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RUDOLF STEINER GES AMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCH AFT
RUDOLF STEINER
Das Miterleben des
Jahreslaufes
in vier kosmischen Imaginationen
Fiinf Vortrage, gehalten in Dornach
vom 5. bis 13. Oktober 1923
und ein Vortrag in Stuttgart
am 15. Oktober 1923
1999
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH / SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung
Die Herausgabe besorgte Robert Friedenthal
1. Auflage, Dornach 1943
2. Auflage, Freiburg i. Br. 1955
3. Auflage (im Sammelband)
«Der Jahreskreislauf als Atmungsvorgang der Erde ...»)
Gesamtausgabe Dornach 1966
4. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1976
5. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1980
6. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1984
7. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1989
8. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1999
Einzelausgaben und Veroffentlichungen
in Zeitschriften siehe zu Beginn der Hinweise Seite 105
Bibliographie-Nr. 229
Die farbigen Tafeln wurden nach den von Rudolf Steiner
gezeichneten Originalen reproduziert (siehe auch S. 105)
Einbandzeichnung und Zeichnungen im Text von Assja Turgenieff
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1976 by Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-2290-4
Zu den Veroffentlkhungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861—1925) gliedert
sich in die drei groBen Abteilungen: Schriften - Vortrage — Kiinst-
lerisches Werk (siehe die Ubersicht am SchluB des Bandes).
Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fiir
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Ge-
sellschaft zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen hatte
Rudolf Steiner urspriinglich nicht gewollt, daB sie schriftlich festge-
halten wiirden, da sie von ihm als «miindliche, nicht zum Druck
bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend
unvollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und
verbreitet wurden, sah er sich veranlaBt, das Nachschreiben zu re-
geln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr
oblag die Bestimmung der Stenographierenden, die Verwaltung der
Nachschriften und die fur die Herausgabe notwendige Durchsicht
der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen
Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, muB gegeniiber
alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt wer-
den; «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, daB in den
von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offent-
lichen Schriften auBert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist
am SchluB dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt glei-
chermaBen auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen-
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemaB
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An-
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
DAS MITERLEBEN DES JAHRESLAUFES
IN VIER KOSMISCHEN IMAGINATIONEN
Erster Vortrag, Dornach, 5. Oktober 1923 9
Die Michael-Imagination. Der Michael-Spruch, eine Richttafel im
Astrallicht. Sulfurisierung im Sommer, Meteorisierung im Herbst.
Meteoreisen gottliche Waffe gegen die Schlangengebilde Ahri-
mans. Naturwissenschaft und Technik aus Eisen entstanden. Die
materielle Macht des Eisens muB zu Michaels Schwert vergeistigt
werden.
Zweiter Vortrag, 6. Oktober 1923 23
Die Weihnachts-lmagination. Erde kosmisch gesehen ein Quecksil-
bertropfen. Wirkung kleinster Verdunnungen (Kolisko). Sulfur,
Merkur- und Salzprozesse in den Jahreszeiten. Aschenbildung. Son-
nen- und Mondenkrafte im Winter. Marienmutter und Jesuskind.
Dritter Vortrag, 7. Oktober 1923 41
Die Oster-Imagination. Metamorphosen des Kalks. Illusionen und
Hoffnungen ahrimanischer und luziferischer Wesenheiten. Ahri-
man will die Erde und Menschen sklerotisieren, Luzifer alles Phy-
sische auflosen. Beide wollen die Menschheit austilgen. Zwischen
Luzifer und Ahriman: Christus. Der Auferstandene. Raphael mit
dem Merkurstab. Osterkult; Christus als Therapeut.
Vierter Vortrag, 12. Oktober 1923 57
Die J ohanni-lmagination. Das Geistige in der schlafenden Natur.
Kosmischer Wille unten, kosmische Intelligenz oben. Uriels ern-
stes, warm leuchtendes Antlitz. Natiirliches mit Moralischem ver-
woben. Das historische Gewissen. Geistvater, Stoffmutter, Sohn.
Johanni-Imagination: Dreifaltigkeit, im Hintergrund Uriel. Die
Mysterien der Hohe, der Tiefe und der Mitte.
Funfter Vortrag, 13. Oktober 1923 69
Das Miteinanderivirken der vier Erzengelwesen wahrend des Jahreslaufs.
Goethe im «Faust»: «Wie alles sich zum Ganzen webt» «Wie
Himmelskrafte auf- und niedersteigen». Heilung durch Atem-
system: Raphael. Ernahrungssystem: Gabriel.
Tafelzeichnungen zu den Vortragen .... nach Seite 56
DIE MICHAEL-IMAGINATION
GEISTIGE MEILENZEIGER IM JAHRESLAUF
Vortrag, Stuttgart, 15. Oktober 1923 86
Der Michael-Spruch. Michaels Kampf mit dem Drachen. Sulfur
und Eisen
Anhang 103
Einleitende Worte zum Vortrag vom 5. Oktober 1923: Bericht
iiber die Tagung der anthroposophischen Bewegung in Osterreich
vom 26. September bis 2. Oktober 1923 in Wien
Hinweise
Zu dieser Ausgabe 105
Hinweise zum Text 105
Personenregister 106
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 107
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . . . . 109
ERSTER VORTRAG
Dornach, 5,Oktober 1923
Ich mochte heute zu Ihnen in Ankniipfung an manches sprechen, was
ich hier vor meiner Wiener Reise vorgebracht habe. Ich mochte er-
wahnen, wie ja, sagen wir, bildhaft ausgedriickt werden kann, was
auBer den physisch-sinnlichen Vorgangen in der Welt hinter dem
Schleier der Sinnenwelt fortdauernd geschieht. Man muB sich iiber
diese Dinge bildhaft aussprechen, aber das biidhafte Aussprechen ent-
spricht durchaus der Wirklichkeit. Wir leben heute auBerlich in bezug
auf die Ereignisse, die der Sinnesbeobachtung des Menschen zugang-
lich sind, in einer Zeit schwerer Priifungen der Menschheit, schwerer
Priifungen, die noch immer schwerer werden miissen. Wir leben in
einer Zeit, in der eine ganze Summe von alten Zivilisationsformen, an
denen die Menschen noch irrtiimlicherweise hangen, in den Abgrund
versinken wird, in denen stark die Forderung auftreten wird, daB die
Menschen sich an Neues heranfinden miissen. Man kann nicht irgend-
welche optimistischen Hoffnungen - ich habe das oftmals aus-
gesprochen - im Menschengemiite erwecken, wenn man von dem-
jenigen sprechen will, was sich im SchoBe der Zeiten vorberei-
tend zunachst fur das auBere physische Leben der Menschheit
abspielen wird. Aber man kann eigentlich heute gar nicht ein Ur-
teil fallen, das in irgendeiner Weise giiltig sein konnte, iiber die
Bedeutung dessen, was da auBerlich geschieht, wenn man nicht
auf dasjenige sieht, was hinter dem sinnlichen Schleier an iibersinn-
lichen Weltereignissen bestimmend, richtunggebend sich eben auch
abspielt.
Es ist ja so, daB, wenn der Mensch mit seinem physischen Auge hin-
schaut, seine andern physischen Sinne in Regsamkeit hat und auf-
merksam wird auf dasjenige, was in seiner Weltumgebung ist, er da
wahrnimmt die physische Atmosphare der Erde, in ihr eingebettet die
Wesenheiten der verschiedenenReiche, innerhalb dieses ganzenMilieus
sich zutragend alles dasjenige, was in Wind und Wetter im Laufe der
Jahreserscheinungen vor sich geht. DaB also der Mensch das alles vor
sich hat, das ist der auBere Tatsachenbestand, wenn der Mensch seine
Sinne der AuBenwelt exponiert.
Aber hinter der Atmosphare, hinter der sonnendurchleuchteten
Atmosphare liegt, wahrnehmbar fur dasjenige, was man Geistorgane
nennen kann, eben eine andere Welt, man darf sagen eine gegeniiber
der Sinnenwelt hohere Welt, eine Welt, in der auch in einer Art Licht,
in einer Art geistigen Lichtes, in einer Art Astrallichtes, geistig
Wesenhaftes und geistige Tatsachen erglanzen und sich abspielen, die
wahrhaftig fur das Gesamtwerden der Welt und des Menschen nicht
weniger bedeutsam sind als dasjenige, was in der auBeren Atmosphare
auf der auBeren Erdoberflache geschichtlich sich abspielt.
Wenn nun derjenige, der in solche Dinge heute eindringen kann, so
die Gebiete des Astrallichtes durchwandert, wie man durchwandeln
kann Walder, Berge, so kann er, wie man, wenn man eine Wande-
rung macht, an Wegeskreuzungen Richttafeln flndet, auch in diesem
Astrallichte, ich mochte sagen, mit geistiger Schrift eingeschriebene
Richttafeln finden. Diese Richttafeln haben eine ganz besondereEigen-
tumlichkeit. Sie sind auch fur denjenigen, der, sagen wir, im Astral-
lichte lesen kann, nicht ohne weiteres verstandlich. Es geht in der
geistigen Welt und ihren Mitteilungen nicht so zu, daB einem die
Dinge so bequem wie moglich gemacht werden, sondern dasjenige,
was einem sich offenbarend in der geistigen Welt entgegentritt, es gibt
einem Ratsel auf. Und man muB durch inneres Forschen, durch
inneres Erleben von dem und vielem erst herausfinden, was eine In-
schrift auf einer solchen geistigen Richttafel bedeutet.
Und so kann man gerade jetzt in dieser Zeit, iibrigens schon seit
Jahrzehnten, aber besonders stark in dieser Zeit schwerer Menschen-
priifungen, im astralischen Lichte, wenn man geistig im Geisterlande
dahinwandelt, einen bemerkenswerten Spruch lesen. Es sieht einem
prosaischen Vergleich ahnlich, aber durch die innere Bedeutung wird
in diesem Falle ja das Prosatsche nicht prosaisch bleiben. Wie man eben
solche Tafeln, nach denen man seine Wege verfolgen kann, flndet,
wie auch da oder dort in poetischeren Gegenden das oder jenes auf
Richttafeln zu finden ist, so treten einem bedeutsame geistige Richt-
tafeln im Astrallichte entgegen. Ich mochte sagen: Immer wieder, in
gleicher Wiederholung immer wieder findet man eben den folgenden
Spruch, der da eingeschrieben ist mit ganz bedeutsamer geistiger
Schrift in das Astrallicht in der heutigen Zeit:
O Mensch, Tafel 1*
Du bildest es zu deinem Dienste,
Du offenbarst es seinem Stoffeswerte nach
In vielen deiner Werke.
Es wird dir Heil jedoch erst sein,
Wenn dir sich ofTenbart
Seines Geistes Hochgewalt.
Wie gesagt, solche Dinge, die, den Menschen hinweisend auf Bedeut-
sames, eingeschrieben stehen im Astrallichte, sie stellen sich, damit der
Mensch seine Seelenkrafte in Regsamkeit bringt, wie eine Art Ratsel
zunachst hin, das gelost werden muB.
Nun werden wir in diesen Tagen gerade zu der Losung dieses
eigentlich einfachen, aber fur die gegenwartige Menschheit bedeut-
samen Spruches einiges beitragen.
Erinnern wir uns noch einmal, wie wir in mancherlei Betrachtungen
hier den Jahreslauf vor unsere Seele gefiihrt haben. Der Mensch muB
ja den Jahreslauf zunachst rein auBerlich so betrachten, daB er, wenn
der Friihling kommt, die sprieBende, sprossende Natur sieht, daB das
Pflanzenwachstum, nachher auch die Bliiten der Pflanzen, aber auch
alles iibrige Leben aus der Erde hervorquillt in sprieBendem, spros-
sendem Leben. Das alles steigert sich gegen den Sommer hin; im Som-
mer gewinnt das alles seinen Hochgrad. Es dammert ab, es welkt
dahin, wenn der Herbst kommt. Es erstirbt im SchoBe der Erde,
wenn der Winter eintritt.
Dieser Jahreslauf, den in fniheren Zeiten der Mensch, well eine Art
mehr instinktivenBewuBtseins gewaltet hat, durchFesteszeiten feierte,
hat noch eine andere Seite. Auch die wurde hier schon erwahnt. Die
Erde ist wahrend des Winters mit ihren Elementargeistern, man kann
sagen, vereint. Die Elementargeister ziehen sich hinein in den SchoB
der Erde, wohnen da bei den sich vorbereitenden Pflanzenwurzeln
und den andern Naturwesenheiten, die wahrend des Winters im
Zu den Tafelzeichnungen siehe S. 105.
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SchoBe der Erde sind. Dann, wenn der Friihling kommt, atmet die
Erde gewissermaBen dieses ihr elementarisches Wesen aus; die Ele-
mentargeister steigen wie aus einer Gruft heraus, steigen herauf in die
Atmosphare. Wahrend sie im Winter die innere GesetzmaBigkeit der
Erde aufgenommen haben, bekommen sie immer mehr und mehr,
wenn es gegen den Friihling zu geht, und namentlich wenn es dem
Sommer zu geht, in ihrem Wesen und Weben jene GesetzmaBigkeit,
die ihnen von den Sternen des Kosmos und deren Bewegungen auf-
gedrangt wird. Und wenn die Hochsommerzeit da ist, da webt und
lebt es drauBen im Umkreise der Erde unter den Elementar wesen, die
still und ruhig wahrend des Winters unter der Schneedecke waren,
da walk und wirbelt es unter diesen Elementarwesen in denjenigen
Bewegungen, in denjenigen gegenseitigen Beziehungen, die bestimmt
sind durch die Gesetze der Planetenbewegungen, durch die Gesetze
der Gestaltung der Fixsterne und so weiter. Und wenn der Herbst
kommt, dann kommen gewissermaBen diese Elementarwesen wieder-
um gegen die Erde zunick. Dann nahern sie sich wieder der Erde,
bekommen immer mehr und mehr auch wieder die Erdengesetze, um
wiederum zuriickzukehren, gewissermaBen von der Erde eingeatmet
zu werden wahrend der Winterzeit, wo sie wiederum still und ruhig
im SchoBe der Erde sein werden.
Wer diesen Jahreslauf miterleben kann, der fuhlt sein ganzes Men-
schenleben ungeheuer bereichert durch solches Miterleben. Der
Mensch der Gegenwart und auch der Mensch einer jetzt schon lange-
ren Vergangenheit erlebt ja eigentlich nur, und auch das mehr dumpf,
unbewuBt, die physisch-atherischen Vorgange seines eigenen Leibes,
dessen, was innerhalb der Haut ist. Er erlebt seine Atmung, er erlebt
seine Blutzirkulation. Allein dasjenige, was drauBen in Wind und
Wetter im Jahreslauf spielt, was in der AusgieBung der Samenkrafte,
in dem Fruchtenden der Erdenkrafte, in dem Leuchtenden der Son-
nenkrafte lebt, all das ist fur das Gesamtleben des Menschen, wenn der
Mensch sich auch dessen nicht bewuBt wird heute, nicht minder be-
deutsam, nicht minder einschneidend als dasjenige, was meinetwillen
als Atmung und Blutzirkulation innerhalb seiner Haut vor sich geht.
Wie die Sonne auftrifft auf irgendein Erdengebiet, was sie da durch
ihre Warmung, durch ihre Strahlung hervorruft, das lebt der Mensch
mit. Und wenn der Mensch im richtigen Sinne Anthroposophie auf-
nimmt, Anthroposophie nicht liest wie einen Sensationsroman, son-
dern so liest, daB dasjenige, was ihm in Anthroposophie mitgeteilt
wird, Inhalt seines Gemiites wird, dann erzieht er allmahlich sein Herz
und seine Seele also zum Miterleben desjenigen, was da drauBen sich
im Jahreslauf abspielt. Und wie man den Tageslauf erlebt im morgend-
lichen Frischsein, im Bereitsein zur Arbeit am Vormittag, im Auf-
treten des Hungers, im Auftreten der Ermiidung am Abend, wie man
da die inneren Vorgange, das innere Weben und Leben der Krafte
und Materie innerhalb der Haut verspiirt, so kann man dadurch, daB
man sich die von der Beschreibung sinnlicher Ereignisse ganz ab-
weichenden anthroposophischen Ideen zu Gemute fiihrt, dieses Ge-
miit bereiten, daB es wirklich empfanglich, sensitiv wird fur dasjenige,
was im Jahreslauf webt und lebt. Und dann kann man dieses Mit-
erleben des Jahreslaufes immer mehr und mehr vertiefen, bereichern,
dann kann man es wirklich dazu bringen, daB man nicht so sauer,
mochte ich sagen, als Mensch innerhalb seiner Haut dahinlebt und
die auBeren Dinge an sich vorubergehen laBt, sondern dann kann man
es so erleben, daB man mit jeder Blume selber in seinem Gemute
blunt, daB man das Bliihen der Blume miterlebt, daB man das Sich-
AufschlieBen der Knospen miterlebt, daB man im Tautropfchen, aus
dem die Sonnenstrahlen erglanzen, im erglanzenden Lichte miterlebt
dieses wunderbare Geheimnis des Tages, das uns eben in dem erglan-
zenden Tautropfchen am Morgen entgegentreten kann. Man kann
also in dieser Weise hinauskommen liber das philistros-prosaische
Miterleben der auBeren Welt, das sich dadurch ausdriickt, daB man
im Winter seinen Winterrock anzieht, im Sommer sich eine leichtere
Kleidung anzieht, daB man einen Regenschirm nimmt, wenn es regnet.
Wenn man hinauskommt uber das Prosaische bis in dieses Mit-
erleben des Webens und Treibens der Naturdinge und Naturtat-
sachen, dann wird erst der Jahreslauf wirklich verstanden.
Dann ist man aber auch, wenn der Friihling durch die Welt geht,
wenn der Sommer herankommt, mit seinem Herzen, mit seiner Seele
dabei, wie das sprieBende, sprossende Leben sich entfaltet, wie die
Elementargeister drauBen schwirren und fliegen in den Linien, die
ihnen aufgedrangt werden durch den Gang der Planeten. Dann lebt
man sich selber hinaus wahrend der Hochsommerzeit in ein kos-
misches Leben, das allerdings das unmittelbare innere Leben des Men-
schen abdampft, aber dabei den Menschen hinausfuhrt in seinem eige-
nen Erleben, man mochte sagen in einem kosmischen Wachschlaf,
das ihn in der Hochsommerzeit hinausfuhrt in ein Miterleben der
planetarischen Vorgange.
Nun ist es heute so, daB der Mensch eigentlich nur glaubt, in der
Natur zu leben, wenn er das SprieBende, Sprossende, das Wachsende
und Keimende, das Fruchtende miterlebt. Es ist eben so, daB der
Mensch in der Gegenwart, wenn er auch darauf nicht eingehen kann,
wenn er auch nicht miterleben kann das Keimende, Fruchtende, so
doch mehr Herz und Sinn hat fur dieses Keimende, Fruchtende, als
fiir das Ersterbende, Ablahmende, sich Abtotende, das im Herbste
herankommt.
Aber eigentlich verdienen wir nur mitzuerleben das Fruchtende,
Wachsende, Sprossende, Keimende, wenn wir auch miterleben kon-
nen, wenn der Sommer zur Neige geht und der Herbst herankommt,
das sich lahmende, das sich ertotende, das hinuntersinkende, das wel-
kende Leben, das mit dem Herbste eintritt. Und steigen wir in einem
kosmischen Wachschlaf im Hochsommer hinauf mit den Elementar-
wesen in die Region, wo die planetarische Wirksamkeit sich auBen und
dann auch in unserer inneren Seele entfaltet, dann mussen wir eigent-
lich auch hinuntersteigen unter den Frost des Winters, unter die
Schneedecke des Winters zu den Geheimnissen im ErdenschoBe wah-
rend der Hochwinterzeit, und wir mussen mitmachen das Ab-
sterbende, das Weikende der Natur, wenn der Herbst beginnt.
Dann aber wiirde der Mensch, wenn er allein dieses Weikende mit-
erleben wiirde, so wie er das Wachsende, Sprossende miterlebt, ge-
wissermaBen auch in seinem Inneren nur mitersterben konnen. Denn
gerade wenn man sensitiv wird fur dasjenige, was geheimnisvoll in
der Natur webt, und dadurch regsam miterlebt das SprieBende, Fruch-
tende, Keimende, dann erlebt man auch lebhaft mit dasjenige, was
sich vollzieht in der AuBenwelt, wenn der Herbst eintritt. Aber es
ware trostlos fur den Menschen, wenn er dies nur in der Naturgestalt
miterleben konnte, wenn er nur ein NaturbewuBtsein erlangen wiirde
iiber die Herbstes- und Wintergeheimnisse, wie er ein NaturbewuBt-
sein selbstverstandlich erlangt iiber die Fruhlings- und Sommer-
geheimnisse. Aber wenn die Herbstes- und Winterereignisse heran-
kommen, wenn die Michaelizeit kommt, dann muB der Mensch aller-
dings sensitiv miterleben das Welkende, Absterbende, sich Lahmende,
Totende, aber er muB nicht so wie dann, wenn die Hochsommerzeit
herankommt, sich hingeben dem NaturbewuBtsein. Er muB imGegen-
teil sich gerade dem SelbstbewuBtsein hingeben. Er muB in denZeiten,
wo die auBere Natur erstirbt, die Kraft des SelbstbewuBtseins ent-
gegenstellen dem NaturbewuBtsein.
Und dann steht die Michael-Gestalt wiederum da. Und wenn der
Mensch, durch Anthroposophie angeregt, in solchen NaturgenuB, in
solches NaturbewuBtsein, dadurch aber auch in solches Herbstes-
SelbstbewuBtsein hineinkommt, dann wird wiederum in aller maje-
statischen Gestalt das Bild des Michael mit dem Drachen dastehen;
dann wird dastehen dasjenige, was der Mensch, wenn der Herbst sich
naht, empfindet zur Besiegung des NaturbewuBtseins durch das
SelbstbewuBtsein. Und das wird geschehen, wenn der Mensch nicht
nur einen inneren Fruhling und Sommer erleben kann, sondern wenn
er auch den ertotenden, ersterbenden inneren Herbst und Winter er-
leben kann. Und im Erleben des ersterbenden Herbstes und Winters
wird sich als eine gewaltige Imagination, als eine Aufforderung an den
Menschen zur inneren Tat, das Bild des Michael mit dem Drachen
wiederum hinstellen konnen.
Dann aber wird fur den Menschen, der aus der heutigen Geistes-
erkenntnis heraus sich hindurchringt zu diesem Bilde, dieses Bild, in-
dem er es erfuhlt, etwas ganz Gewaltiges ausdriicken. Dann wird,
wenn die Hochsommerzeit sich zu neigen beginnt und immer mehr
und mehr sich neigt, wenn nach der Johannizeit Juli, August und der
September herankommt, der Mensch gewahr werden, wie er da sich
hinausgelebt hat in den Wachschlaf des innerlichen planetarischen
Erlebens mit den Elementarwesen der Erde, und er wird gewahr
werden, was das, wenn er es miterlebt, eigentlich in ihm bedeutet.
Es bedeutet einen innerlichen VerbrennungsprozeB, den wir uns nicht
vorstellen diirfen wie einen auBeren VerbrennungsprozeB, denn alle
diejenigen Prozesse, die Vorgange, die auBen eine bestimmte Gestalt
haben, sie leben auch im menschlichen Organismus fort, aber sie
werden da anders.
Und so ist es tatsachlich, daB, wenn der Mensch das Jahr durchlauft,
immer andere Vorgange in seinem Organismus spielen. Dasjenige,
was da spielt beim Verlauf der Hochsommerzeit, das ist ein inneres
Durchwobenwerden mit dem, was, ich mochte sagen auBerlich, grob-
materiell, angedeutet ist in dem Schwefel. Dies ist ein inneres Sulfu-
risiertwerden, das der Mensch in seinem physisch-atherischen Wesen
erlebt, wenn er die Sommersonne und ihre Wirkungen miterlebt. Das-
jenige, was der Mensch an fur ihn brauchbarem materiellem Sulfur,
Schwefel, in sich tragt, das hat fur ihn wahrend der Hochsommerzeit
eine ganz andere Bedeutung als wahrend der kalten Winterzeit oder
wahrend der aufkeimenden Fnihlingszeit. Das Schwefelhafte in dem
Menschen ist wie in einem Feuerungsprozesse wahrend des Hoch-
sommers. Und das gehort zu der Entwickelung der menschlichen
Natur im Jahreslaufe, daB gewissermaBen dieser SulfurprozeB im
Inneren des Menschen wahrend des Hochsommers in eine Art be-
sonders gesteigerten Zustandes kommt. Die Materie in den verschie-
denen Wesen hat wahrlich noch andere Geheimnisse, als sich gerade
die materialistische Wissenschaft traumen laBt.
So ist im Menschen alles Physisch-Atherische von innerem Schwefel-
feuer, um diesen Jakob Bohmeschen Ausdruck zu gebrauchen, durch-
gliiht wahrend der Hochsommerzeit. Das kann auch im UnterbewuB-
ten bleiben, weil es ein sanfter, intimer ProzeB ist. Aber ist dieser
ProzeB auch sanft und intim und daher fur das gewohnliche BewuBt-
sein unwahrnehmbar, so ist dieser Vorgang, wie das bei solchen Vor-
gangen uberall der Fall ist, gerade von einer ungeheuren einschnei-
denden Bedeutung fur das Geschehen im Kosmos.
Dieser SulfurisierungsprozeB, der sich in denMenschenleibernin der
Hochsommerzeit abspielt, bedeutet, wenn er auch gelinde und sanft
und unbemerkbar far den Menschen selbst ist, etwas Ungeheures fur
die Evolution des Kosmos. Da geschieht im Kosmos viel, wenn im
Sommer die Menschen innerlich sulfurisch leuchten. Nicht nur die
Johanniskaferchen werden fur das physische Auge des Menschen zu
Johanni leuchtend. Von den andern Planeten heruntergeschaut, wird
das Innere des Menschen fur das atherische Auge anderer planetari-
scher Wesen zur Johannizeit leuchtend, ein Leuchtewesen. Das ist
der SulfurisierungsprozeB. Die Menschen beginnen in der Hoch-
sommerzeit fur die andern planetarischen Wesen so leuchtend hinaus-
zuglanzen in den Weltenraum, wie die Johanniskaferchen auf der
Wiese zu Johanni in ihrem Lichte erglanzen.
Das aber, was eigentlich mit Bezug auf die kosmische Beobachtung
von einer majestatischen Schonheit ist, denn es ist herrliches astra-
lisches Licht, in dem die Menschen in den Kosmos hinaus erglanzen
wahrend der Hochsommerzeit, das, was da von majestatischer Schon-
heit ist, das gibt zugleich die Veranlassung, daB gerade dem Menschen
sich nahen kann die ahrimanische Macht. Denn diesen im Menschen
sich sulfurisierenden StofFen ist die ahrimanische Macht ungeheuer
verwandt. Und man sieht auf der einen Seite, wie gewissermaBen die
Menschen im Johannilicht in den Kosmos hinaus erglanzen, wie aber
die drachenhaften Schlangengebilde des Ahriman sich hindurch-
schlangeln durch diese im Astrallichte in den Kosmos hinausleuchten-
den Menschen und sie zu umgarnen trachten, zu umschlingen trachten,
sie herunterzuziehen trachten in das Traumhafte, Schlafhafte, in das
UnterbewuBte. So daB die Menschen durch dieses Illusionsspiel, das
Ahriman mit den leuchtenden, mit den kosmisch leuchtenden Men-
schen treibt, zu Weltentraumern werden sollen, damit sie durch diese
Weltentraumerhaftigkeit eine Beute der ahrimanischen Machte wer-
den konnen. Das alles hat auch im Kosmos eine Bedeutung.
Und wenn gerade in der Hochsommerzeit aus einem gewissen Stern-
bilde die Meteorsteine herabfallen in den machtigen Meteorschwar-
men, wenn das kosmische Eisen auf die Erde herabfallt, dann ist in
diesem kosmischen Meteoreisen, in dem eine so ungeheuer starke hei-
lende Kraft liegt, die WafTe der Gotter enthalten gegen Ahriman, der
die leuchtenden Menschen drachenhaft umschlangeln will. Und die
Kraft, die auf die Erde herabfallt in den Meteorsteinen, im Meteor-
eisen, das ist dasjenige als Weltenkraft, womit die oberen Gotter die
ahrimanischen Machte zu besiegen trachten, wenn der Herbst heran-
kommt. Und dasjenige, was sich da raumlich in majestatischer GroBe
abspielt drauBen im Weltenall, wenn die Augustschwarme der Meteo-
riten hineinstrahlen in die Menschenstrahlungen im Astrallichte, das-
jenige, was sich da grandios drauBen abspielt, das hat sein sanftes,
scheinbar kleines, eben nur raumlich kleines Gegenbild in demjenigen,
was im menschlichen Blute vor sich geht. Dieses menschliche Blut,
das wird wahrhaftig nicht auf so materielle Weise, wie es sich die
heutige Wissenschaft vorstellt, sondern iiberall auf Anregungen des
Geistig-Seelischen hin durchschossen, durchstrahlt von demjenigen,
was als Eisen in das Blut hineinstrahlt, was Angst, Furcht, HaB be-
kampfend sich als Eisen in das Blut eingliedert. Die Vorgange, die
sich in jedem Blutkorperchen abspielen, wenn die Eisenverbindung
hineinschieBt, die ist menschlich, im ganz Kleinen, minuzios dasselbe,
was sich abspielt, wenn der Meteorstein leuchtend, strahlend durch
die Luft heruntersaust. Meteorwirkungen im Inneren des Menschen
sind die Durchstrahlungen mit dem Eisen, die fur das Blut und seine
Entangstigung geschehen. Denn eine Entangstigung, eine Entfiirch-
tung ist es, was da mit dem Eisen hineinstrahlt.
Und so wie die Gotter mit ihren Meteorsteinen den Geist bekamp-
fen, der Furcht iiber die ganze Erde durch seine Schlangengestalt aus-
strahlen mochte, indem sie das Eisen hineinstrahlen lassen in diese
Furchtatmosphare, die am intensivsten ist, wenn der Herbst herannaht
oder wenn der Hochsommer zu Ende geht, so geschieht dasselbe, was
da die Gotter tun, im Inneren des Menschen, indem das Blut mit Eisen
durchsetzt wird. Alle diese Dinge versteht man erst, wenn man auf
der einen Seite ihre innere geistige Bedeutung versteht, und wenn man
auf der andern Seite den Zusammenhang desjenigen erkennt, was
Schwefelbildung im Menschen ist, was Eisenbildung im Menschen ist,
mit dem, was im Kosmos vorhanden ist.
Der Mensch, der hinschauen kann, wenn eine Sternschnuppe durch
den Raum geht, darf sich dabei mit Verehrung gegen die Gotter sagen :
Dasjenige, was da drauBen in raumlichen Weiten geschieht, das ge-
schieht im Atomistisch-Kleinen fortwahrend in dir; da fallen diese
Sternschnuppen, indem die Eisenbildung in jedem Blutkorperchen vor
sich geht: voller Sternschnuppen, voller kleiner Sternschnuppen ist
dein Leben. - Und dieser innere Sternschnuppenfall, der eigentlich
das Leben des Blutes von einer andern Seite her bedeutet, dieser innere
Sternschnuppenfall, er wird ganz besonders bedeutend, wenn der
Herbst herannaht, wenn der SchwefelprozeB in seinem Hochpunkte
ist. Dann, wenn dieses Erglanzen, was ich beschrieben habe, dieses
Johanniswurmwerden des Menschen da ist, dann ist die Gegenkraft
da, indem im Inneren millionenfach spriihende Blutmeteore schwar-
men.
Das ist der Zusammenhang des inneren Menschen mit dem Welten-
all. Und dann schauen wir, wie insbesondere aus der Nervenorganisa-
tion, die den menschlichen Korper durchsetzt, besonders in dieser Jah-
reszeit, wenn der Herbst heranzieht, nach dem Gehirn hin ein mach-
tiges Ausstrahlen des Sulfurs, des Schwefels sich vollzieht. Man kann
sozusagen den ganzen Menschen wie ein Phantom schwefelleuchtend
sehen, wenn der Herbst heranriickt.
Aber in diese blaulich-gelbe Schwefelatmosphare strahlen hinein die
Meteorschwarme, die im Blutesleben vorhanden sind. Das ist das
andere Phantom. Wahrend das Phantom des Schwefels wie ziehende
Wolken von dem Unteren des Menschen hinauf nach dem Kopfe geht,
strahlt vom Kopfe gerade aus die Eisenbildung, wie Meteorschwarme
sich hiniiberergieBend in das lebendige Dasein des Blutes.
So ist der Mensch, wenn die Michaelizek herannaht. Und er muB
in seinem BewuBtsein gebrauchen lernen die Meteoritenkraft seines
Blutes. Er muB das Michael-Fest feiern lernen, indem er das Michael-
Fest gerade zu einem Entangstigungsfeste, zu einem Furchtlosigkeits-
feste, zu einem Fest innerer Initiative und innerer Kraft gestaltet, in-
dem er das Michael-Fest zu dem Feste der Erinnerung des selbstlosen
SelbstbewuBtseins gestaltet.
So wie man feiert zur Weihnacht die Geburt des Erlosers, wie man
feiert zur Osterzeit den Tod und die Auferstehung des Erlosers, wie
man feiert zur Johannizeit das kosmische Ergossensein der Menschen-
seelen hinaus in die Weltenweiten, so soil man feiern zur Michaelizeit,
wenn das Michaels-Fest wirklich verstanden werden will, dasjenige,
was geistig lebt in dem Sulfurisierungs- und in dem Meteorisierungs-
prozeB des Menschen, der insbesondere in seiner ganzen seelisch-
geistigen Bedeutung zur Michaelizeit vor dem MenschenbewuBtsein
stehen soil. So daB sich der Mensch sagt : Du wirst Herr dieses Pro-
zesses, der sonst ohne dein BewuBtsein aus dem Reiche der Natur
heraus sich entfaltet, wenn du, so wie du dich dankbar neigst der Ge-
burt des Erlosers zur Weihnacht, so wie du mit tiefer, innerer Seelen-
bewegung durchlebst die Osterzeit, an diesem Herbstes-Michael-Feste
erlebst, wie in dir wachsen soli alles dasjenige, was gegen Bequemlich-
keit, gegen Angstlichkeit, aber hin zur inneren Initiative, zum freien,
starken, tapferen Wollen im Menschen sich entwickeln soil. Das Fest
des starken Wollens, das sollte im Michael-Fest vorgestellt werden.
Wenn das so ist, wenn so Naturerkenntnis sich zusammenschlieBt
mit wahrhaftem geistigem MenschenselbstbewuBtsein, dann wird
das Michael-Fest sein richtiges Kolorit, seine richtige Farbung er-
langen.
Daher bedarf es wahrhaftig, bevor die Menschheit daran denken
kann, Michael-Feste zu feiern, einer Erneuerung der ganzen Seelen-
verfassung, denn eben diese Erneuerung der ganzen Seelenverfassung
soil ja im Michael-Fest begangen werden. Nicht ein auBerlich oder
ahnlich den konventionellen Festen zu begehendes Fest, sondern ein
Fest, das den ganzen inneren Menschen erneuert, das muB, wenn es
wiirdig eingesetzt werden soil, das Michael-Fest eben werden.
Dann tritt aus alledem, was ich beschrieben habe, neuerdings heraus
das einstmals so majestatische Bild Michaels mit dem Drachen. Aber
dann malt sich uns aus dem Kosmos heraus dieses Bild des Michael
mit dem Drachen. Dann malt sich uns der Drache selber, in blaulich-
gelblichen Schwefelstromungen seinen Leib ausbildend. Wir sehen
dahinschimmern, -strahlen die sich wolkenhaft aus den Schwefel-
dampfen bildende Gestalt des Drachen, iiber den sich der Michael
erhebt, uber dem der Michael sein Schwert zeigt.
Aber wir stellen nur richtig dar, wir malen nur richtig, wenn wir die
Atmosphare, in der Michael seine Herrlichkeit, seine Macht entfaltet
gegemiber dem Drachen, wenn wir den Raum angefullt sein lassen
nicht mit gleichgiiltigen Wolken, sondern mit dahinziehenden, in
Eisen bestehenden Meteoritenschwarmen, die durch die Gewalt, die
vom Herzen des Michael ausstromt, sich bilden, zusammenschmelzen
zu dem eisernen Schwerte des Michael, der mit diesem meteorgeform-
ten eisernen Schwerte den Drachen besiegt.
Versteht man, was geschieht im Weltenall und Menschen, dann malt
auch der Kosmos aus seinen Kraften heraus. Dann schmiert man nicht
hin diese oder jene Farbe aus der menschlichen Willkiir, dann malt
man im Einklang mit den gottlichen Kraften die Welt, die ihr Wesen
entfaltet, das ganze Wesen des Michael mit dem Drachen, wie es einem
vorschweben kann. Als eine Erneuerung der alten Bilder kann es aus
der unmittelbaren Anschauung des Kosmos heraus gemalt werden.
Da wird dann das dargestellt, was ist, und nicht das, was sich einzelne
phantasierende Menschen heute unter dem Bilde des Michael mit dem
Drachen etwa vorstellen. Dann aber wird der Mensch verstehen, ver-
stehend nachdenken, aber auch nach Gemiit und Fuhlen und Wollen
dem Herbste entgegenleben im Jahreslauf. Dann wird zu Herbstes-
beginn am Michaeli-Fest das Bild des Michael mit dem Drachen da-
stehen als dasjenige, was in unseren Zeitereignissen als machtige Auf-
forderung, als machtig anspornende Kraft im Menschen wirken soil.
Und dann wird man verstehen, wie dieses auf etwas deutet, in dem
sich symptomatisch das ganze Schicksal, ja vielleicht die Tragik unse-
res Zeitalters abspielt.
Wir haben im Lauf der letzten drei bis vier Jahrhunderte eine groB-
artige Naturwissenschaft gefunden, die im Materiellen wirkt, die eine
groBartige umfassende Technik hervorgebracht hat. Wir sahen diese
Technik insbesondere sich entfalten in den letzten drei bis vier Jahr-
hunderten in dem, was man mit dem ausgebreitetsten StofF, den wir
auf Erden finden, hat machen konnen. Wir haben gelernt, fast das
Allerwesentlichste und Allerbedeutendste, das die Menschheit im ma-
terialistischen Zeitalter gebildet und hervorgebracht hat, aus dem
Eisen der Erde zu formen. Wir sehen auf unsere Lokomotiven hin,
wir sehen in unsere Industriestatten hinein, sehen iiberall, wie wir mit
dem Eisen, mit dem Stahl, der ja nur verwandeltes Eisen ist, diese
ganze materielle Kultur gebildet haben, die sich ja iiberall auf dem
Eisen auferbaut hat. Und in dem, wozu das Eisen verwendet worden
ist, driickt sich symptomatisch aus, wie wir unsere ganze Weltanschau-
ung, unser ganzes Leben aus der Materie auferbaut haben, wie wir es
noch fortdauernd aus der Materie auferbauen wollen.
Das aber fiihrt den Menschen hinunter. Gerettet aus dem, was da
kommt, kann er nur werden, wenn er gerade hier auf diesem Gebiete
mit der Vergeistigung beginnt, wenn er durch das Atmospharische zu
der Vergeistigung hinaufdringt, wenn er hingewendet wird darauf,
von dem Eisen, das in den Stahlwerken zu Lokomotiven verarbeitet
wird, nun noch aufzuschauen zu dem Meteoreisen, das aus dem Kos-
mos herunterschieBt zur Erde und das auBere Material ist fur dasselbe,
woraus die Michael-Kraft geformt wird. Gelingen muB es dem Men-
schen, diese machtige Bedeutung zu erschauen: Hier auf Erden hast
du im Zeitalter des Materialismus das Eisen verwendet, wie es die
Anschauung iiber die Materie selber dir eingab. Du muBt, wie du die
Anschauung iiber die Materie durch die Fortbildung der Naturwissen-
schaft in die Geisteswissenschaft umbilden muBt, so auch aufriicken
von dem, was dir das Eisen war, zu dem Durchschauen des Meteor-
eisens, des Michael-Schwert-Eisens. Dann wird dir aus dem, was du
da machen kannst, das Heil kommen. Das, meine lieben Freunde, ist
in dem Spruche enthalten :
Tafel l O Mensch,
Du bildest es zu deinem Dienste,
Du offenbarst es seinem Stoffeswerte nach
In vielen deiner Werke.
Es wird dir Heil jedoch erst sein,
Wenn dir sich offenbart
Seines Geistes Hochgewalt -
die Michael-Hochgewalt - mit dem Schwert, das sich von selber in
dem Weltenraum aus dem Meteoreisen zusammenballt, wenn in der
materiellen Kultur der Mensch die Macht des Eisens zu vergeistigen
vermag zur Macht des Michael-Eisens, das ihm gegeniiber dem bloBen
NaturbewuBtsein sein SelbstbewuBtsein gibt.
Sie haben gesehen, daB gerade die wichtigste Forderung der Zeit,
die Michael-Forderung, in diesem Leitspruche im astralischen Licht
eben enthalten ist.
ZWEITER VORTRAG
Dornach, 6.0ktober 1923
Gestem stand vor uns das Bild des Michael im Streite mit dem
Drachen, wie es sich ergibt aus einem inneren Verstandnis des Jahres-
laufes heraus. Und eigentlich kann ja die Kunst nichts anderes sein als
die Wiedergabe desjenigen, was der Mensch im Zusammenhange mit
dem Weltenall empfindet. Natiirlich wird das in verschiedenenGraden,
von verschiedenen Standpunkten aus moglich sein; aber im ganzen
wird nur das ein Kunstwerk sein konnen, das dem Menschen wirklich
etwas ist, was in der menschlichen Empfindung den Eindruck hervor-
ruft, daB vom Kunstwerke aus sich die Seele offhen kann fiir die Ge-
heimnisse des Weltenalls.
Nun wollen wir heute einmal aus demselben Geiste, aus dem heraus
wir gestern den Jahreslauf betrachtet haben, so daB diese Betrachtung
gipfeln konnte in der Darstellung des Bildes Michaels mit dem Dra-
chen, den Jahreslauf weiter verfolgen.
Wir wissen aus der bisherigen Darstellung, daB, wenn der Herbst
herankommt, gewissermaBen eine Einatmung der Erde, eine geistige
Einatmung der Erde stattfindet, daB hereingeholt werden in den
ErdenschoB selber die Elementarwesen, die ihren Weg hinausgefun-
den haben in der Zeit des Hochsommers und die dann sich wiederum
zuruckbewegen, wenn eben das Michael-Fest da ist, und die sich dann
immer weiter und weiter zuruckbewegen, bis sie im Tiefwinter am
intimsten mit dem SchoBe der Erde verknupft sind.
Nun miissen wir uns ja aus alledem die Vorstellung machen, daB
gerade zur Winterzeit die Erde am allermeisten ein in sich geschlos-
senes Wesen ist. Sie hat aus dem Weltenall all das hereingenommen,
was sie insbesondere an Geistigem hat hinausstromen lassen wahrend
der Sommerzeit. Die Erde ist also wahrend der Tiefwinterzeit am
meisten Erde; ihre eigentliche Wesenheit ist sie da. Und wir werden
daher, um eine Grundlage bekommen zu konnen fiir weitere Betrach-
tungen, gerade das Wesen der Erde zur Winterzeit ins Auge zu fassen
haben, werden natiirlich dabei niemals vergessen diirfen, wie das, was
fur die eine Halfte der Erde Winterzeit, fur die andere Halfte Sommer-
zeit ist. Das miissen Sie im Hintergrunde haben, daB dies so ist. Aber
wir stellen uns jetzt einen Teil der Erde vor, wo heranruckt die Tief-
winterzeit. Da entfaltet die Erde dasjenige, was gerade in tiefstem
Sinne ihr eigenes Wesen ist, was sie ganz zur Erde macht.
Nun schauen wir uns diese Erde einmal an. Sie ist der feste Erdkern,
der nach auBen zunachst nur seine Oberflache zeigt; aber dieser feste
Erdkern ist ja zum groBen Teil iiberhaupt nach auBen bedeckt von der
Hydrosphare, von der Wassermasse der Erde. Die Kontinente sind
gewissermaBen nur darinnen schwimmend in dieser Wassermasse. Und
wir konnen uns sogar diese Wassermasse noch weiter in den Luftkreis
hinein fortgesetzt denken, denn der Luftkreis ist ja auch immer mit
Wasserigem angefullt, das aller dings viel diinner ist als das Wasser
des Meeres und der Fliisse, aber eine feste Grenze im Wasserigen,
wenn wir aufsteigen von dem Meere in den Luftkreis, ist eigentlich
nicht da. So daB, wenn wir schematisch hinzeichnen, was in dieser Be-
ziehung die Erde ist, wir diese Erde so zeichnen miissen : Wir haben
Tafel 2 in der Mitte den festen Erdkern (siehe Tafel I, griin). Um diesen
festen Erdkern herum haben wir das wasserige Gebiet (blau). Nun
muBte ich naturlich da die Kontinente zeichnen, wie sie hervor-
ragen und so weiter. Es ist das alles karikiert gezeichnet, denn die
Ausbuchtungen diirften nicht einen andern Eindruck machen als etwa
die Erhabenheiten einer Orange. Nun muB ich aber ringsherumgehen
lassen dasjenige, was ich als Hydrosphare, als die Wassermasse in dem
Luftkreis bezeichnet habe. Schauen wir uns dieses Gebilde einmal an
Tafel (blau) und fragen wir uns: Was ist denn das eigentlich? Dieses Ge-
bilde ist nicht etwa bloB aus sich herausgebildet, sondern dieses Ge-
bilde ist ein Wasser im ganzen Kosmos. Dieses Gebilde ist das, was es
als Form uns zeigt, aus dem ganzen Kosmos heraus. Und nur weil der
Kosmos eigentlich nach alien Seiten hin eine Sphare, ein Kugelartiges
ist, erscheint uns auch dasjenige, was als Wasser, als Luftmasse nach
oben geht, eben rund, kugelformig abgegrenzt.
Das iibt aber starke Krafte aus auf die Gesamterde. So daB, wenn
wir etwa von irgendeinem fremden Planeten die Erde uns anschauen
wiirden, sie uns erscheinen wiirde als ein groBer, meinetwillen, sage
ich jetzt, Wassertropfen im Weltenall, in dem allerlei Hervorragungen
waren, die Kontinente, die etwas anders gefarbt sich ausnehmen wiir-
den; aber es wiirde uns das wie ein groBer Wassertropfen im Welten-
all erscheinen.
Nun wollen wir einmal iiber den ganzen Tatbestand kosmisch
sprechen. Was ist denn das eigentlich, dieser Tropfen, der da als ein
Wassertropfen im Weltenall dahingeht? Das ist etwas, was durch die
ganzen kosmischen Zusammenhange die Tropfenform erhalt. Geht
man geisteswissenschaftlich auf die Sache ein, so bekommt man, ge-
rade wenn man in die Imagination und Inspiration hineinriickt, die
Erfahrung davon, was dieser Tropfen eigentlich ist. Dieser Tropfen
ist gar nichts anderes als ein riesiger Quecksilbertropfen, wahrhaftig
ein riesiger Quecksilbertropfen, nur daB die Quecksilbersubstanz in
einer auBerordentlichen Verdiinnung da ist, in einer ungeheuren Ver-
diinnung.
DaB solche Verdiinnungen moglich sind, ist ja jetzt exakt bewiesen
durch die Arbeit von Frau T)t.Kolisko. Es ist eben in unserem bio-
logischen Institut in Stuttgart zum erstenmal der Versuch gemacht
worden, dies auf eine exakte Grundlage zu bringen. Es ist da moglich
geworden, Verdiinnungen von Substanzen in dem Verhaltnis von
eins zu einer Trillion herzustellen, und es ist gelungen, in der Tat die
Wirkungen exakt festzustellen, die in solchen Verdiinnungen die ein-
zelnen Substanzen haben. Dasjenige also, was bisher iiber die Wir-
kungen der einzelnen Substanzen in der Homoopathie ein bloBer
Glaube sein konnte, ist dadurch tatsachlich zum Range einer exakten
Wissenschaft erhoben worden. Es kann ja heute nach den Kurven, die
da gezogen worden sind, gar nicht gezweifelt werden daran, daB die
Wirkungen der kleinsten Teile in der rhythmischen Art verlaufen.
Nun, auf das Genauere will ich nicht eingehen, die Arbeit ist ja er-
schienen, und die Dinge konnen heute iiberall nachgepriift werden.
Aber ich will hier nur das erwahnen, daB also gerechnet werden muB
auch schon im Bereich des Irdischen mit ungeheuren Verdiinnungen,
die Wirkungen zeigen.
Hier haben wir es tatsachlich zu tun mit etwas, von dem man sagen
kann : GenieBen wir die Sache im Kleinen, so haben wir Wasser. Wir
schopfen mit unserem GefaBe Wasser aus dem Flusse oder aus dem
Quell, verwenden dieses Wasser. Nun ja, das ist Wasser, aber es gibt
kein Wasser, das nur Wasserstoff und Sauerstoff ist. Es ware Unsinn,
wenn jemand glauben wiirde, es gibt nur Wasser, das aus Wasserstoff
und Sauerstoff besteht. Bei den Eisensauerlingen oder bei andern
Wassern ist das natiirlich sehr auffallig, daB da noch etwas anderes
drinnen ist. Aber ein Wasser, das nur aus Wasserstoff und Sauerstoff
besteht, das gibt es nicht, das ist nur eine Annaherungsform. Jedes
Wasser, das irgendwo vorkommt, ist mit etwas durchsetzt. In der
Hauptsache ist die Gesamtwassermasse der Erde Quecksilber fur
das Weltenall. Wasser sind nur die kleinen Mengen fur uns, die wir
haben. Fur das Weltenall ist dieses Wasser nicht Wasser, sondern
Quecksilber.
So daB wir also sagen konnen: Zunachst, insofern die Hydrosphare
an Wasser in Betracht kommt, haben wir es mit einem Quecksilber-
tropfen im Weltenall zu tun. Diesem Quecksilbertropfen sind natiir-
lich die mineralischen Substanzen, kurz, alles das, was erdig ist, so-
zusagen eingelagert. Die stellen dasjenige dar, was dann die feste
Erdenmasse ist. Die haben die Tendenz, ihre eigenen speziellen For-
men anzunehmen. So daB, wenn wir das Gebilde anschauen, wir ja
sehen miissen auf die allgemeine Kugelform, die die Quecksilberform
ist - das gewohnliche metallische Quecksilber ist nur, ich mochte
sagen, das naturgewollte Symbolum fur das, was Quecksilber iiber-
haupt tut -, es ergibt sich in einer ganz bestimmten Weise die Kugel-
form. Da ist nun eingelagert dasjenige, was sich in der mannigfaltig-
sten, differenziertesten Weise eigene Formen gibt: die mineralischen
Kristallisationsformen. Das ist eingelagert. So daB wir sagen konnen:
Wir haben jetzt dieses Gebilde vor uns, Erde, Wasser, Luft, und das
hat diejenige Tendenz zur Formung, von der ich Ihnen eben ge-
sprochen habe: einzelne differenzierte Kristallformen im Inneren, im
Tafel 2 ganzen das Bestreben, kugelformig zu werden (siehe Tafel I).
Schon wenn wir die Luft (dunkelrot) nehmen, wie sie die Erde als
Atmosphare umgibt, konnen wir wiederum niemals von einer bloBen
Luft sprechen, sondern diese Luft hat immer die Tendenz, Warme zu
haben in irgendeiner Weise, in irgendeinem Grade. Sie ist von Warme
durchdrungen (violett). Wir miissen also auch das vierte Element dazu Tafel 2
haben: Warme, die sich in die Luft einlagert.
Nun, diese Warme, die da von oben in die Luft hereinkommt, die
ist vor alien Dingen dasjenige, was in sich tragt, gewissermaBen aus
dem Weltenall herein vermittelt, den SchwefelprozeB, den Sulfur-
prozeB. Wir konnten auch sagen: Vom Weltenall herein wird der
SulfurprozeB vermittelt. An den SulfurprozeB schlieBt sich an der
MerkurialprozeB, so wie ich es Ihnen gewissermaBen dargestellt habe
fiir Wasser-Luft. Luft- Warme: SulfurprozeB, Wasser-Luft: Merku- Tafel
rialprozeB.
Gehen wir jetzt mehr der Erde zu, ins Innere der Erde, so kommt
fur das, was die Erde eigentlich sein will, der ProzeB der Saure-
bildung, und namentlich - aus den Sauren kommen ja wieder die
Salze - der Salzbildung in Betracht. So daB, wenn wir hinaufschauen
in das Weltenall, wir eigentlich hinaufzuschauen haben in den Sulfuri-
sierungsprozeB, in den VerschwefelungsprozeB. Wenn wir diese Ten-
denz der Erde, sich zum kosmischen Tropfen zu bilden, anschauen,
dann sehen wir eigentlich hinein in den MerkurialprozeB. Wenden wir
den Blick hinunter auf den Erdboden, der uns im Fruhling dann alles
wachsende, sprieBende, sprossendeLeben emporschickt, dann schauen
wir auf den SalzprozeB. Tafel
Dieser SalzprozeB ist auch das Allerwichtigste fur das sprossende,
sprieBende Leben, denn die Wurzeln der Pflanze, indem sie sich aus
den Keimen bilden, sind fiir ihr ganzes Wachstum einfach angewiesen
auf die Beziehung, in der sie zu den Salzen, zu den Salzbildungen im Tafel
Erdboden stehen. Was der Erdboden an Salzen enthalt im weitesten
Sinne des Wortes, was an Ablagerungsgebilden innerhalb des Erd-
bodens vorhanden ist, das ist dasjenige, was die Wurzeln mit einer
Substanz durchdringt, was die Wurzel zur Wurzel, das heiBt zu der
irdischen Grundlage des Pfknzenhaften eigentlich macht.
Wir haben also, wenn wir gegen die Erde hin kommen, den Salz-
prozeB. Das ist nun dasjenige, was sozusagen die Erde aus sich selbst
macht in der Tiefwinterzeit, wahrend es zum Beispiel im Sommer sehr
gemischt, mochte ich sagen, auf Erden zugeht. Sulfurisierungspro-
zesse durchzucken die Luft, ein SulfurisierungsprozeB lebt ja auch
in Blitz und Donner; das geht weit herunter, daher eben wird das-
jenige, was den Jahreslauf mitmacht, auch selber sulfurisiert. Und
wir bekommen dann um die Michaelizeit den ProzeB, wo das
Eisen diesen SulfurisierungsprozeB zuriickdrangt, wie ich gestern
ausgefiihrt habe. Und dann ist wieder der SalzprozeB hineingemischt
in die Atmosphare wahrend des Sommers, denn die Pflanzen tragen,
indem sie sich entfalten, indem sie heranwachsen, durch ihre Blat-
ter, Bluten, bis in die Samen hinauf die Salze. Wir finden sie natiirlich
in den verschiedensten Teilen, die Salze; sie atherisieren sich dann,
sie werden eingelagert in atherische Ole und so weiter, sie nahern
sich dem SulfurisierungsprozeB. Aber es werden die Salze durch die
Pflanzen hinaufgetragen. Ihr Wesen stromt auch aus, wird das Wesen
der Atmosphare.
So daB wir in der Hochsommerzeit ein Durcheinandergemischtsein
haben des Merkurialischen, das in der Erde immer da ist, mit dem
SulfurmaBigen und mit dem SalzmaBigen. Stehen wir im Hochsom-
mer auf der Erde, so taucht eigentlich unser Haupt hinein in eine
Mischung des Sulfur, Merkur und Salz, wahrend tatsachlich das Ein-
treten der Tiefwinterzeit bedeutet, daB jedes dieser Prinzipien, Salz,
Quecksilber, Schwefel, seinen eigenen inneren Bestand annimmt, daB
die Salze zuriickgezogen sind ins Innere der Erde, daB in die Hydro-
sphare, in das WassermaBige eindringt das Bestreben, sich zur Kugel-
form zu glatten, gewissermaBen in der kugeligen oder wenigstens
kugelzonigen Schneedecke auch ein auBeres Zeichen fur die Rundung,
fur die Kugelung des WassermaBigen zu erzeugen. Der Schwefel-
prozeB zieht sich sozusagen zunick, so daB dann um diese Zeit keine
starke Notwendigkeit besteht, den SchwefelprozeB als etwas Beson-
deres ins Auge zu fassen. Dagegen tritt an die Stelle des Schwefel-
prozesses in dieser Tiefwinterzeit etwas anderes.
Die Pflanzen haben sich entwickelt vom Fnihling bis zu dem Herbst
hin. Sie sind in die Samen geschossen. Was ist eigentlich der Samen-
prozeB? Indem die Pflanzen in den Samen schieBen, findet in der Natur
drauBen etwas statt, was wir, ich mochte sagen, in einer menschlich
stumperhaften Weise, aber immerhin doch fortsetzen, wenn wir uns
die Pflanzen zu unserem Nahrungsmittel machen: Wir kochen die
Pflanzen. Nun, dieses Hinaufgehen in die Bliite, dieses Erzeugen des
Samens ist eine Naturkochung, ist ein Entgegengehen dem Schwefel-
prozeB. Die Pflanzen sind hinausgewachsen in den SchwefelprozeB.
Sie sind am starksten sozusagen verschwefelt, wenn der Hochsommer
seine voile Entwickelung erlangt hat. Wenn der Herbst herannaht,
dann gelangen die Verbrennungen zu ihrem Ende.
Natiirlich ist im Organischen alles anders, als wir es drauBen in den
groben anorganischen Prozessen sehen, aber was sich ergibt bei jeder
Verbrennung, ist Asche. Und zu dem, was auf ganz anderem Wege
in der Salzbildung auftritt, was in der sozusagen im Inneren der Erde
geforderten Salzbildung auftritt, zu dem tritt dasjenige hinzu, was
gewissermaBen von der Besamung der Pflanzen, von dem Bliihen der
Pflanzen, von diesem KochprozeB, von diesem VerbrennungsprozeB
von jeder einzelnen Pflanze heruntergefallen ist auf den Erdboden.
Das spielt eine groBe Rolle, die man gewohnlich gar nicht beriicksich-
tigt. Was in unserem Ofen geschieht, daB die Asche hinunterfallt, das
spielt im Jahreslauf eine groBe Rolle auf Erden, denn von alledem,
was Samenbildung ist, was im Grunde genommen eine Verbrennung
ist, fallt fortwahrend das Aschenhafte hinunter, und es ist die Erde
vom Oktober an eigentlich ganz impragniert mit Aschenbildung. Tafel 2
So daB wir, wenn wir im Tiefwinter die Erde betrachten, die inner-
liche Tendenz der Salzbildung haben, wir ferner haben in seiner be-
stimmtesten, ausgepragtesten Form den MerkurbildungsprozeB, die
Merkurbildung, und wahrend wir in der Hochsommerzeit Riicksicht
nehmen miissen auf den auBerirdischen Kosmos in der Sulfurisierung,
haben wir jetzt die Aschenbildung.
Das, was da gewissermaBen seinen Gipfel erreicht zur Weihnachts-
zeit, das bereitet sich von der Michaelizeit an vor. Immer mehr und
mehr wird die Erde daraufhin konsolidiert, eigentlich in der Tief-
winterzeit ein kosmischer Korper zu sein, sich zu entfalten in Mer-
kurialbildung, in Salzbildung, in Aschenbildung. Was bedeutet das
fur das Weltenall?
Nun, wenn ein Floh einmal, sagen wir, ein Anatom wiirde und er
wiirde einen Knochen untersuchen, so hatte er ja eine auBerordent-
lich kleine Knochenpartie vor sich, weil er eben selber klein ist, weil
er von der Flohperspektive aus den Knochen untersuchen wiirde.
Dann wiirde der Floh konstatieren, daB wir es da mit phosphor-
saurem Kalk zu tun haben in amorphem Zustand, daB wir es zu tun
haben mit kohlensaurem Kalk und so weiter. Er wiirde aber gar nicht
darauf kommen, wenn er als Floh Anatom ware, daB das nur ein Teil-
chen von einem Knochengenist ist. Allerdings, er springt ja, aber
wenn er eben das Kleine untersuchen wiirde, wiirde er durchaus nur
im Kleinen steckenbleiben. Es wiirde dem Menschen, wenn er Geo-
loge oder Mineraloge ist, auch nichts helfen, wenn er so springen
korlnte wie ein groBer Erdfloh, er wiirde trotzdem das Gleiche
machen, was er sonst im Kleinen macht, wenn er die Gebirgsmasse
der Erde untersucht, die in ihrer Ganzheit ein Knochensystem dar-
stellt. Da wiirde der Floh also nicht das Knochensystem beschreiben,
sondern er wiirde mit seinem Hammer ein Stiickchen herausklopfen.
Sagen wir, mit seinem kleinen Flohhammer wiirde er ein Stiickchen
vom Schliisselbein abklopfen : es wiirde nichts in diesem kleinen Stiick-
chen kohlensaurem Kalk, phosphorsaurem Kalk und so weiter ihm
verraten, daB das Ganze ein Schulterschliisselbein ist, geschweige
denn, daB es zum ganzen System des Knochengebildes gehort. Er
wiirde halt ein kleines Stiickchen mit seinem kleinen Hammer ab-
geklopft haben und wiirde das dann beschreiben von seinem Floh-
standpunkt aus, so wie der Mensch die Erde beschreibt, wenn er
irgendwo, sagen wir, am Dornacher Berg ein Stiickchen vom Jura-
kalk abklopft. Nicht wahr, dann beschreibt er halt dieses Stuck, und
das wird dann verarbeitet in Mineralogie, in Geologie und so weiter.
Es bleibt ja allerdings etwas vergroBert, aber es bleibt eben dieser
Flohstandpunkt.
So kommt man natiirlich nicht zur Wahrheit, so kann man die
Sache nicht machen, sondern es handelt sich darum, daB man wirk-
lich darauf kommt, daB die Erde ein einheitliches Gebilde ist und am
meisten konsolidiert ist zur Tiefwinterzeit in ihre Salzgestaltung, in
ihre Merkurialgestaltung und in ihre Aschenbildung.
Und was bedeutet das nun im Ganzen des Erdenwesens, wenn man
den kosmischen Standpunkt, nicht den Flohstandpunkt ins Auge faBt,
was bedeutet das? Nun, sehen Sie, alles das, was im weitesten Sinne
des Wortes Salzbildung ist, Salzbildung in dem Sinne, daft es als
Ablagerung im physikalischen Sinne sich festlegt, wie das aufgeloste
Kochsalz meinetwillen im kleinen WassergefaBe sich ablagernd fest-
setzen kann, alles das, was in dieser Weise Salzbildung ist im weitesten
Sinne - ich will jetzt nicht auf das Chemische eingehen, aber dabei
wiirde sich nichts anderes ergeben -, alles das hat die Eigenschaft, daB
es gewissermaBen fur das Geistige durchlassig ist. Wo Salz ist, da hat
das Geistige gewissermaBen freien Raum. Das Geistige kann da hin-
ein, wo Salz ist. So daB dadurch, daB die Erde sich zur Tiefwinterzeit
in bezug auf ihre Salzbildung konsolidiert, erstens die Elementar-
wesen, die sich mit der Erde verbinden, einen, sagen wir angenehmen
Aufenthalt innerhalb der Erde haben, daB aber auch anderes Geistiges
des Kosmos herangezogen wird und gewissermaBen wohnen kann in
dem, was da als Salzkruste unmittelbar unter der Oberflache der Erde
ist. Und in dieser Salzkruste, die da unmittelbar unter der Oberflache
der Erde ist, werden besonders tatig die Mondenkrafte, der Rest der
Mondenkrafte, von denen ich Ihnen in diesen Betrachtungen ofters
gesprochen habe, der zuriickgeblieben ist, nachdem der Mond aus
der Erde herausgegangen ist.
Diese Mondenkrafte werden vorzugsweise in der Erde dadurch
tatig, daB die Erde das Salz in sich birgt. So daB wir unmittelbar unter
der Oberflache der Erde, gerade in dem sich Befestigenden unter der
Schneedecke, die ja schon auf der einen Seite nach dem Quecksilberi-
gen strebt, nach unten hin aber iibergeht in das Salzartige, so daB wir
da in alledem Erdenmaterie haben, Salz, durchsetzt von Geistigkeit.
Die Erde wird wirklich zur Winterzeit in sich geistig durch ihren
Salzgehalt, der sich da besonders konsolidiert.
Das Wasser, das heiBt eigentlich das kosmische Quecksilber, das
nimmt auf die innere Tendenz, sich in Kugelform zu bilden. Da tritt
dann iiberall diese innere Tendenz hervor, sich als Kugel zu bilden.
Und dadurch, daB das geschieht, ist die Erde in dieser Tiefwinterzeit
befahigt, nun nicht bloB zu erstarren im Salze und dieses erstarrte Salz
mit Geist zu durchziehen, sondern sie ist befahigt, dieses durch-
geistigte Materielle zu verlebendigen, ins Lebendige uberzufiihren.
Die Erde lebt unter ihrer Oberflache im Ganzen auf zur Tiefwinter-
zeit. Im Geist- und Salzprinzip ist durch das Quecksilberprinzip iiber-
all regsam die Tendenz, lebendig zu werden. Es ist wahrend des Win-
ters eine ungeheure Erkraftung der Erde, unter ihrer Oberflache Leben
zu entfalten.
Aber dieses Leben wiirde ein Mondenleben werden, denn vorzugs-
weise die Mondenkrafte, wie ich gesagt habe, sind darinnen tatig.
Dadurch aber, daB die Asche heruntergefallen ist von den Samen, daB
das alles, was ich jetzt beschrieben habe, impragniert ist mit der Asche,
dadurch ist dasjenige in dem Ganzen drinnen, was diese ganze Bildung
fur die Erde in Anspruch nimmt.
Die Pflanze hat hinaufgestrebt in den SulfurisierungsprozeB ; aus
diesem SulfurisierungsprozeB ist die Asche heruntergefallen. Das ist
dasjenige, was die Pflanze, nachdem sie hinaufgestrebt hat in das, ich
mochte sagen Atherisch-Geistige, wieder zuriickfiihrt zur Erde. So
daB wir da zur Tiefwinterzeit auf der Erdenoberflache die Tendenz
haben, Geist in sich aufzunehmen, sich zu verlebendigen, aber das
Mondenhafte ins Erdenhafte umzusetzen. Der Mond wird hier ge-
zwungen durch die Erdenaschenreste dessen, was da heruntergefallen
ist, nicht auf mondenhafte, sondern auf erdenhafte Weise das Leben-
dige zu entfalten.
Nun gehen wir iiber von dem, was sich uns da gezeigt hat in bezug
auf die Erdenoberflache, zu dem, was im Erdenumkreise ist, zu dem
Luftformigen. Fur die Luft hat die groBte Bedeutung zu jeder Jahres-
zeit, aber eben besonders zur Tiefwinterzeit, daB die Sonne diese Luft
durchstrahlt mit ihrer Warme, mit ihrem Lichte - aber das Licht
kommt jetzt weniger fur uns in Betracht -, daB die Sonne diese Luft
durchstrahlt.
Man betrachtet in der Wissenschaft eigentlich alles so abgesondert,
wie es gar nicht in Wirklichkeit ist. In der Luft, sagen die Leute, sind
Sauerstoff und StickstofF und noch andere Dinge drinnen. Aber so ist
es ja nicht in Wirklichkeit. Luft ist ja nicht bloB da als Sauerstoff und
StickstofF, sondern die Luft ist immer von der Sonne durchstrahlt.
Das ist die Realitat: Luft ist immer das, was die Sonnenwirkungen
tragt bei Tag. Also es ist die Sonnenwirkung von der Luft getragen.
Ja, diese Sonnenwirkung, von der Luft getragen, was bedeutet das?
Es bedeutet, daB eigentlich fortwahrend das, was da oben ist, entrissen
werden will der Erde. Wenn das, was ich vorhin beschrieben habe als
Salzbildung, Merkurialbildung und Aschenbildung, fiir sich gedeihen
wiirde, dann wiirde lediglich Irdisches da sein. Aber weil da oben das-
jenige, was herauswill aus der Erde, empfangen wird von der Sonnen-
Luftwirkung, wird umgestaltet das, was Erdenwirkung sein will, in
kosmische Gestaltung. Es wird der Erde die Macht genommen, allein
im Lebendig-Geistigen zu wirken. Die Sonne macht ihre Wirkung
geltend in allem, was da nach oben sproBt. Und so bemerkt man,
geistig angesehen, daB fortwahrend hier, eine gewisse Strecke
iiber der Erde (siehe Tafel I), eigentlich eine besondere Tendenz Tafel 2
vorhanden ist. Auf der Erde selber will sich alles kugelig machen
(dunkelrot); hier oben wirkt fortwahrend die Tendenz, daB sich die
Kugel zur Ebene ausweitet (rotlich). Diese Tendenz wird naturlich
wiederum bezwungen, die Erde wird wieder zur Kugel gemacht,
aber eigentlich will das, was da oben ist, das Kugelige, immer eben
werden. Es mochte eigentlich das, was da oben ist, am liebsten da
unten die Erde auseinandernehmen, auseinanderreiBen, so daB alles
eine im Kosmos stehende ebene Flache ware.
Wiirde das zustande kommen konnen, so wiirden die Erdenwirkun-
gen iiberhaupt vollstandig verschwinden, und wir wiirden da oben
mehr eine Art Luft haben, in der die Sterne wirken wiirden. Das
driickt sich am Menschen sehr stark aus. Was haben wir als Menschen
von dem, was da als sonnentragende Luft oben ist? Das atmen wir
ein, und indem das in uns eingeatmet wird, erstreckt sich die Sonnen-
wirkung allerdings in einer gewissen Weise nach unten, aber vorzugs-
weise nach oben. Wir werden mit unserem Haupte fortwahrend den
Erdenwirkungen entzogen. Dadurch ist unser Haupt iiberhaupt erst
in die Moglichkeit versetzt, teilzunehmen an dem ganzen Kosmos.
Unser Haupt mochte eigentlich immer in diese Ebenenbildung hinaus.
Wiirde unser Haupt nur von der Erdenbildung, namentlich zur Win-
terzeit, in Anspruch genommen, dann wiirde all unser Denkerlebnis
anders sein. Dann wiirde man namlich das Gefiihl haben, daB alle Ge-
danken rund werden wollen. Sie werden nicht rund, sondern sie haben
eine gewisse Leichtigkeit, Anschmiegbarkeit, eine gewisse Fliissigkeit.
Das riihrt von diesem eigentumlichen Auftreten der Sonnenwirkung
her.
Da haben Sie die zweite Tendenz, da greift das SonnenmaBige in
das ErdenmaBige ein. Es ist am schwachsten zur Tiefwinterzeit. Wiir-
den wir weiter hinauskommen, so wiirde sich noch anderes einstellen.
Da wiirden wir es dann nicht mehr mit der Sonnenwirkung, sondern
mit der bloBen Sternenwirkung zu tun haben, die ja wiederum einen
groBen EinfluB auf unser Haupt hat. Indem uns die Sonne sozusagen
zuriickgibt dem Kosmos, haben dann die Sterne eben ihren tiefgehen-
den EinfluB auf unser Haupt und dadurch auf unsere ganze Menschen-
bildung.
Das, was ich Ihnen da beschrieben habe, ist heute ja aus Griinden,
die ich morgen auseinandersetzen werde, nicht mehr so, weil der
Mensch sich in einer gewissen Weise emanzipiert hat, weil er in seinem
Wachstum, in seiner ganzen Entwickelung sich emanzipiert hat von
den Erdenwirkungen. Aber wenn wir zuriickgehen wiirden in die
alte lemurische Zeit oder namentlich in die polarische Zeit, die der
lemurischen vorangegangen ist, dann wiirden wir die Sache ganz
anders finden. Da wiirden wir eben den groBen EinfluB von alledem,
was auf Erden geschieht, auf die ganze menschliche Bildung finden.
Sie kennen das aus der Darstellung, die ich in meiner «Geheimwissen-
schaft im UmriB» von der Erdenevolution gegeben habe. Da wiirden
wir finden, daB der Mensch eigentlich ganz hineingestellt ist in die
Wirkungen, die ich da beschrieben habe. Wie gesagt, wie er sich da-
von emanzipiert hat, werde ich morgen beschreiben; heute werde ich
die Sache so beschreiben, wie wenn der Mensch noch hineingestellt
ware in diese Bildung. Und da tritt uns denn folgendes entgegen;
etwas, was fur die heutige Auffassung ganz paradox ist, tritt uns da
entgegen.
Wir konnen namlich die Frage aufwerfen: Was wird die Mutter,
wenn sie sich der Entwickelung eines neuen Menschen nahert? Ur-
sprunglich, in der Verkniipfung des Menschen mit der Erde, ist das
so, daB diejenigen Krafte, die da Salzbildungs-Mondenkrafte sind,
nach alledem, was vorangehen muB, damit ein neuer Mensch auf Erden
entsteht, vorzugsweise EinfluB haben auf den weiblichen Organismus,
insofern er sich vorbereitet, den neuen Menschen in sich auszubilden.
Wir konnen also sagen : Wahrend die Frau im iibrigen eben im allgemei-
nen Mensch ist, so werden in der Zeit, wo sie der Entwickelung
eines neuen Menschen entgegengeht, in ihr die Mondenkrafte, insofern
sie die salzbildenden Krafte in der Erde sind, am starksten. Und man
kann das geisteswissenschaftlich so ausdriicken: Die Frau wird Mond,
wie die Erde im ganzen, wenn sie sich der Weihnachtszeit nahert, un-
mittelbar unter ihrer Oberflache am meisten Mond wird.
Aber nicht nur, daB die Erde am meisten Mond wird, wenn die
Tiefwinterzeit waltet, sondern dieses Mondwerden der Erde, das ge-
schleht wieder, das geht wieder vor in der Art und Weise, wie sich die
Frau vorbereitet, den neuen Menschen zu bekommen. Und nur da-
durch, daB sich die Frau durch das Mondenwerden vorbereitet, den
neuen Menschen zu bekommen, wird auch die Sonnenwirkung eine
andere, wie in der Tiefwinterzeit die Sonnenwirkung eben eine andere
ist als im Hochsommer. Und was da ausgebildet wird in der Frau als
neuer Mensch, das steht ganz unter dem EinfluB der Sonnenwirkung.
h
\\ / )
Tafel 3
Dadurch, daB die Frau selber in sich so stark die Mondenwirkung
aufnimmt, die Salzwirkungen aufnimmt, dadurch wird sie fahig, in
sich abgesondert wiederum die Sonnenwirkungen aufzunehmen. Im
gewohnlichen Leben werden die Sonnenwirkungen vom menschlichen
Organismus durch das Herz aufgenommen und verteilen sich in den
ganzen Organismus. In dem Augenblicke, wo die Frau sich anschickt,
einen neuen Menschen hervorzubringen, werden die Sonnenwirkun-
gen konzentriert auf die Bildung dieses neuen Menschen. So daB wir
schematisch sagen konnen: Die Frau wird deshalb Mond, damit sie
die Sonnenwirkungen in sich aufnehmen kann. Und der neue Mensch,
der da entsteht als Embryo, ist ganz und gar in diesem Sinne Sonnen-
wirkung. Er ist dasjenige, was entstehen kann durch die Konzentra-
tion der Sonnenwirkungen.
Das haben altere, instinktiv-hellseherische Weltanschauungen in
ihrer Art gewuBt. Durch das alte Europa ging in einer gewissen Zeit
eine merkwiirdige Anschauung. Die schloB das in sich, daB das Kind
etwas ganz anderes war, wenn es geboren war und noch gar nichts
vom ErdenmaBigen als Nahrung in sich aufgenommen hatte, und
etwas ganz anderes wurde mit dem ersten Milchtropfen, den das Kind
aufnahm, mit der allerersten Erdennahrung. Fur diese alten germani-
schen Anschauungen waren das ganz verschiedene Wesen, das eben
geborene Kind und das Kind, das nun schon auBerhalb des Leibes der
Mutter irgend etwas von Erdennahrung aufgenommen hatte, zwei
verschiedene Wesen, weil man ein instinktives Gefiihl dafiir hatte:
Das geborene Kind ist Sonne. Es wird durch die erste Erdennahrung
Erdengeschopf. Es ist Sonnengeschopf, wird Erdengeschopf. - Daher
gehorte das eben geborene Kind, das noch keine Nahrung aufgenom-
men hatte, gar nicht der Erde an. Nach wiederum okkulten Gesetzen,
die ich ein anderes Mai beriihren mochte, hatte der Vater im alten
germanischen RechtsbewuBtsein das Recht, das Kind, das ihm immer,
wenn es geboren war, zu FuBen gelegt wurde, nach dem Anblicke
entweder aufwachsen zu lassen oder es auszusetzen, zu vernichten,
denn es war noch nicht Erdengeschopf. Hatte es nur ein Tropfchen
Milch genossen, so durfte er es nicht mehr vernichten, es muBte
Erdengeschopf bleiben, weil es naturhaft, weltenhaft, erdenhaft, kos-
moshaft zum Erdengeschopf dadurch bestimmt war. In solchen
alten Gebrauchen lebt sich etwas ungeheuer tief Bedeutsames aus.
Das aber begriindet, daB man sagt: Das Kind ist sonnenhaft. So
daB man also jetzt die Moglichkeit hat, auf die Frau, die das Kind ge-
boren hat, hinzuschauen als auf ein Geschopf, das im tiefsten Sinne
mit alien Prozessen des Erdenhaften griindlich verwandt ist - denn
die Erde bereitet sich selber zur Tiefwinterzeit so vor, daB sie das
Salzhafte, das heiBt, das Mondenhafte hat -, daB sie am besten eben da
eintreten kann in die Moglichkeit, das Sonnenhafte aufzunehmen. Und
dann ragt sie hinauf iiber dem Sonnenhaften in das Himmlische, dem
ja auch das menschliche Haupt angehort.
So daB wir etwa sagen konnen : Versetzen wir uns, um so recht das
Weihnachtshafte vor unsere Seele hinzustellen, in das Wesen des Men-
schen. Im Weihnachtshaften driickt sich ja aus das Geborenwerden
des Jesuskindes, das bestimmt ist, den Christus in sich aufzunehmen.
Schauen wir uns das so recht an. Schauen wir uns das in der Gestalt
der Maria an, so haben wir zunachst die Notigung, das Haupt der
Maria so darzustellen, daB es wiedergibt etwas Himmlisches in seinem
ganzen Ausdruck, im ganzen BHck. Wir haben dann anzudeuten, daB
sich diese Maria bereitet, die Sonne in sich aufzunehmen, das Kind, die
Sonne, wie sie durch den Luftkreis erstrahlt. Und wir- haben, weiter
nach unten gehend in der Gestalt der Maria, das Monden-Erdenhafte.
Denken Sie sich das, wenn ich es bildhaft darstellen wiirde, so:
Das Mondenhaft-Erdenhafte, es ist dasjenige, was unter der Erd-
oberflache schwelt. Wiirde man hinausgehen in die Weiten des Wel-
tenalls, so wiirde man das, was sich da oben darstellt, wo der Mensch
hinausstrahlt in das Weltenall, . schauen wie, ich mochte sagen, eine
verhimmlischte Erde-Sternenstrahlung, welche die Erde in den weiten
Weltenraum hinaussendet. Sternenstrahlend muB auch das Haupt
der Maria sein, das heiBt im menschlichen Ausdruck, so daB wir in
der Physiognomie, in der ganzen Gebarde den Ausdruck des Sternen-
strahlenden haben (siehe Tafel II).
Gehen wir dann bis zu der Brust, so mussen wir dasjenige haben,
was mit dem Atmungsprozesse verbunden ist: das aus den Wolken,
die die Sonnenstrahlung in der Atmosphare durch sich stromen haben,
heraus sich bildende Sonnenhafte, das Kind.
Und wir haben weiter unten das, was von dem Mondenhaft-Salz-
bildnerischen bestimmt wird, was man auBerlich dadurch ausdriickt,
daB man die GliedmaBen in die Dynamik des Irdischen hineinbringt
und sie aufsteigen laBt aus dem Salzbildnerisch-Mondenhaften der
Erde. Wir haben die Erde, insofern sie innerlich, wenn ich so sagen
darf, durchmondet ist.
Man miiBte es eigentlich so darstellen, daB wir eine Art Regenbogen-
farbe anbringen. Wenn man namlich vom Weltenall nach der Erde
herschaut, so wiirde sich das so darstellen, daB man durchschaut durch
die Sternenstrahlung auf die Erde selbst, wie wenn die Erde unter
ihrer Oberflache in Regenbogenfarben nach innen schimmern wiirde.
Darauf stent dann, von der Erdendynamik zunachst, von den Glied-
maBen, von der Erde, der Schwerkraft und so weiter in Anspruch ge-
nommen, dasjenige, was sich eigentlich nur durch die menschliche
Gewandung ausdriicken laBt, die so gefaltet wird, daB sie den Erden-
kraften folgt. Wir wiirden also da unten die Gewandung haben im
Sinne der Erdenkrafte. Wir wiirden weiter hinaufgehen und wiirden
zu zeichnen haben, was sich nun in dem ganzen Erdenhaft-Monden-
haften ausbildet. Man konnte auch den Mond noch zeichnen, wenn
man symbolisch sein wollte, aber dieses Mondenhafte ist ja schon in
dem Erdengebilde ausgedriickt.
Wir kommen dann weiter hinauf, nehmen auf dasjenige, was aus
dem Mondenhaften kommt, sehen, wie die Wolken durchdrungen
werden von vielen Menschenkopfen, die herunterstreben; einer der
Menschenkopfe ist verdichtet zu der auf dem Arm der Maria sitzenden
Sonne, dem Jesuskinde. Und wir miissen das Ganze nach oben er-
ganzen durch das in der Physiognomie die Sternenstrahlung aus-
driickende Mariengesicht.
Verstehen wir die Tiefwinterzeit, wie sie uns den Zusammenhang
des Kosmos mit dem Menschen darstellt, mit dem Menschen, der auf-
nimmt, was in der Erde an Gebarungskraften ist, dann gibt es keine
andere Moglichkeit, wiederum bis auf die Formgebung aus den Wol-
ken heraus hin, als die mit den Kraften der Erde, nach unten mit den
Mondenkraften, nach der Mitte mit den Sonnenkraften, nach dem
Haupte oben mit den Sternenkraften begabte Frau darzustellen. Aus
dem Kosmos selber heraus entsteht uns dieses Bild der Maria mit dem
Jesuskindlein.
Und so wie wir, wenn wir den Kosmos im Herbst verstehen und
alles das, was wir in ihm an gestaltenden Kraften haben, in ein Bild
hineinlegen, notwendig zur kiinstlerischen Ausgestaltung des Streites
des Michael mit dem Drachen kommen, wie ich es gestern dargestellt
habe, so stromt uns alles das, was wir um die Weihnachtszeit empfin-
den konnen, zusammen in dem Bilde der Marienmutter mit dem
Kinde, das in alteren Zeiten, namentlich in den ersten Jahrhunderten
des Christentums, Kunstlern vielfach vorgeschwebt hat, und dessen
letzte Nachklange in der Entwickelung der Menschheit eben in der
RafFaelischen Sixtinischen Madonna noch erhalten sind. Diese Raffae-
lische Sixtinische Madonna ist noch aus den groBen naiven Natur-
und Geist-Erkenntnissen einer alten Zeit heraus geboren. Denn sie ist
das Bild jener Imagination, die der Mensch eigentlich haben muB, der
sich mit innerer Schauung in die Geheimnisse des Weihnachtswebens
so hineinversetzt, daB ihm dieses Weihnachtsweben eben zum Bilde
wird.
So konnen wir sagen: Der Jahreslauf, er muB sich fur die innere
Schauung in ganz bestimmten grandiosen Imaginationen ausleben.
Geht man seelisch mit seinem ganzen Menschen hinaus in die Welt, so
wird einem der Herbstesbeginn zu der grandiosen Imagination des
Streites des Michael mit dem Drachen. Und wie der Drache nur sul-
furisch dargestellt werden kann - die Schwefelmasse, die sich in die
Drachengestalt hineinfindet -, wie da das Schwert Michaels entsteht,
wenn wir uns das Meteoreisen zu diesem Schwerte konzentriert, ver-
einigt denken, so entsteht uns aus dem, was wir in der Weihnachtszeit
empfinden konnen, das Bild der Marienmutter, deren Kleid in den
Kraften der Erde gefaltet ist, wahrend das Gewand - bis* in diese Ein-
zelheiten geht da die Malerei in einer bestimmten Weise vor - sich
innerlich runden muB, quecksilbrig werden muB, so daB man eine
innere Geschlossenheit in dem Brustgebilde hat. Da aber halten die
Sonnenkrafte ihren Einzug. Und das unschuldige Jesuskind, das so
gedacht werden muB, daB es noch keine Erdennahrung genossen hat,
das ist die auf dem Arm der Maria sitzende Sonnenwirkung selber;
oben die Sternenstrahlungswirkung. So daB wir, wie von innen her-
aus leuchtend in Auge und Haupt selbst, darzustellen haben, dem
Menschen entgegenglanzend, das Haupt der Maria, daB wir wie in
lieblicher Milde aus den Wolkengebilden in spharischer Rundung,
innerlich geschlossen, das Jesuskind auf dem Arm der Maria darzu-
stellen haben, und dann nach unten gehend die Gewandung, von der
Erdenschwere iibernommen, in der Gewandung ausdriickend das-
jenige, was Erdenschwere werden kann (Tafel II). Tafel 3
Und wir tun am besten, wenn wir das auch in den Farben ausdriik-
ken. Dann haben wir jenes Bild, das uns aufdammert als eine kos-
mische Imagination zur Weihnachtszeit, mit dem wir hiniiberleben
konnen bis zur Osterzeit, wo uns wiederum aus dem kosmischen Zu-
sammenhange eine ebensolche Osterimagination aufgehen kann, von
der wir dann morgen sprechen wollen.
Sie sehen daraus, Kunst holt sich der Mensch aus den Himmeln, wie
sie zusammenhangen mit der Erde. Wahre Kunst ist dasjenige, was
der Mensch mit dem physisch-seelisch-geistigen Weltenall erlebt, das
sich fur ihn in grandiosen Imaginationen ergibt. So daB der Mensch
all das, was an innerlichem Streit zur Herstellung des SelbstbewuBt-
seins aus dem NaturbewuBtsein notwendig ist, nicht anders sich vor
Augen stellen kann, als indem er das grandiose Bild des Streites des
Michael mit dem Drachen hat; daB der Mensch alles, was zur Tief-
winterzeit aus der Natur heraus in seine Seele wirken kann, vor seine
Seele selbst stellen kann, indem er das Bild der Mutter mit dem Kinde,
wie ich es jetzt beschrieben habe, kiinstlerisch-imaginativ vor seine
Seele hinstellt.
Jahreslaufbeobachtung heiBt, mit der groBen kosmischen Kunst-
lerin mitgehen, und diejenigen Dinge, die der Himmel der Erde ein-
pragt, in machtigen Bildern, die aber dann Realitaten werden fur das
menschliche Gemut, in sich wieder lebendig werden zu lassen. So
kann einem der Jahreslauf in vier Imaginationen aufgehen : Michael-
Imagination, Marien-Imagination, und wir werden morgen und in
den nachsten Vortragen sehen: Oster-Imagination, Johanni-Imagi-
nation.
Morgen werde ich dann zunachst den Weg suchen von Weihnach-
ten zu Ostern.
DRITTER VORTRAG
Dornach, 7. Oktober 1923
Wir fahren in der Betrachtung des Jahreslaufes von den Gesichts-
punkten, die wir gestern und vorgestem begonnen haben, fort. Wir
miissen uns klar dariiber sein, wie zur Tiefwinterzeit die Erde gegen-
iiber dem Kosmos eigentlich ein abgeschlossenes Wesen wird. Die
Erde wird sozusagen wahrend des Winters ganz Erde, ihre Erden-
natur konzentriert sie. Wahrend der Hochsommerzeit - um diesen
Gegensatz zur Erklarung hinzuzufugen - ist die Erde an den Kosmos
hingegeben, lebt das Leben des Kosmos mit. Und zwischendrinnen,
fur die Friihlings- und Herbsteszeit, ist immer ein Ausgleich zwischen
diesen beiden Extremen vorhanden. Das alles hat aber die denkbar
tiefste Bedeutung fur das ganze Leben der Erde. Naturlich bezieht
sich auch das, was ich sagen werde, immer auf denjenigen Teil der
Erdoberflache, wo eben entsprechend das Hiniibergehen des Winters
zum Fruhling stattfindet.
Gehen wir zunachst, wie wir das in diesen Tagen immer getan
haben, von der Betrachtung des rein Materiellen aus, und betrachten
wir dasjenige, was wir als das Wichtigste fur die Winterzeit in An-
spruch nehmen muBten: die Ablagerungen, das Salzartige. Betrach-
ten wir das zunachst, und zwar in einer fur das ganze Wesen der Erde
bedeutsamsten Erscheinung, in den Kalkablagerungen. Sie brauchen
ja nur hier hinauszugehen, wo Sie iiberall umgeben sind von den Jura-
kalkbildungen, und Sie haben sozusagen das alles, was ich Ihnen zu-
nachst im Anfang der Betrachtung zu beschreiben habe, vor sich.
So auBerlich betrachtet, ist es ja der Fall, daB dem Menschen eben
Kalk Kalk ist, und es ist ja wirklich zu den verschiedenen Zeiten fur
das rein auBerliche Auge kein betrachtlicher Unterschied zwischen so-
zusagen dem Winterkalk und dem Fnihlingskalk. Aber diese Unter-
schiedslosigkeit ist doch in gewisser Beziehung auch nur wiederum
fur jenen Standpunkt vorhanden, den ich charaktedsierte als den Floh-
standpunkt. Die Metamorphosen des Kalkes erscheinen eben erst,
wenn man gewissermaBen sich weiter in den Kosmos hinausbegibt in
der Betrachtung. Und da tritt ein feiner Unterschied auf zwischen dem
Winterkalk und dem Friihlingskalk, gerade dieser wichtigsten Ab-
lagerung in unserem Erdboden. Der Winterkalk ist sozusagen eine in
sich zufriedene Wesenheit - wir diirfen ja nach den mannigfaltigsten
Betrachtungen, die wir hier angestellt haben, weil wir wissen, daB im
Grunde genommen iiberall Seele und Geist zu finden ist, von solchen
Dingen wie von belebten, beseelten Wesen sprechen -, der Winterkalk
ist gewissermaBen eine in sich zufriedene Wesenheit.
Dieser Winterkalk ist, wenn man sich in sein Wesen intuitiv ver-
tieft, so wie das in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der
hoheren Welten?» fur die Intuition gemeint ist, eigentlich durch-
drungen von dem mannigfaltigsten Geistigen. Es sind ja die Elemen-
tarwesen, die in dem Irdischen leben. Er ist durchgeistigt. Aber er ist
gewissermaBen so zufrieden, wie ein Menschenkopf zufrieden ist,
wenn er eben ein wichtiges Problem gelost hat und froh ist, daB er
nun Gedanken hat, die diese Losung bedeuten. Man nimmt, weil man
ja in der Intuition iiberall auch gefiihlsmaBig wahrnimmt, eben im
ganzen Umfange der irdischen Kalkbildung wahrend der Winterzeit
innere Befriedigung wahr.
Nicht wahr, wenn man unter dem Wasser schwimmen wiirde, wiirde
man iiberall Wasser wahrnehmen. Wenn man sich geistig im Verlauf
der Kalkbildungen bewegt, nimmt man iiberall wahrend der Winter-
zeit Befriedigung wahr, die sich auslebt in inneren Durchlebungen,
Durchdringungen dieses Winterkalkes mit sich lebendig verwandeln-
den Gebilden, die in Imaginationen erscheinen, lebendig sich ver-
wandelnden Gebilden geistiger Art. Wenn es aber gegen den Friih-
ling zu geht, namentlich wenn der Marz kommt, dann wird der Kalk
in bezug auf seine geistigen Eigenschaften, wir diirfen sagen, dumpf.
Er hat nicht mehr diese geistigen Eigenschaften, weil ja, wie Sie aus
den vorigen Darstellungen wissen, die Elementarwesen durch eine
Art geistig-kosmischer Atmung ihren Weg hinaus in das Weltenall
nehmen. Er wird dumpf in bezug auf seine denkerisch-geistigen Eigen-
schaften. Aber das Merkwiirdige ist, er wird jetzt begierdenhaft. Er
entwickelt eine Art von innerer Lebendigkeit. Es ist immer mehr und
mehr ein feines Leben vorhanden in dem Kalk, und dieses Leben in
dem Kalk wird um so innerlich bewegter gegen den Fruhling, und
dann weiter auch gegen den Sommer zu, je mehr die Pflanzen heraus-
sprieBen.
Die Dinge spielen sich natiirlich nicht im Groben ab, sondern im
Feinen, im Intimen, aber sie spielen sich ab. Die Pflanzen, die heraus-
wachsen, entziehen namlich dem Kalk etwas von Wasser und etwas
von Kohlensaure, namentlich dem in der Erde verteilten Kalk, und
das entbehrt er. Und das bedeutet fur ihn ein innerliches Lebendig-
werden. Er wird lebendig. Dadurch aber, daB dieser Kalk innerlich
lebendig wird, erlangt er eine ungeheure Anziehungskraft fur die ahri-
manischen Wesen. Diese ahrimanischen Wesen bekommen jedesmal,
wenn es gegen den Friihling zu geht, Hoffnungen. Sie haben eigent-
lich gegeniiber der Natur keine besonderen Hoffnungen sonst, weil
sie eigentHch ihr Wesen nur innerhalb des Menschen treiben konnen.
In der animalischen Natur des Menschen konnen diese ahrimanischen
Wesen sonst wirken. Aber wenn es gegen den Friihling zu geht, dann
gibt ihnen der Eindruck, den der Friihlingskalk auf sie macht, die
Meinung, daB sie in die allgemeine Natur hinaus ihre Drachennatur
entfalten konnen, und daB sie dadurch, daB sie den Friihlingskalk leben-
dig finden, auch die Moglichkeit gewinnen konnen, Astralisches aus
dem Weltenall anzuziehen, um diesen lebendigen Kalk zu beseelen, mit
Seele zu durchdringen. So daB also, wenn es gegen den Marz zu geht,
fur den wirklichen seherischen Naturbeobachter sich dieses merk-
wiirdige Schauspiel ergibt: Man sieht iiberall, wie die Hoffnungen der
ahrimanischen Wesen in Imaginationen iiber die Erde hiniiberspielen,
ich mochte sagen, wie ein geistiger Wind, der alles iiberweht, und man
sieht, wie sich nun die ahrimanischen Wesen anstrengen, von oben
herunter gewissermaBen einen Regen des Astralischen hervorzurufen.
Dieser Regen des Astralischen, den sie da hervorrufen wollen, der
wiirde, wenn sie es konnten - sie streben es immer mit alien moglichen
Kraften an die Erde wahrend der Sommerzeit wenigstens teilweise,
soweit sie Kalk ist, in ein beseeltes lebendiges Wesen verwandeln. Und
das streben die ahrimanischen Wesen in jedem Friihling an, die Erde
in ein beseeltes lebendiges Wesen zu verwandeln. So daB also, wenn
irgendein Wesen dann im Herbst seinen FuB auf die Erde setzen
wiirde, die Erde Schmerz empfinden wiirde vom bloBen Daraufsetzen
des FuBes im Herbst.
Nun, dieses Streben, diese Illusion, die ist in jedem Friihling bei den
ahrimanischen Wesen vorhanden und wird in jedem Friihling ver-
nichtet. GewiB, vom menschlichen Standpunkte aus kann man sagen :
Nun miiBten die ahrimanischen Wesen schon so gescheit geworden
sein, daft sie diese Hoffnungen aufgeben. - Aber so ist es eben nicht
in der Welt, wie der Mensch es sich vorstellt, sondern es ist einfach
eine Tatsache, daB diese ahrimanischen Wesen jeden Friihling wieder-
um neue Hoffnungen schopfen, die Erde in ein beseeltes lebendiges
Wesen durch einen astralischen Regen von oben herunter verwandeln
zu konnen. Diese Illusionen werden jedes Jahr zerstort.
Aber der Mensch bleibt sozusagen nicht ungefahrdet unter diesen
Illusionen. Der Mensch genieBt ja diejenigen Naturprodukte, die in
dieser Atmosphare von Hoffnungen und Illusionen gedeihen, und es
ist eigentlich im Grunde genommen eine Naivitat des Menschen,
wenn er glaubt, sein Brot zu essen aus bloBem gemahlenen und ge-
backenen Korn. In diesem gemahlenen und gebackenen Korn drinnen
sind die Illusionen der ahrimanischen Wesenheiten und die Hoffnun-
gen der ahrimanischen Wesenheiten. DrauBen werden sie zerstort.
Um so mehr erwacht nun in den ahrimanischen Wesenheiten die Sehn-
sucht, da, wo schon Seele ist, im Menschen, mit dem, was sie wollen,
ihr Ziel zu erreichen. So daB der Mensch eigentlich jeden Friihling,
wenn das auch alles sich im Intimen abspielt, tatsachlich gefahrdet ist,
den ahrimanischen Wesenheiten zum Opfer zu fallen. Der Mensch ist
wirklich im Friihling in dieser Beziehung alien ahrimanischen Kraft-
wirkungen im Kosmos viel mehr ausgesetzt, als er es in einer andern
Jahreszeit ist.
Etwas anderes findet statt, wenn wir den Blick hinaufrichten. Rich-
ten wir den Blick hinauf, da hinauf, wo also die Elementarwesen der
Erde aufsteigen, wo sie sich dann verbinden mit den Wolkenbildun-
gen, wo sie eine innere Regsamkeit annehmen, welche dem planeta-
rischen Leben unterworfen ist, dann ergibt sich vor alien Dingen,
gerade wiederum, wenn es gegen den Marz zu geht, wenn da unten die
ahrimanischen Wesenheiten ihr Wesen treiben, etwas anderes. Da
kommen die Elementarwesen hinauf ; was sonst innerhalb der Erde an
rein Geistigem ist, an Nichtmateriellem, was aber sich im Materiellen
auslebt, das wird da hinaufversetzt in die Region, wo Dunst, Luft,
Warme ist. Und da wird alles das, was nun in den sich regenden Ele-
mentarwesen geschieht, wiederum da oben durchsetzt von den luzi-
ferischen Wesenheiten. So wie unten die ahrimanischen Wesenheiten
ihre Hoffnungen bekommen und ihre Illusionen durchmachen, so
machen oben die luziferischen Wesenheiten ihre Hoffnungen und ihre
Illusionen durch.
Wenn wir genauer eingehen auf die Natur der ahrimanischen We-
senheiten, so ist diese eigentlich atherisch. Und es fehlt den ahrimani-
schen Wesenheiten, die eigentlich die von Michael gestiirzten Wesen-
heiten sind, die Moglichkeit, sich so zu entfalten, daB sie auf andere
Art als durch den lebendig-begehrlich gewordenen Kalk Herrschaft
bekommen konnten iiber die Erde.
Die luziferischen Wesenheiten da oben, sie durchstromen und durch-
setzen dasjenige, was da hinaufgezogen ist und sich nun in den oberen
Elementen der Erde regsam macht. Sie durchsetzen das, und sie sind
eigentlich, diese luziferischen Wesen, rein astralischer Natur. Sie be-
kommen nun die Hoffnung, durch alles das, was da im Friihling an-
fangt hinaufzustreben, ihre astralische Natur durchsetzen zu konnen
mit atherischer Natur und eine Atherhulle der Erde hervorzurufen,
die aber dann bewohnt werden konnte von ihnen selber.
Man kann also sagen: Die ahrimanischen Wesen streben danach,
die Erde astralisch zu beseelen (Tafel III, rotlich) ; die luziferischen Tafel 5
Wesenheiten streben danach, von oben herunter das Atherische in ihr
Wesen aufzunehmen (Blau mit Gelb).
Wenn im Friihling nun die Pflanzen zu sprieBen beginnen, so assi-
milieren sie Kohlensaure, ziehen Kohlensaure ein. Und diese Kohlen-
saure ist etwas, was ja, weil die Pfianzendecke da ist, gewissermaBen
im Friihling in einer hoheren Region wirkt als im Winter; sie zieht
sich hinauf, die Kohlensaure, namlich in die Region, welche die Region
der Pflanzen ist. Wenn also im Friihling die Pflanzen zu sprieBen be-
ginnen, dann wird diese Kohlensaure angezogen von den luziferischen
Wesenheiten. Und wahrend die ahrimanischen Wesenheiten eine Art
astralischen Regens anstreben, um den lebendigen Kalk auch zu be-
seelen, erstreben die luziferischen Wesenheiten eine Kohlensaure-
erhebung, eine Art Kohlensaureverdunsten von der Erde aus nach
Tafel 4 oben hin (siehe Tafel III, blau). Wenn sie das zuwege bringen
wiirden, so wiirde auf Erden das Atmen aufhoren miissen, und sie
wiirden alles das, was der Mensch an sich hat ohne den physischen
Atem, sein Atherisches, hinaufziehen, und durch ihre Verbindung mit
dem Atherischen des Menschen wiirden sie in die Lage kommen,
atherische Wesenheiten zu werden, wahrend sie so nur astralische
Wesenheiten sind. So daB - mit Vernichtung dessen, was unten an
Menschlichem und Tierischem ist - da oben eine Hulle von atheri-
schen Engelwesen sein wiirde. Das ist wiederum etwas, was, wenn der
Marz, Ende Marz kommt, die luziferischen Geister anstreben und
erhoffen. Sie erhoffen, die ganze Erde eigentlich in eine solche feine
Erdenschale zu verwandeln, in der sie, verdichtet durch die Ather-
natur der Menschen, ihr Wesen treiben konnen.
Wenn die ahrimanischen Wesenheiten ihre Hoffnungen erfiillt be-
kamen, dann miiBte die ganze Menschheit sich allmahlich auf Erden
auflosen. Die Erde wiirde den Menschen aufnehmen. Es wiirde zu-
letzt entstehen aus der Erde - das ist auch die Absicht Ahrimans -
eine groBe Wesenheit, in der alle Menschen gewissermaBen aufgelost
waren. Sie waren verbunden mit dieser groBen einheitlichen Erden-
wesenheit. Aber der Ubergang zu diesem Verbundensein mit dieser
Erdenwesenheit wiirde darin bestehen, daB der Mensch zunachst in
seinem ganzen Organismus immer ahnlicher und ahnlicher wiirde dem
lebendigen Kalk. Er wiirde lebendigen Kalk mit seinem Organismus
verbinden und immer mehr verkalken. Er wiirde dadurch metamor-
phosieren, umwandeln seine Gestalt in eine Gestalt, die dann ganz
anders aussehen wiirde, die etwa so aussehen wiirde: eine skleroti-
sierte Gestalt mit einer Art Fledermausfliigeln und diesem Kopf (siehe
Tafel 5 Tafel IV). Die wiirde eben in der Lage sein, sich allmahlich in dem
Irdischen aufzulosen, so daB das Irdische dann auf ahrimanische Art
als ganze Erde ein irdisch-lebendiges Wesen ware.
Wenn die luziferischen Wesenheiten andererseits das Atherische des
Menschen heranziehen und sich dadurch gewissermaBen aus ihrer
Astralitat atherisch verdichten konnten, dann wiirde aus ihnen auf
atherische Art etwas entstehen, was mehr oder weniger die unteren
Partien des menschlichen Organismus nicht hatte, was aber auch die
oberen Partien verandert hatte; was zum Beispiel vor alien Dingen
einen wie aus Erdendunst gebildeten Leib (Tafel IV, blau), der aber Tafel 5
nur bis zur Brust ausgebaut ware, und dafiir ein ins Idealische gestei-
gertes menschliches Haupt hatte (rot). Aber nun kame das Eigentiim-
liche, daB dieses Wesen Fliigel haben wurde, Fliigel, die wie heraus-
geboren waren aus Wolken (gelb). Diese Fliigel wiirden sich nach
vorn konzentrieren zu einer Art vergroBerten Kehlkopfs ; sie wiirden
sich an der Seite hier zu Ohrenorganen, Gehororganen konzentrieren,
die wiederum mit dem Kehlkopf zusammenhangen.
Sie sehen, dasjenige, was sich da unten bildet, habe ich in der Ge-
stalt des Ahriman, der driiben in der Kuppel malerisch geschafFen war
und in der Holzgruppe eben plastisch geschafFen ist, wiederzugeben
versucht; ebenso das, was im Luziferischen aus Erdendunst und Wol-
kenwallungen, wenn es das Atherische der Erde aufnehmen konnte,
sich bilden wiirde zu einer luziferischen Gestalt.
Damit aber sind in das Erdenleben selber eingezeichnet die beiden
Extreme des Menschen: dasjenige Extrem des Menschlichen, was der
Mensch wiirde, wenn er sozusagen unter dem Einflusse des Ahriman
aufnehmen wiirde den lebendigen Kalk und dadurch allmahlich mit
der Erde eins wiirde, aufgelost wiirde in dem ganzen lebendig emp-
findenden Erdenwesen, das ist das eine Extrem. Das andere Extrem ist
das, was der Mensch wiirde, wenn es den luziferischen Wesen gelingen
wiirde, das, was sie wollen, auszufiihren, namlich von unten einen
Dunst von Kohlensaure aufsteigen zu machen, so daB das Atmen ver-
schwinden miiBte, so daB die Menschen damit als physische Mensch-
heit verschwanden, damit aber die Atherleiber sich verbanden mit
demjenigen, was als astralisches, luziferisches Engel wesen da droben
ist.
Wiederum kann man sagen: Das sind Hoffnungen, das sind Illu-
sionen der luziferischen Wesenheken. - Wer seherisch den Blick hin-
ausrichtet in die Weltenweiten, der sieht nicht etwa, wie es in dem
Shakespeareschen Stuck heiBt, bald ein Kamel, bald irgend etwas
anderes in den ziehenden Wolken, sondern der sieht, wenn der Marz
kommt, in den ziehenden Wolken die dynamisch strebenden Krafte
der luziferischen Engel, die da eine luziferische Hiille des Irdischen er-
zeugen wollen, die das Menschengeschlecht von der Erde entfernen
wollen. Zwischen diesen beiden Extremen schwebt der Mensch. Das
wollen die ahrimanischen sowohl wie die luziferischen Wesenheiten :
die Menschheit, wie sie als Menschheit der Gegenwart ist, austilgen.
Innerhalb des Lebens der Erde auBern sich aber doch diese verschie-
denen Einwirkungen. Wiederum ist es ja so, daB zwar dasjenige, was
die luziferischen Wesen erhoffen, jedes Jahr aufs neue zerstort wird fur
die auBere Natur; aber im Menschen wirkt es. Und der Mensch ist um
die Friihlingszeit, wie er auf der einen Seite den ahrimanischen Kraf-
ten stark ausgesetzt ist, wiederum auch immer mehr und mehr - und
es bleibt das dann durch den Sommer hindurch - den luziferischen
Wesen ausgesetzt.
Nun ist das ja allerdings fur das Menschenwesen, wie es jetzt schon
einmal ist, so : Fur das Menschenleben auBert es sich in der Weise, daB
es ganz intim ist, daB es nur derjenige bemerkt, der eine spirituell-
sensitive Natur hat und wirklich miterleben kann, was im Kosmos im
Laufe des Jahres geschieht. Aber fur friihere Zeiten, selbst noch fur
die spatatlantischen Zeiten hatte das eine groBe Bedeutung. In fnihe-
ren Zeiten der Erdenentwickelung war zum Beispiel das menschKche
Fortpflanzungswesen an den Jahreslauf gebunden. Da konnte eine
Empfangnis nicht anders stattfinden als im Friihling, in jedem Friih-
ling, wo die Krafte so regsam wurden, wie ich es Ihnen jetzt erzahlt
habe, und da konnten Geburten nicht anders stattfinden als gegen das
Ende des Jahres. Da war das Erdenleben auf eine gute Art mit dem
Leben der Menschen verbunden.
Es ist nun ein Prinzip der luziferischen Wesen, alles auf Erden frei
zu machen, und unter den Dingen, den irdischen, mehr sinnlichen
Realitaten, die nun von den luziferischen Wesen frei gemacht worden
sind, ist eben die Emanzipation des Empfangens und Geborenwer-
dens. DaB der Mensch zu jeder Jahreszeit geboren werden kann, das
ist in friiheren Zeiten bewirkt worden durch diese den Menschen von
der Erde losreiBende luziferische Kraft. Dies steckt sozusagen in der
Freiheit des Menschengeschlechtes, in jeder Zeit des Jahres geboren
werden zu konnen. Da smd wirklich die luziferischen Krafte drinnen.
Von Einfliissen, die heute noch geltend sind, will ich dann das nachste
Mai sprechen. Aber ich wollte Ihnen diese Einflusse, die ich eben
charakterisiert habe, schildern, damit Sie sehen, wie in fruheren Zei-
ten dasjenige, was die luziferischen Wesen erstrebten, auch wirklich
bis zu einem gewissen Grade sogar erfiillt worden ist und jetzt noch
dasteht in der Moglichkeit, daB der Mensch in jeder Zeit des Jahres
geboren werden kann. Denn sonst wurde der Mensch nur zur Winter-
zeit geboren werden.
Dagegen setzen die ahrimanischen Krafte alle Gewalt ein, die sie
haben, um den Menschen wiederum mit der Erde zusammenzubrin-
gen. Und haben die luziferischen Wesen diesen groBen EinfluB gehabt
wahrend eines fruheren Lebens der Erde, so haben eigentlich die
ahrimanischen Wesen Aussicht, wenigstens partiell, teilweise zu er-
reichen, was sie wollen, das heiBt, den Menschen mit der Erde zu ver-
binden, indem sie gerade seine Gesinnung, seine Auffassung mit dem
Irdischen zusammenschmelzen wollen. Sie wollen ihn nach jeder Be-
ziehung ganz zum Materialisten machen, sie wollen, daB der Mensch
eigentlich nichts konnen soil, als was die in ihm verdauten Nahrungs-
mittel an Denkkraft, an Gefiihlskraft und so weiter hervorbringen.
Und dieser EinfluB der ahrimanischen Wesenheiten macht sich be-
sonders in unserem Zeitalter geltend und wird immer starker und
starker werden.
Wenn wir also zuriickgehen in der Zeitenwende, dann kommen wir
zu dem, was die luziferischen Wesen einmal erreicht haben und hinter-
lassen haben. Wenn wir die Perspektive nach dem Erdenende zu rich-
ten, dann steht das Bedrohliche vor der Menschhek, daB die ahrimani-
schen Wesenheiten den Menschen, da sie ihn nicht in der Erde auf-
Idsen konnen, wenigstens dazu bringen, in sich zu verharten, zu ver-
philistern, zu vermaterialisieren, so daB er eigentlich nichts mehr
denkt und nichts mehr fiihlt, als was automatisch die Stoffe in ihm
denken und fiihlen.
Die luziferischen Wesenheiten haben fur die Dinge, die ich geschil-
dert habe, ihre, ich mdchte sagen naturbefreiende Wirkung damals
erlangt, als der Mensch selber noch keine Freiheit hatte. Die Freiheit
ist nicht entstanden durch einen BeschluB der Menschen oder auf ab-
strakte Weise, wie man es gewohnlich schildert, sondern dadurch, daB
solche naturhaften Dinge, wie die Verteilung der Geburten, frei ge-
worden sind im Menschenleben. Aus diesen naturhaften Dingen ist
dann iiberhaupt das Walten der Freiheit gewissermaBen aufgestiegen.
Es war schon in alteren Zeiten sehr stark wahrnehmbar, daB der
Mensch seine Nachkommen zu jeder Jahreszeit auf die Erde stellen
kann, und das hat ihn dann auch seelisch und geistig mit dem Frei-
heitsgefiihl durchdrungen. So sind die Dinge. Die hangen viel mehr
am Kosmos, als man gewohnlich sich ertraumt.
Aber jetzt, wo der Mensch in die Freiheit aufgeriickt ist, jetzt soil er
gerade unter dem EinfluB seiner Freiheit dieses Bedrohliche aus der
Welt schaffen, daB ihn Ahriman an die Erdenverhaltnisse kettet. Die-
ses Bedrohliche steht als eine Perspektive der Zukunft vor ihm. Und
da sehen wir denn, wie ein Objektives in der Erdenentwickelung ge-
schehen ist : das Mysterium von Golgatha.
Das Mysterium von Golgatha ist nicht als einmaliges Ereignis bloB
geschehen. Wohl muBte es sich als einmaliges Ereignis hinstellen in
das Erdengeschehen, aber es wird dieses Ereignis, dieses Mysterium
von Golgatha jedes Jahr in einer gewissen Weise fur den Menschen
erneuert. Wer ein Gefiihl dafur entwickelt, wie da oben das Luzife-
rische im Kohlensauredampf ersticken will die physische Menschheit,
wie da unten das Ahrimanische im astralischen Regen die ganze Erde
so beleben will in ihren Kalkmassen, daB der Mensch sich in ihr zu-
nachst sklerotisiert, auflost, wer das durchschaut, fur den ersteht zwi-
schen dem Luziferischen und dem Ahrimanischen die Gestalt des
Christus, die Gestalt des sich von der Materie befreienden Christus,
der den Ahriman zu seinen FiiBen hat, sich heraus entwickelt aus dem
Ahrimanischen, nicht beriicksichtigend das Ahrimanische, es iiber-
windend, wie es hier malerisch und plastisch dargestellt worden ist.
Und er sieht diesen Christus, wie er auf der andern Seite iiberwindet,
was nur eben das Obere des Menschen wegziehen will von der Erde.
Es erscheint der Kopf jener Gestalt, die iiber den Ahriman siegt, es
erscheint der Christus-Kopf in einer solchen Physiognomie, in einem
solchen Blick, in einer solchen Antlitzgebarde, daB dieser Blick, diese
Antlitzgebarde abgerungen ist den verfliichtigenden Kraften des Lu-
zifer. Hereingezogen die luziferische Gewalt in das Irdische, hinein-
gestellt in das Irdische, das ist die Gestalt des Christus, wie er jedes
Jahr im Friihling erscheint, wie wir ihn uns vorstellen miissen: Ste-
hend auf dem Irdischen, das zum Ahrimanischen gemacht werden
soil, siegend iiber den Tod, auferstehend aus dem Grab, sich hinauf-
erhebend als Auferstandener zur Verklarung, zur Verklarung, die da
kommt durch das Hinuberfiihren des Luziferischen in die irdische
Schonheit des Christus- Antlitzes.
Und so erscheint zwischen dem Ahrimanischen und dem Luziferi-
schen der in seiner Auferstehungsgestalt sich vor das Auge riickende
Christus als die Ostererscheinung, die Ostererscheinung, die sich so
hinstellt vor den Menschen: Der auferstandene Christus, oben iiber-
schwebt von luziferischen Gewalten, unten gegrundet auf ahrimani-
sche Gewalten.
Diese Weltenimagination stellt sich als die Osterimagination hin,
so wie sich die Jungfrau mit dem Kinde als Weihnachtsimagination,
als Tiefwinterimagination aus dem Jahreslauf herausstellt, so wie sich
die Michael-Imagination, wie ich sie Ihnen vorgestern beschrieben
habe, als die Ende-September-Imagination hinstellt. Damit sehen Sie
zugleich, wie berechtigt es war, das Christus-Bild so zu formen, wie es
hier bei uns geformt wurde, denn das ist aus dem kosmischen Werden
im Jahreslaufe herausgeboren. Daran 1st nichts Willkurliches. Da ist
jeder Blick, da ist jede Konfiguration im Antlitz, da ist jede verlau-
fende Falte im Gewande so zu denken, daB sich hineinstellt das Chri-
stus-Bild zwischen das Luziferbild und das Ahrimanbild als dasjenige,
was im Menschen in der Erdenentwickelung wirken soil so, daB der
Mensch entrissen werde gerade in der Zeit, in der er am meisten ver-
fallen kann den luziferischen und ahrimanischen Machten, in der
Oster-, in der Fruhlingszeit, eben diesen ahrimanischen, diesen luzi-
ferischen Machten.
Wiederum ist es so, daB wir gerade an diesem Christus-Bild sehen :
Es kann nichts willkiirlich in dem Sinne, wie man es heute kunstlerisch
liebt, gemacht werden. Gerade wenn der Mensch seine vollige Freiheit
im Kiinstlertum entwickeln will, dann kettet er sich nicht sklavisch-
ahrimanisch an Material und Modell, dann erhebt er sich frei in gei-
stige Hohen und schafft aus den geistigen Hohen heraus frei, was frei da
zu schaffen ist, weil in geistigen Hohen eben die Freiheit waken kann.
Dann wird es so sein, daB er aus einem blaulich-violettlichen Dunst-
gebilde heraus dieses schafft, was eine Art Brustgebilde des Luziferi-
schen ist, daB er wie aus Wolkengebilden rotlich hervorkommend
dasjenige schafft, was Fliigel- und Kehlkopf- und Ohrengebilde ist,
damit das wie aus Wolken heraus gebildete Fliigel-Kehlkopf-Ohr-
gebilde zu gleicher Zeit in seiner vollen Realitat erscheinen kann als
malerisches Abbild dessen, was diese Wesen drauBen astralisch sind,
was sie atherisch zu werden drohen (siehe hierzu und zum folgenden :
TafclS TafellV).
Denn stellen Sie sich einmal lebendig diese im Astralischen wirken-
den, nach dem Atherischen hinstrebenden Fliigel Luzifers vor, dann
werden Sie finden, daB sie, weil sie tastend sind, diese Fliigel, indem
sie herumtasten in den Weltenweiten, indem sie herumwirken in den
Weltenweiten, alle Kraftgeheimnisse des Weltenalls erfiihlen. Es ist
im Luziferischen ein Herumschweifen, ein Sich-Herumbewegen in
Wellen, so daB diese Fliigel in ihren wellenformigen Bildungen alles
ertasten, was an geheimnisvoll-geistigen, spirituellen Wellenwirkun-
gen im Weltenall vorhanden ist. Und was da in diesen Wellen ertastet
wird, das geht durch die Ohrenbildung in das Innere des Luzifer-
wesens, setzt sich da fort. Das Luziferwesen begreift durch die Ohren-
bildungen, was es ertastet durch die Fliigel, und durch den damit ver-
bundenen Kehlkopf wird das zum schaffenden Worte, das in den For-
men des Lebendigen west und lebt.
Wenn Sie also ein solches luziferisches Wesen mit seinen gelblich-
rotlichen Flugel-Ohren-Kehlkopfbildungen anschauen, so sehen Sie
in ihm dasjenige, was da wirkt im Weltenall als ertastend die Geheim-
nisse des Weltenalls durch die Fliigel, erlebend diese Geheimnisse des
Weltenalls durch die nach ihnen fortwirkenden Ohrengebilde, aus-
sprechend im schopferischen Worte diese Geheimnisse des Weltenalls
in diesem mit Fliigel und Ohr als einem organischen Ganzen ver-
bundenen Kehlkopf.
So war Luzifer malerisch oben in der Kuppel dargestellt, so wird er
plastisch dargestellt sein in der plastischen Gruppe, die den Mittel-
punkt bilden sollte unseres Goetheanum. Und so sollte gerade stehen
in diesem Mittelpunkt des Goetheanum in einem gewissen Sinne das
Ostergeheimnis. Aber es wird in irgendeiner Form noch eine Ergan-
zung notig, wenn man die ganze Sache auffaBt. Denn alles das, was da
geschaut werden kann als das drohende Luziferische, als das drohende
Ahrimanische, das ist ja das innere Wesen der Naturkrafte, das ist das,
wohin die Naturkrafte tendieren wollen in der Friihlingszeit gegen
den Sommer zu, und dem sich gesundend entgegenstellt das heilende
Prinzip, das vom Christus ausstrahlt. Aber ein lebendiges Gefuhl von
alledem wird man erlangen, wenn, nachdem das Ganze architekto-
nisch und plastisch geworden ist und in der Architektur und Plastik
dasteht, was ich beschrieben habe, wenn dann in der Zukunft auch
noch einmal die Moglichkeit herbeigefiihrt werden kann, ein Leben-
dig-Dramatisches vor dieses Plastische hinzustellen gerade zur Oster-
zeit, ein Lebendig-Dramatisches, in dem namentlich zwei Haupt-
personen sein wiirden: der Mensch und Raphael. Es muBte sich als
eine Art Mysterienspiel gerade innerhalb dieser Plastik und innerhalb
dieses Architektonischen abspielen ein Mysterienspiel, Hauptpersonen
der Mensch und Raphael, Raphael mit dem Merkurstab, Raphael mit
alledem, was sich an den Merkurstab ankniipft. Im Lebendig-Kiinst-
lerischen ist alles, alles fordernd, und es gibt im Grunde genommen
keine Plastik und keine Architektur, die nicht, wenn sie in ihrem Inne-
ren kosmische Wahrheit ist, fordern wiirde dasjenige, was kunstlerisch
drinnen geschieht in einem Raum, der diese Architektur, diese Plastik
hat. Und zur Osterzeit wiirde diese Architektur, diese Plastik ein
Mysterienspiel fordern: der Mensch, belehrt von Raphael, inwiefern
die ahrimanischen und luziferischen Krafte den Menschen krank-
machen, und inwiefern man durch die Raphael-Gewalt angeleitet wer-
den kann, das heilende Prinzip, die groBe Weltentherapie, die im
Christus-Prinzip lebt, zu durchschauen, zu erkennen. Und wenn dies
alles ganz gemacht werden konnte — denn auf das alles war das
Goetheanum veranlagt -, dann wiirde zum Beispiel unter vielem
andern dieses stehen, daB alles, was aus den ahrimanischen und luzi-
ferischen Geheimnissen in den Menschen hineinflieBen kann, eine ge-
wisse Kronung gerade zur Osterzeit erfiihre.
Lernt man erkennen das Ahrimanische, wie es wirkt in dem zur
Friihlingszeit lebendig werdenden Kalk, in dem gestrebt wird, be-
gierdehaft aufzunehmen das kosmische Astralische, dann lernt man in
allem, was salzartig ist, die Heilkrafte erkennen. In den groben Wir-
kungen driickt sich dieser Unterschied nicht aus ; in den Heilwirkun-
gen driickt er sich aus. Man lernt die Heilwirkungen zum Beispiel
aller Salzablagerungen kennen, indem man dieses Weben und Leben
des Ahrimanischen in den Salzablagerungen der Erde studieren kann.
Denn dasjenige - wir werden darauf noch naher in der nachsten Be-
trachtung eingehen -, was zu einer Jahreszeit verahrimanisiert wird,
das wird wiederum in Heilkraft umgewandelt in einer andern Jahres-
zeit. Und wenn man dann das kennt, was geheimnisvoll in den Natur-
produkten, in den Naturwesen vor sich geht, dann lernt man ihre
therapeutische Kraft erkennen. Und ebenso ist es mit dem Luziferi-
schen. Man lernt erkennen, was in verdunstenden Korpern, die nach
oben streben in ihrem Verdunsten, was aber namentlich als heilende
Krafte wirkt von dem, was im Kohlensauren arbeitet. Denn wie ich
Ihnen sagen konnte, daft eigentlich in allem Wasser ein Merkuriales,
ein Quecksilbriges ist, so ist in allem, was Kohlensaure ist, ein Sulfu-
riges, ein Phosphoriges.
Es gibt nicht die Kohlensaure, die bloB, wie der Chemiker sagt, aus
einem Atom Kohlenstoff und zwei Atomen Sauerstoffbesteht; es gibt
diese Kohlensaure nicht. In allem, was wir selber als Kohlensaure in
der Ausatmungsluft erzeugen, lebt Phosphoriges, Sulfuriges. Diese
Kohlensaure, CO2, ein Atom Kohlenstoff, zwei Atome Sauerstoff, das
ist nur ein Abstraktum, das ist etwas, was als Verstandesgebilde im
Menschen entsteht. In Wirklichkeit findet sich keine Kohlensaure, die
nicht, wenn ich mich so ausdriicken darf, in auBerordentlicher Ver-
diinnung Phosphoriges, Sulfuriges enthalt. Und dieses Phosphorige,
Sulfurige, dies streben eigentlich in einem aufstrebenden Dunste
die luziferischen Wesen an. Und wiederum in diesem eigentiim-
lichen Ausgleich, der vorhanden ist zwischen dem Sulfurigen,
das astralisch wird, und dem Kalk, der lebendig wird, auBern
sich dann jene Krafte, in denen wir die Heilwirkungen erkennen
konnen.
Und so wiirde zum Beispiel unter vielem andern, was mit dem
Ostergeheimnis verkniipft ist, in diesem Mysterienspiel zur Osterzeit
- gerade dadurch, daB es sich anschlieBt, daB es sich hinstellt vor das-
jenige, was plastisch und malerisch gebildet ist - das, was im Laufe
des Jahres an solche, die es horen wollen, an Heilwirkungsweisen
uberliefert ist, in einer Weise, die durchaus unmittelbar lebendig kiinst-
lerisch-religios sein konnte, seinen AbschluB finden. Es wiirde tat-
sachlich gekront werden konnen dadurch, daB es gewissermaBen hin-
eingestellt wird in den ganzen Verlauf des Kosmos, in den Jahreslauf,
und es wiirde innerhalb des Osterkultus enthalten sein etwas, was sich
ausdriicken wiirde in den Worten: Der Weltenheiland wird gefiihlt,
derjenige, der das groBe l)bel der Erde als Heiland heben wollte, er
wird gefiihlt. Denn er war ja, wie ich schon ofter dargestellt habe, der
groBe Therapeut der Menschheitsentwickelung. Das wird gefiihlt,
und ihm wird geopfert mit allem, was man an Weisheit haben kann
iiber Heilwirkungen. Es wiirde sich das hineingliedern in das Oster-
geheimnis, in den Osterkult, indem man in Wirklichkeit gerade diesen
Osterkult in dieser Weise so vollbringen wiirde, so begehen wiirde,
daB er sich in ganz selbstverstandlicher Weise in den Jahreslauf
einfiigte.
Ich konnte Ihnen zunachst - wir werden dabei auch noch auf an-
deres kommen - bei dem, was sich als eine gewaltige Imagination
hinstellt vor den Menschen zur Michaelizeit, zur Weihnachtszeit, ich
konnte Ihnen da nur die Bilder vorfiihren. Bei dem aber, was als eine
Imagination sich darstellt gegeniiber dem Ostergeheimnis, wo gegen-
iiber dem sozusagen naturhaften Geistwirken auftritt das hohere Gei-
stesleben, wie es in der Umgebung des Christus sich entwickeln kann,
bei dem konnte ich Ihnen darstellen, wie es unmittelbar im Irdischen
zum Kultus fiihren kann, wie es aber auch aufnehmen kann dasjenige,
was im Irdischen gehegt und gepflegt werden muB : die gesundenden,
die heilenden Krafte, und die Erkenntnis dessen, was den Menschen-
organismus zerstoren kann, ahrimanisch zerstoren kann, luziferisch
zerstoren kann. Ahriman verhartet den Menschen, Luzifer will ihn
durch die Atmung auflosen, verniichtigen. In alledem liegen die kran-
kenden, die krankmachenden Krafte.
Alles das, was, ich mochte sagen, unter der Einwirkung des groBen
Lehrmeister s Raphael, der eigentlich in christlicher Terminologie der
Merkur ist, der im christlichen Gebrauche den Merkurstab zu tragen
hat, alles das, was unter dem groBen Lehrmeister Raphael auf diesem
Gebiete gelernt werden kann, das kann nur seine wiirdige Kronung
dadurch erlangen, daB es hineingeheimniBt wird in den Osterkultus,
der vieles noch umfassen kann, wie ich Ihnen in einer folgenden Be-
trachtung darstellen werde.
Rudolf Steiner
TAFELZEICHNUNGEN
zu den Vortragen
Das Miterleben des Jahreslaufes
in vier kosmischen Imaginationen
Die anschlieBend wiedergegebenen Tafeln (I— V) wurden seit dec 3. Auflage von
1966 in den Band aufgenommen. Die Verweise darauf finden sich im laufenden
Text. Zu den Vortragen gehoren jedoch insgesamt acht Tafeln, die im Band
XIII der Reihe «Rudolf Steiner, Wandtafelzeichnungen zum Vortragswerk»
wiedergegeben sind. Auf diese wird durch Randvermerke beim Text und auch
auf den Tafeln aufmerksam gemacht.
■ HI. I (Tafel 2) OKTOBKR 1923
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 229 Seite: 5 S c
TAFHL II (Tafcl 3} 6. OKTOBER 1923
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 229 Seite: 5 S e
TAFEL V (Tafel 6) 12. OKTOBKR 1923
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 229 Seite: 5 S k
VIERTER VORTRAG
Dornach, 12. Oktober 1923
Dringen wir jetzt vor von jener Betrachtung der Osterzeit, der Friih-
lingsfesteszeit, die wir das letzte Mai hier angestellt haben, zur Som-
merzeit, dann kommen wir in die Notwendigkeit hinein, die Betrach-
tungen, die wir anstellen, viel geistiger anzustellen als fur die vorher-
gehenden Jahreszeiten. Das konnte ein Widerspruch scheinen, ist aber
keiner. Wir muBten bei der Weihnachtszeit ausgehen davon, wie das
irdische Gestein, der Kalk, sich allmahlich umandert, und haben das
dann zur Osterzeit hingefuhrt. Wir hatten iiberhaupt die Betrachtung
so angestellt, daB wir gewissermaBen das Walten des Geistigen in dem
Materiellen ins Auge gefaBt haben. Zur Sommerzeifr, zur Hochsom-
merzeit wird der Mensch eigentlich hineinverstrickt in das Natur-
dasein. Das Naturdasein wird vom Friihling gegen den Sommer zu
immer regsamer, immer innerlich gesattigter, und der Mensch selbst
mit seinem ganzen Wesen wird in dieses Naturdasein hineinverwoben.
So daB man sagen kann : Der Mensch macht wahrend der Hochsom-
merzeit eine Art NaturbewuBtsein durch. Er wird eins wahrend des
Fnihlings, wenn er Gefuhl und Empfindung dafur hat, mit allem
Wachsenden, SprieBenden, Sprossenden. Er bliiht mit der Blume,
keimt mit der Pflanze, fruchtet auch mit der Pflanze, versetzt sich hin-
ein in alles das, was drauBen west und lebt. Dadurch erweitert er sein
Dasein iiber das Naturdasein und es entsteht eine Art NaturbewuBt-
sein. Dann muB, weil ja die Natur im Herbste abstirbt, also den Tod
in sich tragt, der Mensch, wenn er mitlebt mit der Natur gegen den
Herbst zu, gegen die Michaelizeit, diesen Tod auch in sich erleben;
aber er darf ihn nicht mitmachen in seinem Selbst. Er muB sich iiber
diesen Tod erheben. Es muB gerade an die Stelle dieses NaturbewuBt-
seins die Starkung, die Erkraftung des SelbstbewuBtseins treten. Aber
weil gerade das NaturbewuBtsein in der Sommerglut am hochsten ist
im Menschen, so ist es um so notwendiger fur das Weltenall, daB
dann dieses Weltenall, wenn der Mensch es nur will, dem Menschen
das Geistige entgegenbringt.
So diirfen wir eigentlich sagen: Der Mensch ist in die Natur ver-
strickt wahrend der Sommerzeit. Aber wenn er die rechten Empfin-
dungen, die rechten Gefiihle dafiir hat, dann kommt ihm aus der
webenden Natur die objektive Geistigkeit entgegen. So daB also fiir
das eigentlich Menschliche in der Johannizeit das auBere, objektive
Geistige gesucht werden muB. Und das ist auch durchaus im Natur-
dasein vorhanden. Die Natur ist nur auBerlich die sprieBende, spros-
sende, man mochte sagen die schlafende Wesenheit, die gerade aus
den Schlafkraften die Machte des Pflanzenwachstums, die eine Art
schlafendes Naturdasein bilden, herausholt. Aber aus dieser schlafenden
Natur offenbart sich, wenn der Mensch dafiir einen Sinn hat, das Gei-
stige, das die Natur alldurchwebt und alldurchlebt.
Und so ist es, daB, wenn wir mit der geistigen Vertiefung in der
Seele, mit dem schauenden Blicke das Naturdasein wahrend des Hoch-
'■sommers verfolgen, wir den Blick hinuntergerichtet finden in die
Erdentiefen selber. Wir finden, wie die Gesteine in den Erdentiefen
starker als in einer sonstigen Jahreszeit ihr innerliches Kristallbilden-
des uns entgegentragen. Eigentlich hat man, wenn man mit dem
imaginativen Blick in die Tiefen der Erde schaut zur Johannizeit, den
Eindruck : Da unten webt und lebt es in Kristallformen, in denen sich
das feste Erdreich konsolidiert, alles Kristallformen, Kristallformen,
die gerade ihre Schonheit gewinnen wahrend der Hochsommerzek.
Alles bildet sich da unten wahrend der Hochsommerzeit in Linien, in
Winkeln und Flachen. Und wenn man einen Gesamteindruck haben
will, dann ist es dieses In-sich-Gefestigtsein der irdischen Kristall-
natur, das sich finster-blaulich webt.
Ich darf Ihnen vielleicht, obwohl ja eine solche Zeichnung natiir-
lich nur ganz skizzenhaft und imaginativ sein kann, die ganze Situa-
Tafel 6 tion auf die Tafel fixieren (siehe Tafel V). Also man mochte sagen:
Wenn man den Blick hinunterwendet, so erhalt man den Eindruck
des Linienhaften, aber iiber das Ganze eine Blaue ergossen, und dieses
Blau liberall von jenen Linien durchzogen, die eigentlich silbern er-
glanzen, so daB iiberall da drinnen in dem Blaulichen Silbererglanzen-
des, Kristallisierendes ist (weiB). Es ist, als ob die irdische Natur ihre
Gestaltungskraft in einer wunderbaren Plastik einem entgegentragen
will, aber in einer Plastik, die man nicht so sehen soli, wie man sonst
mit Augen sieht; sondern es ist so, daft man eigentlich sich selber auf-
gelost fuhlt in dieser Naturplastik, daB man eigentlich jede Linie, die
da unten ist, jede silberglanzende Linie in sich fuhlt. Man fuhlt sich
formlich als Mensch herausgewachsen aus dem blauen Untergrunde
des Erdenbodens, und man fuhlt sich innerlich durchkraftet von den
silberglanzenden Kristallinien. Das alles fiihlt man als sein eigenes
Wesen. Und wenn man dann zu sich kommt und sich fragt : Wie wir-
ken denn eigentlich diese silberglanzenden Kristallinien, Kristall-
wellen in dir selber? Was ist denn das, was da in der Erde silberglan-
zend im Erdenblau webt und lebt? - dann weiB man: Das ist kosmi-
scher Wille. Und man hat dann das Gefuhl, man steht auf kosmischem
Willen. Das ist, wenn man den Blick hinunterrichtet. Und wenn man
den Blick in die Hohe richtet?
Wenn man den Blick in die Hohe richtet, dann hat man den Ein-
druck des sich ausbreitenden kosmischen Intelligenten. Im Menschen
ist im gegenwartigen Stadium die Intelligenz ja, wie ich ofter beschrie-
ben habe, noch nicht gar so viel wert. Aber zu der Hochsommerzeit,
in den Hohen, da hat man das Gefuhl : Es ist iiberall webende Intelli-
genz, aber webende Intelligenz nicht von einem Einzelwesen, sondern
von vielen Wesen, die ineinanderleben, die miteinanderleben. So daB
wir oben die sich ausbreitende webende Intelligenz haben, durch die
das Licht sich hindurchlebt, die durchleuchtet scheinende, webende,
lebende Intelligenz (gelblich) als den Gegensatz des Willens. Und Tafel 6
wahrend man unten das Gefuhl hat: Da ist es blaulich finster, da ist
eigentlich alles nur als Krafte zu erleben -, hat man nach oben das Ge-
fuhl : Da ist eigentlich alles so, daB es einen erleuchtet, wenn man es wahr-
nimmt, daB es einen mit einem Gefuhl von Intelligenz durchdringt.
Und nun erscheint innerhalb dieses leuchtenden Webens - ich kann
es nicht anders sagen -, es erscheint eine Gestalt. Ich muBte Ihnen ja
fur die Herbsteszeit als die wesentlichste Gestalt, die aus dem Natur-
weben heraus sich vor unsere Seele stellt, Michael angeben. Inwiefern
in die Weihnachtszeit hinein sich nach den alten Benennungen Gabriel
stellt, davon werden wir noch sprechen. Das letzte Mai habe ich Ihnen
fur die Osterzeit, fur den Friihling, das Sich-Hinstellen der Gestalt
Raphaels gezeigt. Er ist uns gewissermaBen, dieter Raphael, zuletzt
entgegengetreten als der dramatische Vermittler, der uns die notige
Anbetung und Verehrung fiir dasjenige entgegenbringt, was Oster-
imagination, kosmische Osterimagination ist. Jetzt, fiir die Johanni-
zeit, tritt uns, wenn ich es menschlich beschreibe - es ist natiirlich das
alles nur annahernd beschrieben-, es tritt uns sogleichein auBerordent-
lich ernstes Gesicht entgegen, ein ernstes Antlitz, das sich herauserhebt
wie warm leuchtend aus der allgemeinen leuchtenden Intelligenz
Tafel 6 (roter Kopf in Gelb, Tafel V).
Man hat die Impression, daB aus dieser leuchtenden Intelligenz sich
diese Gestalt ihre Lichtleiblichkeit bildet. Und es muB so sein, damit
diese Gestalt ihre Lichtleiblichkeit wahrend der Hochsommerzeit bil-
den kann, das muB eintreten, was ich Ihnen beschrieben habe : daB die
Elementargeister der Erdenwesen aufsteigen. Indem sie aufsteigen,
verweben sie sich oben mit der leuchtenden Intelligenz. Diese leuch-
tende Intelligenz nimmt sie auf. Und au's dem, was da erglanzt, licht-
erglanzt in der leuchtenden Intelligenz, verleiblicht sich darinnen diese
Gestalt, die ja auch von der alten instinktiven Hellseherkraft geahnt
worden ist, und die wir mit demselben Namen noch bezeichnen kon-
nen, mit dem sie damals benannt worden ist. Wir konnen also sagen :
Zur Sommerzeit erscheint in der leuchtenden Intelligenz Uriel.
Herbst : Michael
Winter : Gabriel
Fnihling: Raphael
Sommer: Uriel.
Es ist strenger Ernst in dem, was da, aus dem Lichtesweben seine
Leiblichkeit suchend, einem als Reprasentant der kosmisch webenden
Krafte in der Sommerzeit entgegentritt. Es sind die Dinge, die wir nun
weiter beobachten konnen, wie die im Lichte vollbrachten Taten
Uriels, Uriels, dessen eigene Intelligenz im Grunde genommen zu-
sammengesetzt ist aus dem Ineinanderkraften der Planeten unseres
Planetensystems, gestiitzt durch die Fixsternwirkungen der Tierkreis-
bilder, Uriels, der eigentlich in seinem eigenen Denken das Welten-
denken in sich hegt. So daB man unmittelbar das Gefuhl hat: Ihr leuch-
tend intelligenten Sommerwolken, in denen sich nach oben spiegeln
die blaulichen Kristallgebilde des Erdenbodens unten, wie sich nach
unten in den blaulichen Kristallgebilden des Erdenbodens wiederum
spiegeln die leuchtenden, intelligenten Wolkengebilde, in euch, ihr
leuchtenden Wolkengebilde, erscheint in der Hochsommerzeit mit
ernstem Antlitz, imaginativ konzentriert, der Weltenverstand.
Nun, die Taten, sage ich, dieses sich verkorpernden Weltenverstan-
des, dieser verkorperten kosmischen Intelligenz, sie sind Taten, die im
Lichte gewoben werden. Sie bestehen darin, daB durch die Anzie-
hungskraft, die in dieser konzentrierten Weltintelligenz Uriels liegt,
die Silberkrafte ihren Weg hinauf nehmen (weiB), und daB im Lichte Tafel 6
dieser auch innerlich leuchtenden Intelligenz, von der- Erde aus ge-
sehen, es erscheint wie das sich ausbreitende Sonnenlicht, das sich aber
zum goldigen Scheine verdichtet. Und man hat unmittelbar das Ge-
fiihl: Jenes Silberige, das von unten nach oben stromt, wird aufge-
nommen von dem, was da sonnendurchleuchtet oben webt und lebt,
und es wird das Erdensilber - es ist ein ganz richtiger Ausdruck, den
ich jetzt gebrauche -, es wird das Erdensilber kosmisch-alchimistisch
oben in das kosmische Gold verwandelt, das da oben webt und lebt.
Und es ist ein fortwahrendes Hinaufspriihen des Silberglanzenden,
und oben ein fortwahrendes Verwandeln des Silberglanzenden in
Goldiges.
Und dann bekommt man, wenn man dies weiter verfolgt durch die
Augustzeit hindurch, den Eindruck einer Erganzung der Michael-
Gestalt, wie ich sie Ihnen beschrieben habe. Ich habe Ihnen beschrie-
ben, woraus das Schwert des Michael ist, woraus dann der Drache
sein Leben webt. Aber man fragt sich in dieser ganzen leuchtenden
Schdne, die gerade geistig aus dem webenden Kosmischen zur Hoch-
sommerzeit erscheint: Woher bekommt Michael, der dann iiberleitet
zur Michaelizeit, zur Herbsteszeit, woher bekommt Michael seine
eigentiimliche Kleidung, diese Kleidung, die bald auf leuchtet im Son-
nengold, bald innerlich erglanzt wie in einer innerhalb der goldenen
Falten ersprieBenden silberglanzenden Strahlung, woher ist dieses
goldig gewobene, silbererglanzende Michael-Gewand? Es ist das-
jenige, was sich da oben bildet durch das hinaufstrahlende Silber,
durch das oben iiber das strahlende Silber hinflutende Gold, in das
eigentlich durch die Kraft der Sonnenwirkung das aus der Erde aus-
strahlende Silberglanzende verwandelt wird. Und wir sehen allmah-
lich gegen den Herbst zu, was die Erde an Silber hingegeben hat an
den Kosmos, als Gold zuriickkommen, und in dieser Kraft des in
Gold verwandelten Silbers liegt dasjenige, was dann wahrend der
Winterzeit in der Erde vor sich geht, was ich Ihnen ja beschrieben
habe: Das Sonnengold, das innerhalb der Urielherrschaft wahrend
der Hochsommerzeit in den Hohen sich gebildet hat, zieht in dieTiefen
der Erde ein, durchwebt und durchwogt geistig die Tiefen der Erde,
belebt dort dasjenige, was Leben sucht fur das nachste Jahr wahrend
der tiefen Winterzeit.
So sehen Sie, daB wir durchaus jetzt, wo wir in die Zeit des sprie-
Benden, sprossenden Lebens kommen, nicht sprechen konnen von
geistdurchwobener Materie wie im Winter fur die Erde, sondern wie
wir sprechen muss en von materiedurchwobenem, namlich von Silber
und Gold durchwobenem Geist. Naturlich miissen Sie sich das alles
nicht grob vorstellen, sondern in einer iiber alles menschliche Ermes-
sen hinausgehenden Verdiinnung miissen Sie sich die Silber- und
Goldeswirkung vorstellen.
Und hat man diesen Eindruck, dann erscheint es einem so, als ob
eigentlich das alles eine Art Hintergrund nur ware, als ob das alles
kosmische Leuchtetaten waren, kosmische Lichttaten des Uriel. Denn
man bekommt einen deutlichen Eindruck von dieser Gestalt des Uriel.
Man bekommt einen deutlichen Eindruck auch von seinem Blick.
Man bekommt die tiefste Sehnsucht, diesen merkwiirdig nach unten
gerichteten Blick des Uriel zu verstehen. Man bekommt den Eindruck,
man muB sich umsehen, was dieser Blick bedeutet. Und man kommt
erst darauf, einzusehen, was dieser Blick bedeutet, wenn man nun als
Mensch selbst lernt, geistig noch tiefer hinunterzusehen in die blauen,
silbererglanzenden Tiefen des Sommererdbodens. Da weben sich, ich
mochte sagen, in einer gewissen Weise storend, um diese silberglan-
zenden Kristallstrahlen herum sich auflosende, sich wieder ballende
Gestaltungen, Gestaltungen, die bald sich zusammenballen, bald sich
wieder auflosen.
Nun kommt man darauf: Das sind - der Anblick muB fur jeden
Menschen anders sein - die menschlichen Fehler, die sich in ihrem
Kontraste gegen die regelmaBig in sich konsequenten Naturkristall-
gestalten hier unten abheben. Und auf diesen Kontrast der Natur-
kristallisation in ihrer regelmaBigen Schone und der menschlichen
sich dariiber webenden Fehler ist der ernste Blick des Uriel gerichtet.
Hier wird zur Hochsommerzeit durchschaut, was im Menschen-
geschlechte noch unvollkommen ist gegeniiber den regelmaBig sich
aufbauenden Kristallgestaltungen. Da ist es, wo man, ich mochte
sagen, aus dem ernsten Blick des Uriel den Eindruck empfangt: Es
verwebt sich Natiirliches mit Moralischem. Da steht nicht bloB die
moralische Weltordnung in uns selber wie abstrakte Impulse, sondern
wir sehen jetzt, wahrend wir sonst das Naturdasein anschauen und
nicht fragen: Lebt im Pflanzenwuchs Moralitat? Lebt in der Kristalli-
sation Moralitat? wie sich auch naturhaft zusammenweben in der
Hochsommerzeit menschliche Fehler und regelmaBige, in sich konse-
quente, in sich konsolidierte Naturkristallisation.
Dagegen alles das, was menschliche Tugend, was menschliche
Tiichtigkeit ist, das geht mit den silberglanzenden Linien nach oben
und erscheint wie die einhiillenden Wolken des Uriel (rot), tritt sozu- Tafel 6
sagen als in Kunstwerke, in Wolkenplastik verwandelte menschliche
Tugend in die leuchtende Intelligenz ein.
Man kann nicht bloB hinschauen auf das ernste, durch den Blick auf
die Erdentiefen ernst werdende Antlitz-Auge des Uriel, sondern man
kann auch hinschauen auf etwas, was, ich mochte sagen, wie fliigel-
artige Arme oder armartige Fliigel in ernster Mahnung da ist, und was
gerade als Gebarde des Uriel wirkt, was in das Menschengeschlecht
hineinleitet dasjenige, was ich nennen mochte das historische Gewis-
sen. Hier in der Hochsommerzeit erscheint das historische Gewissen,
das insbesondere in der Gegenwart auBerordentlich schwach ent-
wickelt ist. Das erscheint wie in der mahnenden Gebarde des Uriel.
Natiirlich miissen Sie sich das alles als Imagination vorstellen. Die
Dinge sind ganz real, aber ich kann Ihnen natiirlich nicht iiber diese
Dinge so sprechen, wie der Physiker spricht vom Positiven und Nega-
tiven und vom Energiepotential und so weiter. Ich muB Ihnen in
solchen Bildern sprechen, die leben. Aber was in diesen lebenden Bil-
dern ausgedriickt wird, ist ja Wirklichkeit, ist da.
Und hat man nun den Eindruck bekommen des Zusammenhanges
des Menschen in bezug auf seine Moralitat mit dem unteren Kristall-
haften und mit dem oberen, in Schonheit erglanzenden menschlichen
Tugendhaften, hat man diesen Zusammenhang des Menschen in sein
innerliches Erleben aufgenommen, dann tritt einem entgegen die
eigentliche Johanni-Imagination; dasjenige, was Johanni-Imagination
ist, steht da, wie die Michael-Imagination, die ich Ihnen beschrieben
habe, wie die Weihnachts-Imagination, die Oster-Imagination.
Dann erscheint, wie eine Art Zusammenfassung, dieses Bild, das
sich dem beobachtenden Geistesblicke ergibt: Oben, gewissermaBen
Tafel 6 beleuchtet durch die Augenkraft des Uriel, die Taube (weiB). Es ballt
sich zum Bilde zusammen dasjenige, was unten silbererglanzende
Blaue ist, was die Erdentiefen, verbunden mit den menschlichen Un-
tiichtigkeiten und Fehlern darstellt, es konsolidiert sich in dem Bilde
der Erdenmutter (blau), ob Sie es nun Demeter, ob Sie es Maria nen-
nen. So daB, wenn man den Blick nach unten richtet, man eigentlich
nicht anders kann, als in Imagination alle diese Geheimnisse der Tie-
fen zusammenzufassen als dasjenige, was die StofFmutter alles Daseins
ist, wahrend man in dem, was sich oben konzentriert, in der flieBen-
den Gestalt, alles das empfindet, was der Geistvater alles Daseins um
uns herum ist.
Und nun schaut man das Ergebnis des Zusammenwirkens des Geist-
vaters mit der StofFmutter; dasjenige, was im schonsten MaBe den
Zusammenklang in sich tragt von Silber-Erdenwirkung und Goldes-
Himmelswirkung : zwischen dem Vater und der Mutter den Sohn
(siehe Tafel V). So daB diese Imagination der Dreifaltigkeit auftritt,
welche die eigentliche Johanni-Imagination ist. Der Hintergrund ist
der schaffende, schauende, mahnende Uriel.
Dasjenige, was eigentlich darstellt die Trinitat, das sollte nicht ein-
fach dogmatisch vor die Seele hingestellt werden. Dadurch erhalt man
den Eindruck, als ob eine solche Idee der Trinitat, ein solches Bild der
Trinitat losgelost sei von dem kosmischen Weben und Leben, Das ist
es nicht. Es ist die Trinitat zur Hochsommerzeit aus der kosmischen
Wirkung heraus sich offenbarend, aus dem kosmischen Leben und
Weben. Sie tritt heraus in einer innerlich iiberzeugenden Kraft, wenn
man erst eingedrungen ist, ich mochte sagen, in die Mysterien des
Uriel.
Und wollte man da gerade die Johannizeit vor die Seele hinstellen,
so miiBte da sein der Bogenhintergrund, der Gewolbehintergrund mit
dem Uriel, in der Wirkungsweise, wie ich sie Ihnen geschildert habe.
Und gewissermaBen abheben miiBte sich davon - das bediirfte ganz
besonderer Vorrichtungen, um das darzustellen -, abheben miiBte
sich davon, ich mochte sagen in einer lebendigen, erst im Augenblicke
heraufgerufenen Malerei, was ja erreicht werden konnte durch eine
besonders kunstvolle Verwendung von Rauchmaterial oder derglei-
chen, abheben miiBte sich davon die Imagination der Trinitat. Das
miiBte, wenn vor den Menschen die wirkliche Imagination dieser
Sache hintreten soil, zur Johannizeit hervorgerufen werden. Gerade-
so wie wir zur Osterzeit die Sache nur vollstandig haben, wenn wir
ins Dramatische hineinkommen, wenn wir so hineinkommen ins Dra-
matische, so daB wir im Mittelpunkte des Mysteriendramas, das sich
da abspielen miiBte, den lehrenden Raphael mit dem Menschen hat-
ten, der in die Geheimnisse der heilenden Natur, in die Geheimnisse
des heilenden Kosmos einfuhrt, so miiBte dasjenige, was man da
schaut, was man schauen kann allerdings in webender Bildhaftigkeit,
das miiBte sich umsetzen zur Johannizeit in ein machtiges Musikali-
sches. Aber aus diesem machtigen Musikalischen miiBte sozusagen
das Weltengeheimnis, wie es der Mensch erlebt gerade zur Johanni-
zeit, uns selber ansprechen.
Und zu denken hatte man sich, wie das alles, was ich Ihnen be-
schrieben habe, in entsprechend kiinstlerischer Ausbildung auf der
einen Seite ginge nach der bildenden Kunst. Aber dasselbe, was emp-
funden und gefuhlt wird in bildender Kunst, das miiBte sein Leben
empfangen von den webenden Tonen, die verkorperten jenes dichte-
rische Motiv, das unsere Seele durchwebt und durchlebt, indem wir
uns selber hineinfuhlen in diesen im Lichte wirkenden, im Lichte
tatigen Uriel, der in uns hervorruft den machtigen Eindruck der Drei-
faltigkeit.
Und da miiBte dasjenige, was von unten herauf silbererglanzend
strahlt, was oben sich offenbart in gestaltender Schone des Lichtwir-
kens, das alles miiBte in entsprechender Instrumentation zum Musika-
lischen gestaltet werden gerade zur Johannizeit, so daB der Mensch in
dem Weben der Tone sein eigenes Miterleben mit dem Kosmos findet.
Und es miiBte herausklingen, weil in diesen webenden Tonen ver-
korpert, das Geheimnis des Zusammenseins des Menschen mit dem
Kosmos zur Johannizeit. Ail das miiBte drinnen sein. Es miiBte der
Mensch, wenn er hinaufschaut, das weltenwebende Gold erblicken,
aus dem lichtstrahlenden Golde herausdringend die rotlich warme
Gestalt des Uriel - das alles nicht feste Gestalt, das alles unmittelbares
Leben - und auf die Erde gerichtet der Blick, wie ich ihn Ihnen be-
schrieben habe, der Blick des Uriel, die mahnende Gebarde. Das als
das eine Motiv. Mit diesem einen Motiv, das in den Hohen ist, fiihlt
sich der Mensch nach der einen Seite verbunden, verbunden mit der
leuchtenden kosmischen Intelligenz.
Auf der andern Seite, nach unten, fiihlt er sich verbunden mit dem-
jenigen, was nach fester Gestaltung strebt, was in blauliche Finsternis
getaucht ist, aus der Silberiges herausstrahlt. Da fiihlt er drunten das-
jenige, was der stoffliche Untergrund des webend-lebendigen Geist-
daseins ist. Die Hohen werden Mysterien, die Tiefen werden Myste-
rien, und der Mensch wird sich selbst Mysterium in den kosmischen
Mysterien. Der Mensch fiihlt bis in sein Gebein hinein die kristall-
gestaltende Kraft. Aber er fiihlt auch, wie die kristallgestaltende Kraft,
die ihm bis ins Gebein hineingeht, im Weltenvereine ist mit der da
oben in den Hohen sich auslebenden Leuchtekraft. Der Mensch fiihlt,
wie alles, was durch das Menschengeschlecht an Moralischem ge-
schieht in diesen Mysterien des Oberen, lebt und webt in diesen Myste-
rien des Unteren und in ihrer Vereinigung. Der Mensch fiihlt sich
nicht mehr als abgesondert von der Welt, der Mensch fiihlt sich selber
hineingestellt in die Welt, der Mensch fiihlt sich gebunden nach oben
an die leuchtende Intelligenz, in der er als in dem WeltenschoBe seine
eigenen besten Gedanken erlebt; der Mensch fiihlt sich nach unten bis
in seine Gebeine hinein gebunden an die Weltenkristallisationskraft,
und beides wieder miteinander verbunden, seinen Tod an das Geist-
leben des Alls gebunden, das Geistleben des Alls sich sehnend, im
Erdentode Kristallkrafte und silberglanzendes Leben zu erwecken, zu
erschaffen.
Das alles miiBte eben auch in Tonen angeschlagen werden, in T6-
nen, die diese vom Menschen zu erlebenden Motive auf ihren Fliigeln
tragen. Diese Motive sind da. Diese Motive braucht man nicht zu er-
finden. Diese Motive konnen abgelesen werden aus dem kosmischen
Tun des Uriel. In diesen Motiven gestaltet sich dasjenige, was Imagi-
nation ist, zur Inspiration.
Aber der Mensch lebt selbst gewissermaBen wie eine verkorperte
Inspiration, wie ein aus Inspiration bestehendes Wesen in diesen My-
sterien von Oben und von Unten und in diesen Mysterien der Ver-
bindung in der Mitte, in diesen Mysterien, zu denen der Geistvater
hinaufweist, in diesen Mysterien, zu denen die Stoffmutter hinunfer-
weist, in diesen Mysterien, deren Verbindung dadurch entsteht, daB
der Christus aus dem Zusammenwirken des Geistvaters mit der Erden-
mutter unmittelbar vor der menschlichen Seele stent als der tragende
Weltengeist.
Dasjenige, was sich da herauswebt aus all diesen kosmischen Ge-
heimnissen, ich darf es etwa in der folgenden Weise vor Sie hinstellen.
Es ist da, wie wenn der Mensch, hineingestellt in das Hochsommer-
weben, etwa das Folgende fiihlen wiirde. Die ersten Worte wiirden so
sein, wie etwa das Schauen des Uriel sich zur Inspiration verdichtet,
verbunden mit den Geisttonen des ganzen Chors:
Schaue unser Weben,
Das leuchtende Erregen,
Das warmende Leben.
Tafcl 7
Hohen
Lebe irdisch Erhaltendes
Und atmend Gestaltetes
Als wesenhaft Waltendes.
Tiefen
Fiihle dein Menschengebeine
Mit himmlischem Scheine
Im waltenden Weltenvereine.
Mitte
Menschliches Innere
Man hat in diesen neun Zeilen hier die Mysterien der Hohen, die
Mysterien der Tiefen, die Mysterien der Mitte oder auch des mensch-
lichen Inneren. Und man hat die Zusammenfassung des Ganzen, in-
dem einem wie eine kosmische Behauptung dieser Mysterien der
Hohen, der Tiefen und der Mitte hineinklingt in das Ganze wie mit
Orgel- und Posaunentonen :
Tafel 6 Es werden StorTe verdichtet,
Es werden Fehler gerichtet,
Es werden Herzen gesichtet.
Und Sie haben dasjenige, was den Menschen erhaltend, erhebend,
befestigend, gerade als von Inspiration erfullte Johanni-Imagination,
von Imagination erfullte Johanni-Inspiration zur Johannisommerzeit
durchdringen kann, eben dieses :
Tafcl 7 Schaue unser Weben,
Das leuchtende Erregen,
Das warmende Leben.
Lebe irdisch Erhaltendes
Und atmend Gestaltetes
Als wesenhaft Waltendes.
Fuhle dein Menschengebeine
Mit himmlischem Scheine
Im waltenden Weltenvereine.
Es werden StorTe verdichtet,
Es werden Fehler gerichtet,
Es werden Herzen gesichtet.
FONFTER vortrag
13. Oktober 1923
Ich habe in der letzten Zeit vor Ihre Seele hingestellt die vier kos-
mischen Imaginationen, die herausgeholt werden konnen aus einem
Miterleben des Menschen mit dem Jahreslaufe. Wenn man den Men-
schen in seiner ganzen Stellung und Lage in der Welt verstehen will,
so muB man eigentlich dieses Verstandnis suchen durch ein Zusam-
menwirken der Krafte derjenigen Wesenhaftigkeiten, die einem er-
scheinen im Zusammenhange mit diesen Gestalten. Und da mochte
ich Ihnen zunachst heute einleitungsweise eines sagen. Wenn man die
Seele aufschlieBt all den Eindnicken, die uber einen kommen konnen
aus dem Anblicke desjenigen, was in diesen vier Gestalten liegt, dann
stellt sich zu gleicher Zeit vor die Seele manches hin, was im Laufe
der Menschheitsentwickelung empfunden worden ist, empfunden wor-
den ist als ein Nachklang alter instinktiver hellseherischer Schauungen,
und was eigentlich heute zuweilen nur historisch angefiihrt wird, aber
im Grunde genommen nicht verstanden wird. In der Empfindung
greifen dann diese oft wunderbaren Stimmen, die traditionell.her-
iiberklingen aus den Zeiten, wirkliche Dichter oder Geistesmenschen
auf und gebrauchen sie, gebrauchen sie gerade dann, wenn sie das
Hochste, das GroBte ausdriicken wollen. Aber eigentlich finden
sie auch damit recht wenig Verstandnis. So klingt in einer ganz
wunderbaren Weise aus dem ersten Teil des « Faust » ein Wort
heraus, das oftmals zitiert wird, von dem man aber findet, daB
es kaum wirklich verstanden wird. Es ist das Wort, das ertbnt
im «Faust», nachdem Faust das Buch des Nostradamus aufge-
schlagen hat, das Zeichen des Makrokosmos erblickt und dann in
die Worte ausbricht :
Wie alles sich zum Ganzen webt,
Eins in dem andern wirkt und lebt !
Wie Himmelskrafte auf und nieder steigen
Und sich die goldnen Eimer reichen,
Mit segenduftenden Schwingen
Vom Himmel durch die Erde dringen,
Harmonisch all das All durchklingen !
Ein groBartiges Bild, von dem man eigentlich, wenn man Goethe
kennt, nur sagen kann, daB er es in der Empfindung erfaBt hat. Denn
das, was ja Goethe ofFenbar aus seiner Lektiire aus alten Traditionen
geschopft hat, herausgenommen hat fiir sein Gefiihl, steht eigentlich
erst ganz vor unserer Seele, wenn wir das vor uns haben, was ich
Ihnen darlegen konnte in den vier groBen kosmischen Imaginationen,
der Herbstes-Imagination des Michael, der Weihnachts-Imagination des
Gabriel, der Oster-Imagination des Raphael, und der Hochsommer-,
der Johanni-Imagination des Uriel. Denn von alien diesen Wesenhei-
ten, Gabriel, Raphael, Uriel, Michael, sollen Sie sich eigentlich vor-
stellen, daB durch den Kosmos hin Krafte ausstrahlen, Krafte wieder-
um einstromen in den Menschen, den Menschen bilden. Um das zu
verstehen, muB man schon etwas hinschauen, wie, ich mochte sagen,
rein materiell der Mensch im Kosmos drinnensteht.
In dieser Beziehung ist ja leider heute recht wenig Verstandnis vor-
handen fiir das, was ist. Sie werden zum Beispiel finden, daB uberall
in naturforscherischen, medizinischen Kreisen beschrieben wird, wie
der Mensch den SauerstofF aus der Luft einatmet, wie der KohlenstofT
in ihm den SauerstofF aufnimmt; dann wird dieser Vorgang verglichen
mit einer auBeren Verbrennung, wo ja auch irgendwelche auBeren
StofFe mit dem SauerstofF der Luft sich verbinden, und dann wird
geradezu dasjenige, was da im Menschen vor sich geht, eine Verbren-
nung genannt. Ja, es wird auch der ganze ProzeB, der sich da ab-
spielt im Blute, diese Aufnahme des SauerstofFes durch den Kohlen-
stofF, so auBerlich geschildert wie eine Verbrennung, weil man eines
nicht weiB : Man weiB nicht, daB alle die Prozesse und alle die StofFe,
die auBerhalb des Menschen irgend etwas sind, wenn sie in den Men-
schen hineinkommen, gleich etwas anderes werden. Und derjenige,
der von dieser eigentiimlichen Verbindung des KohlenstofFes mit dem
SauerstofF im Menschen spricht und sie als eine Verbrennung auffaBt,
der redet eigentlich geradeso wie einer, der sagt: Es ist nicht not-
wendig, daB im Menschen zwei lebendige Lungen sind, es konnen
auch zwei Steine drinnen sein; man konnte da zwei Steine hinein-
hangen. - So redet ungefahr derjenige, der fur den Menschen von der
Verbrennung des Kohlenstoffes mit dem Sauerstoff spricht.
Alles das, was auBerlich in der Natur geschieht, ist anders, wenn es
in den Menschen hineindringt. Es ist kein ProzeB im Menschen so,
wie er auBerlich in der Natur verlauft. Und dasjenige, was wir auBer-
lich in der Flamme haben, wenn sie brennt, das ist totes Feuer; das-
jenige, was wir entsprechend im Menschen haben, ist die belebte
Flamme, die lebendige, durchseelte Flamme. Und so wie sich der
Stein zur Lunge verhalt, so verhalt sich auBerlich die Flamme zu dem,
was unter der Wirkung des Lebens im Menschen vorgeht, wenn sich
der Kohlenstoff mit dem Sauerstoff verbindet, was auBerlich angese-
hen, chemisch, auch eine Verbrennung ist. Aller geistige Fortschritt
der Gegenwart hangt davon ab, daB solche Dinge in der richtigen
Weise aufgefaBt werden konnen. Wenn Sie auBerlich Salz haben und
das mitessen mit den Speisen, oder wenn Sie irgend etwas anderes
essen, EiweiB, oder was es ist: die Leute stellen sich ja heute vor, als
ob es auch im Menschen drinnen noch solches EiweiB bliebe, wie es
auBerlich ist, daB solch ein Stoff bliebe zum Beispiel Salz, wie es auBer-
lich ist. Das ist nicht wahr. Dasjenige, was den Menschen betritt, wird
gleich etwas anderes. Und die Krafte, die das zu etwas anderem
machen, gehen aus von jenen Wesenheiten, die ich in den vier Ima-
ginationen geschildert habe, und zwar in einer ganz bestimmten
Weise.
Stellen wir das allerletzte Bild vor uns hin, wie ich es geschildert
habe: wie fur die Johanni-Impression, in dem webenden Sonnengolde
sich seinen Leib aus goldigem Lichte webend, Uriel oben schwebt in
den Hohen (Tafel V, rot). Man muB sich ihn vorstellen, wie ich Ihnen Tafel 8
sagte, mit ernst urteilendem Auge, denn diese Augen sind hingerich-
tet auf die Kristallsphare der Erde, und er schaut, wie wenig die
menschlichen Fehler angemessen sind der abstrakten, aber deshalb
nicht minder glanzenden Schonheit desjenigen, was an Kristallisation
unten in der Kristallsphare der Erde vor sich geht. Das gibt ihm das
ernst urteilende Auge, das nach abwarts gerichtet ist, vergleichend die
rir»r»\/ririht Ri irlrtlf Qtoinor Narhlacc.Vonualh inn Ri ir^h ■ 1 Q 7 -1
menschlichen Fehler mit dem, was in den Kristallen der Erde wirkt
und lebt. Und ich habe Ihnen davon gesprochen, wie die Gebarde des
Uriel eine mahnende Gebarde ist, gewissermaBen ein an die Menschen
gerichtetes Soli, das sie auffordert, wenn sie es verstehen, die Fehler
in Tugenden zu verwandeln. Denn oben in den Wolken erscheinen
die Schonheitsbilder, die aus dem Sonnengolde gewobenen Schon-
heitsbilder alles desjenigen, was die Menschen an Tugenden voll-
bringen.
Von der Wesenheit, die man so beschreiben muB - man kann sie
nicht anders beschreiben -, von dieser Wesenheit gehen Krafte aus,
die nun aber im Menschen wirken, aber auf eine eigentumliche Art im
Menschen weiterwirken. Dasjenige, was ich Ihnen schildere, geht zur
Hochsommerzeit vor sich. Wir miissen uns nun vorstellen, daB diese
Wesenheit des Uriel nicht eigentlich ruht, sondern in einer majestati-
schen Bewegung ist. Und das muB sie ja sein, denn wenn bei uns
Sommer ist, dann ist auf der abgewandten Halbkugel der Erde Win-
ter, und wenn bei uns Winter sein wird, dann ist auf der abgewandten
Halbkugel Sommer; dann ist der Uriel dort fur die Hohen. Und wir
miissen uns eigentlich vorstellen, daB, wenn wir hier die Erde haben
Tafel 8 (siehe Zeichnung Seite 73), hier fur uns, fur unsere Sommerzeit, Uriel
erscheint und dieser Uriel eine Bewegung vollfuhrt, die ihn nach
einem halben Jahre auf die andere Seite bringt: da haben wir dann
Winter. Wahrend Uriel absteigt (gelber Pfeil), wahrend also seine
Krafte in absteigender Linie zu uns kommen, verwandelt sich fur uns
der Sommer in den Winter : wir sind hier im Winter, Uriel ist auf der
andern Seite. Aber die Erde ist kein Hindernis dafiir, daB die Krafte
des Uriel zu uns kommen. Wenn Uriel fur die Bewohner der andern
Halbkugel da unten ist, dann dringen seine Krafte durch die Erde zu
uns. So daB wir sagen konnen: Dasjenige, was auf direktem Wege
von oben nach unten von Uriel zu uns dringt (rote Pfeile) und uns mit
sommerlichem Sonnengold durchdringen will, das wirkt zur Winter-
zeit durch die Erde hindurch und durchdringt uns von der andern
Seite ; da ist es in aufsteigender Linie, da hat es eine aufsteigende Stro-
mung (rot).
Wenn wir zur Johannizeit im Hochsommer das, was durch die
Tafcl 8
Natur im Menschen geschieht - denn das, was Uriel da wirkt,
wirkt in die Krafte der Natur hinein -, wenn wir das vor unsere Seele
stellen, dann miissen wir eigentlich diese Krafte des Uriel uns vor-
stellen ausstrahlend im Kosmos, einstrahlend in unsere Wolken, in
unseren Regen, in unseren Blitz und Donner, einstrahlend in das
Pflanzenwachstum. So miissen wir uns alles das vorstellen. Im Win-
ter, nachdem Uriel sozusagen seinen Weg um die Erde gemacht hat,
stromt uns das durch die Erde zu und macht Halt in unserem Haupte.
Und in unserem Haupte werden dann die Krafte, die sonst in der
Natur drauBen sind, die wir Urielkrafte nennen konnen, zu den Kraf-
ten, die eigentlich uns zum Burger des ganzen Kosmos machen, die
wirklich in unserem Haupte wieder erstehen lassen ein Abbild des
Kosmos, die in unserem Haupte erleuchtend wirken, so daB wir eben
Besitzer der menschlichen Weisheit sind. Und wir sprechen richtig,
wenn wir sagen: Uriel steigt nieder vom Sommer gegen den Herbst
bis zum Winter, Uriel beginnt im Winter aufzusteigen, und von dieser
ab- und aufsteigenden Kraft des Uriel haben wir die innerlichen Krafte
unseres Menschenhauptes. Und sehen Sie, so wie Uriel zur Hoch-
sommerzeit in der Natur wirkt, wie er zur Winterzeit im Menschen-
kopfe wirkt, so daB der Mensch wirklich auch in dieser Beziehung ein
Mikrokosmos gegeniiber dem Makrokosmos ist - wir verstehen den
Menschen nur, wenn wir ihn nicht bloB natiirlich, sondern geistig in
die Welt hineinstellen -, so wie wir da verfolgen die von Uriel aus-
strahlenden, im Menschen durch den Jahreslauf einstromenden Krafte,
so miissen wir dasselbe zum Beispiel von Raphael sagen, der seine
Krafte einstromen laBt wahrend des Friihlings in die Naturkrafte, wie
ich Ihnen das geschildert habe. So daB ich Ihnen schildern muBte, daB
die Oster-Imagination erganzt wird durch die Lehre, die Raphael, ich
mochte sagen, als der groBe Weltenmediziner der Menschheit geben
kann. Denn gerade wenn wir alles dasjenige, was Raphael vollzieht
wahrend der Friihlingszeit, webend in den Naturkraften wie Uriel
wahrend der Sommerzeit, wenn wir das durch das inspirierte geistige
Ohr zur Osterzeit auf uns wirken lassen, dann kommt, wie ich Ihnen
dargestellt habe, die Kronung aller Heilwahrheiten iiber den Men-
schen.
Aber das, was da Raphael wahrend der Friihlingszeit webt, das
wiederum umkreist die Erde, wie Uriel die Erde umkreist. Uriel ist
der Sommergeist in kosmischer Richtung, der die Erde umkreist und
wahrend des Winters die Krafte des inneren menschlichen Hauptes
schafft. Raphael ist der Friihlingsgeist, der die Erde umkreist, und der
wahrend der Herbsteszeit die Krafte der menschlichen Atmung eigent-
lich schafft. So daB wir sagen konnen: Wahrend Michael zur Herbstes-
zeit oben der kosmische Geist ist, der kosmische Erzengel, webt im
Menschen wahrend der Michaelzeit Raphael, Raphael, der ordnend,
segnend, wirkend im ganzen menschlichen Atmungssystem tatig ist.
Und wir stellen uns im Grunde genommen den Herbst nur richtig
vor, wenn wir auf der einen Seite die machtige Michael-Imagination
haben mit dem Schwerte, das aus dem Meteoreisen herausgeschmiedet
ist, mit dem Kleide, das aus dem Sonnengold, durchglanzt von den
Silberstrahlungen der Erde, durchwoben ist, wenn wir das oben uns
vorstellen, im Menschen aber wirkend Raphael, Raphael, Sinn habend
fur jeden Atemzug, Sinn habend fur alles dasjenige, was von den Lun-
gen aus zum Herzen, und vom Herzen wiederum durch den ganzen
Blutkreislauf geht. Daher lernt der Mensch jene heilenden Krafte, die
in der Raphaelzeit im Fnihling den Kosmos durchweben, in sich sel-
ber kennen, wenn er dasjenige, was da Raphael, indem dann seine
Strahlungen durch die Erde durchgehen, zur Herbsteszeit, wenn
Michael oben ist, in der Atmung des Menschen tut.
Denn es gibt ein groBes Geheimnis: Alle heilenden Krafte liegen
namlich urspriinglich im menschlichen Atmungssystem. Und wer den
ganzen Umfang des Atmens wirklich versteht, der kennt aus dem
Menschen heraus die heilenden Krafte. Nicht in den andern Systemen
liegen die heilenden Krafte. Die andern Systeme miissen selbst geheilt
werden.
Das Atmungssystem - sehen. Sie nach in dem, was ich iiber Pad-
agogik gesagt habe - kommt ja insbesondere zur Tatigkeit zwischen
dem siebenten und vierzehnten Lebensjahr des Kindes. Wahrenddem
die Krankheitsmoglichkeiten in den ersten sieben Lebensjahren groB
sind, nach dem vierzehnten Lebensjahre wiederum groB werden, sind
sie relativ am geringsten in der Zeit, wo das Atmungssystem durch
den menschlichen Leib hindurch mit Hilfe des Atherleibes durch-
pulsiert. Es liegt ein geheimnisvolles Heilungsweben gerade im At-
mungssystem. Und alle Geheimnisse des Heilens sind zugleich die
Geheimnisse des Atmens. Und das hangt damit zusammen, daB jene
Raphael- Wirkungen, die im Friihling kosmisch sind, eindringen zur
Herbsteszeit in das ganze Geheimnis des menschlichen Atmens.
Gabriel haben wir als den Weihnachts-Erzengel kennengelernt. Er
ist dann der kosmische Geist. Wir miissen hinaufschauen, um ihn zu
finden. Wahrend der Sommerzeit tragt Gabriel in den Menschen hin-
ein all dasjenige, was die nahrenden Krafte im Menschen bewirken,
die nahrend gestaltenden, die nahrend plastischen Krafte. Sie sind
wahrend der Hochsommerzeit durch die Gabriel-Krafte in den Men-
schen wiederum hineingetragen, nachdem Gabriel seinen Abstieg
durchgemacht hat von seiner kosmischen Wirksamkeit wahrend des
Winters zu seiner menschlichen Wirksamkeit wahrend des Sommers,
wo seine Krafte durch die Erde stromen, weil jetzt der Winter auf der
andern Seite ist.
Und wenn wir endlich zu Michael kommen, so haben wir Michael
als kosmischen Geist im Herbste. Dann ist er am hochsten, dann ist er
in seiner kosmischen Kulmination. Dann beginnt sein Abstieg, und
seine Krafte durchdringen die Erde zur Fruhlingszeit, steigen auf, und
sie leben in all dem, was im Menschen Bewegung wird, was im Men-
schen Ausdruck des Willens ist, was den Menschen gehen und greifen
und arbeiten laGt.
Und jetzt stellen Sie sich die vollstandigen Bilder vor. Stellen Sie
sich vor das Sommerbild, das Johannibild: Oben der ernste Uriel mit
dem urteilenden Blick, der mahnenden Gebarde und Geste, und, an
den Menschen herantretend, ihn innerlich durchdringend, den milden
liebenden Blick des Gabriel, die segnende Gebarde des Gabriel; da
haben Sie wahrend der Sommerzeit die Zusammenwirkung von Uriel
im Kosmos, von Gabriel an der Seite des Menschen.
Und gehen Sie vom Sommer nach dem Herbste zu, da haben Sie, so
wie ich es Ihnen geschildert habe, den, ich kann nicht sagen befehlen-
den, ich mochte sagen den weisenden Blick des Michael. Denn Mi-
chaels Blick ist, wenn man die Gestalt richtig anschaut, so, wie wenn
das Auge ein Fingerzeiger ware, wie wenn das Auge nicht in sich hin-
einschauen wollte, sondern hinausschauen.wollte mit dem Blick in die
Welt. Der Blick ist ein aktiver, ein positiver, ein tatiger bei Michael.
Und das aus dem kosmischen Eisen geschmiedete Schwert wird so
vom Michael in der Hand gehalten, daf5 die Hand zugleich eine den
Menschen auf seine Wege weisende ist. Das ist das Bild oben. Und
drunten der mit dem tiefsinnigen Blicke schauende Raphael, der an
den Menschen herantritt und die heilenden Krafte, die er erst, ich
mochte sagen, im Kosmos entziindet hat, nun an den Menschen heran-
bringt, Raphael mit dem tiefen, sinnenden Blicke, gestiitzt auf den
Merkurstab, gestiitzt auf die inneren Krafte der Erde; da haben Sie das
Zusammenwirken des Michael im Kosmos, des Raphael auf der Erde.
Und gehen Sie zur Winterzeit. Gabriel ist der kosmische Engel,
Gabriel oben mit dem mild liebenden Blick, mit der segnenden Ge-
barde, in den Winterwolken webend, ich mochte sagen, im weiBen
Schneegewande; unten der ernste, urteilende und mahnende Uriel an
der Seite des Menschen. Die Positionen sind vertauscht.
Und eben wiederum, wenn wir nach dem Friihling zu kommen:
Raphael oben mit dem tiefsinnigen Blick, mit dem Merkurstab, der
aber jetzt in den Liiften etwas wie eine feurige Schlange geworden ist,
wie eine in Feuer erglanzende Schlange; nicht mehr sich stiitzend auf
die Erde, sondern wie hingehalten, die Krafte der Luft benutzend,
alles das, was an Feuer, Wasser, Erde vorhanden ist im Kosmos, ge-
wissermaBen zusammenmischend und zusammenwirkend, um es in
Heilkrafte, die im Kosmos wirken und weben, zu verwandeln. Und
unten dann^an den Menschen herantretend Michael, der da ganz be-
sonders sichtbar wird, mit seinem Blick - positiv habe ich ihn genannt
- hinweisend : ein Blick, der wie zeigt in der Welt, und der gerne den
Menschenblick mitnehmen mochte, wenn da Michael im Friihling,
Raphael erganzend, neben dem Menschen steht.
Sehen Sie, da haben wir die Bilder: Winter - Gabriel oben, Uriel
unten, Friihling - Raphael oben, unten Michael, Sommer - Uriel oben,
Gabriel unten beim Menschen, Herbst - Michael oben, Raphael unten
beim Menschen.
Und nun nehmen Sie das, was wie ein altes Zauberwort durch viele
Zeiten gegangen ist, von Goethe wieder aufgenommen worden ist:
Wie alles sich zum Ganzen webt,
Eins in dem andern wirkt und lebt !
Jawohl, Uriel, Gabriel, Raphael, Michael, sie wirken zusammen, eins
wirkt in dem andern, lebt in dem andern, und wenn der Mensch als
geistig-seelisch-physisches Wesen in das All hineingestellt ist, so wir-
ken zauberisch diese Krafte in ihm. Und bis wie weit gehend sind
solche Worte richtig, bis wie weit! Denken Sie sich doch, daB das
Wort ja heiBt:
Wie alles sich zum Ganzen webt,
Eins in dem andern wirkt und lebt !
Wie Himmelskrafte auf und nieder steigen
- auf und nieder steigen ! - auf die nachste Zeile komme ich gleich :
Und sich die goldnen Eimer reichen,
Mit segenduftenden Schwingen
Vom Himmel durch die Erde dringen,
Harmonisch all das All durchklingen !
Erinnern Sie sich an den gestrigen Vortrag, wie alles herausforderte
das Obergehen von dem Plastischen zum Klanghaften: harmonisch
all das All durchklingen.
Ich kann Ihnen nicht sagen, was ich empfunden habe, als dies vor
meiner Seele stand, und ich dieses Wort bei Goethe wieder las : Worn
Himmel durch die Erde dringen !» Dieses « durch » - es kann einen
furchtbar erschiittern in seiner einzigartigen Richtigkeit; denn jetzt
hat man es, es ist wahr! Und es erschiittert einen, daB diese Worte wie
Schellenklange durch die Welt gehen, daB man da glaubt, es ist dich-
terische Freiheit, es ist irgend etwas, ein Wort, wie es die Menschen
sonst in ihren Briefen hinschreiben, oder wie es sonst die Menschen
hinschreiben in ihren Artikeln. Es ist nicht so. Es ist ein Wort, das
einer kosmischen Tatsache entspricht. Es ist etwas furchtbar Er-
schiitterndes, im Zusammenhange mit der Wahrheit an dieser Stelle
des Goetheschen «Faust» dieses Wort zu lesen.
Und nun gehen wir weiter. Es hat sich uns enthullt bisher, wie die
Himmelskrafte mit den goldenen Schwingen - es sind die Erzengel -
harmonisch all das All durchdringen, wie eins in dem andern wirkt
und lebt. Aber es ist mehr da. Betrachten wir Gabriel, der aus dem
Kosmos die nahrenden Krafte nimmt, der diese nahrenden Krafte ein-
fuhrt in den Menschen zur Hochsommerzeit. Diese nahrenden Krafte
sind im StofFwechselsystem des Menschen tatig. Raphael waltet im
Atmungssystem. Und nun wirken, wahrend sie auf- und niedersteigen,
Gabriel und Raphael so zusammen, daB Gabriel seine Krafte, die sonst
in den ernahrenden Impulsen des Menschen sind, hinaufreicht im
Atmen: da werden die ernahrenden Krafte heilende Krafte. Gabriel
reicht die Nahrung dem Raphael: da wird die Nahrung Heilung.
Wenn von dem Geheimnisse der Atmung dasjenige durchzogen wird,
was im Menschen sonst nur Ernahrung ist, dann wird es Heilung.
Ja, man muB hinschauen auf jene Wandlung, welche die auBeren
Stoffe durchmachen im Ernahrungssystem: dann erkennt man die Be-
deutung der Gabriel-Krafte, der Ernahrungskrafte im Menschen.
Aber diese Krafte werden ubergefuhrt ins Atmungssystem. Und in-
dem sie im Atmungssystem weiterwirken, werden sie nicht bloB
hunger- und durststillende Krafte, werden sie nicht nur den Menschen
ausbessernde Krafte : sie werden den kranken Menschen innerlich kor-
rigierende Krafte. Die metamorphosierten Ernahrungskrafte sind
Heilkrafte. Wer die Ernahrung richtig versteht, versteht den Anfang
der Heilung. Wer weiB, was das Salz im gesunden Menschen soli, der
weiB, wenn er jene Metamorphose auf sich wirken laBt, die von der
Gabrielweise auf die Raphaelweise iibergeht, wie dann das Salz als
Heilmittel in diesem oder jenem Falle wirkt. Die heilenden Krafte in
uns sind Metamorphosen der ernahrenden Krafte. Raphael empfangt
den goldenen Eimer der Ernahrung von Gabriel. Er wird ihm ge-
reicht.
Tafel 8
Und nun kommt ein Geheimnis, von dem man auch findet, daB es
in alten Zeiten den Menschen gelaufig war, aber es ist eigentlich ganz
erloschen. Derjenige, der heute den Hippokrates lesen kann, ja, viel-
leicht derjenige, der den Galen nicht lesen, sondern etwas interpretie-
ren kann, der merkt, daB bei Hippokrates, selbst bei Galen, den alten
Medizinern, noch etwas lebt von dem, was eigentlich ein groBes
menschliches Geheimnis ist. In unserem Atmungssystem walten die
heilenden Krafte, sie heilen uns fortwahrend. Unsere Atmung ist fort-
wahrend eine Heilung. Aber wenn diese Atmungskrafte heraufkom-
men in das menschliche Haupt, dann werden die heilenden Krafte die
geistigen Krafte des Menschen, die in Sinneswahrnehmung, im Den-
ken wirken. Und daB das Denken, das Wahrnehmen, das innerliche
Geistleben des Menschen die hohere Metamorphose der Therapie, der
Heilung ist, daB dasjenige, was zwischen dem Kopf und dem Stoff-
wechselsystem des Menschen als das Atmungs-Heilungssystem liegt -
gewissermaBen noch weiter nach oben getrieben, als wenn es als hei-
lende Krafte wirkt - die Grundlage ist, die stoffliche Grundlage fur
das Geistleben des Menschen : das ist das Geheimnis, das man einmal
gewuBt hat, das bei Hippokrates fast ganz deutlich gelesen, bei Galen
wenigstens noch interpretiert werden kann.
So daB man sagen kann : Der Gedanke, der das menschliche Haupt
durchzuckt, der ist eigentlich eine metamorphosierte Kraft der heilen-
den Impulse, die in den verschiedenen StofFen vorhanden sind. - Wenn
man dies durchschaut und, sagen wir, in seiner Hand hat irgendein
heilendes Salz, irgendeinen heilenden PflanzenstofF, dann schaut man
sich die Sache an und sagt: Hier bist du die wohltatige Heilungskraft,
wenn ich dich je nach Bedarf in den Menschen bringe; dringst du aber
selber ein, passierst du die Atmungssphare, wirkst du im menschlichen
Haupte, dann bist du der stoffliche Trager der menschlichen Gedan-
kenkraft, denn Raphael reicht seinen Eimer dem Uriel. - Was Raphael
von der Nahrung empfangen hat und in die Heilung verwandelt hat,
das reicht Raphael dem Uriel, und es wird Gedankenkraft.
Warum ist ein Heilmittel heilend? Ein Heilmittel ist heilend, weil
es auf dem Wege zum Geist ist. Und weiB man, inwiefern ein Heil-
mittel auf dem Wege zum Geist ist, so kennt man die Heilkraft des
Heilmittels. Der Geist allein kann im Menschen in das Irdische nicht
unmittelbar eingreifen, aber die untere Stufe des Geistes ist die thera-
peutische Kraft.
Und ebenso wie Gabriel die nahrenden Krafte dem Raphael zur
Umwandlung in heilende Krafte, das heiBt seinen goldenen Eimer
reicht, wie Raphael seinen goldenen Eimer dem Uriel reicht, indem er
die heilenden Krafte zu den Gedankenkraften macht, so ist es Michael,
der von Uriel die Gedankenkrafte empfangt und kraft des kosmischen
Eisens, aus dem sein Schwert geschmiedet ist, diese Gedankenkrafte
umsetzt in den Willen, so daB sie Bewegungskrafte im Menschen wer-
den. Uriel reicht seinen Eimer dem Michael, und es werden aus den
Gedankenkraften Bewegungskrafte. So daB wir wirklich auch dieses
zweite Bild bekommen: Auf- und absteigend Uriel, Raphael, Gabriel,
Michael, ineinanderwirkend, sagen wir, Uriel und Gabriel zusammen,
aber auch miteinander wirkend, einer dem andern seinen Besitz ab-
gebend, so daB er in ihm weiterwirken kann. Wir sehen, wie Himmels-
krafte auf- und niedersteigen und sich die goldenen Eimer reichen,
die goldenen Eimer des Nahrenden, des Heilenden, des Gedanken-
haften, des Bewegenden. So bewegen sich diese goldenen Eimer von
einem zum andern, wahrend zu gleicher Zeit der eine mit dem andern
in Weltenharmonie zusammenwirkt.
Und wieder haben wir ein solches Wort an dieser Stelle des «Faust» :
Wie Himmelskrafte auf und nieder steigen
Und sich die goldnen Eimer reichen !
Bis zum « goldnen » ist das Wort richtig, denn diese Dinge werden ja
aus dem Sonnengolde gewoben, von Uriel ausgehend, wie ich Ihnen
beschrieben habe.
Goethe hat dasjenige, was er in diesen Spruch dichterisch hinein-
gebracht hat, eben gelesen. Es hat auf ihn einen groBartigen Eindruck
gemacht. Dasjenige, was hier geschildert werden konnte, das kannte
er nicht. Aber gerade das ist es, was einen so erschiittert, daB, wenn
aus einer gewissen dichterischen Empfindung heraus ein solcher Geist
wie Goethe etwas aufgreift, was durch alte Traditionen heraufgekom-
men ist, daB es dann so unglaublich die Wahrheit wiedergebend ist.
Das ist jenes GroBartige, das uns wieder verbindet, wenn wir Geistes-
wissenschaft in der Gegenwart treiben und diese Dinge sich fur uns
ergeben: wenn wir wirklich sehen, wie Uriel und Raphael und Mi-
chael und Gabriel zusammenwirken, wie sie wirklich das, was ihre
eigenen Krafte sind, einer dem andern reichen, wenn wir das urspriing-
lich sehen und dann uralte Spriiche, die vielleicht auf einem Umwege,
wie hier durch Goethe, auf uns gekommen sind, auf uns wirken lassen
und sehen, wie eine alte instinktive Wahrheit - meinetwillen mythisch,
meinetwillen legendarisch - einstmals durch die Welt gebraust ist!
Wie dann eine andere Zeit gekommen ist, und wie in unserer Zeit das
wiederum auf eine hohere Stufe gehoben werden muB.
Oh, Hippokrates - ob wir ihn Raphael nun nennen, der an seiner
Seite stand, ob er Merkur, ob er Hermes genannt worden ist, das ist
schon einerlei -, dieser Hippokrates lebte in einer Zeit, in der schon
in der Abenddammerung war jenes Wissen vom Zusammenwirken
von Gabriel, Raphael und Uriel, so daB in der Mitte zwischen den
Gedanken und den ernahrenden Kraften die heilenden Krafte drinnen-
stehen. Das gab einer instinktiven Urweisheit jene merkwurdigen
alten Heilmittel, die eigentlich immer wieder erneut worden sind, die
man heute bei sogenannten primitiven Vdlkern findet, und wo sich die
Leute gar nicht vorstellen konnen, wie die Menschen darauf gekom-
men sind. Das alles hangt aber mit dem zusammen, daB die Mensch-
heit einmal eine Urweisheit besessen hat.
Ein Ratsel muB jetzt eigentlich in Ihrer Seele klingen, meine lieben
Freunde, das ist, daB, wenn Sie alles dasjenige nehmen, was ich Ihnen
dargestellt habe, Sie dann eigentlich zum Beispiel glauben muBten:
die Raphael-Krafte weben und leben zur Friihlingszeit, werden zur
Herbsteszeit von Raphael in das Innere des menschlichen Atmungs-
systems getragen, und der Mensch ware ganz eingespannt in die
webend-wirkenden Krafte des Kosmos nach dem Zeitenlaufe. Das ist
auch das Urspriingliche. Aber wie der Mensch ein Wesen ist, das sich
an das, was es einmal erlebt hat, dann weiter fort erinnert, wie also
dasjenige, was ein auBeres Erlebnis im Menschen ist, durch das Ge-
dachtnis auf bewahrt wird und nach Tagen, nach Jahren noch inneres
gegenwartiges Nacherlebnis sein kann, so bleiben auch diese fur den
Kosmos durchaus richtigen Wahrheiten bestehen. Aber der Mensch
erlebt nicht nur die Raphael-Kraft zum Beispiel innerlich im Atmungs-
systeme im Herbste, sondern dann auch durch den Winter, Friihling,
Sommer hindurch. Es bleibt gewissermaBen eine dichtere Erinnerung
davon.
Wahrend also die Sache so veranlagt ist, wie ich sie geschildert
habe, bleiben im Menschen das ganze Jahr hindurch Wirkungen. Wie
ein Erlebnis im Gedachtnisse haften bleibt, so bleiben das ganze Jahr
hindurch Wirkungen da, sonst konnte der Mensch ja nicht ein gleich-
maBig durch das Jahr hindurch sich entwickelndes Wesen sein. Im
physischen Erdenleben ist es so, daft der eine leichter, der andere
schwerer vergiBt; dasjenige aber, was Raphael in einem Herbst in
unser Atmungssystem gepflanzt hat, das wiirde verschwinden im nach-
sten Herbste, wenn nicht Raphael wieder kame. Bis dahin wirkt das
Gedachtnis, dieses Naturgedachtnis in dem Atmungsorgan; dann aber
muB das wiederum aufgefrischt werden.
Und so ist der Mensch dennoch hineingestellt in den Lauf der
Natur, ist nicht herausgeworfen aus dem Weltengang, ist hineingestellt
in diesen Weltengang. Aber er ist noch in einer andern Weise hinein-
gestellt in diesen Weltengang. Es ist nun schon einmal so, daB der
Mensch, wenn er hier auf Erden steht, von seiner Haut umgrenzt, von
seinen Organen durchdrungen, dann sich schon etwas isoliert vor-
kommt im Kosmos, weil die Zusammenhange, wie ich sie geschildert
habe, eben eigentlich geheimnisvolle sind. Aber so ist es nicht, wenn
der Mensch geistig-seelisch ist, zum Beispiel im vorirdischen Dasein.
Da webt ja zwischen dem Tode und einer neuen Geburt das Geistig-
Seelische im geistigen Gebiete, in der geistigen Sphare. Da schaut die-
ses Seelische gewissermaBen herab, nun nicht auf einen einzelnen
Menschenkorper zunachst, den wahlt es sich dann im Laufe der Zeit,
aber es schaut herab auf die ganze Erde, ja auf die Erde im Zusammen-
hang mit dem ganzen planetarischen System, mit all diesem Leben
und Weben von Raphael, Uriel, Gabriel, Michael. Da ist man auBer-
halb, schaut es sich von auBerhalb an.
Und da offnet sich das Tor fur den Eintritt der Seelen, die vom
vorirdischen Leben ins irdische Leben kehren, nur wahrend der Zeit,
wahrend welcher von Ende Dezember an bis zum Friihlingsbeginn
Gabriel oben webt als kosmischer Erzengel, unten an der Seite des
Menschen Uriel, in das menschliche Haupt hineintragend die kosmi-
schen Krafte. Wahrend dieser drei Monate kommen die Seelen, die das
ganze Jahr verkorpert werden, alljahrlich vom Kosmos zur Erde
nieder. Dann bleiben sie und warten, bis sich ihnen die Gelegenheit
bietet in der planetarisch-irdischen Sphare; auch diejenigen Seelen, die
meinetwillen im Oktober geboren werden, haben schon innerhalb der
irdischen Sphare gewartet auf ihre Geburt. Und es hangt im Grunde
genommen viel davon ab, ob eine Seele, nachdem sie schon in die
Erdensphare eingetreten ist, schon beriihrt worden ist davon, noch
warten muB innerhalb der Erdensphare auf ihre irdische Verkorperung.
Bei der einen Seele ist es langer, bei der andern kiirzer der Fall.
Aber das ist noch das besondere Geheimnis, daB ebenso, wie zum
Beispiel in das Ei nur an einer Stelle der befruchtende Samen eindringt,
so der Himmelssamen in das ganze Jahreswesen der Erde nur ein-
dringt, wenn oben waltet Gabriel als kosmischer Engel mit dem mil-
den, liebenden Blick, mit der segnenden Gebarde, unten Uriel ist mit
dem urteilenden Blick und der mahnenden Gebarde. Da ist die Zeit,
wo die Erde von Seelen befruchtet wird. Das ist die Zeit, wenn die
Erde Schneehiille hat, wenn die Erde in ihre Kristallisationskrafte
iibergeht, wenn der Mensch mit der Erde als dem denkenden irdischen
Weltenkorper verbunden sein kann: dann Ziehen die Seelen aus dem
Kosmos in die Erdensphare ein, versammeln sich gewissermaBen. Das
ist die jahrliche Befruchtung des irdischen Jahreslaufwesens.
Auf alle diese Dinge kommen wir, wenn wir uns den Einblick in den
Kosmos eroffnen nicht nur auf physische Art, sondern im Wirken jener
kosmischen Wesenheiten, die ich Ihnen durch die vier Bilder geschildert
habe. Und dann, wenn man das hat, dann kommt schon etwas in manche
Dichtung hinein wie kosmisches Wehen und Weben, denn das ist in
der Welt:
Wie alles sich zum Ganzen webt,
Eins in dem andern wirkt und lebt!
Wie Himmelskrafte auf und nieder steigen
Und sich die goldnen Eimer reichen,
Mit segenduftenden Schwingen
Vom Himmel durch die Erde dringen,
Harmonisch all das All durchklingen!
Man kann etwas empfinden gerade auch in diesen Worten von
jenem wunderbaren Miteinander- und Zusammenwirken der vier
Archangeloi-Wesen, die im Zusammenhange mit den Naturkraften
auch im Menschen das Naturliche, Seelische und Geistige weben und
leben im Ineinanderwirken, im Miteinanderwirken.
DIE MICHAEL-IMAGINATION
GEISTIGE M EILEN ZEIGER IM JAHRESLAUF
Stuttgart, 15. Oktober 1923
Was ich heute zu Ihnen zu sprechen habe, wird in der Sprache der
Bildlichkeit gesprochen sein aus dem imaginativen Leben heraus, aus
jenem imaginativen Leben, das der Ausdruck, die OfFenbarung ist der
geistigen Welt, jener geistigen Welt, in die der Mensch mit seinem
ganzen Sein und seiner ganzen Tatigkeit einverwoben ist. Wir wissen
ja aus den verschiedensten Darstellungen, die hier gemacht worden
sind, daB man in derselben abstrakten Weise, wie man iiber die auBere
sinnenfallige Natur spricht, iiber die geistige Welt, wenn es sich um
deren konkrete Erscheinungen handelt, nicht sprechen kann. Wir
wissen aber auch, daB die Art und Weise, wie da gesprochen werden
muB, keine unwirkliche, sondern im Gegenteil eine viel wirklichere
ist als das logische, abstrakte Sprechen, dessen wir uns bedienen, wenn
wir bloB Naturwahrheiten ausdriicken wollen. Damit wollte ich nur
hingewiesen haben auf die ganze Haltung der Betrachtung, die ich
jetzt vor Ihnen anstellen will.
Wenn der Mensch mit dem Geistesauge hinausdringt iiber die phy-
sisch-sinnliche Welt, dann offenbart sich ihm eine geistige Welt, gegen-
iiber welcher er sich veranlaBt fiihlt, die Erscheinungen der physischen
Welt als Bilder zu gebrauchen, um dasjenige auszusprechen, was sich
ihm geistig offenbart. Und so lassen Sie mich denn sogleich an die
Spitze dieser Ausfiihrungen ein Bild stellen, das aber wahrhaftig eine
tiefe Wirklichkeit ist. Es war immer so in der Entwickelungsgeschichte
der Menschheit, daB diese Menschheit die Impulse ihrer Tatigkeit aus
der geistigen Welt heraus empfangen hat. Und diejenigen, die da
schauen konnten, fanden diese Impulse gewissermaBen in einem Gei-
steslichte mit ehernen Lettern eingeschrieben, damit sie sich darnach
richten konnten. Es ist das so in der geistigen Welt, daB wir das, um
was es sich handelt, vergleichen konnen mit Meilenzeigern in der
physischen Welt, aber nicht solchen, bei denen vielleicht bloB ein
Handzeichen mit irgendeinem Ortsnamen darauf steht, sondern mit
Meilenzeigern, in welchen mit gewaltig klingenden Worten ausge-
sprochen ist, was iibergehen soil in des Menschen Denken, Empfin-
den, Wollen. Geistige Meilenzeiger sind es, wovon ich spreche. Solche
Hinweisungen in der geistigen Welt sind aber fur den Menschen ge-
wohnlich in einer merkwiirdigen Art abgefaBt, und zu alien Zeit-
epochen waren sie in einer solchen, namlich in einer Art Ratselsprache
abgefaBt. Man muB sich erst in einer gewissen Weise anstrengen, um
hinter das eigentliche Ratsel zu kommen. Man muB manches von
dem, was man weiB, zusammenhalten, damit einem der Meilenzeiger
in seiner Ratselsprache ein wirklicher Impuls werden kann fur das
Leben. Und so findet man denn gerade heute in Angemessenheit unse-
rer Gegenwart und der nachsten Zukunft solche weisende Worte im -
meinetwillen nenne man es so - astralischen Lichte, die dem Menschen
Impulse werden konnen.
Bei den verschiedensten Anlassen, ich mochte sagen, an den ver-
schiedensten Orten scheint uns heute, wenn wir dazu die Fahigkeit
haben es anzuschauen, dasjenige mahnend, aber auch etwas ratselhaft
entgegen, was in dem Menschen dann die Empfindung hervorruft, er
solle sich darnach richten, er solle es aufnehmen wie einen starken
Impuls in seinen Willen, in sein ganzes Seelenleben. Und dasjenige,
was da wie ein solcher geistiger Meilenzeiger im Astrallichte uns ent-
gegenglanzt, das sind etwa die Worte:
Du bildest es zu deinem Dienste,
Du offenbarst es seinem StofFeswerte nach
In vielen deiner Werke.
Es wird dir Heil jedoch erst sein,
Wenn dir sich offenbart
Seines Geistes Hochgewalt.
Zunachst eine Aufforderung, dahinterzukommen, was eigentlich
gemeint ist. Es ist von irgendeinem Impuls die Rede, von irgend
etwas, was da ist, was der Mensch kennt, denn sonst konnte man nicht
darauf rechnen, daB er eine Antwort finde.
Du bildest es zu deinem Dienste,
Du offenbarst es seinem Stoffeswerte nach
In vielen deiner Werke.
Es wird dir Heil jedoch erst sein,
Wenn dir sich offenbart
Seines Geistes Hochgewalt.
Der Erklarung dieser Worte, die wie der Zeigerimpuls aus dem Astral-
lichte dem Menschen sich offenbart, soil eben die heutige Betrachtung
gewidmet sein.
Erinnern wir uns an manches, was von mir hier auch schon ausein-
andergesetzt worden ist. Erinnern wir uns daran, daB der Jahreslauf
durch Fruhling, Sommer, Herbst, Winter in seiner GesetzmaBigkeit
einen geistigen Inhalt hat, daB sich geistiges Geschehen, iibersinn-
liches Geschehen offenbart in demjenigen, was im Jahreslaufe ge-
schieht, so wie sich des Menschen iibersinnliche Seele und iibersinn-
licher Geist offenbaren in demjenigen, was in seinem Leibesleben ge-
schieht zwischen der Geburt und dem Tode. Denken wir daran, daB
in dem, was auBerlich im Jahreslaufe erscheint, im Schnee des Win-
ters, im sprossenden, wachsenden Leben des Friihlings, im bliihenden
Leben des Sommers, im reifenden, fruchtenden Leben des Herbstes,
daB in alldem, was so physisch fur den Menschen sich enthiillt, ein
Geistiges sich birgt, ein Geistiges der Trager ist. Und lenken wir unse-
ren Blick zunachst auf dasjenige, was da vorgeht im Jahreslaufe, so
vom Fruhling gegen den Sommer und Herbst hin.
In allem, was die Erde offenbart, in Stein und Pflanze, in alien We-
sen leben geistige Wesenheiten; nicht bloB eine allgemeine ver-
waschene Geistigkeit, sondern einzelne geistige Wesenheiten, Natur-
geister. Diese Naturgeister bergen sich wahrend der Winterzeit im
SchoBe der Erde; diese Naturgeister sind gewissermaBen alle ein-
geatmet von der Erde, sie sind in der Erde darinnen. Wenn der Fruh-
ling kommt, atmet gewissermaBen die Erde ihre Geistigkeit heraus,
diese Naturgeister streben nach oben. Sie streben mit den Kraften des
sprieBenden, sprossenden Lebens nach oben, sie streben mit dem
Leben, das sich kundtut in der lichtdurchglanzten, sonnenerwarmten
Luft, sie stromen mit dem nach oben. Und wenn wir dann hin zur
Johannizeit, zur Hochsommerzeit kommen, dann haben wir da oben
in den Hohen, wenn wir zu ihnen hinaufschauen> das Bild, das sich
eben offenbart, verkorpert in der Wolkenbildung, verkorpert aber
auch gewaltig in Blitz und Donner, verkorpert in alldem, was meteo-
risch da oben ist, dasjenige, was als Naturgeister wahrend der Winter-
zeit im SchoBe der Erde lebte. Wir miissen wahrend der Winterzeit den
Blick hinunter richten zur Erde und miissen ahnen oder schauen, wie
unter der Schneedecke verborgen die Naturgeister arbeiten, damit aus
dem Winter wieder Friihling und Sommer werde von der schaffenden
Erde aus.
Richten wir nach unten den Blick wahrend des Sommers auf die
Erde zu, dann ist die Erde gewissermaBen verarmt an diesen Natur-
geistern. Aber diese Naturgeister sind hinausgezogen in das Welten-
all. Sie haben sich verbunden dem Wolkengebilde und alldem, was
eben der Menschenblick in den Hohen treffen kann. Diese Natur-
geister sind in alldem, was ich schon angefuhrt habe, nach den Hohen
hinaufgestromt, aber sie haben in ungeheurer Feinheit, in ungeheuer
feiner Verdiinnung mitgenommen dasjenige, was sich grob offenbart
auBerlich leblos in dem Schwefel, in dem sogenannten Sulfur. Und
eigentlich weben und leben diese Naturgeister zur Hochsommerzeit,
indem sie wellen und wogen in Wolkengebilden und ahnlichem, vor-
zugsweise im Sulfur, im Schwefel, der in auBerordentlich feiner Weise
gerade wahrend der Sommerzeit in den Hohen des Erdenseins vor-
handen ist. So daB also, wenn wir etwa mit dem schmeckenden Ge-
fiihl durcheilen konnten die Hohen unserer Erdenbildung wahrend
der Hochsommerzeit, wir wahrnehmen wiirden Schwefelgeschmack
oder wohl auch Schwefelgeruch, aber in einer auBerordentlich diin-
nen, in einer auBerordentlich intim feinen Weise. Dennoch ist das, was
da oben sich entwickelt unter dem Einflusse von Sonnenwarme und
Sonnenlicht, ahnlich demjenigen, was im menschlichen Organismus
vor sich geht, wenn aus diesem menschlichen Organismus heraus-
quillt Begierde, Wunsch, Emotion und dergleichen. Und wer solche
Dinge zu schauen, zu empfinden vermag, der. weiB, daB die Natur-
geister in einem Elemente da oben in den Hohen zur Hochsommer-
zeit leben, das eigentlich so begierdedurchtrankt ist wie das Begier-
denleben, das mit dem Animalischen des Menschen verbunden ist, mit
jenem Animalischen des Menschen, worinnen der Mensch auch sulfu-
risiert, von sehr verdiinntem Schwefel durchsetzt ist. GewissermaBen
sehen wir das Untere des Menschen, das Animalisierte des Menschen
als sich wolbende Naturbildung, durchlebt von den Naturgeistern, im
Hochsommer iiber uns.
Was wir, wenn es in der Menschennatur webt und lebt, als solches
Sulfurisiertes erkennen, das bezeichnen wir als Ahrimanisches, dar-
innen lebt eigentlich das Ahrimanische. So daB wir auch sagen kon-
nen : Wenn wir den geistigen BHck zur Hochsommerzeit hinauf in die
Hohen wenden, dann offenbart sich uns in der kosmischen Schwefel-
begierde das Ahrimanische. - Wenn wir uns den Menschen hinein-
gestellt denken in diesen ganzen Weltenzusammenhang, dann miissen
wir uns sagen: Dasjenige, was in ihm die niedere Natur ist, das nimmt
die Erde zur Winterzeit auf, breitet den kristallenen Schnee dariiber;
dadurch nimmt die Erde diesem das Ahrimanische. - Ist es frei zur
Hochsommerzeit, dann wirkt es als die kosmische Begierde drauBen
im Weltenraum, ist sogar unterworfen den Gesetzen, die von den der
Erde benachbarten Planeten ausgehen und auf dieselbe wirken. Und
nun zeigt sich, daB gegen dieses Ahrimanisch-Begierdenhafte, gegen
dieses gewissermaBen kosmisch hinausversetzte animalisch-begierden-
haft Menschliche im Kosmos die Gegenkraft vorliegt. Dasjenige, was
den Menschen emotionell bandigt, was den Menschen herunterzieht
unter das Menschliche in das Animalische, und was sich offenbart oben
in den Hohen zur Hochsommerzeit, gegen das ist die Gegenkraft hin-
eingestellt in den Kosmos. Und diese Gegenkraft offenbart sich in
jenen merkwiirdigen Produkten, die aus dem Kosmos zuweilen zur
Erde herabfallen in den Meteoreisen enthaltenden kosmischen Pro-
dukten. Wenn Sie sich ein Stuck Meteoreisen ansehen, so haben Sie
in diesem Stuck Meteoreisen ein merkwiirdiges Zeugnis fur das im
Kosmos ausgebreitete Eisen. In den im August haufigen Stern-
schnuppenfallen, die sozusagen das Meteoreisen ganz besonders im
Kosmos in Gang bringen, offenbart sich auBerlich diese Gegenkraft
der Natur gegen das Begierdenhafte, das in dieser Zeit in den Kosmos
hinausgegangen ist. Und in dem kosmischen Eisen, das sich zusam-
mendrangt in den Meteor steinen, haben wir die Pfeile, die der Kos-
mos aussendet gegen das Begierdenhaft-Animalische, das sich auf
diese Weise, die ich Ihnen eben geschildert habe, im Kosmos ofFenbart.
So konnen wir mit verstandnisvoller Verehrung hinschauen auf die
weisheitsvolle Fiihrung des Kosmos. Wir wissen ja, der Mensch
braucht gerade deshalb diese animalische Natur, weil er in ihrer Ober-
windung allein diejenigen Krafte entwickeln kann, die ihn zum vollen
Menschen erst machen. Und der Mensch konnte diese Begierdennatur,
dieses Animalisierende nicht haben, wenn dieses Animalisierend-Be-
gierdenhafte nicht auch ein Teil des Kosmos ware. So ist denn das
Sulfurische, das Schwefelartige, Ahrimanisch-Schwefelartige gewis-
sermaBen der eine Pol drauGen im Kosmos, und die Pfeile, welche
vom Kosmos durch den Raum gesandt werden zur Bekampfung die-
ses Schwefelhaften, dieses Sulfurischen, die sind dann konzentriert im
Meteoreisen, in den meteorischen Geschossen mochte ich sagen, des
Weltenalls.
Nun aber ist der Mensch ein wirklicher Mikrokosmos, wirklich
eine kleine Welt. Alles, was drauBen in der groBen Welt sich ofFen-
bart in solch majestatisch-gigantischen Erscheinungen, wie es die
meteorischen Erscheinungen sind, das ofFenbart sich auch im Inneren
selbst seines physisch Wesenden. Denn dieses physisch Wesende ist
nur ein Ausdruck, eine OfFenbarung seines geistigen Wesens. Und so
tragen wir in uns, gewissermaBen von dem animalischen Unteren des
Menschen ausgehend, das Sulfurische. Wir mussen uns sagen, dieses
Sulfurisch-Ahrimanische durchsturmt den menschlichen Organismus,
regt seine Begierdennatur auf, regt seine Emotionen auf. Wir fuhlen
es im Inneren, wir schauen es zur Hochsommerzeit in der kosmischen
Begierdendecke iiber uns. Wir schauen aber auch, wie in diese kos-
mische Begierdendecke hineinschieBen die Eisenpfeile des Meteori-
schen, reinigend und klarend, gewissermaBen als Gegenpol gegen das
Animalisch-Begierdenhafte. Denn in diesem HineinschieBen der Me-
teoreisenpfeile aus dem Kosmos reinigt sich die animalisch-begierden-
hafte Decke der Hochsommerzeit iiber uns.
So wie das aber draufien im groBen Kosmos grandios, majestatisch
geschieht, so geschieht es fortwahrend auch in uns. "Wir erzeugen in
uns die Eisenteilchen unseres Blutes in Verbindung mit andern Stof-
fen, und wahrend auf der einen Seite durch unser Blut pulsiert der Sul-
furisierungsprozeB, wirkt entgegen als anderer Pol innerlich meteo-
risch das innerliche Eisen, dasselbe ausfiihrend, was drauBen im Kos-
mos vom meteorischen Eisen ausgefiihrt wird. Wir diirfen uns das
Verhaltnis des Menschen zum Kosmos so vorstellen, daB wir in dem
Aufleuchten des Meteorischen das kosmische Gegenbild desjenigen
finden, das fortwahrend in uns millionen- und rhillionenfach ein me-
teorisch innerliches Aufleuchten ist dessen, was aus dem Eisen unse-
res Blutes uns befreit, uns klarend, uns reinigend gegen den Sulfuri-
sierungsprozeB, der in eben diesem Blute vor sich geht.
So sind wir ein innerliches Abbild des Kosmos. Der Kosmos voll-
zieht das zur Hochsommerzeit. Der Mensch, weil er emanzipiert von
der Natur in bezug auf die Zeit in dieser Natur darinnen steht, hat
fortwahrend diese Hochsommerzeit neben den andern Jahreszeiten in
sich, wie er fortwahrend in der Erinnerung dasjenige in sich hat, was
er friiher erlebt hat. DrauBen verschwindet es, im Inneren bleibt es.
So ist es auch mit dem, was den Menschen als Mikrokosmos gegen-
iiber dem Makrokosmos darstellt. Aber der Mensch muB das, was er
also in seinem physischen Leibe tragt, geistig-seelisch erfassen, er muB
es in sich erleben konnen, also dieses meteorische HineinschieBen des
Bluteisens in den Blutsulfur so erleben konnen als die Freiheit, als die
Initiative, als die Starke seines Willens. Sonst bleibt es in ihm ein im
hochsten Falle animalischer oder vegetativer ProzeB. Darin besteht ja
gerade unser Geistig-seelisch- Werden als Mensch, daB wir die Pro-
zesse, die in uns sich so abspielen wie dieser Eisen-SulfurprozeB, mit
dem Geistig-Seelischen in uns erfassen, das Geistig-Seelische in sie als
Impuls hineinsenden. Geradeso, wie wir in der Lage sind, wenn wir
uns ein Werkzeug machen, wenn wir das Werkzeug handhaben kon-
nen, mit Hilfe dieses Werkzeuges dieses oder jenes zu tun, konnen wir
dasjenige, was in uns wirkt und lebt wie dieser Eisen-SulfurprozeB,
in unseren Dienst stellen durch unseren Willen, wenn wir es eben
handhaben, wenn wir als Menschen handhaben dasjenige, was innere
Prozesse unseres Leibes sind.
Schauen wir jetzt vom Menschen noch einmal zuriick zum Kosmos.
Das, was sich da drauBen abspielt im Kosmos, es ist eine ernste Mah-
nung an den Menschen. Denn es erinnert wirklich dieser Meteoreisen-
prozeB im Kosmos an unser physisches Innere, das aber in den Dienst
unseres geistigen Inneren gestellt werden kann. Jetzt kommen wir
darauf, welche Deutung wir jener ehernen Schrift im Astrallichte zu
geben haben:
Du bildest es zu deinem Dienste,
Du offenbarst es seinem Stoffeswerte nach
In vielen deiner Werke.
Sehen wir uns gerade im neuzeitlichen Leben um, in demjenigen
Leben, das heraufgekommen ist im Laufe der letzten Jahrhunderte,
und sehen wir, was da hauptsachlich zur materialistischen Kultur
gehort: der Gebrauch des Eisens im Bereiche des irdischen Lebens.
Sehen wir uberall hin, wo unsere Kultur in der letzten Zeit gebliiht
hat : das Eisen war es, das uns alles das hineingestellt hat in die phy-
sische Welt, was zur BKite der materialistischen Kultur gefuhrt hat.
Wir sehen hin auf das, was die Menschen in einer so unerhorten Weise
zusammengebracht haben, was in einer so unerhorten Weise den
materialistischen Kulturzweigen die Wege vorgezeichnet, die Wege
geebnet hat: wir sehen uberall auf das Eisen und seine Verarbeitung.
Wenn wir im geistigen Leben von Materialismus sprechen, so be-
steht ja das Wesen des Materialismus im Geistigen darinnen, daB wir
uberall denken, alles sei Stoff, und der Geist sei gewissermaBen nur die
Ausdiinstung des stofflichen Wirkens. Aber der Materialismus der
Menschheit der letzten vier Jahrhunderte offenbart sich nicht nur dar-
innen, daB der Mensch materialistisch denkt, sondern der Materialis-
mus offenbart sich auch in der Handhabung der auBeren Dinge. Der
Mensch hat aus den Impulsen der neueren Kultur heraus das Eisen
zur materiellen Kultur verwendet und er hat dasjenige, was ihm aus
Himmelshohen zufallt im Meteoreisen, hochstens wie eine Raritat
betrachtet, oder mit einer Wissenschaft erklaren wollen, die davon
nicht viel erfassen kann. Aber dieses Meteoreisen, das aus dem Kos-
mos der Erde zufallt, das reinigend und klarend auf das animalische
Leben wirkt, ist die Mahnung, daB wir aufschauen sollen von der
materiellen Verwendung des Eisens in irdischen Diensten zu dem,
was in himmlischen Diensten das Eisen als meteorisches Gebilde iiber
uns spielt, und vor alien Dingen in uns spielt. Denn diese meteori-
schen Prozesse gehen immer in uns vor sich. Und so erscheint uns der
erste Teil dieses im Astrallichte uns entgegenleuchtenden Mahn-
spruches als ein in ehernen Lettern geschriebenes Wort :
O Mensch,
Du hast das Eisen in deine irdischen Dienste gestellt.
Du bildest es zu deinem Dienste,
Du offenbarst es seinem Stoffeswerte nach
In vielen deiner Werke.
Es wird dir Heil jedoch erst sein,
Wenn dir sich offenbart
Seines Geistes Hochgewalt.
Nicht nur, daB wir aufschauen sollen von der gedanklichen mate-
rialistischen Weltanschauung zu einer spirituellen Weltanschauung,
sondern wir sollen auch aufschauen von dem, was wir im Dienste der
materiellen Kultur gebrauchen, zu der geistigen, kosmischen Seite
dieser im materiellen Dienste stehenden Gebilde. So werden wir hin-
gewiesen gerade durch diesen Spruch, den man eigentlich erst ent-
ratseln muB, zu jenem Geiste, der im Weltenall lebt in der OfTen-
barung der meteorischen Erscheinungen insbesondere zur Hoch-
sommerzeit. Denn da ist der sonst nur im Inneren des Menschen vor-
handene ahrimanische SulfurisierungsprozeB ein kosmischer ProzeB,
und der meteorische ProzeB ist ein GegenprozeB: es sind die Pfeile,
die der Kosmos hineinsendet in die animalisierten Begierden in den
Hohen.
Wenn man das alles auf seine Seele wirken laBt, dann fiihlt man ja
den Menschen so recht in Verbindung mit der ganzen Weltumgebung,
und fuhlt hinein das eigene Blut des Menschen, das seelendurch-
zogene, das geistdurchtrankte Blut. Man fiihlt darinnen diesen Gegen-
satz des Ahrimanischen und des das Ahrimanische reinigenden Blut-
eisens, man fiihlt den inneren meteorischen ProzeB. Man schaut ver-
standnisvoll hinauf zu dem, was sich da drauBen vollzieht, indem die
kosmischen Geisteskrafte die Eisenpfeile hineinsenden in die anima-
lisierte Begierdenwelt des Kosmos; man fiihlt sich ganz verbunden,
ganz hingegeben an den Kosmos. Gerade in diesen einzelnen Erschei-
nungen fiihlt man sich so recht hingegeben an den Kosmos.
Wenn man aber das ganz im Ernste fiihlt, dann formt sich aus die-
sem Fiihlen eine kosmische Imagination heraus, dann kann man gar
nicht ander s, als diese kosmische Imagination formen und bilde,n. Wie
das Tier anders vor die auBere, sinnliche Natur sich stellt, sich keine
BegrifFe, Vorstellungen davon bilden kann, sondern nur allgemeine
Eindriicke, der Mensch aber sich die Vorstellungen bildet, so kann
die schauende Seele, der die exakte Hellsichtigkeit aufgegangen ist,
nicht anders, als was sie so erlebt, hinfiihlend auf den eigenen meteo-
rischen ProzeB, anschauend den kosmischen meteorischen ProzeB als
die reiche Fiille des Lebens, die sich durch so etwas offenbart, zu
bringen in ein Zusammenfassendes, in ein innerlich gesattigtes Bild,
in eine Imagination, welche das Verwachsensein des Menschen, des
Mikrokosmos, mit dem Makrokosmos darstellt. Daher ist eine solche
Imagination eben nicht bloB etwas phantasiemaBig Gebildetes, son-
dern es ist eine solche Imagination der wirklich reale Ausdruck des-
sen, was durch die Welt und durch den Menschen lebt, also in unse-
rem Falle durch die Erscheinungen des Jahreslaufes lebt.
Die Imagination, die sich nun aus diesem Erleben vor den Men-
schen hinstellt, sie ist eben diejenige, die sich herausbildet aus dem
Miterleben der Jahreslauf-Naturvorgange vom Hochsommer nach
dem Herbste zu, bis zum Ende des Hochsommers, bis zum Herbst-
beginn. Und aus diesem Erleben heraus springt eben, in lebendiger
Wirklichkeit sich vor die Seele hinstellend, die Gestalt des Michael.
Aus dem heraus, was ich Ihnen geschildert habe, offenbart sich die
Gestalt des Michael in seinem Streite mit dem Drachen, mit der ani-
malischen Natur des Menschen, mit dem SulfurisierungsprozeB. Und
versteht man das, was sich da eigentlich vollzieht, dann schafft einfach
die Seele, die aus dem kosmischen Leben und Weben selber heraus-
tretend gestaltet ist, den Streit Michaels mit dem Drachen. Es er-
scheint, als der auBere Ausdruck dessen, was drauBen im Kosmos
wirkt, bekampfend die animalisierte Begierdennatur, Michael selber.
Aber er erscheint mit dem weisenden Schwerte, durch das er auf die
hohere Menschennatur hinweist. Er erscheint mit dem weisenden
Schwerte, und wir stellen uns den Michael in der richtigen Weise vor,
wenn wir auf kosmische Weise geschmolzen und geschmiedet das
Eisen finden zu seinem Schwerte. So tritt uns, ich mochte sagen, aus
einem geistigen Wolkengebilde heraus die Gestalt des Michael mit
dem positiven, hinschauenden, weisenden Blick, mit dem Auge, das
wie ein Zeiger ist, das den Blick aus sich heraussendet, nicht ihn zu-
riicknimmt nach dem Inneren, und es erscheint uns der Arm des
Michael von alien Seiten umspriiht von Meteoreisengebilden, die wie
von den kosmischen Begierdekraften geschmolzen und wieder zu-
sammengefaBt sich zu dem Flammenschwerte des Michael formen.
Wir stellen ihn uns in der richtigen Weise vor, diesen Michael, ganz
wirklichkeitsgemaB, wenn wir uns aus dem goldenen Lichte des Som-
mers gewoben sein Antlitz denken, mit dem positiven Blick, der wie
ein Zeiger ist, der gewissermaBen herausfuhrt, der wie einen Licht-
strahl von innen heraussendend ist. Wir stellen uns den Michael rich-
tig vor, wenn wir seinen ausgestreckten Arm umflammt finden von
spriihendem Meteoreisen, das sich zusammenschmilzt zu dem
Schwerte, mit dem er der Menschheit die Wege weist von der animali-
schen zu der hoheren Menschennatur, die Wege weist von der Som-
merzeit, in der der Mensch am meisten mitmacht die auBere Natur, in
der der Mensch am meisten zum NaturbewuBtsein kommt, zu jener
Zeit, zu der Herbsteszeit, wo der Mensch nur miterleben kann, wenn
er die Natur miterlebt, die absterbende, die sich ertotende Natur.
Aber es ware grausig fur den Menschen, wenn er nur miterleben
konnte, wenn der Herbst sich naht, diese sich ertotende, sich ablah-
mende Natur. Erleben wir den Friihling und sind wir wirklich ganzer
Mensch, dann geben wir uns hin der sprieBenden, sprossenden, der
wachsenden und gedeihenden Natur., Sind wir solch ein ganzer
Mensch, dann bliihen wir mit jeder Blume, dann sprossen wir mit
jedem Blatte, dann reifen wir mit jedem Samen selber. Da geben wir
uns hin der aufsteigenden, sprieBenden, sprossenden Natur. Ihr kon-
nen wir uns hingeben, sie will das Leben. Wir fiihlen das Leben, in-
dem wir ihr Leben miterleben. Da tun wir recht, wenn wir uns der
Natur hingeben, denn da finden wir das Leben. Im Herbst konnen
wir nicht dieses NaturbewuBtsein in uns entwickeln, denn entwickeln
wir es einseitig, so miissen wir ja das sich ertotende, das lahmende
Leben miterleben. Dem gegeniiber darf der Mensch nicht mitgehen,
dem gegeniiber muB er sich erkraften. So wie er die lebende Natur mit
seinem eigenen Leben miterleben muB, so muB er der absterbenden
Natur, dem Tode gegeniiber das Selbst entgegensetzen. NaturbewuBt-
sein muB iibergehen in SelbstbewuBtsein.
Das ist das groBe, gewaltige Bild des herannahenden Herbstes, daB
wir aus dem, was im Kosmos geschieht, die Mahnung sehen: Natur-
bewuBtsein gehe im Menschen iiber in SelbstbewuBtsein! Aber dazu
braucht der Mensch die Kraft, das innerlich Ertotende der animali-
schen Natur seelenhaft, geisteshaft zu iiberwinden. Dazu gibt ihm die
Anleitung sein Hinschauen auf die Erscheinungen des Kosmos, dazu
gibt ihm die Anleitung dasjenige, was sich offenbart in der Gestalt des
Michael mit dem weisenden, mit dem positiven Blick, mit dem flam-
menden Meteorschwerte in der Rechten. Und dieser Michael erscheint
uns eben im Streite mit der animalisierten Begierdennatur, fur die sich
uns auch das Bild aus dem ganzen webenden Leben heraus ergibt.
Wollen wir die ganze Imagination malen, konnen wir sie nicht aus der
menschlichen Willkiir heraus malen; wir konnen sie nur aus dem her-
aus malen, was uns der Kosmos inspiriert. Und da konnen wir nur das
Sulfurische, das Gelblich-Rotliche, mit den Elementargeistern in die
Hohe Hinaufgehende sich verbildlichen lassen zu der Drachengestalt,
die aus dem Sulfur heraus sich bildet, so daB wir iiber dem sulfuri-
schen Drachen, als dessen, ich mochte sagen, brandender Kopf sich
eben dieser begierdenhafte ProzeB darstellt, iiber diesem ahrimani-
sierten sulfurisierten Drachen den Michael haben in der Gestalt, wie
ich es dargestellt habe.
Wer die Welt versteht, kann die Welt in Imaginationen darstellen.
Und wer da glaubt, daB man in beliebiger Weise malen kann den
Streit Michaels mit dem Drachen, der versiindigt sich an der inneren
Wirklichkeit der Welt. Denn die Welt enthalt dasjenige, was ihr an
Kraften innewohnt, in einer bestimmten Gestalt fur den Menschen.
Alle groBen malerischen und sonstigen Kunstwerke in der Welt sind
nicht aus der beliebigen Willkiir des Menschen herausgewachsen. Da
wiirden sie wenig durch Jahrhunderte, ja Jahrtausende die Menschen
anziehen. Sondern sie sind herausgewachsen aus dem wirklichen Ver-
standnis dessen, was da drauBen webt und lebt und was auch im Men-
schen webt und lebt. Und wenn dann geschaffen wird aus dem Leben-
den und Webenden der Natur und des Menschen in ihrer Gemein-
samkeit dasjenige, was sich in Imaginationen ergibt, was sich bis auf
die Farben, bis auf den Glanz, bis auf die einzelne Gestaltung hin aus
den Geheimnissen der Natur abschauen laBt, wenn das kiinstlerisch
gestaltet wird, dann entstehen eben die wirklichen, die groBen Kunst-
werke, jene groBen Kunstwerke, die von den Sehern geschaffen wor-
den sind, die von den Nachahmern nachgeahmt werden, und die von
den Stumpern mit allerlei Firlefanz behangt werden, so daB man nicht
mehr erkennt das wirklich GroBe, das aus diesen Werken hervorgehen
soil aus dem kosmischen Schaffen und Weben. So werden dann diese
Kunstwerke zu dem, was durch Zeiten hindurch in den Menschen als
Impuls wirken kann. Niemals waren die groBen kunstlerischen, male-
rischen, bildhauerischen Motive dasjenige geworden, was sie sind,
wenn sie nicht geschaffen worden waren aus den geschauten Impulsen
des Natur- und Menschenlebens.
So vermogen wir hinzuschauen auf das, was, wenn in der geistigen
Auffassung von heute gemalt wird dieser Michael mit dem Drachen -
die alte Auffassung hat es eben nach dem, was sie gewuBt hat, ge-
macht -, was dann so erscheint : das Antlitz aus dem goldigen Sonnen-
glanze heraus gebildet, mit dem positiven Blick, mit dem hins
…[truncated]