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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER
Wiederverkorperung
und Karma
und ihre Bedeutung
fiir die Kultur der Gegenwart
Fiinf Vortrage
Berlin, 23. und 30. Januar, 5. Marz 1912
Stuttgart, 20. und 21. Februar 1912
1989
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEI2
Nach einer vom Vortragenden nicht durchgesehenen Mitschrift
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgten Johann Waeger und Hella Wiesberger
1. Auflage in dieser Zusammenstellung
Gesamtausgabe Dornach 1959
2., neu durchgesehene Auflage
Gesamtausgabe Dornach 1970
3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1978
4. Auflage, neu zusammengestellt
Gesamtausgabe Dornach 1989
Einzelausgaben
Vortrage Berlin, 23., 30. Januar, 5. Marz 1912
«Reinkarnation und Karma und ihre Bedeutung fur die Kultur der Gegenwart»
Berlin 1917
Vortrage Stuttgart, 20., 21. Februar 1912
«Wie kommt man zur Erkenntnis wiederholter Erdenleben?»
Freiburg 1953
Bibliographie-Nr. 135
Einbandzeichnung von Ass] a Turgenieff
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1989 by Rudolf Steiner-NachlalSverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-1352-2
2.u den Verqffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen-
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861 - 1925) geschriebenen und
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch
fur die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen
Gesellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als
«miindliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehierhafte
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich
veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute
er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra-
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fiir die Her-
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst kor-
rigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen
sein Vorbehalt berucksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge-
nommen werden miissen, daft in den von mir nicht nachgesehenen
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentli-
chen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am
Schluft dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleicher-
mafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an
einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft ver-
trauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867- 1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An-
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
I
Erster Vortrag, Berlin, 23. Januar 1912
Wie gelangt man zu einer unmittelbaren Anschauung von dem geistig-
seelischen Wesenskern des Menschen, der durch die wiederholten
Erdenleben durchgeht? Die Umwandlung der Formen und Krafte
beim Ubergang von einer Inkarnation zu anderen nach bestimmten
Gesetzen: Inneres wird zu AulSerem, Aufieres wird zu Innerem. Die
karmischen Folgen des Materialismus fur die nachste Inkarnation der
gegenwartigen Menschheit. Die Umwandlung der Gedanken in
Krafte, die das nachste Erdenleben mitgestalten.
Zweiter Vortrag, Berlin, 30. Januar 1912
Die Notwendigkeit der Ausbildung eines besonderen Empfindungs-
Erinnerungsvermogens durch Seeleniibungen, um zum realen Erleben
der Reinkarnation zu kommen. Die Berufung zu einem spirituellen
Leben durch das Erleben einer karmischen Krisis. Das Hineingestellt-
sein in die geistige Welt.
Dritter Vortrag, Berlin, 5. Marz 1912
Reinkarnation und Karma als die Fundamental-Ideen der anthroposo-
phischen Weltanschauung und ihre moralbegriindende Kraft. Karmi-
sche Zusammenhange. In der Mitte des einen Lebens verbindet sich
der Mensch in der Regel durch freie Wahl mit denen, die in einem
folgenden Leben seine Blutsverwandten werden (Eltern, Geschwi-
ster). Der zukunftige umgestaltende Einfluft der Ideen von Reinkarna-
tion und Karma auf die Wissenschaften und das gesamte Leben der
abendlandischen Kultur.
II
Erster Vortrag, Stuttgart, 20. Februar 1912
Der Zusammenhang von Zufallsereignissen im Leben mit dem
menschlichen Schicksal. Gedankeniibungen, um zu Erfahrungen iiber
Reinkarnation und Karma zu kommen. Karmische Zusammenhange:
Begegnungen in der Lebensmitte mit Personlichkeiten, die am Lebens-
anfang der vorhergehenden oder nachsten Inkarnation den Menschen
als Blutsverwandte umgeben. Die Moglichkeit der logischen Pruning
der okkulten Mitteilungen.
Zweiter Vortrag, Stuttgart, 21 . Februar 1912 83
Die Uberfuhrung der Uberzeugung von Reinkarnation und Karma in
das allgemeine Leben und die Schaffung neuer Lebensformen. Die
Kluft zwischen innerer Uberzeugung und aufierem Leben. Die sozia-
len Verhaltnisse; Arbeit und Lohn. Der gegenwartige Kulturzustand
als Ergebnis der verschiedenen Karmen der einzelnen heute auf der
Erde lebenden Personlichkeiten. Glauben und Wissen im karmischen
Zusammenhang: Abwechslung zwischen einer glaubigen und einer
vernunftmafSigen Inkarnation als karmische Regel. Abwechslung zwi-
schen Liebegefiihl in der einen und Selbstgefuhl m der andern Inkarna-
tion. Die Verarmung und Schwachung der Seelen in der letzten Inkar-
nation und ihre Starkung durch Verinnerlichung und das Durchdrun-
gensein mit der Wahrheit von Reinkarnation und Karma.
Hinweise: Zu dieser Ausgabe / Hinweise zum Text 105
Namenregister 108
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 109
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe Ill
ERSTER VORTRAG
Berlin, 23.Januar 1912
An die Bemerkungen, die wir iiber die geistigen Tatsachen und Wesen-
heiten der hoheren Welten machen konnten und die durch unsere Ge-
neralversammlungszeit unterbrochen worden sind, wird sich nunmehr
gut einiges anschliefien lassen, das uns Aufklarung geben kann iiber
gewisse Dinge, welche mit der gegenwartigen Entwickelung des Men-
schen zusammenhangen. Wahrend also die Betrachtungen, die wir im
Herbst gepflogen haben, uns mehr in die Vorgange gewissermafien
innerhalb der hoheren Hierarchien fuhren sollten, wollen wir heute
einiges betrachten, das uns wie so recht menschliche Angelegenheiten
naheliegen kann.
Es wird sich gewifi der Mensch, welcher sich eine Weile mit Anthro-
posophie beschaftigt hat, und der namentlich die Grundanschauungen
von Reinkarnation und Karma und der iibrigen Wahrheiten der
Menschheit und ihrer Entwickelung aufgenommen hat, leicht fragen:
Warum kommt man denn gar so schwer zu einer unmittelbaren, wirk-
lichen Anschauung jener Wesenheit im Menschen, die durch die wie-
derholten Erdenleben hindurchgeht, jener Wesenheit des Menschen
also, welche, wenn man sie nur einigermaften genauer und immer
genauer kennenlernen wiirde, ganz selbstverstandlich fuhren mufite
auch zu einer Einsicht in die Geheimnisse der wiederholten Erden-
leben und eben auch des Karma?
Nun mufi allerdings gesagt werden: Alles, was gerade mit dieser
Frage zusammenhangt, greift der Mensch gewohnlich ganz verkehrt
an. Zunachst sucht sich ja der Mensch, wie das nur allzu selbstver-
standlich ist, iiber diese Dinge auch aufzuklaren durch die gewohn-
liche Gedankenwelt, durch den gewbhnlichen Verstand, und er fragt
sich: Inwiefern kann man aus den Tatsachen des Lebens heraus An-
haltspunkte gewinnen dafur, dafi die Anschauung von den wieder-
holten Erdenleben und von dem Karma eine richtige ist?
Nun wird der Mensch zwar bis zu einem gewissen Punkte mit einem
solchen Bestreben kommen konnen, das im wesentlichen auf Nach-
denken fufit; aber er wird damit eben doch nur bis zu einem gewissen
Punkte kommen konnen. Denn unsere Gedankenwelt ist eigentlich, so
wie sie einmal beschaffen ist, ganz und gar abhangig von jenen Ein-
richtungen innerhalb unserer Gesamtorganisation als Menschen, die
eigentlich blofi auf die eine Inkarnation beschrankt ist, die wir dadurch
erhalten, dafi wir eben so, wie wir als Menschen zwischen Geburt und
Tod leben, diese bestimmte Organisation zugeteilt erhalten. Und von
dieser Organisation, ja, geradezu von der besonderen Ausgestaltung
des physischen Leibes und des ja nur um eine Stufe iiber den physischen
Leib hinausragenden Atherleibes, ist alles abhangig, was wir unsere
Gedankenwelt nennen konnen. Und je scharfsinniger im Grunde ge-
nommen diese Gedanken sind, je mehr sie sich einlassen konnen auf
abstrakte Wahrheiten, desto mehr sind diese Gedanken abhangig von
der aufieren, nur auf eine Inkarnation beschrankten Organisation des
Menschen. Wir konnen das schon daraus entnehmen, dafi wir, was ja
ofter gesagt worden ist, in das Leben zwischen dem Tode und einer
neuen Geburt, also in das geistige Leben hinein, von alledem, was wir
in der Seele erleben, am allerwenigsten unsere Gedanken mitnehmen
konnen. Also das, was wir am allerscharfsinnigsten ausdenken, miissen
wir am allermeisten zuriicklassen. Man konnte formlich sagen: Was
legt denn der Mensch ab, wenn er durch die Pforte des Todes schreitet?
Nun, zunachst seinen physischen Leib. Aber von alledem, was nun
innerlich ist, legt der Mensch fast ebenso umfanglich, restlos alles ab,
was er an abstrakten Gedanken in seiner Seele ausgestaltet hat. Diese
zwei Dinge, physischer Leib und abstrakte Gedanken, ja, geradezu
wissenschaftliche Gedanken, kann der Mensch am allerwenigsten mit-
nehmen, wenn er durch die Pforte des Todes schreitet. Der Mensch
nimmt gewissermafien leicht mit seine Neigungen, seine Triebe, Be-
gierden, wie sie sich herangebildet haben, insbesondere seine Gewohn-
heiten, nimmt auch mit die Art und Natur seiner Willensimpulse, aber
am allerwenigsten seine Gedanken.
Daraus schon, weil die Gedanken so sehr gebunden sind an die
aufiere Organisation, kann geschlossen werden, dafi sie auch kein
Werkzeug sind, das sehr geeignet ist, um einzudringen in die Geheim-
nisse von Reinkarnation und Karma, welche ja Wahrheiten sind, die
iiber die einzelne Inkarnation hinausgehen. Aber bis zu einem gewis-
sen Punkte kann man dennoch kommen, und bis zu einem gewissen
Punkte mufi man sogar das Denken ausbilden, wenn man theoretisch
Reinkarnation und Karma einsehen will. Was dariiber gesagt werden
kann, das ist im Grunde genommen alles gesagt entweder in dem
Kapitel iiber Reinkarnation und Karma in der «Theosophie» oder in
der kleinen Schrift «Reinkarnation und Karma, vom Standpunkte der
modernen Naturwissenschaft notwendige Vorstellungen». Man wird
kaum viel hinzufiigen konnen zu dem, was in diesen beiden Schriften
gesagt ist.
Was der Intellekt hinzufiigen kann, diese Frage soli uns heute nicht
weiter beschaftigen, sondern vielmehr die Frage: Wie kann nun der
Mensch zu einer gewissen Anschauung von Reinkarnation und Karma
doch kommen, das heiftt zu einer Anschauung, die mehr wert ist als
eine blofie theoretische Oberzeugung, die eine Art innerer Gewiftheit
geben kann, dafi der eigentliche geistig-seelische Wesenskern in uns
von fruheren Leben heruberkommt und zu spateren Leben hinuber-
geht?
Man kommt zu einer solchen bestimmten Anschauung dadurch, dafi
man innerliche Dinge ausfiihrt, welche keineswegs leicht sind, welche
schwierig sind, aber die deshalb doch immerhin ausgefiihrt werden
konnen. Der erste Schritt, den man da machen kann, ist, dafi man die
gewohnliche Art von Selbsterkenntnis ein wenig iibt, die Art, die
darin bestehen kann, dafi der Mensch gewissermafien auf sein Leben
zuriickblickt, so zuriickblickt, dafi er sich fragt: Was bin ich denn
iiberhaupt fur ein Mensch gewesen? Bin ich ein Mensch gewesen mit
einer starken Neigung zum Nachdenken, zu einem innerlich nachsin-
nenden Wesen, oder bin ich ein Mensch gewesen, der stets mehr die
Sensationen der Aufienwelt geliebt hat, dem dieses oder jenes im Leben
gefallen oder nicht gefallen hat? Bin ich ein Mensch gewesen, der in
der Schule gern lesen, aber nicht gern rechnen wollte, der die anderen
Kinder gern geschlagen hat, aber sich nicht gern hat schlagen lassen?
Oder bin ich vielleicht ein Kind gewesen, das immer dazu bestimmt
war, eins abzukriegen, und das nicht schlau genug gewesen ist, die
anderen eins abkriegen zu lassen? - In dieser Weise ein wenig zu-
riickzublicken auf sein Leben und insbesondere sich zu fragen: Wozu
war ich — in intellektueller Weise oder in derjenigen Weise, die auf
die Gemiitsstimmungen oder auf die Willensimpulse beziiglich ist -
besonders veranlagt? Was ist mir leicht, was ist mir schwierig ge-
worden? Was hat mich so getroffen, dafi ich ihm gern habe entfliehen
wollen? Was hat mich so getroffen, dafi ich mir gesagt habe: Es ist
mir recht, dafi es so gekommen ist und so weiter -, so also auf sein
Leben in einer gewissen Weise zuriickzublicken, das ist gut zu einer
intimeren Erkenntnis seines geistig-seelischen Wesenskernes; vor allem
alles das klar vor die Seele zu stellen, was zu dem gehort, was man
eigentlich nicht gern gewollt hat. So zum Beispiel, ob man ein Sohn
gewesen ist, der vielleicht gern ein Dichter geworden ware, der von
seinem Vater aber zum Handwerker bestimmt worden ist und auch
ein Handwerker hat werden miissen, trotzdem er es nie so recht hat
werden wollen; er ist es geworden, ware aber lieber ein Dichter gewor-
den. So sich klarmachen, was man eigentlich hat werden wollen, was
man aber gegen seinen Willen geworden ist, dann sich klarmachen, was
einem gepafit hat im Jugendleben und was einem nie zuteil geworden
ist. Dann weiter sich klarmachen, woraus man so recht hatte heraus-
kommen wollen, welchem man so recht hatte entfliehen wollen. Ich
bemerke, dafi dies, was ich jetzt sage, sich auf das Leben in der Ver-
gangenheit beziehen soil, nicht auf die Zukunft; das ware eine falsche
Vorstellung.
Also man soil sich im Grunde genommen klarmachen, was einem
ein solcher Ruckblick in die Vergangenheit sagt: was man nicht hat
wollen, welchem man hat entfliehen wollen und so weiter. Wenn man
sich das klargemacht hat, dann hat man eigentlich ein Bild derjenigen
Dinge in seinem Leben, die einem so recht am wenigsten gefallen.
Darum handelt es sich aber gerade, daf$ man die Dinge in seinem Le-
ben herausbekommt, die einem in der Vergangenheit am wenigsten
gefallen haben. Und man mufi nun versuchen, sich ganz einzuleben in
eine hochst merkwurdige Vorstellung: Alles das, was man nun eigent-
lich nicht gewollt und gewiinscht hat, energisch zu wollen und zu wiin-
schen! Also energisch einmal sich vor die Seele stellen: Wie warest du
eigentlich, wenn du lebendig, heftig alles das gewiinscht hattest, was
du eigentlich nicht gewiinscht hast, was dir im Grunde genommen im
Leben gegen den Strich gegangen ist? - Ausschalten mull man dabei
in einer gewissen Weise dasjenige, was einem zu iiberwinden gelungen
ist. Denn das allerwichtigste ist, dafi man diejenigen Dinge wunscht,
oder sich so vorstellt, als ob man sie lebhaft wiinschen wiirde, die man
nicht gewiinscht hat, oder denen gegeniiber man seine Wiinsche nicht
hat durchsetzen konnen, so dafi man sich in der Empfindung, in Ge-
danken ein Wesen schafft, von dem man die Vorstellung haben kann,
dafi man es im Grunde genommen bisher gar nicht gewesen ist. Und
jetzt stelle man sich vor, dafi man eigentlich gerade dieses Wesen mit
aller Vehemenz, mit aller Intensitat gewesen ware. Wenn man sich
das vorstellt, wenn es einem gelingt, sich zu identifizieren mit diesem
Wesen, das man auf diese Weise sich selber sozusagen einkonstruiert
hat, dann hat man schon wesentlich etwas gewonnen auf dem Wege,
seinen inneren seelischen Wesenskern kennenzulernen. Denn es wird
einem gerade an dem Bilde, das man sich nun von seiner Eigenperson-
lichkeit in der geschilderten Weise machen kann, etwas aufgehen, was
man in der gegenwartigen Inkarnation nicht ist, was man aber her-
eingebracht hat in die gegenwartige Inkarnation. Sein tieferes Wesen
wird einem aufgehen an dem Bilde, das man sich auf diese Weise
konstruiert.
Es wird also von dem, der zu seinem inneren Wesenskern kommen
will, im Grunde genommen etwas verlangt, was die Menschen in un-
serer Gegenwart am allerwenigsten tun. Unsere Gegenwart ist gar
nicht dazu veranlagt, auch nur in einer gewissen Weise so etwas her-
beizusehnen, was dem ahnlich ist, was jetzt gefordert worden ist;
denn in unserer Gegenwart streben eigentlich die Menschen, wenn sie
iiber sich selber nachdenken, am allermeisten danach, sich so, wie sie
sind, absolut richtig zu finden. Wenn wir zuriickgehen in friihere Zeiten
einer noch religioseren Entwickelung, dann finden wir das Gef iihl, dafi
der Mensch sich zerknirscht empfinden soli, da er so wenig dem ent-
spricht, was er als sein gottliches Vorbild bezeichnen kann. Das war
zwar nicht die Vorstellung, von der heute gesprochen worden ist, aber
es war die Vorstellung, welche von dem, womit der Mensch gewohn-
lich zufrieden ist, abfiihrte und zu etwas anderem hinfuhrte - wenn
auch nicht zu der Uberzeugung von einer anderen Inkarnation
namlich zu jenem Wesen hinfiihrte, das iiber unsere Organisation, wie
sie sich zwischen Geburt und Tod herausbildet, hiniiberlebt. Es wird
einem folgendes aufgehen, wenn man das Gegenbild von dem zeich-
net, was man ist: Dieses Gegenbild, so schwer es dir geworden ist, es
in diesem Leben als dein Bild zu fassen, es hat doch etwas mit dir zu
tun; das kannst du nicht leugnen. Wenn du es hast, wird es dich ver-
folgen, wird es dir vor der Seele schweben und sich so zusammen-
kristallisieren, dafi du dir sagen wirst: Dieses Bild hat etwas mit mir
zu tun, aber ganz gewifi nicht mit meinem jetzigen Leben. - Dann
bildet sich die Empfindung heraus, dafi dieses Bild gerade aus einem
f riiheren Leben stammt.
Wenn wir dies uns vor die Seele fuhren, werden wir bald gewahr
werden, wie irrtumlich die meisten Vorstellungen sind, die man sich
gewohnlich iiber Reinkarnation und Karma bildet. Sie werden es selbst
schon gehort haben: wenn einem irgendwo ein Mensch im Leben
entgegentritt, der zum Beispiel ein guter Rechner ist, und wenn man
dann zugleich Anthroposoph ist, dann wird man sich leicht die Vor-
stellung bilden: In der vorhergehenden Inkarnation ist dieser Mensch
ein guter Rechner gewesen. Viele Reinkarnationsketten werden leider
von unausgebildeten Anthroposophen in der Weise aufgestellt, dafi
man einfach glaubt, die vorhergehende Inkarnation dadurch zu fin-
den, dafi man die Fahigkeiten, die in der gegenwartigen auftreten, auch
in der vorhergehenden oder womoglich in mehreren vorhergehenden
Inkarnationen wird finden miissen. Das ist die schlechteste Art, zu spe-
kulieren. Man trifft gewohnlich damit das Falsche. Denn die wirk-
lichen Beobachtungen mit den Mitteln der Geisteswissenschaft zeigen
zumeist das genaue Gegenteil. Leute zum Beispiel, die in der vorher-
gehenden Inkarnation gute Rechner, gute Mathematiker waren, treten
in der gegenwartigen Inkarnation so auf, dafi sie gar keine Begabung
fur Mathematik zeigen, dafi ihnen die mathematische Begabung fehlt.
Und will man wissen, welche Begabungen man hochstwahrscheinlich
in der vorigen Inkarnation hatte - ich mache darauf aufmerksam,
dafi wir jetzt also auf dem Boden der Wahrscheinlichkeit stehen -,
will man wissen, welche Fahigkeiten in dieser Richtung an Intelligenz,
kiinstlerischen Dingen und so weiter man in der vorigen Inkarnation
gehabt hat, so tut man gut, wenn man nachdenkt, wozu man in dieser
Inkarnation am allerwenigsten Fahigkeiten hat, wozu man in dieser
Inkarnation sich am allerwenigsten eignet. Wenn man das heraus-
bekommen hat, dann wird man finden, worin man wahrscheinlich in
der vorhergehenden Inkarnation brilliert hat, wofiir man ganz be-
sonders begabt war. Ich sage «wahrscheinlich» aus dem Grunde, weil
diese Dinge auf der einen Seite wahr sind, aber auf der anderen Seite
vielfach durchkreuzt werden von anderen Tatsachen. Da kann zum
Beispiel der Fall eintreten, dafi einer eine besondere mathematische
Begabung in der vorhergehenden Inkarnation hatte, aber friih gestor-
ben ist, so dafi diese mathematische Begabung nicht ganz zum Ausdruck
gekommen ist; dann wird er in seiner nachsten Inkarnation wieder
mit einer mathematischen Begabung geboren werden, die sich dann wie
eine Fortsetzung aus der vorhergehenden Inkarnation darstellen wird.
Der friih verstorbene Mathematiker Abel wird ganz gewifi in seiner
nachsten Inkarnation mit einer starken mathematischen Begabung
wiedergeboren werden. Wo dagegen ein Rechner besonders alt gewor-
den ist, wo sich diese Begabung ausgelebt hat, da wird der Betreffende
in seiner nachsten Inkarnation geradezu stumpfsinnig sein in bezug auf
Mathematik. So ist mir eine Personlichkeit bekannt, die so wenig
mathematische Begabung hatte, dafi sie als Schulbube geradezu die
Ziffern hafite; und wahrend der Betreffende in den anderen Fachern
gute Zensuren hatte, war es iiberhaupt nur dadurch moglich, dafi er die
Schulklassen durchmachen konnte, dafi man ihm in den anderen
Fachern besonders gute Zensuren ausstellte. Das riihrte da von her, dafi
er in der vorhergehenden Inkarnation ein besonders guter Mathe-
matiker gewesen ist.
Wenn man weiter darauf eingeht, dann stellt sich die Tatsache her-
aus, dafi das, was man in einer Inkarnation aufierlich treibt, das heifit,
was man nicht allein aufierlich treibt, sondern was man fur einen
aufierlichen oder innerlichen Beruf hat, in der nachsten Inkarnation in
die innere Organbildung eingeht, zum Beispiel in der Weise, dafi man,
wenn man in einer Inkarnation ein besonders guter Mathematiker
war, dasjenige, was man sich da angeeignet hat an Zahlen- und Figu-
renbeherrschung, mitgenommen und hineingearbeitet hat in eine be-
sondere Ausarbeitung seiner Sinnesorgane, zum Beispiel der Augen.
Und Menschen, die sehr gut sehen, haben diese sorgfaltige Ausbildung
der Formen des Auges davon, dafi sie in der vorhergehenden Inkar-
nation in Formen gedacht und dieses Denken in Formen mitgenommen
haben und, indem sie durch die Zeit zwischen Tod und neuer Geburt
geschritten sind, ihre Augen besonders ausziseliert haben. Da ist die
mathematische Begabung ins Auge hineingeflossen und lebt sich nicht
mehr in mathematischer Begabung aus.
Ein anderer den Okkultisten bekannter Fall ist der, wo eine In-
dividualist in einer Inkarnation besonders intensiv in Architektur-
formen lebte: was sie da empfunden hat, das lebte sich ein als Krafte
in das innere Seelenleben und ziseiierte besonders fein aus das Gehor-
werkzeug, so dafi diese Individuality in der nachsten Inkarnation ein
grofier Musiker wurde. Sie wurde nicht ein grofier Architekt, weil die
Empfindungsformen, die sich an die Architektur anlehnten, organauf-
bauend wurden, so dafi nichts iibrigblieb, als in hohem Mafie Musik
zu empfinden.
Eine aufiere Betrachtung der Ahnlichkeiten tauscht in der Regel
uber das, was Eigentumlichkeiten in den aufeinanderfolgenden Inkar-
nationen sind. Und wie wir nachdenken mussen tiber das, was uns
nicht gef alien hat und uns vorstellen mussen, als ob wir es intensiv
wiinschten, so sollen wir auch nachdenken iiber die Dinge, zu denen
wir am wenigsten befahigt sind, in denen wir sozusagen ganz stumpf-
sinnig sind. Und wenn wir die allerstumpfsinnigsten Seiten unseres
Wesens entdecken, dann konnen sie uns mit grofiter Wahrscheinlich-
keit zu dem fiihren, worin wir in der vorhergehenden Inkarnation am
allermeisten geglanzt haben. Daraus sehen wir, dafi es naheliegt, gerade
diese Dinge am falschen Ende anzufangen. Wie uns im ubrigen auch
ein gewisses Nachdenken dariiber belehren kann, dafi es eben der in-
nerste seelische Wesenskern ist, der von einer Inkarnation in die andere
hiniiberlebt, das zeigt zum Beispiel die Erwagung, dafi der Mensch
Sprachen doch niemals dadurch leichter lernt, dafi er in einer vorher-
gehenden Inkarnation etwa in einem Sprachgebiete gelebt hat, das
mit der betreffenden Sprache, die er jetzt lernen soil, zusammenhing;
derm sonst wiirden es unsere Gymnasiasten nicht gar so schwer haben,
Griechisch oder Lateinisch zu lernen, obwohl viele in ihren friiheren
Inkarnationen in einem Gebiete gelebt haben, wo sie diese Sprachen
als die gewohnlichen Umgangssprachen gesprochen haben.
Von dem, was wir aufierlich an uns heranbringen, miissen wir sagen,
dafi es so sehr verbunden ist mit dem, was sich abschliefit in dem
Leben des Menschen zwischen Geburt und Tod, dafi gar nicht davon
die Rede sein kann, dafi diese Dinge in der nachsten Inkarnation in
derselben Weise wiedererscheinen, sondern dafi sie in Krafte umge-
wandelt in die nachste oder nachsten Inkarnationen iibergehen. Die-
jenigen Menschen, die zum Beispiel in einer Inkarnation eine beson-
dere Anlage haben zum Sprachen erlernen, werden diese Anlage in
ihrer nachsten Inkarnation nicht haben; dafiir aber werden sie die
Anlage haben, zu mehr unbefangenem Urteilen als die iibrigen Men-
schen.
Das sind Dinge, die mit den Geheimnissen der Reinkarnation zu-
sammenhangen. Und gerade wenn man auf diese Geheimnisse der Re-
inkarnation blickt, wird man in der intensivsten Weise eine Vorstel-
lung bekommen von dem, was eigentlich wirklich im Menschen in-
nerlich ist, und was in einer gewissen Weise doch zu den Aufierlich-
keiten gerechnet werden mufi. Zum Beispiel ist fur den gegenwartigen
Menschen die Sprache durchaus nicht mehr innerlich. Man kann die
Sprache um dessentwillen, was sie ausdriickt, um des Volksgeistes wil-
len lieben; aber sie ist etwas, was in umgewandelten Krafteformen von
einer Inkarnation in die andere iibergeht.
Wenn der Mensch solche Dinge verfolgt, dafi er auf der einen Seite
sagt: Ich will einmal recht sehr wiinschen und wollen, was ich doch
gegen meinen Willen geworden bin und wofiir ich am wenigsten Ver-
anlagung habe - dann kann er wissen: Es werden sich mir die Vor-
stellungen, die ich da gewinne, zusammenformen zu dem Bilde meiner
vorhergehenden Inkarnation. - Dieses Bild der vorhergehenden In-
karnation wird sich mit einer grofien Bestimmtheit schon ergeben,
wenn man Ernst macht mit denjenigen Dingen, die jetzt einmal etwas
genauer charakterisiert worden sind. Man wird namlich tatsachlich
merken, dafi man an der ganzen Art und Weise, wie sich einem die
Vorstellungen, die man so gewonnen hat, zusammenfugen, empfmden
wird: Dieses Bild ist mir eigentlich ziemlich nahe; es ist gar nicht weit
von mir. Oder man wird fuhlen: Es ist ein Bild weit, weit weg von mir,
Wenn man namlich durch die Ausarbeitung der Vorstellungen, die
heute geschildert worden sind, ein solches Bild seiner vorhergehenden
Inkarnation sich vor die Seele gemalt hat, dann wird man in der Regel
abschatzen konnen, wie stark verblafk dieses Bild ist. Man wird das
Gefiihl haben wie aus einer Empfindung heraus: Du stehst hier; dein
Vater, dein Grofivater, dein UrgrofSvater konnen nicht das Bild sein,
das da vor dir steht. - Wenn man aber das Bild auf sich wirken lafit,
dann bekommt man in der Tat durch Gefiihl und Empfindung die
Meinung: So und so viele Personen stehen zwischen dir und diesem
Bilde! - Nehmen wir einmal an, man bekommt dieses Gefiihl - und
ein solches stellt sich heraus -, zwischen einem selbst und diesem Bilde
stiinden zwolf Personen, und ein anderer bekame das Gefiihl, zwischen
ihm selbst und dem Bilde stiinden sieben Personen. Em solches Gefiihl
aber bekommt man, und dieses Gefiihl ist aufierordentlich wichtig.
Denn wenn zum Beispiel zwolf Personen zwischen einem selbst und
diesem Bilde stehen, so braucht man nur durch drei zu dividieren und
wiirde dann vier herausbekommen. Das sind dann in der Regel die
Jahrhunderte, die einen von der vorhergehenden Inkarnation trennen.
Also ein Mensch, der das Gefiihl haben wiirde, dafi er von dem Bilde,
das ich seiner Entstehung nach geschildert habe, urn zwolf Menschen
entfernt ist, daft es um zwolf Personen iiber ihm ist, er muike sich
sagen: Meine vorhergehende Inkarnation fallt vier Jahrhunderte vor
die jetzige. - Das ist nur als ein Beispiel angefiihrt; es wird in den
wenigsten Fallen so sein, aber man kommt dadurch zu einer Schatzung.
Die meisten werden finden, daft sie auf diese Weise richtig abschatzen
konnen, wann sie vorher dagewesen sind. Nur sind die Voraussetzun-
gen dazu natiirlich etwas schwierig.
Damit haben wir eigentlich Dinge beriihrt, welche dem Gegen-
wartsbewufitsein ja so feme wie moglich liegen. Und es ist ganz und
gar nicht zu bezweifeln, dafi, wenn irgend jemand diese Dinge Leuten
erzahlte, die dafiir unvorbereitet sind, sie dann finden werden, dafi
das ja wirklich unverantwortliche Phantastereien sind. Nun ist es
schon einmal das Schicksal der anthroposophischen Weltanschauung,
dafi sie von alien bisherigen Weltanschauungen am allerallermeisten in
einer gewissen Weise sich entgegenstellen mufi dem, was das Herge-
brachte ist. Denn das Hergebrachte ist im weitesten Umfange, wie es
einem entgegentritt, der krasseste, der odeste Materialismus. Und ge-
rade da, wo uns gewisse Weltanschauungen so entgegentreten, als ob
sie am allerfestesten auf dem Boden wissenschaftlicher Weltanschauung
standen, da sind sie tatsachlich so, dafi sie am odesten aus einer ge-
wissen materialistischen Grundanschauung herauswachsen. Da nun
die Anthroposophie dazu verurteilt ist, in einer gewissen Weise selber
fur die grofie Welt der Weltanschauungen das zu sein, was heute ver-
langt worden ist fur den Menschen, der eine Vorstellung bekommen
soil von seiner vorhergehenden Inkarnation, so kann es begreiflich
erscheinen, dafi es dem gegenwartigen Menschen sehr feme liegen mufi,
anthroposophische Anschauungen ernst zu nehmen. Denn die Men-
schen werden ebenso abgeneigt sein, zu wunschen und zu wollen, was
sie ihr Leben lang nicht gewunscht und gewollt haben, wie ihren Denk-
gewohnheiten feme liegen die spirituellen Wahrheiten.
Nun konnte man die Frage aufwerfen: Warum tritt denn gerade
jetzt die spirituelle Wahrheit unter die Menschen? Warum lafit sie
nicht den Menschen Zeit, sich zu entwickeln, bis sie reifer sind?
Das riihrt davon her, dafi auch wieder kaum ein grofierer Unter-
schied gedacht werden kann zwischen zwei aufeinanderfolgenden
Menschheitsepochen, als er sein wird zwischen der Epoche, in der
die gegenwartige Menschheit Iebt, und derjenigen, in welche die
Menschheit hineinwachsen wird, wenn die jetzt lebenden Menschen
wiedergeboren sein werden in der nachsten Inkarnation. Denn es
hangt nicht von den Menschen ab, wie sich gewisse geistige Fahig-
keiten herausbilden; das hangt ab von dem ganzen Sinn und der gan-
zen Bedeutung und dem ganzen Wesen der Erdentwickelung. Die
Menschen sind jetzt namlich am weitesten davon entfernt, an Rein-
karnation und Karma zu glauben. Nicht die Anthroposophen — aber
Anthroposophen sind ja nur wenige in der Welt -, nicht die, welche
noch alten Religionsformen angehoren, sondern die, welche heute die
Trager des aufieren Kulturlebens sind, die sind heute am allermeisten
davon entfernt, an Reinkarnation und Karma zu glauben. Nun wird
merkwiirdigerweise gerade diese Tatsache, dafi die Menschen heute am
allerwenigsten geneigt sind, an Reinkarnation und Karma zu glauben,
verbunden mit dem, was die Menschen heute treiben und lernen, nam-
lich treiben und lernen, insofern dies in bezug auf intellektuelle Fahig-
keiten eine Bedeutung hat - diese Tatsachen werden bewirken, dafi
bei diesen Menschen der Gegenwart in der nachsten Inkarnation das
Gegenteil eintreten wird. Diese Menschen der Gegenwart werden in
der nachsten Inkarnation - gleichgiiltig, ob sie spirituell oder mate-
rialistisch streben - starke Anlage haben, ihre vorhergehende In-
karnation zu empfinden. Ganz gleichgiiltig, was die Menschen der
Gegenwart treiben: dadurch, dafi sie Menschen der Jetztzeit sind, wer-
den sie wiedergeboren werden mit einer starken Anlage und einer
starken Sehnsucht, von der vorhergehenden Inkarnation etwas zu
erfahren, etwas zu wissen. Wir stehen gerade an einer solchen Zeiten-
wende, welche die Menschen fiihrt von einer solchen Inkarnation, in
der sie am allerwenigsten wissen wollen von Reinkarnation und Kar-
ma, zu einer Inkarnation, in der in ihnen die lebendigste Empfindung
sein wird: Das ganze Leben, das ich jetzt fiihre, steht fiir mich in der
Luft, wenn ich nicht irgend etwas wissen kann iiber meine vorher-
gehende Inkarnation. - Und die Menschen, welche jetzt am aller-
meisten schimpfen iiber Reinkarnation und Karma, sie werden sich
geradezu winden unter der Qual des nachsten Lebens, weil sie sich
nicht erklaren konnen, wie das Leben so hat werden konnen. Nicht um
sich eine gewisse Riicksehnsucht nach dem vorhergehenden Leben
anzueignen, wird jetzt Anthroposophie getrieben von den Menschen,
sondern um Verstandnis zu haben fiir das, was fiir die gesamte Mensch-
heit einmal auf treten wird, wenn die Menschen, die heute leben, wieder
da sein werden. Die Menschen, die heute Anthroposophen sind, werden
die Anlage mit den anderen teilen, dafi sie sich wieder erinnern wollen;
aber sie werden Verstandnis haben und dadurch innere Harmonie in
bezug auf ihr Seelenleben. Die, welche heute die Anthroposophie zu-
riickweisen, sie werden davon wissen wollen, und sie werden so etwas
empfinden wie eine innere Qual nach etwas, was eben ihre vorher-
gehende Inkarnation ware im nachsten Leben; sie werden aber nichts
verstehen von dem, was sie am allermeisten driickt und qualt; sie
werden ratios sein, werden innerlich disharmonisch sein. Und es wird
ihnen gesagt werden miissen in der nachsten Inkarnation: Du lernst
erst erkennen, was dir Qualen verursacht, wenn du dir vorstelist, dafi
du eigentlich im Ernste diese Qual gewollt haben konntest. - Natiir-
lich werden alle Menschen diese Qual nicht wollen. Aber die Men-
schen, die heute Materialisten sind, werden dann in der nachsten
Inkarnation anfangen, ihre innere Zerknirschtheit, ihre innere Ode und
Qual zu begreifen, wenn sie befolgen werden die Anforderungen, den
Rat derer, die dann werden wissen konnen und ihnen sagen: Stellt
euch einmal vor, dieses Leben, wie ihr es fliehen mochtet, das hattet
ihr gewollt. - Wenn sie anfangen werden, diesen Rat zu befolgen,
nachzudenken dariiber: Wodurch kann ich dieses Leben gewollt
haben? - dann werden sie sich sagen: Ach ja, da habe ich vielleicht
geiebt in einer Inkarnation, in welcher ich gesagt habe: Was, ein an-
deres, nachstes Leben oder Inkarnation soil auf dieses Leben folgen?
Unsinn! Dummheit! Wie kann man so etwas glauben! Dieses Leben
erfiillt sich in sich selber, ist in sich abgeschlossen; das sendet keine
Krafte in ein spateres hiniiber! Ja, weil ich dazumal die Empfindung
gehabt habe, ein folgendes Leben ist nichtig, ist unsinnig, dadurch ist
es nichtig und unsinnig geworden! Ich habe gerade den Gedanken in
mich hineingepflanzt als Kraft, der mir jetzt das Leben so ode und
leer macht!
Das wird ein richtiger Gedanke sein. So wird sich sozusagen kar-
misch der Materialismus ausleben. Sinnvoll wird die nachste Inkarna-
tion bei denjenigen Menschen sein, welche sich die Uberzeugung ver-
schafft haben, dafi ihr Leben, wie es jetzt ist, eben nicht nur in sich
erfiillt ist, sondern Ursachen enthalt fur das nachste. Unsinnig, leer
und ode wird das Leben derer sein, die durch den Gedanken der Un-
sinnigkeit der Reinkarnation sich selber das Leben ode und nichtig
gemacht haben.
So sehen wir, daft die Gedanken, die wir hegen, nicht etwa in einer
gesteigerten Form in das nachste Leben hiniibergehen, sondern um-
gewandelt als Krafte im nachsten Leben auftreten. In der geistigen
Welt haben eben Gedanken, so wie sie jetzt sind im Leben zwischen
Geburt und Tod, keine Bedeutung, sondern sie haben nur eine Bedeu-
tung in einer umgewandelten Form. Wenn jemand zum Beispiel einen
groften Gedanken hat, so kann dieser Gedanke noch so groft sein:
wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht, ist der Gedanke
als Gedanke fort. Aber der Enthusiasmus und die Empfindung und
das Gefiihl, das aufgelebt hat unter dem Einflufi des Gedankens, das
geht durch die Pforte des Todes. Von der Anthroposophie seiber
nirnmt der Mensch nicht die Gedanken mit, wohl aber das, was er an
den Gedanken erlebt hat - bis in die Einzelheiten, nicht nur die all-
gemeine Grundempfindung. Das ist das, was wir insbesondere fest-
halten wollen: daft Gedanken als solche fur den physischen Plan das
eigentlich Bedeutungsvolle sind, und daJS wir, wenn wir von der
Wirkung des Gedankens fur die hoheren Welten sprechen, zugleich
sprechen miissen von einer Umwandlung dieser Gedanken nach den
hoheren Welten hinauf. Gedanken, welche also eine Wiederverkdrpe-
rung leugnen, wandeln sich um in dem wiederverkorperten Leben in
innere Nichtigkeit, in innere Leerheit des Lebens, und innere Nichtig-
keit, innere Leerheit des Lebens wird als Qual, als Disharmonie
empfunden. - Sie konnen sogar durch einen Vergleich eine Vorstel-
lung bekommen, wie eine solche innere Nichtigkeit und Leerheit
verlaufen mufi, wenn Sie sich denken, dafi Sie etwas recht gerne
haben und es immer dann gem sehen, wenn Sie an einen bestimmten
Ort kommen. Sie haben sich zum Beispiel gewohnt, eine bestimmte
Blume in einem Garten an einem bestimmten Ort bliihen zu sehen.
Wenn dann die Blume von ruchloser Hand abgeschnitten wird, wer-
den Sie Schmerz empfinden. Wenn Sie etwas, was Sie lieben, nicht
haben, wenn Ihnen das fehlt, dann empfinden Sie Schmerz. So ist es
mit der Gesamtorganisation des Menschen. Wodurch empfindet der
Mensch Schmerz? Wenn der Atherleib und der Astralleib eines Organs
immer an eine bestimmte Stelle des physischen Leibes eingeschaltet
sind, und wenn dieses Organ einen Schnitt bekommt und verletzt
wird, so konnen der Atherleib und der Astralleib nicht gut eingreifen.
Es ist das gerade so, wie wenn Ihnen durch den Schnitt von ruchloser
Hand die Rose im Garten an der bestimmten Stelle abgeschnitten
wird. Der Atherleib und der Astralleib finden dann nicht, wenn ein
Organ verletzt wird, was sie suchen; das wird dann als leiblicher
Schmerz empfunden. So werden also die Gedanken, die sich der
Mensch gemacht hat als fortwirkend in die Zukunft, ihm in der Zu-
kunft entgegentreten. Dagegen werden sie ihm fehlen, und er wird
nichts finden, wo er sie suchen wird an einem bestimmten Ort, wenn
er nichts hiniibersendet von Glauben und Erkenntniskraften in die
nachste Inkarnation, und dann wird er dieses Fehlen von etwas an
einem Orte als Schmerz und Qual empf inden.
Dies sind Angaben, die uns von einer gewissen Seite den karmischen
Verlauf gewisser Dinge klarlegen werden. Sie mufiten gemacht wer-
den, weil wir noch tief er hineinsehen wollen in die Art und Weise, wie
der Mensch noch weiter Veranstaltungen machen kann, um seinen
eigentlichen geistig-seelischen Wesenskern zu erkennen.
ZWEITER VORTRAG
Berlin, 30. Januar 1912
Die Betrachtungen, die wir das letzte Mai hier angestellt haben, sie
werden so, wie sie damals vorgebracht worden sind, noch fur man-
chen etwas Unverstandliches, vielleicht sogar Bedenkliches haben. Aber
wenn wir noch auf dieses oder jenes heute eingehen werden, so wer-
den uns die Dinge schon nahertreten konnen.
Was war es denn eigentlich, was wir uns an dem letzten Zweigabend
vor die Seele gefuhrt haben? Es war gewissermafien etwas Ahnliches
fur die Gesamtwesenheit des Menschen, wie dasjenige ist, was ein
Mensch vollbringt, wenn er zum Beispiel in dieser oder jener Lebens-
lage ist, in der er sich auf friihere Erfahrungen und Erlebnisse besinnen
mufi, sich an friihere Erlebnisse oder Erfahrungen erinnern soil. Erin-
nerung, Gedachtnis sind ja menschliche Seelenerlebnisse, die fur das
gewohnliche Bewufitsein im Grunde zunachst nur gekannt werden fur
das Seelenleben, welches da verlauft zwischen Geburt und Tod, oder
genauer gesagt - was wir ja ofter ausgesprochen haben - fur einen
Zeitraum, der eigentlich erst in den spateren Kindheitsjahren beginnt,
bis zum Tode hin. Denn wir wissen, daft wir uns fur das gewohnliche
Bewufitsein nur erinnern bis zu einem bestimmten Zeitpunkt unserer
Kindheit, und dafi wir iiber dasjenige, was vorangegangen ist, allein
durch Eltern oder altere Verwandte und Bekannte etwas erfahren kon-
nen. Wenn wir den eben in dieser Art charakterisierten Zeitraum des
Menschenlebens ins Auge f assen, so sprechen wir fiir diesen Zeitraum in
bezug auf das Seelenleben von Erinnerung. Es ist hier natiirlich nicht
moglich, in feinerer Weise einzugehen auf die Bedeutungen der Worte
«Erinnerungsvermogen» oder «Gedachtnis»; das ist auch fiir unsere
Zwecke nicht notwendig. Wir miissen uns nur zunachst einmal klar vor
die Seele fiihren, dafi zu alledem, was mit diesen Worten bezeichnet
wird, eben das Sich-Besinnen auf friiher gemachte Erfahrungen oder
Erlebnisse gehort. Was wir nun das letzte Mai betrachteten, war ge-
wissermafien etwas Ahnliches wie dieses Sich-Besinnen; nur sollte diese
Ahnlichkeit nunmehr nicht blofi so gelten wie jenes Erinnerungsver-
mogen, das in unser gewohnliches Leben hereinfallt, sondern es sollte
uns gleichsam als ein hoheres, erweitertes Erinnerungsvermogen hin-
iiberfiihren iiber die gegenwartige Inkarnation zu einer Art von Ge-
wifiheit, dafi wir vor diesem Erdenleben in anderen Erdenleben da-
gewesen sind. Und wie wir das letzte Mai erwahnt haben, sollte es in
bezug auf diesen hoheren Prozefi so sein, wie das Sich-Besinnen auf
irgend etwas Erlebtes im gewohnlichen Leben. Wenn wir uns auf der
einen Seite einen Menschen vorstellen, der irgend etwas braucht, was er
gelernt hat in einer friiheren Zeit seines jetzigen Lebens, und der dann
seine Seele dazu stimmt, heraufzuholen aus ihren Tiefen, was er da
gelernt hat, um es mit dem gegenwartigen Blick zu verfolgen, wenn
wir uns lebhaft diesen Prozefi der Besinnung vormalen, so haben wir
in ihm eine solche Verrichtung, die zu unserem gewohnlichen Erinne-
rungsvermogen gehort. Was das letzte Mai erwahnt worden ist, sind
Verrichtungen der Seele. Aber diese Verrichtungen der Seele sollten da-
zu fiihren, dafi etwas Ahnliches in unserem Inneren auftritt in bezug
auf friihere Erdenleben, wie das, was in bezug auf dieses Erdenleben
eintritt in der Seele, wenn wir heraufquellen fixhlen in der Erinnerung
irgend etwas, was wir f riiher erlebt haben. Daher diirfen Sie auch nicht
das, was das letzte Mai gesagt worden ist, so betrachten, als ob das
schon alles ware, was uns in friihere Erdenleben hineinfuhren konnte,
oder als ob es vor alien Dingen dasjenige ware, was nun von vorn-
herein eine richtige Vorstellung hervorrufen konnte von der Art, wie
wir in friiheren Erdenleben waren. Es ist nur eine Hilfe, so wie das
Sich-Besinnen auch eine Hilfe ist, um heraufzuholen, was in die Unter-
griinde des Seelenlebens hinuntergeschwunden ist. Fassen wir kurz zu-
sammen, was wir iiber solches Sich-Besinnen in bezug auf friihere
Erdenleben ins Auge gefafit haben. Das kann am besten in folgender
Weise geschehen.
Bei einiger Selbsterkenntnis fallt uns in unserem Leben manches auf,
wovon wir uns sagen, wir begreifen, dafi uns das getroffen hat. Wenn
uns irgendein mifiliches Ereignis trifft und wir auch nicht ganz ein-
sehen, wieso dieses Ereignis hat kommen miissen, uns aber doch sagen:
Du bist eigentlich doch ein recht leichtsinniger Mensch; es ist kein
Wunder, dafi dir das begegnet ist -, so ist wenigstens etwas wie ein
Anklang da an ein Verstandnis dafiir, dafi uns so etwas getroffen hat.
Aber es gibt zahlreiche andere Erlebnisse, die hereintreten in das Leben
und von denen wir uns durchaus nicht die Vorstellung bilden konnen,
dafi sie zusammenhangen mit unseren Seelenkraften und Fahigkeiten.
Wir sprechen dann wohl im gewohnlichen Leben so, dafi wir von Zu-
falligkeiten reden. Von Zufalligkeiten sprechen wir dann, wenn wir
nicht einsehen, wie die Dinge, die uns als Schicksalsschlage treffen, mit
unserer inneren Seelenstimmung oder sonstigem zusammenhangen.
Auch auf andere Erlebnisse ist aufmerksam gemacht worden. Es sind
das diejenigen Seelenerlebnisse, bei denen wir gewissermafien durch
das, was wir unser gewohnliches Ich nennen, uns herausreifien aus ir-
gendeiner Lebenslage, in die wir aber eigentlich hineingestellt sind. Als
Beispiel ist angefuhrt worden, wenn jemand von seinen Eltern oder ihm
nahestehenden Menschen zu irgendeinem Berufe oder irgendeiner Le-
benslage bestimmt worden ist, er aber sich so fuhlt, dafi er mit aller
Gewalt da heraus und zu etwas anderem will. Wenn wir im spateren
Leben auf so etwas zuriickblicken, so sagen wir uns: Wir waren hinein-
versetzt in eine Lebenslage, aber wir haben uns durch unseren Willens-
impuls, durch unsere Sympathie und Antipathie daraus herausgeris-
sen. - Also von solchen gleichsam Umwendungen dessen, in das wir
hineingestellt sind, ist gesprochen worden.
Es handelt sich nicht darum, dafi wir bei so einer Ruckerinnerung
alles mogliche ins Auge fassen, sondern nur dasjenige, was uns wirklich
im Leben einmal nahegetreten ist. Wenn jemand zum Beispiel niemals
in sich den Beruf gefuhlt hat, oder keine Veranlassung gehabt hat,
Seefahrer zu werden, so kommt naturlich ein solcher Wiliensimpuls
durchaus nicht in Betracht fur die Erwagungen, die wir das letzte Mai
angestellt haben, sondern nur solche, wo wir wirklich eine Art Schick-
salswendung herbeigefiihrt haben; also Lagen des Lebens, bei denen wir
gleichsam eine Umwendung des Lebens herbeigefiihrt haben. Und auch
das fassen Sie nicht so auf, als ob durch dieses Sich-Besinnen auf seine
friiheren Erlebnisse, nach den entwickelten Grundsatzen, etwa ein-
treten sollte ein reuiges Zuruckkehren; so dafl, wenn wir uns im spa-
teren Leben an dergleichen erinnern und zu der Erkenntnis kommen,
wir haben uns da herausgerissen, wir nun reuig zuruckkehren und uns
wieder hineinstellen sollten, in was wir dazumal hineingestellt waren
und nicht drinnen geblieben sind. Nicht um praktische Konsequenzen
handelt es sich, sondern um das Sich-Besinnen, wo solche Wendungen
eingetreten sind. Und dann handelt es sich darum, dafi wir in ener-
gischster Weise solchen Dingen gegeniiber, wovon wir sagen: Es trat
zufallig an uns heran -, und: Wir waren hineingestellt, haben uns aber
herausgerissen — , folgendes innere Erlebnis herbeifiihren.
Wir sagen uns: Ich stelle mir vor, dafi das, was ich damais nicht ge-
wollt habe, aus dem ich mich herausgerissen habe, ein solches gewesen
ware, in das ich mich mit dem starksten Willensimpuls hineingestellt
habe. Also das, was einem antipathisch war — und weil es einem anti-
pathisch war, deshalb hat man sich herausgerissen das stelle man
sich so vor die Seele, dafi man sich sagt: Ich will mich probeweise der
Vorstellung hingeben, dafi ich das mit aller Gewalt gewolit habe, und
ich will mir das Bild eines Menschen vor die Seele stellen, der so etwas
mit aller Gewalt gewolit hatte. - Und von denjenigen Dingen, von
denen wir gesagt haben, sie seien Zufalligkeiten, stellen wir uns auch
vor, probeweise, wir hatten sie herbeigefiihrt. Nehmen wir an, es sei
uns nur einmal die Erinnerung nahegetreten, da oder dort ware uns ein
Mauerstein auf die Schulter gefallen und hatte uns recht weh getan.
Da wollen wir uns der Vorstellung hingeben: wir waren auf das Dach
hinaufgestiegen, hatten dort den Mauerstein gelockert, so dafi er im
nachsten Augenblick herunterfallen mufi, und dann waren wir schnell
hinuntergerannt, so dafi der Stein dann auf uns herunterfallen mufite.
Es handelt sich hierbei nicht darum, dafi es groteske Vorstellungen sind,
sondern um das, was wir damit erreichen wollen.
Nun versetzen wir uns so recht in die Seele eines Menschen, von dem
wir so ein Bild konstruiert haben, als ob der alles das gewolit hatte, was
uns nur «zufallig» getroffen hat, und alles das gewiinscht hatte, aus dem
wir uns herausgerissen haben. Nur erfolgt in der Seele nichts, wenn man
eine solche Ubung zwei-, drei-, viermal macht, aber sehr viel erfolgt,
wenn man das in Ankniipfung an die zahlreichsten Erlebnisse macht,
die man f inden wird, wenn man sie sucht. Wenn man dies immer wieder
und wieder macht und es sich recht lebendig vorstellt, wenn man sich
geradezu einen Menschen imaginiert, der das alles gewolit hatte, was
wir nicht gewollt haben, dann wird man die Erfahrung machen, daft
dieses Menschenbild, das man sich da vor die Seele gerufen hat, uns
nicht mehr loslafit, dafi es einen ganz merkwtirdigen Eindruck auf uns
macht, als wenn es tatsachlich etwas ware, das mit uns etwas zu tun
hatte. Wenn man sich auf solche Art etwas Feinheit aneignet in bezug
auf eine derartige Selbstprufung, dann wird man bald dazu kommen,
die Ahnlichkeit herauszufinden, welche besteht zwischen einer sol-
chen Stimmung und einem solchen Bilde, das man da konstruiert hat,
und einer solchen Vorstellung, die man heraufgerufen hat aus dem
Gedachtnis, bei der man spurt, wie sie da kommt als eine Erinnerungs-
vorstellung. Der Unterschied ist nur der, dafi man bei dem gewohn-
lichen Gedachtnisvorgang, bei dem man eine solche Vorstellung aus der
Seele heraufschafft, es vorzugsweise zu tun hat mit Vorstellungen; da-
gegen ist das, was in unserer Seele lebendig wird, wenn wir jene Obun-
gen machen, von denen gesprochen worden ist, etwas Gefuhlsartiges,
etwas, was mehr mit unseren Seelenstimmungen zusammenhangt, we-
niger mit unseren Vorstellungen. Wir fuhlen uns in einer sonderbaren
Weise gegeniiber diesem Bilde. Auf das Bild kommt es weniger an; aber
die Gefiihle, die wir haben, machen einen den Erinnerungsvorstellun-
gen ahnlichen Eindruck. Und wenn wir dann so etwas wiederholen und
immer wieder und wieder wiederholen, dann ergibt sich erfahrungs-
gemafi, ganz wie durch eine innere Selbstverstandlichkeit die Erkennt-
nis, konnte man sagen, dafi das Bild, das man sich da konstruiert hat,
etwas wird, so wie eine Erinnerungsvorstellung auch immer klarer und
klarer wird, wahrend sie zuerst, wenn man sich willkurlich besinnt,
dunkel heraufgeholt wird aus den Seelentiefen. Also nicht darum han-
delt es sich, was man da vorstellt, sondern dafi sich das verwandelt, was
man da vorstellt, dafi es etwas anderes wird. Es geht so ein Prozefi vor,
wie wenn jemand sich auf einen Namen besinnen will, und er druckst
und druckst und hat einen Anklang, und er sagt dann : Nufi — bau-
mer — , aber er hat dann ein Gefuhl, dafi das doch nicht stimmt, und
dann gesellt sich durch Griinde, die er selbst nicht iibersehen kann, der
richtige Name, vielleicht: Nufidorfer - hinzu. So wie sich hier die
Namen «Nufibaumer» und «Nufid6rfer» gegenseitig konstruieren, so
wird sich auch das Bild zurechtriicken, wird sich andern, und demge-
geniiber tritt das Gefiihl auf : Du hast da etwas erlangt, was in dir
steckt, und was durch die Art, wie es in dir steckt und sich verhalt zu
deinem ganzen iibrigen Gemiitsleben, dir deutlich zeigt: so konnen
diese Dinge nicht in dir gewesen sein in der jetzigen Inkarnation! -
Dadurch ergibt sich dann mit einer grofien inneren Deutlichkeit, dafi
so etwas, wie es da in uns steckt, zuriickliegt. Wir miissen jetzt nur be-
greifen, dafi wir es hier mit einer Art von Erinnerungsvermogen zu tun
haben, das ausgebildet werden kann in der menschlichen Seele; ein Er-
innerungsvermogen, das man dem gewohnlichen Erinnerungsvermogen
gegeniiber mit einem anderen Namen bezeichnen mui Das gewohn-
liche Erinnerungsvermogen konnte man bezeichnen mit dem Worte
«Vorstellungserinnerung»; aber dieses Erinnerungsvermogen, das jetzt
in Frage kommt, miifite man eigentlich als eine Art von «Gefuhls- und
Empfindungserinnerung* bezeichnen. Dafi dies eine gewisse Berechti-
gung hat, kann Ihnen aus folgenden Erwagungen hervorgehen.
Bedenken Sie, dafi tatsachlich unser gewohnliches Gedachtnis, unser
gewohnliches Erinnerungsvermogen eine Art Vorstellungserinnerung
gibt. Besinnen Sie sich nur einmal darauf, wie irgendein besonders
schmerzliches Ereignis, das Sie vielleicht vor zwanzig Jahren ganz nie-
dergedriickt hat, herauftaucht in der Erinnerung. Vielleicht malt sich
Ihnen dieses Ereignis mit alien Einzelheiten bildlich ab, aber den
Schmerz, den Sie damals durchgemacht haben, fiihlen Sie in der Erin-
nerung nicht mehr in der entsprechenden Weise; der ist in einer gewis-
sen Weise aus der Erinnerungsvorstellung getilgt. Selbstverstandlich
gibt es da verschiedene Grade, und es kann ja vorkommen, dafi einen
Menschen etwas so getroffen hat, dafi immer wieder und wieder neuer
und heftiger Schmerz auftritt, wenn er sich an das Erlebte erinnert.
Aber der allgemeine Satz, der jetzt ausgesprochen ist, gilt dennoch, so
dafi wir daraus erkennen, dafi fur die gegenwartige Inkarnation unser
Erinnerungsvermogen ein Vorstellungserinnern ist, wahrend die erleb-
ten Gefiihle oder selbst Willensimpulse nicht mit derselben Intensitat
wieder auftauchen in der Seele, jedenfalls nicht so, dafi sie sich mit
der urspriinglichen vergleichen liefie. Sie brauchen sich nur ein charak-
teristisches Beispiel zu vergegenwartigen und Sie werden sehen, wie
grofi der Unterschied ist zwischen der Vorstellung, die in der Erinne-
rung auftaucht, und dem, was iibriggeblieben ist im gewohnlichen
Leben in der gegenwartigen Inkarnation von den durchgemachten Ge-
fiihlen und Willensimpulsen. Sie brauchen nur an so etwas zu denken
wie an einen Menschen, der seine Memoiren schreibt. Nehmen wir zum
Beispiel an, Bismarck ware beim Schreiben seiner Memoiren bis an den
Punkt gekommen, wo er den Deutsch-Osterreichischen Krieg vom
Jahre 1866 vorbereitet hat, und stellen Sie sich vor, was in Bismarcks
Seele vorgegangen sein mag an jenem unendlich kritischen Punkt, wo er
gegen eine Welt von Vorurteilen und gegen eine Welt von Willensim-
pulsen die Ereignisse gelenkt und geleitet hat. Und nun stellen Sie sich
nicht mehr vor, wie das alles damals in Bismarcks Seele gelebt hat,
sondern daft alles, was er dazumal unmitteibar unter dem Eindruck der
Ereignisse erlebt hat, hinuntergesunken ist in die Tiefen der Seele, und
denken Sie an die Verblafkheit, die eingetreten sein mufi gegeniiber den
Gefuhlen und Willensimpulsen, die vorhanden waren, als er die Sache
ausfiihrte, im Vergleich zu der Zeit, als er seine Memoiren niederge-
schrieben hat. Kein Mensch wird sich daruber unklar sein, welcher Un-
terschied besteht zwischen dem Vorstellungsmafiigen der Sache und
demjenigen, was den Gefuhlen und Willensimpulsen angehort.
Wer nun schon ein wenig an Anthroposophisches herangekommen
ist, der wird auch begreifen, wenn gesagt wird, was hier von anderen
Gesichtspunkten aus schon ofter gesagt worden ist: dafi unser Vorstel-
len, also unser gedachtnismafiiges Vorstellen, dasjenige in unserem
Seelenleben ist, was, wenn es angeregt ist von auSen durch die aufiere
Welt, in der wir hier im physischen Leibe leben, eigentlich auch nur
seine Bedeutung hat fur diese einzelne Inkarnation. Wir haben immer
aus den anthroposophischen Grundsatzen heraus die grofie Wahrheit
angefuhrt, dafi wir von alien Vorstellungen, von alien Begriffen, die
wir uns aneignen, indem wir dieses oder jenes sinnlich wahrnehmen,
dieses oder jenes im Leben zu fiirchten oder zu hoffen haben - das
heifit also jetzt nicht mit Bezug auf die Gemutsimpulse, sondern auf die
Vorstellungen — , dafi dies alles, was wir im Vorstellungsleben haben,
sehr bald verschwunden ist, wenn wir durch die Pforte des Todes ge-
gangen sind. Denn die Vorstellungen gehoren zu dem, was verfliefit im
physischen Leben, gehoren zu dem, was am wenigsten bleibt. Aber es
kann jemand leicht begreifen, der uberhaupt schon von irgendeiner
Seite her eingegangen ist auf die Gesetze von Reinkarnation und Kar-
ma - ich habe es auch hier schon erwahnt — , dafi unsere Vorstellun-
gen, insoweit wir sie uns aneignen im Leben, das im Verhaltnis zur
Aufienwelt oder zu den Dingen des physischen Planes verfliefit, in der
Sprache zum Ausdruck kommen, und dafi wir uns daher das Sprechen
verbunden denken konnen in einer gewissen Weise mit dem Vorstel-
lungsleben. Nun weifi jeder, dafi er das Sprechen irgendeiner Sprache
lernen mufi in der einzelnen Inkarnation. Denn wahrend es ganz klar
ist, dafi eine ganze Anzahl von Gymnasiasten der Gegenwart inkar-
niert war im alten Griechenland, wird keinem das Griechischlernen
dadurch leichter gemacht, dafi er sich erinnern kann, wie er das Grie-
chisch in seiner friiheren Inkarnation gesprochen hat. Die Sprache ist
durchaus ein Ausdruck des Vorstellungslebens, und das Schicksal der
Sprache ist ein ahnliches wie das Schicksal des Vorstellungslebens; so
dafi die Vorstellungen, wie sie in uns leben mit Bezug auf die physische
Welt und selbst die Vorstellungen, die wir gewinnen mussen iiber die
hoheren Welten, in einer gewissen Weise immer gefarbt sind von den
Eindriicken der physischen Welt. Nur wenn wir hindurchsehen konnen
durch diese Einkleidung, sehen wir, was die Vorstellungen mitteilen
konnen iiber die hoheren Welten. Aber, was wir hier in der physischen
Welt an unmittelbaren Vorstellungen gewinnen konnen, das ist auch
an das Leben zwischen Geburt und Tod in einer gewissen Weise ge-
bunden. Nach dem Tode bilden wir uns namlich nicht Vorstellungen
in der Art, wie wir sie uns hier bilden, sondern da sehen wir die Vor-
stellungen; da sind sie unsere Wahrnehmungen, da sind sie so vorhan-
den, wie in der physischen Welt Farben oder Tone vorhanden sind.
Wahrend in der physischen Welt das, was sich der Mensch durch die
Vorstellungen vergegenwartigt, eigentlich nur mit dem physischen Ma-
terial ausgedriickt mitgenommen wird, was leicht iibersehen werden
kann, haben wir im entkorperten Zustande Vorstellungen so vor uns,
wie wir Farben oder Tone hier vor uns haben"'. Rot oder Blau kann der
Mensch allerdings nicht sehen, wie er sie hier mit den physischen Augen
* Siehe Hinweis auf S. 106.
sieht; aber, was er hier nicht sieht, woriiber er sich hier Vorstellungen
bildet, das ist dann fur ihn so da, wie Rot oder Grim oder irgendein
Ton hier. Wahrend in der physischen Welt das, was wir rein vorstel-
lungsmafiig - oder besser gesagt begriffsmafiig im Sinne der Philo-
sophic der Freiheit* ~ kennenlernen, nur durch den Schleier des Vor-
stellungslebens gesehen werden kann, liegt es fur die entkorperte Seele
so da, wie die physische Welt f iir das gewohnliche Bewufitsein.
In der physischen Welt gibt es Menschen, welche das, was der sinn-
liche Eindruck gibt, eigentlich fur alles halten. Und was man sich nur
durch einen Begriff klarmachen kann, wie zum Beispiel die Art und
Weise, wie alles, was die Sinne geben konnen, umfafit wird, sagen wir
vom Begriff «Lamm», oder wie es umfafit wird vom Begriff «Wolf»,
dasjenige also, was aufdroselt das Materielle, das kann von denen, die
nur die sinnlichen Eindriicke gelten lassen wollen, sogar geleugnet wer-
den. Wir konnen sagen: Der Mensch kann sich in seinen Vorstellungen
ein Bild machen iiber alles, was er am Lamm sieht, und kann sich eben-
falls ein Bild machen iiber alles, was er am Wolf sieht. Nun versucht
eine gewohnliche Anschauung dem Menschen zu suggerieren, dafi das,
was da begriffsmafiig gebildet werden kann, nur als «blofier Begriff »
anzuschlagen ist. Aber wenn wir zum Beispiel einen Wolf einsperren
wurden und ihn langere Zeit hindurch mit lauter Lammern fiitterten,
so dafi, wenn er friiher etwas anderes gefressen hat, dies als Materie
jetzt draufien ist, und er angefiillt ist mit lauter Lamm-Materie, so wird
doch kein Mensch sich dem Glauben hingeben konnen, dafi der Wolf
dadurch ein Lamm geworden sei. Daher werden wir sagen miissen:
Da ist es handgreifHch, dafi das, was aufdroselt den Sinneseindruck,
der Begriff, ein Wirkliches ist. Doch es wird nicht geleugnet: das, was
den Begriff bildet, das stirbt. Aber, was im Wolf lebt, was im Lamm
lebt, was da drinnen ist, was nicht gesehen werden kann mit physischen
Augen, das wird gesehen, wahrgenommen im Leben zwischen Tod und
neuer Geburt.
Wenn also gesagt wird, dafi die Vorstellungen gebunden sind an den
physischen Leib, so darf niemand daraus den Satz ableiten, dafi der
Mensch ohne Vorstellungen oder, besser gesagt, ohne den Inhalt der
Vorstellungen ware im Leben zwischen dem Tode und einer neuen Ge-
burt. Nur das, was die Vorstellungen ausarbeitet, das verschwindet.
Was wir als unser Vorstellungsleben haben, das hat also, wie wir es hier
in der physischen "Welt erleben, auch nur eine Bedeutung fiir das Leben
in dieser Inkamation. Und ich habe auch schon angefiihrt, dafi in An-
kniipfung an das Bewufitsein, dafi dieses fiir die sinnliche Welt in einer
Inkarnation geltende Vorstellungsleben nur fiir diese gilt, Friedrich
H ebb el einmai einen netten Plan zu einem Drama in seinem Tagebuch
entworfen hat. Er hatte die Idee, dafi der wiederverkorperte Plato in
einer Gymnasialklasse ware und auf den Lehrer bestimmt den schlech-
testen Eindruck machen wiirde und am meisten schlechte Zensuren be-
kommen konnte, weil er den Plato gar nicht versteht! Das ist auch ein
Hinweis darauf, wie das Gedankengebaude des Plato, das gedanken-
mafiig in ihm gelebt hat, eben nicht in dieser Form hinuberlebt in die
nachste Inkarnation.
Um iiber diese Dinge verminftige Gedanken zu bekommen, mufi man
das Seelenleben des Menschen von einem gewissen Gesichtspunkt aus
betrachten. Da mufi man sich fragen: Was tragen wir fiir einen Inhalt
in unser em Seelenleben mit uns herum?
Das erste sind unsere Vorstellungen. Dafi diese Vorstellungen, zu-
sammengedrangt mit Gefiihlen, zu Willensimpulsen fiihren konnen, das
hindert nicht, dafi wir von einem besonderen Vorstellungsleben in
unserer Seele sprechen konnen. Denn wenn es auch Menschen gibt, die
sich kaum halten konnen, mochte man sagen, bei einer reinen, blofien
Vorstellung, die, wenn sie sich etwas vorstellen, machtig in Sympathie
oder Antipathie aufflammen, also gleich zu anderen Seelenimpulsen
ubergehen, so hindert das doch nicht, dafi das Vorstellungsleben abge-
trennt werden kann von anderen Seeleninhalten.
Das zweite, was wir in unserem Seelenleben herumtragen, sind die
Gefiihlserlebnisse. Diese treten ja in einer recht vielgestaltigen Weise in
uns auf. Da ist der allbekannte Gegensatz im Gefiihlsleben, den man
bezeichnen kann mit Sympathie und Antipathie, die wir den Dingen
entgegenbringen, oder wenn man es deutlicher bezeichnen will: Liebe
und Hafi. Dann sind da die Gefuhle, die man bezeichnen kann als die,
welche eine gewisse Erregung bewirken, und wieder die, welche eine
gewisse Spannung und Entspannung bewirken. Die lassen sich nicht
zusammenwerfen mit den Gefiihlen der Sympathie und der Antipathic
Denn ein Seelenimpuls, den man eine Spanming, eine Erregung und
eine Entspannung nennen kann, ist etwas anderes als das, was sich blofi
in Sympathie oder Antipathie auslebt. Aber man miifite viel reden,
wenn man die verschiedenen Gattungen der Gefiihlsinhalte charakteri-
sieren wollte. Es gehoren auch dazu die, welche man bezeichnen kann
als die Gefiihle fiir das Schone und fiir das Hafiliche, die als ein ganz
besonderer Seeleninhalt sich ausnehmen, die sich nicht vergleichen las-
sen mit den blofien Sympathie- und Antipathiegefuhlen, wenigstens
sich nicht mit ihnen zusammenwerfen lassen. Dann auch konnten wir
die Gefiihle, die wir haben fiir Gut und Bose, als eine besondere Gat-
tung bezeichnen. Es ist heute nicht die Zeit, urn auszufiihren, wie das
innere Erlebnis, das wir an einer guten oder einer bosen Handlung
haben, etwas ganz anderes ist als das Gef uhl der Sympathie oder Anti-
pathie fiir eine gute oder bose Handlung, dafi wir die gute Handlung
lieben, die bose hassen. So treten uns die Gefiihle in der mannigfal-
tigsten Gestalt entgegen, und wir konnen sie unterscheiden von den
Vorstellungen.
Eine dritte Art von Seelenerlebnissen sind die Willensimpulse, das
Willensleben. Das darf wieder nicht zusammengeworfen werden mit
dem, was wir Gefuhlserlebnisse nennen konnen, was innerhalb unseres
Seelenlebens beschlossen bleiben mufi oder kann durch die Art, wie wir
es erleben. Zu einem Willensimpuls gehort, dafi sich in der Seele aus-
driickt: Du sollst dies tun, du sollst jenes nicht tun. - Denn man sollte
unterscheiden lernen zwischen dem blofien Gefiihl, das man hat von
dem, was einem an sich selber oder an einem anderen als gut oder bose
erscheint, und dem, was mehr als dieses Gefiihl in der Seele auf-
tritt, wenn wir gedrangt werden, das Gute zu tun, das Bose zu las-
sen. Die Beurteilung kann beim Gefiihl stehenbleiben; aber etwas an-
deres sind die Willensimpulse. Und obwohl Ubergange sind zwischen
dem Gefiihlsleben und den Willensimpulsen, sollte man schon aus
Griinden der gewohnlichen Lebensbeobachtung diese nicht ohne wei-
teres zusammenwerfen. Im menschlichenLeben sind uberall Ubergange.
Wie es Menschen gibt, die zu gar keiner reinen Vorstellung kommen,
sondern immer gleich zum Ausdruck bringen, was sie lieben oder has-
sen, die immer hin- und hergeworfen werden, weil sie ihre Gefuhle
nicht absondern konnen von ihren Vorstellungen, so gibt es auch an-
dere, die, wenn sie etwas sehen, gar nicht davon ablassen konnen, zu
etwas iiberzugehen, was einem Willensimpuls entspricht, zu einer
Handlung, auch wenn diese Handlung gar nicht berechtigt ist. Das
fiihrt wieder zu nichts Gutem; das tritt dann als Stehlsucht, als Klepto-
manie und so weiter auf. Da ist kein geordnetes Verhaltnis zwischen
den Gefuhlen und den Willensimpulsen. Aber in Wahrheit sind diese
Dinge in der strengsten Weise zu unterscheiden. So leben wir in un-
serem Seelenleben innerhalb der Vorstellungen, innerhalb der Ge-
fuhlserlebnisse und innerhalb der Willensimpulse. Wir haben solche
Betrachtungen schon ofter angestellt; man kann ohne sie, wenn man
den gesamten Menschen ins Auge fassen will, nicht auskommen.
Nun haben wir versucht, einiges anzufuhren von dem, was uns
nahelegen kann, dafi das Vorstellungsleben etwas ist, was gebunden ist
an die einmalige Inkarnation zwischen Geburt und Tod. Wir sehen ja
auch, wie wir in das Leben hereintreten und uns das Vorstellungsleben
aneignen. So ist es nicht mit dem Gefuhlsleben, auch nicht mit dem Wil-
lensleben. Wer behaupten wollte, es ware so, von dem konnte man den-
ken, er wiirde nie verniinf tig die Entwickelung eines Kindes betrachtet
haben. Man betrachte nur ein Kind, wenn es noch ganz dumm ist in be-
zug auf das Vorstellungsleben, wie es sich gar nicht in Verbindung set-
zen kann mit der Umwelt mit seinen Vorstellungen, wie es dagegen aus-
gesprochene Sympathien und Antipathien hat, wie es dann wieder an-
und abregende Willensimpulse hat. Und die Bestimmtheit, mit der die
Willensimpulse auf treten, verfiihrte sogar einen Philosophen, Schopen-
hauer, zu dem Glauben, daft der Charakter eines Menschen iiberhaupt
so auf tritt, dafi er gar nicht geandert werden kann im Leben. Es ist das
nicht richtig; er kann geandert werden. Aber es ist so, wenn wir herein-
treten in das physische Leben, dafi wir sagen miissen: Es verhalt sich
mit den Gefuhlen und Willensimpulsen keineswegs so wie mit den Vor-
stellungen, sondern wir treten mit einem ganz bestimrnten Charakter
unserer Gefiihlserlebnisse und Willensimpulse in die Inkarnation her-
ein. Bei einer richtigen Betrachtung konnten wir schon ahnen, dafi wir
in den Gefuhlen und in den Willensimpulsen etwas haben, was wir uns
aus fruheren Inkarnationen mitbringen. Aber fassen Sie das zusammen
in ein gefuhlsmafiiges Gedachtnis im Gegensatz zu dem Vorstellungs-
gedachtnis in dem einen Leben. Man kann im Fraktischen nicht aus-
kommen, wenn man nur eine Vorstellungserinnerung gelten lafit. Alles,
was wir im Vorstellungsleben entwickeln, kann uns nicht zu irgend
etwas fuhren, was einen solchen Eindruck hervorrufen konnte, der,
wenn wir ihn rich tig verstehen, uns sagt: Da hast du etwas in dir, was
durch die Geburt mit dir in diese Inkarnation hereingetreten ist. Da
miissen wir liber das Vorstellungsleben hinausgehen, da mufi das Be-
sinnen etwas anderes werden. Und da haben wir angefuhrt, was jetzt
das Besinnen wird. Wie besinnen wir uns? Wir besinnen uns so, dafi wir
uns nicht blofi vorstellen: Das war zufallig in unserem Leben, das ha-
ben wir getroffen, da waren wir in einer Lebenslage, die haben wir ver-
lassen und so weiter. - Wir durfen nicht bei den Vorstellungen blei-
ben, sondern wir miissen sie lebendig, regsam machen, wie wenn das
Bild einer Personlichkeit vor uns stunde, die das gewollt hat, die in
unseren Begehrungen, Willensimpulsen, Gefuhlserlebnissen und so wei-
ter dies gewollt hat. In das Wollen miissen wir uns hineinleben. Also, es
ist ein ganz anderes Sich-Hineinleben als jenes, was als Sich-Hinein-
leben in das Vorstellungsleben beim Gedachtnis in Frage kommt; es ist
ein Sich-Hineinleben in andere Seelenkrafte, wenn der Ausdruck ge-
braucht werden darf .
Diese Praxis, sozusagen wollend, wiinschend, begehrend einen See-
leninhalt zu entwickeln - die in alien okkulten Schulen, in aller okkul-
ten Praxis immer bekannt war und angewendet worden ist -, lafit sich
gut mit dem, was wir zu sagen wissen aus der anthroposophischen oder
sonstigen Erkenntnis uber Vorsteliungs-, Gefuhls- und Willensleben,
rechtfertigen, lafit sich damit begreifen und erklaren. Also sagen wir
uns klar, dafi wir an den besonderen Inhalten des Gefuhlslebens, des
Willenslebens etwas entwickeln miissen, das gewissermafien den Erin-
nerungsvorstellungen ahnlich ist, aber eben nicht bei den blofien Vor-
stellungen bleibt, dafi wir aber dadurch in die Lage kommen, eine an-
dere Art, namlich eine solche Art von Erinnerungsvermogen zu ent-
wickeln, die uns allmahlich hinausfuhrt iiber das Leben, das zwischen
Geburt und Tod in der einen Inkarnation eingeschlossen ist.
Es mufi durchaus betont werden, daft der Weg, der hier gekennzeich-
net worden ist, ein absolut guter und sicherer ist - aber ein entsagungs-
voller. Leichter ist es, aus irgendwelchen aufieren Grtfnden sich einzu-
bilden, daft man in der vorhergehenden Inkarnation Marie Antoinette,
Maria Magdalena und dergleichen gewesen sei. Aber schwieriger ist es,
auf die geschilderte Art und Weise, aus dem in der Seele Vorhandenen,
aus wirklich Vorhandenem, zu einem Bilde dessen zu kommen, was
man war. Es ist zunachst deshalb recht entsagungsvoll, weil man mei-
stens recht enttauscht werden kann. Wenn aber jemand nun sagen wiir-
de, das kann alles etwas sein, was wir uns vormachen, so mufi man
erwidern: Aber es kann sich auch jemand in bezug auf seine Erinne-
rungen etwas vormachen, was nicht stimmt. - Diese Dinge sind alle
kein Einwand. Eine Art von Kriterium, um die Einbildung von der
Phantastik zu unterscheiden, gibt es blofi im Leben.
In einer siiddeutschen Stadt sagte einmal jemand zu mir, es konnte
alles, was in meiner «Geheimwissenschaft im Umrifi» vorgebracht ist,
auf einer blofien Suggestion beruhen, wie es ja sehr lebendige Suggestio-
nen gibt, die sogar soweit gehen konnen, daft jemand, wenn er gar keine
Limonade trinkt und sich nur die Limonade recht lebhaft vorstellt,
schon den Geschmack der Limonade im Munde hat. Wenn also so etwas
moglich ist, warum sollte es dann nicht auch moglich sein, so dachte
der Betreffende, dafi das in der «Geheimwissenschaft» Vorgebrachte
auch auf Suggestionen beruhen sollte? Theoretisch lafit sich ein solcher
Einwand machen. Aber das Leben bringt die Uberlegung: Wenn je-
mand meint, mit dem Beispiel der Limonade zeigen zu konnen, wie
stark die Suggestion wirken kann, so mufi man dazu sagen, der hat
nicht verstanden, das Beispiel zu Ende zu denken, denn er sollte einmal
probieren, nicht blofi die Limonade sich vorzustellen, sondern sich mit
einer blofi vorgestellten Limonade den Durst zu loschen - da wird er
sehen, dafi es nicht geht. Es handelt sich immer darum, dafi wir an das
Ende gehen mit den Erlebnissen. Das lafit sich aber nicht theoretisch
bestimmen, sondern nur im unmittelbaren Leben selber erfahren. Und
mit derselben Notwendigkeit, mit der wir wissen, dafi wir etwas, was
herauftaucht aus den Erinnerungsvorstellungen des Lebens, erlebt ha-
ben, mit derselben Sicherheit tritt auch das auf, dafi herauftauchen aus
den Untergriinden der Seele die Willensimpulse, die wir hervorrufen
iiber das Zufallige, iiber das Nichtgewollte, und die mit derselben Not-
wendigkeit auftauchen als ein Bild unseres friiheren Erdenlebens wie
die Erinnerungsvorstellungen. Dem, der nun sagt, das kann Einbildung
sein, dem konnen wir dafiir keine Beweise bringen, wie man theore-
tisch auch keinen Beweis bringen kann fur das, was sich zahlreiche
Menschen einbilden, erlebt zu haben und ganz bestimmt nicht erlebt
haben, und fiir das, was sie wirklich erlebt haben. Ebensowenig wie
man da einen theoretischen Beweis vorbringen kann, ebensowenig gibt
es einen theoretischen Beweis fiir das andere. Also, man ist dabei in kei-
ner anderen Lage, als man ist in dem Leben innerhalb der einen Inkar-
nation; man ist genau in derselben Lage.
So haben wir mit diesem gezeigt, wie friiheres Erdenleben herein-
leuchtet in das gegenwartige Erdenleben, wie wir wirklich eine Mog-
lichkeit haben, durch sorgfaltige Seelenentwickelung uns selber die
Uberzeugung zu verschaffen, nicht nur die theoretische Uberzeugung
von der Tatsache der Reinkarnation, sondern die praktische Uberzeu-
gung von dem in uns befindlichen, sich reinkarnierenden Seelenwesen,
von dem wir wirklich wissen, es ist etwas, was einmal da war.
Aber es gibt dennoch Erlebnisse ganz anderer Art, die hereintreten
in unser Leben und von denen wir nicht sagen konnen, sie treten so in
unser Leben herein, dafi wir sie wie eine Erinnerung an ein friiheres
Erdenleben auffassen konnen. Es gibt tatsachlich solche Erlebnisse, de-
nen gegeniiber wir sagen miissen: Wie sie dir da gegeniibertreten, so
erklaren sie sich dir aus deinem friiheren Leben nicht! Heute sei nur auf
eine Art solcher Erlebnisse hingewiesen. Und auf diese Art von Erleb-
nissen will ich zunachst hinweisen, indem ich ein typisches Beispiel an-
fuhre. Dies, was ich als Beispiel anfiihre, das kann sich auf hunderter-
lei Weise, auf tausenderlei Weise vollziehen; aber es ist eben das, was
sich da vollzieht, ahnlich dem, was ich als ein typisches Beispiel er-
zahlen will.
Wir nehmen einen Menschen an, der irgendwo in einem Walde geht,
und der, weil er in Gedanken gegangen ist, vergifit, dafi er auf einem
Waldeswege geht, der unmittelbar - man braucht nur einige Schritte
zu machen - an einen tiefen Abgrund angrenzt. Ich will die Sache, die
sich durchaus abspielen kann, in dieser Form hier vorbringen; das Bei-
spiel ist von mir, weil in entsprechender Weise mir ein ganz ahnlich
gearteter Fall bekannt ist, auch anderswo erzahlt worden. Dieser
Mensch sieht nun nicht, dafi dort ein Abgrund ist, weil ihn etwas be-
sonders interessiert. Weil ihn eben sein Problem so stark interessiert,
geht er auf den Abgrund los, aber mit einem solchen Schwunge, dafi
es ihm, wenn er nur zwei, drei Schritte mehr gemacht hatte, unmoglich
gewesen ware, sich zu halten. Er hatte dann im Vorwartsschreiten hin-
unterstiirzen mussen, und es ware mit seinem Leben zu Ende gewesen.
In dem Augenblick aber, wo er drauflostapsen will, hort er eine Stim-
me: Bleibe stehen! - Die Stimme macht einen solchen Eindruck auf
ihn, dafi er wie angenagelt stehen bleibt. Der Betreffende denkt, es
mufi jemand da sein, der sich seiner angenommen hat. Er hat sich
besonnen, dafi sein Leben zu Ende gewesen ware, wenn er nicht auf
diese Weise festgehalten worden ware. Er sieht sich um, und sieht
niemanden.
Der materialistische Denker wird nun sagen: Durch irgendwelche
Umstande hat sich aus den Tiefen der Seele eine Gehorshalluzination
ergeben, und es ist ein glucklicher Zufall gewesen, dafi der Betreffende
auf diese Weise gerettet worden ist. — Aber es ist auch moglich, auf
andere Weise iiber die Sache zu denken; mindestens mufite man dies zu-
geben. Ich will es heute nur anfuhren; denn diese andere Weise lafit
sich nur erzahlen, nicht beweisen. Man kann sich sagen: Durch Vor-
gange der geistigen Welt ist dir in dem Augenblick, als du an einer
karmischen Krisis angekommen warst, dein Leben eigentlich geschenkt
worden. Wenn alles so weitergegangen ware, ohne dafi jenes Ereignis
geschehen ware, dann ware dein Leben zu Ende gewesen. So aber ist es
jetzt als eine Art neues Leben an das vorhergehende angestiickelt wor-
den. Dieses neue Leben ist eine Art Geschenk, und du verdankst jetzt
dieses dein Leben den Machten, die hinter dieser Stimme stehen! - Ein
solches Erlebnis konnten viele, viele Menschen der Gegenwart haben,
wenn sie nur wirkliche Selbsterkenntnis iiben wiirden. Denn es treten
in das Leben geradezu vieler, vieler Menschen der Gegenwart solche
Erlebnisse herein. Und es liegt nicht daran, dafi die Menschen nicht ein
solches Erlebnis gehabt haben, sondern daran, dafi die Menschen nicht
die notige Aufmerksamkeit dafiir gehabt haben, daft sie dariiber hin-
weggegangen sind; denn es tritt nicht immer mit dieser jetzt geschilder-
ten Deutlichkeit auf, sondern so, daft bei der gewohnlichen Unauf-
merksamkeit die Menschen dariiber hinwegsehen.
Ich habe zuweilen geschildert, wie stark die Menschen hinwegsehen
liber etwas, was in der unmittelbaren Gegenwart der Menschen auf tritt.
Ein charakteristisches Beispiel dafiir, wie die Menschen fur das, was
rings um sie her vorgeht, unaufmerksam sind, ist folgender Fall. Ich
kannte einen Schulinspektor eines Landes, wo das Gesetz eingefiihrt
wurde, daft altere Lehrer, die gewisse Examina nicht abgelegt hatten,
iiberpriift werden miiftten. Nun war dieser Schulinspektor ein aufier-
ordentlich humaner Mensch und sagte sich: Die jiingeren Dachse, die
eben vom Seminar gekommen sind, kann man ja iiber alles fragen; aber
die alter en Herren zu fragen, die bereits zwanzig, dreiftig Jahre im
Amte sind, das ist eine Grausamkeit, die kann man nicht so fragen. Ich
frage diese daher am besten iiber das, was in ihren Biichern steht,
aus denen sie Jahr fiir Jahr die Kinder unterrichten. - Und siehe da:
die meisten wuftten nichts von dem, was sie selbst ihren Schiilern
vortrugen! Und zwar war das ein Examinator, von dem man sagen
konnte: er wuftte schon aus den Menschen das herauszuziehen, was sie
wuftten!
Es sollte das nur ein Beispiel dafiir sein, wie die Menschen unauf-
merksam sind fiir das, was in ihrer Umgebung vorgeht, ja sogar fiir das,
wo es sich um ihre eigene Person handelt. Man braucht also nicht er-
staunt zu sein, wenn ein ahnliches Beispiel, wie das jetzt charakteri-
sierte, im Leben vieler, vieler Menschen zu finden ist. Nur bei einer
sinnigen, wirklichen Selbstbetrachtung findet man ein solches Ereignis,
wie es eben beschrieben worden ist. Und wenn man einem solchen Er-
eignis gegenuber die rechte Lebensfrommigkeit hat, dann kommt man
vielleicht auch zu einem ganz besonderen Gefiihl; zu dem Gefiihl, daft
einem das Leben seit jenem Tage geschenkt ist, und daft man, soweit es
seit jenem Tage verlauft, es auch in einer besonderen Weise anzuwen-
den hat. Das ist ein gutes Gefiihl und wirkt ahnlich wie ein Erinne-
rungsvorgang, wenn jemand sich sagt: Du warst an einer karmischen
Krisis, da war dein Leben abgeschlossen! - Wenn er sich hineinver-
tieft in dieses fromme Gefiihl, dann kommt etwas, was zunachst so
auftritt, dafi er sich sagt: Das ist nicht eine Erinnerungsvorstellung
wie die, welche ich im Leben ofter erfahren habe, das ist etwas ganz
Besonderes!
Nun werde ich Ihnen im nachsten Vortrag Genaueres sagen konnen
iiber das, was heute nur angedeutet werden kann. Denn so, wie es jetzt
angedeutet worden ist, so pruft ein grofier Eingeweihter der neueren
Zeit die, welche er fur geeignet halt zu seinen Bekennern. Denn die
Dinge, die uns hineinstellen sollen in die geistige Welt, gehen auch aus
den geistigen Tatsachen, die um uns herum geschehen, oder aus einer
richtigen Erkenntnis dieser Tatsachen hervor. Und eine solche Stimme,
wie sie bei vielen Menschen auftritt, ist nicht als eine Halluzination zu
betrachten; denn durch eine solche Stimme spricht derjenige Fiihrer,
den wir als Christian Rosenkreutz bezeichnen, zu denen, die er sich aus
der ubrigen Schar auswahlt als die, welche seine Bekenner werden kon-
nen. So ergeht der Ruf von der Individuality, von der wir noch wer-
den sprechen konnen als derjenigen, welche in einer besonderen Inkar-
nation im 13. Jahrhundert gelebt hat, so dafi ein Mensch, der so etwas
erlebt, daran ein Merkzeichen, ein Erkennungszeichen hat, durch das
er sich hineinstellen kann in die geistige Welt. Vielleicht werden nicht
viele dazu kommen konnen, einen solchen Ruf zu beachten. Aber die
Anthroposophie wird schon dahin wirken, dafi die Menschen, wenn
nicht jetzt in dieser Inkarnation, so doch spater einen solchen Ruf be-
achten werden. Fur die meisten Menschen, die so etwas erleben, ist es
nun heute so, dafi dasjenige, was man bezeichnen kann als: Es ist ihnen
gegeniibergetreten jener Eingeweihte, der sie bestimmt hat zu denen,
die zu ihm gehoren konnen -, sich nicht in einer Inkarnation voll-
zogen hat, sondern in dem Leben zwischen dem Tode und der jetzigen
Geburt, so dafi dies also ein Hinweis darauf ist, dafi etwas geschieht in
dem Leben zwischen dem Tode und der nachsten Geburt, und dafi wir
darin Wichtiges, ja wichtigere Vorgange haben als im Leben zwischen
Geburt und Tod. Es kann ja sein und ist in einzelnen Fallen so, dafi
gewisse zu Christian Rosenkreutz gehorige Menschen auch schon in
einer vorhergehenden Inkarnation dazu bestimmt worden sind. Aber
fur die meisten ist die Bestimmung, die sich in einem solchen Ereignis
abbildet, getroffen worden in dem letzten Leben zwischen Tod und
neuer Geburt.
Nun sage ich das nicht, um etwas Sensationelles zu erzahlen, nicht
einmal um dieses Ereignis zu erzahlen, sondern aus einem besonderen
Grunde. Und ich mochte dazu noch auf etwas aufmerksam machen, aus
einer Erfahrung heraus, die ich innerhalb unseres anthroposophischen
Lebens recht haufig gemacht habe: daft Dinge, die man einmal sagt,
leicht vergessen oder anders erhalten werden, als man sie sagt. Es soli
das vorkommen innerhalb unseres anthroposophischen Lebens. Aus
diesem Grunde betone ich manchmal wichtige, wesentliche Dinge ein
paarmal, nicht um mich zu wiederholen. Auch heute geschieht das,
wenn ich sage, es sind viele Menschen in der Gegenwart, die ein solches
Erlebnis, wie es beschrieben worden ist, durchgemacht haben, und daft
sie es nicht wissen, liegt nicht daran, daft es nicht da ist, sondern daft
man sich nicht daran erinnert, weil man nicht die rechte Aufmerksam-
keit darauf verwendet hat. Deshalb soil es ein Trost sein, wenn jemand
sich sagen muft: Ich finde nicht so etwas, also gehore ich nicht zu sol-
chen Auserwahlten! - Doch kann Ihnen die Versicherung gegeben
werden, daft unzahlige Menschen in der Gegenwart sind, die so etwas
erlebt haben. Das wollte ich nur vorausschicken, um zum eigentlichen
Grunde zu kommen, warum so etwas gesagt wird.
Solche Dinge werden erzahlt, um uns immer wieder und wieder dar-
auf aufmerksam zu machen, daft wir in konkreter Weise - nicht durch
abstrakte Theorien - eine Beziehung unseres Seelenlebens zu den gei-
stigen Welten finden sollen, und daft die anthroposophische Geistes-
wissenschaft uns nicht sein soli eine blofte theoretische Weltanschauung,
sondern eine innere Kraft unseres Lebens; daft wir nicht bloft wissen
sollen, es gibt eine geistige Welt und der Mensch gehort ihr an; daft
wir, indem wir durch das Leben gehen, nicht bloft die Dinge betrachten,
die auf unser sinnliches Denken wirken, sondern die Zusammenhange
aufmerksam erfassen, die uns zeigen: Du bist hineingestellt in die
geistige Welt, auf diese und jene Weise hineingestellt. — Also das kon-
krete Hineingestelltsein, das fur den einzelnen reale Hineingestelltsein,
das ist es, worauf wir aufmerksam machen. Theoretisch sucht man
auch drauften so etwas zu begriinden, daft die Welt ein Geistiges haben
kann, und daft der Mensch nicht materialistisch zu betrachten ist, son-
dern ein Geistiges in sich haben kann, Davon unterscheidet sich unsere
Weltanschauung, indem sie im einzelnen hinstellt: So stehst du im
Zusammenhange mit den geistigen Welten! - Immer mehr und mehr
werden wir zu solchen Dingen aufsteigen konnen, die uns zu zeigen
vermogen, wie wir die Welt zu betrachten haben, um unsere Zuge-
horigkeit zu dem Geiste der grofien Welt, dem Makrokosmischen, ein-
zusehen.
DRITTER VORTRAG
Berlin, 5.Marz 1912
Wir haben hier an dieser Stelle jahrelang anthroposophische Wahrhei-
ten betrachtet, anthroposophische Erkenntnisse. Wir haben versucht,
uns dem, was wir glauben Anthroposophie nennen zu miissen, von den
verschiedensten Richtungen her zu nahern und in uns dasjenige aufzu-
nehmen, was aus den anthroposophischen Erkenntnissen heraus kom-
men kann. Es wird sich nun empfehlen, einmal gerade im Verlaufe der
Betrachtungen, die wir zuletzt hier angestellt haben und noch anstellen
werden, die Frage aufzuwerfen, was den Menschen der Gegenwart,
den Menschen unserer Zeit die Anthroposophie iiberhaupt eigentlich
geben soil und geben kann? Was sie enthalt, von dem wissen wir ja
durch unsere Betrachtungen ein gut Snick, und wir konnen daher auf
Grundlage der Bekanntschaft mit einigen anthroposophischen Wahr-
heiten an die Frage herantreten: Was kann die Anthroposophie den
Menschen der Gegenwart geben?
Wenn wir an diese Frage herantreten, rniissen wir vor alien Dingen
darauf bedacht sein, das anthroposophische Leben, die anthroposo-
phische Bewegung - in unseren Gedanken wenigstens - scharf zu
trennen von irgendeiner gesellschaftlichen Einrichtung, von irgend
etwas, das man mit dem Namen Anthroposophische Gesellschaft be-
legen konnte. In der Wirklichkeit wird ja das ganze gegenwartige Le-
ben selbstverstandlich immer wieder und wieder notwendig machen,
dafi sich diejenigen, die Anthroposophie treiben wollen, in gesellschaft-
licher Art vereinigen. Aber wenn diese Vereinigung notwendig ist, so
ist sie eben mehr notwendig durch das ganze aufterhalb der Anthropo-
sophie stehende gegenwartige Leben, als etwa durch den Inhalt und
durch Gesinnung oder durch sonst irgend etwas innerhalb der Anthro-
posophie selber. Anthroposophie an sich konnte heute durchaus so ver-
kiindet werden, wie irgend etwas anderes gegenwartig unter den Men-
schen verkiindet wird. Anthroposophie als solche konnte - denkbar
ware das durchaus - so verkiindet werden, wie etwa Chemie heute
unter den Menschen verkiindet wird, und es konnten die Menschen zu
den anthroposophischen Wahrheiten herankommen, wie sie an Chemie
oder Mathematik herankommen. Was dann fur die Seele des einzelnen
daraus folgt, wie die Seele des einzeinen die Anthroposophie aufnimmt
und zum Impuls des Lebens macht, das konnte dann eben Sache eines
jeden einzelnen sein. Eine Anthroposophische Gesellschaft oder irgend-
eine Vereinigung, um Anthroposophie zu treiben, macht der Umstand r
die Tatsache notwendig, daft Anthroposophie ais solche etwas ist, was
als etwas vollig Neues, als eine vollig neue Erkenntnis in unsere Gegen-
wart hereintritt und aufgenommen werden soli von dem geistigen Le-
ben, wahrend die Menschen draufien ini aufieranthroposophischen Le-
ben eigentlich durchaus nicht nur, sagen wir, die allgemeine Seelen-
verfassung der Gegenwart brauchen, um Anthroposophie auf sich
wirken zu lassen, sondern auch zu dieser gewohnlichen Seelenverfas-
sung, wie sie die Menschen heute haben, eine besondere Vorbereitung
des Gemiites, des Herzens brauchen. Und eine solche Vorbereitung
des Gemiites und des Herzens kann nur angeeignet werden durch das
Zusammenleben in unseren anthroposophischen Zweigen oder anthro-
posophischen Verbindungen oder dergleichen. Da eignen wir uns eine
gewisse Art des Denkens, eine gewisse Art des Fiihlens an, so dafi
wir dadurch in die Lage kommen, Dinge ernsthaft zu betrachten,
welche die Menschen, die heute draufien in der Welt stehen und kaum
etwas von Anthroposophie gehort haben, ganz selbstverstandlich und
begreiflicherweise vielleicht sogar als tolle Phantastereien ansehen
miissen.
Gewifi, es konnte eingewendet werden, Anthroposophie wiirde auch
verbreitet durch offentliche Vortrage, welche da zu ganz unvorberei-
teten Menschen sprechen, Aber gerade die, welche im engeren Sinne
gesellschaftsmafiig unseren Kreisen angehoren, werden wissen, dafS der
ganze Ton und die ganze Art und Weise der Haltung eines anthropo-
sophischen Vortrages anders sein mufi, wenn er vor einem unvorbe-
reiteten Publikum gehalten wird, als vor denjenigen, zu denen man so
sprechen kann, dafi sie durch den Drang ihres Herzens, durch die ganze
Art und Weise ihrer inneren Gesinnung das ernst nehmen, was das
grofie Publikum noch nicht ernstnehmen konnte. Und dies, was jetzt
angedeutet worden ist, wird in der nachsten Zukunft nicht etwa besser
werden - davon kann gar keine Rede sein -, sondern es wird in der
nachsten Zukunft immer starker und scharfer hervortreten. Die auftere
Gegnerschaft gegen alles Anthroposophische wird immer grofier und
grofier werden in der Welt, und zwar aus dem Grunde, weil gerade
Anthroposophie in unserer Gegenwart etwas im hochsten Grade Zeit-
gemaftes, etwas im hochsten Grade Notwendiges ist, und weil gegen
das Allernotwendigste, gegen das Allerzekgemafieste die Auflehnung
der Menschen im Grunde genommen immer am allerstarksten ist.
Nun konnte die Frage entstehen: Warum denn das? Warum ist die
Auflehnung der Menschenherzen irgendeines Zeitalters am allerstark-
sten gegen das, was dieses Zeitalter am allernotwendigsten braucht? -
Das ist etwas, was der Anthroposoph sollte begreifen konnen, was aber
zu schwierig ist, um es vor einem unvorbereiteten Publikum auch nur
im allerentf erntesten klarzumachen.
Der Anthroposoph weift, daft es luziferische Krafte und Wesenheiten
gibt, die hinter der allgemeinen Evolution zuriickgeblieben sind. Die
wirken durch die Menschenherzen, durch die Menschenseelen, und sie
haben das allergroftte Interesse daran, in den Zeiten, in welchen das
Streben nach aufwarts am groftten wird, ihre Attacken, ihre Angriffe
am allerstarksten zu machen. "Weil nun die Auflehnung der Menschen-
herzen gegen das, was vorwartsstrebt in der Menschheitsentwickelung,
von den luziferischen Kraften herruhrt, und weil diese ihre Attacken
dann unternehmen werden, wenn es ihnen sozusagen an den Kragen
geht, deshalb miissen diese Attacken - also auch die Auflehnung der
Menschenherzen - in solchen Zeiten am allerstarksten sein. Daher
werden wir verstehen, daft die fur die Menschheit bedeutsamsten Wahr-
heiten sich von jeher dadurch eingelebt haben in die Menschheitsent-
wickelung, daft sie mit dem Umstande rechnen mufiten, daft sie die
starksten Widerstande finden. Etwas, was sich nicht sehr unterscheidet
von dem, was sonst auch vorkommt in der Welt, wird kaum starke
Widerstande finden. Aber, was deshalb in die Welt tritt, weil die
Menschheit seit langem darnach diirstet und es nicht empfangen hat,
das ist zugleich das, was die starksten Attacken der luziferischen Krafte
herausfordert. Und so ist eine Gesellschaft eigentlich nichts weiter als
ein Schutzwall gegen dieses ganze, aber als begreiflich charakterisierte
Verhalten der Aufienwelt. Man mufi etwas haben, innerhalb dessen man
diese Dinge so vertreten kann, dafi man sagen kann: Diejenigen, zu
denen man spricht, oder mit denen man zusammen ist, sie bringen der
Sache ein gewisses Verstandnis entgegen, und die anderen, welche sich
nicht vereinigt haben mit denen, die davon sprechen, die geht es nichts
an. - Von dem, was in der Offentlichkeit vertreten wird, glauben alle
Menschen, dafi es sie etwas angeht, und dafi sie ein Urteil dariiber ab-
zugeben haben, natiirlich gestachelt von den luziferischen Kraften.
Daraus ersehen wir, dafi es zwar notwendig ist, Anthroposophie zu
treiben, dafi aber Anthroposophie etwas hereinbringt in unsere Gegen-
wart, was hereinkommen mufi und verlangt wird von dem geistigen
Durste und dem geistigen Nahrungsbediirfnis unserer Zeit, und was
unter alien Umstanden hereinkommen wird auf irgendeine Art. Denn
dafur, dafi es hereinkommt, dafur sorgen die geistigen Machte, die sich
der Evolution gewidmet haben.
Daher konnen wir im rein anthroposophischen Sinne die Frage auf-
werfen: Worin liegen die wichtigsten Dinge, die gegenwartig der
Menschheit eingepflanzt werden sollen durch die Anthroposophie? Es
werden diejenigen sein, nach denen die gegenwartige Menschheit ganz
besonders diirstet, die am allernotwendigsten sind. Gerade mit der Be-
antwortung einer solchen Frage kann man am allermeisten mifiver-
standen werden. Deshalb ist es so notwendig, fur die Gedanken zu-
nachst Anthroposophie und Anthroposophische Gesellschaft zu tren-
nen. Denn, was die Anthroposophie der Menschheit bringen soil, sind
neue Erkenntnisse, neue Wahrheiten. Aber eine Gesellschaft kann nie-
mals - und am allerwenigsten in unserer Zeit - auf irgendwelche
besonderen Wahrheiten eingeschworen werden. Die Frage ware die
allerunsinnigste: Welchen Glauben habt ihr Anthroposophen? - Un-
sinnig ist sie dann, wenn man unter « Anthroposophen* einen Menschen
meint, der zur Anthroposophischen Gesellschaft gehort; denn man
wurde dabei voraussetzen, dafi eine ganze Gesellschaft eine gemein-
same Uberzeugung, ein gemeinsames Dogma haben wurde. Das kann
nicht sein. In dem Augenblick, wo eine ganze Gesellschaft - statuten-
gemafi - auf ein gemeinsames Dogma schworen miifite, horte sie auf
eine Gesellschaft zu sein, und es wurde die Sektiererei beginnen. Hier
haben wir die Grenze, wo eine Gesellschaft aufhort, eine Gesellschaft
zu sein. In dem Augenblick, wo ein Mensch verpflichtet wiirde, eine
von der Gesellschaft geforderte Oberzeugung zu haben, hatte man es
nut einer Sektiererei zu tun. Daher kann eine Gesellschaft, welche sich
dem widmet, was jetzt charakterisiert worden ist, dies nur unter dem
Gesichtspunkte sein, daft sie es ist unter dem naturgemafien geistigen
Drange. Man kann fragen: Welche Menschen kommen herbei, um iiber
Anthroposophie etwas zu horen? - Und man wird sagen konnen: Es
sind die, welche irgend etwas iiber geistige Dinge horen woilen, die
einen Drang haben, iiber geistige Dinge etwas zu horen. - Dieser
Drang ist kein Dogma. Denn wenn jemand etwas sucht, wovon er nicht
sagt, ich werde dieses oder jenes finden, sondern wo er, wenn er sucht,
eben sucht, so ist dieses Suchen das Gemeinsame, was eine Gesellschaft,
die nicht eine Sekte werden will, haben mufi. Aber ganz unabhangig
da von ist die Frage: Was bringt nun die Anthroposophie als solche der
Menschheit? - Und man mu£ sagen: Die Anthroposophie als solche
bringt der Menschheit etwas, was ahnlich, nur geistiger und in bezug
auf das menschliche Gemiit tiefer und bedeutungsvoller ist, als alle
gro&en geistigen Wahrheiten gewesen sind, welche je der Menschheit
gebracht worden sind.
Nun gibt es unter den Dingen, die wir im Verlaufe unserer Betrach-
tungen an uns haben herantreten lassen, manche, von denen man sagen
kann: sie sind so, dafi sie eigentlich nicht als die bedeutsamen, als die
bezeichnenden angegeben werden konnen, wenn von dem die Rede
ist, was eigentlich die gegenwartige Menschheit als Neues erhalten soli.
Aber fundamentale Dinge sind es, fundamentale Wahrheiten, die wirk-
lich als neu in die Menschheit hereintreten. Und wir brauchen nicht
sehr weit zu gehen, um zu charakterisieren, worin eigentlich das Neue
der anthroposophischen Bewegung liegt. Es liegt darin, dafi die zwei
Wahrheiten, die sozusagen zu unseren fundamentalsten Dingen ge-
horen, an die Menschenseele in einer immer uberzeugenderen Weise
herantreten: die beiden Wahrheiten von Reinkarnation und Karma.
Man kann sagen: Was der Anthroposoph in erster Linie auf seinem
Wege findet, wenn er heute ernstlich strebt, das ist die Notwendigkeit
der Erkenntnis von Reinkarnation und Karma. Wir konnen zum Bei-
spiel nicht sagen, dafi in der abendlandischen Kultur gewisse Dinge,
wie etwa die Moglichkeit, in hohere Welten sich zu erheben, durch die
Anthroposophie als etwas fundamental Neues auftritt; denn wer die
abendlandische Entwickelung kennt, wer da weifi, ich will nur sagen,
dafi es Mystiker gegeben hat, selbst solche Mystiker, wie Jakob Bohme
oder Swedenborg oder wie die ganze Jakob Bohmesche Schule, der
weifi auch, dafi das eine - wenn es auch vielfach strittig war - immer
geglaubt worden ist, dafi es immer da war als Ansicht: dafi sich der
Mensch aus der gewohnlichen Sinneswelt zu hoheren Welten erheben
kann; so dafi dies also nicht das fundamental Neue ist. Weiter sind
auch gewisse andere Dinge nicht das fundamental Neue. Selbst wenn
wir iiber das sprechen, was in bezug auf die Evolution fundamental ist;
wenn wir zum Beispiel sprechen iiber die Christus-Frage: in bezug auf
die anthroposophische Bewegung als solche ist sie nicht das Fundamen-
talste; sondern das Fundamentalste ist die Gestalt, welche die Christus-
Frage dadurch erhalt, dafi Reinkarnation und Karma in die Herzen der
Menschen als Wahrheiten aufgenommen werden. Die Beleuchtung,
welche die Christus-Frage erhalt unter der Voraussetzung der Wahr-
heiten von Reinkarnation und Karma, das ist das Wesentliche. Denn
die Christus-Frage hat das Abendland in wahrhaftig tiefer Weise zu
den verschiedensten Zeiten beschaftigt. Wir konnen dabei erinnern an
die Zeiten der Gnosis, konnen erinnern an die Zeiten, in welchen sich
vertief t hat das esoterische Christentum zum Beispiel derjenigen, die im
Zeichen des Grals oder des Rosenkreuzes sich zusammengefunden ha-
ben, wie sie vertieft haben die Christus-Frage. Also das ist nicht das
Fundamentale. Fundamental, wesentlich wird die Frage fur die abend-
landischen Gemiiter, fur die Erkenntnis und religiosen Bediirfnisse nur
durch die Wahrheiten von Reinkarnation und Karma, so dafi der,
welcher eine Erweiterung seines Gemiites erfahrt durch die Erkenntnis
von Reinkarnation und Karma, auch notwendigerweise fordert eine
neue Erkenntnis alter Fragen. - Was die Erkenntnis von Reinkarna-
tion und Karma betrifft, so miissen wir das gerade Gegenteil davon
sagen. Wir konnen hochstens darauf aufmerksam machen, dafi Rein-
karnation und Karma, man konnte sagen, sich schiichtern hereinfinden
in die abendlandische Kultur zur Zeit Lessings, der in seiner «Erziehung
des Menschengeschlechts» darauf kommt. Wir finden dann auch wei-
tere Beispiele, wie tiefere Geister auf diese Frage kommen. Aber dafi
Reinkarnation und Karma als ein Bestandteil des menschlichen Be-
wufitseins sich geltend machen, dafi sie aufgenommen werden in Herz
und Gemiit des Menschen so, wie es durch die Anthroposophie ge-
schieht, das ist eben etwas, was erst in unserer Gegenwart wirklich ge-
schehen kann. Daher konnte man sagen: Das Verhaltnis eines Menschen
der Gegenwart zur Anthroposophie charakterisiert sich darin, dafi er
in die Lage kommen kann, aus irgendweichen Voraussetzungen heraus
Reinkarnation und Karma als Erkenntnisse in sich aufzunehmen. Das
ist das Wesentliche, worum es sich handelt. Im Grunde genommen f oigt
alles iibrige dann in einer mehr oder weniger selbstverstandlichen Weise
daraus, ob sich der Mensch zu Reinkarnation und Karma in der ent-
sprechenden Weise zu stellen vermag.
Nun miissen wir uns, wenn wir die Frage so ins Auge fassen, auch
klar werden, was es fur die abendlandische Menschheit und fur die
Menschheit uberhaupt bedeutet, wenn Reinkarnation und Karma Er-
kenntnisse werden, die sozusagen iibergehen in die Alltaglichkeit, wie
andere Wahrheiten in die Alltaglichkeit ubergegangen sind. In einem
noch viel grofieren Umfange miissen in der nachsten Zeit Reinkarnation
und Karma in das Bewulksein der Menschheit iibergehen, als dies zum
Beispiel die kopernikanische Weltanschauung getan hat. In bezug auf
die letztere brauchen wir uns nur einmal recht klarzumachen, wie sie
eigentlich mit einern raschen Schritt sich eingelebt hat in die Gemiiter
der Menschen. Denken Sie nur an das, was ich auch im offentlichen
Vortrage gesagt habe: wie lange es erst in bezug auf weltgeschichtliche
Verhaltnisse her ist, daft diese kopernikanische Weltanschauung sich
verbreitet hat, und denken Sie daran, dafi bis in die niedersten Schulen
hinein diese Weltanschauung die Menschen ergriff en hat.
Nun gibt es einen bedeutsamen Unterschied in bezug auf das Ergrei-
fen der Menschenseele zwischen dieser kopernikanischen Weltanschau-
ung und der anthroposophischen Weltanschauung, insofern sich diese
aufbaut auf dem Fundament von Reinkarnation und Karma. Um die-
sen Unterschied zu charakterisieren, braucht man wahrhaftig einen
anthroposophischen Zweig mit Menschen, die in gutem Willen zusam-
mensitzen; denn man mufi eigentlich dabei ein Ding sagen, wenn man
diesen Unterschied charakterisieren will, mufi es notwendigerweise
sagen, bei dem sich den aufierhalb der anthroposophischen Bewegung
stehenden Menschen wahrhaftig der Magen umdreht.
Was gehorte denn dazu, dafi die Menschen so schnell, so rasch und
bis in das Kindheitsaker hinein die kopernikanische Weltanschauung
angenommen haben? Die, welche mich iiber die kopernikanische Welt-
anschauung oder iiber neuere Naturwissenschaft haben reden horen,
die werden gewifi wissen, dafi ich nicht irgendwie ein abtragliches Ur-
teil falle iiber diese moderne naturwissenschaftliche Anschauung. Da-
her darf es schon gestattet sein, wenn man diesen betreffenden Unter-
schied wirklich charakterisieren will, zu sagen: Urn dieses Weltbild
aufzunehmen, das rein auf eine Charakteristik des Raumes, auf aufiere
Raumverhaltnisse beschrankt ist, war notwendig eine Epoche der
Oberflachlichkeit! - Und der Grund, warum so schnell die koperni-
kanische Weltanschauung sich eingelebt hat, ist kein anderer als der,
dafi die Menschen durch ein Zeitalter hindurch oberflachlich wurden.
Oberflachlichkeit in der Auf f assung der Welt war die notwendige Vor-
bedingung fur das Sich-Einleben der kopernikanischen Weltanschau-
ung. Tiefe, Innerlichkeit - also gerade das Entgegengesetzte — wird
notwendig sein, wenn sich einleben will, was die Wahrheiten der An-
throposophie sind, und besonders in bezug auf die Grund- und Funda-
mentalwahrheiten von Reinkarnation und Karma. Wenn wir uns daher
heute die Uberzeugung verschaf f en, dafi noch in einer viel, viel starke-
ren Weise und in einem viel grofieren Umfange die Wahrheiten von
Reinkarnation und Karma sich einleben mussen in die Menschheit, so
miissen wir uns zugleich klar sein, dafi wir in dieser Beziehung doch an
der Grenze zweier Zeitalter stehen: des Zeitalters der Oberflachlich-
keit - und des Zeitalters der notwendigen Vertiefung, der Verinner-
lichung der Menschenseele und des Menschenherzens. Das ist es, was
wir uns vor alien Din gen in die Seele schreiben mussen, wenn wir uns
voll bewufit sein wollen, was Anthroposophie in der Gegenwart der
modernen Menschheit zu bringen hat. Und dann mussen wir uns fra-
gen: Wie wird sich denn dieses Leben gestalten mussen unter dem Ein-
flufi der Erkenntnisse von Reinkarnation und Karma?
Da miissen wir nur bedenken, was es denn eigentlich fur das
Menschenherz ist, zu erkennen: Reinkarnation und Karma sind eine
Wahrheit. Was ist es fur das ganze menschliche Bewufitsein, fiir
das ganze Fuhlen und Denken der menschlichen Seele? - Nichts
Geringeres ist es doch, das kann jeder einsehen, wenn er uber diese
Dinge nachdenkt, als eine Erweiterung des menschlichen Selbstes
durch Wissen, durch Erkenntnis iiber gewisse Grenzen hinaus, die
sonst dem Wissen und der Erkenntnis gezogen sind. Denn dafi man
nur dasjenige wissen und erkennen konne, was eingeschlossen ist zwi-
schen Geburt und Tod, das wurde ja gerade im abgelaufenen Zeit-
alter mit aller Scharfe betont, und dafi man hochstens im Glauben
aufschauen konne zu einem, der wissend hineingeht in eine geistige
Welt, das war eine immer starker werdende Oberzeugung. Aber die
Sache ist nicht von einer so grofien Bedeutung, wenn man auf dem
Erkenntnisstandpunkt stehenbleibt; sondern von Bedeutung wird sie
erst, wenn man vom Erkenntnisstandpunkt ubergeht zum morali-
schen Standpunkt, zum gemuthaft-moralischen Standpunkt. Da erst
zeigt sich die ganze Grofie und Bedeutung der Ideen von Reinkarna-
tion und Karma.
Wir konnten Hunderte von Dingen anfuhren zur Erhartung dessen,
was jetzt gesagt worden ist, aber es soli nur das eine gesagt werden.
Nehmen wir den Menschen der friiheren Zeiten der abendlandischen
Kultur und die weitaus grofite Anzahl der Menschen noch heute inner-
halb der abendlandischen Kultur. Selbst wenn diese Menschen noch im
intensivsten Mafie an der Annahme hangen, dafi der Mensch in bezug
auf seine Wesenheit intakt erhalten bleibt, wenn er durch die Pforte
des Todes auf dieser Erde geschritten ist, so wird doch, ohne dafi man
an Reinkarnation und Karma denkt, dieses ganze an den Tod sich an-
schliefiende geistige Leben des Menschen dem Erdendasein entzogen.
Man hat es zu tun mit dem Betreten einer geistigen Welt; aber mit
Ausnahme eben jener «Ausnahmen», die von den mehr oder weniger
spiritualistisch angelegten Naturen geltengelassen werden, dafi Abge-
storbene in Ausnahmefallen hereinwirken, haben wir es - wenn Rein-
karnation und Karma nicht gelten - mit einer Idee zu tun, dafi das,
was in einer geistigen Welt sich abspielt, sei es Strafe oder Belohnung,
wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geschritten ist, der irdi-
schen Sphare als solcher entzogen ist, und dafi sich das, was sich als
Folge seines Lebens ergibt, auf einem ganz anderen, aufierirdischen
Schauplatze abspielt.
Wenn der Mensch nun iibergeht zur Erkenntnis von Reinkarnation
und Karma, wird die Sache ganz anders. Da mussen wir uns klar sein,
dafi das, was fur einen solchen Menschen in seiner Seele lebt, nicht blofi,
wenn er durch die Pforte des Todes geschritten ist, eine Bedeutung hat
fiir eine erdentriickte Sphare, sondern dafi von dem, was er erlebt
zwischen Geburt und Tod, die Zukunft der Erdengestaltung abhangt.
Die Erde wird sozusagen die aufiere Konfiguration haben, welche die
Menschen ihr geben, die vorher da waren. Der ganze Planet in seiner
Zukunftskonfiguration, das Zusammenleben der Menschen in der Zu-
kunft, hangt davon ab, wie die Menschen friiher gelebt haben in ihren
friiheren Verleiblichungen. Das ist das Gemuthaft-Moralische, das sich
an diese Ideen ankniipft; so dafi ein Mensch, der dies angenommen hat,
weifi: Wie ich war in dem Leben, so werde ich wirken auf alles, was in
der Zukunft geschieht, auf die ganze Kultur der Zukunft! - Da er-
weitert sich etwas mit dem Wissen von Reinkarnation und Karma uber
die Grenzen von Geburt und Tod hinaus, was der Mensch bisher nur
in engsten Grenzen kennengelernt hat: das Verantwortlichkeitsgefuhl!
Da sehen wir herauswachsen ein gesteigertes Verantwortlichkeitsge-
fuhl. Darin pragt sich aus, was als eine tief bedeutsame moralische
Folge auftritt von Ideen, wie es Reinkarnation und Karma sind. Der
Mensch, der nicht an Reinkarnation und Karma glaubt, kann sagen:
Wenn ich durch die Pforte des Todes gegangen bin, werde ich hochstens
bestraft oder belohnt fiir das, was ich hier getan habe; ich erfahre die
Folgen dieses Daseins in einer anderen Welt; diese andere Welt stent
aber unter dem Regiment irgendwelcher geistiger Machte, und die wer-
den schon verhindern, dafi das, was ich in mir trage, gar zu schadlich
werde der Gesamtwelt. - So kann der nicht mehr sagen, der da weifi,
dafi Reinkarnation und Karma eine erkenntnismafiig sich ergebende
Idee ist; denn er weifi, dafi die Menschen durch die Wiederverkorpe-
rung so sein werden, je nach dem, wie sie in dem vorhergehenden
Leben gelebt haben.
Das wird das Bedeutsame und Wichtige sein, dafi tibergehen werden
die Fundamentalideen der anthroposophischen "Weltanschauung in das
Gemutsleben und in die Gesinnung der Menschen und auftreten werden
als moralische Impulse, von denen die Menschen in den abgelaufenen
Zeiten im Grunde genornmen gar keine Ahnung hatten. Das Verant-
wortlichkeitsgefiihl, haben wir gesehen, wird hervorspriefien in einer
Weise, wie dies friiher uberhaupt nicht moglich war; und andere
moralische Ideen werden sich notwendig dann in einer ahnlichen
Weise ergeben wie dieses Verantwortlichkeitsgefiihl. Wir werden als
Menschen, die unter dem Einflufi der Ideen von Reinkarnation und
Karma leben, wissen lernen, dafi es sich nicht handeln kann um eine
Beurteilung unseres Lebens blofi nach den Voraussetzungen, welche
sich zwischen Geburt und Tod ausleben, sondern nach Voraussetzun-
gen, welche iiber viele, viele Leben hin verbreitet sind.
Wenn wir unter den Voraussetzungen, die es bisher gegeben hat, an
den anderen Menschen herantreten, so entwickeln wir zu diesem an-
deren Menschen Sympathie, Antipathie, grofiere oder geringere Liebe
und dergleichen. Man mufi sagen, die Art und Weise, wie sich Mensch
zu Mensch stellt in der Gegenwart, ist doch in Wahrheit das Ergebnis
jener Anschauung, die das Leben auf der Erde einmal eingeschlossen
denkt zwischen Geburt und Tod. Wir leben in Wahrheit wirklich so,
wie wir leben miifiten, wenn es eben richtig ware, dafi der Mensch nur
einmal auf der Erde da ware. Wir konnen sagen: Wir begegnen unseren
Freunden, Eltern, Geschwistern und so weiter so, dafi bei allem, was
wir fuhlen und empfinden, das eben mitlebt, dafi wir nur einmal auf
der Erde sind. Und es wird eine ganz aufierordentliche Umgestaltung
des Lebens vor sich gehen, wenn nicht nur in einigen Kopfen, wie es
heute noch vielfach der Fall ist, als Theorie das lebt, dafi es Reinkar-
nation und Karma gibt. Bis heute ist es im weitesten Umfange noch
Theorie. Man kann sagen, heute ist es so, dafi es eine Anzahl Anthro-
posophen gibt, die glauben an Reinkarnation und Karma; aber sie leben
so, als wenn es Reinkarnation und Karma nicht gabe, sondern als wenn
das Leben einmal eingeschlossen ware zwischen Geburt und Tod. Das
kann auch nicht anders sein. Denn die Gewohnheiten, die das Leben mit
sich bringt, andern sich weniger rasch, als die Ideen sich andern. Wenn
wir richtige und konkrete Ideen iiber Reinkarnation und Karma - rmr
urn diese kann es sich handeln — in unser Leben einfiihren, dann erst
werden wir sehen, wie dieses Leben befruchtet werden kann durch
solche Ideen.
Wir sehen, dafi wir als Menschen hereintreten in das Leben, indem
wir im Beginne desselben zusammenkommen mit Eltern, mit Geschwi-
stern und so weiter. Wir sehen, dafi wir durch diese Natureinrichtung
notwendigerweise in der ersten Zeit unseres Lebens vorzugsweise so in
demselben drinnenstehen, dafi die, welche um uns herum sind, mehr
oder weniger durch Naturelemente um uns herum gestellt sind: durch
Blutsverwandtschaft, Nahe des Ortes und so weiter. Dann sehen wir,
wenn wir heranwachsen, wie diese Kreise der Blutsverwandtschaft
sich erweitern, wie wir in ganz andere, nicht mehr von Blutsverwandt-
schaft abhangige Verbindungen mit diesen oder jenen Menschen treten.
Nun handelt es sich darum, dafi diese Dinge erst karmisch eingesehen
werden miissen; dann werden sie eine ganz neue Beleuchtung fur das
Leben gewinnen. Denn Karma wird erst bedeutungsvoll fur das Leben,
wenn wir es konkret fassen, wenn wir wirklich auf das Leben anwen-
den, was die geisteswissenschaf tliche Forschung ergibt. Festgestellt wer-
den kann das selbstverstandlich nur von der geisteswissenschaftlichen
Forschung, kann aber dann auf das Leben angewendet werden.
Eine bedeutungsvolle karmische Frage ist im wesentlichen diese: Wie
kommt es denn, dafi wir zum Beispiel im gegenwartigen Leben mit den
Menschen zusammenkommen, mit denen wir auf die ja jedem begreif-
liche Weise durch die Blutsverwandtschaft zusammenkommen? Warum
kommen wir mit diesen im Beginne dieses Lebens zusammen? - Nun
zeigt die geisteswissenschaf tliche Forschung iiber diese Frage etwas
sehr Eigentiimliches. In der Regel ist es so - denn wenn auch einzelne
Tatsachen angegeben werden, gibt es doch wieder unzahlige Aus-
nahmen dafi wir mit den Menschen, die wir unwillkurlich treffen
im Beginne unseres Lebens, schon in einem vorhergehenden Leben zu-
sammen waren, meistens sogar in dem unmittelbar vorhergehenden, in
der Mitte unseres Lebens, so in den Dreifiigerjahren. Da haben wir sie
uns in irgendeiner Weise freiwillig gewahlt, indem wir zu ihnen hin-
getrieben waren durch unsere Herzensneigung und so weiter. Wir wiir-
den ganz f ehl gehen, wenn wir die Menschen, mit denen wir im Beginne
unseres Lebens zusammenkornmen, als solche betrachten wiirden, mit
denen wir auch wieder im Beginne eines anderen Lebens zusammen wa-
ren. Nicht am Anfange, nicht am Ende, sondern in der Mitte eines
Lebens waren wir durch freiwiilige Wahl mit jenen zusammen, mit
denen wir dann in einem folgenden Leben zusammentreffen durch
Blutsverwandtschaft. Sehr haufig sind die Falle so, dafi man zu dem,
mit dem man verheiratet war, den man sich also durch freie Wahl ge-
nommen hat, im nachsten Leben im Vater- oder Mutterverhaltnis oder
im Geschwisterverhaltnis steht. Die geisteswissenschaftliche Forschung
zeigt, dafi das, was man aus der Spekulation voraussetzen wiirde, was
man denken wiirde, wenn man etwas ausspintisiert iiber die Dinge,
gewohnlich falsch ist. Die Tatsachen machen gewohnlich einen Strich
durch die Rechnung der Spekulation.
Denken wir nur einmal diese jetzt geschilderte Tatsache und fassen
wir sie so auf, wie sie sich wirklich, wenn man vorurteilsfrei forscht,
aus der Geisteswissenschaf t ergibt, wie sie wieder unser ganzes Verhalt-
nis und unsere ganze Beziehung zum Leben erweitert. Es ist ja nach
und nach im Verlaufe der abendlandischen Kultur dazu gekommen,
dafi der Mensch eigentlich jetzt schon gar nicht mehr anders kann, als
von Zufall zu reden, wenn er nachdenkt iiber sein Verhaltnis zu den-
jenigen, mit denen er blutsverwandt ist. Man redet von Zufall, man
glaubt auch vielf ach schon an den Zufall. Wie sollte man denn an etwas
anderes glauben als an Zufall, wenn man das Leben nur einmal einge-
schlossen denkt zwischen Geburt und Tod. Fur das eine Leben wird
man selbstverstandlich zugeben, dafi man verantwortlich ist fur die
Folgen der Ereignisse, die man selbst herbeigefuhrt hat. In dem man sein
eigenes Selbst hinuberfiihrt iiber das, was sich abspielt zwischen Ge-
burt und Tod, indem man sein Selbst verbunden fiihlt mit anderen
Menschen der anderen Verkorperung, fiihlt man sich verantwortlich
wie hier im Leben seinen eigenen Taten gegeniiber. Es werden immer
mehr und mehr die Menschen diese konkreten Tatsachen erf ahren miis-
sen. Die allgemeine Idee, wenn man sagt, der Mensch habe sich im
Sinne des Karma seine Eltern selber gewahlt, gibt noch nichts Beson-
deres. Aber man bekommt eine Vorstellung von dieser Wahl, die wirk-
lich nun durch alle ubrigen Erfahrungen des Lebens bekraftigt werden
kann, wenn man weifi: Die, welche du dir jetzt am allerunbewufitesten
gewahlt hast, die hast du dir in einem friiheren Leben in einem Zeit-
punkte deiner grofiten Bewufitheit gewahlt, wo du am allerreifsten
warst.
Das mag manchem vielleicht heute unangenehm sein, aber wahr ist
es doch. Denn man wird lernen, wenn man mit seinen Blutsverwandten
nicht zufrieden ist, dafi man eben zu dieser Unzufriedenheit selber den
Grundgelegt hat, dafi man also fur die nachstelnkarnationwird anders
vorsorgen miissen; und dann wird schon die Idee von Reinkarnation
und Karma fruchtbar werden fur das Leben. Und das ist es ja, dafi
diese Ideen nicht fur die Befriedigung irgendeiner Neugierde und so
weiter, sondern fur unsere Vervollkommnung und damit fur die Ver-
vollkommnung des ganzen Lebens gelten. Und weiter werden wir wis-
sen, dafi das, was gesagt worden ist, etwas Ahnliches fur das gegen-
wartige Leben und dessen Folgen nach sich zieht; dafi diejenigen, mit
denen wir in den Dreifiigerjahren zusammengefiihrt werden, wo wir
also mit unserem vollen Verstande zu urteilen glauben, durchaus so mit
uns verbunden werden, dafi sie in einem nachsten Leben uns gleich am
Ausgangspunkte, vielleicht als Eltern oder Geschwister, entgegentreten
werden. Wenn wir wissen, was davon abhangt, dafi sich Familienkon-
figurationen bilden, dafi diese oder jene Leute zusammenkommen, so
wird sich unser Verantwortlichkeitsgefuhl unter den Ideen von Rein-
karnation und Karma bedeutsam erweitern.
Ich sagte, dafi wir betonen konnen, dafi diese Dinge sich als begreif-
lich im Leben erweisen. Miissen nicht die Krafte, die eine Menschen-
individualitat herunterbringen in eine Familie, ganz bedeutende, starke
sein? Stark konnen sie aber nicht sein in dem Menschen, der jetzt ver-
korpert wird; denn da konnen sie nicht viel zu tun haben mit den
Welten, in die er herunterkommt. Mufi es nicht begreiflich sein, dafi die
Krafte, die im Tiefsten der Seele wirken, aus Zeiten stammen miissen
des vergangenen Lebens, wo mit der starken Kraft der Freundschaft,
der «bewufiten Liebe», wenn man es so nennen darf, die Zusammen-
hange von uns herbeigefiihrt wurden? Was als bewufite Krafte in dem
einen Leben gewaltet hat, das wirkt als unbewufite Krafte in dem
nachsten Leben; was auf mehr oder weniger unbewufke Art geschieht,
das erklart sich auf diese Weise.
Allerdings ist es notwendig, dafi man sich die Tatsachen der For-
schung nicht triibt, weil diese Tatsachen der Forschung fast immer
einen Strich durch die Spekulation machen, so dafi man nur hinterher
die Logik in den Tatsachen finden kann. Man soli sich nicht verleiten
lassen, durch Spekulation vorgehen zu wollen; denn da wird man nicht
zu dem richtigen Gesichtspunkt kommen, sondern immer zu etwas
Ahnlichem, was sich charakterisieren lafit durch jenes Gesprach, das
ich auch schon erzahlte. In einer siiddeutschen Stadt namlich sagte mir
einmal ein Theologe: Ich habe Ihre Schriften gelesen und habe gesehen,
dafi sie so logisch sind; daher habe ich mir gedacht, wenn sie so logisch
sind, so kann ihr Verfasser vielleicht auch auf dem Wege der blofien
Logik dazu gekommen sein. - Wenn ich mich also bemiiht hatte,
weniger «logisch» zu schreiben, so wiirde ich mir damit ein Verdienst
erworben haben in den Augen des betreffenden Theologen, weil er
dann gesehen haben wiirde, dafi die Darstellungen nicht durch blofie
Logik gefunden worden sind. Wer aber auf die Schriften eingeht, der
wird sehen, daf$ die logischen Formen ihnen nachher gegeben sind, dafi
sie aber nicht durch Logik gefunden worden sind. Ich wenigstens
konnte es nicht, das versichere ich Ihnen. Vielleicht konnten es andere
durch blofie Logik finden.
Wenn wir die Dinge so ansehen, erweist es sich als eine tief bedeut-
same Idee, dafi die wichtigsten Impulse, die aus der Anthroposophie
hervorgehen miissen, moralisch-gemiithafte Impulse sein miissen. Wir
haben heute das Verantwortlichkeitsgefiihl auf verschiedenen Gebieten
hervorgehoben. Wir konnten ebenso Liebe, Mitleid verfolgen, die alle
verschiedene Formen annehmen unter dem Einflufi der Ideen von Re-
inkarnation und Karma. Aus diesem Grunde war es auch, warum wir
im Verlaufe der Jahre so sehr Wert darauf gelegt haben, selbst bis in
die of fentlichen Vortrage hinein, Anthroposophie immer mit Bezug auf
das Leben, mit Bezug auf die unmittelbarsten Erscheinungen des Le-
bens zu betrachten. So haben wir gesprochen iiber die Mission des Zor-
nes, iiber das menschliche Gewissen, iiber das Gebet, iiber die Erziehung
des Kindes, iiber die verschiedenen Lebensalter des Menschen - und
haben alle diese Dinge in das Licht geruckt, in das sie geriickt werden
miissen, wenn man die Ideen von Reinkarnation und Karma als die
richtigen voraussetzt. Und da hat sich uns ergeben, wie umgestaltend
diese Ideen von Reinkarnation und Karma in das Leben eingreifen.
Das hat ja im Grunde genommen den Hauptteil unserer Betrachtungen
ausgemacht, daft wir die fundamentalen Ideen in ihrer Wirkung fiir
das Leben betrachtet haben. Wenn auch nicht immer, ich mochte sa-
gen, mit abstrakten Worten aus Reinkarnation und Karma die Be-
deutung hergeleitet wird, die zum Beispiel Gemiitseigenschaften, oder
das Gewissen, der Charakter, das Gebet erfahren, wenn das auch nicht
immer so hergeleitet wird, daft man sagt: Wenn man Reinkarnation
und Karma annimmt, dann ergibt sich - und so weiter, so standen
doch alle unsere Betrachtungen unter dem Impuls von Reinkarnation
und Karma. Und das wird das Bedeutsame sein fiir die nachste Gegen-
wartjdafi nicht nur die Seelenwissenschaft eineBeeinflussung erfahren
wird durch die Ideen von Reinkarnation und Karma, sondern auch die
anderen Wissenschaften. Wenn Sie einen solchen Vortrag verfolgen wie
den letzten offentlichen: «Der Tod bei Mensch, Tier und Pflanze», so
werden Sie sehen, daft es sich darum handelte zu zeigen, wie die Men-
schen denken lernen werden liber den Tod bei Pflanze, Tier und
Mensch, wenn sie in sich selbst das sehen, was iiber das einzelne Leben
des Menschen hinausgeht. Wir kamen auf die Bedeutung des Todes
bei Mensch, Tier und Pflanze dadurch, daft wir uns klar wurden:
Anders lebt das Selbst im Menschen, anders beim Tier und wieder
anders bei den Pflanzen. Beim Menschen ist es ein individuelles Ich,
bei den Tieren ist es die Gruppenseele, und bei den Pflanzen haben wir
es mit einem Teil des ganzen Planetenseelensystems zu tun. Dadurch
fafiten wir bei den Pflanzen als ein bloftes Einschlafen und Aufwachen
auf, was uns als Tod und Entstehen aufterlich entgegentritt. Bei den
Tieren ist es wieder anders; da ist es ahnlich wie in uns selber, indem
das Selbst in einer Inkarnation vorriickt, gewisse Instinkte und so
weiter uberwindet. Aber erst beim Menschen, der selbst seine Verkor-
perungen herbeifiihrt, waren wir uns klar, daft erst der Tod die Ge-
wahr bietet fiir die Unsterblichkeit, und daft das Wort Tod in dieser
Bedeutung nur beim Menschen so gebraucht werden diirfte, oder daft
wir, wenn wir das Wort Tod allgemein gebrauchen, hervorheben mti&-
ten, wie der Mensch, wie das Tier und wie die Pflanze stirbt, und dafi
wir ein ganz neues Wort gebrauchen miifiten bei Tier und Pflanze.
Allesandere in der Anthroposophie ist einsolches, dafi dieMenschen-
seele fordert, etwas zu erfahren iiber diese oder jene Dinge; aber es
macht sozusagen das «Andere» im Grunde genommen gar nicht den
Anthroposophen aus. Zu gewissen Dingen kommt er schon, wenn es
Zeit ist. Wenn er zunachst in der Lage ist, die Ideen von Reinkarnation
und Karma in dem Sinne aufzunehmen, wie wir sie geben miissen
im Unterschiede von alteren Ideen von Reinkarnation und Karma,
wie zum Beispiel im Buddhismus, so kommt der Mensch im Ver-
laufe der Forschung ganz von selbst schon zu anderen Dingen. Daher
war der Hauptteil unserer Arbeit dem gewidmet, den Einflufi von
Reinkarnation und Karma auf das gesamte Menschenleben ins Auge
zu fassen.
In dieser Beziehung sollte es klar sein, dafi die Arbeit innerhalb ir-
gendwelcher anthroposophischer Vereinigung oder Gesellschaft im
Sinne dieser Mission der Anthroposophie auf gefafit werden miifite. Da-
her ist es begreiflich, dafi wir im Grunde genommen iiber diejenigen
Fragen, welche dem Aufienstehenden, dem von der Anthroposophie
als solcher weniger Beriihrten, vielleicht zunachst als die wichtigsten
erscheinen, eigentlich nur reden, wenn wir eben von den Grundwahr-
heiten aufsteigen wollen zu denjenigen Dingen, die jeder Seele, weil sie
eine abendlandische Seele ist, am nachsten sind. Es ware durchaus der
Fall denkbar, dafi man das Neue, was heute als das fundamental Neue
charakterisiert worden ist, von der Anthroposophie aufnehmen wiirde
und sich zunachst gar nicht kiimmerte um irgendwelche religiosen Ge-
gensatze der Menschen. Denn das ist gar nicht das Charakteristische
dieser neuen Geisteswissenschaft, dafi etwa vergleichende Religions-
wissenschaft getrieben wiirde; wenn das zwar heute auch getrieben
wird, genug sogar. Aber gegeniiber dem, was sonst heute da getan wird,
ist das, was bei den Theosophen getrieben wird, gar nicht das Geist-
reichere. Das ist aber das Bedeutsame, daft in der Anthroposophie alle
diese Dinge in das Licht genickt werden, das von den Ideen von Rein-
karnation und Karma ausgeht.
Namentlich wird noch in einer anderen Beziehung das Verantwort-
lichkeitsgefiihl unter dem Einfluft von Reinkarnation und Karma ganz
betrachtlich wachsen. Wenn wir nur einmal auf das sehen, was heute
gesagt worden ist iiber das Verhaltnis von Blutsverwandten zu frei
gewahlten Menschen, so sehen wir schon, daft ein gewisser Gegensatz
besteht: Was in einem Leben das Innerlichste, das Verborgenste an Im-
pulsen ist, das ist in dem anderen das Offenbarste. Wenn wir unsere
tiefsten Freundschaftsgefiihle in der einen Inkarnation Menschen ent-
gegenbringen, so bereiten wir dadurch wohl vor eine aufiere Verwandt-
schaft, eine Blutsverwandtschaft oder dergleichen. Ahnlich ist es auf
einem anderen Gebiete. Die Art, wie wir iiber irgend etwas denken,
was uns als das Unwirklichste in dieser Inkarnation erscheint, das wird
uns das Mafigebendste, das die eigentlichen Impulse fur die nachste In-
karnation Bedingende sein. Die Art, wie wir denken, ob wir uns leich-
ten Herzens einer Wahrheit hingeben, oder ob wir mit alien Mitteln,
die uns zur Verfiigung stehen, priifend uns an eine Wahrheit heran-
machen, ob wir Wahrheitssinn oder Fanatismus haben, das tritt in ein
ganz anderes Verhaltnis zur menschlichen Entwickelung durch das
Sich-Einleben in die Ideen von Reinkarnation und Karma, als es heute
der Fall ist. Denn, was wir nur in unserem Innersten haben in der ge-
genwartigen Inkarnation, das werden wir am offenbarsten haben in
der nachsten. Und wer viel lizgt oder Neigung hat, leichten Herzens
dieses oder jenes anzunehmen, der wird ein leichtsinniger Mensch wer-
den in der nachsten oder einer nachsten Inkarnation; denn, was wir
denken, wie wir denken, wie wir uns zur Wahrheit stellen, was also in
dieser Inkarnation innerlich ist, das wird das Mafi des Verhaltens in
unserer nachsten Inkarnation bilden. Wenn wir zum Beispiel, ohne daft
wir sehr genau priifen, in dieser Inkarnation einen Menschen fur einen
schlechten halten, wahrend er sich, wenn wir ihn genau priifen wiirden,
vielleicht als ein guter oder hochstens als ein halbguter erweisen wiirde,
wenn wir diesen Gedanken ungepriift durch das Leben tragen, so wird
sich herausstellen, daft wir, indem wir uns in dieser Weise Urteile bilden
iiber Menschen, unvertragliche, zankische, abscheuliche Menschen wer-
den in der nachsten Inkarnation! Da haben wir wieder eine Erweite-
rung des moralisch-gemiithaften Elementes in unsere Seele.
Das ist aufierordentlich wichtig, dafi wir solche Dinge recht sehr ins
Auge fassen, und dafi wir uns einmal mit dem Gedanken bekannt-
machen, welche fundamentale Bedeutung es hat, in sein Innerstes, in
sein ganzes Gemiit das aufzunehmen, was nun wirklich als Neues und
alles andere dadurch in einer gewissen Weise Erneuernde in die geistige
Entwickelung der Gegenwart mit den Ideen von Reinkarnation und
Karma hereintritt. Daher ist es, dafi wir darauf den Hauptwert legten
in dem ganzen Verlauf unserer anthroposophischen Bewegung, und dafi
wir gewissermafien andere Fragen, die gewifi mit Notwendigkeit sich
aus diesen ergeben, auch nur in dieser Weise behandeln, wie das sich
notwendig ergeben mufi. Daher konnte zum Beispiel unsere Eigenart,
unsere ganze Art und Weise, wie Anthroposophie in unserer Mitte ge-
trieben wird, wenn die Dinge in Wahrheit dargestellt werden, wie wir
es machen, niemals als imGegensatze zu einer Bewegung aufgefafit wer-
den, welche Reinkarnation und Karma in den Mittelpunkt der Be-
trachtungen stellt. Der Gegensatz zu uns mufi immer von aufien kon-
struiert werden; es ist unmoglich, dafi er sich ergeben kann, wenn man
die Dinge, die in unserer Mitte geschehen, wirklich richtig darstellt.
Wir brauchen nur das eine Moment ins Auge zu fassen: Wie wenig
wird eigentlich iiber die Christus-Frage in unserer Mitte gesprochen!
Da darf niemand das, was gesagt wird, deshalb vergrofiern, weil er es
fur sein Herz als besonders wichtig empfindet, sondern er mufi es ob-
jektiv betrachten; so dafi niemand einen Grund hat, weil dieses oder
jenes als notwendige Folge fur das gereifte Begreifen von Reinkarna-
tion und Karma sich ergibt, zu sagen, dafi wir viel iiber die Christus-
Frage sprechen. Denn das ist nicht das Fundamentale, was den An-
throposophen in der Gegenwart ausmacht, sondern das ist es, was neu
in die Welt hereintritt, und dafi das, was neu hereintritt, wirklich von
der Menschheit aufgenommen wird. So also miifiten wir dies verstehen,
dafi es eigentlich nur durch eine unrichtige, oder unter der Voraus-
setzung einer unrichtigen Darstellung der Art und Weise, wie wir die
Dinge hier treiben, moglich ware, einen Gegensatz zu konstruieren;
denn der mufi immer von aufien zu uns konstruiert werden. Man kann
Gegner sein von uns, aber wir brauchen nicht irgendeine Gegnerschaft
zu konstruieren; denn das Sich-nicht-Kiimmern um etwas, bedeutet
nicht eine Gegnerschaft, sonst miifke man ein Gegner sein von allem,
worum man sich nicht kiimmert!
Das wollte ich Ihnen besonders an die Seele legen: dafi wir nach-
denken, was das Fundamentale, was das Neue an der Anthroposophie
eigentlich ausmacht. Selbstverstandlich soli damit nicht gesagt sein:
Eine anthroposophische Gesellschaft ist die, welche an Reinkarnation
und Karma glaubt. Sondern es soil damit gesagt sein: So wie einmal
eine Zeit reif geworden ist, um die kopernikanische Weltanschauung
aufzunehmen, so ist unsere Zeit reif geworden, die Lehre von Rein-
karnation und Karma zum allgemeinen Bewufitsein der Menschheit zu
bringen. Und was geschehen soil im Verlaufe der Menschheitsentwicke-
lung, das wird geschehen, wie viele Machte sich auch dagegen erheben.
Und mit Reinkarnation und Karma, mit dem wirklichen Begreifen von
Reinkarnation und Karma werden sich alle anderen Dinge von selbst
ergeben. Die anderen Dinge ergeben sich durch das Licht, das von Rein-
karnation und Karma ausstrahlt.
Es war gewifi einmal ganz niitzlich, betrachtet zu haben, was eigent-
lich das fundamental Unterscheidende ist zwischen denjenigen, die
sich an der Anthroposophie interessiert fiihlen, und denjenigen, die ihre
Gegnerschaft gegen sie entwickeln. Das Annehmen einer hoheren Welt
als solches ist es eigentlich nicht; sondern das ist es, was die Vorstel-
lungen an Hoherem erfahren durch die Voraussetzung der Ideen von
Reinkarnation und Karma. Damit haben wir heute etwas angegeben,
was als das Wesentliche der anthroposophischen Weltanschauung an-
gesehen werden kann.
ERSTER VORTRAG
Stuttgart, 20.Februar 1912
Wenn wir das Leben in Betracht ziehen, wie es sich um uns herum ab-
spielt, wie es sozusagen seine Wogen hereinwirf t in unser Inneres, in all
das, was wir selber wahrend unseres physischen Erdendaseins zu emp-
finden und zu leiden haben, oder woriiber wir uns zu freuen haben, so
konnen wir mehrere besondere Gruppen oder Arten von Erleben ins
Auge fassen.
Wir finden zunachst, wenn wir mehr auf uns selbst schauen, auf das-
jenige, was in unseren Fahigkeiten, in unseren Talenten liegt, wir fin-
den, wenn uns dieses oder jenes gelingt, dafi wir uns sagen konnen:
Nun, nachdem wir schon einmal dieser oder jener Mensch sind, ist es
ganz naturlich und begreiflich, dafi uns dieses oder jenes gelingen
mufite. - Wir konnen aber auch gewisse Mifierfolge, die uns betroffen
haben, vielleicht gerade das, was wir als Mifigeschick und Ungliick be-
zeichnen mtissen, weil es uns nicht gelungen ist, im ganzen Zusammen-
hang unseres Wesens begreiflich finden.
Vielleicht gelingt es uns nicht immer in solchen Fallen, genau nach-
zuweisen, wie dieser oder jener Mifierfolg, dieses oder jenes, was uns
nicht gelungen ist, zusammenhangt mit unserer Unf ahigkeit nach dieser
oder jener Richtung. Aber wenn wir uns dann im allgemeinen sagen
miissen: Du warst ja in vielen Beziehungen im jetzigen Erdendasein ein
leichtsinniges Subjekt, da kannst du begreifen, dafi du unter Umstanden
verdientermafien diesen oder jenen Mifierfolg haben mufit -, dann
konnen wir vielleicht nicht ganz unmittelbar den Zusammenhang ein-
sehen zwischen Mifierfolg und Unfahigkeit, aber im allgemeinen doch
begreiflich finden, dafi, wenn wir leichtsinnig waren, nicht alles am
Schnurchen gelingen konnte.
Von dem, was jetzt besprochen worden ist, konnen Sie sich denken,
dafi wir gewissermafien eine Art ursachlichen Zusammenhanges ein-
sehen konnten zwischen dem, was geschehen mufite aus unseren Fahig-
keiten und unseren Unfahigkeiten heraus. Es gibt aber viele Dinge im
Leben, bei denen wir, auch wenn wir noch so genau zu Werke gehen,
nicht erreichen, das, was uns gelingt oder mifilingt, ohne weiteres in
Zusammenhang zu bringen mit unseren Fahigkeiten oder Unfahigkei-
ten, bei denen uns gewissermafien undurchsichtig bleibt, wie wir dieses
oder jenes verschuldet haben, oder wie wir es verdient haben. Kurz,
wenn wir mehr unser Innenleben ins Auge fassen, werden wir unter-
scheiden konnen zwischen zwei Gruppen von Erlebnissen. Die eine
Gruppe ist die, bei der wir uns bewufit sind, wie es mit den Ursachen
unseres Gelingens und Mifilingens bestellt ist; bei der anderen Gruppe
werden wir einen solchen Zusammenhang nicht iiberschauen konnen.
Bei dieser letzteren Gruppe wird es uns mehr oder weniger als Zufall
erscheinen, dafi gerade dieses uns mifilungen, ein anderes uns gelungen
ist. Wir wollen uns zunachst merken, dafi es im Leben diese letztere
Gruppe von Tatsachen und Erfahrungen hinlanglich gibt, und wollen
spater einmal das Augenmerk auf diese Gruppe lenken.
Wir konnen dann, entgegen dem, was jetzt besprochen worden ist,
unser aufieres Schicksal mehr ins Auge fassen. Da werden wir eigentlich
wiederum zwei Gruppen von Tatsachen in bezug auf unser aufieres
Geschick ins Auge fassen miissen. Wir konnen solche Falle ins Auge
fassen, bei denen wir innerlich einsehen, dafi wir in bezug auf diese Er-
eignisse, die uns treffen - also nicht, was wir selber unternommen
haben -, gewisse Dinge sozusagen selber herbeigefuhrt haben, schuld
sind an solchen Dingen. Aber von einer anderen Gruppe werden wir
sehr geneigt sein zu sagen: Wir konnen den Zusammenhang nicht ein-
sehen mit dem, was wir gewollt, was wir beabsichtigt haben. Es sind
diejenigen Ereignisse, bei denen man im gewohnlichen Leben davon
spricht, dafi sie wie ein Zufall, der anscheinend mit nichts, was wir
selber herbeigefuhrt haben, zusammenhangt, in unser Leben herein-
gebrochen sind.
Diese zweite Gruppe ist es, die wir jetzt ins Auge fassen wollen mit
Bezug auf das innere Leben, also diejenigen Ereignisse, von denen wir
nicht einsehen konnen, dafi sie als etwas Direktes, Unmittelbares mit
unseren Fahigkeiten und Unfahigkeiten zu tun haben; aufiere Ereig-
nisse also, das, was wir Zufallsereignisse nennen, von denen wir von
vorneherein nicht die Einsicht gewinnen konnen, dafi sie durch irgend
etwas Vorhergehendes herbeigefuhrt worden sind.
Nun kann man einmal probeweise sozusagen mit diesen beiden Grup-
pen von Erlebnissen eine Art Experiment machen. Das Experiment
verpflichtet einen ja zunachst zu nichts. Man probiere sozusagen nur
einmal dasjenige, was jetzt gesagt, was jetzt charakterisiert werden soil.
Wir konnen das Experiment machen, indem wir uns vorstellen: Wie
ware es denn, wenn wir einmal eine Art von kiinstlichem Menschen
konstruieren wiirden, so einen kiinstlichen Menschen uns ausdenken
wiirden, dafi wir von diesem kiinstlichen Gedankenmenschen, den wir
uns ausgedacht haben, sagen wiirden, gerade diejenigen Dinge, von de-
nen wir keinen Zusammenhang wissen mit unseren Fahigkeiten, die
seien so, dafi wir den kiinstlichen Menschen, den wir uns ausdenken,
begaben mit den Eigenschaften und Fahigkeiten, welche diese bei uns
unbegreiflichen Dinge herbeigefuhrt haben. Also ein Mensch, der sol-
che Fahigkeiten hat, dafi ihm das gelingen oder mifilingen mufi, wovon
wir uns nicht zuschreiben konnen, dafi es uns nach unseren Fahigkeiten
oder Unfahigkeiten gelinge oder mifilinge. Wir stellen ihn uns also vor
als einen solchen Menschen, welcher kiinstlich, ganz absichtlich herbei-
gefuhrt hatte die Dinge, welche zufallig in unserem Leben eingetreten
zu sein scheinen.
Man kann von einfachen Beispielen ausgehen, um das zu erlautern.
Nehmen wir an, ein Ziegelstein ware auf unsere Schulter gefallen und
hatte uns an der Schulter verletzt. Da werden wir zunachst geneigt
sein zu sagen: Das ist ein Zufall. - Aber konstruieren wir einen kiinst-
lichen Menschen probeweise zunachst wie ein Experiment, der folgende
sonderbare Sache machen wurde. Wir konstruieren einen Menschen,
der auf das Dach steigt und dort rasch einen Ziegelstein loslost, aber
nur so weit, dafi der Stein noch einen gewissen Halt behalt; dann lauft
der kiinstliche Mensch schnell wieder hinunter, so dafi, wenn der Stein
sich loslost, er gerade auf seine Schultern fallt. So machen wir es in be-
zug auf alle Ereignisse, von denen uns einfallt, dafi sie zufallig in un-
serem Leben eingetreten sind. Einen kiinstlichen Menschen konstruieren
wir, der alles verschuldet oder herbeifiihrt, wovon wir im gewohnlichen
Leben nicht einsehen konnen, wie es mit uns zusammenhangt.
Wenn man das tut, so konnte es zunachst ausschauen wie ein blofies
Gedankenspiel. Und es verpflichtet zu nichts, wenn man das tut. Aber
eine Merkwiirdigkeit stellt sich heraus, wenn man das tut. Wenn man
einen solchen Menschen ausgedacht hat und ihn begabt hat mit den ge-
schilderten Eigenschaften, dann macht dieser kiinstliche Gedanken-
mensch einen ganz merkwurdigen Eindruck auf uns. Wir kommen nam-
lich von dem Bilde eines Menschen, das wir uns da gemacht haben, ob-
wohl es scheinbar so kunstlich konstruiert ist, nicht mehr los; es faszi-
niert uns, es macht den Eindruck, als ob es doch irgend etwas mit uns
zu tun haben mufite. Dafiir sorgt schon die Empfindung, die man ge-
geniiber dem kiinstlichen Gedankenmenschen hat. Wenn man sich recht
sehr hineinvertieft in dieses Bild, so lafit es einen ganz sicher nicht mehr
los. Ein merkwiirdiger Prozefi bildet sich in unserem Gemiit; ein Pro-
zejft, den man vergleichen kann mit folgendem: Wir kommen zu einem
inneren Gemiitsprozefi, den der Mensch alle Augenblicke durchmacht.
Wir konnen irgend etwas denken, konnen einen Entschlufi fassen; wir
brauchen dazu etwas, was wir einmal gewufit haben, und wir wenden
alle moglichen kiinstlichen Mittel an, um uns auf das zu besinnen, was
wir gewufit haben. Bei diesem Anstrengen, in das Gedachtnis etwas
heraufzurufen, was uns entfallen ist, machen wir naturlich einen Ge-
miitsprozefi durch, das Uns-Besinnen, wie wir es im gewohnlichen
Leben nennen. Und alle die Gedanken, die wir zu Hilfe nehmen, um
uns auf etwas zu besinnen, sind Hilfsgedanken. Versuchen Sie nur ein-
mal, darauf zu kommen, wieviel solcher Hilfsgedanken Sie oftmals
aufwenden miissen, die Sie dann wieder fallen lassen, um auf das zu
kommen, was Sie wissen wollen. Solche Hilfsgedanken sind dazu da,
dafi sie den Weg eroffnen auf das zu Besinnende, was wir eigentlich
gegenwartig brauchen.
Gerade so, nur wie etwas weit Umfassenderes, ist jener Gedanken-
mensch, den wir geschildert haben, ein Hilfsprozefi. Er lafit uns nicht
mehr los; er arbeitet in uns so, dafi wir sagen, er ist etwas, was als Ge-
danke in uns wohnt, etwas, was da fortwirkt, was sich umwandelt in
uns; was tatsachlich sich umwandelt zu der Idee, zu dem Gedanken,
der nun auftritt wie etwas, was uns einfallt, wenn wir uns im gewohn-
lichen Erinnerungsprozefi besinnen, der auftritt wie etwas, was uns
iiberwaltigt. Wie wenn etwas sagen wiirde: So kann er nicht bleiben,
er andert sich um in dir, er entfaltet Leben, er wird zu etwas ande-
rem! Das drangt sich uns auf - machen Sie das Experiment! es
drangt sich uns so auf, dafi es uns sagt: Ja, das ist etwas, was mit einem
anderen als deinem jetzigen Erdendasein einiges zu tun hat. Eine ArtBe-
sinnung auf ein anderes Erdendasein, der Gedanke tritt ganz bestimmt
auf. Es ist mehr ein Gef iihl als ein Gedanke, eine Empf indung, aber eine
solche, wie wenn wir das, was im Gemut auftritt, so fiihlen wie das, was
wir selber einmal in einer friiheren Inkarnation auf dieser Erde waren.
Anthroposophie ist eben durchaus, wenn wir sie als etwas Ganzes
betrachten, nicht blofi eine Summe von Theorien, von Mitteilungen von
Tatsachen, die da bestehen, sondern sie gibt uns Vorschriften und An-
weisungen, wie man dies oder jenes erreichen kann. Die Anthropo-
sophie sagt: Du wirst mehr und mehr dahin gefuhrt, dafi du dich leich-
ter besinnen kannst, wenn du dies oder jenes machst. - Man kann auch
sagen, und das ist durchaus aus dem Gebiet der Erfahrung geschopft:
Wenn du so vorgehst, bekommst du einen Gemiitseindruck, einen Ge-
fiihlseindruck von dem Menschen, der du f riiher warst. - Wir kommen
da zu dem, was man nennen konnte: eine Erweiterung unseres Gedacht-
nisses. Nun ist dies, was sich uns da eroffnet, wirklich zunachst nur
eine Gedankentatsache, solange wir den geschilderten Gedankenmen-
schen konstruieren. Aber der Gedankenmensch bleibt nicht Gedanken-
mensch. Er verwandelt sich in Empfindungs-, in Gemutseindriicke, und
indem er dies tut, wissen wir: In dem, was wir empfinden, haben wir
etwas, was zu tun hat mit unserer vorhergehenden Inkarnation. Unser
Gedachtnis erweitert sich auf unsere f riihere Inkarnation.
In dieser Inkarnation erinnern wir uns an die Dinge, bei denen wir
mit unseren Gedanken zugegen sind. Sie alle wissen, dafi man sich ver-
haltnismafiig leicht erinnert an die Dinge, in welche unsere Gedanken
hereingespielt haben. Im gewohnlichen Leben bleibt aber nicht so leicht
lebendig dasjenige, was in unser Gefuhl hereingespielt hat. Wenn Sie
versuchen, zuruckzudenken an das, was Ihnen grofien Schmerz gemacht
hat vor zehn, zwanzig Jahren, so werden Sie sich leicht an die Vorstel-
lung erinnern; Sie werden sich an das, was sich da abgespielt hat, in
Ihren Vorstellungen zuruckversetzen; aber zu einer lebendigen Emp-
findung des damals empfundenen Schmerzes konnen Sie nicht ge-
langen. Der Schmerz verblafit, die Erinnerung an ihn ergiefit sich in
unsere Vorstellung. Was jetzt geschildert worden ist, ist ein Gemiits-
gedachtnis, ein Gefuhlsgedachtnis. Und in der Tat, als solches fiihlen
wir unsere friihere Inkarnation. In der Tat tritt das auf, was wir nen-
nen konnen: eine Erinnerung an friihere Inkarnationen. Es kann ja
nicht so ohne weiteres angesehen werden wie das, was in die gegen-
wartige Inkarnation hereinspielt, was Trager der Erinnerung ist an
friihere Inkarnationen. Bedenken Sie nur einmal, wie innig verwachsen
unsere Vorstellungen mit dem Ausdruck der Vorstellungen sind, mit
unserer Sprache. Die Sprache ist die verkorperte Vorsteliungswelt. Und
die Sprache mufi ein jeder Mensch in den einzelnen Leben wieder ler-
nen. Der groftte Sprachforscher oder Sprachkenner mufi als Kind mit
Miihe seine Muttersprache erlernen. Es ist noch nicht der Fall vorge-
kommen, daft ein Gymnasiast das Griechische deshalb leicht lernte,
weil er sich rasch erinnert hatte an das Griechisch, das er in fruheren
Inkarnationen gesprochen hat!
Der Dichter Hebbel hat mit einigen Gedanken den Plan eines Dra-
mas aufgezeichnet, das er schreiben wollte. Schade, daft er es nicht ge-
tan hat, es ware ein sehr interessantes Drama geworden. Die Handlung
war so gedacht, daft der wiederverkorperte Plato als Gymnasiast bei
der Erklarung des alten Plato die allerschlechteste Zensur bekame! Lei-
der ist der Plan Hebbels nicht zur Ausfuhrung gekommen. Wir brau-
chen nicht blofi daran zu denken, daft die Lehrer zum Teil pedantisch
sind und so weiter. Wir wissen, daft das, was Hebbel aufzeichnete,
darauf beruht, daft das Vorstellungsmaftige, was sich in den unmittel-
baren Erfahrungsvorstellungen abspielt, mehr oder weniger unmittel-
bar beschrankt ist auf die gegenwartige Inkarnation. Und es ist so, wie
jetzt angedeutet worden ist, daft die erste Impression, der erste Ein-
druck von der vorhergehenden Inkarnation unmittelbar auftritt als
Gefuhlsgedachtnis, als eine neue Art von Gedachtnis. Was wir als Ein-
druck haben, wenn dieses Gedachtnis von dem Gedankenmenschen her
entsteht, den wir konstruiert haben, ist mehr ein Gefiihl, aber ein sol-
ches Gefiihl, daft man versteht: Der Eindruck riihrt von einem Kerl
her, der einmal existiert hat und der du selber warst! - Man bekommt
etwas wie ein Erinnerungsgefuhl als ersten Eindruck an die vorher-
gehende Inkarnation.
Was da geschildert worden ist als Konstruktion eines Gedanken-
menschen, das ist nur ein Mittel. Dieses Mittel wandelt sich urn in einen
solchen Gemiits- oder Gefuhlseindruck. Jeder Mensch, der an die An-
throposophie herantritt, hat eigentlich mehr oder weniger Gelegenheit,
leicht dasjenige auszufiihren, was jetzt geschildert worden ist. Und
wenn er dieses ausfiihrt, wird er schon sehen, dafi er wirklich in seinem
Inneren einen Eindruck erhalt, sagen wir - urn ein anderes Beispiel zu
gebrauchen - einen Eindruck, den er so schildern konnte: Ich habe
einmal eine Landschaft gesehen, ich habe vergessen, wie sie aussieht, sie
hat mir aber gef alien! - Nun wird, wenn es in diesem Leben war, die
Landschaft keinen sehr lebendigen Gefuhlseindruck mehr machen; aber
wenn der Eindruck aus einer vorhergehenden Inkarnation stammte, so
wird er einen besonders lebendigen Gefuhlseindruck machen. Wir kon-
nen uns so einen besonders lebendigen Eindruck als Gefuhlseindruck
von unserer fruheren Inkarnation machen. Und wenn wir dann objek-
tiv die geschilderten Eindrucke beobachten, werden wir zuweilen etwas
wie ein bitteres oder ein bittersiiJSes oder ein saures Gefiihl haben aus
dem, was sich ergibt als Umwandlung des Gedankenmenschen. Dieses
sauersiifie oder sonstige Gefiihl ist der Eindruck, den unsere friihere
Inkarnation auf uns macht; es ist eine Art von Gefiihls- oder Gemiits-
eindruck.
Damit wurde versucht, Sie aufmerksam zu machen auf etwas, was
dazu fiihren kann, bei jedem Menschen eine Art unmittelbarer Gewifi-
heit hervorzurufen, dafi er in fruheren Leben existiert hat; Gewifiheit
dadurch, dafi er sich ein Gefiihl verschafft, dafi er Gemiits- oder Ge-
fUhlseindrucke hat, von denen er weifi: Das hast du gewifi nicht in
diesem Leben irgendwo erworben. - Ein solcher Eindruck tritt aber so
auf, wie fur das gewohnliche Leben eine Erinnerungsvorstellung auf-
tritt. Nun kann man fragen: Wie kann man wissen, dafi der Eindruck,
den man hat, eine Erinnerung ist? - Sehen Sie, da kann man nur sagen,
beweisen lafit sich so etwas nicht. Aber es liegt derselbe Tatbestand vor,
der auch sonst im Leben vorliegt, wenn wir uns an etwas erinnern und
bei gesunden Sinnen sind. Da konnen wir wissen, daft das, was in uns
auftritt in Gedanken, sich wirklich bezieht auf etwas, was wir erlebt
haben. Die Erfahrung selber gibt die Gewifiheit. Was wir uns in der
angegebenen Art vorstellen, gibt uns die Gewifiheit davon, dafi der
Eindruck, der im Gemiit auftaucht, sich nicht auf etwas bezieht, was
mit uns zu tun hatte im gegenwartigen Leben, sondern auf etwas, was
mit uns zu tun hatte im vorhergehenden Leben.
Da haben wir auf kiinstliche Weise in uns hervorgerufen etwas, was
uns mit unserem vorhergehenden Leben in Zusammenhang bringt. Wir
konnen noch mancherlei andere Arten von innerlichen probeweisen Er-
fahrungen und Erlebnissen hernehmen und konnen dadurch wieder
weitergehen und in uns wachrufen so etwas wie Empfindungen von
fruheren Leben. Da konnen wir wiederum in anderer Hinsicht die Er-
lebnisse dessen, was wir im Leben durchmachen, teilen; wir konnen sie
in anderer Weise in Gruppen teilen. Wir konnen auf der einen Seite in
eine Gruppe fassen, was wir an Leiden, an Schmerzen, an Hemmnissen
im Leben durchgemacht haben; auf der anderen Seite, was uns bewufit
geworden ist als Forderungen, als Freude, Lust und so weiter.
Nun konnen wir wiederum probeweise uns auf folgenden Stand-
punkt stellen. Wir konnen einmal sagen: Ja, wir haben diese Schmer-
zen, diese Leiden erfahren. So wie wir in dieser Inkarnation einmal
sind, wie das normale Leben nun einmal ablauft, sind uns unsere
Schmerzen, unsere Leiden etwas Fatales, etwas, was wir in gewisser
Beziehung gern von uns hinwegstofien wiirden. Tun wir dies einmal
probeweise nicht. Nehmen wir probeweise an, wir wiirden aus einem
gewissen Grunde diese Schmerzen, diese Leiden und Hemmnisse selber
herbeigefuhrt haben, denn durch diese fruheren Leben, wenn sie wirk-
lich da sind, sind wir in gewisser Weise durch das, was wir getan haben,
unvollkommener geworden. Wir werden ja durch die Inkarnationen-
folge nicht nur vollkommener, sondern wir werden in einer gewissen
Weise auch unvollkommener. Oder sind wir etwa nicht unvollkomme-
ner, als wir vorher waren, wenn wir einem Menschen eine Beleidigung,
ein Ungemach zugefiigt haben? Nicht nur diesem Menschen haben wir
etwas zugefiigt, wir haben uns selber etwas genommen; wir waren als
Gesamtpersonlichkeit mehr wert, wenn wir das nicht getan batten.
Solche Dinge haben wir viele auf unser Kerbholz geschrieben, die wir
getan haben, und die, weil wir sie getan haben, unsere Unvollkommen-
heit begriinden. Wenn wir einem Menschen ein Ungemach zugefiigt ha-
ben und den Wert, den wir vorher gehabt haben, wieder haben wollen,
was muE da geschehen? Wir miissen das Ungemach ausgleichen, wir
miissen eine ausgleichende Tat in die Welt setzen, miissen irgend etwas
erfinden, was sozusagen uns zwingt, etwas zu iiberwinden. Und wenn
wir in dieser Richtung nachdenken iiber unsere Leiden und Schmer-
zen, so konnen wir vielfach sagen: Unsere Leiden, unsere Schmerzen
sind geeignet, wenn wir sie iiberwinden, uns Kraft anzueignen in der
Oberwindung unserer Unvollkommenheiten. Vollkommener konnen
wir werden durch die Leiden. - Im normalen Menschenleben denken
wir ja nicht so; da verhalten wir uns ablehnend gegen die Leiden. Wir
konnen aber sagen: Jeder Schmerz, jedes Leid, jedes Hemmnis im Le-
ben soli eine Andeutung dafur sein, dafi wir einen gescheiteren Men-
schen in uns haben, als wir selber sind. Den Menschen, der wir selber
sind, betrachten wir fur eine Weile, trotzdem er derjenige ist, der unser
Bewufitsein umfafk, als den weniger gescheiten; aber einen gescheiteren
haben wir, der in den Untergriinden unserer Seele schlummert. Wir, mit
unserem gewohnlichen Bewufitsein, verhalten uns gegen Schmerzen
und Leiden ablehnend, aber der Gescheitere fiihrt uns gegen unser Be-
wufitsein zu diesen Schmerzen hin, weil wir durch Uberwindung dieser
Schmerzen etwas abstreifen konnen. Er fiihrt uns hin zu dem Schmerz
und Leid, er weist uns an, das durchzumachen. - Mag sein, dafi es zu-
nachst ein harter Gedanke ist, aber er verpf lichtet uns ja zu nichts, wir
konnen ihn ja nur einmal probe weisemachen. Wir konnen sagen: Da drin-
nen in uns ist ein gescheiterer Mensch, der uns zu Leiden und Schmer-
zen hinfiihrt, zu etwas, was wir im Bewufitsein am liebsten vermeiden
mochten. Davon denken wir, dafi es der Gescheitere in uns ist. Auf diese
Weise kommen wir zu dem fur manchen storenden inneren Ergebnis,
dafi der Gescheitere uns immer zu dem uns Unsympathischen hinfiihrt!
Wir wollen also einmal annehmen, es sei solch ein Gescheiterer in
uns, der uns zu dem uns Unsympathischen hinfiihrt, damit wir vor-
wartskommen.
Wir machen aber noch etwas anderes. Nehmen wir unsere Freuden,
unsere Forderungen, unsere Lust und sagen wir von diesen wiederum
probeweise: Wie ware es, wenn du dir die Vorstellung bildetest, gleich-
giiltig, wie es in Wahrheit sich verhalt: Du hast deine Lust, deine
Freude, deine Forderungen gar nicht verdient, sie sind dir durch Gnade
der hoheren geistigen Machte zugekommen. - Es braucht dies nicht fur
alles der Fall zu sein, aber probeweise wollen wir annehmen, wir hatten
alle Schmerzen und Leiden so herbeigefiihrt, dafi der Gescheitere in uns
zu ihnen uns hingef iihrt hatte, weil wir anerkennen, dafi wir sie inf olge
unserer Unvollkommenheiten notwendig haben und doch nur durch
Schmerzen und Leiden hinauskommen konnen iiber unsere Unvollkom-
menheiten. Und dann wollen wir probeweise das Gegenteilige anneh-
men: wir schreiben uns unsere Freuden so zu, als ob sie nicht unser
Verdienst waren, sondern als ob sie uns von geistigen Machten gegeben
worden waren.
Es mag wiederum fur manchen eitlen Menschen eine bittere Pille
sein, so zu denken. Aber probeweise das durchzumachen, ist durchaus
etwas, das, wenn der Mensch in seinem Gemut ganz intensiv solcher
Vorstellung fahig ist, zu der Grundempfindung fiihrt, weil es sich wie-
derum verwandelt und insof ern es unrichtig ist, sich von selber rektif i-
ziert: In dir lebt etwas, was nichts zu tun hat mit dem gewohnlichen
Bewufitsein, was tatsachlich tiefer ist, als was du in diesem Leben be-
wufit erfahren hast; es ist also etwas in dir, was ein gescheiterer Mensch
in dir ist, der sich gern an die ewigen gottlich-geistigen Machte wendet,
die die Welt durchleben. - Da wird dann im inneren Leben selber zur
Gewifiheit, dafi hinter der aufieren eine innere, hohere Individualitat
liegt. Wir werden uns des ewigen geistigen Wesenskernes durch solche
Gedankeniibungen bewufit. Das ist aufierordentlich bedeutsam. Damit
haben wir wiederum etwas, von dem wir sagen konnen, wir konnen
es ausfiihren.
Anthroposophie kann eben in jeder Beziehung eine Anweisung sein,
urn nicht nur irgend etwas zu wissen iiber das Dasein einer anderen
Welt, sondern um in sich selber sich als einen Angehorigen einer ande-
ren Welt zu fuhlen, um sich als eine solche Individualitat zu fiihlen, die
durch die aufeinanderfolgenden Inkarnationen hindurchgeht.
Es gibt noch eine dritte Art von Erlebnissen. Bei dieser dritten Art
wird es allerdings schon schwieriger sein, sie sozusagen zu beniitzen, um
wirklich zu einer Art von innerer Erfahrung von Karma und Reinkar-
nation zu kommen. Aber wenn es auch schwierig und langwierig ist,
das, was jetzt gesagt werden soli, es kann wiederum so beniitzt werden,
dafi es probeweise genommen wird. Und im redlichen Anwenden auf
das aufiere Leben wird sich schon herausstellen - zunachst die Wahr-
scheinlichkeit, wenn man es glauben kann, dann aber die immer gros-
sere Gewifiheit -, daft wirklich in dieser Weise unser gegenwartiges
Leben mit dem vorhergehenden zusammenhangt.
Wir wollen einmal annehmen, wir durchleben unser gegenwartiges
Leben zwischen Geburt und Tod, und wir machen uns einmal klar,
wenn wir, sagen wir, schon so weit sind, dafi wir die Dreifiigerjahre er-
reicht oder uberschritten haben - wir werden schon sehen, dafi auch
fiir diejenigen, die jetzt noch nicht so weit sind, es spater entsprechende
Erlebnisse geben wird wir besinnen uns darauf, wie wir gerade um
die Dreifiigerjahre mit diesen oder jenen Menschen in der Aufienwelt
zusammengeftihrt worden sind; wir sind in den Dreifiigerjahren bis
zum vierzigsten Jahr in den verschiedenen Lebensverbindungen zu-
sammengefiihrt worden mit Menschen der aufieren Welt. Da stellt sich
fiir uns heraus, dafi uns die Verbindungen, die wir da geschlossen haben,
so erscheinen, als ob wir sie, man mochte sagen, in unserem lebensreif-
sten Zustande gemacht hatten, so dafi wir wirklich ganz als reife Men-
schen am allermeisten dabei waren. Das kann sich uns durch Uber-
legung ergeben. Eine Uberlegung, die aber aus den Grundsatzen, den
Erkenntnissen der Geisteswissenschaft heraus gewonnen worden ist,
kann uns doch darauf fiihren, dafi das richtig ist, was jetzt von mir
nicht blofi aus solcher Erwagung heraus gesprochen, sondern aus der
geisteswissenschaftlichen Forschung heraus mitgeteilt wird. Also, was
ich jetzt sage, ist nicht blofi aus Gedanken logisch gefunden, sondern
durch die geisteswissenschaftliche Forschung festgestellt worden, aber
logisches Denken kann die Tatsache erharten und verniinftig finden.
Wenn man so nachdenkt tiber mancherlei, was wir gelernt haben zum
Beispiel iiber die Art, wie die verschiedenen einzelnen menschlichen
Glieder herauskommen im Verlaufe des Lebens - wir wissen, dafi im
siebenten Jahre der Atherleib, im vierzehnten Jahre der Astralleib, im
einundzwanzigsten Jahre die Empfindungsseele, im achtundzwanzig-
sten Jahre die Verstandes- und im fiinfunddreifiigsten Jahre die Be-
wufitseinsseele herauskommt -, wenn wir dieses iiberdenken, dann
konnen wir sagen: In der Zeit vom dreifiigsten bis zum vierzigsten
Jahre haben wir es zu tun mit der Ausbildung der Verstandes- und der
Bewufitseinsseele.
Die Verstandes- und die Bewufitseinsseele, sie sind diejenigen Krafte
in der menschlichen Natur, welche uns am allermeisten zusammenfuh-
ren mit der aufieren physischen Welt, denn sie sind dazu da, dafi sie
gerade in demjenigen Lebensalter besonders herauskommen, in dem wir
am allermeisten im Wechselverkehr mit der aufieren physischen Welt
stehen. Im ersten Kindheitsalter werden die Krafte unseres physischen
Leibes herausdirigiert, herausbestimmt, verursacht aus dem, was noch
im Inneren unmittelbar verschlossen ist. Was der Mensch sich als Ur-
sachen angeeignet hat in vorhergehenden Inkarnationen, was durchge-
gangen ist mit uns durch die Pforte des Todes, was wir an geistigen
Kraften gesammelt haben, was wir aus dem friiheren Leben mitbringen,
das wirkt und webt am Aufbau unseres physischen Leibes. Es wirkt
fortwahrend unsichtbar vom Inneren heraus in den Leib hinein. Mit
dem fortschreitenden Lebensalter wird diese Einwirkung immer ge-
ringer; immer mehr riickt die Lebenszeit heran, da die alten Krafte den
Leib so hergestellt haben. Und dann kommt die Zeit, wo wir der Welt
mit einem fertigen Organismus gegeniiberstehen. Was wir im Inneren
tragen, hat seine Auspragung erfahren in unserem aufieren Leibe. Wir
treten um das dreifiigste Jahr herum - es kann auch etwas friiher oder
etwas spater sein - der Welt am allerphysischsten entgegen, wir stehen
da mit der Welt so in Beziehung, dafi wir am allerverwandtesten sind
mit dem physischen Plan. Wenn wir nun da glauben, am allermeisten
Klarheit, aufiere physische Klarheit zu haben iiber die Lebensverhalt-
nisse, die wir da ankniipfen, so miissen wir sagen: diese Lebensverhalt-
nisse, die wir da ankniipfen, sind diejenigen, die fiir diese Inkarnation
eigentlich am wenigsten zusammenhangen mit dem, was im Innersten
in uns wirkt und webt von unserer Geburt aus. Dennoch konnen wir
annehmen, dafi wir durchaus nicht aus Zufall um das dreifiigste Jahr
herum mit Menschen zusammengefiihrt werden, welche gerade dann in
unserer Umgebung auftreten miissen. Wir konnen vielmehr annehmen,
dafi auch da unser Karma am Werk ist, dafi auch diese Personen etwas
mit einer unserer friiheren Inkarnationen zu tun haben.
Und da zeigen die geisteswissenschaftlichen Tatsachen, die verschie-
dentlich erforscht sind, dafi sehr haufig die Personen, mit denen wir
zusammenkommen urn das dreifiigste Jahr herum, in friiheren Inkar-
nationen so mit uns verwoben sind, dafi wir mit ihnen zusammenhan-
gen konnen, meistens am Anfang der unmittelbar vorhergehenden In-
karnation oder auch noch friiher, als Eltern oder Geschwister. Das ist
zunachst eine merkwiirdige, iiberraschende Tatsache. Es mufi nicht so
sein, aber viele Falle zeigen der geisteswissenschaftlichen Forschung,
dafi es so ist, dafi tatsachlich unsere Eltern, die Personen, die beim Aus-
gangspunkt unseres vorhergehenden Lebens uns zur Seite gestanden
haben, die uns in den physischen Plan hineingestellt haben, denen wir
spater entwachsen sind, dafi die mit uns karmisch so verwoben sind,
dafi sie in unserem neuen Leben nicht in unserer Kindheit wieder mit
uns zusammengefuhrt werden, sondern erst dann, wenn wir am meisten
auf den physischen Plan herausgetreten sind. Es mufi nicht so sein,
denn die geisteswissenschaftliche Forschung zeigt sehr haufig, dafi wir
erst in einer nachsten Inkarnation zusammengefuhrt werden mit sol-
chen als Eltern, als Geschwister, iiberhaupt als Blutsverwandte in Fra-
ge Kommenden, mit denen wir in dieser Inkarnation um die Dreifiiger-
jahre herum uns zusammenfanden. Also die Bekanntschaften um die
Dreifiigerjahre herum in irgendeiner Inkarnation konnen sich so stellen,
dafi die Personen, die in Betracht kommen, mit uns selber blutsver-
wandt sind in vorhergehender oder nachfolgender Inkarnation. Wir
konnen also sagen: Mit den Personlichkeiten, mit denen dich das Leben
zusammenfiihrt in den Dreifiigerjahren, mit denen warst du entweder
wie mit Eltern und Geschwistern zusammen in einer vorhergehenden
Inkarnation, oder du kannst voraussetzen, dafi sie in einer der nachsten
Inkarnationen mit dir in solcher Eigenschaft zusammenhangen.
Auch das Umgekehrte gilt. Wenn wir diejenigen Personlichkeiten
betrachten, die wir uns willkiirlich durch aufiere Krafte, die fur den
physischen Plan geeignet sind, am wenigsten wahlen, also unsere Eltern
und Geschwister, mit denen wir am Anfang unseres Lebens zusammen-
traf en, wenn wir diese ins Auge fassen, kommen wir sehr haufig darauf ,
dafi wir gerade die Personen, die uns hereingeleiten von der Kindheit
an ins Leben, um die Dreifiigerjahre herum in einer anderen Inkar-
nation wie willkurlich mit unseren Kraften selber ausgewahlt haben;
mit anderen Worten, dafi wir in der Mitte des vorhergehenden Lebens
die ausgewahlt haben, die jetzt unsere Eltern und Geschwister gewor-
den sind.
Besonders interessant ist also die Tatsache, die sich merkwiirdiger-
weise herausstellt, dafi die Sache nicht so liegt, dafi wir in aufeinander-
folgenden Inkarnationen in den gleichen Verhaltnissen sind mit den
Personlichkeiten, mit denen wir zusammenkommen; auch dafi wir
nicht in den entsprechenden Lebensaltern wie vorher mit ihnen zusam-
mentreffen. Auch nicht gerade das Umgekehrte ist der Fall: nicht die
Personlichkeiten, mit denen wir am Lebensende zusammentrafen, ste-
hen in einer anderen Inkarnation in Beziehung zu unserem Lebens-
anfang, sondern die Personlichkeiten, mit denen wir in der Lebensmitte
zusammentreffen. Also weder die jetzt am Lebensanfang noch die am
Lebensende mit uns zusammenkommenden Personlichkeiten, sondern
die jetzt in der Mitte des Lebens mit uns in Beriihrung kommenden Per-
sonlichkeiten waren am Anfang einer vorhergehenden Inkarnation als
unsere Blutsverwandten um uns. Die damals im Lebensanfang mit uns
zusammen waren, die treten jetzt in der Mitte unseres Lebens auf ; und
die jetzt am Anfang unseres Lebens um uns sind, von denen konnen wir
voraussetzen, dafi wir uns mit ihnen in der Mitte einer der nachsten
Inkarnationen zusammenfinden, dafi sie als unsere frei gewahlten,
irgendwo gewahlten Lebensgenossen mit uns in Zusammenhang kom-
men werden. So merkwurdig sind die karmischen Zusammenhange.
Was ich jetzt gesagt habe, das sind Dinge, welche die geisteswissen-
schaftliche Forschung ergibt. Aber ich habe schon darauf aufmerksam
gemacht, dafi, wenn man auf die Art und Weise, wie das die geistes-
wissenschaftliche Forschung zeigt, die inneren Zusammenhange zwi-
schen Lebensanfang unserer einen und Lebensmitte unserer anderen
Inkarnation betrachtet, man begreift, dafi das nicht etwas Unsinniges
oder Unniitzes ist. Die andere Seite ist eben die, dafi durch solche Dinge,
wenn sie an uns herangebracht werden und wenn wir uns vernunftig
dazu stellen, das Leben hell und klar wird. Es wird hell und klar, wenn
wir nicht alles einfach hinnehmen, man mochte sagen dumpf, um nicht
zu sagen dumm; es wird hell und klar, wenn man versucht, das, was
uns im Leben triff t, irgendwie so zu begreifen, so auffassen zu wollen,
dafi wir die Beziehungen zu konkreten machen, die ja doch noch nicht
ganz verstandlich sind, so lange man nur ganz abstrakt im allgemeinen
von Karma spricht.
Es ist niitzlich, dariiber nachzudenken: Woher kommt es, dafi wir
in der Mitte unseres Lebens formlich durch Karma getrieben werden,
scheinbar mit aller Verstandeskraft diese oder jene Bekanntschaft zu
machen, von der wir sagen konnen: scheint es nicht, als ob sie unab-
hangig, objektiv geschlossen ware? - Das liegt eben daran, dafi solche
Personlichkeiten im friiheren Leben blutsverwandt mit uns waren und
durch unser Karma jetzt mit uns zusammengefuhrt werden, weil wir
etwas mit ihnen zu tun haben.
Wenn wir jedesmal solche Erwagungen anstellen gegeniiber dem Ver-
lauf des eigenen Lebens, werden wir sehen, dafi wirklich Licht in unser
Leben hineinkommt. Wenn wir uns auch einmal irren, und selbst wenn
es zehnmal unrichtig ist: bei irgendeinem Menschen, den wir im Leben
treffen, konnen wir doch auf das Richtige verfallen. Und wenn wir aus
solchen Erwagungen heraus sagen: Diesen Menschen haben wir da oder
dort getroffen -, so ist ein solcher Gedanke etwas, das uns wie ein
Wegweiser zu anderen Dingen fiihrt, die uns sonst nicht aufgefallen
waren und die uns durch ihr Zusammenfallen immer mehr und mehr
Gewifiheit verschaffen von der Richtigkeit der einzelnen Tatsachen.
Die karmischen Zusammenhange sind eben nicht solche, die sich
durch einen Schlag gewinnen lassen. Wir miissen die hochsten Erkennt-
nisse des Lebens, die wichtigsten unser Leben erhellenden Erkenntnisse
langsam und allmahlich erwerben. Daran wollen allerdings die Men-
schen nicht gern glauben. Es ist leichter zu glauben, dafi man durch ir-
gendeinen Lichtblitz finden konnte: Mit diesen und jenen Personlich-
keiten war ich in einem friiheren Leben zusammen, oder dieser oder
jener war ich selber. - Dafi das alles langsam erworbene Erkenntnisse
sein miissen, ist vielleicht unbequem zu denken, aber dennoch ist es so.
Selbst wenn wir schon den Glauben hegen, dafi es so sein konnte, miis-
sen wir noch immer weiterforschen, und unser Glaube wird dann Ge-
wifiheit annehmen. Selbst fur das, was schon mehr und mehr Wahr-
scheinlichkeit erweckt auf diesem Gebiete, kommen wir durch Forschen
weiter. Wir vermauern uns die geistige Welt, wenn wir uns auf solchen
Gebieten auf rasches Urteilen einlassen.
Versuchen Sie einmal nachzudenken iiber das, was heute gesagt wor-
den ist iiber die Bekanntschaften in der Mitte unseres Lebens und ihren
Zusammenhang mit uns naherstehenden Personlichkeiten in einer vor-
hergehenden Inkarnation. Sie werden dabei auf sehr fruchtbare Ge-
danken kommen; namentlich wenn man das gerade noch in Betracht
zieht, was gesagt ist in der Schrift iiber «Die Erziehung des Kindes vom
Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft». Dann zeigt sich klar und
deutlich, dafi das Ergebnis Ihres Nachdenkens mit dem in dieser
Schrift Gesagten in Einklang stent.
An das heute Gesagte mufi aber noch eine ernstliche Mahnung ge-
kniipft werden: Der wirkliche Geistesforscher hiitet sich davor, Schliis-
se zu ziehen; er lafit die Dinge an sich herankommen. Wenn sie da sind,
priift er sie erst mit der gewdhnlkhen Logik. Dann kann etwas nicht
passieren, was mir vor kurzem erst wieder einmal gegeniibertrat und
was recht charakteristisch ist fur die Art, wie man sich heute der An-
throposophie entgegenstellen mochte. Da sagte mir ein sehr gescheiter
Herr - ich sage das ohne alle Ironie, mit vollstandigem Bekenntnis,
dafi er wirklich ein gescheiter Herr ist -: Wenn ich lese, was in Ihrem
Buch «Geheimwissenschaft im Umrifi» steht, so mu£ ich sagen, es er-
scheint das so logisch, so im Zusammenhang mit dem, was die Welt
sonst noch an Tatsachen zeigt, dafi ich gestehen mufi, man konnte auf
diese Dinge auch durch blofies Nachdenken kommen. Diese Dinge
brauchen nicht das Ergebnis iibersinnlicher Forschung zu sein. Was in
diesem Buch gesagt ist, sind gar keine zweifelhaften Sachen; sie stim-
men mit der Wirklichkeit iiberein. — Ich konnte diesqm Herrn die Ver-
sicherung geben, dafi ich nicht glaube, dafi ich durch blofies Nachden-
ken darauf gekommen ware, und dafi ich bei allem Respekt vor seiner
Gescheitheit auch nicht glaube, dafi er durch blofies Nachdenken diese
Tatsachen gefunden hatte. Es ist schon wirklich so, dafi alles, was lo-
gisch eingesehen werden kann auf geisteswissenschaftlichem Gebiet,
wirklich nicht durch blofies Nachdenken gefunden werden konnte!
Dafi man eine Sache logisch priifen und begreifen kann, sollte doch
noch kein Grund sein, an ihrem geisteswissenschaftlichen Ursprung zu
zweifeln! Ich meine im Gegenteil, dafi es eine Art von Beruhigung sein
miifite, dafi geisteswissenschaftliche Mitteilungen durch logisches
Nachdenken als unzweifelhaft richtig erkannt werden konnen. Es
kann schon nicht der Ehrgeiz des Geistesforschers sein, lauter unlogi-
sche Dinge zu sagen, damit er Glauben f inde. Sie sehen, dafi der Geistes-
forscher selber nicht auf dem Boden stehen kann, er finde diese Dinge
durch Nachdenken. Aber wenn man nachdenkt iiber die auf geisteswis-
senschaftlichem Wege gefundenen Dinge, konnen sie so logisch erschei-
nen, dafi sie zu logisch scheinen, so dafi man gar keinen Glauben mehr
an die geisteswissenschaftlichen Quellen findet, aus denen die Dinge
stammen. So ist es tatsachlich bei alien Dingen, von denen gesagt ist,
dafi sie auf dem Boden reiner geisteswissenschaftlicher Forschung ent-
standen sind.
Wenn Ihnen auch zunachst das, was heute hier gesagt worden ist,
grotesk erscheint, so versuchen Sie jetzt doch einmal, iiber die Dinge
logisch nachzudenken. Ich wiirde wahrhaftig nicht, wenn mich nicht
geistige Tatsachen dazu gefiihrt hatten, aus dem gewohnlichen logi-
schen Denken es abgeleitet haben, aber nachdem es einmal da ist, kann
man es logisch priifen. Und da wird man sehen: je subtiler, je gewissen-
hafter man mit der Priifung zu Werke geht, desto mehr wird sich her-
ausstellen, dafi alles stimmt. Selbst von solchen Dingen, bei denen man
nicht priifen kann, ob sie richtig sind, wie das, was heute gesagt worden
ist iiber Eltern und Geschwister des einen Lebens und die Bekannt-
schaften in der Mitte des anderen Lebens, wird man schon aus der Art,
wie die verschiedenen Glieder in den Zusammenhangen sich verhalten,
finden miissen, dafi sie einen im hochsten Grad nicht nur wahrschein-
lichen, sondern einen bis an die Gewifiheit grenzenden Eindruck ma-
chen. Und namentlich stellt sich eine Gewifiheit als begriindet heraus,
wenn man die Dinge am Leben priift. Man wird bei so manchen Per-
sonlichkeiten, die man trif f t, das eigene Verhalten und das der anderen
in einem ganz anderen Lichte sehen, wenn man gleichsam jemandem,
den man in der Mitte des Lebens findet, so gegenubersteht, als ob man
im vorhergehenden Leben zusammen Geschwister gewesen ware. Und
dadurch wird das ganze Verhaltnis viel fruchtbarer werden, als wenn
man nur dumpf durchs Leben schreitet.
So konnen wir sagen: Anthroposophie wird immer mehr nicht nur
etwas, was Wissen und Erkenntnis gibt vom Leben, sondern was uns
auch Anweisung gibt, wie wir die Verhaltnisse des Lebens auffassen
und lichtvoll nicht nur fur uns selber, sondern auch fiir unser Ver-
haiten gegeniiber dem Leben und fiir unsere Lebensaufgabe machen
konnen. Es ist das wichtig, dafi wir nicht glauben, wir verderben uns
das unmittelbare Drauflosleben. Nur angstliche Menschen, die es nicht
ganz ernst meinen mit dem Leben, konnen das glauben. Wir aber sol-
len uns klar sein, daft dadurch, dafi wir das Leben genauer kennen-
lernen, wir das Leben auch fruchtbarer, inhaltsreicher machen. Was im
Leben an uns herantritt, das soil durch Anthroposophie in einen Ge-
sichtskreis geriickt werden, durch den alle Krafte reicher, zuversicht-
licher, hoffnungserweckender werden, als sie waren, bevor sie in die-
sen Gesichtskreis geriickt worden sind.
ZWEITER VORTRAG
Stuttgart, 21.Februar 1912
Es waren gestern Fragen, die das menschliche Karma beriihrten, welche
wir zur Sprache zu bringen hatten, und zwar wurde versucht, diese
Fragen des menschlichen Karmas so zu behandeln, dafi sie uns erschei-
nen in Anknupfung an innere Vorgange der menschlichen Seele; man
mochte sagen, dafi sie uns erscheinen in Anknupfung an etwas Erreich-
bares. Denn es wurde darauf aufmerksam gemacht, dafl man gewisse
Dinge sozusagen probeweise in seinem Seelenleben einrichten konne
und dafS man dadurch in seinem Seelenleben gewisse innere Erfahrun-
gen hervorrufen kann, welche zu einer ganz bestimmt ausgesprochenen
Uberzeugung von der Wahrheit des Karmagesetzes fiihren miissen.
Wenn wir solche Fragen immer wieder und wieder in die Gesichtskreise
unserer anthroposophischen Betrachtung riicken, so ist dies durchaus
nichts irgendwie Willkiirliches, sondern es hangt damit zusammen, dafi
ja immer mehr und mehr wird erkannt werden miissen, wie sich das,
was wir Anthroposophie im wahren, echten Sinne des Wortes nennen,
zum Leben und zu der ganzen menschlichen Entwickelung verhalt.
Man kann sich ja zweifellos eine wenigstens annahernd richtige Vor-
stellung davon bilden, wie alles menschliche Leben nach und nach ver-
andert werden mufi, wenn erst eine grofiere Anzahl von Personen die
Oberzeugung, die ja zugrunde liegt solch einer Betrachtung wie der
gestrigen, zu der ihrigen machen wird. Das Leben mufi sich dadurch,
dafi die Menschen sich durch die Durchdringung solcher Wahrheiten
anders zum Leben stellen, in gewisser Weise andern. Und wir kom-
men dadurch zu der aufierordentlich wichtigen Frage, die eine Ge-
wissensfrage sein miifite fiir diejenigen Personlichkeiten, die sich der
anthroposophischen Bewegung einfiigen, wir kommen zu der Frage:
Was macht eigentlich einen Menschen der Gegenwart zum Anthropo-
sophen?
Nun ist ja sehr leicht ein Mifiverstandnis moglich, wenn man diese
Frage in einer entsprechenden Weise zu beantworten versucht, denn es
verwechseln ja heute noch sehr viele Personlichkeiten, auch solche Per-
sonlichkeiten, die zu uns gehoren, die anthroposophische Bewegung mit
irgendeiner aufieren Organisation. Nichts soil gesagt werden gegen eine
solche aufiere Organisation, die ja in gewisser Beziehung da sein mufi,
damit auf dem physischen Plane die Pflege der Anthroposophie mog-
lich sei; aber wichtig ist es, sich klar dariiber zu werden, dafi zu einer
solchen aufieren Organisation im Grunde genommen alle diejenigen
Menschen gehoren konnen, die in ernster, aufrichtiger "Weise ein tie-
feres Interesse haben an den Fragen des Geisteslebens und die ihre Welt-
anschauung im Sinne einer solchen Bewegung des Geisteslebens ver-
tiefen wollen. Damit ist schon gesagt, dafi keinerlei Dogma, keinerlei
positives Bekenntnis gefordert werden mufi von denjenigen, welche
sich einer so charakterisierten Organisation anschliefien. Aber ein an-
deres ist es, einmal klipp und klar hinzuweisen auf dasjenige, was den
modernen Menschen, den Menschen unserer Gegenwart, eigentlich zum
Anthroposophen macht.
Die gewohnliche Oberzeugung, dafi man es zu tun habe mit einer
geistigen Welt, sie ist gewifi der Anfang der anthroposophischen Ober-
zeugung, und sie mufi immer da betont werden, wo man die Anthro-
posophie hinaustragt in die Offentlichkeit und von ihren Aufgaben,
ihren Zielen, ihrer gegenwartigen Mission gegeniiber der Offentlichkeit
spricht. Aber innerhalb der eigentlichen anthroposophischen Kreise
mufi man sich doch klar werden, dafi etwas viel Bestimmteres, viel Aus-
gesprocheneres als nur die Oberzeugung von einer geistigen Welt den
Anthroposophen ausmacht. Denn schliefilich hat man diese Oberzeu-
gung von einer geistigen Welt immer gehabt in denjenigen Kreisen, die
nicht geradezu materialistisch waren. Das, was den gegenwartigen
Menschen zum Anthroposophen macht, was im Grunde genommen
noch nicht in der Theosophie zum Beispiel des Jakob Bohme oder eines
anderen Theosophen der Vorzeit enthalten war, ist etwas, worauf die
Kultur unseres Abendlandes mit aller Gewalt hingearbeitet hat; auf
der einen Seite so, dafi geradezu dieses Hinarbeiten zu einer charakte-
ristischen Eigenschaft des Strebens vieler Menschen geworden ist. Und
auf der anderen Seite steht dem gegeniiber die Tatsache, dafi dieses,
was so eigenartig den Anthroposophen als solchen charakterisiert,
heute noch von der aufieren Kultur, der aufieren menschlichen Bil-
dung am allermeisten angefochten wird, als etwas Torichtes angesehen
wird.
Gewifi, wir lernen vieles durch die Anthroposophie kennen. Wir ler-
nen kennen die Entwickelung der Menschheit, wir lernen kennen selbst
die Entwickelung unserer Erde und unseres Planetensystems. Alie diese
Dinge gehoren zu den Grundlagen des anthroposophisch Strebenden.
Aber das hier Gemeinte, besonders Bedeutsame fur den Anthropo-
sophen der Gegenwart ist das Erringen einer Oberzeugung in bezug auf
die Fragen von Reinkarnation und Karma. Und die Art und Weise, wie
die Menschen sich aneignen werden diese Oberzeugung von Reinkar-
nation und Karma, wie sie die Moglichkeit finden werden, den Gedan-
ken von Reinkarnation und Karma in das allgemeine Leben uberzu-
fiihren, das wird eben dieses moderne Leben von der Gegenwart in die
Zukunft hinein im wesentlichen umgestalten. Es wird ganz neue Le-
bensformen, ein ganz neues menschliches Zusammenleben schaffen;
ein solches Zusammenleben aber, wie es notwendig ist, wenn die Kultur
der Menschheit nicht dem Niedergang verfallen soli, sondern wirklich
aufwartssteigen, vorwartsgehen soil. Solche Erwagungen, solche inne-
ren Seelenerlebnisse, wie sie gestern hervorgehoben worden sind, kann
im Grunde genommen jeder moderne Mensch schon machen; und wenn
er nur geniigend Energie und Tatkraft hat, so wird er schon zu einer
inneren Oberzeugung der Wahrheit von Reinkarnation und Karma
kommen. Demjenigen aber, was wahre Anthroposophie eigentlich
wollen soil, dem steht gegeniiber, man mochte sagen, der ganze aufiere
Grundcharakter unserer gegenwartigen Zeit.
Dieser Grundcharakter unserer gegenwartigen Zeit, er driickt sich
vielleicht in keiner Tatsache so radikal charakteristisch aus als darin,
dafi man immerhin ein mehr oder weniger grofies Interesse an den Zen-
tralfragen finden kann, die sich auf religiose Dinge beziehen, die sich
beziehen auf die Entwickelung des Menschen und der Welt; auch auf
Karma und Reinkarnation. Man wird mit solchen Fragen auch noch,
wenn sie sich erstrecken auf dasjenige, was die einzelnen positiven Leh-
ren der einzelnen Religionsbekenntnisse sind - sagen wir in bezug auf
die Natur des Buddha oder des Christus -, man wird mit der Be-
sprechung solcher Fragen heute immerhin noch ein weites Interesse fin-
den. Aber dieses Interesse wird wesentlich schwacher, lafit nach; lafit
auch bei denjenigen, die sich heute Anthroposophen nennen, recht sehr
nach, wenn davon gesprochen wird im einzelnen Konkreten, wie sich
Anthroposophie einleben soli in alle Einzelheiten des aufieren Lebens.
Es ist das ja im wesentlichen sehr begreiflich. Der Mensch steht im
aufieren Leben drinnen, der eine hat diese, der andere jene Position in
der Welt. Man mochte sagen, dafi so, wie die Welt sich darlebt mit ihren
heutigen Ordnungen, es sich fast ausnimmt wie ein grofies Etablisse-
ment; der einzelne Mensch ist darin wie ein Triebrad. So fiihlt er sich
in dieser Welt mit seiner Arbeit, seinen Sorgen, mit dem, was ihn be-
schaftigt vom Morgen bis zum Abend, und er weifi nichts anderes, als
dafi er sich dieser aufieren Weltordnung zu fiigen hat.
Daneben tritt dann die Frage auf, die fur jede Seele da sein mufi, die
nur ein wenig aufzublicken vermag von dem, was der Alltag ihr gibt,
die Frage nach dem Schicksal der Seele, nach dem Anfang und Ende
des Seelenlebens, nach dem Zusammenhang mit den gottlich-geistigen
Wesenheken, nach den Kraften der Welt. Und zwischen dem, was dem
Menschen der Alltag zu geben hat, woriiber er Sorge hat und so weiter,
und dem, was er auf dem Gebiete der Anthroposophie erhalt, tritt ein
tiefer Abgrund, eine weite Kluft auf. Und man mochte sagen: Fur die
meisten Menschen, und auch fur die Anthroposophen der Gegenwart,
ist dieses Zusammenstimmen ihrer anthroposophischen Uberzeugung
mit dem, was sie draufien im alltaglichen Leben tun und vorstellen, fast
gar nicht vorhanden. Man braucht nur irgendeine konkrete Frage in
der Offentlichkeit aufzuwerfen und im geisteswissenschaftlichen, im
anthroposophischen Sinn zu behandeln, so wird man gleich sehen, dafi
das Interesse, welches fur die Behandlung allgemeiner religioser und
ahnlicher Fragen noch vorhanden war, fur solche konkrete Fragen
nicht da ist. Nun kann man ja nicht verlangen, dafi Anthroposophie
sich gleich unmittelbar einlebt, dafi sie jeder schon in seinen Handgrif-
fen zum Ausdruck bringt. Aber aufmerksam mufi darauf gemacht wer-
den, dafi die anthroposophische Geisteswissenschaft die Mission hat,
gerade alles dasjenige ins Leben einzufiihren, dem Leben einzuverlei-
ben, was aus einer Seele folgen mufi, welche sich nach und nach die
Oberzeugung verschafft, dafi die Ideen von Reinkarnation und Karma
Realitaten sind. So konnte geradezu hingestellt werden als charakte-
ristisches Kennzeichen des gegenwartigen Anthroposophen, dafi er auf
dem Wege ist, sich eine begriindete innere Uberzeugung vom Waken
der Idee von Reinkarnation und Karma anzueignen. Alles ubrige,
mochte man sagen, ergibt sich daraus dann schon von selber als unmit-
telbare Konsequenz, als Folgeerscheinung.
Das kann naturlich auch nicht so gehen, dafi nun jeder etwa denkt,
mit dem, was ich aus Reinkarnation und Karma gewinne, werde ich
jetzt unmittelbar das aufiere Leben anfassen. Das geht naturlich nicht.
Aber Vorstellungen mufi man davon gewinnen, wie Reinkarnation und
Karma sich in das auiSere Leben hineinfinden miissen, so dafi sie zu
dirigierenden Machten des aufieren Lebens werden konnen.
Nehmen wir einmal die Idee des Karma, wie das Karma wirkt durch
die verschiedenen Verkorperungen des Menschen hindurch. Da miissen
wir, wenn ein Mensch hereintritt in die Welt, seine Fahigkeiten und
Krafte letzten Endes ansehen als das Ergebnis der Ursachen, die er sel-
ber in f riiheren Verkorperungen gelegt hat. Wir miissen, wenn wir konse-
quent diese Idee durchfiihren, wirklich jeden Menschen als eine Art von
innerem Ratsel behandeln, als etwas, aus dem sich herausarbeiten mufi
dasjenige, was in den dunklen Untergriinden seiner f riiheren Inkarna-
tionen schwebt. Nicht nur in der Erziehung, sondern im ganzen Leben
wird ein ganz bedeutsamer Umschwung herbeigefiihrt, wenn Ernst ge-
macht wird mit einer solchen Idee vom Karma. Und es wiirde, wenn das
eingesehenwurde, die Idee vom Karma aus einer blofitheoretischenldee
umgewandelt in etwas, was wirklich in das praktische Leben eingreifen
mufi, was wirklich eine praktische Sache des Lebens werden konnte.
Alles aufiere Leben, so wie es sich uns heute darbietet, ist aber iiberall
ein Bild eines solchen menschlichen Zusammenhanges, der geformt und
gebildet worden ist mit Ausschlufi, ja mit Verleugnung der Idee von
Reinkarnation und Karma. Und gleichsam, als ob man verschiitten
wollte alle Moglichkeiten, dafi die Menschen durch die eigene Seelen-
entwickelung darauf kommen konnten, dafi es Reinkarnation und Kar-
ma gibt, so ist dieses aufiere Leben heute eingerichtet. In der Tat, es gibt
zum Beispiel nichts, was so sehr feindlich gesinnt ist einer wirklichen
Oberzeugung von Reinkarnation und Karma als der Grundsatz des
Lebens, dafi man fur dasjenige, was man unmittelbar als Arbeit leistet,
einen der Arbeit entsprechenden Lohn, der die Arbeit geradezu bezahlt,
einheimsen miisse. Nicht wahr, eine solche Rede klingt sonderbar, recht
sonderbar! Nun miissen Sie die Sache auch nicht so betrachten, als wenn
die Anthroposophie nun gleich radikal die Grundsatze einer Lebens-
praxis iiber den Haufen werfen und uber Nacht eine neue Lebensord-
nung einfiihren wollte. Das kann nicht sein. Aber der Gedanke muflte
den Menschen nahetreten, dafi in der Tat in einer Weltordnung, in der
man daran denkt, Lohn und Arbeit muflten sich unmittelbar ent-
sprechen, in der man sozusagen durch seine Arbeit dasjenige verdienen
mufi, was zum Leben notwendig ist, niemals eine wirkliche Grundiiber-
zeugung von Reinkarnation und Karma gedeihen kann. Selbstverstand-
lich mufi die bestehende Lebensordnung zunachst so bleiben, denn ge-
rade der Anthroposoph mufi einsehen, dafi das, was besteht, wiederum
durch die Karmaordnung hervorgerufen worden ist, und dafi es in die-
ser Beziehung zu Recht und mit Notwendigkeit besteht. Aber er mufi
durchaus die Moglichkeit haben zu begreifen, dafi sich wie ein neuer
Keim innerhalb des Organismus unserer Weltordnung dasjenige ent-
wickelt, was aus der Anerkennung der Idee von Reinkarnation und
Karma folgen kann und mufi.
Vor alien Dingen folgt aus der Idee des Karma, dafi wir nicht durch
einen Zufall - das geht gerade aus der gestagen Betrachtung hervor,
wie ich glaube - uns hereingestellt fuhlen sollen in die Weltordnung,
nicht durch Zufall uns hingestellt fuhlen sollen auf den Posten, auf dem
wir uns befinden im Leben, sondern daft diesem Hingestelltsein gleich-
sam eine Art von unterbewulkem Willensentschlufi zugrunde liegt; daft
wir gewissermafien, bevor wir in dieses irdische Dasein getreten sind,
in das wir uns herausgearbeitet haben aus der geistigen Welt zwischen
Tod und Geburt, als Ergebnis unserer friiheren Inkarnationen in der
geistigen Welt den Willensentschlufi gefafit haben - den wir nur wie-
der vergessen haben, als wir uns in den Korper einlebten — , uns hinzu-
stellen an den Platz, an dem wir stehen. So dafi das Ergebnis eines vor-
geburtlichen, vorirdischen eigenen Willensentschlusses uns an unseren
Lebensplatz hinstellt und uns ausstattet gerade mit der Neigung fur
diejenigen Schicksalsschlage, die uns treffen. Wenn der Mensch dann
zu der Oberzeugung kommt von der Wahrheit des Karmagesetzes, kann
es nicht ausbleiben, dafi er in gewisser Beziehung beginnt, Neigung,
ja vielleicht sogar Liebe zu haben fur den Posten der Welt, auf den er
sich gestellt hat, welcher Art dieser Posten auch sein mag.
Nun konnen Sie allerdings sagen: Ja, du sprichst ganz merkwurdige
Worte, sonderbare, merkwurdige Worte! Bei Dichtern, Schriftstellern,
bei anderen geistig wirkenden Menschen mag dies ja gehen. Da hast du
dann, wenn du zu diesen sprichst, gut predigen, dafi sie Freude, Liebe,
Hingebung haben sollen fiir den Posten, auf dem sie im Leben stehen.
Aber wie ist es denn mit all denjenigen Menschen, welche auf Lebens-
posten stehen, die wahrhaftig zunachst nicht geeignet sind, mit ihrem
Inhalt, ihren Tatigkeiten auf den Menschen sonderlich sympathisch zu
wirken, die geeignet sind, in den Menschenseelen die Empfindung her-
vorzurufen, dafi man zu den vernachlassigten, den vom Leben unter-
jochten Personlichkeiten gehort? - Wer mochte leugnen, dafi ein gros-
ser Teil der gegenwartigen Kulturbestrebungen darauf hinausgeht, fort-
wahrend Verbesserungen in unser Leben einzufuhren, die sozusagen
Abhilfe schaffen konnen jenem Unzufriedensein mit einem so unsym-
pathischen Hineingestelltsein in das Leben. Wie vielgestaltige Partei-
ungen, wie viele sektiererische Bestrebungen gibt es, die sozusagen das
Leben nach alien Richtungen so verbessern wollen, dafi auch in aufier-
licher Beziehung eintreten konnte eine Art von Ertraglichkeit des ge-
samten Erdenlebens der Menschheit.
Aber alle diese Bestrebungen rechnen nicht mit dem einen, damit
namlich, dafi die Art von Unbefriedigtsein, die fiir viele Menschen ge-
rade heute aus dem Leben fliefien mufi, in vielfacher Beziehung zusam-
menhangt mit dem ganzen Gang der Menschheitsentwickelung, dafi im
Grunde genommen durch die Art und Weise, wie sich die Menschen
in der Vorzeit entwickelt haben, sie zu einem solchen Karma gekom-
men sind, und dafi aus dem Zusammenwirken dieser verschiedenen
Karmen der heutige Zustand der menschlichen Kulturentwickelung
mit Notwendigkeit hervorgegangen ist. Und wenn wir diesen Zustand
der Kultur charaktensieren wollen, miissen wir sagen, er erweist sich
im hochsten Grade als kompliziert. Wir miissen auch sagen, dafi das,
was der Mensch tut, was er ausfuhrt, immer weniger zusammenhangt
mit dem, was der Mensch liebt. Und wenn man heute die Menschen
abzahlen wiirde, die eine von ihnen ungeliebte Betatigung in ihrer aus-
seren Lebensposition vollbringen miissen, ihre Zahl wiirde wahrhaftig
weit grofier sein als die Zahl derjenigen, die sich dazu bekennen: Ich
kann nicht anders sagen, als dafi ich meine aufiere Betatigung liebe,
dafi sie mich gliicklich und zufrieden macht!
Erst vor kurzem horte ich, wie ein Mensch zu einer befreundeten
Personlichkeit merkwurdige Worte sprach. Er meinte: Oberblicke ich
mein Leben mit alien Einzelheiten, so mufi ich sagen, wenn ich dieses
Leben im gegenwartigen Augenblicke wiederum von Kindheit an be-
ginnen sollte und es gerade so durchleben konnte, wie ich es haben
mochte, ich wiirde das gleiche wiederum tun, was ich bis jetzt getan
habe. - Da antwortete die befreundete Personlichkeit: Dann gehoren
Sie zu den Menschen, die in der Gegenwart am wenigsten zu finden
sind. - Wahrscheinlich hat diese Personlichkeit in bezug auf die mei-
sten Menschen der Gegenwart recht. Es gibt nicht viele Zeitgenossen,
die den Ausspruch fallen, sie wiirden, wenn es auf sie ankame, das Le-
ben mit all dem, was es an Freude, an Schmerz, an Schicksalsschlagen,
an Hemmnissen gebracht hat, sogleich wiederum beginnen und waren
ganz zufrieden, wenn es ihnen wiederum genau dasselbe bieten wiirde.
Man kann nicht sagen, daft diese Tatsache, die angefuhrt worden ist,
namlich dafi es so wenig Menschen gibt in der Gegenwart, die sozusagen
ihr gegenwartiges Karma wiederum aufnehmen wiirden mit alien Ein-
zelheiten, nicht zusammenhange mit alledem, was der heutige Kultur-
zustand der Menschheit gebracht hat. Unser Leben ist komplizierter
geworden, aber es ist so geworden, wie es ist, durch die verschieden-
artigen Karmen der einzelnen heute auf der Erde lebenden Personlich-
keiten. Das ist ganz zweifellos. Fur denjenigen, der nur ein wenig hin-
einsieht in den Gang der Menschheitsentwickelung, liegt die Sache gar
nicht so, dafi wir etwa in der Zukunft einem Leben entgegengehen
konnten, das weniger kompliziert ware. Im Gegenteil, das Leben wird
immer komplizierter und komplizierter werden! Das aufiere Leben
wird immer komplizierter, und wenn in Zukunft noch so viele Tatig-
keiten dem Menschen abgenommen werden durch die Maschinen: Le-
ben, welche die Menschen in dieser physischen Inkarnation beseligen,
wird es in sehr geringem Umfang geben konnen, wenn nicht ganz an-
dere Verhaltnisse eintreten als jene, die sich wirksam erweisen in
unserer Kultur. Und diese anderen Verhaltnisse miissen die sein, die
sich ergeben aus dem Durchdrungensein der Menschenseeie mit der
Wahrheit von Reinkarnation und Karma.
Durch diese Wahrheit wird man erkennen, dafi mit der Komplika-
tion der aufieren Kultur etwas noch ganz anderes parallel gehen wird.
Was wird notwendig sein, damit die Menschen immer mehr und mehr
durchdrungen werden von der Wahrheit von Reinkarnation und Kar-
ma? Was wird notwendig sein, damit der Begriff von Reinkarnation
und Karma, wie es durchaus sein mufi, wenn unsere Kultur nicht einen
Niedergang erfahren soli, in verhaltnismafiig ganz kurzer Zeit so in
unsere Schulbildung hineinwirkt, dafi er die Menschen schon in ihrer
Kindheit ergreift, wie heute die Oberzeugung von der Richtigkeit des
kopernikanischen Weltsystems schon das Kind ergreift?
Was war notwendig, damit das kopernikanische Weltsystem die
Seelen ergriffen hat? - Mit diesem kopernikanischen Weltsystem ist es
eine ganz eigentumliche Sache. Ich will nicht iiber das kopernikanische
Weltsystem sprechen, sondern nur iiber sein In-die-Welt-Treten. Be-
denken Sie doch nur einmal, dafi dieses kopernikanische Weltsystem
ausgedacht worden ist von einem christlichen Domherrn, und dafi
Kopernikus so iiber dieses Weltsystem denken konnte, dafi er sein Werk,
in dem er dieses Weltsystem ausgebaut hatte, dem Papst gewidmet hat.
Er konnte glauben, dafi es ganz im Sinne des Christentums sei, was er
ausgedacht hatte. Gab es damals einen Beweis fur den Kopernikanis-
mus? Konnte jemand das beweisen, was Kopernikus ausgedacht hatte?
Niemand konnte den Kopernikanismus beweisen. Und dennoch, be-
denken Sie die Schnelligkeit, mit der er eingezogen ist in die Mensch-
heit! Seit wann kann man ihn erst beweisen? Einigermafien sicher erst,
soweit er richtig ist, seit den fiinfziger Jahren des 19. Jahrhunderts, erst
seit dem Foucaultschen Pendelversuch. Es gab friiher keinen Beweis
dafiir, dafi die Erde sich dreht. Es ist ein Unsinn, wenn behauptet wird,
dafi Kopernikus alles das, was er als Hypothese aufgestellt und ein-
gesehen hat, auch hat beweisen konnen; das gilt auch hinsichtlich der
Behauptung, dafi die Erde sich um ihre Achse dreht.
Erst seit man darauf gekommen ist, dafi das schwingende Polpendel
das Bestreben hat, seine Schwingungsebene auch gegeniiber der Um-
drehung der Erde beizubehaiten, und dafi, wenn man ein langes Pendel
schwingen lafit, sich dessen Schwingungsrichtung in bezug auf die Erd-
oberflache dreht, konnte man den Schlufi Ziehen: es mufi sich die Erde
unter dem Pendel weggedreht haben. Dieser Versuch, der eigentlich erst
ein wirklicher Beweis dafur ist, dafi die Erde sich bewegt, der wurde
erst im 19. Jahrhundert gemacht. Friiher gab es keine Moglichkeit, den
Kopernikanismus als etwas anderes denn als eine Hypothese anzu-
sehen. Dennoch hat er so gewirkt auf die Natur der menschlichen Seele
der neueren Zeit, dafi, wahrend Kopernikus zwar geglaubt hat, dafi er
sein Werk dem Papst widmen durfe, es bis zum Jahre 1822 auf dem
Index stand. Erst im Jahre 1 822 wurde das Werk, auf dem der Koper-
nikanismus aufgebaut ist, abgesetzt vom Index. Es wurde also abge-
setzt, bevor es einen richtigen Beweis fur die Anschauung des Koperni-
kus gab. Die Kraft des Impulses, mit dem sich das kopermkanische
Weltsystem in die menschliche Seele einlebte, dieser Kopernikanismus
selbst zwang die Kirche, ihn als etwas anzuerkennen, was nicht etwas
Ketzerisches ist.
Es ist mir immer im tiefsten Sinne charakteristisch erschienen, dafi
mir diese Erkenntnis von der Erdbewegung, als ich ein kleiner Bub
war, in der Schule zuerst von einem Pfarrer, nicht von einem Lehrer
vorgetragen worden ist. Und wer will daran zweifeln, dafi der Koper-
nikanismus sich eingenistet hat, dafi er sich bis in das Kindergemiit
eingenistet hat? - Wir wollen aber jetzt nicht von seinen Wahrheiten
und seinen Irrtumern sprechen.
So mufi sich einnisten - aber dazu hat die Menschheit nicht so lange
Zeit wie zur Aufnahme des Kopernikanismus -, wenn nicht die
Menschheitskultur einen Niedergang erfahren will, die Wahrheit von
Reinkarnation und Karma. Und jene, die sich heute Anthroposophen
nennen, sind dazu berufen, das ihrige zu tun, dafi die Wahrheit von
Reinkarnation und Karma sich bis in das Kindergemiit hinein ergiefit.
Damit ist natiirlich nicht gesagt, dafi jetzt jene Anthroposophen, die
Kinder haben, nun ihren Kindern dieses als ein Dogma beibringen. Ein-
sicht in diese Dinge mufi man haben.
Ich habe nicht umsonst den Kopernikanismus angefuhrt. An dem,
was dem Kopernikanismus seinen Erfolg gebracht hat, konnen wir
lernen, was dem Reinkarnations- und dem Karmagedanken seine Kul-
turerfolge bringen kann. Was gehorte denn dazu, dafi der Kopernika-
nismus sich so schnell verbreitete? — Ich werde jetzt etwas furchtbar
Ketzerisches aussprechen, etwas geradezu Greuliches fiir den modernen
Menschen. Aber es handelt sich eben darum, dafi Anthroposophie von
den Anthroposophen ebenso ernst und bedeutsam aufgefafit werde,
wie einmal das Christentum bei seinem ersten Entstehen von den ersten
Christen aufgefafit worden ist, die sich auch in Gegensatz gebracht
haben zu dem, was da war. Wenn Anthroposophie nicht so ernst ge-
nommen wird von ihren Bekennern, so kann sie nicht fiir die Mensch-
heit leisten, was geleistet werden mui
Also ich mufi etwas Greuliches sagen, und das besteht darin: Der
Kopernikanismus, dasjenige, was die Menschen heute lernen als koper-
nikanisches Weltsystem, dem wahrhaftig nicht sein grofies Verdienst
und damit seine Bedeutung als Kulturtatsache allerersten Ranges ab-
gesprochen werden soli, konnte sich einnisten in die menschliche Seele
dadurch, dafi man ein oberflachlicher Mensch sein konnte, um ein An-
hanger dieses Systems zu sein. Oberflachlichkeit und Aufierlichkeit ge-
horten dazu, um sich vom Kopernikanismus schneller zu iiberzeugen.
Damit ist nicht gesagt, dafi die Bedeutung des Kopernikus fiir die
Menschheit herabgemindert werden soil. Nein; aber gesagt kann wer-
den, dafi man kein sehr tiefer Mensch sein mufi, dafi man sich nicht
verinnerlichen, sondern geradezu sich veraufierlichen mufi, um An-
hanger des Kopernikanismus zu sein. Und wahrhaftig, es hat ein hoher
Grad von Veraufierlichung des menschlichen Gemiits dazu gehort, dafi
die Menschen solche Satze finden konnten wie die trivialen, die man
in modernen, monistischen Buchern f indet, wo man mit einer gewissen
Begeisterung sagt: Die Erde, so wie die Menschen sie bewohnen, ist ein
Staubkorn im Weltenall den anderen Welten gegeniiber. - Das ist eine
triviale Tirade, aus dem einfachen Grunde, weil dieses Staubkorn mit
alien Einzelheiten die Menschen auf der Erde angeht, und die anderen
Dinge, die im Weltall ausgebreitet sind und mit denen die Erde ver-
glichen werden soil, gehen den Menschen wenig an. Ganz veraufier-
lichen mulke sich die Menschheitsentwickelung, urn sozusagen schnell
fahig zu werden, den Kopernikanismus anzunehmen.
Was aber raufi die Menschheit tun, urn sich die Lehre von Reinkar-
nation und Karma anzueignen? - Erfolg mufi diese Lehre viel schnel-
ler haben, wenn die Menschheit nicht ihrem Niedergang entgegen-
gehen soil. Aber was ist notwendig, damit sie sich einnistet in das
Kinder gemiit?
Veraufierlichung war fur den Kopernikanismus notwendig, Ver-
innerlichung ist notwendig, um sich einzuleben in die Wahrheiten
von Reinkarnation und Karma; ein Ernst-nehmen-Konnen solcher
Dinge, wie wir sie gestern besprochen haben, ein Eingehen-Konnen
auf innerliche Seelenerfahrungen, auf Intimitaten des Gemutes, auf
solche Dinge, die jede Seele in den tiefen inneren Untergriinden des
eigenen Wesenskernes erleben mufi. Was aus dem Kopernikanismus
fur die gegenwartige Kultur erfolgt ist, wird heute iiberall, in alien
popularen Mitteilungen dargelegt, und man sieht einen ganz b
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