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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE UBER ERZIEHUNG
RUDOLF STEINER
Die Erziehungsfrage als soziale Frage
Die spirituellen, kulturgeschichtlichen und sozialen
Hintergriinde der Waldorfschul-Padagogik
Sechs Vortrage, gehalten in Dornach
vom 9. bis 17. August 1919
1991
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben durch die Rudolf Steiner-NachMverwaltung, Dornach
Die Herausgabe besorgte Hans Rudolf Niederhauser
1. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1960
2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1971
3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1979
4. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1991
Die Originaltafelzeichnungen von Rudolf Steiner
zu den Vortragen in diesem Band sind separat erschienen
in Band XXI der Reihe
«Wandtafelzeichnungen zum Vortragswerk*,
Dornach 1990. ISBN 3-7274-4121-6
(siehe auch S. 118)
Bibliographie-Nr. 296
Zeichen auf dem Einband von Rudolf Steiner, Schrift von Assja Turgenieff
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1960 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-2960-7
7.u den Veroffentlichungen
aits dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen-
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen
und veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900
bis 1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie
auch fur die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposo-
phischen Gesellschaft. Er selbst wollte ursprunglich, dafi seine
durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten
wiirden, da sie als «mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mit-
teilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstan-
dige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbreitet
wurden, sah er sich veranlaftt, das Nachschreiben zu regeln. Mit
dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner- von Si vers. Ihr oblag die
Bestimmung der Stenographierenden, die Verwaltung der Nach-
schriften und die fur die Herausgabe notwendige Durchsicht der
Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen
Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, mufi gegen-
iiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt benicksich-
tigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen,
daft in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaf-
tes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen
offentlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbst-
biographie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende
Wortlaut ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort
Gesagte gilt gleichermafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fach-
gebieten, welche sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der
Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafl
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner
Gesamtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen
Bestandteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich
nahere Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Ausfuhrliche Inhaltsangabe siehe Seite 124
Erster Vortrag, Dornach, 9. August 1919 9
Historische Forderungen der Gegenwart. Gegensatz von Ost und
West. Maja - Ideologic Der Unwirklichkeitscharakter der neueren
Naturanschauung. Die Dreigliederung als historische Forderung. Die
Erziehung des Kindes. Nachahmung, Autoritat, Liebe und ihre Bezie-
hung zu Geistesleben, Rechts- und Wirtschaftsleben,
Zweiter Vortrag, 10. August 1919 34
Nachklange griechischer und romischer Seelenverfassung in der
Gegenwart. Industrialismus und neues Wollen aus dem Geiste.
Dritter Vortrag, 11. August 1919 54
Ware, Arbeit, Kapital. Ihre Beziehungen zu Imagination - Briiderlich-
keit; Inspiration - Gleichheit; und Intuition - Freiheit.
Vierter Vortrag, 15. August 1919 67
Die Erziehung als Lehrerbildungsfrage. Der Materialismus als Priifung
der Menschheit. Das Wiederfinden des Weges zum Geiste. Neuorien-
tierung der Lehrerbildung durch Geisteswissenschaft. Der dreiglied-
rige Mensch.
Funfter Vortrag, 16. August 1919 85
Die Metamorphosen der menschlichen Intelligenz. Der Agypter
erfafite das Kosmische durch seine Intelligenz; der Grieche das Tote. In
der Gegenwart hat die Intelligenz die Neigung, sich mit dem Bdsen zu
verbinden. Verwandlung der Intelligenzkrafte durch das Christus-
Mysterium.
Sechster Vortrag, 17. August 1919 98
Das Uberwinden des Egoismus, das Sich-Hineinstellen des Menschen
in die Gegenwart. Leiblichkeit und Erkenntnis im alten Agypten und
in der Gegenwart. Sehnsucht, das Lebendige zu erfassen. Der Goethe-
anismus als Kulturimpuls unseres Zeitalters. Durch differenziertes
Erfassen des Menschlichen nach Ost, West und Mitte, durch das
Betrachten der Zeitgeschichte kommt man iiber den Egoismus hinaus.
Hinweise: Zu dieser Ausgabe / Hinweise zum Text. ..... 117
Namenregister 123
Ausfuhrliche Inhaltsangaben 124
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 127
ERSTER VORTRAG
Dornach, 9. August 1919
Nach einer Arbeit, die tief hineinsehen liefi in dasjenige, was gegen-
wartig vorgeht in Menschengemiitern, was gegenwartig besteht an
innerer Tragik der Menschheitsentwickelung, kann ich wiederum
einige Tage hier an diesem Orte sein, der ja so eng verbunden ist mit
jener Tatigkeit, von der wir doch glauben mussen, daft sie abgeben
kann die Kraft, die heutige Tragik der Menschheit wiederum in ein
hoffnungsvolleres Fahrwasser nach und nach umzuentwickeln.
Zu keiner Zeit vielleicht war eigentlich weniger Neigung vor-
handen, in wahrem und echtem Sinne des Wortes die Seele zu er-
heben zu den geistigen Welten, und notwendig ist es ganz besonders
in dieser Zeit, die Seele zu erheben zu den geistigen Welten. Denn
nur aus diesen geistigen Welten kann dasjenige kommen, was der
gegenwartigen Menschheit Kraft geben kann, weiter den Lebenspfad
als ganze Menschheit zu gehen. Die Probleme, die Aufgaben, die der
Gegenwart gestellt sind, von ihnen glaubt man heute in weitesten
Kreisen, daft man sie losen kann mit den Gedanken, mit den Impul-
sen, welche herzunehmen sind aus dem aufterlichen menschlichen
Wissen. Wie lange es noch dauern kann, bis ein genugend grofter
Teil der Menschheit sich zu der Uberzeugung durchringt, daft nur
auf dem geistigen Wege ein wirkliches Heil zu erreichen ist, das
ist heute eigentlich aufterordentlich schwer zu sagen, schon aus dem
Grunde, weil das Nachdenken gerade iiber diese Frage eigentlich
nicht besonders fruchtbar ist. Aber sicher ist das andere, daft nur
wird weitergeschritten werden konnen, wenn diese Uberzeugung,
daft nur aus den geistigen Welten die Rettung kommt, in einer ge-
niigend groften Anzahl von Menschen wirklich durchgedrungen ist.
Was die Menschen heute in weitesten Kreisen beschaftigt, woriiber
aber doch ernstlich nachzusinnen den Menschen vor alien Dingen
die intellektuelle Kraft fehlt, weil die intellektuelle Kraft in der
gegenwartigen Zeit fast wie gelahmt ist bei einem groften Teil der
Menschheit, das sind ja die sozialen Probleme. Und der Glaube
herrscht, daft man diese sozialen Probleme mit dem, was man heute
Wissen und Erkenntnis nennt, bewaltigen konne. Man wird sie nicht
bewaltigen konnen, man wird sie niemals bewaltigen konnen, wenn
sie nicht in Angriff genommen werden vom Gesichtspunkte geistiger
Erkenntnis.
Wir haben einen langen Waffenkampf durchgemacht. An diesen
langen Waffenkampf wird sich anschliefien ein wahrscheinlich recht
lange dauernder Kampf der Menschheit uberhaupt. Viele Leute haben
gesagt: Dieser Waffenkampf, wie er erlebt worden ist iiber die zivi-
lisierte Welt hin, er war das furchtbarste Ereignis dieser Art seit der
Zeit, da man uberhaupt von einer menschlichen Geschichte spricht, -
Man kann nicht sagen, daft dieses Urteil unrichtig ist. Der Kampf,
der mit diesen und jenen Mitteln auszufechten sein wird, der sich an
diesen Waffenkampf anschlieften wird zwischen Orient und Okzi-
dent, zwischen Asien, Europa und Amerika, dieser Kampf wird wohl
der grolke Geisteskampf werden, welchen wiederum die Menschheit
auszufechten hat. All dasjenige, was selbst durch das Christentum
an Impulsen und Kraften in die Menschheit eingeflossen ist, das wird
in gewaltigen, elementaren Kampfeswogen die Zivilisation uberspiilen.
Man kann heute, ich mochte sagen, auf eine einfache Formel
bringen, worinnen der grofie Gegensatz liegt zwischen dem Orient
und dem Okzident. Aber diese einfache Formel - nehmen Sie sie
nicht einfach. Diese einfache Formel schlielk ungeheure Weiten
menschlicher Impulse ein. Sie wissen, ich habe in meinem Buche «Die
Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der
Gegenwart und Zukunft» aufmerksam darauf gemacht, daft fur
weite Kreise der gegenwartigen Menschheit das Geistesleben eine
Ideologic geworden ist, daft dasjenige, was geistige Guter der Mensch-
heit sind, Recht, Sitte, Wissenschaft, Kunst, Religion und so weiter,
so angesehen wird, daft das nur der Rauch gewissermaften ist, der
aufsteigt aus der einzig wahren Wirklichkeit, aus der okonomischen
Produktionsweise, aus dem wirtschaftlichen Untergrund. Uber solche
Dinge habe ich ja zu Ihnen auch gesprochen, als ich vor mehreren
Monaten hier von Ihnen Abschied nahm.
Ideologic — erwidern einem heute weite Kreise, wenn man von
Geistesleben spricht; es ist alles das, was sich aus der einzigen Wirk-
lichkeit, aus der okonomischen Wirklichkeit, aus der Wirtschafts-
wirklichkeit spiegelt in der menschlichen Seele, nur Ideologic - Man
hat heute viel Grund, nachzudenken dariiber, was dieses "Wort Ideo-
logic eigentlich in der Weltkultur bedeutet. Und es bedeutet sehr viel.
Man kann dieses Wort mit keinem anderen in einen naheren Zusam-
menhang bringen, als mit dem Worte Maja der orientalischen Weis-
heit. Maja richtig ins Abendlandische iibersetzt, bedeutet Ideologic
Und jede andere Obersetzung von Maja ist ungenauer als die Ober-
setzung mit Ideologic So daft man sagen kann: im Grunde genau
dasselbe begrifflich oder ideenhaft, was der Morgenlander sich vor-
stellt bei dem Worte Maja, das stellt sich ein grower Teil der abend-
landischen Menschheit vor bei dem Worte Ideologic Aber welch ge-
wal tiger Unterschied! Was denkt der Morgenlander bei dem Worte
Maja? Er denkt, die auftere Sinneswelt ist die Maja, alles dasjenige,
was an unsere Sinne herankommt und an den an die Sinne gebunde-
nen Verstand, das ist die Maja, das ist die grofie Tauschung. Und
die einzige Wirklichkeit ist dasjenige, was in der Seele aufsteigt.
Das Seelisch-Geistige, zu dem sich der Mensch durchringt, das ist das-
jenige, was Wirklichkeit ist; was im menschlichen Inneren aufquillt
und aufspriefk, das ist Wirklichkeit. Das, was sich den Sinnen aufter-
lich darbietet, ist Maja, ist Ideologic
Und iiber einen grofien Teil der abendlandischen Menschheit
breitet sich die andere Oberzeugung aus: Die einzige Wirklichkeit ist
dasjenige, was den aufieren Sinnen erscheint. Das ist die Wirklich-
keit. Genau dasjenige, was der Morgenlander Maja nennt, das ist
fur einen grofien Teil der abendlandischen Menschheit die Wirklich-
keit. Und was der Orientale die Wirklichkeit nennt, dasjenige, was
innerlich aufspriefk, was innerlich aufquillt in der Seele, das ist fur
einen groften Teil der abendlandischen Menschheit Ideologic, Maja.
Sie sehen einen groften Gegensatz. Was der Orientale die Wirklich-
keit nennt, nennt Europa und Amerika heute schon die Maja: Ideolo-
gic ist dasselbe. Dasjenige, was der Abendlander mit Amerika, mit
dem amerikanischen Nachwuchs, die Ideologic, die Maja nennt, das
ist fur den Orientalen Wirklichkeit.
Das frifk tief in den Seelen der Menschen, das macht die Men-
schen iiber die Erde hin zu zwei ganz verschiedenen Wesensarten.
Wenn Sie iiberblicken dasjenige, was geschehen ist iiber die zivilisierte
Welt, so werden Sie sich sagen, hoffentlich heute schon sagen: Im
Grunde ist alles das, was gesprochen wird iiber Ursache und Veran-
lassungen dieser Weltkatastrophe eigentlich auf der Oberflache
schwimmend, Oberflachenansicht. Dasjenige, was sich ausgepragt hat
in diesem furchtbaren Kampf, das ist etwas, was wie elementar aus
unbewuftten Tiefen heraufgezogen ist. Die Menschen haben daran
teilgenommen, man sieht es heute ganz genau, sie wuftten nicht war-
um im Grunde; es ist dasjenige, was dieser Gegensatz, der noch lange
nicht ausgetragen ist, an elementaren Kraften an die Oberflache ge-
schwemmt hat. So stark ist das antisoziale Element in der Gegenwart,
daft die Menschheit in diese zwei wesensverschiedenen Glieder zer-
fallt.
Und bringen Sie das, was ich eben gesagt habe, mit anderem in
Zusammenhang, so werden Sie finden, wenn Sie nach Westen schauen,
daft das Streben des Westens nach Freiheit geht - ob man diese Frei-
heit versteht oder miftversteht, es kommt weniger darauf an das
Streben geht nach Freiheit; und wie aus dunklen Untergriinden der
Menschenseele herauf, wiihlt sich das Bediirfnis nach Freiheit.
Blicken Sie nach dem Osten: Dasjenige, was man im "Westen die
Freiheit nennt, fiir den Osten hat es eigentlich keinen rechten Sinn;
es ist wie etwas, womit man uberhaupt keine Begriffe, keine Empfin-
dungen verbindet. Dasjenige, was man am intensivsten erlebt, iiber
das denkt man da nicht nach. Denken Sie doch nur einmal, wie we-
nig die Menschen iiber Naturerscheinungen nachdenken, die sie un-
mittelbar im Alltag umgeben! Ober das allernachst Erlebte denken
die Menschen ja nicht nach. Der Orientale, indem er die ihm gemafte
Wirklichkeit verfolgt, die innere Wirklichkeit, er lebt in der Frei-
heit, die ihm eben werden kann nach seinen Rassen-, Volks- und
Stammeseigentiimlichkeiten. Er denkt nicht dariiber nach. Je weiter
man nach Westen blickt, desto mehr ist im Lauf der geschichtlichen
Entwickelung der Menschheit die Freiheit verlorengegangen: weil sie
sie nicht hat, muft sie danach streben.
Und so konnte man vieles, vieles anfiihren, man wiirde in allem
finden diesen fundamentalen Gegensatz zwischen dem Westen und
dem Osten. Es kundigt sich bereits an dasjenige, was vielleicht schon
die nachsten Jahre bringen werden. Augenblicklich sind es nur aufiere
Symptome, auftere Symptome, die in Asien vorgehen, iiber die
Europa heute noch schweigt - schweigt aus wohlverstandenen Griin-
den. Daft zum Beispiel in Indien fast mehr als die Halfte der
Bevolkerung halb verhungert ist, das wird aus der Geistigkeit her-
aus gerade des indischen Volkes etwas gebaren, was noch ganz an-
deres darstellen wird, als dasjenige, was sich in Europa abgespielt
hat. Das sind auftere Symptome. Aber auch mit Bezug auf diese
aufteren Symptome sind die Menschen heute in zwei wesensverschie-
dene Glieder getrennt. Fur den Inder bedeutet der Hunger etwas ganz
anderes als fur den Europaer, denn der Inder hat eine Jahrtausende
alte andere seelische Entwickelung hinter sich als der Europaer. Diese
Dinge, sie mussen heute scharf ins Auge gefaftt werden von dem,
der etwas verstehen will von dem Gang der Menschheitsentwickelung.
Wir mussen uns heute klar sein dariiber, daft dasjenige, was man ge-
wohnlich die soziale Frage nennt, etwas viel Komplizierteres ist, als
man gewohnlich meint, Diese soziale Frage, sie ist ja eine Begleit-
erscheinung jener Kultur, die heraufgekommen ist seit der Mitte des
15. Jahrhunderts. Ich habe von diesem bedeutsamen Einschnitt in
die Geschichte der zivilisierten Menschheit in der Mitte des 15. Jahr-
hunderts immer wieder und wiederum auch zu Ihnen hier gespro-
chen. Seit dieser Zeit kam allmahlich herauf die neuere Farbung der
Naturwissenschaft. Seit dieser Zeit kam aber auch herauf die neuere
Farbung des Industrialismus. Naturwissenschaft und Industrialismus
zusammen, die bedeuten dasjenige, was sich iiber die moderne Mensch-
heit ausgegossen hat, und was der modernen Menschheit die beson-
dere Richtung ihres Geistes gegeben hat.
Ich habe auch hier in der Schweiz zu Ihnen gesprochen von der
besonderen Artung der Naturwissenschaft, habe Ihnen gesagt, daft ge-
scheite Leute, die heute nachdenken iiber das, was die Naturwissen-
schaft geben kann, schon sagen: Dasjenige, was die neuere Natur-
anschauung iiberliefert, ist nicht die Welt, es ist ein Gespenst von der
Welt. - Alles das, was die Naturforscher ausgedacht haben, und was
heute populare Bildung ist, viel mehr populare Bildung ist als diese
Menschen glauben, das ist Glaube, eigentlich Aberglaube an cine ge-
spenstische Welt. Und an die Seite dieser gespenstischen Welt ist das-
jenige gestellt, was aus dem modernen Industrialismus an geistiger
Wirksamkeit iiber die Menschen gekommen ist. Der Industrialismus,
man mu!5 ihn in seiner geistigen Bedeutung einmal ins Auge fassen.
Nehmen Sie dasjenige, was den Industrialismus vorzugsweise be-
herrscht, die Maschine. Die Maschine unterscheidet sich von allem
iibrigen, mit dem es der Mensch zu tun haben kann in seinem aufteren
Leben. Ich bitte Sie, betrachten Sie das Tier. Sie werden, indem Sie
Ihre wissenschaftlichen oder sonstigen Erkenntnisgedanken auf das
Tier anwenden - ich will gar nicht vom Menschen in dem heutigen
Zusammenhang sprechen noch so viel iiber das Tier erforschen
konnen, es bleibt immer etwas, ich mochte sagen, Gottlich-Tiefes im
Tiere; Sie schopfen es nicht aus, Sie kommen nicht dahinter. Hinter
das, was Sie iiber das Tier denken, stellt sich immer etwas, was Ihnen
unbekannt bleibt. Bei der Pflanze ist es nicht weniger. Und nehmen
Sie selbst den Kristall, nehmen Sie die wunderbaren Formen der
Kristallwelt, Sie werden sich sagen mussen: Gewift, man kann das
Aufierste begreifen in der Kristallwelt, in ihren Formen und so wei-
ter, wenn man auf diese Sache hin geschult ist, aber es bleibt noch
hinlanglich vieles von dem, was der Mensch verehren kann als das-
jenige, zu dem er nicht mit dem unmittelbaren, unhellseherischen Ver-
stande dringt.
Nehmen Sie die Maschine, sie ist durch und durch durchsichtig.
Man weifi: die Kraft setzt so ein, der Zapfen sitzt so und so in der
Offnung drinnen, die Reibung ist eine so und so grofte, man kann
den Nutzeffekt berechnen, wenn man die einzelnen Elemente kennt
- nichts ist hinter der Maschine, welches auffordert dazu, sich zu
sagen: Da ist etwas, was nicht durchdrungen werden kann mit dem
gewohnlichen unseherischen menschlichen Verstande. Das bedeutet
fiir den Verkehr des Menschen mit der Maschine sehr viel. Und wenn
man wiederum einmal vor Tausenden und Tausenden von Menschen
gestanden hat, die es mit der Maschine zu tun haben, dann weift
man, was in die Seelen der Menschen hineintraufelt von dieser geistig
durchsichtigen Maschine, von dieser Maschine, die nichts hinter sich
hat, was irgendwie vielleicht fur den unseherischen Verstand nur ge-
ahnt oder nicht durchschaut werden konnte. Das macht den Verkehr
mit der Maschine so verheerend fur den Menschen, daft die Maschine
geistig-seelisch so durchsichtig ist; daft alles, was an Kraften und
Kraftezusammenhangen in der Maschine ist, so wasserklar daliegt
vor den menschlichen Sinnen und dem menschlichen Verstande. Das
ist das, was Herz und Seele der Menschen aussaugt, was den Men-
schen trocken macht, was den Menschen unmenschlich macht.
Und Naturwissenschaft und Maschine zusammen, sie bedrohen
die zivilisierte Menschheit mit einem dreifachen furchtbar Zerstoren-
den. Denn was droht dieser modernen Menschheit, wenn sie sich
nicht aufrafft, nach dem Dbersinnlichen hinzuschauen? In bezug auf
die Erkenntnis droht nach und nach jenes Ideal uberhand zu nehmen,
welches von Naturforschern schon ausgesprochen ist, indem sie gesagt
haben: Man strebt an, die Natur so zu erkennen, daft diese Erkennt-
nis eine astronomische ist, das heiftt der Astronomie nachgebildet ist.
Wenn Sie heute sehen, wie der Chemiker nachdenkt iiber das, was
im Molekiil drinnen ist, so stellt er sich vor, dafi die Atome im Mo-
lekiil in einer gewissen Weise im Kraftezusammenhange sind (es
wird gezeichnet). Das stellt er sich nach dem Muster eines kleinen
Planeten- und Sonnensystems vor. Die ganze Welt astronomisch zu
erklaren, das wird das Ideal. Und die Astronomie selbst, was hat sie fur
ein Ideal? Das ganze Weltengebaude als eine Maschine anzusehen. -
Dazu jenes Tun, jenes Handeln der Menschen an der Maschine!
Das sind die Dinge, die immer starker und starker gewirkt haben
seit der Mitte des 15, Jahrhunderts, das sind die Dinge, welche gegen-
wartig dem Menschen das eigentlich Menschliche aussaugen. Wenn
die Menschen weiter nur so nachdenken wiirden, wie sie iiber die
maschinenhafte Astronomie und iiber den Industrialismus, indem
sie in ihm arbeiten, nachdenken, wiirden die Geister mechanisiert
werden, die Seelen, sie wiirden schlafrig, vegetarisiert werden, und
die Leiber animalisiert.
Sehen Sie nach Amerika: der Hochpunkt der Mechanisierung der
Geister! Sehen Sie nach dem europaischen Osten, nach Rutland: jene
wilden Triebe und Instinkte, die sich da ausleben, und die furchtbar
sind: Animalisierung des Leibes. In der Mitte, in Europa die Schlaf-
rigkeit der Seele. Mechanisierung des Geistes, Vegetarisierung der
Seele, Animalisierung der Leiber, das ist dasjenige, was man sich ohne
Tauschung vorhalten mufi.
Es ist charakteristisch, wie die Menschheit verloren hat - ich habe
das hier schon einmal erwahnt -, verloren hat auf dem Wege seit der
Mitte des 15. Jahrhunderts neben zwei Lebenselementen das Dritte.
Eine machtige Partei nennt sich heute «Sozialdemokratie», das heifit:
Sozialismus und Demokratie hat sie zusammengeschweiftt, obwohl sie
das Gegenteil voneinander sind. Aber sie hat sich sie zusammenge-
schweifit, und sie hat ausgelassen das Geistige. Denn der Sozialismus
kann sich nur auf das Wirtschaftliche, die Demokratie nur auf das
Staatlich-Rechtliche beziehen; auf das Geistige wiirde sich beziehen
der Individualismus. Die Freiheit, sie ist ausgelassen in dem Wort
Sozialdemokratie, sonst miifite es heifien: individuelle oder individua-
listische Sozialdemokratie. Dann wiirden alle drei Dinge als Men-
schenforderung in einem solchen Schlagworte zum Ausdrucke kom-
men. Aber es ist charakteristisch fiir die neuere Zeit, daft dieses Dritte
ausgeblieben ist, daft also gewissermaften der Geist wirklich zur Maja,
zur groften Tauschung fiir die zivilisierte Menschheit des Westens
geworden ist, Europas und seines kolonialen Nachwuchses Amerika.
Das sind die Dinge, von denen ausgegangen werden mufi, wenn man
Geisteswissenschaft im Sinne einer groften Kulturfrage betrachtet.
Ober dasjenige, was in den Forderungen der Gegenwart lebt, kann
eigentlich gar nicht diskutiert werden. Das sind historische Forderun-
gen. Eine historische Forderung ist der Sozialismus, er mufi nur im
richtigen Sinne verstanden werden. Eine historische Forderung ist
die Demokratie, eine historische Forderung ist aber auch der Libera-
lismus, die Freiheit, der Individualismus, wenn auch diese letztere
Forderung von der modernen Menschheit wenig bemerkt wird. Und
die Menschheit wird nicht weiter mitreden konnen, ohne daft sie ihren
sozialen Organismus im Sinne der Dreigliederung: des Sozialismus
fiir das Wirtschaftsleben, der Demokratie fiir das Rechts- oder Staats-
leben, der Freiheit oder des Individuaiismus fiir das Geistesleben
einrichtet.
Das wird angesehen werden miissen als das einzige Heil, als die
wirkliche Rettung der Menschheit. Aber wir werden uns nkht tau-
schen diirfen dariiber, dafi gerade deshalb, weil dies intensive, unbe-
siegliche historische Forderungen sind fiir die Gegenwart, sich andere
Forderungen fiir denjenigen, der die Dinge tiefer durchblickt, auf-
stellen. Die erwachsenen Menschen werden in einem sozialen Orga-
nismus leben miissen, der wirtschaftlich sozial, staatlich demokratisch,
geistig liberal aufgerichtet wird sein miissen.
Die grofie Frage fiir die Zukunft wird sein: Wie werden wir uns
zu benehmen haben gegeniiber den Kindern, wenn wir sie so er-
ziehen wollen, dafi sie als Erwachsene in das Soziale, das Demokra-
tische, in das Liberale in umfassendstem Sinne hineinwachsen konnen?
Und eine der allerwichtigsten der sozialen Fragen fur die Zukunft,
ja schon fiir die Gegenwart, ist einmal die Erziehungsfrage. Und auf
diese Erziehungsfrage wurde gerade innerhalb der Geisteswissenschaft
hingedeutet in der Weise, wie es die Menschheit der Gegenwart wird
verstehen miissen, wenn sie vorwartsdringen will. Sonst werden
die sozialen Forderungen immer chaotisch bleiben, wenn nicht
gesehen wird auf ihrem Grunde die gewaltigste Frage der Gegenwart:
die Erziehungsfrage. Und Sie brauchen, wenn Sie die grofien Richt-
linien kennenlernen wollen fiir dasjenige, was in der Erziehungsfrage
vorliegt, nur zur Hand zu nehmen das kleine Biichelchen: «Die Er-
ziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft.»
Eine der wichtigsten sozialen Fragen der Gegenwart ist mit diesem
Biichelchen auf die Oberflache der Menschenbetrachtung gehoben
worden: die soziale Erziehungsfrage. Lernen wird man miissen in
weitesten Kreisen der modernen Menschheit dasjenige, was mit Be-
zug auf die drei Epochen der Jugendentwickelung des Menschen aus
der Geisteswissenschaft herausgeholt werden kann.
Sie wissen, es ist da hingewiesen darauf, wie zwischen der Ge-
burt und dem 7. Jahre, dem Jahre, das den Zahnwechsel durch-
schnittlich bringt, das Menschenwesen ein nachahmendes "Wesen ist,
wie das Menschenwesen dasjenige tut, was seine Umgebung tut. Be-
trachten Sie schlieftlich das Kind wirklich verstandig, Sie werden
iiberall finden: Das Kind ist ein nachahmendes Wesen, es tut das-
jenige, was die Groften tun. Die grofte Wichtigkeit in dem Kindes-
leben ist die, da!5 die Menschen, die in der Umgebung des Kindes
sind, nur dasjenige tun, was das Kind nachahmen kann, ja, dafi sie
nur dasjenige denken und empfinden in der Umgebung des Kindes,
was das Kind nachahmen kann. Das Kind setzt, indem es durch die
Geburt ins physische Dasein eintritt, nur das fort, was es erlebt hat
in der geistigen Welt vor der Empfangnis. Da lebt man ja als Men-
schenwesen in den Wesen der hoheren Hierarchien drinnen; da tut
man alles dasjenige, was an Impulsen aus dem Wesen der
hoheren Hierarchien kommt. Da ist man in einem noch viel hoheren
Grade ein Nachahmer, weil man in einer Einheit ist mit denjenigen
Wesen, die man nachahmt. Dann wird man in die physische Welt
herausgesetzt. Da setzt man die Gewohnheit, eins zu sein mit der
Umgebung, fort. Diese Gewohnheit erstreckt sich dann darauf, eins
zu sein mit Wesen, oder nachzuahmen diejenigen Wesen, die als
Menschen in der Umgebung sind und fur die Erziehung zu sorgen
haben, indem sie dasjenige nur tun und denken und empfinden, was
das Kind nachahmen kann. Es ist um so grofteres Heil fur das Kind,
je mehr es leben kann nicht in seiner Seele, sondern in der Seele der
Umgebung, in den Seelen der Umgebung.
In der Vergangenheit konnten die Menschen, weil ihr Leben mehr
ein instinktives war, auf diese Nachahmung auch instinktiv sich ver-
lassen. In der Zukunft wird das nicht so sein. In der Zukunft wird
achtgegeben werden miissen darauf, daf$ das Kind ein Nachahmer
ist. In der Zukunft wird bei der Erziehung die Frage immerzu be-
antwortet werden miissen: Wie gestaltet man am besten das Leben
des Kindes so, daft es in der besten Weise seine Umgebung nach-
ahmt? Alles das, was in der Vergangenheit geschehen ist in bezug auf
dieses Nachahmen, es wird intensiver und immer intensiver, be-
wufker und immer bewufker gefragt werden miissen gegen die Zu-
kunft hin. Denn die Menschen werden sich eines sagen miissen: Wenn
die Menschen im sozialen Orgamsmus werden erwachsen sein sollen,
so werden sie f reie Menschen sein miissen. - Frei wird man nur, wenn
man zuerst als Kind moglichst intensiver Nachahmer war. Die Kraft,
die die naturgemafte Kraft des Kindes ist, sie mufi intensiv ausge-
bildet werden gerade fur das Zeitalter, in dem der Sozialismus her-
einbrechen wird. Und die Menschen werden nicht freie Wesen wer-
den, trotz aller Deklamationen und trotz alles politischen Gewimmers
iiber Freiheit, wenn die entsprechende Kraft der Nachahmung im
Kindesalter nicht eingepflanzt wird. Denn was im Kindesalter in
dieser Weise eingepflanzt wird, das allein kann die Grundlage fur
die soziale Freiheit geben.
Und Sie wissen: vom 7. Jahre bis zur Geschlechtsreife, bis zum
14., 15. Jahre lebt im Kinde die Kraft, die man nennen kann das
Tun auf Autoritat hin. Es kann dem Kinde kein grofteres Heil
widerfahren, als wenn es dasjenige, was es unternimmt, deshalb tut,
weil verehrte Menschen in seiner Umgebung sagen: Das ist richtig,
das soil getan werden. - Es ist nichts schlimmer fur das Kind, als wenn
man es zu friih vor der Geschlechtsreife an sogenanntes eigenes Ur-
teil gewohnt. Das Autoritatsfiihlen zwischen dem 7. und 14.
Jahre wird in der Zukunft in erhohtem und intensiverem Mafie aus-
gebildet werden miissen, als es in der Vergangenheit ausgebildet war,
Bewuftter und bewufker wird alle Erziehung in diesen Jahren ge-
leitet werden miissen im Sinne eines reinen schonen Autoritatsgefuh-
les, das im Kinde erwacht; denn dasjenige, was in diesen Jahren in
das Kind hineingepflanzt werden soli, es soil die Grundlage bilden
fur das, was die Erwachsenen im sozialen Organismus erleben sollen
als das gleiche Recht der Menschen. Das gleiche Recht der Menschen
wird nicht anders da sein, denn die Menschen werden nie reif wer-
den als Erwachsene fur das gleiche Recht der Menschen, wenn sie
nicht in der Kindheit das Autoritatsgefuhl eingepflanzt erhalten. In
der Vergangenheit mag ein viel geringerer Grad von Autoritatsgefuhl
geniigt haben; in der Zukunft wird er nicht geniigen. Und stark
wird dieses Autoritatsgefuhl in das Kind hineingepflanzt werden
miissen, damit die Menschen reif werden fur das, was als eine ge-
schichtliche Forderung gar nicht einmal diskutiert werden darf, weil
es als eine geschichtliche Forderung auftritt.
Alles das, was schlieftlich Volksschulerziehung, Volksschulunter-
richt ist in diesem Zeitalter, alles mufi so eingerichtet werden, daft die
Menschen zu dieser Hohe der Anschauung, von der eben gesprochen
warden ist, hinaufkommen konnen. Ich frage Sie nun: Wie weit ist
die heutige Menschheit nicht nur, wie weit ist die heutige Lehrerbil-
dung entfernt von der Einsicht in diese Dinge? Wie muU gearbeitet
werden, wenn diese Einsicht Platz greifen soli? - und sie mufi Platz
greifen, denn nur in diesem Platz-Greifen kann das Heil gesucht
werden.
Wenn man heute in die Lander kommt, die bereits die erste Revo-
lution hinter sich haben, was erfahrt man in bezug auf diese Dinge
aus Programmen fur sogenannte Einheitsschulen? Ja, was steht in die-
sen Programmen! Fiir denjenigen, der Einsicht hat in die Zusammen-
hange der Menschennatur, fiir den sind die sozialistischen Erzie-
hungsprogramme ein wahrhaf tiges Schreckbild, das Furchtbarste, was
man sich denken kann. Und das grofite Schreckbild, das heute aus-
zusinnen ist, das Furchtbarste, das vor die Menschheit hingestellt
werden kann, das sind die Schulprogramme, die Lehrplane und Lehr-
gange, und die Schulverfassung, die an den Namen Lunatscharski>
den Unterrichtsminister in Rutland, sich kniipft; das ist dasjenige,
was sich aufspielt in Rutland als Erziehungsprogramm, was der Mord
ist alles wirklichen Sozialismus. Aber auch in anderen Gegenden
Europas sind Erziehungsprogramme wahrhaft Krebsschaden, nament-
lich die sozialistischen Erziehungsprogramme, denn sie gehen aus
von einem schier unglaublichen Grundsatz; sie gehen aus von dem
Grundsatz, daft man die Schule schon so einrichten miisse, wie unge-
fahr im sozialen Organismus die Erwachsenen leben sollen. Ich habe
Schulprogramme gelesen, in denen als einer der ersten Grundsatze
steht: Das Rektorat soil abgeschafft werden; die Lehrer sollen auf
dem Standpunkt absoluter Gleichberechtigung stehen mit den Schu-
lern; es soil die ganze Schule aufgebaut sein auf Kameradschaftlich-
keit. Spricht man gegen einen solchen Grundsatz heute, ich will sagen
nur in Siiddeutschland, wo die Dinge viel weniger weit gediehen sind
als in anderen Gegenden Europas, dann wird man hingestellt
als jemand, der vom sozialen Leben iiberhaupt nichts versteht.
Dennoch, diejenigen Menschen, die es ehrlich meinen wurden mit
dem Aufstieg der Menschen zum wirklichen sozialen Organismus, die
miiftten vor alien Dingen sich klar sein dariiber, daft niemals ein
wirklicher sozialer Organismus entstehen kann mit dem sozialistischen
Erziehungsprogramm. Denn niemals, wenn der Sozialismus in der
Schule eingefiihrt wird, kann er im Leben sein. Nur dadurch werden
die Menschen reif zu einem sozial gerechten Zusammenleben, daft sie
gerade in der Schulzeit auf wirkliche Autoritat hin das Leben bauen.
Man muft sich iiberall heute klar machen, wie weit entfernt das ist,
was die Menschen treiben, was die Menschen sich vorstellen, daft es
kommen soli von dem, was Wirklichkeitssinn ist.
Nach der Geschlechtsreife, vom 14., 15. bis zum 21. Jahr ent-
wickelt sich bei dem Menschen ja nicht nur das geschlechtliche Liebes-
leben, sondern es entwickelt sich dieses geschlechtliche Liebesleben
nur als ein Spezialfall der allgemeinen Menschenliebe iiberhaupt; es
ist nur ein Spezialfall der allgemeinen Menschenliebe. Und diese
Kraft der allgemeinen Menschenliebe, die sollte in der Zeit, wenn die
Kinder die Schule verlassen und dann in die anderen Anstalten kom-
men oder in die Lehre kommen oder so etwas, da besonders gepflegt
werden. Denn niemals wird diejenige Konfiguration des Wirtschafts-
lebens, welche eine historische Forderung ist, durchgliiht sein konnen
von dem, von dem sie durchgliiht sein soil, von Bruderlichkeit, das
heiftt von allgemeiner Menschenliebe, wenn nicht in diesen Jahren
die allgemeine Menschenliebe entwickelt wird.
Bruderlichkeit im Wirtschaftsleben, wie sie angestrebt werden
muft fur die Zukunft, sie wird in den Menschenseelen nur sein, wenn
die Erziehung nach dem 15. Jahre so eingerichtet wird, daft gerade
mit aller Bewufttheit hingearbeitet wird auf die allgemeine Menschen-
liebe, wenn Weltanschauungsfragen, wenn die ganze Erziehung, die
auf die sogenannte Einheitsschule folgen soli, aufgebaut wird auf
Menschenliebe, iiberhaupt auf Liebe zur aufteren Welt.
Auf diesem dreifachen Erziehungs-Unterboden muft aufgerichtet
werden das, was der Zukunft der Menschheit erbliihen soil. Ohne daft
man wissen wird, der physische Leib, der ein Nachahmer ist, der
muft in der richtigen Weise ein Nachahmer werden, wird man in die-
sen physischen Leib hineinverpflanzen nur die animalischen Triebe.
Ohne daft man wissen wird, daft vom 7. bis 14. Jahre sich der Ather-
leib besonders entwickelt, der auf Autoritat hin sich entwickeln mufi,
wird sich im Menschen entwickeln nur die allgemeine Kulturschlaf-
rigkeit. Und diejenige Kraft, die notwendig werden wird fur den
Rechtsorganismus, sie wird nicht da sein.
Und ohne daft vom 14., 15. Jahre an die Kraft der Liebe, die an
den Astralleib gebunden ist, in vernunftiger Weise in alles, was Un-
terricht oder Lehre ist, hineingelegt wird, werden die Menschen nie-
mals ihren astralischen Leib entwickeln konnen, weil sie den astra-
lischen Leib nimmer zu einem freien Wesensgebilde im Menschen ge-
stalten konnen.
Die Dinge umschlingen sich. Daher muftte ich sagen:
Nachahmung, in der richtigen Weise, entwickelt Freiheit;
Autoritat - Recht,
Briiderlichkeit, Liebe - Wirtschaf tsleben.
Aber auch umgekehrt ist das. Wenn nicht in der richtigen Weise
die Liebe entwickelt wird, fehlt auch die Freiheit. Wenn nicht in der
richtigen "Weise die Nachahmung entwickelt wird, werden groft die
animalischen Triebe.
Sie sehen auch, wenn man dieses Problem anfaftt, ist Geisteswis-
senschaft die richtige Unterlage fur dasjenige, was gerade wegen der
groften historischen Forderungen, die heute iiber die Menschheit kom-
men, zum Kulturinhalte werden muft. Ohne diesen Kulturinhalt, der
nur aus der Geisteswissenschaft herausflieften kann und der iiber die
Menschheit kommen mu!5, konnen wir fortan wirklich nicht weiter
kommen.
Also die Fragen, die uns vorliegen, sie miissen in eine geistige At-
mosphare gebracht werden; das ist dasjenige, was als Uberzeugung
wird in die Menschenseelen einziehen miissen. Und noch einmal
mochte ich es betonen: Man mag diskutieren dariiber, wie lange oder
wie kurz es noch dauern kann, bis eine solche Uberzeugung in die Men-
schenseelen eindringt; aber jedenfalls, was unbewufk von den Men-
schen erstrebt wird - es ist keine Rede davon, daft es erreicht werden
kann, wenn diese Uberzeugung nicht in die Menschenseelen hinein-
kommt. Und ich glaube, Sie sehen daraus, welcher Zusammenhang
doch besteht zwischen dem, was in unserer Geisteswissenschaft auf
den einzelnen konkreten Gebieten getrieben worden ist, und dem-
jenigen, was sich aus der Not der Zeit heraus als die groften Zeit-
forderungen, als die geschichtlichen Forderungen und Notwendigkei-
ten der Menschheit fur die Gegenwart und fur die nachste Zukunft
ergibt. Das lag auch dem zugrunde, wenn ich oftmals hier sagte: Gei-
steswissenschaft soil im Zusammenhange betrachtet werden mit den
groften geschichtlichen Aufgaben der Gegenwart. Die Menschen sind
allerdings heute weit, weit weg, die Dinge so zu beurteilen, wie es
hier charakterisiert worden ist. Es mufi sich gewissermaften in der
Menschheit eine Spannung ergeben, eine Spannung der Unbefriedigt-
heit, damit aus dem Entgegengesetzten heraus, aus dem rein materiel-
len Streben, das Streben nach Spiritualitat, das Streben nach Geistig-
keit komme. Denn wie sollen sich die Menschen in der groften Frage,
die da kommt, zurechtfinden, in der Frage, die sie dazu gefuhrt hat,
unter Maja, unter Ideologic, gerade das Entgegengesetzte zu ver-
stehen?
Aber was ist herausgekommen? Sehen Sie, der Impuls, aus dem
die Menschenseelen des Orients und die Menschenseelen des Okzi-
dents denken, er ist ein verschiedener, faftt man ihn konkret ideell
auf. Aber er hat gewissermaften auch das Eigentiimliche an sich, daft
er eine gleiche Seelenstimmung iiber dem Orient und iiber dem Okzi-
dent erzeugt. Diese Seelenstimmung muE man auch ins Auge fassen.
Daft die Orientalen die auftere Welt als eine Maja bezeichnet haben -
es ist alt. Ihre grofte Bedeutung hatte die mystische Auffassung von
der Welt als einer Maja wahrhaftig in fruheren Zeiten; sie hat sie
nicht in der Gegenwart. Sie hatte sie friiher. Uber den Orient ist ge-
kommen, weil die Weltanschauung von der Maja gewissermaften ver-
altet ist, ein gewisses passives Sich-Hingeben an diese Weltanschauung
- ein Fatalismus, ein Fatalismus, der nach Europa hereingespielt hat
in der krassesten Weise im Tiirkentum. Fatalismus, Geschehenlassen
desjenigen, was geschehen will: Passivitat des menschlichen Willens.
Die abendlandische Anschauung von der Maja, sie ist im Grunde
genommen schon so aufgetreten, daft sie in der Atmosphare dieses
Fatalismus lebte.
Am prazisesten kam ja heraus diese Anschauung von der Ideo-
logic durch Karl Marx und Engels. Diese Anschauung von der Ideo-
logic ist die moderne sozialistische Lehre - diese Anschauung, wonach
alles Geistig-Seelische, das sich ergibt, aus der einzigen Wirklichkeit,
aus dem okonomischen Prozeft heraus stammt und eben eine Maja,
eine Ideologic ist.
Wie trat sie auf? Sie trat schon fatalistisch in die Welt ein. Was
war denn bis zur Weltkriegskatastrophe der auftere Ausdruck der
sozialistischen Lehre? Der auftere Ausdruck der sozialistischen Lehre
war der: Die Kapitalien sammeln sich an, konzentrieren sich, immer
groftere und groftere Kapitalisten oder kapitalistische Gruppen ent-
stehen, Trusts, Pools und so weiter; es wird sich der wirtschaftliche
Prozeft ganz von selbst abspielen, immer mehr und mehr Konzentra-
tion der Kapitalgruppen, bis derZeitpunkt eintritt, wo ganz von selbst
die Herrschaft iiber das Kapital iibergeht an das Proletariat. Man
braucht nichts dazu zu tun, das ist ein objektiver, wirtschaftlicher,
ein rein okonomischer Prozefi: Fatalismus.
Am Punkte des Fatalismus ist der Orient angelangt. Vom Punkte
des Fatalismus geht der Okzident aus, geht der Okzident aus gerade
bei der Majoritat der Bevolkerung. Fatalistisch ist die Majoritat der
Bevolkerung. Uber sich ergehen lassen dasjenige, was der Weltprozeft
bringen soil, das ist Prinzip des Orients geworden, das ist Prinzip des
Okzidents; nur daft dasjenige, in das man sich fatalistisch ergeben will,
fur den Orient ein Geistiges ist, fiir den Okzident ist es der materielle
okonomische Prozeft. Einseitig sieht man in die Weltentwickelung
des Menschen hinein. Oberschaut man die heutige menschliche Welt-
entwickelung, wie sie sich ergeben hat aus friiheren Zustanden, dann
haben wir aus dieser unserer Weltentwickelung ein geistiges Ele-
ment darinnen, das aber, wie gesagt, den Menschen schon zur Ideolo-
gic geworden ist. Worauf ist es aufgebaut? Es ist aufgebaut auf dem
Griechentum. Dasjenige im Grunde genommen, was der tiefste Im-
puls unserer Seelenverfassung ist, hat noch etwas Griechisches in
sich. Daher haben wir das Gymnasium, eine Nachahmung der grie-
chischen Seelenstruktur, fiir die Erziehung. In Griechenland war das-
jenige, was solche Seelenverfassung war fiir den Menschen, der her-
angewachsen war bis nahe an die Geschlechtsreife, etwas Natiirliches,
denn das Griechentum entwickelte sich so, daft die grofte Masse der
Menschen das arme Volk war, Sklaventum, Helotentum. Die Erobe-
rer waren von anderem Blute. Die Andersburtigen waren die Trager
des geistigen Lebens, die berechtigten Trager des geistigen Lebens.
Sie sehen das ganz besonders ausgedriickt in der griechischen Plastik.
Sehen Sie sich einen Merkur-Kopf an - ich habe das ofter auch hier
erwahnt — , mit den ganz anders stehenden Ohren, mit der ganz an-
ders stehenden Nase, mit den ganz anders stehenden Augen. Die Grie-
chen deuteten, indem sie den Merkur-Kopf ausarbeiteten, auf die-
jenige Bevolkerung hin, die sie erobert haben, diejenige Bevolkerung,
der sie iiberlieften die auftere Handelswirtschaft. Der Arier, im Zeus-
Kopf, Hera-Kopf, Athene-Kopf charakterisiert, er war derjenige,
dem durch Weltenmachte der Geist verliehen war.
Ja, glauben Sie nicht, daft das, was sich da als griechische Seelen-
struktur ausbreitete, etwas ist, was sich nur in der allgemeinen Seelen-
verfassung zum Ausdruck bringt! Das bringt sich zum Ausdruck bis
in die Wortbildung und Wortfugung der griechischen Sprache. Die
griechische Sprache ist so, daft sie auf einer aristokratischen sozialen
Seelenstruktur beruht. Das haben wir noch in unserem Geistesleben.
Daher haben wir keine Erneuerung des Geisteslebens erlebt, als der
Zeitpunkt, die Mitte des 15. Jahrhunderts heranruckte, sondern nur
eine Renaissance oder eine Reformation, keine Erneuerung unseres
Geisteslebens, nur eine Wiederauffrischung des Alten. Das haben wir
noch in unserem Geistesleben in uns.
Wir erziehen unsere Gymnasialjugend fremd dem Leben. Bei den
Griechen war es selbstverstandlich, daft sie die Jugend so erzogen
haben, wie unser Gymnasium erzieht, denn das war ihr Leben. Die
Griechen erzogen ihre Kinder und ihre Jugend so, wie ihr Leben war;
wir erziehen unsere Gymnasialjugend, wie das griechische Leben war.
Deshalb ist unser Geistesleben weltenfremd geworden, deshalb wird es
als Ideologic empfunden, deshalb hat es iiberall Gedanken, zu kurz,
um das Leben zu erfassen, vor alien Dingen handelnd und tatig in
das Leben einzugreifen.
Und neben diesem Elemente der Geistesbildung haben wir eine
merkwiirdige Rechtsbildung in uns. Es ist iiberall, auf alien Gebieten
nachzuweisen, wie in der Mitte des 15. Jahrhunderts ein machtiger
Einschnitt in der neueren Menschheitsentwickelung war. Das Getreide
ist heute teuer, und alles dasjenige, was aus Getreide fabriziert ist,
ist heute teuer. Es ist uberteuer! Forscht man nach, wann es iiber-
billig war in europaischen Landern, so kommt man ungefahr auf das
9., 10. Jahrhundert. Damals war es gerade so viel zu billig, als es
heute zu teuer ist. Und in der Mitte des 15. Jahrhunderts hatte es
einen normalen Preis.
Es ist interessant zu sehen, wie bis in den Getreidepreis hinein
dieser Zeitpunkt des 15. Jahrhunderts als der grofte Einschnitt der
Menschheit sich ergibt. Und was war die Folge, daft dazumal gerechte
Getreidepreise da waren iiber einen groften Teil von Europa hin? Die
alte Leibeigenschaft, die alte Horigkeit hatte dazumal gerade um die
Mitte des 15. Jahrhunderts teilweise angefangen aufzuhoren. Da
drang ein, um die beginnende Freiheit zu vernichten, das romische
Recht. Und wir sind durchsetzt auf dem Gebiete des Politischen, auf
dem Gebiete des Staatlichen von dem rdmischen Recht, wie wir in
bezug auf das Geistige durchsetzt sind von griechischer Geistes- und
Seelenstruktur. Wir haben nicht vermocht bis jetzt, auf dem Gebiete
des Rechtes etwas anderes zu erzeugen als eine Renaissance, die Re-
naissance des romischen Rechtes. Wir haben in unserem sozialen Or-
ganismus die griechische Geistesstruktur, die romische Staatsstruktur.
Das Wirtschaftsleben laftt sich nicht als Renaissance gestalten.
Denn man kann selbstverstandlich nach romischem Rechte leben,
nach griechischer Geistesstruktur die Kinder erziehen, oder die Ju-
gend erziehen, aber man kann nicht das essen, was die Griechen ge-
gessen haben, denn man wiirde nicht satt werden davon. Das Wirt-
schaftsleben muft gegenwartig sein. Und so ist denn das europaische
Zivilisations- Wirtschaftsleben das dritte Element. In diesen drei Ge-
bieten miissen wir, da sie chaotisch durcheinandergewiirfelt sind,
Ordnung schaffen. Es kann nur durch den dreigliedrigen sozialen Or-
ganismus geschehen.
Hochst einseitig haben das Leute wie Marx und Engels eingesehen,
indem sie erkannt haben: Es geht nicht mehr, mit demjenigen Geistes-
leben zu regieren, das vom Griechentum hergenommen ist; es geht
nicht mehr, mit demjenigen Rechtsstaat zu leben, der vom romischen
Recht herubergekommen ist. Bleibt uns nur das Wirtschaftsleben,
haben sie gesagt. Sie haben aber iiberhaupt nur gedacht an das Wirt-
schaftsleben. In der Zukunft, sagte Engels, diirfen nur noch Waren
verwaltet und Produktionsprozesse geleitet, nicht mehr Menschen
regiert werden. Das ist ebenso einseitig wie richtig - richtig, aber
furchtbar einseitig.
Es mufi das Wirtschaftsleben auf seinen eigenen Grund und Boden
gestellt werden. Innerhalb der wirtschaftlichen Gliederung des so-
zialen Organismus miissen nur Guter verwaltet und Produktionspro-
zesse geleitet werden. Das muft selbstandig werden. Wenn man aber
aus dem sozialen Organismus herauswirft das Rechtsleben und das
Geistesleben der fruheren Weise, dann mufi man sie in neuerer Weise
begrunden. Das heifit, wir brauchen dann neben dem Wirtschafts-
leben, das Guter verwaltet und Produktionsprozesse leitet, wir brauchen
daneben das demokratische Staatsleben, das auf die Gleichheit der
Menschen gebaut wird. Wir brauchen nicht bloft Renaissance des
romischen Rechtes, wir brauchen Neugeburt des Staatslebens auf der
Basis der Gleichheit der Menschen. Und wir brauchen nicht nur eine
Renaissance des Geisteslebens, wie sie eingetreten ist im Beginne der
Neuzeit, wir brauchen eine Neugestaltung, eine Neuschopfung des
Geisteslebens. Und wir miissen uns bewufit werden, vor dieser Neu-
schopfung des Geisteslebens miissen wir stehen.
Und mit dem, was im tiefsten Sinne in der Entwickelung der
neueren Menschheit lebt, hangt das zusammen, was ausgesprochen
werden sollte durch die Forderung der Dreigliederung des sozialen
Organismus. Das ist kein Einfall, das ist dasjenige, was herausgebo-
ren ist aus dem tiefsten Bediirfnis unserer Zeit; das ist dasjenige, was
im eminentesten Sinne der Gegenwart entspricht. Es gibt Leute, viele
Leute, die sagen, sie verstehen das nicht, es sei schwierig, sehr schwie-
rig. In Deutschland habe ich den Leuten gesagt, wenn sie immer wie-
derum davon gesprochen haben, dafl die Dinge schwierig zu ver-
stehen sind, daft ich allerdings diese Dinge unterscheide von dem,
was man gewohnt worden ist in den letzten vier bis fiinf Jahren zu
verstehen. Da hat man leicht gefunden, Dinge zu verstehen, die ich
nicht verstanden habe - so sagte ich -, die Dinge mufiten nur be-
f ohlen werden zu verstehen. Es muftte das grofte Hauptquartier oder
eine andere Instanz befehlen, daft die Dinge zu verstehen sind, dann
hat man sie sich sogar eingerahmt. Man hat sie verstanden, weil es
bef ohlen war, sie zu verstehen; jetzt kommt es darauf an, aus der
freien Menschenseele heraus etwas zu verstehen. Dazu ist es notig,
daft die Seelen aufwachen; das wollen sie so wenig. Darauf kommt es
aber an. Es ist nicht die Unverstandlichkeit der Sache, es ist der noch
nicht vorhandene Wille und der Mut, der noch fehlt, in diese Wirk-
lichkeit hineinzuschauen. Es ist ganz naturlich, daft dasjenige, was
aus einem ganz neuen Tone heraus zur Menschheit sprechen muft, in
anderen Satzen abgefaftt ist, als die Menschen es gewohnt sind bis
jetzt. Denn wir sind von drei anderen Dingen erfaftt, als von dem-
jenigen, was in dieser Dreigliederung gesprochen wird.
In dieser Dreigliederung wird eine Erneuerung des Geisteslebens
gefordert so, daft die Menschen wirklich einen Zusammenhang ihres
Seelischen empfinden mit dem objektiv geistigen Leben. Den haben
sie nicht, die Menschen. Denn wenn die Menschen heute sprechen,
so sprechen sie zum groften Teil Phrasen. Warum spricht man aber
Phrasen? Phrasen spricht man dann, wenn man keinen Zusammen-
hang hat mit dem, was die Phrasen bedeuten sollen. Weil den Men-
schen fehlt der Zusammenhang mit dem geistigen Leben, sind ihre
Worte zu Phrasen geworden.
Von Recht ist in den letzten Jahren viel gesprochen worden, von
der Aufrichtung des Rechtes innerhalb der Menschheit, der zivi-
lisierten Menschheit. Wie die Menschen mit Bezug auf das Recht weit
entfernt sind von der Wirklichkeit, das zeigen wohl die Ereignisse der
Gegenwart zur Geniige. Man hat naturlich bisher nicht urn Recht,
sondern nur um Macht gestritten, aber man hat vom Rechte geredet.
Und das Wirtschaftsleben: man hat keine Gedanken gehabt, um
dieses Wirtschaftsleben zu umspannen, daher sind dieTatsachen von
selbst abgelaufen. Das ist das Charakteristische im Wirtschaftsleben
gewesen, daft die Leute produziert und produziert haben, eben so,
wie ich es dazumal, im Friihjahr 1914 in Wien gesagt habe, wo ich
dieses Produzieren ein soziales Krebsgeschwiir genannt habe: pro-
duziert wurde und produziert und die "War en auf den Markt gewor-
fen, und der ganze wirtschaftliche Kreislauf sollte von selber gehen,
war nicht von Gedanken beherrscht. Ein chaotisches, planloses Wirt-
schaftsleben; ein Rechtsleben, das nur ein Machtleben ist; ein Geistes-
leben, das zur Phrase entartet ist: das ist die dreifache Gliederung,
die wir im Grunde genommen gehabt haben. Aus dieser dreifachen
Gliederung miissen wir heraus. Und wir kommen nur heraus, wenn
wir dasjenige ernst zu nehmen verstehen, was gerade mit der Drei-
gliederung gemeint ist.
Aber sehen Sie, es hangt zusammen mit dem, was im Grunde ge-
nommen doch nur verstanden werden kann, wenn man auf anthro-
posophisch orientierte Geisteswissenschaft zuriickgeht. Es hat ver-
stimmt, als ich einmal in einem offentlichen Vortrag vor einigen
Wochen einen Satz aussprach, der aber eine grtindliche, wirkliche Er-
kenntnis ist. Ich sagte: Die leitenden, fiihrenden Kreise der Gegen-
wart diirfen sich nicht mehr verlassen auf ihr Gehirn, das dekadent
ist. Sie miissen sich aufschwingen, dasjenige zu begreifen, wozu man
das Gehirn nicht braucht, wozu man den Atherleib braucht. Denn
die Gedanken, die gefaftt werden sollen in anthroposophisch orien-
tierter Geisteswissenschaft, die bediirfen desGehirnes nicht. Die leiten-
den, fiihrenden Kreise, das Biirgertum von heute, muft sich bequemen,
schon wegen seiner physiologischen Entwickelung, geistiger Erkennt-
nis sich hinzugeben, etwas zu pflegen, das man auch pflegen kann mit
dekadenten Gehirnen.
Das Proletariat strebt herauf, Das hat ein noch unverbrauchtes
Gehirn. Die Zitrone ist noch nicht ganz ausgequetscht; da kommt
noch etwas im Gehirn von Atavistischem heraus. Daher versteht das
Proletariat heute noch dasjenige, was im Sinne einer neueren Ord-
nung der Dinge gesagt wird. Und heute liegen die Dinge so, daft im
Grunde genommen das gesamte Proletariat fur diese Dinge zugang-
lich ware, nur die Fuhrer nicht, denn die sind verbiirgerlicht; die
sind groftere Spiefter als die wirklichen Spiefter. Sie haben das
Spieftertum iibernommen, und sie haben es zu einer gewissen Hohen-
kultur ausgebildet. Aber auf der anderen Seite besteht ein furcht-
barer Gehorsam. Dieser Gehorsam, der wird erst gebrochen werden
miissen. Eher gibt es auch auf diesem Gebiete kein Heil.
Sie sehen, die Dinge liegen schon einmal in der Gegenwart kom-
plizierter, als man sich gewohnlich einbildet, und sie liegen so, daft
im Grunde genommen nur die Wissenschaf t der Einweihung zur wirk-
lichen Erfassung der sozialen Probleme der Gegenwart fiihren kann.
Sie finden drei Begriffe: Sie finden sie auch in meinem Buche «Die
Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der
Gegenwart und Zukunft», das ich allerdings geschrieben habe nicht
nur fur Anthroposophen, sondern fur das grofte Publikum. Sie fin-
den da drei wichtige Begriffe im gegenwartigen sozialen Leben. Da
ist der Begriff der Ware oder des Erzeugnisses, des Gutes, das man
fur das Wirtschaftsleben hat. Ein weiterer wichtiger Begriff ist der
Begriff der Arbeit. Und ein dritter wichtiger Begriff ist der Begriff
Kapital. An diesen drei Begriffen hangt im Grunde genommen das
soziale Erkennen der Gegenwart.
Was haben die Menschen schon alles gesagt an sozialer Wissen-
schaft, um diese drei Begriffe zu durchdringen! Wer kennt, was
namentlich in der zweiten Halfte des 19. Jahrhunderts an National-
okonomen in der Wissenschaft heraufgekommen ist, um diese drei
Begriffe Ware, Arbeit und Kapital zu durchdringen, der weift, was
geleistet worden ist an unmoglicher Wissenschaft, denn alle diese
Wissenschaft reicht nicht aus. Ein niedliches Beispiel habe ich neulich
einmal vorgefiihrt. Der beriihmte Professor Lujo Brentano, die
Leuchte der nationalokonomischen Wissenschaft Mitteleuropas in der
Gegenwart, hat neulich einen Artikel geschrieben, der heiftt: «Der
Unternehmer.» Da entwickelt er die Kennzeichen des Unterneh-
mers, drei Kennzeichen des Unternehmers. Ich will nur das dritte
Kennzeichen des Unternehmers im Sinne des Brentano Ihnen sagen.
Dies dritte Kennzeichen ist, daft man die Produktionsmittel anwendet
auf eigene Rechnung und Gefahr. Nicht wahr, der Unternehmer ist
Besitzer der Produktionsmittel und unternimmt die Produktion fur
den Markt auf eigene Rechnung und Gefahr. Nun ist der Begriff
des guten Brentano, der die Leuchte der gegenwartigen Universi-
tats-Nationalokonomie ist, so geschiirzt, daft Lujo Brentano in dem-
selben Artikel glucklich herausbekommt, wer noch ein Unternehmer
ist aufter dem Fabrikant und aufter demBetriebsunternehmer: Das ist
namlich der moderne Arbeiter. Der moderne Arbeiter ist ein Unter-
nehmer, weil er ja die Produktionsmittel hat, namlich seine eigene
Arbeitskraft, und die bietet er auf dem Markte an auf eigene
Rechnung und Gefahr. Der Begriff des Herrn Lujo Brentano iiber
den Unternehmer ist so klar, daft der Arbeiter auch unter diese Un-
ternehmer fallt. So gescheit, sehen Sie, ist die heutige okonomische
Wissenschaft! Es ist zum Lachen. Aber man kann sich heute nicht
aufraffen zu diesem Lachen, weil noch die Universitaten die fiih-
renden Stellungen einnehmen in dem Geistesleben. Die Universita-
ten erzeugen aber diese Dinge auf dem Gebiete der Nationalokono-
mie. Man will sich nicht gestehen, man hat nicht den Mut dazu, sich
zu gestehen, daft lacherliches Zeug produziert wird auf diesem Ge-
biete. Die Dinge sind eben furchtbar.
Aber diese Dinge miissen unbedingt ins Auge gefaftt werden; und
gefragt muli werden: Woher kommt es denn, daft gerade iiber die
sozialen Begriffe, die heute zur brennenden Tagesfrage werden, daft
gerade iiber die sozialen Begriffe alle Wissenschaft nicht ausreicht?
Es wiirde mir eine Befriedigung sein, wenn ich gerade iiber diese Frage
Ihnen bei meinem hiesigen Aufenthalte Genaueres sagen konnte.
Heute will ich nur, ich mochte sagen, wie referierend anfiihren, war-
um das so ist.
So bloft okonomisch der Begriff Ware auch ist, er kann nie
gepragt werden mit gewohnlicher Wissenschaft. Sie kommen zu dem
Begriff von Ware nicht, wenn Sie nicht imaginative Erkenntnisse zu-
grunde legen. Sie konnen den Begriff Ware nur begreifen, wenn
Sie imaginative Erkenntnisse zugrunde legen. Und Sie konnen die Ar-
beit im Sozialen, Dkonomischen nicht begreifen, wenn Sie nicht in-
spirierte Erkenntnisse zugrunde legen. Und Sie konnen das Kapital
nicht definieren, wenn Sie nicht intuitive Erkenntnisse zugrunde
legen.
Der Begriff der Ware fordert Imagination; Tafel r :
der Begriff der Arbeit fordert Inspiration;
der Begriff des Kapitals fordert Intuition.
Zu den Tafelzeichnungen siehe S. 118.
31
Und werden sie nicht so formuliert, diese Begriffe, kommt immer
konfuses Zeug heraus,
Daran konnen Sie im speziellen sehen, warum konfuses Zeug her-
auskommen muft. Warum definiert Lujo Brentano den Kapital-Be-
griff, der zusammenfallt mit dem Unternehmer-Begriff, so, daJS der
Arbeiter auch ein Kapitalist ist bei ihm, namlich ein Unternehmer?
Weil er natiirlich ein sehr gescheiter Herr der Gegenwart ist, aber
keine Ahnung davon hat, dafi, um einen wirklichen Begriff von Ka-
pital zu gewinnen, intuitive Erkenntnis notwendig ist!
Allerdings, es kommt das auf einem Umweg zustande. Die Bibel
deutet etwas auf diesen Umweg, indem sie vom Kapitalismus als dem
Mammonismus spricht. Da bringt sie allerdings mit einer besonderen
Art von Geistigkeit das Kapital in Zusammenhang. Aber Geistigkeit
kann man ja nur durch Intuition erkennen. Will man die im Kapita-
lismus wirkende Geistigkeit, den Mammonismus erkennen, so braucht
man Intuitionen. In der Bibel steht es schon drinnen. Aber heute brau-
chen wir eben eine Welterkenntnis, die das ins Moderne heraufhebt.
Versucht rauS werden, diese Dinge, die man heute noch fur
irgend etwas Verschrobenes halten wird, gerade sachkenntnismaftig
zu durchdringen. Wirkliche Sachkenntnis auf diesem Gebiete, die
wird aber iiberall ergeben die Notwendigkeit der Durchdringung so-
zialer Anschauungen mit echter, wahrer Geisteswissenschaft. Das ist
dasjenige, was dem unbefangenen Beobachter des Lebens sich heute
wirklich aufdringen mufi. Erinnern Sie sich nur selber, soweit Sie
dort waren, an eine denkwiirdige Frage, die imBernoulltanum in Basel
vor meiner Abreise nach einem Vortrage gestellt worden ist, wo ein
Mensch in die Diskussion die Frage einwarf : Wie kann man dahin
kommen, daft Lenin Weltherrscher werde? Denn eher sahe er kein
Heil, nach seiner Ansicht, bevor nicht Lenin Weltherrscher wird. -
Denken Sie, was das fur eine Konfusion bedeutet! Das bedeutet dieses,
daft diejenigen Menschen, die sich heute am radikalsten gebarden,
am reaktionarsten sind. Sozialismus wollen sie; man miilke anfan-
gen vor alien Dingen die Herrschaftsverhaltnisse zu sozialisieren;
aber man beginnt den Sozialismus mit der universellen Wirtschafts-
monarchie des Lenin! Man fangt nicht einmal an zu sozialisieren
bei den Herrschaftsverhaltnissen. So grotesk treten einem heme die
Dinge entgegen! Solche Dinge bleiben wirklich denkwiirdig, wenn
einem gesagt wird: Lenin sollte Weltherrscher werden. Aber so ste-
hen die Dinge heute. Diejenigen Menschen, die glauben, die aufge-
klartesten Begriffe zu haben, die haben die verkehrtesten Begriffe;
und man wird nicht zu einer Klarheit kommen auf diesem Gebiete,
wenn man sich nicht einlassen wird darauf, diese Klarheit voll aus
der Geisteswissenschaft aufzusuchen.
ZWEITER VORTRAG
Dornach, 10. August 1919
Will man verstehen, was anthroposophische Geisteswissenschaft als
Aufgabe in der Gegenwart und nachsten Zukunft hat, dann mufi
man, wie wir das vor einiger Zeit und auch gestern wieder gehort
haben, in Betracht Ziehen, welchen Charakter die Menschheitsent-
wickelung gerade seit der Mitte des 15. Jahrhunderts angenommen
hat. Schliefilich hangt ja alles dasjenige, was in der Gegenwart ge-
schieht, davon ab, dafi seit der Mitte des 15. Jahrhunderts in der
Menschheit der Antrieb lebt, sich als einzelmenschliche Individuality
auf die Spitze der Personlichkeit zu stellen, eine ganze Personlichkeit
zu werden. Solches war nicht moglich, und es war gar nicht die Auf-
gabe der Menschheit in fruheren Epochen unserer nachatlantischen
Menschheitsentwickelung. Will man den grofien Umschwung ver-
stehen, in dem wir drinnen stehen, dann mufi man solche Dinge noch
genauer ins Auge fassen, wie die sind, die ich gestern wieder charak-
terisiert habe.
Ich sagte Ihnen: Wir haben in unserem Geistesleben noch immer
griechische Seelenverfassung. Die Art und Weise, wie wir unsere Ge-
danken bilden, die Art und Weise, wie wir gewohnt sind uber die
Welt zu denken, ist eigentlich ein Nachklang der griechischen Seelen-
verfassung. Und die Art und Weise, wie wir heute gewohnt sind das
Recht anzuschauen und alles dasjenige, was mit dem Rechte zu-
sammenhangt, das ist ein Nachklang der romischen Seelenverfassung.
Unseren Staat sehen wir ja immer noch an als dasjenige Gebilde, das
im Grunde das romische Reich war. Und erst wenn man einsehen
wird, wie einschlagen mufi in diese chaotische Gegenwart die Drei-
gliederung des sozialen Organismus, wird man klar erkennen und
klar wollen konnen.
Griechische Seelenverfassung, sie ist hauptsachlich ja dadurch be-
stimmt, dafi in Griechenland im eminentesten Sinne das vorhanden
war, was bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts tonangebend uber-
haupt in der geschichtlichen Entwickelung war. Ober das griechische
Territorium hin war verbreitet eine unterworfene Bevolkerung und
die Eroberer, diejenigen, die den Boden fiir sich in Anspruch nah-
men, die aber auch, sich berufend auf ihre Blutsabstammung, die
Geistigkeit des alten Griechenland bestimmten. So daft man sich gar
nicht zurechtfindet in der Seelenverfassung des alten Griechenland,
wenn man nicht das ins Auge faftt, daft dort es als berechtigt ange-
sehen wurde, so zu denken iiber die sozialen Menschheitszusammen-
hange, wie es sich ergab aus der Blutseigentiimlichkeit der arischen
Erobererbevolkerung. Natiirlich ist die Menschheit der neueren Zeit
herausgewachsen iiber dasjenige, was da bei den Griechen zugrunde
lag. Bei den Griechen war es einfach selbstverstandlich, daft es Men-
schen zweier Sorten gab, daft es Menschen gab, die gewissermaften
den Merkur anzubeten, und Menschen, die den Zeus anzubeten
hatten. Diese zwei Menschenklassen waren streng voneinander ge-
schieden. Aber man dachte iiber die Welt und ihre Gotter so, wie das
Eroberer vol k durch seine Blutsabstammung denken muftte. Alles war
bestimmt durch das, was sich ergeben hat im Zusammenstoften eines
eroberten und eines Eroberervolkes. "Wer genauer zusieht auf dasjenige,
was heute in unserer sozialen Gegenwart unter den Menschen lebt,
der wird eben erkennen, daft wir zwar nach unserem Gefuhl, nach
dem, was unterbewuftt in unseren Seelen lebt, nicht mehr zugeben
diesen Aristokratismus der "Weltanschauung; aber dieser Aristokra-
tismus der Weltanschauung, er lebt noch in unseren Ideen, in unse-
ren Begriffen, besonders dann, wenn wir durch die hohere Schule
herangebildet werden. Die hohere Schule, namentlich das Gymnasium,
bildet alles, was zum Unterricht gehort, so aus, wie es nur eine Re-
naissance, ein Nachklang des Griechentums ist. Und erst recht die
Hochschule, mit Ausnahme der technischen, der landwirtschaftlichen
Hochschulen, die ja aus dem neueren Leben heraus gebildet werden
mufiten, die aber in ihrer aufteren Struktur leider nachgebildet wor-
den sind demjenigen, was als Struktur des Hochschulwesens von Grie-
chenland herubergekommen ist. Gerade wenn man hoch schatzt das
Griechentum in seiner Zeit und fiir seine Zeit, dann muft man auf
der anderen Seite sich ganz klar dariiber sein, daft fiir unsere Zeit eine
Erneuerung des Geisteslebens notwendig ist, daft fiir unsere Zeit im-
mer unertraglicher werden wird die Fiihrung der Menschheit durch
solche Seelen, welche die Konfiguration ihrer Begriffe, die Artung
ihrer Begriffe in unserer Gymnasial-Mittelschule erhalten haben. Und
natiirlich stecken ja in alien fuhrenden Stellen heute noch diejenigen
Leute, die ihre Begriffsbildung bekommen haben aus den Mittel-
schulen, den Gymnasien. Es ist heute schon notwendig, daft man sich
bekannt mache damit, daft die Zeit der groften, nicht die Zeit der
kleinen Abrechnung da ist, und daft man iiber solche Dinge sachge-
maft denken muft, nicht festhalten kann an alten Denkgewohnheiten.
Sie wissen ja, daft dann dasjenige, was im Griechentum aus dem
Blute heraus sich gebildet hat, im Romertum abstrakt geworden ist.
Das habe ich hier schon einmal erwahnt. Wahrend das griechische
Sozialwesen - das man ja nicht ein Staatswesen nennen kann - ganz
herausgegangen ist, heraus sich gebildet hat aus der Blutsbiirtigkeit,
ging dieses aus dem Blute stammende auf das Romertum ja nicht
mehr iiber. Auf das Romertum ging iiber der Drang, noch so zu glie-
dern, wie man in Griechenland gegliedert hat; aber man fiihlte die
Ursache zu dieser Gliederung nicht mehr im Blute. Und wahrend es
keinem Griechen der alteren Zeit in den Sinn gekommen ware, daran
zu zweifeln, daft es Menschen «niederer» Sorte, Menschen des er-
oberten Volkes gibt und Menschen «hoherer» Sorte, Arier, war das
bei den Romern nicht so. Man trug schliefilich innerhalb des romi-
schen Imperiums stark in sich das Bewufttsein, daft die Gliederung
des sozialen Wesens iibertragen worden ist durch Macht, durch Ge-
wait. Sie brauchen sich nur daran zu erinnern, daft ja schlieftlich die
Romer ihren Ursprung zuriickverfolgten bis zu jener Sammlung der
Rauber in der Nahe von Rom, die man zusammenberufen hat, um als
Rauberbande Rom zu begriinden; daft man auch nicht von zarter
Muttermilch den Griinder Roms saugen lieft, sondern, wie Sie wissen,
im Walde von einem Tiere saugen lieft, von einer Wolfin.
Das alles sind Dinge, die im romischen Wesen so aufgenommen
worden sind, und die dazu gefiihrt haben, daft man in Rom mehr aus
abstrakten Begriffen alles gegliedert hat, was soziale Gliederung war.
Daher ist von romischer Seelenverfassung ausgegangen dasjenige, was
uns in bezug auf die Rechts- und Staatsbegriffe geblieben ist.
Sehen Sie, bei solch einer Geschichte mud ich mich immer er-
innern an einen alten Freund. Ich lernte ihn kennen, als er schon
ziemlich alt geworden war. Er hatte namlich in der Jugend, mit
18 Jahren, ein Madchen lieb gewonnen, hatte sich sozusagen im
stillen mit ihm verlobt, aber sie hatten beide nichts, konnten nicht hei-
raten, und so warteten sie, blieben einander treu. Er war 18 Jahre alt,
als er sich verlobte, und als er daran denken konnte, sich zu verhei-
raten, da war er 64 Jahre alt, denn da hatte er sich erst soviel erwor-
ben, daft er glauben konnte, jetzt konne er solch einen Schritt wagen.
Da ging er denn in seinen Heimatort zuriick, es war in der Nahe von
Salzburg, und wollte dort die vor so langer Zeit Auserkorene heira-
ten. Aber siehe da, die Kirche mit dem Pfarrhaus war abgebrannt,
und der Taufschein war nicht mehr zu kriegen. Es war nirgends
eingetragen, wo der Mann getauft worden war, und so glaubte man
ihm nicht, daft er einmal geboren worden ist. Ich weift mich noch
lebhaft zu erinnern, wie sein Brief kam. Ich wohnte dazumal in
der Nahe von Wiener-Neustadt, da kam sein Brief, und da sagte er
in diesem Brief - er war in Wiener-Neustadt damals beschaftigt ge-
wesen, aber er war in seinen Heimatort in die Nahe von Salzburg
gereist -, da sagte er in diesem Brief: Ja, ich glaube doch, daft es
ganz evident ist, daft ich geboren worden bin, weil ich nun einmal
da bin; aber die Leute, die glauben nicht, daft ich geboren bin, weil
kein Taufschein da ist!
Ich hatte auch einmal ein Gesprach mit einem Advokaten, der
sagte: Ja, bei einem Prozeft ist es uns gar nicht so sehr wichtig, ob
der Mensch vorhanden ist oder nicht, wir brauchen nur den Geburts-
schein.
Sehen Sie, an diese Geschichten muft man sich immer wieder er-
innern, denn so grotesk treten sie einem naturlich da oder dort ein-
mal entgegen. Aber auch die Stimmung, die in diesen Geschichten
lebt, zeigt schlieftlich, daft auf romisches Wesen noch unser ganzes
offentliches Leben gebaut worden war, in einem Gebiete mehr, in dem
anderen Gebiete weniger. Nicht wahr, man ist Burger in der Welt
heute doch nicht dadurch, daft man Mensch geworden ist und als
Mensch dasteht, sondern man ist Burger in der Welt dadurch, daft
man als Burger da oder dort anerkannt und eingeschrieben ist. Diese
Dinge, die sind alle zuriickzufiihren auf romisches Wesen. Die Bluts-
biirtigkeit ist iibergegangen in die Registrator.
Dies fuhrt dazu, daft ja heute, wo diese Dinge in der Dekadenz,
im Verfall sind, viele Menschen iiberhaupt nicht mehr wert zu sein
glauben desjenigen, was sie als Mensch wert sind, sondern glauben
etwas wert zu sein dadurch, daft sie in irgendeiner Beamtenhierarchie
eingereiht sind, diesen oder jenen Beamtenrang haben. Man ist viel
lieber etwas Unpersonliches aus den romischen Rechtsbegriffen her-
aus als eine Personlichkeit. Nun ist in der Menschheit seit dem 15.
Jahrhundert unbewuftt, unterbewuftt das Streben, alles auf die Spitze
der Personlichkeit zu bauen. Dies bezeugt uns, daft mit Bezug auf
unser Geistesleben und mit Bezug auf unser Rechtsleben die Zeiten
alt geworden sind, daft wir in bezug auf beide eine Erneuerung
brauchen, eine wirkliche Erneuerung brauchen. Es hangt das zusam-
men, was da als Erneuerung sich in Menschenseelen geltend machen
soil, mit vielen tieferen Impulsen der Menschheitsentwickelung iiber-
haupt.
Fiihren Sie noch einmal vor Ihre Seele, daft seit der Mitte des
15. Jahrhunderts die neuere Menschheitsentwickelung in bezug auf
die Erkenntnis besonders erfiillt worden ist mit der naturwissenschaft-
lichen Denkweise, und zwar hauptsachlich mit jener naturwissen-
schaftlichen Denkweise, die auf abstrakte Naturgesetze gebaut ist,
die gebaut ist auf die sinnliche Anschauung und auf die Gedanken,
die man sich iiber diese sinnliche Anschauung macht. Etwas anderes
will man nicht gelten lassen als dasjenige, was aus der sinnlichen
Anschauung kommt und dasjenige, was man sich an Gedanken iiber
diese sinnliche Anschauung macht. Nun habe ich Sie gestern - ich
habe es ja auch vor meinem letzten Weggehen hier erwahnt - wie-
der aufmerksam darauf gemacht, daft es heute schon geniigend viele
Leute gibt, welche der rechtmafiigen Auffassung sind, daft mit einer
solchen Naturanschauung, wie wir sie in der eben beschriebenen Weise
uns aneignen, man nur zu einem Gespensterbild von der Natur
kommt. Das, was der Naturforscher als Bild von der Welt sich
macht, ist ein Gespenst von der Welt, ist nicht die wirkliche Welt.
So daft wir sagen miissen: Die Menschheit ist seit der Mitte des 15.
Jahrhunderts in der Lage, ein gespenstisches Bild von der "Welt
sich zu machen mit Bezug auf ihre eine Halfte. Dahinter steckt aber
fiir die Wissenschaft der Einweihung etwas sehr Tiefes, und dieses
miissen wir uns auch einmal vor die Seele fiihren.
Sehen Sie, an der sinnlichen Anschauung als solcher kann man
nicht herumkorrigieren; selbst ob man sie als Maja oder sonst etwas
ansieht, ist im Grande genommen fiir eine tiefere Weltanschauung
gleichgultig. An der sinnlichen Anschauung selbst kann man nicht
herumkorrigieren; sie ist das, was sie ist. Eine rote Blume ist eine
rote Blume; ganz gleichgultig, ob wir sie als Maja oder als eine Wirk-
lichkeit ansehen, sie ist das, was sie ist. Und so ist die ganze sinn-
liche Anschauung das, was sie ist. Die Diskussion beginnt erst in dem
Augenblicke, wo wir uns Gedanken iiber diese sinnliche Anschauung
machen, wo wir diese sinnliche Anschauung als dies oder jenes an-
schauen, als dies oder jenes interpretieren. Da beginnt erst die Schwie-
rigkeit. Und warum beginnt da die Schwierigkeit? Sie beginnt aus
dem Grunde, weil die Begriffe, die wir uns seit dem 15. Jahrhun-
dert als Menschen bilden miissen, andere Begriffe sind als die friihe-
ren Menschheitsbegriffe. Das betrachtet man in der heutigen Ge-
schichte, die eine «fable convenue» ist, wie ich ofter gesagt habe,
durchaus nicht im richtigen Sinne. Wer die Moglichkeit hat, einzu-
gehen auf die Menschheitsbegriffe vor der Mitte des 15. Jahrhun-
derts, der weift, daft diese Menschheitsbegriffe voller innerer Bildlich-
keit waren, daft diese Begriffe eigentlich Imaginationen waren. Die
Abstraktheit der Begriffe, sie ist erst so vorhanden, wie sie jetzt ist,
seit der Mitte des 15. Jahrhunderts.
Warum haben wir uns als Menschheit so entwickelt, daft wir seit
der Mitte des 15. Jahrhunderts diese abstrakten Begriffe haben, auf
die wir heute so stolz sind, in denen wir uns immer wieder und
wieder bewegen? Warum entwickeln wir als ganze Menschheit diese
abstrakten Begriffe? Sehen Sie, diese abstrakten Begriffe, die wir
als ganze Menschheit uns bilden, die haben das Eigentiimliche, daft
sie auf die sinnliche Welt zwar angewendet werden von uns, aber
eigentlich fiir diese sinnliche Welt gar nicht taugen. Sie taugen nichts
fur die sinnliche Welt. Ich habe das in meinen «Ratseln der Philo-
sophie» in einer solchen Weise ausgesprochen, daft ich damals sagte:
Wie der Mensch sich Erkenntnisbegriffe bildet iiber die Aufienwelt,
das ist eine Seitenstromung seiner Seelenentwickelung. Geradeso, wie
wenn man sich ein Samenkorn, sagen wir, in der Erde denkt, das ist
ja eigentlich von der Natur dazu bestimmt, wiederum Pflanze zu
werden; viele Samenkorner aber vermahlen wir zu Mehl und essen
sie als Brot. Aber das ist doch nicht im Samenkorn vorausbestimmt!
Das ist eine Seitenentwickelung, wenn wir fragen: Enthalt das Sa-
menkorn diejenigen chemischen Bestandteile, die wir zum Aufbau un-
seres Leibes brauchen? Es liegt nicht in der Natur, im Wesen des
Samenkorns, des Weizens, des Roggens, uns zu nahren, sondern aus
Korn neuen Weizen oder Roggen hervorzubringen. So liegt es nicht
in unserer Natur, durch unsere Begriffe, die wir uns seit dem 15.
Jahrhundert aneignen, die Auftenwelt aufzufassen, sondern etwas
anderes soil uns aus diesen Begriffen werden, wenn wir uns richtig
in ihr Wesen hineinbegeben. Diese Begriffe, welche die Menschen
heute seit der Mitte des 15. Jahrhunderts entwickeln, die sind nam-
lich die Schattenbilder desjenigen, was wir, bevor wir herunterge-
stiegen sind aus der geistigen Welt durch die Empfangnis, in der
geistigen Welt erlebt haben. So daft Sie sich vorstellen konnen - ich
habe schon ofter auf solche Dinge aufmerksam gemacht (es wird ge-
zeichnet): da ist die Geburt oder Empfangnis, das Menschenleben
geht so: wenn Sie sich das vorstellen, so sind eigentlich unsere Be-
griffe, unsere Begriffskrafte, die in uns sind, die Nachklange des-
jenigen, was wir erleben vor unserer Geburt oder Empfangnis
(siehe Zeichnung). Und wir mifibrauchen eigentlich unser Begriffs-
system, indem wir es anwenden auf die auftere Sinneswelt.
Sehen Sie, das liegt der Goetheschen Naturauffassung zugrunde.
Goethe will nicht Naturgesetze durch Begriffe ausdrikken; er will
Taf el 2
Urphanomene, das heiftt zusammengestellte auftere Anschauungen,
weil er ein Gefiihl dafiir hat, daft unser Begriffsvermogen nicht un-
mittelbar angewendet werden kann auf die auftere Natur. Unser Be-
griffsvermogen mussen wir als reines Denken ausbilden. Und bilden
wir es als reines Denken aus, dann weist es uns auf unser vorgeburt-
liches geistiges Dasein. Wir haben eigentlich unser heutiges eigen-
tumliches Denken dazu, um unsere geistige Wesenheit, bevor wir mit
einem physischen Leib umkleidet worden sind, in diesem reinen Den-
ken zu erreichen. Und ehe die Menschheit nicht begreift, daft sie ihr
Denken hat, um sich als Geist zu begreifen, eher ist noch nicht eigent-
lich die Aufgabe des fiinften nachatlantischen Zeitraumes in die
Menschenseelen eingezogen. Unsere Naturwissenschaft wurde gewis-
sermaften in unser Menschheitsschicksal hineinverdrangt, damit wir
bei der reinen Natur bleiben, nicht iiber sie spekulieren, sondern nur
unsere Begriffe so verwenden, daft wir sie anschauen in der richtigen
Weise, dann aber unsere Begriffe ausbilden, um zu schauen, wie wir
als Geist waren, bevor wir durch Empfangnis und Geburt mit einem
physischen Leib umkleidet worden sind. Die Menschen glauben heute
noch, daft sie mit ihrem Begriffsvermogen bloft die auftere sinnliche
Anschauung klassifizieren sollen und so weiter; sie werden erst recht
tun, wenn sie die Gedanken, welche sie haben seit der Mitte des 15.
Jahrhunderts, anwenden auf die geistige Welt, in der sie waren, be-
vor sie mit einem physischen Leib umkleidet worden sind.
So ist der Mensch des fiinften nachatlantischen Zeitraumes selber
gezwungen auf das Geistige, Vorgeburtliche hin, und so ist der
Mensch noch durch etwas anderes in eine eigentiimliche Situation
versetzt, die er ausbilden muft, die er weiterbringen muft. Parallel
geht ja der naturwissenschaftlichen Gespensteranschauung der Indu-
strialismus. Ich habe auch darauf schon gestern aufmerksam ge-
macht. Und das Hauptsachlichste des Industrialismus ist, daft die
Maschine, der Trager des Industrialismus, geistig durchsichtig ist. Es
bleibt nichts unverstandlich. Ich habe Sie gestern darauf aufmerk-
sam gemacht, wie am Mineral selbst noch etwas undurchsichtig bleibt;
die Maschine ist ja ganz durchsichtig. Das aber hat zur Folge, daft
der menschliche Wille, der sich auf die Maschine richtet, sich in
Wahrheit nicht auf eine Realitat richtet, nicht auf eine Wirklichkeit
richtet. Die Maschine ist im Grunde genommen ein Schimare fiir die
umfassende Weltwirklichkeit. Und der Industrialismus bringt in
unser Leben etwas hinein, was den Willen der Menschen sinnlos
macht in einem hoheren Sinne. Es wird ein tiefer Einschlag sein,
wenn einmal voll hineingetragen wird in die neuere Menschheit die
Oberzeugung, dafi die Maschine und alles, was in ihrem Gefolge
als Industrialismus ist, den menschlichen Willen sinnlos macht. Wir
sind heute schon auf dem Hohepunkt der Maschinenwirksamkeit
angekommen, denn ein Viertel von dem, was heute auf der Erde
hervorgebracht wird, wird nicht durch Menschenwillen hervorge-
bracht, sondern durch Maschinenkraft - ein Viertel davon! Das be-
deutet etwas Aufierordentliches. Der menschliche Wille lebt nicht
mehr mit Sinn hier auf der Erde.
Sehen Sie, wenn Sie so etwas wie zum Beispiel die Reden von Ra~
bindranath Tagore lesen, dann miiiken Sie eigentlich in diesen Reden
etwas verspiiren, was dem Europaer, wenn er den gewohnlichen Euro-
paer- Verstand, den gewohnlichen Europaer-Intellekt anwendet, un-
verstandlich bleibt. Es herrscht ein anderer Grundton in dem, was
heute der gebildete Asiate sagt, weil dem gebildeten Asiaten einfach
dieses Angepafttsein des europaischen Geistes an die Maschine etwas
ganz Unverstandliches ist, etwas Sinnloses ist. Fiir den Orientalen
ist das Wirken durch die Maschine, durch den Industrialismus, etwas
Sinnloses. Und etwas ebenso Sinnloses ist fiir den Orientalen - ob
man es nun in Europa glaubt oder nicht - die im Maschinenzeitalter
geborene europaische Politik. Auch damit verbindet der Orientale
keinen Sinn. Da kommt es durchaus zum Ausdrucke, wenn der ge-
bildete Orientale spricht, dafi fiir ihn dieses eine Viertel des Gesche-
hens - es wird ja nicht im Oriente von den alten orientalisch gebil-
deten Menschen, sondern eigentlich nur von den okzidentalischen
Menschen und ihren Nachahmern, den Japanern und so weiter ge-
tan dieses eine Viertel der Arbeit der Menschen der Gegenwart
als sinnlose Arbeit empfunden wird, weil der Orientale, der noch viel
atavistisches Anschauungsvermogen hat, weift, daft alles dasjenige,
was der Mensch in die Maschine hineinsteckt als Arbeit, eine ganz
bestimmte Eigentiimlichkeit hat. Wenn der Mensch sein Pferd, das
an den Pflug gespannt ist, durch die Ackerfurche fahren laftt und
er mit dem Pferde arbeitet, so hat diese Arbeit mit dem Pferde, wor-
innen noch Naturkraft mitarbeitet, einen Sinn iiber die unmittelbare
Gegenwart hinaus, es hat diese Arbeit einen kosmischen Sinn. Wenn
die Wespe ihr Haus baut, so hat dieser Wespenbau einen kosmischen
Sinn. Wenn der Mensch das Feuer anziindet, indem er den Feuer-
stein schlagt, den Funken herausspriihen laftt, damit den Ziind-
schwamm entziindet und dann das Feuer anziindet, steht er mit der
Natur im Zusammenhange: es hat einen kosmischen Sinn. Durch den
modernen Industrialismus sind wir aus diesem kosmischen Sinn her-
ausgekommen. Da lebt kein kosmischer Sinn mehr, wenn wir unsere
elektrischen Lichter anziinden! Da ist der kosmische Sinn herauften.
Und wenn Sie in eine moderne Fabrik hineingehen, die ganz maschi-
nell gestaltet ist, dann ist das ein Loch im Kosmos, hat keine Bedeu-
tung fur die kosmische Entwickelung. Wenn Sie in den Wald gehen,
Holz sammeln, dann hat das eine kosmische Bedeutung iiber die Er-
denentwickelung hinaus. Wenn Sie eine moderne Fabrik anschauen
mit allem, was sie enthalt, so hat das keine Bedeutung iiber die Er-
denbildung hinaus. Da hinein wird der menschliche Wille versetzt,
ohne daft das einen kosmischen Sinn hat. Bedenken Sie, was das heiftt.
Das heiftt: wir haben seit der Mitte des 15. Jahrhunderts eine Er-
kenntnis zu entwickeln, die gespenstisch ist, die nicht an die Wirk-
lichkeit herankommt. Wir fiihren immer mehr und mehr von jener
Tatigkeit aus, zu der wir uns der Maschine bedienen; immer mehr
und mehr vollfuhren wir aus der industriellen Tatigkeit heraus, und
das, was wir an Willen hineinstecken in diese industrielle Tatigkeit,
ist fur die Weltentwickelung sinnlos.
Die grofte Frage tritt vor das Menschengemiit hin: Hat der Urn-
stand, daft es so ist, daft unsere Erkenntnisse gespenstisch, unser
Wille sinnlos ist in groftem Ausmafte, hat das fiir die Gesamtheit der
Menschheitsentwickelung doch einen Sinn? - Ja, es hat einen Sinn, es
hat einen bedeutungsvollen Sinn. Es hat den Sinn, daft wir als Mensch-
heit dadurch angehalten werden sollen, iiber die gespenstische Er-
kenntnis hinaus zu der Wirklichkeitserkenntnis zu dringen, zu jener
Wirklichkeitserkenntnis, die nicht bei der Naturanschauung stehen
bleibt, sondern in das Geistige hineindringt, das hinter der Natur ist.
Solange die Menschen mit ihren Begriffen zugleich den Geist be-
kommen haben, konnten sie sich gehen lassen, brauchten sie sich nicht
anzustrengen, den Geist von sich aus zu erobern. Da den Menschen
nur Begriffe geblieben sind in der neueren Zeit, die den Geist nicht
enthalten, aber die Anlagen dazu enthalten sich zum Geiste hinauf-
zuarbeiten, wie ich gesagt habe, so ist im Menschen der Antrieb vor-
handen, aus der abstrakten Erkenntnis in die reale Geist-Erkenntnis
hineinzudringen. Und seit wir den Industrialismus haben mit seiner
Sinnlosigkeit, miissen wir einen anderen Sinn fur den menschlichen
Willen suchen. Und den konnen wir nur suchen, wenn wir uns auf-
schwingen zu einer solchen Weltanschauung, die dasjenige, was sinn-
los ist - nennen wir es Industrialismus -, zum Sinn bringt, indem wir
den Sinn aus dem Geistigen heraus nehmen, indem wir uns sagen: Wir
suchen uns Aufgaben, die aus dem Geiste stammen. Fruher brauchte
man sich nicht, weil das Wollen seine Impulse aus dem Geistigen
durch Instinkt nehmen konnte, fruher brauchte man sich nicht be-
sonders aufzuschwingen, um aus dem Geiste heraus zu wollen. Heute
ist es notwendig, daft man sich besonders anstrenge, aus dem Geiste
heraus zu wollen. Und wir miissen entgegenstellen dem sinnlosen
industriellen Wollen ein sinnerfiilltes Aus-dem-Geiste-heraus- Wollen.
Gestern habe ich Ihnen ein Beispiel angefuhrt in der Art, wie wir
erziehen sollen. Wir sollen erkennen, daft bis zum 7. Jahr derMensch,
weil er ja seinen physischen Leib besonders entwickelt, ein Nach-
ahmer ist; wir sollen das zur Grundlage der Erziehung machen. Wir
sollen vom 7. bis 14. Jahr wissen, daft wir den Menschen zu ent-
wickeln haben unter dem Prinzip der Autoritat, und wir sollen diese
Geist-Erkenntnis, die wir gewinnen, wenn wir wissen, wie der Ather-
leib vom 7. bis 14. Jahr sich entwickelt, wir sollen diese Geist-Erkennt-
nis zum Impuls des Erziehungswesens machen. Und wir sollen wissen,
wie der astralische Leib vom 14. bis 21. Jahr sich entwickelt, und wir
sollen diese Erkenntnis zum Impuls des Erziehungswesens machen.
Dann, erst dann wollen wir aus dem Geiste heraus.
Bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts haben die Menschen instink-
tiv aus dem Geiste heraus gewollt. Wir wollen im Grunde ganz uns
hineinarbeiten im aufterlichen Leben in das Maschinelle, in den Me-
chanismus - sogar in der Politik, die allmahlich die Staaten zu Ma-
schinen gemacht hat. Wir miissen zuriickstreben zu einem geistdurch-
seelten Wollen. Dazu miissen wir aber aufnehmen die Idee der Geistes-
wissenschaft, miissen zum Beispiel anfangen beim Erziehen so, daft
wir zugrunde legen dasjenige, was wir aus der Erkenntnis der geisti-
gen Welt heraus wissen, daft wir so erziehen, wie es uns anthroposo-
phische Geisteswissenschaft angibt. Durch dieses starkere, bewufttere
Betonen des Wollens aus dem Geiste heraus setzen wir ein Gegenbild
gegen das sinnlose Wollen des Industrialismus.
So ist uns der Industrialismus mit all seinem Menschen- und
Seelenverodenden gegeben, damit wir in dieser Ode uns aufraffen
dazu, aus dem Geiste heraus zu wollen. Und wir konnen am besten
anfangen, in der Erziehung aus dem Geiste heraus zu wollen,
wenn wir so erziehen, wie aus dem Geiste und seiner Erkenntnis her-
aus erzogen werden soil. Vieles mufi in der heutigen Zeit umgedacht
werden. Dazu bedarf es aber eines sorgfaltig und intim ausgebildeten
inneren Wahrheitsgefiihls. Wir miissen heute uns klar sein dariiber,
daft inneres Wahrheitsgefuhl auch da, wo wir noch nicht gewohnt
sind es anzuwenden, allmahlich angewendet werden mufi. Sehen Sie,
ich glaube, es konnte heute mancher erstaunt sein, wenn man ihm
sagt: Du hast recht, wenn du Raffael wegen seiner Bilder besonders
verehrst; wenn du aber verlangst, die Leute sollen heute so malen
wie Raffael, dann hast du unrecht. Denn nur derjenige hat ein Recht,
Raffael zu bewundern, der weift, daft der heute ein schlechter Maler
ist, der so malt, wie Raffael gemalt hat: denn er malt dann nicht so,
wie es aus den Impulsen unserer Zeit heraus sein muft. Man empfin-
det nicht mit der Zeit mit, wenn man diese Dinge nicht so empfin-
det, daft man die Aufgaben einer bestimmten Zeit jeweilig durch
und durch empfindet. Es ist notwendig, daft man in unserer Zeit ein
intimes, ein ganz intimes Wahrheitsgefuhl nach dieser Richtung hin
sich aneignet. Aber die gegenwartige Menschheit geht auch in dieser
Beziehung durch das Entgegengesetzte durch; denn man hat den Ein-
druck, daft iiberall und iiberall das Wahrheitsgefuhl ein Leek be-
kommen hat, nicht funktioniert, und daft man zuruckschreckt heute
davor, das Richtige richtig, das Falsche falsch zu nennen, daft man
zuruckschreckt davor, die Luge wiederum als Liige zu kennzeichnen.
In dieser Beziehung kann man ja heute das Allerentsetzlichste erfah-
ren, und die Menschen sind gleichgiiltig iiber solch Entsetzliches, das
man erfahren kann! Aber darum handelt es sich, daft man zum Bei-
spiel so wahr empfindet, daft man weift: Raffaelsche Malerei gehort
nicht mehr in dieGegenwart herein, muft angeschaut werden als etwas
Vergangenes - und auch als etwas Vergangenes bewundert werden. Das
ist in unserer Zeit ganz besonders notwendig, daft wir auf solche
Dinge achten, wo aus den tiefsten Tiefen der Seele heraus der Impuls,
wahr zu sein, uns einmal iiberkommt. Ich muft oftmals an eine schone
Stelle in Herman Grimms Lebensbeschreibung des Michelangelo den-
ken, wo Herman Grimm iiber Michelangelos «Jiingstes Gericht»
spricht. "Wo er zugleich dariiber spricht, wieviele solcher Bilder « Jiing-
stes Gericht» gemalt worden sind in jener Zeit, wo er spricht davon,
wie in jener Zeit die Menschen voll in Wirklichkeit erlebt haben die
Wahrheit desjenigen, was da an die Wand gemalt worden ist. Die
Menschen lebten in diesen Bildern vom «Jiingsten Gerichte» als in
einer Wahrheit. Man sollte eigentlich ein solches Bild wie Michel-
angelos «Jiingstes Gericht» gar nicht anschauen heute, ohne sich be-
wuftt zu sein, daft wir ja nicht so empfinden wie diejenigen Men-
schen, fur die Michelangelo dieses «Jungste Gericht» gemalt hat,
daft wir dieses Empfinden verloren haben, daft wir hochstens uns
sagen: Das ist ein Bild von irgend etwas, an das wir aber nicht mehr
als an eine unmittelbare Wirklichkeit glauben.
Bedenken Sie doch nur, der Mensch, der das heutige Bewufttsein
hat und nicht meint, daft nun wirklich die Engel herunterkommen oder
die Teufel so wirtschaften wie auf dem Bilde des Michelangelo, dieser
Mensch steht doch anders vor diesem Bilde, als der Mensch jener Zeit,
fur die Michelangelo gemalt hat, der diese Bilder als Realitaten schaute
und vor sich hatte. Gerade dann aber, wenn man sich klar ist, daft das-
jenige,was der heutige Mensch vor dem «JungstenGericht» des Michel-
angelo empfindet, etwas Graues, etwas Abstraktes ist, gerade dann
wird man innerlich aufgerufen, nachzufiihlen das ganze lebendige
Weben in den Bildern, die auf dieser Wand des « Jungsten Gerichtes»
sind. Dann wird man aufgerufen, sich zu fragen: Wie kamen denn
die Menschen eines Zeitalters - Michelangelo make allerdings nach
dem Abfluten des vierten nachatlantischen Zeitraumes, aber er make
aus dem Geiste dieses vierten nachatlantischen Zeitraums heraus,
stand an der Grenzscheide der beiden Zeitraume, ich habe das ein-
mal in den Kunstvortragen auseinandergesetzt wie kamen die
Menschen dazu, solches Gewakige in Imaginationen, in Bildern zu
schauen? Diese Frage, sie tritt einem wirklich in aller Grofte entgegen,
gerade wenn man sich bewuftt ist, wie grau dasjenige, wie unleben-
dig das ist, was der heutige Mensch vor solch einem Bilde von Michel-
angelo empfindet. Und dann mufi man sich nach der Ursache fra-
gen: Woher kommt es, daft die Menschenseelen damals das Erden-
ende so anschauen konnten? Woher kam der Aufbau dieser Bilder?
Der Grund, der liegt in folgendem. In der ersten Zeit desChristen-
tums, seit jener Zeit, da das Mysterium von Golgatha eingeschlagen
hat in die Erdenentwickelung, der Erdenentwickelung ihren Sinn ge-
geben hat, da muftte zunachst zuriicktreten manches, was in der
alten Weise vorhanden war, was spater von der Menschheit wieder
erobert werden sollte. Zu diesem gehort die Anschauung von den
wiederholten Erdenleben. Wenn wir uns graphisch darstellen dieses
Leben (es wird gezeichnet), so verflieftt das menschliche Gesamtleben
£ Tafel 2
y
so: Erdenleben, Leben in der geistigen Welt; Erdenleben, Leben in
der geistigen Welt und so weiter. Daft das menschliche Gesamt-
leben so verflieftt, das war ja Inhalt der atavistisch instinktiven
Weltanschauung der alten Zeiten. Das Christentum muftte zunachst
anderes im Menschen anregen als dasjenige, was man in dieser alten
Weisheit geschaut hat. Welcher Mittel hat sich das Christentum
zunachst bedient? Es hat das menschliche Leben nur bis zu diesem
Zeitpunkt hinauf (siehe Zeichnung: Kreuz) in das menschliche Bewuftt-
sein hineingefiihrt: das gegenwartige Erdenleben. - Das vorhergehende
Leben bis zum letzten Tode hin, der Mensch aber auch vor der Ge-
burt, vor der Empfangnis: nur ein Gedanke der Gottheit, nicht eine
menschliche Individuality, ein Gedanke der Gottheit. Vor dem Men-
schen die geistige Welt, aus der er als ein Gedanke der Gottheit
hervorgeht, als eigentlicher Mensch erst beginnend mit der Geburt.
Dann reihte man daran das Leben nach dem Tode. Man hat gewisser-
maften in der ersten Zeit der Entwickelung des Christentums «ver-
legt» das Hinaufschauen: da Leben zwischen Tod und neuer Ge-
burt, Erdenleben, dann wieder Leben zwischen Tod und neuer Ge-
burt, Erdenleben und so weiter; man hat das menschliche Empfinden
eingeschrankt, nur hinzuschauen auf die Urspriinge des Menschen,
und dann auf das Leben nach dem Tode. Das aber hat auf der ande-
ren Seite das Gleichgewicht gegeben, die Bilder erzeugt von dem
«Jungsten Gericht». Diese Bilder von dem «Jungsten Gericht» ent-
standen dadurch, daft das Christentum zuerst die Praexistenzlehre,
die Lehre von dem geistigen Existieren vor der Empfangnis und vor
der Geburt, aus dem menschlichen Empfinden herausgetrieben hat.
Heute stromt wiederum aus den Untergriinden des Menschlich-Seeli-
schen das Bediirfnis herauf, die wiederholten Erdenleben zu erkennen.
Daher verblassen die Bilder, die nur das eine Erdenleben ins Auge
fassen und vorher und nachher die geistige Welt. Es ist das inten-
sivste Bediirfnis vorhanden, die christliche Weltanschauung, wie sie
in den ersten Zeiten war, zu erweitern. Das Mysterium von Golgatha
hat nicht nur fur diejenigen gewirkt, die ein Erdenleben annehmen,
sondern das Mysterium von Golgatha ist auch giiltig fur diejenigen,
die von den wiederholten Erdenleben wissen. Dieser Erweiterung be-
darf es in der Gegenwart. Und so miissen wir uns klar sein, daft wir
in diesem Zeitpunkt drinnen stehen, wo wir benutzen sollen die
Gespensterhaftigkeit der gewohnlichen Begriffserkenntnis, die Sinn-
losigkeit des durch Industrialismus ausgelosten Wollens zu dem Auf-
schwung nach geistiger Erkenntnis und nach geistdurchsetztem Wol-
len, wie ich es geschildert habe; auf der anderen Seite aber auch um
das religiose Bewufttsein zu erweitern iiber die wiederholten Erden-
leben hinaus.
Die ganze voile Wichtigkeit dieser Erweiterung des menschlichen
Bewufttsein in der Gegenwart, die sollte sich der Mensch der Gegen-
wart ganz tief, tief in die Seele schreiben. Denn davon hangt es im
Grunde genommen ab, ob er wirklich versteht, in der Gegenwart zu
leben und die Zukunft in richtigem Sinne vorzubereiten. Im Grunde
genommen kann ja jeder auf dem Platze, auf dem er im Leben stent,
die Anwendung dieser Sache machen. Und schlieftlich wird schon eine
auftere Erkenntnis die Menschen dazu bringen, nach etwas zu ver-
langen, was gegenwartig in den unterbewuftten Tiefen des Seelen-
lebens sehr spielt, was aber schwer in das voile Bewufttsein herauf-
klingt und herauftont. Sehen Sie, das Auffalligste im Leben der Ge-
genwart ist ja, daft heute so viele zerrissene Menschenseelen herum-
gehen, Menschenseelen, die eigentlich problematisch sind, die nicht
voll mit dem Leben etwas anzufangen wissen, die immer wieder und
wiederum fragen: Was soil gerade ich tun, was meint das Leben
gerade mit mir? - die das oder jenes angreifen und doch nicht zu
ihrer Befriedigung. Immer mehr und mehr werden der Menschen, die
so problematische Naturen sind. Woher kommt das? Das kommt da-
von, daft dies schon ein Mangel in unserem Erziehungswesen ist.
Wir bilden heute unsere Kinder so aus, daft wir nicht diejenigen
Krafte in ihnen erwecken, welche den Menschen stark fur das Leben
machen: Das, was den Menschen stark macht dadurch, daft er ein
Nachahmer ist bis zum 7. Jahre, was ihn stark macht dadurch, daft
er einer wiirdigen Autoritat folgt bis zum 14. Jahre; daft er die
Liebe in der richtigen Weise bis zum 21. Jahre entwickelt kriegt,
denn spater kann man es nicht mehr entwickeln. Das, was dem Men-
schen fehlt dadurch, daft die Krafte, die in bestimmten jugendlichen
Lebensjahren entwickelt werden miissen, nicht erweckt werden, das
macht ihn zur problematischen Natur. Das muft man nur wissen!
Deshalb muftte ich gestern sagen: Will man wirklich eine soziale
Gestaltung der Zukunft, so muft man wollen diese Sache gerade
durch die Erziehung des Menschen vorbereiten. Dazu ist notwendig,
daft man nun wirklich in diesen Dingen nicht mit kleinen, sondern
mit groften Posten rechnet. Allmahlich ist unser Erziehungswesen so
geworden, als ob wir gerade schreiten wollten zu dem, was ich
gestern charakterisierte als Mechanisierung des Geistes, Vegetarisie-
rung der Seele, Animalisierung der Leiber.
Wir diirfen nicht zu dem schreiten. Wir miissen die Krafte, die
in der menschlichen Kinderseele entwickelt werden konnen, stark
entwickeln, damit der Mensch sie spater holen kann aus der Ent-
wickelung seiner Kindheit heraus. Heute schaut er in die Kindheit
zuriick, fiihlt sich in die Kindheit zuriick, kann nicht herausholen
aus seiner Kindheit etwas, weil eben nichts entwickelt worden ist.
Aber unsere Erziehungsgrundsatze miissen sich griindlich andern,
wenn wir in diesem Punkt gerade das Richtige treffen wollen! Wir
miissen vor alien Dingen auf vieles sehr aufmerksam hinhorchen, was
in der Gegenwart als ganz besonders gepriesen wird, als beson-
ders Heilsames gepriesen wird.
So haben wir notig, daft, ohne daft der Bogen iiberspannt wird,
nicht durch Anstrengung, sondern durch Dkonomie der Erziehung,
Konzentration bei den Kindern erreicht werden soli. Dies konnen wir
in der Weise, wie es der heutige Mensch braucht, nur erreichen, wenn
wir etwas abschaffen, was heute noch sehr beliebt ist: wenn wir den
verfluchten Stundenplan in den Schulen abschaffen, dieses Mord-
mittel fur eine wirkliche Entwickelung der menschlichen Krafte. Man
denke nur einmal nach, was es heiftt: von 7-8 Rechnen, von 8-9
Sprachlehre, von 9-10 Geographie, von 10-11 Geschichte! Alles das-
jenige, was von 7-8 die Seele durchwogt hat, wird ausgeloscht von
8-9 und so weiter. In diesen Dingen ist es heute notwendig, den
Sachen auf den Grund zu gehen. Wir diirfen iiberhaupt nicht mehr
daran denken, daft Lehrfacher da sind, damit «Lehrfacher» gelehrt
werden; sondern wir miissen uns klar sein: im Menschen vom 7. bis
14. Jahre miissen entwickelt werden in der richtigen Weise Denken,
Fuhlen und Wollen. Geographie, Rechnen, alles muft so verwendet
werden, daft in der richtigen Weise Denken, Fuhlen, Wollen ent-
wickelt werden.
Viel spricht man in der heutigen Padagogik davon, man soil die
Individualitaten entwickeln, man soli der Natur ablauschen, welche
Fahigkeiten man entwickeln soil. Alles Phrasenf - weil diese Dinge
nur einen Sinn bekommen konnen, wenn man die Sache aus der
Geisteswissenschaft heraus bespricht; sonst bleibt es Phrase. Es wird
daher in der Zukunft notwendig sein, daft man sich sagt: Fur ein
bestimmtes Lebensalter ist zum Beispiel vor alien Dingen notwendig,
etwas Rechnen beizubringen. Dazu muft man zwei, drei Monate ver-
wenden, um an den Vormittagen Rechnen beizubringen. Nicht einen
Stundenplan, der alles durcheinander enthalt, sondern der Rechnen
eine Zeitlang treibt - dann weitergehen. Und genau die Dinge so
einstellen, daft sie eingestellt sind auf das, was die Menschennatur
in einem bestimmten Zeitpunkt verlangt!
Sie sehen, welche Aufgaben eine in die Zukunft hin arbeitende
Padagogik eigentlich hat. In diesen Dingen liegen die positiven Pro-
bleme, die heute den Menschen gestellt werden, die iiber das soziale
Werden ernsthaftig nachdenken. Davon ist noch wenig Verstandnis
vorhanden. In Stuttgart soil nun, sich anschlieftend an unsere bis-
herige soziale Tatigkeit, eine Schule, so weit man sie innerhalb des
heutigen Schulsystems haben kann, aufgebaut werden. Herr Molt hat
beschlossen, fur die Kinder seiner Fabrik, der Waldorf-Astoria-
Fabrik, eine solche Schule zu begriinden; andere Kinder werden sich
anschlieften konnen, aber natiirlich zunachst nur eine begrenzte Zahl.
Man wird selbstverstandlich zu rechnen haben heute noch mit den
Lehrzielen, die der sogenannte Staat stellt. Man wird die Kinder bis
zu diesem Jahr da und dorthin bringen miissen, man wird also Kom-
promisse schlieften miissen, aber man wird schon hineinmischen
konnen in dasjenige, was der Staat nun einmal schon verlangt, weil
der nun nach sozialistischen Anschauungen der ganz besonders ge-
scheite Gotze ist — man wird hineinmischen miissen in das, was von
dieser Seite gefordert wird, dasjenige, was die wirkliche Menschen-
natur verlangt. Das muft aber vor alien Dingen einmal erkannt
werden. Wer denkt denn heute daran, daft der Stundenplan der
Mord ist der wirklichen Erziehung des Menschen? Es gibt Leute,
die denken in dieser Richtung so, daft man sagen mochte: Die Welt
steht auf dem Kopf, und man muft sie wieder auf die Beine stellen;
denn es gibt heute Leute, die mochten die Stunden noch abkiirzen,
halbstundig die Gegenstande lehren und aufeinanderfolgen lassen.
Das betrachten heute manche als ein Ideal. Man soil sich nur vor-
stellen, was das fur ein ungeheures Kaleidoskop gibt, hintereinander:
Religion, Rechnen, Geographie, Zeichnen, Singen! Da drinnen - im
Kopfe - schaut es dann aus, wie wenn die Steine in einem Kalei-
doskop durcheinandergeworfen sind; nur fiir die Auftenwelt «schaut
es nach was aus», denn es ist da nicht der geringste Zusammenhang.
Man will es eben durchaus nicht glauben, dafi es heute notwendig ist,
ins Grofte zu denken, nicht ins Kleine zu denken, grofie Gesichts-
punkte, umfassende Gesichtspunkte zu haben. Man erlebt ja heute
immer wieder und wiederum, daft die Leute nun sich endlich be-
quemt haben, zu sagen: Ja, Revolution mufi sein! Selbst ein grofier
Teil der Spieler glaubt heute schon an die Revolution. Ich weift
nicht, ob es gerade hier so ist, aber es gibt weite Gegenden, wo selbst
ein grower Teil der Spiefter an die Notwendigkeit der Revolution
glaubt. Aber wenn man ihnen dann mit solchen Sachen kommt, wie
sie zum Beispiel in meinem Buch «Die Kernpunkte der sozialen
Frage» iiber die Dreigliederung stehen, sagen sie: Das verstehen wir
nicht, das ist kompliziert. - Schon der Lichtenberg hat zwar gesagt:
Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenkommen und es klingt hohl,
muft nicht immer gerade die Schuld an dem Buch liegen. Aber, nicht
wahr, diese Dinge glauben die Leute heute nicht, weil nicht immer
die Selbsterkenntnis dasjenige ist, was in den Seelen am meisten
erzeugt wird. Doch man erlebt es ja auch, dafi selbst schon iiber weite
Gegenden hin die Spielter an die Revolution glauben. Aber dann
sagen sie: Na ja, auf so grofte Sachen, auf solche Gedanken, da kann
man sich nicht einlassen, du mufit uns sagen - ja, wie das Schuhe-
machen sozialisiert werden soli, wie die Apotheken sozialisiert wer-
den sollen, wie das und das sozialisiert wird; du sollst uns sagen, wie
im revolutionierten Staate ich meine Gewiirze verkaufen werde.
Man merkt dann allmahlich, was die Leute eigentlich meinen mit
einer solchen Sache. Sie meinen also, es miisse revolutioniert werden
- damit sind sie schon ganz einverstanden - aber so, dafl alles beim
alten bleibt, so daft nichts sich eigentlich verandert. Wie konnen wir
die Welt drunter und driiber machen?, sagt mancher, aber daft sich
ja nichts verandert! Und diejenigen, die in dieser Beziehung am merk-
wiirdigsten sind, das sind gerade die sogenannten Intellektuellen. Ja,
da kann man ganz besonders merkwiirdige Erfahrungen machen.
Eine Erfahrung die man immer wieder machen mufke, war, dafi
man zu horen bekam: Ja, drei Glieder - Universitaten autonom, das
Geistesleben soil sich selbst verwalten - wovon werden wir dann
leben? Wer wird uns unsere Gehalter bezahlen, wenn uns der Staat
nicht mehr unsere Gehalter bezahlt?
Aber diesen Dingen mufi heute ins Auge geschaut werden. Es ist
doch notwendig, daf$ man nicht immer wieder und wiederum iiber
diese Dinge hinweggeht. Gerade auf dem Gebiet des Geisteslebens
mufi "Wandel geschaffen werden.
DRITTER VORTRAG
Dornach, 11. August 1919
Was ich heute werde zu sagen haben, wird eine Art Episode sein.
Ich mochte, wie ich Ihnen schon mitgeteilt habe, iiber drei Begriffe
kurz sprechen. Uber drei Begriffe, welche, vollstandig verstanden,
zugleich bewirken das Verstandnis des aulkren sozialen Lebens. Ich
sage ausdriicklich: des aufteren sozialen Lebens, denn die drei Begriffe
sind durchaus dem aufterlichen Zusammenwirken und Zusammen-
arbeiten der Menschen entnommen. Es sind die drei Begriffe Ware,
Arbeit, Kapital. Nun habe ich Ihnen bereits gesagt, dafi sich die
neuere Nationalokonomie aller Schattierungen vergeblich bemiiht,
iiber diese Begriffe in vollstandige Klarheit zu kommen. Das war
nicht moglich, seit die Menschen begonnen haben, bewufk volkswirt-
schaftlich zu denken. Vor dem Beginn des fiinften nachatlantischen
Zeitraumes, also vor dem Zeitpunkt, der da fallt in die Mitte des
15. Jahrhunderts, kann iiberhaupt nicht die Rede da von sein, daft die
Menschen ihre gegenseitigen sozialen Beziehungen in bewufiter Weise
aufgefalk haben. Das Leben verlief mehr oder weniger unbewufit,
instinktiv mit Bezug auf dasjenige, was sozial von Mensch zu Mensch
spielte. Seit dieser Zeit aber mufken die Menschen, weil ja die Be-
wulkseinsseele in diesem Zeitalter sich ausbildet, immer mehr und
mehr bewuftt nachdenken iiber die sozialen Beziehungen. Und so
haben sich denn alle moglichen Richtungen und Anschauungen her-
ausgebildet iiber das soziale menschliche Zusammenleben. Es beginnt
das mit der Schule der Merkantilisten, dann mit der Schule der Phy-
siokraten, mit Adam Smith, mit den verschiedenen utopistischen
Stromungen, Proudhon, Fourier und so weiter, bis zu der neueren
Sozialdemokratie auf der einen Seite, und zu der neueren Schulnatio-
nalokonomie auf der anderen Seite. Es ist interessant, die neuere so-
zialdemokratische Theorie, welche fuftt auf Marx, Engels und ande-
ren, zu vergleichen mit der neueren Schulnationalokonomie. Die
neuere Schulnationalokonomie ist ganz unproduktiv. Sie bringt iiber-
haupt nichts hervor von Begriffen, die in das soziale Wollen ein-
flieften konnen. Man hat nichts aus den wirren chaotisclien Begriffen
der modernen Schulnationalokonomie, wenn man in dieser Richtung
die Frage aufwirft: Was soil in sozialer Beziehung geschehen? Denn
diese Schulnationalokonomie ist ganz angefressen von Anschauungen,
die iiberhaupt in der neueren Wissenschaft herrschen. Und Sie wissen
ja, daft trotz des groften, bewundernswerten Fortschrittes der Natur-
wissenschaften, der durchaus eben von der Geisteswissenschaft nicht
geleugnet werden soil, die moderne Schulwissenschaft eigentlich sich
bekennt zu der Ablehnung eines jeglichen, das aus dem Geiste her-
vorquillt. Und so will die Nationalokonomie nur beobachten das-
jenige, was im okonomischen Leben geschieht. Aber das Beobachten
desjenigen, was im okonomischen Leben geschieht, das ist etwas fast
Unmogliches in der neueren Zeit, aus dem Grunde, weil die Menschen,
je mehr sie herauf sich entwickelt haben in diese neuere Zeit, iiber-
haupt nicht mehr Gedanken gehabt haben, welche die okonomischen
Tatsachen getragen hatten. Die okonomischen Tatsachen liefen me-
chanisch von selbst dahin; die Menschen folgten ihnen nicht mit den
Gedanken nach. Daher kann die Beobachtung dieser gedankenlosen
Tatsachen des Weltmarktes nicht zu Gesetzen fuhren und hat auch
nicht zu Gesetzen gefuhrt, denn unsere Volkswirtschaft ist eine Praxis
ohne Theorie, ohne Anschauung, ohne Begriffe, ohne Idee. Und
unsere soziaidemokratische Bestrebung, die ist eine Theorie ohne
Praxis. So genommen, wie sie ist, diese sozialistische Theorie, kann
sie niemals in die Praxis umgesetzt werden; sie ist eine Theorie ohne
Einsicht in die Praxis. Wir leiden gerade in der modernen Zeit dar-
unter, daft wir auf der einen Seite haben das wirtschaftliche Leben,
eine Praxis ohne Ideen, und auf der anderen Seite die blofte Theorie
der Sozialdemokraten ohne die Moglichkeit, diese Theorie in das
wirkliche Wirtschaftsleben einzufiihren. Wir sind in dieser Beziehung
wirklich an einem Wendepunkt der geschichtlichen Entwickelung der
Menschheit angekommen. Und Sie werden es eigentlich leicht begrei-
fen, weil ja soziales Leben begriindet sein muft auf der Beziehung von
Mensch zu Mensch, daft zugrunde liegen muft dem, was die Menschen
anstreben, wenn sie soziales gerechtes Leben begrunden wollen, eine
gewisse Stimmung. Und sehen Sie, darum handelt es sich bei der
Dreigliederung des sozialen Organismus, daft eine gewisse Stimmung
hervorgerufen werde, eine Stimmung in zusammengehorigen sozialen
Gebieten. Ohne diese Stimmung zwischen den Menschen kann das
soziale Leben nicht wirklich erbliihen. Und dieser Stimmung soil
gerade Rechnung getragen werden durch die soziale Dreigliederung.
Heute mochte ich, wie gesagt, episodisch nur auf einiges nach dieser
Richtung hinweisen.
Wenn Sie sich das soziale Leben als einen Organismus denken, so
miissen Sie sich ja vorstellen, daft, allerdings ins Geistig-Seelische
herauf umgesetzt, diesen Organismus etwas durchstromt. "Wie zum
Beispiel den menschlichen und den tierischen Organismus das Blut als
Trager der eingeatmeten und umgewandelten Luft, so mufi den gan-
zen sozialen Organismus etwas tragen, etwas durchwehen, etwas
durchzirkulieren.
Hier kommen wir auf dasjenige Kapitel, welches dem gegenwar-
tigen Menschen so schwer verstandlich ist, weil er in seinem Gemiite
sehr wenig darauf vorbereitet ist, aber welches auch verstanden wer-
den mull, wenn uberhaupt von einer sozialen Neugestaltung, von
einem sozialen Aufbau im Ernste die Rede sein soil. Verstanden wird
werden miissen, daft im sozialen Leben der Zukunft etwas davon ab-
hangt, wo von sich die Menschen gegenseitig unterhalten, was die Men-
schen ernst nehmen, indem sie gegenseitig ihre Ideen, ihre Empfin-
dungen, ihre Gefiihle austauschen. Es ist nicht gleichgiiltig, was un-
ter den Menschen an Anschauungen lebt, wenn sie soziale Wesen wer-
den wollen. Und notwendig ist es fur die Zukunft, daft nicht bloft
Begriffe in der allgemeinen Bildung herrschen, welche aus der Na-
turwissenschaft oder aus der Industrie entnommen sind, sondern daft
Begriffe herrschen, welche Grundlagen sein konnen fur etwas Ima-
ginatives. So unwahrscheinlich das dem heutigen Menschen ist, so-
zialisieren wird man nicht, wenn man nicht zu gleicher Zeit den Men-
schen beibringt imaginative Begriffe, das heiftt Begriffe, welche das
Gemiit des Menschen ganz anders gestalten, als die bloften abstrakten
Begriffe von Ursache und Wirkung, Kraft und Stoff und Materie
und so weiter, die aus dem naturwissenschaftlichen Leben herkom-
men. Mit diesen Begriffen, die aus dem naturwissenschaftlichen Le-
ben herkommen und von denen heute alles beherrscht ist, sogar die
Kunst, mit diesen Begriffen laftt sich im sozialen Leben der Zukunft
nichts anfangen. Wir miissen in die Lage kommen, im sozialen Le-
ben der Zukunft die Welt wiederum in Bildern zu verstehen.
Was damit gemeint ist, habe ich ja schon zu wiederholten Malen
angedeutet, auch wiederum mit Bezug auf die Erziehungsfrage. Ich
habe mit Bezug auf die Erziehungsfrage folgendes gesagt. Ich habe
gesagt, man kann den Kindern, wenn man sich intim mit ihnen be-
schaftigt, gut beibringen, sagen wir die Idee der Unsterblichkeit der
Seele, indem man einfach dem Kinde zeigt eine Schmetterlingspuppe
und ihm zeigt, wie die Puppe sich aufbricht und der Schmetterling
aus der Puppe ausfliegt; dann macht man dem Kinde klar: Sieh ein-
mal, so wie die Puppe ist, so ist dein Leib, und da drinnen iebt etwas
wie ein Schmetterling, nur ist das unsichtbar. Wenn du in den Tod
kommst, so fliegt auch bei dir der Schmetterling heraus in die geistige
Welt. - Durch solche Vergleiche wirkt man bildlich. Aber es ist
nicht bloft notwendig, daft man einen solchen Vergleich ausdenkt; da
wiirde man eben im Sinne der naturwissenschaftlichen Weltanschau-
ung handeln, wenn man ihn ausdenkt. Denn was bringen denn die
Menschen aus der heutigen Zeitbildung gewohnlich, wenn sie einen
solchen Vergleich je einmal machen, ihm fur eine Stimmung entgegen?
Die Menschen der heutigen Zeit, wenn sie kaum erwachsen sind, sind
sehr gescheit, aufterordentlich gescheit. Sie bedenken gar nicht, daft
man auf eine andere Weise vielleicht gescheit sein kann, als sie selbst
in ihren abstrakten Begriffen sich vorstellen, daft sie gescheit sind.
Es ist namlich ganz merkwiirdig, wie die Menschen mit Bezug auf
diese ihre heutige Gescheitheit sind!
An einen Vortrag, den ich vor Wochen einmal gehalten habe, hat
sich dann angeschlossen in einem staatswissenschaftlichen Verein der
betreffenden Stadt eine Versammlung, und da hat iiber den Vortrag
und das, was damit zusammenhing, gesprochen ein Universitatspro-
fessor, also selbstverstandlich ein gescheiter Mann der Gegenwart,
nicht wahr. Der hat gefunden, daft die Anschauungen, die ich nicht
nur in jenem Vortrage vorgebracht habe, sondern die in alien meinen
Btichern stehen, infantil sind, das heiftt, auf der Kindheitsstufe der
Menschheit stehen. Sehen Sie, ich begreife ganz gut solch ein Urteil
von einem gescheiten Menschen der Gegenwart; besonders begreife
ich es sehr gut, wenn er gerade Universitatsprofessor ist. Ich begreife
es aus dem Grunde, weil ja aus der "Wissenschaft, die da gemeint ist,
alles wirklich bildhafte Leben herauften ist und daher alles, was ver-
standen oder besser gesagt nicht verstanden wird - kindlich gefun-
den wird. Ja, sehen Sie, das ist eben gerade dieses eigentumliche,
daft die Menschen in der heutigen Gescheitheit kommen und sagen:
Wenn wir einmal ein solches Bild anwenden wollen, wie: die unsterb-
liche Seele laftt sich vergleichen mit dem Schmetterling, der aus der
Puppe herausfliegt, dann sind wir die Gescheiten, wir wissen selbst-
verstandlich, daft das ein Bild ist, das wir gemacht haben; wir sind
hinaus iiber dasjenige, was ein solches Bild enthalt. Aber das Kind
ist kindlich, fur das vergleicht man, was man in Begriffen weift, mit
diesem Bilde; aber wir selber glauben nicht daran. - Das Geheim-
nis besteht nur darinnen, daft dann das Kind auch nicht daran glaubt.
Das Geheimnis liegt darinnen, daft das Kind nur wirklich ergriffen
wird von dem Bilde, wenn man selber daran glaubt. Und dazu soli
uns eben wirkliche geisteswissenschaftliche Stimmung wiederum zu-
riickbringen, daft wir in der Natur nicht sehen jene gespenstischen
Dinge, von denen uns die Naturwissenschaft spricht, sondern wieder-
um sehen das Bildliche, das Imaginative. Dasjenige, was aus der
Puppe auskriecht und in dem Schmetterling vorliegt, ist wirklich ein
von der gottlichen Weltordnung in die Naturordnung hineingestelltes
Bild fur die Unsterblichkeit der Seele. Und es gabe den Schmetter-
ling nicht, der aus der Puppe auskriecht, wenn es nicht eine unsterb-
liche Seele gabe. Denn es kann nicht ein Bild geben - und das ist ein
Bild wenn nicht die Wahrheit zugrunde liegt dem Bilde. Und so
ist es mit der ganzen Natur. Dasjenige, was die Naturwissenschaft
gibt, ist Gespenst. Der Natur selber kommt man nur bei, wenn man
weift, sie ist Bild von etwas anderem.
Und so werden sich die Menschen auch bequemen miissen, zum
Beispiel das menschliche Haupt als ein Bild eines Himmelskorpers
anzusehen. Das menschliche Haupt ist nicht bloft rund, so wie es ist,
damit es etwa einem Kohlkopf ahnlich sehen soil, sondern das mensch-
liche Haupt ist so, wie es ausgestaltet ist, eine Nachbildung eines
Himmelskorpers. Bildhaft ist die ganze Natur, und hineinfinden
muft man sich in diese Bildhaf tigkeit, dann wird ausstrahlen in die
Herzen, in die Seelen, in die Gemiiter, in die Kopfe sogar, obwohl
das am schwersten ist, dasjenige, was durchstromen kann den Men-
schen, wenn er Bilder auffaftt. Wir werden miteinander reden miissen
in dem sozialen Organismus von Dingen, die in Bildern gesprochen
sind. Und diese Bilder wird man uns glauben miissen. Dann werden
aus der Wissenschaft hervorgehen diejenigen Menschen, die da spre-
chen konnen erst iiber das wirkliche Hineinstellen der Ware in den
sozialen Organismus; denn die Ware, die erzeugtwird, entspricht dem
menschlichen Bediirfnis. Keine abstrakten Begriffe konnen dieses
menschliche Bediirfnis in seiner sozialen Wertung erfassen, sondern
nur dasjenige menschliche Gemiit kann etwas dariiber wissen, das
durchtrankt worden ist von derjenigen Stimmung, die aus dem ima-
ginativen Vorstellen kommt. Anders wird es keine Sozialisierung
geben. Sie konnen im sozialen Organismus die richtigen Leute an-
stellen, welche die Bediirfnisse feststellen: wenn Sie nicht zu gleicher
Zeit eine imaginative Vorstellung hineinerziehen in den sozialen
Organismus, so ist es unmoglich, eine soziale Gestaltung des sozialen
Organismus herauszubekommen; das heiik, es mufi von Bildern ge-
redet werden. So sonderbar es dem heute sozialistisch Denkenden
klingt, es sei zum Sozialisieren notwendig, daft im sozialen Organis-
mus die Menschen zu den Menschen in Bildern reden, welche Imagi-
nationen anregen, so mufl es doch geschehen.
Das ist es, worauf es ankommt. Und dasjenige, was Ware ist,
man wird es fuhlend verstehen in einer Wissenschaft, in der fiir
Bilder Verstandnis ist - in keiner anderen.
In der Gesellschaft, welche die Gesellschaft der Zukunft sein soil,
da wird aufterdem in einer richtigen Weise herrschen miissen die
Arbeit. Wie heute unter den Menschen von der Arbeit geredet wird,
das ist geradezu eine Torheit, denn die Arbeit als solche hat im
Grunde genommen gar nichts zu tun mit der Erzeugung der Giiter.
Karl Marx nennt die Ware kristallisierte Arbeitskraft. Das ist blofter
Unsinn, nichts weiter. Denn dasjenige, um was es sich handelt, wenn
der Mensch arbeitet, das ist, daft er in einer gewissen Weise sich selbst
verbraucht. Nun konnen Sie dieses Selbstverbrauchen bewirken ent-
weder auf die eine oder auf die andere Weise. Sie konnen, wenn Sie
gerade geniigend auf einer Bank oder in Ihrem Portemonnaie haben,
Sport treiben und sich bei diesem anstrengen und Ihre Arbeitskraft
auf diesen Sport verwenden. Sie konnen aber auch Holz hacken oder
irgend etwas anderes tun. Die Arbeit kann ganz die gleiche sein, wenn
Sie Holz hacken oder wenn Sie Sport treiben. Nicht davon hangt es
ab, wieviel Arbeitskraft Sie anwenden, sondern wozu diese Arbeits-
kraft angewendet wird im sozialen Leben. Arbeitskraft an sich hat
mit dem sozialen Leben nichts zu tun, insofern dieses soziale Leben
Giiter oder Waren erzeugen soli. Daher wird es notig sein im drei-
gliedrigen sozialen Organismus, daft ein ganz anderer Antrieb zur Ar-
beit da sein mufi als derjenige, Giiter zu erzeugen. Die Giiter miissen
gewissermaften durch die Arbeit erzeugt werden, weil die Arbeit eben
auf etwas verwendet wird. Aber dasjenige, was zugrunde liegen mufi,
damit der Mensch arbeitet, das muft die Lust und Liebe zur Arbeit
sein. Und wir kommen nicht friiher zu einer sozialen Gestaltung des
sozialen Organismus, als wenn wir die Methoden finden, daft der
Mensch arbeiten will, daft es ihm eine Selbstverstandlichkeit ist, daft
er arbeitet.
Das kann in keiner anderen Gesellschaft geschehen, als in einer
solchen Gesellschaft, in der Sie von inspirierten Begriffen reden. Nie-
mals wird in der Zukunft so wie in der Vergangenheit, wo die Dinge
instinktiv und atavistisch waren, Lust und Liebe zur Arbeit die Men-
schen durchgliihen, wenn Sie die Gesellschaft nicht durchdringen mit
solchen Ideen, mit solchen Empfindungen, die durch Inspiration der
Eingeweihten in die Welt kommen. Diese Begriffe miissen die Men-
schen so tragen, daft die Menschen wissen: Wir haben den sozialen
Organismus vor uns und wir miissen uns ihm widmen; das heiftt,
daft die Arbeit selber in ihre Seele fahrt, weil sie Verstandnis haben
fiir den sozialen Organismus. Solches Verstandnis werden keine
anderen Menschen haben, als diejenigen, zu welchen von inspirierten
Begriffen, das heiftt von Geisteswissenschaft geredet wird. Das heiftt,
wir brauchen, damit die Arbeit wiederum erstehe unter den Menschen,
nicht jene hohlen Begriffe, von denen heute deklamiert wird, sondern
wir brauchen geistige Wissenschaften, mit denen wir die Herzen, die
Seelen durchdringen. Dann wird diese geistige Wissenschaf t die Her-
zen, die Seelen so durchdringen, daft die Menschen Lust und Liebe zur
Arbeit haben werden, und es wird sich die Arbeit hinstellen neben die
Ware in einer Gesellschaft, die nicht nur von Bildern hort, durch jene,
welche die Padagogen der Gesellschaft sind, sondern die auch hort
von Inspirationen und solchen Begriffen, die notwendig sind, damit
in unserer komplizierten Gesellschaft die Produktionsmittel da sind
und damit der Boden in entsprechender Weise unter den Menschen
wirke,
Dazu ist notwendig, daft intuitive Begriffe in dieser Gesellschaft
verbreitet werden. Diese Begriffe, die Sie finden in meinem Buch
«Die Kernpunkte der sozialen Frage» iiber das Kapital, die werden
nur in einer Gesellschaft erbliihen, die empfanglich ist fiir intuitive
Begriffe. Das heiftt: Es wird sich hineinstellen das Kapital in den so-
zialen Organismus, wenn man wiederum zugeben wird, daft in den
Menschen Intuition sein soli. Die "Ware wird sich in der richtigen
Weise hineinstellen, wenn man zugeben wird, daft Imagination sein
soil; und die Arbeit wird sich in der richtigen Weise hineinstellen,
wenn man zugeben wird, daft Inspiration sein soli.
Wenn Sie dieses Schema nehmen, wenn Sie nicht die drei Be-
griffe untereinander schreiben, sondern wenn Sie sie so schreiben, wie
ich sie in dieses Schema hineingestellt habe, dann konnen Sie von
diesem Schema, wenn Sie es mit all den Begriffen durchdringen, die
Tafel 3
in meinem Buche stehen iiber die Dreigliederung, sehr viel lernen.
Denn es bestehen Beziehungen hin und her von Arbeit zu Ware,
von Ware zu Kapital, indem das Kapital die Ware kauft; es beste-
hen Beziehungen zwischen Arbeit und Kapital und so weiter, nur
miissen Sie sie in dieser Weise anordnen, die drei Begriffe. (Siehe
Tafel 3 Schema.)
Das ist es, was wir vor alien Dingen verstehen miissen, daft es
schon recht ist, wenn man davon redet, in der Zukunft musse die
Menschheit durchdringen die soziale Ordnung; daft aber es notwen-
dig ist, daft diese soziale Ordnung von den Menschen selber verwirk-
licht wird, indem die Menschen sich bequemen, der Wissenschaft der
Eingeweihten zuzuhoren von den Imaginationen, Inspirationen und
Intuitionen. Es ist eine ernste Sache, denn ich sage Ihnen ja nichts
Geringeres damit, als daft es ohne Geistes wissenschaft keine soziale
Umgestaltung fur die Zukunft gibt; aber das ist wahr. Sie werden
niemals die Moglichkeit bekommen, die Menschen zum Verstandnis
zu bringen in einer solchen Weise, wie es notwendig ist in bezug auf
diese Dinge wie Intuition, Imagination, Inspiration, wenn Sie zum
Beispiel die Schule dem Staate iiberlassen. Denn was machen die
Staaten aus den Schulen?
Nicht wahr, betrachten Sie etwas, was ganz eminent schulmaftig
auf der einen Seite und staatsmaftig auf der andern Seite ist. Ja, ich
muft Ihnen gestehen, ich finde, es ist etwas Furchtbares! Aber dieses
Furchtbare bemerken die Menschen der Gegenwart nicht; dies, was
es mit dem Staatsrecht zum Beispiel ist. Das Staatsrecht, es soli ja
entstehen im Sinne derjenigen Lebensgewohnheiten, welche die Men-
schen heute noch als das Richtige in ihre Seele aufnehmen, dadurch,
daft meinetwillen Parlamente - ich will auf den Demokratismus
schauen, will gar nicht einmal auf das Monarchische, sondern meinet-
willen auf den Demokratismus schauen -, also dadurch, daft Par-
lamente da sind, werden die staatsrechtlichen Dinge beschlossen: da
macht man das Staatsrecht, da macht es jeder miindig gewordene
Mensch durch seinen Vertreter, das Staatsrecht. Da werden die Dinge
beschlossen, dann stehen sie in den Gesetzessammlungen. Dann kommt
der Professor, der studiert die Gesetzessammlungen, und dann unter-
richtet er dasjenige, was in den Gesetzessammlungen steht, selbstver-
standlich als Staatsrecht, denn das tragt er als Staatsrecht vor. Das
heiftt, der Staat nimmt ins Schlepptau die Wissenschaft gerade in
diesem Punkt im eminentesten Sinn. Der Staatsrechtslehrer darf nichts
anderes vortragen als dasjenige, was im Staate als Recht da ist. Man
brauchte gar nicht einmal im Grunde genommen den Professor, wenn
man in der Lage ware, die staatsrechtlichen Gesetze auf Rollen zu
schreiben, in irgendeinen Phonographen hineinzutun: dann konnte
man auch den Phonographen aufs Katheder stellen, der brauchte ja
nur das abzurasseln, was die Parlamente beschlossen haben. Das ist
dann die Wissenschaft.
Das ist nur auf einem extremen Gebiete. Sehen Sie, das ist nichts
Inspiriertes, denn Sie werden kaum in der Lage sein zu behaupten,
daft das, was in den Parlamenten als Majoritatsbeschlusse heute zu-
standekommt, so recht inspirierte Tatsachen sind. Aber umgekehrt
mufi die Sache werden. Im Geistesleben drinnen, an den Universi-
taten muE das Staatsrecht entstehen als Wissenschaft zunachst, rein
aus der menschlichen geistigen Auffassung heraus. Nur dann kann der
Staat die richtige Konfiguration bekommen, wenn die Menschen sie
ihm geben. Manche Menschen glauben, die Dreigliederung will die
Welt auf den Kopf stellen. O nein, die Welt steht auf dem Kopf, die
Dreigliederung will sie nur auf die Beine stellen. Das ist dasjenige,
worauf es ankommt.
Sehen Sie, es handelt sich vor alien Dingen heute, in solche Be-
griffe sich hineinzufinden, sonst gehen wir entgegen der Mechanisie-
rung des Geistes, der Einschlaferung, das heiftt Vegetarisierung der
Seele und der Animalisierung, das heiftt der instinktiven Gestaltung
der Leiber.
Es ist sehr wichtig, sich zu durchdringen mit der Oberzeugung,
daft in so radikaler Weise gedacht werden muft, wenn der Zukunft
irgendein Heil erbliihen soli. Es ist also vor alien Dingen notwendig,
daft die Menschen einsehen, daft sie den sozialen Organismus auf seine
drei gesunden Glieder werden stellen miissen. Was Imagination in
bezug auf Ware bedeutet, man wird es nur lernen, wenn das Wirt-
schaftsleben rein herausgestaltet ist und die Menschen darauf ange-
wiesen sind, das Wirtschaftsleben in Brtiderlichkeit zu verwalten.
Was Inspiration fur die Arbeit bedeutet - dafi sie Lust und Liebe zur
Arbeit hervorbringt -, das wird nur dann in der Welt sein, wenn in
der Tat von den Leuten, die inspiriert sind, durchdrungen wird we-
nigstens dasjenige, was dann im Parlament als Gleicher zum Gleichen
sich gesellt, wenn wirkliche Gleichheit herrscht, das heifk, wenn jeder
geltend machen kann das, was in ihm ist. Aber das wird sehr ver-
schieden sein bei dem einen und bei dem andern. Dann wird herr-
schen konnen diese Gleichheit im Rechtsleben, und das Rechtsleben
wird inspiriert werden miissen - nicht aus dem Banausentum heraus
beschlossen, worauf die gewohnliche Demokratie immer mehr und
mehr hingearbeitet hat.
Und das Kapital wird nur richtig verwertet werden konnen im
sozialen Organismus, wenn die Intuition sich erheben wird zu der
Freiheit und die Freiheit erbluhen wird aus dem selbst sich ent-
wickelnden Geistesleben. Dann wird heriiberstrdmen aus demGeistes-
Tafel 3
leben in die Arbeit dasjenige, was heruberzustromen hat. Es werden
solche Strome sein (siehe die Pfeile). Und diese drei Gebiete werden
gerade, wenn sie so gegliedert werden, sich in der richtigen Weise
durchdringen.
Einer der ersten Vorwiirf e, der mir in Deutschland gemacht wor-
den ist, das war der, daft man gesagt hat: Nun will er gar noch das
soziale Leben dreigliedern! Das soziale Leben muE eine Einheit seinl
- Aber die Menschen sind nur hypnotisiert von dieser Einheit, weil
sie immer den Staat eben als etwas Einheitliches angesehen haben.
Sie sind eingewohnt in diese Begriffe vom einheitlichen Staat. Und
derjenige, der von dieser Einheit spricht, der kommt mir vor wie
einer, der sagt: Jetzt will der gar einen Gaul haben, der auf vier
Fiiften steht, der Gaul mufi doch eine Einheit sein, der kann doch
nicht in vier Beine gegliedert sein. - Das wird natiirlkh keiner ver-
langen. Aber ich will auch nicht den Gaul-«Staat» oder den sozialen
Organismus auf ein Bein stellen, sondern auf seine gesunden drei
Beine. Und wie die Gauleinheit nicht dadurch seine Einheit verliert,
dafi er auf vier Beinen steht, so auch der soziale Organismus dadurch
nicht, daft man ihn auf seine gesunden drei Glieder stellt. Er kriegt
sie gerade dadurch, seine Einheit, daft man ihn auf seine gesunden drei
Glieder stellt. Die Menschen konnen eben heute durchaus nicht von
ihren gewohnten Begriffen loskommen. Aber das ist heute das Wich-
tigste, daft wir nicht bloft glauben, daft einzelne aufterliche Einrich-
tungen umgewandelt werden sollen, sondern daft wir unsere Ideen,
unsere Begriffe, unsere Empfindungen umgestalten mvissen. Wir kon-
nen schon sagen: Wir brauchen andere Kopfe auf unseren Schultern,
wenn wir der Zukunft der Menschheit in heilsamer Weise entgegen-
gehen wollen. Das ist notwendig, daft wir andere Kopfe auf
unsere Schultern bekommen. Dahinein konnen sich die Men-
schen so schwer gewohnen, weil ihnen die alten Kopfe so lieb sind,
diese alten Kopfe, die gewohnt sind, nur dasjenige zu denken, was
seit langer Zeit zu denken sich die Menschen gewohnt haben. Heute
miissen wir in bewuftter Weise umgestalten das, was in unseren See-
len lebt. Und halten Sie das nicht fur eine leichte Aufgabe: Gar
mancher glaubt heute, daft er seine Begriffe ja schon umgewandelt
hat, er merkt gar nicht, wie sie die alten geblieben sind, besonders
auf dem Gebiete des Erziehungswesens. Da macht man kuriose Er-
fahrungen. Man redet den Leuten von dem, was die Geisteswissen-
schaft als Begriffe auf dem Gebiete der Padagogik erzeugt. Sie kon-
nen heute mit sehr, sehr fortgeschrittenen Lehrern, Schulinspekto-
ren, -direktoren und so weiter reden, die horen Ihnen zu und sagen:
Ja, das habe ich schon lange gedacht, ja, das ist ganz meine Mei-
nung. - Aber er hat in Wirklichkeit die entgegengesetzte Meinung
von der, die man ihm sagt. Er hat in Wirklichkeit die entgegenge-
setzte Meinung wie ich, aber er sagt die entgegengesetzte Meinung
mit denselben Worten. Er sagt dieselben Worte - und hat die entge-
gengesetzte Meinung! Und so gehen die Menschen heute aneinander
vorbei. Die Worte haben langst den Zusammenhang mit der Geistig-
keit verloren, und dieser Zusammenhang mu!5 unbedingt wieder ge-
funden werden, sonst kommen wir nicht vorwarts.
Also soziale Aufgaben liegen viel mehr im Seelischen, als wir ge-
wohnlich meinen.
VIERTER VORTRAG
Dornach, 15. August 1919
Aus den letzten Betrachtungen, die wir hier angestellt haben, werden
Sie ersehen haben, dafi innerhalb der vielen Fragen, die die Gegenwart
beschaftigen, die Erziehungsfrage die allerwichtigste ist. Wir haben ja
betonen miissen, dafi die ganze soziale Fragestellung in sich schliefk
als hauptsachlichstes Moment gerade die Erziehungsfrage. Und nach-
dem ich einiges vor achtTagen angedeutet habe liber die Umgestaltung,
die Umwandlung des Erziehungswesens, werden Sie es begreiflich
finden, dafi wiederum innerhalb der Erziehungsfrage die bedeut-
samste Unterfrage die nach der Bildung der Lehrer selbst ist. Wenn
man den Charakter der Zeitepoche, die verflossen ist in genauer Ab-
grenzung seit der Mine des 15. Jahrhunderts, auf sich wirken lafk,
so bekommt man ja, wie Sie wissen, den Eindruck: durch die Mensch-
heitsentwickelung ging hindurch in dieser Zeit die Welle der materia-
listischen Priifungen. Und wir leben in der Gegenwart in der Not-
wendigkeit, aus der materialistischen Welle uns herauszuarbeiten und
den Weg zum Geiste zuriickzufinden; den Weg zum Geiste, der ja in
alteren Kulturepochen der Menschheit bekannt war, der aber damals
gegangen wurde von der Menschheit mehr oder weniger instinktiv,
unbewufit, der verloren worden ist, damit die Menschheit ihn aus
eigenem Antriebe, aus eigener Freiheit heraus suchen konne, und der
nun bewufit, voll bewu£t gesucht werden mui
Der Ubergang, durch den die Menschheit durchgehen mufke seit
der Mitte des 1 5. Jahrhunderts, ist eben das, was man nennen konnte
die materialistische Prufung der Menschheit. LafSt man den Charakter
dieser materialistischen Zeit auf sich wirken und betrachtet man dann
mit dem, was man dadurch einsieht, die Kulturentwickelung in den
letzten drei bis vier Jahrhunderten und bis in unsere Zeit herein, dann
findet man, daft am meisten ergriffen worden ist von der materia-
listischen Welle, am intensivsten in Anspruch genommen worden ist
von dieser materialistischen Welle gerade die Lehrerbildung. Alles
iibrige wiirde einen so nachhaltigen Eindruck nicht tiben konnen wie
die Durchsetzung der padagogisch-didaktischen Anschauung mit
materialistischer Gesinnung. Man braucht nur in verstandiger Weise
auf Einzelheiten zu sehen in unserem gegenwartigen Unterrichtswesen,
und man wird die ganze Schwierigkeit, die fiir einen wirklich frucht-
baren Fortschritt vorliegt, ins Auge fassen konnen. Bedenken Sie, daft
immer wieder und wieder wiederholt wird gerade bei denjenigen
Menschen, die heute glauben, besonders gut in Erziehungsfragen
sprechen zu konnen, aller Unterricht miisse schon von der untersten
Schulstufe ab anschaulich sein — was man eben so anschaulich nennt.
Ich habe Sie ja ofter darauf aufmerksam gemacht, wie man zum Bei-
spiel den Rechenunterricht anschaulich machen will: Rechenmaschinen
stellt man in der Schule auf! Man legt einen groften Wert darauf, daft
gewissermaften das Kind schon alles anschauen konne und dann aus
der Anschauung sich erst Vorstellungen aus dem eigenen Inneren seiner
Seele heraus bilde. Dieser Trieb nach Anschaulichkeit im Erziehungs-
wesen, er ist gewift auf sehr vielen Gebieten der Padagogik voll
berechtigt. Aber er zwingt doch die Frage aufzuwerfen: Was wird aus
dem Menschen, wenn er nur durch einen Anschauungsunterricht
durchgeht? Wenn der Mensch nur durch einen Anschauungsunterricht
durchgeht, dann wird er seelisch vollig ausgedorrt, dann ersterben
nach und nach die inneren Triebkrafte der Seele; dann bildet sich eine
Verbindung der ganzen menschlichen Wesenheit mit der anschaulichen
Umgebung. Und dasjenige, was aus dem Innern der Seele spriefien
sollte, das wird allmahlich in der Seele ertotet. Und auf Ertotung des
Seelischen geht vieles gerade wegen der Anschaulichkeit des gegen-
wartigen Unterrichts aus. Man weift natiirlich nicht, daft man die
Seele ertotet, aber man ertotet sie in Wirklichkeit. Und die Folge
davon ist das - ich habe das von anderen Gesichtspunkten aus schon
erwahnt -, was wir an den Menschen der Gegenwart erleben. Wie
viele Menschen der Gegenwart sind eigentlich problematische
Naturen. Wie viele Menschen der Gegenwart wissen in reiferen Jahren
nicht aus ihrem eigenen Innern herauszuholen das, was ihnen in schwie-
rigen Zeiten Trost und Hoffnung bieten konnte, um den verschie-
denen Lagen des Lebens gewachsen zu sein. Wir sehen in der Gegen-
wart viele gebrochene Naturen, und uns selber kommt es wohl in
besonderen Augenblicken an, wie wir uns nicht zurechtfinden konnen.
Das alles hangt zusammen mit den Mangeln unseres Erziehungs-
wesens und namentlich mit den Mangeln der Lehrerbildung. Was ware
nun fur eine gedeihliche Zukunft gerade in bezug auf die Lehrer-
bildung anzustreben? Sehen Sie, daft der Lehrer schlieftlich dasjenige
weift, was er gewohnlich abgefragt wird bei den Prufungen, das ist
eigentlich eine untergeordnete Sache, denn da wird er ja zumeist iiber
Dinge gefragt, die er vor den Stunden in irgendeinem Handbuch sick
aufschlagen konnte, auf die er sich, wenn er sie braucht, vorbereiten
konnte. Dasjenige aber, worauf bei den Prufungen gar nicht gesehen
wird, das ist die allgemeine Seelenverfassung des Lehrers, das ist das-
jenige, was geistig immerfort ubergehen mufi von ihm auf seine
Schiiler. Es ist ein grower Unterschied, ob der eine Lehrer das Klassen-
zimmer betritt oder der andere. Wenn der eine Lehrer durch die Tiir
des Klassenzimmers tritt, so fiihlen die Kinder oder die Schiiler eine
gewisse Verwandtschaft mit der eigenen Seelenstimmung; wenn ein
anderer Lehrer die Klasse betritt, fiihlen die Kinder oder die Schiiler
oftmals eine solche Verwandtschaft gar nicht; im Gegenteil, sie fiihlen
eine Kluft zwischen sich und dem Lehrer, und alle moglichen Schat-
tierungen von Gleichgultigkeit bis zu dem, was sich ausspricht im
Komischfinden des Lehrers, in dem Spotten iiber den Lehrer. Alle
die Nuancen, die dazwischen liegen, finden sich oftmals recht sehr
zum Ruinieren des wirklichen Unterrichtes und der wirklichen Er-
ziehung.
Die Frage ist daher in erster Linie brennend: Wie kann die Lehrer-
bildung in die Zukunft hinein umgewandelt werden? Sie kann nicht
anders umgewandelt werden als dadurch, daft der Lehrer aufnimmt
in sich dasjenige, was aus der Geisteswissenschaft kommen kann an
Erkenntnissen iiber die Natur des Menschen. Der Lehrer muft durch-
drungen sein von dem Zusammenhang des Menschen mit den iiber-
sinnlichen Welten. Er mufi in der Lage sein, in dem heranwachsenden
Kinde das Zeugnis dafiir zu sehen, daft dieses Kind heruntergestiegen
ist aus der iibersinnlichen Welt durch Empfangnis oder Geburt und
daft das, was heruntergestiegen ist, sich mit dem Leib umkleidet hat,
sich etwas aneignet, wozu er zu helfen hat hier in der physischen Welt,
weil das Kind sich es nicht aneignen kann in dem Leben zwischen
dem Tod und einer neuen Geburt.
Als Frage der iibersinnlichen Welt an die sinnliche, so sollte eigent-
lich vor dem Gemiite des Lehrenden oder Erziehenden jedes Kind
stehen. Diese Frage wird man sich nicht im konkreten, im umfassenden
Sinne aufwerfen konnen, namentlich nicht jedem einzelnen Kinde
gegeniiber, es sei denn, daft man die Erkenntnisse verwenden kann, die
iiber die Natur des Menschen aus der Geisteswissenschaft kommen. Die
Menschheit hat sich allmahlich im Laufe der drei bis vier letzten Jahr-
hunderte immer mehr und mehr angewohnt, den Menschen zu sehen,
ich mochte sagen, bloft physiologisch, bloft auf seine auftere leibliche
Konstitution hin. Am schadlichsten ist diese Anschauung vom Men-
schen fur den Erzieher, fur den Unterrichter. Daher wird vor alien
Dingen notwendig sein, daft eine in der Anthroposophie sich erge-
bende Anthropologic die Grundlage der Zukunftspadagogik werde.
Das kann aber nicht anders geschehen als dadurch, daft der Mensch
wirklich von den Gesichtspunkten aus ins Auge gefaftt wird, die wir
ofter hier beriihrt haben und die ihn in mancherlei Beziehung
charakterisieren als ein dreigliedriges Wesen. Aber man muft sich
entschlieften dazu, diese Dreigliederung wirklich innerlich zu erfassen.
Ich habe Sie wiederholt von den verschiedensten Gesichtspunkten aus
darauf aufmerksam gemacht, wie der Mensch, so wie er vor uns steht,
zerfallt in das, was erzunachst als Nerven-Sinnes-Mensch ist, was man
popular so ausdriicken kann, daft man sagt: Zunachst ist der Mensch
Kopfmensch, Hauptesmensch. Als zweites Glied der menschlichen
Wesenheit, aufterlich betrachtet, haben wir denjenigen Menschen, in
dem sich hauptsachlich die rhythmischen Vorgange abspielen, den
Brustmenschen; und dann, wie Sie ja wissen, zusammenhangend mit
dem ganzen Stoffwechselsystem den Gliedmaftenmenschen, den
Stoffwechselmenschen, in dem sich eben der Stoffwechsel als solcher
abspielt. Dasjenige, was der Mensch als tatiges Wesen ist, das
erschopft sich aufterlich in der Bildgestalt, in der physischen Bild-
gestalt des Menschen in diesen drei Gliedern der menschlichen
Gesamtnatur.
Notieren wir uns einmal diese drei Glieder der menschlichen
Gesamtnatur: Kopfmensch oder Nerven-Sinnes-Mensch, Brustmensch Tafel 4
oder rhythmischer Mensch und dann Gliedmafienmensch, im weitesten
Sinne natiirlich, oder Stoffwechselmensch.
Nun handelt es sich darum, daft man diese drei Glieder der
menschlichen Natur in ihrem Unterschiede voneinander erfaftt. Das
ist ja fur den Menschen der Gegenwart unbequem, denn der Mensch
der Gegenwart liebt schematische Einteilungen. Er mochte sich, wenn
man sagt: der Mensch besteht aus Kopfmensch, Brustmensch, Glied-
maftenmensch, am liebsten da einen Strich machen am Halse, was
driiber ist, ist Kopfmensch. Dann mochte er sich wieder anderswo
einen Strich machen, eine Linie ziehen, um den Brustmenschen zu
begrenzen, und so mochte er die eingeteilten Glieder nebeneinander
haben. Was sich nicht so schematisch nebeneinanderstellen laftt, dar-
auf laftt sich der Mensch der Gegenwart nicht gerne ein.
Aber so ist es in der Wirklichkeit nicht; die Wirklichkeit macht
nicht solche Striche. Der Mensch ist zwar iiber den Schultern haupt-
sachlich Kopfmensch, Nerven-Sinnes-Mensch. Aber er ist nicht allein
iiber den Schultern Nerven-Sinnes-Mensch; zum Beispiel der Gefuhls-
sinn, der Warmesinn sind iiber den ganzen Leib ausgedehnt, so daft
der Kopf iiber den ganzen Leib wiederum reicht. Also man kann,
wenn man so sprechen will, sagen: der menschliche Kopf ist haupt-
sachlich Kopf. Und die Brust ist eben weniger Kopf, aber auch noch
Kopf. Die Gliedmaften oder alles, was Stoffwechselsystem ist, sind
noch weniger Kopf, aber auch Kopf. So daft man also eigentHch sagen
muft: der ganze Mensch ist Kopf,nur der Kopf ist hauptsachlich Kopf.
Wollte man also schematisch zeichnen, so miiftte man etwa, wenn man
wollte den Kopfmenschen zeichnen, ihn so zeichnen (siehe Zeich-
nung, helle Schraffur). Tafel 4
Der Brustmensch ist wiederum nicht bloft in der Brust, er ist
hauptsachlich in den Brustorganen, in den Organen, in denen sich das
Herz und der Atmungsrhythmus am deutlichsten ausdriicken. Aber
die Atmung setzt sich auch in den Kopf hinein fort, die Blutzirku-
lation in ihrem Rhythmus setzt sich in den Kopf hinein fort und in
die Gliedmaften. So daft man sagen kann: der Mensch ist Brust aller-
dings in dieser Gegend; aber er ist auch hier - zwar weniger - Brust
Taf el 4
(siehe Zeichnung, mittlere Schraffur) und hier - wiederum weniger
Brust. Also wiederum der ganze Mensch ist Brust, aber in der Haupt-
sache ist das die Brust, das der Kopf .
Und wiederum der Gliedmaften- und Stoffwechselmensch, ja er
ist schon in der Hauptsache dieses (siehe Zeichnung, dunkle Schraf-
fur); aber diese Gliedmaften setzen sich wiederum so fort, daft sie
weniger sind in der Brust und am wenigsten im Kopfe.
Also ebenso wahr, wie man sagen kann: der Kopf ist Kopf, kann
man sagen: der ganze Mensch ist Kopf. Ebenso wahr, wie man sagen
kann: die Brust ist Brust, kann man sagen: der ganze Mensch ist
Brust und so weiter. Die Dinge schwimmen ineinander in der Wirk-
lichkeit. Und unser Begreifen ist so veranlagt, daft wir gerne so neben-
einanderstellen die Teile, die Glieder. Dieses zeigt uns, wie wenig wir
mit Bezug auf unsere Erkenntnisvorstellungen verwandt sind der
aufteren Wirklichkeit. In der aufteren Wirklichkeit schwimmen die
Dinge ineinander. Und wir mussen, wenn wir auf der einen Seite
trennen: Kopf-, Brust-, Stoffwechselmensch, uns bewuftt sein, daft
wir dann die getrennten Glieder wieder zusammendenken mussen. Wir
diirfen eigentlich niemals bloft auseinanderdenken, wir mussen immer
auch wieder zusammendenken. Ein denkender Mensch, der nur aus-
einanderdenken wollte, der gleicht einem Menschen, der nur ein-
atmen, nicht aber ausatmen wollte.
Damit haben Sie gleich etwas gegeben, was eintreten mufi
namentlich fiir das Denken der Lehrer der Zukunft; die mussen ganz
besonders in sich aufnehmen dieses innerlich bewegliche Denken,
dieses unschematische Denken. Denn nur dadurch, daft sie dieses
unschematische Denken in sich aufnehmen, kommen sie mit ihrer
Seele der Wirklichkeit nahe. Aber man wird der Wirklichkeit nicht
nahekommen, wenn man nicht dieses Nahekommen von einem
gewissen grofieren Gesichtspunkte aus als Zeiterscheinung aufzuf assen
in der Lage ist. Man mufi die Vorliebe, welche man gegen die Gegen-
wart herein immer mehr entwickelt hat, sich an die Details des Lebens
zu halten, wenn man Wissenschaftliches ins Auge falk, man raufi diese
Vorliebe iiberwinden und mufi dahin kommen, die Details des Lebens
an die grofien Lebensfragen anzukniipfen.
Und bedeutsam wird eine Frage werden fiir alle Entwickelung der
Geisteskultur in die Zukunft hinein: das ist die Unsterblichkeitsfrage.
Man wird sich klar werden mussen dariiber, wie eigentlich ein grofier
Teil der Menschheit diese Unsterblichkeit auffafit, namentlich seit der
Zeit, in welcher viele Menschen sogar schon bis zur Leugnung der
Unsterblichkeit gekommen sind. Was lebt eigentlich in den meisten
Menschen, die heute noch aus den Untergrunden der gebrauchlichen
Religionen heraus iiber Unsterblichkeit sich unterrichten wollen, was
lebt in diesen Menschen? Es lebt in diesen Menschen der Drang, etwas
zu wissen dariiber, was mit der Seele wird, wenn der Mensch durch
die Pforte des Todes durchgegangen ist.
Wenn wir fragen nach dem Interesse, das die Menschen nehmen an
der Unsterblichkeitsfrage, besser gesagt, an der Frage nach der Ewig-
keit des menschlichen Wesenskernes, so bekommen wir keine andere
Antwort, als: das hauptsachlichste Interesse an der Ewigkeit des
menschlichen Wesenskernes kniipft sich eben daran: Was wird mit
dem Menschen, wenn er die Pforte des Todes durchschreitet? Der
Mensch ist sich bewufit: er ist ein Ich. In diesem Ich lebt sein Denken,
Fiihlen und Wollen. Der Gedanke ist ihm unertraglich, dieses Ich
etwa vernichtet zu wissen. Daft er es durch den Tod tragen kann, und
was mit dem Ich nach dem Tode wird, das interessiert die Menschen
vor alien Dingen. Daft es so mit diesem Interesse gekommen ist, das
beruht im wesentlichen darauf, daft ja die, wenigstens fiir uns hier
zunachst in Betracht kommenden Religionssysteme, wenn sie von der
Unsterblichkeit sprechen, von der Ewigkeit des menschlichen Wesens-
kernes hauptsachlich im Auge haben eben die Frage: Was wird mit
der Menschenseele, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes
geht?
Nun miissen Sie fiihlen, daft man der Unsterblichkeitsfrage, wenn
man sie so stellt, einen aufterordentlich stark egoistischen Beigeschmack
gibt. Es ist im Grunde genommen ein egoistischer Trieb, der dem
Menschen das Interesse einfloftt, zu wissen, was mit seinem Wesens-
kern wird, wenn er die Pforte des Todes durchschreitet. Und wiirden
die Menschen der Gegenwart, mehr als sie das tun, so recht Selbst-
erkenntnis iiben, wiirden sie mit sich zu Rate gehen und sich nicht so
stark Illusionen hingeben, als das der Fall ist, dann wiirden die
Menschen schon einsehen, wie stark der Egoismus mitwirkt bei dem
Interesse, etwas iiber das Schicksal der Seele nach dem Tode zu wissen.
Diese Art der Seelenstimmung ist nun ganz besonders stark wieder-
um geworden in der Zeit der materialistischen Priifung in den letzten
drei bis vier Jahrhunderten. Und man kann das, was so die Seele des
Menschen wie eine innere Empfindungs- und Denkgewohnheit er-
griffen hat, nicht etwa durch Theorien oder Lehren iiberwinden, wenn
diese Theorien oder Lehren nur abstrakte Form haben. Aber die Frage
muft doch aufgeworfen werden: Kann es so bleiben? Darf bei der
Frage nach dem ewigen Wesenskern des Menschen nur Egoistisches
in der Menschennatur sprechen?
Wenn man alles, was mit diesem Fragenkomplex zusammenhangt,
ins Auge faftt, dann muft man sich sagen: Daft das so geworden ist mit
der menschlichen Seelenstimmung, wie ich es eben charakterisiert
habe, das riihrt im wesentlichen davon her, daft von den Religionen
vernachlassigt worden ist der andere Gesichtspunkt: anzuschauen den
Menschen, indem er geboren wird, indem er hereinwachst in die Welt
vom ersten kindlichen Schrei, in dieser wunderbaren Weise, wie sich
immer mehr und mehr die Seele hineindrangt in die Korperlichkeit,
anzuschauen den Menschen, wie da in ihm sich herauflebt das, was
vorgeburtlich in der geistigen Welt gelebt hat. Wie oft wird denn heute
die Frage aufgeworfen: Was setzt sich fort aus dem geistigen Gebiete,
wenn der Mensch geboren wird, mit dem physischen Menschen?
Danach fragt man immer wieder und wieder: Was setzt sich fort,
wenn der Mensch stirbt? Danach aber fragt man wenig: Was setzt
sich fort, wenn der Mensch geboren wird?
Darauf ist die Hauptaufmerksamkeit zu richten in der Zukunft.
Wir miissen gewissermaften lernen, abzulauschen dem heranwach-
senden Menschen die Offenbarung des Geistig-Seelischen, wie es war
vor der Geburt oder vor der Empfangnis. Wir miissen lernen, in dem
heranwachsenden Kinde die Fortsetzung seines Aufenthaltes in der
geistigen Welt zu sehen: dann wird unser Verhaltnis zu dem ewigen
Wesenskern des Menschen immer unegoistischer und unegoistischer
werden. Wenn einen namlich nicht interessiert, was sich fortsetzt mit
dem physischen Leben aus der geistigen Welt heraus, sondern nur
interessiert, was sich fortsetzt hinter dem Tode, dann ist man innerlich
egoistisch. Es begriindet in einer gewissen Weise eine unegoistische
Seelenstimmung, auf dasjenige hinzuschauen, was sich aus dem Gei-
stigen fortsetzt in das physische Dasein hinein.
Der Egoismus, der fragt aus dem Grunde nicht nach dieser Fort-
setzung, weil er ja dessen gewift ist, daft er da ist, der Mensch, und er
ist zufrieden damit, daft er da ist. Er ist nur dessen nicht gewift, daft er
auch noch nach dem Tode da ist; daher mochte er sich das beweisen
lassen. Dazu treibt ihn der Egoismus. Aber die wahre Erkenntnis
wird nicht dem Menschen aus dem Egoismus heraus, auch nicht aus
jenem sublimierten Egoismus, den wir jetzt eben charakterisiert haben
als erzeugend das Interesse an der Fortsetzung des seelischen Daseins
nach dem Tode. Und ist es denn eigentlich zu leugnen, daft die Reli-
gionen gar sehr spekulieren auf diesen eben gekennzeichneten Egois-
mus? Dieses Spekulieren auf den eben gekennzeichneten Egoismus,
das muft iiberwunden werden. Und der, welcher hineinschaut in die
geistige Welt, der weift, daft diese Uberwindung mit sich bringen wird
nicht bloft Erkenntnisse - diese Uberwindung wird mit sich bringen
eine ganz andere Einstellung des Menschen zu seiner menschlichen
Umgebung. Man wircl ganz anders fiihlen und empfinden mit dem
kindlich heranwachsenden Menschen, wenn man immer darauf hin-
schaut, wie sich fortsetzt das, was nicht mehr bleiben konnte in der
geistigen Welt.
Bedenken Sie doch nur einmal, wie sehr sich eine Frage gerade von
diesem Gesichtspunkte aus verschiebt. Man konnte sagen: Der Mensch
war in der geistigen Welt, bevor er durch Empfangnis oder Geburt her-
untergestiegen ist in die physische Welt. Da oben mufi es also gewesen
sein, daft er sein jeweiliges Ziel nicht mehr gefunden hat. Die geistige
Welt mufi ihm das nicht mehr gegeben haben, was die Seele anstrebt.
Und aus der geistigen Welt heraus mufi sich der Drang ergeben haben,
herunterzusteigen in die physische Welt, sich mit einem Leib zu um-
kleiden, um das in der physischen Welt zu suchen, was nicht mehr in
der geistigen Welt gesucht werden konnte, als die Zeit nahe der Geburt
zuging.
Es ist eine ungeheure Vertiefung des Lebens, wenn man den
Gesichtspunkt so - aber jetzt fiihlend und empfindend - zu nehmen
weift. Wahrend der eine Gesichtspunkt, der egoistische, immerzu den
Menschen dazu drangt, abstrakter und abstrakter zu werden, ins
Theoretische einzulaufen, dem Kopfdenken sich zuzuneigen, wird das,
was nach dem anderen, dem unegoistischen Gesichtspunkte hingeht,
den Menschen immer mehr und mehr dazu drangen, die Welt in Liebe
zu erkennen und durch Liebe zu begreifen. Das ist eines der Elemente,
die in der Lehrerbildung werden aufgenommen werden miissen: hin-
zuschauen auf den vorgeburtlichen Menschen, nicht also nur das
Ratsel des Todes zu empfinden, sondern auch zu empfinden dem
Leben gegeniiber das Ratsel der Geburt.
Dann aber mul? gelernt werden, Anthropologic zu erhohen zu
Anthroposophie dadurch, daft man nun wirklich ein Gefiihl sich
aneignet fur die Formen, die sich in dem dreigegliederten Menschen
ausdriicken. Ich sagte schon neulich: Ja, ist denn nicht dieses Haupt
des Menschen, das, was hauptsachlich Haupt ist, in einer ganz anderen
Form kugelig, nur aufgesetzt dem iibrigen Organismus? (siehe Zeich-
TafeU nung). Und wiederum, wenn wir den Brustmenschen nehmen, wie
erscheint er uns? Er erscheint uns eigentlich so, daft wir ein Stuck des
Kopfes nehmen konnten, es nun vergroftern, und hier das Riickgrat
haben wiirden (siehe Zeichnung). Wahrend der Kopf seinen Mittel-
punkt in sich tragt, tragt der Brustmensch den Mittelpunkt sehr weit
von sich weg. Und wiirden Sie sich das gleichsam wie einen groften
Kopf denken, so wiirde er, dieser grofie Kopf, angehoren etwa einem
auf dem Rucken liegenden Menschen. So dafi wir haben wiirden, wenn
wir die Wirbelsaule wie einen unvollkommenen Kopf betrachten,
einen horizontal liegenden Menschen, und einen vertikal stehenden
Menschen.
Noch komplizierter, so daft man gar nicht in der Lage ist, das in
die Ebene zu zeichnen, wird das, wenn wir den Stof fwechselmenschen
ins Auge fassen wiirden. Kurz, fur eine Formbetrachtung, fur eine
Betrachtung der plastischen Form, stellen sich die drei Glieder der
menschlichen Natur ganz verschieden vor. Der Kopf ist gleichsam
eine Totalitat, der Brustmensch ist keine Totalitat, das ist ein Frag-
ment; und gar erst der Stoffwechselmensch!
Nun, wodurch ist der menschliche Kopf, das menschliche Haupt,
dieses in sich Abgeschlossene? Dieses in sich Abgeschlossene ist das
menschliche Haupt dadurch, dafi von alien Gliedern des Menschen
dieses menschliche Haupt am meisten angepafk ist der physischen
Welt. So sonderbar Ihnen das scheinen mag, weil Sie ja gewohnt sind,
das menschliche Haupt als das edelste Glied des Menschen zu be-
trachten, so richtig ist es doch, daft dieses menschliche Haupt am
meisten angepaftt ist dem physischen Dasein. Das Haupt driickt am
meisten vom physischen Dasein aus. So daft man sagen kann: Will
man den physischen Leib in der Hauptsache charakterisieren, so mull
man nach dem Kopfe hinschauen. In bezug auf den Kopf ist der
Mensch am meisten physischer Leib, In bezug auf die Brustorgane,
auf die Rhythmusorgane ist der Mensch am meisten Atherleib; in
bezug auf die Stoffwechselorgane ist der Mensch am meisten astra-
lischer Leib. Und das Ich, das hat iiberhaupt noch nichts Deutliches
in der physischen "Welt ausgepragt.
Hier sind wir bei einem Gesichtspunkte angel angt, der aufter-
ordentlich wichtig ist ins Auge zu fassen. Sie miissen sich diesen
Gesichtspunkt so zurechtlegen, daft Sie sich sagen: Sehe ich das
menschliche Haupt an, also das, was ich weifi gezeichnet habe (siehe
Tafel 4 Zeichnung Seite 72, helle Schraffur), so habe ich das Hauptsachlichste
auch vom physischen Leib. Das Haupt bringt am meisten zum Aus-
drucke, was im Menschen offenbar ist. Im Brustmenschen, da ist der
Atherleib mehr tatig. Im Kopf ist der Atherleib am wenigsten tatig,
in der Brust ist der Atherleib viel mehr tatig. Daher ist physisch
genommen der Brustteil des Menschen unvollkommener als der Kopf.
Physisch genommen ist er unvollkommener. Und erst recht unvoll-
kommen ist der Stoffwechselmensch, weil da wiederum der Atherleib
ganz wenig tatig ist und der astralische Leib am meisten tatig ist. Und
wie ich oftmals betont habe: Das Ich ist ja noch das Baby, hat noch
kaum ein physisches Korrelat.
Also Sie sehen, man kann den Menschen auch so beschreiben, daft
man sagt: Der Mensch besteht aus dem physischen Leib. Willst du dir
die Frage beantworten: Was ist am ahnlichsten dem physischen Leib
des Menschen? so lautet die Antwort: Die Kopfkugel. Der Mensch
besteht aus dem Atherleibe. Was ist am ahnlichsten dem Atherleibe?
Das Brustfragment. Der Mensch besteht aus astralischem Leib. Was
ist am ahnlichsten dem astralischen Leib? Der Stoffwechselmensch.
Fur das Ich hat man kaum auf etwas hinzudeuten im physischen
Menschen. So wird jedes der drei Glieder des Menschen, Kopf, Ner-
ven-Sinnes-Mensch, der Brustmensch, der rhythmische Mensch und
CoDvriaht Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltuna Buch:29G Seite: 7 8
der Stoffwechselmensch zum Bilde fur etwas Dahinterstehendes: der
Kopf zum Bilde fur den physischen Leib, die Brust zum Bilde fiir den
Atherleib, der Stoffwechsel zum Bilde fiir den astralischen Leib. Das
wird man lernen miissen, nicht so zu betrachten, wie man heute den
Menschen betrachtet, indem man den Leichnam in der Klinik unter-
sucht, ein Stuck als Gewebe oder so etwas betrachtet, gleichgiiltig ob
es in der Brust oder im Kopfe ist. Man wird lernen miissen, sich zu
sagen: Kopf-, Brust- und Stoffwechsel-Mensch stehen in verschiedenen
Beziehungen zum Kosmos, driicken bildhaft verschiedenes Dahinter-
stehendes aus. Das wird erweitern die heutige bloft anthropologische
Betrachtungsweise ins Anthroposophische hinein. Rein physisch be-
trachtet sind Brustorgane und Kopforgane gleichwertig. Ob Sie
schlieftlich die Lunge sezieren oder das Gehirn sezieren, physisch
genommen ist das eine wie das andere Materie. Geistig genommen ist
dies keineswegs der Fall. Geistig genommen ist das so, daft, wenn Sie
das Gehirn sezieren, Sie wirklich das ziemlich deutlich vor sich haben,
was Sie sezieren. Wenn Sie die Brust sezieren, zum Beispiel die Lunge,
da haben Sie das schon recht undeutlich vor sich, was Sie sezieren,
denn da spielt der Atherleib eine eminent wichtige Rolle darinnen,
wahrend der Mensch schlaft.
Die Sache, die ich eben jetzt auseinandergesetzt habe, hat ihr
geistiges Gegenbild. Derjenige, der etwas vorgeschritten ist durch
Meditation, durch solche Obungen, wie Sie sie beschrieben finden in
unserer Lkeratur, der kommt allmahlich dazu, den Menschen wirklich
dreizugliedern. Sie wissen, ich spreche von dieser Dreigliederung von
einem gewissen Gesichtspunkte aus in dem Kapitel meines Buches
«Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?», wo auf den
Hiiter der Schwelle hingedeutet wird. Aber man kann die Dreiglie-
derung so auch vollziehen durch starke Konzentration auf sich selbst:
daft man nun wirklich Kopfmenschen (siehe Zeichnung, helle Tafcl 4
Schraffur), Brustmenschen (mittlere Schraffur) und Stoffwechsel-
rnenschen (dunkle Schraffur) trennt. Dann merkt man, wodurch der
Kopf dieser Kopf eigentlich ist, den wir haben. Sehen Sie, wenn Sie
durch innere Konzentration den Kopf herausziehen mit seinem An-
hange, herausziehen aus dem iibrigen menschlichen Organismus und
dann als wirklichen Kopf unbeeinf lu£t von den anderen Gliedern der
Menschennatur vor sich haben, dann ist er tot, dann lebt er nicht
mehr. Sie konnen hellseherisch unmoglich den Kopf abgliedern von
dem iibrigen menschlichen Organismus, ohne daft Sie ihn als Leich-
nam wahrnehmen. Beim Brustmenschen konnen Sie das, der bleibt
lebendig. Und wenn Sie den astralischen Leib abtrennen dadurch, dafi
Sie abtrennen den Stoffwechselmenschen, dann lauft er Ihnen davon,
der astralische Mensch, dann bleibt er nicht an dem Orte, dann folgt
er den kosmischen Bewegungen, denn er hat das Astralische in sich.
Und jetzt denken Sie sich einmal, Sie stehen vor einem Menschen-
kinde, Sie schauen es mit solchen Erkenntnissen unbefangen und ver-
niinftig an, wie ich sie eben auseinandergesetzt habe. Dann blicken
Sie hin auf das menschliche Haupt: es tragt den Tod in sich; Sie
blicken hin auf dasjenige, was das Haupt beeinflulk von der Brust aus:
es belebt alles. Sie blicken hin, wenn das Kind anfangt zu laufen, Sie
merken: das ist der astralische Leib eigentlich, der da im Laufen
drinnen tatig ist. Jetzt wird Ihnen die menschliche Wesenheit etwas
innerlich Durchschaubares. Der Kopf - Leichnam; das sich aus-
breitende Leben in dem Menschen stillstehend, wenn er ganz ruhig
sein wiirde. Im Augenblick, wo er zu laufen beginnt, merken Sie
sogleich: der astralische Leib ist es eigentlich, der lauft; und er kann
laufen, weil dieser astralische Leib beim Laufen, beim Bewegen Stoffe
verbraucht, der Stoffwechsel ist tatig in einer gewissen Weise. Das
Ich, wie kann man das beobachten? Es ist eigentlich jetzt schon alles
erschopft. Wenn Sie verfolgen den Kopf-Leichnam, das Belebende
des Brustmenschen, das Laufen, was bleibt noch iibrig, um das Ich
aufterlich anzuschauen? Ich sagte Ihnen, das Ich hat kaum ein phy-
sisches Korrelat. Sie schauen das Ich nur an, wenn Sie den Menschen
in seinem aufsteigenden Wachstum betrachten. Mit einem Jahr, da
ist er ganz klein, mit zwei Jahren grofier und so weiter. Wenn Sie ihn
so grower und grower werden sehen, wenn Sie zusammenfugen das-
jenige, was er in den aufeinanderfolgenden Zeiten ist, dann sehen Sie
physisch das Ich an. Sie sehen das Ich niemals im Menschen, wenn Sie
ihm nur gegenuberstehen, sondern das Ich sehen Sie erst dadurch, daft
Sie den Menschen wachsen sehen. Wiirden sich die Menschen nicht
Illusionen hingeben, sondern die Wirklichkeit sehen, dann wiirden
sie sich klar sein dariiber, dafi sie in dem Menschen, der einem nur so
einfach begegnet, physisch gar nicht das Ich so ohne weiteres wahr-
nehmen, dafi sie das Ich eigentlich nur wahrnehmen, wenn sie den
Menschen in verschiedenen Lebensaltern betrachten. Wenn Sie aber
einen Menschen spater wiedersehen nach zwanzig Jahren, dann
nehmen Sie sehr stark sein Ich wahr an der Veranderung, die mit ihm
vorgegangen ist, insbesondere wenn Sie ihn vor zwanzig Jahren als
Kind gesehen haben.
Nun bitte ich Sie, das, was ich gesagt habe, nicht theoretisch blofi
zu durchdenken, sondern ich bitte, beleben Sie Ihre Vorstellungen und
iiberlegen Sie sich, wenn Sie so den Menschen betrachten: Kopf -
Leichnam, Brust - Belebung, Lauf en des astralischen Leibes, Grofier-
werden durch das Ich - wie sich der ganze Mensch belebt, der vorher
wie eine Wachspuppe vor Ihnen stand.
Was ist denn schliefilich das, was man gewohnlich mit seinen
physischen Augen und auch mit seinem Verstande vom Menschen
sieht? Eine Wachspuppe! und die belebt sich, wenn Sie das hinzufugen,
was ich eben jetzt auseinandergesetzt habe!
Dazu brauchen Sie allerdings die Durchsetzung Ihrer Anschauung
durch dasjenige, was Geisteswissenschaft in die Empfindungen, in die
Gefuhle, in das ganze Verhaltnis des Menschen zur Welt hineingiefien
kann. Ein laufendes Kind verrat Ihnen den astralischen Leib. Und das,
was in der Geste des Laufens liegt - jedes Kind lauft ja anders -, das
kommt von der Konfiguration der verschiedenen astralischen Leiber
her. Und dasjenige, was im Wachsen liegt, das pragt etwas vom Ich aus.
Sehen Sie, da wirkt das Karma sehr stark in den Menschen hinein.
Nehmen wir ein Beispiel, das der Gegenwart nicht mehr naheliegt:
Ficbte, Johann Gottlieb Fichte. Ich habe Ihnen von den verschie-
densten Seiten Johann Gottlieb Fichte charakterisiert. Ich habe ihn
Ihnen charakterisiert einmal als grofien Philosophen, ich habe ihn
Ihnen charakterisiert einmal als Bolschewisten, und so weiter, nicht
wahr. Wollen wir ihn aber einmal noch von einem anderen Gesichts-
punkte aus ins Auge fassen. Sie erinnern sich ja wohl, dafi ich auch
gezeigt habe, wie Johann Gottlieb Fichte durchaus unter die Bol-
schewisten gerechnet werden kann; nun wollen wir ihn von einem
anderen Gesichtspunkte ins Auge fassen. Nehmen wir einmal an, wir
sninden so auf der Strafie und Fichte ginge voriiber, wir schauen ihm
nach: ein nicht sehr grower Mann, stammig. Was verrat die Art, wie
er gewachsen ist? Zuriickgehaltenes Wachstum. Stark aufsetzend die
Fiifie, besonders stark die Fersen aufsetzend, so, wenn man ihm nach-
schaut, geht er dahin. Das ganze Fichte-Ich ist dadrinnen. Keine
Nuance dessen, was der Mann war, kann einem entgehen, wenn man
ihn so anschaut mit dem durch etwas Hungern in der Jugend zuriick-
gehaltenen Wachstum, stammig, den Korper zuruckgehalten, stark
die Fersen aufsetzend. Man horte, wie er sprach, indem man ihn so
von ruckwarts bemerkte!
Sie sehen, in die Aufterlichkeiten des Lebens kann ein geistiges
Element hineinkommen. Es kann allerdings nicht hineinkommen in
die Aufterlichkeiten des Lebens, wenn nicht die Menschen etwas
anderes, als heute noch in der Seelenverfassung ist, an Gesinnung in
sich aufnehmen. Fur die heutigen Menschen ware ja das Anschauen
ihrer Mitmenschen von diesem Gesichtspunkte aus eine recht bose
Indiskretion. Man mochte es nicht sehr wiinschen, daft das sich ver-
breitete, denn die Menschen von heute sind ja zumeist so geartet
durch den Materialismus, wie er sich immer mehr und mehr ausge-
breitet hat, daft sie nur deshalb, weil es verboten ist, nicht Briefe auf-
machen, die ihnen nicht gehoren, sonst wiirden sie es namlich tun.
Aber bei einer solchen Menschengesinnung ist es nicht tunlich, daft mit
den Menschen alles anders werde. Dennoch, die Erde hat mit der
Mitte des 15. Jahrhunderts dasjenige erfiillt, was die Menschen auf
andere Weise sich im Erdendasein nicht aneignen konnten, als da-
durch, daiS Mensch dem Menschen bis ins Physische hinein geistig
entgegenkommt. Und je mehr wir der Zukunft entgegenwachsen, desto
mehr mussen wir alles dasjenige, was sinnlich um uns herum ist,
lernen geistig aufzufassen. Und angefangen mu(5 das werden mit der
padagogischen Betatigung des Lehrers gegenuber dem heranwach-
senden Kinde. Physiognomische Padagogik: Wille, dieses grolke
Ratsel Mensch in jedem einzelnen Exemplar Mensch durch die Er-
ziehung zu losen!
Nun konnen Sie fiihlen, wie stark eigentlich in unserer Zeit das
ist, was ich als Priifung der Menschheit auseinandergesetzt habe.
Eigentlich drangt dasjenige, was ich auseinandergesetzt habe, dahin:
immer mehr und mehr zu individualisieren, jeden Menschen als ein
Wesen fiir sich zu betrachten. Das muft uns ja eigentlich als groftes
Ideal vorschweben: Keiner gleicht dem andern, jeder, jeder ist ein
Wesen fiir sich. Wiirde die Erde an ihr Ziel kommen, ohne daft wir uns
aneignen wiirden als Menschen, anzuerkennen jeden Menschen als ein
Wesen fiir sich, die Menschheit wiirde auf der Erde nicht ihr Ziel
erreichen. Aber wie weit sind wir heute von der Gesinnung entfernt,
die nach diesemZiele hinstrebt! Wir nivellieren ja heute die Menschen.
Wir sehen die Menschen so an, daft wir sie gar nicht stark auf ihre
individuellen Eigenschaften hin priifen. Hermann Bahr, von dem ich
Ihnen ofter erzahlt habe, hat einmal in Berlin verraten, wie die Zeit-
bildung dahin geht, gar nicht mehr zu individualisieren. Als Hermann
Bahr in den neunziger Jahren eine Zeitlang in Berlin lebte und mit-
machte das Berliner Gesellschaftsleben, hatte er naturlich an jedem
Abend rechts eine Tischdame und links eine Tischdame neben sich,
nicht wahr. Aber wenn er wiederum am nachsten Abend zwischen
zwei Tischdamen saft, da konnte er hochstens aus der Einladungskarte
entnehmen, daft das andere Damen waren: er schaute sie sich namlich
gar nicht so genau an, denn im Grunde genommen war die Dame von
gestern und die Dame von heute ganz dasselbe. Was er von ihnen sah,
war ganz dasselbe. Und die gesellschaftliche, namentlich industrielle
Kultur, die macht auch aufterlich aus den Menschen gleiche, lafit die
Individualitaten nicht herauskommen. Und so strebt man in der
Gegenwart nach Nivellement, wahrend das innerste Ziel des Men-
schen sein muft, nach Individualisierung zu streben. Wir verdecken
am meisten die Individuality in der Gegenwart und haben es am
notigsten, die Individuality aufzusuchen.
Beginnen, den inneren Seelenblick voll auf die Individuality hin-
zulenken, das muft im Unterricht des Menschen kommen. In die
Lehrerbildung muft die Gesinnung auf genommen werden: Individu-
alitaten in den Menschen zu finden. Das konnen wir nur dadurch, daft
wir unsere Vorstellung vom Menschen so beleben, wie ich es dar-
gestellt habe; dafi wir uns wirklich bewufit werden: Es ist nicht ein
Mechanismus, der sich vorwartsbewegt, es ist der astralische Leib, der
sich vorwartsbewegt, und der den physischen Leib mitzieht. Und ver-
gleichen Sie mit dem, was in Ihrer Seele entstehen kann als innerlich
belebtes und sich bewegendes Bild des ganzen Menschen, vergleichen
Sie damit das, was heme die gebrauchliche Wissenschaft gibt: den
Homunkulus, einen richtigen Homunkulus! Die Wissenschaft sagt
nichts vom Menschen, predigt nur den Homunkulus. Der wirkliche
Mensch, das ist derjenige, der vor alien Dingen in die Padagogik ein-
ziehen mufi. Aber er ist ganz heraufien aus der Padagogik.
Also die Erziehungsfrage ist eine Lehrerbildungsfrage, und so
lange sie nicht als das betrachtet wird, ist man nicht so weit, daft
irgend Ersprieftliches in der Erziehung geschehen kann. Sie sehen, alles
gehort von den hoheren Gesichtspunkten aus betrachtet so zusammen,
daft man das eine wirklich an das andere anschlielk. Heute mochte
man am liebsten auch die menschlichen Tatigkeiten, innerlichen
Tatigkeiten als Facher nebeneinander ausbilden. Da lernt der Mensch
Menschenkunde, dann Religion - die Dinge haben nicht viel mitein-
ander zu tun. In Wahrheit grenzt, wie Sie gesehen haben, dasjenige,
was man am Menschen betrachtet, an die Unsterblichkeitsf rage, an die
Frage nach dem ewigen Wesen der Menschennatur. Und wir mufken
die Frage nach dem ewigen Wesen der Menschennatur mit dem un-
mittelbaren Anschauen des Menschen zusammenbringen. Dieses
Bewegliche des seelischen Erlebens, das mufi insbesondere in die
Padagogik hinein. Dann werden ganz andere innere Fahigkeiten
entwickelt, als sie heute durch die Lehrerbildungsanstalten entwickelt
werden. Und das ist von ganz besonderer Wichtigkeit.
Ich wollte Ihnen durch die heutige Betrachtung nahebringen, wie
Geisteswissenschaft eigentlich alles durchdringen mulS, und wie man
ohne Geisteswissenschaft die grofien sozialen Probleme der Gegen-
wart nicht losen kann.
FUNFTER VORTRAG
Dornach, 16. August 1919
In die Betrachtungen, die wir jetzt pflegen, gehort ein immer weiteres
Eingehen auf die Zeitgeschichte in dem Sinne, wie sich die Welten-
krafte einfiigen in die Entwickelungsstromung der Gegenwart und
wie sie gestalten die Grundlagen unseres menschlichen Lebens. Sie
haben ja aus den gestrigen Auseinandersetzungen gesehen, wie es
immer notwendiger und notwendiger wird, die starren, abstrakten
Begriffe, die der gegenwartige Mensch gewohnt ist, zu verwandeln in
flussige, bewegliche, lebendige Begriffe, wenn wir im Leben weiter-
kommen wollen als Menschheit. Ein besonderes Licht wirft auf alle
die in dieser Beziehung in Betracht kommenden Tatsachen die Be-
trachtung desjenigen, was wir unter den menschlichen Seelenkraften
die Intelligenz nennen. Sie wissen ja, der Mensch der Gegenwart ist
auf seine Intelligenz ganz besonders stolz. Er betrachtet die Intelligenz
gewissermafien als dasjenige, das er sich im Laufe der Zeit als ein
besonders Auszeichnendes errungen hat.
Wenn der Mensch der Gegenwart zuriicksieht auf friihere Zeit-
epochen, sieht, wie die Menschen in friiheren Zeitepochen manches
sich bildlich vorgestellt haben, wie sie dasjenige, was der Mensch der
Gegenwart glaubt jetzt richtig zu erkennen durch seine Intelligenz,
durch seine Wissenschaft, wie die Menschen friiherer Entwickelungs-
epochen das durch Mythen, Legenden und dergleichen zu durch-
dringen versuchten, dann nennt der Mensch der Gegenwart diese
friihere Geistes- und Seelenverfassung wohl kindlich. Er blickt dann
zuriick auf kindliche Stufen der Entwickelung und tut sich so recht
etwas darauf zugute, wie er es weit gebracht hat, besonders in der
Ausbildung der Intelligenz. Die heutige Auseinandersetzung m6ge
einmal gerade der Eigentiimlichkeit der menschlichen Intelligenz
gewidmet sein, moge ins Auge fassen diese Seelenkraft, auf die der
Mensch der Gegenwart ganz besonders stolz ist. Wenn man gegen-
wartig von Intelligenz spricht, dann hat man eben eine Seelenkraft
im Auge, die man sich in einer bestimmten Weise vorstellt, und von
der man nur denkt, dafi sie so sein konne und sein miisse, wie man
gewohnt worden ist, sie sich vorzustellen.
Nun, es haben Intelligenz, wenn auch Intelligenz von anderer
Form, auch gehabt die Menschen friiherer Entwickelungsepochen, und
will man die Bedeutung der sogenannten Intelligenz fur den Men-
schen der Gegenwart voll kennenlernen, dann mul? man schon die
Frage aufwerfen: Wie sah die Intelligenz der Menschen friiherer
Entwickelungsepochen aus und wie hat sich diese Intelligenz der
Menschheit von fruheren Zeiten bis in unsere Zeiten herein allmahlich
verandert?
Wir wollen heute nicht weiter zuruckgehen als bis zu derjenigen
Zeit, die wir gewohnt worden sind, die dritte nachatlantische Zeit-
periode zu nennen, die agyptisch-chaldaische Zeit, auf die dann ge-
folgt ist die griechisch-lateinische Zeit, und auf die wiederum gefolgt
ist unsere Zeit. Wir wollen betrachten die besondere Eigentiimlich-
keit der Intelligenz bei den alten Agyptern, Chaldaern, bei den
Griechen und Romern und dann iibergehen zu der Betrachtung der
besonderen Art von Intelligenz, welche uns Menschen des fiinften
nachatlantischen Zeitraumes eigen ist. Sie sehen daraus, daft ich vor-
aussetze, daft das nicht richtig ist - und es ist auch nicht richtig -, wenn
man denkt, Intelligenz ist einmal Intelligenz, ist nur auf eine Art
moglich; wer unsere Intelligenz hat, ist eben intelligent, wer unsere
Intelligenz nicht hat, ist eben unintelligent. Das ist nicht richtig. Die
Intelligenz geht Metamorphosen durch, die Intelligenz verwandelt
sich. Sie war anders in der agyptisch-chaldaischen Zeit, als sie bei
uns ist. Die andersartige Intelligenz der agyptisch-chaldaischen Zeit
macht man sich am besten anschaulich, wenn man sich sagt, daft
instinktiv durch seine Intelligenz der alte Agypter, auch der alte
Chaldaer die Verwandtschaft fiihlte, die Verwandtschaft auffaftte,
begriff, seiner eigenen menschlichen Wesenheit mit dem ganzen Kosmos.
"Qber dasjenige, woriiber der heutige Mensch nachdenkt durch
seine Intelligenz, dachten ja die agyptisch-chaldaischen Menschen
wenig oder gar nicht nach. Denn diese Art von Intelligenz hatten sie
nicht. Wenn sie dachten, wenn sie ihre Intelligenz in Fluft brachten,
dann lebte in dieser Intelligenz ihr Zusammenhang mit dem Kosmos.
Der alte Agypter, der alte Chaldaer wulke, wie er mit dem oder
jenem Tierkreisbilde in Beziehung stand, er wufke, welchen Einflufi
auf seine seelische, leibliche Beschaffenheit Mond, Sonne, die anderen
Planeten haben. Er wufite, wie auf die menschliche Wesenheit wirkt
die Aufeinanderfolge der Jahreszeiten. Das alles falke er auf durch
seine Intelligenz. Ein vollig inneres Bild bekam er von seiner Ver-
wandtschaft mit dem Kosmos durch seine Intelligenz.
Diese Intelligenz verwandelte sich, als die agyptisch-chaldaische
Periode der Menschheit abgelaufen war im 8. Jahrhundert vor der
Begriindung des Christentums. Nach und nach wurde da die Intelli-
genz etwas vollig anderes, als sie in der agyptisch-chaldaischen Zeit
war. In die Intelligenz kam nicht mehr herein vollstandig, so wie es
vor dem 8. vorchristlichen Jahrhundert der Fall war, das Begreifen
des Zusammenhanges mit dem Kosmos. Man wuftte noch von diesem
Zusammenhang mit dem Kosmos, aber man wulke mehr wie in einer
Art von Nachklang, wie in einer Art von Erinnerung an dasjenige,
was man friiher in dieser Beziehung gewufit hat; dafiir aber kam her-
ein in die griechische Intelligenz mehr ein Nachdenken des Menschen
iiber sich selbst, wie er ist weniger in Beziehung auf den Kosmos, wie
er ist mehr abgesehen vom Kosmos, als Erdenbewohner. Der Grieche
hatte aber ein deutliches Gefiihl davon, ein deutliches Empfinden
davon, indem er gerade seine Intelligenz anwandte; er begriff alles
dasjenige von der irdischen Welt durch diese Intelligenz, was dem
Tode unterliegt.
Dieses Gefiihl ist wiederum verlorengegangen mit der Entwicke-
lung der Intelligenz seit der Mitte des 15. Jahrhunderts, seit dem
fiinften nachatlantischen Zeitraum. Der Grieche wufite, wenn er
Ubersinnliches verstehen wollte, da mulke er sich wenden an das
Schauen, das mehr oder weniger atavistisch insbesondere in der vor-
christlichen Zeit noch vorhanden war. Durch das Nachdenken, durch
die Intelligenz wufke er, lernte er nur kennen diejenigen Gesetz-
mafiigkeiten, diejenigen Regeln, welche zugrunde liegen all dem, was
auf der Erde dem Tode unterliegt, was stirbt. Will ich das Lebendige
verstehen, muft ich schauen - so sagten sich die Plato-Schuler; indem
ich nur nachdenke, begreife ich blofi das Tote.
Und in den griechischen Geheimschulen wurde iiber diesen Zu-
sammenhang etwas ganz Bestimmtes auseinandergesetzt. Es wurde
ungefahr das Folgende in den griechischen Geheimschulen iiber diesen
Tatbestand auseinandergesetzt. Es wurde den Geheimschiilern gesagt:
Alles ist geistig, auch das scheinbar Materielle hat geistige Vorgange,
geistige Gesetzmafiigkeiten zugrunde liegend. Dasjenige, was euch
erscheint als Irdisch-Materielles, ist im Grunde genommen auch von
geistigen Gesetzen beherrscht. Aber es gibt geistige Gesetze, denen
gehort ihr insoweit an, als ihr leiblich seid. Insoferne als ihr leiblich
seid und durch die Pforte des Todes tretet, wird euer Leib den mate-
riellen Machten und materiellen Kraften und Stoffen der Erde iiber-
liefert. Aber diese materiellen Krafte und Stoffe der Erde sind nur
scheinbar materiell, Auch sie sind geistig, aber sie sind von demjenigen
Geistigen durchdrungen, das euch als der Tod erscheint. Begreift ihr
durch eure Intelligenz irgendwelche Gesetze, so sind es die Gesetze
des Toten. Es sind die Gesetze desjenigen, welches die Graber ent-
halten, welche die Leichname aufnehmen. - Das wurde Oberzeugung
vieler griechischer Geheimschiiler, daft die Intelligenz der Menschen
nur begreifen kann dasjenige, was die Graber aufnehmen, welche die
Leichname in sich einschliefien. Wollt ihr wissen - so sagte der
Geheimlehrer zu den Geheimschiilern -, in welchem Geistigerrihr lebt,
wenn ihr hier auf der Erde lebt, oder wenn ihr mit eurer Seele leib-
frei seid zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, dann miifit ihr
das Geschaute als eure Oberzeugung aufnehmen. Nehmt ihr nicht das
Geschaute als eure Oberzeugung auf, entwickelt ihr durch eure In-
telligenz Begriffe und Ideen, so begreift ihr nur dasjenige, was Geist
ist der Materie, die eure Leiber aufnimmt.
Wahrend der agyptisch-chaldaische Mensch in seiner Intelligenz
empfand und wahrnahm seine Verwandtschaft mit dem ganzen Kos-
mos, nahm der griechische Mensch wahr durch seine Intelligenz das-
jenige, was Grabstatten beherrscht. Auch wir nehmen durch unsere
Intelligenz nur dasjenige wahr, was Grabstatten beherrscht, nur sind
wir uns dessen nicht bewufk. Wir gehen deshalb - diejenigen, die das
lernen sollen - in die Seziersale, untersuchen den Leichnam und halten
die Gesetzmaftigkeit des Leichnams, die wir durch unsere Intelligenz
begreifen, fur die Gesetzmafiigkeit des Menschen. Es ist aber nur die
Gesetzmaftigkeit des Grabes; und dasjenige, was die Intelligenz
begreift, ist die Gesetzmaftigkeit des Grabes.
Aber wiederum mit dem Ubergange durch die Mitte des 1 5. Jahr-
hunderts verandert sich neuerdings die Intelligenz, und wir stehen im
Anfange dieser Veranderung, dieser Umwandlung der Intelligenz.
Unsere Intelligenz geht einen gewissen Weg; heute sind wir noch sehr
stark in einer solchen Entwickelung der Intelligenz darinnen, wie sie
die Griechen hatten. Wir begreifen durch unsere Intelligenz dasjenige,
was dem Tode unterliegt. Aber auch diese Art von Intelligenz, die
das Tote begreift, verwandelt sich. Und in den nachsten Jahrhunderten
und Jahrtausenden wird diese Intelligenz etwas anderes, etwas weit
weit anderes werden. Sie hat heute schon eine gewisse Anlage, unsere
Intelligenz. Wir werden als Menschheit einlaufen in eine Entwickelung
der Intelligenz so, daft die Intelligenz wird die Neigung haben, nur
das Falsche, den Irrtum, die Tauschung zu begreifen und auszudenken
nur das Bose.
Das wuftten ja die Geheimschiiler und wuftten namentlich die Ein-
geweihten seit einer gewissen Zeit, daft die menschliche Intelligenz
entgegengeht ihrer Entwickelung nach dem Bosen hin, daft es immer
mehr und mehr unmoglich wird, durch die blofte Intelligenz das Gute
zu erkennen. Die Menschheit ist heute in diesem Ubergange. Wir
konnen sagen: Gerade noch gelingt es den Menschen, wenn sie ihre
Intelligenz anstrengen und nicht in sich ganz besonders wilde In-
stinkte tragen, nach dem Lichte des Guten etwas hinzuschauen. Aber
diese menschliche Intelligenz wird immer mehr und mehr die Neigung
bekommen, das Bose auszudenken und das Bose dem Menschen ein-
zufiigen im Moralischen, das Bose in der Erkenntnis, den Irrtum.
Das war mit einer der Griinde, warum die Eingeweihten sich die
Manner der Sorge nannten, weil in der Tat, wenn man in dieser Ein-
seitigkeit, wie ich es jetzt auseinandergesetzt habe, die Entwickelung
der Menschheit betrachtet, so macht sie Sorge; Sorge gerade wegen
der Entwickelung der Intelligenz. Es ist schlieftlich gar nicht umsonst,
daft die Intelligenz dem gegenwartigen Menschen so viel Stolz und
Hochmut einfloften kann. Das ist,mochte ich sagen, der Vorgeschmack
fur das Bose -Werden der Intelligenz im funften nachatlantischen Zeit-
raum, an dessen Anfang wir stehen. Und wiirde der Mensch nichts
anderes ausbilden als seine Intelligenz, dann wiirde er auf der Erde
ein boses Wesen werden. Wir diirfen nicht rechnen, wenn wir mit der
Zukunft der Menschheit rechnen und diese Zukunft uns als heilsam
denken wollen, wir diirfen nicht rechnen auf die einseitige Ausbildung
der Intelligenz, Diese Intelligenz war noch in der agyptisch-chal-
daischen Zeit etwas Gutes, diese Intelligenz ist dann dasjenige
geworden, was seine Verwandtschaft eingegangen hat mit den Kraften
des Todes. Diese Intelligenz wird eine Verwandtschaft eingehen mit
den Kraften des Irrtums, der Tauschung und des Bosen.
Das ist etwas, woriiber sich die Menschheit eigentlich keiner
Illusion hingeben sollte. Die Menschheit sollte unbefangen damit
rechnen, daft sie sich zu schutzen hat gegen die einseitige Entwickelung
der Intelligenz. Und nicht umsonst wird gerade durch anthroposo-
phisch orientierte Geisteswissenschaft ein anderes hinzukommen, hin-
zukommen die Aufnahme desjenigen, was durch ein erneuertes
Schauen aus der geistigen Welt heraus gewonnen werden kann, was
nicht durch Intelligenz begriffen werden kann, sondern nur begriffen
werden kann, wenn man eingeht auf dasjenige, was die Wissenschaft
der Einweihung holt aus den geistigen Welten heraus durch Schauung.
Aber ein Objektives ist dazu notwendig. Und hier tritt man vor
ein tiefes Geheimnis gerade der christlich-esoterischen Entwickelung.
Ware das Mysterium von Golgatha nicht im Laufe der Erdenentwicke-
lung geschehen, dann ware es unvermeidlich, daft die Menschen nach
und nach durch ihre Intelligenz bose und in den Irrtum verfallende
Wesen werden miiftten. Sie wissen ja, mit dem Mysterium von Gol-
gatha ist nicht nur eine Lehre, eine Theorie, eine Weltanschauung,
eine Religion in die Entwickelung der Menschheit eingeflossen, sondern
mit dem Mysterium von Golgatha ist etwas Tatsachliches geschehen.
In dem Menschen Jesus von Nazareth hat gewohnt das aufterirdische
Wesen, der Christus. Dadurch, daft der Christus in dem Jesus von
Nazareth gewohnt hat, der Jesus von Nazareth gestorben ist, ist das
Christus -Wesen iibergegangen in die irdische Entwickelung, da ist
das Christus -Wesen darinnen. Wir miissen uns nur bewuftt sein, daft
das eine objektive Tatsache ist, daft das eine Tatsache ist, die mit dem,
was wir subjektiv erkennen, was wir subjektiv empfinden, als solches
nichts zu tun hat. Wir miissen es erkennen urn unseres Erkennens
willen. Wir miissen es aufnehmen in unser Ethos, um dieses unseres
Ethos willen. Aber der Christus ist ausgeflossen in die Menschheits-
entwickelung, da ist er seitdem darinnen - was man die Auferstehung
nennt - und er ist vor alien Dingen in unseren eigenen Seelenkraften.
Fassen Sie nur einmal diese Tatsache in ihrer ganzen Tiefe auf !
Blicken Sie hin auf den Unterschied des Menschen, der gelebt hat
vor dem Mysterium von Golgatha, und des Menschen, der lebt nach
dem Mysterium von Golgatha. Gewift, es sind immer dieselben Men-
schen, denn die Seelen gehen ja durch die wiederholten Erdenleben.
Aber indem wir den Menschen als Erdenmenschen betrachten, miissen
wir diesen Unterschied machen zwischen dem Menschen, der vor dem
Mysterium von Golgatha gelebt hat, und dem Menschen, der nach dem
Mysterium von Golgatha lebt.
Sehen Sie, wenn man zu einem allgemeinen Gottes-Begriffe kommt,
so ist dieser allgemeine Gottes-Begriff nicht der Christus-Begriff. Den
allgemeinen Gottes-Begriff kann man bekommen, wenn man die
Natur in ihren Erscheinungen verfolgt, wenn man das menschliche
physische Wesen, so weit es aufterlich zu betrachten ist, verfolgt. Die
Christus -Wesenheit ist so, daft man ihr nur nahekommt, wenn man im
Lauf des irdischen Lebens etwas in sich selber entdeckt. Den allgemei-
nen Gottes-Begriff kann man finden, indem man einfach sich sagt,
man ist aus den Kraften der Welt zum Dasein gekommen. Den
Christus-Begriff mul? man finden in sich, indem man weiter kommt,
als die Natur einen kommen laftt. Findet man, wenn man in der Welt
lebt, nicht den Gottes-Begriff, dann ist dieses Nichtfinden des Gottes-
Begriffes eine Art von Krankheit. Ein gesunder Mensch ist niemals
wirklich atheistisch. Man muft in irgendeiner Weise leiblich oder
seelisch krank sein. Diese Krankheit auftert sich oftmals eben durch
nichts anderes, als daft man Atheist ist.
Christus nicht zu erkennen, ist nicht eine Krankheit, sondern ein
Ungluck, ist ein Versaumnis des Lebens. Dadurch, daft man sich
besinnt auf das Geborenwerden aus der Natur und ihren Kraften
heraus, kann man, wenn man mit gesunder Seele dieses Geborenwerden
verfolgt, zum Gottes-Begriff kommen. Dadurch, daft man im Laufe
des Lebens etwas erlebt wie eine Wiedergeburt, kann man zum Chri-
stus-Begriff kommen. Die Geburt fiihrt zu Gott, die Wiedergeburt zu
Christus. Zu dieser Wiedergeburt, durch welche der Christus als
Wesenheit im Menschen gefunden werden kann, konnte der Mensch
vor dem Mysterium von Golgatha nicht kommen. Und das ist der
Unterschied, auf den ich Sie bitte Ihr Augenmerk zu rich ten: daft der
Mensch vor dem Mysterium von Golgatha, weil der Christus noch
nicht ausgeflossen war mit seiner Wesenheit in die Menschheit, nicht
zu dieser Wiedergeburt kommen konnte, nicht erkennen konnte, daft
in ihm der Christus lebt. Nach dem Mysterium von Golgatha kann
das der Mensch. Er kann den Funken des Christus in sich selber finden,
wenn er sich anstrengt durch sein Leben.
Und in dieser Wiedergeburt, in diesem Finden des Christus-
Funkens in sich, in diesem aufrichtigen und ehrlichen Sich-sagen-
Konnen: «Nicht ich, sondern der Christus in mir», liegt die Moglich-
keit, den Intellekt nicht in Tauschung und in das Bose verfallen zu
lassen. Und das ist im esoterisch-christlichen Sinne der hdhere Begriff
der Erlosung. Wir miissen unsere Intelligenz ausbilden, denn wir
konnen ja nicht unintelligent werden; aber wir stehen, indem wir
anstreben unsere Intelligenz auszubilden, vor der Versuchung, dem
Irrtum und dem Bosen zu verfallen. Wir konnen der Versuchung,
dem Irrtum und dem Bosen zu verfallen, nur entgehen, wenn wir uns
aneignen die Empfindung von dem, was das Mysterium von Golgatha
in die Menschheitsentwickelung hineingebracht hat.
Es ist schon so, daft der Mensch in dem Christus-Bewufttsein, in
dem Vereinigtsein mit dem Christus findet die Moglichkeit, dem
Bosen, dem Irrtum zu entrinnen. Der agyptisch-chaldaische Mensch
brauchte die Wiedergeburt in Christo nicht, weil er noch die Ver-
wandtschaft mit dem Kosmos durch seine naturgemafte Intelligenz
fiihlte. Der Grieche hatte im Grunde genommen den Ernst des Todes
vor sich, wenn er seiner Intelligenz sich hingab. Jetzt lebt die Mensch-
heit im Beginne eines Zeitalters, wo die Intelligenz bose werden
wiirde, wenn die menschliche Seelenwesenheit sich nicht mit der
Christus-Kraft durchdringen wiirde. Denken Sie einmal, das ist eine
sehr ernste Sache. Das bezeugt, wie man nehmen mul? gewisse Dinge,
die sich in unserer Zeit ankundigen, wie man daran denken mufi, daft
in unserer Zeit die Menschen die Anlage bekommen zum Bosen,
gerade weil sie einer hb'heren Ausbildung ihrer Intelligenz entgegen-
gehen. Es ware natiirlich eine vollig falsche Spekulation, zu glauben,
daft man etwa die Intelligenz unterdrucken soli. Die Intelligenz darf
nicht unterdriickt werden, aber es gehort fiir den Einsichtigen in der
Zukunft ein gewisser Mut dazu, der Intelligenz sich hinzugeben, weil
die Intelligenz die Versuchung bringt zum Bosen und zum Irrtum
und weil wir in der Durchdringung der Intelligenz mit dem Christus-
Prinzip finden miissen die Moglichkeit, diese Intelligenz umzuwan-
deln. Ganz und gar ahrimanisch wiirde die Intelligenz der Menschen,
wenn das Christus-Prinzip die Seelen der Menschen nicht durch-
drange.
Sie wissen ja, wie vieles da ist, in der Entwickelung der Mensch-
heit ersichtlich ist, besonders in der Gegenwart, von dem, was fiir
den Einsichtsvollen schon zeigt, daft die Dinge sich so ankundigen, wie
ich sie eben charakterisiert habe. Man denke nur, was das dritte von
den Entwickelungsgliedern, die durch den Materialismus der Mensch-
heit drohen, iiber die Menschen heute schon bringt. Sehen Sie, wenn
Sie bedenken, mit wie viel Grausamkeiten die heutige Kulturent-
wickelung durchsetzt ist, die sich kaum vergleichen lassen mit den
Grausamkeiten barbarischer Zeitalter, dann werden Sie kaum zweifeln
konnen, daft sich die Morgenrote fiir den Abstieg der Intelligenz
deutlich ankiindigt. Man sollte nicht in oberflachlicher Weise die
sogenannten Kulturerscheinungen unseres Zeitalters betrachten, man
sollte wahrhaftig nicht daran zweifeln, daft die Menschen der Gegen-
wart sich aufraffen miissen zu einem wirklichen Erfassen des Christus-
Impulses, wenn sie einer heilsamen Entwickelung entgegengehen
wollen. Es ist zweierlei heute schon stark zu bemerken: Menschen,
die sehr intelligent sind und die einen deutlichen Hang zum Bosen
haben; und es ist auf der anderen Seite zu bemerken, wie viele Men-
schen unbewuftt diesen Hang zum Bosen dadurch unterdrucken, nicht
bekampfen, daft sie ihre Intelligenz schlafen lassen. Schlafrigkeit der
Seele oder aber bei wachen Seelen ein starker Hang zum Bosen und
zum Irrtum, das ist in der Gegenwart durchaus zu bemerken.
Und nun erinnern Sie sich einmal, wie ich vor meiner letzten
Abreise an einem Abend hier auseinandersetzte, wie anders die Kinder
seit funf bis sechs bis sieben, acht Jahren geboren werden heute, mit
einem, man mochte sagen, melancholischen Anflug iiber den Ge-
sichtern, der deutlich zu bemerken ist fur denjenigen, der so etwas
bemerken kann. Und ich habe gesagt: Das riihrt davon her, daft die
Seelen heute nicht gern heruntergehen in die von Materialismus
erfullte Welt. Man konnte sagen: Die Seelen haben vor ihrer Geburt
eine gewisse Furcht und Angst in die Welt einzutreten, in der die
Intelligenz den Hang, die Neigung zum Bosen hat und in absteigender
Entwickelung begriffen ist.
Das ist auch etwas, wo von ein Bewufttsein entwickelt werden mufi
bei denjenigen Menschen, die fur die Menschenzukunft Erzieher und
Unterrichter werden. Die Kinder sind heute anders, als sie waren vor
Jahrzehnten. Das ergibt sich schon einer oberflachlichen Betrach-
tung sehr deutlich. Man muft sie anders erziehen und anders unterrichten,
als man sie vor Jahrzehnten unterrichtet hat. Man muft mit dem
Bewufttsein unterrichten, daft man eigentlich bei jedem Kinde eine
Rettung zu vollziehen hat, daft man jedes Kind dahin bringen muft, im
Lauf des Lebens den Christus-Impuls in sich zu finden, eine Wieder-
geburt in sich zu finden.
Solche Dinge, sie lebt man da, wo man sie zum Beispiel notig hat
als Lehrer, als Erzieher, nicht aus, wenn man sie einfach nur theo-
retisch kennt; sie lebt man nur aus, man fiihrt sie nur ein in die
Erziehung, in das Unterrichten, wenn man in der Seele stark erfaftt ist
von diesen Dingen. Von der Lehrerschaft insbesondere muft es
gefordert werden, daft sie in ihrer Seele stark erfaftt wird von diesem
Sorgenvollen fur die Menschheit, welche Versuchung der Intellekt mit
sich bringt! Der Stolz, den die gegenwartige Menschheit auf den
Intellekt entwickelt, dieser Stolz, er konnte sich schwer rachen an der
Menschheit, wenn er nicht durch dasjenige abgelahmt wiirde, was ich
eben auseinandergesetzt habe, wenn er nicht abgelahmt wiirde durch
ein starkes, energisches Bewufttsein: das Beste in mir als Mensch dieser
und der folgenden Inkarnationen ist, was ich in mir als den Christus-
Impuls finde.
Nun mufi man sich klar sein dariiber, daft dieser Christus-Impuls
nicht sein darf die Dogmatik irgendeiner Religionsgemeinschaft. Die
Religionsgemeinschaften haben seit der Mitte des 15. Jahrhunderts in
ihrer Entwickelung mehr beigetragen, den Christus-Impuls von der
Menschheit zu entfernen, als ihn der Menschheit nahe zu bringen. Die
Religionsgemeinschaften machen den Menschen allerlei vor; aber
indem sie ihnen dies oder jenes vormachen, bringen sie sie dem
Christus-Impuls nicht nahe. Notwendig ist, daft der Mensch fuhlt,
daft alles dasjenige, was sich ihm eroffnen und offenbaren kann in
seinem Innern nach dem Mysterium von Golgatha hm, zusammen-
hangt mit dem, was fur die Erde durch das Mysterium von Golgatha
geworden ist. Empfindet man den Sinn der Erde in dem Mysterium
von Golgatha, kann man sich aufraffen dazu, sich zu sagen: Die
Entwickelung der Erde ware sinnlos, wenn die Menschen durch ihre
Intelligenz dem Bosen, dem Irrtum verfallen wiirden. Empfindet
man so den Sinn des Mysteriums von Golgatha, dann empfindet man
als sinnlos die Erdenentwickelung ohne das Mysterium von Golgatha.
Damit muS man sich stark, sehr stark durchdringen, wenn man
heute und in der Zukunft etwas tun will, urn den Menschen zu er-
ziehen, den Menschen zu unterrichten. Diese groften Gesichtspunkte
miissen eingenommen werden. Aber Sie wissen auch, wie weit die
Menschen der Gegenwart entfernt sind davon, diese groften Gesichts-
punkte einzunehmen; daher ist nichts notwendiger, als immer wieder
und wiederum nicht nur zu verweisen auf die Wichtigkeit geistes-
wissenschaftlicher Lehre, sondern zu verweisen auf den Ernst, der
sich unserer Seele bemachtigen soil dadurch, daft wir die entsprechen-
den Tatsachen in der Entwickelung der Menschheit durch die Geistes-
wissenschaft kennenlernen. Denn nicht allein unser Wissen, unser
ganzes Leben soil einen Impuls bekommen durch dasjenige, was
Geisteswissenschaft ist; ohne daft man diesen Ernst fuhlt, ist man nicht
wirklicher Geisteswissenschafter,
Und ich bitte Sie, auf diese besondere Offenbarung aus geistes-
wissenschaftlichen Unterlagen heraus griindlich zu achten: daft die
menschliche Intelligenz, sich selbst iiberlassen, der Bahn des Ahri-
manischen entgegenwandelt, daft sie stark fur das Gute nur werden
kann durch die Aufnahme des wahren Christus-Impulses. Ich glaube,
dafi wer den vollen Ernst dieser Wahrheit in sich aufnimmt, auch
diesen Ernst hineintragen wird in das Verhaltnis, das er in sich aus-
bildet zu den verschiedenen Weltanschauungen und Weltanschauungs-
stromungen der Gegenwart. Denn da ist viel, sehr viel zu tun.
Nicht wahr: Leute, die jetzt von verschiedenen Gegenden des
Ostens von Europa kommen, erzahlen zu ihrem besonderen Entsetzen
von einer Tatsache, die nicht gerade fur das Fortgeschrittensein auf
dem Wege nach einer besonderen Zivilisation zeugt. Das, was ich
meine, ist das Vorhandensein, das Erstehen der sogenannten «Flinten-
weiber». Es ist das eine besondere Klasse von Menschen, die sich im
Osten von Europa ausbilden, Frauen der europaischen Bevolkerung
des Ostens, die verwendet werden in den gegenwartigen revolutionaren
Bewegungen, wo ja immer derjenige, der nicht gerade der regierenden
Partei angehort, in den Kerker oder ins Gefangnis uberliefert wird
oder getotet wird nach einiger Zeit - wo der eben immer in Lebens-
gefahr ist. Ausersehen in gewissen Gegenden des Ostens sind dazu
besonders jiingere Frauen, die ausgeriistet werden mit den vom Kriege
iibriggebliebenen Flinten und die das Amt haben, die Leute zu er-
schieften, die gerade die Gegner der nach oben gekommenen Regie-
rung sind. Diese Flintenweiber sind angetan mit den gestohlenen
Gewandern, in Putz und Tand, und haben ihre Freude daran, die
Flinte zu tragen und die Leute zu erschieften und finden es mit der
gegenwartigen Menschlichkeit vereinbar, damit zu renommieren, wie
sie sich aneignen, allmahlich aneignen eine feine Empfindung dafur,
wie das Blut von jungen Menschen spritzt, wie das Blut von alteren
Menschen aussieht. Nicht wahr, wir sind schon angekommen bei ganz
besonderen Gestaltungen unserer gegenwartigen Zivilisation! Und das
Institut der Flintenweiber ist ja immerhin eine Errungenschaft der
Gegenwart.
Man mull auf solche Erscheinungen hinweisen. Sie sind da, um
gewissermafien die Reverse, die andere Seite des Ernstes unserer Zeit
ins Auge zu fassen. Gewi£, man braucht nicht diese abscheulichen
Auswiichse unserer sogenannten fortgeschrittenen Kultur zu kennen,
urn diesen Ernst, dem man sich hingeben soil in der Gegenwart, wirk-
lich zu empfinden. Aus der Erkenntnis der Entwickelung der Mensch-
heit selber soil uns dieser Ernst aufgehen. Man mochte wiinschen, daft
der Schlaf, der allmahlich ergriffen hat die Menschheit der Gegen-
wart, in eine Erweckung hineingeht. Diese wiirdigste Erweckung, die
kann nur sein das Ergriffenwerden von dem Ernst der Aufgabe, die
obliegt den Menschen der Gegenwart, und der Hinweis auf die
Gefahren des einseitig sich selbst iiberlassenen, ins Ahrimanische
hineinsteuernden Intellektes. Das soil der Impuls sem, der uns durch-
trankt mit diesem Ernste.
SECHSTER VORTRAG
Dornach, 17. August 1919
Wenn ich Ihnen gestern ausgefiihrt habe, welches der Weg des
menschlichen Intellektes, der menschlichen Intelligenz gegen die Zu-
kunft hin sein wird, so beruht diese Auseinandersetzung auf ganz
bestimmten Tatsachen, welche durch geisteswissenschaftliche Erkennt-
nis an den Tag gefordert werden konnen, und von denen wir heute
einige anfiihren wollen. Sie miissen sich, ich mochte sagen, praktisch
bewuftt sein: Wenn der Mensch vor Ihnen steht, so ist dieser Mensch
eben durchaus dasjenige Wesen, von dem wir in der anthroposophi-
schen Geisteswissenschaft sprechen. Das heiftt, wir haben zunachst -
Sie kennen ja diese Dinge aus meiner «Theosophie» -, dessen miissen
Sie sich immer bewuftt sein, ein viergliedriges Wesen vor uns. Wir haben
vor uns das Ich, den sogenannten astraiischen Leib, den Atherleib
und den physischen Leib. Der Umstand, daft wir die
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