Meditative Betrachtungen und Anleitungen zur Vertiefung der Heilkunst

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 



RUDOLF STEINER GES AMTAUS GABE 

Abteilung B: Vortrage 
III. Vortrage und Kurse zu einzelnen Gebieten: 

Medizin 

Herausgegeben von der 
Rudolf Steiner Nachlassverwaltung 



Band GA 316 



RUDOLF STEINER 



Meditative Betrachtungen 
und Anleitungen 
zur Vertiefung der Heilkunst 

Vortrage fiir Arzte und 
Studierende der Medizin 

Weihnachtskurs 
Acht Vortrage, Dornach 2. bis 9. Januar 1924 

Osterkurs 

Fiinf Vortrage, Dornach 21. bis 25. April 1924 

Erster Rundbrief, 11. Marz 1924 

Abendzusammenkunft 
Dornach, 24. April 1924 



2003 

RUDOLF STEINER VERLAG 



Die Herausgabe der 4. Auflage besorgten 
Dorte Mehrling und Eva-Gabriele Streit 

Bibliographischer Nachweis friiherer Ausgaben 
Seite 256 

Zeichnungen im Text nach Tafelzeichnungen Rudolf Steiners 
ausgefuhrt von Hedwig Frey 
Einbandzeichen nach einem Entwurf Rudolf Steiners, 
Schrift von Benedikt Marzahn und Carlo Frigeri 



Band GA 316 
4., durchgesehene Auflage 2003 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner Nachlassverwaltung, Dornach 

© 1967 by Rudolf Steiner Nachlassverwaltung, Dornach 
Satz: Rudolf Steiner Verlag / Bindung: Spinner, Ottersweier 
Printed in Germany by Greiser Druck, Rastatt 

ISBN 3-7274-3160-1 



Xu den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Rudolf Steiner hat seine Vortrage stets frei, also ohne Manuskript, gehalten. 
Viele seiner Voriiberlegungen hielt er lediglich in Stichworten, manchmal 
auch in kurzen Satzen, Schemata oder Skizzen in seinen Notizbiichern fest, 
ohne daft er sie weiter schriftlich ausgearbeitet hatte. Nur in ganz wenigen 
Fallen liegen vorbereitete schriftliche Zusammenfassungen vor, die fiir Uber- 
setzer bestimmt waren. Er hat jedoch der Veroffentlichung seiner Vortrage 
zugestimmt, auch wenn er selbst nur einige wenige fiir den Druck vorberei- 
ten konnte. 

Die in der Rudolf Steiner Gesamtausgabe veroffentlichten Vortrage basie- 
ren in der Regel auf Ubertragungen stenographischer Aufzeichnungen, die 
wahrend des Vortrages von Zuhorern oder hinzugezogenen Fachstenogra- 
phen angefertigt wurden. Verschiedentlich - und dies gilt fur die Anfangs- 
jahre seiner Vortragstatigkeit, etwa bis 1905 - dienen auch schriftliche 
Ausarbeitungen von Zuhorern als Textgrundlage. Fiir die Drucklegung wer- 
den die Ubertragungen in Langschrift oder Zuhorernotizen von den Bearbei- 
tern (Herausgebern) einer eingehenden Priifung unterzogen, insbesondere 
hinsichtlich Sinn, Satzbau und Genauigkeit der Wiedergabe von Zitaten, 
Eigennamen oder Fachbegriffen. Bei auftretenden Komplikationen, wie zum 
Beispiel nicht entschliisselbaren Satz- und Wortgebilden oder Liicken im 
Text, werden, soweit vorhanden, die Originalstenogramme zur Abklarung 
hinzugezogen. 

Weitere Angaben, die Besonderheiten der Textgrundlagen, die Bearbei- 
tung sowie die Entstehungsgeschichte der im vorliegenden Band veroffent- 
lichten Vortrage betreffend, befinden sich am Schluft des Bandes. 

Die Herausgeber 



Zu den Tafelzeichnungen: Die Original-Wandtafelzeichnungen und -be- 
schriftungen Rudolf Steiners zu den Vortragen in diesem Band sind erhalten 
geblieben, da die Tafeln damals mit schwarzem Papier bespannt wurden. Sie 
sind als Erganzung zu den Vortragen im Band XXIII der Reihe «Rudolf 
Steiner - "Wandtafelzeichnungen zum Vortragswerk» wiedergegeben, worauf 
hier an den betreffenden Textstellen durch Randvermerke verwiesen wird. 



INHALT 



WEIHNACHTSKURS 



Erster Vortrag, Dornach, 2. Januar 1924 15 

Illusion des konturiert vorgestellten Menschenbildes. Der physisch 
konturierte Mensch. Der Fliissigkeitsmensch, in den der Atherleib 
des Menschen eingreift; der Luftmensch, in dem der Astralleib 
wirkt; der Warmemensch, der die menschliche Organisation durch- 
dringt. Auf ihn wirkt das Ich, wahrend auf die iibrige Organisation 
der Warmemensch wirkt, das Ich also indirekt. Dadurch wird eine 
echte Einsicht in das Verhaltnis von Seele und Leib gemacht werden 
konnen, da die seelischen Ereignisse auf den Warmeather und durch 
diesen in die Organe wirken. 

Die Moglichkeit zur Erkrankung liegt in der menschlichen Organi- 
sation. Die Moglichkeit der Heilung in naturlichen Vorgangen, die 
die Vorgange im Menschen iibernehmen konnen: Atherleib, Astral- 
leib, Ich. Aufrufen hoherer Wesensglieder zum Gesunden. Andere 
Betrachtungen miissen in der Naturwissenschaft angestellt werden, 
dem Lebendig-Kosmischen entsprechend; ein Beispiel der Ameisen- 
saure und der Feigenreifung beziehungsweise Honigerzeugung. 
Notwendigkeit, den Natursinn zu entwickeln, auch beim Mikrosko- 
pieren. Betrachtung der nicht relativen Grofienverhaltnisse. Blick auf 
die wirkliche Artung des Bienenstockes. 

Zweiter Vortrag, 3. Januar 1924 28 

Charakteristik der Wesensglieder. Ich und Erdengestalt. Ich und 
Tod. Physischer Organismus und Ernahrung. Verhaltnis von Ather- 
leib und Astralleib und die Krankheitsbereitschaft. Voraussetzung 
eines bewufiten Seelenlebens. Wesen des Fiihlens. Die Entstehung 
der Krankheit. Entziindung und Wucherung. Die Krankheit und das 
Seelenleben. Leber als Sinnesorgan fur die Substanzen der Auften- 
welt. Herz, ein Sinnesorgan fur die Innenwelt. Die Organe als 
wesenhafte Ganzheit. Beurteilung der Nahrungsmittel aus dem 
Weltzusammenhang mit dem menschlichen Organismus. 

Dritter Vortrag, 4. Januar 1924 43 

Erdenstoffkrafte und peripherische Stoffkrafte werden in den einzel- 
nen Organsystemen ausgeglichen. Betrachtung des Hauptes unter 
diesem Gesichtspunkt; seine Gewichtslosigkeit und statische Ruhe. 



Kosmische und irdische Krafte in Haupt und iibrigem Skelett, koh- 
len- und phosphorsaurer Kalk in ihrer Bedeutung. Substanzen als 
kosmische Bildeprozesse und das Verhalten der kosmischen 
Wesenheit zu ihnen. Spezielle Betrachtung der den Bleiprozefi iiber- 
windenden Krafte. Die Bedeutung des Magnesiumprozesses, rhyth- 
mische Perioden, in denen der ProzefS andern Sinn hat. Das Anti- 
mon und die Metamorphosen des Kohlenprozesses studiert nach 
kosmischen und atherischen Gestaltungsvorgangen in der Zeiten- 
folge. 



Vierter Vortrag, 5. Januar 1924 

Das exoterische Wissen und die Art seines Erwerbes als Grundlage 
zum esoterischen Teil des Kurses. Bildung des Menschen: Atherleib 
und sein Verhaltnis zum Keim, der aus Erbe entsteht, sein Verhaltnis 
zum Astralleib in der Zeit sofort nach der Geburt: Veranlagung des 
Wissens. Bedeutung der inneren Schulung und Vertiefung fur den 
heilen wollenden Arzt. Das Pflegen der Seelenkrafte durch rhythmi- 
sches Wiederholen des Wissens. Ein solches Wissen am Beispiel des 
Pflanzenerlebens wird gezeigt, exoterisches und esoterisches Wissen 
in ihren wirklichen Zusammenhang gebracht. 



Funfter Vortrag, 6. Januar 1924. 

Vom Umschwung, der in der ganzen Auffassung der anthroposophi- 
schen Bewegung eintreten soli: «Der esoterische Weg ist eben ent- 
weder ein schwieriger oder er ist gar keiner.» - Weitere Schilderung 
der kosmischen Krafte an Hand des Verhaltnisses des Pflanzenwe- 
sens zum menschlichen Organismus, besonders des Hauptes. Not- 
wendigkeit des Erlebens dieses Wissens. Die Verbindung dessen mit 
inneren moralischen Impulsen. Schilderung der Meditationsvorgan- 
ge. Wille, das medizinische Studium esoterisch so zu vertiefen wie 
bisher erst auf zwei Gebieten: der allgemeinen Anthroposophie und 
der eurythmischen und der Redekunst. Schilderung der Einrichtung 
der medizinischen Sektion. 



Sechster Vortrag, 7. Januar 1924 

Erkenntnis durch Gedanken: Knochensystem; durch Imagination: 
Flussigkeitsmensch-Muskelsystem. Erkenntnis durch Inspiration: 
innere Organe. Erkenntnis durch Intuition: Warmemensch, bezie- 
hungsweise die Tatigkeit der Organe. Die zwei Arten von Warme. 
Luft- und Lichtzustand. Metamorphose des Lichts. Wafiriges ver- 
bunden mit Chemismus. Erdiges und Leben. Medizinisches gedank- 
liches Wissen und therapeutisches Element. 



Siebenter Vortrag, 8. Januar 1924 103 

Beantwortung einer Frage nach dem Heilmagnetismus. Beantwor- 
tung einer Frage nach dem Verhaltnis des Herzens zum Uterus. 
Antwort auf eine Frage nach dem Einflufi von Edelsteinen auf 
einzelne Organe. Beantwortung der Frage nach der Bedeutung der 
Leichnamsverwesung fur den Verstorbenen. Beantwortung der Fra- 
ge nach der Bedeutung der Sektion in einer bestimmten Zeit nach 
dem Tode. Antwort auf die Frage der Bedeutung der Gemeinschaft 
fur die Heilkraft des Arztes. Antwort auf Frage nach Augendiagno- 
se, Graphologie und so weiter. Uber Heilen und Kenntnis des 
Heilmittels. Von dem Wesen des Buches «Philosophie der Freiheit» 
und deren Bedeutung fur die menschliche Wesenheit. Imaginieren 
und Muskelleben; Inspirieren und das Leben innerer Organe. Skiz- 
zierung des von Rudolf Steiner fur eine geistgemafie Medizin notig 
erachteten Studienweges. Wesen der Krankheit fiir den heilwilligen 
Arzt dargelegt. 



Achter Vortrag, 9. Januar 1924 121 

Orientierung des Arztes nach dem Karma: der Karmawille und der 
Heilerwille. Einftihrung in die zur Heilung fiihrende Betrachtung 
des Menschenorganismus als Ergebnis kosmischer Krafte am Bei- 
spiel der Saturn- und Mondkrafte. Anweisungen zur meditativen 
Vertiefung. 



OSTERKURS 



Erster Vortrag, Dornach, 21. April 1924 141 

Zu Schwierigkeiten, die sich bei der Orientierung des Arztes nach 
einem esoterischen Schulungsweg ergeben haben, werden die Teil- 
nehmer aufgefordert, Fragen zu stellen. Antworten. Emanzipation 
des okzidentalen esoterischen Weges vom auEeren Kosmos. Anlei- 
tung zur Meditation; vom Wesen derselben. Darlegung des Inkarna- 
tionsprozesses, Entstehung des fiir die Erde tauglichen Menschenlei- 
bes; Herkunft der Vererbungsstromung und Auseinandersetzung 
mit derselben. Wesen von Scharlach und Masern; Bedeutung der 
kindlichen Nahrung und Muttermilch. Bedeutung der unmittelbaren 
Anschauung fiir das medizinische Erkennen; Darlegung derselben an 
Beispielen. Das Erwerben der Erdenreife. Die Sieben-Jahres-Peri- 
oden als Neueinschlage, nicht als Kunstwissen. Hereinwirken der 
kosmischen Bildekrafte. Meditation am Pflanzenwesen. 



Zweiter Vortrag, 22. April 1924 157 

Uber das richtige Meditieren und den Arztberuf. Krankheitser- 
kenntnis als Erkenntnis der Heilung. Wissen vom Heilen und Willen 
zum Heilen. Erkennen des Atherischen aus dem Bildhauerischen. 
Erkennen des Astralischen aus dem Musikalischen. Das Pioniertum 
der aus der Anthroposophie neu orientierten Arzte fur ein neues 
Medizinstudium. Betrachtung der primaren Krankheitsursache im 
Lebensgang des Patienten. Meditation. 



Dritter Vortrag, 23. April 1924 173 

Einfiihrung in die im zweiten Vortrag gegebene Meditation: Form- 
gestaltung, Menschengestaltung aus kosmischen Kraften. - Mond. 
Beseelung des Menschen: kosmische Sonnenwirkung im Umkreis. 
Durchgeistigung des Menschen durch die Abbaukrafte der Saturn- 
wirkung. Die kosmische Kraftenatur der Metalle. Das Moralische als 
aus dem Kosmos einstrahlende Kraft. Geistige Wahrheiten miissen 
immer wieder meditativ erlebt werden. Uber die karmischen Ver- 
haltnisse der um die Jahrhundertwende geborenen geistsuchenden 
Seelen. 

Vierter Vortrag, 24. April 1924 190 

Die Entstehung der medizinischen Anschauungsweise des 19. und 
20. Jahrhunderts in ihren karmischen Zusammenhangen betrachtet. 
Christentum und Arabismus. Anweisung zu einer Heilermeditation: 
die kosmische Trinitat, Saturn, Sonne, Mond, im gesunden und 
kranken Menschenwesen wirkend. 

Anweisungen zum Bemerken der karmischen Verhaltnisse bei Kran- 
ken: Heilerwille, Durchchristung der Medizin dadurch, dafi man 
sich des Kosmischen im Menschen bewufit wird. Mitdenken des 
Herzens: der Merkurstab. Der Arzt soli dafiir eintreten, dafi sich das 
Karma in der Zeitkultur auswirken kann. 

Funfter Vortrag, 25. April 1924 206 

Von der Artung der Wesensglieder und ihrer gegenseitigen Verhalt- 
nisse. Allgemeine Ursache des Erkrankens, Verstandnis fur gewisse 
Heilmittelwirkung. Unterschiedliche Verhaltnisse bei den physi- 
schen und bei den geistigen Erkrankungen, die Temperamente. 
Anleitungsregel fur eine Meditation zur Aneignung des imaginativen 
Bewufitseins. Dasselbe zur Aneignung des inspirativen Bewufkseins. 
Empfinden im Wissen, Empfinden im Erkennen. Konkretisierung 
der Jugendbewegung durch Hilfe der im Sinne des Vorstehenden 
strebenden Medizin. Das leise Heilen der Erbkrafte in der Erzie- 
hung. Verhaltnis des Arztes zum Patienten. Appell zum innerlichen 
Anschlufi an das Goetheanum, das als Mittelpunkt sich eine be- 
stimmte Aufgabe gestellt hat. 



ANHANG 



Erster Rundbrief, 11. Marz 1924 223 

Herausgegeben von der Medizinischen Sektion der Freien Hoch- 
schule fur Geisteswissenschaft am Goetheanum fiir die anthroposo- 
phischen Arzte und Medizinstudierenden 

Abendzusammenkunft, 24. April 1924 230 

Verhaltnis von Fliissig zu Fest in der Bildung des Organischen. 
Bildergestalten aus Ausweitung (kosmische Wirkung) und Ein- 
stiilpung (irdische Wirkung). Das therapeutisch bedeutungsvolle 
Phantom der Organe im Fliissigkeitsmenschen. Plastisches Prinzip 
fiir Verstehen des Fliissigen, musikalisches Prinzip fur Verstehen des 
Luftformigen. Sich zuhoren beim Sprechen: Studium der Ich-Orga- 
nisation. 

Meditation fiir die anthroposophischen Arzte, Herbst 1923 238 



7.u dieser Ausgabe 243 

Textgrundlagen 243 

Textkorrekturen 244 

Hinweise 247 

Register 253 

Weitere Ausfiibrungen zum Thema 

im Werk von Rudolf Steiner 255 

Bibliograpbiscber Nachweis bisheriger Ausgaben 256 

Die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 257 



WEIHNACHTSKURS 



Acht Vortrage, 
Dornach, 2. bis 9. Januar 1924 



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i 

I 



ERSTER VORTRAG 
Dornach, 2. Januar 1924 



Meine lieben Freunde! 

Das erste, woriiber ich gerne zu Ihnen reden mochte, ist dieses, was sich 
bezieht auf das medizinische Studium selbst. Das medizinische Studium 
wird ja heute in der Weise absolviert, daft es aufgebaut wird auf eine 
naturwissenschaftliche Weltanschauung, sagen wir besser, auf eine na- 
turwissenschaftliche Interpretation, die nicht bis zum Menschen heran- 
fiihrt, die heute gar nicht geeignet ist, iiber den Menschen etwas auszu- 
sagen. Und so kommen eigentlich die jungen Mediziner an den kranken 
Menschen heran, und sie kommen bis zum kranken Menschen, ohne 
irgendeine wirkliche Vorstellung haben zu konnen iiber den gesunden 
Menschen. Denn sehen Sie, wenn man einfach zunachst Anatomisches, 
Physiologisches so lernt, daft man die Vorstellung hat, das Wesentliche 
im menschlichen Organismus seien die mit festen Konturen auftreten- 
den Organe und Organsysteme, wie Knochensystem, Muskelsystem, 
und wenn man gewohnt geworden ist, diese Systeme eben in jenen 
festen Konturen zu sehen, in denen man sie gewohnlich zeichnet, so 
bekommt man dadurch eine ganz irrtumliche Anschauung vom Men- 
schen. Denn dasjenige, was man in dieser Weise zeichnet und auch ge- 
zeichnet sich vorstellt, was man eigentlich als Inhalt seiner Erkenntnis 
erhalt, das ist ja in einem fortwahrenden Werdeprozeft, in einem fort- 
wahrenden Aufbau und Abbau, in fortwahrendem Werden, fortwah- 
rendem Entstehen und Vergehen. Und wenn wir dieses Entstehen und 
Vergehen nun beginnen ins Auge zu fassen, dann stellt sich uns sogleich 
heraus, daft wir aus dem Konturierten in bezug auf den menschlichen 
Organismus iibergehen miissen zu dem Fliissigen, Nichtkonturierten, 
daft wir notig haben, uns den Menschen vorzustellen als Ergebnis sozu- 
sagen einer Stromung, die in bestimmten Punkten dauert, und wir miis- 
sen hinzufugen zu dem, was ja der geringste Teil des Menschen ist, den 
Fliissigkeitsmenschen, wenn ich mich so ausdrucken darf, den Men- 
schen, der nicht mehr unterliegt jenen Gesetzen, denen scharf kontu- 
rierte Korper unterliegen. Man bekommt gewohnlich heute aus ana- 



tomisch-physiologischen Vorstellungen heraus die Meinung, daft, wenn 
man Fliissigkeit in sich aufnimmt, urn den Durst zu loschen, und dann 
weiter von derselben Fliissigkeit immer mehr und mehr aufnimmt, 
diese Fliissigkeit, die da, sagen wir, nachdem man ein Glas Wasser ge- 
trunken hat, als viertes, fiinftes Glas Wasser folgt, im Organismus den- 
selben Prozeft durchmache, den das erste durchgemacht hat. Aber das 
ist nicht wahr. Das erste Glas Wasser macht einen komplizierten Pro- 
zeE durch bis zur Durststillung, das zweite Glas Wasser, wenn der 
Durst nicht mehr so grofi ist, geht ohne diesen ProzeE durch den Orga- 
nismus viel schneller durch als das erste. Es macht gar nicht die kompli- 
zierten Wege durch, die das erste Glas durchgemacht hat, und beim 
zweiten Glas Wasser haben wir es viel mehr zu tun mit einer Art von 
einfacher Weiterstromung im Flussigkeitsmenschen, wenn ich es jetzt 
grob ausdriicken darf. 

Und so mussen wir sagen, eine wirkliche Menschenerkenntnis mufi 
erstens mit den scharf konturierten Organen rechnen, dann aber auch 
mit demjenigen, was im Organismus im Flusse ist. Gewift, auf das wird 
auch hingewiesen, auf das, was im Flusse ist, aber so hingewiesen, daft 
man die im Flusse befindlichen Safte, iiberhaupt die fliissige Konfigura- 
tion im menschlichen Organismus nur nach den Gesetzen der Dyna- 
mik oder der Mechanik naher begreifen will. Daft diese zutreffen, ist 
nicht der Fall, sondern im Augenblick, wo der Flussigkeitsmensch in 
Betracht kommt, greift in den Flussigkeitsmenschen der sogenannte 
atherische Leib des Menschen ein. 

Der physische Leib des Menschen ist lediglich dasjenige, was sich 
bezieht auf die anatomischen Zeichnungen, die Sie in den anatomischen 
Atlanten, in den anatomischen Biichern sehen konnen. Da mussen Sie 
aber absehen von demjenigen, was Fliissigkeitsstromung im menschli- 
chen Organismus ist. Die Fliissigkeitsstromung im menschlichen Orga- 
nismus ist nicht abhangig von irdischen Kraften; irdische Krafte greifen 
auch ein, aber sie ist nicht abhangig in ihrem Wesen von irdischen Kraf- 
ten, wohl aber von jenen planetarischen Kraften, von denen ich im 
Tafel i* Vortrage gesprochen habe, so daft wir sagen mussen. Solange wir es zu 
tun haben mit fest umrissenen Organen und Organsystemen, kommen 
lediglich Krafte des Irdischen in Betracht. In dem Augenblicke, wo wir 



16 

r*r»r»i/rinh+ Pi i«Hr»lf Gtainor Manhl^cc r»A/ci Iti inn Di n-»h»- 1 -1 C 



* Zu den Tafelzeichnungen siehe S. 244. 



es zu tun haben mit dem, was zirkuliert, sei es die Zirkulation des 
Nahrungssaftes oder des schon im Blute verwandelten Nahrungssaftes, 
haben wir es als dirigierenden Kraften nicht mit irdischen, sondern mit 
planetarischen Kraften zu tun. Wir werden auf die Sache noch genauer 
eingehen. Jetzt handelt es sich nur um das Prinzip. 

So haben wir im wesentlichen den festen Menschen zugeordnet dem 
physischen Leibe, den flussigen Menschen dem atherischen Leibe. Nun 
nimmt am menschlichen Organismus auch teil das Luftformige, das 
Gasartige, und zwar mehr als mancher meint. Insofern das Gasartige 
konstituierend, belebend in unserem Organismus darinnen ist, ist es 
durchaus abhangig vom astralischen Leibe, so dafi zum Beispiel die 
Atmung des Menschen in ihrer physischen Offenbarung begriffen wer- 
den muE als Funktion des astralischen Leibes. 

Und gerade beim vierten Menschen, beim Warmemenschen - ich 
rede also vom physischen Menschen, der dem physischen Leib zuge- 
ordnet ist, vom flussigen Menschen, der dem atherischen Leib zuge- 
ordnet ist, vom gasformigen Menschen, das heifit von der Tatigkeit 
alles Gas- oder Luftartigen, der dem astralischen Leib zugeordnet 
ist -, in bezug auf den Warmemenschen ist es ja keinen Augenblick 
zweifelhaft, dafi in dem Raume, den der Mensch physisch einnimmt, 
und sogar noch dariiber hinaus, eine differenzierte Warme vorhanden 
ist. Wenn Sie messen hinter dem Ohr oder unter der Achsel, werden 
Sie einen ganz differenzierten Warmeorganismus finden. Die Warme- 
grade sind iiberall verschieden. Gerade wie Sie sprechen konnen, daft 
an einem bestimmten Orte im Menschen die Leber ist, so konnen Sie 
davon sprechen, dafi die Darmorgane an einem ganz bestimmten Orte 
sind; beide haben ganz verschiedene Temperaturen. Die Lebertempe- 
ratur ist eine ganz andere, da die Leber eine ganz spezielle Warme- 
organisation hat. Diese Warmeorganisation ist urspriinglich zugeteilt 
der Ich-Organisation. Aber jetzt haben Sie eigentlich erst die Moglich- 
keit, den Menschen sich vorzustellen, den Menschen, insofern er die 
Stoffe, die sonst auf der Erde vorhanden sind, als feste, fliissige, gas- 
formige und warmeartige in sich tragt. Das Warmeartige wird dirigiert 
von der Ich-Organisation aus. Nun aber, wenn irgend etwas einen 
gewissen Warmezustand hat, so wirkt dieser Warmezustand auf das, 



was die betreffende Warme durchdringt, und hier kommt man in 
den wirklichen Zustand der Ich-Organisation. Dasjenige, was die Ich- 
Organisation sonst im menschlichen Organismus tut, das geschieht auf 
dem Umwege iiber die Warmeorganisation. Nehmen wir also an, ich 
gehe, ich gehe einfach. Indem ich gehe, greife ich von meiner Ich- 
Organisation aus in die Warmeorganisation meines Organismus ein. 
Dasjenige, was die Warme, in dem Mafie wie die Beine ausgefiillt sind 
mit Fliissigkeiten, die die festen Bestandteile der Beine ausfiillen - was 
die Warme darin tut, ist zwar indirekt eine Folge der Ich-Organisa- 
tion, aber direkt greift die Ich-Organisation nur ein in den Warme- 
organismus. Wir haben also im ganzen Organismus, in der festen, 
fliissigen, gasformigen und Warmeorganisation iiberall zu sehen das 
Eingreifen der Ich-Organisation, aber nur auf dem Umwege iiber die 
Warmeorganisation. Wir haben wiederum im ganzen Organismus zu 
sehen das Eingreifen des astralischen Leibes, aber direkt greift der 
Astralleib nur ein in die Luftorganisation, die wir haben, und so wei- 
ter. Sie konnen sich das andere ausmalen. 

Nun, sehen Sie, auf diese Art bekommen Sie aber noch fur etwas 
ganz anderes die Moglichkeit. Wenn Sie so dasjenige nehmen, was man 
heute in der Physiologie und der Anatomie Ihnen bietet, was man da so 
schon zeichnet und fur den ganzen Menschen halt, wenn Sie dieses 
nehmen, so werden Sie niemals die Moglichkeit gewinnen, von diesem 
Menschen, den es in Wirklichkeit gar nicht geben kann, zum Seelischen 
hinuberzukommen oder gar zum Geistigen. Wo in aller Welt sollte 
etwas Seelisches oder Geistiges auch nur irgend etwas zu tun haben mit 
diesem Menschen, den heute die Physiologie oder Anatomie zeichnet? 
Daher sind auch alle moglichen scheinbar gut ausgedachten Theorien 
entstanden iiber das Wechselverhaltnis vom Seelisch- Geistigen zum 
Leiblichen. Die geistreichste, weil blodsinnigste - das ist in unserer Zeit 
zumeist zusammengehorig -, ist diejenige vom psyehophysischen 
Parallelismus. Man sagt, beides verlaufe gleichzeitig und gehe einander 
parallel, es wird gar nicht eine Briicke gesucht. Aber in dem Augenblik- 
ke, wo Sie bis herauf zu der brganisierten Warmedifferenzierung gehen 
und in der organisierten Warmedifferenzierung das Eingreifen der Ich- 
Organisation haben, kommen Sie darauf, sich zu sagen: Ja, in dem War- 



meather ist es sogleich denkbar, daft die Ich- Organisation eingreift und 
damit auf dem Umwege der Warmeorganisation in den ganzen Men- 
schen bis zu der scharf konturierten physischen Organisation. - Die 
Briicke zwischen Physischem und Seelischem im Menschen konnte 
man nur aus dem Grunde nicht finden, weil man nicht beriicksichtigte, 
daft der Mensch diese aufeinanderfolgende Organisation hat, in die wie- 
derum die geistig-seelische Organisation eingreift. Es ist in der Tat so, 
daft, wenn Sie zum Beispiel Angst haben, der einfache seelische Tat- 
bestand zunachst auf Ihre Warmenatur wirken kann. Sie konnen sich 
naturlich nicht denken, daft der seelische Tatbestand des Erlebens der 
Angst Ihre Glieder zittern macht, das ist undenkbar, und so miissen Sie 
schon so etwas finden wie den psychophysischen Parallelismus. Aber 
Sie konnen sich denken, daft durch die Angst die seelische Organisa- 
tion, die im Warmeather verankert ist, affiziert wird, und daft in der 
betreffenden Anderung des Warmezustandes die Angst sich auslebt. 
Dadurch iibertragt sich die Warmeorganisation auf die Luftatmung, auf 
den flussigen und hinunter bis in den festen Menschen. Sie finden nur 
auf diese Weise die Moglichkeit, vom Physischen nach dem Seelischen 
eine Briicke zu schlagen. 

Sie werden aber niemals, ohne daft Sie diese Einsicht iiber den Men- 
schen gewinnen, imstande sein, vom gesunden Menschen, von der Ein- 
sicht in den gesunden Menschen hinuberzukommen zu der Einsicht in 
den kranken Menschen. Denn sehen Sie, wenn wir irgendein Glied der 
menschlichen Organisation nehmen, sagen wir Leber oder Niere, wel- 
che bei sogenannter normaler Organisation in einer bestimmten Weise 
die Impulse erhalten von der Ich- Organisation, indem diese Impulse 
der Ich-Organisation zuerst eingreifen in den Warmeorganismus und 
dann hinuntergehen bis zu der scharf konturierten Leber oder der scharf 
konturierten Niere und so weiter - betrachten wir das, dann ist natur- 
lich eine Moglichkeit vorhanden, daft dieses Eingreifen der Ich-Organi- 
sation auf dem Umwege der Warmeorganisation das alltagliche Verhal- 
ten in sich verintensiviert, gegeniiber dem alltaglichen Verhalten 
abweicht, daft also die Ich-Organisation der Leber oder der Niere ge- 
gemiber zu stark auf die Warmeorganisation wirkt, wie sie nicht wirken 
sollte, und wir haben in der Einrichtung, die im menschlichen Organis- 



mus da sein mu$, damit die Ich-Organisation in ihm wirken kann, dann, 
wenn diese Einrichtung in einer falschen, meinetwillen dislozierten 
Weise erscheint, gerade die Moglichkeit, da£ dieser menschliche Orga- 
nismus erkrankt. Wenn Sie namlich den menschlichen Organismus so 
vorstellen, wie ihn heute die Anatomie oder Physiologie vorstellt, kann 
er nicht erkranken. Denn woher soil der Krankheitszustand kommen? 
Es mulS irgendwie im Organismus die Moglichkeit vorhanden sein, dafi 
die Krankheit entsteht. Nun mufi die Ich-Organisation in einer gewis- 
sen starken Weise zum Beispiel auf das Herz einwirken, das heilk auf 
dem Umwege der Warmeorganisation auf das Herz. Geschieht es nun 
durch irgendwelche Umstande - Sie konnen auch in der Auftenwelt 
dasjenige, was Warmezustand ist, in einer unerwunschten und dishar- 
monischen Weise an einen andern Ort lenken - dafi das, was auf dem 
Umwege durch die Warmeorganisation auf das Herz geschehen soil, in 
der Niere oder der Leber geschieht, so geschieht etwas im Organismus, 
was geschehen mufi. Es ist nur verschlagen, verlegt, und die Moglichkeit 
zu erkranken ist da. 

Nur dadurch, dafi Sie so etwas berucksichtigen, kommen Sie zum 
Verstandnis der Krankheitsmoglichkeit, sonst nicht. Sie miissen sich 
sagen: Alles was im menschlichen Organismus vor sich geht, ist ein 
Naturprozefi. - Aber Krankheit ist auch ein NaturprozeE. Wo hort 
gesunder Prozeft auf? Wo fangt kranker ProzejR an, wie geht gesunder 
in kranken Prozeft iiber? Diese Fragen sind schlechterdings unbeant- 
wortbar, wenn man bei dem bleibt, was gewohnliche Physiologie und 
Anatomie gibt. Erst dann, wenn Sie wissen, dafi dasjenige, was in der 
Leber krank ist, gesund im Herzen ist und da sein mufi, wenn der ganze 
Mensch da sein soli, bekommen Sie eine Vorstellung von der Moglich- 
keit des Krankseins. Denn konnte der menschliche Organismus von der 
Ich-Organisation aus, sagen wir, nicht die Warmeorganisation, die in 
der Herzgegend sein mufi, hervorbringen, so wiirde dieser menschliche 
Organismus zum Beispiel nicht denken, nicht empfinden konnen. 
Wenn er aber in die Leber- oder Nierenorganisation eingreift, dann 
entsteht die Notwendigkeit, ihn da wieder herauszutreiben, also ihn 
sozusagen in seine urspriinglichen Grenzen zuriickzuverlegen. Und 
sehen Sie, meine lieben Freunde, dafur gibt es eben in der Natur drau- 



fieri Substanzen und substantielle Tatigkeiten, die einfach Organ fur 
Organ iibernehmen konnen die Tatigkeit des Atherleibes, die Tatigkeit 
des Astralleibes, die Tatigkeit der Ich-Organisation. Sagen wir also, es 
greife die Ich-Organisation in unrichtiger Weise ein in die Niere - das 
alles soli heute nur als Einleitung dienen, wir werden die Dinge noch 
fachmannischer besprechen in den nachsten Tagen - nehmen wir an, es 
greife die Nieren-Ich-Organisation in zu intensiver Weise ein, so gibt 
man dadurch, daft man Equisetum arvense in bestimmter Weise gibt, 
der Niere die Moglichkeit, das zu machen, was in diesem abnormen, 
kranken Zustand sonst die Ich-Organisation macht. Sie haben also die- 
ses, dafi im kranken Zustand in die Nierenorganisation eingreift die Ich- 
Organisation, aber so, wie sie nur in das Herz eingreifen soil, nicht wie 
sie in die Niere eingreifen soli. Es ist eine Tatigkeit darinnen, die nicht 
darin sein soil, die dadurch ausgeiibt wird, daft der Ich-Organismus zu 
intensiv seine Tatigkeit hineingibt. Man bekommt sie nur heraus, wenn 
man eine Tatigkeit in die Niere hineinbringt auf kiinstliche Weise, die 
dieser Tatigkeit des Ich-Organismus gleichkommt. Das ist dasjenige, 
was Sie in die Niere einbringen konnen, wenn es Ihnen gelingt, in der 
richtigen Weise Equisetum arvense in seiner Funktion, in seiner Tatig- 
keit der Niere zuzufuhren. Die Niere hat eine grofie Affinitat zu Equi- 
setum arvense. In demselben Moment schlagt sich die Tatigkeit auf die 
Niere und die Ich-Organisation wird herausgeholt. Dann aber, wenn 
nun das kranke Organ auf eine andere Weise seine kranke Tatigkeit 
ausfuhren kann und so etwas wie die Ich-Organisation ihrer eigentli- 
chen Auf gab e zuriickgegeben wird, dann wirkt diese Ich-Organisation 
nunmehr gesundend. Sie konnen die sogenannten hoheren Leiber auf- 
rufen zur gesundenden Tatigkeit, wenn Sie sie aus dem kranken Organ 
heraustreiben und sie wiederum in ihre Aufgabe einsetzen. Dann wirkt 
dieser Leib durch eine reaktive Kraft, die auftritt, tatsachlich auf das 
kranke Organ gesundend. Wenn man aber in solche Krafte eindringen 
will, wie sie da sind, wenn man kennenlernen will die menschliche 
Organisation in ihrer Beziehung zu der Einrichtung des Kosmos, zu 
der Einrichtung der den Menschen auf der Erde umgebenden drei 
Naturreiche, dann mu!5 man eine andere Naturwissenschaft treiben, als 
diejenige ist, die heute haufig getrieben wird. 



Ich will Ihnen ein Beispiel anfuhren. Sie kennen alle einen Ameisen- 
haufen; Sie wissen, dafi man aus Ameisen Ameisensaure gewinnt. Man 
redet heute so, wie man als Chemiker reden kann, auch als der pharma- 
zeutische Chemiker meinetwegen, uber Ameisensaure, aber man weiE 
folgendes nicht. Man weifi nicht, daft zum Beispiel ein Wald, in dem gar 
keine Ameisen ihre Arbeit verrichten, durch dasjenige, was in den 
Wurzelstocken und so weiter, was iiberhaupt vermodert, eine furcht- 
bare Schadigung bedeutet. Es bedeutet eine furchtbare Schadigung der 
Erdenentwickelung. Die Erde geht sozusagen an ihren vermodernden 
organischen Uberbleibseln zugrunde. Aber stellen Sie sich vor - es ist 
dies zunachst einleitungsweise, grob gesprochen -, Holz, aus dem die 
Vegetation heraus ist, das sozusagen in eine Art von mineralischem Zu- 
stand iibergegangen ist, verpulvert, vermodert. Dadurch, daft die Amei- 
sen ihr Wesen treiben, ist immer in aufterordentlich hoher Potenzierung 
Ameisensaure im Boden und in der Luft im Bereiche des Waldes. Diese 
Ameisensaure, die durchdringt das Vermodernde, und aus dem, was aus 
dem Zusammenhang der Tatigkeit der Ameisensaure und des Vermo- 
dernden entsteht, wird die Fortentwickelung wieder gerettet, so daft der 
Staub nicht verfliegt in das Weltenall, sondern abgeben kann Material 
fur die Fortentwickelung der Erde, so daft also solche Stoffe, die schein- 
bar nur Absonderungsstoffe von Insekten oder andern Tieren sind, 
wenn man ihre Funktionen nur richtig erkennt, tatsachlich die Retter 
der Fortentwickelung des Irdischen sind. 

Sehen Sie, Substanzen einfach so zu untersuchen, wie heute der 
Chemiker untersucht, fiihrt nie dazu, die Weltenaufgaben der Substan- 
zen zu erkennen. Aber ohne die Weltenaufgaben der Substanzen zu 
erkennen, ist es unmoglich, die Aufgaben der Substanzen, die dem 
menschlichen Inneren zugefuhrt werden, zu erkennen. Das, was ganz 
unvermerkt mit der Ameisensaure drauften in der Natur vorgeht, geht 
fortwahrend in der menschlichen Organisation mit der Ameisensaure 
vor. So konnte ich schon in einem andern Vortrage betonen, der 
menschliche Organismus ist darauf angewiesen, ein bestimmtes Quan- 
tum von Ameisensaure immer in sich zu haben, da die Ameisensaure 
die sonst dem Altersprozeft verfallenden menschlichen Stofflichkeiten 
wieder herstellt. Es kann sich nun darum handeln, in bestimmten Fallen 



zu konstatieren, daft der Mensch zu wenig Ameisensaure in seinem Or- 
ganismus hat. Was man wissen mufi, ist, daft die verschiedenen Organe 
verschiedene Quantitaten von Ameisensaure in sich haben. Nun han- 
delt es sich darum, herauszubekommen, daft der Mensch in einem Or- 
gan zu wenig Ameisensaure hat. Dann handelt es sich darum, diese 
Ameisensaure dem Organismus zuzufuhren. Man wird Falle finden, in 
denen man Ameisensaure zufuhrt, wo sie nichts hilft, andere Falle, wo 
sie sehr viel hilft. Es gibt den Fall, daft der Organismus sich direkt wehrt 
gegen die direkte Zufuhrung von Ameisensaure, daft der Organismus 
aber sehr geneigt ist, wenn sein Kleesauregehalt erhoht wird, aus der 
Kleesaure selber Ameisensaure zu bereiten. In den Fallen, wo man mit 
Ameisensaure nicht zurecht kommt, ist es oftmals notig, eine Oxal- 
saurekur anzustellen, weil aus der Oxalsaure im menschlichen Organis- 
mus Ameisensaure wird. Das ist nur ein Hinweis, wie notwendig es ist, 
nicht nur die festumrissenen Organe kennenzulernen, sondern auch den 
Safte-, den Fliissigkeitsprozeft, und zwar sowohl draufien im Kosmos 
wie innerhalb des menschlichen Organismus, und zwar in alien Ein- 
zelheiten. 

Sehen Sie, gewisse Vorgange drauften in der Natur, die der Mensch 
hervorruft: man kann sie beobachten, aber ihre ganze Bedeutung kann 
durch die naturwissenschaftliche Interpretation nicht erkannt werden. 

Ich will Ihnen eine sehr einfache Erscheinung zeigen. In siidlichen 
Gegenden hat man Feigenbaume. Man hat Feigenbaume, welche zu- 
nachst wilde Feigen hervorbringen und solche Feigenbaume, die beson- 
ders kultivierte Feigenfruchte, siifte Feigenfruchte hervorbringen. Die 
Leute sind ziemlich raffiniert im Hervorbringen der suften Feigenfruch- 
te. Sie tun das Folgende: Sie veranlassen eine gewisse Wespenart, die 
Eier hineinzulegen in eine Feigenfrucht, in eine gewohnlich gewachsene 
Feigenfrucht. Dadurch wird aus dem Wespenkeim eine Wespenmade, 
die sich verpuppt. Dieser ProzeE wird nun unterbrochen von den 
Leuten, und es wird die junge Wespenart veranlaflt, ein zweites Mai im 
Jahr Eier abzulegen. Auf diese Weise, dafi ein zweites Mai Eier abgelegt 
werden von der in demselben Jahr erzeugten Wespengeneration, wird 
in der Feige, in die hinein von der zweiten Generation das Ei gelegt 
wird, wesentliche SiiEigkeit her vorgerufen. Die Leute im Siiden ma- 



chen das so, dafi sie zunachst Feigen iiberhaupt, die schon nahe der 
Reife sind, nehmen, indem sie so mit Bast zwei Feigen zusammenbin- 
den, an den Ast hangen. Also die Feige lafit man von den Wespen anste- 
chen, die Reife der Frucht wird dadurch, daft sie schon abgeschnitten 
ist, sehr beschleunigt. Dadurch entwickelt sich auch die erste Wespen- 
generation sehr schnell, geht heriiber in die andere Feige, die nicht 
abgepfltickt ist, und die wird dadurch wesentlich versiifit. 

Dieser Prozefi ist sehr wichtig, meine lieben Freunde, weil innerhalb 
der Natur selbst, innerhalb der fortlaufenden Feigensubstanz, dasselbe 
vor sich geht, zusammengezogen, was auseinandergezogen vor sich 
geht, wenn die Wespe oder meinetwegen die Biene den Honigsaft aus 
den Blumen nimmt, in den Stock eintragt und den Honig erzeugt. In 
der Tat, das, was bei der Biene auseinandergefaltet ist im Prozefi von 
den Blumen, deren Honigsaft die Bienen aufsaugen, bis zum Honiger- 
zeugen im Stock, spielt sich innerhalb der Feige selber ab. Dadurch, dafi 
der Siidlander den Prozefi hervorruft, ruft er in der Feige, die er stechen 
lafit durch die junge Wespengeneration, einen honigerzeugenden Pro- 
zeft hervor. Diese Feige, die von der jungen Generation gestochen wird, 
bekommt einen honigerzeugenden Prozefi in sich. Sie haben hier die 
Metamorphose zweier Naturprozesse, von denen der eine auseinander- 
gezogen ablauft, indem von den Bienen aus den entfernten Blumen der 
Honigsaft geholt und im Stock daraus Honig erzeugt wird. Der andere 
lauft ab in demselben Baum, in dem die beiden Feigen eingehangt wer- 
den, die schneller reifen, die Wespengeneration schneller entsteht, und 
eine andere Feige ansticht. Indem die andern Feigen angestochen wer- 
den, erscheinen iiberall siifte Feigen. Solche Vorgange miifke man 
eigentlich studieren, denn das sind die Naturvorgange, die in Betracht 
kommen. Im Menschen gehen Vorgange vor sich, von denen einfach die 
heutige Physiologie und Anatomie keine Ahnung haben, weil sie ihre 
Betrachtung nicht ausdehnen iiber solche Naturvorgange, wie ich sie 
jetzt beschrieben habe. Es handelt sich darum, gerade die feineren Pro- 
zesse in der Natur zu beobachten, dann wird man zu einer wirklichen 
Menschenerkenntnis kommen. 

Aber zu alldem gehort ein wirklich innerer Natursinn, ein Zu- 
sammenschauenkonnen von Warme, von Luftstromungen, von Luft- 



erwarmungen, von Luftabkuhlungen, vom Spiel der Sonnenstrahlen 
in Lufterwarmungen und Luftabkuhlungen, des Wasserdunstes in der 
Atmosphare, des wunderbaren Spieles des Taues am Morgen iiber den 
Blumen, an alien Pflanzen, der wunderbaren Vorgange, die sich ab- 
spielen, sagen wir in einem Gallapfel, der doch auch durch einen Wes- 
penstich und eine Eiablagerung entsteht. Man mufi aber das alles 
schon mit makroskopischen Blicken betrachten konnen. Dazu gehort 
Natursinn. Und Natursinn ist ganz gewifi nicht vorhanden, wenn man 
alles abhangig macht, wie es beim heutigen Beobachten geschieht, vom 
Eingeschlossensein in das Praparat, das man durch die Mikroskopie 
gewinnt. Da nimmt man die Sache einfach von der Natur weg. Sehen 
Sie, da liegt eine furchtbare Illusion vor. Was will man eigentlich, wenn 
man mikroskopiert? Man will das, was man mit dem gewohnlichen 
Auge nicht sieht, sehen. Indem man das Objekt ins Riesige vergro- 
fiert, glaubt man, es werde die Wirkung haben, die es im Kleinsten 
hat. Man schaut aber ein ganz falsches Objekt an, man schaut ein 
unwahres Objekt an. Mikroskopie hat nur einen Sinn, wenn Sie selber 
so viel Natursinn haben, daft Sie imstande sind, nachdem Sie es im 
Mikroskop betrachtet haben, das betreffende Objekt bis zur entspre- 
chenden Kleinheit innerlich zu modifizieren. Dann wird die Sache 
ganz anders; Sie sehen schon etwas ganz anderes. Wenn Sie eine Sache 
vergroftert sehen, so miissen Sie sie wieder in sich, einfach durch Ihre 
Innerlichkeit, verkleinern konnen. Das tut man gewohnlich nicht. 
Zumeist hat man keine Ahnung davon, dafi die Grofienverhaltnisse 
der Naturobjekte durchaus nicht relativ sind. Die Relativitatstheorie 
ist etwas recht Schones und Groses, fur die meisten Gebiete einfach 
unanfechtbar. Aber der menschliche Organismus! Ich habe einmal 
eine Professorendiskussion vor drei Jahren mitgemacht. Die Leute 
verstanden nicht das Mindeste davon, wenn man ihnen sagte, der 
menschliche Organismus kann nicht zum Beispiel doppelt so grofi 
sein als er ist, er wiirde nicht bestehen konnen; die Grofie, die er hat, 
ist durch den Kosmos nicht relativ fur ihn, sondern absolut bedingt. 
Und bei einer iibernormalen Grofte, wie etwa bei einem Riesen, oder 
unternormalen, wie bei einem Zwerge, kommen wir schon in Krank- 
heitszustande hinein. Und so mufi man sagen, wenn man etwas unter 



dem Mikroskop sieht, sieht man eine Luge zunachst und man mufi sie 
auf die Wahrheit reduzieren konnen. Man kann sie aber nur auf die 
Wahrheit reduzieren, wenn man Natursinn hat fur das, was geschieht 
draufien in der Natur. 

Da ist es denn schon wichtig, auf so etwas wie den Bienenstock zu 
blicken und zu lernen, dafi die einzelne Biene dumm ist. Sie hat Instink- 
te, aber sie ist dumm; aber der ganze Bienenstock ist aulSerordentlich 
weise. Sehen Sie, wir hatten neulich einmal ganz interessante Bespre- 
chungen oben unter den Arbeitern, die von mir, wenn regelmafiige 
Zeiten sind, jede Woche zwei Vortrage bekommen. Wir hatten das Reich 
der Bienen besprochen, da tauchte die Frage auf, die sehr interessant ist. 
Der Bienenziichter kennt ganz gut ihre Bedeutung. Wenn ein beim Bie- 
nenvolk beliebter Bienenvater da ist und er krank wird oder stirbt, dann 
kommt tatsachlich das ganze Bienenvolk in Unordnung. Es ist so. Nun 
sagte einer, der nun so recht im Sinne der gegenwartigen Anschauung 
dachte: Aber die Biene sieht ja nicht so genau, sie hat gar keine Vorstel- 
lung vom Bienenziichter, vom Bienenvater, wie soil da irgendwie eine 
Zusammengehorigkeitsempfindung entstehen? Aber noch viel mehr. 
Nehmen wir an, der Bienenvater versorgt dieses Jahr den Bienenstock, 
im andern Jahr ist ein ganz anderes Bienenvolk darinnen, es ist ganz 
ausgetauscht bis auf die Bienenkonigin, es sind lauter junge Bienen drin- 
nen. Wo soil da die Zusammengehorigkeitsempfindung entstehen? - Ich 
antwortete folgendes: Derjenige, der den menschlichen Organismus 
kennt, weift, dafi in gewissen Perioden der menschliche Organismus alle 
seine Stoffe austauscht. Nehmen wir an, irgend jemand lernte heute ei- 
nen Menschen kennen, der nach Amerika geht und nach zehn Jahren 
zuriickkommt. Er findet einen ganz andern Menschen vor, als der war, 
den er vor zehn Jahren gekannt hat. Er findet alle Stoffe ausgetauscht, er 
findet eine ganz andere Zusammenfugung vor. Da liegt nichts anderes 
vor als beim Bienenstock, wo die Bienen ausgetauscht sind, aber es 
bleibt die Zusammengehorigkeit zwischen dem Bienenstock und dem 
Bienenvater. Diese Zusammengehorigkeit beruht darauf, dafi im Bie- 
nenstock eine ungeheure Weisheit lebt, er ist nicht nur dieses Hauflein 
einzelner Bienen, sondern der Bienenstock hat wirklich eine konkrete 
eigene Seele. 



Das ist dasjenige, was man wiederum in seinen Natursinn auf- 
nehmen mufi, diese Anschauung, dafi der Bienenstock eine Seele hat. So 
wird man dann in manches andere hinaustragen konnen solche An- 
schauungen, die von einem wahren, einem wirklichen Natursinn getra- 
gen sind. Und nur mit einem solchen Erkennen, das von einem Natur- 
sinn getragen ist, der nicht nur mikroskopieren, sondern auch 
makroskopieren kann, wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf, drin- 
gen wir an den gesunden und an den kranken Menschen heran. Das 
wollen wir in den nachsten Tagen tun und dabei namentlich Riicksicht 
nehmen auf dasjenige, was ich nennen mochte die Moral des medi- 
zinischen Studiums und der medizinischen Wissenschaft. Das wollen 
wir in den nachsten Tagen tun. 



ZWEITER VORTRAG 
Dornach, 3. Januar 1924 



Meine lieben Freunde! 

Da wir ja nun doch daran denken werden, die acht Stunden auszu- 
niitzen, so kann ich etwas langsamer vorgehen, als es hatte geschehen 
konnen, wenn wir hatten eilen miissen. Das wird ja zweifellos der Sache 
zugute kommen. 

Nun mochte ich heute gewissermaften die Materie von gestern so 
forts etzen, daft ich Ihnen iiber die Eigentumlichkeiten der einzelnen 
menschlichen Glieder spreche. Sie wissen, ich habe gestern darauf auf- 
merksam gemacht, daft wir den ganzen Menschen doch nur so betrach- 
ten konnen, daft wir in ihm unterscheiden den physischen Leib, diesen 
physischen Leib aber in unmittelbaren Zusammenhang bringen mit 
alldem, was im Menschen in festen Konturen vorgestellt werden kann. 
Dann haben wir dasjenige, was ich nennen mochte den fliissigen Orga- 
nismus. Dieser fliissige Organismus ist durchzogen, durchsetzt von den 
Kraften des Atherleibes, die aber sich als irgendwelche urspriingliche 
Komponenten verbinden mit dem physischen Leibe. Dieser Fliissig- 
keitsmensch ist da nun durchsetzt von den atherischen Kraften. Das 
sind die peripherisch wirkenden Krafte, die iiberallher wirkenden Kraf- 
te. Dann haben wir den astralischen Leib, den wir so zu betrachten 
haben, daft wir mit einer raumlichen Betrachtung gar nicht auskommen 
konnen, daft wir uns klarwerden miissen, den Astralleib miissen wir 
rein qualitativ betrachten, bei dem kann eine quantitative Betrachtung 
uns iiberhaupt nichts bieten. Ihn miissen wir uns vorstellen wirklich als 
gelegen in einer Welt, die nicht die raumliche Welt ist, wie wir sie 
zunachst kennen, sondern die aufterhalb dieser raumlichen Welt liegt. 

Und erst recht miissen wir uns das bei der Ich-Organisation denken. 
Nun wird ja am leichtesten die Sache einleuchtend sein, wenn wir aus- 
gehen gleich von der Ich-Organisation. Was stellt denn diese Ich-Orga- 
nisation dar? Diese Ich-Organisation wird ja in der physischen Welt 
wahrgenommen in der Gestaltung des physischen Leibes. Natiirlich, in 
der physischen Welt kann sie nur wahrgenommen werden in der inne- 



ren und auEeren Gestaltung des physischen Leibes. Aber wenn wir den 
physischen Leib des Menschen betrachten, so mussen wir uns doch 
klarwerden, dafi er so, wie er dasteht als physischer Leib in der phy- 
sischen Welt, nichts gemein hat mit den Kraften, die in der physischen 
Welt wirken. Denn in dem Augenblicke, wo der Mensch durch die 
Todespforte geht, die Ich- Organisation also weggeht aus dem phy- 
sischen Leibe, da tritt fur den physischen Leib die Tatsache ein, daE er 
anfangt, den Kraften der auEeren Welt zu unterliegen, das bedeutet aber, 
dafi er zerstort, nicht daft er aufgebaut wird. Wenn Sie das bedenken, 
dafi der physische Leib durch die Krafte, die in der aufieren Natur sind, 
zerstort wird, werden Sie unbedingt einsehen: er kann nicht in seiner 
Gestaltung irgendwie unterliegen den Kraften der physischen Welt. 
Wenn die Ich-Organisation also den physischen Leib gestaltet, formt, 
bedeutet das doch, dafi sie ihn herausreifk aus den Kraften, die sonst in 
der irdischen Umgebung des Menschen gefunden werden. 

Das heifk mit andern Worten, die Ich-Organisation ist etwas ganz 
anderes als dasjenige, was wir in der physischen Welt finden. Nun, 
diese Ich-Organisation ist allerdings verwandt, richtig verwandt mit 
dem Tode. Das heifk, dasjenige, was mit dem Tode auf einmal eintritt, 
das findet fortwahrend kontinuierlich wahrend der Zeit des Erden- 
lebens durch die Ich-Organisation statt. Der Mensch stirbt eigentlich 
fortwahrend, nur wird dieses Sterben ausgeglichen. Um ein Bild von 
der Sache zu bekommen, denken Sie sich einmal, sagen wir, vor ein 
umgekehrtes Penelope-Problem gestellt. Denken Sie sich, Sie beschaf- 
tigen sich jeden Tag damit, einen Erdhaufen, der in der Nahe Ihres 
Hauses ist, wegzuschaffen, und in der Nacht, wenn Sie nicht dabei 
sind, schaufelt Ihnen jemand den Haufen wieder hin, und solange der 
Erdhaufen hingeschaufelt werden kann, so lange mussen Sie ihn weg- 
schaufeln. Blofi, wenn einmal dieser Erdhaufen anfangt, durch die 
Tatigkeit dessen, der ihn hinschaufelt, immer kleiner und kleiner zu 
werden und schliefilich gar nicht mehr da ist, haben Sie keine Tatigkeit 
mehr mit ihm. So ungefahr ist die Ich-Organisation in ihrer Beziehung 
zum physischen Leib. Denken Sie nur, wenn Sie den physischen Leib 
ernahren, dann bringen Sie dem physischen Leib aus der irdischen 
Umgebung Substanzen bei. Diese Substanzen, die Sie herbeibringen, 



haben ihre inneren Krafte, haben eine gewisse Kraftkonfiguration, und 
wenn Sie also zum Beispiel Kochsalz in sich aufnehmen als Beimittel 
zur Nahrung, dann hat dieses Kochsalz zunachst, weil es von aufien 
hereinkommt, richtig den inneren Tatigkeitsdrang, den es drauften als 
Kochsalz hat, Sie beginnen allerdings schon im Bereiche des Mundes 
anfangend, diese Eigenschaften ihm zu nehmen und dann sie immer 
mehr und mehr ihm zu nehmen, so dafi zuletzt, wenn die Ich-Orga- 
nisation ausreichend wirkt, in Ihnen von dem Kochsalz nichts mehr 
vorhanden ist von dem, was draufien vorhanden ist. Das Kochsalz ist 
etwas vollstandig anderes geworden. Die Tatigkeit Ihrer Ich-Organi- 
sation besteht gerade darin, die Nahrungsmittel umzuformen, die Sie 
aufnehmen. Wenn Sie nicht mehr im physischen Leibe die Moglichkeit 
haben, Nahrungsmittel aufzunehmen, dann hat das Ich keine Aufgabe 
mehr, so wie Sie keine Aufgabe mehr haben, wenn niemand einen 
neuen Erdhaufen mehr hinschaufelt. Dann tritt gerade durch die 
Unfahigkeit, Nahrung aufzunehmen, fur das Ich die Unmoglichkeit 
ein, im physischen Leibe zu arbeiten von den Warmeverhaltnissen aus. 
Man kann sagen, dasjenige, was die Unmoglichkeit herbeifuhrt, die 
aufieren Substanzen so umzuwandeln, dafi sie nichts mehr von dem 
haben, was solche aufteren Substanzen haben, sondern ganz im Dien- 
ste der Ich-Organisation sind, fuhrt den Tod herbei. 

Was tut die Ich-Organisation eigentlich mit dem physischen Leibe? 
Sie zerstort ihn fortwahrend, sie tut dasselbe, was der Tod tut, nur 
wird dies immer ausgeglichen dadurch, da$ der physische Leib fahig 
ist, aufiere Substanzen als Nahrung aufzunehmen, so dafi Sie den 
polarischen Gegensatz haben zwischen Ich-Organisation und Ernah- 
rung. Aber die Ich-Organisation bedeutet fur den Menschen ganz 
dasselbe, nur in fortlaufender, kontinuierlicher Tatigkeit, was der Tod 
auf einmal, gewissermaEen zusammengefaftt, bedeutet. Sie sterben 
durch Ihre Ich-Organisation fortwahrend; das heifit, Sie zerstoren 
Ihren physischen Leib nach innen, wahrend sonst die aufiere Natur, 
wenn Sie durch den Tod gehen, Ihren physischen Leib von au£en 
zerstort. Nach zwei verschiedenen Richtungen ist der physische Leib 
zerstorungsfahig, und die Ich-Organisation ist einfach die Summe der 
Zerstorungs krafte nach innen. Man kann schon sagen, die Ich-Orga- 



nisation hat die Aufgabe, den Tod herbeizufuhren - wir werden spater 
schon sehen, warum das ist - aber zunachst erscheint es uns wirklich 
so, als ob sie gar keine andere Aufgabe habe, diese Ich-Organisation, 
als fortwahrend im menschlichen Wesen den Tod herbeizufuhren, der 
immer nur dadurch verhindert wird, daft neuer Nachschub geschieht, 
und immer diese Tatigkeit, den Tod herbeizufuhren, nur angefangen 
wird, so daft wir haben: Ich-Organisation ist eigentlich qualitativ iden- 
tisch mit Tod, und physische Organisation ist eigentlich identisch mit 
Ernahrung. Das soli zunachst skizziert werden, wir werden es nachher 
ausfuhrlicher besprechen. 

Ich-Organisation = Tod 

Phys[ischer] Organismus = Ernahrung 

Diese beiden Vorgange, die als polarische Vorgange im Menschen 
walten, sie haben zwischen sich den atherischen Leib und den astrali- 
schen Leib. Zwischen der Ich-Organisation und dem physischen Orga- 
nismus liegt der astralische Leib und der atherische Leib. Sehen Sie, der 
astralische Leib, er wirkt ja unmittelbar nur in das Luftformige des 
menschlichen Organismus, von da aus, auf dem Umwege durch den 
Atherleib, auf den Fliissigkeits organismus und den Ernahrungs- oder 
physischen Organismus. In jedem einzelnen menschlichen Organ 
haben wir ein Zusammenwirken von atherischem und astralischem 
Organismus. Wenn man die Wirkung des atherischen Organismus auf 
irgendein Organ betrachtet, so zeigt sich also die Wirkung des atheri- 
schen Organismus so, daft das Organ von diesem atherischen Organis- 
mus sprieftendes, sprossendes Leben bekommt. Alles, was als Lebens- 
kraft in einem einzelnen Organ oder im Organismus ist, ruhrt vom 
atherischen Organismus her. 

Wenn man den astralischen Organismus betrachtet, ist er in jedem 
Augenblick so, daft dieser astralische Organismus fortwahrend die 
Tendenz hat, Wachstum, sprieftendes, sprossendes Leben zu lahmen, 
nicht zu toten, sondern zu lahmen. Die Ich-Organisation hat das 
Bestreben, den Organismus und die einzelnen Organe fortwahrend zu 
toten, und dem muft entgegengesetzt werden das, was, wie die von 
auften aufgenommene Ernahrungssubstanz, als ein Aufstachelndes 



fortwahrend die Organe eigentlich belebt, was insbesondere regsam 
ist in der Kindheit und Jugend des Menschen. 

Den atherischen Impulsen steht entgegen die Tatigkeit des Astral- 
leibes, die eigentlich ablahmt fortwahrend die atherische Tatigkeit. Neh- 
men Sie an, in Ihrem Organismus ware nur atherische Tatigkeit, sprie- 
fiendes, sprossendes Leben: Sie wiirden niemals zu einem Seelenleben 
kommen, niemals ein Bewufksein entwickeln konnen. Sie wiirden in 
einem Pflanzendasein dahinvegetieren miissen. Es will alles wachsen, 
spriefien, sprossen, aber im blofien Wachsenden, Spriefienden, Spros- 
senden entwickelt sich kein Bewufksein. Damit Bewufksein sich ent- 
wickelt, mufi herabgelahmt werden das atherische, sprieftende und 
sprossende Leben. Und damit haben wir in einem Organe, das herabge- 
lahmt wird, schon im normalen Menschenleben eigentlich den fortwah- 
renden Anfang des Krankseins. Sie konnen nicht ein Bewufksein in sich 
entwickeln, ohne daft Sie fortwahrend die Tendenz zum Kranksein in 
sich entwickeln. Denn wollten Sie nur gesund sein, so konnten Sie das, 
aber Sie miifken vegetieren. Wollen Sie ein Seelenleben entwickeln, 
wollen Sie zur Bewulkheit kommen, dann miissen Sie erst das Vegetie- 
ren haben, dann aber es ablahmen. Und so stehen sich, zwar nicht so 
stark wie physischer Organismus und Ich-Organisation, aber doch auch 
wiederum im abgeschwachten Sinne, polarisch entgegen atherischer und 
astralischer Organismus, wobei der astralische Organismus dasjenige 
fortwahrend herablahmen mufi, was durch den atherischen Organis- 
mus bewirkt wird. Daher ist wirklich dasjenige, was der astralische 
Organismus Tag fur Tag im Menschenleben tut, ein fortwahrendes Hin- 
tendieren zur Krankheit. Dasjenige, was der atherische Organismus tut, 
das ist strotzende Gesundheit. Und Sie konnen daher gerade so, wie 
man abstrakt sagen kann, der Mensch besteht aus physischem Leib, 
atherischem Leib, astralischem Leib und Ich-Organisation, sagen, der 
Mensch besteht aus den Ernahrungsprozessen, aus den spriefienden, 
sprossenden Gesundungsprozessen, aus den fortwahrend hineinwir- 
kenden Krankheitsprozessen, und aus dem, was ein kontinuierliches 
Ertoten ist, was immer wieder aufgehalten wird, bis sozusagen die 
Ertotungsprozesse summiert werden, ein Integral gewissermafien von 
ihnen gebildet wird und der Tod eintritt. 



Nehmen Sie diesen astralischen Organismus, der fortwahrend die 
Tendenz hat, irgendwie in einem Organ oder im ganzen Menschen den 
Menschen krank zu machen. Ja, Sie brauchen natiirlich nur eine wirk- 
lich gesunde Selbstbeobachtung zu iiben, so werden Sie darauf kom- 
men, dafi das so ist, denn es konnte kein Gefuhl in Ihnen entstehen, 
wenn nicht dieser Astralorganismus da ware. Das stellen Sie sich nur 
von der atherische Organismus ist da, er entwickelt das Leben; der 
astralische Organismus ist da, er lahmt ab. Nun mu£ im wachen Leben 
- vom Schlafe werde ich noch sprechen - ein fortwahrendes Hin- und 
Hergehen in einem labilen Gleichgewicht stattfinden zwischen Atheri- 
schem und Astralischem. Dadurch fiihlt der Mensch. Er wurde nichts 
fiihlen, wenn nicht dieses Hin- und Hergehen da ware. Nun aber stellen 
Sie sich vor, die astralische Tatigkeit wird von der atherischen Tatigkeit 
nicht sogleich zuriickgeschlagen. Wenn sie zuriickgeschlagen wird, 
wenn also im Status nascendi sogleich von der atherischen Tatigkeit das 
Astralische zuruckgewiesen wird, entsteht das normale Fiihlen. Wir 
werden sehen im Physischen, wie das verknupft ist mit der Drusentatig- 
keit. Wenn aber die astralische Organisation machtiger wird, so daft das 
Organ in seiner atherischen Tatigkeit nicht geniigend zuriickwirken 
kann, dann wird das Organ von der astralischen Tatigkeit zu stark 
ergriffen, und statt dafi ein Hin- und Herschwingen stattfindet, entsteht 
eine Deformation des Organes, und wir haben einfach dadurch, daft der 
astralische Leib liber das Maft dessen, was er ablahmen darf - das heiEt, 
was im Status nascendi wieder ausgeglichen wird -, ablahmt, in dem 
astralischen Leibe die Krankheitsursache gelegen. Und zwar hangt 
wirklich die Krankheit so zusammen mit dem Fiihlen, dafi wir sagen 
konnen, das Gefiihlsleben des Menschen ist einfach die seelische 
Spiegelung des Krankheitslebens. Findet in der Zeit ein Hin- und Her- 
pendeln statt, so liegt dem Gefiihlsleben immer im Anfang, im Status 
nascendi, im Moment des Entstehens derselbe Prozefi zugrunde, der 
beim Uberhandnehmen des Astralischen einen KrankheitsprozefS be- 
deutet. Nun kann aber auch das Astralische zuriickbleiben, das Atheri- 
sche uberhandnehmen, dann entsteht eine Wucherung, also eine Krank- 
heit nach der andern Seite hin. Wenn Sie das Uberhandnehmen des 
Astralischen sehen in dem Hervorrufen von entzundlichen Zustanden, 



so sehen Sie das Uberhandnehmen des Atherischen in dem Auftreten 
von Wucherungen. Und Sie haben zu sagen, im ganz normalen Ge- 
fiihlsleben findet ein fortwahrend labiles Gleichgewicht statt zwischen 
den Wucherungen und den Entziindungsprozessen. Das normale Le- 
ben des Menschen braucht die Moglichkeit, krank zu werden. Nur mufi 
ein fortwahrender Ausgleich stattfinden. Sehen Sie, das macht moglich, 
dafi man iiberhaupt im Gefuhlsleben des Menschen aufierordentlich viel 
von dem sehen kann, wenn man richtig zu sehen vermag, was die 
Krankheitsprozesse darstellen. Man kann, wenn man solche Dinge be- 
obachten kann, lange Zeit bevor die Krankheit physisch zu diagnosti- 
zieren ist, in dem Nicht-mehr-recht-Funktionieren des Gefuhlslebens 
das Herankommen der Krankheit konstatieren. Die Krankheit ist nur 
ein abnormes Gefuhlsleben des Menschen. 

Das Gefuhlsleben bleibt im Seelischen, weil im Atherischen fort- 
wahrend ein Ausgleich da ist. Sobald der Ausgleich nicht mehr statt- 
findet, stofit das Gefuhlsleben in den physischen Leib hinunter, ver- 
bindet sich mit dem Korper. Sobald also das Gefuhlsleben in das 
Organ hineinschiefit, ist die Krankheit da. Kann also der Mensch 
normalerweise das Gefuhl in der Seele behalten, ist er gesund; kann er 
das nicht, schiefit das Gefuhl irgendwo in die Organe hinunter, so 
entsteht die Krankheit. 

Ich sage das einleitungsweise aus dem Grunde, weil Sie daraus se- 
hen, wie notwendig es ist, dafi der Arzt wirklich ein feines Auge hat 
auch fur das menschliche Seelenleben. Und im Grunde genommen 
kann man gar nicht den Sinn entwickeln fur Diagnostizieren, wenn 
man nicht einen feinen Blick fur das menschliche Seelenleben hat. Wir 
werden iiber Einzelheiten noch sprechen, da wird dann das noch er- 
klarlich werden. 

Wie ist es aber denn, wenn man die Ich-Organisation und den 
physischen Organismus in Betracht zieht? Sehen Sie zunachst auf den 
Ernahrungsprozeft. Dieser Ernahrungsprozefi vernichtet fortwahrend 
das, was die Substanzen in der Aufienwelt sind. Der astralische Orga- 
nismus lahmt dasjenige ab, was der Mensch durch seinen atherischen 
Organismus in seinem Inneren ist, es ist ein Inneres-Gleichgewicht- 
Herstellen zwischen dem astralischen und dem atherischen Organis- 



mus. Zwischen Ich und physischem Organismus ist ein Gleichgewicht 
hergestellt, zwischen der Aufienwelt und der Innenwelt, so da$ man 
sagen kann: Salz, so wie man es kennt, ist Aufienwelt. Wird das Salz 
von der Ernahrung und der Ich-Organisation ergriffen, so mufi die 
Ich-Organisation in der Lage sein, nichts von dem, was Salz draufien 
ist, zu lassen, sondern alles umzuwandeln. Lafit sie etwas, so bedeutet 
das einen Fremdkorper im menschlichen Organismus. Aber diesen 
Fremdkorper im menschlichen Organismus miissen Sie nicht blofi so 
auffassen, dafi das ein Fremdkorper mit scharfen Konturen sein soil, 
das ist am wenigsten oft der Fall. Sondern ein solcher Fremdkorper 
kann auch die aufiere Warme sein. Sie diirfen iiberhaupt keine Warme 
haben im Organismus, die Sie nicht selbst durch die Ich-Organisation 
bearbeiten. Denken Sie sich, Sie haben den Menschen und Sie miissen 
erfahren im Menschen, daft er ergriffen wird irgendwo von einem 
aufieren Warmezustand, den er nicht selber erarbeitet, so wie ein Stuck 
Holz von einem auEeren Warmezustand ergriffen wird. Der aufiere 
Warmezustand sei fur den Menschen nicht nur Reiz, um als Reaktion, 
als Wirkung eine Eigenwarme zu erarbeiten, sondern die auftere 
Warme - oder Kalte - trate unmittelbar an den Menschen heran, und 
Sie sahen diese auEere Kalte oder Warme auch als Fremdkorper in 
sich, so daE man sagen kann: Das innere Gleichgewicht zwischen 
Krankheit und Gesundheit wird hervorgerufen durch den astralischen 
und atherischen Organismus, das Gleichgewicht zwischen Mensch 
und Welt durch den polarischen Gegensatz zwischen physischem 
Korper und Ich-Organisation. Es handelt sich darum, sich wirklich 
einen Blick anzueignen fur die Wirksamkeit dieser vier Glieder des 
menschlichen Organismus. Denn Sie sehen ja, aus dem aufteren phy- 
sischen Organismus ist die Krankheit gar nicht zu erkennen. Das, was 
Krankheit ist, spielt sich ganz im Ubersinnlichen ab. Man mufi schon 
einen Begriff haben vom astralischen Organismus, wenn man iiber- 
haupt an die Krankheit herankommen will. Und Sie werden es auch, 
wenn wir heute als Einleitung noch solche triviale Begriff e an uns 
herankommen lassen, einsehen aus einem andern Tatbestand heraus. In 
einem Organ tritt Schmerz auf . Ja, wenn der Astralleib zu machtig ist, 
wird das Organ deformiert, und es tritt Schmerz auf. Wenn das Organ 



sogleich den Einfluft des Astralleibes ausgleicht, im Status nascendi, 
dann tritt das Gefuhl ein. Aber Schmerz ist im Grunde genommen 
Gefuhl, nur gesteigertes Gefuhl, von der Deformation herriihrend, so 
daft man begreift, warum die Krankheit von Schmerz begleitet ist. 
Sonst kommt man sehr leicht dazu zu fragen, wodurch tritt iiberhaupt 
bei Krankheitserscheinungen Schmerz auf? Man kann sehr leicht be- 
greifen, warum Schmerz auftritt, wenn man weift, daft diese Krankheit 
nur in einem so starken Auftreten des Gefiihles lebt, daft dieses Ge- 
fiihlsleben deformierend auf das Organ einwirkt. Sie werden einsehen, 
daft alle Gefiihlserscheinungen wirklich beurteilt werden konnen aus 
der eindringlichen Betrachtung des menschlichen Seelenlebens. Nun 
konnen wir aber diese Dinge iiberhaupt nur im richtigen Lichte sehen, 
wenn wir uns sagen: Es ist natiirlich verschieden im Menschen, ob 
irgendwie das eine oder das andere Organ von einer iiberhandneh- 
menden Tatigkeit des Astralleibes erfaftt wird. - Nehmen Sie zum 
Beispiel an, wie in einem gewissen Falle, sagen wir, die Leber vom 
Astralleib erfaftt wird. Die Leber verhalt sich ja anders, ganz anders als 
andere Organe. Sie kann in hohem Grade vom Astralleib deformiert 
werden, ohne Schmerz hervorzurufen, ohne daft unmittelbar im Le- 
berorgan Schmerz auftritt. Daher sind Leberkrankheiten so verborgen, 
so verschmitzt, weil sie sich nicht durch Schmerz ankiindigen. Das 
riihrt daher, daft die Leber dasjenige Organ ist, das eigentlich durch 
seine ganze Konstitution eine Enklave in der menschlichen Organisa- 
tion ist. In der Leber spielen sich Prozesse ab, die von alien Prozessen, 
die im menschlichen Organismus vorkommen, am meisten ahnlich 
sind den Prozessen in der Auftenwelt, so daft tatsachlich in der Leber 
der Mensch am meisten nicht Mensch ist. Er hort auf in der Leber, 
Mensch zu sein. Er wird Auftenwelt, er hat im Inneren ein Stuck 
Auftenwelt. Das ist sehr interessant. Wir haben Auftenwelt (siehe 
Zeichnung), wir haben den Menschen, und im Menschen wiederum 
etwas, was wie ein Stuck Auftenwelt ist. Es ist so, wie wenn gewisser- 
mafien in die menschliche Organisation eine Art Loch hineingeschla- 
gen ware. Und geradeso wie es nicht weh tun wiirde, wenn sich der 
Astralleib in dieses Tuch hineindriicken wiirde, ebensowenig wiirde es 
weh tun, wenn der Astralleib in die Leber hineindriickt. Zerstoren 



kann der Astralleib, aber weh tun kann er nicht, soweit die Leber in 
Betracht kommt, weil das Leberorgan dasjenige Organ ist, das aus- 
gespart ist, wo innerlich wie in einer Enklave ein Stiick Auftenwelt im 
menschlichen Organismus auftritt. 




Tafel 2 



Man wird niemals, ohne da£ man auf solche Dinge eingeht, den 
menschlichen Organismus verstehen. Sie werden finden in der ge- 
brauchlichen physiologischen und anatomischen Literatur die mannig- 
faltigsten Angaben iiber die Leber. Sie werden sie begreifen, wenn Sie 
wissen, die Leber ist dasjenige im Inneren des Menschen, was diesem 
Menschen am meisten fremd ist. Und warum ist die Leber im Inneren 
des Menschen dem Menschen am meisten fremd? Wenn Sie ein 
menschliches Auge - oder iiberhaupt ein Sinnesorgan - betrachten, ist 
es wie eine Hohle, die sich von der AuSenwelt in das Innere des 
Menschen hineinzieht. Im Auge bestehen Prozesse, die wir fast mit der 
Physik begreifen konnen. Beim Auge hat man es eigentlich leicht, dem 
Menschen gegenuber ein blofier Physiker zu sein. Nicht wahr, Sie 
zeichnen ein Bild auf, machen einige Striche, die eigentlich ein furcht- 
barer Unsinn sind, die Ihnen den ProzeE der Lichtbrechung und 
Bilderzeugung bei der gewohnlichen Linse vergegenwartigen konnen. 
Ganz dieselbe Zeichnung machen die Leute beim Auge. Irgendeinen 
Lichtstrahl zeichnen sie, der durch eine Linse geht, der gebrochen 
wird, ein Bild im Auge drin im Hintergrunde bildet und so weiter. Die 
Leute sind ganz zu Physikern geworden bezuglich des Auges, und 
schliefilich seit Helmholtzens Zeit ist auch das Ohr fast zum Klavier 



geworden. Also in den Sinnesorganen macht sich ziemlich breit jene 
Betrachtung, die aufterlich auf die Natur anwendbar ist. Da setzt sich 
etwas von Auften in das Innere fort. Ein Stuck Auftenwelt setzt sich 
in das Innere fort. Das ist sogar entwickelungsgeschichtlich gerecht- 
fertigt. Bei gewissen niederen Tieren sehen Sie, wie das Auge durch 
Hineinstiilpung und Ausfullung von auften her gebildet ist, so daft das 
Auge gewissermaften in den Organismus hineingebildet wird, nicht 
aus ihm herauswachst, so daft wir in den Sinnesorganen ein Stuck 
Auftenwelt im Organismus haben. Aber sie sind nach auften offen, die 
Auftenwelt geht wie golfartig in den Organismus hinein bei den 
Sinnesorganen. Nun, die Leber ist so, daft sie nach alien Seiten ab- 
geschlossen ist zunachst, aber sie ist wie ein Sinnesorgan, dasjenige 
Sinnesorgan, das in der Tat im Unbewufiten eine hohe Empfindlich- 
keit fur den Ernahrungswert der einzelnen Substanzen aufweist, die 
wir in uns aufnehmen. Und wir miissen sagen, erst dann versteht man 
dasjenige, was in der Verdauung, in der Ernahrung vor sich geht, wenn 
man der Leber nicht nur zuschreibt jene physischen Prozesse, die ihr 
heute vielfach zugeschrieben werden. Die sind nur der Ausdruck fur 
Geistig-Seelisches. Wir miissen der Leber zuschreiben, ein innerliches 
Sinnesorgan zu sein fur die Ernahrungsprozesse. Und sie steht, denken 
Sie doch, den Erdensubstanzen damit viel naher als unsere gewohn- 
lichen Sinnesorgane. Mit dem Auge sind wir zunachst dem Ather aus- 
gesetzt als Wirkung, mit dem Ohr der Luft, die Leber ist unmittelbar 
den stofflichen Qualitaten der Auftenwelt ausgesetzt und muft diese 
stofflichen Qualitaten wahrnehmen. 

Ein anderes Sinnesorgan ist das Herz. Aber wahrend die Leber aus- 
gesetzt ist, exponiert ist mit ihrer Wahrnehmungsfahigkeit den in den 
Menschen eindringenden aufteren Substanzen, ist das Herz ein Sinnes- 
organ, um ganz das Innere des Menschen wahrzunehmen. Es ist ein 
Unding — wie Sie vielleicht aus manchen Darstellungen ersehen haben, 
die ich gegeben habe -, daft das Herz eine Art Pumpe ist, welche das 
Blut durch die Adern treibt. Die Bewegung des Blutes erfolgt durch Ich 
und astralischen Leib. Und im Herzen haben wir lediglich ein Sinnes- 
organ, das wahrnimmt die Zirkulation, namentlich wahrnimmt die 
Zirkulation vom unteren nach dem oberen Menschen. 



Ja, sehen Sie, die Leber hat sozusagen zu sehen im Verdauungspro- 
zefi, was, sagen wir, irgendein Kohlehydrat wert ist im Menschen. Das 
Herz hat zu sehen, wie astralischer Leib und Ich wirken im Menschen. 
Das Herz ist also ein ganz geistiges Sinnesorgan, die Leber ist ein ganz 
materielles Sinnesorgan. Und diesen Unterschied mussen wir machen. 
Wir mussen zu einer Erkenntnis der Organe kommen, die qualitativ ist. 
Wie geht die Naturwissenschaft, die der Medizin zugrunde liegt, heute 
vor? Es wird wirklich mit einer grofien Gleichgultigkeit ein Gewebe 
genommen aus einer Partie des Organismus, sagen wir aus Herz oder 
Leber. Dieses Gewebe wird auf seine aufiere, physische Struktur und 
Beschaffenheit untersucht. Aber damit hat man iiberhaupt nichts ausge- 
sagt iiber das betreffende Organ im menschlichen Organismus. Ich habe 
hier ein Messer und hier ein Messer, und ich untersuche sie. Das ist ein 
Messer und das ist ein Messer. Wenn ich sie der Form nach untersuche, 
danach untersuche, wie eben ein Messer ausschaut, daft es riickwarts 
eine Kante hat, vorwarts eine Schneide, in einem Griff drinsteckt und so 
weiter, dann bekomme ich nur das eine heraus: das ist ein Messer und 
das ist ein Messer. Ich mufi herausgehen aus dieser Art der Unter- 
suchung, ich mull etwas auf ein Ganzes beziehen und kann dann den 
Unterschied finden zwischen einem Tischmesser und einem Rasiermes- 
ser. Aufierlich betrachtet konnte ein Rasiermesser auch ein Tischmesser 
sein. Ich kann also nicht blofi durch die aufiere Gestalt erkennen, ob ich 
es mit einem Rasiermesser oder mit einem Tischmesser zu tun habe, 
sondern ich mufi jedes Ding im ganzen Zusammenhang betrachten. So 
kann ich nicht aus der blofien Betrachtung eines Organes, wie sie heute 
gepflogen wird, irgend etwas wissen iiber die Bedeutung dieses Orga- 
nes, ich mufi es immer im ganzen Zusammenhang betrachten. Die blofie 
Untersuchung der Struktur und der Beschaffenheit eines Organes lie- 
fert gar nichts. Man mufi iiberhaupt erst eine ganz andere Betrachtung 
iiber den Menschen zugrunde legen, als diejenige ist, die von der Che- 
mie heriibergeht und nur die chemischen Affinitaten, die chemischen 
Krafte untersucht. 

In dieser Beziehung'sind heute die Menschen geradezu furchtbar 
naiv. In einem gewissen physiologischen Institut hat man Versuche 
gemacht, wie die Mause mit Milch ernahrt werden konnen. Sie konnen 



fein ernahrt werden. Sie gedeihen vorziiglich. Sie werden dick und 
fett. Ja, nun nahm man zur gleichen Zeit, urn nachzuweisen, daft doch 
in der Milch noch etwas anderes ist als ihre Bestandteile, man nahm ihre 
Bestandteile und gab sie den Mausen ein. Diese Versuche sind gemacht 
worden. Die Mause krepierten in drei bis vier Tagen, sie konnten nicht 
am Leben erhalten werden. Was haben die Leute getan? Sie haben ge- 
sagt: Also hat die Milch nicht nur die Bestandteile, die man kennt, son- 
dern sie hat noch einen Stoff, das Vitamin. - Sie mufiten noch einen ganz 
feinen Stoff, das Vitamin, konstatieren. Man erfand einen solchen Stoff. 
Aber darum handelt es sich nicht, sondern darum, daft, wenn man die 
Bestandteile der Milch hat, so hat man sie so, als wenn einer sagt: Hier 
ist eine Uhr mit Kette, ich lerne nun das Gold, das Silber kennen, die 
andern Metalle, die an der Uhr sind, das Glas und so weiter. Ja, Glas, 
Gold, Silber, die andern Metalle: das gibt noch keine Uhr. Die Uhr liegt 
doch in dem, was der Gedanke des Mechanikers daraus macht. Und der 
Gedanke des Mechanikers ist in dem Falle, wenn ich die Milch und ihre 
Bestandteile betrachte, daft in den Bestandteilen die irdischen Quali- 
taten enthalten sind, die Qualitaten, die die einzelnen Bestandteile von 
der Erde her haben. Neben diesen Bestandteilen sind bis zu einem ge- 
wissen Zeitpunkte noch die peripherischen Krafte vorhanden, die vom 
Atherleib herkommen. 

Man mufi sich entschlieften, diese Dinge endlich mehr als daseiend 
anzunehmen. Es liegt wirklich nicht an der Verborgenheit, dafi etwas 
erfunden wird, sondern solches Zeug wie das Vitamin, das sind Erfin- 
dungen, durch welche einfach konstatiert wird dasjenige, was da ist. Es 
mufi eine ganz andere Betrachtungsweise Platz greifen. 

Wenn Sie zu viele Kartoffeln essen, dann werden Sie gar nichts aus- 
richten, die Wirkung der Kartoffeln im menschlichen Organismus zu 
konstatieren, dafi Sie die Menge der Kohlehydrate konstatieren; das 
wird nichts niitzen. Die andern Kohlehydrate, die zum Beispiel in Blat- 
tern, nicht im Wurzelstock vorhanden sind, oder meinetwillen in Friich- 
ten, die finden ihre Verarbeitung noch im Verdauungstrakt. Die Kartof- 
fel ist etwas aufierordentlich Merkwurdiges. Sie geht mit ihren Kraften 
so sehr in den menschlichen Organismus ein, dafi dasjenige, was zum 
Beispiel fur die Bohne noch innerhalb des Verdauungstraktes geschieht, 



fur die Kartoffel eigentlich erst im Gehirn geschieht. Im Gehirn finden 
auch fortwahrend Ernahrungsprozesse statt. Ich will diese Dinge an- 
deuten, urn sie spater auszufiihren. Derjenige also, der zu viele Kartof- 
feln iftt, kann unter Umstanden seinem Gehirn zuviel zumuten. Er ver- 
legt Prozesse, die unter dem Gehirn stattfinden sollten, in das Gehirn 
hinein. Wir bekommen daraus die Moglichkeit, fur unsere Hygiene, 
iiberhaupt fur das ganze soziale Leben erst aus der Medizin wieder 
etwas zu gewinnen, indem wir auf diese Weise lernen, nicht aus der 
chemischen Beschaffenheit, sondern aus dem Weltzusammenhang her- 
aus die Beziehungen des Menschen zur umgebenden Materie kennen- 
zulernen. 

Es ist ein grundlegender Unterschied, ob eine Substanz auftritt im 
Blatt oder im Wurzelstock. Viel wichtiger als zu wissen, ob sie Kohle- 
hydrate enthalt, ist zu wissen, von welchem Teil der Pflanze sie her- 
stammt. Die Wurzelstocke sind mehr der Hauptesorganisation des 
Menschen, die Bliiten- und Blattorganisationen mehr dem unteren 
Menschen verbunden. Und eine wirklich gar nicht ausschlaggebende 
Rolle spielt eigentlich die chemische Beschaffenheit. Man raufi aus ganz 
andern Dingen heraus die Beziehungen des Menschen zur Umwelt er- 
kennen, wenn man das Gesundende und das Krankmachende, also den 
richtigen Krankheitsstoff und das Heilmittel auch wirklich beurteilen 
will. Auf die Anzeichen, die die abstrakte Chemie liefert, zu achten, 
dieses ist etwas, was nach und nach eigentlich alle Erkenntnisse des 
Menschen untergraben hat, weil man eigentlich dadurch, daft man 
irgend etwas in seiner chemischen Beschaffenheit kennt, nicht weift, 
welche Beziehung der Mensch eigentlich zur Umwelt hat. 

Nehmen Sie ein anderes Beispiel. Die bloft von der Chemie herge- 
nommene Betrachtungs weise zeigt, Sauerstoff ist notwendig in der Luft, 
aber Stickstoff nicht in demselben Mafie. Und man konnte aus dem, was 
heute die Leute denken iiber Sauerstoff und Stickstoff, glauben, daft 
gegeniiber der Atmung - das konnte man glauben - es nicht so wesent- 
lich ware, wenn irgendeine Luft zu wenig Stickstoff hat, wenn sie nur 
genug Sauerstoff hat. Es zeigt sich aber, wenn innerhalb einer Luft zu 
wenig Stickstoff ist, daft der Mensch Stickstoff abgibt, um ihn in der 
umgebenden Luft zu ersetzen. 



Der Mensch ist angewiesen darauf, dafi zwischen seinem Stickstoff- 
gehalt und dem Stickstoffgehalt der umgebenden Luft, ganz abgesehen 
von der Atmung, ein gewisses Verhaltnis besteht. 

Alle diese Dinge sind von eminenter Bedeutung fiir die Erkenntnis 
des Menschen. Aber alle diese Dinge, obwohl sie von dem einen oder 
andern erforscht oder erkannt werden, bleiben ohne Fruchtbarkeit fiir 
die heutige wissenschaftliche Welt, wenn nicht die Unterlagen da sind, 
um den Menschen einzugliedern in seine ganze Umwelt. Das wollen 
wir in unseren Betrachtungen tun, um dadurch ein Licht zu verbreiten 
iiber den gesunden wie iiber den kranken Menschen. 

Tod 

Krankheit 
Gesundheit 
Ernahrung 



Ich-Organisation = 

Astral. Organismus = 

Ath. Organismus = 

Phys. Organismus = 



DRITTER VORTRAG 
Dornach, 4. Januar 1924 



Meine lieben Freunde! 

Ich habe Ihnen mitzuteilen, daft wir von morgen ab die Sache so ma- 
chen, daft Sie sich iiberlegen, was Sie gern von sich aus fiir Fragen stellen 
wollen, daft Sie mir dann diese Fragen geben oder aufschreiben, so daft 
ich alle Wiinsche, die sich aus Ihnen heraus ergeben, im Verlauf der 
Vortrage beriicksichtigen kann, so daft alles zum Vorschein kommt, von 
dem Sie wiinschen, daft es komme. 

Nun, heute moch'te ich Ihnen noch etwas sagen, was sich unmittel- 
bar an die Betrachtungen anschlieftt, die wir gestern und vorgestern 
angestellt haben iiber den Menschen selbst und seine Beziehungen zur 
Welt. Es niitzt nichts, wenn wir versuchen, hier bei einer anthroposo- 
phischen Betrachtung iiber den Menschen uns gewissermaften zu genie- 
ren vor denjenigen, welche aus der heutigen Wissenschaftlichkeit heraus 
allerlei Ansichten iiber den Menschen haben, eigentlich Nichtansichten 
iiber den Menschen haben, und wenn wir versuchen, moglichst wenig 
von den Dingen, die so allgemein iiblich sind, abzuweichen. Denn das- 
jenige, was vorliegt, ist, daft in groften und bedeutenden Tatsachen die 
Wahrheit von dem, was heute iiblich ist, ganz betrachtlich abweicht, 
Ganz aufterordentlich stark weicht die Wahrheit ab von dem, was heute 
allgemein iiblich ist. Und deshalb wird derjenige, der heute nach der 
Wahrheit strebt, auch den Mut haben muss en, manches einzusehen, was 
vor der gegenwartigen Wissenschaftlichkeit geradezu als etwas aufteror- 
dentlich Absurdes gilt. Aber dennoch, es ist schon notwendig, daft Sie 
sich - nicht hier, aber sonst -, wenn Sie wirklich heilen wollen, also sich 
mischen wollen sozusagen unter diejenigen, die aus der aufteren Welt 
heute heilen, daft Sie sich in einer Weise, die ich noch sagen werde, doch 
mit dieser heute aufterlichen Wissenschaft befassen. Sonst werden Sie 
ziemlich taumelnd mit der Wahrheit unter den heutigen Irrtiimern 
herumwandeln miissen. 

Man betrachtet heute die Sache so, um die es sich handelt, als wenn 
man es zu tun hatte mit den siebzig bis achtzig Stoffen, die auf der Erde 



sind, mit gewissen Kraften, die unter diesen Stoffen waken, anziehen- 
den und abstoftenden Kraften und so weiter, Kraften, die durch gewisse 
Aquivalenzzahlen wirken, Atomgewichtszahlen und so weiter. Man 
kommt da zu gewissen sogenannten Naturgesetzen, durch die man eine 
Uberschau zu schaffen sucht dariiber, wie die Stoffe zur Gestaltung 
kommen, wie sie zu Naturgesetzen kommen, und dann baut man sich 
ein Phantasiegebilde auf, das der Mensch sein soli, herausgebildet aus 
den verschiedenen Kraften, deren Ursprung man in den Stoffen sucht 
und so weiter. So ist das aber nicht. Der Mensch steht weder in seiner 
ganzen Gestaltung noch in den Kraften, die seine Ernahrungs-, seine 
Wachstumsprozesse unterhalten, durchaus nicht etwa bloft unter den 
Einfliissen, die von den irdischen Stoffen ausgehen. Wir haben schon 
bei der Betrachtung des Atherleibes gesehen, daft dieser durchaus unter 
dem Einfluft von Kraften steht, die aus der Peripherie, aus dem Kosmos 
hereinstromen. Wenn Sie nun diese zwei Arten von Kraften betrachten, 
die Krafte, die von den Stoffen der Erde herkommen, und die Krafte, 
die von der Peripherie herkommen, haben Sie schon das gegeben, daft 
fur jedes Organ ein Ausgleich, ein Gleichgewicht, eine Harmonisierung 
dieser zwei Kraftearten notwendig ist. Durch die Art, wie dieses Gleich- 
gewicht hergestellt wird, unterscheiden sich wirklich betrachtlich die 
einzelnen menschlichen Organsysteme voneinander. 

Und betrachten wir von diesem Gesichtspunkt aus das menschliche 
Haupt, den menschlichen Kopf. Da mufi man ja zuerst darauf aufmerk- 
sam machen - ich habe schon ofters aufmerksam darauf gemacht im 
Verlauf der Vortrage, da, wo sich solches ergeben hat -, wie die Schwer- 
kraft, das Gewicht, das doch bei jedem irdischen Korper zunachst 
berucksichtigt werden muil, dessen Zusammenhang beriicksichtigt wer- 
den mu6, wie das Gewicht des menschlichen Gehirnes, also der Haupt- 
masse des menschlichen Kopfes, eigentlich zum groften Teile eliminiert 
wird, indem das scharf konturierte Gehirn im Gehirnwasser schwimmt, 
so daft man sagen kann: In dem Gehirnwasser, das eigentlich zirkuliert 
durch den Riickenmarkskanal hinunter, in diesem Gehirnwasser 
schwimmt das Gehirn. Wiegt man das Gehirn, nun, so hat es 1300 bis 
1500 Gramm Schwere. Aber im Menschen wiegt es nicht so viel, es 
wiegt hochstens 20 Gramm. Warum ist dieses so? Weil es im Gehirn- 



wasser schwimmt, und nach dem Archimedischen Gesetze verliert je- 
der Korper so viel an Gewicht, als die von ihm verdrangte Flussigkek 
wiegt. Das Gehirn erfahrt im Fliissigen einen Auftrieb, so daft von sei- 
ner Schwere eigentlich nur 20 bis 25 Gramm iibrigbleiben. Mit dem 
driickt das Gehirn nach unten. Wiirde es mit voller Schwere nach unten 
driicken, dann konnte unter dem Gehirn kein Blutadersystem sein, da 
wiirde alles zerquetscht, so daft man sagen kann, es ist wirklich so, daft 
ihm seine Erdeneigenschaft der Schwere genommen wird. Wir leben 
mit unserem Gehirn nicht durch die Erdeneigenschaft der Schwere, 
sondern durch dasjenige, was von der Erde entfernen will, durch den 
Auftrieb, der der Erdenschwere entgegengesetzt wird. Mit hochstens 
20 Gramm unterliegt das Gehirn der Erdenschwere. Wir werden nur 
mit einer sehr geringen Kraft in bezug auf unseren Kopf von der Erde 
angezogen. 



( 1 

v. 



If 
I 

it 



Das ist das eine. Daraus konnen wir sehen, daft das Erdenhaftige des 
Gehirnes in hohem Grade einfach verschwindet durch die menschliche 
Organisation. Die menschliche Organisation ist so eingerichtet, daft die 
Erdenkrafte einfach verschwinden. Aber es ist noch in einem viel hohe- 
ren Mafte der Fall. Den Auftrieb kennt die Menschheit aus dem Archi- 
medischen Prinzip heraus, obwohl es im Technischen nicht immer be- 
riicksichtigt wird. Sonst wiirden nicht solche Dinge geschehen sein wie 
die Verwiistung des Stausees in Italien, wo einfach durch Nichterkennt- 



nis des Archimedischen Prinzipes in seiner vollen Totalitat ein techni- 
scher Mangel war. Ich weift nicht, ob die Menschheit das einsieht, aber 
man konnte es aus den Beschreibungen, die gemacht wurden, sehr 
genau entnehmen. Man betrachtet diejenigen Gesetze als richtig, bei 
denen es einem paftt. Man ignoriert diejenigen Gesetze, bei denen es 
einem nicht paftt. 

Nun ist nicht nur das vorhanden fur dieses menschliche Haupt, daft 
die ganze innere Bildung des menschlichen Hauptes, daft die Schwere 
verlorengeht, es ist durch die besondere Einrichtung des menschlichen 
Atmungsprozesses, durch gewisse statische Verhaltnisse, die sich ab- 
spielen zwischen Einatmung und Ausatmung, noch etwas anderes der 
Fall. Es ist dieses der Fall, daft der Atemstoft, der dadurch ausgeiibt 
wird, daft eingeatmet wird, sich in einer gewissen Weise bricht, indem 
eingeatmet wird, und daft der Gegenstoft, der bei der Ausatmung er- 
folgt, sich in einer ahnlichen Weise verhalt. Die beiden verhalten sich in 
einer ahnlichen Weise wie Schwere und Auftrieb, so daft das Kuriose ist, 
daft, wenn wir gehen, wir in Wahrheit in bezug auf die statischen Ver- 
haltnisse unseres Hauptes den Kopf, das Gehirn in Ruhe lassen. Wie wir 
es nicht schwer sein lassen durch den Auftrieb seines Wassers, so ist es 
in bezug auf sein inneres Verhaltnis, wenn wir gehen. Und das gilt nicht 
nur fur unser Gehen, sondern in kurioser Weise namentlich auch fur die 
Bewegung, die wir mit der Erde mitmachen. Die machen wir bloft im 
iibrigen Korper mit, nicht mit dem Gehirn; fur das Gehirn wird sie 
fortwahrend aufgehoben, so daft bei dem Gehirn bei einem Gewicht 
von 1500 Gramm immer nur 20 Gramm tibrigbleiben. Aufterdem ist es 
so, daft, wenn wir unseren Kopf auch ebenso schnell bewegen wie 
unseren iibrigen Korper, er in Wahrheit in Ruhe bleibt. Sie konnen sich 
schwerer vorstellen, daft etwas, was fur den Anblick in Bewegung ist, in 
Wirklichkeit ruht, als Sie sich vorstellen konnen, daft etwas, was der 
Schwere unterliegt, eigentlich nicht schwer ist. Aber es ist dennoch so. 
Fur die innere Organisation des Menschen ist das Haupt durchaus so, 
wie wenn es in fortwahrender Ruhe ware, alle Krafte gleichen sich ge- 
genseitig aus, nur daft nach unten eine geringe Schwere, die sich verhalt 
wie 20 zu 1500, und daft nach vorne eine ganz geringe Fortbewegungs- 
kraft existiert. Aber das Wesentliche der Bewegung wird ausgeglichen, 



so daft man einmal sagen kann, das menschliche Haupt ist im tibrigen 
Organismus so - in bezug auf sein inneres Erleben - wie ein Mensch, 
der ruhig sitzt in einem Auto, sich gar nicht bewegt; das Auto bewegt 
sich, und er kommt doch vorwarts. Das menschliche Haupt erlebt so, 
wie es erleben wiirde, wenn es nicht schwer ware. Es hebt seine Beweg- 
lichkeit auf, wenn sich der Mensch bewegt, und wenn sich mit dem 
Menschen sogar die Erde bewegt. 

Also, das menschliche Organ des Kopfes hat etwas ganz Besonderes, 
indem es sich ausschliefk, sich exiliert von alldem, was auf der Erde 
geschieht. Nur wenig nimmt die Erde teil an dem, was irgend Hauptes- 
tatigkeit ist. Dagegen ist dieses ganze menschliche Haupt eine Nachbil- 
dung des Kosmos. Tatsachlich, dasjenige, was menschliches Haupt ist, 
ist eine Nachbildung des Kosmos, ist wirklich ein Abbild des Kosmos, 
hat in s einem Wesen gar nichts zu tun mit den Kraften der Erde. Also, 
die innere Gehirnbildung ist den Kraften des Kosmos nachgebildet, und 
wir haben eine innere Gehirngestaltung, deren Form wir nicht erklaren 
konnen aus irgend etwas Irdischem, sondern die wir erklaren miissen 
aus dem Kosmos heraus. Die Erde wirkt nur, indem sie - ich spreche es 
grob aus, aber Sie werden mich verstehen - durchbricht nach unten die 
kosmische Bildung und in den Menschen einfugt alles dasjenige, was 
nur zu der Erde hintendiert. Sie konnen das ja sehr leicht an einem 
Skelett wahrnehmen. Sie heben am Menschen den Schadel ab, dann 
haben Sie das abgenommen, was kosmisch nachgebildet ist und Sie ha- 
ben zunachst das iibrig, was nur noch halb kosmisch ist, in der Anord- 
nung der Rippen, da ist es aber schon unter dem Eindruck des Irdischen 
stehend. Sehen Sie sich namentlich am Skelett an die Rohrenknochen 
der Beine, die Rohrenknochen der Arme: da haben Sie rein irdische 
Bildungen. Sehen Sie sich an am Skelett die Riickenmarkswirbel, die 
rauhen Ruckgratwirbel, an denen die Rippen sitzen. Da miissen Sie ein- 
sehen, dafi das entstanden ist aus dem Gleichgewichtszustand zwischen 
dem Kosmischen und dem Irdischen. Und sehen Sie den Kopf an, da 
haben Sie auch in der Schadeldecke eine Form, in der der Kosmos ent- 
reifit dem Irdischen die Moglichkeit, sich selbst zu formen, eine Form, 
die nachgebildet ist dem Kosmischen. So mufi man die menschlichen 
Formen wirklich studieren. 



Nur wenn Sie so die menschlichen Formen studieren und aufterdem 
wissen, daft eigendich der Kopf fur sein innerliches Erleben gerade mit 
Bezug auf seine Weichbildungen, seine Fliissigkeitsbildungen in Ruhe 
ist, also in Ruhe den Kosmos nachbildet, dann werden Sie sich schon 
sagen miissen, eigendich ist alle Anatomie und Physiologie, wie sie heu- 
te in Beschreibungen auftreten, ja etwas, wovon man uberhaupt nicht 
sprechen kann als von Wahrheit, weil die nicht das Bewufksein haben, 
daft es sich um etwas handelt, was unter kosmischem Einflusse steht. 




Ich habe gesagt, es sind Krafte da, die gehen aus der Peripherie 
herein, es ist so, wie wenn sie von alien Seiten hereinkommen wiirden 
auf diesen menschlichen Kopf. Aber es ist ein grofier Unterschied, ob 
diese Krafte koramen und der Mond sie aufhalt, oder ob die Sonne sie 
aufhalt, oder ob der Saturn sie aufhalt. Dadurch, daft gewisse Sterne da 
sind, werden diese peripherischen Krafte modifiziert. Es ist also nicht 
gleichgiiltig, aus welchen Richtungen diese Krafte herkommen. Die 
Wirkung wird wesentlich modifiziert durch den Ort, in dem wir 
irgendein Sternbild sehen. Das ist ein Gedanke, der heute nur dilettan- 
tisch, in sehr alten Zeiten in intuitiver Weisheit der alten Astronomie 



zugrunde liegt. Heute bekommt aus den Tatsachen, die da sind, keiner 
eine Vorstellung davon, wie die Dinge in Wirklichkeit sind. Das, was 
ich gesagt habe, ist ganz wesentlich, um einzusehen, wie diese mensch- 
liche Bildung eigentlich ist. Denn in dem, daft der Mensch in seinem 
Haupte ganz dem Kosmos unterliegt, daft er in dem, was die Rohren- 
knochen der Beine sind, nur dem Irdischen unterliegt, driickt sich 
zugleich aus, bis ins Substantielle hinein, das, was in den Bildekraften 
liegt. Wenn Sie ein menschliches Knochengebilde haben: Sie wissen ja, 
darin ist dasjenige, was dann erscheint als kohlensaurer Kalk. Es gibt 
dann aber auch phosphorsauren Kalk, beides hat seine starke Bedeu- 
tung fur den Knochenbau. Durch den kohlensauren Kalk erhalt der 
Knochen die Eigentumlichkeit, der Erde zu unterliegen. Ware die 
Knochensubstanz nicht iiberhaupt durchsetzt von kohlensaurem Kalk, 
konnte die Erde nicht an den Knochen heran. Der kohlensaure Kalk 
bildet fur die Erde den substantiellen Angriffspunkt, um nach ihren 
Bildungskraften den Knochen zu formen. Der phosphorsaure Kalk 
bildet fur den Kosmos den Angriffspunkt, um den Knochen zu for- 
men. Wenn Sie also zum Beispiel einen solchen Rohrenknochen haben 
wie den menschlichen Oberschenkelknochen, dann wiirde dieser 
Oberschenkelknochen seine Ausdehnung von oben nach unten nicht 
haben konnen, wenn nicht dieses vermittelt wiirde durch den kohlen- 
sauren Kalk. Er wiirde aber den Schenkelhals nicht haben, wenn dies 
nicht vermittelt wiirde durch den phosphorsauren Kalk. Daran andert 
sich nichts durch die Tatsache, welche die Anatomen einwenden, daft 
die Menge des phosphorsauren und kohlensauren Kalkes fur ein Kno- 
chenrohr und einen Schenkelhals sich im wesentlichen nicht unter- 
scheiden. Erstens ist es fur eine feinere Untersuchung nicht ganz 
richtig, sie unterscheiden sich, aber bei diesen Dingen kommt noch 
ein anderes in Betracht. Der ganze menschliche Organismus ist darauf 
angelegt, Aufbau- und Abbauprozesse zu haben. Prozesse, aus denen 
sich etwas aufbaut, und Prozesse, durch die sich das, was beim Aufbau 
nicht verwendet werden kann, abscheidet. Einen sehr bedeutenden 
Unterschied zwischen solchen aufbauenden und abbauenden Kraften 
in den Substanzen selber konnen Sie zum Beispiel beim Fluor konsta- 
tieren. Der gewohnliche Anatom wiirde sagen: Fluor spielt eine Rolle 



beim Aufbau der Zahne, es findet sich auch im Harn, also Fluor da 
und dort. Darum handelt es sich nicht. Beim Aufbau der Zahne spielt 
Fluor eine positive Rolle; die Zahne konnen nicht aufgebaut werden 
ohne Fluor. Im Harn findet sich das Fluor, das herausgebaut ist, das 
abgebaut werden soil. Das Wesentliche ist, dafi Sie unterscheiden, ob 
irgend etwas an einer Stelle abgeschieden ist und deshalb sich bildet, 
oder ob es absolut notwendig ist im Aufbau. Und so ist es. Wenn Sie 
einen Knochenteil haben, der im wesentlichen aus dem Kosmos her- 
eingebildet ist, so ist der phosphorsaure Kalk aufbauend. In einem 
andern Knochenteile findet sich der phosphorsaure Kalk als Abschei- 
dung - und umgekehrt: Beim Rohrenknochen ist der kohlensaure Kalk 
aufbauend und findet sich als Abscheidung, wird abgeschieden nach 
dem Teil hin, der aus dem Kosmos hereingebildet ist. Man mufi sagen, 
es kommt nirgends darauf an, ob der oder jener Stoff da ist, sondern 
darauf kommt es an, was diese Stoffe fur einen Weg machen, was sie 
fur eine Bedeutung haben an irgendeinem Orte des Organismus. 

Ich habe diese Dinge einmal dadurch versucht unseren Freunden 
bildhaft zu machen, indem ich sagte; Nehmen wir an, ich gehe um neun 
Uhr morgens spazieren und treffe auf einer Bank zwei Menschen, die 
dort friedlich beisammensitzen. Am Nachmittag um drei Uhr gehe ich 
wieder hin. Die Menschen sitzen wiederum friedlich beisammen. Wenn 
ich diese zwei Fakten konstatiere, habe ich nichts getan, weil es so sein 
kann: der eine Mensch kann sich Butterbrot mitgenommen haben und 
ist von neun bis drei Uhr sitzengeblieben, der andere ist gegangen, hat 
einen Weg gemacht, hat sich erst vor drei Uhr wieder hingesetzt. Der 
eine ist ausgeruht, der andere ist furchtbar miide. Die innere Konstitu- 
tion unterscheidet sich ganz wesentlich bei beiden. Es kann danach nicht 
darauf ankommen, ob dieser oder jener Mensch da ist, sondern darauf: 
Was hat er gemacht, was ist sein Weg im Dasein, um zu diesem Ort zu 
kommen. - Und so ist es im Grunde genommen gleichgiiltig fur das 
Verstandnis des Menschen, ob in einem Organ dieser oder jener Stoff 
ist. Man mufi wissen, wie er darin ist, ob er als aufbauender oder als 
Abscheidestoff drin ist, dann kann man erst den Menschen verstehen. 
Niemals wird man den Ubergang finden konnen von der Qualitat eines 
Stoffes, der fur den menschlichen Organismus notwendig ist, zu einem 



Heilmittel, wenn man nicht diesen Prozeft ordentlich ins Auge fassen 
kann. Erst wenn man dieses kann, kommt man darauf, daft tatsachlich 
die Verteilung der Stoffe im Kosmos eine ganz andere ist, als man 
gewohnlich glaubt. 

Es ist schon einmal eine auffallende Tatsache, iiber die nur seit fiinf 
bis sechs Jahrhunderten nicht mehr nachgedacht wird, daft man mit 
gewissen analytischen Prozessen im menschlichen Organismus, wie 
man meint, Eisen nachweisen kann. Alle diese Prozesse sind so, daft 
man sagen kann: im menschlichen Organismus, im Blut ist Eisen. Aber 
man wird vergeblich versuchen, im Menschen Blei nachzuweisen, wenn 
der Organismus normal ist. Nun, das Blei kennt man eigentlich nur in 
Bleierzen sowie da, wo es sich grobklotzig findet. Aber alle Metalle, die 
sich grobklotzig in unserer Erdensubstanz finden, waren einstmals in 
ihren Urgebilden in Saturn, Sonne und so weiter in ganz fliichtigen, 
sogar warmeatherischen Zustanden, als aufgeloste, fluchtige, warme- 
atherische Zustande vorhanden. Nun, der Mensch war, allerdings natiir- 
lich in einer andern Form, in seiner Wesenheit schon auf dem alten Sa- 
turn vorhanden. Er hat alle diese Prozesse mitgemacht, unter denen zum 
Beispiel Eisen von einem ganz fliichtigen, fein verteilten, warmeatheri- 
schen Zustande dasjenige geworden ist, was es heute ist. Er hat mitge- 
macht, wie die Welt geworden ist und so weiter. Das Eigentiimliche ist, 
daft der Mensch dem Eisen gegemiber, dem Magnesium gegeniiber sich 
so verhalten hat, daft er diese Stoffe in seine eigene Bildung aufgenom- 
men hat. Das Blei hat er iiberwunden. Also dem Magnesium gegemiber 
hat er sich so verhalten, daft er den Magnesiumprozeft mit seinem Pro- 
zeft verbunden hat. Dem Blei gegemiber hat er sich so verhalten, daft er 
geflohen ist vor dem Bleiprozeft, daft er den ausgeschieden hat, so daft 
wir in bezug auf das Magnesium sehen, wie im Menschen dieselben 
Krafte waken, die eben drauften im Magnesium walten. Der Mensch 
muft sie innerlich iiberwinden. Aber bevor der Mensch in seiner Haut 
eingeschlossen war, als er noch ein metamorphosierendes Gebilde war, 
das mit dem Kosmos einig war, hat er den Bleiprozeft iiberwunden, so 
daft er heute noch in sich hat die Uberwindung, die Ausscheidung des 
Bleiprozesses. Er hat in sich die Aufbaukrafte des Magnesiums, er hat 
in sich die Ausscheidungskrafte fur den Bleiprozeft. 



Was heifit das eigentlich? Sie brauchen ja nur zu studieren, was aus 
dem menschlichen Organismus wird, wenn er eine Bleivergiftung hat. 
Er wird in sich briichig, sklerotisch. Daher komite man sagen: Blei kann 
der menschliche Organismus mcht in sich dulden. Wenn eine Bleiver- 
giftung eintritt, so ist also Blei im menschlichen Organismus drin. Der 
Organismus fangt allerdings an, den Prozefi, der in der Bleisubstanz 
liegt - Substanzen sind immer Prozesse - zu bekampfen. Blei breitet 
sich aus im organischen Prozesse; der Organismus riittelt sich dagegen 
auf, sucht das Blei auszutreiben. Wenn er das kann, gesundet er. Wenn 
das Blei starker ist, gesundet er nicht. Es tritt der bekannte Zerfalls- 
prozefi der Bleivergiftung im menschlichen Organismus auf, weil der 
menschliche Organismus nur vertragt die den Bleiprozefi iiberwinden- 
den Prozesse. Er kann die die Bleisubstanz bildenden Krafte nicht in 
sich haben. 

Wenn man nun nachforscht, was der Mensch davon hat, daft er kein 
Blei in sich duldet, kommt man zu folgendem. Sehen Sie, der Mensch 
ist ja zunachst ein Sinneswesen. Er nimmt Dinge um sich herum wahr, 
und dann denkt er nach iiber die Dinge. Beides braucht er. Er mufi 
Dinge wahrnehmen, damit er mit der Welt in Verbindung treten kann. 
Er mufi auch nachdenken, mu& zuriickdrangen seine Wahrnehmung, 
und im Zuriickdrangen dann seine Selbstandigkeit entwickeln. Wiir- 
den wir nur wahrnehmen, gingen wir immer im aufieren Anschauen 
auf. Hingegen dadurch, daft wir zuriicktreten von den Dingen, iiber 
sie nachdenken, sind wir erst eine Personlichkeit, eine Individualist. 
Dadurch gehen wir nicht in den Dingen auf. Und wenn man studiert 
den menschlichen Atherleib, so hat er in sich ein Zentrum fur bleiab- 
weisende Krafte. Dieses Zentrum ist ungefahr dort, wo die Haare ihren 
Tafel 4 Wirbel bilden. Da strahlen die bleiiiberwindenden Krafte aus. Uberall 
in den Organismus strahlen sie hinein, damit j a nicht die bleibildenden 
Krafte in den Organismus hineinkommen konnen. Die bleiiiberwin- 
denden Krafte, die der Korper ausgebildet hat, haben eine grofie Be- 
deutung dadurch, daft diese selben bleiiiberwindenden Krafte machen, 
daft, wenn ich diese Kreide anschaue, ich nicht im einfachen Anschau- 
en der Kreide befangen bleibe. Sonst wiirde ich selber mich mit dem 
Angeschauten identifizieren. Ich mache mich selbstandig, ich lahme 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:316 Seite:52 



die Beobachtung ab, aber das tue ich mit denselben Kraften, die die 
bleiuberwindenden Krafte sind, so daft der Mensch diesen bleiiiber- 
windenden Kraften verdankt, daft er eine innerlich geschlossene Per- 
sonlichkeit sein kann. Daft der Mensch sich von der Welt absondern 
kann, das verdankt er den bleiuberwindenden Kraften. 

Es ist schon so, daft diese Krafte, die im Menschen sitzen und deren 
Dasein einem recht auffallig werden kann, wenn man einen gewissen 
Zusammenhang, den ich gleich erwahnen will, beriicksichtigt, nicht nur 
eine physisch-atherische Bedeutung, sondern eben durchaus auch eine 
psychisch-moralische Bedeutung haben. Was ich sagen will, ist dieses: 
Der Mensch nimmt gewisse Metallkorper in sich auf, die er mit dem 
eigenen korperlichen Organismus verbindet, andere Metallkorper iiber- 
windet er; er hat sie nur als Abweisungs-, als Uberwindungsprozesse in 
sich. Nun, woher kommt das, daft der Mensch im Laufe seiner langen 
Entwickelung von der Saturnzeit, der Sonnenzeit und so weiter gewisse 
Substanzen, die drauften entstanden sind, ausgeschieden, andere nur 
aufgenommen hat? In diesem Ausscheiden liegt zu gleicher Zeit das, 
daft der Mensch selbstandige moralische Krafte in sich aufnehmen kann. 
Es ist schon so, daft der Mensch, wiirde er zum Beispiel daraufhin ver- 
anlagt sein, bleibildende Krafte in sich zu haben - man konnte denken, 
daft der jetzige Organismus zwar jetzt nicht Blei brauchen kann, aber 
daft er irgendwelche bleibildende Krafte hatte, daft er Blei in demselben 
Sinne in sich hatte wie jetzt das Eisen dann wiirde der Mensch - beim 
Blei ist es so - halb moralische Eigenschaften in sich haben, von dem 
Blei her in sich tragen, dann wiirde der Mensch etwa eine krankhafte - 
wir wiirden es heute krankhaft nennen — Aff initat haben zu den aufteren 
Unreinigkeiten in der Welt. Riechende, stinkende Stoffe wiirde der 
Mensch sehr gerne aufsuchen und an ihnen riechen, um aufzugehen in 
denselben. Und wenn man ein Kind hat und an ihm beobachten kann, 
wie es bei Kindern vorkommt, daft sie solche perversen Eigenschaften 
haben - es gibt Kinder, die suchen mit Vorliebe alles Stinkende auf, sie 
naschen mit der Nase zum Beispiel am Petroleum -, da ist immer diese 
bleiabweisende Eigenschaft des Blutes nicht vorhanden. Da mufi man 
versuchen, durch klinische oder sogar durch medikamentose Einwir- 
kung diese bleiabweisende Kraft aufzurufen. Es ist moglich durch 



Behandlungsarten, die noch zu besprechen sein werden, diese blei- 
abweisende Kraft aufzurufen. 

Bleiben wir einmal bei einem Stoff, der im menschlichen Organis- 
mus eine gewisse Rolle spielt, dem Magnesium. Da konnen wir eine 
besonders interessante Sache studieren. Ich habe gerade auf padagogi- 
schem Felde immer wieder darauf aufmerksam gemacht, wie der erste 
Lebensabschnitt, den wir scharf abgrenzen miissen von alien folgenden, 
der ist, der bis zum Zahnwechsel geht. Dann ist der nachste Abschnitt 
derjenige, der bis zur Geschlechtsreife geht. Nun ist die Sache so, dafi 
geradeso, wie Fluor notwendig ist zur Zahnbildung, auch Magnesium 
zur Zahnbildung notwendig ist. Aber die Zahnbildung findet nicht nur 
statt im Munde, im Oberkiefer und Unterkiefer, sondern der ganze 
Organismus ist daran beteiligt, der MagnesiumprozeE spielt sich im 
ganzen menschlichen Organismus ab. Und das bedeutet fur den Men- 
schen das Allerwesentlichste bis zum Zahnwechsel. Nachher, nach dem 
Zahnwechsel hat das Magnesium nicht mehr jene grofte Bedeutung, die 
es vorher hatte, denn die Magnesiumkrafte im Menschen, die verharten 
seinen Organismus. Sie schliefien seinen Organismus in sich selbst zu- 
sammen, und ich mochte sagen, der Schlufipunkt dieses Konsolidierens 
des menschlichen Organismus, dies In-sich-Gliedern der Krafte und 
Stoffe, das findet in dem Zahnwechsel, mit dem Erhalten der zweiten 
Zahne seinen Abschlufi. Bis dahin hat die Verwendung von Magnesium 
die allergrofke Bedeutung fur den menschlichen Organismus. 

Nun ist der menschliche Organismus in bezug auf seine zeitliche 
Entwickelung ein Ganzes. Er mufi Magnesium in sich entwickeln, in 
sich haben. Er hatte nicht die richtigen Konsolidierungskrafte, wenn er 
nicht diese Magnesiumprozesse in sich hatte. Er kann aber nicht auf- 
horen, die Magnesiumkrafte zu erzeugen. Es geschieht dies nach dem 
Zahnwechsel ebenso wie vor dem Zahnwechsel. Die miissen im Orga- 
nismus verarbeitet werden, und so wird nach dem Zahnwechsel das 
Wesentliche sein, dafi das Magnesium iiberwunden wird, daft es aus- 
geschieden wird. Es zieht sich besonders in die menschliche Milch- 
absonderung, es wird besonders mit der Milch abgeschieden. Indem 
die Milchsekretion zusammenhangt mit der Geschlechtsreife, sehen Sie 
einen merkwiirdigen zusammenhangenden Prozefi, einen periodischen 



Prozeft. Nehmen Sie das Magnesium: Bis zum Zahnwechsel wird es 
sozusagen vom menschlichen Organismus konsumiert, nachher vom 
Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife wird es abgeschieden und unter 
den Kraften, die die Milchkrafte bilden, ist durchaus das Magnesium als 
Abscheidung. Nachher kommt ein Riickschlag bis zum zwanzigsten 
Jahre. Dann findet die Magnesiumkraft eine Verwendung zur feineren 
Konsolidierung der Muskeln. Substanzen sind eigentlich nur eine Zu- 
sammensetzung von Prozessen, Blei ist ja nur scheinbar diese grobe, 
grau aussehende Substanz. Es ist Unsinn zu sagen, daft es ein Stuck 
grober Substanz ist, Blei ist jener Prozeft, der innerhalb der Grenzen 
ablauft, die der Ausbreitung des Bleies gezogen sind; alles ist Prozeft! 
Nicht wahr, man kann sagen, daft die substantiellen Prozesse nicht nur 
so sind im Menschen, daft gewisse substantielle Prozesse im Menschen 
verarbeitet werden konnen, gewisse andere abgewiesen werden konnen 
wie der Bleiprozeft, den wir niemals brauchen konnen, bei dem wir 
immer die ausscheidende Kraft haben miissen, sondern es gibt andere, 
wie den Magnesiumprozeft, der so ist, daft er rhythmisch wechselt, daft 
wir tatsachlich in rhythmischen Perioden unseres Lebens die konsu- 
mierenden Prozesse entwickeln fur die Magnesiumkrafte, dann die 
abscheidenden Prozesse. 

Das ist dasjenige, was Ihnen zeigt, daft man wiederum eigentlich gar 
nichts hat, wenn man bloft analysiert und sagt, der menschliche Orga- 
nismus hat Magnesium. Es ist gar nichts damit gesagt, denn im zwolften 
Jahre haben diese Substanzen eine ganz andere Bedeutung als im fiinf- 
ten oder vierten Jahre. Und nur dann lernt man den Menschen kennen, 
wenn man weift, wann gewisse substantielle Prozesse, also Substanzen, 
diese oder jene Bedeutung im menschlichen Organismus haben. Will 
man erkennen, wie Substanzen, die drauften in der Natur sind, im 
menschlichen Organismus weiter wirken konnen, dann ist es wirklich 
von der geringsten Bedeutung, die chemische Beschaffenheit der Sub- 
stanzen zu studieren. Man muft etwas studieren, was heute kaum stu- 
diert wird. Wenn man verfolgt das Substanzenstudium bis ins 13. oder 
14. Jahrhundert, so hat man da erst die Anlagen zur heutigen Chemie. 
Diese Anlagen sind in den damaligen uns oftmals toricht vorkommen- 
den alchimistischen Prozessen vorhanden. Aber es ist noch etwas 



anderes vorhanden. Es war dazumal etwas vorhanden, was gar keine 
Fortsetzung erfahren hat, das, was man heute die Signaturenlehre nen- 
nen konnte, die Signaturenlehre, die fur Pflanzen besonders angewen- 
det wurde, aber auch fiir Mineralien, die nicht mehr ihre Fortbildung 
erhalten hat. 

Sehen Sie, ein solcher Stoff wie das Antimon, das Grauspieftglanzerz: 
das Eigentiimliche dieses Antimons ist, daft es die bekannte spieftige 
Gestalt bekommt, diese haarformige Gestaltung. 

Wenn Sie es in einer gewissen Weise metallurgisch behandeln, dann 
bekommen Sie den Antimonspiegel, namlich wenn das sich verfliichti- 
gende Antimon auf einer kalten Flache niederschlagt. Sie haben uberall 
im GrauspieEglanzerz die Tendenz, Formen zu bilden, die eigentlich 
sich sehr deutlich zeigen als Formen des Atherleibes. Es sieht sehr ahn- 
lich, was sich da bildet, den Formen gewisser einfacher Pflanzen, die 
sich dem Atherleib anschmiegen. Wenn man Antimonsubstanz betrach- 
tet, hat man unmittelbar das Gefiihl, dieses Antimon ist sehr empfang- 
lich fiir Atherkrafte. Es schmiegt sich hinein in die Atherkrafte. Jeder 
kann das dadurch konstatieren, daft er Antimon elektrolytisch behan- 
delt, unter gewissen Umstanden an die Kathode bringt: es entsteht eine 
Reihe von Explosionen, die iiberleiten in die Beziehungen des Anti- 
mons zu den Atherkraften. Das ist ein auffalliger Fall, aber fiir diese 
Dinge hatte man einmal ein sehr starkes Auffassungsvermogen, heute 
ist dieses Auffassungsvermogen gar nicht mehr da; man respektiert sol- 
che Betrachtungen gar nicht mehr wie diejenigen, die ich angegeben 
habe. Daher ist man zu solchen Dingen gekommen, daft man bedeut- 
samen Wahrnehmungen gegeniiber ratios dasteht. Sehen Sie, man hat ja 
Diamant, Graphit, Anthrazit oder Steinkohle: alles ist Kohle, aber doch 
so verschieden. Warum ist das so? Wiirden die Menschen wirklich ein- 
gehen konnen auf dasjenige, was nicht blofi die chemische Beschaffen- 
heit, sondern was im alten Sinne die Signatur ist, so wiirden Sie anfangen 
zu verstehen, was fiir ein Unterschied ist zwischen Steinkohle und 
Graphit. Steinkohle ist wahrend des Erdprozesses entstanden. Graphit 
wahrend des Mondprozesses, des der Erde vorangehenden planetari- 
schen Prozesses, und Diamant wahrend des Sonnenprozesses. Und Sie 
bekommen da, wenn Sie die Dinge kosmisch betrachten, auch einen 



Einblick dahinein, daft es wiederum nicht auf die Substanz ankommt, 
sondern daft es darauf ankommt, unter welchen Umstanden und Zeiten 
eine Substanz eine gewisse, also eine feste Form angenommen hat. Nun, 
nicht wahr, wenn aber Substantielles, Physisch-Reales der Zeit unter- 
liegt, so hat die Zeit eben eine bestimmte Bedeutung. Denn denken Sie 
einmal, wenn Sie das nehmen, was ich gesagt habe, so konnen Sie sagen, 
die Steinkohle ist ein Kind, ist noch nicht sehr alt; Graphit ist ein Jung- 
ling, ist schon alter; Diamant ist, wenn nicht ein Greis, so doch minde- 
stens sehr stark mannlich. Wenn Sie irgendeine Aufgabe stellen wollen, 
die, sagen wir, reifes Menschenalter erfordert, so werden Sie nicht ein 
Kind hinstellen, es kommt auf das Lebensalter an. So werden Sie ein- 
sehen konnen, daft einfach nach dem kosmischen Lebensalter die Kohle 
iiberall da, wo sie auftritt, eine andere Aufgabe hat als Graphit, der ein 
gewisses reiferes Alter hat. So ist es notwendig, daft man in kosmische 
Prozesse hineinsieht, wenn man die Beziehung des Menschen kennen- 
lernen will zu dem, was drauften im Kosmos ist. Wenn Antimon eine 
besondere Empfindung hat fur den menschlichen Atherleib und Sie 
bringen Antimon als Medikament in den menschlichen Organismus, so 
mussen Sie erkennen, welche Beziehung es schon aufter dem Menschen 
hat, wenn Sie erkennen wollen, was durch Antimon im menschlichen 
Atherleib angeregt wird. Sie mussen durchaus eingehen auf die feinen 
Prozesse in der Natur, wenn Sie verstehen wollen, was irgendein 
Heilmittel im Menschen sein soil. 



VIERTER VORTRAG 
Dornach, 5. Januar 1924 



Nun, meine lieben Freunde, wir haben in den drei vorhergehenden 
Stunden eine Skizze zu erarbeiten versucht iiber eine Art Erkenntnis, 
wie sie als Grundlage der Arzt gewinnen soli, eine Erkenntnis, die nur 
so skizziert werden konnte in kurzen Strichen, wie das in der Kiirze der 
Zeit moglich ist. Aber Sie werden gesehen haben, wenn man nun die 
ausfuhrlichen Darstellungen geben wollte fur diese Skizze, so wiirde 
das lange Zeit brauchen. Diese Zeit wiirde selbstverstandlich im medi- 
zinischen Studium da sein. 

Das wirkliche Medizinstudium miiftte so eingerichtet sein, daft ein 
erster Kursus, der aber wenigstens ein Jahr und womoglich noch lange- 
' re Zeit umfassen wiirde, fur den Studierenden vorliegen miiftte, in der 
dann solche Erkenntnisse als Grundlage des medizinischen Wesens er- 
worben wiirden. Ich kann Ihnen nicht mehr geben als eine Art Charak- 
teristik, wie das dann werden soil. Und deshalb mochte ich, daft Sie 
dasjenige, was ich bisher in drei Stunden gegeben habe, als eine Art 
Kohlezeichnung betrachten fur das, was der Arzt sich aneignen muft. 
Ich mochte das bezeichnen als den exoterischen Teil des Arztwissens. 
Es miiftte dann folgen im medizinischen Studium der esoterische Teil 
des Arztwissens, von dem wir jetzt sprechen wollen. Dieser esoterische 
Teil muft auf der Grundlage des exoterischen Teiles aufgebaut werden. 
Aber Sie miissen es nicht etwa verschmahen, beim medizinischen Stu- 
dium mit allem Ernst sich zuerst des exoterischen Teiles, soweit man 
uberhaupt etwas davon wissen kann, zu bemachtigen. Das ist in der 
Gegenwart schwierig. Aber es kann, wie wir in den folgenden Stunden 
sehen werden, gerade nach dieser Richtung hin durch die Einrichtung 
der medizinischen Sektion an unserer Dornacher Hochschule sehr viel 
geleistet werden. Und heute liegt schon die Moglichkeit vor, daft das- 
jenige, was in einer kurzen Skizze angedeutet ist, durch viele Einzelhei- 
ten, die in Zyklen und Schriften von mir vorliegen, ausgebaut werde. 
Das ist nur zum geringsten Teil bis jetzt geschehen und wird erst eine im 
Sinne der anthroposophischen Medizin gelegene Erweiterung finden, 



wenn diese Arbeit, die ich unter Beihilfe von Frau Dr. Wegman vorbe- 
reite, in der nachsten Zeit an die Offentlichkeit treten wird. Dann wird 
man sehen, wie die Anthroposophie die Anregung geben kann fiir die 
Medizin und die medizinischen Studien iiberhaupt. 

Aber Sie miissen sich klar sein, dafi das medizinische Studium ein 
ganz eigenartiges Studium ist, das ganz besondere Voraussetzungen 
hat, ein Studium, bei dem man durchaus nicht absehen kann von den 
Ergebnissen der Geisteswissenschaft. Es kann keine Medizin geben, 
ohne dafi die Ergebnisse der Geisteswissenschaft in ihr vorhanden sind. 
Die uns noch auf diesem Gebiete begegnenden chaotischen Zustande 
riihren davon her, daft eben eine Studienrichtung und eine Erkenntnis- 
richtung die tonangebenden sind, die ganz und gar fiir das medizini- 
sche Wissen sich nicht eignen. Die Sachen liegen heute so, daft wir ein 
Naturwissen haben - auch in der Theologie -, das sich lediglich eignet 
fiir technische Zwecke, nicht in irgendeiner Weise fiir Erkenntniszwek- 
ke in bezug auf den Menschen. Es eignet sich nicht dazu, Erkenntnisse 
iiber den Menschen zu geben. Denn sehen Sie, das wirkliche medi- 
zinische Wissen erfordert eben etwas Eigentiimliches, und das wird 
Ihnen klarwerden, wenn ich davon spreche, wie eigentlich der Mensch 
zustande kommt. 

Ich habe Sie schon gestern exoterisch darauf aufmerksam gemacht, 
und ich will heute und in den nachsten Stunden den Ubergang finden 
zum Esoterischen: Die aufieren Substanzen sind eigentlich Vorgange. 
Salz ist nur Niederschlag von Vorgangen, die Magnesiumprozesse, 
Eisenprozesse sind Vorgange, die draufien in der Natur sind. Bleipro- 
zesse, Quecksilberprozesse sind Vorgange, die der Mensch nicht in 
sich tragen darf, die draufien in der Natur sind. Nun aber ist das nur 
scheinbar, daE der Mensch diese Prozesse nicht in sich tragt. Wie 
kommt der Mensch zustande? Die physische Anlage wird zunachst 
durch die Befruchtung geschaffen, diese physische Anlage mufi sich 
vereinigen mit dem Atherleib des Menschen. Der Atherleib des Men- 
schen kommt aber nicht zunachst durch die Befruchtung zustande, 
sondern der Atherleib wird gebildet um dasjenige herum, was spater 
Ich-Organisation und Astralorganisation wird, um das Geistig-Seeli- 
sche, das aus den geistigen Welten herunterkommt, das da war im 



vorirdischen Leben. Wir haben es also mit dem eigentlichen Kern des 
Menschen als mit dem Geistig-Seelischen zu tun, das eben vorhanden 
ist, erstens aus fruheren Inkarnationen, zweitens aus der Zeit zwi- 
schen Tod und neuer Geburt, lange bevor eine Befruchtung geschehen 
ist. Dieser geistig-seelische Kern des Menschen, er gliedert sich an, 
bevor er einen Zusammenhang bekommt mit demjenigen, was durch 
die Befruchtung als physische Keimzelle entsteht, zuerst den atheri- 
schen Leib. Und das, was sich vereint mit dem, was im physischen 
Embryo veranlagt ist, das Ich, die astrale Organisation, die Atherorga- 
nisation, diese Dreigliedrigkeit vereinigt sich mit dem, was durch die 
physische Befruchtung zustande kommt. Sie mussen auf den Ather- 
leib als auf etwas hinschauen, das aus dem Kosmos hereingebildet 
wird. Nun, dieser Atherleib, der aus dem Kosmos hereingebildet wird, 
der hat in sich in dem Moment, wo er sich zuerst vereinigt mit der 
physischen Organisation, die Krafte, die dann fur die physische Orga- 
nisation nicht gelten, die Bleikrafte, die Zinnkrafte. Es ist nur schein- 
bar, daft der Mensch kein Mikrokosmos ist, indem er gewisse Stoffe 
nicht enthalten wird. Die Substanzen, die der Mensch im physischen 
Leib nicht hat, die sind die allerwichtigsten fur die Konstitution des 
Atherleibes, so daft im Atherleib vorgehen, ehe er sich vereinigt mit 
dem physischen Leib, in der Tat Bleiprozesse, Zinnprozesse, Merkur- 
prozesse und so weiter. 

Nun vereinigt sich der Atherleib mit dem physischen Leib. Die 
andern Teile natiirlich auch. Und in geringem Mafte wahrend der Em- 
bryonalzeit, aber im hochsten Mafte dann, wenn die Atmung eintritt, 
also bei der Geburt, dann, wenn die wirkliche Auftenatmung eintritt, 
geschieht folgendes: Dann gehen alle Krafte, die der Atherleib von den 
nicht im physischen Leib verankerten Stoffen hatte, iiber auf den astra- 
lischen Leib und der Atherleib nimmt diejenigen Kraftformen an, die 
der physische Leib in sich verarbeitet. Also, der Atherleib macht eine 
sehr bedeutsame Metamorphose durch, die Metamorphose, daft er den 
Inhalt, die Konstitution des physischen Leibes annimmt und seine eige- 
ne Konstitution, seine Verwandtschaft mit der Umgebung des Men- 
schen abgibt an den astralischen Leib. Der Astralleib ist nun innig ver- 
wandt mit dem, was der Mensch wissen kann. Und in dem Augenblick, 



meine lieben Freunde, wo Sie anfangen, nicht blofi theoretisches, son- 
dern wirkliches, innerlich verarbeitetes Arztewissen aufzunehmen, in 
dem Augenblicke beleben Sie in sich diejenigen Inhalte, die der astra- 
lische Leib schon hat, die nur unbewufk bleiben, und die die Bezie- 
hungen darstellen zu der Umgebung. 

Ich will einen besonderen Fall nehmen. Nehmen Sie zum Beispiel 
solch eine Gegend, die schwermiitig ist, und zwar aus dem Grunde, 
weil die Unterlage nach der heutigen Erdenkonstitution gneistragend 
ist, im Gneis der Glimmer drin ist, Glimmer, den Sie als Mineral ken- 
nen. Glimmer ist erstens von einem sehr starken Einfluft auf die betref- 
fende physische Lokalkonstitution, die ein Mensch in einer bestimmten 
Gegend hat. Man wird in seinem physischen Leib anders, wenn man in 
einer Gegend geboren ist, wo viel Glimmer ist. Da wirkt auf den phy- 
sischen Leib vom Boden, von der Erde heraus das Glimmrige. Nun 
werden Sie finden, dafi gerade in den Gegenden, wo viel Glimmer ist, 
viel Rhododendron wachst. Die Pflanze findet sich haufig in den Alpen 
und in Sibirien und so weiter. Die Rhododendronsubstanz ist dasjenige, 
was innig verwandt ist mit dem Atherleib, bevor er in den physischen 
Leib einzieht in solchen Gegenden. Diese Verwandtschaft mit dem 
Rhododendron gibt der Atherleib an den Astralleib ab. Und wenn nun 
in einer solchen Gegend Krankheiten auftreten, die gerade durch eine 
praponderierende Wirkung des Glimmers auf dem Umwege des 
Grundwassers unter den Bewohnern auftreten, so hat der atherische 
Leib dasjenige, was er vom Rhododendron bekommen hat, an den 
astralischen Leib abgegeben. Das ist nun drauften vorhanden in der 
Rhododendronpflanze. Daraus kann man wissen, da£ in der Rhodo- 
dendronpflanze ein Saft vorhanden ist, der fur diese Krankheit heilend 
ist. Davon hangt ab, dafi in vielen Dingen, aber nicht in alien, sich das 
Heilmittel in den Gegenden, in welcher spezifische Krankheiten auf- 
treten, als spezifisches Heilmittel befindet. 

Nun mussen Sie das bedenken, jede Nacht, wenn Sie schlafen, falls 
Sie Mediziner sind, tauchen Sie unter in Ihrem astralischen Leib in die 
Umgebung, die verwandt war mit dem Atherleib, die jetzt verwandt ist 
mit dem Astralleib. Erwerben Sie jetzt medizinisches Wissen, wissen 
Sie, was in der menschlichen Umgebung Heilkrafte sind, so erleben Sie 



die Heilkraftigkeit im Schlafe fortwahrend. Sie erleben im Schlafe fort- 
wahrend die Bestatigung desjenigen, was Sie lernen konnen aus warts 
durch Dialektik. Und damit muft im medizinischen Studium gerechnet 
werden, weil alles auftere dialektische Lernen des Medizinischen nichts 
hilft, niemals hilft. Es wird dissoziiert, es kommt Unordnung hinein, 
wenn nicht jedesmal im Schlaf die Bestatigung innerhalb des Astrallei- 
bes und der Umgebung eintreten kann, die notwendig ist. Wenn nam- 
lich das medizinische Studium nicht so erworben wird, daft der astrali- 
sche Leib in seinem Gesprach mit der Umgebung dem Arzte ja sagen 
kann zu dem, was er gelernt hat, ist es gerade so, wie wenn er zuhoren 
wurde einer Sache, die er nicht verstehen kann, die ihn nur beirrt, so daft 
tatsachlich mit demjenigen im Leben des Menschen, was in den Schlaf- 
zustand hineinfiihrt, das medizinische Wissen innig zusammenhangt. 
Und sehen Sie, es ist nun wirklich so, daft gerade aus solchen Dingen die 
Uberzeugung erwachsen mull, daft das medizinische Studium durch 
den ganzen Menschen, und zwar durch den lebendigen, fuhlenden 
Menschen erworben werden muE. Denn bei diesem nachtlichen Ver- 
kehr mit den heilenden Ingredienzien erwachst noch etwas anderes, was 
durch das Dialektische wirklich niemals erworben werden kann: der 
Drang nach wirklicher Hilfeleistung. Ohne den Drang, das Gefiihl des 
Arztes, ohne den Anteil an dem Menschen, den er heilen soli, ohne 
dies en Drang nach personlicher Hilfeleistung gibt es eigentlich im 
Grunde keine Heilung. 

Sehen Sie, da mufi ich Ihnen etwas sagen, was Sie vielleicht ganz 
sonderbar und paradox beriihren wird, aber da Sie nun einmal lernen 
wollen, was heute fehlt und was kommen muft, muft ich auch dieses 
sagen, denn von Dornach aus arbeiten wir aus esoterischen Impulsen 
heraus. Sehen Sie, es ist mir oftmals gesagt worden, es konnte kommen, 
daft die Mittel, die wir herstellen - es wird Ihnen paradox erscheinen, 
aber Sie miissen manches als paradox hinnehmen -, daft man die Mittel, 
die wir erzeugen im pharmazeutischen Laboratorium, sorgfaltig hiiten 
miiftte, damit sie nicht nachgemacht werden konnen. Ich habe einmal 
darauf erwidert, daft ich eigentlich eine so grofte Angst vor dem Nach- 
machen gar nicht habe, wenn es uns gelingt, wirklich esoterische Impul- 
se in unsere Stromung hineinzubringen. Dann wird man einsehen, daft 



die Mittel mit dem esoterischen Hintergrunde gemacht werden, dafi es 
nicht einerlei ist, ob hier die Mittel gemacht werden mit alldem, was 
hinter dem Esoterischen lebt, was hineingebracht wird, oder ob eine 
beliebige Fabrik sie nachmacht. Das mag Ihnen paradox erscheinen, 
aber es ist so, Es ist eben - viel mehr, als daft etwas durch auftere Dinge, 
durch aufiere geschaftsmaftige Kniffe besorgt wird - notwendig, daft 
eine gewisse Stimmung erwachst, die wirklich dahin zielt: da steckt et- 
was dahinter, was die Dinge aus dem Geistigen heraus heilkraftig macht. 
Das ist nicht Aberglaube, das ist etwas, was, wie Sie noch sehen werden, 
streng geisteswissenschaftlich begriindet werden kann. Daher werden 
verstandige Leute darauf kommen, daft man mit dem Nehmen der 
Mittel, die hier erzeugt werden, eben schon den Anfang macht mit 
demjenigen, was eigentlich getan werden soil. 

Solche Einwande, die mir schon gemacht worden sind, konnen da- 
von herkommen, daft heute die Menschen keine Ahnung haben, daft 
gerade im Medizinischen viel mehr Ernst gemacht werden mufi mit 
dem, was esoterisches, geistiges Leben ist. Wenn Sie vor alien Dingen 
dieses einmal begreifen, werden Sie schon sehen, wie eigentlich real, 
nicht bloft formal, wie es sonst geschieht, hier eine Hochschule, eine 
Pflegestatte fur medizinisches Studium eingerichtet werden sollte. Nun, 
Sie werden auch begreifen, daft auf den ersten exoterischen Kursus in 
der Medizin vor alien Dingen etwas folgen soli als zweiter Kursus, das 
im eminentesten Sinne esoterisch an den Menschen herangeht, das das 
medizinische Wissen einsenkt in dasjenige, was im Menschen Gesin- 
nung, medizinische Gesinnung wird. 

Instinktiv haben ja gewift immer einzelne Personlichkeiten solche 
medizinische Gesinnung gesucht. Und im letzten Drittel des 19. Jahr- 
hunderts, wo eigentlich so wenig gerade das vorhanden war, was medi- 
zinische Gesinnung erzeugen konnte, da konnte man wirklich nur bei 
einzelnen Personlichkeiten, die dann als Sonderlinge angesehen wur- 
den, sehen, wie diese medizinische Gesinnung doch sporadisch erzeugt 
worden ist. Im Grunde genommen war ja der Ruf der Wiener medizi- 
nischen Schule, mit der ich eigentlich aufgewachsen bin, dadurch ein 
so starker geworden, daft diese Wiener medizinische Schule im we- 
sentlichen ihre Unterlage hergenommen hat von demjenigen Teil des 



Heilens, bei dem es am wenigsten auf Therapie ankommt, namlich von 
der Lungenentziindung, wo man am wenigsten fur die zentrale Er- 
krankung, fiir das Therapeutische sorgen kann. Daher kam das auf, 
wovon Sie noch gehort haben werden, der sogenannte Nihilismus. 
Gerade die bedeutendsten der Wiener Mediziner haben ganz bewufit 
den medizinischen Nihilismus vertreten, das heifit, sie standen auf dem 
Standpunkte: es heilt iiberhaupt kein Mittel! In gewissem Sinne stand 
auch Virchow auf diesem Standpunkt. Er stand auf dem Standpunkt: 
Von hundert sogenannten geheilten Kranken kann man annehmen, dafi 
es bei funfzig Prozent ganz gleichgiiltig gewesen ware, ob man ihnen 
das Mittel gegeben hatte, gesund waren sie auch ohne das Mittel ge- 
worden. Und bei dreifiig Prozent ist es so, dafi man sagen kann, dafi 
das Mittel direkt geschadet habe. Bei dem letzten Rest kann manchmal 
der Zufall bewirkt haben, da$ gerade die Mittel, die ausgesucht, die 
ausgewahlt wurden, geholfen haben. - Ich spreche das nicht aus, son- 
dern Virchow, der eine medizinische Grofie im letzten Jahrhundert 
war, sprach das aus. Ich kenne auch heute noch illustre Personlichkei- 
ten, die diese Ansicht strikte vertreten, trotzdem sie vielleicht gerade 
Therapie vertreten. Da ist gerade keine medizinische Gesinnung drin, 
aber diese kann auch nichts sein, von dem man blofi als von einer For- 
malitat redet. Sie mufi in Realitat erzeugt werden, und dazu bedarf es 
eben jenes Menschlichen, in dem zweiten Kursus, der sich aufbauen 
mufi auf dem Exoterischen. Dazu bedarf es jenes Menschlichen, das so 
wirkt, wie es allerdings in degenerierter Weise, aber doch, ich mochte 
sagen, manchmal wie zum Entziicken grofiartig bei so einer Person- 
lichkeit wie Paracelsus vorhanden war. Gewift, man kann gegen ihn 
viel einwenden in diesem oder jenem Punkte. Aber diese medizinische 
Gesinnung war bei ihm in groEartiger Weise vorhanden. Er hat immer 
gewufit, wenn er in eine Gegend gekommen ist, wo das Rotliegende 
anstofiend war, als Erde herauskam, dafi eine Anzahl von Erkrankun- 
gen einfach davon herriihrt - namentlich Krankheiten, die von Erkran- 
kungen des Blutes herruhren -, dafi der Boden Rotliegendes enthalt. 
Die Entwickelung des Krankheitsprozesses ist sehr charakteristisch. 
Wenn man in eine Gegend mit viel Rotliegendem kommt, findet man, 
daft die dort angesessene Bevolkerung sich an das Rotliegende gewohnt 



hat, und einfach ihrem Temperamente nach gewisse Eigentumlichkei- 
ten zeigt. Man findet, dafi diese Menschen eine sehr lebhafte Milztatig- 
keit haben. Und wenn man als Fremder in diese Gegend kommt, fin- 
det man nur wenig Zuneigung, die Leute sind furchtbar eigensinnig, 
rechthaberisch, einfaltig, sie sehen einen fiir dumm an, wenn man man- 
ches, was sie tun, fiir narrisch ansieht. Ja, das ist so, die Leute gewoh- 
nen sich im Rotliegenden daran. Aber wenn ein Fremder kommt, der 
ein Geschaft einrichten will, so vertragt der das Rotliegende nicht, 
namentlich das Wasser nicht. Er bekommt bestimmte Krankheitssym- 
ptome. Paracelsus sagt, dafi solche Krankheiten, die dort erzeugt wer- 
den, auch auf die erbeingesessenen Personen ubergehen. Paracelsus hat 
gesagt: Da mufi sicher etwas vorliegen im Bereich des Atherleibes; 
Archaus nannte er ihn. Da mufi sicher der Archaus etwas durchge- 
macht haben, bevor er in den Embryo eintrat. Nun findet man immer, 
da£ in diesen Gegenden der Goldregen wunderbar wachst. Man wird 
sehr leicht finden in dem Goldregen, in den Bluten, in den Blattern, 
unter Umstanden auch in den Wurzeln, einen Saft, der ein sehr gutes 
Heilmittel abgeben kann, je nachdem der Mensch konstituiert ist. 

Es handelt sich darum, daft man durch diese medizinische Gesin- 
nung einen ganz andern Naturblick gewinnt. Und so habe ich - ich 
war dazumal noch ein Junge - einen Arzt kennengelernt. Den Arzt 
traf man sehr haufig auf Wiesen, auf Fluren, auf Ackern, da hielt er 
seinen Umgang mit Pflanzen, Blumen, Insekten und so weiter. In der 
Gegend, wo er als anspruchsloser Arzt tatig war, lebten drei bis vier 
Koryphaen. Man kann sagen, die Tatigkeit dieses anspruchslosen Arz- 
tes, der die Wiesenblumen so liebte, war eine ungleich fruchtbarere fiir 
die Kranken als die Tatigkeit des staatlichen Physikus und der andern 
Koryphaen. Denn die nahmen ihre Weisheit aus der Schule und aus 
demjenigen, was sich da an die Schule anschloE. Er nahm aber wirklich 
seine Weisheit iiber die Heilmittel aus dem unmittelbaren Umgang mit 
der Natur, der aber nur dann zum medizinischen Wissen fuhrt, wenn 
man die Natur auch in ihren Einzelheiten lieben kann. Man liebt sie 
nicht mehr, wenn man sie unter das Mikroskop nimmt. Man muE sie 
lieben, man mufi imstande sein, sie zu makroskopieren. Sehen Sie, da 
werden Sie darauf hingewiesen, wie notwendig es ist, dieses unter- 



bewulke Leben des astralischen Leibes gerade fur das medizinische 
Wissen heraufzuholen, richtig heraufzuholen. Nun mochte ich durch- 
aus nicht vor Ihnen alte medizinische Ladenhiiter wieder erneuern, 
sondern nur dasjenige sagen, was sich aus der unmittelbaren Betrach- 
tung der Gegenwart ergibt. Aber man mufi, weil die heutige Sprache, 
auch die medizinische Terminologie, keine rechten Ausdriicke hat, 
einfach zu einer Terminologie greifen, die iiberliefert ist. Sonst miifke 
man eine Terminologie erfinden. Vielleicht wiirde es fiir die Verbrei- 
tung unserer Ansichten gunstiger sein, wenn man eine erfande. Nun 
aber, da mufken wir vielleicht jahrelang an dieser Terminologie studie- 
ren. Und da Sie jetzt schon horen wollen, so werde ich mit einigen 
Variationen die alten Ausdriicke brauchen. 

Da ist es gut, wenn wir zunachst auf die Pflanzenwelt hinblicken, 
nicht so sehr, weil ich die Pflanzenheilmittel als universell empfehlen 
mochte, sondern weil man daran viel lernen kann und vor alien Din- 
gen fiir die esoterische Vertiefung ungeheuer viel gewinnen kann. Nun 
ist fiir die medizinische Uberlieferung von grundlegender Bedeutung, 
dafi man dreierlei dabei wiederum betrachtet, aber nicht so betrachtet, 
wie man heute unser landlaufiges Wissen und Konnen betrachtet, 
sondern eigentlich anders. 

Wenn heute der Student etwas gelernt hat, dann weift er es, und er 
denkt dann: Das ist gut, das weift ich und kann es anwenden. - Der 
Mensch aber, der ein religios frommer Mensch ist, der lernt das Vater- 
unser, er weil? es auch, aber er denkt nicht, daE es nun genug ist, dafi 
er es weifi, sondern er betet es jeden Tag; das was er weifi, betet er 
taglich. Er lalk das, was er weifi, jeden Tag durch seine Seele ziehen. 
Das ist eine ganz andere Auffassung von der Sache, ist etwas ganz 
anderes. Oder nehmen Sie einen Initiierten, einen Eingeweihten. Von 
dem setzen Sie ganz gewiE voraus, dafi er die Elemente des okkulten 
Wissens weift. Darauf gibt er gar nichts, dafi er sie weifi, daft er sie 
einmal aufgenommen hat, sondern viel wichtiger ist ihm, dafi er von 
Zeit zu Zeit die allerersten Elemente und die folgenden auch glaubig 
durch seine Seele ziehen lafit, so dafi er in seiner Seele immer neue 
Schwungkrafte erhalten kann. Der religios veranlagte Mensch hat ganz 
andere Erfahrungen als derjenige, der in der Natur nur etwas sieht, 



was in der physischen Welt aufgenommen wird. Wir miissen im Na- 
turrhythmus uns immer wieder finden, wenn wir lebendiges und nicht 
totes Wissen erwerben wollen. Das Wissen, die Wissenstatigkeit muC 
immer wieder rhythmisch wiederholt werden. Das meine ich, wenn es 
sich darum handelt, dafi fiir das medizinische Wissen als Grundlage 
die medizinische Gesinnung zu gelten hat. Medizinisches Wissen zu 
erwerben aus der Natur des Menschen und seiner Umgebung, das ist 
ganz besonders wichtig in therapeutischer Beziehung. Da ist es von 
ganz besonderer Bedeutung, dafi Sie das merken, wie Sie die Pflanze 
immer wiederum vor sich erstehen lassen in der Seele. 

Da sind drei Dinge in der Pflanze von besonderer Bedeutung. Das 
eine ist - es tritt bei besonderen Pflanzen in ganz besonderer Weise 
hervor - das Duftende der Pflanze, das zusammenhangt mit den in der 
Pflanze wirksamen Olen. Das Duftende der Pflanze ist dasjenige, was 
in der Pflanze das Anziehende ist fiir gewisse Elementargeister, die in 
die Pflanzen sich niedersenken wollen. Und weil das, was in der 
Tatigkeit - nicht in der Substanz - dem Duftenden zugrunde liegt, im 
Mineralischen am konzentriertesten vorhanden ist im Schwefel, so 
kann man wirklich mit der alten Medizin dieses im Dufte der Pflanzen 
wirksame, geistig Extraktive der Pflanze, das eine Art von Sehnsucht 
hervorruft in den Elementargeistern, die sich durch den Duft herun- 
tersenken, das kann man das Sulfurige der Pflanze nennen. Man kann 
sagen, schon im Schauen auf das Sulfurige der Pflanzen erwirbt man 
sich ein richtiges Verstandnis fiir den Duft der Pflanzen, wenn man 
erkennt, da$ sich da ein Geistiges oben und unten abspielt, indem die 
Pflanze duftet. Das ist ein erstes. 

Ein zweites, das man sich erwirbt, ist ein inneres Gefuhlsmafiiges 
fiir das, was im Blatt heranwachst. Man hat so viele Gelegenheiten, die 
Bliiten mit dem Duften der Pflanzen, die Blatter mit dem Formellen 
der Pflanzen in Verbindung zu bringen. Die Blatter sind so vielgestal- 
tet: sageartig, weich, spitz, stumpf, gegliedert und so weiter. Nicht 
wahr, dafiir sollte man sich ein feines Gefuhl erwerben, fiir dieses 
Blatthafte in der Pflanze, denn damit beleben sich jene geistigen We- 
senheiten, die durch den Duft sich heruntersenken. Und darin strahlt 
aus der Peripherie des Kosmos herein uberall das Bestreben, tropfen- 



formig zu gestalten. Sehen Sie, da gibt es etwas, wodurch Sie ein wun- 
derbares Gefiihl erwerben fiir das, was eigentlich gestaltbildend aus 
dem Kosmos in dem Blattrigen enthalten ist: wenn Sie einfach Liebe 
entwickeln zum Anschauen des Blattrigen, wenn am Morgen die Pflan- 
zen iibersat sind mit den glitzernden Tautropfen. Denn diese Tautrop- 
fen in ihrer Wesenhaftigkeit spiegeln einfach das Bestreben der Peri- 
pherie, des Kosmos, im Pflanzlichen das Kugelige, das Tropfenformige 
zu erzeugen. Der Tropfen ist es, der ganz und gar zugrunde liegt allem 
Blattrigen der Pflanze. Und wiirde nur das Peripherische, Kosmische 
an der Pflanze geistig tatig sein, so wiirde die Pflanze immer diese 
kugelige Gestalt bilden. Sie sehen, daft an Pflanzen das Kugelige beson- 
ders auftritt, wenn das Kosmische die Oberhand gewinnt, in mancher 
Beerenbildung und so weiter, auch in mancher Blattbildung, aber diese 
Tropfenbildung wird da sofort in Anspruch genommen von den ir- 
dischen Kraften. Der Tropfen wird nach den verschiedensten Seiten 
ausgezogen, und es entstehen die mannigfaltigsten Formen. Dieses 
Streben nach der Tropfenform findet sich mineralisch konzentriert im 
Quecksilber. Deshalb nannte man in der alten Medizin dieses Nach- 
dem-Tropfen-Streben das Merkuriale. Merkur war in der alten Medi- 
zin nicht Quecksilber, sondern das Nach-dem-Tropfen-Streben, das 
dynamische Streben nach dem Tropfen. Uberall, wo das Streben nach 
dem Tropfen vorhanden ist, ist das Merkuriale. Das Quecksilber ist das 
Metall, das auf Erden die Tropfenform hat, weil die Bedingungen dazu 
vorhanden sind. Das Quecksilber hat auf der Erde die Form, die das 
Silber auf dem Mond hat, wo es auch in Tropfenform sein miiftte. Es 
handelt sich darum, daft die alte Medizin alles Tropfenformige Merkur 
nannte. Alle Metalle waren auch Merkur fiir den alten Mediziner. Das 
ist eben das, was beriicksichtigt werden muft, daft die alte Medizin im 
Beweglichen, Lebendigen lebte. Wir werden wieder zu diesem Beweg- 
lichen, Lebendigen kommen miissen. Dann miissen Sie den Sinn be- 
kommen, daft Sie so hintendieren zu diesem Beweglichen, Lebendigen, 
daft Sie sich sagen: Wenn ich am Morgen iiber die Fluren gehe und die 
Tau-Silberperlen auf den Blattern sehe, so offnen mir diese Tau-Silber- 
perlen dasjenige, was in den Blattern selber im Geiste lebt: das Streben 
nach der kosmischen Kugelgestalt. - Das muft aber gefiihlt werden, 



damit Sie die Pflanze verstehen. Sie miissen sie aber in ihrer Kugelge- 
stalt verstehen lernen. Lernen Sie dann die Pflanze so verstehen, daft 
Sie ein Verhaltnis bekommen zu ihrem Streben nach der Tropfenform, 
und dann hinauf durch das Duftige, dann erlangen Sie nach und nach 
ein feines Verstandnis fur alles dasjenige, was im Menschen zentrifugal 
wirkt. Es wirken zentrifugale Krafte, wenn der Mensch sich die Nagel 
abschneiden kann. Sie sind nachgewachsen: das sind zentrifugale Kraf- 
te, die durch den Menschen gehen. Wahrend der ersten sieben Jahre 
gehen fortwahrend die Krafte, die dann ihren Abschlufi finden durch 
die zweiten Zahne, zentrifugal durch den Menschen. Am meisten driik- 
ken sie sich aus in der Schweifibildung. Dasjenige, was im Dufte der 
Pflanzen nach oben strebt und die Naturgeister dort anzieht, das lebt 
auch im Schweifidufte, der eine zentrifugale Richtung hat, so daft Sie 
in der Tat, wenn Sie das Pflanzenhafte im Menschen suchen wollen, 
den Blick darauf hinrichten miissen und es da vermuten in seinem 
tiefen Herausstreben. Sie bekommen so eine tiefe, intime Erkenntnis 
des Zusammenhanges dessen, was draufien ist und was im Menschen 
ist. Denn sehen Sie, indem der Atherleib seine Eigenheiten dem Astral- 
leib abgibt, kehrt sich die ganze Sache um. Der atherische Leib mochte 
dasjenige, was er aus der Umgebung nimmt, nach oben entwickeln. 
Indem er es an den astralischen Leib abgibt, entwickelt es sich zentri- 
fugal nach aufien [unten?] hin, so daft der Mensch in der Tat nach dieser 
Richtung hin das Pflanzenwerdende in sich tragt. 

Sehen Sie die Pflanze an, wie sie mit der Wurzel in den Boden sich 
senkt, wie sie mit der Wurzel eine innige Verbindung eingeht mit den 
Salzen des Bodens im weitesten Sinne. Da findet ein Prozeft statt, der 
genau entgegengesetzt ist der Begleiterscheinung der Sinnesprozesse, 
die Salzprozesse sind. Nehmen Sie Kochsalz, das in Losung salzig 
schmeckt, und denken Sie diesen Prozefi polarisch umgekehrt, also daft 
das Losen aufgehoben wird, ein Zusammenbacken geschieht und der 
Geruch und der Geschmack latent wird. Dann haben Sie den Prozeft, 
der sich zwischen Boden und Pflanzenwurzel abspielt. Das ist das, was 
in der alten Medizin Salzprozeft genannt wird. Die alte Medizin hat 
nicht dasjenige Salz genannt, was man heute so nennt, also kohlensaures 
Salz und so weiter, sie hat dasjenige Salz genannt, was bei der Pflanze 



und der nach unten zugespitzten Wurzel eine Verbindung mit den 
Substanzen der Erde eingeht. Das ist das Salzige. 

In diesem Hinlenken Ihrer fortdauernden Aufmerksamkeit im 
Rhythmus auf diese wunderbaren Geheimnisse der Natur beleben Sie 
praktisch Ihr medizinisches Wissen. Das heifit, Sie werden anfangen, 
wenn Sie in dieser Weise versuchen, Ihr medizinisches Wissen zu bele- 
ben, die Natur und den Menschen so anzusehen, daft Ihnen aus dem 
starken Impuls des Hilfeleistens, von dem ich Ihnen vorher gesprochen 
habe, das Heilen kommt. Wahrhaftig, es kann nur aus einer solchen 
Grundlage hervorgehen, auch ganz konkret. Es mufi das konkret ange- 
regt werden durch fleiftiges, strebsames, regsames, exoterisches Lernen, 
sonst wird man nur konfuse Dinge machen. Aber notwendig ist doch, 
daft man weift, daft tatsachlich in diesem rhythmischen Sich-Versenken 
gerade in die Naturumgebung des Menschen die wirkliche Grundlage 
des medizinischen Wissens liegt, nicht im theoretischen medizinischen 
Lernen, sondern in dem, was ich jetzt versuchte zu charakterisieren und 
was Sie rhythmisch leben konnen. 

Was ich jetzt auf die Tafel* schreibe, ist nicht dazu da, daft Sie es 
wissen, sondern daft es anregt in Euch immer wieder diese Belebung 
Eures medizinischen Sinnes. Es ist etwa so: 

Ihr heilenden Geister 
Ihr verbindet euch 
Dem Sulphursegen 
Des Atherduftes; 

Ihr belebet euch 
Im Aufstreben Merkurs 
Dem Tautropfen 
Des Wachsenden 
Des Werdenden. 

Ihr machet Halt 
In dem Erdensalze 
Das die Wurzel 
Im Boden ernahrt. — 



Das ist gewissermafien dasjenige, was die Seele erwirbt, indem sie auf 
den Umkreis hinschaut, den inneren Sinn erweckend fiir das, was sie 
umgibt. Der Mensch kann dann antworten: 

Ich will mein Seelenwissen 
Verbinden dem Feuer 
Des Bliitenduftes; 

Ich will mein Seelenleben 
Erregen am glitzernden Tropfen 
Des Blattermorgens; 

Ich will mein Seelensein 
Erstarken an dem Salzerhartenden 
Mit dem die Erde 
Sorgsam die Wurzel pflegt. - 

Nun, meine lieben Freunde, das, was man sich dadurch erwerben 
kann, daft man so, wie die Frommen es mit dem Beten machen, dieses 
immer wieder und wieder in sich belebt, das erregt ja in der Seele erst 
diejenigen Krafte, die medizinisch wirken konnen. Denn die gewohn- 
lichen Krafte, die heute in der Schule herangezogen werden, konnen 
nicht medizinisches Wissen erwecken. Dieses mufi erst aus der Seele 
herausgeholt werden. Deshalb setze ich immer an die Spitze der esote- 
rischen Betrachtungen, die wir pflegen wollen, dieses: wie man sich 
denken raufi, da$ die Seelenkrafte erst belebt werden, um in der Seele 
das rege zu machen, was zum medizinischen Wissen fiihren kann. 



Diese Tafel ist nicht erhalten geblieben. 



FUNFTER VORTRAG 
Dornach, 6. Januar 1924 



Meine lieben Freunde! 

Im Anschluft an das gestern Gesagte, habe ich nun Ihre Fragen stu- 
diert. Diese Fragen, sie sind ja alle so, dafi sie natiirlich mit Dingen in 
Zusammenhang stehen, die gestern besprochen worden sind. Nun 
sind die Fragen, welche gestellt worden sind, ich mochte sagen die die 
erste Kategorie umfassen, alle aus einer Art von Herzensbangigkeit 
heraus gestellt. Einzelne Fragen werden sich im Laufe der Vortrage 
beantworten. Andere Fragen, die eigentlich im Grunde genommen 
mehr oder weniger alle gleich sind, werden nicht eine Beantwortung 
finden konnen theoretisch, sondern nur durch dasjenige, was aus die- 
sem Kursus hier an Ergebnissen wird entstehen konnen. Denn eigent- 
lich gehen alle diese Fragen darauf hin, wie im Anschlufi an Dornach 
der medizinische Weg der lieben Teilnehmer an diesem Kursus zu 
finden sein wird. Und iiber diese Fragen wird man heute sprechen, 
ich mochte sagen gewissermafien hineingestellt zwischen das, was ich 
esoterisch gestern gesprochen habe, und dasjenige, was ich morgen 
esoterisch zu sprechen haben werde iiber das reale Fortwirken des 
Impulses, den ich natiirlich nur in durftiger Weise bei so wenigen 
Vortragen geben kann. Das reale Fortwirken wird zunachst die 
Grundlage bilden miissen fur das, was wir weiter esoterisch morgen 
werden besprechen diirfen. 

Ich will zuerst im allgemeinen noch einiges im AnschluE an das 
Gestrige sagen. Es ist wenig damit getan, meine lieben Freunde, dafi 
man im allgemeinen den Menschen hinweist oder daft er sich selber 
hinweist von dem Sinnlich-Physischen auf das Geistige. Dieser Hin- 
weis im allgemeinen auf das Geistige entspricht natiirlich auf jedem 
Lebensgebiete - und man muE schon sagen, auf dem medizinischen 
Gebiete und fiir den seinen Weg suchenden Mediziner heute am aller- 
starksten -, es entspricht schon dieses allgemeine Hinge wiesenwerden 
auf den Geist auch durch das, was in der Seele lebt, einem innersten 
Bediirfnis. Aber dieses Bediirfnis ist in vieler Hinsicht ein solches, das 



wirklich in sich selbst erst eine groftere Bestimmtheit finden mufi, eine 
groftere innere Klarheit, und auch, was vielleicht sogar die Hauptsache 
ist, eine groftere innere Kraft, als die ist, mit der es gewohnlich auftritt. 
Das alles, meine lieben Freunde, ist als Bestreben in Euch. Es muft aber 
ein Weg festgestellt werden. Zu diesem Wege kann von mir aus zu- 
nachst der Impuls gegeben werden, aber Ihr miiftt dann mit diesem 
Impulse ein reales Weiterstreben im Zusammenhange mit Dornach 
einleiten. 

Diejenigen, die sich das als Aufgabe stellen - und aus den Fragen 
geht die Stellung dieser Aufgabe mit aller Intensitat hervor - miissen 
wissen: Das allgemeine Streben nach dem Geistigen tut es eben nicht. 
Es handelt sich darum, daE dieses Streben nach dem Geistigen wirk- 
lich in den einzelnen Lebensgebieten ganz konkret auftritt. Und so ist 
es schon notwendig, daft man sich wiederum einlebt in ein Mitleben 
mit der ganzen Weltwesenheit, mehr oder weniger mit der ganzen 
Wesenheit des aufieren Kosmos. Der Mensch erlebt heute den Kosmos 
nicht, und weil er den Kosmos nicht erlebt, erlebt er die Geistigkeit 
nicht. Denn die Geistigkeit ist nur zu erringen auf dem Umwege durch 
den Kosmos. 

Irgendein medizinisches Wissen so anzusehen, wie es sich zunachst 
seiner Gestalt, seinem Werden nach, seiner aufteren Erscheinung nach 
darbietet, gibtiiber das Dasein eigentlich keine geistige Erkenntnis. Erst 
wenn man in die Lage kommt, die Dinge hineinzustellen, die Wesen 
hineinzustellen in den ganzen kosmischen Zusammenhang, kommt 
man in die Lage, durch den Schleier der Natur durchzusehen auf die 
dahinterstehenden geistigen Krafte. 

Nun ist es schon so, dafi die Schwierigkeiten, die bei der Verfolgung 
des Geisteslebens auftreten konnen, in der anthroposophischen Bewe- 
gung seit nun mehr als zwanzig Jahren wirklich genau studiert, genau 
erfahren werden konnten. Und es sieht vielleicht zunachst sogar etwas 
trivial aus, wenn man in wenigen Worten sagt, worin diese Schwierig- 
keiten bestanden haben. Sie haben einfach darin bestanden, dafi diejeni- 
gen, die zunachst wollten auf irgendeinem Gebiete Esoterisches anstre- 
ben, zu gleicher Zeit sich die Sache zu leicht machen wollten, sie zu 
bequem haben wollten. Der esoterische Weg ist eben entweder ein 



schwieriger oder er ist gar keiner. Und man kann eine esoterische Ent- 
wickelung nicht auf einem bequemen Weg erreichen. Man mufi die all- 
gemeine Bemerkung, die so oft gemacht wird, daft es sich dabei urn die 
Uberwindung von Schwierigkeiten handelt, daft der Mensch erst iiber 
sich hinauskommen rauE, in vollem, ich mochte sagen in heiligem 
Ernste nehmen. Und es miiftte vom gegenwartigen Zeitpunkte an, von 
dem Zeitpunkte an, dessen Ausgangspunkt in unserer Dornacher Weih- 
nachtstagung liegt, von diesem Zeitpunkte an miiftte in der ganzen 
Auffassung der anthroposophischen Bewegung auch auf den einzelnen 
Gebieten eine Art von Umschwung eintreten. Und indem Ihr zunachst 
Euren medizinischen Weg suchet, miiftt Ihr Euch innerlich beteiligen 
gleich von Anfang an an diesem realen Umschwung so, daft es sich so- 
zusagen nicht handeln kann beim esoterischen Wege um eine Beigabe, 
sondern daft es sich nur handeln kann um eine vollige Erfiillung des 
Lebensweges mit den esoterischen Impulsen. Alles was dazu getan 
werden kann, soil in den Vortragen getan werden. Aber es mufi, wie ich 
am Ende der heutigen Auseinandersetzung sagen werde, sich etwas 
anschlieften. 

Wollen wir noch einmal den Blick werfen auf eine Einzelheit zu- 
nachst, denn wenn Ihr nicht den Willen habt, meine lieben Freunde, auf 
Einzelheiten in geistigen Betrachtungen wirklich einzugehen, werdet 
Ihr nicht den Weg ins Geistige hinein finden konnen. Man soil ja nicht 
glauben, daft man das Geistige wirklich findet als Traumer oder als 
Mensch, der sich hingibt allerlei verschwommenen Inspirationen und 
dergleichen. Das Geistige muft man heute real erringen, mit allerernste- 
stem innerem Streben. Und man kann es nur erringen aus den Zu- 
sammenhangen heraus, die sich aus der geistigen Welt ergeben. 

Und da sei zunachst der Blick auf eine Einzelheit gerichtet. Ich habe 
schon gesagt, von der Pflanzenwelt konnen wir viel lernen. Nun aber 
betrachten wir so eine Pflanze. Der Mensch nimmt sie einfach heute 
dadurch wahr, daft er die Wurzel betrachtet, den Stamm betrachtet, dann 
die Blatter, dann die Bliite, den Stempel in der Mitte, die Staubgefafte 
und den Samen. Der Same entwickelt sich im Fruchtknoten, und man 
beschreibt dasjenige, was man an der Pflanze in der Weise sieht, un- 
gefahr so, wie man einen Sessel beschreibt, wenn man dazu noch fugt 



bei der Beschreibung des Sessels, dafi man manchmal auch darauf sitzt. 
So ungefahr beschreibt man die Pflanze. Man beschreibt, wie die Wur- 
zeln im Boden sitzen, wie sie physische Krafte, chemische Krafte und 
Stoffe einziehen, wie durch Kapillaren oder Ahnliches die Safte hinauf- 
steigen. Man betrachtet es als einen Irrtum, als Verirrung, wenn man 
redet von einer spiraligen Anordnung der Blatter, jedenfalls weiE man 
nicht, dafi das irgendwie im Zusammenhang mit dem Kosmos steht. 
Man beschreibt weiter die Bliiten, denkt hochstens an eine Kraft, wenn 
man die Farben der bunten Bliiten und deren Substanzen erkennen will 
oder die Befruchtung. Man beschreibt das alles so, wie man beschreibt, 
dafi sich ein Mensch auf einen Sessel setzt, aus keinem andern Geiste 
heraus, man beschreibt das ganz aufierlich. 

Nun, die Wesenheit desjenigen, was da erfafk werden mufi, wird ja in 
keiner Weise auf diese Art erfafk, sondern man mull sich klar sein dar- 
iiber, dafi, wenn man eine solche Pflanze betrachtet, ihr Hineingesenkt- 
sein mit der Wurzel in den Boden auf ein wunderbares Geheimnis hin- 
weist; und wiederum auf ein anderes Geheimnis weist der Stamm mit 
den Blattern, auf ein anderes Geheimnis weist dasjenige, was oben in 
der Blute geschieht. 

Sehet, meine lieben Freunde, wir betrachten die Wurzel, wie sie sich 
in den Boden hineinsenkt, sie ist gewissermafien das Aufhoren des 
Pflanzenseins gegen die Erde, gegen die feste Erde zu. Aber diese Wur- 
zel konnte ja gar nicht etwas vom Erdboden haben, wenn nicht der 
Erdboden erst den Einfluft erleiden wiirde von der kosmischen Umge- 
bung. Die kosmische Umgebung, und zwar nicht bloE Sonnenwarme 
und Sonnenlicht, sondern auch dasjenige, was vom ubrigen Planeten- 
system, das zu unserer Erde gehort, ausgeht, beeinflufit die Erde von 
der Oberflache aus ein Stuck nach innen. Und diejenigen Krafte, die 
erregt werden auf diese Weise in den Substanzen der Erde, die Krafte 
geben der Wurzel die Moglichkeit, innerhalb der Erde zu sein. 

Nun konnen wir Umschau halten, wo wir dieselben Krafte wieder 
finden. Nun, dieselben Krafte, die wir umspielend finden die Pflanzen- 
wurzeln, wir finden sie im menschlichen Haupt, aber wir finden sie im 
menschlichen Haupt in ganz anderer Art als um die Pflanzenwurzeln 
herum im Erdboden. Und man kommt nicht zurecht mit dem inner- 



lichen Anschauen dessen, was hier vorliegt, wenn man stehenbleibt bei 
dem, was einem heute die Naturwissenschaft geben kann. Und das ist 
dasjenige, wovon viele von Euch in ihren Fragen sprechen als dem 
Chaotischen, das in ihre Seelen hineingelegt worden ist durch die heu- 
tige Naturwissenschaft. Es ist schon notwendig, daft man sich wieder 
einlebt in auch auftere substantielle Agenzien, daft man sich wieder ein- 
lebt in das, was einmal genannt worden ist das Erdige, das Fliissig- 
Waftrige, das Luftartige, das Feurige. Denn wenn Ihr immer nur redet 
von Wasserstoff, Sauerstoff, Kohlenstoff, Stickstoff, Schwefel, Phos- 
phor in dem Sinne, wie die Chemie es tut, werden Euch diese Dinge 
immer etwas Aufterliches bleiben. Ihr konnt niemals etwas anderes dar- 
iiber denken, als daft Ihr als Mensch dasteht und auften ist irgendwo 
Sauerstoff, Stickstoff. Es ist etwas ganz Indirektes, was Ihr durch die 
heutige Physiologie oder Chemie vom Sauerstoff, Stickstoff aufnehmt. 
Ihr erfahrt durch die Physiologie, daft Stickstoff im menschlichen 
Organismus ist, aber Ihr erlebt ihn nicht darin. Es handelt sich darum, 
daft man von dem ausgeht, was erlebt werden kann. Und dasjenige, was 
erlebt werden kann, muft sich tief mit der ganzen Menschenwesenheit 
verbinden, wenn man sich in den Dienst der Weltgestaltung stellen will. 
Und das tut man, wenn man heilen will. 

Nun, etwas, was zu den alten Elementen gehort, ist so da, daft jeder 
Mensch wissen kann: er erlebt es. Das ist zum Beispiel die Warme, die 
Warme als Naturqualitat. Man erlebt sie, es wird einem warm, es wird 
einem kalt. Man steht nicht so aufterlich wie dem Sauerstoff, wie dem 
Stickstoff der Warme gegeniiber. Es ist das Eigenartige fur die alte Na- 
turbetrachtung, daft sie zugrunde gelegt hat erlebnismaftig dasjenige, wo 
man drin sein kann, nicht aufter dem man stehen muft. Nun bleiben wir 
zunachst bei diesem Elemente der Warme, des Feuers, weil es dasjenige 
ist, bei dem sozusagen das Erleben am handgreiflichsten ist, wenn ich 
den paradoxen Ausdruck gebrauchen darf . Man weifi, die Warme erlebt 
man als Mensch. Nun ist es so, daft dasselbe, was die Erde, das Erdige 
fur die Pflanzenwurzel ist, fur den menschlichen Kopf die Warme ist. 
Und wenn Sie sich jetzt wegdenken aus der Ihnen fest erscheinenden 
Erde - wenn Sie hier die Erde haben (es wird gezeichnet) - das Erdige 
selber, das Fliissige, das Luftformige, das darinnen ist, und nun denken, 



da£ zuriickbleibt die Warme, so dafi Sie einen Boden von Warme haben 
- Sie konnen sich das ja denken - und Sie nehmen das Ganze (siehe 
Zeichnung II), wenn hier unten und hier oben ist, und drehen es um, so 
dafi Sie da unten und da oben haben (I). So haben Sie einen richtigen 
polarischen Gegensatz. Das eine Mai konnen Sie sich vorstellen, wenn 
da unten und da oben ist (II) und da die Warme frei geworden ist bis 
zum Erdigen, daft da die Pflanzenwurzel drinnen ist. Aber wenn die 
Warme drin ist fur sich (I), das Luftige, das Fliissige, das Erdige weg ist, 
und umgekehrt da (II) der Boden ist, aus dem die Warme fort ist, dann 
ist, wenn hier (II) das Wurzelartige, das Pflanzenartige ist, dann ist da 
(I) das, was vom menschlichen Kopfe selber ausgeht. 





Und was bedeutet denn dieses? Meine lieben Freunde, es bedeutet 
dieses, dafi Sie sich sagen konnen, ich betrachte die Pflanzenwurzel, sie 
ist im erdigen Boden, ich betrachte den menschlichen Kopf, er ist im 
Warmeboden, nur ist der Boden umgekehrt. Das ist deshalb, weil 
dasjenige, was hier (I oben) geschieht, vier Stufen weiter zuriickliegt 
als dieses (II). Nennen Sie das, was mk der Pflanzenwurzel geschieht, 
ein Erdereignis, dann miissen Sie dasjenige, was heute noch mit dem 



menschlichen Kopfe geschieht, und zwar aus der Warme heraus, ein 
Saturnereignis nennen. Dazwischen liegen Sonnen- und Mondereignis. 
Und wenn Sie jetzt vom menschlichen Kopf alles, was spater hinein- 
gezogen ist, das Erdige, das Fliissige, das Luftformige wegdenken, und 
Sie denken sich bloft die im menschlichen Kopfe wirksame Warme, die 
den iibrigen Organismus mit Warmedifferenzierung versorgt, Sie den- 
ken sich nur den im Kopfe vorhandenen Warmeorganismus, dann 
haben Sie heute einen kleinen Saturn im menschlichen Haupte. 

Gegenwartig haben Sie im menschlichen Haupte die alte Saturn- 
organisation. Und verstehen Sie den Zusammenhang, dann sagen Sie 
sich: Im Kosmos war einstmals vor unzahligen Jahren eine Bildung, 
die alles dasjenige, was heute an Warmehaftem im menschlichen Haup- 
te ist, vorausgenommen hat. Und die Pflanzenwurzel schafft heute im 
Erdigen ein Bild desjenigen, was da vorangegangen ist. 

Da haben Sie einen Zusammenhang. Sie schauen den alten Saturn in 
der Warmeorganisation des menschlichen Kopfes. Aber solch ein 
Schauen mufi, wenn es richtig geschieht, wirklich verbunden werden, 
nicht bloft mit theoretischen Ideen, sondern es raufi verbunden wer- 
den mit inneren moralischen Impulsen. Man muft auf den mensch- 
lichen Kopf so hinschauen konnen, dafi man sich sagt: Wie wird man 
ergriffen dadurch, dafi man das menschliche Haupt betrachtet und es 
dasteht wie die lebendige verkorperte Erinnerung an die uralte Werde- 
zeit des Kosmos, an die saturnische Zeit! - Durchdringen Sie sich 
einmal mit dem Gefuhl: Ich bin auf der einen Seite ein Mensch, der ein 
gewisses Alter erreicht hat, meine Kindheit steht vor mir, die Kind- 
heitserinnerungen steigen auf. Als alter gewordener Mensch vertiefe 
ich mich in meine Kindheitserinnerungen. - Das gibt schon ein gewis- 
ses inneres Erlebnis, vor dem man mit moralischer Kraft stehen kann. 
Und nun dehnen Sie dieses Gefuhl, diese Empfindung aus bis dahin, 
wo Sie sich sagen, ich war als Mensch in der alten Saturnzeit vorhan- 
den; verstehe ich in der Gegenwart mein Haupt richtig, so ist es da wie 
eine lebendige Erinnerung an die urspriingliche Werdezeit des Kos- 
mos, Und ich mochte sagen, unendlich vervielfaltigt erscheint mir das- 
jenige, was mir durch die Kindheitserinnerungen sich bilden kann, 
wenn man durch diese Kindheits erinnerung, durch das lebendige 



Menschenhaupt kommt bis in die alte Saturnzeit - bis in diese zuriick. 
Alle solche Erkenntnis hat nur Wert, wenn sie sich unmittelbar ein- 
senkt in das moralische Gemiit, wenn man innerlich Schauer erleben 
kann dadurch, daE man in dieser Weise durch die Betatigung des 
Menschen sich einsenkt in eine Empfindung fur den Kosmos. Und 
meditieren, namentlich fur den Mediziner, besteht nicht darin, dafi er 
lediglich briitet iiber Gedanken, sondern meditieren besteht schon 
darin, dafi man sich solche Zusammenhange vor die Seele bringt und 
in diesen Zusammenhangen innere differenzierte Gefuhle, an denen 
man innere Erschutterungen aller moglichen Arten erleben kann. 

Sehen Sie, ich sehe einen Menschen, den ich vielleicht seit vierzig 
Jahren nicht mehr gesehen habe. Indem er vor mich hintritt in der 
Gestalt, in der er jetzt vor mir steht, da steht vor meiner Seele der Blick 
auf seine Kindheit; ich sehe ihn als Kind vor mir, es gibt eine gewisse 
innere Erschutterung. Ich wende heute den Blick auf das Pflanzenwur- 
zeltum. Indem ich auf das Pflanzenwurzeltum blicke, bekomme ich 
die Fahigkeit, dieses Pflanzenwurzeltum auf den menschlichen Kopf 
zu beziehen, und der menschliche Kopf fiihrt mich zuriick auf die alte 
Saturnzeit. In den ganzen seelischen Menschen hinein mufi eben das 
Meditieren gehen, es mufi anregen tiefes innerliches Leben. 

Damit soil eben eine Richtung gegeben werden, wie, nachdem die 
Grundlegung geschaffen worden ist durch eine Art exoterischen Kur- 
ses, im Esoterischen eigentlich alles auf ein empfindungsgemafies Erle- 
ben des gesamten Kosmos im Zusammenhang mit dem ganzen Men- 
schen gehen mufi. Denn ebenso wie Euch das saturnische Dasein 
auf gehen kann durch die Betrachtung des Zusammenhanges des Men- 
schenhauptes mit dem Wurzelwachstum der Pflanzen, so kann das 
Sonnendasein aufgehen durch Betrachtung des Zusammenhanges des 
menschlichen Herzens mit der Stamm- und Blattentwickelung der 
Pflanze. Und wiederum ist die Stamm- und Blattentwickelung der 
Pflanze die lebendig gewordene Erinnerung an das alte Sonnendasein. 

Und kommen wir herauf bis zur Blute, in der sich der Same erzeugt 
bei der Pflanze, dann kommen wir zu dem, was einen Zusammenhang 
hat mit dem menschlichen Stoffwechselsystem, dem Gliedmafien- 
system. Und wenn man diesen Zusammenhang desjenigen, was sich in 



der Bliite abspielt, mit dem menschlichen Stoffwechsel- oder Glied- 
mafiensystem betrachtet, erscheint einem dadurch etwas wie eine Erin- 
nerung an die alte Mondenzeit. Und wenn Ihr dieses innere Empfin- 
dungserlebnis nehmt, meine lieben Freunde, wenn Ihr wirklich in 
tiefster Meditierung innerlich empfindet diese Zusammenhange, dann 
erlebt Ihr noch mehr. 

Dann tritt in Eurer Seele etwas ganz Bedeutsames auf, dann werdet 
Ihr, indem Ihr mit dieser Empfindungsvertiefung Eure Seele wendet an 
die Pflanzenwurzel, anfangen zu fiihlen, als ob keine Pflanzenwurzel 
still stiinde. Jeder Pflanzenwurzel gegeniiber bekommt Ihr die Empfin- 
dung, dafi sie sich bewegt. Diese Bewegung lernt Ihr erkennen; ich kann 
das alles nur skizzieren, ich kann diesmal nur hinweisen auf einen Im- 
puls, auf die Art, wie aufgebaut werden mufi das innere Erleben, das 
Werden des Naturwissens zur Weisheit. Ihr werdet diese Bewegung an 
den Pflanzenwurzeln erleben. Wenn Ihr sie so betrachtet, werdet Ihr 
Tafel 5 Euch fiihlen, wie wenn Ihr mit der Pflanzenwurzel durch den kosmi- 
schen Raum gehen wiirdet. Schon gewissermafien durch dieses Erleben, 
indem Ihr gewissermafSen eingestiegen seid in den Wagen, der durch 
den Kosmos mitfahrt, und Ihr mitfahret mit der Geschwindigkeit der 
Pflanzenwurzel, werdet Ihr die Erfahrung machen, dafi Ihr ja die Bewe- 
gung unseres ganzen Planetensystems durch den Weltenraum erlebt. In 
der Pflanzenwurzel erlebt Ihr die Bewegung unseres ganzen Planeten- 
systems durch den Weltenraum. Und wenn Ihr dann entlang geht dem 
Blatterwachstum und dies so erlebt, wie ich es jetzt beschrieben habe, 
dann erlebt Ihr wiederum eine Mitbewegung. Und das ist die wahre 
Bewegung, die innerlich erlebte Bewegung der Erde. 

Bewegung des Planetensystems: Wurzel. 

Bewegung desjenigen, was die Verbindung von Stamm und Blatt ist: 
Erdbewegung. 

All das sind ja Konstruktiorfen, was das kopemikanische System er- 
gibt von Umdrehung der Erde um die Sonne. Die wahre Erdbewegung 
nimmt man mit wahr, wenn man sich vertieft, wie Stamm und Blatter 
miteinander verbunden sind. Mit Stamm und Blatt bewegt Ihr Euch 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:316 Seite:80 



mit der Erde der Sonne nach, so dafi die Erde so aussieht, wie sie im 
kopernikanischen System beschrieben wird. Aber es ist in Wirklichkeit 
eine viel kompliziertere Bewegung. Wenn Ihr den Blick hinaufrichtet 



Tafel 5 




rf * 




SxcSbeweguncj 



auf das, was in der Blute - wo rund herum die Staubgefafie und der 
Stempel sind - vor sich geht, wenn Ihr das miterlebt, dann erlebt Ihr 
jene Mondbewegung, die der Mond urn die Erde herum ausfuhrt, mit in 
demjenigen, was sich da abspielt in der Bliite: Miterleben also der 
Mondbewegung [in dem], was schon von der Erde getrennt ist. Das 
ganze Planetensystem, das die Erde mit umfalk, wird in der Pflanze 
miterlebt in der Wurzel; die Erdbewegung wird miterlebt in Stamm und 



Blattern. Die Mondbewegung, also was schon abgesondert, herausge- 
sondert ist, wird in der Samenerzeugung der Pflanze erlebt. 

Ich spreche das zu Ihnen, meine lieben Freunde, aus dem Grunde, 
damit Ihr einsehen lernt erstens, worauf heute in der gebrauchlichen 
Wissenschaft iiberhaupt keine Riicksicht genommen wird, weil man 
diese Dinge weder fur wifibar noch wissenswert halt. Aber sie sind das- 
jenige, was man wissen mulS, sonst weifi man iiberhaupt nichts. Und ich 
sage es noch aus einem andern Grund. Ich glaube nicht, dafi jemanden 
dasjenige, was er iiber die Pflanzen lernen kann, erschiittern kann. Es 
bleibt ihm gleichgiiltig. Er nimmt es auf wie etwas, was ihm gleichgiiltig 
bleibt. Er macht gar nichts durch. Wenn Sie aber im Verlaufe eines 
zweiten medizinischen Kursus, den Sie ja schon durchmachen konnen, 
wenn Ihr da an den Pflanzen - was an den Mineralien sich dann in etwas 
anderer Weise auch herausstellt - und zu gleicher Zeit an dem Men- 
schen die Planetenbewegung, die Erdbewegung, die Mondbewegung 
kennenlernt, wird Euch das nicht gleichgiiltig sein. 

Ja, meine lieben Freunde, wir stehen heute vor der Notwendigkeit, 
in solche Dinge unser Erkenntniswerk hereinzutragen, und das Herz 
fiihlt, dafi die Erkenntnisbahnen so laufen miissen. Aber dasjenige, was 
den Herzen geboten wird, ist ein Lehrhaftes, es enthalt nichts von den 
Realitaten, man glaubt die Realitaten zu haben in demjenigen, was als 
kleine Stiicke zu erfassen ist. Was tut eigentlich die Wissenschaft heute? 
Die Wissenschaft macht eigentlich das Folgende. Sehen Sie, es kommt 
mir immer so vor, wie wenn einer nach Dresden fuhre, die Sixtinische 
Madonna betrachten wiirde, und ein Naturforscher trate zu ihm und 
sagte: Ach was, die Sixtinische Madonna ist doch alles nur aufkrer Ein- 
druck. - Und er wiirde nun anfangen, die Madonna aus dem Rahmen 
zu nehmen, in kleinere und immer kleinere Brockelchen zu teilen, dann 
hatte er einen Haufen Brockelchen, die wiirden immer kleiner, bis sich 
atomistische Gestaltungen ergeben. Dann wiirde er sagen: So, jetzt hast 
du die wahre Erkenntnis der Madonna. - Das ist nicht wahr, will man 
die wahre Erkenntnis der Madonna erringen, mufi man sich durch das, 
was einem die Religion bietet, zunachst versetzen in die Intentionen des 
Religiosen, dann in das, was vom Geistigen des Raffael in die Madonna 
hineingegangen ist, noch in manches andere, aber das ist das Nachste. 



Und so mufi man versuchen, sich in die Intentionen der Gotter, der 
gottlich-geistigen Wesenheiten zu versetzen, die hinter dem Physischen 
stehen. Das mul? dann im zweiten Kurs an den Menschen herangebracht 
werden. Und nur dadurch ist es moglich, daft die Menschen an die 
Realitaten herangebracht werden. 

Nun, wenn Ihr das, von dem ich jetzt gesprochen habe, als eine 
Anregung nehmt, so werdet Ihr, ich mochte sagen die zwei meditativen 
Versenkungen, die in der Art, wie ich sie gestern gesprochen habe, die 
medizinische Erkenntniskraft in Euch erwecken werden, verstehen. 
Und diese Meditation kann so verlaufen, daft Ihr zunachst Euch einfach 
versenkt in die auftere Erscheinung des Feuers, des warmenden Feuers, 
und daft Ihr Euch wirklich mit innigem Ernste klarmacht: diese 
auftere Erscheinung des Feuers, die ist aufterliche Maja, Schein, Illusion. 
Hinter dem Feuer steckt etwas ganz anderes. Hinter dem Feuer steckt 
wirkender Wille, wirkender Wille. 

Ihr konnt fragen: Ja, wie erkenne ich, daft hinter dem Feuer wirken- 
der Wille steckt? - Es war stets so, daft in esoterischen Schulrichtungen 
und in dem, was aus diesen Richtungen kommt, appelliert werden soil 
an die Schuler selber. Wenn Ihr einfach dasjenige, was ich heute gesagt 
habe, in Euer Gemut eintreten laftt, so wird Euch aufgehen innerlich, 
geradeso wie Euch aufgeht, wenn Ihr die Form eines Menschenantlit- 
zes, einer Menschengestalt seht, daft da Geist und Seele ist, so wird Euch 
aufgehen, daft iiberall, wo Feuer ist, wirkender Wille ist. Wo Ihr auch 
Feuer findet, beim kleinsten Ziindholzchen, ist wirkender Wille. Von 
vorne herein ist iiberall, wo Feuer ist, wirkender Wille. Und Ihr miiftt es 
so weit bringen, damit Ihr in die andern Substanzen der Natur eindrin- 
gen konnt, daft Euch ein brennendes Ziindholz nicht nur die auftere 
Erscheinung ist, als die es beschrieben wird heute, sondern daft es Euch 
ist wirkender Wille. Denn wenn Ihr in dieser Weise Euer Gemiit gewis- 
sermaften umgestalten konnt, richtig umgestalten, dann werdet Ihr ja 
finden, daft Eure Seele ganz anders empfinden lernt, ganz anders sich 
stellen lernt zu der Umgebung, in der Ihr seid. Dann wird nicht nur ein 
solches Erleben auftreten, wie man es erreicht, indem man in der Wirk- 
lichkeit erlebt. Ihr werdet Euch mit Eurem eigenen wirkenden Willen 
verbunden fiihlen mit dem, was Feuer ist. Ihr werdet Euch einleben 



von Euerem Menschen aus in die Welt, und werdet das Feuer tatsach- 
lich viel feiner empfinden konnen als zuvor, weil die Verwandtschaft 
auftritt zu Euerem eigenen Willen. Wo Feuer auftritt, empfindet Ihr 
diese Verwandtschaft. Ihr miiftt lernen: Ich bin ja in diesem Feuer drin- 
nen, denn das ist wirkender Wille, es gehort zu mir wie mein Finger. 

Luft werdet Ihr in Euerer Wesenheit nur erleben, wenn Ihr sie 
erlebt als Mut. Uberall wo Wind auftritt, wehender Wind in der Natur, 
werdet Ihr ihn in Euerer eigenen Seele als Mut empfinden. Also, was 
Ihr seht in der aufteren Natur als Luft, das ist Mut. Mut ist Luft. Das 
sollt Ihr in Euerer Seele miterleben. 

Wasser ist die iiuftere Erscheinung der Empfindung. Wo Empfin- 
dung auftritt, ist innerlich dasselbe tatig wie da, wo aufterlich Wasser 
auftritt. Wasser ist Empfindung. 

Und wo Erde ist, feste Erde: das Feste ist dasselbe wie der Gedanke. 
Im Gedanken erfriert ja das Leben. 

Konnt Ihr meditativ diese vier Gedanken erfassen, konnt Ihr den- 
ken lernen, Feuer ist wirkender Wille, konnt Ihr die auftere Erschei- 
nung des Feuers nehmen als Offenbarung des wirkenden Willens, 
konnt Ihr entgegentreten dem Feuer so, daft Ihr darin ebenso wirken- 
den Willen seht, wie Ihr in einer Menschengestalt Geist und Seele seht, 
konnt Ihr empfinden, daft die auftere Gestalt des Feuers Maja ist; konnt 
Ihr im wehenden Winde, in den Wolken empfinden, daft sie die Er- 
scheinungen sind, die den Mut offenbaren; konnt Ihr dem Wasser so 
entgegentreten, daft es die uberall in der Welt auftretende Empfindung 
ist; konnt Ihr der Erde so entgegentreten, daft Ihr in der Erde uberall 
etwas seht, was gleich ist Eueren Gedanken, dann werdet Ihr den Weg 
finden, auch in Euch selber das zu erkennen, wovon wir in den acht 
Tagen sprechen konnen: daft der organische Prozeft, der in Euch auf- 
tritt als Erdenbildung, die vom Haupte ausgehend sich nach unten 
erstreckt, daft dieser organische Prozeft eine fortwahrende Erden- 
bildung ist, die Verbindung eines Substantiellen der Erdenbildung, die 
schwer ist, und daft diese das Wesen des Gedankens ist. 

Geht Ihr iiber zu dem, was das Wesen der Atmung ist, fiihlt Ihr, wie 
in der Atmung das Luftformige des Menschen in der Zirkulationsstro- 
mung ist, dann werdet Ihr alles dasjenige, was im Menschen Aktivitat 



ist, was den Menschen hinleitet in die Aufienwelt, um sich in der 
Aufienwelt geltend zu machen, das werdet Ihr erkennen in dem 
Luftformigen, in der Aktion des Luftformigen im Menschen. Und 
Ihr werdet aus mancherlei Erscheinungen der Natur zu lernen suchen 
dasjenige, was mit der Luft im Menschen selber vor sich geht. 

Und Ihr werdet erkennen, wie alles, was im Wafirigen spielt, was der 
Wasserorganismus des Menschen, der fliissige Organismus des Men- 
schen ist mit seinen inneren Beweglichkeiten, dasjenige ist, worin die 
Empfindung lebt, jene Empfindung, die zentrifugal-zentripetal verlauft. 
Dasjenige, was die Bewegung der Luft ist, werdet Ihr erkennen, wenn 
Ihr sozusagen halb eine kreisende Bewegung habt, eine Bewegung von 
oben nach unten. Ihr werdet erkennen, daft das, was im Fliissigen lebt, 
als zentripetale und zentrifugale Bewegung im Menschen steckt und 
versucht, iiberall das Gleichgewicht zu halten. Ihr werdet lernen aus der 
Beobachtung desjenigen, was die Natur draufien tut, den Ubergang zu 
dem, was mit diesen Elementen im Menschen geschieht. Aber die 
Grundbedingung ist die, daft wir nicht stehenbleiben bei einer gewohn- 
lichen Beobachtung, denn jede gewohnliche Beobachtung macht uns 
selber zu Erde, vertrocknet und macht uns fest, wir verlieren in ihr 
die Beweglichkeit. 

Vieles habt Ihr in dem, was ich heute skizziert habe, es sind iiberall 
Zwischenglieder ausgelassen. Aber ich kann Euch nicht alle Einzelhei- 
ten geben, das wurde zu lange dauern. Ich kann Euch nur Anregungen 
geben. Ihr werdet daraus entnehmen konnen, dafi die ganze Art und 
Weise, das Studium zu betreiben, eine andere werden mufi. Nun seht 
Ihr denn, dafi das, was ich hier anrege, in Euch wirklich fruchtbar 
werden kann. Dazu ist notwendig, dafi Ihr Euch einen grofkn Teil der 
Fragen, die Ihr aus schwerem Herzen gestellt habt und die ich aus 
schwerem Herzen gelesen habe, weil sie so tief hinweisen auf das, was 
der Zeit not tut, daft Ihr einen Teil der Fragen beantwortet dadurch, 
daft Ihr in dauernder Verbindung mit dem Goetheanum bleibt. Da- 
durch werdet Ihr, wo immer Ihr Eure medizinischen Studien belegt, 
eine fortdauernde Befruchtung Eurer Medizinstudien erleben konnen. 
Nun ist dazu naturlich notwendig, daft Ihr wirklich das Gefuhl habt, 
es miisse ernsthaft gestrebt und gelernt werden. Es muft ernsthaftig 



gearbeitet werden. Und Ihr miifk das zweite Gefiihl haben, das mufi 
ganz aufrichtig und ehrlich aus Euch selbst kommen, zu dem mu&t Ihr 
Euch entweder entschliefien oder nicht entschliefien konnen, Ihr miifit 
das Gefiihl haben: von Dornach aus mull in nachster Zeit die Befruch- 
tung des medizinischen Studiums gehen. Und in Dornach wird die 
Befruchtung des medizinischen Studiums in der Weise getrieben wer- 
den, wie sie heute sein mufi, so daft man wirklich in der Medizin den 
Weg wahlen mull, der gegangen werden muft. 

Dann wird auf der einen Seite die Frage des Karma stehen. Denn 
selbstverstandlich mufi jeder, der heilen will, gerade ein intimes Ver- 
haltnis zu dem Karma in der Welt haben. Nun, davon werde ich noch 
weiter sprechen in den nachsten Stunden. Man kann nicht gegen das 
Karma heilen. Man kann nur heilen im Sinne des Karma. Aber das 
Karma ist nicht so, dafi man trivial sagen kann: Wenn einer krank ist, 
soil er krank bleiben, das ist sein Karma, und wenn er wieder gesundet, 
gibt ihm sein Karma die Gesundung. - So darf nicht geurteilt werden. 
Wie gerade Karma im menschlichen Leben wirkt, diese Frage bedarf 
wirklich griindlicher kosmischer Vertiefung. Diese Dinge werden von 
Dornach aus fur den, der sie sucht, besorgt werden. 

Ich habe schon gesagt, dafi wirklich aus esoterischen Quellen her- 
aus in Zukunft die Impulse gegeben werden. Denn es ist schon not- 
wendig, daft die Dinge beriicksichtigt werden, die einfach als Realita- 
ten da sind und mit denen eben stark gerechnet worden ist bei der 
Weihnachtstagung in der Begriindung der Allgemeinen Anthroposo- 
phischen Gesellschaft. Und das ist fur das Gebiet des Medizinischen 
dieses: Es handelt sich darum, nicht wahr, daft ich in einem noch viel 
tieferen Sinne, als ich gestern gesagt habe, in bezug auf die Heilmittel 
keine Angst habe, wenn andere sie nachbilden, wenn man nur in 
Zukunft richtig versteht, daft in einem noch viel tieferen Sinne das 
medizinische esoterische Studium im Zusammenhange mit Dornach 
betrieben werden sollte. Dazu wird notwendig sein, daft das medizi- 
nische Studium eigentlich ebenso wie die andern Zweige des Dorn- 
acher geistigen Lebens getrieben wird in der Zukunft. Sehet Ihr, es war 
immer so im Leben der Anthroposophischen Gesellschaft, daft von all 
den Personlichkeiten, die in der Anthroposophischen Gesellschaft 



haben Esoteriker werden wollen, die Bedingungen des esoterischen 
Lebens, einfach die innerlichen Bedingungen des esoterischen Lebens 
nicht grundlich genug beachtet worden sind. Und so haben wir es 
innerhalb der anthroposophischen Bewegung eigentlich nur auf zwei 
Gebieten im Laufe der Jahre zu dem bringen konnen, was notwendig 
ist, namlich auf dem Gebiete der allgemeinen Anthroposophie und auf 
dem Gebiete der euiythmischen und der Redekunst. Aber dasjenige, 
was auf diesen Gebieten als innere Betatigung, als selbstandige innere 
Betatigung sich herausgebildet hat, das mufi sich ftir alle Sektionen, die 
nun eingerichtet werden sollen, wirklich herausbilden. Und dazu ist 
notwendig, daft man sich den Bedingungen, die von hier aus geschaf- 
fen werden, auch wirklich vertrauensvoll unterwirft. Zu diesen Bedin- 
gungen gehort diese, daft ich alle diejenigen Dinge, die auf medizini- 
schem Felde liegen, zunachst werde zu besorgen haben im Verein mit 
Frau Dr. Wegman, die sich im Verlauf der ganzen anthroposophischen 
Bewegung ftir die Medizin vorbereitet hat und nun so darinnensteht in 
dieser medizinischen Stromung, daft sie diese medizinische Stromung 
mit mir zusammen zu leiten haben wird. Und so wird nur derjenige, 
der sich im Vertrauen an Frau Dr. Wegman anschlielk, seinen Weg von 
Dornach aus finden konnen, Daher wird in nachster Zeit die Einrich- 
tung getroffen werden muss en, dafi diejenigen, die in nachster Zeit in 
dauernder Verbindung bleiben wollen mit der Sektion fur das Wieder- 
beleben der Medizin, sich in der Form, iiber die noch weiter gespro- 
chen werden kann, mit ihrem Anliegen an Frau Dr. Wegman in voll- 
standigem, restlosem Vertrauen wenden. Wir werden periodenweise, 
etwa von Monat zu Monat, in einem Rundbrief die entsprechenden 
Fragen fur diejenigen beantworten, die sich am Ende dieses Kurses 
sozusagen dadurch als Schiiler vom Dornacher Goetheanum ergeben 
haben. So wird es in dieser und so auch in andern Sektionen sein. 
Diese Rundbriefe werden antworten auf die Fragen, die der einzelne 
stellt, und alle diejenigen, die an der entsprechenden Sektion teil- 
nehmen, werden die Antworten empfangen. Aber ohne innerliches 
Vertrauen wird es nicht gehen. Dadurch wird ein reales Verhaltnis 
geschaffen, und Ihr werdet alle Eure menschlichen medizinischen Be- 
diirfnisse auch ftir die nachste Zukunft befriedigt haben. Die Sache soil 



zunachst so eingerichtet werden, bis wir zu weiteren Einrichtungen 
schreiten konnen, daft in dieser Weise ein Zusammenhang geschaffen 
wird. 

Der grofte Fehler, der bisher im esoterischen Leben geschehen ist, ist 
der, daft in einer iibertriebenen Unbescheidenheit die Personen mein- 
ten, von mir immer ihre esoterischen Ubungen haben zu sollen. Mit mir 
wollen alle zu tun haben, mit andern nicht. Daran scheiterte die Esote- 
rik bis jetzt! Es ist nur moglich aus innerer okkulter Grundlage heraus, 
daft dasjenige, was im Quell der Esoterik lebt, durch die geeigneten 
Personlichkeiten weitergeleitet werde. Diese Durchleitung zunachst 
durch die dazu vom Schicksal bestimmten Personlichkeiten gehort zur 
Esoterik dazu. Das ist abgelehnt worden, indem die Leute unbeschei- 
den waren. Wenn nicht das eintritt, kommen wir natiirlich auch unter 
der neubegriindeten Anthroposophischen Gesellschaft nicht weiter. 
Es muft eintreten. 

Das ist dasjenige, was ich zunachst skizziert habe. Ich werde noch 
weiter ausfiihren dasjenige, was nun die fortwirkende Esoterik sein 
muft. Ich wollte dies nur vor Euch hinstellen, und dann morgen in der 
esoterischen Betrachtung weiterfahren. Dann mochte ich wirklich auf 
den groftten Teil der Fragen antworten, die gestellt worden sind, und die 
immer darauf hinauslaufen: Wie finde ich eine Schulung, die von Dorn- 
ach ausgeht? - Ihr konnt sie finden, aber Ihr miiftt Vertrauen haben. Das 
ist nicht Autoritatsglaube, sondern sinnvolles Bauen auf einem Grunde, 
einem inneren Grunde, Hinnehmen der Bedingungen, die vom Schick- 
sal einmal geschaffen sind. Nun, soviel fur heute, morgen weiter. Auf 
einzelne Fragen gehe ich schon noch ein, insofern die Beantwortung 
in dieser Weise angenommen werden muft. 

Feuer: wirkender Wille 

Luft: Mut 

Wasser: Empfindung 

Erde: Gedanke 



SECHSTER VORTRAG 
Dornach, 7. Januar 1924 



Meine lieben Freunde! 

Aus Griinden, die ich jetzt nicht erortern will, werde ich die mehr 
esoterisch geartete Stunde, die ich heute halten wollte, Ihnen am Ende 
dieses Kursus halten. 

Ich mochte heute zu Ihnen von etwas anderem reden. Wenn man 
sich erinnert an dasjenige, was gestern gesagt worden ist, wird man 
vielleicht etwas erstaunt sein konnen dariiber, daft man zu sehen hat 
hinter den Erscheinungen des Festen, Erdigen Gedankenhaftes, daft 
man zum Beispiel hinter dem Luftartigen Mut zu sehen hat, wenn man 
an die Realitaten herankommen will. Nun ist es tatsachlich auch von 
einer gewissen, ich mochte sagen medizinisch-geschichtlichen Bedeu- 
tung, daft man in gehoriger Weise seine Aufmerksamkeit darauf hin- 
richtet, wie gerade mit dem Festen, Erdigen, also mit demjenigen, was 
in Konturen vor unserer Wahrnehmung stent, wie mit dem Festen, 
Erdigen der Gedanke zu verbinden ist, Gedankenhaftes zu verbinden 
ist, denn dadurch kommt man unmittelbar darauf, sich zu sagen: Mit 
dem Flussigen, also auch mit dem, was als Saftezirkulation oder son- 
stige Zirkulation im menschlichen Organismus vorhanden ist, ist nicht 
der Gedanke zu verkniipfen, ist nicht der Gedanke als Kraft dahinter 
zu sehen, ebensowenig im Luftartigen, ebensowenig im Warmeartigen. 
Wie man es mit dem Luft- und Warmemafiigen zu halten hat im 
Kosmos, haben wir ja gesehen. Aber im Menschen ist alles, alles wie- 
derum in einer speziellen Art vorhanden. Im Menschen ist es so, dafi 
wirklich nur dasjenige, was in Konturen auftritt, was also auch, wenn 
es weich ist, sagen wir grob oder trivial, dennoch durch seine Kontu- 
riertheit den Charakter des Festen hat, daft nur das eigentlich eingehen 
kann in den Gedanken, und daft das Fliissige, von dem wir gesprochen 
haben so, dafi man zunachst, wenn man einfach dem gewohnlichen 
physischen Plan gegemibersteht und man Geistiges hinter ihm erfassen 
will, sich klarzuwerden hat, daft man zu sehen hat hinter dem Flussi- 
gen Empfindungsgemaftes. 



So mulS man das Empfindungsgemafte im menschlichen Organismus 
noch besonders sehen, denn im Gewohnlichen wirkt, wenn man von 
Empfindungsgemaftem spricht, die subjektive Empfindung, die der 
Mensch durch seine seelisch-leibliche Konstitution hat. Aber im Men- 
schen ist ja die Empfindung nicht nur dasjenige, was man unmittelbar 
erlebt, sondern im Menschen ist die Empfindung aufbauend, und indem 
der Flussigkeitsleib als Gestaltung des allgemeinen kosmischen Fliis- 
sigen schon als sein Wesen das Empfindungsgemafte enthalt, mufi man 
sich doch klar dariiber sein, daft dieses, was im Flussigkeitsleib wirksam 
ist, dieses atherische Impulsive, auch erfaftt werden muft durch die Er- 
kenntnis, daft es aber nicht so erf aft t werden kann durch die Erkenntnis, 
wie man irgend etwas aufter dem Menschen erfaftt, weil im menschli- 
chen Organismus eben alles, was uns als Substanzen oder Vorgange 
entgegentritt, gegeniiber der Umgebung des Menschen anders wird. 
Und so handelt es sich darum zu erkennen, daft in dem Augenblick, wo 
der Fliissigkeitsorganismus beginnt, wo man es mit einem Teil der 
menschlichen Organisation zu tun hat, die in fliissiger Zirkulation ist, 
wenn auch in den Weg dieser Zirkulation Gefaftorgane oder irgend 
etwas eingegliedert ist, alle Erkenntniskrafte, die fur das gelten, was 
aufter dem Menschen in der physischen Welt ist, nicht mehr taugen, 
um die Sache zu erkennen. 

Deshalb, sehen Sie, ist es gekommen, daft als letztes Glied der 
menschlichen Organisation die Medizin den Fliissigkeitsmenschen ver- 
loren hat. Man kann geradezu sagen, bis in die Mitte der vierziger Jahre 
des 19. Jahrhunderts herein hatte man in der Medizin wenigstens noch 
eine Ahnung von dem Fliissigkeitsmenschen. Man redete von den 
Humores, von der Saftezirkulation, von der Saftemischung und -ent- 
mischung. Nicht nur hatte man eine Zellularphysiologie und -patholo- 
gie, sondern man hatte wirklich eine Anschauung iiber Saftemischung 
und -entmischung. Nur war im 19. Jahrhundert das alles natiirlich 
Tradition. Aber diese Tradition fuhrte noch zuruck in Zeiten, die vor 
dem 16., dem 15. Jahrhundert liegen, in denen man nicht nur Tradition, 
sondern auch noch Erkenntnis hatte, Erkenntnis von der Art, wie wir 
sie heute in der Anthroposophie erringen, wiedererringen sollen in der 
Imagination. Die damalige Zeit hatte einen imaginativen Charakter, aber 



es waren instinktive Imaginationen. Und man wuftte, man kann 
einfach den menschlichen Organismus nicht nur durch bloftes sinn- 
liches Anschauen und Nachdenken erkennen. - Gedanken und sinn- 
liches Anschauen ergeben nur die fest konturierten Partien des Orga- 
nismus, alles was in Saftezirkulation, im fliissigen Menschen ist, das mufi 
durch die Imagination erkannt werden. Es ist daher gar nicht zu ver- 
wundern, daft die Anschauung dieses fliissigen Menschen verloren- 
gegangen ist, denn die alte instinktive Imagination ist verlorengegangen. 
Diese Anschauung wird erst wieder da sein, wenn wieder in vollbewuft- 
ter Weise Imaginationen errungen sein werden. Umfassen wir das 
einmal, wovon wir gesprochen haben, und was da fur die Erkenntnis 
in Aussicht stehen mull. 

Sehen Sie, indem sich das Knochenskelett aufbaut aus der Gesamt- Tafel 6 
heit des menschlichen Organismus heraus, ich mochte sagen, indem 
der Mensch in das Skelett hinein - es ist kein guter Ausdruck, den ich 
gebrauchen werde, aber Sie werden ihn verstehen -, indem der Mensch 
in das Skelett hineinkristallisierte, woben Weltgedanken an ihm. Und 
die streng begrenzten Organe sind auch nur streng begrenzt, indem sie 
- wir werden ihre eigentlichen Krafte gleich kennenlernen - denselben 
Kraften unterworfen werden, denen der Knochenaufbau unterworfen 
wird, so daft man sagen kann: Nur der Knochenaufbau ist gedanken- 
haft im physischen Sinne, und die andern Organe, die feste Grenzen 
haben, sind gedankenhaft aufgebaut aus dem Atherischen heraus. Aber 
sie sind, indem sie feste Konturen haben, gedankenhaft aufgebaut, und 
das, was Sie heute von der Physiologie und Pathologie haben in bezug 
auf das Gestaltmaftige des menschlichen Organismus, das ist dem Ge- 
dankenhaften unterworfen. Aber das ist ja nur ein Glied der mensch- 
lichen Organisation, und es muft herausfallen aus der menschlichen 
Organisation, wenn man nicht hinaufsteigt zur Imagination. Die Ima- 
gination leitet dann hinauf zum Fliissigkeitsmenschen und zu der Art, 
wie aus der Fliissigkeit der Muskel gebildet wird und der Mensch in 
den Muskel schieftt. Diese eigentumliche Zusammenfugung des fest 
scheinenden Muskels, der nur fest scheint, und des Blutes, da schon 
kommt man von dem Knochenmaftigen in das Blutartige, da muft 
man, um den Menschen zu erkennen, die Imagination anwenden, so 



Tafel 6 daft man also sagen kann: Der Gedanke, der naturlich unterstiitzt ist 
von der sinnlichen Anschauung, gelangt eigentlich nur an das Kno- 
chensystem heran, und alles iibrige, was gesagt werden kann iiber den 
Menschen durch den Gedanken aufter dem Knochensystem, ist Phan- 
tasie. Man mufi aufsteigen vom Denken zur Imagination. Und wenn 
man zu der Imagination aufsteigt, kommt man zum Fliissigkeitsmen- 
schen und dazu, wie der Fliissigkeitsmensch eigentlich schieftt in das 
Muskelsystem. Und Muskeln zu begreifen in ihrer Wesenhaftigkeit ist 
nur moglich der Imagination. Warum? 

Ja, sehen Sie, wenn Sie Gedanken anwenden, so miissen Sie auch die 
Gesetzmaftigkeiten anwenden, auf die der Gedanke kommt, das ist die 
mechanische Gesetzmaftigkeit. Sie miissen Statik und Dynamik an- 
wenden. Das konnen Sie nur beim Knochensystem. Aber wenden Sie 
einmal an Statik und Dynamik beim Muskelsystem, versuchen Sie aus 
irgendeiner Statik heraus zu rechnen, warum Sie einen Kirschkern zu 
zerbeiften vermogen oder gar einen Pfirsichkern. Versuchen Sie das zu 
errechnen. Versuchen Sie einmal das Experiment anzustellen, wieviel 
Gewichtsdruck dazu notwendig ist - einfach, indem man ein Gewicht 
auf einen Kirschenstein aufstellt -, diesen Kirschenstein zu zerdriicken. 
Sie zerbeiften ihn, vielleicht nicht alle von uns, aber es gibt manche, die 
auch Pfirsichkerne zerbeiften konnen. Rechnen Sie aus, ob nach me- 
chanischen Gesetzen herauskommt, daft ein Muskel das leisten kann, 
Kirschkerne zu zerdriicken. Sie kommen mit dem, was der Gedanke 
gibt, niemals an das Muskelsystem heran. Sie konnen nicht. Mechanik 
wird in dem Augenblick, wo man an den Muskel herankommt, zum 
Unsinn, und man muft zu einer Erkenntnis jetzt iibergehen konnen, 
welche auch hinter sich laftt die mechanischen Gesetze, welche also 
auffaftt das ganze Muskelbild durch Imagination, worin die gewohn- 
liche Schwere gar nicht ist. Denn in dem Augenblicke, wo Sie ins 
Fliissige hineinkommen, haben Sie es ja mit lauter Auftrieben zu tun, 
und Sie verrichten die Dinge, die Sie verrichten mit Ihrem Atherleib, 
gar nicht mit den Gewichtsverhaltnissen, sondern mit dem, was die 
Gewichtsverhaltnisse zum groften Teil iiberwindet, so daft Sie schon 
aus diesem begreifen werden: In dem Augenblicke, wo man an das 
Muskelsystem herankommt, muft man eine ganz andere Erkenntnisart 



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anwenden, das ist die Imagination, so daft man also sagen kann - nur 
reprasentativ, es sind iiberall Ubergange - daft durch die Imagination Tafel 6 
begriffen wird das Muskelsystem. Und niemand begreift iiberhaupt das 
Muskelsystem, der es nicht gewissermaften auffafit als das nun nicht auf 
demseiben Wege wie das Knochensystem entstandene Bild, das gewis- 
sermaften durch Gerinnung des Blutes sich gebildet hat. Es ist natiirlich 
ein ebensowenig geschickter Ausdruck, als wenn ich sage ins Knochen- 
system kristallisiert, aber vergleichsweise ist es doch richtig. Nun be- 
denken Sie, wenn Sie irgendeinen Knochen haben, etwa die Elle oder 
Speiche oder den Oberarm, und Sie wenden darauf die Hebelgesetze 
an: ja, die Knochen lassen sich das in aller Geduld gefallen. Aber be- 
trachten Sie, wahrenddem Sie ganz gut mit den Hebel- und andern 
mechanischen Gesetzen dasjenige verstehen konnen, was mit der 
Speiche oder dem Oberarm vor sich geht, bedenken Sie, ob Sie auch 
werden verstehen konnen, was mit irgendeinem Muskel vor sich geht. 
Da miissen die Bilder eine weiche Struktur annehmen, miissen sich 
verwandeln. Das ist gerade das Wesen der Imagination, daft sie iiberall 
nachgeben kann und dafi sie das umfafk, was durch seine Metamor- 
phose seine Substanz bedeutet. Das hat der Muskel, der Muskel lebt 
in seiner Metamorphose. Der Knochen lafit sich geduldig die mecha- 
nischen Gesetze gefallen, der Muskel nicht. Er ist ebenso beweglich wie 
die metamorphosischen Bilder - Bilder, nicht Gedanken -, die wir in 
der Imagination haben, um ihnen zu folgen im innerlich Beweglichen. 
Und sehen Sie, damit stehen wir beim festen Menschen im Knochen- 
system, beim festen, erdigen Menschen. Wir stehen beim Muskelsystem 
beim flussigen Menschen, wafirigen Menschen. 

Wenn wir nun aufsteigen von der Imagination zur Inspiration, dann 
kommen wir nun schon an den luftformigen Menschen, an dasjenige, 
was im Menschen luftformig ist. Und wir kommen, indem wir an die 
Inspiration herankommen, an eine Auffassungsweise, die sehr ahnlich 
ist dem Horen musikalischer Tone, Harmonien, Melodien, sehr ahnlich 
ist dem musikalischen Horen. Die Inspiration hat nichts mehr mit et- 
was Begriffsmaftigem zu tun, sondern mit etwas, was auch in der Auf- 
fassung eine Art Musikalisches ist. Das Musikalische muft nicht immer 
gehort werden, es kann auch, indem es geistig ist, empfunden werden. 



Aber im Grunde genommen hat alle Inspiration etwas Musikalisches. 
Nun ist das Eigentiimliche hier vorhanden, dafi die Form der mensch- 
lichen inneren Organe, derjenigen Organe, die eigentlich die werdende 
Organisation wahrend des Lebens besorgen in der Ernahrung, in der 
Atmung und so weiter, also die Organe, die dem zugrunde liegen, dafi 
alle diese Organformen nicht erklarbar sind etwa aus irgendwelchen 
mechanischen Gesetzen. Aber nicht einmal imaginativ sind sie zu erkla- 
ren. Es ist einfach ein Unding, ein Nonsens, wenn man die Form des 
Lungenorganes, des Leberorganes etwa nur erklaren wollte aus Lage- 
verhaltnissen, wie da die Zellen liegen, oder aus Gewichtsverhaltnissen. 
Versuchen Sie dariiber nachzuforschen, ob das schon irgend jemandem 
gelungen ist, die Leber- oder Lungenform als Form zu erklaren. Es ist 
niemandem gelungen. Denn diese Organe, die das werdende Leben 
wahrend des Erdendaseins versorgen, die sind in ihren Anlagen trotz- 
dem sehr fruh vorhanden, wenn auch sehr stark metamorphosiert. Alle 
kommen sie heraus aus den Gestaltungskraften des Luftformigen. Der 
heutige wissenschaftliche Mensch sagt: Luft ist Sauerstoff, Stickstoff, 
einiges andere ist darin, und das ist so eine mehr oder weniger gleich- 
mafiige, nur durch innere mechanische Bewegung, die im Winde sich 
darstellt, differenzierte luftformige Substanz. Aber solche Luft, wie sie 
heute der Physiker beschreibt, die gibt es nicht, sondern es gibt nur die 
konkrete Luft, die unsere Erde umgibt. Aber, meine lieben Freunde, die 
Luft, die unsere Erde umgibt, die ist uberall durchdrungen von lauter 
Gestaltungskraften. Diese Gestaltungskrafte atmen wir mit der phy- 
sischen Substanz der Luft ein. Wenn unsere Organe fertig sind, wenn 
wir eine fertige Lunge haben, dann geschieht das, dafi die Gestaltungs- 
krafte, die wir da einatmen mit der Substanz der Luft, sozusagen zu- 
sammenfallen mit der Form der Lunge, dafi sie dann, wenn wir geboren 
sind, keine gro$e Bedeutung mehr haben, nur zum Wachstum. Aber 
wahrend der Embryonalzeit, wahrend der physischen Absonderung 
von der Auftenluft, da wirken zuerst durch den mutterlichen Leib die 
Gestaltungskrafte der Luft. Die bauen die Lunge auf, wie alle Organe 
des Menschen daraus auferbaut werden, mit Ausnahme der Muskeln 
und der Knochen. Alle inneren Organe, die das werdende Leben erhal- 
ten, sind auferbaut aus den gestaltenden Kraften der Luft. Was da ge- 



schieht, kann man vergleichen, aber es ist ein grober Vergleich, mit der 
Entstehung der Chladnischen Klangfiguren. Also Platten, die mit Staub 
belegt sind, werden an einem Punkt befestigt, mit dem Violinbogen in 
bestimmter Weise gestrichen, dann gestaltet sich dieser Staub in gewisse 
Formen, je nachdem man den Bogen ansetzt. Da werden aus den Ge- 
staltungskraften, die man in der Luft hervorruft, die Staubfiguren gebil- 
det. So werden aus den allgemeinen Gestaltungskraften der Luft die 
inneren Organe des Menschen gebildet. Die sind herausgebildet aus den 
Gestaltungskraften der Luft. Die Lunge ist tatsachlich aus den At- 
mungskraften gebildet, aber ebenso die andern Organe. Nur sind es die 
andern Organe mehr oder weniger auf Umwegen, wahrend die Lunge 
direkt gebildet ist. Aber dies, was da vorliegt, daft die Organe des Men- 
schen herausgebildet werden aus den sich gestaltenden Schwingungen 
der Luft, das ist nur durch Inspiration zu begreifen. Das, was sich 
heraus gestaltet aus dem Luftformigen, eben Geformtes, das ist in der 
Auffassung gleich dem Musikalischen, wie den Klangfiguren auch ein 
Musikalisches zugrunde liegt. 

Es ist so vieles grundfalsch, was in unserer heutigen Physiologie 
vorhanden ist, dafi man sich manchmal geniert, das Richtige zu sagen, 
wenn es sich so grotesk unterscheidet von dem, was man behauptet. 
Wenn der Mensch hort, so sind alle seine Organe in Mitschwingung mit 
den Schwingungen der Luft, nicht etwa nur die inneren Hororgane. 
Der ganze Mensch schwingt mit, wenn auch leise, und das Ohr ist nicht 
deshalb Hororgan, weil es schwingt, sondern weil es das, was im iibri- 
gen Organismus ist, durch seine innere Organisation zum Bewufksein 
bringt. Es ist das ein grofSer, aber auch ein feiner Unterschied, ob man 
sagt, der Mensch hort durch das Ohr, oder der Mensch bringt sich durch 
das Ohr das Gehorte zum Bewufitsein. Denn der Mensch ist aus dem 
Ton heraus, wenn auch nicht aus dem gehorten Tone, auferbaut, so dafi 
man sagen mufi: die Inspiration ergreift die menschlichen Innenorgane. Tafel 6 
Die Organisation der menschlichen Innenorgane, des luftformigen 
Menschen, muE durch Inspiration erkannt werden. Sehen Sie, es ist gar 
kein Wunder, dafi schon im grauen Altertum das eigentliche Begreifen 
der menschlichen Organe verlorengegangen ist, weil die Inspiration 
verlorengegangen ist, weil die Inspiration der einzige Weg ist, durch den 



man die inneren Organe verstehen kann; sonst kann man diese nur 
von der Leiche abzeichnen, aber verstehen kann man sie nicht. 

Nun, so sehen Sie, daft eigentlich der ganze menschliche Organis- 
mus im Hintergrunde der physischen Welt lebt. Wenn wir reden in der 
Form, wie ich es getan habe in meinem Buche «Wie erlangt man Er- 
kenntnisse der hoheren Welten?», dann haben die Menschen immer 
die Vorstellung: hier ist die physische Welt, und dahinter ist die geistige 
Welt stufenweise. In die nachste geistige Welt kommt man durch Ima- 
gination, in eine weitere geistige Welt durch Inspiration, in eine weitere 
durch Intuition. Aber davon machen sich die Leute keine Vorstellung, 
daft von all dem, was im Menschen ist, nur das Knochensystem von 
den Elementargeistern aufgebaut wird, wahrend das Muskelsystem 
aufgebaut wird von geistigen Wesenheiten einer hoheren Hierarchic 
Das mufi man jetzt erkennen. Man raufi mit der Imagination zu diesen 
Wesenheiten gehen konnen, wenn man das Muskelsystem ergreifen 
will. Ebenso muiK man mit der Inspiration zu noch hoheren geistigen 
Wesenheiten gehen, wenn man die inneren Organe begreifen will. 
Dadurch, daft Sie ein Skelett aufrichten, schauen Sie nur so aus, als 
wenn Sie den Formen angepafit waren. Ein Skelett aber, seiner inneren 
Bildung nach, ist durchaus nur auf inspirativem Wege zu erforschen. 

Das, was ich sagen will, das miissen Sie so ansehen: Nicht wahr, 
eine Pflanze untersucht der heutige Naturdenker, Naturforscher, in- 
dem er dasjenige, was sich ihm darbietet, was er erreichen kann als 
Substantielles, analysiert, uberhaupt nach den gewohnlichen Metho- 
den untersucht, die man heute hat. Aber sehen Sie, das ist ja gar nicht 
die Pflanze. Die Pflanze ist so aufgebaut, wie ich es gestern gesagt 
habe. Sie ist aus dem Kosmos heraus gebaut, und nur die Wurzel ist 
aus irdischen Kraften aufgebaut. Die ganze Form der Pflanze ist gei- 
stige Wirklichkeit, ist iibersinnliche Wirklichkeit; nur ist das Ubersinn- 
liche ausgefiillt mit Materie. Und derjenige, der blofi diese physische 
Materie untersucht bei der Pflanze - ja, der gleicht einem Menschen, 
der eine Schrift vor sich hat, die nafi ist, die er mit Streusand bedeckt 
hat, und dann glaubt, daft der Streusand das Wesentliche an der Schrift 
sei. Man geht heute so vor, indem man die Pflanze untersucht, wie der 
vorgeht, der eine Schrift vor sich hat, sie als noch zu feucht mit Streu- 



sand bedeckt. Der Streusand ist iiberall drauf, den kratzt er ab und 
sagt: Ich untersuche den Streusand, ich lese das, was geschrieben steht, 
aus dem Streusand ab. - So ungefahr will man eine Pflanze erklaren, 
wahrend sie in Wirklichkeit ein geistiges Wesen ist, das nur ausgefullt 
ist innerhalb seines Raumes mit physischer Substanz. Und so ist es, 
daft auch die menschlichen Organsysteme nur mit physischen Sub- 
stanzen ausgefullt sind. In Wirklichkeit ist physisch nur das Knochen- 
system, atherisch das Muskelsystem, astralisch das Organsystem. 

Und steigen wir auf zur wahren Intuition, dann kommen wir zum Tafel 6 
Warmemenschen, zu der Organisation, die innerlich differenzierter 
Warmeraum ist. Ich habe nun das gesagt, dafi man in der Warme ja 
wirklich drinnen sich erlebt, dafi man nicht ebenso wie dem Kohlen- 
stoff, dem Stickstoff der Warme gegeniibersteht, sondern die Warme 
ist da, die Warme ist in einem, und man ist in der Warme, indem man 
Warme erlebt. Sie ist gerade dasjenige, was am intensivsten erlebt wird. 
Deshalb kann der heutige Mensch nicht leugnen, dafi er Warme erlebt, 
wahrend er keine Ahnung davon hat, dafi er Luft, Wasser, Erde erlebt. 
Er hat keine Ahnung davon, weil er da herausgewachsen ist. Aber das 
Erleben der Warme ist eben unmittelbar die Anwendung der Intuition 
auf den menschlichen Organismus, nur mufi man jetzt nicht bloft im 
Groben, wie man das fur den Tagesgebrauch notig hat, sondern in 
Differenzierung die Warme erleben, die sehr fein ausdifferenziert ist in 
den Formen der Organe selber. Wenn man durch Intuition diesen 
Warmeorganismus durch den ganzen Korper betrachten kann, kommt 
man durch diese Erkenntnisart zum Verstehen nun nicht der inneren 
Organe, sondern der Tatigkeit der inneren Organe. Die ganze Tatig- 
keit der inneren Organe mufi begriffen werden durch Verstehen der 
Organisation im Warmeather. Alles iibrige ist durchaus ungeeignet, ein 
Verstandnis der Tatigkeit der Organe zu bringen. Die Anschauung, die 
intuitive Anschauung der Tatigkeit des Warmeathers, also der Warme- 
mensch, der ist es, der durch Intuition erkannt werden muE. Das heifit 
mit andern Worten, es geniigt nicht, daft man blofi die Meinung habe, 
da ist physische Welt, man eignet sich Imagination, Inspiration, Intui- 
tion an, um in andere Welten zu kommen. Die andern Welten sind da. 
Die atherische Welt ist dadurch da, dafi der Mensch ein Muskelsystem 



hat, die astralische Welt ist dadurch da, daft der Mensch ein Organ- 
system hat, und die devachanische Welt, die Geisteswelt ist dadurch 
da, daft der Warmemensch da ist. Das Geistige geht fortwahrend unter 
uns herum. Es ist da. Der Mensch ist ja ein Geist, er ist nur angefiillt 
mit physischer Substanz, dieser Geist. Daher geben wir uns der Illu- 
sion hin, daft der Mensch ein physisches Wesen ist. Der Mensch ist 
sogar Geist in sich, der durch seine Warmeorganisation sogar hinauf- 
reicht in die hochste Welt, die noch erreicht werden kann. Daher ist es 
so komisch, wenn Spiritisten zu acht bis zehn um einen Tisch sitzen 
und Geister anrufen, die viel, viel untergeordneter sind als die acht bis 
zehn, die um den Tisch herumsitzen, die nur nichts wissen davon, daft 
sie Geist sind. Das ist dasjenige, was man sich tief, tief, meine lieben 
Freunde, ins Gemiit fiihren muft, dann kann man aufsteigen. 

Tafel 6 Gedanke: Knochensystem = fester erdig Mfensch] 

Imagination: Muskelsystem = fliissiger waftrig M[ensch] 

Inspiration: Innenorgane = luft[formiger] Mfensch] 

Intuition: Tatigkeit der Innenorgane = Warme-Mensch 

Sehen Sie, hat man durch Intuition die Tatigkeit, diese wunderbare 
Tatigkeit innerhalb der gesamten menschlichen Organisation von Or- 
gan zu Organ ergriffen, was sich alles abspielt im Warmeather, so 
kommt man eigentlich zu zwei Warmearten. Namlich der Warme- 
ather ist ein ganz besonderes Element. Wenn Sie irgendeinen Vorgang 
haben, der im Warmeather eine Veranderung hervorruft, so entsteht 
immer eine Gegenwirkung. Warmestromungen sind eigentlich immer 
so, daft sie einander entgegenstromen, Aktion und Reaktion. Der 
Warmeather ist in sich selber differenziert. Es ist immer eine grobere 
Athersubstanz da, der eine feinere Athersubstanz entgegensteht. Da- 
durch aber nur ist es moglich, daft solche Erscheinungen auftreten, die 
wir uns zunachst an einer groben Erscheinung klarmachen konnen. 
Denken Sie sich, Sie seien zunachst in einem wohltemperierten Zim- 
mer, das schon warm ist; es ist angenehm. Sie machen es heifter, so sehr, 
daft Sie es nicht mehr aushalten konnen. Das ist nicht bloft ein phy- 
sischer Zustand, das ist auch ein seelischer Zustand. Die eine Warme, 
die feinere Warme, die erlebt insbesondere die Seele. Wir erleben 



eigentlich die Warme immer zweifa
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