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RUDOLF STEINER GES AMT AUSG ABE
VORTRAGE
VORTRAGE uber das soziale leben und
DIE DREIGLIEDERUNG DES SOZIALEN ORGANISMUS
RUDOLF STEINER
Wie wirkt man fur den Impuls
der Dreigliederung
des sozialen Organismus?
Zwei Schulungskurse fiir Redner und
aktive Vertreter des Dreigliederungsgedankens
Zwolf Vortrage und eine Fragenbeantwortung,
gehalten in Stuttgart
am 1. und 2. Januar und vom 12. bis 17, Februar 1921
1986
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgte Walter Kugler
1. Auflage unter dem Titel «Rednerkurs»
(Bd. II der Reihe «Studienmaterial
zur Sozialwissenschaft»), Dornach 1933
2. Auflage unter dem Titel
«Wie wirkt man fvir den Impuls der
Dreigliederung des sozialen Organismus?»
Dornach 1952
3. Auflage Dornach 1969
4. Auflage, erweitert um die Vortrage
1. und 2. Januar, eine Fragenbeantwortung
2. Januar 1921, und einen Anhang
Gesamtausgabe Dornach 1986
Veroffentlichungen in Zeitschriften
siehe zu Beginn der Hinweise
Bibliographie-Nr. 338
Zeichen auf dem Einband nach einer Originalzeichnung von Rudolf Steiner
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlaflverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1986 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Satz: Kooperative Dtirnau, Diirnau
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-3380-9 (Ln) ISBN 3-7274-3381-7 (Kt)
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen-
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861 - 1925) geschriebenen und
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch
fur die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen
Gesellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehaken wiirden, da sie als
«miindliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich
veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute
er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra-
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fiir die Her-
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst kor-
rigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen
sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge-
nommen werden mussen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An-
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
I
WIE WIRKT MAN FUR DEN IMPULS DER
DREIGLIEDERUNG DES SOZIALEN ORGANISMUS ?
Em Schulungskurs fiir Redner
ERSTER Vortrag, Stuttgart, 12. Februar 1921
Zwei Grundbedingungen des Wirkens fiir die Dreigliederung; Liebe zur
Sache und einsichtsvolle Menschenliebe. Weitere Bedingungen: Einsicht
in die Verhaltnisse, auf die man in der Offentlichkeit trifft; Ulusionslosig-
keit in bezug auf die Seelenverfassung der Menschen. - Falsches Denken
als Ursache fiir die Not der Menschen. Zwei weitere, vom Redner zu be-
riicksichtigende Gesichtspunkte: Die Tatsache, daft kein Sinn fiir die Pro-
duktivitat des geistigen Lebens vorhanden ist und die Tatsache, dafi der
Sinn fur den Bedarf des anderen Menschen verlorengegangen ist. Kriti-
sche Anmerkungen iiber Kommunisten, namentlich Lenin und Trotzki,
sowie den Katholizismus, deren Gemeinsamkeit darin besteht, zumeist
nur an Bestehendes anzuknupfen. Der religiose Dadaismus Ernst Michels.
Von der Abstraktheit im Denken der Gegenwart und der Notwendig-
keit, jedes Wort zur inneren Tat werden zu lassen. Der Arbeitsbegriff bei
Marx, Rodbertus und Singer.
Zweiter Vortrag, 13. Februar 1921 (nachmittags)
Hinweise fiir Redner: Nicht von der Verstandeslogik, sondern von den
Erfahrungen und der Beobachtung der konkreten Verhaltnisse ausgehen.
Bildlichkeit als Ausgangspunkt fiir die Bildung eines sozialen Urteils. Die
Notwendigkeit der Beriicksichtigung wichtiger historischer Ereignisse
fur die Urteilsbildung, dargestellt am Beispiel des Friedens von Nystad
und des Friedens von Paris. - Rufiland im Spannungsfeld westlicher und
ostlicher Einfliisse. Eine radikale Betrachtung des Ost-West-Gegensatzes:
Die Barbarei im Osten und die Wildheit im Westen. - Das wirtschaftliche
Denken von Marx und Rodbertus. Das Experimentierland Osterreich
und die Volkerbundfrage. Uber den Vorrang geschichtlicher Wirklich-
keiten gegeniiber rein theoretischen Anschauungen.
Dritter VoRTRAG, 13. Februar 1921 (abends)
Uber die Art des Denkens, die zur Losung der weltgeschichtlichen Fra-
gen erforderlich ist, dargestellt am Ost- West-Problem. Das Geistesleben
als das tragende Element im Verkehr zwischen Mitteleuropa und Rut-
land, zugleich auch als Ausgangspunkt einer «selbstverstandlichen Wirt-
schaftsgemeinschaft». Uber die Notwendigkeit eines vom Geistig-Kunst-
lerischen her impulsierten Wirtschaftslebens Mitteleuropas im Verkehr
mit dem Westen. Die Notwendigkeit der Dreigliederung im Zusammen-
hang mit den Bedingungen des modernen Wirtschaftslebens. Vom Rechts-
charakter der Arbeit und dem Kapital als einem geistigen Element. Die
Aufgabe der «mitteleuropaischen Gegenden». Die Loslosung des Wirt-
schaftslebens und Geisteslebens vom Rechtsleben als Ausgangspunkt fur
die Entwicklung eines neuen Staatslebens. Uber den Demokratiebegriff
und die Tragik der Entgeistigung des materiellen Lebens. Die anthropo-
sophische Bewegung und ihre Gegner sowie ihre Aufgaben.
VlERTER VORTRAG, 14. Februar 1921 (nachmittags)
Drei Vorschlage fur in der Offentlichkeit zu behandelnde Themen und
einige methodische Hinweise. Prinzipielles liber das erste Thema «Die
grofien Fragen der Gegenwart und die Dreigliederung des sozialen Orga-
nismus», veranschaulicht an der geschichtlichen Entwicklung des Wirt-
schaftslebens: Vom «freieren» Wirtschaftsleben alterer Zeiten zu einem
«vielfach gebundenen» Wirtschaftsleben. Die mit der Intensivierung der
Wirtschaft verbundenen Schutzmafinahmen zugunsten des Konsumen-
ten, dargestellt unter anderem am Beispiel der Ziinfte. Die Erschliefiung
der Seewege, die Entdeckung Amerikas und das Aufkommen der moder-
nen Technik und ihre Bedeutung fur die weitere Entwicklung. Zwei Ten-
denzen, die dem Wirtschaftsleben der Neuzeit ihre materialistische Ge-
stalt gaben: die wirtschaftliche Denkweise als Resultat der «intensiven
Wirtschaft», die einen gewissen Konservatismus nach sich zog, und die
«Schwungkraft» als Folge der Verbindung mit den westlichen Ubersee-
landern. Die Vorherrschaft von Ware und Preis. Vom Warencharakter
der Arbeitskraft und des Unternehmungsgeistes. Uber das Problem der
Imitation im Zusammenhang mit der modernen Stadte- und Staatenbil-
dung. Die Ausweitung des Handels als Ausgangspunkt fiir die Fusion des
Staates mit der Wirtschaft und einige Gesichtspunkte, diese wieder aufzu-
losen. Verschiedene Stromungen innerhalb der Entwicklung des Geistes-
lebens und deren unterschiedliches Verhaltnis zum Staat. Zum Problem
der Verstaatlichung. Die richtige Gestaltung des Geistes-, des Rechts- und
des Wirtschaftslebens als die drei grofien Aufgaben der Gegenwart. Die
anthroposophische Geisteswissenschaft und ihre Bedeutung fur ein pro-
duktives Geistesleben. - Methodische Anregungen fur den Redner.
Funfter Vortrag, 14. Februar 1921 93
Methodische Anregungen fur die Gestaltung einer offentlich zu halten-
den Rede: Uber die Notwendigkeit, das Wiederholen einzelner Formu-
lierungen zu vermeiden, wenn ein Thema mehrfach vorgetragen wird.
Wie jede Rede als etwas Neues zu empfinden ist. Uber die Hingabe an
den Stoff, den man behandelt. Von der Bedeutung des Rhythmus, der
Wiederholung und wie der Redner zu einer richtigen Einstellung gegen-
ixber den Wiederholungen kommt. Uber das vom Redner zu entwickeln-
de Verantwortungsgefuhl. Vom richtigen Einschatzen der Gegner. Ex-
kurs iiber Max Dessoir und Kuno Fischer im Zusammenhang mit der
Darstellung von schadlichen Einfliissen im Kulturleben. Von der Not-
wendigkeit, sich eine Rede in Schlagsatzen (nicht Schlagworten) zu skiz-
zieren. Die Gestaltung des Anfanges und des Schlusses einer Rede. Uber
den Unsinn, Vortrage zu drucken und sie dann wortwortlich abzulesen.
Weitere Hinweise fur die Gestaltung des Anfanges und des Schlusses einer
Rede. Das Vermeiden pedantischer Definitionen zugunsten anschaulicher
Charakterisierungen. Uber den Gebrauch von Substantiven. Zur Bedeu-
tung der anthroposophischen Grundlage, aus der heraus der Redner
spricht.
SECHSTER VORTRAG, 15. Februar 1921 (nachmittags) .... 110
Die Entmenschlichung des sozialen Lebens, dargestellt an der Art, wie die
Begriffe Kapital, Arbeit und Ware verwendet werden. Das Verhaltnis von
Individualist und Gemeinschaft im Zusammenhang mit dem Staatsbe-
griff. Vom Ursprung des Egoismus. Das Wesen der «sozialen Kunst».
Uber die Stellung des Menschen innerhalb der Weltentwicklung. Kriti-
sche Anmerkungen zu den Auffassungen von Adam Smith iiber «wirt-
schaftliche Freiheit» und «Privatkapital». Uber die Loslosung des Wirt-
schaftslebens vom Menschen und den Verlust, das Wirtschaftsleben in sei-
ner Ganzheit zu betrachten. Rudolf Steiners Ausgangsfragen in seiner
Schrift «Die Kernpunkte der sozialen Frage». Von der Bedeutung der
Orientierung in der zeitgenossischen Literatur fur den Redner. Der mar-
xistische Arbeitsbegriff und die mit ihm verbundene Auffassung vom
Wert der Arbeit als Beispiel fur die Einseitigkeit der Begriffsbildung.
Zwei fundamentale Gesichtspunkte zum Verhaltnis Arbeit - Wert der
Arbeit als Ausgangspunkt fiir die Herauslosung der Arbeit aus dem Wirt-
schaftsleben. Uber die Notwendigkeit eines freien Geisteslebens. Die
Grundung der Freien Waldorfschule in Stuttgart und ihr Zusammenhang
mit der Dreigliederungsidee. Das Problem der Lebensfremdheit, aufge-
zeigt am Beispiel sozialistischer Programme und am Beispiel Lenins.
SlEBENTER VoRTRAG, 15. Februar 1921 (abends) 129
Uber das Zeitalter der «Phrase», dargestellt am Beispiel der Begriffe «ar-
beitsloses Einkommen» und «arbeitsloser Erwerb». Das Problem der
«produktiven» und «unproduktiven» Arbeit bei Karl Marx im Zusam-
menhang mit dem Beispiel vom «indischen Buchhalter». Die Widerlegung
der Marx'schen Anschauung unter Hinzuziehung der Frage nach dem
volkswirtschaftlichen Stellenwert der Rente und der Steuern. Von der
Absurditat, den «vollen Arbeitsertrag» fur sich zu beanspruchen. Uber
den Zusammenhang des Wirtschaftslebens mit dem Geistesleben als Bei-
spiel dafiir, dafi man das Ganze des sozialen Lebens in Betracht ziehen
muS. Einige methodische und inhaltliche Anregungen fiir den Aufbau
eines Vortrages: Respektieren der Denkgewohnheiten der Menschen;
Aufzeigen des Zusammenhanges zwischen den geistigen Impulsen der
Anthroposophie und dem materiellen Leben am Beispiel verschiedener,
aus der anthroposophischen Arbeit hervorgegangener Institutionen; zur
Behandlung der Gegner.
Achter VORTRAG, 16. Februar 1921 (nachmittags) 147
Die Sorglosigkeit und Gewissenlosigkeit fuhrender Zeitgenossen und
ihre Folgen. Uber die gegen Rudolf Steiner gerichtete Polemik des Gra-
fen Hermann von Keyserling und des Basler Professor Heinzelmann. Die
Stumpfheit des Geisteslebens als Folge des Einflusses seitens des Staates
und des Wirtschaftslebens. Die Notwendigkeit der Uberwindung beste-
hender Zwangsverhaltnisse durch das Verhaltnis der «freien Anerken-
nung» und durch das Prinzip der «selbstverstandlichen Autoritat». Von
der Bedeutung, moralische Impulse in das gesellschaftliche Leben hinein-
zutragen. Uber die Notwendigkeit, den moralischen Niedergang zu
Bewufitsein zu bringen, dargestellt anhand weiterer Aufierungen von
Hermann Keyserling. Kritische Anmerkungen zum Wissenschafts- und
Geistesleben der damaligen Zeit, dargestellt am Beispiel der Schriften von
Oscar Hertwig.
Neunter Vortrag, 16. Februar 1921 (abends) 163
Vom Unterschied der Urteilsbildung im Geistesleben und im Wirt-
schaftsleben. Das Wesen der Assoziation im Wirtschaftsleben. Die drei
Faktoren des Wirtschaftslebens: Sachkenntnis in bezug auf die Produk-
tion; die dem Verbraucher dienende Lenkung des Warenverkehrs; die ge-
naue Kenntnis von den Bediirfnissen im Zusammenhang mit dem Asso-
ziationsgedanken. - Uber das Ineinanderwirken der drei Glieder des so
zialen Organismus. Der geschichtliche Ursprung der Grundrente und die
Ursache dessen, was Grund und Boden zu einem Gewinnobjekt macht.
Kritische Anmerkungen zu Theorien einiger Nationalokonomen. Die
Ursachen, die zur Griindung von Grofiunternehmen und zum Unter-
gang kleiner Unternehmen fuhrten. Uber das einseitige Produzenten-
interesse im Zusammenhang mit der Entstehung der Grofiunternehmen
und die Notwendigkeit der Bildung von Assoziationen.
Zehnter Vortrag, 17. Februar 1921 (vormittags) 179
Die Art und Weise, wie Volkswirtschafter ihre Aufgaben abgrenzen als
Beispiel dafiir, dafi gewisse Grundlagen fur die Dreigliederung bereits vor-
handen sind. Einige Ursachen fur die Entstehung sozialer Utopien: Die
Ubernahme alter theokratischer und theologischer Denkweisen und For-
men als Gestaltungselemente des gegenwartigen Geisteslebens. Das Beam-
tentum als profan gewordene kirchliche Hierarchic Das Fortleben des
theokratisch-kirchlichen Elementes im Heerwesen. Die Handhabung des
Staatslebens als Profanisierung des kirchlichen Lebens. - Utopistische
Theorien als Versuch, das Wirtschaftsleben in Anlehnung an fruhere For-
men zu organisieren. Uber die Ursachen des Wirtschaftsliberalismus.
Von der Schwierigkeit eines Uberganges von der liberalistischen zur asso-
ziativen Wirtschaftsgestaltung. Die Absurditat einer Zweigliederung. Die
Dreigliederung im Marxismus: Die Mehrwerttheorie als Verkorperung
des Wirtschaftlichen, die Klassenkampftheorie als Ausdruck des Recht-
lichen und die materialistische Geschichtsauffassung als Ausdruck des
Geistigen. - Uber die Notwendigkeit, an die Stelle des Unglaubens den
Glauben an den Menschen zu setzen.
11
SCHULUNGSKURS FUR OBERSCHLESIER
Erster Vortrag, Stuttgart, 1. Januar 1921 197
Notwendige Voraussetzungen fur Agitatoren: Nicht an alte Kategorien
des offentlichen Lebens ankniipfen; Substanz, wirkliche Inhalte anstelle
von Schlagworten. - Die Erkenntnis vom dreigegliederten Untergang,
dargestellt an Beispielen aus dem geistig-kulturellen und politischen Le-
ben. - Uber das Problem, ob Oberschlesien deutsch oder polnisch sein
miifite. - Polen im Spannungsfeld der Einflusse von Ost und West unter
Beriicksichtigung des geschichtlichen Wandels der Sozialstruktur in
Deutschland, Rufiland und Osterreich. - Die das polnische Element bil-
denden drei Stromungen. Griinde fur die Teilung Polens zwischen Preu-
jSen, Osterreich und Rufiland. Vom geistigen Einfluft Rufilands, dem
rechtlich-politischen Osterreichs und dem wirtschaftlichen Preufien-
Deutschlands auf Polen. - Das Schicksal Polens unter dem Gesichtspunkt
der Dreiteilung. - Von der Dreigliederung des europaischen Niederganges
zur Dreigliederung des Aufganges.
Zweiter Vortrag, 2. Januar 1921 216
Illusionen liber die Zukunft Europas. Die Notwendigkeit einer Aufkla-
rung unter Beriicksichtigung umfassender Weltverhaltnisse. Die Illusion
einer Verstandigung zwischen Mittel- und Osteuropa mit dem Westen
auf der Basis der alten Verhaltnisse als Stolperstein fur die Abstimmung
in Oberschlesien. Kritische Anmerkungen zu drei Vorschlagen, die Sanie-
rung der wirtschaftlichen Verhaltnisse in Europa betreffend: amerikani-
sche Kredite grofieren Umfanges, Kredite von Einzelpersonlichkeiten,
Weltwirtschaftsbund im Zusammenhang mit dem Volkerbund. Folgen
des Anschlusses von Schlesien an Preufien-Deutschland. Uber die illusio-
naren Vorstellungen von J.M.Keynes und N.Angell, dafi Amerikas
Wirtschaft auf die Europas angewiesen ist. Von der Moglichkeit, dafi man
Europa seinem Schicksal iiberlasse. Die Absurditat der Abstimmung in
Oberschlesien. Die «dreigliedrige» Entwicklung der polnischen Unter-
schicht. Die Verbiirgerlichung der Arbeiterbewegung in Mitteleuropa.
Von den Lebensbedingungen des Bolschewismus und ihren Auswirkun-
gen auf den Westen. Griinde fur einen zweiten Weltkrieg: die Abwehr
des Bolschewismus sowie die wirtschaftlichen Verhaltnisse. Uber die Ver-
starkung der Konflikte zwischen Asien und Amerika. Uber die Notwen-
digkeit hinreichender Aufklarung liber die Dreigliederung und die Ent-
wicklung einer geistigen Fiihrerschaft als Aufgabe Mitteleuropas. Die
Aufgabe der Deutschen, dargestellt an einigen Aussagen J. G.Fichtes.
Uber die Kriegsschuldfrage im Zusammenhang mit einer Aussage W.Wil-
sons und Darstellungen R. Steiners in seiner Schrift «Gedanken wahrend
der Zeit des Weltkrieges». Die Oberschlesienabstimmung als Protest ge-
gen die Tatsache der Abstimmung. Hinweise fur Vertreter des Dreigliede-
rungsgedankens. Uber die Einrichtung eines Presseburos der Regierung
in Zurich 1917. Die Bedeutung des Bauerntums fur die vergangene und
zukunftige soziale Entwicklung. Uber den Stellenwert eines befreiten
Geisteslebens fur den Menschheitsfortschritt.
Fragenbeantwortung, 2. Januar 1921 236
Die Situation der katholischen Kirche in Polen, ihre geschichtliche Ent-
wicklung und das Verhalten ihr gegenuber von Seiten der Vertreter des
Dreigliederungsgedankens. Uber das Problem, ob man die Aufklarung in
Oberschlesien in deutscher und (oder) polnischer Sprache durchfiihrt.
Weitere Anregungen fur das Wirken der Dreigliederer in Oberschlesien
im Hinblick auf die Abstimmung.
ANHANG
Aufruf zur Rettung Oberschlesiens 264
Aufzeichnungen von Rudolf Steiner zum Schulungskurs
fiirRedner 267
Aufzeichnungen von Rudolf Steiner zum Schulungskurs
fur Oberschlesien 301
Hinweise 315
Personenregister 333
Ubersicht uber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 335
I
Wie wirkt man fiir den Impuls
der Dreigliederung
des sozialen Organismus ?
Eih Schulungskurs fiir Redner
ERSTER VORTRAG
Stuttgart, 12. Februar 1921
Wir wollen uns heute zunachst dariiber unterhalten, was die Absich-
ten der Personlichkeiten sein konnen, die an diesem Kursus teilneh-
men, und auf welche Art eine Einstellung zu unseren Aufgaben zu
gewinnen ist.
Sie werden, wenn Sie die Absichten erfiillen wollen, die mit die-
sem Kurs verbunden sind, in der nachsten Zeit hinausgehen, urn fur
den Impuls der Dreigliederung in der Welt zu wirken. Dieses Wir-
ken ist in unserer Zeit ein im eminentesten Sinne Notwendiges.
Und von dieser Uberzeugung, dafi es ein Notwendiges ist, mussen
wir ausgehen. Wir mussen uns dariiber klar sein, da$ es im Grunde
genommen hochste Zeit ist, um fur diesen Impuls der Dreigliede-
rung, den wir ja betrachten mussen als die unbedingte Forderung
des Zivilisationslebens der Gegenwart, zu wirken.
Wir mussen uns allerdings, indem wir uns in diesen Tagen liber
die Bedingungen dieses Wirkens unterrichten werden, von vorne-
herein auf einen Standpunkt stellen, der in unseren Herzen jede Art
von Skepsis gegeniiber dem Impuls der Dreigliederung selbst aus-
schliefit. Denn Sie werden nicht wirken konnen, wenn Sie heute
noch irgendwie skeptisch zu der Sache stehen. Wir werden ja gerade
im Verlauf dieses Kursus sehen konnen, wie nicht nur das in der
Welt wirkt, was man spricht oder tut, sondern wie gewisse Impon-
derabilien, Unausgesprochenes, durchaus unser Sprechen und unser
Handeln begleiten mufi, wenn wir wirken wollen.
Wir mussen uns ferner dariiber klar sein, daft sich gegen diesen
Impuls der Dreigliederung alle alten Zivilisationskrafte, die in der
Dekadenz begriffen sind, auflehnen, Gegnerschaften entwickeln,
und dafi wir viel zu kampfen haben, wenn wir diesen Impuls der
Dreigliederung mit unserer Kraft zur Geltung bringen wollen. Und
wir werden um so mehr zu kampfen haben, je mehr wir auf der an-
deren Seite etwa einen gewissen Erfolg haben. Der Kampf wird
durch einen solchen Erfolg - das zeigt Ihnen ja die Erfahrung auch
dieser Wochen mit unserer Gegnerschaft - nicht geringer, sondern
er wird immer scharfer und scharfer. Und Sie werden sich schon ein-
mal wappnen miissen gerade gegen dasjenige, was sich als Kampf gel-
tend macht, womit ich naturlich nicht sagen will, dafi wir uns etwa
in hervorragendem Mafie durchaus auf Kampf einstellen sollten; das
ist es nicht, was uns vorwartsbringen konnte. Aber wir miissen uns
bewufit sein, wie stark gerade dann, wenn wir etwa durchkommen,
dieser Kampf sich in der nachsten Zeit entfalten wird.
Was ich heute vorausschicken mochte, werden gewissermafien
einzelne psychologische Ausgangspunkte sein. Es kann sich selbst-
verstandlich hier nur darum handeln, die sachlichen Grundlagen fur
Ihr Wirken zu charakterisieren. Ich mochte von vorneherein beto-
nen, dafi es sich nicht etwa um eine Anleitung zur politisch-sozialen
oder sonstigen Redekunst handeln kann, sondern eben gerade um
das Schaffen der positiven Grundlagen fur das Wirken im Sinne des
Impulses der Dreigliederung des sozialen Organismus. Und da wer-
den Sie es vielleicht zunachst wie etwas ganz allgemein Hingestelltes
empfinden, wenn ich einige ganz allgemeine Regeln vorausgehen
lasse, die fiir uns aber doch, wenn wir sie recht konkret durchden-
ken, von aufierordentlicher Wichtigkeit sein werden.
Sie werden mit dem, was Sie wirken wollen, nur durchkommen,
wenn Sie in Ihrer Seele aus zwei Grundkraften heraus wirken, und
da es sich heute um einen aufierordentlichen Ernst handelt, der un-
sere Sache durchdringen mufi, der unser Wirken beseelen mufi, so
sollen wir uns zunachst durchaus bewufk werden, ganz bewufk wer-
den, dafi wir nicht weiterkommen, ohne diese zwei Grundkrafte un-
serer Seele auszubilden : erstens aus einer wirklichen Liebe zur Sache
heraus, zweitens aus einer einsichtsvollen Menschenliebe heraus zu
sprechen. Seien Sie sich klar dariiber: Wenn diese zwei Bedingungen
nicht vorhanden sind oder wenn sie etwa ersetzt sind durch andere,
sagen wir durch Ehrgeiz oder Eitelkeit, so werden Sie noch so logi-
sche Urteile den Leuten vortragen konnen, Sie werden noch so klug
sprechen konnen, und Sie werden doch nichts erreichen. Die Bedin-
gungen, durch das Wort zu wirken, die sind im Grunde genommen
durchaus etwas, was in der Formung, in der Pragung des Wortes al-
lein nicht liegt. Sie brauchen nur auszugehen von dem, wie Wirkun-
gen durch das Wort am allerhaufigsten in unserer Gegenwart erzielt
werden, und Sie werden das, was ich Ihnen gesagt habe, einsehen.
Stellen Sie sich nur einmal vor: zwei Redner treten vor ein Pubh-
kum. Der eine ware eine unbekannte Personlichkeit mit aufieror-
dentlich grofien Einsichten, mit einer meinetwillen durchdringen-
den Redekraft und mit einer vollen Berechtigung der Sache gegen-
iiber, und ein anderer Redner trate vor dasselbe Publikum, so wie
die Dinge nun heute einmal liegen, und er habe seit langer Zeit
irgendeine offentliche Position inne, sei es als der Abgeordnete NN,
der Staatsmann NN, der dort oder da bekannte Grofiindustrielle
NN oder der Gelehrte NN. Er wird wirken mit weit weniger ein-
dringlichen Motiven, mit einer Sache, die weit weniger berechtigt
ist. Das, was die Wirkung ausmacht, das ist etwas, was zum Inhalte
des gesprochenen Wortes durchaus hinzukommt. Doch wir konnen
ja nicht auf solche Dinge unsere Arbeit aufbauen, wie ich sie eben
jetzt zuletzt charakterisiert habe.
Aber es gibt auch andere Dinge, die unsere Rede kennzeichnen
miissen, und das sind eben die beiden Seeleneigenschaften, von de-
nen ich gesprochen habe: Die wirkliche Liebe zur Sache, die allein
die innere Uberzeugung tragen kann, und die Liebe zur Menschheit.
Selbstverstandlich konnen diese beiden Seelenkrafte nicht ersetzen,
was der Inhalt des gesprochenen Wortes ist. Dieser Inhalt des ge-
sprochenen Wortes mufi selbstverstandlich unanfechtbar sein. Aber
er wirkt nicht, wenn er nicht getragen ist von den zwei Seelenkraf-
ten, die ich angefiihrt habe. Daher mufi es schon heute, wo wir
mehr, ich mochte sagen, die Formalien abtun wollen, durchaus aus-
gesprochen werden, dafi wir uns das vorhalten miissen, wieweit wir
diese beiden Krafte in unserer Seele gegenwartig haben. Kommeri
wir darauf, dafi wir sie nicht haben, dann ware es vielleicht besser,
wenn wir uns gerade bei der wichtigen Aktion, die nun unternom-
men werden soli, nicht beteiligen wiirden, denn es ware verlorene
Kraft, verlorene Arbeit. Und man wiirde sich doch uberzeugen, daft
die Wirkung desjenigen, was etwa aus anderen Antrieben ent-
springt, keine grofie sein konnte, wahrend die Wirkung desjenigen,
was aus der Liebe zur Sache, die die Uberzeugung tragt, und aus
Menschenliebe entspringt, vielleicht zunachst unmittelbar eine ge-
ringe sein mag, aber sie wird dennoch da sein.
Meine lieben Freunde, es gibt alle moglichen zunachst unerschau-
baren Wege, welche sich die Wahrheit wahlt, um unter die Men-
schen zu kommen, und es ist nun einmal so, daft, wo die beiden Im-
ponderabilien, Liebe zur Sache und Menschenliebe, da sind, auch ei-
ne Wirkung sein mufi, wenn sie auch zunachst nicht zutage tritt. Sie
wird in irgendeiner Weise kommen, dessen konnen wir sicher sein.
Aber andere Dinge miissen noch hinzukommen. Es mufi eine
voile Einsicht vorhanden sein in dasjenige, wo hinein wir heute
sprechen, wenn wir mit einer solchen Sache, wie es der Impuls der
Dreigliederung ist, vor die Offentlichkeit hintreten. Wir diirfen uns
keinerlei Illusionen hingeben uber die Seelenverfassung der Men-
schen, zu denen wir sprechen, liber die Bedingungen, die dadurch
gegeben sind, dafi wir eben gerade zu den Menschen der Gegenwart
sprechen miissen. Unter diesen Menschen der Gegenwart sind kei-
neswegs wenige, die durchaus geeignet sind, aufzunehmen, was wir
ihnen zu sagen haben. Aber es ist namentlich unter den fuhrenden
Personlichkeiten der Gegenwart die Mehrzahl so, dafi die Krafte
derjenigen Menschen, die geeignet waren, den Impuls der Dreiglie-
derung aufzunehmen, zunachst - und zwar ziemlich brutal - nieder-
gehalten werden.
Verweilen wir moglichst wenig bei allgemeinen Redensarten, las-
sen wir uns durchaus auf Einzelheiten gleich ein. Das Gewohnlich-
ste, was einem die Leute sagen, wenn man mit so etwas kommt, wie
es der Impuls der Dreigliederung ist, das lautet etwa so : Ja, nament-
lich in Mitteleuropa sind zunachst heute die Not und das Elend da.
Wir miissen den Kampf um das trockene Brot fiihren. Die wirt-
schaftlichen Interessen sind es zunachst, auf die wir uns einlassen
miissen. Was niitzen da hohe Ideale? Was niitzt dasjenige, was aus
geistigen Untergriinden heraus vorgetragen wird? - In alien Tonar-
ten werden Sie diesen Einwand horen. Und man kann ja nicht leug-
nen : Er geht aus den geprefken Seelen der Gegenwart hervor. Er hat
zunachst, rein aufierlich betrachtet, eine gewisse Berechtigung. Aber
wir werden sehen, wenn wir die wichtigsten Fragen der Gegenwart,
die die Grundlagen fiir unser Wirken werden konnen, an unseren
Seelen vorbeiziehen lassen werden, dafi diese Anschauung, dafi es
sich heute blofi urn die Losung der wirtschaftlichen Fragen handeln
konne, auf einer volligen Illusion beruht. Denn sie geht von einer
anderen Frage beziehungsweise von der Antwort auf eine andere
Frage wie von einer Selbstverstandlichkeit aus; aber es ist keine
Selbstverstandlichkeit. Man geht namlich von der Voraussetzung
aus - wir werden gerade iiber diese Sache noch sehr genau spre-
chen dafi die Menschen, nicht dieser oder jener Mensch, sondern
die Menschen uberhaupt, nicht schuld daran waren, daft die zivili-
sierte Welt in die gegenwartige Lage hineingekommen ist.
Wenn wir die iiber die ganze Erde hin verbreitete Weltwirtschaft
ins Auge fassen - und sie muft heute ins Auge gefafk werden -, dann
miissen wir uns sagen : die Natur gibt uns heute nicht weniger als zu
irgendeiner anderen Zeit, wenn wir ihre Ergebnisse ihr richtig ent-
ringen konnen und wenn wir diese Ergebnisse in der richtigen Wei-
se unter die Menschen bringen konnen - als Gesamtmenschheit
selbstverstandlich. Daft die Menschen heute in einer grofieren Not-
lage sind, als sie vorher waren, das ist nicht durch physische Ursa-
chen bewirkt, sondern das ist bewirkt gerade durch den Geist der
Menschen. Wenn die Menschen heute in Not sind, so hat die falsche
Geistigkeit, das falsche Denken, diese Not hervorgebracht. Daher
kann es auch wiederum nichts anderes geben, als daft das richtige
Denken an die Stelle des falschen gesetzt wird, um aus dieser Not
herauszukommen. Nicht die Natur, nicht irgendwelche unbekann-
ten Machte haben die Menschheit in die heutige Lage gebracht, son-
dern die Menschen sind es selber, die diese Dinge bewirkt haben.
Wenn Not ist, sind die Menschen es, die diese Not herbeigefiihrt ha-
ben; wenn Menschen nichts zu essen haben, so sind es Menschen,
die dieses Essen nicht an sie herankommen lassen. Daher kommt es
darauf an, nicht von der falschen Voraussetzung auszugehen: ir-
gendwelche unbekannten Machte haben die Not bewirkt, und man
mull diese Not zuerst aufheben, bevor man daran gehen kann, in
der richtigen Weise zu denken - sondern klarzumachen : weil die
Not bewirkt ist vom unrichtigen Denken der Menschen, so kann
auch nur das richtige Denken die Aufhebung dieser Not bewirken.
Man mull von den verschiedensten Seiten her diesen Aberglau-
ben, daft man zunachst der Menschhek Brot verschaffen konne, und
dann, wenn sie genugend Brot habe, werde sie auch zu einem besse-
ren Denken kommen, ins Auge fassen. Das ist ein furchtbarer Aber-
glaube. Und es wird niemals in die heutige Zivilisation herein irgend
etwas Segensreiches dringen konnen, wenn man sich nicht dazu ent-
schlieftt, ihn abzulegen, ihn durch den richtigen Glauben zu erset-
zen, der darin besteht, daft eine Umkehrung, eine Neubildung des
Denkens iiber die Dinge dieser Welt selber eintreten mufi. Das ist es
auch, was allmahlich in eine genugend grofte Anzahl von Menschen-
kopfen durchaus hinein mufi.
Wir werden aber nur die Moglichkeit finden, zu diesen Menschen
zu sprechen, wenn wir uns iiber zwei Dinge zunachst gar keiner Il-
lusion hingeben. Das ist erstens die Tatsache, daft in der Gegenwart
im groftten Ausmaft kein Sinn vorhanden ist fur die Produktivitat
des geistigen Lebens. Die Albernheit, mit der vor nicht zu langer
Zeit das Wort gepragt worden ist «Freie Bahn dem Tuchtigen» -
nicht das Wort, aber die Art und Weise, wie das Wort gepragt wor-
den ist, war eine Albernheit -, diese Albernheit, die miiftte aus den
Menschenkopfen angesichts der Tatsachen, die in der heutigen Zivi-
lisation waken, recht griindlich heraus. Denn diese Tatsachen der
heutigen Zivilisation sind so, daft sie durch ihre eigene Wesenheit ge-
rade eine Selektion, eine Auswahl der Unuichtigen, immer in die
Hohe tragen.
Wir leben heute in einer Zeit, die die Untuchtigkeit ganz beson-
ders begiinstigt. Auch dariiber werden wir ausfuhrlich sprechen und
werden die Krafte suchen miissen, welche zu dieser Auslese der Un-
tiichtigsten gerade in unserer Zeit in besonderem Mafie fiihren.
Heute mochte ich nur eines zunachst vorausschicken. Ich bitte aber
durchaus zu beriicksichtigen: Wir miissen hier, indem wir uns be-
wufit sind, daft wir untereinander reden und die Bedingungen fiir
unser Wirken schaffen, wir miissen hier von vorneherein fest auf
dem Boden stehen, daft der Dreigliederungs-Impuls fiir uns etwas Si-
cheres ist, dafi wir ihm mit keinem Skeptizismus gegenuberstehen,
sondern ihm wirklich gegenuberstehen so, dafi wir in ihm die einzi-
ge Kraft sehen, die aus den Wirrnissen der Gegenwart hinausfuhren
kann. Indem wir auf diesem Boden stehen, werden wir dasjenige,
was ich jetzt sagen will, nicht als eine Unbescheidenheit oder der-
gleichen ansehen konnen, sondern eben durchaus als sachlich zu-
sammenhangend mit den Bedingungen unseres Wirkens iiberhaupt.
Nehmen Sie die «Kernpunkte der sozialen Frage». Betrachten Sie
die Art, wie sie vielfach heute aufgefafk werden, sehen Sie sich die
Dinge an, die vorgebracht werden von den Gegnern, und versuchen
Sie dann, ein Urteil dariiber zu gewinnen, aus welchen Untergrun-
den diese Gegner sprechen, Sie werden zu diesen Untergriinden nur
auf einem psychologischen Wege, auf dem Wege psychologischer
Beobachtung, kommen. Die Gegner reden ja zumeist an dem Inhalt
dieser «Kernpunkte», ich meine naturlich das Buch, vorbei. Es ist in
der Regel in dem, was sie reden, kaum ein Bezug zu dem, was der In-
halt der «Kernpunkte» eigentlich ist. Ich habe zum Beispiel neulich
einmal in Bern den Inhalt der «Kernpunkte» auseinandergesetzt.
Hinterher hat der Volkswirtschaftler von der Universitat gespro-
chen, dreiviertel Stunden lang. In keinem einzigen Satz ist es ihm ge-
lungen, auf den Inhalt der «Kernpunkte» selber einzugehen. Man
kann das geradezu beWeisen. Und auf den Inhalt des Vortrages ging
er erst recht nicht ein. Er war vollstandig unvorbereitet, da er ja die
«Kernpunkte» nicht kannte, nicht wahr.
Nun, was spiiren denn die Menschen, wenn sie an die Ideen der
Dreigliederung des sozialen Organismus herangehen? Warum for-
men sie aus tiefen Untergriinden ihrer Seele heraus Dinge, die so gar
nicht passen ? Weil sie eben etwas ganz Besonderes spiiren. Sie spii-
ren namlich, ohne dafi sie sich das zum Bewufitsein bringen, in sich
dasjenige, was da in ihnen tatig ist. Sie spiiren: wenn der Impuls fur
die Dreigliederung, wie er in den «Kernpunkten» dargelegt ist, in der
Welt Wurzeln fassen wiirde, dann wiirde das eine Auslese der Tiich-
tigen bringen, und es wiirden herabgestoften von ihrem Piedestal die
Untiichtigen. Denn der Impuls, der in der Dreigliederung des sozia-
len Organismus liegt, er ist ein durchaus real wirksamer, sobald er
irgendwie in die Menschheit hineingetragen wird. Aber er wirkt un-
bedingt so, dafi er die Unfahigen ausschliefk von einer Wirksam-
keit. Das ist es, was die Menschen in den unterbewufiten Untergriin-
den fiihlen. Das konnen sie naturlich nicht sagen, daher kommen sie
zu demjenigen, was sie eben sagen. Wenn man sich Miihe gibt als
Psychologe, das zu durchschauen, was die Leute vorbringen, na-
mentlich wenn man sich Miihe gibt, die Art und Weise, wie sie wir-
ken, zu analysieren, dann wird man durchaus zu einer Erhartung
dessen kommen, was ich eben ausgesprochen habe. Und alles das be-
ruht zum Schlufi doch darauf, dafi in der Gegenwart ein Sinn fur
geistige Produktivitat eigentlich nicht vorhanden ist. Die Leute ha-
ben sich zu sehr daran gewohnt, das Geistige vom Unpersonlichen
oder von solchem Personlichen, das selbst kein Geistiges ist, tragen
zu lassen: vom Staate oder von staatlichen Personlichkeiten, die
nicht in erster Linie den lebendigen Geist als solchen im Auge
haben.
Sie brauchen sich ja nur die Dinge im einzelnen vorzunehmen,
brauchen sich nur zu fragen: Was wollen die theologischen Fakulta-
ten? - Es geht heute in den theologischen Fakultaten viel weniger
darum, hinter das Geheimnis der geistigen Urkrafte der Welt zu
kommen, als im Sinne des Staates oder der Konfessionen brauchbare
Religionsbeamte zu schaffen. Bei der Juristerei handelt es sich
nicht darum, die Griinde und das Wesen des Rechtes zu suchen,
sondern die Leute dasjenige zu lehren, was in irgendeinem Staate
Usus ist, was festgelegt ist von denen, die auch nicht das Wesen des
Rechtes schaffen wollten, sondern aus irgendwelchen Interessen her-
aus dieses oder jenes zum Gesetz gemacht haben. Und so konnte
man ja alle die Dinge, die ja doch schliefilich fiihrend werden im
geistigen Leben, durchgehen und man wiirde iiberall sehen, dafi
fur das produktive Element des Geistes, das ja doch eigentlich die
Zivilisation tragen mufi, dafi fur das lebendige Hereinwirken des
Geistes in die Menschenseelen ein Sinn in der Gegenwart kaum
vorhanden ist.
Die Menschen sind allmahlich erzogen worden zu einer lenden-
lahmen Intellektualitat, zu einem blo&en Denken, ohne dafi dieses
Denken durchdrungen wird von Willensinitiative. Die Menschen
gehen auf in einem blofi betrachtenden Denken. Sie werden das ja
zunachst als eine Erfahrung sehen, wenn Sie Ihre Vortrage halten
werden. Sie werden es erleben konnen immer wieder und wieder-
um, dafi die Leute, die zuhoren, vielleicht sogar von dem einen oder
anderen, indem sie es horen, befriedigt sind; die Worte rauschen an
das Ohr heran, kommen in die Seelen; die Leute haben eine gewisse
Wollust iiber die Gedanken; sie fuhlen sich darin befriedigt; sie
mochten am liebsten gerade dasjenige horen, was sie in dieser Weise
eben mit einer gewissen inneren Wollust ausfullt. Aber sie sind ei-
gentlich innerlich immer etwas erbost, wenn man ihnen zumutet,
daft die Worte nicht Worte bleiben sollen, sondern dafi sich der gan-
ze Mensch erfullen soli mit ihnen und tatkraftig von dem Gesichts-
punkte aus, den die Worte eroffnen, nun ins Leben eingreifen mufi,
wenn die Worte irgendwie eine Folge haben sollen. Die Leute sind
eben mit Bezug auf das Wort seit Jahrhunderten zu sehr an eine be-
stimmte Art der Aufnahme gewohnt worden. Wenn sie den Predi-
ger auf der Kanzel anhorten, dann setzten sie sich hin in die Kir-
chenbank, und die Predigt sollte «schon» sein, sollte so mit einer ge-
wissen Warme, es war in der Regel allerdings eine philistrose War-
me, in das Innere hineinziehen. Man wollte eine gewisse innere
Wollust empfinden, auch eine gewisse innere Sehnsucht der Seele
befriedigt fuhlen, so, daft einem die Befriedigung von aufien zu-
kommt. Aber dann, wenn man die Predigt wieder verlassen hatte,
dann wollte man nicht etwa, dafi dasjenige, was da in der Predigt ge-
boten wurde, das Leben nun wirklich durchdringe. Gesagt hat man
das selbstverstandlich oft genug, aber geschehen ist es seit langer Zeit
im Grunde niemals. Wie es in dieser Beziehung mit anderen Dingen,
die geredet werden, heute steht, das wissen Sie ja wohl auch. Man
kann nicht gerade sagen, daft in den meisten Fallen die jungen Leute
mit einer gewissen inneren Glut heute zu den Universitatsturen her-
eingehen, um ihre Stunden durchzumachen, daft sie mit einer unge-
heuren inneren Warme nun gar nicht erwarten konnen, was der
Lehrer morgen sagen werde nach dem, was er heute gesagt hat. Die
Falle scheinen doch zahlreicher zu sein, wo die Leute ihre Stunden
absitzen, weil das nun einmal Pflicht ist - oder vielleicht sitzen auch
viele sie gar nicht ab -, und wo sie dann froh sind, wenn sie das nun
eingetrichtert haben, was notwendig ist zum Examen, durch das ja
wirklich nicht festgestellt wird, ob man ein tiichtiger, fahiger
Mensch ist, sondern ob man das in sich tragt, durch was man ein gu-
ter theologischer oder juristischer Beamter wird, das heifit in ent-
sprechender Weise in irgendeine Staatsstruktur sich einfiigt.
Unter diesen Bedingungen, wir werden sehen, was fur Faktoren
dabei tatig waren in den letzten Jahrhunderten, insbesondere aber
auch im 19. Jahrhundert, ist allmahlich der Sinn fiir das lebendige
Wirken des Geistes in der Menschheit verlorengegangen. Denken
Sie doch, was wirklich wirksame Religionen geworden waren, wenn
sie nicht ausgegangen waren von diesem Sinn fiir den lebendigen
Geist. Alle Religionen, die iiberhaupt Religionen geworden sind,
sind nicht etwa ausgegangen von dem, wovon unser heutiges Gei-
stesleben ausgeht, namhch, dafi alles, was wir im Geiste tragen, im
Grund nur eine Ideologic ist, eine Summe von Abstraktionen ist.
Sondern die Religionen sind davon ausgegangen, dafi der objektive,
in der Welt vorhandene Geist sich geoffenbart hat durch gewisse
Personlichkeiten, dafi er als solcher gewirkt hat, daft der Geist etwas
Reales, eine reale Macht ist. Davon verstehen die meisten Menschen,
die im heutigen Geistesleben darinnenstehen, kaum etwas.
Es war mir neulich im hochsten Grade interessant, folgendes zu
erfahren. Ich sprach aus dem Gedanken, der im ersten Kapitel mei-
ner «Kernpunkte» zugrunde gelegt ist, dafi von der geistigen Seite
her ein wesentlicher Bestandteil der proletarischen Frage der ist, dafi
das moderne Proletariat alles geistige Leben, Sitte, Recht, Kunst, Re-
ligion und Wissenschaft und so weiter, fiir eine Ideologic ansieht,
und dafi in diesem Auffassen des Geisteslebens als eine Ideologic
eben die Grundlage liegt fiir die Verodung der Seelen, die dann aus
ihren Instinkten heraus zu dem kommen, was heute in vieler Bezie-
hung die soziale Bewegung ist. Das habe ich in meinen «Kernpunk-
ten» ausgefiihrt. Ich deutete es neulich in einem Vortrage an, und ein
professoraler Diskussionsredner verstand die Sache so gut, dafi er
ungefahr sagte: Ja, da ware angefuhrt worden, das Proletariat lebe in
geistiger Beziehung in einer Art Ideologic; das konne man doch
nicht anfuhren, denn alle Klassen, alle Stande, die ganze Menschheit
lebe ja fortwahrend in Ideologic; es sei ja ganz selbstverstandlich,
dafi alle in Ideologic leben! - Der gute Mann hat uberhaupt gar kei-
nen Begriff davon, was da gemeint ist, denn ihm ist ganz abhanden
gekommen der Begriff der Realitat des geistigen Lebens. Ihm war
das eine Selbstverstandlichkeit, daft dasjenige, was unseren Geist
und unsere Seek ausfiillt, eben eine Ideologic ist. Er konnte also als
gut Burgerlicher auch nichts anderes fassen, als dafi man ja ganz ge-
rechtfertigterweise in der Ideologic drinnen lebe; wenn also das Pro-
letariat darin lebe, so konne das nicht der Grund sein fiir die sozia-
len Impulse der Gegenwart!
Sie sehen, diese Dinge sitzen so griindlich in denjenigen drinnen,
die heute «die Gebildeten» sind, daft man schon davon sprechen
mufi : Fiir die Produktivitat des geistigen Lebens haben die Leute gar
keinen Sinn. Von dieser Produktivitat des geistigen Lebens, von
dem schaffenden Geist, von der Kraft des Geistes miissen wir vor al-
ien Dingen den Menschen der Gegenwart einen Begriff geben. Das
ist dasjenige, was in allererster Linie notwendig ist. Das ist das eine,
bezuglich dessen wir uns keinen Illusionen hingeben diirfen, denn
wir wiirden sonst nicht wissen, wie wir in die. Menschheit der Ge-
genwart hinein reden konnen.
Das zweite, um was es sich handelt, ist, dafi im Grunde genom-
men durch die besondere Art des sozialen Lebens, wie es heraufge-
kommen ist in den letzten Jahrhunderten, der Sinn fur den Bedarf
des anderen Menschen verlorengegangen ist. Ohne diesen Sinn fiir
den Bedarf des anderen Menschen gibt es aber uberhaupt keine Ge-
staltung des Wirtschaftslebens. Das Wirtschaftsleben kann sich nur
gestalten durch Menschen, die zunachst in ihren Gedanken uber das
Wirtschaftsleben ganz absehen konnen von ihren eigenen Bediirfnis-
sen und die ein Gefiihl haben fiir die Bediirfnisse irgendwelcher an-
derer Menschen und dadurch lernen, sich in der Menschheit zu fiih-
len. Einsichtsvolles Verstandnis fiir dasjenige, was man die Konsum-
tion der Menschheit nennen kann, das ist es, was im Wirtschafts-
leben notwendig ist.
Das Wirtschaftsleben besteht ja aus Produktion, Warenzirkula-
tion, Konsumtion. Aber die Produktion zu beherrschen, der Pro-
duktion ihre richtige Kraft zuzufiihren, das ist in erster Linie gar
nicht Sache des Wirtschaftslebens. Sie sehen das aus den «Kernpunk-
ten»: Das Kapital wird zunachst in Zirkulation gebracht von dem
geistigen Glied des sozialen Organismus. Die Art und Weise, wie
man produziert, das ist eine durchaus geistige Frage. Eine wirtschaft-
liche Frage ist im wesentlichen die Konsumtionsfrage. Natiirlich
miissen diejenigen, die in den wirtschaftlichen Assoziationen drin-
nenstehen, aus dem Geistesleben her die Moglichkeit haben, das
Produzieren zu beherrschen, das Produzieren zu organisieren; aber
die Intensitat der Produktion, die Art der Produktion lernt man nur
kennen, wenn man einen Sinn hat fur die Bediirfnisse der anderen
Menschen und nicht allein, auch nicht als Gruppe, fiir seine eigenen.
Was ist aber heraufgezogen im neueren Leben? Uberall ist zuletzt
in jenen Schwatzanstalten, die man mit dem Namen Parlament be-
zeichnet, es ist ja eine wortliche Ubersetzung, also eine ganz berech-
tigte; wir wollen uns hier einmal, ohne gerade in Chauvinismus ver-
fallen zu wollen, der deutschen Ubersetzung bedienen fiir das Parla-
ment, uberall ist in den Schwatzanstalten heraufgezogen der Usus,
Interessengruppen zu bilden: Bund der Industriellen, Bund der
Landwirte und so weiter. In dem zugrunde gegangenen Osterreich
waren zunachst am Ausgangspunkte des Schwatzismus vier wirt-
schaftliche Interessen-Kurien. Also gerade das Gegenteil von dem,
was zu wirklichem wirtschaftlichem Verstandnis fiihrt, ist eigentlich
in der letzten Zeit tatig gewesen. Interessengruppen, das heifk Leute
waren da, die von vorneherein gesagt haben : Ich entscheide das, was
ich fur das Richtige halte, danach, ob ich an der Sache interessiert
bin. - Im Wirtschaftsleben kann jedoch nur etwas entschieden wer-
den, wenn man abstrahieren kann von den eigenen Interessen und
einen Sinn hat fiir die Interessen anderer.
Ich hatte das einmal vor Jahren schon in jener Artikelserie ausge-
sprochen, die erschienen ist unter dem Titel «Theosophie und sozia-
le Frage». Da ist das mit einer gewissen Bestimmtheit formuliert,
was ich jetzt sagte. Aber sehen Sie, mit solchen Dingen meinte ich
immer etwas, was nicht nur geredet sein soil, sonst konnte man es ja
auch im Parlament, in der Schwatzanstalt sagen, sondern mit solch
einer Sache meinte ich immer etwas, was die ganze Menschheit an-
geht, was eine Resonanz hervorrufen sollte. Ich habe aufgehort da-
zumal, weil sich kein Mensch darum gekummert hat. Gewifi, theo-
retisch wird sich mancher dafiir interessiert haben. Aber das geniigt
seit langem nicht, dafi man sich nur theoretisch interessiert. Denn
die sozialen Wirkungskrafte, die in fruheren Jahrhunderten herauf-
gekommen sind in der Menschheit, die sind vorbei. Wir brauchen
heute solche Worte, die auch unmittelbar in soziale Wirkungskraft
tibergehen konnen. Was ich damit meine, wird Ihnen vielleicht klar
werden, wenn ich folgendes sage. Nehmen Sie die radikalsten Sozia-
listen, die Kommunisten, die Leninisten, die Trotzkisten und so
weiter, nehmen Sie sie alle. Gehen sie aus von einem Urprinzip,
mochte ich sagen, des sozialen Lebens? Nein, sie nehmen einen Rah-
men, etwas, was schon da ist. Auch Lenin und Trotzki nehmen ja
nicht irgendwie Sachliches als Grundlage, sondern den bestehenden
Staat, von dem gehen sie aus. Auch die Kommunisten nehmen also
nicht irgend etwas Sachliches, irgendein Territorium eines in sich
zusammenhangenden Wirtschaftslebens und dergleichen, sondern
sie nehmen bestehende Rahmen, gehen davon aus, weil sie sich nicht
getrauen, auch wenn sie sonst noch so radikal sind, erst Rahmen zu
schaffen. Sie getrauen sich nicht, vom Anfang an wirklich anzu-
fangen.
Sehen Sie auf einem anderen Gebiet sich um: In ganzen Scharen
laufen heute selbst Gebildete dem romischen Katholizismus zu. Es
ist jetzt eine jungkatholische Partei in Bildung begriffen, die wahr-
scheinlich sehr starke Dimensionen annehmen wird. Warum? Weil
die Leute sich heute nicht getrauen, die Anfange eines geistigen Le-
bens in ihren Seelen zu suchen, weil sie sich nicht getrauen, von ir-
gend etwas auszugehen, was urspriinglich ist. Sie wollen Anlehnung
an etwas schon Bestehendes. Sie wollen in das hineinlaufen, was
schon da ist. Denn starke innere Aktivitat, die aus Ursprunglichem
heraus schopft, die wollen die Leute nicht. Das getrauen sie sich
nicht. Das brauchen wir aber gerade. Dafiir mussen wir einen Sinn
bei den Menschen erwecken. Und das ist dasjenige, was wir jetzt
brauchen. Es ist hochste Zeit, dafi die europaische Zivilisation in ei-
ner geniigend grofien Anzahl von Menschen zu einem Verstandnis
kommt. Das ist das, was wir brauchen: von Ursprungsprinzipien
ausgehen, und nicht in Abstraktionen sich dabei verlieren.
Ich sprach dazumal in jenem Aufsatz «Theosophie und soziale
Frage» aus, dafi das soziale Leben nur gesund werden kann durch
Menschen, die von den Interessen der anderen ausgehen. Demgegen-
iiber sagen die Abstraktlinge gewohnlich so: Das ist ja nichts Neues,
das ist ja langst ausgesprochen. Wenn man sie dann fragt, wo es aus-
gesprochen ist, dann erfahrt man: bei Schopenhauer. Der hat ja ganz
richtig gesagt: «Moral predigen ist leicht; Moral begrtinden ist
schwer»; Moral mufi namlich auf Mitgefiihl begriindet werden. Ja,
sehen Sie, da haben Sie die Abstraktion! Bei Schopenhauer finden
Sie eine leere Abstraktion, die als solche ganz richtig ist. Denn wenn
Sie abstrakt werden wollen, konnen Sie sagen: Sinn haben fur die
Interessen anderer, heifit Mitgefiihl haben. Aber Sie haben die kon-
krete Tatsache, die Sie dazu fiihrt, ins Leben einzugreifen, in eine
schattenhafte Abstraktion verwandelt. Und mit diesen schattenhaf-
ten Abstraktionen ist etwas gegeben, womit die Leute sehr zufrie-
den sind. Wenn Sie den Leuten mit ganz Konkretem kommen, wie
es gerade in der Literatur der Dreigliederung versucht worden ist,
dann kommen die Gegner und sagen: Ja, das ist ja alles schon da!
Wenn man dann dem nachgeht, was sie meinen, so meinen sie irgend-
eine schattenhafte Abstraktion. Der eine findet, dafi in Schopen-
hauers Mitleidlehre schon alles das enthalten ist, worauf ich jetzt
hingewiesen habe, der andere vielleicht sogar in Kants kategori-
schem Imperativ und so weiter. Das ist ein Punkt, auf den wir scharf
hinschauen mussen, damit wir die Moglichkeit finden, das Wesentli-
che aufzugreifen.
Und so ist es notwendig, dafi wir nicht aus irgendwelchen Vor-
urteilen heraus iiber das Richtige reden, sondern dafi wir uns das
Richtige fortwahrend diktieren lassen von dem, was wir um uns her-
um bemerken, dafi wir uns belehren lassen durch dasjenige, was die
Menschen haben, und vor alien Dingen durch dasjenige, was sie
nicht haben. Aber dazu ist ja notwendig, daft wir uns mit dem, was
in der Gegenwart lebt, wirklich bekanntmachen.
Sehen Sie, es ist ja richtig, dafi man sich verteidigen mufi gegen die
Angriffe, die jetzt von alien Seiten nur so hageln gegen die Anthro-
posophie und auch gegen die Dreigliederung. Aber mit der Verteidi-
gung allein ist es nicht getan. Dessen miissen wir uns voll bewufk
sein. Wir konnen uns namlich noch so gut verteidigen, gegeniiber
gewissen Stromungen in der Gegenwart, aus denen heraus die Per-
sonlichkeiten kommen, die angreifen, ist mit Verteidigung gar nicht
viel zu machen. Nehmen Sie zum Beispiel den Typus eines religio-
sen Dadaisten, der neulich in der «Tat» geschrieben hat, Michel heifk
er. Ein richtiger religioser Dadaist, das ist das, was ihn eigentlich
kennzeichnet. Und nun konnen Sie da verteidigen soviel Sie wollen,
mit solch einem Menschen werden Sie nicht fertig. Niemals werden
Sie mit ihm fertig. Denn dasjenige, was von der Anthroposophie
ausgeht, was von der Dreigliederung ausgeht, das versteht er ja auch
nicht einmal in einem Nebensatz. Solch ein Mensch hat zum Bei-
spiel das GefUhl, dafi er nur Substantive hinsetzen soil, wenn er
schreibt. Obwohl er immerzu von der «Gnade» und dem, was ihm
der Katholizismus gegeben hat, spricht, ist er in seinem Fiihlen und
in seiner Empfindungsweise, die ja vom Standpunkt eines religiosen
Dadaismus herruhrt, ganz materialistisch gesinnt. Wenn er also ir-
gendwie nur wittert, dafi man, um einmal nun wirklich geistig zu
denken iiber das Geistige, die Substantive auflosen muE, so nennt er
das «Zerblasenheit des Stiles». Das ist von seinem Standpunkte aus
ganz verstandlich. Aber Sie werden natiirlich in der Diskussion oder
Verteidigung nie fertig. Man kann schon selbstverstandlich auf sol-
che unreinlichen Finger klopfen, das ist ganz gut, aber erreichen
kann man durch diese Dinge der Verteidigung allein doch nichts.
Und dessen miissen wir uns ganz bewufit werden, wenn wir wir-
ken wollen: Es kann sich heute nicht darum handeln, dafi wir bloft
gegen die Angriffe uns verteidigen. Das mag manchmal notwendig
sein. Aber das, um was es sich handelt, ist, dafi wir die Zeitstromun-
gen, die da sind, die Richtungen, die da sind, genau kennenlernen
und sie vor der Mitwelt riicksichtslos charakterisieren. Es handelt
sich ja wirklich nicht um den Geist des Michel oder ahnliches, son-
dern um diese besondere Sorte von religiosem Dadaismus. Der mull
vor der Mitwelt charakterisiert werden. Es interessiert einen nicht
der Herr Michel, sondern diese besondere Art von religioser Impo-
tenz, die ja Stromung wird. Die miissen wir so darstellen, dafi sozu-
sagen aus dem Spiegel heraus, aus dem wir den Menschen solche
Stromungen zeigen, diejenigen Menschen, die ja auch da sind und
noch ein gesundes Fiihlen haben, einsehen, um was es sich handelt.
Das ist natiirlich sogar viel schwieriger, als blofi dialektische Vertei-
digung. Aber das ist das ganz besonders Notwendige. Wir miissen
uns bekanntmachen mit demjenigen, was in den Untergriinden un-
serer Gegenwartszivilisation ist. Dann werden wir sie an der Wurzel
fassen und werden sie vor die Gegenwart hinstellen.
In dieser Beziehung ist manches enthalten in dem Material, wel-
ches einfach dadurch vorliegt, dafi von mir Vortrage gehalten wor-
den sind seit dem April 1919. Da ist immer versucht worden, in ei-
ner gewissen Weise auf die in der Gegenwart wirkenden sogenann-
ten Geistesstromungen und wirtschaftlichen Stromungen hinzuwei-
sen, auch einzelne Personlichkeiten zu charakterisieren so, wie sie
charakterisiert werden mufiten. Aber die Dinge sind zum grofien
Teil eingesargt worden. Sie liegen da. Man hat sie gewift gelesen.
Aber es mufi weitergearbeitet werden. Die Anregungen miissen auf-
gegriffen, miissen weitergebracht werden.
Das ist es, um was es sich handelt. Dann wird allmahlich - jetzt
haben wir gar nicht mehr viel Zeit dazu, dafi das «allmahlich» lange
noch dauern konnte -, dann wird allmahlich in unserer Bewegung
der Dreigliederung des sozialen Organismus etwas entstehen, was
positive, fruchtbare Kritik der ganzen Gegenwartszivilisation ist.
Und auf diesem Untergrund einer durchgreifenden Kritik der Ge-
genwartszivilisation mufi sich dasjenige aufbauen, was da an positi-
ven Ideen in die Kopfe und in die Herzen hinein soil. Die Menschen
miissen einsehen, wie das auseinandersplittert, was in den gegenwar-
tigen Stromungen vorhanden ist und was ja zum grofien Teil nur
Aufwarmung von etwas Altem ist. Denn wenn sie sehen, wie das
zersplittert, dann werden sie geneigt sein, sich einzulassen auf das-
jenige, was wir ihnen Positives sagen konnen, denn die fiihrenden
Personlichkeiten bewegen sich eigentlich iiberall in Illusionen. Bis
nicht von der oder jener Ecke etwas Katastrophales kommt, leugnen
ja die Leute jede Gefahr ab. Das ist das Charakteristische der Gegen-
wart.
Man mufi sich also jeden Tag aufs neue bemiihen, den Leuten zu
zeigen, wie dasjenige, iiber das sie sich einen Nebel vormachen, zer-
splittern mufi. Von diesem Gesichtspunkte aus ist es aufierordent-
lich interessant zu studieren, wie die Angst der fiihrenden Person-
lichkeiten anfanglich doch gewirkt hat, noch als wir 1919 mit unse-
rer Dreigliederungsbewegung begannen. Da war zunachst noch, al-
lerdings nicht mehr lange, ein paar Wochen lang, eine allgemeine
Angstmeierei vorhanden. In den ersten Wochen konnte man ganz
gut sehen, wie bei gewissen industriellen, kommerziellen Leuten so
halb und halb widerwillig die Frage entstanden ist, die sie natiirlich
in ihrer Art aufgefafit haben : Wie kommen wir mit den Sozialisten
zurecht? Wie sollen wir das oder jenes machen? Und sie haben sich
herbeigelassen, wenn auch meistens mit Karikaturen von Sozialisie-
rungsfragen, aber immerhin, sie haben sich herbeigelassen, iiber sol-
che Dinge zu reden. Dann vergingen ein paar Wochen, die Soziali-
sten machten Dummheiten iiber Dummheiten, dann waren die fiih-
renden Personlichkeiten der alten Zeit wieder obenauf.
Das ist eine interessante Bewegung, die da beobachtet werden
konnte, denn sie zeigte, wie stark der Hang ist, einfach nicht zur in-
neren Aktivitat uberzugehen, sondern sich eben dem Bestehenden
hinzugeben, aus dem Bestehenden heraus zu arbeiten und sich gar
nicht klarzumachen, dafi man im Grunde genommen auf einem
Vulkan tanzt. Auch jetzt ist es durchaus so, dafi die Menschen ah-
nungslos sind. Daher ist es notwendig, dafi man in den weitesten
Kreisen Verstandnis hervorruft fur das Zersplitternde unserer Zivili-
sation auf alien Gebieten. Wie man das findet, davon werden wir in
diesen Vortragen sprechen. Ich wollte heute mehr das Formale her-
vorheben und zeigen, worauf wir zunachst unsere Gedanken rich-
ten sollen. Denn durch irgendwelche aufieren Dinge allein kommt
man heute nicht zum wirksamen Vertreten einer Sache.
Die Erziehung der Menschheit war eine durchaus theoretische
durch lange Zeiten hindurch. Und jedem Menschen sitzt heute - und
gerade den sogenannten Praktikern, deren Praxis ja im Grunde ge-
nommen nur Routine ist - der Theoretiker im Nacken. Sie haben ir-
gendein paar theoretische Phrasen, die «setzen sie in Wirklichkeit
um». Daher ist die sogenannte Wirklichkeit, die Praxis, so unwirk-
lich heute. Sie ist ja durch und durch unwirklich, weil die Menschen
zu Theoretikern erzogen sind. Unser ganzes Schulwesen war darauf
angelegt, die Menschen zu intellektualisieren, sie zu Theoretikern
zu machen. Und das ist es, wozu wir kommen miissen: daft wir auf-
horen, irgend etwas, was wir vertreten, nur theoretisch zu vertreten,
- dafi jedes Wort eine innere Tat ist.
Es ist ja aufierordentlich interessant, wenn man zum Beispiel die
Debatten einmal auf sich wirken lafit, die in der Nationalokonomie
dariiber gefiihrt worden sind, dafi nur physische Arbeit produktiv
Guter schaffe, geistige Arbeit aber nicht, dafi geistige Arbeit unpro-
duktiv sei. In der nationalokonomischen Literatur werden Sie breite
Ausfuhrungen dariiber finden. Und gerade zwei der bedeutsamsten
nationalokonomisch fiihrenden Personlichkeiten des 19. Jahrhun-
derts sind von diesem Satze wie von einem Axiom ausgegangen:
Karl Marx und Rodbertus. Beide vertreten den Standpunkt, dafi Gei-
stiges keine Guter schaffe, daft nur physische Arbeit Guter schaffe.
Diese Ansicht ist historisch zu verstehen. Aber so, wie sie vertreten
wird, beruht sie darauf, dafi man zum Beispiel meint: Nun ja, eine
Handarbeit, die erschopft sich, indem sie verrichtet wird, und die er-
schopfte Kraft mull dann wiederum durch Ernahrung ausgeglichen
und ersetzt werden; eine Idee aber erschopft sich nicht, wenn man
irgend etwas erfunden hat, wenn nach der Schablone Tausende und
Tausende Dinge nachgemacht werden. Das ist ein Argument, das
sehr oft vorgebracht worden ist. Aber es ist ein Unsinn. Wenn man
wirklich ausrechnen wiirde, wieviel Kraft man braucht, um eine
Idee zu finden, wo wiirde man schon sehen, da$ dasjenige, was nun
erschopfte Krafte sind, die ersetzt werden miissen, bei der Idee
durchaus nicht geringer ist als das, was bei physischer Arbeit aufge-
braucht wird, weil tatsachlich das, was im Denken verrichtet wird,
ebenso vom Willen abhangig ist wie das, was mit der Hand verrich-
tet wird. Man kann das gar nicht voneinander trennen. Es ist der
grofke Unsinn, zu unterscheiden zwischen Kopf- und Handarbeit in
Wirklichkeit. Aber die Dinge sind ja allmahlich zur Phrase gewor-
den, weil die Tendenz vorhanden war gerade in den letzten Jahr-
zehnten, Phrasen zu erzeugen aus demjenigen, was fruher noch tat-
sachliche Wirklichkeit war.
Das kann man, wenn man Erfahrung in diesen Dingen hat, Etap-
pe fiir Etappe verfolgen. Ich erinnere mich, wie ich zum Beispiel ei-
nen Vortrag gehort habe, den der Sozialistenfuhrer Paul Singer vor
Proletariern gehalten hat. Da waren einzelne darunter, die haben so
ein bifichen angefangen, von den «Schreiberseelen» geringschatzig
zu sprechen. Sie hatten sehen sollen, wie da noch der alte Singer in
seiner ganzen Fleischigkeit aufbegehrte und auseinandersetzte, dafS
er sich das nicht gef alien lasse, dafi, wenn man geistige Arbeit ver-
richtet, sie nicht der anderen Arbeit vollig gleichgestellt wiirde. Das
war aber schon zu Beginn der neunziger Jahre. Seither konnte man
den Gang des Phrasewerdens aus der Realitat heraus auch im Soziali-
stenwesen durchaus beobachten.
Auf solche Beobachtungen kommt es an, damit man sich in das'
Leben hineinfindet und aus dem Leben heraus spricht. Natiirlich
kann man das nicht in ausgiebigem Mafie von heute auf morgen.
Aber man mufi den Sinn dafiir haben. Und hat man den Sinn, dann
kommen gewisse Imponderabilien in unsere Rede hinein. Und dann
wird unsere Rede schon so, dafi sie ihre Friichte tragt.
Das ist es, was ich Ihnen zunachst wie eine formale Einleitung
sagen wollte.
ZWEITER VORTRAG
Stuttgart, 13. Februar 1921 (nachmittags)
Wir werden jetzt nur vorwartskommen, wenn es gelingt, die Dinge,
die wir zur Gesundung der gegenwartigen Zivilisation vorzubringen
haben, in geniigender Weise, das heifit in einer den einzelnen Leuten
einleuchtenden Weise zu fundieren. Und vieles hangt davon ab, dafi
wir bei den verschiedenen Fragen von stichhaltigen Ausgangs-
punkten her unseren Weg nehmen. Vor alien Dingen mufi ein ge-
sundes Urteil dariiber verbreitet werden, was es mit solchen Ausfuh-
rungen, wie sie in den «Kernpunkten» enthalten sind, und mit al-
lem, was sich daran anschliefit, eigentlich fiir eine Bewandtnis hat.
Es handelt sich dabei um soziale Verhaltnisse und um die Bildung
von sozial gerichteten Urteilen. Bei dem Aufsuchen solcher Urteile
handelt es sich immer um folgendes: Wenn man aus der blofien Ver-
standeslogik heraus iiber diese realen Verhaltnisse urteilt, an denen
ja immer Menschen beteiligt sind mit ihrem Gefuhl, mit ihrem Wil-
len - denn das ist ja der Fall bei den sozialen Verhaltnissen -, dann
kommt man zu endlosen Debatten; und das mufi insbesondere bei
Diskussionen durchaus ins Auge gefafit werden. Bei Dingen, die der
labilen Wirklichkeit angehoren, an der Menschen beteiligt sind,
mufi man von der Erfahrung, von einer irgendwie gearteten Erfah-
rung ausgehen, nicht von der Verstandeslogik, weil sich immer von
diesem oder jenem Standpunkt aus tatsachlich fiir eine Sache gleich
viel dafur und dawider sagen lafit. Nur vom Standpunkt der Erfah-
rung aus lassen sich diese Dinge beurteilen. Wir haben gerade des-
halb so mannigfaltige und einander widersprechende sozial-politi-
sche Anschauungen in der neueren Zeit bekommen, weil die Leute,
die sie aufgestellt haben, nicht von der Erfahrung, von der Beobach-
tung der Verhaltnisse ausgegangen sind und nicht aus dieser heraus
geurteilt haben.
Das ist in umfassendem Sinne in der Tat zuerst in den «Kern-
punkten» versucht worden. Und man mufi den Leuten begreiflich
machen, dafi eigentlich alles, was es in der Gegenwart an Wissen-
schaft und Bildung gibt, zu einem solchen Urteil keine Grundlage
schafft, ausgenommen allein dasjenige, was die anthroposophisch
orientierte Geisteswissenschaft ist. Die geht ja nicht von Logik allein
aus, sondern die geht aus von der umfassenden Erfahrung. Und man
erzieht sich an ihr zu einem Urteil aus Erfahrung heraus, wahrend
das Pochen auf Erfahrung bei unseren gegenwartigen Wissenschaft-
lern ja nur eine Illusion ist. Sie reden zwar sehr viel von Erfahrung,
urteilen aber im Grunde genommen aus der blofien abstrakten Intel-
lektualitat heraus. Das tut unsere Geisteswissenschaft nicht. Daher
erzieht sie auch ganz wesentlich zu einem solchen Erfahrungsurteil.
Sehen Sie, der Mann, den ich neulich hier im offentlichen Vortrag
erwahnt habe, der Nationalokonom Terhalle, er hat einen Aus-
spruch eines ja auf diesem Gebiete nicht sonderlich mafigebenden
Mannes angefuhrt, des Georg Brandes, der gesagt hat, es sei so
schwer, in sozialen Verhaltnissen zum Richtigen zu kommen, weil
die breite Masse des Volkes ja nicht nach der Vernunft, sondern
nach Instinkten urteilt. Es macht leicht den Eindruck, wenn man
selber durchaus glaubt, auf einem gewissen unfehlbaren Standpunk-
te in der Beurteilung aller Dinge stehen zu konnen, daft alles, was so
in der sozialen Gruppenseele auftritt, aus Instinkten heraus sei und
nicht aus der Vernunft. Es ist auch in gewisser Beziehung durchaus
berechtigt, so etwas zu sagen. Aber es bewirkt nicht sonderlich viel.
Denn wenn nicht ein Mensch in Betracht kommt fiir das Zustande-
kommen des Urteils, sondern Gruppen von Menschen - seien es
Volksgruppen oder Klassengruppen -, so ist niemals moglich, aus der
Vernunft heraus zu urteilen. Denn was als Urteil auftritt, entsteht
nicht immer durch den Zusammenflufi desjenigen, was die verschie-
denen Menschen denken, sondern auch desjenigen, was sie fuhlen
und wollen. Da kann sich nie ein eindeutiges Urteil ergeben, gar nie.
Es gibt vom Standpunkte der Vernunft aus kein eindeutiges sozia-
les Urteil. Sozial urteilen kann man nur vom Standpunkt der Bild-
lichkeit aus. Das diirfen Sie den Leuten nicht ohne weitere Erkla-
rung sagen, weil es ohne solche miftverstanden wird. Aber wissen
mufi man heute, wenn man irgendwie ein soziales Urteil fallen und
begrunden will, daft das nur vom Standpunkt der Bildlichkeit aus
moglich ist, das heifk von einem Standpunkte, dafi das Urteil so ist,
dafi es sich biegen und formen la$t, dafil es gewissermafien, wenn das
Wort auch verpont ist, eine Art kunstlerische Struktur hat und
nicht eine bloft logische Struktur. Nur die Urteile, die eine solche
bildsame Gestalt haben, die konnen auf das soziale Leben irgendwie
anwendbar sein. Das ist etwas, was ich sagen mufke, um unserer Ab-
sicht eine gewisse Richtung zu geben.
Aufierdem aber ist es notwendig, heute die Leute daran zu ge-
wohnen, einen gewissen gro£en Horizont zu haben. Wir stehen ei-
gentlich heute einer Welt gegeniiber, wo jeder von dem denkbar
kleinsten Horizont aus seine Urteile fallt, und zwar so fallt, dafi er
glaubt, die Dinge seien unbedingt, seien unfehlbar richtig. Er iiber-
sieht nichts anderes als das Allernachste; aber er urteilt uber alles.
Das ist so das Charakteristikum unserer Zeit. Sie werden daher gese-
hen haben, dafi bei alledem, was ich versuchte, gerade auch, es war ja
dies auch schon fruher der Fall, seit dem April 1919 zu geben, mein
Bestreben nicht darin bestand, iiberall fertige Urteile hinzustellen,
sondern solche Dinge aufzuzeigen, aus denen heraus der Einzelne
erst ein Urteil gewinnen kann. Unterlagen zu schaffen fur ein eige-
nes, selbstandiges Urteil, das war gerade das Bestreben, dem ich ge-
folgt bin seit dem April 1919. Das ist auch etwas, was man durchaus
in weitesten Kreisen klarmachen sollte, dafi es sich bei uns nicht
handelt um fertige, dogmatische Urteile, sondern dafi es sich handelt
um Wegleitungen, die den Einzelnen dann befahigen, selbstandige
Urteile zu bilden. Und Sie werden gut tun bei Ihrem Wirken, bei Ih-
ren Reden, nicht allzuviel zu halten von fertigen, dogmatischen Ur-
teilen, sondern Sie mufken vor alien Dingen darauf sehen, Unterla-
gen zu geben fur ein Urteil, das sich der eine so, der andere so bilden
kann; denn erst aus solchen Urteilen fliefit dann etwas zusammen,
was wir in Wirklichkeit brauchen konnen. Es ist ja leider nur allzu
wahr, dafi die gegenwartige Welt an Urteilen sehr reich ist, dafi sie
aber im Grunde genommen weit weg ist von den tatsachlichen Un-
terlagen zu berechtigten Urteilen.
Und da komme ich nun gleich auf einen Punkt, den ich unseren
Betrachtungen voranstellen will, auf einen Punkt, der fur Sie vor al-
len Dingen klar sein mufi, von dem Sie, ich mochte sagen, mehr in
der Formung Ihrer Reden ausgehen miissen, als daft Sie etwa genau
dasselbe den Leuten sagen, was ich Ihnen nun hier auseinandersetze.
Aber Sie miissen bei der Formung Ihrer Rede von dem Bewufitsein
desjenigen ausgehen, was ich jetzt versuchen werde, auseinanderzu-
setzen.
Sehen Sie, innerhalb der europaischen Zivilisation traten ja im
Laufe der letzten 100, 150, 170 Jahre iiber die verschiedensten Ge-
biete des sozialen Lebens die mannigfaltigsten Urteile, die mannig-
faltigsten Agitationen auf. Versuchen Sie nur einmal, eine Uber-
schau zu halten iiber alles, was das 19. Jahrhundert an Ansichten ge-
bracht hat iiber das soziale Leben, und Sie werden, wenn Sie diese
Dinge durchgehen, immer sehen, dafi eigentlich jede einzelne solche
Bestrebung immer wunde Punkte hat. Man sieht iiberall, dafi eine
rechte Uberschau iiber das, was not tut, eigentlich doch nicht vor-
handen ist. Die Leute, die iiber soziale Fragen in dem letzten Zeital-
ter geurteilt und diskutiert haben, sie haben viel Scharfsinniges vor-
gebracht, viel aufierordentlich Scharfsinniges. Aber es war alles so,
daft man sich zuletzt doch sagen mufite: ja, all das bewirkt eigentlich
in der Wirklichkeit nicht viel; man kann nichts machen mit dem,
was von Nationalokonomen, von Praktikern und so weiter vorge-
bracht worden ist iiber irgendwelche sozialen Einrichtungen und
dergleichen. Man konnte das manchmal auf einem kleinen Gebiet
brauchen, man konnte aber durchgreifend nichts damit anfangen.
Und das liegt doch daran, dafi man im Grunde genommen seit fast
zwei Jahrhunderten innerhalb Europas Fragen «lost» aus allerersten
Grundlagen heraus - man glaubt sie wenigstens aus allerersten
Grundlagen heraus zu losen -, die gar nicht aus diesen heraus zu
losen sind.
Ich mochte einen Vergleich gebrauchen, um das begreiflich zu
machen, was ich sagen will. Wenn jemand sich ein Haus baut und
das Fundament und das Erdgeschofi sind fertig, so darf ihm eigent-
lich nicht einfallen, daft er nun einen ganz neuen Bauplan fur den er-
sten, zweiten Stock haben will. Er mufi unbedingt in gewisser Weise
so fortbauen, wie er das Fundament gelegt und den Grundplan ge-
macht hat. Wenn irgend etwas im Gange ist, so kann man nicht aus
den Fundamenten heraus wiederum etwas ganz Neues machen. - So
war es aber in Europa. Nationalokonomen, sozialistische Agitato-
ren, bourgeoise Agitatoren, Praktiker und so weiter haben die wirt-
schaftlichen, die rechtlichen Fragen losen wollen, aber iiberall hin-
gen die sogenannten Losungen eigentlich in der Luft. Man konnte
eben auch da nicht einfach von den Fundamenten ausgehen. Wenn
man das Ganze des modernen Zivilisationslebens - das ja immer
mehr und mehr ein solches Ganzes wurde, aus dem man nicht ein-
zelne Dinge herausnehmen konnte - im Auge hatte, konnte man
einfach nicht anders, als sich sagen: Ja, schlieftlich, wir leben ja in
der Entwicklung drinnen. Wir konnen nicht heute fragen: Was sind
die ersten Fundamente der Rechtsverhaltnisse innerhalb der zivili-
sierten Welt, was sind die ersten Fundamente der wirtschaftlichen
Verhaltnisse innerhalb der zivilisierten Welt? Das ist etwas, was die
Leute heute ganz und gar nicht berucksichtigen. Es ist zum Beispiel
kurios in der Schweiz. Man glaubt, daft man mit Absehen von allem
ubrigen der Welt besondere «schweizerische Verhaltnisse» ins Auge
fassen und da wiederum iiber rechtliche und wirtschaftliche Verhalt-
nisse denken kann. So hat man es aber im Grunde genommen wirk-
lich gemacht seit mehr als zwei Jahrhunderten. Und dadurch ist
eigentlich das Chaos im wesentlichen gekommen. Denn sehen Sie,
man hat eben versucht, Fragen zu «losen» - losen mufi ich da unter
Anfuhrungszeichen sprechen -, die eigentlich alle im 18. Jahrhun-
dert, wenn ich mich jetzt auf meinen Vergleich beziehen darf, bis zu
der Beendigung des Erdgeschosses gekommen waren. Man konnte
nur den nachsten Stock darauf bauen auf das, was schon da war. Das
alles ruhrte davon her, daft man innerhalb der europaischen Zivilisa-
tion ganz die Moglichkeit verloren hatte, richtige Empfindungen zu
haben iiber historische Ereignisse, iiber solche historische Ereignis-
se, welche Fundamente legen fur das Leben, das aus ihnen dann her-
vorgeht. Und wichtigste historische Ereignisse, die muft man richtig
bewerten, wenn man spater urteilen will. Man kann nicht immer
aus den Fundamenten heraus urteilen.
Und da weise ich hin auf zwei wichtige Ereignisse, die, obgleich
sie sehr weit hinter uns liegen, jetzt scharf ins Auge gefafit werden
miissen. Denn sowohl unser geistiges, wie auch unser rechtlich-
staatliches, wie auch unser wirtschaftliches Leben in Europa, fufien
auf solchen Ereignissen, und man kann gar nicht iiber die moderne
Zivilisation denken, ohne sich klar dariiber zu sein, was durch diese
Ereignisse nach Europa hereingetragen worden ist. Das eine der Er-
eignisse ist das von 1721. Es ist der Friede von Nystad, der den Nor-
dischen Krieg beendet hat. Das andere der Ereignisse ist das von
1763, der Friede von Paris, der die Differenzen zwischen Frankreich
und den Freistaaten von Nordamerika und England zu einem Ende
gebracht hat. Diese zwei Ereignisse sind eigentlich in der Tatsachen-
welt mitten unter uns im europaischen Zivilisationsleben; uberall
sind die realen Wirkungen da. Aber der Europaer hat vollstandig
vergessen, an diese Ereignisse in der rechten Weise zu denken. Des-
halb urteilt er uberall unwirklich. Die Tatsachen, die ich eben ange-
fiihrt habe, stecken uberall drinnen. Ich mochte sagen: An jedem
Friihstiickstische essen wir so, wie es gekommen ist durch diese
zwei Ereignisse. Aber man will nichts wissen davon, wie man iiber-
haupt nichts von der Wirklichkeit wissen will, sondern immer nur
aus seinem Kopf heraus urteilt und logisch aus seinem Kopf heraus -
aber wirklich - spinnt. Denn das meiste, was heute im sozialen Leben
geurteilt wird, ist im Grunde genommen eigentlich ein Spinnen in
der Bedeutung, wie das Wort im Volksmund vielfach gebraucht wird.
Sehen Sie, wenn man diese zwei Ereignisse richtig bewerten will,
so mufi man sich einen Zusammenhang vor Augen halten, der un-
mittelbar zwischen diesen beiden Ereignissen und der europaischen
Katastrophe, in der wir drinnenstecken, besteht. In der Menschheits-
entwickelung ist es eben nicht so, dafi man blofi iiber ein paar Jahre
hin urteilen kann, weil sich die Tatsachen einfach iiber grofiere Zeit-
raume erstrecken.
Die Dinge liegen ja so: Erst 1721, im Frieden von Nystad, ist es
entschieden worden, dafi Rufiland als eine Macht, die in Betracht
kommt sowohl im geistigen, wie im staatlich-rechtlichen, wie im
wirtschaftlichen Leben, in die europaischen Verhaltnisse eingreift.
Nun, das bedeutet aufierordentlich viel. Denn Rutland ist in bezug
auf seine geistige Verfassung - wir halten uns da nicht an die Schlag-
worte, sondern an die Wirklichkeit -, Rutland ist nun einmal in be-
zug auf die geistigen Interessen der Menschheit heute noch durchaus
eine asiatische Macht, eine orientalisch-moralische Macht. Sein See-
lenleben ist in der Verfassung, wie wir sie nur kennen in bezug auf
orientalische Verhaltnisse des Seelenlebens. Nur hineingeschoben in
diese orientalische Seelenverfassung ist dasjenige, was durch Peter
den Grofien gekommen ist, was dann dazu gefuhrt hat, dafi Rutland
bis an die Ostsee vorgedrungen ist.
Damit waren alle spateren Dinge schon entschieden. Und das ist
wiederum etwas Charakteristisches : Europa hat fortdiskutiert dar-
iiber, ob Rutland nach Konstantinopel kommen soil oder nicht.
Das ist nicht das Wichtige gewesen, sondern das: ob es sich an euro-
paischen Verhaltnissen uberhaupt beteiligen soli. Und diese Frage
ist 1721 in dem Frieden von Nystad entschieden worden. Und das
ist ja das Wesentliche im ganzen europaischen Diskutieren, daft man
immerfort Fragen losen wollte, die eigentlich zum grofien Teil
schon gelost waren. Es war die Losung schon bis zu einem gewissen
Grade da, und man hat immer wieder von vorne angefangen, ohne
Beriicksichtigung dessen, daft eben schon Tatsachen da waren.
Was ist dadurch geworden? Wenn Sie die ganze Geschichte Euro-
pas, insofern Rutland im 19. Jahrhundert daran beteiligt ist, neh-
men, dann werden Sie sich sagen miissen: Diese Beteiligung Rufi-
lands, denken Sie nur an die panslawistischen und an die slawophi-
len Bestrebungen, die geht durchaus dahin, die geistigen Fragen des
europaischen Lebens in einer orientalischen Weise aufzuwerfen.
Vor dem Orient mufite ja zum Beispiel Rom in einer gewissen Wei-
se kapitulieren. Der Orient wollte seine Seelenverfassung beibehal-
ten; daher die Abspaltung des orientalischen Katholizismus von dem
romischen Katholizismus. Das ist eine ganz andere Welt in bezug
auf die Seelenverfassung. Das ist vor allem eine Welt, die immer da-
hin tendiert hat, das, was im geistigen Leben hervortritt, mit dem zu
verquicken, was weltliche, profane, staatliche Verwaltung ist. Man
wollte in einer gewissen Weise in der staatlichen Leitung auch die
religiose Leitung suchen.
Dadurch hat das ganze Verhaltnis der europaischen Zivilisation
zu dem Osten seine Konfiguration erhalten. Dadurch sind die Fra-
gen entstanden, die wirklich dagewesen sind, also nicht diejenigen,
von denen man getraumt hat und tiber die man sich so zahllosen II-
lusionen hingegeben hat. Betrachten Sie nur alles, was im Osten auf
der einen Seite die fortwahrende Tendenz der tschechischen Slawen
und der Siidslawen nach Rutland war, welcher Rutland wiederum
entgegenkam mit jenem, was ja im aufieren politischen Machtbe-
reich nur Phrase war, was aber gerade ungeheuer verfuhrerisch auf
die Herzen des russischen Volkes gewirkt hat: die Befreiung der
Volker auf dem Balkan. Uberall sind es geistige Krafte! Da hinein
mischte sich das andere, was wiederum geistig-nationale Verhaltnis-
se sind: der Antagonismus zwischen dem polnisch-slawischen Ele-
ment und dem russischen Element. Dadurch ist die ganze Situation
fur Osteuropa gekennzeichnet.
Und alles, was sich da im Geistigen abgespielt hat, das hangt ab
von dem Gesamtleben der Zivilisation. Uber die Dinge, die sich so
in der Menschheitsentwickelung abspielen, kann man nicht so re-
den, dafi man blofi vom Partiellen ausgeht. Man kann einfach nicht
sagen : es gibt im allgemeinen eine Ansicht, wie sich geistiges, wirt-
schaftliches und politisch-rechtliches Leben zueinander verhalten
sollen, sondern man kann nur unter gewissen real gegebenen Vor-
aussetzungen uber diese Fragen sprechen. Und die ganze Art und
Weise, wie das nach Europa hereinverpflanzte orientalische Geistes-
leben gewirkt hat, hangt ganz und gar davon ab, dafi Rufiland in so
ausgiebigem Mafie ein noch lange nicht vollstandig zu Ende gekom-
menes Agrarreich ist, dafi da alles noch so ist, dafi man sagt : Die Na-
tur gibt noch her, was eigentlich den Gesamtton der Lebenshaltung
angibt. Solch eine Seelenverfassung, wie sie da von Osten her ins eu-
ropaische Leben hineingekommen ist, hangt durchaus von demjeni-
gen ab, was von dem landwirtschaftlichen aufierlichen Leben in
Rufiland ermoglicht wird. Der einzelne Russe, ganz gleichgiiltig,
welcher Klasse er angehort, wiirde diese Seelenverfassung nicht ha-
ben, die er hat, wenn nicht das aufierliche Leben im Zusammenhang
mit der Natur so innig ware. Fur das ganze orientalische Leben ist
eine eigentliche Wirtschaftsfrage, also das dritte Glied im dreigliedri-
gen sozialen Oganismus, nicht vorhanden.
Es gibt iiberall fiir die ganze Welt diese drei Gebiete des mensch-
lichen sozialen Lebens: das geistige Leben, das staatlich-rechtliche
Leben und das Wirtschaftsleben. Aber die Seelenverfassung der Men-
schen unter dem Einfluft dieser drei Glieder, die stellt sich immer an-
ders dar, je nachdem ob die Menschheit nicht geneigt ist, hinzusehen
auf das, was das Land gibt, oder ob sie gerade auf das hinsieht, was
das Land gibt, Je weiter wir nach Osten hinuberkommen, um so
mehr wird es selbstverstandlich, dafi man die Natur walten lafit, ihr
dasjenige entnimmt, was sie hergibt, und damit wirtschaftet, ohne
besonders das Wirtschaftsleben als solches zu organisieren. Und um
was es sich in Rufiland handelt, ist, da$ man eben nicht notig hatte,
das Wirtschaftsleben als solches zu organisieren, oder es wenigstens
nicht notig fand. Das ist aber orientalische Denkweise.
Die orientalische Denkweise geht, wenn ich so sagen darf, so we-
nig wie moglich iiber den Standpunkt hinaus, den eine andere «Be-
volkerung» der Erde in dieser Beziehung einnimmt. Das ist namlich
die Tierwelt. Wer da glaubt, dafi diese Tierwelt nicht auch ein geisti-
ges Leben hat und sogar in gewisser Beziehung ein staatlich-recht-
liches Leben, der wiirde auf ganz falscher Fahrte sein. Das Tierleben
hat durchaus auch eine geistige Welt und eine Art rechtliche Verfas-
sung. Aber eine wirtschaftliche hat es nicht. Da nimmt es das, was
ihm gerade die Natur gibt. Und von dieser Bevolkerung der Erde,
dem Tierreiche, hebt sich moglichst wenig die orientalische Bevol-
kerung ab, die gerade dadurch dieses ausgepragte, nach dem Bildli-
chen, Intuitiven gehende geistige Leben hat, weil sie nimmt, was die
Natur ihr bietet im Wirtschaftsleben, und iiber dieses Wirtschaftsle-
ben eigentlich gar nicht besonders diskutiert, Alles, was an sozialer
Struktur da ist, beruht eigentlich auf anderen Grundlagen als auf
wirtschaftlichen Verhaltnissen, beruht auf Herrschaftsverhaltnissen,
auf Erbschaftsverhaltnissen, aber nicht auf wirtschaftlichem Den-
ken. Diese besondere Seelenverfassung, die ist die Voraussetzung da-
fur, dafi man iiberhaupt auf das nationale Element soviel geben
kann, wie im Orient gegeben wird darauf.
Nun, Europa diskutiert seit zwei Jahrhunderten iiber die nationa-
len und sozialen Fragen. Aber iiber beide hat man so diskutiert, daft
man von den Elementen ausgegangen ist, ohne sich auf das Wirkli-
che zu stellen, das schon da war. Man konnte einfach so, wie man
im 19. Jahrhundert, besonders in der zweiten Halfte des 19. Jahr-
hunderts und im Beginn des 20. Jahrhunderts iiber nationale und so-
ziale Fragen gedacht hat, nicht mehr dariiber denken, nachdem dem
nationalen Element diejenige Nuance gegeben war, die ihm gegeben
war dadurch, daft ein asiatisches Element, das Slawisch-Nationale, es
in der Weise, wie das der Fall war, durchfruchtet hat. So hat man
anachronistisch eigentlich iiber nationale Fragen diskutiert. Die
Dinge, die man noch immer diskutierte, waren langst abgetan.
Man hatte sich bewuftt sein sollen, daft eines Tages einfach die
grofte Frage auftauchen konnte, ob nicht der Orient uberhaupt das
ganze Abendland iiberfluten konnte mit seiner Denkweise iiber das
geistige Leben. Heute ist schon die Morgenrote dafiir da. Man disku-
tiert im Orient, in Asien driiben, wie man es eigentlich machen soil,
damit das ganze technisch-wissenschaftliche Zeug in Europa mit sei-
ner Abstraktion, mit seinem Ausbeutertum und so weiter ver-
schwinde und das asiatische Element des menschlichen Fiihlens und
Empfindens, des Seelenhaften, die ganze Erde iiberziehe.
In abstracto kann man sich naturlich wiederum einverstanden da-
mit erklaren. Aber die Sache liegt doch so, daft das Seelen- und Gei-
stesleben im Orient in der Dekadenz ist. Das hindert nicht, daft in
den russischen Seelen Zukunftskrafte sind. Aber was da war, war
vollstandig in der Dekadenz. Man kann nicht darauf rechnen, daft
etwas vom Orient heruberkommen konnte wie eine Erlosung. Se-
hen Sie, durch diesen Frieden von Nystad 1721 ist eigentlich iiber
ganz Europa die besondere Nuance im nationalen Denken gekom-
men, die dem Slawentum aufgedrangt worden ist. Und alles, was
von da ausgegangen ist, das hat Europa in gewisser Weise angesteckt,
richtig angesteckt dadurch, daft Ruftland teilnehmen konnte an den
Europaischen Verhaltnissen.
Und das Experimentierland - wenn man sich wirklich um die
Weltverhaltnisse bekiimmern wiirde, nicht immer schon an den
Grenzen seiner Staatsverhaltnisse haltmachen wiirde, so wiirde man
so etwas einsehen -, das Experimentierland war Osterreich. Und
Osterreich ist zugrunde gegangen aus dem Grunde, weil man dort
fortwahrend Fragen diskutiert hat, die bis zu einem gewissen Grade
langst in eine bestimmte Richtung gebracht waren. Osterreich ist
mit seinem Slawenproblem nicht fertig geworden, weil es mit ihm
nur hatte fertig werden konnen, wenn es einen Sinn entwickelt hat-
te fiir die Urproduktion des Geistes, fur ein geistiges Leben, das aus
seinen eigenen Elementen heraus kommt.
Nicht wahr, man durfte ja iiber ein solches geistiges Leben zum
Beispiel den Liberalen gegeniiber, ihnen gegeniiber am allerwenig-
sten, iiberhaupt gar nicht reden. Denn sie sagten einem immer - und
in solchen Landern, die Republiken sind, wird das noch immer
nachgesagt -, diese Liberalen sagten immer: Ja, wenn wir die Schule
dem freien Geistesleben ausliefern, dann wird sich der Katholizis-
mus dieser Schule bemachtigen, dann sind wir ausgeliefert an den
Klerikalismus. Das wenden die Leute ein! Aber dieser Einwand
riihrt nur davon her, daft man sich als einzige Moglichkek denkt, an
ein Geistesleben zu appellieren, das vor Jahrhunderten produktiv
war, heute aber da ist als etwas Anachronistisches, als etwas Deka-
dentes. In dem Augenblick, wo man sich bewuftt wiirde, daft wir ein
frei schaffendes Geistesleben notwendig haben, wiirde man es als
selbstverstandlich finden, daft diesem frei schaffenden Denken na-
tiirlich das Schulleben gegeben werden muft. Aber weil die Leute
nicht den Sinn dafiir haben, mit ihrem Willen teilzunehmen am
Schaffen der Zivilisation, sondern weil sie sich lediglich hingeben
wollen an etwas - sei es der Staat oder schon ein fertiges Wirtschafts-
leben -, was sie nahrt, weil sie keinen Sinn dafiir haben, ihren Wil-
len zu durchdringen mit etwas Schaffendem, daher treten solche ver-
zagten Dinge auf wie dieses. Es handelt sich darum, daft man sich
frei machen kann, ohne daft die Schule ausgeliefert wird an etwas
Altes.
Die Leute, die so reden, wie ich es eben angedeutet habe, die sa-
gen: Ein neues Geistesleben bringen wir doch nicht hervor, daher
wird das alte alles uberfluten. Da kann man naturlich leicht ein An-
hanger von Spengler werden mit seinem «Untergang des Abendlan-
des». Das ist dann schon gleichgiiltig, ob wir gar nichts tun oder alles
der katholischen Kirche iiberliefern. Aber ein neues Geistesleben
mufi eben da sein! Nicht das war das Falsche, dafi die Kirche einmal
die Schule gehabt hat; denn alles, was wir jetzt haben in den Wissen-
schaften, ruhrt ja von der einen Seite durchaus von der alten Kirche
her. Das ist nicht das Falsche, sondern das ist das Falsche: wenn die
traditionelle Kirche heute noch die Schule haben sollte, wo wir vor
der historischen Notwendigkeit stehen, ein neues Geistesleben zu
gewinnen.
Also, es war nur die Impotenz Europas, liber ein neues Geistes-
leben zu sinnen, das die Diskussion uber die nationale Frage herauf-
gebracht hat. Es hatte von Mitteleuropa nach dem Osten hiniiber
gewirkt werden miissen im Sinne eines produktiven Geisteslebens.
Dann ware zweifellos daran erfroren, was in den panslawistischen
und slawophilen Bestrebungen sich geltend gemacht hat. Dieses Gei-
stesleben war im Anfang da. Um die Wende des 18. und 19. Jahr-
hunderts hat man angefangen, ein freies Geistesleben zu schaffen,
was wir «Goetheanismus» nennen. Aber es war nicht der Mut da, es
festzuhalten - das auf der einen Seite.
Auf der anderen Seite steht dasjenige, was man im sozial-wirt-
schaftlichen Sinn diskutiert. Seit 1763, seit von Frankreich wichtige
Gebiete an England abgetreten werden mufiten und damit der Ent-
scheid daruber fiel, dafi Amerika in seinem Norden nicht roma-
nisch, sondern angelsachsisch wird, war die wirtschaftlich-soziale
Frage in ein ganz bestimmtes Fahrwasser gelenkt. Im 18. Jahrhun-
dert sind also schon wichtige Entscheidungen da: Im Osten diejeni-
ge von 1721 mit dem Frieden zu Nystad, und im Westen diejenige
von 1763 mit dem Frieden von Paris. Diese zwei wichtigen Ent-
scheidungen, die drinnenstecken im gesamten geistigen und wirt-
schaftlichen Leben Europas, die mufi man ins Auge fassen, denn
man kommt zu keinem Urteil, wenn man diese nicht ins Auge fafit.
Und sehen Sie, man darf nicht so, wie man es heute von ganz sub-
jektiven Standpunkten aus tut, die Dinge bewerten, die in der Welt-
geschichte auftreten. Man kann auch manchmal nicht anders, als ge-
wisse radikale Wortbezeichnungen gebrauchen: Der Orient hatte
einmal eine grofie, gewaltige Urweisheit. Heute ist es so, dafi in ge-
wissem Sinn der Orient mit seiner dekadenten alten Urweisheit der
Barbarei verfallen ist. Denn Barbarei ist nichts anderes, als wenn die
urspriinglichen menschlichen Instinkte rationalisiert werden, wenn
sie durch den Verstand und durch das blofie Kopfleben dirigiert wer-
den. Wenn wir aber den Orientalen einen Barbaren nennen und von
der Barbarei in diesem Schillerschen Sinn bei dem Orientalen, na-
mentlich bei dem Russen, reden, dann miissen wir, je weiter wir
nach Westen vordringen, indem wir von England ausgehen und
nach Amerika himibergehen, dann miissen wir im selben Sinne die-
se westliche Zivilisation nicht Zivilisation nennen, sondern Wild-
heit. Diese ist das Gegenteil von Barbarentum. Der Barbar tyranni-
siert Herz und Gemut durch den Kopf; der Wilde tyrannisiert den
Kopf durch das, was aus dem ubrigen Organismus herauskommt,
durch das Instinktleben. Und das ist im wesentlichen das westliche
Leben, und dieses westliche Leben ist Anlage zur Wildheit! Im
Grunde genommen, wenn man von Europas Ubertunchtheit ab-
sieht, die sich in Amerika findet, so mufi man fragen : Was ist ameri-
kanische Kultur? Es ist, radikal gesprochen, Wildheit. Aber dahinter
steckt nicht eine chauvinistische Agitation! Wenn man dieses ameri-
kanische Leben wirklich seinem Wesen nach erkennen will, so mufi
man sich sagen : eigentlich hat da nicht der Europaer uber die India-
ner innerlich gesiegt - aufterlich, ja! -, aber innerlich hat eigentlich
sich der Europaer durchtrankt mit dem Indianerleben. Die Instinkte
sind Herr geworden. Und das ist das Wesentliche: die Ansteckung
des Europaers mit indianischen Instinkten. Denn es ist nicht nur so,
dafi der Europaer, wenn er langere Zeit druben lebt, langere Arme
bekommt und dergleichen - das ist etwas, was anthropologisch kon-
statiert ist -, sondern auch die Seelenverfassung wird anders. Es
kommt ja nicht darauf an, was der Mensch fur Begriffe und Vorstel-
lungen hat, sondern was er als Gesamtmensch fur eine Verfassung
hat. Und da mufi man sagen: je weiter man nach Westen vorgedrun-
gen ist, desto mehr ist das angelsachsische Wesen in die Wildheit
ubergegangen.
Diese Wildheit liegt durchaus vor. Und sie basiert darauf, daft
nun wiederum die wirtschaftliche Frage nicht eigentlich in Diskus-
sion ist. Im Orient wird die gesamte soziale Struktur durch die
besondere Art, die ich Ihnen geschildert habe, absolutistisch. Im
Westen wird sie anarchisch.
Studieren Sie einmal, was sich im Westen geltend gemacht hat.
Man baute auf die Unerschopflichkeit des Wirtschaftslebens, indem
man es immer speiste von den Kolonien aus, indem man aus der Un-
erschopflichkeit heraus arbeitete und nicht darauf angewiesen war,
dafi man dieses Wirtschaftsleben durchdachte. Das westliche Wirt-
schaftsleben ist ja durchaus darauf aufgebaut, daft aus den Kolonien
soviel wie moglich herausgeholt wird, ob die Kolonien nun innen
oder aufkn liegen, ist gleichgiiltig. Es ist ja durchaus bezeichnend,
wenn Sie verfolgen, wie in den achtziger und neunziger Jahren des
vorigen Jahrhunderts immer weitere und weitere Gebiete in Ameri-
ka dafiir gewonnen worden sind, Produkte wie Feldfriichte, Weizen
und so weiter, zu liefern. Da schopfte man aus der Natur heraus. Da
hat man nicht notig, besonders iiber das Wirtschaftsleben nachzu-
denken. Da ist es einem naturlich gleichgiiltig, was Assoziationen
im Wirtschaftsleben bedeuten, denn das Wirtschaftsleben wirkt aus
der Unerschopflichkeit heraus. Aber es geschieht doch etwas : es bil-
det sich eine wirtschaftliche Struktur. Englands Struktur beruht dar-
auf, daft es Indien hat. In Amerika bildet sich ein gewisses wirt-
schaftliches Leben. Dieses hat dem ganzen Westen seine Struktur
aufgedriickt in bezug auf das ganze soziale Leben. Da ist etwas ent-
standen, was nur zu einem wirtschaftlichen Handeln gefiihrt hat,
das aus der Unerschopflichkeit heraus geworden ist.
Im Osten tendierte das dekadente Geistesleben, das das wirt-
schaftliche Leben gar nicht beriicksichtigt, zur absoluten Herrschaft
iiber alle Gebiete des sozialen Lebens; im Westen bildete sich durch
die Assimilierbarkeit des angelsachsischen Elementes dasjenige aus,
was ich eben jetzt charakterisiert habe. In diesen Gegensatz von Ost
und West war die moderne Zivilisation gestellt.
Es ist interessant, zum Beispiel zwei Leute einander gegeniiberzu-
stellen: Rodbertus, den deutschen Nationalokonomen, der, trotz-
dem er ein ziemlich vorurteilsfreier Mann war, sogar ins Ministeri-
um kommen konnte - was sehr viel sagen will - und, sagen wir, Karl
Marx. Ein Mensch wie Karl Marx war nur dadurch moglich, dafi er
zuerst das Denken in Mitteleuropa lernte und nachher sich die wirt-
schaftlichen Verhaltnisse im Westen ansah. Was Karl Marx fur das
Proletariat geleistet hat, hatte er nie leisten konnen, wenn er etwa in
Deutschland geblieben ware. Das ist nur dadurch gekommen, daft er
das Denken in Deutschland gelernt hat, dafi er die Art und Weise,
wie man damit umgeht, in Frankreich, in Paris kennengelernt hat
und dafi er dann ein aus dem Unerschopflichen heraus wirkendes
Wirtschaftsleben mit allem, was dazu gehort, in England kennenge-
lernt hat. Und auf dieses letztere konnte er erst bauen. Ebenso ist
charakteristisch - also vergleichen Sie zwei solche Leute, Rodbertus
und Karl Marx -, dafi Rodbertus urteilt wie ein plotzlich soziali-
stisch gewordener - das ist ja ein Ausnahmefall naturlich -, wie ein
plotzlich sozialistisch gewordener pommerscher Rittergutsbesitzer.
So etwa urteilt er, das ist interessant; denn wenn Sie sich zwei solche
Gegensatze wie Rodbertus und Karl Marx vor Augen halten, dann
kommt sehr viel Interessantes heraus! Aber von diesem Ausgangs-
punkt ist Rodbertus zu verstehen : ein plotzlich sozialistisch gewor-
dener pommerscher Rittergutsbesitzer! Ein solcher weifi sehr gut,
dafi man nirgends die Landwirtschaft entbehren kann; er weifi, was
diese in der Volkswirtschaft bedeutet. Die anderen reden Zeug zu-
sammen, das sehr gut den Leuten eingeht, die schon in der Jugend
nicht zu unterscheiden lernten Gerste von Weizen, weil sie in der
Stadt gelebt haben. Aber das weifi ein solcher Mann wie Rodbertus.
Er weifi auch, was die Uberlastung der Landwirtschaft durch Hypo-
theken bedeutet. Hat er dazu noch sozialistische Alluren, wie er sie
gehabt hat, dann verdirbt er sich das eine durch das andere nicht zu
stark. Es kommt zwar etwas Fragliches zustande. Aber es wird doch
das eine durch das andere korrigiert. Und dann kommt etwas halb
Geniales heraus, wie es bei Rodbertus zutage getreten ist. Also ver-
gleichen Sie das mit demjenigen, was Karl Marx gesagt hat, so wer-
den Sie sich sagen: Der Proletarier von heute, im weitesten Sinne
des Wortes, der findet, dafi ihm das sofort einleuchtet, was Karl
Marx gesagt hat. Warum findet er das? Weil das aus einem Nur-
Wirtschaftsleben heraus gedacht ist, und der Proletarier nur im
Wirtschaftsleben drinnensteht, und weil es doch scharfsinnig ist,
denn Karl Marx hat in Deutschland denken gelernt. Aber von der
Art und Weise, wie das Wirtschaftsleben wird, wenn alles nur wirt-
schaftlich gedacht ist, davon konnte sich der Deutsche doch keinen
Begriff machen. Er kann es auch heute noch nicht. Er konnte es erst,
wenn er sich sagen wiirde: Ich mufi eine Realitat schaffen, wo nur
wirtschaftlich gedacht werden kann. Das ist innerhalb des dreiglied-
rigen sozialen Organismus.
Was sonst hervortritt, auch das, was grofi ist in westlichen Lan-
dern, nehmen Sie den Darwinismus, nehmen Sie Manner wie Spen-
cer, Huxley oder irgendwelche Wissenschafter Amerikas bis hinauf
zu Emerson, Whitman, und so weiter, alles, alles ist im Grunde ge-
nommen im Geistesleben doch so, dafi man sagen mufi: der Kopf
denkt, was der Bauch ausbriitet. Es sind umgewandelte, umgesetzte
Instinkte. Es ist eigentlich nur wirtschaftlich gedacht. Es ist nur da-
nach gedacht, wie man ifit und trinkt. Das ist im weitesten Ausmafi
und in allerintensivster Art der Fall. Gewifi, es bemerken es viele
Menschen der Gegenwart nicht. Und wenn man es sagt, nehmen sie
es als Schimpf. Aber es ist nicht als Schimpf gemeint. Es ist ja zu glei-
cher Zeit etwas Grofies, es ist das einzig Grofie in der neueren, in
der neuesten Zivilisation, diese Art des Denkens. Aber es ist einmal
so. Und zwischen diese beiden Extreme war nun tatsachlich die eu-
ropaische Zivilisation seit dem 18. Jahrhundert hineingezwangt.
Nur die Leute, die man ausgeschlossen hat von dieser europaischen
Zivilisation, die man nur an die Maschine gestellt hat, die haben ein
Denken an die Oberflache gebracht, das eben scheinbar keinen Zu-
sammenhang, aber in Wirklichkeit den allertiefsten Zusammenhang
mit diesen Verhaltnissen hat: das ist die proletarische Welt. Und
es ist hochst interessant, wenn man die Dinge wirklichkeitsgemafi
betrachtet.
Osterreich, sagte ich schon, war das Experimentierland. In den
siebziger, achtziger Jahren des osterreichischen Staatslebens treten
ganz merkwurdige Dinge auf. Auf der einen Seite wird viel disku-
tiert iiber die Slawenfrage. Manche nannten sie in besserer Weise
den «6sterreichischen F6deralismus». Das ganze geistige Leben in
Osterreich, dieses eine Glied des dreigliedrigen Organismus, be-
kommt seine Struktur vollig von dieser Diskussion iiber die Slawen-
frage. Das andere ist: es treten auf - man findet es in den Nebensat-
zen der Parlamentsreden viel mehr, als dafi man sagen konnte, es ist
geradezu herausgehoben in der richtigen Weise -, es treten auf
furchtbare Befurchtungen iiber den Untergang des osterreichischen
Wirtschaftslebens durch den Amerikanismus, durch die angelsachsi-
sche Wirtschaft. Man konnte in Osterreich iiberall sehen, wie der
Export, zum Beispiel an Getreide aus Ungarn, beeintrachtigt wird
durch dasjenige, was von Westen kommt. Ganz einsichtsvolle Leute
sagten dazumal in Osterreich: Der Zug von Westen nach Osten, der
iiberflutet unser Land mit Hypotheken, die Landwirtschaft geht all-
mahlich zugrunde. Das waren durchaus Hinweise auf Symptome,
die tieferen historischen Grundlagen entsprachen, so dafi dazumal in
Osterreich viel die Rede war von demjenigen, was auf der einen Sei-
te hereinleuchtete als die Slawenfrage in geistiger Beziehung, und auf
der anderen als die Agrarfrage in wirtschaftlicher Beziehung.
Und da tauchte zum Beispiel, ich glaube es war 1880, gerade in
Osterreich ein merkwurdiger Plan in einzelnen Kopfen auf, der ei-
nem eigentlich einen sonderbaren Eindruck machte; es ist auch im
osterreichischen Parlament davon die Rede gewesen: der Plan eines
Volkerbundes tauchte auf, eines Volkerbundes allerdings in der
Form, daft man sagte: Westeuropaischer Volkerbund. Aber Bund-
nisse kann man nicht so schliefien, dafi man die ganze Welt damit
umfafit; das ist ein Unsinn. Das kann nur im Kopf eines solchen Ab-
straktlings, wie es Woodrow Wilson ist, auftauchen, dafi man die
ganze Welt zusammenfalk. Wenn das ware, dann brauchte man na-
tiirlich kein Biindnis mehr. Also, schon in den achtziger Jahren trat
diese Idee eines Volkerbundes auf. Da sehen Sie wiederum so etwas,
wovon man sagen kann: Ja, es sind im Laufe des 19. Jahrhunderts
ganz sporadisch die Impulse aufgetaucht, die man eigentlich
braucht; aber sie wurden immer iiberflutet von ihren uneigentlichen
Losungen, die immer vorgebracht wurden, ohne Beriicksichtigung
der geschichtlichen Wirklichkeit. Wo auch immer die Wirklichkeit
hereingeleuchtet hat in das menschliche Betrachten, da wurde sie
sogleich ausgemerzt. Denn der neuere Mensch ist nun einmal ein
Theoretiker.
Und das ist es, was ich Ihnen besonders ans Herz legen mochte :
Wenn es Ihnen nicht gelingt, den theoretischen Menschen abzule-
gen, bevor Sie nun hinausziehen, so werden Sie nichts erreichen. Sie
mussen den theoretischen Menschen ablegen, miissen aus der Wirk-
lichkeit heraus versuchen zu sprechen. Das mag besser oder schlech-
ter gelingen, darauf kommt es nicht an. Aber darauf kommt es an:
auf das Sprechen aus wirklichen Grundlagen heraus. Darum wollte
ich heute keine Urteile abgeben, sondern Sie auf die Tatsachen hin-
weisen. Ich sagte Ihnen : Betrachten Sie das, was sich herausgebildet
hat durch den Frieden von Nystad 1721 und durch den Frieden von
Paris 1763. Sie konnen alles, was die Geschichte darbietet, betrach-
ten: Sie haben einen Gesichtspunkt. Sie werden es uberall finden,
was heute noch uberall in das geistige, staatlich-rechtliche und wirt-
schaftliche Leben hereinspielt. Ich mochte nur auf einen Weg hin-
leuchten. Denn wenn man aus dem eigenen Urteil seine Worte be-
flugeln lafk, kann man etwas erreichen - nicht, wenn man nur nach-
spricht.
DRITTER VORTRAG
Stuttgart, 13. Februar 1921 (abends)
Aus den Vorgangen, die sich namentlich in der Gegenwart abspie-
len, werden Sie ja ersehen, dafi heute alles Reden iiber soziale Ange-
legenheiten doch ohne das richtige Fundament ist, wenn man die in-
ternationalen Verhaltnisse nicht beriicksichtigt. Deshalb habe ich
fur diese Betrachtungen gerade den Weg gewahlt, der sich durch die
gestrigen und heutigen Auseinandersetzungen schon verraten hat.
Ich mochte ausgehen von einer kurzen Darstellung gewisser interna-
tionaler Verhaltnisse, um dann, so fundamentiert, zu unserer eigent-
lichen Aufgabe kommen zu konnen.
Die vorhin gemachten Andeutungen werden Sie vor die Frage
stellen : Wie hat man nun zu denken, um zu einer moglichen Losung
der groften weltgeschichtlichen Fragen von heute und der nachsten
Zukunft zu kommen, wie hat man zu denken gegeniiber dem
Westen auf der einen Seite, gegeniiber dem Osten auf der andern
Seite?
Sie konnen ja unschwer einsehen, daft heute alles gewissermafien
im Denken der Menschen unifiziert wird. Nicht wahr, der Mensch,
der heute iiber die Weltverhaltnisse urteilen will, der denkt etwa in
einer gewissen Frage nach folgendem Schema. Er sagt: Nach dem
Westen hin haben wir die Aussicht, fur die nachsten Jahrzehnte den
Bestrebungen gegenubergestellt zu sein, die Mitteleuropa verfronen
wollen. Man wird Mitteleuropa zur Fronarbeit zwingen. Und man
kann dem, was da droht, nur entgehen, wenn man gewissermafien
die Orientierung, und man meint damit ungefahr dieselbe Orientie-
rung, die der Westen uns angedeihen lafk in Mitteleuropa, wenn
man diese Orientierung nun nach dem Osten einnimmt, also wirt-
schaftliche Beziehungen nach dem Osten ankniipft und gewisserma-
fien fiir das, was nun in Deutschland erwirtschaftet wird, Absatz-
quellen im Osten sucht. Da man eben gewohnt geworden ist, alles
nur wirtschaftlich zu betrachten, so dehnt man das Schema nun
nach dem Osten aus.
Das ist eigentlich mit Ausschlufi jeder wirklichkeitsgemafien Be-
trachtung gesprochen. Und deshalb wollte ich vorhin voraus-
schicken, wie der Osten und der Westen an unserem gesamten mo-
dernen Zivilisationsleben beteiligt sind, damit ein Weg geschaffen
werde fiir eine Urteilsgewinnung nach dieser Seite. Die Frage ist
eben: Ist es aussichtsvoll von seiten der tonangebenden wirtschaf-
tenden Menschen, die sich etwa eingliedern in jene Konfiguration,
die, unter dem Einflufi des alleinseligmachenden Wirtschaftslebens,
dasjenige annehmen soil, was man weiterhin das «Deutsche Reich»
nennt, ist es aussichtsvoll, dafi da nun wirtschaftliche Beziehungen
nach dem Osten, wirtschaftliche Beziehungen als solche, unmittel-
bar angeknupft werden?
Wer abstrakt nach dem Schema, wie man heute denkt, sich die Sa-
che zurechtlegt, sagt sich: Ja! Wer aber dasjenige beachtet, was das
ganze Geistes-, Staats- und Wirtschaftsleben des 19. Jahrhunderts
und uberhaupt des letzten Zeitalters uns lehrt, der wird wahrschein-
lich zu einem anderen Urteil kommen. Denn nehmen Sie nur ein-
mal die realen Tatsachen, die da vorliegen : Wir haben reichlich Ge-
legenheit, zu sehen, wie hingebungsvoll und wie gerne der europai-
sche Osten das Geistesleben Mitteleuropas aufnimmt, wenn wir auf
die Verhaltnisse sehen, die im 19. Jahrhundert bis etwa zu seinen
letzten Dezennien sich abgespielt haben. Denn wenn Sie auf das
Geistesleben Rufilands eingehen und sich fragen : Wie ist es denn ei-
gentlich zustande gekommen? - so werden Sie sehen, dafi in diesem
ganzen Geistesleben Rufilands ein Zweifaches lebt.
Erstens leben uns durch und durch in dem wirklichen russischen
Geistesleben, in alledem, was uns da entgegengekommen ist und was
Mitteleuropa aus einer gewissen Sensationslust, die in den letzten
Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts eingetreten ist, aufgenommen hat
- da leben uns durchaus die Reflexe gut mitteleuropaischen Denkens
entgegen. Mit grofier Willigkeit, mehr als innerhalb Deutschlands
selber, wurden die deutschen Denker und alles, was mit deutschem
Denken zusammenhangt, in Rutland aufgenommen. Sogar in ganz
konkreter Weise berief man ja gerade in der ersten Halfte des 19.
Jahrhunderts deutsche Personlichkeiten zur Einrichtung des russi-
schen Bildungslebens. Uberall kann man sehen, wie dasjenige, was
an konkreten Gedanken und Absichten fiir Institutionen in Rut-
land vorliegt, auf die Einwirkung Mitteleuropas, und zwar deut-
scher Personlichkeiten, hin entstanden ist, die gerade so zustande ge-
kommen ist, wie einstmals sagenhaft die Rurik-Herrschaften, von
denen man ja immer die Worte abgeleiert hort: die Russen hatten
das und das und alles mogliche, nur keine Ordnung; deshalb wenden
sie sich an die drei Briider und sagen, die sollen ihnen Ordnung ma-
chen. So ungefahr war es im ganzen 19. Jahrhundert mit Bezug auf
alles das, was als geistige Quellen des Lebens vorliegt im Verhaltnis
zu Mitteleuropa. Uberall, wo man etwas gebraucht hat, um Konkre-
tes aufzunehmen, uberall wandte man sich an Mitteleuropa oder
Westeuropa. Aber die Reaktion gegeniiber den beiden Gebieten war
eine durchaus verschiedene. Das mitteleuropaische Leben lebte sich
ein in das russische mit einer gewissen Selbstverstandlichkeit, ohne
dafi man viel Wesens davon machte, und es lebt weiter. Das mehr
westeuropaische Geistesleben, das lebte sich so ein, dafi man viel
Wesens daraus machte, dafi es einen gewissen konkreten, sensatio-
nellen Anstrich annahm, dafi es mit einem gewissen Pomp, mit ei-
nem gewissen dekorativen Element sich einlebte. Das ist etwas, was
durchaus beriicksichtigt werden muli. Nehmen Sie den bedeutend-
sten russischen Philosophen Solovjev. Solch ein Philosoph hat inner-
halb des russischen Lebens eine ganz andere Bedeutung als ein Philo-
soph innerhalb des mitteleuropaischen Lebens. Alles das, was an Ge-
danken in ihm ist, ist mitteleuropaisch, ist hegelisch, ist kantisch
oder goethisch und so weiter. Wir finden uberall nur die Reflexe un-
seres eigenen Lebens, wenn wir uns diesen Philosophen hingeben in
bezug auf ihre konkreten Gedanken. Man kann sogar sagen : Was an
konkreten Gedanken bei Tolstoj vorhanden ist, ist mitteleuropaisch
oder westeuropaisch - aber mit alien Verschiedenheiten, die ich
eben auseinandergesetzt habe. Sogar fiir Dostojevskij gilt dasselbe,
trotz seiner Verbohrtheit in russisch-nationalen Chauvinismus. Das
alles ist die eine Seite.
Sie sehen aber gerade, ich mochte sagen, mit einer gewissen Ein-
stimmigkeit, in Rufiland Ablehnung auftreten, als Rufiland Ende
des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts von den wirtschaftlichen Ma-
chinationen Mitteleuropas beriihrt wird. Denken Sie nur an die
Aufnahme gewisser Handelsvertragsbestimmungen und derglei-
chen. Und denken Sie, wie mimosenhaft sich das russische Element
verhalten hat - abgesehen von den Schreiern -, wie mimosenhaft
sich Rufiland als Volkselement verhalten hat in der Ablehnung ge-
gen das, was da als rein wirtschaftliche Invasion sich geltend ge-
macht hat oder als wirtschaftliche Machtentfaltung.
Das alles miifite Wegleitung sein. Das alles mufke zeigen, daft es
ein Handeln ware mit ungeeigneten Fingern, wenn man heute dar-
auf ausgehen wiirde, ein Verhaltnis zum Osten hin zu tragen durch
Handel oder sonstige wirtschaftliche Beziehungen. Worauf es an-
kommt und was wir erreichen mussen trotz der grofien Schwierig-
keiten, die gegeniiber dem bolschewistischen Element mit der Sache
verbunden sind, das ist vor alien Dingen, nach Rutland das geistige
Element, insofern es vom produktiven Geistesleben ausgeht, hinein-
zubringen. Alles, was von einem produktiven Geistesleben ausgeht,
erstreckt sich auf Anschauungen, auf Empfindungen, die das Gei-
stesleben selbst oder das Staatsleben oder das Wirtschaftsleben be-
treffen. Alles das wird ganz gut von dem russischen Element aufge-
nommen werden.
Denn das zweite Element zu dem ersten, das eigentlich nur in der
Ubernahme der konkreten, namentlich deutschen Gedanken be-
steht, das zweite Element am russischen Geistesleben, das ist eine, ja,
wie soli man es nennen, eine undifferenzierte, vage - das ist nicht ir-
gendwie agitatorisch gemeint, sondern wieder eine Terminologie -,
eine vage Gemuts- und Gefuhlssauce. Das ist es ja auch, was zum
Beispiel ganz charakteristisch beobachtet werden kann bei solch ei-
nem Philosophen, der geradezu typisch ist fur das russische Element
wie Solovjev: Die Gedanken sind urdeutsch. Aber sie treten in einer
ganz anderen Form auf bei Solovjev als etwa bei den deutschen Den-
kern. Auch das Goethesche tritt in einer ganz anderen Form bei So-
lovjev auf. Es ist dariiber ausgegossen und hineingegossen, hinein-
versetzt, eine gewisse Gemuts- und Gefuhlssauce, die dem Ganzen
eine gewisse Nuance gibt. Aber diese Nuance ist auch das einzige,
was dieses Leben unterscheidet. Und diese Nuance ist etwas Passi-
ves, etwas Annehmerisches. Und das ist angewiesen darauf, das mit-
teleuropaische Geistesleben aufzunehmen.
In diesem Verkehr zwischen dem mitteleuropaischen Geistes-
leben und dem russischen Volkselement kann sich etwas Grandioses
fruchtbar fiir die Zukunft entwickeln. Aber man mufi einen Sinn
haben dafiir, wie zivilisationsschopferisch gerade ein solcher Ver-
kehr ist. Nur mufi er sich abspielen im rein geistigen Element. Er
mufi sich abspielen in einem gewissen Element, das auf das Ver-
haltnis gebaut ist zwischen Mensch und Mensch. Dieses Verhaltnis
miissen wir gewinnen zum Osten. Und wenn das eingesehen wird,
dann wird sich ganz von selbst in das, was da aus dem Geistesleben
heraus geschieht, dasjenige hineinbegeben, was man nennen kann ei-
ne selbstverstandliche Wirtschaftsgemeinschaft. Von der darf nicht
ausgegangen werden, sonst wird sie unbedingt zuruckgeschlagen.
Alles, was die Wirtschaftler nach dem Osten hin tun konnten, das
wird uns ganz gewifi nichts bringen, wenn es nicht auf der Grund-
lage desjenigen auf gebaut ist, was ich eben auseinandergesetzt habe.
Das ist eine eminent sozial wichtige Frage, dafi man dieses ins Auge
fafit.
Das andere mufi uns das Verhaltnis zum Westen sein. Sehen Sie,
den Westen zu belehren mit dem, was unser mitteleuropaisches Gei-
stesleben ist, das ist ein Ding der Unmoglichkeit. Und mit dieser
Unmoglichkeit sollte man durchaus rechnen, abgesehen davon, dafi
es schon aufierordentlich schwierig ist, nur zur Ubersetzung zu
bringen, was wir in Mitteleuropa denken, was wir in Mitteleuropa
empfinden, was auch der Osten empfindet. Die ganze Art und Wei-
se des Anschauens, wenn es sich um rein geistige Dinge handelt, ist
durch und durch verschieden zwischen dem mitteleuropaischen Ge-
biet einerseits und dem Westen und Amerika andererseits. Die Leute
haben sich gewundert, dafi der Wilson so wenig von Europa verstan-
den hat, als er nach Paris kam. Sie hatten sich weniger gewundert,
wenn sie ein dickes Buch sich angesehen hatten, das Wilson schon in
den neunziger Jahren geschrieben hat, es heifit «Der Staat». Das
Buch, das ist eigentlich ganz unter Aufnahme europaischer Gelehr-
samkeit geschrieben. Aber man soil nur anschauen, was daraus ge-
worden ist, aus dieser europaischen Gelehrsamkeit ! Man hatte sich
gar nicht gewundert, wenn man die Antezedenzien ins Auge gefaftt
hatte, die vorlagen, man hatte sich nicht gewundert, daft der Wilson
vom Europaischen nichts verstehen konnte. Das konnte er nicht.
Denn insofern das Denken als solches in Betracht kommt, insofern
ist es vergeblich, da irgendwie einen unmittelbaren Eindruck her-
vorzurufen. Dagegen wiirde es ganz bedeutsam sein, wenn man sich
einmal die Sache so vorstellte, daft man sagte, ja, wenn man etwa
von Volk zu Volk verhandeln will mit dem Westen, so kommt man
auf keinen griinen Zweig. Wenn man aber von den Verhandlungen
ausschliefit die Staatsmanner und die Gelehrten, die Gelehrten auf
alien Gebieten und die Staatsmanner erst recht, wenn man keine
Staatsmanner nach dem Westen schickt, sondern bloft Wirtschaftler,
dann werden die westlichen Menschen diese Wirtschaftler verste-
hen, und es wird etwas Ersprieftliches dabei herauskommen. Nur
auf dem Gebiet des Wirtschaftslebens wird man in unmittelbaren
Verhandlungen etwas im Westen verstehn. Das heiftt aber nicht,
daft man sich in bezug auf den Verkehr mit dem Westen lediglich
beschranken sollte auf dasjenige, was Wirtschaftsleben ist. O nein,
das braucht man nicht. Es ist ja zum Beispiel hochst interessant, sich
manche Konzertsale, grofte Konzertsale, in westlichen Landergebie-
ten und die Namen von beriihmten Komponisten anzuschauen, die
da draufstehen: Mozart, Beethoven, Wagner und so weiter -, man fin-
det in der Regel nur deutsche Namen. Also Sie konnen sicher sein :
Wenn man bloft aus der mitteleuropaischen Denksubstanz heraus in
Westeuropa Eindruck machen mochte, wiirde man nicht sehr wek
kommen, weder bei dem romanischen noch bei dem angelsachsi-
schen Element. Das schlieftt nicht aus, daft man naturlich auch iiber
das, was in Mitteleuropa gedacht wird, zu den Leuten reden kann.
Selbstverstandlich kann man das. Aber man muft in anderer Weise
reden als in Mitteleuropa, wo man auf das Vorstellungsleben, das
Gedankenleben in erster Linie Rucksicht nimmt. Nehmen Sie ein
grofteres Beispiel: Mehr noch als das, was zumeist heute in unserem
Dornacher Bau tradiert wird, versteht der Westeuropaer, und auch
der Amerikaner vielleicht, den Dornacher Bau selber, dasjenige, was
als Faktisches aus der Sache hervorgeht.
Natiirlich kann man im Reden selbst die Sache so gestalten, daft
man das Faktische herauskommen laftt aus der Sache. So war es ja
vor dem Krieg - es darf wiederum hervorgehoben werden, ohne un-
bescheiden zu sein - so weit, daft ich im Mai 1914 in Paris einen
deutschen Vortrag halten konnte, der Wort fur Wort ubersetzt wer-
den muftte; aber ich konnte ihn deutsch halten. Und dieser Vortrag,
das sage ich nur als Tatsache, der hatte einen grofieren Erfolg, als je-
mals innerhalb Deutschlands ein Vortrag von mir hatte. Wir waren
so weit. Aber es ist notwendig, daft man dann dasjenige, was gesagt
wird, in einer ganz bestimmten Weise umkleidet, so daft man es, ich
mochte sagen, mehr mit der Fassade, mit dem Kunstlerischen, mit
dem, was daraus wird, was nach auften wirken kann, daft man es
so vor die Leute hintreten laftt. Da handelt es sich in einem hohen
Mafte um das Wie.
Und deshalb ist es durchaus kein Unreales, sondern es ist ein sehr
konkret realer Gedanke, wenn man sich sagt : Wir werden nach dem
Westen hin einen grofien Eindruck machen, wenn wir unsere Auf-
gabe in dieser Weise richtig verstehen, wenn wir zum Beispiel wirk-
lich hinauskommen iiber das, was uns ja doch nicht gelingt und nie-
mals gelingen wird, denn wir bleiben immer hinter dem Westen zu-
riick, wenn wir hinauskommen iiber die Nachahmung des Westens.
Sehen Sie, ganz gleichgiiltig, ob wir dem Westen Maschinen nachah-
men - wir machen sie nicht so prazise wie der Westen -, ob wir ihm
falsche Zahne nachmachen, wir machen sie nicht so elegant wie der
Westen, es ist ganz gleichgiiltig! Wenn wir bloft nachahmen, so
kommen wir mit dem Westen nicht zurecht. Denn er braucht das
nicht anzunehmen, was wir dabei hervorbringen. Aber wenn wir er-
fassen, was wir konnen, und was der Westen nicht kann, wenn wir
zum Beispiel die Technik durchdringen wiirden mit Kunst und
kunstlerischer Auffassung, wenn wir wirklich zu dem kommen
wiirden, was innerhalb unserer Anthroposophischen Gesellschaft
langst figuriert, was wir nur nicht zur Ausfuhrung bringen aus Man-
gel an Personlichkeiten, die sich dazu hergeben, wenn wir zum Bei-
spiel die Lokomotive kunstlerisch gestalten wiirden, wenn wir den
Bahnhof, in den man einfahrt, kunstlerisch gestalten wiirden, wenn
wir dem, was von uns ergriffen werden kann, einpragten, was an uns
ist, dann nehmen es die westlichen Menschen, dann verstehen sie es
auch. Und dann verkehren sie auch mit uns. Aber wir miissen eine
Vorstellung davon haben, wie dieser Verkehr sein soil. Das kann
nur jeder auf seinem eigenen Gebiet tun, aber das miifite gemacht
werden. Und anfangen miiftte man in der Gegenwart damit, daft
man erkennt, wie aus den ganz realen Verhaltnissen heraus der
Impuls der Dreigliederung ja entsteht.
Wir miissen ein Geistesleben haben, das so beschaffen ist, daft es
mehr auf den Osten wirken kann in der eben charakterisierten Wei-
se, das kann nur ein produktives Geistesleben sein. Damit wiirden
wir schon ausstechen all die Lunatscharskijs und die anderen. Denn
auf die Dauer wiirden diese nicht das Russenvolk, die russische
Volksseele, versklaven konnen. Wenn wir dieses produktive Gei-
stesleben nur erst haben, wird es schon geschehen, daft das auf den
Osten einen Eindruck macht. Wir miissen nur die Kraft bekommen,
dieses Geistesleben selber zur Geltung zu bringen. Wir miissen be-
siegen all das Geschmeifi, das herankommt und dieses Geistesleben
jetzt tottreten will.
Es ist ja so weit gekommen mit der Feindschaft gegen das Geistes-
leben, daft ich neulich in Dornach einen Passus vorlesen mufite, der
zum Inhalt hatte, daft nun der geistigen Feuerfunken genug entziin-
det sind im Zusammenstoft mit der Geisteswissenschaft, daft wirk-
lich der reale Feuerfunke diesen Dornacher Bau nun endlich ergrei-
fen miisse. - Also die Gegnerschaften nehmen schon die allerbrutal-
sten Formen an. Es handelt sich darum, daft es ein Notwendiges ist :
dieses produktive Geistesleben, dieses ganz konkrete, produktive
Geistesleben ohne Rucksicht darauf, was die Leute hohnen und was
sie treiben, zur Geltung zu bringen. Denn man kann wissen : Dieses
produktive Geistesleben, das in Mitteleuropa entspringen kann, das
kann jene grofte Bruderschaft hervorrufen, die auf den Osten sich
ausdehnen kann und die den Osten mit Mitteleuropa vereinen kann,
wahrend alle brutalen wirtschaftlichen Machinationen nur immer
mehr und mehr Abgriinde aufrichten wiirden zwischen Mitteleuro-
pa und dem Osten. Das ist das aufierordentlich Wichtige, dafi man
solche Dinge durchschaut und dafi solche Dinge popular gemacht
werden. Es ist ja schon aus dem Grunde ganz besonders wichtig,
weil, wenn Sie ein Publikum gewinnen fiir solche Dinge, die Leute
dann dadurch, dafi sie sich gewohnen, auf solchen Wegen zu den-
ken, auch in den iibrigen sozialen Fragen zu einem ganz anderen
Denken kommen.
Aber das mufi auf einer breiteren Basis gemacht werden, als es bis-
her geschehen ist. Dazu ist notwendig, da/5 wirklich nun mit allem
Feuer dafiir gearbeitet werde, dafi unsere Dinge, die wir treiben,
nicht immer eine in gewissem Sinne doch verlorene Arbeit sind.
Denn das mufi ja hervorgehoben werden, meine lieben Freunde : Es
liegt heute ein rekhliches Material vor in unserer Dreigliederungs-
zeitung, das aber im Grunde genommen doch eingesargt ist, weil es
nur Literatur zunachst ist. Es wird dadurch notwendig, daft man im-
mer weiter arbeitet. Aber das ist eine Unmoglichkeit. Es mufi tat-
sachlich auf breiter Basis, durch viele Menschen, das verarbeitet wer-
den, was da oder dort angeschlagen ist. Aber man mufi in diese Din-
ge klar hineinsehen.
Man mufi sich ganz klar sein dariiber, dafi wir das freie produkti-
ve Geistesleben brauchen, und dafi wir es kultivieren miissen, damit
wir mit dem Osten in ein mogliches Verhaltnis kommen konnen.
Und ebenso miissen wir ein Wirtschaftsleben haben, in das sich
der Staat nicht hineinmischt, in das sich das Geistesleben nicht hin-
einmischt, in dem nur die Wirtschaftler tatig sind, um mit dem We-
sten zunachst zu verhandeln. Diese Verhandlungen miissen die
Wirtschaftenden allein besorgen. Nur auf diese Weise wird etwas da-
bei herauskommen. Man kann es machen, man soli es auch machen,
solange es nicht anders moglich ist: auch mit dem Westen von Staat
zu Staat zu verhandeln. Aber herauskommen wird dabei nichts Er-
spriefiliches. Sondern dann erst wird etwas herauskommen, wenn
bei uns die Staatsmanner aus den Wirtschaftsverhandlungen ver-
schwinden, ganz gleichgiiltig, wie die heriiberschreien da driiben.
Mogen die Staatsmanner verhandeln da driiben! Da stehen die
Staatsmanner im Wirtschaftsleben drinnen. Aber bei uns, wenn da
die Wirtschaftsmanner Staatsmanner werden, dann entwirtschaften
sie sich; dann werden sie Manner, die ganz staatlich denken.
Das ist das Wichtige, dafi man die realen Notwendigkeiten des Le-
bens durchschaut. Wir miissen also aus dem Grunde schon eine
Dreigliederung des sozialen Organismus haben, damit wir die Wirt-
schaftler, die unbeeinflufit sind von den Machinationen des Staates
und des Geisteslebens, nach dem Westen schicken konnen. Und wir
brauchen ein freies Geistesleben, damit wir in ein mogliches Ver-
haltnis zum Osten kommen. Also die internationalen Verhaltnisse
selber legen uns dieses durchaus auf.
Wie sich das im einzelnen gestaltet, das mufi sich jeder selber aus-
bauen. Denn es soil nur eine Wegleitung sein, was hier gegeben
wird. Es ist aber eine Wegleitung aus den realen Verhaltnissen her-
aus. Und man mufi das, was ofter gesagt worden ist, im tiefsten Sinn
ernst nehmen. Es ist nicht wahr, dafi heute die Praktiker in Wirk-
lichkeit etwas vom praktischen Leben verstehen. Sie verstehen vom
wahrhaft praktischen Leben eigentlich im Grunde genommen gar
nichts - gerade insofern sie Praktiker sind! Weil die Praktiker heute
in Wahrheit die starksten Theoretiker sind, weil sie sich ganz in ein-
zelne Gedankenschemen einleben und theoretisieren in der Praxis
drinnen. Das ist es eben, was im tiefsten Sinne des Wortes einmal
griindlich eingesehen werden mufi. Und das miissen wir unserer so-
genannten «Agitation» ganz herzhaft zugrunde legen: dafi wir aus
den realen Verhaltnissen heraus arbeiten.
Sehen Sie, wir miissen vor alien Dingen uns klar sein dariiber, dafi
das moderne Wirtschaftsleben als solches notwendig macht diese
Dreigliederung. Und zwar aus dem Grunde, weil dieses Wirtschafts-
leben heute chaotisch durcheinandergemischt ist aus den Impulsen
des Ostens, den Impulsen des Westens und den Impulsen der Mitte.
Und das ist so: Das Wirtschaftsleben, es besteht ja im Grunde ge-
nommen aus drei Elementen: aus dem, was die Natur hergibt in
dem Sinn, wie ich es in der vorhergehenden Stunde auseinanderge-
setzt habe; dann dem, was menschliche Arbeit schafft; und dem, was
durch das Kapital geleistet wird. Kapital, menschliche Arbeit und
das, was die Natur hergibt und was durch die Produktion dann
fortgesetzt wird, das ist dasjenige, was im Wirtschaftsleben drinnen
figuriert.
Aber sehen Sie, so, wie es beim menschlichen dreigliedrigen Or-
ganismus ist, daft er aus drei Gliedern besteht, aber in jedem seiner
Glieder sich wiederholt die Dreigliederung, so ist es auch beim sozia-
len Organismus. Wir haben im Haupte gewift ein Organ des Men-
schen, welches vorzugsweise Nerven-Sinnes-Organ ist; aber das
Haupt wird auch ernahrt, es wird in einer gewissen Beziehung von
Ernahrungsorganen durchzogen. Ebenso haben wir in dem, was
blofi Stoffwechsel-Organismus ist, im Stoffwechsel drinnen, dem
Stoffwechsel dienend, wieder etwas vom Nerven-Sinnes-Organis-
mus, den Nervus sympathicus. So ist es auch in bezug auf die Drei-
gliederung des sozialen Organismus. Da steckt in jedem der drei
Glieder wiederum das Ganze drinnen. Aber es steckt heute in einer
unorganischen Weise drinnen. Es steckt so drinnen, daft es das Le-
ben zerstort, daft es das Leben nicht aufbaut.
Da steckt zunachst die Natur drinnen, und die Produktion ist ja
nur eine Fortsetzung der Natur. Und insofern die Natur drinnen-
steckt, steckt eigentlich in unserem Wirtschaftsleben noch diejenige
Empfindungsweise drinnen, die ganz orientalisch ist, die ganz aus
dem Osten ist. Der Orientale wird gar nicht verstehen, daft man ir-
gendwie ins Wirtschaftsleben einbeziehen konnte dasjenige, was
menschliche Arbeit ist. Und selbst wenn wir in unsere von orientali-
schen Verhaltnissen noch durchzogenen fruheren Wirtschaftsver-
haltnisse zuriickgehen, so wird man da nirgends finden, daft im
Wirtschaftsleben drinnen die menschliche Arbeit mitfiguriert.
Es ist auch unmoglich, daft diese menschliche Arbeit mitfiguriert
im Wirtschaftsleben. Denn, sehen Sie, Sie konnen Apfel und Apfel
zusammenrechnen, Sie konnen rechnerisch etwas herausbekommen.
Sie konnen auch Apfel und Birnen zu Fruchten zusammenrechnen.
Sie werden rechnerisch etwas herausbekommen. Ich weifi aber
nicht, wie Sie zum Beispiel Apfel und Brillen zu einer gemeinsamen
Summe rechnerisch zusammenfiigen wollten. Nun ist dasjenige, was
in einem Gut steckt, in einer Ware steckt, grundverschieden von
dem, was als menschliche Arbeit, wie man mit einem marxistischen
Ausdruck sagt, «in die Ware hereingeronnen ist», was nichts anderes
ist als eine Torheit, so zu sprechen, aber es ist einmal heute popular
geworden, zu sagen: was «in die Ware hineingeronnen ist». Diese
menschliche Arbeit und dasjenige, was im Gut, in der Ware drin-
nensteckt, das zu irgend etwas Gemeinschaftlichem zu machen, das
ist ein ebensolcher Unsinn, als wenn Sie Apfel und Brillen zu etwas
Gemeinschaftlichem machen wollen. Aber die moderne Volkswirt-
schaft hat es dazu gemacht. Es hat also das wirtschaftliche Leben das
Kunststuck fertiggebracht, sozusagen die Brillen zu essen und die
Apfel als Bewaffnung der Augen zu nehmen.
Das merkt man nicht im menschlichen Leben. In untergeordne-
ten Naturreichen merkt man es. Es klingt paradox, wenn man so et-
was sagt, aber in Wirklichkeit wird es fortwahrend gemacht. Und in
dem man drinnen im wirtschaftlichen Leben den Lohn iiberhaupt
hat und der Lohn etwas in sich tragt, was eben bezahlt werden soli
und was im Preise der Ware drinnen ist, wie das, was von der Natur
kommt, hat man in der Tat Apfel und Brillen addiert. Es ist eine
Unmoglichkeit. Es ist gar nicht denkbar.
Als die drei Gebiete des sozialen Organismus, geistiges Leben,
staatlich-rechtliches Leben und wirtschaftliches Leben, noch aus al-
ten Verhaltnissen geregelt waren, letzteres in orientalischer Weise,
als man, ohne dafi man eigentlich viel dariiber nachgedacht, sondern
nur aus dem Uberflufi heraus produziert hat - ich sagte in der vor-
hergehenden Stunde: etwa ein bifichen hoher als das Tier, das auch
nur nimmt, wie es die Natur bietet -, hat man in alteren Zeiten auch
in unseren Gegenden durchaus nicht Ware und Arbeit zusammen-
addiert. Die Arbeit war in einer anderen Weise geregelt: man war
Gutsherr, adeliger Gutsherr, man erbte von seinen Vorfahren diese
soziale Position. Wenn man nicht ein solches Blut in seinen Adern
hatte, war man Horiger, Leibeigener, Sklave. Das heifit, die Men-
schen waren in einem rechtlichen Verhaltnis zueinander. Ob man
nun zu arbeiten hatte oder ob man sein Bauchlein pflegen und vom
Balkon zuschauen konnte, wie die anderen arbeiteten, das war nicht
nach Preisverhaltnissen oder Geldverhaltnissen bestimmt, sondern
da lagen rechtliche Verhaltnisse zugrunde. Es war aus ganz andern
Untergrtinden heraus die Arbeit geregelt als der Giiterverkehr. Das
war durchaus getrennt in dieser Regelung aus alten Verhaltnissen,
die wir jetzt nicht mehr brauchen konnen. Es war zweierlei: die Wa-
re und die menschliche Arbeit im Oriente. Es ist durchaus immer
gedacht gewesen, dafi aus anderen Untergrunden heraus die rechtli-
chen Arbeitsverhaltnisse sich feststellten als der Gtiterumlauf. Jene
ergaben sich aus diesen alten rechtlichen Verhaltnissen, gewifi. Aber
es wurde nicht Arbeit irgendwie bezahlt, sondern der Mensch wur-
de an einen Posten hingestellt und arbeitete dann, und was er arbei-
tete, das zirkulierte. Aber es «rann» nicht hinein irgend etwas von
menschlicher Arbeitskraft «in das Produkt».
So sehen Sie schon, es steckt in dem, was wirtschaftlich zustande
kommt, weil ja die Arbeit daran beteiligt ist, durch die Arbeit das
staatlich-rechtliche Verhaltnis drinnen. Wenn wir im Wirtschaftsle-
ben von dem rein Wirtschaftlichen sprechen, miissen wir von Gii-
tern, von Waren sprechen. Insofern wir von dem entwickelten
Wirtschaftsleben, von dem Wirtschaftsleben also, das namentlich
auf Teilung der Arbeit beruht, sprechen, miissen wir ein staatlich-
rechtliches Element schon dazufugen, so dafi die Arbeitsregelung
ein Staatlich-Rechtliches ist. Es schlagt also hinuber in das andere
Glied des sozialen Organismus. Und das Kapital - ja, das Kapital ist
im wesentlichen doch in dem Verhaltnis drinnen im Wirtschaftsle-
ben, dafi es das Wirtschaftsleben geistig tragt. Das Kapital ist dasjeni-
ge, was die Wirtschaftszentren schafft, was die Betriebe schafft. Es
ist das geistige Element im Wirtschaftsleben. Nur ist es so, dafi unter
dem modernen Materialismus dieses Geistesleben im Wirtschaftsle-
ben einen materialistischen Charakter angenommen hat. Aber es ist
das geistige Element trotzdem im Wirtschaftsleben. Das kapitalisti-
sche Element ist das Geistige im Wirtschaftsleben.
Das fiihrt uns dahin, in diesem Wirtschaftsleben selbst wiederum
die Dreigliederung zu suchen. Das heifk, vom eigentlichen Wirt-
schaftsleben aus, in dem Warenproduktion, Warenzirkulation und
Warenkonsum sich abspielen, ist das, was als Arbeit in das Wirt-
schaftsleben hineinfliefit, in Zusammenhang zu bringen mit dem
Rechts- oder Staatsleben; und das Kapital, das das eigentliche geistige
Element ist, ist in Zusammenhang zu bringen mit dem Geistesleben.
Konkret dargestellt finden Sie dies in den «Kernpunkten», wo es
heiftt, daft die Kapitaliibertragung, die Kapitalzirkulation in einer
bestimmten Beziehung zum Geistesleben stehen mufi. Das ist es:
daft wir lernen, innerhalb des Wirtschaftslebens selbst diese drei Ge-
biete auseinanderzuhalten.
Man wird sich aber ein richtiges Bild von dem, was da eigentlich
ist, nur dann machen, wenn man auf der einen Seite weift, daft wir in
einer gewissen Beziehung das regeln mussen, iiber das der Orientale
sorglos hinweggegangen ist: die Beziehungen des menschlichen
Wirtschaftslebens zur Natur. Beim Orientalen war das eine Selbst-
verstandlichkeit. Wir mussen es regeln. Beim westlichen Menschen,
da ist das ganze Geistesleben, wie ich Ihnen vorhin ausgefiihrt habe,
im Wirtschaftsleben aufgegangen. Selbst Spencer denkt wirtschaft-
lich, wenn er angeblich wissenschaftlich denkt. Da steckt alles im
Wirtschaftsleben drinnen. Da ist das Geistesleben wirtschaftlich.
Daher wird der Kapitalismus als solcher materialistisch. Das Kapital
muft ja da sein, wie auch in den «Kernpunkten» steht, aber das Zu-
sammenfassen des Geistigen zum Kapital wird den starksten Wider-
stand erfahren im Westen, wo der Kapitalismus, so wie er jetzt ist,
gerade der westlichen Denkweise entspricht, wo man alles Geistige
in das Materielle hineinbringt. Daher ist im Grunde genommen al-
les, was jetzt der mittleren Welt vom Westen aufgezwungen wird,
woruber man soviele unberechtigte Worte braucht, im Grunde ge-
nommen eigentlich durchaus nichts anderes als die Wirkung des
westlichen Kapitalismus, der nur grofte Dimensionen angenommen
hat. So daft man, wahrend die westlichen Staaten eben verkapitali-
siert sind, glaubt, man habe es mit dem bloften Staatsgebilde zu tun.
Das ist nicht so. Auch die Staatsmanner sind da Wirtschafter im
Grunde genommen, gerade so, wie die Gelehrten Wirtschafter sind.
Und so wird man das auseinanderzuhalten haben, was da, ich m6ch-
te sagen, auf der einen Seite von uns im Wirtschaftsleben durchge-
dacht werden muft, wahrend der Orient nicht gewohnt ist, das zu
durchdenken - was auf der andern Seite durchgeistigt werden muft
in bezug auf den Kapitalismus, wahrend dem Westen es gar nicht
einfallt, die Sache zu durchgeistigen. Das ist dasjenige, was die Auf-
gabe der mitteleuropaischen Gegenden ist. Deshalb entstand auch in
diesen mitteleuropaischen Gegenden etwas, was nun scharf, scharf
ins Auge gefafit werden sollte.
Es begegnet einem immer wiederum - in Stuttgart hier und in der
Schweiz, und auch die anderen Freunde haben ahnliches erfahren -,
es begegnet einem immer wiederum, daft die Leute sagen : Ja, wenn
man auch einverstanden ware mit der Gliederung in ein freies Gei-
stesleben und ein freies Wirtschaftsleben, da bleibt aber ja nichts
mehr fur das Staatsgebiet iibrig! Tatsachlich, so, wie das Staatsleben
heute ist, wie es auf der einen Seite aufgesogen hat das Geistesleben,
das nicht hineingehort, wie es auf der anderen Seite aufsaugt immer
mehr und mehr das Wirtschaftsleben, da verkummert das eigenth-
che Staatsleben. Da ist das eigentliche Staatsleben, namlich dasjeni-
ge, was sich abspielen soil zwischen Mensch und Mensch, zwischen
alien miindig gewordenen Menschen, gar nicht mehr da. Daher kon-
nen natiirlich solche Leute wie die Stammler nur so stammeln, daft
sie sagen: Das Staatsleben besteht darin, daft es dem Wirtschaftsleben
seine Form gibt. Aber das ist eben das Wesentliche, daft das Staats-
leben erst entstehen wird, namlich umfassen wird alles dasjenige,
was zwischen miindig gewordenen Menschen, rein dadurch, daft sie
Menschen sind, spielt, und dazu gehort das ganze Gebiet der Ar-
beitsregelung zum Beispiel, daft das erst in der richtigen Weise ent-
stehen wird, wenn die beiden anderen Gebiete abgetrennt sind.
Dann wird sich erst ein wirklich demokratisches Staatsleben heraus-
bilden konnen. Daft man noch keinen rechten Begriff hat von die-
sem Staatsleben, das ist nicht verwunderlich, denn heute hat man
noch keinen rechten Begriff von einer selbstandigen Demokratie,
weil man nur abstrakt denkt und darauf losgeht, Demokratie zu de-
finieren. Definieren kann man ja immer, nicht wahr? Definitionen
erinnern einen immer an das alte griechische Beispiel, das ich schon
ofter angefiihrt habe, wo jemand den Menschen definierte in einer
ganz richtigen Definition : Er ist ein lebendiges Wesen, das auf zwei
Beinen geht und keine Federn hat. Am nachsten Tag brachte man
dem, der das gesagt hatte, eine gerupfte Gans und sagte : Das ist also
ein Mensch, denn es geht auf zwei Beinen und hat keine Federn. Mit
Definitionen kann man alles mogliche machen. Aber es handelt sich
nicht um Definitionen, sondern es handelt sich darum, Realitaten zu
finden.
Nehmen Sie den Begriff der Demokratie, wie er heute existiert
und wie er im Grunde genommen westlichen Ursprungs ist - wie ist
er denn entstanden? Sie konnen die Entwickelung Englands verfol-
gen. Verfolgen Sie sie durch die alteren englischen Herrschaften hin-
durch, so werden Sie finden, daft da ein Streben ist heraus aus der
Gebundenheit. Aber das alles hat einen religiosen Charakter. Und
das nimmt dann einen ganz religiosen Charakter an gerade unter
Cromwell. Da entwickelt sich aus dem theokratisch-puritanischen
Element, aus der Freiheit des Glaubens, etwas heraus, was dann los-
gelost wird von der Theokratie, von dem Glauben, und was das
demokratisch-politische Freiheitselement wird. Das ist also das, was
man im Westen das demokratische Empfinden nennt. Das ist losge-
lost aus dem religios-unabhangigen Empfinden. So bekommt man
den realen Begriff der Demokratie heraus. Und einen wirklichen Be-
griff von Demokratie wird es erst geben, wenn eine Organisation da
ist zwischen der geistigen und der wirtschaftlichen Organisation, die
nun fufit auf dem Verhaltnis von Mensch zu Mensch und der
Gleichheit aller miindig gewordenen Menschen. Da wird sich erst
das ergeben, was das staatliche Verhaltnis ist.
Aber sehen Sie, da ist es charakteristisch, dafi im Grunde genom-
men in Mitteleuropa wirklich die Gedanken entstanden sind, ohne
dafi man auf diese Dreigliederung schon gekommen ist, daft die Ge-
danken entstanden sind: Ja, wie soli eigentlich der Staat entstehen?
Es ist im hochsten Mafie interessant, wie aus gewissen Schillerschen
Begriffen, aus Goetheschen Begriffen heraus Wilhelm von Hum-
boldt, der sogar ein preufiischer Minister werden konnte - das ist eine
merkwiirdige Sache - in der ersten Halfte des 19. Jahrhunderts den
schonen Aufsatz geschrieben hat : «Versuch, die Grenzen der Wirk-
samkeit des Staates zu bestimmen». Da ist wirklich gerungen nach
den Moglichkeiten eines Staatsaufbaues, eines wirklichen Staatsauf-
baues. Da ist versucht, das alles herauszuschalen aus den soziaJen
Verhaltnissen, was eben nur staatlich, politisch, rechtlich sein kann.
Es ist gewift Wilhelm von Humboldt nicht in einwandfreier Weise
gelungen, aber darauf kommt es nicht an. Solche Dinge hatten fort-
gebildet werden mussen. Und ehe man nicht dazu kommt, das Reale
zu schaffen fiir dasjenige, was staatlich ist, wahrend «die Stammler»
immer stammeln, dafi das staatliche Leben nur die Formung des
Wirtschaftslebens sei, kommen wir nicht weiter. Diese Dinge, die
mussen notwendig heute vor ein grofies Publikum gebracht werden,
in ausgedehntem Mafie und so schnell wie moglich. Denn nur da-
durch, daft wir gesunde Gedanken in unsere Zeitgenossenschaft hin-
einbringen und diese Gedanken so schnell wie moglich verbreiten,
konnen wir vorwartskommen.
Denn die entgegengesetzten Machte sind stark. Sie hohnen und
machen ihren Willen zur Vernichtung aus alien Ecken heraus gel-
tend. Und man soli sich durchaus nicht Illusionen hingeben iiber
den starken Willen, der auf jener Seite ist. Denn wenn der Zug, den
wir jetzt unternehmen, einen wirklichen Sinn haben soli, dann miis-
sen wir uns schon sagen : Wir haben versucht, aus anthroposophisch
orientierter Geisteswissenschaft heraus einen sozialen Impuls zu ge-
winnen. Nicht wahr, was anthroposophisch orientierte Geisteswis-
senschaft ist, das hat Zeit, das kann langsam gehen, das kann auch
Rucksicht darauf nehmen, was die Leute vertragen konnen. Da mo-
gen sich auch Cliquen bilden. Denn diese Cliquen sind ja doch nur
in der physischen Welt; iiber die geht die geistige Bewegung hinweg.
Das, was da wirklich als Lebenskraft zugrunde liegt in der reinen
anthroposophischen Bewegung, das hat eine Bedeutung, einen In-
halt in der geistigen Welt. Darauf kommt es nicht so sehr an, ob sich
Cliquen bilden, ob sektiererische Ziige darinnen sind, und so weiter.
Das ist etwas, was natiirlich in den Einzelheiten Stuck fiir Snick zu
bekampfen ist in unserer heute so ernsten Zeit. Aber es ist nicht so
schlimm, als wenn auf dem Gebiet nicht das Richtige geschieht, wo
das Praktische, das unmittelbar zur Wirkung Berufene herausgeholt
wird aus der anthroposophischen Bewegung, wie es, mochte ich sa-
gen, auf unserem sozialen Fliigel der anthroposophischen Bewegung
ist. Da ist keine Zeit zum Warten. Da konnen wir nicht Bunde fiir
Dreigliederung einrichten, die sich nun so organisieren, dal$ sie nur
ein Abbild sind der alten anthroposophischen Zweige. Da miissen
wir uns bewufit sein, dafi dasjenige, was wir morgen erst erarbeiten,
wenn es noch so gut ist, schlechter sein kann als dasjenige, was wir
schlechter heute erarbeiten. Da kommt es darauf an, dafi unmittel-
bar stark in der Gegenwart, im Augenblick gewirkt wird, und daft es
jeden Tag zu spat werden kann. Und tatsachlich zeigen uns die Er-
eignisse, wie die Dinge durchaus Woche fiir Woche zu spat werden
konnen. Deshalb ist diese Aktion eingeleitet worden, vor der wir
jetzt stehen, und deshalb wird auf diese Aktion soviel Wert gelegt,
weil es notwendig ist, dafi die Dinge schnell geschehen. Denn
Europa hat keine Zeit zu verlieren.
Was notwendig ist, das ist, in die Kopfe die Moglichkeit hineinzu-
bringen, so zu denken, dafi die Wirklichkeit in diesem Denken eine
Rolle spielt. Die Menschheit ist ganz dazu erzogen, dafi im Grunde
genommen eine unreale Denkweise gerade das Tonangebende auch
im praktischen Leben ge worden ist. Eine unreale Denkweise ist es,
wenn heute die Leute etwa auftreten und sagen: man soil das Recht
kultivieren, man solle vom ethischen Standpunkte aus irgendwie
weiterkommen im sozialen Leben. Diese Dinge sind sehr schon na-
tiirlich, aber sie sind sehr abstrakt. Das Geistige hat nur einen Wert,
wenn es in das materielle Leben unmittelbar eingreift, wenn es das
Materielle wirklich zu tragen und zu besiegen vermag. Sonst hat es
keinen Wert. Wir diirfen uns nicht irgendwie kaptivieren lassen von
solchen Tiraden, wie sie zum Beispiel Forster oder ahnliche Leute
heute der Welt vortragen. Das sind schone Redensarten, aber sie
dringen nicht ein in das materielle Leben, weil die Betreffenden, die
sie vortragen, selber vom materiellen Leben nichts verstehen, son-
dern glauben, durch Predigen liefte sich die heutige materielle Welt
irgendwie weiterbringen.
Und das ist der Fehler, den die Bourgeoisie gemacht hat : Sie hat
sich immer mehr und mehr zuriickgezogen mit Bezug auf ihr See-
lenleben auf ein Luxusgebiet. Sechs Tage der Woche sitzt man im
Biiro. Im Kassenbuch vorne hat man zwar stehen «Mit Gott!». Aber
dann geht es gar nicht sehr mit Gott auf den weiteren Seiten; da ist
das «Mit Gott!» sehr abstrakt. Dann aber, nachdem man die ganze
Woche in der sattsam bekannten Weise gearbeitet hat, geht man am
Sonntag sich eine die Seele mit seelischer Wollust erfullende Predigt
iiber die ewige Seligkeit anhdren und dergleichen. Das heifk, das gei-
stige Leben zum Luxus machen und das materielle Leben entgeisti-
gen! In dieser Beziehung ist die Bourgeoisie weit vorgeschritten. Im-
mer weiter und weiter hat sie das getrieben, so dafi endlich das ganze
geistige Leben wirklich zur Ideologic geworden ist.
Auf der andern Seite ist es dann kein Wunder, wenn nun das Pro-
letariat kommt und theoretisch wiederum erklart: Das geistige Le-
ben ist eine Ideologic - und wenn es nun versucht, das gesamte wirt-
schaftliche Leben umzugestalten, indem es blofi die Produktions-
weise ins Auge fafit. Beides gehort zusammen. Wirklich, es liegen
die Dinge heute so, dafi schliefilich der Kampf zwischen Bourgeoisie
und Proletariat nur darin besteht, wie lange der eine unten, der an-
dere oben ist, und wiederum umgekehrt. Es ist lediglich ein Kampf.
Es wird nicht darauf abgesehen, wenn man tiefer in die Sache ein-
dringt, zu einer fruchtbaren Gestaltung des Lebens zu kommen. Das
lafit sich nur dann, wenn man einen durchgreifenden Impuls hat,
der den Menschen als solchen umfafit.
Dann aber mufi man entweder sich mit der Dreigliederung aus-
einandersetzen, wenn man das einsieht, oder man mufi etwas Besse-
res an die Stelle der Dreigliederung zu setzen verstehen. Alles ubri-
ge, was heute auftritt, rechnet gar nicht mit dem Menschen als sol-
chem. Deshalb ist es notwendig, dafi man tatsachlich in der aller-
nachsten Zeit gewissermafien unsere Bewegung rettet vor dem, was
die Gegner vorhaben. Sie haben vor, unsere Bewegung durch Machi-
nationen unmoglich zu machen. Und diese Machinationen werden
ja sehr raffiniert angestellt. Bedenken Sie nur einmal, welches Raffi-
nement jetzt in dem Feldzug des «Berliner Tageblatts» liegt. Nicht
wahr, das «Berliner Tageblatt» lafit sich einen Artikel fabrizieren,
worin alle moglichen blodsinnigen «Okkultisten» erwahnt werden,
und mitten drinnen steht die Anthroposophie, die damit nichts zu
tun hat, Aber die Leute ersparen es sich dadurch, sich mit der An-
throposophie zu beschaftigen, indem sie sie einfach unter den Blod-
sinn rubrizieren. Natiirlich, von dem Unsinn, der da drinnen stent,
da konnen alle Leute etwas begreifen, dann hat man nicht notig, sich
noch besonders mit der Anthroposophie zu beschaftigen. Das wird
tatsachlich ganz international verbreitet, es tritt einem iiberall entge-
gen, in englischen Zeitungen, iiberall. Das ist aber nur eines. Es be-
ginnt in der nachsten Zeit - es hat schon begonnen, aber es wird
fortgesetzt - ein Vernichtungskrieg gegen dasjenige, was unsere Be-
wegung ist. Deshalb ist es heute notwendig, sich zu besinnen auf
das, was zu tun ist. Und wenn nicht etwas Durchgreifendes ge-
schieht auf breiter Basis, dann, meine lieben Freunde, dann mufken
wir uns sagen: Wir haben zwar einen Begriff von dem, was aus an-
throposophisch orientierter Geisteswissenschaft heraus auch in be-
zug auf das soziale Leben geschehen konnte, aber wir bringen nicht
die Kraft auf, um es durchzubringen. Tatsachlich, wenn man die
Konsequenz sieht, in der auf gegnerischer Seite gearbeitet wird,
manchmal eine Konsequenz in Verruchtheit, so sagt man: Es ist not-
wendig, da$ man bei uns einsieht, ein Wille mull aufgebracht wer-
den! Die haben den schlechten Willen, warum sollten denn im Gu-
ten nicht dieselben Krafte aufgebracht werden konnen ? Warum soll-
te denn mit Recht gesagt werden konnen: da bestand die Absicht,
durchzubringen etwas fur die Menschheit Heilsames; aber die Geg-
ner, das waren andere Kerle, die haben einen konsequenten Willen,
die gehen auch bis zur Auslebung dieses Willens!
Meine lieben Freunde, wenn wir uns nicht auf diesen Boden stel-
len, bis zur Auslebung auch unseres Willens zu kommen, so werden
wir fur den jetzigen Augenblick selbstverstandlich nichts erreichen
konnen. Es ist jetzt in einer gewissen Beziehung die Frage um ein
Entweder-Oder in unserer Bewegung. Deshalb wurde diese Aktion
eingeleitet. Das bitte ich zu bedenken. Das bitte ich, in Ihren Willen
aufzunehmen, bevor wir weitergehen in der Ausbildung dessen, was
wir zu diesem Willen gebrauchen.
VIERTER VORTRAG
Stuttgart, 14. Februar 1921 (nachmittags)
Das erste Thema, das Ihnen zur Behandlung vorgeschlagen wird, das
wiirde sein : Die grofien Fragen der Gegenwart und die Dreigliede-
rung des sozialen Organismus. - Es ist notig, dafi wir diese Themen,
die Sie behandeln wollen, so wahlen, dafi dabei Gelegenheit ist,
moglichst genau kennenzulernen erstens dasjenige, was die Gegen-
wart notig hat, zweitens dasjenige, was der Impuls fur die Dreiglie-
derung des sozialen Organismus zu geben hat mit Bezug auf die gro-
fien Fragen der Gegenwart, und dafi Sie dabei immer die Moglich-
keit haben, auf der einen Seite darauf hinzuweisen, dafi anthroposo-
phisch orientierte Geisteswissenschaft die Grundlage abgeben mufi
fiir diese Art des sozialen Denkens, die durch die Dreigliederung in
die Welt gebracht werden soil, auf der anderen Seite, daft immer die
Moglichkeit geboten sein soil, fiir den «Kommenden Tag» und ahn-
liches einzutreten. Ihre Tatigkeit wird sich erstrecken miissen auf
unsere Bewegung als Ganzes, sowohl auf die geistige Seite wie auch
auf die praktischen Einrichtungen. Auf der einen Seite werden Sie
der Welt plausibel zu machen haben, dafi es in der gegenwartigen
Zeit notwendig ist, ein wirklich produktives Geistesleben zu kulti-
vieren; auf der anderen Seite werden Sie mit dem Praktischen zu
rechnen haben, dafi wir einfach als Bewegung heute eingreifen miis-
sen in das soziale Leben, in das wirtschaftliche Leben, und dafi wir
daher finanziell gekraftigt werden miissen, soviel es nur sein kann,
nicht um unseretwillen, sondern um des Fortgangs des Wirtschafts-
lebens willen.
Ich mochte gerade heute einiges mit Bezug auf die notwendigen
Themen vorbringen, unseren weiteren Betrachtungen voraus-
schickend. Es wird vielleicht das beste sein, wenn wir dann ein zwei-
tes Thema etwa so wahlen: Das freie Erziehungs- und Unterrichts-
wesen in seinem Verhaltnis zu Staat und Wirtschaft. - Und wenn
wir das dritte Thema dann so wahlen: Das wirtschaftliche Assozia-
tionssystem und sein Verhaltnis zum Staat und zum freien Geistesle-
ben. - Dadurch, daft wir diese drei Themen wahlen, werden wir Ge-
legenheit haben, dasjenige, was als Ganzes unserer Bewegung ange-
hort, wirklich in diesen nachsten Wochen in wirkungsvoller Weise
vor die Welt hinzustellen.
Nun lassen Sie uns zunachst einmal etwas Prinzipielles iiber das
erste Thema reden. Da wird es sich vor alien Dingen darum han-
deln, dafl Sie den Leuten zeigen, dafi ja die Dreigliederung gewisser-
mafien als Forderung schon da ist, dafi man nichts anderes tut, als
das, was schon da ist, in der richtigen Weise zu gestalten. Da ist es,
allerdings in einer anderen Form, als es da sein soil und da sein wird,
wenn es einmal ausgestaltet ist; da ist es als Forderung von drei Din-
gen, die aber heute chaotisch ineinandergeworfen sind und gerade
dadurch sich innerlich bekampfen wie eine Art von Mifigeburt, die
etwa so entstanden ist, wie wenn der Kopf des Menschen in seinem
Bauche ware und die Verdauungsorgane im Herzen und derglei-
chen, wenn die drei Systeme des Organismus durcheinandergewor-
fen waren. Also dem, was eigentlich da ist, was sich ausgestalten
will, soli eben die richtige Gestaltung gegeben werden.
Gehen wir, um dieses anschaulich zu machen, einmal aus von
dem dritten Glied des sozialen Organismus, von dem Wirtschafts-
leben. Dieses Wirtschaftsleben, man kann es ja, so wie es heute da
ist, charakterisieren, indem man es verfolgt in seiner Entwickelung
in den letzten Jahrhunderten. In den letzten Jahrhunderten hat ja
das eigentliche Wirtschaftsleben erst die Formen angenommen, die
heute da sind und aus denen heraus die ganze soziale Frage erwach-
sen ist. Es ist allerdings schon ein etwas langerer Prozefi. Das Wirt-
schaftsleben, vor dem wir heute stehen, das geht, selbst wenn wir
am weitesten zuruckgehen wollen, doch nicht weiter zuriick als et-
wa ins 14. oder 13. Jahrhundert. Da haben wir die Zeit, in welcher
das europaische Wirtschaftsleben eine Art von Krisis durchmacht,
eine Art von, man mochte sagen, schleichender Krisis. Die Zeit
haben wir da, in welcher sich dieses europaische Wirtschaftsleben
griindlich zu einer Veranderung anschickt.
Wenn wir in die friiheren Zeiten zuruckgehen, so finden wir ja
dieses europaische Wirtschaftsleben durchaus unter dem Einflufi der
kontinentalen Handels- und Verkehrsbewegung von Asien heriiber
durch Mitteleuropa nach Westeuropa hiniiber. Und wir finden in je-
nen alteren Zeiten uberall, daft das Wirtschaftsleben sich mit einer
gewissen Selbstverstandlichkeit vollzieht, auch der Verkehr sich mit
einer gewissen Selbstverstandlichkeit vollzieht. Es waren gewisser-
mafkn die wirtschaftlichen Verhaltnisse noch nicht so intensiv aus-
gebildet, daft man notwendig hatte, die Freiheit des Handels, die
Freiheit des Verkehrs einzuschranken, zu organisieren. Aber als die
mitteleuropaische Bevolkerung immer dichter und dichter wurde,
als das Wirtschaftsleben also intensiver und intensiver wurde, da
stellte sich die Notwendigkeit heraus, allerlei zu organisieren. Und
es entstand aus dem freieren Wirtschaftsleben der alteren Zeiten ein
vielfach gebundenes Wirtschaftsleben. Das freiere Wirtschaftsleben
der friiheren Zeiten ist dadurch charakterisiert, dafi die Einzelwirt-
schaften, die individuellen Wirtschaften, die mehr Hauswirtschaften
waren nach den Instinkten ihrer Privatbesitzer, mit den Knechten,
mit der horigen Bevolkerung, aus dem freien Empfinden heraus
gefuhrt wurden, und dafi ein ausgebreiteter Handel, der dazwischen
allerdings von Asien heriiber getrieben worden ist, auch nicht in
irgendeiner Weise besonders geregelt zu werden brauchte. Er konnte
durchaus frei vollzogen werden, denn es war eben das Wirtschafts-
leben noch nicht intensiv.
Aber, wie gesagt, mit der Zunahme der Bevolkerung, auch mit
der Entwickelung anderer Verhaltnisse, die wir ja gleich erwahnen
konnen, wurde die Intensitat des Wirtschaftslebens immer grofier
und grower; und es wurde notwendig, dafi gewisse Schutzmafiregeln
ergriffen wurden, die friiher nicht notig waren, Schutzmafiregeln,
die alle mehr oder weniger den Charakter hatten, den Konsumenten
zu unterstiitzen. Das ist das Eigentiimliche, dafi in der Zeit, wo das
Wirtschaftsleben eine Art schleichender Krisis durchmacht, so im
13., 14. Jahrhundert, ohne dafi man daraus viel Wesens macht, ei-
gentlich uberall die Tendenz entsteht, den Konsumenten in gewisser
Weise zu schiitzen. Was ist es anderes als ein Schutz des Konsumen-
ten, wenn die Stadte, durch die der Handel durchgehen mufite,
durch die die Handelsstrafien fiihrten, das sogenannte Stapelrecht in
Anspruch nahmen, daft also der durchziehende Handelsmann sich
eine gewisse Anzahl von Tagen aufhalten mufite und erst dann mit
demjenigen, was er in diesen Tagen nicht verkaufen konnte in der
Stadt, passieren und das dann frei verkaufen durfte? Es handelt sich
also um den Schutz des Konsumenten, iiberall handelt es sich um
den Schutz des Konsumenten.
Insbesondere ist, wenn das auch nicht gleich durchsichtig ist,
noch etwas anderes in dieser Zeit durchaus fur den Schutz des Kon-
sumenten berechnet. Ich habe mich gerade viel eingelassen auf diese
Frage und zuletzt doch gefunden - wenn man ganz unbefangen da-
bei zu Werke geht, so kann man nicht anders als dies herausfinden -,
dafi auch die Errichtung und die Ausbildung der Zunfte im Grunde
genommen, wenn sie auch scheinbar die Produktion organisierten,
dennoch unternommen war, um den Konsum der in den Zunften
hergestellten Produkte zu unterstiitzen. Dies geschah auf dem Um-
wege durch eine Organisation des Produktionswesens. Trotzdem
man die Zunfte durch Zusammenschlieften der gleichartigen Gewer-
be ausbildete, wurde doch in erster Linie nicht so sehr darauf gese-
hen, dafi die Produktion in irgendeiner Weise organisiert wird, son-
dern dafi diejenigen, die sich da zusammenschlossen in den Zunften,
ihre Produkte so teuer verkaufen konnten, daft ihr Konsum in der
entsprechenden Weise gesichert war. Es waren die Zunfte in der Tat
eine Schutzvorrichtung fur den Konsum. Wenn Sie sich einfach ir-
gendwelche Handbucher aus der Bibliothek nehmen und die Daten
sich vergegenwartigen, die Sie da finden konnen, so werden Sie,
wenn Sie diese Richtlinien ins Auge fassen, die ich Ihnen hier gebe,
sich sagen konnen: damit ist in gewisser Weise das Wirtschaftsleben
der damaligen Zeit charakterisiert.
Und nun entwickelte sich dieses Wirtschaftsleben unter solchen
Schutzmafiregeln mehrere Jahrhunderte hindurch. Aber es hatte im-
mer eine Art schleichender Krisis in sich. Es wurde eben immer in-
tensiver und intensiver. Und das ist das Eigentiimliche : Ein Wirt-
schaftsleben, das auf einem gewissen Territorium immer intensiver
und intensiver wird, das macht auch immer mehr und mehr Ein-
schrankungen, Schutzmaftregeln und Organisationen notwendig.
Ein Wirtschaftsleben, das in irgendeiner Weise offen ist, das nach ir-
gendeiner Seite hin den Zugang hat zu unerschopflichen Quellen,
namentlich der Landwirtschaft, des Grund und Bodens, hat nicht
den Drang, sich so zu organisieren. Ein von alien Seiten eingeschlos-
senes Wirtschaftsleben, das immer intensiver und intensiver wird,
bekommt den Drang, sich zu organisieren.
Nun ware ja zweifellos dieses europaische Wirtschaftsleben im
Laufe der Jahrhunderte einer Dekadenz entgegengegangen von un-
erhorter Bedeutung, wenn nicht ein Ihnen allbekanntes Ereignis ein-
getreten ware. Was vor dieser Dekadenz zunachst bewahrt hat, war
auf der einen Seite die Eroffnung der Seeverbindungen und auf der
anderen Seite die Entdeckung Amerikas. Da wurde, nach dem We-
sten hin, das Wirtschaftsleben wiederum offen. Man kann nicht sa-
gen, nicht wahr, weil die Offnung zu gro$ war, dafi da ein Ventil ge-
offnet worden ware. Das ware ein sehr groftes Ventil gewesen! Aber
dies ist es, was das Wirtschaftsleben wiederum in ganz andere Bah-
nen gebracht hat. Nun fallt allerdings mit der Auswirkung dieses
Weges nach dem Westen das Heraufkommen der modernen Tech-
nik zusammen. Aber diese moderne Technik ware in ihrer Ausdeh-
nung uberhaupt unter keinen anderen Verhaltnissen moglich ge-
worden als durch die Offnung des ganzen Wirtschaftslebens nach
der Westseite hin. Mit diesen Dingen haben Sie einfach gegeben, was
dem neueren Wirtschaftsleben seine Grundfiguration gegeben hat.
Da hinein stellt sich dann dasjenige, was ich gestern ausgefiihrt habe
als die bedeutendsten politischen Ereignisse.
Nun haben wir in diesem europaischen Wirtschaftsleben drinnen
zwei Tendenzen. Die eine Tendenz hat sich unter dem Zwang der
intensiven Wirtschaft in der zweiten Halfte des Mittelalters und
noch dariiber hinaus ausgebildet und nachher den Charakter einer
gewissen wirtschaftlichen Denkweise angenommen. Man hat wirt-
schaftlich denken gelernt unter den Verhaltnissen, die sich herausge-
bildet haben, sagen wir, vom 13. bis zum 16., 17. Jahrhundert. Da
hat man die Gedanken aufgenommen, wie gewirtschaftet werden
soil. Da hat sich im Handel, ganz langsam auch im Gewerbe, sogar
bis in die Landwirtschaft hinein, das ausgebildet, was die treibenden
wirtschaftlichen Gedanken geworden sind. Die haben sich in dieser
Zeit im wesentlichen festgelegt. Man kann auch sagen: diejenigen
Bevolkerungsschichten, die in erster Linie mehr im Zusammenhang
mit den europaischen Territorien zum wirtschaftlichen Denken be-
rufen waren und es noch sind, die haben unter dem Einflufi dieser
Ereignisse ihr wirtschaftliches Vorstellungsleben entwickelt. So et-
was sitzt dann tief in den Menschen. Gerade bei diesen Dingen wer-
den die menschlichen Seelenverfassungen konservativ. Und was als
konservative Vorstellungen in den Menschen drinnensitzt, das riihrt
wesentlich aus dieser Zeit her.
Nun offnete sich nach der anderen Seite hin das Wirtschaftsleben
so, wie ich es Ihnen geschildert habe. Und dadurch kam in diese gan-
ze Vorstellung des Wirtschaftslebens etwas hinein, was aber nicht
gleich so ohne weiteres in die Denkweise aufgenommen wurde, son-
dern was nur dieser Denkweise einen besonderen wirtschaftlichen
Schwung gab. Da ist eben die Verbindung mit dem Westen, mit
Amerika, mit demjenigen, was von der Eroffnung der Seewege kam.
Das machte das Wirtschaftsleben kraftvoll.
Und so bildete sich, ich mochte sagen, auf der einen Seite der
konkrete Gedankengehalt des Wirtschaftslebens heraus und auf der
anderen Seite die Schwungkraft. Diese Tatsachen waren so stark,
daft sie dem neueren sozialen Leben iiberhaupt zunachst die Konfi-
guration gaben, auch seine materialistische Gestalt gaben. Und diese
moderne Zivilisation nahm immer mehr und mehr den Charakter
an, der sich eben aus diesen zwei geschilderten Faktoren ergeben
mu£.
Nun haben wir also ein Wirtschaftsleben, welches einfach durch
die Macht der Ereignisse praponderiert, vorherrscht, das starken
Eindruck macht auf die Menschen und die menschliche Entwicke-
lung. Dieses Wirtschaftsleben nimmt auch den Charakter an, den
das Wirtschaftsleben einzig und allein annehmen kann, denn es ist
doch so, dafi jedes der drei Gebiete des sozialen Organismus einfach
durch seine Natur und Wesenheit seine eigene Gesetzmafiigkeit an-
nimmt: im Wirtschaftsleben wurde Ware und Preis dasjenige, was
maftgebend ist.
Es konnen aber die sozialen Verhaltnisse dadurch verfalscht wer-
den, dafi das Wirtschaftsleben mit den beiden anderen Gebieten des
sozialen Organismus zusammengeworfen wird. Dann folgt doch
nur, im Streit mit den anderen, jedes einzelne Gebiet seinen eigenen
Gesetzen. Und so ist es gekommen, dafi, weil das Wirtschaftsleben
vorherrschte, es andere Gebiete des Lebens, andere soziale Gebiete,
in seine Gesetzma&gkeit hineinzog. Und es traten die Verhaltnisse
ein, die dann zu der modernen sozialen Frage gefuhrt haben.
Denn wenn wir zuriickgehen in der geschichtlichen Entwicke-
lung: die proletarische Bewegung als spezifische Lohnbewegung, als
Bewegung gegen die Arbeitssklaverei, die ist nicht da. Ich habe ja ge-
stern ausgefuhrt, dafi die Gliederung der Arbeit, ob man Herr oder
Knecht war, in alteren Zeiten nach politischen Gesichtspunkten ge-
staltet war. Jetzt richtete sich das Wirtschaftsleben so ein, daft es al-
les in den Warencharakter hereinzog. Es wurde alles zur Ware. Und
so wurde eben die menschliche Arbeitskraft erst in dieser Zeit zur
Ware. Vorher war sie Dienst, hingebender oder erzwungener
Dienst. Aber eigentlich Ware wurde sie erst in dieser neuesten Zeit.
Denn sie wurde allmahlich so bezahlt, wie die Ware bezahlt wird.
Und das Wirtschaftsleben kann eben nicht anders, als alles, was in
seinen Bereich eintritt, zur Ware zu machen. Und in dem Sinn, mei-
ne ich, haben wir eigentlich die Dreigliederung immer gehabt. Wir
mussen sie nur wahr machen, wir miissen nur dasjenige, was in ver-
logener Gestalt vorhanden ist, in wahrer Gestalt in die Welt einfiih-
ren. Denn in der verlogenen Gestalt macht es Unheil, fiihrt es zum
Niedergang. Wenn wir in der Lage sind, ihm die wahre Gestalt zu
geben, mu!5 es zum Aufgang werden.
Aber nicht nur, dafi die Arbeitskraft zur Ware gemacht worden
ist, es war ja auch das materialistische Geistesleben zur Ware ge-
macht worden in Form des Kapitals. Bitte, sehen Sie sich einmal den
Kapitalmarkt und die Kapitalverwertung und -verwendung in der
neueren Zeit an und vergleichen Sie sie mit der Kapitalverwertung
meinetwillen im alten Griechenland! Im alten Griechenland war
derjenige der Machtige, um etwas auszufuhren, der politisch der
Machtige war; der hatte die Macht, das oder jenes zu bauen. Aus po-
litischen Griinden fand er diejenigen, die die Arbeit verrichteten,
und sein Kapital bestand einfach darin, daft er durch seine erblichen
Verhaltnisse der Herr war und eine Anzahl von Menschen befehlen
konnte. Das war Kapital im alteren Griechenland. In dieser neueren
Zeit, die wir jetzt betrachten, wird im wesentlichen dasjenige, was
zu Unternehmungen fiihrt, auch zur Ware. Was ist es denn schliefi-
lich, was Sie, wenn Sie Effekten an der Borse kaufen oder verkaufen,
tun? Womit handeln Sie denn? Sie handeln im Grunde genommen
mit Unternehmungsgeist. Es wird, was Unternehmungsgeist ist, an
der Borse im wesentlichen Ware. Sie haben gar nicht den spezifi-
schen, den speziellen Unternehmungsgeist vor sich, Sie wissen gar
nicht, was Sie kaufen oder verkaufen; aber in Wirklichkeit kaufen
oder verkaufen Sie den Unternehmungsgeist. Gerade in der Umlage-
rung auf dem Kapitalmarkt konnen Sie das beobachten. Kurz, es
wird alles da, wo das Wirtschaftsleben vorherrschend wird, mit dem
Warencharakter ausgestattet. Alles wird zur Ware: Arbeitskraft
wird Ware, Geist wird Ware. Das ist der Gang der neueren Ent-
wickelung gewesen.
Nun, parallel damit geht ja allerdings etwas anderes. Es bildet sich
der moderne Staat heraus aus politischen Griinden. Wir sehen zu-
erst, nicht wahr, wie dieser moderne Staat sich bildet aus gewissen
friiheren freieren Verhaltnissen der umgebenden Landbevolkerung
zu den vorhandenen Stadten, die aus kirchlichen Mittelpunkten
oder dergleichen heraus entstanden sind in Italien, aus etwas anderer
Denkweise in Frankreich, England. Also dasjenige, was Staaten
sind, das bildet sich heraus.
Wahrend sich schon im Westen der eigentliche Staatsbegriff her-
ausbildet, sehen wir in Mitteleuropa und in Osteuropa eigentlich
immer noch andere, in dieser Richtung freiere Verhaltnisse. Wir se-
hen, wie aus den alten Verhaltnissen sich ergibt, daft die friihere
Stadt, die aus irgendwelchen kirchlichen oder dergleichen Griinden
entstanden war, Marktmittelpunkt, Markt wird. Und indem aus
den alten Stadten Markte werden, entstehen wiederum neue Stadte.
Es ist interessant zu sehen, wie wirklich unter dem Einflufi des Wirt-
schaftslebens im 13., 12., 11. Jahrhundert die Stadte entstehen. Zu-
erst entstehen die Stadte durchaus so, daft sie im heutigen Siid-
deutschland und im Westen von Europa in Entfernungen von fiinf
bis sechs Wegstunden entstehen. Im Norden und im Osten entste-
hen sie in Entfernungen von sieben bis acht Wegstunden. Das ist in
alteren Zeiten durchaus etwas wie Selbstverstandliches. Warum?
Weil die Bauern, die umher die Wirtschaft betreiben, mit ihren Pro-
dukten an einem Tag hinkommen und wiederum zuriickkommen
sollen. Das entsteht aus innerer Notwendigkeit heraus. Wenn aber
so etwas in der Geschichte entsteht, dann bildet sich nachher unter
dem Einflufi des Imitationsprinzips etwas, was nicht mit solcher
Notwendigkeit verbunden ist. Erst ist die Notwendigkeit da, Stadte
zu haben, die fiinf bis sechs Wegstunden auseinanderliegen, oder sie-
ben bis acht. Nachher merken die anderen: da ist etwas zu machen!
Und sie machen es nach. Dann entsteht das historisch nicht Not-
wendige. Das beeintrachtigt das gesunde Denken mancher Men-
schen iiber diese Dinge. Die Historiker behandeln die einen Stadte
ebenso wie die anderen, also diejenigen, die nicht aus wirtschaftli-
cher Notwendigkeit entstanden sind, ebenso wie die anderen, die
aus wirtschaftlicher Notwendigkeit entstanden sind. Dann wird al-
les durcheinander, verworren gemacht. Das richtige Anschauen sol-
cher Dinge besteht aber darin, dafi man ein Gefiihl hat fur die Un-
terscheidung. Die Leute konnen einem sehr gelehrt beweisen, dafi
das nicht wahr sei, dafi diese oder jene Stadt entstanden ist aus wirt-
schaftlicher Notwendigkeit heraus. Gewifi, das stimmt manchmal
nicht. Denn diese Stadt ist eben nicht aus wirtschaftlicher Notwen-
digkeit heraus entstanden, sondern unter dem Einflufi des spateren
Imitationsprinzipes. Aber die allgemeine Wahrheit ist deshalb doch
richtig. Dieser Zustand, dafi sich die Stadte als Markte ausbilden,
war in Osteuropa viel langer als im Westen, wo sich die Einheits-
staaten bildeten, die dann alles in ihren Rahmen einbeziehen
wollten.
Nun, es ist im Grunde genommen, historisch betrachtet, so unan-
genehm das heute manchmal scheinen mag, so, dafi in Italien aus
dem Geiste gewisser patriarchalischer Zusammengehorigkeit der
Bauer nbevolkerung und der Stadtebevolkerung die eigentumlichen
territorialen Gebiete entstanden sind und sich ein gewisses foderali-
stisches Staatssystem herausgebildet hat, wahrend ein anderes sich in
Spanien, Frankreich und England herausbildete. Und wenn es auch,
wie gesagt, manchem unangenehm zu denken ist, so ist es doch so,
daft mehr gegen Mitteleuropa und Osten hin die Staatenbildungen
sogar, wie die Stadtebildungen friiher, durch Imitation entstanden
sind. Und da kommen wir auf etwas, was Sie heute den Leuten ja
noch nicht sagen konnen, weil Sie sonst nicht dreigeteilt, sondern
sogar viergeteilt wiirden. Aber die Wahrheit besteht deswegen doch.
Es war natiirlich durchaus eine wirtschaftliche Notwendigkeit, aber
auch aus der Charakteranlage der Volker heraus ist es so gekommen,
daft die Weststaaten entstanden sind als Einheitsstaaten. Aber die
mitteleuropaischen Staaten und die Oststaaten sind eigentlich nur
durch Imitation entstanden. Fur die gab es keine historische Not-
wendigkeit. Im Grunde genommen ist Osterreich und ist das Deut-
sche Reich zuletzt daran zugrunde gegangen, daft fiir seine innere
Zentralisation keine historische Notwendigkeit vorhanden war,
sondern daft das eigentlich Imitation war. Und ebenso ist Imitation
des Prinzipes der Einheitsstaat Italien, der ungefahr um dieselbe Zeit
wie der deutsche Einheitsstaat entstanden ist. Und noch eine ganz
aufterliche Imitation, ohne eigentlich innerlich wirklich zu dem ge-
kommen zu sein, was die mitteleuropaischen Staaten sind, ist Nord-
amerika, das ganz und gar darauf angewiesen ist, in die wirtschaftli-
che Assoziation einzufliefien. Wer iibrigens die wirtschaftlichen
Verhaltnisse Nordamerikas richtig ins Auge faftt, der wird unbe-
dingt den Gang der Ereignisse ansagen konnen.
Nun, sehen Sie, neben all dem, was sich herausgebildet hat gewis-
sermafien aus der urspriinglichen Wirtschaft, entstand dann unter
solchen Verhaltnissen, wie ich sie eben geschildert habe, die neue
Konfiguration des Handels. Und da war es, wo zuerst die Fusion des
Staatslebens mit dem Wirtschaftsleben entstanden ist, nicht auf dem
Gebiet der Gewerbe, sondern eigentlich auf dem Gebiete des Han-
dels. Die Gewerbe waren nur eingeschaltet. Es ist billig, dasjenige,
was ich jetzt sage, zu bekampfen. Denn die Leute brauchen nur zu
sagen : die Gewerbe miissen zuerst da sein, und dann kann man han-
deln. Darauf kommt es aber nicht an. Nehmen Sie selbst heute sehr
entwickelte Industrien, so sind diese oft nicht iiber das Gebiet des
Kommerziellen hinausgewachsen. Die Leute schaffen sich nur ihre
eigenen Produkte fur den Handel, den sie treiben. Wir sind durch-
aus noch nicht so weit, dafi wir schon den Ubergang gefunden hat-
ten von der Urproduktion, die auf die Natur gebaut ist und durch
den Handel, in das Gewerbe eingeschaltet ist, zu dem, dafi nun das
Gewerbe tonangebend ware. Denn in dem Moment, wo das Gewer-
be tonangebend ist, ist die Assoziation eine Notwendigkeit. Die
Struktur, die das heutige Geschaftsleben hat, ist immer noch aus den
Prinzipien des Handelslebens heraus bestimmt; auch die Industrie
ist aus dem Prinzip des Handels heraus. Im Grunde genommen sind
die Fabrikanten Handler, die sich nur die Gelegenheiten zum Han-
deln schaffen. Sie richten sich auch ihre industriellen Etablissements
nach kommerziellen Gesichtspunkten ein; die sind das Mafigebende.
Denn in dem Augenblick, wo das Gewerbliche hineingreift in das
Kommerzielle, da ist die Assoziation eine Notwendigkeit. Die Fu-
sion des Staates mit dem Wirtschaftsleben ist eigentlich auf dem
Umwege durch das Kommerzielle geschehen.
Und auf der anderen Seite wiederum gibt sich ein jedes der drei
Glieder des sozialen Organismus eben seine eigenen Gesetze und
kampft gegen das andere Glied, wenn es nicht in der richtigen Weise
losgelost ist. Sehen Sie, eigentlich kampft schon wiederum seit lan-
ger Zeit das staatlich-rechtliche Gebiet gegen das wirtschaftliche Ge-
biet in der Wirtschaftsgesetzgebung, der Altersversicherung und so
weiter. Was bedeutet das anderes, als dalS man in torichter Weise los-
losen will die Arbeitskraft vom Wirtschaftsleben? Gescheit ware es,
wenn man es nun gleich griindlich losloste! Aber die Staaten sind
durchaus auf dem Marsch - wenn ich das Wort gebrauchen darf, das,
wie Sie wissen, mifibraucht worden ist von Wissel-, auf dem Marsch
nach dem selbstandigen Rechtsleben. Indem sie Arbeiterschutz-
gesetzgebung, Altersversicherungsgesetzgebung und so weiter schaf-
fen, holen sie die Organisation der Arbeit, die Regelung von Art
und Zeit der Arbeit, aus dem Wirtschaftsleben ja ohnedies heraus.
Nun, da sehen wir, dafi auch das zweite Glied des sozialen Organis-
mus auf dem Wege nach Emanzipation von dem wirtschaftlichen
Leben ist.
Nun, etwas verworrener nimmt sich allerdings die Sache mit dem
geistigen Leben aus. Alles wirkliche geistige Leben ist seinem inne-
ren Wesen nach aus den alten Theokratien erwachsen. Ich bitte, Sie
brauchen ja blofi das Universitatsleben im 12. und 13. Jahrhundert
zu studieren. Ganz und gar bildet sich dieses heraus aus dem kirchli-
chen Wesen. Und dieses war ein emanzipiertes Geistesleben. Es
wachst nur allmahlich in das Staatsleben hinein. Ein grofier Teil der
europaischen Kampfe besteht ja in nichts anderem als in dem Uber-
gang der kirchlichen Anstalten in das Staatliche hiniiber. Und fiir
diese alten Zeiten mufi man sagen: Die Freiheit der Bildungsanstal-
ten war im alten kirchlichen System eine viel grofiere, als sie im spa-
teren staatlichen System war oder heute ist. Denn die Dinge bilden
sich doch mit vollem Bewufitsein aus dem geistigen Leben heraus.
Mk vollem Bewufitsein hat die Kirche zum Beispiel im Jahre 869 auf
dem okumenischen Konzil zu Konstantinopel den Geist abge-
schafft, das heifit, zum Dogma erhoben, dafi der Mensch nicht aus
Leib, Seele und Geist bestehe, sondern blofi aus Leib und Seele, und
dafi die Seele einige geistige Eigenschaften habe. Dazumal wurde das
bewufit gemacht. Heutzutage predigen die Philosophieprofessoren,
dafi der Mensch aus Leib und Seele bestehe und wissen nicht, dafi sie
nur die Testamentsvollstrecker eines kirchlichen Dogmas sind. Was
wir Philosophic nennen, ist durchaus aus dem alten kirchlichen Le-
ben herausgewachsen, und der Herr Wundt in Leipzig ist durchaus
nur ein Ableger der alten kirchlichen Dogmen, wenn das auch
scheinbar nicht mehr da ist in der Art und Weise seiner Darstellung.
Aber ebenso ist es in den anderen Dingen, die herausgewachsen sind
aus der alten theokratischen Art des Geisteslebens. Die theologi-
schen Fakultaten, nun, schauen Sie sich sie an, die sind stark heraus-
gewachsen aus dem ehemaligen Geistesleben, so dafi sie heute nur ei-
ne Art Karikatur darbieten, ebenso die juristischen Fakultaten. Wer
zusehen will, wird uberall die eine Hiille des alten theokratischen
Wesens in der modernen Zivilisation finden. Von der Medizin will
ich nicht sprechen. Es ist ja ganz offenkundig, dafi sie herausgewach-
sen ist aus anderen Zusammengehorigkeiten mit dem alten Geistes-
leben, das sich in kirchlicher, religioser Weise entwickelt hat. Wir
haben durchaus eine Stromung, einen Zweig des Geisteslebens, der
ganz und gar herausgewachsen ist aus dem im Verhaltnis zum Staat
freien kirchlichen Leben, das fur die alteren Zeiten eben das einzige
Geistesleben war. Dazu ist gekommen, ich mochte sagen, jetzt nicht
herauswachsend sondern sich nebenbei stellend, dasjenige, was mo-
derne Naturwissenschaft und Technik ist. Da ist das Geistesleben
auf einem eigenen Boden erwachsen und hat sich nur angeahnelt
demjenigen, was von friiher her aus der Kirche herausgewachsen ist.
Daher sieht das auch so sonderbar aus, was sich da, ich mochte sa-
gen, krampfhaft organisiert hat in Nachbildung der alten Einrich-
tungen. Man hat nach und nach gebaut technische Hochschulen,
kommerzielle Schulen, landwirtschaftliche Schulen und so weiter.
Alles das hat sich krampfhaft etwas ahnlich gestaltet demjenigen,
was aus dem friiheren kirchlichen Leben heraus gewachsen ist. Und
so haben wir das ganz unnaturliche Gefuge unseres Hochschulwe-
sens. Auf der einen Seite etwas, was in vieler Beziehung zopfartig ist,
das eigentliche Universitatswesen; es tragt ja seine antike kirchliche
Erbschaft durchaus an sich. Auf der anderen Seite dasjenige, was sich
eigentlich etwas humoristisch in seiner Gestaltung daneben hin-
stellt, die moderne landwirtschaftliche Schule, die technische Schu-
le, die Bergakademie und so weiter, die eine Ahnlichkeit gesucht ha-
ben, auch in den Au£erlichkeiten, im Titelwesen und dergleichen,
mit den Universitaten.
Da haben wir auf der einen Seite das Geistesleben, wie es vom
alten, freien kirchlichen Leben heraufkommt und vom Staat allmah-
lich aufgesogen ist; und auf der anderen Seite haben wir das Hinein-
schieben, ich mochte sagen, wiederum aus einer gewissen Freiheit
heraus, denn der Geist mufi ja wirklich frei sein, Genialitat kann der
Staat nicht erzeugen, desjenigen Geisteslebens, das sich wiederum
hineinstellt in das Staatsleben. Es hatte ja dem Ideal vieler Menschen
entsprochen, auch an den Kunstschulen wirkliche Kunstler auszu-
bilden. Sie wissen aber: das Lehrprogramm gibt es noch nicht, wo-
durch man das Genie oder den wirklichen Kunstler ausbilden kann,
trotzdem es manche Leute so mochten. Also wir sehen, wie da mit
unzureichenden Mitteln das geistige Leben aufgesogen ist. Es ist ja
im Grunde genommen nur das aufgesogen, was aufiere Form ist.
Der Inhalt mufi sich ja immer, wenn ich so sagen darf, unter der
Hand fortfretten, ganz gewifi fortfretten. Denn, nicht wahr, wenn
jemand in die gegeniiber den modernen Verhaltnissen unangenehme
Lage versetzt ist, einigen Geist zu haben, so mufi er den, moglichst
mit Geheimhaltung durch all die schrecklichen Qualen der Examina
und so weiter, durchbringen, damit er ihm nicht einfriert wahrend
dieser ganzen Prozedur und er ihn noch nachher entfalten kann. Ja,
man mufi, was das eigentliche Geistesleben ist, schon eben unter der
Hand fortfretten. Das ist nun eben so. Und das ist ja im Grunde ge-
nommen auch nichts anderes als eine Art Emanzipation des Geistes-
lebens, ein latentes Sich-emanzipiert-Halten.
Auch hier stehen wir vor einer sich vorbereitenden Krise. Die
letzte Konsequenz des Verstaatlichungssystems ist ja Marxismus,
und, radikal, Bolschewismus. Da wird alles verstaatlicht; da wird der
ganze Staat zu einem grofien Industrieetablissement, zu einer Rie-
senunternehmung gemacht, wenigstens ist das zunachst das Ideal.
Nun, wenn man das macht, dann ist es notwendig, einzuorganisie-
ren in diese ganze Menagerie, Maschinerie wollte ich naturlich sa-
gen, einzuorganisieren in diese ganze Maschinerie, was technische
Kenntnisse sind. Denn ohne diese technischen Kenntnisse kann man
nicht vorwartskommen. Es ist ja die moderne Technik notwendig.
Aber aller Bolschewismus und alle Arten, das marxistische Prinzip
in die Wirklichkeit einzufuhren, werden zu nichts anderem ftihren
konnen als zu Raubbau auf diesem Gebiet. Das heifit, man wird fur
eine Zeitlang die technisch Begabten versklaven konnen. Aber sie
verschwinden nach und nach, wenn man nicht vorher iibergehen
wird zu einem selbstandigen, emanzipierten, freien, produktiven
Geistesleben. Vor dieser Krisis stent man iiberall da, wo die Ver-
staatlichung des Geisteslebens radikale Fortschritte macht. Denn
ebenso, wie die beiden anderen Glieder des sozialen Organismus ih-
re eigenen Gesetze haben, das rechtlich-politische und das Wirt-
schaftsleben, wie das Wirtschaftsleben alles zur Ware macht, wie das
staatlich-rechtliche Leben doch vom Wirtschaftsleben dasjenige, was
da nicht hineinpafk, unter die Organisation, unter die Gesetzmaftig-
keit spannt, so mull sich auch das Geistesleben, seinen eigenen Ge-
setzen folgend, emanzipieren von den beiden anderen.
Als Forderung hat man durchaus diese drei Gebiete des sozialen
Organismus : das geistige Gebiet, das rechtlich-staatliche Gebiet und
das wirtschaftliche Gebiet. Deshalb sind das auch die drei groflen
Fragen der Gegenwart. Die drei grofien Fragen der Gegenwart sind
eben die Fragen der richtigen Gestaltung des Geisteslebens, der rich-
tigen Gestaltung des staatlich-politischen Lebens, der richtigen Ge-
staltung des Wirtschaftslebens.
Und das tritt uns uberall da entgegen, wo die stiimperhaften heu-
tigen Versuche entstehen. Sehen Sie sich an, was zum Beispiel inner-
halb Mitteleuropas, Deutschlands, von den Konfessionen heute aus-
geht, wo man versucht, in den evangelischen Einheitsbestrebungen,
in den jungkatholischen Bestrebungen und so we iter, das Alte zu
galvanisieren, aus dem Alten noch etwas Lebensfahiges herauszu-
pressen, um irgendein Geistesleben zu haben, weil man nicht den
Mut hat zu einer Produktivitat im Geistesleben. Sie sehen uberall die
stiimperhaften Versuche zu einer Geburt eines neuen Geisteslebens.
Natiirlich kann der Versuch, aus der alten Zitrone doch noch etwas
auszupressen, nicht zu einer wirklichen geistigen Gestaltung fiihren.
Dazu kann nur fiihren die Hinwendung zu einem produktiven Gei-
stesleben, Aber wir sehen uberall die stiimperhaften Versuche. Wir
sehen, wie Amerikaner erscheinen zur Wiederauffrischung des alten
Christentums, weil sie die Meinung haben, dafi aus den alten Staats-
prinzipien heraus die Menschheit nicht gesunden kann. Nirgends
aber ist die Einsicht da, dafi ein Geistesleben neu zu produzieren ist
aus seinen Urquellen heraus. Uberall stumpert man dasjenige zu-
sammen, was schon da ist. Das zeigt, dafi man auch da instinktiv auf
dem Wege ist, dafi man aber nicht den Mut gefunden hat, ein selb-
standiges Geistesleben wirklich in seiner Reinheit hinzustellen.
Auf der anderen Seite sehen wir, wie das alte Staatsprinzip, das
sich seit dem 15., 16. Jahrhundert in Europa herausgebildet hat, ver-
rochelt. Denn was ist es denn anderes, was sich in den Ungetiimen,
die man Friedensschltisse und dergleichen nennt, die sich seit Brest-
Litowsk und Versailles abgespielt haben, was ist es denn anderes als
ein verrochelndes Staatsprinzip, das nicht mehr aus sich heraus et-
was Fruchtbares gestalten kann, das Gebilde schafft, die nicht beste-
hen konnen? Die Tschechoslowakei zum Beispiel wird nicht beste-
hen konnen, weil sie nicht hat, was sie haben mufi. Das polnische
Staatsgebilde soil wiederum aufgerichtet werden. Es kann nicht auf-
gerichtet werden und so weiter. Es ist eben durchaus nur moglich,
daft das staatliche Leben wiederum gesundet, wenn es sich aufbaut
auf dem demokratischen Prinzip der gleichen Menschen, das heilk,
wenn es die Angelegenheiten umfafk, welche die Angelegenheiten
eines jeden Miindiggewordenen sind.
Solange das heutige Leben chaotisch zusammengeworfen wird,
kommt man eben nicht mehr weiter. Da sehen wir, wie in der Tat
das staatliche Leben auf der einen Seite verrochelt, auf der anderen
Seite aber schon gezeigt hat, wie es die Arbeitsregelung in Anspruch
nehmen mufi. Wir sehen, wie ihm Aufgaben erwachsen. Und dann
kann man sagen: Wir haben also die geistige Frage, die sich darin
zeigt, daft stammelnde Versuche gemacht werden, wie sie sich in den
evangelischen Einheitsbestrebungen, in den jungkatholischen Be-
strebungen aufiern; wir haben die staatlich-rechtliche Frage, die sich
zeigt zum Beispiel in den Friedensschlussen; wir haben aber auch
das Wirtschaftsleben, das als die dritte grofte Frage der Gegenwart
dasteht, aus dem ja im Grunde genommen gegen Westen hin der
grofie Krieg entbrannt ist, das sich entladt in demjenigen, was eben
die revolutionaren und ahnliche Impulse sind.
Das mufi nach den verschiedensten Seiten hin behandelt werden.
Sie finden ja unter meinen Vortragen, die ich hier gehalten habe,
einen, der diese Dinge beinhaltet. Unter diesem Gesichtspunkt der
drei grofien Zeitfragen miissen wir unser erstes Thema behandeln.
Wir miissen behandeln, dafi die grofien Fragen heute da sind, die gei-
stige Frage, die staatlich-rechtliche Frage und die wirtschaftliche Fra-
ge, dafi daher die Dreigliederung nicht etwas ist, was erfunden ist,
sondern was abgelesen ist den drei grofien Zeitfragen, und dafi auf
der anderen Seite dasjenige, was sich vorbereitet hat als anthroposo-
phische Geisteswissenschaft, eben eine Grundlage ist fur ein wirk-
lich produktives Geistesleben.
Was als Geistesleben aus alten Zeiten da war in den Konfessionen,
von denen die Universitatswissenschaften der Gegenwart doch nur
eine Dependance sind, dieses Geistesleben hat sich ausgelebt; das an-
dere hat noch nicht als Geistesleben zu leben beginnen konnen, also
dasjenige, das aus der Naturwissenschaft und Technik herausge-
wachsen ist. Das konnte sich noch nicht vergeistigen. Das mufi hin-
aufgetrieben werden mit derselben Denkweise, aus der das alte Gei-
stesleben entstanden ist. Die Geisteswissenschaft wird wiederum so
produktiv sein, wie die friihere war, die dann in den Religionen in
die Dekadenz gekommen ist.
Das ist es, was dem Geistesleben seinen Inhalt, seinen Schwung
gibt. Und Sie werden dann, wenn Sie in dieser Weise die Sache
durchschauen, wenn Sie richtig erkennen, dafi Sie auf die Frage: Ja,
woher soli das freie Geistesleben kommen? - zu antworten wissen
mit voller Uberzeugung: Ja, wir haben nicht nur zu reden von der
Forderung des freien Geisteslebens, sondern wir haben etwas, was
man auch in diesen Rahmen des freien Geisteslebens hineinlegen
kann, was den Geist produziert, was lebendiger Geist ist. Sie werden
dann auf die anthroposophische Quelle hinweisen konnen, die dazu
gehort. Da konnen Sie etwas entwickeln, was, wenn Sie es an die
Menschen heranbringen wollen, mit einem gewissen Enthusiasmus
an sie herangebracht werden mufi, so dafi gewissermaften das Innere
sich nach aufien wendet, so dafi wirklich dasjenige, was Sie als Men-
schen sind, womit Sie zusammengewachsen sind, unter das Publi-
kum hineingeht. Das mufi der eine Ton sein, den Sie in Ihren Vor-
tragen anschlagen miissen. Sie mussen sich klar sein, dafi dem freien
Geistesleben die Anthroposophie den Inhalt, die Nahrung gibt.
Auf der anderen Seite werden Sie den anderen Ton finden, wenn
Sie griindlich fiihlen, dafi das Wirtschaftsleben alles zur Ware macht,
dafi dasjenige, was nicht Ware sein darf, herausgenommen werden
mull aus dem Wirtschaftsleben. Dann werden Sie finden den trocke-
nen Ton der niichternen Uberlegung, der Ihre Vortrage durch-
ziehen mufi, wenn Sie vom Wirtschaftsleben sprechen. Denn da
konnen Sie niichtern, trocken sprechen, da miissen Sie so sprechen,
wie wenn Sie rechnen miifken.
Und so werden Sie die zwei Nuancen finden, die Sie brauchen fiir
Ihre Vortrage, und werden sie allerdings verschieden voneinander
finden: den trockenen, niichternen Ton des trockenen Wirtschafts-
erklarers und den begeisterten Ton desjenigen, der nicht bloft von
einem politischen Ideal als dem freien Geistesleben spricht, sondern
so spricht, daft er weift, was in das hinein will.
Und dann werden Sie auch schon, zwischen beiden sich rhyth-
misch hin- und herbewegend - Sie werden nicht krampfhaft Phrasen
zu dreschen brauchen -, dann den dritten Ton finden, den Ton, den
Sie fiir die Behandlung des Staatlich-Rechtlichen brauchen.
Aber es ist notwendig, daft Sie gewissermaften in Ihren Stimmun-
gen selber, damit Sie richtig erkennen, intensiv dreigegliedert wer-
den, daft Sie in einer anderen Weise in Ihrer Seele sich verhalten zum
Geistesleben, in einer anderen Weise zum staatlich-politischen Le-
ben und in einer anderen Weise zum Wirtschaftsleben. Uber das
Geistesleben spricht man aus innerer Kraft und Uberzeugung; man
spricht so, daft man eigentlich weift : jeder Mensch ist der berechtigte
Anteilhaber an dem harmonischen Geistesleben der Menschheit, an
der Harmonie des Geisteslebens der Menschheit. Uber das Staatsle-
ben spricht man so, daft man die Seele pendeln laftt von der einen
Waagschale zu der anderen: Pflichten - Rechte, Pflichten - Rechte!
Man spricht mit einer gewissen kiihlen Uberlegenheit, die ja durch-
aus nicht die uberlegene Verlogenhek der alten Staatsmanner zu sein
braucht; aber es geschieht mit einer gewissen Uberlegenheit, indem
man im staatlich-rechtlichen Leben dem einen sein Recht ebenso wi-
derfahren laftt wie dem anderen. Und iiber das Wirtschaftsleben re-
det man so, wie wenn man, allerdings nicht seine eigene Borse zu
verwalten hatte; das fiihrt zu nichts Vernunftigem, aber mit dem
Gefiihl spricht man, wie wenn man die Borse anderer Menschen ei-
gentlich in seiner Tasche hielte und diese zu verwalten hatte. Mit
dem Gefiihl spricht man da, dafi man da moglichst vorsichtig zu
Werke gehen miisse, dafi da auch manches anders kommen kann, als
man denkt. Das sichere Gefiihl, das man dem Geistesleben gegen-
iiber hat - im Geistesleben kann niemals, wenn man es richtig erfafk
hat, etwas schiefgehen -, dieses sichere Gefuhl kann man nicht ha-
ben dem Wirtschaftsleben gegeniiber. Da kann auch einmal etwas
schiefgehen. Das mufi auch in dem Ton drinnen sein, mit dem Sie
iiber die Sache sprechen. Darum werden Sie das in den «Kernpunk-
ten» finden : Mit absoluter Sicherheit und Bestimmtheit ist vom Gei-
stesleben gesprochen; nur beispielhaft, so daft man das Gefuhl hat,
daft es auch anders sein konnte, ist gesprochen, wo wirtschaftliche
Verhaltnisse in Rede stehen.
Das ist, was Ihren Reden eine gewisse innerliche Kraft geben
wird: wenn Sie innerlich intensiv dreigegliedert sind. Und das ist,
was ich Ihnen empfehle, ein wenig innerlich sich zu Gemiit zu fuh-
ren, damit Sie vielleicht diesen Ton treffen. Da die meisten von
Ihnen jung sind, so wird das, wenn Sie aufmerksam gemacht werden
auf diese Dreigliederung des menschlichen Orators, so wird das
etwas sein wie eine Art Kraftmittel fur Ihr Wirken.
FUNFTER VORTRAG
Stuttgart, 14. Februar 1921 (abends)
Es wird gut sein, jetzt einiges Formelle einzufiigen, damit wir dann
wiederum ubergehen konnen zu einigen sachlichen Betrachtungen.
Ich habe es vorhin angedeutet, dafi man durch das Sich-
Hineinversetzen in den ganzen Sinn und das Wesen des Gegenstan-
des im einen oder anderen Gliede des dreigliedrigen sozialen Orga-
nismus den richtigen Ton gewissermafien finden kann. Man nimmt
ihn von selbst, wenn man in der richtigen Weise in den Dingen drin-
nen lebt.
Nun mochte ich in dieser Richtung Ihnen noch einiges hier vor-
bringen. Aber ich mochte vorausbemerken, dafi natiirlich, wenn es
sich um praktische Ratschlage handelt, die Dinge auch immer etwas
anders sein konnen, dafi man eigentlich iiber solche Dinge nur als
Beispiele sprechen kann, ja, dafi man die Sache in dem einen Falle
so, in dem anderen Falle auch anders behandeln kann. Aber wenn
ich mir vorstelle, was gerade fur die Falle passend sein konnte in be-
zug auf Ihre rednerische Wirkung in den nachsten Wochen, so
mochte ich zunachst darauf aufmerksam machen, dafi eine ganz be-
stimmte innere Einstellung doch fur den Redner in jedem einzelnen
Falle von einer grofien Bedeutung ist.
Sehen Sie, das Schlechteste, was Sie tun konnten, ware zweifellos
das: wenn Sie sich ein solches Thema nehmen wiirden, wie, sagen
wir, «Die grofien Fragen der Gegenwart in bezug auf die Dreigliede-
rung des sozialen Organismus», und, da Sie doch in der Woche eine
ganze Anzahl Reden an verschiedenen Orten halten werden, dieses
Thema gewissermafien mit gedachtnismafiiger Beherrschung der
einzelnen Formulierungen nun wiederholend immer vortragen
wiirden. Das ist aus inneren sachlichen Grunden wohl die schlechte-
ste Methode, die man fur eine solche Sache wahlen kann. Man kann
eigentlich eine verantwortungsvolle und von der Sache getragene
Art im Reden doch nur entwickeln, wenn einem gewissermafien je-
de Rede, die man halt, auch subjektiv, personlich, etwas Neues ist.
Man hat also notig, wenn auch in einer solchen Weise, wie ich es
gleich nachher andeuten werde, selbst wenn man eine Rede dreiftig
Mai, ja, nehmen wir den ja etwas seltenen Fall an, hundert Mai hin-
tereinander halt, doch sie immer wiederum als etwas Neues zu emp-
finden und immer wiederum einen gewissen gleich grofien Respekt,
eine Achtung vor dem Inhalt dieser Rede zu haben, sie in ihrer
Grundnuance - merken Sie wohl, was ich sage - sie in ihrer Grund-
nuance immer wiederum, bevor man sie halt, vor die Seele treten zu
lassen, nicht so sehr in dem einzelnen Ausbau und in den einzelnen
Formulierungen, sondern in den Grundnuancen, in den Gedanken
sie immer wieder zu durchleben. Wie man sich dazu einstellen kann,
das hangt von dem Verhaltnisse ab, das man zu dem Stoff hat. Ich
kannte Schauspieler und Schauspielerinnen von erster Qualitat, die
mir die Versicherung abgaben, dafi sie eigentlich erst das Gefuhl hat-
ten, eine Rolle gut gespielt zu haben, wenn sie sie ungefahr das hun-
dertste Mai spielten. Nun, natiirlich steckt da in einem gewissen Sin-
ne eine Art Illusion darin; sie hatten es beim neunundvierzigsten,
fiinfzigsten Mai auch, aber nur im Verhaltnis zu den vorhergehen-
den Malen. Jedenfalls aber gibt es eine Moglichkeit, den gleichen Re-
spekt, die gleiche Achtung vor dem Inhalt der Rede zu haben, wenn
man sie auch noch so oft halt. Und im Grunde genommen halt ei-
nen nur in der notigen Frische zu der Rede dieses Gefuhl: dafi man
eigentlich niemals von dem betreffenden Stoff, auch wenn er fast
ganz gleich wiederholt wird, genug kriegt.
Wer gegemiber einer Rede, die er halten soil, das Gefuhl hat, sie
sei ihm schon langweilig, oder es sei ihm langweilig, die Rede zu hal-
ten, weil er sie mit demselben Inhalt so oft gehalten hat, der kommt
mir vor, wie wenn er einen ganzen Monat gegessen hat und am Er-
sten des nachsten Monats sagt: Mir ist es jetzt langweilig zu essen,
denn es ist ja doch nur die Wiederholung des Essens von den vorher-
gehenden dreifiig Tagen; ich will das nicht wieder tun. Der Organis-
mus tut im Grunde genommen in bezug auf seine wichtigsten Funk-
tionen jeden Tag in eintoniger Weise dasselbe, hochstens, daft man
die Speisenfolge etwas variiert. Aber in einer solchen Weise kann
man ja auch die Gedanken eines Vortrages nuancieren, so daft eine
Abwechslung hineinkommt wie in die Speisen an den aufeinander-
folgenden Tagen. Aber im wesentlichen bleibt fur den Organismus
das eintonige Hungrig-Sein - Sich-Sattigen, Durst-Haben - Trinken
und so weiter, und es wird im Grunde genommen nie im Ernste
langweilig.
Unser Intellekt, unser Seelenleben iiberhaupt, weicht in einer ge-
wissen Weise, indem es gegemiber dem lebendigen Wachstum der
natiirlichen, wie auch geistigen elementaren Krafte in die Dekadenz
kommt, von diesen ab; es weicht dadurch ab, dafi es gewissermafien
alles nur einmal haben will, und dann es eben «hat». Man kommt,
indem man weiterschreitet in der seelischen Entwickelung, wieder-
um zuriick auf das, was die Natur und was die urspriinglich geistigen
Elementarkrafte haben: den Rhythmus, die Wiederholung des Selbi-
gen. Und zu dieser Riickkehr zu dem, was den urspriinglich schop-
ferischen Kraften nahesteht, nahersteht als unser dekadentes intel-
lektuelles und unser Seelenleben, zu dieser Riickkehr miissen wir
kommen, wenn wir in der geistigen Welt, in der Sphare des Geisti-
gen arbeiten. Auf das haben ja im Grunde schon die Religionen
Riicksicht genommen. Denn sie lassen nicht jeden Morgen und je-
den Abend neue Gebete beten, sondern immer dieselben. Und sie
setzen voraus, dafi es nicht langweilig ist, dafi es sich wirklich so ver-
halt zu der ganzen seelischen Entwickelung des Menschen, wie das
Essen und Trinken zur organischen Entwickelung des Menschen.
Und wir konnen uns zu dem, was wir im Geistigen wirken, beson-
ders in einem solchen Fall, wie es die Redekunst ist, so einstellen,
dafi wir, wenn wir auch zahllose Male dasselbe wiederholen, immer
wiederum und wiederum mit demselben Interesse, bevor wir die Sa-
die vorbringen, den Inhalt innerlich durchlaufen. Nur dann, wenn
wir so den Inhalt innerlich durchlaufen, und sei es manchmal nur in
wenigen Minuten, nur dann werden wir das richtige Verhaltnis zu
dem gewinnen, was wir aussprechen wollen. Wir werden auch nur
dadurch das richtige Verantwortungsgefiihl gewinnen.
Und dieses Verantwortlichkeitsgefuhl, das brauchen wir, wenn
wir in einer solchen Lage sind wie Sie in den nachsten Wochen.
Denn Sie miissen sich bewufit sein, dafi Sie mit Ihren Reden eben
nicht blofi den Leuten etwas sagen, sondern dafi wir in einem welt-
historischen Augenblick stehen, und daft Ihr Reden fiir diesen welt-
historischen Augenblick etwas zu bedeuten hat. Sie miissen sich
ganz stark die Tragweite desjenigen, was Sie tun, vor die Seele
stellen. Sie miissen sich ungefahr sagen: Ich habe etwas den Leuten
beizubringen, was, wenn es bei ihnen einschlagt, wirklich als das
einzige Mittel figurieren wird, die Welt zum Aufstieg zu bringen,
wahrend iiberall um uns herum die Niedergangskrafte sind.
Und wenn Sie so zu der Sache stehen, dann werden Sie auch in
der richtigen Weise einschatzen, was sich aus alien Ecken heraus als
die Gegnerschaft gegen unsere Sache geltend macht und die da lauert
iiberall an den Seiten Ihrer Wege, die Sie nun betreten wollen. Die
Gegnerschaft wird gerade innerhalb unserer Bewegung unberiick-
sichtigt gelassen von den meisten auch unserer Mitglieder. Sie kiim-
mern sich nicht gern darum, und das ist eben Mangel an Interesse an
der Zeitgeschichte. Aber aus Interesse an der Zeitgeschichte heraus
miissen wir reden und miissen wir handeln. Nur dadurch bekom-
men unsre Worte ein wirkliches Gewicht, dafi wir daraus handeln.
Wir diirfen diese Gegnerschaft nicht leicht nehmen. Es ist ja manch-
mal gerade innerhalb unsrer Bewegung geradezu zum Verzweifeln,
wenn man sieht, wie gegeniiber den furchtbaren Anklagen, die erho-
ben werden gegen Anthroposophie, gegen die Dreigliederung und
jetzt auch gegen den «Kommenden Tag» und so weiter, die Leute in-
nerhalb unsrer Bewegung ganz phlegmatisch bleiben. Da sind wirk-
lich die Gegner, wenn man so sagen darf, andere Kerle. Die sind
manchmal ganz ruchlose Filous. Aber sie haben als Inhalt ihres Fi-
loutums einen ungeheuren Eifer. Und sie finden Worte aus einem
gewissen Enthusiasmus heraus, aus einem Enthusiasmus des
Schlechten sehr haufig, sogar meistens, oder auch aus einem Enthu-
siasmus der Unfahigkeit, die sich wehrt, weil sie nicht zur Geltung
kommen kann gegeniiber dem, was da zur Geltung gebracht wird.
Aber es liegt dann in einem gewissen Sinn Elan drinnen; auch in
dem Geschimpfe liegt Elan drinnen. Man findet nicht die rechten
Worte, wenn man sie geradezu kiinstlich setzt. Aber man findet die
rechten Worte, wenn man sie aus der Gesamtstimmung gegeniiber
der Sache herausfinden kann. Das ist sowohl im Schriftlichen wie
auch im Miindlichen dasjenige, auf das wir uns einstellen miissen.
Wir diirfen nicht zurtickschrecken, die starksten Zuriickweisungen
erfahren zu lassen, was sich in so schamloser Weise gegen Anthropo-
sophie, gegen Dreigliederung und so weiter geltend macht. Und wir
miissen uns bewuftt sein, daft dadurch im Grunde genommen auch
das Positive seine Schattierung erhalt.
Zum Sachlichen gehoren auch diejenigen Dinge, die wir vorbrin-
gen gegenuber unseren Gegnern mitten in unseren positiven Reden
drinnen, wobei wir moglichst wenig Riicksicht darauf nehmen, uns
zu verteidigen. Denn sehen Sie, gewifi, man mufi sich manchmal ver-
teidigen, ich habe es schon gesagt, aber was bedeutet denn eine Ver-
teidigung eigentlich gegenuber solchen Individuen, wie es die Max
Dessoirs sind und dergleichen? Dagegen bedeutet es viel, zu charak-
terisieren, welche Schande es ist fur das deutsche Bildungs- und
Universitatsleben, solche Menschen zu Dozenten zu haben. Diese
allgemeine Kulturerscheinung in das richtige Licht zu stellen, das ist
dasjenige, wofur wir die richtigen Worte und Wortnuancierungen
finden miissen. Und da ist es schon gut, die Dinge, ich mochte sagen,
in einer gewissen Weise farbig zu schildern. Da miissen Sie dann ver-
suchen, aus Ihren Lebenserfahrungen heraus die Tinten, die Farben
zu finden, um farbig zu schildern. Es gibt ein Karma, wenn man es
nur in der richtigen Weise beachtet. Dieses Karma, das tragt einem
die Nuancen schon zu.
Sehen Sie, ich habe in meinen «Seelenratseln» die eigentiimliche
Tatsache dessen, was Max Dessoir erwahnt hat in seinem dicken
Schmoker, den er geschrieben hat, angefiihrt, daft er einer von den-
…[truncated]