Mitteleuropa zwischen Ost und West

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE VOR MITGLIEDERN 
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



RUDOLF STEINER 
KOSMISCHE UND MENSCHLICHE GESCHICHTE 



Band I Das Ratsel des Menschen. Die geistigen Hintergriinde der 
menschlichen Geschichte 

15 Vortrage, gehalten in Dornach vom 29. Juli bis 3. September 1916 
Bibliographie-Nr. 170. 

Band II Innere Entwicklungsimpulse der Menschheit. Goethe und 
die Krisis des neunzehnten Jahrhunderts 

16 Vortrage, gehalten in Dornach vom 16. September bis 30. Okt. 1916 
Bibliographie-Nr. 171. 

Band III Das Karma des Berufes des Menschen in Ankniipfung an 
Goethes Leben 

10 Vortrage, gehalten in Dornach vom 4. bis 27. November 1916 
Bibliographie-Nr. 172. 

Band IV Zeitgeschichtliche Betrachtungen - Erster Teil 

13 Vortrage, gehalten in Dornach vom 4. bis 31. Dezember und in Basel 
am 21. Dezember 1916 
Bibliographie-Nr. 173. 

Band V Zeitgeschichtliche Betrachtungen - Zweiter Teil 

12 Vortrage, gehalten in Dornach vom 1. bis 30. Januar 1917 
Bibliographie-Nr. 174. 

Band VI Mitteleuropa zwischen Ost und West 

12 Vortrage, gehalten in Miinchen am 13. Sept., 3. Dez. 1914, 23. Marz, 
29. Nov. 1915, 18., 20. Marz 1916, 19., 20. Mai 1917, 14., 17. Februar, 
2., 4. Mai 1918 
Bibliographie-Nr. 174 a. 

Band VII Die geistigen Hintergriinde des ersten Weltkrieges 

16 Vortrage, gehalten in Stuttgart am 30. Sept. 1914, 13., 14. Februar, 
22.-24. Nov. 1915, 12., 15. Marz 1916, 11., 13., 15. Mai 1917, 23., 24. 
Februar, 23., 26. April 1918, 21. Marz 1921 
Bibliographie-Nr, 174 b. 



RUDOLF STEINER 

Mitteleuropa 
zwischen Ost und West 

Kosmische und menschliche Geschichte 
Sechster Band 

Zwdlf Vortrage, gehalten in Miinchen 
zwischen dem 13. September 1914 und dem 4. Mai 1918 



1982 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgten H. v. Wartburg und R. Friedenthal 



1 . Auflage in dieser Zusammenstellung 
Gesamtausgabe Dornach 1971 

2. Auflage, neu durchgesehen 
(photomechanischer Nachdruck) 
Gesamtausgabe Dornach 1982 

Einzelausgaben und Abdrucke in Zeitschriften 
siehe zu Beginn der Hinweise 



Bibliographie-Nr. 174 a 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
©1971 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Switzerland by Schuler AG, Biel 

ISBN 3-7274-1741-2 



Zu den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft 
bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und ver- 
offentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900-1924 zahl- 
reiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur die Mitglieder 
der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst 
wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht 
schriftlich festgehalten wiirden, da sie als «mundliche, nicht zum Druck 
bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend un- 
vollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbrei- 
tet wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit die- 
ser Aufgabe betraute er Marie Steiner- von Si vers. Ihr oblag die Bestim- 
mung der Stenographierenden, die Verwaltung der Nachschriften und 
die fur die Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf 
Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften 
selbst korrigieren konnte, muft gegeniiber alien Vortragsveroffentlichun- 
gen sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenom- 
men werden mussen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen 
sich Fehlerhaftes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur als 
interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen 
Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein 
Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am Schlufi 
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermafien auch 
fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen begrenz- 
ten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmer- 
kreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi ihren 
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe be- 
gonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Gesamt- 
ausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den Text- 
unterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



ERSTER VORTRAG, Miinchen, 13. September 1914 

Die geistigen Hintergriinde des Kriegsausbruchs. Das Ereignis von 
Sarajewo. Franz Ferdinand nach dem Tode. Unwirkliche Beurteilung 
der Zeitlage durch prominente Politiker. Die «Ratsel der Philosophies 
Der Dornacher Bau. Kanonendonner vom Elsafi. «Die Weisheit ist 
nur in der Wahrheit». Aufsatz von Robert Michel. Die Kriege von 
1866 und 1870/71. Der Krieg als Opfer und als Lehrmeister zur Selbst- 
losigkeit. Wir suchen die bruderliche Vereinigung derer, die sich im 
Kriege bekampfen. Mantrische Spriiche fiir die Verbindung mit Kamp- 
fenden und Gefallenen. Einschneidende Ereignisse: Die punischen 
Kriege, die Volkerwanderung, der gegenwartige Krieg. 

ZWEITER VORTRAG, 3. Dezember 1914 

Die Verbindung des einzelnen Menschen mit den Volksseelen im 
Wachen und im Schlafen. Die Eigenart der franzosischen, der italieni- 
schen und der russischen Volksseele. Michaels Bedeutung fiir das 
Erscheinen des Christus im Atherischen. Umkehrung der Kriegs- 
konstellation im Geistigen. Verheerende Wirkung von nicht zum 
Bewufksein kommenden Imaginationen. Der Zusammenhang des 
deutschen Okkultismus mit dem geistigen Leben des deutschen Volkes. 
Gegensatz zwischen deutschem und britischem Okkultismus. 

DRITTER VORTRAG, 23. Marz 1915 

Spriiche fiir verstorbene Freunde. Die Bedeutung des Todesaugen- 
blickes fiir das Leben zwischen Tod und neuer Geburt. Die Verschie- 
denheit der europaischen Volker - ihre Aufgaben und Schicksale. Das 
Wirken geistiger Machte im Hintergrund der Kriegsereignisse. Die 
Trennung von der Theosophischen Gesellschaft im Zusammenhang 
mit dem Krieg zwischen England und Deutschland. 

VlERTER VORTRAG, 29. November 1915 

Verstorbene als Heifer fiir die anthroposophische Arbeit. Seelen- 
erlebnisse nach dem Tode. Nachtodliches Ich-Bewufltsein durch den 
Riickblick auf das vergangene Leben. Das Riickwartsdurchlaufen der 
Schlaferlebnisse unmittelbar nach dem Tode. Das Wirken der friih 
Gestorbenen in der geistigen Welt. 

FUNFTER VORTRAG, 18. Marz 1916 

Verleumdungen Mrs. Besants. Aufgaben des fiinften und des sechsten 
Kulturzeitraums. Das Wesen des russischen Menschen. Ost- und 
Westeuropa. Mitteleuropa und der neuzeitliche Okkultismus. Ziel 



westlicher Orden: Verbindimg zwischen Ost- und Westeuropa unter 
Ausschaltung des mitteleuropaischen Geisteslebens. H. P. Blavatsky. 
Benutzung ihrer okkulten Fahigkeiten fiir politische Ziele des Westens. 
Die «Prophezeihungen» der Mme de Thebes. Die Ermordung von 
Jaures. Westeuropaische Freimaurerei und russische Geheimbiinde. 

SECHSTER VORTRAG, 20. Marz 1916 129 

Die Entstehung des physischen Leibes. Der Zusammenhang unseres 
Atherleibes mit dem Tierreich, unseres Astralleibes mit dem Pflanzen- 
reich. Das Erahnen solcherZusammenhange durchOken und Schelling. 
Die Arbeit der Hierarchien an unseren Wesensgliedern. Geisteswissen- 
schaftliches Denken und lebenspraktischer Sinn: Karl Christian Planck. 
Alte Weisheit in einem Bild von Meister Bertram. «Die Briider Kara- 
masow» von Dostojewskij. Krapotkin. 

Siebenter Vortrag, 19. Mai 1917 155 

Die Bedeutung der vierten Epoche in der nachatlantischen Zeit, der 
funften Epoche in der atlantischen Zeit. Das Jiingerwerden der 
Menschheit. Stehenbleiben der Menschen auf der Stufe des Sieben- 
undzwanzigjahrigen: Rudolf Eucken und Woodrow Wilson. Lebens- 
praktische Erkenntnisse durch die Geisteswissenschaft. Gedenken an 
Verstorbene: Ludwig Deinhard und Professor Sachs. Hereinragen des 
Personlichen in die Gesellschaft. Verleumdungen, Cliquenwirtschaft. 
Konsequenz: Einschrankung von Privatgesprachen. 

Achter Vortrag, 20. Mai 1917 176 

Notwendigkeit der Entfaltung innerer Seelenkrafte. Mutlosigkeit ge- 
geniiber Neuem, Festhalten an Vergangenem, Beispiel Maurice Barres. 
Verzerrung der Ideen der Franzosischen Revolution durch blofi theo- 
retische Auffassung. Giiltigkeit der Ideen von Braderlichkeit, Freiheit, 
Gleichheit fiir den Leib, die Seele, den Geist. Abschaffung des Geistes 
durch das Konzil von 869. Zukiinftige Abschaffung der Seele durch 
bestimmte Medizinen. Verwirrung in der Auffassung des Christus- 
Impulses. Adolf Harnack. Die erzwungene Einweihung der romischen 
Casaren. Dermangelnde Denkwille unsererZeit. UnrichtigerVergleich 
zwischen Staat und Organismus beiiKjellen. Schadigung der Geistes- 
wissenschaft durch Hineintragen von Personlichem in die Gesellschaft. 

Neunter Vortrag, 14. Februar 1918 199 

Geisteswissenschaft heute. Schlafen und Wachen in bezug auf Denken, 
Fiihlen und Wollen. Umkehrung der Bewufitseinsverhaltnisse im 
nachtodlichen Leben. Impulse des Geschichtslebens werden traumhaft 



erlebt. Falsche Vorstellungen in bezug auf Vergangenheit und Zukunft 
bei den Historikern. Verkehr mit den Verstorbenen. Verkriippeltes 
Denken. Aufmerksames und intensiv bildhaftes Denken im Verkehr 
mit Verstorbenen. Jung und alt Verstorbene. Geisteswissenschaft wirkt 
auf Gefuhl und Willen. 

ZEHNTER VORTRAG, 17. Februar 1918 221 

1st unsere Zeit spirituell oder materialistisch? Die Aufgabe der ahri- 
manischen Wesen und der Erzengel. Der geistige Kampf Michaels. 
Spiegelung der Ereignisse vor und nach 1879: 1844 - 1879 - 1914. 
Marz 1917. Plotzlicher Tod, Krankheitstod. Die vierziger Jahre des 
19. Jahrhunderts. Das Mysterium von Golgatha. Der Volksseelen- 
Zyklus. Alexander Moszkowski's «Sokrates, der Idiot». Jesus als 
Kr anker. 

ELFTER VORTRAG, 2. Mai 1918 242 

Wachsende Feindschaft gegen die Anthroposophie vonseiten der Ver- 
treter der Religionen. «Christus im Innern»: Verwechslung von Chri- 
sms mit dem Engel. «Gott» und «Geist» im Worterbuch. Mauthner 
und Boll. Menschen konnen nicht mehr alt werden. Begabtenpriifun- 
gen, Intelligenztests. Haupt und Gliedmafien. Das Wirken der Volks- 
seelen durch die verschiedenen Elemente. 

ZWOLFTER VORTRAG, 4. Mai 1918 265 

Charakterisierung der Zeittendenzen: Borniertheit im Denken, Phiii- 
strositat im Fiihlen, Ungeschicklichkeit im Wollen. Das Schicksal 
Johann Heinrich Lamberts. Weitung des Erlebens durch die Beachtung 
der Weltenrhythmen. Lloyd George als Reprasentant unserer Zeit. 
Alte Spiritualitat bei Rabindranath Tagore. Ansatze zu neuer Spiritua- 
litat im deutschen Geistesleben. President Wilson als Reprasentant der 
amerikanischen Geistesart. Stumpfheit vieler Menschen nach dem 
siebenundzwanzigsten Lebensjahr. Chaotisches Heraufdammern realer 
Geist-Erkenntnisse bei Otto Weininger. Imagination, Inspiration und 
Intuition im nachtodiichen Leben. Der Nachahmungstrieb als Fort- 
setzung der vorgeburtlichen Seelenhaltung. Das Mitwirken der Ver- 
storbenen bei der Bewaltigung der grofien Lebensfragen. 



Hinweise 289 

Personenregister 303 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 305 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 307 



ERSTER VORTRAG 
Miinchen, 13. September 1914 



Es ist zu meiner tiefen Befriedigung, daft es das Karma so gebracht hat, 
daft wir an diesem Abend zusammensein und einige Worte sprechen 
konnen in dieser ernsten Zeit. Vor allem aber wollen wir in diesem 
Augenblick gedenken derer, die draufien stehen, ihren Mut, ihr Leben, 
ihr Blut zum Opfer bringen fur die Aufgaben, die diese ganz aufter- 
ordentliche Zeit an den Menschen stellt. Unsere liebenden, um Hilfe 
bittenden Gedanken wollen wir richten an diejenigen in erster Linie, 
die mit uns oftmals zusammengesessen haben in unseren gemeinsamen 
Betrachtungen und die jetzt draufien stehen und in unmittelbarer 
Weise teilzunehmen haben an den groften Ereignissen, die jetzt da sind, 
Volker- und Menschenkarma zur Entwickelung bringend. An diese 
zunachst, die mit uns verbunden sind, und dann im weiteren Sinn an 
all die anderen. Dann wollen wir Ausblick hegen in einer gewissen 
Weise auf die engeren Bande und die weitesten Bande, die wir auch 
sonst auf dem Felde unserer geistigen Stromung suchen und die sich 
kniipfen von jeder Seele zu jeder Seele, die da aufgerufen ist von den 
groften Ereignissen. So richten wir unsere liebenden, bittenden Ge- 
danken auch auf die, die drauften im Felde stehen und zum Zeichen, 
daft wir mit ihnen verbunden sind, wollen wir uns von unseren Sitzen 
erheben und ihrer in folgenden Worten gedenken: 

Geister Eurer Seelen, wirkende Wachter, 

Eure Schwingen mogen bringen 

Unserer Seelen bittende Liebe 

Eurer Hut vertrauten Erdenmenschen, 

Daft, mit Eurer Macht geeint, 

Unsere Bitte helfend strahle 

Den Seelen, die sie liebend sucht! 

Und hinaussenden zu euch wollen wir unsere liebenden Gedanken, daft 
Er mit euch sei, der Heifer, der Christus, den wir suchen, der Chri- 



stus, der die Seelen in unserer Zeit aufrufen mull, um in Disharmonie 
die Harmonie zu suchen, dafi Er die Seelen, denen Er Schmerz zu- 
fiigen mufi, sicher auch fiihren wird zu jener Erlosung, die ihnen notig 
ist, damit der Sinn erfullt wird, der da vorgezeichnet ist dem Men- 
schen- und Volkskarma: Mit euch, ihr Seelen, wollen wir geeint sein 
in dem Zeichen, das uns verbindet mit dem alleinenden Erdengeist, 
dem Christus. 

Lange voraussehen konnte man dasjenige, was jetzt scheinbar so 
iiberraschend hereingebrochen ist iiber die, man mufi ja wohl sagen, 
Erdenmenschheit. So uberraschend ist es hereingebrochen, weil mit- 
gewirkt haben bei diesem Ereignis auch, man darf schon sagen, okkulte 
Ursachen, die sich eigentlich erst seit dem 28. Juni allmahlich nach 
und nach gezeigt haben. Wirklich konnte man gerade in unserer Zeit 
so recht sehen, wie man auch den geistigen Welten gegeniiber immer 
Neues erkennen kann. Ich kann dasjenige, was ich hier meine, eigent- 
lich nur mit ein paar Worten andeuten. Als ich zuriickkehrte im Juli 
aus Schweden von dem Norrkopinger Vortragszyklus, da mufite ich 
jemanden, der in einem gewissen Sinn verbunden ist mit den gegenwar- 
tigen Ereignissen, aufmerksam machen darauf, wie das Ereignis von 
Sarajewo fur den Okkultisten ganz merkwurdige Folgen gezeigt hat, 
wie es ein aufierliches Symptom war, und wie merkwtirdig anders sich 
dieser Tote verhalten hat als alle anderen Toten, die man beobachten 
konnte auf dem okkulten Felde friiher. Und so hat sich denn eigent- 
lich auch im okkulten Hintergrunde der irdischen Ereignisse recht 
schnell das abgespielt, was ja dann auch auf dem aufieren physischen 
Plan mit so furchtbar schnellen Schritten in den letzten Julitagen und 
ersten Augusttagen hereingebrochen ist. Es hat aber auch ganz gewifi 
in den Seelen derer, die dem geistigen Leben in der letzten Zeit fern 
gestanden haben, manche Ahnungen, manche bestimmte Empfindun- 
gen fur eine geistige Welt, fur das Vorhandensein einer geistigen Welt 
gezeitigt. Ungeheuer, darf man sagen, und unvergleichlich sind die 
Erlebnisse, die die Erdenmenschheit jetzt durchmacht. 

Wenn ich, meine lieben Freunde, als erstes ein Wort an Sie richten 
mochte, so sei es dieses, dafi ich es ankniipfen mochte an manche Be- 



merkung, die oft und oft in den letzten Jahren innerhalb unserer gei- 
steswissenschaftlichen Betrachtung gemacht worden ist. Was soli uns 
denn der Zusammenhang mit dem geistigen Leben in tiefster Seele 
sein, den wir suchen? Sicherheit und innere Kraft soil er uns geben, 
Sicherheit dariiber, dafi es in allem Wandel der Zeiten, Wandel der 
Ereignisse Festes gibt, an das man sich halten kann. Und in solchen 
Zeiten wie diesen soli in unsere Seelen etwas anderes einziehen kon- 
nen von dem Glauben an die Unbesieglichkeit des geistigen Lebens 
und seiner Aufgabe, und wir sollen verbinden lemen mit den aufieren 
Ereignissen des Tages diesen Glauben an den Sieg und die Sieghaftig- 
keit des Geistes. 

In den ersten Augusttagen, als so nach und nach von den verschie- 
densten, man mochte sagen, Weltrichtungen her die Stiirme der Kriegs- 
erklarungen kamen, mufite ich mich an Worte erinnern, die gesprochen 
worden sind in der letzten Zeit, Worte, die sich einem gerade jetzt tief 
eingraben konnen, und die das, was ich eben jetzt gesagt habe, im 
Grunde genommen uns doch recht, recht nahelegen. Eine wichtige 
Personlichkeit hat wenige Wochen vor Kriegsausbruch etwa das Fol- 
gende an einer bedeutungsvollen Stelle gesagt: Mit alien Machten ste- 
hen wir in dem freundschaftlichsten Einvernehmen. Wir haben uns 
auseinandergesetzt, nachdem im Fruhling dieses Jahres die Presse- 
treibereien in Rufiland losgegangen waren und auch in den deutschen 
und in den Wiener Zeitungen Widerhall gefunden haben; auf Presse- 
treibereien ist nicht zu achten und an dem altfreundschaftlichen, nach- 
barlichen Verhaltnis ist festzuhalten. - Ein Wort, das auch zu denken 
gibt, ist gesprochen worden im Juni: Die allgemeine Entspannung hat 
Fortschritte gemacht — , und ein anderes Wort derselben Rede: Die 
Verhandlungen mit England sind noch nicht abgeschlossen, werden 
aber in dem freundschaftlichen Geist gefiihrt, der sonst in unseren 
Beziehungen zu Grofibritannien herrscht. - Man denke: jetzt! Man 
denke daran, wie wandelbar in der physischen Welt dasjenige ist, was 
der Mensch heute glaubt, und was er genotigt ist durch den Gang der 
Ereignisse, schon in den nachsten Wochen mitanzusehen. Man ver- 
gegenwartige sich das Wogen, Treiben, Wanken, Stiirmen der Ereig- 
nisse auf dem physischen Plan, man vergegenwartige sich, wie not- 



wendig es ist, dieses Wogen, Stiirmen. Man mochte sagen: Was heute 
geglaubt werden kann, erweist sich morgen schon nicht mehr wahr. 
Wie notwendig ist es, in diesen Stiirmen ein Sicheres, Festes zu ha- 
ben, das heute, morgen und iibermorgen und durch alle Ewigkeiten 
wahr ist! Was in dieser Weise wahr ist, das ist die Wahrheit vom Geist, 
von der Mission des Geistes, die die Menschheitsentwickelung durch- 
zieht. 

Recht symptomatisch, nicht weil es etwas Personliches ist, sondern 
weil es wirklich symptomatisch und symbolisch zur Seele gesprochen 
hat, mochte ich folgendes erwahnen: Sie wissen ja, im Juli ist erschie- 
nen der erste Band meiner Schrift «Die Ratsel der Philosophies Der 
zweite war gedruckt bis Seite 206, als der Krieg ausbrach. Es war die 
Uberleitung der Gedanken von den franzosischen Philosophen Bou- 
troux, Bergson zu dem deutschen Philosophen Preufi, der Hinweis dar- 
auf, wie Bergson einen Gedanken ausfiihrt, etwas leichtsinnig oben 
dariiber hinweg, der fruher mit wuchtiger Griindlichkeit von dem un- 
bekannten, einsamen Denker, von Preufi, unsere theosophische Welt- 
anschauung vorverkundend, im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts 
gefalk ist. Ich suche da auch diesem einsamen Denker gerecht zu wer- 
den. Nun ergab es sich dazumal, dafi der Druck abgebrochen werden 
muftte, es mufite spater weitergeschrieben werden, es brach ab mit dem 
Ubergang von Frankreich zu Deutschland. Der Krieg brach aus. Ich 
mufke die leeren Blatter auf den zu zwei Dritteln gedruckten Bogen 
wirklich wie ein Symbolum ansehen desjenigen, was sich abgespielt 
hat zwischen dem Westen Europas und der Mitte Europas, iiber die 
heriiberging gerade der Weg meiner Darstellung. 

Und auch sonst manches konnte einem symbolisch entgegentreten. 
Ich darf da auch an unseren Bau in Dornach erinnern, der ja bis zu 
einem gewissen Grad gediehen war, allerdings nicht so weit, wie wir 
ihn gern haben wollten. Vielleicht wissen einige unserer Freunde, wie 
sehr betont worden ist, solange es einen Sinn hatte gegeniiber den spre- 
chenden Tatsachen, wie sehr es betont worden ist, nicht nur als ein 
Herzenswunsch von mir, sondern als Notwendigkeit, die vor Augen 
stand, dafi der Bau mit dem ersten August dieses Jahres abgeschlossen 
sein sollte. Vielleicht versuche man jetzt nachzudenken, ob es nicht 



einen Sinn gehabt hatte gegeniiber dem, was jetzt eingetreten ist, wenn 
der Bau abgeschlossen gewesen ware gerade am ersten August. Gegen- 
iiber den Tatsachen war natiirlich mit so etwas, das wie ein Wunsch 
ausschaute, nicht anzukampfen, und unter mancherlei Dingen, iiber 
die ich heute nicht sprechen will, die mit dem Bau gelost werden sollen, 
war ja dies, dafi das Problem der Akustik fur einen grofieren Raum 
gelost werden sollte durch eine groftere Resonanz. Es war in den Juli- 
tagen, als der Bau schon eingeschalt war, da konnte man, wenn man 
an einem bestimmten Orte ein paar Worte sprach, zum ersten Mai eine 
Ahnung haben, dafi es gelungen sein wiirde, dieses akustische Problem 
wirklich zu losen, wenn der Bau einmal fertig ist. An bestimmten 
Stellen konnte man horen, da stellte sich die Resonanz in einer Weise 
heraus, wie es nach den okkulten Berechnungen fur den Ort ef wartet 
werden mufite, und so darf erwartet werden, dafi das Wort und Musi- 
kalisches wirklich so erklingen werden, wie sie erklingen sollten. Es war 
so eine Art Ideal, schon in den Augusttagen drinnen zu horen das Wort, 
das vom Geist sprechen sollte. - Dasjenige, was unsere Freunde zuerst 
in unserem Bau horten, war der Widerhall der Kanonen, die in un- 
mittelbarer Nahe auf den Elsafier Schlachtfeldern donnerten. So war 
der Raum, fur den wir in einer gewissen Weise den Widerhall der dem 
Geist gewidmeten Worte erbeten hatten, zuerst Zeuge des Kanonen- 
donners, der in gar nicht weiter Entfernung ertonte. Andere unserer 
Freunde hatten, auch in gewisser Weise symbolisch, etwas gesehen, was 
wir erwartet hatten als unser groftes Ideal. Erwartet hatten wir, dafi 
ertonen durfte die Kunde von dem Licht des Geistes, der geistigen 
Welten, dafi dieses Licht der geistigen Welten zur Geltung kommen 
werde - gesehen wurde in einigen Nachten der Schein vom Isteiner 
Fort, der weithin sich erstreckte und vier Minuten lang auch sein 
Licht durchdrangte und durchdriickte durch unseren Bau: Ton und 
Licht der gegenwartigen Ereignisse! 

Aber auch andere Gedanken und Empfindungen konnten durch 
die Seele gehen. Am 26. Juli hatte ich zu unseren Freunden gesprochen 
iiber einiges, das unseren Bau betraf, und hatte mit wenigen Worten 
hingewiesen auf die ernsten Zeiten, die uns zu unseren Fenstern herein- 
sehen. Und ich muft sagen: Ich konnte nur unter Tranen den Brief le- 



sen, den einer unserer jiingeren Freunde bald darauf an seine Mutter 
schrieb, die dabeigewesen war am 26. Juli. Unmittelbar danach wurde 
er einberufen, ist nach seiner osterreichischen Heimat gezogen, und 
gerade aus der Kraft des geistigen Lebens heraus, die er - er ist ein 
noch recht junges Mitglied - aus unseren Bestrebungen gezogen hat, 
hat er auch die Kraft gewonnen, im schonsten, ich mochte sagen, im 
heiligsten, reinsten Sinn seinen Platz auszufiillen, auf den ihn das 
Karma gestellt hat. 

Und wieder war es ein anderer, der dazumal am 26. Juli dabeige- 
wesen war, der mir selbst schrieb, als er den Weg antrat zu dem serbi- 
schen Kriegsschauplatz, voll der Empfindungen, die auf der einen 
Seite genahrt waren von der Sicherheit, die da f liefk aus dem Glauben 
an den Sieg und die Sieghaftigkeit des Geistes, auf der anderen Seite 
genahrt waren von den voll begeisterten Empfindungen fur die un- 
mittelbare Teilnahme an den Ereignissen unserer Zeit von dem Platze 
aus, auf den er gestellt war. 

Wahrhaftig, meine lieben Freunde, man fiihlte in diesen Zeiten die 
Seelen wachsen, die Seelen reifen und es war schon, es war grofi, zu 
unseren Herzen sprechend, wenn man sehen durfte, dafi all die Emp- 
findungen, Gefiihle, die durch die Jahre in die Seelen unserer Freunde 
gezogen sind, auch sich als geeignet erweisen, in der heutigen schweren 
Situation die Menschen an den richtigen Platz in der richtigen Weise 
zu fiihren. 

Wenn man spricht von der Sicherheit, die man gewinnen soli durch 
die Betrachtung des Geistes und des geistigen Wesens, so hangt die 
Empfindung von dieser Sicherheit innig zusammen mit dem, was un- 
ser Wahlspruch ist, der einem Goetheschen Wort nachgebildet ist, es 
wiedergibt: «Die Weisheit liegt nur in der Wahrheit.» Unter den gro- 
fien Hoffnungen, die man hegen darf aus den gegenwartigen Ereignis- 
sen heraus, ist auch diese eine, dafi alles dasjenige, was zusammen- 
hangt mit diesem: «Die Weisheit liegt nur in der Wahrheit», dafi alles 
das gerade durch die grofien, schmerzlichen und tief ergreifenden Prii- 
fungen der Menschheit eingepragt wird. Alles, was zusammenhangt 
mit dem Worte: «Die Weisheit liegt nur in der Wahrheit», mufi tiefer 
und immer tiefer in die Menschen eingreifen, und jetzt ist schon vieles 



durch den groften Lehrmeister, der durch seine Geschosse spricht, be- 
wirkt worden in der Oberwindung des Materialismus. 

Kurz vor dem Ausbruch des Krieges konnte ich das Wort lesen, das 
ein angesehener Journalist geschrieben hat: Trotz der Riige des Herrn 
Liebknecht bleibe ich bei der Meinung, daft verantwortungsvoll Re- 
gierende nicht nur berechtigt, sondern verpflichtet sind, Wahres zu 
leugnen und Unrechtes zu behaupten. Dieses Recht, diese Pflicht des 
von Kollektivsittlichkeit Geleiteten schranken zwei Bedingungen ein: 
Die Unwahrheit darf weder erweislich noch dem Staatsinteresse zu- 
wider sein. — Man halte diesen Ausspruch zusammen mit dem, was 
wir als Devise gewahlt haben, als wir die Anthroposophische Gesell- 
schaft gegriindet haben: «Die Weisheit ist nur in der Wahrheit»! Es 
wird vieles zusammenf alien, denn es sind schon ganz andere Empfin- 
dungen eingezogen in die Seelen derer, die den Ernst der Situation in 
der Gegenwart verspiiren. 

Wie oft, meine lieben Freunde, ist durch das, was auf unserem Boden 
gesprochen worden ist, das Wort gezogen, das so gelautet hat: Nicht 
nur das, was auf dem aufieren physischen Plan geschieht, ist Wirk- 
lichkeit, sondern die Gedanken der Menschen sind grofiere Wirklich- 
keit, eine Kraft, eine Macht des Wirkens. Aber gestehen wir es uns 
doch, denn es ist die Wahrheit: Solche Dinge sind nur auf dem Boden 
gesprochen worden, der eine spirituelle Stromung trug. Jetzt, auf der 
recht komplizierten Reise, die ich zu machen hatte, fiel mir eine Zeit- 
schrift in die Hande, die das Datum des 1. September 1914 tragt. Ein 
sehr schoner Aufsatz ist darin von einem Soldaten, Robert Michel, 
der im Felde Gedanken niedergeschrieben hat. Der Aufsatz gibt schon 
wieder, wie die Mobilisierung verlautbart war, wie er mit seinen Ka- 
meraden gleichsam in das Unbekannte gezogen ist. FUr uns sind von 
Bedeutung die letzten Worte: «Aber jeder einzelne Zuriickgebliebene 
in der Monarchic hat die Pflicht, nach besten Kraften unterstiitzend 
zu wirken, bis die siegreiche Entscheidung gefallen ist. Alle die guten 
Worte, herzhaften Zurufe und Segenswiinsche, die beim Auszug uns 
zuteil geworden sind, vermehrten die Zuversicht. Sie waren Splitter, 
die nicht verloren gegangen sind. Dieser Zuschufi an seelischer Kraft 
mufi auch weiterhin der Armee zuteil werden, und der Wille zum Sieg 



mufi von jedem einzelnen heriiberzittern zu den Kampfern in der 
Front. Drum raste niemand vor der Entscheidung, die sicli im Norden 
vorbereitet. Wer der ungeheuren Krafteleistung von Heer und Reich 
untatig zuschauen mufi, der trachte auf dem Wege, den seelische Krafte 
gehen, sein Scherflein beizutragen. Wen Gott erhort, der bete - wer 
nicht beten kann, der sammle alle seine Gedanken und Willenskrafte 
zu dem. inbriinstigen Wunsch nach dem Siege - und wer nichts an- 
deres vermag, der driicke die Daumen in die Handflachen und spreche: 
<Wir mussen siegen, wir miissen siegen!> So wird auch der Schwachste 
beigetragen haben zum Sieg.» 

Der Soldat, der fortzieht ins Feld, schreibt aus dem Felde Worte 
zuriick, die wie ein Widerklang sind dessen, was oftmals auf dem Bo- 
den spirituellen Lebens gesprochen worden ist: Wer nicht beten kann, 
sammle Gedanken und Willenskrafte zum inbriinstigen Wunsch nach 
dem Siege. - Der Glaube an den Geist, wir sehen ihn jetzt am Anfang 
des ungeheuren Ereignisses stehen. 

Wir brauchen uns keinen Illusionen hinzugeben. Manches kann in 
den nachsten Zeiten ganz anders aussehen, aber es werden auch Zeiten 
kommen, die das wahr machen werden, was mit einigen Worten ange- 
deutet werden soil. Der Weltenfortgang mufi geschehen, dasjenige, 
was geschehen soli, geschieht; es geschieht manchmal auf eine sehr 
merkwiirdige Weise, indem etappenweise geleitet werden die Willen 
der Menschen, so dafi man sieht, wie von Stufe zu Stufe, wahrhaftig 
nicht in anderer Weise, als ein Erzieher es tun wiirde, in die Seelen hin- 
eingegossen werden die Richtungen, in die sie spater kommen werden. 
Man braucht wahrhaftig nur auf eine kurze Spanne Zeit zu blicken 
und man sieht die iiber die Menschheitskraft hinausreichenden Geistes- 
machte, die padagogisch wirken fur den grofien Menschheitsf ortschritt. 

Er ist nun an der Zeit, einen Gedanken zu hegen, der naheliegen 
kann, der aber nicht immer erwogen wird. 1866: deutsche Briider 
standen gegen deutsche Briider, Deutsche gegen Deutsche. Noch nicht 
ein Jahrzehnt ist verflossen - 1870/71: ein Teil der Deutschen mufke 
einem grofien Ereignisse folgen, an dem der andere Teil nicht mit- 
wirken konnte. Einer meiner Lehrer an der Wiener Hochschule hat 
oft und oft das Wort, das mir damals tief ins Herz ging, gesprochen: 



Wir Deutsche in Osterreich miissen uns bewufit sein, dafi dasjenige, 
was geschehen ist, unser Schicksal ist, nicht unsere Schuld, dafi wir 
an einem hervorragenden Ereignis nicht teilnehmen durften. - Jetzt 
ist die Zeit, wo zusammengeschmiedet sind, wie durch. eine eiserne 
Macht zusammengeschmiedet dastehen die beiden Teile, die erst geg- 
nerisch, dann einer ohne den anderen dastanden. 

Es ist nicht Zufall, es ist bedeutsam, wichtig - es hat keines Jahr- 
hunderts bedurft, diese grofie Lehre in alle folgenden Zeiten hinein- 
zuschicken: Die Menschheitsfortschritte, das, was die geistigen Hier- 
archien wollen fur die Menschheit, das mufi geschehen; aber es kann 
auf mannigfaltigste Art geschehen. Bis zu einem gewissen Zeitpunkt 
mufi etwas ganz Bestimmtes erreicht sein. Nehmen wir an - nicht, 
weil dieses gerade stimmt, was ich da sagen will — , bis 1950 miifite aus- 
gegossen sein iiber die Menschheit eine bestimmte Summe von Opfer- 
willigkeit, von Liebefahigkeit und Selbstlosigkeit, von Bekampfung 
des Egoismus. Nehmen wir an, es mufi bis 1950 erreicht sein, was 
geschehen mufi, was also die Zeichen der Zeit fordern. Es geschieht auf 
der einen Seite dadurch, dafi zu den Herzen der Menschen gesprochen 
wird, dafi man vertraut der Kraft des Wortes, dafi dasjenige, was die 
Menschengeschicke in Handen hat, auf geistige Weise herankommen 
will an die Menschenindividualitaten, und sie so weit zu bringen sucht, 
dafi der Geist auf sie wirken kann. Aber der andere Lehrmeister mufi 
oft hinzutreten, der zweite Lehrmeister, der durch lebendige Beweise 
spricht. Und wie haben wir gesehen seine Erfolge! Welche Unsumme 
von Opfern, von Menschenliebe und Selbstlosigkeit sind erzeugt wor- 
den in erstaunlich kurzer Zeit in unserem Zeitalter des Materialismus, 
als der grofie Lehrmeister auftrat, der Krieg, der nach der einen Seite 
hin so Furchtbares hat, auf der anderen Seite das hat, was zu dem hin- 
fiihrt, was man im Okkultismus die eisernen Notwendigkeiten nennt, 
die eintreten miissen, urn etwas Bestimmtes in einem bestimmten Zeit- 
alter der Menschheitsentwickelung zu erreichen. Strome von Blut wer- 
den vergossen, teure Leben welken dahin, andere werden im Augen- 
blick entrissen dem physischen Leben, wenn die feindliche Kugel sie 
trifft. Das alles vollzieht sich in so ungeheurem Mafie in unserer Zeit. 
Was ist das alles? Ein grofies Opfer ist es, meine lieben Freunde, ein 



ungeheures Opfer, das gebracht wird am Altar der gesamten Mensch- 
heitsentwickelung. Auf der einen Seite steht das, was eindringen soil 
in die Menschheitsentwickelung, was der Menschheit iibergeben wer- 
den mulS, damit die Menschheit vorwartskommt, und auf der anderen 
Seite steht die Notwendigkeit des Opfers. 

Unendlich bedeutungsvoll war es fur mich, mit anzusehen, wie 
innig verbunden iiber den Tod hinaus die Seelen derjenigen sind, die 
jetzt an den groften Ereignissen unmittelbar teilnehmen. Da konnte 
man es oftmals sehen, wie diejenigen, die von der feindlichen Kugel 
dahingestreckt waren, hinaufgenommen waren in die geistigen Welten, 
noch nicht erwacht mit ihren grofien Individualitaten, verbunden wa- 
ren auch noch mit demjenigen, was da unten vorging. Ich weifi nicht, 
ob Sie es mir nachfiihlen konnen, was es bedeutet, mit anzusehen, wie 
hinter dem Krieger auf dem Schlachtfeld, der noch kampft, die psychi- 
sche Personlichkeit desjenigen schiitzend waltet, der schon den Tod 
gefunden hat, und der mit dem ist, der noch gebunden auf dem physi- 
schen Plan ist. Es gehort dies zu meinen okkulten Erlebnissen, die ich 
mit nichts anderem recht vergleichen konnte. Unerwachte Krieger, 
die unten gekampft haben, die durch den Tod gegangen sind, sie blei- 
ben mit dem Ereignis verbunden und sind gleichsam wie eine zweite 
Personlichkeit hinter demjenigen, der unten auf dem physischen Plan 
noch kampft. Auch in den geistigen Welten gibt es Dinge, die Zuver- 
sicht in unsere Herzen giefien konnen, wenn diese Zuversicht auch 
nicht leicht wird. 

Wer bedenkt, welcher Prozentsatz der Menschheit heute mitein- 
ander kampft, wer bedenkt, wie wir am Anfang stehen - wenige Wo- 
chen wahrt dieses Ereignis erst -, welche ungeheuren Verluste an Men- 
schenleben diese wenigen Wochen gekostet haben, der konnte wan- 
kend wer den, konnte meinen: Was soli denn werden, wenn das lange 
andauern mufi? - Und wenn mich das oftmals bestiirzte - es kann ei- 
nen bestiirzen -, dann richtete der Gedanke mich auf: Das Rechte wird 
geschehen, dasjenige, was vorgezeichnet ist von den geistigen Welten, 
das wird geschehen. Und wenn man die Gewiftheit hat, dafi nicht nur 
die Lebenden kampfen, sondern auch die Toten verbunden bleiben 
mit ihren Geschicken, dann werden noch immer Krafte da sein. 



Anderes kam mir in diesen Zeiten. Unsere Gesellschaft vereint in 
einer gemeinsamen geistigen Stromung die Angehorigen der verschie- 
densten Rassen, Volker, die heute feindlich gegeneinander sind. Da 
braucht es auch manchen Trost! Wir blicken zuriick auf eine Zeit, die 
der unsrigen recht unahnlich ist, nicht viel mit ihr gleich hat, auf die 
Zeit, welche die Bhagavad Gita uns schildert, auf eine Zeit, wo noch 
die alten, oft geschilderten Menschheitsverhaltnisse waren, wo die Men- 
schen noch in kleinen blutsverwandten Kreisen lebten. Der Ubergang 
von dieser Zeit der Blutsverwandtschaft in die Zeit, wo die Bluts- 
verwandten im Kampfe stehen, wird von der Bhagavad Gita geschil- 
dert, wo der grofie Geist hinweist den Arjuna: Driiben stehen wahr- 
haft die Briider und hier stehst du, ihr werdet miteinander kampfen, 
in deren Adern dasselbe Blut fliefit; aber es gibt eine Moglichkeit, im 
Geist den Ausgleich zu fiihren. - Aus dem, was sich nicht bekampfen 
sollte, entwickelt sich das heraus, was sich bekampft: auch eine der 
eisernen Notwendigkeiten, die fur die Menschheitsentwickelung not- 
wendig sind! Der Geist iiberbruckt, dafi der Bruder dem Bruder als 
Feind gegeniibersteht, daft das andere sich entwickelt, was in Dis- 
harmonien einander gegeniibersteht. Unahnlich der unseren ist diese 
Zeit. Wir machen den umgekehrten Weg durch innerhalb unserer gei- 
stigen Stromung. Wir suchen das, was zerstreut war in der Welt, wie- 
derum zu sammeln, und die Angehorigen der verschiedensten Natio- 
nen umfassen sich wieder briiderlich, werden Bruder innerhalb unserer 
Reihen. Jetzt sehen wir, wie der eine heriiberkommt aus Frankreich 
und driiben den anderen gelassen hat, wie er in das deutsche Heer ein- 
tritt und erwarten mufi, dem anderen, den er als anthroposophischen 
Freund zuriickgelassen hat, kampfend gegeniiberzustehen. Es ist die 
entgegengesetzte Situation: Die zerstreuten Menschheitsglieder suchen 
sich im Geist wieder zusammen, und wir f inden uns zurecht, wenn wir 
den Geist der Wahrheit wirklich ernsthaft verstehen und ihn ernst- 
haft ergreifen. Nur miissen wir die Wege suchen. 

Ich mochte sagen, wir Deutsche haben es schwer, uns zurechtzufin- 
den, vielleicht am allerschwersten! Es kann Ihnen sonderbar erklin- 
gen, daft ich das sage, aber wir haben es wirklich schwer, wir haben es 
aus dem Grunde schwer - ohne daft wir damit renommieren wollen -, 



weil es uns immer schwer fallt, uns selbst recht zu geben, weil es uns 
leichter ist, dem anderen gerecht zu werden als uns selbst. Es wird 
uns aus dem Grunde schwer, weil es wirklich der gegenwartigen 
Menschheit noch nicht sehr leicht werden wird, besonders nicht in der 
Gegenwart, alles dasjenige, ich mochte sagen, mit dem richtigen objek- 
tiven, unbefangenen, gelassenen Blick zu iiberschauen, was oft in un- 
serer Geisteswissenschaft angedeutet worden ist, was audi in den Vor- 
tragen iiber die Volksseelen sich findet. Es wird notwendig sein, da!5 
alle, die im echten, wahren Sinn unserer Zeit das geistige Leben er- 
greifen, verstehen lernen, wie diese Volksseelen, die echten, wahren 
Volksseelen, eine Art von Chor bilden, indem sie schon harmonisch 
zusammen leben. Aber man mufi sich zu ihrem Wesen finden, und das 
kann man nur im Geist. 

Es ist wirklich in der Gegenwart nicht die rechte Zeit, auf das auf- 
merksam zu machen, was da an Gefiihlen, Empfindungen in den 
Hintergriinden der Seele spricht, aber auf etwas anderes mochte ich 
Sie aufmerksam machen, darauf, dafi wir einen Weg haben konnen, 
um in geheimer Zwiesprache, intimer, innerer Zwiesprache mit dem 
Geist des Volkes, dem wir angehoren, den Weg zu finden, den unsere 
Seelen in der rechten Weise gehen sollen. Raten nur kann ich, wenn 
Sie einige Minuten finden, gerade in der jetzigen Zeit, die folgende 
Formel zu gebrauchen, um sich zurechtzufinden in der gegenwartigen 
Weltensituation : 

Du, meines Erdenraumes Geist! 
Enthiille Demes Alters Licht 

Warum Alter? «Alter» sagt man bei geistigen Wesenheiten, wo man 
bei irdischen «Deines Wesens Licht» sagen wiirde. Alter ist fur den 
Geist, was Wesen fiir das Irdische ist. 

Du, meines Erdenraumes Geist! 
Enthiille Deines Alters Licht 
Der Christ-begabten Seele, 
Dafi strebend sie finden kann 
Im Chor der Friedensspharen 



Dich, tonend von Lob und Macht 
Des Christ-ergebenen Menschensinns! 

Da finden wir den Weg zum Volksgeist, dem wir zugehoren, und den 
Weg von diesem Volksgeist zur Zwiesprache des Volksgeistes mit dem 
Christus, der der Lehrer aller Volksgeister ist. Und wenn sie sich in 
diesem Christus zusammenfinden, werden sich die Volksgeister in der 
richtigen Art zusammenfinden, da all diese Volksgeister, die die Vol- 
ker richtig fuhren - man kann das entnehmen aus dem Buch «Die gei- 
stige Fiihrung des Menschen und der Menschhe.it» — , den Christus als 
den Lehrmeister betrachten. 

Oftmals mufite ich hoffen, daft es gar nicht wahr sei, was mitgeteilt 
worden ist, daft in einer Volksvertretung des Ostens, in der Duma, am 
Ende einer Rede, in welcher der Herrscher sein Volk aufgefordert hat, 
teilzunehmen an dem Kriege, als letztes Wort gesprochen worden ist: 
Der Gott Ruftlands ist groft! - Schrecklich ware es, wenn das Wort so 
gesprochen worden ware: eine unbewuftte Anrufung des Geistes, dessen 
Charakter man sich vorstellen kann, wenn der Anruf geschieht in bezug 
auf ein begrenztes Gebiet, wenn er nicht geschieht zum Geist, der mit 
dem Schicksal der Menschheit so verkniipft ist, daft auch die, welche 
sich als Feinde gegeniiberstehen, sich in seinen Dienst stellen, indem sie 
mit ihrem Heil zugleich das Heil der Menschheit suchen. Der Christus, 
wenn er ein Volk fuhrt, fuhrt dieses Volk so, daft es mit seinem Heil 
das Heil der Menschheit sucht. Mit Recht rufen wir den Volksgeist an, 
dem wir innig verbunden sind, so daft wir hinaufblicken, wie er seiner - 
seits mit dem Christus spricht; durch den Volksgeist sprechen wir mit 
dem Christus. Dadurch werden viele Gedanken vorbereitet werden, 
die bleiben sollen in der geistigen Atmosphare der Menschheit bis in 
die Zeiten, wo einem bedeutungsvollen Krieg ein bedeutungsvoller 
Friede folgt. 

Ein Opfer, sagte ich, ist es, das dargebracht wird auf dem Altar der 
Menschheit, und heiliges Blut ist es, das flieftt auf unsere Erde nieder, 
ein Blut, das Zeuge wird davon, daft die, die jetzt, in diesem Kampf 
der Volker, mit ihren Seelen hinaufsteigen aus der physischen Welt 
in die geistigen Welten, wiederum zuruckkommen werden in ktinf- 



tigen Inkarnationen, um wichtige Glieder zu sein fiir den Geistesfort- 
schritt der Menschheit - ein Opfer, ein grofies Opfer! Dasjenige, was 
jetzt geschieht, es mufi so geschehen; und wer zuriickblicken will in 
vergangene Zeiten, um gleichsam nach den allerersten Ursachen zu 
suchen, er mufi zuriickblicken bis in die Zeit der punischen Kriege im 
3. vorchristlichen Jahrhundert, damals, als der romische Feldherr - 
man kann das in der Geschichte nachlesen - die Enterbrucken beniitzt 
hat, um einen ersten bedeutsamen Erfolg zu haben. Heute stellt sich 
einem daneben, was als erstes Ereignis sich abgespielt hat in diesem 
Kriege. Eine kiinftige Geschichtsschreibung wird das erweisen; es ist 
schwierig, auf diese Dinge einzugehen. 

Anderes fuhrt uns zuriick in die Zeiten, wo die Romer gerungen 
haben mit den Germanen, wo sich Menschengeschicke fiir viele Jahr- 
tausende entschieden haben. Und dann kommt eben das dritte grofie 
Ereignis, das ist unseres, das wirklich eine Bedeutung haben wird wie 
damals die punischen Kriege, die natiirlich in ihrer Ausdehnung klein 
sind gegenuber dem heutigen Weltereignis, die aber in bezug auf das 
Qualitative in ihrer Bedeutung noch hereinragen in unsere Zeit. Wie 
die grofien, die Menschen bestimmenden Ereignisse, die sich an die 
Volkerwanderung ankmipften, sich wiederholen in einer gewissen 
Weise - ein ganzer Menschheitszyklus ist umspannt mit dieser Zeit- 
angabe - und wie dazumal in Rom sich das entschied, was dazumal 
geschehen mufite, dafi die Form des Menschen-Ich, wie sie war im 
3. Jahrhundert vor dem Ereignis von Golgatha, iiberging in die spatere, 
damit diese Form des Ich durch die Romer den Weg finde, den sie 
finden mufke fiir all das, was seither geschehen ist, so mufi heute die 
Form des Ich, die eben im nachsten Menschheitszyklus die mafigebende 
ist, in einer ahnlichen Weise hineingestellt sein in einen Kampf der 
Volker. In die tiefsten Impulse der Menschheit geht das. 

Dann aber, wenn wir verbunden sind mit dem, was wir seit Jahren 
im Geist miteinander verfolgen, konnen wir in uns tragen den Glau- 
ben an den Sieg und die Sieghaftigkeit des Geistes. Dann werden wir 
allem, was kommt, entgegenschauen mit diesem Glauben, und wissen, 
dafi dasjenige, was geschieht, unter der Fuhrung der hohen Hierarchien 
steht und seinen Weg gehen wird. Nur liegt es an uns, in der richtigen 



Weise diesen Weg mitzugehen. Das aber tun wir, wenn wir in der 
richtigen Weise den Weg finden zur Beobachtung unseres Karma, wenn 
wir uns nicht entziehen den Aufgaben, die uns die grofie Zeit stellt. 
Und wenn wir mancherlei verdanken konnen dem, was uns die gei- 
stige Wissenschaft gibt, eines soil am ersten Platz stehen: dafi die 
Geisteswissenschaf t unseren Geist und Blick scharf t, darauf zu schauen, 
dafl wir gerade mit unserer Personlichkeit am besten an unserem 
Platz stehen und das Richtige tun. Je mehr wir es sachlich, unperson- 
lich tun, ohne irgend etwas anderes im Auge zu haben, desto mehr hat 
Geisteswissenschaft unseren Blick gescharft, unsere Herzen empfang- 
lich gemacht, desto mehr werden wir verstehen die Sprache, die jetzt 
in diesen ernsten Zeiten zu uns gesprochen wird. 

Eine der Formeln, die aus dem Geist gegeben sind in dieser Zeit, 
die auch schon hier vor unseren Freunden gegeben werden kann, ist 
diese, die uns den Sinn vergegenwartigt, den der Anblick des Schmer- 
zes hat, den wir jetzt so reichlich, reichlich sehen konnen. Ungeheuer 
ist der Schmerz in den Seelen, der in unseren Zeiten erzeugt wird, un- 
geheuer grofi die Opfer, die gefordert werden, ungeheuer mufi die 
Opferwilligkeit und Empfanglichkeit fiir einen fremden Schmerz auch 
sein. Der Christus ist erstanden erst fiir viele, wenn wir ihn so ver- 
stehen, dafi wir wissen: fiir den anderen kann es keinen Schmerz geben, 
der nicht auch unser Schmerz ist; denn iiberall, wo er eingetreten ist, ist 
es eigener Schmerz. Solange es fiir uns die Moglichkeit gibt, einen 
Schmerz bei einem anderen zu sehen, den wir nicht mitfiihlen als un- 
seren eigenen Schmerz, so lange ist der Christus noch nicht vollig in 
die Welt eingezogen. Der Schmerz im anderen soil nicht uns meiden! 
Schwer und grofi und weit ist dieses Ideal, schwer und grofi und weit 
ist aber auch das Christus-Ideal. Dann ist es erfullt, wenn die Wunde, 
die wir an uns haben, nicht starker brennt als die, die der andere an 
sich tragt. Darum ist es gut, uns geeignet zu machen, helfend einzu- 
greifen durch die folgenden Worte, die wir an eine Gemeinschaft oder 
an den anderen, der Schmerz leidet, richten: 

So lang du den Schmerz erfiihlest, 
Der mich meidet, 



1st Christus unerkannt 

Im Weltenwesen wirkend. 

Denn schwach nur bleibet der Geist, 

Wenn er allein im eignen Leibe 

Des Leidesfuhlens machtig ist. 

Man versuche einmal, diese Worte ganz durchzufiihlen. Wird man 
durch die erste Formel insbesondere den Zusammenhang mit dem 
Volksgeist gewinnen konnen, durch diese Zeilen wird man sich durch- 
dringen mit der Gesinnung, die den Schmerz der Menschheit, den 
Schmerz einer Menschengemeinschaft in dem eigenen Sein nacherleben 
und alles, was wir tun diirfen, im wahren christlichen Sinn tun lafit. 
Mogen wir es in dieser Zeit tun, insbesondere durchdrungen mit der 
Gesinnung des Geistes! 

Die Wunde, welche die Kugel schlagt, meine lieben anthroposophi- 
schen Freunde, sie wiirde nicht heilen, waren nicht in dem wunder- 
baren Mikrokosmos, der der menschliche Organismus ist, die heilen- 
den Krafte. Es ist gut, dafi in unseren Zweigen praktiziert wird, wie 
ja auch hier durch unseren lieben Freund Dr. Peipers das jetzt ge- 
schieht, eine Anleitung zum Verbinden von Wunden. Es ist gut, denn 
wir konnen leicht in den Fall kommen, das anwenden zu miissen. Aber 
wissen miissen wir auch, wenn wir an solche Aufgabe herantreten, 
daft der Geist Wirklichkeit ist, und dafi dasjenige, was wir wahrend 
des Verbindens helfen, sei es bei dieser oder jener Verletzung, diesem 
oder jenem Erleiden, mehr tut, wenn wir mit dem Geist in der rich- 
tigen Weise dabei sind, als wenn wir es nicht sind. Auf dafi wir, wenn 
wir an das herantreten, was eine Wunde am menschlichen Organis- 
mus ist, die richtigen Gedanken damit verbinden, denken wir: 

Quelle Blut, 
Im Quellen wirke, 
Regsamer Muskel 
Rege die Keime, 
Liebende Pflege 
Warmenden Herzens, 
Sei heilender Hauch. 



Denn in diesem Blute, das aus der Wunde quillt, liegt das Zeichen, 
dafi hinter ihm Krafte liegen, welche die heilenden Krafte der Wunde 
sind. 

Quelle Blut, 
Im Quellen wirke, 
Regsamer Muskel 
Rege die Keime, 

die Keime, die absterben, wenn die Kugel durchgeschlagen hat. Rich- 
tige Empfindungen senden Sie fiir denjenigen, der einen Verband an- 
legt, um dem Nebenmenschen zu helfen: 

Quelle Blut, 
Im Quellen wirke, 
Regsamer Muskel 
Rege die Keime, 
Liebende Pflege 
Warmenden Herzens, 
Sei heilender Hauch. 

Lassen wir diese Gesinnung durch unsere Seele ziehen, lassen wir von 
ihr unser ganzes Wesen erfiillt sein, wenn wir den Nebenmenschen 
helfen, dann, meine lieben Freunde, wird der Geist mithelfen bei dem- 
jenigen, was wir als physischer Mensch als physische Hilfe bringen 
konnen. Und denken wir oft als einzelner an den einzelnen, der drau- 
fien steht an einem exponierten Platz, denken wir, wenn wir unsere 
Versammlungen beginnen, an die, die aufierhalb unseres Kreises ste- 
hen, draufien im Felde wirken. Die Formel, die dafiir ist, und die ich 
am Anfange selbst gerichtet habe an die im Felde Stehenden - der ein- 
zelne kann sie an den einzelnen rich ten: 

Geist Deiner Seele, wirkender Wachter, 
Deine Schwingen mogen bringen 
Meiner Seele bittende Liebe 
Deiner Hut vertrautem Erdenmenschen, 



Da$, mit Deiner Macht geeint, 
Meine Bitte helfend strahle 
Der Seele, die sie liebend sucht! 

Wenn einer die Gedanken richten will an mehrere oder viele, die 
draufien stehen, dann sagt er: 

Geister Eurer Seelen, wirkende Wachter, 

Eure Schwingen mogen bringen 

Meiner Seele bittende Liebe 

Eurer Hut vertrauten Erdenmenschen, 

DalS, mit Eurer Macht geeint, 

Meine Bitte helfend strahle 

Den Seelen, die sie liebend sucht! 

Ein Lehrmeister der Liebe, der Selbstlosigkeit, das werden die grofien 
Ereignisse sein, die sich jetzt abspielen. Und ein Lehrmeister fur die 
geistigen Welten, hoffen wir, dafi sie es werden! Dann werden die 
grofien Opfer, die ungeheuren Opfer, die die Menschen bringen durch 
ihr Blut, dargebracht sein an dem Altar der geistigen Wesenheiten, 
und dasjenige, was so schmerzvoll sein kann dem unmittelbaren An- 
blick, es wird dazu dienen, daf$ die grofien Ziele der Menschheit erreicht 
werden. Je mehr wir uns mit diesen Gesinnungen durchdringen, desto 
mehr werden Gedanken da sein, wenn nach dem Kriege ein grofier 
Friede geschlossen ist. 

Das 20. Jahrhundert ist dazu berufen, vieles umzugestalten in den 
Geschicken, in der Anordnungsweise der Menschheitsangelegenheiten. 
Und dasjenige, was schon erreicht wird nach diesem ersten grofien 
Ereignisse, es wird der Menschheit ersparen, dafi dieses Ereignis etwa 
wiederholt werden miifite in der Fortsetzung. Sieg und Sieghaftigkeit 
des geistigen Lebens ist ein Wort, das sich oftmals in unsere Herzen 
hineinfand in diesen Zeiten. Versuchet zu verstehen, wie wir Zeuge 
geworden sind des Ereignisses, das nicht fiir kurze Zeit entscheidend 
sein soli fiir die Entwickelung des ganzen Menschengeistes, sondern 
fiir lange, lange Zeiten! Und versuchen wir, dal$ aus diesem Ernst her- 



aus wir die Liebe, die Selbstlosigkeit aufbringen, die uns die Wege 
fiihren, um nach unseren Kraften, nach unserem Vermogen, uns hin- 
zustellen an den richtigen Ort. Unser Karma wird uns das schon wei- 
sen. Und der, welcher jetzt nicht helfend eingreifen kann, sei nicht 
trostlos. Darauf kommt es an, dafi wir auch Krafte aufsparen fiir das- 
jenige, was spater noch fiir viele wird zu geschehen haben, dafi wir 
erkennen im rechten Augenblick, dafi unser Karma uns ruft. Dann 
mochte das eintreten, was man gerade als Bekenner der Geisteswissen- 
schaft in diesem Zeitpunkt sich sagen mochte, dafi immer ersichtlicher 
und ersichtlicher werde durch dasjenige, was in der aufieren Welt ge- 
schieht, wie in die Menschengeister, in die Menschenseelen, in die Men- 
schenherzen hinein von allem Weltgeschehen die Wesenheiten, Krafte, 
Willensimpulse der geistigen Welt gehen. Der Bund, der sich ergeben 
moge aus allem, was wir an Gram, auch an Schmerz erleben, der Bund 
kniipfe sich zwischen der Menschenseele und den gottlichen Geistern, 
welche die Geschicke der Menschenseele bewirken, regieren und lei- 
ten. Und finden werden die Menschenseelen diesen Punkt. Finden 
moge die Menschenseele das, was gemeint ist, wenn gesagt wird in un- 
serer Formel: Die christbegabte Menschenseele moge strebend finden: 

Im Chor der Friedensspharen 
Dich, tonend von Lob und Macht 
Des Christ - ergebenen Menschensinns! 

Nun, meine lieben Freunde, vielleicht konnen wir nicht iiberall 
kampfend dabei sein, vielleicht konnen wir nicht iiberall dasjenige 
tun, woran wir gerne nach unseren Idealen teilnehmen mochten, aber 
in dem Sinn an dem grofien Ereignis teilzunehmen, wie das gemeint war 
in den eben gesprochenen Worten, das wird uns alien moglich sein. An 
vielen Orten, an den mannigfaltigsten Orten mogen wir an unserem 
Platze sein, der eine da, der andere dort; wo wir aber immer am Platze 
sind, weil jeder Mensch da am Platze ist, welchem Menschheitszusam- 
menhang er auch angehort, das ist der Platz, wo die Liebe wirken soli, 
die Kraft, die uns aus der Liebe kommt, das ist der Platz, wo der 
Schmerz, das Leid, das Elend den Menschen auffordert zu tun, zu den- 



ken, mitzuwirken, der Platz, wo wir so recht fiihlen, wie wir verbun- 
den sein sollen im Tiefsten unseres Herzens mit dem anderen Men- 
schen, zu dem wir hinblicken sollen, weil er seine und unsere gemein- 
samen heiligsten Guter mit seinem Mut, Lebensblut, opfernd schiitzt. 
Daher seien nochmals, wie am Beginn, so am SchluiS, unsere Gedan- 
ken gerichtet an diejenigen, die also, wie eben ausgesprochen, hinein- 
gestellt sind in die Ereignisse unserer Zeit: 

Geister Eurer Seelen, wirkende Wachter, 

Eure Schwingen mogen bringen 

Unserer Seelen bittende Liebe 

Eurer Hut vertrauten Erdenmenschen, 

Dafi, mit Eurer Macht geeint, 

Unsere Bitte helfend strahle 

Den Seelen, die sie liebend sucht! 

Moge der Geist, den wir suchen, suchen durch unsere Wissenschaft, 
suchen mit unseren Herzen, dem unsere geistige Bewegung dienen will, 
unser Fiihrer sein. Moge er aber auch sein der ganzen Menschheit Fiih- 
rer, denn diejenigen unter den Menschen, die er fiihrt, die werden nicht 
allein ihrem Ziel folgen, sondern das der ganzen Menschheit ins Auge 
fassen und ihm folgen. 

Das Volk wird den rechten Weg finden, das dem Christus zu ver- 
trauen weifi. So, meine lieben Freunde, denken zu diirfen, haben wir 
uns bestrebt die Jahre hindurch, die wir hinstreben zu diesem Chri- 
stus. Moge die Zeit, die jetzt angebrochen ist, fiir uns eine Zeit der 
Pnifung sein, die wir bestehen, und mogen wir die Lehre vom Geiste 
so mit unserer Seele verketten, dafi sie uns in den Zeiten der Priifung 
Heifer sei, dafi sie uns geworden ist die Kraft, die sich nicht auf uns 
beschrankt, sondern der allgemeinen Menschheit zugegangen ist! Der 
Geist, der uns zu Christus hinauffiihrt, moge uns diesen lebendigen, 
kosmisch-irdischen Christus durchdringen helfen, so daft wir unsere 
Gedanken immer in der richtigen Weise hiniibersenden konnen zu de- 
nen, die draufien stehen, wo Volker- und Menschheitsgeschicke ent- 
schieden werden, damit ihnen der richtige Geist helfe, der die Ent- 



wickelung der Menschheit so weisheitsvoll leitet, dafi diese Entwicke- 
lung der Menschheit zuletzt Heil und Segen in die Erdenmenschheit 
hineinbringt! Mogen wir dasjenige, was wir tun konnen, dazu tun, 
dafi diejenigen, deren heiligstes Opferblut jetzt die Erde trankt, wenn 
sie einmal berufen sind, als wichtige Glieder einzugreifen in den wei- 
teren Gang der Erdenentwickelung, so herunterkommen, dafi ihnen 
aus dem, was auf der Erde selbst geschehen ist, im geistigen Fortschritt 
der physischen Erdenentwickelung etwas entgegenkommt, aus dem sie 
entnehmen: Wahrhaft, es war es wert, das Blut zu vergiefien fiir diese 
Erde, die solches hervorbringt! 

Alle, die nicht unmittelbar hinausziehen konnen, um ihr Blut zu 
vergiefien, sie sollten eingedenk sein, dafi sie so arbeiten sollten, dafi 
Geist die Erdenentwickelung durchdringe, daft sie alles tun, damit sol- 
cher Geist die Erdenentwickelung durchdringen konne, dafi die, die 
ihr heiligstes Opferblut vergossen haben, etwas finden, das wert war, 
daft sie ihr Blut vergossen haben. Dann, wenn wir so mitarbeiten an die- 
ser Erdenentwickelung, dann werden wir auch als diejenigen, die nicht 
unmittelbar an die Front hinausziehen, uns so verhalten, dafi wir f reien 
Auges aufblicken konnen in die Verhaltnisse und uns nicht zu schamen 
brauchen. Wiirden wir das nicht tun, wahrhaft unsere Augenlider 
wiirden uns vielleicht unseren freien Blick doch nicht recht gestatten, 
wenn wir uns auf der einen Seite fiihlen als unserer Zeit angehorig, 
und nicht die Kraft in uns finden, wurdig dieser Zeit anzugehoren. 
Geisteswissenschaft wird ein gewisses Siegel enthalten, wenn sie mit- 
wirken konnte, den Menschen diese Kraft gerade zu geben, Kraft auf 
der einen Seite, die aufrecht erhalt den, der sein Blut vergossen hat, 
Kraft mufi sie aber auch demjenigen geben, der in anderer Weise wir- 
kend mithelfen mufi - jeder an seinem Platze. 

Und so wird Geisteswissenschaft sagen konnen: Ich war ein Mittel, 
um in einer groften Priifung der Menschheit die Moglichkeit zu geben, 
diese Priifung zu bestehen. Dann wird Geisteswissenschaft ihr gott- 
liches Ziel erreicht haben. 

Mit diesem einfachen Worte mochte ich den heutigen Abend ab- 
schliefien, meine lieben Freunde, an dem es mir so lieb war, dafi ich 
ihn mit Ihnen zusammen habe erleben konnen. 



ZWEITER VORTRAG 



Munchen, 3. Dezember 1914 



Ein Vortrag, wie er vorgestern gehalten worden ist, konnte leicht die 
Empfindung hervorrufen, als ob in einseitiger Weise fur eine Volks- 
seele nur gesprochen werden sollte aus der blofien Sympathie heraus. 
Wenn aus der bloften Sympathie, aus der blofien Leidenschaft heraus 
heute der Geistesforscher iiber diese Dinge sprechen wiirde, dann 
konnte man sicher sein, dafi, was er zu sagen hat, nicht einen beson- 
deren Wert hat vor der Geistesforschung, oder dafi dieses, was er zu 
sagen hat, weil es durchstromt ist von Leidenschaftlichkeit, im Grunde 
genommen innerlich doch unwahr sein miifite. Nun, inwiefern das, was 
vorgestern gesprochen worden ist, trotz alledem als zusammenhan- 
gend mit den tiefsten Erkenntnissen der Geisteswissenschaft der Ge- 
genwart gesprochen werden darf, das soli Ihnen hervorgehen aus der 
Art und Weise, wie der Geistesforscher sich zu der einen oder zu der 
anderen Volksseele stellen mufi. 

Wir wissen ja schon aus der ganz elementaren Darstellung in der 
Anthroposophie, daft wir unter Volksseelen nicht das verstehen, was, 
durch einen abstrakten Begriff ausgedriickt, die aufiere, exoterische 
Welt darunter versteht. Ganz bestimmte Wesenheiten, man mochte 
sagen mit Erzengelrang - man braucht das ja nur nachzulesen in dem 
Vortragszyklus iiber «Die Mission einzelner Volksseelen » -, Wesen- 
heiten mit einem Bewufitsein, das hoher ist als das menschliche Be- 
wufksein, leiten die Angelegenheiten der Volker. Und wir blicken 
hinauf zu diesen Volksseelen, sprechen also von ihnen als wirklichen, 
realen Wesenheiten, ja realeren Wesenheiten, als wir Menschen selber 
sind. Wie tritt der Mensch in bezug auf seine geistig-seelische Wesen- 
heit in ein Verhaltnis zu diesen Volksseelen? Diese Frage wolien wir 
zuerst einmal aufwerfen. 

Wir kennen das Wechselleben des Menschen in bezug auf sein Be- 
wulksein zwischen Wachen und Schlafen; wir wissen, dafi der Mensch 
zu wachen hat innerhalb seines physischen und Atherleibes und dafi 
er dann zwischen dem Einschlafen und Aufwachen in seinem astrali- 



schen Leibe und in seinem Ich weset. Wenn nun der Mensch zwischen 
seinem Einschlafen und Aufwachen mit seinem astralischen Leibe und 
Ich aufierhalb seines physischen Leibes ist, dann ist er in einer Region, 
die in bezug auf sein Verhaltnis zu der Volksseele, der er zunachst an- 
gehort in einer bestimmten Inkarnation, eine ganz andere ist als die 
Region, in der der Mensch ist in bezug auf die Volksseele, wenn er in 
seinem physischen Leibe ist. Der Mensch wird durch seine Sprache 
und durch manches andere ja hineingeboren in das Gebiet seiner Volks- 
seele. Wie wirkt diese Volksseele auf die menschliche Seele, auf das, 
was im Schlafe herausgenommen wird aus dem physischen und Ather- 
leibe, was aber im Wachen im Leibe vorhanden ist? Wie wirkt die 
Volksseele des Volkes, dem ein Mensch angehort, auf die individuelle 
Seele des Menschen? 

Sie wirkt eigentlich nur in der Zeit, in welcher der Mensch in den 
physischen Leib untertaucht vom Aufwachen bis zum Einschlafen. 
Der Mensch ist da untergetaucht in die Krafte des physischen und 
Atherleibes, und in diese Krafte ist auch untergetaucht mit gewissen, 
ich mochte sagen, Fangarmen das, was die Volksseele ist, die Seele 
desjenigen Volkes, dem der Mensch eben in einer Inkarnation beson- 
ders angehort. Und wir tauchen nicht nur in unseren physischen Leib 
unter, wir tauchen auch in einen gewissen Teil unserer Volksseele un- 
ter, leben vom Aufwachen bis zum Einschlafen, wahrend wir in unse- 
rem physischen Leibe sind, mit dem, was im physischen Leibe vor- 
geht, innerhalb der Volksseele. Wir erfahren das, was wir in Gemein- 
schaft mit der Volksseele erfahren, wahrend unseres Wachzustandes, 
nur dafi die Volksseele nicht unmittelbar in das hereinspricht, was 
uns vollbewufit ist im Ich, dafi sie vom Atherleib aus mehr in das Un- 
terbewufite des astralischen Leibes hineinspricht, dafi sie uns tingiert, 
nuanciert, unserem Gefiihl und Temperament eine gewisse Richtung 
gibt. Das ist das Wesentliche, wie wir mit ihr in Beziehung treten. Der- 
jenige, der durch seine entsprechende Initiation fahig ist zu beobach- 
ten, was da alles mitspielt, wenn der Mensch in den physischen Leib 
untertaucht, der sieht, schaut die Begegnung mit der Volksseele beim 
Untertauchen in den physischen Leib. Aber er schaut auch noch etwas 
anderes. Und wenn ich davon spreche, so werden Sie bald erkennen, 



dafi innerhalb desjenigen, was der Geistesforscher zu sagen hat iiber 
die eine oder andere Volksseele, Objektivitat herrschen mufi. 

Der Geistesforscher lebt ja in den Momenten, wo er in der richtigen 
Weise durchstarkt und durchleuchtet das Geistig-Seelische und es fa- 
hig macht, bewufit zu leben und unabhangig vom Leibe, er lebt so, dafi 
er beobachten kann, wo der Mensch ist, auch dann, wenn er mit sei- 
nem Geistig-Seelischen, mit seinem astralischen Leibe und Ich aufier- 
halb des physischen Leibes ist. Der Geistesforscher beobachtet da, wie 
jede menschliche Seele unbewuftt zwischen dem Einschlafen und Auf- 
wachen in den ganzen Umkreis der fur eine Zeit in Betracht kommen- 
den Volksseelen untertaucht. Wahrend der Mensch also, wenn er in 
den physischen Leib untertaucht, mit der Volksseele seiner Nation zu- 
sammen ist, ist er im Schlafzustand mit all den anderen Volksseelen 
der betreffenden Zeit zusammen, mit Ausnahme derjenigert, mit der 
er wahrend des Wachzustandes im physischen Leibe zusammen ist. 

Der Geistesforscher hat hinlanglich Gelegenheit, die Eigentiimlich- 
keiten der anderen Volksseelen kennenzulernen, denn sobald er in sei- 
nem leibfreien Zustand seiner selbst bewufit wird, lebt er geistig-see- 
lisch ebenso mit den anderen Volksseelen zusammen, wie er im physi- 
schen Leibe mit seiner eigenen Volksseele zusammen lebt. Da ware es 
ganz unmoglich, aus den gewohnlichen Leidenschaften heraus das eine 
oder das andere in einseitiger Weise iiber die eine Volksseele zu sagen. 
Aber wenn der Geistesforscher bewufit mit diesen anderen Volksseelen 
zusammen lebt, so zeigt ihm dieses Bewufite auch, dafi jeder Mensch 
zwischen dem Einschlafen und Aufwachen unbewulk mit den anderen 
Volksseelen zusammenhangt, aber etwas anders als mit seiner eige- 
nen Volksseele. Wenn man in den physischen Leib untertaucht, so lernt 
man die einzelne Volksseele mit ihren wesentlichen Eigenschaften, im 
wesentlichen ihrer Tatigkeit in der Wirkung auf sich kennen, wenn 
auch im Unterbewufken. Im Schlafe oder Initiationszustand lernt man 
die anderen Volksseelen kennen, aber nicht als einzelne, sondern in 
ihrem Zusammenwirken; nur die eigene Volksseele ist nicht dabei. Die 
anderen wirken zusammen wie in einem Reigen, und in dem, was ihre 
Reigentatigkeit ist, in dem lebt man drinnen, wie man bei Tag im phy- 
sischen Leibe mit der einen Volksseele zusammen lebt. Also man lebt 



da nicht mit der Eigentiimlichkeit der einen Volksseele zusammen, 
sondern mit dem Zusammen wir ken. Nur eines gibt es, wodurch man 
im leibfreien Zustand, also im Schlafe, gleichsam verurteilt werden 
kann, ganz sicher verurteilt werden kann, aus dem normalen Zusam- 
mensein mit dem Reigen der Volksseelen herausgerissen zu werden 
und mit nur einer fremden Volksseele zusammen zu sein. Verstehen 
Sie mich wohl: Das ist nicht normal, mit einer fremden Volksseele 
zusammen zu sein; aber man kann es erreichen, wenn man in leiden- 
schaftlicher Weise diese andere Volksseele besonders hafit. Damit ver- 
urteilt man sich, herausgerissen zu werden aus dem Reigen der ande- 
ren Volksseelen und so zusammen zu sein im Schlafzustand mit dieser 
einen Volksseele, wie man wahrend des Wachzustandes mit der eigenen 
Volksseele zusammen ist. 

Ja, das sind objektive Wahrheiten, welche die Geistesforschung er- 
gibt. Sie zeigt Ihnen, dafi es bitter ernst ist mit dem Satz, der oftmals 
ausgesprochen wird von seiten der Geisteswissenschaft: Daft das, was 
uns in der aufieren Wirklichkeit entgegentritt, Maja, grofie Tauschung 
ist, und dafi hinter dieser Maja, hinter diesem Schleier "Wahrheiten 
liegen, von denen sich derjenige, der sich nur mit dem Schleier der 
Maja begniigen mochte, nicht nur nichts mit seinem Verstande wissen 
kann, sondern auch nichts wissen mochte mit seinem Willen. - Es gibt 
in unserer Zeit eben noch viele, viele Menschen, die noch nicht ein- 
sehen konnen, was da hinter dem Schleier der Maja liegt, und deshalb 
nicht verstehen konnen, dafi es eine solche iibersinnliche, unsichtbare 
Welt gibt und in dieser ganz andere Verhaltnisse der menschlichen 
Seele zu den anderen Volksseelen, als man sich traumen lafit. Wenn 
man die Geisteswissenschaft gerade da im Ernst nimmt, wo sie hinein- 
weist in die Spharen, die mit unserem Leben zusammenhangen, dann 
mufi man es ertragen, daft da die Geisteswissenschaft hinweist auf Ver- 
haltnisse der geistigen Welt, in die unterzutauchen, auch nur mit dem 
Bewufksein, recht unbequem ist, so daft man sich dagegen straubt auch 
mit seinem Willen. Man will nicht untertauchen, man mochte, daft die 
Wahrheit anders sei in bezug auf sehr viele Dinge. Dafi nicht nur der 
Verstand, sondern auch der Wille sich straubt gegen das, was die Gei- 
steswissenschaft oftmals als bitter Ernstes zu sagen hat, das ist etwas, 



was wir uns auch einmal vor die Seele fuhren diirfen. Und aus Emp- 
findungen heraus, die angeregt werden konnen durch eine solche Aus- 
einandersetzung wie die eben ausgesprochene, verspiiren wir, dafi der 
Grundsatz, den wir haben innerhalb unserer Geistesbewegung, von 
einem gewissen Wirken, ohne Unterschied der Rasse, Farbe, Nationali- 
st und so weiter, im Grunde genommen so eng zusammenhangt mit 
dem tieferen Wesen dieser unserer Bewegung, dafi es ja eigentlich fiir 
den, der den tiefen Ernst der geisteswissenschaftlichen Wahrheiten 
einsieht, ein Unsinn ist, diesen ersten Grundsatz nicht zu vertreten. 
Ein wirklicher Unsinn ist es, denn im tiefsten Menschlichen das We- 
sen irgendeiner Volksseele hassen, heifit eben, sich dazu verurteilen, 
mit dieser Volksseele im Unterbewufiten genau ebenso zusammen zu 
sein wahrend des Schlafes, wie man wahrend des Wachens in seinem 
Unterbewufitsein zusammen ist mit der Volksseele, die die eigene ist. 
Denn das normale Zusammensein mit Volksseelen im Schlafe ist die- 
ses: mit dem ganzen Reigen der anderen fiir ein Zeitalter in Betracht 
kommenden zusammen zu sein. Dafi der Mensch nicht einseitig wer- 
den darf, dafiir sorgt die weise Einrichtung der Welt. 

Wir haben oftmals betont, dafi das, was der Mensch durchzuma- 
chen hat in den nachsten Jahren, die er durchlebt zwischen dem Tod 
und einer neuen Geburt, in gewisser Weise abhangt von den Nachwir- 
kungen des Lebens im Leibe zwischen Geburt und Tod. Nun gehort 
ja zu diesem Leben im Leibe - wir konnen es entnehmen aus dem, was 
eben auseinandergesetzt worden ist - das Zusammensein mit der Volks- 
seele. Dieses Zusammensein mit der Volksseele, sagte ich, tingiert uns, 
nuanciert uns; wir nehmen das, was die Volksseele als Impuls in un- 
serem seelisch-geistigen Wesen erregt, in die geistige Welt mit, wenn 
wir durch die Pforte des Todes schreiten, und miissen es nach und 
nach als solches abstreifen. Wenn wir dieses bedenken, so wird uns 
ohne weiteres erklarlich sein, da# es von der Art und Weise, wie der 
Mensch mit seiner Volksseele zusammen lebt, abhangt, wie er unmit- 
telbar nach dem Tode noch in den Nachwirkungen zu dieser Volks- 
seele steht. 

Betrachten wir einmal zwei europaische Nationen auf das hin, was 
eben angeregt worden ist: das russische und das franzosische Volk. Das 



ist ja das eigentliche Leben der Volksseelen, dafi diese Volksseelen mit 
ihrem Bewufitsein in anderer Weise tatig sein miissen als der Mensch 
mit seinem Bewufitsein. Der Mensch mit seinem Bewufitsein, wie ist er 
tatig? Nun, er richtet den Blick hinaus auf den Horizont der aufieren 
Tatsachen und kann auch den Blick auf seine eigene Seele zuriick- 
lenken. Wir wissen, dafi die Menschen sich ja in gewisser Beziehung 
voneinander unterscheiden. Zu der einen Gruppe gehort etwa Goethe, 
der mit dem Blick objektiv auf den Dingen ruht, zu der anderen 
Schiller, der sich mehr mit dem eigenen Inneren beschaftigt und mehr 
von da heraus das vollbringt, was er zu schaffen hat. So sind ungefahr 
auch die Volksseelen, aber eben nur ungefahr, denn ihr Bewufitsein 
ist ganz anders geartet als das menschliche Bewufitsein. Die Volks- 
seelen stehen verschieden zu den einzelnen Individuen, die dem Volke 
angehoren. Indem sie den Blick nach aufien richten, ist das mehr ein 
Willensblick, ein Blick, der Impulse hineinschickt in die einzelnen 
Angehorigen des Volkes. Da also wirken sie objektiv nach aufien, 
wenn sie sich nach den einzelnen Individuen hin richten. - Oder sie 
konnen mehr in ihrem Inneren leben. Solche Volksseelen, die mehr, 
man mochte sagen, nicht einem Volksseelen-Realismus, der sich ver- 
breitet iiber die Individuen, sondern einem Volksseelen-Idealismus hul- 
digen, der mehr in sich lebt, zu solchen gehort insbesondere die f ranzo- 
sische Volksseele. Diese franzosische Volksseele hat so, wie sie heute 
das franzosische Volk durchdringt, einen gewissen Halt des Bewufit- 
seins dadurch, dafi sie zuriickblickt in eine friihere Zeit. 

Ich habe schon ofters darauf aufmerksam gemacht, wie wir unser 
gewohnliches physisches Wachbewufitsein dadurch haben, dafi wir in 
unseren Raumesleib untertauchen. Nach dem Tode haben wir unser 
Bewufitsein dadurch, dafi wir zuruckschauen in der Zeit auf unser 
friiheres Leben. Da ahnen wir schon das Charakteristische eines ho- 
heren Bewufitseins, das sich nicht im Raume, sondern in der Zeit 
entfaltet, und da wird es uns auch nicht mehr schwer sein, ein wenig zu 
verstehen, was die franzosische Volksseele fur ein Bewufitsein hat. Sie 
entziindet ihr Selbst, indem sie zuriickblickt ins alte Griechenland, 
denn sie ist im wesentlichen eine Art Wiederholung, Wiedererweckung 
des alten Griechentums. Dieses alte Griechentum lebt wieder auf in 



der franzosischen Volksseele, geradeso wie das Agypter-Chaldaertum 
der dritten nachatlantischen Kulturperiode in der italienischen Volks- 
seele auflebt. Daher hat die italienische Volksseele mehr die Moglich- 
keit, in den einzelnen menschlichen Individuen, die dem Volke ange- 
horen, die Empfindungsseele anzuregen. Die eigentliche Natur der 
franzosischen Volksseele regt die Verstandes- oder die Gemiitsseele der 
einzelnen Individuality an. Das lafit sich ganz im einzelnen nachwei- 
sen. Ja sogar die einzelnen historischen Tatsachen sind in wunderbarer 
Weise erklarlich, wenn man diese allgemeinen Ergebnisse der Geistes- 
forschung zu Rate zieht. 

Es sei nur auf einiges in dieser Richtung hingewiesen. Bedenken Sie: 
Was war das Eigenartige der agyptischen Volksseele? Damals gab es 
noch eine unmittelbar auf die Seele wirkende Astrologie. Die Volks- 
seele schaute hinaus auf die Bewegungen der Himmelskorper, sah nicht, 
wie die heutigen Menschen, in dem, was im Kosmos geschah, nur ma- 
terielle Vorgange, sondern nahm wirklich hinter dem, was draufien 
vorgeht, die wirkenden geistigen Wesenheiten wahr. Sie verhielt sich 
so zum ganzen Kosmos, wie sich der Mensch zum anderen Menschen 
verhalt, indem er beim anderen Menschen weifi, dafi ihn durch die 
ganze Physiognomie eine Seele anblickt. So war alles Physiognomie 
beim alten Agypter, und er nahm das Seelische in der Natur wahr. Der 
Sinn der Fortentwickelung zur neuen Zeit liegt darin, dafi das, was frii- 
her gleichsam elementare Fahigkeit war, unmittelbar sich entziindete 
im Leiblichen des Menschen, dafi das seine Innerlichkeit wurde in der 
neueren Zeit, in unserem fiinften nachatlantischen Zeitalter. Und so 
wie es mehr elementar war, was der Agypter durchmachte, so macht 
der Italiener das, was er wiederholt, was er in seiner Empfindungs- 
seele durchmacht, mehr im Innerlichen durch, dadurch, dafi er in der 
Empfindungsseele dieses Geistig-Kosmische erlebt, aber jetzt mehr ver- 
innerlicht. Was konnte mehr verinnerlicht sein als die agyptische Astro- 
logie in Dantes «G6ttlicher Kom6die»: die richtige Wiederauferste- 
hung der altagyptischen Astrologie, aber verinnerlicht! 

Und ebenso konnten wir nachweisen, nicht im Bewulksein des ein- 
zelnen Franzosen, aber im Wirken der Volksseelenimpulse, das Auf- 
leuchten des alten Griechentums. Bis zu der neuesten Erfindung und 



bis in die Einzelheiten hinein laftt sich das verfolgen; nur bringt man 
solchen Forschungen nicht den notigen Ernst entgegen. Griechenland 
und, wie es die anderen Volker nannte, «die Barbaren», selbst das lebt 
wieder auf. So konnte man nachweisen, dafi in der ganzen franzosi- 
schen Literatur und Kunst - ich meine nicht bewuik, aber in den tief e- 
ren Impulsen - das alte Griechentum so auf lebt, wie es aufleben raufi 
in unserer Zeit. Wir haben also eine Volksseele vor uns, die alles ver- 
arbeitet hat, was im Griechentum war, eine Volksseele, die deshalb 
aufierordentlich stark wirkt auf die einzelnen menschlichen Indivi- 
duen, die die Individuen durchsetzt und ergreift. Die Folge davon ist, 
dafi, wenn die franzosische Einzelseele in den physischen und Ather- 
leib untertaucht, sie in das Weben und Wesen scharf ausgepragter Ta- 
tigkeit der Volksseele untertaucht. Sie findet die Impulse dieser Volks- 
seele scharf ausgepragt. Daher kommt es, dafi der Franzose, indem er 
in seinem physischen Leibe dieses scharfe, pragnante Leben und Weben 
der Volksseele aufnimmt, mehr in diesem lebt als in seinem elementa- 
ren Selbstgefiihl, daft er mehr in dem Bilde lebt, in der Vorstellung, 
die er sich von dem Franzosen macht, die da heraufflutet von der 
Volksseele. Von dem Bilde des Franzosen lebt er. Und mit diesem 
Bilde hangt alles zusammen, was fur ihn von grower Bedeutung ist: 
«Gloire» und so weiter. Der Franzose lebt im eigenen Bilde, das aus 
dem Atherleib heraufkommt. Das ist stark gepragt, dieses Phantasie- 
bild, das verwebt sich zusammen mit der geistig-seelischen Wesenheit 
des einzelnen, und das nimmt er als ein stark im Atherleib bewegtes 
Bild auch mit, indem er nach dem Tode in die geistige Welt geht. Das 
bekommt er sehr schlecht los. Er bekommt sehr schwer sein Atherbild 
los. Die Vorstellung, die er von sich selbst gemacht hat, die hangt ihm 
an, sie ist fest mit ihm verbunden. 

Ganz anders ist das Verhalten der Volksseele des russischen Volkes 
zu der einzelnen Individuality. Diese russische Volksseele hat nicht in 
demselben Sinn irgendeine der nachatlantischen Kulturen zu wieder- 
holen wie das franzosische Volk; sie ist eine jugendliche Volksseele, 
sie pragt wenig in den Atherleib ein. Daher trifft das einzelne Indi- 
viduum, das dieser russischen Volksseele angehort, wenn es in seinen 
physischen Leib untertaucht, wenig Pragnantes, nimmt daher auch, 



wenn es in die geistige Welt geht, wenig Pragnantes mit, wenig gleich- 
sam atherisch gewobene Phantasiebilder mit. 

So unterscheiden sich die Seelen in bezug auf das Verhaltnis zu 
ihren Volksseelen nach dem Tode. Auf der einen Seite haben wir das 
Heer solcher einzelner Seelen, die durch den Tod gegangen sind, die 
in die geistige Welt scharf gewobene Bilder ihrer eigenen Wesenheit 
hinauftragen, und auf der anderen Seite, im Osten, sehen wir junge 
Seelen hinaufziehen, einer jungen Volksseele angehorig, wenig hin- 
aufbringend von scharf gewobenen, im Atherleib flutenden Menschen- 
bildern. 

Nun stehen wir ja, wie ich oftmals auseinandergesetzt habe, vor 
dem grofkn Ereignis der kommenden Zeit: dem Auftreten des Chri- 
stus in einer ganz besonderen Weise. Ich brauche das heute nicht aus- 
einanderzusetzen. Ihm aber geht voran, seit dem letzten Drittel des 
19. Jahrhunderts, als Kampf er fur die entsprechende Vorbereitung der 
Menschen zu dem Christus-Ereignis, derjenige Geist, den wir als den 
Geist Michael bezeichnen, als den Vorkampfer des Sonnengeistes. Nun 
liegt alles daran, dal$ in der geistigen Welt dieses Ereignis, das geistig 
eben iiber die Menschheit hereinbrechen soli, in entsprechender Weise 
vorbereitet werde. Das kann aber nur geschehen, indem in der gei- 
stigen Welt gearbeitet wird gleichsam an der reinen Herausbildung des 
kiinftig atherisch erscheinenden Christus, der ja dem Menschen als 
atherische Gestalt erscheinen soil. Dazu aber ist notwendig, dafi der- 
jenige, der da vor dem Sonnengeist einherzieht, dafi Michael einen 
Kampf ausficht in der geistigen Welt. Zu diesem Kampf braucht er 
die Hilfe der Seelen, die durch ihre Leiber eben hinaufgezogen sind 
in die geistige Welt, derjenigen Seelen, die in die geistige Welt wenig 
heraufbringen von scharf ausgepragten Phantasiebildern. Und so sehen 
wir den Geist Michael und in seinem Gefolge eine Anzahl russischer 
Seelen fiir die Reinheit des geistigen Horizontes kampfend und in har- 
tem Kampfe mit den Seelen, die aus dem Westen gekommen sind, die 
scharf ausgepragte Phantasiebilder hinaufbringen. Die miissen zer- 
streut, aufgelost werden. Wir sehen diesen Kampf zwischen Osten und 
Westen vorbereitet schon seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, 
einen scharfen Kampf, der dem Fortschritt der Menschheit dienen soil, 



und der darin besteht, dafi geistig der europaische Osten kampft ge- 
gen den europaischen Westen, dafi das geistige Rufiland einen schar- 
fen geistigen Kampf ftihrt gegen das geistige Frankreich. Das, meine 
lieben Freunde, gehort zu dem Erschiitterndsten der Ereignisse der 
Gegenwart, zu sehen, wie in demselben Mafie, in dem sich hier unten 
im Felde der grofien Tauschung das physische Biindnis zwischen We- 
sten und Osten vollzieht, droben in der geistigen Welt der scharfe 
Kampf des europaischen Ostens, Rufilands, gegen den europaischen 
Westen, Frankreich, sich richtet. Wir haben hier einen derjenigen Falle, 
die so erschiitternd auf den Geistesforscher wirken, wo man sehen 
kann, wie das, was hinter dem Schleier der aufieren Sinneswelt ist, oft 
das Entgegengesetzte ist von dem, was hier unten im Lande der Tau- 
schung geschieht. Aber ich mochte immer und immer ermahnen, nicht 
zu glauben, dafi man durch Spekulation solche Dinge ausmachen kann. 
Derjenige, der etwa aus dem, was ich fur einzelne Falle gesagt habe - 
dafi sich das Geistige als Gegenteil dessen darstellt, was im Gebiete der 
grofien Maja auftritt schliefien wollte, dafi er immer zum Gegenteil 
gehen miisse, wenn er vom Physischen ins Geistige kommen will, der 
wiirde sich sehr stark irren. Denn es gibt Falle, wo in der geistigen 
Welt sich die Dinge genau so abspielen wie in der physischen. Zwi- 
schen diesem Falle und dem anderen, wo sie sich so stark entgegenge- 
setzt abspielen, wie in bezug auf das Biindnis von Frankreich und 
Rufiland im Physischen und Geistigen, sind alle moglichen Abstu- 
fungen. 

Man hat heute noch wenig Empfindung dafur, aus welchen Im- 
pulsen heraus die wirkliche Geisteswissenschaft sich mitteilen mufi. 
Unsere Zeit ist, ich mochte sagen, in gewisser Beziehung leichtsinnig 
geworden, namentlich in bezug auf das, was den einzelnen Menschen 
mitteilungswert erscheint; denn gar wenig wird gefragt um die Ver- 
antwortung, die hinter dem Mitzuteilenden steckt fur den, der den 
Zusammenhang der geistigen Welt mit der physischen ins Auge zu fas- 
sen hat. Vielleicht darf ich Ihnen - nicht aus personlichen Griinden, 
sondern nur, um zu illustrieren - etwas in Anknupfung an meinen vor- 
gestrigen Vortrag sagen. Sehen Sie, in diesem offentlichen Vortrag, 
wo ich natiirlich nur aufierlich, exoterisch sprechen kann, spreche ich 



aber doch nicht so exoterisch, wie man gewohnlich glaubt, und ich 
ware wohl froh, wenn man gerade bei solchen Vortragen ein wenig er- 
wagen wiirde die Kulturaufgabe, die die Geisteswissenschaft hat. Na- 
mentlich in dem Herausheben und in der Art des Sagens dessen, was 
gesagt werden muft, driickt sich das aus, was als Geisteswissenschaft 
dahintersteht. Es sind nicht willkiirliche Einfalle, ist nicht etwas Zu- 
sammengeklaubtes. Nehmen Sie das eine Beispiel: Ich habe gesagt, daft 
man, wenn man die Verhaltnisse der einzelnen europaischen Nationen 
in diesem Krieg beurteilen will, geschichtlich vorgehen solle, daft 
man zum Beispiel bedenken solle, daft Osterreich jene Mission auf 
dem Balkan empfangen hat auf Antrag der englischen Politik, und daft 
im Grunde genommen alles das, was sich zugetragen hat fiir Oster- 
reich, eine Konsequenz ist dessen, was ihm auf Impuls von England 
hin mit aufgetragen worden ist. Und ich sagte, man miisse das be- 
riicksichtigen, man miisse beriicksichtigen, daft dadurch Osterreich, 
und damit Deutschland, in besonderen Antagonismus zu Ruftland ge- 
kommen ist, und daft England sein eigenes Werk verlassen hat und nun 
gegen Deutschland kampft, wahrend die Zentralmachte und Ruftland 
in Antagonismus gekommen sind dadurch, daft Osterreich auf Eng- 
lands Impuls mit der Balkanmission betraut worden ist und auch, 
indem es den Tiirken zu Hilfe kam, zuriickhalten sollte den Einfluft 
des russischen Ostens. Selbstverstandlich kann man in einem exote- 
rischen Vortrag, der fiir das grofte Publikum gemeint ist, das nur an- 
deuten, was wirken kann auf die Empfindungen, die gerade heute an- 
geregt werden sollten. Aber, was ist denn hinter dieser Sache? Aufter- 
lich, exoterisch sehen wir die englische Politik an der Seite der russi- 
schen, die gerade durch eine Tat Englands zu ihren Konsequenzen ge- 
kommen ist. Das sehen wir aufterlich. Der Geistesforscher, der sich 
die Dinge in der geistigen Welt anschaut, der kann heute eine ganz 
eigentiimliche Entdeckung machen, eine hochst merkwiirdige Ent- 
deckung. Nehmen wir einmal an, der Geistesforscher wiirde, indem er 
sich einen bestimmten perspektivischen Punkt nimmt, von unten nach 
oben sehen. Er wiirde sich den perspektivischen Punkt unterhalb des 
physischen Planes nehmen und zum Astralplan aufschauen. Er konnte 
sich ihn auch oberhalb des Astralplanes nehmen. Dann wiirde er das 



sehen, was auf dem physischen Plan sich abspielt, und gleichsam auch 
das, was auf dem astralischen Plan sich abspielt. Es wiirde das zusam- 
menschwimmen. Nicht wahr, wenn man von unten hinauf- oder von 
oben herunterschaut durch den Astralplan, so sieht man durch das 
Astralische hindurch auf das Physische und umgekehrt. Wenn man 
nun auf den physischen Plan sieht, so kampft zwar England gegen 
die Tiirkei, seit die Tiirkei an Rutland den Krieg erklart hat. Aber das 
ist blofi Maja, denn in Wahrheit kampft das astrale Wesen Eng- 
lands mit der Tiirkei gegen Rufiland. So dafi man das Schauspiel hat, 
dafi im Nordwesten England fur Rufiland und im Siidosten England 
fiir die Tiirkei, also gegen Rufiland, kampft. Nur ist das eine mafi- 
gebend fiir den physischen Plan und das andere fiir den astralischen 
Plan. 

Wenn man mit einer solchen Erkenntnis der Welt gegeniibersteht, 
dann fiihlt man: Man kann ja naturlich diese Erkenntnis nicht aufier- 
lich dem Publikum mitteilen, aber sie drangt einen dazu, gerade diesen 
einen Punkt hervorzuheben von der Inkonsequenz Englands im Osten. 
Dafi dieser eine Punkt herausgehoben wird, das riihrt her aus dem Er- 
kennen der geistigen Zusammenhange. Das ist es, womit ich auf die 
Verantwortung hindeuten mochte, die man hat einf ach bei dem Zusam- 
menstellen der einzelnen Wahrheiten und der Art, wie man sie gibt. 

Da klaubt man nicht in beliebiger Weise zusammen, wie es die 
heutigen Buch-Macher oder Journalisten tun, wenn man seine okkulte 
Verantwortung fiihlt, sondern da mufi das, was zu sagen ist, aus dem 
Wesen des Zeitwirkens heraus geholt werden. Wirklich nicht um etwas 
Personliches zu sagen, sondern um Sie aufmerksam zu machen, sage 
ich dieses, dafi Geisteswissenschaft, wenn sie mit voller Verantwort- 
lichkeit hintritt vor die Welt, eben wirklich recht ernst genommen 
werden sollte, und nicht verwechselt werden sollte mit alledem, was 
sich heute als Journalisterei und Buch-Macherei breit macht und in 
der Art, wie es kombiniert, sehr weit entfernt ist von einem solchen 
Verantwortlichkeitsgefiihl gegeniiber den geistigen Machten der Zeit. 
Ich darf schon gerade in unserer Zeit, meine lieben Freunde, ein wenig 
aufmerksam machen auf diesen Ernst der Geisteswissenschaft. Denn 
unsere Zeit zeigt uns in vieler Beziehung ein ernstes Antlitz, ein recht 



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ernstes Antlitz, und nur diejenigen werden zurechtkommen mit dieser 
Zeit, die den Ernst dieses Antlitzes zu wiirdigen verstehen. 

Ich mochte Ihnen auch, um dieses zu erharten, einen fiir den Schii- 
ler der Geisteswissenschaft interessanten Zusammenhang vor die Seele 
fiihren. Es ist ja schon oftmals gesagt worden, dafi die Geisteswissen- 
schaft in die Gegenwart wahrhaftig nicht deshalb hereintritt, weil sie 
der Willkiir des einen oder anderen entspringt, oder weil der eine 
oder andere sie aus seiner Neigung heraus zu seinem Ideal gemacht 
hat und sie an die anderen Menschen heranbringen mochte, sondern 
weil jetzt die Epoche ist, wo die geistigen Wesenheiten, welche das 
Tor dieser der Menschheit zu offenbarenden Wahrheit sonst verschlos- 
sen hielten, es geoffnet haben, dafi diese Weisheit herunterflielk in die 
menschliche Seele. Und entgegen gehen wir einer Zeit, wo die Menschen 
immer mehr und mehr aufnehmen miissen die Weisheit, die nicht nur 
in abstrakten Begriffen, nicht nur in grauen Ideen des Verstandes von 
der Seele angeeignet wird. Zeiten leben wir entgegen, wo in die mensch- 
lichen Seelen, in die menschlichen Gemiiter dasjenige hinein will, was 
wir Imagination nennen. Man mochte sagen, wenn man die Sache 
durchschaut: Da hangen sie, wie dichte Wolken vor einem Un wetter 
herunterhangen in die Landschaft hinein, da hangen sie in der geistigen 
Welt und wollen hinein in die menschlichen Gemiiter, und warten, 
bis diese menschlichen Gemiiter reif sind. Ja, so ist die Zeit; so ist 
es einmal. 

Nun gibt es ein eigentiimliches Gesetz: Das Imaginative, das hin- 
ein will in die menschlichen Gemiiter und als Imagination noch nicht 
aufgenommen werden kann in irgendeinem Zeitalter, das wirft etwas 
wie ein Fata-Morgana-artiges Bild ebensoweit unter den physischen 
Plan hinunter, wie es selbst iiber dem physischen Plane ist. Die Ima- 
ginationen rufen in den menschlichen Wesenheiten Leidenschaften her- 
vor, Gefuhle, Triebe, Instinkte, die sich ausleben in Antagonismus. 
Und wenn man heute die Instinkte nimmt, die Leidenscbaftsausbriiche, 
mit denen sich die Volker beschimpfen, so sind sie nichts anderes 
als das Ergebnis dessen, dafi Imaginationen, welche die europaischen 
Volker aufnehmen sollten, nicht herunter konnen, dafiir sich spiegeln 
unter dem physischen Plan im Unterbewufken der Menschen in sol- 



chen der Wahrheit widersprechenden Instinkten und Leidenschaften. 
Im Grunde genommen konnen wir sagen, dafi alles, was wir an Aus- 
ladung von Instinkten und Leidenschaften in der Gegenwart erleben, 
der Ausdruck dafiir ist, daft erneuerte Imaginationen in die Welt der 
menschlichen Kulturentwickelung hereinbrechen wollen. Alles das, was 
der Krieg an oftmals so traurigen Erscheinungen an die Oberflache 
wirft, ist die umgewandelte Imagination, die die Menschheit nicht er- 
greifen kann. 

Wiederum — und solches erscheint mir niemals ganz unwichtig zu 
sein - mache ich darauf aufmerksam, dafi man nun nicht sagen soli: 
Also ist jeder Krieg umgewandelte Imagination. - Kriege konnen audi 
ganz etwas anderes sein. Der heutige ist das, was ich gesagt habe. Das 
Generalisieren, das fiir die Erkenntnis des physischen Planes eine Be- 
deutung hat, hat nicht eine Bedeutung fiir die geistige Welt. Hier mus- 
sen die Dinge einzeln, individuell erforscht werden. 

Wir sehen heute - und ich mochte jetzt von einer gewissen Seite her 
eine Erscheinung vor Ihre Augen treten lassen, um sie auch noch zu 
erklaren — , wir sehen heute, wie die Angehorigen der verschiedenen 
Volker in Hafi einander verfolgen, wie sie sich beschimpfen. Woher 
kommt das? Nun, indem wir in allem tiefen Ernst schon auf genom- 
men haben das Wesen der wiederholten Erdenleben, erscheint uns nicht 
besonders unbegreiflich, daft die Seele in ihren wiederholten Leben 
durch die verschiedenen Nationalitaten durchgeht. Derjenige, der heute 
seine Inkarnation in einem deutschen Leibe durchmacht, der bereitet 
sich vielleicht schon in seinem Innersten vor, die nachste Inkarnation 
in einem englischen Leibe durchzumachen; derjenige, der sie heute in 
einem englischen durchmacht, bereitet sich vielleicht schon vor, sie 
in der nachsten in einem deutschen Leibe durchzumachen. Der Mensch 
ist schon dieses duale Wesen, diese Zweiheit. Da stehen wir aufierlich 
da vor der Welt - nicht nur in bezug auf das aufiere physisch-sinn- 
liche Anschauen, sondern in bezug auf manches andere -, ganz berech- 
tigterweise durch unseren physischen Korper verkniipft mit dem We- 
sen und Weben der Volksseele; aber im Inneren macht sich schon 
geltend, was fiir die nachste Inkarnation ein ganz anderes sein wird. 
Nun ist der Mensch unter den mancherlei Dingen, denen er feind ist, 



oftmals am allermeisten seinem eigenen innersten Wesen feind. Das 
bekampft er am meisten. Er weifi nicht, daft es sein innerstes Wesen 
ist. Nehmen wir einen Englander, der pradestiniert ist durch das 
Innerste seiner Seele, in seiner nachsten Inkarnation ein Deutscher 
zu sein. Da sehen wir ihn heute, wie er gegen sein eigenes Innere kampft. 
Er kampft gegen die nachste deutsche Inkarnation. Dies kommt heute 
dadurch zum Ausdruck, dafi er in schandlicher Weise iiber das Deut- 
sche schimpft. Weil er das Ziel im deutschen Leibe erblickt, wiitet er 
gegen das, was in der spirituellen Welt sein innerstes Wesen ist. Es ist 
im Grunde genommen eine Auseinandersetzung der Seele mit sich 
selbst, und nur aufierlich, in der Maja, ist es so, dafi driiben, jenseits 
des Kanals, iiber die Menschen hier in Mitteleuropa geschimpft wird. 
Im Grunde genommen bezieht sich das, was geschimpft wird, auf die 
eigene Seele. Darin zeigt sich die tiefe Tragik, die den Menschen iiber- 
kommen mufi in seinem ganzen Empfinden und in seinen innersten 
Impulsen, wenn er da, wo die Sache bitter ernst wird, die aufiere 
Maja vergleicht mit dem, was in dem Inneren ist. 

Und so konnen wir die Volksseelen sehen als wirkliche lebendige 
Wesenheiten, welche die einzelnen abgeschlossenen Individuen durch- 
dringen, durchsetzen. Und was der einzelne erlebt, erlebt er im Zu- 
sammenhang mit seiner Volksseele. Auf dem physischen Plan, im 
aufieren Leben, stehen sich die Menschen heute gegeniiber. Die eine 
Nation wirft der anderen die Schuld am Kriege vor und glaubt, etwas 
Besonderes damit zu sagen. Wie ist es eigentlich mit diesem Vorwer- 
fen der Schuld? Das Karma jedes Volkes und das Karma des betref- 
fenden Volkes hangen selbstverstandlich mit demjenigen zusammen, 
was die Volksseele im Volke durchlebt und an Impulsen in die ein- 
zelnen Atherleiber und dadurch auch Astralleiber hineinlenkt. So le- 
ben die einzelnen Nationen nebeneinander und miteinander in Ver- 
haltnissen als Ausdruck der Beziehungen ihrer Volksseele mit dem 
Volksseelenkarma. Und wenn die eine durch die andere dieses oder 
jenes erfahrt, wenn der einen durch die andere dieses oder jenes ge- 
schieht, so geschieht es nicht, ohne dafi es mit dem innersten Karma 
zusammenhangt. Insofern als die Volksseele eine abgeschlossene We- 
senheit ist, gibt es auch ein Nationalkarma. Und wahrend man im 



aufieren Exoterischen glaubt, die eine Nation tut der anderen dieses 
oder jenes zuleid, vollzieht sich das so, dal5 jede Nation in dem, was 
sie erlebt, ihr individuelles Nationalkarma erlebt. Wenn eine der an- 
deren eine Niederlage beibringt, so vollzieht sich in dieser Niederlage 
der unterlegenen Nation etwas, was sie sich selbst zugefugt hat durch 
ihr eigenes Karma. Und wenn man in der ganz groben Weise, wie es 
aufierlich vollberechtigt ist, von dem Recht des einen und anderen 
spricht, so ist das wirklich nicht anders, als wenn einer ein alter Mann 
ist und neben sich ein kleines Kind sieht, das f risch ist und zur Jugend- 
kraft heranwachst, und er nun sagt: Warum werde ich alter, warum 
zeigt sich mir immer mehr und mehr ein Verfall? Ich sehe: das Kind, 
das nimmt mir meine Krafte; indem es alter wird, nimmt das Kind 
mir meine Krafte. - Wahrend er seine Krafte in ganz natiirlicher Weise 
verliert, kann er sich der Tauschung hingeben - er wird es nicht tun, 
aber ich habe schon solche Dinge gehort -, dafi ihm das Kind seine 
Krafte nimmt. Da sieht man gleich, dafi es unsinnig ist, weil der 
Kausalzusammenhang in jedem einzelnen Wesen liegt. So ist es aber 
auch bei dem Karma der Volker. Die Volker gehen nebeneinander her, 
und wenn eines iiber das andere siegt, so ist der Sieg fur sein Karma; 
wenn auch mit demselben Sieg das andere Volk unterliegen mufi, 
so ist doch fur dieses andere Volk die Niederlage durch sein anderes 
Karma hervorgerufen. So ist Geisteswissenschaft in den Seelen wirk- 
lich friedenstiftend, wenn sie auf der anderen Seite auch einsieht, 
dafi die gegeneinander wirkenden Krafte eben gegeneinander wirken 
miissen. 

Gerade durch solche Dinge mochte man heute darauf hinweisen, 
dafi Geisteswissenschaft nicht blofi ein Spiel sein will mit sensationel- 
len Begriffen, sondern dafi Geisteswissenschaft, wenn man sie in ihrem 
bitteren Ernst betrachtet, unsere Seele wirklich durchschiittelt und 
durchruttelt und aus dem Menschen ein anderes Wesen macht, wenn 
er sie ernst nimmt. Das miissen wir nur gehorig ins Auge fassen, wirk- 
lich ins Auge fassen, wie oberflachlich man manchmal sie als ein blofies 
Verstandesspiel nimmt, und wie man sie eigentlich als etwas nehmen 
sollte, was aus dem Menschen wirklich ein ganz anderes Wesen machen 
kann. Und vieles wird sich ergeben, wenn man sich auf solche Dinge 



einlafit, vieles vom Verstandnis der Zusammenhange wird sich so er- 
geben. 

Wenn zwei Menschen verschiedene Ansichten haben iiber irgendeine 
Sache, die sich vor ihnen abspielt, so wird in der Regel der eine unrecht 
haben. Man wird es leicht nachweisen konnen, dafi der eine unrecht 
hat. Aber das individuelle Leben dcs Menschen ist anders als das Leben 
der Nationen. Man darf nicht das Leben der Nationen mit dem der 
einzelnen Individuen identifizieren, darf auch nicht glauben, dafi die 
Taten der Nationen denselben Urteilsimpulsen unterliegen konnen wie 
das Leben der einzelnen Menschen. Sonst urteilt man so, wie man nie- 
mals urteilen wiirde, wenn man einen blauen Dunst hatte von den Be- 
ziehungen der Nationen, wie es zum Beispiel der Fall ist, wenn man 
sagt, man musse Deutschland den Krieg erklaren, weil es Belgiens 
Neutralitat verletzt hat - wie es gesagt worden ist -, man musse den 
Krieg aus moralischen Griinden erklaren. In der Politik ist es einfach 
unsinnig, dieselben Kategorien anzuwenden, die man bei der Beur- 
teilung des einzelnen Menschen mit Recht anwendet. Denn ganz selbst- 
verstandlich ist es, dafi das Interesse Deutschlands erfordert, nach Bel- 
gien vorzuriicken, und bei England, daft das nicht geschieht. Im Au- 
genblicke, wo man aufrichtig gesteht, daft das Interesse da und da ist, 
hat man etwas vor sich, das darauf hinweist, dafi es kontrastierende 
Interessen gibt. Wenn zwei Menschen etwas Entgegengesetztes behaup- 
ten, so wird nachzuweisen sein, daft der eine unrecht hat. Wenn zwei 
Nationen etwas Entgegengesetztes tun miissen, dann miissen sie es eben 
tun. Und zu glauben, dafi man mit dem Urteil der einen Seite das der 
anderen Seite wegfegen kann, das ist ebenso gescheit, wie wenn jemand 
sagen wollte: Du hast mir einen Baum gemalt, der hat da einen Ast, 
dort einen, dort einen; das ist ganz falsch, der Baum sieht ja so aus. - 
Und nun zeichnet er so, dafi hier der Ast sitzt und an einer anderen 
Stelle der andere und so weiter. Der eine hat ihn eben von der einen 
Seite gezeichnet und der andere von der anderen Seite. Das kann man 
natiirlich zusammenbringen. Aber das, was sich in der Weltgeschichte 
abspielt, kann nicht durch blofies Zusammenschauen ausgeglichen wer- 
den. Wenn die Volksseelen mit ihren andersgearteten Bewufitseinen 
Dinge tun miissen durch die Menschen, so ist es unmoglich, dafi man 



irgendwie entscheidet durch Urteile wie: Der eine hat recht, der an- 
dere unrecht -, sondern da gibt es kontrastierende Interessen, die not- 
wendigerweise sich entladen miissen in Erscheinungen, wie das heutige 
eines ist. Da widerlegt man nicht das, was auf der einen und anderen 
Seite gesagt wird. Ebensowenig wie man glauben darf, dafi das Karma 
des einen nicht selbstandig steht neben dem des anderen, so wenig 
darf man glauben, dafi man mit dem Urteil von der einen Seite das 
Urteil von der anderen widerlegen kann. Denn das eine Volk kann 
Interessen haben, gegen welche nicht aufzutreten Pflichtverletzung 
ware von dem Staatsmann des anderen Volkes, wahrend selbstver- 
standlich fur diese Interessen einzutreten Pflicht des Staatsmannes des 
ersten Volkes ist. 

Urteile der Menschen, Urteile in dem Bewufitsein, das wir haben 
auf dem physischen Plan innerhalb unseres physischen Leibes, kommen 
nur auf dem Felde des Verstandes in Betracht und gleichen sich dia- 
lektisch aus, indem das eine das andere aus dem Felde schlagt. Anders 
urteilen die Bewufitseine der Volksseelen. Die haben ebenso vonein- 
ander abweichende Urteile, aber diese Urteile sind nicht blofi Ver- 
standesurteile, sondern es sind Tatsachen. Wenn ein Urteil das andere 
aus dem Felde schlagt in der Sphare der Menschen, dann tut das aller- 
dings nicht weh, dann totet man zwar, aber man sieht das nicht fiir 
einen Tod an. Aber anders ist es, wenn das, was im Bewufitsein der 
Volkerseelen waltet und was eben nicht blofi abstraktes Urteilen ist, 
das dialektisch wirkt, sondern was als Tatsachen wirkt, wenn das 
aufeinanderprallt. Da mufi man die Notwendigkeit einsehen, die ei- 
serne, dafi es so gekommen ist* Und da mufi man die Moglichkeit ha- 
ben, in seinem Gemiit gewissermafien eine Form des Urteils, eine Gei- 
stesform anzunehmen, die nicht ubereinstimmt mit der Geistesform, 
die man aiiwendet im alltaglichen Verkehr. 

Man mufi ja gleichsam mit den Volksseelen denken, nicht mit den 
einzelnen individuellen Menschenseelen. Wenn man mit den einzelnen 
individuellen Menschenseelen denkt, so ist es ganz selbstverstandlich, 
dafi man versucht, nicht ein solches Urteil zu fallen, das dem des an- 
deren widerspricht, denn dann wiirde man nicht sozial in der Men- 
schenwelt leben konnen. Wenn man mit der Volksseele zu denken, 



zu empfinden hat, dann kommen Zeiten, in denen man unmoglich in 
irgendeiner anderen Weise in ihr drinnenstehen kann, als indem man 
sich mit ihr identifiziert und ihren Inhalt fiir berechtigt halt, ohne daft 
man herausgeht aus dieser Volksseele, ohne daft man das, was sie zu tun 
hat, mit dem vergleicht, was die andere zu tun hat. Denn das ist Sache 
der anderen, das laftt sich nicht in einem gemeinsamen Bewufttsein 
zusammenbringen, das geht von Bewufttsein zu Bewufttsein. Daher 
werden Sie es verstehen, daft man von einem solchen Gesichtspunkte 
aus fragen kann: Was hat das deutsche Volk zu sagen uber seine Mis- 
sion, indem es sich als aus den Nachkommen Fichtes, Schillers und der 
anderen Groften bestehend ftihlt? - Es hat zu sagen, daft das, was es 
heute unternimmt, die aufiere Verkorperung fiir seine geistige Mission 
ist, und daft es unmoglich ist, nicht fiir diese einzutreten. Mit alien 
Fasern mufi der, der innerhalb des Volkes steht, fuhlen: Das muft ge- 
schehen. - Und es gibt keine Moglichkeit, daft jemand, wenn man scharf 
herausschalt, was aus dem deutschen Volk heraus zu geschehen hat, 
dies als Attacke bezeichnet. Die Attacke, der Angriff auf das andere 
Volk beginnt erst, wenn man anfangt zu schimpfen iiber das andere 
Volk. Das sind Dinge, die heute ganz besonders tief verstanden werden 
miissen: Das positive Eintreten fiir das, was das Wesen eines Volkes ist, 
bedeutet im Grunde genommen nichts anderes als das, was sich ver- 
gleichen laftt in dem individuellen Bewufttsein mit der Tatsache, daft 
man ja nur fiir seinen eigenen Korper sorgen kann, daft er moglichst 
in Ordnung ist, und nicht in derselben Weise fiir einen anderen Korper. 

Ich bitte Sie, merken Sie, daft hier etwas Richtunggebendes fiir das 
Urteil vorliegt, das wir aus den Quellen der Geistesforschung heraus 
gewinnen konnen. 

Und wenn wir hineinschauen in das Weben und Wesen der Volks- 
seelen und das, was dahinter ist, hinter dem schauen, was sich aufter- 
lich abspielt, wird, mochte ich sagen, fiir den Geistesforscher gerade 
heute die Sache recht sehr ernst, ganz aufierordentlich ernst. Aber es 
geziemt sich auch dieser Ernst unserer Zeit, und es hangt gewisser- 
maften die Tatsache, daft wir die groftten kriegerischen Ereignisse ge- 
sehen haben, zusammen mit der groften Forderung der Zeit, nun eine 
Kultur zu begriinden, die mit dem rechnet, was hinter dem Sinnes- 



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schleier liegt. Und diejenigen werden im rechten Sinne gerade das be- 
urteilen, was sich in der aufieren Welt heute abspielt, welche in den 
aufieren Ereignissen etwas wie Zeichen, wie gewaltige Weltsymbole 
sehen fiir das Heraufdammern eines ganz Neuen in der Menschheits- 
entwickelung. 

Ich sagte: Nicht nur, dafi der Verstand und seine Vorurteile sich 
in dem Menschen auflehnen gegen das, was Geisteswissenschaft iiber 
die iibersinnliche Wesenheit hinter den aufieren Dingen zu sagen hat, 
sondern das Gemut, die Willensimpulse lehnen sich auf. Sie wollen es 
nicht, weil die Seele sich umarten mufi und iiber vieles anders fiihlen 
und empfinden mufi. - Das sagte ich. Ja, das ist auch so eine Wahr- 
heit. Wir schlafen namlich nicht nur in der Nacht, wir schlafen teil- 
weise auch bei Tag, nur dafi in der Nacht unsere Begierde zum phy- 
sischen Leib so stark ist, dafi sie wie ein Nebel unseren astralischen 
Leib und unser Ich durchzieht und unser Bewufitsein herabdampft. 
Wenn wir nun mit demselben astralischen Leib und demselben Ich 
nach der Befriedigung der Begierde in unseren physischen Leib hinun- 
terziehen, dann wird das, was wir da als Bewufitsein entwickeln, durch- 
flutet von den Einflussen der Volksseele und da wird wiederum das 
Bewufitsein durchsetzt, so dafi da unten, trotzdem wir glauben, recht 
wach zu sein, immer etwas schlaft in uns. Im Grunde schlaft immer 
etwas in uns, und schon das ist in uns ein Schlaf, wie die Volksseele in 
uns hereinwirkt, denn das geschieht ja nicht mit demselben Bewufit- 
sein, mit dem wir unsere tagwachen Urteile fallen. Und zu diesem, zu 
dem Schlaf des Tages, der nur verdeckt wird durch das gewohnliche 
Bewufitsein, zu diesem gehort auch das Heriiberwirken der Volksseelen 
von den anderen Nationen. Sie wirken doch in einer gewissen Weise 
wiederum hinein in das schlafende Menschengemiit und bringen aller- 
dings andere Erscheinungen hervor als im Schlafe, aber sie bringen 
Erscheinungen auf dem physischen Plan hervor. 

Wahrend zum Beispiel das deutsche Volk eine Entwickelungslehre 
durch Goethe gehabt hat, die aus dem tiefsten Inneren des deutschen 
Wesens selber kam, hat es diese unbeachtet gelassen und den Darwinis- 
mus entgegengenommen. Wie das italienische Volk die Empfindungs- 
seele zu entwickeln hat, das franzosische die Verstandesseele, das eng- 



lische die Bewufitseinsseele, so hat der Deutsche das Ich zu entwickeln, 
und vieles wird verstandlich im Wesen des deutschen Volkes, wenn 
man fiihlt und ins Auge fafit, wie alles, was deutsche Kultur ist, aus 
dem Ich hervorquillt. Dieses Verbundensein des Ich mit den heiligsten 
geistigen Giitern, es ist ein Charakteristikum des mitteleuropaischen 
Menschen. 

An einer Erscheinung zeigt es sich ganz besonders stark. Wenn wir 
die okkulten Wahrheiten selber nehmen und nach dem Westen hin- 
iiberschauen: die auftere Kultur hat wenig Zusammenhang mit dem, 
was als Mystik, als Okkultismus auftritt. Es sind eigentlich immer 
zwei nebeneinandergehende Stromungen. Man wird nicht leicht in den 
gewohnlichen Buchhandlungen in Paris zugleich etwas finden, was 
zusammenhangt mit dem Okkultismus; da mufi man zu anderen ge- 
hen, die das eben hinstellen. Nun sehen wir, wie es in dem Deutschen 
liegt, alles aus dem Ich herauszuholen, wie der Deutsche den Jakob 
Bohme hat, wie die deutsche Kulturentwickelung nicht zu denken ist 
ohne diesen okkulten Einschlag. Denken wir an Goethe und Lessing. 
Da fliefien nicht zwei Stromungen nebeneinander, sondern da ist ein 
Strom, da ist wirklich das Leben durchsetzt und durchdrungen vom 
Geistigen, da kann man nicht mit der materialistischen Anschauung 
gehen, daft sich der Christus jetzt noch verkorpert in einem physischen 
Menschen, wie es vom «Stern des Ostens» propagiert wird. Daher er- 
gab sich — wie sich der heutige Antagonismus ergab zwischen Deutsch- 
land und England - die Notwendigkeit, mit der man nicht warten 
durfte, bis sie der Krieg herbeifuhren wiirde: das, was deutscher Ok- 
kultismus ist, reinlich zu sondern von dem, was englischer Okkultis- 
mus ist. Und vielleicht wird der eine oder der andere nun nachdenken, 
warum jene Spaltung notwendig geworden ist. Ich wollte aber damit 
nur einen Hinweis geben. Denn es kann wirklich mancher eine Art 
von Urbild sehen in der Zusammenstellung von Tatsachen, der Recht- 
fertigung von Tatsachen, wenn er heute die Briefe nimmt von Grey 
und Annie Besant: Die Art und Weise, zu beweisen, die Dinge zusam- 
menzustellen, hat eine grofie Ahnlichkeit bei beiden. Aber ich wollte 
damit nur darauf hinweisen, wie das, was aus dem deutschen Volk 
hervorgeht, mit der innersten Seele zusammenhangt. 



Wenn der Deutsche wach ist, so halt er es zum Beispiel - ich sage 
das als Tatsache, ohne Sympathie oder Antipathie - mit der tiefen 
Entwickelungslehre Goethes, der die Reihenfolge der Organismen hin- 
gestellt, aber den Impuls zur Anordnung aus dem tiefsten Inneren des 
Ich hervorgeholt hat. Aus der Bewufitseinsseele heraus hat es ein halbes 
Jahrhundert hernach Darwin wiedergegeben, aber mit materialisti- 
schem Anstrich. Da hat es die Welt leichter verstanden, auch die deut- 
sche Welt hat lieber die Evolutionslehre in darwinistischer Farbung 
als in Goethescher Farbung aufgenommen. Goethe hat sogar aus der 
Tiefe des deutschen Wesens heraus eine Farbenlehre begriindet; die 
Physiker sehen sie heute noch immer als Unsinn an, denn die aufiere 
Welt hat die Farbenlehre Newtons angenommen. Wann wird statt der 
Goetheschen Entwickelungslehre und Farbenlehre die Darwinistische 
und Newtonsche genommen? Dann, wenn innerhalb des deutschen 
Volkes die Menschen schlafen und die andere Volksseele einwirken 
kann. Da haben wir dieses Schlafen mitten im Wachen. Und wenn 
dann die Leute aufgeruttelt werden, dann verkennen sie noch die 
Sache, dann merken sie: da ist etwas nicht richtig — , dann gehen sie und 
nehmen ihre Schatulle, in der sie die von England gekriegten Orden 
haben. Die schicken sie zuriick und vergessen dabei nur, die englische 
Farbung der Entwickelungslehre oder die Newtonsche Farbung der 
Farbenlehre mitzuschicken. Insbesondere konnte man das Beispiel 
einer gewissen Farbung des Haeckelianismus als ein gutes Rezept ver- 
schreiben. Man erlebt da so manche Dinge. So zum Beispiel konnte 
man es auch noch in diesen Tagen erleben, man konnte horen, dafi in 
einer besondern wissenschaftlichen Gesellschaft in deutschen Stadten 
ein Vortrag gehalten wurde iiber das, was an internationalem Wesen 
der Volker gestort worden ist durch diesen Krieg, und wie aufmerksam 
gemacht wurde auf etwas, was ja, wenn man grofiere Mafistabe anlegt, 
richtig ist, aber nicht, wenn man diejenigen anlegt, die dieser Herr mit 
seinem gewohnlichen Professorenverstand anzulegen hat. Geht man 
von diesen MafSstaben aus, so klingt es einem doch ganz sonderbar ent- 
gegen, wenn dieser Herr sagt: Es mufi der Internationalismus gleich 
wieder auftreten, sbbald der Krieg vorbei ist, denn sonst wiirde der 
Deutsche manches verlieren, und es wiirde wiederum aufwachen eine 



besondere Metaphysik, die der Deutsche vorher entfaltet hat, wahrend 
er froh ist, dafi dieser deutsche Geist mit seiner Neigung zum Uber- 
sinnlichen iiberflutet worden ist von den Volkern, die wenig zum 
Obersinnlichen neigen. - Das konnte man in diesen Tagen erleben in 
einem besonderen volkswirtschaftlichen Vortrag: die Furcht vor dem 
Aufwachen des deutschen Wesens. 

Es konnte sehr viel gesagt werden, ich wollte nur das eine und das 
andere aussprechen iiber das, was man gewinnen kann, wenn man den 
allerdings fiir eine aufierliche Lebensauffassung bitteren, aber doch 
beseligenden Ernst nimmt, der wie ein Zauberhauch in uns stromt, 
wenn wir Geisteswissenschaft in ihrer vollen Tiefe nehmen. Dies zu 
erwagen, zu fuhlen, zu empfinden, ist, was uns in unserer Zeit obliegt, 
und mit solchen Gefuhlen diirfen wir diese Zeit uberblicken, durfen 
uns vereint fuhlen mit denen, die draufien stehen und die mit ihrem 
Blut und ihrer Seele einzustehen haben fiir das, was das Karma fordert. 

So fassen wir zusammen dasjenige, was unsere Erkenntnis und un- 
sere Aufgabe sein soil und was Zuversicht erwecken soil, in die Worte: 

Aus dem Mut der Kampfer, 
Aus dem Blut der Schlachten, 
Aus dem Leid Verlassener, 
Aus des Volkes Opfertaten 
Wird erwachsen Geistesfrucht - 
Lenken Seelen geist-bewufit 
Ihren Sinn ins Geisterreich. 



DRITTER VORTRAG 
Munchen, 23.Marzl915 



Der erste Teil unseres heutigen Vortrages soil Erkenntnissen gewidmet 
sein, welche zusammenhangen mit realen Erlebnissen, an denen uns 
unser Gesellschaftskarma in der letzten Zeit vorbeigefuhrt hat, und der 
zweite Teil soli mehr einige Streif lichter auf dasjenige werfen, was uns 
aus den Zeitereignissen heraus besonders interessieren kann. 

Ich hatte gerade diesmal in den zwei offentlichen Vortragen beson- 
ders zu betonen, wie es fiir die Vorstellung der geistigen Welten not- 
wendig ist, sich gewissermafien eine Art anderer Sprache allmahlich 
anzugewohnen, als die Sprache ist, welche wir gebrauchen, um die 
Erkenntnisse der Welten zu charakterisieren, in denen wir durch unsere 
Sinnesbeobachtung und durch den Verstand darinnenstehen, der an 
das Gehirn gebunden ist. Gewissermafien zur Unterstiitzung unserer 
Freunde mochte ich an konkrete Erlebnisse der letzten Zeit, die sich 
innerhalb unseres weiteren Kreises abgespielt haben, anknupfen, an 
Ereignisse, fiir die ich gewifi auch andere wahlen konnte, aber ich 
wahle diese Ereignisse aus dem Grunde, weil sie an, ich mochte sagen, 
Letzterlebtes anknupfen und uns Vorstellungen liefern konnen iiber 
die Beziehungen der Menschenseele zu den Geisteswelten. 

Ich habe ja immer wiederum betont, dafi, wenn die Seele auf ihrem 
Erkenntniswege die Schwelle iiberschreitet, die in die geistige Welt 
hineinfiihrt, dann zu den ersten Erlebnissen gehort das Einswerden 
mit dem, was man erlebt, erf ahrt, beobachtet. Hier auf dem physischen 
Plan steht man gewissermaflen in seiner Haut eingeschlossen den Din- 
gen gegeniiber, welche man beobachtet. Sobald man die geistige Welt 
betritt, mit der geistigen Welt etwas zu tun hat, fiihlt man sich nicht 
in der Weise eingeschlossen wie im physischen Leib in der Haut, man 
fiihlt sich mit seinem ganzen Wesen verbreitet, wie identifiziert mit 
den Wesen und Ereignissen, mit denen man es zu tun hat. Um dies 
zu erlautern, gehe ich auf positive Ereignisse ein. 

In der letzten Zeit ging ein alteres Mitglied durch die Pforte des 
Todes. Dies Mitglied lebte durch Jahre hindurch mit seinem ganzen 



Gemiit, seiner ganzen Seele in den Vorstellungen, welche man sich an- 
eignet, wenn man so recht gefiihlsmafiig das aufnimmt, was Geistes- 
wissenschaft geben kann. Es ist ja von ganz besonderer Bedeutung und 
deshalb wird es so oft erwahnt, dafi das theoretische Aufnehmen des- 
jenigen, was als geisteswissenschaftliche Vorstellungen gegeben wird, 
nicht alles sein kann. Es kann Ausgangspunkt sein, aber nicht alles. 
Diese Vorstellungen miissen unsere Gefiihle, Empfindungen ergreifen. 
Ich konnte sogar im offentlichen Vortrag auseinandersetzen, wie die 
Empfindungsseele gegenwartig viel mehr zusammenhangt mit dem 
ewigen Wesenskern des Menschen, wahrend das, was sich aus der Be- 
wufitseinsseele darlebt, fiir die gegenwartige Zeitepoche mehr das be- 
riihrt, was der Mensch im Zusammenhang mit der physischen Welt 
erlebt. Daher ist es so wichtig, zu fuhlen, was man fuhlen kann, wenn 
man die geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse aufnimmt, denn dies 
Fuhlen hat eine viel groftere Kraft, unsere Seele zu erfassen und sie 
wirklich in Beriihrung zu bringen mit der iibersinnlichen Welt als das 
blofie Denken, das verstandesmaftige Kombinieren. Also gefuhlsmafiig 
hat die Personlichkeit, von der ich spreche, viel gelebt in unseren gei- 
steswissenschaftlichen Vorstellungen und nun zeigte sich mir, ich kann 
sagen, ganz kurze Zeit nach dem Tode - als mir der wirkliche Eintritt 
des Todes auf dem physischen Plan noch nicht irgendwie gemeldet 
worden war -, wie diese Personlichkeit, wahrend sie noch in ihrem 
Atherleibe war, in sich dasjenige verarbeitete, was sie an Gefuhls- 
und Empfindungskraften aufgenommen hatte, was sie selbst gewor- 
den war dadurch, dafi sie durch Jahre in der geisteswissenschaftlichen 
Stromung gelebt hatte. Als sie ihren Atherleib noch vereint hatte mit 
Astralleib und Ich, da trat dasjenige, was ich vorher bezeichnet habe, 
ungesucht ein. Die durch die Pforte des Todes gegangene Personlichkeit 
kam und kiindete mir an, dafi sie nun in sich fuhlt dasjenige, was sie 
geworden ist durch die Geisteswissenschaft, was sie in sich fuhlt jetzt, 
wo sie nicht mehr beengt ist durch den physischen Leib. Und da er- 
klangen gleichsam aus der durch die Pforte des Todes gegangenen In- 
dividualist Satze, die ich vorlesen werde. 

Sie werden bemerken, in den ersten drei Zeilen gebraucht die tote 
Personlichkeit ein Wort, das man ja eigentlich gar nicht gerechtfertigt 



finden kann, wenn es von einer Individuality gebraucht ist, die schon 
den physischen Leib abgelegt hat; aber darauf kommt es nicht an. Das 
Wort, das sich auf das physische Herz bezieht, ist in symbolischem 
Sinn gemeint. Herz stent hier fur das Atherorgan des Fiihlens. Wir 
haben hier den Fall, dafi eine durch die Todespforte gegangene Indi- 
vidualitat dasjenige, was ihr starkstes Erlebnis war vor dem Tode, wie 
ein Ergebnis des Lebens zusammenfafke, um sich zu sagen: Ich bin jetzt 
in einer gewissen Lage, die Artung meines Selbst zu erleben, wie sich 
mir diese Artung meines Selbst ergibt, indem ich es fasse mit dem 
Verstandnis, das ich in meinem fuhlenden Erkennen gewonnen habe 
durch die Geisteswissenschaft. - So war es denn, daft diese Individuali- 
tat, die vor zwei Stunden hochstens durch die Pforte des Todes ge- 
gangen war, erklingen liefi aus sich dasjenige, was so erklang, dafi ich 
sagen muft, es sind die Worte so gestellt, daft ich selbst nichts dazu ge- 
tan habe, nur auf genommen habe die Worte, welche da kamen von die- 
sem Selbst. Diese Worte dienten dann, als ich bei der Einascherung die 
Leichenrede zu halten hatte, als Anfang und Ende. Sie sind abgelesen: 

In Weltenweiten will ich tragen 

Mein fiihlend Herz, daft warm es werde 

Im Feuer heil'gen Kraftewirkens; 

In Weltgedanken will ich weben 
Das eigne Denken, daft klar es werde 
Im Licht des ew'gen Werde-Lebens; 

In Seelengriinde will ich tauchen 
Ergeb'nes Sinnen, daft stark es werde 
Fur Menschenwirkens wahre Ziele; 

In Gottes Ruhe streb 5 ich so, 

Mit Lebenskampfen und mit Sorgen, 

Mein Selbst zum hohern Selbst bereitend; 

Nach arbeitfreud'gem Frieden trachtend, 
Erahnend Welten-Sein im Eigensein, 
Mocht' ich die Menschenpf licht erfiillen; 



Erwartend leben darf ich dann 
Entgegen meinem Schicksalsterne, 
Der mir im Geistgebiet den Ort erteilt. 

Horen wir hier gleichsam aus dem Selbst das erklingen, was das Selbst 
in sich spiirt, durch das, was es geworden ist, indem es sich mit dem 
geisteswissenschaftlichen Empfinden erfiillt hat. Wichtig ist, ins Auge 
zu fassen, daft man es hier mit einer Personlichkeit zu tun hat, die in 
diesem physischen Leben ein hoheres Alter erreicht hatte und daft mit 
diesem Erlangen eines hoheren Alters die Moglichkeit zusammenhangt, 
das Selbst charakterisieren zu wollen, daft das Selbst erst nach dem 
Tode sich so ganz in seinem eigenen Wesen ausspricht, so daft man 
nichts zu tun hat, als, um es zu beobachten, sich ganz zu verlieren, sich 
hinzugeben, sich zu identifizieren mit dem Wesen, daft man es sich 
ganz selbst aussprechen lassen kann. 

Anders war es in einem anderen Fall. Da hatte man es zu tun mit 
einem verhaltnismafiig friih eingetretenen Tod. Auf einen solchen Fall 
hinzuschauen, mahnen uns besonders die Zeitereignisse, da so viele 
Menschen heute in jugendlichem Alter durch die Pforte des Todes 
gehen. Es war in dem Fall, von dem ich spreche, nicht die Veranlas- 
sung, die in vielen Fallen heute die Veranlassung ist, aber es war ein 
friih eingetretener Tod. Wenn der Tod so friih eintritt, daft man sagen 
kann: Wenn der Mensch alt geworden ware, wiirde er noch viele Jahr- 
zehnte gelebt haben, dann hat man es zu tun mit einem Atherleib, der ja 
auch wird abgelegt werden, aber er ist so, daft er noch viele Jahrzehnte 
hindurch den physischen Leib mit Kraften versorgen konnte. Wer so 
durch den Tod geht, daft er noch Jahrzehnte hatte leben konnen, der 
iibergibt der geistig-elementaren Welt einen Atherleib, der noch un- 
verbraucht ist. Unzahlige solcher unverbrauchter Atherleiber gehen 
heute in die geistige Welt. Wenn wir davon sprechen, daft wir aus der 
Geisteswissenschaft heraus viel Hoffnung haben fiir das Zeitalter, das 
sich aus dem Schofte unserer Ereignisse entwickelt, so kommt da in 
Betracht, daft die, die jetzt durch den Tod gehen, in der Geisteswelt 
Zeugen sein werden fiir ein Wirken in geistigem Sinn und schon 
durch ihre Individualist in das Erdenleben Krafte hereinsenden wer- 



den. Aber ihr Atherleib 1st noch als etwas Zweites, etwas Besonderes 
da, er ist unverbraucht. Eine grofte Summe solcher Atherleiber wird 
da eine Kraft darstellen, die hineinwirken wird in die Menschen, welche 
leben werden, wenn wieder Friede eingetreten sein wird, und Heifer 
werden sie sein, damit die materialistische Weltanschauung durch eine 
spirituelle Weltanschauung abgelost werden kann. 

Befestigt konnen wir werden, wenn wir es gerade erleben, wie in 
jugendlichem Alter uns Menschen hinsterben und wir dann gewisser- 
mafien wahrnehmen konnen, was da geschieht. 

Bei dem zweiten Fall, wo wiederum das Karma unserer geistigen 
Stromung dazu gefiihrt hat, dafi ich bei einer durch die Pforte des 
Todes gegangenen Personlichkeit bei der Einascherung zu sprechen 
hatte, da war es so, daft langere Zeit verflossen war zwischen dem Ein- 
tritt des Todes und der Einascherung, vom Mittwoch bis Montag. Da 
war dieser Atherleib schon abgetrennt, und fur meine okkulte Beobach- 
tung hatte ich gewissermafien in der Nacht, bevor ich zu sprechen hatte, 
den Atherleib verloren gehabt; der Atherleib war fur die Beobachtung 
verloren gegangen. Die Individuality war schon mit Astralleib und 
Ich losgelost. Hier stand die betrachtende Seele einem Astralleib und 
Ich gegeniiber und es entstand der Impuls, wiederum die Leichenrede 
einzuleiten und abzuschlieften durch Worte, welche mit der Individua- 
list etwas zu tun hatten. Da ergab sich nicht etwas, was die Indivi- 
dualist selbst ausgesprochen hatte. Dadurch, dafi sie vom Atherleib 
und physischen Leib losgelost war, ergab sich die Moglichkeit, in - 
wie ich glaube - prazise Worte zu fassen die ganze Art, wie diese Indi- 
vidualist hier im Erdenleben war. Wiederum sind diese Worte nicht 
so, wie sie von mir gemacht sind, sondern so, wie sie ein Inspirations- 
impuls gemacht hat, wie sie sein mufiten, wie sie charakterisieren die 
Individualist, die durch den Tod gegangen war. Sie ergaben sich als 
Inspiration der betrachtenden Seele, indem sie sich dem Eindruck der 
durch die Pforte des Todes gegangenen Personlichkeit hingab. Es er- 
gaben sich die Worte: 



Du tratest unter uns. 

Deines Wesens bewegte Sanftmut 



Sprach aus Deiner Augen stiller Kraft - 

Ruhe, die seelenvoll belebt, 

Flofl in den Wellen, 

Mit denen Deine Blicke 

Zu Dingen und zu Menschen 

Deines Innern Weben trugen; - 

Und es durchseelte dieses Wesen 

Deine Stimme, die beredt 

Durch des Wortes Art mehr 

Als in dem Worte selbst 

Offenbarte, was verborgen 

In Deiner schonen Seele weset; 

Doch das hingebender Liebe 

Teilnahmsvoller Menschen 

Sich wortlos voll enthullte 

Dies Wesen, das von edler, stiller Schonheit, 
Der Welten-Seelen-Schopfung 
Empfanglichem Empfinden kiindete. 

Diese Worte waren bei der Einascherung gesprochen, und das Eigen- 
tiimliche stellte sich heraus, dafi der Moment, den man nur uneigent- 
lich einen Moment des Aufwachens nennen konnte, eintrat, als nun 
die Hitze des Brennofens gerade den physischen Leib der Personlich- 
keit ergriff. Und so trat fur diese Personlichkeit, die durch die Todes- 
pforte gegangen war, einen Augenblick die Moglichkeit ein, Bewufk- 
sein schon zu entwickeln, und zwar gerade nicht wahrend der Leichen- 
zeremonie, sondern als diese voriiber war und die Hitze den dem 
Feuer iibergebenen Leib umspielte. Dann trat wiederum Unbewufit- 
heit ein. Solche Augenblicke der Bewulkheit konnen dann, nachdem 
sie durch Unbewulkheit unterbrochen wurden, wieder eintreten, bis 
sich das vollige Bewuiksein eine gewisse Zeit nach dem Tode einstellt. 
Dabei zeigte sich in diesem Fall besonders klar, wie das Bewufitsein 
wirkt, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes gegangen ist. Dies 
Bewulksein sieht die Zeit in anderer Form als der Mensch die Zeit 
wahrnimmt, wenn er hier im physischen Leibe lebt. In solch einem 



Fall zeigt sich das besonders bedeutungsvoll. Das Wahrnehmen der 
Zeit durch denjenigen, der keinen physischen Leib tragt, kann nur mit 
unserem Raumessehen verglichen werden. Wir konnen hier im phy- 
sischen Leib immer zuriickschauen; was wir gesehen, bleibt stehen. 
Wenn in der Zeit etwas an uns voriibergegangen ist, miissen wir in der 
Erinnerung auf dies Bild zuriickblicken, es mufi aufsteigen in unserem 
Bewufitsein. So ist es bei demjenigen nicht, der keinen physischen Leib 
mehr tragt. Die entkorperte Seele sieht so zuriick wie wir im Raum. 

So schaute da die Tote auf das Gesprochene zuriick, wie man im 
Raum zuriickschaut. Das Gesprochene stand jetzt vor ihrer Seele. Ge- 
rade an solch konkreten Fallen zeigt sich die Eigentiimlichkeit der 
Geisteswelt. Nun sagte ich ja eben, dafi ich in der Zeit, in der die Worte 
der Leichenrede gepragt werden sollten, gewissermafien fur die Be- 
obachtung den Atherleib verloren hatte, aber eine zweite Beobach- 
tung zeigte, dafi es gerade dieser Atherleib war, der die Moglichkeit 
gegeben hat, die Inspiration zu haben, die in diese Worte gepragt war. 
Als ich den Atherleib wieder finden konnte - ich meine fiir die Beob- 
achtung da wurde ich gewahr, wo dieser Atherleib war, als ich die 
Worte pragte. Es war in der Nacht vom Sonntag auf den Montag. Ich 
sagte, ich habe ihn verloren, ich bin erst viel spater darauf gekommen, 
wo er eigentlich war: Ich steckte selbst darin. - Er war eine sich auf- 
losende Wolke. Das Ich und der Astralleib waren schon abgetrennt. 
Weil ich drinsteckte, nahm ich den Atherleib nicht wahr, wie eine 
Wolke, in der man steckt; aber was in ihm lebte, gab die Inspirations- 
moglichkeit, die Worte, die ich vorlas, zu pragen. 

Sie sehen da in intime Geheimnisse des Zusammenlebens der Men- 
schenseele mit den Geisteswelten hinein. Ich wiirde es gar nicht wa- 
gen, das so ohne weiteres auszusprechen, wenn das nur in einem ein- 
zelnen Fall eingetreten ware, aber es hat sich mir im dritten Fall wie- 
der bestatigt. Da war ich wieder im selben Fall, Worte zu pragen, 
welche charakterisierten die Individuality dieser dritten, durch die 
Pforte des Todes gegangenen, in unserem Kreise stehenden Personlich- 
keit. Der Tod dieser Personlichkeit hatte fiir unser Fiihlen auf dem 
physischen Plan etwas besonders Schmerzvolles, weil sie zu den besten 
Hoffnungen berechtigte in bezug auf die geisteswissenschaftliche Ar- 



beit innerhalb unseres Kreises. Diese Personlichkeit hat in der Zeit, 
in der sie hier auf Erden lebte, viel von dem aufgenommen, was man 
gegenwartig Gelehrsamkeit nennen kann, fand sich ganz da hinein und 
hatte das feste Bestreben, etwas zu tun, was notwendig ist innerhalb 
unserer geistigen Bewegung, namlich sich einzuleben in das, was man 
gegenwartig Wissenschaft nennt, und in der Seele selbst diese Wissen- 
schaft so umzugestalten, dafi sie auf einer hoheren Stufe wiederge- 
biert, was geisteswissenschaftliche Einsicht ist. Nicht jeder kann das 
tun, aber es gehort zu den Notwendigkeiten unserer Geisteswissen- 
schaft. Konkordanz zwischen Wissenschaft und Geisteswissenschaft 
kann oft den, der Geisteswissenschaft nicht kennt, zu einer Uber- 
zeugung fiihren, aber notig ist es, sich zu durchdringen mit der gegen- 
wartigen Wissenschaft, und wenn dies Durchdrungensein da ist, damit 
lebendig aufzusteigen in Geisteswissenschaft. Man kommt dann zu 
einem gewissen Punkt, in dem man die Ubereinstimmung desjenigen, 
was gegenwartige Wissenschaft gibt, mit der Geisteswissenschaft so 
sicher fiihlt, so sicher weifi in seinem inneren Erleben, dafi man darin 
nicht mehr beirrt werden kann durch etwas, was aus der gegenwartigen 
materiellen Zeitkultur kommt. 

Als diese Personlichkeit durch die Pforte des Todes gegangen war, 
ergab sich wieder die Notwendigkeit, Anfang und Ende der Leichen- 
rede in bestimmter Weise zu gestalten bei der Einascherung, und es 
ergab sich der besondere Impuls, gerade dieser Individuality gegen- 
iiber hinzudeuten auf die Briicke, die fur unsere geisteswissenschaft- 
liche Bewegung besteht zwischen dem physischen Plan und der Gei- 
steswelt. Fur unser Fiihlen auf dem physischen Plan ist es besonders 
schmerzvoll, dafi uns diese Personlichkeit jung entrissen wurde. Aber 
es wiirde unsere geisteswissenschaftliche Stromung, in der wir leben, 
nicht so viel Hoffnung erwecken konnen, wie sie erwecken mufi, wenn 
wir nicht sicher waren, dafi die Krafte, die in der Geisteswissenschaft 
stromen, nicht nur von denen kommen, die auf dem physischen Plan 
leben, sondern dafi solche Krafte auch von denen kommen, die schon 
durch die Todespforte gegangen und mit Geisteswissenschaft ausge- 
riistet sind. So stand vor der Seele die Notwendigkeit, zu betonen: 
In diesem Moment wird dir ein Grofies gegeben, wo du durch den Tod 



gegangen bist: ein Ruf, ein treuer Mitarbeiter zu bleiben auch jetzt, 
nachdem du durch die Pforte des Todes gegangen bist. 

Ganz besonders mufi, wer Geisteswissenschaft ernst nimmt, auf die- 
jenigen, die nicht mehr auf dem physischen Plan sind, als auf reale 
Mitarbeiter rechnen. 

So ergab sich die Notwendigkeit, Worte zu pragen, an deren Pra- 
gung ich gewissermafien ganz unbeteiligt bin, die sich aus einem not- 
wendigen Impuls heraus so ergaben, wie ich sie jetzt vorlesen werde. 
Sie werden gleich sehen, was es mit so gepragten Worten fiir eine Be- 
wandtnis hat. Die Worte lauten so: 

Eine Hoffnung, uns begliickend: 
So betratest Du das Feld, 
Wo der Erde Geistesbliiten, 
Durch die Kraft des Seelenseins, 
Sich dem Forschen zeigen mochten. 

Lautrer Wahrheitsliebe Wesen 
War Dein Sehnen urverwandt; 
Aus dem Geisteslicht zu schaffen, 
War das ernste Lebensziel, 
Dem Du rastlos nachgestrebt. 

Deine schonen Gaben pflegtest Du, 
Um der Geist-Erkenntnis hellen Weg, 
Unbeirrt vom Welten-Widerspruch, 
Als der Wahrheit treuer Diener 
Sichern Schrittes hinzuwandeln. 

Deine Geistorgane ubtest Du, 

Dafi sie tapfer und beharrlich 

An des Weges beide Rander 

Dir den Irrtum drangten, 

Und Dir Raum fiir Wahrheit schufen. 



Dir Dein Selbst zur Offenbarung 
Reinen Lichtes zu gestalten, 
Dafi die Seelen-Sonnenkraft 
Dir im Innern machtvoll strahle, 
War Dir Lebenssorg' und Freude. 

Andre Sorgen, andre Freuden 
Sie beriihrten Deine Seele kaum, 
Weil Erkenntnis Dir als Licht, 
Das dem Dasein Sinn verleiht, 
Als des Lebens wahrer Wert erschien. 

Eine Hoffnung, uns begluckend: 
So betratest Du das Feld, 
Wo der Erde Geistesbliiten 
Durch die Kraft des Seelenseihs 
Sich dem Forschen zeigen mochten. 

Ein Verlust, der tief uns scbmerzt, 
So entschwindest Du dem Feld, 
Wo des Geistes Erdenkeime 
In dem Schoft des Seelenseins, 
Deinem Spharensinne reiften. 

Fiihle, wie wir liebend blicken 
In die Hohen, die Dich jetzt 
Hin zu andrem Schaffen rufen. 
Reiche den verlafinen Freunden 
Deine Kraft aus Geistgebieten. 

Hore unsrer Seelen Bitte, 
Im Vertrau'n Dir nachgesandt: 
Wir bediirfen hier zum Erdenwerk 
Starker Kraft aus Geistes-Landen, 
Die wir toten Freunden danken. 



Eine Hoffnung, uns begliickend, 
Ein Verlust, der tief uns schmerzt: 
Lafi uns hoffen, dafi Du ferne-nah, 
Unverloren unsrem Leben leuchtest 
Als ein Seelen-Stern im Geistbereich. 

Es war darauf einige Zeit der nachsten Nacht, als erklange mir aus 
dem Betreffenden, aber nicht aus seinem Bewufitsein, sondern aus sei- 
nem Wesen wie eine Antwort, so dafi man es auch gleich empfinden 
konnte als eine Antwort auf die Worte. Nicht als ob die Individuality 
das aus dem Bewufitsein gesagt hatte. Die Individuality erklang wie 
in Lauten: 

Mir mein Selbst zur Offenbarung 
Reinen Lichtes zu gestalten, 
Dafi die Seelen-Sonnenkraft 
Mir im Innern machtvoll strahle, 
War mir Lebenssorg 5 und Freude. 

Andre Sorgen, andre Freuden, 
Sie beriihrten meine Seele kaum, 
Weil Erkenntnis mir als Licht, 
Das dem Dasein Sinn verleiht, 
Als des Lebens wahrer Wert erschien. 

Jetzt erst merkte ich, dafi das nur eine Umanderung der beiden Stro- 
phen, eine Umstellung der zweiten Person in die erste war. Sie sehen 
an diesem einen Beispiel, wie eine Korrespondenz der Seele eintritt, 
die taier im physischen Leben weilt, mit der Seele, die durch die Pforte 
des Todes gegangen. Darauf mochte ich besonders aufmerksam ma- 
chen, dafi solche Dinge so gegeben werden, dafi man an den Worten 
nichts andern kann, und Sie sehen ja, dafi ich mir gar nicht bewufit 
war, warum die Worte der beiden Strophen so gepragt waren. Ich er- 
kannte das erst aus der Antwort, die in der Nacht darauf erfolgte aus 
der Seele, die durch die Pforte des Todes gegangen. 



Wir miissen uns gewdhnen, auch in dieser Beziehung den Geistes- 
welten gegeniiber nicht unmittelbar solche Gefiihle zu hegen, wie sie 
entnommen sind dem Erleben hier in der physischen Welt. Merken Sie, 
dafi es auf manches ankommt, wenn man ein richtiges verstehendes 
Verhaltnis zur Geisteswelt gewinnen will. So konnte ich als kleines 
Beispiel auch dies erwahnen, was jetzt von ganz anderer Seite herge- 
nommen ist. Als diese schweren Tage begonnen haben, waren diese 
Formeln, die wir jetzt gebrauchen, wie aus den Geisteswelten heraus 
gegeben, welche ich auch heute brauche, um die Seelen zu lenken zu 
denjenigen, die auf den Feldern der Ereignisse stehen, oder durch die 
Pforte des Todes gegangen sind: 

Geister Eurer Seelen, wirkende Wachter, 
Eure Schwingen mogen bringen 
Meiner Seele bittende Liebe 

Eurer Hut vertrauten Spharenmenschen (Erdenmenschen) 
Dafi, mit Eurer Macht geeint, 
Meine Bitte helfend strahle 
Den Seelen, die sie liebend sucht. 

Es heifk da: « Geister Eurer Seelen. » Ich habe in Berlin erleben miissen, 
dafi jemand die Einwendung gemacht hat, das sei grammatikalisch 
nicht richtig, jetzt wisse man nicht bei der zweiten Zeile, worauf das 
«Eure Schwingen» sich beziehe, denn wenn man sagt: « Geister Eurer 
Seelen », wendet man sich an die, die da leben als Menschen, aber man 
wendet sich doch an die Geister derer, die da leben. So konnte der Pe- 
dant meinen, dafi man sagen miilke: «Geister ihrer Seelen. » Ja, wir miis- 
sen uns schon bekanntmachen damit, dafi in der Geisteswelt die Gram- 
matik, die fur die sinnliche Welt ganz selbstverstandlich gilt, nicht 
immer eingehalten wird, daft man da mehr Beweglichkeit in der Seele 
haben mufi. Man wendet sich hin: «Geister Eurer Seelen», aber in der 
zweiten Zeile ist selbstverstandlich, dafi man sich nicht zu einem oder 
einer Anzahl Menschen wendet, dafi man sich da zu den schutzenden 
Geistern wendet. Die Grammatik ist da nicht ausschlaggebend. Wir 
miissen uns klar sein, dafi in den hoheren Welten alles viel beweglicher 



ist, dafi man nicht die Vorstellung von dem Menschen abzulenken 
braucht, wenn man sich an den schiitzenden Geist wendet. Er steht in 
viel engerem Zusammenhang mit dem Menschen selbst als zwei Men- 
schen hier. Da muE man physische Grammatik anwenden, weil bei 
zwei physischen Menschen nicht ein solcher Zusammenhang zu sein 
braucht wie zwischen dem schiitzenden Geist und dem Menschen. So 
konnte man sagen: Gerade durch diese so gegebenen Worte, die vor 
der physischen Grammatik anfechtbar sind, ist etwas gegeben, was 
Eigentiimlichkeit der hoheren Welten ist. - Es werden die Worte dann, 
wenn man solche Dinge aus hoheren Welten bekommt, zu Lehren. 
Manchmal versteht man solche Dinge erst viel spater, manchmal ist 
dies Lernen dann nicht so leicht wie das furwitzige Grammatikaus- 
bessern, das ja keine grofie Kunst ist. In solch intimes Verhalten gegen- 
iiber der Geisteswelt mussen wir uns hineinfinden. Auch bei der Dar- 
stellung der hoheren Welten kommt es darauf an, dafi man sie nicht 
erfafit mit den groben Wortfugungen, die man sich hier in der phy- 
sischen Welt angeeignet hat, so dafi es oft recht leicht ist, anfechtbar 
zu finden eine Darstellung der hoheren Welten, in denen ja das Reich 
der Geister der Form seine spezielle Gewalt verliert. Wir kommen beim 
Uberschreiten der Schwelle in das Reich der Geister der Bewegung. 
Selbst der Stil mufi da beweglicher werden. Die Geister der Form sind 
fur die um uns ausgebreitete Welt. Dem Reich der Geister der Bewe- 
gung mufi sich auch der Stil anpassen. Es wird schon die Zeit kom- 
men, wo man sich in solche Dinge hineinfinden wird, und man darf 
nicht glauben, mit dem Stil, der fiir die physische Welt pafit, auch wirk- 
lich schildern zu konnen, was beweglich und flutend in der geistigen 
Welt ist. 

Ich wollte an konkreten Fallen, an die unser Gesellschaftskarma 
herangefiihrt hat, einiges erklaren iiber die Beziehung der Menschen- 
seele zu den Geisteswelten, denn noch mehr als in abstrakter Charak- 
teristik kann durch solch konkretes Sich-Hineinleben in einzelne 
Verhaltnisse der Geisteswelten uns dies oder jenes klar werden, und 
vor alien Dingen kann an uns herantreten ein Gefiihl dafvir, dafi durch 
unsere geisteswissenschaftliche Bewegung ein lebendiges Zusammen- 
wirken der physischen Welt mit der hoheren Welt allmahlich wirklich 



entstehen mufi. Nach mannigfachen Erfahrungen, die in den letzten 
Zeiten gemacht werden mufiten, kann man sagen: So recht innerlich 
befestigt konnen die Hoffnungen, dafi schon jetzt gewisse Dinge in 
bezug auf unsere spirituelle Bewegung eintreten, nur sein, wenn man 
gewifi ist, dafi diejenigen, die schon durch die Pforte des Todes gegan- 
gen sind, unsere helfenden Mitarbeiter sein werden. - Das erfordert 
allerdings, dafi wir mit intensivem Ernst dasjenige erfassen, was der 
Inhalt und die Intention unserer Geisteswissenschaft ist. 

Ich mochte zusammenfassend etwas aussprechen, was schon aus- 
fiihrlich behandelt worden ist in dem Zyklus in Wien iiber das Leben 
zwischen Tod und neuer Geburt, was wichtig ist zu beriicksichtigen. 
Man kann sagen, weil man gewisse Worte, die fiir das physische Leben 
dienen, verwenden mufi: Der Mensch ist in einer Art unbewufitem 
Schlafzustand nach dem Tode. Dann erwacht er, aber «erwacht» ist 
nicht ganz richtig gesagt. Das sieht aus, wie wenn man beim Erwachen 
zu einer Art Bewufitsein kame. Das ist nicht der Fall. Wenn def Mensch 
den Atherleib abgelegt hat, hat er nicht zuwenig oder Schlaf-Bewufit- 
sein, er hat zuviel Bewufitsein. Er hat eine Art uberquellendes Bewufit- 
sein. Wie man, von uberflutendem Licht geblendet, nicht sehen kann, 
so ist nach dem Tode zuviel Bewufitsein da. Wir sind ganz von unend- 
lich wirksamem Bewufitsein iiberflutet, erst herabdampf en mufi es sich 
bis zu dem Grad, den wir nach unserer Entwickelung in der physi- 
schen Welt uns angeeignet haben. Wir mussen uns orientieren in der 
Oberfulle des Bewufitseins. Das, was man da «Aufwachen» nennt, 
ist erst ein Hineingewohnen in den viel hoheren Grad von Bewufitsein, 
in den wir eintreten nach dem Tode. Es ist ein Herabdampfen des Be- 
wufitseins bis zu dem Grade, den wir ertragen konnen. 

Ein anderes ist, dafi sich, ich mochte sagen, in jeder Beobachtung 
mehr zeigt, wie fiir gewisse Zustande des Daseins das Erleben in den 
Geisteswelten gerade entgegengesetzt ist dem Erleben in der physi- 
schen Welt. So ist es auch in einem Fall, auf den ich jetzt hindeuten 
will. Zwischen Geburt und Tod ist es so, dafi niemand eigentlich sich 
ohne hohere Erkenntnisse zuriickerinnert an seine Geburt. Fur keinen 
ist das eine Sache der eigenen Beobachtung. Wenn man hinhoren 
wollte auf diejenigen Menschen, die sagen, sie glauben nichts, als was 



ihnen ihre fiinf Sinne geben, konnte man einwenden: Dann darfst du 
auch nicht glauben, dafi du einmal ein kleines Kind warst. Das glaubst 
du nur aus den folgenden zwei Untergriinden: Weil du siehst, daft alle 
anderen Menschen so ihr Leben anfangen, da schliefiest du, daft das 
bei dir auch so war. Das ist nur ein Analogieschlufi, oder die anderen 
haben es dir erzahlt. - Durch Mitteilung und nicht durch Beobachtung 
weifi man, dafi man auch durch Geburt ins Leben eingegangen ist. Es 
merkt kein Mensch, dafi das nur ein Analogieschlufi ist. Man miiflte 
sagen: Ich kann aus eigener Beobachtung nichts wissen iiber dieses 
physischen Leibes Ursprung. Wenn der Mensch im physischen Leben 
zuriickblickt, sieht er nicht bis zu seiner Geburt. Anders ist das zwischen 
Tod und neuer Geburt. Gerade der Fall, wo der innerliche Impuls auf- 
stieg, dem, der durch die Pf orte des Todes gegangen, solche Worte nach- 
zusenden, die mit seinem Selbst etwas zu tun haben, die ihn charakte- 
risierten, zeigt das. Dieser Impuls kommt von dem Drang, dem zu die- 
nen, der durch die Pforte des Todes gegangen ist, ihm das zu erleich- 
tern, was er haben mufi, moglichst bald: ein ungehindertes Hinblicken 
auf den Todesmoment. Denn so wenig man im physischen Leben auf die 
Geburt zuriickblickt, so unerlafilich ist es, dafi man zwischen Tod und 
neuer Geburt auf den Tod zuriickblickt. Der Tod steht immer im Riick- 
blick da, nur nimmt er sich von der geistigen Seite anders aus. Er mag 
von der physischen Seite Schreckliches haben, von der anderen Seite 
ist er das herrlichste Ereignis, auf das man blicken kann. Er zeigt das 
Herrliche, dafi der Geist iiber das Physische siegt, indem er sich ihm 
entringt. Das gehort zum Schonsten, dies Erlebnis, das man zwischen 
Tod und neuer Geburt hat im Riickblick. Das ist wieder ein Beispiel, 
wie physische Welt und Geisteswelt entgegengesetzt sind. 

Man lernt so allmahlich die Eigentumlichkeiten der Geisteswelt 
kennen. Das sind Gesichtspunkte, die ich aphoristisch heute vor Ihnen 
entwickeln wollte. Ein weiterer Gesichtspunkt ist mittelbar bedeutend 
fur Dinge, die wir jetzt erleben, der Gesichtspunkt, dafi bei einem 
Menschen, der nach normalen Verhaltnissen hier noch lang hatte leben 
konnen, ein unverbrauchter Atherleib als Individualitat dasteht neben 
der Individualitat. Kurz dauert die Auflosung des Atherleibes nur bei 
alteren Menschen. Wir sind immer umgeben von solchen noch nicht 



aufgeldsten Atherleibern. Wir leben einer Zeit entgegen, wo dies be- 
sonders bemerkbar sein wird, weil mittelbar von diesen Atherleibern 
ausgehend eine Art Atmosphare gebildet wird, wie sie in dieser Weise 
noch nicht in der Erdenentwickelung da war. Man konnte denken, 
dafi ahnliches schon in friiheren Kriegen eingetreten sei, aber die Dinge 
andern sich, weil die Menschen fruher anders durch den Tod gegangen 
sind. So viele Menschen, die im Leben nur von materieller Denkweise 
umringt waren wie jetzt, gab es fruher nicht. Das begriindet, dafi diese 
Atherleiber spirituelle Impulse abgeben werden. Welter wird es sein, 
dafi es Menschen hier auf der Erde gibt, die dies fiihlend wissen und 
wissend fiihlen. Ich habe darauf schon in den, ich mochte sagen, den 
Zeitereignissen gewidmeten Vortragen hingedeutet. Was uns unsere 
Zeit lehren will, ist, dafi wir notig haben neben der spirituellen Ver- 
flachung auch Vertiefung in das, was als die Begleiterscheinungen spa- 
ter erscheinen wird. Miissen wir es denn nicht wirklich mit ungeheurer 
Betriibnis erfahren, da!5 in unserer Zeit, die sich fur logisch so aufge- 
klart halt, wo sich die wissenschaftliche Kultur durch allerlei popu- 
lare Kanale in weiteste Kreise verbreitet hat, dafi da wieder in wei- 
testen Kreisen etwas Platz greifen kann, was wir als ein aus Leiden- 
schaft geborenes Urteil ansehen miissen? 

Wer die Stimmen derjenigen verfolgt, die Mitteleuropa wie in einer 
grofien Festung eingeschlossen halten, der wird schon darauf kommen, 
was diese Leidenschaft in den Seelen der Menschen anrichtet. Man 
braucht nur nach West und Nordwest zu blicken, da kann man zu- 
nachst staunend davor stehen, wozu es menschliches leidenschaftliches 
Urteilen gebracht hat. Bessere Zeitungen werden da besonders lehr- 
reich sein konnen. Wie wird da von diesen oder jenen hinausgebriillt: 
Wir haben diesen Krieg nicht gewollt! - Wie wird von denen, die dem 
deutschen Wesen feindlich gegeniiberstehen, demjenigen Gebiet, das 
am allerwenigsten Veranlassung hatte zu diesem Krieg: dem mittel- 
europaischen - ganz sinnlos die Schuld an diesem Krieg beigemessen. 

In dieser Beziehung ist es dem Deutschen in der Tat durch die ganze 
Art und Weise, wie sich deutsches Wesen entwickelt hat, schon objek- 
tiv moglich, eine Art nationaler Selbsterkenntnis zu erringen, wie sie 
die anderen Volker recht sehr vermissen lassen. Es wird ja ganz gewifi 



erst lange Zeit nach den kriegerischen Ereignissen den meisten Men- 
schen moglich sein, namentlich aufierhalb Mitteleuropas, die Verhalt- 
nisse so weit zu iibersehen, dafi man iiber die torichtsten Urteile der 
Gegenwart einigermafien hinwegkommt. Fiir uns, die wir in einer 
geistigen Bewegung darinstehen, die nicht nur Theoretisches iiberliefern 
will, fiir uns sollte klar sein, dal5 solchen schweren Ereignissen gegen- 
iiber auch ein objektives Urteil gewonnen werden kann und dafi wir 
iiber manches uns aufklaren konnen in der Gegenwart gerade dadurch, 
dafi wir in diesen schicksaltragenden Tagen darin leben. Wie leicht 
kann mancher kurzsichtige Geist kritisieren, was zu den Impulsen, 
zum Kern unserer Geisteswissenschaft gehort. Schmerzvolles hat in 
den letzten Monaten auf diesem Felde erfahren werden miissen. Da 
gibt es eine geisteswissenschaftliche Bewegung, die sagt, da!5 sie liebe- 
voll dafiir arbeitet, auf die Menschen eingehen zu wollen ohne Unter- 
schied von Rasse und so weiter. Man kann sagen: Wie stimmt das, was 
von mir in dieser Zeit vorgebracht wurde, dazu? - Ich habe, bevor 
diese schweren, schicksaltragenden Tage iiber uns hereingebrochen sind, 
davor gewarnt, den Grundsatz von der Gleichberechtigung, Gleich- 
wertigkeit so aufzufassen, dafi man ihn in das ganz Abstrakte ver- 
kehrt. Erinnern Sie sich, wie ich oft sagte: Wenn Leute kommen und 
sagen, Buddhisten, Mohammedaner, Christen sind nur verschiedene 
Formen eines Wesens -, so ist das, wie wenn man sagt: Salz, Zucker, 
Pfeffer sind alles Speisezutaten, also ist es gleichgultig, was ich nehme -, 
und streut Zucker in Suppe und Bier, weil es Speisezutat ist. In so 
abstrakter Weise einen solchen Grundsatz anwenden, kann bequem 
sein, aber dem, der ernst sucht, kann es nicht darauf ankommen. 

Wenn wir uns liebevoll einlassen auf das Wesenhafte der einzelnen 
europaischen Nationen, dann kommen wir dazu, zu erkennen, dafi die 
Volksseele bei den Italienern zu der Empfindungsseele spricht, bei den 
Angehorigen der franzosischen Nation zu der Verstandesseele, bei 
der britischen Nation zu der Bewufttseinsseele, bei der deutschen Na- 
tion zu dem Ich. Nicht dadurch, dafi man abstrakt iiber alles die Liebe 
ausgiefit, kommt man zu Begriffen. Darin wird das Wesentliche un- 
serer Bewegung bestehen, dafi die Menschenseele unter Anerkennung 
der nationalen Eigentiimlichkeiten sich zum Allgemein-Menschlichen 



erheben will. Geisteswissenschaft kann es dazu bringen, daft derjenige, 
der diesmal in Britannien geboren ist, sagt: Ich habe erkannt, dafi ich 
die Volksseele besonders durch die Bewufitseinsseele sprechend habe, 
durch das, was die Beziehung der Seele zum physischen Plan regelt, 
was den Menschen geeignet macht, materiell zu sein. - Wenn er das 
erkennt, erkennt er, dafi er abstreifen mufi das, was ihm aus der Na- 
tionalitat heraus entgegensteht, wenn er sich zum allgemeinen Men- 
schentura erheben will. Diese Erkenntnis hilft immer, und wichtig ist 
es, dafi man dasjenige erkenne, was Eigentumlichkeit der einzelnen 
nationalen Wesenheit ist. Wenn der Angehorige der russischen Kultur 
sich sagen wird: Das Eigentiimliche der Volksseele ist, dafi sie wie eine 
Wolke schwebt iiber dem einzelnen, dafi der einzelne in chaotischem 
Denken hinaufsieht zur Volksseele, dadurch darauf angewiesen ist, 
in das Produktive der anderen Volker sich hineinzufinden -, dann 
wird er seinen Weg finden. Die, welche durch Geisteswissenschaft das 
Wesen der russischen Volksseele erkennen, werden sagen: Wozu bin 
ich Russe? Die Kraft, die ich dadurch erworben habe, habe ich, um die 
Kraft der anderen Nationen aufzunehmen. 

Der Deutsche wird durch Geisteswissenschaft erkennen - er hat 
notig, dies in aller Objektivitat und Demut aufzuf assen -, daft er durch 
das, was die Volksseele zu seinem Ich spricht, dazu pradestiniert ist, 
das Allgemein-Menschliche durch seine Nationalist zu suchen. Dafi 
er mitbekommt, was ihn iiber die Nationalitat hinausfiihrt, das ist das 
Nationale deutschen Wesens. Darin besteht das konkret Nationale 
deutschen Wesens, dafi es durch das Nationale iiber die Nation hin- 
ausgetrieben wird in das allgemeine Menschentum hinein. Daher ist 
der Ubergang zu finden vom deutschen Idealismus zur Geisteswissen- 
schaft im Hineinfliefien des deutschen Idealismus in Geisteswissen- 
schaft. Es ist notig, sich zu konkretem Erf assen der geistigen Wirklich- 
keiten hindurchzuringen. Geisteswissenschaft gibt die Moglichkeit, 
konkret diese Dinge aufzufassen. - Wenn man erfahrt, dafi ein Fran- 
zose wie Kenan sagt: Das, was er in der deutschen Kultur erhalten 
habe, komme ihm vor wie hohere Mathematik gegeniiber der niederen, 
verglichen mit dem bei anderen Volkern Erlebten -, so ist da ausge- 
sprochen, was gerade das deutsche Wesen charakterisiert. Wir haben 



schon einmal das Schicksal, dies erkennen zu miissen. Erkennen miis- 
sen wir es, konnen nicht anders als es erkennen, miissen aber mit der- 
selben Objektivitat erkennen, da& es unser Schicksal ist, wenn wir 
rechte Deutsche sind, zu spirituellem Leben fortzuschreiten, so wie es 
den Briten notig ist, den Materialismus abzustreifen, um in das Spi- 
rituelle hineinzukommen. Aus dem nationalen Wesen ergeben sich fur 
die verschiedenen Volker verschiedene Aufgaben. Fiir den Deutschen 
ist besonders wichtig, dafi er sich in die geistigen Welten desjenigen, 
was durch die deutsche Kultur stromt, hineinversenke. Fiir den Russen 
gibt es so etwas Nationales nicht. Es gibt fiir ihn nur die Moglichkeit, 
die Blutkraft zu gewinnen, die ihm moglich macht, das Wesen der 
anderen entgegenzunehmen. Es zeigt sich, dafi das deutsche Wesen 
Wichtiges bei der Entwickelung der Volksseele erfuhr. 

Die Volksseelen machen, wie die Menschen, eine Entwickelung 
durch. In den Jahren 1530 bis 1550 geschieht etwas Besonderes mit der 
italienischen Volksseele. Vorher ist diese Kultur noch nicht so abge- 
schlossen vom tibrigen Europa wie nachher. Vor diesem Zeitpunkt 
wirkt die Volksseele in der Seele, nachher greift sie iiber das Seelische 
hinaus, gestaltet das Physische zum Nationalen hin. Der Mensch schrei- 
tet fort zum Unabhangigwerden vom Physischen. Umgekehrt die 
Volksseele. Sie wirkt erst auf die Seele, dann auf den Leib, so dafi die 
italienische Volksseele vor dem 16. Jahrhundert blofi auf die Seele 
wirkte, spater hingegen greift sie iiber das blofi Seelische in das Kor- 
perliche iiber, formt das Nervensystem, formt den Atherleib, so dafi 
der Mensch bestimmt, identifiziert wird auch in bezug auf das Leib- 
liche. Der Mensch wird starrer, schliefit sich mehr ab fiir die iibrigen 
Kulturen. 

Fiir die franzosische Volksseele tritt ein solcher Zeitpunkt ein in 
der Mitte des 1 7. Jahrhunderts. Da fangt die Volksseele an, vom See- 
lischen auf das Leibliche uberzugreifen, macht die Nation starr. Fiir 
die Briten geschieht das erst von der Mitte des 1 7. Jahrhunderts an, 
und Shakespeare gehort noch nicht einem Zeitalter an, wo die Volks- 
seele auf den Leib iibergriff, daher verstehen die Deutschen ihn besser 
als die Briten. In der Zeit zwischen 1750 und 1850 findet eine Art 
Ubergreifen der deutschen Volksseele vom Seelischen zum Leiblichen 



statt, sie zieht sich aber wieder davon zuriick. Bei westlichen Volkern 
schwebt die Volksseele hoher vorher, senkt sich dann in das Leib- 
liche. Die, die friiher in das Leibliche sich senkte, stieg dann wieder 
ins Geistige. Der Hinunterstieg war zwischen Mitte des 17. und 18. 
Jahrhunderts. Die deutsche Volksseele bleibt dadurch beweglicher. Sie 
bleibt nicht dauernd drunten, sie gent hinauf und herab, ergreift den 
Menschen und lalk ihn wieder frei. 

Das sind Dinge, die erst in der Zukunft ganz werden verstanden 
werden. Wir miissen schon sagen, wir konnen nicht genug diese gegen- 
wartige schwere Zeit zugleich mit all ihrem Grofiartigen, Bedeu- 
tungsvollen im Tiefsten unserer Seele mitempfinden. Unendlich be- 
deutungsvoll miissen diese Ereignisse der Gegenwart sein fur den- 
jenigen, der sich fur das in der Welt webende Geistige interessiert. 
Wenn einstmals die Menschen nachdenken werden \iber die Ursachen, 
die die gegenwartigen Kriegsereignisse herbeigefuhrt haben, dann 
wird sich eines herausstellen: Mitgewirkt hat zu diesen gegenwartigen 
Kriegsereignissen der Gegensatz zwischen den Volksseelen, aber wenn 
jemand in den kiinftigen Zeiten noch so sehr suchen wird auf dem 
physischen Plan nach dem, was die Ursachen seien, er wird immer 
etwas finden, was die Sache nicht aufklart, weil die Ursachen nicht auf 
dem physischen Plan liegen, sondern weil man bei diesen Ereignissen 
sagen kann: Geistige Individualitaten, geistige Impulse wirken hin- 
ein. - Erst wenn die Menschheit das erkennen wird, wird man ver- 
niinftig sprechen iiber die Ursachen, die diese Ereignisse herbeige- 
fuhrt haben. Man wird erkennen, dafi die Menschen nur die Werk- 
zeuge waren, durch die gute und bose Machte gewirkt haben. Um zu 
diesem Urteil zu kommen, ist Vorurteilslosigkeit notig, indem wir uns 
durchdringen mit dem, was Geisteswissenschaft dem Innersten der 
Seele, nicht nur dem Verstande, sein kann. 

Es kann einmal wichtig sein zu erkennen, wieviel von dem, was von 
seiten der britischen Welt Anteil genommen hat, wirklich innig mit dem 
Nationalcharakter zusammenhangt. Dann wird man etwas erkennen 
miissen, was sich mir seit Juli aufdrangte, bevor noch der Krieg begon- 
nen hatte. Da konnte man verschiedene Urteile horen. Ich erzahle 
objektiv, mochte das Personliche ganz unberiicksichtigt von Ihnen 



wissen. Mir drangte sich auf, dafi der Welt Gefahr drohte aus der Ur- 
sache, dafi in London ein so furchtbarer Dummkopf die auswartigen 
Angelegenheiten lenkte. Die Welt halt Grey fur einen gescheiten, viel- 
leicht geriebenen Menschen. Ich konnte ihn nie fur etwas anderes hal- 
ten, aus den intuitiven Eindriicken, als fur einen Dummkopf, mufi ihn 
heute fur einen besonders dummen Menschen ansehen, den sich ahri- 
manische Machte ausgesucht haben, weil er durch seine Nichtbesin- 
nung iiber die Dinge besonderes Unheil stiften konnte. Durch aufiere 
Griinde kann man nicht so recht beweisen, daft eine solche Personlich- 
keit ein Dummkopf ist. Gestern kaufte ich ein Buch und fand darin 
einen Brief, den ein Ministerkollege des Grey geschrieben hat. Ich 
kenne den Brief erst seit gestern, halte aber den Grey seit Juli fur einen 
Toren, der von Ahriman ausgesucht ist, um Unheil anzurichten. Es ist 
fiir uns interessant, wie der Briefschreiber seinen Kabinettskollegen 
qualifiziert: «Es ist fiir uns, die wir Grey seit Anbeginn seiner Lauf- 
bahn kennen, sehr unterhaltsam, zu beobachten, wie er seinen konti- 
nentalen Kollegen imponiert. Sie scheinen irgend etwas in ihm zu ver- 
muten, was durchaus nicht in ihm steckt. Er ist einer der hervorragend- 
sten Sportangler des Konigreichs und ein recht guter Tennisspieler. 
Politische oder diplomatische Fahigkeiten besitzt er wirklich nicht; 
man miifite denn eine gewisse ermudende Langweiligkeit seiner Art zu 
reden und ein seltsames Beharrungsvermogen als solche anerkennen. 
Earl Rosebery sagte einmal von ihm, er mache einen so konzentrierten 
Eindruck, weil er nie einen eigenen Gedanken habe, der ihn von einer 
Arbeit ablenken konne, die man ihm mit genauen Direktiven in die 
Hand gegeben. Als neulich ein etwas temperamentvoller fremder Di- 
plomat sich bewundernd iiber Greys leise Art aufierte, die nie erken- 
nen lasse, was in ihm vorgehe, meinte ein vorwitziger Sekretar: <Ist 
eine tonerne Sparbikhse bis oben mit Gold geftillt, so klappert sie 
allerdings nicht, wenn man sie schiittelt. Ist aber kein einziger Penny 
drin, so klappert sie auch nicht. Bei Winston Churchill klappern ein 
paar Nickel so laut, dafi es einem auf die Nerven geht, bei Grey nicht 
das geringste Klappern- Nur wer die Biichse in der Hand halt, kann 
wissen, ob sie ganz voll oder ganz leer ist!> Das war frech, aber gut 
gesagt. Ich glaube, dafi Grey einen sehr anstandigen Charakter hat, 



wenn ihn auch eine gewisse stupide Eitelkeit gelegentlich einmal ver- 
fiihren mag, sich auf Angelegenheiten einzulassen, von denen Hande, 
die auf unbedingte Sauberkeit halten, besser wegbiieben. Seine Ent- 
schuldigung ist aber immer, dafi er aus sich selbst heraus keine Sache 
zu iibersehen und durchzudenken vermag. Er, der von sich aus in kei- 
ner Weise ein Intrigant ist, kann, sobald ein geschickter Intrigant sich 
seiner bedienen mag, als der vollkommenste Intrigant erscheinen. Dar- 
in lag fiir politische Intriganten schon immer eine Versuchung, sich ge- 
rade ihn zum Werkzeug zu wahlen, und allein diesem Umstande ver- 
dankt er seine heutige Stellung.» 

Das ist ein Beispiel, wie man sich irren kann, wenn man nicht ver- 
sucht, objektiv auf die Dinge zu schauen. An dieser Personlichkeit, die 
nicht durch besondere Schlauheit sich auszeichnet, sondern durch per- 
sonliche Anglerfahigkeiten, die nichts zu tun haben mit den Fahig- 
keiten, auf die es ankommt, sieht man die ahrimanischen Machte wir- 
ken, welche notwendigerweise wirken mufiten von der inneren Seite 
her, damit die Ereignisse eintraten. Man wird nach und nach einsehen, 
dafi man gerade diesen Ereignissen gegeniiber sich wird klar sein miis- 
sen, wie t)bersinnliches im Guten und Bosen anerkannt werden mufi. 
Wenn man diese Ereignisse wird verstehen wollen aus dem, was man 
auf dem physischen Plan beobachten kann, wird man diese Ereignisse 
nicht verstehen konnen. Man wird einsehen, wie die verschiedenen 
Impulse heriibergestromt sind, wie seit langer Zeit sich im Osten das 
vorbereitete, was den Impuls zu diesen Ereignissen gab, wie aus den- 
jenigen Dingen, die gerade im bstlichen Europa zu beobachten sind, 
die Faktoren sich entwickelten, die notwendigerweise einmal die 
Kriegsfackel entziinden mufiten, wie der gegenwartige Moment den 
Krieg brachte, weil die westlichen Faktoren sich eingelassen auf die 
Brandstiftung aus dem Osten, aus Griinden, die nur erkannt werden 
konnen, wenn man auf die wichtigen Ursachen eingeht. Es wird wich- 
tig sein, daiS gerade diese historischen Ereignisse die Menschen zwin- 
gen werden, wenn sie die Ursachen erkennen wollen, zum Obersinn- 
lichen hinzublicken, nicht auf dem physischen Plan stehenzubleiben, 
denn sonst werden sie lang streiten konnen. Wir werden sehen miissen, 
dafi es, wohl mehr als fiir andere Menschen, fiir den Geisteswissen- 



schafter eine Notwendigkeit ist, sich auf einen sichereren Horizont zu 
stellen als den, der aus der Erfahrung der Angelegenheiten der phy- 
sischen Welt hervorgehen kann. 

Wie eingeengt der physische Horizont werden kann, hat sich seit 
Jahren gezeigt. Fur viele begann geschichtliche Betrachtung erst im 
Juli. Auch manche in unseren Kreisen gaben sich sonderbaren Urteilen 
hin. Die Elemente zu dem, was ich sagen will, sind schon im Zyklus 
«Die Mission einzelner Volksseelen» in Kristiania gegeben worden. Da 
steht auch, dafi im Osten sich vorbereitet, was in der sechsten nach- 
atlantischen Kultur herauskommen will. Wir leben hier in der funften 
Kultur. Wenn man abstrakt denkt, von der funften Kultur steige die 
Menschheit immer hoher zur sechsten und siebenten Kultur, danii kann 
einem der Kamm schwellen. Aber solches Vordringen ist nicht das Vor- 
wartsgehen der Kulturentwickelung der Menschheit. Bis zur vierten 
Kultur war eine Wiederholung der Erdentwickelung. Die fiinfte Kultur 
ist die, auf die es ankommt; sie ist etwas Neues, das hinzugekommen ist, 
das heriibergetragen werden mufi in das sechste Zeitalter. Die sechste 
Kultur wird in Dekadenz sinken, es wird eine absteigende Kultur sein. 
Das mufi berucksichtigt werden. Damit hangt zusammen, dafi ein 
Geist wie Solowjow y der in gewisser Beziehung mit seinen habituellen 
Eigenschaften aus dem russischen Volkscharakter herausgewachsen ist, 
sich in die westliche Welt gesenkt hat,dafi seine Philosophic westlich ist, 
zwar eingeschlossen in das Temperament des Ostens, aber in der Art, wie 
die Satze fliefien, das Russische erkennen lafit. - Eine Torheit ware es, 
zu sagen, dafi dem, der in westeuropaischer Kultur steht, etwas gege- 
ben werden konnte, was iiber diese westeuropaische Kultur hinausginge. 

Es sind dies wieder nur abgerissene Satze gewesen, aber Sie wer- 
den durchhoren den Appell an unsere geisteswissenschaftliche Stro- 
mung, zu versuchen, diese schwere Zeit auch dazu zu bemitzen, mit 
Konkretheit zu sehen und in Konkretheit dasjenige aufzufassen, was 
auch wirklich in unser Empfinden einfliefien kann, wenn geisteswis- 
senschaftliche Vorstellungen in dies unser Empfinden einfliefien. Diese 
unsere Geisteswissenschaft wird sich in der Zukunft gerade dadurch 
bewahren mtissen, dafi sie den Weg hindurch findet durch die so un- 
bandig aufgewiihlten Leidenschaften in unserer Zeit. 



Ich bin mir wohl bewufit, dafi ich seit dem Beginn dieser unserer 
schweren Zeit weder hier noch anderswo anders iiber die Dinge ge- 
sprochen habe als so, daft man vor einer objektiven Weltanschauung 
diese Dinge vertreten kann. Doch, was alles konnte man horen! Man 
kann auch da aus dem, was in den letzten Monaten vorging, lernen, wie 
es um so manches steht, wovon kritisierend in der Aufienwelt gespro- 
chen wird. Man hat oft das Urteil horen miissen, ein grofter Teil der 
Mitglieder hore nur auf das Urteil des einen, es beruhe alles auf blin- 
dem Vertrauen. - Wie weit es mit dem blinden Vertrauen ist, konnte 
sich in diesem Moment zeigen. 

Uber das, was von mir gesprochen wurde, konnte man horen: Der 
yerwendet seine okkulten Fahigkeiten dazu, sie zur Priifung der 
Wolffschen Telegramme zu vertrodeln. - Sonderbares Vertrauen von 
jemand, der in unserer Bewegung drinsteht, zu sagen, daft ich die 
Wahrheit des Wolffschen Telegraphenbiiros zugunsten der Feinde 
Deutschlands verwende! - Das ist nur ein Urteil aus unzahligen. Da 
sehen Sie, wie auch in Geisteswissenschaft das hereinspielt, was jetzt in 
Begierden und Leidenschaften die Welt durchf lutet. Das darf uns nicht 
abhalten, die Wahrheit zu ergriinden in bezug auf das, was jetzt zu 
betonen unsere Obliegenheit ist. Das werden Sie einsehen konnen. 

Im Grunde genommen war es immer so, wie es jetzt ist. Das, was 
jetzt gesagt wurde, ist immer gesagt und getan worden. Ich habe schon 
friiher betont, daft diese hier zur anthroposophischen Bewegung ge- 
wordene theosophische Bewegung sich nie in anderer Weise entwickeln 
wollte, als im geraden Fortgang mitteleuropaischer Kultur. Es hat sich 
nie darum gehandelt, sich von jemand ins Schlepptau nehmen zu lassen. 
Von englischer Seite faftte man, als man das bemerkte, gleich Mifi- 
trauen gegen diese Mitteleuropaer, die nicht die Nachbeter dessen wa- 
ren, was von britischer Theosophie gegeben wurde. Das Wahrheits- 
gefiihl muftte die britische Auffassung des Christus-Problems ableh- 
nen, sie war solcher Art, daft der Glaube entstehen konnte, Christus 
werde sich im physischen Leibe wiederverkorpern, weil man ein gei- 
stiges Kommen des Christus nicht verstehen konnte. Da zeigte sich die 
Unmoglichkeit des Zusammengehens der beiden Richtungen. In eng- 
lischen theosophischen Zeitschriften finden Sie jetzt Zuschriften von 



Mrs. Besant, die in jeder Weise die Welt der Theosophie aufruft, um 
gegen Deutschland zu wirken. Da finden Sie eine nachtragliche Erkla- 
rung dafiir, warum damals die deutsche theosophische Bewegung sich 
von der englischen lostrennen mufite. Mrs. Besant sagt: «. . . Jetzt, wenn 
ich ruck-warts blicke, im Lichte der deutschen Methoden, wie der 
Krieg sie uns offenbart, erkenne ich, dafi die langandauernden Bemii- 
hungen, die theosophische Organisation einzufangen und einen Deut- 
schen an ihre Spitze zu setzen - der Zorn gegen mich, als ich diese Be- 
miihungen vereitelte, die Klage, daft ich iiber den verstorbenen Konig 
Eduard VII. als den Beschiitzer des europaischen Friedens gesprochen 
hatte, statt dem Kaiser die Ehre zu geben -, dafi alles das ein Teil war 
der weit ausgebreiteten Kampagne gegen England, und daft die Mis- 
sionare Werkzeuge waren, geschickt gebraucht durch die deutschen 
Agenten hier» (in Indien), «um ihre Plane durchzusetzen. Wenn sie 
hatten verwandeln konnen die Theosophische Gesellschaft in Indien 
mit ihrer groften Anzahl von Verwaltungsbeamten in eine Waffe gegen 
die britische Regierung und sie dazu hatten erziehen konnen, empor- 
zuschauen zu Deutschland als zu ihrer geistigen Fuhrerin, statt einzu- 
stehen, wie sie es immer getan hat, fur den gleichwertigen Bund zweier 
freier Nationen: so hatte sie allmahlich ein Kanal fur Gift in Indien 
werden konnen. » 

[Lucke in der Nachschrift] Diese Personlichkeit ist darauf gekom- 
men, was ich damals wollte. - Da erkennen Sie die Ursachen, warum 
dieser Krieg zwischen Deutschland und England ausgebrochen ist. Sie 
konnen aber auch sehen, daft dem jetzigen Kampf unser auf das Spiri- 
tuelle bezuglicher vorangegangen ist. Mancherlei, was da geschehen 
muftte, wird man jetzt vielleicht anders verstehen. 

Das Beteuern von Okkultismus [?] ist ein zweischneidiges Schwert. 
Es mufi immer wieder gesagt werden, daft ein Wahrheitsgefiihl die See- 
len intensiv durchdringen mufi, welche durch Okkultismus Heil, und 
nicht Unheil in der Welt anrichten wollen. Wie das zusammenhangt, 
was in unsere Seele durch die Zeitereignisse dringen mufi, was wir als 
okkult Beflissene aus den Zeitereignissen lernen sollen, kann uns an 
dem Gedanken aufgehen: Wenn wieder Friede sein wird, werden in 
der Geisteswelt unverbrauchte Atherleiber sein, die Krafte herunter- 



bringen wollen. Aus den Seelen, die durch Geisteswissenschaft ange- 
regt sind, sollen auch Krafte hinaufgehen, sich mit den Kraften von 
oben zu verbinden, dann wird fur Fortschritt und Heil der Menschheit 
das, was Geisteswissenschaft sein kann, bedeutsam sein. Wenn wirk- 
lich recht viele Seelen, die in Wahrheit und Objektivitat das empfin- 
den, da sein werden, wenn viele Seelen mit Gedanken, die durch die 
spirituelle Weltauffassung angeregt sind, sich hinaufsehnen in die 
Geisteswelten, dann wird auch fixr diese Seelen das Schwierige unserer 
Zeit seinen Wert haben. Darum mochte ich auch heute den Zusammen- 
hang unseres geistigen Strebens zum Ausdruck bringen durch die Worte: 

Aus dem Mut der Kampfer, 
Aus dem Blut der Schlachten, 
Aus dem Leid Verlassener, 
Aus des Volkes Opfertaten 
Wird erwachsen Geistesfrucht - 
Lenken Seelen geist-bewufit 
Ihren Sinn ins Geisterreich. 



VIERTER VORTRAG 



Miinchen, 29. November 1915 



Es ist eine Zeit, in der das Todeserlebnis vom Gesichtspunkt des phy- 
sischen Planes vielfaltig im weiteren und im engeren Sinn vor unsere 
Seele tritt, tausendfaltig draufien in der Menschheit und auch in un- 
serem engeren Kreis, aus dem gerade im Laufe der letzten Jahre und 
auch Monate liebe Freundesseelen durch die Pforte des Todes gegan- 
gen sind. Da ist es vielleicht gerade naheliegend, diese Betrachtung, 
zu der wir hier in diesem Zweige uns verbunden fuhlen konnen, von 
gewissen Gesichtspunkten aus auf das Ratsel des Todes und mancher- 
lei, was damit zusammenhangt, zu lenken. Wir richten ja unsere be- 
trachtenden Blicke auf das Todesratsel nicht blofi aus dem Grunde, 
weil uns Neugierde oder Wifibegierde plagt, das zu erkennen, was 
mit dem Tode geheimnisvoll zusammenhangt, sondern weil wir nun 
schon aus den Anschauungen, die uns Geisteswissenschaft vermitteln 
kann, genugsam entnommen haben, wie mit dem Geheimnis des Todes, 
mit der Erkenntnis desselben, innig zusammenhangt das, was wir brau- 
chen an starkenden Kraften des Lebens, wie im Grunde genommen 
die Betrachtung des Todes die Kluft zwischen den beiden Welten - 
der Welt, die wir im Physischen durchleben, und der Welt des Gei- 
stigen - hinwegschafft. Haben wir uns doch oftmals klargemacht und 
mit Recht immer wieder und wiederum im Anblick konkreter Tode 
vor unsere Seele gerufen, wie diejenigen Seelen, die mit uns verbunden 
waren im physischen Leben, dies auch bleiben, nachdem sie durch die 
Pforte des Todes gegangen sind. Durfte ich doch im Zusammenhang 
damit auch schon in diesem Zweige es aussprechen, dafi es zu den star- 
kenden, kraftigenden Gedanken gehort, von denen wir uns tragen las- 
sen konnen, dafi wir Freundesseelen in den geistigen Welten haben, wel- 
che durch die Art und Weise, wie sie hier auf Erden mit unserer Sache 
verbunden waren, unsere treuen Heifer und Mitarbeiter werden und 
geworden sind. Betonen mufi man es doch, dafi wir nun schon ein- 
mal in einer Zeit leben, in der wir uns verpflichtet fuhlen, die Geistes- 
wissenschaft auszuarbeiten, in der aber dieser Geisteswissenschaft noch 



viel MifSverstandnis und aus dem Mifiverstandnis, dem Unverstand- 
nis hervorgehende Gegnerschaft entgegengebracht wird. Und manch- 
mal konnten Zweifel entstehen, ob gegeniiber der immer starker und 
starker werdenden Gegnerschaft - und sie wird wahrlich noch starkere 
Formen annehmen - dasjenige ausreichen kann, was uns an Kraften 
gegeben ist innerhalb der physischen Welt. Dann tritt eben gerade der 
starkende Gedanke em, dafi die mit unserer Arbeit treu verbundenen 
Freundesseelen, die vor uns hinweggegangen sind, die ungehemmt sind 
durch die Hindernisse, welche sich uns hier auf Erden noch entgegen- 
dammen, ihre Krafte mit den unseren vereinigen. Und aus solcher 
Oberzeugung heraus glauben wir an das Sieghafte, wenn auch langsam 
Heransiegende der geisteswissenschaftlichen Arbeit. 

Wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht, da ist es ja, ich 
mochte sagen, unserer Seele zunachst gelegen, zu erfahren, wie er, 
nachdem er seinen physischen Leib auf dem Schauplatz des Erdenseins 
zuriickgelassen hat, dann in die geistigen Welten, gewissermafien diese 
physischen Welten verlassend, hinansteigt. Wenn wir geisteswissen- 
schaftliche XJberzeugungen gewonnen haben, dann empfinden wir das 
Durchschreiten der Todespforte bei einem Menschen wie ein Verlas- 
sen der physischen Welt. Wenn nun der geistesforscherische Blick auf 
das Erlebnis des Todes gerichtet wird, das heifit auf das Hindurch- 
gehen eines Menschen durch die Todespforte, dann stellt sich diesem 
geistesforscherischen Blick allerdings die Sache etwas anders dar. 
Hauptsachlich kommt ja dabei das in Betracht, was der sogenannte 
Tote selber als Erlebnis hat, wie er in seinem Innersten das Durch- 
schreiten der Todespforte empfindet und erlebt, und wie es sich fur 
ihn dann weiter gestaltet zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. 
Und da mufi gesagt werden: Was durch die Todespforte schreitet, das 
ist, wie wir wissen, zunachst der Atherleib mit dem astralischen Leib 
und dem Ich. - Nun fiihlt aber der Tote, indem er in dieser Dreiheit 
seines Wesens zunachst die geistige Welt betritt, den Schauplatz der 
physischen Welt und darauf stehend diejenigen Menschen, mit denen 
er sich verbunden fuhlte im Leben, und auch alles das, womit er sich 
sonst verbunden gefiihlt hat, eigentlich so, als wenn ihn das alles ver- 
liefte, als wenn es sich unter ihm gewissermafien wegbewegte. Und dann 



fiihlt derjenige, der durch die Todespforte geschritten ist und sich 
einlebt mit seinem Atherleib in die atherische Welt, sich eins werdend 
mit dieser atherischen Welt. Und auch das wissen wir schon: Vor sei- 
nem Blick tritt eine Art Uberschau iiber das Erleben auf der Erde in 
der letzten Inkarnation auf. Dieses Erleben ist wirklich mit einer Art 
universellen Traumerlebens zu vergleichen. In wogenden, webenden 
Bildern, die vielsagend, vielbedeutend sind, lauft das Leben eben tage- 
lang ab. Man mochte sagen, es vergrofiert sich dieses Lebenspanorama, 
indem der Tote fiihlt : Bis dahin schaust du; dein Leben webt sich ab, 
flutet ab. Und jenseits dieses flutenden Lebens verlafit dich der Schau- 
platz, auf dem du bisher gestanden hast. 

Dieses ist ein ganz atherisches Erleben. Wahrend wir, wenn wir hier 
physisch-sinnlich erleben, auf das Feste, das Derbe mit unseren Sinnen 
auf stolen und genau wissen: das sinnlich Erlebte ist da draufien und 
wir erfiihlen uns in den Grenzen unserer Haut -, erlebt der durch 
die Todespforte Geschrittene sein Dasein und seinen Zusammenhang 
mit der Welt so, dafi er nicht in so starker Weise unterscheidet; er fiihlt 
gewissermafien das, was er als Lebenstableau hat, als ein Stuck seines 
Selbstes. Ja, es ist dieses Lebenstableau iiberhaupt zunachst seine Welt. 
Er iiberschaut das, was er durchlebt hat, in einem grofien Lebenspa- 
norama, als seine nachste Welt, in der er zunachst ist. Gewissermafien 
entsinkt ihm das irdische Dasein, und es prefit sich aus diesem entsin- 
kenden irdischen Dasein das heraus, was er seit seiner Geburt inner- 
halb dieses irdischen Daseins erlebt hat, und das lauft ab so wie ein 
machtiges, lebendiges intensiv lebendiges, nicht mit dumpfem Traum- 
bewufitsein, sondern mit deutlichem Bewufitsein durchzogenes Bilder- 
panorama, wobei eben nicht etwa blofi Bilder gesehen werden, sondern 
wobei alles das wieder auflebt, was wir auch in anderer Weise inner- 
halb des Lebens erfahren haben. Jedes einzelne Gesprach, das wir mit 
Menschen gehabt haben: wir horen es wieder; alles das, was wir mit 
Menschen zusammen erfahren haben, was wir ausgetauscht haben an 
Empfindungen mit ihnen: wir erfahren es wieder. Dadurch, dafi alles 
flutendes Leben ist, ist jener Lebensreichtum moglich, der, in einige 
Tage zusammengedrangt, eine vollige Oberschau - die eigentlich im- 
mer gleichzeitig vor uns ist - iiber das gibt, was wir in einem manchmal 



langen Erdenleben durchgemacht haben. Und wir machen es so durch, 
dafi wir dann wissen: Friiher, auf der Erde, hast du das so durchlebt, 
daft Erlebnis nach Erlebnis gekommen ist. Du hattest ein Erlebnis, 
standest drinnen in einem Lebenszusammenhang. Der flutete dahin, 
blieb zum Teil in deiner Erinnerung, wurde zum Teil vergessen. Dann 
trat Neues ein, und so setzte sich durch Jahre hindurch der Lebens- 
strom zusammen. Jetzt ist das alles gleichzeitig vor dem seelischen 
Auge stehend, und jetzt ist das alles, man mochte sagen, in dem zur 
Welt erweiterten Selbst drinnen. 

In diesen Tagen nach dem Tode unterscheidet man nicht Welt und 
Ich, sondern beide fliefien zusammen, und die Welt ist eben das Selbst- 
erlebte. Es ist sonst zunachst nichts da als das Selbsterlebte, in dem 
auch alles drinnen ist, was wir mit anderen Menschen im Erdendasein 
durchlebt haben. Und dann fiihlen wir, wie wenn das aufierlich athe- 
risch Stof fliche, das anfangs wie der Trager dieser Bilderwelt erscheint, 
von uns fortginge, und wie wenn diese Bilderwelt nicht mehr wie eine 
geschaute ware, sondern wie eine, die wir jetzt ganz und gar mit un- 
serem eigenen Wesen verbunden haben, die ganz und gar unser Inneres 
jetzt bildet. Und dadurch, dafi wir sie gleichsam in uns aufsaugen, 
sind wir in der Lage, wiederum die ubrige geistige Welt zu empf inden, 
zu erleben, mit unserem Bewulksein zu iiberschauen. 

Nun treten nach und nach in der ubrigen geistigen Welt die Men- 
schenseelen auf, die entweder vor uns durch die Pforte des Todes ge- 
gangen sind und nun auch da sind, oder die Menschenseelen, die noch 
unten sind im physischen Leib, im irdischen Dasein. Man schaut diese 
Menschenseelen von der geistigen Welt aus, indem man sie in ihrem 
Geistig-Seelischen schaut. Das Physische ist allerdings nur fiir phy- 
sische Organe wahrnehmbar, aber das Geistig-Seelische, das das Phy- 
sische auskleidet, ist dann auch im Menschen wiederum vor unserem 
Seelenblick aufsteigend. Wir fiihlen uns viel inniger mit all dem ver- 
bunden, was jetzt von uns erlebt wird, als wir uns verbunden fiihlen 
konnten da, wo doch eigentlich, namlich auf der Erde,. durch den 
physischen Leib trennende Schranken sind. 

Nur eben eines miissen wir immer festhalten: Die Worte, die ja 
alle fiir die Verhaltnisse des physischen Planes gepragt sind, miissen 



wir sorgfaltig wahlen, wenn wir das Geistige bezeichnen wollen, denn 
das Erleben in der geistigen Welt ist eben nun einmal ein viel intimeres 
als das Erleben hier auf dem physischen Plan. Wenn wir uns vergegen- 
wartigen, wie ein Gedanke, der ein Erlebtes darstellt, das lange hinter 
uns liegt, an dieses Erlebnis erinnernd wieder herauftaucht, wie dieser 
Gedanke aus uns selber heraufkommt, wenn wir uns das lebhaft vor- 
stellen und uns jetzt, ich mochte sagen, die Wirklichkeitsinhalte eines 
solchen schattenhaften Erinnerungserlebens denken, dann bekommen 
wir allmahlich eine Vorstellung, wie eigentlich die geistige Wirklich- 
keit vor uns auftritt, nachdem wir durch die Pforte des Todes geschrit- 
ten sind. Sie kommt ja in der Regel nicht so von auften an uns heran 
wie die Erlebnisse der physisch-sinnlichen Welt. Die Imaginationen 
kommen schon so herauf, nur mit unendlich viel grofierer Lebendig- 
keit als die Erinnerungsbilder, aber so, dafi wir unser Ich und die Ima- 
ginationen nicht so unterscheiden, wie wir uns hier unterscheiden von 
der Aufienwelt. Sie kommen aus uns herauf wie Erinnerungsbilder, 
aber so, dafi wir wissen: Das, was da am Horizonte unseres Bewufk- 
seins auf steigt, ist Realitat. Da steigt eine Imagination auf : wir wissen 
sie mit uns so verbunden wie hier auf dem physischen Plan das Erin- 
nerungsbild. Sie steigt auf mit aller Lebendigkeit. Wir wissen aber, 
wir sind mit ihr verbunden, unser Ich ist drinnen. So steigt die Seele 
auf warts, so fiihlen wir uns im Verein mit den Seelen und den Seelen- 
wesen der hoheren Hierarchien, die allmahlich da aufsteigen. Es 
kommt schon die geistige Welt, ich mochte sagen, aus dem unbestimm- 
ten Dammerdunkel an die eigene Seele heran, wie Erinnerungsbilder 
an sie herankommen, die in unserer Seele auftauchen. Nur dafi die 
Erinnerungsbilder eben ganz dammerig sind und nur ein aufieres Wirk- 
liches abbilden, wahrend die Imaginationen, die auftreten, dann zu 
sprechenden Imaginationen werden, indem sie sich wesenhaft ankiin- 
digen durch ihre im Geist sich enthullende Spfache, die dann fiir uns 
wird zur Offenbarung der Seelen, der Geister, mit denen wir weiter- 
hin in der mannigfaltigsten Weise warmer, inniger zusammen sind* als 
wir mit einem Menschen hier auf dem physischen Plan zusammen sein 
konnen. 

Man mul$ sich nun ganz besonders klarmachen, welche Bedeutung 



das allererste Erlebnis hat, das der Mensch durchmacht, wenn er durch 
die Pforte des Todes schreitet. Dieses Zuriickblicken auf das letzte 
Leben, das hat eine grofte, eine ungeheure Bedeutung fiir das ganze 
nunmehr folgende Erleben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, 
und wir konnen wis diese Bedeutung klarmachen, wenn wir daran 
denken, wie wir eigentlich zu unserem Ich-Bewulksein kommen in 
dem physischen Erdenleben; nicht zu unserem Ich, sondern zu unse- 
rem Ich-Bewulksein. Wie wir zum Ich kommen, wissen wir ja aus 
unserem geisteswissenschaftlichen Studium: Die Geister der Form ver- 
leihen uns dieses Ich, indem wir fortgeschritten sind vom Monden- 
dasein zum Erdendasein. Aber dieses Ich ist ja zunachst unterbewulk. 
Es wird bewufk dadurch, dafi es sich im physischen Leibe spiegelt. 
Wie spiegelt es sich hier auf dem physischen Plan? Nun, Sie wissen ja, 
schon im gewohnlichen Traumerlebnis konnen Sie es sehen: Das Ich 
wird seiner im Traumerlebnis nur sehr selten klar bewufit; es ver- 
schwimmt das Ich mit den Erlebnissen, mit den Bildern des Traumes, 
die auftauchen. Wodurch erleben wir wahrend des Tagwachens das 
Ich-Bewulksein? Machen Sie sich klar, wie eigentlich doch dieses Ich- 
Bewulksein zusammenhangt mit alien aufieren Wahrnehmungen und 
allem aufieren Erleben. Wenn wir mit der Hand so durch die Luft 
fahren, verspuren wir nichts. Im Augenblick, wo wir aufstofien, ver- 
spiiren wir etwas. Aber wir verspuren eigentlich das eigene Erlebnis, 
verspuren dasjenige, was wir durch unsere Finger erleben. Im Stolen 
an die Auftenwelt werden wir unser Ich gewahr. Und in anderem Sinn 
werden wir beim Aufwachen eigentlich dadurch unser Ich gewahr, dafi 
wir aus dem Schlafbewulksein heraus untertauchen in unseren phy- 
sischen Leib, zusammenstofien mit unserem physischen Leib. In diesem 
Zusammenstofien mit dem physischen Leib wird das Ich-Bewulksein 
eigentlich vor die Seele gerufen. 

Seien wir uns doch klar, dafi das Ich-Bewufksein nicht verwechselt 
werden darf mit dem Ich. Das Ich bleibt zunachst im Unterbewufitsein, 
konnte man sagen, unvollstandig. Wie das Ich wirklich ist, wird der 
Mensch erst wahrend der Vulkanzeit erf ahren. Aber das Ich erlangt das 
Erdenbewufksein dadurch, dafi es mit dem Astralleib untertaucht in den 
Atherleib und physischen Leib, zusammenstofk mit dem Atherleib und 



physischen Leib. Und in diesem Zusammenstofien mit dem Atherleib 
und physischen Leib wird das Ich seiner selbstgewahr: dadurch entsteht 
das Ich-Bewufitsein von dem Moment an, wo eben wirklich der phy- 
sische Leib so verhartet ist, dafi dieses Zusammenstofien stark genug 
ist, das heifit von einem gewissen Zeitpunkt der zarten Kindheit an, 
bis zu dem wir uns zuruckerinnern. 

Nun mufi auch die Seele im Leben zwischen dem Tod und einer 
neuen Geburt mit etwas zusammenstofien. Hier im physischen Leben 
stofk sie zusammen mit dem physischen Leib, der aus den physischen 
Kraften und Substanzen der aufieren Natur gegeben ist, um zum Ich- 
Bewufltsein zu kommen. Nach dem Tode, zwischen dem Tode und 
einer neuen Geburt, stofit die Seele, um also zu ihrem nunmehr gei- 
stigen Ich-Bewufitsein zu kommen, mit dem eigenen Leben zusammen, 
das sie in den Tagen, nachdem sie durch die Todespforte geschritten 
ist, eben geschaut hat und auf das sie immer wieder zuruckblickt. Erst 
stellt sich das Leben schauend dar, dann wird es Ruckblick, der im- 
mer da ist. Indem wir als geistiges Wesen, nachdem wir durch die To- 
despforte geschritten sind, im Strom der Zeit weiterleben und zuriick- 
blicken auf das, was wir unmittelbar in und mit dem Tod erlebt ha- 
ben, stoflt die weiterschreitende Seele immer im Ruckblick auf dieses 
Lebenspanorama, das man gehabt hat, das aber jetzt eben geistige Er- 
innerung bleibt. Und so wie das Ich durch seinen Zusammenstofi mit 
dem physischen Leib zu seinem Ich-Bewufksein hier entziindet wird, 
so wird das Ich-Bewufitsein nach dem Tode entziindet durch den auf 
das letzte Erdenleben aufstoftenden, riickschauenden Blick auf unser 
eigenes Leben. Indem wir auf dasselbe zuriickschauen, erleben wir 
dieses Ich-Bewufitsein zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Es 
ist anders, dieses Ich-Bewufitsein nach dem Tode, aber es ist keines- 
wegs etwa schwacher. 

Wie ist denn eigentlich dieses Ich-Bewufksein hier in der physi- 
schen Welt? Es ist so, dafi wir eigentlich hier in der physischen Welt, 
wenn wir unser Ich gewahr werden wollen, darauf angewiesen sind, 
dafi es uns durch anderes in unserem physischen Leib gezeigt wird. Es 
erscheint uns gleichsam aus dem Spiegel unseres physischen Leibes her- 
aus, dieses unser physisches Ich. Wir fiihlen uns recht passiv in der 



Erzeugung unseres Ich, zumindest wenn wir nicht gerade einer sol- 
chen Philosophic wie derjenigen Johann Gottlieb Fichtes nachleben. 
Dagegen, nachdem wir durch die Todespforte geschritten sind, fiihlen 
wir uns fortwahrend tatig. Wir geben uns gleichsam unser jetzt viel in- 
tensiveres Bewufitsein immer wieder und wiederum dadurch, daiS wir 
riickschauen auf unser eigenes Leben und mit dem Ich-Bewufksein 
das Bewufksein verbinden: Wir wollen uns, und wollen uns immer 
wiederum, und wir diirfen uns wollen, denn unverlierbar bleiben wir 
uns selbst dadurch, daft unausloschbar der Eindruck bleibt dessen, was 
wir einmal durchlebt haben. - Ich mochte mit diesen Worten gerade 
sehr deutlich das wiedergeben, was da im Ich-Bewufttsein zwischen 
dem Tod und einer neuen Geburt erlebt wird. Und ungleich dem Er- 
leben, dem Bewufttseinserleben hier auf dem physischen Plan ist das 
Bewufttseinserleben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Hier 
auf dem physischen Plan kann eigentlich niemand aus eigener Erfah- 
rung im normalen Bewufttsein zuriickschauen auf seine eigene Geburt. 
Seine Geburt kann jemand im eigenen Erleben mit normalem Bewuftt- 
sein nicht beobachten, das Erinnern fangt erst spater an. Ich habe auch 
hier schon einmal gesagt: Wenn die Leute nur auf Erfahrung, auf das 
Selbsterfahren etwas geben wollen im Leben, dann kann eigentlich 
niemand an seine eigene Geburt glauben, seine Geburt erlebt er im 
Grunde genommen hochstens, wenn er hellsichtig zuruckschaut. Wenn 
jemand sagt: Ich glaube nicht friiher an die geistige Welt, als bis ich 
sie selbst gesehen habe; dasjenige, was mir die Geisteswissenschaft sagt, 
das will ich nicht glauben, ich glaube nur das, was ich selbst gesehen 
habe -, dann kann man ihm im Grunde genommen antworten: Und 
deine eigene Geburt? Es scheint doch, als ob du glauben wiirdest, daft 
diese stattgefunden hat? Aber eine Erfahrung kannst du nicht gut da- 
von haben. - Man sieht daraus, wie sogar etwas ganz Bedeutungsvolles 
fur das Menschenleben nur aus einer Schluftfolgerung heraus fur das 
normale Bewufttsein eben bewuftt ist. Wir nehmen nur immer fur das 
normale Bewufttsein an, daft wir geboren sind, indem wir schlieften: 
Wir schauen gerade so aus wie die Menschen, von denen wir schon be- 
obachteten, daft sie geboren sind, also werden wir wohl auch geboren 
sein. - Aber es beruht nur auf einer Schluftfolgerung. 



Ganz anders ist dieses in der Zeit zwischen dem Tod und einer 
neuen Geburt. So wenig man im normalen Bewufksein auf die eigene 
Geburt zuriickschauen kann, so sehr schaut man mit diesem erinnerten 
Lebenspanorama immer den Moment seines Todes. Und so wahr als 
sich die Geburt ausloscht fiir das Erdenbewufksein, so wahr stent im 
ruckschauenden Bewufksein vor dem Seelenleben zwischen dem Tod 
und einer neuen Geburt immer das Ereignis des Todes, aber jetzt an- 
gesehen von der anderen Seite. Hier auf dem physischen Plan sieht ja 
der Mensch das Erlebnis des Todes nur von der einen Seite. Da hat es 
manche schauerliche Seite. Aber man darf nicht daraus schliefkn, es 
ware nun schrecklich, dafi der, welcher weiterlebt, immerdar zuriick- 
schauen miisse nach dem Todeserlebnis. Denn dieses ist von dort aus 
gesehen das schonste, grofke, bedeutsamste Erlebnis, das iiberhaupt eine 
Menschenseele haben kann, weil es immerdar in strahlender Weise 
zeigt, wie der Geist siegt iiber das materielle Dasein. Ein alles Be- 
wufksein Belebendes, Erhebendes und Erhohendes hat diese fort- 
dauernde Riickschau auf das Todeserlebnis. Vorzugsweise dieses To- 
deserlebnis ist es, durch das die Seele sich sagt: Ich lebe hier in der 
geistigen Welt, mit der geistigen Welt. - Dadurch, dafi die Seele die 
Kraft hat, sich dieses zu sagen, hat dieses Todeserlebnis fiir das nach 
dem Tode beginnende Leben eine ungeheure Bedeutung. 

Ich sagte: Der Mensch fiihlt, wie sein Leib und alles das, was auf 
der Erde da war, ihn verlafk, und er fiihlt, wie er jetzt durch innere 
Tatigkeit sein Bewufksein ausgleichen mufi, wie er fiir sein Bewufk- 
sein etwas leisten mufi, was er friiher fiir dasselbe durch das Werkzeug 
des Leibes geleistet bekommen hat. Ich kann ohne den Leib in mir be- 
wufk leben: die Moglichkeit, diesen Gedanken zu fassen, erzeugt eben 
ein viel starkeres Bewufksein, als man innerhalb des Erdenlebens es 
haben kann. Und diese Uberzeugung bringt uns der Tod bei, dafS man 
erfiihlen kann: Der Leib geht weg, aber jetzt beginnt eine Zeit, wo du 
nicht angewiesen bist, auf deinen Leib zu stolen, um dich als Ich zu 
fiihlen, jetzt beginnt eine Zeit, wo du gewissermafien die geistigen 
Krafte selber in deine Seelenhiille hineingiefiest, so dafi du dich fort- 
wahrend zum Bewufksein aufrufst. - Indem man erkennt, wie dieses 
Sich-zum-Bewufksein-Aufrufen da sein kann, wenn einem der Leib 



entrissen wird, hat man den Lebenseindruck des inneren Daseinsschaf- 
fens. Das beginnt mit dem Tode, wo man anfangen mufi, ohne den 
Leib sich als ein Ich zu erleben. Das ist der Ausgangspunkt, weiter ohne 
den Leib sich als ein Ich zu fiihlen, indem man ruckblickt auf das To- 
deserlebnis. Wenn der geistesforscherische Blick dadurch, dafi er die gei- 
stige Welt in sich aufleben lafit, es dahin bringt, dafi eben Seelen, die 
durch die Pforte des Todes gegangen sind, wie in dem Inneren auf dem 
Bewulkseinsfeld in den Imaginationen auftauchen, dann lernt man er- 
kennen, wie der Tote erlebt. Man lernt Unterschiede erkennen, die da 
auftreten. Man kann immer natiirlich nur einzelnes beschreiben. Einen 
solchen Unterschied wollen wir einmal ins Auge fassen. 

Man lernt erkennen, wie auf dem Schauplatz der Seelenbeobachtung 
nach dem Tode Menschenseelen auftreten. Von zweierlei Art sind diese 
Menschenseelen: solche Menschenseelen, die fruher schon eingetreten 
sind in die geistige Welt, vor unserem Tode, die wir also schon drinneh 
als entkorperte Seelen finden, und solche Seelen, die noch im Leibe 
verkorpert auf Erden sind. Auch diese, die noch auf Erden sind, sind 
wir imstande ebenso mitzuerleben, Indem der Schauplatz des irdi- 
schen Daseins von uns entschwindet, bleibt uns die Moglichkeit, mit 
dem, was seelisch war, uns noch verbunden zu wissen. Es entschwin- 
det uns nur das Physische, unsere Seele erweitert sich, vereinigt sich 
mit dem weiten All, und dadurch gerade ist die Moglichkeit gegeben, 
auch indem uns das Physische gleichsam enteilt, uns mit dem Seeli- 
schen noch verbunden zu wissen und es zu erleben. 

Aber es ist nun ein Unterschied zwischen dem Erleben der einen 
Seelenart und der anderen Seelenart. Wenn wir eine Menschenseele er- 
leben in der geistigen Welt, dann erleben wir sie ja natiirlich nicht so - 
man braucht das kaum zu sagen, aber diejenigen, die noch gar nichts be- 
griffen haben von dem Schauen in der geistigen Welt, glauben das -, 
dafi man ihr gegeniibertritt, wie man einem aufieren Wesen gegen- 
iibertritt; sondern man erlebt sie so, dafi man das Wesen im Bewufit- 
sein auftauchen fuhlt. Und nun haben wir bei einer Seele, welche schon 
entkorpert ist, die schon durch die Pforte des Todes gegangen ist und 
der wir begegnen, das innere Erlebnis, dafi sie da ist. Damit beginnt 
der Eindruck. Wir wissen: Da ist eine Seele. Aber wir miissen gleich- 



sam uns in sie hineinleben, hineinfiihlen. Wir miissen die Imagination 
so bekommen von ihr, dafi wir uns am Schaffen der Imagination be- 
teiligt fiihlen. 

Es ist wirklich so, dafi man die Sache in folgender Weise beschrei- 
ben mochte: Man fiihlt sich in der geistigen Welt. Es tritt das Bewufit- 
sein auf: Du bist jetzt nicht allein, eine Seele naht dir. — Nun ist es 
so, wie wenn man in der physischen Welt einen Gedanken unsichtbar 
in der Seele tragt. Man will ihn aber sichtbar machen. Da nimmt man 
eine Kreide und zeichnet den Gedanken auf, macht ein Bild davon. 
So ist es wirklich zunachst bei den Erlebnissen in der geistigen Welt. 
Man weifi: es ist ein reales Geistwesen da. Um die Seele zu sehen, mufi 
man erst mit ihr so in Beriihrung kommen, dafi man sie gleichsam als 
Imagination in den Geistraum hineinzeichnet. Das tut man auch, aber 
man weifi sich tatig im Schaffen der Imagination. Und wenn sie durch 
die Spharenmusik, durch die sie ihr Wesen zu unserem Wesen spre- 
chen lafit, so sprechen will, wie der Mensch hier durch seine Sprache 
seine Seele uns in der physischen Welt ankiindigt, wenn sie die Spharen- 
musik aus sich ertonen lafit, dann fiihlt man auch, dafi man nicht 
passiv bleiben kann. Wenn Sie die Sprache eines Menschen horen und 
Sie wollen nicht dabei denken, so brauchen Sie sie nicht zu verstehen. 
Mittun mufi man, wenn man sie verstehen will. So mufi man iiberall 
hier auch mittun. Man lebt sich so zusammen, aktiv, tatig; man weifi, 
dafi man jedes Stuck der Erscheinung des Wesens einer Seele, das man 
so vor sich haben kann, miterzeugen mufi als Erscheinung. Die Erschei- 
nung erzeugt man, nicht das Wesen. Es wird dann auch der Fall ein- 
treten, wo man sich nicht so stark tatig fiihlt, dafi man weifi: Jetzt ist 
eine Menschenseele da. Aber diese drangt durch sich, ohne daft wir so 
stark uns beteiligen wie in dem eben beschriebenen Fall, zur Imagina- 
tion. Die Imagination entsteht mehr durch sich selbst vor uns. Dann 
stehen wir einer Seele gegenuber, die noch auf Erden verkorpert ist. 
Und indem der Mensch durch die Pforte des Todes geschritten ist und 
allmahlich in der geistigen Welt weiterlebt, lernt er an dieser Art und 
Weise, wie er sich zu den Seelen stellt, die Unterschiede zwischen Seelen 
kennen, die er eben in der geistigen Welt trifft, und solchen, die er sich 
auf die Erde versetzt zu denken hat. 



Damit habe ich einen der Unterschiede angegeben, wie im unmittel- 
baren Erleben die Erfahrungen sich abspielen, die man in der geistigen 
Welt macht. Und so sind auch Erlebnisse, innere Erlebnisse notwen- 
dig zu unterscheiden, ob man nun Menschenseelen erlebt, oder ob man 
die Seelen der Wesen der hoheren Hierarchien erlebt. Fassen Sie das, 
was ich Ihnen beschrieben habe, als Erlebnis von Menschenseelen ein- 
mal auf. Ich sagte: Man erlebt Menschenseelen entweder so, dafi man 
die Imaginationen schafft oder nachschafft, oder indem sie sich mehr 
oder weniger selbst erschaffen. Dann aber kann das Erlebnis auch so 
sein: Man weift, ein Wesen ist da. Dieses Wesen mufi auch als Imagi- 
nation, es mufi auch im Erlebnis vor uns stehen, wenn wir mit ihm 
so recht zusammensein wollen. Aber es wird uns nicht in derselben 
Weise unmittelbar moglich sein, die Imagination zu erzeugen, wie in 
den eben beschriebenen Fallen, wo sie sich im einen Fall sogar von 
selbst aufbaut. Wir miissen, indem wir eben das Erlebnis haben: Ein 
Wesen ist da noch etwas ganz anderes in uns entwickeln. Wir miissen 
die Empfindung in uns entwickeln: Wir lassen dieses Wesen in uns 
schaffen. Wir geben unsere Krafte her, damit die Krafte dieses We- 
sens selber hereinstromen. - Wahrend wir also bei der Menschenseele 
uns selber als schaf fend in der Imagination fiihlen, fiihlen wir bei We- 
sen der hoheren Hierarchien, der Angeloi, der Archangeloi, wie diese 
Wesen in uns die Imagination schaffen. Und so leben wir uns allmah- 
lich in dieses Miterfahren der geistigen Welt hinein. 

Wir wissen ja auch, dafi im Konkreten dieses Miterfahren so ge- 
schieht, dafi durch eine lange Reihe von Jahren hindurch - wir haben 
ihre Lange im Verhaltnis zum letzten Erdenleben schon ofter betrach- 
tet - das Leben wieder rikkwarts durchlauf en wird. Erst haben wir ein 
paar Tage das Lebenspanorama, dann beginnen wir zuriickzuerleben 
das Erdenleben, aber in anderer Art, als wir es hier erlebt haben zwi- 
schen der Geburt und dem Tod. Wir erleben das letzte zuerst, das, was 
wir vorher erlebt haben, erleben wir dann, und so zuriick im Geist bis 
zu der Geburt. Wir erleben es so, daft wir unser Leben ansehen, aber 
von der anderen Seite jetzt. Ich kann sagen, dafi wir es ansehen von 
der Seite der Wirkungen. Nehmen wir etwas Grobes an, ich habe 
irgendeinmal im Leben einem Menschen gesagt: Du bist ein unedler 



Mensch oder ich habe ihn in irgendeiner Weise verletzt. Da habe ich 
etwas erlebt wahrend des Lebens. Was ich erlebt habe, ist etwas an- 
deres, als was er erlebt hat. Das verletzte Gefiihl, das Gekranktsein, den 
Schmerz, das Leid hatte er erlebt. Jetzt im Durchleben nach dem Tode 
in der seelischen Welt erlebt man selber das, was man getan, in seinen 
Wirkungen. Das Leid, das der andere gehabt hat, indem wir ihn be- 
schimpft haben, dieses Leid, diesen Schmerz erleben wir selbst an uns. 
Die Wirkungen unserer Taten im anderen Wesen erleben wir, indem 
wir so zurikkleben. Wir bekommen eine gewisse Anschauung von die- 
sem Erleben nach dem Tode, wenn wir den Blick auf etwas richten, 
was sich dem Geistesforscher enthiillen kann als ein Zusammenhang 
dieses Erlebens nach dem Tode mit dem Erleben hier in der physischen 
Welt. 

Was ich jetzt bespreche, ist etwas, das uns so recht darauf auf- 
merksam machen kann, wie der Geistesforscher nach und nach zu 
seinen Ergebnissen kommt, und wie es ein Vorurteil ist, wenn man 
meint, irgend jemand, der die Schwelle zur geistigen Welt iibertreten 
hat, kenne nun die geistige Welt aus eigener Anschauung, und jetzt 
konne man ihn alles fragen. Wir miissen es ja immer wieder und wie- 
derum erleben, wenn der Geistesforscher iiber dieses und jenes spricht, 
namentlich in der Offentlichkeit, und man — wie es ja von gewissen 
Gesichtspunkten aus ganz wiinschenswert erscheinen kann — , eine Fra- 
genbeantwortung gibt, wie iiber alle Dinge im Himmel und auf Erden 
und der ganzen Unendlichkeit gefragt wird, indem man voraussetzt: 
Wer iiberhaupt in die geistige Welt hineinschaut, der weift nun schon 
alles, alles, was man iiberhaupt da wissen kann. - Das ist ungefahr 
gerade so gescheit, wie wenn jemand hier sagen<.wurde: Du hast ja 
Augen, du kennst Miinchen, also beschreibe mir Kalifornien! — Es ist 
wirklich in der geistigen Welt ganz genau so, dafi man Schritt fur 
Schritt sich das aneignen mufi, was aus der geistigen Welt heraus ge- 
fafit werden soli, und es ist Naivitat, wenn man glaubt, dafi dort nicht 
auch alles erst Schritt fur Schritt angeschaut werden mufi. Nun ist es 
in der geistigen Welt noch anders als hier in der physischen Welt. Hier 
in der physischen Welt, wenn man also, ich will sagen, noch niemals in 
Heidelberg war und nun Heidelberg beschreiben will, so fahrt man 



hin, nicht wahr, man setzt sich in Bewegung. In der geistigen Welt 
mussen die Dinge zu uns kommen, da miissen wir in der Seele die 
Wartekraft, die innere Erlebekraft entwickeln. Die Dinge treten in 
unseren Gesichtskreis herein, wenn wir uns fahig dazu gemacht haben. 
Das Heidelberg der geistigen Welt mufi zu uns kommen, wir mussen 
unsere Seele bereitmachen dazu. Es ist immer in gewissem Sinn von 
dem abhangig, womit wir begnadet werden, ob wir iiber dieses und 
jenes in der geistigen Welt etwas erfahren konnen. So kann der Geistes- 
forscher nach und nach iiber die Geheimnisse der geistigen Welt ja 
unterrichtet werden. 

Nun mochte ich von einem gewissen Gesichtspunkt aus ein geistes- 
forscherisches Ergebnis heute besprechen, das ich noch nicht von die- 
sem Gesichtspunkt aus hier besprochen habe. Wenn man, nachdem 
man gewisse innere, also geistige Beobachtungskrafte sich erschlossen 
hat, das seelische Erleben des Menschen beobachtet, wie er zwischen 
Einschlafen und Aufwachen in der geistigen Welt ist, wenn man da 
den schlafenden Menschen als Seele beobachtet, wie er aufierhalb seines 
physischen Leibes ist - man lernt mancherlei kennen, aber man mufi 
von einem gewissen Gesichtspunkt aus hinschauen lernen, wenn man 
gerade etwas erfassen will -, dann merkt man, dafi der Mensch im 
Schlaf in seiner Seele eigentlich fortwahrend tatig ist, viel tatiger als 
wahrend des Wachens. Wahrend des Wachens bedient sich der Mensch 
dessen, was sein Leib an Tatigkeit entwickelt, und in das versetzt er 
sich hinein als Seele, darin lebt er. Im Schlaf dagegen lebt er in seiner 
eigenen Tatigkeit. Und wenn man dies verfolgt, so findet man, dafi 
der Mensch im Schlaf auf andere Art noch einmal das durchlebt, was 
er in der physischen Welt vom Aufwachen bis zum Einschlafen durch- 
lebt hat. Nehmen wir an, ich habe irgend etwas getan, habe dieses oder 
jenes gelesen: im Schlaf erlebe ich das ganze Lesen wieder, ich gehe 
alles wieder durch. Wir haben nur heute noch kein solches Bewufit- 
sein im normalen Leben, dafi dieses auch Ich-bewufit wird, aber des- 
halb spielt es sich dennoch in der Seele ab, zwar nur dumpf, aber es 
geht dahin, dafi die Seele eigentlich nun dasjenige tatig verarbeitet, 
was sie am Tag erlebt hat. Umgestaltet werden die Gedanken so, wie 
sie uns fruchtbar werden konnen in der Seele. Wir verarbeiten als 



Lebensfriichte das, was wir am Tag uns erarbeitet haben. Immer tatig 
die Lebensfriichte, die Lebensergebnisse uns einarbeiten: das ist das- 
jenige, was wir wahrend des Schlafes tun. 

Dann kann der Geistesforscher etwas entdecken. Wenn er dieses 
Schlaferlebnis, das der Mensch hier hat, vergleicht mit den Erlebnis- 
sen, die der Mensch nun in den Jahren oder Jahrzehnten hat, nachdem 
er durch die Todespforte geschritten ist und so riickwarts sein Leben 
durchwandert, da ist es interessant, dafi der Mensch sein Leben so 
durchwandert, dafi er eigentlich die Nachte durchlebt, nicht die Tage. 
Wie er in jeder Nacht zuriickgeblickt hat auf den Tag, das erlebt er 
jetzt in der Seelenwelt. Es ist dasselbe, was man im wachen Bewufit- 
sein erlebt hat, aber vom Schlaf aus gesehen. Das erleben wir so, dafi 
es sehr merkwiirdig ist. Man denkt ja dariiber meistens nicht nach, 
aber eigentlich erstreckt sich unsere Erinnerung hier im physischen 
Leben nur iiber die Tageserlebnisse. Wir erinnern uns an das, was wir 
im Wachbewufitsein haben. Jetzt, nach dem Tode, erinnern wir uns 
gerade an das, was wir in den Nachten wiedererlebt haben, was wir 
im Erdenleben durchgemacht hatten. Da tritt die bewufite Erinnerung 
an die Nachterlebnisse auf. Das habe ich fruher nicht so deutlich aus- 
gesprochen, einfach deshalb nicht, weil ich es nicht gewufit habe. 
Solche Dinge ergeben sich einem in einem aufeinanderfolgenden Gei- 
stesforschen. 

Aber eines tritt uns da zutage, was wichtig ist, wichtig fur das Be- 
wulksein, das wir in uns erzeugen sollen in unserem gemeinschaftli- 
chen Arbeiten in den Zweigen. Ich habe fruher - Sie konnen das nach- 
lesen — von einem anderen Gesichtspunkt aus aufmerksam gemacht 
auf die Tatsache, dafi d
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