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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER
KOSMISCHE UND MENSCHLICHE GESCHICHTE
Band I Das Ratsel des Menschen. Die geistigen Hintergriinde der
menschlichen Geschichte
15 Vortrage, gehalten in Dornach vom 29. Juli bis 3. September 1916
Bibliographie-Nr. 170.
Band II Innere Entwicklungsimpulse der Menschheit. Goethe und
die Krisis des neunzehnten Jahrhunderts
16 Vortrage, gehalten in Dornach vom 16. September bis 30. Okt. 1916
Bibliographie-Nr. 171.
Band III Das Karma des Berufes des Menschen in Ankniipfung an
Goethes Leben
10 Vortrage, gehalten in Dornach vom 4. bis 27. November 1916
Bibliographie-Nr. 172.
Band IV Zeitgeschichtliche Betrachtungen - Erster Teil
13 Vortrage, gehalten in Dornach vom 4. bis 31. Dezember und in Basel
am 21. Dezember 1916
Bibliographie-Nr. 173.
Band V Zeitgeschichtliche Betrachtungen - Zweiter Teil
12 Vortrage, gehalten in Dornach vom 1. bis 30. Januar 1917
Bibliographie-Nr. 174.
Band VI Mitteleuropa zwischen Ost und West
12 Vortrage, gehalten in Miinchen am 13. Sept., 3. Dez. 1914, 23. Marz,
29. Nov. 1915, 18., 20. Marz 1916, 19., 20. Mai 1917, 14., 17. Februar,
2., 4. Mai 1918
Bibliographie-Nr. 174 a.
Band VII Die geistigen Hintergriinde des ersten Weltkrieges
16 Vortrage, gehalten in Stuttgart am 30. Sept. 1914, 13., 14. Februar,
22.-24. Nov. 1915, 12., 15. Marz 1916, 11., 13., 15. Mai 1917, 23., 24.
Februar, 23., 26. April 1918, 21. Marz 1921
Bibliographie-Nr, 174 b.
RUDOLF STEINER
Mitteleuropa
zwischen Ost und West
Kosmische und menschliche Geschichte
Sechster Band
Zwdlf Vortrage, gehalten in Miinchen
zwischen dem 13. September 1914 und dem 4. Mai 1918
1982
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgten H. v. Wartburg und R. Friedenthal
1 . Auflage in dieser Zusammenstellung
Gesamtausgabe Dornach 1971
2. Auflage, neu durchgesehen
(photomechanischer Nachdruck)
Gesamtausgabe Dornach 1982
Einzelausgaben und Abdrucke in Zeitschriften
siehe zu Beginn der Hinweise
Bibliographie-Nr. 174 a
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
©1971 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Switzerland by Schuler AG, Biel
ISBN 3-7274-1741-2
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft
bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und ver-
offentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900-1924 zahl-
reiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur die Mitglieder
der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst
wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht
schriftlich festgehalten wiirden, da sie als «mundliche, nicht zum Druck
bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend un-
vollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbrei-
tet wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit die-
ser Aufgabe betraute er Marie Steiner- von Si vers. Ihr oblag die Bestim-
mung der Stenographierenden, die Verwaltung der Nachschriften und
die fur die Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf
Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften
selbst korrigieren konnte, muft gegeniiber alien Vortragsveroffentlichun-
gen sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenom-
men werden mussen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen
sich Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur als
interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen
Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein
Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am Schlufi
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermafien auch
fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen begrenz-
ten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmer-
kreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi ihren
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe be-
gonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Gesamt-
ausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den Text-
unterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
ERSTER VORTRAG, Miinchen, 13. September 1914
Die geistigen Hintergriinde des Kriegsausbruchs. Das Ereignis von
Sarajewo. Franz Ferdinand nach dem Tode. Unwirkliche Beurteilung
der Zeitlage durch prominente Politiker. Die «Ratsel der Philosophies
Der Dornacher Bau. Kanonendonner vom Elsafi. «Die Weisheit ist
nur in der Wahrheit». Aufsatz von Robert Michel. Die Kriege von
1866 und 1870/71. Der Krieg als Opfer und als Lehrmeister zur Selbst-
losigkeit. Wir suchen die bruderliche Vereinigung derer, die sich im
Kriege bekampfen. Mantrische Spriiche fiir die Verbindung mit Kamp-
fenden und Gefallenen. Einschneidende Ereignisse: Die punischen
Kriege, die Volkerwanderung, der gegenwartige Krieg.
ZWEITER VORTRAG, 3. Dezember 1914
Die Verbindung des einzelnen Menschen mit den Volksseelen im
Wachen und im Schlafen. Die Eigenart der franzosischen, der italieni-
schen und der russischen Volksseele. Michaels Bedeutung fiir das
Erscheinen des Christus im Atherischen. Umkehrung der Kriegs-
konstellation im Geistigen. Verheerende Wirkung von nicht zum
Bewufksein kommenden Imaginationen. Der Zusammenhang des
deutschen Okkultismus mit dem geistigen Leben des deutschen Volkes.
Gegensatz zwischen deutschem und britischem Okkultismus.
DRITTER VORTRAG, 23. Marz 1915
Spriiche fiir verstorbene Freunde. Die Bedeutung des Todesaugen-
blickes fiir das Leben zwischen Tod und neuer Geburt. Die Verschie-
denheit der europaischen Volker - ihre Aufgaben und Schicksale. Das
Wirken geistiger Machte im Hintergrund der Kriegsereignisse. Die
Trennung von der Theosophischen Gesellschaft im Zusammenhang
mit dem Krieg zwischen England und Deutschland.
VlERTER VORTRAG, 29. November 1915
Verstorbene als Heifer fiir die anthroposophische Arbeit. Seelen-
erlebnisse nach dem Tode. Nachtodliches Ich-Bewufltsein durch den
Riickblick auf das vergangene Leben. Das Riickwartsdurchlaufen der
Schlaferlebnisse unmittelbar nach dem Tode. Das Wirken der friih
Gestorbenen in der geistigen Welt.
FUNFTER VORTRAG, 18. Marz 1916
Verleumdungen Mrs. Besants. Aufgaben des fiinften und des sechsten
Kulturzeitraums. Das Wesen des russischen Menschen. Ost- und
Westeuropa. Mitteleuropa und der neuzeitliche Okkultismus. Ziel
westlicher Orden: Verbindimg zwischen Ost- und Westeuropa unter
Ausschaltung des mitteleuropaischen Geisteslebens. H. P. Blavatsky.
Benutzung ihrer okkulten Fahigkeiten fiir politische Ziele des Westens.
Die «Prophezeihungen» der Mme de Thebes. Die Ermordung von
Jaures. Westeuropaische Freimaurerei und russische Geheimbiinde.
SECHSTER VORTRAG, 20. Marz 1916 129
Die Entstehung des physischen Leibes. Der Zusammenhang unseres
Atherleibes mit dem Tierreich, unseres Astralleibes mit dem Pflanzen-
reich. Das Erahnen solcherZusammenhange durchOken und Schelling.
Die Arbeit der Hierarchien an unseren Wesensgliedern. Geisteswissen-
schaftliches Denken und lebenspraktischer Sinn: Karl Christian Planck.
Alte Weisheit in einem Bild von Meister Bertram. «Die Briider Kara-
masow» von Dostojewskij. Krapotkin.
Siebenter Vortrag, 19. Mai 1917 155
Die Bedeutung der vierten Epoche in der nachatlantischen Zeit, der
funften Epoche in der atlantischen Zeit. Das Jiingerwerden der
Menschheit. Stehenbleiben der Menschen auf der Stufe des Sieben-
undzwanzigjahrigen: Rudolf Eucken und Woodrow Wilson. Lebens-
praktische Erkenntnisse durch die Geisteswissenschaft. Gedenken an
Verstorbene: Ludwig Deinhard und Professor Sachs. Hereinragen des
Personlichen in die Gesellschaft. Verleumdungen, Cliquenwirtschaft.
Konsequenz: Einschrankung von Privatgesprachen.
Achter Vortrag, 20. Mai 1917 176
Notwendigkeit der Entfaltung innerer Seelenkrafte. Mutlosigkeit ge-
geniiber Neuem, Festhalten an Vergangenem, Beispiel Maurice Barres.
Verzerrung der Ideen der Franzosischen Revolution durch blofi theo-
retische Auffassung. Giiltigkeit der Ideen von Braderlichkeit, Freiheit,
Gleichheit fiir den Leib, die Seele, den Geist. Abschaffung des Geistes
durch das Konzil von 869. Zukiinftige Abschaffung der Seele durch
bestimmte Medizinen. Verwirrung in der Auffassung des Christus-
Impulses. Adolf Harnack. Die erzwungene Einweihung der romischen
Casaren. Dermangelnde Denkwille unsererZeit. UnrichtigerVergleich
zwischen Staat und Organismus beiiKjellen. Schadigung der Geistes-
wissenschaft durch Hineintragen von Personlichem in die Gesellschaft.
Neunter Vortrag, 14. Februar 1918 199
Geisteswissenschaft heute. Schlafen und Wachen in bezug auf Denken,
Fiihlen und Wollen. Umkehrung der Bewufitseinsverhaltnisse im
nachtodlichen Leben. Impulse des Geschichtslebens werden traumhaft
erlebt. Falsche Vorstellungen in bezug auf Vergangenheit und Zukunft
bei den Historikern. Verkehr mit den Verstorbenen. Verkriippeltes
Denken. Aufmerksames und intensiv bildhaftes Denken im Verkehr
mit Verstorbenen. Jung und alt Verstorbene. Geisteswissenschaft wirkt
auf Gefuhl und Willen.
ZEHNTER VORTRAG, 17. Februar 1918 221
1st unsere Zeit spirituell oder materialistisch? Die Aufgabe der ahri-
manischen Wesen und der Erzengel. Der geistige Kampf Michaels.
Spiegelung der Ereignisse vor und nach 1879: 1844 - 1879 - 1914.
Marz 1917. Plotzlicher Tod, Krankheitstod. Die vierziger Jahre des
19. Jahrhunderts. Das Mysterium von Golgatha. Der Volksseelen-
Zyklus. Alexander Moszkowski's «Sokrates, der Idiot». Jesus als
Kr anker.
ELFTER VORTRAG, 2. Mai 1918 242
Wachsende Feindschaft gegen die Anthroposophie vonseiten der Ver-
treter der Religionen. «Christus im Innern»: Verwechslung von Chri-
sms mit dem Engel. «Gott» und «Geist» im Worterbuch. Mauthner
und Boll. Menschen konnen nicht mehr alt werden. Begabtenpriifun-
gen, Intelligenztests. Haupt und Gliedmafien. Das Wirken der Volks-
seelen durch die verschiedenen Elemente.
ZWOLFTER VORTRAG, 4. Mai 1918 265
Charakterisierung der Zeittendenzen: Borniertheit im Denken, Phiii-
strositat im Fiihlen, Ungeschicklichkeit im Wollen. Das Schicksal
Johann Heinrich Lamberts. Weitung des Erlebens durch die Beachtung
der Weltenrhythmen. Lloyd George als Reprasentant unserer Zeit.
Alte Spiritualitat bei Rabindranath Tagore. Ansatze zu neuer Spiritua-
litat im deutschen Geistesleben. President Wilson als Reprasentant der
amerikanischen Geistesart. Stumpfheit vieler Menschen nach dem
siebenundzwanzigsten Lebensjahr. Chaotisches Heraufdammern realer
Geist-Erkenntnisse bei Otto Weininger. Imagination, Inspiration und
Intuition im nachtodiichen Leben. Der Nachahmungstrieb als Fort-
setzung der vorgeburtlichen Seelenhaltung. Das Mitwirken der Ver-
storbenen bei der Bewaltigung der grofien Lebensfragen.
Hinweise 289
Personenregister 303
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 305
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 307
ERSTER VORTRAG
Miinchen, 13. September 1914
Es ist zu meiner tiefen Befriedigung, daft es das Karma so gebracht hat,
daft wir an diesem Abend zusammensein und einige Worte sprechen
konnen in dieser ernsten Zeit. Vor allem aber wollen wir in diesem
Augenblick gedenken derer, die draufien stehen, ihren Mut, ihr Leben,
ihr Blut zum Opfer bringen fur die Aufgaben, die diese ganz aufter-
ordentliche Zeit an den Menschen stellt. Unsere liebenden, um Hilfe
bittenden Gedanken wollen wir richten an diejenigen in erster Linie,
die mit uns oftmals zusammengesessen haben in unseren gemeinsamen
Betrachtungen und die jetzt draufien stehen und in unmittelbarer
Weise teilzunehmen haben an den groften Ereignissen, die jetzt da sind,
Volker- und Menschenkarma zur Entwickelung bringend. An diese
zunachst, die mit uns verbunden sind, und dann im weiteren Sinn an
all die anderen. Dann wollen wir Ausblick hegen in einer gewissen
Weise auf die engeren Bande und die weitesten Bande, die wir auch
sonst auf dem Felde unserer geistigen Stromung suchen und die sich
kniipfen von jeder Seele zu jeder Seele, die da aufgerufen ist von den
groften Ereignissen. So richten wir unsere liebenden, bittenden Ge-
danken auch auf die, die drauften im Felde stehen und zum Zeichen,
daft wir mit ihnen verbunden sind, wollen wir uns von unseren Sitzen
erheben und ihrer in folgenden Worten gedenken:
Geister Eurer Seelen, wirkende Wachter,
Eure Schwingen mogen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Erdenmenschen,
Daft, mit Eurer Macht geeint,
Unsere Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht!
Und hinaussenden zu euch wollen wir unsere liebenden Gedanken, daft
Er mit euch sei, der Heifer, der Christus, den wir suchen, der Chri-
stus, der die Seelen in unserer Zeit aufrufen mull, um in Disharmonie
die Harmonie zu suchen, dafi Er die Seelen, denen Er Schmerz zu-
fiigen mufi, sicher auch fiihren wird zu jener Erlosung, die ihnen notig
ist, damit der Sinn erfullt wird, der da vorgezeichnet ist dem Men-
schen- und Volkskarma: Mit euch, ihr Seelen, wollen wir geeint sein
in dem Zeichen, das uns verbindet mit dem alleinenden Erdengeist,
dem Christus.
Lange voraussehen konnte man dasjenige, was jetzt scheinbar so
iiberraschend hereingebrochen ist iiber die, man mufi ja wohl sagen,
Erdenmenschheit. So uberraschend ist es hereingebrochen, weil mit-
gewirkt haben bei diesem Ereignis auch, man darf schon sagen, okkulte
Ursachen, die sich eigentlich erst seit dem 28. Juni allmahlich nach
und nach gezeigt haben. Wirklich konnte man gerade in unserer Zeit
so recht sehen, wie man auch den geistigen Welten gegeniiber immer
Neues erkennen kann. Ich kann dasjenige, was ich hier meine, eigent-
lich nur mit ein paar Worten andeuten. Als ich zuriickkehrte im Juli
aus Schweden von dem Norrkopinger Vortragszyklus, da mufite ich
jemanden, der in einem gewissen Sinn verbunden ist mit den gegenwar-
tigen Ereignissen, aufmerksam machen darauf, wie das Ereignis von
Sarajewo fur den Okkultisten ganz merkwurdige Folgen gezeigt hat,
wie es ein aufierliches Symptom war, und wie merkwtirdig anders sich
dieser Tote verhalten hat als alle anderen Toten, die man beobachten
konnte auf dem okkulten Felde friiher. Und so hat sich denn eigent-
lich auch im okkulten Hintergrunde der irdischen Ereignisse recht
schnell das abgespielt, was ja dann auch auf dem aufieren physischen
Plan mit so furchtbar schnellen Schritten in den letzten Julitagen und
ersten Augusttagen hereingebrochen ist. Es hat aber auch ganz gewifi
in den Seelen derer, die dem geistigen Leben in der letzten Zeit fern
gestanden haben, manche Ahnungen, manche bestimmte Empfindun-
gen fur eine geistige Welt, fur das Vorhandensein einer geistigen Welt
gezeitigt. Ungeheuer, darf man sagen, und unvergleichlich sind die
Erlebnisse, die die Erdenmenschheit jetzt durchmacht.
Wenn ich, meine lieben Freunde, als erstes ein Wort an Sie richten
mochte, so sei es dieses, dafi ich es ankniipfen mochte an manche Be-
merkung, die oft und oft in den letzten Jahren innerhalb unserer gei-
steswissenschaftlichen Betrachtung gemacht worden ist. Was soli uns
denn der Zusammenhang mit dem geistigen Leben in tiefster Seele
sein, den wir suchen? Sicherheit und innere Kraft soil er uns geben,
Sicherheit dariiber, dafi es in allem Wandel der Zeiten, Wandel der
Ereignisse Festes gibt, an das man sich halten kann. Und in solchen
Zeiten wie diesen soli in unsere Seelen etwas anderes einziehen kon-
nen von dem Glauben an die Unbesieglichkeit des geistigen Lebens
und seiner Aufgabe, und wir sollen verbinden lemen mit den aufieren
Ereignissen des Tages diesen Glauben an den Sieg und die Sieghaftig-
keit des Geistes.
In den ersten Augusttagen, als so nach und nach von den verschie-
densten, man mochte sagen, Weltrichtungen her die Stiirme der Kriegs-
erklarungen kamen, mufite ich mich an Worte erinnern, die gesprochen
worden sind in der letzten Zeit, Worte, die sich einem gerade jetzt tief
eingraben konnen, und die das, was ich eben jetzt gesagt habe, im
Grunde genommen uns doch recht, recht nahelegen. Eine wichtige
Personlichkeit hat wenige Wochen vor Kriegsausbruch etwa das Fol-
gende an einer bedeutungsvollen Stelle gesagt: Mit alien Machten ste-
hen wir in dem freundschaftlichsten Einvernehmen. Wir haben uns
auseinandergesetzt, nachdem im Fruhling dieses Jahres die Presse-
treibereien in Rufiland losgegangen waren und auch in den deutschen
und in den Wiener Zeitungen Widerhall gefunden haben; auf Presse-
treibereien ist nicht zu achten und an dem altfreundschaftlichen, nach-
barlichen Verhaltnis ist festzuhalten. - Ein Wort, das auch zu denken
gibt, ist gesprochen worden im Juni: Die allgemeine Entspannung hat
Fortschritte gemacht — , und ein anderes Wort derselben Rede: Die
Verhandlungen mit England sind noch nicht abgeschlossen, werden
aber in dem freundschaftlichen Geist gefiihrt, der sonst in unseren
Beziehungen zu Grofibritannien herrscht. - Man denke: jetzt! Man
denke daran, wie wandelbar in der physischen Welt dasjenige ist, was
der Mensch heute glaubt, und was er genotigt ist durch den Gang der
Ereignisse, schon in den nachsten Wochen mitanzusehen. Man ver-
gegenwartige sich das Wogen, Treiben, Wanken, Stiirmen der Ereig-
nisse auf dem physischen Plan, man vergegenwartige sich, wie not-
wendig es ist, dieses Wogen, Stiirmen. Man mochte sagen: Was heute
geglaubt werden kann, erweist sich morgen schon nicht mehr wahr.
Wie notwendig ist es, in diesen Stiirmen ein Sicheres, Festes zu ha-
ben, das heute, morgen und iibermorgen und durch alle Ewigkeiten
wahr ist! Was in dieser Weise wahr ist, das ist die Wahrheit vom Geist,
von der Mission des Geistes, die die Menschheitsentwickelung durch-
zieht.
Recht symptomatisch, nicht weil es etwas Personliches ist, sondern
weil es wirklich symptomatisch und symbolisch zur Seele gesprochen
hat, mochte ich folgendes erwahnen: Sie wissen ja, im Juli ist erschie-
nen der erste Band meiner Schrift «Die Ratsel der Philosophies Der
zweite war gedruckt bis Seite 206, als der Krieg ausbrach. Es war die
Uberleitung der Gedanken von den franzosischen Philosophen Bou-
troux, Bergson zu dem deutschen Philosophen Preufi, der Hinweis dar-
auf, wie Bergson einen Gedanken ausfiihrt, etwas leichtsinnig oben
dariiber hinweg, der fruher mit wuchtiger Griindlichkeit von dem un-
bekannten, einsamen Denker, von Preufi, unsere theosophische Welt-
anschauung vorverkundend, im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts
gefalk ist. Ich suche da auch diesem einsamen Denker gerecht zu wer-
den. Nun ergab es sich dazumal, dafi der Druck abgebrochen werden
muftte, es mufite spater weitergeschrieben werden, es brach ab mit dem
Ubergang von Frankreich zu Deutschland. Der Krieg brach aus. Ich
mufke die leeren Blatter auf den zu zwei Dritteln gedruckten Bogen
wirklich wie ein Symbolum ansehen desjenigen, was sich abgespielt
hat zwischen dem Westen Europas und der Mitte Europas, iiber die
heriiberging gerade der Weg meiner Darstellung.
Und auch sonst manches konnte einem symbolisch entgegentreten.
Ich darf da auch an unseren Bau in Dornach erinnern, der ja bis zu
einem gewissen Grad gediehen war, allerdings nicht so weit, wie wir
ihn gern haben wollten. Vielleicht wissen einige unserer Freunde, wie
sehr betont worden ist, solange es einen Sinn hatte gegeniiber den spre-
chenden Tatsachen, wie sehr es betont worden ist, nicht nur als ein
Herzenswunsch von mir, sondern als Notwendigkeit, die vor Augen
stand, dafi der Bau mit dem ersten August dieses Jahres abgeschlossen
sein sollte. Vielleicht versuche man jetzt nachzudenken, ob es nicht
einen Sinn gehabt hatte gegeniiber dem, was jetzt eingetreten ist, wenn
der Bau abgeschlossen gewesen ware gerade am ersten August. Gegen-
iiber den Tatsachen war natiirlich mit so etwas, das wie ein Wunsch
ausschaute, nicht anzukampfen, und unter mancherlei Dingen, iiber
die ich heute nicht sprechen will, die mit dem Bau gelost werden sollen,
war ja dies, dafi das Problem der Akustik fur einen grofieren Raum
gelost werden sollte durch eine groftere Resonanz. Es war in den Juli-
tagen, als der Bau schon eingeschalt war, da konnte man, wenn man
an einem bestimmten Orte ein paar Worte sprach, zum ersten Mai eine
Ahnung haben, dafi es gelungen sein wiirde, dieses akustische Problem
wirklich zu losen, wenn der Bau einmal fertig ist. An bestimmten
Stellen konnte man horen, da stellte sich die Resonanz in einer Weise
heraus, wie es nach den okkulten Berechnungen fur den Ort ef wartet
werden mufite, und so darf erwartet werden, dafi das Wort und Musi-
kalisches wirklich so erklingen werden, wie sie erklingen sollten. Es war
so eine Art Ideal, schon in den Augusttagen drinnen zu horen das Wort,
das vom Geist sprechen sollte. - Dasjenige, was unsere Freunde zuerst
in unserem Bau horten, war der Widerhall der Kanonen, die in un-
mittelbarer Nahe auf den Elsafier Schlachtfeldern donnerten. So war
der Raum, fur den wir in einer gewissen Weise den Widerhall der dem
Geist gewidmeten Worte erbeten hatten, zuerst Zeuge des Kanonen-
donners, der in gar nicht weiter Entfernung ertonte. Andere unserer
Freunde hatten, auch in gewisser Weise symbolisch, etwas gesehen, was
wir erwartet hatten als unser groftes Ideal. Erwartet hatten wir, dafi
ertonen durfte die Kunde von dem Licht des Geistes, der geistigen
Welten, dafi dieses Licht der geistigen Welten zur Geltung kommen
werde - gesehen wurde in einigen Nachten der Schein vom Isteiner
Fort, der weithin sich erstreckte und vier Minuten lang auch sein
Licht durchdrangte und durchdriickte durch unseren Bau: Ton und
Licht der gegenwartigen Ereignisse!
Aber auch andere Gedanken und Empfindungen konnten durch
die Seele gehen. Am 26. Juli hatte ich zu unseren Freunden gesprochen
iiber einiges, das unseren Bau betraf, und hatte mit wenigen Worten
hingewiesen auf die ernsten Zeiten, die uns zu unseren Fenstern herein-
sehen. Und ich muft sagen: Ich konnte nur unter Tranen den Brief le-
sen, den einer unserer jiingeren Freunde bald darauf an seine Mutter
schrieb, die dabeigewesen war am 26. Juli. Unmittelbar danach wurde
er einberufen, ist nach seiner osterreichischen Heimat gezogen, und
gerade aus der Kraft des geistigen Lebens heraus, die er - er ist ein
noch recht junges Mitglied - aus unseren Bestrebungen gezogen hat,
hat er auch die Kraft gewonnen, im schonsten, ich mochte sagen, im
heiligsten, reinsten Sinn seinen Platz auszufiillen, auf den ihn das
Karma gestellt hat.
Und wieder war es ein anderer, der dazumal am 26. Juli dabeige-
wesen war, der mir selbst schrieb, als er den Weg antrat zu dem serbi-
schen Kriegsschauplatz, voll der Empfindungen, die auf der einen
Seite genahrt waren von der Sicherheit, die da f liefk aus dem Glauben
an den Sieg und die Sieghaftigkeit des Geistes, auf der anderen Seite
genahrt waren von den voll begeisterten Empfindungen fur die un-
mittelbare Teilnahme an den Ereignissen unserer Zeit von dem Platze
aus, auf den er gestellt war.
Wahrhaftig, meine lieben Freunde, man fiihlte in diesen Zeiten die
Seelen wachsen, die Seelen reifen und es war schon, es war grofi, zu
unseren Herzen sprechend, wenn man sehen durfte, dafi all die Emp-
findungen, Gefiihle, die durch die Jahre in die Seelen unserer Freunde
gezogen sind, auch sich als geeignet erweisen, in der heutigen schweren
Situation die Menschen an den richtigen Platz in der richtigen Weise
zu fiihren.
Wenn man spricht von der Sicherheit, die man gewinnen soli durch
die Betrachtung des Geistes und des geistigen Wesens, so hangt die
Empfindung von dieser Sicherheit innig zusammen mit dem, was un-
ser Wahlspruch ist, der einem Goetheschen Wort nachgebildet ist, es
wiedergibt: «Die Weisheit liegt nur in der Wahrheit.» Unter den gro-
fien Hoffnungen, die man hegen darf aus den gegenwartigen Ereignis-
sen heraus, ist auch diese eine, dafi alles dasjenige, was zusammen-
hangt mit diesem: «Die Weisheit liegt nur in der Wahrheit», dafi alles
das gerade durch die grofien, schmerzlichen und tief ergreifenden Prii-
fungen der Menschheit eingepragt wird. Alles, was zusammenhangt
mit dem Worte: «Die Weisheit liegt nur in der Wahrheit», mufi tiefer
und immer tiefer in die Menschen eingreifen, und jetzt ist schon vieles
durch den groften Lehrmeister, der durch seine Geschosse spricht, be-
wirkt worden in der Oberwindung des Materialismus.
Kurz vor dem Ausbruch des Krieges konnte ich das Wort lesen, das
ein angesehener Journalist geschrieben hat: Trotz der Riige des Herrn
Liebknecht bleibe ich bei der Meinung, daft verantwortungsvoll Re-
gierende nicht nur berechtigt, sondern verpflichtet sind, Wahres zu
leugnen und Unrechtes zu behaupten. Dieses Recht, diese Pflicht des
von Kollektivsittlichkeit Geleiteten schranken zwei Bedingungen ein:
Die Unwahrheit darf weder erweislich noch dem Staatsinteresse zu-
wider sein. — Man halte diesen Ausspruch zusammen mit dem, was
wir als Devise gewahlt haben, als wir die Anthroposophische Gesell-
schaft gegriindet haben: «Die Weisheit ist nur in der Wahrheit»! Es
wird vieles zusammenf alien, denn es sind schon ganz andere Empfin-
dungen eingezogen in die Seelen derer, die den Ernst der Situation in
der Gegenwart verspiiren.
Wie oft, meine lieben Freunde, ist durch das, was auf unserem Boden
gesprochen worden ist, das Wort gezogen, das so gelautet hat: Nicht
nur das, was auf dem aufieren physischen Plan geschieht, ist Wirk-
lichkeit, sondern die Gedanken der Menschen sind grofiere Wirklich-
keit, eine Kraft, eine Macht des Wirkens. Aber gestehen wir es uns
doch, denn es ist die Wahrheit: Solche Dinge sind nur auf dem Boden
gesprochen worden, der eine spirituelle Stromung trug. Jetzt, auf der
recht komplizierten Reise, die ich zu machen hatte, fiel mir eine Zeit-
schrift in die Hande, die das Datum des 1. September 1914 tragt. Ein
sehr schoner Aufsatz ist darin von einem Soldaten, Robert Michel,
der im Felde Gedanken niedergeschrieben hat. Der Aufsatz gibt schon
wieder, wie die Mobilisierung verlautbart war, wie er mit seinen Ka-
meraden gleichsam in das Unbekannte gezogen ist. FUr uns sind von
Bedeutung die letzten Worte: «Aber jeder einzelne Zuriickgebliebene
in der Monarchic hat die Pflicht, nach besten Kraften unterstiitzend
zu wirken, bis die siegreiche Entscheidung gefallen ist. Alle die guten
Worte, herzhaften Zurufe und Segenswiinsche, die beim Auszug uns
zuteil geworden sind, vermehrten die Zuversicht. Sie waren Splitter,
die nicht verloren gegangen sind. Dieser Zuschufi an seelischer Kraft
mufi auch weiterhin der Armee zuteil werden, und der Wille zum Sieg
mufi von jedem einzelnen heriiberzittern zu den Kampfern in der
Front. Drum raste niemand vor der Entscheidung, die sicli im Norden
vorbereitet. Wer der ungeheuren Krafteleistung von Heer und Reich
untatig zuschauen mufi, der trachte auf dem Wege, den seelische Krafte
gehen, sein Scherflein beizutragen. Wen Gott erhort, der bete - wer
nicht beten kann, der sammle alle seine Gedanken und Willenskrafte
zu dem. inbriinstigen Wunsch nach dem Siege - und wer nichts an-
deres vermag, der driicke die Daumen in die Handflachen und spreche:
<Wir mussen siegen, wir miissen siegen!> So wird auch der Schwachste
beigetragen haben zum Sieg.»
Der Soldat, der fortzieht ins Feld, schreibt aus dem Felde Worte
zuriick, die wie ein Widerklang sind dessen, was oftmals auf dem Bo-
den spirituellen Lebens gesprochen worden ist: Wer nicht beten kann,
sammle Gedanken und Willenskrafte zum inbriinstigen Wunsch nach
dem Siege. - Der Glaube an den Geist, wir sehen ihn jetzt am Anfang
des ungeheuren Ereignisses stehen.
Wir brauchen uns keinen Illusionen hinzugeben. Manches kann in
den nachsten Zeiten ganz anders aussehen, aber es werden auch Zeiten
kommen, die das wahr machen werden, was mit einigen Worten ange-
deutet werden soil. Der Weltenfortgang mufi geschehen, dasjenige,
was geschehen soli, geschieht; es geschieht manchmal auf eine sehr
merkwiirdige Weise, indem etappenweise geleitet werden die Willen
der Menschen, so dafi man sieht, wie von Stufe zu Stufe, wahrhaftig
nicht in anderer Weise, als ein Erzieher es tun wiirde, in die Seelen hin-
eingegossen werden die Richtungen, in die sie spater kommen werden.
Man braucht wahrhaftig nur auf eine kurze Spanne Zeit zu blicken
und man sieht die iiber die Menschheitskraft hinausreichenden Geistes-
machte, die padagogisch wirken fur den grofien Menschheitsf ortschritt.
Er ist nun an der Zeit, einen Gedanken zu hegen, der naheliegen
kann, der aber nicht immer erwogen wird. 1866: deutsche Briider
standen gegen deutsche Briider, Deutsche gegen Deutsche. Noch nicht
ein Jahrzehnt ist verflossen - 1870/71: ein Teil der Deutschen mufke
einem grofien Ereignisse folgen, an dem der andere Teil nicht mit-
wirken konnte. Einer meiner Lehrer an der Wiener Hochschule hat
oft und oft das Wort, das mir damals tief ins Herz ging, gesprochen:
Wir Deutsche in Osterreich miissen uns bewufit sein, dafi dasjenige,
was geschehen ist, unser Schicksal ist, nicht unsere Schuld, dafi wir
an einem hervorragenden Ereignis nicht teilnehmen durften. - Jetzt
ist die Zeit, wo zusammengeschmiedet sind, wie durch. eine eiserne
Macht zusammengeschmiedet dastehen die beiden Teile, die erst geg-
nerisch, dann einer ohne den anderen dastanden.
Es ist nicht Zufall, es ist bedeutsam, wichtig - es hat keines Jahr-
hunderts bedurft, diese grofie Lehre in alle folgenden Zeiten hinein-
zuschicken: Die Menschheitsfortschritte, das, was die geistigen Hier-
archien wollen fur die Menschheit, das mufi geschehen; aber es kann
auf mannigfaltigste Art geschehen. Bis zu einem gewissen Zeitpunkt
mufi etwas ganz Bestimmtes erreicht sein. Nehmen wir an - nicht,
weil dieses gerade stimmt, was ich da sagen will — , bis 1950 miifite aus-
gegossen sein iiber die Menschheit eine bestimmte Summe von Opfer-
willigkeit, von Liebefahigkeit und Selbstlosigkeit, von Bekampfung
des Egoismus. Nehmen wir an, es mufi bis 1950 erreicht sein, was
geschehen mufi, was also die Zeichen der Zeit fordern. Es geschieht auf
der einen Seite dadurch, dafi zu den Herzen der Menschen gesprochen
wird, dafi man vertraut der Kraft des Wortes, dafi dasjenige, was die
Menschengeschicke in Handen hat, auf geistige Weise herankommen
will an die Menschenindividualitaten, und sie so weit zu bringen sucht,
dafi der Geist auf sie wirken kann. Aber der andere Lehrmeister mufi
oft hinzutreten, der zweite Lehrmeister, der durch lebendige Beweise
spricht. Und wie haben wir gesehen seine Erfolge! Welche Unsumme
von Opfern, von Menschenliebe und Selbstlosigkeit sind erzeugt wor-
den in erstaunlich kurzer Zeit in unserem Zeitalter des Materialismus,
als der grofie Lehrmeister auftrat, der Krieg, der nach der einen Seite
hin so Furchtbares hat, auf der anderen Seite das hat, was zu dem hin-
fiihrt, was man im Okkultismus die eisernen Notwendigkeiten nennt,
die eintreten miissen, urn etwas Bestimmtes in einem bestimmten Zeit-
alter der Menschheitsentwickelung zu erreichen. Strome von Blut wer-
den vergossen, teure Leben welken dahin, andere werden im Augen-
blick entrissen dem physischen Leben, wenn die feindliche Kugel sie
trifft. Das alles vollzieht sich in so ungeheurem Mafie in unserer Zeit.
Was ist das alles? Ein grofies Opfer ist es, meine lieben Freunde, ein
ungeheures Opfer, das gebracht wird am Altar der gesamten Mensch-
heitsentwickelung. Auf der einen Seite steht das, was eindringen soil
in die Menschheitsentwickelung, was der Menschheit iibergeben wer-
den mulS, damit die Menschheit vorwartskommt, und auf der anderen
Seite steht die Notwendigkeit des Opfers.
Unendlich bedeutungsvoll war es fur mich, mit anzusehen, wie
innig verbunden iiber den Tod hinaus die Seelen derjenigen sind, die
jetzt an den groften Ereignissen unmittelbar teilnehmen. Da konnte
man es oftmals sehen, wie diejenigen, die von der feindlichen Kugel
dahingestreckt waren, hinaufgenommen waren in die geistigen Welten,
noch nicht erwacht mit ihren grofien Individualitaten, verbunden wa-
ren auch noch mit demjenigen, was da unten vorging. Ich weifi nicht,
ob Sie es mir nachfiihlen konnen, was es bedeutet, mit anzusehen, wie
hinter dem Krieger auf dem Schlachtfeld, der noch kampft, die psychi-
sche Personlichkeit desjenigen schiitzend waltet, der schon den Tod
gefunden hat, und der mit dem ist, der noch gebunden auf dem physi-
schen Plan ist. Es gehort dies zu meinen okkulten Erlebnissen, die ich
mit nichts anderem recht vergleichen konnte. Unerwachte Krieger,
die unten gekampft haben, die durch den Tod gegangen sind, sie blei-
ben mit dem Ereignis verbunden und sind gleichsam wie eine zweite
Personlichkeit hinter demjenigen, der unten auf dem physischen Plan
noch kampft. Auch in den geistigen Welten gibt es Dinge, die Zuver-
sicht in unsere Herzen giefien konnen, wenn diese Zuversicht auch
nicht leicht wird.
Wer bedenkt, welcher Prozentsatz der Menschheit heute mitein-
ander kampft, wer bedenkt, wie wir am Anfang stehen - wenige Wo-
chen wahrt dieses Ereignis erst -, welche ungeheuren Verluste an Men-
schenleben diese wenigen Wochen gekostet haben, der konnte wan-
kend wer den, konnte meinen: Was soli denn werden, wenn das lange
andauern mufi? - Und wenn mich das oftmals bestiirzte - es kann ei-
nen bestiirzen -, dann richtete der Gedanke mich auf: Das Rechte wird
geschehen, dasjenige, was vorgezeichnet ist von den geistigen Welten,
das wird geschehen. Und wenn man die Gewiftheit hat, dafi nicht nur
die Lebenden kampfen, sondern auch die Toten verbunden bleiben
mit ihren Geschicken, dann werden noch immer Krafte da sein.
Anderes kam mir in diesen Zeiten. Unsere Gesellschaft vereint in
einer gemeinsamen geistigen Stromung die Angehorigen der verschie-
densten Rassen, Volker, die heute feindlich gegeneinander sind. Da
braucht es auch manchen Trost! Wir blicken zuriick auf eine Zeit, die
der unsrigen recht unahnlich ist, nicht viel mit ihr gleich hat, auf die
Zeit, welche die Bhagavad Gita uns schildert, auf eine Zeit, wo noch
die alten, oft geschilderten Menschheitsverhaltnisse waren, wo die Men-
schen noch in kleinen blutsverwandten Kreisen lebten. Der Ubergang
von dieser Zeit der Blutsverwandtschaft in die Zeit, wo die Bluts-
verwandten im Kampfe stehen, wird von der Bhagavad Gita geschil-
dert, wo der grofie Geist hinweist den Arjuna: Driiben stehen wahr-
haft die Briider und hier stehst du, ihr werdet miteinander kampfen,
in deren Adern dasselbe Blut fliefit; aber es gibt eine Moglichkeit, im
Geist den Ausgleich zu fiihren. - Aus dem, was sich nicht bekampfen
sollte, entwickelt sich das heraus, was sich bekampft: auch eine der
eisernen Notwendigkeiten, die fur die Menschheitsentwickelung not-
wendig sind! Der Geist iiberbruckt, dafi der Bruder dem Bruder als
Feind gegeniibersteht, daft das andere sich entwickelt, was in Dis-
harmonien einander gegeniibersteht. Unahnlich der unseren ist diese
Zeit. Wir machen den umgekehrten Weg durch innerhalb unserer gei-
stigen Stromung. Wir suchen das, was zerstreut war in der Welt, wie-
derum zu sammeln, und die Angehorigen der verschiedensten Natio-
nen umfassen sich wieder briiderlich, werden Bruder innerhalb unserer
Reihen. Jetzt sehen wir, wie der eine heriiberkommt aus Frankreich
und driiben den anderen gelassen hat, wie er in das deutsche Heer ein-
tritt und erwarten mufi, dem anderen, den er als anthroposophischen
Freund zuriickgelassen hat, kampfend gegeniiberzustehen. Es ist die
entgegengesetzte Situation: Die zerstreuten Menschheitsglieder suchen
sich im Geist wieder zusammen, und wir f inden uns zurecht, wenn wir
den Geist der Wahrheit wirklich ernsthaft verstehen und ihn ernst-
haft ergreifen. Nur miissen wir die Wege suchen.
Ich mochte sagen, wir Deutsche haben es schwer, uns zurechtzufin-
den, vielleicht am allerschwersten! Es kann Ihnen sonderbar erklin-
gen, daft ich das sage, aber wir haben es wirklich schwer, wir haben es
aus dem Grunde schwer - ohne daft wir damit renommieren wollen -,
weil es uns immer schwer fallt, uns selbst recht zu geben, weil es uns
leichter ist, dem anderen gerecht zu werden als uns selbst. Es wird
uns aus dem Grunde schwer, weil es wirklich der gegenwartigen
Menschheit noch nicht sehr leicht werden wird, besonders nicht in der
Gegenwart, alles dasjenige, ich mochte sagen, mit dem richtigen objek-
tiven, unbefangenen, gelassenen Blick zu iiberschauen, was oft in un-
serer Geisteswissenschaft angedeutet worden ist, was audi in den Vor-
tragen iiber die Volksseelen sich findet. Es wird notwendig sein, da!5
alle, die im echten, wahren Sinn unserer Zeit das geistige Leben er-
greifen, verstehen lernen, wie diese Volksseelen, die echten, wahren
Volksseelen, eine Art von Chor bilden, indem sie schon harmonisch
zusammen leben. Aber man mufi sich zu ihrem Wesen finden, und das
kann man nur im Geist.
Es ist wirklich in der Gegenwart nicht die rechte Zeit, auf das auf-
merksam zu machen, was da an Gefiihlen, Empfindungen in den
Hintergriinden der Seele spricht, aber auf etwas anderes mochte ich
Sie aufmerksam machen, darauf, dafi wir einen Weg haben konnen,
um in geheimer Zwiesprache, intimer, innerer Zwiesprache mit dem
Geist des Volkes, dem wir angehoren, den Weg zu finden, den unsere
Seelen in der rechten Weise gehen sollen. Raten nur kann ich, wenn
Sie einige Minuten finden, gerade in der jetzigen Zeit, die folgende
Formel zu gebrauchen, um sich zurechtzufinden in der gegenwartigen
Weltensituation :
Du, meines Erdenraumes Geist!
Enthiille Demes Alters Licht
Warum Alter? «Alter» sagt man bei geistigen Wesenheiten, wo man
bei irdischen «Deines Wesens Licht» sagen wiirde. Alter ist fur den
Geist, was Wesen fiir das Irdische ist.
Du, meines Erdenraumes Geist!
Enthiille Deines Alters Licht
Der Christ-begabten Seele,
Dafi strebend sie finden kann
Im Chor der Friedensspharen
Dich, tonend von Lob und Macht
Des Christ-ergebenen Menschensinns!
Da finden wir den Weg zum Volksgeist, dem wir zugehoren, und den
Weg von diesem Volksgeist zur Zwiesprache des Volksgeistes mit dem
Christus, der der Lehrer aller Volksgeister ist. Und wenn sie sich in
diesem Christus zusammenfinden, werden sich die Volksgeister in der
richtigen Art zusammenfinden, da all diese Volksgeister, die die Vol-
ker richtig fuhren - man kann das entnehmen aus dem Buch «Die gei-
stige Fiihrung des Menschen und der Menschhe.it» — , den Christus als
den Lehrmeister betrachten.
Oftmals mufite ich hoffen, daft es gar nicht wahr sei, was mitgeteilt
worden ist, daft in einer Volksvertretung des Ostens, in der Duma, am
Ende einer Rede, in welcher der Herrscher sein Volk aufgefordert hat,
teilzunehmen an dem Kriege, als letztes Wort gesprochen worden ist:
Der Gott Ruftlands ist groft! - Schrecklich ware es, wenn das Wort so
gesprochen worden ware: eine unbewuftte Anrufung des Geistes, dessen
Charakter man sich vorstellen kann, wenn der Anruf geschieht in bezug
auf ein begrenztes Gebiet, wenn er nicht geschieht zum Geist, der mit
dem Schicksal der Menschheit so verkniipft ist, daft auch die, welche
sich als Feinde gegeniiberstehen, sich in seinen Dienst stellen, indem sie
mit ihrem Heil zugleich das Heil der Menschheit suchen. Der Christus,
wenn er ein Volk fuhrt, fuhrt dieses Volk so, daft es mit seinem Heil
das Heil der Menschheit sucht. Mit Recht rufen wir den Volksgeist an,
dem wir innig verbunden sind, so daft wir hinaufblicken, wie er seiner -
seits mit dem Christus spricht; durch den Volksgeist sprechen wir mit
dem Christus. Dadurch werden viele Gedanken vorbereitet werden,
die bleiben sollen in der geistigen Atmosphare der Menschheit bis in
die Zeiten, wo einem bedeutungsvollen Krieg ein bedeutungsvoller
Friede folgt.
Ein Opfer, sagte ich, ist es, das dargebracht wird auf dem Altar der
Menschheit, und heiliges Blut ist es, das flieftt auf unsere Erde nieder,
ein Blut, das Zeuge wird davon, daft die, die jetzt, in diesem Kampf
der Volker, mit ihren Seelen hinaufsteigen aus der physischen Welt
in die geistigen Welten, wiederum zuruckkommen werden in ktinf-
tigen Inkarnationen, um wichtige Glieder zu sein fiir den Geistesfort-
schritt der Menschheit - ein Opfer, ein grofies Opfer! Dasjenige, was
jetzt geschieht, es mufi so geschehen; und wer zuriickblicken will in
vergangene Zeiten, um gleichsam nach den allerersten Ursachen zu
suchen, er mufi zuriickblicken bis in die Zeit der punischen Kriege im
3. vorchristlichen Jahrhundert, damals, als der romische Feldherr -
man kann das in der Geschichte nachlesen - die Enterbrucken beniitzt
hat, um einen ersten bedeutsamen Erfolg zu haben. Heute stellt sich
einem daneben, was als erstes Ereignis sich abgespielt hat in diesem
Kriege. Eine kiinftige Geschichtsschreibung wird das erweisen; es ist
schwierig, auf diese Dinge einzugehen.
Anderes fuhrt uns zuriick in die Zeiten, wo die Romer gerungen
haben mit den Germanen, wo sich Menschengeschicke fiir viele Jahr-
tausende entschieden haben. Und dann kommt eben das dritte grofie
Ereignis, das ist unseres, das wirklich eine Bedeutung haben wird wie
damals die punischen Kriege, die natiirlich in ihrer Ausdehnung klein
sind gegenuber dem heutigen Weltereignis, die aber in bezug auf das
Qualitative in ihrer Bedeutung noch hereinragen in unsere Zeit. Wie
die grofien, die Menschen bestimmenden Ereignisse, die sich an die
Volkerwanderung ankmipften, sich wiederholen in einer gewissen
Weise - ein ganzer Menschheitszyklus ist umspannt mit dieser Zeit-
angabe - und wie dazumal in Rom sich das entschied, was dazumal
geschehen mufite, dafi die Form des Menschen-Ich, wie sie war im
3. Jahrhundert vor dem Ereignis von Golgatha, iiberging in die spatere,
damit diese Form des Ich durch die Romer den Weg finde, den sie
finden mufke fiir all das, was seither geschehen ist, so mufi heute die
Form des Ich, die eben im nachsten Menschheitszyklus die mafigebende
ist, in einer ahnlichen Weise hineingestellt sein in einen Kampf der
Volker. In die tiefsten Impulse der Menschheit geht das.
Dann aber, wenn wir verbunden sind mit dem, was wir seit Jahren
im Geist miteinander verfolgen, konnen wir in uns tragen den Glau-
ben an den Sieg und die Sieghaftigkeit des Geistes. Dann werden wir
allem, was kommt, entgegenschauen mit diesem Glauben, und wissen,
dafi dasjenige, was geschieht, unter der Fuhrung der hohen Hierarchien
steht und seinen Weg gehen wird. Nur liegt es an uns, in der richtigen
Weise diesen Weg mitzugehen. Das aber tun wir, wenn wir in der
richtigen Weise den Weg finden zur Beobachtung unseres Karma, wenn
wir uns nicht entziehen den Aufgaben, die uns die grofie Zeit stellt.
Und wenn wir mancherlei verdanken konnen dem, was uns die gei-
stige Wissenschaft gibt, eines soil am ersten Platz stehen: dafi die
Geisteswissenschaf t unseren Geist und Blick scharf t, darauf zu schauen,
dafl wir gerade mit unserer Personlichkeit am besten an unserem
Platz stehen und das Richtige tun. Je mehr wir es sachlich, unperson-
lich tun, ohne irgend etwas anderes im Auge zu haben, desto mehr hat
Geisteswissenschaft unseren Blick gescharft, unsere Herzen empfang-
lich gemacht, desto mehr werden wir verstehen die Sprache, die jetzt
in diesen ernsten Zeiten zu uns gesprochen wird.
Eine der Formeln, die aus dem Geist gegeben sind in dieser Zeit,
die auch schon hier vor unseren Freunden gegeben werden kann, ist
diese, die uns den Sinn vergegenwartigt, den der Anblick des Schmer-
zes hat, den wir jetzt so reichlich, reichlich sehen konnen. Ungeheuer
ist der Schmerz in den Seelen, der in unseren Zeiten erzeugt wird, un-
geheuer grofi die Opfer, die gefordert werden, ungeheuer mufi die
Opferwilligkeit und Empfanglichkeit fiir einen fremden Schmerz auch
sein. Der Christus ist erstanden erst fiir viele, wenn wir ihn so ver-
stehen, dafi wir wissen: fiir den anderen kann es keinen Schmerz geben,
der nicht auch unser Schmerz ist; denn iiberall, wo er eingetreten ist, ist
es eigener Schmerz. Solange es fiir uns die Moglichkeit gibt, einen
Schmerz bei einem anderen zu sehen, den wir nicht mitfiihlen als un-
seren eigenen Schmerz, so lange ist der Christus noch nicht vollig in
die Welt eingezogen. Der Schmerz im anderen soil nicht uns meiden!
Schwer und grofi und weit ist dieses Ideal, schwer und grofi und weit
ist aber auch das Christus-Ideal. Dann ist es erfullt, wenn die Wunde,
die wir an uns haben, nicht starker brennt als die, die der andere an
sich tragt. Darum ist es gut, uns geeignet zu machen, helfend einzu-
greifen durch die folgenden Worte, die wir an eine Gemeinschaft oder
an den anderen, der Schmerz leidet, richten:
So lang du den Schmerz erfiihlest,
Der mich meidet,
1st Christus unerkannt
Im Weltenwesen wirkend.
Denn schwach nur bleibet der Geist,
Wenn er allein im eignen Leibe
Des Leidesfuhlens machtig ist.
Man versuche einmal, diese Worte ganz durchzufiihlen. Wird man
durch die erste Formel insbesondere den Zusammenhang mit dem
Volksgeist gewinnen konnen, durch diese Zeilen wird man sich durch-
dringen mit der Gesinnung, die den Schmerz der Menschheit, den
Schmerz einer Menschengemeinschaft in dem eigenen Sein nacherleben
und alles, was wir tun diirfen, im wahren christlichen Sinn tun lafit.
Mogen wir es in dieser Zeit tun, insbesondere durchdrungen mit der
Gesinnung des Geistes!
Die Wunde, welche die Kugel schlagt, meine lieben anthroposophi-
schen Freunde, sie wiirde nicht heilen, waren nicht in dem wunder-
baren Mikrokosmos, der der menschliche Organismus ist, die heilen-
den Krafte. Es ist gut, dafi in unseren Zweigen praktiziert wird, wie
ja auch hier durch unseren lieben Freund Dr. Peipers das jetzt ge-
schieht, eine Anleitung zum Verbinden von Wunden. Es ist gut, denn
wir konnen leicht in den Fall kommen, das anwenden zu miissen. Aber
wissen miissen wir auch, wenn wir an solche Aufgabe herantreten,
daft der Geist Wirklichkeit ist, und dafi dasjenige, was wir wahrend
des Verbindens helfen, sei es bei dieser oder jener Verletzung, diesem
oder jenem Erleiden, mehr tut, wenn wir mit dem Geist in der rich-
tigen Weise dabei sind, als wenn wir es nicht sind. Auf dafi wir, wenn
wir an das herantreten, was eine Wunde am menschlichen Organis-
mus ist, die richtigen Gedanken damit verbinden, denken wir:
Quelle Blut,
Im Quellen wirke,
Regsamer Muskel
Rege die Keime,
Liebende Pflege
Warmenden Herzens,
Sei heilender Hauch.
Denn in diesem Blute, das aus der Wunde quillt, liegt das Zeichen,
dafi hinter ihm Krafte liegen, welche die heilenden Krafte der Wunde
sind.
Quelle Blut,
Im Quellen wirke,
Regsamer Muskel
Rege die Keime,
die Keime, die absterben, wenn die Kugel durchgeschlagen hat. Rich-
tige Empfindungen senden Sie fiir denjenigen, der einen Verband an-
legt, um dem Nebenmenschen zu helfen:
Quelle Blut,
Im Quellen wirke,
Regsamer Muskel
Rege die Keime,
Liebende Pflege
Warmenden Herzens,
Sei heilender Hauch.
Lassen wir diese Gesinnung durch unsere Seele ziehen, lassen wir von
ihr unser ganzes Wesen erfiillt sein, wenn wir den Nebenmenschen
helfen, dann, meine lieben Freunde, wird der Geist mithelfen bei dem-
jenigen, was wir als physischer Mensch als physische Hilfe bringen
konnen. Und denken wir oft als einzelner an den einzelnen, der drau-
fien steht an einem exponierten Platz, denken wir, wenn wir unsere
Versammlungen beginnen, an die, die aufierhalb unseres Kreises ste-
hen, draufien im Felde wirken. Die Formel, die dafiir ist, und die ich
am Anfange selbst gerichtet habe an die im Felde Stehenden - der ein-
zelne kann sie an den einzelnen rich ten:
Geist Deiner Seele, wirkender Wachter,
Deine Schwingen mogen bringen
Meiner Seele bittende Liebe
Deiner Hut vertrautem Erdenmenschen,
Da$, mit Deiner Macht geeint,
Meine Bitte helfend strahle
Der Seele, die sie liebend sucht!
Wenn einer die Gedanken richten will an mehrere oder viele, die
draufien stehen, dann sagt er:
Geister Eurer Seelen, wirkende Wachter,
Eure Schwingen mogen bringen
Meiner Seele bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Erdenmenschen,
DalS, mit Eurer Macht geeint,
Meine Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht!
Ein Lehrmeister der Liebe, der Selbstlosigkeit, das werden die grofien
Ereignisse sein, die sich jetzt abspielen. Und ein Lehrmeister fur die
geistigen Welten, hoffen wir, dafi sie es werden! Dann werden die
grofien Opfer, die ungeheuren Opfer, die die Menschen bringen durch
ihr Blut, dargebracht sein an dem Altar der geistigen Wesenheiten,
und dasjenige, was so schmerzvoll sein kann dem unmittelbaren An-
blick, es wird dazu dienen, daf$ die grofien Ziele der Menschheit erreicht
werden. Je mehr wir uns mit diesen Gesinnungen durchdringen, desto
mehr werden Gedanken da sein, wenn nach dem Kriege ein grofier
Friede geschlossen ist.
Das 20. Jahrhundert ist dazu berufen, vieles umzugestalten in den
Geschicken, in der Anordnungsweise der Menschheitsangelegenheiten.
Und dasjenige, was schon erreicht wird nach diesem ersten grofien
Ereignisse, es wird der Menschheit ersparen, dafi dieses Ereignis etwa
wiederholt werden miifite in der Fortsetzung. Sieg und Sieghaftigkeit
des geistigen Lebens ist ein Wort, das sich oftmals in unsere Herzen
hineinfand in diesen Zeiten. Versuchet zu verstehen, wie wir Zeuge
geworden sind des Ereignisses, das nicht fiir kurze Zeit entscheidend
sein soli fiir die Entwickelung des ganzen Menschengeistes, sondern
fiir lange, lange Zeiten! Und versuchen wir, dal$ aus diesem Ernst her-
aus wir die Liebe, die Selbstlosigkeit aufbringen, die uns die Wege
fiihren, um nach unseren Kraften, nach unserem Vermogen, uns hin-
zustellen an den richtigen Ort. Unser Karma wird uns das schon wei-
sen. Und der, welcher jetzt nicht helfend eingreifen kann, sei nicht
trostlos. Darauf kommt es an, dafi wir auch Krafte aufsparen fiir das-
jenige, was spater noch fiir viele wird zu geschehen haben, dafi wir
erkennen im rechten Augenblick, dafi unser Karma uns ruft. Dann
mochte das eintreten, was man gerade als Bekenner der Geisteswissen-
schaft in diesem Zeitpunkt sich sagen mochte, dafi immer ersichtlicher
und ersichtlicher werde durch dasjenige, was in der aufieren Welt ge-
schieht, wie in die Menschengeister, in die Menschenseelen, in die Men-
schenherzen hinein von allem Weltgeschehen die Wesenheiten, Krafte,
Willensimpulse der geistigen Welt gehen. Der Bund, der sich ergeben
moge aus allem, was wir an Gram, auch an Schmerz erleben, der Bund
kniipfe sich zwischen der Menschenseele und den gottlichen Geistern,
welche die Geschicke der Menschenseele bewirken, regieren und lei-
ten. Und finden werden die Menschenseelen diesen Punkt. Finden
moge die Menschenseele das, was gemeint ist, wenn gesagt wird in un-
serer Formel: Die christbegabte Menschenseele moge strebend finden:
Im Chor der Friedensspharen
Dich, tonend von Lob und Macht
Des Christ - ergebenen Menschensinns!
Nun, meine lieben Freunde, vielleicht konnen wir nicht iiberall
kampfend dabei sein, vielleicht konnen wir nicht iiberall dasjenige
tun, woran wir gerne nach unseren Idealen teilnehmen mochten, aber
in dem Sinn an dem grofien Ereignis teilzunehmen, wie das gemeint war
in den eben gesprochenen Worten, das wird uns alien moglich sein. An
vielen Orten, an den mannigfaltigsten Orten mogen wir an unserem
Platze sein, der eine da, der andere dort; wo wir aber immer am Platze
sind, weil jeder Mensch da am Platze ist, welchem Menschheitszusam-
menhang er auch angehort, das ist der Platz, wo die Liebe wirken soli,
die Kraft, die uns aus der Liebe kommt, das ist der Platz, wo der
Schmerz, das Leid, das Elend den Menschen auffordert zu tun, zu den-
ken, mitzuwirken, der Platz, wo wir so recht fiihlen, wie wir verbun-
den sein sollen im Tiefsten unseres Herzens mit dem anderen Men-
schen, zu dem wir hinblicken sollen, weil er seine und unsere gemein-
samen heiligsten Guter mit seinem Mut, Lebensblut, opfernd schiitzt.
Daher seien nochmals, wie am Beginn, so am SchluiS, unsere Gedan-
ken gerichtet an diejenigen, die also, wie eben ausgesprochen, hinein-
gestellt sind in die Ereignisse unserer Zeit:
Geister Eurer Seelen, wirkende Wachter,
Eure Schwingen mogen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Erdenmenschen,
Dafi, mit Eurer Macht geeint,
Unsere Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht!
Moge der Geist, den wir suchen, suchen durch unsere Wissenschaft,
suchen mit unseren Herzen, dem unsere geistige Bewegung dienen will,
unser Fiihrer sein. Moge er aber auch sein der ganzen Menschheit Fiih-
rer, denn diejenigen unter den Menschen, die er fiihrt, die werden nicht
allein ihrem Ziel folgen, sondern das der ganzen Menschheit ins Auge
fassen und ihm folgen.
Das Volk wird den rechten Weg finden, das dem Christus zu ver-
trauen weifi. So, meine lieben Freunde, denken zu diirfen, haben wir
uns bestrebt die Jahre hindurch, die wir hinstreben zu diesem Chri-
stus. Moge die Zeit, die jetzt angebrochen ist, fiir uns eine Zeit der
Pnifung sein, die wir bestehen, und mogen wir die Lehre vom Geiste
so mit unserer Seele verketten, dafi sie uns in den Zeiten der Priifung
Heifer sei, dafi sie uns geworden ist die Kraft, die sich nicht auf uns
beschrankt, sondern der allgemeinen Menschheit zugegangen ist! Der
Geist, der uns zu Christus hinauffiihrt, moge uns diesen lebendigen,
kosmisch-irdischen Christus durchdringen helfen, so daft wir unsere
Gedanken immer in der richtigen Weise hiniibersenden konnen zu de-
nen, die draufien stehen, wo Volker- und Menschheitsgeschicke ent-
schieden werden, damit ihnen der richtige Geist helfe, der die Ent-
wickelung der Menschheit so weisheitsvoll leitet, dafi diese Entwicke-
lung der Menschheit zuletzt Heil und Segen in die Erdenmenschheit
hineinbringt! Mogen wir dasjenige, was wir tun konnen, dazu tun,
dafi diejenigen, deren heiligstes Opferblut jetzt die Erde trankt, wenn
sie einmal berufen sind, als wichtige Glieder einzugreifen in den wei-
teren Gang der Erdenentwickelung, so herunterkommen, dafi ihnen
aus dem, was auf der Erde selbst geschehen ist, im geistigen Fortschritt
der physischen Erdenentwickelung etwas entgegenkommt, aus dem sie
entnehmen: Wahrhaft, es war es wert, das Blut zu vergiefien fiir diese
Erde, die solches hervorbringt!
Alle, die nicht unmittelbar hinausziehen konnen, um ihr Blut zu
vergiefien, sie sollten eingedenk sein, dafi sie so arbeiten sollten, dafi
Geist die Erdenentwickelung durchdringe, daft sie alles tun, damit sol-
cher Geist die Erdenentwickelung durchdringen konne, dafi die, die
ihr heiligstes Opferblut vergossen haben, etwas finden, das wert war,
daft sie ihr Blut vergossen haben. Dann, wenn wir so mitarbeiten an die-
ser Erdenentwickelung, dann werden wir auch als diejenigen, die nicht
unmittelbar an die Front hinausziehen, uns so verhalten, dafi wir f reien
Auges aufblicken konnen in die Verhaltnisse und uns nicht zu schamen
brauchen. Wiirden wir das nicht tun, wahrhaft unsere Augenlider
wiirden uns vielleicht unseren freien Blick doch nicht recht gestatten,
wenn wir uns auf der einen Seite fiihlen als unserer Zeit angehorig,
und nicht die Kraft in uns finden, wurdig dieser Zeit anzugehoren.
Geisteswissenschaft wird ein gewisses Siegel enthalten, wenn sie mit-
wirken konnte, den Menschen diese Kraft gerade zu geben, Kraft auf
der einen Seite, die aufrecht erhalt den, der sein Blut vergossen hat,
Kraft mufi sie aber auch demjenigen geben, der in anderer Weise wir-
kend mithelfen mufi - jeder an seinem Platze.
Und so wird Geisteswissenschaft sagen konnen: Ich war ein Mittel,
um in einer groften Priifung der Menschheit die Moglichkeit zu geben,
diese Priifung zu bestehen. Dann wird Geisteswissenschaft ihr gott-
liches Ziel erreicht haben.
Mit diesem einfachen Worte mochte ich den heutigen Abend ab-
schliefien, meine lieben Freunde, an dem es mir so lieb war, dafi ich
ihn mit Ihnen zusammen habe erleben konnen.
ZWEITER VORTRAG
Munchen, 3. Dezember 1914
Ein Vortrag, wie er vorgestern gehalten worden ist, konnte leicht die
Empfindung hervorrufen, als ob in einseitiger Weise fur eine Volks-
seele nur gesprochen werden sollte aus der blofien Sympathie heraus.
Wenn aus der bloften Sympathie, aus der blofien Leidenschaft heraus
heute der Geistesforscher iiber diese Dinge sprechen wiirde, dann
konnte man sicher sein, dafi, was er zu sagen hat, nicht einen beson-
deren Wert hat vor der Geistesforschung, oder dafi dieses, was er zu
sagen hat, weil es durchstromt ist von Leidenschaftlichkeit, im Grunde
genommen innerlich doch unwahr sein miifite. Nun, inwiefern das, was
vorgestern gesprochen worden ist, trotz alledem als zusammenhan-
gend mit den tiefsten Erkenntnissen der Geisteswissenschaft der Ge-
genwart gesprochen werden darf, das soli Ihnen hervorgehen aus der
Art und Weise, wie der Geistesforscher sich zu der einen oder zu der
anderen Volksseele stellen mufi.
Wir wissen ja schon aus der ganz elementaren Darstellung in der
Anthroposophie, daft wir unter Volksseelen nicht das verstehen, was,
durch einen abstrakten Begriff ausgedriickt, die aufiere, exoterische
Welt darunter versteht. Ganz bestimmte Wesenheiten, man mochte
sagen mit Erzengelrang - man braucht das ja nur nachzulesen in dem
Vortragszyklus iiber «Die Mission einzelner Volksseelen » -, Wesen-
heiten mit einem Bewufitsein, das hoher ist als das menschliche Be-
wufksein, leiten die Angelegenheiten der Volker. Und wir blicken
hinauf zu diesen Volksseelen, sprechen also von ihnen als wirklichen,
realen Wesenheiten, ja realeren Wesenheiten, als wir Menschen selber
sind. Wie tritt der Mensch in bezug auf seine geistig-seelische Wesen-
heit in ein Verhaltnis zu diesen Volksseelen? Diese Frage wolien wir
zuerst einmal aufwerfen.
Wir kennen das Wechselleben des Menschen in bezug auf sein Be-
wulksein zwischen Wachen und Schlafen; wir wissen, dafi der Mensch
zu wachen hat innerhalb seines physischen und Atherleibes und dafi
er dann zwischen dem Einschlafen und Aufwachen in seinem astrali-
schen Leibe und in seinem Ich weset. Wenn nun der Mensch zwischen
seinem Einschlafen und Aufwachen mit seinem astralischen Leibe und
Ich aufierhalb seines physischen Leibes ist, dann ist er in einer Region,
die in bezug auf sein Verhaltnis zu der Volksseele, der er zunachst an-
gehort in einer bestimmten Inkarnation, eine ganz andere ist als die
Region, in der der Mensch ist in bezug auf die Volksseele, wenn er in
seinem physischen Leibe ist. Der Mensch wird durch seine Sprache
und durch manches andere ja hineingeboren in das Gebiet seiner Volks-
seele. Wie wirkt diese Volksseele auf die menschliche Seele, auf das,
was im Schlafe herausgenommen wird aus dem physischen und Ather-
leibe, was aber im Wachen im Leibe vorhanden ist? Wie wirkt die
Volksseele des Volkes, dem ein Mensch angehort, auf die individuelle
Seele des Menschen?
Sie wirkt eigentlich nur in der Zeit, in welcher der Mensch in den
physischen Leib untertaucht vom Aufwachen bis zum Einschlafen.
Der Mensch ist da untergetaucht in die Krafte des physischen und
Atherleibes, und in diese Krafte ist auch untergetaucht mit gewissen,
ich mochte sagen, Fangarmen das, was die Volksseele ist, die Seele
desjenigen Volkes, dem der Mensch eben in einer Inkarnation beson-
ders angehort. Und wir tauchen nicht nur in unseren physischen Leib
unter, wir tauchen auch in einen gewissen Teil unserer Volksseele un-
ter, leben vom Aufwachen bis zum Einschlafen, wahrend wir in unse-
rem physischen Leibe sind, mit dem, was im physischen Leibe vor-
geht, innerhalb der Volksseele. Wir erfahren das, was wir in Gemein-
schaft mit der Volksseele erfahren, wahrend unseres Wachzustandes,
nur dafi die Volksseele nicht unmittelbar in das hereinspricht, was
uns vollbewufit ist im Ich, dafi sie vom Atherleib aus mehr in das Un-
terbewufite des astralischen Leibes hineinspricht, dafi sie uns tingiert,
nuanciert, unserem Gefiihl und Temperament eine gewisse Richtung
gibt. Das ist das Wesentliche, wie wir mit ihr in Beziehung treten. Der-
jenige, der durch seine entsprechende Initiation fahig ist zu beobach-
ten, was da alles mitspielt, wenn der Mensch in den physischen Leib
untertaucht, der sieht, schaut die Begegnung mit der Volksseele beim
Untertauchen in den physischen Leib. Aber er schaut auch noch etwas
anderes. Und wenn ich davon spreche, so werden Sie bald erkennen,
dafi innerhalb desjenigen, was der Geistesforscher zu sagen hat iiber
die eine oder andere Volksseele, Objektivitat herrschen mufi.
Der Geistesforscher lebt ja in den Momenten, wo er in der richtigen
Weise durchstarkt und durchleuchtet das Geistig-Seelische und es fa-
hig macht, bewufit zu leben und unabhangig vom Leibe, er lebt so, dafi
er beobachten kann, wo der Mensch ist, auch dann, wenn er mit sei-
nem Geistig-Seelischen, mit seinem astralischen Leibe und Ich aufier-
halb des physischen Leibes ist. Der Geistesforscher beobachtet da, wie
jede menschliche Seele unbewuftt zwischen dem Einschlafen und Auf-
wachen in den ganzen Umkreis der fur eine Zeit in Betracht kommen-
den Volksseelen untertaucht. Wahrend der Mensch also, wenn er in
den physischen Leib untertaucht, mit der Volksseele seiner Nation zu-
sammen ist, ist er im Schlafzustand mit all den anderen Volksseelen
der betreffenden Zeit zusammen, mit Ausnahme derjenigert, mit der
er wahrend des Wachzustandes im physischen Leibe zusammen ist.
Der Geistesforscher hat hinlanglich Gelegenheit, die Eigentiimlich-
keiten der anderen Volksseelen kennenzulernen, denn sobald er in sei-
nem leibfreien Zustand seiner selbst bewufit wird, lebt er geistig-see-
lisch ebenso mit den anderen Volksseelen zusammen, wie er im physi-
schen Leibe mit seiner eigenen Volksseele zusammen lebt. Da ware es
ganz unmoglich, aus den gewohnlichen Leidenschaften heraus das eine
oder das andere in einseitiger Weise iiber die eine Volksseele zu sagen.
Aber wenn der Geistesforscher bewufit mit diesen anderen Volksseelen
zusammen lebt, so zeigt ihm dieses Bewufite auch, dafi jeder Mensch
zwischen dem Einschlafen und Aufwachen unbewulk mit den anderen
Volksseelen zusammenhangt, aber etwas anders als mit seiner eige-
nen Volksseele. Wenn man in den physischen Leib untertaucht, so lernt
man die einzelne Volksseele mit ihren wesentlichen Eigenschaften, im
wesentlichen ihrer Tatigkeit in der Wirkung auf sich kennen, wenn
auch im Unterbewufken. Im Schlafe oder Initiationszustand lernt man
die anderen Volksseelen kennen, aber nicht als einzelne, sondern in
ihrem Zusammenwirken; nur die eigene Volksseele ist nicht dabei. Die
anderen wirken zusammen wie in einem Reigen, und in dem, was ihre
Reigentatigkeit ist, in dem lebt man drinnen, wie man bei Tag im phy-
sischen Leibe mit der einen Volksseele zusammen lebt. Also man lebt
da nicht mit der Eigentiimlichkeit der einen Volksseele zusammen,
sondern mit dem Zusammen wir ken. Nur eines gibt es, wodurch man
im leibfreien Zustand, also im Schlafe, gleichsam verurteilt werden
kann, ganz sicher verurteilt werden kann, aus dem normalen Zusam-
mensein mit dem Reigen der Volksseelen herausgerissen zu werden
und mit nur einer fremden Volksseele zusammen zu sein. Verstehen
Sie mich wohl: Das ist nicht normal, mit einer fremden Volksseele
zusammen zu sein; aber man kann es erreichen, wenn man in leiden-
schaftlicher Weise diese andere Volksseele besonders hafit. Damit ver-
urteilt man sich, herausgerissen zu werden aus dem Reigen der ande-
ren Volksseelen und so zusammen zu sein im Schlafzustand mit dieser
einen Volksseele, wie man wahrend des Wachzustandes mit der eigenen
Volksseele zusammen ist.
Ja, das sind objektive Wahrheiten, welche die Geistesforschung er-
gibt. Sie zeigt Ihnen, dafi es bitter ernst ist mit dem Satz, der oftmals
ausgesprochen wird von seiten der Geisteswissenschaft: Daft das, was
uns in der aufieren Wirklichkeit entgegentritt, Maja, grofie Tauschung
ist, und dafi hinter dieser Maja, hinter diesem Schleier "Wahrheiten
liegen, von denen sich derjenige, der sich nur mit dem Schleier der
Maja begniigen mochte, nicht nur nichts mit seinem Verstande wissen
kann, sondern auch nichts wissen mochte mit seinem Willen. - Es gibt
in unserer Zeit eben noch viele, viele Menschen, die noch nicht ein-
sehen konnen, was da hinter dem Schleier der Maja liegt, und deshalb
nicht verstehen konnen, dafi es eine solche iibersinnliche, unsichtbare
Welt gibt und in dieser ganz andere Verhaltnisse der menschlichen
Seele zu den anderen Volksseelen, als man sich traumen lafit. Wenn
man die Geisteswissenschaft gerade da im Ernst nimmt, wo sie hinein-
weist in die Spharen, die mit unserem Leben zusammenhangen, dann
mufi man es ertragen, daft da die Geisteswissenschaft hinweist auf Ver-
haltnisse der geistigen Welt, in die unterzutauchen, auch nur mit dem
Bewufksein, recht unbequem ist, so daft man sich dagegen straubt auch
mit seinem Willen. Man will nicht untertauchen, man mochte, daft die
Wahrheit anders sei in bezug auf sehr viele Dinge. Dafi nicht nur der
Verstand, sondern auch der Wille sich straubt gegen das, was die Gei-
steswissenschaft oftmals als bitter Ernstes zu sagen hat, das ist etwas,
was wir uns auch einmal vor die Seele fuhren diirfen. Und aus Emp-
findungen heraus, die angeregt werden konnen durch eine solche Aus-
einandersetzung wie die eben ausgesprochene, verspiiren wir, dafi der
Grundsatz, den wir haben innerhalb unserer Geistesbewegung, von
einem gewissen Wirken, ohne Unterschied der Rasse, Farbe, Nationali-
st und so weiter, im Grunde genommen so eng zusammenhangt mit
dem tieferen Wesen dieser unserer Bewegung, dafi es ja eigentlich fiir
den, der den tiefen Ernst der geisteswissenschaftlichen Wahrheiten
einsieht, ein Unsinn ist, diesen ersten Grundsatz nicht zu vertreten.
Ein wirklicher Unsinn ist es, denn im tiefsten Menschlichen das We-
sen irgendeiner Volksseele hassen, heifit eben, sich dazu verurteilen,
mit dieser Volksseele im Unterbewufiten genau ebenso zusammen zu
sein wahrend des Schlafes, wie man wahrend des Wachens in seinem
Unterbewufitsein zusammen ist mit der Volksseele, die die eigene ist.
Denn das normale Zusammensein mit Volksseelen im Schlafe ist die-
ses: mit dem ganzen Reigen der anderen fiir ein Zeitalter in Betracht
kommenden zusammen zu sein. Dafi der Mensch nicht einseitig wer-
den darf, dafiir sorgt die weise Einrichtung der Welt.
Wir haben oftmals betont, dafi das, was der Mensch durchzuma-
chen hat in den nachsten Jahren, die er durchlebt zwischen dem Tod
und einer neuen Geburt, in gewisser Weise abhangt von den Nachwir-
kungen des Lebens im Leibe zwischen Geburt und Tod. Nun gehort
ja zu diesem Leben im Leibe - wir konnen es entnehmen aus dem, was
eben auseinandergesetzt worden ist - das Zusammensein mit der Volks-
seele. Dieses Zusammensein mit der Volksseele, sagte ich, tingiert uns,
nuanciert uns; wir nehmen das, was die Volksseele als Impuls in un-
serem seelisch-geistigen Wesen erregt, in die geistige Welt mit, wenn
wir durch die Pforte des Todes schreiten, und miissen es nach und
nach als solches abstreifen. Wenn wir dieses bedenken, so wird uns
ohne weiteres erklarlich sein, da# es von der Art und Weise, wie der
Mensch mit seiner Volksseele zusammen lebt, abhangt, wie er unmit-
telbar nach dem Tode noch in den Nachwirkungen zu dieser Volks-
seele steht.
Betrachten wir einmal zwei europaische Nationen auf das hin, was
eben angeregt worden ist: das russische und das franzosische Volk. Das
ist ja das eigentliche Leben der Volksseelen, dafi diese Volksseelen mit
ihrem Bewufitsein in anderer Weise tatig sein miissen als der Mensch
mit seinem Bewufitsein. Der Mensch mit seinem Bewufitsein, wie ist er
tatig? Nun, er richtet den Blick hinaus auf den Horizont der aufieren
Tatsachen und kann auch den Blick auf seine eigene Seele zuriick-
lenken. Wir wissen, dafi die Menschen sich ja in gewisser Beziehung
voneinander unterscheiden. Zu der einen Gruppe gehort etwa Goethe,
der mit dem Blick objektiv auf den Dingen ruht, zu der anderen
Schiller, der sich mehr mit dem eigenen Inneren beschaftigt und mehr
von da heraus das vollbringt, was er zu schaffen hat. So sind ungefahr
auch die Volksseelen, aber eben nur ungefahr, denn ihr Bewufitsein
ist ganz anders geartet als das menschliche Bewufitsein. Die Volks-
seelen stehen verschieden zu den einzelnen Individuen, die dem Volke
angehoren. Indem sie den Blick nach aufien richten, ist das mehr ein
Willensblick, ein Blick, der Impulse hineinschickt in die einzelnen
Angehorigen des Volkes. Da also wirken sie objektiv nach aufien,
wenn sie sich nach den einzelnen Individuen hin richten. - Oder sie
konnen mehr in ihrem Inneren leben. Solche Volksseelen, die mehr,
man mochte sagen, nicht einem Volksseelen-Realismus, der sich ver-
breitet iiber die Individuen, sondern einem Volksseelen-Idealismus hul-
digen, der mehr in sich lebt, zu solchen gehort insbesondere die f ranzo-
sische Volksseele. Diese franzosische Volksseele hat so, wie sie heute
das franzosische Volk durchdringt, einen gewissen Halt des Bewufit-
seins dadurch, dafi sie zuriickblickt in eine friihere Zeit.
Ich habe schon ofters darauf aufmerksam gemacht, wie wir unser
gewohnliches physisches Wachbewufitsein dadurch haben, dafi wir in
unseren Raumesleib untertauchen. Nach dem Tode haben wir unser
Bewufitsein dadurch, dafi wir zuruckschauen in der Zeit auf unser
friiheres Leben. Da ahnen wir schon das Charakteristische eines ho-
heren Bewufitseins, das sich nicht im Raume, sondern in der Zeit
entfaltet, und da wird es uns auch nicht mehr schwer sein, ein wenig zu
verstehen, was die franzosische Volksseele fur ein Bewufitsein hat. Sie
entziindet ihr Selbst, indem sie zuriickblickt ins alte Griechenland,
denn sie ist im wesentlichen eine Art Wiederholung, Wiedererweckung
des alten Griechentums. Dieses alte Griechentum lebt wieder auf in
der franzosischen Volksseele, geradeso wie das Agypter-Chaldaertum
der dritten nachatlantischen Kulturperiode in der italienischen Volks-
seele auflebt. Daher hat die italienische Volksseele mehr die Moglich-
keit, in den einzelnen menschlichen Individuen, die dem Volke ange-
horen, die Empfindungsseele anzuregen. Die eigentliche Natur der
franzosischen Volksseele regt die Verstandes- oder die Gemiitsseele der
einzelnen Individuality an. Das lafit sich ganz im einzelnen nachwei-
sen. Ja sogar die einzelnen historischen Tatsachen sind in wunderbarer
Weise erklarlich, wenn man diese allgemeinen Ergebnisse der Geistes-
forschung zu Rate zieht.
Es sei nur auf einiges in dieser Richtung hingewiesen. Bedenken Sie:
Was war das Eigenartige der agyptischen Volksseele? Damals gab es
noch eine unmittelbar auf die Seele wirkende Astrologie. Die Volks-
seele schaute hinaus auf die Bewegungen der Himmelskorper, sah nicht,
wie die heutigen Menschen, in dem, was im Kosmos geschah, nur ma-
terielle Vorgange, sondern nahm wirklich hinter dem, was draufien
vorgeht, die wirkenden geistigen Wesenheiten wahr. Sie verhielt sich
so zum ganzen Kosmos, wie sich der Mensch zum anderen Menschen
verhalt, indem er beim anderen Menschen weifi, dafi ihn durch die
ganze Physiognomie eine Seele anblickt. So war alles Physiognomie
beim alten Agypter, und er nahm das Seelische in der Natur wahr. Der
Sinn der Fortentwickelung zur neuen Zeit liegt darin, dafi das, was frii-
her gleichsam elementare Fahigkeit war, unmittelbar sich entziindete
im Leiblichen des Menschen, dafi das seine Innerlichkeit wurde in der
neueren Zeit, in unserem fiinften nachatlantischen Zeitalter. Und so
wie es mehr elementar war, was der Agypter durchmachte, so macht
der Italiener das, was er wiederholt, was er in seiner Empfindungs-
seele durchmacht, mehr im Innerlichen durch, dadurch, dafi er in der
Empfindungsseele dieses Geistig-Kosmische erlebt, aber jetzt mehr ver-
innerlicht. Was konnte mehr verinnerlicht sein als die agyptische Astro-
logie in Dantes «G6ttlicher Kom6die»: die richtige Wiederauferste-
hung der altagyptischen Astrologie, aber verinnerlicht!
Und ebenso konnten wir nachweisen, nicht im Bewulksein des ein-
zelnen Franzosen, aber im Wirken der Volksseelenimpulse, das Auf-
leuchten des alten Griechentums. Bis zu der neuesten Erfindung und
bis in die Einzelheiten hinein laftt sich das verfolgen; nur bringt man
solchen Forschungen nicht den notigen Ernst entgegen. Griechenland
und, wie es die anderen Volker nannte, «die Barbaren», selbst das lebt
wieder auf. So konnte man nachweisen, dafi in der ganzen franzosi-
schen Literatur und Kunst - ich meine nicht bewuik, aber in den tief e-
ren Impulsen - das alte Griechentum so auf lebt, wie es aufleben raufi
in unserer Zeit. Wir haben also eine Volksseele vor uns, die alles ver-
arbeitet hat, was im Griechentum war, eine Volksseele, die deshalb
aufierordentlich stark wirkt auf die einzelnen menschlichen Indivi-
duen, die die Individuen durchsetzt und ergreift. Die Folge davon ist,
dafi, wenn die franzosische Einzelseele in den physischen und Ather-
leib untertaucht, sie in das Weben und Wesen scharf ausgepragter Ta-
tigkeit der Volksseele untertaucht. Sie findet die Impulse dieser Volks-
seele scharf ausgepragt. Daher kommt es, dafi der Franzose, indem er
in seinem physischen Leibe dieses scharfe, pragnante Leben und Weben
der Volksseele aufnimmt, mehr in diesem lebt als in seinem elementa-
ren Selbstgefiihl, daft er mehr in dem Bilde lebt, in der Vorstellung,
die er sich von dem Franzosen macht, die da heraufflutet von der
Volksseele. Von dem Bilde des Franzosen lebt er. Und mit diesem
Bilde hangt alles zusammen, was fur ihn von grower Bedeutung ist:
«Gloire» und so weiter. Der Franzose lebt im eigenen Bilde, das aus
dem Atherleib heraufkommt. Das ist stark gepragt, dieses Phantasie-
bild, das verwebt sich zusammen mit der geistig-seelischen Wesenheit
des einzelnen, und das nimmt er als ein stark im Atherleib bewegtes
Bild auch mit, indem er nach dem Tode in die geistige Welt geht. Das
bekommt er sehr schlecht los. Er bekommt sehr schwer sein Atherbild
los. Die Vorstellung, die er von sich selbst gemacht hat, die hangt ihm
an, sie ist fest mit ihm verbunden.
Ganz anders ist das Verhalten der Volksseele des russischen Volkes
zu der einzelnen Individuality. Diese russische Volksseele hat nicht in
demselben Sinn irgendeine der nachatlantischen Kulturen zu wieder-
holen wie das franzosische Volk; sie ist eine jugendliche Volksseele,
sie pragt wenig in den Atherleib ein. Daher trifft das einzelne Indi-
viduum, das dieser russischen Volksseele angehort, wenn es in seinen
physischen Leib untertaucht, wenig Pragnantes, nimmt daher auch,
wenn es in die geistige Welt geht, wenig Pragnantes mit, wenig gleich-
sam atherisch gewobene Phantasiebilder mit.
So unterscheiden sich die Seelen in bezug auf das Verhaltnis zu
ihren Volksseelen nach dem Tode. Auf der einen Seite haben wir das
Heer solcher einzelner Seelen, die durch den Tod gegangen sind, die
in die geistige Welt scharf gewobene Bilder ihrer eigenen Wesenheit
hinauftragen, und auf der anderen Seite, im Osten, sehen wir junge
Seelen hinaufziehen, einer jungen Volksseele angehorig, wenig hin-
aufbringend von scharf gewobenen, im Atherleib flutenden Menschen-
bildern.
Nun stehen wir ja, wie ich oftmals auseinandergesetzt habe, vor
dem grofkn Ereignis der kommenden Zeit: dem Auftreten des Chri-
stus in einer ganz besonderen Weise. Ich brauche das heute nicht aus-
einanderzusetzen. Ihm aber geht voran, seit dem letzten Drittel des
19. Jahrhunderts, als Kampf er fur die entsprechende Vorbereitung der
Menschen zu dem Christus-Ereignis, derjenige Geist, den wir als den
Geist Michael bezeichnen, als den Vorkampfer des Sonnengeistes. Nun
liegt alles daran, dal$ in der geistigen Welt dieses Ereignis, das geistig
eben iiber die Menschheit hereinbrechen soli, in entsprechender Weise
vorbereitet werde. Das kann aber nur geschehen, indem in der gei-
stigen Welt gearbeitet wird gleichsam an der reinen Herausbildung des
kiinftig atherisch erscheinenden Christus, der ja dem Menschen als
atherische Gestalt erscheinen soil. Dazu aber ist notwendig, dafi der-
jenige, der da vor dem Sonnengeist einherzieht, dafi Michael einen
Kampf ausficht in der geistigen Welt. Zu diesem Kampf braucht er
die Hilfe der Seelen, die durch ihre Leiber eben hinaufgezogen sind
in die geistige Welt, derjenigen Seelen, die in die geistige Welt wenig
heraufbringen von scharf ausgepragten Phantasiebildern. Und so sehen
wir den Geist Michael und in seinem Gefolge eine Anzahl russischer
Seelen fiir die Reinheit des geistigen Horizontes kampfend und in har-
tem Kampfe mit den Seelen, die aus dem Westen gekommen sind, die
scharf ausgepragte Phantasiebilder hinaufbringen. Die miissen zer-
streut, aufgelost werden. Wir sehen diesen Kampf zwischen Osten und
Westen vorbereitet schon seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts,
einen scharfen Kampf, der dem Fortschritt der Menschheit dienen soil,
und der darin besteht, dafi geistig der europaische Osten kampft ge-
gen den europaischen Westen, dafi das geistige Rufiland einen schar-
fen geistigen Kampf ftihrt gegen das geistige Frankreich. Das, meine
lieben Freunde, gehort zu dem Erschiitterndsten der Ereignisse der
Gegenwart, zu sehen, wie in demselben Mafie, in dem sich hier unten
im Felde der grofien Tauschung das physische Biindnis zwischen We-
sten und Osten vollzieht, droben in der geistigen Welt der scharfe
Kampf des europaischen Ostens, Rufilands, gegen den europaischen
Westen, Frankreich, sich richtet. Wir haben hier einen derjenigen Falle,
die so erschiitternd auf den Geistesforscher wirken, wo man sehen
kann, wie das, was hinter dem Schleier der aufieren Sinneswelt ist, oft
das Entgegengesetzte ist von dem, was hier unten im Lande der Tau-
schung geschieht. Aber ich mochte immer und immer ermahnen, nicht
zu glauben, dafi man durch Spekulation solche Dinge ausmachen kann.
Derjenige, der etwa aus dem, was ich fur einzelne Falle gesagt habe -
dafi sich das Geistige als Gegenteil dessen darstellt, was im Gebiete der
grofien Maja auftritt schliefien wollte, dafi er immer zum Gegenteil
gehen miisse, wenn er vom Physischen ins Geistige kommen will, der
wiirde sich sehr stark irren. Denn es gibt Falle, wo in der geistigen
Welt sich die Dinge genau so abspielen wie in der physischen. Zwi-
schen diesem Falle und dem anderen, wo sie sich so stark entgegenge-
setzt abspielen, wie in bezug auf das Biindnis von Frankreich und
Rufiland im Physischen und Geistigen, sind alle moglichen Abstu-
fungen.
Man hat heute noch wenig Empfindung dafur, aus welchen Im-
pulsen heraus die wirkliche Geisteswissenschaft sich mitteilen mufi.
Unsere Zeit ist, ich mochte sagen, in gewisser Beziehung leichtsinnig
geworden, namentlich in bezug auf das, was den einzelnen Menschen
mitteilungswert erscheint; denn gar wenig wird gefragt um die Ver-
antwortung, die hinter dem Mitzuteilenden steckt fur den, der den
Zusammenhang der geistigen Welt mit der physischen ins Auge zu fas-
sen hat. Vielleicht darf ich Ihnen - nicht aus personlichen Griinden,
sondern nur, um zu illustrieren - etwas in Anknupfung an meinen vor-
gestrigen Vortrag sagen. Sehen Sie, in diesem offentlichen Vortrag,
wo ich natiirlich nur aufierlich, exoterisch sprechen kann, spreche ich
aber doch nicht so exoterisch, wie man gewohnlich glaubt, und ich
ware wohl froh, wenn man gerade bei solchen Vortragen ein wenig er-
wagen wiirde die Kulturaufgabe, die die Geisteswissenschaft hat. Na-
mentlich in dem Herausheben und in der Art des Sagens dessen, was
gesagt werden muft, driickt sich das aus, was als Geisteswissenschaft
dahintersteht. Es sind nicht willkiirliche Einfalle, ist nicht etwas Zu-
sammengeklaubtes. Nehmen Sie das eine Beispiel: Ich habe gesagt, daft
man, wenn man die Verhaltnisse der einzelnen europaischen Nationen
in diesem Krieg beurteilen will, geschichtlich vorgehen solle, daft
man zum Beispiel bedenken solle, daft Osterreich jene Mission auf
dem Balkan empfangen hat auf Antrag der englischen Politik, und daft
im Grunde genommen alles das, was sich zugetragen hat fiir Oster-
reich, eine Konsequenz ist dessen, was ihm auf Impuls von England
hin mit aufgetragen worden ist. Und ich sagte, man miisse das be-
riicksichtigen, man miisse beriicksichtigen, daft dadurch Osterreich,
und damit Deutschland, in besonderen Antagonismus zu Ruftland ge-
kommen ist, und daft England sein eigenes Werk verlassen hat und nun
gegen Deutschland kampft, wahrend die Zentralmachte und Ruftland
in Antagonismus gekommen sind dadurch, daft Osterreich auf Eng-
lands Impuls mit der Balkanmission betraut worden ist und auch,
indem es den Tiirken zu Hilfe kam, zuriickhalten sollte den Einfluft
des russischen Ostens. Selbstverstandlich kann man in einem exote-
rischen Vortrag, der fiir das grofte Publikum gemeint ist, das nur an-
deuten, was wirken kann auf die Empfindungen, die gerade heute an-
geregt werden sollten. Aber, was ist denn hinter dieser Sache? Aufter-
lich, exoterisch sehen wir die englische Politik an der Seite der russi-
schen, die gerade durch eine Tat Englands zu ihren Konsequenzen ge-
kommen ist. Das sehen wir aufterlich. Der Geistesforscher, der sich
die Dinge in der geistigen Welt anschaut, der kann heute eine ganz
eigentiimliche Entdeckung machen, eine hochst merkwiirdige Ent-
deckung. Nehmen wir einmal an, der Geistesforscher wiirde, indem er
sich einen bestimmten perspektivischen Punkt nimmt, von unten nach
oben sehen. Er wiirde sich den perspektivischen Punkt unterhalb des
physischen Planes nehmen und zum Astralplan aufschauen. Er konnte
sich ihn auch oberhalb des Astralplanes nehmen. Dann wiirde er das
sehen, was auf dem physischen Plan sich abspielt, und gleichsam auch
das, was auf dem astralischen Plan sich abspielt. Es wiirde das zusam-
menschwimmen. Nicht wahr, wenn man von unten hinauf- oder von
oben herunterschaut durch den Astralplan, so sieht man durch das
Astralische hindurch auf das Physische und umgekehrt. Wenn man
nun auf den physischen Plan sieht, so kampft zwar England gegen
die Tiirkei, seit die Tiirkei an Rutland den Krieg erklart hat. Aber das
ist blofi Maja, denn in Wahrheit kampft das astrale Wesen Eng-
lands mit der Tiirkei gegen Rufiland. So dafi man das Schauspiel hat,
dafi im Nordwesten England fur Rufiland und im Siidosten England
fiir die Tiirkei, also gegen Rufiland, kampft. Nur ist das eine mafi-
gebend fiir den physischen Plan und das andere fiir den astralischen
Plan.
Wenn man mit einer solchen Erkenntnis der Welt gegeniibersteht,
dann fiihlt man: Man kann ja naturlich diese Erkenntnis nicht aufier-
lich dem Publikum mitteilen, aber sie drangt einen dazu, gerade diesen
einen Punkt hervorzuheben von der Inkonsequenz Englands im Osten.
Dafi dieser eine Punkt herausgehoben wird, das riihrt her aus dem Er-
kennen der geistigen Zusammenhange. Das ist es, womit ich auf die
Verantwortung hindeuten mochte, die man hat einf ach bei dem Zusam-
menstellen der einzelnen Wahrheiten und der Art, wie man sie gibt.
Da klaubt man nicht in beliebiger Weise zusammen, wie es die
heutigen Buch-Macher oder Journalisten tun, wenn man seine okkulte
Verantwortung fiihlt, sondern da mufi das, was zu sagen ist, aus dem
Wesen des Zeitwirkens heraus geholt werden. Wirklich nicht um etwas
Personliches zu sagen, sondern um Sie aufmerksam zu machen, sage
ich dieses, dafi Geisteswissenschaft, wenn sie mit voller Verantwort-
lichkeit hintritt vor die Welt, eben wirklich recht ernst genommen
werden sollte, und nicht verwechselt werden sollte mit alledem, was
sich heute als Journalisterei und Buch-Macherei breit macht und in
der Art, wie es kombiniert, sehr weit entfernt ist von einem solchen
Verantwortlichkeitsgefiihl gegeniiber den geistigen Machten der Zeit.
Ich darf schon gerade in unserer Zeit, meine lieben Freunde, ein wenig
aufmerksam machen auf diesen Ernst der Geisteswissenschaft. Denn
unsere Zeit zeigt uns in vieler Beziehung ein ernstes Antlitz, ein recht
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ernstes Antlitz, und nur diejenigen werden zurechtkommen mit dieser
Zeit, die den Ernst dieses Antlitzes zu wiirdigen verstehen.
Ich mochte Ihnen auch, um dieses zu erharten, einen fiir den Schii-
ler der Geisteswissenschaft interessanten Zusammenhang vor die Seele
fiihren. Es ist ja schon oftmals gesagt worden, dafi die Geisteswissen-
schaft in die Gegenwart wahrhaftig nicht deshalb hereintritt, weil sie
der Willkiir des einen oder anderen entspringt, oder weil der eine
oder andere sie aus seiner Neigung heraus zu seinem Ideal gemacht
hat und sie an die anderen Menschen heranbringen mochte, sondern
weil jetzt die Epoche ist, wo die geistigen Wesenheiten, welche das
Tor dieser der Menschheit zu offenbarenden Wahrheit sonst verschlos-
sen hielten, es geoffnet haben, dafi diese Weisheit herunterflielk in die
menschliche Seele. Und entgegen gehen wir einer Zeit, wo die Menschen
immer mehr und mehr aufnehmen miissen die Weisheit, die nicht nur
in abstrakten Begriffen, nicht nur in grauen Ideen des Verstandes von
der Seele angeeignet wird. Zeiten leben wir entgegen, wo in die mensch-
lichen Seelen, in die menschlichen Gemiiter dasjenige hinein will, was
wir Imagination nennen. Man mochte sagen, wenn man die Sache
durchschaut: Da hangen sie, wie dichte Wolken vor einem Un wetter
herunterhangen in die Landschaft hinein, da hangen sie in der geistigen
Welt und wollen hinein in die menschlichen Gemiiter, und warten,
bis diese menschlichen Gemiiter reif sind. Ja, so ist die Zeit; so ist
es einmal.
Nun gibt es ein eigentiimliches Gesetz: Das Imaginative, das hin-
ein will in die menschlichen Gemiiter und als Imagination noch nicht
aufgenommen werden kann in irgendeinem Zeitalter, das wirft etwas
wie ein Fata-Morgana-artiges Bild ebensoweit unter den physischen
Plan hinunter, wie es selbst iiber dem physischen Plane ist. Die Ima-
ginationen rufen in den menschlichen Wesenheiten Leidenschaften her-
vor, Gefuhle, Triebe, Instinkte, die sich ausleben in Antagonismus.
Und wenn man heute die Instinkte nimmt, die Leidenscbaftsausbriiche,
mit denen sich die Volker beschimpfen, so sind sie nichts anderes
als das Ergebnis dessen, dafi Imaginationen, welche die europaischen
Volker aufnehmen sollten, nicht herunter konnen, dafiir sich spiegeln
unter dem physischen Plan im Unterbewufken der Menschen in sol-
chen der Wahrheit widersprechenden Instinkten und Leidenschaften.
Im Grunde genommen konnen wir sagen, dafi alles, was wir an Aus-
ladung von Instinkten und Leidenschaften in der Gegenwart erleben,
der Ausdruck dafiir ist, daft erneuerte Imaginationen in die Welt der
menschlichen Kulturentwickelung hereinbrechen wollen. Alles das, was
der Krieg an oftmals so traurigen Erscheinungen an die Oberflache
wirft, ist die umgewandelte Imagination, die die Menschheit nicht er-
greifen kann.
Wiederum — und solches erscheint mir niemals ganz unwichtig zu
sein - mache ich darauf aufmerksam, dafi man nun nicht sagen soli:
Also ist jeder Krieg umgewandelte Imagination. - Kriege konnen audi
ganz etwas anderes sein. Der heutige ist das, was ich gesagt habe. Das
Generalisieren, das fiir die Erkenntnis des physischen Planes eine Be-
deutung hat, hat nicht eine Bedeutung fiir die geistige Welt. Hier mus-
sen die Dinge einzeln, individuell erforscht werden.
Wir sehen heute - und ich mochte jetzt von einer gewissen Seite her
eine Erscheinung vor Ihre Augen treten lassen, um sie auch noch zu
erklaren — , wir sehen heute, wie die Angehorigen der verschiedenen
Volker in Hafi einander verfolgen, wie sie sich beschimpfen. Woher
kommt das? Nun, indem wir in allem tiefen Ernst schon auf genom-
men haben das Wesen der wiederholten Erdenleben, erscheint uns nicht
besonders unbegreiflich, daft die Seele in ihren wiederholten Leben
durch die verschiedenen Nationalitaten durchgeht. Derjenige, der heute
seine Inkarnation in einem deutschen Leibe durchmacht, der bereitet
sich vielleicht schon in seinem Innersten vor, die nachste Inkarnation
in einem englischen Leibe durchzumachen; derjenige, der sie heute in
einem englischen durchmacht, bereitet sich vielleicht schon vor, sie
in der nachsten in einem deutschen Leibe durchzumachen. Der Mensch
ist schon dieses duale Wesen, diese Zweiheit. Da stehen wir aufierlich
da vor der Welt - nicht nur in bezug auf das aufiere physisch-sinn-
liche Anschauen, sondern in bezug auf manches andere -, ganz berech-
tigterweise durch unseren physischen Korper verkniipft mit dem We-
sen und Weben der Volksseele; aber im Inneren macht sich schon
geltend, was fiir die nachste Inkarnation ein ganz anderes sein wird.
Nun ist der Mensch unter den mancherlei Dingen, denen er feind ist,
oftmals am allermeisten seinem eigenen innersten Wesen feind. Das
bekampft er am meisten. Er weifi nicht, daft es sein innerstes Wesen
ist. Nehmen wir einen Englander, der pradestiniert ist durch das
Innerste seiner Seele, in seiner nachsten Inkarnation ein Deutscher
zu sein. Da sehen wir ihn heute, wie er gegen sein eigenes Innere kampft.
Er kampft gegen die nachste deutsche Inkarnation. Dies kommt heute
dadurch zum Ausdruck, dafi er in schandlicher Weise iiber das Deut-
sche schimpft. Weil er das Ziel im deutschen Leibe erblickt, wiitet er
gegen das, was in der spirituellen Welt sein innerstes Wesen ist. Es ist
im Grunde genommen eine Auseinandersetzung der Seele mit sich
selbst, und nur aufierlich, in der Maja, ist es so, dafi driiben, jenseits
des Kanals, iiber die Menschen hier in Mitteleuropa geschimpft wird.
Im Grunde genommen bezieht sich das, was geschimpft wird, auf die
eigene Seele. Darin zeigt sich die tiefe Tragik, die den Menschen iiber-
kommen mufi in seinem ganzen Empfinden und in seinen innersten
Impulsen, wenn er da, wo die Sache bitter ernst wird, die aufiere
Maja vergleicht mit dem, was in dem Inneren ist.
Und so konnen wir die Volksseelen sehen als wirkliche lebendige
Wesenheiten, welche die einzelnen abgeschlossenen Individuen durch-
dringen, durchsetzen. Und was der einzelne erlebt, erlebt er im Zu-
sammenhang mit seiner Volksseele. Auf dem physischen Plan, im
aufieren Leben, stehen sich die Menschen heute gegeniiber. Die eine
Nation wirft der anderen die Schuld am Kriege vor und glaubt, etwas
Besonderes damit zu sagen. Wie ist es eigentlich mit diesem Vorwer-
fen der Schuld? Das Karma jedes Volkes und das Karma des betref-
fenden Volkes hangen selbstverstandlich mit demjenigen zusammen,
was die Volksseele im Volke durchlebt und an Impulsen in die ein-
zelnen Atherleiber und dadurch auch Astralleiber hineinlenkt. So le-
ben die einzelnen Nationen nebeneinander und miteinander in Ver-
haltnissen als Ausdruck der Beziehungen ihrer Volksseele mit dem
Volksseelenkarma. Und wenn die eine durch die andere dieses oder
jenes erfahrt, wenn der einen durch die andere dieses oder jenes ge-
schieht, so geschieht es nicht, ohne dafi es mit dem innersten Karma
zusammenhangt. Insofern als die Volksseele eine abgeschlossene We-
senheit ist, gibt es auch ein Nationalkarma. Und wahrend man im
aufieren Exoterischen glaubt, die eine Nation tut der anderen dieses
oder jenes zuleid, vollzieht sich das so, dal5 jede Nation in dem, was
sie erlebt, ihr individuelles Nationalkarma erlebt. Wenn eine der an-
deren eine Niederlage beibringt, so vollzieht sich in dieser Niederlage
der unterlegenen Nation etwas, was sie sich selbst zugefugt hat durch
ihr eigenes Karma. Und wenn man in der ganz groben Weise, wie es
aufierlich vollberechtigt ist, von dem Recht des einen und anderen
spricht, so ist das wirklich nicht anders, als wenn einer ein alter Mann
ist und neben sich ein kleines Kind sieht, das f risch ist und zur Jugend-
kraft heranwachst, und er nun sagt: Warum werde ich alter, warum
zeigt sich mir immer mehr und mehr ein Verfall? Ich sehe: das Kind,
das nimmt mir meine Krafte; indem es alter wird, nimmt das Kind
mir meine Krafte. - Wahrend er seine Krafte in ganz natiirlicher Weise
verliert, kann er sich der Tauschung hingeben - er wird es nicht tun,
aber ich habe schon solche Dinge gehort -, dafi ihm das Kind seine
Krafte nimmt. Da sieht man gleich, dafi es unsinnig ist, weil der
Kausalzusammenhang in jedem einzelnen Wesen liegt. So ist es aber
auch bei dem Karma der Volker. Die Volker gehen nebeneinander her,
und wenn eines iiber das andere siegt, so ist der Sieg fur sein Karma;
wenn auch mit demselben Sieg das andere Volk unterliegen mufi,
so ist doch fur dieses andere Volk die Niederlage durch sein anderes
Karma hervorgerufen. So ist Geisteswissenschaft in den Seelen wirk-
lich friedenstiftend, wenn sie auf der anderen Seite auch einsieht,
dafi die gegeneinander wirkenden Krafte eben gegeneinander wirken
miissen.
Gerade durch solche Dinge mochte man heute darauf hinweisen,
dafi Geisteswissenschaft nicht blofi ein Spiel sein will mit sensationel-
len Begriffen, sondern dafi Geisteswissenschaft, wenn man sie in ihrem
bitteren Ernst betrachtet, unsere Seele wirklich durchschiittelt und
durchruttelt und aus dem Menschen ein anderes Wesen macht, wenn
er sie ernst nimmt. Das miissen wir nur gehorig ins Auge fassen, wirk-
lich ins Auge fassen, wie oberflachlich man manchmal sie als ein blofies
Verstandesspiel nimmt, und wie man sie eigentlich als etwas nehmen
sollte, was aus dem Menschen wirklich ein ganz anderes Wesen machen
kann. Und vieles wird sich ergeben, wenn man sich auf solche Dinge
einlafit, vieles vom Verstandnis der Zusammenhange wird sich so er-
geben.
Wenn zwei Menschen verschiedene Ansichten haben iiber irgendeine
Sache, die sich vor ihnen abspielt, so wird in der Regel der eine unrecht
haben. Man wird es leicht nachweisen konnen, dafi der eine unrecht
hat. Aber das individuelle Leben dcs Menschen ist anders als das Leben
der Nationen. Man darf nicht das Leben der Nationen mit dem der
einzelnen Individuen identifizieren, darf auch nicht glauben, dafi die
Taten der Nationen denselben Urteilsimpulsen unterliegen konnen wie
das Leben der einzelnen Menschen. Sonst urteilt man so, wie man nie-
mals urteilen wiirde, wenn man einen blauen Dunst hatte von den Be-
ziehungen der Nationen, wie es zum Beispiel der Fall ist, wenn man
sagt, man musse Deutschland den Krieg erklaren, weil es Belgiens
Neutralitat verletzt hat - wie es gesagt worden ist -, man musse den
Krieg aus moralischen Griinden erklaren. In der Politik ist es einfach
unsinnig, dieselben Kategorien anzuwenden, die man bei der Beur-
teilung des einzelnen Menschen mit Recht anwendet. Denn ganz selbst-
verstandlich ist es, dafi das Interesse Deutschlands erfordert, nach Bel-
gien vorzuriicken, und bei England, daft das nicht geschieht. Im Au-
genblicke, wo man aufrichtig gesteht, daft das Interesse da und da ist,
hat man etwas vor sich, das darauf hinweist, dafi es kontrastierende
Interessen gibt. Wenn zwei Menschen etwas Entgegengesetztes behaup-
ten, so wird nachzuweisen sein, daft der eine unrecht hat. Wenn zwei
Nationen etwas Entgegengesetztes tun miissen, dann miissen sie es eben
tun. Und zu glauben, dafi man mit dem Urteil der einen Seite das der
anderen Seite wegfegen kann, das ist ebenso gescheit, wie wenn jemand
sagen wollte: Du hast mir einen Baum gemalt, der hat da einen Ast,
dort einen, dort einen; das ist ganz falsch, der Baum sieht ja so aus. -
Und nun zeichnet er so, dafi hier der Ast sitzt und an einer anderen
Stelle der andere und so weiter. Der eine hat ihn eben von der einen
Seite gezeichnet und der andere von der anderen Seite. Das kann man
natiirlich zusammenbringen. Aber das, was sich in der Weltgeschichte
abspielt, kann nicht durch blofies Zusammenschauen ausgeglichen wer-
den. Wenn die Volksseelen mit ihren andersgearteten Bewufitseinen
Dinge tun miissen durch die Menschen, so ist es unmoglich, dafi man
irgendwie entscheidet durch Urteile wie: Der eine hat recht, der an-
dere unrecht -, sondern da gibt es kontrastierende Interessen, die not-
wendigerweise sich entladen miissen in Erscheinungen, wie das heutige
eines ist. Da widerlegt man nicht das, was auf der einen und anderen
Seite gesagt wird. Ebensowenig wie man glauben darf, dafi das Karma
des einen nicht selbstandig steht neben dem des anderen, so wenig
darf man glauben, dafi man mit dem Urteil von der einen Seite das
Urteil von der anderen widerlegen kann. Denn das eine Volk kann
Interessen haben, gegen welche nicht aufzutreten Pflichtverletzung
ware von dem Staatsmann des anderen Volkes, wahrend selbstver-
standlich fur diese Interessen einzutreten Pflicht des Staatsmannes des
ersten Volkes ist.
Urteile der Menschen, Urteile in dem Bewufitsein, das wir haben
auf dem physischen Plan innerhalb unseres physischen Leibes, kommen
nur auf dem Felde des Verstandes in Betracht und gleichen sich dia-
lektisch aus, indem das eine das andere aus dem Felde schlagt. Anders
urteilen die Bewufitseine der Volksseelen. Die haben ebenso vonein-
ander abweichende Urteile, aber diese Urteile sind nicht blofi Ver-
standesurteile, sondern es sind Tatsachen. Wenn ein Urteil das andere
aus dem Felde schlagt in der Sphare der Menschen, dann tut das aller-
dings nicht weh, dann totet man zwar, aber man sieht das nicht fiir
einen Tod an. Aber anders ist es, wenn das, was im Bewufitsein der
Volkerseelen waltet und was eben nicht blofi abstraktes Urteilen ist,
das dialektisch wirkt, sondern was als Tatsachen wirkt, wenn das
aufeinanderprallt. Da mufi man die Notwendigkeit einsehen, die ei-
serne, dafi es so gekommen ist* Und da mufi man die Moglichkeit ha-
ben, in seinem Gemiit gewissermafien eine Form des Urteils, eine Gei-
stesform anzunehmen, die nicht ubereinstimmt mit der Geistesform,
die man aiiwendet im alltaglichen Verkehr.
Man mufi ja gleichsam mit den Volksseelen denken, nicht mit den
einzelnen individuellen Menschenseelen. Wenn man mit den einzelnen
individuellen Menschenseelen denkt, so ist es ganz selbstverstandlich,
dafi man versucht, nicht ein solches Urteil zu fallen, das dem des an-
deren widerspricht, denn dann wiirde man nicht sozial in der Men-
schenwelt leben konnen. Wenn man mit der Volksseele zu denken,
zu empfinden hat, dann kommen Zeiten, in denen man unmoglich in
irgendeiner anderen Weise in ihr drinnenstehen kann, als indem man
sich mit ihr identifiziert und ihren Inhalt fiir berechtigt halt, ohne daft
man herausgeht aus dieser Volksseele, ohne daft man das, was sie zu tun
hat, mit dem vergleicht, was die andere zu tun hat. Denn das ist Sache
der anderen, das laftt sich nicht in einem gemeinsamen Bewufttsein
zusammenbringen, das geht von Bewufttsein zu Bewufttsein. Daher
werden Sie es verstehen, daft man von einem solchen Gesichtspunkte
aus fragen kann: Was hat das deutsche Volk zu sagen uber seine Mis-
sion, indem es sich als aus den Nachkommen Fichtes, Schillers und der
anderen Groften bestehend ftihlt? - Es hat zu sagen, daft das, was es
heute unternimmt, die aufiere Verkorperung fiir seine geistige Mission
ist, und daft es unmoglich ist, nicht fiir diese einzutreten. Mit alien
Fasern mufi der, der innerhalb des Volkes steht, fuhlen: Das muft ge-
schehen. - Und es gibt keine Moglichkeit, daft jemand, wenn man scharf
herausschalt, was aus dem deutschen Volk heraus zu geschehen hat,
dies als Attacke bezeichnet. Die Attacke, der Angriff auf das andere
Volk beginnt erst, wenn man anfangt zu schimpfen iiber das andere
Volk. Das sind Dinge, die heute ganz besonders tief verstanden werden
miissen: Das positive Eintreten fiir das, was das Wesen eines Volkes ist,
bedeutet im Grunde genommen nichts anderes als das, was sich ver-
gleichen laftt in dem individuellen Bewufttsein mit der Tatsache, daft
man ja nur fiir seinen eigenen Korper sorgen kann, daft er moglichst
in Ordnung ist, und nicht in derselben Weise fiir einen anderen Korper.
Ich bitte Sie, merken Sie, daft hier etwas Richtunggebendes fiir das
Urteil vorliegt, das wir aus den Quellen der Geistesforschung heraus
gewinnen konnen.
Und wenn wir hineinschauen in das Weben und Wesen der Volks-
seelen und das, was dahinter ist, hinter dem schauen, was sich aufter-
lich abspielt, wird, mochte ich sagen, fiir den Geistesforscher gerade
heute die Sache recht sehr ernst, ganz aufierordentlich ernst. Aber es
geziemt sich auch dieser Ernst unserer Zeit, und es hangt gewisser-
maften die Tatsache, daft wir die groftten kriegerischen Ereignisse ge-
sehen haben, zusammen mit der groften Forderung der Zeit, nun eine
Kultur zu begriinden, die mit dem rechnet, was hinter dem Sinnes-
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schleier liegt. Und diejenigen werden im rechten Sinne gerade das be-
urteilen, was sich in der aufieren Welt heute abspielt, welche in den
aufieren Ereignissen etwas wie Zeichen, wie gewaltige Weltsymbole
sehen fiir das Heraufdammern eines ganz Neuen in der Menschheits-
entwickelung.
Ich sagte: Nicht nur, dafi der Verstand und seine Vorurteile sich
in dem Menschen auflehnen gegen das, was Geisteswissenschaft iiber
die iibersinnliche Wesenheit hinter den aufieren Dingen zu sagen hat,
sondern das Gemut, die Willensimpulse lehnen sich auf. Sie wollen es
nicht, weil die Seele sich umarten mufi und iiber vieles anders fiihlen
und empfinden mufi. - Das sagte ich. Ja, das ist auch so eine Wahr-
heit. Wir schlafen namlich nicht nur in der Nacht, wir schlafen teil-
weise auch bei Tag, nur dafi in der Nacht unsere Begierde zum phy-
sischen Leib so stark ist, dafi sie wie ein Nebel unseren astralischen
Leib und unser Ich durchzieht und unser Bewufitsein herabdampft.
Wenn wir nun mit demselben astralischen Leib und demselben Ich
nach der Befriedigung der Begierde in unseren physischen Leib hinun-
terziehen, dann wird das, was wir da als Bewufitsein entwickeln, durch-
flutet von den Einflussen der Volksseele und da wird wiederum das
Bewufitsein durchsetzt, so dafi da unten, trotzdem wir glauben, recht
wach zu sein, immer etwas schlaft in uns. Im Grunde schlaft immer
etwas in uns, und schon das ist in uns ein Schlaf, wie die Volksseele in
uns hereinwirkt, denn das geschieht ja nicht mit demselben Bewufit-
sein, mit dem wir unsere tagwachen Urteile fallen. Und zu diesem, zu
dem Schlaf des Tages, der nur verdeckt wird durch das gewohnliche
Bewufitsein, zu diesem gehort auch das Heriiberwirken der Volksseelen
von den anderen Nationen. Sie wirken doch in einer gewissen Weise
wiederum hinein in das schlafende Menschengemiit und bringen aller-
dings andere Erscheinungen hervor als im Schlafe, aber sie bringen
Erscheinungen auf dem physischen Plan hervor.
Wahrend zum Beispiel das deutsche Volk eine Entwickelungslehre
durch Goethe gehabt hat, die aus dem tiefsten Inneren des deutschen
Wesens selber kam, hat es diese unbeachtet gelassen und den Darwinis-
mus entgegengenommen. Wie das italienische Volk die Empfindungs-
seele zu entwickeln hat, das franzosische die Verstandesseele, das eng-
lische die Bewufitseinsseele, so hat der Deutsche das Ich zu entwickeln,
und vieles wird verstandlich im Wesen des deutschen Volkes, wenn
man fiihlt und ins Auge fafit, wie alles, was deutsche Kultur ist, aus
dem Ich hervorquillt. Dieses Verbundensein des Ich mit den heiligsten
geistigen Giitern, es ist ein Charakteristikum des mitteleuropaischen
Menschen.
An einer Erscheinung zeigt es sich ganz besonders stark. Wenn wir
die okkulten Wahrheiten selber nehmen und nach dem Westen hin-
iiberschauen: die auftere Kultur hat wenig Zusammenhang mit dem,
was als Mystik, als Okkultismus auftritt. Es sind eigentlich immer
zwei nebeneinandergehende Stromungen. Man wird nicht leicht in den
gewohnlichen Buchhandlungen in Paris zugleich etwas finden, was
zusammenhangt mit dem Okkultismus; da mufi man zu anderen ge-
hen, die das eben hinstellen. Nun sehen wir, wie es in dem Deutschen
liegt, alles aus dem Ich herauszuholen, wie der Deutsche den Jakob
Bohme hat, wie die deutsche Kulturentwickelung nicht zu denken ist
ohne diesen okkulten Einschlag. Denken wir an Goethe und Lessing.
Da fliefien nicht zwei Stromungen nebeneinander, sondern da ist ein
Strom, da ist wirklich das Leben durchsetzt und durchdrungen vom
Geistigen, da kann man nicht mit der materialistischen Anschauung
gehen, daft sich der Christus jetzt noch verkorpert in einem physischen
Menschen, wie es vom «Stern des Ostens» propagiert wird. Daher er-
gab sich — wie sich der heutige Antagonismus ergab zwischen Deutsch-
land und England - die Notwendigkeit, mit der man nicht warten
durfte, bis sie der Krieg herbeifuhren wiirde: das, was deutscher Ok-
kultismus ist, reinlich zu sondern von dem, was englischer Okkultis-
mus ist. Und vielleicht wird der eine oder der andere nun nachdenken,
warum jene Spaltung notwendig geworden ist. Ich wollte aber damit
nur einen Hinweis geben. Denn es kann wirklich mancher eine Art
von Urbild sehen in der Zusammenstellung von Tatsachen, der Recht-
fertigung von Tatsachen, wenn er heute die Briefe nimmt von Grey
und Annie Besant: Die Art und Weise, zu beweisen, die Dinge zusam-
menzustellen, hat eine grofie Ahnlichkeit bei beiden. Aber ich wollte
damit nur darauf hinweisen, wie das, was aus dem deutschen Volk
hervorgeht, mit der innersten Seele zusammenhangt.
Wenn der Deutsche wach ist, so halt er es zum Beispiel - ich sage
das als Tatsache, ohne Sympathie oder Antipathie - mit der tiefen
Entwickelungslehre Goethes, der die Reihenfolge der Organismen hin-
gestellt, aber den Impuls zur Anordnung aus dem tiefsten Inneren des
Ich hervorgeholt hat. Aus der Bewufitseinsseele heraus hat es ein halbes
Jahrhundert hernach Darwin wiedergegeben, aber mit materialisti-
schem Anstrich. Da hat es die Welt leichter verstanden, auch die deut-
sche Welt hat lieber die Evolutionslehre in darwinistischer Farbung
als in Goethescher Farbung aufgenommen. Goethe hat sogar aus der
Tiefe des deutschen Wesens heraus eine Farbenlehre begriindet; die
Physiker sehen sie heute noch immer als Unsinn an, denn die aufiere
Welt hat die Farbenlehre Newtons angenommen. Wann wird statt der
Goetheschen Entwickelungslehre und Farbenlehre die Darwinistische
und Newtonsche genommen? Dann, wenn innerhalb des deutschen
Volkes die Menschen schlafen und die andere Volksseele einwirken
kann. Da haben wir dieses Schlafen mitten im Wachen. Und wenn
dann die Leute aufgeruttelt werden, dann verkennen sie noch die
Sache, dann merken sie: da ist etwas nicht richtig — , dann gehen sie und
nehmen ihre Schatulle, in der sie die von England gekriegten Orden
haben. Die schicken sie zuriick und vergessen dabei nur, die englische
Farbung der Entwickelungslehre oder die Newtonsche Farbung der
Farbenlehre mitzuschicken. Insbesondere konnte man das Beispiel
einer gewissen Farbung des Haeckelianismus als ein gutes Rezept ver-
schreiben. Man erlebt da so manche Dinge. So zum Beispiel konnte
man es auch noch in diesen Tagen erleben, man konnte horen, dafi in
einer besondern wissenschaftlichen Gesellschaft in deutschen Stadten
ein Vortrag gehalten wurde iiber das, was an internationalem Wesen
der Volker gestort worden ist durch diesen Krieg, und wie aufmerksam
gemacht wurde auf etwas, was ja, wenn man grofiere Mafistabe anlegt,
richtig ist, aber nicht, wenn man diejenigen anlegt, die dieser Herr mit
seinem gewohnlichen Professorenverstand anzulegen hat. Geht man
von diesen MafSstaben aus, so klingt es einem doch ganz sonderbar ent-
gegen, wenn dieser Herr sagt: Es mufi der Internationalismus gleich
wieder auftreten, sbbald der Krieg vorbei ist, denn sonst wiirde der
Deutsche manches verlieren, und es wiirde wiederum aufwachen eine
besondere Metaphysik, die der Deutsche vorher entfaltet hat, wahrend
er froh ist, dafi dieser deutsche Geist mit seiner Neigung zum Uber-
sinnlichen iiberflutet worden ist von den Volkern, die wenig zum
Obersinnlichen neigen. - Das konnte man in diesen Tagen erleben in
einem besonderen volkswirtschaftlichen Vortrag: die Furcht vor dem
Aufwachen des deutschen Wesens.
Es konnte sehr viel gesagt werden, ich wollte nur das eine und das
andere aussprechen iiber das, was man gewinnen kann, wenn man den
allerdings fiir eine aufierliche Lebensauffassung bitteren, aber doch
beseligenden Ernst nimmt, der wie ein Zauberhauch in uns stromt,
wenn wir Geisteswissenschaft in ihrer vollen Tiefe nehmen. Dies zu
erwagen, zu fuhlen, zu empfinden, ist, was uns in unserer Zeit obliegt,
und mit solchen Gefuhlen diirfen wir diese Zeit uberblicken, durfen
uns vereint fuhlen mit denen, die draufien stehen und die mit ihrem
Blut und ihrer Seele einzustehen haben fiir das, was das Karma fordert.
So fassen wir zusammen dasjenige, was unsere Erkenntnis und un-
sere Aufgabe sein soil und was Zuversicht erwecken soil, in die Worte:
Aus dem Mut der Kampfer,
Aus dem Blut der Schlachten,
Aus dem Leid Verlassener,
Aus des Volkes Opfertaten
Wird erwachsen Geistesfrucht -
Lenken Seelen geist-bewufit
Ihren Sinn ins Geisterreich.
DRITTER VORTRAG
Munchen, 23.Marzl915
Der erste Teil unseres heutigen Vortrages soil Erkenntnissen gewidmet
sein, welche zusammenhangen mit realen Erlebnissen, an denen uns
unser Gesellschaftskarma in der letzten Zeit vorbeigefuhrt hat, und der
zweite Teil soli mehr einige Streif lichter auf dasjenige werfen, was uns
aus den Zeitereignissen heraus besonders interessieren kann.
Ich hatte gerade diesmal in den zwei offentlichen Vortragen beson-
ders zu betonen, wie es fiir die Vorstellung der geistigen Welten not-
wendig ist, sich gewissermafien eine Art anderer Sprache allmahlich
anzugewohnen, als die Sprache ist, welche wir gebrauchen, um die
Erkenntnisse der Welten zu charakterisieren, in denen wir durch unsere
Sinnesbeobachtung und durch den Verstand darinnenstehen, der an
das Gehirn gebunden ist. Gewissermafien zur Unterstiitzung unserer
Freunde mochte ich an konkrete Erlebnisse der letzten Zeit, die sich
innerhalb unseres weiteren Kreises abgespielt haben, anknupfen, an
Ereignisse, fiir die ich gewifi auch andere wahlen konnte, aber ich
wahle diese Ereignisse aus dem Grunde, weil sie an, ich mochte sagen,
Letzterlebtes anknupfen und uns Vorstellungen liefern konnen iiber
die Beziehungen der Menschenseele zu den Geisteswelten.
Ich habe ja immer wiederum betont, dafi, wenn die Seele auf ihrem
Erkenntniswege die Schwelle iiberschreitet, die in die geistige Welt
hineinfiihrt, dann zu den ersten Erlebnissen gehort das Einswerden
mit dem, was man erlebt, erf ahrt, beobachtet. Hier auf dem physischen
Plan steht man gewissermaflen in seiner Haut eingeschlossen den Din-
gen gegeniiber, welche man beobachtet. Sobald man die geistige Welt
betritt, mit der geistigen Welt etwas zu tun hat, fiihlt man sich nicht
in der Weise eingeschlossen wie im physischen Leib in der Haut, man
fiihlt sich mit seinem ganzen Wesen verbreitet, wie identifiziert mit
den Wesen und Ereignissen, mit denen man es zu tun hat. Um dies
zu erlautern, gehe ich auf positive Ereignisse ein.
In der letzten Zeit ging ein alteres Mitglied durch die Pforte des
Todes. Dies Mitglied lebte durch Jahre hindurch mit seinem ganzen
Gemiit, seiner ganzen Seele in den Vorstellungen, welche man sich an-
eignet, wenn man so recht gefiihlsmafiig das aufnimmt, was Geistes-
wissenschaft geben kann. Es ist ja von ganz besonderer Bedeutung und
deshalb wird es so oft erwahnt, dafi das theoretische Aufnehmen des-
jenigen, was als geisteswissenschaftliche Vorstellungen gegeben wird,
nicht alles sein kann. Es kann Ausgangspunkt sein, aber nicht alles.
Diese Vorstellungen miissen unsere Gefiihle, Empfindungen ergreifen.
Ich konnte sogar im offentlichen Vortrag auseinandersetzen, wie die
Empfindungsseele gegenwartig viel mehr zusammenhangt mit dem
ewigen Wesenskern des Menschen, wahrend das, was sich aus der Be-
wufitseinsseele darlebt, fiir die gegenwartige Zeitepoche mehr das be-
riihrt, was der Mensch im Zusammenhang mit der physischen Welt
erlebt. Daher ist es so wichtig, zu fuhlen, was man fuhlen kann, wenn
man die geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse aufnimmt, denn dies
Fuhlen hat eine viel groftere Kraft, unsere Seele zu erfassen und sie
wirklich in Beriihrung zu bringen mit der iibersinnlichen Welt als das
blofie Denken, das verstandesmaftige Kombinieren. Also gefuhlsmafiig
hat die Personlichkeit, von der ich spreche, viel gelebt in unseren gei-
steswissenschaftlichen Vorstellungen und nun zeigte sich mir, ich kann
sagen, ganz kurze Zeit nach dem Tode - als mir der wirkliche Eintritt
des Todes auf dem physischen Plan noch nicht irgendwie gemeldet
worden war -, wie diese Personlichkeit, wahrend sie noch in ihrem
Atherleibe war, in sich dasjenige verarbeitete, was sie an Gefuhls-
und Empfindungskraften aufgenommen hatte, was sie selbst gewor-
den war dadurch, dafi sie durch Jahre in der geisteswissenschaftlichen
Stromung gelebt hatte. Als sie ihren Atherleib noch vereint hatte mit
Astralleib und Ich, da trat dasjenige, was ich vorher bezeichnet habe,
ungesucht ein. Die durch die Pforte des Todes gegangene Personlichkeit
kam und kiindete mir an, dafi sie nun in sich fuhlt dasjenige, was sie
geworden ist durch die Geisteswissenschaft, was sie in sich fuhlt jetzt,
wo sie nicht mehr beengt ist durch den physischen Leib. Und da er-
klangen gleichsam aus der durch die Pforte des Todes gegangenen In-
dividualist Satze, die ich vorlesen werde.
Sie werden bemerken, in den ersten drei Zeilen gebraucht die tote
Personlichkeit ein Wort, das man ja eigentlich gar nicht gerechtfertigt
finden kann, wenn es von einer Individuality gebraucht ist, die schon
den physischen Leib abgelegt hat; aber darauf kommt es nicht an. Das
Wort, das sich auf das physische Herz bezieht, ist in symbolischem
Sinn gemeint. Herz stent hier fur das Atherorgan des Fiihlens. Wir
haben hier den Fall, dafi eine durch die Todespforte gegangene Indi-
vidualitat dasjenige, was ihr starkstes Erlebnis war vor dem Tode, wie
ein Ergebnis des Lebens zusammenfafke, um sich zu sagen: Ich bin jetzt
in einer gewissen Lage, die Artung meines Selbst zu erleben, wie sich
mir diese Artung meines Selbst ergibt, indem ich es fasse mit dem
Verstandnis, das ich in meinem fuhlenden Erkennen gewonnen habe
durch die Geisteswissenschaft. - So war es denn, daft diese Individuali-
tat, die vor zwei Stunden hochstens durch die Pforte des Todes ge-
gangen war, erklingen liefi aus sich dasjenige, was so erklang, dafi ich
sagen muft, es sind die Worte so gestellt, daft ich selbst nichts dazu ge-
tan habe, nur auf genommen habe die Worte, welche da kamen von die-
sem Selbst. Diese Worte dienten dann, als ich bei der Einascherung die
Leichenrede zu halten hatte, als Anfang und Ende. Sie sind abgelesen:
In Weltenweiten will ich tragen
Mein fiihlend Herz, daft warm es werde
Im Feuer heil'gen Kraftewirkens;
In Weltgedanken will ich weben
Das eigne Denken, daft klar es werde
Im Licht des ew'gen Werde-Lebens;
In Seelengriinde will ich tauchen
Ergeb'nes Sinnen, daft stark es werde
Fur Menschenwirkens wahre Ziele;
In Gottes Ruhe streb 5 ich so,
Mit Lebenskampfen und mit Sorgen,
Mein Selbst zum hohern Selbst bereitend;
Nach arbeitfreud'gem Frieden trachtend,
Erahnend Welten-Sein im Eigensein,
Mocht' ich die Menschenpf licht erfiillen;
Erwartend leben darf ich dann
Entgegen meinem Schicksalsterne,
Der mir im Geistgebiet den Ort erteilt.
Horen wir hier gleichsam aus dem Selbst das erklingen, was das Selbst
in sich spiirt, durch das, was es geworden ist, indem es sich mit dem
geisteswissenschaftlichen Empfinden erfiillt hat. Wichtig ist, ins Auge
zu fassen, daft man es hier mit einer Personlichkeit zu tun hat, die in
diesem physischen Leben ein hoheres Alter erreicht hatte und daft mit
diesem Erlangen eines hoheren Alters die Moglichkeit zusammenhangt,
das Selbst charakterisieren zu wollen, daft das Selbst erst nach dem
Tode sich so ganz in seinem eigenen Wesen ausspricht, so daft man
nichts zu tun hat, als, um es zu beobachten, sich ganz zu verlieren, sich
hinzugeben, sich zu identifizieren mit dem Wesen, daft man es sich
ganz selbst aussprechen lassen kann.
Anders war es in einem anderen Fall. Da hatte man es zu tun mit
einem verhaltnismafiig friih eingetretenen Tod. Auf einen solchen Fall
hinzuschauen, mahnen uns besonders die Zeitereignisse, da so viele
Menschen heute in jugendlichem Alter durch die Pforte des Todes
gehen. Es war in dem Fall, von dem ich spreche, nicht die Veranlas-
sung, die in vielen Fallen heute die Veranlassung ist, aber es war ein
friih eingetretener Tod. Wenn der Tod so friih eintritt, daft man sagen
kann: Wenn der Mensch alt geworden ware, wiirde er noch viele Jahr-
zehnte gelebt haben, dann hat man es zu tun mit einem Atherleib, der ja
auch wird abgelegt werden, aber er ist so, daft er noch viele Jahrzehnte
hindurch den physischen Leib mit Kraften versorgen konnte. Wer so
durch den Tod geht, daft er noch Jahrzehnte hatte leben konnen, der
iibergibt der geistig-elementaren Welt einen Atherleib, der noch un-
verbraucht ist. Unzahlige solcher unverbrauchter Atherleiber gehen
heute in die geistige Welt. Wenn wir davon sprechen, daft wir aus der
Geisteswissenschaft heraus viel Hoffnung haben fiir das Zeitalter, das
sich aus dem Schofte unserer Ereignisse entwickelt, so kommt da in
Betracht, daft die, die jetzt durch den Tod gehen, in der Geisteswelt
Zeugen sein werden fiir ein Wirken in geistigem Sinn und schon
durch ihre Individualist in das Erdenleben Krafte hereinsenden wer-
den. Aber ihr Atherleib 1st noch als etwas Zweites, etwas Besonderes
da, er ist unverbraucht. Eine grofte Summe solcher Atherleiber wird
da eine Kraft darstellen, die hineinwirken wird in die Menschen, welche
leben werden, wenn wieder Friede eingetreten sein wird, und Heifer
werden sie sein, damit die materialistische Weltanschauung durch eine
spirituelle Weltanschauung abgelost werden kann.
Befestigt konnen wir werden, wenn wir es gerade erleben, wie in
jugendlichem Alter uns Menschen hinsterben und wir dann gewisser-
mafien wahrnehmen konnen, was da geschieht.
Bei dem zweiten Fall, wo wiederum das Karma unserer geistigen
Stromung dazu gefiihrt hat, dafi ich bei einer durch die Pforte des
Todes gegangenen Personlichkeit bei der Einascherung zu sprechen
hatte, da war es so, daft langere Zeit verflossen war zwischen dem Ein-
tritt des Todes und der Einascherung, vom Mittwoch bis Montag. Da
war dieser Atherleib schon abgetrennt, und fur meine okkulte Beobach-
tung hatte ich gewissermafien in der Nacht, bevor ich zu sprechen hatte,
den Atherleib verloren gehabt; der Atherleib war fur die Beobachtung
verloren gegangen. Die Individuality war schon mit Astralleib und
Ich losgelost. Hier stand die betrachtende Seele einem Astralleib und
Ich gegeniiber und es entstand der Impuls, wiederum die Leichenrede
einzuleiten und abzuschlieften durch Worte, welche mit der Individua-
list etwas zu tun hatten. Da ergab sich nicht etwas, was die Indivi-
dualist selbst ausgesprochen hatte. Dadurch, dafi sie vom Atherleib
und physischen Leib losgelost war, ergab sich die Moglichkeit, in -
wie ich glaube - prazise Worte zu fassen die ganze Art, wie diese Indi-
vidualist hier im Erdenleben war. Wiederum sind diese Worte nicht
so, wie sie von mir gemacht sind, sondern so, wie sie ein Inspirations-
impuls gemacht hat, wie sie sein mufiten, wie sie charakterisieren die
Individualist, die durch den Tod gegangen war. Sie ergaben sich als
Inspiration der betrachtenden Seele, indem sie sich dem Eindruck der
durch die Pforte des Todes gegangenen Personlichkeit hingab. Es er-
gaben sich die Worte:
Du tratest unter uns.
Deines Wesens bewegte Sanftmut
Sprach aus Deiner Augen stiller Kraft -
Ruhe, die seelenvoll belebt,
Flofl in den Wellen,
Mit denen Deine Blicke
Zu Dingen und zu Menschen
Deines Innern Weben trugen; -
Und es durchseelte dieses Wesen
Deine Stimme, die beredt
Durch des Wortes Art mehr
Als in dem Worte selbst
Offenbarte, was verborgen
In Deiner schonen Seele weset;
Doch das hingebender Liebe
Teilnahmsvoller Menschen
Sich wortlos voll enthullte
Dies Wesen, das von edler, stiller Schonheit,
Der Welten-Seelen-Schopfung
Empfanglichem Empfinden kiindete.
Diese Worte waren bei der Einascherung gesprochen, und das Eigen-
tiimliche stellte sich heraus, dafi der Moment, den man nur uneigent-
lich einen Moment des Aufwachens nennen konnte, eintrat, als nun
die Hitze des Brennofens gerade den physischen Leib der Personlich-
keit ergriff. Und so trat fur diese Personlichkeit, die durch die Todes-
pforte gegangen war, einen Augenblick die Moglichkeit ein, Bewufk-
sein schon zu entwickeln, und zwar gerade nicht wahrend der Leichen-
zeremonie, sondern als diese voriiber war und die Hitze den dem
Feuer iibergebenen Leib umspielte. Dann trat wiederum Unbewufit-
heit ein. Solche Augenblicke der Bewulkheit konnen dann, nachdem
sie durch Unbewulkheit unterbrochen wurden, wieder eintreten, bis
sich das vollige Bewuiksein eine gewisse Zeit nach dem Tode einstellt.
Dabei zeigte sich in diesem Fall besonders klar, wie das Bewufitsein
wirkt, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes gegangen ist. Dies
Bewulksein sieht die Zeit in anderer Form als der Mensch die Zeit
wahrnimmt, wenn er hier im physischen Leibe lebt. In solch einem
Fall zeigt sich das besonders bedeutungsvoll. Das Wahrnehmen der
Zeit durch denjenigen, der keinen physischen Leib tragt, kann nur mit
unserem Raumessehen verglichen werden. Wir konnen hier im phy-
sischen Leib immer zuriickschauen; was wir gesehen, bleibt stehen.
Wenn in der Zeit etwas an uns voriibergegangen ist, miissen wir in der
Erinnerung auf dies Bild zuriickblicken, es mufi aufsteigen in unserem
Bewufitsein. So ist es bei demjenigen nicht, der keinen physischen Leib
mehr tragt. Die entkorperte Seele sieht so zuriick wie wir im Raum.
So schaute da die Tote auf das Gesprochene zuriick, wie man im
Raum zuriickschaut. Das Gesprochene stand jetzt vor ihrer Seele. Ge-
rade an solch konkreten Fallen zeigt sich die Eigentiimlichkeit der
Geisteswelt. Nun sagte ich ja eben, dafi ich in der Zeit, in der die Worte
der Leichenrede gepragt werden sollten, gewissermafien fur die Be-
obachtung den Atherleib verloren hatte, aber eine zweite Beobach-
tung zeigte, dafi es gerade dieser Atherleib war, der die Moglichkeit
gegeben hat, die Inspiration zu haben, die in diese Worte gepragt war.
Als ich den Atherleib wieder finden konnte - ich meine fiir die Beob-
achtung da wurde ich gewahr, wo dieser Atherleib war, als ich die
Worte pragte. Es war in der Nacht vom Sonntag auf den Montag. Ich
sagte, ich habe ihn verloren, ich bin erst viel spater darauf gekommen,
wo er eigentlich war: Ich steckte selbst darin. - Er war eine sich auf-
losende Wolke. Das Ich und der Astralleib waren schon abgetrennt.
Weil ich drinsteckte, nahm ich den Atherleib nicht wahr, wie eine
Wolke, in der man steckt; aber was in ihm lebte, gab die Inspirations-
moglichkeit, die Worte, die ich vorlas, zu pragen.
Sie sehen da in intime Geheimnisse des Zusammenlebens der Men-
schenseele mit den Geisteswelten hinein. Ich wiirde es gar nicht wa-
gen, das so ohne weiteres auszusprechen, wenn das nur in einem ein-
zelnen Fall eingetreten ware, aber es hat sich mir im dritten Fall wie-
der bestatigt. Da war ich wieder im selben Fall, Worte zu pragen,
welche charakterisierten die Individuality dieser dritten, durch die
Pforte des Todes gegangenen, in unserem Kreise stehenden Personlich-
keit. Der Tod dieser Personlichkeit hatte fiir unser Fiihlen auf dem
physischen Plan etwas besonders Schmerzvolles, weil sie zu den besten
Hoffnungen berechtigte in bezug auf die geisteswissenschaftliche Ar-
beit innerhalb unseres Kreises. Diese Personlichkeit hat in der Zeit,
in der sie hier auf Erden lebte, viel von dem aufgenommen, was man
gegenwartig Gelehrsamkeit nennen kann, fand sich ganz da hinein und
hatte das feste Bestreben, etwas zu tun, was notwendig ist innerhalb
unserer geistigen Bewegung, namlich sich einzuleben in das, was man
gegenwartig Wissenschaft nennt, und in der Seele selbst diese Wissen-
schaft so umzugestalten, dafi sie auf einer hoheren Stufe wiederge-
biert, was geisteswissenschaftliche Einsicht ist. Nicht jeder kann das
tun, aber es gehort zu den Notwendigkeiten unserer Geisteswissen-
schaft. Konkordanz zwischen Wissenschaft und Geisteswissenschaft
kann oft den, der Geisteswissenschaft nicht kennt, zu einer Uber-
zeugung fiihren, aber notig ist es, sich zu durchdringen mit der gegen-
wartigen Wissenschaft, und wenn dies Durchdrungensein da ist, damit
lebendig aufzusteigen in Geisteswissenschaft. Man kommt dann zu
einem gewissen Punkt, in dem man die Ubereinstimmung desjenigen,
was gegenwartige Wissenschaft gibt, mit der Geisteswissenschaft so
sicher fiihlt, so sicher weifi in seinem inneren Erleben, dafi man darin
nicht mehr beirrt werden kann durch etwas, was aus der gegenwartigen
materiellen Zeitkultur kommt.
Als diese Personlichkeit durch die Pforte des Todes gegangen war,
ergab sich wieder die Notwendigkeit, Anfang und Ende der Leichen-
rede in bestimmter Weise zu gestalten bei der Einascherung, und es
ergab sich der besondere Impuls, gerade dieser Individuality gegen-
iiber hinzudeuten auf die Briicke, die fur unsere geisteswissenschaft-
liche Bewegung besteht zwischen dem physischen Plan und der Gei-
steswelt. Fur unser Fiihlen auf dem physischen Plan ist es besonders
schmerzvoll, dafi uns diese Personlichkeit jung entrissen wurde. Aber
es wiirde unsere geisteswissenschaftliche Stromung, in der wir leben,
nicht so viel Hoffnung erwecken konnen, wie sie erwecken mufi, wenn
wir nicht sicher waren, dafi die Krafte, die in der Geisteswissenschaft
stromen, nicht nur von denen kommen, die auf dem physischen Plan
leben, sondern dafi solche Krafte auch von denen kommen, die schon
durch die Todespforte gegangen und mit Geisteswissenschaft ausge-
riistet sind. So stand vor der Seele die Notwendigkeit, zu betonen:
In diesem Moment wird dir ein Grofies gegeben, wo du durch den Tod
gegangen bist: ein Ruf, ein treuer Mitarbeiter zu bleiben auch jetzt,
nachdem du durch die Pforte des Todes gegangen bist.
Ganz besonders mufi, wer Geisteswissenschaft ernst nimmt, auf die-
jenigen, die nicht mehr auf dem physischen Plan sind, als auf reale
Mitarbeiter rechnen.
So ergab sich die Notwendigkeit, Worte zu pragen, an deren Pra-
gung ich gewissermafien ganz unbeteiligt bin, die sich aus einem not-
wendigen Impuls heraus so ergaben, wie ich sie jetzt vorlesen werde.
Sie werden gleich sehen, was es mit so gepragten Worten fiir eine Be-
wandtnis hat. Die Worte lauten so:
Eine Hoffnung, uns begliickend:
So betratest Du das Feld,
Wo der Erde Geistesbliiten,
Durch die Kraft des Seelenseins,
Sich dem Forschen zeigen mochten.
Lautrer Wahrheitsliebe Wesen
War Dein Sehnen urverwandt;
Aus dem Geisteslicht zu schaffen,
War das ernste Lebensziel,
Dem Du rastlos nachgestrebt.
Deine schonen Gaben pflegtest Du,
Um der Geist-Erkenntnis hellen Weg,
Unbeirrt vom Welten-Widerspruch,
Als der Wahrheit treuer Diener
Sichern Schrittes hinzuwandeln.
Deine Geistorgane ubtest Du,
Dafi sie tapfer und beharrlich
An des Weges beide Rander
Dir den Irrtum drangten,
Und Dir Raum fiir Wahrheit schufen.
Dir Dein Selbst zur Offenbarung
Reinen Lichtes zu gestalten,
Dafi die Seelen-Sonnenkraft
Dir im Innern machtvoll strahle,
War Dir Lebenssorg' und Freude.
Andre Sorgen, andre Freuden
Sie beriihrten Deine Seele kaum,
Weil Erkenntnis Dir als Licht,
Das dem Dasein Sinn verleiht,
Als des Lebens wahrer Wert erschien.
Eine Hoffnung, uns begluckend:
So betratest Du das Feld,
Wo der Erde Geistesbliiten
Durch die Kraft des Seelenseihs
Sich dem Forschen zeigen mochten.
Ein Verlust, der tief uns scbmerzt,
So entschwindest Du dem Feld,
Wo des Geistes Erdenkeime
In dem Schoft des Seelenseins,
Deinem Spharensinne reiften.
Fiihle, wie wir liebend blicken
In die Hohen, die Dich jetzt
Hin zu andrem Schaffen rufen.
Reiche den verlafinen Freunden
Deine Kraft aus Geistgebieten.
Hore unsrer Seelen Bitte,
Im Vertrau'n Dir nachgesandt:
Wir bediirfen hier zum Erdenwerk
Starker Kraft aus Geistes-Landen,
Die wir toten Freunden danken.
Eine Hoffnung, uns begliickend,
Ein Verlust, der tief uns schmerzt:
Lafi uns hoffen, dafi Du ferne-nah,
Unverloren unsrem Leben leuchtest
Als ein Seelen-Stern im Geistbereich.
Es war darauf einige Zeit der nachsten Nacht, als erklange mir aus
dem Betreffenden, aber nicht aus seinem Bewufitsein, sondern aus sei-
nem Wesen wie eine Antwort, so dafi man es auch gleich empfinden
konnte als eine Antwort auf die Worte. Nicht als ob die Individuality
das aus dem Bewufitsein gesagt hatte. Die Individuality erklang wie
in Lauten:
Mir mein Selbst zur Offenbarung
Reinen Lichtes zu gestalten,
Dafi die Seelen-Sonnenkraft
Mir im Innern machtvoll strahle,
War mir Lebenssorg 5 und Freude.
Andre Sorgen, andre Freuden,
Sie beriihrten meine Seele kaum,
Weil Erkenntnis mir als Licht,
Das dem Dasein Sinn verleiht,
Als des Lebens wahrer Wert erschien.
Jetzt erst merkte ich, dafi das nur eine Umanderung der beiden Stro-
phen, eine Umstellung der zweiten Person in die erste war. Sie sehen
an diesem einen Beispiel, wie eine Korrespondenz der Seele eintritt,
die taier im physischen Leben weilt, mit der Seele, die durch die Pforte
des Todes gegangen. Darauf mochte ich besonders aufmerksam ma-
chen, dafi solche Dinge so gegeben werden, dafi man an den Worten
nichts andern kann, und Sie sehen ja, dafi ich mir gar nicht bewufit
war, warum die Worte der beiden Strophen so gepragt waren. Ich er-
kannte das erst aus der Antwort, die in der Nacht darauf erfolgte aus
der Seele, die durch die Pforte des Todes gegangen.
Wir miissen uns gewdhnen, auch in dieser Beziehung den Geistes-
welten gegeniiber nicht unmittelbar solche Gefiihle zu hegen, wie sie
entnommen sind dem Erleben hier in der physischen Welt. Merken Sie,
dafi es auf manches ankommt, wenn man ein richtiges verstehendes
Verhaltnis zur Geisteswelt gewinnen will. So konnte ich als kleines
Beispiel auch dies erwahnen, was jetzt von ganz anderer Seite herge-
nommen ist. Als diese schweren Tage begonnen haben, waren diese
Formeln, die wir jetzt gebrauchen, wie aus den Geisteswelten heraus
gegeben, welche ich auch heute brauche, um die Seelen zu lenken zu
denjenigen, die auf den Feldern der Ereignisse stehen, oder durch die
Pforte des Todes gegangen sind:
Geister Eurer Seelen, wirkende Wachter,
Eure Schwingen mogen bringen
Meiner Seele bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Spharenmenschen (Erdenmenschen)
Dafi, mit Eurer Macht geeint,
Meine Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht.
Es heifk da: « Geister Eurer Seelen. » Ich habe in Berlin erleben miissen,
dafi jemand die Einwendung gemacht hat, das sei grammatikalisch
nicht richtig, jetzt wisse man nicht bei der zweiten Zeile, worauf das
«Eure Schwingen» sich beziehe, denn wenn man sagt: « Geister Eurer
Seelen », wendet man sich an die, die da leben als Menschen, aber man
wendet sich doch an die Geister derer, die da leben. So konnte der Pe-
dant meinen, dafi man sagen miilke: «Geister ihrer Seelen. » Ja, wir miis-
sen uns schon bekanntmachen damit, dafi in der Geisteswelt die Gram-
matik, die fur die sinnliche Welt ganz selbstverstandlich gilt, nicht
immer eingehalten wird, daft man da mehr Beweglichkeit in der Seele
haben mufi. Man wendet sich hin: «Geister Eurer Seelen», aber in der
zweiten Zeile ist selbstverstandlich, dafi man sich nicht zu einem oder
einer Anzahl Menschen wendet, dafi man sich da zu den schutzenden
Geistern wendet. Die Grammatik ist da nicht ausschlaggebend. Wir
miissen uns klar sein, dafi in den hoheren Welten alles viel beweglicher
ist, dafi man nicht die Vorstellung von dem Menschen abzulenken
braucht, wenn man sich an den schiitzenden Geist wendet. Er steht in
viel engerem Zusammenhang mit dem Menschen selbst als zwei Men-
schen hier. Da muE man physische Grammatik anwenden, weil bei
zwei physischen Menschen nicht ein solcher Zusammenhang zu sein
braucht wie zwischen dem schiitzenden Geist und dem Menschen. So
konnte man sagen: Gerade durch diese so gegebenen Worte, die vor
der physischen Grammatik anfechtbar sind, ist etwas gegeben, was
Eigentiimlichkeit der hoheren Welten ist. - Es werden die Worte dann,
wenn man solche Dinge aus hoheren Welten bekommt, zu Lehren.
Manchmal versteht man solche Dinge erst viel spater, manchmal ist
dies Lernen dann nicht so leicht wie das furwitzige Grammatikaus-
bessern, das ja keine grofie Kunst ist. In solch intimes Verhalten gegen-
iiber der Geisteswelt mussen wir uns hineinfinden. Auch bei der Dar-
stellung der hoheren Welten kommt es darauf an, dafi man sie nicht
erfafit mit den groben Wortfugungen, die man sich hier in der phy-
sischen Welt angeeignet hat, so dafi es oft recht leicht ist, anfechtbar
zu finden eine Darstellung der hoheren Welten, in denen ja das Reich
der Geister der Form seine spezielle Gewalt verliert. Wir kommen beim
Uberschreiten der Schwelle in das Reich der Geister der Bewegung.
Selbst der Stil mufi da beweglicher werden. Die Geister der Form sind
fur die um uns ausgebreitete Welt. Dem Reich der Geister der Bewe-
gung mufi sich auch der Stil anpassen. Es wird schon die Zeit kom-
men, wo man sich in solche Dinge hineinfinden wird, und man darf
nicht glauben, mit dem Stil, der fiir die physische Welt pafit, auch wirk-
lich schildern zu konnen, was beweglich und flutend in der geistigen
Welt ist.
Ich wollte an konkreten Fallen, an die unser Gesellschaftskarma
herangefiihrt hat, einiges erklaren iiber die Beziehung der Menschen-
seele zu den Geisteswelten, denn noch mehr als in abstrakter Charak-
teristik kann durch solch konkretes Sich-Hineinleben in einzelne
Verhaltnisse der Geisteswelten uns dies oder jenes klar werden, und
vor alien Dingen kann an uns herantreten ein Gefiihl dafvir, dafi durch
unsere geisteswissenschaftliche Bewegung ein lebendiges Zusammen-
wirken der physischen Welt mit der hoheren Welt allmahlich wirklich
entstehen mufi. Nach mannigfachen Erfahrungen, die in den letzten
Zeiten gemacht werden mufiten, kann man sagen: So recht innerlich
befestigt konnen die Hoffnungen, dafi schon jetzt gewisse Dinge in
bezug auf unsere spirituelle Bewegung eintreten, nur sein, wenn man
gewifi ist, dafi diejenigen, die schon durch die Pforte des Todes gegan-
gen sind, unsere helfenden Mitarbeiter sein werden. - Das erfordert
allerdings, dafi wir mit intensivem Ernst dasjenige erfassen, was der
Inhalt und die Intention unserer Geisteswissenschaft ist.
Ich mochte zusammenfassend etwas aussprechen, was schon aus-
fiihrlich behandelt worden ist in dem Zyklus in Wien iiber das Leben
zwischen Tod und neuer Geburt, was wichtig ist zu beriicksichtigen.
Man kann sagen, weil man gewisse Worte, die fiir das physische Leben
dienen, verwenden mufi: Der Mensch ist in einer Art unbewufitem
Schlafzustand nach dem Tode. Dann erwacht er, aber «erwacht» ist
nicht ganz richtig gesagt. Das sieht aus, wie wenn man beim Erwachen
zu einer Art Bewufitsein kame. Das ist nicht der Fall. Wenn def Mensch
den Atherleib abgelegt hat, hat er nicht zuwenig oder Schlaf-Bewufit-
sein, er hat zuviel Bewufitsein. Er hat eine Art uberquellendes Bewufit-
sein. Wie man, von uberflutendem Licht geblendet, nicht sehen kann,
so ist nach dem Tode zuviel Bewufitsein da. Wir sind ganz von unend-
lich wirksamem Bewufitsein iiberflutet, erst herabdampf en mufi es sich
bis zu dem Grad, den wir nach unserer Entwickelung in der physi-
schen Welt uns angeeignet haben. Wir mussen uns orientieren in der
Oberfulle des Bewufitseins. Das, was man da «Aufwachen» nennt,
ist erst ein Hineingewohnen in den viel hoheren Grad von Bewufitsein,
in den wir eintreten nach dem Tode. Es ist ein Herabdampfen des Be-
wufitseins bis zu dem Grade, den wir ertragen konnen.
Ein anderes ist, dafi sich, ich mochte sagen, in jeder Beobachtung
mehr zeigt, wie fiir gewisse Zustande des Daseins das Erleben in den
Geisteswelten gerade entgegengesetzt ist dem Erleben in der physi-
schen Welt. So ist es auch in einem Fall, auf den ich jetzt hindeuten
will. Zwischen Geburt und Tod ist es so, dafi niemand eigentlich sich
ohne hohere Erkenntnisse zuriickerinnert an seine Geburt. Fur keinen
ist das eine Sache der eigenen Beobachtung. Wenn man hinhoren
wollte auf diejenigen Menschen, die sagen, sie glauben nichts, als was
ihnen ihre fiinf Sinne geben, konnte man einwenden: Dann darfst du
auch nicht glauben, dafi du einmal ein kleines Kind warst. Das glaubst
du nur aus den folgenden zwei Untergriinden: Weil du siehst, daft alle
anderen Menschen so ihr Leben anfangen, da schliefiest du, daft das
bei dir auch so war. Das ist nur ein Analogieschlufi, oder die anderen
haben es dir erzahlt. - Durch Mitteilung und nicht durch Beobachtung
weifi man, dafi man auch durch Geburt ins Leben eingegangen ist. Es
merkt kein Mensch, dafi das nur ein Analogieschlufi ist. Man miiflte
sagen: Ich kann aus eigener Beobachtung nichts wissen iiber dieses
physischen Leibes Ursprung. Wenn der Mensch im physischen Leben
zuriickblickt, sieht er nicht bis zu seiner Geburt. Anders ist das zwischen
Tod und neuer Geburt. Gerade der Fall, wo der innerliche Impuls auf-
stieg, dem, der durch die Pf orte des Todes gegangen, solche Worte nach-
zusenden, die mit seinem Selbst etwas zu tun haben, die ihn charakte-
risierten, zeigt das. Dieser Impuls kommt von dem Drang, dem zu die-
nen, der durch die Pforte des Todes gegangen ist, ihm das zu erleich-
tern, was er haben mufi, moglichst bald: ein ungehindertes Hinblicken
auf den Todesmoment. Denn so wenig man im physischen Leben auf die
Geburt zuriickblickt, so unerlafilich ist es, dafi man zwischen Tod und
neuer Geburt auf den Tod zuriickblickt. Der Tod steht immer im Riick-
blick da, nur nimmt er sich von der geistigen Seite anders aus. Er mag
von der physischen Seite Schreckliches haben, von der anderen Seite
ist er das herrlichste Ereignis, auf das man blicken kann. Er zeigt das
Herrliche, dafi der Geist iiber das Physische siegt, indem er sich ihm
entringt. Das gehort zum Schonsten, dies Erlebnis, das man zwischen
Tod und neuer Geburt hat im Riickblick. Das ist wieder ein Beispiel,
wie physische Welt und Geisteswelt entgegengesetzt sind.
Man lernt so allmahlich die Eigentumlichkeiten der Geisteswelt
kennen. Das sind Gesichtspunkte, die ich aphoristisch heute vor Ihnen
entwickeln wollte. Ein weiterer Gesichtspunkt ist mittelbar bedeutend
fur Dinge, die wir jetzt erleben, der Gesichtspunkt, dafi bei einem
Menschen, der nach normalen Verhaltnissen hier noch lang hatte leben
konnen, ein unverbrauchter Atherleib als Individualitat dasteht neben
der Individualitat. Kurz dauert die Auflosung des Atherleibes nur bei
alteren Menschen. Wir sind immer umgeben von solchen noch nicht
aufgeldsten Atherleibern. Wir leben einer Zeit entgegen, wo dies be-
sonders bemerkbar sein wird, weil mittelbar von diesen Atherleibern
ausgehend eine Art Atmosphare gebildet wird, wie sie in dieser Weise
noch nicht in der Erdenentwickelung da war. Man konnte denken,
dafi ahnliches schon in friiheren Kriegen eingetreten sei, aber die Dinge
andern sich, weil die Menschen fruher anders durch den Tod gegangen
sind. So viele Menschen, die im Leben nur von materieller Denkweise
umringt waren wie jetzt, gab es fruher nicht. Das begriindet, dafi diese
Atherleiber spirituelle Impulse abgeben werden. Welter wird es sein,
dafi es Menschen hier auf der Erde gibt, die dies fiihlend wissen und
wissend fiihlen. Ich habe darauf schon in den, ich mochte sagen, den
Zeitereignissen gewidmeten Vortragen hingedeutet. Was uns unsere
Zeit lehren will, ist, dafi wir notig haben neben der spirituellen Ver-
flachung auch Vertiefung in das, was als die Begleiterscheinungen spa-
ter erscheinen wird. Miissen wir es denn nicht wirklich mit ungeheurer
Betriibnis erfahren, da!5 in unserer Zeit, die sich fur logisch so aufge-
klart halt, wo sich die wissenschaftliche Kultur durch allerlei popu-
lare Kanale in weiteste Kreise verbreitet hat, dafi da wieder in wei-
testen Kreisen etwas Platz greifen kann, was wir als ein aus Leiden-
schaft geborenes Urteil ansehen miissen?
Wer die Stimmen derjenigen verfolgt, die Mitteleuropa wie in einer
grofien Festung eingeschlossen halten, der wird schon darauf kommen,
was diese Leidenschaft in den Seelen der Menschen anrichtet. Man
braucht nur nach West und Nordwest zu blicken, da kann man zu-
nachst staunend davor stehen, wozu es menschliches leidenschaftliches
Urteilen gebracht hat. Bessere Zeitungen werden da besonders lehr-
reich sein konnen. Wie wird da von diesen oder jenen hinausgebriillt:
Wir haben diesen Krieg nicht gewollt! - Wie wird von denen, die dem
deutschen Wesen feindlich gegeniiberstehen, demjenigen Gebiet, das
am allerwenigsten Veranlassung hatte zu diesem Krieg: dem mittel-
europaischen - ganz sinnlos die Schuld an diesem Krieg beigemessen.
In dieser Beziehung ist es dem Deutschen in der Tat durch die ganze
Art und Weise, wie sich deutsches Wesen entwickelt hat, schon objek-
tiv moglich, eine Art nationaler Selbsterkenntnis zu erringen, wie sie
die anderen Volker recht sehr vermissen lassen. Es wird ja ganz gewifi
erst lange Zeit nach den kriegerischen Ereignissen den meisten Men-
schen moglich sein, namentlich aufierhalb Mitteleuropas, die Verhalt-
nisse so weit zu iibersehen, dafi man iiber die torichtsten Urteile der
Gegenwart einigermafien hinwegkommt. Fiir uns, die wir in einer
geistigen Bewegung darinstehen, die nicht nur Theoretisches iiberliefern
will, fiir uns sollte klar sein, dal5 solchen schweren Ereignissen gegen-
iiber auch ein objektives Urteil gewonnen werden kann und dafi wir
iiber manches uns aufklaren konnen in der Gegenwart gerade dadurch,
dafi wir in diesen schicksaltragenden Tagen darin leben. Wie leicht
kann mancher kurzsichtige Geist kritisieren, was zu den Impulsen,
zum Kern unserer Geisteswissenschaft gehort. Schmerzvolles hat in
den letzten Monaten auf diesem Felde erfahren werden miissen. Da
gibt es eine geisteswissenschaftliche Bewegung, die sagt, da!5 sie liebe-
voll dafiir arbeitet, auf die Menschen eingehen zu wollen ohne Unter-
schied von Rasse und so weiter. Man kann sagen: Wie stimmt das, was
von mir in dieser Zeit vorgebracht wurde, dazu? - Ich habe, bevor
diese schweren, schicksaltragenden Tage iiber uns hereingebrochen sind,
davor gewarnt, den Grundsatz von der Gleichberechtigung, Gleich-
wertigkeit so aufzufassen, dafi man ihn in das ganz Abstrakte ver-
kehrt. Erinnern Sie sich, wie ich oft sagte: Wenn Leute kommen und
sagen, Buddhisten, Mohammedaner, Christen sind nur verschiedene
Formen eines Wesens -, so ist das, wie wenn man sagt: Salz, Zucker,
Pfeffer sind alles Speisezutaten, also ist es gleichgultig, was ich nehme -,
und streut Zucker in Suppe und Bier, weil es Speisezutat ist. In so
abstrakter Weise einen solchen Grundsatz anwenden, kann bequem
sein, aber dem, der ernst sucht, kann es nicht darauf ankommen.
Wenn wir uns liebevoll einlassen auf das Wesenhafte der einzelnen
europaischen Nationen, dann kommen wir dazu, zu erkennen, dafi die
Volksseele bei den Italienern zu der Empfindungsseele spricht, bei den
Angehorigen der franzosischen Nation zu der Verstandesseele, bei
der britischen Nation zu der Bewufttseinsseele, bei der deutschen Na-
tion zu dem Ich. Nicht dadurch, dafi man abstrakt iiber alles die Liebe
ausgiefit, kommt man zu Begriffen. Darin wird das Wesentliche un-
serer Bewegung bestehen, dafi die Menschenseele unter Anerkennung
der nationalen Eigentiimlichkeiten sich zum Allgemein-Menschlichen
erheben will. Geisteswissenschaft kann es dazu bringen, daft derjenige,
der diesmal in Britannien geboren ist, sagt: Ich habe erkannt, dafi ich
die Volksseele besonders durch die Bewufitseinsseele sprechend habe,
durch das, was die Beziehung der Seele zum physischen Plan regelt,
was den Menschen geeignet macht, materiell zu sein. - Wenn er das
erkennt, erkennt er, dafi er abstreifen mufi das, was ihm aus der Na-
tionalitat heraus entgegensteht, wenn er sich zum allgemeinen Men-
schentura erheben will. Diese Erkenntnis hilft immer, und wichtig ist
es, dafi man dasjenige erkenne, was Eigentumlichkeit der einzelnen
nationalen Wesenheit ist. Wenn der Angehorige der russischen Kultur
sich sagen wird: Das Eigentiimliche der Volksseele ist, dafi sie wie eine
Wolke schwebt iiber dem einzelnen, dafi der einzelne in chaotischem
Denken hinaufsieht zur Volksseele, dadurch darauf angewiesen ist,
in das Produktive der anderen Volker sich hineinzufinden -, dann
wird er seinen Weg finden. Die, welche durch Geisteswissenschaft das
Wesen der russischen Volksseele erkennen, werden sagen: Wozu bin
ich Russe? Die Kraft, die ich dadurch erworben habe, habe ich, um die
Kraft der anderen Nationen aufzunehmen.
Der Deutsche wird durch Geisteswissenschaft erkennen - er hat
notig, dies in aller Objektivitat und Demut aufzuf assen -, daft er durch
das, was die Volksseele zu seinem Ich spricht, dazu pradestiniert ist,
das Allgemein-Menschliche durch seine Nationalist zu suchen. Dafi
er mitbekommt, was ihn iiber die Nationalitat hinausfiihrt, das ist das
Nationale deutschen Wesens. Darin besteht das konkret Nationale
deutschen Wesens, dafi es durch das Nationale iiber die Nation hin-
ausgetrieben wird in das allgemeine Menschentum hinein. Daher ist
der Ubergang zu finden vom deutschen Idealismus zur Geisteswissen-
schaft im Hineinfliefien des deutschen Idealismus in Geisteswissen-
schaft. Es ist notig, sich zu konkretem Erf assen der geistigen Wirklich-
keiten hindurchzuringen. Geisteswissenschaft gibt die Moglichkeit,
konkret diese Dinge aufzufassen. - Wenn man erfahrt, dafi ein Fran-
zose wie Kenan sagt: Das, was er in der deutschen Kultur erhalten
habe, komme ihm vor wie hohere Mathematik gegeniiber der niederen,
verglichen mit dem bei anderen Volkern Erlebten -, so ist da ausge-
sprochen, was gerade das deutsche Wesen charakterisiert. Wir haben
schon einmal das Schicksal, dies erkennen zu miissen. Erkennen miis-
sen wir es, konnen nicht anders als es erkennen, miissen aber mit der-
selben Objektivitat erkennen, da& es unser Schicksal ist, wenn wir
rechte Deutsche sind, zu spirituellem Leben fortzuschreiten, so wie es
den Briten notig ist, den Materialismus abzustreifen, um in das Spi-
rituelle hineinzukommen. Aus dem nationalen Wesen ergeben sich fur
die verschiedenen Volker verschiedene Aufgaben. Fiir den Deutschen
ist besonders wichtig, dafi er sich in die geistigen Welten desjenigen,
was durch die deutsche Kultur stromt, hineinversenke. Fiir den Russen
gibt es so etwas Nationales nicht. Es gibt fiir ihn nur die Moglichkeit,
die Blutkraft zu gewinnen, die ihm moglich macht, das Wesen der
anderen entgegenzunehmen. Es zeigt sich, dafi das deutsche Wesen
Wichtiges bei der Entwickelung der Volksseele erfuhr.
Die Volksseelen machen, wie die Menschen, eine Entwickelung
durch. In den Jahren 1530 bis 1550 geschieht etwas Besonderes mit der
italienischen Volksseele. Vorher ist diese Kultur noch nicht so abge-
schlossen vom tibrigen Europa wie nachher. Vor diesem Zeitpunkt
wirkt die Volksseele in der Seele, nachher greift sie iiber das Seelische
hinaus, gestaltet das Physische zum Nationalen hin. Der Mensch schrei-
tet fort zum Unabhangigwerden vom Physischen. Umgekehrt die
Volksseele. Sie wirkt erst auf die Seele, dann auf den Leib, so dafi die
italienische Volksseele vor dem 16. Jahrhundert blofi auf die Seele
wirkte, spater hingegen greift sie iiber das blofi Seelische in das Kor-
perliche iiber, formt das Nervensystem, formt den Atherleib, so dafi
der Mensch bestimmt, identifiziert wird auch in bezug auf das Leib-
liche. Der Mensch wird starrer, schliefit sich mehr ab fiir die iibrigen
Kulturen.
Fiir die franzosische Volksseele tritt ein solcher Zeitpunkt ein in
der Mitte des 1 7. Jahrhunderts. Da fangt die Volksseele an, vom See-
lischen auf das Leibliche uberzugreifen, macht die Nation starr. Fiir
die Briten geschieht das erst von der Mitte des 1 7. Jahrhunderts an,
und Shakespeare gehort noch nicht einem Zeitalter an, wo die Volks-
seele auf den Leib iibergriff, daher verstehen die Deutschen ihn besser
als die Briten. In der Zeit zwischen 1750 und 1850 findet eine Art
Ubergreifen der deutschen Volksseele vom Seelischen zum Leiblichen
statt, sie zieht sich aber wieder davon zuriick. Bei westlichen Volkern
schwebt die Volksseele hoher vorher, senkt sich dann in das Leib-
liche. Die, die friiher in das Leibliche sich senkte, stieg dann wieder
ins Geistige. Der Hinunterstieg war zwischen Mitte des 17. und 18.
Jahrhunderts. Die deutsche Volksseele bleibt dadurch beweglicher. Sie
bleibt nicht dauernd drunten, sie gent hinauf und herab, ergreift den
Menschen und lalk ihn wieder frei.
Das sind Dinge, die erst in der Zukunft ganz werden verstanden
werden. Wir miissen schon sagen, wir konnen nicht genug diese gegen-
wartige schwere Zeit zugleich mit all ihrem Grofiartigen, Bedeu-
tungsvollen im Tiefsten unserer Seele mitempfinden. Unendlich be-
deutungsvoll miissen diese Ereignisse der Gegenwart sein fur den-
jenigen, der sich fur das in der Welt webende Geistige interessiert.
Wenn einstmals die Menschen nachdenken werden \iber die Ursachen,
die die gegenwartigen Kriegsereignisse herbeigefuhrt haben, dann
wird sich eines herausstellen: Mitgewirkt hat zu diesen gegenwartigen
Kriegsereignissen der Gegensatz zwischen den Volksseelen, aber wenn
jemand in den kiinftigen Zeiten noch so sehr suchen wird auf dem
physischen Plan nach dem, was die Ursachen seien, er wird immer
etwas finden, was die Sache nicht aufklart, weil die Ursachen nicht auf
dem physischen Plan liegen, sondern weil man bei diesen Ereignissen
sagen kann: Geistige Individualitaten, geistige Impulse wirken hin-
ein. - Erst wenn die Menschheit das erkennen wird, wird man ver-
niinftig sprechen iiber die Ursachen, die diese Ereignisse herbeige-
fuhrt haben. Man wird erkennen, dafi die Menschen nur die Werk-
zeuge waren, durch die gute und bose Machte gewirkt haben. Um zu
diesem Urteil zu kommen, ist Vorurteilslosigkeit notig, indem wir uns
durchdringen mit dem, was Geisteswissenschaft dem Innersten der
Seele, nicht nur dem Verstande, sein kann.
Es kann einmal wichtig sein zu erkennen, wieviel von dem, was von
seiten der britischen Welt Anteil genommen hat, wirklich innig mit dem
Nationalcharakter zusammenhangt. Dann wird man etwas erkennen
miissen, was sich mir seit Juli aufdrangte, bevor noch der Krieg begon-
nen hatte. Da konnte man verschiedene Urteile horen. Ich erzahle
objektiv, mochte das Personliche ganz unberiicksichtigt von Ihnen
wissen. Mir drangte sich auf, dafi der Welt Gefahr drohte aus der Ur-
sache, dafi in London ein so furchtbarer Dummkopf die auswartigen
Angelegenheiten lenkte. Die Welt halt Grey fur einen gescheiten, viel-
leicht geriebenen Menschen. Ich konnte ihn nie fur etwas anderes hal-
ten, aus den intuitiven Eindriicken, als fur einen Dummkopf, mufi ihn
heute fur einen besonders dummen Menschen ansehen, den sich ahri-
manische Machte ausgesucht haben, weil er durch seine Nichtbesin-
nung iiber die Dinge besonderes Unheil stiften konnte. Durch aufiere
Griinde kann man nicht so recht beweisen, daft eine solche Personlich-
keit ein Dummkopf ist. Gestern kaufte ich ein Buch und fand darin
einen Brief, den ein Ministerkollege des Grey geschrieben hat. Ich
kenne den Brief erst seit gestern, halte aber den Grey seit Juli fur einen
Toren, der von Ahriman ausgesucht ist, um Unheil anzurichten. Es ist
fiir uns interessant, wie der Briefschreiber seinen Kabinettskollegen
qualifiziert: «Es ist fiir uns, die wir Grey seit Anbeginn seiner Lauf-
bahn kennen, sehr unterhaltsam, zu beobachten, wie er seinen konti-
nentalen Kollegen imponiert. Sie scheinen irgend etwas in ihm zu ver-
muten, was durchaus nicht in ihm steckt. Er ist einer der hervorragend-
sten Sportangler des Konigreichs und ein recht guter Tennisspieler.
Politische oder diplomatische Fahigkeiten besitzt er wirklich nicht;
man miifite denn eine gewisse ermudende Langweiligkeit seiner Art zu
reden und ein seltsames Beharrungsvermogen als solche anerkennen.
Earl Rosebery sagte einmal von ihm, er mache einen so konzentrierten
Eindruck, weil er nie einen eigenen Gedanken habe, der ihn von einer
Arbeit ablenken konne, die man ihm mit genauen Direktiven in die
Hand gegeben. Als neulich ein etwas temperamentvoller fremder Di-
plomat sich bewundernd iiber Greys leise Art aufierte, die nie erken-
nen lasse, was in ihm vorgehe, meinte ein vorwitziger Sekretar: <Ist
eine tonerne Sparbikhse bis oben mit Gold geftillt, so klappert sie
allerdings nicht, wenn man sie schiittelt. Ist aber kein einziger Penny
drin, so klappert sie auch nicht. Bei Winston Churchill klappern ein
paar Nickel so laut, dafi es einem auf die Nerven geht, bei Grey nicht
das geringste Klappern- Nur wer die Biichse in der Hand halt, kann
wissen, ob sie ganz voll oder ganz leer ist!> Das war frech, aber gut
gesagt. Ich glaube, dafi Grey einen sehr anstandigen Charakter hat,
wenn ihn auch eine gewisse stupide Eitelkeit gelegentlich einmal ver-
fiihren mag, sich auf Angelegenheiten einzulassen, von denen Hande,
die auf unbedingte Sauberkeit halten, besser wegbiieben. Seine Ent-
schuldigung ist aber immer, dafi er aus sich selbst heraus keine Sache
zu iibersehen und durchzudenken vermag. Er, der von sich aus in kei-
ner Weise ein Intrigant ist, kann, sobald ein geschickter Intrigant sich
seiner bedienen mag, als der vollkommenste Intrigant erscheinen. Dar-
in lag fiir politische Intriganten schon immer eine Versuchung, sich ge-
rade ihn zum Werkzeug zu wahlen, und allein diesem Umstande ver-
dankt er seine heutige Stellung.»
Das ist ein Beispiel, wie man sich irren kann, wenn man nicht ver-
sucht, objektiv auf die Dinge zu schauen. An dieser Personlichkeit, die
nicht durch besondere Schlauheit sich auszeichnet, sondern durch per-
sonliche Anglerfahigkeiten, die nichts zu tun haben mit den Fahig-
keiten, auf die es ankommt, sieht man die ahrimanischen Machte wir-
ken, welche notwendigerweise wirken mufiten von der inneren Seite
her, damit die Ereignisse eintraten. Man wird nach und nach einsehen,
dafi man gerade diesen Ereignissen gegeniiber sich wird klar sein miis-
sen, wie t)bersinnliches im Guten und Bosen anerkannt werden mufi.
Wenn man diese Ereignisse wird verstehen wollen aus dem, was man
auf dem physischen Plan beobachten kann, wird man diese Ereignisse
nicht verstehen konnen. Man wird einsehen, wie die verschiedenen
Impulse heriibergestromt sind, wie seit langer Zeit sich im Osten das
vorbereitete, was den Impuls zu diesen Ereignissen gab, wie aus den-
jenigen Dingen, die gerade im bstlichen Europa zu beobachten sind,
die Faktoren sich entwickelten, die notwendigerweise einmal die
Kriegsfackel entziinden mufiten, wie der gegenwartige Moment den
Krieg brachte, weil die westlichen Faktoren sich eingelassen auf die
Brandstiftung aus dem Osten, aus Griinden, die nur erkannt werden
konnen, wenn man auf die wichtigen Ursachen eingeht. Es wird wich-
tig sein, daiS gerade diese historischen Ereignisse die Menschen zwin-
gen werden, wenn sie die Ursachen erkennen wollen, zum Obersinn-
lichen hinzublicken, nicht auf dem physischen Plan stehenzubleiben,
denn sonst werden sie lang streiten konnen. Wir werden sehen miissen,
dafi es, wohl mehr als fiir andere Menschen, fiir den Geisteswissen-
schafter eine Notwendigkeit ist, sich auf einen sichereren Horizont zu
stellen als den, der aus der Erfahrung der Angelegenheiten der phy-
sischen Welt hervorgehen kann.
Wie eingeengt der physische Horizont werden kann, hat sich seit
Jahren gezeigt. Fur viele begann geschichtliche Betrachtung erst im
Juli. Auch manche in unseren Kreisen gaben sich sonderbaren Urteilen
hin. Die Elemente zu dem, was ich sagen will, sind schon im Zyklus
«Die Mission einzelner Volksseelen» in Kristiania gegeben worden. Da
steht auch, dafi im Osten sich vorbereitet, was in der sechsten nach-
atlantischen Kultur herauskommen will. Wir leben hier in der funften
Kultur. Wenn man abstrakt denkt, von der funften Kultur steige die
Menschheit immer hoher zur sechsten und siebenten Kultur, danii kann
einem der Kamm schwellen. Aber solches Vordringen ist nicht das Vor-
wartsgehen der Kulturentwickelung der Menschheit. Bis zur vierten
Kultur war eine Wiederholung der Erdentwickelung. Die fiinfte Kultur
ist die, auf die es ankommt; sie ist etwas Neues, das hinzugekommen ist,
das heriibergetragen werden mufi in das sechste Zeitalter. Die sechste
Kultur wird in Dekadenz sinken, es wird eine absteigende Kultur sein.
Das mufi berucksichtigt werden. Damit hangt zusammen, dafi ein
Geist wie Solowjow y der in gewisser Beziehung mit seinen habituellen
Eigenschaften aus dem russischen Volkscharakter herausgewachsen ist,
sich in die westliche Welt gesenkt hat,dafi seine Philosophic westlich ist,
zwar eingeschlossen in das Temperament des Ostens, aber in der Art, wie
die Satze fliefien, das Russische erkennen lafit. - Eine Torheit ware es,
zu sagen, dafi dem, der in westeuropaischer Kultur steht, etwas gege-
ben werden konnte, was iiber diese westeuropaische Kultur hinausginge.
Es sind dies wieder nur abgerissene Satze gewesen, aber Sie wer-
den durchhoren den Appell an unsere geisteswissenschaftliche Stro-
mung, zu versuchen, diese schwere Zeit auch dazu zu bemitzen, mit
Konkretheit zu sehen und in Konkretheit dasjenige aufzufassen, was
auch wirklich in unser Empfinden einfliefien kann, wenn geisteswis-
senschaftliche Vorstellungen in dies unser Empfinden einfliefien. Diese
unsere Geisteswissenschaft wird sich in der Zukunft gerade dadurch
bewahren mtissen, dafi sie den Weg hindurch findet durch die so un-
bandig aufgewiihlten Leidenschaften in unserer Zeit.
Ich bin mir wohl bewufit, dafi ich seit dem Beginn dieser unserer
schweren Zeit weder hier noch anderswo anders iiber die Dinge ge-
sprochen habe als so, daft man vor einer objektiven Weltanschauung
diese Dinge vertreten kann. Doch, was alles konnte man horen! Man
kann auch da aus dem, was in den letzten Monaten vorging, lernen, wie
es um so manches steht, wovon kritisierend in der Aufienwelt gespro-
chen wird. Man hat oft das Urteil horen miissen, ein grofter Teil der
Mitglieder hore nur auf das Urteil des einen, es beruhe alles auf blin-
dem Vertrauen. - Wie weit es mit dem blinden Vertrauen ist, konnte
sich in diesem Moment zeigen.
Uber das, was von mir gesprochen wurde, konnte man horen: Der
yerwendet seine okkulten Fahigkeiten dazu, sie zur Priifung der
Wolffschen Telegramme zu vertrodeln. - Sonderbares Vertrauen von
jemand, der in unserer Bewegung drinsteht, zu sagen, daft ich die
Wahrheit des Wolffschen Telegraphenbiiros zugunsten der Feinde
Deutschlands verwende! - Das ist nur ein Urteil aus unzahligen. Da
sehen Sie, wie auch in Geisteswissenschaft das hereinspielt, was jetzt in
Begierden und Leidenschaften die Welt durchf lutet. Das darf uns nicht
abhalten, die Wahrheit zu ergriinden in bezug auf das, was jetzt zu
betonen unsere Obliegenheit ist. Das werden Sie einsehen konnen.
Im Grunde genommen war es immer so, wie es jetzt ist. Das, was
jetzt gesagt wurde, ist immer gesagt und getan worden. Ich habe schon
friiher betont, daft diese hier zur anthroposophischen Bewegung ge-
wordene theosophische Bewegung sich nie in anderer Weise entwickeln
wollte, als im geraden Fortgang mitteleuropaischer Kultur. Es hat sich
nie darum gehandelt, sich von jemand ins Schlepptau nehmen zu lassen.
Von englischer Seite faftte man, als man das bemerkte, gleich Mifi-
trauen gegen diese Mitteleuropaer, die nicht die Nachbeter dessen wa-
ren, was von britischer Theosophie gegeben wurde. Das Wahrheits-
gefiihl muftte die britische Auffassung des Christus-Problems ableh-
nen, sie war solcher Art, daft der Glaube entstehen konnte, Christus
werde sich im physischen Leibe wiederverkorpern, weil man ein gei-
stiges Kommen des Christus nicht verstehen konnte. Da zeigte sich die
Unmoglichkeit des Zusammengehens der beiden Richtungen. In eng-
lischen theosophischen Zeitschriften finden Sie jetzt Zuschriften von
Mrs. Besant, die in jeder Weise die Welt der Theosophie aufruft, um
gegen Deutschland zu wirken. Da finden Sie eine nachtragliche Erkla-
rung dafiir, warum damals die deutsche theosophische Bewegung sich
von der englischen lostrennen mufite. Mrs. Besant sagt: «. . . Jetzt, wenn
ich ruck-warts blicke, im Lichte der deutschen Methoden, wie der
Krieg sie uns offenbart, erkenne ich, dafi die langandauernden Bemii-
hungen, die theosophische Organisation einzufangen und einen Deut-
schen an ihre Spitze zu setzen - der Zorn gegen mich, als ich diese Be-
miihungen vereitelte, die Klage, daft ich iiber den verstorbenen Konig
Eduard VII. als den Beschiitzer des europaischen Friedens gesprochen
hatte, statt dem Kaiser die Ehre zu geben -, dafi alles das ein Teil war
der weit ausgebreiteten Kampagne gegen England, und daft die Mis-
sionare Werkzeuge waren, geschickt gebraucht durch die deutschen
Agenten hier» (in Indien), «um ihre Plane durchzusetzen. Wenn sie
hatten verwandeln konnen die Theosophische Gesellschaft in Indien
mit ihrer groften Anzahl von Verwaltungsbeamten in eine Waffe gegen
die britische Regierung und sie dazu hatten erziehen konnen, empor-
zuschauen zu Deutschland als zu ihrer geistigen Fuhrerin, statt einzu-
stehen, wie sie es immer getan hat, fur den gleichwertigen Bund zweier
freier Nationen: so hatte sie allmahlich ein Kanal fur Gift in Indien
werden konnen. »
[Lucke in der Nachschrift] Diese Personlichkeit ist darauf gekom-
men, was ich damals wollte. - Da erkennen Sie die Ursachen, warum
dieser Krieg zwischen Deutschland und England ausgebrochen ist. Sie
konnen aber auch sehen, daft dem jetzigen Kampf unser auf das Spiri-
tuelle bezuglicher vorangegangen ist. Mancherlei, was da geschehen
muftte, wird man jetzt vielleicht anders verstehen.
Das Beteuern von Okkultismus [?] ist ein zweischneidiges Schwert.
Es mufi immer wieder gesagt werden, daft ein Wahrheitsgefiihl die See-
len intensiv durchdringen mufi, welche durch Okkultismus Heil, und
nicht Unheil in der Welt anrichten wollen. Wie das zusammenhangt,
was in unsere Seele durch die Zeitereignisse dringen mufi, was wir als
okkult Beflissene aus den Zeitereignissen lernen sollen, kann uns an
dem Gedanken aufgehen: Wenn wieder Friede sein wird, werden in
der Geisteswelt unverbrauchte Atherleiber sein, die Krafte herunter-
bringen wollen. Aus den Seelen, die durch Geisteswissenschaft ange-
regt sind, sollen auch Krafte hinaufgehen, sich mit den Kraften von
oben zu verbinden, dann wird fur Fortschritt und Heil der Menschheit
das, was Geisteswissenschaft sein kann, bedeutsam sein. Wenn wirk-
lich recht viele Seelen, die in Wahrheit und Objektivitat das empfin-
den, da sein werden, wenn viele Seelen mit Gedanken, die durch die
spirituelle Weltauffassung angeregt sind, sich hinaufsehnen in die
Geisteswelten, dann wird auch fixr diese Seelen das Schwierige unserer
Zeit seinen Wert haben. Darum mochte ich auch heute den Zusammen-
hang unseres geistigen Strebens zum Ausdruck bringen durch die Worte:
Aus dem Mut der Kampfer,
Aus dem Blut der Schlachten,
Aus dem Leid Verlassener,
Aus des Volkes Opfertaten
Wird erwachsen Geistesfrucht -
Lenken Seelen geist-bewufit
Ihren Sinn ins Geisterreich.
VIERTER VORTRAG
Miinchen, 29. November 1915
Es ist eine Zeit, in der das Todeserlebnis vom Gesichtspunkt des phy-
sischen Planes vielfaltig im weiteren und im engeren Sinn vor unsere
Seele tritt, tausendfaltig draufien in der Menschheit und auch in un-
serem engeren Kreis, aus dem gerade im Laufe der letzten Jahre und
auch Monate liebe Freundesseelen durch die Pforte des Todes gegan-
gen sind. Da ist es vielleicht gerade naheliegend, diese Betrachtung,
zu der wir hier in diesem Zweige uns verbunden fuhlen konnen, von
gewissen Gesichtspunkten aus auf das Ratsel des Todes und mancher-
lei, was damit zusammenhangt, zu lenken. Wir richten ja unsere be-
trachtenden Blicke auf das Todesratsel nicht blofi aus dem Grunde,
weil uns Neugierde oder Wifibegierde plagt, das zu erkennen, was
mit dem Tode geheimnisvoll zusammenhangt, sondern weil wir nun
schon aus den Anschauungen, die uns Geisteswissenschaft vermitteln
kann, genugsam entnommen haben, wie mit dem Geheimnis des Todes,
mit der Erkenntnis desselben, innig zusammenhangt das, was wir brau-
chen an starkenden Kraften des Lebens, wie im Grunde genommen
die Betrachtung des Todes die Kluft zwischen den beiden Welten -
der Welt, die wir im Physischen durchleben, und der Welt des Gei-
stigen - hinwegschafft. Haben wir uns doch oftmals klargemacht und
mit Recht immer wieder und wiederum im Anblick konkreter Tode
vor unsere Seele gerufen, wie diejenigen Seelen, die mit uns verbunden
waren im physischen Leben, dies auch bleiben, nachdem sie durch die
Pforte des Todes gegangen sind. Durfte ich doch im Zusammenhang
damit auch schon in diesem Zweige es aussprechen, dafi es zu den star-
kenden, kraftigenden Gedanken gehort, von denen wir uns tragen las-
sen konnen, dafi wir Freundesseelen in den geistigen Welten haben, wel-
che durch die Art und Weise, wie sie hier auf Erden mit unserer Sache
verbunden waren, unsere treuen Heifer und Mitarbeiter werden und
geworden sind. Betonen mufi man es doch, dafi wir nun schon ein-
mal in einer Zeit leben, in der wir uns verpflichtet fuhlen, die Geistes-
wissenschaft auszuarbeiten, in der aber dieser Geisteswissenschaft noch
viel MifSverstandnis und aus dem Mifiverstandnis, dem Unverstand-
nis hervorgehende Gegnerschaft entgegengebracht wird. Und manch-
mal konnten Zweifel entstehen, ob gegeniiber der immer starker und
starker werdenden Gegnerschaft - und sie wird wahrlich noch starkere
Formen annehmen - dasjenige ausreichen kann, was uns an Kraften
gegeben ist innerhalb der physischen Welt. Dann tritt eben gerade der
starkende Gedanke em, dafi die mit unserer Arbeit treu verbundenen
Freundesseelen, die vor uns hinweggegangen sind, die ungehemmt sind
durch die Hindernisse, welche sich uns hier auf Erden noch entgegen-
dammen, ihre Krafte mit den unseren vereinigen. Und aus solcher
Oberzeugung heraus glauben wir an das Sieghafte, wenn auch langsam
Heransiegende der geisteswissenschaftlichen Arbeit.
Wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht, da ist es ja, ich
mochte sagen, unserer Seele zunachst gelegen, zu erfahren, wie er,
nachdem er seinen physischen Leib auf dem Schauplatz des Erdenseins
zuriickgelassen hat, dann in die geistigen Welten, gewissermafien diese
physischen Welten verlassend, hinansteigt. Wenn wir geisteswissen-
schaftliche XJberzeugungen gewonnen haben, dann empfinden wir das
Durchschreiten der Todespforte bei einem Menschen wie ein Verlas-
sen der physischen Welt. Wenn nun der geistesforscherische Blick auf
das Erlebnis des Todes gerichtet wird, das heifit auf das Hindurch-
gehen eines Menschen durch die Todespforte, dann stellt sich diesem
geistesforscherischen Blick allerdings die Sache etwas anders dar.
Hauptsachlich kommt ja dabei das in Betracht, was der sogenannte
Tote selber als Erlebnis hat, wie er in seinem Innersten das Durch-
schreiten der Todespforte empfindet und erlebt, und wie es sich fur
ihn dann weiter gestaltet zwischen dem Tod und einer neuen Geburt.
Und da mufi gesagt werden: Was durch die Todespforte schreitet, das
ist, wie wir wissen, zunachst der Atherleib mit dem astralischen Leib
und dem Ich. - Nun fiihlt aber der Tote, indem er in dieser Dreiheit
seines Wesens zunachst die geistige Welt betritt, den Schauplatz der
physischen Welt und darauf stehend diejenigen Menschen, mit denen
er sich verbunden fuhlte im Leben, und auch alles das, womit er sich
sonst verbunden gefiihlt hat, eigentlich so, als wenn ihn das alles ver-
liefte, als wenn es sich unter ihm gewissermafien wegbewegte. Und dann
fiihlt derjenige, der durch die Todespforte geschritten ist und sich
einlebt mit seinem Atherleib in die atherische Welt, sich eins werdend
mit dieser atherischen Welt. Und auch das wissen wir schon: Vor sei-
nem Blick tritt eine Art Uberschau iiber das Erleben auf der Erde in
der letzten Inkarnation auf. Dieses Erleben ist wirklich mit einer Art
universellen Traumerlebens zu vergleichen. In wogenden, webenden
Bildern, die vielsagend, vielbedeutend sind, lauft das Leben eben tage-
lang ab. Man mochte sagen, es vergrofiert sich dieses Lebenspanorama,
indem der Tote fiihlt : Bis dahin schaust du; dein Leben webt sich ab,
flutet ab. Und jenseits dieses flutenden Lebens verlafit dich der Schau-
platz, auf dem du bisher gestanden hast.
Dieses ist ein ganz atherisches Erleben. Wahrend wir, wenn wir hier
physisch-sinnlich erleben, auf das Feste, das Derbe mit unseren Sinnen
auf stolen und genau wissen: das sinnlich Erlebte ist da draufien und
wir erfiihlen uns in den Grenzen unserer Haut -, erlebt der durch
die Todespforte Geschrittene sein Dasein und seinen Zusammenhang
mit der Welt so, dafi er nicht in so starker Weise unterscheidet; er fiihlt
gewissermafien das, was er als Lebenstableau hat, als ein Stuck seines
Selbstes. Ja, es ist dieses Lebenstableau iiberhaupt zunachst seine Welt.
Er iiberschaut das, was er durchlebt hat, in einem grofien Lebenspa-
norama, als seine nachste Welt, in der er zunachst ist. Gewissermafien
entsinkt ihm das irdische Dasein, und es prefit sich aus diesem entsin-
kenden irdischen Dasein das heraus, was er seit seiner Geburt inner-
halb dieses irdischen Daseins erlebt hat, und das lauft ab so wie ein
machtiges, lebendiges intensiv lebendiges, nicht mit dumpfem Traum-
bewufitsein, sondern mit deutlichem Bewufitsein durchzogenes Bilder-
panorama, wobei eben nicht etwa blofi Bilder gesehen werden, sondern
wobei alles das wieder auflebt, was wir auch in anderer Weise inner-
halb des Lebens erfahren haben. Jedes einzelne Gesprach, das wir mit
Menschen gehabt haben: wir horen es wieder; alles das, was wir mit
Menschen zusammen erfahren haben, was wir ausgetauscht haben an
Empfindungen mit ihnen: wir erfahren es wieder. Dadurch, dafi alles
flutendes Leben ist, ist jener Lebensreichtum moglich, der, in einige
Tage zusammengedrangt, eine vollige Oberschau - die eigentlich im-
mer gleichzeitig vor uns ist - iiber das gibt, was wir in einem manchmal
langen Erdenleben durchgemacht haben. Und wir machen es so durch,
dafi wir dann wissen: Friiher, auf der Erde, hast du das so durchlebt,
daft Erlebnis nach Erlebnis gekommen ist. Du hattest ein Erlebnis,
standest drinnen in einem Lebenszusammenhang. Der flutete dahin,
blieb zum Teil in deiner Erinnerung, wurde zum Teil vergessen. Dann
trat Neues ein, und so setzte sich durch Jahre hindurch der Lebens-
strom zusammen. Jetzt ist das alles gleichzeitig vor dem seelischen
Auge stehend, und jetzt ist das alles, man mochte sagen, in dem zur
Welt erweiterten Selbst drinnen.
In diesen Tagen nach dem Tode unterscheidet man nicht Welt und
Ich, sondern beide fliefien zusammen, und die Welt ist eben das Selbst-
erlebte. Es ist sonst zunachst nichts da als das Selbsterlebte, in dem
auch alles drinnen ist, was wir mit anderen Menschen im Erdendasein
durchlebt haben. Und dann fiihlen wir, wie wenn das aufierlich athe-
risch Stof fliche, das anfangs wie der Trager dieser Bilderwelt erscheint,
von uns fortginge, und wie wenn diese Bilderwelt nicht mehr wie eine
geschaute ware, sondern wie eine, die wir jetzt ganz und gar mit un-
serem eigenen Wesen verbunden haben, die ganz und gar unser Inneres
jetzt bildet. Und dadurch, dafi wir sie gleichsam in uns aufsaugen,
sind wir in der Lage, wiederum die ubrige geistige Welt zu empf inden,
zu erleben, mit unserem Bewulksein zu iiberschauen.
Nun treten nach und nach in der ubrigen geistigen Welt die Men-
schenseelen auf, die entweder vor uns durch die Pforte des Todes ge-
gangen sind und nun auch da sind, oder die Menschenseelen, die noch
unten sind im physischen Leib, im irdischen Dasein. Man schaut diese
Menschenseelen von der geistigen Welt aus, indem man sie in ihrem
Geistig-Seelischen schaut. Das Physische ist allerdings nur fiir phy-
sische Organe wahrnehmbar, aber das Geistig-Seelische, das das Phy-
sische auskleidet, ist dann auch im Menschen wiederum vor unserem
Seelenblick aufsteigend. Wir fiihlen uns viel inniger mit all dem ver-
bunden, was jetzt von uns erlebt wird, als wir uns verbunden fiihlen
konnten da, wo doch eigentlich, namlich auf der Erde,. durch den
physischen Leib trennende Schranken sind.
Nur eben eines miissen wir immer festhalten: Die Worte, die ja
alle fiir die Verhaltnisse des physischen Planes gepragt sind, miissen
wir sorgfaltig wahlen, wenn wir das Geistige bezeichnen wollen, denn
das Erleben in der geistigen Welt ist eben nun einmal ein viel intimeres
als das Erleben hier auf dem physischen Plan. Wenn wir uns vergegen-
wartigen, wie ein Gedanke, der ein Erlebtes darstellt, das lange hinter
uns liegt, an dieses Erlebnis erinnernd wieder herauftaucht, wie dieser
Gedanke aus uns selber heraufkommt, wenn wir uns das lebhaft vor-
stellen und uns jetzt, ich mochte sagen, die Wirklichkeitsinhalte eines
solchen schattenhaften Erinnerungserlebens denken, dann bekommen
wir allmahlich eine Vorstellung, wie eigentlich die geistige Wirklich-
keit vor uns auftritt, nachdem wir durch die Pforte des Todes geschrit-
ten sind. Sie kommt ja in der Regel nicht so von auften an uns heran
wie die Erlebnisse der physisch-sinnlichen Welt. Die Imaginationen
kommen schon so herauf, nur mit unendlich viel grofierer Lebendig-
keit als die Erinnerungsbilder, aber so, dafi wir unser Ich und die Ima-
ginationen nicht so unterscheiden, wie wir uns hier unterscheiden von
der Aufienwelt. Sie kommen aus uns herauf wie Erinnerungsbilder,
aber so, dafi wir wissen: Das, was da am Horizonte unseres Bewufk-
seins auf steigt, ist Realitat. Da steigt eine Imagination auf : wir wissen
sie mit uns so verbunden wie hier auf dem physischen Plan das Erin-
nerungsbild. Sie steigt auf mit aller Lebendigkeit. Wir wissen aber,
wir sind mit ihr verbunden, unser Ich ist drinnen. So steigt die Seele
auf warts, so fiihlen wir uns im Verein mit den Seelen und den Seelen-
wesen der hoheren Hierarchien, die allmahlich da aufsteigen. Es
kommt schon die geistige Welt, ich mochte sagen, aus dem unbestimm-
ten Dammerdunkel an die eigene Seele heran, wie Erinnerungsbilder
an sie herankommen, die in unserer Seele auftauchen. Nur dafi die
Erinnerungsbilder eben ganz dammerig sind und nur ein aufieres Wirk-
liches abbilden, wahrend die Imaginationen, die auftreten, dann zu
sprechenden Imaginationen werden, indem sie sich wesenhaft ankiin-
digen durch ihre im Geist sich enthullende Spfache, die dann fiir uns
wird zur Offenbarung der Seelen, der Geister, mit denen wir weiter-
hin in der mannigfaltigsten Weise warmer, inniger zusammen sind* als
wir mit einem Menschen hier auf dem physischen Plan zusammen sein
konnen.
Man mul$ sich nun ganz besonders klarmachen, welche Bedeutung
das allererste Erlebnis hat, das der Mensch durchmacht, wenn er durch
die Pforte des Todes schreitet. Dieses Zuriickblicken auf das letzte
Leben, das hat eine grofte, eine ungeheure Bedeutung fiir das ganze
nunmehr folgende Erleben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt,
und wir konnen wis diese Bedeutung klarmachen, wenn wir daran
denken, wie wir eigentlich zu unserem Ich-Bewulksein kommen in
dem physischen Erdenleben; nicht zu unserem Ich, sondern zu unse-
rem Ich-Bewulksein. Wie wir zum Ich kommen, wissen wir ja aus
unserem geisteswissenschaftlichen Studium: Die Geister der Form ver-
leihen uns dieses Ich, indem wir fortgeschritten sind vom Monden-
dasein zum Erdendasein. Aber dieses Ich ist ja zunachst unterbewulk.
Es wird bewufk dadurch, dafi es sich im physischen Leibe spiegelt.
Wie spiegelt es sich hier auf dem physischen Plan? Nun, Sie wissen ja,
schon im gewohnlichen Traumerlebnis konnen Sie es sehen: Das Ich
wird seiner im Traumerlebnis nur sehr selten klar bewufit; es ver-
schwimmt das Ich mit den Erlebnissen, mit den Bildern des Traumes,
die auftauchen. Wodurch erleben wir wahrend des Tagwachens das
Ich-Bewulksein? Machen Sie sich klar, wie eigentlich doch dieses Ich-
Bewulksein zusammenhangt mit alien aufieren Wahrnehmungen und
allem aufieren Erleben. Wenn wir mit der Hand so durch die Luft
fahren, verspuren wir nichts. Im Augenblick, wo wir aufstofien, ver-
spiiren wir etwas. Aber wir verspuren eigentlich das eigene Erlebnis,
verspuren dasjenige, was wir durch unsere Finger erleben. Im Stolen
an die Auftenwelt werden wir unser Ich gewahr. Und in anderem Sinn
werden wir beim Aufwachen eigentlich dadurch unser Ich gewahr, dafi
wir aus dem Schlafbewulksein heraus untertauchen in unseren phy-
sischen Leib, zusammenstofien mit unserem physischen Leib. In diesem
Zusammenstofien mit dem physischen Leib wird das Ich-Bewulksein
eigentlich vor die Seele gerufen.
Seien wir uns doch klar, dafi das Ich-Bewufksein nicht verwechselt
werden darf mit dem Ich. Das Ich bleibt zunachst im Unterbewufitsein,
konnte man sagen, unvollstandig. Wie das Ich wirklich ist, wird der
Mensch erst wahrend der Vulkanzeit erf ahren. Aber das Ich erlangt das
Erdenbewufksein dadurch, dafi es mit dem Astralleib untertaucht in den
Atherleib und physischen Leib, zusammenstofk mit dem Atherleib und
physischen Leib. Und in diesem Zusammenstofien mit dem Atherleib
und physischen Leib wird das Ich seiner selbstgewahr: dadurch entsteht
das Ich-Bewufitsein von dem Moment an, wo eben wirklich der phy-
sische Leib so verhartet ist, dafi dieses Zusammenstofien stark genug
ist, das heifit von einem gewissen Zeitpunkt der zarten Kindheit an,
bis zu dem wir uns zuruckerinnern.
Nun mufi auch die Seele im Leben zwischen dem Tod und einer
neuen Geburt mit etwas zusammenstofien. Hier im physischen Leben
stofk sie zusammen mit dem physischen Leib, der aus den physischen
Kraften und Substanzen der aufieren Natur gegeben ist, um zum Ich-
Bewufltsein zu kommen. Nach dem Tode, zwischen dem Tode und
einer neuen Geburt, stofit die Seele, um also zu ihrem nunmehr gei-
stigen Ich-Bewufitsein zu kommen, mit dem eigenen Leben zusammen,
das sie in den Tagen, nachdem sie durch die Todespforte geschritten
ist, eben geschaut hat und auf das sie immer wieder zuruckblickt. Erst
stellt sich das Leben schauend dar, dann wird es Ruckblick, der im-
mer da ist. Indem wir als geistiges Wesen, nachdem wir durch die To-
despforte geschritten sind, im Strom der Zeit weiterleben und zuriick-
blicken auf das, was wir unmittelbar in und mit dem Tod erlebt ha-
ben, stoflt die weiterschreitende Seele immer im Ruckblick auf dieses
Lebenspanorama, das man gehabt hat, das aber jetzt eben geistige Er-
innerung bleibt. Und so wie das Ich durch seinen Zusammenstofi mit
dem physischen Leib zu seinem Ich-Bewufksein hier entziindet wird,
so wird das Ich-Bewufitsein nach dem Tode entziindet durch den auf
das letzte Erdenleben aufstoftenden, riickschauenden Blick auf unser
eigenes Leben. Indem wir auf dasselbe zuriickschauen, erleben wir
dieses Ich-Bewufitsein zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Es
ist anders, dieses Ich-Bewufitsein nach dem Tode, aber es ist keines-
wegs etwa schwacher.
Wie ist denn eigentlich dieses Ich-Bewufksein hier in der physi-
schen Welt? Es ist so, dafi wir eigentlich hier in der physischen Welt,
wenn wir unser Ich gewahr werden wollen, darauf angewiesen sind,
dafi es uns durch anderes in unserem physischen Leib gezeigt wird. Es
erscheint uns gleichsam aus dem Spiegel unseres physischen Leibes her-
aus, dieses unser physisches Ich. Wir fiihlen uns recht passiv in der
Erzeugung unseres Ich, zumindest wenn wir nicht gerade einer sol-
chen Philosophic wie derjenigen Johann Gottlieb Fichtes nachleben.
Dagegen, nachdem wir durch die Todespforte geschritten sind, fiihlen
wir uns fortwahrend tatig. Wir geben uns gleichsam unser jetzt viel in-
tensiveres Bewufitsein immer wieder und wiederum dadurch, daiS wir
riickschauen auf unser eigenes Leben und mit dem Ich-Bewufksein
das Bewufksein verbinden: Wir wollen uns, und wollen uns immer
wiederum, und wir diirfen uns wollen, denn unverlierbar bleiben wir
uns selbst dadurch, daft unausloschbar der Eindruck bleibt dessen, was
wir einmal durchlebt haben. - Ich mochte mit diesen Worten gerade
sehr deutlich das wiedergeben, was da im Ich-Bewufttsein zwischen
dem Tod und einer neuen Geburt erlebt wird. Und ungleich dem Er-
leben, dem Bewufttseinserleben hier auf dem physischen Plan ist das
Bewufttseinserleben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Hier
auf dem physischen Plan kann eigentlich niemand aus eigener Erfah-
rung im normalen Bewufttsein zuriickschauen auf seine eigene Geburt.
Seine Geburt kann jemand im eigenen Erleben mit normalem Bewuftt-
sein nicht beobachten, das Erinnern fangt erst spater an. Ich habe auch
hier schon einmal gesagt: Wenn die Leute nur auf Erfahrung, auf das
Selbsterfahren etwas geben wollen im Leben, dann kann eigentlich
niemand an seine eigene Geburt glauben, seine Geburt erlebt er im
Grunde genommen hochstens, wenn er hellsichtig zuruckschaut. Wenn
jemand sagt: Ich glaube nicht friiher an die geistige Welt, als bis ich
sie selbst gesehen habe; dasjenige, was mir die Geisteswissenschaft sagt,
das will ich nicht glauben, ich glaube nur das, was ich selbst gesehen
habe -, dann kann man ihm im Grunde genommen antworten: Und
deine eigene Geburt? Es scheint doch, als ob du glauben wiirdest, daft
diese stattgefunden hat? Aber eine Erfahrung kannst du nicht gut da-
von haben. - Man sieht daraus, wie sogar etwas ganz Bedeutungsvolles
fur das Menschenleben nur aus einer Schluftfolgerung heraus fur das
normale Bewufttsein eben bewuftt ist. Wir nehmen nur immer fur das
normale Bewufttsein an, daft wir geboren sind, indem wir schlieften:
Wir schauen gerade so aus wie die Menschen, von denen wir schon be-
obachteten, daft sie geboren sind, also werden wir wohl auch geboren
sein. - Aber es beruht nur auf einer Schluftfolgerung.
Ganz anders ist dieses in der Zeit zwischen dem Tod und einer
neuen Geburt. So wenig man im normalen Bewufksein auf die eigene
Geburt zuriickschauen kann, so sehr schaut man mit diesem erinnerten
Lebenspanorama immer den Moment seines Todes. Und so wahr als
sich die Geburt ausloscht fiir das Erdenbewufksein, so wahr stent im
ruckschauenden Bewufksein vor dem Seelenleben zwischen dem Tod
und einer neuen Geburt immer das Ereignis des Todes, aber jetzt an-
gesehen von der anderen Seite. Hier auf dem physischen Plan sieht ja
der Mensch das Erlebnis des Todes nur von der einen Seite. Da hat es
manche schauerliche Seite. Aber man darf nicht daraus schliefkn, es
ware nun schrecklich, dafi der, welcher weiterlebt, immerdar zuriick-
schauen miisse nach dem Todeserlebnis. Denn dieses ist von dort aus
gesehen das schonste, grofke, bedeutsamste Erlebnis, das iiberhaupt eine
Menschenseele haben kann, weil es immerdar in strahlender Weise
zeigt, wie der Geist siegt iiber das materielle Dasein. Ein alles Be-
wufksein Belebendes, Erhebendes und Erhohendes hat diese fort-
dauernde Riickschau auf das Todeserlebnis. Vorzugsweise dieses To-
deserlebnis ist es, durch das die Seele sich sagt: Ich lebe hier in der
geistigen Welt, mit der geistigen Welt. - Dadurch, dafi die Seele die
Kraft hat, sich dieses zu sagen, hat dieses Todeserlebnis fiir das nach
dem Tode beginnende Leben eine ungeheure Bedeutung.
Ich sagte: Der Mensch fiihlt, wie sein Leib und alles das, was auf
der Erde da war, ihn verlafk, und er fiihlt, wie er jetzt durch innere
Tatigkeit sein Bewufksein ausgleichen mufi, wie er fiir sein Bewufk-
sein etwas leisten mufi, was er friiher fiir dasselbe durch das Werkzeug
des Leibes geleistet bekommen hat. Ich kann ohne den Leib in mir be-
wufk leben: die Moglichkeit, diesen Gedanken zu fassen, erzeugt eben
ein viel starkeres Bewufksein, als man innerhalb des Erdenlebens es
haben kann. Und diese Uberzeugung bringt uns der Tod bei, dafS man
erfiihlen kann: Der Leib geht weg, aber jetzt beginnt eine Zeit, wo du
nicht angewiesen bist, auf deinen Leib zu stolen, um dich als Ich zu
fiihlen, jetzt beginnt eine Zeit, wo du gewissermafien die geistigen
Krafte selber in deine Seelenhiille hineingiefiest, so dafi du dich fort-
wahrend zum Bewufksein aufrufst. - Indem man erkennt, wie dieses
Sich-zum-Bewufksein-Aufrufen da sein kann, wenn einem der Leib
entrissen wird, hat man den Lebenseindruck des inneren Daseinsschaf-
fens. Das beginnt mit dem Tode, wo man anfangen mufi, ohne den
Leib sich als ein Ich zu erleben. Das ist der Ausgangspunkt, weiter ohne
den Leib sich als ein Ich zu fiihlen, indem man ruckblickt auf das To-
deserlebnis. Wenn der geistesforscherische Blick dadurch, dafi er die gei-
stige Welt in sich aufleben lafit, es dahin bringt, dafi eben Seelen, die
durch die Pforte des Todes gegangen sind, wie in dem Inneren auf dem
Bewulkseinsfeld in den Imaginationen auftauchen, dann lernt man er-
kennen, wie der Tote erlebt. Man lernt Unterschiede erkennen, die da
auftreten. Man kann immer natiirlich nur einzelnes beschreiben. Einen
solchen Unterschied wollen wir einmal ins Auge fassen.
Man lernt erkennen, wie auf dem Schauplatz der Seelenbeobachtung
nach dem Tode Menschenseelen auftreten. Von zweierlei Art sind diese
Menschenseelen: solche Menschenseelen, die fruher schon eingetreten
sind in die geistige Welt, vor unserem Tode, die wir also schon drinneh
als entkorperte Seelen finden, und solche Seelen, die noch im Leibe
verkorpert auf Erden sind. Auch diese, die noch auf Erden sind, sind
wir imstande ebenso mitzuerleben, Indem der Schauplatz des irdi-
schen Daseins von uns entschwindet, bleibt uns die Moglichkeit, mit
dem, was seelisch war, uns noch verbunden zu wissen. Es entschwin-
det uns nur das Physische, unsere Seele erweitert sich, vereinigt sich
mit dem weiten All, und dadurch gerade ist die Moglichkeit gegeben,
auch indem uns das Physische gleichsam enteilt, uns mit dem Seeli-
schen noch verbunden zu wissen und es zu erleben.
Aber es ist nun ein Unterschied zwischen dem Erleben der einen
Seelenart und der anderen Seelenart. Wenn wir eine Menschenseele er-
leben in der geistigen Welt, dann erleben wir sie ja natiirlich nicht so -
man braucht das kaum zu sagen, aber diejenigen, die noch gar nichts be-
griffen haben von dem Schauen in der geistigen Welt, glauben das -,
dafi man ihr gegeniibertritt, wie man einem aufieren Wesen gegen-
iibertritt; sondern man erlebt sie so, dafi man das Wesen im Bewufit-
sein auftauchen fuhlt. Und nun haben wir bei einer Seele, welche schon
entkorpert ist, die schon durch die Pforte des Todes gegangen ist und
der wir begegnen, das innere Erlebnis, dafi sie da ist. Damit beginnt
der Eindruck. Wir wissen: Da ist eine Seele. Aber wir miissen gleich-
sam uns in sie hineinleben, hineinfiihlen. Wir miissen die Imagination
so bekommen von ihr, dafi wir uns am Schaffen der Imagination be-
teiligt fiihlen.
Es ist wirklich so, dafi man die Sache in folgender Weise beschrei-
ben mochte: Man fiihlt sich in der geistigen Welt. Es tritt das Bewufit-
sein auf: Du bist jetzt nicht allein, eine Seele naht dir. — Nun ist es
so, wie wenn man in der physischen Welt einen Gedanken unsichtbar
in der Seele tragt. Man will ihn aber sichtbar machen. Da nimmt man
eine Kreide und zeichnet den Gedanken auf, macht ein Bild davon.
So ist es wirklich zunachst bei den Erlebnissen in der geistigen Welt.
Man weifi: es ist ein reales Geistwesen da. Um die Seele zu sehen, mufi
man erst mit ihr so in Beriihrung kommen, dafi man sie gleichsam als
Imagination in den Geistraum hineinzeichnet. Das tut man auch, aber
man weifi sich tatig im Schaffen der Imagination. Und wenn sie durch
die Spharenmusik, durch die sie ihr Wesen zu unserem Wesen spre-
chen lafit, so sprechen will, wie der Mensch hier durch seine Sprache
seine Seele uns in der physischen Welt ankiindigt, wenn sie die Spharen-
musik aus sich ertonen lafit, dann fiihlt man auch, dafi man nicht
passiv bleiben kann. Wenn Sie die Sprache eines Menschen horen und
Sie wollen nicht dabei denken, so brauchen Sie sie nicht zu verstehen.
Mittun mufi man, wenn man sie verstehen will. So mufi man iiberall
hier auch mittun. Man lebt sich so zusammen, aktiv, tatig; man weifi,
dafi man jedes Stuck der Erscheinung des Wesens einer Seele, das man
so vor sich haben kann, miterzeugen mufi als Erscheinung. Die Erschei-
nung erzeugt man, nicht das Wesen. Es wird dann auch der Fall ein-
treten, wo man sich nicht so stark tatig fiihlt, dafi man weifi: Jetzt ist
eine Menschenseele da. Aber diese drangt durch sich, ohne daft wir so
stark uns beteiligen wie in dem eben beschriebenen Fall, zur Imagina-
tion. Die Imagination entsteht mehr durch sich selbst vor uns. Dann
stehen wir einer Seele gegenuber, die noch auf Erden verkorpert ist.
Und indem der Mensch durch die Pforte des Todes geschritten ist und
allmahlich in der geistigen Welt weiterlebt, lernt er an dieser Art und
Weise, wie er sich zu den Seelen stellt, die Unterschiede zwischen Seelen
kennen, die er eben in der geistigen Welt trifft, und solchen, die er sich
auf die Erde versetzt zu denken hat.
Damit habe ich einen der Unterschiede angegeben, wie im unmittel-
baren Erleben die Erfahrungen sich abspielen, die man in der geistigen
Welt macht. Und so sind auch Erlebnisse, innere Erlebnisse notwen-
dig zu unterscheiden, ob man nun Menschenseelen erlebt, oder ob man
die Seelen der Wesen der hoheren Hierarchien erlebt. Fassen Sie das,
was ich Ihnen beschrieben habe, als Erlebnis von Menschenseelen ein-
mal auf. Ich sagte: Man erlebt Menschenseelen entweder so, dafi man
die Imaginationen schafft oder nachschafft, oder indem sie sich mehr
oder weniger selbst erschaffen. Dann aber kann das Erlebnis auch so
sein: Man weift, ein Wesen ist da. Dieses Wesen mufi auch als Imagi-
nation, es mufi auch im Erlebnis vor uns stehen, wenn wir mit ihm
so recht zusammensein wollen. Aber es wird uns nicht in derselben
Weise unmittelbar moglich sein, die Imagination zu erzeugen, wie in
den eben beschriebenen Fallen, wo sie sich im einen Fall sogar von
selbst aufbaut. Wir miissen, indem wir eben das Erlebnis haben: Ein
Wesen ist da noch etwas ganz anderes in uns entwickeln. Wir miissen
die Empfindung in uns entwickeln: Wir lassen dieses Wesen in uns
schaffen. Wir geben unsere Krafte her, damit die Krafte dieses We-
sens selber hereinstromen. - Wahrend wir also bei der Menschenseele
uns selber als schaf fend in der Imagination fiihlen, fiihlen wir bei We-
sen der hoheren Hierarchien, der Angeloi, der Archangeloi, wie diese
Wesen in uns die Imagination schaffen. Und so leben wir uns allmah-
lich in dieses Miterfahren der geistigen Welt hinein.
Wir wissen ja auch, dafi im Konkreten dieses Miterfahren so ge-
schieht, dafi durch eine lange Reihe von Jahren hindurch - wir haben
ihre Lange im Verhaltnis zum letzten Erdenleben schon ofter betrach-
tet - das Leben wieder rikkwarts durchlauf en wird. Erst haben wir ein
paar Tage das Lebenspanorama, dann beginnen wir zuriickzuerleben
das Erdenleben, aber in anderer Art, als wir es hier erlebt haben zwi-
schen der Geburt und dem Tod. Wir erleben das letzte zuerst, das, was
wir vorher erlebt haben, erleben wir dann, und so zuriick im Geist bis
zu der Geburt. Wir erleben es so, daft wir unser Leben ansehen, aber
von der anderen Seite jetzt. Ich kann sagen, dafi wir es ansehen von
der Seite der Wirkungen. Nehmen wir etwas Grobes an, ich habe
irgendeinmal im Leben einem Menschen gesagt: Du bist ein unedler
Mensch oder ich habe ihn in irgendeiner Weise verletzt. Da habe ich
etwas erlebt wahrend des Lebens. Was ich erlebt habe, ist etwas an-
deres, als was er erlebt hat. Das verletzte Gefiihl, das Gekranktsein, den
Schmerz, das Leid hatte er erlebt. Jetzt im Durchleben nach dem Tode
in der seelischen Welt erlebt man selber das, was man getan, in seinen
Wirkungen. Das Leid, das der andere gehabt hat, indem wir ihn be-
schimpft haben, dieses Leid, diesen Schmerz erleben wir selbst an uns.
Die Wirkungen unserer Taten im anderen Wesen erleben wir, indem
wir so zurikkleben. Wir bekommen eine gewisse Anschauung von die-
sem Erleben nach dem Tode, wenn wir den Blick auf etwas richten,
was sich dem Geistesforscher enthiillen kann als ein Zusammenhang
dieses Erlebens nach dem Tode mit dem Erleben hier in der physischen
Welt.
Was ich jetzt bespreche, ist etwas, das uns so recht darauf auf-
merksam machen kann, wie der Geistesforscher nach und nach zu
seinen Ergebnissen kommt, und wie es ein Vorurteil ist, wenn man
meint, irgend jemand, der die Schwelle zur geistigen Welt iibertreten
hat, kenne nun die geistige Welt aus eigener Anschauung, und jetzt
konne man ihn alles fragen. Wir miissen es ja immer wieder und wie-
derum erleben, wenn der Geistesforscher iiber dieses und jenes spricht,
namentlich in der Offentlichkeit, und man — wie es ja von gewissen
Gesichtspunkten aus ganz wiinschenswert erscheinen kann — , eine Fra-
genbeantwortung gibt, wie iiber alle Dinge im Himmel und auf Erden
und der ganzen Unendlichkeit gefragt wird, indem man voraussetzt:
Wer iiberhaupt in die geistige Welt hineinschaut, der weift nun schon
alles, alles, was man iiberhaupt da wissen kann. - Das ist ungefahr
gerade so gescheit, wie wenn jemand hier sagen<.wurde: Du hast ja
Augen, du kennst Miinchen, also beschreibe mir Kalifornien! — Es ist
wirklich in der geistigen Welt ganz genau so, dafi man Schritt fur
Schritt sich das aneignen mufi, was aus der geistigen Welt heraus ge-
fafit werden soli, und es ist Naivitat, wenn man glaubt, dafi dort nicht
auch alles erst Schritt fur Schritt angeschaut werden mufi. Nun ist es
in der geistigen Welt noch anders als hier in der physischen Welt. Hier
in der physischen Welt, wenn man also, ich will sagen, noch niemals in
Heidelberg war und nun Heidelberg beschreiben will, so fahrt man
hin, nicht wahr, man setzt sich in Bewegung. In der geistigen Welt
mussen die Dinge zu uns kommen, da miissen wir in der Seele die
Wartekraft, die innere Erlebekraft entwickeln. Die Dinge treten in
unseren Gesichtskreis herein, wenn wir uns fahig dazu gemacht haben.
Das Heidelberg der geistigen Welt mufi zu uns kommen, wir mussen
unsere Seele bereitmachen dazu. Es ist immer in gewissem Sinn von
dem abhangig, womit wir begnadet werden, ob wir iiber dieses und
jenes in der geistigen Welt etwas erfahren konnen. So kann der Geistes-
forscher nach und nach iiber die Geheimnisse der geistigen Welt ja
unterrichtet werden.
Nun mochte ich von einem gewissen Gesichtspunkt aus ein geistes-
forscherisches Ergebnis heute besprechen, das ich noch nicht von die-
sem Gesichtspunkt aus hier besprochen habe. Wenn man, nachdem
man gewisse innere, also geistige Beobachtungskrafte sich erschlossen
hat, das seelische Erleben des Menschen beobachtet, wie er zwischen
Einschlafen und Aufwachen in der geistigen Welt ist, wenn man da
den schlafenden Menschen als Seele beobachtet, wie er aufierhalb seines
physischen Leibes ist - man lernt mancherlei kennen, aber man mufi
von einem gewissen Gesichtspunkt aus hinschauen lernen, wenn man
gerade etwas erfassen will -, dann merkt man, dafi der Mensch im
Schlaf in seiner Seele eigentlich fortwahrend tatig ist, viel tatiger als
wahrend des Wachens. Wahrend des Wachens bedient sich der Mensch
dessen, was sein Leib an Tatigkeit entwickelt, und in das versetzt er
sich hinein als Seele, darin lebt er. Im Schlaf dagegen lebt er in seiner
eigenen Tatigkeit. Und wenn man dies verfolgt, so findet man, dafi
der Mensch im Schlaf auf andere Art noch einmal das durchlebt, was
er in der physischen Welt vom Aufwachen bis zum Einschlafen durch-
lebt hat. Nehmen wir an, ich habe irgend etwas getan, habe dieses oder
jenes gelesen: im Schlaf erlebe ich das ganze Lesen wieder, ich gehe
alles wieder durch. Wir haben nur heute noch kein solches Bewufit-
sein im normalen Leben, dafi dieses auch Ich-bewufit wird, aber des-
halb spielt es sich dennoch in der Seele ab, zwar nur dumpf, aber es
geht dahin, dafi die Seele eigentlich nun dasjenige tatig verarbeitet,
was sie am Tag erlebt hat. Umgestaltet werden die Gedanken so, wie
sie uns fruchtbar werden konnen in der Seele. Wir verarbeiten als
Lebensfriichte das, was wir am Tag uns erarbeitet haben. Immer tatig
die Lebensfriichte, die Lebensergebnisse uns einarbeiten: das ist das-
jenige, was wir wahrend des Schlafes tun.
Dann kann der Geistesforscher etwas entdecken. Wenn er dieses
Schlaferlebnis, das der Mensch hier hat, vergleicht mit den Erlebnis-
sen, die der Mensch nun in den Jahren oder Jahrzehnten hat, nachdem
er durch die Todespforte geschritten ist und so riickwarts sein Leben
durchwandert, da ist es interessant, dafi der Mensch sein Leben so
durchwandert, dafi er eigentlich die Nachte durchlebt, nicht die Tage.
Wie er in jeder Nacht zuriickgeblickt hat auf den Tag, das erlebt er
jetzt in der Seelenwelt. Es ist dasselbe, was man im wachen Bewufit-
sein erlebt hat, aber vom Schlaf aus gesehen. Das erleben wir so, dafi
es sehr merkwiirdig ist. Man denkt ja dariiber meistens nicht nach,
aber eigentlich erstreckt sich unsere Erinnerung hier im physischen
Leben nur iiber die Tageserlebnisse. Wir erinnern uns an das, was wir
im Wachbewufitsein haben. Jetzt, nach dem Tode, erinnern wir uns
gerade an das, was wir in den Nachten wiedererlebt haben, was wir
im Erdenleben durchgemacht hatten. Da tritt die bewufite Erinnerung
an die Nachterlebnisse auf. Das habe ich fruher nicht so deutlich aus-
gesprochen, einfach deshalb nicht, weil ich es nicht gewufit habe.
Solche Dinge ergeben sich einem in einem aufeinanderfolgenden Gei-
stesforschen.
Aber eines tritt uns da zutage, was wichtig ist, wichtig fur das Be-
wulksein, das wir in uns erzeugen sollen in unserem gemeinschaftli-
chen Arbeiten in den Zweigen. Ich habe fruher - Sie konnen das nach-
lesen — von einem anderen Gesichtspunkt aus aufmerksam gemacht
auf die Tatsache, dafi d
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