Wie wirkt man für den Impuls der Dreigliederung des sozialen Organismus?

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GES AMT AUSG ABE 
VORTRAGE 



VORTRAGE uber das soziale leben und 

DIE DREIGLIEDERUNG DES SOZIALEN ORGANISMUS 



RUDOLF STEINER 



Wie wirkt man fur den Impuls 
der Dreigliederung 

des sozialen Organismus? 

Zwei Schulungskurse fiir Redner und 
aktive Vertreter des Dreigliederungsgedankens 

Zwolf Vortrage und eine Fragenbeantwortung, 
gehalten in Stuttgart 
am 1. und 2. Januar und vom 12. bis 17, Februar 1921 



1986 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgte Walter Kugler 



1. Auflage unter dem Titel «Rednerkurs» 

(Bd. II der Reihe «Studienmaterial 
zur Sozialwissenschaft»), Dornach 1933 

2. Auflage unter dem Titel 
«Wie wirkt man fvir den Impuls der 
Dreigliederung des sozialen Organismus?» 
Dornach 1952 

3. Auflage Dornach 1969 

4. Auflage, erweitert um die Vortrage 
1. und 2. Januar, eine Fragenbeantwortung 
2. Januar 1921, und einen Anhang 
Gesamtausgabe Dornach 1986 

Veroffentlichungen in Zeitschriften 
siehe zu Beginn der Hinweise 



Bibliographie-Nr. 338 

Zeichen auf dem Einband nach einer Originalzeichnung von Rudolf Steiner 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlaflverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1986 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Satz: Kooperative Dtirnau, Diirnau 
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt 

ISBN 3-7274-3380-9 (Ln) ISBN 3-7274-3381-7 (Kt) 



Zu den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen- 
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861 - 1925) geschriebenen und 
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch 
fur die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen 
Gesellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei 
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehaken wiirden, da sie als 
«miindliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht 
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte 
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich 
veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute 
er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra- 
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fiir die Her- 
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus 
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst kor- 
rigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen 
sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge- 
nommen werden mussen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen 
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt- 
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil 
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An- 
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



I 

WIE WIRKT MAN FUR DEN IMPULS DER 
DREIGLIEDERUNG DES SOZIALEN ORGANISMUS ? 

Em Schulungskurs fiir Redner 

ERSTER Vortrag, Stuttgart, 12. Februar 1921 

Zwei Grundbedingungen des Wirkens fiir die Dreigliederung; Liebe zur 
Sache und einsichtsvolle Menschenliebe. Weitere Bedingungen: Einsicht 
in die Verhaltnisse, auf die man in der Offentlichkeit trifft; Ulusionslosig- 
keit in bezug auf die Seelenverfassung der Menschen. - Falsches Denken 
als Ursache fiir die Not der Menschen. Zwei weitere, vom Redner zu be- 
riicksichtigende Gesichtspunkte: Die Tatsache, daft kein Sinn fiir die Pro- 
duktivitat des geistigen Lebens vorhanden ist und die Tatsache, dafi der 
Sinn fur den Bedarf des anderen Menschen verlorengegangen ist. Kriti- 
sche Anmerkungen iiber Kommunisten, namentlich Lenin und Trotzki, 
sowie den Katholizismus, deren Gemeinsamkeit darin besteht, zumeist 
nur an Bestehendes anzuknupfen. Der religiose Dadaismus Ernst Michels. 
Von der Abstraktheit im Denken der Gegenwart und der Notwendig- 
keit, jedes Wort zur inneren Tat werden zu lassen. Der Arbeitsbegriff bei 
Marx, Rodbertus und Singer. 



Zweiter Vortrag, 13. Februar 1921 (nachmittags) 

Hinweise fiir Redner: Nicht von der Verstandeslogik, sondern von den 
Erfahrungen und der Beobachtung der konkreten Verhaltnisse ausgehen. 
Bildlichkeit als Ausgangspunkt fiir die Bildung eines sozialen Urteils. Die 
Notwendigkeit der Beriicksichtigung wichtiger historischer Ereignisse 
fur die Urteilsbildung, dargestellt am Beispiel des Friedens von Nystad 
und des Friedens von Paris. - Rufiland im Spannungsfeld westlicher und 
ostlicher Einfliisse. Eine radikale Betrachtung des Ost-West-Gegensatzes: 
Die Barbarei im Osten und die Wildheit im Westen. - Das wirtschaftliche 
Denken von Marx und Rodbertus. Das Experimentierland Osterreich 
und die Volkerbundfrage. Uber den Vorrang geschichtlicher Wirklich- 
keiten gegeniiber rein theoretischen Anschauungen. 



Dritter VoRTRAG, 13. Februar 1921 (abends) 

Uber die Art des Denkens, die zur Losung der weltgeschichtlichen Fra- 
gen erforderlich ist, dargestellt am Ost- West-Problem. Das Geistesleben 
als das tragende Element im Verkehr zwischen Mitteleuropa und Rut- 
land, zugleich auch als Ausgangspunkt einer «selbstverstandlichen Wirt- 
schaftsgemeinschaft». Uber die Notwendigkeit eines vom Geistig-Kunst- 
lerischen her impulsierten Wirtschaftslebens Mitteleuropas im Verkehr 
mit dem Westen. Die Notwendigkeit der Dreigliederung im Zusammen- 
hang mit den Bedingungen des modernen Wirtschaftslebens. Vom Rechts- 
charakter der Arbeit und dem Kapital als einem geistigen Element. Die 
Aufgabe der «mitteleuropaischen Gegenden». Die Loslosung des Wirt- 
schaftslebens und Geisteslebens vom Rechtsleben als Ausgangspunkt fur 
die Entwicklung eines neuen Staatslebens. Uber den Demokratiebegriff 
und die Tragik der Entgeistigung des materiellen Lebens. Die anthropo- 
sophische Bewegung und ihre Gegner sowie ihre Aufgaben. 



VlERTER VORTRAG, 14. Februar 1921 (nachmittags) 

Drei Vorschlage fur in der Offentlichkeit zu behandelnde Themen und 
einige methodische Hinweise. Prinzipielles liber das erste Thema «Die 
grofien Fragen der Gegenwart und die Dreigliederung des sozialen Orga- 
nismus», veranschaulicht an der geschichtlichen Entwicklung des Wirt- 
schaftslebens: Vom «freieren» Wirtschaftsleben alterer Zeiten zu einem 
«vielfach gebundenen» Wirtschaftsleben. Die mit der Intensivierung der 
Wirtschaft verbundenen Schutzmafinahmen zugunsten des Konsumen- 
ten, dargestellt unter anderem am Beispiel der Ziinfte. Die Erschliefiung 
der Seewege, die Entdeckung Amerikas und das Aufkommen der moder- 
nen Technik und ihre Bedeutung fur die weitere Entwicklung. Zwei Ten- 
denzen, die dem Wirtschaftsleben der Neuzeit ihre materialistische Ge- 
stalt gaben: die wirtschaftliche Denkweise als Resultat der «intensiven 
Wirtschaft», die einen gewissen Konservatismus nach sich zog, und die 
«Schwungkraft» als Folge der Verbindung mit den westlichen Ubersee- 
landern. Die Vorherrschaft von Ware und Preis. Vom Warencharakter 
der Arbeitskraft und des Unternehmungsgeistes. Uber das Problem der 
Imitation im Zusammenhang mit der modernen Stadte- und Staatenbil- 
dung. Die Ausweitung des Handels als Ausgangspunkt fiir die Fusion des 
Staates mit der Wirtschaft und einige Gesichtspunkte, diese wieder aufzu- 
losen. Verschiedene Stromungen innerhalb der Entwicklung des Geistes- 
lebens und deren unterschiedliches Verhaltnis zum Staat. Zum Problem 
der Verstaatlichung. Die richtige Gestaltung des Geistes-, des Rechts- und 



des Wirtschaftslebens als die drei grofien Aufgaben der Gegenwart. Die 
anthroposophische Geisteswissenschaft und ihre Bedeutung fur ein pro- 
duktives Geistesleben. - Methodische Anregungen fur den Redner. 

Funfter Vortrag, 14. Februar 1921 93 

Methodische Anregungen fur die Gestaltung einer offentlich zu halten- 
den Rede: Uber die Notwendigkeit, das Wiederholen einzelner Formu- 
lierungen zu vermeiden, wenn ein Thema mehrfach vorgetragen wird. 
Wie jede Rede als etwas Neues zu empfinden ist. Uber die Hingabe an 
den Stoff, den man behandelt. Von der Bedeutung des Rhythmus, der 
Wiederholung und wie der Redner zu einer richtigen Einstellung gegen- 
ixber den Wiederholungen kommt. Uber das vom Redner zu entwickeln- 
de Verantwortungsgefuhl. Vom richtigen Einschatzen der Gegner. Ex- 
kurs iiber Max Dessoir und Kuno Fischer im Zusammenhang mit der 
Darstellung von schadlichen Einfliissen im Kulturleben. Von der Not- 
wendigkeit, sich eine Rede in Schlagsatzen (nicht Schlagworten) zu skiz- 
zieren. Die Gestaltung des Anfanges und des Schlusses einer Rede. Uber 
den Unsinn, Vortrage zu drucken und sie dann wortwortlich abzulesen. 
Weitere Hinweise fur die Gestaltung des Anfanges und des Schlusses einer 
Rede. Das Vermeiden pedantischer Definitionen zugunsten anschaulicher 
Charakterisierungen. Uber den Gebrauch von Substantiven. Zur Bedeu- 
tung der anthroposophischen Grundlage, aus der heraus der Redner 
spricht. 

SECHSTER VORTRAG, 15. Februar 1921 (nachmittags) .... 110 

Die Entmenschlichung des sozialen Lebens, dargestellt an der Art, wie die 
Begriffe Kapital, Arbeit und Ware verwendet werden. Das Verhaltnis von 
Individualist und Gemeinschaft im Zusammenhang mit dem Staatsbe- 
griff. Vom Ursprung des Egoismus. Das Wesen der «sozialen Kunst». 
Uber die Stellung des Menschen innerhalb der Weltentwicklung. Kriti- 
sche Anmerkungen zu den Auffassungen von Adam Smith iiber «wirt- 
schaftliche Freiheit» und «Privatkapital». Uber die Loslosung des Wirt- 
schaftslebens vom Menschen und den Verlust, das Wirtschaftsleben in sei- 
ner Ganzheit zu betrachten. Rudolf Steiners Ausgangsfragen in seiner 
Schrift «Die Kernpunkte der sozialen Frage». Von der Bedeutung der 
Orientierung in der zeitgenossischen Literatur fur den Redner. Der mar- 
xistische Arbeitsbegriff und die mit ihm verbundene Auffassung vom 
Wert der Arbeit als Beispiel fur die Einseitigkeit der Begriffsbildung. 
Zwei fundamentale Gesichtspunkte zum Verhaltnis Arbeit - Wert der 



Arbeit als Ausgangspunkt fiir die Herauslosung der Arbeit aus dem Wirt- 
schaftsleben. Uber die Notwendigkeit eines freien Geisteslebens. Die 
Grundung der Freien Waldorfschule in Stuttgart und ihr Zusammenhang 
mit der Dreigliederungsidee. Das Problem der Lebensfremdheit, aufge- 
zeigt am Beispiel sozialistischer Programme und am Beispiel Lenins. 



SlEBENTER VoRTRAG, 15. Februar 1921 (abends) 129 

Uber das Zeitalter der «Phrase», dargestellt am Beispiel der Begriffe «ar- 
beitsloses Einkommen» und «arbeitsloser Erwerb». Das Problem der 
«produktiven» und «unproduktiven» Arbeit bei Karl Marx im Zusam- 
menhang mit dem Beispiel vom «indischen Buchhalter». Die Widerlegung 
der Marx'schen Anschauung unter Hinzuziehung der Frage nach dem 
volkswirtschaftlichen Stellenwert der Rente und der Steuern. Von der 
Absurditat, den «vollen Arbeitsertrag» fur sich zu beanspruchen. Uber 
den Zusammenhang des Wirtschaftslebens mit dem Geistesleben als Bei- 
spiel dafiir, dafi man das Ganze des sozialen Lebens in Betracht ziehen 
muS. Einige methodische und inhaltliche Anregungen fiir den Aufbau 
eines Vortrages: Respektieren der Denkgewohnheiten der Menschen; 
Aufzeigen des Zusammenhanges zwischen den geistigen Impulsen der 
Anthroposophie und dem materiellen Leben am Beispiel verschiedener, 
aus der anthroposophischen Arbeit hervorgegangener Institutionen; zur 
Behandlung der Gegner. 



Achter VORTRAG, 16. Februar 1921 (nachmittags) 147 

Die Sorglosigkeit und Gewissenlosigkeit fuhrender Zeitgenossen und 
ihre Folgen. Uber die gegen Rudolf Steiner gerichtete Polemik des Gra- 
fen Hermann von Keyserling und des Basler Professor Heinzelmann. Die 
Stumpfheit des Geisteslebens als Folge des Einflusses seitens des Staates 
und des Wirtschaftslebens. Die Notwendigkeit der Uberwindung beste- 
hender Zwangsverhaltnisse durch das Verhaltnis der «freien Anerken- 
nung» und durch das Prinzip der «selbstverstandlichen Autoritat». Von 
der Bedeutung, moralische Impulse in das gesellschaftliche Leben hinein- 
zutragen. Uber die Notwendigkeit, den moralischen Niedergang zu 
Bewufitsein zu bringen, dargestellt anhand weiterer Aufierungen von 
Hermann Keyserling. Kritische Anmerkungen zum Wissenschafts- und 
Geistesleben der damaligen Zeit, dargestellt am Beispiel der Schriften von 
Oscar Hertwig. 



Neunter Vortrag, 16. Februar 1921 (abends) 163 

Vom Unterschied der Urteilsbildung im Geistesleben und im Wirt- 
schaftsleben. Das Wesen der Assoziation im Wirtschaftsleben. Die drei 
Faktoren des Wirtschaftslebens: Sachkenntnis in bezug auf die Produk- 
tion; die dem Verbraucher dienende Lenkung des Warenverkehrs; die ge- 
naue Kenntnis von den Bediirfnissen im Zusammenhang mit dem Asso- 
ziationsgedanken. - Uber das Ineinanderwirken der drei Glieder des so 
zialen Organismus. Der geschichtliche Ursprung der Grundrente und die 
Ursache dessen, was Grund und Boden zu einem Gewinnobjekt macht. 
Kritische Anmerkungen zu Theorien einiger Nationalokonomen. Die 
Ursachen, die zur Griindung von Grofiunternehmen und zum Unter- 
gang kleiner Unternehmen fuhrten. Uber das einseitige Produzenten- 
interesse im Zusammenhang mit der Entstehung der Grofiunternehmen 
und die Notwendigkeit der Bildung von Assoziationen. 

Zehnter Vortrag, 17. Februar 1921 (vormittags) 179 

Die Art und Weise, wie Volkswirtschafter ihre Aufgaben abgrenzen als 
Beispiel dafiir, dafi gewisse Grundlagen fur die Dreigliederung bereits vor- 
handen sind. Einige Ursachen fur die Entstehung sozialer Utopien: Die 
Ubernahme alter theokratischer und theologischer Denkweisen und For- 
men als Gestaltungselemente des gegenwartigen Geisteslebens. Das Beam- 
tentum als profan gewordene kirchliche Hierarchic Das Fortleben des 
theokratisch-kirchlichen Elementes im Heerwesen. Die Handhabung des 
Staatslebens als Profanisierung des kirchlichen Lebens. - Utopistische 
Theorien als Versuch, das Wirtschaftsleben in Anlehnung an fruhere For- 
men zu organisieren. Uber die Ursachen des Wirtschaftsliberalismus. 
Von der Schwierigkeit eines Uberganges von der liberalistischen zur asso- 
ziativen Wirtschaftsgestaltung. Die Absurditat einer Zweigliederung. Die 
Dreigliederung im Marxismus: Die Mehrwerttheorie als Verkorperung 
des Wirtschaftlichen, die Klassenkampftheorie als Ausdruck des Recht- 
lichen und die materialistische Geschichtsauffassung als Ausdruck des 
Geistigen. - Uber die Notwendigkeit, an die Stelle des Unglaubens den 
Glauben an den Menschen zu setzen. 



11 



SCHULUNGSKURS FUR OBERSCHLESIER 



Erster Vortrag, Stuttgart, 1. Januar 1921 197 

Notwendige Voraussetzungen fur Agitatoren: Nicht an alte Kategorien 
des offentlichen Lebens ankniipfen; Substanz, wirkliche Inhalte anstelle 
von Schlagworten. - Die Erkenntnis vom dreigegliederten Untergang, 
dargestellt an Beispielen aus dem geistig-kulturellen und politischen Le- 
ben. - Uber das Problem, ob Oberschlesien deutsch oder polnisch sein 
miifite. - Polen im Spannungsfeld der Einflusse von Ost und West unter 
Beriicksichtigung des geschichtlichen Wandels der Sozialstruktur in 
Deutschland, Rufiland und Osterreich. - Die das polnische Element bil- 
denden drei Stromungen. Griinde fur die Teilung Polens zwischen Preu- 
jSen, Osterreich und Rufiland. Vom geistigen Einfluft Rufilands, dem 
rechtlich-politischen Osterreichs und dem wirtschaftlichen Preufien- 
Deutschlands auf Polen. - Das Schicksal Polens unter dem Gesichtspunkt 
der Dreiteilung. - Von der Dreigliederung des europaischen Niederganges 
zur Dreigliederung des Aufganges. 



Zweiter Vortrag, 2. Januar 1921 216 

Illusionen liber die Zukunft Europas. Die Notwendigkeit einer Aufkla- 
rung unter Beriicksichtigung umfassender Weltverhaltnisse. Die Illusion 
einer Verstandigung zwischen Mittel- und Osteuropa mit dem Westen 
auf der Basis der alten Verhaltnisse als Stolperstein fur die Abstimmung 
in Oberschlesien. Kritische Anmerkungen zu drei Vorschlagen, die Sanie- 
rung der wirtschaftlichen Verhaltnisse in Europa betreffend: amerikani- 
sche Kredite grofieren Umfanges, Kredite von Einzelpersonlichkeiten, 
Weltwirtschaftsbund im Zusammenhang mit dem Volkerbund. Folgen 
des Anschlusses von Schlesien an Preufien-Deutschland. Uber die illusio- 
naren Vorstellungen von J.M.Keynes und N.Angell, dafi Amerikas 
Wirtschaft auf die Europas angewiesen ist. Von der Moglichkeit, dafi man 
Europa seinem Schicksal iiberlasse. Die Absurditat der Abstimmung in 
Oberschlesien. Die «dreigliedrige» Entwicklung der polnischen Unter- 
schicht. Die Verbiirgerlichung der Arbeiterbewegung in Mitteleuropa. 
Von den Lebensbedingungen des Bolschewismus und ihren Auswirkun- 
gen auf den Westen. Griinde fur einen zweiten Weltkrieg: die Abwehr 
des Bolschewismus sowie die wirtschaftlichen Verhaltnisse. Uber die Ver- 



starkung der Konflikte zwischen Asien und Amerika. Uber die Notwen- 
digkeit hinreichender Aufklarung liber die Dreigliederung und die Ent- 
wicklung einer geistigen Fiihrerschaft als Aufgabe Mitteleuropas. Die 
Aufgabe der Deutschen, dargestellt an einigen Aussagen J. G.Fichtes. 
Uber die Kriegsschuldfrage im Zusammenhang mit einer Aussage W.Wil- 
sons und Darstellungen R. Steiners in seiner Schrift «Gedanken wahrend 
der Zeit des Weltkrieges». Die Oberschlesienabstimmung als Protest ge- 
gen die Tatsache der Abstimmung. Hinweise fur Vertreter des Dreigliede- 
rungsgedankens. Uber die Einrichtung eines Presseburos der Regierung 
in Zurich 1917. Die Bedeutung des Bauerntums fur die vergangene und 
zukunftige soziale Entwicklung. Uber den Stellenwert eines befreiten 
Geisteslebens fur den Menschheitsfortschritt. 



Fragenbeantwortung, 2. Januar 1921 236 

Die Situation der katholischen Kirche in Polen, ihre geschichtliche Ent- 
wicklung und das Verhalten ihr gegenuber von Seiten der Vertreter des 
Dreigliederungsgedankens. Uber das Problem, ob man die Aufklarung in 
Oberschlesien in deutscher und (oder) polnischer Sprache durchfiihrt. 
Weitere Anregungen fur das Wirken der Dreigliederer in Oberschlesien 
im Hinblick auf die Abstimmung. 



ANHANG 

Aufruf zur Rettung Oberschlesiens 264 

Aufzeichnungen von Rudolf Steiner zum Schulungskurs 

fiirRedner 267 

Aufzeichnungen von Rudolf Steiner zum Schulungskurs 

fur Oberschlesien 301 

Hinweise 315 

Personenregister 333 

Ubersicht uber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 335 



I 

Wie wirkt man fiir den Impuls 
der Dreigliederung 
des sozialen Organismus ? 

Eih Schulungskurs fiir Redner 



ERSTER VORTRAG 



Stuttgart, 12. Februar 1921 

Wir wollen uns heute zunachst dariiber unterhalten, was die Absich- 
ten der Personlichkeiten sein konnen, die an diesem Kursus teilneh- 
men, und auf welche Art eine Einstellung zu unseren Aufgaben zu 
gewinnen ist. 

Sie werden, wenn Sie die Absichten erfiillen wollen, die mit die- 
sem Kurs verbunden sind, in der nachsten Zeit hinausgehen, urn fur 
den Impuls der Dreigliederung in der Welt zu wirken. Dieses Wir- 
ken ist in unserer Zeit ein im eminentesten Sinne Notwendiges. 
Und von dieser Uberzeugung, dafi es ein Notwendiges ist, mussen 
wir ausgehen. Wir mussen uns dariiber klar sein, da$ es im Grunde 
genommen hochste Zeit ist, um fur diesen Impuls der Dreigliede- 
rung, den wir ja betrachten mussen als die unbedingte Forderung 
des Zivilisationslebens der Gegenwart, zu wirken. 

Wir mussen uns allerdings, indem wir uns in diesen Tagen liber 
die Bedingungen dieses Wirkens unterrichten werden, von vorne- 
herein auf einen Standpunkt stellen, der in unseren Herzen jede Art 
von Skepsis gegeniiber dem Impuls der Dreigliederung selbst aus- 
schliefit. Denn Sie werden nicht wirken konnen, wenn Sie heute 
noch irgendwie skeptisch zu der Sache stehen. Wir werden ja gerade 
im Verlauf dieses Kursus sehen konnen, wie nicht nur das in der 
Welt wirkt, was man spricht oder tut, sondern wie gewisse Impon- 
derabilien, Unausgesprochenes, durchaus unser Sprechen und unser 
Handeln begleiten mufi, wenn wir wirken wollen. 

Wir mussen uns ferner dariiber klar sein, daft sich gegen diesen 
Impuls der Dreigliederung alle alten Zivilisationskrafte, die in der 
Dekadenz begriffen sind, auflehnen, Gegnerschaften entwickeln, 
und dafi wir viel zu kampfen haben, wenn wir diesen Impuls der 
Dreigliederung mit unserer Kraft zur Geltung bringen wollen. Und 
wir werden um so mehr zu kampfen haben, je mehr wir auf der an- 
deren Seite etwa einen gewissen Erfolg haben. Der Kampf wird 
durch einen solchen Erfolg - das zeigt Ihnen ja die Erfahrung auch 



dieser Wochen mit unserer Gegnerschaft - nicht geringer, sondern 
er wird immer scharfer und scharfer. Und Sie werden sich schon ein- 
mal wappnen miissen gerade gegen dasjenige, was sich als Kampf gel- 
tend macht, womit ich naturlich nicht sagen will, dafi wir uns etwa 
in hervorragendem Mafie durchaus auf Kampf einstellen sollten; das 
ist es nicht, was uns vorwartsbringen konnte. Aber wir miissen uns 
bewufit sein, wie stark gerade dann, wenn wir etwa durchkommen, 
dieser Kampf sich in der nachsten Zeit entfalten wird. 

Was ich heute vorausschicken mochte, werden gewissermafien 
einzelne psychologische Ausgangspunkte sein. Es kann sich selbst- 
verstandlich hier nur darum handeln, die sachlichen Grundlagen fur 
Ihr Wirken zu charakterisieren. Ich mochte von vorneherein beto- 
nen, dafi es sich nicht etwa um eine Anleitung zur politisch-sozialen 
oder sonstigen Redekunst handeln kann, sondern eben gerade um 
das Schaffen der positiven Grundlagen fur das Wirken im Sinne des 
Impulses der Dreigliederung des sozialen Organismus. Und da wer- 
den Sie es vielleicht zunachst wie etwas ganz allgemein Hingestelltes 
empfinden, wenn ich einige ganz allgemeine Regeln vorausgehen 
lasse, die fiir uns aber doch, wenn wir sie recht konkret durchden- 
ken, von aufierordentlicher Wichtigkeit sein werden. 

Sie werden mit dem, was Sie wirken wollen, nur durchkommen, 
wenn Sie in Ihrer Seele aus zwei Grundkraften heraus wirken, und 
da es sich heute um einen aufierordentlichen Ernst handelt, der un- 
sere Sache durchdringen mufi, der unser Wirken beseelen mufi, so 
sollen wir uns zunachst durchaus bewufk werden, ganz bewufk wer- 
den, dafi wir nicht weiterkommen, ohne diese zwei Grundkrafte un- 
serer Seele auszubilden : erstens aus einer wirklichen Liebe zur Sache 
heraus, zweitens aus einer einsichtsvollen Menschenliebe heraus zu 
sprechen. Seien Sie sich klar dariiber: Wenn diese zwei Bedingungen 
nicht vorhanden sind oder wenn sie etwa ersetzt sind durch andere, 
sagen wir durch Ehrgeiz oder Eitelkeit, so werden Sie noch so logi- 
sche Urteile den Leuten vortragen konnen, Sie werden noch so klug 
sprechen konnen, und Sie werden doch nichts erreichen. Die Bedin- 
gungen, durch das Wort zu wirken, die sind im Grunde genommen 
durchaus etwas, was in der Formung, in der Pragung des Wortes al- 



lein nicht liegt. Sie brauchen nur auszugehen von dem, wie Wirkun- 
gen durch das Wort am allerhaufigsten in unserer Gegenwart erzielt 
werden, und Sie werden das, was ich Ihnen gesagt habe, einsehen. 

Stellen Sie sich nur einmal vor: zwei Redner treten vor ein Pubh- 
kum. Der eine ware eine unbekannte Personlichkeit mit aufieror- 
dentlich grofien Einsichten, mit einer meinetwillen durchdringen- 
den Redekraft und mit einer vollen Berechtigung der Sache gegen- 
iiber, und ein anderer Redner trate vor dasselbe Publikum, so wie 
die Dinge nun heute einmal liegen, und er habe seit langer Zeit 
irgendeine offentliche Position inne, sei es als der Abgeordnete NN, 
der Staatsmann NN, der dort oder da bekannte Grofiindustrielle 
NN oder der Gelehrte NN. Er wird wirken mit weit weniger ein- 
dringlichen Motiven, mit einer Sache, die weit weniger berechtigt 
ist. Das, was die Wirkung ausmacht, das ist etwas, was zum Inhalte 
des gesprochenen Wortes durchaus hinzukommt. Doch wir konnen 
ja nicht auf solche Dinge unsere Arbeit aufbauen, wie ich sie eben 
jetzt zuletzt charakterisiert habe. 

Aber es gibt auch andere Dinge, die unsere Rede kennzeichnen 
miissen, und das sind eben die beiden Seeleneigenschaften, von de- 
nen ich gesprochen habe: Die wirkliche Liebe zur Sache, die allein 
die innere Uberzeugung tragen kann, und die Liebe zur Menschheit. 
Selbstverstandlich konnen diese beiden Seelenkrafte nicht ersetzen, 
was der Inhalt des gesprochenen Wortes ist. Dieser Inhalt des ge- 
sprochenen Wortes mufi selbstverstandlich unanfechtbar sein. Aber 
er wirkt nicht, wenn er nicht getragen ist von den zwei Seelenkraf- 
ten, die ich angefiihrt habe. Daher mufi es schon heute, wo wir 
mehr, ich mochte sagen, die Formalien abtun wollen, durchaus aus- 
gesprochen werden, dafi wir uns das vorhalten miissen, wieweit wir 
diese beiden Krafte in unserer Seele gegenwartig haben. Kommeri 
wir darauf, dafi wir sie nicht haben, dann ware es vielleicht besser, 
wenn wir uns gerade bei der wichtigen Aktion, die nun unternom- 
men werden soli, nicht beteiligen wiirden, denn es ware verlorene 
Kraft, verlorene Arbeit. Und man wiirde sich doch uberzeugen, daft 
die Wirkung desjenigen, was etwa aus anderen Antrieben ent- 
springt, keine grofie sein konnte, wahrend die Wirkung desjenigen, 



was aus der Liebe zur Sache, die die Uberzeugung tragt, und aus 
Menschenliebe entspringt, vielleicht zunachst unmittelbar eine ge- 
ringe sein mag, aber sie wird dennoch da sein. 

Meine lieben Freunde, es gibt alle moglichen zunachst unerschau- 
baren Wege, welche sich die Wahrheit wahlt, um unter die Men- 
schen zu kommen, und es ist nun einmal so, daft, wo die beiden Im- 
ponderabilien, Liebe zur Sache und Menschenliebe, da sind, auch ei- 
ne Wirkung sein mufi, wenn sie auch zunachst nicht zutage tritt. Sie 
wird in irgendeiner Weise kommen, dessen konnen wir sicher sein. 

Aber andere Dinge miissen noch hinzukommen. Es mufi eine 
voile Einsicht vorhanden sein in dasjenige, wo hinein wir heute 
sprechen, wenn wir mit einer solchen Sache, wie es der Impuls der 
Dreigliederung ist, vor die Offentlichkeit hintreten. Wir diirfen uns 
keinerlei Illusionen hingeben uber die Seelenverfassung der Men- 
schen, zu denen wir sprechen, liber die Bedingungen, die dadurch 
gegeben sind, dafi wir eben gerade zu den Menschen der Gegenwart 
sprechen miissen. Unter diesen Menschen der Gegenwart sind kei- 
neswegs wenige, die durchaus geeignet sind, aufzunehmen, was wir 
ihnen zu sagen haben. Aber es ist namentlich unter den fuhrenden 
Personlichkeiten der Gegenwart die Mehrzahl so, dafi die Krafte 
derjenigen Menschen, die geeignet waren, den Impuls der Dreiglie- 
derung aufzunehmen, zunachst - und zwar ziemlich brutal - nieder- 
gehalten werden. 

Verweilen wir moglichst wenig bei allgemeinen Redensarten, las- 
sen wir uns durchaus auf Einzelheiten gleich ein. Das Gewohnlich- 
ste, was einem die Leute sagen, wenn man mit so etwas kommt, wie 
es der Impuls der Dreigliederung ist, das lautet etwa so : Ja, nament- 
lich in Mitteleuropa sind zunachst heute die Not und das Elend da. 
Wir miissen den Kampf um das trockene Brot fiihren. Die wirt- 
schaftlichen Interessen sind es zunachst, auf die wir uns einlassen 
miissen. Was niitzen da hohe Ideale? Was niitzt dasjenige, was aus 
geistigen Untergriinden heraus vorgetragen wird? - In alien Tonar- 
ten werden Sie diesen Einwand horen. Und man kann ja nicht leug- 
nen : Er geht aus den geprefken Seelen der Gegenwart hervor. Er hat 
zunachst, rein aufierlich betrachtet, eine gewisse Berechtigung. Aber 



wir werden sehen, wenn wir die wichtigsten Fragen der Gegenwart, 
die die Grundlagen fiir unser Wirken werden konnen, an unseren 
Seelen vorbeiziehen lassen werden, dafi diese Anschauung, dafi es 
sich heute blofi urn die Losung der wirtschaftlichen Fragen handeln 
konne, auf einer volligen Illusion beruht. Denn sie geht von einer 
anderen Frage beziehungsweise von der Antwort auf eine andere 
Frage wie von einer Selbstverstandlichkeit aus; aber es ist keine 
Selbstverstandlichkeit. Man geht namlich von der Voraussetzung 
aus - wir werden gerade iiber diese Sache noch sehr genau spre- 
chen dafi die Menschen, nicht dieser oder jener Mensch, sondern 
die Menschen uberhaupt, nicht schuld daran waren, daft die zivili- 
sierte Welt in die gegenwartige Lage hineingekommen ist. 

Wenn wir die iiber die ganze Erde hin verbreitete Weltwirtschaft 
ins Auge fassen - und sie muft heute ins Auge gefafk werden -, dann 
miissen wir uns sagen : die Natur gibt uns heute nicht weniger als zu 
irgendeiner anderen Zeit, wenn wir ihre Ergebnisse ihr richtig ent- 
ringen konnen und wenn wir diese Ergebnisse in der richtigen Wei- 
se unter die Menschen bringen konnen - als Gesamtmenschheit 
selbstverstandlich. Daft die Menschen heute in einer grofieren Not- 
lage sind, als sie vorher waren, das ist nicht durch physische Ursa- 
chen bewirkt, sondern das ist bewirkt gerade durch den Geist der 
Menschen. Wenn die Menschen heute in Not sind, so hat die falsche 
Geistigkeit, das falsche Denken, diese Not hervorgebracht. Daher 
kann es auch wiederum nichts anderes geben, als daft das richtige 
Denken an die Stelle des falschen gesetzt wird, um aus dieser Not 
herauszukommen. Nicht die Natur, nicht irgendwelche unbekann- 
ten Machte haben die Menschheit in die heutige Lage gebracht, son- 
dern die Menschen sind es selber, die diese Dinge bewirkt haben. 
Wenn Not ist, sind die Menschen es, die diese Not herbeigefiihrt ha- 
ben; wenn Menschen nichts zu essen haben, so sind es Menschen, 
die dieses Essen nicht an sie herankommen lassen. Daher kommt es 
darauf an, nicht von der falschen Voraussetzung auszugehen: ir- 
gendwelche unbekannten Machte haben die Not bewirkt, und man 
mull diese Not zuerst aufheben, bevor man daran gehen kann, in 
der richtigen Weise zu denken - sondern klarzumachen : weil die 



Not bewirkt ist vom unrichtigen Denken der Menschen, so kann 
auch nur das richtige Denken die Aufhebung dieser Not bewirken. 

Man mull von den verschiedensten Seiten her diesen Aberglau- 
ben, daft man zunachst der Menschhek Brot verschaffen konne, und 
dann, wenn sie genugend Brot habe, werde sie auch zu einem besse- 
ren Denken kommen, ins Auge fassen. Das ist ein furchtbarer Aber- 
glaube. Und es wird niemals in die heutige Zivilisation herein irgend 
etwas Segensreiches dringen konnen, wenn man sich nicht dazu ent- 
schlieftt, ihn abzulegen, ihn durch den richtigen Glauben zu erset- 
zen, der darin besteht, daft eine Umkehrung, eine Neubildung des 
Denkens iiber die Dinge dieser Welt selber eintreten mufi. Das ist es 
auch, was allmahlich in eine genugend grofte Anzahl von Menschen- 
kopfen durchaus hinein mufi. 

Wir werden aber nur die Moglichkeit finden, zu diesen Menschen 
zu sprechen, wenn wir uns iiber zwei Dinge zunachst gar keiner Il- 
lusion hingeben. Das ist erstens die Tatsache, daft in der Gegenwart 
im groftten Ausmaft kein Sinn vorhanden ist fur die Produktivitat 
des geistigen Lebens. Die Albernheit, mit der vor nicht zu langer 
Zeit das Wort gepragt worden ist «Freie Bahn dem Tuchtigen» - 
nicht das Wort, aber die Art und Weise, wie das Wort gepragt wor- 
den ist, war eine Albernheit -, diese Albernheit, die miiftte aus den 
Menschenkopfen angesichts der Tatsachen, die in der heutigen Zivi- 
lisation waken, recht griindlich heraus. Denn diese Tatsachen der 
heutigen Zivilisation sind so, daft sie durch ihre eigene Wesenheit ge- 
rade eine Selektion, eine Auswahl der Unuichtigen, immer in die 
Hohe tragen. 

Wir leben heute in einer Zeit, die die Untuchtigkeit ganz beson- 
ders begiinstigt. Auch dariiber werden wir ausfuhrlich sprechen und 
werden die Krafte suchen miissen, welche zu dieser Auslese der Un- 
tiichtigsten gerade in unserer Zeit in besonderem Mafie fiihren. 
Heute mochte ich nur eines zunachst vorausschicken. Ich bitte aber 
durchaus zu beriicksichtigen: Wir miissen hier, indem wir uns be- 
wufit sind, daft wir untereinander reden und die Bedingungen fiir 
unser Wirken schaffen, wir miissen hier von vorneherein fest auf 
dem Boden stehen, daft der Dreigliederungs-Impuls fiir uns etwas Si- 



cheres ist, dafi wir ihm mit keinem Skeptizismus gegenuberstehen, 
sondern ihm wirklich gegenuberstehen so, dafi wir in ihm die einzi- 
ge Kraft sehen, die aus den Wirrnissen der Gegenwart hinausfuhren 
kann. Indem wir auf diesem Boden stehen, werden wir dasjenige, 
was ich jetzt sagen will, nicht als eine Unbescheidenheit oder der- 
gleichen ansehen konnen, sondern eben durchaus als sachlich zu- 
sammenhangend mit den Bedingungen unseres Wirkens iiberhaupt. 

Nehmen Sie die «Kernpunkte der sozialen Frage». Betrachten Sie 
die Art, wie sie vielfach heute aufgefafk werden, sehen Sie sich die 
Dinge an, die vorgebracht werden von den Gegnern, und versuchen 
Sie dann, ein Urteil dariiber zu gewinnen, aus welchen Untergrun- 
den diese Gegner sprechen, Sie werden zu diesen Untergriinden nur 
auf einem psychologischen Wege, auf dem Wege psychologischer 
Beobachtung, kommen. Die Gegner reden ja zumeist an dem Inhalt 
dieser «Kernpunkte», ich meine naturlich das Buch, vorbei. Es ist in 
der Regel in dem, was sie reden, kaum ein Bezug zu dem, was der In- 
halt der «Kernpunkte» eigentlich ist. Ich habe zum Beispiel neulich 
einmal in Bern den Inhalt der «Kernpunkte» auseinandergesetzt. 
Hinterher hat der Volkswirtschaftler von der Universitat gespro- 
chen, dreiviertel Stunden lang. In keinem einzigen Satz ist es ihm ge- 
lungen, auf den Inhalt der «Kernpunkte» selber einzugehen. Man 
kann das geradezu beWeisen. Und auf den Inhalt des Vortrages ging 
er erst recht nicht ein. Er war vollstandig unvorbereitet, da er ja die 
«Kernpunkte» nicht kannte, nicht wahr. 

Nun, was spiiren denn die Menschen, wenn sie an die Ideen der 
Dreigliederung des sozialen Organismus herangehen? Warum for- 
men sie aus tiefen Untergriinden ihrer Seele heraus Dinge, die so gar 
nicht passen ? Weil sie eben etwas ganz Besonderes spiiren. Sie spii- 
ren namlich, ohne dafi sie sich das zum Bewufitsein bringen, in sich 
dasjenige, was da in ihnen tatig ist. Sie spiiren: wenn der Impuls fur 
die Dreigliederung, wie er in den «Kernpunkten» dargelegt ist, in der 
Welt Wurzeln fassen wiirde, dann wiirde das eine Auslese der Tiich- 
tigen bringen, und es wiirden herabgestoften von ihrem Piedestal die 
Untiichtigen. Denn der Impuls, der in der Dreigliederung des sozia- 
len Organismus liegt, er ist ein durchaus real wirksamer, sobald er 



irgendwie in die Menschheit hineingetragen wird. Aber er wirkt un- 
bedingt so, dafi er die Unfahigen ausschliefk von einer Wirksam- 
keit. Das ist es, was die Menschen in den unterbewufiten Untergriin- 
den fiihlen. Das konnen sie naturlich nicht sagen, daher kommen sie 
zu demjenigen, was sie eben sagen. Wenn man sich Miihe gibt als 
Psychologe, das zu durchschauen, was die Leute vorbringen, na- 
mentlich wenn man sich Miihe gibt, die Art und Weise, wie sie wir- 
ken, zu analysieren, dann wird man durchaus zu einer Erhartung 
dessen kommen, was ich eben ausgesprochen habe. Und alles das be- 
ruht zum Schlufi doch darauf, dafi in der Gegenwart ein Sinn fur 
geistige Produktivitat eigentlich nicht vorhanden ist. Die Leute ha- 
ben sich zu sehr daran gewohnt, das Geistige vom Unpersonlichen 
oder von solchem Personlichen, das selbst kein Geistiges ist, tragen 
zu lassen: vom Staate oder von staatlichen Personlichkeiten, die 
nicht in erster Linie den lebendigen Geist als solchen im Auge 
haben. 

Sie brauchen sich ja nur die Dinge im einzelnen vorzunehmen, 
brauchen sich nur zu fragen: Was wollen die theologischen Fakulta- 
ten? - Es geht heute in den theologischen Fakultaten viel weniger 
darum, hinter das Geheimnis der geistigen Urkrafte der Welt zu 
kommen, als im Sinne des Staates oder der Konfessionen brauchbare 
Religionsbeamte zu schaffen. Bei der Juristerei handelt es sich 
nicht darum, die Griinde und das Wesen des Rechtes zu suchen, 
sondern die Leute dasjenige zu lehren, was in irgendeinem Staate 
Usus ist, was festgelegt ist von denen, die auch nicht das Wesen des 
Rechtes schaffen wollten, sondern aus irgendwelchen Interessen her- 
aus dieses oder jenes zum Gesetz gemacht haben. Und so konnte 
man ja alle die Dinge, die ja doch schliefilich fiihrend werden im 
geistigen Leben, durchgehen und man wiirde iiberall sehen, dafi 
fur das produktive Element des Geistes, das ja doch eigentlich die 
Zivilisation tragen mufi, dafi fur das lebendige Hereinwirken des 
Geistes in die Menschenseelen ein Sinn in der Gegenwart kaum 
vorhanden ist. 

Die Menschen sind allmahlich erzogen worden zu einer lenden- 
lahmen Intellektualitat, zu einem blo&en Denken, ohne dafi dieses 



Denken durchdrungen wird von Willensinitiative. Die Menschen 
gehen auf in einem blofi betrachtenden Denken. Sie werden das ja 
zunachst als eine Erfahrung sehen, wenn Sie Ihre Vortrage halten 
werden. Sie werden es erleben konnen immer wieder und wieder- 
um, dafi die Leute, die zuhoren, vielleicht sogar von dem einen oder 
anderen, indem sie es horen, befriedigt sind; die Worte rauschen an 
das Ohr heran, kommen in die Seelen; die Leute haben eine gewisse 
Wollust iiber die Gedanken; sie fuhlen sich darin befriedigt; sie 
mochten am liebsten gerade dasjenige horen, was sie in dieser Weise 
eben mit einer gewissen inneren Wollust ausfullt. Aber sie sind ei- 
gentlich innerlich immer etwas erbost, wenn man ihnen zumutet, 
daft die Worte nicht Worte bleiben sollen, sondern dafi sich der gan- 
ze Mensch erfullen soli mit ihnen und tatkraftig von dem Gesichts- 
punkte aus, den die Worte eroffnen, nun ins Leben eingreifen mufi, 
wenn die Worte irgendwie eine Folge haben sollen. Die Leute sind 
eben mit Bezug auf das Wort seit Jahrhunderten zu sehr an eine be- 
stimmte Art der Aufnahme gewohnt worden. Wenn sie den Predi- 
ger auf der Kanzel anhorten, dann setzten sie sich hin in die Kir- 
chenbank, und die Predigt sollte «schon» sein, sollte so mit einer ge- 
wissen Warme, es war in der Regel allerdings eine philistrose War- 
me, in das Innere hineinziehen. Man wollte eine gewisse innere 
Wollust empfinden, auch eine gewisse innere Sehnsucht der Seele 
befriedigt fuhlen, so, daft einem die Befriedigung von aufien zu- 
kommt. Aber dann, wenn man die Predigt wieder verlassen hatte, 
dann wollte man nicht etwa, dafi dasjenige, was da in der Predigt ge- 
boten wurde, das Leben nun wirklich durchdringe. Gesagt hat man 
das selbstverstandlich oft genug, aber geschehen ist es seit langer Zeit 
im Grunde niemals. Wie es in dieser Beziehung mit anderen Dingen, 
die geredet werden, heute steht, das wissen Sie ja wohl auch. Man 
kann nicht gerade sagen, daft in den meisten Fallen die jungen Leute 
mit einer gewissen inneren Glut heute zu den Universitatsturen her- 
eingehen, um ihre Stunden durchzumachen, daft sie mit einer unge- 
heuren inneren Warme nun gar nicht erwarten konnen, was der 
Lehrer morgen sagen werde nach dem, was er heute gesagt hat. Die 
Falle scheinen doch zahlreicher zu sein, wo die Leute ihre Stunden 



absitzen, weil das nun einmal Pflicht ist - oder vielleicht sitzen auch 
viele sie gar nicht ab -, und wo sie dann froh sind, wenn sie das nun 
eingetrichtert haben, was notwendig ist zum Examen, durch das ja 
wirklich nicht festgestellt wird, ob man ein tiichtiger, fahiger 
Mensch ist, sondern ob man das in sich tragt, durch was man ein gu- 
ter theologischer oder juristischer Beamter wird, das heifit in ent- 
sprechender Weise in irgendeine Staatsstruktur sich einfiigt. 

Unter diesen Bedingungen, wir werden sehen, was fur Faktoren 
dabei tatig waren in den letzten Jahrhunderten, insbesondere aber 
auch im 19. Jahrhundert, ist allmahlich der Sinn fiir das lebendige 
Wirken des Geistes in der Menschheit verlorengegangen. Denken 
Sie doch, was wirklich wirksame Religionen geworden waren, wenn 
sie nicht ausgegangen waren von diesem Sinn fiir den lebendigen 
Geist. Alle Religionen, die iiberhaupt Religionen geworden sind, 
sind nicht etwa ausgegangen von dem, wovon unser heutiges Gei- 
stesleben ausgeht, namhch, dafi alles, was wir im Geiste tragen, im 
Grund nur eine Ideologic ist, eine Summe von Abstraktionen ist. 
Sondern die Religionen sind davon ausgegangen, dafi der objektive, 
in der Welt vorhandene Geist sich geoffenbart hat durch gewisse 
Personlichkeiten, dafi er als solcher gewirkt hat, daft der Geist etwas 
Reales, eine reale Macht ist. Davon verstehen die meisten Menschen, 
die im heutigen Geistesleben darinnenstehen, kaum etwas. 

Es war mir neulich im hochsten Grade interessant, folgendes zu 
erfahren. Ich sprach aus dem Gedanken, der im ersten Kapitel mei- 
ner «Kernpunkte» zugrunde gelegt ist, dafi von der geistigen Seite 
her ein wesentlicher Bestandteil der proletarischen Frage der ist, dafi 
das moderne Proletariat alles geistige Leben, Sitte, Recht, Kunst, Re- 
ligion und Wissenschaft und so weiter, fiir eine Ideologic ansieht, 
und dafi in diesem Auffassen des Geisteslebens als eine Ideologic 
eben die Grundlage liegt fiir die Verodung der Seelen, die dann aus 
ihren Instinkten heraus zu dem kommen, was heute in vieler Bezie- 
hung die soziale Bewegung ist. Das habe ich in meinen «Kernpunk- 
ten» ausgefiihrt. Ich deutete es neulich in einem Vortrage an, und ein 
professoraler Diskussionsredner verstand die Sache so gut, dafi er 
ungefahr sagte: Ja, da ware angefuhrt worden, das Proletariat lebe in 



geistiger Beziehung in einer Art Ideologic; das konne man doch 
nicht anfuhren, denn alle Klassen, alle Stande, die ganze Menschheit 
lebe ja fortwahrend in Ideologic; es sei ja ganz selbstverstandlich, 
dafi alle in Ideologic leben! - Der gute Mann hat uberhaupt gar kei- 
nen Begriff davon, was da gemeint ist, denn ihm ist ganz abhanden 
gekommen der Begriff der Realitat des geistigen Lebens. Ihm war 
das eine Selbstverstandlichkeit, daft dasjenige, was unseren Geist 
und unsere Seek ausfiillt, eben eine Ideologic ist. Er konnte also als 
gut Burgerlicher auch nichts anderes fassen, als dafi man ja ganz ge- 
rechtfertigterweise in der Ideologic drinnen lebe; wenn also das Pro- 
letariat darin lebe, so konne das nicht der Grund sein fiir die sozia- 
len Impulse der Gegenwart! 

Sie sehen, diese Dinge sitzen so griindlich in denjenigen drinnen, 
die heute «die Gebildeten» sind, daft man schon davon sprechen 
mufi : Fiir die Produktivitat des geistigen Lebens haben die Leute gar 
keinen Sinn. Von dieser Produktivitat des geistigen Lebens, von 
dem schaffenden Geist, von der Kraft des Geistes miissen wir vor al- 
ien Dingen den Menschen der Gegenwart einen Begriff geben. Das 
ist dasjenige, was in allererster Linie notwendig ist. Das ist das eine, 
bezuglich dessen wir uns keinen Illusionen hingeben diirfen, denn 
wir wiirden sonst nicht wissen, wie wir in die. Menschheit der Ge- 
genwart hinein reden konnen. 

Das zweite, um was es sich handelt, ist, dafi im Grunde genom- 
men durch die besondere Art des sozialen Lebens, wie es heraufge- 
kommen ist in den letzten Jahrhunderten, der Sinn fur den Bedarf 
des anderen Menschen verlorengegangen ist. Ohne diesen Sinn fiir 
den Bedarf des anderen Menschen gibt es aber uberhaupt keine Ge- 
staltung des Wirtschaftslebens. Das Wirtschaftsleben kann sich nur 
gestalten durch Menschen, die zunachst in ihren Gedanken uber das 
Wirtschaftsleben ganz absehen konnen von ihren eigenen Bediirfnis- 
sen und die ein Gefiihl haben fiir die Bediirfnisse irgendwelcher an- 
derer Menschen und dadurch lernen, sich in der Menschheit zu fiih- 
len. Einsichtsvolles Verstandnis fiir dasjenige, was man die Konsum- 
tion der Menschheit nennen kann, das ist es, was im Wirtschafts- 
leben notwendig ist. 



Das Wirtschaftsleben besteht ja aus Produktion, Warenzirkula- 
tion, Konsumtion. Aber die Produktion zu beherrschen, der Pro- 
duktion ihre richtige Kraft zuzufiihren, das ist in erster Linie gar 
nicht Sache des Wirtschaftslebens. Sie sehen das aus den «Kernpunk- 
ten»: Das Kapital wird zunachst in Zirkulation gebracht von dem 
geistigen Glied des sozialen Organismus. Die Art und Weise, wie 
man produziert, das ist eine durchaus geistige Frage. Eine wirtschaft- 
liche Frage ist im wesentlichen die Konsumtionsfrage. Natiirlich 
miissen diejenigen, die in den wirtschaftlichen Assoziationen drin- 
nenstehen, aus dem Geistesleben her die Moglichkeit haben, das 
Produzieren zu beherrschen, das Produzieren zu organisieren; aber 
die Intensitat der Produktion, die Art der Produktion lernt man nur 
kennen, wenn man einen Sinn hat fur die Bediirfnisse der anderen 
Menschen und nicht allein, auch nicht als Gruppe, fiir seine eigenen. 

Was ist aber heraufgezogen im neueren Leben? Uberall ist zuletzt 
in jenen Schwatzanstalten, die man mit dem Namen Parlament be- 
zeichnet, es ist ja eine wortliche Ubersetzung, also eine ganz berech- 
tigte; wir wollen uns hier einmal, ohne gerade in Chauvinismus ver- 
fallen zu wollen, der deutschen Ubersetzung bedienen fiir das Parla- 
ment, uberall ist in den Schwatzanstalten heraufgezogen der Usus, 
Interessengruppen zu bilden: Bund der Industriellen, Bund der 
Landwirte und so weiter. In dem zugrunde gegangenen Osterreich 
waren zunachst am Ausgangspunkte des Schwatzismus vier wirt- 
schaftliche Interessen-Kurien. Also gerade das Gegenteil von dem, 
was zu wirklichem wirtschaftlichem Verstandnis fiihrt, ist eigentlich 
in der letzten Zeit tatig gewesen. Interessengruppen, das heifk Leute 
waren da, die von vorneherein gesagt haben : Ich entscheide das, was 
ich fur das Richtige halte, danach, ob ich an der Sache interessiert 
bin. - Im Wirtschaftsleben kann jedoch nur etwas entschieden wer- 
den, wenn man abstrahieren kann von den eigenen Interessen und 
einen Sinn hat fiir die Interessen anderer. 

Ich hatte das einmal vor Jahren schon in jener Artikelserie ausge- 
sprochen, die erschienen ist unter dem Titel «Theosophie und sozia- 
le Frage». Da ist das mit einer gewissen Bestimmtheit formuliert, 
was ich jetzt sagte. Aber sehen Sie, mit solchen Dingen meinte ich 



immer etwas, was nicht nur geredet sein soil, sonst konnte man es ja 
auch im Parlament, in der Schwatzanstalt sagen, sondern mit solch 
einer Sache meinte ich immer etwas, was die ganze Menschheit an- 
geht, was eine Resonanz hervorrufen sollte. Ich habe aufgehort da- 
zumal, weil sich kein Mensch darum gekummert hat. Gewifi, theo- 
retisch wird sich mancher dafiir interessiert haben. Aber das geniigt 
seit langem nicht, dafi man sich nur theoretisch interessiert. Denn 
die sozialen Wirkungskrafte, die in fruheren Jahrhunderten herauf- 
gekommen sind in der Menschheit, die sind vorbei. Wir brauchen 
heute solche Worte, die auch unmittelbar in soziale Wirkungskraft 
tibergehen konnen. Was ich damit meine, wird Ihnen vielleicht klar 
werden, wenn ich folgendes sage. Nehmen Sie die radikalsten Sozia- 
listen, die Kommunisten, die Leninisten, die Trotzkisten und so 
weiter, nehmen Sie sie alle. Gehen sie aus von einem Urprinzip, 
mochte ich sagen, des sozialen Lebens? Nein, sie nehmen einen Rah- 
men, etwas, was schon da ist. Auch Lenin und Trotzki nehmen ja 
nicht irgendwie Sachliches als Grundlage, sondern den bestehenden 
Staat, von dem gehen sie aus. Auch die Kommunisten nehmen also 
nicht irgend etwas Sachliches, irgendein Territorium eines in sich 
zusammenhangenden Wirtschaftslebens und dergleichen, sondern 
sie nehmen bestehende Rahmen, gehen davon aus, weil sie sich nicht 
getrauen, auch wenn sie sonst noch so radikal sind, erst Rahmen zu 
schaffen. Sie getrauen sich nicht, vom Anfang an wirklich anzu- 
fangen. 

Sehen Sie auf einem anderen Gebiet sich um: In ganzen Scharen 
laufen heute selbst Gebildete dem romischen Katholizismus zu. Es 
ist jetzt eine jungkatholische Partei in Bildung begriffen, die wahr- 
scheinlich sehr starke Dimensionen annehmen wird. Warum? Weil 
die Leute sich heute nicht getrauen, die Anfange eines geistigen Le- 
bens in ihren Seelen zu suchen, weil sie sich nicht getrauen, von ir- 
gend etwas auszugehen, was urspriinglich ist. Sie wollen Anlehnung 
an etwas schon Bestehendes. Sie wollen in das hineinlaufen, was 
schon da ist. Denn starke innere Aktivitat, die aus Ursprunglichem 
heraus schopft, die wollen die Leute nicht. Das getrauen sie sich 
nicht. Das brauchen wir aber gerade. Dafiir mussen wir einen Sinn 



bei den Menschen erwecken. Und das ist dasjenige, was wir jetzt 
brauchen. Es ist hochste Zeit, dafi die europaische Zivilisation in ei- 
ner geniigend grofien Anzahl von Menschen zu einem Verstandnis 
kommt. Das ist das, was wir brauchen: von Ursprungsprinzipien 
ausgehen, und nicht in Abstraktionen sich dabei verlieren. 

Ich sprach dazumal in jenem Aufsatz «Theosophie und soziale 
Frage» aus, dafi das soziale Leben nur gesund werden kann durch 
Menschen, die von den Interessen der anderen ausgehen. Demgegen- 
iiber sagen die Abstraktlinge gewohnlich so: Das ist ja nichts Neues, 
das ist ja langst ausgesprochen. Wenn man sie dann fragt, wo es aus- 
gesprochen ist, dann erfahrt man: bei Schopenhauer. Der hat ja ganz 
richtig gesagt: «Moral predigen ist leicht; Moral begrtinden ist 
schwer»; Moral mufi namlich auf Mitgefiihl begriindet werden. Ja, 
sehen Sie, da haben Sie die Abstraktion! Bei Schopenhauer finden 
Sie eine leere Abstraktion, die als solche ganz richtig ist. Denn wenn 
Sie abstrakt werden wollen, konnen Sie sagen: Sinn haben fur die 
Interessen anderer, heifit Mitgefiihl haben. Aber Sie haben die kon- 
krete Tatsache, die Sie dazu fiihrt, ins Leben einzugreifen, in eine 
schattenhafte Abstraktion verwandelt. Und mit diesen schattenhaf- 
ten Abstraktionen ist etwas gegeben, womit die Leute sehr zufrie- 
den sind. Wenn Sie den Leuten mit ganz Konkretem kommen, wie 
es gerade in der Literatur der Dreigliederung versucht worden ist, 
dann kommen die Gegner und sagen: Ja, das ist ja alles schon da! 
Wenn man dann dem nachgeht, was sie meinen, so meinen sie irgend- 
eine schattenhafte Abstraktion. Der eine findet, dafi in Schopen- 
hauers Mitleidlehre schon alles das enthalten ist, worauf ich jetzt 
hingewiesen habe, der andere vielleicht sogar in Kants kategori- 
schem Imperativ und so weiter. Das ist ein Punkt, auf den wir scharf 
hinschauen mussen, damit wir die Moglichkeit finden, das Wesentli- 
che aufzugreifen. 

Und so ist es notwendig, dafi wir nicht aus irgendwelchen Vor- 
urteilen heraus iiber das Richtige reden, sondern dafi wir uns das 
Richtige fortwahrend diktieren lassen von dem, was wir um uns her- 
um bemerken, dafi wir uns belehren lassen durch dasjenige, was die 
Menschen haben, und vor alien Dingen durch dasjenige, was sie 



nicht haben. Aber dazu ist ja notwendig, daft wir uns mit dem, was 
in der Gegenwart lebt, wirklich bekanntmachen. 

Sehen Sie, es ist ja richtig, dafi man sich verteidigen mufi gegen die 
Angriffe, die jetzt von alien Seiten nur so hageln gegen die Anthro- 
posophie und auch gegen die Dreigliederung. Aber mit der Verteidi- 
gung allein ist es nicht getan. Dessen miissen wir uns voll bewufk 
sein. Wir konnen uns namlich noch so gut verteidigen, gegeniiber 
gewissen Stromungen in der Gegenwart, aus denen heraus die Per- 
sonlichkeiten kommen, die angreifen, ist mit Verteidigung gar nicht 
viel zu machen. Nehmen Sie zum Beispiel den Typus eines religio- 
sen Dadaisten, der neulich in der «Tat» geschrieben hat, Michel heifk 
er. Ein richtiger religioser Dadaist, das ist das, was ihn eigentlich 
kennzeichnet. Und nun konnen Sie da verteidigen soviel Sie wollen, 
mit solch einem Menschen werden Sie nicht fertig. Niemals werden 
Sie mit ihm fertig. Denn dasjenige, was von der Anthroposophie 
ausgeht, was von der Dreigliederung ausgeht, das versteht er ja auch 
nicht einmal in einem Nebensatz. Solch ein Mensch hat zum Bei- 
spiel das GefUhl, dafi er nur Substantive hinsetzen soil, wenn er 
schreibt. Obwohl er immerzu von der «Gnade» und dem, was ihm 
der Katholizismus gegeben hat, spricht, ist er in seinem Fiihlen und 
in seiner Empfindungsweise, die ja vom Standpunkt eines religiosen 
Dadaismus herruhrt, ganz materialistisch gesinnt. Wenn er also ir- 
gendwie nur wittert, dafi man, um einmal nun wirklich geistig zu 
denken iiber das Geistige, die Substantive auflosen muE, so nennt er 
das «Zerblasenheit des Stiles». Das ist von seinem Standpunkte aus 
ganz verstandlich. Aber Sie werden natiirlich in der Diskussion oder 
Verteidigung nie fertig. Man kann schon selbstverstandlich auf sol- 
che unreinlichen Finger klopfen, das ist ganz gut, aber erreichen 
kann man durch diese Dinge der Verteidigung allein doch nichts. 

Und dessen miissen wir uns ganz bewufit werden, wenn wir wir- 
ken wollen: Es kann sich heute nicht darum handeln, dafi wir bloft 
gegen die Angriffe uns verteidigen. Das mag manchmal notwendig 
sein. Aber das, um was es sich handelt, ist, dafi wir die Zeitstromun- 
gen, die da sind, die Richtungen, die da sind, genau kennenlernen 
und sie vor der Mitwelt riicksichtslos charakterisieren. Es handelt 



sich ja wirklich nicht um den Geist des Michel oder ahnliches, son- 
dern um diese besondere Sorte von religiosem Dadaismus. Der mull 
vor der Mitwelt charakterisiert werden. Es interessiert einen nicht 
der Herr Michel, sondern diese besondere Art von religioser Impo- 
tenz, die ja Stromung wird. Die miissen wir so darstellen, dafi sozu- 
sagen aus dem Spiegel heraus, aus dem wir den Menschen solche 
Stromungen zeigen, diejenigen Menschen, die ja auch da sind und 
noch ein gesundes Fiihlen haben, einsehen, um was es sich handelt. 
Das ist natiirlich sogar viel schwieriger, als blofi dialektische Vertei- 
digung. Aber das ist das ganz besonders Notwendige. Wir miissen 
uns bekanntmachen mit demjenigen, was in den Untergriinden un- 
serer Gegenwartszivilisation ist. Dann werden wir sie an der Wurzel 
fassen und werden sie vor die Gegenwart hinstellen. 

In dieser Beziehung ist manches enthalten in dem Material, wel- 
ches einfach dadurch vorliegt, dafi von mir Vortrage gehalten wor- 
den sind seit dem April 1919. Da ist immer versucht worden, in ei- 
ner gewissen Weise auf die in der Gegenwart wirkenden sogenann- 
ten Geistesstromungen und wirtschaftlichen Stromungen hinzuwei- 
sen, auch einzelne Personlichkeiten zu charakterisieren so, wie sie 
charakterisiert werden mufiten. Aber die Dinge sind zum grofien 
Teil eingesargt worden. Sie liegen da. Man hat sie gewift gelesen. 
Aber es mufi weitergearbeitet werden. Die Anregungen miissen auf- 
gegriffen, miissen weitergebracht werden. 

Das ist es, um was es sich handelt. Dann wird allmahlich - jetzt 
haben wir gar nicht mehr viel Zeit dazu, dafi das «allmahlich» lange 
noch dauern konnte -, dann wird allmahlich in unserer Bewegung 
der Dreigliederung des sozialen Organismus etwas entstehen, was 
positive, fruchtbare Kritik der ganzen Gegenwartszivilisation ist. 
Und auf diesem Untergrund einer durchgreifenden Kritik der Ge- 
genwartszivilisation mufi sich dasjenige aufbauen, was da an positi- 
ven Ideen in die Kopfe und in die Herzen hinein soil. Die Menschen 
miissen einsehen, wie das auseinandersplittert, was in den gegenwar- 
tigen Stromungen vorhanden ist und was ja zum grofien Teil nur 
Aufwarmung von etwas Altem ist. Denn wenn sie sehen, wie das 
zersplittert, dann werden sie geneigt sein, sich einzulassen auf das- 



jenige, was wir ihnen Positives sagen konnen, denn die fiihrenden 
Personlichkeiten bewegen sich eigentlich iiberall in Illusionen. Bis 
nicht von der oder jener Ecke etwas Katastrophales kommt, leugnen 
ja die Leute jede Gefahr ab. Das ist das Charakteristische der Gegen- 
wart. 

Man mufi sich also jeden Tag aufs neue bemiihen, den Leuten zu 
zeigen, wie dasjenige, iiber das sie sich einen Nebel vormachen, zer- 
splittern mufi. Von diesem Gesichtspunkte aus ist es aufierordent- 
lich interessant zu studieren, wie die Angst der fiihrenden Person- 
lichkeiten anfanglich doch gewirkt hat, noch als wir 1919 mit unse- 
rer Dreigliederungsbewegung begannen. Da war zunachst noch, al- 
lerdings nicht mehr lange, ein paar Wochen lang, eine allgemeine 
Angstmeierei vorhanden. In den ersten Wochen konnte man ganz 
gut sehen, wie bei gewissen industriellen, kommerziellen Leuten so 
halb und halb widerwillig die Frage entstanden ist, die sie natiirlich 
in ihrer Art aufgefafit haben : Wie kommen wir mit den Sozialisten 
zurecht? Wie sollen wir das oder jenes machen? Und sie haben sich 
herbeigelassen, wenn auch meistens mit Karikaturen von Sozialisie- 
rungsfragen, aber immerhin, sie haben sich herbeigelassen, iiber sol- 
che Dinge zu reden. Dann vergingen ein paar Wochen, die Soziali- 
sten machten Dummheiten iiber Dummheiten, dann waren die fiih- 
renden Personlichkeiten der alten Zeit wieder obenauf. 

Das ist eine interessante Bewegung, die da beobachtet werden 
konnte, denn sie zeigte, wie stark der Hang ist, einfach nicht zur in- 
neren Aktivitat uberzugehen, sondern sich eben dem Bestehenden 
hinzugeben, aus dem Bestehenden heraus zu arbeiten und sich gar 
nicht klarzumachen, dafi man im Grunde genommen auf einem 
Vulkan tanzt. Auch jetzt ist es durchaus so, dafi die Menschen ah- 
nungslos sind. Daher ist es notwendig, dafi man in den weitesten 
Kreisen Verstandnis hervorruft fur das Zersplitternde unserer Zivili- 
sation auf alien Gebieten. Wie man das findet, davon werden wir in 
diesen Vortragen sprechen. Ich wollte heute mehr das Formale her- 
vorheben und zeigen, worauf wir zunachst unsere Gedanken rich- 
ten sollen. Denn durch irgendwelche aufieren Dinge allein kommt 
man heute nicht zum wirksamen Vertreten einer Sache. 



Die Erziehung der Menschheit war eine durchaus theoretische 
durch lange Zeiten hindurch. Und jedem Menschen sitzt heute - und 
gerade den sogenannten Praktikern, deren Praxis ja im Grunde ge- 
nommen nur Routine ist - der Theoretiker im Nacken. Sie haben ir- 
gendein paar theoretische Phrasen, die «setzen sie in Wirklichkeit 
um». Daher ist die sogenannte Wirklichkeit, die Praxis, so unwirk- 
lich heute. Sie ist ja durch und durch unwirklich, weil die Menschen 
zu Theoretikern erzogen sind. Unser ganzes Schulwesen war darauf 
angelegt, die Menschen zu intellektualisieren, sie zu Theoretikern 
zu machen. Und das ist es, wozu wir kommen miissen: daft wir auf- 
horen, irgend etwas, was wir vertreten, nur theoretisch zu vertreten, 
- dafi jedes Wort eine innere Tat ist. 

Es ist ja aufierordentlich interessant, wenn man zum Beispiel die 
Debatten einmal auf sich wirken lafit, die in der Nationalokonomie 
dariiber gefiihrt worden sind, dafi nur physische Arbeit produktiv 
Guter schaffe, geistige Arbeit aber nicht, dafi geistige Arbeit unpro- 
duktiv sei. In der nationalokonomischen Literatur werden Sie breite 
Ausfuhrungen dariiber finden. Und gerade zwei der bedeutsamsten 
nationalokonomisch fiihrenden Personlichkeiten des 19. Jahrhun- 
derts sind von diesem Satze wie von einem Axiom ausgegangen: 
Karl Marx und Rodbertus. Beide vertreten den Standpunkt, dafi Gei- 
stiges keine Guter schaffe, daft nur physische Arbeit Guter schaffe. 
Diese Ansicht ist historisch zu verstehen. Aber so, wie sie vertreten 
wird, beruht sie darauf, dafi man zum Beispiel meint: Nun ja, eine 
Handarbeit, die erschopft sich, indem sie verrichtet wird, und die er- 
schopfte Kraft mull dann wiederum durch Ernahrung ausgeglichen 
und ersetzt werden; eine Idee aber erschopft sich nicht, wenn man 
irgend etwas erfunden hat, wenn nach der Schablone Tausende und 
Tausende Dinge nachgemacht werden. Das ist ein Argument, das 
sehr oft vorgebracht worden ist. Aber es ist ein Unsinn. Wenn man 
wirklich ausrechnen wiirde, wieviel Kraft man braucht, um eine 
Idee zu finden, wo wiirde man schon sehen, da$ dasjenige, was nun 
erschopfte Krafte sind, die ersetzt werden miissen, bei der Idee 
durchaus nicht geringer ist als das, was bei physischer Arbeit aufge- 
braucht wird, weil tatsachlich das, was im Denken verrichtet wird, 



ebenso vom Willen abhangig ist wie das, was mit der Hand verrich- 
tet wird. Man kann das gar nicht voneinander trennen. Es ist der 
grofke Unsinn, zu unterscheiden zwischen Kopf- und Handarbeit in 
Wirklichkeit. Aber die Dinge sind ja allmahlich zur Phrase gewor- 
den, weil die Tendenz vorhanden war gerade in den letzten Jahr- 
zehnten, Phrasen zu erzeugen aus demjenigen, was fruher noch tat- 
sachliche Wirklichkeit war. 

Das kann man, wenn man Erfahrung in diesen Dingen hat, Etap- 
pe fiir Etappe verfolgen. Ich erinnere mich, wie ich zum Beispiel ei- 
nen Vortrag gehort habe, den der Sozialistenfuhrer Paul Singer vor 
Proletariern gehalten hat. Da waren einzelne darunter, die haben so 
ein bifichen angefangen, von den «Schreiberseelen» geringschatzig 
zu sprechen. Sie hatten sehen sollen, wie da noch der alte Singer in 
seiner ganzen Fleischigkeit aufbegehrte und auseinandersetzte, dafS 
er sich das nicht gef alien lasse, dafi, wenn man geistige Arbeit ver- 
richtet, sie nicht der anderen Arbeit vollig gleichgestellt wiirde. Das 
war aber schon zu Beginn der neunziger Jahre. Seither konnte man 
den Gang des Phrasewerdens aus der Realitat heraus auch im Soziali- 
stenwesen durchaus beobachten. 

Auf solche Beobachtungen kommt es an, damit man sich in das' 
Leben hineinfindet und aus dem Leben heraus spricht. Natiirlich 
kann man das nicht in ausgiebigem Mafie von heute auf morgen. 
Aber man mufi den Sinn dafiir haben. Und hat man den Sinn, dann 
kommen gewisse Imponderabilien in unsere Rede hinein. Und dann 
wird unsere Rede schon so, dafi sie ihre Friichte tragt. 

Das ist es, was ich Ihnen zunachst wie eine formale Einleitung 
sagen wollte. 



ZWEITER VORTRAG 



Stuttgart, 13. Februar 1921 (nachmittags) 

Wir werden jetzt nur vorwartskommen, wenn es gelingt, die Dinge, 
die wir zur Gesundung der gegenwartigen Zivilisation vorzubringen 
haben, in geniigender Weise, das heifit in einer den einzelnen Leuten 
einleuchtenden Weise zu fundieren. Und vieles hangt davon ab, dafi 
wir bei den verschiedenen Fragen von stichhaltigen Ausgangs- 
punkten her unseren Weg nehmen. Vor alien Dingen mufi ein ge- 
sundes Urteil dariiber verbreitet werden, was es mit solchen Ausfuh- 
rungen, wie sie in den «Kernpunkten» enthalten sind, und mit al- 
lem, was sich daran anschliefit, eigentlich fiir eine Bewandtnis hat. 

Es handelt sich dabei um soziale Verhaltnisse und um die Bildung 
von sozial gerichteten Urteilen. Bei dem Aufsuchen solcher Urteile 
handelt es sich immer um folgendes: Wenn man aus der blofien Ver- 
standeslogik heraus iiber diese realen Verhaltnisse urteilt, an denen 
ja immer Menschen beteiligt sind mit ihrem Gefuhl, mit ihrem Wil- 
len - denn das ist ja der Fall bei den sozialen Verhaltnissen -, dann 
kommt man zu endlosen Debatten; und das mufi insbesondere bei 
Diskussionen durchaus ins Auge gefafit werden. Bei Dingen, die der 
labilen Wirklichkeit angehoren, an der Menschen beteiligt sind, 
mufi man von der Erfahrung, von einer irgendwie gearteten Erfah- 
rung ausgehen, nicht von der Verstandeslogik, weil sich immer von 
diesem oder jenem Standpunkt aus tatsachlich fiir eine Sache gleich 
viel dafur und dawider sagen lafit. Nur vom Standpunkt der Erfah- 
rung aus lassen sich diese Dinge beurteilen. Wir haben gerade des- 
halb so mannigfaltige und einander widersprechende sozial-politi- 
sche Anschauungen in der neueren Zeit bekommen, weil die Leute, 
die sie aufgestellt haben, nicht von der Erfahrung, von der Beobach- 
tung der Verhaltnisse ausgegangen sind und nicht aus dieser heraus 
geurteilt haben. 

Das ist in umfassendem Sinne in der Tat zuerst in den «Kern- 
punkten» versucht worden. Und man mufi den Leuten begreiflich 
machen, dafi eigentlich alles, was es in der Gegenwart an Wissen- 



schaft und Bildung gibt, zu einem solchen Urteil keine Grundlage 
schafft, ausgenommen allein dasjenige, was die anthroposophisch 
orientierte Geisteswissenschaft ist. Die geht ja nicht von Logik allein 
aus, sondern die geht aus von der umfassenden Erfahrung. Und man 
erzieht sich an ihr zu einem Urteil aus Erfahrung heraus, wahrend 
das Pochen auf Erfahrung bei unseren gegenwartigen Wissenschaft- 
lern ja nur eine Illusion ist. Sie reden zwar sehr viel von Erfahrung, 
urteilen aber im Grunde genommen aus der blofien abstrakten Intel- 
lektualitat heraus. Das tut unsere Geisteswissenschaft nicht. Daher 
erzieht sie auch ganz wesentlich zu einem solchen Erfahrungsurteil. 

Sehen Sie, der Mann, den ich neulich hier im offentlichen Vortrag 
erwahnt habe, der Nationalokonom Terhalle, er hat einen Aus- 
spruch eines ja auf diesem Gebiete nicht sonderlich mafigebenden 
Mannes angefuhrt, des Georg Brandes, der gesagt hat, es sei so 
schwer, in sozialen Verhaltnissen zum Richtigen zu kommen, weil 
die breite Masse des Volkes ja nicht nach der Vernunft, sondern 
nach Instinkten urteilt. Es macht leicht den Eindruck, wenn man 
selber durchaus glaubt, auf einem gewissen unfehlbaren Standpunk- 
te in der Beurteilung aller Dinge stehen zu konnen, daft alles, was so 
in der sozialen Gruppenseele auftritt, aus Instinkten heraus sei und 
nicht aus der Vernunft. Es ist auch in gewisser Beziehung durchaus 
berechtigt, so etwas zu sagen. Aber es bewirkt nicht sonderlich viel. 
Denn wenn nicht ein Mensch in Betracht kommt fiir das Zustande- 
kommen des Urteils, sondern Gruppen von Menschen - seien es 
Volksgruppen oder Klassengruppen -, so ist niemals moglich, aus der 
Vernunft heraus zu urteilen. Denn was als Urteil auftritt, entsteht 
nicht immer durch den Zusammenflufi desjenigen, was die verschie- 
denen Menschen denken, sondern auch desjenigen, was sie fuhlen 
und wollen. Da kann sich nie ein eindeutiges Urteil ergeben, gar nie. 

Es gibt vom Standpunkte der Vernunft aus kein eindeutiges sozia- 
les Urteil. Sozial urteilen kann man nur vom Standpunkt der Bild- 
lichkeit aus. Das diirfen Sie den Leuten nicht ohne weitere Erkla- 
rung sagen, weil es ohne solche miftverstanden wird. Aber wissen 
mufi man heute, wenn man irgendwie ein soziales Urteil fallen und 
begrunden will, daft das nur vom Standpunkt der Bildlichkeit aus 



moglich ist, das heifk von einem Standpunkte, dafi das Urteil so ist, 
dafi es sich biegen und formen la$t, dafil es gewissermafien, wenn das 
Wort auch verpont ist, eine Art kunstlerische Struktur hat und 
nicht eine bloft logische Struktur. Nur die Urteile, die eine solche 
bildsame Gestalt haben, die konnen auf das soziale Leben irgendwie 
anwendbar sein. Das ist etwas, was ich sagen mufke, um unserer Ab- 
sicht eine gewisse Richtung zu geben. 

Aufierdem aber ist es notwendig, heute die Leute daran zu ge- 
wohnen, einen gewissen gro£en Horizont zu haben. Wir stehen ei- 
gentlich heute einer Welt gegeniiber, wo jeder von dem denkbar 
kleinsten Horizont aus seine Urteile fallt, und zwar so fallt, dafi er 
glaubt, die Dinge seien unbedingt, seien unfehlbar richtig. Er iiber- 
sieht nichts anderes als das Allernachste; aber er urteilt uber alles. 
Das ist so das Charakteristikum unserer Zeit. Sie werden daher gese- 
hen haben, dafi bei alledem, was ich versuchte, gerade auch, es war ja 
dies auch schon fruher der Fall, seit dem April 1919 zu geben, mein 
Bestreben nicht darin bestand, iiberall fertige Urteile hinzustellen, 
sondern solche Dinge aufzuzeigen, aus denen heraus der Einzelne 
erst ein Urteil gewinnen kann. Unterlagen zu schaffen fur ein eige- 
nes, selbstandiges Urteil, das war gerade das Bestreben, dem ich ge- 
folgt bin seit dem April 1919. Das ist auch etwas, was man durchaus 
in weitesten Kreisen klarmachen sollte, dafi es sich bei uns nicht 
handelt um fertige, dogmatische Urteile, sondern dafi es sich handelt 
um Wegleitungen, die den Einzelnen dann befahigen, selbstandige 
Urteile zu bilden. Und Sie werden gut tun bei Ihrem Wirken, bei Ih- 
ren Reden, nicht allzuviel zu halten von fertigen, dogmatischen Ur- 
teilen, sondern Sie mufken vor alien Dingen darauf sehen, Unterla- 
gen zu geben fur ein Urteil, das sich der eine so, der andere so bilden 
kann; denn erst aus solchen Urteilen fliefit dann etwas zusammen, 
was wir in Wirklichkeit brauchen konnen. Es ist ja leider nur allzu 
wahr, dafi die gegenwartige Welt an Urteilen sehr reich ist, dafi sie 
aber im Grunde genommen weit weg ist von den tatsachlichen Un- 
terlagen zu berechtigten Urteilen. 

Und da komme ich nun gleich auf einen Punkt, den ich unseren 
Betrachtungen voranstellen will, auf einen Punkt, der fur Sie vor al- 



len Dingen klar sein mufi, von dem Sie, ich mochte sagen, mehr in 
der Formung Ihrer Reden ausgehen miissen, als daft Sie etwa genau 
dasselbe den Leuten sagen, was ich Ihnen nun hier auseinandersetze. 
Aber Sie miissen bei der Formung Ihrer Rede von dem Bewufitsein 
desjenigen ausgehen, was ich jetzt versuchen werde, auseinanderzu- 
setzen. 

Sehen Sie, innerhalb der europaischen Zivilisation traten ja im 
Laufe der letzten 100, 150, 170 Jahre iiber die verschiedensten Ge- 
biete des sozialen Lebens die mannigfaltigsten Urteile, die mannig- 
faltigsten Agitationen auf. Versuchen Sie nur einmal, eine Uber- 
schau zu halten iiber alles, was das 19. Jahrhundert an Ansichten ge- 
bracht hat iiber das soziale Leben, und Sie werden, wenn Sie diese 
Dinge durchgehen, immer sehen, dafi eigentlich jede einzelne solche 
Bestrebung immer wunde Punkte hat. Man sieht iiberall, dafi eine 
rechte Uberschau iiber das, was not tut, eigentlich doch nicht vor- 
handen ist. Die Leute, die iiber soziale Fragen in dem letzten Zeital- 
ter geurteilt und diskutiert haben, sie haben viel Scharfsinniges vor- 
gebracht, viel aufierordentlich Scharfsinniges. Aber es war alles so, 
daft man sich zuletzt doch sagen mufite: ja, all das bewirkt eigentlich 
in der Wirklichkeit nicht viel; man kann nichts machen mit dem, 
was von Nationalokonomen, von Praktikern und so weiter vorge- 
bracht worden ist iiber irgendwelche sozialen Einrichtungen und 
dergleichen. Man konnte das manchmal auf einem kleinen Gebiet 
brauchen, man konnte aber durchgreifend nichts damit anfangen. 
Und das liegt doch daran, dafi man im Grunde genommen seit fast 
zwei Jahrhunderten innerhalb Europas Fragen «lost» aus allerersten 
Grundlagen heraus - man glaubt sie wenigstens aus allerersten 
Grundlagen heraus zu losen -, die gar nicht aus diesen heraus zu 
losen sind. 

Ich mochte einen Vergleich gebrauchen, um das begreiflich zu 
machen, was ich sagen will. Wenn jemand sich ein Haus baut und 
das Fundament und das Erdgeschofi sind fertig, so darf ihm eigent- 
lich nicht einfallen, daft er nun einen ganz neuen Bauplan fur den er- 
sten, zweiten Stock haben will. Er mufi unbedingt in gewisser Weise 
so fortbauen, wie er das Fundament gelegt und den Grundplan ge- 



macht hat. Wenn irgend etwas im Gange ist, so kann man nicht aus 
den Fundamenten heraus wiederum etwas ganz Neues machen. - So 
war es aber in Europa. Nationalokonomen, sozialistische Agitato- 
ren, bourgeoise Agitatoren, Praktiker und so weiter haben die wirt- 
schaftlichen, die rechtlichen Fragen losen wollen, aber iiberall hin- 
gen die sogenannten Losungen eigentlich in der Luft. Man konnte 
eben auch da nicht einfach von den Fundamenten ausgehen. Wenn 
man das Ganze des modernen Zivilisationslebens - das ja immer 
mehr und mehr ein solches Ganzes wurde, aus dem man nicht ein- 
zelne Dinge herausnehmen konnte - im Auge hatte, konnte man 
einfach nicht anders, als sich sagen: Ja, schlieftlich, wir leben ja in 
der Entwicklung drinnen. Wir konnen nicht heute fragen: Was sind 
die ersten Fundamente der Rechtsverhaltnisse innerhalb der zivili- 
sierten Welt, was sind die ersten Fundamente der wirtschaftlichen 
Verhaltnisse innerhalb der zivilisierten Welt? Das ist etwas, was die 
Leute heute ganz und gar nicht berucksichtigen. Es ist zum Beispiel 
kurios in der Schweiz. Man glaubt, daft man mit Absehen von allem 
ubrigen der Welt besondere «schweizerische Verhaltnisse» ins Auge 
fassen und da wiederum iiber rechtliche und wirtschaftliche Verhalt- 
nisse denken kann. So hat man es aber im Grunde genommen wirk- 
lich gemacht seit mehr als zwei Jahrhunderten. Und dadurch ist 
eigentlich das Chaos im wesentlichen gekommen. Denn sehen Sie, 
man hat eben versucht, Fragen zu «losen» - losen mufi ich da unter 
Anfuhrungszeichen sprechen -, die eigentlich alle im 18. Jahrhun- 
dert, wenn ich mich jetzt auf meinen Vergleich beziehen darf, bis zu 
der Beendigung des Erdgeschosses gekommen waren. Man konnte 
nur den nachsten Stock darauf bauen auf das, was schon da war. Das 
alles ruhrte davon her, daft man innerhalb der europaischen Zivilisa- 
tion ganz die Moglichkeit verloren hatte, richtige Empfindungen zu 
haben iiber historische Ereignisse, iiber solche historische Ereignis- 
se, welche Fundamente legen fur das Leben, das aus ihnen dann her- 
vorgeht. Und wichtigste historische Ereignisse, die muft man richtig 
bewerten, wenn man spater urteilen will. Man kann nicht immer 
aus den Fundamenten heraus urteilen. 

Und da weise ich hin auf zwei wichtige Ereignisse, die, obgleich 



sie sehr weit hinter uns liegen, jetzt scharf ins Auge gefafit werden 
miissen. Denn sowohl unser geistiges, wie auch unser rechtlich- 
staatliches, wie auch unser wirtschaftliches Leben in Europa, fufien 
auf solchen Ereignissen, und man kann gar nicht iiber die moderne 
Zivilisation denken, ohne sich klar dariiber zu sein, was durch diese 
Ereignisse nach Europa hereingetragen worden ist. Das eine der Er- 
eignisse ist das von 1721. Es ist der Friede von Nystad, der den Nor- 
dischen Krieg beendet hat. Das andere der Ereignisse ist das von 
1763, der Friede von Paris, der die Differenzen zwischen Frankreich 
und den Freistaaten von Nordamerika und England zu einem Ende 
gebracht hat. Diese zwei Ereignisse sind eigentlich in der Tatsachen- 
welt mitten unter uns im europaischen Zivilisationsleben; uberall 
sind die realen Wirkungen da. Aber der Europaer hat vollstandig 
vergessen, an diese Ereignisse in der rechten Weise zu denken. Des- 
halb urteilt er uberall unwirklich. Die Tatsachen, die ich eben ange- 
fiihrt habe, stecken uberall drinnen. Ich mochte sagen: An jedem 
Friihstiickstische essen wir so, wie es gekommen ist durch diese 
zwei Ereignisse. Aber man will nichts wissen davon, wie man iiber- 
haupt nichts von der Wirklichkeit wissen will, sondern immer nur 
aus seinem Kopf heraus urteilt und logisch aus seinem Kopf heraus - 
aber wirklich - spinnt. Denn das meiste, was heute im sozialen Leben 
geurteilt wird, ist im Grunde genommen eigentlich ein Spinnen in 
der Bedeutung, wie das Wort im Volksmund vielfach gebraucht wird. 

Sehen Sie, wenn man diese zwei Ereignisse richtig bewerten will, 
so mufi man sich einen Zusammenhang vor Augen halten, der un- 
mittelbar zwischen diesen beiden Ereignissen und der europaischen 
Katastrophe, in der wir drinnenstecken, besteht. In der Menschheits- 
entwickelung ist es eben nicht so, dafi man blofi iiber ein paar Jahre 
hin urteilen kann, weil sich die Tatsachen einfach iiber grofiere Zeit- 
raume erstrecken. 

Die Dinge liegen ja so: Erst 1721, im Frieden von Nystad, ist es 
entschieden worden, dafi Rufiland als eine Macht, die in Betracht 
kommt sowohl im geistigen, wie im staatlich-rechtlichen, wie im 
wirtschaftlichen Leben, in die europaischen Verhaltnisse eingreift. 
Nun, das bedeutet aufierordentlich viel. Denn Rutland ist in bezug 



auf seine geistige Verfassung - wir halten uns da nicht an die Schlag- 
worte, sondern an die Wirklichkeit -, Rutland ist nun einmal in be- 
zug auf die geistigen Interessen der Menschheit heute noch durchaus 
eine asiatische Macht, eine orientalisch-moralische Macht. Sein See- 
lenleben ist in der Verfassung, wie wir sie nur kennen in bezug auf 
orientalische Verhaltnisse des Seelenlebens. Nur hineingeschoben in 
diese orientalische Seelenverfassung ist dasjenige, was durch Peter 
den Grofien gekommen ist, was dann dazu gefuhrt hat, dafi Rutland 
bis an die Ostsee vorgedrungen ist. 

Damit waren alle spateren Dinge schon entschieden. Und das ist 
wiederum etwas Charakteristisches : Europa hat fortdiskutiert dar- 
iiber, ob Rutland nach Konstantinopel kommen soil oder nicht. 
Das ist nicht das Wichtige gewesen, sondern das: ob es sich an euro- 
paischen Verhaltnissen uberhaupt beteiligen soli. Und diese Frage 
ist 1721 in dem Frieden von Nystad entschieden worden. Und das 
ist ja das Wesentliche im ganzen europaischen Diskutieren, daft man 
immerfort Fragen losen wollte, die eigentlich zum grofien Teil 
schon gelost waren. Es war die Losung schon bis zu einem gewissen 
Grade da, und man hat immer wieder von vorne angefangen, ohne 
Beriicksichtigung dessen, daft eben schon Tatsachen da waren. 

Was ist dadurch geworden? Wenn Sie die ganze Geschichte Euro- 
pas, insofern Rutland im 19. Jahrhundert daran beteiligt ist, neh- 
men, dann werden Sie sich sagen miissen: Diese Beteiligung Rufi- 
lands, denken Sie nur an die panslawistischen und an die slawophi- 
len Bestrebungen, die geht durchaus dahin, die geistigen Fragen des 
europaischen Lebens in einer orientalischen Weise aufzuwerfen. 
Vor dem Orient mufite ja zum Beispiel Rom in einer gewissen Wei- 
se kapitulieren. Der Orient wollte seine Seelenverfassung beibehal- 
ten; daher die Abspaltung des orientalischen Katholizismus von dem 
romischen Katholizismus. Das ist eine ganz andere Welt in bezug 
auf die Seelenverfassung. Das ist vor allem eine Welt, die immer da- 
hin tendiert hat, das, was im geistigen Leben hervortritt, mit dem zu 
verquicken, was weltliche, profane, staatliche Verwaltung ist. Man 
wollte in einer gewissen Weise in der staatlichen Leitung auch die 
religiose Leitung suchen. 



Dadurch hat das ganze Verhaltnis der europaischen Zivilisation 
zu dem Osten seine Konfiguration erhalten. Dadurch sind die Fra- 
gen entstanden, die wirklich dagewesen sind, also nicht diejenigen, 
von denen man getraumt hat und tiber die man sich so zahllosen II- 
lusionen hingegeben hat. Betrachten Sie nur alles, was im Osten auf 
der einen Seite die fortwahrende Tendenz der tschechischen Slawen 
und der Siidslawen nach Rutland war, welcher Rutland wiederum 
entgegenkam mit jenem, was ja im aufieren politischen Machtbe- 
reich nur Phrase war, was aber gerade ungeheuer verfuhrerisch auf 
die Herzen des russischen Volkes gewirkt hat: die Befreiung der 
Volker auf dem Balkan. Uberall sind es geistige Krafte! Da hinein 
mischte sich das andere, was wiederum geistig-nationale Verhaltnis- 
se sind: der Antagonismus zwischen dem polnisch-slawischen Ele- 
ment und dem russischen Element. Dadurch ist die ganze Situation 
fur Osteuropa gekennzeichnet. 

Und alles, was sich da im Geistigen abgespielt hat, das hangt ab 
von dem Gesamtleben der Zivilisation. Uber die Dinge, die sich so 
in der Menschheitsentwickelung abspielen, kann man nicht so re- 
den, dafi man blofi vom Partiellen ausgeht. Man kann einfach nicht 
sagen : es gibt im allgemeinen eine Ansicht, wie sich geistiges, wirt- 
schaftliches und politisch-rechtliches Leben zueinander verhalten 
sollen, sondern man kann nur unter gewissen real gegebenen Vor- 
aussetzungen uber diese Fragen sprechen. Und die ganze Art und 
Weise, wie das nach Europa hereinverpflanzte orientalische Geistes- 
leben gewirkt hat, hangt ganz und gar davon ab, dafi Rufiland in so 
ausgiebigem Mafie ein noch lange nicht vollstandig zu Ende gekom- 
menes Agrarreich ist, dafi da alles noch so ist, dafi man sagt : Die Na- 
tur gibt noch her, was eigentlich den Gesamtton der Lebenshaltung 
angibt. Solch eine Seelenverfassung, wie sie da von Osten her ins eu- 
ropaische Leben hineingekommen ist, hangt durchaus von demjeni- 
gen ab, was von dem landwirtschaftlichen aufierlichen Leben in 
Rufiland ermoglicht wird. Der einzelne Russe, ganz gleichgiiltig, 
welcher Klasse er angehort, wiirde diese Seelenverfassung nicht ha- 
ben, die er hat, wenn nicht das aufierliche Leben im Zusammenhang 
mit der Natur so innig ware. Fur das ganze orientalische Leben ist 



eine eigentliche Wirtschaftsfrage, also das dritte Glied im dreigliedri- 
gen sozialen Oganismus, nicht vorhanden. 

Es gibt iiberall fiir die ganze Welt diese drei Gebiete des mensch- 
lichen sozialen Lebens: das geistige Leben, das staatlich-rechtliche 
Leben und das Wirtschaftsleben. Aber die Seelenverfassung der Men- 
schen unter dem Einfluft dieser drei Glieder, die stellt sich immer an- 
ders dar, je nachdem ob die Menschheit nicht geneigt ist, hinzusehen 
auf das, was das Land gibt, oder ob sie gerade auf das hinsieht, was 
das Land gibt, Je weiter wir nach Osten hinuberkommen, um so 
mehr wird es selbstverstandlich, dafi man die Natur walten lafit, ihr 
dasjenige entnimmt, was sie hergibt, und damit wirtschaftet, ohne 
besonders das Wirtschaftsleben als solches zu organisieren. Und um 
was es sich in Rufiland handelt, ist, da$ man eben nicht notig hatte, 
das Wirtschaftsleben als solches zu organisieren, oder es wenigstens 
nicht notig fand. Das ist aber orientalische Denkweise. 

Die orientalische Denkweise geht, wenn ich so sagen darf, so we- 
nig wie moglich iiber den Standpunkt hinaus, den eine andere «Be- 
volkerung» der Erde in dieser Beziehung einnimmt. Das ist namlich 
die Tierwelt. Wer da glaubt, dafi diese Tierwelt nicht auch ein geisti- 
ges Leben hat und sogar in gewisser Beziehung ein staatlich-recht- 
liches Leben, der wiirde auf ganz falscher Fahrte sein. Das Tierleben 
hat durchaus auch eine geistige Welt und eine Art rechtliche Verfas- 
sung. Aber eine wirtschaftliche hat es nicht. Da nimmt es das, was 
ihm gerade die Natur gibt. Und von dieser Bevolkerung der Erde, 
dem Tierreiche, hebt sich moglichst wenig die orientalische Bevol- 
kerung ab, die gerade dadurch dieses ausgepragte, nach dem Bildli- 
chen, Intuitiven gehende geistige Leben hat, weil sie nimmt, was die 
Natur ihr bietet im Wirtschaftsleben, und iiber dieses Wirtschaftsle- 
ben eigentlich gar nicht besonders diskutiert, Alles, was an sozialer 
Struktur da ist, beruht eigentlich auf anderen Grundlagen als auf 
wirtschaftlichen Verhaltnissen, beruht auf Herrschaftsverhaltnissen, 
auf Erbschaftsverhaltnissen, aber nicht auf wirtschaftlichem Den- 
ken. Diese besondere Seelenverfassung, die ist die Voraussetzung da- 
fur, dafi man iiberhaupt auf das nationale Element soviel geben 
kann, wie im Orient gegeben wird darauf. 



Nun, Europa diskutiert seit zwei Jahrhunderten iiber die nationa- 
len und sozialen Fragen. Aber iiber beide hat man so diskutiert, daft 
man von den Elementen ausgegangen ist, ohne sich auf das Wirkli- 
che zu stellen, das schon da war. Man konnte einfach so, wie man 
im 19. Jahrhundert, besonders in der zweiten Halfte des 19. Jahr- 
hunderts und im Beginn des 20. Jahrhunderts iiber nationale und so- 
ziale Fragen gedacht hat, nicht mehr dariiber denken, nachdem dem 
nationalen Element diejenige Nuance gegeben war, die ihm gegeben 
war dadurch, daft ein asiatisches Element, das Slawisch-Nationale, es 
in der Weise, wie das der Fall war, durchfruchtet hat. So hat man 
anachronistisch eigentlich iiber nationale Fragen diskutiert. Die 
Dinge, die man noch immer diskutierte, waren langst abgetan. 

Man hatte sich bewuftt sein sollen, daft eines Tages einfach die 
grofte Frage auftauchen konnte, ob nicht der Orient uberhaupt das 
ganze Abendland iiberfluten konnte mit seiner Denkweise iiber das 
geistige Leben. Heute ist schon die Morgenrote dafiir da. Man disku- 
tiert im Orient, in Asien driiben, wie man es eigentlich machen soil, 
damit das ganze technisch-wissenschaftliche Zeug in Europa mit sei- 
ner Abstraktion, mit seinem Ausbeutertum und so weiter ver- 
schwinde und das asiatische Element des menschlichen Fiihlens und 
Empfindens, des Seelenhaften, die ganze Erde iiberziehe. 

In abstracto kann man sich naturlich wiederum einverstanden da- 
mit erklaren. Aber die Sache liegt doch so, daft das Seelen- und Gei- 
stesleben im Orient in der Dekadenz ist. Das hindert nicht, daft in 
den russischen Seelen Zukunftskrafte sind. Aber was da war, war 
vollstandig in der Dekadenz. Man kann nicht darauf rechnen, daft 
etwas vom Orient heruberkommen konnte wie eine Erlosung. Se- 
hen Sie, durch diesen Frieden von Nystad 1721 ist eigentlich iiber 
ganz Europa die besondere Nuance im nationalen Denken gekom- 
men, die dem Slawentum aufgedrangt worden ist. Und alles, was 
von da ausgegangen ist, das hat Europa in gewisser Weise angesteckt, 
richtig angesteckt dadurch, daft Ruftland teilnehmen konnte an den 
Europaischen Verhaltnissen. 

Und das Experimentierland - wenn man sich wirklich um die 
Weltverhaltnisse bekiimmern wiirde, nicht immer schon an den 



Grenzen seiner Staatsverhaltnisse haltmachen wiirde, so wiirde man 
so etwas einsehen -, das Experimentierland war Osterreich. Und 
Osterreich ist zugrunde gegangen aus dem Grunde, weil man dort 
fortwahrend Fragen diskutiert hat, die bis zu einem gewissen Grade 
langst in eine bestimmte Richtung gebracht waren. Osterreich ist 
mit seinem Slawenproblem nicht fertig geworden, weil es mit ihm 
nur hatte fertig werden konnen, wenn es einen Sinn entwickelt hat- 
te fiir die Urproduktion des Geistes, fur ein geistiges Leben, das aus 
seinen eigenen Elementen heraus kommt. 

Nicht wahr, man durfte ja iiber ein solches geistiges Leben zum 
Beispiel den Liberalen gegeniiber, ihnen gegeniiber am allerwenig- 
sten, iiberhaupt gar nicht reden. Denn sie sagten einem immer - und 
in solchen Landern, die Republiken sind, wird das noch immer 
nachgesagt -, diese Liberalen sagten immer: Ja, wenn wir die Schule 
dem freien Geistesleben ausliefern, dann wird sich der Katholizis- 
mus dieser Schule bemachtigen, dann sind wir ausgeliefert an den 
Klerikalismus. Das wenden die Leute ein! Aber dieser Einwand 
riihrt nur davon her, daft man sich als einzige Moglichkek denkt, an 
ein Geistesleben zu appellieren, das vor Jahrhunderten produktiv 
war, heute aber da ist als etwas Anachronistisches, als etwas Deka- 
dentes. In dem Augenblick, wo man sich bewuftt wiirde, daft wir ein 
frei schaffendes Geistesleben notwendig haben, wiirde man es als 
selbstverstandlich finden, daft diesem frei schaffenden Denken na- 
tiirlich das Schulleben gegeben werden muft. Aber weil die Leute 
nicht den Sinn dafiir haben, mit ihrem Willen teilzunehmen am 
Schaffen der Zivilisation, sondern weil sie sich lediglich hingeben 
wollen an etwas - sei es der Staat oder schon ein fertiges Wirtschafts- 
leben -, was sie nahrt, weil sie keinen Sinn dafiir haben, ihren Wil- 
len zu durchdringen mit etwas Schaffendem, daher treten solche ver- 
zagten Dinge auf wie dieses. Es handelt sich darum, daft man sich 
frei machen kann, ohne daft die Schule ausgeliefert wird an etwas 
Altes. 

Die Leute, die so reden, wie ich es eben angedeutet habe, die sa- 
gen: Ein neues Geistesleben bringen wir doch nicht hervor, daher 
wird das alte alles uberfluten. Da kann man naturlich leicht ein An- 



hanger von Spengler werden mit seinem «Untergang des Abendlan- 
des». Das ist dann schon gleichgiiltig, ob wir gar nichts tun oder alles 
der katholischen Kirche iiberliefern. Aber ein neues Geistesleben 
mufi eben da sein! Nicht das war das Falsche, dafi die Kirche einmal 
die Schule gehabt hat; denn alles, was wir jetzt haben in den Wissen- 
schaften, ruhrt ja von der einen Seite durchaus von der alten Kirche 
her. Das ist nicht das Falsche, sondern das ist das Falsche: wenn die 
traditionelle Kirche heute noch die Schule haben sollte, wo wir vor 
der historischen Notwendigkeit stehen, ein neues Geistesleben zu 
gewinnen. 

Also, es war nur die Impotenz Europas, liber ein neues Geistes- 
leben zu sinnen, das die Diskussion uber die nationale Frage herauf- 
gebracht hat. Es hatte von Mitteleuropa nach dem Osten hiniiber 
gewirkt werden miissen im Sinne eines produktiven Geisteslebens. 
Dann ware zweifellos daran erfroren, was in den panslawistischen 
und slawophilen Bestrebungen sich geltend gemacht hat. Dieses Gei- 
stesleben war im Anfang da. Um die Wende des 18. und 19. Jahr- 
hunderts hat man angefangen, ein freies Geistesleben zu schaffen, 
was wir «Goetheanismus» nennen. Aber es war nicht der Mut da, es 
festzuhalten - das auf der einen Seite. 

Auf der anderen Seite steht dasjenige, was man im sozial-wirt- 
schaftlichen Sinn diskutiert. Seit 1763, seit von Frankreich wichtige 
Gebiete an England abgetreten werden mufiten und damit der Ent- 
scheid daruber fiel, dafi Amerika in seinem Norden nicht roma- 
nisch, sondern angelsachsisch wird, war die wirtschaftlich-soziale 
Frage in ein ganz bestimmtes Fahrwasser gelenkt. Im 18. Jahrhun- 
dert sind also schon wichtige Entscheidungen da: Im Osten diejeni- 
ge von 1721 mit dem Frieden zu Nystad, und im Westen diejenige 
von 1763 mit dem Frieden von Paris. Diese zwei wichtigen Ent- 
scheidungen, die drinnenstecken im gesamten geistigen und wirt- 
schaftlichen Leben Europas, die mufi man ins Auge fassen, denn 
man kommt zu keinem Urteil, wenn man diese nicht ins Auge fafit. 
Und sehen Sie, man darf nicht so, wie man es heute von ganz sub- 
jektiven Standpunkten aus tut, die Dinge bewerten, die in der Welt- 
geschichte auftreten. Man kann auch manchmal nicht anders, als ge- 



wisse radikale Wortbezeichnungen gebrauchen: Der Orient hatte 
einmal eine grofie, gewaltige Urweisheit. Heute ist es so, dafi in ge- 
wissem Sinn der Orient mit seiner dekadenten alten Urweisheit der 
Barbarei verfallen ist. Denn Barbarei ist nichts anderes, als wenn die 
urspriinglichen menschlichen Instinkte rationalisiert werden, wenn 
sie durch den Verstand und durch das blofie Kopfleben dirigiert wer- 
den. Wenn wir aber den Orientalen einen Barbaren nennen und von 
der Barbarei in diesem Schillerschen Sinn bei dem Orientalen, na- 
mentlich bei dem Russen, reden, dann miissen wir, je weiter wir 
nach Westen vordringen, indem wir von England ausgehen und 
nach Amerika himibergehen, dann miissen wir im selben Sinne die- 
se westliche Zivilisation nicht Zivilisation nennen, sondern Wild- 
heit. Diese ist das Gegenteil von Barbarentum. Der Barbar tyranni- 
siert Herz und Gemut durch den Kopf; der Wilde tyrannisiert den 
Kopf durch das, was aus dem ubrigen Organismus herauskommt, 
durch das Instinktleben. Und das ist im wesentlichen das westliche 
Leben, und dieses westliche Leben ist Anlage zur Wildheit! Im 
Grunde genommen, wenn man von Europas Ubertunchtheit ab- 
sieht, die sich in Amerika findet, so mufi man fragen : Was ist ameri- 
kanische Kultur? Es ist, radikal gesprochen, Wildheit. Aber dahinter 
steckt nicht eine chauvinistische Agitation! Wenn man dieses ameri- 
kanische Leben wirklich seinem Wesen nach erkennen will, so mufi 
man sich sagen : eigentlich hat da nicht der Europaer uber die India- 
ner innerlich gesiegt - aufterlich, ja! -, aber innerlich hat eigentlich 
sich der Europaer durchtrankt mit dem Indianerleben. Die Instinkte 
sind Herr geworden. Und das ist das Wesentliche: die Ansteckung 
des Europaers mit indianischen Instinkten. Denn es ist nicht nur so, 
dafi der Europaer, wenn er langere Zeit druben lebt, langere Arme 
bekommt und dergleichen - das ist etwas, was anthropologisch kon- 
statiert ist -, sondern auch die Seelenverfassung wird anders. Es 
kommt ja nicht darauf an, was der Mensch fur Begriffe und Vorstel- 
lungen hat, sondern was er als Gesamtmensch fur eine Verfassung 
hat. Und da mufi man sagen: je weiter man nach Westen vorgedrun- 
gen ist, desto mehr ist das angelsachsische Wesen in die Wildheit 
ubergegangen. 



Diese Wildheit liegt durchaus vor. Und sie basiert darauf, daft 
nun wiederum die wirtschaftliche Frage nicht eigentlich in Diskus- 
sion ist. Im Orient wird die gesamte soziale Struktur durch die 
besondere Art, die ich Ihnen geschildert habe, absolutistisch. Im 
Westen wird sie anarchisch. 

Studieren Sie einmal, was sich im Westen geltend gemacht hat. 
Man baute auf die Unerschopflichkeit des Wirtschaftslebens, indem 
man es immer speiste von den Kolonien aus, indem man aus der Un- 
erschopflichkeit heraus arbeitete und nicht darauf angewiesen war, 
dafi man dieses Wirtschaftsleben durchdachte. Das westliche Wirt- 
schaftsleben ist ja durchaus darauf aufgebaut, daft aus den Kolonien 
soviel wie moglich herausgeholt wird, ob die Kolonien nun innen 
oder aufkn liegen, ist gleichgiiltig. Es ist ja durchaus bezeichnend, 
wenn Sie verfolgen, wie in den achtziger und neunziger Jahren des 
vorigen Jahrhunderts immer weitere und weitere Gebiete in Ameri- 
ka dafiir gewonnen worden sind, Produkte wie Feldfriichte, Weizen 
und so weiter, zu liefern. Da schopfte man aus der Natur heraus. Da 
hat man nicht notig, besonders iiber das Wirtschaftsleben nachzu- 
denken. Da ist es einem naturlich gleichgiiltig, was Assoziationen 
im Wirtschaftsleben bedeuten, denn das Wirtschaftsleben wirkt aus 
der Unerschopflichkeit heraus. Aber es geschieht doch etwas : es bil- 
det sich eine wirtschaftliche Struktur. Englands Struktur beruht dar- 
auf, daft es Indien hat. In Amerika bildet sich ein gewisses wirt- 
schaftliches Leben. Dieses hat dem ganzen Westen seine Struktur 
aufgedriickt in bezug auf das ganze soziale Leben. Da ist etwas ent- 
standen, was nur zu einem wirtschaftlichen Handeln gefiihrt hat, 
das aus der Unerschopflichkeit heraus geworden ist. 

Im Osten tendierte das dekadente Geistesleben, das das wirt- 
schaftliche Leben gar nicht beriicksichtigt, zur absoluten Herrschaft 
iiber alle Gebiete des sozialen Lebens; im Westen bildete sich durch 
die Assimilierbarkeit des angelsachsischen Elementes dasjenige aus, 
was ich eben jetzt charakterisiert habe. In diesen Gegensatz von Ost 
und West war die moderne Zivilisation gestellt. 

Es ist interessant, zum Beispiel zwei Leute einander gegeniiberzu- 
stellen: Rodbertus, den deutschen Nationalokonomen, der, trotz- 



dem er ein ziemlich vorurteilsfreier Mann war, sogar ins Ministeri- 
um kommen konnte - was sehr viel sagen will - und, sagen wir, Karl 
Marx. Ein Mensch wie Karl Marx war nur dadurch moglich, dafi er 
zuerst das Denken in Mitteleuropa lernte und nachher sich die wirt- 
schaftlichen Verhaltnisse im Westen ansah. Was Karl Marx fur das 
Proletariat geleistet hat, hatte er nie leisten konnen, wenn er etwa in 
Deutschland geblieben ware. Das ist nur dadurch gekommen, daft er 
das Denken in Deutschland gelernt hat, dafi er die Art und Weise, 
wie man damit umgeht, in Frankreich, in Paris kennengelernt hat 
und dafi er dann ein aus dem Unerschopflichen heraus wirkendes 
Wirtschaftsleben mit allem, was dazu gehort, in England kennenge- 
lernt hat. Und auf dieses letztere konnte er erst bauen. Ebenso ist 
charakteristisch - also vergleichen Sie zwei solche Leute, Rodbertus 
und Karl Marx -, dafi Rodbertus urteilt wie ein plotzlich soziali- 
stisch gewordener - das ist ja ein Ausnahmefall naturlich -, wie ein 
plotzlich sozialistisch gewordener pommerscher Rittergutsbesitzer. 
So etwa urteilt er, das ist interessant; denn wenn Sie sich zwei solche 
Gegensatze wie Rodbertus und Karl Marx vor Augen halten, dann 
kommt sehr viel Interessantes heraus! Aber von diesem Ausgangs- 
punkt ist Rodbertus zu verstehen : ein plotzlich sozialistisch gewor- 
dener pommerscher Rittergutsbesitzer! Ein solcher weifi sehr gut, 
dafi man nirgends die Landwirtschaft entbehren kann; er weifi, was 
diese in der Volkswirtschaft bedeutet. Die anderen reden Zeug zu- 
sammen, das sehr gut den Leuten eingeht, die schon in der Jugend 
nicht zu unterscheiden lernten Gerste von Weizen, weil sie in der 
Stadt gelebt haben. Aber das weifi ein solcher Mann wie Rodbertus. 
Er weifi auch, was die Uberlastung der Landwirtschaft durch Hypo- 
theken bedeutet. Hat er dazu noch sozialistische Alluren, wie er sie 
gehabt hat, dann verdirbt er sich das eine durch das andere nicht zu 
stark. Es kommt zwar etwas Fragliches zustande. Aber es wird doch 
das eine durch das andere korrigiert. Und dann kommt etwas halb 
Geniales heraus, wie es bei Rodbertus zutage getreten ist. Also ver- 
gleichen Sie das mit demjenigen, was Karl Marx gesagt hat, so wer- 
den Sie sich sagen: Der Proletarier von heute, im weitesten Sinne 
des Wortes, der findet, dafi ihm das sofort einleuchtet, was Karl 



Marx gesagt hat. Warum findet er das? Weil das aus einem Nur- 
Wirtschaftsleben heraus gedacht ist, und der Proletarier nur im 
Wirtschaftsleben drinnensteht, und weil es doch scharfsinnig ist, 
denn Karl Marx hat in Deutschland denken gelernt. Aber von der 
Art und Weise, wie das Wirtschaftsleben wird, wenn alles nur wirt- 
schaftlich gedacht ist, davon konnte sich der Deutsche doch keinen 
Begriff machen. Er kann es auch heute noch nicht. Er konnte es erst, 
wenn er sich sagen wiirde: Ich mufi eine Realitat schaffen, wo nur 
wirtschaftlich gedacht werden kann. Das ist innerhalb des dreiglied- 
rigen sozialen Organismus. 

Was sonst hervortritt, auch das, was grofi ist in westlichen Lan- 
dern, nehmen Sie den Darwinismus, nehmen Sie Manner wie Spen- 
cer, Huxley oder irgendwelche Wissenschafter Amerikas bis hinauf 
zu Emerson, Whitman, und so weiter, alles, alles ist im Grunde ge- 
nommen im Geistesleben doch so, dafi man sagen mufi: der Kopf 
denkt, was der Bauch ausbriitet. Es sind umgewandelte, umgesetzte 
Instinkte. Es ist eigentlich nur wirtschaftlich gedacht. Es ist nur da- 
nach gedacht, wie man ifit und trinkt. Das ist im weitesten Ausmafi 
und in allerintensivster Art der Fall. Gewifi, es bemerken es viele 
Menschen der Gegenwart nicht. Und wenn man es sagt, nehmen sie 
es als Schimpf. Aber es ist nicht als Schimpf gemeint. Es ist ja zu glei- 
cher Zeit etwas Grofies, es ist das einzig Grofie in der neueren, in 
der neuesten Zivilisation, diese Art des Denkens. Aber es ist einmal 
so. Und zwischen diese beiden Extreme war nun tatsachlich die eu- 
ropaische Zivilisation seit dem 18. Jahrhundert hineingezwangt. 
Nur die Leute, die man ausgeschlossen hat von dieser europaischen 
Zivilisation, die man nur an die Maschine gestellt hat, die haben ein 
Denken an die Oberflache gebracht, das eben scheinbar keinen Zu- 
sammenhang, aber in Wirklichkeit den allertiefsten Zusammenhang 
mit diesen Verhaltnissen hat: das ist die proletarische Welt. Und 
es ist hochst interessant, wenn man die Dinge wirklichkeitsgemafi 
betrachtet. 

Osterreich, sagte ich schon, war das Experimentierland. In den 
siebziger, achtziger Jahren des osterreichischen Staatslebens treten 
ganz merkwurdige Dinge auf. Auf der einen Seite wird viel disku- 



tiert iiber die Slawenfrage. Manche nannten sie in besserer Weise 
den «6sterreichischen F6deralismus». Das ganze geistige Leben in 
Osterreich, dieses eine Glied des dreigliedrigen Organismus, be- 
kommt seine Struktur vollig von dieser Diskussion iiber die Slawen- 
frage. Das andere ist: es treten auf - man findet es in den Nebensat- 
zen der Parlamentsreden viel mehr, als dafi man sagen konnte, es ist 
geradezu herausgehoben in der richtigen Weise -, es treten auf 
furchtbare Befurchtungen iiber den Untergang des osterreichischen 
Wirtschaftslebens durch den Amerikanismus, durch die angelsachsi- 
sche Wirtschaft. Man konnte in Osterreich iiberall sehen, wie der 
Export, zum Beispiel an Getreide aus Ungarn, beeintrachtigt wird 
durch dasjenige, was von Westen kommt. Ganz einsichtsvolle Leute 
sagten dazumal in Osterreich: Der Zug von Westen nach Osten, der 
iiberflutet unser Land mit Hypotheken, die Landwirtschaft geht all- 
mahlich zugrunde. Das waren durchaus Hinweise auf Symptome, 
die tieferen historischen Grundlagen entsprachen, so dafi dazumal in 
Osterreich viel die Rede war von demjenigen, was auf der einen Sei- 
te hereinleuchtete als die Slawenfrage in geistiger Beziehung, und auf 
der anderen als die Agrarfrage in wirtschaftlicher Beziehung. 

Und da tauchte zum Beispiel, ich glaube es war 1880, gerade in 
Osterreich ein merkwurdiger Plan in einzelnen Kopfen auf, der ei- 
nem eigentlich einen sonderbaren Eindruck machte; es ist auch im 
osterreichischen Parlament davon die Rede gewesen: der Plan eines 
Volkerbundes tauchte auf, eines Volkerbundes allerdings in der 
Form, daft man sagte: Westeuropaischer Volkerbund. Aber Bund- 
nisse kann man nicht so schliefien, dafi man die ganze Welt damit 
umfafit; das ist ein Unsinn. Das kann nur im Kopf eines solchen Ab- 
straktlings, wie es Woodrow Wilson ist, auftauchen, dafi man die 
ganze Welt zusammenfalk. Wenn das ware, dann brauchte man na- 
tiirlich kein Biindnis mehr. Also, schon in den achtziger Jahren trat 
diese Idee eines Volkerbundes auf. Da sehen Sie wiederum so etwas, 
wovon man sagen kann: Ja, es sind im Laufe des 19. Jahrhunderts 
ganz sporadisch die Impulse aufgetaucht, die man eigentlich 
braucht; aber sie wurden immer iiberflutet von ihren uneigentlichen 
Losungen, die immer vorgebracht wurden, ohne Beriicksichtigung 



der geschichtlichen Wirklichkeit. Wo auch immer die Wirklichkeit 
hereingeleuchtet hat in das menschliche Betrachten, da wurde sie 
sogleich ausgemerzt. Denn der neuere Mensch ist nun einmal ein 
Theoretiker. 

Und das ist es, was ich Ihnen besonders ans Herz legen mochte : 
Wenn es Ihnen nicht gelingt, den theoretischen Menschen abzule- 
gen, bevor Sie nun hinausziehen, so werden Sie nichts erreichen. Sie 
mussen den theoretischen Menschen ablegen, miissen aus der Wirk- 
lichkeit heraus versuchen zu sprechen. Das mag besser oder schlech- 
ter gelingen, darauf kommt es nicht an. Aber darauf kommt es an: 
auf das Sprechen aus wirklichen Grundlagen heraus. Darum wollte 
ich heute keine Urteile abgeben, sondern Sie auf die Tatsachen hin- 
weisen. Ich sagte Ihnen : Betrachten Sie das, was sich herausgebildet 
hat durch den Frieden von Nystad 1721 und durch den Frieden von 
Paris 1763. Sie konnen alles, was die Geschichte darbietet, betrach- 
ten: Sie haben einen Gesichtspunkt. Sie werden es uberall finden, 
was heute noch uberall in das geistige, staatlich-rechtliche und wirt- 
schaftliche Leben hereinspielt. Ich mochte nur auf einen Weg hin- 
leuchten. Denn wenn man aus dem eigenen Urteil seine Worte be- 
flugeln lafk, kann man etwas erreichen - nicht, wenn man nur nach- 
spricht. 



DRITTER VORTRAG 



Stuttgart, 13. Februar 1921 (abends) 

Aus den Vorgangen, die sich namentlich in der Gegenwart abspie- 
len, werden Sie ja ersehen, dafi heute alles Reden iiber soziale Ange- 
legenheiten doch ohne das richtige Fundament ist, wenn man die in- 
ternationalen Verhaltnisse nicht beriicksichtigt. Deshalb habe ich 
fur diese Betrachtungen gerade den Weg gewahlt, der sich durch die 
gestrigen und heutigen Auseinandersetzungen schon verraten hat. 
Ich mochte ausgehen von einer kurzen Darstellung gewisser interna- 
tionaler Verhaltnisse, um dann, so fundamentiert, zu unserer eigent- 
lichen Aufgabe kommen zu konnen. 

Die vorhin gemachten Andeutungen werden Sie vor die Frage 
stellen : Wie hat man nun zu denken, um zu einer moglichen Losung 
der groften weltgeschichtlichen Fragen von heute und der nachsten 
Zukunft zu kommen, wie hat man zu denken gegeniiber dem 
Westen auf der einen Seite, gegeniiber dem Osten auf der andern 
Seite? 

Sie konnen ja unschwer einsehen, daft heute alles gewissermafien 
im Denken der Menschen unifiziert wird. Nicht wahr, der Mensch, 
der heute iiber die Weltverhaltnisse urteilen will, der denkt etwa in 
einer gewissen Frage nach folgendem Schema. Er sagt: Nach dem 
Westen hin haben wir die Aussicht, fur die nachsten Jahrzehnte den 
Bestrebungen gegenubergestellt zu sein, die Mitteleuropa verfronen 
wollen. Man wird Mitteleuropa zur Fronarbeit zwingen. Und man 
kann dem, was da droht, nur entgehen, wenn man gewissermafien 
die Orientierung, und man meint damit ungefahr dieselbe Orientie- 
rung, die der Westen uns angedeihen lafk in Mitteleuropa, wenn 
man diese Orientierung nun nach dem Osten einnimmt, also wirt- 
schaftliche Beziehungen nach dem Osten ankniipft und gewisserma- 
fien fiir das, was nun in Deutschland erwirtschaftet wird, Absatz- 
quellen im Osten sucht. Da man eben gewohnt geworden ist, alles 
nur wirtschaftlich zu betrachten, so dehnt man das Schema nun 
nach dem Osten aus. 



Das ist eigentlich mit Ausschlufi jeder wirklichkeitsgemafien Be- 
trachtung gesprochen. Und deshalb wollte ich vorhin voraus- 
schicken, wie der Osten und der Westen an unserem gesamten mo- 
dernen Zivilisationsleben beteiligt sind, damit ein Weg geschaffen 
werde fiir eine Urteilsgewinnung nach dieser Seite. Die Frage ist 
eben: Ist es aussichtsvoll von seiten der tonangebenden wirtschaf- 
tenden Menschen, die sich etwa eingliedern in jene Konfiguration, 
die, unter dem Einflufi des alleinseligmachenden Wirtschaftslebens, 
dasjenige annehmen soil, was man weiterhin das «Deutsche Reich» 
nennt, ist es aussichtsvoll, dafi da nun wirtschaftliche Beziehungen 
nach dem Osten, wirtschaftliche Beziehungen als solche, unmittel- 
bar angeknupft werden? 

Wer abstrakt nach dem Schema, wie man heute denkt, sich die Sa- 
che zurechtlegt, sagt sich: Ja! Wer aber dasjenige beachtet, was das 
ganze Geistes-, Staats- und Wirtschaftsleben des 19. Jahrhunderts 
und uberhaupt des letzten Zeitalters uns lehrt, der wird wahrschein- 
lich zu einem anderen Urteil kommen. Denn nehmen Sie nur ein- 
mal die realen Tatsachen, die da vorliegen : Wir haben reichlich Ge- 
legenheit, zu sehen, wie hingebungsvoll und wie gerne der europai- 
sche Osten das Geistesleben Mitteleuropas aufnimmt, wenn wir auf 
die Verhaltnisse sehen, die im 19. Jahrhundert bis etwa zu seinen 
letzten Dezennien sich abgespielt haben. Denn wenn Sie auf das 
Geistesleben Rufilands eingehen und sich fragen : Wie ist es denn ei- 
gentlich zustande gekommen? - so werden Sie sehen, dafi in diesem 
ganzen Geistesleben Rufilands ein Zweifaches lebt. 

Erstens leben uns durch und durch in dem wirklichen russischen 
Geistesleben, in alledem, was uns da entgegengekommen ist und was 
Mitteleuropa aus einer gewissen Sensationslust, die in den letzten 
Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts eingetreten ist, aufgenommen hat 
- da leben uns durchaus die Reflexe gut mitteleuropaischen Denkens 
entgegen. Mit grofier Willigkeit, mehr als innerhalb Deutschlands 
selber, wurden die deutschen Denker und alles, was mit deutschem 
Denken zusammenhangt, in Rutland aufgenommen. Sogar in ganz 
konkreter Weise berief man ja gerade in der ersten Halfte des 19. 
Jahrhunderts deutsche Personlichkeiten zur Einrichtung des russi- 



schen Bildungslebens. Uberall kann man sehen, wie dasjenige, was 
an konkreten Gedanken und Absichten fiir Institutionen in Rut- 
land vorliegt, auf die Einwirkung Mitteleuropas, und zwar deut- 
scher Personlichkeiten, hin entstanden ist, die gerade so zustande ge- 
kommen ist, wie einstmals sagenhaft die Rurik-Herrschaften, von 
denen man ja immer die Worte abgeleiert hort: die Russen hatten 
das und das und alles mogliche, nur keine Ordnung; deshalb wenden 
sie sich an die drei Briider und sagen, die sollen ihnen Ordnung ma- 
chen. So ungefahr war es im ganzen 19. Jahrhundert mit Bezug auf 
alles das, was als geistige Quellen des Lebens vorliegt im Verhaltnis 
zu Mitteleuropa. Uberall, wo man etwas gebraucht hat, um Konkre- 
tes aufzunehmen, uberall wandte man sich an Mitteleuropa oder 
Westeuropa. Aber die Reaktion gegeniiber den beiden Gebieten war 
eine durchaus verschiedene. Das mitteleuropaische Leben lebte sich 
ein in das russische mit einer gewissen Selbstverstandlichkeit, ohne 
dafi man viel Wesens davon machte, und es lebt weiter. Das mehr 
westeuropaische Geistesleben, das lebte sich so ein, dafi man viel 
Wesens daraus machte, dafi es einen gewissen konkreten, sensatio- 
nellen Anstrich annahm, dafi es mit einem gewissen Pomp, mit ei- 
nem gewissen dekorativen Element sich einlebte. Das ist etwas, was 
durchaus beriicksichtigt werden muli. Nehmen Sie den bedeutend- 
sten russischen Philosophen Solovjev. Solch ein Philosoph hat inner- 
halb des russischen Lebens eine ganz andere Bedeutung als ein Philo- 
soph innerhalb des mitteleuropaischen Lebens. Alles das, was an Ge- 
danken in ihm ist, ist mitteleuropaisch, ist hegelisch, ist kantisch 
oder goethisch und so weiter. Wir finden uberall nur die Reflexe un- 
seres eigenen Lebens, wenn wir uns diesen Philosophen hingeben in 
bezug auf ihre konkreten Gedanken. Man kann sogar sagen : Was an 
konkreten Gedanken bei Tolstoj vorhanden ist, ist mitteleuropaisch 
oder westeuropaisch - aber mit alien Verschiedenheiten, die ich 
eben auseinandergesetzt habe. Sogar fiir Dostojevskij gilt dasselbe, 
trotz seiner Verbohrtheit in russisch-nationalen Chauvinismus. Das 
alles ist die eine Seite. 

Sie sehen aber gerade, ich mochte sagen, mit einer gewissen Ein- 
stimmigkeit, in Rufiland Ablehnung auftreten, als Rufiland Ende 



des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts von den wirtschaftlichen Ma- 
chinationen Mitteleuropas beriihrt wird. Denken Sie nur an die 
Aufnahme gewisser Handelsvertragsbestimmungen und derglei- 
chen. Und denken Sie, wie mimosenhaft sich das russische Element 
verhalten hat - abgesehen von den Schreiern -, wie mimosenhaft 
sich Rufiland als Volkselement verhalten hat in der Ablehnung ge- 
gen das, was da als rein wirtschaftliche Invasion sich geltend ge- 
macht hat oder als wirtschaftliche Machtentfaltung. 

Das alles miifite Wegleitung sein. Das alles mufke zeigen, daft es 
ein Handeln ware mit ungeeigneten Fingern, wenn man heute dar- 
auf ausgehen wiirde, ein Verhaltnis zum Osten hin zu tragen durch 
Handel oder sonstige wirtschaftliche Beziehungen. Worauf es an- 
kommt und was wir erreichen mussen trotz der grofien Schwierig- 
keiten, die gegeniiber dem bolschewistischen Element mit der Sache 
verbunden sind, das ist vor alien Dingen, nach Rutland das geistige 
Element, insofern es vom produktiven Geistesleben ausgeht, hinein- 
zubringen. Alles, was von einem produktiven Geistesleben ausgeht, 
erstreckt sich auf Anschauungen, auf Empfindungen, die das Gei- 
stesleben selbst oder das Staatsleben oder das Wirtschaftsleben be- 
treffen. Alles das wird ganz gut von dem russischen Element aufge- 
nommen werden. 

Denn das zweite Element zu dem ersten, das eigentlich nur in der 
Ubernahme der konkreten, namentlich deutschen Gedanken be- 
steht, das zweite Element am russischen Geistesleben, das ist eine, ja, 
wie soli man es nennen, eine undifferenzierte, vage - das ist nicht ir- 
gendwie agitatorisch gemeint, sondern wieder eine Terminologie -, 
eine vage Gemuts- und Gefuhlssauce. Das ist es ja auch, was zum 
Beispiel ganz charakteristisch beobachtet werden kann bei solch ei- 
nem Philosophen, der geradezu typisch ist fur das russische Element 
wie Solovjev: Die Gedanken sind urdeutsch. Aber sie treten in einer 
ganz anderen Form auf bei Solovjev als etwa bei den deutschen Den- 
kern. Auch das Goethesche tritt in einer ganz anderen Form bei So- 
lovjev auf. Es ist dariiber ausgegossen und hineingegossen, hinein- 
versetzt, eine gewisse Gemuts- und Gefuhlssauce, die dem Ganzen 
eine gewisse Nuance gibt. Aber diese Nuance ist auch das einzige, 



was dieses Leben unterscheidet. Und diese Nuance ist etwas Passi- 
ves, etwas Annehmerisches. Und das ist angewiesen darauf, das mit- 
teleuropaische Geistesleben aufzunehmen. 

In diesem Verkehr zwischen dem mitteleuropaischen Geistes- 
leben und dem russischen Volkselement kann sich etwas Grandioses 
fruchtbar fiir die Zukunft entwickeln. Aber man mufi einen Sinn 
haben dafiir, wie zivilisationsschopferisch gerade ein solcher Ver- 
kehr ist. Nur mufi er sich abspielen im rein geistigen Element. Er 
mufi sich abspielen in einem gewissen Element, das auf das Ver- 
haltnis gebaut ist zwischen Mensch und Mensch. Dieses Verhaltnis 
miissen wir gewinnen zum Osten. Und wenn das eingesehen wird, 
dann wird sich ganz von selbst in das, was da aus dem Geistesleben 
heraus geschieht, dasjenige hineinbegeben, was man nennen kann ei- 
ne selbstverstandliche Wirtschaftsgemeinschaft. Von der darf nicht 
ausgegangen werden, sonst wird sie unbedingt zuruckgeschlagen. 
Alles, was die Wirtschaftler nach dem Osten hin tun konnten, das 
wird uns ganz gewifi nichts bringen, wenn es nicht auf der Grund- 
lage desjenigen auf gebaut ist, was ich eben auseinandergesetzt habe. 
Das ist eine eminent sozial wichtige Frage, dafi man dieses ins Auge 
fafit. 

Das andere mufi uns das Verhaltnis zum Westen sein. Sehen Sie, 
den Westen zu belehren mit dem, was unser mitteleuropaisches Gei- 
stesleben ist, das ist ein Ding der Unmoglichkeit. Und mit dieser 
Unmoglichkeit sollte man durchaus rechnen, abgesehen davon, dafi 
es schon aufierordentlich schwierig ist, nur zur Ubersetzung zu 
bringen, was wir in Mitteleuropa denken, was wir in Mitteleuropa 
empfinden, was auch der Osten empfindet. Die ganze Art und Wei- 
se des Anschauens, wenn es sich um rein geistige Dinge handelt, ist 
durch und durch verschieden zwischen dem mitteleuropaischen Ge- 
biet einerseits und dem Westen und Amerika andererseits. Die Leute 
haben sich gewundert, dafi der Wilson so wenig von Europa verstan- 
den hat, als er nach Paris kam. Sie hatten sich weniger gewundert, 
wenn sie ein dickes Buch sich angesehen hatten, das Wilson schon in 
den neunziger Jahren geschrieben hat, es heifit «Der Staat». Das 
Buch, das ist eigentlich ganz unter Aufnahme europaischer Gelehr- 



samkeit geschrieben. Aber man soil nur anschauen, was daraus ge- 
worden ist, aus dieser europaischen Gelehrsamkeit ! Man hatte sich 
gar nicht gewundert, wenn man die Antezedenzien ins Auge gefaftt 
hatte, die vorlagen, man hatte sich nicht gewundert, daft der Wilson 
vom Europaischen nichts verstehen konnte. Das konnte er nicht. 
Denn insofern das Denken als solches in Betracht kommt, insofern 
ist es vergeblich, da irgendwie einen unmittelbaren Eindruck her- 
vorzurufen. Dagegen wiirde es ganz bedeutsam sein, wenn man sich 
einmal die Sache so vorstellte, daft man sagte, ja, wenn man etwa 
von Volk zu Volk verhandeln will mit dem Westen, so kommt man 
auf keinen griinen Zweig. Wenn man aber von den Verhandlungen 
ausschliefit die Staatsmanner und die Gelehrten, die Gelehrten auf 
alien Gebieten und die Staatsmanner erst recht, wenn man keine 
Staatsmanner nach dem Westen schickt, sondern bloft Wirtschaftler, 
dann werden die westlichen Menschen diese Wirtschaftler verste- 
hen, und es wird etwas Ersprieftliches dabei herauskommen. Nur 
auf dem Gebiet des Wirtschaftslebens wird man in unmittelbaren 
Verhandlungen etwas im Westen verstehn. Das heiftt aber nicht, 
daft man sich in bezug auf den Verkehr mit dem Westen lediglich 
beschranken sollte auf dasjenige, was Wirtschaftsleben ist. O nein, 
das braucht man nicht. Es ist ja zum Beispiel hochst interessant, sich 
manche Konzertsale, grofte Konzertsale, in westlichen Landergebie- 
ten und die Namen von beriihmten Komponisten anzuschauen, die 
da draufstehen: Mozart, Beethoven, Wagner und so weiter -, man fin- 
det in der Regel nur deutsche Namen. Also Sie konnen sicher sein : 
Wenn man bloft aus der mitteleuropaischen Denksubstanz heraus in 
Westeuropa Eindruck machen mochte, wiirde man nicht sehr wek 
kommen, weder bei dem romanischen noch bei dem angelsachsi- 
schen Element. Das schlieftt nicht aus, daft man naturlich auch iiber 
das, was in Mitteleuropa gedacht wird, zu den Leuten reden kann. 
Selbstverstandlich kann man das. Aber man muft in anderer Weise 
reden als in Mitteleuropa, wo man auf das Vorstellungsleben, das 
Gedankenleben in erster Linie Rucksicht nimmt. Nehmen Sie ein 
grofteres Beispiel: Mehr noch als das, was zumeist heute in unserem 
Dornacher Bau tradiert wird, versteht der Westeuropaer, und auch 



der Amerikaner vielleicht, den Dornacher Bau selber, dasjenige, was 
als Faktisches aus der Sache hervorgeht. 

Natiirlich kann man im Reden selbst die Sache so gestalten, daft 
man das Faktische herauskommen laftt aus der Sache. So war es ja 
vor dem Krieg - es darf wiederum hervorgehoben werden, ohne un- 
bescheiden zu sein - so weit, daft ich im Mai 1914 in Paris einen 
deutschen Vortrag halten konnte, der Wort fur Wort ubersetzt wer- 
den muftte; aber ich konnte ihn deutsch halten. Und dieser Vortrag, 
das sage ich nur als Tatsache, der hatte einen grofieren Erfolg, als je- 
mals innerhalb Deutschlands ein Vortrag von mir hatte. Wir waren 
so weit. Aber es ist notwendig, daft man dann dasjenige, was gesagt 
wird, in einer ganz bestimmten Weise umkleidet, so daft man es, ich 
mochte sagen, mehr mit der Fassade, mit dem Kunstlerischen, mit 
dem, was daraus wird, was nach auften wirken kann, daft man es 
so vor die Leute hintreten laftt. Da handelt es sich in einem hohen 
Mafte um das Wie. 

Und deshalb ist es durchaus kein Unreales, sondern es ist ein sehr 
konkret realer Gedanke, wenn man sich sagt : Wir werden nach dem 
Westen hin einen grofien Eindruck machen, wenn wir unsere Auf- 
gabe in dieser Weise richtig verstehen, wenn wir zum Beispiel wirk- 
lich hinauskommen iiber das, was uns ja doch nicht gelingt und nie- 
mals gelingen wird, denn wir bleiben immer hinter dem Westen zu- 
riick, wenn wir hinauskommen iiber die Nachahmung des Westens. 
Sehen Sie, ganz gleichgiiltig, ob wir dem Westen Maschinen nachah- 
men - wir machen sie nicht so prazise wie der Westen -, ob wir ihm 
falsche Zahne nachmachen, wir machen sie nicht so elegant wie der 
Westen, es ist ganz gleichgiiltig! Wenn wir bloft nachahmen, so 
kommen wir mit dem Westen nicht zurecht. Denn er braucht das 
nicht anzunehmen, was wir dabei hervorbringen. Aber wenn wir er- 
fassen, was wir konnen, und was der Westen nicht kann, wenn wir 
zum Beispiel die Technik durchdringen wiirden mit Kunst und 
kunstlerischer Auffassung, wenn wir wirklich zu dem kommen 
wiirden, was innerhalb unserer Anthroposophischen Gesellschaft 
langst figuriert, was wir nur nicht zur Ausfuhrung bringen aus Man- 
gel an Personlichkeiten, die sich dazu hergeben, wenn wir zum Bei- 



spiel die Lokomotive kunstlerisch gestalten wiirden, wenn wir den 
Bahnhof, in den man einfahrt, kunstlerisch gestalten wiirden, wenn 
wir dem, was von uns ergriffen werden kann, einpragten, was an uns 
ist, dann nehmen es die westlichen Menschen, dann verstehen sie es 
auch. Und dann verkehren sie auch mit uns. Aber wir miissen eine 
Vorstellung davon haben, wie dieser Verkehr sein soil. Das kann 
nur jeder auf seinem eigenen Gebiet tun, aber das miifite gemacht 
werden. Und anfangen miiftte man in der Gegenwart damit, daft 
man erkennt, wie aus den ganz realen Verhaltnissen heraus der 
Impuls der Dreigliederung ja entsteht. 

Wir miissen ein Geistesleben haben, das so beschaffen ist, daft es 
mehr auf den Osten wirken kann in der eben charakterisierten Wei- 
se, das kann nur ein produktives Geistesleben sein. Damit wiirden 
wir schon ausstechen all die Lunatscharskijs und die anderen. Denn 
auf die Dauer wiirden diese nicht das Russenvolk, die russische 
Volksseele, versklaven konnen. Wenn wir dieses produktive Gei- 
stesleben nur erst haben, wird es schon geschehen, daft das auf den 
Osten einen Eindruck macht. Wir miissen nur die Kraft bekommen, 
dieses Geistesleben selber zur Geltung zu bringen. Wir miissen be- 
siegen all das Geschmeifi, das herankommt und dieses Geistesleben 
jetzt tottreten will. 

Es ist ja so weit gekommen mit der Feindschaft gegen das Geistes- 
leben, daft ich neulich in Dornach einen Passus vorlesen mufite, der 
zum Inhalt hatte, daft nun der geistigen Feuerfunken genug entziin- 
det sind im Zusammenstoft mit der Geisteswissenschaft, daft wirk- 
lich der reale Feuerfunke diesen Dornacher Bau nun endlich ergrei- 
fen miisse. - Also die Gegnerschaften nehmen schon die allerbrutal- 
sten Formen an. Es handelt sich darum, daft es ein Notwendiges ist : 
dieses produktive Geistesleben, dieses ganz konkrete, produktive 
Geistesleben ohne Rucksicht darauf, was die Leute hohnen und was 
sie treiben, zur Geltung zu bringen. Denn man kann wissen : Dieses 
produktive Geistesleben, das in Mitteleuropa entspringen kann, das 
kann jene grofte Bruderschaft hervorrufen, die auf den Osten sich 
ausdehnen kann und die den Osten mit Mitteleuropa vereinen kann, 
wahrend alle brutalen wirtschaftlichen Machinationen nur immer 



mehr und mehr Abgriinde aufrichten wiirden zwischen Mitteleuro- 
pa und dem Osten. Das ist das aufierordentlich Wichtige, dafi man 
solche Dinge durchschaut und dafi solche Dinge popular gemacht 
werden. Es ist ja schon aus dem Grunde ganz besonders wichtig, 
weil, wenn Sie ein Publikum gewinnen fiir solche Dinge, die Leute 
dann dadurch, dafi sie sich gewohnen, auf solchen Wegen zu den- 
ken, auch in den iibrigen sozialen Fragen zu einem ganz anderen 
Denken kommen. 

Aber das mufi auf einer breiteren Basis gemacht werden, als es bis- 
her geschehen ist. Dazu ist notwendig, da/5 wirklich nun mit allem 
Feuer dafiir gearbeitet werde, dafi unsere Dinge, die wir treiben, 
nicht immer eine in gewissem Sinne doch verlorene Arbeit sind. 
Denn das mufi ja hervorgehoben werden, meine lieben Freunde : Es 
liegt heute ein rekhliches Material vor in unserer Dreigliederungs- 
zeitung, das aber im Grunde genommen doch eingesargt ist, weil es 
nur Literatur zunachst ist. Es wird dadurch notwendig, daft man im- 
mer weiter arbeitet. Aber das ist eine Unmoglichkeit. Es mufi tat- 
sachlich auf breiter Basis, durch viele Menschen, das verarbeitet wer- 
den, was da oder dort angeschlagen ist. Aber man mufi in diese Din- 
ge klar hineinsehen. 

Man mufi sich ganz klar sein dariiber, dafi wir das freie produkti- 
ve Geistesleben brauchen, und dafi wir es kultivieren miissen, damit 
wir mit dem Osten in ein mogliches Verhaltnis kommen konnen. 

Und ebenso miissen wir ein Wirtschaftsleben haben, in das sich 
der Staat nicht hineinmischt, in das sich das Geistesleben nicht hin- 
einmischt, in dem nur die Wirtschaftler tatig sind, um mit dem We- 
sten zunachst zu verhandeln. Diese Verhandlungen miissen die 
Wirtschaftenden allein besorgen. Nur auf diese Weise wird etwas da- 
bei herauskommen. Man kann es machen, man soli es auch machen, 
solange es nicht anders moglich ist: auch mit dem Westen von Staat 
zu Staat zu verhandeln. Aber herauskommen wird dabei nichts Er- 
spriefiliches. Sondern dann erst wird etwas herauskommen, wenn 
bei uns die Staatsmanner aus den Wirtschaftsverhandlungen ver- 
schwinden, ganz gleichgiiltig, wie die heriiberschreien da driiben. 
Mogen die Staatsmanner verhandeln da driiben! Da stehen die 



Staatsmanner im Wirtschaftsleben drinnen. Aber bei uns, wenn da 
die Wirtschaftsmanner Staatsmanner werden, dann entwirtschaften 
sie sich; dann werden sie Manner, die ganz staatlich denken. 

Das ist das Wichtige, dafi man die realen Notwendigkeiten des Le- 
bens durchschaut. Wir miissen also aus dem Grunde schon eine 
Dreigliederung des sozialen Organismus haben, damit wir die Wirt- 
schaftler, die unbeeinflufit sind von den Machinationen des Staates 
und des Geisteslebens, nach dem Westen schicken konnen. Und wir 
brauchen ein freies Geistesleben, damit wir in ein mogliches Ver- 
haltnis zum Osten kommen. Also die internationalen Verhaltnisse 
selber legen uns dieses durchaus auf. 

Wie sich das im einzelnen gestaltet, das mufi sich jeder selber aus- 
bauen. Denn es soil nur eine Wegleitung sein, was hier gegeben 
wird. Es ist aber eine Wegleitung aus den realen Verhaltnissen her- 
aus. Und man mufi das, was ofter gesagt worden ist, im tiefsten Sinn 
ernst nehmen. Es ist nicht wahr, dafi heute die Praktiker in Wirk- 
lichkeit etwas vom praktischen Leben verstehen. Sie verstehen vom 
wahrhaft praktischen Leben eigentlich im Grunde genommen gar 
nichts - gerade insofern sie Praktiker sind! Weil die Praktiker heute 
in Wahrheit die starksten Theoretiker sind, weil sie sich ganz in ein- 
zelne Gedankenschemen einleben und theoretisieren in der Praxis 
drinnen. Das ist es eben, was im tiefsten Sinne des Wortes einmal 
griindlich eingesehen werden mufi. Und das miissen wir unserer so- 
genannten «Agitation» ganz herzhaft zugrunde legen: dafi wir aus 
den realen Verhaltnissen heraus arbeiten. 

Sehen Sie, wir miissen vor alien Dingen uns klar sein dariiber, dafi 
das moderne Wirtschaftsleben als solches notwendig macht diese 
Dreigliederung. Und zwar aus dem Grunde, weil dieses Wirtschafts- 
leben heute chaotisch durcheinandergemischt ist aus den Impulsen 
des Ostens, den Impulsen des Westens und den Impulsen der Mitte. 
Und das ist so: Das Wirtschaftsleben, es besteht ja im Grunde ge- 
nommen aus drei Elementen: aus dem, was die Natur hergibt in 
dem Sinn, wie ich es in der vorhergehenden Stunde auseinanderge- 
setzt habe; dann dem, was menschliche Arbeit schafft; und dem, was 
durch das Kapital geleistet wird. Kapital, menschliche Arbeit und 



das, was die Natur hergibt und was durch die Produktion dann 
fortgesetzt wird, das ist dasjenige, was im Wirtschaftsleben drinnen 
figuriert. 

Aber sehen Sie, so, wie es beim menschlichen dreigliedrigen Or- 
ganismus ist, daft er aus drei Gliedern besteht, aber in jedem seiner 
Glieder sich wiederholt die Dreigliederung, so ist es auch beim sozia- 
len Organismus. Wir haben im Haupte gewift ein Organ des Men- 
schen, welches vorzugsweise Nerven-Sinnes-Organ ist; aber das 
Haupt wird auch ernahrt, es wird in einer gewissen Beziehung von 
Ernahrungsorganen durchzogen. Ebenso haben wir in dem, was 
blofi Stoffwechsel-Organismus ist, im Stoffwechsel drinnen, dem 
Stoffwechsel dienend, wieder etwas vom Nerven-Sinnes-Organis- 
mus, den Nervus sympathicus. So ist es auch in bezug auf die Drei- 
gliederung des sozialen Organismus. Da steckt in jedem der drei 
Glieder wiederum das Ganze drinnen. Aber es steckt heute in einer 
unorganischen Weise drinnen. Es steckt so drinnen, daft es das Le- 
ben zerstort, daft es das Leben nicht aufbaut. 

Da steckt zunachst die Natur drinnen, und die Produktion ist ja 
nur eine Fortsetzung der Natur. Und insofern die Natur drinnen- 
steckt, steckt eigentlich in unserem Wirtschaftsleben noch diejenige 
Empfindungsweise drinnen, die ganz orientalisch ist, die ganz aus 
dem Osten ist. Der Orientale wird gar nicht verstehen, daft man ir- 
gendwie ins Wirtschaftsleben einbeziehen konnte dasjenige, was 
menschliche Arbeit ist. Und selbst wenn wir in unsere von orientali- 
schen Verhaltnissen noch durchzogenen fruheren Wirtschaftsver- 
haltnisse zuriickgehen, so wird man da nirgends finden, daft im 
Wirtschaftsleben drinnen die menschliche Arbeit mitfiguriert. 

Es ist auch unmoglich, daft diese menschliche Arbeit mitfiguriert 
im Wirtschaftsleben. Denn, sehen Sie, Sie konnen Apfel und Apfel 
zusammenrechnen, Sie konnen rechnerisch etwas herausbekommen. 
Sie konnen auch Apfel und Birnen zu Fruchten zusammenrechnen. 
Sie werden rechnerisch etwas herausbekommen. Ich weifi aber 
nicht, wie Sie zum Beispiel Apfel und Brillen zu einer gemeinsamen 
Summe rechnerisch zusammenfiigen wollten. Nun ist dasjenige, was 
in einem Gut steckt, in einer Ware steckt, grundverschieden von 



dem, was als menschliche Arbeit, wie man mit einem marxistischen 
Ausdruck sagt, «in die Ware hereingeronnen ist», was nichts anderes 
ist als eine Torheit, so zu sprechen, aber es ist einmal heute popular 
geworden, zu sagen: was «in die Ware hineingeronnen ist». Diese 
menschliche Arbeit und dasjenige, was im Gut, in der Ware drin- 
nensteckt, das zu irgend etwas Gemeinschaftlichem zu machen, das 
ist ein ebensolcher Unsinn, als wenn Sie Apfel und Brillen zu etwas 
Gemeinschaftlichem machen wollen. Aber die moderne Volkswirt- 
schaft hat es dazu gemacht. Es hat also das wirtschaftliche Leben das 
Kunststuck fertiggebracht, sozusagen die Brillen zu essen und die 
Apfel als Bewaffnung der Augen zu nehmen. 

Das merkt man nicht im menschlichen Leben. In untergeordne- 
ten Naturreichen merkt man es. Es klingt paradox, wenn man so et- 
was sagt, aber in Wirklichkeit wird es fortwahrend gemacht. Und in 
dem man drinnen im wirtschaftlichen Leben den Lohn iiberhaupt 
hat und der Lohn etwas in sich tragt, was eben bezahlt werden soli 
und was im Preise der Ware drinnen ist, wie das, was von der Natur 
kommt, hat man in der Tat Apfel und Brillen addiert. Es ist eine 
Unmoglichkeit. Es ist gar nicht denkbar. 

Als die drei Gebiete des sozialen Organismus, geistiges Leben, 
staatlich-rechtliches Leben und wirtschaftliches Leben, noch aus al- 
ten Verhaltnissen geregelt waren, letzteres in orientalischer Weise, 
als man, ohne dafi man eigentlich viel dariiber nachgedacht, sondern 
nur aus dem Uberflufi heraus produziert hat - ich sagte in der vor- 
hergehenden Stunde: etwa ein bifichen hoher als das Tier, das auch 
nur nimmt, wie es die Natur bietet -, hat man in alteren Zeiten auch 
in unseren Gegenden durchaus nicht Ware und Arbeit zusammen- 
addiert. Die Arbeit war in einer anderen Weise geregelt: man war 
Gutsherr, adeliger Gutsherr, man erbte von seinen Vorfahren diese 
soziale Position. Wenn man nicht ein solches Blut in seinen Adern 
hatte, war man Horiger, Leibeigener, Sklave. Das heifit, die Men- 
schen waren in einem rechtlichen Verhaltnis zueinander. Ob man 
nun zu arbeiten hatte oder ob man sein Bauchlein pflegen und vom 
Balkon zuschauen konnte, wie die anderen arbeiteten, das war nicht 
nach Preisverhaltnissen oder Geldverhaltnissen bestimmt, sondern 



da lagen rechtliche Verhaltnisse zugrunde. Es war aus ganz andern 
Untergrtinden heraus die Arbeit geregelt als der Giiterverkehr. Das 
war durchaus getrennt in dieser Regelung aus alten Verhaltnissen, 
die wir jetzt nicht mehr brauchen konnen. Es war zweierlei: die Wa- 
re und die menschliche Arbeit im Oriente. Es ist durchaus immer 
gedacht gewesen, dafi aus anderen Untergrunden heraus die rechtli- 
chen Arbeitsverhaltnisse sich feststellten als der Gtiterumlauf. Jene 
ergaben sich aus diesen alten rechtlichen Verhaltnissen, gewifi. Aber 
es wurde nicht Arbeit irgendwie bezahlt, sondern der Mensch wur- 
de an einen Posten hingestellt und arbeitete dann, und was er arbei- 
tete, das zirkulierte. Aber es «rann» nicht hinein irgend etwas von 
menschlicher Arbeitskraft «in das Produkt». 

So sehen Sie schon, es steckt in dem, was wirtschaftlich zustande 
kommt, weil ja die Arbeit daran beteiligt ist, durch die Arbeit das 
staatlich-rechtliche Verhaltnis drinnen. Wenn wir im Wirtschaftsle- 
ben von dem rein Wirtschaftlichen sprechen, miissen wir von Gii- 
tern, von Waren sprechen. Insofern wir von dem entwickelten 
Wirtschaftsleben, von dem Wirtschaftsleben also, das namentlich 
auf Teilung der Arbeit beruht, sprechen, miissen wir ein staatlich- 
rechtliches Element schon dazufugen, so dafi die Arbeitsregelung 
ein Staatlich-Rechtliches ist. Es schlagt also hinuber in das andere 
Glied des sozialen Organismus. Und das Kapital - ja, das Kapital ist 
im wesentlichen doch in dem Verhaltnis drinnen im Wirtschaftsle- 
ben, dafi es das Wirtschaftsleben geistig tragt. Das Kapital ist dasjeni- 
ge, was die Wirtschaftszentren schafft, was die Betriebe schafft. Es 
ist das geistige Element im Wirtschaftsleben. Nur ist es so, dafi unter 
dem modernen Materialismus dieses Geistesleben im Wirtschaftsle- 
ben einen materialistischen Charakter angenommen hat. Aber es ist 
das geistige Element trotzdem im Wirtschaftsleben. Das kapitalisti- 
sche Element ist das Geistige im Wirtschaftsleben. 

Das fiihrt uns dahin, in diesem Wirtschaftsleben selbst wiederum 
die Dreigliederung zu suchen. Das heifk, vom eigentlichen Wirt- 
schaftsleben aus, in dem Warenproduktion, Warenzirkulation und 
Warenkonsum sich abspielen, ist das, was als Arbeit in das Wirt- 
schaftsleben hineinfliefit, in Zusammenhang zu bringen mit dem 



Rechts- oder Staatsleben; und das Kapital, das das eigentliche geistige 
Element ist, ist in Zusammenhang zu bringen mit dem Geistesleben. 
Konkret dargestellt finden Sie dies in den «Kernpunkten», wo es 
heiftt, daft die Kapitaliibertragung, die Kapitalzirkulation in einer 
bestimmten Beziehung zum Geistesleben stehen mufi. Das ist es: 
daft wir lernen, innerhalb des Wirtschaftslebens selbst diese drei Ge- 
biete auseinanderzuhalten. 

Man wird sich aber ein richtiges Bild von dem, was da eigentlich 
ist, nur dann machen, wenn man auf der einen Seite weift, daft wir in 
einer gewissen Beziehung das regeln mussen, iiber das der Orientale 
sorglos hinweggegangen ist: die Beziehungen des menschlichen 
Wirtschaftslebens zur Natur. Beim Orientalen war das eine Selbst- 
verstandlichkeit. Wir mussen es regeln. Beim westlichen Menschen, 
da ist das ganze Geistesleben, wie ich Ihnen vorhin ausgefiihrt habe, 
im Wirtschaftsleben aufgegangen. Selbst Spencer denkt wirtschaft- 
lich, wenn er angeblich wissenschaftlich denkt. Da steckt alles im 
Wirtschaftsleben drinnen. Da ist das Geistesleben wirtschaftlich. 
Daher wird der Kapitalismus als solcher materialistisch. Das Kapital 
muft ja da sein, wie auch in den «Kernpunkten» steht, aber das Zu- 
sammenfassen des Geistigen zum Kapital wird den starksten Wider- 
stand erfahren im Westen, wo der Kapitalismus, so wie er jetzt ist, 
gerade der westlichen Denkweise entspricht, wo man alles Geistige 
in das Materielle hineinbringt. Daher ist im Grunde genommen al- 
les, was jetzt der mittleren Welt vom Westen aufgezwungen wird, 
woruber man soviele unberechtigte Worte braucht, im Grunde ge- 
nommen eigentlich durchaus nichts anderes als die Wirkung des 
westlichen Kapitalismus, der nur grofte Dimensionen angenommen 
hat. So daft man, wahrend die westlichen Staaten eben verkapitali- 
siert sind, glaubt, man habe es mit dem bloften Staatsgebilde zu tun. 
Das ist nicht so. Auch die Staatsmanner sind da Wirtschafter im 
Grunde genommen, gerade so, wie die Gelehrten Wirtschafter sind. 
Und so wird man das auseinanderzuhalten haben, was da, ich m6ch- 
te sagen, auf der einen Seite von uns im Wirtschaftsleben durchge- 
dacht werden muft, wahrend der Orient nicht gewohnt ist, das zu 
durchdenken - was auf der andern Seite durchgeistigt werden muft 



in bezug auf den Kapitalismus, wahrend dem Westen es gar nicht 
einfallt, die Sache zu durchgeistigen. Das ist dasjenige, was die Auf- 
gabe der mitteleuropaischen Gegenden ist. Deshalb entstand auch in 
diesen mitteleuropaischen Gegenden etwas, was nun scharf, scharf 
ins Auge gefafit werden sollte. 

Es begegnet einem immer wiederum - in Stuttgart hier und in der 
Schweiz, und auch die anderen Freunde haben ahnliches erfahren -, 
es begegnet einem immer wiederum, daft die Leute sagen : Ja, wenn 
man auch einverstanden ware mit der Gliederung in ein freies Gei- 
stesleben und ein freies Wirtschaftsleben, da bleibt aber ja nichts 
mehr fur das Staatsgebiet iibrig! Tatsachlich, so, wie das Staatsleben 
heute ist, wie es auf der einen Seite aufgesogen hat das Geistesleben, 
das nicht hineingehort, wie es auf der anderen Seite aufsaugt immer 
mehr und mehr das Wirtschaftsleben, da verkummert das eigenth- 
che Staatsleben. Da ist das eigentliche Staatsleben, namlich dasjeni- 
ge, was sich abspielen soil zwischen Mensch und Mensch, zwischen 
alien miindig gewordenen Menschen, gar nicht mehr da. Daher kon- 
nen natiirlich solche Leute wie die Stammler nur so stammeln, daft 
sie sagen: Das Staatsleben besteht darin, daft es dem Wirtschaftsleben 
seine Form gibt. Aber das ist eben das Wesentliche, daft das Staats- 
leben erst entstehen wird, namlich umfassen wird alles dasjenige, 
was zwischen miindig gewordenen Menschen, rein dadurch, daft sie 
Menschen sind, spielt, und dazu gehort das ganze Gebiet der Ar- 
beitsregelung zum Beispiel, daft das erst in der richtigen Weise ent- 
stehen wird, wenn die beiden anderen Gebiete abgetrennt sind. 
Dann wird sich erst ein wirklich demokratisches Staatsleben heraus- 
bilden konnen. Daft man noch keinen rechten Begriff hat von die- 
sem Staatsleben, das ist nicht verwunderlich, denn heute hat man 
noch keinen rechten Begriff von einer selbstandigen Demokratie, 
weil man nur abstrakt denkt und darauf losgeht, Demokratie zu de- 
finieren. Definieren kann man ja immer, nicht wahr? Definitionen 
erinnern einen immer an das alte griechische Beispiel, das ich schon 
ofter angefiihrt habe, wo jemand den Menschen definierte in einer 
ganz richtigen Definition : Er ist ein lebendiges Wesen, das auf zwei 
Beinen geht und keine Federn hat. Am nachsten Tag brachte man 



dem, der das gesagt hatte, eine gerupfte Gans und sagte : Das ist also 
ein Mensch, denn es geht auf zwei Beinen und hat keine Federn. Mit 
Definitionen kann man alles mogliche machen. Aber es handelt sich 
nicht um Definitionen, sondern es handelt sich darum, Realitaten zu 
finden. 

Nehmen Sie den Begriff der Demokratie, wie er heute existiert 
und wie er im Grunde genommen westlichen Ursprungs ist - wie ist 
er denn entstanden? Sie konnen die Entwickelung Englands verfol- 
gen. Verfolgen Sie sie durch die alteren englischen Herrschaften hin- 
durch, so werden Sie finden, daft da ein Streben ist heraus aus der 
Gebundenheit. Aber das alles hat einen religiosen Charakter. Und 
das nimmt dann einen ganz religiosen Charakter an gerade unter 
Cromwell. Da entwickelt sich aus dem theokratisch-puritanischen 
Element, aus der Freiheit des Glaubens, etwas heraus, was dann los- 
gelost wird von der Theokratie, von dem Glauben, und was das 
demokratisch-politische Freiheitselement wird. Das ist also das, was 
man im Westen das demokratische Empfinden nennt. Das ist losge- 
lost aus dem religios-unabhangigen Empfinden. So bekommt man 
den realen Begriff der Demokratie heraus. Und einen wirklichen Be- 
griff von Demokratie wird es erst geben, wenn eine Organisation da 
ist zwischen der geistigen und der wirtschaftlichen Organisation, die 
nun fufit auf dem Verhaltnis von Mensch zu Mensch und der 
Gleichheit aller miindig gewordenen Menschen. Da wird sich erst 
das ergeben, was das staatliche Verhaltnis ist. 

Aber sehen Sie, da ist es charakteristisch, dafi im Grunde genom- 
men in Mitteleuropa wirklich die Gedanken entstanden sind, ohne 
dafi man auf diese Dreigliederung schon gekommen ist, daft die Ge- 
danken entstanden sind: Ja, wie soli eigentlich der Staat entstehen? 
Es ist im hochsten Mafie interessant, wie aus gewissen Schillerschen 
Begriffen, aus Goetheschen Begriffen heraus Wilhelm von Hum- 
boldt, der sogar ein preufiischer Minister werden konnte - das ist eine 
merkwiirdige Sache - in der ersten Halfte des 19. Jahrhunderts den 
schonen Aufsatz geschrieben hat : «Versuch, die Grenzen der Wirk- 
samkeit des Staates zu bestimmen». Da ist wirklich gerungen nach 
den Moglichkeiten eines Staatsaufbaues, eines wirklichen Staatsauf- 



baues. Da ist versucht, das alles herauszuschalen aus den soziaJen 
Verhaltnissen, was eben nur staatlich, politisch, rechtlich sein kann. 
Es ist gewift Wilhelm von Humboldt nicht in einwandfreier Weise 
gelungen, aber darauf kommt es nicht an. Solche Dinge hatten fort- 
gebildet werden mussen. Und ehe man nicht dazu kommt, das Reale 
zu schaffen fiir dasjenige, was staatlich ist, wahrend «die Stammler» 
immer stammeln, dafi das staatliche Leben nur die Formung des 
Wirtschaftslebens sei, kommen wir nicht weiter. Diese Dinge, die 
mussen notwendig heute vor ein grofies Publikum gebracht werden, 
in ausgedehntem Mafie und so schnell wie moglich. Denn nur da- 
durch, daft wir gesunde Gedanken in unsere Zeitgenossenschaft hin- 
einbringen und diese Gedanken so schnell wie moglich verbreiten, 
konnen wir vorwartskommen. 

Denn die entgegengesetzten Machte sind stark. Sie hohnen und 
machen ihren Willen zur Vernichtung aus alien Ecken heraus gel- 
tend. Und man soli sich durchaus nicht Illusionen hingeben iiber 
den starken Willen, der auf jener Seite ist. Denn wenn der Zug, den 
wir jetzt unternehmen, einen wirklichen Sinn haben soli, dann miis- 
sen wir uns schon sagen : Wir haben versucht, aus anthroposophisch 
orientierter Geisteswissenschaft heraus einen sozialen Impuls zu ge- 
winnen. Nicht wahr, was anthroposophisch orientierte Geisteswis- 
senschaft ist, das hat Zeit, das kann langsam gehen, das kann auch 
Rucksicht darauf nehmen, was die Leute vertragen konnen. Da mo- 
gen sich auch Cliquen bilden. Denn diese Cliquen sind ja doch nur 
in der physischen Welt; iiber die geht die geistige Bewegung hinweg. 
Das, was da wirklich als Lebenskraft zugrunde liegt in der reinen 
anthroposophischen Bewegung, das hat eine Bedeutung, einen In- 
halt in der geistigen Welt. Darauf kommt es nicht so sehr an, ob sich 
Cliquen bilden, ob sektiererische Ziige darinnen sind, und so weiter. 
Das ist etwas, was natiirlich in den Einzelheiten Stuck fiir Snick zu 
bekampfen ist in unserer heute so ernsten Zeit. Aber es ist nicht so 
schlimm, als wenn auf dem Gebiet nicht das Richtige geschieht, wo 
das Praktische, das unmittelbar zur Wirkung Berufene herausgeholt 
wird aus der anthroposophischen Bewegung, wie es, mochte ich sa- 
gen, auf unserem sozialen Fliigel der anthroposophischen Bewegung 



ist. Da ist keine Zeit zum Warten. Da konnen wir nicht Bunde fiir 
Dreigliederung einrichten, die sich nun so organisieren, dal$ sie nur 
ein Abbild sind der alten anthroposophischen Zweige. Da miissen 
wir uns bewufit sein, dafi dasjenige, was wir morgen erst erarbeiten, 
wenn es noch so gut ist, schlechter sein kann als dasjenige, was wir 
schlechter heute erarbeiten. Da kommt es darauf an, dafi unmittel- 
bar stark in der Gegenwart, im Augenblick gewirkt wird, und daft es 
jeden Tag zu spat werden kann. Und tatsachlich zeigen uns die Er- 
eignisse, wie die Dinge durchaus Woche fiir Woche zu spat werden 
konnen. Deshalb ist diese Aktion eingeleitet worden, vor der wir 
jetzt stehen, und deshalb wird auf diese Aktion soviel Wert gelegt, 
weil es notwendig ist, dafi die Dinge schnell geschehen. Denn 
Europa hat keine Zeit zu verlieren. 

Was notwendig ist, das ist, in die Kopfe die Moglichkeit hineinzu- 
bringen, so zu denken, dafi die Wirklichkeit in diesem Denken eine 
Rolle spielt. Die Menschheit ist ganz dazu erzogen, dafi im Grunde 
genommen eine unreale Denkweise gerade das Tonangebende auch 
im praktischen Leben ge worden ist. Eine unreale Denkweise ist es, 
wenn heute die Leute etwa auftreten und sagen: man soil das Recht 
kultivieren, man solle vom ethischen Standpunkte aus irgendwie 
weiterkommen im sozialen Leben. Diese Dinge sind sehr schon na- 
tiirlich, aber sie sind sehr abstrakt. Das Geistige hat nur einen Wert, 
wenn es in das materielle Leben unmittelbar eingreift, wenn es das 
Materielle wirklich zu tragen und zu besiegen vermag. Sonst hat es 
keinen Wert. Wir diirfen uns nicht irgendwie kaptivieren lassen von 
solchen Tiraden, wie sie zum Beispiel Forster oder ahnliche Leute 
heute der Welt vortragen. Das sind schone Redensarten, aber sie 
dringen nicht ein in das materielle Leben, weil die Betreffenden, die 
sie vortragen, selber vom materiellen Leben nichts verstehen, son- 
dern glauben, durch Predigen liefte sich die heutige materielle Welt 
irgendwie weiterbringen. 

Und das ist der Fehler, den die Bourgeoisie gemacht hat : Sie hat 
sich immer mehr und mehr zuriickgezogen mit Bezug auf ihr See- 
lenleben auf ein Luxusgebiet. Sechs Tage der Woche sitzt man im 
Biiro. Im Kassenbuch vorne hat man zwar stehen «Mit Gott!». Aber 



dann geht es gar nicht sehr mit Gott auf den weiteren Seiten; da ist 
das «Mit Gott!» sehr abstrakt. Dann aber, nachdem man die ganze 
Woche in der sattsam bekannten Weise gearbeitet hat, geht man am 
Sonntag sich eine die Seele mit seelischer Wollust erfullende Predigt 
iiber die ewige Seligkeit anhdren und dergleichen. Das heifk, das gei- 
stige Leben zum Luxus machen und das materielle Leben entgeisti- 
gen! In dieser Beziehung ist die Bourgeoisie weit vorgeschritten. Im- 
mer weiter und weiter hat sie das getrieben, so dafi endlich das ganze 
geistige Leben wirklich zur Ideologic geworden ist. 

Auf der andern Seite ist es dann kein Wunder, wenn nun das Pro- 
letariat kommt und theoretisch wiederum erklart: Das geistige Le- 
ben ist eine Ideologic - und wenn es nun versucht, das gesamte wirt- 
schaftliche Leben umzugestalten, indem es blofi die Produktions- 
weise ins Auge fafit. Beides gehort zusammen. Wirklich, es liegen 
die Dinge heute so, dafi schliefilich der Kampf zwischen Bourgeoisie 
und Proletariat nur darin besteht, wie lange der eine unten, der an- 
dere oben ist, und wiederum umgekehrt. Es ist lediglich ein Kampf. 
Es wird nicht darauf abgesehen, wenn man tiefer in die Sache ein- 
dringt, zu einer fruchtbaren Gestaltung des Lebens zu kommen. Das 
lafit sich nur dann, wenn man einen durchgreifenden Impuls hat, 
der den Menschen als solchen umfafit. 

Dann aber mufi man entweder sich mit der Dreigliederung aus- 
einandersetzen, wenn man das einsieht, oder man mufi etwas Besse- 
res an die Stelle der Dreigliederung zu setzen verstehen. Alles ubri- 
ge, was heute auftritt, rechnet gar nicht mit dem Menschen als sol- 
chem. Deshalb ist es notwendig, dafi man tatsachlich in der aller- 
nachsten Zeit gewissermafien unsere Bewegung rettet vor dem, was 
die Gegner vorhaben. Sie haben vor, unsere Bewegung durch Machi- 
nationen unmoglich zu machen. Und diese Machinationen werden 
ja sehr raffiniert angestellt. Bedenken Sie nur einmal, welches Raffi- 
nement jetzt in dem Feldzug des «Berliner Tageblatts» liegt. Nicht 
wahr, das «Berliner Tageblatt» lafit sich einen Artikel fabrizieren, 
worin alle moglichen blodsinnigen «Okkultisten» erwahnt werden, 
und mitten drinnen steht die Anthroposophie, die damit nichts zu 
tun hat, Aber die Leute ersparen es sich dadurch, sich mit der An- 



throposophie zu beschaftigen, indem sie sie einfach unter den Blod- 
sinn rubrizieren. Natiirlich, von dem Unsinn, der da drinnen stent, 
da konnen alle Leute etwas begreifen, dann hat man nicht notig, sich 
noch besonders mit der Anthroposophie zu beschaftigen. Das wird 
tatsachlich ganz international verbreitet, es tritt einem iiberall entge- 
gen, in englischen Zeitungen, iiberall. Das ist aber nur eines. Es be- 
ginnt in der nachsten Zeit - es hat schon begonnen, aber es wird 
fortgesetzt - ein Vernichtungskrieg gegen dasjenige, was unsere Be- 
wegung ist. Deshalb ist es heute notwendig, sich zu besinnen auf 
das, was zu tun ist. Und wenn nicht etwas Durchgreifendes ge- 
schieht auf breiter Basis, dann, meine lieben Freunde, dann mufken 
wir uns sagen: Wir haben zwar einen Begriff von dem, was aus an- 
throposophisch orientierter Geisteswissenschaft heraus auch in be- 
zug auf das soziale Leben geschehen konnte, aber wir bringen nicht 
die Kraft auf, um es durchzubringen. Tatsachlich, wenn man die 
Konsequenz sieht, in der auf gegnerischer Seite gearbeitet wird, 
manchmal eine Konsequenz in Verruchtheit, so sagt man: Es ist not- 
wendig, da$ man bei uns einsieht, ein Wille mull aufgebracht wer- 
den! Die haben den schlechten Willen, warum sollten denn im Gu- 
ten nicht dieselben Krafte aufgebracht werden konnen ? Warum soll- 
te denn mit Recht gesagt werden konnen: da bestand die Absicht, 
durchzubringen etwas fur die Menschheit Heilsames; aber die Geg- 
ner, das waren andere Kerle, die haben einen konsequenten Willen, 
die gehen auch bis zur Auslebung dieses Willens! 

Meine lieben Freunde, wenn wir uns nicht auf diesen Boden stel- 
len, bis zur Auslebung auch unseres Willens zu kommen, so werden 
wir fur den jetzigen Augenblick selbstverstandlich nichts erreichen 
konnen. Es ist jetzt in einer gewissen Beziehung die Frage um ein 
Entweder-Oder in unserer Bewegung. Deshalb wurde diese Aktion 
eingeleitet. Das bitte ich zu bedenken. Das bitte ich, in Ihren Willen 
aufzunehmen, bevor wir weitergehen in der Ausbildung dessen, was 
wir zu diesem Willen gebrauchen. 



VIERTER VORTRAG 



Stuttgart, 14. Februar 1921 (nachmittags) 



Das erste Thema, das Ihnen zur Behandlung vorgeschlagen wird, das 
wiirde sein : Die grofien Fragen der Gegenwart und die Dreigliede- 
rung des sozialen Organismus. - Es ist notig, dafi wir diese Themen, 
die Sie behandeln wollen, so wahlen, dafi dabei Gelegenheit ist, 
moglichst genau kennenzulernen erstens dasjenige, was die Gegen- 
wart notig hat, zweitens dasjenige, was der Impuls fur die Dreiglie- 
derung des sozialen Organismus zu geben hat mit Bezug auf die gro- 
fien Fragen der Gegenwart, und dafi Sie dabei immer die Moglich- 
keit haben, auf der einen Seite darauf hinzuweisen, dafi anthroposo- 
phisch orientierte Geisteswissenschaft die Grundlage abgeben mufi 
fiir diese Art des sozialen Denkens, die durch die Dreigliederung in 
die Welt gebracht werden soil, auf der anderen Seite, daft immer die 
Moglichkeit geboten sein soil, fiir den «Kommenden Tag» und ahn- 
liches einzutreten. Ihre Tatigkeit wird sich erstrecken miissen auf 
unsere Bewegung als Ganzes, sowohl auf die geistige Seite wie auch 
auf die praktischen Einrichtungen. Auf der einen Seite werden Sie 
der Welt plausibel zu machen haben, dafi es in der gegenwartigen 
Zeit notwendig ist, ein wirklich produktives Geistesleben zu kulti- 
vieren; auf der anderen Seite werden Sie mit dem Praktischen zu 
rechnen haben, dafi wir einfach als Bewegung heute eingreifen miis- 
sen in das soziale Leben, in das wirtschaftliche Leben, und dafi wir 
daher finanziell gekraftigt werden miissen, soviel es nur sein kann, 
nicht um unseretwillen, sondern um des Fortgangs des Wirtschafts- 
lebens willen. 

Ich mochte gerade heute einiges mit Bezug auf die notwendigen 
Themen vorbringen, unseren weiteren Betrachtungen voraus- 
schickend. Es wird vielleicht das beste sein, wenn wir dann ein zwei- 
tes Thema etwa so wahlen: Das freie Erziehungs- und Unterrichts- 
wesen in seinem Verhaltnis zu Staat und Wirtschaft. - Und wenn 
wir das dritte Thema dann so wahlen: Das wirtschaftliche Assozia- 
tionssystem und sein Verhaltnis zum Staat und zum freien Geistesle- 



ben. - Dadurch, daft wir diese drei Themen wahlen, werden wir Ge- 
legenheit haben, dasjenige, was als Ganzes unserer Bewegung ange- 
hort, wirklich in diesen nachsten Wochen in wirkungsvoller Weise 
vor die Welt hinzustellen. 

Nun lassen Sie uns zunachst einmal etwas Prinzipielles iiber das 
erste Thema reden. Da wird es sich vor alien Dingen darum han- 
deln, dafl Sie den Leuten zeigen, dafi ja die Dreigliederung gewisser- 
mafien als Forderung schon da ist, dafi man nichts anderes tut, als 
das, was schon da ist, in der richtigen Weise zu gestalten. Da ist es, 
allerdings in einer anderen Form, als es da sein soil und da sein wird, 
wenn es einmal ausgestaltet ist; da ist es als Forderung von drei Din- 
gen, die aber heute chaotisch ineinandergeworfen sind und gerade 
dadurch sich innerlich bekampfen wie eine Art von Mifigeburt, die 
etwa so entstanden ist, wie wenn der Kopf des Menschen in seinem 
Bauche ware und die Verdauungsorgane im Herzen und derglei- 
chen, wenn die drei Systeme des Organismus durcheinandergewor- 
fen waren. Also dem, was eigentlich da ist, was sich ausgestalten 
will, soli eben die richtige Gestaltung gegeben werden. 

Gehen wir, um dieses anschaulich zu machen, einmal aus von 
dem dritten Glied des sozialen Organismus, von dem Wirtschafts- 
leben. Dieses Wirtschaftsleben, man kann es ja, so wie es heute da 
ist, charakterisieren, indem man es verfolgt in seiner Entwickelung 
in den letzten Jahrhunderten. In den letzten Jahrhunderten hat ja 
das eigentliche Wirtschaftsleben erst die Formen angenommen, die 
heute da sind und aus denen heraus die ganze soziale Frage erwach- 
sen ist. Es ist allerdings schon ein etwas langerer Prozefi. Das Wirt- 
schaftsleben, vor dem wir heute stehen, das geht, selbst wenn wir 
am weitesten zuruckgehen wollen, doch nicht weiter zuriick als et- 
wa ins 14. oder 13. Jahrhundert. Da haben wir die Zeit, in welcher 
das europaische Wirtschaftsleben eine Art von Krisis durchmacht, 
eine Art von, man mochte sagen, schleichender Krisis. Die Zeit 
haben wir da, in welcher sich dieses europaische Wirtschaftsleben 
griindlich zu einer Veranderung anschickt. 

Wenn wir in die friiheren Zeiten zuruckgehen, so finden wir ja 
dieses europaische Wirtschaftsleben durchaus unter dem Einflufi der 



kontinentalen Handels- und Verkehrsbewegung von Asien heriiber 
durch Mitteleuropa nach Westeuropa hiniiber. Und wir finden in je- 
nen alteren Zeiten uberall, daft das Wirtschaftsleben sich mit einer 
gewissen Selbstverstandlichkeit vollzieht, auch der Verkehr sich mit 
einer gewissen Selbstverstandlichkeit vollzieht. Es waren gewisser- 
mafkn die wirtschaftlichen Verhaltnisse noch nicht so intensiv aus- 
gebildet, daft man notwendig hatte, die Freiheit des Handels, die 
Freiheit des Verkehrs einzuschranken, zu organisieren. Aber als die 
mitteleuropaische Bevolkerung immer dichter und dichter wurde, 
als das Wirtschaftsleben also intensiver und intensiver wurde, da 
stellte sich die Notwendigkeit heraus, allerlei zu organisieren. Und 
es entstand aus dem freieren Wirtschaftsleben der alteren Zeiten ein 
vielfach gebundenes Wirtschaftsleben. Das freiere Wirtschaftsleben 
der friiheren Zeiten ist dadurch charakterisiert, dafi die Einzelwirt- 
schaften, die individuellen Wirtschaften, die mehr Hauswirtschaften 
waren nach den Instinkten ihrer Privatbesitzer, mit den Knechten, 
mit der horigen Bevolkerung, aus dem freien Empfinden heraus 
gefuhrt wurden, und dafi ein ausgebreiteter Handel, der dazwischen 
allerdings von Asien heriiber getrieben worden ist, auch nicht in 
irgendeiner Weise besonders geregelt zu werden brauchte. Er konnte 
durchaus frei vollzogen werden, denn es war eben das Wirtschafts- 
leben noch nicht intensiv. 

Aber, wie gesagt, mit der Zunahme der Bevolkerung, auch mit 
der Entwickelung anderer Verhaltnisse, die wir ja gleich erwahnen 
konnen, wurde die Intensitat des Wirtschaftslebens immer grofier 
und grower; und es wurde notwendig, dafi gewisse Schutzmafiregeln 
ergriffen wurden, die friiher nicht notig waren, Schutzmafiregeln, 
die alle mehr oder weniger den Charakter hatten, den Konsumenten 
zu unterstiitzen. Das ist das Eigentiimliche, dafi in der Zeit, wo das 
Wirtschaftsleben eine Art schleichender Krisis durchmacht, so im 
13., 14. Jahrhundert, ohne dafi man daraus viel Wesens macht, ei- 
gentlich uberall die Tendenz entsteht, den Konsumenten in gewisser 
Weise zu schiitzen. Was ist es anderes als ein Schutz des Konsumen- 
ten, wenn die Stadte, durch die der Handel durchgehen mufite, 
durch die die Handelsstrafien fiihrten, das sogenannte Stapelrecht in 



Anspruch nahmen, daft also der durchziehende Handelsmann sich 
eine gewisse Anzahl von Tagen aufhalten mufite und erst dann mit 
demjenigen, was er in diesen Tagen nicht verkaufen konnte in der 
Stadt, passieren und das dann frei verkaufen durfte? Es handelt sich 
also um den Schutz des Konsumenten, iiberall handelt es sich um 
den Schutz des Konsumenten. 

Insbesondere ist, wenn das auch nicht gleich durchsichtig ist, 
noch etwas anderes in dieser Zeit durchaus fur den Schutz des Kon- 
sumenten berechnet. Ich habe mich gerade viel eingelassen auf diese 
Frage und zuletzt doch gefunden - wenn man ganz unbefangen da- 
bei zu Werke geht, so kann man nicht anders als dies herausfinden -, 
dafi auch die Errichtung und die Ausbildung der Zunfte im Grunde 
genommen, wenn sie auch scheinbar die Produktion organisierten, 
dennoch unternommen war, um den Konsum der in den Zunften 
hergestellten Produkte zu unterstiitzen. Dies geschah auf dem Um- 
wege durch eine Organisation des Produktionswesens. Trotzdem 
man die Zunfte durch Zusammenschlieften der gleichartigen Gewer- 
be ausbildete, wurde doch in erster Linie nicht so sehr darauf gese- 
hen, dafi die Produktion in irgendeiner Weise organisiert wird, son- 
dern dafi diejenigen, die sich da zusammenschlossen in den Zunften, 
ihre Produkte so teuer verkaufen konnten, daft ihr Konsum in der 
entsprechenden Weise gesichert war. Es waren die Zunfte in der Tat 
eine Schutzvorrichtung fur den Konsum. Wenn Sie sich einfach ir- 
gendwelche Handbucher aus der Bibliothek nehmen und die Daten 
sich vergegenwartigen, die Sie da finden konnen, so werden Sie, 
wenn Sie diese Richtlinien ins Auge fassen, die ich Ihnen hier gebe, 
sich sagen konnen: damit ist in gewisser Weise das Wirtschaftsleben 
der damaligen Zeit charakterisiert. 

Und nun entwickelte sich dieses Wirtschaftsleben unter solchen 
Schutzmafiregeln mehrere Jahrhunderte hindurch. Aber es hatte im- 
mer eine Art schleichender Krisis in sich. Es wurde eben immer in- 
tensiver und intensiver. Und das ist das Eigentiimliche : Ein Wirt- 
schaftsleben, das auf einem gewissen Territorium immer intensiver 
und intensiver wird, das macht auch immer mehr und mehr Ein- 
schrankungen, Schutzmaftregeln und Organisationen notwendig. 



Ein Wirtschaftsleben, das in irgendeiner Weise offen ist, das nach ir- 
gendeiner Seite hin den Zugang hat zu unerschopflichen Quellen, 
namentlich der Landwirtschaft, des Grund und Bodens, hat nicht 
den Drang, sich so zu organisieren. Ein von alien Seiten eingeschlos- 
senes Wirtschaftsleben, das immer intensiver und intensiver wird, 
bekommt den Drang, sich zu organisieren. 

Nun ware ja zweifellos dieses europaische Wirtschaftsleben im 
Laufe der Jahrhunderte einer Dekadenz entgegengegangen von un- 
erhorter Bedeutung, wenn nicht ein Ihnen allbekanntes Ereignis ein- 
getreten ware. Was vor dieser Dekadenz zunachst bewahrt hat, war 
auf der einen Seite die Eroffnung der Seeverbindungen und auf der 
anderen Seite die Entdeckung Amerikas. Da wurde, nach dem We- 
sten hin, das Wirtschaftsleben wiederum offen. Man kann nicht sa- 
gen, nicht wahr, weil die Offnung zu gro$ war, dafi da ein Ventil ge- 
offnet worden ware. Das ware ein sehr groftes Ventil gewesen! Aber 
dies ist es, was das Wirtschaftsleben wiederum in ganz andere Bah- 
nen gebracht hat. Nun fallt allerdings mit der Auswirkung dieses 
Weges nach dem Westen das Heraufkommen der modernen Tech- 
nik zusammen. Aber diese moderne Technik ware in ihrer Ausdeh- 
nung uberhaupt unter keinen anderen Verhaltnissen moglich ge- 
worden als durch die Offnung des ganzen Wirtschaftslebens nach 
der Westseite hin. Mit diesen Dingen haben Sie einfach gegeben, was 
dem neueren Wirtschaftsleben seine Grundfiguration gegeben hat. 
Da hinein stellt sich dann dasjenige, was ich gestern ausgefiihrt habe 
als die bedeutendsten politischen Ereignisse. 

Nun haben wir in diesem europaischen Wirtschaftsleben drinnen 
zwei Tendenzen. Die eine Tendenz hat sich unter dem Zwang der 
intensiven Wirtschaft in der zweiten Halfte des Mittelalters und 
noch dariiber hinaus ausgebildet und nachher den Charakter einer 
gewissen wirtschaftlichen Denkweise angenommen. Man hat wirt- 
schaftlich denken gelernt unter den Verhaltnissen, die sich herausge- 
bildet haben, sagen wir, vom 13. bis zum 16., 17. Jahrhundert. Da 
hat man die Gedanken aufgenommen, wie gewirtschaftet werden 
soil. Da hat sich im Handel, ganz langsam auch im Gewerbe, sogar 
bis in die Landwirtschaft hinein, das ausgebildet, was die treibenden 



wirtschaftlichen Gedanken geworden sind. Die haben sich in dieser 
Zeit im wesentlichen festgelegt. Man kann auch sagen: diejenigen 
Bevolkerungsschichten, die in erster Linie mehr im Zusammenhang 
mit den europaischen Territorien zum wirtschaftlichen Denken be- 
rufen waren und es noch sind, die haben unter dem Einflufi dieser 
Ereignisse ihr wirtschaftliches Vorstellungsleben entwickelt. So et- 
was sitzt dann tief in den Menschen. Gerade bei diesen Dingen wer- 
den die menschlichen Seelenverfassungen konservativ. Und was als 
konservative Vorstellungen in den Menschen drinnensitzt, das riihrt 
wesentlich aus dieser Zeit her. 

Nun offnete sich nach der anderen Seite hin das Wirtschaftsleben 
so, wie ich es Ihnen geschildert habe. Und dadurch kam in diese gan- 
ze Vorstellung des Wirtschaftslebens etwas hinein, was aber nicht 
gleich so ohne weiteres in die Denkweise aufgenommen wurde, son- 
dern was nur dieser Denkweise einen besonderen wirtschaftlichen 
Schwung gab. Da ist eben die Verbindung mit dem Westen, mit 
Amerika, mit demjenigen, was von der Eroffnung der Seewege kam. 
Das machte das Wirtschaftsleben kraftvoll. 

Und so bildete sich, ich mochte sagen, auf der einen Seite der 
konkrete Gedankengehalt des Wirtschaftslebens heraus und auf der 
anderen Seite die Schwungkraft. Diese Tatsachen waren so stark, 
daft sie dem neueren sozialen Leben iiberhaupt zunachst die Konfi- 
guration gaben, auch seine materialistische Gestalt gaben. Und diese 
moderne Zivilisation nahm immer mehr und mehr den Charakter 
an, der sich eben aus diesen zwei geschilderten Faktoren ergeben 
mu£. 

Nun haben wir also ein Wirtschaftsleben, welches einfach durch 
die Macht der Ereignisse praponderiert, vorherrscht, das starken 
Eindruck macht auf die Menschen und die menschliche Entwicke- 
lung. Dieses Wirtschaftsleben nimmt auch den Charakter an, den 
das Wirtschaftsleben einzig und allein annehmen kann, denn es ist 
doch so, dafi jedes der drei Gebiete des sozialen Organismus einfach 
durch seine Natur und Wesenheit seine eigene Gesetzmafiigkeit an- 
nimmt: im Wirtschaftsleben wurde Ware und Preis dasjenige, was 
maftgebend ist. 



Es konnen aber die sozialen Verhaltnisse dadurch verfalscht wer- 
den, dafi das Wirtschaftsleben mit den beiden anderen Gebieten des 
sozialen Organismus zusammengeworfen wird. Dann folgt doch 
nur, im Streit mit den anderen, jedes einzelne Gebiet seinen eigenen 
Gesetzen. Und so ist es gekommen, dafi, weil das Wirtschaftsleben 
vorherrschte, es andere Gebiete des Lebens, andere soziale Gebiete, 
in seine Gesetzma&gkeit hineinzog. Und es traten die Verhaltnisse 
ein, die dann zu der modernen sozialen Frage gefuhrt haben. 

Denn wenn wir zuriickgehen in der geschichtlichen Entwicke- 
lung: die proletarische Bewegung als spezifische Lohnbewegung, als 
Bewegung gegen die Arbeitssklaverei, die ist nicht da. Ich habe ja ge- 
stern ausgefuhrt, dafi die Gliederung der Arbeit, ob man Herr oder 
Knecht war, in alteren Zeiten nach politischen Gesichtspunkten ge- 
staltet war. Jetzt richtete sich das Wirtschaftsleben so ein, daft es al- 
les in den Warencharakter hereinzog. Es wurde alles zur Ware. Und 
so wurde eben die menschliche Arbeitskraft erst in dieser Zeit zur 
Ware. Vorher war sie Dienst, hingebender oder erzwungener 
Dienst. Aber eigentlich Ware wurde sie erst in dieser neuesten Zeit. 
Denn sie wurde allmahlich so bezahlt, wie die Ware bezahlt wird. 
Und das Wirtschaftsleben kann eben nicht anders, als alles, was in 
seinen Bereich eintritt, zur Ware zu machen. Und in dem Sinn, mei- 
ne ich, haben wir eigentlich die Dreigliederung immer gehabt. Wir 
mussen sie nur wahr machen, wir miissen nur dasjenige, was in ver- 
logener Gestalt vorhanden ist, in wahrer Gestalt in die Welt einfiih- 
ren. Denn in der verlogenen Gestalt macht es Unheil, fiihrt es zum 
Niedergang. Wenn wir in der Lage sind, ihm die wahre Gestalt zu 
geben, mu!5 es zum Aufgang werden. 

Aber nicht nur, dafi die Arbeitskraft zur Ware gemacht worden 
ist, es war ja auch das materialistische Geistesleben zur Ware ge- 
macht worden in Form des Kapitals. Bitte, sehen Sie sich einmal den 
Kapitalmarkt und die Kapitalverwertung und -verwendung in der 
neueren Zeit an und vergleichen Sie sie mit der Kapitalverwertung 
meinetwillen im alten Griechenland! Im alten Griechenland war 
derjenige der Machtige, um etwas auszufuhren, der politisch der 
Machtige war; der hatte die Macht, das oder jenes zu bauen. Aus po- 



litischen Griinden fand er diejenigen, die die Arbeit verrichteten, 
und sein Kapital bestand einfach darin, daft er durch seine erblichen 
Verhaltnisse der Herr war und eine Anzahl von Menschen befehlen 
konnte. Das war Kapital im alteren Griechenland. In dieser neueren 
Zeit, die wir jetzt betrachten, wird im wesentlichen dasjenige, was 
zu Unternehmungen fiihrt, auch zur Ware. Was ist es denn schliefi- 
lich, was Sie, wenn Sie Effekten an der Borse kaufen oder verkaufen, 
tun? Womit handeln Sie denn? Sie handeln im Grunde genommen 
mit Unternehmungsgeist. Es wird, was Unternehmungsgeist ist, an 
der Borse im wesentlichen Ware. Sie haben gar nicht den spezifi- 
schen, den speziellen Unternehmungsgeist vor sich, Sie wissen gar 
nicht, was Sie kaufen oder verkaufen; aber in Wirklichkeit kaufen 
oder verkaufen Sie den Unternehmungsgeist. Gerade in der Umlage- 
rung auf dem Kapitalmarkt konnen Sie das beobachten. Kurz, es 
wird alles da, wo das Wirtschaftsleben vorherrschend wird, mit dem 
Warencharakter ausgestattet. Alles wird zur Ware: Arbeitskraft 
wird Ware, Geist wird Ware. Das ist der Gang der neueren Ent- 
wickelung gewesen. 

Nun, parallel damit geht ja allerdings etwas anderes. Es bildet sich 
der moderne Staat heraus aus politischen Griinden. Wir sehen zu- 
erst, nicht wahr, wie dieser moderne Staat sich bildet aus gewissen 
friiheren freieren Verhaltnissen der umgebenden Landbevolkerung 
zu den vorhandenen Stadten, die aus kirchlichen Mittelpunkten 
oder dergleichen heraus entstanden sind in Italien, aus etwas anderer 
Denkweise in Frankreich, England. Also dasjenige, was Staaten 
sind, das bildet sich heraus. 

Wahrend sich schon im Westen der eigentliche Staatsbegriff her- 
ausbildet, sehen wir in Mitteleuropa und in Osteuropa eigentlich 
immer noch andere, in dieser Richtung freiere Verhaltnisse. Wir se- 
hen, wie aus den alten Verhaltnissen sich ergibt, daft die friihere 
Stadt, die aus irgendwelchen kirchlichen oder dergleichen Griinden 
entstanden war, Marktmittelpunkt, Markt wird. Und indem aus 
den alten Stadten Markte werden, entstehen wiederum neue Stadte. 
Es ist interessant zu sehen, wie wirklich unter dem Einflufi des Wirt- 
schaftslebens im 13., 12., 11. Jahrhundert die Stadte entstehen. Zu- 



erst entstehen die Stadte durchaus so, daft sie im heutigen Siid- 
deutschland und im Westen von Europa in Entfernungen von fiinf 
bis sechs Wegstunden entstehen. Im Norden und im Osten entste- 
hen sie in Entfernungen von sieben bis acht Wegstunden. Das ist in 
alteren Zeiten durchaus etwas wie Selbstverstandliches. Warum? 
Weil die Bauern, die umher die Wirtschaft betreiben, mit ihren Pro- 
dukten an einem Tag hinkommen und wiederum zuriickkommen 
sollen. Das entsteht aus innerer Notwendigkeit heraus. Wenn aber 
so etwas in der Geschichte entsteht, dann bildet sich nachher unter 
dem Einflufi des Imitationsprinzips etwas, was nicht mit solcher 
Notwendigkeit verbunden ist. Erst ist die Notwendigkeit da, Stadte 
zu haben, die fiinf bis sechs Wegstunden auseinanderliegen, oder sie- 
ben bis acht. Nachher merken die anderen: da ist etwas zu machen! 
Und sie machen es nach. Dann entsteht das historisch nicht Not- 
wendige. Das beeintrachtigt das gesunde Denken mancher Men- 
schen iiber diese Dinge. Die Historiker behandeln die einen Stadte 
ebenso wie die anderen, also diejenigen, die nicht aus wirtschaftli- 
cher Notwendigkeit entstanden sind, ebenso wie die anderen, die 
aus wirtschaftlicher Notwendigkeit entstanden sind. Dann wird al- 
les durcheinander, verworren gemacht. Das richtige Anschauen sol- 
cher Dinge besteht aber darin, dafi man ein Gefiihl hat fur die Un- 
terscheidung. Die Leute konnen einem sehr gelehrt beweisen, dafi 
das nicht wahr sei, dafi diese oder jene Stadt entstanden ist aus wirt- 
schaftlicher Notwendigkeit heraus. Gewifi, das stimmt manchmal 
nicht. Denn diese Stadt ist eben nicht aus wirtschaftlicher Notwen- 
digkeit heraus entstanden, sondern unter dem Einflufi des spateren 
Imitationsprinzipes. Aber die allgemeine Wahrheit ist deshalb doch 
richtig. Dieser Zustand, dafi sich die Stadte als Markte ausbilden, 
war in Osteuropa viel langer als im Westen, wo sich die Einheits- 
staaten bildeten, die dann alles in ihren Rahmen einbeziehen 
wollten. 

Nun, es ist im Grunde genommen, historisch betrachtet, so unan- 
genehm das heute manchmal scheinen mag, so, dafi in Italien aus 
dem Geiste gewisser patriarchalischer Zusammengehorigkeit der 
Bauer nbevolkerung und der Stadtebevolkerung die eigentumlichen 



territorialen Gebiete entstanden sind und sich ein gewisses foderali- 
stisches Staatssystem herausgebildet hat, wahrend ein anderes sich in 
Spanien, Frankreich und England herausbildete. Und wenn es auch, 
wie gesagt, manchem unangenehm zu denken ist, so ist es doch so, 
daft mehr gegen Mitteleuropa und Osten hin die Staatenbildungen 
sogar, wie die Stadtebildungen friiher, durch Imitation entstanden 
sind. Und da kommen wir auf etwas, was Sie heute den Leuten ja 
noch nicht sagen konnen, weil Sie sonst nicht dreigeteilt, sondern 
sogar viergeteilt wiirden. Aber die Wahrheit besteht deswegen doch. 
Es war natiirlich durchaus eine wirtschaftliche Notwendigkeit, aber 
auch aus der Charakteranlage der Volker heraus ist es so gekommen, 
daft die Weststaaten entstanden sind als Einheitsstaaten. Aber die 
mitteleuropaischen Staaten und die Oststaaten sind eigentlich nur 
durch Imitation entstanden. Fur die gab es keine historische Not- 
wendigkeit. Im Grunde genommen ist Osterreich und ist das Deut- 
sche Reich zuletzt daran zugrunde gegangen, daft fiir seine innere 
Zentralisation keine historische Notwendigkeit vorhanden war, 
sondern daft das eigentlich Imitation war. Und ebenso ist Imitation 
des Prinzipes der Einheitsstaat Italien, der ungefahr um dieselbe Zeit 
wie der deutsche Einheitsstaat entstanden ist. Und noch eine ganz 
aufterliche Imitation, ohne eigentlich innerlich wirklich zu dem ge- 
kommen zu sein, was die mitteleuropaischen Staaten sind, ist Nord- 
amerika, das ganz und gar darauf angewiesen ist, in die wirtschaftli- 
che Assoziation einzufliefien. Wer iibrigens die wirtschaftlichen 
Verhaltnisse Nordamerikas richtig ins Auge faftt, der wird unbe- 
dingt den Gang der Ereignisse ansagen konnen. 

Nun, sehen Sie, neben all dem, was sich herausgebildet hat gewis- 
sermafien aus der urspriinglichen Wirtschaft, entstand dann unter 
solchen Verhaltnissen, wie ich sie eben geschildert habe, die neue 
Konfiguration des Handels. Und da war es, wo zuerst die Fusion des 
Staatslebens mit dem Wirtschaftsleben entstanden ist, nicht auf dem 
Gebiet der Gewerbe, sondern eigentlich auf dem Gebiete des Han- 
dels. Die Gewerbe waren nur eingeschaltet. Es ist billig, dasjenige, 
was ich jetzt sage, zu bekampfen. Denn die Leute brauchen nur zu 
sagen : die Gewerbe miissen zuerst da sein, und dann kann man han- 



deln. Darauf kommt es aber nicht an. Nehmen Sie selbst heute sehr 
entwickelte Industrien, so sind diese oft nicht iiber das Gebiet des 
Kommerziellen hinausgewachsen. Die Leute schaffen sich nur ihre 
eigenen Produkte fur den Handel, den sie treiben. Wir sind durch- 
aus noch nicht so weit, dafi wir schon den Ubergang gefunden hat- 
ten von der Urproduktion, die auf die Natur gebaut ist und durch 
den Handel, in das Gewerbe eingeschaltet ist, zu dem, dafi nun das 
Gewerbe tonangebend ware. Denn in dem Moment, wo das Gewer- 
be tonangebend ist, ist die Assoziation eine Notwendigkeit. Die 
Struktur, die das heutige Geschaftsleben hat, ist immer noch aus den 
Prinzipien des Handelslebens heraus bestimmt; auch die Industrie 
ist aus dem Prinzip des Handels heraus. Im Grunde genommen sind 
die Fabrikanten Handler, die sich nur die Gelegenheiten zum Han- 
deln schaffen. Sie richten sich auch ihre industriellen Etablissements 
nach kommerziellen Gesichtspunkten ein; die sind das Mafigebende. 
Denn in dem Augenblick, wo das Gewerbliche hineingreift in das 
Kommerzielle, da ist die Assoziation eine Notwendigkeit. Die Fu- 
sion des Staates mit dem Wirtschaftsleben ist eigentlich auf dem 
Umwege durch das Kommerzielle geschehen. 

Und auf der anderen Seite wiederum gibt sich ein jedes der drei 
Glieder des sozialen Organismus eben seine eigenen Gesetze und 
kampft gegen das andere Glied, wenn es nicht in der richtigen Weise 
losgelost ist. Sehen Sie, eigentlich kampft schon wiederum seit lan- 
ger Zeit das staatlich-rechtliche Gebiet gegen das wirtschaftliche Ge- 
biet in der Wirtschaftsgesetzgebung, der Altersversicherung und so 
weiter. Was bedeutet das anderes, als dalS man in torichter Weise los- 
losen will die Arbeitskraft vom Wirtschaftsleben? Gescheit ware es, 
wenn man es nun gleich griindlich losloste! Aber die Staaten sind 
durchaus auf dem Marsch - wenn ich das Wort gebrauchen darf, das, 
wie Sie wissen, mifibraucht worden ist von Wissel-, auf dem Marsch 
nach dem selbstandigen Rechtsleben. Indem sie Arbeiterschutz- 
gesetzgebung, Altersversicherungsgesetzgebung und so weiter schaf- 
fen, holen sie die Organisation der Arbeit, die Regelung von Art 
und Zeit der Arbeit, aus dem Wirtschaftsleben ja ohnedies heraus. 
Nun, da sehen wir, dafi auch das zweite Glied des sozialen Organis- 



mus auf dem Wege nach Emanzipation von dem wirtschaftlichen 
Leben ist. 

Nun, etwas verworrener nimmt sich allerdings die Sache mit dem 
geistigen Leben aus. Alles wirkliche geistige Leben ist seinem inne- 
ren Wesen nach aus den alten Theokratien erwachsen. Ich bitte, Sie 
brauchen ja blofi das Universitatsleben im 12. und 13. Jahrhundert 
zu studieren. Ganz und gar bildet sich dieses heraus aus dem kirchli- 
chen Wesen. Und dieses war ein emanzipiertes Geistesleben. Es 
wachst nur allmahlich in das Staatsleben hinein. Ein grofier Teil der 
europaischen Kampfe besteht ja in nichts anderem als in dem Uber- 
gang der kirchlichen Anstalten in das Staatliche hiniiber. Und fiir 
diese alten Zeiten mufi man sagen: Die Freiheit der Bildungsanstal- 
ten war im alten kirchlichen System eine viel grofiere, als sie im spa- 
teren staatlichen System war oder heute ist. Denn die Dinge bilden 
sich doch mit vollem Bewufitsein aus dem geistigen Leben heraus. 
Mk vollem Bewufitsein hat die Kirche zum Beispiel im Jahre 869 auf 
dem okumenischen Konzil zu Konstantinopel den Geist abge- 
schafft, das heifit, zum Dogma erhoben, dafi der Mensch nicht aus 
Leib, Seele und Geist bestehe, sondern blofi aus Leib und Seele, und 
dafi die Seele einige geistige Eigenschaften habe. Dazumal wurde das 
bewufit gemacht. Heutzutage predigen die Philosophieprofessoren, 
dafi der Mensch aus Leib und Seele bestehe und wissen nicht, dafi sie 
nur die Testamentsvollstrecker eines kirchlichen Dogmas sind. Was 
wir Philosophic nennen, ist durchaus aus dem alten kirchlichen Le- 
ben herausgewachsen, und der Herr Wundt in Leipzig ist durchaus 
nur ein Ableger der alten kirchlichen Dogmen, wenn das auch 
scheinbar nicht mehr da ist in der Art und Weise seiner Darstellung. 
Aber ebenso ist es in den anderen Dingen, die herausgewachsen sind 
aus der alten theokratischen Art des Geisteslebens. Die theologi- 
schen Fakultaten, nun, schauen Sie sich sie an, die sind stark heraus- 
gewachsen aus dem ehemaligen Geistesleben, so dafi sie heute nur ei- 
ne Art Karikatur darbieten, ebenso die juristischen Fakultaten. Wer 
zusehen will, wird uberall die eine Hiille des alten theokratischen 
Wesens in der modernen Zivilisation finden. Von der Medizin will 
ich nicht sprechen. Es ist ja ganz offenkundig, dafi sie herausgewach- 



sen ist aus anderen Zusammengehorigkeiten mit dem alten Geistes- 
leben, das sich in kirchlicher, religioser Weise entwickelt hat. Wir 
haben durchaus eine Stromung, einen Zweig des Geisteslebens, der 
ganz und gar herausgewachsen ist aus dem im Verhaltnis zum Staat 
freien kirchlichen Leben, das fur die alteren Zeiten eben das einzige 
Geistesleben war. Dazu ist gekommen, ich mochte sagen, jetzt nicht 
herauswachsend sondern sich nebenbei stellend, dasjenige, was mo- 
derne Naturwissenschaft und Technik ist. Da ist das Geistesleben 
auf einem eigenen Boden erwachsen und hat sich nur angeahnelt 
demjenigen, was von friiher her aus der Kirche herausgewachsen ist. 
Daher sieht das auch so sonderbar aus, was sich da, ich mochte sa- 
gen, krampfhaft organisiert hat in Nachbildung der alten Einrich- 
tungen. Man hat nach und nach gebaut technische Hochschulen, 
kommerzielle Schulen, landwirtschaftliche Schulen und so weiter. 
Alles das hat sich krampfhaft etwas ahnlich gestaltet demjenigen, 
was aus dem friiheren kirchlichen Leben heraus gewachsen ist. Und 
so haben wir das ganz unnaturliche Gefuge unseres Hochschulwe- 
sens. Auf der einen Seite etwas, was in vieler Beziehung zopfartig ist, 
das eigentliche Universitatswesen; es tragt ja seine antike kirchliche 
Erbschaft durchaus an sich. Auf der anderen Seite dasjenige, was sich 
eigentlich etwas humoristisch in seiner Gestaltung daneben hin- 
stellt, die moderne landwirtschaftliche Schule, die technische Schu- 
le, die Bergakademie und so weiter, die eine Ahnlichkeit gesucht ha- 
ben, auch in den Au£erlichkeiten, im Titelwesen und dergleichen, 
mit den Universitaten. 

Da haben wir auf der einen Seite das Geistesleben, wie es vom 
alten, freien kirchlichen Leben heraufkommt und vom Staat allmah- 
lich aufgesogen ist; und auf der anderen Seite haben wir das Hinein- 
schieben, ich mochte sagen, wiederum aus einer gewissen Freiheit 
heraus, denn der Geist mufi ja wirklich frei sein, Genialitat kann der 
Staat nicht erzeugen, desjenigen Geisteslebens, das sich wiederum 
hineinstellt in das Staatsleben. Es hatte ja dem Ideal vieler Menschen 
entsprochen, auch an den Kunstschulen wirkliche Kunstler auszu- 
bilden. Sie wissen aber: das Lehrprogramm gibt es noch nicht, wo- 
durch man das Genie oder den wirklichen Kunstler ausbilden kann, 



trotzdem es manche Leute so mochten. Also wir sehen, wie da mit 
unzureichenden Mitteln das geistige Leben aufgesogen ist. Es ist ja 
im Grunde genommen nur das aufgesogen, was aufiere Form ist. 
Der Inhalt mufi sich ja immer, wenn ich so sagen darf, unter der 
Hand fortfretten, ganz gewifi fortfretten. Denn, nicht wahr, wenn 
jemand in die gegeniiber den modernen Verhaltnissen unangenehme 
Lage versetzt ist, einigen Geist zu haben, so mufi er den, moglichst 
mit Geheimhaltung durch all die schrecklichen Qualen der Examina 
und so weiter, durchbringen, damit er ihm nicht einfriert wahrend 
dieser ganzen Prozedur und er ihn noch nachher entfalten kann. Ja, 
man mufi, was das eigentliche Geistesleben ist, schon eben unter der 
Hand fortfretten. Das ist nun eben so. Und das ist ja im Grunde ge- 
nommen auch nichts anderes als eine Art Emanzipation des Geistes- 
lebens, ein latentes Sich-emanzipiert-Halten. 

Auch hier stehen wir vor einer sich vorbereitenden Krise. Die 
letzte Konsequenz des Verstaatlichungssystems ist ja Marxismus, 
und, radikal, Bolschewismus. Da wird alles verstaatlicht; da wird der 
ganze Staat zu einem grofien Industrieetablissement, zu einer Rie- 
senunternehmung gemacht, wenigstens ist das zunachst das Ideal. 
Nun, wenn man das macht, dann ist es notwendig, einzuorganisie- 
ren in diese ganze Menagerie, Maschinerie wollte ich naturlich sa- 
gen, einzuorganisieren in diese ganze Maschinerie, was technische 
Kenntnisse sind. Denn ohne diese technischen Kenntnisse kann man 
nicht vorwartskommen. Es ist ja die moderne Technik notwendig. 
Aber aller Bolschewismus und alle Arten, das marxistische Prinzip 
in die Wirklichkeit einzufuhren, werden zu nichts anderem ftihren 
konnen als zu Raubbau auf diesem Gebiet. Das heifit, man wird fur 
eine Zeitlang die technisch Begabten versklaven konnen. Aber sie 
verschwinden nach und nach, wenn man nicht vorher iibergehen 
wird zu einem selbstandigen, emanzipierten, freien, produktiven 
Geistesleben. Vor dieser Krisis stent man iiberall da, wo die Ver- 
staatlichung des Geisteslebens radikale Fortschritte macht. Denn 
ebenso, wie die beiden anderen Glieder des sozialen Organismus ih- 
re eigenen Gesetze haben, das rechtlich-politische und das Wirt- 
schaftsleben, wie das Wirtschaftsleben alles zur Ware macht, wie das 



staatlich-rechtliche Leben doch vom Wirtschaftsleben dasjenige, was 
da nicht hineinpafk, unter die Organisation, unter die Gesetzmaftig- 
keit spannt, so mull sich auch das Geistesleben, seinen eigenen Ge- 
setzen folgend, emanzipieren von den beiden anderen. 

Als Forderung hat man durchaus diese drei Gebiete des sozialen 
Organismus : das geistige Gebiet, das rechtlich-staatliche Gebiet und 
das wirtschaftliche Gebiet. Deshalb sind das auch die drei groflen 
Fragen der Gegenwart. Die drei grofien Fragen der Gegenwart sind 
eben die Fragen der richtigen Gestaltung des Geisteslebens, der rich- 
tigen Gestaltung des staatlich-politischen Lebens, der richtigen Ge- 
staltung des Wirtschaftslebens. 

Und das tritt uns uberall da entgegen, wo die stiimperhaften heu- 
tigen Versuche entstehen. Sehen Sie sich an, was zum Beispiel inner- 
halb Mitteleuropas, Deutschlands, von den Konfessionen heute aus- 
geht, wo man versucht, in den evangelischen Einheitsbestrebungen, 
in den jungkatholischen Bestrebungen und so we iter, das Alte zu 
galvanisieren, aus dem Alten noch etwas Lebensfahiges herauszu- 
pressen, um irgendein Geistesleben zu haben, weil man nicht den 
Mut hat zu einer Produktivitat im Geistesleben. Sie sehen uberall die 
stiimperhaften Versuche zu einer Geburt eines neuen Geisteslebens. 
Natiirlich kann der Versuch, aus der alten Zitrone doch noch etwas 
auszupressen, nicht zu einer wirklichen geistigen Gestaltung fiihren. 
Dazu kann nur fiihren die Hinwendung zu einem produktiven Gei- 
stesleben, Aber wir sehen uberall die stiimperhaften Versuche. Wir 
sehen, wie Amerikaner erscheinen zur Wiederauffrischung des alten 
Christentums, weil sie die Meinung haben, dafi aus den alten Staats- 
prinzipien heraus die Menschheit nicht gesunden kann. Nirgends 
aber ist die Einsicht da, dafi ein Geistesleben neu zu produzieren ist 
aus seinen Urquellen heraus. Uberall stumpert man dasjenige zu- 
sammen, was schon da ist. Das zeigt, dafi man auch da instinktiv auf 
dem Wege ist, dafi man aber nicht den Mut gefunden hat, ein selb- 
standiges Geistesleben wirklich in seiner Reinheit hinzustellen. 

Auf der anderen Seite sehen wir, wie das alte Staatsprinzip, das 
sich seit dem 15., 16. Jahrhundert in Europa herausgebildet hat, ver- 
rochelt. Denn was ist es denn anderes, was sich in den Ungetiimen, 



die man Friedensschltisse und dergleichen nennt, die sich seit Brest- 
Litowsk und Versailles abgespielt haben, was ist es denn anderes als 
ein verrochelndes Staatsprinzip, das nicht mehr aus sich heraus et- 
was Fruchtbares gestalten kann, das Gebilde schafft, die nicht beste- 
hen konnen? Die Tschechoslowakei zum Beispiel wird nicht beste- 
hen konnen, weil sie nicht hat, was sie haben mufi. Das polnische 
Staatsgebilde soil wiederum aufgerichtet werden. Es kann nicht auf- 
gerichtet werden und so weiter. Es ist eben durchaus nur moglich, 
daft das staatliche Leben wiederum gesundet, wenn es sich aufbaut 
auf dem demokratischen Prinzip der gleichen Menschen, das heilk, 
wenn es die Angelegenheiten umfafk, welche die Angelegenheiten 
eines jeden Miindiggewordenen sind. 

Solange das heutige Leben chaotisch zusammengeworfen wird, 
kommt man eben nicht mehr weiter. Da sehen wir, wie in der Tat 
das staatliche Leben auf der einen Seite verrochelt, auf der anderen 
Seite aber schon gezeigt hat, wie es die Arbeitsregelung in Anspruch 
nehmen mufi. Wir sehen, wie ihm Aufgaben erwachsen. Und dann 
kann man sagen: Wir haben also die geistige Frage, die sich darin 
zeigt, daft stammelnde Versuche gemacht werden, wie sie sich in den 
evangelischen Einheitsbestrebungen, in den jungkatholischen Be- 
strebungen aufiern; wir haben die staatlich-rechtliche Frage, die sich 
zeigt zum Beispiel in den Friedensschlussen; wir haben aber auch 
das Wirtschaftsleben, das als die dritte grofte Frage der Gegenwart 
dasteht, aus dem ja im Grunde genommen gegen Westen hin der 
grofie Krieg entbrannt ist, das sich entladt in demjenigen, was eben 
die revolutionaren und ahnliche Impulse sind. 

Das mufi nach den verschiedensten Seiten hin behandelt werden. 
Sie finden ja unter meinen Vortragen, die ich hier gehalten habe, 
einen, der diese Dinge beinhaltet. Unter diesem Gesichtspunkt der 
drei grofien Zeitfragen miissen wir unser erstes Thema behandeln. 
Wir miissen behandeln, dafi die grofien Fragen heute da sind, die gei- 
stige Frage, die staatlich-rechtliche Frage und die wirtschaftliche Fra- 
ge, dafi daher die Dreigliederung nicht etwas ist, was erfunden ist, 
sondern was abgelesen ist den drei grofien Zeitfragen, und dafi auf 
der anderen Seite dasjenige, was sich vorbereitet hat als anthroposo- 



phische Geisteswissenschaft, eben eine Grundlage ist fur ein wirk- 
lich produktives Geistesleben. 

Was als Geistesleben aus alten Zeiten da war in den Konfessionen, 
von denen die Universitatswissenschaften der Gegenwart doch nur 
eine Dependance sind, dieses Geistesleben hat sich ausgelebt; das an- 
dere hat noch nicht als Geistesleben zu leben beginnen konnen, also 
dasjenige, das aus der Naturwissenschaft und Technik herausge- 
wachsen ist. Das konnte sich noch nicht vergeistigen. Das mufi hin- 
aufgetrieben werden mit derselben Denkweise, aus der das alte Gei- 
stesleben entstanden ist. Die Geisteswissenschaft wird wiederum so 
produktiv sein, wie die friihere war, die dann in den Religionen in 
die Dekadenz gekommen ist. 

Das ist es, was dem Geistesleben seinen Inhalt, seinen Schwung 
gibt. Und Sie werden dann, wenn Sie in dieser Weise die Sache 
durchschauen, wenn Sie richtig erkennen, dafi Sie auf die Frage: Ja, 
woher soli das freie Geistesleben kommen? - zu antworten wissen 
mit voller Uberzeugung: Ja, wir haben nicht nur zu reden von der 
Forderung des freien Geisteslebens, sondern wir haben etwas, was 
man auch in diesen Rahmen des freien Geisteslebens hineinlegen 
kann, was den Geist produziert, was lebendiger Geist ist. Sie werden 
dann auf die anthroposophische Quelle hinweisen konnen, die dazu 
gehort. Da konnen Sie etwas entwickeln, was, wenn Sie es an die 
Menschen heranbringen wollen, mit einem gewissen Enthusiasmus 
an sie herangebracht werden mufi, so dafi gewissermaften das Innere 
sich nach aufien wendet, so dafi wirklich dasjenige, was Sie als Men- 
schen sind, womit Sie zusammengewachsen sind, unter das Publi- 
kum hineingeht. Das mufi der eine Ton sein, den Sie in Ihren Vor- 
tragen anschlagen miissen. Sie mussen sich klar sein, dafi dem freien 
Geistesleben die Anthroposophie den Inhalt, die Nahrung gibt. 

Auf der anderen Seite werden Sie den anderen Ton finden, wenn 
Sie griindlich fiihlen, dafi das Wirtschaftsleben alles zur Ware macht, 
dafi dasjenige, was nicht Ware sein darf, herausgenommen werden 
mull aus dem Wirtschaftsleben. Dann werden Sie finden den trocke- 
nen Ton der niichternen Uberlegung, der Ihre Vortrage durch- 
ziehen mufi, wenn Sie vom Wirtschaftsleben sprechen. Denn da 



konnen Sie niichtern, trocken sprechen, da miissen Sie so sprechen, 
wie wenn Sie rechnen miifken. 

Und so werden Sie die zwei Nuancen finden, die Sie brauchen fiir 
Ihre Vortrage, und werden sie allerdings verschieden voneinander 
finden: den trockenen, niichternen Ton des trockenen Wirtschafts- 
erklarers und den begeisterten Ton desjenigen, der nicht bloft von 
einem politischen Ideal als dem freien Geistesleben spricht, sondern 
so spricht, daft er weift, was in das hinein will. 

Und dann werden Sie auch schon, zwischen beiden sich rhyth- 
misch hin- und herbewegend - Sie werden nicht krampfhaft Phrasen 
zu dreschen brauchen -, dann den dritten Ton finden, den Ton, den 
Sie fiir die Behandlung des Staatlich-Rechtlichen brauchen. 

Aber es ist notwendig, daft Sie gewissermaften in Ihren Stimmun- 
gen selber, damit Sie richtig erkennen, intensiv dreigegliedert wer- 
den, daft Sie in einer anderen Weise in Ihrer Seele sich verhalten zum 
Geistesleben, in einer anderen Weise zum staatlich-politischen Le- 
ben und in einer anderen Weise zum Wirtschaftsleben. Uber das 
Geistesleben spricht man aus innerer Kraft und Uberzeugung; man 
spricht so, daft man eigentlich weift : jeder Mensch ist der berechtigte 
Anteilhaber an dem harmonischen Geistesleben der Menschheit, an 
der Harmonie des Geisteslebens der Menschheit. Uber das Staatsle- 
ben spricht man so, daft man die Seele pendeln laftt von der einen 
Waagschale zu der anderen: Pflichten - Rechte, Pflichten - Rechte! 
Man spricht mit einer gewissen kiihlen Uberlegenheit, die ja durch- 
aus nicht die uberlegene Verlogenhek der alten Staatsmanner zu sein 
braucht; aber es geschieht mit einer gewissen Uberlegenheit, indem 
man im staatlich-rechtlichen Leben dem einen sein Recht ebenso wi- 
derfahren laftt wie dem anderen. Und iiber das Wirtschaftsleben re- 
det man so, wie wenn man, allerdings nicht seine eigene Borse zu 
verwalten hatte; das fiihrt zu nichts Vernunftigem, aber mit dem 
Gefiihl spricht man, wie wenn man die Borse anderer Menschen ei- 
gentlich in seiner Tasche hielte und diese zu verwalten hatte. Mit 
dem Gefiihl spricht man da, dafi man da moglichst vorsichtig zu 
Werke gehen miisse, dafi da auch manches anders kommen kann, als 
man denkt. Das sichere Gefiihl, das man dem Geistesleben gegen- 



iiber hat - im Geistesleben kann niemals, wenn man es richtig erfafk 
hat, etwas schiefgehen -, dieses sichere Gefuhl kann man nicht ha- 
ben dem Wirtschaftsleben gegeniiber. Da kann auch einmal etwas 
schiefgehen. Das mufi auch in dem Ton drinnen sein, mit dem Sie 
iiber die Sache sprechen. Darum werden Sie das in den «Kernpunk- 
ten» finden : Mit absoluter Sicherheit und Bestimmtheit ist vom Gei- 
stesleben gesprochen; nur beispielhaft, so daft man das Gefuhl hat, 
daft es auch anders sein konnte, ist gesprochen, wo wirtschaftliche 
Verhaltnisse in Rede stehen. 

Das ist, was Ihren Reden eine gewisse innerliche Kraft geben 
wird: wenn Sie innerlich intensiv dreigegliedert sind. Und das ist, 
was ich Ihnen empfehle, ein wenig innerlich sich zu Gemiit zu fuh- 
ren, damit Sie vielleicht diesen Ton treffen. Da die meisten von 
Ihnen jung sind, so wird das, wenn Sie aufmerksam gemacht werden 
auf diese Dreigliederung des menschlichen Orators, so wird das 
etwas sein wie eine Art Kraftmittel fur Ihr Wirken. 



FUNFTER VORTRAG 



Stuttgart, 14. Februar 1921 (abends) 

Es wird gut sein, jetzt einiges Formelle einzufiigen, damit wir dann 
wiederum ubergehen konnen zu einigen sachlichen Betrachtungen. 

Ich habe es vorhin angedeutet, dafi man durch das Sich- 
Hineinversetzen in den ganzen Sinn und das Wesen des Gegenstan- 
des im einen oder anderen Gliede des dreigliedrigen sozialen Orga- 
nismus den richtigen Ton gewissermafien finden kann. Man nimmt 
ihn von selbst, wenn man in der richtigen Weise in den Dingen drin- 
nen lebt. 

Nun mochte ich in dieser Richtung Ihnen noch einiges hier vor- 
bringen. Aber ich mochte vorausbemerken, dafi natiirlich, wenn es 
sich um praktische Ratschlage handelt, die Dinge auch immer etwas 
anders sein konnen, dafi man eigentlich iiber solche Dinge nur als 
Beispiele sprechen kann, ja, dafi man die Sache in dem einen Falle 
so, in dem anderen Falle auch anders behandeln kann. Aber wenn 
ich mir vorstelle, was gerade fur die Falle passend sein konnte in be- 
zug auf Ihre rednerische Wirkung in den nachsten Wochen, so 
mochte ich zunachst darauf aufmerksam machen, dafi eine ganz be- 
stimmte innere Einstellung doch fur den Redner in jedem einzelnen 
Falle von einer grofien Bedeutung ist. 

Sehen Sie, das Schlechteste, was Sie tun konnten, ware zweifellos 
das: wenn Sie sich ein solches Thema nehmen wiirden, wie, sagen 
wir, «Die grofien Fragen der Gegenwart in bezug auf die Dreigliede- 
rung des sozialen Organismus», und, da Sie doch in der Woche eine 
ganze Anzahl Reden an verschiedenen Orten halten werden, dieses 
Thema gewissermafien mit gedachtnismafiiger Beherrschung der 
einzelnen Formulierungen nun wiederholend immer vortragen 
wiirden. Das ist aus inneren sachlichen Grunden wohl die schlechte- 
ste Methode, die man fur eine solche Sache wahlen kann. Man kann 
eigentlich eine verantwortungsvolle und von der Sache getragene 
Art im Reden doch nur entwickeln, wenn einem gewissermafien je- 
de Rede, die man halt, auch subjektiv, personlich, etwas Neues ist. 



Man hat also notig, wenn auch in einer solchen Weise, wie ich es 
gleich nachher andeuten werde, selbst wenn man eine Rede dreiftig 
Mai, ja, nehmen wir den ja etwas seltenen Fall an, hundert Mai hin- 
tereinander halt, doch sie immer wiederum als etwas Neues zu emp- 
finden und immer wiederum einen gewissen gleich grofien Respekt, 
eine Achtung vor dem Inhalt dieser Rede zu haben, sie in ihrer 
Grundnuance - merken Sie wohl, was ich sage - sie in ihrer Grund- 
nuance immer wiederum, bevor man sie halt, vor die Seele treten zu 
lassen, nicht so sehr in dem einzelnen Ausbau und in den einzelnen 
Formulierungen, sondern in den Grundnuancen, in den Gedanken 
sie immer wieder zu durchleben. Wie man sich dazu einstellen kann, 
das hangt von dem Verhaltnisse ab, das man zu dem Stoff hat. Ich 
kannte Schauspieler und Schauspielerinnen von erster Qualitat, die 
mir die Versicherung abgaben, dafi sie eigentlich erst das Gefuhl hat- 
ten, eine Rolle gut gespielt zu haben, wenn sie sie ungefahr das hun- 
dertste Mai spielten. Nun, natiirlich steckt da in einem gewissen Sin- 
ne eine Art Illusion darin; sie hatten es beim neunundvierzigsten, 
fiinfzigsten Mai auch, aber nur im Verhaltnis zu den vorhergehen- 
den Malen. Jedenfalls aber gibt es eine Moglichkeit, den gleichen Re- 
spekt, die gleiche Achtung vor dem Inhalt der Rede zu haben, wenn 
man sie auch noch so oft halt. Und im Grunde genommen halt ei- 
nen nur in der notigen Frische zu der Rede dieses Gefuhl: dafi man 
eigentlich niemals von dem betreffenden Stoff, auch wenn er fast 
ganz gleich wiederholt wird, genug kriegt. 

Wer gegemiber einer Rede, die er halten soil, das Gefuhl hat, sie 
sei ihm schon langweilig, oder es sei ihm langweilig, die Rede zu hal- 
ten, weil er sie mit demselben Inhalt so oft gehalten hat, der kommt 
mir vor, wie wenn er einen ganzen Monat gegessen hat und am Er- 
sten des nachsten Monats sagt: Mir ist es jetzt langweilig zu essen, 
denn es ist ja doch nur die Wiederholung des Essens von den vorher- 
gehenden dreifiig Tagen; ich will das nicht wieder tun. Der Organis- 
mus tut im Grunde genommen in bezug auf seine wichtigsten Funk- 
tionen jeden Tag in eintoniger Weise dasselbe, hochstens, daft man 
die Speisenfolge etwas variiert. Aber in einer solchen Weise kann 
man ja auch die Gedanken eines Vortrages nuancieren, so daft eine 



Abwechslung hineinkommt wie in die Speisen an den aufeinander- 
folgenden Tagen. Aber im wesentlichen bleibt fur den Organismus 
das eintonige Hungrig-Sein - Sich-Sattigen, Durst-Haben - Trinken 
und so weiter, und es wird im Grunde genommen nie im Ernste 
langweilig. 

Unser Intellekt, unser Seelenleben iiberhaupt, weicht in einer ge- 
wissen Weise, indem es gegemiber dem lebendigen Wachstum der 
natiirlichen, wie auch geistigen elementaren Krafte in die Dekadenz 
kommt, von diesen ab; es weicht dadurch ab, dafi es gewissermafien 
alles nur einmal haben will, und dann es eben «hat». Man kommt, 
indem man weiterschreitet in der seelischen Entwickelung, wieder- 
um zuriick auf das, was die Natur und was die urspriinglich geistigen 
Elementarkrafte haben: den Rhythmus, die Wiederholung des Selbi- 
gen. Und zu dieser Riickkehr zu dem, was den urspriinglich schop- 
ferischen Kraften nahesteht, nahersteht als unser dekadentes intel- 
lektuelles und unser Seelenleben, zu dieser Riickkehr miissen wir 
kommen, wenn wir in der geistigen Welt, in der Sphare des Geisti- 
gen arbeiten. Auf das haben ja im Grunde schon die Religionen 
Riicksicht genommen. Denn sie lassen nicht jeden Morgen und je- 
den Abend neue Gebete beten, sondern immer dieselben. Und sie 
setzen voraus, dafi es nicht langweilig ist, dafi es sich wirklich so ver- 
halt zu der ganzen seelischen Entwickelung des Menschen, wie das 
Essen und Trinken zur organischen Entwickelung des Menschen. 
Und wir konnen uns zu dem, was wir im Geistigen wirken, beson- 
ders in einem solchen Fall, wie es die Redekunst ist, so einstellen, 
dafi wir, wenn wir auch zahllose Male dasselbe wiederholen, immer 
wiederum und wiederum mit demselben Interesse, bevor wir die Sa- 
die vorbringen, den Inhalt innerlich durchlaufen. Nur dann, wenn 
wir so den Inhalt innerlich durchlaufen, und sei es manchmal nur in 
wenigen Minuten, nur dann werden wir das richtige Verhaltnis zu 
dem gewinnen, was wir aussprechen wollen. Wir werden auch nur 
dadurch das richtige Verantwortungsgefiihl gewinnen. 

Und dieses Verantwortlichkeitsgefuhl, das brauchen wir, wenn 
wir in einer solchen Lage sind wie Sie in den nachsten Wochen. 
Denn Sie miissen sich bewufit sein, dafi Sie mit Ihren Reden eben 



nicht blofi den Leuten etwas sagen, sondern dafi wir in einem welt- 
historischen Augenblick stehen, und daft Ihr Reden fiir diesen welt- 
historischen Augenblick etwas zu bedeuten hat. Sie miissen sich 
ganz stark die Tragweite desjenigen, was Sie tun, vor die Seele 
stellen. Sie miissen sich ungefahr sagen: Ich habe etwas den Leuten 
beizubringen, was, wenn es bei ihnen einschlagt, wirklich als das 
einzige Mittel figurieren wird, die Welt zum Aufstieg zu bringen, 
wahrend iiberall um uns herum die Niedergangskrafte sind. 

Und wenn Sie so zu der Sache stehen, dann werden Sie auch in 
der richtigen Weise einschatzen, was sich aus alien Ecken heraus als 
die Gegnerschaft gegen unsere Sache geltend macht und die da lauert 
iiberall an den Seiten Ihrer Wege, die Sie nun betreten wollen. Die 
Gegnerschaft wird gerade innerhalb unserer Bewegung unberiick- 
sichtigt gelassen von den meisten auch unserer Mitglieder. Sie kiim- 
mern sich nicht gern darum, und das ist eben Mangel an Interesse an 
der Zeitgeschichte. Aber aus Interesse an der Zeitgeschichte heraus 
miissen wir reden und miissen wir handeln. Nur dadurch bekom- 
men unsre Worte ein wirkliches Gewicht, dafi wir daraus handeln. 
Wir diirfen diese Gegnerschaft nicht leicht nehmen. Es ist ja manch- 
mal gerade innerhalb unsrer Bewegung geradezu zum Verzweifeln, 
wenn man sieht, wie gegeniiber den furchtbaren Anklagen, die erho- 
ben werden gegen Anthroposophie, gegen die Dreigliederung und 
jetzt auch gegen den «Kommenden Tag» und so weiter, die Leute in- 
nerhalb unsrer Bewegung ganz phlegmatisch bleiben. Da sind wirk- 
lich die Gegner, wenn man so sagen darf, andere Kerle. Die sind 
manchmal ganz ruchlose Filous. Aber sie haben als Inhalt ihres Fi- 
loutums einen ungeheuren Eifer. Und sie finden Worte aus einem 
gewissen Enthusiasmus heraus, aus einem Enthusiasmus des 
Schlechten sehr haufig, sogar meistens, oder auch aus einem Enthu- 
siasmus der Unfahigkeit, die sich wehrt, weil sie nicht zur Geltung 
kommen kann gegeniiber dem, was da zur Geltung gebracht wird. 
Aber es liegt dann in einem gewissen Sinn Elan drinnen; auch in 
dem Geschimpfe liegt Elan drinnen. Man findet nicht die rechten 
Worte, wenn man sie geradezu kiinstlich setzt. Aber man findet die 
rechten Worte, wenn man sie aus der Gesamtstimmung gegeniiber 



der Sache herausfinden kann. Das ist sowohl im Schriftlichen wie 
auch im Miindlichen dasjenige, auf das wir uns einstellen miissen. 
Wir diirfen nicht zurtickschrecken, die starksten Zuriickweisungen 
erfahren zu lassen, was sich in so schamloser Weise gegen Anthropo- 
sophie, gegen Dreigliederung und so weiter geltend macht. Und wir 
miissen uns bewuftt sein, daft dadurch im Grunde genommen auch 
das Positive seine Schattierung erhalt. 

Zum Sachlichen gehoren auch diejenigen Dinge, die wir vorbrin- 
gen gegenuber unseren Gegnern mitten in unseren positiven Reden 
drinnen, wobei wir moglichst wenig Riicksicht darauf nehmen, uns 
zu verteidigen. Denn sehen Sie, gewifi, man mufi sich manchmal ver- 
teidigen, ich habe es schon gesagt, aber was bedeutet denn eine Ver- 
teidigung eigentlich gegenuber solchen Individuen, wie es die Max 
Dessoirs sind und dergleichen? Dagegen bedeutet es viel, zu charak- 
terisieren, welche Schande es ist fur das deutsche Bildungs- und 
Universitatsleben, solche Menschen zu Dozenten zu haben. Diese 
allgemeine Kulturerscheinung in das richtige Licht zu stellen, das ist 
dasjenige, wofur wir die richtigen Worte und Wortnuancierungen 
finden miissen. Und da ist es schon gut, die Dinge, ich mochte sagen, 
in einer gewissen Weise farbig zu schildern. Da miissen Sie dann ver- 
suchen, aus Ihren Lebenserfahrungen heraus die Tinten, die Farben 
zu finden, um farbig zu schildern. Es gibt ein Karma, wenn man es 
nur in der richtigen Weise beachtet. Dieses Karma, das tragt einem 
die Nuancen schon zu. 

Sehen Sie, ich habe in meinen «Seelenratseln» die eigentiimliche 
Tatsache dessen, was Max Dessoir erwahnt hat in seinem dicken 
Schmoker, den er geschrieben hat, angefiihrt, daft er einer von den- 

…[truncated]