Die Erziehungsfrage als soziale Frage

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE UBER ERZIEHUNG 



RUDOLF STEINER 



Die Erziehungsfrage als soziale Frage 

Die spirituellen, kulturgeschichtlichen und sozialen 
Hintergriinde der Waldorfschul-Padagogik 



Sechs Vortrage, gehalten in Dornach 
vom 9. bis 17. August 1919 



1991 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben durch die Rudolf Steiner-NachMverwaltung, Dornach 

Die Herausgabe besorgte Hans Rudolf Niederhauser 



1. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1960 

2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1971 

3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1979 

4. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1991 



Die Originaltafelzeichnungen von Rudolf Steiner 
zu den Vortragen in diesem Band sind separat erschienen 
in Band XXI der Reihe 
«Wandtafelzeichnungen zum Vortragswerk*, 
Dornach 1990. ISBN 3-7274-4121-6 
(siehe auch S. 118) 



Bibliographie-Nr. 296 

Zeichen auf dem Einband von Rudolf Steiner, Schrift von Assja Turgenieff 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1960 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt 

ISBN 3-7274-2960-7 



7.u den Veroffentlichungen 
aits dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen- 
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen 
und veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 
bis 1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie 
auch fur die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposo- 
phischen Gesellschaft. Er selbst wollte ursprunglich, dafi seine 
durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten 
wiirden, da sie als «mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mit- 
teilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstan- 
dige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbreitet 
wurden, sah er sich veranlaftt, das Nachschreiben zu regeln. Mit 
dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner- von Si vers. Ihr oblag die 
Bestimmung der Stenographierenden, die Verwaltung der Nach- 
schriften und die fur die Herausgabe notwendige Durchsicht der 
Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen 
Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, mufi gegen- 
iiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt benicksich- 
tigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, 
daft in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaf- 
tes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst 
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen 
offentlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbst- 
biographie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende 
Wortlaut ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort 
Gesagte gilt gleichermafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fach- 
gebieten, welche sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der 
Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafl 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner 
Gesamtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen 
Bestandteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich 
nahere Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Ausfuhrliche Inhaltsangabe siehe Seite 124 



Erster Vortrag, Dornach, 9. August 1919 9 

Historische Forderungen der Gegenwart. Gegensatz von Ost und 
West. Maja - Ideologic Der Unwirklichkeitscharakter der neueren 
Naturanschauung. Die Dreigliederung als historische Forderung. Die 
Erziehung des Kindes. Nachahmung, Autoritat, Liebe und ihre Bezie- 
hung zu Geistesleben, Rechts- und Wirtschaftsleben, 

Zweiter Vortrag, 10. August 1919 34 

Nachklange griechischer und romischer Seelenverfassung in der 
Gegenwart. Industrialismus und neues Wollen aus dem Geiste. 

Dritter Vortrag, 11. August 1919 54 

Ware, Arbeit, Kapital. Ihre Beziehungen zu Imagination - Briiderlich- 
keit; Inspiration - Gleichheit; und Intuition - Freiheit. 

Vierter Vortrag, 15. August 1919 67 



Die Erziehung als Lehrerbildungsfrage. Der Materialismus als Priifung 
der Menschheit. Das Wiederfinden des Weges zum Geiste. Neuorien- 
tierung der Lehrerbildung durch Geisteswissenschaft. Der dreiglied- 
rige Mensch. 

Funfter Vortrag, 16. August 1919 85 

Die Metamorphosen der menschlichen Intelligenz. Der Agypter 
erfafite das Kosmische durch seine Intelligenz; der Grieche das Tote. In 
der Gegenwart hat die Intelligenz die Neigung, sich mit dem Bdsen zu 
verbinden. Verwandlung der Intelligenzkrafte durch das Christus- 
Mysterium. 

Sechster Vortrag, 17. August 1919 98 

Das Uberwinden des Egoismus, das Sich-Hineinstellen des Menschen 
in die Gegenwart. Leiblichkeit und Erkenntnis im alten Agypten und 
in der Gegenwart. Sehnsucht, das Lebendige zu erfassen. Der Goethe- 
anismus als Kulturimpuls unseres Zeitalters. Durch differenziertes 
Erfassen des Menschlichen nach Ost, West und Mitte, durch das 
Betrachten der Zeitgeschichte kommt man iiber den Egoismus hinaus. 



Hinweise: Zu dieser Ausgabe / Hinweise zum Text. ..... 117 

Namenregister 123 

Ausfuhrliche Inhaltsangaben 124 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 127 



ERSTER VORTRAG 
Dornach, 9. August 1919 



Nach einer Arbeit, die tief hineinsehen liefi in dasjenige, was gegen- 
wartig vorgeht in Menschengemiitern, was gegenwartig besteht an 
innerer Tragik der Menschheitsentwickelung, kann ich wiederum 
einige Tage hier an diesem Orte sein, der ja so eng verbunden ist mit 
jener Tatigkeit, von der wir doch glauben mussen, daft sie abgeben 
kann die Kraft, die heutige Tragik der Menschheit wiederum in ein 
hoffnungsvolleres Fahrwasser nach und nach umzuentwickeln. 

Zu keiner Zeit vielleicht war eigentlich weniger Neigung vor- 
handen, in wahrem und echtem Sinne des Wortes die Seele zu er- 
heben zu den geistigen Welten, und notwendig ist es ganz besonders 
in dieser Zeit, die Seele zu erheben zu den geistigen Welten. Denn 
nur aus diesen geistigen Welten kann dasjenige kommen, was der 
gegenwartigen Menschheit Kraft geben kann, weiter den Lebenspfad 
als ganze Menschheit zu gehen. Die Probleme, die Aufgaben, die der 
Gegenwart gestellt sind, von ihnen glaubt man heute in weitesten 
Kreisen, daft man sie losen kann mit den Gedanken, mit den Impul- 
sen, welche herzunehmen sind aus dem aufterlichen menschlichen 
Wissen. Wie lange es noch dauern kann, bis ein genugend grofter 
Teil der Menschheit sich zu der Uberzeugung durchringt, daft nur 
auf dem geistigen Wege ein wirkliches Heil zu erreichen ist, das 
ist heute eigentlich aufterordentlich schwer zu sagen, schon aus dem 
Grunde, weil das Nachdenken gerade iiber diese Frage eigentlich 
nicht besonders fruchtbar ist. Aber sicher ist das andere, daft nur 
wird weitergeschritten werden konnen, wenn diese Uberzeugung, 
daft nur aus den geistigen Welten die Rettung kommt, in einer ge- 
niigend groften Anzahl von Menschen wirklich durchgedrungen ist. 

Was die Menschen heute in weitesten Kreisen beschaftigt, woriiber 
aber doch ernstlich nachzusinnen den Menschen vor alien Dingen 
die intellektuelle Kraft fehlt, weil die intellektuelle Kraft in der 
gegenwartigen Zeit fast wie gelahmt ist bei einem groften Teil der 
Menschheit, das sind ja die sozialen Probleme. Und der Glaube 



herrscht, daft man diese sozialen Probleme mit dem, was man heute 
Wissen und Erkenntnis nennt, bewaltigen konne. Man wird sie nicht 
bewaltigen konnen, man wird sie niemals bewaltigen konnen, wenn 
sie nicht in Angriff genommen werden vom Gesichtspunkte geistiger 
Erkenntnis. 

Wir haben einen langen Waffenkampf durchgemacht. An diesen 
langen Waffenkampf wird sich anschliefien ein wahrscheinlich recht 
lange dauernder Kampf der Menschheit uberhaupt. Viele Leute haben 
gesagt: Dieser Waffenkampf, wie er erlebt worden ist iiber die zivi- 
lisierte Welt hin, er war das furchtbarste Ereignis dieser Art seit der 
Zeit, da man uberhaupt von einer menschlichen Geschichte spricht, - 
Man kann nicht sagen, daft dieses Urteil unrichtig ist. Der Kampf, 
der mit diesen und jenen Mitteln auszufechten sein wird, der sich an 
diesen Waffenkampf anschlieften wird zwischen Orient und Okzi- 
dent, zwischen Asien, Europa und Amerika, dieser Kampf wird wohl 
der grolke Geisteskampf werden, welchen wiederum die Menschheit 
auszufechten hat. All dasjenige, was selbst durch das Christentum 
an Impulsen und Kraften in die Menschheit eingeflossen ist, das wird 
in gewaltigen, elementaren Kampfeswogen die Zivilisation uberspiilen. 

Man kann heute, ich mochte sagen, auf eine einfache Formel 
bringen, worinnen der grofie Gegensatz liegt zwischen dem Orient 
und dem Okzident. Aber diese einfache Formel - nehmen Sie sie 
nicht einfach. Diese einfache Formel schlielk ungeheure Weiten 
menschlicher Impulse ein. Sie wissen, ich habe in meinem Buche «Die 
Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der 
Gegenwart und Zukunft» aufmerksam darauf gemacht, daft fur 
weite Kreise der gegenwartigen Menschheit das Geistesleben eine 
Ideologic geworden ist, daft dasjenige, was geistige Guter der Mensch- 
heit sind, Recht, Sitte, Wissenschaft, Kunst, Religion und so weiter, 
so angesehen wird, daft das nur der Rauch gewissermaften ist, der 
aufsteigt aus der einzig wahren Wirklichkeit, aus der okonomischen 
Produktionsweise, aus dem wirtschaftlichen Untergrund. Uber solche 
Dinge habe ich ja zu Ihnen auch gesprochen, als ich vor mehreren 
Monaten hier von Ihnen Abschied nahm. 

Ideologic — erwidern einem heute weite Kreise, wenn man von 



Geistesleben spricht; es ist alles das, was sich aus der einzigen Wirk- 
lichkeit, aus der okonomischen Wirklichkeit, aus der Wirtschafts- 
wirklichkeit spiegelt in der menschlichen Seele, nur Ideologic - Man 
hat heute viel Grund, nachzudenken dariiber, was dieses "Wort Ideo- 
logic eigentlich in der Weltkultur bedeutet. Und es bedeutet sehr viel. 
Man kann dieses Wort mit keinem anderen in einen naheren Zusam- 
menhang bringen, als mit dem Worte Maja der orientalischen Weis- 
heit. Maja richtig ins Abendlandische iibersetzt, bedeutet Ideologic 
Und jede andere Obersetzung von Maja ist ungenauer als die Ober- 
setzung mit Ideologic So daft man sagen kann: im Grunde genau 
dasselbe begrifflich oder ideenhaft, was der Morgenlander sich vor- 
stellt bei dem Worte Maja, das stellt sich ein grower Teil der abend- 
landischen Menschheit vor bei dem Worte Ideologic Aber welch ge- 
wal tiger Unterschied! Was denkt der Morgenlander bei dem Worte 
Maja? Er denkt, die auftere Sinneswelt ist die Maja, alles dasjenige, 
was an unsere Sinne herankommt und an den an die Sinne gebunde- 
nen Verstand, das ist die Maja, das ist die grofie Tauschung. Und 
die einzige Wirklichkeit ist dasjenige, was in der Seele aufsteigt. 
Das Seelisch-Geistige, zu dem sich der Mensch durchringt, das ist das- 
jenige, was Wirklichkeit ist; was im menschlichen Inneren aufquillt 
und aufspriefk, das ist Wirklichkeit. Das, was sich den Sinnen aufter- 
lich darbietet, ist Maja, ist Ideologic 

Und iiber einen grofien Teil der abendlandischen Menschheit 
breitet sich die andere Oberzeugung aus: Die einzige Wirklichkeit ist 
dasjenige, was den aufieren Sinnen erscheint. Das ist die Wirklich- 
keit. Genau dasjenige, was der Morgenlander Maja nennt, das ist 
fur einen grofien Teil der abendlandischen Menschheit die Wirklich- 
keit. Und was der Orientale die Wirklichkeit nennt, dasjenige, was 
innerlich aufspriefk, was innerlich aufquillt in der Seele, das ist fur 
einen groften Teil der abendlandischen Menschheit Ideologic, Maja. 
Sie sehen einen groften Gegensatz. Was der Orientale die Wirklich- 
keit nennt, nennt Europa und Amerika heute schon die Maja: Ideolo- 
gic ist dasselbe. Dasjenige, was der Abendlander mit Amerika, mit 
dem amerikanischen Nachwuchs, die Ideologic, die Maja nennt, das 
ist fur den Orientalen Wirklichkeit. 



Das frifk tief in den Seelen der Menschen, das macht die Men- 
schen iiber die Erde hin zu zwei ganz verschiedenen Wesensarten. 
Wenn Sie iiberblicken dasjenige, was geschehen ist iiber die zivilisierte 
Welt, so werden Sie sich sagen, hoffentlich heute schon sagen: Im 
Grunde ist alles das, was gesprochen wird iiber Ursache und Veran- 
lassungen dieser Weltkatastrophe eigentlich auf der Oberflache 
schwimmend, Oberflachenansicht. Dasjenige, was sich ausgepragt hat 
in diesem furchtbaren Kampf, das ist etwas, was wie elementar aus 
unbewuftten Tiefen heraufgezogen ist. Die Menschen haben daran 
teilgenommen, man sieht es heute ganz genau, sie wuftten nicht war- 
um im Grunde; es ist dasjenige, was dieser Gegensatz, der noch lange 
nicht ausgetragen ist, an elementaren Kraften an die Oberflache ge- 
schwemmt hat. So stark ist das antisoziale Element in der Gegenwart, 
daft die Menschheit in diese zwei wesensverschiedenen Glieder zer- 
fallt. 

Und bringen Sie das, was ich eben gesagt habe, mit anderem in 
Zusammenhang, so werden Sie finden, wenn Sie nach Westen schauen, 
daft das Streben des Westens nach Freiheit geht - ob man diese Frei- 
heit versteht oder miftversteht, es kommt weniger darauf an das 
Streben geht nach Freiheit; und wie aus dunklen Untergriinden der 
Menschenseele herauf, wiihlt sich das Bediirfnis nach Freiheit. 

Blicken Sie nach dem Osten: Dasjenige, was man im "Westen die 
Freiheit nennt, fiir den Osten hat es eigentlich keinen rechten Sinn; 
es ist wie etwas, womit man uberhaupt keine Begriffe, keine Empfin- 
dungen verbindet. Dasjenige, was man am intensivsten erlebt, iiber 
das denkt man da nicht nach. Denken Sie doch nur einmal, wie we- 
nig die Menschen iiber Naturerscheinungen nachdenken, die sie un- 
mittelbar im Alltag umgeben! Ober das allernachst Erlebte denken 
die Menschen ja nicht nach. Der Orientale, indem er die ihm gemafte 
Wirklichkeit verfolgt, die innere Wirklichkeit, er lebt in der Frei- 
heit, die ihm eben werden kann nach seinen Rassen-, Volks- und 
Stammeseigentiimlichkeiten. Er denkt nicht dariiber nach. Je weiter 
man nach Westen blickt, desto mehr ist im Lauf der geschichtlichen 
Entwickelung der Menschheit die Freiheit verlorengegangen: weil sie 
sie nicht hat, muft sie danach streben. 



Und so konnte man vieles, vieles anfiihren, man wiirde in allem 
finden diesen fundamentalen Gegensatz zwischen dem Westen und 
dem Osten. Es kundigt sich bereits an dasjenige, was vielleicht schon 
die nachsten Jahre bringen werden. Augenblicklich sind es nur aufiere 
Symptome, auftere Symptome, die in Asien vorgehen, iiber die 
Europa heute noch schweigt - schweigt aus wohlverstandenen Griin- 
den. Daft zum Beispiel in Indien fast mehr als die Halfte der 
Bevolkerung halb verhungert ist, das wird aus der Geistigkeit her- 
aus gerade des indischen Volkes etwas gebaren, was noch ganz an- 
deres darstellen wird, als dasjenige, was sich in Europa abgespielt 
hat. Das sind auftere Symptome. Aber auch mit Bezug auf diese 
aufteren Symptome sind die Menschen heute in zwei wesensverschie- 
dene Glieder getrennt. Fur den Inder bedeutet der Hunger etwas ganz 
anderes als fur den Europaer, denn der Inder hat eine Jahrtausende 
alte andere seelische Entwickelung hinter sich als der Europaer. Diese 
Dinge, sie mussen heute scharf ins Auge gefaftt werden von dem, 
der etwas verstehen will von dem Gang der Menschheitsentwickelung. 
Wir mussen uns heute klar sein dariiber, daft dasjenige, was man ge- 
wohnlich die soziale Frage nennt, etwas viel Komplizierteres ist, als 
man gewohnlich meint, Diese soziale Frage, sie ist ja eine Begleit- 
erscheinung jener Kultur, die heraufgekommen ist seit der Mitte des 
15. Jahrhunderts. Ich habe von diesem bedeutsamen Einschnitt in 
die Geschichte der zivilisierten Menschheit in der Mitte des 15. Jahr- 
hunderts immer wieder und wiederum auch zu Ihnen hier gespro- 
chen. Seit dieser Zeit kam allmahlich herauf die neuere Farbung der 
Naturwissenschaft. Seit dieser Zeit kam aber auch herauf die neuere 
Farbung des Industrialismus. Naturwissenschaft und Industrialismus 
zusammen, die bedeuten dasjenige, was sich iiber die moderne Mensch- 
heit ausgegossen hat, und was der modernen Menschheit die beson- 
dere Richtung ihres Geistes gegeben hat. 

Ich habe auch hier in der Schweiz zu Ihnen gesprochen von der 
besonderen Artung der Naturwissenschaft, habe Ihnen gesagt, daft ge- 
scheite Leute, die heute nachdenken iiber das, was die Naturwissen- 
schaft geben kann, schon sagen: Dasjenige, was die neuere Natur- 
anschauung iiberliefert, ist nicht die Welt, es ist ein Gespenst von der 



Welt. - Alles das, was die Naturforscher ausgedacht haben, und was 
heute populare Bildung ist, viel mehr populare Bildung ist als diese 
Menschen glauben, das ist Glaube, eigentlich Aberglaube an cine ge- 
spenstische Welt. Und an die Seite dieser gespenstischen Welt ist das- 
jenige gestellt, was aus dem modernen Industrialismus an geistiger 
Wirksamkeit iiber die Menschen gekommen ist. Der Industrialismus, 
man mu!5 ihn in seiner geistigen Bedeutung einmal ins Auge fassen. 
Nehmen Sie dasjenige, was den Industrialismus vorzugsweise be- 
herrscht, die Maschine. Die Maschine unterscheidet sich von allem 
iibrigen, mit dem es der Mensch zu tun haben kann in seinem aufteren 
Leben. Ich bitte Sie, betrachten Sie das Tier. Sie werden, indem Sie 
Ihre wissenschaftlichen oder sonstigen Erkenntnisgedanken auf das 
Tier anwenden - ich will gar nicht vom Menschen in dem heutigen 
Zusammenhang sprechen noch so viel iiber das Tier erforschen 
konnen, es bleibt immer etwas, ich mochte sagen, Gottlich-Tiefes im 
Tiere; Sie schopfen es nicht aus, Sie kommen nicht dahinter. Hinter 
das, was Sie iiber das Tier denken, stellt sich immer etwas, was Ihnen 
unbekannt bleibt. Bei der Pflanze ist es nicht weniger. Und nehmen 
Sie selbst den Kristall, nehmen Sie die wunderbaren Formen der 
Kristallwelt, Sie werden sich sagen mussen: Gewift, man kann das 
Aufierste begreifen in der Kristallwelt, in ihren Formen und so wei- 
ter, wenn man auf diese Sache hin geschult ist, aber es bleibt noch 
hinlanglich vieles von dem, was der Mensch verehren kann als das- 
jenige, zu dem er nicht mit dem unmittelbaren, unhellseherischen Ver- 
stande dringt. 

Nehmen Sie die Maschine, sie ist durch und durch durchsichtig. 
Man weifi: die Kraft setzt so ein, der Zapfen sitzt so und so in der 
Offnung drinnen, die Reibung ist eine so und so grofte, man kann 
den Nutzeffekt berechnen, wenn man die einzelnen Elemente kennt 
- nichts ist hinter der Maschine, welches auffordert dazu, sich zu 
sagen: Da ist etwas, was nicht durchdrungen werden kann mit dem 
gewohnlichen unseherischen menschlichen Verstande. Das bedeutet 
fiir den Verkehr des Menschen mit der Maschine sehr viel. Und wenn 
man wiederum einmal vor Tausenden und Tausenden von Menschen 
gestanden hat, die es mit der Maschine zu tun haben, dann weift 



man, was in die Seelen der Menschen hineintraufelt von dieser geistig 
durchsichtigen Maschine, von dieser Maschine, die nichts hinter sich 
hat, was irgendwie vielleicht fur den unseherischen Verstand nur ge- 
ahnt oder nicht durchschaut werden konnte. Das macht den Verkehr 
mit der Maschine so verheerend fur den Menschen, daft die Maschine 
geistig-seelisch so durchsichtig ist; daft alles, was an Kraften und 
Kraftezusammenhangen in der Maschine ist, so wasserklar daliegt 
vor den menschlichen Sinnen und dem menschlichen Verstande. Das 
ist das, was Herz und Seele der Menschen aussaugt, was den Men- 
schen trocken macht, was den Menschen unmenschlich macht. 

Und Naturwissenschaft und Maschine zusammen, sie bedrohen 
die zivilisierte Menschheit mit einem dreifachen furchtbar Zerstoren- 
den. Denn was droht dieser modernen Menschheit, wenn sie sich 
nicht aufrafft, nach dem Dbersinnlichen hinzuschauen? In bezug auf 
die Erkenntnis droht nach und nach jenes Ideal uberhand zu nehmen, 
welches von Naturforschern schon ausgesprochen ist, indem sie gesagt 
haben: Man strebt an, die Natur so zu erkennen, daft diese Erkennt- 
nis eine astronomische ist, das heiftt der Astronomie nachgebildet ist. 
Wenn Sie heute sehen, wie der Chemiker nachdenkt iiber das, was 
im Molekiil drinnen ist, so stellt er sich vor, dafi die Atome im Mo- 
lekiil in einer gewissen Weise im Kraftezusammenhange sind (es 
wird gezeichnet). Das stellt er sich nach dem Muster eines kleinen 
Planeten- und Sonnensystems vor. Die ganze Welt astronomisch zu 
erklaren, das wird das Ideal. Und die Astronomie selbst, was hat sie fur 
ein Ideal? Das ganze Weltengebaude als eine Maschine anzusehen. - 
Dazu jenes Tun, jenes Handeln der Menschen an der Maschine! 

Das sind die Dinge, die immer starker und starker gewirkt haben 
seit der Mitte des 15, Jahrhunderts, das sind die Dinge, welche gegen- 
wartig dem Menschen das eigentlich Menschliche aussaugen. Wenn 
die Menschen weiter nur so nachdenken wiirden, wie sie iiber die 
maschinenhafte Astronomie und iiber den Industrialismus, indem 
sie in ihm arbeiten, nachdenken, wiirden die Geister mechanisiert 
werden, die Seelen, sie wiirden schlafrig, vegetarisiert werden, und 
die Leiber animalisiert. 

Sehen Sie nach Amerika: der Hochpunkt der Mechanisierung der 



Geister! Sehen Sie nach dem europaischen Osten, nach Rutland: jene 
wilden Triebe und Instinkte, die sich da ausleben, und die furchtbar 
sind: Animalisierung des Leibes. In der Mitte, in Europa die Schlaf- 
rigkeit der Seele. Mechanisierung des Geistes, Vegetarisierung der 
Seele, Animalisierung der Leiber, das ist dasjenige, was man sich ohne 
Tauschung vorhalten mufi. 

Es ist charakteristisch, wie die Menschheit verloren hat - ich habe 
das hier schon einmal erwahnt -, verloren hat auf dem Wege seit der 
Mitte des 15. Jahrhunderts neben zwei Lebenselementen das Dritte. 
Eine machtige Partei nennt sich heute «Sozialdemokratie», das heifit: 
Sozialismus und Demokratie hat sie zusammengeschweiftt, obwohl sie 
das Gegenteil voneinander sind. Aber sie hat sich sie zusammenge- 
schweifit, und sie hat ausgelassen das Geistige. Denn der Sozialismus 
kann sich nur auf das Wirtschaftliche, die Demokratie nur auf das 
Staatlich-Rechtliche beziehen; auf das Geistige wiirde sich beziehen 
der Individualismus. Die Freiheit, sie ist ausgelassen in dem Wort 
Sozialdemokratie, sonst miifite es heifien: individuelle oder individua- 
listische Sozialdemokratie. Dann wiirden alle drei Dinge als Men- 
schenforderung in einem solchen Schlagworte zum Ausdrucke kom- 
men. Aber es ist charakteristisch fiir die neuere Zeit, daft dieses Dritte 
ausgeblieben ist, daft also gewissermaften der Geist wirklich zur Maja, 
zur groften Tauschung fiir die zivilisierte Menschheit des Westens 
geworden ist, Europas und seines kolonialen Nachwuchses Amerika. 
Das sind die Dinge, von denen ausgegangen werden mufi, wenn man 
Geisteswissenschaft im Sinne einer groften Kulturfrage betrachtet. 
Ober dasjenige, was in den Forderungen der Gegenwart lebt, kann 
eigentlich gar nicht diskutiert werden. Das sind historische Forderun- 
gen. Eine historische Forderung ist der Sozialismus, er mufi nur im 
richtigen Sinne verstanden werden. Eine historische Forderung ist 
die Demokratie, eine historische Forderung ist aber auch der Libera- 
lismus, die Freiheit, der Individualismus, wenn auch diese letztere 
Forderung von der modernen Menschheit wenig bemerkt wird. Und 
die Menschheit wird nicht weiter mitreden konnen, ohne daft sie ihren 
sozialen Organismus im Sinne der Dreigliederung: des Sozialismus 
fiir das Wirtschaftsleben, der Demokratie fiir das Rechts- oder Staats- 



leben, der Freiheit oder des Individuaiismus fiir das Geistesleben 
einrichtet. 

Das wird angesehen werden miissen als das einzige Heil, als die 
wirkliche Rettung der Menschheit. Aber wir werden uns nkht tau- 
schen diirfen dariiber, dafi gerade deshalb, weil dies intensive, unbe- 
siegliche historische Forderungen sind fiir die Gegenwart, sich andere 
Forderungen fiir denjenigen, der die Dinge tiefer durchblickt, auf- 
stellen. Die erwachsenen Menschen werden in einem sozialen Orga- 
nismus leben miissen, der wirtschaftlich sozial, staatlich demokratisch, 
geistig liberal aufgerichtet wird sein miissen. 

Die grofie Frage fiir die Zukunft wird sein: Wie werden wir uns 
zu benehmen haben gegeniiber den Kindern, wenn wir sie so er- 
ziehen wollen, dafi sie als Erwachsene in das Soziale, das Demokra- 
tische, in das Liberale in umfassendstem Sinne hineinwachsen konnen? 
Und eine der allerwichtigsten der sozialen Fragen fur die Zukunft, 
ja schon fiir die Gegenwart, ist einmal die Erziehungsfrage. Und auf 
diese Erziehungsfrage wurde gerade innerhalb der Geisteswissenschaft 
hingedeutet in der Weise, wie es die Menschheit der Gegenwart wird 
verstehen miissen, wenn sie vorwartsdringen will. Sonst werden 
die sozialen Forderungen immer chaotisch bleiben, wenn nicht 
gesehen wird auf ihrem Grunde die gewaltigste Frage der Gegenwart: 
die Erziehungsfrage. Und Sie brauchen, wenn Sie die grofien Richt- 
linien kennenlernen wollen fiir dasjenige, was in der Erziehungsfrage 
vorliegt, nur zur Hand zu nehmen das kleine Biichelchen: «Die Er- 
ziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft.» 
Eine der wichtigsten sozialen Fragen der Gegenwart ist mit diesem 
Biichelchen auf die Oberflache der Menschenbetrachtung gehoben 
worden: die soziale Erziehungsfrage. Lernen wird man miissen in 
weitesten Kreisen der modernen Menschheit dasjenige, was mit Be- 
zug auf die drei Epochen der Jugendentwickelung des Menschen aus 
der Geisteswissenschaft herausgeholt werden kann. 

Sie wissen, es ist da hingewiesen darauf, wie zwischen der Ge- 
burt und dem 7. Jahre, dem Jahre, das den Zahnwechsel durch- 
schnittlich bringt, das Menschenwesen ein nachahmendes "Wesen ist, 
wie das Menschenwesen dasjenige tut, was seine Umgebung tut. Be- 



trachten Sie schlieftlich das Kind wirklich verstandig, Sie werden 
iiberall finden: Das Kind ist ein nachahmendes Wesen, es tut das- 
jenige, was die Groften tun. Die grofte Wichtigkeit in dem Kindes- 
leben ist die, da!5 die Menschen, die in der Umgebung des Kindes 
sind, nur dasjenige tun, was das Kind nachahmen kann, ja, dafi sie 
nur dasjenige denken und empfinden in der Umgebung des Kindes, 
was das Kind nachahmen kann. Das Kind setzt, indem es durch die 
Geburt ins physische Dasein eintritt, nur das fort, was es erlebt hat 
in der geistigen Welt vor der Empfangnis. Da lebt man ja als Men- 
schenwesen in den Wesen der hoheren Hierarchien drinnen; da tut 
man alles dasjenige, was an Impulsen aus dem Wesen der 
hoheren Hierarchien kommt. Da ist man in einem noch viel hoheren 
Grade ein Nachahmer, weil man in einer Einheit ist mit denjenigen 
Wesen, die man nachahmt. Dann wird man in die physische Welt 
herausgesetzt. Da setzt man die Gewohnheit, eins zu sein mit der 
Umgebung, fort. Diese Gewohnheit erstreckt sich dann darauf, eins 
zu sein mit Wesen, oder nachzuahmen diejenigen Wesen, die als 
Menschen in der Umgebung sind und fur die Erziehung zu sorgen 
haben, indem sie dasjenige nur tun und denken und empfinden, was 
das Kind nachahmen kann. Es ist um so grofteres Heil fur das Kind, 
je mehr es leben kann nicht in seiner Seele, sondern in der Seele der 
Umgebung, in den Seelen der Umgebung. 

In der Vergangenheit konnten die Menschen, weil ihr Leben mehr 
ein instinktives war, auf diese Nachahmung auch instinktiv sich ver- 
lassen. In der Zukunft wird das nicht so sein. In der Zukunft wird 
achtgegeben werden miissen darauf, daf$ das Kind ein Nachahmer 
ist. In der Zukunft wird bei der Erziehung die Frage immerzu be- 
antwortet werden miissen: Wie gestaltet man am besten das Leben 
des Kindes so, daft es in der besten Weise seine Umgebung nach- 
ahmt? Alles das, was in der Vergangenheit geschehen ist in bezug auf 
dieses Nachahmen, es wird intensiver und immer intensiver, be- 
wufker und immer bewufker gefragt werden miissen gegen die Zu- 
kunft hin. Denn die Menschen werden sich eines sagen miissen: Wenn 
die Menschen im sozialen Orgamsmus werden erwachsen sein sollen, 
so werden sie f reie Menschen sein miissen. - Frei wird man nur, wenn 



man zuerst als Kind moglichst intensiver Nachahmer war. Die Kraft, 
die die naturgemafte Kraft des Kindes ist, sie mufi intensiv ausge- 
bildet werden gerade fur das Zeitalter, in dem der Sozialismus her- 
einbrechen wird. Und die Menschen werden nicht freie Wesen wer- 
den, trotz aller Deklamationen und trotz alles politischen Gewimmers 
iiber Freiheit, wenn die entsprechende Kraft der Nachahmung im 
Kindesalter nicht eingepflanzt wird. Denn was im Kindesalter in 
dieser Weise eingepflanzt wird, das allein kann die Grundlage fur 
die soziale Freiheit geben. 

Und Sie wissen: vom 7. Jahre bis zur Geschlechtsreife, bis zum 
14., 15. Jahre lebt im Kinde die Kraft, die man nennen kann das 
Tun auf Autoritat hin. Es kann dem Kinde kein grofteres Heil 
widerfahren, als wenn es dasjenige, was es unternimmt, deshalb tut, 
weil verehrte Menschen in seiner Umgebung sagen: Das ist richtig, 
das soil getan werden. - Es ist nichts schlimmer fur das Kind, als wenn 
man es zu friih vor der Geschlechtsreife an sogenanntes eigenes Ur- 
teil gewohnt. Das Autoritatsfiihlen zwischen dem 7. und 14. 
Jahre wird in der Zukunft in erhohtem und intensiverem Mafie aus- 
gebildet werden miissen, als es in der Vergangenheit ausgebildet war, 
Bewuftter und bewufker wird alle Erziehung in diesen Jahren ge- 
leitet werden miissen im Sinne eines reinen schonen Autoritatsgefuh- 
les, das im Kinde erwacht; denn dasjenige, was in diesen Jahren in 
das Kind hineingepflanzt werden soli, es soil die Grundlage bilden 
fur das, was die Erwachsenen im sozialen Organismus erleben sollen 
als das gleiche Recht der Menschen. Das gleiche Recht der Menschen 
wird nicht anders da sein, denn die Menschen werden nie reif wer- 
den als Erwachsene fur das gleiche Recht der Menschen, wenn sie 
nicht in der Kindheit das Autoritatsgefuhl eingepflanzt erhalten. In 
der Vergangenheit mag ein viel geringerer Grad von Autoritatsgefuhl 
geniigt haben; in der Zukunft wird er nicht geniigen. Und stark 
wird dieses Autoritatsgefuhl in das Kind hineingepflanzt werden 
miissen, damit die Menschen reif werden fur das, was als eine ge- 
schichtliche Forderung gar nicht einmal diskutiert werden darf, weil 
es als eine geschichtliche Forderung auftritt. 

Alles das, was schlieftlich Volksschulerziehung, Volksschulunter- 



richt ist in diesem Zeitalter, alles mufi so eingerichtet werden, daft die 
Menschen zu dieser Hohe der Anschauung, von der eben gesprochen 
warden ist, hinaufkommen konnen. Ich frage Sie nun: Wie weit ist 
die heutige Menschheit nicht nur, wie weit ist die heutige Lehrerbil- 
dung entfernt von der Einsicht in diese Dinge? Wie muU gearbeitet 
werden, wenn diese Einsicht Platz greifen soli? - und sie mufi Platz 
greifen, denn nur in diesem Platz-Greifen kann das Heil gesucht 
werden. 

Wenn man heute in die Lander kommt, die bereits die erste Revo- 
lution hinter sich haben, was erfahrt man in bezug auf diese Dinge 
aus Programmen fur sogenannte Einheitsschulen? Ja, was steht in die- 
sen Programmen! Fiir denjenigen, der Einsicht hat in die Zusammen- 
hange der Menschennatur, fiir den sind die sozialistischen Erzie- 
hungsprogramme ein wahrhaf tiges Schreckbild, das Furchtbarste, was 
man sich denken kann. Und das grofite Schreckbild, das heute aus- 
zusinnen ist, das Furchtbarste, das vor die Menschheit hingestellt 
werden kann, das sind die Schulprogramme, die Lehrplane und Lehr- 
gange, und die Schulverfassung, die an den Namen Lunatscharski> 
den Unterrichtsminister in Rutland, sich kniipft; das ist dasjenige, 
was sich aufspielt in Rutland als Erziehungsprogramm, was der Mord 
ist alles wirklichen Sozialismus. Aber auch in anderen Gegenden 
Europas sind Erziehungsprogramme wahrhaft Krebsschaden, nament- 
lich die sozialistischen Erziehungsprogramme, denn sie gehen aus 
von einem schier unglaublichen Grundsatz; sie gehen aus von dem 
Grundsatz, daft man die Schule schon so einrichten miisse, wie unge- 
fahr im sozialen Organismus die Erwachsenen leben sollen. Ich habe 
Schulprogramme gelesen, in denen als einer der ersten Grundsatze 
steht: Das Rektorat soil abgeschafft werden; die Lehrer sollen auf 
dem Standpunkt absoluter Gleichberechtigung stehen mit den Schu- 
lern; es soil die ganze Schule aufgebaut sein auf Kameradschaftlich- 
keit. Spricht man gegen einen solchen Grundsatz heute, ich will sagen 
nur in Siiddeutschland, wo die Dinge viel weniger weit gediehen sind 
als in anderen Gegenden Europas, dann wird man hingestellt 
als jemand, der vom sozialen Leben iiberhaupt nichts versteht. 

Dennoch, diejenigen Menschen, die es ehrlich meinen wurden mit 



dem Aufstieg der Menschen zum wirklichen sozialen Organismus, die 
miiftten vor alien Dingen sich klar sein dariiber, daft niemals ein 
wirklicher sozialer Organismus entstehen kann mit dem sozialistischen 
Erziehungsprogramm. Denn niemals, wenn der Sozialismus in der 
Schule eingefiihrt wird, kann er im Leben sein. Nur dadurch werden 
die Menschen reif zu einem sozial gerechten Zusammenleben, daft sie 
gerade in der Schulzeit auf wirkliche Autoritat hin das Leben bauen. 
Man muft sich iiberall heute klar machen, wie weit entfernt das ist, 
was die Menschen treiben, was die Menschen sich vorstellen, daft es 
kommen soli von dem, was Wirklichkeitssinn ist. 

Nach der Geschlechtsreife, vom 14., 15. bis zum 21. Jahr ent- 
wickelt sich bei dem Menschen ja nicht nur das geschlechtliche Liebes- 
leben, sondern es entwickelt sich dieses geschlechtliche Liebesleben 
nur als ein Spezialfall der allgemeinen Menschenliebe iiberhaupt; es 
ist nur ein Spezialfall der allgemeinen Menschenliebe. Und diese 
Kraft der allgemeinen Menschenliebe, die sollte in der Zeit, wenn die 
Kinder die Schule verlassen und dann in die anderen Anstalten kom- 
men oder in die Lehre kommen oder so etwas, da besonders gepflegt 
werden. Denn niemals wird diejenige Konfiguration des Wirtschafts- 
lebens, welche eine historische Forderung ist, durchgliiht sein konnen 
von dem, von dem sie durchgliiht sein soil, von Bruderlichkeit, das 
heiftt von allgemeiner Menschenliebe, wenn nicht in diesen Jahren 
die allgemeine Menschenliebe entwickelt wird. 

Bruderlichkeit im Wirtschaftsleben, wie sie angestrebt werden 
muft fur die Zukunft, sie wird in den Menschenseelen nur sein, wenn 
die Erziehung nach dem 15. Jahre so eingerichtet wird, daft gerade 
mit aller Bewufttheit hingearbeitet wird auf die allgemeine Menschen- 
liebe, wenn Weltanschauungsfragen, wenn die ganze Erziehung, die 
auf die sogenannte Einheitsschule folgen soli, aufgebaut wird auf 
Menschenliebe, iiberhaupt auf Liebe zur aufteren Welt. 

Auf diesem dreifachen Erziehungs-Unterboden muft aufgerichtet 
werden das, was der Zukunft der Menschheit erbliihen soil. Ohne daft 
man wissen wird, der physische Leib, der ein Nachahmer ist, der 
muft in der richtigen Weise ein Nachahmer werden, wird man in die- 
sen physischen Leib hineinverpflanzen nur die animalischen Triebe. 



Ohne daft man wissen wird, daft vom 7. bis 14. Jahre sich der Ather- 
leib besonders entwickelt, der auf Autoritat hin sich entwickeln mufi, 
wird sich im Menschen entwickeln nur die allgemeine Kulturschlaf- 
rigkeit. Und diejenige Kraft, die notwendig werden wird fur den 
Rechtsorganismus, sie wird nicht da sein. 

Und ohne daft vom 14., 15. Jahre an die Kraft der Liebe, die an 
den Astralleib gebunden ist, in vernunftiger Weise in alles, was Un- 
terricht oder Lehre ist, hineingelegt wird, werden die Menschen nie- 
mals ihren astralischen Leib entwickeln konnen, weil sie den astra- 
lischen Leib nimmer zu einem freien Wesensgebilde im Menschen ge- 
stalten konnen. 

Die Dinge umschlingen sich. Daher muftte ich sagen: 

Nachahmung, in der richtigen Weise, entwickelt Freiheit; 

Autoritat - Recht, 
Briiderlichkeit, Liebe - Wirtschaf tsleben. 

Aber auch umgekehrt ist das. Wenn nicht in der richtigen Weise 
die Liebe entwickelt wird, fehlt auch die Freiheit. Wenn nicht in der 
richtigen "Weise die Nachahmung entwickelt wird, werden groft die 
animalischen Triebe. 

Sie sehen auch, wenn man dieses Problem anfaftt, ist Geisteswis- 
senschaft die richtige Unterlage fur dasjenige, was gerade wegen der 
groften historischen Forderungen, die heute iiber die Menschheit kom- 
men, zum Kulturinhalte werden muft. Ohne diesen Kulturinhalt, der 
nur aus der Geisteswissenschaft herausflieften kann und der iiber die 
Menschheit kommen mu!5, konnen wir fortan wirklich nicht weiter 
kommen. 

Also die Fragen, die uns vorliegen, sie miissen in eine geistige At- 
mosphare gebracht werden; das ist dasjenige, was als Uberzeugung 
wird in die Menschenseelen einziehen miissen. Und noch einmal 
mochte ich es betonen: Man mag diskutieren dariiber, wie lange oder 
wie kurz es noch dauern kann, bis eine solche Uberzeugung in die Men- 
schenseelen eindringt; aber jedenfalls, was unbewufk von den Men- 
schen erstrebt wird - es ist keine Rede davon, daft es erreicht werden 
kann, wenn diese Uberzeugung nicht in die Menschenseelen hinein- 
kommt. Und ich glaube, Sie sehen daraus, welcher Zusammenhang 



doch besteht zwischen dem, was in unserer Geisteswissenschaft auf 
den einzelnen konkreten Gebieten getrieben worden ist, und dem- 
jenigen, was sich aus der Not der Zeit heraus als die groften Zeit- 
forderungen, als die geschichtlichen Forderungen und Notwendigkei- 
ten der Menschheit fur die Gegenwart und fur die nachste Zukunft 
ergibt. Das lag auch dem zugrunde, wenn ich oftmals hier sagte: Gei- 
steswissenschaft soil im Zusammenhange betrachtet werden mit den 
groften geschichtlichen Aufgaben der Gegenwart. Die Menschen sind 
allerdings heute weit, weit weg, die Dinge so zu beurteilen, wie es 
hier charakterisiert worden ist. Es mufi sich gewissermaften in der 
Menschheit eine Spannung ergeben, eine Spannung der Unbefriedigt- 
heit, damit aus dem Entgegengesetzten heraus, aus dem rein materiel- 
len Streben, das Streben nach Spiritualitat, das Streben nach Geistig- 
keit komme. Denn wie sollen sich die Menschen in der groften Frage, 
die da kommt, zurechtfinden, in der Frage, die sie dazu gefuhrt hat, 
unter Maja, unter Ideologic, gerade das Entgegengesetzte zu ver- 
stehen? 

Aber was ist herausgekommen? Sehen Sie, der Impuls, aus dem 
die Menschenseelen des Orients und die Menschenseelen des Okzi- 
dents denken, er ist ein verschiedener, faftt man ihn konkret ideell 
auf. Aber er hat gewissermaften auch das Eigentiimliche an sich, daft 
er eine gleiche Seelenstimmung iiber dem Orient und iiber dem Okzi- 
dent erzeugt. Diese Seelenstimmung muE man auch ins Auge fassen. 
Daft die Orientalen die auftere Welt als eine Maja bezeichnet haben - 
es ist alt. Ihre grofte Bedeutung hatte die mystische Auffassung von 
der Welt als einer Maja wahrhaftig in fruheren Zeiten; sie hat sie 
nicht in der Gegenwart. Sie hatte sie friiher. Uber den Orient ist ge- 
kommen, weil die Weltanschauung von der Maja gewissermaften ver- 
altet ist, ein gewisses passives Sich-Hingeben an diese Weltanschauung 
- ein Fatalismus, ein Fatalismus, der nach Europa hereingespielt hat 
in der krassesten Weise im Tiirkentum. Fatalismus, Geschehenlassen 
desjenigen, was geschehen will: Passivitat des menschlichen Willens. 

Die abendlandische Anschauung von der Maja, sie ist im Grunde 
genommen schon so aufgetreten, daft sie in der Atmosphare dieses 
Fatalismus lebte. 



Am prazisesten kam ja heraus diese Anschauung von der Ideo- 
logic durch Karl Marx und Engels. Diese Anschauung von der Ideo- 
logic ist die moderne sozialistische Lehre - diese Anschauung, wonach 
alles Geistig-Seelische, das sich ergibt, aus der einzigen Wirklichkeit, 
aus dem okonomischen Prozeft heraus stammt und eben eine Maja, 
eine Ideologic ist. 

Wie trat sie auf? Sie trat schon fatalistisch in die Welt ein. Was 
war denn bis zur Weltkriegskatastrophe der auftere Ausdruck der 
sozialistischen Lehre? Der auftere Ausdruck der sozialistischen Lehre 
war der: Die Kapitalien sammeln sich an, konzentrieren sich, immer 
groftere und groftere Kapitalisten oder kapitalistische Gruppen ent- 
stehen, Trusts, Pools und so weiter; es wird sich der wirtschaftliche 
Prozeft ganz von selbst abspielen, immer mehr und mehr Konzentra- 
tion der Kapitalgruppen, bis derZeitpunkt eintritt, wo ganz von selbst 
die Herrschaft iiber das Kapital iibergeht an das Proletariat. Man 
braucht nichts dazu zu tun, das ist ein objektiver, wirtschaftlicher, 
ein rein okonomischer Prozefi: Fatalismus. 

Am Punkte des Fatalismus ist der Orient angelangt. Vom Punkte 
des Fatalismus geht der Okzident aus, geht der Okzident aus gerade 
bei der Majoritat der Bevolkerung. Fatalistisch ist die Majoritat der 
Bevolkerung. Uber sich ergehen lassen dasjenige, was der Weltprozeft 
bringen soil, das ist Prinzip des Orients geworden, das ist Prinzip des 
Okzidents; nur daft dasjenige, in das man sich fatalistisch ergeben will, 
fur den Orient ein Geistiges ist, fiir den Okzident ist es der materielle 
okonomische Prozeft. Einseitig sieht man in die Weltentwickelung 
des Menschen hinein. Oberschaut man die heutige menschliche Welt- 
entwickelung, wie sie sich ergeben hat aus friiheren Zustanden, dann 
haben wir aus dieser unserer Weltentwickelung ein geistiges Ele- 
ment darinnen, das aber, wie gesagt, den Menschen schon zur Ideolo- 
gic geworden ist. Worauf ist es aufgebaut? Es ist aufgebaut auf dem 
Griechentum. Dasjenige im Grunde genommen, was der tiefste Im- 
puls unserer Seelenverfassung ist, hat noch etwas Griechisches in 
sich. Daher haben wir das Gymnasium, eine Nachahmung der grie- 
chischen Seelenstruktur, fiir die Erziehung. In Griechenland war das- 
jenige, was solche Seelenverfassung war fiir den Menschen, der her- 



angewachsen war bis nahe an die Geschlechtsreife, etwas Natiirliches, 
denn das Griechentum entwickelte sich so, daft die grofte Masse der 
Menschen das arme Volk war, Sklaventum, Helotentum. Die Erobe- 
rer waren von anderem Blute. Die Andersburtigen waren die Trager 
des geistigen Lebens, die berechtigten Trager des geistigen Lebens. 
Sie sehen das ganz besonders ausgedriickt in der griechischen Plastik. 
Sehen Sie sich einen Merkur-Kopf an - ich habe das ofter auch hier 
erwahnt — , mit den ganz anders stehenden Ohren, mit der ganz an- 
ders stehenden Nase, mit den ganz anders stehenden Augen. Die Grie- 
chen deuteten, indem sie den Merkur-Kopf ausarbeiteten, auf die- 
jenige Bevolkerung hin, die sie erobert haben, diejenige Bevolkerung, 
der sie iiberlieften die auftere Handelswirtschaft. Der Arier, im Zeus- 
Kopf, Hera-Kopf, Athene-Kopf charakterisiert, er war derjenige, 
dem durch Weltenmachte der Geist verliehen war. 

Ja, glauben Sie nicht, daft das, was sich da als griechische Seelen- 
struktur ausbreitete, etwas ist, was sich nur in der allgemeinen Seelen- 
verfassung zum Ausdruck bringt! Das bringt sich zum Ausdruck bis 
in die Wortbildung und Wortfugung der griechischen Sprache. Die 
griechische Sprache ist so, daft sie auf einer aristokratischen sozialen 
Seelenstruktur beruht. Das haben wir noch in unserem Geistesleben. 
Daher haben wir keine Erneuerung des Geisteslebens erlebt, als der 
Zeitpunkt, die Mitte des 15. Jahrhunderts heranruckte, sondern nur 
eine Renaissance oder eine Reformation, keine Erneuerung unseres 
Geisteslebens, nur eine Wiederauffrischung des Alten. Das haben wir 
noch in unserem Geistesleben in uns. 

Wir erziehen unsere Gymnasialjugend fremd dem Leben. Bei den 
Griechen war es selbstverstandlich, daft sie die Jugend so erzogen 
haben, wie unser Gymnasium erzieht, denn das war ihr Leben. Die 
Griechen erzogen ihre Kinder und ihre Jugend so, wie ihr Leben war; 
wir erziehen unsere Gymnasialjugend, wie das griechische Leben war. 
Deshalb ist unser Geistesleben weltenfremd geworden, deshalb wird es 
als Ideologic empfunden, deshalb hat es iiberall Gedanken, zu kurz, 
um das Leben zu erfassen, vor alien Dingen handelnd und tatig in 
das Leben einzugreifen. 

Und neben diesem Elemente der Geistesbildung haben wir eine 



merkwiirdige Rechtsbildung in uns. Es ist iiberall, auf alien Gebieten 
nachzuweisen, wie in der Mitte des 15. Jahrhunderts ein machtiger 
Einschnitt in der neueren Menschheitsentwickelung war. Das Getreide 
ist heute teuer, und alles dasjenige, was aus Getreide fabriziert ist, 
ist heute teuer. Es ist uberteuer! Forscht man nach, wann es iiber- 
billig war in europaischen Landern, so kommt man ungefahr auf das 
9., 10. Jahrhundert. Damals war es gerade so viel zu billig, als es 
heute zu teuer ist. Und in der Mitte des 15. Jahrhunderts hatte es 
einen normalen Preis. 

Es ist interessant zu sehen, wie bis in den Getreidepreis hinein 
dieser Zeitpunkt des 15. Jahrhunderts als der grofte Einschnitt der 
Menschheit sich ergibt. Und was war die Folge, daft dazumal gerechte 
Getreidepreise da waren iiber einen groften Teil von Europa hin? Die 
alte Leibeigenschaft, die alte Horigkeit hatte dazumal gerade um die 
Mitte des 15. Jahrhunderts teilweise angefangen aufzuhoren. Da 
drang ein, um die beginnende Freiheit zu vernichten, das romische 
Recht. Und wir sind durchsetzt auf dem Gebiete des Politischen, auf 
dem Gebiete des Staatlichen von dem rdmischen Recht, wie wir in 
bezug auf das Geistige durchsetzt sind von griechischer Geistes- und 
Seelenstruktur. Wir haben nicht vermocht bis jetzt, auf dem Gebiete 
des Rechtes etwas anderes zu erzeugen als eine Renaissance, die Re- 
naissance des romischen Rechtes. Wir haben in unserem sozialen Or- 
ganismus die griechische Geistesstruktur, die romische Staatsstruktur. 

Das Wirtschaftsleben laftt sich nicht als Renaissance gestalten. 
Denn man kann selbstverstandlich nach romischem Rechte leben, 
nach griechischer Geistesstruktur die Kinder erziehen, oder die Ju- 
gend erziehen, aber man kann nicht das essen, was die Griechen ge- 
gessen haben, denn man wiirde nicht satt werden davon. Das Wirt- 
schaftsleben muft gegenwartig sein. Und so ist denn das europaische 
Zivilisations- Wirtschaftsleben das dritte Element. In diesen drei Ge- 
bieten miissen wir, da sie chaotisch durcheinandergewiirfelt sind, 
Ordnung schaffen. Es kann nur durch den dreigliedrigen sozialen Or- 
ganismus geschehen. 

Hochst einseitig haben das Leute wie Marx und Engels eingesehen, 
indem sie erkannt haben: Es geht nicht mehr, mit demjenigen Geistes- 



leben zu regieren, das vom Griechentum hergenommen ist; es geht 
nicht mehr, mit demjenigen Rechtsstaat zu leben, der vom romischen 
Recht herubergekommen ist. Bleibt uns nur das Wirtschaftsleben, 
haben sie gesagt. Sie haben aber iiberhaupt nur gedacht an das Wirt- 
schaftsleben. In der Zukunft, sagte Engels, diirfen nur noch Waren 
verwaltet und Produktionsprozesse geleitet, nicht mehr Menschen 
regiert werden. Das ist ebenso einseitig wie richtig - richtig, aber 
furchtbar einseitig. 

Es mufi das Wirtschaftsleben auf seinen eigenen Grund und Boden 
gestellt werden. Innerhalb der wirtschaftlichen Gliederung des so- 
zialen Organismus miissen nur Guter verwaltet und Produktionspro- 
zesse geleitet werden. Das muft selbstandig werden. Wenn man aber 
aus dem sozialen Organismus herauswirft das Rechtsleben und das 
Geistesleben der fruheren Weise, dann mufi man sie in neuerer Weise 
begrunden. Das heifit, wir brauchen dann neben dem Wirtschafts- 
leben, das Guter verwaltet und Produktionsprozesse leitet, wir brauchen 
daneben das demokratische Staatsleben, das auf die Gleichheit der 
Menschen gebaut wird. Wir brauchen nicht bloft Renaissance des 
romischen Rechtes, wir brauchen Neugeburt des Staatslebens auf der 
Basis der Gleichheit der Menschen. Und wir brauchen nicht nur eine 
Renaissance des Geisteslebens, wie sie eingetreten ist im Beginne der 
Neuzeit, wir brauchen eine Neugestaltung, eine Neuschopfung des 
Geisteslebens. Und wir miissen uns bewufit werden, vor dieser Neu- 
schopfung des Geisteslebens miissen wir stehen. 

Und mit dem, was im tiefsten Sinne in der Entwickelung der 
neueren Menschheit lebt, hangt das zusammen, was ausgesprochen 
werden sollte durch die Forderung der Dreigliederung des sozialen 
Organismus. Das ist kein Einfall, das ist dasjenige, was herausgebo- 
ren ist aus dem tiefsten Bediirfnis unserer Zeit; das ist dasjenige, was 
im eminentesten Sinne der Gegenwart entspricht. Es gibt Leute, viele 
Leute, die sagen, sie verstehen das nicht, es sei schwierig, sehr schwie- 
rig. In Deutschland habe ich den Leuten gesagt, wenn sie immer wie- 
derum davon gesprochen haben, dafl die Dinge schwierig zu ver- 
stehen sind, daft ich allerdings diese Dinge unterscheide von dem, 
was man gewohnt worden ist in den letzten vier bis fiinf Jahren zu 



verstehen. Da hat man leicht gefunden, Dinge zu verstehen, die ich 
nicht verstanden habe - so sagte ich -, die Dinge mufiten nur be- 
f ohlen werden zu verstehen. Es muftte das grofte Hauptquartier oder 
eine andere Instanz befehlen, daft die Dinge zu verstehen sind, dann 
hat man sie sich sogar eingerahmt. Man hat sie verstanden, weil es 
bef ohlen war, sie zu verstehen; jetzt kommt es darauf an, aus der 
freien Menschenseele heraus etwas zu verstehen. Dazu ist es notig, 
daft die Seelen aufwachen; das wollen sie so wenig. Darauf kommt es 
aber an. Es ist nicht die Unverstandlichkeit der Sache, es ist der noch 
nicht vorhandene Wille und der Mut, der noch fehlt, in diese Wirk- 
lichkeit hineinzuschauen. Es ist ganz naturlich, daft dasjenige, was 
aus einem ganz neuen Tone heraus zur Menschheit sprechen muft, in 
anderen Satzen abgefaftt ist, als die Menschen es gewohnt sind bis 
jetzt. Denn wir sind von drei anderen Dingen erfaftt, als von dem- 
jenigen, was in dieser Dreigliederung gesprochen wird. 

In dieser Dreigliederung wird eine Erneuerung des Geisteslebens 
gefordert so, daft die Menschen wirklich einen Zusammenhang ihres 
Seelischen empfinden mit dem objektiv geistigen Leben. Den haben 
sie nicht, die Menschen. Denn wenn die Menschen heute sprechen, 
so sprechen sie zum groften Teil Phrasen. Warum spricht man aber 
Phrasen? Phrasen spricht man dann, wenn man keinen Zusammen- 
hang hat mit dem, was die Phrasen bedeuten sollen. Weil den Men- 
schen fehlt der Zusammenhang mit dem geistigen Leben, sind ihre 
Worte zu Phrasen geworden. 

Von Recht ist in den letzten Jahren viel gesprochen worden, von 
der Aufrichtung des Rechtes innerhalb der Menschheit, der zivi- 
lisierten Menschheit. Wie die Menschen mit Bezug auf das Recht weit 
entfernt sind von der Wirklichkeit, das zeigen wohl die Ereignisse der 
Gegenwart zur Geniige. Man hat naturlich bisher nicht urn Recht, 
sondern nur um Macht gestritten, aber man hat vom Rechte geredet. 

Und das Wirtschaftsleben: man hat keine Gedanken gehabt, um 
dieses Wirtschaftsleben zu umspannen, daher sind dieTatsachen von 
selbst abgelaufen. Das ist das Charakteristische im Wirtschaftsleben 
gewesen, daft die Leute produziert und produziert haben, eben so, 
wie ich es dazumal, im Friihjahr 1914 in Wien gesagt habe, wo ich 



dieses Produzieren ein soziales Krebsgeschwiir genannt habe: pro- 
duziert wurde und produziert und die "War en auf den Markt gewor- 
fen, und der ganze wirtschaftliche Kreislauf sollte von selber gehen, 
war nicht von Gedanken beherrscht. Ein chaotisches, planloses Wirt- 
schaftsleben; ein Rechtsleben, das nur ein Machtleben ist; ein Geistes- 
leben, das zur Phrase entartet ist: das ist die dreifache Gliederung, 
die wir im Grunde genommen gehabt haben. Aus dieser dreifachen 
Gliederung miissen wir heraus. Und wir kommen nur heraus, wenn 
wir dasjenige ernst zu nehmen verstehen, was gerade mit der Drei- 
gliederung gemeint ist. 

Aber sehen Sie, es hangt zusammen mit dem, was im Grunde ge- 
nommen doch nur verstanden werden kann, wenn man auf anthro- 
posophisch orientierte Geisteswissenschaft zuriickgeht. Es hat ver- 
stimmt, als ich einmal in einem offentlichen Vortrag vor einigen 
Wochen einen Satz aussprach, der aber eine grtindliche, wirkliche Er- 
kenntnis ist. Ich sagte: Die leitenden, fiihrenden Kreise der Gegen- 
wart diirfen sich nicht mehr verlassen auf ihr Gehirn, das dekadent 
ist. Sie miissen sich aufschwingen, dasjenige zu begreifen, wozu man 
das Gehirn nicht braucht, wozu man den Atherleib braucht. Denn 
die Gedanken, die gefaftt werden sollen in anthroposophisch orien- 
tierter Geisteswissenschaft, die bediirfen desGehirnes nicht. Die leiten- 
den, fiihrenden Kreise, das Biirgertum von heute, muft sich bequemen, 
schon wegen seiner physiologischen Entwickelung, geistiger Erkennt- 
nis sich hinzugeben, etwas zu pflegen, das man auch pflegen kann mit 
dekadenten Gehirnen. 

Das Proletariat strebt herauf, Das hat ein noch unverbrauchtes 
Gehirn. Die Zitrone ist noch nicht ganz ausgequetscht; da kommt 
noch etwas im Gehirn von Atavistischem heraus. Daher versteht das 
Proletariat heute noch dasjenige, was im Sinne einer neueren Ord- 
nung der Dinge gesagt wird. Und heute liegen die Dinge so, daft im 
Grunde genommen das gesamte Proletariat fur diese Dinge zugang- 
lich ware, nur die Fuhrer nicht, denn die sind verbiirgerlicht; die 
sind groftere Spiefter als die wirklichen Spiefter. Sie haben das 
Spieftertum iibernommen, und sie haben es zu einer gewissen Hohen- 
kultur ausgebildet. Aber auf der anderen Seite besteht ein furcht- 



barer Gehorsam. Dieser Gehorsam, der wird erst gebrochen werden 
miissen. Eher gibt es auch auf diesem Gebiete kein Heil. 

Sie sehen, die Dinge liegen schon einmal in der Gegenwart kom- 
plizierter, als man sich gewohnlich einbildet, und sie liegen so, daft 
im Grunde genommen nur die Wissenschaf t der Einweihung zur wirk- 
lichen Erfassung der sozialen Probleme der Gegenwart fiihren kann. 
Sie finden drei Begriffe: Sie finden sie auch in meinem Buche «Die 
Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der 
Gegenwart und Zukunft», das ich allerdings geschrieben habe nicht 
nur fur Anthroposophen, sondern fur das grofte Publikum. Sie fin- 
den da drei wichtige Begriffe im gegenwartigen sozialen Leben. Da 
ist der Begriff der Ware oder des Erzeugnisses, des Gutes, das man 
fur das Wirtschaftsleben hat. Ein weiterer wichtiger Begriff ist der 
Begriff der Arbeit. Und ein dritter wichtiger Begriff ist der Begriff 
Kapital. An diesen drei Begriffen hangt im Grunde genommen das 
soziale Erkennen der Gegenwart. 

Was haben die Menschen schon alles gesagt an sozialer Wissen- 
schaft, um diese drei Begriffe zu durchdringen! Wer kennt, was 
namentlich in der zweiten Halfte des 19. Jahrhunderts an National- 
okonomen in der Wissenschaft heraufgekommen ist, um diese drei 
Begriffe Ware, Arbeit und Kapital zu durchdringen, der weift, was 
geleistet worden ist an unmoglicher Wissenschaft, denn alle diese 
Wissenschaft reicht nicht aus. Ein niedliches Beispiel habe ich neulich 
einmal vorgefiihrt. Der beriihmte Professor Lujo Brentano, die 
Leuchte der nationalokonomischen Wissenschaft Mitteleuropas in der 
Gegenwart, hat neulich einen Artikel geschrieben, der heiftt: «Der 
Unternehmer.» Da entwickelt er die Kennzeichen des Unterneh- 
mers, drei Kennzeichen des Unternehmers. Ich will nur das dritte 
Kennzeichen des Unternehmers im Sinne des Brentano Ihnen sagen. 
Dies dritte Kennzeichen ist, daft man die Produktionsmittel anwendet 
auf eigene Rechnung und Gefahr. Nicht wahr, der Unternehmer ist 
Besitzer der Produktionsmittel und unternimmt die Produktion fur 
den Markt auf eigene Rechnung und Gefahr. Nun ist der Begriff 
des guten Brentano, der die Leuchte der gegenwartigen Universi- 
tats-Nationalokonomie ist, so geschiirzt, daft Lujo Brentano in dem- 



selben Artikel glucklich herausbekommt, wer noch ein Unternehmer 
ist aufter dem Fabrikant und aufter demBetriebsunternehmer: Das ist 
namlich der moderne Arbeiter. Der moderne Arbeiter ist ein Unter- 
nehmer, weil er ja die Produktionsmittel hat, namlich seine eigene 
Arbeitskraft, und die bietet er auf dem Markte an auf eigene 
Rechnung und Gefahr. Der Begriff des Herrn Lujo Brentano iiber 
den Unternehmer ist so klar, daft der Arbeiter auch unter diese Un- 
ternehmer fallt. So gescheit, sehen Sie, ist die heutige okonomische 
Wissenschaft! Es ist zum Lachen. Aber man kann sich heute nicht 
aufraffen zu diesem Lachen, weil noch die Universitaten die fiih- 
renden Stellungen einnehmen in dem Geistesleben. Die Universita- 
ten erzeugen aber diese Dinge auf dem Gebiete der Nationalokono- 
mie. Man will sich nicht gestehen, man hat nicht den Mut dazu, sich 
zu gestehen, daft lacherliches Zeug produziert wird auf diesem Ge- 
biete. Die Dinge sind eben furchtbar. 

Aber diese Dinge miissen unbedingt ins Auge gefaftt werden; und 
gefragt muli werden: Woher kommt es denn, daft gerade iiber die 
sozialen Begriffe, die heute zur brennenden Tagesfrage werden, daft 
gerade iiber die sozialen Begriffe alle Wissenschaft nicht ausreicht? 
Es wiirde mir eine Befriedigung sein, wenn ich gerade iiber diese Frage 
Ihnen bei meinem hiesigen Aufenthalte Genaueres sagen konnte. 
Heute will ich nur, ich mochte sagen, wie referierend anfiihren, war- 
um das so ist. 

So bloft okonomisch der Begriff Ware auch ist, er kann nie 
gepragt werden mit gewohnlicher Wissenschaft. Sie kommen zu dem 
Begriff von Ware nicht, wenn Sie nicht imaginative Erkenntnisse zu- 
grunde legen. Sie konnen den Begriff Ware nur begreifen, wenn 
Sie imaginative Erkenntnisse zugrunde legen. Und Sie konnen die Ar- 
beit im Sozialen, Dkonomischen nicht begreifen, wenn Sie nicht in- 
spirierte Erkenntnisse zugrunde legen. Und Sie konnen das Kapital 
nicht definieren, wenn Sie nicht intuitive Erkenntnisse zugrunde 
legen. 

Der Begriff der Ware fordert Imagination; Tafel r : 

der Begriff der Arbeit fordert Inspiration; 
der Begriff des Kapitals fordert Intuition. 



Zu den Tafelzeichnungen siehe S. 118. 



31 



Und werden sie nicht so formuliert, diese Begriffe, kommt immer 
konfuses Zeug heraus, 

Daran konnen Sie im speziellen sehen, warum konfuses Zeug her- 
auskommen muft. Warum definiert Lujo Brentano den Kapital-Be- 
griff, der zusammenfallt mit dem Unternehmer-Begriff, so, daJS der 
Arbeiter auch ein Kapitalist ist bei ihm, namlich ein Unternehmer? 
Weil er natiirlich ein sehr gescheiter Herr der Gegenwart ist, aber 
keine Ahnung davon hat, dafi, um einen wirklichen Begriff von Ka- 
pital zu gewinnen, intuitive Erkenntnis notwendig ist! 

Allerdings, es kommt das auf einem Umweg zustande. Die Bibel 
deutet etwas auf diesen Umweg, indem sie vom Kapitalismus als dem 
Mammonismus spricht. Da bringt sie allerdings mit einer besonderen 
Art von Geistigkeit das Kapital in Zusammenhang. Aber Geistigkeit 
kann man ja nur durch Intuition erkennen. Will man die im Kapita- 
lismus wirkende Geistigkeit, den Mammonismus erkennen, so braucht 
man Intuitionen. In der Bibel steht es schon drinnen. Aber heute brau- 
chen wir eben eine Welterkenntnis, die das ins Moderne heraufhebt. 

Versucht rauS werden, diese Dinge, die man heute noch fur 
irgend etwas Verschrobenes halten wird, gerade sachkenntnismaftig 
zu durchdringen. Wirkliche Sachkenntnis auf diesem Gebiete, die 
wird aber iiberall ergeben die Notwendigkeit der Durchdringung so- 
zialer Anschauungen mit echter, wahrer Geisteswissenschaft. Das ist 
dasjenige, was dem unbefangenen Beobachter des Lebens sich heute 
wirklich aufdringen mufi. Erinnern Sie sich nur selber, soweit Sie 
dort waren, an eine denkwiirdige Frage, die imBernoulltanum in Basel 
vor meiner Abreise nach einem Vortrage gestellt worden ist, wo ein 
Mensch in die Diskussion die Frage einwarf : Wie kann man dahin 
kommen, daft Lenin Weltherrscher werde? Denn eher sahe er kein 
Heil, nach seiner Ansicht, bevor nicht Lenin Weltherrscher wird. - 
Denken Sie, was das fur eine Konfusion bedeutet! Das bedeutet dieses, 
daft diejenigen Menschen, die sich heute am radikalsten gebarden, 
am reaktionarsten sind. Sozialismus wollen sie; man miilke anfan- 
gen vor alien Dingen die Herrschaftsverhaltnisse zu sozialisieren; 
aber man beginnt den Sozialismus mit der universellen Wirtschafts- 
monarchie des Lenin! Man fangt nicht einmal an zu sozialisieren 



bei den Herrschaftsverhaltnissen. So grotesk treten einem heme die 
Dinge entgegen! Solche Dinge bleiben wirklich denkwiirdig, wenn 
einem gesagt wird: Lenin sollte Weltherrscher werden. Aber so ste- 
hen die Dinge heute. Diejenigen Menschen, die glauben, die aufge- 
klartesten Begriffe zu haben, die haben die verkehrtesten Begriffe; 
und man wird nicht zu einer Klarheit kommen auf diesem Gebiete, 
wenn man sich nicht einlassen wird darauf, diese Klarheit voll aus 
der Geisteswissenschaft aufzusuchen. 



ZWEITER VORTRAG 
Dornach, 10. August 1919 



Will man verstehen, was anthroposophische Geisteswissenschaft als 
Aufgabe in der Gegenwart und nachsten Zukunft hat, dann mufi 
man, wie wir das vor einiger Zeit und auch gestern wieder gehort 
haben, in Betracht Ziehen, welchen Charakter die Menschheitsent- 
wickelung gerade seit der Mitte des 15. Jahrhunderts angenommen 
hat. Schliefilich hangt ja alles dasjenige, was in der Gegenwart ge- 
schieht, davon ab, dafi seit der Mitte des 15. Jahrhunderts in der 
Menschheit der Antrieb lebt, sich als einzelmenschliche Individuality 
auf die Spitze der Personlichkeit zu stellen, eine ganze Personlichkeit 
zu werden. Solches war nicht moglich, und es war gar nicht die Auf- 
gabe der Menschheit in fruheren Epochen unserer nachatlantischen 
Menschheitsentwickelung. Will man den grofien Umschwung ver- 
stehen, in dem wir drinnen stehen, dann mufi man solche Dinge noch 
genauer ins Auge fassen, wie die sind, die ich gestern wieder charak- 
terisiert habe. 

Ich sagte Ihnen: Wir haben in unserem Geistesleben noch immer 
griechische Seelenverfassung. Die Art und Weise, wie wir unsere Ge- 
danken bilden, die Art und Weise, wie wir gewohnt sind uber die 
Welt zu denken, ist eigentlich ein Nachklang der griechischen Seelen- 
verfassung. Und die Art und Weise, wie wir heute gewohnt sind das 
Recht anzuschauen und alles dasjenige, was mit dem Rechte zu- 
sammenhangt, das ist ein Nachklang der romischen Seelenverfassung. 
Unseren Staat sehen wir ja immer noch an als dasjenige Gebilde, das 
im Grunde das romische Reich war. Und erst wenn man einsehen 
wird, wie einschlagen mufi in diese chaotische Gegenwart die Drei- 
gliederung des sozialen Organismus, wird man klar erkennen und 
klar wollen konnen. 

Griechische Seelenverfassung, sie ist hauptsachlich ja dadurch be- 
stimmt, dafi in Griechenland im eminentesten Sinne das vorhanden 
war, was bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts tonangebend uber- 
haupt in der geschichtlichen Entwickelung war. Ober das griechische 



Territorium hin war verbreitet eine unterworfene Bevolkerung und 
die Eroberer, diejenigen, die den Boden fiir sich in Anspruch nah- 
men, die aber auch, sich berufend auf ihre Blutsabstammung, die 
Geistigkeit des alten Griechenland bestimmten. So daft man sich gar 
nicht zurechtfindet in der Seelenverfassung des alten Griechenland, 
wenn man nicht das ins Auge faftt, daft dort es als berechtigt ange- 
sehen wurde, so zu denken iiber die sozialen Menschheitszusammen- 
hange, wie es sich ergab aus der Blutseigentiimlichkeit der arischen 
Erobererbevolkerung. Natiirlich ist die Menschheit der neueren Zeit 
herausgewachsen iiber dasjenige, was da bei den Griechen zugrunde 
lag. Bei den Griechen war es einfach selbstverstandlich, daft es Men- 
schen zweier Sorten gab, daft es Menschen gab, die gewissermaften 
den Merkur anzubeten, und Menschen, die den Zeus anzubeten 
hatten. Diese zwei Menschenklassen waren streng voneinander ge- 
schieden. Aber man dachte iiber die Welt und ihre Gotter so, wie das 
Eroberer vol k durch seine Blutsabstammung denken muftte. Alles war 
bestimmt durch das, was sich ergeben hat im Zusammenstoften eines 
eroberten und eines Eroberervolkes. "Wer genauer zusieht auf dasjenige, 
was heute in unserer sozialen Gegenwart unter den Menschen lebt, 
der wird eben erkennen, daft wir zwar nach unserem Gefuhl, nach 
dem, was unterbewuftt in unseren Seelen lebt, nicht mehr zugeben 
diesen Aristokratismus der "Weltanschauung; aber dieser Aristokra- 
tismus der Weltanschauung, er lebt noch in unseren Ideen, in unse- 
ren Begriffen, besonders dann, wenn wir durch die hohere Schule 
herangebildet werden. Die hohere Schule, namentlich das Gymnasium, 
bildet alles, was zum Unterricht gehort, so aus, wie es nur eine Re- 
naissance, ein Nachklang des Griechentums ist. Und erst recht die 
Hochschule, mit Ausnahme der technischen, der landwirtschaftlichen 
Hochschulen, die ja aus dem neueren Leben heraus gebildet werden 
mufiten, die aber in ihrer aufteren Struktur leider nachgebildet wor- 
den sind demjenigen, was als Struktur des Hochschulwesens von Grie- 
chenland herubergekommen ist. Gerade wenn man hoch schatzt das 
Griechentum in seiner Zeit und fiir seine Zeit, dann muft man auf 
der anderen Seite sich ganz klar dariiber sein, daft fiir unsere Zeit eine 
Erneuerung des Geisteslebens notwendig ist, daft fiir unsere Zeit im- 



mer unertraglicher werden wird die Fiihrung der Menschheit durch 
solche Seelen, welche die Konfiguration ihrer Begriffe, die Artung 
ihrer Begriffe in unserer Gymnasial-Mittelschule erhalten haben. Und 
natiirlich stecken ja in alien fuhrenden Stellen heute noch diejenigen 
Leute, die ihre Begriffsbildung bekommen haben aus den Mittel- 
schulen, den Gymnasien. Es ist heute schon notwendig, daft man sich 
bekannt mache damit, daft die Zeit der groften, nicht die Zeit der 
kleinen Abrechnung da ist, und daft man iiber solche Dinge sachge- 
maft denken muft, nicht festhalten kann an alten Denkgewohnheiten. 

Sie wissen ja, daft dann dasjenige, was im Griechentum aus dem 
Blute heraus sich gebildet hat, im Romertum abstrakt geworden ist. 
Das habe ich hier schon einmal erwahnt. Wahrend das griechische 
Sozialwesen - das man ja nicht ein Staatswesen nennen kann - ganz 
herausgegangen ist, heraus sich gebildet hat aus der Blutsbiirtigkeit, 
ging dieses aus dem Blute stammende auf das Romertum ja nicht 
mehr iiber. Auf das Romertum ging iiber der Drang, noch so zu glie- 
dern, wie man in Griechenland gegliedert hat; aber man fiihlte die 
Ursache zu dieser Gliederung nicht mehr im Blute. Und wahrend es 
keinem Griechen der alteren Zeit in den Sinn gekommen ware, daran 
zu zweifeln, daft es Menschen «niederer» Sorte, Menschen des er- 
oberten Volkes gibt und Menschen «hoherer» Sorte, Arier, war das 
bei den Romern nicht so. Man trug schliefilich innerhalb des romi- 
schen Imperiums stark in sich das Bewufttsein, daft die Gliederung 
des sozialen Wesens iibertragen worden ist durch Macht, durch Ge- 
wait. Sie brauchen sich nur daran zu erinnern, daft ja schlieftlich die 
Romer ihren Ursprung zuriickverfolgten bis zu jener Sammlung der 
Rauber in der Nahe von Rom, die man zusammenberufen hat, um als 
Rauberbande Rom zu begriinden; daft man auch nicht von zarter 
Muttermilch den Griinder Roms saugen lieft, sondern, wie Sie wissen, 
im Walde von einem Tiere saugen lieft, von einer Wolfin. 

Das alles sind Dinge, die im romischen Wesen so aufgenommen 
worden sind, und die dazu gefiihrt haben, daft man in Rom mehr aus 
abstrakten Begriffen alles gegliedert hat, was soziale Gliederung war. 
Daher ist von romischer Seelenverfassung ausgegangen dasjenige, was 
uns in bezug auf die Rechts- und Staatsbegriffe geblieben ist. 



Sehen Sie, bei solch einer Geschichte mud ich mich immer er- 
innern an einen alten Freund. Ich lernte ihn kennen, als er schon 
ziemlich alt geworden war. Er hatte namlich in der Jugend, mit 
18 Jahren, ein Madchen lieb gewonnen, hatte sich sozusagen im 
stillen mit ihm verlobt, aber sie hatten beide nichts, konnten nicht hei- 
raten, und so warteten sie, blieben einander treu. Er war 18 Jahre alt, 
als er sich verlobte, und als er daran denken konnte, sich zu verhei- 
raten, da war er 64 Jahre alt, denn da hatte er sich erst soviel erwor- 
ben, daft er glauben konnte, jetzt konne er solch einen Schritt wagen. 
Da ging er denn in seinen Heimatort zuriick, es war in der Nahe von 
Salzburg, und wollte dort die vor so langer Zeit Auserkorene heira- 
ten. Aber siehe da, die Kirche mit dem Pfarrhaus war abgebrannt, 
und der Taufschein war nicht mehr zu kriegen. Es war nirgends 
eingetragen, wo der Mann getauft worden war, und so glaubte man 
ihm nicht, daft er einmal geboren worden ist. Ich weift mich noch 
lebhaft zu erinnern, wie sein Brief kam. Ich wohnte dazumal in 
der Nahe von Wiener-Neustadt, da kam sein Brief, und da sagte er 
in diesem Brief - er war in Wiener-Neustadt damals beschaftigt ge- 
wesen, aber er war in seinen Heimatort in die Nahe von Salzburg 
gereist -, da sagte er in diesem Brief: Ja, ich glaube doch, daft es 
ganz evident ist, daft ich geboren worden bin, weil ich nun einmal 
da bin; aber die Leute, die glauben nicht, daft ich geboren bin, weil 
kein Taufschein da ist! 

Ich hatte auch einmal ein Gesprach mit einem Advokaten, der 
sagte: Ja, bei einem Prozeft ist es uns gar nicht so sehr wichtig, ob 
der Mensch vorhanden ist oder nicht, wir brauchen nur den Geburts- 
schein. 

Sehen Sie, an diese Geschichten muft man sich immer wieder er- 
innern, denn so grotesk treten sie einem naturlich da oder dort ein- 
mal entgegen. Aber auch die Stimmung, die in diesen Geschichten 
lebt, zeigt schlieftlich, daft auf romisches Wesen noch unser ganzes 
offentliches Leben gebaut worden war, in einem Gebiete mehr, in dem 
anderen Gebiete weniger. Nicht wahr, man ist Burger in der Welt 
heute doch nicht dadurch, daft man Mensch geworden ist und als 
Mensch dasteht, sondern man ist Burger in der Welt dadurch, daft 



man als Burger da oder dort anerkannt und eingeschrieben ist. Diese 
Dinge, die sind alle zuriickzufiihren auf romisches Wesen. Die Bluts- 
biirtigkeit ist iibergegangen in die Registrator. 

Dies fuhrt dazu, daft ja heute, wo diese Dinge in der Dekadenz, 
im Verfall sind, viele Menschen iiberhaupt nicht mehr wert zu sein 
glauben desjenigen, was sie als Mensch wert sind, sondern glauben 
etwas wert zu sein dadurch, daft sie in irgendeiner Beamtenhierarchie 
eingereiht sind, diesen oder jenen Beamtenrang haben. Man ist viel 
lieber etwas Unpersonliches aus den romischen Rechtsbegriffen her- 
aus als eine Personlichkeit. Nun ist in der Menschheit seit dem 15. 
Jahrhundert unbewuftt, unterbewuftt das Streben, alles auf die Spitze 
der Personlichkeit zu bauen. Dies bezeugt uns, daft mit Bezug auf 
unser Geistesleben und mit Bezug auf unser Rechtsleben die Zeiten 
alt geworden sind, daft wir in bezug auf beide eine Erneuerung 
brauchen, eine wirkliche Erneuerung brauchen. Es hangt das zusam- 
men, was da als Erneuerung sich in Menschenseelen geltend machen 
soil, mit vielen tieferen Impulsen der Menschheitsentwickelung iiber- 
haupt. 

Fiihren Sie noch einmal vor Ihre Seele, daft seit der Mitte des 
15. Jahrhunderts die neuere Menschheitsentwickelung in bezug auf 
die Erkenntnis besonders erfiillt worden ist mit der naturwissenschaft- 
lichen Denkweise, und zwar hauptsachlich mit jener naturwissen- 
schaftlichen Denkweise, die auf abstrakte Naturgesetze gebaut ist, 
die gebaut ist auf die sinnliche Anschauung und auf die Gedanken, 
die man sich iiber diese sinnliche Anschauung macht. Etwas anderes 
will man nicht gelten lassen als dasjenige, was aus der sinnlichen 
Anschauung kommt und dasjenige, was man sich an Gedanken iiber 
diese sinnliche Anschauung macht. Nun habe ich Sie gestern - ich 
habe es ja auch vor meinem letzten Weggehen hier erwahnt - wie- 
der aufmerksam darauf gemacht, daft es heute schon geniigend viele 
Leute gibt, welche der rechtmafiigen Auffassung sind, daft mit einer 
solchen Naturanschauung, wie wir sie in der eben beschriebenen Weise 
uns aneignen, man nur zu einem Gespensterbild von der Natur 
kommt. Das, was der Naturforscher als Bild von der Welt sich 
macht, ist ein Gespenst von der Welt, ist nicht die wirkliche Welt. 



So daft wir sagen miissen: Die Menschheit ist seit der Mitte des 15. 
Jahrhunderts in der Lage, ein gespenstisches Bild von der "Welt 
sich zu machen mit Bezug auf ihre eine Halfte. Dahinter steckt aber 
fiir die Wissenschaft der Einweihung etwas sehr Tiefes, und dieses 
miissen wir uns auch einmal vor die Seele fiihren. 

Sehen Sie, an der sinnlichen Anschauung als solcher kann man 
nicht herumkorrigieren; selbst ob man sie als Maja oder sonst etwas 
ansieht, ist im Grande genommen fiir eine tiefere Weltanschauung 
gleichgultig. An der sinnlichen Anschauung selbst kann man nicht 
herumkorrigieren; sie ist das, was sie ist. Eine rote Blume ist eine 
rote Blume; ganz gleichgultig, ob wir sie als Maja oder als eine Wirk- 
lichkeit ansehen, sie ist das, was sie ist. Und so ist die ganze sinn- 
liche Anschauung das, was sie ist. Die Diskussion beginnt erst in dem 
Augenblicke, wo wir uns Gedanken iiber diese sinnliche Anschauung 
machen, wo wir diese sinnliche Anschauung als dies oder jenes an- 
schauen, als dies oder jenes interpretieren. Da beginnt erst die Schwie- 
rigkeit. Und warum beginnt da die Schwierigkeit? Sie beginnt aus 
dem Grunde, weil die Begriffe, die wir uns seit dem 15. Jahrhun- 
dert als Menschen bilden miissen, andere Begriffe sind als die friihe- 
ren Menschheitsbegriffe. Das betrachtet man in der heutigen Ge- 
schichte, die eine «fable convenue» ist, wie ich ofter gesagt habe, 
durchaus nicht im richtigen Sinne. Wer die Moglichkeit hat, einzu- 
gehen auf die Menschheitsbegriffe vor der Mitte des 15. Jahrhun- 
derts, der weift, daft diese Menschheitsbegriffe voller innerer Bildlich- 
keit waren, daft diese Begriffe eigentlich Imaginationen waren. Die 
Abstraktheit der Begriffe, sie ist erst so vorhanden, wie sie jetzt ist, 
seit der Mitte des 15. Jahrhunderts. 

Warum haben wir uns als Menschheit so entwickelt, daft wir seit 
der Mitte des 15. Jahrhunderts diese abstrakten Begriffe haben, auf 
die wir heute so stolz sind, in denen wir uns immer wieder und 
wieder bewegen? Warum entwickeln wir als ganze Menschheit diese 
abstrakten Begriffe? Sehen Sie, diese abstrakten Begriffe, die wir 
als ganze Menschheit uns bilden, die haben das Eigentiimliche, daft 
sie auf die sinnliche Welt zwar angewendet werden von uns, aber 
eigentlich fiir diese sinnliche Welt gar nicht taugen. Sie taugen nichts 



fur die sinnliche Welt. Ich habe das in meinen «Ratseln der Philo- 
sophie» in einer solchen Weise ausgesprochen, daft ich damals sagte: 
Wie der Mensch sich Erkenntnisbegriffe bildet iiber die Aufienwelt, 
das ist eine Seitenstromung seiner Seelenentwickelung. Geradeso, wie 
wenn man sich ein Samenkorn, sagen wir, in der Erde denkt, das ist 
ja eigentlich von der Natur dazu bestimmt, wiederum Pflanze zu 
werden; viele Samenkorner aber vermahlen wir zu Mehl und essen 
sie als Brot. Aber das ist doch nicht im Samenkorn vorausbestimmt! 
Das ist eine Seitenentwickelung, wenn wir fragen: Enthalt das Sa- 
menkorn diejenigen chemischen Bestandteile, die wir zum Aufbau un- 
seres Leibes brauchen? Es liegt nicht in der Natur, im Wesen des 
Samenkorns, des Weizens, des Roggens, uns zu nahren, sondern aus 
Korn neuen Weizen oder Roggen hervorzubringen. So liegt es nicht 
in unserer Natur, durch unsere Begriffe, die wir uns seit dem 15. 
Jahrhundert aneignen, die Auftenwelt aufzufassen, sondern etwas 
anderes soil uns aus diesen Begriffen werden, wenn wir uns richtig 
in ihr Wesen hineinbegeben. Diese Begriffe, welche die Menschen 
heute seit der Mitte des 15. Jahrhunderts entwickeln, die sind nam- 
lich die Schattenbilder desjenigen, was wir, bevor wir herunterge- 
stiegen sind aus der geistigen Welt durch die Empfangnis, in der 
geistigen Welt erlebt haben. So daft Sie sich vorstellen konnen - ich 



habe schon ofter auf solche Dinge aufmerksam gemacht (es wird ge- 
zeichnet): da ist die Geburt oder Empfangnis, das Menschenleben 
geht so: wenn Sie sich das vorstellen, so sind eigentlich unsere Be- 
griffe, unsere Begriffskrafte, die in uns sind, die Nachklange des- 
jenigen, was wir erleben vor unserer Geburt oder Empfangnis 
(siehe Zeichnung). Und wir mifibrauchen eigentlich unser Begriffs- 
system, indem wir es anwenden auf die auftere Sinneswelt. 

Sehen Sie, das liegt der Goetheschen Naturauffassung zugrunde. 
Goethe will nicht Naturgesetze durch Begriffe ausdrikken; er will 



Taf el 2 




Urphanomene, das heiftt zusammengestellte auftere Anschauungen, 
weil er ein Gefiihl dafiir hat, daft unser Begriffsvermogen nicht un- 
mittelbar angewendet werden kann auf die auftere Natur. Unser Be- 
griffsvermogen mussen wir als reines Denken ausbilden. Und bilden 
wir es als reines Denken aus, dann weist es uns auf unser vorgeburt- 
liches geistiges Dasein. Wir haben eigentlich unser heutiges eigen- 
tumliches Denken dazu, um unsere geistige Wesenheit, bevor wir mit 
einem physischen Leib umkleidet worden sind, in diesem reinen Den- 
ken zu erreichen. Und ehe die Menschheit nicht begreift, daft sie ihr 
Denken hat, um sich als Geist zu begreifen, eher ist noch nicht eigent- 
lich die Aufgabe des fiinften nachatlantischen Zeitraumes in die 
Menschenseelen eingezogen. Unsere Naturwissenschaft wurde gewis- 
sermaften in unser Menschheitsschicksal hineinverdrangt, damit wir 
bei der reinen Natur bleiben, nicht iiber sie spekulieren, sondern nur 
unsere Begriffe so verwenden, daft wir sie anschauen in der richtigen 
Weise, dann aber unsere Begriffe ausbilden, um zu schauen, wie wir 
als Geist waren, bevor wir durch Empfangnis und Geburt mit einem 
physischen Leib umkleidet worden sind. Die Menschen glauben heute 
noch, daft sie mit ihrem Begriffsvermogen bloft die auftere sinnliche 
Anschauung klassifizieren sollen und so weiter; sie werden erst recht 
tun, wenn sie die Gedanken, welche sie haben seit der Mitte des 15. 
Jahrhunderts, anwenden auf die geistige Welt, in der sie waren, be- 
vor sie mit einem physischen Leib umkleidet worden sind. 

So ist der Mensch des fiinften nachatlantischen Zeitraumes selber 
gezwungen auf das Geistige, Vorgeburtliche hin, und so ist der 
Mensch noch durch etwas anderes in eine eigentiimliche Situation 
versetzt, die er ausbilden muft, die er weiterbringen muft. Parallel 
geht ja der naturwissenschaftlichen Gespensteranschauung der Indu- 
strialismus. Ich habe auch darauf schon gestern aufmerksam ge- 
macht. Und das Hauptsachlichste des Industrialismus ist, daft die 
Maschine, der Trager des Industrialismus, geistig durchsichtig ist. Es 
bleibt nichts unverstandlich. Ich habe Sie gestern darauf aufmerk- 
sam gemacht, wie am Mineral selbst noch etwas undurchsichtig bleibt; 
die Maschine ist ja ganz durchsichtig. Das aber hat zur Folge, daft 
der menschliche Wille, der sich auf die Maschine richtet, sich in 



Wahrheit nicht auf eine Realitat richtet, nicht auf eine Wirklichkeit 
richtet. Die Maschine ist im Grunde genommen ein Schimare fiir die 
umfassende Weltwirklichkeit. Und der Industrialismus bringt in 
unser Leben etwas hinein, was den Willen der Menschen sinnlos 
macht in einem hoheren Sinne. Es wird ein tiefer Einschlag sein, 
wenn einmal voll hineingetragen wird in die neuere Menschheit die 
Oberzeugung, dafi die Maschine und alles, was in ihrem Gefolge 
als Industrialismus ist, den menschlichen Willen sinnlos macht. Wir 
sind heute schon auf dem Hohepunkt der Maschinenwirksamkeit 
angekommen, denn ein Viertel von dem, was heute auf der Erde 
hervorgebracht wird, wird nicht durch Menschenwillen hervorge- 
bracht, sondern durch Maschinenkraft - ein Viertel davon! Das be- 
deutet etwas Aufierordentliches. Der menschliche Wille lebt nicht 
mehr mit Sinn hier auf der Erde. 

Sehen Sie, wenn Sie so etwas wie zum Beispiel die Reden von Ra~ 
bindranath Tagore lesen, dann miiiken Sie eigentlich in diesen Reden 
etwas verspiiren, was dem Europaer, wenn er den gewohnlichen Euro- 
paer- Verstand, den gewohnlichen Europaer-Intellekt anwendet, un- 
verstandlich bleibt. Es herrscht ein anderer Grundton in dem, was 
heute der gebildete Asiate sagt, weil dem gebildeten Asiaten einfach 
dieses Angepafttsein des europaischen Geistes an die Maschine etwas 
ganz Unverstandliches ist, etwas Sinnloses ist. Fiir den Orientalen 
ist das Wirken durch die Maschine, durch den Industrialismus, etwas 
Sinnloses. Und etwas ebenso Sinnloses ist fiir den Orientalen - ob 
man es nun in Europa glaubt oder nicht - die im Maschinenzeitalter 
geborene europaische Politik. Auch damit verbindet der Orientale 
keinen Sinn. Da kommt es durchaus zum Ausdrucke, wenn der ge- 
bildete Orientale spricht, dafi fiir ihn dieses eine Viertel des Gesche- 
hens - es wird ja nicht im Oriente von den alten orientalisch gebil- 
deten Menschen, sondern eigentlich nur von den okzidentalischen 
Menschen und ihren Nachahmern, den Japanern und so weiter ge- 
tan dieses eine Viertel der Arbeit der Menschen der Gegenwart 
als sinnlose Arbeit empfunden wird, weil der Orientale, der noch viel 
atavistisches Anschauungsvermogen hat, weift, daft alles dasjenige, 
was der Mensch in die Maschine hineinsteckt als Arbeit, eine ganz 



bestimmte Eigentiimlichkeit hat. Wenn der Mensch sein Pferd, das 
an den Pflug gespannt ist, durch die Ackerfurche fahren laftt und 
er mit dem Pferde arbeitet, so hat diese Arbeit mit dem Pferde, wor- 
innen noch Naturkraft mitarbeitet, einen Sinn iiber die unmittelbare 
Gegenwart hinaus, es hat diese Arbeit einen kosmischen Sinn. Wenn 
die Wespe ihr Haus baut, so hat dieser Wespenbau einen kosmischen 
Sinn. Wenn der Mensch das Feuer anziindet, indem er den Feuer- 
stein schlagt, den Funken herausspriihen laftt, damit den Ziind- 
schwamm entziindet und dann das Feuer anziindet, steht er mit der 
Natur im Zusammenhange: es hat einen kosmischen Sinn. Durch den 
modernen Industrialismus sind wir aus diesem kosmischen Sinn her- 
ausgekommen. Da lebt kein kosmischer Sinn mehr, wenn wir unsere 
elektrischen Lichter anziinden! Da ist der kosmische Sinn herauften. 
Und wenn Sie in eine moderne Fabrik hineingehen, die ganz maschi- 
nell gestaltet ist, dann ist das ein Loch im Kosmos, hat keine Bedeu- 
tung fur die kosmische Entwickelung. Wenn Sie in den Wald gehen, 
Holz sammeln, dann hat das eine kosmische Bedeutung iiber die Er- 
denentwickelung hinaus. Wenn Sie eine moderne Fabrik anschauen 
mit allem, was sie enthalt, so hat das keine Bedeutung iiber die Er- 
denbildung hinaus. Da hinein wird der menschliche Wille versetzt, 
ohne daft das einen kosmischen Sinn hat. Bedenken Sie, was das heiftt. 
Das heiftt: wir haben seit der Mitte des 15. Jahrhunderts eine Er- 
kenntnis zu entwickeln, die gespenstisch ist, die nicht an die Wirk- 
lichkeit herankommt. Wir fiihren immer mehr und mehr von jener 
Tatigkeit aus, zu der wir uns der Maschine bedienen; immer mehr 
und mehr vollfuhren wir aus der industriellen Tatigkeit heraus, und 
das, was wir an Willen hineinstecken in diese industrielle Tatigkeit, 
ist fur die Weltentwickelung sinnlos. 

Die grofte Frage tritt vor das Menschengemiit hin: Hat der Urn- 
stand, daft es so ist, daft unsere Erkenntnisse gespenstisch, unser 
Wille sinnlos ist in groftem Ausmafte, hat das fiir die Gesamtheit der 
Menschheitsentwickelung doch einen Sinn? - Ja, es hat einen Sinn, es 
hat einen bedeutungsvollen Sinn. Es hat den Sinn, daft wir als Mensch- 
heit dadurch angehalten werden sollen, iiber die gespenstische Er- 
kenntnis hinaus zu der Wirklichkeitserkenntnis zu dringen, zu jener 



Wirklichkeitserkenntnis, die nicht bei der Naturanschauung stehen 
bleibt, sondern in das Geistige hineindringt, das hinter der Natur ist. 
Solange die Menschen mit ihren Begriffen zugleich den Geist be- 
kommen haben, konnten sie sich gehen lassen, brauchten sie sich nicht 
anzustrengen, den Geist von sich aus zu erobern. Da den Menschen 
nur Begriffe geblieben sind in der neueren Zeit, die den Geist nicht 
enthalten, aber die Anlagen dazu enthalten sich zum Geiste hinauf- 
zuarbeiten, wie ich gesagt habe, so ist im Menschen der Antrieb vor- 
handen, aus der abstrakten Erkenntnis in die reale Geist-Erkenntnis 
hineinzudringen. Und seit wir den Industrialismus haben mit seiner 
Sinnlosigkeit, miissen wir einen anderen Sinn fur den menschlichen 
Willen suchen. Und den konnen wir nur suchen, wenn wir uns auf- 
schwingen zu einer solchen Weltanschauung, die dasjenige, was sinn- 
los ist - nennen wir es Industrialismus -, zum Sinn bringt, indem wir 
den Sinn aus dem Geistigen heraus nehmen, indem wir uns sagen: Wir 
suchen uns Aufgaben, die aus dem Geiste stammen. Fruher brauchte 
man sich nicht, weil das Wollen seine Impulse aus dem Geistigen 
durch Instinkt nehmen konnte, fruher brauchte man sich nicht be- 
sonders aufzuschwingen, um aus dem Geiste heraus zu wollen. Heute 
ist es notwendig, daft man sich besonders anstrenge, aus dem Geiste 
heraus zu wollen. Und wir miissen entgegenstellen dem sinnlosen 
industriellen Wollen ein sinnerfiilltes Aus-dem-Geiste-heraus- Wollen. 

Gestern habe ich Ihnen ein Beispiel angefuhrt in der Art, wie wir 
erziehen sollen. Wir sollen erkennen, daft bis zum 7. Jahr derMensch, 
weil er ja seinen physischen Leib besonders entwickelt, ein Nach- 
ahmer ist; wir sollen das zur Grundlage der Erziehung machen. Wir 
sollen vom 7. bis 14. Jahr wissen, daft wir den Menschen zu ent- 
wickeln haben unter dem Prinzip der Autoritat, und wir sollen diese 
Geist-Erkenntnis, die wir gewinnen, wenn wir wissen, wie der Ather- 
leib vom 7. bis 14. Jahr sich entwickelt, wir sollen diese Geist-Erkennt- 
nis zum Impuls des Erziehungswesens machen. Und wir sollen wissen, 
wie der astralische Leib vom 14. bis 21. Jahr sich entwickelt, und wir 
sollen diese Erkenntnis zum Impuls des Erziehungswesens machen. 
Dann, erst dann wollen wir aus dem Geiste heraus. 

Bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts haben die Menschen instink- 



tiv aus dem Geiste heraus gewollt. Wir wollen im Grunde ganz uns 
hineinarbeiten im aufterlichen Leben in das Maschinelle, in den Me- 
chanismus - sogar in der Politik, die allmahlich die Staaten zu Ma- 
schinen gemacht hat. Wir miissen zuriickstreben zu einem geistdurch- 
seelten Wollen. Dazu miissen wir aber aufnehmen die Idee der Geistes- 
wissenschaft, miissen zum Beispiel anfangen beim Erziehen so, daft 
wir zugrunde legen dasjenige, was wir aus der Erkenntnis der geisti- 
gen Welt heraus wissen, daft wir so erziehen, wie es uns anthroposo- 
phische Geisteswissenschaft angibt. Durch dieses starkere, bewufttere 
Betonen des Wollens aus dem Geiste heraus setzen wir ein Gegenbild 
gegen das sinnlose Wollen des Industrialismus. 

So ist uns der Industrialismus mit all seinem Menschen- und 
Seelenverodenden gegeben, damit wir in dieser Ode uns aufraffen 
dazu, aus dem Geiste heraus zu wollen. Und wir konnen am besten 
anfangen, in der Erziehung aus dem Geiste heraus zu wollen, 
wenn wir so erziehen, wie aus dem Geiste und seiner Erkenntnis her- 
aus erzogen werden soil. Vieles mufi in der heutigen Zeit umgedacht 
werden. Dazu bedarf es aber eines sorgfaltig und intim ausgebildeten 
inneren Wahrheitsgefiihls. Wir miissen heute uns klar sein dariiber, 
daft inneres Wahrheitsgefuhl auch da, wo wir noch nicht gewohnt 
sind es anzuwenden, allmahlich angewendet werden mufi. Sehen Sie, 
ich glaube, es konnte heute mancher erstaunt sein, wenn man ihm 
sagt: Du hast recht, wenn du Raffael wegen seiner Bilder besonders 
verehrst; wenn du aber verlangst, die Leute sollen heute so malen 
wie Raffael, dann hast du unrecht. Denn nur derjenige hat ein Recht, 
Raffael zu bewundern, der weift, daft der heute ein schlechter Maler 
ist, der so malt, wie Raffael gemalt hat: denn er malt dann nicht so, 
wie es aus den Impulsen unserer Zeit heraus sein muft. Man empfin- 
det nicht mit der Zeit mit, wenn man diese Dinge nicht so empfin- 
det, daft man die Aufgaben einer bestimmten Zeit jeweilig durch 
und durch empfindet. Es ist notwendig, daft man in unserer Zeit ein 
intimes, ein ganz intimes Wahrheitsgefuhl nach dieser Richtung hin 
sich aneignet. Aber die gegenwartige Menschheit geht auch in dieser 
Beziehung durch das Entgegengesetzte durch; denn man hat den Ein- 
druck, daft iiberall und iiberall das Wahrheitsgefuhl ein Leek be- 



kommen hat, nicht funktioniert, und daft man zuruckschreckt heute 
davor, das Richtige richtig, das Falsche falsch zu nennen, daft man 
zuruckschreckt davor, die Luge wiederum als Liige zu kennzeichnen. 
In dieser Beziehung kann man ja heute das Allerentsetzlichste erfah- 
ren, und die Menschen sind gleichgiiltig iiber solch Entsetzliches, das 
man erfahren kann! Aber darum handelt es sich, daft man zum Bei- 
spiel so wahr empfindet, daft man weift: Raffaelsche Malerei gehort 
nicht mehr in dieGegenwart herein, muft angeschaut werden als etwas 
Vergangenes - und auch als etwas Vergangenes bewundert werden. Das 
ist in unserer Zeit ganz besonders notwendig, daft wir auf solche 
Dinge achten, wo aus den tiefsten Tiefen der Seele heraus der Impuls, 
wahr zu sein, uns einmal iiberkommt. Ich muft oftmals an eine schone 
Stelle in Herman Grimms Lebensbeschreibung des Michelangelo den- 
ken, wo Herman Grimm iiber Michelangelos «Jiingstes Gericht» 
spricht. "Wo er zugleich dariiber spricht, wieviele solcher Bilder « Jiing- 
stes Gericht» gemalt worden sind in jener Zeit, wo er spricht davon, 
wie in jener Zeit die Menschen voll in Wirklichkeit erlebt haben die 
Wahrheit desjenigen, was da an die Wand gemalt worden ist. Die 
Menschen lebten in diesen Bildern vom «Jiingsten Gerichte» als in 
einer Wahrheit. Man sollte eigentlich ein solches Bild wie Michel- 
angelos «Jiingstes Gericht» gar nicht anschauen heute, ohne sich be- 
wuftt zu sein, daft wir ja nicht so empfinden wie diejenigen Men- 
schen, fur die Michelangelo dieses «Jungste Gericht» gemalt hat, 
daft wir dieses Empfinden verloren haben, daft wir hochstens uns 
sagen: Das ist ein Bild von irgend etwas, an das wir aber nicht mehr 
als an eine unmittelbare Wirklichkeit glauben. 

Bedenken Sie doch nur, der Mensch, der das heutige Bewufttsein 
hat und nicht meint, daft nun wirklich die Engel herunterkommen oder 
die Teufel so wirtschaften wie auf dem Bilde des Michelangelo, dieser 
Mensch steht doch anders vor diesem Bilde, als der Mensch jener Zeit, 
fur die Michelangelo gemalt hat, der diese Bilder als Realitaten schaute 
und vor sich hatte. Gerade dann aber, wenn man sich klar ist, daft das- 
jenige,was der heutige Mensch vor dem «JungstenGericht» des Michel- 
angelo empfindet, etwas Graues, etwas Abstraktes ist, gerade dann 
wird man innerlich aufgerufen, nachzufiihlen das ganze lebendige 



Weben in den Bildern, die auf dieser Wand des « Jungsten Gerichtes» 
sind. Dann wird man aufgerufen, sich zu fragen: Wie kamen denn 
die Menschen eines Zeitalters - Michelangelo make allerdings nach 
dem Abfluten des vierten nachatlantischen Zeitraumes, aber er make 
aus dem Geiste dieses vierten nachatlantischen Zeitraums heraus, 
stand an der Grenzscheide der beiden Zeitraume, ich habe das ein- 
mal in den Kunstvortragen auseinandergesetzt wie kamen die 
Menschen dazu, solches Gewakige in Imaginationen, in Bildern zu 
schauen? Diese Frage, sie tritt einem wirklich in aller Grofte entgegen, 
gerade wenn man sich bewuftt ist, wie grau dasjenige, wie unleben- 
dig das ist, was der heutige Mensch vor solch einem Bilde von Michel- 
angelo empfindet. Und dann mufi man sich nach der Ursache fra- 
gen: Woher kommt es, daft die Menschenseelen damals das Erden- 
ende so anschauen konnten? Woher kam der Aufbau dieser Bilder? 

Der Grund, der liegt in folgendem. In der ersten Zeit desChristen- 
tums, seit jener Zeit, da das Mysterium von Golgatha eingeschlagen 
hat in die Erdenentwickelung, der Erdenentwickelung ihren Sinn ge- 
geben hat, da muftte zunachst zuriicktreten manches, was in der 
alten Weise vorhanden war, was spater von der Menschheit wieder 
erobert werden sollte. Zu diesem gehort die Anschauung von den 
wiederholten Erdenleben. Wenn wir uns graphisch darstellen dieses 
Leben (es wird gezeichnet), so verflieftt das menschliche Gesamtleben 

£ Tafel 2 

y 

so: Erdenleben, Leben in der geistigen Welt; Erdenleben, Leben in 
der geistigen Welt und so weiter. Daft das menschliche Gesamt- 
leben so verflieftt, das war ja Inhalt der atavistisch instinktiven 
Weltanschauung der alten Zeiten. Das Christentum muftte zunachst 
anderes im Menschen anregen als dasjenige, was man in dieser alten 
Weisheit geschaut hat. Welcher Mittel hat sich das Christentum 
zunachst bedient? Es hat das menschliche Leben nur bis zu diesem 
Zeitpunkt hinauf (siehe Zeichnung: Kreuz) in das menschliche Bewuftt- 



sein hineingefiihrt: das gegenwartige Erdenleben. - Das vorhergehende 
Leben bis zum letzten Tode hin, der Mensch aber auch vor der Ge- 
burt, vor der Empfangnis: nur ein Gedanke der Gottheit, nicht eine 
menschliche Individuality, ein Gedanke der Gottheit. Vor dem Men- 
schen die geistige Welt, aus der er als ein Gedanke der Gottheit 
hervorgeht, als eigentlicher Mensch erst beginnend mit der Geburt. 
Dann reihte man daran das Leben nach dem Tode. Man hat gewisser- 
maften in der ersten Zeit der Entwickelung des Christentums «ver- 
legt» das Hinaufschauen: da Leben zwischen Tod und neuer Ge- 
burt, Erdenleben, dann wieder Leben zwischen Tod und neuer Ge- 
burt, Erdenleben und so weiter; man hat das menschliche Empfinden 
eingeschrankt, nur hinzuschauen auf die Urspriinge des Menschen, 
und dann auf das Leben nach dem Tode. Das aber hat auf der ande- 
ren Seite das Gleichgewicht gegeben, die Bilder erzeugt von dem 
«Jungsten Gericht». Diese Bilder von dem «Jungsten Gericht» ent- 
standen dadurch, daft das Christentum zuerst die Praexistenzlehre, 
die Lehre von dem geistigen Existieren vor der Empfangnis und vor 
der Geburt, aus dem menschlichen Empfinden herausgetrieben hat. 
Heute stromt wiederum aus den Untergriinden des Menschlich-Seeli- 
schen das Bediirfnis herauf, die wiederholten Erdenleben zu erkennen. 
Daher verblassen die Bilder, die nur das eine Erdenleben ins Auge 
fassen und vorher und nachher die geistige Welt. Es ist das inten- 
sivste Bediirfnis vorhanden, die christliche Weltanschauung, wie sie 
in den ersten Zeiten war, zu erweitern. Das Mysterium von Golgatha 
hat nicht nur fur diejenigen gewirkt, die ein Erdenleben annehmen, 
sondern das Mysterium von Golgatha ist auch giiltig fur diejenigen, 
die von den wiederholten Erdenleben wissen. Dieser Erweiterung be- 
darf es in der Gegenwart. Und so miissen wir uns klar sein, daft wir 
in diesem Zeitpunkt drinnen stehen, wo wir benutzen sollen die 
Gespensterhaftigkeit der gewohnlichen Begriffserkenntnis, die Sinn- 
losigkeit des durch Industrialismus ausgelosten Wollens zu dem Auf- 
schwung nach geistiger Erkenntnis und nach geistdurchsetztem Wol- 
len, wie ich es geschildert habe; auf der anderen Seite aber auch um 
das religiose Bewufttsein zu erweitern iiber die wiederholten Erden- 
leben hinaus. 



Die ganze voile Wichtigkeit dieser Erweiterung des menschlichen 
Bewufttsein in der Gegenwart, die sollte sich der Mensch der Gegen- 
wart ganz tief, tief in die Seele schreiben. Denn davon hangt es im 
Grunde genommen ab, ob er wirklich versteht, in der Gegenwart zu 
leben und die Zukunft in richtigem Sinne vorzubereiten. Im Grunde 
genommen kann ja jeder auf dem Platze, auf dem er im Leben stent, 
die Anwendung dieser Sache machen. Und schlieftlich wird schon eine 
auftere Erkenntnis die Menschen dazu bringen, nach etwas zu ver- 
langen, was gegenwartig in den unterbewuftten Tiefen des Seelen- 
lebens sehr spielt, was aber schwer in das voile Bewufttsein herauf- 
klingt und herauftont. Sehen Sie, das Auffalligste im Leben der Ge- 
genwart ist ja, daft heute so viele zerrissene Menschenseelen herum- 
gehen, Menschenseelen, die eigentlich problematisch sind, die nicht 
voll mit dem Leben etwas anzufangen wissen, die immer wieder und 
wiederum fragen: Was soil gerade ich tun, was meint das Leben 
gerade mit mir? - die das oder jenes angreifen und doch nicht zu 
ihrer Befriedigung. Immer mehr und mehr werden der Menschen, die 
so problematische Naturen sind. Woher kommt das? Das kommt da- 
von, daft dies schon ein Mangel in unserem Erziehungswesen ist. 
Wir bilden heute unsere Kinder so aus, daft wir nicht diejenigen 
Krafte in ihnen erwecken, welche den Menschen stark fur das Leben 
machen: Das, was den Menschen stark macht dadurch, daft er ein 
Nachahmer ist bis zum 7. Jahre, was ihn stark macht dadurch, daft 
er einer wiirdigen Autoritat folgt bis zum 14. Jahre; daft er die 
Liebe in der richtigen Weise bis zum 21. Jahre entwickelt kriegt, 
denn spater kann man es nicht mehr entwickeln. Das, was dem Men- 
schen fehlt dadurch, daft die Krafte, die in bestimmten jugendlichen 
Lebensjahren entwickelt werden miissen, nicht erweckt werden, das 
macht ihn zur problematischen Natur. Das muft man nur wissen! 

Deshalb muftte ich gestern sagen: Will man wirklich eine soziale 
Gestaltung der Zukunft, so muft man wollen diese Sache gerade 
durch die Erziehung des Menschen vorbereiten. Dazu ist notwendig, 
daft man nun wirklich in diesen Dingen nicht mit kleinen, sondern 
mit groften Posten rechnet. Allmahlich ist unser Erziehungswesen so 
geworden, als ob wir gerade schreiten wollten zu dem, was ich 



gestern charakterisierte als Mechanisierung des Geistes, Vegetarisie- 
rung der Seele, Animalisierung der Leiber. 

Wir diirfen nicht zu dem schreiten. Wir miissen die Krafte, die 
in der menschlichen Kinderseele entwickelt werden konnen, stark 
entwickeln, damit der Mensch sie spater holen kann aus der Ent- 
wickelung seiner Kindheit heraus. Heute schaut er in die Kindheit 
zuriick, fiihlt sich in die Kindheit zuriick, kann nicht herausholen 
aus seiner Kindheit etwas, weil eben nichts entwickelt worden ist. 
Aber unsere Erziehungsgrundsatze miissen sich griindlich andern, 
wenn wir in diesem Punkt gerade das Richtige treffen wollen! Wir 
miissen vor alien Dingen auf vieles sehr aufmerksam hinhorchen, was 
in der Gegenwart als ganz besonders gepriesen wird, als beson- 
ders Heilsames gepriesen wird. 

So haben wir notig, daft, ohne daft der Bogen iiberspannt wird, 
nicht durch Anstrengung, sondern durch Dkonomie der Erziehung, 
Konzentration bei den Kindern erreicht werden soli. Dies konnen wir 
in der Weise, wie es der heutige Mensch braucht, nur erreichen, wenn 
wir etwas abschaffen, was heute noch sehr beliebt ist: wenn wir den 
verfluchten Stundenplan in den Schulen abschaffen, dieses Mord- 
mittel fur eine wirkliche Entwickelung der menschlichen Krafte. Man 
denke nur einmal nach, was es heiftt: von 7-8 Rechnen, von 8-9 
Sprachlehre, von 9-10 Geographie, von 10-11 Geschichte! Alles das- 
jenige, was von 7-8 die Seele durchwogt hat, wird ausgeloscht von 
8-9 und so weiter. In diesen Dingen ist es heute notwendig, den 
Sachen auf den Grund zu gehen. Wir diirfen iiberhaupt nicht mehr 
daran denken, daft Lehrfacher da sind, damit «Lehrfacher» gelehrt 
werden; sondern wir miissen uns klar sein: im Menschen vom 7. bis 
14. Jahre miissen entwickelt werden in der richtigen Weise Denken, 
Fuhlen und Wollen. Geographie, Rechnen, alles muft so verwendet 
werden, daft in der richtigen Weise Denken, Fuhlen, Wollen ent- 
wickelt werden. 

Viel spricht man in der heutigen Padagogik davon, man soil die 
Individualitaten entwickeln, man soli der Natur ablauschen, welche 
Fahigkeiten man entwickeln soil. Alles Phrasenf - weil diese Dinge 
nur einen Sinn bekommen konnen, wenn man die Sache aus der 



Geisteswissenschaft heraus bespricht; sonst bleibt es Phrase. Es wird 
daher in der Zukunft notwendig sein, daft man sich sagt: Fur ein 
bestimmtes Lebensalter ist zum Beispiel vor alien Dingen notwendig, 
etwas Rechnen beizubringen. Dazu muft man zwei, drei Monate ver- 
wenden, um an den Vormittagen Rechnen beizubringen. Nicht einen 
Stundenplan, der alles durcheinander enthalt, sondern der Rechnen 
eine Zeitlang treibt - dann weitergehen. Und genau die Dinge so 
einstellen, daft sie eingestellt sind auf das, was die Menschennatur 
in einem bestimmten Zeitpunkt verlangt! 

Sie sehen, welche Aufgaben eine in die Zukunft hin arbeitende 
Padagogik eigentlich hat. In diesen Dingen liegen die positiven Pro- 
bleme, die heute den Menschen gestellt werden, die iiber das soziale 
Werden ernsthaftig nachdenken. Davon ist noch wenig Verstandnis 
vorhanden. In Stuttgart soil nun, sich anschlieftend an unsere bis- 
herige soziale Tatigkeit, eine Schule, so weit man sie innerhalb des 
heutigen Schulsystems haben kann, aufgebaut werden. Herr Molt hat 
beschlossen, fur die Kinder seiner Fabrik, der Waldorf-Astoria- 
Fabrik, eine solche Schule zu begriinden; andere Kinder werden sich 
anschlieften konnen, aber natiirlich zunachst nur eine begrenzte Zahl. 
Man wird selbstverstandlich zu rechnen haben heute noch mit den 
Lehrzielen, die der sogenannte Staat stellt. Man wird die Kinder bis 
zu diesem Jahr da und dorthin bringen miissen, man wird also Kom- 
promisse schlieften miissen, aber man wird schon hineinmischen 
konnen in dasjenige, was der Staat nun einmal schon verlangt, weil 
der nun nach sozialistischen Anschauungen der ganz besonders ge- 
scheite Gotze ist — man wird hineinmischen miissen in das, was von 
dieser Seite gefordert wird, dasjenige, was die wirkliche Menschen- 
natur verlangt. Das muft aber vor alien Dingen einmal erkannt 
werden. Wer denkt denn heute daran, daft der Stundenplan der 
Mord ist der wirklichen Erziehung des Menschen? Es gibt Leute, 
die denken in dieser Richtung so, daft man sagen mochte: Die Welt 
steht auf dem Kopf, und man muft sie wieder auf die Beine stellen; 
denn es gibt heute Leute, die mochten die Stunden noch abkiirzen, 
halbstundig die Gegenstande lehren und aufeinanderfolgen lassen. 
Das betrachten heute manche als ein Ideal. Man soil sich nur vor- 



stellen, was das fur ein ungeheures Kaleidoskop gibt, hintereinander: 
Religion, Rechnen, Geographie, Zeichnen, Singen! Da drinnen - im 
Kopfe - schaut es dann aus, wie wenn die Steine in einem Kalei- 
doskop durcheinandergeworfen sind; nur fiir die Auftenwelt «schaut 
es nach was aus», denn es ist da nicht der geringste Zusammenhang. 
Man will es eben durchaus nicht glauben, dafi es heute notwendig ist, 
ins Grofte zu denken, nicht ins Kleine zu denken, grofie Gesichts- 
punkte, umfassende Gesichtspunkte zu haben. Man erlebt ja heute 
immer wieder und wiederum, daft die Leute nun sich endlich be- 
quemt haben, zu sagen: Ja, Revolution mufi sein! Selbst ein grofier 
Teil der Spieler glaubt heute schon an die Revolution. Ich weift 
nicht, ob es gerade hier so ist, aber es gibt weite Gegenden, wo selbst 
ein grower Teil der Spiefter an die Notwendigkeit der Revolution 
glaubt. Aber wenn man ihnen dann mit solchen Sachen kommt, wie 
sie zum Beispiel in meinem Buch «Die Kernpunkte der sozialen 
Frage» iiber die Dreigliederung stehen, sagen sie: Das verstehen wir 
nicht, das ist kompliziert. - Schon der Lichtenberg hat zwar gesagt: 
Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenkommen und es klingt hohl, 
muft nicht immer gerade die Schuld an dem Buch liegen. Aber, nicht 
wahr, diese Dinge glauben die Leute heute nicht, weil nicht immer 
die Selbsterkenntnis dasjenige ist, was in den Seelen am meisten 
erzeugt wird. Doch man erlebt es ja auch, dafi selbst schon iiber weite 
Gegenden hin die Spielter an die Revolution glauben. Aber dann 
sagen sie: Na ja, auf so grofte Sachen, auf solche Gedanken, da kann 
man sich nicht einlassen, du mufit uns sagen - ja, wie das Schuhe- 
machen sozialisiert werden soli, wie die Apotheken sozialisiert wer- 
den sollen, wie das und das sozialisiert wird; du sollst uns sagen, wie 
im revolutionierten Staate ich meine Gewiirze verkaufen werde. 

Man merkt dann allmahlich, was die Leute eigentlich meinen mit 
einer solchen Sache. Sie meinen also, es miisse revolutioniert werden 
- damit sind sie schon ganz einverstanden - aber so, dafl alles beim 
alten bleibt, so daft nichts sich eigentlich verandert. Wie konnen wir 
die Welt drunter und driiber machen?, sagt mancher, aber daft sich 
ja nichts verandert! Und diejenigen, die in dieser Beziehung am merk- 
wiirdigsten sind, das sind gerade die sogenannten Intellektuellen. Ja, 



da kann man ganz besonders merkwiirdige Erfahrungen machen. 
Eine Erfahrung die man immer wieder machen mufke, war, dafi 
man zu horen bekam: Ja, drei Glieder - Universitaten autonom, das 
Geistesleben soil sich selbst verwalten - wovon werden wir dann 
leben? Wer wird uns unsere Gehalter bezahlen, wenn uns der Staat 
nicht mehr unsere Gehalter bezahlt? 

Aber diesen Dingen mufi heute ins Auge geschaut werden. Es ist 
doch notwendig, daf$ man nicht immer wieder und wiederum iiber 
diese Dinge hinweggeht. Gerade auf dem Gebiet des Geisteslebens 
mufi "Wandel geschaffen werden. 



DRITTER VORTRAG 
Dornach, 11. August 1919 



Was ich heute werde zu sagen haben, wird eine Art Episode sein. 
Ich mochte, wie ich Ihnen schon mitgeteilt habe, iiber drei Begriffe 
kurz sprechen. Uber drei Begriffe, welche, vollstandig verstanden, 
zugleich bewirken das Verstandnis des aulkren sozialen Lebens. Ich 
sage ausdriicklich: des aufteren sozialen Lebens, denn die drei Begriffe 
sind durchaus dem aufterlichen Zusammenwirken und Zusammen- 
arbeiten der Menschen entnommen. Es sind die drei Begriffe Ware, 
Arbeit, Kapital. Nun habe ich Ihnen bereits gesagt, dafi sich die 
neuere Nationalokonomie aller Schattierungen vergeblich bemiiht, 
iiber diese Begriffe in vollstandige Klarheit zu kommen. Das war 
nicht moglich, seit die Menschen begonnen haben, bewufk volkswirt- 
schaftlich zu denken. Vor dem Beginn des fiinften nachatlantischen 
Zeitraumes, also vor dem Zeitpunkt, der da fallt in die Mitte des 
15. Jahrhunderts, kann iiberhaupt nicht die Rede da von sein, daft die 
Menschen ihre gegenseitigen sozialen Beziehungen in bewufiter Weise 
aufgefalk haben. Das Leben verlief mehr oder weniger unbewufit, 
instinktiv mit Bezug auf dasjenige, was sozial von Mensch zu Mensch 
spielte. Seit dieser Zeit aber mufken die Menschen, weil ja die Be- 
wulkseinsseele in diesem Zeitalter sich ausbildet, immer mehr und 
mehr bewuftt nachdenken iiber die sozialen Beziehungen. Und so 
haben sich denn alle moglichen Richtungen und Anschauungen her- 
ausgebildet iiber das soziale menschliche Zusammenleben. Es beginnt 
das mit der Schule der Merkantilisten, dann mit der Schule der Phy- 
siokraten, mit Adam Smith, mit den verschiedenen utopistischen 
Stromungen, Proudhon, Fourier und so weiter, bis zu der neueren 
Sozialdemokratie auf der einen Seite, und zu der neueren Schulnatio- 
nalokonomie auf der anderen Seite. Es ist interessant, die neuere so- 
zialdemokratische Theorie, welche fuftt auf Marx, Engels und ande- 
ren, zu vergleichen mit der neueren Schulnationalokonomie. Die 
neuere Schulnationalokonomie ist ganz unproduktiv. Sie bringt iiber- 
haupt nichts hervor von Begriffen, die in das soziale Wollen ein- 



flieften konnen. Man hat nichts aus den wirren chaotisclien Begriffen 
der modernen Schulnationalokonomie, wenn man in dieser Richtung 
die Frage aufwirft: Was soil in sozialer Beziehung geschehen? Denn 
diese Schulnationalokonomie ist ganz angefressen von Anschauungen, 
die iiberhaupt in der neueren Wissenschaft herrschen. Und Sie wissen 
ja, daft trotz des groften, bewundernswerten Fortschrittes der Natur- 
wissenschaften, der durchaus eben von der Geisteswissenschaft nicht 
geleugnet werden soil, die moderne Schulwissenschaft eigentlich sich 
bekennt zu der Ablehnung eines jeglichen, das aus dem Geiste her- 
vorquillt. Und so will die Nationalokonomie nur beobachten das- 
jenige, was im okonomischen Leben geschieht. Aber das Beobachten 
desjenigen, was im okonomischen Leben geschieht, das ist etwas fast 
Unmogliches in der neueren Zeit, aus dem Grunde, weil die Menschen, 
je mehr sie herauf sich entwickelt haben in diese neuere Zeit, iiber- 
haupt nicht mehr Gedanken gehabt haben, welche die okonomischen 
Tatsachen getragen hatten. Die okonomischen Tatsachen liefen me- 
chanisch von selbst dahin; die Menschen folgten ihnen nicht mit den 
Gedanken nach. Daher kann die Beobachtung dieser gedankenlosen 
Tatsachen des Weltmarktes nicht zu Gesetzen fuhren und hat auch 
nicht zu Gesetzen gefuhrt, denn unsere Volkswirtschaft ist eine Praxis 
ohne Theorie, ohne Anschauung, ohne Begriffe, ohne Idee. Und 
unsere soziaidemokratische Bestrebung, die ist eine Theorie ohne 
Praxis. So genommen, wie sie ist, diese sozialistische Theorie, kann 
sie niemals in die Praxis umgesetzt werden; sie ist eine Theorie ohne 
Einsicht in die Praxis. Wir leiden gerade in der modernen Zeit dar- 
unter, daft wir auf der einen Seite haben das wirtschaftliche Leben, 
eine Praxis ohne Ideen, und auf der anderen Seite die blofte Theorie 
der Sozialdemokraten ohne die Moglichkeit, diese Theorie in das 
wirkliche Wirtschaftsleben einzufiihren. Wir sind in dieser Beziehung 
wirklich an einem Wendepunkt der geschichtlichen Entwickelung der 
Menschheit angekommen. Und Sie werden es eigentlich leicht begrei- 
fen, weil ja soziales Leben begriindet sein muft auf der Beziehung von 
Mensch zu Mensch, daft zugrunde liegen muft dem, was die Menschen 
anstreben, wenn sie soziales gerechtes Leben begrunden wollen, eine 
gewisse Stimmung. Und sehen Sie, darum handelt es sich bei der 



Dreigliederung des sozialen Organismus, daft eine gewisse Stimmung 
hervorgerufen werde, eine Stimmung in zusammengehorigen sozialen 
Gebieten. Ohne diese Stimmung zwischen den Menschen kann das 
soziale Leben nicht wirklich erbliihen. Und dieser Stimmung soil 
gerade Rechnung getragen werden durch die soziale Dreigliederung. 
Heute mochte ich, wie gesagt, episodisch nur auf einiges nach dieser 
Richtung hinweisen. 

Wenn Sie sich das soziale Leben als einen Organismus denken, so 
miissen Sie sich ja vorstellen, daft, allerdings ins Geistig-Seelische 
herauf umgesetzt, diesen Organismus etwas durchstromt. "Wie zum 
Beispiel den menschlichen und den tierischen Organismus das Blut als 
Trager der eingeatmeten und umgewandelten Luft, so mufi den gan- 
zen sozialen Organismus etwas tragen, etwas durchwehen, etwas 
durchzirkulieren. 

Hier kommen wir auf dasjenige Kapitel, welches dem gegenwar- 
tigen Menschen so schwer verstandlich ist, weil er in seinem Gemiite 
sehr wenig darauf vorbereitet ist, aber welches auch verstanden wer- 
den mull, wenn uberhaupt von einer sozialen Neugestaltung, von 
einem sozialen Aufbau im Ernste die Rede sein soil. Verstanden wird 
werden miissen, daft im sozialen Leben der Zukunft etwas davon ab- 
hangt, wo von sich die Menschen gegenseitig unterhalten, was die Men- 
schen ernst nehmen, indem sie gegenseitig ihre Ideen, ihre Empfin- 
dungen, ihre Gefiihle austauschen. Es ist nicht gleichgiiltig, was un- 
ter den Menschen an Anschauungen lebt, wenn sie soziale Wesen wer- 
den wollen. Und notwendig ist es fur die Zukunft, daft nicht bloft 
Begriffe in der allgemeinen Bildung herrschen, welche aus der Na- 
turwissenschaft oder aus der Industrie entnommen sind, sondern daft 
Begriffe herrschen, welche Grundlagen sein konnen fur etwas Ima- 
ginatives. So unwahrscheinlich das dem heutigen Menschen ist, so- 
zialisieren wird man nicht, wenn man nicht zu gleicher Zeit den Men- 
schen beibringt imaginative Begriffe, das heiftt Begriffe, welche das 
Gemiit des Menschen ganz anders gestalten, als die bloften abstrakten 
Begriffe von Ursache und Wirkung, Kraft und Stoff und Materie 
und so weiter, die aus dem naturwissenschaftlichen Leben herkom- 
men. Mit diesen Begriffen, die aus dem naturwissenschaftlichen Le- 



ben herkommen und von denen heute alles beherrscht ist, sogar die 
Kunst, mit diesen Begriffen laftt sich im sozialen Leben der Zukunft 
nichts anfangen. Wir miissen in die Lage kommen, im sozialen Le- 
ben der Zukunft die Welt wiederum in Bildern zu verstehen. 

Was damit gemeint ist, habe ich ja schon zu wiederholten Malen 
angedeutet, auch wiederum mit Bezug auf die Erziehungsfrage. Ich 
habe mit Bezug auf die Erziehungsfrage folgendes gesagt. Ich habe 
gesagt, man kann den Kindern, wenn man sich intim mit ihnen be- 
schaftigt, gut beibringen, sagen wir die Idee der Unsterblichkeit der 
Seele, indem man einfach dem Kinde zeigt eine Schmetterlingspuppe 
und ihm zeigt, wie die Puppe sich aufbricht und der Schmetterling 
aus der Puppe ausfliegt; dann macht man dem Kinde klar: Sieh ein- 
mal, so wie die Puppe ist, so ist dein Leib, und da drinnen iebt etwas 
wie ein Schmetterling, nur ist das unsichtbar. Wenn du in den Tod 
kommst, so fliegt auch bei dir der Schmetterling heraus in die geistige 
Welt. - Durch solche Vergleiche wirkt man bildlich. Aber es ist 
nicht bloft notwendig, daft man einen solchen Vergleich ausdenkt; da 
wiirde man eben im Sinne der naturwissenschaftlichen Weltanschau- 
ung handeln, wenn man ihn ausdenkt. Denn was bringen denn die 
Menschen aus der heutigen Zeitbildung gewohnlich, wenn sie einen 
solchen Vergleich je einmal machen, ihm fur eine Stimmung entgegen? 
Die Menschen der heutigen Zeit, wenn sie kaum erwachsen sind, sind 
sehr gescheit, aufterordentlich gescheit. Sie bedenken gar nicht, daft 
man auf eine andere Weise vielleicht gescheit sein kann, als sie selbst 
in ihren abstrakten Begriffen sich vorstellen, daft sie gescheit sind. 
Es ist namlich ganz merkwiirdig, wie die Menschen mit Bezug auf 
diese ihre heutige Gescheitheit sind! 

An einen Vortrag, den ich vor Wochen einmal gehalten habe, hat 
sich dann angeschlossen in einem staatswissenschaftlichen Verein der 
betreffenden Stadt eine Versammlung, und da hat iiber den Vortrag 
und das, was damit zusammenhing, gesprochen ein Universitatspro- 
fessor, also selbstverstandlich ein gescheiter Mann der Gegenwart, 
nicht wahr. Der hat gefunden, daft die Anschauungen, die ich nicht 
nur in jenem Vortrage vorgebracht habe, sondern die in alien meinen 
Btichern stehen, infantil sind, das heiftt, auf der Kindheitsstufe der 



Menschheit stehen. Sehen Sie, ich begreife ganz gut solch ein Urteil 
von einem gescheiten Menschen der Gegenwart; besonders begreife 
ich es sehr gut, wenn er gerade Universitatsprofessor ist. Ich begreife 
es aus dem Grunde, weil ja aus der "Wissenschaft, die da gemeint ist, 
alles wirklich bildhafte Leben herauften ist und daher alles, was ver- 
standen oder besser gesagt nicht verstanden wird - kindlich gefun- 
den wird. Ja, sehen Sie, das ist eben gerade dieses eigentumliche, 
daft die Menschen in der heutigen Gescheitheit kommen und sagen: 
Wenn wir einmal ein solches Bild anwenden wollen, wie: die unsterb- 
liche Seele laftt sich vergleichen mit dem Schmetterling, der aus der 
Puppe herausfliegt, dann sind wir die Gescheiten, wir wissen selbst- 
verstandlich, daft das ein Bild ist, das wir gemacht haben; wir sind 
hinaus iiber dasjenige, was ein solches Bild enthalt. Aber das Kind 
ist kindlich, fur das vergleicht man, was man in Begriffen weift, mit 
diesem Bilde; aber wir selber glauben nicht daran. - Das Geheim- 
nis besteht nur darinnen, daft dann das Kind auch nicht daran glaubt. 
Das Geheimnis liegt darinnen, daft das Kind nur wirklich ergriffen 
wird von dem Bilde, wenn man selber daran glaubt. Und dazu soli 
uns eben wirkliche geisteswissenschaftliche Stimmung wiederum zu- 
riickbringen, daft wir in der Natur nicht sehen jene gespenstischen 
Dinge, von denen uns die Naturwissenschaft spricht, sondern wieder- 
um sehen das Bildliche, das Imaginative. Dasjenige, was aus der 
Puppe auskriecht und in dem Schmetterling vorliegt, ist wirklich ein 
von der gottlichen Weltordnung in die Naturordnung hineingestelltes 
Bild fur die Unsterblichkeit der Seele. Und es gabe den Schmetter- 
ling nicht, der aus der Puppe auskriecht, wenn es nicht eine unsterb- 
liche Seele gabe. Denn es kann nicht ein Bild geben - und das ist ein 
Bild wenn nicht die Wahrheit zugrunde liegt dem Bilde. Und so 
ist es mit der ganzen Natur. Dasjenige, was die Naturwissenschaft 
gibt, ist Gespenst. Der Natur selber kommt man nur bei, wenn man 
weift, sie ist Bild von etwas anderem. 

Und so werden sich die Menschen auch bequemen miissen, zum 
Beispiel das menschliche Haupt als ein Bild eines Himmelskorpers 
anzusehen. Das menschliche Haupt ist nicht bloft rund, so wie es ist, 
damit es etwa einem Kohlkopf ahnlich sehen soil, sondern das mensch- 



liche Haupt ist so, wie es ausgestaltet ist, eine Nachbildung eines 
Himmelskorpers. Bildhaft ist die ganze Natur, und hineinfinden 
muft man sich in diese Bildhaf tigkeit, dann wird ausstrahlen in die 
Herzen, in die Seelen, in die Gemiiter, in die Kopfe sogar, obwohl 
das am schwersten ist, dasjenige, was durchstromen kann den Men- 
schen, wenn er Bilder auffaftt. Wir werden miteinander reden miissen 
in dem sozialen Organismus von Dingen, die in Bildern gesprochen 
sind. Und diese Bilder wird man uns glauben miissen. Dann werden 
aus der Wissenschaft hervorgehen diejenigen Menschen, die da spre- 
chen konnen erst iiber das wirkliche Hineinstellen der Ware in den 
sozialen Organismus; denn die Ware, die erzeugtwird, entspricht dem 
menschlichen Bediirfnis. Keine abstrakten Begriffe konnen dieses 
menschliche Bediirfnis in seiner sozialen Wertung erfassen, sondern 
nur dasjenige menschliche Gemiit kann etwas dariiber wissen, das 
durchtrankt worden ist von derjenigen Stimmung, die aus dem ima- 
ginativen Vorstellen kommt. Anders wird es keine Sozialisierung 
geben. Sie konnen im sozialen Organismus die richtigen Leute an- 
stellen, welche die Bediirfnisse feststellen: wenn Sie nicht zu gleicher 
Zeit eine imaginative Vorstellung hineinerziehen in den sozialen 
Organismus, so ist es unmoglich, eine soziale Gestaltung des sozialen 
Organismus herauszubekommen; das heiik, es mufi von Bildern ge- 
redet werden. So sonderbar es dem heute sozialistisch Denkenden 
klingt, es sei zum Sozialisieren notwendig, daft im sozialen Organis- 
mus die Menschen zu den Menschen in Bildern reden, welche Imagi- 
nationen anregen, so mufl es doch geschehen. 

Das ist es, worauf es ankommt. Und dasjenige, was Ware ist, 
man wird es fuhlend verstehen in einer Wissenschaft, in der fiir 
Bilder Verstandnis ist - in keiner anderen. 

In der Gesellschaft, welche die Gesellschaft der Zukunft sein soil, 
da wird aufterdem in einer richtigen Weise herrschen miissen die 
Arbeit. Wie heute unter den Menschen von der Arbeit geredet wird, 
das ist geradezu eine Torheit, denn die Arbeit als solche hat im 
Grunde genommen gar nichts zu tun mit der Erzeugung der Giiter. 
Karl Marx nennt die Ware kristallisierte Arbeitskraft. Das ist blofter 
Unsinn, nichts weiter. Denn dasjenige, um was es sich handelt, wenn 



der Mensch arbeitet, das ist, daft er in einer gewissen Weise sich selbst 
verbraucht. Nun konnen Sie dieses Selbstverbrauchen bewirken ent- 
weder auf die eine oder auf die andere Weise. Sie konnen, wenn Sie 
gerade geniigend auf einer Bank oder in Ihrem Portemonnaie haben, 
Sport treiben und sich bei diesem anstrengen und Ihre Arbeitskraft 
auf diesen Sport verwenden. Sie konnen aber auch Holz hacken oder 
irgend etwas anderes tun. Die Arbeit kann ganz die gleiche sein, wenn 
Sie Holz hacken oder wenn Sie Sport treiben. Nicht davon hangt es 
ab, wieviel Arbeitskraft Sie anwenden, sondern wozu diese Arbeits- 
kraft angewendet wird im sozialen Leben. Arbeitskraft an sich hat 
mit dem sozialen Leben nichts zu tun, insofern dieses soziale Leben 
Giiter oder Waren erzeugen soli. Daher wird es notig sein im drei- 
gliedrigen sozialen Organismus, daft ein ganz anderer Antrieb zur Ar- 
beit da sein mufi als derjenige, Giiter zu erzeugen. Die Giiter miissen 
gewissermaften durch die Arbeit erzeugt werden, weil die Arbeit eben 
auf etwas verwendet wird. Aber dasjenige, was zugrunde liegen mufi, 
damit der Mensch arbeitet, das muft die Lust und Liebe zur Arbeit 
sein. Und wir kommen nicht friiher zu einer sozialen Gestaltung des 
sozialen Organismus, als wenn wir die Methoden finden, daft der 
Mensch arbeiten will, daft es ihm eine Selbstverstandlichkeit ist, daft 
er arbeitet. 

Das kann in keiner anderen Gesellschaft geschehen, als in einer 
solchen Gesellschaft, in der Sie von inspirierten Begriffen reden. Nie- 
mals wird in der Zukunft so wie in der Vergangenheit, wo die Dinge 
instinktiv und atavistisch waren, Lust und Liebe zur Arbeit die Men- 
schen durchgliihen, wenn Sie die Gesellschaft nicht durchdringen mit 
solchen Ideen, mit solchen Empfindungen, die durch Inspiration der 
Eingeweihten in die Welt kommen. Diese Begriffe miissen die Men- 
schen so tragen, daft die Menschen wissen: Wir haben den sozialen 
Organismus vor uns und wir miissen uns ihm widmen; das heiftt, 
daft die Arbeit selber in ihre Seele fahrt, weil sie Verstandnis haben 
fiir den sozialen Organismus. Solches Verstandnis werden keine 
anderen Menschen haben, als diejenigen, zu welchen von inspirierten 
Begriffen, das heiftt von Geisteswissenschaft geredet wird. Das heiftt, 
wir brauchen, damit die Arbeit wiederum erstehe unter den Menschen, 



nicht jene hohlen Begriffe, von denen heute deklamiert wird, sondern 
wir brauchen geistige Wissenschaften, mit denen wir die Herzen, die 
Seelen durchdringen. Dann wird diese geistige Wissenschaf t die Her- 
zen, die Seelen so durchdringen, daft die Menschen Lust und Liebe zur 
Arbeit haben werden, und es wird sich die Arbeit hinstellen neben die 
Ware in einer Gesellschaft, die nicht nur von Bildern hort, durch jene, 
welche die Padagogen der Gesellschaft sind, sondern die auch hort 
von Inspirationen und solchen Begriffen, die notwendig sind, damit 
in unserer komplizierten Gesellschaft die Produktionsmittel da sind 
und damit der Boden in entsprechender Weise unter den Menschen 
wirke, 

Dazu ist notwendig, daft intuitive Begriffe in dieser Gesellschaft 
verbreitet werden. Diese Begriffe, die Sie finden in meinem Buch 
«Die Kernpunkte der sozialen Frage» iiber das Kapital, die werden 
nur in einer Gesellschaft erbliihen, die empfanglich ist fiir intuitive 
Begriffe. Das heiftt: Es wird sich hineinstellen das Kapital in den so- 
zialen Organismus, wenn man wiederum zugeben wird, daft in den 
Menschen Intuition sein soli. Die "Ware wird sich in der richtigen 
Weise hineinstellen, wenn man zugeben wird, daft Imagination sein 
soil; und die Arbeit wird sich in der richtigen Weise hineinstellen, 
wenn man zugeben wird, daft Inspiration sein soli. 



Wenn Sie dieses Schema nehmen, wenn Sie nicht die drei Be- 
griffe untereinander schreiben, sondern wenn Sie sie so schreiben, wie 
ich sie in dieses Schema hineingestellt habe, dann konnen Sie von 
diesem Schema, wenn Sie es mit all den Begriffen durchdringen, die 




Tafel 3 



in meinem Buche stehen iiber die Dreigliederung, sehr viel lernen. 
Denn es bestehen Beziehungen hin und her von Arbeit zu Ware, 
von Ware zu Kapital, indem das Kapital die Ware kauft; es beste- 
hen Beziehungen zwischen Arbeit und Kapital und so weiter, nur 
miissen Sie sie in dieser Weise anordnen, die drei Begriffe. (Siehe 
Tafel 3 Schema.) 

Das ist es, was wir vor alien Dingen verstehen miissen, daft es 
schon recht ist, wenn man davon redet, in der Zukunft musse die 
Menschheit durchdringen die soziale Ordnung; daft aber es notwen- 
dig ist, daft diese soziale Ordnung von den Menschen selber verwirk- 
licht wird, indem die Menschen sich bequemen, der Wissenschaft der 
Eingeweihten zuzuhoren von den Imaginationen, Inspirationen und 
Intuitionen. Es ist eine ernste Sache, denn ich sage Ihnen ja nichts 
Geringeres damit, als daft es ohne Geistes wissenschaft keine soziale 
Umgestaltung fur die Zukunft gibt; aber das ist wahr. Sie werden 
niemals die Moglichkeit bekommen, die Menschen zum Verstandnis 
zu bringen in einer solchen Weise, wie es notwendig ist in bezug auf 
diese Dinge wie Intuition, Imagination, Inspiration, wenn Sie zum 
Beispiel die Schule dem Staate iiberlassen. Denn was machen die 
Staaten aus den Schulen? 

Nicht wahr, betrachten Sie etwas, was ganz eminent schulmaftig 
auf der einen Seite und staatsmaftig auf der andern Seite ist. Ja, ich 
muft Ihnen gestehen, ich finde, es ist etwas Furchtbares! Aber dieses 
Furchtbare bemerken die Menschen der Gegenwart nicht; dies, was 
es mit dem Staatsrecht zum Beispiel ist. Das Staatsrecht, es soli ja 
entstehen im Sinne derjenigen Lebensgewohnheiten, welche die Men- 
schen heute noch als das Richtige in ihre Seele aufnehmen, dadurch, 
daft meinetwillen Parlamente - ich will auf den Demokratismus 
schauen, will gar nicht einmal auf das Monarchische, sondern meinet- 
willen auf den Demokratismus schauen -, also dadurch, daft Par- 
lamente da sind, werden die staatsrechtlichen Dinge beschlossen: da 
macht man das Staatsrecht, da macht es jeder miindig gewordene 
Mensch durch seinen Vertreter, das Staatsrecht. Da werden die Dinge 
beschlossen, dann stehen sie in den Gesetzessammlungen. Dann kommt 
der Professor, der studiert die Gesetzessammlungen, und dann unter- 



richtet er dasjenige, was in den Gesetzessammlungen steht, selbstver- 
standlich als Staatsrecht, denn das tragt er als Staatsrecht vor. Das 
heiftt, der Staat nimmt ins Schlepptau die Wissenschaft gerade in 
diesem Punkt im eminentesten Sinn. Der Staatsrechtslehrer darf nichts 
anderes vortragen als dasjenige, was im Staate als Recht da ist. Man 
brauchte gar nicht einmal im Grunde genommen den Professor, wenn 
man in der Lage ware, die staatsrechtlichen Gesetze auf Rollen zu 
schreiben, in irgendeinen Phonographen hineinzutun: dann konnte 
man auch den Phonographen aufs Katheder stellen, der brauchte ja 
nur das abzurasseln, was die Parlamente beschlossen haben. Das ist 
dann die Wissenschaft. 

Das ist nur auf einem extremen Gebiete. Sehen Sie, das ist nichts 
Inspiriertes, denn Sie werden kaum in der Lage sein zu behaupten, 
daft das, was in den Parlamenten als Majoritatsbeschlusse heute zu- 
standekommt, so recht inspirierte Tatsachen sind. Aber umgekehrt 
mufi die Sache werden. Im Geistesleben drinnen, an den Universi- 
taten muE das Staatsrecht entstehen als Wissenschaft zunachst, rein 
aus der menschlichen geistigen Auffassung heraus. Nur dann kann der 
Staat die richtige Konfiguration bekommen, wenn die Menschen sie 
ihm geben. Manche Menschen glauben, die Dreigliederung will die 
Welt auf den Kopf stellen. O nein, die Welt steht auf dem Kopf, die 
Dreigliederung will sie nur auf die Beine stellen. Das ist dasjenige, 
worauf es ankommt. 

Sehen Sie, es handelt sich vor alien Dingen heute, in solche Be- 
griffe sich hineinzufinden, sonst gehen wir entgegen der Mechanisie- 
rung des Geistes, der Einschlaferung, das heiftt Vegetarisierung der 
Seele und der Animalisierung, das heiftt der instinktiven Gestaltung 
der Leiber. 

Es ist sehr wichtig, sich zu durchdringen mit der Oberzeugung, 
daft in so radikaler Weise gedacht werden muft, wenn der Zukunft 
irgendein Heil erbliihen soli. Es ist also vor alien Dingen notwendig, 
daft die Menschen einsehen, daft sie den sozialen Organismus auf seine 
drei gesunden Glieder werden stellen miissen. Was Imagination in 
bezug auf Ware bedeutet, man wird es nur lernen, wenn das Wirt- 
schaftsleben rein herausgestaltet ist und die Menschen darauf ange- 



wiesen sind, das Wirtschaftsleben in Brtiderlichkeit zu verwalten. 
Was Inspiration fur die Arbeit bedeutet - dafi sie Lust und Liebe zur 
Arbeit hervorbringt -, das wird nur dann in der Welt sein, wenn in 
der Tat von den Leuten, die inspiriert sind, durchdrungen wird we- 
nigstens dasjenige, was dann im Parlament als Gleicher zum Gleichen 
sich gesellt, wenn wirkliche Gleichheit herrscht, das heifk, wenn jeder 
geltend machen kann das, was in ihm ist. Aber das wird sehr ver- 
schieden sein bei dem einen und bei dem andern. Dann wird herr- 
schen konnen diese Gleichheit im Rechtsleben, und das Rechtsleben 
wird inspiriert werden miissen - nicht aus dem Banausentum heraus 
beschlossen, worauf die gewohnliche Demokratie immer mehr und 
mehr hingearbeitet hat. 

Und das Kapital wird nur richtig verwertet werden konnen im 
sozialen Organismus, wenn die Intuition sich erheben wird zu der 
Freiheit und die Freiheit erbluhen wird aus dem selbst sich ent- 
wickelnden Geistesleben. Dann wird heriiberstrdmen aus demGeistes- 



Tafel 3 




leben in die Arbeit dasjenige, was heruberzustromen hat. Es werden 
solche Strome sein (siehe die Pfeile). Und diese drei Gebiete werden 
gerade, wenn sie so gegliedert werden, sich in der richtigen Weise 
durchdringen. 



Einer der ersten Vorwiirf e, der mir in Deutschland gemacht wor- 
den ist, das war der, daft man gesagt hat: Nun will er gar noch das 
soziale Leben dreigliedern! Das soziale Leben muE eine Einheit seinl 
- Aber die Menschen sind nur hypnotisiert von dieser Einheit, weil 
sie immer den Staat eben als etwas Einheitliches angesehen haben. 
Sie sind eingewohnt in diese Begriffe vom einheitlichen Staat. Und 
derjenige, der von dieser Einheit spricht, der kommt mir vor wie 
einer, der sagt: Jetzt will der gar einen Gaul haben, der auf vier 
Fiiften steht, der Gaul mufi doch eine Einheit sein, der kann doch 
nicht in vier Beine gegliedert sein. - Das wird natiirlkh keiner ver- 
langen. Aber ich will auch nicht den Gaul-«Staat» oder den sozialen 
Organismus auf ein Bein stellen, sondern auf seine gesunden drei 
Beine. Und wie die Gauleinheit nicht dadurch seine Einheit verliert, 
dafi er auf vier Beinen steht, so auch der soziale Organismus dadurch 
nicht, daft man ihn auf seine gesunden drei Glieder stellt. Er kriegt 
sie gerade dadurch, seine Einheit, daft man ihn auf seine gesunden drei 
Glieder stellt. Die Menschen konnen eben heute durchaus nicht von 
ihren gewohnten Begriffen loskommen. Aber das ist heute das Wich- 
tigste, daft wir nicht bloft glauben, daft einzelne aufterliche Einrich- 
tungen umgewandelt werden sollen, sondern daft wir unsere Ideen, 
unsere Begriffe, unsere Empfindungen umgestalten mvissen. Wir kon- 
nen schon sagen: Wir brauchen andere Kopfe auf unseren Schultern, 
wenn wir der Zukunft der Menschheit in heilsamer Weise entgegen- 
gehen wollen. Das ist notwendig, daft wir andere Kopfe auf 
unsere Schultern bekommen. Dahinein konnen sich die Men- 
schen so schwer gewohnen, weil ihnen die alten Kopfe so lieb sind, 
diese alten Kopfe, die gewohnt sind, nur dasjenige zu denken, was 
seit langer Zeit zu denken sich die Menschen gewohnt haben. Heute 
miissen wir in bewuftter Weise umgestalten das, was in unseren See- 
len lebt. Und halten Sie das nicht fur eine leichte Aufgabe: Gar 
mancher glaubt heute, daft er seine Begriffe ja schon umgewandelt 
hat, er merkt gar nicht, wie sie die alten geblieben sind, besonders 
auf dem Gebiete des Erziehungswesens. Da macht man kuriose Er- 
fahrungen. Man redet den Leuten von dem, was die Geisteswissen- 
schaft als Begriffe auf dem Gebiete der Padagogik erzeugt. Sie kon- 



nen heute mit sehr, sehr fortgeschrittenen Lehrern, Schulinspekto- 
ren, -direktoren und so weiter reden, die horen Ihnen zu und sagen: 
Ja, das habe ich schon lange gedacht, ja, das ist ganz meine Mei- 
nung. - Aber er hat in Wirklichkeit die entgegengesetzte Meinung 
von der, die man ihm sagt. Er hat in Wirklichkeit die entgegenge- 
setzte Meinung wie ich, aber er sagt die entgegengesetzte Meinung 
mit denselben Worten. Er sagt dieselben Worte - und hat die entge- 
gengesetzte Meinung! Und so gehen die Menschen heute aneinander 
vorbei. Die Worte haben langst den Zusammenhang mit der Geistig- 
keit verloren, und dieser Zusammenhang mu!5 unbedingt wieder ge- 
funden werden, sonst kommen wir nicht vorwarts. 

Also soziale Aufgaben liegen viel mehr im Seelischen, als wir ge- 
wohnlich meinen. 



VIERTER VORTRAG 
Dornach, 15. August 1919 



Aus den letzten Betrachtungen, die wir hier angestellt haben, werden 
Sie ersehen haben, dafi innerhalb der vielen Fragen, die die Gegenwart 
beschaftigen, die Erziehungsfrage die allerwichtigste ist. Wir haben ja 
betonen miissen, dafi die ganze soziale Fragestellung in sich schliefk 
als hauptsachlichstes Moment gerade die Erziehungsfrage. Und nach- 
dem ich einiges vor achtTagen angedeutet habe liber die Umgestaltung, 
die Umwandlung des Erziehungswesens, werden Sie es begreiflich 
finden, dafi wiederum innerhalb der Erziehungsfrage die bedeut- 
samste Unterfrage die nach der Bildung der Lehrer selbst ist. Wenn 
man den Charakter der Zeitepoche, die verflossen ist in genauer Ab- 
grenzung seit der Mine des 15. Jahrhunderts, auf sich wirken lafk, 
so bekommt man ja, wie Sie wissen, den Eindruck: durch die Mensch- 
heitsentwickelung ging hindurch in dieser Zeit die Welle der materia- 
listischen Priifungen. Und wir leben in der Gegenwart in der Not- 
wendigkeit, aus der materialistischen Welle uns herauszuarbeiten und 
den Weg zum Geiste zuriickzufinden; den Weg zum Geiste, der ja in 
alteren Kulturepochen der Menschheit bekannt war, der aber damals 
gegangen wurde von der Menschheit mehr oder weniger instinktiv, 
unbewufit, der verloren worden ist, damit die Menschheit ihn aus 
eigenem Antriebe, aus eigener Freiheit heraus suchen konne, und der 
nun bewufit, voll bewu£t gesucht werden mui 

Der Ubergang, durch den die Menschheit durchgehen mufke seit 
der Mitte des 1 5. Jahrhunderts, ist eben das, was man nennen konnte 
die materialistische Prufung der Menschheit. LafSt man den Charakter 
dieser materialistischen Zeit auf sich wirken und betrachtet man dann 
mit dem, was man dadurch einsieht, die Kulturentwickelung in den 
letzten drei bis vier Jahrhunderten und bis in unsere Zeit herein, dann 
findet man, daft am meisten ergriffen worden ist von der materia- 
listischen Welle, am intensivsten in Anspruch genommen worden ist 
von dieser materialistischen Welle gerade die Lehrerbildung. Alles 
iibrige wiirde einen so nachhaltigen Eindruck nicht tiben konnen wie 



die Durchsetzung der padagogisch-didaktischen Anschauung mit 
materialistischer Gesinnung. Man braucht nur in verstandiger Weise 
auf Einzelheiten zu sehen in unserem gegenwartigen Unterrichtswesen, 
und man wird die ganze Schwierigkeit, die fiir einen wirklich frucht- 
baren Fortschritt vorliegt, ins Auge fassen konnen. Bedenken Sie, daft 
immer wieder und wieder wiederholt wird gerade bei denjenigen 
Menschen, die heute glauben, besonders gut in Erziehungsfragen 
sprechen zu konnen, aller Unterricht miisse schon von der untersten 
Schulstufe ab anschaulich sein — was man eben so anschaulich nennt. 
Ich habe Sie ja ofter darauf aufmerksam gemacht, wie man zum Bei- 
spiel den Rechenunterricht anschaulich machen will: Rechenmaschinen 
stellt man in der Schule auf! Man legt einen groften Wert darauf, daft 
gewissermaften das Kind schon alles anschauen konne und dann aus 
der Anschauung sich erst Vorstellungen aus dem eigenen Inneren seiner 
Seele heraus bilde. Dieser Trieb nach Anschaulichkeit im Erziehungs- 
wesen, er ist gewift auf sehr vielen Gebieten der Padagogik voll 
berechtigt. Aber er zwingt doch die Frage aufzuwerfen: Was wird aus 
dem Menschen, wenn er nur durch einen Anschauungsunterricht 
durchgeht? Wenn der Mensch nur durch einen Anschauungsunterricht 
durchgeht, dann wird er seelisch vollig ausgedorrt, dann ersterben 
nach und nach die inneren Triebkrafte der Seele; dann bildet sich eine 
Verbindung der ganzen menschlichen Wesenheit mit der anschaulichen 
Umgebung. Und dasjenige, was aus dem Innern der Seele spriefien 
sollte, das wird allmahlich in der Seele ertotet. Und auf Ertotung des 
Seelischen geht vieles gerade wegen der Anschaulichkeit des gegen- 
wartigen Unterrichts aus. Man weift natiirlich nicht, daft man die 
Seele ertotet, aber man ertotet sie in Wirklichkeit. Und die Folge 
davon ist das - ich habe das von anderen Gesichtspunkten aus schon 
erwahnt -, was wir an den Menschen der Gegenwart erleben. Wie 
viele Menschen der Gegenwart sind eigentlich problematische 
Naturen. Wie viele Menschen der Gegenwart wissen in reiferen Jahren 
nicht aus ihrem eigenen Innern herauszuholen das, was ihnen in schwie- 
rigen Zeiten Trost und Hoffnung bieten konnte, um den verschie- 
denen Lagen des Lebens gewachsen zu sein. Wir sehen in der Gegen- 
wart viele gebrochene Naturen, und uns selber kommt es wohl in 



besonderen Augenblicken an, wie wir uns nicht zurechtfinden konnen. 

Das alles hangt zusammen mit den Mangeln unseres Erziehungs- 
wesens und namentlich mit den Mangeln der Lehrerbildung. Was ware 
nun fur eine gedeihliche Zukunft gerade in bezug auf die Lehrer- 
bildung anzustreben? Sehen Sie, daft der Lehrer schlieftlich dasjenige 
weift, was er gewohnlich abgefragt wird bei den Prufungen, das ist 
eigentlich eine untergeordnete Sache, denn da wird er ja zumeist iiber 
Dinge gefragt, die er vor den Stunden in irgendeinem Handbuch sick 
aufschlagen konnte, auf die er sich, wenn er sie braucht, vorbereiten 
konnte. Dasjenige aber, worauf bei den Prufungen gar nicht gesehen 
wird, das ist die allgemeine Seelenverfassung des Lehrers, das ist das- 
jenige, was geistig immerfort ubergehen mufi von ihm auf seine 
Schiiler. Es ist ein grower Unterschied, ob der eine Lehrer das Klassen- 
zimmer betritt oder der andere. Wenn der eine Lehrer durch die Tiir 
des Klassenzimmers tritt, so fiihlen die Kinder oder die Schiiler eine 
gewisse Verwandtschaft mit der eigenen Seelenstimmung; wenn ein 
anderer Lehrer die Klasse betritt, fiihlen die Kinder oder die Schiiler 
oftmals eine solche Verwandtschaft gar nicht; im Gegenteil, sie fiihlen 
eine Kluft zwischen sich und dem Lehrer, und alle moglichen Schat- 
tierungen von Gleichgultigkeit bis zu dem, was sich ausspricht im 
Komischfinden des Lehrers, in dem Spotten iiber den Lehrer. Alle 
die Nuancen, die dazwischen liegen, finden sich oftmals recht sehr 
zum Ruinieren des wirklichen Unterrichtes und der wirklichen Er- 
ziehung. 

Die Frage ist daher in erster Linie brennend: Wie kann die Lehrer- 
bildung in die Zukunft hinein umgewandelt werden? Sie kann nicht 
anders umgewandelt werden als dadurch, daft der Lehrer aufnimmt 
in sich dasjenige, was aus der Geisteswissenschaft kommen kann an 
Erkenntnissen iiber die Natur des Menschen. Der Lehrer muft durch- 
drungen sein von dem Zusammenhang des Menschen mit den iiber- 
sinnlichen Welten. Er mufi in der Lage sein, in dem heranwachsenden 
Kinde das Zeugnis dafiir zu sehen, daft dieses Kind heruntergestiegen 
ist aus der iibersinnlichen Welt durch Empfangnis oder Geburt und 
daft das, was heruntergestiegen ist, sich mit dem Leib umkleidet hat, 
sich etwas aneignet, wozu er zu helfen hat hier in der physischen Welt, 



weil das Kind sich es nicht aneignen kann in dem Leben zwischen 
dem Tod und einer neuen Geburt. 

Als Frage der iibersinnlichen Welt an die sinnliche, so sollte eigent- 
lich vor dem Gemiite des Lehrenden oder Erziehenden jedes Kind 
stehen. Diese Frage wird man sich nicht im konkreten, im umfassenden 
Sinne aufwerfen konnen, namentlich nicht jedem einzelnen Kinde 
gegeniiber, es sei denn, daft man die Erkenntnisse verwenden kann, die 
iiber die Natur des Menschen aus der Geisteswissenschaft kommen. Die 
Menschheit hat sich allmahlich im Laufe der drei bis vier letzten Jahr- 
hunderte immer mehr und mehr angewohnt, den Menschen zu sehen, 
ich mochte sagen, bloft physiologisch, bloft auf seine auftere leibliche 
Konstitution hin. Am schadlichsten ist diese Anschauung vom Men- 
schen fur den Erzieher, fur den Unterrichter. Daher wird vor alien 
Dingen notwendig sein, daft eine in der Anthroposophie sich erge- 
bende Anthropologic die Grundlage der Zukunftspadagogik werde. 
Das kann aber nicht anders geschehen als dadurch, daft der Mensch 
wirklich von den Gesichtspunkten aus ins Auge gefaftt wird, die wir 
ofter hier beriihrt haben und die ihn in mancherlei Beziehung 
charakterisieren als ein dreigliedriges Wesen. Aber man muft sich 
entschlieften dazu, diese Dreigliederung wirklich innerlich zu erfassen. 
Ich habe Sie wiederholt von den verschiedensten Gesichtspunkten aus 
darauf aufmerksam gemacht, wie der Mensch, so wie er vor uns steht, 
zerfallt in das, was erzunachst als Nerven-Sinnes-Mensch ist, was man 
popular so ausdriicken kann, daft man sagt: Zunachst ist der Mensch 
Kopfmensch, Hauptesmensch. Als zweites Glied der menschlichen 
Wesenheit, aufterlich betrachtet, haben wir denjenigen Menschen, in 
dem sich hauptsachlich die rhythmischen Vorgange abspielen, den 
Brustmenschen; und dann, wie Sie ja wissen, zusammenhangend mit 
dem ganzen Stoffwechselsystem den Gliedmaftenmenschen, den 
Stoffwechselmenschen, in dem sich eben der Stoffwechsel als solcher 
abspielt. Dasjenige, was der Mensch als tatiges Wesen ist, das 
erschopft sich aufterlich in der Bildgestalt, in der physischen Bild- 
gestalt des Menschen in diesen drei Gliedern der menschlichen 
Gesamtnatur. 

Notieren wir uns einmal diese drei Glieder der menschlichen 



Gesamtnatur: Kopfmensch oder Nerven-Sinnes-Mensch, Brustmensch Tafel 4 
oder rhythmischer Mensch und dann Gliedmafienmensch, im weitesten 
Sinne natiirlich, oder Stoffwechselmensch. 

Nun handelt es sich darum, daft man diese drei Glieder der 
menschlichen Natur in ihrem Unterschiede voneinander erfaftt. Das 
ist ja fur den Menschen der Gegenwart unbequem, denn der Mensch 
der Gegenwart liebt schematische Einteilungen. Er mochte sich, wenn 
man sagt: der Mensch besteht aus Kopfmensch, Brustmensch, Glied- 
maftenmensch, am liebsten da einen Strich machen am Halse, was 
driiber ist, ist Kopfmensch. Dann mochte er sich wieder anderswo 
einen Strich machen, eine Linie ziehen, um den Brustmenschen zu 
begrenzen, und so mochte er die eingeteilten Glieder nebeneinander 
haben. Was sich nicht so schematisch nebeneinanderstellen laftt, dar- 
auf laftt sich der Mensch der Gegenwart nicht gerne ein. 

Aber so ist es in der Wirklichkeit nicht; die Wirklichkeit macht 
nicht solche Striche. Der Mensch ist zwar iiber den Schultern haupt- 
sachlich Kopfmensch, Nerven-Sinnes-Mensch. Aber er ist nicht allein 
iiber den Schultern Nerven-Sinnes-Mensch; zum Beispiel der Gefuhls- 
sinn, der Warmesinn sind iiber den ganzen Leib ausgedehnt, so daft 
der Kopf iiber den ganzen Leib wiederum reicht. Also man kann, 
wenn man so sprechen will, sagen: der menschliche Kopf ist haupt- 
sachlich Kopf. Und die Brust ist eben weniger Kopf, aber auch noch 
Kopf. Die Gliedmaften oder alles, was Stoffwechselsystem ist, sind 
noch weniger Kopf, aber auch Kopf. So daft man also eigentHch sagen 
muft: der ganze Mensch ist Kopf,nur der Kopf ist hauptsachlich Kopf. 
Wollte man also schematisch zeichnen, so miiftte man etwa, wenn man 
wollte den Kopfmenschen zeichnen, ihn so zeichnen (siehe Zeich- 
nung, helle Schraffur). Tafel 4 

Der Brustmensch ist wiederum nicht bloft in der Brust, er ist 
hauptsachlich in den Brustorganen, in den Organen, in denen sich das 
Herz und der Atmungsrhythmus am deutlichsten ausdriicken. Aber 
die Atmung setzt sich auch in den Kopf hinein fort, die Blutzirku- 
lation in ihrem Rhythmus setzt sich in den Kopf hinein fort und in 
die Gliedmaften. So daft man sagen kann: der Mensch ist Brust aller- 
dings in dieser Gegend; aber er ist auch hier - zwar weniger - Brust 



Taf el 4 




(siehe Zeichnung, mittlere Schraffur) und hier - wiederum weniger 
Brust. Also wiederum der ganze Mensch ist Brust, aber in der Haupt- 
sache ist das die Brust, das der Kopf . 

Und wiederum der Gliedmaften- und Stoffwechselmensch, ja er 
ist schon in der Hauptsache dieses (siehe Zeichnung, dunkle Schraf- 
fur); aber diese Gliedmaften setzen sich wiederum so fort, daft sie 
weniger sind in der Brust und am wenigsten im Kopfe. 

Also ebenso wahr, wie man sagen kann: der Kopf ist Kopf, kann 
man sagen: der ganze Mensch ist Kopf. Ebenso wahr, wie man sagen 
kann: die Brust ist Brust, kann man sagen: der ganze Mensch ist 
Brust und so weiter. Die Dinge schwimmen ineinander in der Wirk- 
lichkeit. Und unser Begreifen ist so veranlagt, daft wir gerne so neben- 
einanderstellen die Teile, die Glieder. Dieses zeigt uns, wie wenig wir 
mit Bezug auf unsere Erkenntnisvorstellungen verwandt sind der 
aufteren Wirklichkeit. In der aufteren Wirklichkeit schwimmen die 
Dinge ineinander. Und wir mussen, wenn wir auf der einen Seite 
trennen: Kopf-, Brust-, Stoffwechselmensch, uns bewuftt sein, daft 
wir dann die getrennten Glieder wieder zusammendenken mussen. Wir 
diirfen eigentlich niemals bloft auseinanderdenken, wir mussen immer 
auch wieder zusammendenken. Ein denkender Mensch, der nur aus- 



einanderdenken wollte, der gleicht einem Menschen, der nur ein- 
atmen, nicht aber ausatmen wollte. 

Damit haben Sie gleich etwas gegeben, was eintreten mufi 
namentlich fiir das Denken der Lehrer der Zukunft; die mussen ganz 
besonders in sich aufnehmen dieses innerlich bewegliche Denken, 
dieses unschematische Denken. Denn nur dadurch, daft sie dieses 
unschematische Denken in sich aufnehmen, kommen sie mit ihrer 
Seele der Wirklichkeit nahe. Aber man wird der Wirklichkeit nicht 
nahekommen, wenn man nicht dieses Nahekommen von einem 
gewissen grofieren Gesichtspunkte aus als Zeiterscheinung aufzuf assen 
in der Lage ist. Man mufi die Vorliebe, welche man gegen die Gegen- 
wart herein immer mehr entwickelt hat, sich an die Details des Lebens 
zu halten, wenn man Wissenschaftliches ins Auge falk, man raufi diese 
Vorliebe iiberwinden und mufi dahin kommen, die Details des Lebens 
an die grofien Lebensfragen anzukniipfen. 

Und bedeutsam wird eine Frage werden fiir alle Entwickelung der 
Geisteskultur in die Zukunft hinein: das ist die Unsterblichkeitsfrage. 
Man wird sich klar werden mussen dariiber, wie eigentlich ein grofier 
Teil der Menschheit diese Unsterblichkeit auffafit, namentlich seit der 
Zeit, in welcher viele Menschen sogar schon bis zur Leugnung der 
Unsterblichkeit gekommen sind. Was lebt eigentlich in den meisten 
Menschen, die heute noch aus den Untergrunden der gebrauchlichen 
Religionen heraus iiber Unsterblichkeit sich unterrichten wollen, was 
lebt in diesen Menschen? Es lebt in diesen Menschen der Drang, etwas 
zu wissen dariiber, was mit der Seele wird, wenn der Mensch durch 
die Pforte des Todes durchgegangen ist. 

Wenn wir fragen nach dem Interesse, das die Menschen nehmen an 
der Unsterblichkeitsfrage, besser gesagt, an der Frage nach der Ewig- 
keit des menschlichen Wesenskernes, so bekommen wir keine andere 
Antwort, als: das hauptsachlichste Interesse an der Ewigkeit des 
menschlichen Wesenskernes kniipft sich eben daran: Was wird mit 
dem Menschen, wenn er die Pforte des Todes durchschreitet? Der 
Mensch ist sich bewufit: er ist ein Ich. In diesem Ich lebt sein Denken, 
Fiihlen und Wollen. Der Gedanke ist ihm unertraglich, dieses Ich 
etwa vernichtet zu wissen. Daft er es durch den Tod tragen kann, und 



was mit dem Ich nach dem Tode wird, das interessiert die Menschen 
vor alien Dingen. Daft es so mit diesem Interesse gekommen ist, das 
beruht im wesentlichen darauf, daft ja die, wenigstens fiir uns hier 
zunachst in Betracht kommenden Religionssysteme, wenn sie von der 
Unsterblichkeit sprechen, von der Ewigkeit des menschlichen Wesens- 
kernes hauptsachlich im Auge haben eben die Frage: Was wird mit 
der Menschenseele, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes 
geht? 

Nun miissen Sie fiihlen, daft man der Unsterblichkeitsfrage, wenn 
man sie so stellt, einen aufterordentlich stark egoistischen Beigeschmack 
gibt. Es ist im Grunde genommen ein egoistischer Trieb, der dem 
Menschen das Interesse einfloftt, zu wissen, was mit seinem Wesens- 
kern wird, wenn er die Pforte des Todes durchschreitet. Und wiirden 
die Menschen der Gegenwart, mehr als sie das tun, so recht Selbst- 
erkenntnis iiben, wiirden sie mit sich zu Rate gehen und sich nicht so 
stark Illusionen hingeben, als das der Fall ist, dann wiirden die 
Menschen schon einsehen, wie stark der Egoismus mitwirkt bei dem 
Interesse, etwas iiber das Schicksal der Seele nach dem Tode zu wissen. 

Diese Art der Seelenstimmung ist nun ganz besonders stark wieder- 
um geworden in der Zeit der materialistischen Priifung in den letzten 
drei bis vier Jahrhunderten. Und man kann das, was so die Seele des 
Menschen wie eine innere Empfindungs- und Denkgewohnheit er- 
griffen hat, nicht etwa durch Theorien oder Lehren iiberwinden, wenn 
diese Theorien oder Lehren nur abstrakte Form haben. Aber die Frage 
muft doch aufgeworfen werden: Kann es so bleiben? Darf bei der 
Frage nach dem ewigen Wesenskern des Menschen nur Egoistisches 
in der Menschennatur sprechen? 

Wenn man alles, was mit diesem Fragenkomplex zusammenhangt, 
ins Auge faftt, dann muft man sich sagen: Daft das so geworden ist mit 
der menschlichen Seelenstimmung, wie ich es eben charakterisiert 
habe, das riihrt im wesentlichen davon her, daft von den Religionen 
vernachlassigt worden ist der andere Gesichtspunkt: anzuschauen den 
Menschen, indem er geboren wird, indem er hereinwachst in die Welt 
vom ersten kindlichen Schrei, in dieser wunderbaren Weise, wie sich 
immer mehr und mehr die Seele hineindrangt in die Korperlichkeit, 



anzuschauen den Menschen, wie da in ihm sich herauflebt das, was 
vorgeburtlich in der geistigen Welt gelebt hat. Wie oft wird denn heute 
die Frage aufgeworfen: Was setzt sich fort aus dem geistigen Gebiete, 
wenn der Mensch geboren wird, mit dem physischen Menschen? 
Danach fragt man immer wieder und wieder: Was setzt sich fort, 
wenn der Mensch stirbt? Danach aber fragt man wenig: Was setzt 
sich fort, wenn der Mensch geboren wird? 

Darauf ist die Hauptaufmerksamkeit zu richten in der Zukunft. 
Wir miissen gewissermaften lernen, abzulauschen dem heranwach- 
senden Menschen die Offenbarung des Geistig-Seelischen, wie es war 
vor der Geburt oder vor der Empfangnis. Wir miissen lernen, in dem 
heranwachsenden Kinde die Fortsetzung seines Aufenthaltes in der 
geistigen Welt zu sehen: dann wird unser Verhaltnis zu dem ewigen 
Wesenskern des Menschen immer unegoistischer und unegoistischer 
werden. Wenn einen namlich nicht interessiert, was sich fortsetzt mit 
dem physischen Leben aus der geistigen Welt heraus, sondern nur 
interessiert, was sich fortsetzt hinter dem Tode, dann ist man innerlich 
egoistisch. Es begriindet in einer gewissen Weise eine unegoistische 
Seelenstimmung, auf dasjenige hinzuschauen, was sich aus dem Gei- 
stigen fortsetzt in das physische Dasein hinein. 

Der Egoismus, der fragt aus dem Grunde nicht nach dieser Fort- 
setzung, weil er ja dessen gewift ist, daft er da ist, der Mensch, und er 
ist zufrieden damit, daft er da ist. Er ist nur dessen nicht gewift, daft er 
auch noch nach dem Tode da ist; daher mochte er sich das beweisen 
lassen. Dazu treibt ihn der Egoismus. Aber die wahre Erkenntnis 
wird nicht dem Menschen aus dem Egoismus heraus, auch nicht aus 
jenem sublimierten Egoismus, den wir jetzt eben charakterisiert haben 
als erzeugend das Interesse an der Fortsetzung des seelischen Daseins 
nach dem Tode. Und ist es denn eigentlich zu leugnen, daft die Reli- 
gionen gar sehr spekulieren auf diesen eben gekennzeichneten Egois- 
mus? Dieses Spekulieren auf den eben gekennzeichneten Egoismus, 
das muft iiberwunden werden. Und der, welcher hineinschaut in die 
geistige Welt, der weift, daft diese Uberwindung mit sich bringen wird 
nicht bloft Erkenntnisse - diese Uberwindung wird mit sich bringen 
eine ganz andere Einstellung des Menschen zu seiner menschlichen 



Umgebung. Man wircl ganz anders fiihlen und empfinden mit dem 
kindlich heranwachsenden Menschen, wenn man immer darauf hin- 
schaut, wie sich fortsetzt das, was nicht mehr bleiben konnte in der 
geistigen Welt. 

Bedenken Sie doch nur einmal, wie sehr sich eine Frage gerade von 
diesem Gesichtspunkte aus verschiebt. Man konnte sagen: Der Mensch 
war in der geistigen Welt, bevor er durch Empfangnis oder Geburt her- 
untergestiegen ist in die physische Welt. Da oben mufi es also gewesen 
sein, daft er sein jeweiliges Ziel nicht mehr gefunden hat. Die geistige 
Welt mufi ihm das nicht mehr gegeben haben, was die Seele anstrebt. 
Und aus der geistigen Welt heraus mufi sich der Drang ergeben haben, 
herunterzusteigen in die physische Welt, sich mit einem Leib zu um- 
kleiden, um das in der physischen Welt zu suchen, was nicht mehr in 
der geistigen Welt gesucht werden konnte, als die Zeit nahe der Geburt 
zuging. 

Es ist eine ungeheure Vertiefung des Lebens, wenn man den 
Gesichtspunkt so - aber jetzt fiihlend und empfindend - zu nehmen 
weift. Wahrend der eine Gesichtspunkt, der egoistische, immerzu den 
Menschen dazu drangt, abstrakter und abstrakter zu werden, ins 
Theoretische einzulaufen, dem Kopfdenken sich zuzuneigen, wird das, 
was nach dem anderen, dem unegoistischen Gesichtspunkte hingeht, 
den Menschen immer mehr und mehr dazu drangen, die Welt in Liebe 
zu erkennen und durch Liebe zu begreifen. Das ist eines der Elemente, 
die in der Lehrerbildung werden aufgenommen werden miissen: hin- 
zuschauen auf den vorgeburtlichen Menschen, nicht also nur das 
Ratsel des Todes zu empfinden, sondern auch zu empfinden dem 
Leben gegeniiber das Ratsel der Geburt. 

Dann aber mul? gelernt werden, Anthropologic zu erhohen zu 
Anthroposophie dadurch, daft man nun wirklich ein Gefiihl sich 
aneignet fur die Formen, die sich in dem dreigegliederten Menschen 
ausdriicken. Ich sagte schon neulich: Ja, ist denn nicht dieses Haupt 
des Menschen, das, was hauptsachlich Haupt ist, in einer ganz anderen 
Form kugelig, nur aufgesetzt dem iibrigen Organismus? (siehe Zeich- 
TafeU nung). Und wiederum, wenn wir den Brustmenschen nehmen, wie 
erscheint er uns? Er erscheint uns eigentlich so, daft wir ein Stuck des 



Kopfes nehmen konnten, es nun vergroftern, und hier das Riickgrat 
haben wiirden (siehe Zeichnung). Wahrend der Kopf seinen Mittel- 
punkt in sich tragt, tragt der Brustmensch den Mittelpunkt sehr weit 
von sich weg. Und wiirden Sie sich das gleichsam wie einen groften 
Kopf denken, so wiirde er, dieser grofie Kopf, angehoren etwa einem 
auf dem Rucken liegenden Menschen. So dafi wir haben wiirden, wenn 
wir die Wirbelsaule wie einen unvollkommenen Kopf betrachten, 
einen horizontal liegenden Menschen, und einen vertikal stehenden 
Menschen. 




Noch komplizierter, so daft man gar nicht in der Lage ist, das in 
die Ebene zu zeichnen, wird das, wenn wir den Stof fwechselmenschen 
ins Auge fassen wiirden. Kurz, fur eine Formbetrachtung, fur eine 
Betrachtung der plastischen Form, stellen sich die drei Glieder der 
menschlichen Natur ganz verschieden vor. Der Kopf ist gleichsam 
eine Totalitat, der Brustmensch ist keine Totalitat, das ist ein Frag- 
ment; und gar erst der Stoffwechselmensch! 

Nun, wodurch ist der menschliche Kopf, das menschliche Haupt, 
dieses in sich Abgeschlossene? Dieses in sich Abgeschlossene ist das 
menschliche Haupt dadurch, dafi von alien Gliedern des Menschen 
dieses menschliche Haupt am meisten angepafk ist der physischen 
Welt. So sonderbar Ihnen das scheinen mag, weil Sie ja gewohnt sind, 
das menschliche Haupt als das edelste Glied des Menschen zu be- 



trachten, so richtig ist es doch, daft dieses menschliche Haupt am 
meisten angepaftt ist dem physischen Dasein. Das Haupt driickt am 
meisten vom physischen Dasein aus. So daft man sagen kann: Will 
man den physischen Leib in der Hauptsache charakterisieren, so mull 
man nach dem Kopfe hinschauen. In bezug auf den Kopf ist der 
Mensch am meisten physischer Leib, In bezug auf die Brustorgane, 
auf die Rhythmusorgane ist der Mensch am meisten Atherleib; in 
bezug auf die Stoffwechselorgane ist der Mensch am meisten astra- 
lischer Leib. Und das Ich, das hat iiberhaupt noch nichts Deutliches 
in der physischen "Welt ausgepragt. 

Hier sind wir bei einem Gesichtspunkte angel angt, der aufter- 
ordentlich wichtig ist ins Auge zu fassen. Sie miissen sich diesen 
Gesichtspunkt so zurechtlegen, daft Sie sich sagen: Sehe ich das 
menschliche Haupt an, also das, was ich weifi gezeichnet habe (siehe 
Tafel 4 Zeichnung Seite 72, helle Schraffur), so habe ich das Hauptsachlichste 
auch vom physischen Leib. Das Haupt bringt am meisten zum Aus- 
drucke, was im Menschen offenbar ist. Im Brustmenschen, da ist der 
Atherleib mehr tatig. Im Kopf ist der Atherleib am wenigsten tatig, 
in der Brust ist der Atherleib viel mehr tatig. Daher ist physisch 
genommen der Brustteil des Menschen unvollkommener als der Kopf. 
Physisch genommen ist er unvollkommener. Und erst recht unvoll- 
kommen ist der Stoffwechselmensch, weil da wiederum der Atherleib 
ganz wenig tatig ist und der astralische Leib am meisten tatig ist. Und 
wie ich oftmals betont habe: Das Ich ist ja noch das Baby, hat noch 
kaum ein physisches Korrelat. 

Also Sie sehen, man kann den Menschen auch so beschreiben, daft 
man sagt: Der Mensch besteht aus dem physischen Leib. Willst du dir 
die Frage beantworten: Was ist am ahnlichsten dem physischen Leib 
des Menschen? so lautet die Antwort: Die Kopfkugel. Der Mensch 
besteht aus dem Atherleibe. Was ist am ahnlichsten dem Atherleibe? 
Das Brustfragment. Der Mensch besteht aus astralischem Leib. Was 
ist am ahnlichsten dem astralischen Leib? Der Stoffwechselmensch. 
Fur das Ich hat man kaum auf etwas hinzudeuten im physischen 
Menschen. So wird jedes der drei Glieder des Menschen, Kopf, Ner- 
ven-Sinnes-Mensch, der Brustmensch, der rhythmische Mensch und 

CoDvriaht Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltuna Buch:29G Seite: 7 8 



der Stoffwechselmensch zum Bilde fur etwas Dahinterstehendes: der 
Kopf zum Bilde fur den physischen Leib, die Brust zum Bilde fiir den 
Atherleib, der Stoffwechsel zum Bilde fiir den astralischen Leib. Das 
wird man lernen miissen, nicht so zu betrachten, wie man heute den 
Menschen betrachtet, indem man den Leichnam in der Klinik unter- 
sucht, ein Stuck als Gewebe oder so etwas betrachtet, gleichgiiltig ob 
es in der Brust oder im Kopfe ist. Man wird lernen miissen, sich zu 
sagen: Kopf-, Brust- und Stoffwechsel-Mensch stehen in verschiedenen 
Beziehungen zum Kosmos, driicken bildhaft verschiedenes Dahinter- 
stehendes aus. Das wird erweitern die heutige bloft anthropologische 
Betrachtungsweise ins Anthroposophische hinein. Rein physisch be- 
trachtet sind Brustorgane und Kopforgane gleichwertig. Ob Sie 
schlieftlich die Lunge sezieren oder das Gehirn sezieren, physisch 
genommen ist das eine wie das andere Materie. Geistig genommen ist 
dies keineswegs der Fall. Geistig genommen ist das so, daft, wenn Sie 
das Gehirn sezieren, Sie wirklich das ziemlich deutlich vor sich haben, 
was Sie sezieren. Wenn Sie die Brust sezieren, zum Beispiel die Lunge, 
da haben Sie das schon recht undeutlich vor sich, was Sie sezieren, 
denn da spielt der Atherleib eine eminent wichtige Rolle darinnen, 
wahrend der Mensch schlaft. 

Die Sache, die ich eben jetzt auseinandergesetzt habe, hat ihr 
geistiges Gegenbild. Derjenige, der etwas vorgeschritten ist durch 
Meditation, durch solche Obungen, wie Sie sie beschrieben finden in 
unserer Lkeratur, der kommt allmahlich dazu, den Menschen wirklich 
dreizugliedern. Sie wissen, ich spreche von dieser Dreigliederung von 
einem gewissen Gesichtspunkte aus in dem Kapitel meines Buches 
«Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?», wo auf den 
Hiiter der Schwelle hingedeutet wird. Aber man kann die Dreiglie- 
derung so auch vollziehen durch starke Konzentration auf sich selbst: 
daft man nun wirklich Kopfmenschen (siehe Zeichnung, helle Tafcl 4 
Schraffur), Brustmenschen (mittlere Schraffur) und Stoffwechsel- 
rnenschen (dunkle Schraffur) trennt. Dann merkt man, wodurch der 
Kopf dieser Kopf eigentlich ist, den wir haben. Sehen Sie, wenn Sie 
durch innere Konzentration den Kopf herausziehen mit seinem An- 
hange, herausziehen aus dem iibrigen menschlichen Organismus und 



dann als wirklichen Kopf unbeeinf lu£t von den anderen Gliedern der 
Menschennatur vor sich haben, dann ist er tot, dann lebt er nicht 
mehr. Sie konnen hellseherisch unmoglich den Kopf abgliedern von 
dem iibrigen menschlichen Organismus, ohne daft Sie ihn als Leich- 
nam wahrnehmen. Beim Brustmenschen konnen Sie das, der bleibt 
lebendig. Und wenn Sie den astralischen Leib abtrennen dadurch, dafi 
Sie abtrennen den Stoffwechselmenschen, dann lauft er Ihnen davon, 
der astralische Mensch, dann bleibt er nicht an dem Orte, dann folgt 
er den kosmischen Bewegungen, denn er hat das Astralische in sich. 

Und jetzt denken Sie sich einmal, Sie stehen vor einem Menschen- 
kinde, Sie schauen es mit solchen Erkenntnissen unbefangen und ver- 
niinftig an, wie ich sie eben auseinandergesetzt habe. Dann blicken 
Sie hin auf das menschliche Haupt: es tragt den Tod in sich; Sie 
blicken hin auf dasjenige, was das Haupt beeinflulk von der Brust aus: 
es belebt alles. Sie blicken hin, wenn das Kind anfangt zu laufen, Sie 
merken: das ist der astralische Leib eigentlich, der da im Laufen 
drinnen tatig ist. Jetzt wird Ihnen die menschliche Wesenheit etwas 
innerlich Durchschaubares. Der Kopf - Leichnam; das sich aus- 
breitende Leben in dem Menschen stillstehend, wenn er ganz ruhig 
sein wiirde. Im Augenblick, wo er zu laufen beginnt, merken Sie 
sogleich: der astralische Leib ist es eigentlich, der lauft; und er kann 
laufen, weil dieser astralische Leib beim Laufen, beim Bewegen Stoffe 
verbraucht, der Stoffwechsel ist tatig in einer gewissen Weise. Das 
Ich, wie kann man das beobachten? Es ist eigentlich jetzt schon alles 
erschopft. Wenn Sie verfolgen den Kopf-Leichnam, das Belebende 
des Brustmenschen, das Laufen, was bleibt noch iibrig, um das Ich 
aufterlich anzuschauen? Ich sagte Ihnen, das Ich hat kaum ein phy- 
sisches Korrelat. Sie schauen das Ich nur an, wenn Sie den Menschen 
in seinem aufsteigenden Wachstum betrachten. Mit einem Jahr, da 
ist er ganz klein, mit zwei Jahren grofier und so weiter. Wenn Sie ihn 
so grower und grower werden sehen, wenn Sie zusammenfugen das- 
jenige, was er in den aufeinanderfolgenden Zeiten ist, dann sehen Sie 
physisch das Ich an. Sie sehen das Ich niemals im Menschen, wenn Sie 
ihm nur gegenuberstehen, sondern das Ich sehen Sie erst dadurch, daft 
Sie den Menschen wachsen sehen. Wiirden sich die Menschen nicht 



Illusionen hingeben, sondern die Wirklichkeit sehen, dann wiirden 
sie sich klar sein dariiber, dafi sie in dem Menschen, der einem nur so 
einfach begegnet, physisch gar nicht das Ich so ohne weiteres wahr- 
nehmen, dafi sie das Ich eigentlich nur wahrnehmen, wenn sie den 
Menschen in verschiedenen Lebensaltern betrachten. Wenn Sie aber 
einen Menschen spater wiedersehen nach zwanzig Jahren, dann 
nehmen Sie sehr stark sein Ich wahr an der Veranderung, die mit ihm 
vorgegangen ist, insbesondere wenn Sie ihn vor zwanzig Jahren als 
Kind gesehen haben. 

Nun bitte ich Sie, das, was ich gesagt habe, nicht theoretisch blofi 
zu durchdenken, sondern ich bitte, beleben Sie Ihre Vorstellungen und 
iiberlegen Sie sich, wenn Sie so den Menschen betrachten: Kopf - 
Leichnam, Brust - Belebung, Lauf en des astralischen Leibes, Grofier- 
werden durch das Ich - wie sich der ganze Mensch belebt, der vorher 
wie eine Wachspuppe vor Ihnen stand. 

Was ist denn schliefilich das, was man gewohnlich mit seinen 
physischen Augen und auch mit seinem Verstande vom Menschen 
sieht? Eine Wachspuppe! und die belebt sich, wenn Sie das hinzufugen, 
was ich eben jetzt auseinandergesetzt habe! 

Dazu brauchen Sie allerdings die Durchsetzung Ihrer Anschauung 
durch dasjenige, was Geisteswissenschaft in die Empfindungen, in die 
Gefuhle, in das ganze Verhaltnis des Menschen zur Welt hineingiefien 
kann. Ein laufendes Kind verrat Ihnen den astralischen Leib. Und das, 
was in der Geste des Laufens liegt - jedes Kind lauft ja anders -, das 
kommt von der Konfiguration der verschiedenen astralischen Leiber 
her. Und dasjenige, was im Wachsen liegt, das pragt etwas vom Ich aus. 

Sehen Sie, da wirkt das Karma sehr stark in den Menschen hinein. 
Nehmen wir ein Beispiel, das der Gegenwart nicht mehr naheliegt: 
Ficbte, Johann Gottlieb Fichte. Ich habe Ihnen von den verschie- 
densten Seiten Johann Gottlieb Fichte charakterisiert. Ich habe ihn 
Ihnen charakterisiert einmal als grofien Philosophen, ich habe ihn 
Ihnen charakterisiert einmal als Bolschewisten, und so weiter, nicht 
wahr. Wollen wir ihn aber einmal noch von einem anderen Gesichts- 
punkte aus ins Auge fassen. Sie erinnern sich ja wohl, dafi ich auch 
gezeigt habe, wie Johann Gottlieb Fichte durchaus unter die Bol- 



schewisten gerechnet werden kann; nun wollen wir ihn von einem 
anderen Gesichtspunkte ins Auge fassen. Nehmen wir einmal an, wir 
sninden so auf der Strafie und Fichte ginge voriiber, wir schauen ihm 
nach: ein nicht sehr grower Mann, stammig. Was verrat die Art, wie 
er gewachsen ist? Zuriickgehaltenes Wachstum. Stark aufsetzend die 
Fiifie, besonders stark die Fersen aufsetzend, so, wenn man ihm nach- 
schaut, geht er dahin. Das ganze Fichte-Ich ist dadrinnen. Keine 
Nuance dessen, was der Mann war, kann einem entgehen, wenn man 
ihn so anschaut mit dem durch etwas Hungern in der Jugend zuriick- 
gehaltenen Wachstum, stammig, den Korper zuruckgehalten, stark 
die Fersen aufsetzend. Man horte, wie er sprach, indem man ihn so 
von ruckwarts bemerkte! 

Sie sehen, in die Aufterlichkeiten des Lebens kann ein geistiges 
Element hineinkommen. Es kann allerdings nicht hineinkommen in 
die Aufterlichkeiten des Lebens, wenn nicht die Menschen etwas 
anderes, als heute noch in der Seelenverfassung ist, an Gesinnung in 
sich aufnehmen. Fur die heutigen Menschen ware ja das Anschauen 
ihrer Mitmenschen von diesem Gesichtspunkte aus eine recht bose 
Indiskretion. Man mochte es nicht sehr wiinschen, daft das sich ver- 
breitete, denn die Menschen von heute sind ja zumeist so geartet 
durch den Materialismus, wie er sich immer mehr und mehr ausge- 
breitet hat, daft sie nur deshalb, weil es verboten ist, nicht Briefe auf- 
machen, die ihnen nicht gehoren, sonst wiirden sie es namlich tun. 
Aber bei einer solchen Menschengesinnung ist es nicht tunlich, daft mit 
den Menschen alles anders werde. Dennoch, die Erde hat mit der 
Mitte des 15. Jahrhunderts dasjenige erfiillt, was die Menschen auf 
andere Weise sich im Erdendasein nicht aneignen konnten, als da- 
durch, daiS Mensch dem Menschen bis ins Physische hinein geistig 
entgegenkommt. Und je mehr wir der Zukunft entgegenwachsen, desto 
mehr mussen wir alles dasjenige, was sinnlich um uns herum ist, 
lernen geistig aufzufassen. Und angefangen mu(5 das werden mit der 
padagogischen Betatigung des Lehrers gegenuber dem heranwach- 
senden Kinde. Physiognomische Padagogik: Wille, dieses grolke 
Ratsel Mensch in jedem einzelnen Exemplar Mensch durch die Er- 
ziehung zu losen! 



Nun konnen Sie fiihlen, wie stark eigentlich in unserer Zeit das 
ist, was ich als Priifung der Menschheit auseinandergesetzt habe. 
Eigentlich drangt dasjenige, was ich auseinandergesetzt habe, dahin: 
immer mehr und mehr zu individualisieren, jeden Menschen als ein 
Wesen fiir sich zu betrachten. Das muft uns ja eigentlich als groftes 
Ideal vorschweben: Keiner gleicht dem andern, jeder, jeder ist ein 
Wesen fiir sich. Wiirde die Erde an ihr Ziel kommen, ohne daft wir uns 
aneignen wiirden als Menschen, anzuerkennen jeden Menschen als ein 
Wesen fiir sich, die Menschheit wiirde auf der Erde nicht ihr Ziel 
erreichen. Aber wie weit sind wir heute von der Gesinnung entfernt, 
die nach diesemZiele hinstrebt! Wir nivellieren ja heute die Menschen. 
Wir sehen die Menschen so an, daft wir sie gar nicht stark auf ihre 
individuellen Eigenschaften hin priifen. Hermann Bahr, von dem ich 
Ihnen ofter erzahlt habe, hat einmal in Berlin verraten, wie die Zeit- 
bildung dahin geht, gar nicht mehr zu individualisieren. Als Hermann 
Bahr in den neunziger Jahren eine Zeitlang in Berlin lebte und mit- 
machte das Berliner Gesellschaftsleben, hatte er naturlich an jedem 
Abend rechts eine Tischdame und links eine Tischdame neben sich, 
nicht wahr. Aber wenn er wiederum am nachsten Abend zwischen 
zwei Tischdamen saft, da konnte er hochstens aus der Einladungskarte 
entnehmen, daft das andere Damen waren: er schaute sie sich namlich 
gar nicht so genau an, denn im Grunde genommen war die Dame von 
gestern und die Dame von heute ganz dasselbe. Was er von ihnen sah, 
war ganz dasselbe. Und die gesellschaftliche, namentlich industrielle 
Kultur, die macht auch aufterlich aus den Menschen gleiche, lafit die 
Individualitaten nicht herauskommen. Und so strebt man in der 
Gegenwart nach Nivellement, wahrend das innerste Ziel des Men- 
schen sein muft, nach Individualisierung zu streben. Wir verdecken 
am meisten die Individuality in der Gegenwart und haben es am 
notigsten, die Individuality aufzusuchen. 

Beginnen, den inneren Seelenblick voll auf die Individuality hin- 
zulenken, das muft im Unterricht des Menschen kommen. In die 
Lehrerbildung muft die Gesinnung auf genommen werden: Individu- 
alitaten in den Menschen zu finden. Das konnen wir nur dadurch, daft 
wir unsere Vorstellung vom Menschen so beleben, wie ich es dar- 



gestellt habe; dafi wir uns wirklich bewufit werden: Es ist nicht ein 
Mechanismus, der sich vorwartsbewegt, es ist der astralische Leib, der 
sich vorwartsbewegt, und der den physischen Leib mitzieht. Und ver- 
gleichen Sie mit dem, was in Ihrer Seele entstehen kann als innerlich 
belebtes und sich bewegendes Bild des ganzen Menschen, vergleichen 
Sie damit das, was heme die gebrauchliche Wissenschaft gibt: den 
Homunkulus, einen richtigen Homunkulus! Die Wissenschaft sagt 
nichts vom Menschen, predigt nur den Homunkulus. Der wirkliche 
Mensch, das ist derjenige, der vor alien Dingen in die Padagogik ein- 
ziehen mufi. Aber er ist ganz heraufien aus der Padagogik. 

Also die Erziehungsfrage ist eine Lehrerbildungsfrage, und so 
lange sie nicht als das betrachtet wird, ist man nicht so weit, daft 
irgend Ersprieftliches in der Erziehung geschehen kann. Sie sehen, alles 
gehort von den hoheren Gesichtspunkten aus betrachtet so zusammen, 
daft man das eine wirklich an das andere anschlielk. Heute mochte 
man am liebsten auch die menschlichen Tatigkeiten, innerlichen 
Tatigkeiten als Facher nebeneinander ausbilden. Da lernt der Mensch 
Menschenkunde, dann Religion - die Dinge haben nicht viel mitein- 
ander zu tun. In Wahrheit grenzt, wie Sie gesehen haben, dasjenige, 
was man am Menschen betrachtet, an die Unsterblichkeitsf rage, an die 
Frage nach dem ewigen Wesen der Menschennatur. Und wir mufken 
die Frage nach dem ewigen Wesen der Menschennatur mit dem un- 
mittelbaren Anschauen des Menschen zusammenbringen. Dieses 
Bewegliche des seelischen Erlebens, das mufi insbesondere in die 
Padagogik hinein. Dann werden ganz andere innere Fahigkeiten 
entwickelt, als sie heute durch die Lehrerbildungsanstalten entwickelt 
werden. Und das ist von ganz besonderer Wichtigkeit. 

Ich wollte Ihnen durch die heutige Betrachtung nahebringen, wie 
Geisteswissenschaft eigentlich alles durchdringen mulS, und wie man 
ohne Geisteswissenschaft die grofien sozialen Probleme der Gegen- 
wart nicht losen kann. 



FUNFTER VORTRAG 
Dornach, 16. August 1919 



In die Betrachtungen, die wir jetzt pflegen, gehort ein immer weiteres 
Eingehen auf die Zeitgeschichte in dem Sinne, wie sich die Welten- 
krafte einfiigen in die Entwickelungsstromung der Gegenwart und 
wie sie gestalten die Grundlagen unseres menschlichen Lebens. Sie 
haben ja aus den gestrigen Auseinandersetzungen gesehen, wie es 
immer notwendiger und notwendiger wird, die starren, abstrakten 
Begriffe, die der gegenwartige Mensch gewohnt ist, zu verwandeln in 
flussige, bewegliche, lebendige Begriffe, wenn wir im Leben weiter- 
kommen wollen als Menschheit. Ein besonderes Licht wirft auf alle 
die in dieser Beziehung in Betracht kommenden Tatsachen die Be- 
trachtung desjenigen, was wir unter den menschlichen Seelenkraften 
die Intelligenz nennen. Sie wissen ja, der Mensch der Gegenwart ist 
auf seine Intelligenz ganz besonders stolz. Er betrachtet die Intelligenz 
gewissermafien als dasjenige, das er sich im Laufe der Zeit als ein 
besonders Auszeichnendes errungen hat. 

Wenn der Mensch der Gegenwart zuriicksieht auf friihere Zeit- 
epochen, sieht, wie die Menschen in friiheren Zeitepochen manches 
sich bildlich vorgestellt haben, wie sie dasjenige, was der Mensch der 
Gegenwart glaubt jetzt richtig zu erkennen durch seine Intelligenz, 
durch seine Wissenschaft, wie die Menschen friiherer Entwickelungs- 
epochen das durch Mythen, Legenden und dergleichen zu durch- 
dringen versuchten, dann nennt der Mensch der Gegenwart diese 
friihere Geistes- und Seelenverfassung wohl kindlich. Er blickt dann 
zuriick auf kindliche Stufen der Entwickelung und tut sich so recht 
etwas darauf zugute, wie er es weit gebracht hat, besonders in der 
Ausbildung der Intelligenz. Die heutige Auseinandersetzung m6ge 
einmal gerade der Eigentiimlichkeit der menschlichen Intelligenz 
gewidmet sein, moge ins Auge fassen diese Seelenkraft, auf die der 
Mensch der Gegenwart ganz besonders stolz ist. Wenn man gegen- 
wartig von Intelligenz spricht, dann hat man eben eine Seelenkraft 
im Auge, die man sich in einer bestimmten Weise vorstellt, und von 



der man nur denkt, dafi sie so sein konne und sein miisse, wie man 
gewohnt worden ist, sie sich vorzustellen. 

Nun, es haben Intelligenz, wenn auch Intelligenz von anderer 
Form, auch gehabt die Menschen friiherer Entwickelungsepochen, und 
will man die Bedeutung der sogenannten Intelligenz fur den Men- 
schen der Gegenwart voll kennenlernen, dann mul? man schon die 
Frage aufwerfen: Wie sah die Intelligenz der Menschen friiherer 
Entwickelungsepochen aus und wie hat sich diese Intelligenz der 
Menschheit von fruheren Zeiten bis in unsere Zeiten herein allmahlich 
verandert? 

Wir wollen heute nicht weiter zuruckgehen als bis zu derjenigen 
Zeit, die wir gewohnt worden sind, die dritte nachatlantische Zeit- 
periode zu nennen, die agyptisch-chaldaische Zeit, auf die dann ge- 
folgt ist die griechisch-lateinische Zeit, und auf die wiederum gefolgt 
ist unsere Zeit. Wir wollen betrachten die besondere Eigentiimlich- 
keit der Intelligenz bei den alten Agyptern, Chaldaern, bei den 
Griechen und Romern und dann iibergehen zu der Betrachtung der 
besonderen Art von Intelligenz, welche uns Menschen des fiinften 
nachatlantischen Zeitraumes eigen ist. Sie sehen daraus, daft ich vor- 
aussetze, daft das nicht richtig ist - und es ist auch nicht richtig -, wenn 
man denkt, Intelligenz ist einmal Intelligenz, ist nur auf eine Art 
moglich; wer unsere Intelligenz hat, ist eben intelligent, wer unsere 
Intelligenz nicht hat, ist eben unintelligent. Das ist nicht richtig. Die 
Intelligenz geht Metamorphosen durch, die Intelligenz verwandelt 
sich. Sie war anders in der agyptisch-chaldaischen Zeit, als sie bei 
uns ist. Die andersartige Intelligenz der agyptisch-chaldaischen Zeit 
macht man sich am besten anschaulich, wenn man sich sagt, daft 
instinktiv durch seine Intelligenz der alte Agypter, auch der alte 
Chaldaer die Verwandtschaft fiihlte, die Verwandtschaft auffaftte, 
begriff, seiner eigenen menschlichen Wesenheit mit dem ganzen Kosmos. 

"Qber dasjenige, woriiber der heutige Mensch nachdenkt durch 
seine Intelligenz, dachten ja die agyptisch-chaldaischen Menschen 
wenig oder gar nicht nach. Denn diese Art von Intelligenz hatten sie 
nicht. Wenn sie dachten, wenn sie ihre Intelligenz in Fluft brachten, 
dann lebte in dieser Intelligenz ihr Zusammenhang mit dem Kosmos. 



Der alte Agypter, der alte Chaldaer wulke, wie er mit dem oder 
jenem Tierkreisbilde in Beziehung stand, er wufke, welchen Einflufi 
auf seine seelische, leibliche Beschaffenheit Mond, Sonne, die anderen 
Planeten haben. Er wufite, wie auf die menschliche Wesenheit wirkt 
die Aufeinanderfolge der Jahreszeiten. Das alles falke er auf durch 
seine Intelligenz. Ein vollig inneres Bild bekam er von seiner Ver- 
wandtschaft mit dem Kosmos durch seine Intelligenz. 

Diese Intelligenz verwandelte sich, als die agyptisch-chaldaische 
Periode der Menschheit abgelaufen war im 8. Jahrhundert vor der 
Begriindung des Christentums. Nach und nach wurde da die Intelli- 
genz etwas vollig anderes, als sie in der agyptisch-chaldaischen Zeit 
war. In die Intelligenz kam nicht mehr herein vollstandig, so wie es 
vor dem 8. vorchristlichen Jahrhundert der Fall war, das Begreifen 
des Zusammenhanges mit dem Kosmos. Man wuftte noch von diesem 
Zusammenhang mit dem Kosmos, aber man wulke mehr wie in einer 
Art von Nachklang, wie in einer Art von Erinnerung an dasjenige, 
was man friiher in dieser Beziehung gewufit hat; dafiir aber kam her- 
ein in die griechische Intelligenz mehr ein Nachdenken des Menschen 
iiber sich selbst, wie er ist weniger in Beziehung auf den Kosmos, wie 
er ist mehr abgesehen vom Kosmos, als Erdenbewohner. Der Grieche 
hatte aber ein deutliches Gefiihl davon, ein deutliches Empfinden 
davon, indem er gerade seine Intelligenz anwandte; er begriff alles 
dasjenige von der irdischen Welt durch diese Intelligenz, was dem 
Tode unterliegt. 

Dieses Gefiihl ist wiederum verlorengegangen mit der Entwicke- 
lung der Intelligenz seit der Mitte des 15. Jahrhunderts, seit dem 
fiinften nachatlantischen Zeitraum. Der Grieche wufite, wenn er 
Ubersinnliches verstehen wollte, da mulke er sich wenden an das 
Schauen, das mehr oder weniger atavistisch insbesondere in der vor- 
christlichen Zeit noch vorhanden war. Durch das Nachdenken, durch 
die Intelligenz wufke er, lernte er nur kennen diejenigen Gesetz- 
mafiigkeiten, diejenigen Regeln, welche zugrunde liegen all dem, was 
auf der Erde dem Tode unterliegt, was stirbt. Will ich das Lebendige 
verstehen, muft ich schauen - so sagten sich die Plato-Schuler; indem 
ich nur nachdenke, begreife ich blofi das Tote. 



Und in den griechischen Geheimschulen wurde iiber diesen Zu- 
sammenhang etwas ganz Bestimmtes auseinandergesetzt. Es wurde 
ungefahr das Folgende in den griechischen Geheimschulen iiber diesen 
Tatbestand auseinandergesetzt. Es wurde den Geheimschiilern gesagt: 
Alles ist geistig, auch das scheinbar Materielle hat geistige Vorgange, 
geistige Gesetzmafiigkeiten zugrunde liegend. Dasjenige, was euch 
erscheint als Irdisch-Materielles, ist im Grunde genommen auch von 
geistigen Gesetzen beherrscht. Aber es gibt geistige Gesetze, denen 
gehort ihr insoweit an, als ihr leiblich seid. Insoferne als ihr leiblich 
seid und durch die Pforte des Todes tretet, wird euer Leib den mate- 
riellen Machten und materiellen Kraften und Stoffen der Erde iiber- 
liefert. Aber diese materiellen Krafte und Stoffe der Erde sind nur 
scheinbar materiell, Auch sie sind geistig, aber sie sind von demjenigen 
Geistigen durchdrungen, das euch als der Tod erscheint. Begreift ihr 
durch eure Intelligenz irgendwelche Gesetze, so sind es die Gesetze 
des Toten. Es sind die Gesetze desjenigen, welches die Graber ent- 
halten, welche die Leichname aufnehmen. - Das wurde Oberzeugung 
vieler griechischer Geheimschiiler, daft die Intelligenz der Menschen 
nur begreifen kann dasjenige, was die Graber aufnehmen, welche die 
Leichname in sich einschliefien. Wollt ihr wissen - so sagte der 
Geheimlehrer zu den Geheimschiilern -, in welchem Geistigerrihr lebt, 
wenn ihr hier auf der Erde lebt, oder wenn ihr mit eurer Seele leib- 
frei seid zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, dann miifit ihr 
das Geschaute als eure Oberzeugung aufnehmen. Nehmt ihr nicht das 
Geschaute als eure Oberzeugung auf, entwickelt ihr durch eure In- 
telligenz Begriffe und Ideen, so begreift ihr nur dasjenige, was Geist 
ist der Materie, die eure Leiber aufnimmt. 

Wahrend der agyptisch-chaldaische Mensch in seiner Intelligenz 
empfand und wahrnahm seine Verwandtschaft mit dem ganzen Kos- 
mos, nahm der griechische Mensch wahr durch seine Intelligenz das- 
jenige, was Grabstatten beherrscht. Auch wir nehmen durch unsere 
Intelligenz nur dasjenige wahr, was Grabstatten beherrscht, nur sind 
wir uns dessen nicht bewufk. Wir gehen deshalb - diejenigen, die das 
lernen sollen - in die Seziersale, untersuchen den Leichnam und halten 
die Gesetzmaftigkeit des Leichnams, die wir durch unsere Intelligenz 



begreifen, fur die Gesetzmafiigkeit des Menschen. Es ist aber nur die 
Gesetzmaftigkeit des Grabes; und dasjenige, was die Intelligenz 
begreift, ist die Gesetzmaftigkeit des Grabes. 

Aber wiederum mit dem Ubergange durch die Mitte des 1 5. Jahr- 
hunderts verandert sich neuerdings die Intelligenz, und wir stehen im 
Anfange dieser Veranderung, dieser Umwandlung der Intelligenz. 
Unsere Intelligenz geht einen gewissen Weg; heute sind wir noch sehr 
stark in einer solchen Entwickelung der Intelligenz darinnen, wie sie 
die Griechen hatten. Wir begreifen durch unsere Intelligenz dasjenige, 
was dem Tode unterliegt. Aber auch diese Art von Intelligenz, die 
das Tote begreift, verwandelt sich. Und in den nachsten Jahrhunderten 
und Jahrtausenden wird diese Intelligenz etwas anderes, etwas weit 
weit anderes werden. Sie hat heute schon eine gewisse Anlage, unsere 
Intelligenz. Wir werden als Menschheit einlaufen in eine Entwickelung 
der Intelligenz so, daft die Intelligenz wird die Neigung haben, nur 
das Falsche, den Irrtum, die Tauschung zu begreifen und auszudenken 
nur das Bose. 

Das wuftten ja die Geheimschiiler und wuftten namentlich die Ein- 
geweihten seit einer gewissen Zeit, daft die menschliche Intelligenz 
entgegengeht ihrer Entwickelung nach dem Bosen hin, daft es immer 
mehr und mehr unmoglich wird, durch die blofte Intelligenz das Gute 
zu erkennen. Die Menschheit ist heute in diesem Ubergange. Wir 
konnen sagen: Gerade noch gelingt es den Menschen, wenn sie ihre 
Intelligenz anstrengen und nicht in sich ganz besonders wilde In- 
stinkte tragen, nach dem Lichte des Guten etwas hinzuschauen. Aber 
diese menschliche Intelligenz wird immer mehr und mehr die Neigung 
bekommen, das Bose auszudenken und das Bose dem Menschen ein- 
zufiigen im Moralischen, das Bose in der Erkenntnis, den Irrtum. 

Das war mit einer der Griinde, warum die Eingeweihten sich die 
Manner der Sorge nannten, weil in der Tat, wenn man in dieser Ein- 
seitigkeit, wie ich es jetzt auseinandergesetzt habe, die Entwickelung 
der Menschheit betrachtet, so macht sie Sorge; Sorge gerade wegen 
der Entwickelung der Intelligenz. Es ist schlieftlich gar nicht umsonst, 
daft die Intelligenz dem gegenwartigen Menschen so viel Stolz und 
Hochmut einfloften kann. Das ist,mochte ich sagen, der Vorgeschmack 



fur das Bose -Werden der Intelligenz im funften nachatlantischen Zeit- 
raum, an dessen Anfang wir stehen. Und wiirde der Mensch nichts 
anderes ausbilden als seine Intelligenz, dann wiirde er auf der Erde 
ein boses Wesen werden. Wir diirfen nicht rechnen, wenn wir mit der 
Zukunft der Menschheit rechnen und diese Zukunft uns als heilsam 
denken wollen, wir diirfen nicht rechnen auf die einseitige Ausbildung 
der Intelligenz, Diese Intelligenz war noch in der agyptisch-chal- 
daischen Zeit etwas Gutes, diese Intelligenz ist dann dasjenige 
geworden, was seine Verwandtschaft eingegangen hat mit den Kraften 
des Todes. Diese Intelligenz wird eine Verwandtschaft eingehen mit 
den Kraften des Irrtums, der Tauschung und des Bosen. 

Das ist etwas, woriiber sich die Menschheit eigentlich keiner 
Illusion hingeben sollte. Die Menschheit sollte unbefangen damit 
rechnen, daft sie sich zu schutzen hat gegen die einseitige Entwickelung 
der Intelligenz. Und nicht umsonst wird gerade durch anthroposo- 
phisch orientierte Geisteswissenschaft ein anderes hinzukommen, hin- 
zukommen die Aufnahme desjenigen, was durch ein erneuertes 
Schauen aus der geistigen Welt heraus gewonnen werden kann, was 
nicht durch Intelligenz begriffen werden kann, sondern nur begriffen 
werden kann, wenn man eingeht auf dasjenige, was die Wissenschaft 
der Einweihung holt aus den geistigen Welten heraus durch Schauung. 

Aber ein Objektives ist dazu notwendig. Und hier tritt man vor 
ein tiefes Geheimnis gerade der christlich-esoterischen Entwickelung. 
Ware das Mysterium von Golgatha nicht im Laufe der Erdenentwicke- 
lung geschehen, dann ware es unvermeidlich, daft die Menschen nach 
und nach durch ihre Intelligenz bose und in den Irrtum verfallende 
Wesen werden miiftten. Sie wissen ja, mit dem Mysterium von Gol- 
gatha ist nicht nur eine Lehre, eine Theorie, eine Weltanschauung, 
eine Religion in die Entwickelung der Menschheit eingeflossen, sondern 
mit dem Mysterium von Golgatha ist etwas Tatsachliches geschehen. 
In dem Menschen Jesus von Nazareth hat gewohnt das aufterirdische 
Wesen, der Christus. Dadurch, daft der Christus in dem Jesus von 
Nazareth gewohnt hat, der Jesus von Nazareth gestorben ist, ist das 
Christus -Wesen iibergegangen in die irdische Entwickelung, da ist 
das Christus -Wesen darinnen. Wir miissen uns nur bewuftt sein, daft 



das eine objektive Tatsache ist, daft das eine Tatsache ist, die mit dem, 
was wir subjektiv erkennen, was wir subjektiv empfinden, als solches 
nichts zu tun hat. Wir miissen es erkennen urn unseres Erkennens 
willen. Wir miissen es aufnehmen in unser Ethos, um dieses unseres 
Ethos willen. Aber der Christus ist ausgeflossen in die Menschheits- 
entwickelung, da ist er seitdem darinnen - was man die Auferstehung 
nennt - und er ist vor alien Dingen in unseren eigenen Seelenkraften. 
Fassen Sie nur einmal diese Tatsache in ihrer ganzen Tiefe auf ! 

Blicken Sie hin auf den Unterschied des Menschen, der gelebt hat 
vor dem Mysterium von Golgatha, und des Menschen, der lebt nach 
dem Mysterium von Golgatha. Gewift, es sind immer dieselben Men- 
schen, denn die Seelen gehen ja durch die wiederholten Erdenleben. 
Aber indem wir den Menschen als Erdenmenschen betrachten, miissen 
wir diesen Unterschied machen zwischen dem Menschen, der vor dem 
Mysterium von Golgatha gelebt hat, und dem Menschen, der nach dem 
Mysterium von Golgatha lebt. 

Sehen Sie, wenn man zu einem allgemeinen Gottes-Begriffe kommt, 
so ist dieser allgemeine Gottes-Begriff nicht der Christus-Begriff. Den 
allgemeinen Gottes-Begriff kann man bekommen, wenn man die 
Natur in ihren Erscheinungen verfolgt, wenn man das menschliche 
physische Wesen, so weit es aufterlich zu betrachten ist, verfolgt. Die 
Christus -Wesenheit ist so, daft man ihr nur nahekommt, wenn man im 
Lauf des irdischen Lebens etwas in sich selber entdeckt. Den allgemei- 
nen Gottes-Begriff kann man finden, indem man einfach sich sagt, 
man ist aus den Kraften der Welt zum Dasein gekommen. Den 
Christus-Begriff mul? man finden in sich, indem man weiter kommt, 
als die Natur einen kommen laftt. Findet man, wenn man in der Welt 
lebt, nicht den Gottes-Begriff, dann ist dieses Nichtfinden des Gottes- 
Begriffes eine Art von Krankheit. Ein gesunder Mensch ist niemals 
wirklich atheistisch. Man muft in irgendeiner Weise leiblich oder 
seelisch krank sein. Diese Krankheit auftert sich oftmals eben durch 
nichts anderes, als daft man Atheist ist. 

Christus nicht zu erkennen, ist nicht eine Krankheit, sondern ein 
Ungluck, ist ein Versaumnis des Lebens. Dadurch, daft man sich 
besinnt auf das Geborenwerden aus der Natur und ihren Kraften 



heraus, kann man, wenn man mit gesunder Seele dieses Geborenwerden 
verfolgt, zum Gottes-Begriff kommen. Dadurch, daft man im Laufe 
des Lebens etwas erlebt wie eine Wiedergeburt, kann man zum Chri- 
stus-Begriff kommen. Die Geburt fiihrt zu Gott, die Wiedergeburt zu 
Christus. Zu dieser Wiedergeburt, durch welche der Christus als 
Wesenheit im Menschen gefunden werden kann, konnte der Mensch 
vor dem Mysterium von Golgatha nicht kommen. Und das ist der 
Unterschied, auf den ich Sie bitte Ihr Augenmerk zu rich ten: daft der 
Mensch vor dem Mysterium von Golgatha, weil der Christus noch 
nicht ausgeflossen war mit seiner Wesenheit in die Menschheit, nicht 
zu dieser Wiedergeburt kommen konnte, nicht erkennen konnte, daft 
in ihm der Christus lebt. Nach dem Mysterium von Golgatha kann 
das der Mensch. Er kann den Funken des Christus in sich selber finden, 
wenn er sich anstrengt durch sein Leben. 

Und in dieser Wiedergeburt, in diesem Finden des Christus- 
Funkens in sich, in diesem aufrichtigen und ehrlichen Sich-sagen- 
Konnen: «Nicht ich, sondern der Christus in mir», liegt die Moglich- 
keit, den Intellekt nicht in Tauschung und in das Bose verfallen zu 
lassen. Und das ist im esoterisch-christlichen Sinne der hdhere Begriff 
der Erlosung. Wir miissen unsere Intelligenz ausbilden, denn wir 
konnen ja nicht unintelligent werden; aber wir stehen, indem wir 
anstreben unsere Intelligenz auszubilden, vor der Versuchung, dem 
Irrtum und dem Bosen zu verfallen. Wir konnen der Versuchung, 
dem Irrtum und dem Bosen zu verfallen, nur entgehen, wenn wir uns 
aneignen die Empfindung von dem, was das Mysterium von Golgatha 
in die Menschheitsentwickelung hineingebracht hat. 

Es ist schon so, daft der Mensch in dem Christus-Bewufttsein, in 
dem Vereinigtsein mit dem Christus findet die Moglichkeit, dem 
Bosen, dem Irrtum zu entrinnen. Der agyptisch-chaldaische Mensch 
brauchte die Wiedergeburt in Christo nicht, weil er noch die Ver- 
wandtschaft mit dem Kosmos durch seine naturgemafte Intelligenz 
fiihlte. Der Grieche hatte im Grunde genommen den Ernst des Todes 
vor sich, wenn er seiner Intelligenz sich hingab. Jetzt lebt die Mensch- 
heit im Beginne eines Zeitalters, wo die Intelligenz bose werden 
wiirde, wenn die menschliche Seelenwesenheit sich nicht mit der 



Christus-Kraft durchdringen wiirde. Denken Sie einmal, das ist eine 
sehr ernste Sache. Das bezeugt, wie man nehmen mul? gewisse Dinge, 
die sich in unserer Zeit ankundigen, wie man daran denken mufi, daft 
in unserer Zeit die Menschen die Anlage bekommen zum Bosen, 
gerade weil sie einer hb'heren Ausbildung ihrer Intelligenz entgegen- 
gehen. Es ware natiirlich eine vollig falsche Spekulation, zu glauben, 
daft man etwa die Intelligenz unterdrucken soli. Die Intelligenz darf 
nicht unterdriickt werden, aber es gehort fiir den Einsichtigen in der 
Zukunft ein gewisser Mut dazu, der Intelligenz sich hinzugeben, weil 
die Intelligenz die Versuchung bringt zum Bosen und zum Irrtum 
und weil wir in der Durchdringung der Intelligenz mit dem Christus- 
Prinzip finden miissen die Moglichkeit, diese Intelligenz umzuwan- 
deln. Ganz und gar ahrimanisch wiirde die Intelligenz der Menschen, 
wenn das Christus-Prinzip die Seelen der Menschen nicht durch- 
drange. 

Sie wissen ja, wie vieles da ist, in der Entwickelung der Mensch- 
heit ersichtlich ist, besonders in der Gegenwart, von dem, was fiir 
den Einsichtsvollen schon zeigt, daft die Dinge sich so ankundigen, wie 
ich sie eben charakterisiert habe. Man denke nur, was das dritte von 
den Entwickelungsgliedern, die durch den Materialismus der Mensch- 
heit drohen, iiber die Menschen heute schon bringt. Sehen Sie, wenn 
Sie bedenken, mit wie viel Grausamkeiten die heutige Kulturent- 
wickelung durchsetzt ist, die sich kaum vergleichen lassen mit den 
Grausamkeiten barbarischer Zeitalter, dann werden Sie kaum zweifeln 
konnen, daft sich die Morgenrote fiir den Abstieg der Intelligenz 
deutlich ankiindigt. Man sollte nicht in oberflachlicher Weise die 
sogenannten Kulturerscheinungen unseres Zeitalters betrachten, man 
sollte wahrhaftig nicht daran zweifeln, daft die Menschen der Gegen- 
wart sich aufraffen miissen zu einem wirklichen Erfassen des Christus- 
Impulses, wenn sie einer heilsamen Entwickelung entgegengehen 
wollen. Es ist zweierlei heute schon stark zu bemerken: Menschen, 
die sehr intelligent sind und die einen deutlichen Hang zum Bosen 
haben; und es ist auf der anderen Seite zu bemerken, wie viele Men- 
schen unbewuftt diesen Hang zum Bosen dadurch unterdrucken, nicht 
bekampfen, daft sie ihre Intelligenz schlafen lassen. Schlafrigkeit der 



Seele oder aber bei wachen Seelen ein starker Hang zum Bosen und 
zum Irrtum, das ist in der Gegenwart durchaus zu bemerken. 

Und nun erinnern Sie sich einmal, wie ich vor meiner letzten 
Abreise an einem Abend hier auseinandersetzte, wie anders die Kinder 
seit funf bis sechs bis sieben, acht Jahren geboren werden heute, mit 
einem, man mochte sagen, melancholischen Anflug iiber den Ge- 
sichtern, der deutlich zu bemerken ist fur denjenigen, der so etwas 
bemerken kann. Und ich habe gesagt: Das riihrt davon her, daft die 
Seelen heute nicht gern heruntergehen in die von Materialismus 
erfullte Welt. Man konnte sagen: Die Seelen haben vor ihrer Geburt 
eine gewisse Furcht und Angst in die Welt einzutreten, in der die 
Intelligenz den Hang, die Neigung zum Bosen hat und in absteigender 
Entwickelung begriffen ist. 

Das ist auch etwas, wo von ein Bewufttsein entwickelt werden mufi 
bei denjenigen Menschen, die fur die Menschenzukunft Erzieher und 
Unterrichter werden. Die Kinder sind heute anders, als sie waren vor 
Jahrzehnten. Das ergibt sich schon einer oberflachlichen Betrach- 
tung sehr deutlich. Man muft sie anders erziehen und anders unterrichten, 
als man sie vor Jahrzehnten unterrichtet hat. Man muft mit dem 
Bewufttsein unterrichten, daft man eigentlich bei jedem Kinde eine 
Rettung zu vollziehen hat, daft man jedes Kind dahin bringen muft, im 
Lauf des Lebens den Christus-Impuls in sich zu finden, eine Wieder- 
geburt in sich zu finden. 

Solche Dinge, sie lebt man da, wo man sie zum Beispiel notig hat 
als Lehrer, als Erzieher, nicht aus, wenn man sie einfach nur theo- 
retisch kennt; sie lebt man nur aus, man fiihrt sie nur ein in die 
Erziehung, in das Unterrichten, wenn man in der Seele stark erfaftt ist 
von diesen Dingen. Von der Lehrerschaft insbesondere muft es 
gefordert werden, daft sie in ihrer Seele stark erfaftt wird von diesem 
Sorgenvollen fur die Menschheit, welche Versuchung der Intellekt mit 
sich bringt! Der Stolz, den die gegenwartige Menschheit auf den 
Intellekt entwickelt, dieser Stolz, er konnte sich schwer rachen an der 
Menschheit, wenn er nicht durch dasjenige abgelahmt wiirde, was ich 
eben auseinandergesetzt habe, wenn er nicht abgelahmt wiirde durch 
ein starkes, energisches Bewufttsein: das Beste in mir als Mensch dieser 



und der folgenden Inkarnationen ist, was ich in mir als den Christus- 
Impuls finde. 

Nun mufi man sich klar sein dariiber, daft dieser Christus-Impuls 
nicht sein darf die Dogmatik irgendeiner Religionsgemeinschaft. Die 
Religionsgemeinschaften haben seit der Mitte des 15. Jahrhunderts in 
ihrer Entwickelung mehr beigetragen, den Christus-Impuls von der 
Menschheit zu entfernen, als ihn der Menschheit nahe zu bringen. Die 
Religionsgemeinschaften machen den Menschen allerlei vor; aber 
indem sie ihnen dies oder jenes vormachen, bringen sie sie dem 
Christus-Impuls nicht nahe. Notwendig ist, daft der Mensch fuhlt, 
daft alles dasjenige, was sich ihm eroffnen und offenbaren kann in 
seinem Innern nach dem Mysterium von Golgatha hm, zusammen- 
hangt mit dem, was fur die Erde durch das Mysterium von Golgatha 
geworden ist. Empfindet man den Sinn der Erde in dem Mysterium 
von Golgatha, kann man sich aufraffen dazu, sich zu sagen: Die 
Entwickelung der Erde ware sinnlos, wenn die Menschen durch ihre 
Intelligenz dem Bosen, dem Irrtum verfallen wiirden. Empfindet 
man so den Sinn des Mysteriums von Golgatha, dann empfindet man 
als sinnlos die Erdenentwickelung ohne das Mysterium von Golgatha. 

Damit muS man sich stark, sehr stark durchdringen, wenn man 
heute und in der Zukunft etwas tun will, urn den Menschen zu er- 
ziehen, den Menschen zu unterrichten. Diese groften Gesichtspunkte 
miissen eingenommen werden. Aber Sie wissen auch, wie weit die 
Menschen der Gegenwart entfernt sind davon, diese groften Gesichts- 
punkte einzunehmen; daher ist nichts notwendiger, als immer wieder 
und wiederum nicht nur zu verweisen auf die Wichtigkeit geistes- 
wissenschaftlicher Lehre, sondern zu verweisen auf den Ernst, der 
sich unserer Seele bemachtigen soil dadurch, daft wir die entsprechen- 
den Tatsachen in der Entwickelung der Menschheit durch die Geistes- 
wissenschaft kennenlernen. Denn nicht allein unser Wissen, unser 
ganzes Leben soil einen Impuls bekommen durch dasjenige, was 
Geisteswissenschaft ist; ohne daft man diesen Ernst fuhlt, ist man nicht 
wirklicher Geisteswissenschafter, 

Und ich bitte Sie, auf diese besondere Offenbarung aus geistes- 
wissenschaftlichen Unterlagen heraus griindlich zu achten: daft die 



menschliche Intelligenz, sich selbst iiberlassen, der Bahn des Ahri- 
manischen entgegenwandelt, daft sie stark fur das Gute nur werden 
kann durch die Aufnahme des wahren Christus-Impulses. Ich glaube, 
dafi wer den vollen Ernst dieser Wahrheit in sich aufnimmt, auch 
diesen Ernst hineintragen wird in das Verhaltnis, das er in sich aus- 
bildet zu den verschiedenen Weltanschauungen und Weltanschauungs- 
stromungen der Gegenwart. Denn da ist viel, sehr viel zu tun. 

Nicht wahr: Leute, die jetzt von verschiedenen Gegenden des 
Ostens von Europa kommen, erzahlen zu ihrem besonderen Entsetzen 
von einer Tatsache, die nicht gerade fur das Fortgeschrittensein auf 
dem Wege nach einer besonderen Zivilisation zeugt. Das, was ich 
meine, ist das Vorhandensein, das Erstehen der sogenannten «Flinten- 
weiber». Es ist das eine besondere Klasse von Menschen, die sich im 
Osten von Europa ausbilden, Frauen der europaischen Bevolkerung 
des Ostens, die verwendet werden in den gegenwartigen revolutionaren 
Bewegungen, wo ja immer derjenige, der nicht gerade der regierenden 
Partei angehort, in den Kerker oder ins Gefangnis uberliefert wird 
oder getotet wird nach einiger Zeit - wo der eben immer in Lebens- 
gefahr ist. Ausersehen in gewissen Gegenden des Ostens sind dazu 
besonders jiingere Frauen, die ausgeriistet werden mit den vom Kriege 
iibriggebliebenen Flinten und die das Amt haben, die Leute zu er- 
schieften, die gerade die Gegner der nach oben gekommenen Regie- 
rung sind. Diese Flintenweiber sind angetan mit den gestohlenen 
Gewandern, in Putz und Tand, und haben ihre Freude daran, die 
Flinte zu tragen und die Leute zu erschieften und finden es mit der 
gegenwartigen Menschlichkeit vereinbar, damit zu renommieren, wie 
sie sich aneignen, allmahlich aneignen eine feine Empfindung dafur, 
wie das Blut von jungen Menschen spritzt, wie das Blut von alteren 
Menschen aussieht. Nicht wahr, wir sind schon angekommen bei ganz 
besonderen Gestaltungen unserer gegenwartigen Zivilisation! Und das 
Institut der Flintenweiber ist ja immerhin eine Errungenschaft der 
Gegenwart. 

Man mull auf solche Erscheinungen hinweisen. Sie sind da, um 
gewissermafien die Reverse, die andere Seite des Ernstes unserer Zeit 
ins Auge zu fassen. Gewi£, man braucht nicht diese abscheulichen 



Auswiichse unserer sogenannten fortgeschrittenen Kultur zu kennen, 
urn diesen Ernst, dem man sich hingeben soil in der Gegenwart, wirk- 
lich zu empfinden. Aus der Erkenntnis der Entwickelung der Mensch- 
heit selber soil uns dieser Ernst aufgehen. Man mochte wiinschen, daft 
der Schlaf, der allmahlich ergriffen hat die Menschheit der Gegen- 
wart, in eine Erweckung hineingeht. Diese wiirdigste Erweckung, die 
kann nur sein das Ergriffenwerden von dem Ernst der Aufgabe, die 
obliegt den Menschen der Gegenwart, und der Hinweis auf die 
Gefahren des einseitig sich selbst iiberlassenen, ins Ahrimanische 
hineinsteuernden Intellektes. Das soil der Impuls sem, der uns durch- 
trankt mit diesem Ernste. 



SECHSTER VORTRAG 
Dornach, 17. August 1919 



Wenn ich Ihnen gestern ausgefiihrt habe, welches der Weg des 
menschlichen Intellektes, der menschlichen Intelligenz gegen die Zu- 
kunft hin sein wird, so beruht diese Auseinandersetzung auf ganz 
bestimmten Tatsachen, welche durch geisteswissenschaftliche Erkennt- 
nis an den Tag gefordert werden konnen, und von denen wir heute 
einige anfiihren wollen. Sie miissen sich, ich mochte sagen, praktisch 
bewuftt sein: Wenn der Mensch vor Ihnen steht, so ist dieser Mensch 
eben durchaus dasjenige Wesen, von dem wir in der anthroposophi- 
schen Geisteswissenschaft sprechen. Das heiftt, wir haben zunachst - 
Sie kennen ja diese Dinge aus meiner «Theosophie» -, dessen miissen 
Sie sich immer bewuftt sein, ein viergliedriges Wesen vor uns. Wir haben 
vor uns das Ich, den sogenannten astraiischen Leib, den Atherleib 
und den physischen Leib. Der Umstand, daft wir die
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