Menschenerkenntnis und Unterrichtsgestaltung

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Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF  STEINER  GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE  OBER  ERZIEHUNG 


RUDOLF  STEINER 


Vortrage  und  Kurse,  gehalten  fiir  die  Lehrer 
der  Freien  Waldorfschule  in  Stuttgart 

I 

ALLGEME I  NE  MENSCHENKUNDE 
ALS  GRUNDLAGE  DER  PADAGOGIK 
Vierzehn  Vortrage.  (Bibliographie-Nr.  293) 

II 

ERZIEHUNGSKUNST 
METHODISCH-DIDAKTISCHES 
Vierzehn  Vortrage.  (Bibliographie-Nr.  294) 

III 

ERZIEHUNGSKUNST.  SEMI NARBESPRECHUNGEN 
UND  LEHRP LAN VORTRAGE 
(Bibliographie-Nr.  295) 

Drei  Vortragskurse,  gehalten  im  August/September  1919 
bei  der  Begriindung  der  Freien  Waldorfschule 

IV 

MENSCHENERKENNTNIS 
UND  UNTERRI CHTSGESTALTUNG 
Acht  Vortrage,  12.  bis  19.  Juni  1921 
(Bibliographie-Nr.  302) 

V 

ERZIEHUNG  UND  UNTERRI CHT 
AUS  MENSCHENERKENNTNIS 
Vier  Vortrage,  15.  bis  22.  September  1920 

Zwei  Vortrage,  21.  und  22.  Juni  1922 
Drei  Vortrage,  15.  und  16.  Oktober  1923 
(Bibliographie-Nr.  302a) 


RUDOLF  STEINER 

Menschenerkenntnis 
und 

Unterrichtsgestaltung 

Acht  Vortrage  fiir  die  Lehrer  der 
Freien  Waldorfschule  in  Stuttgart 
vom  12.  bis  19.  Juni  1921 


1986 


RUDOLF  STEINER  VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 


Nach  cincr  vom  Vortragenden  nicht  durchgcsehenen  Nachschrift 
herausgegeben  von  der  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die  Herausgabe  besorgte  Hans  Rudolf  Niederhauser 


1.  Auflage,  Dornach  1951 
2.  Auflage,  Gesamtausgabe  Dornach  1962 
3.,  neu  durchgesehene  Auflage,  Gesamtausgabe  Dornach  1971 

4.  Auflage,  Gesamtausgabe  Dornach  1978 

5.  Auflage,  Gesamtausgabe  Dornach  1986 


Bibliographie-Nr.  302 

Zeichnungen  im  Text  nach  Notizen  von  Tafelzeichnungen  Rudolf  Steiners, 

ausgefuhrt  von  Hedwig  Frey 
Einbandzeichen  von  Rudolf  Steiner,  Schrift  von  B.  Marzahn 

Alle  Rechte  bei  der  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach  /Schweiz 
©  1962  by  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach /Schweiz 
Printed  in  Switzerland  by  Zbinden  Druck  und  Verlag  AG,  Basel 

ISBN  3-7274-3020-6  (Ln)     3-7274-3021-4  (Kt) 


Zu  den  Veroffentlichungen 
aus  dem  Vortragswerk  von  Rudolf  St einer 

Die  Grundlage  der  anthroposophisch  orientierten  Geisteswissen- 
schaft  bilden  die  von  Rudolf  Steiner  (1861-1925)  geschriebenen  und 
veroffentlichten  Werke.  Daneben  hielt  er  in  den  Jahren  1900  bis 
1924  zahlreiche  Vortrage  und  Kurse,  sowohl  offentlich  wie  auch  fur 
die  Mitglieder  der  Theosophischen,  spater  Anthroposophischen  Ge- 
sellschaft.  Er  selbst  wollte  urspriinglich,  dafl  seine  durchwegs  frei 
gehaltenen  Vortrage  nicht  schriftlich  festgehalten  wurden,  da  sie 
als  «mundliche,  nicht  zum  Druck  bestimmte  Mitteilungen*  gedacht 
waren.  Nachdem  aber  zunehmend  unvollstandige  und  fehlerhafte 
Horernachschriften  angefertigt  und  verbreitet  wurden,  sah  er  sich 
veranlafk,  das  Nachschreiben  zu  regeln.  Mit  dieser  Aufgabe  betraute 
er  Marie  Steiner-von  Sivers.  Ihr  oblag  die  Bestimmung  der  Stenogra- 
phierenden,  die  Verwaltung  der  Nachschriften  und  die  fur  die  Her- 
ausgabe  notwendige  Durchsicht  der  Texte.  Da  Rudolf  Steiner  aus 
Zeitmangel  nur  in  ganz  wenigen  Fallen  die  Nachschriften  selbst  kor- 
rigieren  konnte,  mufi  gegeniiber  alien  Vortragsveroffentlichungen 
sein  Vorbehalt  beriicksichtigt  werden:  «Es  wird  eben  nur  hinge  - 
nommen  werden  mussen,  dafi  in  den  von  mir  nicht  nachgesehenen 
Vorlagen  sich  Fehlerhaftes  findet.» 

Uber  das  Verhaltnis  der  Mitgliedervortrage,  welche  zunachst  nur 
als  interne  Manuskriptdrucke  zuganglich  waren,  zu  seinen  offent- 
lichen  Schriften  aufiert  sich  Rudolf  Steiner  in  seiner  Selbstbiographie 
«Mein  Lebensgang*  (35.  Kapitel).  Der  entsprechende  Wortlaut  ist 
am  Schlufi  dieses  Bandes  wiedergegeben.  Das  dort  Gesagte  gilt  glei- 
chermafien  auch  fur  die  Kurse  zu  einzelnen  Fachgebieten,  welche 
sich  an  einen  begrenzten,  mit  den  Grundlagen  der  Geisteswissen- 
schaft  vertrauten  Teilnehmerkreis  richteten. 

Nach  dem  Tode  von  Marie  Steiner  (1867-1948)  wurde  gemafi 
ihren  Richtlinien  mit  der  Herausgabe  einer  Rudolf  Steiner  Gesamt- 
ausgabe  begonnen.  Der  vorliegende  Band  bildet  einen  Bestandteil 
dieser  Gesamtausgabe.  Soweit  erforderlich,  finden  sich  nahere  An- 
gaben  zu  den  Textunterlagen  am  Beginn  der  Hinweise. 


Erganzungskurs 

zu  den  grundlegenden  padagogischen  Vortragskursen 
Stuttgart  1919: 

«Allgemeine  Menschenkunde  als  Grundiage  der  Padagogik» 

Vierzehn  Vortrage 

«Erziehungskunst.  Methodisch-Didaktisches» 
Vierzehn  Vortrage 

«Erziehungskunst.  Seminarbesprechungen  und  Lehrplanvortrage» 


INHALT 


Erster  Vortrag,  Stuttgart,  12.  Juni  1921  

Wie  wird  das  im  Unterricht  Entwickelte  zum  bleibenden  Besitz?  Das 
Erinnern.  Gefuhle,  Humor,  Erwartung  usw.  als  Erinnerungshilfen. 
Betrachtender  Unterricht  und  Selbsttatigkeit.  Die  Schule  als  einheit- 
licher  Organismus.  Zusammenschauen  des  Korperlichen  und  Geisti- 
gen.  Hygienische  Wirkung  des  Unterrichts. 

Zweiter  Vortrag,  13.  Juni  1921  

Vorstellen,  Urteilen,  Schlieften;  ihr  Zusammenhang  mit  Kopf,  Ar- 
men,  Beinen  und  Fiiften;  dem  Atherleib,  Astralleib  und  Ich.  Kopf 
und  Gliedmafien;  ihre  Beziehung  zum  Kosmos  und  zum  Irdischen. 
Vererbung.  Zusammenhang  des  Physisch-Kdrperlichen  mit  dem  See- 
lisch-Geistigen.  «Kosmische»  und  «irdische»  Kinder.  Geschichts- 
unterricht.  Objektivitat.  Turnen.  Von  der  Vorbereitung  des  Lehrers. 

Dritter  Vortrag,  14.  Juni  1921  

Anpassung  des  Unterrichtes  an  das  kindliche  Leben.  Wirkung 
auf  die  Wesensglieder  im  Wachen  und  Schlafen.  Eurythmie.  Musik. 
Physik.  Geschichte.  Abstimmen  der  Facher  aufeinander.  Gestaltung 
der  Unterrichtsstunden  in  Anpassung  an  den  dreigliedrigen  Men- 
schen.  Geschicklichkeitsarbeiten  und  Urteilsf  ahigkeit.  Raumliche  An- 
schauung  im  Geographieunterricht.  Berucksichtigung  des  Zeitlichen 
in  der  Geschichte.  Durch  das  Aufierachtlassen  des  schlafenden  Men- 
schen  erzieht  man  Automaten. 

Vierter  Vortrag,  15.  Juni  1921  

Die  Schule  als  Organismus.  Zusammenhang  des  Leiblich-Physischen 
mit  dem  Seelisch-Geistigen.  Kb'rperliche  Tatigkeit  -  vorstellende 
Tatigkeit.  Schreiben,  Lesen,  Erzahlenhoren.  Bei  gedanklich-geisti- 
gen  Tatigkeiten  wird  das  Leibliche  besonders  beansprucht.  Salz- 
ablagerung.  Wirkung  von  Interesse,  Langeweile.  Durch  Eurythmie, 
Singen  wird  das  Geistige  in  den  Gliedmaften  herauserlost.  Phantasie- 
reiche  und  phantasiearme  Kinder.  Erziehung,  ein  Eingreif  en  in  die  Frei- 
heit  des  Menschen.  Vom  Auswendiglernen.  Handarbeitsunterricht. 

Funfter  Vortrag,  16.  Juni  1921  

Der  Umschwung  im  14.,  15.  Lebensjahr.  Ein  Ringen,  um  in  ein  Ver- 
haltnis  zum  Physischen  zu  kommen.  Differenzierung  der  Wesens- 
glieder bei  Knaben  und  Madchen.  Ihr  Darleben  im  AufSern.  Erotik. 


Schonheitsempfindung,  Starkung  der  religios-moralischen  Empfin- 
dungen.  Differenziertes  Ansprechen  der  Knaben  und  Madchen  im 
Pubertatsalter.  Schamgefuhl.  Humor.  Ideale,  Vorbilder.  Der  Unter- 
richt  soil  hinfiihren  zum  Erfassen  des  Lebens.  Lehrplan  der  lO.Klasse. 

Sechster  Vortrag,  17.  Juni  1921  88 

Die  Erziehung  der  Kinder  im  Reifealter  verlangt  eine  tief ere  Begriin- 
dung  und  ein  Weltverstandnis  des  Lehrers.  Charakteristik  der  pad- 
agogischen  Zeitstromungen.  Interesse  fiir  die  Stromungen  der  Gegen- 
wart  als  Voraussetzungfiir  die  Erziehung  der  Kinder  im  14.,  15.  Jahre. 
Die  Jugendbewegung.  Beziehung  und  Verstandnis  der  verschiedenen 
Lebensalter  bei  den  Griechen.  Versagen  der  Naturwissenschaft,  ein 
Menschen-  und  Weltbild  zu  geben.  Der  Grund,  warum  wir  nicht  an 
die  Jungen  herankonnen.  Die  vier  Elemente  bei  den  Griechen. 

SlEBENTER  VORTRAG,  1 8 .  Juni  1921  107 

Verhaltnis  der  Menschen  verschiedener  Lebensalter.  Durch  das 
Nichtbeachten  der  Feinheiten  entstehen  Kliifte  zwischen  den  Men- 
schen. Beispiele  einer  das  Lebendige  erfassenden  Naturerkenntnis  in 
Pflanze,  Tier,  Mensch  und  Kosmos.  Geisteswissenschaftliche  Durch- 
dringung  des  Gefiihls-  und  Empfindungslebens  als  Briicke  zum  Ver- 
standnis der  Vierzehn-,  Fiinfzehnjahrigen. 

Achter  Vortrag,  19.  Juni  1921  122 

Hinneigung  zum  Idealen  im  14.,  15.  Lebensjahr.  Selbstgewahlte 
Autoritat.  Urteilsbildung.  Uber  das  Eiweifi.  Moderne  Wissenschaft 
und  Hochschulwesen.  Die  Nachahmung  des  Kindes,  eine  Fortsetzung 
der  vorgeburtlichen  Tatigkeit.  Die  Entwicklung  des  Sinnes  fiir  das 
Wahre.  Das  9.  Lebensjahr.  Entwickelung  des  Schonheitssinnes.  Liebe 
und  Pflicht.  Wandlung  des  Autoritatsverhaltnisses.  Schlufiworte. 


Hinweise  139 

Rudolf  Steiner  iiber  die  Vortragsnachschriften  141 


Obersicht  iiber  die  Rudolf  Steiner  Gesamtausgabe 


143 


ERSTER  VORTRAG 


Stuttgart,  12.  Juni  1921 

Meine  lieben  Freunde,  wir  haben  jetzt  fast  zwei  Jahre  Waldorfschule 
hinter  uns  und  wollen  insbesondere  auch  im  Hinblick  darauf,  daft 
wir  ja  mit  Beginn  des  nachsten  Schuljahres  die  Waldorfschule  um  erne 
sehr  wichtige  Klasse  zu  erweitern  haben,  wieder  einiges  Padagogisch- 
Didaktisches  besprechen.  Damit  will  ich  aber  eigentlich  erst  morgen 
beginnen  und  heute  die  Stunde  dazu  beniitzen,  um  einiges  mit  Ihnen 
zu  besprechen,  das  gewissermaflen  eine  Art  Ergebnis  unserer  zwei- 
jahrigen  Tatigkeit  darstellt;  ein  Ergebnis  insofern,  als  aus  dieser  Tatig- 
keit  heraus  sich  allerlei  Gesichtspunkte  ergeben  konnen,  die  fiir  unsere 
weitere  Arbeit  fruchtbar  werden  mogen. 

Sie  werden  vielleicht  dasjenige,  was  ich  heute  sage,  nicht  mifl- 
verstehen,  wenn  ich  von  vornherein  bemerke,  dafi  unsere  Waldorf- 
schule in  den  zwei  Jahren  ihrer  Tatigkeit  nach  meiner  Beobachtung  ei- 
nen  wesentlichen  Fortschritt  aufzuweisen  hat;  dafi  die  Methode  und 
das  methodische  Arbeiten  des  Unterrichtens  und  des  Erziehens  schon 
durchaus  sich  jetzt  so  ausnimmt,  dafi  man  sagen  kann:  Unsere  lieben 
Lehrer  haben  sich  in  ihre  Aufgaben  fortschreitend  hineingefunden  und 
sind  mit  ihren  Zielen  in  einer  ganz  aufierordentlich  guten  Weise  zu- 
sammengewachsen.  -  Aber  wir  miissen  doch  eben  auf  einzelnes  hin- 
schauen,  das  zu  einer  auch  weiteren  guten  Entwickelung  die  Unter- 
lage  bieten  kann.  Ich  glaube,  wenn  Sie  den  Unterricht  tiberblicken 
und  die  Erziehungsresultate  durch  Ihre  Seele  Ziehen  lassen,  die  wir 
erzielt  haben,  werden  Sie  alle  zunachst  das  Gefiihl  haben:  es  ist  ge- 
arbeitet  worden  an  den  Kindern,  und  diese  Arbeit  hat  uns  selbst  dazu 
gebracht,  die  Methode  des  Arbeitens  immer  besser  handhaben  zu  kon- 
nen. Aber  eines  werden  wir  vielleicht  doch  schmerzlich  vermissen, 
und  das  ist:  es  ist  uns  vielleicht  leichter,  den  Unterrichtsstoff  an  die 
Kinder  heranzubringen,  die  Kinder  im  Augenblick  an  ein  gewisses 
Verstandnis  desjenigen,  was  wir  ihnen  vorbringen  wollen,  heranzu- 
bandigen,  allein  es  ist  noch  nicht  alles  das  erreicht,  was  zu  einem  blei- 
benden  Besitz  desjenigen  fiihrt,  was  wir  dem  Kinde  beigebracht  haben, 


namentlich  zu  einem  solchen  bleibenden  Besitz,  daft  die  Dinge  mit  der 
ganzen  Wesenheit  der  Kinder  zusammengewachsen  sind,  so  daft  sie 
sie  wirklich  dann  ins  Leben  so  mitnehmen,  wie  wir  ihnen  das  oftmals 
ermahnend  bei  gewissen  feierlichen  Gelegenheiten  sagten. 

Wir  mussen  ja  durchaus  so  unterrichten,  daft  unser  Unterrichten 
ein  Lebendiges  ist,  das  heiftt,  daft  wir  nicht  bloft  dafiir  sorgen,  daft 
das  Kind  gewisse  Vorstellungen,  gewisse  Empfindungen,  gewisse  Ge- 
schicklichkeiten  aufnimmt,  sondern  daft  es  je  nach  seiner  Anlage  und 
nach  der  Ausbildung  dieser  Anlage  etwas  Lebendiges  in  dieses  Leben 
mitnimmt.  Geradeso  wie  beim  lebendigen  Wesen,  solange  es  im  Wachs- 
tum  ist,  die  Glieder  grofter  werden,  komplizierter  werden,  sich  aus- 
bilden,  so  mussen  wir  nicht  fertige  Vorstellungen,  fertige  Empfindun- 
gen, fertige  Geschicklichkeiten  dem  Kinde  iiberliefern,  sondern  solche, 
die  die  Moglichkeiten  des  Wachstums  in  sich  tragen.  Wenn  wir  dem 
Kinde  etwas  beibringen,  so  mussen  wir  dafiir  Sorge  tragen,  daft  das 
Beigebrachte  nicht  so  bleibt,  wie  es  ist,  sondern  daft  es  selber  mit  dem 
Kinde  heranwachst,  daft  es  etwas  anderes  wird  im  Laufe  der  Ent- 
wickelung,  und  der  Mensch  gewissermafien  dasjenige,  was  er  mit  8 
Jahren  lernt,  mit  30,  mit  40  Jahren  noch  hat;  daft  es  mit  ihm  so  her- 
angewachsen  ist,  wie  seine  komplizierten  Glieder  mit  ihm  heranwach- 
sen,  beziehungsweise  in  der  richtigen  Zeit  mit  ihrem  Wachstum  ab- 
nehmen  und  so  weiter.  Wir  mussen  also  fortwahrend  Lebensfahiges, 
man  konnte  auch  sagen  Absterbensfahiges,  in  das  Kind  hineinbringen. 
Dazu  ist  es  notwendig,  daft  das  Kind  iiberhaupt  dasjenige  als  sein 
Eigentum  behalt,  was  wir  ihm  beibringen.  Die  Frage  entsteht  in  uns 
als  eine  brennende  gerade  aus  unserer  Unterrichtspraxis  heraus:  Wie 
bringen  wir  es  besser  zustande,  daft  wir  es  zu  seinem  bleibenden  Besitz 
umgestalten?  Und  die  Antwort  auf  diese  Frage  ergibt  sich  eigentlich 
aus  ganz  anderen  Voraussetzungen,  als  man  gewohnlich  denkt. 

Meine  lieben  Freunde,  was  wir  besonders  brauchen,  das  ist,  daft 
wir  uns  immer  mehr  und  mehr  bemuhen,  wirklich  in  die  menschliche 
Natur,  also  als  Lehrer  in  die  kindliche  Natur,  in  das  ganze  Wesen 
dem  Geistigen,  Seelischen  und  Leiblichen  nach  einzudringen,  daft  wir 
uns  immer  mehr  Bewufttsein  davon  verschaffen,  was  eigentlich  im 
Menschen  vorliegt.  Dann  bekommen  wir  auch  einen  richtigen  Begriff 


davon,  was  eigentlich  mit  dem  Kinde  geschieht,  wenn  wir  ihm  das 
oder  jenes  beibringen  und  lernen,  in  der  richtigen  Weise  nach  diesem 
Begriff  zu  arbeiten.  Und  so  wollen  wir  heute  die  Stunde  vorzugsweise 
darauf  verwenden,  gewissermafien  uns  einen  Gesamtuberblick  zu  ver- 
schaffen  iiber  das  Unterrichten  und  das  Erziehen. 

Da  will  ich  zunachst  auf  eines  hinweisen:  Es  herrschen  ja  viel- 
fach  so  falsche  Vorstellungen  iiber  die  menschliche  Natur.  Gerade  sehr 
viele  Lehrer  haben  die  Vorstellung:  Wir  ubermitteln  den  Kindern 
etwas,  sei  es  durch  Anschauung  oder  Erzahlung,  oder  indem  wir  es 
selber  mitarbeiten  lassen;  wir  bringen  damit  dem  Kinde  gewisse  Ge- 
schicklichkeiten,  Vorstellungen,  Empfindungen  bei,  und  dann  behalt 
diese  das  Kind  als  solche.  -  Das  ist  aber  so  nicht  der  Fall.  Gehen  wir 
zum  Beispiel  davon  aus,  dafi  wir  dem  Kinde  bestimmte  Vorstellungen 
beibringen,  aus  der  Geschichte,  aus  der  Literaturgeschichte  oder  aus 
dem  Rechnen,  aus  der  Geographie,  was  es  auch  ist,  und  dafi  wir  dar- 
auf rechnen,  dafi  das  Kind  diese  Vorstellungen  auch  behalt,  also  zu 
seinem  inneren  seelischen  Besitz  macht.  Das  ist  nun  gewohnlich  so, 
daft  vorgestellt  wird:  Begriff e,  die  man  dem  Kinde  beibringt,  die  ge- 
hen so  irgendwohin  in  die  unteren  Regionen  des  seelischen  Lebens, 
in  das  Unbewufke  oder  Unterbewulke;  da  hausen  sie  auf  irgendeine 
Weise,  und  dann  werden  sie,  wenn  es  notig  ist,  wiederum  hervor- 
geholt,  und  das  sei  das  Gedachtnis.  Das  ist  aber  nicht  so;  eine  Vorstel- 
lung zum  Beispiel,  die  wir  dem  Kinde  beibringen,  die  das  Kind  mit 
uns  sich  erarbeitet,  die  ist  in  der  Form,  in  der  sie  lebt,  wenn  wir  mit 
dem  Kinde  arbeiten,  dann,  wenn  das  Kind  nicht  in  der  Vorstellung 
lebt,  vielleicht  schon  unmittelbar  nachher  nicht  als  eine  solche  Vor- 
stellung im  Kinde,  als  sie  unmittelbar  vorher  im  Kinde  als  Vorstellung 
gewesen  ist.  Davon  ist  keine  Rede,  daft  ein  Begriff  in  derselben  Form 
im  Unterbewufiten  herumschwimmt  und  dann  wiederum  aus  diesem 
gedachtnismafiig  heraufgeholt  wird.  Das  ist  durchaus  nicht  der  Fall. 
Die  Vorstellung,  die  wir  mit  dem  Kinde  erarbeitet  haben,  ist,  wenn 
das  Kind  nicht  daran  denkt,  gar  nirgends  vorhanden.  Diese  Vorstel- 
lung schwimmt  also  nicht  herum,  sie  ist  als  solche  nicht  vorhanden. 
Dasjenige,  was  geschieht,  wenn  das  Kind  gedachtnismafiig  eine  solche 
Vorstellung  wieder  entwickelt,  ist  etwas  ganz  anderes,  als  man  ge- 


wohnlich  meint,  daft  da  die  Vorstellung  aus  dem  Unterbewuflten  her- 
aufgehoben  wird. 

Wir  konnen  ganz  gut  das  Erinnern  mit  dem  Wahrnehmen  nicht 
nur  vergleichen,  sondern  in  einer  gewissen  Beziehung  als  eins  ansehen. 
Wenn  wir  wahrnehmen,  also  wenn  wir  auch  des  Kindes  seelische 
Tatigkeit  auf  irgendeinen  aufteren  Gegenstand  lenken  und  mit  ihm 
irgendeine  Vorstellung  erarbeiten,  ist  das  durchaus  eine  Selbsttatig- 
keit  des  Kindes.  Das  Kind  erarbeitet  sich  diese  Vorstellung;  wir  spre- 
chen  von  Wahrnehmung.  Wenn  das  Kind  irgend  etwas  erinnert,  so 
ist  das  derselbe  Vorgang  nur  nach  innen  gerichtet;  es  geht  im  In- 
neren  etwas  vor.  Und  das,  was  im  Inneren  vorgeht,  das  wird  genau 
ebenso  von  innen  heraus  erarbeitet,  wie  von  auften  herein  die  Wahr- 
nehmung erarbeitet  wird.  Dasjenige,  was  im  Inneren  des  Menschen 
weiterlebt,  wenn  eine  Vorstellung  nicht  mehr  im  vorstellungsmafiigen 
Sinn  vorhanden  ist,  das  sind  allerdings  sehr,  sehr  komplizierte  innere 
Vorgange,  und  es  wird  im  einzelnen  Fall  aufterordentlich  schwierig 
sein,  diesen  Prozeft  wirklich  darzustellen,  der  sich  da  im  Inneren  des 
Menschen  abspielt,  wenn  eine  Vorstellung  gerade  aufhort  prasent  zu 
sein  und  dann  sich  bereitet,  sich  mit  dem  Menschen  zu  verbinden, 
um  spater  wiederum  in  der  Erinnerung  aufzutauchen,  das  heifit,  den- 
jenigen  Vorgang  vorzubereiten,  der  darin  besteht,  daft  man  etwas, 
was  im  Inneren  geschieht,  wiederum  wahrnimmt.  Man  nimmt  gerade 
so  von  innen  etwas  wahr,  wenn  man  erinnert,  wie  wenn  man  von 
auflen  etwas  wahrnimmt.  Es  ist  auch  nicht  eigentlich  notwendig,  daft 
man  das  kennt  und  beschreibt,  was  da  im  Inneren  des  Menschen  sich 
abspielt,  sondern  dasjenige,  was  notwendig  ist,  ist  etwas  anderes:  Wenn 
wir  auf  das  Bleibende  des  Vorstellungslebens  sehen,  das  dann  als  Er- 
innerung wieder  auftaucht,  so  ist  die  Summe  der  Vorgange,  die  dann 
zu  dem  fiihren,  was  erinnert  wird,  eigentlich  in  derselben  Seelenregion 
des  Menschen  vorhanden,  in  welcher  das  Gefuhlsleben  vorhanden  ist. 
Das  Gefuhlsleben  mit  seiner  Freude,  seinem  Schmerz,  seiner  Lust  und 
Unlust,  Spannung  und  Entspannung  und  so  weiter,  dieses  Gefuhls- 
leben ist  dasjenige,  was  eigentlich  der  Trager  des  Bleibenden  der  Vor- 
stellung ist  und  aus  dem  die  Erinnerung  wiederum  geholt  wird.  Unsere 
Vorstellung  verwandelt  sich  durchaus  in  Gefuhlsregungen,  und  diese 


Gefuhlsregungen  sind  es,  die  wir  dann  wahrnehmen  und  die  zur  Er- 
innerung  fiihren. 

Dieses  ist  aus  dem  Grunde  wichtig  zu  wissen,  weil  wir  in  der 
Padagogik  und  Didaktik  ganz  besonders  darauf  Riicksicht  nehmen 
miissen.  Wenn  wir  einem  Kinde,  wie  man  heute  in  einer  ganz  ver- 
fehlten  Padagogik  so  vielfach  glaubt,  immer  nur  Anschauungen  bei- 
bringen  und  darauf  sehen,  dafi  das  Kind  alles  sich  genau  anschaut 
und  ganz  und  gar  nur  anschaut,  dann  sind  fur  das  Kind  doch  sehr 
wenig  Erinnerungshilfen  vorhanden.  Dagegen  sind  viele  Erinnerungs- 
hilfen  vorhanden  fur  das  Kind,  wenn  wir  versuchen,  mit  einem  ge- 
wissen  inneren  Temperament,  in  einer  temperamentvollen  Weise  den 
Unterricht  zu  begleiten  mit  Gefuhlsmafiigem;  wenn  wir  mit  anderen 
Worten  so  in  den  Unterricht  eingehen,  daft  wir  ihn  immerfort  durch- 
spicken  mit  der  Moglichkeit,  daft  das  Kind  zu  einem  sanften,  inneren, 
nicht  ganz  herauskommenden  humorvollen  Lacheln  iiber  das  eine  oder 
andere  kommt,  oder  auch  zu  einer  gewissen  Herbigkeit  oder  Traurig- 
keit  kommt;  wenn  wir  also  versuchen,  niemals  bei  dem  blofS  Intellek- 
tuellen  zu  bleiben,  sondern  uberzugehen  zu  Gefiihlsbegleiterscheinun- 
gen  des  Unterrichtens.  Das  ist  von  einer  aufierordentlichen  Wichtig- 
keit,  obwohl  fur  den  Lehrer  in  einer  gewissen  Weise  unbehaglich  und 
unbequem,  denn  er  mufi  hier  natiirlich  an  seine  Geistesgegenwart  gro- 
flere  Anforderungen  stellen,  wenn  er  die  Kinder  anregen  will,  gefiihls- 
mafiig  in  Dinge,  die  man  vorbringt,  zu  begleiten,  als  wenn  er  ihnen 
einfach  erzahlend  oder  auf  Anschauung  weisend  einen  Stoff  beibringt. 
Es  brauchen  Gefiihlserregungen  durchaus  nicht  im  pedantischen  Sinne 
gerade  an  dasjenige  anzukniipfen,  was  man  behandelt.  Man  kann  den 
Gedankengang  oder  den  Empfindungsgang  erweitern,  vielleicht  sogar 
auf  Nebensachen  erweitern,  aber  versuchen,  dafi  das  Kind,  wahrend 
man  es  unterrichtet,  eben  auch  immer  Gefuhlsregungen  hat. 

Solche  Gefuhlsregungen  sind  wesentliche  Erinnerungshilfen.  Und 
das  wollen  wir  wirklich  nicht  aufier  acht  lassen.  Wir  sollten  zum  Bei- 
spiel  auch  beim  Physikunterricht,  beim  Geometrieunterricht,  beim 
trockensten  Unterricht  versuchen,  das  Gefiihlsleben  des  Kindes  in 
Regsamkeit  zu  bringen.  Wir  sollten  dasjenige,  was  wir  gerade  im  Ge- 
dankengang haben,  auf  unmittelbar  Naheliegendes  ablenken,  also  ich 


will  sagen,  indem  wir  ankniipfen  an  das  eine  oder  das  andere  Kind, 
indem  wir  dem  einen  oder  anderen  Kind  etwas  imputieren:  Wenn  du 
dies  machst  und  dir  dabei  das  passiert  -,  etwas,  was  immer  in  einem 
naheren  oder  entfernteren  Zusammenhang  mit  dem  Gedankengang 
steht  und  so  in  den  Unterricht  Empfindungsmafliges,  Gefiihlsmaftiges 
hineinmischen,  namentlich  dasjenige  hineinmischen,  was  bei  dem  Kinde 
Spannungen  hervorbringt,  was  Erwartungen  hervorbringt  und  Ent- 
spannungen,  die  eintreten  sollen,  wenn  wir  das  Kind  auf  etwas  fuhren 
sollen. 

Unterschatzen  Sie  nicht  im  Unterricht  die  Wirkung  des  Unbe- 
kannten  oder  Halbbekannten.  Diese  Wirkung  des  Unbekannten  oder 
Halbbekannten  auf  das  Gefuhl  hat  eine  ungeheure  Bedeutung.  Wenn 
Sie  jetzt  einem  Kinde  eine  Stunde  geben  und  Sie  bringen  ihm  allerlei 
bei,  und  am  Ende  sagen  Sie:  Morgen  wird  das  oder  jenes  kommen 
das  Kind  braucht  gar  nichts  von  dem  zu  verstehen,  sondern  nur  eine 
Erwartung  irgendeines  Unbekannten  zu  haben,  eine  Erwartung,  die 
man  so  beibringt,  dafi  sie  etwas  nachhalt,  dafi  das  Kind  neugierig  ist 
auf  dasjenige,  was  morgen  kommen  wird.  Sagen  wir  zum  Beispiel, 
man  hat  dem  Kinde  Lehren  iiber  das  Viereck  beigebracht,  und  man 
hat  das  Viereck  vor  dem  Dreieck  genommen;  nun  weifi  das  Kind 
noch  nichts  von  dem  Dreieck,  aber  ich  sage:  Morgen  werden  wir  zum 
Dreieck  ubergehen  das  Kind  weiG  nichts  vom  Dreieck,  es  ist  ihm 
ein  Unbekanntes,  aber  gerade  dafi  ein  Unbekanntes  spielt,  gerade  dafi 
dieses  Unbekannte  als  Unbekanntes  eine  gewisse  Spannung  erregt  und 
das  Kind  erwartungsvoll  der  nachsten  Stunde  entgegenlebt,  das  ist 
etwas,  was  in  ungeheurer  Weise  tragend  auf  den  ganzen  Unterricht 
wirkt.  Das  Unbekannte  und  Halbbekannte  sollen  wir  durchaus  be- 
niitzen,  um  dem  Kinde  dieses  oder  jenes  leichter  zu  machen  im  Zu- 
sammenfassen  zu  einer  Einheit.  Solche  Dinge  sollten  wir  wirklich  nicht 
unberucksichtigt  lassen.  -  Wenn  wir  uns  immer  mehr  gewdhnen,  in 
solche  Dinge  uns  einzuleben,  verbinden  wir  erstens  Erziehung  mit  Un- 
terricht auf  eine  ganz  elementarische  Weise  und  wir  erzeugen  dann 
in  uns  selbst  das  Bedu'rfnis,  die  Menschennatur,  die  Kindesnatur  im- 
mer mehr  und  genauer  kennenzulernen.  Und  indem  wir  nachgriibeln 
aus  unserer  anthroposophischen  Erkenntnis  heraus  iiber  diese  Men- 


schennatur,  iiber  diese  Menschenweisheit,  schlieflt  sich  dann  manches 
auf,  was  unterrichtliche  Geschicklichkeit  wird.  -  Das  ware  aufier- 
ordentlich  wichtig,  wenn  das  weiter  ausgebildet  werden  wiirde  -  was 
noch  weniger  bei  uns  ist  -,  dieses  Aneignen  des  Unterrichteten  als 
wirklichen  personlichen  Besitz  bei  jedem  einzelnen  Kind. 

Es  zerfallt  ja  der  Unterricht  -  wenn  wir  die  Begriffe  etwas  pres- 
sen-imwesentlichen  in  zweiTeile,  die  allerdings  immer  ineinanderwir- 
ken:  in  den  einen  Teil,  wo  wir  dem  Kinde  etwas  beibringen,  an  dem 
es  sich  mit  seiner  Geschicklichkeit,  mit  seiner  ganzen  Leiblichkeit  be- 
tatigt,  wo  wir  also  das  Kind  in  eine  Art  von  Selbsttatigkeit  bringen. 
Wir  brauchen  nur  an  die  Eurythmie,  an  die  Musik,  an  das  Turnen 
zu  denken,  ja  selbst  wenn  wir  an  das  Schreiben,  wenn  wir  an  die  aufiere 
Verrichtung  des  Rechnens  denken,  wir  bringen  das  Kind  da  in  eine  ge- 
wisse  Tatigkeit.  Der  andere  Teil  des  Unterrichtens  ist  der  betrachtende 
Teil,  wo  wir  das  Kind  anschauen  lassen,  wo  wir  das  Kind  auf  etwas 
hinweisen. 

Diese  beiden  Teile,  obwohl  sie  immer  ineinandergreifen  im  Unter- 
richt, sind  voneinander  grundverschieden,  und  gewohnlich  weifi  man 
gar  nicht,  wieviel  der  Lehrer  besonders  bei  einem  betrachtenden  Un- 
terricht, zum  Beispiel  beim  Geschichtsunterricht,  von  einem  anderen 
Lehrer  hat,  der  mehr  auf  Geschicklichkeit  und  Fertigkeit  hinzuarbei- 
ten  hat.  Sehen  Sie,  etwa  Kinder  nur  zu  unterrichten  in  Betrachtungs- 
sachen,  wiirde  ihr  Leben  fur  das  spatere  Alter  furchtbar  verkummern. 
Kinder,  die  bloft  auf  das  Betrachtende  hindressiert  oder  unterrichtet 
werden,  werden  im  spateren  Leben  benommene  Menschen.  Sie  wer- 
den mit  einem  gewissen  Uberdrufi  an  der  Welt  erfullt.  Sie  werden 
sogar  fur  das  Betrachten  im  spateren  Lebensalter  oberflachlich.  Sie 
sind  nicht  mehr  geneigt,  im  spateren  Lebensalter  viel  zu  betrachten 
und  auf  das  Aufienleben  die  notige  Aufmerksamkeit  zu  verwenden, 
wenn  man  sie  nur  unterrichtet  hat  in  Geschichte  oder  in  Kulturge- 
schichte  oder  uberhaupt  in  dem,  was  betrachtender  Art  ist.  Wir  ver- 
danken  eben,  wenn  wir  dem  Kinde  etwas  beizubringen  haben,  was 
betrachtender  Art  ist,  ein  ganz  Wesentliches  dem  Handarbeitslehrer 
oder  dem  Musik-  oder  Eurythmielehrer.  Der  Geschichtslehrer  lebt  ei- 
gentlich  von  dem  Musiklehrer,  von  dem  Gesanglehrer,  und  umgekehrt 


der  Gesanglehrer,  der  Musiklehrer  lebt  von  dem,  was  als  Geschicht- 
liches  oder  Betrachtliches  dem  Kinde  beigebracht  worden  ist. 

Nun,  wenn  wir  das  Kind  namentlich  auf  Betrachtliches  hinzu- 
weisen  haben,  wenn  wir  es  so  beschaftigen,  dafi  es  dasitzt,  seine  Auf- 
merksamkeit  auf  etwas  lenken  mulS,  was  wir  ihm  erzahlen,  oder  auf 
etwas,  wobei  wir  sein  Urteil  herausfordern,  sogar  sein  moralisches 
Urteil,  wir  mogen  uns  noch  so  sehr  anstrengen,  es  zum  Selbstdenken 
zu  bringen,  wenn  es  einfach  dasitzt  und  zuhort,  oder  iiber  etwas  denkt, 
so  ist  dies  -  wenn  ich  mich  des  paradoxen  Ausdruckes  bedienen  darf  - 
eine  wachende  Schlaftatigkeit  fiir  das  Kind.  Das  Kind  ist  mit  seinem 
Geistig-Seelischen  in  einer  gewissen  Weise  aus  dem  Leibe  heraufien, 
und  nur  dadurch,  dafi  es  nicht  ganz  heraufien  ist  wie  beim  Schlafe, 
wird  es  in  der  Mittatigkeit  des  Leibes  unterhalten.  In  einem  leiseren 
Grad  wird  tatsachlich  beim  betrachtlichen  Unterricht  im  Organis- 
mus  dieselbe  Erscheinung  hervorgerufen  wie  im  Schlaf,  namlich  ein 
gewisses  Aufsteigen  der  organischen  Tatigkeit  von  unten  nach  oben. 
Kinder,  denen  wir  Geschichte  erzahlen,  entwickeln  organisch  dieselbe 
Tatigkeit,  die  der  Mensch  im  Schlaf  entwickelt,  wo  ihm  auch  die  Stoff- 
wechselprodukte  ins  Gehirn  steigen.  Wenn  wir  die  Kinder  sitzen  las- 
sen  und  sie  so  beschaftigen,  daft  sie  betrachten  mussen,  ist  es  so,  wie 
wenn  wir  in  ihnen  eine  leise  Schlaftatigkeit  des  Organismus  hervor- 
rufen. 

Man  hat  gewohnlich  die  Vorstellung,  daft  der  Schlaf  nur  starkend 
ist  fiir  den  Organismus;  jeder  Morgen,  an  dem  man  mit  Kopfschmer- 
zen  erwacht,  konnte  natiirlich  von  der  Wirklichkeit  der  Sache  beleh- 
ren.  Wir  mussen  uns  durchaus  klar  sein  dariiber,  dafi  dasjenige,  was 
in  unserem  Organismus  krank  ist,  zuriickgehalten  wird  durch  die 
Wachtatigkeit  von  den  oberen  Organen,  dafi  es  nicht  aufsteigen  kann. 
Wenn  wir  schlafen  und  es  ist  etwas  in  unserem  Organismus  krank, 
dann  steigt  es  erst  richtig  auf.  Und  dieses  Hinaufsteigen  alles  des- 
jenigen,  was  im  kindlichen  Organismus  nicht  ganz  in  Ordnung  ist, 
das  ist  fortwahrend  der  Fall,  wahrend  wir  das  Kind  betrachten  lassen. 
Dagegen  wenn  wir  dem  Kinde  Eurythmie  beibringen,  wenn  wir  es 
singen  lassen,  wenn  wir  es  sich  musikalisch  betatigen  lassen,  wenn  wir 
es  turnen  lassen,  ja  selbst  wenn  wir  es  schreiben  lassen,  insofern  es  da- 


bei  eine  Selbsttatigkeit  entwickelt,  wenn  wir  es  handarbeiten  lassen, 
da  ist  eine  Tatigkeit  vorhanden,  die  wir  in  derselben  Weise  vergleichen 
miissen  mit  der  Wachtatigkeit;  es  ist  eine  gesteigerte  Wachtatigkeit 
vorhanden. 

Es  wird  daher  wesentlich  durch  Singen,  durch  Eurythmie,  auch 
wenn  das  gar  nicht  beabsichtigt  wird,  eine  hygienische,  ja  sogar  eine 
therapeutische  Tatigkeit  ausgefuhrt.  Das  ist  gar  nicht  zu  leugnen.  Und 
es  ist  vielleicht  diese  hygienische  und  therapeutische  Tatigkeit  dann 
am  allergesiindesten,  wenn  wir  nicht  mit  einer  laienhaft  arztlichen 
Absicht  darangehen,  sondern  wenn  wir  es  einfach  unserer  gesunden 
Vorstellungsart,  unserer  gesunden  Lebensauffassung  iiberlassen.  Aber 
als  Lehrer  ist  es  gut,  wenn  wir  wissen,  wie  wir  fiireinander  arbeiten, 
wenn  wir  also  wissen,  daft  das  Kind  das  gesunde  Aufsteigen  der  K6r- 
persafte,  das  wir  brauchen,  wenn  wir  ihm  betrachtenden  Unterricht 
beibringen  -  also  zum  Beispiel  Geschichte  -,  daft  das  Kind  dieses  ge- 
sunde Aufsteigen  der  Safte  dem  Gesangunterricht  von  gestern  oder 
dem  Eurythmieunterricht  von  gestern  verdankt.  Es  ist  gut,  wenn  wir 
dasjenige,  was  der  gesamte  Unterricht  darbietet,  so  zusammenschauen; 
denn  wir  werden  dadurch  von  selbst  uns  anhalten  dazu,  wenn  irgend 
etwas  nicht  in  Ordnung  erscheint,  mit  dem  anderen  Lehrer  zusammen- 
zuarbeiten.  Und  dadurch  wird  sich  erst  herausstellen,  daft  wir  einander 
richtige  Ratschlage  geben,  daft  wir  in  der  richtigen  Weise,  sagen  wir 
als  Geschichtslehrer  zum  Beispiel  mit  dem  Gesanglehrer  uns  bespre- 
chen,  daft  fur  das  eine  oder  das  andere  Kind  dies  oder  jenes  geschehen 
soli.  Wenn  wir  das  einfach  programmaftig  in  uns  didaktisch  aufnehmen, 
kommt  nicht  viel  heraus;  wenn  wir  eine  Schematik  daraus  machen, 
dann  kommt  nichts  heraus.  Erst  wenn  wir  die  Dinge  itberschauen  und 
aus  dem  "Oberschauen  den  Antrieb  finden,  im  einzelnen  Fall  da  und 
dort  uns  zu  besprechen,  dann  kommt  etwas  dabei  heraus. 

Und  man  kann  uberzeugt  sein,  daft  der  Physiklehrer,  wenn  er  das 
oder  jenes  bei  seinen  Schulern  bemerkt,  unter  Umstanden  darauf  ver- 
f  alien  kann,  wenn  er  sich  allmahlich  eine  solche  Ubersicht  verschafft, 
mit  dem  Gesanglehrer  zu  sprechen,  wie  man  dadurch  eine  Abhilfe 
schaffen  kann,  daft  man  dies  oder  jenes  im  Gesang  beriicksichtigen 
wird.  Was  man  da  zu  beriicksichtigen  hat,  wird  der  Gesanglehrer  bes- 


ser  auszukundschaften  wissen  als  der  Physiklehrer;  aber  der  Gesang- 
lehrer  wird  dankbar  sein  konnen,  wenn  der  Physiklehrer  ihn  auf  das 
oder  jenes  aufmerksam  macht.  Dadurch  wird  ein  wirklich  lebendiges 
Zusammenarbeiten  im  Lehrkorper  eigentlich  im  Grunde  erst  entstehen 
konnen.  Und  gerade  durch  so  etwas  nehmen  wir  auf  den  ganzen  Men- 
schen  Riicksicht  und  es  entwickelt  sich  dann  eines  aus  dem  anderen. 

Indem  wir  einfach  auf  diese  Weise  unsere  ganze  Padagogik  und 
Didaktik  beweglicher  machen,  fallt  uns  schon  von  selber  der  richtige 
Humor  bei,  den  wir  bei  dem  oder  jenem  brauchen.  Von  diesem  Humor 
hangt  es  nicht  nur  ab,  ob  wir  in  einem  gewissen  Augenblick  das  richtige 
Unbekannte  oder  Halbbekannte  finden  und  dann  dadurch  die  Span- 
nungen  und  Entspannungen  hervorrufen,  die  eine  Gedachtnishilf  e  sind. 
Es  hangt  auch  noch  etwas  anderes  davon  ab:  Wenn  wir  unser  Denken 
als  Lehrer  immer  beweglicher  und  beweglicher  machen  und  uns  daran 
gewohnen,  uber  das  Unterrichtspensum  hinaus  an  den  ganzen  Menschen 
zu  denken,  dann  kommen  wir  dazu,  die  einzelnen  Gesichtspunkte  zu 
finden,  nach  denen  wir  dies  oder  jenes  erweitern  konnen  im  Unter- 
richt.  Und  das  ist  von  einer  so  aufierordentlichen  Wichtigkeit,  dafi  wir 
uberallhin  von  irgendeinem  Unterrichtsobjekt  die  entsprechenden  Li- 
nien  Ziehen,  namentlich  die  Linien  ziehen  nach  einer  Richtung  hin,  die 
ich  gleich  nachher  erwahnen  will. 

Nehmen  Sie  den  Physikunterricht.  Es  ist  ganz  gewift  nicht  zu  emp- 
fehlen,  den  Physikunterricht  so  zu  gestalten,  dafi  wir  in  den  Physik- 
saal  die  Apparate  tragen  und  daran  methodisch  das  eine  oder  andere 
entwickeln.  Wir  konnen  dabei  aufierordentlich  geistvoll  vorgehen, 
eines  auf  das  andere  bauen  und  so  weiter.  Gewifi,  es  kann  dann  so  aus- 
schauen,  als  ob  wir  im  Augenblick  aufierordentlich  viel  erreicht  hat- 
ten.  Aber  darum  kann  es  sich  ja  niemals  handeln,  dafi  wir  im  Augen- 
blick viel  erreichen.  Es  kann  sich  nur  darum  handeln,  dafi  wir  den 
jungen  Menschen  wirklich  etwas  fiir  das  Leben  mitgeben.  Dazu  aber 
miissen  wir  die  Begriffe  fortwahrend  erweitern.  Wir  miissen  dazu 
kommen,  sagen  wir,  irgendeine  Erscheinung  in  der  Optik,  in  der  Hy- 
draulik  und  so  weiter  zu  entwickeln,  aber  in  jedem  Augenblick,  wo  es 
sich  nur  ergibt,  bereit  sein,  von  dem  einen  auf  das  andere  iiberzugehen. 
Sagen  wir  zum  Beispiel,  wenn  sich  die  MogHchkeit  ergibt,  anzukniip- 


fen  an  dies  oder  jenes,  sogleich  iiberzugehen  auf  Witterungserschei- 
nungen,  auf  Erscheinungen  der  ganzen  Welt,  vielleicht  auf  ganz  Fern- 
liegendes,  so  dafi  der  Schiiler  merkt:  iiberall  in  der  Welt  sind  Zusam- 
menhange,  und  das  Gefiihlsmafiige  dabei  durchmacht,  das  er  eben 
durchmachtj  wenn  man  ihn  von  einem  zum  anderen  fiihrt,  dadurch  in 
Spannungen  und  Entspannungen  kommt  und  sich  dadurch  insbeson- 
dere  die  Dinge  aneignet. 

Aber  von  ganz  besonderer  Wichtigkeit  ist  die  Beziehung,  die  wir 
iiberall  herstellen  sollen,  wo  es  nur  die  Moglichkeit  ist:  die  Beziehung 
zum  Menschen  als  solchem.  Dberall  sollten  wir  Gelegenheit  nehmen, 
die  Beziehung  zum  Menschen  als  solchem  herzustellen.  Ich  will  sagen, 
wir  besprechen  ein  Tier,  wir  besprechen  eine  Pflanze,  wir  besprechen 
eine  Warmeerscheinung,  iiberall  ist  die  Moglichkeit,  ohne  dafi  wir  den 
Unterricht  zerstreuen,  ohne  dafi  wir  gewissermafien  das  Kind  ablen- 
ken,  die  Sache  iiberzufiihren  auf  irgend  etwas,  was  den  Menschen  be- 
trifft.  Warum  sollen  wir  nicht  von  der  Warmeerscheinung  zum  Fieber 
ubergehen  konnen?  Warum  sollen  wir  nicht  iibergehen  konnen  von 
der  Behandlung,  sagen  wir,  elastischer  Kugeln,  die  wir  in  der  Physik 
behandeln,  zum  Erbrechen  des  Menschen,  was  ja  eine  ahnliche  Reak- 
tionserscheinung  ist  wie  der  Riickstofi  elastischer  Kugeln?  Warum  sol- 
len wir  umgekehrt,  wenn  wir  dem  Kinde  die  Reflexionserscheinungen 
des  menschlichen  Organismus  beibringen,  von  da  nicht  ubergehen  kon- 
nen zur  einfachen  Erscheinung  beim  Ruckstofl  elastischer  Kugeln  und 
so  weiter? 

Dieses  Beziehungen  herstellen  zwischen  alien  Gebieten  des  Lebens  - 
wir  konnen  es  in  einer  gewissen  Weise,  natiirlich  in  niederer  Stufe,  schon 
bei  den  kleinsten  Kindern  beginnen  und  konnen  dadurch  allmahlich 
das  Kind  daran  gewohnen,  in  dem  Menschen  einen  Zusammenflufi  zu 
sehen  von  allem,  was  im  Menschen  wie  in  einer  kleinen  Welt  eben  vor- 
handen  ist,  einem  Zusammenfluft  aller  Welterscheinungen  im  Men- 
schen. Es  ist  ja  wirklich  so,  wenn  wir  mit  dem  Kinde  iiber  Dinge  spre- 
chen,  die  aufierhalb  des  Menschen  liegen,  iiber  Naturerscheinungen, 
dann  ist  immer  die  Tendenz  vorhanden,  dasjenige,  was  wir  ihm  so  bei- 
bringen, zu  vergessen.  Dagegen  wenn  wir  irgend  etwas,  was  wir  so 
durchnehmen,  an  den  Menschen  ankniipfen,  die  entsprechende  Erschei- 


nung  im  Menschen  besprechen  konnen,  dann  ist  immer  eine  andere 
Tendenz  vorhanden:  Man  kann  namlich  gar  nichts  vorstellen,  was  auf 
den  Menschen  Bezug  hat,  besonders  wenn  man  Kind  ist,  ohne  ein  Ge- 
fiihl  damit  zu  verknupfen.  Sie  konnen  nicht  das  Ohr  erklaren,  ohne 
daft  das  Kind  gefiihlsmaftige  Begleiterscheinungen  iiber  das  Ohr  hat, 
nicht  das  Herz  erklaren,  ohne  daft  das  Kind  gewisse  Begleitscheinun- 
gen  iiber  das  Herz  hat.  Und  indem  Sie  die  Dinge  von  der  Welt  auf 
den  Menschen  beziehen,  bringen  Sie  sie  immer  an  die  Gefuhlssphare 
heran.  Und  das  ist  so  wichtig. 

Daher  ist  es  fur  diejenigen  Lehrgegenstande,  die  sich  so  recht  mit 
dem  Objektiven  beschaftigen  und  fur  die  man  es  heute  liebt,  im  Ob- 
jektiven  zu  bleiben,  besonders  wichtig,  daft  wir  zum  Menschen  ab- 
lenken,  daft  wir  von  der  Physik  immer  zu  dem  Menschen  den  Bezug 
suchen.  Bei  dem  Allerobjektivsten  ist  es  am  allerleichtesten  moglich, 
auf  den  Menschen  hinzulenken,  weil  wirklich  die  ganze  Welt  im  Men- 
schen zu  finden  ist.  Und  wir  haben  da  wiederum  ein  Mittel,  dem 
Kinde  gedachtnismaftig  zu  Hilfe  zu  kommen.  Wenn  das  Kind  irgend 
etwas  Physikalisches  gelernt  hat,  so  vergifit  es  dies  sicher,  wenn  es  sich 
auch  automatisch  erinnert;  aber  lebendiger  Eigenbesitz  wird  es  nicht, 
besonders  beim  Anschauungsunterricht  nicht.  Wenn  man  aber  die 
Dinge  iiberfiihrt  in  irgend  etwas,  was  dem  Menschen  selber  passiert, 
da  wird  es  Eigenbesitz.  Es  wird  Eigenbesitz,  was  dem  Menschen  iiber 
den  Menschen  erklart  wird  und  insbesondere  ist  es  so  sehr  notwendig, 
daft  wir  versuchen,  das  Abstrakte  auf  der  einen  Seite  zu  vermeiden, 
und  das  zu  vermeiden,  was  Scblegel  einmal  genannt  hat,  das  Derb- 
materiell-Konkrete. 

Insbesondere  ist  es  wichtig,  im  Unterricht  und  in  der  Erziehung 
dergleichen  Dinge  zu  vermeiden.  Ich  mochte  dabei  auf  ein  Beispiel 
hinweisen,  das  uns  neulich  -  in  der  8.  Klasse  war  es  -  beim  Erklaren 
vom  Komischen  und  Tragischen  aufgefallen  ist.  Da  handelte  es  sich 
darum,  das  Komische,  das  Humoristische  und  das  Tragische  zu  be- 
sprechen. Nun,  man  kann  sehr  schone  Definitionen  finden  iiber  das- 
jenige,  was  komisch,  was  humoristisch,  was  tragisch,  was  schon  ist  und 
so  weiter.  Und  in  unseren  gebrauchlichen  Asthetiken  stehen  ja  so  wun- 
derschone  Dinge,  aber  sie  bewegen  sich  alle  mehr  oder  minder  in  Ab- 


straktionen,  und  man  bekommt  nicht  eigentlich  ein  lebendiges  Vor- 
stellen,  wenn  man  diese  Dinge  in  solch  abstrakter  Form  bespricht.  Da- 
gegen  ist  es  in  Wirklichkeit  so,  dafi  wenn  wir  tragisch,  traurig  emp- 
finden,  so  affiziert  das  sehr  stark  unseren  Stoffwechsel,  es  verlang- 
samt  namlich  unseren  Stoffwechsel.  Alles  traurige  Empfinden  ver- 
langsamt  unseren  Stoffwechsel.  Es  ist  tatsachlich  mit  Bezug  auf  das 
Leibliche  des  Menschen  eine  Ahnlichkeit  vorhanden  zwischen  dem, 
was  uns  im  Magen  Kegen  bleibt,  was  wir  nicht  recht  verdauen  kon- 
nen,  was  vom  Magen  nicht  recht  durch  die  Gedarme  gehen  will,  und 
demjenigen,  was  uns  traurig  macht.  Wenn  wir  ein  ausgesprochen  trau- 
riges  Erlebnis  haben,  so  wirken  wir  verhartend  in  ganz  buchstablichem 
Sinne  auf  unseren  Stoffwechsel  zuriick.  Wenn  das  auch  leise  Vorgange 
sind,  es  ist  so.  Tatsachlich,  wenn  Sie  so  recht  innerlich  traurig  werden, 
so  wirken  Sie  eigentlich  Ihrer  Verdauung  entgegen.  Es  ist  dasselbe,  als 
wenn  Ihnen  die  Nahrung  wie  ein  Stein  im  Magen  liegen  bleibt.  Das 
ist  nur  ein  derbmaterieller  Vorgang,  der  aber  durchaus  damit  quali- 
tativ  zu  vergleichen  ist.  Denn  wenn  die  Verdauung  richtig  vor  sich 
geht,  dann  geht  der  Speisebrei  durch  den  Magen  in  die  Gedarme,  wird 
in  den  Darmzotten  aufgenommen  und  geht  iiber  in  das  Blut,  und  fur 
den  oberen  Menschen  durchbricht  er  tiberall  die  Mittelwand,  durch- 
bricht  das  Zwerchfell;  er  geht  iiber  das  Zwerchfell  hinauf.  Wir  kon- 
nen  sagen:  Ein  gesunder  Lebensvorgang  hangt  wirklich  davon  ab,  dafi 
wir  das  Verdaute  iiber  das  Zwerchfell  hinauf  bringen,  dafi  wir  es  ver- 
teilen  in  den  oberen  Menschen.  -  Das  ist  dann  leiblich-korperlich  auf- 
gefalk  ein  Vorgang,  der  qualitativ  ganz  ahnlich  ist  demjenigen,  wenn 
wir  lachen,  wenn  wir  kiinstlich  das  Zwerchfell  in  jene  Schwingungen 
bringen,  in  die  man  es  durch  das  Lachen  bringt.  Das  Lachen  ist  tat- 
sachlich ein  Vorgang,  der  uns  organisch  gesund  macht,  es  wirkt  wie 
eine  richtige  gesunde  ungestorte  Verdauung. 

Nun,  da  kommen  wir  dazu,  das  Humoristische,  das  Heitere  mit 
dem  Verdauungsprozefi  in  eine  Beziehung  zu  bringen;  wir  lernen  grie- 
chisch  denken,  wir  lernen  begreifen,  warum  die  Griechen  von  Hypo- 
chondrie,  von  Unterleibsknochrigkeit  gesprochen  haben.  Es  ist  das  tat- 
sachlich etwas,  was  dem  Anschauen  das  absolut  Richtige  gibt.  Und  es 
ist  dieses  nach  dem  oberen  Menschen  Hinleben,  das  Zwerchfell-in-Be- 


wegungbringen,  wie  es  durch  eine  gesunde  Verdauung  angeregt  wird 
und  sich  dadurch  nach  der  Auftenwelt  entladet,  das  ist  tatsachlich  das- 
jenige,  was  die  humoristische  Stimmung  an  das  Leibliche  des  Men- 
schen  ankniipft.  Wir  entwickeln  dadurch,  daft  wir  nicht  abstrakt  er- 
klaren:  Humor  ist  dasjenige,  was  den  Menschen  veranlaftt,  sich  iiber 
eine  Sache  zu  stellen  ~,  wir  erreichen  dadurch  einen  Zusammenfluft  des 
Abstrakten  mit  dem  Konkreten.  Wir  stellen  eine  Einheit  her.  Wir  lei- 
ten  das  Kind  an,  zu  gleicher  Zeit  das  Geistig-Seelische  und  das  Korper- 
lich-Leibliche  vorzustellen,  miteinander  vorzustellen.  Wir  drangen 
diese  absolut  schadliche  moderne  Vorstellung  wiederum  zuriick,  daft 
man  fortwahrend  dem  Menschen  Seelisch-Geistiges  ohne  Bezug  zum 
Leiblich-Korperlichen  beibringt  und  dann  wiederum  auch  -  was  na- 
tiirlich  nur  der  Gegenpol  davon  ist  -,  daft,  wenn  man  iiber  Physisch- 
Korperliches  spricht,  man  vom  Derb-materiellen  spricht.  Das  eine 
oder  das  andere  ist  eigentlich  nicht  vorhanden,  sondern  das  Richtige 
ist  dieses  Zusammenflieften  von  beiden.  Und  wir  miissen  in  die  Lage 
kommen,  damit  wir  totale  Vorstellungen  hervorbringen,  den  Humor 
und  die  Tragik  nicht  nur  durch  abstrakte  Begriffe  aneinanderzuketten, 
sondern  durch  das  Zwerchfell.  Und  auf  diese  Weise  zuchten  wir  nicht 
etwa,  wie  man  leicht  glauben  konnte,  einen  Materialismus.  Oh  nein! 
Gerade  dadurch,  daft  wir  zeigen,  wie  das  Geistig-Seelische  sich  im 
Leiblichen  auslebt,  gerade  dadurch  bringen  wir  die  Menschen  dahin, 
daft  sie  sich  vorstellen:  die  ganze  materielle  Welt  lebt  eigentlich  aus 
dem  Geistig-Seelischen.  Wenn  man  sich  vorstellen  kann,  wie  ein 
Mensch,  wenn  er  lacht,  im  Geistig-Seelischen  sich  bewufit  ist,  aber  das 
etwas  mit  seinem  Zwerchfell  zu  tun  hat,  dann  kommen  wir  schon  auch 
auf  die  Vorstellung,  wie  Geistig-Seelisches  wirkt,  wenn  es  regnet,  blitzt 
oder  donnert.  Auf  eine  gesunde  Weise  kommt  man  dahin.  Dazu  werden 
wir  gefiihrt,  wenn  wir  alles  an  den  Menschen  heranbringen. 

Wenn  wir  so  alles  an  den  Menschen  heranbringen,  dann  ist  es  ja 
wichtig,  daft  wir  nicht  zu  stark  darauf  hinarbeiten,  daft  der  Mensch 
sich  selber  betrachtet.  Und  das,  daft  der  Mensch  sickselber  betrachtet, 
ist  etwas,  was,  wenn  es  ausschlieftlich  angewandt  wiirde,  allerdings 
schon  zum  kontemplativen  Egoismus  fiihren  wiirde.  Wenn  wir  aber  im 
Betrachtlichen  so  verfahren,  daft  wir  alles  an  den  Menschen  ankntipfen, 


dann  schaffen  wir  in  dem  Menschen  geistig-seelisch  einfach  dadurch, 
dafi  wir  ihn  darauf  verweisen,  er  ist  zugleich  Leib,  Seele  und  Geist,  eine 
Disposition,  die  die  beste  Grundlage  dafiir  ist,  dafi  der  Mensch  aus  der 
Tiefe  seines  Wesens  heraus  bei  Geschicklichkeit  oder  bei  dem,  was  aus 
dem  Leiblichen  herauskommt,  sich  wiederum  betatigt.  Unterrichten 
wir  so,  dafi  wir  das  Betrachtliche  in  dieser  Weise  an  den  Menschen  an- 
kniipfen,  dann  erziehen  wir  durch  Geschichte,  durch  Geographie,  Phy- 
sik  unsere  Kinder  zu  richtigen  Sangern,  zu  richtigen  musikalischen 
Menschen.  Denn  dadurch,  dafi  wir  so  auf  den  Menschen  wirken,  daft 
wir  ihn  gewissermafien  dasjenige  denken  lassen,  was  er  selber  korper- 
lich  will,  dadurch  erzeugen  wir  in  ihm  etwas,  was  wir  eigentlich  fort- 
wahrend  erzeugen  sollten. 

Dabei  aber  miissen  wir  uns  gewisse  Begriffe  aneignen.  Nicht  wahr, 
wir  konnen  den  Menschen  nicht  so  nur  sehen,  dafi  er  immer  gesattigt 
ist.  Wir  konnen  nicht  einem  Menschen  Nahrung  geben  und  sagen: 
Jetzt  bist  du  gesattigt.  —  Er  mufi  wieder  hungrig  werden,  wieder  essen. 
Das  mufi  lebendig  werden,  das  mufi  einem  Rhythmus  unterliegen. 
Der  Mensch  mufi  wieder  musikalisch  werden,  er  mufi  im  Rhythmus 
leben.  Und  so  mufi  er  im  Rhythmus  leben,  dafi  gewissermafien  in 
hochste  Spannung  versetzt  wird  sein  Auf-sich-selbst-Zuriickgewiesen- 
sein,  und  das  mufi  sich  wiederum  entladen.  Bringen  Sie  dem  Menschen 
Begriffe  bei  iiber  seinen  Magen,  iiber  seine  Lunge,  seine  Leber,  dann 
wird  in  ihm  die  Disposition  erzeugt,  die  wieder  so  abreagiert  wird  durch 
das  Singen,  wie  der  Hunger  durch  das  Essen  abreagiert  wird;  und  es 
kommt  der  Rhythmus  heraus.  Wir  diirfen  nicht  glauben,  dafi  wir 
durch  etwas  anderes  als  durch  den  Rhythmus  zu  einem  Leben  kommen, 
und  so  erzeugen  wir  durch  die  richtige  Behandlung  des  Betrachtlichen 
im  Menschen  Befahigungen,  die  dann  entsprechend  durch  die  anderen 
Gegenstande  zum  Vorschein  kommen. 

Wurde  man  zum  Beispiel  dem  Kinde  nicht  blofi  erzahlen,  was  der 
Casar  getan  hat,  sondern  wurde  man  dem  Kinde  zu  gleicher  Zeit  einen 
Phantasiebegriff  von  dem  Casar  beibringen,  gewissermafien  eine  histo- 
rische  Situation  hinmalen,  so  dafi  das  Kind  genotigt  ist,  ich  mochte 
sagen,  eine  Art  von  Schattenbild,  eine  Art  von  Nebelbild  von  dem 
Casar  in  der  Phantasie  zu  haben,  ihn  gehen  zu  sehen,  ihn  zu  verfolgen 


im  Gehen;  wiirde  sich  das  Kind  das  so  vorstellen,  daft  es  gewisser- 
maften  ihn  nicht  nur  nachmalt,  sondern  in  der  Phantasie  nachmodel- 
liert,  und  man  schickt  es  dann,  nachdem  man  so  etwas  mit  dem  Kinde 
gemacht  hat,  in  den  Handarbeitsunterricht,  dann  konnen  Sie  sicher 
sein,  dann  wird  es  besser  stricken,  als  es  ohne  den  Casar  gestrickt  hatte. 

Das  sind  eben  geheimnisvolle  Zusammenhange  geradeso  wie  zwi- 
schen  Hunger  und  Sattigung.  Und  wenn  man  diese  geheimnisvollen 
Zusammenhange  nicht  beriicksichtigt,  dann  kommen  eben  alle  anderen 
Dinge  heraus.  Dann  kommt  zum  Beispiel  heraus,  daft,  wenn  man  einem 
Kinde  eine  ganze  Stunde  erzahlt  hat,  ohne  daft  man  seine  Phantasie 
angeregt  hat,  sich  die  Magensaure  sammelt,  und  das  Kind  hat  dann  zu- 
viel  Pepsin  im  Magen.  Man  kann  es  nicht  verhindern,  daft  man  durch 
den  anschaulichen,  betrachtlichen  Unterricht  Pepsin  ansammelt;  aber 
dieses  Pepsin  hat  ja  nicht  nur  die  Aufgabe,  die  Nahrungsmittel  zu 
sauern,  die  in  den  Magen  hineinkommen,  sondern  alle  diese  Dinge  ha- 
ben  auch  noch  eine  geistige  Aufgabe.  Alles  Stoffliche  ist  zugleich  Gei- 
stiges.  Das  Pepsin  hat  die  Aufgabe,  wenn  das  Kind  zum  Gesanglehrer 
kommt,  das  innere  Prickeln  hervorzurufen,  das  das  Kind  wahrend  das 
Singens  erleben  soil.  Dieses  Prickeln  kann  man  nicht  hervorrufen,  wenn 
das  Pepsin  in  den  Falten  des  Magens  bleibt.  Und  es  bleibt  in  den  Falten 
des  Magens,  wenn  man  bloft  erzahlt,  ohne  auf  die  Phantasie  zu  wirken. 
Wirkt  man  aber  auf  die  Phantasie,  so  tragt  man  dieses  Pepsin  durch 
den  ganzen  Korper,  und  die  Folge  davon  ist,  daft  der  Gesanglehrer  ein 
Kind  bekommt,  das  ein  Prickeln  in  alien  Organen  haben  kann,  wah- 
rend er,  wenn  man  nur  erzahlt  hat,  ein  Kind  bekommt,  das  das  Pepsin 
in  den  Falten  hat  und  in  den  ubrigen  Organen  gar  nicht  hat;  nun  hat 
er  ein  Kind,  das  vor  alien  Dingen  in  den  Sprachorganen  kein  Prickeln- 
erregendes  hat.  Die  Folge  davon  ist  eine  Faulheit  gegeniiber  dem  Singen 
oder  iiberhaupt  die,  daft  es  nichts  Ordentliches  hervorbringt. 

Ich  sage  diese  Dinge  mehr  noch,  als  um  sie  inhaltlich  anzufiihren, 
als  Exempel,  damit  Sie  sehen  konnen,  wie  ungeheuer  wichtig  es  ist,  das 
Ganze  des  Unterrichtsorganismus  zu  uberdenken,  alles,  was  innerhalb 
einer  Schule  lebt,  allmahlich  als  eine  Einheit  zu  erkennen.  Das  lernt 
man  nicht  dadurch,  daft  man  die  Nase  in  all  dasjenige  hineinsteckt,  was 
einen  nichts  angeht.  -  Naturlich  muft  der  einzelne  frei  hantieren.  Aber 


das  lernt  man  dadurch,  daft  man  sich  mit  dem  Wesen  des  werdenden 
Menschen,  des  Kindes,  beschaftigt  und  gerade  dasjenige  an  die  Kinder 
heranbringt,  was  einen  anregt,  und  was  fur  das  Kind  wichtig  ist.  Und 
man  erforscht  ungeheuer  viel,  wenn  man  in  dieser  Weise  vorgeht. 

Dazu  ist  allerdings  notwendig,  daft  man  das  lebendigste  Interesse 
entwickelt  fur  das  Wesen  des  Menschen.  Dazu  aber  gibt  die  richtig  er- 
fafke  Anthroposophie  wirklich  geniigende  Anregungen.  Das  empfehle 
ich  Ihnen  insbesondere,  und  zwar  aus  einem  direkt  padagogisch-didak- 
tischen  Gesichtspunkte,  das  empfehle  ich  Ihnen  insbesondere  als  Leh- 
rer,  dafi  Sie  versuchen,  bei  Ihren  eigenen  Begriffsbildungen  nicht  im 
Abstrakten  steckenzubleiben,  sondern  zu  versuchen,  wirklich  den  Men- 
schen in  bezug  auf  seine  Organisation  kennenzulernen.  Sie  miissen  ei- 
gentlich  Pioniere  nach  einer  gewissen  Richtung  sein.  Sie  miissen  sich 
sagen:  Heute  haben  wir  auf  der  einen  Seite  abstrakte  Wissenschaften, 
Geschichte,  Geographie,  sogar  Physik  und  so  weiter.  Das  alles  wird  un- 
geheuer abstrakt  betatigt.  Man  eignet  sich  Begriffe  an.  Auf  der  anderen 
Seite  haben  wir  die  Lehre  vom  Menschen,  Anatomie,  Physiologic  Da 
lernen  wir  eigentlich  den  Menschen  so  kennen,  wie  wenn  seine  Organe 
aus  Leder  geschnitten  waren  und  dann  ineinandergefiigt  waren,  wirk- 
lich wie  aus  Leder  geschnitten,  denn  es  ist  nicht  viel  Unterschied  zwi- 
schen  der  anatomischen  Beschreibung  vom  Menschen  und  einem  Ge- 
bilde,  das  aus  Leder  geschnitten  ist.  Man  beschreibt  den  Menschen  nicht 
in  seiner  Geistigkeit,  sondern  einf  ach  der  Korperlichkeit  nach.  Sie  konn- 
ten  aber  die  Pioniere  sein  und  Sie  werden  das  der  Padagogik  und  Didak- 
tik  zugute  bringen,  auf  der  einen  Seite  zu  entnehmen  aus  den  abstrakten 
Betrachtungen  dasjenige,  was  heute  ganz  unlebendig  abstrakt  an  die 
Menschen  herangebracht  wird,  und  auf  der  anderen  Seite  gegeniiber 
demjenigen,  was  in  dieser  derbmateriellen  Weise  herangebracht  wird. 
Sie  konnten  beides  lehren,  aber  es  nur  lehren,  um  es  lebendig  zu  ver- 
binden,  um  es  ineinander  zu  weben.  Sie  konnten  Geschichte  lehren,  um 
Anatomie  zu  beleben  und  Sie  konnten  Anatomie  lehren,  um  Geschichte 
zu  beleben.  Sie  konnten  zum  Beispiel  bei  der  Funktion  der  Leber  ler- 
nen, wie  Sie  die  Geschichte  des  spateren  Agypten  zu  behandeln  haben, 
denn  die  Nuance,  die  besondere  Darstellungsnuance,  ich  mochte  sagen, 
das  Aroma,  das  man  auszugiefien  hat  iiber  das  Spatere  der  agyptischen 


Geschichte,  das  eignet  man  sich  an,  wenn  man  die  Funktion  der  Leber 
im  Organismus  betrachtet.  Man  bekommt  denselben  Eindruck  im  Gan- 
zen.  So  konnten  Sie  diese  Dinge  ineinanderfiigen.  Und  Sie  werden  da- 
bei  nicht  nur  der  Menschheit  ein  gewift  zivilisatorisch  Interessantes 
iiberliefern,  sondern  Sie  werden  ein  padagogisches  Bediirfnis  befriedi- 
gen,  wenn  Sie  das  sogenannte  Korperliche,  das  es  an  sich  nicht  gibt, 
und  das  abstrakt  Geistige,  das  es  auch  nicht  gibt,  ineinanderbringen. 
Dadurch  werden  Sie  sehen,  dafi  Sie  die  Klasse  in  einer  Weise  betreten, 
daft  tatsachlich  Ihre  Worte  Gewicht  bekommen  und  zu  gleicher  Zeit 
Flugel  bekommen.  Also  dafi  Sie  beides  haben,  nicht  dafi  Sie  dem  Kinde 
auf  der  einen  Seite  Worte  anbandigen,  die  blofi  fliegen,  und  auf  der 
anderen  Seite  wiederum  Geschicklichkeiten  beibringen,  in  denen  blofi 
die  Schwere  lebt. 


ZWEITER  VORTRAG 


Stuttgart,  13.  Juni  1921 

Ich  wollte  gestern  in  den  einleitenden  Worten  begreiflich  machen, 
wie  sehr  es  darauf  ankommt,  dafi  man  sich  in  das  ganze  Unterrich- 
ten  hineinstellt  mit  einer  Grundempfindung  liber  den  Menschen  oder 
von  dem  Menschen  und  gewissermaften  von  dem  Schulwesen  als  einem 
einheitlichen  Organismus.  Und  ich  mochte  heute  einiges  Prinzipielle 
vor  Sie  hinstellen,  auf  dem  wir  dann  weiter  werden  aufbauen  konnen. 

Es  handelt  sich  ja  so  sehr  darum,  wenn  man  wirklich  das  Wesen 
des  Menschen  in  der  richtigen  Weis&  sich  vergegenwartigen  will,  dafi 
man  Abschied  nimmt  von  mancherlei  Vorurteilen,  die  die  neuere  wis- 
senschaftliche  Weltanschauung  schon  einmal  mit  sich  heraufgebracht 
hat.  Wenn  Sie  heute  irgend  jemanden  sprechen  horen  iiber  den  Men- 
schen und  dasjenige,  was  er  logisch  unternimmt,  was  er  als  Logik  ent- 
faltet,  dann  werden  Sie  die  Ansicht  horen,  daft  der  Mensch  durchaus  - 
selbst  wenn  also  die  Leute  nicht  Materialisten  sind  -  mit  einem  see- 
lischen  Organismus  denkt,  daft  er  die  logischen  Funktionen  mit  dem 
seelischen  Organismus  durchfuhrt  und  zu  diesem  Durchfiihren  der  lo- 
gischen Funktionen  als  eine  Art  Mechanismus  sein  Gehirn  braucht. 
Man  denkt  sich,  daft  alle  Denkfunktionen,  alle  logischen  Verrichtun- 
gen  an  das  Gehirn  gebunden  seien.  Man  versucht  dann  die  logischen 
Verrichtungen  zu  unterscheiden  in  das  Vorstellen,  in  das  Urteilen,  in 
das  Schlieften,  Schlusse  machen.  Nicht  wahr,  es  ist  ja  so,  dafi  wir  auch 
im  Lehrgang  schon  mit  den  Kindern  vorstellen,  urteilen,  schliefien, 
Schlusse  bilden  iiben  miissen. 

Nun  hat  sich  diese  Anschauung,  dafi  alles  Logische  gewissermafien 
eine  Kopffunktion  sei,  so  festgelegt,  dafi  dem  Menschen  allmahlich 
der  unbefangene  Blick  verlorengegangen  ist  fur  die  Wirklichkeit  die- 
ses Gebietes.  Und  wenn  man  von  dieser  Wirklichkeit  spricht,  werden 
die  Leute  sagen:  Beweise  mir  das.  -  Aber  der  Beweis  liegt  wirklich  in 
einem  unbefangenen  Beobachten,  in  einem  Daraufkommen,  wie  sich 
dieses  Logische  beim  Menschen  entfaltet.  Von  den  logischen  Funk- 
tionen: Vorstellen,  Urteilen,  Schliefien,  ist  eigentlich  nur  das  Vor- 


stellen  eine  wirkliche  Kopffunktion.  Und  dessen  sollen  wir  uns  sehr 
bewufit  werden,  daft  eigentlich  nur  das  Vorstellungenbilden,  nicht 
aber  das  Urteilen  und  das  Schlieften,  eine  Kopffunktion  ist. 

Sie  werden  sagen:  Allmahlich  wird  der  Kopf  durch  die  Geistes- 
wissenschaft  ganz  aufier  Gebrauch  gesetzt.  -  Aber  das  ist  tatsachlich 
etwas,  was  im  tiefsten  Sinn  der  Wirklichkeit  entspricht,  denn  wir  ha- 
ben  eigentlich  an  unserem  Kopf  nicht  so  aufierordentlich  viel  als  Men- 
schen  im  Leben  zwischen  der  Geburt  und  dem  Tode,  Der  Kopf  ist 
aufierlich  in  seiner  Form,  in  seiner  physischen  Form  allerdings  das 
Vollkommenste,  das  wir  haben.  Aber  er  ist  das  aus  dem  Grunde,  weil 
er  eigentlich  ein  Abbild  ist  unserer  geistigen  Organisation  zwischen 
dem  Tode  und  einer  neuen  Geburt.  Er  ist  in  gewissem  Sinn  ein  Siegel- 
abdruck  desjenigen,  was  wir  waren  vor  unserer  Geburt,  vor  unserer 
Empfangnis.  Alles  dasjenige,  was  geistig-seelisch  ist,  hat  sich  in  un- 
serem Kopf  abgepragt,  so  dafi  er  ein  Bild  unseres  vorgeburtlichen  Le- 
bens  vorstellt.  Und  eigentlich  voll  tatig  ist  in  unserem  Kopf  nur  der 
Atherleib  aufter  dem  physischen  Leib.  Die  anderen  Wesensglieder,  der 
astralische  Leib  und  das  Ich,  erftillen  den  Kopf,  aber  sie  spiegeln  dar- 
in  ihre  Tatigkeit;  sie  sind  fur  sich  tatig  und  der  Kopf  spiegelt  nur  ihre 
Tatigkeit  ab.  Dieser  Kopf  ist  iiberhaupt,  von  aufien,  als  ein  Bild  der 
iibersinnlichen  Welt  vorhanden.  Ich  habe  darauf  in  dem  Kurs  des  vo- 
rigen  Jahres  hingedeutet,  indem  ich  Sie  darauf  aufmerksam  machte, 
dafi  wir  den  Kopf  eigentlich  als  eine  besondere  Wesenheit  auf  unserem 
menschlichen  Organismus  tragen.  Wir  konnen  den  iibrigen  mensch- 
lichen  Organismus  ansehen  wie  eine  Art  Kutsche  und  den  Kopf  als 
denjenigen,  der  in  dieser  Kutsche  fahrt,  konnten  ihn  auch  ansehen, 
wenn  wir  den  iibrigen  Organismus  als  Pferd  ansehen,  als  Reiter  auf 
diesem  Pferde.  Er  ist  tatsachlich  abgesondert  von  diesem  Zusammen- 
hang  mit  der  iibrigen  irdischen  Aufienwelt.  Er  sitzt  auf  dem  Korper 
wie  ein  Parasit  darauf  und  benimmt  sich  auch  wie  ein  Parasit.  Es  ist 
schon  notwendig,  dafi  man  die  materialistische  Anschauung,  als  ob 
wir  vom  Kopf  so  aufterordentlich  viel  hatten  -  wir  brauchen  ihn  als 
Spiegelungsapparat  -,  dafi  man  diese  Ansicht  aufgibt.  Das  ist  schon 
notwendig.  Wir  miissen  den  Kopf  ansehen  lernen  als  ein  Bild  unserer 
vorgeburtlichen  geistig-seelischen  Organisation. 


Aber  das  Vorstellen  ist  ja  tatsachlich  an  den  Kopf  gebunden,  nicht 
aber  das  Urteilen.  Das  Urteilen  ist  eigentlich  an  den  mittleren  Orga- 
nismus  und  namentlich  an  die  Arme  und  Hande  gebunden.  Wir  urtei- 
len eigentlich  in  Wirklichkeit  mit  den  Armen  und  Handen.  Vorstellen 
tun  wir  mit  dem  Kopf.  Wenn  wir  also  den  Inhalt  eines  Urteils  vor- 
stellen, so  geht  das  Urteilen  selbst  in  dem  Mechanismus  der  Arme  und 
Hande  vor  sich,  und  nur  das  vorstellungsgemafle  Spiegelbild  geht  im 
Kopfe  vor  sich.  Sie  werden  da  ja  auch  innerlich  begreifen  konnen  und 
es  dann  als  eine  wichtige  didaktische  Wahrheit  durchschauen.  Sie  kon- 
nen sich  sagen:  der  mittlere  Organismus  ist  eigentlich  dazu  da,  die  Ge- 
fiihlswelt  zu  vermitteln.  Der  rhythmische  Organismus  des  Menschen 
ist  im  wesentlichen  der  Sitz  der  Gefuhlswelt;  er  ist  eigentlich  dazu  da, 
die  Gefuhlswelt  zu  vermitteln.  Das  Urteilen  hat  doch  eine  tiefe  Ver- 
wandtschaft  mit  dem  Ftihlen.  Selbst  das  abstrakteste  Urteil  hat  eine 
Verwandtschaft  mit  dem  Fiihlen.  Wenn  wir  ein  Urteil  fallen:  Karl- 
chen  ist  brav  -,  das  ist  ein  Urteil,  dann  haben  wir  das  Gefiihl  der  Be- 
jahung;  und  es  spielt  eine  grofte  Rolle  im  Urteil  das  Gefiihl  der  Be- 
jahung  und  Verneinung,  iiberhaupt  das  Gefiihl,  das  im  Pradikativen, 
im  Verhaltnis  zum  Subjektiven  ausgedriickt  wird.  Und  nur  weil  das 
Gefiihl  so  stark  schon  dem  Halbbewufiten  angehort,  achten  wir  nicht 
darauf,  wie  sehr  das  Gefiihl  am  Urteilen  beteiligt  ist.  Nun  ist  beim 
Menschen,  weil  er  vorzugsweise  ein  urteilendes  Wesen  sein  soil,  sein 
Armorganismus  in  Einklang  gebracht  mit  dem  rhythmischen  Orga- 
nismus, aber  in  gleicher  Zeit  von  dem  fortdauernden  rhythmischen 
Organismus  befreit.  So  haben  wir  da  auch  in  der  physischen  Verbin- 
dung  zwischen  rhythmischem  Organismus  und  dem  befreiten  Arm- 
organismus, physisch-sinnlich  die  Art  ausgedriickt,  wie  das  Gefiihl 
mit  dem  Urteil  zusammenhangt. 

Das  Schlieflen,  das  Schliisse  bilden,  hangt  nun  zusammen  mit  Bei- 
nen  und  Fiifien.  Natiirlich  werden  Sie  heute  ausgelacht,  wenn  Sie 
einem  Psychologen  sagen,  man  schliefk  nicht  mit  dem  Kopf,  sondern 
man  schliefk  mit  den  Beinen,  mit  den  Fiifien,  aber  das  letztere  ist 
doch  die  Wahrheit,  und  wiirden  wir  als  Mensch  nicht  auf  Beine  und 
FufSe  hin  organisiert  sein,  wiirden  wir  eben  nicht  Schliisse  bilden  kon- 
nen. Die  Sache  ist  so:  Vorstellen  tun  wir  mit  dem  Atherleib,  und  der 


hat  seinen  Riickhalt  an  der  Hauptesorganisation,  aber  urteilen  tun 
wir  -  also  in  urspriinglicher  elementarischer  Weise  -  mit  dem  astra- 
lischen  Leib,  und  der  hat  seinen  Riickhalt  an  Armen  und  Handen  fiir 
das  Urteilen.  Schliefien  mit  den  Beinen  und  Fiifien,  denn  schliefien  tun 
wir  mit  dem  Ich,  das  hat  dabei  den  Riickhalt  an  den  Beinen  und 
Fiiften. 

Sie  sehen  daraus,  es  ist  der  ganze  Mensch  beteiligt  an  der  Logik. 
Und  das  ist  sehr  wichtig,  daft  man  sich  da  hineinfindet,  dafi  man  den 
ganzen  Menschen  an  der  Logik  beteiligt  denkt.  Die  neuere  Erkenntnis 
weifl  sehr  wenig  vom  Menschen,  weil  sie  eben  nicht  weifi,  dafi  der 
ganze  Mensch  an  der  Logik  beteiligt  ist;  sie  glaubt,  dafi  er  immer  nur 
mit  dem  Kopf  hantiert.  Nun  steckt  der  Mensch,  insofern  er  Beine- 
und  Fufiemensch  ist,  in  einer  ganz  anderen  Weise  in  der  irdischen  Welt 
darinnen  als  der  Kopfmensch.  Das  konnen  Sie  sich  etwa  anschaulich 
machen  durch  folgendes  Bildchen  (siehe  Zeichnung).  Stellen  Sie  sich 
schematisch  den  Menschen  vor,  so  konnen  wir  folgendes  als  Begriff 
bilden:Nehmen  wir  an,dieser  Mensch  hebt  hier  mit  dieser  Hand  irgend- 
ein  Gewicht  (A),  sagen  wir  ein  Kilogewicht.  Das  hebt  er  mit  seiner 
Hand  auf.  Wir  wollen  jetzt  absehen  davon,  dafi  dieser  Mensch  das 
Kilogewicht  aufhebt  mit  der  Hand,  sondern  wir  wollen  hier  (s)  ein 
Seil  anbringen,  hier  (R)  eine  Rolle  und  das  Seil  liber  die  Rolle  dariiber- 
gehen  lassen  und  hier  (B)  wiederum  ein  Kilogewicht  aufhangen  oder 
vielleicht  ein  etwas  schwereres  Gewicht.  Wenn  wir  ein  etwas  schwe- 
reres  Gewicht  als  das  Kilogewicht  haben,  so  zieht  dieses  durch  diese 
Vorrichtung  das  andere  hinauf.  Da  haben  wir  eine  mechanische  Vor- 
richtung  in  die  Welt  hineingestellt,  die  ganz  dasselbe  tut,  wie  wenn  ich 
den  Arm  gebrauche  und  das  Gewicht  heraufhebe.  Nicht  wahr,  wenn 
ich  mit  dem  Arm  das  Gewicht  heraufhebe  um  irgendein  Stuck,  so  ist 
das  genau  dasselbe  Verrichten  wie  das,  das  dadurch  geschieht,  daft  ich 
das  schwerere  Gewicht  anhange  und  das  andere  hinauf  ziehen  lasse.  Ich 
entfalte  meinen  Willen,  und  damit  tue  ich  etwas,  was  sich  da  vollziehen 
kann  nach  demselben  Bilde,  was  sich  vollziehen  kann  mit  rein  mecha- 
nischen  Vorrichtungen.  Das,  was  hier  gesehen  werden  kann  an  diesem 
Kilogewicht,  dieses  Hinaufziehen,  das  ist  ein  ganz  objektives  Ereig- 
nis.  Wenn  mein  Wille  eingreift,  so  verandert  sich  das  aufiere  Bild  nicht. 


Ich  stehe  dann  mit  meinem  Willen  ganz  in  der  objektiven  Welt  drin- 
nen.  Ich  schalte  mich  in  die  objektive  Welt  ein.  Ich  unterscheide  mich 
nicht  mehr  von  der  objektiven  Welt,  indem  ich  meinen  Willen  entf alte. 

Dasjenige,  was  ich  da  ausfuhre,  zeigt  sich  besonders  deutlich,  wenn 
ich  nun  gehe  oder  iiberhaupt  mit  den  Beinen  etwas  mache.  Wenn  ich 
gehe  und  mit  den  Beinen  etwas  mache,  so  ist  dasjenige,  was  der  Wille 
vollzieht,  ein  ganz  objektiver  Vorgang;  das  ist  etwas,  was  in  der  Welt 
geschieht.  In  der  Willensentfaltung  ist  es  zunachst  fiir  den  Anblick 
des  aufieren  Ereignisses  im  Grunde  genommen  gleichgiiltig,  ob  nur 
ein  mechanischer  Vorgang  sich  abspielt,  oder  ob  mein  Wille  eingreift. 
Mein  Wille  dirigiert  nur  den  Verlauf  mechanischer  Vorgange.  Das  ist 
am  starksten  vorhanden,  wenn  ich  eben  Funktionen  entfalte,  die  sich 
mit  Beinen  und  Fiifien  abspielen.  Da  bin  ich  im  Grunde  genommen 
aus  mir  heraufien,  da  fliefie  ich  ganz  zusammen  mit  der  objektiven 
Welt,  da  bin  ich  ganz  ein  Teil  der  objektiven  Welt. 


Vom  Kopf  kann  ich  das  nicht  sagen.  Die  Funktionen  des  Kopfes 
reifien  mich  aus  der  Welt  heraus;  ich  kann  dasjenige,  was  ich  Sehen, 
Horen  nenne,  was  zuletzt  zum  Vorstellen  fiihrt,  nicht  in  dieser  objek- 
tiven  Weise  in  die  Welt  hineinstellen.  Mein  Kopf  gehort  gar  nicht  in 
die  Welt  hinein.  Er  ist  ein  Fremdprodukt  in  dieser  irdischen  Welt, 
er  ist  das  Nachbild  dessen,  was  ich  war,  bevor  ich  auf  die  Erde  hin- 
untergestiegen  bin.  Die  aufiersten  Extreme  sind  der  Kopf  und  die  Beine, 
und  in  der  Mitte  drinnen  steht  -  weil  da  der  Wille  schon  wirkt,  aber 
namentlich  wirkt  mit  dem  Gefiihl  -,  dazwischen  steht  die  Arme-  und 
Handeorganisation.  Bitte,  denken  Sie  an  das,  wie  da  der  Mensch  durch 
seinen  Kopf  eigentlich  abgesondert  ist,  wie  er  den  Kopf  hereintragt  aus 
einer  geistigen  Welt,  wie  der  Kopf  schon  physisch  eigentlich  der  Zeuge 
ist  davon,  daft  der  Mensch  einer  geistigen  Welt  angehort,  und  wie  der 
Mensch  sich  hereinzwangt  in  die  physische  Welt  dadurch,  dafi  er  sich 
mit  seinen  Gefiihls-  und  Willensorganen  eben  den  ganzen  aufieren 
Einrichtungen,  den  aufieren  Gesetzen  anpaftt.  Man  kann  keine  schar- 
fen  Grenzen  einzeichnen  zwischen  dem  aufieren  Geschehen  und  mei- 
nem  Willensgeschehen.  Man  mufi  aber  immer  eine  scharfe  Grenze  an- 
geben  zwischen  den  aufieren  Vorgangen  und  dem,  was  durch  den 
Kopf  an  Vorstellen  vermittelt  wird. 

Da  konnen  Sie,  ich  mochte  sagen,  die  Leitlinie  Ziehen,  um  den  Men- 
schen  noch  besser  zu  begreifen.  Der  Mensch  wird  ins  embryonale  Le- 
ben  hereinversetzt,  indem  er  ja  zuerst  die  Kopforganisation  ausbildet. 
Es  ist  ein  Unsinn,  zu  denken,  daft  die  Kopforganisation  nur  eine  Ver- 
erbungsgeschichte  ist.  Die  Kopforganisation  ist  -  sie  ist  ja  auch  spha- 
risch  -  durchaus  eine  Nachbildung  des  Kosmos,  und  die  Krafte  des 
Kosmos  wirken  da  herein.  Dasjenige,  was  der  Mensch  durch  die  Ver- 
erbungsstromung  erhalt,  das  geht  durch  seine  Arm-  und  Beinorgani- 
sation.  Durch  diese  nur  ist  er  eigentlich  ein  Kind  seiner  Eltern.  Durch 
diese  hangt  er  mit  den  irdischen  Kraften  zusammen;  denn  der  Kopf 
ist  gar  nicht  den  irdischen  Kraften  zuganglich,  auch  nicht  der  Be- 
fruchtung.  Der  Kopf  wird  hereinorganisiert  aus  dem  Kosmos.  Und 
wenn  der  Kopf  auch  Ahnlichkeiten  zeigt  mit  den  Eltern,  so  ruhrt 
das  davon  her,  dafi  er  sich  an  dem  iibrigen  Organismus  entwickelt,  von 
dessen  Blut  gespeist  wird,  in  das  der  iibrige  Organismus  hineinwirkt. 


Aber  dasjenige,  was  der  Kopf  fur  sich  ist  in  seiner  Formung,  das  ist 
ein  Ergebnis  des  Kosmos.  Und  ein  Ergebnis  des  Kosmos  ist  vor  alien 
Dingen  dasjenige  -  insofern  als  es  an  den  Kopf  gebunden  ist  -,  was 
mit  dem  Nerven-Sinnesorganismus  zu  tun  hat.  Denn  den  Nerven- 
Sinnesorganismus  tragen  wir  auch  aus  dem  Kosmos  herein  und  las- 
sen  ihn  dann  in  den  iibrigen  Organismus  einwachsen. 

Es  ist  schon  durchaus  wichtig,  dafi  man  solche  Dinge  ins  Auge 
fafk,  denn  man  lernt  dadurch  in  sich  selber  den  Unfug  abschaffen, 
als  ob  man  besonders  geistig,  spirituell  wiirde,  wenn  man  nur  ja  nicht 
vom  Korperlich-Leiblichen  spricht  und  nur  immer  von  etwas  abstrakt 
Geistig-Seelischem.  Man  wird  im  Gegenteil  recht  geistig,  recht  spiri- 
tuell, wenn  man  die  Zuordnung  des  Leiblich-Korperlichen  zu  dem 
Seelisch-Geistigen  in  der  richtigen  Weise  zu  durchschauen  vermag, 
wenn  man  zu  durchschauen  vermag:  in  bezug  auf  den  Kopf  bist  du 
hereinorganisiert  aus  dem  Kosmos;  in  bezug  auf  den  Beinorganismus 
bist  du  ein  Kind  deiner  Eltern  und  Voreltern.  Und  diese  Erkenntnisse, 
die  gehen  dann  sehr  stark  iiber  in  das  Gefiihl,  denn  sie  sind  Erkennt- 
nisse von  Wirklichkeiten,  wahrend  die  Erkenntnisse,  die  durch  die 
heutigen  Abstraktionen  ubermittelt  werden  -  gleichgiiltig,  ob  man  da- 
mit  diese  Abstraktionen  meint  oder  die  Beschreibung  des  Materiellen  -, 
im  Grunde  genommen  gar  nichts  mit  dem  Wirklichen  zu  tun  haben. 
Daher  konnen  sie  uns  auch  nicht  empfindungsgemaft  anregen.  Das- 
jenige, was  so  ins  Wirkliche  hineingeht,  das  regt  uns  auch  empfin- 
dungsgemafi  an,  und  daher  machen  Sie  sich  mit  einem  Gedanken  recht 
gut  bekannt  und  versuchen  Sie,  ihn  padagogisch  tief  auszubilden.  Das 
ist  namlich  der:  es  ist  eigentlich  einerlei,  ob  man  den  Menschen  in 
bezug  auf  sein  Physisch-Korperliches  betrachtet,  wenn  man  ihn  rich- 
tig  betrachtet,  oder  in  bezug  auf  sein  Geistig-Seelisches.  Wenn  man 
das  Geistig-Seelische  in  richtiger  Weise  betrachten  lernt,  so  lernt  man 
es  als  ein  Schopferisches  kennen,  das  aus  sich  herausfliefien  lafit  das 
Physisch-Korperliche.  Man  sieht  es  am  Schaffen,  das  Geistig-Seelische. 
Und  wenn  man  das  kiinstlerisch  in  der  richtigen  Weise  betrachtet,  dann 
ist  es  so,  dafi  man  allmahlich  die  Materialitat  ganz  verliert,  und  es 
wird  ganz  von  selber  ein  Geistiges.  Das  Physisch-Korperliche  verwan- 
delt  sich  im  richtigen  Vorstellen  in  ein  Geistiges. 


Steht  man  auf  dem  Boden  der  Geisteswissenschaft,  der  Anthropo- 
sophie,  so  ist  es  einerlei,  ob  man  Materialist  oder  Spiritualist  ist.  Es 
kommt  gar  nicht  darauf  an.  Die  Schadlichkeit  des  Materialismus  be- 
steht  nicht  darinnen,  daft  man  die  materiellen  Erscheinungen  und  We- 
senheiten  kennenlernt;  denn  lernt  man  sie  griindlich  kennen,  dann 
verliert  man  die  albernen  materiaKstischen  Begriffe,  und  das  Ganze 
wandelt  sich  in  Geistiges  um.  Die  Schadlichkeit  besteht  darinnen,  daft 
man  leicht  schwachsinnig  wird,  wenn  man  sich  auf  das  Materielle 
richtet  und  nicht  zu  Ende  denkt  und  nicht  auf  dasjenige  geht,  was 
man  durch  die  Sinne  sieht.  Dann  hat  man  keine  Wirklichkeit.  Man 
denkt  das  Materielle  nicht  zu  Ende;  denn  denkt  man  es  zu  Ende,  dann 
wird  es  in  der  Vorstellung  ein  Geistiges.  Und  wenn  man  das  Geistig- 
Seelische  betrachtet,  so  bleibt  es  auch  nicht,  wenn  man  in  seine  Wirk- 
lichkeit eintritt,  jenes  Abstrakte,  das  uns  so  leicht  in  der  heutigen  Er- 
kenntnis  entgegentritt,  sondern  es  gestaltet  sich,  wird  bildhaft.  Es 
wird  aus  dem  abstrakten  Begreifen  ein  Kiinstlerisches,  und  man  steht 
zuletzt  mit  einem  Anschauen  des  Materiell-Wesentlichen  da.  Also  man 
kann  Materialist  oder  Spiritualist  sein  -  man  kommt  auf  beiden  We- 
gen  zu  demselben,  wenn  man  nur  bis  ans  Ende  geht.  Das  Schadliche  des 
Spiritualismus  besteht  auch  nicht  darinnen,  dafi  man  das  Spirituelle 
anfafit,  sondern  darinnen,  dafi  man  leicht  blodsinnig  wird,  zum  nebu- 
losen  Mystiker  wird,  Verwirrungen  stiftet,  alles  nur  nebulos  anschaut, 
und  es  nicht  zum  konkreten  Gestalten  bringt. 

Es  ist  nun  doch  sehr  wichtig,  dafi  Sie  zu  alldem,  was  wir  schon 
betrachtet  haben  iiber  die  Erkundung  des  Wesens  des  Kindes,  auch 
das  noch  hinzufiigen,  daft  Sie  gewissermafien  anschauen  am  Kinde, 
ob  die  kosmische  Organisation  iiberwiegend  ist,  was  durch  eine  pla- 
stische  Durchgestaltung  des  Hauptes  zum  Vorschein  kommt,  oder  ob 
die  irdische  Organisation  besonders  hervorragend  ist,  was  durch  ein 
plastisches  Durchbilden  des  iibrigen  Menschen,  namentlich  des  Glied- 
mafienmenschen,  zur  Anschauung  kommt.  Und  nun  handelt  es  sich 
darum,  dafi  wir  dann  beide  Arten  von  Kindern,  die  kosmischen  Kin- 
der und  die  irdischen  Kinder  in  der  richtigen  Weise  behandeln. 

Die  irdischen  Kinder:  wir  miissen  uns  klar  dariiber  sein,  dafi  bei 
ihnen  viel  von  Vererbungskraften  vorliegt,  und  die  Vererbungskrafte 


den  Gliedmaften-Stoffwechselorganismus  aufterordentlich  stark  durch- 
ziehen.  Wir  werden  bemerken,  daft,  wenn  solche  Kinder  auch  nicht  in 
ihrem  allgemeinen  Temperament  melancholisch  sind,  wir  doch  leicht, 
namentlich  wenn  wir  uns  mit  solchen  Kindern  von  einem  gewissen 
Gesichtspunkt  aus  beschaftigen,  wenn  wir  sie  fragen,  wenn  wir  sonst 
an  sie  herantreten,  unter  der  Oberflache  des  allgemeinen  Tempera- 
ments eine  Art  melancholischen  Nebenton  finden.  Dieser  melancholi- 
sche  Nebenton  riihrt  eben  von  dem  Irdischen  der  Kinder  her,  von  dem 
Irdischen  der  Wesenheit. 

Ein  Kind,  bei  dem  wir  dieses  bemerken,  werden  wir  gut  behandeln, 
wenn  wir  versuchen,  es  sich  hineinfinden  zu  lassen  in  solches  Musika- 
lische,  welches  vom  melancholischen  Mollartigen  ausgeht  und  ins  Dur- 
artige  hineingeht,  indem  man  das  Melancholisch-Mollartige  ins  Dur- 
mafiige  hineinfiihrt  oder  im  einzelnen  musikalischen  Stuck  selbst  diesen 
Obergang  an  das  Kind  heranbringt.  Es  ist  ein  irdisches  Kind  gerade 
durch  die  Verrichtung  zu  vergeistigen,  die  den  Korper  in  Anspruch 
nimmt  beim  Musikalisch-Eurythmischen.  Wenn  insbesondere  ein  all- 
gemein  sanguinisches  Temperament  vorhanden  ist  mit  kleinen  melan- 
cholischen Ziigen,  ist  auch  die  Malerei  etwas,  was  dem  Kinde  sehr 
leicht  helfen  kann.  In  jedem  Fall  miiftten  wir  auch  dann,  wenn  schein- 
bar  ein  solches  Kind  wenig  Begabung  zum  Musikalisch-Eurythmischen 
zeigt,  groftte  Sorgfalt  verwenden,  daft  wir  die  gewift  schon  vorhandene 
Anlage  bei  einem  solchen  Kind  herausbringen. 

Wenn  wir  ein  Kind  mit  besonders  deutlich  ausgepragter  Kopforga- 
nisation  haben,  dann  ist  es  wieder  wichtig,  daft  wir  die  betrachtenden 
Gegenstande,  Geschichte,  Geographie,  Literaturgeschichte  an  das  Kind 
heranbringen,  wir  miissen  dann  aber  insbesondere  darauf  Riicksicht 
nehmen,  daft  wir  nicht  bei  dem  bloft  Kontemplativen  bleiben,  son- 
dern  -  wie  ich  schon  gestern  in  einem  anderen  Zusammenhang  zeigte  - 
ubergehen  zu  einer  solchen  Darstellung,  die  Gemutszustande  hervor- 
ruft,  Spannungen,  das  Neugierigsein,  das  dann  entspannt  wird,  be- 
friedigt  wird  und  so  weiter. 

Wir  miissen  gerade  bei  diesen  Dingen  uns  wiederum  angewohnen, 
das  Geistige  mit  dem  Korperlichen  im  Einklang  zu  sehen.  Es  ist  ja  wirk- 
lich  so,  daft  diese  schone  griechische  Vorstellung  ganz  verlorengegangen 


ist,  die  eigentlich  das  Korperlich-Leibliche  mit  dem  Geistig-Seelischen 
voll  in  Einklang  gesehen  hat.  Der  Grieche  hat  eigentlich  in  dem  Wir- 
ken  des  Kunstwerkes  auf  den  Menschen  immer  etwas  gesehen,  was  er 
auch  leiblich  betrachtet  hat.  Er  sprach  von  der  Krankheitskrisis,  von 
der  Katharsis,  und  er  sprach  so  auch  von  der  Wirkung  des  Kunst- 
werks,  er  sprach  so  auch  in  der  Erziehung.  Er  verfolgte  auch  tat- 
sachlich  solche  Vorgange,  wie  wir  sie  gestern  angedeutet  haben,  und 
wir  miissen  uns  wiederum  zuriickfinden  zu  solchen  Vorgangen,  zu 
einem  solchen  Zusammendenken  des  Geistig-Seelischen  mit  dem  Leib- 
lich-Physischen. 

Es  ist  wichtig,  daft  wir  deshalb  alle  unsere  temperamentvolle  Grund- 
lage  zusammennehmen,  um  mit  einem  starken  personlichen  Anteil  den 
Kindern  Geschichte  beizubringen.  Zur  Objektivitat  hat  das  Kind  noch 
Zeit  genug  im  spateren  Leben,  die  entwickelt  sich  schon  im  spateren 
Leben.  Aber  diese  Objektivitat  schon  in  der  Zeit  anwenden,  wo  wir 
dem  Kinde  von  Brutus  und  Casar  zu  sprechen  haben,  da  objektiv  sein 
wollen  und  nicht  den  Gegensatz,  den  Unterschied  zwischen  Brutus 
und  Casar  gefiihlsmaftig  gegenstandlich  machen,  das  ist  ein  schlechter 
Geschichtsunterricht.  Man  mufi  durchaus  drinnenstehen,  man  mufi 
nicht  wild  werden  und  toben,  aber  man  mufi  einen  leisen  Anklang 
von  Sympathie  und  Antipathie  gegeniiber  dem  Brutus  und  Casar  of  fen 
darlegen,  indem  man  die  Sache  darstellt.  Und  das  Kind  mufi  angeregt 
werden  mitzufuhlen,  was  man  ihm  selber  vorf iihrt.  Man  raufi  mit  wirk- 
licher  Empfindung  vor  alien  Dingen  die  Geschichte,  Geographie,  Geo- 
logie  und  so  weiter  vortragen.  Das  letztere  ist  insbesonders  interessant, 
wenn  man  Geologie  vortragt  und  tiefstes  Mitgefiihl  fur  das  unter  der 
Erde  befindliche  Gestein  hat.  In  dieser  Beziehung  konnte  man  jedem 
Padagogen  raten,  Goethes  Abhandlung  uber  den  Granit  ja  recht  mit- 
fiihlend  einmal  durchzunehmen,  um  zu  sehen,  wie  eine  nicht  bloft  mit 
dem  Vorstellungsleben,  sondern  mit  dem  ganzen  Menschen  in  die  Natur 
sich  hineinversetzende  Personlichkeit  mit  dem  Urvater,  dem  uralt- 
heiligen  Granit,  in  ein  menschliches  Verhaltnis  kommt.  Dann  mufi  das 
natiirlich  auf  anderes  ausgedehnt  werden. 

Entwickeln  wir  es  in  uns  selber,  dann  kommen  wir  schon  dazu, 
das  Kind  mit  teilnehmen  zu  lassen  an  diesen  Dingen.  Allerdings  ist 


natiirlich  die  Sache  vielfach  schwieriger,  wir  miissen  uns  abstrapa- 
zieren  bei  diesen  Dingen;  aber  auf  der  anderen  Seite  wird  nur  dadurch 
wirkliches  Leben  in  das  Unterrichten  und  in  das  Erziehen  hineinge- 
bracht.  Und  im  Grunde  genommen  ist  alles,  was  wir  auf  dem  Umweg 
durch  das  Gefiihi  dem  Kinde  mitteilen,  doch  dasjenige,  was  seinem 
Innenleben  Wachstum  verleiht,  wahrenddem  dasjenige,  was  wir  in 
blofien  Vorstellungen  beibringen,  tot  ist,  tot  bleibt.  Wir  konnen  ja 
durch  Vorstellungen  nichts  als  Spiegelbilder  beibringen;  wir  arbeiten, 
indem  wir  ihm  Vorstellungen  beibringen,  mit  dem  wertlosen  Kopf 
des  Menschen,  der  nur  einen  Wert  hat  in  bezug  auf  die  Vorzeit,  in  der 
er  in  der  geistigen  Welt  war.  Dasjenige,  was  im  Blute  liegt,  was  hier 
auf  der  Erde  seine  Bedeutung  hat,  das  treffen  wir,  indem  wir  mit  vol- 
lem  Gefiihi  die  Vorstellungen  dem  Kinde  beibringen. 

Es  ist  schon  notwendig,  dafi  wir  in  uns  ein  Gefiihi  ausbilden  fur  so 
etwas  wie  diese  feindliche,  vernichtende  Kraft  des  Raumes  unter  dem 
Rezipienten  einer  Luftpumpe,  und  je  anschaulicher  man  dem  Kinde 
erzahlen  kann,  nachdem  man  die  Luft  ausgepumpt  hat,  von  dem 
schrecklichen  luf tleeren  Raum  unter  dem  Rezipienten  einer  Luftpumpe, 
desto  mehr  erreichen  wir  dadurch.  In  der  fruheren  Sprache  waren 
alle  diese  Dinge  enthalten:  Horror  vacui,  es  wurde  empfunden  das 
Horrorartige,  das  ausstromt  von  einem  luftleeren  Raum.  Das  lag  in 
der  Sprache  drinnen,  aber  man  muli  es  wiederum  fiihlen  lernen.  Man 
mufi  fiihlen  lernen,  welche  Verwandtschaft  besteht  zwischen  einem 
luftleeren  Raum  und  einem  ganz  hageren  und  ausgedorrten  Menschen. 
Schon  Shakespeare  lafit  ahnen,  dafi  man  die  -  unter  Umstanden  aus 
gewissen  leiblichen  Umstanden  heraus  -  Dicken,  Beleibten  liebt,  nicht 
die  Diinnen,  Diirren  mit  den  kahlen  Glatzen,  unter  denen  so  viel  Vor- 
stellungsmafiiges  ist.  Also  wir  miissen  diese  Verwandtschaft  empfin- 
den  zwischen  den  diirren  Menschen  oder  auch  der  Spinne  und  dem 
luftleeren  Raum,  dann  werden  wir  wie  durch  Imponderabilien  eben 
dieses  Weltgefuhl,  das  unbedingt  im  Menschen  sein  mufi,  in  das  Kind 
hiniiberleiten. 

Man  mufi  immer  wiederum,  wenn  von  Padagogik  gesprochen  wird, 
von  diesem  Verbinden  des  Vollmenschen  mit  der  Objektivitat  spre- 
chen,  denn  nur  dadurch  kann  auch  in  jenen  Teil  des  Unterrichts  eine 


gewisse  Gesundheit  hineingebracht  werden,  der  in  der  materialistischen 
Zeit  eigentlich  ganz  betrachtlich  gelitten  hat.  Sehen  Sie,  man  ist  ja 
nicht  einmal  in  der  Lage,  so  unverschamt  zu  werden  wie  Abderhaldens 
der  nach  einer  Einleitung  zu  einer  Eurythmieauffuhrung  in  Dornach 
sagte  -  ich  sprach  damals  auch  vom  Turnen,  von  seiner  hygienischen 
Bedeutung  und  so  weiter  -,  er,  als  Physiologe,  sehe  im  Turnen  nicht 
etwas,  was  physiologisch  gestiitzt  ist,  er  sehe  im  Turnen  iiberhaupt 
kein  Erziehungsmittel,  sondern  das  Schadlichste,  was  man  sich  vor- 
stellen  konne.  Er  wollte  es  nicht  als  Erziehungsmittel  gelten  lassen, 
es  sei  kein  Erziehungsmittel,  sondern  eine  Barbarei.  Mit  der  heutigen 
Welt  kann  man  nicht  so  unverschamt  sein,  sonst  wiirden  einen  die 
Leute  sehr  stark  angreifen  in  der  Weise,  wie  es  heute  geschieht.  Wenn 
man  diese  Sache  bedenkt,  nicht  wahr,  wie  ein  Gotze,  wie  ein  Fetisch 
wirkt  alles  Turnmafiige,  das  heifit  dasjenige,  was  blofl  ins  Leiblich- 
Physische  im  schlechtesten  Sinne  der  heutigen  materialistischen  Wissen- 
schaft  getragen  wird,  sei  es  das  stark  Physische,  das  Uberphysische  oder 
Unterphysische  des  schwedischen  Turnens  oder  das  Physische  des  deut- 
schen  Turnens.  Diese  Dinge  gehen  darauf  aus,  den  Menschen  als  ein 
Wesen  anzusehen,  das  nur  leiblich-physisch  ist,  aber  nach  der  schlech- 
ten  Vorstellung,  die  das  materialistische  Zeitalter  heute  herausgebildet 
hat,  nicht  nach  der  Vorstellung,  die  ich  vorhin  gemeint  habe.  Man  geht 
davon  aus:  eine  solche  Haltung  soil  der  Mensch  haben;  man  beschreibt 
diese  Haltung.  Man  sagt  also:  der  Riicken  darf  nicht  so  stark  ausge- 
hb'hlt  werden,  nur  bis  zu  einem  gewissen  Grad;  die  Brust  mufi  in  einer 
bestimmten  Weise  geformt  sein,  Arme  und  Hande  miissen  in  einer  ge- 
wissen Weise  bewegt  werden,  die  gesamte  Haltung  des  Korpers  -, 
kurz,  man  denkt  nicht  an  den  Menschen  als  solchen,  sondern  an  das 
Bild,  das  man  sich  gemacht  hat.  Das  kann  man  aufzeichnen,  man 
kann  es  aus  Papiermache'  formen.  Da  ist  alles  drinnen  in  der  Plastik 
aus  Papiermache,  was  im  schwedischen  Turnen  von  der  richtigen  Hal- 
tung gesagt  werden  kann.  Dann  kann  man  den  Menschen  dazu  be- 
niitzen  so  wie  einen  Sack  und  kann  ihn  das  nachmachen  lassen.  Man 
hat,  wenn  man  diese  Prozedur  ausfiihrt,  mit  dem  wirklichen  Mensch- 
lichen  gar  nichts  zu  tun,  man  hat  es  mit  einer  Figur  aus  Papiermache 
zu  tun,  in  der  alles,  was  das  schwedische  oder  das  deutsche  Turnen  vor- 


schreibt,  enthalten  ist.  Dann  lafit  man  den  Menschen,  ohne  sich  darum 
zu  bekummern,  was  er  weiter  ist,  sich  so  halten,  solche  Obungen  zu 
machen  und  so  weiter.  Nur  hat  eigentlich  niemand  Riicksicht  genom- 
men,  dafi  man  einen  Menschen  vor  sich  hat. 

Die  Sache  ist  eben  dadurch  so  verwerflich  -  sie  ist  verrucht  im 
Grunde  genommen  -,  trotzdem  es  ein  tiefer  Einschlag  in  unsere  so- 
genannte  Zivilisation  ist,  weil  dadurch  der  Mensch  auch  praktisch  aus- 
geschaltet  wird,  nicht  nur  theoretisch  durch  die  Wissenschaft,  sondern 
praktisch  wird  der  Mensch  ausgeschaltet  durch  dieses  Turnen.  Er  wird 
zum  Imitator  einer  Papiermach^figur  gemacht.  Und  darum  sollte 
es  sich  beim  Erziehen  nie  handeln,  sondern  darum,  dafi  der  Mensch, 
indem  er  turnt,  diejenige  Haltung  annimmt,  diejenigen  Bewegungen 
macht,  die  er  auch  erlebt,  innerlich  erlebt.  Und  er  erlebt  sie.  Nehmen 
wir  die  Atmungsfunktionen.  Wir  miissen  wissen,  dafi  Kinder  dazu  zu 
bringen  sind,  im  Einatmen  etwas  zu  haben  wie,  ich  mochte  sagen,  ein 
leises  Anklingen  an  eine  gut  schmeckende  Speise,  die  durch  den  Gau- 
men  hinuntergeht.  Aber  es  soil  nicht  bis  zum  wirklichen  Geschmacks- 
vorstellen,  Geschmackswahrnehmen  kommen,  sondern  es  soil  so  ein 
Anklingen  im  Einatmen  sein,  man  soli  etwas  von  der  Frische  der  Welt 
beim  Atmen  erleben  konnen.  Man  soil  die  Kinder  einatmen  lassen  und 
sie  etwas  empfinden  lassen  von  der  Frische  der  Welt.  Man  soli  ver- 
suchen,  sie  sagen  zu  lassen:  Wie  ist  denn  eigentlich  das  gefarbt,  was  du 
da  einatmest?  -  und  man  wird  darauf  kommen,  dafi  das  Kind  in  dem 
Moment,  wo  es  tatsachlich  den  Atem  richtig  empfindet,  so  etwas  findet 
wie:  Es  ist  griinlich,  so  natiirlich  grim.  -  Da  hat  man  etwas  erreicht, 
wenn  man  das  Kind  dazu  gebracht  hat,  das  Einatmen  griinlich  zu 
finden.  Dann  wird  man  immer  bemerken:  das  Kind  verlangt  jetzt  eine 
gewisse  Korperhaltung  fiir  das  Einatmen,  es  bildet  durch  inneres  Er- 
leben die  richtige  Korperhaltung  fiir  das  Einatmen  heraus.  Dann  kann 
man  die  Ubung  machen  lassen.  Ebenso  mufi  man  das  Kind  dazu  brin- 
gen, beim  Ausatmen  eine  entsprechende  Empfindung  zu  erleben.  In 
dem  Augenblick,  wo  es  beim  Ausatmen  einem  sagt:  Da  drin  bin  ich 
eigentlich  doch  ein  tiichtiger  Kerl  -,  wenn  es  das  Ausatmen  so  emp- 
findet, als  ob  es  sich  wie  ein  tiichtiger  Kerl  vorkame,  als  ob  es  seine 
Krafte  empfande,  seine  Krafte  im  Ausatmen  der  Welt  mitteilen  wollte: 


wenn  es  diese  Empfindung  hat,  dann  erlebt  es  auch  in  der  richtigen 
Weise  als  etwas  durchaus  ihm  Angemessenes  die  entsprechende  Bewe- 
gung  des  Unterleibs,  der  sonstigen  Gliedmafien,  die  Haltung  des  Kop- 
fes,  der  Arme.  Wenn  es  nur  einmal  das  voile  Gefuhl  des  Ausatmens  hat, 
dann  erlebt  das  Kind  die  richtige  Bewegung. 

Da  haben  wir  den  Menschen  drinnen,  da  haben  wir  den  Menschen 
wirklich  vor  uns,  da  lassen  wir  ihn  nicht  wie  einen  Mehlsack  das- 
jenige  nachmachen,  was  eine  Papiermachefigur  macht.  Da  bewegen 
wir  mit  dem  Seelischen  zusammen,  das  sein  Korperlich-Physisches  nach 
sich  zieht.  Wir  holen  die  Korperbewegung  aus  dem  Kinde  heraus  nach 
dem  geistig-seelischen  Erlebnis.  Ebenso  wie  dieses,  sollten  wir  auch  in 
anderem,  was  das  Kind  fiihlen  kann,  ich  will  sagen,  an  irgendwelchen 
Bewegungen  der  Arme,  der  Beine,  im  Laufen  und  so  weiter,  in  der 
blolten  Haltung  -  iiberall  sollten  wir  dieses  seelische  Erleben  entwik- 
keln,  das  sein  Korperlich-Physisches  von  selber  fordert.  Und  dann, 
dann  ist  eigentlich  das  Turnen  in  unmittelbaren  Anschlufi  an  die  Eu- 
rythmie  gebracht,  und  das  soil  es  auch  sein.  Die  Eurythmie  bringt  un- 
mittelbar  ein  Geistig-Seelisches  zum  Vorschein,  durchseelt  und  durch- 
geistigt  das  ganze  Bewegliche  des  Menschen.  Sie  nimmt  dasjenige  zum 
Ausgangspunkt,  was  sich  der  Mensch  geistig-seelisch  im  Laufe  der 
Menschheitsentwickelung  erarbeitet.  Aber  auch  das  Physisch-Korper- 
liche  kann  geistig  erlebt  werden.  Man  kann  das  Atmen,  den  Stoff- 
wechsel  erleben,  wenn  man  es  weit  genug  bringt  nach  dieser  Richtung, 
Da  kann  der  Mensch  sich  selber  weit  genug  bringen,  da  kann  der 
Mensch  sich  selbst  empfinden,  sein  Korperlich-Leibliches  mitempfin- 
den.  Und  dann  kann,  ich  mochte  sagen,  dasjenige,  was  auf  dem  ho- 
heren  Gebiet  als  Eurythmie  an  das  Kind  herantritt,  auslaufen  in  das 
Turnen.  Man  kann  durchaus  die  Briicke  schlagen  zwischen  Eurythmie 
und  Turnen.  Aber  dieses  Turnen  soli  nicht  anders  gemacht  werden,  als 
indem  man  dasjenige,  was  das  Kind  ausfiihrt  im  Turnen,  aus  dem  Er- 
leben des  Korperlich-Physischen  herausholt,  aus  dem  Erleben,  aus  dem 
geistig-seelischen  Erleben  herausholt  und  das  Kind  das  Korperlich- 
Physische  dem  anpassen  lafit,  was  es  erlebt. 

Es  ist  naturlich  notwendig,  dafi  wir,  indem  wir  so  unterrichten, 
viel  lernen;  denn  man  mul5  sich  mit  solchen  Vorstellungen  viel  be- 


schaftigen,  wenn  man  sie  fiir  sich  selbst  und  namentlich  im  Unterricht 
anwenden  will.  Sie  pragen  sich  schlecht  ins  Gedachtnis  ein.  Es  ist  fast 
so  mit  diesen  Dingen,  wie  es  manchen  Mathematikern  geht  mit  den 
mathematischen  Formeln;  sie  konnen  sich  keine  Formeln  merken,  aber 
sie  konnen  sie  im  Augenblick  wieder  bilden.  Und  so  geht  es  uns  mit 
diesen  Vorstellungen,  die  wir  uns  iiber  den  lebendigen  leiblich-geistig- 
seelischen  Menschen  bilden:  wir  miissen  sie  uns  immer  ganz  lebendig 
prasent  machen.  Aber  das  kommt  uns  gerade  wieder  zugute.  Dadurch, 
dafi  wir  aus  dem  Vollmenschen  heraus  wirken,  dadurch  wirken  wir 
anregend  auf  die  Kinder.  Sie  werden  immer  bemerken,  wenn  Sie  selbst 
viel  zu  tun  hatten,  um  eine  Unterrichtsstunde  vorzubereiten,  viel  ge- 
rungen  haben  mit  dem  Unterrichtsstoff,  und  dann  in  die  Klasse  gehen, 
dann  lernen  die  Kinder  viel  anders,  als  wenn  Sie  der  hocherhabene 
Herr  Lehrer  sind,  der  sich  ganz  behaglich  vorbereitet.  Ich  habe  auch 
solche  kennengelernt,  die  auf  dem  Wege  zur  Schule  ganz  behaglich 
gingen  und  sich  schnell  die  Dinge  durchlasen,  die  sie  vorbringen  soil- 
ten.  Das  hat  schon  einen  tiefen  Bezug  auf  das  Unterrichten,  wenn  man 
selber  unmittelbar  ringt,  nicht  nur  bei  den  Dingen  ringt,  die  zu  den 
mitzuteilenden  gehoren,  sondern  auch  bei  anderen  Dingen,  die  zu  den 
Geschicklichkeiten  gehoren.  Auch  mit  diesen  soil  man  ringen. 

Es  gibt  im  Leben  geistige  Beziige.  Hat  man  geistig  vorher  selbst  ein 
Lied,  das  man  das  Kind  singen  laftt,  zuerst  gehort,  dann  wirkt  es 
mehr,  indem  das  Kind  es  ausbildet,  als  wenn  man  es  vorher  nicht  im 
Geiste  gehort  hat.  Diese  Dinge  haben  einen  Bezug.  Es  gibt  in  der  phy- 
sischen  Welt  ein  Wirken  der  geistigen  Welt.  Man  mull  dieses  Wir- 
ken der  geistigen  Welt  anwenden  besonders  in  der  Padagogik  und  in 
der  Didaktik  und  zum  Beispiel  beim  religiosen  Unterricht.  Wenn  man, 
indem  man  ihn  vorbereitet,  eine  naturliche  fromme  Stimmung  emp- 
findet,  dann  wirkt  dieser  religiose  Unterricht  auch  auf  das  Kind.  Wenn 
man  diese  fromme  Stimmung  nicht  entwickelt,  dann  wird  nicht  viel 
werden  aus  dem  Religionsunterricht  in  bezug  auf  das  Kind. 


DRITTER  VORTRAG 


Stuttgart,  14.  Juni  1921 


Heute  mochte  ich  sprechen  iiber  einige  Anpassungen  des  im  Unter- 
richt  Behandelten  an  das  Leben  des  kindlichen  Menschen.  Es  ist  ja 
zweifellos,  dafi  ein  Unterricht  und  eine  Erziehung,  die  nicht  auf  einer 
wirklichen  Erkenntnis  des  Menschen  fuften,  gerade  diese  Anpassung 
desjenigen,  was  man  behandelt,  an  die  menschliche  Lebenswirklich- 
keit,  durchaus  nicht  zustande  bringen  konnen.  Heute  anerkennt  man 
praktisch  im  Grunde  genommen  den  geistigen  Teil  der  menschlichen 
Wesenheit  nicht;  man  ist  sich  eigentlich  nur  bewulk,  daft  der  Mensch 
einen  physischen  Leib  hat.  Vielleicht  noch  gibt  man  zu,  dafi  irgend 
etwas  Seelisches,  das  einem  aber  in  grofiter  Unbestimmtheit  vorschwebt, 
diesen  physischen  Leib  dirigiert,  aber  an  eine  wirkliche  innere  Kon- 
kretheit  des  Seelischen  und  Geistigen  denkt  man  nicht.  Das  ist  ja  das 
gerade,  was  Anthroposophie  in  die  Menschenerkenntnis  hineinbringen 
soil.  Dadurch  aber  wird  es  erst  moglich  sein,  in  ganz  bewulker  Weise 
den  Unterricht  und  die  Erziehung  .an  die  menschlichen  Lebensvor- 
gange  anzupassen. 

Nehmen  Sie  nur  einmal,  was  sich  Ihnen  durch  ein  leichtes  Nach- 
denken  ergeben  kann,  nehmen  Sie  an,  das  Kind  hort  von  Ihnen  irgend- 
eine  Erzahlung,  oder  es  sieht  irgend  etwas,  das  Sie  ihm  auf  der  Tafel 
zeigen  oder  dadurch,  dafi  Sie  ihm  meinetwillen  ein  physikalisches  Ex- 
periment vormachen,  oder  aber  Sie  kommen  in  die  Lage,  dem  Kinde 
irgend  etwas  Musikalisches  vorzuspielen  oder  dergleichen.  Sie  stehen 
ja  zunachst  mit  alledem  in  einem  Verhaltnis  zu  der  aufieren  physischen 
Wirklichkeit  des  betreffenden  Kindes.  Aber  dasjenige,  was  Sie  da  in 
das  Kind  hineinversetzen  auf  dem  Umweg  durch  die  physische  Wirk- 
lichkeit durch  das  Auge,  durch  das  Ohr,  durch  den  Verstand,  der  das 
begreift,  was  Sie  ihm  beibringen,  dasjenige,  was  da  in  das  Kind  hin- 
einversetzt  wird,  das  macht  sehr  bald  eine  ganz  andere  Daseinsform 
durch.  Das  Kind  geht  aus  der  Schule,  schlaft;  sein  Ich  und  sein  astra- 
lischer  Leib  sind  im  Schlafe  aufierhalb  des  physischen  Leibes  und  des 
Atherleibes.  Dasjenige,  was  Sie  da  mit  dem  Kinde  vollbracht  haben 


auf  dem  Umweg  durch  den  physischen  Leib,  auch  den  Atherleib  mei- 
netwillen,  das  setzt  sich  fort  im  astralischen  Leib  und  im  Ich.  Diese 
beiden  letzteren  sind  aber  wahrend  des  Schlafes  in  einer  ganz  anderen 
Umgebung.  Sie  machen  etwas  durch,  was  sie  nur  wahrend  des  Schlafes 
durchmachen,  und  dasjenige,  was  Sie  dem  Kinde  beigebracht  haben, 
macht  die  Sache  mit;  macht  sie  mit  eben  in  denjenigen  Wirkungen,  die 
in  dem  astralischen  Leib  und  dem  Ich  geblieben  sind.  Sie  miissen  daran 
denken,  dafi  Sie  dasjenige,  was  Sie  dem  Kinde  auf  dem  Umweg  durch 
das  Physische  beibringen,  hineinleiten  in  den  astralischen  Leib,  in  das 
Ich;  und  daft  Sie  dadurch  eine  Wirkung  ausiiben  auf  die  Art  und 
Weise,  wie  das  Kind  vom  Einschlafen  bis  zum  Aufwachen  lebt,  und 
dafi  Ihnen  am  nachsten  Tag  das  Kind  dasjenige  mitbringt,  was  es  da 
zwischen  dem  Einschlafen  und  dem  Aufwachen  durchgemacht  hat. 

Sie  konnen  sich  das  an  einem  einfachen  Beispiel  klarmachen.  Neh- 
men  Sie  den  Fall,  das  Kind  eurythmisiert  oder  singt.  Da  ist  der  phy- 
sische Leib  des  Kindes  selber  in  Betatigung,  und  dieser  physische  Leib 
und  der  Atherleib,  die  in  Betatigung  sind,  drangen  dem  astralischen 
Leib  und  dem  Ich  dasjenige  auf,  was  in  ihrer  Tatigkeit  liegt.  Astra- 
lischer  Leib  und  Ich  miissen  dasjenige  mitmachen,  was  Tatigkeit  ist 
des  physischen  Leibes  und  des  Atherleibes.  Das  Weitere  ist,  dafi  sich 
astralischer  Leib  und  Ich  eigentlich  wehren  gegen  dieses  Mitmachen, 
sie  haben  eigentlich  andere  Krafte  in  sich.  Die  miissen  in  einer  gewis- 
sen  Weise  iiberwunden  werden.  Sie  wehren  sich,  sie  miissen  sich  dem 
anbequemen,  was  ihnen  da  von  aufien  beigebracht  wird  durch  ihre 
eigene  Leiblichkeit  -  beim  Eurythmisieren  mehr  durch  den  physischen 
Leib,  beim  Anhoren  von  Instrumental-Musikalischem  durch  den  Ather- 
leib. Nun  kommen  Ich  und  astralischer  Leib  in  die  Welt,  die  der 
Mensch  zwischen  dem  Einschlafen  und  dem  Aufwachen  durchlebt; 
da  vibriert  alles  dasjenige  nach,  was  dem  astralischen  Leib  und  dem 
Ich  aufgedrangt  worden  ist.  Da  'machen  in  der  Weise,  die  eben  vom 
astralischen  Leib  und  Ich  durchlebt  wird,  also  in  einer  viel  ausgebrei- 
teteren  und  vergeistigten  Weise  der  astralische  Leib  und  das  Ich  nach, 
was  sie  da  eurythmisiert  und  nachher  musikalisch  erlebt  haben;  sie 
machen  das  alles  nach.  Was  sie  da  erlebt  haben  zwischen  Einschlafen 
und  Aufwachen,  das  bringen  die  Kinder  am  Morgen  wiederum  mit, 


wenn  sie  in  die  Schule  kommen;  das  haben  sie  in  ihren  physischen  und 
ihren  Atherleib  hineingetragen,  und  wir  haben  damit  zu  rechnen. 

Wenn  wir  den  Menschen  in  seiner  Totalitat  betrachten,  dann  er- 
scheint  er  uns  eben  als  ein  aufierordentlich  kompliziertes  Gebilde,  das 
wir  bewaltigen  miissen  im  Unterrichten  und  Erziehen.  Nun,  wenn 
wir  mehr  ins  einzelne  gehen,  so  konnen  wir  etwa  sagen:  Nehmen  wir 
das  eurythmisierende  Kind,  der  physische  Leib  ist  in  Bewegung,  die 
Bewegungen  des  physischen  Leibes  iibertragen  sich  auf  den  Atherleib. 
Der  astralische  Leib  und  das  Ich  wehren  sich  zunachst,  und  ihnen 
wird  in  einer  gewissen  Weise  dasjenige  eingepragt,  was  an  Betatigung 
des  physischen  Leibes  und  des  Atherleibes  stattfindet.  Sie  gehen  dann 
hinaus  wahrend  des  Schlafes  und  sie  bringen  dasjenige,  was  ihnen  da 
eingepragt  worden  ist,  mit  ganz  anderen  geistigen  Kraften  in  Ver- 
bindung.  Am  Morgen  tragen  sie  es  wiederum  in  den  physischen  Leib 
und  in  den  Atherleib  zuriick.  Und  es  ist  dann  ein  merkwiirdiges  Zu- 
sammenstimmen  desjenigen,  was  zwischen  Einschlafen  und  Aufwa- 
chen  aus  dem  Geistigen  aufgenommen  worden  ist  und  demjenigen,  was 
physischer  Leib  und  Atherleib  im  Eurythmisieren  durchgemacht  ha- 
ben. Die  Wirkung  zeigt  sich  in  der  Art,  daft  die  geistigen  Erlebnisse,  die 
zwischen  dem  Einschlafen  und  Aufwachen  durchgemacht  worden  sind, 
mit  demjenigen  zusammenpassen,  was  am  vorigen  Tage  vorbereitet 
und  durchgemacht  worden  ist.  Und  erst  in  diesem  Hineinkommen 
zeigt  sich  eine  besonders  gesundheitlich  wirkende  Kraft,  die  in  diesem 
Eurythmisieren  liegt.  Es  wird  tatsachlich,  ich  mochte  sagen,  geistige 
Substantiality  beim  nachsten  Aufwachen  in  den  Menschen  hineinge- 
tragen, wenn  in  dieser  Weise  Eurythmie  gepflegt  wird.  Und  in  einer 
ganz  ahnlichen  Weise  ist  es  zum  Beispiel  beim  Singen.  Wenn  wir  Ge- 
sang  mit  dem  Kinde  iiben,  so  ist  das  Wesentliche,  was  an  Tatigkeit 
entfaltet  wird,  eine  Tatigkeit  des  Atherleibes.  Der  astralische  Leib  mufi 
sich  ihm  stark  anpassen.  Er  wehrt  sich  zunachst,  tragt  das  dann  hinaus 
in  die  geistige  Welt.  Er  kommt  wiederum  zuriick  und  da  aufiert  sich 
wiederum  eine  gesundheitlich  wirkende  Kraft.  Wir  konnen  sagen:  Beim 
Eurythmisieren  auftert  sich  mehr  eine  wirklich  das  korperliche  Befin- 
den  gesundende  Kraft  fiir  das  Kind;  beim  Singen  aufiert  sich  eine 
Kraft,  welche  mehr  auf  den  Bewegungsapparat  im  Menschen  wirkt 


und  dadurch  von  den  Bewegungen  aus  wiederum  zuriick  wirkt  auf  die 
Gesundheit  des  physischen  Korpers. 

Man  kann  diese  Dinge  in  der  Erziehung  aufterordentlich  gut  be- 
niitzen.  Wiirde  man  zum  Beispiel  die  Dinge  so  einrichten  konnen  - 
ich  rede  ja  da  von  einem  Ideal,  aber  diesem  Ideal  kann  man  sich  doch 
im  Lehrkorper  nahern  -,  wiirde  man  die  Dinge  so  einrichten,  daft  wir 
zum  Beispiel  eines  Nachmittags  Eurythmie  machen,  diese  Eurythmie 
geistig  ausleben  lassen  durch  die  Nacht;  am  nachsten  Tage  treiben 
wir  mit  dem  Kinde  mehr  Turnerisches  in  dem  Sinn,  wie  ich  das  gestern 
erwahnt  habe:  dann  dringt  das  so  in  den  Korper  ein,  daft  das  Turnen 
gewissermafien  gesundend  wirkt,  so  daft  man  sehr  viel  durch  dieses 
Abwechseln  von  Eurythmisieren  und  Turnen  erreichen  konnte.  Und 
wiederum  sehr  viel  konnte  man  zum  Beispiel  dadurch  erreichen,  daft 
man  in  der  Lage  ware,  durch  das  Vorhandensein  aller  Bedingungen, 
die  Kinder  an  einem  Tag  singen  zu  lassen.  Sie  tragen  dann  dasjenige, 
was  sie  im  Singen  erlebt  haben,  beim  Schlafen  in  die  geistige  Welt  hin- 
ein.  Am  nachsten  Tag  treibt  man  mit  ihnen  Instrumentalmusik;  also  man 
betreibt  mehr  das  Anhoren,  nicht  die  eigene  Betatigung.  Dann  auftert 
sich  wiederum  in  aufterordentlich  gesunder  Weise  dasjenige,  was  da 
am  Vortag  getrieben  worden  ist  durch  jene  Befestigung,  die  im  An- 
horen der  Instrumentalmusik  vom  Menschen  geleistet  wird.  Sie  sehen, 
wenn  man  alle  idealen  Anforderungen  erfiillen  konnte  durch  das  Vor- 
handensein der  Bedingungen,  so  wiirde  man  durch  jene  Gliederung 
des  Unterrichtes,  der  sich  den  Lebensbedingungen  anpaftt,  in  einer  ganz 
unermeftlichen  Art  gesundend  auf  das  Kind  wirken  konnen.  Wir  wol- 
len  in  diesen  Dingen  noch  viel  weiter  gehen. 

Nehmen  wir  zum  Beispiel  den  Physikunterricht.  Wir  experimen- 
tieren  mit  dem  Kinde.  Sie  brauchen  sich  nur  das  zu  vergegenwartigen, 
was  ich  gestern  gesagt  habe,  daft  ja  der  Mensch  eigentlich  nur  mit  dem 
Kopfe  vorstellt,  daft  der  rhythmische  Mensch  es  ist,  der  urteilt,  und 
daft  der  Gliedmaften-Stoffwechselmensch  es  ist,  der  seine  Schliisse 
zieht,  namentlich  daft  mit  den  Beinen  und  Fiiften  geschlossen  wird, 
Schliisse  gezogen  werden.  Wenn  Sie  sich  das  vergegenwartigen,  und 
wenn  Sie  sich  den  Wahrnehmungsakt  als  solchen  vergegenwartigen, 
dann  werden  Sie  sich  sagen:  das  Willensmaftige,  dasjenige,  was  man 


so  aus  sich  heraus  tut,  wahrzunehmen,  das  hangt  sehr  tief  mit  dem 
Schliisseziehen  zusammen,  nicht  mit  dem  blofien  Vorstellen.  Wenn  ich 
meinen  eigenen  Leib  sehe,  so  ist  der  Leib  selbst  ein  Schlufl.  Die  Vor- 
stellung  ist  nur  vorhanden,  indem  ich  die  Augen  auf  den  Leib  richte, 
aber  indem  ich  nun  eine  bestimmte  halbbewuftte,  unterbewufite  Proze- 
dur  ausfuhre,  trage  ich  mir  urteilsmaftig  die  Dinge  zusammen,  die  das 
Ganze  erleben  lassen,  zusammenfassend  in  dem  Satz:  Also  ist  dieses 
ein  Leib.  -  Das  ist  aber  schon  die  Wahrnehmung  eines  Schlusses.  In- 
dem ich  wahrnehme,  verstandig  wahrnehme,  bilde  ich  mir  lauter 
Schliisse.  Da  ist  der  ganze  Mensch  drinnen  in  diesen  Schlussen.  Und 
das  ist  der  Fall,  indem  ich  experimentiere;  denn  ich  habe  fortwahrend 
zu  tun  mit  einer  Aufnahme  durch  den  ganzen  Menschen.  Da  gehen 
fortwahrend  in  den  Aufnahmeprozefl  Schliisse  ein.  Die  Urteile  wer- 
den  gewohnlich  gar  nicht  wahrgenommen,  die  sind  sehr  im  Inneren, 
so  dafi  wir  sagen  konnen:  der  ganze  Mensch  wird  in  Anspruch  genom- 
men,  solange  wir  experimentieren. 

Nun,  damit  aber  tun  wir  eigentlich  in  erzieherischer  Weise  den  Kin- 
dern  noch  nicht  etwas  sehr  Gutes,  daft  wir  experimentieren.  Das  Kind 
wird  sich  vielleicht  zwar  interessieren  fur  das  Experimentieren,  aber 
der  Mensch  als  solcher  ist  in  seiner  normalen  Organisation  zu  schwach, 
um  immer  als  ganzer  Mensch  angestrengt  zu  werden.  Das  geht  gar 
nicht.  Es  ist  immer  etwas  zuviel,  wenn  ich  den  Menschen  als  ganzen 
Menschen  angestrengt  sein  lasse.  Der  Mensch  kommt  immer  zu  stark 
aufler  sich,  wenn  ich  ihm  vorexperimentiere,  oder  sein  Augenmerk  auf 
die  Aufienwelt  lenke.  Das  eigentlich  Bedeutsame  beim  Unterrichten 
und  Erziehen  besteht  darinnen,  dafi  man  die  drei  Glieder  des  drei- 
gliedrigen  Menschen  wirklich  beriicksichtigt,  jedes  zu  seinem  Recht 
kommen  lafit,  und  sie  aber  auch  zu  ihrer  entsprechenden  Wechselwir- 
kung  kommen  lafit. 

Nun  denken  Sie  sich:  ich  experimentiere  zunachst.  Da  strenge  ich 
den  ganzen  Menschen  an.  Das  ist  zunachst  viel.  Nun  lenke  ich  die 
Aufmerksamkeit  der  Kinder  ab  von  den  Geraten,  die  da  stehen,  mit 
denen  ich  experimentiert  habe,  und  ich  gehe  das  ganze  noch  einmal 
durch.  Indem  ich  an  die  Erinnerung  des  unmittelbar  Erlebten  appel- 
liere,  gehe  ich  das  ganze  noch  einmal  durch.  Wenn  man  so  etwas  durch- 


geht,  wenn  man  es  gleichsam  rekapituliert,  es  Revue  passieren  laftt, 
ohne  dafi  die  Anschauung  da  ist,  dann  wird  besonders  das  rhythmische 
System  des  Menschen  belebt.  Nachdem  ich  den  ganzen  Menschen  be- 
ansprucht  habe,  beanspruche  ich  sein  rhythmisches  System  und  sein 
Kopf system;  denn  natiirlich  betatige  ich  auch  das  Kopf system,  wenn 
ich  dieses  rekapituliere.  So  kann  ich  die  Stunde  zu  Ende  gehen  lassen. 
Ich  habe  zunachst  den  ganzen  Menschen  betatigt,  dann  vorzugsweise 
sein  rhythmisches  System,  und  jetzt  lasse  ich  ihn  nach  Hause  gehen. 
Nun  schlaft  er.  Indem  er  nun  schlaft,  lebt  dasjenige,  was  ich  zuerst 
im  ganzen  Menschen,  dann  im  rhythmischen  System  betatigt  habe,  in 
den  Gliedmafien  weiter,  wenn  astralischer  Leib  und  Ich  heraufien  sind. 

Wir  wollen  jetzt  unser  Augenmerk  auf  dasjenige  richten,  was  im 
Bette  bleibt,  was  weiterklingen  lafit,  was  ich  mit  dem  Kinde  durch- 
genommen  habe.  Dann  stromt  gewissermafien  das  Ganze,  was  da  im 
ganzen  Menschen  sich  ausgebildet  hat,  und  dasjenige,  was  im  rhyth- 
mischen System  sich  ausgebildet  hat,  das  stromt  in  den  Kopfmenschen 
herauf.  Davon  bilden  sich  Bilder  im  Kopfmenschen.  Die  findet  der 
Mensch  dann  vor,  wenn  er  am  nachsten  Morgen  aufwacht  und  zur 
Schule  kommt.  Es  ist  tatsachlich  so:  wenn  die  Kinder  am  nachsten 
Tag  in  die  Schule  kommen,  haben  sie,  ohne  dafi  sie  es  wissen,  im  Kopf 
die  Bilder  dessen,  was  ich  gestern  experimentiert  habe,  und  was  ich 
dann  wiederholt  habe,  recht  bildlich  wiederholt  habe,  so  dafi  alles 
als  Bild  im  Kopfe  ist.  Ich  kriege  die  Kinder  am  nachsten  Morgen  mit 
Photographien  im  Kopf  von  dem,  was  ich  gestern  experimentiert  habe; 
so  kommen  die  Kinder. 

Nun,  am  nachsten  Tage  kann  ich  mehr  reflektierend,  betrachtend 
mich  ergehen  iiber  dasjenige,  was  ich  am  letzten  Tag  experimentiert 
und  rein  erzahlend  wiederholt  habe,  mehr  fur  die  Phantasie  wieder- 
holt habe.  Ich  ergehe  mich  jetzt  in  Betrachtungen  dariiber.  Da  komme 
ich  dem  Bewulkwerden  der  Bilder,  die  bewufit  werden  sollen,  ent- 
gegen.  Also  ich  gebe  eine  Physikstunde,  ich  experimentiere,  ich  wieder- 
hole  vor  den  Kindern  dasjenige,  was  geschehen  ist;  am  nachsten  Tag, 
da  stelle  ich  die  Betrachtungen  an,  die  dazu  fiihren,  dafi  das  Kind 
die  Gesetze  kennenlernt  von  dem,  was  da  vor  sich  gegangen  ist.  Ich 
fiihre  es  mehr  zum  Denkerischen,  Vorstellungsmafiigen  der  Sache,  und 


ich  zwinge  die  Kinder  nicht,  dafl  diese  Bilder,  diese  Photographien,  die 
sie  mir  mitbringen,  ein  wesenloses  Dasein  fiihren.  Denken  Sie,  wenn 
ich  zunachst  die  Kinder  bekomme  mit  den  Photographien  im  Kopf, 
von  denen  sie  nichts  wissen,  und  neuerdings  wiederum  darauf  los  expe- 
rimentiere,  ohne  Nahrung  zu  geben  durch  eine  Betrachtung,  die  ich 
anstelle,  dann  strenge  ich  wiederum  den  ganzen  Menschen  an.  Diese 
Anstrengung  durchwuhlt  den  ganzen  Menschen,  durchwuhlt  diese  Bil- 
der,  und  ich  bringe  eine  Art  von  Chaos  in  diese  Schadel  hinein.  Ich  mufi 
unter  alien  Umstanden  zuerst  dasjenige  befestigen,  was  ja  da  sein  will. 
Ich  mufi  ihm  Nahrung  geben.  Auf  diese  Weise  komme  ich  dazu,  solch 
einen  Unterricht  emzurichten.  Ich  richte  ihn  so  ein,  dafi  er  sich  dann 
den  Lebensvorgangen  anpafit. 

Nehmen  wir  an,  ich  erteile  Geschichtsunterricht.  Wenn  ich  Ge- 
schichtsunterricht  erteile,  werde  ich  genotigt  sein,  ja  nicht  aufierlich 
dem  Kinde  die  Tatsachen  vorzufiihren;  das  fallt  alles  gewissermafien 
weg.  Ich  mufi  es  kiinstlich  so  einrichten,  dafi  die  Anpassung  wieder- 
um nunmehr  an  die  Lebensvorgange  geschieht.  Das  kann  ich  in  der 
folgenden  Weise  erreichen:  Ich  erzahle  zunachst  heute  den  Kindern 
die  blofien  Tatsachen,  die  Tatsachen,  die  sich  aufierlich  im  Raum  und 
in  der  Zeit  abspielen.  Das  packt  wiederum  den  ganzen  Menschen,  wie 
das  Experiment  den  ganzen  Menschen  packt,  weil  der  Mensch  genotigt 
ist,  raumlich  vorzustellen.  Man  soli  darauf  sehen,  dafi  er  raumlich 
vorstellt,  dafi  er  gewissermafien  so  etwas,  was  ich  ihm  erzahle,  kon- 
tinuierlich  im  Geiste  sieht;  auch  zeitlich  soli  er  vorstellen.  Wenn  ich 
dies  gemacht  habe,  dann  versuche  ich,  daran  zu  kniipfen  ein  wenig 
etwas  tiber  die  Personen,  die  vorgekommen  sind,  oder  auch  iiber  die 
Ereignisse,  die  vorgekommen  sind,  aber  nicht  indem  ich  tatsachlich 
erzahle,  sondern  anfange  zu  charakterisieren;  also  indem  ich  die  Auf- 
merksamkeit  auf  dasjenige  hinlenke,  was  ich  zuerst  hingestellt  habe, 
aber  jetzt  etwas  charakterisiere.  Nachdem  ich  diese  zwei  Etappen  ge- 
macht habe,  habe  ich  zuerst  den  ganzen  Menschen  angestrengt,  und 
indem  ich  charakterisiert  habe,  habe  ich  gerade  den  rhythmischen  Men- 
schen angestrengt.  Jetzt  entlasse  ich  das  Kind.  Morgen  empfange  ich  es. 
Da  bringt  es  mir  wieder  die  geistigen  Photographien  des  am  vorigen 
Tage  Mitgemachten  im  Kopfe.  Ich  komme  ihm  entgegen,  wenn  ich 


so  ankniipfe,  dafi  ich  jetzt  mehr  Betrachtungen  dariiber  anstelle,  zum 
Beispiel  dariiber,  ob  Mithradates  oder  Alkibiades  ein  anstandiger 
Mensch  war  oder  nicht,  also  mehr  Betrachtliches.  Ich  raufi  dabei  an 
dem  einen  Tag  das  mehr  objektive  Charakterisierende,  am  anderen 
Tag  das  Urteilende,  Betrachtende  darstellen,  dann  wirke  ich  dahin, 
dafi  sich  die  drei  Glieder  des  dreigliedrigen  Menschen  tatsachlich  in 
der  richtigen  Weise  ineinander  einfugen. 

Das  sind  solche  Dinge,  die  Ihnen  zeigen,  was  man  eigentlich  leisten 
kann,  wenn  man  den  gesamten  Unterricht  gliedert,  wenn  man  ihn  also 
wirklich  den  Lebensverhaltnissen  anpafit.  Das  kann  natiirlich  niemals 
anders  richtig  werden,  als  wenn  der  Lehrplan  so  gestaltet  ist,  wie  er 
bei  uns  gestaltet  ist,  dafi  man  wirklich  eine  langere  Zeit  hindurch  den- 
selben  Gegenstand  behandelt.  Ich  mochte  wissen,  wie  man  es  machen 
sollte,  wenn  an  einem  Tag  Physik  ist  in  der  ersten  Stunde  und  am 
nachsten  Tag  Religion.  Da  mochte  ich  wissen,  wie  man  da  Riicksicht 
nehmen  sollte  auf  dasjenige,  was  da  geblieben  ist,  Natiirlich  ist  es  sehr 
schwierig,  den  gesamten  Unterricht  in  dieser  Weise  zu  gestalten,  aber 
wenigstens  nahern  kann  man  sich  einer  solchen  Gestaltung  des  Unter- 
richts.  Und  wenn  Sie  unseren  Lehrplan  durchdenken,  werden  Sie  iiber- 
all  finden,  dafi  diese  Annaherung  wenigstens  versucht  worden  ist. 

Nun  ist  es  ja  auch  notig,  dafi  man  wirklich  alle  Zusammenhange 
recht  gut  ins  Auge  fafit.  Wenn  Sie  an  das  sich  erinnern,  was  ich  gestern 
gesagt  habe,  dafi  der  ganze  Mensch  eigentlich  der  Logiker  ist,  nicht 
nur  der  Kopf,  so  werden  Sie  die  Bedeutung  der  reinen  Geschicklich- 
keitsarbeiten  auch  in  der  entsprechenden  Weise  wiirdigen  lernen.  Es 
war  durchaus  nicht  blofi  eine  Schrulle,  als  die  Forderung  aufgetaucht 
ist,  bei  uns  sollen  die  Knaben  auch  stricken  und  so  weiter.  In  dieser 
Betatigung  der  Hande  driickt  sich,  bildet  sich  dasjenige  aus,  was  tat- 
sachlich die  Urteilsfahigkeit  um  Wesentliches  erhoht.  Diese  Urteils- 
fahigkeit wird  am  wenigsten  ausgebildet  beim  Menschen,  wenn  man 
ihn  logische  "Qbungen  machen  lafit.  Diese  logischen  Ubungen  sind  ei- 
gentlich gar  nicht  geeignet,  die  Urteilsfahigkeit  des  Menschen  auszu- 
bilden.  Wenn  man  ihn  Subjekt  und  Pradikat  verbinden  lafit,  in  dieser 
Weise  logische  Ubungen  machen  lafit,  tragt  man  gar  nichts  dazu  bei, 
dafi  er  urteilsfahiger  wird.  Hochstens  tragt  man  etwas  dazu  bei,  dafi 


seine  Urteilsfahigkeit  starr  wird.  Er  wird  so  ein  Mensch,  der  im  spa- 
teren  Leben  eigentlich  immer  nur  nach  einem  Schema  urteilen  kann. 
Wenn  man  zuviel  solche  gedankliche  Ubungen  macht,  erzieht  man  den 
Menschen  zu  einem  schematischen  Menschen.  AufSerdem  hat  dieses 
Urteiluben  keine  andere  Folge,  als  daft  zuviel  Salz  abgelagert  wird 
und  der  Mensch  durchsalzt  wird.  Er  neigt  dann  allzuleicht  zu  Schweift- 
bildung,  die  wir  allzugut  bemerken  konnen,  wenn  wir  Kinder  zu  stark 
urteilsfahig  anstrengen.  Dann  schwitzen  sie  in  der  Nacht  zuviel.  Das 
ist  iiberhaupt  so:  wenn  wir  richtig  geistig  sein  wollen,  ohne  dafi  wir 
wissen,  dafi  das  Physisch-Leibliche  der  reine  Ausdruck  des  Geistigen 
ist,  wenn  wir  zu  stark  einseitig  geistig  sein  wollen,  so  behandeln  wir 
zumeist  den  Leib,  und  zwar  zumeist  in  falscher  Weise.  Die  Padagogik, 
wie  die  Herbartsche  Padagogik,  die  vorzugsweise  von  einer  Behand- 
lung  des  Vorstellungsvermogens  ausgeht,  hat  im  Effekt  das  Ruinieren 
des  menschlichen  Leibes.  Und  das  mufi  man  als  Erziehender  und  Unter- 
richtender  durchaus  wissen. 

Sie  konnen  das  im  Zusammenhang  mit  anderen  Erscheinungen  des 
Lebens  bemerken.  Nicht  wahr,  nach  einer  gewissen  Anschauung,  die 
gewifi  ihre  tiefe  Berechtigung  hat,  mufi  jeder  anstandige  Mensch  eine 
Predigt  anhoren.  Dasjenige,  was  er  da  in  der  Predigt  zumeist  hort,  das 
ist  ja  etwas  sehr,  sehr  Abstraktes,  und  man  sucht  sogar  darin  den  Men- 
schen recht  vom  Leben  abzulenken  und  ihn  im  Anhoren  der  Predigt 
in  hohere  Regionen  zu  versetzen.  Die  Predigt  wird  so  gehalten,  dafi 
der  Mensch  sich  erbauen  soli  und  so  weiter.  Alles  das  hat  ganz  gewifi 
natiirlich  seine  Berechtigung,  aber  man  mufi  doch  verstehen,  was  in  der 
Realitat  eigentlich  durch  die  jetzigen  Predigten  geschieht,  gerade  durch 
diejenigen,  die  sich  recht  abstrakt  halten,  die  durch  Leute  gehalten 
werden,  die  nichts  von  Naturzusammenhangen  gelernt  haben,  so  dafi 
hinter  ihren  Gedanken  gar  nichts  von  Naturzusammenhangen  ist,  von 
Leuten,  die  nicht  einmal  eine  Freude  an  den  Naturerscheinungen  haben. 
Nehmen  wir  an,  die  Menschen  gehen  zu  solchen  Predigten,  die  recht 
lebensfremd  sind.  Heute  werden  viele  solche  Predigten  gehalten,  die 
ganz  lebensfremd  sind.  Die  Leute  horen  sie  sich  an,  und  es  wird  eigent- 
lich eine  zunachst  aufierlich  gar  nicht  bemerkbare  Krankheit  in  den 
Menschen  bewirkt.  Physisch  werden  die  Menschen  in  einem  gewissen 


leisen  Grade,  der  aufierlich  nicht  bemerkbar  ist,  krank.  DieWirkung  der 
meisten  Predigten  ist,  dafi  kleine  Krankheiten  geziichtet  werden,  so 
dafi  der  Mensch  also  ein  paar  Stunden  nach  der  Predigt  einen  Krank- 
heitsprozefi  durchmacht.  Dieser  Krankheitsprozefl  verursacht  einem 
einen  Schmerz,  der  nicht  gerade  ganz  uber  die  Schwelle  des  Bewufit- 
seins  heraufkommt,  aber  von  dem  Menschen  doch  halbbewufk  oder 
einviertelbewufit  erlebt  wird.  Das  aber  bringt  es  dahin,  daft  der  Mensch 
sich  so  recht  in  seinem  elenden  Leibe  fiihlt.  Aber  das  kann  doch  nicht 
sein,  die  Predigt  hat  ihn  doch  erhoben  in  geistigere  Regionen.  Das  kann 
doch  nicht  sein,  dafi  er  sich  durch  sie  in  seinem  kranken  Leibe  fiihlt. 
Dann  interpretiert  er  sich  dieses  Elendfiihlen  und  wird  zerknirscht, 
fiihlt  sich  so  recht  als  Sunder.  Das  ist  die  Interpretation  der  Krankheit, 
die  auf  die  Predigt  folgt.  Es  ist  sogar  etwas,  was  mit  einem  gewissen 
unbewufiten  Raffinement  durchaus  beabsichtigt  sein  kann,  denn  man 
erreicht  ja  natiirlich,  dafi  sich  die  Menschen  als  Sunder  fiihlen. 

Nun,  ich  fiihre  das  an  als  eine  Erscheinung,  die  ganz  allgemein  ist 
im  heutigen  Leben;  sie  hangt  mit  all  den  anderen  Niedergangserschei- 
nungen  zusammen.  Ich  fiihre  das  aus  dem  Grund  an,  damit  Sie  sehen, 
dafi  ein  falsches  Betreiben  des  Geistigen  nicht  aufs  Geistige  wirkt,  son- 
dern  gerade  auf  das  Leibliche,  und  zwar  in  ganz  konkreter  Weise 
auf  das  Leibliche  wirkt;  und  damit  Sie  daraus  auch  sehen,  daft  wir 
unsere  Kinder  nur  so  erziehen  und  unterrichten  sollen,  dafi  wir  immer 
wissen,  wie  der  Zusammenklang  des  Geistigen  mit  dem  Leiblichen 
eigentlich  ist. 

Sehen  Sie,  da  wirken  manchmal  merkwurdige  Dinge;  sie  werden 
nicht  beobachtet  und  sie  gehoren  doch  zu  den  kulturgeschichtlich  aller- 
wichtigsten  Dingen.  Wir  haben  eine  Zeit  gehabt,  so  im  letzten  Drittel 
des  19.  Jahrhunderts,  da  ist  der  Geographieunterricht  gegeniiber  dem 
Geschichtsunterricht  eigentlich  in  den  Lehrplanen  etwas  zuruckge- 
drangt  worden.  Man  hat  ja  auch  immer  die  Geographie  bei  den  Lehr- 
befahigungspriifungen  an  irgend  etwas  angehangt.  Sie  ist  weniger  be- 
rucksichtigt  worden.  Entweder  der  Geschichtslehrer  bekam  sie  ange- 
hangt, oder  in  gewissen  Gegenden  wurde  sie  an  den  Naturgeschichts- 
unterricht  angehangt.  Die  Geographie  ist  tatsachlich  eine  Zeitlang  zu- 
riickgedrangt  worden.  Nun  bedenken  Sie  dasjenige,  was  ich  Ihnen  da 


durch  das  kleine  Galgenmannchen  an  die  Tafel  gezeichnet  habe.  Wenn 
wir  den  Menschen,  der  schliefit,  den  Menschen,  der  also  sich  betatigt, 
sehen,  wie  er  drinnensteht  in  der  ganzen  Welt,  nicht  sich  herauslost 
durch  den  Kopf  aus  der  Welt,  wenn  wir  diesen  Menschen  uns  vergegen- 
wartigen,  so  ist  er  eigentlich  ohne  den  Raum  gar  nicht  denkbar.  Der 
Raum  gehort  zu  diesem  Menschen  dazu.  Er  ist  ein  Glied  in  der  raum- 
lichen  Welt,  insofern  er  ein  Beine-  und  Fiifiemensch  ist.  Und  wenn  wir 
das  raumlich  betrachten,  dann  ist  es  in  gewisser  Weise  fur  unseren 
astralischen  Leib  ein  Sich-auf-die-Beine-Stellen,  wenn  wir  Geographie 
mit  dem  Kinde  treiben.  Es  wird  tatsachlich  der  astralische  Leib  unten 
machtiger  und  dichter.  Wir  treiben  das  Raumliche,  und  wir  verdich- 
ten  daher  das  Geistig-Seelische  des  Menschen  nach  dem  Boden  hin. 
Mit  anderen  Worten:  Wir  bringen  den  Menschen  zu  einer  gewissen 
Festigung  in  sich  gerade  dadurch,  dafi  wir  recht  anschaulich  das  Geo- 
graphische  betreiben,  aber  diese  Geographie  so  betreiben,  dafi  wir  im- 
mer  das  Bewufitsein  hervorrufen,  dafi  der  Niagara  nicht  an  der  Elbe 
liegt,  sondern  dafi  wir  immer  das  Bewufitsein  hervorrufen:  wieviel 
Raum  liegt  zwischen  Elbe  und  Niagara. 

Wenn  wir  das  wirklich  anschaulich  betreiben,  dann  stellen  wir  den 
Menschen  in  den  Raum  hinein,  wir  bilden  insbesondere  dasjenige  in 
ihm  aus,  was  ihm  ein  Weltinteresse  beibringt,  und  das  wird  sich  in  der 
verschiedensten  Weise  in  der  Wirkung  zeigen.  Ein  Mensch,  mit  dem 
wir  verstandig  Geographie  treiben,  steht  liebevoller  seinem  Nebenmen- 
schen  gegenuber  als  ein  solcher,  der  nicht  das  Daneben-im-Raum  er- 
lernt.  Er  lernt  das  Danebenstehen  neben  den  anderen  Menschen;  er 
beriicksichtigt  die  anderen.  Diese  Dinge  gehen  stark  in  die  moralische 
Bildung  hiniiber,  und  das  Zuriickdrangen  der  Geographie  bedeutet 
nichts  anderes  als  eine  Aversion  gegen  die  Nachstenliebe,  die  sich  in 
unserem  Zeitalter  immer  mehr  und  mehr  zuriickdrangen  lassen  mulke. 
Man  merkt  solche  Zusammenhange  nicht,  aber  sie  sind  vorhanden. 
Denn  es  wirkt  immer  eine  gewisse  unterbewufite  Vernunft  oder  Unver- 
nunft  in  den  Erscheinungen  des  Zivilisationslebens. 

Eine  ganz  andere  Wirkung  hat  der  Geschichtsunterricht,  der  auf  das 
Zeitliche  geht  und  den  wir  nur  richtig  betreiben,  wenn  wir  das  Zeitliche 
ordentlich  berucksichtigen.  Wenn  wir  eigentlich  nur  Bilder  im  Ge- 


schichtsunterricht  geben,  so  berucksichtigen  wir  das  Zeitliche  zu  wenig. 
Sehen  Sie,  wenn  ich  einem  Kinde  iiber  Karl  den  Grofien  erzahle,  so 
wie  wenn  das  sein  Oheim  ware,  der  jetzt  noch  lebt,  so  fiihre  ich  eigent- 
lich  das  Kind  irre.  Ich  mufi  stets,  wenn  ich  iiber  Karl  den  Grofien  er- 
zahle, den  zeitlichen  Abstand  gegenwartig  machen,  ich  mufi  das  so 
machen,  dafi  ich  sage:  Stelle  dir  vor,  du  bist  jetzt  ein  kleiner  Junge, 
du  ergreifst  die  Hand  deines  Vaters.  -  Da  kann  er  sich  etwas  vorstel- 
len  darunter.  Jetzt  mache  ich  ihm  klar,  wieviel  alter  der  Vater  ist  - 
und  nun:  der  Vater  ergreift  die  Hand  seines  Vaters,  der  wieder  die 
Hand  seines  Grofivaters  und  so  weiter.  So  habe  ich  ihn  um  60  Jahre 
hinaufgeleitet.  Vom  Grofi vater  geht  man  weiter;  und  jetzt  sage  ich 
ihm:  Stelle  dir  30  hintereinander  vor.  -  Ich  habe  ihm  eine  Reihe  vorge- 
stellt  und  klargemacht:  Der  30.  kann  Karl  der  Grofie  sein.  -  Dadurch 
bekommt  er  ein  zeitliches  Distanzgefuhl.  Nicht  isoliert  die  Dinge  hin- 
stellen,  sondern  dieses  Distanzgefuhl  erfassen,  das  ist  wichtig,  wenn 
richtiger  Geschichtsunterricht  erteilt  werden  soli. 

Es  ist  durchaus  notwendig,  dafi  man  auf  charakteristische  Unter- 
schiede  hinweist,  wenn  man  verschiedene  Zeitepochen  behandelt,  da- 
mit  die  Kinder  eine  Vorstellung  bekommen,  wie  sich  die  Zeitabschnitte 
voneinander  unterscheiden.  Es  handelt  sich  darum,  daft  das  Geschicht- 
liche  vorzugsweise  in  der  Zeitvorstellung,  in  der  Zeitanschauung  lebt. 
Das  aber  wirkt  stark  auf  das  Innerliche  im  Menschen,  regt  die  Inner- 
lichkeit  des  Menschen  an.  Und  wenn  wir  den  Geschichtsunterricht  so 
treiben,  dafi  er  nicht  die  richtige  Stellung  einnimmt,  sondern  dafi  er 
das  Innerliche  auch  noch  in  einer  zu  stark  interessierten  Weise  ergreift, 
indem  man  gerade  die  landeskundliche  Geschichte  immer  wiederum 
und  wiederum  tradiert  und  die  fernerliegenden  Ereignisse  weniger  be- 
trachtet,  also  wenn  man  dem  Geschichtsunterricht  eine  falsche  Stel- 
lung gibt,  wenn  man  zu  sehr  auf  gewisse  Dinge,  falschen  Patriotismus 
und  dergleichen  den  Geschichtsunterricht  einrichtet  —  ich  glaube,  die 
Beispiele  werden  Ihnen  nicht  allzuferne  liegen  -,  dann  wirkt  man  ins- 
besondere  auf  das  Eigensinnigwerden  des  Inneren,  auf  das  Launisch- 
werden  des  Inneren.  Das  ist  eine  Nebenwirkung.  Und  vor  alien  Din- 
gen  macht  man  dadurch  die  Menschen  abgeneigt,  den  Welterschei- 
nungen  gegeniiber  objektiv  zu  sein.  Und  das  ist  ja  das  grofie  Ubel  in 


unserer  Zeit.  Das  nicht  gehorige  Treiben  der  Geographie  und  das  Trei- 
ben  eines  falschen  Geschichtsunterrichtes  im  Verlauf  dieses  Zeitalters 
hat  viel  von  dem  bewirkt,  was  die  grofie  Krankheit  unseres  Zeitalters 
ist.  Und  wahrscheinlich  werden  Sie  selber  zuriickdenken  konnen,  was 
Ihnen  in  der  Geschichte  zugemutet  worden  ist,  und  Sie  werden  daraus 
ersehen,  wie  schwer  es  Ihnen  wird,  mancher  Erscheinung  gegenuber 
zurechtzukommen. 

Das  sind  so  Beispiele,  welche  zeigen,  wie  der  Unterricht  und  die 
Erziehung  gehen  mussen,  wenn  an  die  Lebensbedingungen,  an  die  Le- 
bensimpulse  selbst  in  gesunder  Art  angeknupft  werden  soil.  Wir  kon- 
nen einfach  nicht  so  unterrichten,  daft  wir  blofi  hinschauen  darauf, 
mit  irgendeinem  Stoff  fertig  zu  werden,  sondern  wir  mussen  vor  alien 
Dingen  die  Lebensbedingungen  des  Menschen  in  leiblicher,  seelischer 
und  in  geistiger  Beziehung  im  Auge  haben.  Der  Mensch  mufi  uns  ge- 
wissermafien  immer  vor  Augen  stehen.  Und  er  mufi  uns  so  vor  Augen 
stehen,  dafi  wir  ihn  selber  auch  als  ein  Ganzes  iiberblicken,  insofern  er 
ja  ein  Wesen  ist,  das  auch  zwischen  Einschlafen  und  Aufwachen  sehr 
stark  mitarbeitet.  Wenn  wir  namlich  gar  nicht  Riicksicht  nehmen  dar- 
auf,  dafi  der  Mensch  auch  schlaft  -  und  der  heutige  Unterricht  tut 
das  ausnahmslos,  er  denkt  gar  nicht  daran,  dafi  der  Mensch  auch 
schlaft,  hochstens  hygienisch  -  und  dafi  da  im  Menschen  in  irgend- 
einer  Weise  dasjenige  fortarbeitet,  was  man  im  Unterricht  tut,  dann 
hat  das  eine  ganz  bestimmte  Wirkung:  man  macht  den  Menschen  da- 
durch,  daft  man  nicht  Riicksicht  nimmt  darauf ,  dafi  etwas  in  der  Nacht 
aus  ihm  heraufien  ist,  zum  Automaten. 

Und  tatsachlich  konnte  man  sagen:  In  vieler  Beziehung  ist  heute 
unsere  Erziehung  und  unser  Unterricht  nicht  eine  Erziehung  und  ein 
Unterricht  zur  Menschlichkeit,  sondern  zu  dem  auffalligsten  Typus 
des  menschlichen  Automaten,  der  durch  den  Assessorismus  gegeben 
ist.  Es  wird  heute  im  wesentlichen  auf  den  Assessorismus  hin  erzogen. 
Der  Assessorismus  besteht  im  wesentlichen  darinnen,  dafi  der  Mensch 
nicht  mehr  Mensch  ist,  sondern  ein  Abschlufi,  eine  bestimmte  Existenz. 
Man  hat  den  Menschen  vor  sich,  und  es  ist  einerlei,  ob  es  der  A  oder  B 
ist,  wenn  sie  beide  Assessor  oder  Referendar  sind.  Es  ist  einerlei,  ob 
es  der  A  oder  B,  der  X,  Y  oder  Z  ist. 


Das  beruht  darauf,  daft  man  bei  der  Erziehung  nur  auf  den  wachen 
Menschen  Riicksicht  genommen  hat;  weil  man  iiberhaupt  das  Geistige 
geleugnet  hat  und  dadurch  nichts  sieht  zwischen  dem  Einschlafen  und 
Aufwachen.  Es  ist  das  in  der  neueren  Philosophic  so  erschreckend  her- 
vorgetreten  bei  Descartes  und  Bergson,  indem  diese  Philosophen  be- 
haupten,  das  Ich  sei  das  Kontinuierliche  im  Menschen,  man  soli  nur 
immer  auf  dieses  hinschauen,  im  Ich  erfasse  man  die  Realitat.  Ich 
mochte  bloft  die  Leute  ernsthaf  t  darauf  hinweisen,  daft  sie  dann  auf ho- 
ren  zu  sein,  wenn  sie  anfangen  einzuschlafen,  und  erst  wieder  anfangen 
zu  sein,  wenn  sie  auf  wachen;  denn  das  Ich  wird  nicht  erf  aft  t  in  der  Zeit 
zwischen  Einschlafen  und  Aufwachen.  Es  tritt  da  zuriick,  so  daft  ei- 
gentlich  die  Cartesiussche  und  Bergsonsche  Seinsformel  nicht  lauten 
mufi:  Ich  denke,  also  bin  ich  -,  sondern:  Ich  habe  gedacht  am  2.  Juni 
1867  von  6  Uhr  morgens  bis  8  Uhr  abends,  also  war  ich  in  dieser  Zeit; 
dann  habe  ich  gedacht  am  nachsten  Tag  von  6  Uhr  friih  bis  8  Uhr 
abends,  also  war  ich  in  dieser  Zeit.  -  So  kommt  man  dazu,  daft  das 
Sein  sehr  kompliziert  wiirde.  Man  miiftte  das  Dazwischenliegende  aus- 
lassen,  Daran  denken  aber  die  Leute  nicht,  weil  sie  es  im  Ernste  nur 
mit  allerlei  Ideen  und  Abstraktionen  zu  tun  haben  wollen  und  nicht 
mit  Realitaten,  die  der  menschlichen  Wesenheit  zugrunde  liegen. 

Im  Unterricht,  da  muft  man  es  mit  Realitaten  zu  tun  haben,  dann 
wird  man  wiederum  Menschen  erziehen.  Wir  brauchen  uns  nicht  zu 
kummern,  daft  dann  die  richtigen  Einrichtungen  erstehen,  sondern  die 
Menschen,  die  als  Menschen  erzogen  worden  sind,  werden  sie  sich 
machen.  Hier  liegt  aber  dasjenige,  was  einem  erst  zum  tiefen  Verstand- 
nis  bringen  kann,  daft  das  Geistesleben  ein  selbstandiges  und  unab- 
hangiges  sein  mufi.  Es  kann  nur  Menschen  erziehen,  wenn  es  lediglich 
auf  die  Menschenerziehung  hinwirkt  und  die  Einrichtungen  erst  denkt 
als  Folge  dieser  Menschenerziehung,  die  nicht  der  Staat  erst  macht. 
Daher  kann  das  Geistesleben  nicht  ein  Anhangsel  des  Staates  oder  der 
Wirtschaft  sein,  sondern  es  mufi  sich  dieses  Geistesleben  durchaus  aus 
sich  selbst  heraus  entwickeln. 


VIERTER  VORTRAG 


Stuttgart,  15.  Juni  1921 


Es  wird  Ihnen  aus  den  Betrachtungen,  die  wir  angestellt  haben,  her- 
vorgegangen  sein,  daft  der  Lehrer  schon  in  seine  ganzen  Erwagungen 
eine  genauere  Erkenntnis  auch  des  physisch-leiblichen  Menschen  einbe- 
ziehen  mufi.  Und  warum  wir  gerade  jetzt  solche  scheinbar  ferner 
liegenden  Betrachtungen  anstellen,  das  hat  seinen  Grund  darin,  daft 
wir  in  unserer  Schule  vor  einer  sehr  bedeutungsvollen  Aufgabe  stehen, 
namlich  der,  zu  den  eigentlichen  Volksschulklassen  die  10.  Klasse  hin- 
zuzufiigen,  die  dann  doch  schon  reifere  Knaben  und  Madchen  ent- 
halten  wird;  und  daft  wir  dabei  dem  Lebensalter  gegenuberstehen,  das 
besonders  vorsichtig  wird  behandelt  werden  mussen.  Ich  mochte  ei- 
gentlich  in  diesen  Tagen  noch  dahin  arbeiten,  bei  Ihnen  eine  griindliche 
Betrachtung  hervorzurufen,  gerade  dieses  kindlichen  Lebensalters,  das 
ja  mit  wichtigen  Entwickelungszustanden  zusammenhangt. 

Nun  konnen  Sie  sagen:  Das  geht  nur  diejenigen  an,  die  mit  diesen 
Kindern  beschaftigt  sind.  -  Aber  das  ist  nicht  richtig.  Es  ist  schon  so, 
daft  unser  Lehrerkollegium  immer  mehr  und  mehr  zusammenwachsen 
mufi  zu  einem  ganzen  Organismus;  und  da  werden  wir  alle  in  einer 
gewissen  Weise  doch  direkt  oder  indirekt  beteiligt  sein  mussen  an  der 
Gesamterziehung  der  Kinder  der  Schule. 

Ich  mufi  nur  heute  noch  einiges  vorausgehen  lassen,  ehe  ich  vor 
Ihnen  die  Anforderungen  des  14.,  15.,  16.  Jahres  im  kindlichen  Lebens- 
alter betrachten  werde.  Und  wir  werden  ja  dann  auch  in  der  gemein- 
schaftlichen  Konferenz  den  Lehrplan  gerade  fiir  die  wichtige  10.  Klasse 
auszuarbeiten  haben. 

Nun,  heute  mochte  ich  dem  noch  einiges  in  dem  Stile  vorangehen 
lassen,  in  dem  wir  gestern  und  vorgestern  begonnen  haben.  Ich  mochte 
Ihnen  zunachst  noch  einmal  die  Betrachtung  des  sogenannten  Zusam- 
menhanges  des  Geistig-Seelischen  und  des  Physisch-Leiblichen  beim 
Menschen,  insbesondere  beim  Kinde,  auf  die  Seele  legen.  Es  ist  ja  das 
Geistig-Seelische  in  der  allgemeinen  Bildung  heute  fast  nur  in  intellek- 
tueller  Form  vorhanden.  Wir  haben  in  unserem  Kulturleben  ein  eigent- 


lich  lebendiges  Geistesleben  nicht.  Und  in  denjenigen  Gegenden  Mittel- 
europas,  die  noch  vom  Katholizismus  durchsetzt  sind,  hat  ja  der  Ka- 
tholizismus  unwahre  Formen  angenommen,  so  dafi  man  auch  da  nicht 
sagen  kann,  dafi  da  besonders  viel  Hilfe  in  bezug  auf  religiose  Vermitt- 
lung  des  Geisteslebens  zustande  kommt.  Das  evangelische  Geistesleben 
ist  ja  mehr  oder  weniger  ganz  intellektualistisch  geworden.  Nun  kann 
natiirlich  in  unsere  Schule  das  eigentliche  Geistesleben  nur  dadurch 
hineinkommen,  dafi  sich  unsere  Lehrerschaft  eben  aus  Anthroposophen 
zusammensetzt.  Dadurch,  nicht  durch  das  Lehren  der  Anthroposo- 
phie  -  unsere  Schule  darf  eben  nicht  Weltanschauungsschule  sein 
aber  durch  die  ganze  Art  und  Weise,  wie  sich  unsere  Lehrer  verhal- 
ten,  durch  dasjenige,  was  sie  in  ihrer  Seele  tragen,  wird  wie  durch 
seelische  Imponderabilien  das  Geistig-Seelische  in  unsere  Schule  hin- 
eingetragen. 

Wenn  wir  nun  dasjenige  treiben,  was  wir  den  Kindern  auf  den  ver- 
schiedensten  Gebieten  beibringen  miissen,  also  ich  will  sagen,  was  wir 
ihnen  beibringen,  wahrend  wir  mit  ihnen  lesen  oder  ihnen  das  ver- 
mitteln,  was  zum  Lesen  fuhrt,  was  wir  ihnen  beibringen  als  das  Ge- 
dankliche  im  Rechnen,  was  wir  ihnen  beibringen  auch  in  der  Natur- 
geschichte  oder  Naturlehre  -  durch  all  das,  was  in  Gedanken  sich 
ausspricht,  bringen  wir  eben  Vorstellungen  an  sie  heran.  Und  Vor- 
stellungen  an  die  Kinder  heranbringen,  das  ist  im  Grunde  eine  ganz  an- 
dere  Betatigung  gegeniiber  dem  kindlichen  Organismus,  als  diejenige 
ist,  die  sich  ja  allerdings  in  die  anderen  zum  Teil  hineinmischt,  aber 
zum  Teil  selbstandig  getrieben  wird.  Nicht  wahr,  ganz  selbstandig 
wird  das  Korperlich-Leibliche  getrieben  bei  Eurythmie,  beim  Musik- 
unterricht,  beim  Turnunterricht,  in  einer  gewissen  Weise  beim  Instru- 
mentalunterricht,  nicht  mehr  aber  beim  Gesangunterricht.  Natiirlich 
ist  alles  nur  relativ.  Aber  es  ist  durchaus  polarisch  verschieden,  was 
wir  in  diesen  Fachern  an  die  Kinder  heranbringen,  auch  was  das  Kind 
beim  Lesen,  beim  Schreiben  lernt,  wo  wir  stark  an  die  korperliche  Ta- 
tigkeit  appellieren,  von  den  Fachern,  wo  dies  viel  weniger  der  Fall  ist, 
etwa  beim  Rechnen,  wo  die  korperliche  Tatigkeit  eine  untergeordnete 
Rolle  spielt;  wahrend  gerade  beim  Schreiben  die  korperliche  Betatigung 
eine  sehr  grofte  Rolle  spielt. 


Nun,  iiber  alle  diese  Einzelheiten  sollte  eigentlich  mancherlei  ge- 
sprochen  werden.  Ich  mochte  nur  am  Schreiben  anschaulich  machen, 
inwiefern  da  die  korperliche  Tatigkeit  eine  Rolle  spielt.  Es  gibt  zwei 
Menschentypen  in  bezug  auf  das  Schreiben  -  ich  glaube,  ich  habe  zu 
denjenigen,  die  schon  langer  hier  sind,  iiber  dieses  Faktum  schon  ge- 
sprochen  es  gibt  also  zwei  Menschentypen.  Der  eine  Menschentypus 
schreibt  so,  dafi  das  Geschriebene  gewissermaflen  aus  der  Hand  her- 
ausflieflt.  Es  ist  die  Formung  der  Schrift  formlich  im  Handgelenk. 
Der  kaufmannische  Schreibunterricht  insbesondere  wird  dahin  erteilt, 
daft  das  Schreiben  im  Handgelenk  ist.  Und  das  ist  im  Grunde  ge- 
nommen  alles,  was  fiir  das  Schreiben  dann  in  Betracht  kommt.  Das  ist 
bei  dem  einen  Typus  von  Menschen  so,  dafi  sie  veranlagt  sind,  so  das 
Schreiben  zu  lernen.  Der  andere  Typus  ist  daraufhin  veranlagt,  die 
Schriftzeichen  sich  anzuschauen.  Er  richtet  den  Blick  immerfort  auf 
seine  Schrift  und  verhalt  sich  zur  eigenen  Schrift,  wenn  auch  leise, 
asthetisch.  Er  sieht  das  an,  was  er  schreibt,  und  er  hat  ein  Behagen 
daran,  wie  seine  Buchstaben  sind.  Es  ist  der  malende  Typus.  Da  ist 
das  Schreiben  nicht  so  stark  im  Handgelenk.  Es  gibt  Menschen,  die 
schreiben  so,  wie  der  Kaufmann  schreibt;  der  malt  gar  nicht.  Ich  habe 
sogar  eine  merkwurdige  Art  der  Unterweisung  des  Schreibens  kennen- 
gelernt  in  einer  Schule,  die  vorbereitend  war  fiir  Kaufleute.  Da  wur- 
den  die  Leute  veranlafit,  fortwahrend  Schwiinge  zu  machen,  und  dann  - 
nicht  wahr,  sie  machten  jeden  Buchstaben  aus  einem  bestimmten 
Schwung  des  Handgelenkes  heraus  -  nahm  die  Schrift  den  Charakter 
an,  dafi  alles  darinnen  schwunghaft  war.  Nun,  ich  erinnere  Sie  nur 
daran,  dafi  das  im  auflersten  Extrem  zu  etwas  Furchtbarem  fiihrt.  Sie 
werden  manchmal  schon  Leute  kennengelernt  haben,  die,  bevor  sie 
anfangen  zu  schreiben,  mit  der  Feder  in  der  Luft  herumfuchteln, 
Schwiinge  ausfiihren,  bevor  sie  ansetzen.  Es  ist  das  ein  furchtbarer  Zu- 
stand,  wenn  man  diese  Handgelenkschwiinge  im  Extrem  treibt. 

Man  sollte  eigentlich  das  malende  Schreiben  an  den  Menschen  her- 
ankommen  lassen.  Es  ist  das  weit  hygienischer,  weit  gesiinder.  Wenn 
man  nun  so  schreibt,  dafi  man  zu  gleicher  Zeit  das  Auge  auf  seine 
Schrift  gerichtet  halt  und  asthetisches  Behagen  hat  an  seinen  Schrift- 
zeichen, also  malerisch  schreibt,  dann  wird  das  Mechanische  mehr  in  den 


Korper  zuriickgedrangt.  Es  schreibt  nicht  das  Handgelenk,  es  schreibt 
mehr  der  innere  Organismus.  Und  das  ist  aufierordentlich  wichtig, 
denn  es  wird  viel  mehr  das  Mechanische  von  der  Peripherie  abgelenkt 
und  auf  den  ganzen  Menschen  zuriickgelenkt.  Sie  werden  auch  bemer- 
ken:  wenn  es  Ihnen  gelingt,  jemanden  ganz  gut  auf  dieses  malende 
Schreiben  hinzufiihren,  so  lernt  er  zuletzt  auch  mit  den  Zehen  schrei- 
ben.  Und  das  ware  ein  gewisser  Triumph,  wenn  man  es  dahin  bringen 
konnte,  daft  Buchstaben  durch  Haltung  eines  Bleistiftes  zwischen  der 
grofien  Zehe  und  der  nachsten  Zehe  richtig  geformt  werden  konnten. 
Ich  meine  nicht,  dafi  das  artistisch  ausgebildet  werden  sollte;  aber  es 
ist  darinnen  dieses  Ubertragen  der  mechanischen  Tatigkeit  auf  den 
ganzen  Menschen. 

Nun,  in  dieser  Beziehung  sind  ja  die  Menschen  aufierordentlich  un- 
geschickt,  sie  konnen  sich  nicht  einmal,  wenn  ihnen  vom  Waschtisch 
etwas  herunterfallt,  es  mit  den  Zehen  aufheben  wie  mit  der  Hand, 
und  das  miifiten  die  Menschen  doch  wenigstens  konnen.  Das  sieht 
grotesk  aus,  wenn  man  das  sagt.  Aber  Sie  werden  verstehen,  daft  es  auf 
etwas  Bedeutsames  hindeutet.  Man  miiftte  also  das  malende  Schreiben 
pflegen,  denn  dadurch  wird  auf  der  einen  Seite  die  eigentliche  mecha- 
nische Tatigkeit  in  den  Korper  zuriickgedrangt,  und  es  wird  an  die 
Oberflache  heraufgebracht,  aufierhalb  der  Oberflache  herausgebracht 
die  Beziehung  des  Menschen  zum  Geschriebenen.  Es  wird  der  Mensch 
in  seine  Umgebung  hineingefiigt.  Der  Mensch  sollte  sich  eigentlich  dar- 
an  gewohnen,  alles,  was  er  tut,  auch  zu  sehen,  es  nicht  bloft  gedanken- 
los  mitzumachen,  sondern  es  zu  sehen;  und  gedankenlos  wird  zumeist 
geschrieben. 

Das  Schreiben  ist  nun  also  eine  solch  verschiedenseitige  Tatigkeit. 
Aber  gerade  deshalb  wird  man  es  in  gewissem  Sinne  auch  als  etwas 
Bedeutsames  im  Unterricht  betrachten  konnen.  Beim  Rechnen  kommt 
ja  die  eigentliche  Schreibtatigkeit  nicht  in  Betracht,  weil  der  Mensch  zu 
sehr  in  Anspruch  genommen  ist  durch  die  Gedankenarbeit;  da  tritt 
die  Schreibarbeit  mehr  oder  weniger  zuriick. 

Nun  miissen  wir  uns  klar  sein,  was  da  eigentlich  im  Menschen  vor- 
geht,  wenn  Sie  mit  dem  Kinde  etwas  lesen.  Es  ist  das  allerdings  -  im 
Bilde  -  aber  doch  eben  eine  zunachst  geistige  Betatigung.  Die  setzt  sich 


in  die  Korperlichkeit  hinein  fort.  Und  gerade  bei  denjenigen  Dingen, 
die  auf  der  gedanklichen,  geistigen  Tatigkeit  beruhen,  bei  denen  nimmt 
man  feine  Teile  der  menschlichen  physischen  Organisation  ganz  be- 
sonders  in  Anspruch.  Sie  konnen  auch  als  Physiologe  darauf  kommen, 
wenn  Sie  sich  ein  Bild  machen  von  dem  tiefer  gelegenen  Teil  des  Ge- 
hirnes,  von  der  weifien  Masse.  Diese  ist  eigentlich  die  vollkommener 
organisierte.  Sie  ist  diejenige,  die  mehr  auf  das  Funktionelle  hingeht, 
wahrend  die  oberflachliche  graue  Masse,  die  also  beim  Menschen  ganz 
besonders  ausgebildet  ist,  auf  einer  sehr  zurikkgebliebenen  Stufe  der 
Entwickelung  steht;  sie  ist  Nahrungsvermittlerin  des  Gehirns.  Der 
Entwickelung  nach  ist  nicht  der  Gehirnmantel  das  Vollkommenere, 
sondern  die  darunterliegenden  Teile  sind  das  Vollkommenere.  Und 
wenn  wir  nun  einem  Kinde  namentlich  zu  Beobachtendes  beibringen, 
oder  dasjenige,  was  es  beim  Lesen  erlebt,  so  nehmen  wir  sehr  stark 
seine  Graugehirnmasse  in  Anspruch,  und  es  findet  ein  feiner  Stoff- 
wechselprozefi  im  Menschen  statt.  Dieser  feine  Stoffwechselpro- 
zefi,  der  da  im  Menschen  stattfindet,  dehnt  sich,  wenn  auch  in  einer 
sehr  feinen  Weise,  auf  den  ganzen  Organismus  aus.  Und  gerade  wenn 
wir  meinen,  das  Kind  am  geistigsten  zu  beschaftigen,  wirken  wir  eigent- 
lich leiblich-physisch  am  allerstarksten  auf  dasselbe.  Es  ist  ein  Hinein- 
drangen  in  den  Stoffwechsel  beim  Beobachten,  beim  Lesen,  beim  Er- 
zahlenhoren.  Da  ist  das  Kind  aufterordentlich  stark  in  Anspruch  ge- 
nommen.  Das  ist  dasjenige,  was  man  nennen  konnte:  die  Einpragung 
des  Geistigen  in  die  Leiblichkeit.  Es  ist  eine  Art  Verkorperung  des- 
jenigen  notwendig,  was  wir  im  Beobachten,  im  Erzahlenhoren  ent- 
wickeln.  Es  mufi  sich  etwas  wie  ein  korperliches  Phantom  bilden,  was 
sich  in  den  ganzen  Organismus  eingliedert.  Es  ist  im  Organismus  so, 
dafl  feine  Salze  abgesetzt  werden.  Man  darf  sich  das  nicht  allzu  grob 
vorstellen.  Es  wird  dem  ganzen  Organismus  ein  Salzphantom  einge- 
gliedert,  und  es  ist  dann  die  Notwendigkeit  vorhanden,  daft  das  wie- 
derum  durch  den  Stoffwechsel  aufgelost  wird. 

Das  ist  der  Prozefi,  den  wir  vollziehen  beim  Lesen  oder  beim  Er- 
zahlenhoren. Wir  rufen  schon,  wenn  wir  glauben,  Geistig-Seelisches 
in  Anspruch  zu  nehmen,  am  meisten  Stoffwechsel  hervor  im  Unter- 
richt.  Und  das  ist  eben  im  Unterricht  durchaus  zu  beriicksichtigen.  Wir 


konnen  daher  nicht  anders  als  dasjenige,  was  wir  erzahlen,  oder  was 
wir  lesen  lassen,  so  zu  gestalten,  daft  es  nach  zwei  Richtungen  hin  ein- 
wandfrei  ist.  Erstens  einwandfrei  dahingehend,  daft  wir  das  Erzahlte 
und  das  Gelesene  so  gestalten,  daft  das  Kind  unbedingt  ein  gewisses 
Interesse  daran  hat,  daft  es  alles  mit  einem  gewissen  Interesse  verfolgt. 
Wenn  dieses  Interesse  wirkt,  wenn  das  Interesse  in  der  Seele  ist,  ist  es 
eine  Art  feines  Lustgefuhl.  Das  mufi  immer  da  sein.  Dieses  feine  Lust- 
gefuhl  driickt  sich  physisch  in  einer  feinen  Drusenabsonderung  aus, 
und  durch  diese  Drusenabsonderung  wird  das,  was  durch  das  Lesen, 
durch  das  Erzahlenhoren  an  Salzablagerung  stattfand,  aufgesogen. 
Wir  mussen  versuchen,  die  Kinder  nicht  zu  langweilen,  dem  Kinde 
nicht  etwas  beizubringen,  was  es  langweilt;  denn  es  wird  sonst  kein 
Interessegefuhl  erweckt  und  dann  wird  das  ungeloste  Salz  erzeugt  und 
im  Korper  verteilt,  und  wir  wirken  eigentlich  dahin,  daft  das  Kind 
spater  allerlei  Stoffwechselkrankheiten  bekommt.  Namentlich  bei 
Madchen  ist  besonders  darauf  Rucksicht  zu  nehmen.  Die  migranearti- 
gen  Zustande  sind  eine  Folge  da  von,  daft  sie  zu  einseitig  vollgepfropft 
werden  mit  allem  moglichen,  was  sie  lernen  mussen,  ohne  daft  es  in  eine 
solche  Art  von  Erzahlung  gekleidet  wird,  an  der  sie  eine  Freude  haben. 
Sie  sind  angefiillt  mit  kleinen  Spieften,  die  sich  nicht  recht  aufgelost 
haben,  mit  der  Tendenz  zu  solcher  Spieftbildung. 

Es  ist  tatsachlich  so,  daft  wir  auf  diese  Dinge  sehen  mussen.  Und 
dann,  sehen  Sie,  kommt  die  eigentliche  Misere,  die  eben  darin  liegt,  daft 
wir  zu  so  vielen  Dingen  doch  nicht  geniigend  Zeit  haben.  Es  miiftte  da- 
fur  gesorgt  werden,  daft  die  zahlreichen  Lesestucke,  die  in  den  heute  ge- 
brauchlichen  Lesebiichern  sind  -  die  zum  auf  die  Wand  hinaufkriechen 
sind  -,  von  uns  nicht  verwendet  werden.  Ich  habe  doch  schon  in  den 
Klassen  so  verschiedene  Lesebiicher  mit  einer  Auswahl  von  Lesestiicken 
verwendet  gesehen,  die  also  furchterlich  sind.  Wir  dtirfen  nicht  ver- 
gessen,  daft  wir  die  Kinder  physisch  fur  das  ganze  spatere  Lebensalter 
zubereiten.  Wenn  wir  ihnen  solch  ein  triviales  Zeug,  wie  es  zumeist  in 
den  gebrauchlichen  Lesebiichern  steht,  beibringen,  ist  es  doch  so,  daft 
wir  ihre  feineren  Organe  nach  dieser  Richtung  hin  formen;  und  das 
Kind  wird  ein  Philister  statt  ein  vollstandiger  Mensch.  Wir  mussen 
wissen,  wie  sehr  wir  durch  das  Lesen,  durch  das  Lesenlernen  an  der 


ganzen  Heranbildung  des  Kindes  arbeiten.  Es  kommt  spater  wieder 
heraus.  Daher  wiirde  ich  Sie  schon  bitten,  dafi  Sie  versuchen,  womog- 
lich  aus  den  Klassikern  oder  sonstwoher  die  Lesestucke  zusammenzu- 
suchen  und  selber  das  Lesematerial  zusammenzustellen,  nichts  aus  den 
gebrauchlichen  Lesebiichern  zu  nehmen,  die  fast  durch  die  Bank  greu- 
lich  sind.  Die  sollten  eigentlich  eine  moglichst  geringe  Rolle  spielen. 
Es  ist  natiirlich  viel  unbequemer,  sich  die  Sachen  zusammenzusuchen, 
aber  schliefilich  ist  das  doch  notwendig,  dafi  wir  auf  diese  Dinge  be- 
sonders  Rucksicht  nehmen;  denn  darin  besteht  ja  die  Aufgabe  in  un- 
serer  Waldorfschule,  dafi  wir  diese  eigentlich  methodischen  Dinge 
anders  machen,  als  sie  sonst  gemacht  werden.  Es  handelt  sich  darum, 
daft  wir  beim  Lesen  und  beim  Erzahlenanhoren,  auch  wenn  wir  sonst 
Naturgeschichtliches  vorbringen,  darauf  Rucksicht  nehmen,  dafi  nach 
diesen  zwei  Richtungen  hin  nichts  Schadliches  getan  wird. 

In  einem  gewissen  entgegengesetzten  Sinn  wirkt  dann  das  Euryth- 
mische,  das  Gesangliche;  da  findet  ein  ganz  anderer  organischer  Pro- 
zefl  statt.  Bei  all  denjenigen  Organen,  die  sich  daran  betatigen,  sitzt 
namlich  das  Geistige  zunachst  in  den  Organen  drinnen.  Wenn  Sie  das 
Kind  eurythmisieren  lassen,  so  kommt  es  in  Bewegung  und  durch  den 
Verlauf  dieser  Bewegung  stromt  das  Geistige,  das  in  den  Gliedern  ist, 
aus  den  Organen  nach  oben.  Es  ist  eine  Erlosung  des  Geistigen,  wenn 
ich  das  Kind  eurythmisieren  oder  singen  lasse.  Das  Geistige,  von  dem 
die  Glieder  strotzen,  wird  herauserlost.  Das  ist  der  reale  Vorgang. 
Es  ist  also  ein  wirkliches  Herausholen  des  Geistigen  aus  dem  Kinde, 
was  ich  dabei  vollbringe.  Und  das  hat  nun  wiederum  zur  Folge,  daft, 
wenn  das  Kind  aufhort  solche  Obungen  zu  machen,  das  Geistige  dar- 
auf wartet,  um  Verwendung  zu  finden.  -  Ich  habe  Ihnen  dieses  ge- 
stern  in  anderer  Beziehung  klargemacht.  -  Aber  das  Geistige  wartet 
auch  wiederum  darauf,  sich  zu  befestigen.  Ich  habe  das  Kind  wirk- 
lich  vergeistigt,  indem  ich  es  turnen,  eurythmisieren  oder  singen  lasse. 
Das  Kind  ist  ein  ganz  anderes  Wesen  geworden;  es  hat  viel  mehr 
Geistiges  in  sich.  Das  will  sich  aber  befestigen;  das  will  beim  Kinde 
bleiben;  das  diirfen  wir  nicht  ableiten.  Und  da  gibt  es  das  einfachste 
Mittel:  Wir  bringen  das  Kind  kurze  Zeit,  nachdem  es  eurythmisiert, 
geturnt  oder  gesungen  hat,  ein  wenig  zur  Ruhe.  Wir  lassen  die  ganze 


Gruppe  nur  ein  wenig  ausruhen  und  versuchen,  diese  Ruhe,  wenn  es 
auch  nur  ein  paar  Minuten  sein  sollten,  aufrechtzuerhalten.  Je  alter  die 
Kinder  sind,  desto  mehr  ist  das  notwendig.  Das  sollten  wir  auch 
beriicksichtigen,  sonst  ist  am  nachsten  Tag  doch  nicht  dasjenige  vor- 
handen,  was  wir  eigentlich  brauchen.  Es  ist  nicht  gerade  das  ganz 
richtig,  wenn  man  die  Kinder  wieder  fortjagt,  sondern  man  soil  sie 
ein  wenig  in  Ruhe  sein  lassen. 

Bei  all  diesem  bildet  man  im  Grunde  genommen  ein  Weltprinzip  ab. 
Die  Menschen  machen  ja  alle  moglichen  Theorien  iiber  Materie  und 
Geist.  Aber  beiden,  Materie  und  Geist,  liegt  etwas  Hoheres  zugrunde. 
Und  man  kann  eigentlich  sagen:  Wenn  dieses  Hohere  zur  Ruhe  ge- 
bracht  wird,  dann  ist  es  Materie;  wenn  dieses  Hohere  in  Bewegung 
gebracht  wird,  dann  ist  es  Geist.  Das  konnen  wir,  weil  es  ein  sehr 
hohes  Prinzip  ist,  durchaus  auf  den  Menschen  iibertragen.  Der  Mensch 
erschafft  fur  dasjenige,  was  in  dem  Geistigen  erlost  wird,  auf  die 
Art,  wie  ich  es  erzahlt  habe,  ein  Schema  in  sich  durch  die  Ruhe.  Das 
setzt  sich  ab,  und  er  kann  es  dann  brauchen.  Es  ist  schon  gut,  so  etwas 
iiberhaupt  zu  wissen,  weil  man  dann  alles  mogliche  auch  noch  bei 
anderen  Dingen  findet,  um  sich  in  entsprechender  Weise  den  Kindern 
gegeniiber  zu  benehmen. 

Nun  handelt  es  sich  darum,  diese  Dinge  noch  genauer  anzuwen- 
den.  Wir  haben  in  der  Schule  durcheinander  Kinder,  welche  phanta- 
siearm  sind,  und  solche,  welche  etwas  phantasiereicher  sind.  Wir  brau- 
chen dabei  nicht  gleich  zu  denken,  dafi  nun  die  Halfte  der  Schul- 
kinder  Dichter  sind  und  die  andere  Halfte  keine  Dichter  sind.  Man 
bemerkt  das  weniger  an  der  eigentlichen  Phantasietatigkeit  als  an  der 
Entfaltung  des  Gedachtnisses.  Das  Gedachtnis  ist  ja  sehr  verwandt 
der  Phantasietatigkeit.  Denn  wir  haben  Kinder  -  und  wir  sollten 
das  beobachten  -,  welche  die  Bilder  desjenigen,  was  sie  erlebt,  gehort 
haben,  rasch  vergessen;  die  Bilder  verschwinden  leicht.  Und  andere 
Kinder  haben  wir,  bei  denen  bleiben  die  Bilder,  bilden  sich  geradezu 
zu  selbstandiger  Macht  aus,  und  sie  kommen  ungewollt  fortwahrend 
herauf .  Es  ist  gut,  zu  beobachten,  dafi  es  diese  zwei  Typen  gibt.  Selbst- 
verstandlich  gibt  es  alle  moglichen  Obergange.  Wenn  wir  phantasie- 
reiche  Kinder  vor  uns  haben,  dann  bedeutet  das  nichts  anderes,  als 


daft  sie  ein  Gedachtnis  haben,  das  so  wirkt,  daft  die  Dinge  verwandelt 
heraufkommen.  Aber  viel  haufiger  ist  es,  daft  sie  nicht  verwandelt 
heraufkommen,  sondern  als  Reminiszenzen  heraufkommen,  so  daft 
die  Kinder  also  Gefangene  sind  desjenigen,  was  sie  aufgenommen  ha- 
ben. Und  dann  gibt  es  solche,  bei  denen  alles  wiederum  verschwindet. 

Nun  handelt  es  sich  darum,  daft  wir  diese  Kindertypen  in  der  ent- 
sprechenden  Weise  zu  behandeln  wissen.  Wir  haben  ja  wirklich  die 
Moglichkeit,  eine  Kindergruppe  in  der  mannigfaltigsten  Weise  zu  be- 
schaftigen,  wenn  wir  uns  eine  Routine  im  besten  Sinne  des  Wortes 
dafur  aneignen,  Routine  im  geistigen  Sinn.  Und  da  ist  es  gut,  daft  wir 
bei  Kindern,  die  ein  schlechtes  Gedachtnis  haben,  die  also  die  Bilder 
nicht  heraufkriegen,  versuchen,  daft  sie  beim  Lesen  mehr  beobachten, 
daft  sie  mehr  auf  das  Zuhoren  des  Erzahlten  Wert  legen,  wahrend  wir 
bei  solchen  Kindern,  von  denen  wir  sehen,  daft  sie  geradezu  Gefan- 
gene der  Vorstellungen  sind,  die  sie  aufgenommen  haben,  mehr  auf 
das  Schreiben,  auf  das  Dben,  auf  das  In-Bewegung-Kommen  Riick- 
sicht  nehmen.  Also,  wir  sollten  geradezu  versuchen,  eine  groftere  Kin- 
dergruppe so  zu  beschaftigen,  daft  wir  der  einen  Halfte,  der  phanta- 
siearmen  Halfte  Gelegenheit  geben,  das  Lesen  und  das  Beobachten 
zu  pflegen.  -  Naturlich  nur  mehr,  die  Dinge  sind  ja  alle  relativ.  -  Bei 
den  phantasiereicheren  Kindern  sollten  wir  das  Malen,  das  Schreiben 
besonders  pflegen. 

Das  konnen  wir  dann  noch  weiter  ausdehnen.  So  ist  es  von  ganz 
besonderer  Wichtigkeit,  daft  man  folgendes  zum  Beispiel  beobachtet  - 
wir  konnen  uns  die  Dinge  nur  allmahlich  aneignen,  weil  wir  vor  dem 
ersten  Jahr  nicht  alles  haben  durchnehmen  konnen  -:  es  ist  gut,  bei 
phantasiearmen  Kindern,  also  bei  denjenigen  Kindern,  die  ihre  Bilder 
nicht  leicht  herauf  bringen,  darnach  zu  trachten,  eurythmische  Ubungen 
mehr  im  Stehen  machen  zu  lassen,  also  vorzugsweise  mit  den  Armen.  Bei 
den  phantasiereicheren,  die  geplagt  werden  von  ihren  Vorstellungen, 
wird  es  besonders  giinstig  sein,  wenn  wir  den  ganzen  Korper  in  Be- 
wegung  bringen  durch  Laufen,  Schreiten,  Gehen.  Da  konnen  wir  auch 
durchaus  nachhelfen,  und  das  ist  aufterordentlich  wichtig,  daft  wir 
solche  Dinge  wirklich  auch  beachten.  Es  ist  auch  noch  das  zu  sagen, 
daft  besonders  das  Konsonantische  zu  iiben  sehr  gut  ist  fur  die  Kinder, 


die  phlegmatischer  sind  in  bezug  auf  das  Heraufbringen  von  Vorstel- 
lungen,  die  also  die  Vorstellungen  weniger  stark  heraufbringen.  Und 
bei  denen,  die  geplagt  werden  von  ihren  Vorstellungen,  ist  es  gut,  viel 
Vokalisierendes  eurythmisch  iiben  zu  lassen.  Man  kann  beobachten, 
daft  beim  Vokalisieren  der  Kinder  in  der  Tat  das  Herauf  geholtwerden 
der  Vorstellungen  aus  dem  Organismus  gerade  beruhigt  wird,  wahrend 
sie  beim  Konsonantisieren  herauf geholt  werden;  so  daft  man  diejeni- 
gen,  die  phantasiearm  sind,  die  also  nicht  geplagt  werden  von  ihren 
Vorstellungen,  die  leicht  vergessen,  konsonantisch  eurythmisieren  laftt, 
die  anderen,  die  geplagt  werden  von  ihren  Vorstellungen,  vokalisierend 
eurythmisieren  lafk.  Wenn  man  solche  Sachen  beachtet,  kann  man  viel 
hineinbringen  in  eine  Kindergruppe. 

Dann  mochte  ich  noch  erwahnen,  daft  es  auch  fur  das  Musikalische 
sehr  gut  ist,  wenn  man  sich  eine  Vorstellung  da  von  verschafft,  wie  die 
Kinder  eben  nach  dieser  Richtung  beschaffen  sind,  ob  phantasiearm, 
phantasiereich  -  also  mit  dieser  Obertragung  aufs  Gedachtnis.  Man  be- 
schaftigt  dann  die  Kinder,  wenn  sie  phantasiearm  sind,  also  ihre  Vor- 
stellungen schwer  heraufbringen  konnen,  damit,  mehr  instrumental 
das  Musikalische  zu  pflegen,  wahrend  man  die  Kinder,  die  phantasie- 
reich sind,  also  von  ihren  Vorstellungen  leicht  geplagt  werden,  auch 
im  Extrem,  mehr  singend  beschaftigt.  Es  ware  ja  ein  Ideal,  wenn  wir 
es  schon  so  einrichten  konnten  -  wir  brauchten  natiirlich  die  notigen 
Raumlichkeiten  -,  daft  wir  die  Kinder  gleichzeitig  musizierend  und 
singend  beschaftigen  konnten.  Wenn  dies  Doppelte,  das  so  ungeheuer 
auf  die  Kinder  wirken  konnte,  das  Anhoren  des  Musikalischen  und  das 
Betatigen  des  Musikalischen,  durcheinanderwirkt,  so  wirkt  es  unge- 
heuer harmonisierend.  Und  man  konnte  es  vielleicht  auch  dahin  brin- 
gen,  daft  man  mit  dem  abwechselte.  Das  ware  im  Unterricht  aufter- 
ordentlich  bedeutsam,  wenn  man  die  eine  Halfte  singen  und  die  an- 
dere  Halfte  zuhdren  lassen  konnte,  und  dann  wieder  umgekehrt.  Das 
ist  etwas,  was  aufterordentlich  wiinschenswert  ware,  was  gepflegt  wer- 
den sollte.  Denn  beim  Zuhoren  des  Musikalischen  ist  es  so,  daft  vor 
alien  Dingen  heilend,  hygienisch  eingewirkt  wird  auf  dasjenige,  was 
der  Kopf  tun  soli  an  dem  menschlichen  Organismus;  beim  selber  Sin- 
gen wird  auf  alles  dasjenige  heilend  eingewirkt,  was  der  Korper  an 


dem  Kopf  tun  soil.  So  wiirden  die  Menschen  viel  gesunder  werden, 
wenn  man  alles  das  tun  konnte,  was  man  im  Unterricht  tun  sollte. 

Wir  sind  uns  eigentlich  gar  nicht  stark  genug  bewufit,  wie  wir  in 
der  Menschheitsentwickelung  zuriickgekommen  sind;  die  Menschen 
waren  einmal  so  weit,  dafi  sie  die  Kinder  mehr  oder  weniger  wild 
haben  aufwachsen  lassen;  dafi  sie  sie  gar  nicht  besonders  haben  unter- 
richten  lassen.  Da  hat  man  nicht  eingegriffen  in  die  Freiheit  des  Men- 
schen, so  in  die  Freiheit  eingegriffen,  wie  wir  das  tun.  Wir  fangen  an 
mit  6  Jahren  in  die  Freiheit  des  Menschen  einzugreifen,  und  mussen, 
was  wir  eben  gerade  dadurch  verbrechen,  was  wir  an  Freiheit  zer- 
storen,  dadurch  wieder  ausbessern,  dafi  wir  in  der  richtigen  Weise  er- 
ziehen.  Wir  mussen  uns  klar  sein  dariiber,  dafi  das  Wie  des  Unter- 
richtens  von  uns  verbessert  werden  mufi,  weil  wir  sonst  einem  furcht- 
baren  Zustand  entgegengehen.  Die  Leute  mogen  noch  so  stark  feststel- 
len,  wie  hoch  die  Kultur  gekommen  ist,  wie  wenig  Analphabeten  es 
gibt  und  so  weiter  -  sie  sind  doch  blofi  Abdrucke,  Automaten  von  dem, 
was  in  der  Schule  zubereitet  worden  ist. 

Das  mussen  wir  auch  vermeiden,  dafi  wir  in  den  Schulen  blofi  Ab- 
drucke zubereiten.  Wir  mussen  den  Menschen  trotzdem  zu  seiner  In- 
dividualist kommen  lassen.  Besonders  wichtig  werden  solche  Dinge, 
wenn  wir  gewissermafien  kiinstliche  Dinge  entwickeln,  also  sagen  wir 
bei  alien  Formen  des  auswendig  Aufsagens.  Das  auswendig  Aufsagen 
ist  ja  keine  ganz  einfache  Sache.  Das  auswendig  Aufsagen  bedeutet 
einen  Weg,  der  den  Inhalt,  den  sich  das  Kind  aneignet,  von  dem  Gei- 
stig-Seelischen  zum  Leiblich-Physischen  hintiberbringt.  Es  ist  der  In- 
halt dem  Kinde  zuerst  geistig-seelisch  beigebracht  worden.  Es  mufi  ja 
dasjenige  verstehen,  was  es  auswendig  lernt,  denn  ich  brauche  nicht 
iiber  das  Auswendiglernen  zu  sprechen,  wenn  das  Kind  nicht  einmal 
versteht,  was  es  auswendig  lernt.  Zuerst  ist  also  dieses  Verstehen  da. 
Aber  indem  es  wirklich  auswendig  lernt,  kommt  es  dazu,  die  Sache 
immer  mehr  mechanisch,  leiblich-physisch  zu  machen.  Und  dies  ist 
ein  Weg,  der  den  Inhalt  des  zu  Lernenden  zunachst  ins  Subjektive  holt 
und  ihn  dann  hiniiberbringt  ins  Objektive.  In  dieser  Sache  mufi  man 
aber  auch  wahr  sein.  Man  mufi,  indem  dieser  Inhalt  in  das  Objektive 
hiniibergeleitet  wird,  das  Kind  anhalten,  sich  selber  zuzuhoren.  Man 


mufi  das  Kind  aufmerksam  machen  darauf,  daft  es  sich  selber  etwas 
zuhort.  Man  mufi  es  dazu  bringen,  daft  es  in  demselben  Mafie,  in  dem 
der  Inhalt  hergesagt  wird,  immer  mehr  und  mehr  lernt,  sich  selbst  zu- 
zuhoren.  Das  kann  man  dadurch  erreichen,  daft  man  das  Kind  an- 
leitet,  zum  Beispiel  die  Laute,  die  es  hervorbringt,  wirklich  bei  sich 
selber  zu  unterscheiden.  Man  sagt  zu  dem  Kinde:  Es  ist  dasjenige,  was 
du  aufsagst,  wie  urn  dich  herum,  du  kannst  das  auch  horen.  -  Man 
mufi  probieren,  daft  man  das  dem  Kinde  beibringen  kann,  daft  es  sich 
selbst  zuhort.  Aber  das  allein  geniigt  nicht.  Da  ist  noch  etwas  ganz 
anderes  notwendig.  Man  wird  es  niemals  dazu  bringen,  daft  das  Kind 
richtig  den  Obergang  findet  zwischen  dem  Gedanklich-vorstellungs- 
maftig-  oder  Empfindungsgemaft-Haben  des  Inhaltes  und  dem  Aus- 
wendiggelernten,  wenn  man  nicht  versucht,  bevor  das  Auswendig- 
lernen  eintritt,  die  Sache  sehr  stark  gefuhlsmaftig  dem  Kinde  beizu- 
bringen.  Es  darf  einfach  nichts  bis  zum  Auswendiglernen  getrieben 
werden,  von  dem  das  Kind  nicht  in  alien  Details  ein  deutliches  Ge- 
fiihl,  eine  scharfe  Empfindung  hat;  und  zwar  vor  alien  Dingen  eine 
Empfindung,  die  es  ihm  ermoglicht,  sich  in  der  richtigen  Weise  zu  dem 
Inhalt  zu  verhalten. 

Betrachten  wir  einen  extremen  Fall.  Denken  wir  an  ein  Gebet;  da 
soli  das  Kind  angehalten  werden,  wenn  es  ein  Gebet  lernen  soil,  beim 
Inhalt  in  eine  Art  verehrungsvolle  Stimmung  hineinzukommen.  Und 
wir  miissen  dafiir  sorgen,  daft  das  Kind  zuerst  in  diese  verehrungsvolle 
Stimmung  kommt.  Wir  miissen  davor  zuriickbeben,  dem  Kinde  ein 
Gebet  beizubringen,  wenn  wir  ihm  nicht  zuerst  die  andachtsvolle 
Stimmung  beibringen.  Dabei  darf  das  Kind  dann  niemals  das  Gebet 
aufsagen,  ohne  daft  es  die  andachtsvolle  Stimmung  hat.  Also  wir  sollen 
das  Kind  nicht  ein  niedliches,  hiibsches  Gedicht  aufsagen  lassen,  ohne 
daft  wir  ihm  vorher  das  leise  Lacheln,  ein  Erfreutsein  und  Entziickt- 
sein  erweckt  haben;  nicht  es  ihm  befehlen,  aber  es  an  dem  Inhalt  selber 
erwecken.  Und  so  in  allem. 

Es  ist  nach  und  nach  an  der  Menschheit  furchtbar  viel  verdorben 
worden.  Sie  haben  das  vielleicht,  da  man  ja  in  dieser  Beziehung  etwas 
verniinftiger  geworden  ist,  nicht  mehr  so  erlebt.  Aber  die  Menschen, 
die  heute  alter  sind,  haben  es  erlebt,  daft  man  sie  hat  zum  Beispiel 


Dinge  auswendig  lernen  lassen,  die  nie  auswendig  gelernt  werden  soil- 
ten.  Geschichte  ist  so  beigebracht  worden,  dafi  die  Kinder  sie  aus- 
wendig gelernt  haben.  Ich  habe  noch  gesehen,  wie  Gymnasiallehrer 
Kinder  das  Geschichtsbuch  haben  mitbringen  lassen,  dann  ist  ein  Ab- 
schnitt  gelesen  worden,  der  dann  abgefragt  worden  ist.  Die  Kinder 
haben  ihn  dann  einfach  auswendig  gelernt.  Ich  habe  gehort,  es  soil 
ein  ausgezeichneter  Schuler  gesagt  haben:  Der  Kar  von  Jerusalem.  - 
Das  hat  sich  tatsachlich  ereignet,  statt:  Der  Zar  von  Rutland  -  hat  er 
gesagt:  Der  Kar  von  Jerusalem.  -  Das  hat  fur  ihn  nichts  ausgemacht, 
so  stark  war  er  im  Hersagen  drinnen.  Dergleichen  Dinge  sind  viele 
vorgekommen.  Vieles  von  dem,  was  gerade  zur  Dekadenz  gefuhrt  hat, 
kam  von  dieser  Seite,  daft  die  Dinge,  wie  Geographie  und  Geschichte, 
einfach  haben  auswendig  gelernt  werden  mussen. 

Es  ist  notwendig,  dafi  das,  was  mit  Recht  auswendig  gelernt  wird, 
Gebete,  Gedichte  und  so  weiter  in  einer  solchen  Weise  prapariert  wird, 
dafi  der  Gefiihlsanteil,  den  das  Kind  nehmen  mufi,  wenn  es  sich  selber 
zuhort,  da  ist.  Es  mufi  geradezu  das  Kind  beim  Gebet  das  Gefiihl  ha- 
ben: Du  gehst  jetzt  iiber  dich  hinaus,  du  sagst  etwas,  wobei  du  iiber 
dich  hinausgehst.  -  Und  so  mufi  es  bei  allem  Anmutigen  und  Schonen 
sein. 

Das  hat  aber  seine  durchaus  korperlich-physische  Bedeutung,  denn 
jedesmal,  wenn  wir  dem  Kinde  etwas  beibringen,  was  einen  tragischen 
oder  erhabenen  Charakter  hat,  wirken  wir  im  Grunde  genommen  auf 
seinen  Stoffwechsel.  Jedesmal,  wenn  wir  dem  Kinde  etwas  beibringen, 
was  einen  niedlichen,  anmutigen  Charakter  hat,  jedesmal  dann  wirken 
wir  auf  seinen  Kopf,  auf  sein  Sinnes-Nervensystem.  Und  wir  konnen 
in  dieser  Beziehung  hygienisch  vorgehen.  Wenn  wir  zum  Beispiel  ein 
Kind  haben,  das,  sagen  wir,  sehr  leichtfertig  ist,  das  also  immerfort 
Sensationen  haben  will,  dann  versuchen  wir,  dieses  Kind  dadurch  zu 
kurieren,  dafi  wir  in  ihm  die  Stimmung  erzeugen,  die  es  beim  Auswen- 
diglernen  haben  mufi  bei  Erhabenem,  Tragischem.  Schon  auf  diese 
Weise  kommen  wir  dann  dem  Kinde  bei.  Und  wir  mussen  auf  solche 
Dinge  im  Unterricht  durchaus  Rucksicht  nehmen. 

Das  alles  werden  Sie  dann  erreichen,  wenn  Sie  selber  in  der  rich- 
tigen  Weise  zum  Unterricht  stehen,  das  heifit,  wenn  Sie  sich  doch 


immer  wiederum  vor  die  Aufgabe  stellen,  zu  versuchen,  ab  und  zu  ge- 
radezu  meditativ  sich  innerlich,  wenn  auch  kurz  die  Frage  zu  beant- 
worten:  Was  gibst  du  eigentlich  dem  Menschen  dadurch,  daft  du  ihm 
Geschichte,  Geographic  und  so  weiter  beibringst?  -  Sich  aufklaren  iiber 
dasjenige,  was  man  eigentlich  tut,  das  ist  fur  den  Lehrer  ganz  besonders 
notwendig.  Wir  haben  ja  in  der  mannigfaltigsten  Weise  iiber  dasjenige 
gesprochen,  was  man  durch  Geschichte,  Geographie  und  so  weiter 
dem  Kinde  zu  sagen  hat.  Mit  solchen  Dingen  mufi  man  nicht  zufrieden 
sein,  wenn  man  sie  weifi,  sondern  man  mufi  sie  sich  kurz  meditierend 
vor  die  Seele  rufen.  Weifi  zum  Beispiel  der  Eurythmielehrer,  dafi  er 
den  Geist  aus  den  Gliedern  des  Kindes  erlost,  weifi  derjenige,  der  Le- 
sen  lehrt,  dafi  er  das  Geistige  verleiblicht,  verkorpert,  und  macht  er 
sich  das  immer  klar,  sieht  er  gewissermafien,  wie,  wenn  er  falsch  liest 
oder  Langweiliges  dem  Kinde  beibringt,  das  Kind  immer  mehr  und 
mehr  zu  einer  Stoffwechselkrankheit  hinneigt,  fiihlt  er,  dafi  er  den 
spateren  Diabetiker  erzeugt  dadurch,  dafi  er  das  Kind  Langweiliges 
herunterlesen  lafit:  dann  fiihlt  er  die  richtige  Verantwortung.  Sie  er- 
zeugen  Diabetiker,  Zuckerkranke,  wenn  Sie  das  Kind  fortwahrend 
iiber  das  Mafi  hinaus  mit  langweiligem  Lesen  beschaftigen.  Sie  er- 
zeugen  Menschen,  die  sich  im  Leben  verlieren,  wenn  Sie  den  erlosten 
Geist  sich  nicht  wieder  beruhigen  lassen  nach  einer  korperlichen  oder 
gesanglichen  Obung. 

Das  sind  die  Dinge,  die  bei  dem  Lehrer  ganz  besonders  notwendig 
sind:  sich  zuweilen  zu  iiberlegen,  was  er  eigentlich  tut.  Und  es  ist  das 
nun  durchaus  nicht  ein  niederdriickendes  Gefiihl;  denn  der  Lehrer,  der 
viel  mit  Lesen  zu  tun  hat,  wird  dadurch  zum  Gefiihl  kommen,  dafi  er 
eigentlich  fortwahrend  etwas  verkorpert,  dafi  er  an  der  menschlichen 
Korperlichkeit  arbeitet  und  damit  Menschen  stark  oder  schwach  auch 
in  bezug  auf  die  Physis  in  die  Welt  setzt.  Der  Handarbeits-  oder  Hand- 
fertigkeitslehrer  wird  sich  sagen  konnen,  er  arbeitet  ganz  besonders 
am  Geiste.  Wenn  wir  in  der  richtigen  Weise  mit  dem  Kinde  stricken 
und  Dinge  machen,  die  Sinn  haben,  oder  durch  Handfertigkeitsunter- 
richt  Dinge  machen,  die  Sinn  haben,  dann  arbeiten  wir  wirklich  oft- 
mals  mehr  am  Geiste,  als  wenn  wir  den  Kindern  das  beibringen,  was 
man  fur  das  Geistige  halt. 


Nach  dieser  Richtung  kann  man  ja  ganz  besonders  viel  tun.  Denn 
gegenwartig  liegt  es  ein  bifichen  schon  in  der  Artung,  daft  die  Kinder 
im  Handarbeitsunterricht  vieles  verkehrt  machen.  Man  kann  nach 
dieser  Richtung  hin  ganz  besonders  giinstig  wirken.  Ich  habe  es  doch 
gleich  bemerkt,  wie  die  Kinder  bei  uns  in  Dornach  Kissen  gestickt 
haben,  kleine  Polster,  auf  die  das  und  das  darauf  gemacht  wird.  Man 
miiftte  dafiir  sorgen,  daft  das  wirklich  Kissen  werden.  Es  ist  doch 
kein  Kissen,  wenn  man  auf  ein  Polsterchen  etwas  Beliebiges  darauf 
stickt.  Man  mufi  es  dem  darauf  Gestickten  ansehen,  daft  man  sich 
darauf  legen  kann,  daft  sich  ein  Ohr  darauf  legen  kann.  Die  Kinder 
scheinen  ganz  besonders  solche  Hauben,  die  man  auf  Tee-  und  Kaffee- 
kannen  setzt,  gerne  zu  machen.  Aber  sie  miissen  das  dann  so  machen, 
daft  das  auch  darauf  eingerichtet  ist.  Wenn  ich  es  unten  aufmache,  so 
muft  das,  was  ich  mit  den  Handen  ausfuhre,  sich  in  der  Zeichnung  fort- 
setzen.  Ich  mulS  der  Zeichnung  ansehen,  daft  es  da  aufgemacht  werden 
muft.  Das  Kind  ist  durch  die  Verhaltnisse  so  verdorben,  daft  es  da 
unten,  wo  es  aufgemacht  werden  soil,  eine  Zeichnung  hinmacht,  die  so 
geht: 


Ja,  das  ist  ja  verkehrt.  Man  muft  der  Zeichnung  ansehen,  wo  auf- 
gemacht wird  und  wo  zu  ist,  wo  man  nicht  aufmachen  kann.  Ebenso 
ist  es  notwendig,  daft  das  Kind  wird  unterscheiden  lernen  miissen,  daft 
etwas,  was  um  den  Hals  genommen  wird,  wenn  es  mit  Bandchen  be- 
naht  wird,  so  sein  muft,  daft  das  nach  unten  weiter  wird  und  nach  oben 
schmaler.  Wenn  ein  Giirtel  gemacht  wird,  so  muft  man  es  dem  gleich 
ansehen,  daft  er  sich  nach  beiden  Seiten  zugleich  bffnet,  daft  in  der 


Mitte  die  Zeichnung  am  breitesten  ist.  Es  ist  so,  dafi  die  Kinder  sich 
uberall  in  die  Formen  hineinfinden  sollen. 

Gerade  da  kann  ungeheuer  viel  bewirkt  werden,  und  dabei  er- 
reichen  Sie  nur  etwas,  wenn  Sie  wirklich  nicht  auf  das  Auge  hin  ar- 
beiten,  sondern  wenn  Sie  das  im  Gefiihl  erzeugen.  Sie  miissen  das  im 
Gefiihl  erzeugen,  dafi  das  Kind  die  Zeichnung  so  haben  will,  dafi  es 
gewissermafien  fiihlt:  es  macht  das  unten  auseinander  und  es  driickt 
von  oben,  es  strebt  von  oben  nach  unten.  Man  mufi  das  ins  Gefiihl 
verwandeln;  man  mufi  in  die  Hand  hineinbringen,  was  auch  mit  der 
Hand  gearbeitet  werden  soil.  Im  Grund  genommen  ist  der  Mensch 
auch  dabei  durchaus  ganz  beteiligt  mit  seinem  Wesen,  und  er  denkt 
mit  dem  ganzen  Leibe.  Man  mufi  also  durchaus  versuchen,  dafi  da  die 
Dinge  gefuhlt  werden.  Im  Handarbeitsunterricht  mufi  auf  das  Gefiihl 
hingearbeitet  werden.  Es  mufi  gewissermafien  das  Kind,  wenn  es  eine 
Ecke  sticken  soil,  das  Gefiihl  haben:  Die  Ecke  mufi  so  gestickt  wer- 
den, dafi  ich,  wenn  ich  dahinterfahre,  nicht  durch  kann.  -  Wenn  es 
anders  ist,  wenn  man  durch  kann,  dann  mufi  dazu  etwas  gehoren,  dem 
man  eben  ansieht:  da  kann  man  durch.  So  mufi  es  schon  gerriacht  wer- 
den. Da  kann  der  Handarbeitslehrer  schon  sagen:  Ich  mache  die  Sache 
so,  indem  ich  gerade  an  der  geistigen  Betatigung  des  Kindes  ganz  be- 
sonders  betatigt  bin.  Es  braucht  sich  niemand  durch  irgendeine  Partie 
des  Unterrichtes  zuriickgesetzt  fiihlen. 


FONFTER  vortrag 


Stuttgart,  16.  Juni  1921 

Wir  wollen  uns  heute  einmal  die  Charakteristik  des  vierzehn-,  fiinf- 
zehnjahrigen  Kindes  vor  die  Seele  fiihren,  um  dann  in  den  nachsten 
Tagen  dasjenige  aufzubauen,  was  mehr  in  padagogisch-didaktischer 
Hinsicht  fur  diese  Kinder  in  Betracht  kommt.  Dabei  wollen  wir  nicht 
blofi  auf  dasjenige  Riicksicht  nehmen,  was  die  Lehre  und  Erziehung 
dieses  Kindesalters  betrifft,  sondern  auch  dasjenige  ins  Auge  fassen, 
was  die  ganze  Schule  betrifft. 

Wir  wissen  aus  der  anthroposophischen  Erkenntnis  heraus,  dafi 
diese  Zeit  diejenige  ist,  in  der  der  astralische  Leib  des  Kindes  erst  so 
recht  geboren  wird,  das  heiftt,  zu  seiner  besonderen  Geltung  kommt. 
Geradeso  wie  der  physische  Leib  vorzugsweise  wirksam  ist,  und  zwar 
in  zunehmender  Wirksamkeit,  von  der  Geburt  bis  zum  7.  Jahre  unge- 
fahr,  so  ist  nach  dem  7.  Lebensjahre  bis  zum  14.,  15.  Jahr  der  Ather- 
leib  in  Wirksamkeit  und  dann  der  astralische  Leib,  der  aber  natiirlich 
seinerseits  in  einer  besonderen  Verbindung  ist  mit  dem  Ich,  das  ja 
erst  nach  dem  20.  Jahre  zur  vollstandigen  Wirksamkeit  kommt. 

Es  ist  dieses  Lebensalter  von  14,  15  Jahren  ein  besonders  wichtiges 
fiir  die  kindliche  Entwickelung.  Dafi  es  besonders  wichtig  ist,  konnen 
Sie  ja  daraus  entnehmen,  dafi  gewissermafien  eine  losere  Verbindung 
ist  zwischen  dem  astralischen  Leib  und  dem  Atherleib  und  dem  phy- 
sischen  Leib.  Jede  Nacht,  wenn  wir  schlafen,  gehen  wir  mit  unserem 
astralischen  Leib  und  Ich  aus  unserem  Atherleib  und  physischen  Leib 
heraus,  so  dafi  gewissermaflen  enger  zusammengebunden  sind  physi- 
scher  Leib  und  Atherleib  auf  der  einen  Seite  und  astralischer  Leib  und 
Ich  auf  der  anderen  Seite,  wahrend  lose  verbunden  sind,  weil  sie  je- 
den  Tag  getrennt  und  zusammengefiigt  werden,  astralischer  Leib  und 
Atherleib  auf  der  einen  Seite  und  Ich  und  physischer  Leib  auf  der 
anderen  Seite. 

Damit  hangt  zusammen,  dafi  der  Ubergang  fiir  den  Menschen,  wie 
er  um  das  14.  und  15.  Jahr  liegt  -  bei  Madchen  sogar  etwas  friiher  -, 
andersartiger  Natur  ist  als  der,  der  um  das  7.  Jahr  liegt.  Mit  dem 


Zahnwechsel,  mit  dem  Erlangen  des  volksschulmafligen  Lebensalters 
hat  man  es  mit  einem  Verhaltnis  zu  tun,  das  sich  gewissermafien  ganz 
objektiv  in  dem  leiblich-physisch  Aufieren  des  Menschen  abspielt,  in 
demjenigen,  was  sich  jeden  Tag  ohnedies  als  ein  Objektives  absondert, 
wenn  der  Mensch  in  den  Schlafzustand  kommt.  Mit  dem  Obergang 
durch  das  sexuelle  Reifwerden  hat  man  es  mit  etwas  zu  tun,  worin  der 
Mensch  sein  ganzes  Subjektives,  sein  Ich  und  seinen  astralischen  Leib 
in  ein  Verhaltnis  bringt  zu  einem  Objektiven,  zu  seinem  Atherleib 
und  zu  seinem  physischen  Leib.  Daher  hat  man  es  bei  diesem  Ober- 
gang in  der  Lebensentwickelung  mit  etwas  zu  tun,  das  in  ganz  anderer 
Weise  auch  in  die  seelische  Entwickelung  eingreift  als  der  Obergang 
beim  Zahnwechsel.  Der  Obergang  beim  Zahnwechsel  ist  so,  dafi  eine 
physisch-atherische  Verbindung  vor  sich  geht.  Die  wirkt  dann  auf 
das  Subjektive.  Bei  dem  Obergang  durch  das  Geschlechtlich-reif-Wer- 
den  bleibt  in  einer  gewissen  Beziehung  das  Physisch-Atherische  fur 
sich,  wie  es  ist,  und  auch  das  Astralische  mit  dem  Ich  bleibt,  wie  es  ist, 
aber  es  entsteht  in  gewissem  Sinn  ein  andersartiger  Verkehr  zwischen 
den  beiden,  so  dafi  nach  beiden  Seiten  hin  gleichmafiig  teilnimmt  an 
dem  Obergang  sowohl  das  Physisch-Leibliche  und  das  Atherische,  wie 
dasjenige,  was  Ich  und  astralischer  Leib  ist.  Dieses  aber  ist  ein  Vor- 
gang,  an  dem  der  Mensch  auch  mit  seinen  innerlich  subjektiven  Eigen- 
schaften  unmittelbar  beteiligt  ist. 

Daher  sehen  wir,  wie  nach  dem  Geschlechtsreifwerden  in  der  Tat 
starke  Charakterveranderungen  in  der  menschlichen  Entwickelung  vor 
sich  gehen.  Diese  Charakteranderungen  werden  ja  auch  aufierlich  be- 
merkbar.  Nicht  nur,  dafi  das  auch  im  allgemeineren  auftritt,  was  das 
Reifwerden  zur  Liebe  ist,  die  ja  nicht  gleich  in  ihrer  vollen  sexuellen 
Form  auftritt,  sondern  mehr  in  einer  allgemeinen  Form,  so  daft  sich 
das  Kind  zu  einem  anderen  Kind  in  einer  innigen  Weise  hingezogen 
fiihlt.  Wir  sehen  insbesondere  die  Knaben-  und  Madchenfreundschaf- 
ten  in  der  Weise  sich  ausbilden,  die  am  Anfang  noch  nicht  viel  mit  dem 
Sexuellen  zu  tun  haben,  die  aber  bezeugen,  dafi  iiberhaupt  die  Ent- 
wickelung der  Liebekraft,  der  Kraft  zur  Neigung  fiir  den  Nebenmen- 
schen  in  einer  bewufiteren  Weise  in  die  menschliche  Entwickelung  ein- 


Und  wir  sehen  dann,  wie  aulkrlich  bemerkbar  wird,  daft  eigent- 
lich  sowohl  bei  Knaben  wie  bei  Madchen  in  diesem  Lebensalter  etwas 
auftritt,  was  einem  aus  der  bisherigen  individuellen  Entwickelung  oft- 
mals  ziemlich  unerklarlich  ist,  was  oftmals  sogar  sehr  stark  dem  bis- 
herigen individuellen  Charakter  widerspricht,  was  aber  ein  gewisses 
Gemeinsames,  ein  Allgemeines  aufweist,  und  was  mit  dem  sexuell  Reif- 
werden  beginnt.  Wir  sehen,  wie  dasjenige  auftritt,  was  wir  bei  Kna- 
ben -  in  anderer  Form  ist  es  bei  Madchen  vorhanden  -  die  Lu'mmel- 
jahre  und  die  Flegeljahre  nennen.  Diese  Lummel-  und  Flegeljahre  ha- 
ben  durchaus  ihren  Ursprung  in  diesem  zum  besonderen  inneren  Er- 
fuhlen  kommenden  astralischen  Leib,  der  das  Ich  in  sich  schliefit,  das 
aber  noch  nicht  zur  vollen  Entfaltung  gekommen  ist,  und  in  dem  Rin- 
gen,  um  in  das  richtige  Verhaltnis  zum  Erleben  des  Systems  des  Phy- 
sischen  und  dadurch  zur  ganzen  Umgebung  zu  kommen.  Gerade  weil 
es  ein  Aufsuchen  eines  Verhaltnisses  zwischen  dem  Objektiven  und 
Subjektiven  ist,  gerade  deshalb  ist  ein  gewisses  Ringen  vorhanden.  Und 
dieses  Ringen  driickt  sich  dadurch  aus,  dafi  der  Mensch  in  diesem  Le- 
bensalter gewissermafien  das  verleugnet,  was  er  bisher  entwickelt  hat. 
Man  erkennt  manchmal  die  Kinder  nicht  wieder,  wenn  bei  ihnen  das 
Lummel-  oder  Flegelalter  eingetreten  ist. 

Jeder  kennt  ja  die  aufieren  Merkmale  des  Lummel-  und  Flegelalters, 
und  daher  brauche  ich  sie  nicht  weiter  im  Detail  zu  schildern.  Aber 
wir  mtissen  sie  ihrem  Wesen  nach  doch  genau  betrachten,  weil  sie  fur 
die  Erziehung  und  fur  den  Unterricht  eine  aufterordentlich  grofie  Be- 
deutung  haben.  Was  sich  nun  zunachst  geltend  macht,  das  ist,  dafi 
beim  Madchen  der  astralische  Leib  eine  groflere  Bedeutung  hat  als  beim 
Knaben.  Der  astralische  Leib  hat  durch  das  ganze  Leben  hindurch 
beim  weiblichen  Geschlecht  eine  grofiere  Bedeutung  als  beim  mann- 
lichen  Geschlecht.  Die  ganze  weibliche  Organisation  ist  ja  durch  den 
astralischen  Leib  mehr  nach  dem  Kosmos  hin  organisiert.  Durch  die 
weibliche  Natur  enthullt  und  offenbart  sich  vieles,  was  eigentlich  Ge- 
heimnisse  des  Kosmos  sind.  Der  astralische  Leib  der  weiblichen  Natur 
ist  in  sich  differenzierter,  wesentlich  reicher  gegliedert  als  der  astra- 
lische Leib  des  Mannes,  der  in  einer  gewissen  Weise  ungegliederter,  un- 
differenzierter,  grober  ist.  Dagegen  entwickelt  sich  das  Madchen  zwi- 


schen  dem  13.,  14.  und  20.,  21.  Jahr  so,  daft  sein  Ich  in  einer  starken 
Weise  beeinflufit  wird  von  dem,  was  sich  im  astralischen  Leib  gestaltet. 
Man  sieht,  wie  beim  Madchen  das  Ich  allmahlich,  man  mochte  sagen, 
aufgesogen  wird  von  dem  astralischen  Leib,  so  dafi  dann,  wenn  das 
20.,  21.  Jahr  eintritt,  beim  Madchen  eigentlich  ein  starker  Gegendruck 
stattfindet,  eine  starke  Anstrengung,  zum  Ich  zu  kommen. 

Beim  Knaben  ist  das  wesentlich  anders.  Beim  Knaben  saugt  der 
astralische  Leib  das  Ich  viel  weniger  ein.  Es  bleibt  das  Ich  zwar  ver- 
borgen.  Es  ist  noch  nicht  recht  wirksam,  aber  es  bleibt  doch,  ohne  dafi 
es  stark  beeinflufk  wird  von  dem  astralischen  Leib,  zwischen  dem  14., 
15.  und  20.  und  21.  Jahr  bestehen,  so  dafi  der  Knabe  durch  dieses  Be- 
stehenbleiben  des  Ich,  Nichtaufgesogenwerden  des  Ich  und  doch  wie- 
der  Nichtselbstandigsein  des  Ich  viel  leichter  in  diesem  Lebensalter  ein 
Duckmauser  wird  als  das  Madchen.  Das  Madchen  bekommt  viel  leich- 
ter in  diesem  Lebensalter  etwas  Freies,  etwas,  was  auf  aufieres  Auf- 
treten  hingeht,  als  der  Knabe.  Und  bei  eigentlich  tieferen  Knaben- 
naturen  bemerken  wir,  dafi  durch  dieses  besondere  Verhaltnis  des  Ich 
zum  astralischen  Leib  in  diesem  Lebensalter  etwas  auftritt,  wie  oft- 
mals  eine  Art  Sich-Zuriickziehen  im  Leben.  Gewifi,  man  sucht  Freunde, 
man  sucht  Anschlufi;  aber  man  hat  das  Bediirfnis,  sich  mit  ganz  be- 
sonderen  Gedanken  oder  Empfindungen  in  sich  etwas  verkriechen  zu 
konnen.  Das  ist  das  Charakteristische  gerade  bei  tieferen  Knaben,  daft 
sie  sich  in  diesem  Lebensalter  gern  etwas  in  sich  verkriechen,  und  man 
wird  als  Erzieher,  auch  als  Erzieherin  natiirlich,  aufierordentlich  gut 
auf  solche  Knabennaturen  wirken,  wenn  man  sich  darauf  einlafit,  auf 
das  besondere  Geheimnis,  mochte  ich  sagen,  das  eigentlich  jede  tiefere 
Knabenseele  hat,  in  einer  eigentlich  zarten  Weise  einzugehen;  wenn 
man  nicht  zu  stark  daran  tippt,  aber  in  einer  gewissen  Weise  sich  dar- 
auf einlalk,  gewissermafien  durch  das  ganze  Benehmen  zeigt,  dafi  man 
so  etwas  voraussetzt.  Es  ist  schon  etwas  von  einer  gewissen  Liebe  zum 
Zuruckziehen  in  sich  selber.  Und  wenn  diese  Liebe  zum  Zuruckziehen 
in  sich  selber  bei  Knaben  nicht  auftritt  in  diesem  Alter,  so  mufi  man 
eigentlich  vorsichtig  sein.  Bei  Knaben,  bei  denen  dieses  deutliche  oder 
leise  Zuruckziehen  nicht  vorhanden  ist  -  fur  den  griindlichen  Erzieher 
ist  es  schon  zu  bemerken     mufi  man  achtgeben.  Da  mufi  man  sich 


sagen:  da  ist  etwas,  was  man  aufsuchen  mufi,  was  nicht  ganz  richtig 
ist,  was  im  spateren  Leben  zu  Schwierigkeiten  oder  Abnormitaten  fiih- 
ren  konnte. 

Beim  Madchen  -  die  Dinge  sind  ganz  fein  unterschieden,  aber  man 
mufi  sich  eine  gewisse  Beobachtungsgabe  fur  diese  Dinge  aneignen  - 
ist  das  ganz  anders:  beim  Madchen  wird  das  Ich  mehr  oder  weniger 
vom  Astralischen  aufgesogen.  Dadurch  lebt  das  Madchen  weniger  nach 
innen  hinein;  es  lebt  mehr  in  den  Atherleib  hinein  dasjenige,  was  vom 
Ich  durchdrungener  astralischer  Leib  ist.  Es  lebt  sich  sehr  stark  in  den 
Atherleib,  damit  sogar  in  die  ganze  Handhabung,  in  die  aufiere  Be- 
weglichkeit  hinein.  Und  man  bemerkt  gerade  bei  richtigen  Madchen- 
naturen,  bei  einer  richtigen  Entwickelung,  dafi  das  Madchen  in  dieser 
Zeit  in  einer  gewissen  Weise  wacker  wird,  fest  wird  in  seinem  Auf- 
treten,  die  Personlichkeit  betont,  sich  hinstellt,  nicht  in  sich  zuriick- 
zieht.  Das  Naturgemafie  ist  das  franke  und  freie  Hintreten  vor  die 
Welt,  das  sich  sogar,  wenn  es  sich  mit  etwas  egoistischen  Gefuhlen 
paart,  zum  Sich-Zeigenwollen  in  der  Welt  wird,  zum  Sich-Zeigen- 
wollen  namentlich  in  bezug  auf  den  Charakter  und  in  bezug  auf  seine 
ganze  Eigenart.  Es  ist  durchaus  charakteristisch  gerade  fur  das  Mad- 
chenwesen  in  dieser  Zeit,  dafi  das  Madchen  ein  freies  Auftreten  hat, 
daft  es  einen  Wert  darauf  legt,  zu  zeigen,  welches  sein  Wert  ist.  Im 
Extrem  artet  das  dann  zur  Koketterie  und  zur  Eitelkeit  aus,  zur  Sucht, 
nicht  nur  durch  sein  Seelisches  sich  zu  zeigen,  sondern  auch  durch  das, 
was  man  aufierlich  sich  anhangt.  Es  ist  aufierordentlich  interessant  zu 
beobachten,  wie  von  dem  14.,  15.  Jahr  an  gerade  das,  was  dann  in 
trivialem  Sinn  zur  Putzsucht  wird,  in  feinem  asthetischem  Sinn  beim 
Madchen  in  diesem  Lebensalter  auftreten  kann.  Das  alles  ist  durchaus 
eine  Folge  des  besonderen  Verhaltnisses,  in  das  der  astralische  Leib 
mit  dem  aufgesogenen  Ich  zu  dem  Atherleib  tritt,  was  dann  nament- 
lich so  auf  tritt  nach  aufien:  der  Gang  wird  anders,  die  Haltung  wird 
anders,  der  Kopf  wird  freier  gehalten,  im  Extrem  wiederum  hochnasig 
und  so  weiter.  Diese  Dinge  sollte  man  tatsachlich  mit  einem  gewissen 
kunstlerischen  Sinn  beobachten. 

Wenn  man  auf  diese  Differenzierung  von  Knaben  und  Madchen 
hinschaut,  wird  man  es  verstehen,  dafi  man  dann,  wenn  man  also  die 


Wohltat  einer  Erziehung  hat,  welche  Knaben  und  Madchen  beieinan- 
der  behandelt,  gerade  durch  das  taktvolle  Nebeneinanderbehandeln 
aufierordentlich  viel  erreichen  kann. 

Der  seiner  Aufgabe  bewufite  Lehrer  oder  die  Lehrerin  werden  durch- 
aus,  auch  wenn  sie  Knaben  und  Madchen  nebeneinander  haben,  trotz- 
dem  zwischen  beiden  in  einer  gewissen  Weise  differenzieren.  So  mufi 
man  auch  differenzieren  in  bezug  auf  dasjenige,  was  in  diesem  Lebens- 
alter  ganz  besonders  wichtig  wird,  das  ich  eben  jetzt  charakterisierte, 
namlich  in  bezug  auf  die  Art  und  Weise,  wie  sich  iiberhaupt  das  Subjek- 
tive  im  Verhaltnis  zur  Aufienwelt  gestaltet  hat;  denn  man  soil  ja  in 
diesem  Lebensalter  das  Subjektive  zum  eigenen  Leibe,  atherischen  Leib 
und  physischen  Leib  in  ein  Verhaltnis  setzen.  Das  setzt  voraus,  dafi 
man  iiberhaupt  zur  Aufienwelt  ein  entsprechendes  Verhaltnis  gewon- 
nen  hat.  Und  darauf  hin  kann  man  schon  die  ganze  Schulzeit  hindurch 
arbeiten.  Es  geht  also  durchaus  dasjenige,  was  fur  dieses  Lebensalter 
wichtig  ist,  die  ganze  Schulzeit  hindurch  den  Lehrer  und  die  Lehrerin 
an.  Wir  miissen  ja  in  der  Zeit,  wahrend  wir  unterrichten,  auch  darauf 
sehen,  dafi  die  Kinder  Empfindungen  bekommen,  erstens  von  religios- 
moralischer  Art  -  das  ist  ja  etwas,  was  of  tmals  besprochen  worden  ist  - 
und  auch,  dafi  die  Kinder  gewisse  Empfindungen,  Vorstellungen  be- 
kommen, die  sich  auf  das  Schone,  auf  das  Kiinstlerische  beziehen,  auf 
das  asthetische  Auffassen  der  Welt.  Das  wird  besonders  wichtig  im  13., 
14.,  15.  Lebensjahre,  dafi  wir  solche  Empfindungen  und  Vorstellungen 
die  ganze  Schulzeit  hindurch  in  dem  Kinde  anregen. 

Denn  ein  Kind,  in  dem  keine  Schonheitsempfindungen  angeregt 
sind,  das  nicht  erzogen  ist  zu  einer  asthetischen  Auffassung  der  Welt, 
ein  solches  Kind  wird  in  diesem  Lebensalter  sinnlich  und  vielleicht 
sogar  erotisch.  Es  gibt  kein  besseres  Mittel,  die  Erotik  auf  das  richtige 
Mafi  zuriickzuschrauben  als  eine  gesunde  Entwickelung  des  asthetischen 
Sinnes  fur  das  Erhabene  und  Schone  in  der  Natur.  Wenn  Sie  die  Kinder 
dazu  anleiten,  die  Schonheit  und  den  Glanz  von  Sonnenaufgang  und 
Sonnenuntergang  zu  empfinden,  die  Schonheit  der  Blumen  zu  emp- 
finden,  wenn  Sie  sie  anleiten  dazu,  die  Erhabenheit  eines  Gewitters 
zu  fuhlen,  kurz,  wenn  Sie  den  asthetischen  Sinn  ausbilden,  dann  tun 
Sie  viel  mehr,  als  mit  den  manchmal  fast  bis  zum  Blodsinn  getriebenen 


sexuellen  Unterweisungen,  die  man  heute  dem  Kinde  nicht  friih  genug 
beibringen  kann.  Schonheitsempfindung,  asthetisches  Gegeniiberstehen 
gegeniiber  der  Welt,  das  ist  dasjenige,  was  die  Erotik  auf  das  gehorige 
Mafi  zuriickschraubt.  Der  Mensch  kommt  immer  wieder  dadurch,  dafi 
er  die  Welt  als  schon  empfindet,  eben  gerade  dahin,  auch  seinem  eige- 
nen  Leib  gegeniiber  in  einer  freien  Weise  dazustehen,  nicht  von  ihm 
drangsaliert  zu  werden,  worin  eigentlich  die  Erotik  besteht. 

Dann  ist  es  in  diesem  Lebensalter  von  ganz  besonderer  Wichtigkeit, 
daft  das  Kind  gewisse  moralische,  religiose  Empfindungen  entwickelt 
hat.  Diese  moralischen  und  religiosen  Empfindungen  sind  ja  auch  im- 
mer starkend  und  kraftigend  fiir  das  Astralische  und  das  Ich.  Das 
Astralische  und  das  Ich  werden  schwach,  wenn  die  religiosen  und  mo- 
ralischen Empfindungen  und  Impulse  schwach  entwickelt  werden.  Das 
Kind  wird  schlapp,  das  Kind  wird  wie  korperlich  auch  gelahmt,  wenn 
das  nicht  gemacht  wird.  Und  das  sieht  man  dann  insbesondere  hervor- 
treten,  wenn  dieses  Lebensalter  eintritt,  von  dem  wir  jetzt  sprechen. 
Auch  der  Mangel  an  solchen  moralischen  und  ethischen  Impulsen 
aufiert  sich  in  einer  Unregelmafiigkeit  im  sexuellen  Leben. 

Nun  mufi  man  aber  der  Differenzierung  zwischen  Knaben  und 
Madchen  in  einer  gewissen  Weise  Rechnung  tragen  schon  im  ganzen 
Hintendieren  gegen  das  Lebensalter,  von  dem  wir  jetzt  sprechen.  Man 
mufi  sich  bemuhen,  die  moralischen,  ethischen  Empfindungen  beim 
Madchen  so  zu  gestalten,  dafi  sie  in  einem  gewissen  Sinn  auf  das  Asthe- 
tische  hinzielen.  Besonders  Riicksicht  mufi  man  darauf  nehmen,  dafi 
dem  Madchen  das  Sittliche,  Gute  und  das  Religiose  vorztiglich  gef  allt, 
dafi  das  Madchen  einen  asthetischen  Genufi  hat  an  dem  Sittlichen, 
Guten  und  an  dem  Religiosen,  an  demjenigen,  was  es  als  religiose  Vor- 
stellung  aufgenommen  hat.  Das  Madchen  soli  Gefallen  haben  an  der 
iibersinnlichen  Durchsetztheit  der  Welt,  und  es  soil  besonders  reichlich 
versehen  werden  in  seiner  Phantasie  mit  Bildern,  welche  das  Durch- 
gottlichtsein  der  Welt  ausdrucken,  und  welche  das  Schbne  ausdriicken, 
was  am  Menschen  ist,  wenn  er  ein  guter,  ein  sittlicher  Mensch  ist. 

Beim  Knaben  ist  es  notwendig,  dafi  wir  in  ihm  Vorstellungen  er- 
wecken,  welche  mehr  nach  der  Kraft  hintendieren,  die  im  religiosen 
Leben  und  im  Ethischen  wirkt.  Beim  Madchen  sollen  wir  das  Religiose 


und  Sittliche  bis  ins  Auge  treiben,  beim  Knaben  vorzugsweise  das  Reli- 
giose und  Schone  in  die  Beherztheit  hineintreiben,  eben  in  das  Kraft- 
gefiihl,  das  aus  ihnen  ausstrahlt.  Naturlich  diirfen  wir  die  Dinge  nicht 
ins  Extrem  treiben  und  glauben,  daft  wir  das  Madchen  bloft  zu  einer 
asthetischen  Katze  erziehen  sollen,  die  alles  bloft  asthetisch  ansieht, 
und  den  Knaben  bloft  zu  einem  Riipel  erziehen  sollen,  was  ja  dann  ent- 
steht,  wenn  wir  seinen  Egoismus  aufstacheln  durch  allerlei  von  Kraft- 
gefiihl,  das  wir  ja  erwecken  sollen,  aber  in  Anlehnung  an  das  Gute, 
das  Schone  und  Religiose. 

Wir  mussen  verhindern,  daft  das  Madchen  oberflachlich  wird,  ein 
falscher  Schonheitsgeist  wird  in  den  Liimmel-  und  Flegeljahren.  Und 
beim  Knaben  mussen  wir  verhindern,  daft  er  in  den  Liimmel-  und 
Flegeljahren  ein  Riipel  wird.  Das  ist  dasjenige,  was  nach  beiden  Seiten 
hin  gewissermafien  droht.  Und  man  muft  wissen,  daft  diese  Tendenz 
nach  der  einen  und  anderen  Seite  hin  durchaus  vorhanden  ist,  so  daft 
wir  wirklich  die  ganze  Volksschulzeit  hindurch  Riicksicht  nehmen 
mussen,  beim  Madchen  vieles  dahin  zu  lenken,  daft  ihm  das  Gute  ge- 
fallt,  daft  ihm  das  Religiose  auch  einen  gewissen  asthetischen  Eindruck 
macht,  wahrend  wir  beim  Knaben  dahin  wirken  sollen,  daft  wir  ihm 
immer  beibringen:  Sieh  einmal  Junge,  wenn  du  das  tust,  dann  straff  en 
sich  deine  Muskeln,  dann  wirst  du  ein  tiichtiger  Kerl.  -  Das  Durch- 
gottlichtsein  muft  beim  Knaben  auf  diese  Weise  sogar  rege  gemacht 
werden. 

Nun,  die  besonderen  Eigenschaften,  die  da  auftreten,  sind  tatsach- 
lich  sehr  fein  in  der  Menschennatur  begriindet.  Wenn  wir  das  Mad- 
chen betrachten:  das  Ich  wird  aufgesogen  durch  den  astralischen  Leib. 
Naturlich  ist  das  alles  etwas  radikal  und  extrem  gesprochen,  aber  ge- 
rade  so  konnen  Sie  sich  das  gut  vorstellen.  Es  ist  etwas  in  diesem  Vor- 
gang  im  Seelisch-Geistigen,  das  wir  mit  dem  Erroten  vergleichen  kon- 
nen, mit  dem  physischen  Erroten.  Eigentlich  ist  die  ganze  Entwicke- 
lung  in  dieser  Zeit  ein  seelisch-geistiges  Erroten.  Dieses  Hineindringen 
des  Ich  in  den  astralischen  Leib  ist  eine  Art  Erroten.  Beim  Knaben 
ist  es  anders.  Beim  Knaben  ist  das  Ich  unregsamer,  aber  es  saugt  sich 
nicht  auf,  und  wir  haben  es  mit  einem  geistig-seelischen  Blaft werden 
zu  tun.  Das  ist  sehr  deutlich  zu  bemerken.  Es  ist  das  immer  vorhanden. 


Wir  diirfen  uns  da  nicht  durch  das  Physische  tauschen  lassen.  Wenn  das 
Madchen  bleichsiichtig  wird,  so  entspricht  das  ganz  dem,  daft  es  see- 
lisch-geistig  errotet.  Wenn  der  Knabe  ein  besonderer  Liimmel  wird 
und  daher  oftmals  angeregt  wird,  so  widerspricht  das  dem  nicht,  daft  er 
seelisch-geistig  erblafk. 

Das  ist  im  Grunde  genommen  ein  Ausdruck  der  Menschennatur  fiir 
dasjenige,  was  da  in  einer  den  ganzen  Menschen  in  Anspruch  nehmen- 
den  Weise  auftritt:  fiir  das  Schamgefuhl.  Das  Schamgefiihl  ist  das- 
jenige, was  die  ganze  Menschennatur  durchzieht;  das  Schamgefuhl,  das 
darin  besteht,  daft  der  Mensch  fuhlt:  er  mufi  jetzt  etwas  in  sein  indi- 
viduelles  Dasein  hineinnehmen,  was  er  der  Welt  nicht  enthiillt;  er  mufi 
Geheimnisse  in  sich  tragen.  Das  ist  ja  das  Wesen  des  Schamgefuhls.  Und 
das  tritt  bis  in  die  allerunbewufiteste  Phase  des  seelisch-geistigen  Lebens 
hinein  auf. 

Wenn  wir  als  Erzieher  und  Lehrer  die  Empfindung  in  uns  tragen, 
so  etwas  iiberhaupt  nur  fiir  uns  selber,  in  unserem  eigenen  Seelenleben 
zu  respektieren,  wenn  wir  an  Knaben  und  Madchen  mit  jener  Zart- 
heit  vorbeigehen,  welche  das  innerlich  ruhende  Schamgefuhl  respek- 
tiert,  wirkt  das  schon.  Da  bedarf  es  nicht  der  Worte,  da  zeigt  sich  die 
unausgesprochene  Wirkung  des  einen  Menschen  auf  den  anderen,  beim 
bewufken  durch  die  Kinderschar  Durchgehen  mit  dem  Gefiihl,  es  ist 
etwas  in  ihnen,  was  sie  wie  eine  unaufgeschlossene  Blume  aufbewahren 
wollen.  Das  ist  von  ungeheurer  erzieherischer  Wirkung,  daft  man  schon 
blofi  mit  dieser  Empfindung  lebt. 

Und  nun  ist  das  ja  besonders  merkwurdig,  dafi  alle  diese  aufieren 
Offenbarungen  des  kindlichen  Lebensalters  dieser  Zeit  im  Grunde  ge- 
nommen trotzdem  nur  ein  fast  bis  ins  Gegenteil  hinein  modifiziertes 
Schamgefiihl  sind.  Das  Madchen,  das  im  Schamgefuhl  seelisch-geistig 
errotet,  das  sein  eigentliches  Wesen  verbirgt,  tritt  forsch  auf,  zeigt  sich, 
lafit  die  Welt  sein  Gesicht  anschauen  und  so  weiter.  Es  ist  ja  gerade  das 
das  Eigentiimliche  der  Menschennatur,  dafi  der  Mensch  zu  dieser  Zeit 
im  Aufieren  das  Gegenteil  von  dem  vollbringt,  was  in  seinem  Inneren 
angelegt  ist.  Das  forsche,  das  wackere  Auftreten,  das  Sich-Zeigen,  das 
Sich-nichts-Gefallenlassen,  das  Pochen:  gerecht  mufi  ich  behandelt 
werden.  Derjenige,  der  jemals  in  einem  Pensionat  erzogen  hat,  wird 


wissen,  wie  die  Madchen  anfangen:  Das  lassen  sie  sich  nicht  gef alien, 
gerecht  miissen  sie  behandelt  werden.  -  Sie  konnen  nun  frei  hintreten: 
Sie  werden  es  ihm  schon  geben.  -  Sie  haben  ihre  Gedanken:  Und  so 
braucht  man  uns  nicht  -.  Dieses  alles,  was  da  auftritt,  ist  durchaus  im 
Grunde  genommen  nur,  ich  mochte  sagen,  die  Ruckseite  von  demje- 
nigen,  was  tief  in  ihrem  Seelenleben  als  eine  Art  von  Schamgefiihl 
noch  ganz  unbewuftt  ruht. 

Und  beim  Knaben:  das  Liimmelwesen  in  der  ersten  Zeit  dieses  Le- 
bensalters  und  das  Flegelwesen  in  der  zweiten  Zeit  dieses  Lebensalters, 
also  das  Liimmel-  und  Flegelwesen,  das  so  stark  auftritt,  ist  auch  nichts 
anderes  als  das:  man  will  das,  was  man  ist,  nicht  in  die  Auftenwelt 
tragen.  Man  sucht  einen  Anschluft  an  die  Auftenwelt.  Man  bewegt 
sich  daher  moglichst  ungelenk,  man  liimmelt  sich  hin;  man  ist  nicht  so, 
wie  man  ist,  man  ist  eben  anders.  Das  sollte  man  durchaus  berucksich- 
tigen,  daft  der  Knabe  in  diesem  Lebensalter  durch  seine  Besonderheit 
anders  ist,  als  er  ist.  Er  macht  jetzt  ganz  aufterlich  nach.  Wahrend  das 
Kind  in  den  ersten  sieben  Jahren  naturlicher  Nachahmer  ist,  macht  er  es 
nun  dem  nach  und  jenem.  Es  gefallt  ihm  ganz  besonders,  wenn  das, 
was  die  anderen  vormachen,  sich  besonders  geltend  macht.  Er  geht 
so  wie  ein  anderer  Mensch.  Er  formt  an  der  Rede  wie  ein  anderer 
Mensch,  ist  grob  wie  ein  anderer  Mensch.  Er  bemiiht  sich  fein  zu  sein 
wie  ein  anderer  Mensch.  Es  ist  dieses  ein  Anschluftsuchen  an  die  Welt, 
was  hier  besonders  wahrend  der  Liimmel-  und  Flegelzeit  zum  Aus- 
druck  kommt.  Und  es  ist  im  Grunde  genommen  das  Sich-Genieren, 
sein  eigenes  Wesen  ganz  der  Welt  zu  enthiillen,  das  Sich-Zuruckziehen 
in  sich  selber,  das  einen  anders  erscheinen  laftt,  als  man  ist. 

Die  schlechteste  Behandlung  ist  die,  wenn  der  Erzieher  in  dieser 
Zeit  gegeniiber  dem  Liimmel-  und  Flegelwesen  keinen  Humor  hat; 
denn  es  mufi  tatsachlich  gerade  dem  Knaben  gegeniiber  in  dieser  Zeit 
eine  Art  Humor  vorhanden  sein,  die  darin  besteht,  daft  man  auf  der 
einen  Seite  auf  die  Sache  eingeht,  und  auf  der  anderen  Seite  doch  wie- 
derum  zeigt,  daft  man  die  Sache  nicht  ganz  ernst  nimmt.  Man  mufi 
sich  in  der  Gewalt  haben,  um  diese  zwei  Seiten  des  Benehmens  eben 
zu  entwickeln.  Jedenfalls,  wer  sich  in  Harnisch  bringen  laftt  durch 
die  Aufterungen  des  Liimmels  oder  Flegels,  der  hat  als  Erzieher  ver- 


loren,  wie  es  derjenige  als  Erzieher  verdorben  hat,  der,  wenn  die  Schii- 
ler  ungehdrig  sich  benehmen  und  toben,  erst  recht  anfangt  zu  briillen 
und  dann  sagt:  Wenn  ihr  nicht  gleich  ruhig  sein  werdet,  dann  schmeift 
ich  euch  alien  die  Tintenfasser  an  den  Kopf !  -  Die  Kinder  haben  dann 
keinen  Respekt  mehr  vor  ihm. 

Bei  Madchen,  wenn  sie  die  andere  Seite  zum  Ausdruck  bringen, 
ist  es  notig,  dafi  man  eingeht  -  ich  mufi  da  schon  in  einer  gewissen 
Terminologie  reden  -  mit  einer  zarten  Grazie  selbst  auf  die  koketteren 
Ungezogenheiten,  aber,  bildlich  gesprochen,  sich  nachher  umdrehen. 
Also  sowohl  eingehen  mit  einer  zarten  Grazie  auf  diese  Dinge,  aber 
ja  nicht  merken  lassen,  dafi  man  Anteil  nimmt.  Man  lafit  das  Madchen 
sich  austoben.  Etwas  schnippisch  auftretende  Madchen  lafit  man  aus- 
toben.  Dann  lafit  man  das  Madchen  mit  sich  selbst  in  seinem  Austoben. 

Beim  Knaben  geht  man  mehr  ein  auf  das  Liimmel-  und  Flegelhafte; 
aber  man  zeigt,  dafi  man  es  doch  nicht  ganz  ernst  nimmt,  daft  man 
doch  etwas  lacht,  aber  fein  lacht,  dafi  der  Knabe  sich  nicht  besonders 
argert. 

Es  handelt  sich  darum,  dafi  man  sich  ein  gewisses  Gefiihl  aneignet, 
wie  man  Kinder  in  diesem  Lebensalter  zu  behandeln  hat,  da  jedes  Kind 
anders  ist.  Die  Erscheinungen,  die  da  zum  Vorschein  kommen,  sind 
die  eines  metamorphosierten  Schamgefuhls,  das  den  ganzen  Menschen 
durchdringt.  Und  wir  bereiten,  wir  miissen  das  tun,  das  Kind  in  der 
richtigen  Weise  fur  den  Beginn  der  Zwanzigerjahre  vor,  wenn  wir  be- 
rikksichtigen,  daft  ja  jetzt  das  Subjektive  mit  dem  astralischen  Leib 
sich  selbstandig  entwickelt.  Geradeso  wie  der  menschliche  Leib  sein
…[truncated]