der Menschheit: «Ich bin bei euch alle Tage 
bis ans Ende der Erdenzeiten. » Diejenigen, die sich heute seine 
Junger nennen, die sprechen aber oftmals davon, daB die OfFen- 
barungen aus der geistigen Welt wohl da waren zur Zeit des Christus 



Jesus selber, daB sie aber aufgehort haben, und daB heute derjenige 
etwas Ruchloses vollbringt, der behauptet, daB jetzt noch immer in 
wunderbarer Weise aus der geistigen Welt heraus die spirituellen 
Offenbarungen geschehen konnen. So ist in vieler Beziehung das- 
jenige, was sich heute offizielles Christentum nennt, eine Bestrebung 
geworden zur Verhinderung der christlichen Entwickelung. 

Dasjenige aber, was geblieben ist, die heiligen Symbole - und eines 
der heiligsten ist dasjenige, das aus dem Weihnachtsmysterium 
spricht sie sind selber ein lebendiger Protest gegen die Unter- 
driickung des wahren Christentums, wie sie oftmals durch das offi- 
zielle Christentum verkiindet wird. 

Zeugnis geben will anthroposophisch orientierteGeisteswissenschaft 
- unter manchem andern, was sie will - von derBedeutung des Myste- 
riums von Golgatha, von der Bedeutung des Weihnachtsmysteriums. 
Und es gehort zu ihrer Aufgabe, Zeugnis von dem zu geben, was der 
Erde Sinn, und Bedeutung gibt dem Menschenleben. Und wenn der 
Weihnachtsbaum in der neueren Zeit - er ist ja kaum mehr als einige 
Jahrhunderte alt - zum Symbolum der Weihnachtsfeier geworden ist, 
so moge derjenige, der heute unter dem Weihnachtsbaum stent, sich 
fragen : Ist es noch eine Wahrheit fur dich, was iiber dem Weihnachts- 
baum geschrieben steht? Geschrieben steht durch das Zeugnis der 
Geschichte: «Et incarnatus est de spiritu sancto ex Maria virgine. » 
Ist es noch eine Wahrheit fur dich? - DaB es Wahrheit ist, das zu 
erkennen, dazu braucht man spirituelle Erkenntnis. Und keine Natur- 
forschung kann Antwort geben auf die Fragen nach der jungfrau- 
lichen Geburt und nach der Auferstehung, sondern jede Natur- 
forschung muB ablehnen die jungfrauliche Geburt und die Auf- 
erstehung. Verstanden werden konnen sie nur aus einem Gebiete 
heraus, in dem da nicht waltet Geburt in der Art, wie sie in der 
Sinneswelt waltet, und nicht der Tod waltet, wie er in der Sinneswelt 
waltet. Wie der Christus Jesus so durch den Tod gegangen ist, daB 
dieser Tod eine Maja ist und die Auferstehung die Wahrheit - was das 
Ostermysterium enthalt -, so ist auch der Christus Jesus durch die 
Geburt gegangen, so daB diese Geburt eine Maja ist, und die Wahrheit 
eine Verwandlung des Wesens innerhalb der geistigen Welt ist. Denn 



in der geistigen Welt gibt es nicht Geburt und Tod, sondern nur Ver- 
wandlung, wie wir wissen, nur Metamorphose. 

Nur wenn die Menschheit geneigt sein wird, aufzublicken zu der- 
jenigen Welt, wo Geburt und Tod im sinnenfalligen Sinne ihren Sinn 
verlieren, werden Weihnachtsfest und Osterfest ihren wiirdigen Inhalt 
bekommen. Dann, aber auch nur dann wird sich auch unser Herz, 
wird sich unsere Seele erfullen mit jener Warme des Tones, mit der 
ausgemstet wir wiederum hintreten konnen vor diejenigen, vor die 
wir hintreten sollen, um ihnen schon in der allerfruhesten Kindheit zu 
sprechen von dem Kinde, das in der Krippe gelegen hat, und von den 
Magiern des Morgenlandes, und wie von ihnen jenem Kinde Weis- 
heit, Tugend und Unsterblichkeit dargebracht worden sind. Den 
Kindern gegeniiber miissen wir davon reden konnen. Denri, was wir 
zu dem Kinde von dem Weihnachtsmysterium heute sagen, das wird 
in dem Kinde das Osterfest feiern, auferstehen, nachdem das Kind 
dreiunddreiBig weitere Jahre durchgemacht hat. 

Im geschichtlichen Werden ist die Menschheit so mit Verantwort- 
lichkeit durchtrankt, daB die vorhergehende Generation in den Weih- 
nachtsimpuls nur legen kann, was die nachfolgende Generation als 
Osterimpuls zu empfangen hat. Werde man sich bewuBt, daB eine 
Generation zu der nachfolgenden so hinzuschauen hat, daB sie zu 
gedenken hat : Im Weihnachtssterne lehre ich dich pflanzen in deiner 
Seele als Geburt dasjenige, was auferstehen wird im Ostersterne nach 
dreiunddreiBig Jahren. WeiB ich diesen Zusammenhang zwischen 
dieser und der folgenden Generation, dann habe ich gewonnen - so 
kann sich jeder sagen - einen Impuls in aller Arbeit, der hinausreicht 
iiber den Tag. Denn die Zeit zwischen Weihnachten und Ostern 
dauert nicht nur die Wochen, die verlaufen zwischen Weihnachten 
und Ostern; sie dauert in Wahrheit dreiunddreiBig Jahre, so lange als 
umlauft ein Impuls, den ich in die Seele eines Kindes versenkt habe 
als einen Weihnachtsimpuls, der nach dreiunddreiBig Jahren auf- 
erstehen wird als ein Osterimpuls. 

Solche Dinge sind nicht allein fur theoretisches, eitles Wissen. 
Solche Dinge gewinnen einen Wert allein, wenn sie praktische Tat 
werden, wenn unsere Seele sich erfullt mit der Uberzeugung von ihnen 



also, daB sie gar nicht anders kann, als in ihrem Lichte handeln. Dann 
aber ist die Seele voll von Liebe zu denjenigen Wesen, an denen die 
Taten in diesem Lichte getan werden sollen. Dann ist die Liebe eine 
konkrete, dann ist die Liebe eine solche, welche mit der Weltenwarme 
verbunden ist, und hat nichts von jener sentimentalen Liebe, die 
heute auf alien Lippen ist und die zum groBten Hassesimpuls in der 
Menschheit in unserem katastrophalen Zeitalter gefiihrt hat. 

Diejenigen, die lange Zeit die Liebe im Munde fuhrten, die haben 
kein Recht, weiter zu sprechen von dieser Liebe, die sich in HaB um- 
gedreht hat; sie haben vielmehr die Pflicht, sich zu fragen: Was 
haben wir mit unserem Liebesgerede, mit unserem Weihnachts- 
Liebesgerede unterlassen, daB also eine Saat des Hasses daraus werden 
konnte? - Zu fragen aber hat die Menschheit: Was haben wir zu 
suchen in den geistigen Welten, damit wir wieder finden konnen das- 
jenige, was verloren ist : die Liebe, welche durch alle Wesen warmend 
walk und lebt, aber Liebe nur ist, wenn sie herausquillt aus dem 
lebendigen Verstandnis des Seins. Denn lieben ein Wesen heiBt, dieses 
Wesen verstehen. Lieben heiBt nicht, sein Herz mit egoistischer 
Warme so zu erfullen, daB der Mund in sentimentalen Reden iiber- 
sprudelt; lieben heiBt, die Wesen, an denen man Taten tun soli, so 
in sein Auge fassen zu konnen, daB man sie bis ins Innerste hinein 
versteht, versteht nicht nur mit dem Intellekt, versteht mit dem ganzen 
Wesen seines menschlichen Seins. 

DaB solche Liebe, die aus spirituell-innigstem Verstandnis quellen 
kann, in der Menschheit Platz greife, daB nach solcher Liebe Sehn- 
sucht ist, daB es Wille werde, solche Liebe zu pflegen, das moge sich 
jetzt in dieser ernsten Zeit der Mensch sagen, der nachfolgen will den 
Magiern aus dem Morgenlande zur Krippe von Bethlehem hin. Er 
moge sich sagen: So wie die Magier aus dem Morgenlande Ver- 
standnis suchten, um zu finden den Weg, den Weg der Liebe zu der 
Krippe von Bethlehem hin, so will ich suchen den Weg, der mir den 
Einblick eroffnet in jenes Licht, unter dem die wahren Taten der 
Menschenliebe getan werden. 

Wie die Magier aus dem Morgenlande die auBeren Sternenkonstel- 
lationen als nicht mehr maBgeblich hielten, sondern hintrugen das 



Wis sen von diesen Sternenkonstellationen, den Opfersinn fur diese 
Sternenkonstellationen, die Verbindung der Unsterblichkeit mit diesen 
Sternenkonstellationen vor das Christus-Kind der Weihnachtsnacht, 
so trage die neuere Menschheit dasjenige, was sie an tiefsten Impulsen 
in ihrer Seele auf bringen kann, hin vor dasjenige, wofiir das Weih- 
nachtsfest der symbolische Jahresausdruck ist ! In solchem BewuBtsein 
werden wiederum wurdige Weihnachtsfeste, ehrliche, aufrichtige 
Weihnachtsfeste von der Menschheit gefeiert werden. Denn in dem 
Feiern wird Hegen nicht eine Ableugnung, sondern ein Wissen von 
dem Wesen, dem wir die Weihnachtslichter anziinden. 



ZWEITER VORTRAG 
Dornach, 24.Dezember 1917 



In bedeutungsvoller Weise stellt der christliche Kalender das Fest von 
Adam und Eva auf den 24. December, das Fest der Geburt des 
Christus Jesus in die Nacht vom 24. auf den 25.Dezember. Unmittel- 
bar zusammengeriickt werden dadurch nach christlicher Anschauung 
der Weltenanfang, das heiBt der Anfang unseres unmittelbaren Erd- 
geschehens, und das groBte Ereignis des Erdgeschehens, jenes Er- 
eignis, welches der Erdenentwickelung Sinn gibt; unmittelbar anein- 
andergeriickt aus dem Grunde, weil dadurch angedeutet werden soil, 
wie die Art und Weise des Verhaltens des Menschen zum geistigen 
Weltenall durch den Eintritt des Mysteriums von Golgatha einen so 
bedeutungsvollen Umschwung erfahren hat, daB alles das, was ihm 
vorangegangen ist, zwar wichtig ist zur Erkenntnis dieses Myste- 
riums selber, aber fur das unmittelbare christliche BewuBtsein mit 
Bezug auf die Aufnahme der Willensimpulse zunachst auBer Betracht 
bleiben kann. 

Der groBte Umschwung in der Entwickelung des Erdendaseins - 
uns ist es ja bewuBt - ist eingetreten durch das Mysterium von 
Golgatha. Es steht so vor der Seele desjenigen, der es versteht, daB 
durch sein Verstandnis der Sinn der Erdenentwickelung erschlossen 
ist. Man kann sagen : Wenn man hinblickt auf die Art und Weise, wie 
sich zur Weltenweisheit als einem Impuls fur den Menschen selbst in 
der Zeit, bevor der Christus in die Menschheitsentwickelung auf 
Erden eingetreten ist, die Alten verhielten, und dieses Verhalten der 
vorchristlichen Zeit vergleicht mit der Art und Weise, wie das christ- 
liche BewuBtsein sich zur Weltenweisheit als einem Impuls des 
menschlichen Handelns verhalt, so bekommt man, wenn man dann 
in der Lage ist auszugestalten den entsprechenden Gedanken, einen 
tief eindrucksvollen Sinn. 

Man braucht sich nur an eine Gestalt zu erinnern - an welche zu 
erinnern man gerade Veranlassung hat, wenn das Fest eintritt, das 
gewissermaBen unter der Devise steht: «Et incarnatus est de spiritu 



sancto ex Maria virgine » -, an das aus dem Altertum heraufragende 
Bild der jungfraulichen Pallas Athene, der Gottin der Weisheit im 
alten Griechenland, welche die Tochter des Zeus selber ist, und der 
Gottin, die man angesehen hat als die Gottin der Klugheit. Zeus, der 
Herr des Blitzlichtes, des erhellenden Lichtes, des im Erdendasein 
arbeitenden Lichtes, zeugt mit der Klugheit die jungfrauliche Pallas 
Athene, die Bewahrerin der menschlichen Weisheit vor dem Myste- 
rium von Golgatha. 

Ein tiefer Sinn liegt in der Ausdichtung dieser Gestalt der jung- 
fraulichen Pallas Athene. Sie ist als Weisheitsgottin selber jungfraulich. 
Was heiBt dieses eigentlich im hoheren Sinne? Was meinten die 
griechischen Mysterienfuhrer, wenn sie von der jungfraulichen Pallas 
Athene sprachen? Sie meinten die Weisheit, durch welche der Mensch 
wirkt im geschichtlichen Weltenzusammenhange. Diese Weisheit ist 
in dem vierten Zeitraum, in den die griechische Kulturentwickelung 
eben eingetreten ist, herausgeboren aus dem, was nicht Welt selbst ist, 
sondern Spiegelbild der Welt. Fassen wir das wohl auf: Spiegelbild 
der Welt, Maja. In den vorhergehenden Zeitraumen war die Weisheit 
von den Mysterienpriestern nicht als eine jungfrauliche Macht hin- 
gestellt worden, weil sie als Menschenweisheit im ersten, zweiten, 
dritten nachatlantischen Zeitraum immer befruchtet war von der alten 
atavistischen Hellseherkraft. Erst im vierten nachatlantischen Zeit- 
raum ist die Moglichkeit eingetreten, auch etwas zu wissen aus dem 
bloBen Hinschauen auf das, was nicht getrieben wird von jenen 
Kraften, die dem atavistischen Hellsehen zugrunde liegen, von den 
Aftekten, von den Leidenschaften, von alldem, was als Feuer in der 
menschlichen Wesenheit glimmt, sondern von dem jungfraulichen, 
von atavistischem Hellsehen unbefruchteten Spiegelbilde der Welt. 
Von der Maja stammt diejenige Weisheit, die gemeint ist, wenn ihre 
Reprasentantin hingestellt ist: die Pallas Athene. 

Auch die Pallas Athene ist eine Maja, eine Maria; aber die Pallas 
Athene ist jene Maja, welche aus sich selbst heraus noch die Weisheit 
spiegelt, welche aus sich selbst heraus die Weisheit dem Menschen 
offenbar werden laBt. Der groBe Fortschritt besteht darinnen, daB 
diese selbe Maja, diese selbe Maria befruchtet wird von dem Kosmos, 



und geboren wird nun eine neue Weisheit. Die Pallas Athene war die 
Reprasentantin der Weisheit. Der Christus-Impuls ist der Sohn der 
Maja, der Maria, der jungfraulichen Weisheitsreprasentantin und der 
kosmisch-gottlichen, der kosmisch-intelligenten Weltenmacht. Daher 
war die alte Weisheit, wie sie reprasentiert ist durch Pallas Athene, 
wohl geeignet, die Welt des Mineralischen bis herauf zum Pnanz- 
lichen zu zergliedern, zu begreifen, aber noch nicht geeignet, den 
Menschen selber zu erfassen, den Menschen selber in seiner Person- 
lichkeit zu begreifen. 

Wollte man den Menschen in seiner Personlichkeit begreifen in der 
damaligen Zeit, so konnte man das in den Mysterien auch, aber man 
muBte dann in den Mysterien zum atavistischen Hellsehen gelangen. 
In dem, was mit Pallas Athene, mit der jungfraulichen Reprasentantin 
der Weisheit gemeint ist, wird ein Anfang bezeichnet, der als solcher 
geeignet war, den Umkreis der irdischen Welt zu begreifen. Aber erst 
durch den Eintritt des Mysteriums von Golgatha, erst dadurch, daB 
sich die gottliche intelligente Liebekraft verbunden hat mit der Kraft 
der Maja, mit dem Spiegelbild der Welt, ist hingestellt vor die 
menschliche Entwickelung der Menschengott, der Gott, der nun 
nicht mehr bloB erreichbar ist, wenn iiberschritten wird der physische 
Plan, sondern der Gott, der in seiner Wesenheit auf dem physischen 
Plane selbst zu finden ist. Derjenige Fortschritt in der Menschheits- 
entwickelung, der durch das Weihnachtsmysterium gemeint ist, stellt 
sich vor die menschliche Seele hin, wenn man die richtige Legende 
von der Pallas Athene zusammenstellt mit alldem, was in wahrer 
Gestalt erfaBt werden kann iiber die Natur der jungfraulichen Maja, 
aus der der Christus-Impuls fur die Erdenentwickelung hervorgeht. 

Im Zusammenhange mit solchen Einblicken in das Menschen- 
geschehen, mit solchen Anforderungen an die menschlichen Willens- 
impulse, wie wir sie auseinandergesetzt haben, urn das Weihnachts- 
mysterium zu erfassen, geziemt es unserer so ernsten Zeit - dieser 
Zeit, der dies so dringend notwendig ware - Gesichtspunkte zu ge- 
winnen, welche im Sinne des dreiunddreiBigjahrigenUmkreises liegen, 
von dem gestern gesprochen worden ist. Wie die Alten versuchten, 
die Sterne zu entratseln und aus deren Konstellationen bestimmten, 



was sie hier auf der Erde tun wollten, so sollte der Mensch sich be- 
wuBt werden, daB er eintreten muB nunmehr in ein Zeitalter, welches 
nur Not und Elend und Ungluck unter die Erdenmenschheit bringen 
muB, wenn sie sich nicht entschlieBt, die Konstellationen der Zeiten- 
sterne zu lesen im Werdegang der Menschheit. Mit dem, worauf das 
materialistische Zeitalter so stolz ist, wird sich in Hinkunft nichts 
anderes im Erdendasein erreichen lassen als dasjenige, was schon 
erreicht ist in dieser katastrophalen Zeit. Den Mut muB die Mensch- 
heit gewinnen, solches Gelobnis der eigenen Seele als heiliges Weih- 
nachtsgelobnis zu tun : den Blick zu wenden nach den in unserer Zeit 
sich hereindrangenden spirituellen Wahrheiten. Den Mut muB unsere 
Zeit finden, unbehelligt durch Schwachmiitigkeit hineinzuschauen in 
das, was ist. Neuen Wahrheitssinn muB sich unsere Menschheit an- 
eignen, wenn sie wieder folgen will den Spuren Desjenigen, den sie 
feiern will durch das Weihnachtsfest in seiner Geburt, der aber nicht 
verstanden wird, wenn seine Worte nicht tief genug gefaBt werden : 
«Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. » 

Dazu gehort, daB man in solch ernster Zeit nicht bloB das Ver- 
langen danach tragt, wohltuende Reden zu fuhren iiber das Friedens- 
fest, wie es ganz gewiB in diesen Zeiten von vielen Kanzeln aus getan 
wird ; dazu gehort, daB man in ernster Zeit wenigstens den Gedanken 
zu fassen vermag, wie wenig schopferisch unsere Zeit eigentlich ist. 
Denn dem GroBen, was in sie herein will, kann nur gedient sein, wenn 
die Menschen in der eigenen Seele Schopferkraft entwickeln. Das 
iiberlege man sich einmal: GewiB, hereingedrungen in die Mensch- 
heitsentwickelung ist das Mysterium von Golgatha im Beginne 
unserer Zeitrechnung ; aber hatte es nicht spurlos vorubergehen kon- 
nen, wenn nicht die Menschen jener Zeit in der eigenen Seele Schopfer- 
kraft gehabt hatten, um es aufzufassen, um es in Begriffe, in Vor- 
stellungen zu bringen, um davon iiberhaupt zu reden? AuBerlich be- 
trachtet ist in einer unbekannten Provinz des Romischen Reiches eine 
Personlichkeit geboren worden, von der die Evangelien sprechen. 
Schopferkraft haben die Menschen jener Zeit gehabt, um aufzufassen, 
was in dieser Personlichkeit lebte. Das ist es, was dazugehort, wenn 
die groBten gottlichen Krafte sich mit dem Menschheitsgeschehen 



vereinigen, daB die Menschen den Willen zur Schopferkraft in sich 
aufbringen konnen. Deshalb sollte gestern die Frage aufgeworfen 
werden: In welcher Weise war dieses 19.Jahrhundert, dieses hoch- 
miitige 19., 20. Jahrhundert befahigt, Schopferkraft zu entwickeln, um 
dasjenige, was nun schon durch Jahrhunderte von der Menschheit als 
der Inhalt der Erlosungsidee anerkannt worden ist, zu verstehen? 

Fiigen wir - wir konnten Hunderte und Tausende von Beispielen 
anfiihren - noch einige Stimmen aus diesem 19. Jahrhundert dazu, wie 
es versucht hat, von dem Christus Jesus zu reden. Ich sagte, die besten, 
die tiefdenkendsten Leute wollte ich anfiihren, um zu zeigen, was in 
deren Seelen gesessen hat. Es kommt mir nicht so sehr darauf an, die 
Frage zu beantworten: Welchen EinfluB haben solche Leute wie die- 
jenigen, deren Stimmen liber den Christus Jesus ich Ihnen angefiihrt 
habe? - sondern es kommt mir darauf an, zu zeigen, wie die Zeit wirkt 
auf die Besten. Denn das sind die Ideen, von denen die Gemiiter ge- 
rade der Ehrlichsten beherrscht sind. Die andern reden zwar von dem 
Christus Jesus, aber ohne auch nur in ihrer Empfindung an den Wahr- 
heitsimpuls wirklich heranzukommen. Fiigen wir noch einiges hinzu. 

In der Zeit, als man anfing im 19. Jahrhundert freigeistige Ideen zu 
entwickeln, da war einer derjenigen, die bis zum krankhaften Tiefsinn 
versuchten, diese neuen Ideen im Gemiit aufzunehmen, Karl Gut^kow. 
In seiner Schrift «Wally, die Zweif lerin » hat er aufgenommen so un- 
gefahr die Ideen, die ihm gekommen sind iiber den Christus Jesus : 

«Jesus war Jude. Er dachte nicht daran, eine neue Religion zu stif- 
fen. Es war bei ihm weder von einer Auf hebung, noch von einer Er- 
weiterung des Judentums die Rede. . . . Da war auch nicht eine einzige 
neue Lehre, welche Jesus brachte. . . . Was blieb demnach im Munde 
Jesu iibrig? Eine Moral, welche allerdings veredelnde Kraft hat, aber 
nie mehr gibt und geben will, als : das lautere Judentum. Die Moral 
Jesu halt sich immer dicht bei den Gebrauchen des Zeremonialgeset- 
zes und ist nur darin charakteristisch, daB sie fur den auBeren Ritus 
innerlich entsprechende Gesinnungen forderte. Jesus lehrte : Liebe dei- 
nen Nachsten, wie dich selbst ! So lehrte schon Moses ; aber der Stif- 
ter einer neuen Religion muBte sagen : Liebe deinen Nachsten mehr als 
dich selbst.» So korrigiert Karl Gutzkow den Christus Jesus! «Daraus 



schlieBt man, daB Jesus eine Erscheinung war, die einzig und allein der 
Geschichte, keineswegs aber der Religion oder Philosophic angehorte.» 

Eine noch charakteristischere Stimme, weil eine Stimme, welche 
hervorgegangen ist aus der Seelenwissenschaft unserer Zeit, ist die 
folgende. Es ist eine Zusammenfassung des Inhaltes der Schrift 
«Jesus. Eine vergleichende psychopathologische Studie» von Emil 
Rasmussen, eine danische Schrift. Der Inhalt kann in der folgenden 
Weise zusammengefaBt werden : 

«Weder die Apostel noch die drei synoptischen Evangelien sahen 
Jesus fur Gott an. Er selbst hielt sich fur den (Daniel VII, 13) an- 
gekiindigten « Menschensohn » und meinte, ohne sich je fur den 
Messias auszugeben, einen Teil der ihm besonders wichtigen Weis- 
sagungen zu erfullen. Der Nazarener gehort in die Kategorie der 
Propheten. Die religiosen Heroen oder Verkiinder, alias Propheten, 
sind Abirrungen vom normalen Typus der Rasse. Denn ihre inneren 
Erlebnisse oder Erfahrungen konnen sich dem Grade und der Art 
nach nur mit den Paroxismen des Epileptikers oder Hystero-Epilep- 
tikers vergleichen. Die « Manner Gottes» bieten ein Krankheitsbild, 
das der Psychiater genau als epileptische Geisteskrankheit zu diagno- 
stizieren vermag; die Stigmata sind: Halluzinationen oder Augen- 
tauschungen, Tobsuchtsanfalle, krampfartige Lustigkeit, Abwesen- 
heit des Geistes (Absence), Stupor, Dammerzustand oder traumhaftes 
UnterbewuBtsein, Redestorungen, Delirien, Schwermut, plotzliche 
Stimmungsumschlage, ubertriebene Religiositat, die Vorstellung, fur 
andere zu leiden und die Welt reformieren zu miissen, GroBenwahn, 
Zwangsvorstellungen, der Wahn romanhafter Stammtafeln, vagabun- 
denhafte Unstetigkeit, abnormes Geschlechtsleben, sei es nach der 
Seite der Ausschweifung oder der Askese. An einer Reihe hervor- 
ragender religioser Sehergestalten alter und moderner Zeit, wie Hese- 
kiel, Paulus, Muhamed, Soren Kierkegaard und so weiter laBt sich die 
Probe aufs Exempel machen, wobei wieder gemeinsame Eigentiim- 
lichkeiten festzustellen sind, wie die schrecklichen Drohungen und 
Verwiinschungen, die mannigfachen Formen und Verschleierungen 
des Grausamkeitsgefiihls, die Wutparoxysmen, das eingebildete Lei- 
den fur die Menschheit, Askese, Auferstehungsgedanke und anderes. 



Alle diese bei den alten und modernen Propheten beobachteten 
Symptome 2eigt auch Jesus: Er hat eine Angsterfahrung ohne- 
gleichen, verfallt bei der Tempelaustreibung in Tobsucht, leidet an 
Halluzinationen, offenbart in seinem widerspruchsvollen Charakter 
unmaBiges Selbstgefuhl und anormales Leben der Sinne, huldigt dem 
Wahn, fur die Menschheit zu leiden und sie entsiihnen zu konnen und 
liefert durch seine Gewaltsamkeit, Unstetigkeit und die zunehmende 
Verengung seines Geistes, der keine neuen Vorstellungen mehr auf- 
nimmt und bearbeitet, neue Bestatigung seiner Wahlverwandtschaft 
mit dem Prophetentypus, der sich zu alien Zeiten und unter alien 
Himmelsstrichen gleichgeblieben ist. Seine Ethik, die darauf ausgeht, 
die Familie zu has sen, von Almosen und im alleinseligmachenden 
Glauben zu leben, ist von der Menschheit nicht akzeptiert worden. - 
Wenn man unter Genie einen Neuschopfer versteht, so muB man 
Jesus gegeniiber auch diese Position aufgeben, da er, wie die wissen- 
schaftliche Forschung festgestellt hat, in dem Inhalt wie in der Form 
seiner Lehre nur ein Nachahmer ist. Seine VerheiBung, die ihm den 
Weltsieg eingetragen hat, namlich seine Wiederkunft, hat vollstandig 
versagt. Jesus ist ein tiefer Trauer wiirdiger Mensch gewesen, der in 
seinem tragischen, groBartigen Schicksal unser inniges Mitleid ver- 
dient.» 

Solche Stimmen konnte man verhundertfachen, vertausendfachen, 
und daB man sie in dieser Weise vorbringen kann, das ist noch nicht 
das Wesentliche. Das Wesentliche ist etwas ganz anderes, namlich 
dieses, daB Menschen, die so sprechen, wirklich und richtig im Sinne 
der gegenwartigen Wissenschaft sprechen, und daB man von dem 
Gesichtspunkt der gegenwartigen Wissenschaft aus nicht anders 
sprechen kann, wenn man ehrlich und aufrichtig ist; und daB man 
sich die Frage zu stellen hat: Hat man Mut und Willen zum Wollen 
genug, um dieser Wissenschaft ihren Spiegel vorzuhalten, der nur von 
der Geistes wissenschaft vorgehalten werden kann? - Jene feigen 
Kompromisse, welche immer wieder und wiederum tagtaglich hun- 
dertfach geschlossen werden zwischen der materialistischen Wissen- 
schaft und zwischen den religiosen Traditionen, die sind das Un- 
ehrliche, die sind die Versiindigung gegen dasjenige, was die Men- 



schen vorgeben, zu feiern irn Weihnachtsmysterium und im Oster- 
mysterium. Das ist das, um was es sich handelt. 

Es gibt in der Gegenwart ein Entweder-Oder : Entweder Be- 
kenntnis zum spirituellen Leben, oder Fortgang desjenigen Lebens, 
das zu den Ereignissen von 1914/17 und so weiter gefuhrt hat. Was da 
zugrunde liegt, das muB jeder als seine Christus-Erkenntnis in seinem 
Herzen selber aufgehen lassen, aufgehen lassen auch den Willen zum 
Wollen, den Impuls zum Mut, nicht in Teilkompromissen irgendein 
Heil zu suchen, sondern geradenwegs den Weg zu gehen, der ge- 
gangen werden muB: den Weg, der durch die Erkenntnis des spiri- 
tuellen Lebens der Menschheit gewiesen werden muB. Konkrete Im- 
pulse anzukniipfen an so etwas wie das Weihnachtsmysterium, das 
muB mit diesem Willen verbunden sein. 

Was gesagt worden ist von der dreiunddreiBigjahrigen Umlaufszeit 
der Ereignisse - so, wie die Erkenntnis, daB unter gewissen Verhalt- 
nissen sich Sauerstoff und WasserstofF verbinden und man nicht anders 
das Wasser erkennen kann als durch Elektrolyse, die da chemisch 
untersucht das Verhalten des SauerstofFs und Wasserstoffs, so sollte 
sich das BewuBtsein einfinden, daB man soziale Gesetze nur finden 
kann, wenn man solche Konstellationen im Zeitenlauf zu durch- 
schauen vermag. In den Tag hinein zu denken, dasjenige nur zu 
sehen, was unmittelbar um uns herum liegt, das ist das, was als das 
Heilsame die Menschheit in den letzten vier Jahrhunderten allmahlich 
zu betrachten gelernt hat. Aber -solcherart das Werden zu erkennen, 
daB man sich sagt: Was jetzt geschieht, wird auferstehen nach drei- 
unddreiBig Jahren, es obliegt mir das Jetzige unter der Verantwortung, 
die aus djeser Idee quillt, zu tun, - das ist das, was verlangt werden 
muB fernerhin von denjenigen, die in das Leben eingreifen wollen von 
irgendeinem Gesichtspunkte des Lebens aus. 

Die alten Phrasen vom Weihnachtsfeste nachzuschwatzen, sollte 
unsere Zeit sich vollstandig abgewohnen. Die Romer haben den Mut 
gefunden, da sie dem Kriege einen Gott gesetzt haben - den Janus 
den Janustempel nur dann zu schlieBen, wenn Friede ist. Er wurde in 
der Zeit von Numa Pompilius, unter dessen Regentschaft er ganz 
geschlossen war, durch die ganzen 724 Jahre bis zum Kaiser Augustus 



nur zweimal geschlossen. Aber die Romer haben den Mut gehabt, zu 
unterscheiden bei ihrem Dienste fur einen der obersten der Gotter 
zwischen Krieg und Frieden. Man frage sich, ob die heutige Zeit den- 
selben Mut auf bringen wiirde, vielleicht zu schlieBen die Friedens- 
statten, die Statten, die dem Frieden dienen sollten da, wo die ganze 
Welt von Krieg entbrannt ist? Man wiirde erst dann von Mut 
sprechen konnen, wenn so viel Schopferkraft in der Gegenwart ware, 
daB man einen rechten Unterschied bemerken konnte an den Statten, 
wo von Frieden geredet wird, wenn dies in solchen Zeiten geschieht, 
wie es die gegenwartigen sind. 

Es ist schon sehr lehrreich, zunickzublicken im Sinne des dreiund- 
dreiBigjahrigen Umlaufes: 1914 begannen die katastrophalen Ereig- 
nisse, in deren Zeichen wir heute stehen. Ich habe schon einige Ereig- 
nisse angefuhrt, die verbunden sind mit den drei- bis vierjahrigen 
katastrophalen Ereignissen nach dem dreiunddreiBigjahrigen Zyklus. 
Man konnte noch vieles anfiihren. Man braucht nur daran zu denken, 
daB dreiunddreiBig Jahre vor 1914, das ist also 1881, die Regierung 
in Petersburg antrat Alexander III., jener Zar, unter dem die Ver- 
folgungen begonnen haben in den Ostseeprovinzen, jener Zar, der die 
Inkarnation von so viel europaischem Ungliick ist. Man konnte auch 
auf mehr innere Ereignisse hinblicken, ich meine jetzt nicht seelisch 
«innere». Wenn Sie die Rolle studieren, welche just Gambetta 1881 
gespielt hat wahrend seiner zweimonatigen Prasidentschaft in der da- 
maligen Zeit, so werden Sie darinnen geradezu die Signatur finden fur 
dasjenige, was sich vorbereitet in dem Augenblicke, in dem diese 
katastrophalen Ereignisse hereinbrachen und was jetzt, wie ich schon 
einmal hier sagte, seinen symptomatischen Ausdruck findet in der 
Stimmung zwischen Nord- und SiidruBland, in der Entfesselung der 
russisch-ukrainischen Feindschaft, ein Symptom, das viel bedeutungs- 
voller leuchtet, wenn man die Ereignisse nimmt, die sich vorbereiten, 
als alles dasjenige, was die Menschen heute so gern in ihrer Bequem- 
lichkeit als wichtige Ereignisse hinnehmen mochten. 

Vieles konnte in dieser Weise angefuhrt werden. Die Frage kann 
aufgeworfen werden: Wie soli es der Mensch machen, wenn er an 
wichtigen Stellen steht, um zu solchen Entschliissen zu kommen, die 



nach dreiunddreiBig Jahren aufgehen konnen? Er soli nur einmal 
probieren, unter dem Einflusse einer solchen Idee die Ereignisse, die 
dreiunddreiBig Jahre zuriickliegen, zu verstehen, und aus dem wirk- 
lichen Verstandnis wird ihm entspringen das, was er in der Gegenwart 
zu tun hat: dann wird es in wiirdiger Weise in dreiunddreiBig Jahren 
aufgehen konnen, auferstehen konnen. DaB solches vergeblich sei, das 
durfte erst dann behauptet werden, wenn es geschehen ware. Aber wo 
ist es geschehen? Wo wird heute drauBen im exoterischen Leben die 
Weltenentwickelung nach ihrer inneren GesetzmaBigkeit betrachtet? 
Offizielle Vertreter desjenigen, was sich heute oftmals Christentum 
nennt, die lieben insbesondere immer und immer wieder gegen anthro- 
posophisch orientierte Geisteswissenschaft einzuwenden, daB ja zu 
Christi Zeiten OfTenbarungen aus der geistigen Welt moglich waren, 
aber daB «die verhangnisvolle Gnosis » nicht wiederum auftauchen 
darf. Mit Nachsicht darf auf solche Dinge nicht gedeutet werden. DaB 
diese Leute das Beste meinen, das ist etwas, was nur leider allzuoft 
auch in unseren Kreisen immer wieder und wieder als ein verhangnis- 
volles Wort auftritt. Gerade die Wahrheit ins Auge zu fassen, das ist 
es, um was es sich in Wirklichkeit handeln sollte. Und vor alien 
Dingen sollen wir den Willen und den Mut dazu haben, Front zu 
machen gegen alles das, was sich heute aus der Schwachmiitigkeit 
heraus gegen Geisteswissenschaft so leicht geltend macht. 

Eine Eigenschaft der Geisteswissenschaft liebt man ganz besonders 
nicht. Das ist: daB sie ein konkretes, wirkliches geistiges Tatsachen- 
material bringt, daB sie von den geistigen Welten spricht als von wirk- 
lichem geistigem Tatsachenmaterial. Wie oft hort man demgegeniiber 
die Worte : Ja, das ist schwer zu verstehen, da kann man sich schwer 
hineinfinden. - Begreiflich kann solche Rede noch sein bei dem, der 
eben unter dem EinfluB des gegenwartigen Schulwesens nicht hat 
denken lernen konnen, aber unbegreiflich muB die Rede bei den- 
jenigen sein, welche Anspruch darauf machen, uberhaupt wissen- 
schaftlich ernst genommen zu werden. Allerdings, nach und nach ist 
etwas Wissenschaft geworden, was moglichst geringfiigige Anspruche 
an das menschliche Denken stellt. Man kann heute ein absolvierter 
Akademiker sein mit alien moglichen Diplomen und die einfachsten 



Dinge mit seinem Verstande nicht aufzufassen in der Lage sein, so 
gleich zu ermiiden, wenn wirklich gedacht werden soli. Da liebt man 
es heute noch immer mehr, wenn in waBriger Weise geredet wird von 
allerlei allgemeinen geistigen Dingen, Panidealismus und all demZeug. 
Das befreit einen davon, die Muhe aufwenden zu miissen, an konkrete 
geistige Tatsachen heranzutreten. Geisteswissenschaft muB allerdings 
Anforderungen stellen an diejenigen, die zu ihr kommen. Der gute 
Wille muB da sein, etwas mehr zu verwenden von seinem Geiste, als 
notwendig ist, um allgemeine Redensarten von Panidealismus und 
dergleichen mit seinem verwasserten Herzensgefuhl weiter zu ver- 
wassern. Zu schwelgen in alien moglichen «Panen» und in alien mog- 
lichen allgemeinen gefuhlsduseligen Redensarten, das ist nicht mehr 
an der Zeit. An der Zeit ist heute, ernst sich den konkreten geistigen 
Tatsachen entgegenzustellen. An der Zeit ist heute, den Willen auf- 
zubringen, wirklich zu denken. Deshalb rmissen Worte zur Einleitung 
dieser Weihenacht gesprochen werden, die in unserer heutigen Zeit 
auch ernst klingen. Denn wir werden unsere Seelen um so mehr ver- 
binden mit dem, was als Christus-Impuls in die Erdenentwickelung 
eingetreten ist, je mehr wir den Willen haben, dies in ernster, in 
wiirdiger, in eindringlicher Weise zu tun. 

Durch Jahrtausende hindurch hat die Menschheit den Raum als das 
angesehen, was zu verehren ist, den Inhalt des Raumes, nicht des 
Erdenraumes, des Himmelsraumes. Hinauf hat sie gerichtet die Blicke 
nach den Sternenkonstellationen, um in den Sternen zu lesen, was 
hier auf der Erde zu geschehen hat. Sie wuBte, diese Menschheit : Die 
Toten lesen und miissen lesen in den Sternen, die Toten miissen mit- 
wirken an dem Erdengeschehen. - So muB der Mensch auch lernen, 
jene Schrift zu lesen, die die Schrift ist, welche die Toten unausgesetzt 
lesen miissen. Was hier auf der Erde geschieht, man sah es in diesen 
alten Zeiten vor dem Mysterium von Golgatha so an, daB man sagte : 
Da oben, da stehen Sonne, Mond und Widder; oder Sonne, Mond 
und Stier; oder Sonne, Mond und Zwillinge; oder Zwillinge und 
Venus oder dergleichen, in einer solchen {Constellation. Es ist ein 
Zeichen dafiir, daB aus dem Kosmos gewisse Impulse hereinkommen. 
Wenn diese Impulse da sind, dann muB gerade dieses oder jenes 



gemacht werden; denn was hier geschieht, es geschieht in der Zeit, 
und die Zeit liefert die Maja, die Zeit liefert den Verlauf der groBen 
Tauschung. - Diese Tauschung war es in diesem Sinne nur bis zu dem 
Mysterium von Golgatha. Aus dieser Maja heraus wurde der Christus- 
Impuls geboren, wie ich das im Eingang erortert habe, aus der jung- 
fraulichen Maja heraus das, was nicht mehr befruchtet ist von altem 
atavistischem Hellsehen, was sich unmittelbar gegeniiberstellt den von 
der Erde unberiihrten Weltenmachten. 

Die Verehrung desjenigen, was in der Zeit verlauft, die Erkenntnis 
desjenigen, was in der Zeit verlauft, wird zur Pflicht, ebenso wie in 
alten Zeiten als Pflicht angesehen worden ist, die Konstellationen im 
Raume zu sehen. Der alte Magier, dessen Reprasentanz erschienen ist 
vor dem Kindlein in der Krippe, sah hinauf zu dem Golde des Him- 
mels, zu den Sternen, und er sagte sich: So wie die Sterne stehen, ist 
darinnen zu lesen, was hier auf der Erde zu geschehen hat; denn was 
in die Sterne geschrieben ist, ist das Ergebnis der Vergangenheit. In 
dem Golde der Sterne ruht, was der Alte der Tage mit seinen Heer- 
scharen durch die ganze Vergangenheit hindurch geschrieben hat, daB 
es geschehen soil in der Gegenwart. Die Gegenwart hat auszufiihren, 
was aus dem Golde der Sterne zu ersehen ist; die Gegenwart, die ver- 
geht in dem Momente, wo sie entsteht. Die Gegenwart ist das fort- 
wahrende aufflammende Feuer, reprasentiert durch den Weihrauch; 
die Gegenwart in der Imagination des Weihrauches. Und es ruht in 
der von der Vergangenheit befruchteten Gegenwart die Zukunft unter 
der Imagination der Myrrhe. 

Die Geheimnisse der alten Magier waren die, wie Vergangenheit, 
Gegenwart und Zukunft zusammenhangen. Aber in dieser Ver- 
gangenheit, Gegenwart und Zukunft sahen sie den Schleier der Maja, 
den Schleier der Pallas Athene selber, der nur spiegelte die Konstella- 
tionen der Sterne. Und jene drei Magier, die vor der Krippe er- 
schienen, sie verstanden es, daB aus dem Inhalte der Zeit, desjenigen, 
was das Spiegelbild der Raumeskonstellation ist, aus der Zeitmaja 
heraus sich entwickeln muB ein Neues, zu dem man hinzutragen hat 
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft: Gold, Weihrauch und 
Myrrhen. Einsicht in das Gottlich-Geistige : Gold; Opferdienst, 



menschliche Tugend: Weihrauch; Verbindung der Menschenseele mit 
dem Ewigen, Unsterblichen : Myrrhen. 

So gewaltig ist der Einschnitt, der da liegt zwischen der Zeit vor 
dem Mysterium von Golgatha und der Zeit nach demselben, daB man 
sagen kann, das Heiligste, das vorher lag, stieg herab, verband sich in 
Liebe mit der Maja und gebar den Impuls, der weiterhin die Erden- 
entwickelung zu tragen hat: den Christus Jesus. Den Christus Jesus 
verstehen - wie die gottlich-kosmische Liebe aus dem SchoBe der 
Maja den Christus empfangen hat -, heiBt verstehen einen Weltengott, 
der alle jene Differenzierungen hinwegschafft, welche notwendiger- 
weise aus dem Auf blick zu den bloBen Raumeskonstellationen hervor- 
gehen miissen. Die Sternenkonstellation ist fur einen Fleck der Erde 
eine andere als fur einen andern Fleck. Die alten Sagen stellen es auch 
dar, wie die eingeweihten Heroen herumziehen, wie die verschieden- 
sten Erdengebiete verschiedenste Aufblicke zu Gottern haben. So 
geht das, was als Verehrungswiirdiges aus dem Raume stammt, in die 
Zeit iiber. Dann ist die Zeit fur alle menschlichen Erdenkinder die- 
selbe, dann wird ein universalistischer Gott, ein Gott, demgegeniiber 
keine engere Gemeinschaft ein Recht hat, ihn fur sich in Anspruch zu 
nehmen, keine menschliche Gemeinschaft fur ihre Interessen sagen 
darf, sie tue es in seinem Namen, sondern nur die Gemeinschaft samt- 
Hcher Menschen. 

Dies sind Gedanken, durch die wir hinwenden konnen in dieser 
Weihnacht unsere Seele zu der Erfassung des Ausspruches «Et 
incarnatus est de spiritu sancto ex Maria virgine » : « Und verleiblicht 
ward es durch den HeiligenGeist aus der jungfraulichen Maja heraus. » 
Mit den Stimmen derjenigen, die da im physischen Leibe leben, ver- 
einigen sich die Stimmen derjenigen, die in diesen Zeiten durch die 
Pforte des Todes gehen, die da wissen, wie zusammenhangen die 
Zeitenkonstellationen im heutigen Sinne, ebenso wie im alten Sinne 
die Raumkonstellationen. 

Zu dem mancherlei, was gesagt werden konnte, um die Briicke zu 
schlagen zu den Seelen, die zwischen dem Tod und einer neuen 
Geburt leben, sei auch dieses hinzugefugt, denn in denjenigen Ge- 
danken, die sich ankniipfen an das Mysterium von Golgatha, ver- 



stehen sich sogenannte Lebende und sogenannte Tote am allerbesten. 
Denn der Christus ist wirklich vom Himmel auf die Erde herab- 
gestiegen und muB seither auf der Erde gesucht werden. Hier lernt der 
Mensch sein Geheimnis im fleischlichen Leibe kennen, wie der 
Christus selber im fleischlichen Leibe seine Mission auf der Erde 
gesucht hat. Der Tote schaut aus dem Geisterland herab auf das, was 
er hier erlebt hat als Grundlage fur seine Impulse fur das Mysterium 
von Golgatha. Am besten verstehen sich Seelen, die hier auf dem 
physischen Plan, und Seelen, die auf dem geistigen Plan leben, in alle- 
dem, was ankniipft an das Mysterium von Golgatha. Aber an das 
Mysterium von Golgatha kniipft an nicht nur dasjenige, was dieses 
Mysterium von Golgatha bei jeder Gelegenheit im Munde fiihrt, 
sondern alles das, was im Sinne des Wortes geforscht ist: «Ich bin bei 
euch alle Tage bis ans Ende der Erdenzeit. » Derjenige, dessen Geburt 
wir feiern im Glanze der Weihnachtskerzen, der ist es wirklich, der 
nicht allein sich offenbaren sollte einmal, um dann in bequemer Weise 
die Grundlage abzugeben zum Nachplappern ihrer Reden bei denen, 
die nichts Neues lernen wollen und alles Neue zuriickweisen, sondern 
Derjenige, der unter dem Scheine der Weihnachtskerzen allein ge- 
feiert werden darf, das ist der, der sich offenbaren wollte den Men- 
schen in der ganzen Zeit, die da folgt auf das Mysterium von Gol- 
gatha. 

Fassen in dieser Zeit unter den Zeichen, die heute so bedeutungsvoll 
am geistigen Horizont erscheinen, genug Menschen den EntschluB, 
den Christus Jesus zu verstehen, dann ist dies ein Weihnachtsgedanke, 
ein die Nacht weihender Gedanke, der in guter Art auferstehen wird 
nach dreiunddreiBig Jahren, der leben wird als Kraft der Menschheit 
in der Zeit von heute bis zu seiner Auferstehung. Fassen wir starke, 
fassen wir mutvolle, fassen wir weisheitserfullteWeihnachtsgedanken 
und durchdringen wir uns mit diesen fur diese Weihenacht, dann wer- 
den wir sie in wiirdiger Weise durchleben. 

Das sei es, was ich Ihren Seelen als einen WeihnachtsgruB heute 
iiberbringen mochte. Und ich weiB, daB dieser WeihnachtsgruB im 
Sinne desjenigen Impulses gelegen ist, den man allein wahrhaft und 
wiirdig im Zeichen der Weihnachtslichter feiern darf. 



DRITTER VORTRAG 
Dornach, 25. December 1917 



Es wird Ihnen alien wohl der Gedanke naheliegen, der in eine Frage 
gekleidet werden kann : Wie ist es denn eigentlich zugegangen, daB im 
Gefolge der Ereignisse, wie wir sie betrachtet haben, die materiali- 
stische Denkungsart der Menschen gerade die Form angenommen hat, 
die wir heute als alle menschlichen Impulse durchdringend bemerken 
konnen? Man muB unbefangen betrachten das, was als Ingredienzien 
hineingeflossen ist in das Geistesleben der neueren Zeit, unbeeinfluBt 
durch das, was die landlaufige Geschichtsauffassung historische Not- 
wendigkeit nennt. Man muB die Blicke gerade auf diejenigen Ereig- 
nisse lenken, welche lichtbringend und aufklarend sind fur das, was 
erlebt wird. 

Nun konnen wir sagen, daB zu all den wichtigen Umschwungen, die 
sich in der neueren Zeit vollzogen haben, auch der gehdrt, der in 
gewisser Beziehung eine Art Nachziigler alterer Umwalzungen ist: 
daB mit dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts eigentlich der europa- 
ischen Menschheit alles Verstandnis fur das Mysterienwesen verloren- 
gegangen ist. Ich habe schon im Laufe dieser Betrachtungen fluchtig 
darauf hingedeutet, daB ins 18.Jahrhundert noch hineinragt die Vor- 
stellungsweise Saint- Martins ', deSsen Anschauung durch ihn und durch 
den allgemeinen Zeitimpuls im 18.Jahrhundert eine breitere Wirkung 
hatte, daB aber Saint-Martins Anschauungen und Vorstellungsarten 
im 19.Jahrhundert ganz zuriickgegangen sind. Man braucht sich nur 
an eines zu erinnern mit Bezug auf die Vorstellungsart Saint- Martins, 
so wird man sogleich bemerken den radikalen Unterschied einer sol- 
chen Vorstellungsweise von alldem, was zum Beispiel die Gegenwart 
zu denken und zu empfinden imstande ist. Saint- Martin spricht in 
seinem bedeutsamen Werke von den Irrtiimern und der Wahrheit, 
«Des erreurs et de la verite», unter anderem auch von einem Ereignis 
in der Erdenentwickelung, das sich aber zugetragen hat, bevor der 
Mensch zur physischen Menschwerdung gekommen ist. Saint- Martin 
spricht gewissermaBen ruckblickend von einem bedeutsamen, man 



mochte sagen kosmischen Vergehen der Gesamtmenschheit, bevor 
der Mensch in die physische Menschwerdung gekommen ist. Bedeut- 
sam ist dieses deshalb, weil man daraus sieht, daB Saint- Martins Ge- 
sinnungs- und Vorstellungsgenossen den weiten Blick noch hatten, 
iiber die physische Menschenweit hinauszusehen auf Geistiges, wo- 
durch dann die Moglichkeit geboten wird, auch zu sprechen iiber das- 
jenige, was mit der Entwickelung der Menschheit einen andern Zu- 
sammenhang hat als das, was bloB im Physischen beschlossen ist. 
Saint- Martin, der in gewisser Beziehung ein Nachfolger Jakob Bbhmes 
war, hatte zwar einige Junger, iiber die ganze gebildete Welt verbrei- 
tet auch im 19. Jahrhundert, und hat sie bis in die neueste Zeit gehabt. 
Aber man kann nicht sagen, daB das ZeitbewuBtsein im 19. Jahrhun- 
dert noch beeinfluBt gewesen ware von solchen Impulsen, wie sie bei 
Saint- Martin gefunden werden, und man kann durchaus sagen, daB 
solche Ausbiicke nach der geistigen Welt, wie sie noch bei Saint- Martin 
zu sehen sind, dem 19. Jahrhundert abhanden gekommen sind. 

Nun sind solche Dinge, wie sie Saint- Martin geboten hat, die aller- 
letzten Uberreste alter Mysterienweisheit. Will man dasjenige auBer- 
lich historisch verstehen, was zuriickgedrangt hat solches Vorstellen, 
wie es bei Saint- Martin sich findet, dann muB man nicht die Frage so 
stellen: Welche Personlichkeit hat denn Lehren verbreitet, die ge- 
eignet waren, Saint- Martins Vorstellungsarten zuriickzudrangen? - 
sondern man muB die Frage so stellen: In welcher Personlichkeit 
driickt sich denn jene Summe von Impulsen am charakteristischsten 
aus, durch die die Menschheit des 19.Jahrhunderts so materialistisch 
geworden ist? - Und man findet dann eine Personlichkeit an der Wende 
des 18. zum 19. Jahrhundert, die fur diesen letzten groBeren Um- 
schwung in der auBeren Geistesentwickelung ganz besonders charak- 
teristisch ist. Man muB aber, um zu verstehen, was da eigentlich vor- 
geht, sich eben gegenwartig halten, daB durch diesen letzten Um- 
schwung das Verstandnis fur das Mysterienwesen der Menschheit 
vollig abhandengekommen ist, so daB das 19. Jahrhundert eigentlich 
nur in wenigen Personlichkeiten, in wenigen Seelen noch etwas weiB 
von der tiefen Bedeutung und dem Einflusse des Mysterienwesens. 
Die Personlichkeit, die ich meine, die so mehr der Ausdruck des all- 



gemeinen Zeitgeistes von der Wende des 18. zum 19. Jahrhundert ist, 
ist Dupuis, und die wichtige Schrift, durch welche gewissermaBen dem 
Verstandnisse fiir das Mysterienwesen der TodesstoB gegeben worden 
ist, ist die Schrift «Origine de tous les cultes» vom Jahre 1794. Im 
19. Jahrhundert denkt man, wenn man die Anschauungen der Men- 
schen iiberblickt, gewohnlich an den naturwissenschaftlichen Materia- 
lismus. Allein ich mochte sagen, dieser naturwissenschaftliche Materia- 
lismus hat ja schon den Charakter angenommen, den das 19. Jahr- 
hundert mehr oder weniger alien menschlichen Impulsen aufgedriickt 
hat, den wir am deutlichsten ausgesprochen fanden in dem «bon dieu 
citoyen», als welchen Heinrich Heine den Jesus Christus begriiBt. Das 
19. Jahrhundert hat auch den MateriaKsmus in das Fahrwasser der 
Philistrositat getaucht, und das wesentlichste Charakteristikon des 
Materialismus des 19. Jahrhunderts ist, daB er philistros ist. 

Will man den eigentlichen Grundnerv dieses 19. Jahrhunderts ver- 
stehen, so muB man den Impuls der Philistrositat iiberall aufsuchen. 
Der Materialismus Dupuis' war in gewissem Sinne noch nicht 
philistros, hatte noch etwas GroBes, Freies, etwas weit iiber die 
Philistrositat Hinausreichendes. Der Materialismus Dupuis' war in 
gewissem Sinne ein himmlischer Materialismus. Dupuis hatte noch 
den Mut zu einem durchgreifenderen materialistischen Gedanken als 
die gelehrten und genialen Philister des 19. Jahrhunderts. Dupuis kam 
auf gewisse Dinge, wenigstens glaubte er auf gewisse Dinge zu kom- 
men. Und die Art, wie er darauf kam, ist auBerordentlich interessant. 
Man darf, wenn man auf diesen Mann zuriickblickt, nicht auBer acht 
lassen, daB er eine geniale Personlichkeit war. Er hat sich zum Beispiel 
bereits in den achtziger Jahren des 18. Jahrhunderts eine Art Privat- 
telegraph eingerichtet, durch den er telegraphierte von seinem Hause 
aus zu seinem ziemlich weit entfernten Freunde Fortine. Als dann die 
Revolution ausbrach, fiirchtete er, daB man seine Telegraphenverbin- 
dung irgendwie anriichig finden konnte. Da zerstorte er die ent- 
sprechenden Maschinen, und dadurch wurde die ganze Sache ver- 
gessen. Ich sage natiirlich nicht, daB er einen elektrischen Telegraphen 
gehabt hat, aber das Prinzip des Telegraphen war da vollstandig 
ausgefiihrt. 



Dupuis war auch Kommissar des offentlichen Unterrichts am Ende 
der achtziger Jahre in Frankreich. Er verlieB, als die Revolution aus- 
brach, Paris, wurde aber sehr bald darauf in die Nationalversammlung 
gewahlt, ging wieder nach Paris zuriick und spielte eigentlich eine 
ziemlich groBe Rolle sowohl im Konvent, wie nachher im Rat der 
Fiinf hundert, gehorte in der Regel den gemaBigten Parteien an. Man 
muB sich vorstellen, daB dasjenige, was in ihm lebte, eigentlich ein 
Impuls war, der von ihm aus auf viele Seelen iiberging. Aber noch 
wichtiger ist, daB dieser selbe Impuls, von dem die Zeit besessen war, 
gerade bei ihm in der charakteristischsten Weise zum Ausdruck kam. 

Dupuis kam namlich auf das Folgende. Er studierte alte Sagen und 
Mythen, sagen wir die Herkulessage, oder die Sage von Isis und 
Osiris, oder die Sage von Dionysos; also er studierte die alten Mythen, 
welche exoterische Verkleidungen der Mysterienwahrheiten sind, wie 
wir ja wissen. Nehmen wir die Herkulesmythe heraus. Er bemerkte, 
daB Herkules zwolf Arbeiten verrichtete, und indem er die Erzahlung 
der einzelnen Arbeiten des Herkules verfolgte, kam er darauf, daB 
gewisse Dinge, die da vorkommen in den Erzahlungen von diesen 
Arbeiten des Herkules, rechtfertigen, einen Zusammenhang fest- 
zustellen zwischen dem Durchgang des Herkules durch seine zwolf 
Arbeiten und dem Umschwung der Sonne durch die zwolf Zeichen 
des Tierkreises. Diese Dinge studierte dieser Mann ganz gewissenhaft 
und sorgfaltig, und er bildete sich aus diesem Studium die folgende 
Ansicht. Er sagte: Im Altertum gab es also gewisse Leute, Mysterien- 
priester. Diese Leute hatten das Ziel, die weite Masse der Volker mog- 
lichst ruhig zu halten, so daB man sie leicht lenken kann. Deshalb er- 
zahlte man einzelnen dieser Volkermassen solche Mythen von einem 
Herkules, der einmal gelebt hat, dem man nachstreben soli, an dessen 
Personlichkeit man solche Arbeiten kniipft. Man erzahlte andere 
Mythen, von Isis und Osiris und dergleichen. Bei sich selber, inner- 
halb der Mysterien, wuBten aber die Mysterienpriester, daB das alles 
Wischiwaschi ist, daB es niemals auBerlich eine solche Personlichkeit 
gegeben hat, wie den Herkules oder den Osiris oder die Isis, sondern 
daB alles, was auf der Erde vorgeht, von den materiellen Hhnmels- 
korpern und ihren Konstellationen bewirkt wird. Die Mythen sind 



nur Umkleidungen der Vorgange am Himmelsgewolbe. Was hier auf 
der Erde vorgeht, das hangt ab im Sinne der alten Mysterienpriester, 
sagte Dupuis, von dem Durchgang der Sonne durch die 2 wolf Zeichen 
des Tierkreises, von dem Durchgang des Mondes durch die zwolf 
Zeichen des Tierkreises. Und dasjenige, was auf der Erde dadurch 
bewirkt wird, wuBten die Priester; sie wuBten, daB das materielle 
Geschehen, das sich ausdriickt in den Sternenkonstellationen, dieses 
im Kosmos vor sich gehende materielle Geschehen die Ursache ist 
vom Pflanzenwachstum, die Ursache auch ist vom Menschheitsfort- 
schritt, der Menschenbefmchtung und so weiter. Das wuBten die 
Priester. Denen fiel es gar nicht ein, daran zu glauben, daB da irgend- 
wie andere geistige Machte im Spiele seien, sondern die waren aufge- 
klart genug, bloB zu glauben an das Spielen der materiellen Krafte im 
materiellen Himmelsraume. Aber dem Volke kleidete man die Astro- 
nomie in Mythen, weil man glaubte, daB zur Tauschung des Volkes 
solches notwendig sei, daB man das Volk nur dadurch lenken konne. 

So waren fur Dupuis die Mysterien groBe Lugenfabriken, ver- 
anstaltet zu dem Zwecke, um das, was die Priester wuBten - daB die 
materiellen Vorgange des Himmels wieder andere materielle Vor- 
gange hier auf Erden bewirken -, in entsprechender Weise fur das 
«dumme Volk», das leichtglaubig ist, einzukleiden. In dem Werke 
«Origine de tous les cultes» findet sich zum Beispiel folgender Satz: 
«Die Wahrheit kennt keine Mysterien, sie gehoren alle dem Irrtum und 
dem Betruge an.» - Oder: «Man muB ihren Ursprung, namlich den 
Ursprung der Mysterien, auBerhalb der Grenzen der Vernunft und 
der Wahrheit suchen; als Kinder der Nacht scheuen sie das Licht.» 

GewiB, nur eine kleine Minderheit von Menschen hat selbstver- 
standlich solche Dinge gelesen. Aber darauf kommt es ja allein nicht 
an, sondern darauf, daB solche Dinge wirken, daB solche Dinge da 
sind. Wenn ein Mensch wie Dupuis sie ausspricht, so bedeutet das nur, 
daB er die besondere Fahigkek hat, diese Dinge zu formulieren. Wirk- 
sam wurden diese Dinge vom Ende des 18. Jahrhunderts und durch 
das ganze 19. Jahrhundert hindurch. 

Nun muB man einiges von der wirklichen historischen Wahrheit 
dem entgegenhalten, worauf Dupuis in genialer Weise gekommen 



ist, indem er gegriindet hat diesen - wie man mit Recht sagen kann - 
himmlischen Materialismus. Nicht wahr, die philistrose Wissenschaft 
des 19.Jahrhunderts sucht die materiellen Vorgange in den Atomen. 
Sie bleibt beim Irdiscben. Dupuis war kiihn genug, einen himm- 
lischen Materialismus zu begriinden, alles dasjenige, was aus dem 
Kosmos herein wirkt, noch als materialistische Wirkung der Gestirne 
zu denken, und alles das, was geistig sein soil, fur Wischiwaschi zu 
halten, Nachklang von Priestertrug aus den Mysterienzeiten her. 
Dupuis hat vor alien Dingen dann in seinem beriihmten, bedeutenden 
Buche den SchluB gezogen : Alle diese groBen Gestalten sind eigent- 
lich nichts anderes, als fur das Volk zusammengeschweiBte, ver- 
kleidete Angelegenheiten der Astronomic Herkules ist die Sonne, 
seine zwolf Arbeiten der Durchgang der Sonne durch die zwolf 
Sternbilder des Tierkreises; Isis ist der Mond, dasjenige, was von ihr 
erzahlt wird, der Durchgang des Mondes durch den Tierkreis; Dio- 
nysos wird dargestellt in dem groBen, achtundvierzig Gesange um- 
fassenden Gedichte des Nonnos als Sonne, durchgehend durch die 
Zeichen des Tierkreises und so weiter. Die Christen haben dann ein- 
fach an die Stelle des Herkules, des Dionysos, des Osiris den Christus 
gesetzt, und der Christus ist auch nichts anderes als die Umkleidung 
der Sonne. Die Priester haben gut gewuBt, daB das Reale, das in 
Betracht kommt, die Sonne ist. Aber fur das Volk brauchte man die 
Erzahlung des Nazareners Christus Jesus, der Sonne des Neuen Testa- 
ments, im Gegensatz zu Herkules, Dionysos, Osiris, den Sonnen des 
Alten Testaments. - Eine radikale Zerstorung jedes religiosen Ge- 
dankens enthalt das Buch « Origine de tous les cultes ou religion uni- 
verselle» von Dupuis. 

Das allgemeine BewuBtsein bleibt in der Regel zuriick, schlieBt sich 
nicht den radikalen Umschwungen an. Daher kam es, daB man im 
19. Jahrhundert wenig bemerkte, daB diese Gedanken - wenn ich 
mich des trivialen Ausdruckes bedienen darf —in der Luft Hegen. Aber 
man hat sie in der Luft liegen lassen. Zu der klaren Folgerung von 
Dupuis haben sich natiirlich wenige aufgeschwungen, obwohl in dem 
geistigen BewuBtsein von alien Gebildeten diese Gedanken enthalten 
waren. Aber unter dem Druck dieser Gedanken hat das ganze Theo- 



logenunwesen des 19. Jahrhunderts gewirkt. Denn nichts anderes liegt 
da zugrunde, als daB Dupuis diejenigen, die seiner Gesinnung waren, 
darauf hingewiesen hat: Ebensowenig wie es einen Herkules oder 
einen Osiris als menschliche physische Personlichkeiten gegeben hat, 
so wie dies Sonnen sind, so ist Christus auch nie eine physische Person- 
lichkeit gewesen, sondern Sonne. - Unter dem Druck dieses Gedan- 
kens ist dann den Theologen des 19. Jahrhunderts allmahlich der 
Christus ganz zerflattert. Dann haben sie sich alle Muhe gegeben, den 
«bon dieu citoyen» von Nazareth auszustaffieren. Die liberalen Phili- 
ster machten so einen humanen Moralprediger aus ihm, die Sozial- 
demokraten machten einen Sozialdemokraten aus ihm, die Psychiater 
einen Wahnsinnigen, einen Epileptiker, und so hat sich ihn jeder 
unter dem Druck solcher Gedanken ausgebildet. 

Wenn Sie zu dem, was ich jetzt sage, die andere groBe Wahrheit 
nehmen, daB eigentlich das historische Werden getraumt wird, so 
werden Sie eine Vorstellung sich verschafFen konnen, daB solche Ge- 
danken, die nicht radikal ausgesprochen werden, doch in den Trau- 
men der Menschen ihre Rolie schon spielen. 

Nun muB man die wirkliche historische Wahrheit mit dem Ganzen 
zusammenhalten. Blickt man zuriick auf die alten Mysterien, auf jene 
Mysterien, die noch ihren Ursprung in der dritten nachatlantischen 
Periode hatten, so sieht man bei diesen Mysterien liberall: es gab 
esoterische und exoterische Dinge, die vertreten wurden. Was war - 
diese Frage muB man aufwerfen gerade bei diesen Mysterien, die 
ihren Ursprung zuruckfuhren auf die dritte nachatlantische Zeit -, 
was war bei diesen esoterisch und was war exoterisch? Esoterisch war 
bei den alten Mysterien, die ich also jetzt meine, alles dasjenige, was 
sich auf die physische Wissenschaft, alles dasjenige, was sich auf die 
Hantierungen der Wissenschaft bezieht. Religionswissenschaft war in 
diesen alten Zeiten nie esoterisch. Man gibt sich einem ganz falschen 
Glauben hin, wenn man meint, daB die Vorstellungen iiber Gott und 
Gotter esoterisch gewesen waren in den alten Mysterien. Esoterisch 
haben die alten Mysterien das gehalten, was man dazumal iiber Dinge 
gewuBt hat, die heute in den chemischen Laboratorien, in denKliniken 
erforscht werden. Was sich auf die auBere physische Wissenschaft 



bezieht, das war im wesentlichen esoterisch gehalten, und das war, 
was die Esoteriker fur gefahrlich gehalten haben. Niemals hat man in 
diesen Zeiten in den Mysterien irgendeine religiose Wahrheit fur 
irgendwie gefahrlich gehalten. Was die Leute religios vertreten haben, 
haben sie auch nach auBen verkiindet. Das, was wir heute Chemie, 
Physik, Mathematik nennen, das war in jenen Zeiten so gehalten, daB 
man gewissermaBen die Hande dariiber hielt und es nur pflegen wollte 
innerhalb derjenigen, die sich verpflichteten, die Sache innerhalb der 
Mysterien zu halten, sogar eidlich verpflichteten, unter scharfen 
Eiden. 

Dann kam die Zeit, in welcher die Mysterien in einem gewissen 
Sinne ihre Politik anderten, aber in einem gewissen Sinne nur. Das ist 
der Fall bei all jenen Mysterien, die vorzugsweise ihren Ursprung 
zuruckfiihren bis in die vierte nachatlantische Zeit. Das geht also bis 
ins 15.Jahrhundert herein. In dieser Zeit war Sitte, in den Mysterien 
nun nicht die physische Wissenschaft zu sekretieren, sondern in einer 
Art symbolischer Weise eine gewisse Seite der mathematischen, iiber- 
haupt der intellektuellen Wissenschaften zu sekretieren : alles das, was 
mit gewissen Dingen zusammenhangt, wie mit Kreis, Dreieck, Wasser- 
waage, kurz, alles das, was mechanisch, mathematisch ist, was intellek- 
tuelle Wissenschaft ist. Das wurde versucht, so zu halten, daB man es 
innerhalb gewisser Bruderschaften hielt und die Mitglieder ver- 
pflichtete, die Dinge, die sie da lernten uber Kreis, Dreieck, Wasser- 
waage, Senkblei und so weiter, nicht zu verraten. In den andern 
Dingen wurden die Sachen so gehalten, daB man allmahlich lassiger 
wurde im Esoterischhalten der physischen Wahrheiten. Die drangen 
allmahlich aus den Mysterien heraus in das offentliche BewuBtsein. 

Sie konnen sagen: Ja, aber was hatten denn schlieBlich die alten 
Mysterien des dritten nachatlantischenZeitraums viel geheimzuhalten? 
Da war ja die Wissenschaft in den Kinderschuhen ; da hat man ja noch 
keine Chemie gehabt, da wuBte man ja von der ganzen Welt nichts, die 
man sich so glorreich erobert hat in der neueren Zeit. - Wenn Sie 
so urteilen, dann sprechen Sie halt das nach, was man heute allgemein 
sagt. Aber schon die gewohnliche auBere Geschichte konnte Sie 
stutzig machen in dem Bilden solcher Urteile. Nachdem die Europaer 



das Pulver erfunden hatten als Ergebnis der auBeren Wissenschaft, 
waren sie natiirlich stolz darauf. Warum sollte man nicht stolz darauf 
sein ! Aber es stellte sich sehr bald heraus, daB die Chinesen das Pulver 
schon in alten Zeiten gehabt haben, die Buchdruckerkunst schon in 
alten Zeiten gehabt haben und so weiter. Man konnte viele solche 
Beispiele, bei denen eine bestimmte Sache ruchbar geworden ist, an- 
fiihren. Die Wahrheit ist aber einfach diese, daB in alten Zeiten auch 
Dinge bekannt waren - sagen wir zum Beispiel das Prinzip des Luft- 
schifFes, das Prinzip des Unterseebootes und so weiter, um gleich 
etwas Radikales zu sagen nur wurden diese Dinge eben als Inhalt 
der physischen Wissenschaft streng sekretiert. Man enthielt sie der 
allgemeinen Bevolkemng vor, man HeB sie nicht hinaus aus den Myste- 
rien, was gleichbedeutend war. Man wandte dasjenige, was durch 
diese Wissenschaft erreicht werden konnte, nicht auf die allgemeine 
soziale Menschenordnung an. Es ist eine ganz dilettantische Vor- 
stellung, wenn man den esoterischen und den exoterischen BegrifT bei 
den Mysterien der dritten nachatlantischen Zeit nicht auf diese Dinge 
bezieht, sondern wenn man glaubt, daB da iiber rein geistige An- 
gelegenheiten in den Mysterien gerade dieser Zeit ganz besonders 
geheimnisvolle Dinge noch vorhanden gewesen waren. 

Im Mittelalter wiederum war die Sache so, daB man versuchte, eine 
gewisse Seite des Mathematischen, des Mechanischen zuriickzuhalten, 
nicht unter die allgemeine Bevolkemng kommen zu lassen. Diese 
Dinge hatten in alten Zeiten ihre gute Bedeutung, hatten ihren rechten 
Wert. Sie verlieren ihren Wert allmahlich, indem die neuere Zeit 
heranmckt. Ich habe es ja oft ausgesprochen, daB in demselben Sinne 
das Mysterienwesen nicht fortgesetzt werden kann, wie es friiher ge- 
trieben worden ist. Im jetzigen fiinften nachatlantischen Zeitraum ist 
es schon in vieler Beziehung eine nicht mehr erlaubte Sache - ich 
meine vor den hoheren geistigen Machten nicht mehr erlaubte Sache -, 
gewisse Dinge ganz esoterisch zu halten. Jetzt wurden als Esoterik in 
Betracht kommen gewisse seelische Wahrheiten. In ganz alten Zeiten 
waren es physische Wahrheiten, dann sind es intellektuelle Wahrheiten 
geworden, jetzt wurden es seelische Wahrheiten sein. Solche seelischen 
Wahrheiten halten heute unter SchloB und Riegel nur solche Briider- 



schaften, wie diejenigen sind, von denen ich Ihnen gesprochen habe, 
indem ich Ihnen die allgemeine Weltenlage der Gegenwart charakte- 
risierte als ausgehend von gewissen dunkeln Briiderschaften, deren 
Ursprung ich ja damals, im vorigen Jahre, charakterisierte. 

Nun entsteht die Frage: Warum haben denn die alten Mysterien- 
priester zuriickgehalten das, was man physisches Wissen nennen kann? 
Das hangt wirklich zusammen mit der Entwickelung der Menschheit. 
Ich habe ja oft darauf hingewiesen : die Menschheit hat eben eine Ent- 
wickelung durchgemacht, sie ist von Form zu Form gegangen, von 
anderer Form zu anderer Form. Und die Zeit, in die das Mysterium 
von Golgatha gefallen ist, ist die groBte Ubergangszeit der Erden- 
entwickelung, was naturlich die auBere Geschichte gar nicht weiB. Sie 
weiB auch nicht alle die Dinge, die mit diesem Umschwunge in Zu- 
sammenhang stehen. In den alten Zeiten, im wesentlichen in den- 
jenigen Zeiten, die dem Mysterium von Golgatha vorangegangen 
sind, da bekam der Mensch, wenn er so vierzehn, funfzehn Jahre alt 
wurde, zu den Kraften, die schon die Kindheit hat bis zu diesen Jahren, 
ganz besondere Krafte. Mit dem vierzehnten, funfzehnten Jahre be- 
kam der Mensch Krafte in jenen alten Zeiten, die sich verloren seit 
dem Mysterium von Golgatha, die nicht mehr da sind seit dem Myste- 
rium von Golgatha, nur atavistisch in nachziiglerischer Weise da sind, 
aber nicht mehr normale Krafte der allgemeinen Menschennatur sind. 
Die Krafte, die der Mensch bekam, wenn er so vierzehn, funfzehn 
Jahre alt war, die einfach dadurch da waren in seiner Umgebung, daB 
der Mensch selber da war, das waren solche Krafte, die sich verbinden 
konnten mit den Vorgangen der physischen Hantierung. Wenn man 
heute Sauerstoff und WasserstofT verbindet, verbindet man halt Sauer- 
stoff und Wasserstoff zu Wasser; da verbindet sich nichts, was vom 
Menschen ausstromt, damit. In jenen alten Zeiten verband sich damit 
etwas, was vom Menschen ausstromte; da machte der Mensch mit. 
Da wurden die Verrichtungen des Laboratoriums Magie durch diese 
Krafte, die sich beim Menschen im vierzehnten, funfzehnten Jahre 
entwickelten. 

Aus diesem Grunde muBten die Mysterienpriester die auBeren Ver- 
richtungen geheimhalten, weil diese auBeren Verrichtungen einfach 



durch die allgemeinen Menscheneigenschaften der damaligen Zeit zu 
magischen Verrichtungen geworden waren, Magie wiirde sich iiberall 
ausgebreitet haben und ware selbstverstandlich leicht zur sogenannten 
schwarzen Magie geworden. Dazumal also war es notwendig, uber 
gewisse Dinge der physischen Wissenschaft tiefstes Geheimnis zu 
breiten, wegen der allgemeinen Menschennatur. Diese Krafte, die da 
der Mensch erhalten hat mit dem vierzehnten, fiinfzehnten Jahre, die 
haben sich eben nach und nach verloren, sind fast ganz verschwunden 
mit dem 15.Jahrhundert. Und damit hangt es auch zusammen, daB 
Dinge, die vor dem 15.Jahrhundert geschrieben sind, heute gar nicht 
mehr verstanden werden konnen, wenn man sie nicht mit Geistes- 
wissenschaft versteht. In dem Augenblkke namlich, wenn in solchen 
alten Zeiten der Mensch darangegangen ist, physische Verrichtungen 
vorzunehmen, wie wir sie heute ganz gewohnlich im Laboratorium 
machen, in dem Augenblicke gab der Mensch Veranlassung, daB 
gewisse luziferische Elementarwesen mitentstanden, konnte wenig- 
stens Veranlassung geben. Und diese luziferischen Elementarwesen 
waren wirksam, hatten also mitgewirkt im sozialen menschlichen Zu- 
sammensein, wenn man die Dinge nicht verborgen gehalten hatte. 

Von den Angelegenheiten der wirklichen Menschheitsentwickelung 
hat ja am allerwenigsten eine solche Zeit wie das Ende des 18. und der 
Anfang des 19. Jahrhunderts eine blasse Ahnung. Daher ballte sich 
zusammen alles das, was aus der Ahnungslosigkeit kam, zu solchen 
Behauptungen wie diese: «Die Wahrheit kennt keine Mysterien, sie 
gehoren alle dem Irrtum und dem Betruge an.» - Man muBte gewisser- 
maBen die Menschen vor der unmittelbaren Erkenntnis der physischen 
Geheimnisse bewahren. So, wie man sie bewahren muBte vor den 
physischen Hantierungen, die heute allgemein im Laboratorium ge- 
macht werden, so muBte man sie zum Beispiel auch bewahren vor der 
reinen physischen Erkenntnis der Astronomic Man gab daher das 
geistige Gegenbild in Form der Mythe, in Form der Sage. Das war 
eine notwendige Anforderung. 

Aber die Zeiten sind recht stark andere geworden. Den luziferischen 
Elementarwesen, von denen man in solchem Zusammenhange spre- 
chen kann, ist ja die Menschheit heute nicht ausgesetzt. Dafur ist sie 



gewissen ahrimanischen Elementarwesen sehr stark ausgesetzt. Diese 
ahrimanischen Elementarwesen entstehen heute mit einer ahnlichen 
Notwendigkeit, wie die geschilderten luziferischen Elementarwesen 
im Altertume entstanden sind. Nur entstehen sie in einer andern Art. 
Sie entstehen aus ganz andern Kraften und Impulsen der Menschen- 
natur heraus. Heute gibt es - ich meine jetzt nicht bloB in bezug auf die 
menschliche Wissenschaft, sondern in bezug auf das soziale Leben, das 
ja alle Menschen angeht, nicht bloB diejenigen, die zu den sogenannten 
Gebildeten gehoren heute gibt es wirksam im sozialen Leben eine 
groBe Anzahl von Dingen, die deshalb da sind, weil man gewisse rein 
technisch-mechanische, physikalische, chemische und ahnliche Ge- 
danken hat, weil man einen gewissen Umfang der physischen Wissen- 
schaft hat. Man kennt heute, beniitzt heute Maschinen, man beniitzt 
ein gewisses maschinelles Vorgehen auch in der Finanzgebarung der 
Welt. Man denkt mechanisch iiber die ganze Welt hin. Ich meine jetzt 
nicht bloB die mechanische Weltanschauung, sondern ich meine das, 
was jeden Menschen angeht, den einfachsten Bauern in der letzten 
Alphutte angeht, denn er weiB natiirlich nichts von mechanischer 
Wissenschaft. Aber worinnen er lebt, das ist durchzogen von diesen 
Gedanken. Darauf kommt es ja an. 

Wie im Altertum diese mechanischen, chemischen, physischen Ver- 
richtungen sich mit luziferischer Kraft vermischten, so vermischen sie 
sich heute, wo sie nicht mehr hintangehalten werden konnen, mit ahri- 
manischen Kraften, und zwar durch einen ganz gewissen Umstand. 
Es ist ein Gesetz, daB alles das, was herstammt aus maschineller, 
mechanischer, chemischer, physischer Denkweise, in einer eigentiim- 
lichen Weise befruchtet werden kann von dem, was aus partieller 
Menschennatur stammt, in der folgenden Weise: Diese Gedanken- 
summen, die sich auf Chemisches, Physikalisches, Mechanisches, 
Technisches beziehen, Finanzielles beziehen, die werden heute gedacht 
von Menschen, welche zum Beispiel - es kommen auch noch andere 
Dinge in Betracht - noch in nationaler Denkweise drinnen sind; aber 
damit vertragen sie sich nicht. Denkt man das, was heute physikalisch, 
mechanisch, chemisch ist, so, daB gleichzeitig dasselbe Hirn, das diese 
Dinge denkt, von nationaler Gesinnung durchdrungen ist, dann wirkt 



durch die nationale Gesinnung auf diese Dinge, die man denkt in 
bezug auf Physikalisches, Chemisches, Mechanisches, Technisches, 
dann wirkt Ahriman befruchtend, und es entstehen durch die Ver- 
bindungen von nationaler Gesinnung mit internationaler physischer 
Wissenschaft heute ahrimanische Elementarwesenheiten in unserer 
Umgebung. Denn vertraglich sind Gedanken und Verrichtungen, wie 
sie die heutige Chemie, Physik, Mechanik, Technik, Finanzgebarung, 
die kommerzielle Gebarung hat, vertraglich sind sie nur mit nicht- 
nationaler Denkweise. 

Das ist ein bedeutsames Geheimnis, das man kennen muB, wenn 
man das Gefiige des Lebens in der Gegenwart verstehen will. Es liegt 
nicht in der Zeitmoglichkeit, diese Dinge auf eine andere Weise hintan- 
zuhalten als durch Erkenntnis. Die alten Mysterienfuhrer suchten 
durch Sekretierung der Erkenntnisse die Dinge hintanzuhalten. Heute 
muB das Gegenteil eintreten : durch moglichst weite Verbreitung der 
entgegengesetzt wirkenden geistigen Erkenntnisse muB das Ubel ge- 
bannt werden. In dieser Beziehung hat die Menschheit einen voll- 
standigen Umschwung erfahren. Dazumal muBte man durch die 
Schranken der Mysterien etwas zuruckhalten iiber die physischen 
Wissenschaften; heute muB man geistige Wissenschaft so viel ver- 
breiten, als moglich ist, weil nur dadurch allmahlich dasjenige, was in 
der Richtung wirkt, die eben geschildert worden ist, ausgetrieben 
werden kann. Die Menschheit hat ja heute vielfach gar keine Ahnung 
davon, was es bedeutet, wenn man auf der einen Seite national gesinnt 
ist und auf der andern Seite internationale Physik treiben will. Diese 
Dinge begegnen sich aber in der Menschennatur und befruchten sich 
in der Menschennatur und fiihren, wie sie im Altertum gefuhrt haben 
zu luziferischen Bildungen, in der Gegenwart zu ahrimanischen Bil- 
dungen. Die Menschheit hat ja keine andere Alternative, als entweder 
alles, was Physik, Chemie und dergleichen ist, zu las sen, oder inter- 
national zu werden in der Denkweise. 

DaB es solche Gesetze gibt, die innig zusammenhangen mit dem 
allgemeinen Leben, das ahnen ja die Menschen der Gegenwart noch 
nicht. Und doch ist es eine Wahrheit, die unmittelbar an die Ture 
unserer Gegenwartsentwickelung klopft und eingelassen werden muB 



zum Heile der Gegenwartsentwickelung. Die dem Menschenfort- 
schritt am meisten feindlichen Machte widerstreben solchen Dingen 
gerade und verfiihren heute die Menschen dazu, die Nationalitatsidee 
zum besonders radikalen Ausdruck zu bringen. Es miiBte schon auf 
solche Dinge heute hingewiesen werden, denn sie enthalten dasjenige, 
was wahr ist, und sie sind vielleicht allein in der Lage, weil sie die 
lautere und wirkliche Wahrheit enthalten, die Menschen zu heilen vor 
solchem Zeug, wie es gegenwartig in den Kopfen figuriert. So un- 
glaublich es aussieht, es gibt doch viele Menschen in der Gegenwart, 
die in Theoretischem und Praktischem imstande sind, nicht ein- 
zusehen, daB von den widerstrebenden Machten der Gegenwart der 
Kniff gebraucht worden ist, zum Beispiel den Unsinn zu inkarnieren 
und ihn - Woodrow Wilson zu nennen. Es hangt nicht nur das, was ich 
gesagt habe, sondern auch manches andere mit diesem Genannten und 
Charakterisierten sehr wesentlich zusammen. 

Wer sich alle vor dem Mysterium von Golgatha berechtigten 
Religionssysteme durch den Kopf gehen laBt, sie wirklich in ihren 
Tiefen erkennt, der weiB, daB diese Religionssysteme alle einen be- 
stimmten Impuls haben: die Menschen zu bewahren vor der Beriih- 
rung mit jenen Machten, welche so wirken, wie ich es charakterisiert 
habe, wenn sie nicht bekampft werden. Das war im wesentlichen mit 
einer der Impulse der alten Religionssysteme, die Menschen zu be- 
wahren vor den schadlichen Wirkungen der Krafte, die mit dem vier- 
zehnten, funfzehnten Jahre auftreten in bezug auf die auBeren physi- 
schen Hantierungen. DaB man berechtigt war dieses zu tun, das konn- 
ten die alten Mysterienpriester aus einer ganz bestimmten Tatsache 
entnehmen. Wenn diese alten Mysterienpriester in die heiligen alten 
Mysterien eingeweiht wurden und dadurch in die Lage kamen, mit 
den Toten zu verkehren, dann waren sie imstande, jene Dankbarkeit 
kennenzulernen, welche der Mensch nach dem Tode hat fur solche 
Vornahme : die Toten erwiesen sich vor alien Dingen dankbar dafiir, 
daB sie, bevor sie durch die Pforte des Todes gegangen sind, bewahrt 
worden sind vor der Beriihrung mit diesen Kraften. 

Das Analogon existiert auch jetzt. Derjenige, der kennenlernt das 
Leben der Menschenseele zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, 



der weiB, wie der Tote dankbar ist dafiir, wenn er bewahrt werden 
kann im Leben vor den allerauBersten Ausschreitungen des Menschen, 
dem Separatismus in Gruppen, dem Einschniiren des Menschen zum 
Beispiel in nationale Gruppen oder dergleichen. Alle alten Religionen 
bezogen sich darauf, gewisse Krafte hintanzuhalten, zu regeln, gesetz- 
maBig zu gestalten, die mit dem vierzehnten, fiinfzehnten Jahre auf- 
traten. Mit dem Mysterium von Golgatha tritt die Christus-Kraft in 
die Menschheitsentwickelung ein. «Im Urbeginn war der Logos, und 
der Logos war bei Gott, und ein Gott war der Logos. » Auf das Wort 
wird gedeutet, auf den inkarnierten Logos, der unter andern Impulsen 
auch den hat, zu iiberwinden jeden Speziallogos, alles das, was von 
der Menschennatur aufsteigt in dem menschlichen Kehlkopf, in dem 
Worterzeuger, und durch den Worterzeuger den Menschen spaltet 
iiber die Erde hin. So, wie die alten Gotter die andern Krafte zu iiber- 
winden hatten, so hat die Kraft des Logos zu iiberwinden die Spezial- 
krafte, welche mit der Entwickelung des Wortes, das heiBt der Sprache 
zusammenhangen. Es kam denjenigen Menschen, die viel weiter im 
Augenblicke waren als die spateren, die den Christus-Impuls charak- 
terisierten, nicht auf ein Wort an, und wenn sie ein Wort anwendeten, 
so wendeten sie es an mit einem ganz bestimmten Ziel. DaB der 
Schreiber des Johannes-Evangeliums just das Wort «Wort» gebraucht 
hat, das war mit diesem Ziele getan, das ich eben jetzt charakterisiert 
habe. 

Alle diese Dinge hangen mit der Entwickelung der Menschheit 
innig zusammen, denn die Entwickelung der Menschheit muB eben 
aus ihren tieferen Kraften heraus erkannt werden. Das ist schon ein- 
mal die Aufgabe der Gegenwart. Deshalb wollen wir solche Dinge, die 
in dieser bedeutsamen Weise zusammenhangen mit jenem groBen 
Umschwunge, der zur Zeit des Mysteriums von Golgatha inauguriert 
worden ist fur die Menschheit, der manche spatere Umschwunge, 
kleinere Umschwunge in der Folge gehabt hat, vorzuglich jetzt be- 
trachten. 



VIERTER VORTRAG 
Dornach, 26. December 1917 



Gestern bemiihte ich mich zu zeigen, wie die Entwickelung im 
19.Jahrhundert und bis in unsere Zeit herein in der Tat diesen Lauf 
genommen hat, das Wissen, die Erkenntnis der iibersinnlichen Im- 
pulse in der Weltentwickelung immer mehr und mehr auszumerzen. 
Ich versuchte dies an dem Beispiele zu zeigen, das gerade fur uns von 
besonderer Wichtigkeit sein kann, an der Verkennung der Mysterien. 
Wir haben gesehen, wie bis zum Ende des 18. Jahrhunderts im Grunde 
genommen vorhanden war ein deutliches BewuBtsein davon, daB 
hinter der Welt der sinnlichen Dinge, namentlich derjenigen Wesen- 
heiten, die der Mensch mit seinem gewohnlichen, auf den Alltags- 
gebrauch gerichteten Verstand erreichen kann, daB hinter dieser sinn- 
lichen Wesenheit eine ubersinnliche Wesenheit ist, und daB es not- 
wendig ist - davon hatte man ein BewuBtsein bis zum Ende des 
18. Jahrhunderts -, die Menschenseele in irgendeine unmittelbare Ver- 
bindung zu bringen mit dieser iibersinnlichen Welt. 

Ich habe auf den groBen Gegensatz hingewiesen, der besteht zwi- 
schen einer Vorstellungsweise wie der von Saint-Martin und der von 
Dupuis. Bei Saint- Martin findet man noch ein BewuBtsein alter 
Mysterienwahrheiten, was moglich. war dadurch, daB er in einem ge- 
wissen Sinne ein Schiiler und Nachfolger Jakob Bohmes war. Bei Saint- 
Martin, dessen Vorstellungsart noch im 18.Jahrhundert groBen Ein- 
fluB hatte, finden wir also die untergehende Seite des BewuBtseins des 
18. Jahrhunderts. Bei Dupuis finden wir die aufgehende Seite, die 
Seite des Vorstellungswesens des 18. Jahrhunderts, welche iiberzeugt 
ist davon, daB alles dasjenige, was MysterienofFenbarung war, im 
Grunde genommen auf Irrtum oder auf Betrug beruhe, und daB der 
Mensch nur dann ein wirklich aufgeklartes Wesen ist, wenn er alles 
das abtut, was mit diesen Mysterienwahrheiten zusammenhangt, wenn 
er sich darauf beschrankt, eine Wissenschaft zu begriinden, welche rein 
auf die Sinneswelt gebaut ist und auf den von dieser Sinneswelt ab- 
hangigen Verstand. Wir sagten, daB im Gegensatze zu dem Materia- 



lismus, der dann im 19.Jahrhundert begriindet worden ist, der im 
Grunde genommen ein philistroser Materialismus ist, der Materia- 
lismus Dupuis* noch etwas hat von GroBe, von Unbefangenheit, von 
Nichtphilistrositat. 

In gewissem Sinne stand dann die ganze Entwickelung des 19. Jahr- 
hunderts und bis in unsere Zeit hinein unter dem Einnusse dieser 
Abweisung alles Ubersinnlichen. Denn, was versucht worden ist von 
der einen oder andern Seite hineinzutragen an Zusammenhangen der 
Menschenseele mit dem Ubersinnlichen, das ist entweder beschrankt 
geblieben auf engste Kreise, oder aber es waren immer Versuche mit 
veralteten oder sonstigen unzulanglichen Mitteln. Das 19. Jahrhundert 
muBte eben einen gewissen Fonds rein materialistischer Wahrheiten 
ausbilden, muBte diesen Fonds rein materialistischer Anschauungen, 
Empfindungen, Willensimpulse sammeln. Und der Mensch derGegen- 
wart hat nun einmal die Aufgabe, dieses sich klarzumachen, um daraus 
die notwendige Folgerung zu Ziehen : Der Zusammenhang rein mate- 
rialistischer Anschauungen mit dem, wozu diese Anschauungen ge- 
fuhrt haben, lehrt, daB wiederum der Weg genommen werden muB 
von rein materialistischem Anschauen - oder man konnte auch sagen 
von rein verstandesmaBigem Anschauen - zu spirituellem An- 
schauen. 

Wenn man in dem Sinne, in dem gestern davon gesprochen worden 
ist, den Grundnerv des alten Mysterienwesens vergleicht mit dem, 
was nun spirituelle Wissenschaft sein muB, so kann man sagen, diese 
alte Mysterienweisheit hatte vorziiglich die Menschheit davor zu be- 
hiiten, gewisse Krafte, von denen wir gestern gesprochen haben, im 
Sinne einer verderblichen magischen Verrichtungsweise zu gebrau- 
chen. Und wir haben ja auch schon erwahnt, daB im Gegensatze dazu 
die spirituelle Weisheit der neueren Zeit die Aufgabe hat, die Mensch- 
heit gerade aufmerksam darauf zu machen, wie die Verbindung ge- 
wisser Gesinnungen mit dem schon einmal fur die neuere Zeit not- 
wendigen materiellen Wissen in ahnlicher Weise dem Menschenheile 
schadliche Krafte hervorrufen muB, wie nach einer andern Seite da- 
mals jene Krafte, von denen gestern gesprochen worden ist. Ich sagte, 
daB es nun schon einmal ein inneres Weltengesetz ist, daB, wenn jene 



Gedanken, die notwendig die Gedanken der neueren Zeit sein miissen, 
die Gedanken der physikalischen, der chemischen, der national- 
okonomischen Wirksamkeiten im Sinne der neueren Zeit, der inter- 
nationalen Finanzgebarung und so weiter, wenn die Gedanken, die 
auf dieses alles verwendet werden und verwendet werden miissen iiber 
die ganze Erde hin in gleicher Weise, sich in den Menschenseelen ver- 
binden mit rein nationaler Gesinnung, mit nationalem Empfmden, 
daB dann durch die Verbindung des National-Gesinntseins, des natio- 
nalen Pathos konnten wir auch sagen, mit den internationalen Ge- 
danken der Physik, der Chemie, der Nationalokonomie, des inter- 
nationalen kommerziellen Elementes, der Finanzgebarung und so 
weiter, ahrimanische Elementarwesen entstehen. Und dieseElementar- 
wesen ahrimanischer Art miissen immer mehr und mehr die Menschen 
hineintreiben in Dinge, welche notwendig entgegenwirken miissen 
der heilsamen Entwickelung des Menschengeschlechtes in den letzten 
drei Kulturperioden, die die Erde noch zu absolvieren hat. 

Im rechten Sinne wird man das Mysterium von Golgatha sehen, 
wenn man in ihm dasjenige erkennt, was notwendigerweise aus- 
gleichen muB die schadliche Kraft, die von der eben bezeichneten 
Seite her kommt. Alles, was das Mysterium von Golgatha bewirken 
kann, wirkt dem entgegen, was von den eben charakterisierten Kraften 
kommt. Die eben charakterisierten Krafte konnen nicht anders in 
der richtigen Art paralysiert werden, als durch ein verstandnisvolles 
Sich-Hingeben an das Mysterium von Golgatha. Das bloBe Erzahlen, 
daB im Beginne unserer Zeitrechnung dieses Mysterium von Gol- 
gatha stattgefunden hat, das bloBe Nachreden des Evangeliums, so 
wie man das Evangelium nun einmal in den gebrauchlichen Kirchen 
auslegt, das tut es nicht; denn das wiirde voraussetzen das Vorurteil, 
daB nur im Beginne unserer Zeitrechnung eine Offenbarung moglich 
war. Aber die Offenbarung dauert fort. Der Christus Jesus ist immer 
da. Und diese Gesinnung, die den Christus Jesus als einen fortdauernd 
Gegenwartigen erkennt, ist diejenige christliche Gesinnung, die durch 
die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft gewonnen wer- 
den kann. Aber das erfordert, daB man sich mit den einzelnen wirk- 
lichen Impulsen bekanntmacht, die mit dem Mysterium von Golgatha 



zusammenhangen, daB man dasjenige erkennen lernt,. was im be- 
sonderen hinter dem Mysterium von Golgatha steckt. 

Auf eine solche Wahrheit habe ich schon aufmerksam gemacht, 
daB dasjenige, was der Mensch unternimmt, nicht insoweit sein in- 
dividuelles, personliches Karma in Betracht kommt, sondern was er 
unternimmt im Zusammenhange des sozialen, sittlichen, geschicht- 
lichen Wirkens, einer gewissen GesetzmaBigkeit im historischen Werde- 
gang unterliegt ; daB das, was in einem bestimmten Jahre geschieht, 
gewissermaBen, wenn es als Gedanke entspringt aus dem Men- 
schen, den Weihnachtscharakter und nach dreiunddreiBig Jahren 
den Ostercharakter hat. Das bezieht sich auf die Wirkung unserer 
Handlungen im sozialen Zusammenhang, wie gesagt, nicht auf das 
personliche Karma. Wenn ich ein Paar Schuhe fabriziere, so liegt 
in dem Fabrizieren dieses Paares Schuhe selbstverstandlich etwas, 
was gewissermaBen zuriickstrahlt auf mein personliches Karma. Das 
ist eine Stromung fur sich. Aber ich mache dem andern ein Paar 
Schuhe ; da wirke ich schon sozial. Das ist ein sehr elementarer Vor- 
gang. Von diesem Elementarvorgang bis hinauf zu den groBen politi- 
schen und sozialen MaBnahmen ist ein weiter Weg, aber alles, was auf 
diesem Wege liegt, gehort in das Gebiet des also nach dreiunddreiBig 
Jahren recht wirksam Werdenden. Und dann, wenn gewissermaBen 
ein solcher Keim, der gelegt worden ist, ausgereift ist, dann wirkt er 
weiter. Eine Menschengeneration von dreiunddreiBig Jahren reift 
einen Gedankenkeim, einen Tatenkeim aus. Ist er dann ausgereift, so 
wirkt er durch sechsundsechzig Jahre weiter noch im geschichtlichen 
Werden. Man erkennt die Intensitat eines Impulses, den der Mensch 
ins geschichtliche Werden hineinlegt, auch in seiner Wirksamkeit 
durch drei Generationen, durch ein ganzes Jahrhundert hindurch. 

Die Festlegung der beiden Grenz-Feste des Christentums, des Weih- 
nachtsfestes und des Osterfestes, ist sehr sinnvoll vorgenommen wor- 
den. Das Weihnachtsfest ist ein sogenanntes unbewegliches Fest; es 
fallt einfach ungefahr auf die Wintersonnenwende. Das Osterfest ist 
ein bewegHches Fest. Das Weihnachtsfest ist festgelegt, weil es der 
Ausdruck ist, wie wir wissen, fur eine ganz bestimmte kosmische Tat- 
sache. Diese kosmische Tatsache kann man sich nicht oft genug vor 



die Seele rufen. Es ist ja ein Vorurteil, daB unsere Erde dasjenige ist, 
was die Geologie, die Physik, die Mineralogie, Geophysik und so 
weiter anerkennen wollen. Unsere Erde ist ein machtiger Geistorganis- 
mus. Wir leben in der Tat nicht bloB auf einer mineralischen Erde, die 
von einem Luftkreise umgeben ist. Wir leben innerhalb des machtigen 
Geistorganismus Erde, und dieser Geistorganismus hat in gewisser 
Beziehung ein auf- und absteigendes Leben. Dieser Geistorganismus 
schlaft im Sommer. Er hat seinen tiefsten Schlaf dann, wenn das 
Sommersolstitium eingetreten ist, zur Zeit der langsten Tage und 
kiirzesten Nachte fiir uns. Beim Menschen richtet sich der Schlaf nur 
nach der Zeit; bei der Erde richtet sich der Schlaf auch nach dem Orte. 
Die Orte schlafen verschieden; doch das ist nur zu beriihren. Im 
Winter hat die Erde ihre eigentliche Wachezeit. Da ist das, was man 
den Intellekt der Erde nennen kann, am allertatigsten. Daran zu er- 
innern, daB, wenn die kiirzesten Tage, die langsten Nachte da sind, 
dann die Erde am wachsten ist fur den Ort, wo das zutrifft, daran 
zu erinnern ist der tiefere Sinn des Weihnachtsfestes. Suchen soil der- 
jenige, der das Weihnachtsfest anerkennt, den Erdenintellekt, wie er 
in den Tiefen der Erde gefunden werden kann, so wie das Christkind 
verborgen im Stalle gefunden wird, oder in einer Hohle, oder in einer 
Grotte, je nach den verschiedenen Anschauungen. Ein unbewegliches 
Fest ist dieses Weihnachtsfest. 

Ein bewegliches Fest, festgelegt nach dem Stande von Sonne und 
Mond, ist das Osterfest. Damit ist das Osterfest zum Sinnbilde ge- 
macht von Vorgangen im auBerirdischen Kosmos. Das Osterfest ist 
gewissermaBen ein geistiges, ein himmlisches Fest. Materialistisch den- 
kende Menschen - ich habe ofter darauf aufmerksam gemacht - haben 
ja ihren Ansturm geltend gemacht gegen das Bewegliche des Oster- 
festes, weil in die Philisterordnung des 19. und 20. Jahrhunderts diese 
Beweglichkeit des Osterfestes Unordnung hineingebracht hatte. Ich 
habe selber viele Diskussionen mitgemacht, die besonders von Astro- 
nomen gepflogen worden sind, in denen immer wieder und wiederum 
erdrtert worden ist, daB das Osterfest rein pedantisch schematisch an 
irgendeinem Tage, zum Beispiel dem ersten Sonntag im April wenig- 
stens, damit es nicht ganz so beweglich sei, festgelegt werde. Es sind 



selbstverstandlich viele Griinde vom Gesichtspunkte des 19.Jahr- 
hunderts aus fur diese Unbeweglichkeit des Osterfestes anzusetzen. 
Man denke sich nur, daB ja die Beweglichkeit des Osterfestes ganz im 
Sinne des Weltenbuches, des Neuen Testaments ist, wenigstens im 
Sinne des Geistes des Neuen Testaments. 

Aber im 19. Jahrhundert, vorbereitend friiher auch, ist ja ein anderes 
Buch wichtiger geworden, viel, viel wichtiger geworden als das Evan- 
gelium. Die Leute geben es zwar nicht immer zu, daB ein anderes 
Buch viel wichtiger geworden ist als das Evangelium, allein es ist doch 
so. Das Buch, das im 19. Jahrhundert viel wichtiger geworden ist als 
das Evangelium, das ist das Buch, auf dessen erster Seite stent: Mit 
Gott. - Aber es stehen bloB die ungottHchsten Sachen selbstverstand- 
lich immer darinnen, es stehen bloB die Zahlen unter der Rubrik Soli 
und Haben darinnen. Das ist das kaufmannische Kontobuch, das auf 
der ersten Seite, wenigstens so viel mir bekannt ist, immer die Auf- 
schrift «Mit Gott» tragt, aber so eingerichtet ist, wie eben erwahnt. 
Dieses Buch kommt naturlich sehr in Unordnung, wenn jedes Jahr 
das Osterfest an einem andern Tag liegt. Es wiirde viel leichter in 
Ordnung zu halten sein, wenn das Osterfest auch ein festgelegtes 
Fest ware. Daher hat man solche Vorschlage gemacht. Dieser Vor- 
schlag ist nichts anderes als der Ansturm des Materialismus gegen ein 
auBeres letztes Bollwerk des Spiritualismus, das Einrichten des Oster- 
festes nach der Himmelskonstellation von Sonne und Mond. 

Es liegt aber noch ein tieferer Sinn darinnen, die Zeit von Weih- 
nachten zu Ostern fur die einzelnen Jahre verschieden zu machen. 
Wir wissen ja, daB das Weihnachtsfest eigentlich zusammengehort mit 
dem Osterfest, das dreiunddreiBig Jahre spater liegt. Diese Zeit ist 
allerdings, insofern sie die Zeit ist fur die Auswirkung weltgeschicht- 
licher Keime, fest. Aber etwas anderes ist nicht fest und das ist das 
Folgende: Es geschehen gewisse Impulse - nennen wir sie Weih- 
nachtsimpulse - in einem bestimmten Jahre, andere im nachsten Jahre, 
andere im weiteren nachsten Jahre und so weiter. Die aufeinander- 
folgenden Weihnachtsimpulse sind keineswegs von gleicher Starke 
im geschichtlichen Werden, sondern die einen wirken starker, die 
andern wirken schwacher. Es kann zum Beispiel sein, daB in einem 



bestimmten Jahre die Impulse, die gelegt werden, von geringerer 
Durchschlagskraft in den nachsten dreiunddreiBig Jahren sind als die 
Impulse des nachsten Jahres fur die nachsten dreiunddreiBig Jahre 
und so weiter. Dies wird angedeutet dadurch, daB die Zeit zwischen 
Weihnachten und Ostern langer oder kiirzer ist. Also auch diese Be- 
weglichkeit des Osterfestes weist auf etwas hin, was der Mensch gar 
wohl studieren soli, wenn er wirklich verstehen will, wie die Ereig- 
nisse im geschichtlichen Werden wirken. 

Sie konnen die Frage aufwerfen: Ja, wie soil denn der Mensch einen 
BegrifF davon bekommen, wie stark seine Impulse wirken in die nach- 
sten dreiunddreiBig Jahre hinein? Soil er denn iiberhaupt einen BegrifF 
davon bekommen, ob seine Impulse im giinstigen oder im ungiinsti- 
gen Sinne wirken? - GewiB, die Antwort auf eine solche Frage ist der 
heutigen Zeit ungeheuer schwer, denn die heutige Zeit leidet eben 
an der Abstraktheit wie an einer furchtbaren, schleichenden Krank- 
heit. Die heutige Zeit will nichts anderes, als mit ein paar abstrakten 
BegrifTen womoglich das ganze Weltenall verstehen. Diese Zeit will 
so fern wie moglich sein von einem Auffassen der Ereignisse mit dem 
vollen, ganzen Menschenwesen; diese Zeit will so entfernt wie mog- 
lich sein von einem wirklichen Miterleben der Zeit und der Zeiten- 
stromungen. Natiirlich, wenn man als Himmelswissenschaft nichts 
anderes gelten laBt als dasjenige, was die heutigen Astronomen mit 
ganz abstrakter Mathematik berechnen, dann kann man unmoglich 
Herz und Sinn fiir dieses mit abstrakter Mathematik Berechnete auf- 
bringen. Aber das muB eben die Menschheit wiederum entwickeln. 
Die Menschheit muB wirklich nicht nur ihren Verstand mitgeben, 
wenn sie irgend etwas tut, sondern sie muB mit jeder Tat, die ver- 
richtet wird, und, sei sie die alltaglichste, das Herzblut verbunden 
wissen. Das kann geschehen, wenn man es aufrichtig und ehrlich 
meinen will mit der Geisteswissenschaft, mit dem, was Geisteswissen- 
schaft ist und was sie sein kann. Wenn der Mensch allerdings mit dem- 
jenigen, was uber den engsten Kreis seiner egoistischen oder Familien- 
interessen hinausgeht, nur durch den abstrakten Verstand verbunden 
sein will, dann wird er den Weg nur schwer finden, das Herzblut zu 
verbinden mit dem, was man will und tut. Aber eben, gerade dazu ist 



Geisteswissenschaft so recht berufen, den Horizont der Seek zu er- 
weitem, iiber weiteres den Interessenkreis auszuspannen, als er gerade 
unter dem Einflusse der materialistischen Abstraktheit des 19.Jahr- 
hunderts ausgespannt worden ist. 

Was die Menschheit braucht, ist eben diese Erweiterung des Inter- 
essenkreises. Die kann nur dadurch erworben werden, daB die Men- 
schenseele sich immer wieder und wieder durchdringt mit der Er- 
kenntnis, die heute erweitert werden kann - wie wir gerade durch 
diese Betrachtungen jetzt schon seit Wochen her gesehen haben - 
iiber die Grenze hinaus, welche gezogen ist durch die Sinne und durch 
den Verstand, der an die Sinne gebunden ist, und durch das Leben 
zwischen der Geburt und dem Tode : iiber diese Grenze hinaus, hinein 
in das All, das wir, in der Weise wie wir es charakterisiert haben, 
gemeinschaftlich haben mit den Menschenseelen, die sich in dem 
Gebiete zwischen dem Tod und einer neuen Geburt befinden. Man kann 
diese Menschenseele nur ganz kennenlernen, wenn man auch diese 
ihre andere Seite kennenlernt, die sie zu durchleben hat zwischen 
dem Tod und einer neuen Geburt. Gedanken iiber das Leben zwischen 
dem Tod und einer neuen Geburt lagen allerdings der philistrdsen 
Wissenschaft des 19. Jahrhunderts und des 20. Jahrhunderts so feme 
wie nur irgend moglich. Dieses Zeitalter glaubte das Heil nur darinnen 
sehen zu miissen, in kombinierendem Verstande das zusammen- 
zufassen, was die Sinne darbieten. 

Geisteswissenschaft steht von diesem Gesichtspunkte aus allerdings 
im scharfsten Gegensatz zu dem, was das Ideal des 19. Jahrhunderts 
war. Geisteswissenschaft muB ebenso energisch die Hinlenkung der 
menschlichen Seele zum Geist betonen, wie das 19. Jahrhundert die 
Ablenkung der menschlichen Seele vom Geist betont hat. Und ich 
habe ja im Verlauf dieser Tage schon darauf aufmerksam gemacht, 
wie die zwei Grundsaulen der christlichen Weltauffassung - die un- 
befleckte Geburt des Christus Jesus und die Auferstehung des Christus 
Jesus - dem naturwissenschaftlichen Zeitalter nur ein Unsinn sein 
konnen. Dafiir aber allerdings muB gerade Geisteswissenschaft sich 
zu diesen zwei Grundsaulen der christlichen Weltauffassung wiederum 
hinwenden. 



Die katholische Kirche hat sich eine gewisse Redeweise angewohnt, 
durch die sie hinwegfuhr t iiber manche gewichtige Probleme, die eigent- 
lich im SchoBe ihrer Entwickelung Hegen. Die katholische Theologie 
spricht natiirlich auch 2um Beispiel von der «unbefleckten Empfang- 
nis Maria », aber sie wird sich nicht darauf einlassen, solche geistigen 
Krafte der Seele zu suchen, wodurch diese Tatsache der unbefleckten 
Empfangnis Maria begreif lich werden konnte. Wenn man sich an die 
aufgeklarten Theologen der katholischen Kirche wendet mit Bezug 
auf das Dogma von der « Conceptio immaculata », so wird man nicht 
eine Diskussion erwarten diirfen, wie sie wiederum in FluB kommen 
muB durch die Geisteswissenschaft, sondern dann wird man etwa das 
Folgende horen : Man habe sich zu erheben von der Vorstellung des 
Weibes Maria zu dem, was eigentlich das Weib Maria geworden ist 
im Laufe der Entwickelung, zu der Kirche. Die Kirche ist eigentlich 
die Reprasentanz der jungfraulichen Maria. - Dann aber gebiert diese 
jungfrauliche Maria, diese Kirche, selbstverstandlich auch immer- 
wahrend den Christus. Sie muB immerwahrend durch den Heiligen 
Geist den Christus empfangen, das heiBt, sie steht unter fortwahrender 
Inspiration des Heiligen Geistes, und was sie zu offenbaren hat, ist das 
Wort, der Logos. Das ist auch durchaus richtiger katholischer Glaube. 
Der inspirierende Heilige Geist entfacht in der katholischen Kirche 
dasjenige, was das fortlaufende Wort ist, was im Anfange da war und 
was durch die Kirche, die jungfrauliche Mutter, fortwahrend geboren 
wird. 

Dies ist durchaus gelaufige katholisch-theologische Vorstellung. 
Sie werden sagen, man hore nicht viel reden von dieser Vorstellung. 
Es war auch gut fur das 19. Jahrhundert, daB nicht viel geredet wurde 
davon. Aber um so wirksamer war diese Vorstellung bei all den- 
jenigen, die noch entzogen werden konnten den Impulsen des Materia- 
lismus. Die drei: inspirierender Geist, jungfrauliche Mutter und der 
Logos oder das Wort, sie sind freilich durchaus festzuhalten ; sie 
miissen auch gesucht werden durch die anthroposophisch orientierte 
Geisteswissenschaft. In imaginativer Weise versuchte ich in diesen 
Tagen bei der Besprechung des Ubergangs von den alten Mysterien 
zu den neuen Mysterien auf diese Dinge hinzuweisen. Ich sagte, das 



Altertum mit seinen Mysterien ist nur so weit gekommen, daB in der 
Pallas Athene die jungfrauliche Weisheit verehrt werden konnte. In 
der Pallas Athene hat man auch solch eine jungfrauliche Personlich- 
keit; aber diese Weisheit gebiert innerhalb der alten Zeit nicht den 
Logos. 

Das ist gerade das Charakteristische, daB zum Beispiel das Griechen- 
tum bei der jungfraulichen Weisheit stehenbleibt, daB aber die neuere 
Zeit iibergeht zu dem Sohne der jungfraulichen Weisheit, zu dem 
Logos, der auf dem physischen Plane durch seine Reprasentanz 
existiert : das menschliche Wort, die menschliche Sprache. Denn diese 
menschliche Sprache darf durchaus in ihrem Zusammenhange mit der 
Weisheit betrachtet werden. Die Weisheit im irdischen Menschen- 
leben lebt sich eben aus durch das menschliche Denken. Die Luft, die 
durch unseren Kehlkopf ausgeatmet wird, diese durch unseren Kehl- 
kopf und seine Bewegungen konfigurierte Luft wird vermahlt mit der 
Weisheit, die in unseren Gedanken liegt. Und dasjenige, was wir aus- 
zudriicken haben, der Inhalt, der ist der inspirierende Geist. Jedesmal, 
wenn Sie sprechen, so profan auch der Impuls Ihres Sprechens sein 
mag, haben Sie ausgedriickt den irdischen Reprasentanten der Drei- 
faltigkeit : den Gedanken in Ihrem Kopfe, die konfigurierte Luft, die 
durch Ihren Kehlkopf streicht, die vermahlt werden, verbunden wer- 
den unter dem EinfluB des Geistes, also fur das Aussprechen von der 
sinnlichen Welt durch die Wahrnehmung. Das ist die irdische Re- 
prasentanz der Dreifaltigkeit. 

Dasjenige, was dahinter zu stehen hat, das ist die gottliche, die 
geistige Dreifaltigkeit, das ist die umfassende Weisheit, die zur Lehre 
wird fur die Menschheit und die den Weltinhalt ausdriickt. Anthropo- 
sophisch orientierte Geisteswissenschaft kann sich allerdings nicht zu 
einer irdischen Institution bekennen, denn eine irdische Institu- 
tion wiirde mit ihren Anspriichen bloBe Machtanspriiche entfalten. 
Anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft nimmt die jung- 
frauliche Weltenweisheit ernst. Wenn man denkt im Sinne der anthro- 
posophisch orientierten Geisteswissenschaft, sieht man in dem, was 
der Inhalt ist des von dieser Wissenschaft Vorgebrachten, nicht bloB 
eine Summe von Abstraktionen, eine Summe von abstrakten Vor- 



stellungen, sondern ein Lebendiges, das uns erfiillt, das uns wirklich 
auch in der Seele mit Impulsen erfiillen kann und das dann zum Worte, 
zur Lehre wird; nicht nur im schulmaBigen Sinne, sondetn in dem 
Sinne, daB diese geisteswissenschaftliche Weisheit sozial dienlich wird, 
wie das Wort sozial dienlich wird, der ausgedruckte Inhalt, der dann aus 
iibersinnlichen Welten in die sinnliche Welt eingefuhrt wird, der unse- 
ren Impulsen dadurch zugrunde liegt; das ist der inspirierende Geist. 

Ich mochte sagen: Wir suchen die Pallas Athene, wir suchen die 
jungfrauliche Weisheit, die jungfrauliche Weisheit vom Kosmos. Aber 
wir suchen auch den Sohn, der von ihr stammt, der sich dadurch aus- 
driickt, daB in allem, was wir tun und wollen im sozialen Leben, diese 
Weisheit mitwirkt und uns dasjenige gibt, was die Richtung ausbildet 
fur das, was wir wollen und tun. Dann drucken wir aus den Geist, 
und zwar den Heiligen Geist, der ubersinnlich ist, in den sinnlichen 
Handlungen, die sich auf dem physischen Plane abspielen. Das aber 
lauft darauf hinaus, daB die Wissenschaft, welche im Sinne der Geist- 
wissenschaft gesucht werden soil, in gewissem Sinne einen jungfrau- 
lichen Charakter tragen muB. 

Vielleicht werden Sie fragen: Hat denn das nun iiberhaupt einen 
Sinn? Ist das nicht vielleicht eine bloBe Rederei? - Es hat einen sehr 
bedeutsamen, einen wichtigen, einen gewaltigen Sinn. Es hat namlich 
den folgenden Sinn : Der Mensch richtet seine Sinne nach der AuBen- 
welt; das ist seine Aufgabe, dazu ist er in die Welt gesetzt. Was die 
Sinne als solche empfangen, das kann nur naiv und unschuldig sein; 
es empfangen es auch die Tiere, bei denen man von einem Sollen oder 
Nicht-Sollen nicht sprechen kann. Aber der Mensch muB weiter- 
gehen: er kombiniert iiber dasjenige, was er sieht, was er wahr- 
nimmt; er kombiniert. Was hat es mit diesem Kombinieren fur eine 
Bewandtnis? Darauf antwortet heute schon die physische Wissen- 
schaft, nicht die Gelehrten der physischen Wissenschaft. 

Der kombinierende Verstand, das, was der Mensch ausdenkt iiber 
die Eindmcke der Sinne, iiber die Wahrnehmungen, das ist etwas, was 
aus seinem eigenen Inneren, und zwar aus dem untergeordneten 
Inneren aufsteigt. Der Mensch ist eigentlich furchtbar stolz auf sein 
Gehirn, besonders auf die vorderen Partien. Aber vor einer wirk- 



lichen Wissenschaft sind die vorderen Partien dieses Gehirnes viel 
weniger wert als die weiter zuriickliegenden Partien, denn diese vorde- 
ren Partien des Gehirnes sind im wesentlichen eigentlich doch nur das 
umgewandelte Geruchsorgan. Und im Sinne der physischen Wissen- 
schaft gescheit sein, heiBt eigentlich: als Mensch die Geruchsnerven 
soweit umgebildet zu haben, daB gute Assoziationsnerven daraus ge- 
worden sind, die Werkzeuge sein konnen - wenn ich das Wort ge- 
brauchen darf - fur das Kombinieren der sinnlichen Vorstellungen. 
Gescheit sein im Sinne des materialistischen Gescheitseins, heiBt 
eigentlich, denjenigen Teil seines Gehirns gut umgebildet zu haben, 
der bei den niederen Wesen, den Tieren, der Nase angehort. Es heiBt 
eigentlich nur, einen kombinierenden guten Spiirsinn zu haben. 

Diejenigen Menschen, welche in gesunder Weise so etwas zu emp- 
finden, zu durchschauen vermochten, haben schon in der einen oder 
in der andern Weise auf solche Dinge hingewiesen. Denn denken Sie 
doch nur einmal, wenn man in einer gesunden Weise so etwas emp- 
findet und fuhlt, so muB man doch eigentlich sagen: Fur den physi- 
schen Plan scharfsinnig sein, heiBt eigentlich, einen besonderen, ins 
Menschliche umgesetzten, ausgebildeten Geruchssinn zu haben, heiBt 
eigentlich, die Dinge besonders beschnuffeln zu konnen in wirklichem 
Sinne; so daB in gewissem Sinne die physische, auf kombinatorischem 
Wege entstandene Wissenschaft das Ergebnis der menschlichen 
SchnufTelei auf dem physischen Plane ist, ganz im wortlichen Sinne zu 
verstehen. Zu sagen, daB, was man durch solches Schniiffeln heraus- 
bekommt, allerlei Kombinationen uber atomistisches Geschehen, aller- 
lei, was man herausbringt auf diesem Wege als chemische, physika- 
lische Gesetze und so weiter, zu sagen, daB das irgend etwas besonders 
Hohes ist, das geht sehr an der Wahrheit vorbei. Das ist nur das 
Ergebnis des ausgebildeten Geruchssinnes. Das bezeugt schon die 
physische Wissenschaft. Sie konnen dies aus der Physiologie und 
Anatomie lernen, was ich jetzt beriihrt habe. Nur reicht noch nicht der 
umgewandelte Nasensinn der Gelehrten aus, um auch diese Konse- 
quenz zu Ziehen ; so muB schon die SchnufTelei so weit noch getrie- 
ben werden, daB auch diese Folgerung, diese Konsequenz gezogen 
werden kann. 



Einer derjenigen, die in gesunder menschlicher Weise iiber diese 
Tatsache empfanden, ist Goethe. Und Goethe hat von diesem Ge- 
sichtspunkt aus etwas ungeheuer Bedeutsames gesagt. Goethe hat - 
ich habe das durch viele Jahre hindurch in der verschiedensten Weise 
dargestellt - eigentlich eine ganz andere Richtung der Naturforschung 
gefordert, als diejenige ist, die dann im 19. Jahrhundert und fur unsere 
Zeit noch entstanden ist. Goethe wollte namlich aus der Natur- 
forschung etwas ausgemerzt haben, was ja fur das gewohnliche Leben 
eine Berechtigung hat, aber aus der Forschung wollte er es ausgemerzt 
haben. Immer wieder und wiederum kommt er darauf 2uriick, dieses 
Bestimmte aus der Forschung auszumerzen. Das, was er ausmerzen 
wollte, das war namlich das Kombinieren, das Interpretieren der Tat- 
sachen, die sinnlich wahrgenommen werden. Er wollte, daB nur die 
Tatsachen, die sinnlich wahrgenommen werden, ihrer eigenen Natur 
nach als Phanomene beschrieben werden; er wollte die sinnlichen 
Phanomene auf ihre Urphanomene zuruckfuhren, aber nicht kombi- 
nieren mit dem Verstande: Was liegt da oder dort zugrunde? - Einen 
wunderschonen Ausspruch, der iiber die ganze Goethesche Welt- 
anschauung hinleuchtet, hat Goethe getan, indem er sagte : Die Blaue 
des Himmels ist selber schon Theorie, man suche nur nichts hinter ihr. 

Das reine Anschauen, das ist dasjenige, was Goethe gesucht haben 
will. Und den Verstand wollte er nur dazu beniitzt haben, um die 
Phanomene so zusammenzustellen, daB sie selbst ihre Geheimnisse 
aussprechen. Goethe wollte eine hypothesenfreie, eine von Ver- 
standeskombination freie Naturforschung haben. Das liegt auch seiner 
Farbenlehre zugrunde. Man hat gar nicht verstanden, um was es sich 
bei diesen Dingen handelt. Denn Goethe wollte, daB der kombinie- 
rende Verstand sich zuriickhalte von dem Kombinieren iiber Sinnes- 
wahrnehmungen, daB er einen andern Weg nehme. Goethe wollte mit 
andern Worten den menschlichen Verstand, den kombinierenden 
Verstand auch fur die Naturforschung jungfraulich machen; er wollte 
ihm das Unkeusche, nur ein umgewandeltes Geruchsorgan zu sein, 
nehmen, das er im Grunde genommen dadurch hat, daB er den 
Siindenfall begangen hat. Denn der eine Teil des Siindenfalls ist der, 
den man in den alten Zeitraum verlegen kann, den ich Ihnen oftmals 



geschildert habe. Aber eine Folge dieses Sundenfalles ist, daB immer 
wieder und wiederum bei der Weiterentwickelung die menschlichen 
Organe gewissermaBen eine tiefere Lage bekamen, als sie haben 
sollten. Und so ist denn der kombinierende Verstand des Menschen, 
insofern er sich betatigt in der auBeren physischen Welt, dem Siinden- 
fall unterworfen. 

Fur die auBere physische Welt ist das ganz berechtigt. Dieser 
physische Verstand muB genau ebenso an die umgewandelten Ge- 
ruchsorgane gebunden sein, wie fur die auBere physische Welt die 
physische Sexualitat und Fortpflanzung da sein muB. Aber in der 
Wissenschaft soil gesucht werden die Jungfraulichkeit des Verstandes. 
Losgerissen ist der Verstand von den Verrichtungen, die er vollzieht, 
wenn er als bloB umgewandelter Geruchssinn sinnliche Objekte kom- 
biniert. Die Blaue des Himmels soil nicht im Sinne der physischen 
Wissenschaft, im Sinne der Newtonschen Physik gedeutet werden, 
wie Sie es heute in jedem Physikbuch lesen konnen, sondern die Blaue 
des Himmels ist selbst Theorie im Sinne Goethes. Und Goethe richtig 
verstehen heiBt auch auf diesem Gebiete, in ihm diejenige Personlich- 
keit zu sehen, welche ganz in dem Geiste wirken wollte, der auch der 
Geist der Geisteswissenschaft ist. Bis in die Naturforschung hinein 
hat Goethe konsequent gedacht. Und indem er nur solche Theorien 
in der Naturwissenschaft gefordert hat, die bis zu dem Urphanomen 
gehen, die nicht allerlei Atomtheorien, Iontheorien, Elektrontheorien, 
Gravitationstheorien und so weiter kombinieren aus den Phanomenen, 
wies er in der Tat gerade auf physikalischem Gebiete auf dasjenige hin, 
was ich andeuten wollte, indem ich auf Pallas Athene als die Reprasen- 
tantin der Weisheit hinwies. Dadurch allein aber beginnt man schon 
auf dem Gebiete der Naturforschung sich zu dem Sohne hinzuwenden, 
daB man die Mutter entreiBt der Kombinatorik und sich hinwendet zu 
der Anschauung des reinen, jungfraulichen Urphanomens. 

Damit sehen Sie, welch tiefer Ernst, welche tiefe Bedeutung in dem 
eigentlich steckt, was Goetheanismus genannt werden kann. Ich wollte 
Ihnen damit nur eben andeuten, wie - unberucksichtigt von der all- 
gemeinen sogenannten Bildung - auch die Impulse nach der andern 
Seite im 19.Jahrhundert schon da waren. Dessen seien wir nur auch 



eingedenk. Dann werden wir die Forderungen der gegenwartigen 
Zeit in richtigem Sinne deuten und werden die richtigen Impulse aus 
diesen Forderungen der Gegenwart schopfen. 

Wir leben in einer katastrophalen Zeit. Es ware naturliGh durchaus 
falsch, wenn man glauben wollte, daB dasjenige, was im Weihnachts- 
sinn katastrophal ist, auch im Ostersinn katastrophal sein miiBte. Aus 
dem Katastrophalen von heute kann sich allerdings gerade das Um- 
gekehrte, das GroBte des Menschenschaffens ergeben, wenn die 
Menschheit Mittel und Wege findet, um von dem zu lernen und mit 
geradem Sinne hinzuschauen auf dasjenige, was eingetreten ist. 

Wenn ich solche Vorstellungen vorbringe, die vielleicht von man- 
ches Freundes Denken fernab liegen, so ist es, um immer wieder und 
wiederum auf die gewichtige Tatsache hinzuweisen, daB man in 
unserer Zeit sich bemuhen muB, nicht in bequemer Weise mit den 
alten Begriffen und mit den alten Anschauungen zu arbeiten, sondern 
daB man in unserer Zeit streben muB nach neuen Begriffen, nach 
neuen Anschauungen. 

Was liegt denn einer solchen Tendenz wie der Goetheschen eigent- 
lich zugrunde: den kombinatorischen Verstand nicht zu verwenden 
auf das auBere Phanomen, sondern dieses in seiner Jungfraulichkeit 
anzuschauen? Dem liegt zugrunde, daB gerade, wenn man dies tut, 
wenn man nicht diesen Verstand in den Siindenfall kommen laBt 
durch allerlei Kombinationen iiber Atome und Atomgruppen und 
Atomzusammenhange und lone und Elektrone und Gravitation und 
so weiter, wenn man dem Verstande erspart, daB er sich vermischt mit 
der auBeren Sinnlichkeit, um materialistische Theorien zu bilden -, 
dann dieser Verstand nach der andern sich wendet, nach der spiri- 
tuellen Seite hin; und er gebiert den Sohn: die geisteswissenschaftliche 
Lehre, die zuletzt zum wirklichen Verstandnis des Menschen, des 
ganzen Menschen fuhrt. Das sagte ich ja in diesen Tagen : Nur bis zu 
einer gewissen Grenze fiihrte die alte Weisheit, die Weisheit der 
mittleren Zeit, die Weisheit der vierten nachatlantischen Periode; der 
Mensch war gewissermaBen nicht mitbegriffen. Heute haben wir die 
Aufgabe, aus der Erfassung der geistigen Tatsachen heraus den Men- 
schen zu verstehen. 



Nach neuen BegrifFen, nach neuen Ideen miiBte eigentlich die 
Menschheit lechzen. Das muB man sich voll zum BewuBtsein bringen. 
Und wenn man heute fragt: Welche Gedanken werden denn die 
besten Weihnachtsgedanken sein? Welche werden nach dr eiunddreiBig 
Jahren die besten Friichte tragen? - Diejenigen werden es eben sein, 
die davon ausgehen, in ehrlicher und aufrichtiger Weise wirklich nach 
neuer Erfassung der Welt, nach neuer Erfassung der Wirklichkeit zu 
suchen. Sehnsucht entwickeln nach dem, was die Welt in neuem 
Sinne zu ofTenbaren hat, das sind die besten Weihnachtsgedanken; 
nicht stehenbleiben wollen bei demjenigen, was das Alte ist. Das ist 
ein heute noch durchgreifender Impuls der Menschheit: stehen- 
zubleiben bei dem, was das Alte ist, weil sich die Menschheit so 
schwer aufraffen kann, das wirklich aus dem Innersten des Seelen- 
wesens zu holen, was bekannt werden soil durch die Lippen. Der 
Mensch kann heute nur dann seine Aufgabe als Mensch recht er- 
fiillen, wenn er den Willen entwickelt, bis zum Zentrum seines Wesens 
hinein echt und wahr zu sein, indem er nicht nur versucht, uber die 
alten Dinge nachzudenken, sondern das Neue, das geholt werden muB 
aus den Tiefen des Wesens, zum Inhalte seines Bekenntnisses und 
auch seines Tuns macht. 

Man braucht in dem gedankenlosen Nachsprechen nicht gleich so 
weit zu gehen wie jener Politiker, welcher, um eine groBe politische 
Manifestation im Jahre 1917 loszulassen, eine alte politische Annunzia- 
tion aus dem Jahre 1864 vornahm und sie fast wortlich abschrieb! Da 
braucht man ja allerdings nicht viel zu denken, wenn man als maB- 
gebender Politiker von 1917 eine alte brasilianische Urkunde her- 
nimmt und Satz fur Satz abschreibt, um das der Welt als eine groBe 
Offenbarung hinzustellen ! Man braucht, wie gesagt, nicht so weit zu 
gehen, wie dieser l^w^r^Blechschmied- pardon, wollte sagen Wilson, 
der in der Tat es zustande gebracht hat, die «bedeutende Manifesta- 
tion », die er vor einiger Zeit erlassen hat, dadurch zu fabrizieren, 
daB er fast wortlich eine Manifestation des Kaisers von Brasilien aus 
dem Jahre 1864 abgeschrieben hat. 

Aber es ist notwendig, die Dinge, auch wenn sie solche klagliche 
Einzelheiten sind, in ihrer wahren Gestalt zu schauen. Denn man kann 



sagen: Man mochte vor Mitleid iiberflieBen mit der armen Mensch- 
heit, r die heute Dinge ernst nimmt, die im wahren Lichte gesehen 
eigentlich etwas Furchtbares darstellen an Unwahrhaftigkeit und an 
Verlogenheit, die durch die Welt gehen. - Das ist nicht gesagt, urn 
irgendwie anzuklagen, nicht einmal, um zu kritisieren, sondern nur 
urn den Sinn anzuregen, wirklich die Augen aufzumachen und mit 
offenen Augen dasjenige zu sehen, was geschieht. Zuweilen wird heute 
als etwas GroBes dasjenige angebetet, was nicht mehr ist als lacherlich. 
Aber in diese Dinge muB eben hineingesehen werden. Entwickelt man 
den Willen zu solchem Hineinsehen, dann entwickelt man schon Weih- 
nachtsgedanken, welche die rechtenOstergedanken sein werden. Dann 
kann man vielleicht in einer etwas paradoxen Weise sogar sagen: Je 
leidvoller diese Gegenwart ist, desto groBere Fnichte kann sie fur die 
Zukunft tragen. - Aber gerade eine solche Zeit wie die unsrige hat 
es notig, daB sich nicht erfulle an ihr das dichterische Wort von dem 
Finden eines kleinen Geschlechtes von seiten einer groBen Zeit. 

Leidvoll ist unsere Zeit. GroB kann sie dennoch sein, aber sie muB 
in gewisser Beziehung Menschen finden, die auch groB denken 
konnen. - Die Wilsonianer werden es nicht sein! 



FUNFTER VORTRAG 
Dornach, 29.Dezember 1917 



Im christlichen BewuBtsein der Gegenwart sind noch - oder konnten 
wenigstens noch angesehen werden - zwei Pole, welche gewisser- 
maBen die auBersten Enden der Weltanschauung darstellen: das Weih- 
nachtsgeheimnis und das Ostergeheimnis. Wenn Sie nur auBerlich 
zunachst vergleichend anschauen das Weihnachtsgeheimnis und das 
Ostergeheimnis, so kann Ihnen auffallen, daB das "Weihnachtsgeheim- 
nis eigentlich das Geburtsgeheimnis ist. Es stellt dar die Geburt des 
Christus Jesus. Damit knupft es an das Geburtsgeheimnis iiberhaupt 
an. Das Ostermysterium knupft in ebensolcher Weise an das Todes- 
geheimnis an, indem es festlich sich anlehnt an den Tod des Christus 
Jesus. Geburt und Tod aber begrenzen ja das menschliche Leben, 
insofern es verlauft im physischen Leib. Und man kann in der Tat 
sagen, gegeniiber dem, was dem Menschen vorliegt als Sichtbares 
seines Wesens, verschleiern ihm Geburt und Tod das Unsichtbare 
seines Wesens. GewissermaBen sind auch Geburt und Tod die beiden 
Tore zur unsichtbaren Welt. 

Dadurch, daB diese beiden Tore zur unsichtbaren Welt zur Grund- 
lage des christlichen Jahres gemacht worden sind, indem in dieses 
christliche Jahr eben das Weihnachts- und das Osterfest hineingestellt 
werden, dadurch knupft in der Tat die christliche Weltanschauung 
an das Mysterienwesen der ganzen Welt an. Denn, wo wir Umschau 
halten nach den Mysterien, unter den verschiedensten Volkern, auf 
den verschiedensten Gebieten der Erde, wir finden iiberall, daB die 
Mysterien entweder ankniipfen an das Geheimnis der Geburt oder an- 
kniipfen an das Geheimnis des Todes. Allerdings, so orTen, daB die 
Ankniipfungen immer gleich sichtbar werden, liegt die Sache nicht 
vor, denn in mehr mittelbarer, indirekter Weise knupften gewisse 
Mysterien - ich spreche jetzt natiirlich nur von der nachatlantischen 
Zeit - an das Geburtsgeheimnis an. Es waren insbesondere diejenigen 
Mysterien, welche in den Mittelpunkt ihres Mysterienwesens das 
stellten, was die profane Welt das Heilige Feuer nennt. Aber dieses 



Heilige Feuer ist eben durchaus etwas anderes, als was die profane 
Welt verstehen kann. 

Dieses Heilige Feuer ist eigentlich der Mensch, wie er als ubersinn- 
licher Mensch dem sinnlichen Menschen zugrunde Hegt. Das, was 
durch die Geburt hemntersteigt aus den geistigen Hohen, um sich 
auszugestalten in einem physischen Leibe, dieser unsichtbare Mensch, 
aber fiir das alte atavistische Hellsehen eben wahrnehmbare uber- 
sinnliche Mensch, ist eigentlich dasjenige, was die profane Welt unter 
dem Heiligen Feuer, man konnte auch sagen, unter der Heiligen 
Warme versteht, wenn sie das Symbolum dieses Menschen, das Feuer 
verehrt. Das ist dasjenige Mysterienwesen, welches also ausgeht von 
dem ubersinnlichen Menschen, der dem sinnlichen Menschen zu- 
grunde liegt, so daft er durch die Geburt sich mit der sinnlichen Hulle 
umkleidet. Das ist das Mysterium, welches dann iibergegangen ist in 
das Weihnachtsgeheimnis, das Mysterium, das also eigentlich das 
Mysterium der Geburt ist. 

Noch verhullter ist das andere Mysterienwesen, welches mit dem 
Geheimnis des Todes zusammenhangt. Denn dieses Mysterienwesen 
kniipft an das Licht an, so wie das andere an das Feuer ankniipft, Aber 
mit diesem Lichte ist etwas anderes gemeint, geradeso wie mit dem 
Feuer. Mit dem Licht ist gemeint das, was zu den Menschen spricht, 
wenn der nachtliche Sternenhimmel seine Lichtsprache zu den Men- 
schen sendet. Die Mysterien des Lichtes in alten Zeiten, in den Zeiten, 
bevor das Mysterium von Golgatha gekommen ist, waren eigentlich 
im Grunde alle astrologische Mysterien. Nur miissen wir uns wieder- 
um klarmachen, daft diese alte Astrologie nicht mit der abstrakten 
Mathematik betrieben worden ist, wie das heute geschieht, sondern 
mit atavistischer Hellseherkraft, daB der Mensch nicht bloB die mine- 
ralisch-physikalische Sternenwelt iiber sich beobachtete, sondern daB 
er in diesen altesten Zeiten ein Organ hatte, die Geheimnisse der 
Sternenkonstellationen zu erschauen. 

Insbesondere war es in diesen alten Zeiten eine gebrauchliche Kunst 
gewisser Mysterien, den Mond zu beobachten, wie er durch die ver- 
schiedenen Sternbilder des Tierkreises hindurch sich seine Stellungen 
schafft. Man wuBte, wenn der Mond aus der Gegend her scheint, in 



der die Plejaden stehen, wenn der Mond aus der Stiergegend her 
scheint, so bedeutet das etwas anderes, als wenn der Mond aus einer 
andern Himmelsgegend her scheint. Und so brachte man auch die 
andern Planeten in ihren Konstellationen in das BewuBtsein des Men- 
schen herein, aber in ein anderes BewuBtsein als dasjenige, das fur das 
materialistische Zeitalter noch geblieben ist, und man war sich klar 
dariiber, daB mit dem, was sich da ausspricht durch die Sternen- 
konstellationen, zusammenhangt das Mysterium des menschlichen 
Todes. 

In dem ganzen wechselnden Zusammensein der Fixsterne mit den 
Planeten sah man gewissermaBen den Ausdruck einer Sprache, welche 
sich der im Leibe Lebende von der Erde aus anhort, und welche der 
Tote von der andern Seite her vernimmt. Und so hatte man ein deut- 
liches BewuBtsein davon : Wenn man sich der Sternensprache hingibt, 
so lebt man in demjenigen Elemente, das den Menschen aufnimmt, 
wenn er durch die Pforte des Todes tritt. Die Geburt hat man in alten 
Zeiten gewissermaBen angesehen wie eine Art von Frage, und die alte 
Mystik, das Erleben des unsichtbaren, des ubersinnlichen Menschen, 
sollte die Antwort auf diese Frage sein. Was die Sterne sprechen durch 
ihre Konstellationen, das hat man nicht als eine Tatsache angesehen, 
nicht als irgend etwas, das man so zusammenfaBt, wie man es heute 
zusammenfaBt, sondern die Sternenkonstellationen hat man eigentlich 
in alteren Zeiten, in den Zeiten der alten Mysterien, der Sternen- 
mysterien, der Lichtmysterien, als Frage angesehen und den mensch- 
lichen Tod als die Antwort auf diese Frage. So, wie die Geburt zu- 
sammengebracht wurde mit dem libersinnlichen Menschen, so wurde 
der Tod zusammengebracht mit den Sternenkonstellationen. Da- 
her kann man auch die Mysterien des Feuers die Mysterien der Ge- 
burt, die Weihnachtsmysterien nennen; man kann die Mysterien des 
Lichtes oder die Sternenmysterien auch nennen die Ostermysterien, 
die Mysterien des Todes. Man kann sagen: Die Mysterien, die dannin 
das Weihnachtsgeheimnis iibergegangen smd, Hegen hauptsachlich zu- 
grunde alldem, was die Menschheit in den Zeiten vor dem Myste- 
rium von Golgatha in Indien, in Agypten als Mysteriengeheimnisse 
gehabt hat. Dagegen in Chaldaa und Vorderasien war mehr der Bo- 



den fur die Ostermysterien, war mehr der Boden fur die Sternen- 
wissenschaft. 

Diese Sternenwissenschaft hat gerade in Vorderasien bei den so- 
genannten iranischen Volkern der dritten nachatlantischen Periode 
vorzugsweise ihre ganz besondere Ausbildung erfahren. Nur muB 
man sich eben vorstellen, daB in altesten Zeiten ebenso auf der einen 
Seite eine genaue iibersinnliche Anschauung vorhanden war von dem, 
was sich bei der Geburt mit dem physischen Leib umhiillt, wie auf der 
anderen Seite eine anschauliche Erkenntnis der Sternensprache vor- 
handen war. Wenn alte Sternkarten allerlei Wesen auf den Himmel 
zeichnen, um die Sterne zu verbinden, so sind das - und ich habe das 
schon offer gesagt - nicht AusfLusse der menschlichen Phantasie, son- 
dern es sind Abbildungen desjenigen, was das alte atavistische Be- 
wuBtsein tatsachlich am Himmel gesehen hat. Denn dieses alte atavi- 
stische BewuBtsein hat wirklich den Menschen im ganzen Zusammen- 
hang gesehen mit dem Weltenall. Es hat dieses alte BewuBtsein tat- 
sachlich das in sich aufgenommen, daB der Kosmos ein Organismus 
ist, und daB man in diesem Organismus drinnen webt und lebt als 
Mensch. 

Dieses BewuBtsein ist natiirlich verlorengegangen. Es muB im 
Laufe des funften nachatlantischen Zeitraumes von der Menschheit 
wiederum erworben werden, und zwar im wesentlichen dadurch, daB 
die beiden getrennten Stromungen der Stemenweisheit und der 
Mystik sich wiederum finden. In alten Zeiten konnten sie gewisser- 
maBen getrennt als zwei verschiedene Pole auftreten. In dieser unserer 
Zeit muB das Weihnachtsmysterium mit dem Ostermysterium ver- 
bunden werden konnen, die beiden miissen als die zwei Seiten eines 
Wesens gesehen werden konnen. Wenn wir uns zuriickversetzen in 
Zeiten friiherer menschlicher Erkenntnis, so finden wir ein deutliches 
BewuBtsein davon, daB nicht nur da droben am Himmel der Tierkreis 
zu finden ist, sondern daB auch der Mensch dieselbe GesetzmaBigkeit 
in sich tragt, die zum Beispiel der Tierkreis, also im weitesten Um- 
fange die Fixsternwelt darstellt. Sie wissen ja, daB in aiteren Zeiten 
nicht nur gewisse Orte am Himmel: Widder, Stier, Zwillinge, Krebs, 
Lowe und so weiter genannt worden sind, sondern daB auch die 



menschliche Wesenheit gegliedert worden ist nach : Kopf als Widder, 
Hals als Stier, die beiden seitlichen symmetrischen Teile als Zwillinge, 
der Brustkorb als Krebs, das Herz als Lowe und so weiter, so daB der 
Mensch in der Tat mikrokosmisch die verschiedenen Orte in sich 
tragt, welche auch die Grundorte des Himmels sind. Diesen Zusam- 
menhang des Makrokosmos und Mikrokosmos betrachtete man als 
etwas Wichtiges und Wesentliches in alten Zeiten. Und wie der 
Mensch gewissermaBen den Fixsternhimmel in sich trug durch seinen 
Reprasentanten im Tierkreis, wurde er zum Bei spiel auch so ange- 
sehen, daB man sagte : Wenn der Mensch sich seines Kehlkopfes be- 
dient zur Sprache, so tont aus ihm derselbe Weltenstrom, welcher herab- 
flieBt aus dem Kosmos, wenn der Mond aus den Plejaden scheint. - 
Man fiihlte die Verwandtschaft des Lichtes und desjenigen, was das 
Licht herabtragt, wenn der Mond aus der Plejadengegend her scheint, 
die Verwandtschaft dieses makrokosmischen Stromes mit dem, was 
aus dem Menschen kommt, wenn er sich seines Kehlkopfes bedient. 

Ahnlich mit der Sonne. Ebenso fiihlte man innerlich den Menschen 
durchdrungen von derselben GesetzmaBigkeit, welche im Planeten- 
system wirkt. Nur war man sich bewuBt, daB, wahrend das Fixstern- 
system im Menschen entspricht fixen Statten : der Widder dem Kopf, 
der Hals dem Stier und so weiter, wahrend man also fixe Teile der 
menschlichen Wesenheit mit dem Fixsternhimmel zusammenbrachte, 
brachte man diejenigen Organe, welche im Menschen gewissermaBen 
das bewegliche Element darstellen, dasjenige, welches die Safte durch 
den ganzen Organismus schickt, mit dem Planetensystem in einen 
richtigen Zusammenhang. So wie der Mensch gewissermaBen ein 
Fixsternhimmel ist, so tragt er auch ein Planetensystem in sich. Damit 
war fur die altesten Mysterien in der Tat eine enge Beziehung gedacht 
zwischen dem Menschen und dem ganzen Kosmos. 

Nun mii s sen wir das Folgende bedenken, wenn wir die ganze Trag- 
weite ins Auge fassen wollen. Im Menschen haben wir doch gewisser- 
maBen die Sternbilder als fixe Orte: Widder als Kopf, Stier als Hals 
und so weiter. Dadurch steht der Mensch in einer gewissen Beziehung, 
in einer individuellen, in einer ganz besonderen Beziehung zum 
Sternenhimmel. Denn nehmen Sie einmal an, ein Mensch ist heute 



in der Friihlingszeit geboren, wo die Sonne aufgeht in den Fischen, 
dann wkkt dasjenige, was ganz besonders bestimmt ist durch seine 
inneren Fixsterne: Fische. Das ist, Fische werden in Zusammenhang 
gebracht mit den FiiBen, das heiBt aber mit alledem, was der Mensch 
durch seine FiiBe erlebt. Es wird also der Mensch dadurch, daB er zur 
Friihlingszeit geboren ist, wenn die Sonne in den Fischen aufgeht am 
Morgen, gewissermaBen mit demjenigen Teil seines Wesens geboren, 
das gerade dieser Sonnenkonstellation entspricht. Wird er zu einer 
andern Jahreszeit geboren, so stimmt seine Konstellation mit der 
kosmischen Friihlingskonstellation weniger zusammen. 

Heute wird dieses Zusarnmenstimmen oder Nichtzusammenstim- 
men des Menschen nach gewissen Schemen bestimmt. In den alten 
Mysterien empfand man eine solche Sache sehr lebendig. Man emp- 
fand das eigentiimliche Zusammentonen der menschlichen Konstella- 
tion nach der Geburt mit der Himmelskonstellation. Aber nun be- 
denken Sie, daB eine besondere Konstellation im Widderzeitalter 
gerade im Mysterium von Golgatha vorhanden war. Da war gewisser- 
maBen die ganze Menschheit mit dem Teil ihres Wesens, das gerade 
dem Kopf entspricht, zusammenstimmend mit der Widderkonstella- 
tion des Fruhlings. Das war aber ein weiterer Grund, daB die Kenner 
der Mysterien in diesem eigentiimlichen Zusarnmenstimmen der 
menschlichen Konstellation des Kopfes mit der Konstellation des 
Kosmos etwas ganz Besonderes empfanden. Durch den Kopf steht 
der Mensch nicht mit der Erde, sondern mit dem Kosmos in Be- 
ziehung; da ist er besonders geeignet, die Krafte des Kosmos zu 
empfangen. Er streckt seinen Kopf, das heiBt seinen Widder, in den 
Kosmos hinaus. Welche Konstellation muB also die giinstigste sein 
von denen, die sein konnen in dem Zyklus von 25 920 Jahren, in dem 
wir jetzt leben? Diejenige, in der die Widderkonstellation ist bei der 
aufgehenden Sonne im Friihling. - Kurz, ich will damit nur andeuten : 
man studierte die Art und Weise, wie der Mensch in seinem Wesen 
zusammenklang mit dem Makrokosmos. Und man studierte dieses 
insbesondere, weil man ein BewuBtsein davon hatte, was abhangig ist 
fur das Erdengeschehen selber von diesem Zusammenklingen des 
Menschen mit dem Makrokosmos. 



Die Menschen kamen hinter die verschiedensten Geheimnisse dieser 
Sternenkonstellation und wuBten immer, daB mit jedem Geheimnis 
einer Sternenkonstellation auch ein menschliches Geheimnis zu- 
sammenhangt. Sie haben gewissermaBen gesucht immer mehr aus- 
zudriicken, wie ein Sternengeheimnis mit einem inneren menschlichen 
Geheimnis zusammenhangt. Es ist merkwurdig, wie weit die Men- 
schen durch eine alte Wissenschaft in dieser Richtung gekommen sind. 
Das zeigt ja, was die Pyramiden lehren. Ganz roh die Pyramiden be- 
trachtet, zeigt schon, daB in diesen Pyramidenbauten allerlei Geheim- 
nisse stecken. Wenn man die Lange der vier Grundlinien, welche die 
Grundflache der Pyramiden bilden, bei gewissen Pyramiden nimmt, 
sie mit der Hohe vergleicht, so entspricht das genau der Lange des 
Durchmessers eines Kreises zu dem Umfange, auf eine groBe Anzahl 
von Dezimalen. 

Aber nicht nur so etwas, sondern es gibt gewisse Einteilungen in 
den Pyramiden, die den Einteilungen des Makrokosmos in bezug auf 
den Tierkreis entsprechen. Das Gewicht der Pyramiden - es ist ja 
nur annahernd berechnet worden - 1st ein gewisser Teil des Erden- 
gewichtes. Gewisse Abmessungen an den Pyramiden, wenn man sie 
multipliziert mit einer Potenz von achtzehn, geben die Entfernung 
der Erde von der Sonne. Kurz, die Abmessungen der Pyramiden sind 
solche, daB sie nur stammen konnen aus einer intimen, wunderbaren 
Erkenntnis der Verhaltnisse des Sternenhimmels. Diese Pyramiden- 
bauten haben nicht eigentlich die Agypter gemacht, sondern immer, 
wenn Eroberer aus iranischen Gegenden, aus Vorderasien nach Agyp- 
ten gekommen sind, haben diese die Pyramidenbauten aufgefuhrt. Die 
Agypter haben die Pyramiden erst bauen gelernt von solchen Volkern, 
welche Sternenmysterien gehabt haben, wahrend die Agypter selber 
nicht Sternenmysterien, sondern eine Art Weihnachtsmysterien gehabt 
haben. 

Diese Betrachtung der Pyramiden hat im Laufe des 19. Jahrhunderts 
immerhin doch dazu gefuhrt, daB einzelne Menschen, wie zumBeispiel 
Carus, gesagt haben: Einfach die Betrachtung der Pyramiden weist 
darauf hin, daB es in Urzeiten eine Wissenschaft gegeben hat, die ver- 
lorengegangen ist und deren Betrachtung geeignet ist, die Menschheit 



der Gegenwart schamrot warden zu lassen. - Das sind nicht meine 
Worte, sondern es sind Cams' Worte! Das glaubt der heutige Mensch 
ja wirklich recht wenig, daB es in Urzeiten der Menschheit eine auf 
etwas andere Art erworbene Wissenschaft gegeben hat, aber eben eine 
Wissenschaft, welche in tiefe Geheimnisse des Weltenalls hinein- 
leuchten konnte. Und das Bedeutende ist nicht einmal bloB das, daB 
diese Mysterienweisen so weite Abmessungen des Weltenalls kannten, 
daB sie das Geheimnis in den Bau der Pyramiden hineingelegt haben, 
sondern das Bemerkenswerte ist eben doch etwas ganz anderes noch. 
Es war nicht ein abstraktes Wissen, das man von der Beziehung des 
Menschen zu dem Sternenkosmos hatte, sondern es war wirklich ein 
ganz konkretes Wissen, ein Wissen, durch das sich der Mensch drin- 
nenstehend erfuhlte im Kosmos. Der Mensch wuBte: er stent mit 
seinem Haupte, das er frei hinausrichtet in den Kosmos, in unmktel- 
barer Beziehung zum Fixsternhimmel. Alles dasjenige also, was der 
Mensch als die Geheimnisse seines Hauptes betrachtete, betrachteten 
diese Mysterienweisen als Geheimnisse des Fixsternhimmels. Das 
Haupt des Menschen wird in der Tat ausgebildet vom Fixstern- 
himmel. Es ist ja nur ein heutiges materialistisches Vorurteil, daB alles 
von den Vorfahren geerbt wird, daB alles aus dem Keime stamme. 
Der Keim selbst wird, insofern er Haupteskeim ist, in der mensch- 
lichen Mutter vom Fixsternhimmel ausgekraftet. 

Wie der Mensch mit dem Fixsternhimmel nach seinem Haupte zu- 
sammenhangt, wie das Haupt ein Abbild des Fixsternhimmels ist - 
von einem andern Gesichtspunkte konnen Sie dariiber nachlesen in 
meiner kleinen Schrift «Die geistige Fuhrung des Menschen und der 
Menschheit », wo ich die Sache auch beriihrt habe so ist auf der 
andern Seite der iibrige menschliche Organismus zugeteilt alldem, 
was mit dem Geheimnisse der Sonne zusammenhangt. So daB der 
Mensch eigentlich - das wuBten die alten Mysterienweisen, welche 
Sternenmysterien, Ostermysterien pflegten - zwiefacher Natur nach 
dieser Richtung schon ist: sein Haupt ist dem Fixsternhimmel zu- 
geteilt, der iibrige Organismus mit dem Herzen als Mittelpunkte ist 
der Sonne zugeteilt. 

Nun wuBten diese alten Astronomen - oder nennen Sie sie meinet- 



willen Astrologen - audi noch etwas anderes. Sie wuBten: Wenn man 
die Sterne beobachtet in ihrem Verhaltnis zur Sonne, so bleibt die 
Sonne gegeniiber den Fixsternbewegungen nach und nach immer 
etwas zuriick; dadurch erscheint ja der Friihlingspunkt immer an 
einem andern Punkt, die Sonne bleibt immer etwas zuriick. Scheinbar 
gehen die Sterne schrieller als die Sonne in der Jahresbewegung. Das 
Merkwiirdige - was aber fur die alten Astronomen nicht etwas Merk- 
wiirdiges, sondefn ein bedeutsames Mysterium war - ist, daB nach 
zweiundsiebzig Jahren die Fixsterne der Sonne in ihren .Bewegungen 
gerade um einen Tag vorangeeilt sind, um einen Tag in zweiund- 
siebzig Jahren. Dieses, auf den Menschen iibertragen - fur die alten 
Astronomen hatte es Sinn, fur die gescheiten Leute der Gegenwart ist 
es selbstverstandlich Unsinn -, bedeutet, daB wir unter mancherlei 
anderem in uns selbst auch diese zwiespaltige Fixstern- und Sonnen- 
natur haben, daB wir mit unserem Haupte voraneilen unserem ubrigen 
Organismus. Und wenn wir zweiundsiebzig Jahre gelebt haben, natur- 
lich sind die Dinge approximativ zu betrachten, dann ist unser Haupt 
um einen Sternentag unserem ubrigen Organismus vorangegangen, 
und daher ist das menschliche Leben durchschnittlich, ich habe es von 
andern Gesichtspunkten aus auch schon erortert, ein zweiundsiebzig- 
jahriges. Es kann natiirlich viel langer sein, auch viel kiirzer sein, 
aber durchschnittlich ein zweiundsiebzigjahriges. Das hangt zusam- 
men mit der Zwiespaltigkeit des Lebensverlaufes im menschlichen 
Haupte und im menschlichen ubrigen Organismus, die genau ent- 
spricht der Zwiespaltigkeit der Bewegungen am Fixsternhimmel und 
der Sonne. So steht der Mensch drinnen als ein Mikrokosmos im 
Makrokosmos. In jenen alten Zeiten war man eben in der Lage, sich 
selber so im Makrokosmos drinnen zu fuhlen, wie jetzt der kleine 
Finger sich am ganzen Organismus fuhlt, also als ein Glied des Ganzen 
sich zu fuhlen. 

Und weil man dieses als das Wichtigste betrachtete, daraufzukom- 
men, wie das menschliche Leben zusammenhangt mit dem Geheimnis 
der Sterne, so kam insbesondere zusammen das Mysterium des To- 
des, das Ostermysterium, mit dem Sternenmysterium. Die christ- 
liche Weltanschauung hatte die Aufgabe, die beiden miteinander zu 



verkniipfen. Und in der Ausbildung der christHchenWeltanschauungen 
nach der konkreten Seite hin muB gewissermaBen das liegen, daB das 
Geburtsmysterium, das Weihnachtsmysterium, das Mysterium vom 
ubersinnlichen Menschen nach der Geburtsseite hin, wiederum ver- 
kniipft wird mit dem Todes-, mit dem Ostermysterium, mit dem 
Mysterium des ubersinnlichen Menschen nach der Todesseite hin. 

Mit der Geburt befaBt sich dasjenige, was man heute vorzugsweise 
Wissenschaft nennt, mit dem Tode dasjenige, was man vorzugsweise 
Religion nennt. Der Religion von heute fehlt die Hinneigung zum 
ubersinnlichen Menschen. Sonderbar gesagt, nicht wahr! Aber daB 
die Religion auch vom ubersinnlichen Menschen spricht, ist kein 
Beweis, daB sie eine besondere Neigung hat, sich irgendwie mit dem 
ubersinnlichen Menschen auch zu befassen. Mit dem ubersinnlichen 
Menschen kann man sich nur befassen, wenn man anknupft an das- 
jenige, was insbesondere empfunden worden ist in den Weihnachts- 
mysterien, wenn man anknupft an die Geburt und durch die Geburt 
zur Praexistenz kommt. Daher haben die Geburtsmysterien auch vor- 
zugsweise die Praexistenz, das Vor-der-Geburt-Existieren des uber- 
sinnlichen Menschen betont. Die andern Mysterien, die dann im 
Ostermysterium gipfelten, haben insbesondere die Postexistenz, die 
Existenz des Menschen iiber den Tod hinaus betont. Die Religionen 
haben sich dieser letzteren Seite mehr zugewendet. Aber sie haben die 
Wissenschaft, die damit in Verbindung steht, die Sternenweisheit, 
abgelehnt, so wie die Wissenschaft der heutigen Zeit selber, die sich 
ja mit der Abstammung befaBt, mit alledem, was zur Geburt gehort, 
abgelehnt hat dasjenige, was zum ubersinnlichen Menschen, zum Er- 
leben des ubersinnlichen Menschen, zur Mystik fiihrt. 

Und so ist die Wissenschaft, indem sie abgelehnt hat den ubersinn- 
lichen Menschen, auf der einen Seite materialistisch geworden, und 
die Religion, indem sie es abgelehnt hat, den ubersinnlichen Menschen 
zu betrachten, ist wissenschaftslos geworden. Beide stehen ohne 
Briicke nebeneinander in der Gegenwart. Und iiber nichts werden 
Menschen mehr aufgeregt - welche scheinbar die Religion vertreten, 
in Wahrheit aber nur mehr oder weniger ihre Pfriinde verwalten 
wollen, die Menschen, die sich offizielle Vertreter der Religions- 



gemeinschaften nennen -, als wenn man von der Praexistenz der 
Seele, das heiBt von dem ubersinnlichen Menschen in Wirklichkeit 
redet. 

Das alles, was ich sagte, war ja naturlich aphoristisch gemeint, aber 
es sollte hinweisen darauf, daB wieder gesucht werden muB eine 
Erweiterung des menschlichen Blickes uber das unmittelbar in der 
physischen Welt Vorhandene hinaus. Und indem wir auf die beiden 
Mysterienrichtungen hingewiesen haben, eroffnen sich ja auch Aus- 
blicke auf die Richtungen, in denen die Sinnenwelt iiberschritten 
werden muB : Auf der einen Seite, indem wieder gesucht werden muB 
der innere Mensch, welcher in uns gefunden werden kann auf dem 
Wege, der beschrieben ist in dem Buche «Wie erlangt man Erkennt- 
nisse der hoheren Welten?». Das ist die eine Seite. Die andere Seite 
ist diese, in der neuen Form zu suchen, was uns die Sterne sagen 
konnen. Das werden wir allerdings in der neuen Form nur finden, 
wenn wir dasjenige, was im Menschen selbst ist, wiederum in un- 
mittelbare Beziehung zu bringen vermogen zu dem Makrokosmos. 
Nach diesem ist solch ein Buch wie meine « Geheimwissenschaft im 
UmriB » konstruiert. Da ist wiederum gesucht, die Briicke zu schlagen 
zwischen dem Menschen und dem Makrokosmos, indem dasjenige, 
was im Menschen gefunden werden kann, die Evolution des Men- 
schen, angekmipft ist an dasjenige im Makrokosmos, wozu diese 
Evolution gehort, indem bestimmte Entwickelungsstadien des Men- 
schen gekniipft sind an gewisse Vorgange im Makrokosmos. Damit 
ist in unserer anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft ein 
Anfang genommen nach den beiden Richtungen hin: zu suchen so- 
wohl wiederum nach dem ubersinnlichen Menschen wie nach den 
Geheimnissen des Makrokosmos. 

Damit aber wird auch wiederum eine Briicke geschlagen zwischen 
Religion und Wissenschaft. Die Religion ist wissenschaftslos ge- 
worden. Das kann ja jeder, der es will, bemerken. Noch mehr kann 
man bemerken, daB die Wissenschaft der Gegenwart religionslos ge- 
worden ist, daB beide ganz unvermittelt nebeneinander stehen in der 
sogenannten Kultur unserer Zeit. Nur aus diesem Grunde konnten 
jene eigenartigen Irrtiimer entstehen, die ich Ihnen durch diese Be- 



trachtungen versuchte zu charakterisieren; jene Irrtiimer, von denen 
ein besonderes Beispiel die scharfsinnigen Unternehmungen von 
Dupuis sind, der geglaubt hat, daB in den alten Mysterien, die er uber- 
haupt fur Betrug und Irrtum halt, nur urn das Volk zu tauschen, ge- 
wisse Erzahlungen erfunden worden sind, wahrend man eigentlich 
nichts in Aussicht gehabt hatte als nur Bewegungen der Sterne. Dupuis 
macht eben nur den Fehler, daB er glaubt, dasselbe, was ein heutiger 
Astronom am Sternenhimmel sieht, habe auch der alte bloB gesehen. 
Aber der heutige Astronom sieht ja am Sternenhimmel dasselbe, was 
ein heutiger Anatom vom Menschen sieht; und so wenig der Leich- 
nam der Mensch ist, so wenig ist der Inhalt der heutigen Astronomie 
der Sternenhimmel. 

Die naturwissenschaftliche Astronomie steht im Anfange. Sie hat es 
heute zu nicht weiteren Ergebnissen gebracht, als rein mechanisch- 
mathematisch zusammenzufassen dasjenige, was da drauBen im 
Weltenall vor sich geht. Studieren Sie heute dasjenige, was Ihnen die 
Astronomie gibt: Sie konnen nur mathematisch-mechanische Ver- 
haltnisse finden, nur den Ausdruck einer groBen Himmelsmaschinerie. 
Dagegen sucht der Naturforscher alles dasjenige, was hier auf der Erde 
vorgeht, mit Ausnahme der grobsten physikalischen Vorgange, auf 
der Erde selbst. Wenn irgendeine Pflanze entsteht, ein Tier geboren 
wird, ein Mensch geboren wird, so soil das alles auf Vererbung be- 
ruhen, weil selbstverstandlich aus dem, was det heutige Astronom in 
den Sternen findet, man nicht irgendeine Anwendung auf den Men- 
schen machen kann. Aber die Tatsache liegt vor, daB fortwahrend ein 
Wechselverhaltnis besteht zwischen dem Sternenhimmel und der 
Erde, daB kein Keim, weder ein Pnanzen-, noch ein Tier-, noch ein 
Menschenkeim auf der Erde entsteht, ohne daB dieser Keim von dem 
ganzen Makrokosmos angelegt wird. Man muB schon festhalten : Was 
tut der heutige Naturforscher? Er hat hier die Henne und in dieser das 
Ei. Selbstverstandlich stammt von diesem Ei eine neue Henne, 
wiederum ein Ei, daraus eine neue Henne. So geht er von Henne zu 
Henne hinauf. Wahrend die Sache in Wahrheit so ist: Hier ist der 
Sternenhimmel, hier ist die Henne, und der ganze Sternenhimmel 
sendet seine Krafte aus den verschiedenen Konstellationen in die 



Henne hinein, und der Keim in der Henne ist der Ausdruck des ge- 
samten Sternenhimmels. 

Auf diese Weise sieht man, daB dasjenige, was heute Wissenschaft 
vom Himmel ist, was ja in einer gewissen groBartigen Weise mit 
Kopernikus, Kepler, Galilei einen Anfang genommen hat, eben nur 
ein Anfang ist, und daB von da aus wiederum gewonnen werden muB 
ein Wissen, das jetzt nicht nur mechanischer Natur ist, das nicht nur 
von einer groBen Himmelsmaschinerie handelt, sondem das gesamte 
Weltenall als Organismus, aber auch als Seele und Geist zu fassen 
imstande ist. 

Man blickt da in einer merkwiirdigen Weise in den Gang der Ent- 
wickelung zuriick. Eine alte Wissenschaft, die schon da war - scham- 
rot konnte sie die Menschen machen ist zugrunde gegangen. Man 
muB sich bewuBt sein: Man lebt noch immer im Zeitalter der zu- 
grunde gegangenen Wissenschaft. Die ersten Wissenschaften sind in 
einer neuen Form angelegt ; sie miissen ausgebildet werden. Dasjenige, 
was so bewundert wird von dem Fortschritt der Wissenschaft in den 
letzten vier Jahrhunderten, darf nur dann bewundert werden, wenn 
es als ein Anfang angesehen wird. Erst wenn die Brucke geschlagen 
sein wird von diesem Anfang zum Weihnachts- und Ostermysterium, 
wenigstens fur die menschliche Empfindung, wird einiges getan sein. 

Diesen Gedanken sollte man in seiner Seele so recht lebendig 
machen, denn er ist der Gedanke, der gewissermaBen allein dazu ge- 
eignet ist, seelisch den gegenwartigen Menschen an das Weltenall 
anzukniipfen: Jeglicher Keim ist an den Makrokosmos gebunden, 
auch die Geistkeime sind an den Makrokosmos gebunden. Und so 
bindet sich der Mensch an den Makrokosmos, wenn er versucht, eine 
makrokosmische Wissenschaft wenigstens in der Idee zunachst, in der 
Intention in seine Seele aufzunehmen. Es miiBte in alle Zweige des 
Lebens hineingetragen werden dieses BewuBtsein von makrokosmi- 
schen Zusammenhangen des Menschen mit der Erde. Weit, weit ent- 
femt ist im Grunde genommen die Gegenwart von einem solchen 
BewuBtsein. In dieser Beziehung ist ja die Gegenwart auch gewisser- 
maBen in einer umgekehrten Lage als eine gewisse Zeit der Ver- 
gangenheit. Man kann fragen: Wie konnte denn eigentlich ein Ur- 



wissen der Menschheit von so weittragender Art, daB die Gegenwart 
schamrot werden konnte, verlorengehen? 

Nun, man braucht sich nicht sehr zu verwundern, daB es verloren- 
gegangen ist. Man denke nut einmal daran, daB in der Menschheits- 
entwickelung ganz sicher das Positive mit dem Negativen zusammen- 
hangt. "Wir haben ja oft gesprochen von dem Fortschritt, den die 
Menschheit gemacht hat durch das Verbreiten des Christentums. 
Aber vergessen wir nicht, daB die Ausbreitung des Christentums 
gekniipft ist als das Positive an die negative Seite, die Zertriimmerung 
einer alten Kultur. Man vergesse nicht, daB Zehntausende und aber 
Zehntausende von Werken der alten Kultur vernichtet wurden, wah- 
rend das Christentum ausgebreitet worden ist, daB Tausende und aber 
Tausende Symbole, welche alte Weisheit fortgepflanzt hatten, ver- 
nichtet worden sind. Von jenem Zerstorungswerk, das seinen Ab- 
schluB gefunden hat im 3., 4.Jahrhundert der Zeitrechnung, davon 
macht man sich ja gegenwartig nur wenig einen BegrifF. Julian der 
Apostat wollte - es war nicht an der Zeit - noch ein wenig abhalten 
dieses Zerstorungswerk. Er konnte es nicht. 

Was alles zugrunde gegangen ist in diesen Jahrhunderten, sollte 
schon auch von der Menschheit gewuBt werden. Aber gerade an sol- 
chen Dingen kann man lernen, daB die sogenannte Evolution eben 
nichts Einfaches ist. Denken Sie einmal, es ware das Christentum 
nicht als ein furchtbarer Vernichter und Zertrummerer durch die 
Welt gezogen - die Menschheit hatte in ihrer alten Unfreiheit bleiben 
miissen. Denn die Erwerbung der Freiheit ist doch nur moglich durch 
jenen Impuls, der auch der Impuls des Mysteriums von Golgatha ist. 
Aber auf der anderen Seite darf die negative Seite nicht iiberhand- 
nehmen. Es gibt eine gewisse Gesinnung, welche sich mehr die 
negative Seite des Christentums bewahrt hat. Heute tritt diese Ge- 
sinnung in der Form auf, daB sie alles dasjenige, was zur Wieder- 
eroberung der alten Weisheit auftritt, nun seelisch zerstdren will. Dies 
durfte nicht geschehen. Wenn heute immer wieder und wiederum 
vorgebracht wird, wo man nur kann, von sogenannten offiziellen 
Vertretern des Christentums: Ja, zu Christi Zeiten, zu der Apostel 
Zeiten, da gab es eben Offenbarungen; heute darf es das nicht geben, 



heute ist das Siinde, heute ist das Schwindel, heute ist das Betrug - 
dann ist dieses anti-, ist dieses widerchristlich. Und auf diesem Gebiete 
klar zu sehen, gehort auch fur den Menschen, der nach Wahrheit 
strebt, in gewissem Sinne schon zu den Aufgaben der Gegenwart. Zu 
den Aufgaben der Gegenwart gehort die Sehnsucht nach Klarheit. 
Und mit Bezug auf alles ubrige ist nach und nach die Klarheit zuge- 
deckt durch alle moglichen Mitempfindungen, die man mit der bio- 
Ben Phrase verbindet so, daB Empfindung fiir die Wahrheit wohl nur 
auf dem Wege des Geistes noch gesucht und gefunden werden kann. 

Die Worte werden ja heute in der furchtbarsten Weise miBbraucht. 
Was tont alles durch die Welt, und was wird namentlich durch die 
Welt tonend vernommen, als ob etwas in den Worten enthalten ware ! 
Auf diesem Boden ist Geisteswissenschaft als Erzieherin ebenso 
wichtig als durch ihren unmittelbaren Inhalt. Sie kann nicht, wenn sie 
wirkliche Geisteswissenschaft sein will, mit bloBen Worten die Men- 
schen abfertigen. Warum nicht? Nun, aus dem sehr einfachen Grunde, 
weil man heute iiber alles reden kann, wenn man bei Worten stehen- 
bleibt. Sie konnen reden iiber Naturwissenschaft, wenn Sie bei Worten 
stehenbleiben, Sehen Sie an, wie Frit^ Mauthner in seinem «W6rter- 
buch» Ihnen beweist, wie die Naturwissenschaft da, wo sie zur 
Wissenschaft werden will, wo sie nicht bloBe Tatsachen notifiziert, 
eine Wortwissenschaft ist. In der Geschichtswissenschaft redet man 
iiberhaupt nur mit Worten, denn das andere wird ja vertraumt, wie ich 
Ihnen erzahlt habe. Und so auf andern Gebieten. In der Politik, da 
wiirde man wahrscheinlich iiberhaupt, wenn man aufrichtig und ehr- 
llch zu Werke ginge, noch weniger hinter den Worten finden als auf 
den iibrigen Gebieten des Lebens. Wenn man sich an Worte halt, 
kann man heute iiber die Natur reden, kann iiber Geschichte, iiber 
Politik, iiber Nationalokonomie reden. Nur kann man nicht, wenn 
man sich an Worte halt, iiber den Geist reden; denn der Geist liegt 
heute nirgends in den Worten. Das ist ganz ernsthaft gemeint. Dafiir 
ist aber auch umgekehrt Geisteswissenschaft eine Erziehung, um iiber 
das heutige Hangen an Worten hinauszukommen. 

Es ist die vorziiglichste Aufgabe des heutigenBekenners der Anthro- 
posophie, von den Worten uberzugehen zu den Sachen, und da die 



Sache der Geisteswissenschaft der Geist ist, zum Geiste. Das wird 
Frucht bringen, es wird neue Ziele geben auf alien Gebieten des 
Lebens. Vor alien Dingen eine Frucht wird es bringen: Die Men- 
schen, die es wollen, freizumachen vom Autoritatsglauben, frei- 
zumachen von jenem Aberglauben, der in der heutigen Menschheit 
so verbreitet ist und den die heutige Menschheit gar nicht einmal be- 
merkt. Es wird allerdings noch mancherlei notwendig sein an Erfah- 
rungen fur diese arme Menschheit der Gegenwart, um einigermaBen 
sich auf den Weg zu begeben, der hier gemeint ist. Denn diese arme 
Menschheit der Gegenwart ist stolz auf dasjenige, was sie am aller- 
wenigsten hat, ist stolz auf ihre Freiheit vom Autoritatsglauben, ihre 
Freiheit vom Gotzendienst. 

Mancher Gotze der Vergangenheit ist mehr wert in den Augen des 
Geistkenners als die Gotzen der Gegenwart. Die Gotzen der Gegen- 
wart: Der bewuBte Mensch hat sich die Gebete abgewohnt, der un- 
bewuBte betet diese Gotzen der Gegenwart um so inbriinstiger an. 
Alle diese Woodrow Wilsons sind in den Augen dessen, der die 
Weltenentwickelung durchschaut, weit gefahrlichere Gotzen des 
Aberglaubens, als die verachteten Gotzen der Vorzeit waren. Die 
Menschheit der Gegenwart hangt viel mehr an diesen Gotzen und 
an diesem Aberglauben, als eine Vormenschheit gehangen hat. Selbst 
die deutlichsten Zeichen werden der Menschheit der Gegenwart kaum 
viel niitzen, weil sie auBerordentlich schwer gerade in solchen Sachen 
auf die Bahn der Wahrheit zu bringen ist. 

Es fordert schon der Ernst der Gegenwart, daB man auch in weite 
Perspektiven blickende Dinge immer wieder und wiederum in solche 
Bemerkungen auslaufen laBt. Denn Geisteswissenschaft soli eben auch 
durchaus dem Leben dienen. Dasjenige aber, was heute dem Leben 
dienen will, dient am allerwenigsten dem Leben. 



SECHSTER VORTRAG 
Dornach, 30. December 1917 



Heute mochte ich noch von einer gewissen andern Seite her die Zu- 
sammenhange betrachten, die da bestehen zwischen dem Menschen 
als einem mikrokosmischen Wesen und dem ganzen Makrokosmos 
der Welt, zu der der Mensch gehort, von der er gewissermaBen ein 
Glied, ein Organ ist. Man kann diese Dinge von den allerverschieden- 
sten Gesichtspunkten aus betrachten, und dabei werden die mannig- 
faltigsten Verhaltnisse zur Anschauung kommen, die sich manchmal 
scheinbar widersprechen ; allein die Widerspriiche bestehen darinnen, 
daB eben die Sache immer von verschiedenen Seiten angesehen werden 
muB. 

Sie haben aus bestimmten Betrachtungen, die wir in diesen Tagen 
angestellt haben, ersehen, daB eigentlich der Mensch, so wie er sich 
zur Welt ringsherum stellt, in die Weltbetrachtung etwas von sich 
einmischt, daB er die Sinneswelt eigentlich nicht so nimmt, wie sie ist; 
daB er, wie ich es versuchte drastisch zum Ausdruck zu bringen, in 
seine Weltbetrachtung etwas einmischt, was von innen aufsteigt, was 
von innen heraus gebildet ist und was eigentlich eine Art Umwand- 
lung des Geruchssinnes ist. Es ist dasjenige, was der Mensch sich iiber 
die Welt in der mannigfaltigsten Weise kombiniert, was heraus- 
kommt, wenn er seinen gewohnlichen, durch seinen Leib ihm zu- 
kommenden Scharfsinn, wie man das nennt, anwendet; Spiirsinn 
konnte man es ja auch nennen. Was anderes ware dann dem Menschen 
gegeben, wenn er uberhaupt leicht den Versuch machen konnte - er 
kann es gar nicht einmal leicht, denn er kann seinen Spiirsinn nicht 
leicht ausschalten -, wenn der Mensch die Sinneswelt einfach so 
nehmen wiirde, wie sie sich ihm darbietet, ohne seinen Verstand, 
seinen kombinierenden Verstand in alles mogliche gleich einzu- 
mischen. 

Hier beriihrt man ein Thema, das ja vielleicht dem Verstandnis 
einige Schwierigkeiten macht. Allein, Sie konnen sich eine Vorstellung 
machen von dem, was eigentlich gemeint ist, wenn Sie bedenken, wie 



Ihnen die Natur, die Wesenheit namentlich eines Sinnes entgegentritt. 
Bei den andern Sinnen ist es zwar ebenso, aber die Sache tritt fur die 
auBere Beobachtung nicht mit derselben Scharfe zutage, nicht so 
scharf, wie wenn man das, was eigentlich hier gemeint ist, fur den 
Sinn des Gesichts, fur das Auge in Betracht zieht. Bedenken Sie, dieses 
Auge als ein physikalischer Apparat Hegt ja eigentlich als ein ziemlich 
selbstandiges Organ im menschlichen Schadel drinnen und ist eigent- 
lich nur durch die Anhange, die Anhange der Blutadern, die Anhange 
der Nerven, nach riickwarts in den menschlichen Leib hinein ver- 
langert. Man kann sagen : Dieses ist das menschliche Auge, hier ist die 



Verlangerung (siehe Zeichnung); aber als Auge liegt es hier in der 
knocherigen Schadelhohle mit einer groBen Selbstandigkeit drinnen, 
insoweit es physikalischer Apparat ist, hier die Linse, der Einfall der 
Lichtstrahlen, der Glaskorper, also alles das, was physikalischer Appa- 
rat ist, ist eigentlich sehr selbstandig. Nur durch den Sehnerv, die 
Aderhaut, die sich hinein nach dem Leibe verlangert, verlangert sich 
eben das Auge selbst nach dem Leibe, so daB man sagen kann, dieses 
Auge als physikalischer Apparat, also insofern es aufnimmt die auBere 
Sinneswelt in ihrer Sichtbarkeit, ist ein selbstandiger Organismus, bis 
zu einem gewissen Grade wenigstens. 

So ist es eigentlich fur jeden Sinn, nur fur die andern Sinne ist die 
Sache nicht so scharf ins Auge fallend. Jeder Sinn als Sinn ist im 
Grunde genommen etwas Selbstandiges, so daB man schon sprechen 




kann von einer Sinneszone. Man wundert sich eigentlich, daB das 
Studium der Sinne nicht hinreicht, urn die betreffenden Gelehrten zu 
einiger Spiritualitat zu treiben. Denn gerade diese Selbstandigkeit der 
Sinne konnte die Gelehrten zu einiger Spiritualitat treiben. Warum? 
Sehen Sie, dasjenige, was miterlebt wird durch den Sehnerv, durch die 
Aderhaut, das wiirde - und man konnte das schon mit der gewohn- 
lichen Wissenschaft leicht nachweisen -, das wiirde nicht hinreichen, 
um dem Menschen zum BewuBtsein zu bringen dasjenige, was er in 
seinen Sinnen erlebt. Das Merkwiirdige bei den Sinnen ist namlich 
das, daB in diesen rein physikalischen Apparat, und er ist ein rein 
physikalischer Apparat, hineinragt der Atherleib. Wir haben es bei 
alien Sinnen zu tun mit etwas, das vom Organismus ausgespart ist, 
und das nur durchlebt wird vom Atherleib. Sie wiirden nicht das, was 
in Ihrem Auge durch das Hereinfallen des Lichtes bewirkt wird, mit 
Ihrem BewuBtsein vereinigen konnen, wenn Sie nicht den Sinn des 
Auges, und so auch die andern Sinne, durchziehen wiirden mit Ihrem 
Atherleib. 

Ein Lichtstrahl fallt in das Auge. Dieser Lichtstrahl wirkt im Auge 
genau ebenso physikalisch, wie der Lichtstrahl wirkt in einer Camera 
obscura, in einem photographischen Apparat. Und nur dadurch 
kommt Ihnen das zum BewuBtsein, was da vorgeht in dieser Natur- 
kamera des Auges, daB Ihr Atherleib auskleidet das Auge und auf- 
fangt das, was im bloBen physikalischen Apparat nicht aufgefangen 
wird durch einen Atherleib. Im bloBen physikalischen Apparat, im 
bloBen photographischen Apparat geht eben nur der physische Vor- 
gang vor sich; so daB der Mensch in der Gesamtheit seiner Sinne 
wirklich eine Art Fortsetzung hat der AuBenwelt. Als physikalische 
Apparate sind die aufnehmenden Sinne, wenigstens die groBte Zahl 
der aufnehmenden Sinne, mehr zur AuBenwelt gehorig als zum Men- 
schen. Ihr Auge gehort viel mehr der AuBenwelt an als Ihrem eigenen 
Leibe. 

Beim Tiere gehort das Auge viel mehr dem Leibe an als beim Men- 
schen. Dadurch ist der Mensch iiber das Tier als Sinneswesen erhaben, 
daB er Sinne hat, die weniger mit dem Leibe in Verbindung stehen als 
die Sinne der Tiere. Bei gewissen niederen Tieren kann das schon 



anatomisch nachgewiesen werden. Da finden sich allerlei organische 
Fortsatze; zum Beispiel der Facher ist dadrinnen bei niederen 
Tieren. Das sind sehr komplizierte Ausgestaltungen zum Teil des 
Nervs, zum Teil der Blutkorper, die die niederen Tiere vollkommener 
haben als die hoheren Tiere und vor allem als der Mensch. 

DaB beim Menschen der physische Leib so wenig Anteil nimmt an 
seinen Sinnen und den Anteil sehr stark dem Atherleib iiberlaBt, das 
ist dasjenige, was beim M
…[truncated]