Erziehungskunst. Seminarbesprechungen und Lehrplanvorträge

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE OBER ERZIEHUNG 



RUDOLF STEINER 



Vortrage und Kurse, gehalten fur die Lehrer 
der Freien Waldorfschule in Stuttgart 



I 

ALLGEMEINE MENSCHENKUNDE 
ALS GRUNDLAGE DER PADAGOGIK 
Vierzehn Vortrage. (Bibliographie-Nr. 293) 

II 

ER2IEHUNGSKUNST 
METHODISCH-DIDAKTISCHES 
Vierzehn Vortrage. (Bibliographie-Nr. 294) 

III 

ERZIEHUNGSKUNST. SEMINARBESPRECHUNGEN 
UND LEHRPLAN VORTRAGE 
(Bibliographie-Nr. 295) 

Drei Vortragskurse, gehalten im August/September 1919 
bei der Begrundung der Freien Waldorfschule 

IV 

MENSCHENERKENNTNIS 
UND UNTERRICHTSGESTALTUNG 
Acht Vortrage, gehalten vom 12. bis 19. Juni 1921 
(Bibliographie-Nr. 302) 

V 

ERZIEHUNG UND UNTERRICHT 
AUS MENSCHENERKENNTNIS 
Neun Vortrage aus den Jahren 1920, 1922 und 1923 
(Bibliographie-Nr. 302 a) 



RUDOLF STEINER 



Erziehungskunst 

Seminarbesprechungen und Lehrplanvortrage 

gehalten in Stuttgart vom 21. August bis 6. September 1919 
anlaftlich der Griindung der Freien Waldorfschule 



1984 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften und Notizen 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlaflverwaltung 

Die Herausgabe besorgten Erich Gabert und Hans Rudolf Niederhauser 



1. Auflage, Stuttgart 1959 

2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1969 

3. Auflage (photomechanischer Nachdruck) 

Gesamtausgabe Dornach 1977 

4. Auflage (photomechanischer Nachdruck) 

Gesamtausgabe Dornach 1984 



Veroffentlichungen in Zeitschriften S. 189 



Bibliographie-Nr.295 

Zeichnungen im Text nach Notizen von Tafelzeichnungen Rudolf Steiners, 

ausgefiihrt von Joseph Schaffler 
Einbandzeichen von Rudolf Steiner. Schrift von B. Marzahn 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach /Schweiz 
© 1959 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach /Schweiz 
Printed in Switzerland by Zbinden Druck und Verlag AG, Basel 

ISBN 3-7274-2950-X 



INHALT 



Erste Seminarbesprechung, Stuttgart, 21. August 1919 ... 9 
Die vier Temperamente und die Wesensglieder des Kindes. Gruppie- 
ren der Kinder in der Klasse nach Temperamenten. Padagogische Be- 
handlung der Temperamente. Schema der Temperamente. Gegen- 
seitige Erziehung der Kindertemperamente. Eineinhalb Stunden 
Hauptunterricht, dann eine halbe Stunde Erzahlen. Stoffplan fur 
das Erzahlen in der 1.-8. Klasse. Fragenbeantwortung: melancholi- 
sche Kinder. Lehrbiicher, Prufungen, Fachlehrer. 



Zweite Seminarbesprechung, 22. August 1919 22 

Zwischenbemerkungen R. Steiners zu Ausfuhrungen der Kursteil- 
nehmer iiber die Temperamente. Zeichnen. Wechselwirkung der Tem- 
peramente. Temperamente und Musikinstrumente. Phlegmatiker. Er- 
nahrung. Melancholiker. Korperbau. Choleriker. Temperamente, Le- 
bensalter und sozialer Organismus. 

Dritte Seminarbesprechung, 23. August 1919 33 

Zwischenbemerkungen zur Behandlung der Temperamente. Mar- 
chenerzahlungen. Zeichenmotive. Tiererzahlungen. 

Vierte Seminarbesprechung, 25. August 1919 40 



Aufrechte Haltung des Menschen und raumliches Vorstellen. An- 
fange des Rechenunterrichts und Temperamente. Geometrie und Ste- 
reometric Zeichenmotive. Marchenerzahlungen. Tiererzahlungen. 
Die Extreme der Temperamente. Die drei «Aschenbrodel» in der 
Klasse. 

Funfte Seminarbesprechung, 26. August 1919 50 

Sprechubungen. Individualisieren und Temperamentsgruppen in der 
Klasse. Melancholiker. Temperament, Reinkarnation, Vererbung. 
Volkstemperament und Sprache. Temperament der Kinder und Spra- 
chenlernen. Anstiftung von Ungezogenheiten in einer Klasse. 

Sechste Seminarbesprechung, 27. August 1919 60 

Sprechubungen. Unterrichtsbeispiel; Besprechen eines Lesestiickes 
(Fabel) und eines Gedichtes. Padagogische Behandlung von «Brav- 
lingen*. 



Siebente Seminarbesprechung, 28. August 1919 72 

Sprechiibungen. Unterrichtsbeispiel fiir das 12.-15. Jahr: Geschichte. 
Subjektives in der Geschichtsbetrachtung: Tacitus, Treitschke, Her- 
man Grimm, Macaulay, konfessionelle Luther-Darstellungen. Die 
Kreuzziige: Ursachen, Ziele, Hindernisse und Mifierfolge. Ranke, 
Lamprecht, Treitschke, Tacitus, Rotteck. Schwarmerei von Schulern 
fiir einen Lehrer. 

Achte Seminarbesprechung, 29. August 1919 88 

Sprechiibungen. Maflnahmen, um schwacher begabten Schulern zu 
helfen. Ernahrung. Rechnen. Geographic Ehrgeiz. Auffassen von 
Naturobjekten. Unbegabte und Begabte. Eurythmie. Musik. 

Neunte Seminarbesprechung, 30. August 1919 101 

Sprechiibungen. Pflanzenkunde: Zwischenbemerkungen zu Vorschla- 
gen der Kursteilnehmer. Blatt, Bliite, Frucht in Beziehung zu Luft 
und Warme. Befruchtung. Pflanze als «Negativ» des Menschen; 
Pflanzen und menschliche Seelenwelt. 

Zehnte Seminarbesprechung, 1. September 1919 112 

Sprechiibungen. Pflanzen als sichtbar gewordene Seelenwelt der 
Erde. Hahnenfufi, Baum, Korbbliitler, Pilz; Sommer und Winter. 
Pythagoreischer Lehrsatz, 

Elfte Seminarbesprechung, 2. September 1919 120 

Sprechiibungen. Phrenologie. Menschliche Sinne. «Signaturen». 
Formteile der Pflanzen. Pflanzen und kindliches Seelenleben bis zum 
14. (16., 17.) Lebensjahr. 

Zwolfte Seminarbesprechung, 3 . September 1919 131 

Sprechiibungen. Sexuelle Aufklarung und pflanzliches Wachstum. 
Geographisches : Industriegegenden. Geometrisches. 

Dreizehnte Seminarbesprechung, 4. September 1919 . . . 136 
Sprechiibungen. Die geometrische Flache; Ubergang zur Buchstaben- 
rechnung. Phantasie beim Ausdenken von Rechenaufgaben. Kopf- 
rechnen: GaufS. Fehlerrechnungen: Kopernikus. 

Vierzehnte Seminarbesprechung, 5. September 1919 . . . 143 
Anfang des Musikunterrichts; Instrumente. Obergang vom Zahlen- 
rechnen (Zinsrechnung) zum Buchstabenrechnen. Negative und ima- 
ginare Zahlen. Addition, Multiplikation, Potenzieren; Subtraktion, 



Division, Wurzelziehen. Gebrauch von Formeln. Geschichte: Hein- 
rich I., Magyaren, Stadtegriindung. Konkretmachen der Zeit; Ge- 
nerationen. Kulturgeschichtliche Betrachtung. Mathematische Geo- 
graphic; Sonnenbewegung. Altagyptische Kultur. 

Erster Lehrplanvortrag, 6. September 1919 154 

Lehrziele fiir die einzelnen Stufen, 1.-8. Klasse; Deutschunterricht, 
1.-8. Klasse. Zeichnen. Latein 4.-8., Griechisch 6.-8. Klasse. Sach- 
unterricht 3. Klasse. Geschichte und Geographie 4.-8. Klasse. 

Zweiter Lehrplanvortrag, 6. September 1919 . ..... 165 

Naturkunde 3.-8. Klasse. Erwerbs-, Betriebs-, Verkehrsverhaltnisse. 
Physik, Chemie 6.-8. Klasse. Rechnen, Mathematik, Geometrie 1. 
bis 8. Klasse. Zeichnen 1.-8. Klasse. Musik. 

Funfzehnte Seminarbesprechung und 

Dritter Lehrplanvortrag, 6. September 1919 174 

Sprechubungen. Musikunterricht. Eurythmie, Turnen. Fortsetzung 
der Seminarbesprechung: Cassinische Kurve. Zirbeldriise, Herz. Vol- 
kerwanderung: wirtschaftliche Ursachen. Keltische Reste; Erhaltung 
und Verschwinden der germanischen Stamme. Entstehung des Staa- 
tes. Christianisierung der Germanen, Bonifatius. Musikunterricht. 
Zuriickbleibende Schiiler. Englisch und Franzosisch, Latein und 
Griechisch; Aussprache des Latein. Plastizieren. Zeugnisse. Weib- 



liche Handarbeiten. 
Schlufiworte. 

Bemerkungen zur ersten Buchausgabe 187 

Hinweise 189 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 195 



ERSTE SEMINARBESPRECHUNG 



Stuttgart, 21. August 1919 

Meine lieben Freunde, nachmittags will ich in freier Weise besprechen, 
was bei Ihnen Unterrichtsaufgabe werden soil, Einteilung des Schul- 
wesens, Ordnung des Unterrichts und dergleichen. In den ersten Tagen 
werden wir uns wohl hauptsachlich zu beschaftigen haben mit dem Ka- 
pitel, wie wir den Kindern gegenubertreten. 

Wenn wir Kindern gegenubertreten, sehen wir bald, dafi die Kinder 
verschieden geartet sind, und auf die verschiedene Artung der Kinder 
mu/5 trotz des Massenunterrichtes, auch bei groften Klassen, Riicksicht 
genommen werden. Wir wollen zuerst, unabhangig von allem anderen, 
uns dasjenige zum Bewufttsein bringen, was gewissermaften ideale Not- 
wendigkeit ist. Wir brauchen uns nicht allzusehr daran zu halten, dafi 
Klassen iiberfullt sein konnten, denn ein richtiger Lehrer wird, wenn 
es notwendig sein sollte, vor iiberfiillten Klassen zu lehren, auch mit 
iiberfullten Klassen zurechtkommen konnen. Beriicksichtigt mufi wer- 
den die Vielartigkeit der Menschenwesen, der Kinder. 

Nun lalk sich diese Vielartigkeit zuriickfuhren auf vier Grund- 
typen, und es ist die wichtigste Aufgabe des Erziehers und Lehrers, diese 
vier Grundtypen, die man die Temperamente nennt, wirklich zu kennen. 
Seit alters unterscheidet man die vier Grundtypen des sanguinischen, 
des melancholischen, des phlegmatischen und des cholerischen Tempe- 
ramentes. Wir werden immer finden, dafi die charakterologische Be- 
schaffenheit eines jeden Kindes in einer dieser Temperamentsklassen 
unterzubringen ist. Wir miissen uns zuerst die Fahigkeit aneignen, die 
verschiedenen Typen zu unterscheiden, von einem tieferen anthropo- 
sophischen Standpunkt aus zum Beispiel sanguinische von phlegmati- 
schen wirklich zu unterscheiden. 

Wir gliedern im geisteswissenschaftlichen Sinne die Menschenwe- 
senheit in Ich, Astralleib, Atherleib und physischen Leib. Nun wiirde 
natiirlich beim Idealmenschen die von der kosmischen Ordnung vor- 
gezeichnete Harmonie walten zwischen diesen vier Gliedern der Men- 
schenwesenheit. Dies ist aber in Wirklichkeit bei keinem Menschen- 



wesen der Fall. Und schon daraus kann man ersehen, daft die Men- 
schenwesenheit nicht eigentlich fertig abgeschlossen ist so, wie sie dem 
physischen Plan ubergeben wird, sondern dafi Erziehung und Unter- 
richt dazu dienen sollen, einen vollstandigen Menschen aus dem Men- 
schen zu machen. Eines der vier Elemente waltet vor bei einem jeden, 
und es mufi Ergebnis von Erziehung und Unterricht sein, die Harmoni- 
sierung zwischen den vier Gliedern herzustellen. 

Waltet das Ich besonders vor, das heiflt, ist das Ich schon beim 
Kinde sehr stark entwickelt, dann tritt uns das Kind entgegen mit 
einem melancholischen Temperament. Man verkennt diese Tatsache 
sehr leicht, weil man melancholische Kinder manchmal als bevorzugte 
Wesen ansieht. Eigentlich beruht die melancholische Anlage beim Kinde 
auf einem Vorherrschen des Ich in den allerersten Jahren. 

Waltet der Astralleib vor, dann tritt uns das cholerische Tempera- 
ment entgegen. 

Waltet der Atherleib vor, dann tritt uns das sanguinische Tempera- 
ment entgegen. 

Waltet der physische Leib vor, dann tritt uns das phlegmatische 
Temperament entgegen. 

Diese Dinge gliedern sich beim spateren Menschen etwas anders. 
Daher werden Sie bei einem Vortrag, den ich gehalten habe in bezug 
auf die Temperamente, eine kleine Veranderung finden. In diesem 
Vortrage sind die Temperamente in Beziehung zu den vier Gliedern 
des erwachsenen Menschen besprochen worden. Aber beim Kinde wer- 
den wir durchaus zu einem richtigen Urteil kommen, wenn wir die 
Gliederung in dieser Weise betrachten. 

Nun miissen wir gewissermafien solch ein Wissen dem Kinde gegen- 
iiber im Hintergrunde halten und versuchen, durch das ganze aufiere 
Auftreten des Kindes, durch den Habitus des Kindes auf die Tempe- 
ramentsgrundlage zu kommen. 

Wenn ein Kind sich fur alles mogliche nur kurz interessiert, sein 
Interesse rasch wieder zuriickzieht, dann werden wir es als sanguinisch 
bezeichnen miissen, Diese Orientierung sollten wir uns durchaus ange- 
legen sein lassen, selbst wenn wir viele Kinder zu erziehen haben, zu 
konstatieren, welche Kinder sich rasch fur aufiere Eindriicke interessie- 



ren und das Interesse rasch voriibergehen lassen. Die haben ein san- 
guinisches Temperament. 

Dann sollten wir genau wissen, welche Kinder zum inneren Griibeln, 
zum Briiten neigen; das sind die melancholischen Kinder. Sie sind nicht 
leicht zu haben fur Eindrucke der Auftenwelt. Sie briiten still in sich 
hinein, aber wir haben niemals den Eindruck, daft sie eigentlich inner- 
lich unbeschaftigt sind. Wir haben den Eindruck, daft sie innerlich be- 
schaftigt sind. 

Haben wir den anderen Eindruck, daft Kinder innerlich unbeschaf- 
tigt sind, daft sie in sich versunken sind und doch auch keine Teilnahme 
nach auften zeigen, dann haben wir es mit den phlegmatischen Kindern 
zu tun. 

Kinder, die stark ihren Willen durch eine Art von Toben zum Aus- 
druck bringen, das sind die cholerischen Kinder. 

Es wird naturlich noch viele Eigenschaf ten geben, durch welche sich 
diese vier Temperamentstypen bei den Kindern ankiindigen. Notwen- 
dig haben wir aber, daft wir uns in den ersten Monaten unseres Unter- 
richtes damit beschaftigen, daft wir die Kinder in dieser Zeit auf diese 
vier Merkmale hin priifen, daft wir diese Typen bei den Kindern wis- 
sen. Wir werden eine Klasse dadurch in vier Abteilungen, in vier Grup- 
pen gliedern konnen. Es ist wiinschenswert, daft wir allmahlich ein 
Umsetzen der Kinder vornehmen. Wenn wir Klassen haben mit beiden 
Geschlechtern, werden wir acht Gruppen haben. Wir werden die Kna- 
ben fur sich und die Madchen fur sich in vier Gruppen teilen, in eine 
cholerische, eine sanguinische, eine phlegmatische und eine melancho- 
lische Gruppe. 

Das hat einen ganz bestimmten Zweck. Wir unterrichten; und wah- 
rend wir unterrichten, werden wir verschiedene Dinge behandeln, wer- 
den Verschiedenes zu sagen, Verschiedenes zu zeigen haben, und wir 
werden uns als Lehrer zum Bewufttsein zu bringen haben, daft es, wenn 
wir etwas zeigen, was angeschaut werden soli, etwas anderes ist, als 
wenn wir ein Urteil dariiber abgeben. Wir wenden uns, wenn wir ein 
Urteil abgeben, zu einer anderen Gruppe, als wenn wir etwas zeigen. 
Wir wenden uns, wenn wir etwas aufzuzeigen haben, was besonders 
auf die Sinne wirken soil, mit besonderer Aufmerksamkeit an die san- 



guinische Gruppe. Wenn wir irgendeine Reflexion iiber das, was an- 
geschaut wurde, anstellen, dann wenden wir uns an die melancho- 
lischen Kinder. Nahere Details werden noch gegeben werden. Aber es 
ist notwendig, daft wir uns die Geschicklichkeit aneignen, unsere Auf- 
zeichnungen und Ansprachen immer an andere Gruppen zu richten. 
Dadurch kommt das zustande, daft das, was der einen Gruppe fehlt, 
durch die andere Gruppe ersetzt wird. Den melancholischen Kindern 
etwas zeigen, woriiber sie urteilen konnen; den sanguinischen etwas, 
was sie anschauen konnen. Sie erganzen sich dadurch, sie lernen von- 
einander, richten ihr Interesse aufeinander, diese beiden Gruppen. 

Sie miissen mit sich selbst Geduld haben, denn diese Behandlung 
der Kinderwelt mufi einen gewohnheitsmaftigen Charakter annehmen. 
Man mufi das im Gefiihl haben, an welche Gruppe man sich zu wenden 
hat, mufi es gewissermaften von selbst tun. Wurde man sich das vor- 
nehmen, dann wiirde man die Unbefangenheit verlieren. Also als eine 
Art Unterrichtsgewohnheit miiftten wir diese Behandlung der ver- 
schiedenen Temperamentsanlagen beriicksichtigen. 

Nun sollen Sie sich nicht in der Vorbereitung uberhasten, sondern 
kraftigen fiir die Arbeit. Daher meine ich nicht, daft Sie die wenige 
Tageszeit, die Ihnen noch bleibt, zu groften aufteren Ausarbeitungen 
verwenden sollen. Dennoch kann man aber die Dinge nur zu seinem 
inneren Eigentum machen, wenn man sie seelisch verarbeitet. Daher ist 
es unsere Aufgabe, daft wir mit diesem Verhaltnis des Lehrers zu den 
Temperamentsanlagen der Kinder wirklich sachgemaft verfahren. Wir 
wollen die Lehrer so einteilen, daft ich bitten werde, daft sich eine 
Gruppe mit dem sanguinischen Temperament beschaftigt, eine zweite 
Gruppe mit dem phlegmatischen, eine dritte mit dem melancholischen 
und eine vierte mit dem cholerischen Temperament. 

Ich bitte, daft Sie nachdenken iiber die zwei Fragen: Wie aufiert sich 
im Kinde das Temperament, das ich eben ausgesprochen habe, je fiir 
eine der Gruppen? Da wiirden Sie morgen in der freien Aussprache 
auseinandersetzen: Erstens, wie Sie glauben, daft sich das betreffende 
Temperament in dem Kinde aufiert. Zweitens, wie hat man das Tem- 
perament zu behandeln. 



Ober dieses «zu behandeln» will ich noch einiges sagen. Sie konnen 
schon aus dem Vortrag, den ich vor Jahren gehalten habe, ersehen, 
daft es die schlechteste Methode ist, wenn man einem Temperament 
dadurch beikommen will, daft man gewissermaften die entgegengesetz- 
ten Eigenschaften beim Kinde pflegt. Nehmen wir an, wir haben ein 
sanguinisches Kind. Wenn wir das dadurch dressieren wollen, daft wir 
ihm diese seine Eigenschaften austreiben wollen, werden wir es schlecht 
behandeln. Worum es sich handelt, ist, daft wir gerade auf das Tem- 
perament eingehen, ihm entgegenkommen, daft wir moglichst viel beim 
sanguinischen Kind in die Sphare seiner Aufmerksamkeit bringen, daft 
wir es sensitiv beschaftigt sein lassen und dadurch gewissermaften dem 
Hang, den es hat, entgegenkommen. So wird sich ergeben, daft dann 
diese Anlage, in die es eingespannt ist, sich allmahlich ablahmt und 
sich mit den anderen Temperamenten harmonisiert. 

Ferner, beim cholerisch tobenden Kinde sollen wir nicht versuchen, 
es nicht zum Toben kommen zu lassen, sondern versuchen, seine to- 
benden Eigenschaften in einer solchen Weise zu behandeln, daft wir 
von auften dem Kinde in der richtigen Weise entgegenkommen. Nun 
ist es schwer, ein Kind sich immer austoben zu lassen. 

Es ist ein deutlicher Unterschied vorhanden zwischen einem phleg- 
matischen und einem cholerischen Kinde. Ein phlegmatisches Kind ist 
teilnahmslos, und es ist innerlich nicht viel beschaftigt. Nun versuchen 
Sie als Lehrer, recht viel Teilnahme fur ein solches Kind in Ihrem 
Inneren aufzubringen, zu erwecken, sich zu interessieren fur jede Le- 
bensregung des Kindes. Es gibt immer Gelegenheit dazu. Das phleg- 
matische Kind kann, wenn man den Zugang findet zu seiner Teilnahms- 
losigkeit, sehr interessant werden. Aber aufiern Sie dieses innere Inter- 
esse nicht, suchen Sie teilnahmslos zu scheinen. Versuchen Sie selbst, 
Ihr Wesen zu spalten. Haben Sie innerlich viel Teilnahme, aufterlich ge- 
ben Sie sich so, daft es aus Ihnen das Spiegelbild seines eigenen Wesens 
zu sehen bekommt. Dann werden Sie erzieherisch einwirken konnen. 

Beim cholerischen Kinde dagegen versuchen Sie innerlich teilnahms- 
los zu werden, mit kaltem Blut zuzuschauen, wenn es tobt. Versuchen 
Sie, wenn es zum Beispiel das Tintenfafi zur Erde schmeifit, diesem 
Toben gegeniiber aufterlich so phlegmatisch, so gelassen wie moglich 



zu sein, durch gar nichts ergriffen zu sein! Und versuchen Sie, im Ge- 
genteil dazu, aufierlich moglichst viel von diesen Dingen mit dem 
Kinde in Teilnahme zu besprechen, aber nicht unmittelbar nachher! 
Zeigen Sie sich moglichst ruhig aufierlich und sagen Sie mit der mog- 
lichsten Ruhe: Du hast nun das Tintenfafi zerschmissen. Am anderen 
Tag, wenn das Kind selbst ruhig ist, besprechen Sie teilnahmsvoll die 
Sache mit ihm. Sprechen Sie dariiber, was es getan hat, zeigen Sie die 
grofke Teilnahme. Zwingen Sie so das Kind, hinterher die ganze Szene 
in seinem Gedachtnis zu wiederholen, durchzunehmen. Verurteilen Sie 
auch ruhig die Vorgange, wie es das Tintenfafi auf den Boden gewor- 
fen, zerschlagen hat. Man kann auf diese Weise mit tobenden Kindern 
aufierordentlich viel erreichen, Auf andere Weise bringt man sie nicht 
dazu, das Toben zu bekampfen. 

Das kann Sie auf den Weg leiten, nun selbst zu versuchen, die bei- 
den Fragen, die wir uns stellen werden, bis morgen zu behandeln. Wir 
werden das so behandeln, dafi jeder von Ihnen das vorbringen kann, 
was er eben vorzubringen hat. Machen Sie sich kurze Notizen iiber 
das, was Sie sich ausgedacht haben, und diese Notizen werden dann 
besprochen. 

Es mufi immer zu Besprechungen solcher und ahnlicher Art in der 
Lehrerschaft Zeit bleiben. In solchen Besprechungen, die einen mehr 
republikanischen Charakter tragen, mufi Ersatz gefunden werden fur 
eine diktatorische Leitung, wie sie in einem Rektorat gegeben ist, so 
dafi eigentlich jeder einzelne Lehrer an den Angel egenheiten und Inter- 
essen der anderen immerwahrend teilnimmt. Damit wollen wir morgen 
gleich beginnen in einer Art Disputation. Als Unterlage mochte ich 
Ihnen eine Art Schema geben, nach dem Sie arbeiten konnen. 

Sie konnen unterscheiden, wenn der Mensch sich aufiert, nach seinem 
ganzen Seelenhabitus, ob er etwas stark oder schwach ins Auge fafit; 
ob er etwas stark empfindet, das etwas Auflerliches ist, oder stark emp- 
findet seine inneren Zustande. 

Dann haben wir zu unterscheiden das Wechseln. Entweder man 
bleibt stark dabei und wechselt wenig, oder man bleibt weniger stark 
dabei und wechselt sehr viel. Dadurch unterscheiden sich die Tem- 
peramente. 




Wenn Sie dieses ins Auge fassen, dann werden Sie gleichzeitig in 
dem Schema eine gewisse Andeutung haben. Nebeneinander sind hau- 
fig sanguinisches und phlegmatisches Temperament, und Sie haben es 
so im Schema. Niemals geht phlegmatisches Temperament leicht ins 
Cholerische iiber. Sie sind verschieden wie Nord- und Siidpol. Ebenso 
stehen sich gegeniiber melancholisches und sanguinisches Temperament. 
Sie verhalten sich polarisch entgegengesetzt. Die nebeneinander liegen- 
den Temperamente gehen ineinander iiber, die verschwimmen. Dage- 
gen wird es gut sein, die Einteilung nach Gruppen so zu befolgen: Wenn 
Sie eine phlegmatische Gruppe zusammensetzen, ist es gut, wenn diese 
zum Gegenpol die cholerische hat und dazwischen die beiden anderen 
sitzen, die melancholische und die sanguinische. 

All diese Dinge gehen zuriick auf das heute morgen Gesagte. Es 
hat das Innere, das Seelische eben die allergrofite Bedeutung beim 
Zusammensein mit dem Kinde. Das Kind wird unterrichtet und er- 
zogen von Seele zu Seele. Ungeheuer viel spielt in den unterirdischen 
Drahten, die von Seele zu Seele gehen. Und so spielt aufterordentlich 



viel dem cholerischen Kinde gegeniiber, wenn Sie teilnahmslos blei- 
ben, dem phlegmatischen gegeniiber, wenn Sie inneren Anteil haben. 
Da werden Sie durch die eigene innere Seelenstimmung ubersinnlich 
erziehend auf das Kind wirken. Das Erziehen geschieht durch das, 
was Sie sind, das heifk in diesem Fall, wozu Sie sich machen innerhalb 
der Kinderschar. Das diirfen Sie eigentlich nie aus dem Auge verlieren. 

Ebenso wirken aber auch die Kinder aufeinander. Und das ist das 
Eigentiimliche: wenn man Kinder in vier Gruppen von gleichen Tem- 
peramentsanlagen einteilt und die gleichartigen nebeneinandersetzt, so 
wirken diese Anlagen nicht verstarkend aufeinander, sondern auf- 
hebend. Eine Gruppe von sanguinischen Kindern zum Beispiel ver- 
starken nicht ihre Anlagen, sondern sie schleifen sich gegeneinander 
ab. Wenn man sich dann im Unterricht an die cholerischen Kinder 
richtet, so nehmen die Sanguiniker davon auf und umgekehrt. Sie 
miissen als Lehrer die Stimmung Ihrer Seele auf das Kind wirken lassen, 
wahrend gleichgeartete Temperaments-Seelenstimmungen bei den Kin- 
dern sich abschleifen. Das Schwatzen miteinander bedeutet den inne- 
ren Hang, sich innerlich abzuschleifen, auch das Schwatzen in den 
Zwischenpausen. Die Choleriker werden weniger miteinander schwat- 
zen, als wenn sie neben anderen sitzen. Wir diirfen die Dinge nicht 
auflerlich betrachten und beurteilen. 

Nun mochte ich gleich von Anfang an Sie darauf aufmerksam ma- 
chen, daft wir einen grofien Wert darauf legen werden, den Unterricht 
moglichst konzentriert zu gestalten. Wenn man das nicht tut, kann man 
auf alle diese Dinge nicht Riicksicht nehmen, von denen ich eben gespro- 
chen habe, namentlich auf die Temperamente nicht. Daher werden wir 
das, was man im aufteren den Stundenplan nennt, nicht haben. In die- 
ser Beziehung werden wir also geradezu entgegengesetzt der Einrich- 
tung arbeiten, die das Ideal der modernen materialistischen Erziehung 
ist. In Basel zum Beispiel spricht man vom Vierzigminutenbetrieb. Man 
lafit gleich wieder etwas anderes folgen. Das heifk nichts anderes, als 
alles, was in den vierzig Minuten voranging, sofort wieder auszulo- 
schen und furchtbare Verwirrung in den Seelen anzurichten. 

Wir werden uns genau iiberlegen, welcher Lehrstoff einer gewissen 



Altersstufe des Kindes entspricht, und dann werden wir diesen Lehr- 
stoff , das Lesen zum Beispiel, durch eine gewisse Zeit hindurch verfol- 
gen. Das heiftt, das Kind wird seinen Vormittagsunterricht im Lesen wah- 
rend sechs bis acht Wochen haben, dann wird Schreiben an seine Stelle 
treten, dann Rechnen, so daft das Kind sich die gesamte Zeit hindurch 
jeweilig konzentriert auf einen Unterrichtsstoff. So daft etwa, wenn ich 
es schematisch andeuten wollte, unser Unterricht darin bestehen wiirde, 
daft wir moglichst am Morgen beginnen - das heiftt aber nur moglichst, 
denn es werden alle moglichen Modifikationen eintreten - mit Lesen, 
so daft wir einige Wochen lesen, dann schreiben, dann rechnen. 

An diesen eigentlichen Unterricht reihen wir dasjenige an, was etwa 
in der Form des Erzahlens zu machen ist. Wir werden im ersten Schul- 
jahr hauptsachlich Marchen erzahlen. Im zweiten Schuljahr werden 
wir uns bemiihen, das Leben der Tiere in erzahlender Form vorzubrin- 
gen. Wir werden von der Fabel iibergehen zu der Wahrheit, wie die 
Tiere sich zueinander verhalten. Aber es wird der Unterricht so ge- 
staltet, daft die Aufmerksamkeit des Kindes durch Wochen hindurch 
auf dasselbe konzentriert ist. Dann werden wir am Ende des Schul- 
jahrs Repetitionen folgen lassen, wodurch aufgefrischt wird, was im 
Anfang durchgenommen wurde. Absondern und fortdauernd pflegen 
werden wir nur alies Kunstlerische. Entweder nachmittags oder, wenn 
die notige Zeit vorhanden, vormittags, sollen wir das Kunstlerische als 
besondere Willensbildung pflegen. 

Nun wiirde es dem Ideal des Unterrichts entsprechen, daft das Kind 
eigentlich fur den konzentrierten Unterricht, wozu Anstrengung des 
Kopfes notwendig ist, iiberhaupt nicht mehr als taglich eineinhalb 
Stunden braucht. Dann konnen wir noch eine halbe Stunde Marchen 
erzahlen. Aufterdem bleibt dann immer noch die Moglichkeit, in etwa 
eineinhalb Stunden das Kunstlerische anzugliedern. Und wir wiirden 
dann fur die Kinder bis etwa zum zwolften Jahre keine langere Zeit 
bekommen, als nur dreieinhalb Stunden am Tage. Von diesen drei- 
einhalb Stunden nehmen wir dann am einzelnen Tage das wenige, was 
an Religionsunterricht notwendig ist, so daft wir schon auch die Mog- 
lichkeit haben wiirden, die Kinder so zu unterrichten, daft wir ab- 
wechseln konnten. 



Wenn wir also viele Kinder fur eine Klasse haben, so konnen wir 
das so einrichten, daft wir von sieben bis zehn die eine Gruppe haben 
und von zehn ein Viertel bis ein ein Viertel die andere Gruppe der Kin- 
der, so daft wir auf diese Weise mit dem Klassenraum auskommen 
konnten. 

Das wiirde das Ideal darstellen, daft wir kein Kind langer als drei- 
einhalb Stunden beschaftigen. Wir werden dabei immer frische Kinder 
haben und werden uns nur der Aufgabe unterziehen miissen, auszu- 
denken, was wir mit den Kindern anfangen in den groften Garten 
wahrend der Zeit, wo kein Unterricht ist. Sie diirfen auf den freien 
Platzen spielen im Sommer; aber im Winter, im Turnsaal, wird es 
schwer sein, sie beschaftigen zu konnen. Eine Stunde in der Woche fur 
Turnen und eine Stunde fur Eurythmie soil eingerichtet werden. Es 
wird gut sein, daft die Kinder auch da sein konnen, wenn kein Unter- 
richt ist, daft sie spielen konnen und dergleichen. Ich glaube, daft es 
keinen groften Unterschied macht, ob mit dem Unterricht begonnen 
wird gleich morgens oder spater, so daft wir gut in zwei Gruppen ein- 
teilen konnen. 

Nun werden Sie die Aufgabe haben, sich mit allerlei zu beschafti- 
gen. Wir werden nach und nach zu der Eingliederung der Arbeit kom- 
men, indem wir uns in unserer Disputation damit beschaftigen. Aber 
ich glaube, es wird gut sein, wenn Sie sich iiberlegen, worin dasjenige 
bestehen muft, was Sie gewissermaften in der Erzahlungsstunde mit den 
Kindern zu pflegen haben. Die eigentlichen Unterrichtsstunden werden 
sich dann aus unseren allgemeinen padagogischen Gesichtspunkten er- 
geben. Aber Sie werden fur die Erzahlungsstunden einen Stoff auf- 
nehmen miissen, der durch die ganze Schulzeit vom siebenten bis vier- 
zehnten Jahr an die Kinder im freien, erzahlenden Tone wird heran- 
gebracht werden miissen. 

Da wird es notwendig sein, daft in den ersten Schuljahren eben ein 
gewisser Marchenschatz zur Verfiigung steht. Dann wiirden Sie sich 
fur die folgende Zeit damit beschaftigen miissen, Geschichten aus der 
Tierwelt in Verbindung mit der Fabel vorzubringen. Dann biblische 
Geschichte, in die allgemeine Geschichte aufgenommen, aufierhalb des 



anderen Religionsunterrichtes. Dann Szenen aus der alten Geschichte, 
Szenen aus der mittleren Geschichte und aus der neueren Geschichte. 
Dann mussen Sie sich in die Lage versetzen, Erzahlungen uber die 
Volksstamme zu bringen, wie die Volksstamme geartet sind, was mehr 
mit der Naturgrundlage zusammenhangt. Dann die gegenseitigen Be- 
ziehungen der Volksstamme, Inder, Chinesen, Amerikaner, was ihre 
Eigentiimlichkeiten und so weiter sind, das heilk Kenntnis der Volker. 
Das ist eine ganz besondere Notwendigkeit aus der gegenwartigen Zeit- 
epoche heraus. 

Ich wollte, dafi wir uns heute diese besonderen Aufgaben gestellt 
haben. Sie werden dann sehen, wie wir diese Seminarstunden verwen- 
den werden. Heute soil alles eben fadengeschlagen sein. 

Wahrend des Sprechens hatte Rudolf Steiner folgende Ubersicht an die Wandtafel 
geschrieben: 

1 . ein gewisser Marchenschatz 

2. Geschichten aus der Tier welt in Verbindung mit der Fabel 

3. Biblische Geschichte als Teil der allgemeinen Geschichte (Altes 
Testament) 

4. Szenen aus der alten Geschichte 

5. Szenen aus der mittleren Geschichte 

6. Szenen aus der neueren Geschichte 

7. Erzahlungen uber die Volksstamme 

8. Erkenntnis der Volker. 



Fragenbeantwortung 



Es wird gefragt nach den Bildern fur die Laute und Buchstaben wie dem Fisch fur 
das F, wovon am Vormittag im ersten Vortrag des methodisch-didaktischen Kurses 
gesprochen worden war. 

Rudolf Steiner: Solche Dinge, solche Bilder mufl man selber finden. 
Man braucht nicht das historisch Gegebene zu suchen. Man sollte die 
freie, geziigelte Phantasie wirken lassen und Vertrauen haben zu dem, 
was man selber findet; auch fiir Tatigkeitsformen, zum Beispiel fiir 
das S. Was Sie selbst erarbeiten! 

L. fragt nach der lateinischen Schrift. 

Rudolf Steiner: Ja, die lateinische Schrift ist der Ausgangspunkt, 
weil diese die charakteristischen Formen enthalt. Und dann erst, wenn 
es notig wird, geht man iiber auf die deutsche, die gotische Schrift, die 
eigentlich ganz verschwinden sollte. 

O. fragt nach der Behandlung der melancholischen Kinder. 

Rudolf Steiner: Der Lehrer steht so gegeniiber dem melancholischen 
Kinde: Die melancholische Anlage beruht auf einem nicht ganz voll- 
standigen Unterkriegen des Stoffwechsels durch den geistig-seeiischen 
Menschen. Der Nerven-Sinnesmensch ist der ungeistigste Teil des Men- 
schen, ist der physischste Mensch. Am wenigsten physisch ist der Stoff- 
wechselmensch. Der geistige Mensch steckt am meisten im Stoffwech- 
selorganismus, ist dort aber am wenigsten zur Realisierung gekommen. 
Der Stoffwechselorganismus mufi am meisten bearbeitet werden. Wenn 
der Stoffwechsel zuviel Beschwerde macht, dann offenbart sich in dem 
Briiten das innerliche Streben nach dem Geiste. 

In der Nahe eines melancholischen Kindes sollten wir als Lehrer 
moglichst viel sichtbares Interesse an den aufieren Dingen seiner Um- 
gebung entwickeln, sollten moglichst so sein, wie wenn wir Sanguiniker 
waren, und sollten so die Aufienwelt charakterisieren. Dem sanguini- 
schen Kinde gegeniiber verhalten wir uns ernst, geben ihm mit inne- 
rem Ernst eindringliche, langanhaltende Charakteristiken der Aufien- 
welt. 



Im Nerven-Sinnesmenschen ist der Geist am meisten in den Men- 
schen hineingestiegen, im Stoffwechselmenschen am wenigsten; da hat 
er am starksten die Tendenz, sich durchzusetzen. 

Es wird die Frage nach Lehrbiichern gestellt. 

Rudolf Steiner: Man mufi sich die gebrauchlichen ansehen. Wenn 
wir ohne Biicher auskommen, urn so besser. Wenn die Kinder keine 
offentlichen Prufungen machen mtissen, dann braucht man keine Bii- 
cher. In Dsterreich miifke man die Kinder zur offentlichen Prufung 
fiihren. Wir miifiten feststellen, wie man wiinscht, daft wir das Er- 
reichen der Lehrziele nachweisen. Das Ideal ware, gar keine Prufung 
zu haben. Die Schlufipriifung ist ein Kompromifi mit der Behorde. Man 
mull ohne Prufung wissen, so und so steht es mit den Kindern. Prii- 
fungsangst vor der Geschlechtsreife ist sehr gefahrlich fur die ganze 
physiologische Struktur des Menschen. Sie wirkt so, dafl sie die physio- 
logisch-psychologische Konstitution des Menschen treibt. Das beste 
ware die Abschaffung alles Priifungswesens. Die Kinder werden viel 
schlagfertiger werden. 

Das Temperament schleift sich ab; gegen das zehnte Jahr wird der 
Temperamentsunterschied iiberwunden sein. 

Knaben und Madchen miifiten nicht getrennt werden. Wir trennen 
sie nur wegen der offentlichen Meinung. Es bilden sich Liaisons; man 
braucht sich dariiber nicht aufzuregen, aber man wird es uns iibelneh- 
men. Der Unterricht leidet darunter nicht, wenn der Lehrer Autori- 
tat hat. 

Fachlehrer brauchen wir fur die Kiinste, die auf den Willen wirken, 
auch fur die Sprachen, die besonders gegeben werden. Die kiinstleri- 
schen Dinge gehoren dem Fachlehrer. Der Klassenlehrer hat in der 
Hauptsache als Einheitslehrer zu wirken. Durch seinen gesamten Un- 
terricht wirkt er besonders auf den Intellekt und auf das Gemtit. Auf 
den Willen wirken die Kiinste: Turnen, Eurythmie, Zeichnen, Malen. 

Der Lehrer steigt mit den Schiilern auf bis zum Schlufi. Der Lehrer 
der letzten Klasse wird wieder der der ersten. 



ZWEITE SEMINARBESPRECHUNG 



Stuttgart, 22. August 1919 

L. berichtet iiber die Fragen: Erstens, wie au!5ert sich das sanguinische Temperament 
im Kinde, und zweitens, wie hat man es zu behandeln? 

Rudolf Sterner: Hier beginnen ja die Individualisierungen. Wir 

haben gesagt, daft wir nach den Temperamenten einteilen konnen. 

Man muE ja das Kind im Massenunterricht mit an dem allgemeinen 

Zeichenunterricht beschaftigen, und nun konnen wir bei den einzelnen 

Gruppen etwas individualisieren. Dann wiirde es sich darum handeln, 

in welcher Hinsicht Sie den Zeichenunterricht individualisieren woll- 

ten. Nachahmung wird man iiberhaupt weniger pflegen. Man wird 

im Zeichnen versuchen, das innere Formgefuhl zu erwecken. Man wird 

nur darin individualisieren konnen. Man wird einen Unterschied ma- 

chen konnen, ob man mehr geradlinige Formen oder mehr bewegte, ob 

man mehr einfache, iibersichtliche Formen nimmt oder solche mit 

mehr Details. Kompliziertere, mehr Detailformen, wiirden fur das Kind 

mit sanguinischem Temperament zu verwenden sein. Man wird nach 

dem Temperament mehr die Art bestimmen, wie man den einen oder 

den anderen unterrichtet. 

E. berichtet iiber dasselbe Thema. 

Rudolf Steiner: Nicht wahr, bei solchen Dingen mufi man sich im- 
mer ganz klar sein, daft namentlich die Behandlung doch nicht ein- 
deutig sein mufi. Es kann natiirlich von dem einen etwas gemacht wer- 
den, was ganz gut ist in einem solchen Fall, und von dem anderen 
etwas anderes, was auch gut ist. Also die pedantische Eindeutigkeit 
braucht nicht angestrebt zu werden, doch gewisse grofte Richtlinien 
mufi man schon einhalten, die miissen durchdrungen werden. 

Die Frage, ob ein sanguinisches Kind schwer oder leicht zu behan- 
deln ist, ist schon sehr bedeutsam. Daruber miiftte man sich schon eine 
Ansicht verschaffen und sich zum Beispiel folgendes klarmachen: Es 
kann passieren bei einem sanguinischen Kinde, daft man irgend etwas 
vorzubringen, zu erklaren hat. Das Kind hat wohl die Sache aufge- 
nommen, aber nach einiger Zeit merkt man, es ist gar nicht mehr dabei, 



sondern hat sich einer anderen Sache zugewendet. Dadurch wird der 
Fortschritt des Kindes beeintrachtigt. Was wiirden Sie tun, wenn Sie 
bemerken wiirden, Sie reden in der Schule vom Pferde, und nach eini- 
ger Zeit hat sich das sanguinische Kind sehr weit entfernt vom Gegen- 
stande und hat seine Aufmerksamkeit einem ganz anderen Gegenstande 
zugewendet, so dafi alles, was Sie besprechen, an seinen Ohren vorbei- 
gehen konnte? Was wiirden Sie mit einem solchen Kinde tun? 

Viel wird ja davon abhangen, wie weit man in solchem Falle indi- 
vidualisieren kann oder nicht. Hat man viele Kinder, so werden viele 
Mafiregeln nicht leicht durchzufuhren sein. Man hat ja, wenn man 
viele Kinder hat, die sanguinischen Kinder in einer Gruppe beisam- 
men. Dann mufi man vorbildlich wirken auf die sanguinischen durch 
die melancholischen Kinder. Wenn in der sanguinischen Gruppe irgend 
etwas nicht stimmt, sich zur melancholischen Gruppe wenden und 
dieses Temperament dann spielen lassen, um ausgleichend zu wirken! 
Gerade beim Massenunterricht ist das sehr ins Auge zu fassen. Da ist es 
wichtig, daft man nicht blofl selber den Ernst und die Ruhe bewahrt, 
sondern dafi man den Ernst und die Ruhe der melancholischen Kinder 
in Wechselwirkung treten lalk mit der sanguinischen Gruppe. 

Nehmen wir an, Sie sprechen iiber das Pferd. Sie sehen, ein sangui- 
nisches Kind aus der Gruppe, das ist langst nicht mehr dabei. Jetzt 
versuchen Sie das zu konstatieren. Indem Sie das Kind etwas fragen, 
machen Sie, dafi es wirklich hervortritt, dafi das Kind nicht mehr da- 
bei ist. Dann versuchen Sie, in der melancholischen Gruppe die Tat- 
sache zu konstatieren, daft ein Kind, wahrend Sie friiher vom Kleider- 
schrank gesprochen haben und jetzt schon lange vom Pferd sprechen, 
noch immer an den Kleiderschrank denkt. Konstatieren Sie das: «Sieh, 
du hast schon langst das Pferd vergessen, dein Freund ist noch nicht 
vom Kleiderschrank weggekommen!» 

Solche Tatsachen wirken stark. Auf diese Weise schleifen sich die 
Kinder aneinander ab. Dieses Selbstsehen der Kinder hat eine starke 
Wirkung. Die unterbewufke Seele hat ein starkes Gefiihl davon, dafi 
bei solchem Nicht-miteinander-Mitkommen das soziale Leben nicht 
weitergeht. Dieses Unbewufite in der Seele mufi man stark beniitzen, 
dann kann sogar der Massenunterricht ein aufierordentlich gutes Mittel 



sein, um vorwartszukommen, wenn man die Eigenschaften der Kinder 
aneinander abschleift. Um den Kontrast zu zeigen, mufi man eine wirk- 
lich leichte Hand haben und den Humor, so dafi die Kinder sehen: 
man argert sich nie, man hat auch keinen Groll, sondern man behandelt 
die Dinge so, dafi sie sich selber zeigen. 
T. spricht iiber das phlegmatische Kind. 

Rudolf Steiner: Was wiirden Sie tun, wenn ein phlegmatisches Kind 
nun gar nicht herauskommt und Sie zur Verzweiflung bringt? 

U. berichtet iiber die Behandlung der Temperamente vom musikalischen Stand- 
punkt aus und in bezug auf die biblische Geschichte. 



Phlegmatiker 
Harmonium und 
Klavier 
Harmonie 



Chorgesang 



Matthaus- 
Evangelium 
(Mannigfaltigkeit) 



Sanguiniker 
Blasinstrumente 
Melodic 



Choleriker 
Schlagzeuge 
und Trommel 
Rhythmus 



ganzes Orchester Soloinstrumente 
In bezug auf die biblische Geschichte: 



Lukas- 
Evangelium 
(Innigkeit) 



Markus- 
Evangelium 
(Kraft) 



Melancholiker 
Streichinstrumente 
Kontrapunkt (was 
mehr intellektuell 
durchgearbeitet 
werden muC) 
Sologesang 



Johannes- 
Evangelium 
(Geistige Vertiefung) 



Rudolf Steiner: Es ist vieles sehr richtig, namentlich auch in bezug 
auf die Instrumente und die Wahl des musikalischen Unterrichts. Eben- 
sogut ist der Gegensatz von Sologesang beim Melancholiker, dem 
ganzen Orchester beim Sanguiniker, und Chorgesang beim Phlegma- 
tiker. Die Dinge sind sehr gut, und auch die Evangelisten sind sehr gut. 
Aber die vier Kunste sind deshalb weniger den Temperamenten zuzu- 
teilen, weil es moglich ist, gerade durch die Vielheit des Kunstlerischen 
auf jedes Temperament ausgleichend zu wirken. Innerhalb der ein- 
zelnen Kunst ist das Prinzip sehr richtig, aber ich wiirde nicht die 
Kunste selbst verteilen. In bezug auf die Musik ist das richtig. Wenn Sie 
zum Beispiel den Phlegmatiker haben, konnen Sie unter Umstanden 
sehr gut durch etwas, was ihn im Tanz ergreift oder in der Malerei er- 
greift, auf ihn wirken. Da mochte ich nicht verzichten auf das, was in 
den verschiedenen Kiinsten auf ihn wirken kann. In der einzelnen 



Kunst wird es wieder moglich sein, die Richtungen und Betatigungs- 
gebiete der Kunst auf die Temperamente zu verteilen. Es wiirde nicht 
gut sein, wenn man da den Temperamenten zuviel nachgibt, wahrend 
es doch notwendig ist, alles so zuzubereiten, wie es fur die einzelnen 
richtig ist. 

O. berichtet iiber das phlegmatische Temperament und sagt, daft das Kind mit 
offenem Munde dasitzt. 

Rudolf Steiner: Sie sind im Irrtum; das phlegmatische Kind wird 
nicht mit offenem Munde dasitzen, sondern mit zugemachtem Munde, 
aber mit hangenden Lippen. Man kann schon manchmal durch einen 
solchen Hinweis den Nagel auf den Kopf treffen. Dies zu beriihren 
war sehr gut. Es wird in der Regel aber nicht der Fall sein; das phleg- 
matische Kind wird nicht mit offenem Munde dasitzen, sondern im 
Gegenteil. Das fiihrt zuriick auf die Frage: Wie kann man sich dem 
phlegmatischen Kinde gegenuber verhalten, wenn es uns zur Verzweif- 
lung bringt? 

Das Idealste, das man tun konnte, das ware, die Mutter des Kindes 
zu bitten, es immer wenigstens eine Stunde f riiher aufzuwecken, als es 
gewohnt ist zu erwachen, und in dieser Zeit, die man ihm eigentlich 
wegnimmt - man wird es nicht beeintrachtigen, weil es in der Regel 
immer viel langer schlaft als notig -, es mit allem moglichen zu be- 
schaftigen. Von der Zeit an, wo man es aufgeweckt hat, bis zu der Zeit, 
wo es sonst aufzuwachen gewohnt war, wird man es beschaftigen; das 
wiirde ein ideales Kurieren sein. Auf diese Weise wiirde man viel von 
seinem Phlegma wegnehmen. Das wird man in der Regel nicht konnen, 
weil die Eltern sich nicht darauf einlassen werden, aber man wiirde 
sehr viel damit tun konnen. 

Man wird folgendes tun konnen, was ein Surrogat ist, was aber viel 
helfen kann: Wenn die Gruppe so dasitzt - mit offenem Munde wird 
sie nicht dasitzen - und Sie vorbeigehen, und Sie gehen ofter vorbei, 
konnten Sie so etwas machen (Dr. Steiner schlagt mit einem Schliissel- 
bund auf den Tisch), wodurch Sie einen Schock hervorrufen, um die 
Kinder aufzuwecken, wodurch die Kinder dann iibergehen von dem 
zugemachten zu dem offenen Mund. In diesem Moment, wo Sie sie 
schockiert haben, versuchen Sie, sie wahrend fiinf Minuten zu beschaf- 



tigen. Man mufi sie durch eine auftere Veranlassung aus ihrer Lethar- 
gie herausbringen, aufstampern. Man mufi dadurch, dafi man auf das 
Unbewufite wirkt, dieses unregelmafiige Verbundensein des Atherleibes 
mit dem physischen Kbrper bekampfen. Man wird immer wieder ein 
anderes Mittel finden mtissen, das sie schockiert und sie dadurch von 
ihren hangenden Lippen zum offenen Munde bringt; das also gerade 
das hervorruft, was sie nicht gerne tun. So ware diese Frage zu behan- 
deln, wenn diese Kinder einen zur Verzweiflung bringen. Wenn man 
das mit Geduld fortsetzt und wirklich die phlegmatische Gruppe im- 
merzu in dieser Weise aufriittelt, dann wird man gerade da viel er- 
reichen. 

T.: Ware es nicht moglich, die phlegmatischen Kinder eine Stunde friiher zur 
Schule kommen zu lassen? 

Rudolf Steiner: Ja, wenn man das machen wiirde und es dazu brin- 
gen konnte, daft die Kinder mit einem gewissen Gerausch aufgeweckt 
werden, das ware naturlich sehr gut. Da ware es auch gut, die phleg- 
matische Gruppe zu den am friihesten in die Schule Kommenden einzu- 
reihen. Wichtig ist beim Phlegmatiker, dafi man aus einem veranderten 
Seelenzustand heraus seine Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt. 

Es wird die Frage der Ernahrung fur Kinder der verschiedenen Temperamente 
angeschnitten. 

Rudolf Steiner: Man wird iiberhaupt darauf zu sehen haben, daft 
nicht gerade die Hauptverdauungszeit zugleich die Schulzeit ist, aber 
kleinere Mahlzeiten werden keine zu grofte Bedeutung haben. Im Ge- 
genteil, wenn die Kinder gefriihstiickt haben, werden sie besser auf- 
passen konnen, als wenn sie mit hungrigem Magen kommen. Wenn man 
sie naturlich uberfuttert, was bei den phlegmatischen Kindern sehr in 
Betracht kommen wird, dann wird man ihnen gar nichts beibringen 
konnen. Den sanguinischen Kindern ware nicht allzuviel Fleisch, den 
phlegmatischen nicht zuviel Eier zu geben. Dagegen konnen die me- 
lancholischen Kinder immerhin eine gut gemischte Nahrung bekom- 
men, aber nicht allzuviel Wurzelzeug und Kohl. Bei melancholischen 
Kindern ist die Nahrung sehr individuell, da mufi man beobachten. 
Bei sanguinischen und phlegmatischen Kindern kann man schon gene- 
ralisieren. 



Es folgen Ausfuhrungen von D. iiber das melancholische Temperament der Kinder. 

Rudolf Steiner: Ja, das war sehr schon. Fur den Unterricht wird 
aber noch das in Betracht kommen, daft melancholische Kinder leicht 
zuriickbleiben, daft sie nicht leicht mitkommen. Das bitte ich noch zu 
beriicksichtigen. 

A. spricht iiber dasselbe Thema. 

Rudolf Steiner: Da ist die Bemerkung sehr gut, daft es sich bei me- 
lancholischen Kindern sehr darum handelt, wie man sich selbst zu ihnen 
stellt. Sie bleiben zuriick auch mit dem Geborenwerden des Ather- 
leibes, der sonst mit dem Zahnwechsel frei wird. Daher sind diese Kin- 
der viel zuganglicher fur die Nachahmung. Was man ihnen vormacht, 
daran halten sie fest, wenn sie einen liebgewonnen haben. Das mufi 
man bei ihnen benutzen, daft sie das Imitationsprinzip langer haben. 

N. berichtet ebenfalls iiber das melancholische Temperament. 

Rudolf Steiner: Besonders bitte ich zu beriicksichtigen, daft man das 
melancholische Temperament sehr schwer wird behandeln konnen, 
wenn man nicht eins betrachtet, was fast immer da ist: der Melancho- 
liker ist in einer merkwiirdigen Selbsttauschung; er ist der Meinung, 
daft die Erlebnisse, die er hat, nur ihn selbst betreffen. In dem Augen- 
blick, wo man ihm beibringt, daft andere Leute diese und ahnliche Er- 
lebnisse auch haben, ist das immer eine Art Kur fiir ihn, weil er be- 
merkt, daft er nicht allein so eine interessante Individuality ist, wie er 
glaubt. In dieser Illusion ist er befangen, daft er ganz auserlesen ist, so 
wie er gerade ist. Laftt man ihn das stark merken: «Du bist kein solch 
aufterordentlicher Kerl, solche Exemplare gibt es viele, die das oder 
jenes erleben», dann ist das eine sehr starke Beeintrachtigung der Im- 
pulse, die gerade zur Melancholie fiihren. Deshalb ist es gut, ihn be- 
sonders mit Biographien grofter Personlichkeiten zu behandeln. Er wird 
sich weniger interessieren fiir die auftere Natur, aber mehr fiir die ein- 
zelnen Personlichkeiten. Diese Biographien sollte man besonders ge- 
brauchen, um ihn iiber seine Melancholie hinwegzubringen. 

Zwei Lehrer berichten iiber das cholerische Temperament. 
Rudolf Steiner zeichnet folgende Figuren an die Tafel: 




Was ist das? Das ist audi eine Charakterisierung der vier Tempera- 
mente. Die melancholischen Kinder sind in der Regel schlank und 
diinn; die sanguinischen sind die normalsten; die, welche die Schultern 
mehr heraus haben, sind die phlegmatischen Kinder; die den unter- 
setzten Bau haben, so dafi der Kopf beinah untersinkt im Korper, sind 
die cholerischen Kinder. 

Bei Michelangelo und Beethoven haben Sie eine Mischung von me- 
lancholischem und cholerischem Temperament. 

Nun bitte ich, durchaus zu beriicksichtigen, dafi wir, wenn es sich 
um das Temperament beim Kinde handelt, als Lehrer durchaus nicht 
berufen sind, die betreffenden Temperamente von vornherein als «Feh- 
ler» anzusehen und bekampfen zu wollen. Wir miissen das Tempera- 
ment erkennen und uns die Frage stellen: Wie haben wir es zu behan- 
deln, um ein wunschbares Lebensziel mit ihm zu erreichen, so daft aus 
dem Temperament das Allerbeste wird und die Kinder mit Hilfe des 
Temperaments das Lebensziel erreichen? Gerade beim cholerischen 
Temperament wiirde es ja sehr wenig helfen, wenn wir es austreiben 
wollten und etwas anderes an seine Stelle setzten. In der Tat geht aus 
dem Leben und der Leidenschaft des Cholerikers sehr viel hervor, und 
insbesondere in der Weltgeschichte ware vieles anders geworden, wenn 
es nicht die Choleriker gegeben hatte. Aber gerade beim Kind mufi man 



sehen, daft man es trotz seines Temperaments zu entsprechenden Le- 
benszielen bringt. 

Beim Choleriker sind moglichst zu beriicksichtigen erdichtete Situa- 
tionen, kiinstlich gebildete Situationen, die man in die Aufmerksam- 
keitssphare des Kindes bringt. Man sollte zum Beispiel bei einem to- 
benden Kind die Aufmerksamkeit auf erdichtete Situationen lenken 
und diese erdichteten Situationen selbst cholerisch behandeln, so daft 
ich dem jungen Choleriker zum Beispiel erzahle von einem wilden 
Kerl, dem ich begegnet bin, den ich ihm vormale wie eine Wirklich- 
keit. Dann wiirde ich in Ekstase kommen, wiirde schildern, wie ich ihn 
behandle, wie ich ihn beurteile, so daft er die Cholerik an anderem sieht, 
an Ausgekliigeltem, so daft er die Tat sieht. Dadurch wird man in ihm 
die Kraft sammeln, daft er auch anderes gut begreifen kann. 

Rudolf Steiner wird gebeten, die Szene zwischen Napoleon und seinem Sekretar 
zu erzahlen. 

Rudolf Steiner: Da miiftte man erst die Baukommission um Erlaub- 
nis fragen! - Diese in der Rede vorgemalte Szene miiftte die redende 
Person so behandeln, daft Cholerisches dabei herauskommt. Das wird 
immer Kraft sammeln beim cholerischen Kinde, so daft man es dann 
weiter behandeln kann. Ein Ideal ware: der cholerischen Gruppe eine 
Situation vormalen, um auf diese Weise wiederum Kraft gesammelt 
zu haben. Dann halt es immer ein paar Tage an. Die Kinder werden 
dann ein paar Tage hindurch gar nicht gehindert sein, die Dinge auf- 
zunehmen. Sonst toben sie innerlich an gegen Dinge, die sie begreifen 
sollten. 

Nun mochte ich, daft Sie folgendes versuchen: Von diesem Behan- 
deln der Temperamente sollte etwas bleiben, und da wiirde ich Frau- 
lein B. bitten, auf hochstens sechs Seiten eine zusammenfassende Dar- 
stellung zu geben von der Eigentiimlichkeit der Temperamente und 
ihrer Behandlung, auf Grund alles dessen, was ich hier besprochen 
habe. Es braucht nicht schon morgen zu sein. 

Dagegen mochte ich Frau E. bitten, sich vorzustellen, sie hatte zwei 
Gruppen vor sich: sanguinische Kinder und melancholische Kinder, 
und sie sollte so abwechseln mit einer Art Zeichenunterricht, mit ein- 



fachen Zeichenmotiven, dafi das eine Mai gedient ware den sanguini- 
schen, das andere Mai den melancholischen Kindern. 

Jetzt mochte ich aufterdem noch bitten: Herr T. kann dieselbe Sache 
machen mit dem Zeichnen fur phlegmatische und cholerische Kinder, 
so daft Sie uns dann dies morgen vorfuhren konnen, so wie Sie es sich 
zurechtgelegt haben. 

Dann wiirde ich vielleicht Fraulein A., Fraulein D. und Herrn R. 
bitten, folgende Aufgaben zu behandeln: Sie denken sich, Sie sollen 
ein und dasselbe Marchen erzahlen, zweimal hintereinander, so, dafi 
Sie es nicht ganz gleich erzahlen, sondern in verschiedene Satze ein- 
kleiden und so weiter. Das erste Mai nehmen Sie mehr Riicksicht auf 
sanguinische, das zweite Mai auf melancholische Kinder, so daft beide 
etwas davon haben. 

Dann wiirde ich bitten, daft Herr M. und Herr L. sich mit der 
schwierigen Aufgabe befassen, die individuelle Beschreibung eines Tie- 
res oder einer Tiergattung zu geben und sie das eine Mai fur cholerische, 
das andere Mai fur phlegmatische Kinder zuzurichten. 

Herr O., Herr N., und vielleicht hilft auch Herr U. mit, die wiirde 
ich bitten, einmal die Aufgabe zu losen, wie man im Rechnen Riick- 
sicht nehmen konnte auf die vier Temperamente, gerade nur im 
Rechnen. 

Nicht wahr, wenn Sie nun auf solche Dinge wie auf die Tempera- 
mente so Ihre Aufmerksamkeit lenken, um darnach die Klasse fur den 
Unterricht einzuteilen, miissen Sie vor alien Dingen darauf Riicksicht 
nehmen, dafi der Mensch als solcher ein fortwahrend Werdender ist. 
Und das ist etwas, was wir uns in unserem Erzieherbewufitsein immer- 
wahrend aneignen miissen, dafi der Mensch ein fortwahrend Werdender 
ist, dafi er Metamorphosen unterliegt im Verlaufe seines Lebens. Und 
ebensogut wie wir stark reflektieren auf die einzelnen Temperaments- 
anlagen der einzelnen Kinder, konnen wir reflektieren auf das Wer- 
dende, und konnen sagen: In der Hauptsache sind alle Kinder Sangui- 
niker, ob sie auch im einzelnen phlegmatisch oder cholerisch sind. Alle 
Jiinglinge und Jungfrauen sind eigentlich Choleriker, und wenn es nicht 
so ist, wenn es in dieser Zeit nicht da ist, ist es eine ungesunde Entwicke- 



lung. Im Mannes- und Frauenalter ist der Mensch Melancholiker. Und 
im Greisenalter ist er phlegmatisch. 

Das beleuchtet wiederum doch ein wenig die Situation in bezug auf 
die Temperamente, denn Sie sehen da etwas, was ganz besonders not- 
wendig ist, in unserer jetzigen Zeit zu beriicksichtigen. Wir lieben in 
unserer jetzigen Zeit, uns starre, fest definierte Begriffe zu machen. In 
Wirklichkeit geht alles ineinander, so dafi man in dem Augenblick, wo 
man gesagt hat, der Mensch bestehe aus Kopf-, Brust- und Gliedmaflen- 
mensch, sich auch klarmachen mu!5, daft eben alles ineinandergeht. So 
ist ein cholerisches Kind nur der Hauptsache nach cholerisch, ein san- 
guinisches nur der Hauptsache nach sanguinisch und so weiter. Gele- 
genheit, vollcholerisch zu sein, hat man eigentlich erst im Jiinglings- 
und Jungfrauenalter, Manche bleiben ihr ganzes Leben hindurch Jung- 
linge, weil sie sich das Jiinglingsalter ihr ganzes Leben hindurch be- 
wahren. Nero und Napoleon kamen iiberhaupt nicht iiber das Jiing- 
lingsalter hinaus. Wir ersehen daraus, wie sich Dinge, die eigentlich 
im Werden miteinander wechseln, doch wieder im Wechsel ineinan- 
derschieben. 

Worauf beruht des Dichters, wie iiberhaupt geistige Produktivitat? 
Worauf beruht es, daft man Dichter werden kann? Darauf, daft man 
gewisse Eigenschaften des Jiinglings- und Kindesalters das ganze Leben 
hindurch bewahrt. Man hat urn so mehr Anlage zur Dichtkunst, je 
mehr man jung geblieben ist, Es ist in gewissem Sinne ein Ungluck fiir 
den Menschen, wenn man sich nicht die Moglichkeit bewahrt, gewisse 
Jugendeigenschaften, ein gewisses Sanguinisches, so fiir das ganze Le- 
ben zu bewahren. Es ist sehr wichtig fiir den Erzieher, sanguinisch 
durch Entschluft werden zu konnen. Das ist aufterordentlich wichtig, 
daft man das als Erzieher beriicksichtigt, so daft man diese gliickliche 
Veranlagung des Kindes als etwas ganz Besonderes pflegt. 

Alle produktiven Eigenschaften, alles, worauf das Gedeihen des 
geistig-kulturellen Gliedes des sozialen Organismus beruhen wird, das 
werden die jugendlichen Eigenschaften des Menschen sein, das wird 
gemacht werden von Menschen, die Jugendtemperament bewahrt 
haben. 

Alles Wirtschaftliche beruht darauf, daft im Menschen Alterseigen- 



schaften hereinragen, auch wenn wir jung sind. Denn alles wirtschaft- 
liche Urteil beruht auf der Erfahrung. Erfahrung wird nicht besser 
bewirkt als dadurch, daft in den Menschen gewisse Alterseigenschaften 
hereinragen, und der Greis ist ja Phlegmatiker. Der Geschaftsmann 
gedeiht am besten, wenn er in die ubrigen Merkmale und Eigenschaften 
des Menschen ein gewisses Phlegma beigemischt hat, das eigentlich 
schon ein Greisenhaftes ist. Das ist das Geheimnis sehr vieler Geschafts- 
leute, dafi sie sonst sehr gute Geschaftsleute sind, aber etwas Greisen- 
haftes beigemischt haben, namentlich in Dispositionen und so weiter. 
Derjenige, der in der Wirtschaft nur das sanguinische Temperament 
entwickeln wiirde, der wiirde nur zu Jugendprojekten kommen, die nie 
fertig werden. Der Choleriker, der jiinglinghaft geblieben ist, wiirde 
sich durch gewisse spatere Mafiregeln friihere verderben. Der Melan- 
choliker kann ja sowieso nicht Geschaftsmann werden. Dagegen ist 
eine harmonische Geschaftsentwickelung mit einer greisenhaften Fa- 
higkeit verbunden, die einen in die Lage versetzt, Erfahrungen aus dem 
Wirtschaftsleben zu sammeln. Wer Neigung zur Erfahrung hat, der ist 
stets ein phlegmatischer Greis. Harmonische Temperamente mit Phleg- 
ma, das gibt die beste Wirtschaftskonstellation. 

Sie sehen, daft man, wenn man die Zukunft der Menschheit bedenkt, 
solche Dinge beachten, Riicksicht darauf nehmen mufi. Man ist als 
dreifiigjahriger Dichter oder Maler nicht nur dreifiigjahriger Mensch, 
sondern es haben sich zugleich kindliche, jugendliche Eigenschaften in 
den Menschen hereingeschoben. Wenn einer produktiv ist, kann man 
sehen, wie ein Zweiter in ihm lebt, in dem er mehr oder weniger kind- 
lich geblieben ist, in dem das Kindliche in ihn hereingeschoben ist. 

Alle diese angefiihrten Dinge miissen Gegenstand einer neuartigen 
Psychologie werden. 



DRITTE SEMINARBESPRECHUNG 



Stuttgart, 23. August 1919 

A. erzahlt das Marchen vom «Marienkind» zunachst fur melancholische und dann 
fur sanguinische Kinder. 

Rudolf Steiner: Ich meine, Sie werden in Zukunft beriicksichtigen 
miissen, die Sachen artikuliert zu geben. Sie haben die beiden Fassun- 
gen in zu gleicher Art vorgebracht. Der Unterschied mull auch in der 
Artikulation liegen. Wenn Sie diese Details in etwas eindringlicherer 
Art vorbringen, werden Sie bei melancholischen Kindern den Eindruck 
nicht verfehlen. Bei Sanguinikern wiirde ich den Vortrag, besonders 
am Anfang, etwas mehr mit Zwischenpausen gestalten, so daft das 
Kind gezwungen ist, die Aufmerksamkeit, die es hat fallen lassen, im- 
mer von neuem wieder aufzunehmen. 

Nun mochte ich aber noch fragen: Wie wiirden Sie diese Erzahlung 
weiter verwenden, wenn Sie wirklich konkret zu unterrichten hatten? 
Stellen Sie sich vor, Sie stiinden vor Ihrer Klasse, was wiirden Sie dann 
tun? - Ich wiirde Ihnen raten, nachdem Sie die melancholische Fassung 
vorgebracht haben, sie sich nacherzahlen zu lassen von einem sangui- 
nischen Kinde und umgekehrt. 

D.: Ich will vorausschicken, dafi ich fur ratsam halte, das sanguinische Kind straff 
vor sich zu setzen und dauernd in der Blickrichtung zu halten, wahrend fur die me- 
lancholischen Kinder moglichst eine behagliche, gemiitliche Stimmung zu erzeugen ist. 

Rudolf Steiner: Sehr gut bemerkt. 

D. erzahlt das Marchen vom «Meerkatzchen» zunachst in der Fassung fur das 
sanguinische und dann fiir das melancholische Kind und bemerkt dazu, daft die me- 
lancholischen Kinder nicht viel Trauriges erzahlt haben wollen. 

Rudolf Steiner: So etwas kann man beriicksichtigen. Aber die Kon- 
trastierung war gut. 

Nun wiirde ich meinen, daft noch iibergegangen werden mull auf die 
Art, wie man das nun nach einiger Zeit weiter behandelt. Ich wiirde 
am nachsten Tage oder am darauffolgenden Tage nicht das Kind be- 
stimmen, das erzahlen soil, sondern ich wiirde sagen (lebhaft): «Jetzt 
merkt ihr euch das! Ihr konnt euch wahlen, welches ihr euch merken 



wollt, urn es selbst zu erzahlen!» Am nachsten oder zweitnachsten 
Tag wiirde ich das Kind sich melden lassen. 

G. erzahlt das Marchen vom «Similiberg» in beiden Fassungen. 

Rudolf Steiner: Nicht wahr, Sie haben doch alle das Gefiihl, dafi 
solch eine Sache auf verschiedene Weise gemacht werden kann. Nun ist 
es wirklich von einer grofien Bedeutung, daft man sich gerade, wenn 
man als Lehrer wirken will, die unnotige Kritisiererei abgewohnt; daft 
man als Lehrer ein starkes Gefiihl dafiir entwickelt, daft man sich be- 
wuftt wird, es kommt schlieftlich nicht darauf an, daft man immer auf 
etwas, was getan wird, etwas Besseres daraufsetzen muft. Eine Sache 
kann in mannigfaltiger Weise gut sein. Deshalb wiirde ich es auch fur 
gut halten, wenn dieses hier Vorgebrachte als etwas betrachtet wiirde, 
was durchaus so ausgefiihrt werden kann, wie wir es gehort haben. 

Ich mochte aber etwas anderes daran kniipfen. Bei alien drei Erzah- 
lungen glaube ich eines bemerkt zu haben: das ist, daft immer die erste 
Fassung auch in ihrer Zielsetzung die bessere war. Was haben Sie, 
Fraulein A., in Ihrer Seele zuerst ausgebildet, was haben Sie gefiihlt, 
daft Sie besser machen wiirden? 

Es wird festgestellt, dafi die zuerst von Fraulein A. in der Seele ausgebildete 
Fassung die fiir das melancholische Temperament war, und dafi diese die bessere war. 

Rudolf Steiner: Nun mochte ich empfehlen: arbeiten Sie alle drei 
auch noch die Fassung fiir das phlegmatische Kind aus. Das ist von 
grofter Bedeutung fiir das Stilgemafte der Form. Aber ich bitte Sie, ver- 
suchen Sie, womoglich diese Fassung sich heute noch auszuarbeiten, 
provisorisch, dann dariiber zu schlafen und die endgiiltige Fassung 
morgen zu beschlieften. Es ist eine Erfahrung, dafi man, wenn man so 
etwas machen will, das Umgestaltete nur aus einem anderen Geiste 
heraus bekommt, wenn man es nach Vorbereitung durch den Schlaf 
hindurchgehen lafit. Bringen Sie uns am Montag eine Umgestaltung 
ins Phlegmatische, die Sie aber, bevor Sie die endgiiltige Ausgestaltung 
vornehmen, vorbereiten. Das ist ja moglich, weil der Sonntag dazwi- 
schen liegt. 

E. zeigt eine Zeichnung vor, ein Motiv in Blau-Gelb fiir ein melancholisches Kind 
(Farbtafel, Figur 1). Rudolf Steiner zeichnet dazu dasselbe Motiv in Grvin-Rot fiir 
ein sanguinisches Kind (Farbtafel, Figur 2). 



Da kann man zu den Kindern sprechen: «Das Blau-Gelbe schaut 
man am besten am Abend an, wenn es dunkel wird, vor dem Einschla- 
fen. Das nehmt ihr auch herein in euren Schlaf, denn das ist die Farbe, 
womit ihr vor Gott erscheinen konnt. - Das Grim-Rote nehmt ihr vor 
morgens beim Erwachen, damit konnt ihr nach dem Erwachen leben. 
An dem erfreut euch den ganzen Tag!» 

Nun zeigt E. eine Zeichnung vor fur ein sanguinisches Kind, Rot auf weifiem 
Grund (Farbtafel, Figur 5). 

Rudolf Steiner zeichnet dasselbe Motiv fur ein melancholisches Kind, lang und 
schlank, Blau auf schwarzem Grund (Farbtafel, Figur 6). Die frech vorragende Form 
heifit er «Kickerling». Beim melancholischen Motiv zieht sie sich einwarts. 

Nun, sehen Sie, das wiirde ein solcher Gegensatz sein, dafi Sie mehr 
die Farben beniitzen wiirden, urn auf das eine Kind und auf das andere 
zu wirken. Sie miifken doch motivieren, daft Sie zweimal dieselbe Sache 
vorbringen. Was wiirden Sie zu den Kindern sagen? 

E. : Ich wiirde fragen, welches ihnen besser gefallt. 

Rudolf Steiner: Da wiirden Sie Ihre eigenen Erfahrungen machen! 
Das sanguinische Kind wiirden Sie erkennen an seiner Freude an die- 
sem Farbenkontrast. 

Natiirlich, solche einfache Formen, die sollte man nicht versaumen, 
fur Kinder wirklich zu pflegen. 

T. empfiehlt fur den Choleriker Formen, die nach aulSen spitz sind, 



zum 
Beispiel 



umzuwandeln in etwas Geschlossenes 




oder 




umzuwandeln in 




Fur den Phlegmatiker empfiehlt er den umgekehrten Weg: Vom Kreis auszugehen 
und Figuren einzeichnen zu lassen, oder den Kreis in irgendeiner Weise zu zer- 
schneiden. 




Rudolf Steiner: Ich wiirde nun beim phlegmatischen Kinde fiir diese 
Methode noch das Folgende anwenden. Ich 
wiirde sagen: 

«Nun sieh einmal, das ist ein Kreis: 
Nicht wahr, den magst du ganz gerne haben! 
Aber ich werde dir noch etwas anderes machen: 
Sieh einmal, ich nehme einfach diese Sachen weg, 
den Rand, jetzt ist es erst richtig: Du mufit dir 
angewohnen, nicht alles mogliche durcheinan- 
der zu machen. Versuche das Gleiche von An- 
fang an zu machen. » 

Durch Zeichnen und Ausloschen ist das phleg- 
matische Kind aus seinem Phlegma herauszu- 
reifien. 

Nun wiirde ich Sie bitten, dieselbe Methode des Beschlafens anzu- 
wenden, und Frau E. bitten, dasselbe Motiv auch fiir andere Tempe- 
ramente auszuarbeiten. 




M. beschreibt einen Gorilla in zweierlei Fassung. 

Rudolf Steiner: Es ist natiirlich nichts dagegen einzuwenden, daft 
man auch erfindet, ohne daft man sich anlehnt an bestimmte Natur- 
forscher, von denen man sich zwar anregen lassen kann. 

Ich mochte Sie jedoch bitten, einen grofieren Kontakt mit den Schii- 
lern bei einer solchen Erzahlung hervorzurufen. Es wiirde moglich 
sein, auch eine lange Erzahlung zu verwenden und Eindruck damit zu 
machen. Aber Sie muftten nicht in sich versunken sein, sondern mehr 
in Kontakt mit den Schiilern stehen. Wenn Sie es so versunken machen, 
konnten Sie den Kontakt vielleicht verlieren. 

L. schildert das Pferd fiir phlegmatische und cholerische Kinder. 

Rudolf Steiner: Bei Tierbeschreibungen wird es nun aber ganz be- 
sonders wichtig sein, daft wir in jeder Einzelheit besonders ins Auge 
fassen, daft der Mensch eigentlich das ganze Tierreich ist. Das ausge- 
breitete Tierreich ist der Mensch. Nicht wahr, solche Ideen kann man 
den Kindern nicht theoretisch beibringen. Das soli man auch nicht. 
Aber nehmen wir an, jemand sollte die Sache ausfiihren, die Herr L. 
angeschlagen hat, aber den Unterschied machen zwischen Phlegma- 
tiker- und Cholerikergruppe. Die Phlegmatischen werden wenig leicht 
erfaftbar sein. Und es wird das nicht leicht haften, was Sie mit ihnen 
durchnehmen iiber ein bekanntes Tier. Sie haben das Pferd oft gesehen, 
haben daher nur wenig Interesse dafiir. Solche Dinge sollen aber haf- 
ten. Da wiirde ich zu den phlegmatischen Kindern sagen: «Seht ein- 
mal, wie unterscheidet ihr euch denn eigentlich von einem Pferde? 
Wir wollen nur kleine Unterschiede nehmen. Nicht wahr, ihr habt 
alle einen solchen Fuft: Da sind die Zehen, da ist die Ferse, da ist der 
Mittelfuft. Das ist euer Fuft. 

Jetzt seht euch einmal den Pferdefuft an: Das ist der Hinterfufi 
vom Pferde. Wo sind die Zehen? Wo ist die Ferse und wo ist der 
Mittelfuft? Bei euch ist dann weiter herauf das Knie. Wo ist das Knie 
beim Pferde? Da seht einmal: Da sind die Zehen, die Ferse ist da ganz 
oben, das Knie ist da noch weiter oben. Da ist das ganz anders. Nun 
stellt euch einmal vor, wie anders so ein Pferdefuft aussieht als euer 
Fuft!» Das wird das phlegmatische Kind in Spannung versetzen, und 
es wird das schon behalten. 




Bei dem cholerischen Kinde wiirde ich eine Geschichte erzahlen, wie 
das Kind ganz draufien ein Pferd findet im Walde. Das Pferd lauft, 
weit hinten lauft der Mann, dem es durchgegangen ist, nach, und das 
Kind mufi das Pferd abfangen beim Ziigel. Wenn ich weifi, dafi ich ein 
cholerisches Kind habe, kann ich versuchen, ihm das beizubringen, wie 
es das machen soil, wie es die Ziigel erfalk. Es in die Phantasie zu ver- 
setzen, wie es das Pferd abfangt, das ist sehr gut. Auch das cholerische 
Kind hat im geheimen etwas Angst vor dieser Prozedur, aber man 
kommt einem cholerischen Temperament entgegen, wenn man ihm zu- 
mutet, das zu tun. Es wird dann etwas beschamt sein, etwas beschei- 
dener. Es ist ihm etwas zugemutet, was man nur einem cholerischen 
Kinde zumuten kann. 

Dann mochte ich bemerken, dafi Sie namentlich im Anfang diese 
Dinge sehr kurz gestalten sollten. Daher wiirde ich in diesem Falle 
Herrn M. bitten, seine Erzahlung auch fur sanguinische und melan- 
cholische Kinder auszufiihren, aber beide Male furchtbar kurz. Ebenso 
Herrn L., aber Einzelheiten herauszuheben, die dann bleiben, die dazu 
dienen, das Kind in Spannung zu versetzen. 

Wir mussen uns klar sein, daft wir den Unterrichtsstoff hauptsach- 



lich dazu verwenden, urn die Willens-, Gemiits- und Denkfahigkeiten 
des Kindes zu ergreifen, dafi es uns viel weniger darauf ankommt, was 
das Kind gedachtnismafiig behalt, als da!5 das Kind seine seelischen 
Fahigkeiten ausgestaltet. 

O. fiihrt aus, wie man im Rechnen Rucksicht nehmen konnte auf die vier Tem- 
peramente, erwahnt aber, daft er mit seiner Aufgabe nicht richtig fertig geworden 
ware. 

Rudolf Steiner: Das ist etwas, was ich vorausgesehen habe, denn die 
Aufgabe ist etwas sehr Schwieriges. Sie werden das ganz griindlich 
beschlafen miissen. 

Aber nehmen Sie folgendes als neue Aufgabe: Denken Sie sich eine 
Klasse, in der acht- bis neunjahrige Kinder sitzen. Es kommt ja natiir- 
lich in dem Unterricht der Zukunft darauf an, daft moglichst viel 
soziale Instinkte, sozialer Wille, soziales Interesse erzogen werde. Nun 
denken Sie sich drei Kinder, wovon das eine ausgesprochen phlegma- 
tisch, das andere ausgesprochen cholerisch und das dritte ausgesprochen 
melancholisch ist. Ich will ihre ubrigen Eigenschaften nicht erwahnen. 
Die kamen in der dritten bis vierten Woche, nachdem der Unterricht 
begonnen hat, und sagen zu Ihnen: «Mich konnen alle anderen Kinder 
nicht leiden!» Diese werden sich nun gleichsam erweisen als die Aschen- 
brodel, denen gegeniiber sich die andere Klasse etwas ablehnend ver- 
halt, die gepufft werden, die man stofit, die man uberall zuriicksetzt. - 
Ich mochte Sie bitten, bis Montag dariiber nachzudenken, wie der Er- 
zieher versuchen wird, diesem Ubel am besten abzuhelfen. Wie man 
diese Kinder zu beliebten Kindern machen konne, das ist eine wichtige 
Aufgabe fur die ganze Erziehung. Ich bitte Sie, das recht geistvoll 
durchzudenken, und das als eine sehr wichtige padagogische Aufgabe 
zu betrachten. 



VIERTE SEMINARBESPRECHUNG 



Stuttgart, 25. August 1919 

Rudolf Steiner: Wir werden nun fortfahren in der Aufgabe, die wir 
uns gestellt haben, und werden iibergehen zu dem, was Herr N. uns 
zu sagen hat iiber die Behandlung des Rechnens unter dem Gesichts- 
punkt der Temperamente der Kinder. Es wird sich mehr handeln um 
die Art des Verhaltens beim Rechnenlehren. 

N. entwickelt das Klarmachen eines Bruches, indem er ein Stuck Kreide zer- 
brechen laftt. 

Rudolf Steiner: Ich hatte nur zunachst das eine zu bemerken, daft 
ich zum Beispiel nicht Kreide verwenden wiirde, weil es zu schade ist, 
die Kreide zu zerbrechen. Ich wiirde einen wertloseren Gegenstand aus- 
suchen. Es wiirde geniigen ein Stuck Holz oder so etwas, nicht wahr? 
Es ist nicht gut, die Kinder friihzeitig daran zu gewohnen, niitzliche 
Gegenstande zu zerbrechen. 

N. fragt, wenn das Kind keine ganz vertikale Richtung halt, sich nicht gerade 
halt, ob dann dadurch die Erfassung raumlicher und geometrischer Formen erschwert 
ware? 

Rudolf Steiner: In einem bemerkbaren Mafie ist das nicht vorhan- 
den. Es kommt bei solchen Dingen viel mehr auf die Tendenzen an, 
nach denen der menschliche Organismus aufgebaut ist, als auf den Bau 
der einzelnen menschlichen Personlichkeiten. Es hat sich das mir einmal 
besonders stark entgegengestellt nach einem Vortrag in Miinchen, wo 
ich ausfuhrte, daft es eine gewisse Bedeutung hat fur den Bau des Men- 
schen, daft sein Riickgrat in der Linie eines Erddurchmessers liegt, wah- 
rend das Tier seine Riickenlinie waagerecht darauf hat. Nachher kam 
ein gelehrter Arzt aus Karlsruhe und machte geltend, daft der Mensch, 
wenn er schlaft, sein Riickgrat ja in horizontaler Linie habe! - Da sagte 
ich: Nicht darauf kommt es an, ob der Mensch sein Riickgrat in ver- 
schiedene Stellungen bringen kann, sondern darauf, daft der ganze 
menschliche Bau architektonisch so angeordnet ist, daft sein Riickgrat 
in der Normalhaltung vertikal ist, wenn er es auch in schiefe oder an- 
dere Lagen bringen kann. - Sie wiirden, wenn Sie das nicht in Betracht 



zogen, niemals verstehen konnen, wie gewisse Hinordnungen fiir die 
menschlichen Sinne, die sich noch im Intellekt finden, doch auftreten 
zum Beispiel bei Blindgeborenen. Der Mensch ist als Wesen so aufge- 
baut, daft sein Intellekt auf sein Auge hin tendiert, so daft man selbst 
bei Blindgeborenen noch Vorstellungen hervorrufen kann, die auf das 
Auge hin gerichtet sind, wenn ein Mensch so geartet ist, wie zum Bei- 
spiel die blinde Helen Keller. Es kommt an auf die Tendenz, auf die An- 
lagen im allgemeinen des menschlichen Organismus, nicht auf das, was 
zufallige Lagen hervorbringen konnen. 

Dann mochte ich das Folgende an Herrn Ns. Ausfuhrungen an- 
schlieften. Es kommt weniger darauf an, daft wir diese Dinge kriti- 
sieren, denn das kann man immer. Es kommt darauf an, daft solche 
Dinge vorgebracht werden, und daft wir versuchen, uns in solche Dinge 
hineinzufinden. 

Gehen wir einmal von der Addition aus, und zwar so, wie wir die 
Addition auffassen. Nehmen wir an, ich habe Bohnen oder ein Hauf- 
chen Holunderkiigelchen. Nun will ich fiir den heutigen Fall anneh- 
men, daft die Kinder schon zahlen konnen, was sie ja auch erst lernen 
miissen. Das Kind zahlt, es hat 27. - «27», sage ich, «das ist die Sum- 
mer Wir gehen aus von der Summe, nicht von den Addenden! Die 
psychologische Bedeutung davon konnen Sie in meiner Erkenntnis- 
theorie verfolgen. Diese Summe teilen wir jetzt ab in Addenden, in 
Teile oder in Haufchen. Ein Haufchen Holunderkiigelchen, sagen wir 
12; weiter ein Haufchen, sagen wir 7; weiter eines, sagen wir 3; weiter 
eines, sagen wir 5. Dann werden wir die Holunderkiigelchen erschopft 
haben: 27 = 12 + 7 + 3 + 5. Wir machen ja den Rechnungsvorgang 
von der Summe 27. Solch einen Vorgang lasse ich nun eine Anzahl von 
Kindern machen, welche ausgesprochen phlegmatisches Temperament 
haben. Man wird sich allmahlich bewuftt werden, daft diese Art des 
Addierens besonders geeignet ist fiir Phlegmatiker. - Dann werde ich 
mir, weil ja der Vorgang zuriickverfolgt werden kann, cholerische Kin- 
der aufrufen und werde die Holunderkiigelchen wieder zusammen- 
werfen lassen, aber so, daft es geordnet ist gleich 5 und 3 und 7 und 12 
sind 27. Also das cholerische Kind macht den umgekehrten Vorgang. 



Das Addieren ist ganz besonders die Rechnungsart der phlegmatischen 
Kinder. 

Nun nehme ich jemand heraus aus den melancholischen Kindern. 
Ich sage: «Hier ist ein Haufchen Holunderbeerchen; zahle sie mal ab!» 
Es kriegt heraus, sagen wir einmal 8. «Siehst du, ich will nicht haben 
8, ich will nur haben 3. Wieviel mull weggelegt werden von den Ho- 
lunderkiigelchen, damit ich nur 3 bekomme?» Dann wird es darauf 
ankommen, dafi 5 weggenommen werden miissen. Das Subtrahieren 
in dieser Form ist vor allem die Rechnungsart der melancholischen 
Kinder. - Nun rufe ich ein sanguinisches Kind auf und lasse die Rech- 
nung zuriick machen. Nun sage ich: «Was ist weggenommen worden?» 
Und ich lasse mir sagen: Wenn ich 5 von 8 wegnehme, so bleiben mir 
3 ubrig. - Das sanguinische Kind lasse ich wieder die umgekehrte Rech- 
nungsart ausfuhren. Ich will nur sagen, daft «vorzugsweise» die Sub- 
traktion - aber so ausgefuhrt, wie wir es tun - fur die melancholischen 
Kinder ist. 

Nun nehme ich mir ein Kind vor aus der Gruppe der Sanguiniker. 
Ich werfe wieder eine Anzahl Holunderkiigelchen hin, ich sorge aber 
dafiir, dafi es in irgendeiner Weise pafk. Nicht wahr, ich mufi das ja 
schon anordnen, sonst wiirde die Sache zu rasch ins Bruchrechnen hin- 
einfuhren. Also, nun lasse ich zahlen: 56 Holunderkiigelchen. - «Nun 
sieh einmal an, da habe ich 8 Holunderkiigelchen. Nun mufit du mir 
sagen, wie oft die 8 Holunderkiigelchen in den 56 drinnen sind.» Sie 
sehen, die Multiplikation fiihrt zu einer Division. Es bekommt her- 
aus 7. Nun lasse ich die Rechnung zuriickmachen von dem melancho- 
lischen Kinde und sage: «Nun will ich aber nicht untersuchen, wie oft 
die 8 enthalten sind in den 56, sondern wie oft ist die 7 enthalten in 
56? Wie oft kommt die 7 heraus?» Ich lasse die umgekehrte Rechnung 
immer von dem entgegengesetzten Temperament ausfuhren. 

Dem Choleriker lege ich vor zunachst die Division, vom Klein en 
zum Grofken, indem ich sage: «Siehe, da hast du das Haufchen von 8. 
Ich will von dir nun wissen, in welcher Zahl die 8 siebenmal drinnen- 
steckt.» Und er mufi herauskriegen: in 56; in einem Haufchen von 56. - 
Dann lasse ich das Umgekehrte, die gewohnliche Division, von dem 
phlegmatischen Kinde machen. Fur das cholerische Kind wende ich in 



dieser Form die Division an. Denn in dieser Form ist sie insbesondere 
die Rechnungsart der cholerischen Kinder. 

Auf diese Weise, indem ich es fortwahrend so durchfiihre, bekomme 
ich gerade fur die vier Rechnungsarten die Moglichkeit, sie zu gebrau- 
chen fur die Heranziehung der vier Temperamente: das Additive ist 
verwandt dem Phlegmatischen, das Subtrahieren dem Melancholischen, 
das Multiplizieren dem Sanguinischen, das Dividieren, mit dem Zu- 
ruckgehen zu dem Dividenden, dem Cholerischen. - Das ist es, was ich 
Sie bitte, im Anschluft zu dem von Herrn N. Gesagten zu beachten. 

Es ist von besonderer Wichtigkeit, daft man nicht langweilig fort- 
arbeitet: ein halbes Jahr bloft addiert, dann subtrahiert und so weiter, 
sondern wir werden diese vier Rechnungsarten womoglich nicht allzu 
langsam nacheinander durchnehmen, und dann alle vier iiben! Zuerst 
nur bis 40 etwa. So werden wir Rechnen lehren nicht nach dem gewohn- 
lichen Stundenplan, sondern so, daft durch das Uben diese vier Arten 
fast gleichzeitig angeeignet werden. Sie werden finden, daft es auf diese 
Weise sehr okonomisch geht, und daft man die Kinder die Dinge inein- 
anderarbeiten lassen kann. - Es ist ja die Division verwandt mit der 
Subtraktion, und die Multiplikation ist eigentlich nur eine wiederholte 
Addition. So daft man also auch umwechseln und zum Beispiel das 
cholerische Kind an die Subtraktion heranbringen kann. 

K. macht den Vorschlag, mit dem Stereometrischen zu beginnen. 

Rudolf Steiner: Fur Erwachsene kann man von Korpern ausgehen, 
aber warum haben Sie die Sehnsucht, bei dem Kinde vom Korper aus- 
zugehen und von da zur Flache zu gehen? Sehen Sie, es ist das Raum- 
liche im allgemeinen uniibersichtlich, sehr uniibersichtlich vor allem 
fur das Kind. Man wird nicht leicht dem Kinde eine andere als eine 
sehr verschwommene Vorstellung vom Raume beibringen konnen. Es 
leidet sogar die Phantasie darunter, wenn man dem Kinde zumutet, 
daft es gleich Korper vorstellen soli. 

Sie gehen davon aus, daft der Korper das Konkrete ist, die Linie das 
Abstrakte; das ist nicht der Fall. Ein Dreieck ist als solches schon ganz 
konkret, ist fur sich etwas im Raum. Das Kind sieht stark flachenhaft. 
Es ist vergewaltigt, wenn es in die dritte Dimension, in die Tiefendi- 
mension gehen soil. Wenn das Kind seine Phantasie anwenden soli, um 



sich den Korper vorzustellen, dann muE es die Elemente zu diesem 

Phantasievorstellen vorher schon haben. Es mull sich eigentlich schon 

die Linie und das Dreieck vorstellen konnen, ehe es sich zum Beispiel 

den Tetraeder vorstellen kann. Es ist besser, wenn das Kind vorher 

schon eine wirkliche Vorstellung vom Dreieck hat. Das Dreieck ist eine 

Sache fur sich, es ist nicht bloft eine Abstraktion vom Korper. Ich 

wiirde glauben, daft man Geometrie nicht zuerst als Stereometrie, son- 

dern als Planimetrie lehren soil, als Lehre von Figuren und dazwischen- 

liegenden Flachen, was sehr wiinschenswert ist, weil das dem, worauf 

das Kind sein Auffassungsvermogen gern richten will, Unterstiitzung 

bringen kann, auch durch Verbindung der Geometrie mit dem Zei- 

chenunterricht. Ein Dreieck wird ein Kind verhaltnismaftig bald zeich- 

nen, und man sollte nicht zu lange warten mit dem Nachzeichnen des- 

sen, was das Kind geometrisch anschaut. 

E. gibt das gestrige Zeichenmotiv heute fur ein cholerisches Kind (Farbtafel, 
Figur 3) und fur ein phlegmatisches Kind. 

Rudolf Steiner: Fur das cholerische Kind ist das ein sehr gutes Mo- 
tiv. Fur das phlegmatische Kind wiirde ich die Sache vorziehen, ge- 
sprenkelt zu machen, das heifit also, so kariert wiirde ich es fur das 
phlegmatische Kind vorziehen (Farbtafel, Figur 4). Ihres hier ist eine 
Moglichkeit, aber es wird das phlegmatische Kind doch zu wenig auf- 
merksam gemacht. 

Dann gibt T. Zeichnungen fur das melancholische und fiir das sanguinische Kind. 

Rudolf Steiner: Bei dieser Methode wird in Betracht kommen, daft 
man dem sanguinischen und melancholischen Kinde sicher dadurch 
entgegenkommen konnte, daft man beim sanguinischen Kinde sehr viel 
auf die Wiederholung halt, auf variierte Wiederholung. Man lasse viel- 
leicht das sanguinische Kind ein Motiv so zeichnen: 




Dann noch einmal drei solche Dinger 



1 



Dann noch einmal: 




so dafi viel auf die Wiederholung hinauskommt. 



Beim melancholischen Kinde wiirde es gut sein, dasjenige zu beach- 
ten, wohinein doch etwas das Nachdenken spielt. Nehmen wir an, das 
melancholische Kind sollte zunachst eine solche Form (Zeichnung a) 
ausbilden und dann die Gegenform (Zeichnung b), so daft es sich er- 
ganzt. 




Dadurch kommt die Phantasie in Regsamkeit. Ich will dasjenige 
schraffieren, was die urspriingliche Form (a) ist, und die Gegenform (b) 
so. Dasjenige, was hier (a) schraffiert ist, wiirde hier (b) leer sein.Wenn 
Sie sich das Leere ausgefiillt denken, wiirden Sie diese Form (a) wieder 
herausbekommen. Dadurch sind die aufieren (b) entgegengesetzte For- 
men von den inneren (a). — Sie haben also hier das Entgegengesetzte 
von solchen Zeichnungen, wo Wiederholung auftritt. Hier etwas, was 
gedanklich ist, mit der Anschauung vereinigt fur das melancholische 
Kind. Und wo Wiederholung auftritt, Ranken und so weiter, das ist 
fur das sanguinische Kind. 

A. erzahlt das Marchen vom «Marienkind» in der Fassung fur phlegmatische 
Kinder. 

Rudolf Steiner: Es ware wichtig, sich an eine gut artikulierte Spra- 
che zu gewohnen und so die Kinder aus der Mundart herauszufuhren. 
Frau Dr. Steiner wird vorsprechen. 



D. erzahlt das Marchen vom «Meerkatzchen» in der Fassung fur phlegmatische 
Kinder. 

Rudolf Steiner: Ich wiirde nur raten, versuchen Sie in einem solchen 
Falle auch Nebenhilfen des Erzahlens zu beniitzen. Ich wiirde gerade 
dem phlegmatischen Kinde gegeniiber ofter mal mit dem Satze ein- 
halten, dann die Kinder angucken, dann das ausniitzen, daft die Phan- 
tasie weiterarbeitet. Diese Neugierde an wichtigen Stellen erregen, da- 
mit sie ein wenig schon weiterdenken und selber sich ausmalen: «Die 
Konigstochter, - die war - sehr schon, - aber - weniger - gut!» Dieses 
Ausniitzen ist gerade fur phlegmatische Kinder am wirksamsten. 

R. erzahlt das «Sesammarchen» fur Phlegmatiker. 

Rudolf Steiner: Das Oberraschungsmoment beniitzen, das Neugier- 
moment. 

L. erzahlt fur sanguinische Kinder eine Tiergeschichte von Pferd, Esel, Kamel. 
Welches ist euch lieber, das Pferd oder der Esel? 

Rudolf Steiner: Einige Melancholiker werden den Esel lieber ha- 
ben. - Ja, was ich bei diesen Tierbeschreibungen bitten wiirde, das ware 
nur, moglichst darauf Rucksicht zu nehmen, dafi das Kind angeleitet 
wird zur Beobachtung der Tiere, dafi in solchen Beschreibungen wirk- 
liche Naturgeschichte liegen konnte. 

M. gibt fur Sanguiniker und Melancholiker die Schilderung eines Affen, der in 
das Dachgebalk floh. 

Rudolf Steiner: Ja, das wiirde auf den Melancholiker unter Um- 
standen einen ganz guten Eindruck machen, aber auch da meine ich, 
dafi es noch etwas auszubilden ware dahin, daft die Tierbeobachtung 
als solche gefordert wiirde. 

Ich mochte nur bemerken, dafi die Beriicksichtigung des Tempera- 
mentes des Kindes nicht aufier acht gelassen werden sollte, dafi man 
aber ruhig die ersten drei bis fiinf Wochen dazu verwenden sollte, die 
Temperamente der Schuler zu beobachten und sie dann so in Gruppen 
zu teilen, wie wir es hier besprochen haben. 

Sie werden gut tun, wenn Sie auch die Extreme der Temperamente 
ins Auge fassen wiirden. Goethe hat ja aus seiner Weltanschauung 
heraus den schonen Gedanken gepragt, dafi am Abnormen studiert 
werden konne das Normale. Goethe sieht eine abnorme Pflanze an, 



eine mifibildete Pflanze, und an der Art der Miftbildung lernt er das 
Normale kennen. So kann man auch Verbindungslinien Ziehen von 
dem durchaus Normalen zu den Mifibildungen des leiblich-seelischen 
Wesens, und Sie werden selbst die Linie finden von den Temperamen- 
ten zu dem abnormen Seelenwesen. 

Wenn das melancholische Temperament abnorm ausartet und nicht 
innerhalb der seelischen Grenzen bleibt, sondern ins Korperliche iiber- 
greift, so entsteht der Wahnsinn. Der Wahnsinn ist die Ausartung des 
im wesentlichen melancholischen Temperamentes. Die Ausartung des 
phlegmatischen Temperamentes ist der Schwachsinn oder Blodsinn. 
Die Ausartung des Sanguinischen ist die Narrheit. Die Ausartung des 
Cholerischen ist die Tobsucht. Sie werden aus ganz normalen Seelen- 
zustanden manchmal, wenn der Mensch im Affekt ist, solche Anwand- 
lungen aufsteigen sehen von Wahnsinn, von Schwachsinn, von Narr- 
heit, von Tobsucht. Es ist schon notwendig, dafi man sich einstellt auf 
die Beobachtung des ganzen Seelenlebens. 

Jetzt wollen wir an die Erledigung der anderen Aufgabe gehen. Ich 
sagte, was wiirden sich unsere Freunde zur Aufgabe stellen, wenn sie 
bei acht- bis neunjahrigen Kindern, die sie vor sich haben, die Erfah- 
rung machen, dafi drei bis vier Wochen nachdem die Schule begonnen 
hat, ein phlegmatisches Kind, ein cholerisches und ein melancholisches 
Kind gewissermafien die drei Aschenbrodel der Klasse werden, daft 
sie von alien gepufft werden, daft niemand mit ihnen umgeht und so 
weiter. Also, wenn das passiert ware, wie wiirden sich die Lehrenden 
und Unterrichtenden hierzu verhalten? 

Verschiedene Teilnehmer auftern sich daruber. 

Rudolf Steiner: Nie die Kinder sich gegenseitig denunzieren lassen, 
sondern man sollte auf andere Weise herausbekommen, was die Ur- 
sache ihres Aschenbrodeltums ist. Die Kinder brauchen nicht selber 
Schuld zu sein. 

Sehen Sie, man kommt oftmals in den Fall, helfen zu sollen bei der 
Kindererziehung. Wenn die Kinder in allerlei Unarten hineinkommen, 
so kommen Mutter und Vater, die sagen zum Beispiel: Mein Kind 
liigt. - Nun wiirde man wohl kaum fehlgehen, folgenden Rat zu geben. 



Man sagt: Denken Sie sich einen Fall aus, eine Erzahlung, in der ein 
liigenhaftes Kind ad absurdum gefiihrt wird, indem das Kind durch 
seine Luge selber in eine Situation gefiihrt wird, die es als unverniinftig 
ansehen mufi. Wenn man dem Kinde eine solche Erzahlung erzahlt, 
dann noch eine, dann noch eine in der Art, dann heilt man das Kind 
gewohnlich von seinem Liigenhang. 

In ahnlicher Art wiirde ich eine Abhilfe darin finden, wenn Sie 
die verschiedenen Dinge, die heute iiber die drei Aschenbrodel gesagt 
wurden, und alles, was Sie liber diese Kinder herausbekommen und 
erfahren konnen, in eine Erzahlung bringen, die Sie dann vor der gan- 
zen Klasse vorbringen, wodurch Sie bewirken, daft die drei Aschen- 
brodel sich etwas trosten, die anderen sich etwas schamen. Wenn Sie 
das bewirken, werden Sie wohl schon auf den ersten Anhub, und wenn 
Sie es zum zweitenmal wiederholen, werden Sie sicher wieder soziale 
Zustande, ein gegenseitiges Sich-in-Sympathie-Begegnen bei den Kin- 
dern erzielen. Eine solche Erzahlung ist sehr schwierig. Aber eine 
Skizze sollte gemacht werden bis zum Ende des Seminars. 

Fur morgen einen anderen Fall, der auch vorkommt, und der ganz 
sicher nicht durch eine Erzahlung wird zu behandeln sein, indem Sie 
die einen Kinder trosten, die anderen beschamen. 

Denken Sie, Sie hatten wiederum verhaltnismaftig junge, acht- bis 
neunjahrige Kinder in Ihrer Klasse, und einer dieser Knirpse ware 
hinter eine besondere Ungezogenheit gekommen. So etwas kommt vor. 
Er hat sie drauften kennengelernt, und es ist ihm gelungen, die ganze 
Klasse damit anzustecken, so daft die ganze Klasse wahrend der Pause 
die Ungezogenheit ausiibt. 

Ein schematischer Schullehrer wird dahin kommen, die ganze Klasse 
zu bestrafen. Aber ich hoffe, Sie werden bis morgen eine etwas ratio- 
nellere, das heiftt wirksamere Methode herausbringen. Denn diese alte 
Art zu strafen, fuhrt dazu, daft der Lehrer in eine schiefe Stellung 
kommt. Bei Schiagen und Nachsitzen bleibt immer etwas zuriick. Es 
ist nicht gut, wenn etwas zuriickbleibt. 

Ich habe einen besonderen Fall im Auge, der wirklich vorgekommen 
ist, und wo sich der betreffende Lehrer nicht sehr gunstig verhalten 



hat: Da war nun der Knirps dazu gekommen - und es ist ihm gelun- 
gen - auf den Plafond, auf die Decke des Zimmers zu spucken. Der 
Lehrer ist sehr lange nicht daraufgekommen. Man konnte keinen her- 
auskriegen, denn alle hatten es nachgemacht, und das ganze Klassen- 
zimmer war verschandelt. 

Diesen moralischen Fall bitte ich bis morgen auszudenken. Sie wis- 
sen im allgemeinen nur, daft die ganze Klasse angesteckt worden ist. Sie 
werden nicht von der Voraussetzung ausgehen diirfen, daft Sie von 
vornherein wissen, wer der Anstifter ist. Sie werden zu bedenken ha- 
ben, ob es nicht besser ist, auf das Herausbringen durch Denunziation 
zu verzichten. 

Wie wiirden Sie sich dazu verhalten? 



FttNFTE SEMINARBESPRECHUNG 



Stuttgart, 26. August 1919 



Rudolf Steiner: Es ist wirklich von einer groften Bedeutung, daft wir 
auch nebenhergehend etwas pflegen von deutlichem Sprechen. Es hat 
einen gewissen Einfluft, eine gewisse Wirkung. Nun sind bei einer 
anderen Gelegenheit einmal Satze von mir formuliert worden, die 
weniger daraufhin ausgebildet sind, einen besonders tiefen Sinn zu ge- 
ben, als darauf, daft man die Sprachorgane dabei in einer eben orga- 
nischen Weise in Bewegung bringt, auch in allseitige Bewegung bringt. 
Ich mochte nun, daft Sie, ganz ohne Genieren, diese Satze herumgehen 
lassen und jeder sie nachspricht, auf daft wir an solchen Satzen, indem 
wir sie ofter iiben, unsere Sprachorgane elastisch machen, sie gleichsam 
in Turnen versetzen. Frau Dr. Steiner wird diese Satze kunstgerecht 
vorsprechen, und ich bitte die einzelnen Teilnehmer, die Satze dann 
nachzusprechen. Diese Satze sind nicht auf das Verstehen, nicht auf 
den Sinn, sondern auf das Turnen der Sprachorgane hin gebildet. 

Daft er dir log uns darf es nicht loben 

Im wirklichen Konversationston wird es nicht so ausgesprochen, aber 
jetzt sollten Sie sich in die Silben hineinlegen und jeden Buchstaben ab- 
wechselnd sprechen. 

Nimm nicht Nonnen in nimmermiide Miihlen 

Das n kehrt immer wieder, aber in anderen Verbindungen, und da 
turnt das Sprachorgan in richtiger Weise. Auch das ist darin, daft zwei 
n zusammenkommen; bei den m «in nimm» langer verweilen. Lange i, 
kurze i. 

Rate mir mehrere Ratsel nur richtig 

Die Organe kommen so in richtige turnerische Tatigkeit. 

Ich wiirde Ihnen empfehlen, besonders darauf zu achten, sich in die 
Laute, in die Silben formlich hineinzulegen, formlich hineinzuwachsen, 



auf ein solch deutliches Hineinwachsen wirklich aufmerksam zu sein, 
so daft Sie sich bewuftt sind: Sie sprechen jeden Laut. Sie heben jeden 
einzelnen Laut ins Bewufttsein herauf. Das ist ja die Schwache, die 
man sehr haufig im Sprechen hat, daft man hiipft iiber Laute, wahrend 
das Sprechen dazu bestimmt ist, verstanden zu werden, und eher so 
lauten soil, daft man zunachst in einer gewissen karikierten Weise Sil- 
ben betont, die gar nicht betont werden. Schauspieler iiben sich, nicht 
«Freunderl» zu sagen, sondern «Freunderl». Also mit Bewufttsein je- 
den Buchstaben aussprechen! Es wird sogar gut sein, daft Sie solche 
Prozeduren machen, wenn auch nicht regelmaftig, wie der Demosthe- 
nes. Sie wissen ja, als es gar nicht mehr ging, hat er Steinchen auf die 
Zunge gelegt und seine Stimme durch Obung so gestarkt, daft sie das 
Rauschen des Stromes iibertonte, um eine Sprache sich anzueignen, in 
der er von den Athenern gehort werden konnte. 

Jetzt wiirde ich Fraulein B. bitten, uns die Sache der Temperamente 
vorzubringen. Da wir auf das Individuum hin orientiert den Unter- 
richt geben wollen, ist es richtig, daft wir gerade auf die Grundlage der 
Temperamente eine grofte Sorgfalt verwenden. Natiirlich kann man, 
wenn man eine Klasse hat, nicht auf jedes Kind hin individualisieren. 
Aber dadurch wird viel individualisiert, daft Sie auf der einen Seite, 
sagen wir, phlegmatische und melancholische, auf der anderen Seite 
sanguinische und cholerische Kinder haben, und nun lebendig durch- 
einander bald diese, bald jene teilnehmen lassen, bald zu der Gruppe 
dieses Temperaments sich wenden, und wiederum in den Antworten 
die anderen vornehmen, zu den einen dieses, zu den anderen jenes 
sprechen. Dadurch wird von selbst in der Klasse individualisiert. 

B. gibt ihre zusammenfassende Darstellung der Temperamente und ihrer Behand- 
lung. 

Rudolf Steiner: Das ist Ihre Ausfiihrung, Nun, das ist sehr schon 
durchgefuhrt, was hier konversierend gesprochen worden ist. Es geht 
aber doch vielleicht zu weit, wenn Sie vom melancholischen Tempera- 
ment geradezu behaupten, daft es zu ausgesprochener Frommigkeit 
neigt. Es fehlt hier nur das kleine Wortchen «oft». Es kann aber durch- 



aus auch der Fall vorkommen, dafi die melancholische Anlage bei Kin- 
dern auf einem ausgesprochenen Egoismus beruht, und dafi es durch- 
aus nicht religioser Hang ist. Beim Erwachsenen wird man das Wort- 
chen «oft» weglassen konnen; beim kleinen Kinde ist das Melancho- 
lische sehr oft die Maske flir einen ausgesprochenen Egoismus. - Melan- 
cholische Kinder sind oftmals abhangig von der Witterung, sie kundet 
sich auch an in melancholischen Kindern. Das sanguinische Kind ist 
auch abhangig von der Witterung, aber stimmungsgemaft, mehr see- 
lisch, wahrend das melancholische Kind mehr leiblich unbewuftt davon 
abhangt. 

Wenn ich diese Frage eingehend geisteswissenschaftlich besprechen 
wollte, miilke ich Ihnen zeigen, wie sich namentlich das kindliche Tem- 
perament in das Karma einreiht, wie wirklich in dem kindlichen Tem- 
perament etwas herauskommt, was man als Folge bezeichnen kann von 
Erlebnissen in friiherem Erdendasein. Nehmen wir im Konkreten ein- 
mal einen Menschen, der sich in einem Leben sehr stark fur sich selbst 
interessieren mufi. Dadurch, dafl er einfach einsam ist, mufi er sich fur 
sich selber interessieren. Dadurch, daft er sehr haufig sich mit sich be- 
schaftigen mufi, dadurch kommt er insbesondere in die Lage, das See- 
lische in dem Gefiige seines Korperlichen auszugestalten, gezwungen 
durch die Verhaltnisse, und er bringt in die nachste Inkarnation mit 
ein sehr stark ausgebildetes Leibliches mit Bezug auf sein Verhaltnis 
zur Aufienwelt. Er wird ein Sanguiniker. Dadurch kann es vorkom- 
men, wenn einer durch seine Inkarnation zur Einsamkeit gezwungen 
ist und dadurch zuriickgeblieben ware, so gleicht er das in der nachsten 
Inkarnation dadurch aus, daft er ein Sanguiniker ist, der auf alles auf- 
merksam sein kann. Wir diirfen ja das Karma nicht moralisch be- 
trachten; wir mussen es kausalisch betrachten. Dafi er ein Sanguiniker 
werden kann, angewiesen auf die Beobachtung der Aufienwelt, das 
kann ja ein sehr Gutes flir das Leben abgeben, wenn es in der richtigen 
Weise erzogen wird. Das Temperament hangt ja in hervorragendem 
Mafie mit den allgemeinen Antezedenzien des Menschenwesens, des 
menschlichen Gemutslebens zusammen. 

T. fragt, was der Verschiebung der Temperamente im Laufe des Lebens von der 
Jugend zum Erwachsenen zugrunde liegt. 



Rudolf Steiner: Wenn Sie sich erinnern an einen Vortragszyklus, 
den ich einmal in Kassel gehalten habe, «Das Johannes-Evangelium 
im Verhaltnis zu den drei anderen Evangelien», so werden Sie darin 
Bemerkungen finden uber die Beziehungen eines Kindes zu seinen 
Eltern. Sie werden darin ausgefuhrt finden, wie in dem physischen 
Leib und in dem Ich das vaterliche Prinzip sehr stark nachwirkt, wie 
in dem Atherleib und Astralleib das miitterliche Prinzip vorherrscht. 
Goethe hat das geahnt, indem er den schonen Ausspruch getan hat: 



Vom Vater hab' ich die Statur, 

Des Lebens ernstes Fiihren, 
Vom Mutterchen die Frohnatur 

Und Lust zu fabulieren 



- was sich auf den physischen Leib 
bezieht 

- was sich auf das Ich bezieht 

- was an den Atherleib gebunden 
ist 

- was an den Astralleib gebunden 
ist. 



In diesen Worten liegt eigentlich eine ganz aufierordentliche Weisheit. 
Sie sehen, dafi in einer merkwiirdigen Weise zusammengemischt ist, 
was eigentlich im Menschen ist. Der Mensch ist eben eine durchaus 
komplizierte Wesenheit, Es besteht eine bestimmte Verwandtschaft 
zwischen Ich und physischem Leib, und eine Verwandtschaft zwischen 
Atherleib und Astralleib. Im Laufe des Lebens kann daher eines in das 
andere iibergehen. Es geht also zum Beispiel uber beim melancholischen 
Temperament das Vorherrschen des Ich in das Vorherrschen des phy- 
sischen Leibes. Und beim Choleriker iiberspringt es sogar die Vererbung 
und geht iiber vom Miitterlichen ins Vaterliche, denn es geht uber vom 
Oberwiegen des Astralischen zum Uberwiegen des Ich. 

Beim melancholischen Temperament des Kindes herrscht vor das 
Ich, beim Erwachsenen der physische Leib. Beim sanguinischen Tempe- 
rament des Kindes herrscht vor der Atherleib, beim Erwachsenen der 
Astralleib. Beim phlegmatischen Temperament des Kindes herrscht vor 
der physische Leib, beim Erwachsenen der Atherleib. Beim cholerischen 
Temperament des Kindes herrscht vor der Astralleib, beim Erwachse- 
nen das Ich. 



Sie werden eben solche Dinge nur richtig ansehen, wenn Sie streng 
f esthalten, dafi man nicht die Dinge nebeneinanderstellen kann, um so 
weniger, je hoher Sie in geistige Gebiete kommen. 

J. : Es findet sich ein ahnlicher Ubergang in der Personenanordnung im Personen- 
verzeichnis im «Huter der Schwelle» und «Der Seelen Erwachen». 

Rudolf Steiner: Dort drinnen ist eine Verwandlung, die durchaus 
den Tatsachen entsprechen kann. Diese Mysterien miissen Sie so neh- 
men, dafi Sie sie moglichst wenig theoretisch aufnehmen. Ich kann gar 
keine Auskunft geben, wenn die Frage theoretisch gestellt wird, weil 
ich sie eben nur so, wie sie dastehen, rein gegenstandlich vor mir gehabt 
habe. Die Personen sind alle nur der Wirklichkeit entnommen. Ich 
habe neulich bei einem gewissen Anlaft hier vorgetragen, daft es den 
Felix Balde gegeben hat, in Trumau, und jener alte Schuhmacher, der 
den Urtyp des Felix Balde noch gekannt hat, heiftt Scharinger, aus 
Miinchendorf. Es ist auch der Felix dort noch in der Tradition vorhan- 
den. So sind alle diese Gestalten, die Sie in meinen Mysterien finden, 
einzelne wirkliche Personlichkeiten, 

N.: Wenn man von Volkstemperament spricht, kann man dann auch von der 
Zugehorigkeit eines einzelnen zu dem Temperament seines Volkes reden? - Und 
weiter: druckt sich das Volkstemperament in der Sprache aus? 

Rudolf Steiner: Das erste ist richtig, das zweite nicht ganz. In rea- 
lem Sinne kann man von einem Volkstemperament sprechen. Volker 
haben wirklich ihre Temperamente, doch der einzelne kann sich gut 
herausheben aus dem Volkstemperament, es wirkt nicht pradisponie- 
rend auf das Individuum. Man mufi darauf Riicksicht nehmen, daft 
man ja nicht die Individualist des einzelnen identifiziert mit dem 
Temperament des ganzen Volkes. Es wurde zum Beispiel ganz falsch 
sein, wenn man den Russen als einzelnen von heute identifizierte mit 
dem Temperament des russischen Volkes. Dieses ware melancholisch, 
wahrend der einzelne Russe als solcher heute vielleicht mehr sangui- 
nisch ist. Jeder hat die Moglichkeit, zu seinem eigenen Temperament 
zu kommen. 

Die Art des Volkstemperamentes druckt sich selbst in den einzelnen 
Sprachen aus. Man kann daher durchaus sagen: die Sprache des einen 
Volkes ist so, die des anderen so. Man kann sagen: Die englische Sprache 



ist durchaus phlegmatisch und die griechische im eminentesten Sinne 
sanguinisch. Solche Dinge lassen sich durchaus als Bezeichnung von 
realen Wirklichkeiten sagen. Die deutsche Sprache hat, wie ja im Deut- 
schen vielfach ein Mittelding gegeben ist, sehr starke melancholische 
und sehr starke sanguinische Ziige. Das konnen Sie sehen, wenn die 
deutsche Sprache in ihrer Grundform zum Ausdruck kommt, wie na- 
mentlich in der mehr philosophischen Rede. Ich erinnere an die wun- 
derbare Pragung der philosophischen Rede bei Fichte und an einzelne 
Stellen von Hegels «Asthetik». Da werden Sie finden, daft da der 
Grundcharakter der deutschen Sprache ganz besonders deutlich zum 
Ausdruck kommt. 

Der italienische Volksgeist hat eine besondere Verwandtschaft mit 
der Luft; der franzosische einen besonderen Zusammenhang mit allem 
Fliissigen; der englisch-amerikanische, namentlich der englische, einen 
Zusammenhang mit dem Festen, der amerikanische sogar mit dem Un- 
terirdischen, namlich mit dem Erdmagnetismus und der Erdelektrizitat. 
Dann der russische mit dem Licht, aber mit dem von der Erde, von 
den Pflanzen zuriickgestrahlten Licht. Der deutsche mit der Warme, 
von der Sie gleich finden werden, daft sie einen Doppelcharakter hat: 
namlich innere und auftere, Blutwarme und atmospharische Warme. 
Da finden Sie gleich einen polarischen Charakter, auch bei der Zutei- 
lung zu diesen Elementarzustanden. Auch da finden wir dieses Po- 
larische, dieses Zwiespaltige des deutschen Wesens, das also in allem 
drinnen ist. 

Es wird gefragt: Diirfen die Kinder etwas wissen von dieser Einteilung in Tem- 
peramente? 

Rudolf Steiner: Das ist dasjenige, was man hinter den Kulissen 
halten mufi. Es kommt sehr viel darauf an, daft der Lehrer taktvoll 
weift, was er hinter den Kulissen zu halten hat. Alles dasjenige, was 
wir hier besprechen, das ist dazu da, um dem Lehrer die Autoritat zu 
verleihen. Wenn er sich verraten wiirde, wiirde er nicht durchkommen. 

Die Schiiler sollen nicht nach ihren Leistungen gesetzt werden. Wiin- 
sche der Schiiler, einmal nebeneinander zu sitzen, nicht zu benicksich- 
tigen, ist gerade niitzlich. 



Frage: Konnen auch altere Schiiler nach Temperamenten gesetzt werden? 

Rudolf Steiner: Ja, selbst bis in die Hochschule hinein; aber nach 
dem fiinfundzwanzigsten Jahr ist das nicht mehr notig. Sie wiirden 
Ihnen auch dann nicht mehr folgen. 

L. fragt: Gibt es einen Zusammenhang zwischen den Temperamenten und der 
Auswahl der Sprachen fiir die verschiedenen Temperamente der Kinder? 

Rudolf Steiner: Das wiirde theoretisch schon richtig sein, aber es 
empfiehlt sich nicht, unter den heutigen Verhaltnissen darauf Riick- 
sicht zu nehmen. Man wird gar nicht in die Moglichkeit versetzt sein, 
allein dasjenige zu berucksichtigen, was nur nach der Anlage des Kin- 
des richtig ist, sondern auch, dafi das Kind in der Welt fortkommen 
mufi, und dafi man ihm das gibt, was es zu seinem Fortkommen brau- 
chen wird. Wenn sich in der nachsten Zeit herausstellen sollte, daft 
sehr viele deutsche Kinder nicht geeignet sein sollten fiir die Aufnahme 
der englischen Sprache, so ware es gut, dieser Schwache nicht nachzu- 
geben. Gerade diejenigen, die eine solche Schwache zeigen, die werden 
erst recht die englische Sprache brauchen. 

Es folgt die Besprechung der gestern gestellten Aufgaben: dafi die ganze Klasse, 
von einem einzelnen angestiftet, eine grofie Ungezogenheit begeht, daft sie zum 
Beispiel an die Decke spucken. Es werden einige Ansichten dartiber vorgebracht. 

Rudolf Steiner macht dazu verschiedentlich Zwischenbemerkungen: 
Das Hinarbeiten auf das Langweiligwerden einer solchen Sache, so 
dafi die Kinder dann von selber aufhoren, sie fortzusetzen, das ist schon 
ganz zweckmafiig. - Man mufi stets unterscheiden, ob etwas aus Bos- 
heit oder aus Obermut geschieht. 

Etwas mochte ich bemerken: Auch der beste Lehrer wird die Un- 
gezogenheiten nicht vermeiden konnen. Wenn aber die ganze Klasse 
mittut, dann ist wohl meist der Lehrer schuld. Liegt die Schuld nicht 
am Lehrer, so ist immer ein Teil der Schiiler auf Seite des Lehrers und 
wird fiir ihn Partei ergreifen. Nur wenn er schuldig ist, macht die 
ganze Klasse mit. 

Ist aber eine Sachbeschadigung vorgekommen, dann ist es schon 
richtig, daft sie wieder gutgemacht werden mufi, und die Kinder selbst 
mussen sie wieder gutmachen, aber durch ihre eigene Tatigkeit, nicht 



nur indem sie dafiir zahlen. Man kann ja den Sonntag oder zwei bis 
drei Sonntage dafiir benutzen, daft sie zusammen die Sache wieder gut- 
machen. 

Dann ist ja wahr,ein gutes Mittel zum Ad-absurdum-Fiihren ist auch 
der Humor, besonders bei kleinen Ungezogenheiten. Aber hier beruhte 
das Ganze auf Anstiften. 

Ich habe diese Aufgabe gestellt, damit man sieht, wie man eingreift 
in etwas, was auf Anstiften geschieht. Da mufi man die Voraussetzung 
dieses Falles in Betracht ziehen. 

Um auf das Wesentliche hinzuweisen, will ich Ihnen folgende tat- 
sachliche Begebenheit erzahlen: In einer Klasse, wo solche Dinge oft 
vorgekommen waren, und die Lehrer sich gar nicht zu helfen wufiten, 
ging in einer Zwischenpause einer der Jungen, der etwa zehn bis zwolf 
Jahre alt war, auf das Katheder hinauf und sagte: Meine Herren Laus- 
buben, schamt ihr euch nicht, immer wieder solche Sachen zu machen? 
Bedenkt doch, daft ihr alle ganz dumm bleiben wiirdet, wenn die Leh- 
rer euch nichts lehren wiirden. - Dieses hatte die groftte Wirkung. 

Wir konnen aus diesem Fall das Folgende lernen: Wenn so etwas 
vorkommt, daft auf Anstiftung eines einzelnen oder einiger weniger 
ein grofter Teil der Klasse so etwas tut, dann ist ja wohl zu erwarten, 
daft wiederum durch den Einfluft einiger weniger die Sache wieder 
gutgemacht werden kann. Wenn einige da sind, die die Anstifter sind, 
so werden andere da sein, zwei bis drei, die der Klasse ihre Meinung 
sagen. Meistens gibt es Fiihrer. Es miiftte daher der Lehrer zwei oder 
drei solche Fiihrer heraussuchen, miiftte eine Besprechung veranstalten 
mit zweien oder dreien, die er fur eine solche Besprechung fur geeignet 
halt. Denen hatte der Lehrer klarzumachen, wie ja eine solche Sache 
den Unterricht unmoglich macht, und wie sie dieses erkennen und ihren 
Einfluft auf die Klasse geltend machen sollten. Die haben dann ebenso- 
viel Einfluft wie die Anstifter und konnen es ihren Mitschiilern klar- 
machen. Man mufi eben bei einer solchen Sache in Rucksicht ziehen, 
wie die Kinder aufeinander wirken. 

Es handelt sich hier vor allem um Hervorrufen von Gefuhlen, die 
bewirken, daft man zuriickkommt von der Sache. Ein rohes Bestrafen 
seitens des Lehrers wiirde ja nur Furcht und ahnliches bewirken. Es 



werden da nicht die Gefiihle hervorgerufen, die zur Besserung fiihren. 
Es wird schon der Lehrer moglichst gelassen bleiben und sich dann 
objektiv verhalten miissen. Damit ist nicht gemeint, daft er sich selber 
nicht sollte als Autoritat behandeln. Das kann er schon sagen: «Ihr 
wiirdet nichts lernen und dumm bleiben ohne den Lehrer ». Der Lehrer 
soli nicht zu bescheiden sein, mit den drei von den Schulern das zu be- 
sprechen, die fur ihn eintreten. Aber die Strafe sollte er schon von den 
Mitschiilern ausfiihren lassen, indem diese bei ihren Kameraden das 
Gefuhl der Beschamung erzeugen. Dadurch wird an das Gefiihl appel- 
liert, nicht an das Urteil. Wenn man aber die ganze Klasse wiederholt 
gegen sich hat, dann mu!5 man die Schuld bei sich selber suchen. Ein 
guter Teil der Ungezogenheit liegt in dem Umstand, daft die Kinder 
sich langweilen und keine Beziehung zum Lehrer haben. 

Sehr gut ist es auch, wenn es sich nicht um eine allzuschlimme Sache 
handelt, dasjenige, was die Schiiler tun, nun seinerseits auch zu tun; 
etwa indem der Lehrer sagt, wenn die Schiiler brummen: «Nun ja, 
brummen kann ich ja auch», und die Sache sozusagen homoopathisch 
behandelt. Homoopathisch zu sein, ist fiir die moralische Erziehung 
etwas aufterordentlich Gutes. Auch das Interesse einfach auf etwas 
anderes abzulenken, ist eine gute Methode. Niemals aber wiirde ich 
an den Ehrgeiz der Schiiler appellieren. 

Wir werden im allgemeinen nicht viel iiber solche Ungezogenheiten 
zu klagen haben. 

Wenn man die Korrektur der Ungezogenheit einer Klasse durch 
Mitschiiler selbst vornehmen lafit, dann wird auf das Gefuhl gewirkt, 
um dadurch die geschadigte Autoritat wieder zu heben. Wenn ein an- 
derer Schiiler die Dankbarkeit hervorhebt, die man dem Lehrer gegen- 
iiber haben muft, dann wird die Autoritat wieder aufgerichtet. 

Es wird sich darum handeln, daft man die Richtigen herausnimmt. 
Man muft die Klasse kennen und diejenigen herausfinden, die zu einer 
solchen Mission geeignet sein konnten. Wiirde ich eine Klasse unter- 
richten, ich konnte das wagen. Ich wiirde versuchen, gerade den Ra- 
delsfiihrer herauszufischen und ihn zwingen, zu schimpfen, so sehr er 
nur kann iiber die Sache zu schimpfen, und wiirde mir gar nichts mer- 
ken lassen, daft er es selbst getan hat. Ich wiirde die Sache dann schnell 



beendigen, da£ ein Rest von Unklarheit zuriickbleibt, und Sie werden 
sehen, dafi gerade unter diesem Rest von Unklarheit, der da bleibt, 
manches erreicht wiirde. Einen an der Sache beteiligten Schlingel zu 
veranlassen, die Sache richtig und objektiv zu charakterisieren, das 
wird nicht zu Scheinheiligkeit fiihren. Alles wirkliche Strafen wiirde 
ich fur iiberflussig halten, ja sogar fiir schadlich. Das, worauf es an- 
kommt, ist, ein Gefiihl zu erzeugen vom objektiven Schaden, der an- 
gerichtet worden ist, und von der Notwendigkeit, diesen Schaden 
wieder gutzumachen. Und wenn eine Zeitversaumnis eingetreten ist 
durch eine Storung im Unterricht, so ist es, nicht um zu strafen, son- 
dern um Versaumtes nachzuholen, notwendig, dieses zu einer anderen 
als zur Schulzeit nachzuholen. Die Gebarde des Strafens darf gar 
nicht gebraucht werden. Man raufi den Status quo ganz ruhig wieder 
herstellen lassen, in der Form einer Notwendigkeit. 

Nun wiirde ich eine schon mehr ins Psychologische gehende Frage 
vorlegen: Wenn in der Klasse sogenannte schadliche Frommlinge sind, 
die in der verschiedensten Weise sich Liebkind machen wollen, die 
diesen Charakter haben, dafS sie einem mit allerlei kommen und immer 
wieder kommen, wie Sie diese behandeln mochten. 

Sie konnen naturlich die Sache furchtbar einfach machen. Sie kon- 
nen sagen: Ich kummere mich einfach nicht um sie. - Dann aber wird 
diese Eigenschaft auf andere Weise abgelenkt bei Kindern, die so ver- 
anlagt sind. Sie entwickeln sich, diese Bravlinge, zu irgend etwas, was 
der Klasse nachteilig ist, wenn man sich blofi ablehnend verhalt. Man 
mu6 nachdenken, was mit ihnen am besten gemacht wird im ganzen 
Verlauf des Unterrichts und der Erziehung. 



SECHSTE SEMINARBESPRECHUNG 



Stuttgart, 27. August 1919 

Wiederholung der gestrigen Sprechiibungen; dann neue: 

Redlich ratsam 
Riistet riihmlich 
Riesig rachend 
Ruhig rollend 
Reuige Rosse 

Protzig preist 
Bader brunstig 
Polternd putzig 
Bieder bastelnd 
Puder patzend 
Bergig briistend 

Lesen einer Fabel von Lessing. 

Rudolf Steiner: Sie miissen bedenken, dafi Prosa je nach der Per- 
sonlichkeit in verschiedener Stimmlage gelesen werden kann. 

Den Titel lalk man moglichst fallen bei so etwas und betont ihn 
nicht besonders. 

Die Nacbtigall und der Pfau 

Eine gesellige Nacbtigall fand unter den Sangern des Waldes Neider 
die Menge, aber keinen Freund. «Vielleicht finde ich ihn unter einer 
anderen Gattung», dachte sie und floh vertraulicb zu dem Pfau herab. 
«Schdner Pfau, ich bewundere dicbh - «lch dich auch, liebliche Nacb- 
tigall^ - «So lafi uns Freunde sein», sprach die Nacbtigall weiter. 
«Wir werden uns nicht beneiden diirfen, du bist dem Auge so ange- 
nehm, als ich dem Obre.»Die Nacbtigall und der Pfau wurden Freunde. 
Kneller und Pope waren bessere Freunde als Pope und Addison. 



Rudolf Steiner sagte statt dessen scherzweise: Frankreich und Italien 
sind bessere Freunde als Italien und England. So kann man auch sagen; 
die Anwendung kann namlich in der verschiedensten Weise gemacht 
werden. 

Rudolf Steiner: Jetzt mochte ich mit Ihnen ein Stuck Unterricht 
besprechen. Ich mochte darauf aufmerksam machen, daft Sie niemals 
den Inhalt eines Lesestuckes - ich will es prosaisch so nennen - dadurch 
fur das Gefuhl und die Empfindung verderben sollten, daft Sie das 
Lesestiick lesen, oder mit den Zoglingen durchlesen, und es dann pedan- 
tisch erklaren. Der einsichtige Psychologe wird es nicht so machen, son- 
dern er wird das Gefuhl dafiir haben, daft ein Prosastiick oder ein 
Gedicht auf die Seele so wirken mull, daft diese Seele, wenn sie es 
erlebt hat, mit dem Eindruck zufrieden sein kann; von dem Eindruck 
befriedigt sein kann, konnte man auch sagen. Man wird aber das nicht 
ausschlieften diirfen, daft man gerade diese Befriedigung, welche aus 
dem Inhalte eines Lesestuckes hervorgehen soli, fiir den Zogling da- 
durch erhoht, daft der Zogling vollstandig alle Nuancen versteht, daft 
er dem Gefuhl nach wenigstens, instinktiv, versteht, was in dem Ge- 
dichte darin ist. Man braucht keine Spintisiererei, keinen gelehrten 
Kommentar an einem Gedicht oder Lesestiick zu entwickeln, aber man 
soil das Kind vollstandig heraufheben zum geftihlsmaftigen Verstand- 
nis eines Lesestuckes. Daher versuche man immer, das eigentliche Lesen 
eines Lesestuckes zu allerletzt vorzunehmen, und alles das, was man 
tun will um des Verstandnisses willen, das schicke man voran. Wenn 
man einigermaften entsprechend das Richtige voranschickt, dann wirkt 
man nicht schulmeisterlich pedantisch, sondern man tragt dazu bei, 
daft nichts unerklarlich bleibt an dem Lesestiick. Dann erhoht sich der 
Genuft und die Befriedigung des Kindes. 

Ich wiirde daher - Sie wiirden das etwas ausfiihrlicher machen - 
etwa folgendes in der Klasse mit den Schulern vornehmen. Ich wiirde 
sagen: 

«Seht einmal, liebe Kinder, ihr habt ganz gewift schon einmal Hunde 
gesehen! Nun, wer hatte unter euch nicht schon Hunde gesehen! Der 
miifite ja hinter dem Ofen sich verkrochen haben. Und ihr habt be- 



merkt, daft nicht alle Hunde gleich sind. Sie sind sehr, sehr vonein- 
ander verschieden. Es gibt winzige Hunde, ganz kleine Hunde, gro- 
ftere Hunde und ganz grofte Hunde. Ihr habt euch schon manchmal vor 
den ganz groften Hunden gefurchtet. Vor den ganz kleinen, winzigen, 
fiirchtet ihr euch nicht; vielleicht aber doch, weil sie einen manchmal 
in die Waden beiften. 

Nun wollen wir uns heute einmal ein paar Hunde ansehen. Da 
habt ihr wohl schon oft auf der Strafte einen Wagen mit Fleisch gesehen 
und davor einen Fleischerhund. Wenn ihr genau aufgemerkt habt, 
werdet ihr gesehen haben, daft er sonst vor der Fleischerbude sitzt 
und achtgibt, daft niemand das Fleisch stiehlt. Wenn jemand kommt 
und das Fleisch nimmt, der kein Recht hat dazu, so mufi er ihn beiften, 
oder wenigstens muft er bellen. Nun werdet ihr einsehen, daft der 
Fleischerhund nicht ein kleines Tierchen sein darf. Nein, das ist ein 
grofter Hund! Ihr werdet auch immer gesehen haben, kleine Knirpse 
sind nicht eingespannt vor den Fleischerwagen, sie sind auch nicht vor 
die Fleischerbude gesetzt. 

Nun, solch einen Fleischerhund kann man vergleichen mit einem 
Menschen, der auf etwas achtzugeben hat. Man kann oft Tiere ver- 
gleichen mit den Menschen. Was die Tiere aus Instinkt zu tun haben, 
das miissen die Menschen oft aus Pflicht tun. Ahnliche Sachen miissen 
so die Menschen und die Tiere tun, und deshalb kann man sie auch 
vergleichen. 

Wenn zum Beispiel ein Mensch auf etwas aufzupassen hat wie der 
Fleischerhund vor der Fleischerbude, dann wird der Mensch sich etwas 
angewohnen. Wenn einer kommt und etwas nehmen will, so wird er ihn 
beim Kamm nehmen - ja, so sagt man, wenn man jemand aufmerksam 
macht, daft er etwas nicht tun darf; so sagt man. Man sagt: <Beim 
Kamm nehmen>, wenn man den Betreffenden halt. Beim Menschen 
sind es die Haare, es ist nicht ein richtiger, Kamm. Man nimmt ihn bei 
den Haaren. Das tut ihm weh, daher reiftt er nicht aus; daher tut man 
das. Und solche Sachen sagt man nicht so geradewegs, denn wenn man 
geradewegs so sagt: <Ich nehme dich bei den Haaren>, so klingt es zu 
wenig spaftig. Es muft immer im Leben ein wenig Spaftiges beigemischt 
sein, daher sagt man: <Beim Kamm nehmen>. Der Mensch hat Haare; 



der Mensch ist manchmal etwas frech. Der Hahn ist fast immer frech; 
er hat einen Kamm. Deshalb sagt man: <Ich nehme dich beim Kamm.> 
So konnte man sich schon ganz gut vorstellen, wenn zum Beispiel ein 
anderes freches Vieh kommt und will sich aus der Fleischerbude ein 
Stuck Fleisch holen, da konnte der Fleischerhund sagen: <Ich nehme 
dich aber beim Kamm!> - Da hatte man einen ganz guten Vergleich 
gemacht zwischen dem Menschen und dem Hund. 

Nun, ihr wifit, Kinder, es gibt auch noch andere Hunde, kleine, sie 
sind meist Faulenzer, elende Faulenzer! Sie liegen auf Kissen, sie liegen 
manchmal auch auf dem Schofi der Herrin. Kurz, es sind faule Kerle. 
Das sind die Polsterhiindchen, die Schofihiindchen. So niitzlich sind sie 
nicht wie der Fleischerhund. Der Fleischerhund, der dient zu etwas; 
die Polsterhiindchen, die spielen nur, sind unniitz im Grunde. Aber 
der Fleischerhund wird, wenn irgend jemand etwas macht, was er 
nicht soli, ihn beim Kamm nehmen, das heifit ihn anfassen, packen und 
ordentlich durchschutteln. Das wird niitzlich sein, denn das andere 
Tier wird dann das Fleisch nicht stehlen konnen. Das Polster- oder 
Schofihiindchen tut so etwas Niitzliches nicht, das klafft nur. Es klafft 
jeden an, und namentlich, wenn andere grofie Hunde kommen, flugs 
ist das Schofihiindchen hinterher und klafft und klafft und klafft. 
Aber Hunde, die bellen, die beifien nicht, so sagt das Sprichwort; so 
denken auch grofie Hunde, wenn sie vorbeigehen. Daher kann man 
auch sehen, wie grofie Hunde ganz gelassen vorbeigehen, die kleinen 
Klaffer klaffen lassen und sich denken: klaffende Hunde, die beifien 
nicht. - Mutig sind sie nicht, feig sind sie. Ein Fleischerhund mufi im- 
mer schon Mut haben. Die Schofihiindchen, ja, die laufen nach und 
klaffen, aber wenn der andere sie anschaut, dann reifien sie gleich aus. 
Nun ja, seht ihr, diese Hiindchen sind jedenfalls Faulenzer, machen nur 
Unnotiges auf der Welt und taugen zu nichts. Sie gleichen denjenigen 
Menschen, auf welche man nicht horen soil, wenn auch solche Men- 
schen einen sehr oft anklaffen. 

Diese Polsterhiindchen sind ganz klein, der Fleischerhund ist grofi. 
Nun gibt es aber auch so mittelgrofie. So einer ist nicht so grofi wie der 
Fleischerhund, aber er ist grofier als der Schofihund. Von solch mitt- 
lerer Grofie ist der Schaferhund. Dieser Schaferhund mufi das Vieh 



hiiten. In manchen Gegenden ist das schwerer als bei uns. In manchen 
Gegenden, wie zum Beispiel in Rufiland, da kommen die Wolfe. Und 
der Hund mufi achtgeben, daft kein Wolf kommt oder ein anderes Tier; 
da mufi er immer um die Herde herumlaufen. Daher hat sich die Ge- 
wohnheit gebildet, daft der Hund immer um die Herde herumlauft. Es 
ist ja auch bei uns gut, daft der Hund um die Herde herumlauft, denn 
der Hirt schlaft oft, und da konnte etwas Boses kommen und etwas von 
der Herde wegholen. Deshalb lauft der Schaferhund herum und hiitet 
die Herde. Auch wenn kein Wolf da ist, ist es gut, wenn der Schafer- 
hund herumlauft und die Herde hiitet, und manchmal auch den Hir- 
ten hiitet und ihn aufweckt. Es konnte manchmal auch vorkommen, 
daft ein Hirte gestohlen wiirde, wenn er schlaft. 

Also ein Hirtenhund, ein Schaferhund ist ein taugliches Wesen, ein 
niitzliches Tier. Man kann sie auch vergleichen mit Menschen, die 
recht zum Leben stehen, die nicht unniitz sind wie die Faulenzer, die 
Polsterhundchen, die Schofthiindchen. Ja, es gibt solches auch im 
menschlichen Leben, diesen Unterschied zwischen solchen Menschen, 
die sind wie der Schaferhund, und solchen, die sind wie der Fleischer- 
hund. Niitzlich sind sie beide, wenn auch die, wie der Fleischerhund, 
manchmal grob sind. Manchmal sind sie so, daft sie ganz das Richtige 
in kurzer, tref fender Rede sagen; daft sie so das Gefiihl haben, man 
mufi etwas bewachen, etwas hiiten, man mud den Feind abwehren. 
Man kann den Schaferhund auch vergleichen mit Menschen, die mehr 
still ihre Arbeit verrichten, aber abwarten miissen, bis gerade die 
schweren Dinge ihrer Arbeit eintreten. Der Schaferhund lauft herum. 
Lange hat er nicht zu tun, aber er mufi sich bereithalten, dann stark zu 
sein, mutig zu sein, geriistet zu sein, wenn der Wolf oder ein anderer 
Feind kommt, um im rechten Augenblick zuzufassen. So sind auch 
manche Menschen verpflichtet, zu warten und wachsam zu sein, bis 
sie aufgerufen werden. Da diirfen sie sich nicht durch allerlei Kleinlich- 
keiten des Lebens kleinlaut machen lassen, miissen geriistet bleiben bis 
zu dem Augenblick, wo sie das Richtige zu tun haben. » 

Sehen Sie, so wiirde ich mit Kindern sprechen, damit sie auf die 
Tierwelt in einem besonderen Fall hingewiesen werden und ihre Ge- 
danken auf die Analogien zwischen Tieren und Menschen lenken. 



Wenn man so etwas besprochen hat, dann wird man das Folgende vor- 
lesen konnen, ohne dafi man notig hat, hinterher Erklarungen dazu 
abzugeben. Wenn man folgende kleine Erzahlung erst ohne Erklarung 
den Kindern geben wiirde, dann wiirden sie nicht die voile Vorberei- 
tung haben, weil ihre Empfindungen und Gefuhle nicht auf alles hin- 
gelenkt sind. Wenn man erst hinterher Erklarungen geben wiirde, 
wiirde man es pedantisch zerzausen, und sie wiirden es auch nicht 
richtig lesen konnen. 

Der Scbdferhund 

Ein alter Hirtenbund, der seines Herrn Vieh treulich bewackte, ging 
abends helm. Da kldfften ihn die Polsterhundchen auf der Gasse an. Er 
trabt vor sich bin und sieht sich nicht urn. Als er vor die Fleischbank 
kommt, fragt ihn ein Fleischerhund, wie er das Gebell leiden konne, 
und war urn er nicht einen beim Kamm nehme. «Nein», sagte der Hir- 
tenbund, «es zwackt und beijit mich ja keiner y ich mufi meine Zahne 
fiir die Wolfe haben. » 

Dann braucht man gar nichts mehr zu den Kindern zu sagen; man 
mufi vorher vorbereiten, daft es die Kinder verstehen. 

Ein anderes Mai sprechen Sie zu den Kindern das Folgende: «Meine 
lieben Kinder! Ihr seid schon ofter spazierengegangen, seid spazieren- 
gegangen auf der Wiese, zwischen den Feldern, aber auch im Wald, 
auch manchmal so am Rand, wo der Wald an die Wiese grenzt. Wenn 
ihr im Wald drinnen geht, dann geht ihr ganz im Schatten; aber wenn 
ihr so am Rande des Waldes geht, dann kann von der einen Seite auch 
noch recht scharf die Sonne scheinen. Dann konnt ihr, wenn an den 
Wald eine Wiese angrenzt, ganz ruhig betrachten, wie die Blumen wach- 
sen. Es wird immer ganz gut fiir euch sein, wenn ihr besonders die 
Platze aussucht fiir eure Spaziergange, wo Wald und Wiese aneinander 
grenzen. Dann konnt ihr immer bald im Wald, bald auf der Wiese 
etwas aussuchen. Da konnt ihr immer von neuem betrachten, wie das 
Gras wachst, und wie die Pflanzen und die Blumen im Gras drinnen 
wachsen. 



Aber seht, ganz besonders lieblich und angenehm ist es, wenn man 
nicht bloft durch den Wald und auf die Wiesen gehen kann, sondern 
wenn die Wiesen noch besonders zwischen Bergen gelegen sind, in 
Talern. Auf solchen Wiesen findet man noch viel Interessanteres als 
auf Wiesen, die zuviel von der Sonne beschienen werden. Talwiesen, 
die von den Bergen beschikzt werden, die haben sehr schone Blumen, 
und diese Blumen, die wachsen sehr haufig so, dafi man sie auch zwi- 
schen dem Moos sieht, das da ganz besonders wachst in solchen Wiesen- 
talern. Besonders die Veilchen, die sind gerade dort, wo das Moos 
benachbart ist.» 

Jetzt kann man dann weiter mit den Kindern von Moos und Veil- 
chen sprechen, kann vielleicht ein Kind aufrufen, das Veilchen zu be- 
schreiben, ein anderes, das das Moos besprechen soil. Man kann sogar 
versuchen, wenn es gerade welche gibt, an dem Tage Veilchen und 
Moos mitzubringen. Sie sind ja beide zu gleicher Zeit zu haben. 

Dann fahrt man etwa fort: «Aber seht mal, liebe Kinder, wenn ihr 
solch ein Wiesental in der Nahe habt, dann konnt ihr erleben, dalS ihr 
hinausgeht, und ihr seht nur Moos. Ja, dann geht ihr in acht Tagen 
wieder hinaus. Was seht ihr dann? Im Moos die Veilchen! Ja, die sind 
erst herausgewachsen, die waren friiher im Moos drin versteckt. Ihr 
merkt euch das. Und wenn ihr das nachste Jahr hinausgeht, dann konnt 
ihr noch eine groftere Freude haben. Da denkt ihr: <Im Friihjahr waren 
hier noch keine Veilchen! Wir haben noch keine gesehen.> - Nun ver- 
sucht ihr, das Moos auseinander zu machen. Aha, da ist das Veilchen 
darin! 

Es ist in der Natur, meine lieben Kinder, oftmals gerade so, wie es 
unter den Menschen ist. Da ist oftmals auch manches Gute und man- 
ches Schone verborgen. Mancher Mensch wird nicht bemerkt, weil das 
Gute in ihm versteckt ist, weil es noch nicht gefunden ist. Man mufi 
sich ein Gefiihl dafiir aneignen, die guten Menschen unter der Menge 
herauszufinden. 

Ja, seht, liebe Kinder, man kann noch weiter das menschliche Le- 
ben mit der Natur vergleichen. Denkt euch einmal selbst so ein ganz 
gutes Menschenkind, dann werdet ihr auch finden, dafi ein solches 
Menschenkind auch immer ganz gute, brave Worte redet. Nun gibt es 



bescheidene Menschenkinder und unbescheidene Menschenkinder. Be- 
scheidene Menschenkinder, die wird man weniger bemerken. Unbe- 
scheidene Menschenkinder, die werden aber bemerkt sein wollen. 

Seht, das Veilchen ist ja recht schon, aber wenn ihr so dieses Veil- 
chen anschaut, wie es seine ganz lieblichen Veilchenblatter so hinauf- 
strafft, so werdet ihr doch merken: das Veilchen will bemerkt werden, 
es will angeschaut werden. Ich kann das Veilchen nicht vergleichen mit 
einem bescheidenen Kindchen, das sich zuriickzieht und in der Ecke 
bleibt. Ihr konntet es nur vergleichen mit einem Kinde, das eigentlich 
sehr gerne gesehen wird. Ja, aber es zeigt sich doch nicht, wenn es im 
Moos versteckt ist? Ja, seht ihr, wenn ihr das Veilchen so anseht zwi- 
schen den Blattern, wie das herauskommt, und das Ganze wieder da aus 
dem Moose herauskriecht, das ist doch gerade so, als wenn das Veilchen 
ja gar nicht blofi gesehen sein mochte, als wenn es nicht blofi sich rie- 
chen lassen mochte; das ist doch so, als wenn es sich suchen lassen mochte : 
<Ja, ja, ja, ja, ja, da bin ich schon! Aber suchen mufit du mich!> - Dieses 
Veilchen, das ist so etwas wie ein nicht ganz bescheidenes Menschen- 
kind, aber auch so etwas wie ein schalkhaftes Menschenkind.» 

Es ist ganz gut, wenn man mit den Kindern solche Parallelen, solche 
Analogien zwischen Natur und Menschenwesen durchspricht, damit 
sich alles, was in der Nahe des Kindes ist, belebt. 

Es wird gut sein, alle solche Besprechungen mit den Kindern als 
Vorbereitung zu halten, um von den Kindern irgend etwas genieften 
zu lassen. Nach dem Lesestiick sollen iiberhaupt Erklarungen nicht 
mehr gegeben werden. Nicht wahr, es ware doch Unsinn, wenn ich 
anfangen wollte, Ihnen jetzt auf chinesisch etwas vorzutragen. Sie 
wiirden sagen: Na, das hat doch keinen Sinn; Chinesisch haben wir 
doch nicht gelernt. - Wenn Sie aber alle Chinesisch kennen wiirden, 
und ich zu Ihnen sprechen wiirde, wiirden Sie es hochst langweilig 
finden, wenn ich Ihnen hinterher alles erklaren wollte. So soil man es 
aber auch mit einem Lesestiick halten: alles tun, was es zum GenulS 
bringen kann. 

Etwas ausfuhrlicher, indem Sie die Kinder recht viel mittun lassen, 
reden Sie so iiber Bescheidenheit der Menschen und Unbescheidenheit 
und Koketterie, und dann lesen Sie ihnen vor: 



Ei, was bliiht so heimlich am Sonnenstrahl? 

Das sind die lieben Veilchen, die bliihn im stillen Tai, 

Bliihen so heimlich im Moose versteckt, 

Drum haben auch wir Kinder kein Veilchen entdeckt. 

Und was steckt sein Kopfelein still empor? 
Was Hspelt aus dem Moose so leise, leis' hervor? 
«Suchet, so findet ihr! suchet mich doch!» 
Ei, warte, Veilchen, warte! wir finden dich noch! 

Hoffmann von Fallersleben 

Wenn Sie das Kind die Sprache des Gedichtes gelehrt haben, dann 
kann das Kind in alien Nuancen mitmachen, dann brauchen Sie nicht 
hinterher durch einen Kommentar und Pedanterie ihm den Eindruck 
zu verderben. Das ist es, was ich Ihnen zur Behandlung von Lese- 
stiicken empfehlen mochte, weil Sie dadurch die Gelegenheit haben, 
vieles mit den Kindern zu besprechen, was dem Schulunterricht iiber- 
haupt angehoren soli, und weil Sie dem Kinde ungeteilte Befriedigung 
geben konnen in solchem Lesestucke. Das ist es also, was ich Ihnen mit 
Bezug auf die Behandlung des Lesestuckes ans Herz legen mochte. 

Jetzt wollen wir fortfahren in der Behandlung der Kindesseele. Ich 
habe Sie gestern gebeten, nachzudenken, wie man behandeln soil 
Frommlinge, Bravlinge; Bravlinge, die sich durch ihre Scheinheilig- 
keit, Bravheit vordrangen, sich aber nicht zum Nutzen der Klasse aus- 
leben. 

Es folgen Ausfiihrungen der Anwesenden. 

Rudolf Steiner: Ich habe diese Frage besonders aus dem Grunde 
gestellt, weil es schwierig ist, zu unterscheiden zwischen schadlichen 
und nutzKchen Bravlingen. Man mufi beachten, ob man es mit solchen 
zu tun hat, die spater wirklich einmal eine Rolle spielen. Die sind auch 
so. Sie sind nutzliche Bravlinge, aber unbequem. 

Da konnte man die Geschichte erzahlen, wie der Esel zu seinen 
Ohren kam. 



Man kann auch scharfere Mittel anwenden gegen besondere Brav- 
linge. Man sollte sie aber nicht vor der Klasse blofistellen und bescha- 
men. Das wirkt zuviel. Man kann aber emem Streber iibergrofte Lei- 
stungen, zum Beispiel Stabubungen auferlegen und dann die Tatsachen 
sprechen lassen, so daft das Kind sieht, daft es die Leistung nicht er- 
fiillen kann, und daft es das dem Lehrer sagen muft. Dadurch zeigt 
sich, ob das Streben echt ist. 

Es geben noch andere Teilnehmer Darstellungen hierzu. 

Rudolf Steiner faftt am Schluft folgendermaften zusammen: Ja, im 
wesentlichen ist ja bei dieser Diskussion die Sache schon herausge- 
kommen, um die es sich handelt. 

Das erste wird sein, daft man versucht, sorgfaltig festzustellen, ob 
es sich handelt um ein berechtigtes Hervortun der begabteren Schuler, 
die mehr leisten konnen. Bei diesen wird man darauf sehen, daft nicht 
die groftere Begabung in ehrgeizigen Egoismus iibergehe. Man wird 
versuchen, das, was sie mehr konnen, fur die anderen fruchtbar zu 
machen. Einen solchen Bravling wird man im Sinne seines grofteren 
Konnens etwas machen lassen, was den anderen zugute kommt, so daft 
er nicht nur fur sich, sondern auch fur die anderen mitarbeitet. Kann 
er besser rechnen, so laftt man ihn den anderen vorrechnen und die 
anderen sich an ihm hinaufranken. Wenn er dann vom Lehrer die Folge 
seiner Gesinnung erfahrt, die sich so ausdriicken kann: «Der Miiller ist 
ein guter Junge. Seht, der Miiller, der kann ja recht viel. Solche Men- 
schen konnen den anderen viel niitzen. Und ich lobe euch nun alle 
dafiir, daft ihr von dem Miiller so viel gelernt habt.» - Also iiberleiten 
das Lob auf den einen in das Lob fur alle! 

Hat man solche richtige hervorragende Schiilerbegabung abgeson- 
dert, und hat man die wirklichen Bravlinge, die immer existieren, aus- 
gesondert, dann kennt man sie, und man wird sie fast immer durch 
Vereinigung von zwei Methoden zu behandeln haben. 

Das erste wird sein, daft man mit ihnen, nicht vor der Klasse selber, 
sondern unter vier Augen reden wird. So daft sie einsehen, sie sind 
durchschaut. Man redet mit ihnen sehr eindringlich: «Ihr macht dieses, 
ihr macht das», und man charakterisiert auch diese Eigenschaften und 



legt nachher in diesem Falle die Sache auf die personliche Note. «Ihr 
konnt das immer machen, ihr konnt das immer wieder und wieder 
machen. Ihr glaubt, das sei mir angenehm, ihr tut mir damit einen Ge- 
fallen? Nein, ich will das gar nicht haben. Es ist mir unangenehm!» 
Nicht vor der Klasse, aber unter vier Augen spricht man so zu ihnen. 
Das ist das eine. Man macht dem Schiiler ganz klar, daft man ihn 
durchschaut. 

Das andere ist dieses: Man stellt ihm Aufgaben, die ihm zu grofi 
sind, und versucht, ihm klarzumachen, wenn er diese iibergroften Auf- 
gaben losen mufi, so ist es deshalb, weil er sich hervortun will. Es ist 
schwerer fur ihn, diese Eigenschaften zu bekampfen, als iibergrofie 
Aufgaben zu losen. Aber unangenehmer ist es fiir ihn, diese Aufgaben 
zu machen. Deshalb wird er sich bemuhen. Wir miissen ihm sagen, 
daft er solche Aufgaben deshalb bekommt, weil er sich hervordrangt. 
Aber wenn er diese Eigenschaften bekampft, wird er keine anderen 
Aufgaben machen miissen als die iibrige Klasse. 

Man kann aber namentlich die beiden Dinge fiir einen Schiiler oder 
eine Schiilerin zusammenkoppeln und wird dadurch, daft man ihm 
sagt, daft man ihn durchschaut, und ihm sagt, daft er solche Aufgaben 
deshalb bekommt, weil er sich vordrangt, durch das Zusammenkoppeln 
dieser beiden Sachen sicher viel erreichen. Sie werden sehen, daft Sie den 
Schiiler nach einiger Zeit kuriert haben werden, wenn Sie diese Me- 
thoden anwenden. 

Wir werden ja noch manche groftere Aufgabe zu losen haben in 
diesen Seminarstunden. Fiir morgen aber mochte ich noch eine ahnliche 
Aufgabe stellen, die mit der letzten etwas verwandt, aber doch wieder 
anders ist, und bei deren Behandlung auch die Eurythmie in Betracht 
zu ziehen ist. Verzeihen Sie, daft ich diese Aufgabe stelle, aber sie 
gehort in das Gebiet der Didaktik: Was hat man zu tun, wenn sich 
unter den Schulern oder Schiilerinnen ein besonderer Schwarm ent- 
wickelt fiir den Lehrer oder die Lehrerin? 

«Schwarm», versteht jemand das nicht? Wenn ein Schiiler schwarmt 
fiir eine Lehrerin oder umgekehrt, eine Schiilerin fiir einen Lehrer, oder 
eine Schiilerin fiir eine Lehrerin oder ein Schiiler fiir einen Lehrer. Es 



kommen ja alle diese betreffenden Nuancen vor. Dieses tatsachlich 
richtige Schwarmen, das sehr storend auf die Fortfiihrung des Unter- 
richts wirken kann, dies bitte ich Sie zu bedenken, wie das zu behan- 
deln ist. 

Es mufi schon in einem Grade vorhanden sein, dafi es wirklich den 
Unterricht stort. Ich meine natiirlich durchaus nicht das echte Respek- 
tieren, die richtige Achtung, und auch nicht ein richtiges Hinneigen in 
Liebe zur Lehrerin oder zum Lehrer, sondern eben dieses, was den Un- 
terricht stort durch ein ungesundes Schwarmen, wie es ja haufig in den 
Klassen vorkommt. 



SIEBENTE SEMINARBESPRECHUNG 



Stuttgart, 28. August 1919 

Rudolf Steiner: Heute wollen wir eine Obung probieren, die dazu 
bestimmt ist, den Atem etwas langer zu machen. 

Sprechiibung: Erfiillung geht 

Durch Hoffnung 
Geht durch Sehnen 
Durch Wollen 
Wollen weht 
Im Webenden 
Weht im Bebenden 
Webt bebend 
Webend bindend 
Im Finden 
Findend windend 
Kiindend 

Erreichen werden Sie das, was erreicht werden soli, nur, indem Sie 
die Zeilen richtig abteilen. Dann werden Sie den Atem richtig rhyth- 
misieren. Diese Obung bezieht sich darauf, dafi man mit der Stimme 
turnt, um den Atem zu regulieren. 

In Worten wie «Erfullung», «Wollen» miissen beide 1 gesprochen 
werden. Man darf nicht ins erste 1 ein h hineinsprechen, sondern man 
mufi beide 1 nebeneinander sprechen. Man mufi ferner versuchen, nicht 
scheppernd zu sprechen, sondern Ton in die Stimme zu bekommen, 
tiefer aus der Brust herauszuholen, moglichst voile Vokale zu spre- 
chen, damit das Blecherne herauskommt. - Alle Dsterreicher haben das 
Blech in der Stimme. Mehr Kugelluft. 

Vor einer jeden der oben abgeteilten Zeilen soil der Atem bewulk 
sich in Ordnung bringen. Die zusammenstehenden Worte miissen auch 
zusammengehorig gelesen werden. 

Sie wissen ja, fur gewohnlich macht man etwa die folgenden Sprech- 
ubungen: 



Barbara saf5 straks am Abhang 
Oder: Barbara sail nah am Abhang 
Oder: Abraham a Sancta Klara kam an 

Lesen einer Fabel von Lessing. 

Das Rofi und der Stier 

Auf einem feurigen Rosse flog stolz ein dreister Knabe daher. Da rief 
ein wilder Stier dem Rosse zu: «Schande! Von einem Knaben lief ich 
mich nicht regierenh «Aber icb», versetzte das Rofi, «denn was fiir 
Ehre konnte es mir bringen, einen Knaben abzuwerfenf» 

Rudolf Steiner (nachdem alle die Fabel vorgelesen haben): Sie wer- 
den wohl, nachdem Sie das schon so oft gehort haben, das Gefiihl ha- 
ben, dafi das so geschrieben ist, wie man Fabeln und viele Dinge im 
18. Jahrhundert eben geschrieben hat. Man hat so das Gefiihl, dafi sie 
nicht ganz fertig geworden sind, wie manche Dinge damals nicht ganz 
fertig geworden sind. 

Rudolf Steiner verliest die Fabel noch einmal und sagt dann: Jetzt, 
im 20. Jahrhundert, wiirde man die Fabel etwa in folgender Weise 
fortfiihren konnen: 

Stier ehre! Und suchte ich die Ehre, indem ich storrisch stehen 
bliebe, so ware das nicht Pferdeehre, sondern Eselsehre. 
So wiirde man es in der jetzigen Zeit machen. Dann wiirden die Kin- 
der auch gleich merken, daft es drei Ehren gibt: eine Stierehre, eine 
Pferdeehre und eine Eselsehre. Der Stier wirft ab, das Pferd tragt den 
Knaben ruhig weiter, weil es ritterlich ist, der Esel bleibt storrisch 
stehen, weil er darin seine Ehre sieht. 

Rudolf Steiner: Nun mochte ich heute zunachst Material schaffen 
fiir die morgige didaktische Stunde, da wir morgen insbesondere die 
Betrachtung der Lebensalter zwischen dem siebenten und dem vier- 
zehnten, fiinfzehnten Jahr ins Auge fassen wollen. Es wird sich heute 
darum handeln, daft wir manches durchsprechen, was Ihnen Anwei- 



sung sein kann. Und dann brauchen Sie zu dem, was ich Ihnen heute 
als Anleitung gebe, nichts weiter hinzuzufugen, als daft Sie ein ge- 
brauchliches Handbuch in die Hand nehmen und die einzelnen Tat- 
sachen dann erganzen, die zu dem gehoren, was wir heute besprechen. 
Es wird sich heute darum handeln, daft wir viel weniger darauf sehen, 
immer unser stoffliches Wissen beieinander zu haben, als daft wir 
vielmehr darauf sehen, den Geist eines zukunf ttragenden Unterrichts in 
uns zu hegen und zu pflegen. Sie werden sehen, daft das, was wir heute 
besprechen, fur die alteste Schulkindergattung in Betracht kommt. 

So mochte ich mit Ihnen besprechen, was mit der Kulturentwicke- 
lung Europas, so vom 11. bis 1 7. Jahrhundert, zusammenhangt. Sie 
werden nicht aus den Augen verlieren diirfen, daft das Durchnehmen 
geschichtlicher Dinge mit Kindern, und auch schliefilich mehf oder 
weniger mit Erwachsenen, immer ein subjektives Element in sich ha- 
ben muft. Man hat leicht sagen, man soil bei Geschichtsdarstellungen 
nicht Meinungen und subjektive Ideen in die Geschichte hineintragen. 
Verlangen kann man es, aber erfiillt werden kann es nicht. Denn neh- 
men Sie irgendeine Partie der Geschichte auf irgendeinem Gebiete; 
Sie werden mindestens die Tatsachen gruppieren miissen, entweder 
selbst, oder wenn die Tatsachen weiter zuriickliegen, so sind sie schon 
gruppiert, dann haben andere sie gruppiert. 

Nehmen Sie an, Sie schildern den Geist der alten Germanen, so 
werden Sie die «Germania» des Tacitus heranziehen. Aber der Tacitus 
war gar sehr ein subjektiver Geist; er hat das, was er herangebracht 
hat, schon gar sehr gruppiert. Sie diirfen nicht hoffen, daft Sie anders 
zurechtkommen, als eine subjektive Gruppierung von Tatsachen ent- 
weder selbst aufzustellen oder von anderen zu ubernehmen. 

Sie brauchen sich ja das nur an Beispielen klarzulegen. Sehen Sie 
einige Literaturbeispiele an: 

Treitschke hat eine mehrbandige «Deutsche Geschichte des 19. Jahr- 
hunderts» geschrieben. Sie hat das Entziicken Herman Grimms, der 
doch auch ein fahiger Beobachter war, hervorgerufen; sie hat das Ent- 
setzen hervorgerufen vieler Angehoriger der Entente. Aber wenn Sie 
Treitschke durchlesen, so werden Sie gleich das Gefiihl haben, daft 
gerade seine Vorziige auf seiner stark subjektiven Farbung in der Grup- 



pierung der Tatsachen beruhen. Es kommt ja in der Geschichte darauf 
an, daft man ein Urteil hat iiber die in der Geschichte treibenden Krafte 
und Machte. Nun handelt es sich darum, dafi bei dem einen das Urteil 
reifer, beim anderen weniger reif ist, und der also gar nichts urteilen 
sollte, weil er gar nichts versteht von den treibenden Kraften. Der 
andere wird gerade, wenn er gute subjektive Urteile hat, den geschicht- 
lichen Fortgang sehr gut schildern. 

Herman Grimm hat Friedrich den Grofien geschildert, Macaulay 
hat auch Friedrich den Groften geschildert. Aber man bekommt ein 
vollstandig verandertes Bild von Friedrich dem Groften durch Mac- 
aulay. Herman Grimm hat seinen Artikel sogar als eine Art Rezen- 
sion des Macaulayschen Artikels verfafk und hat von seinem Gesichts- 
punkte aus gesagt: Der Friedrich der Grofie des Macaulay «ist ein 
verzwicktes englisches Lordsgesicht mit Schnupftabak an der Nase.» 
Der Unterschied ist nur der, daft Herman Grimm ein Deutscher 
des 19. Jahrhunderts ist, und Macaulay ein Englander des 19. Jahr- 
hunderts. Und derjenige, der als Dritter beides beurteilt, wiirde eigent- 
lich sehr engherzig sein, wenn er das eine richtig, das andere falsch 
findet. 

So konnte man noch viel drastischere Beispiele auswahlen. Viele von 
Ihnen kennen die Schilderung Martin Luthers aus den gewohnlichen 
Geschichtsbuchern. Machen Sie nur einmal das Experiment und lesen 
Sie dasselbe in katholischen Geschichtsbuchern durch, da werden Sie 
einen Martin Luther kennenlernen, den Sie bisher noch nicht gekannt 
haben ! Wenn Sie es durchgelesen haben, da werden Sie in Verlegenheit 
sein, zu sagen, daft der Unterschied ein anderer ist, als der, der sich aus 
verschiedenen Gesichtspunkten ergibt. Nun werden solche Gesichts- 
punkte, wie sie aus dem Nationalen oder aus dem Konfessionellen 
stammen, eben gerade von der Lehrerschaft der Zukunft iiberwunden 
werden miissen. Deshalb mufi man so sehr anstreben, die Lehrerschaft 
weitherzig zu bekommen, die Lehrerschaft auf den Standpunkt zu 
stellen, eine weitherzige Weltanschauung zu haben. Von diesem Ge- 
sichtspunkte aus wird sich auch ein freier Ausblick bieten iiber die 
geschichtlichen Tatsachen, und man wird sie so gruppieren, daft man 
dem Schiiler die Geheimnisse des Menschheitswerdens iibertragt. 



Wenn Sie nun etwas iiber die Kultur vom 11. bis 17. Jahrhundert an 
Ihre Schiiler iibertragen sollten, so wiirden Sie da in erster Linie schil- 
dern, was zu den Kreuzziigen gefiihrt hat. Sie wiirden schildern den 
Verlauf des ersten, zweiten, dritten Kreuzzuges. Wie die Kreuzziige 
allmahlich versumpft sind und nicht dasjenige erreicht haben, was 
durch sie hatte erreicht werden sollen. Sie wiirden schildern den Geist 
der Askese, der dazumal durch einen groften Teil von Europa ging; 
wie uberall aus der Verweltlichung der Kirche, oder doch im Zusam- 
menhang mit dieser Kirchenverweltlichung, Naturen hervorgingen wie 
Bernbard von Clairvaux, die voll inniger Frommigkeit waren, von 
einer solchen Frommigkeit, daft sie den Eindruck von Wunderwirkern 
auf ihre Umgebung machten. Sie wiirden versuchen, aus einem Hand- 
buch solche Gestalten biographisch kennenzulernen und sie lebendig 
vor Ihre Schiiler hinzustellen, und wiirden versuchen, solchen leben- 
digen Geist aufwirbeln zu lassen, aus dem sich die fur die damalige Zeit 
machtigen Ziige nach dem Orient entwickelt haben. Sie wiirden zu 
schildern haben, wie damals die Ziige zustande gekommen sind durch 
Peter von Amiens und Walter von Habenichts; dann der Zug von Gott- 
fried von Bouillon und einigen anderen. 

Sie werden dann schildern, wie diese Ziige sich nach dem Orient in 
Bewegung gesetzt haben und wie ungeheure Mengen von Menschen 
umgekommen sind, oftmals ehe sie den Orient erreicht haben. Sie wer- 
den durchaus dreizehn- bis vierzehnjahrigen Jungen und Madchen 
schildern konnen, wie diese Ziige sich zusammensetzten, wie sie sich in 
Bewegung setzten und sich ungeordnet nach dem Orient zu bewegten, 
und wie durch die Ungunst der Verhaltnisse, aber auch im Durch- 
drangen durch fremde Volker viele Menschen zugrunde gingen. 

Sie werden dann auch zu schildern haben, wie diejenigen, die im 
Orient ankommen, erst ein Weniges erreichen. Sie werden die Erfolge 
des Gottfried von Bouillon schildern, werden dann aber zeigen, wie 
sich ein Gegensatz ergibt zwischen den Kreuzfahrern der folgenden 
Kreuzziige und der griechischen Politik. Wie die griechischen Volker 
eifersiichtig werden auf die Taten der Kreuzfahrer und den Gegensatz 
fiihlen zwischen dem, was diese wollten, und dem, was die Griechen 
vorhatten mit dem Orient; wie die Griechen im Grunde genommen 



ebenso die orientalischen Interessen einbeziehen wollten in ihre In- 
teressensphare wie die Kreuzfahrer in die ihrige. Ich wiirde Sie bitten, 
recht anschaulich zu schildern, wie der Gegensatz der Griechen auf- 
gerufen wird gegen das Wollen der Kreuzfahrer. 

Dann wiirde ich meinen, dafi Sie schildern sollten, wie im Orient 
die kampfenden Kreuzfahrer, statt die orientalischen Volker in West- 
asien zu bekampfen, sich untereinander bekampfen; wie die euro- 
paischen Volker selber sich aufeinanderhetzen, wie namentlich die 
Franken und ihre Nachbarvolker durch die Anspriiche, die sie erheben 
an das, was erobert worden war, wiederum hintereinanderkommen und 
sich untereinander bekampfen. Die Kreuzziige sind aus feurigem En- 
thusiasmus zustande gekommen, aber der Geist der Zwietracht ergriff 
die Teilnehmer der Kreuzziige, und dann kam auch noch der Gegen- 
satz zwischen Griechen und Kreuzfahrern herauf. 

Zu alldem kam dazu der Gegensatz, der sich immer mehr und mehr 
geltend machte, zwischen der Kirche und den weltlichen Machten, 
gerade im Zeitalter der Kreuzziige. Und es ist vielleicht nicht unnotig, 
schon den Kindern etwas zum Bewufitsein zu bringen, was wahr ist, 
was aber durch die tendenziose Geschichtsschreibung in alien wesent- 
lichen Punkten verhullt worden ist. Gottfried von Bouillon, der Fiih- 
rer des ersten Kreuzzuges, hatte eigentlich die Absicht, Jerusalem aus 
dem Grunde zu erobern, um ein Gegengewicht gegen Rom aufzurich- 
ten. Das sagten er und seine Begleiter den anderen nicht offentlich; aber 
im Herzen trugen sie den Kampfruf: « Jerusalem gegen Rom!» Sie 
sagten sich: Bringen wir Jerusalem in die Hohe, damit es werden konne 
der Mittelpunkt des Christentums, damit nicht mehr Rom das sei. - 
Sie werden den Kindern diese Grundstimmung der ersten fiihrenden 
Kreuzfahrer in taktvoller Weise ubertragen, das wird wichtig sein. 

Grofie Aufgaben waren es, die die Kreuzfahrer sich gestellt hatten, 
und auch diejenigen Aufgaben waren grofie, die sich nach und nach 
aus den Verhaltnissen selber herausstellten fiir die Kreuzfahrer. Und 
die Menschen waren nach und nach zu klein, um diese Aufgaben ohne 
Schaden auf sich geladen zu sehen. Dadurch kam es, dafi unter den 
Kreuzfahrern wahrend der heftigsten Kampfe allmahlich Sittenlosig- 
keit und Unmoralitat ausbrach. 



Nehmen Sie irgendein Handbuch, damit Sie die Tatsachen wie illu- 
strierend in diesen allgemeinen Gang der Ereignisse hineinstellen kon- 
nen. Sie werden bemerken, daft ich heute, indem ich gruppiere, wahr- 
haft nicht tendenzios schildere. Und auch weiterhin werde ich versu- 
chen, rein kulturhistorisch zu schildern, was sich vom 11. bis 17. Jahr- 
hundert in Europa zutrug. 

Nehmen wir einmal an - was ja eine Hypothese ist, aber manchmal 
kann man sich gerade durch Hypothesen den Gang der Geschichte 
klarmachen die Franken hatten Syrien erobert und hatten in Syrien 
eine frankische Herrschaft aufgerichtet, hatten sich mit den Griechen 
verstandigt, hatten den Griechen Raum gelassen und ihnen mehr die 
Herrschaft im vorderen Teil von Kleinasien uberlassen. Dann hatten 
sich alte Traditionen der Griechen erfullt und Nordafrika ware grie- 
chisch geworden. Ein Gegengewicht ware geschaffen gewesen gegen 
dasjenige, was nachher geschah. Es hatten die Griechen eine Herrschaft 
ausgeiibt iiber Nordafrika, die Franken iiber Syrien. So waren sie nicht 
alle untereinander in Streit gekommen und dadurch verlustig gegan- 
gen dieser Herrschaft. Dann ware verhindert worden, dafi gerade vor- 
gebrochen waren die schlimmsten asiatischen Volker, die Mongolen, 
die Mamelucken und die tiirkischen Osmanen. Durch das Unmoralisch- 
sein und dadurch, dafi zuletzt die Kreuzfahrer ihren Aufgaben nicht 
gewachsen waren, kam es, dafi sich die Mongolen, Mamelucken und 
Osmanen gerade auf den Gebieten ausgebreitet haben, welche die 
Kreuzfahrer versuchten zu europaisieren. Und so sehen wir, wie auf 
den grofien, weite Volksgebiete umfassenden Enthusiasmus, der zu den 
Kreuzziigen gefiihrt hat, der Gegenstofl von der anderen Seite kommt: 
der muselmanisch-mongolische Vorstofi, der Militardespotien errichtet 
und der durch lange Zeit der Schrecken Europas und der dunkle Schat- 
ten der Kreuzzugszeit bleibt. 

Sehen Sie, wahrend Sie solche Dinge schildern, indem Sie sich aus 
den Handbuchern die Bilder verschaffen, die Sie dazu brauchen, er- 
wecken Sie in den Kindern selber Bilder iiber die Kulturentwickelung, 
die bleibend sind. Und dafi die Kinder Bilder bekommen, das ist das 
Wichtige. Die Bilder werden sie bekommen zunachst durch anschau- 
liche Schilderung. Konnen Sie dann dahin kommen, irgendwie betracht- 



liche malerische Darstellungen aus dieser Zeit auch als Kunstwerke 
darzubieten, so werden Sie das gesprochene Wort gern durch so etwas 
unterstiitzen. 

Nun haben Sie den Kindern klargemacht zunachst dasjenige, was 
in den Kreuzziigen geschehen war. Und Sie haben die Kinder dazu 
gebracht, innerlich Bilder davon aufzunehmen. Jetzt wird es gut 
sein, daft Sie zu dem Schattenbild des mongolisch-mohammedanischen 
Schreckens hinzufiigen das Gegenbild, das Gute, das sich entwickelt 
hat. 

Schildern Sie anschaulich, wie die Pilger, die nach dem Orient ge- 
zogen sind, noch ganz anderes, viel Neues kennengelernt haben. In 
Europa war die Landwirtschaft damals noch sehr weit zuriick. Im 
Orient konnte man eine sehr viel bessere Bewirtschaftung der Lande- 
reien kennenlernen. Die Pilger, die nach dem Orient gekommen sind 
und nachher wieder nach Europa zuriickkehrten - es kamen ja noch 
viele zuriick -, die haben eine ausgebildete Kenntnis landwirtschaft- 
lichen Betriebswesens mitgebracht, und es kam wirklich ein Auf- 
schwung der landwirtschaftlichen Produktion. Den verdankt man in 
Europa den Erfahrungen, welche die Pilger nach Europa mitbrachten. 

So anschaulich, dafi es das Kind formlich sieht, schildern Sie, wie 
der Weizen und das Korn schlechter gewachsen sind vor den Kreuz- 
ziigen, wie sie niedriger waren, wie sie schiitterer waren, weniger voll 
waren, und wie sie nach den Kreuzziigen voller waren - das alles in 
Bildern! Dann schildern Sie, wie die Pilger wirklich auch kennen- 
gelernt haben, was der Orient damals hatte an Industriellem, was 
Europa damals noch nicht hatte. Es war der Okzident um vieles hinter 
dem Orient zuriick. Was sich dann so schon herausbildet an indu- 
strieller Tatigkeit in den Stadten Italiens, auch in den mehr nordlich 
gelegenen Stadten, das ward den Kreuzziigen verdankt. Und auch 
Kiinstlerisches wird den Kreuzziigen verdankt. Da konnen Sie also 
Bilder hervorrufen von dem geistigen Kulturfortschritt in dieser Zeit. 

Aber Sie konnen den Kindern auch schildern und sagen: «Seht ihr, 
Kinder, da haben die Europaer zuerst die Griechen kennengelernt; die 
sind schon im ersten Jahrtausend abgefallen von Rom, sind aber Chri- 
sten geblieben. In alien westlichen Gegenden hat man geglaubt, daft 



man uberhaupt kein Christ sein kann, ohne zu dem Papst als oberstem 
Haupt der Kirche emporzuschauen.» Jetzt mache man den Kindern 
klar, wie die Kreuzfahrer kennengelernt haben, zu ihrer groften Ober- 
raschung und Belehrung, daft es auch Christen gibt, die nicht den romi- 
schen Papst anerkennen. Dieses Loslosen der geistigen Seite des Chri- 
stentums von der weltlichen Kircheneinrichtung, das war etwas ganz 
Neues damals. Das mache man den Kindern klar. 

Dann, daft unter den Muselmanen, die ja wenig erfreuliche Erden- 
biirger waren, es aber doch auch edle, freigebige, tapfere Menschen gab. 
Und dadurch haben die Pilger Menschen kennengelernt, die sogar 
tapfer und freigebig sein konnten, ohne Christen zu sein. Man konnte 
also sogar ein guter, tapferer Mensch sein, ohne Christ zu sein. Das 
war eine grofte Lehre, die fur die damaligen Menschen Europas durch 
die Kreuzfahrer nach Europa zuriickgebracht worden ist. 

Also eine ganze Menge haben die Kreuzfahrer sich erobert im Orient, 
was sie fur die geistige Kultur nach Europa gebracht haben. 

Man macht den Kindern klar: «Seht, die Europaer, sie hatten nicht 
einmal Kattun, ja sie hatten nicht einmal ein Wort dafiir. Sie hatten 
kein Musselin, auch das ist ein orientalisches Wort. Sie konnten sich 
nicht niederlegen, zuriickrakeln auf ein Sofa, denn das Sofa haben die 
Kreuzfahrer, mit dem Ausdruck Sofa, erst mitgebracht. Sie hatten auch 
keine Matratze, auch Matratze ist ein orientalisches Wort. Auch der 
Bazar gehort hierher, was gleich auf eine ganze Gesinnung gegeniiber 
dem offentlichen Schaustellen von Erzeugnissen hinweist, was Schau- 
stellungen im groften produziert. Bazare haben die Orientalen nach 
ihrer Gesinnung im weiten Umfange gemacht. In Europa gab es friiher 
nicht etwas Ahnliches, bevor die Europaer die Kreuzzuge unternom- 
men haben. Sogar das Wort Magazin ist kein europaisches, so sehr es 
mit Handeln und so weiter zusammenhangt. Diese Art, Magazine zu 
brauchen wegen des Umfangreichen des Handelns, das haben die Euro- 
paer erst von den Orientalen gelernt. - Man kann sich vorstelIen», 
sagt man zu den Kindern, «wie eingeschrankt das Leben in Europa war, 
daft sie nicht einmal Magazine gebraucht haben. Auch das Wort Arse- 
nal gehort hierher. Aber seht, etwas anderes haben die Europaer auch 
gelernt bei den Orientalen; das haben sie sich mitgebracht in dem Wort 



Tarif. Steuerzahlen, das kannten die europaischen Volker bis zum 13. 
Jahrhundert sehr wenig. Aber tarifmafiig Steuer bezahlen, allerlei Ab- 
gaben bezahlen, das wurde erst eingefiihrt in Europa, als die Kreuz- 
fahrer es bei den Orientalen kennenlernten.» 

Also man sieht schon, es ist vieles, vieles anders geworden in Europa 
durch die Kreuzziige. Von dem hat sich nicht viel erfiillt, was die 
Kreuzfahrer gewollt haben. Es hat sich aber anderes, Vielfaches an 
Umgestaltung von Europa vollzogen durch das, was man im Orient 
kennengelernt hatte. Das alles verband sich dann noch mit der An- 
schauung der orientalischen Staatswesen, denn das Staatswesen hat 
sich im Orient schon viel friiher ausgebildet als in Europa. In Europa 
waren die Gebilde der Verwaltung viel loser vor den Kreuzziigen, als 
sie nach den Kreuzziigen waren. Daft man dann weite Territorien unter 
staatlichen Gesichtspunkten zusammenfafite, das ist schlieftlich auch 
erst durch die Kreuzziige gekommen. 

Nun kann man aber auch - ich setze immer voraus, daft die Kinder 
das Alter haben, das ich angedeutet habe - sie mit folgendem bekannt- 
machen: «Seht, Kinder, ihr habt friiher durch geschichtliche Erzahlung 
erfahren, daft die Romer friiher einmal ihre Herrschaft ausgebreitet 
haben. Damals, als die Romer ihre Herrschaft ausgebreitet haben im 
Beginne der christlichen Zeitrechnung, da wurde Europa sehr arm, im- 
mer armer. Wodurch kam dieses Armwerden? Man muftte sein Geld 
hergeben an andere. Mitteleuropa wird jetzt auch wieder arm werden, 
weil es sein Geld abgeben muft an andere. Damals muftten die Euro- 
paer ihr Geld an die Asiaten abgeben. An die Grenzen des Romer- 
reiches wanderten die Geldmassen. Dadurch kam immer mehr die Na- 
turalwirtschaft auf. Das ist etwas, was wieder passieren konnte, so 
traurig es ware, wenn die Menschen sich nicht zum Geistigen aufraf- 
fen. Allerdings, in dieser Armut, da entwickelte sich der asketische, 
hingebungsvolle Geist der Kreuzziige. 

Jetzt aber lernten die Europaer durch die Kreuzziige in Asien drii- 
ben allerlei Neues kennen, industrielles Produzieren, Landwirtschaft. 
Dadurch konnten sie wiederum Dinge hervorbringen, die ihnen die 
Asiaten abkaufen konnten. Das Geld wanderte wieder zuriick. Europa 
wurde immer reicher, gerade wahrend der Kreuzziige. Diese Bereiche- 



rung Europas kam dadurch, daft es seine eigene Produktion erhohte. 
Das ist eine weitere Folge. Die Kreuzziige sind wahre Volkerwande- 
rungen nach Asien. Nach Europa kam wieder zuriick ein gewisses 
Konnen. Nur durch dieses Konnen ist Florenz moglich und zu dem 
geworden, was es eben nachher war. Nur dadurch konnten sich Ge- 
stalten entwickeln wie Dante und ander,e.» 

Sehen Sie, es ware notwendig, dafi man die geschichtliche Darstel- 
lung von solchen Impulsen durchzogen sein liefie. Wenn heute gesagt 
wird, man soil mehr Kulturgeschichte treiben, dann denken die Leute, 
sie miissen recht trocken schildern, wie das eine aus dem anderen folgt. 
Geschichte sollte aber auch schon auf diesen unteren Schulstufen so ge- 
schildert werden, dafl man subjektiv dabei ist, dafi man Bilder ent- 
wickelt, dafi die Zeit wirklich aufersteht. Dafl aufersteht das arme, 
nur mit schwachbesetzten Feldern iiberdeckte Europa, wo keine Stadte 
waren, wo die Leute ihre Landwirtschaft betrieben, die aber sparlich 
war. Wie aber gerade aus diesem armen Europa hervorgeht die Be- 
geisterung fur die Kreuzziige. Wie dann die Leute ihrer Aufgabe doch 
nicht gewachsen sind, wie sie in Streit kommen, wie Unmoral um 
sich greif t, wie sie dann in Europa selber in Streit geraten. Wie ge- 
rade dasjenige nicht erreicht wird, was durch die Kreuzziige angestrebt 
wird, sondern im Gegenteil, wie Boden geschaffen wird fur die Mu- 
selmanen. Wie aber der Europaer vieles lernte im Orient; wie Stadte, 
bliihende Stadte entstehen und in den Stadten eine reiche geistige 
Kultur. Aber auch wie die Landwirtschaft sich hebt, wie die Felder 
fruchtbarer werden, wie die Industrie aufbliiht, wie auch die geistige 
Kultur sich hebt. 

Das alles versuche man in anschaulichen Bildern vor die Kinder 
hinzustellen und ihnen klarzumachen, wie sich die Menschen vor den 
Kreuzzugen nicht hingerakelt haben auf Sofas, wie sich Spiefiburger- 
lichkeit noch nicht geltend machen konnte in den Familien auf Sofas 
in den guten Stuben. Versuchen Sie anschaulich diese Geschichte zu 
schildern, dann werden Sie eine wahrere Geschichte geben. Zeigen Sie, 
wie Europa arm geworden ist bis zur Naturalwirtschaft und wieder 
reich geworden ist durch das, was man gelernt hat. Das wird die Ge- 
schichte beleben! 



Man wird oftmals heute gefragt: Was soil man lesen, welche Ge- 
schichtsdarstellung ist die beste? - Man kann immer nur sagen: schliefl- 
lich ist jede die beste und jede die schlechteste; es ist schon einerlei, 
welchen geschichtlichen Autor man zur Hand nimmt. Lesen Sie nicht 
in den Zeilen, sondern zwischen den Zeilen. Suchen Sie sich erahnend 
inspirieren zu lassen, den wahren Gang der Handlung kennenzulernen. 
Suchen Sie sich ein Gefiihl dafiir zu verschaffen, was geschichtliche 
Darstellung ist. An der Art werden Sie erkennen, welcher Geschichts- 
schreiber in die Wirklichkeit eingedrungen ist, welcher nicht. 

Sie werden das eine oder andere bei Ranke lesen. Wenn Sie Ihre 
Geschichtslektiire bei Ranke mit dem durchdringen, was wir hier von 
Wirklichkeitsgeist in uns lebendig machen, werden Sie sagen: Ranke 
ist sehr fleifiig, aber er schildert die Charaktere so, dafi sie nur Schat- 
ten sind. Man kann iiberall durchgreifen; sie sind nicht Fleisch und 
Blut. Und Sie konnen sagen: Ich mag ja die Geschichte nicht nur als 
Schattenspiel haben. 

Einer der Kursteilnehmer rat zu Lamprecht. 

Rudolf Steiner: Aber man kann da schon das Gefiihl haben, Lam- 
precht schildert Kulturgeschichte, nicht Menschen, sondern angestri- 
chene Pappfiguren, die er nur mit moglichst vollen Tonen anstreicht. Es 
sind nicht Menschen; sie schauen aus wie korperliche Menschen, sind 
aber nur angestrichene Pappendeckelfiguren. Da mufi man schon sagen: 
Treitschke mag tendenzios sein, aber die Treitschke-Personlichkeiten, 
die stehen doch auf ihren Beinen! Er stellt die Menschen doch auf die 
Beine, und sie haben Fleisch und Blut. Sie sind nicht Pappendeckel wie 
bei Lamprecht, und sie sind nicht blofi Schattenfiguren wie bei Ranke. 
Leider gibt es von Treitschke nur die Geschichte des 19. Jahrhunderts. 

Wollen Sie sich ein Gefiihl aneignen von wirklich guter Geschichts- 
schreibung und fur den Geist eines Geschichtserzahlers, dann lesen Sie 
den Tacitus. Wenn Sie den Tacitus lesen, dann wird alles bis ins Wort 
hinein ganz lebendig. Dann steht die Zeit und die Menschen und die 
Menschengruppen, die der Tacitus schildert, die stehen, wenn Sie das 
alles auf Ihren Wirklichkeitssinn wirken lassen, da wie das Leben 
selber! Von da aus versuchen Sie, darauf zu kommen, wie man sich in 
eine andere Darstellung hineinlebt. 



Ganz Veraltetes kann man doch nicht lesen, sonst wiirde der feurige 
Rotteck noch immer etwas sehr Gutes sein. Aber er ist veraltet, nicht 
nur den Tatsachen nach, sondern der Gesinnung nach. Denn er be- 
trachtet als Evangelium die damalige badische Staatsverfassung und 
den Liberalismus, er interpretiert sie hinein schon in das persische und 
agyptische und griechische Leben. Aber alles mit Feuer, so dafi man 
wiinschen mochte, daft es auch in unserer Zeit noch viele solche Ge- 
schichtsdarsteller gabe wie Rotteck. 

Wenn Sie nun versuchen, die gebrauchlichen Darstellungen zu lesen, 
und sich anstrengen, Ihr Augenmerk zu richten auf das, was dort oft- 
mals fallengelassen wurde, dann werden Sie sich geeignet machen, 
lebendige Bilder iiber die Geschichtsentwickelung vom 11. bis 17. Jahr- 
hundert hinzustellen. Und Sie werden Ihrerseits fallenlassen vieles, was 
da erzahlt wird iiber Friedrich Barbarossa, iiber Richard Lowenherz, 
iiber Friedrich IL Es ist ja manches interessant, aber fur die wirkliche 
Erkenntnis der Geschichte nicht besonders wichtig. Viel wichtiger ist 
es, den Kindern die groften Impulse der Geschichte zu vermitteln. 

Jetzt gehen wir iiber zu unserer Aufgabe, wie wir eine Klasse be- 
handeln wiirden, in der eine Anzahl von Schiilern oder Schiilerinnen 
einen «Schwarm» fur den Lehrer oder die Lehrerin entwickeln. 

Die wirklich gefahrlichen Schwarmereien beginnen eigentlich doch 
erst mit dem zwolften bis vierzehnten Jahr. Was iiber das schulmaftige 
Alter in dieser Beziehung hinausliegt, ist dann schon ein schwerer Fall. 
Vorher ist es bei diesen Dingen von besonderer Wichtigkeit, dafi man 
nicht alles furchtbar ernst nimmt, und daft man weift, daft vieles schon 
wieder vergehen wird. 

Es folgt eine Besprechung, wahrend derer sich viele Teilnehmer zu diesem Thema 
auftern. 

Rudolf Steiner: Das offentliche Blamieren vor der Klasse wiirde ich 
fur ein sehr zweischneidiges Schwert halten, weil es zu lange anhalt 
und den Schiiler aus der Klasse herausreiftt. Es wird sich sehr schwer 
ein Verhaltnis solcher Kinder, die man blamiert hat, zu der iibrigen 
Klasse wieder herstellen. Gewohnlich fiihrt es dann doch dazu, daft 
die Kinder erreichen, daft sie aus der Schule genommen werden. 



F. erwahnt unter anderem, was der Lehrer tun konne, auch das Gebet. 

Rudolf Steiner: Sehr richtig! 

F.: Man mufi mit dem betreffenden Kinde sprechen und die Zuneigung ablenken. 

Rudolf Steiner fafit zusammen: Die Prinzipien sind richtig, abzu- 
lenken die Begeisterungsfahigkeit, abzulenken die Hingabe. Nur wer- 
den Sie darin nicht viel erreichen, wenn Sie sich viel unterhalten mit 
diesen Kindern, weil ihnen das ganz gut passen wiirde. Weil diese 
Schwarmerei viel mehr beruht auf Gefiihlen und auch Leidenschaften, 
nicht auf der Vorstellung, so wird es aufierordentlich schwer sein, wenn 
man der Leidenschaft entgegenkommt durch ofteres Beisammensein, 
ihr wirksam zu begegnen. 

Richtig ist, dafi das Schwarmen aus Begeisterung und aus Hingabe 
hervorgeht, die in falsche Bahnen laufen. Bei den begabten Kindern 
kommt mehr in Betracht die Begeisterungsfahigkeit, bei den schwachen, 
minderbegabten, die Hingabeanlage. 

Die Sache ist an sich nicht so wichtig, aber sie wird wichtig wegen 
ihrer Folgen fur die Beteiligung am Unterricht, weil die Kinder weniger 
lernen, wenn sie schwarmen. 

Ein allgemeines Schwarmen der Kinder ist nicht zu schlimm, es halt 
nicht lange an. Das vergeht sehr schnell. Es kommen Vorstellungen in 
die Klasse, die sich nicht erfiillen. Das fiihrt zu Enttauschungen, und 
dann kuriert es sich von selber. Da kann auch eine humoristische Er- 
zahlung vor der ganzen Klasse ganz gut sein. Gefahrlich wird es erst, 
wenn Gruppen anfangen zu schwarmen. 

Die ganze Sache war notwendig zu durchdenken, weil sie in der 
Schulpraxis eine Rolle spielen kann. Die Schwarmerei an sich ist nicht 
gerade das Schlimmste, aber ungesunde Schwarmerei macht schwach. 
Die Kinder werden dadurch lassig und lethargisch. Es handelt sich 
unter Umstanden um bedenkliche Schwachezustande der Kinder. 

Der Fall steht auf des Messers Schneide, denn bei entsprechenden 
Mafinahmen kann die Sache dann umschlagen in das Gegenteil, in Hafi. 

Es ist auch sehr gut, zu sagen: Du bist erhitzt, geh einmal fiinf Mi- 
nuten hinaus - und so weiter. Oberhaupt handelt es sich darum, dafi man 
in einem solchen Falle individualisiert, nicht nur bei den Kindern, son- 



dern auch in der Behandlung. Man soli sich alles zunutze machen, wo- 
von man im gesunden Denken sich versprechen kann, daft es hilft. 

Nur das eine sollte sorgfaltig angestrebt werden, daft die schwar- 
menden Kinder nicht den Glauben bekommen, man merkt etwas von 
ihrer Schwarmerei. Man sollte geradezu eine Kunst darin entwickeln, 
den Glauben hervorzurufen, man bemerke gar nichts. Selbst in den 
Maftregeln, die man unternimmt, sollte das Kind den Gedanken haben, 
daft man die Sache sowieso macht. 

Nehmen wir einmal an, eine Anzahl Kinder schwarmt fiir einen 
Lehrer, der zu Hause selbst vier, fiinf, sechs Kinder hat. Und er hat 
ja das einfachste Mittel: er fordert die schwarmenden Kinder etwa zu 
einem Spaziergang auf und nimmt seine eigenen Kinder mit. Das wird 
schon sehr gut helfen. Aber die Kinder sollten nichts davon merken, 
daft er sie darum aufgefordert hat. Solche konkreten Dinge soli man 
sich zunutze machen. 

Das, worum es sich in einem solchen Falle handelt, ist, daft man sich 
nur selbst ganz korrekt verhalt und die Kinder, die so schwarmen, 
nicht anders behandelt als die anderen. Peinlich darauf sehen, sich 
korrekt zu verhalten. Sich nicht beriihren lassen durch eine solche 
Schwarmerei, dann geht sie in einiger Zeit voriiber! Das Bedenkliche 
bleibt nur, daft eine gewisse Antipathie anstelle der Schwarmerei tritt. 
Man kann sie vermindern, wenn man gar nichts merken laftt. Man laftt 
sie nichts wissen davon, daft man es merkt, dann wird auch der Haft 
nicht so groft, als wenn man sie ermahnt, sie zu sehr ermahnt, oder sie 
vor der Klasse blamiert, Man erzahlt eine Geschichte in kurzer Form, 
wodurch die Sache lacherlich wird. Aber es muft so sein, daft es er- 
scheint, als erzahle man sie sowieso. Der Konsequenz, daft hinterher 
eine gewisse Antipathie entsteht, kann man nicht entgehen. Man wird 
sich, wenn man jahrelang mit den Kindern arbeitet, eine normale Sym- 
pathie wieder erwerben konnen. 

Man kann auch die andere Konsequenz nicht hintanhalten, daft die 
Kinder, wenn der Schwarm bedenkliche Form annimmt, etwas ge- 
schwacht werden. Man muft ihnen hinterher so helfen, daft sie wieder- 
um iiber die Schwache wegkommen. Das wird noch die beste Therapie 
sein, die man anwenden kann. Alle iibrigen Mittel: Geh mal fiinf 



Minuten 'raus, Spaziergang und so weiter -, kann man anwenden; man 
mufi sich aber immer durchaus auf den Standpunkt des gesunden Igno- 
rierens stellen. Das Kind wird etwas geschwacht sein; dann ihm liebe- 
voll hinterher helfen, das ist das, was der Lehrer selbst tun kann. 

Wiirde die Sache sehr bedenklich werden, dann wiirde der Lehrer, 
weil er selbst Objekt ist, nicht selber viel tun konnen, dann wiirden 
schon andere Ratgeber zu Hilfe gezogen werden mussen. 

Eine Aufgabe, mehr didaktischen, weniger erzieherischen Inhalts: 
Legen Sie sich jeder zurecht, Sie erlebten mit einer Anzahl von Kindern 
in Ihrer Klasse, dafi diese Gruppe in irgendeiner Richtung weniger gut 
mitkommt, zum Beispiel im Rechnen, in Sprachen, Naturgeschichte, 
Turnen oder in der Eurythmie. Wie wiirden Sie versuchen, durch be- 
sondere Behandlung der menschlichen Fahigkeiten einer solchen Ka- 
lamitat zu begegnen, wenn sie im friihen Volksschulalter auftritt? Wie 
wiirden Sie auch durch die anderen Unterrichtsgegenstande nachhelfen? 



ACHTE SEMINARBESPRECHUNG 



Stuttgart, 29. August 1919 

Sprechiibungen: 

In den unermefilich weiten Raumen, 
In den endenlosen Zeiten, 
In der Menschenseele Tiefen, 
In der Weltenoffenbarung: 
Suche des grofien Ratsels Losung. 

Rudolf Steiner: Die Satze verhalten sich so, dafi die vier ersten klin- 
gen wie eine Erwartung, und die letzte Zeile die Gesamterfiillung ist 
der vier ersten Zeilen. 

Die ei nicht wie ai sprechen! 

Jetzt gehen wir wiederum zuriick zu der anderen Sprechiibung: 

Protzig preist 
Bader briinstig 
Polternd putzig 
Bieder bastelnd 
Puder patzend 
Bergig briistend 

Daran konnen Sie sehr viel lernen. Jetzt wiederholen wir den Satz: 

DalS er dir log uns darf es nicht loben 

Nun ein Ahnliches, aber dabei kommt eine Nuance nach dem Affek- 
tiven hin. Es sind vier Zeilen, auf die ich Sie aufmerksam machen 
mochte. Ich werde sie Ihnen nachher diktieren. Das Affektive soli 
mehr in der ersten Zeile zum Ausdruck kommen: 



Lalle Lieder lieblich 
Lipplicher Laffe 
Lappiger lumpiger 
Laichiger Lurch. 

Also Sie stellen sich vor, daft sie einen griinen Frosch vor sich haben, 
der Sie anguckt mit offenem Mund, mit etwas aufgespannten Lippen, 
und den reden Sie an mit den drei letzten Zeilen. Aber Sie muten ihm 
in der ersten Zeile zu, er solle «liebliche Lieder lallen». Diese erste 
Zeile miissen Sie wie humoristisch-affektiv, wie eine Zumutung an ihn 
sagen. 

Jetzt noch ein Prosastiick, eine Fabel von Lessing: 

Die Eiche 

Der rasende Nordwind hatte seine Starke in einer sturmischen Nacht 
an einer erhabenen Eiche bewiesen. Nun lag sie gestreckt und eine 
Menge niedriger Strduche lagen unter ihr zerschmettert. Ein Fuchs, der 
seine Grube nicht weit davon hatte, sah sie des M or gens darauf. «Was 
fiir ein Baum!» rief er. « Hatte ich doch nimmermehr gedacht, dafl er 
so grofi gewesen war el » 

Worin besteht denn die Fabelmoral? 

T. : Dafi man erst beim Tode bemerkt, wie groft ein Mensch war. 

H.: Dafi ein Kleiner erst merkt, wenn ein Grower gestiirzt ist, was er war. 

Rudolf Steiner: Aber warum wird gerade der Fuchs verwendet, der 
doch schlau ist? 

H.: Weil die Fuchsschlauheit an die Erhabenheit des Baumes nicht herankommt. 

Rudolf Steiner: In welchem Satz wiirde mit Bezug auf die Fuchs- 
schlauheit die Fabelmoral stecken? - «Hatte ich doch niemals gedacht, 
dafi er so grofi gewesen ware!» 

Er hatte eben nie hinaufgeschaut. Er hatte ihn nur immer unten an- 
geschaut, war nur unten um ihn herumgegangen, und da hatte der 
Baum einen kleinen Raum eingenommen. Er hatte nur das gesehen, 
trotz seiner Schlauheit, was man unten von dem Umfange sieht. 



Ich mache Sie darauf aufmerksam: Fabeln, die an sich in ihrer be- 
sonderen Welt, in einer Fabelwelt spielen, diirfen realistisch gelesen 
werden, niemals aber Gedichte. 

Nun kommen wir heute nach der gestrigen Aufforderung an Sie zu 
etwas sehr Wichtigem, namlich dazu, uns zu unterhalten iiber die Mafi- 
nahmen, die wir zu treffen haben, indem wir bemerken, dafi die eine 
Schiilergruppe weniger veranlagt ist zu diesem oder jenem Gegenstand 
oder diesem oder jenem Teil des Lehrstoffes, die andere Schiilergruppe 
mehr. Und ich werde Sie bitten: Wahlen Sie sich fur die ganze Zeit 
vom siebenten bis zum fiinfzehnten Jahr aus, worauf Sie heute in Ge- 
danken Ihre Hauptaufmerksamkeit wenden wollen, ob auf die Schii- 
lergruppe, die nicht imstande ist, ordentlich Lesen oder Schreiben zu 
lernen, oder Naturgeschichte zu lernen, oder Rechnen oder Geometrie 
oder Singen zu lernen, und handeln Sie dann dariiber ab, wie Sie sich in 
der Klasse oder iiberhaupt in der Behandlung der Schuler und im Auf- 
stieg in der Zeit verhalten wollen, damit Sie das, was da auftritt, mog- 
lichst ins gleiche bringen. 

Mehrere Seminarteilnehmer machen dazu langere Ausfiihrungen, 

Rudolf Steiner: Die Dinge, die da auftreten, konnen sich zum Teil 
beziehen auf eine allgemeine Unbegabtheit. Aber sie konnen sich auch 
beziehen auf eine spezielle, eine spezifische Unbegabtheit. Man hat 
Zoglinge, die vielleicht fiir Lesen und Schreiben aufierordentlich gut 
begabt sind, aber die, sobald man ans Rechnen kommt, sich fiir dieses 
Rechnen als unbegabt erweisen. Man hat dann Zoglinge, bei denen es 
noch mit dem Rechnen geht, aber in dem Augenblick, wo man beginnt, 
ihre Urteilskraft anzurufen, wo sie Naturwissenschaftliches richtig be- 
greifen sollen, geht es nicht mehr weiter. Dann gibt es solche Kinder, 
die nicht an Geschichte heran wollen. Diese spezifischen Unbegabt- 
heiten, die sind das Wichtige, die sollte man gut beriicksichtigen. 

Darauf nehmen Sie vielleicht mit Folgendem Rucksicht: Wenn Sie 
bemerken, dafi ein Kind im allgemeinen gleich von Anfang an auch 
fiir Lesen und Schreiben unbegabt ist, dann tun Sie unter alien Um- 
standen schon einmal gut, sich mit den Eltern in Verbindung zu setzen 
und sie zu bitten, zunachst einmal dem Kinde moglichst wenig Eier- 



speisen zu geben und moglichst wenig Mehlspeisen. Das iibrige kann 
im wesentlichen bleiben. Wenn die Eltern darauf eingehen, das Kind 
eine Zeitlang, trotzdem ihm ein Teil der Nahrung entzogen wird, gut 
zu ernahren, dann kann man es vielleicht sogar eine Zeitlang auf wenig 
Fleisch und sehr viel Gemiise und Blatter enthaltende Nahrung setzen. 
Man wird dann bemerken, dafi das Kind durch diese Diatanderung 
im wesentlichen eine Erhohung seiner Fahigkeit zeigt. Dies niitze man 
aus. Man beschaftige das Kind gerade sehr stark im Anf ang, also wenn 
es anf angt, seine Diat zu andern. 

Wenn man bemerkt, dafi diese blofie Diatanderung nicht viel niitzt, 
dann versuche man, das Kind einen ganz kurzen Zeitraum hindurch - 
ich will sagen, acht Tage lang -, nachdem man sich mit den Eltern in 
Verbindung gesetzt hat, uberhaupt bis zum Ablauf der Vormittags- 
schule oder wenigstens der ersten Stunden der Vormittagsschule, wo 
ihm Lesen und Schreiben beigebracht werden soli, nichts essen zu lassen, 
sondern es lernen zu lassen auf michternen Magen, oder wenigstens es 
nur ein Minimum essen zu lassen. Man setze diese Prozedur nicht all- 
zulange fort, sondern lasse sie abwechseln mit normalem Ernahrt- 
werden. Aber man niitze die Zeit, die Ihnen ganz gewift das Kind mit 
blofigelegten Fahigkeiten zeigen wird - mit starkeren Fahigkeiten und 
mehr aufnahmefahig -, gut aus. Wiederholt man eine solche Diatkur 
mehrmals im Laufe eines Jahres, so wird man sehen, dafi in etwas sich 
die Begabung eines mehr oder weniger jungen Kindes - das gilt also 
fur die ersten Schuljahre - andert. Das bitte ich Sie doch sehr zu be- 
riicksichtigen. 

Und ich bitte Sie uberhaupt zu beriicksichtigen, dafi die unsinnige 
Ernahrungsweise in den ersten Kinderjahren, zu der manche Eltern 
hinneigen, namentlich bei phlegmatischen und sanguinischen Kindern, 
viel beitragt zur Herabstimmung der Fahigkeiten. Das ewige Uber- 
ernahren der Kinder - jetzt ist es ja etwas anders, aber man mufi die 
Dinge doch wissen -, das Vollstopfen der Kinder mit Eierspeisen und 
Mehlspeisen, mit Mehlpampf, das ist etwas, was die Kinder ganz un- 
lustig und unfahig zum Lernen macht in den ersten Jahren des Schul- 
besuches. 

Es wird gefragt, wie es mit Kakao sei? 



Rudolf Steiner: Warum sollen denn die Kinder iiberhaupt Kakao 
trinken? Es ist ja gar nicht notwendig, wenn man nicht Kakao braucht, 
um ihre Verdauung zu regulieren. Man braucht ja manchmal solche 
Dinge, um die Verdauung zu regulieren. Bei Kindern, die eine zu 
rasche Verdauung haben, ist es besser, Kakao zu verwenden als andere 
Heilmittel; aber wenn das nicht notig ist, dann braucht ein Kind iiber- 
haupt nicht solche Dinge zu haben. Die Kinder bekommen heute viel, 
was nichts taugt fur sie. 

Man kann da merkwurdige Beobachtungen machen. Als ich Erzieher 
war in den achtziger Jahren, da war ein junges Kind da; das Kind 
konnte von mir nicht erzogen werden, ich hatte nur die grofieren. Es 
war ein kleiner Cousin, Es war eigentlich ein nettes, liebes Kind mit 
guten Einfallen. Es hatte einmal ein gutbegabtes Schulkind werden 
konnen. Ich war oftmals anwesend und konnte Zeuge sein, wie das 
Kind witzig und begabt war. Er war noch ein kleiner Kerl, noch kaum 
an das zweite Jahr herangekommen, als er einmal bei Tisch folgendes 
sagte. Er hatte zwei kleine Klofichen, zwei Knodelchen, und war schon 
so gescheit, dafi, als man sagte: «Hans, jetzt hast du schon zwei Kno- 
delchen*, er antwortete: «Und das dritte folgt sogleich.» Das sagte der 
kleine Knirps. 

Dann schimpfte er auch sehr gern. Ich fand nicht, dafi es schadet, 
wenn ein Kind in diesem Alter sich ausschimpft. Das legt sich spater. 
Daher hatte er sich angeeignet, gerade mich ganz besonders zu be- 
schimpfen. Einmal, als ich zur Tiire hereinkam - da war er schon etwas 
alter -, stellt er sich breit auf. Da fiel ihm kein Schimpfwort ein, das 
ihm grofi genug war, da sagte er: «Da kommen zwei Esel!» Er war 
also sehr geistreich, nicht wahr? 

Aber der Knabe war ein Blaftling, hatte schlechten Appetit und war 
etwas mager. Auf den Rat eines sonst ausgezeichneten Arztes bekam 
deshalb dieses Kind zu jeder Mahlzeit ein kleines Glaschen Rotwein. 
Ich hatte ja keine Verantwortung noch Einflufi auf diese sonderbare 
hygienische Erziehungsmethode, aber ich hatte so meine Sorge. Dann 
sah ich dieses Individuum wieder in seinem zweiunddreifiigsten, drei- 
unddreiftigsten Jahre - ein furchtbar nervoser Mensch! Ich frug, als er 
nicht dabei war, wie er denn als Schulkind gewesen sei. Ja, dieser 



zappelige Mensch, der in den Dreifiigerjahren schon ganz nervos war, 
zeigte, wieviel Jammervolles das kleine Glaschen Rotwein bei den 
Mahlzeiten angerichtet hatte. Es war ein begabtes Kind, denn ein Kind 
ist begabt, das sagt: «Da kommen zwei Esel!» 
«Frech war er», ruft Frau Dr. Steiner dazwischen. 

Rudolf Steiner: Von der Frechheit konnen wir ja dabei absehen. - 
Was geht da voraus? Es ist erstaunlich. Er findet kein Schimpfwort, 
was grofi genug ist, da nimmt er die Zahl zu Hilfe. Das ist eine aufier- 
ordentlich grofie Begabung. Nun, er war ein schwacher Schiiler gewor- 
den und wollte nicht ordentlich lernen. Er war also durch diese Er- 
ziehungsmethode, durch den Wein, bereits im siebenten Jahre vollstan- 
dig verdorben. 

Das ist etwas, was ich im Anfang unserer heutigen Besprechung 
Ihnen nahelegen mochte, dafi es bei Begabungen nicht so unwesentlich 
ist, darauf zu sehen, wie man die Diat des Kindes einrichtet. Nament- 
lich aber bitte ich Sie, darauf zu achten, dafi die Verdauung des Kindes 
nicht leidet. Daher mussen Sie auf irgendeinem taktvollen Wege, wenn 
Ihnen an der Befahigung des Kindes etwas auffallt, sich durch die 
Eltern erkundigen, ob das Kind einen ordentlichen Verdauungsprozefi 
hat. Versuchen Sie darauf hinzuwirken, dafi derselbe reguliert wird. 

T. spricht iiber die fur das Rechnen unbegabten Kinder. 

Rudolf Steiner: Wenn Sie besonders schwache Begabungen zum 
Rechnen entdecken, so tun Sie gut, folgendes zu machen: die anderen 
Kinder werden in der Regel in der Woche zwei Turnstunden, das heifit 
eine Eurythmiestunde und eine Turnstunde haben. Diese Kinder, die 
nicht gut rechnen, spannen Sie zusammen, und lassen Sie ihnen eine 
Eurythmie- oder Turnstunde oder eine halbe Stunde ankniipfen. Sie 
brauchen sich dadurch nicht mehr zu belasten; nehmen Sie sie mit ande- 
ren zusammen, wo gerade solche Ubungen gemacht werden. Man mufi 
sorgen, dafi solche Kinder gerade durch das Turnen und die Eurythmie 
in ihren Fahigkeiten gehoben werden. 

Sie lassen solche Kinder zunachst Stab ubungen machen. Den Stab in 
der Hand: nach vorne 1, 2, 3; nach hinten 1, 2, 3, 4. Also das Kind 
mufi immer den Stab nach vorne und nach riickwarts nehmen. Es mufi 
sich anstrengen, den Stab auf irgendeine Weise bei 3 nach riickwarts 



zu kriegen. - Dann mufi auch Laufen darankommen: 3 Schritte vor, 
5 Schritte zuriick; 3 Schritte vor, 4 Schritte zuriick; 5 Schritte vor, 
3 Schritte zuriick und so weiter. - Versuchen Sie, turnend und auch 
vielleicht eurythmisch in die Bewegungen des Kindes die Zahl hinein- 
zumischen, so dafi es genotigt ist, sich selbst bewegend, zu zahlen. Sie 
werden sehen, dafi das einen Erfolg hat. Ich habe das bei Schulern wie- 
derholt gemacht. 

Und ich frage Sie nun: Warum hat das einen Erfolg? Nach dem, 
was Sie schon gelernt haben, konnen Sie sich dariiber Vorstellungen 
bilden. 

T.: Eurythmische Bewegungen miissen doch ein gutes Mittel sein fur den Geo- 
metrieunterricht. 

Rudolf Steiner: Den Geometrieunterricht meinte ich aber nicht. Was 
ich sagte, bezog sich auf das Rechnen, weil ja dem Rechnen willent- 
liches Sich-Bewegen zugrunde liegt, der Bewegungssinn. Wenn man den 
in dieser Weise in Wirksamkeit bringt, so wirkt man anfeuernd auf 
diese Fahigkeit. Man holt etwas aus dem Unterbewufitsein herauf, was 
bei einem solchen Kinde nicht herauf will. Oberhaupt sollte man durch 
Bewegungsiibungen die mangelnden Fahigkeiten des Rechnens und 
auch der Geometrie anregen. Fur Geometrie wird man viel tun konnen 
durch geistreiche Eurythmieiibungen. Auch durch Stabiibungen. 

N.: Bei Schwierigkeiten in der Aussprache raufi man Bedacht nehmen auf den 
Zusammenhang des Sprachlichen mit der Musik. 

Rudolf Steiner: Die meisten Falle einer schlechten Aussprache wiir- 
den darauf beruhen, auf schlechtem Horen. 

N.: Beim Geographieunterricht wird der sanguinische Schiiler nicht recht mit- 
kommen; er hat verschwommene Vorstellungen. Da wiirde ich Zeichenunterricht be- 
fiirworten, Motive aus der Landkarte. 

Rudolf Steiner: Wenn man den Geographieunterricht recht anschau- 
lich gestalten wiirde, wenn man namentlich die Lander, die Verteilung 
der Vegetation in den Landern, die Verteilung der Bodenprodukte in 
den Landern, durch graphische Darstellungen zeigt, in dieser Weise 
also den Unterricht recht anschaulich gestaltet, wird man gerade da 
bemerken, dafi man nicht leicht eine allgemeine Stumpfigkeit des 
Schiilermaterials findet. Dadurch kann man leicht gegen eine allge- 



meine Stumpfheit ankampfen. Wenn man das auch noch dadurch be- 
lebt, dafi man gerade beim Geographieunterricht versucht, das Land 
zuerst zu beschreiben, es dann aufzeichnet, es aufzeichnen lalk auf die 
Tafel, hineinzeichnet Fliisse, Gebirge, Verteilung von Vegetation, von 
Wald und Wiese, und dann Reisebeschreibungen mit den Schiilern liest, 
dann wird man sehen, dafi man meistens sehr wenig fiir Geographie un- 
begabte Schiiler findet, ja, dafi man die Geographie beniitzen kann, urn 
Schiiler zur Lebhaftigkeit zu bewegen und zum Herauskitzeln anderer 
Fahigkeiten. Man wird geradezu bemerken, wenn man die Geographie 
als solche interessant machen kann, wie in den Schiilern andere Fahig- 
keiten aufgeweckt werden. 

G.: Ich dachte an die erste bis dritte Klasse. Bei Faulheit wiirde ich mit Strenge 
vorgehen und den Ehrgeiz zu wecken versuchen. Zuweilen mufi man das Kind darauf 
hinweisen, dafi es eventuell die Klasse wiederholen mufi. Da mufi man eben auch 
Eifer und Ehrgeiz wecken. 

Rudolf Steiner: Auf den Ehrgeiz zu rechnen, wiirde ich nicht so sehr 
empfehlen. Der Ehrgeiz sollte nicht so sehr geweckt werden. In den 
ersten Unterrichtsjahren kann man solche Dinge, wie Sie sie vorschla- 
gen, sehr gut brauchen, doch ohne zu starkes Betonen des Ehrgeizes, 
sonst mufi man diesen Ehrgeiz spater ja wieder wegerziehen, den man 
anerzogen hat. Man wird aber berucksichtigen miissen, das mufi ich 
immer wiederum sagen, die Diat und Ernahrung. 

Vielleicht werden die Freunde, die jetzt diese Dinge noch behan- 
deln werden, darauf Riicksicht nehmen, daft es doch zahlreiche Kinder 
gibt, die im spateren Leben keinen Sinn dafiir haben, Naturobjekte 
ordentlich aufzufassen und sich zu merken. Es kann den Lehrer zur 
Verzweiflung bringen bei einzelnen Zoglingen, dafi sie sich niemals 
merken konnen, was unter den Mineralien ein Malachit ist oder eine 
Pechblende oder selbst ein Smaragd; die also iiberhaupt keinen Sinn 
dafiir haben, die Naturobjekte aufzufassen und sie wiederzuerkennen. 
Auch bei Pflanzen, sogar bei Tieren ist das der Fall. Das bitte ich auch 
zu berucksichtigen. 

A.: Ich hatte mir gedacht, dafi bei den Kleinsten im Rechnen Gruppen zuriickblei- 
ben. Am liebsten mache ich alles anschaulich an den Fingern, an Papierstiickchen, an 
Kugeln oder Knopfen. Man kann auch einen sogenannten Abteilungsunterricht ein- 
fiihren; ohne dafi die Kinder es wissen, sind sie in zwei Gruppen eingeteilt, Begabte 



und Schwache. Man nimmt dann die Schwachen besonders vor, damit die Begabten 
nicht durch sie zuriickbleiben. 

Rudolf Steiner: Newton, Helmholtz, Julius Robert Mayer wiirden 

in einem solchen Falle immer unter den Schwachen gesessen haben. 

A. : Das schadet ja nichts. 

Rudolf Steiner: Gewifi, das schadet nichts. Sogar Schiller wiirde 
unter den Schwachen gesessen haben. Nach dem Lehrbefahigungszeug- 
nis fur Robert Hamerling war er verhaltnismafiig iiberall mit guten 
Zensuren bedacht, nur nicht im deutschen Aufsatz. Da hatte er als 
Zensur eigentlich unter normal. 

Fraulein F. wird uns jetzt sagen - wie man durch Eurythmie helfen 
kann, das haben wir gehort -, aber wie sie glaubt, wie der Eurythmie 
geholfen werden konnte, wenn sich Kinder widerspenstig zeigen. Es 
sollte die Eurythmie auch widerspenstigen Kindern beigebracht werden. 

F.: Ich hatte mir gedacht, dafi melancholische Kinder wenig Interesse haben wer- 
den fvir rhythmische Ubungen, Stabiibungen, Taktieren, also alle Ubungen, die er- 
fordern, dafi man mit Unbefangenheit des Wesens sich hinstellt. Sie schauen lieber 
in sich hinein, und sie ermiiden leicht bei ihrer korperlichen Beschaffenheit. Vielleicht 
konnte man, wenn die anderen Stabiibungen machen, diese Kinder singend begleiten 
lassen, oder Gedichte taktierend sagen lassen. So werden sie in den Rhythmus ge- 
zogen ohne korperliche Anstrengung. - Es ist aber auch moglich, dafi Kinder diesen 
Ubungen abgeneigt sind, weil sie die Tendenz haben, sich nie ganz in die Dinge hin- 
einzustellen, sondern einen Teil ihres Wesens in sich zunickzuhalten. Da miifite man 
sie Tone springen lassen, weil die eigentlich den ganzen Menschen in Anspruch neh- 
men. Zu gleicher Zeit sind sie objektiv. 

Der Lehrer darf nicht in sich das Gefiihl haben, das Kind konne etwas nicht. Man 
mufi denken, dafi die ganze vollkommene Eurythmie im Kinde liegt. Die eigene 
Sicherheit wiirde sich auch auf das Kind iibertragen. 

Rudolf Steiner: Alle diese Mafinahmen sind sehr gut. - Es wiirde 
sich noch empf ehlen, bei Kindern, die nicht heran wollen an die Euryth- 
mie, eine besondere Freude an der Eurythmie dadurch hervorzurufen, 
dafi man sie nicht nur bei anderen das Eurythmisieren viel von aufien 
anschauen lafit, sondern dafi man auch versucht, verschiedene Stel- 
lungsaufnahmen zu machen, Photographien. Diese miifite man verein- 
fachen, so dafi die Kinder Augenbilder bekommen von den euryth- 
mischen Formen und Bewegungen, die der Mensch selbst macht. Solche 
Augenbilder vom Eurythmischen, die werden eingepragt und werden 



befeuernd auf die eurythmischen Fahigkeiten wirken. Deshalb hatte 
ich Fraulein W. gebeten, solche Augenbilder zu machen, womit ich 
nicht meine blofie Wiedergaben von eurythmischen Stellungen, sondern 
diese umgesetzt in einfache schematische Bewegungsformen, die kiinst- 
lerisch wirkend sind. Diese konnte man dann verwenden, um den Kin- 
dern die Schonheit der Linie zu zeigen. Sie werden dann finden - was 
eine psychologisch aufierordentlich interessante Tatsache ist dafi das 
Kind wahrnehmen darf die Schonheit der Linie, die es selbst hervor- 
bringt in der Eurythmie, ohne eitel und kokett zu werden. Wahrend es 
sonst, wenn es aufmerksam wird auf das, was es selber macht, leicht 
eitel wird, wird das gerade bei der Eurythmie vermieden. Daher ist 
auch in der Eurythmie ein Parallelismus mit der Anschauung der eu- 
rythmischen Linie zu suchen, die zur Hebung des Selbstgefuhls ohne 
Erweckung von Eitelkeit und von Koketterie benutzt werden kann. 

M. erzahlt, wie er Kindern die Dynamomaschine erklaren wiirde. Er wiirde trach- 
ten, uberall das hervortreten zu lassen, woraus sich das Grundphanomen ergebe. 

Rudolf Steiner: Das ist ein sehr wichtiges Prinzip, das ist in anderen 

Gegenstanden auch anwendbar. Es ist ein gutes Unterrichtsprinzip, 

aber gewissermafien fur alle Schuler gut im physikalischen Unterricht. 

Es ist nicht direkt auf die Frage beziiglich: Was macht man mit den 

schwachen Schiilern? Denn in der Physik schwache Schuler werden 

Ihnen auch bei einem solchen Vorgang einigen Widerstand entgegen- 

setzen, besonders Madchen. 

O. : Da die Ernahrung eine sehr wichtige Rolle spielt, wiirde ich Herrn Dr. Steiner 
bitten, uns doch noch etwas zu sagen iiber die Wirkung der verschiedenen Nahrungs- 
mittel auf den Korper. 

Rudolf Steiner: Zum Teil habe ich ja schon vorhin einiges gesagt, 
zum Teil konnen Sie auch manches an den verschiedenen Stellen meiner 
Vortrage finden. Es wiirde vielleicht heute zu weit ftihren, alle Einzel- 
heiten nach dieser Richtung zu sagen. Namentlich aber sollte man ver- 
meiden, bei Kindern solche Dinge wie Tee und Kaffee zu bieten. 

Tee macht die Gedanken so, dafi sie nicht beieinander bleiben wol- 
len, dafi sie sich fliehen. Daher ist Tee ganz gut fur die Diplomaten, die 
immer schwatzen sollen, und die nicht einen Gedanken logisch aus 
dem anderen herausentwickeln wollen. Man sollte vermeiden, dafi Kin- 



der zu dieser Gedankenflucht veranlalk werden durch den Teegenufi. 

Aber auch Kaffee ist nicht gut fiir die Kinder, weil sie dadurch die 
Anlage in sich aufnehmen, zu pedantisch zu werden. Kaffee ist ja ein 
gewohntes Mittel der Journalisten, wodurch sie einen Gedanken aus 
dem anderen heraussaugen konnen. Das sollte man bei Kindern nicht 
kultivieren. Da sollte sich in der Gedankenentwickelung auf natur- 
gemafle Weise immer eines aus dem anderen ergeben. Kaffee und Tee, 
das sind Dinge, die zu denen gehoren, die man vermeiden soil. 

Was man als besonders wichtig fiir Kinder ansehen kann, ist ins- 
besondere alles dasjenige, was an der Pflanze grun ist; auch Milch. 
Womoglich wenig schwarzes Fleisch; nur helles Fleisch sollte man ge- 
ben. Wenn Sie schon durchaus diese Dinge wissen wollen, die sich auf 
die Ernahrung beziehen. 

D.: Wenn das Kind schwer begreift, mufi man sich viel mit ihm abgeben und auch 
sehen, ob es in anderen Lehrfachern mitkommt. Wenn man sich nun mit unbegabten 
Kindern zuviel abgibt, wiirde die Schwierigkeit entstehen, dafi die andern Kinder in 
der Zeit nicht beschaftigt werden. 

Rudolf Steiner: Ich bitte, das durchaus nicht zu iiberschatzen, was 
die iibrigen Kinder dadurch verlieren, daft man sich mit etwas schwa- 
cher begabten abgibt. Es ist in der Regel gar nicht so furchtbar viel 
verloren, wenn man es nur dahin bringt, daft die begabten Kinder 
auf dasjenige, wofiir einzelne unbegabter sind, auch Aufmerksam- 
keit verwenden, wenn man es in der Weise vorbringt, wie man es fiir 
unbegabte Kinder vorbringen soli. Es ist damit wirklich nicht so furcht- 
bar viel verloren fiir die begabteren Kinder. Findet man den richtigen 
Takt, um den schwacheren Kindern die Dinge vorzufuhren, so profi- 
tieren aus irgendeiner Ecke heraus auch die begabteren Kinder dadurch. 

B.: Bei mangelndem Interesse wiirde ich immer kunstlerische Eindriicke zu Hilfe 
nehmen. Bei mangelnder Fahigkeit, Steine zu behalten, ist mir ein Fall bekannt, bei 
dem das zusammengeht mit einer Schwierigkeit im Behalten von Formen viberhaupt. 
Solche Kinder behalten auch Melodien nicht. 

Rudolf Steiner: Sie haben besonders die Schwierigkeit herausgefun- 
den, die da besteht mit Bezug auf solche Kinder, die keine Auffassung 
und kein Behaltvermogen fiir Formen haben. Nun muE man da unter- 
scheiden, Formen, die mit dem Organischen in Verbindung stehen, und 



Formen, die mit Mineralischem in Verbindung stehen, denen wirklich 
parallelgehen Melodieformen. Nun handelt es sich darum, daft man 
es da doch zu tun hat mit einem sehr, sehr radikalen Fehler, einem 
grofien Fehler in der Entwickelung des Menschen, und dafi man schon 
darauf bedacht sein mufi, diesen Fehler griindlich zu heilen. 

Nun wird man sehr viel erreichen fur das Behalten von organischen 
Naturformen, von Tier- und Pflanzenformen, wenn man versucht, die 
charakteristischen Dinge karikiert in der Zeichnung hervorzuheben, 
wenn man geradezu bei Tier- und Pflanzenformen - nicht geschmack- 
los, sondern geschmackvoll, aber doch auffallig - die Kinder Karika- 
turen behalten lalk, so dafi sie auf diesem Umweg, Karikaturen zu 
behalten, das andere dann auch behalten. Also so konnte man eine 
Maus behalten lassen. Vielleicht noch die Zahne und die Schnurrhaare. 




Dann gibt es noch eine Moglichkeit fur das Formauffassen: Man 
lasse das, was die Kinder von aufien nicht begreifen konnen, von innen 
begreifen. Sagen wir zum Beispiel, ein Kind kann ein Parallelepipedon, 
ein von sechs Parallelogrammen begrenzter Korper, nicht von auften 
verstehen. Es behalt das nicht. Man sagt dem Kind: «Stelle dich dir 
einmal als einen ganz kleinen Zwerg vor, daft du da hereinkommst. 
Dann standest du da drinnen wie in einem Zimmer.» Man lafit es von 
innen auffassen, was es von aufien nicht auffassen kann. Das kann es. 
Aber das mu(S man furchtbar oft mit dem Kinde wiederholen. 



Bei solchen Formen, die auch im Mineral auftreten, ist das verhalt- 
nismaftig leicht zu erreichen. Schwieriger ist es schon, wenn es sich um 
das Auffassen des Farbigen oder sonstiger Eigenschaften des Minerals 
handelt. Da kommt man dem Verstandnis einfach dadurch bei, daft 
man das Kleine von dem Kind recht groft vorstellen lafit. Also irgend- 
einen kleinen gelben Kristall laftt man wie einen riesigen kristallisier- 
ten Korper oftmals vorstellen. 

Wenn es sich aber nun um Zeitliches handelt, um die Musik, da ist 
die Sache nicht so leicht. Wenn Sie da karikierend eingreifen wollen, 
da konnen Sie nur dadurch etwas erreichen - wenn noch gar nichts 
erreicht wird dadurch, daft Sie die raumliche Formauffassung verbes- 
sern -, daft Sie es geradezu rechnerisch dahin bringen, die Intervalle 
furchtbar zu vergrofiern, die Tone recht lang wirken zu lassen, und 
durch die zeitliche Vergrofterung der Verhaltnisse zwischen den Tonen 
eben auch die Melodie recht groft, als eine grofte, machtige Wirkung 
vorzufiihren. Dann konnen Sie etwas erreichen. Sonst werden Sie da 
uberhaupt nicht viel verbessernd ein wirken konnen. 

Nun bitte ich Sie, folgende Fragen fiir morgen aufzuschreiben. 

Erstens: Wie kann ich die hoheren Pflanzen naturgeschichtlich be- 
handeln aus demselben Geiste heraus, wie ich das gestern fiir Tiere 
gezeigt habe, fiir Tintenfisch, Maus, Mensch? 

Zweitens: Wie kann ich Moose, Schwamme, Flechten in diesen Un- 
terricht einfiigen? 

Es werden sich diese beiden Fragen wahrscheinlich zusammen er- 
geben. 

Also die Pflanzen behandeln von demselben Gesichtspunkte aus, den 
ich gestern angefiihrt habe, dariiber bitte ich Sie nachzudenken. Also 
nicht um anschaulichen Unterricht handelt es sich, sondern um Unter- 
richt nach dem neunten Jahr, wo der Naturunterricht eingreift. 



NEUNTE SEMINARBESPRECHUNG 



Stuttgart, 30. August 1919 

Sprechubungen: 

Nimm mir nicht, was, wenn ich freiwillig dir es reiche, 
dich begliickt. 

Rudolf Steiner: Der Spruch ist mehr gemeint fur die Sinnabteilung, 
sodafl Sie folgendes haben: Erst einen Satz, der kurz ist: «Nimm mir 
nicht», und dann den Satz: «was dich begliickt», der aber unterbrochen 
ist durch den anderen: «wenn ich freiwillig dir es reiche». Es ist die 
Absicht diese, daft das im Sprechen zur Geltung kommt. Man mufi 
merken, Sie nehmen denselben Betonungscharakter wiederum auf, den 
Sie bei «was» ausgelassen haben und bei «dich» wiederum einsetzen 
lassen. 

Redlich ratsam 
Riistet riihmlich 
Riesig rachend 
Ruhig rollend 
Reuige Rosse 

Nimm nicht Nonnen in nimmermiide Muhlen 

Pfiffig pfeifen 
Pfaffische Pferde 
Pflegend Pfliige 
Pferchend Pfirsiche 

Wochenspruch (letzte August-Woche) aus dem «Seelenkalender»: 

Ich futile fruchtend fremde Macht 

Sich starkend mir mich selbst verieihn, 

Den Keim empfind ich reifend 

Und Ahnung lichtvoll weben 

Im Innern an der Selbstheit Macht. 



Rudolf Steiner: Jetzt kommen wir zu unserer heutigen schweren Auf- 
gabe. 

Ich habe Sie gestern gebeten, dariiber nachzudenken, wie Sie die 
Unterrichtsstunden einrichten wollen, in denen Sie die niederen und 
die hoheren Pflanzen in irgendeinem Beispiel mit den Kindern durch- 
nehmen wollten, so aus demselben Geiste heraus, wie ich es Ihnen 
gezeigt habe bei Tintenfisch, Maus, Pferd und Mensch, wie man das 
fur die Tiere machen muE. Vorausschicken will ich nur, dafi ein sach- 
gemafter Unterricht die Betrachtung iiber die Tiere vorausgehen lassen 
mufi der Behandlung der naturgeschichtlichen Verhaltnisse an den 
Pflanzen. Das wird sich nun ergeben, warum das so ist, indem Sie sich 
anstrengen werden, soweit Sie Beispiele geben konnen an der einen 
oder anderen Pflanze, die Pflanzenunterrichtsstunde zu charakteri- 
sieren. 

Nun wird es ja vielleicht gut sein, wenn wir zuerst fragen: Wer hat 
schon Pflanzenunterricht gegeben? Der konnte zunachst einmal an- 
fangen. Darnach konnten sich die anderen richten. 

T.: Die Pflanze hat ein triebmafiiges Sehnen nach der Sonne. Die Bliiten wenden 
sich der Sonne zu, auch wenn sie noch nicht aufgegangen ist. Aufmerksam machen auf 
den Unterschied zwischen dem Wunschleben des Tieres und des Menschen, und dem 
reinen Streben der Pflanze, sich der Sonne zuzuwenden. Dann dem Kinde den Be- 
griff des Eingespanntselns der Pflanze zwischen Sonne und Erde klarmachen. Bei 
jeder Gelegenheit die Beziehung zwischen der Pflanze und ihrer Umgebung erwahnen, 
besonders die Gegensatzlichkeit zwischen Pflanze und Mensch, Pflanze und Tier. Das 
Aus- und Einatmen der Pflanze besprechen. Das Kind fiihlen lassen, dafi die Pflanze 
gerade aus der «verdorbenen» Luft durch die Kraft der Sonne das wieder aufbaut, 
was nachher dem Menschen zur Nahrung dient. Wenn man die Abhangigkeit des 
Menschen beziiglich der Nahrung bespricht, kann man hinweisen auf die Wichtigkeit 
einer guten Ernte und so weiter. Uber den WachstumsprozelS: Jede Pflanze, selbst das 
Blatt, wachst nur am Grunde, nicht aber an der Spitze. Der eigentliche Wachstums- 
prozefi ist stets verhvillt. 

Rudolf Steiner: Was heifk das, ein Blatt wachst nur am Grunde? 
Bei den Fingernageln des Menschen ist es ebenso. Und wenn Sie etwas 
anderes am Menschen nehmen, die Haut, die Handoberflache und tie- 
fer gelegene Teile, da ist es ebenso. Worin besteht denn eigentlich das 
Wachsen? 



T. : Eigentlich in einem Herausschieben des Toten aus dem Lebenden. 



Rudolf Steiner: Ja, so ist es. Alles Wachsen ist ein Herausschieben 
des Lebendigen aus dem Inneren und ein Absterben und allmahliches 
Abschalen des Aufieren. Daher kann niemals aufien etwas anwachsen. 
Es mufi sich immer das Substantielle von innen nach aufien vorschieben 
und an der Oberflache abschuppen. Das ist das allgemeine Gesetz des 
Wachstums, das heifit des Zusammenhanges des Wachstums mit der 
Materie. 

T. : Was am Blatt geschieht, dafi eigentlich das Blatt stirbt, wenn es sich der Sonne 
aussetzt, gewissermafien sich opfert, das geschieht erhoht in der Blute. Sie stirbt, 
wenn sie befruchtet ist. Es bleibt blofi das im Innern Verborgene leben, was sich 
weiterentwickelt. - Bei den niederen Pflanzen mufi man aufmerksam machen darauf, 
dafi es Pflanzen gibt wie zum Beispiel die Pilze, die Ahnlichkeit haben mit dem Sa- 
men der hoheren Pflanzen, dafi andere niedere Pflanzen vor allem Ahnlichkeit haben 
mit den Blattern der hoheren Pflanzen. 

Rudolf Steiner: Sie haben ja manches Gute gesagt, aber es ware doch 
zu wiinschen, dafi der Zogling im Verlaufe einer solchen Darstellung 
bekannt wiirde mit den Gliedern einer einzelnen Pflanze. Sie sind ja 
auch genotigt, fortwahrend von den Gliedern der Pflanze zu sprechen, 
vom Blatt, Blute und so weiter. Es ware nun gut, wenn der Zogling be- 
kannt wiirde mit gewissen Gliedern der Pflanze, nach dem Prinzip, das 
Sie ja richtig gewahlt haben: Die Pflanze an Sonne und Erde betrach- 
ten. Da mufi etwas Leben hineinkommen in die Pflanzenbetrachtung, 
und von da aus mufi dann die Briicke geschlagen werden zum Men- 
schen. Es ist Ihnen noch nicht gelungen, diese zu schlagen, denn das, 
was Sie gesagt haben, sind mehr oder weniger Utilitatsgeschichten, wie 
die Pflanzen dem Menschen nutzlich sind, oder auch aufiere Vergleiche. 
Was da herausgearbeitet werden mufi, damit wirklich gerade das Kind 
sehr viel hat von einer solchen Betrachtung, das ist: Man wi
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