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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
SCHRIFTEN UND VORTRAGE
ZUR GESCHICHTE DER ANTHROPOSOPHISCHEN BEWEGUNG
UND DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER
DAS LEBENDIGE WESEN DER ANTHROPOSOPHIE
UND SEINE PFLEGE
Bisher erschienene Bande der Schriften und Vortrage zur Geschichte
der anthroposophischen Bewegung und der Anthroposophischen Gesellschaft
Die okkulte Bewegung im 19. Jahrhundert und ihre Beziehung zur Weltkultur.
13 Vortrage, Dornach 10. Oktober bis 7. November 1915 (Bibl.-Nr. 254)
Anthroposophische Gemeinschaftsbildung. 10 Vortrage, Stuttgart und Dornach,
Januar bis Marz 1923 (Bibl.-Nr. 257)
Die Geschichte und die Bedingungen der anthroposophischen Bewegung im Verhdltnis
zur Anthroposophischen Gesellschaft. Eine Anregung zur Selbstbesinnung. 8 Vortrage,
Dornach 10. bis 17. Juni 1923 (Bibl.-Nr. 258)
Die Weihnachtstagung zur Begrundung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesell-
schaft: 1923/24. Grundsteinlegung, Vortrage und Ansprachen, Statutenberatung,
Jahresausklang und Jahreswende 1923/24 (Bibl.-Nr. 260)
Die Konstitution der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft und der Freien
Hochschule fur Geisteswissenschaft - Der Wiederaufbau des Goetheanum. Gesammelte
Aufsatze, Aufzeichnungen und Ansprachen, Dokumente, Januar 1924 bis Marz 1925
(Bibl.-Nr. 260a)
Unsere Toten. Ansprachen, Gedenkworte und Meditationsspriiche 1906-1924
(Bibl.-Nr. 261)
Rudolf Steiner /Marie Steiner-von Sivers: Briefwechsel und Dokumente 1901 - 1925
(Bibl.-Nr. 262)
Zur Geschichte und aus den Inhalten der Ersten Abteilung der Esoterischen Schule von
1904 bis 1914. Briefe, Rundbriefe, Dokumente, Vortrage (Bibl.-Nr. 264)
Zur Geschichte und aus den Inhalten der erkenntniskultischen Abteilung der Esoteri-
schen Schule 1904 bis 1914. Briefe, Dokumente und Vortrage (Bibl.-Nr. 265)
RUDOLF STEINER
Die Konstitution der Allgemeinen
Anthroposophischen Gesellschaft und der
Freien Hochschule fiir Geisteswissenschaft
Der Wiederaufbau des Goetheanum
1924-1925
Aufsatze und Mitteilungen
Vortrage und Ansprachen
Dokumente
Januar 1924 bis Marz 1925
1987
RUDOLF STEINER-VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlafJverwaltung, Dornach/Schweiz
Die Nachschriften der Vortrage wurden vom Vortragenden selbst
nicht durchgesehen
Die Herausgabe besorgte Hella Wiesberger
1. Auflage in dieser Zusammenstellung
Gesamtausgabe Dornach 1966
2. Auflage, neu durchgesehen und
erganzt durch eine Beilage
Gesamtausgabe Dornach 1987
Nachweis friiherer Veroffentlichungen siehe Seite 710f.
Bibliographie-Nr. 37/260 a
Zeichen auf dem Einband von Rudolf Steiner,
Schrift von B. Marzahn
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1987 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-2606-3
INHALT
(Ausfuhrliche Inhaltsangaben finden sich auf Seite 749 ff.)
Vorbemerkungen des Herausgebers zur zweiten Auflage 1987 ... 7
I.
Die Neugestaltung der Anthroposophischen Gesellschaft durch die
Weihnachtstagung 1923. 19 Briefe an die Mitglieder 25
II.
Die Konstitution der Freien Hochschule fur Geisteswissenschaft. Ihre
Gliederung in Sektionen 87
III.
Aus der Arbeit fur eine Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft
und fur eine Freie Hochschule fur Geisteswissenschaft. Die Fiihrung
des Nachrichtenblattes 161
Mitteilungen, Anschlage am Schwarzen Brett, Briefe, nach Beginn der
Erkrankung Rudolf Steiners 399
IV.
Auswirkungen der Weihnachtstagung in Verwaltungsfragen und der
Wiederaufbau des Goethanum 407
Anhang (Vertrage und Vereinbarungen) 573
Chronik 1924/1925 587
Abbildungen des Modells und des zweiten Goetheanums 700
Hinweise 702
Nachweis friiherer und anderweitiger Veroffentlichungen 710
Register der in diesem Band erwahnten Institutionen 712
Personenregister 725
Ausfuhrliche Inhaltsangaben 749
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 763
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 765
Beilage nach 766
VORBEMERKUNGEN DES HERAUSGEBERS
2UR ZWEITEN AUFLAGE
Als sich Rudolf Steiner zu Beginn des 20. Jahrhunderts entschlossen hatte, fiir eine
offentliche Verbreitung iibersinnlicher Erkenntnisse einzutreten, tat er dies als vol-
lig selbstandiger Geistesforscher im Strom der abendlandisch-christlichen Esoterik,
aber doch im Rahmen einer bereits bestehenden Organisation, der damaligen Theo-
sophischen Gesellschaft. Zusammen mit Marie von Sivers (spater Marie Steiner)
baute er aus kleinsten Anfangen heraus die mit ihm als Generalsekretar und Marie
von Sivers als Sekretar begriindete deutsche Sektion zu einer immer weiterreichen-
den mitteleuropaischen Bewegung auf.
Gegen Ende dieser ersten zehnjahrigen Aufbauarbeit kam es mit Annie Besant,
der damaligen Prasidentin der Theosophischen Gesellschaft, zu tiefgehenden geisti-
gen Differenzen, die schlieftlich dazu fiihrten, daft die deutsche Sektion im Marz
1913 offiziell aus der Theosophischen Gesellschaft ausgeschlossen wurde. Da dies zu
erwarten gewesen war, wurde an Weihnachten 1912 die Anthroposophische Gesell-
schaft gegriindet, der sich Theosophen aus aller Welt anschlossen. Rudolf Steiner
wollte nunmehr keine Verwaltungsfunktion mehr ausiiben, weil, wie er spater
riickblickend aufterte, es schwierig sei, das, was in der heutigen Zeit ein aufieres
Amt verlangt, mit den okkulten Pflichten gegentiber den Offenbarungen der geisti-
gen Welt zu vereinigen (S. 354 und 370*). Die Anthroposophische Gesellschaft soll-
te sich daher ganz auf sich selbst gestellt verwalten und Rudolf Steiner sich aus-
schlieftlich dem geistigen Forschen und Lehren widmen konnen (S. 490). Er habe
das in den verschiedensten in Betracht gekommenen Belangen streng durchgefiihrt
(S. 382) und sei damals nicht einmal Mitglied der Gesellschaft gewesen (S. 178).
Nachdem im Herbst 1913 auf dem Dornacher Hiigel bei Basel mit der Errichtung
eines Zentralbaues begonnen worden war, durch den die Anthroposophie starker
als vorher ins Bewulksein der Offentlichkeit trat, wuchs auch dementsprechend ih-
re Gegnerschaft. Diese wurde immer heftiger, als wahrend und insbesondere unmit-
telbar nach dem Ersten Weltkrieg, in den Jahren 1918/19 bis 1922/23, aktive Mit-
glieder sich mit aller Kraft dafiir einsetzten, die Anthroposophie als das von ihnen
als brennend notwendig erkannte Element fiir eine Kulturerneuerung in verschiede-
nen Lebenszweigen zu realisieren, was zur Bewegung fiir eine Dreigliederung des so-
zialen Organismus und daraus hervorgegangenen verschiedenen praktischen Griinr-
dungen gefuhrt hatte (Freie Waldorfschule in Stuttgart, klinisch-therapeutische In-
stitute in Arlesheim/Schweiz und in Stuttgart, assoziative Wirtschaftsunternehmen
«Der Kommende Tag AG» in Stuttgart und «Futurum AG» in der Schweiz). Rudolf
Steiner muUte damals feststellen, dafi die Anthroposophische Gesellschaft der
Gegnerschaft nicht in dem von ihm als notwendig erachteten Mafie gewachsen war,
Damals aufierte er schon manchesmal zu Marie Steiner: «Wer weifi, ob es nicht bes-
ser ware, die [anthroposophische] Bewegung ohne Gesellschaft weiterzufuhren.
* Seitenverweise ohne weitere Angaben beziehen sich auf den Band «Die Konstitution . . .»,
1. und 2. Auflage.
Fiir alle Fehler der Gesellschaft werde ich verantwortlich gemacht, und darunter
leidet die Bewegung.»l) Eine Reorganisierung der Gesellschaft erwies sich von Tag
zu Tag als dringlicher.
Bei einem Aufenthalt in Stuttgart, wohin 1921 der Sitz der Anthroposophischen
Gesellschaft verlegt worden war, liefi er am 10. Dezember 1922 dem Zentralvor-
stand seine Aufforderung ubermitteln, entsprechende Vorschlage zur Konsolidie-
rung der Gesellschaft zu machen. Drei Wochen spater wurde das erste, ganz in Holz
erbaute Goetheanum ein Raub der Flammen. Dieser schwere Schicksalsschlag
machte die Neuordnung der Gesellschaft zum Hauptproblem des ganzen Jahres
1923. In kleineren und grofieren Gesellschaftskreisen sprach Rudolf Steiner in ein-
dringlicher Weise von der Notwendigkeit, ein erhohtes Verantwortungs- und ein
wahrhaft anthroposophisches Gemeinschaftsbewuiksein zu entwickeln.2)
Die Vorbereitung zur Neubildung der Anthroposophischen
Gesellschaft bei der Weihnachtstagung 1923/24
Der erste Schritt war die Ordnung der deutschen Gesellschaftsverhaltnisse. Bei der
Delegiertenversammlung Ende Februar 1923 in Stuttgart erfolgte die Auflosung des
bisherigen Zentralvorstandes und die Begriindung einer deutschen Landesgesellschaft
(«Anthroposophische Gesellschaft in Deutschland») sowie einer «Freien Anthropo-
sophischen Gesellschaft* fur die Bedurfnisse der damaligen anthroposophischen Ju-
gend. In den darauffolgenden Monaten wurden auch in anderen Landern autonome
Landesgesellschaften begriindet (siehe Register der Institutionen, S. 712ff.).
Anfang Juni 1923 riefen englische Freunde mit Rundschreiben vom 8. Juni 1923
«an die Zweige aller Lander* dazu auf, eine internationale Delegiertenversammlung
einzuberufen. Daraufhin beschlofi die Anthroposophische Gesellschaft in der
Schweiz an ihrer Generalversammlung am 10. Juni 1923, zu einer solchen Ver-
sammlung in Dornach (20. bis 23. Juli 1923) einzuladen. Als eine Art Vorbereitung
dazu, als eine «Anregung zur Selbstbesinnung», wie er es selbst nannte, hielt Rudolf
Steiner vom 10. bis zum 17. Juni 1923 acht Vortrage iiber «Die Geschichte und die
Bedingungen der anthroposophischen Bewegung im Verhaltnis zur Anthroposophi-
schen Gesellschaft* (GA 258). Hierin stellte er u. a. fest, dafi die Gesellschaft in be-
zug auf die Bildung eines Gemeinschaftskorpers, eines Gesellschafts-Ichs, noch nicht
einmal in den Anfangen stecke und aus dem aufierlich Gesellschaftsmafiigen in das
wirkliche Geist-Reale hineinfinden miisse, denn eine «anthroposophische Bewegung
kann nur in einer anthroposophischen Gesellschaft leben, die eine Realitat ist».
Darunter wollte er vor allem verstanden wissen, dafi Anthroposophie selbst «wie
ein lebendiges, ubersinnliches, unsichtbares Wesen» als unter den Anthroposophen
wandelnd angesehen werde. In jedem Augenblicke seines Lebens sollte ein Anthro-
1) Marie Steiner in ihrem Vorwort zur 1. Auflage der Vortrage «Die karmischen Zusammen-
hange der anthroposophischen Bewegung», Dornach 1926, wieder abgedruckt in «Nach-
richten der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung» Nr. 23, Weihnachten 1968.
2) Siehe «Anthroposophische Gemeinschaftsbildung», GA 257, sowie «Rudolf Steiner und
die Zivilisationsaufgaben der Anthroposophie. Ein Riickblick auf das Jahr 1923», Dornach
1943 (Neuauflage in Vorbereitung).
posoph fiihlen, wie man mit der unsichtbaren Wesenheit der Anthroposophie
verbunden und ihr verantwortlich sei (Dornach, 17. Juni 1923).
Bei der internationalen Delegiertenversammlung vom 20. bis 23. Juli wurden
zwei entscheidende Beschliisse gefalk: der Wiederaufbau des Goetheanums (nach-
dem am 15. Juni die Brandversicherungssumme ausbezahlt worden war), sowie die
Einberufung einer Versammlung zu Weihnachten 1923 in Dornach, um eine Inter-
nationale Anthroposophische Gesellschaft» mit Sitz am Goetheanum zu begriinden,
in welcher die einzelnen autonomen Landesgesellschaften ihr Zentrum erblicken
sollten. Entsprechende Statutenvorschlage und Vorschlage fur den dafiir zu wahlen-
den Generalsekretar sollten bis dahin vorbereitet werden.
Letzteres wurde hinfallig, als Rudolf Steiner sich entschlofi, selbst die Leitung der
neu zu begriindenden Gesellschaft zu iibernehmen. Zu diesem Entschlufi mulS er
sich unmittelbar vor seiner am 12./ 13. November 1923 angetretenen Vortragsreise
nach Holland, wo am 18. November noch die letzte in Frage kommende Landesge-
sellschaft gegriindet werden sollte, vielleicht auch erst nach seiner Ankunft, durch-
gerungen haben. Dies ergibt sich aus folgenden Vorgangen.
Am 9. November 1923 hatte in Miinchen Hitlers Marsch auf die Feldherrhhalle
stattgefunden. Als Rudolf Steiner die Zeitungsmeldung dariiber, die am Schwarzen
Brett in der Schreinerei des Goetheanum angeschlagen war, zur Kenntnis nahm, zu-
fallig zusammen mit der gerade in Dornach weilenden Berliner Mitarbeiterin Anna
Samweber, aufkrte er zu dieser: «Wenn diese Herren an die Regierung kommen,
kann mein Fuft deutschen Boden nicht mehr betreten.» Am gleichen Tage noch bat
er sie, sofort nach Berlin zuriickzukehren, um seinen Auftrag, die dortigen Mietver-
trage zu kundigan, zu ubermitteln.l) Demnach hatte er sich auf dieses Ereignis hin
sofort entschlossen, seinen und Marie Steiners Berliner Wohnsitz aufzugeben und den
Philosophisch-Anthroposophischen Verlag von Berlin nach Dornach zu verlegen.
Mit Marie Steiner mufi er damals verabredet haben, dafi sie von Holland aus direkt
nach Berlin weiterreisen und den Umzug veranlassen solle, wahrend er selbst nach
Dornach zuriickkehren werde, um die Weihnachtstagung vorzubereiten.2) Auch
miissen sie - entweder noch in Dornach oder eventuell erst in Holland - iiber die
Besetzung des kunftigen Vorstandes der Gesellschaft miteinander beraten haben. Wie
Marie Steiner iiberlieferte, wollte Rudolf Steiner, daft sie den zweiten Vorsitz iiber-
nehmen solle. Sie habe jedoch eingewendet, daft ihre gesundheitlichen Krafte wohl
nicht ausreichen wurden, um zu ihrer kiinstlerischen Arbeit noch diese neue grofie
Aufgabe zu iibernehmen. Aufierdem schiene es ihr der Aufienwelt gegeniiber nicht
gut, wenn die neue Weltgesellschaft von einem Ehepaar reprasentiert werden wiirde.
Letzteren Einwand habe Rudolf Steiner akzeptiert, und als sie ihm daraufhin vor-
schlug, an ihrer Stelle den Dichter und Redakteur der Wochenschrift «Das Goethea-
num*, Albert Steffen, zu berufen, war er einverstanden unter der Voraussetzung,
dafi sie mit diesem gemeinsam den zweiten Vorsitz ubernehme. Auch die Arztin
Dr. Ita Wegman habe sie ihm vorgeschlagen.3) Weitere jungere, in Dornach lebende
1) Laut personlicher Mitteilung Anna Samwebers an Hella Wiesberger.
2) Siehe Vorwort Marie Steiners in «Die Weihnachtstagung . . .», GA 260.
3) Siehe «Eine Erinnerung an Marie Steiner aus dem Jahre 1947, niedergelegt durch Lidia
Gentilli-Baratto», Freiburg i.Br. o.J., 2. Auflage 1966.
Personlichkeiten sollten hinzukommen, solche, welche ihr Leben «in restloser Weise
der anthroposophischen Sache gewidmet haben; aufierlich und innerlich» (Dornach,
24. Dezember 1923). 1)
Die «Fragealternative», vor der Rudolf Steiner in den letzten Wochen vor
der Weihnachtstagung gestanden habe, charakterisierte er im Eroffnungsvortrag
(Dornach, 24. Dezember 1923) wie folgt:
«Nun, heute stehen die Dinge so, daft in den letzten Wochen, nach schwerem
innerem Uberwinden, eben in mir die Erkenntnis aufgestiegen ist: Es wiirde mir
unmoglich sein, die anthroposophische Bewegung innerhalb der Anthroposophi-
schen Gesellschaft weiterzufuhren, wenn diese Weihnachtstagung nicht zustimmen
wiirde darin, dafi ich nun wiederum selber in aller Form die Leitung bzw. den Vor-
sitz der hier in Dornach am Goetheanum zu begriindenden Anthroposophischen
Gesellschaft iibernehme.» Schon friiher hatte er sich mehrmals in diesem Sinne ge-
auftert, zum Beispiel im November in Holland. Daruber berichtet F.W. Zeylmans
van Emmichoven wie folgt : «Wie schwer diese Sorgen [um den neuen Stil der Gesell-
schaftsfuhrung] auf Rudolf Steiners Seele lasteten, geht hervor aus einem Gesprach
am 17. November 1923, am Vorabend der Bildung der Anthroposophischen Gesell-
schaft in Holland, als er seine Zweifel daruber aufterte, ob ein Weitergehen mit der
Gesellschaft als solcher uberhaupt noch moglich sei. Er beklagte sich daruber, dafi
man nirgends zu verstehen scheine, was er uberhaupt wolle und dafi es vielleicht
notig sein wiirde, mit nur ganz wenigen Menschen innerhalb eines strengen Zusam-
menschlusses weiter zu arbeiten. Auf die Wenigen, die bei diesem Gesprach anwe-
send waren, machte es einen fast unertraglich schmerzlichen Eindruck.»2) Vielleicht
war es damals, daiS Marie Steiner ihn bat, die Gesellschaft, die ohn&ihn nicht existie-
ren konne, doch nicht zu verlassen.3) Dies schien ihm offensichtlich nur moglich zu
sein, wenn sie von ihm personlich geleitet wiirde, da vor der Welt deutlich werden
musse, wie er die Anthroposophie durch die Gesellschaft vertreten haben mochte.
Denn bisher, insbesondere seit 1918, sei dem, was er selbst wollte, durch die Gesell-
schaft fortwahrend die «impulsierende Kraft» genommen worden; in Zukunft solke
nun Anthroposophie nicht mehr blofi gelehrt und als Substanz aufgenommen wer-
den, sondern auch in alien aufieren Mafinahmen, bis in die kleinsten Einzelheiten
hinein, getan werden (S. 105, 383, 489).
Von Holland nach Dornach zuriickgekehrt, berichtete Rudolf Steiner bei dem
nachsten Mitgliedervortrag am 23. November 1923 iiber die hollandischen Veran-
staltungen und begann mit seiner Vortragsreihe «Mysteriengestaltungen» (GA 232)
auf die Weihnachtstagung vorzubereiten. Doch bis zu dem Tag, an dem in der
Wochenschrift «Das Goetheanum» in Nr. 19 vom 16. Dezember 1923 die von der
Anthroposophischen Gesellschaft in der Schweiz ergangene offizielle «Einladung
zur Griindungsversammlung der Internationalen Anthroposophischen Gesellschaft,
1) Eroffnungsvortrag in «Die Weihnachtstagung zur Begriindung der Allgemeinen Anthro-
posophischen Gesellschaft 1923/ 24», GA 260.
2) F.W. Zeylmans van Emmichoven «Entwickelung und Geisteskampf 1923 - 1935», aus dem
Hollandischen ins Deutsche ubersetzt von Elisabeth Vreede, 1935, Seite 10.
3) Personliche Mitteilung Marie Steiners an Febe Arenson-Baratto und von dieser an Hella
Wiesberger weitergegeben.
Dornach Weihnachten 1923»1) erschien, war aufier Marie Steiner niemandem be-
kannt, dafi Rudolf Steiner entschlossen war, selbst die Leitung zu ubernehmen, ob-
wohl er mit Albert Steffen als dem Redakteur der Wochenschrift «Das Goetheanum»
iiber die Gestaltung der Einladung und des Programmes sicherlich mindestens eine
Woche vorher gesprochen haben mui Offenbar erst nachdem er wufite, dafi Marie
Steiner ihre Aufgabe in Berlin beendigt hatte und in der Nacht vom 17. auf den 18.
Dezember nach Stuttgart reisen wiirde, forderte er am Sonntag, den 16. Dezember
1923, Frau Dr. Wegman, Albert Steffen und Dr. Guenther Wachsmuth zu einer Be-
sprechung auf. Albert Steffen berichtete hiervon, laut Protokoll der aufierordent-
lichen Generalversammlung vom Dezember 1930, wie folgt:
«Im Dezember vor der Weihnachtstagung, am 16. Dezember 1923, fand
eine Sitzung statt, eine Vorsitzung. Herr Dr. Steiner rief heran Frau Dr. Weg-
man, Dr. Wachsmuth und mich und sprach damals so, dafi ich es horte zum
erstenmal, wie er sich den Vorstand zusammengesetzt denkt, und da sagte er -
das habe ich aufgeschrieben -: <Vizeprasident Frau Dr. Steiner und Herr Stef-
fen). Dann sagte er: <Frau Dr. Wegman = Schriftfuhrer, Dr. Wachsmuth =
Schatzmeister. >2) Fraulein Dr. Vreede wurde damals noch nicht genannt.»3)
Seine Tagebucheintragung, auf die er hier Bezug nahm, lautet w6rtlich:4) «Am
1) «Die Weihnachtstagung zur Begriindung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesell-
schaft 1923/24», GA 260, S. 28/29, 4. Auflage 1985.
2) Auf die Griinde, aus denen heraus Rudolf Steiner Guenther Wachsmuth in den Vorstand
aufnahm, fallt ein Licht durch einen Bericht Albert Steffens an Marie Steiner in seinem
Brief an sie vom 8. August 1943, in dem es heifit: «. . . Es war am 22. April 1923, als Herr
Storrer demissionierte und ich einen Heifer im Auftrag der Delegiertenversammlung [der
Anthroposophischen Gesellschaft in der Schweiz, deren Generalsekretar er war] fur die
Tatigkeit im Sekretariat vorzuschlagen hatte. Ich hatte diesen Vorschlag mit Herrn Dr.
Steiner beraten und schlug demgemafi Herrn Dr. Wachsmuth vor. Diese Wahl wurde in
dem Beisein von Herrn Dr. Steiner von alien Delegierten einstimmig angenommen. Dr.
Wachsmuth erklarte, die Tatigkeit im Sekretariat zur Unterstiitzung von Herrn Steffen
sehr gern und unentgeltlich ubernehmen zu wollen.» - Dr. Wachsmuth selbst berichtete
in der Generalversammlung vom Jahre 1943 (gemafl Protokoll) folgendes: «Man denkt
zuriick an die Zeit des Brandes, wo wir das erste Goetheanum durch Feuer verloren, an
das Jahr vor der Weihnachtstagung; es werden sich noch viele erinnern, daft damals die
Dinge alle noch vom Sekretariat der Anthroposophischen Gesellschaft in der Schweiz ver-
waltet wurden im Hause Friedwart. Aus jener Zeit entsinne ich mich auf stundenlange
Sitzungen im Hause Friedwart, die damit zusammenhingen, dafi die Kasse ein machtiges
Defizit hatte, ein machtiges Loch war in der Kasse. Und so geschah es, dafi Dr. Steiner zu
mir sagte: Wollen Sie nicht diese Finanzverwaltung einmal ubernehmen, diese Verwaltung
der Schatzmeisterei? Ich tat es, ich mufi gestehen, mit einer gewissen Beklemmung; aber
alles, was Dr. Steiner sagte, tat man auch wiederum gern. Und als das Jahr vorbei war,
hatte es sich zum erstenmal gefiigt, dafi kein Defizit war, sondern ein kleiner Uberschufi.
Und es ist mir noch in lebendiger Erinnerung, wie giitig strahlend Dr. Steiner dieses
entlastende Ergebnis entgegennahm.»
3) Nach Elisabeth Vreede hatte Rudolf Steiner ihr gegeniiber aber schon in einem Gesprach
am 10. Dezember eine Bemerkung gemacht, «in der im Grunde genommen enthalten war,
dafi er erwage, mich in den Vorstand zu nehmen». (E. Vreede, «Zur Geschichte der An-
throposophischen Gesellschaft seit der Weihnachtstagung 1923», Arlesheim 1935.)
4) Abdruck mit Genehmigung der Albert Steffen Stiftung, Dornach.
16. Dezember 1) in der Villa Hansi (Frau Dr. Wegman, Dr. Wachsmuth, ich). Dr.
Steiner liest die Statuten vor und sagt dann, wie er sich den Vorstand denke. Er: Pra-
sident. Frau Dr. Steiner und ich Viceprasident, Frau Wegman Protokollfiihrerin.
Wachsmuth Kassier (Wachsmuth schlagt vor Schatzmeister, wozu Dr. Steiner la-
chend sagt : Der Name tut nichts zur Sache.) Dann Vorsteher der einzelnen Facher.
Dr. Steiner der ganzen Hochschule. Ich belles lettres. Wachsmuth Nationalokono-
mie. Er mochte lieber Naturwissenschaften, Aber Dr. Steiner sagt, es sei schade, dafi
er kein Mathematiker ware.»
Tags darauf, am 17. Dezember 1923, reiste Rudolf Steiner nach Stuttgart, um sich
dort mit Marie Steiner zu treffen und dann gemeinsam mit ihr nach Dornach zu-
riickzukehren. In Stuttgart - es kann nur am 18. oder 19. Dezember gewesen sein -
orientierte Rudolf Steiner nun im Beisein von Marie Steiner die Vorstande der bei-
den deutschen Gesellschaften iiber seine Absichten in bezug auf die neue Gesell-
schaftsbildung: «Da erfuhren wir, daf$ er vorhabe, eine neue Gesellschaft zu begriin-
den und zwar unter seinem Vorsitz. Dazu wiirden eine Anzahl (uns da noch nicht
genannte) Personlichkeiten kommen, die mit ihm zusammen deren Vorstand bilden
wiirden. Wir erfuhren ferner von der Neueroffnung einer esoterischen Schule als
< Freie Hochschule fur Geisteswissenschaft > und von einigen Grundziigen ihrer Ein-
richtung. Den Mitgliedern stiinde es frei, seinen Vorschlag anzunehmen, aber wenn
dies einmal geschehen sei, dann waren die von diesem Vorstand ausgehenden Hand-
lungen fvir die Mitgliedschaft bindend.»2)
Nachdem Rudolf Steiner und Marie Steiner am 19. oder 20. Dezember nach
Dornach zuriickgekehrt waren, richtete Rudolf Steiner beim Abendvortrag vom 22.
Dezember 1923, zwei Tage vor Beginn der Weihnachtstagung - es waren schon viele
der Tagungsgaste eingetroffen - im Hinblick auf die Tagung an die Anwesenden
folgende Worte:
«Es wird ja diese Delegiertenversammlung die Anthroposophische Gesellschaft
zu gestalten haben, und diese Gestaltung wird jetzt schon eine solche werden miis-
sen, meine lieben Freunde, dafi nun diese Anthroposophische Gesellschaft die Be-
dingungen erfiillt, die eben einfach sich aus den heutigen Verhaltnissen heraus erge-
ben. Und da muft ich sagen, es mufi diese Weihnachtsversammlung so ablaufen, dafi
man sich von ihr versprechen kann: nun wird eine arbeitsfahige Anthroposophische
Gesellschaft entstehen. Ich mufi schon sagen, wenn diese Aussicht nicht vorhanden
sein sollte, so wiirde ich doch nun einmal jene Konsequenzen Ziehen miissen, von
denen ich wiederholt gesprochen habe. Daher betrachte ich dasjenige, was wahrend
1) Anmerkung zum Datum von Dr. Heinz Matile (Albert Steffen Stiftung) :
1 Die Eintragung zum 16. Dezember befindet sich im Tagebuch nach riickschauenden
Eintragungen zum 19./20.12., 18./19.12., 17./ 18. 12., 17.12. (in dieser Reihenfolge). Die
ndchstfolgende datierte Eintragung (im folgenden Tagebuch) bezieht sich auf den 20./2 1 . 12.
1923. Daraus konnte sich erklaren, warum Steffen an der Generalversammlung der Allge-
meinen Anthroposophischen Gesellschaft am 27. Marz 1934, als er sich auf diese Tage-
bucheintragung bezog, den 19. Dezember 1923 als Datum der Besprechung nannte. (Vgl.
Protokoll der GV im Nachrichtenblatt vom 22.4. 1934, S. 63.)
2) Ernst Lehrs, «Gelebte Erwartung», Stuttgart 1979, S. 250 f.
und durch diese Weihnachtsveranstaltung zu geschehen hat fur die Begriindung der
Anthroposophischen Gesellschaft, der vorangegangen ist die der Landergesellschaf-
ten, als etwas aufierordentlich Serioses und etwas aufierordentlich Bedeutungsvolles.
So dafi tatsachlich hier in Dornach wird etwas geschaffen werden miissen, was dann
einfach durch seinen Bestand selber real ist. Uber das Eigentliche werde ich ja zu
sprechen haben bei der Eroffnungsversammlung, die ja stattfindet am nachsten
Montag. Aber was heute schon gesagt werden mufi - well auch schon der, ich moch-
te sagen, Urbeginn so geschehen mufi, dafi man sieht, es wird jetzt aus anderem
Grundtone heraus gehen in der Anthroposophischen Gesellschaft, die da begriindet
wird -, was ich eben heute schon sagen muft, das ist das, dafi zunachst schon - und
zwar von dem morgigen Tag ab, wo ja die meisten der Freunde, die mitbegrunden
woilen diese Gesellschaft, da sein werden - ein Probevorstand, der aber im Laufe der
allernachsten Tage der definitive Vorstand werden mufi, da sei, der als solcher wirk-
lich arbeiten kann. Und wirklich, meine lieben Freunde, ich habe mich mit der
Frage, wie nun die Gesellschaft zu gestalten ist, wahrhaftig in der letzten Zeit viel,
viel beschaftigt. Ich habe ja auch manche Begriindungen von Landergesellschaften
mitgemacht, mancherlei erfahren, was jetzt unter den Mitgliedern lebt und so wei-
ter, und ich habe mich recht griindlich beschaftigt mit dem, was unmittelbar in der
nachsten Zeit notwendig ist. Und da mochte ich heute zunachst eben meine Vor-
schlage vorbringen, praliminarisch zunachst, weil einfach die Sache schon da sein
mufi, bevor man beginnt.
Sehen Sie, es kann nicht anders sein, dem Ernste der Sache wird nicht Rechnung
getragen, wenn die Bedingungen zum Fortbestande, das heifit eigentlich zur Neube-
griindung der Gesellschaft - von denen ich am Montag sprechen werde -, wenn die-
se Bedingungen nicht erfiillt werden. Aber um diese Bedingungen zu erfiillen, mufi
ich eben selber gewisse, vielleicht zunachst manchem radikal anmutende Bedingun-
gen stellen. Es sind aber diejenigen Bedingungen, die eigentlich so sind, dafi ich sage :
Ich sehe nur die Moglichkeit, weiter zu arbeiten mit der Gesellschaft auf anthropo-
sophischem Boden, wenn diese Bedingungen erfiillt werden. Und so mochte ich
denn meinerseits den Vorschlag machen - damit Sie sich mit dem Gedanken ver-
traut machen konnen -, meinerseits den Vorschlag machen zur Konstituierung des
Vorstandes, der einfach dadurch, daft ich Ihnen den Vorschlag heute mache,
zunachst provisorisch funktionieren wird, und ich hoffe, er wird ein definitiver
Vorstand werden.
Dieser Vorstand mufi so sein, daf5 er tatsachlich Dornach in den Mittelpunkt der
Anthroposophischen Gesellschaft stellen kann. Wie gesagt, ich habe mich viel mit
der Frage, wie nun die Gesellschaft zu konstituieren ist, beschaftigt, und Sie diirfen
mir glauben, griindlich. Und nach dieser griindlichen Beschaftigung kann ich kei-
nen anderen Vorschlag machen, meine lieben Freunde, als den, dafi Sie zum Vorsit-
zenden der Anthroposophischen Gesellschaft, die begriindet wird, und zwar zum
ganz offiziellen Vorsitzenden, mich selber wahlen. Ich mufi also aus den Erlebnissen
der letzten Jahre einfach die Konsequenz ziehen, dafi ich eigentlich nur mitarbeiten
kann, wenn ich selber zum wirklichen Vorsitzenden - ich will auf alles verzichten
von Ehrenvorsitzendem und so weiter, darauf gehe ich nicht mehr ein, auf alle dieje-
nigen Dinge, wo man sozusagen nur hinter den Kulissen zu stehen und brav zu sein
hat fur dasjenige, was die anderen tun - ich werde also tatsachlich nur fortarbeiten
konnen, wenn ich selber zum wirkhchen Vorsitzenden der Anthroposophischen
Gesellschaft, die hier begriindet werden soli, gewahlt werde. Selbstverstandlich ist ja
dann notwendig, dafi, da ich die Arbeit selber in die Hand nehmen werde, mir dann
zur Seite stehen werden diejenigen Menschen, die nun schon durch die Bedingungen
in der Arbeit, die sich vorbereitet hat, die nachsten sind, die nun hier mit mir im
Zentrum arbeiten konnen. Und so werde ich meinerseits vorschlagen - also wenn
ich gewahlt werde zum Vorsitzenden, sonst wiirde ich ja gar nicht mitmachen - zum
zweiten Vorsitzenden, also Vorsitzenden-Stellvertreter, Herrn Steffen; als drittes
Vorstandsmitglied Frau Dr. Steiner; als viertes Vorstandsmitglied Frau Dr. Wegman
als Schriftfuhrerin. Als fiinftes Vorstandsmitglied schlage ich meinerseits vor Frau-
lein Dr. Vreede, als sechstes Vorstandsmitglied Herrn Dr. Guenther Wachsmuth,
der dann das Amt des Sekretars und Schatzmeisters zu versehen hatte.
Ich werde am Montag die Griinde auseinandersetzen, warum ich Vorschlage
mache fur den eigentlichen Zentralvorstand nur von solchen Personlichkeiten, die
unmittelbar hier in Dornach am Orte ansafiig sind. Ein Vorstand, der iiberall in der
Welt zusammenzusuchen ist, der wird niemals ordentlich arbeiten konnen und
kann nicht eigentlich arbeiten. Also es miissen in Dornach etablierte Menschen
sein. Und diejenigen, die ich jetzt vorgeschlagen habe, wie gesagt, mich selbst,
Herrn Steffen als Stellvertreter, Frau Dr. Steiner, Frau Dr. Wegman als Schriftfiih-
rer, Fraulein Dr. Vreede, und Dr. Wachsmuth als Sekretar und Schatzmeister, das
wiirde dann der Vorstand sein, der von hier aus zu arbeiten hatte.
Nun aber fasse ich ja, wie ich einigen Freunden schon neulich im Haag gezeigt habe,
die Vorstandschaft so auf, dafi sie tatsachlich nicht nur auf dem Papiere steht, sondern
dafi sie mit aller Verantwortlichkeit auf dem Vorstandsplatze steht und die Gesell-
schaft reprasentiert. Deshalb werde ich bitten, dafi von morgen ab sich dieser provi-
sorische Vorstand bei jeder Gelegenheit eben hier den iibrigen Freunden gegeniiber
als Vorstand auch tatsachlich reprasentativ plaziert, so dafi die Sache wirklich so ist,
wie ich ja den Freunden im Haag klar gemacht habe : es kann nicht ohne eine gewisse
Form in einer ordentlichen Gesellschaft, die funktionieren soil, abgehen. Form mufi
vom Anfange an da sein. Ich bitte also, dafi das beriicksichtigt wird, dafi tatsachlich
hier so viele als zunachst provisorische Vorstandsmitglieder sind, Stiihle stehen und
diese Vorstandsmitglieder mit den Gesichtern gegen die iibrigen Mitglieder da sind,
so dafi man fortwahrend vor Augen hat, dafi das eben der Vorstand ist. Wenn einer
da sitzt, der andere dort, so kann man sie niemals zusammenkriegen, wenn man sie
braucht. Also es handelt sich darum, dafi nunmehr wirklich die Dinge als Wirklich-
keiten aufgenommen werden. Wie gesagt, es ist das blofi, weil ich haben wollte, dafi
wir von morgen ab schon einen Vorstand haben, deshalb habe ich diesen provisori-
schen Vorstand genannt. Die Begriindungen fur die Dinge, die schon in dem liegen,
was ich ja damit gesagt habe, die werde ich dann am Montag bei der Eroffnungsrede
ja noch bringen. Ebenso werde ich am Montag selber einen Statutenvorschlag ma-
chen - ich hoffe, die Statuten sind dann gedruckt der aus den jetzigen Bedingungen
heraus der Konstitution der Gesellschaft zu Grunde liegen soli.
Nun, meine lieben Freunde, damit habe ich nun zunachst dasjenige gesagt, was
mein Anliegen war beim Ausgangspunkte unserer Weihnachtstagung hier.»
Auch vor dem Abendvortrag am nachsten Tag, dem 23. Dezember 1923, kam er
nochmals darauf zu sprechen:
«Dann habe ich noch aus der Fiille desjenigen, was morgen wird verhandelt werden
miissen, nochmal mitzuteilen - was ich gestern am Schlusse mitteilte, weil ja das zu-
sammenhangt mit dem ganzen Arrangement unserer Delegiertenversammlung, das ja
schon vorbereket werden mufke, und das auch sozusagen vor dem Beginne schon ver-
waltet werden mufi -, ich habe noch zu erwahnen, dafi ich ja in der letzten Zeit wirk-
lich recht griindlich uberlegt habe, wie nun eigentlich die Anthroposophische Gesell-
schaft, wenn sie ihre Aufgabe erreichen soil, in der Zukunft gestaltet werden mufl.
Ich habe an einzelnen Orten immer wieder betont : die Anthroposophische Ge-
sellschaft soil zu Weihnachten hier eine bestimmte Gestalt erlangen, die ja entstehen
kann auf Grundlage desjenigen, was in den einzelnen Landergesellschaften zustande
gekommen ist. Ich habe nie gedacht, meine lieben Freunde, an eine blofi syntheti-
sche Zusammenfassung der Landergesellschaften. Da wiirden wir wiederum zu ei-
nem Abstraktum kommen. Wir miissen hier, wenn es iiberhaupt noch zu etwas
kommen soli mit dieser Anthroposophischen Gesellschaft, wir miissen hier tatsach-
lich eine ihre Existenzkrafte in sich selbst tragende Gesellschaft formen. Nach den
verschiedenen Erfahrungen, die ich da gemacht habe, nach all dem, was ich kennen-
gelernt habe, habe ich mich entschlossen, nun an der Formung der Gesellschaft
nicht nur so mitzuarbeiten, wie das in friiheren Zeiten geschehen ist, sondern tat-
sachlich intensiv und zentral an der Formierung dieser Gesellschaft mitzuarbeiten.
Ich werde daher morgen den Freunden einen Statutenentwurf vorlegen, der aus
dem engsten Kreise meiner Mitarbeiter in Dornach hier hervorgegangen ist, und ich
mochte eben schon heute ankiindigen, wie ich es ja gestern auch getan habe, dafi
ich, so schweren Herzens ich das auch tue, dennoch gegeniiber dem Verlauf, den die
anthroposophischen Gesellschaftsangelegenheiten genommen haben, nicht anders
kann, als Ihnen eben den Vorschlag zu machen, kiinftig die Leitung der Gesellschaft
so zu bilden, dafi ich selber diese Leitung als Vorsitzender der Gesellschaft, die hier
in Dornach gebildet wird, dafi ich selber diese Leitung habe. Und dann wird es
schon notwendig sein, dafi eben gerade diejenigen Mitarbeiter mir hier im engsten
Kreise zur Seite stehen, die schon bisher eigentlich in der Weise, wie ich es morgen
charakterisieren werde, an der Dornacher Arbeit so teilgenommen haben, dafi ich
mir gerade von der Fortsetzung dieser Arbeit die richtige Entwickelung der anthro-
posophischen Arbeit versprechen kann.
Und so habe ich selber den Vorschlag zu machen, dafi eben ich selber ausiibe den
Vorsitz der Anthroposophischen Gesellschaft, die hier begriindet wird, dafi dann
Herr Steffen mir zur Seite steht als Vorsitzender- Stellvertreter. Dann wiirde weiter
in diesem Vorstande sein Frau Dr. Steiner, dann weiter Frau Dr. Wegman als
Schriftfiihrer. Weiter wiirden drinnen sein in diesem engsten Arbeitsvorstand - es
soil eben ein Arbeitsvorstand sein - Fraulein Dr. Vreede und Dr. Guenther Wachs-
muth. Damit wiirden wir den Arbeitsvorstand haben, und es wiirde dann morgen
von mir in dem Eroffnungsvortrag zu rechtfertigen sein, warum gerade in dieser
Weise von mir gedacht werden mufi iiber die Begriindung und iiber den Fortgang
der Anthroposophischen Gesellschaft.
Es ist schon so, daft gegenwartig die Dinge sehr, sehr ernst, bitterernst genommen
werden miissen. Sonst miiftte eigentlich dennoch dasjenige eintreten, wovon ich ja
oftmals gesprochen habe, daft ich mich von der Anthroposophischen Gesellschaft
zuriickziehen miifite.»
Diese Vorschlage Rudolf Steiners wurden anderntags bei der Eroffnung der
Weihnachtstagung voll akzeptiert. Damit war die wichtigste Entscheidung fiir die
neue Anthroposophische Gesellschaft getroffen, die Rudolf Steiner nunmehr aus-
driicklich als allgemeine und nicht als Internationale Gesellschaft verstanden wissen
wollte (siehe Eroffnungsvortrag der Weihnachtstagung Dornach, 24. Dezember
1923, in GA 260, S. 41).
Die mit dem Weihnachtstagungs-Entschlufi Rudolf Steiners
verbundenen ideellen Ziele
Die wichtigsten ideellen Ziele, die durch die Neubildung der Anthroposophischen
Gesellschaft verwirklicht werden sollten, damit die Anthroposophie ihre wahre
Kulturaufgabe - dem durch die materielle Kultur geschaffenen Weltkorper die ihm
notwendige Seele zu bilden (S. 491) - erfullen konne, charakterisierte Rudolf Steiner
in seinen verschiedenen Ausfuhrungen (in diesem Band) dahingehend:
Voile Offentlichkeit fiir Gesellschaft und esoterische Schule als «Freie Hoch-
schule fur Geisteswissenschaft» unter gleichzeitiger Wahrung der fiir das Esote-
rische notwendigen Lebensbedingungen.
Voile Offentlichkeit der Publikationen.
Mit allem Vereinsmaftigen zu brechen und alles auf das rein Menschliche zu stellen.
Ein Gemeinschaftsbewufksein als notwendige Tragekraft fiir umfassende Geist-
Erkenntnisse, insbesondere auf dem Gebiet von Reinkarnation und Karma, zu
entwickeln.
Durch die voile Offentlichkeit sollte die Gesellschaft zur modernsten esoterischen
Gesellschaft der Welt werden und der esoterische Impuls bis in die ganze Verfassung
hinein in Erscheinung treten (S. 209). Darum wurde die Gesellschaft nunmehr als
vollig offentlich konstituiert, und die vordem nur fur Mitglieder erhaltlich gewesenen
Manuskriptdrucke von Rudolf Steiners Vortragszyklen wurden freigegeben. Auch
die neue esoterische Schule als «Freie Hochschule fur Geisteswissenschaft» mit ihren
drei Klassen und den verschiedenen wissenschaftlichen und kiinstlerischen Sektio-
nen sollte in keiner Weise «den Charakter einer Geheimgesellschaft tragen», denn
«Geheimgesellschaften sind heute nicht moglich, die heutige Zeit verlangt etwas an-
deres» (S. 127). Nicht nur, daft sie als «Zentrum des Wirkens» in den Statuten der
Gesellschaft (§ 5) verankert und den Mitgliedern das Recht zuerkannt wurde, sich
um Aufnahme bewerben zu konnen, sondern Rudolf Steiner wollte auch dafiir sor-
gen, «daft man immer wissen wird, im weitesten Umfange, was sie tut» (S. 127 f.). Ein
erster Schritt in diese Richtung war, daft Rudolf Steiner iiber den Inhalt von Vor-
tragen, die er fiir den «allgemein anthroposophischen Teil der Freien Hochschule»
innerhalb deren erster Klasse gehalten hatte, im allgemeinen Nachrichtenblatt fiir
die Mitglieder berichtete (S. 202) und dazu bemerkte: «In diesen Andeutungen soli
zunachst das esoterische Wirken der Freien Hochschule charakterisiert werden. (. . .)
Was hier exoterisch gesagt ist, das wird in der Schule esoterisch entmckelt.» Ande-
rerseits wurde denen, die in die «Freie Hochschule fiir Geisteswissenschaft» eintre-
ten wollten, dringlich ans Herz gelegt, zu bedenken, dafi von ihnen verlangt werden
musse, daft sie, wo sie auch im Leben stehen, wirkliche Reprasentanten der anthro-
posophischen Sache sein mufiten. Dies sei keine Beschrankung der Freiheit. Die Lei-
tung der Schule musse ebenso frei sein konnen, an wen sie ihre Arbeiten mitteilen
will, wie diejenigen frei sein miissen, die diese Arbeiten empfangen. Der Hinweis
auf die in der kurzen Zeit ihres Bestehens erfolgten neunzehn Ausschliefiungen sollte
zeigen, wie ernst Rudolf Steiner die Forderungen dieses freien Vertragsverhaltnisses
genommen wissen wollte (S. 374f.).
Die Auswirkungen von Rudolf Steiners Weihnachtstagungs-Entschluft
auf ihn persdnlich
Die schweren Hindernisse, die sich Rudolf Steiners Zukunftswillen entgegenstellten,
begannen noch wahrend der Weihnachtstagung, die zwar von der gesamten Mit-
gliedschaft mit grofiter Begeisterung getragen wurde, doch zugleich, wie Marie Stei-
ner schreibt, mit «einer unendlichen Tragik» verbunden war, denn «am letzten jener
Tage, dem 1. Januar 1924, erkrankte er schwer und ganz plotzlich. Es war wie ein
Schwerthieb, der sein Leben traf bei jener geselligen Zusammenkunft, die verbun-
den war mit einer Teebewirtung und dazugehorigen Zutaten, auf dem Programm
als <Rout> verzeichnet.» (Vorwort zu «Die Weihnachtstagung . . .», GA 260).
Diese von Marie Steiner mehrfach dokumentierte Vergiftungsattacke (S. 589) mufi
wohl zu dem Risiko gerechnet werden, das Rudolf Steiner mit seinem Entschlufi
eingegangen war, anthroposophische Bewegung und Gesellschaft miteinander zu
vereinen, dadurch, dafi er selbst die Leitung der neuen Gesellschaft iibernommen
hatte. Uberall, wo er von der Weihnachtstagung an bis zu seiner schweren Erkran-
kung im September 1924 Vortrage fur die Mitglieder der Anthroposophischen Ge-
sellschaft gehalten hat, bezeichnete er diesen Entschlufi nicht nur als den «denkbar
schwierigsten» (S. 382), sondern sogar als ein «Wagnis», insbesondere auch gegeniiber
der geistigen Welt (S. 236). Denn er habe nicht gewufk, wie jene geistigen Machte,
die in der geistigen Welt die anthroposophische Bewegung lenken und denen es
«einzig und allein obliegt, zu entscheiden dariiber, in welcher Weise die anthroposo-
phische Bewegung gefiihrt werden soll» (S. 364), sich zu seinem Entschlufi stellen
wiirden. Es hatte durchaus sein konnen, dafi dadurch diese geistigen Machte ihre
Hande abgezogen hatten, so dafi der Fortgang der geistigen Offenbarungen in Frage
gestellt gewesen ware. Jedoch sei das Gegenteil eingetreten: die geistigen Offen-
barungen, «auf die wir doch durchaus angewiesen sind, wenn es sich um Verbrei-
tung der Anthroposophie handelt», seien sogar noch starker geworden. Es liege aber
auch «ein Versprechen» gegeniiber der geistigen Welt vor, das «in unverbruchlicher
Weise» erfullt werde. Man werde sehen, dafi «in der Zukunft die Dinge geschehen
werden, wie sie der geistigen Welt gegeniiber versprochen wurden» (S. 236, 325, 371,
382). Die fur ihn daraus folgenden Konsequenzen hat er einmal dahingehend ange-
deutet, dafi er dasjenige, was im Zusammenhang mit der Leitung geschieht, hinauftra-
gen mujR in die geistige Welt, «um nicht nur eine Verantwortung zu erfullen inner-
halb von irgend etwas, was hier auf dem physischen Plane ist, sondern eine Verant-
wortung, die durchaus hinaufgeht in die geistigen Welten». Darum sollte bedacht
werden, welche Schwierigkeiten ihm erwachsen miissen, wenn er «zuweilen mitzu-
bringen hat mit dem, was er zu verantworten hat, das, was aus den personlichen Aspi-
rationen der teilnehmenden Menschen kommt», denn das bewirke die «schauderhaf-
testen Riickschlage» (Dornach, 3. Mai 1924, siehe Beilage S. 18). Wenige Wochen spa-
ter fiel noch die Aulterung, daft «sehr starke gegnerische, damonische Machte gegen
die anthroposophische Bewegung anstiirmen», dafi aber doch zu hoffen sei, da!5 durch
die «Krafte des Biindnisses», das durch die Weihnachtstagung mit den guten geistigen
Kraften geschlossen werden durfte, diese gegnerischen Krafte auf geistigem Gebiete,
die sich, um ihre Wirkungen zu erzielen, «doch der Menschen auf Erden bedienen»,
aus dem Felde geschlagen werden konnen (Paris, 23. Mai 1924, siehe S. 236).
Dies gehort wohl zu den Hintergriinden von Marie Steiners Wort, dafi Rudolf
Steiner durch seinen Weihnachtstagungsentschluft das Karma der Gesellschaft auf
sich genommen habe, was seinen friihen Tod bewirkte:
«Er nahm ihr Karma auf sich. Er hat keine weitere Weihnachtstagung mehr leiten
konnen. Nach einem Jahr und drei Monaten war er von uns gegangen.
Inzwischen aber hat er uns das gegeben, was, wenn es richtig verstanden und gelebt
wird, weltumwandelnd, seelenneuschaffend, geistschopferisch wirken kann. Wenn
es richtig gelebt wird, mit dem Ernst, um den er bat und mit dem reinen Herzen. Er
hat von uns gehen miissen. Was aus der Gesellschaft wird, liegt in deren Gruppen-
seelenerkenntnis. Die Gesamtheit wird den Ausschiag geben. Eines wird sie geleistet
haben, wie es auch ausgehen mag, ob aufwarts oder abwarts: sie ist die Briicke gewe-
sen, die sich, der griinen Schlange im Marchen gleichl), iiber den Abgrund geworfen
hat, in dem die Menschheit zu versinken drohte; die Menschheit wird iiber sie hin-
wegschreiten konnen zum jensekigen Ufer. Sie wird dort in Empfang nehmen das,
was Rudolf Steiner als Vermachtnis zuriickgelassen hat. Auch die Fehler der Gesell-
schaft werden gesiihnt sein durch seinen Tod. Er durfte ihr so viel geben, weil er fur
sie und fur die Menschheit hat sterben wollen, damit er es geben konne.»2)
Die konstitutionellen Auswirkungen von Rudolf Steiners
Weihnachtstagungs-Entschlufi
Nach Abschlufi der Weihnachtstagung ging Rudolf Steiner daran, die Verwaltung
der Anthroposophischen Gesellschaft und der bestehenden Institutionen neu zu ge-
stalten, immer in dem Sinne, dafi er nunmehr fur alles personlich die Verantwortung
tragen wolle. Eindeutig bringt er dies noch auf seinem Krankenlager in seinem Brief
1) Gemeint ist das Goethesche «Marchen von der griinen Schlange und der schonen Lilie».
2) Marie Steiner in ihrem Vorwort zur 1. Auflage der Vortrage «Die karmischen Zusammen-
hange der anthroposophischen Bewegung*, Dornach 1926, wieder abgedruckt in «Nach-
richten der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung» Nr. 23, Weihnachten 1968,
vom 31. Dezember 1924 an Felix Heinemann zum Ausdruck: «Das ganze Gefuge
der Goetheanum- Verwaltung muI5 nun einmal so bleiben, wie es jetzt ist . . . Insbe-
sondere mufi die finanzielle Verwaltung ganz dieselbe Gestalt behalten, das heifit,
durch mich allein besorgt werden. Anders konnte ich nicht arbeiten» (S. 567). Und
in seinem Vortrag am 12. April 1924 in Dornach hatte er gesagt: «Denn natiirlich
muf5 ja die Anthroposophische Gesellschaft etwas ganz anderes sein, wenn sie von
mir geleitet wird oder wenn sie von jemandem anderem geleitet wird.» An alien
Orten, wo er iiber die Bedingungen der Weihnachtstagung sprach (siehe S. 163ff.),
wies er auch auf die Tatsache hin, wie nur dadurch, da$ er personlich den ersten
Vorsitz iibernommen hat, die spirituelle Stromung «anthroposophische Bewegung»
mit der Anthroposophischen Gesellschaft verbunden ist. So sagte er zum Beispiel in
England (Torquay, 12. August 1924): «Ich habe es ja oftmals, bevor diese Weih-
nachtstagung am Goetheanum war, betonen miissen, daft man zu unterscheiden
habe zwischen der anthroposophischen Bewegung, die eine spirituelle Stromung
in ihrer Spiegelung auf Erden darlebt, und zwischen der Anthroposophischen Ge-
sellschaft, die eben eine Gesellschaft ist, die in einer auflerlichen Weise verwaltet
wurde, indem man ihre Funktionare wahlte oder auf eine andere Weise bestimmte.
Seit Weihnachten mufi das Gegenteil gesagt werden. Nicht mehr kann man unter-
scheiden die anthroposophische Bewegung von der Anthroposophischen Gesell-
schaft. Sie sind beide eins : Denn damit, dafi ich selber Vorsitzender der Gesellschaft
geworden bin, ist die anthroposophische Bewegung eins geworden mit der Anthro-
posophischen Gesellschaft.»
Schritt fur Schritt erfolgte nun auch die Ordnung der Verwaltung des Goethe-
anum-Gefuges, die bei dem schon bald eingetretenen Tod Rudolf Steiners aber
durchaus noch nicht abgeschlossen war. Die wesentlichste Form der bis dahin ge-
schaffenen neuen Organisation, die nur durch seinen Tod zu einer endgultigen ge-
worden ist, wurde von ihm bei der 3. aufierordentlichen Generalversammlung des
«Vereins des Goetheanum» am 29. Juni 1924 festgelegt. Dieser Verein hatte zur Er-
fullung seiner Aufgabe eine statuarisch festgesetzte, kleine Anzahl «ordentlichen>
Mitglieder, welche allein stimmberechtigt waren. Dieser Zusammenkunft war vor-
ausgegangen, dafi im April das Bauprojekt des neuen Goetheanums von der Ge-
meinde Dornach angenommen und am 21. Mai von Rudolf Steiner personlich dem
Baudepartement in Solothurn eingereicht worden war. Nach seinen sich unmittel-
bar hieran anschliefienden Aufenthalten in Paris, Koberwitz und Breslau wurde in
der Wochenschrift «Das Goetheanum» und im «Nachrichtenblatt» vom 22. Juni
1924 zur 3. aufierordentlichen Generalversammlung des «Vereins des Goetheanum»
eingeladen. In dieser Versammlung, die am Sonntag, dem 29. Juni, stattgefunden
hat, wies nun Rudolf Steiner darauf hin, dafS sich aufgrund der ganzen Entwicklung
die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft, die noch als Verein einzutragen
ist, in die folgenden vier Unterabteilungen gliedern soil:
1. Anthroposophische Gesellschaft im engeren Sinne
2. Philosophisch-Anthroposophischer Verlag
3. Verein des Goetheanum
4. Klinisch-Therapeutisches Institut.
Im Verlauf dieser Versammlung wurde durch Rudolf Steiner zunachst der Vor-
stand des «Vereins des Goetheanum» so umgebildet, da!5 er auch in ihm den ersten
Vorsitz iibernahm und Dr. Emil Grosheintz, der bisherige erste Vorsitzende, den
zweiten Vorsitz. Gleichzeitig wurden die iibrigen fiinf Vorstandsmitglieder des an
der Weihnachtstagung gebildeten Vorstandes der Anthroposophischen Gesellschaft
sowie die bisherigen Vorstandsmitglieder des «Vereins des Goetheanum» in diesen
Vorstand aufgenommen. Die Statuten wurden abgeandert, weil nunmehr die Ein-
tragung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft in das Handelsregister
erfolgen sollte. Hierfur kamen nicht die Statuten der Weihnachtstagung in Betracht,
die dann spater laut Dr. Guenther Wachsmuth «auf ausdriickliche Angabe Dr. Stei-
ners die Bezeichnung <Prinzipien> erhielten» (Nachrichtenblatt 1935, Nr. 20). Ein
erster Entwurf von Statuten fur das Handelsregister tragt das Datum vom 3. August
1924. Er liegt in der Handschrift der Schriftfiihrerin Dr. Ita Wegman vor mit hand-
schriftlichen Korrekturen bzw. Erganzungen Rudolf Steiners (S. 548 f.). Laut zwei
Entwiirfen Rudolf Steiners vom 2. August fur eine Bevollmachtigung von Dr. Ita
Wegman war eine «Grundungsversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft*
fur diesen 3. August vorgesehen (Beilage S. 30). Wie der Rechnung von Amtsschrei-
ber Altermatt vom 3. Marz 1925 (Beilage S. 31) zu entnehmen ist, hat am 3. August
1924 offensichtlich eine «Generalversammlung» stattgefunden, an der dieser als Ur-
kundsperson und Protokollfuhrer teilgenommen hat. Uber den Verlauf undetwaige
Beschliisse dieser Versammlung liegen jedoch keinerlei Unterlagen vor; auch das
Handelsregister weist keine Eintragungen auf (Beilage S. 58 f.).
Standen die Beschliisse vom 29. Juni 1924 noch ganz im Zeichen einer Neukon-
stituierung des «Vereins des Goetheanum, der Freien Hochschule fur Geisteswissen-
schaft in Dornach» als Unterabteilung der noch in das Handelsregister einzutragen-
den Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft, so ging es im Statutenentwurf
vom 3. August 1924 um diese selbst. Was Rudolf Steiner in seinen einfuhrenden
Worten am 29. Juni ausgefuhrt hatte, namlich «dafi aus dem ganzen Geist der An-
throposophischen Gesellschaft heraus, wie sie jetzt besteht, diese Anthroposophi-
sche Gesellschaft als der eigentlich eingetragene, handelsregisterlich eingetragene
Verein fungiert» (S. 503), sollte nun in eine rechtlich verbindliche Form gebracht
werden (S. 548 f.). In § 2 des Statute nentwurfs vom 3. August werden jene vier Un-
terabteilungen aufgefuhrt, von denen Rudolf Steiner am 29. Juni gesprochen hat.
Auch die fur die Unterabteilung «Verein des Goetheanum» getroffene Unterschei-
dung zwischen ordentlichen und aufierordentlichen Mitgliedern findet Eingang in
den Entwurf vom 3. August (vgl. § 4), In gleicher Weise verhalt es sich hinsichtlich
der Berufung der ordentlichen Mitglieder, die, so § 5, durch den Vorstand erfolgt.
DaU es am 3. August 1924 zu keinerlei BeschlufSfassung und auch nicht zur beab-
sichtigten Eintragung in das Handelsregister gekommen war, h'angt moglicherweise
damit zusammen, dafi sich inzwischen herausgestellt hat, dafi das Vorhaben, den
« Verein des Goetheanum» - der ja noch der rechtmafiige Vermogenstrager war - als
Unterabteilung der noch einzutragenden Allgemeinen Anthroposophischen Gesell-
schaft zu fiihren, nicht realisierbar war, da eine Ubertragung der hohen Vermogens-
werte dieses Vereins auf den Verein Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft
mit hohen Handanderungskosten verbunden gewesen ware (so auch iiberliefert
durch den Architekten Ernst Aisenpreis). Offensichtlich ist, daft es zu einer Losung
der Probleme im Sommer und Friihherbst 1924 nicht mehr gekommen ist, da
Rudolf Steiner wenige Tage spater nach England reiste und nach seiner Riickkehr,
Anfang September, aufgrund mehrerer zum Teil parallellaufender Fachkurse
aufs hochste beansprucht war. Der Beginn seines Krankenlagers, Ende September,
machte weitere Schritte zunachst unmoglich.
Wie einer Notiz Rudolf Steiners (siehe Beilage S. 43) zu entnehmen ist, hatte er
zwischenzeitlich einen Brief von Amtsschreiber Altermatt erhalten, in dem dieser
um ein Gesprach iiber die «Grixndung der Anthroposophischen Gesellschaft» nach-
suchte. Es miissen wohl einige Monate vergangen sein, ehe die Verhandlungen
wieder aufgenommen worden waren. So berichtete Guenther Wachsmuth auf den
Generalversammlungen der Jahre 1934 und 1935 iiber die mit der Eintragung der
Statuten verbundenen Umstande (It. Protokoll) folgendes:
«1925, als Dr. Steiner schon krank darniederlag, da mufite ich die Eintragung be-
hordlicherseits besorgen. Innert Jahresfrist muftte die Eintragung ins Handelsregi-
ster mdglichst erfolgt sein. Damals bin ich hinuntergegangen zu einem Amtsschrei-
ber in Dornach. Es war nicht sehr leicht, mit ihm die Statuten einer Anthroposo-
phischen Gesellschaft zu besprechen. Nicht, daft er nicht aufterordentlich willig ge-
wesen ware, aber es war nicht sehr einfach, ihm die Gesichtspunkte klar zu machen.
Aber da er nicht mehr unter den Lebenden weilt, mochte ich da nicht weiter dar-
iiber sprechen. Aber diese Statuten, wie sie dann entstanden, kamen dabei so unvoll-
kommen und unadaquat zu den Prinzipien heraus, daft Dr. Steiner sagte: Ja, diese
Statuten sind eben nicht das, was wir wollen; man wird sie eben langsam andern
miissen, und fur uns sind eben die Prinzipien das Maftgebende.»
Und 1935 fiihrte er dariiber folgendes aus:
« Als die Statuten eingetragen werden sollten, war Dr. Steiner bereits krank. Er be-
auftragte Dr. Wachsmuth, die Verhandlungen mit dem Registerbeamten zu fuhren.
Dr. Wachsmuth legte Anderungsvorschlage des Registerbeamten Dr. Steiner vor.
Mit einigen Punkten in der Art der Formulierung war Dr. Steiner noch nicht einver-
standen. Er veranlafite aber dennoch die Eintragung mit der Bemerkung, daft man
von Zeit zu Zeit die Moglichkeit habe, Anderungen vorzunehmen.» (Nachrichten-
blatt 1935, Nr. 20).
Am 8. Februar 1925 war es schlieftlich so weit, daft auf der 4. aufterordentlichen
Generalversammlung des «Vereins des Goetheanum», die ohne Rudolf Steiner
stattfinden muftte, die neuen Statuten verabschiedet werden konnten. Diese spie-
geln einerseits wider, was bereits am 29. Juni und im Entwurf vom 3. August
1924 Gegenstand der Verhandlungen war bzw. werden sollte. Andererseits ent-
halten sie grundlegende Neuerungen: So erscheint die Allgemeine Anthroposo-
phische Gesellschaft in § 1 als Rechtsnachfolgerin des «Vereins des Goetheanum».
Ferner wurde die im Statutenentwurf vom 3. August festgehaltene Unterschei-
dung in «leitende (ordentliche)» und «teilnehmende (aufierordentliche)» Mitglie-
der abgeandert in «ordentliche» und «beitragende» Mitglieder. Wahrend vormals
die ordentlichen Mitglieder, die ja eine leitende Funktion innehatten, allein
durch den Vorstand berufen wurden, kann jetzt die Mitgliedschaft auf eine schrift-
liche Anmeldung hin erworben werden. Auch der Gesichtspunkt, daft in den
Statuten vom 29. Juni (§ 10) nur die ordentJichen Mitglieder stimmberechtigt
waren, fiel nun weg.
Mit den Beschliissen vom 8. Februar 1925, insbesondere durch die Veranderun-
gen gegeniiber den Statuten vom 29. Juni und dem Statutenentwurf vom 3. August
1924, war eine Situation geschaffen, die tiefgreifende Veranderungen des gesamten
Gesellschaftsgefiiges zur Folge hatte. Mogliche, weiterreichende Konsequenzen, die
aus den Vorgangen vom 8. Februar abgeleitet werden konnen, hat Albert Steffen
am 9. Februar in seinem Tagebuch so festgehalten: «Am 8. Februar war die Eintra-
gung ins Handelsregister. Jedes Mitglied hat jetzt Stimmrecht. Die Gesellschaft
kann sagen: Kein Bau! Keine Klinik. Ein anderer Vorstand etc.»l)
Am 3. Marz 1925 erfolgte die Eintragung in das Handelsregister und am 7. und
11. Marz die Publikation im «Schweizerischen Handelsamtsblatt». Der im Handels-
register eingetragene Wortlaut entspricht dem der von Amtsschreiber Altermatt
verfaiiten «Anmeldung fur das Handelsregister* (S. 564 ff.). Entgegen dem Wortlaut
des Protokolls der Versammlung vom 8. Februar, wo es unter § 1 der Statuten
heifit: «Unter dem Namen Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft besteht als
Rechtsnachfolgerin des Vereins des Goetheanums, der Freien Hochschule fiir Gei-
steswissenschaft in Dornach, ein Verein . . .», heilk es im Handelsregister «Der Name
des Vereins wird abgeandert in < Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft > . . .».
Mit dieserNamensanderungsollte offensichtlich das mit den hohen Handanderungs-
kosten verbundene Problem gelost werden.
Im «Nachrichtenblatt» vom 22. Marz 1925 erschien unter der Uberschrift «Mit-
teilungen des Vorstandes» ein Bericht iiber die Versammlung vom 8. Februar, in
dem die Mitglieder von den dort getroffenen Beschliissen unterrichtet wurden. Hier
wird nun erstmals naher charakterisiert, wer zu den «ordentlichen» Mitgliedern zu
zahlen ist. Wortlich heifit es: «Es werden in Zukunft die Mitglieder der <Allgemei-
nen Anthroposophischen Gesellschaft> sein: a) <ordentliche Mitglieder> (dies sind
alle Mitglieder der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft)» (S. 570).
Um nun auch auf der neuen Grundlage die Kontinuitat in der Goetheanumbau-
Verwaltung aufrechtzuerhalten, wandte sich Rudolf Steiner in einem Brief vom
19. Marz 1925, also wenige Tage vor seinem Tode, an sieben Schweizer Mitglieder,
von denen fiinf zu den bisherigen «ordentlichen» Mitgliedern des «Vereins des Goe-
theanum» gehorten, um sie «in die Leitung der Administration des Goetheanum-
Baues», der 3. Unterabteilung, welche die Aufgaben des bisherigen « Vereins des
Goetheanum» ubernehmen sollte, zu berufen. Obgleich diese bereit waren, im Sinne
der Intentionen Rudolf Steiners tatig zu werden, konnten sie ihr Amt nicht ausiiben,
da die ihnen zugedachten Aufgaben nach dem Tod Rudolf Steiners vom Vorstand
der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft im Zusammenhang mit einem
Schatzkomitee ubernommen wurden.
Die Frage, welche weiteren oder gar endgultigen Formen fur die Arbeit der All-
gemeinen Anthroposophischen Gesellschaft noch entwickelt worden waren, insbe-
sondere da ja Rudolf Steiner die innere und auftere Leitung ganz auf seine Person ab-
gestellt hatte, mufi offenbleiben. Entsprechende Anweisungen fur die Zeit nach sei-
nem Tode hat er bewufit nicht gegeben (S. 694). Eine liickenlose Rekonstruktion
1) Wiedergabe mit Genehmigung der Albert Steffen Stiftung.
der Vorgange seit der Weihnachtstagung bis zum Marz 1925 ist heute, obwohl seit
der ersten Auflage des vorliegenden Bandes im Jahre 1966 verschiedene neue Doku-
mente aufgefunden wurden, noch nicht moglich. Denn es fehlen einerseits immer
noch wichtige Unterlagen (zum Beispiel das Protokoll vom 3. August, der Brief von
Altermatt und weitere Korrespondenzen zu den mit der handelsregisterlichen Ein-
tragung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft verbundenen Proble-
men), andererseits liegen von den damals unmittelbar Beteiligten keine entsprechend
aussagekraftigen Verlautbarungen, Dokumente usw. vor.
***
Die neu aufgefundenen Dokumente, von denen einige freundlicherweise vom
Goetheanum zur Verfiigung gestellt wurden, beziehen sich auf die Neuordnung des
Verhaltnisses der verschiedenen in Frage kommenden Institutionen zueinander
(Anthroposophische Gesellschaft, Philosophisch-Anthroposophischer Verlag, Ver-
ein des Goetheanum, Klinisch-Therapeutisches Institut) und sind in der «Beilage»
zur zweiten Auflage abgedruckt. In den Hinweisen zu dieser Beilage wird ihr inhalt-
licher und zeitlicher Bezug mit den im Band wiedergegebenen Ausfuhrungen
Rudolf Steiners hergestellt. Im Band selbst ist an den jeweils in Frage kommenden
Stellen auf ihre chronologische Einordnung hingewiesen.
Erganzend zur geschichtlichen Entwicklung der Jahre 1924/ 25 ist noch anzu-
fiigen, dafi die Immobilien des Klinisch-Therapeutischen Instituts mit Kaufvertrag
vom 5. September 1924, auf der Basis der Vertrage vom 29. und 30. Juni 1924,
durch den «Verein des Goetheanum* erworben und somit dem Verein Allgemeine
Anthroposophische Gesellschaft eingegliedert wurden (siehe Beilage S. 34 ff.).
1931 wurden sie an den Klinik- Verein zuriickverkauft.
Den Philosophisch-Anthroposophischen Verlag iibertrug Marie Steiner, als des-
sen Eigentiimerin, nach dem Tode Rudolf Steiners durch Vertrag vom 16. Dezem-
ber 1925 auf die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft in der Form, dafi sie
sich bis zu ihrem Tode die unbeschrankte Leitung und voile Nutzniefiung vorbe-
hielt und die Kaufsumme erst nach ihrem Tode fallig stellte.
Die Ordnung der nicht zum engeren Goetheanum-Gefuge gehorigen Institutio-
nen, also der Futurum AG Dornach, der Internationalen Laboratorien AG (Weleda)
Arlesheim, und der Kommende Tag AG Stuttgart, erfolgte in der Art, wie dies aus
den Protokollen vom 24. und 25. Marz sowie vom 15. Juli 1924 mit den entspre-
chenden Vertragen ersichtlich ist.
Der vorliegende Band umfafk somit alle vorliegenden schriftlichen und mundli-
chen Ausfuhrungen Rudolf Steiners iiber die durch die Weihnachtstagung 1923/24
eingeleiteten Intentionen und Mafinahmen zur Neugestaltung der Anthroposophi-
schen Gesellschaft. Durch die «Chronik 1924-1925» (S. 587-698) werden diese
Dokumente mit dem ganzen Strom seiner iibrigen immensen bis zu seinem Tod
wahrenden anthroposophischen Tatigkeit verbunden.
Hella Wiesberger
I
I
Die Neugestaltung
der Anthroposophischen Gesellschaft
durch die Weihnachtstagung 1923
Zu Rudolf Steiners Schreibweise von (Allgemeine) Anthroposophische Gesellschaft
Fiir die 2. Auflage von 1987 wurden die von Rudolf Steiner verfafiten Texte, die im
«Nachrichtenblatt» abgedruckt und als Vorlage fiir den Druck in der Gesamtausgabe
gedient hatten, mit den vorhandenen handschriftlichen Manuskripten verglichen
(im Inhalt mit ° bezeichnet).
Rudolf Steiner verwendete im allgemeinen in den Titeln die Schreibweise (Allge-
meine) Anthroposophische Gesellschaft, im laufenden Text (allgemeine) anthropo-
sophische Gesellschaft.
Die Schreibweisen im «Nachrichtenblatt» folgen nicht immer der in den hand-
schriftlichen Manuskripten verwendeten, obwohl zu erkennen ist, dafi Rudolf Stei-
ner seine Artikel vor dem Druck selbst durchgelesen und korrigiert haben mufi,
weil an vielen Stellen noch stilistische und sachliche Korrekturen vorgenommen
wurden.
Auch die Vorstandsmitteilungen im «Nachrichtenblatt» 1924 verwendeten keine
einheitliche Schreibweise:
AG 20.1. / 23.3. / 4., 25.5. / 8.6. / 17.8.
a G 3., 17., 24.2. / 9.3.
A AG 24.2. / 30.11.
a AG 13.1. / 24.2.
Zu bemerken ist ferner, dafi die fiinf von Rudolf Steiner konzipierten offiziellen
Schriftstiicke der Gesellschaft: 1. Mitgliedskarte (Beilage S. 9), 2. Kopf fiir das «Nach-
richtenblatt» (Beilage S. 10/11), 3. Aufnahme-Antrags-Formular (Beilage S. 12),
4. Statuten (Beilage S. 13), 5. Briefkopf (Band S. 495) alle auf «Anthroposophische
Gesellschaft* lauten.
Aus diesen Griinden wurde auf eine Korrektur der bestehenden Schreibweise im
Band verzichtet.
Nachrichtenblatt, 13. Januar 1924
DIE BILDUNG DER ALLGEMEINEN ANTHROPOSOPHISCHEN
GE SELLS CH AFT DURCH DIE WEIHNACHTSTAGUNG I923
Der Anthroposophischen Gesellsdiaft eine Form zu geben, wie sie die
anthroposophische Bewegung zu ihrer Pflege braucht, das war mit der
eben beendeten Weihnachtstagung am Goetheanum beabsichtigt. Eine
sokhe Gesellsdiaft kann nicht abstrakte Richtlinien oder Statuten
ha'ben. Denn ihre Grundlage ist gegeben in den Einsichten in die gei-
stige Welt, die als Anthroposophie vorliegen. In diesen findet schon bis
heute eine grofie Zahl von Mensdien eine sie befriedigende Anregung
fiir ihre geistigen Ideale. Und in idem Gesellschaftszusammenhange mit
andern in dieser Richtung gleichgesinnten Mensdien liegt, was die Seelen
brauchen. Denn im gegenseitigen Geben und Nehmen auf geistigem
Gebiete entwickelt sich das wahre Wesen des Menschenlebens. Deshalb
ist es naturgemaiS, daiS Mensdien, die Anthroposophie in ihren Lebens-
inhalt aufnehmen wollen, sie durdi eine Gesellsdiaft pflegen mochten.
Aber wenn audi Anthroposophie zunachst ihre Wurzeln in den schon
gewonnenen Einsichten in die geistige Welt hat, so sind das doch nur
ihre Wurzeln. Ihre Zweige, ihre Blatter, Bluten und Fruchte wachsen
hinein in alle Felder des menschlichen Lebens und Tuns. Sie ruft mit
den Gedanken, die Wesen und Gesetze des geistigen Daseins offen-
baren, in die Tiefen der sdiaffenden Menschenseele hinein: und deren
kiinstlerische Krafte werden durch den Ruf hervorgelockt. Die Kunst
erhalt allseitige Anregungen. - Sie lafit die Warme, die von der Auf-
schau zum Geistigen ausstromt, in die Herzen fliefien: und der religiose
Sinn erwacht in wahrer Hingabe an das Gottliche in der Welt. Die
Religion erhalt eine tiefe Verinnerlichung. - Sie ofFnet ihre Quellen,
und der liebegetragene Menschenwille kann aus ihnen schopfen. Sie
macht die Menschenliebe lebendig und wird damit schaffend in Im-
pulsen des sittlichen Handelns und der echten sozialen Lebenspraxis. -
Sie befruchtet den Blick in die Natur durch die treibenden Samen der
Geistesschau und macht dadurch aus dem blofSen Naturwissen wahre
Naturerkenntnis.
Durdi all das erzeugt die Anthroposophie eine Fiille von Lebensauf-
gaben. In die weiteren Kreise des Menschenlebens konnen diese Auf-
gaben nur gelangen, wenn sie von der Pflege in einer Gesellschaft ihren
Ausgangspunkt nehmen.
Die Leitung des Goetheanums in Dornach hat an diejenigen Persdn-
lichkeiten, die der Meinung sind, dafi die an diesem Goetheanum ge-
pflegte Anthroposophie den charakterisierten Aufgaben zu entsprechen
sucht, den Ruf gerichtet, in einer Weihnachtstagung die schon seit lange
bestehenden Versuche zur Bildung von anthroposophisdien Gesell-
schaften in einer befriedigenden Weise zum AbschlufS zu bringen.
Der Ruf ist in einer gar nicht zu erwartenden Weise erhort worden.
Sieben- bis adithundert Menschen erschienen zur «Grundsteinlegung»
der «Allgemeinen Anthroposophisdien Gesellschafl». Was sie getan
haben, soil in dieser Beilage zum «Goetheanum» nach und nach ge-
schildert werden.
Die ErofTnung und Leitung der Versammlungen oblag mir. - Und
sie wurde meinem Herzen leicht - diese Eroffnung. Neben mir safi der
Schweizer Dichter Albert StefFen. Die versammelten Anthroposophen
sahen mit dankerfullter Seele zu ihm hin. Auf Schweizer Boden hatten
sie sich zur Bildung der Anthroposophischen Gesellschaft versammelt.
Der Schweiz verdanken sie in Albert Steffen seit langer Zeit ein fuh-
rendes Mitglied, zu dem sie mit wahrer Begeisterung aufschauen. Ich
hatte in ihm die Schweiz in einem ihrer edelsten Sohne vor mir; ihm
und unseren schweizerischen Freunden herzlichsten Gruft zu sagen,
war mein erstes Wort - und das zweite die Aufforderung an ihn, der
Versammlung den Anfang zu geben.
Es war ein tiefergreifender Anfang. Albert StefFen, der wunderbare
Maler in Worten, der dichterische Bildgestalter sprach. Man horte ihn
und sah seelengewaltige Bilder wie Visionen vor sich.
Die Grundsteinlegung des Goetheanums von 19 13 stand da vor dem
Seelenauge. Ich kann nicht Worte finden, zu sagen, wie es mir urn die
Seele war, als ich diesen Vorgang, bei dem ich vor zehn Jahren wirken
durfte, in dem StefFenschen Gemalde wieder vor mir sah.
Die Arbeit am Goetheanum, in der sich hunderte von hingebungs-
vollen Handen regten, und bei der hunderte von begeisterten Herzen
schlugen, zauberten kiinstlerisch vollendet gepragte Worte vor den
Gekt.
Und - der Brand des Goetheanums: die ganze Tragik, der Schmerz
Tausender, sie erzitterten, als Albert Steff en zu uns sprach.
Und dann - im Vordergrunde eines weiteren Bildes: das Wesen der
Anthroposophie selbst in der Verklarung durch die Dichterseele Albert
Steffens — im Hintergrunde deren Feinde, nicht getadelt, aber mit
gestaltender Kraft einfach hingestellt.
«Zehn Jahre Goetheanum» ; Albert Steffens Worte dariiber drangen
tief - man empfand es - in die Herzen der Versammelten.
Nadi diesem so wttrdigen Auftakt kam es mir zu, von der Form zu
sprechen, die nunmehr die Anthroposophische Gesellsdiaft wird anneh-
men miissen.
Was an die Stelle eines gewohnlichen Statuts zu treten habe, war zu
sagen. Eine Beschreibung dessen, was Mensdien in einem rein mensch-
lichen Lebenszusammenhang - als Anthroposophische Gesellsdiaft -
vollbringen mochten, solle an die Stelle eines solchen «Statuts» treten.
Am Goetheanum, das seit dem Brande nur aus Holz notdiirftig her-
gerichtete Raume hat, wird Anthroposophie gepflegt. Was die Leiter
des Goetheanums unter dieser Pflege verstehen und welche Wirkung
fiir die menschliche Zivilisation sie sich da von versprechen, solle gesagt
werden. Dann, wie sie sich diese Pflege in einer Freien Hochschule fiir
Geisteswissenschaft denken. Nicht Grundsatze, zu denen man sich be-
kennen solle, diirfen aufgestellt werden; sondern eine Realitat in ihrer
Eigenart solle geschildert werden. Dann solle gesagt werden, wer seine
Mitwirkung zu dem, was am Goetheanum geschieht, geben wolle,
konne Mitglied werden.
Als «Statut», das aber kein «Statut», sondern die Darstellung dessen
sein soil, was sich aus einem solchen rein menschlich-lebensvollen Ge-
sellschaftsverhaltnis ergeben kann, wird nur dieses vorgeschlagen:
i. Die Anthroposophische Gesellschaft soil eine Vereinigung von
Menschen sein, die das seelische Leben im einzelnen Menschen und in
der menschlichen Gesellschaft auf der Grundlage einer wahren Erkennt-
nis der geistigen Welt pflegen wollen.
2. Den Grundstock dieser Gesellschaft bilden die in der Weihnachts-
zeit 1923 am Goetheanum in Dornach versammelten Personlichkeiten,
sowohl die Einzelnen wie audi die Gruppen, die sich vertreten liefien.
Sie sind von der Anschauung durchdrungen, dafi es gegenwartig eine
wirkliche, seit vielen Jahren erarbeitete und in wichtigen Teilen audi
schon veroffentlichte Wissenschaft von der geistigen Welt schon gibt
und daft der heutigen Zivilisation die Pflege einer soldien Wissenschaft
fehlt. Die Anthroposophische Gesellschaft soli diese Pflege zu ihrer
Aufgabe haben. Sie wird diese Aufgabe so zu losen versuchen, dafi sie
die im Goetheanum zu Dornach gepflegte anthroposophische Geistes-
wissenschaft mit ihren Ergebnissen fur die Bruderlichkeit im mensch-
lichen Zusammenleben, fiir das moralische und religiose sowie fiir das
kunstlerische und allgemein geistige Leben im Menschenwesen zum
Mittelpunkte ihrer Bestrebungen macht*.
3. Die als Grundstock der Gesellschaft in Dornach versammelten
Personlicnkeiten erkennen zustimmend die Anschauung der durch den
bei der Griindungs-Versammlung gebildeten Vorstand vertretenen
Goetheanum-Leitung in bezug auf das Folgende an: «Die im Goethe-
anum gepflegte Anthroposophie fuhrt zu Ergebnissen, die jedem Men-
schen ohne Unterschied der Nation, des Standes, der Religion als An-
regung fiir das geistige Leben dienen konnen. Sie konnen zu einem
wirklich auf briiderliche Liebe aufgebauten sozialen Leben fiihren. Ihre
Aneignung als Lebensgrundlage ist nicht an einen wissenschaftlichen
Bildungsgrad gebunden, sondern nur an das unbefangene Menschen-
wesen. Ihre Forschung und die sachgemafie Beurteilung ihrer For-
schungsergebnisse unterliegt aber der geisteswissenschaftlichen Schu-
lung, die stufenweise zu erlangen ist. Diese Ergebnisse sind auf ihre Art
so exakt wie die Ergebnisse der wahren Naturwissenschaft. Wenn sie
in derselben Art wie diese zur allgemeinen Anerkennung gelangen,
werden sie auf alien Lebensgebieten einen gleichen Fortschritt wie diese
bringen, nicht nur auf geistigem, sondern audi auf praktischem Gebiete.»
* Die Anthroposophische Gesellschaft kniipft an die im Jahre 19 12 gegrundete
Anthroposophische Gesellschaft an, mochte aber fiir die damals festgestellten Ziele
einen selbstandigen, dem wahren Geiste der Gegenwan entsprechenden Ausgangs-
punkt schaffen.
4. Die Anthroposophische Gesellschaft ist keine Geheimgesellschaft,
sondern eine durchaus offentliche, Ihr Mitglied kann jedermann ohne
Unterschied der Nation, des Standes, der Religion, der wissenschaft-
lichen oder kUnstlerischen Oberzeugung werden, der in dem Bestand
einer solchen Institution, wie sie das Goetheanum in Dornach als Freie
Hochschule fiir Geisteswissenschaft ist, etwas Berechtigtes sieht. Die
Gesellschaft lehnt jedes sektiererische Bestreben ab. Die Politik betrach-
tet sie nicht als in ihren Aufgaben liegend.
5 . Die Anthroposophische Gesellschaft sieht ein Zentrum ihres Wir-
kens in der Freien Hochschule fiir Geisteswissenschaft in Dornach.
Diese wird in drei Klassen bestehen. In dieselbe werden auf ihre Be-
werbung hin aufgenommen die Mitglieder der Gesellschaft, nachdem
sie eine durch die Leitung des Goetheanums zu bestimmende Zeit die
Mitgliedschaft innehatten. Sie gelangen dadurch in die erste Klasse der
Freien Hochschule fiir Geisteswissenschaft. Die Aufnahme in die zweite,
beziehungsweise in die dritte Klasse erfolgt, wenn die um dieselbe An-
suchenden von der Leitung des Goetheanums als geeignet befunden
werden.
6. Jedes Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft hat das Recht,
an alien von ihr veranstalteten Vortragen, sonstigen Darbietungen und
Versammlungen unter den von dem Vorstande bekanntzugebenden
Bedingungen teilzunehmen.
7. Die Einrichtung der Freien Hochschule fiir Geisteswissenschaft
obliegt zunachst Rudolf Steiner, der seine Mitarbeiter und seinen even-
tuellen Nachfolger zu ernennen hat.
8. Alle Publikationen der Gesellschaft werden offentlich in der Art
wie diejenigen anderer oftentlicher Gesellschaften seins:*. Von dieser
OfFentlichkeit werden auch die Publikationen der Freien Hochschule
fiir Geisteswissenschaft keine Ausnahme machen; doch nimmt die Lei-
tung der Schule fiir sich in Anspruch, dafi sie von vorneherein jedem
Urteile iiber diese Schriften die Berechtigung bestreitet, das nicht auf
* Offentlich sind audi die Bedingungen, unter denen man zur Schulung kommt,
geschildert worden und werden audi weiter veroffentlicht werden.
die Schulung gestutzt ist, aus der sie hervorgegangen sind. Sie wird in
diesem Sinne keinem Urteil Berechtigung zuerkennen, das nicht auf
entsprediende Vorstudien gestutzt ist, wie das ja audi sonst in der an-
erkannten wissenschaftlichen Welt iiblich ist. Deshalb werden die
Schriften der Freien Hochschule fiir Geisteswissenschaft den folgenden
Vermerk tragen: «Ais Manuskript fiir die Angehorigen der Freien
Hochschule fiir Geisteswissenschaft, Goetheanum Klasse ... gedruckt.
Es wird niemand fiir diese Schriften ein kompetentes Urteil zugestan-
den, der nicht die von dieser Schule geltend gemachte Vor-Erkenntnis
durch sie oder auf eine von ihr selbst als gleichbedeutend erkannte
Weise erworben hat. Andere Beurteilungen werden insofern abgelehnt,
als die Verfasser der entsprechenden Schriften sich in keine Diskussion
iiber dieselben einlassen.»
9. Das Ziel der Anthroposophischen Gesellschaft wird die Forderung
der Forschung auf geistigem Gebiete, das der Freien Hochschule fiir
Geisteswissenschaft diese Forschung selbst sein. Eine Dogmatik auf
irgendeinem Gebiete soil von der Anthroposophischen Gesellschaft aus-
geschlossen sein.
10. Die Anthroposophische Gesellschaft halt jedes Jahr im Goethe-
anum eine ordentliche Jahresversammlung ab, in der von dem Vor-
stande ein vollstandiger Rechenschaftsbericht gegeben wird. Die Tages-
ordnung zu dieser Versammlung wird mit der Einladung an alle Mit-
glieder sechs Wochen vor der Tagung von dem Vorstande bekannt-
gegeben. Aufierordentliche Versammlungen kann der Vorstand berufen
und fiir sie die Tagesordnung festsetzen. Er soil drei Wochen vorher
die Einladungen an die Mitglieder versenden. Antrage von einzelnen
Mitgliedern oder Gruppen von solchen sind eine Woche vor der Tagung
einzusenden.
1 1 . Die Mitglieder konnen sich auf jedem ortlichen oder sachlichen
Felde zu kleineren oder grofieren Gruppen zusammenschliefien. Die
Anthroposophische Gesellschaft hat ihren Sitz am Goetheanum. Der
Vorstand hat von da aus das an die Mitglieder oder Mitgliedergruppen
zu bringen, was er als die Aufgabe der Gesellschaft ansieht. Er tritt in
Verkehr mit den Funktionaren, die von den einzelnen Gruppen gewahlt
oder ernannt werden. Die einzelnen Gruppen besorgen die Aufnahme
der Mitglieder; doch sollen die Aufnahmebestatigungen dem Vorstand
in Dornach vorgelegt und von diesem im Vertrauen zu den Gruppen-
funktionaren unterzeichnet werden. Im allgemeinen soli sich jedes
Mitglied einer Gruppe anschliefien; nur wem es ganz unmoglich ist, die
Aufnahme bei einer Gruppe zu finden, sollte sich in Dornach selbst als
Mitglied aufnehmen lassen.
1 2. Der Mitgliedsbeitrag wird durch die einzelnen Gruppen bestimmt;
doch hat jede Gruppe fur jedes ihrer Mitglieder 15 Franken an die
zentrale Leitung am Goetheanum zu entrichten.
13. Jede Arbeitsgruppe bildet ihre eigenen Statuten; nur sollen diese
den Statuten der Anthroposophischen Gesellschaft nicht widersprechen.
14. Gesellschaftsorgan ist die Wochenschrift «Goetheanum», die zu
diesem Ziele mit einer Beilage versehen wird, die die offiziellen Mit-
teilungen der Gesellschaft enthalten soil. Diese vergrofierte Ausgabe
des «Goetheanum» wird nur an die Mitglieder der Anthroposophischen
Gesellschaft abgegeben*.
Im engsten Zusammenhang mit der Eroffnungsversammlung vom
Vormittag des 25.Dezember stand die Festlichkeit am Morgen des 25,,
die den Namen trug: «Grundsteinlegung der Allgemeinen Anthropo-
sophischen Gesellschaft. »
Es konnte sich dabei nur um eine ideell-geistige Grundsteinlegung
handeln. Der Boden, in den der «Grundstein» gelegt wurde, konnten
nur die Herzen und Seelen der in der Gesellschaft vereinigten Person-
lichkeiten sein, und der Grundstein selbst mufi die aus der anthropo-
sophischen Lebensgestakung quellende Gesinnung sein. Diese Gesinnung
bildet in der Art, wie sie von den Zeichen der gegenwartigen Zeit
gefordert wird, der Wille, durch menschliche Seelenvertiefung den Weg
* Der Einzelbezug der Mitteilungen ist den Mitgliedern moglidi. Die Bedingun-
gen dafiir finden sldi am Kopfe dieser ersten Nummer. Alles, "was sidi auf die Aus-
fiihrung der Statuten im einzelnen bezieht, wird in einer besonderen «Geschafts-
ordnung* gegeben werden. Diese wird in einer der nadisten Nummern der Mittei-
lungen enthalten sein.
zum Anschauen des Geistes und zum Leben aus dem Geiste zu finden.
Ich mochte zunachst hieher setzen, womit idi in Sprudiform den
«Grundstein» zu gestalten versuchte und die weitere Schilderung der
Erdffnungsversammlung in der nachsten Nummer dieses Mitteilungs-
blattes geben.
Menschenseele!
Du lebest in den Gliedern,
Die dich durch die Raumeswelt
In das Geistesmeereswesen tragen:
Ube Geist-Erinnern
In Seelentiefen,
Wo in waltendem
Weltenschopfer-Sein
Das eigne Ich
Im Gottes-Ich
Erweset;
Und du wirst wahrhaft leben
Im Menschen-Welten-Wesen.
Denn es waltet der Vater-Geist der Hohen
In den Weltentiefen Sein-erzeugend:
Ihr Krafte-Geister
Lasset aus den Hohen erklingen,
Was in den Tiefen das Echo findet;
Dieses spricht:
Aus dem Gottlichen weset die Menschheit.
Das horen die Geister in Ost, West, Nord, Siid:
Menschen mogen es horen.
Menschenseele!
Du lebest in dem Herzens-Lungen-Schlage,
Der dich durch den Zeitenrhythmus
In's eigne Seelenwesensfuhlen leitet:
Ube Geist-Besinnen
Im Seelengleichgewichte,
Wo die wogenden
Welten-Werde-Taten
Das eigne Ich
Dem Welten-Ich
Vereinen;
Und du wirst wahrhaft fiihlen
Ira Menschen-Seelen-Wirken.
Denn es waltet der Christus-Wille im Umkreis
In den Weltenrhythmen Seelen-begnadend;
Ihr Lichtes-Geister
Lasset vom Osten befeuern,
Was durch den Westen sich formet;
Dieses spricht:
In dem Chiistus wird Leben der Tod,
Das horen die Geister in Ost, West, Nord, Siid :
Menschen mogen es horen.
Menschenseele!
Du lebest im ruhenden Haupte,
Das dir aus Ewigkeitsgriinden
Die Weltgedanken erschlieftet:
Dbe Geist-Erschauen
In Gedanken-Ruhe,
Wo die ew'gen Gotterziele
Welten-Wesens-Licht
Dem eignen Ich
Zu freiem Wollen
Schenken;
Und du wirst wahrhaft denken
In Menschen-Geistes-Grunden.
Denn es walten des Geistes- Weltgedanken
Im Weltenwesen Licht-erflehend:
Ihr Seelen-Geister
Lasset aus den Tiefen erbitten,
Was in den Hohen erhoret wird:
Dieses spricht:
In des Geistes Weltgedanken erwadiet die Seele.
Das horen die Geister in Ost, West, Nord, Sikh
Mensdien mogen es horen.
In der Zeiten Wende
Trat das Welten-Geistes-Licht
In den irdisdien Wesensstrom;
Nacht-Dunkel
Hatte ausgewaket;
Taghellas Lkfet
Erstrahlte in Menschenseelen;
Lidit,
Das erwarmet
Die armen Hirtenherzen;
Licht,
Das erleuchtet
Die weisen Konigshaupter.
Gottlidies Licht,
Christus-Sonne
Erwarme
Unsere Herzen;
Erleuchte
lifeere Haupter;
Dafi gut werde,
Was wir
Aus Herzen griinden,
Was wir
Aus Hauptern fiihren
Wollen.
DER VORSTAND DER
ALLGEMEINEN ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
Der Vorstand wurde auf der Weihnachtstagung aus Personlidikeiten
gebildet, die durch die Art ihres Verbundenseins mit dem anthroposo-
phisdien Leben in der Lage sein werden, von dem Goetheanum aus mit
Initiative dasjenige zu tun, was in der Richtung des auf diesen Spalten
Ausgesprochenen liegt. Es miissen dies Personlidikeiten sein, die am
Goetheanum selbst ihre Tatigkeit haben. Uber die Art, wie sie sidi zu
den andern Funktionaren der Gesellschaft stellen, soil in der nachsten
Nummer dieser Mitteilungen gesprodien werden. Vorlaufig sollen hier
nur ihre Namen genannt werden: i. Vorsitzender: Dr. Rudolf Steiner,
2. Vorsitzender: Albert Steffen. Schriftfuhrer: Frau Dr. Ita Wegman.
Beisitzer: Frau Marie Steiner, Fraulein Lili Vreede. Sekretar und
Schatzmeister: Dr.Guenther Wachsmuth. Dieser Vorstand wird in
Paragraph 1 5 des «Statuts» als Grundungsvorstand genannt.
Im Inhalt des nachsten Mitteilungsblattes wird vorkommen:
1. Aufruf an die Mitglieder durch Rudolf Steiner
2. Fortsetzung der Mitteilungen Uber die Weihnachtstagung
3. Konstitution der Gesellschaft
4. Die Freie Hochschule fiir Geisteswissenschaft.
Es wird .wiinschenswert sein, dieses Mitteilungsblatt fiir Mitglieder
der einzelnen Lander in Ubersetzung erscheinen zu lassen. Wir bitten
die verehrten Generalsekretare oder Vorstande der einzelnen Gesell-
schaften und Gruppen, uns uber diese Ubersetzungen Vorschlage zu
machen.
Nachrichtenblatt, 20. Januar 1924
An die Mitglieder!
I.
Die Weihnachtstagung zur Begriindung der Allgemeinen Anthropo-
sophischen Gesellschaft kann ihren Inhalt nicht allein in dem haben,
was diewahrend ihrerDauer am Goetheanum versammelten Mitglieder
erlebt haben. Nur wenn man iiberall, wo man Anthroposophie liebt, in
der Zukunft empfinden wird: es ist durch die Ausfiihrung dessen, was
durch diese Tagung angeregt worden ist, neues anthroposophisches
Leben gekommen, wird dieser Inhalt wirklich da sein. Wenn dies nicht
sein wurde, hatte diese Tagung ihre Auf gabe nicht erfullt. So sprachen
wohl audi die Gefuhle derjenigen, die Teilnehmer waren.
Mehr als zwei Jahrzehnte ist das anthroposophische Leben gepflegt
worden. Diejenigen Personlichkeken, die sich in den bisher bestehenden
Formen zu diesem Leben zusammengeschlossen haben, werden, wenn
sie ihre Erfahrungen sprechen lassen, verstehen, warum vom Goethe-
anum aus versucht worden ist, einen neuen Impuls zu geben.
Aus kleinen Anfangen ist das anthroposophische Streben heraus
gewachsen. Wenige Menschen haben sich innerhalb des Rahmens der
TheosophischenGesellschaft zur Teilnahme an dem zusammengefunden,
was in der besonderen Gestalt der Anthroposophie vor sie hintrat.
Kennen lernen wollten sie zunachst diese Anthroposophie und fur das
Leben fruchtbar sein lassen. In kleinen Kreisen und in kleinen offent-
lichen Veranstaltungen wurde iiber die geistige Welt, iiber das Wesen
des Menschen und iiber die Art, wie man zur Erkenntnis von beiiden
kommt, gesprochen. Kaum kiimmerte sich jemand, der nicht an den
Veranstaltungen teilgenommen hat, ura das, was da vorgebracht wurde.
Und von denjenigen, die teilnahmen, fanden viele, was ihre Seelen aus
tiefster Sehnsucht suchten. Dann wurden sie entweder treue, stille
Anteilnehmer oder mehr oder weniger enthusiastische Mitarbeiter.
Andere fanden es nicht und blieben, als sie dies bemerkten, weg. Alles
ging in Ruhe und ohne Stoning von aufien vor sich.
Viele Jahre hindurch ist es so gewesen. Es wurden die grundlegenden
Geistes- und Seelen-Einsichten gepflegt. Man konnte in dieser Pflege
sehr weit gehen. Fiir Personlichkeiten, die langere Zeit mit der Anthro-
posophie sich beschaftigt hatten, konnte eine Gelegenheit geschaffen
werden, durch die sie von den grundlegenden zu den hdheren Wahr-
heiten aufsteigen konnten. Dadurch wurde als Anthroposophie etwas
begriindet, das nicht nur ein geisteswissenschaftlich.es Erkenntnissystem,
sondern etwas Lebendiges in den Herzen vieler Menschen war.
Doch Anthroposophie geht bis an die Wurzel des Menschen daseins.
Und sie findet sich in dieser Wurzel zusammen mit allem, was im
Erleben und Schaffen der Menschen erwachst. Deshalb war es natur-
gemafi, dafi sie ihre Betatigung nach und nach iiber die mannigfaltigsten
Gebiete des Erlebens und Schaffens ausdehnte.
Ein Anfang wurde mit dem Kiinstlerischen gemacht. In Mysterien-
auffuhrungen wurde kiinstlerisch gestaltet, was die geistgemafie An-
schauung von Welt und Menschen offenbarte. Zahlreichen Mitgliedern
war es bef riedigend, im kiinstlerischen Bilde wieder zu empf angen, was
sie vorher ohne aufieres Bild, nur im Gemiite, aufgenommen hatten.
Auch dies konnte geschehen, ohne daf$ sich andere Menschen als die
unmittelbar Beteiligten viel darum kiimmerten.
Da wurde von enthusiastischen und opferwilligen Anteilnehmern an
der Anthroposophie der Plan gefafit, dieser eine eigene Heimstatte zu
schaffen. 19 13 konnte der Grundstein zu dieser, die spater Goetheanum
genannt wurde, gelegt werden. In den darauffolgenden Jahren wurde
sie gebaut.
Ein anderes kam hinzu. In der Anthroposophischen Gesellschaft
hatten sich allmahlich Personlichkeiten eingefunden, deren Lebens-
aufgabe die Pflege des einen oder des andern wissenschaftlichen Ge-
bietes war. Gewifi, der urspriingliche Beweggrund ihres Anschlusses
an die Gesellschaft war auch fiir diese Personlichkeiten das allgemeine
menschliche Seelen- und Herzensbediirfnis. Sie wollten in ihrer Seele
die Wege finden, die diese an das Licht des Geistes heranfiihren. -
Aber ihr wissenschaftlicher Entwickelungsgang hatte sie auch dazu
gefiihrt, einzusehen, dafi die herrschenden Anschauungen iiberall, wo
entscheidende Erkenntnisse zu einem brennenden Bediirfnis des Men-
schen werden, versagen, weil sie an tote Punkte kommen. Sie mufiten
erfahren, dafi man die Wissenschaften iiberall da fortsetzen konne,
wo sie nach den bisherigen Methoden in das Nichtige auslaufen,
wenn man sie durch Anthroposophie befruchtet. - Und so entstand
anthroposophisdie Arbeit auf den mannigfaltigsten wissenschaftlichen
Gebieten.
Durch das Goetheanum und durch die wissenschaftliche Arbeit war
die Anthroposophisdie Gesellschaft so vor die Welt hingestellt, dafi
deren vorherige ruhige und storungsfreie Entwickelung aufhorte. Man
wurde auf Anthroposophie aufmerksam. Man fing aufierhalb ihrer
eigenen Kreise an, zu fragen, was an ihr richtig und heilsam ist. Es
konnte nicht ausbleiben, dafi sich Menschen fanden, welche mit ihrem
Urteile an anderem hingen, als was Anthroposophie zeigte, oder die ihr
Leben mit etwas verbunden hatten, das im Lichte der Anthroposophie
nicht so erschien, wie sie es haben wollten. Diese fingen nun an,
Anthroposophie von ihren Gesichtspunkten und Lebensinhalten aus zu
beurteilen.
Was nun daraus in ganz kurzer Zeit entstand, darauf war die
Anthroposophisdie Gesellschaft nicht vorbereitet. In ihr ist ruhig
gearbeitet worden. Und in der ruhigen Arbeit fanden weitaus die
meisten der Mitglieder ihre voile Befriedigung. Es war alles, was sie
glaubten leisten zu sollen, neben den Aufgaben, die ihnen ihr Platz im
aufieren Leben zugewiesen hatte.
Und wer konnte diesen Mitgliedern audi nur im geringsten unrecht
geben, wenn sie in dieser Art denken? Menschen, die unbefriedigt sich
von anderem abwenden und zur Anthroposophie kommen, wollen
naturgemafi in ihr das Positive der Geist-Erkenntnis und des geistigen
Lebens flnden. Sie fiihlen sich in ihrem Suchen gestort, wenn sie von
alien Seiten von Kampfen gegen die Anthroposophie beriihrt werden.
Es ist schon so, daft die ernste Frage fiir die Anthroposophisdie Ge-
sellschaft entstanden ist: wie ist in der Art, die fiir wahre Pflege des
Geisteslebens notwendig ist, diese Pflege weiterzufuhren, trotzdem die
Zeit voriiber ist, in der sich um Anthroposophie niemand aufier den
Anteilnehmenden kiimmerte? Vor der Leitung des Goetheanums
gestaltete sich eine der Fragen, die fiir sie in Betracht kommen, so: Ist
vielleicht notig, sich zu gestehen, dafi von der Anthroposophisdien
Gesellschaft noch mehr Anthroposophie erarbeitet werde, als bisher
geschehen ist? Und wie kann dies gesdiehen?
Von diesen Fragen ausgehend, mochte ich in der folgenden Nummer
dieses Nachrichtenblattes meine «Ansprache an die Mitglieder» fort-
setzen.
Nadiriditenblatt, 27. Januar 1924
An die Mitglieder!
II.
DAS RECHTE VERHALTNIS DER GESELLSCHAFT
ZUR ANTHROPOSOPHIE
Fur Menschen soli Anthroposophie da sein, die in ihrer Seele die Wege
zum geistigen Erleben suchen. Und wenn die Anthroposophische Ge-
sellschaft ihre Aufgabe erfullen will, dann mufi sie den suchenden
Seelen dienen konnen. Sie mufi als Gesellschaft selbst das rechte Ver-
haltnis zur Anthroposophie finden.
Anthroposophie kann nur als etwas Lebendiges gedeihen. Denn der
Grundzug ihres Wesens ist Leben. Sie ist aus dem Geiste flielSendes
Leben. Deshalb will sie von der lebendigen Seele, von dem warmen
Herzen gepflegt sein.
Die Urform, in der sie unter Menschen auftreten kann, ist die Idee;
und das erste Tor, an das sie sich bei Menschen wendet, ist die Einsicht.
Ware das nicht so, sie hatte keinen Inhalt. Sie ware blofie Gefuhls-
schwarmerei. Aber der wahre Geist schwarmt nicht; er spricht eine
deutliche, inhaltvolle Sprache.
Aber diese Sprache ist eine solche, die nicht allein den Verstand,
sondern den ganzen Menschen ergreift. Wer nur mit dem Verstande
Anthroposophie aufnimmt, der totet sie in seinem Aufnehmen. Er
findet dann vielleicht, dafi sie «kalte Wissenschaft» sei. Aber er bemerkt
nicht, dafi sie erst durch den Empf ang, den er ihr in seiner Seele bereitet
hat, ihr warmes Leben verloren hat.
Anthroposophie mul5 sich, wenn sie in unserer Gegenwart ein Dasein
haben will, der Mittel der gegenwartigen Zivilisation bedienen. Sie
mu!5 in Biichern und im Vortrage ihren Weg zu den Menschen finden.
Allein sie 1st, ihrem Wesen nach, keine Sache fiir Bibliotheken. Sie mufi
jedesmal neu erstehen, wenn das Menschenherz sich an das Buch wen det,
urn von ihr zu erfahren. Das wird nur sein konnen, wenn das Bucb so
geschrieben ist, daft der Mensch beim Schreiben in die Herzen der Mit-
menscben gescbaut hat, um wissen zu konnen, was er ibnen zu sagen
bat. Das wird aber audi nur sein konnen, wenn der Mensch beim
Schreiben von dem Leben des Geistes beriihrt ist, und wenn er dadurch
in die Lage kommt, dem toten Schreibworte anzuvertrauen, was die
nach dem Geistigen suchende Seele des Lesers als ein Wiedererstehen
des Geistes aus dem Worte empfinden kann. Nur Bucher, die im lesen-
den Menschen lebendig werden konnen, sind anthroposophische Bucher.
Noch weniger als das tote Buch selbst vertragt die Anthroposophie
das in der Menschenrede zum Scheinleben gewordene Buch. Unsere
Gegenwartszivilisation ist in vielen Gebieten so, da£ Lesen eines Buches
oder Aufsatzes und Anhoren eines Menschen als etwas Gleichartiges
erscheinen. Man lernt, indem man einem Menschen zuhort, nicht den
Menschen kennen, sondern das, was er gedacht hat und was ebensogut
geschrieben sein kann.
Anthroposophie vertragt nicht, dafi sie restlos von dieser Art auf-
gesogen werde. Wer Anthroposophie von einem Menschen hort, der
will den Menschen in all seinem urspriinglichen Wesen vor sich haben,
nicht einen gesprochenen Auf satz.
Deshalb kann Anthroposophie, wenn sie auch als Literatur notwen-
dig leben muji, jedesmal wie neu geboren werden, wenn sie in einer
Gruppe von Menschen im Worte den Weg zu den Seelen sucht. Aber
sie wird da nur neu geboren werden, wenn der Mensch zum Menschen
spricht, nicht der aufgenommene Gedanke.
Anthroposophie kann deshalb ihre Wege auch nicht durch ein
gewohnliches Agitieren finden, wenn dieses auch mit gutem Willen
getrieben wird. Agitation totet die wabre Anthroposophie. Diese muS
auftreten, weil sie vom Geiste zu ihrem Auftreten gefuhrt wird. Sie
mufi ihr Leben erweisen, weil alles Leben nur im Dasein sich ofFenbaren
kann. Aber sie darf mit ihrem Dasein niemanden bedrangen. Sie mufi
warten, ob jemamd kommt, der sie aufnehmen will. Einen Zwang auch
nur durch Oberredung gegeniiber den Menschen darf sie nicht kennen.
Solche Gesinnung, das mochte ich als etwas, das aus der Weihnachts-
tagung hervorgehen mufi, den Mitgliedern als etwas besonders Not-
wendiges hinstellen. Wir sind mit vielem auf Widerstand gestofien,
weil solche Gesinnung nicht immer rein in den Herzen gelebt hat. Oft,
auch wenn wir uns soldier Gesinnung befleifiigten, konnten wir sie in
der Pragung der Worte nicht festhalten. Und schon in unseren Worten
mufi tonen, was nicht agitatorisch iiberreden, sondern was allein dem
Geiste Ausdruck verleihen will.
Von solcher Gesinnung getragene Anthroposophie wird mehr sein,
als was bisher in unseren Gruppen oft von Anthroposophie gelebt hat.
Das Goetheanum mochte allein aus dieser Gesinnung heraus wirken.
Es hat sich den uns entrissenen Bau in solchen kiinstlerischen Formen
errichtet, die schon fur sich diese Gesinnung offenbarten. Wenn sich in
das untergegangene Goetheanum ein Wort verirrte, das agitatorisch
tonte, so gab es einen schrillen Miftklang zwischen ihm und den Bau~
formen. Wenn das Goetheanum neu ersteht, so wird es nur dann eine
Wahrheit sein, wenn die Anthroposophische Gesellschaft uberall ein
lebendiger Zeuge seiner Wahrheit wird sein wollen.
Man darf gerade auf dem Boden der Anthroposophie nicht glauben,
dal$ wirksam nur das sein kann, dem man die Wirksamkeit kiinstlich
aufpragt. Was aus dem Wesen seines eigenen Geistes heraus lebt, das
kann warten, bis die Welt seine Wirksamkeit aufnehmen will.
Wenn in jeder Gruppe der Anthroposophischen Gesellschaft diese
Gesinnung lebt, <lann wird der Geist der Anthroposophie auch hinaus-
wirken dahin, wo es unsere Pflicht ist, vor die Welt Anthroposophie
hinzutragen. Wir diirfen nicht uns mit dem Flitter der Geheimnistuerei
umgeben. Die Gegenwart vertragt solchen Flitter nicht. Sie will wirken
in voller Offentlichkeit. Das «Geheimnis» liegt nicht in der Geheimnis-
tuerei, sondern in dem innerlichen Ernste, mit dem in jedem Herzen
Anthroposophie neu erlebt werden mul5. Sie kann nicht auf aufierliche
Art iibertragen werden. Sie kann nur in innerem Erleben von der Seele
erfafit werden. Dadurch wird sie zum «Geheimnis», das jedesmal im
Verstandnis neu entsiegelt werden mufi. Begreift man diese Art van
«Geheimnis», so wird man audi die rechte «esoterische» Gesinnung in
seiner Seele tragen.
Nachrichtenblatt, 3. Februar 1924
An die Mkglieder!
III.
ANTHROPOSOPHISCHE MITGLIEDERVERSAMMLUNGEN
Es ist in nicht wenigen Fallen vorgekommen, dafi Personlichkeiten die
Mitgliedschaft der Anthroposophischen Gesellschaft nur aus dem
Grunde erworben haben, weil sie dadurchdieSchriften kaufen konnten,
die aufierhalb der Gesellschaft bisher unverkauflich waren. Um das
Leben in den Gruppen der Gesellschaft haben sich diese Mitglieder dann
wenig gekiimmert. Sie gingen ja wohl zun'achst zu Mitgliederzusam-
menkiinften, blieben aber nach kurzer Zeit weg und sagten: was da
getrieben wird, fordert mich nicht. Ich komme besser zur Anthroposo-
phie, wenn ich mich fur mich allein mit ihr beschaftige.
Es ist gewifi nicht zu leugnen, daiS die Vorwiirfe, die solche Person-
lichkeiten den Mitgliederversammlungen machten, nicht immer begriin-
det waren. Es lag nicht immer an diesen Versammlungen, sondern oft
an den unmoglich zu befriedigenden Anspruchen derer, die kein
Verhaltnis zu ihnen finden konnten.
Es ist eben leicht, zu sagen: dies oder jenes befriedigt mich nicht.
Schwieriger ist es, dieses Nicht-Befriedigende in Ruhe zu bemerken und
dann die notigen Anstrengungen machen,um von sich aus zurBesserung
beizutragen.
Aber andererseits ist kein Grund dazu vorhanden, die Tatsache zu
verbergen, dafi in den Mitgliederzusammenkunften manches anders
sein sollte, als es ist.
Gerade bei solchen Zusammenkiinften konnte sich eine bedeutsame
Wahrheit bewahren. Wenn Menschen zusammen das Geistige in innerer
Ehrlichkeit suchen, dann finden sie audi die Wege zueinander, von
Seele zu Seele.
Diese Wege zu finden, ist gegenwartig einer unbegrenzt grofien
Anzahl von Menschen ein tiefes Herzensbedurfnis. Sie sagen: wenn die
Anthroposophie die rechte Lebensanschauung ist, dann mufi bei denen,
die sich Anthroposophen nennen, dieses Herzensbedurfnis vorhanden
sein. Dann aber miissen sie sehen, wie viele, die in den Mitgliedergrup-
pen Anthroposophie als ihre theoretische Oberzeugung vertreten, dieses
Herzensbedurfnis nicht zeigen.
Anthroposophische Mitgliederversammlungen miissen es sich natiir-
lich zur Aufgabe machen, den Inhalt der anthroposophischen Welt-
anschauung zu pflegen. Man liest und hort an dasjenige, was durch
Anthroposophie an Erkenntnissen gewonnen ist. Wer das nicht ein-
sieht, hat gewift unredit. Denn um blofi uber allerlei Meinungen zu
debattieren, die man auch ohne Anthroposophie hat, dazu braucht man
eben keine Anthroposophisdie Gesellsehaft. Aber wenn es beim blofien
Vorlesen der anthroposophischen Schriften bleibt, oder auch, wenn
Anthroposophie als blofie Lehre vorgetragen wird, dann ist es richtig,
dafi man dasselbe, was die Zusammenkiinfle bringen, auch in aller
Einsamkeit durch die Lektiire erreichen kann.
Jeder, der zu anthroposophischen Zusammenkunflen geht, sollte das
Gefiihl haben, er flnde da mehr, als wenn er blofi in Einsamkeit Anthro-
posophie treibt. Er sollte dahin gehen konnen, weil er da Mensdien
findet, mit denen zusammen er gerne Anthroposophie treiben will. In
den Schriften iiber Anthroposophie findet man eine Weltanschauung.
In den anthroposophischen Zusammenkunflen sollte der Mensch den
Menschen finden.
Auch wer nodi so eifrig Anthroposophisches liest, der sollte ein
freudiges, gehobenes Gefiihl haben konnen, in eine Zusammenkunft
von Anthroposophen zu gehen, weil er sich auf die Menschen freut, die
er da findet. Er sollte sich auch dann freuen konnen, wenn er voraus-
setzen mufi, dafi er nichts anderes hort, als was er langst schon in sich
auf genommen hat.
Findet man in einer anthroposophischen Gruppe ein neu eingetrete-
nes Mitglied, so sollte man es als altes Mitglied nicht bei der Befriedi-
gung bewenden lassen, dafi die Anthroposophie wieder einen neuen
«Anhanger» gewonnen habe. Man sollte nicht blofi den Gedanken
haben: jetzt ist wieder einer da, in den man Anthroposophie hinein-
giefien kann; sondern man sollte eine Empfindung fur das Menschlidie
haben, das mit dem neuen Mitgliede in die anthroposophische Gruppe
hereinkommt.
In der Anthroposophie kommt es auf die Wahrheiten an, die durch
sie offenbar werden konnen; in der Anthroposophischen Gesellschaft
kommt es auf das Leben an, das in ihr gepflegt wird.
Es ware von grofitem Ubel, wenn in berechtigter Art die Meinung
aufkommen konnte: Anthroposophie mag noch so wertvoli sein, wenn
ich aber Menschen naherkommen will, dann gehe ich lieber anders-
wo hin, als wo Anthroposophen in Selbstzufriedenheit fanatisch mir
nur ihre theoretischen Gedanken an den Kopf werfen wollen und sagen:
wenn du nicht denkst wie ich, so bist du hochstens ein halber Mensch.
Viel aber kann zum berechtigten Aufkommen einer solchen Meinung
beitragen: auf der einen Seite das kalte, nuchterne Belehren wollen, in
das man leicht verfallt, wenn man die Wahrheit der Anthroposophie
eingesehen hat. Auf der andern Seite aber steht das Esoterik-Spielen,
das manchen neu Eintretenden so stark abstofit, wenn er an die anthro-
posophischen Zusammenkunfte herantritt. Ein soldier findet Menschen,
die geheimnisvoll damit tun, dafi sie vieles wissen, was man denen, die
«dazu noch nicht reif sind, nicht sagen kann». Aber tiber der ganzen
Rederei schwebt etwas Spielerisches. Esoterisches vertragt eben nur
Lebensernst, nicht die eitle Befrieidigung, die man an dem Beschwatzen
hoher Wahrheiten haben kann. Deshalb raufi noch lange nicht die
Sentimentalitat, die sich vor der Freude und der Begeisterung fiirchtet,
das Le^benselement im Zusammenleben der Anthroposophen sein. Aber
das spielerische Sich-Zuriickziehen vor dem «profanen Leben», um
«wahre Esoterik» zu treiben, das vertragt die Anthroposophische Ge-
sellschafl nicht. Das Leben enthalt an alien Orten viel mehr Esoterisches,
als sich oft diejenigen traumen lassen, die da sagen: da oder dort kann
man nicht Esoterik treiben; man muft das in diesem oder jenem abge-
sonderten Zirkel tun. Gewifi sind solche Zirkel oft notwendig. Aber sie
konnen spielerisches Wesen nicht vertragen. Sie mussen Statten sein,
von denen aus das Leben wirklich befruchtet werden kann. «Esoterische»
Zifkel, die nur entstehen, um durch den mangelnden Ernst bald wieder
zu verschwinden, konnen nur zerstorende Krafte in die Anthroposo-
phische Gesellsdia.fi tragen. Sie gehen nur allzu oft aus Cliquenbediirfnis
hervor, und dieses bewirkt nidit, daft viel, sondern daft wenig anthro-
posophisches Leben in der Gesellschaft ist. Wenn es gelingt, dem inner-
lich Unwahren, das in vielem Reden iiber «Esoterik» bisher vorhanden
war, entgegenzuwirken, so wird die wahre Esoterik in der Anthro-
posophisdien Gesellschaft eine rechte Statte finden konnen.
Nachriditenblatt, 10. Februar 1924
An die Mitglieder!
IV.
DIE STELLUNG DER MITGLIEDER ZUR GESELLSCHAFT
Es ist begreiflich, daft unter den Mitgliedern der Anthroposophtschen
Gesellschaft eine verschiedene Auffassung herrscht iiber ihre Stellung
zu dieserGesellschaft. Wer in diese eintritt, kann die Auffassung haben,
in ihr zu finden, was er aus den innersten Bediirfnissen seiner Seele
heraus sucht. Und in diesem Suchen und dem Finden dessen, was ihm
die Gesellschaft geben kann, findet dann ein solches Mitglied den Sinn
seiner Mitgliedschaft. Ich habe schon angedeutet, daft gegen eine solche
Auffassung im Grunde nichts eingewendet werden kann.
Denn die Gesellschaft kann wegen des Wesens der Anthroposophie
nicht die Aufgabe haben, einen Kreis von Menschen zu vereinigen,
denen sie bei ihrem Eintritte Pflichten auferlegt, die sie nicht schon
vorher anerkannt haben, sondern nur um der Gesellschaft willen aus-
iiben sollen. Pflichten kann im eigentlichen Sinne nur die Gesellschaft
gegeniiber den Mitgliedern haben.
Aber gerade dieses Selbstverstandliche bewirkt ein anderes, das nicht
immer in der richtigen Art angesehen, oft uberhaupt nicht einmal
bedacht wird.
Es erwachst namlich sogleich fiir dasjenige Mitglied, das in irgend-
einer Art tatig in der Gesellschaft fiir diese wird, eine grofie Verant-
wortlichkeit und ein ernster Pflichtenkreis. Wer zu einer solchen Tatig-
keit nicht uberzugehen die Absicht hat, dem sollte man seine stillen
Kreise nicht storen. Wer aber in der Gesellschaft irgend etwas tun will,
der darf nicht aufler acht lassen, daft er die Angelegenheiten der Gesell-
schaft zu seinen eigenen machen mui
Will jemand ein stilles Mitglied sein, dann mufi es an ihm begreiflich
sein, wenn er zumBeispiel sagt: ich kann mich nicht darum bekummern,
was die Gegner der Gesellschaft uber diese sagen. Das hort sogleich auf ,
wenn er iiber den Kreis der stillen Anteilnahme hinausgeht. Dann
erwachst ihm sogleich die Aufgabe, auf die Gegnerschaft hinzusehen
und an der Anthroposophie und Gesellschaft das zu verteidigen, was
an ihr in berechtigter Art zu verteidigen ist.
Dafi dieser ganz notwendigen Tatsache nicht immer Rechnung getra-
gen worden ist, war der Gesellschaft nicht forderlich. Es mufi die Mit-
glieder, die von der Gesellschaft mit allem guten Recht fordern konnen,
dafi sie ihnen zunachst gibt, was sie ihnen verspricht, sonderbar beriih-
ren, wenn man sogleich von ihnen denselben Pflichtenkreis verlangt,
den diejenigen sich auferlegen miissen, welche diese Versprechungen
machen.
Wenn man von Pflichten der Mitglieder im Hinblick auf die Gesell-
schaft redet, so kann sich dieses also nur auf die tatig sein wollenden
Mitglieder beziehen. Das soil natiirlich nicht verwechselt werden mit
dem Sprechen von Verpftichtungen der Menschen als solchen, das aus
der Anthroposophie selbst heraus sich ergibt. Diese Dinge werden aber
immer den ganz allgemeinen menschlichen Charakter tragen und nur
den Anschauungskreis dariiber so erweitern, wie sich das aus der Ein-
sicht in die geistige Welt ergibt. Redet die Anthroposophie von solchen
Verpflichtungen, so kann sie damit nie meinen, dafi man damit etwas
nur fiir die Anthroposophische Gesellschaft Verbindliches sagt, sondern
etwas, das sich aus der recht verstandenen Menschen wesenheit als
soldier ergibt.
Aber gerade deswegen, weil aus dem Wesen der Anthroposophischen
Gesellschaft fiir die in ihr tatigen Mitglieder der Pflichtenkreis erwachst,
sollte dieser so ernst wie moglich genommen werden. Wer zum Beispiele
als Mitglied der Gesellsdiaft anderen die Einsichten der Anthroposo-
phie iiberliefern will, dem erwachsen sogleich diese Pflichten, wenn er
iiber den allerengsten stillen Kreis einer solchen Belehrung hinausgeht.
Ein soldier wird sich klar sein miissen iiber die allgemeine geistige Lage
der Menschen in der gegenwartigen Zeit. Er wird von der Aufgabe der
Anthroposophie eine deutliche Vorstellung haben miissen. Er wird,
soviel ihm dies auch nur moglich ist, sich in Zusammenhang halten miis-
sen mit den andern tatigen Mitgliedern der Gesellsdiaft. Eine solche
Personlichkeit wird weit davon entfernt sein miissen, zu sagen: es
erregt mein Interesse nicht, wenn die Anthroposophie und ihre Trager
von Gegnern in einem f alschen Lichte dargestellt oder sogar verleumdet
werden.
Der Vorstand, der bei der Weihnachtstagung gebildet worden ist,
fafit seine Aufgabe so auf, daft er dem hier Ausgesprochenen innerhalb
der Gesellsdiaft zur Verwirklidiung verhelfen will. Und er kann nicht
anders, als alle tatig sein wollenden Mitglieder darum zu bitten, sich
zu Mithelf ern dieser seiner Absichten zu machen.
Nurdadurch kann erreicht werden, dafi die Gesellsdiaft ihrer gesam-
ten Mitgliedschaft und damit auch der Welt das halten kann, was sie
verspricht.
Es ist zum Beispiel wirklich betriiblich, wenn man die folgende
Erfahrung macht: Es kommt innerhalb der Gesellsdiaft vor, dafi sich
an einem Orte tatig sein wollende Mitglieder von Zeit zu Zeit iiber die
Angelegenheiten der Gesellsdiaft besprechen. Sie halten zu diesem
Zwecke Versammlungen ab. Wenn man dann mit den einzelnen Per-
sonlichkeiten, die bei diesen Versammlungen sitzen, spricht, so bemerkt
man, dajS sie in Wirklichkeit iibereinander, iiber ihre Tatigkeiten fiir
die Gesellsdiaft und so weiter Ansichten haben, die bei den Versamm-
lungen gar nicht zur Sprache kommen. Man kann erfahren, daft irgend
jemand gar keine Ahnung hat, wie die oft mit ihm Vereinten iiber seine
Tatigkeit denken. Dergleichen in bessere Bahnen zu bringen, miilke
ganz unbedingt aus dem Impuls folgen, den die Weihnachtstagung
gegeben hat. Die tatig sein wollenden Mitglieder vor alien miiftten
diesen Impuls zu verstehen versuchen.
Man hort von solchen tatig sein wollenden Mitgliedern gar oft sagen:
ich habe ja den guten Willen; aber ich weift eben nicht, was das Richtige
ist. Man sollte iiber diesen « guten Willen» doch nicht eine allzu bequeme
Ansicht haben. Man sollte sich doch immer wieder fragen: habe ich
denn auch wirklich alle Wege gesucht, die sich in der Gesellschaft bieten,
urn das «Richtige» in der gutwilligen Zusammenarbeit mit andern zu
finden?
Nachrichtenblatt, 17. Februar 1924
An die Mitglieder!
V.
ANTHROPOSOPHISCHE LEITSATZE
Man soli an dieser Stelle in der Zukunft eine Art anthroposophischer
Leitsatze finden. Sie sind so aufzufassen, dafi sie Ratschlage enthalten
uber die Richtung, welche die Vortrage und Besprechungen in den ein-
zelnen Gruppen der Gesellschaft durch die f uhrenden Mitglieder nehmen
konnen. Es wird dabei nur an eine Anregung gedacht, die vom Goe-
theanum aus der gesamten Gesellschaft gegeben werden mochte. Die
Selbstandigkeit im Wirken der einzelnen fiihrenden Mitglieder soli
damit nicht angetastet werden. Es ist gut, wenn die Gesellschaft sich so
entfaltet, dafi in vollig freier Art in den einzelnen Gruppen zur Geltung
kommt, was die fiihrenden Mitglieder zu sagen haben. Dadurch wird
das Leben der Gesellschaft bereichert und in sich mannigf altig gestaltet
werden.
Aber es sollte ein einheitliches Bewufksein in der Gesellschaft ent-
stehen konnen. Das kann geschehen, wenn man von den Anregungen,
die an den einzelnen Orten gegeben werden, iiberall weilS. Deshalb
werden hier in kurzen Satzen solche Darstellungen zusammengefafit
werden, die von mir am Goetheanum fur die Gesellschaft in Vortragen
gegeben werden. Ich denke mir, dafi dann von denjenigen Personlich-
keiten, die in den Gruppen (Zweigen) Vortrage halten oder die Be-
sprechungen leiten, dabei das Gegebene als Richtlinien genommen
werde, urn in freier Art daran anzukniipfen. Es kann daidurch zu einer
einheitlichen Gestaltung im Wirken der Gesellschaft etwas beigetragen
werden, ohne daft an einen Zwang in irgendeiner Art gedacht wird.
Fruchtbar fur die ganze Gesellschaft kann die Sache werden, wenn
der Vorgang auch. die entsprechende Gegenliebe findet, wenn die fiih-
renden Mitglieder iiber Inhalt und Art ihrer Vortrage und Anregungen
auch den Vorstand am Goetheanum unterrichten. Wir werden dadurch
erst aus einem Chaos verschiedener Gruppen zu einer Gesellschaft mit
einem geistigen Inhalt.
Die Leitlinien, die hier gegeben werden, sollen gewissermaften
Themen anschlagen. Man wird dann in der anthroposophischenBucher-
und Zyklenliteratur an den verschiedensten Stellen die Anhaltspunkte
finden, um das im Thema Angeschlagene so auszugestalten, daft es den
Inhalt der Gruppenbesprechungen bilden kann.
Auch dann, wenn neue Ideen von den leitenden Mitgliedern in den
einzelnen Gruppen zutage treten, konnen sie ja an dasjenige angekniipft
werden, was in der geschilderten Art vora Goetheanum aus als ein
Rahmen fiir das geistige Wirken der Gesellschaft angeregt werden soli.
Es ist ganz gewifi eine Wahrheit, gegen die nicht gesiindigt werden
darf, daft geistiges Wirken nur aus der freienEntfaltungder wirkenden
Personlichkeiten hervorgehen kann. Allein, es braucht dagegen nicht
gesiindigt zu werden, wenn in reenter Art innerhalb der Gesellschaft
der eine mit dem andern im Einklange handelt. Wenn das nicht sein
konnte, so miiftte die Zugehorigkeit des Einzelnen oder der Gruppen
zur Gesellschaft immer etwas Aufterliches bleiben. Diese Zugehorigkeit
soil aber etwas sein, das man als Innerliches empflndet.
Es kann doch eben nicht so sein, daft das Vorhandensein der Anthro-
posophischen Gesellschaft von dieser oder jener Personlichkeit nur als
Gelegenheit beniitzt wird, um das zu sagen, was man aus dieser oder
jener Absicht heraus personlich sagen will, sondern die Gesellschaft
muft die Pflegestatte dessen sein, was Anthroposophie 1st. Alles andere
kann ja auch aufterhalb ihres Rahmens gepflegt werden. Sie kann nicht
dafur da sein.
Es ist in den letzten Jahren nicht zum Vorteil der Gesellschaft ge-
wesen, dafi in sie einzelne Mitglieder ihre Eigenwiinsche hineingetragen
haben, bloft weil sie mit deren VergrofSerung fiir diese Eigenwiinsche
ein Wirkungsfeld zu finden glaubten. Man katin sagen: warum ist dem
nicht in der gebuhrenden Art entgegengetreten worden? - Ware das
geschehen, so wiirde heute iiberall die Meinung zu hb'ren sein: ja, wenn
man damals die Anregungen von dieser oder jener Seite aufgenommen
hatte, wo waren wir gegenwartig? Nun, man hat vieles aufgenommen,
was klaglich gescheitert ist, was uns zuriickgeworfen hat.
Aber nun ist es genug. Die Probe auf das Exempel, das einzelne
Experimentatoren in der Gesellschaft geben wollten, ist gemacht. Man
braucht dergleichen nicht ins Endlose zu wiederholen. Der Vorstand
am Goetheanum soil ein Korper sein, der Anthroposophie pflegen will,
und die Gesellschaft sollte eine Verbindung von Menschen sein, die sich
mit ihm iiber ihre Pflege der Anthroposophie lebendig verstandigen
wollen.
Man soil nicht denken, dal$, was angestrebt werden soli, von heute
auf morgen erreicht werden kann. Man wird Zeit brauchen. Und es
wird Geduld notig sein. Wenn geglaubt wird, in ein paar Wochen
konne verwirklicht da sein, was in den Absichten der Weihnachtstagung
liegt, so wird das wieder von Schaden sein.
Nachrichtenblatt, 24. Februar 1924
An die Mitglieder!
VI.
ERKENNTNISSTREBEN UND WILLE ZUR SELBST2UCHT
In der Anthroposophischen Gesellschaft treten die Menschen einander
naher, als sie dies tun wiirden, wenn sie sich auf einem andern Lebens-
felde begegnen wiirden. Das gemeinsame Inter esse fiir das geistige
Weltwesen schliefit die Seelen auf. Es erscheint fiir den einen bedeut-
sam, was der andere in seinem Streben nach dem Geistigen innerlich
erlebt. Der Mensch wird mitteilsam, wenn er weifi, er steht einem
Mitmenschen gegeniiber, der fiir das Innerste, das die Seele bewegt,
ein aufmerksames Gehor hat.
Dadurch bildet es sich wie von selbst, dafi die Mitglieder der Gesell-
schaft anderes und dieses andere audi anders aneinander beobachten als
andere Menschen. Das aber schliefit zugleich eine Gefahr in sich. Man
lernt einander schatzen, indem man sich trifft. Man hat die innigste
Freude an der SeelenaulSerung des andern. Alle edlen Wirkungen des
freundschaftlichen Zusammenseins konnen sich rasch entf alten. Es liegt
nahe, daft diese Wirkungen sich rasch zur Schwarmerei steigern konnen.
Man sollte einer solchen Schwarmerei, trotzdem sie ihre Schattenseiten
hat, nicht nur das kalte, niichterne Philisterherz oder die iiberlegene
Weltmenschenhaltung entgegenbringen. Schwarmerei, die sich zur har-
monischen Seelenhaltung durchgerungen hat, ist geist-erschliefiender
als ein Gleichmafi, das an alien bedeutsamen Lebensoffenbarungen mit
starrer Haltung vorbeigeht.
Es konnen aber leicht Menschen, die einander rasch nahe kommen,
sich ebenso rasch wieder voneinander entfernen. Hat man den andern
genau kennen gelernt, weil er sich voll aufgeschlassen hat, so bemerkt
man auch bald seine Schwachen. Und dann kann die - negative
Schwarmerei auftreten. Und diese Gefahr ist in der Anthroposophi-
schen Gesellschaft eine iiberall herumschleichende. Gegen sie zu wirken,
gehort zu den Aufgaben der Gesellschaft.. Innere Toleranz gegen den
andern sollte daher jeder im Tiefsten seiner Seele anstreben, der rechtes
Mitglied der Gesellschaft sein will. Den andern verstehen lernen auch
da, wo er Dinge denkt und tut, die man nicht selber denken und tun
mochte, das sollte ein Ideal darstellen.
Es braucht dies nicht gleichbedeutend zu sein mit der Urteilslosigkeit
gegeniiber Schwachen und Fehlern. Verstehen ist etwas anderes als
Sich-blind-machen. Man kann zu einem Menschen, den man liebt, von
dessen Verfehlungen reden: er wird in vielen Fallen darin den schonsten
Freundschafts'dienst sehen. Man kann aber auch mit der Empflndung
des gleichgultigen Richters den andern abkanzeln: er prallt zuriick vor
der Verstandnislosigkeit und trostet sich mit dem Hafigefiihle, das in
ihm gegeniiber dem Kritiker auf dammert.
Es kann in vieler Beziehung in der Anthroposophischen Gesellschaft
verhangnisvoll werden, wenn die Intoleranz und Verstandnislosigkeit
gegenuber andern Mensdien in sie in der Form hineingetragen werden,
in der sie gegenwartig in weitem Umfange das Leben beherrschen.
Denn durch das Nahe-Stehen der Mensdien steigern sie sich innerhalb
der Gesellschaft.
Das sind Dinge, die stark darauf hinweisen, wie das lebendigere
Erkenntnisstreben in der Anthropasophischen Gesellschaft notwendig
begleitet sein mufi von dem Ringen nach einer Veredelung des Gefiihls-
und Empfindungslebens. Das verstarkte Erkenntnisstreben vertieft das
Seelenleben nach der Region hin, wo Hodimut, SelbstUberschatzung,
Teilnahmslosigkeit mit andern Mensdien und noch vieles andere lauern.
Ein minderes Erkenntnisstreben greift audi nur schwach in diese Region
ein. Es lafit sie in den Tief en der Seele schlafen. Ein regsames Erkennt-
nisleben stort sie aus ihrem Schlafe auf . Gewohnheiten, die sie nieder-
gehalten haben, verlieren ihre Kraft. Das Ideal, das auf Geistiges sich
richtet, kann Seeleneigenschaften erwecken, die ohne dieses Ideal nieht
offenbar geworden waren. Die Anthroposophische Gesellsdiaft sollte
dazu da sein, durch die Pflege edien Gefuhls- und Empfindungslebens
Gefahren entgegenzuwirken, die da lauern. Es gibt Instinkte in der
Menschennatur, die zur Furcht vor der Erkenntnis treiben, weil sie
solche Zusamrnenhange wittern. Wer aber sein Erkenntnisstreben des-
halb scblummern lafit, weil durch dessen Pflege seine hafilichen Gef iihle
aufgeruhrt werden, der verzichtet audi darauf, den vollen Umf ang des
wahren Mensdien in sich zu entwickeln. Es ist menschenunwiirdig, die
Einsicht zu lahmen, weil man sich vor der Charakterschwache fiirchtet.
Es kann allein menschenwiirdig sein, mit dem Erkenntnisstreben audi
das nach dem Willen zur Selbstzucht zu verbinden,
Und durch die Anthroposophie kann man das. Man mufi nur auf die
Lebendigkeit ihrer Gedanken kommen. Diese Lebendigkeit macht, dafi
sie audi Kraft im Willen, Warme in Gefuhl und Empfindung erzeugen
konnen. Es Hegt durchaus an dem Menschen, ob er die Anthroposophie
blofi vorstellt, oder ob er sie erlebt.
Und es wird an den tatig auftretenden Mitgliedern der Gesellschaft
liegen, ob durch die Art, wie sie Anthroposophie entwickeln, nur
Gedanken angeregt werden konnen, oder ob Leben entzundet wird.
Nachrichtenblatt, 2.Marz 1924
An die Mitglieder!
VII.
DIE ARBEIT IN DER GESELLSCHAFT
In meinen Vortragen fiir die Anthroposophische Gesellschaft, die ich
gegenwartig am Goetheanum halte, suche ich die Grundfragen des
menschlichen Seelenlebens zur Darstellung zu bringen. In den fiinf
«Leitsatzen», die bisher in diesem Mitteilungsblatte enthalten waren,
ist der Gesichtspunkt gekennzeichnet, von dem aus die Darstellung
gegeben wird. IchwolltederGrundforderung eines anthroposophischen
Vortrages entsprechen. Der Zuhorer soli die Empfindung haben, dafi
Anthroposophie von dem spricht, was er bei voller Selbstbesinnung als
ureigene Angelegenheit seiner Seele empfindet. Kann man fiir eine
solche Darstellung die rechte Art finden, dann wird sich unter den
Mitgliedern das Bewulksein entwkkeln: In der Anthroposophiscben
Gesellschaft wird der Mensch wirklich verstanden.
Man trifft damit auf dasjenige, was fiir die Menschen, die Mitglieder
werden, der treibende Impuls ist. Sie wollen eine Statte finden, an der
Menschen verstandnis seine rechte Pflege findet.
Man ist eigentlich schon auf demWege zur Anerkennung desGeistes-
wesens der Welt, wenn man ernstlich Menschenverstandnis sucht. Denn
man wird in diesem Suchen gewahr, da/5 die Naturerkenntnis in bezug
auf den Menschen keine Aufschliisse gibt, sondern nur Fragen erzeugt.
In den anthroposophischen Darstellungen kommt nur Verwirrung
zustande, wenn man die Seele von der Liebe zur Natur hinwegfuhren
will. Nicht in der Geringschatzung dessen, was die Natur den Menschen
offenbart, kann der Ausgangspunkt der anthroposophischen Betrach-
tung liegen. Naturverachtung, Abkehr von der Wahrheit, die m den
Erscheinungen des Lebens und der Welt dem Menschen entgegenstrahlt,
von der Schonheit, die in diesen Erscheinungen waltet, von den Auf-
gaben, die sie dem Menschenstreben stellen, kann nur zu einem Zerr-
bilde vom Geisteswesen fiihren.
Ein solches Zerrbild wird immer einen personlichen Charakter
haben. Es wird, audi wenn es nicht blofi aus Traumen gewoben ist, dodi
wie das Traumen erlebt werden. Wenn der Mensch im wachen Dasein
mit Menschen lebt, dann rnufi sein Streben auf Verstandigung iiber
Gemeinsames ausgehen. Was der eine behauptet, mufi Bedeutung fur
den andern haben; was der eine erarbeitet, muft fur den andern einen
gewissen Wert haben. Die Menschen, die miteinander leben, mussen das
Gefiihl haben, dafS sie in einer gemeinsamen Welt sind. Wenn der
Mensch in seinen Traumen webt, dann lost er sich aus dieser gemein-
samen Welt heraus. Ein anderer Mensch in seiner unmittelbaren Nahe
kann ganz andere Traume haben. Im Wachen haben die Menschen eine
gemeinsame Welt; im Traumen hat ein jeder seine eigene.
Anthroposophie sollte nicht aus dem Wachen in das Traumen, son-
dern in ein starkeres Erwachen hineinfiihren. Im alltaglichen Leben ist
zwar Gemeinsamkeit vorhanden; aber diese wird doch in engen Gren-
zen erlebt. Man ist da in ein Stuck Dasein hineingebannt; man tragt die
Sehnsucht nach dem vollen Leben nur im Herzen. Man fiihlt, die
Gemeinsamkeit des menschlichen Erlebens geht weiter als der Umkreis
des alltaglichen Lebens. Und wie man von der Erde weg zur Sonne
blicken mufi, wenn man die allem Irdischen gemeinsame Quelle des
Lichtes gewahr werden will, so mufi man von der Sinnenwelt hinweg
zum Geistes-Inhalt sich wenden, wenn man finden will, was aus dem
edit Menschlichen heraus dieSeele zur befriedigendenMenschengemein-
schaft, zum vollen Erleben dieser Gemeinschaft fiihren kann.
Da ist es denn leicht moglich, dafi man sich vom Leben abwendet,
statt in einem intensiveren Mafie in dasselbe einzutreten.
Und dieser Gefahr unterliegt der Naturverachter. Er wird in die
Einsamkeit der Seele hineingetrieben, fiir die das natiirliche Traumen
ein Vorbild ist. Fiir menschliche Wahrheit, die zugleich Weltwahrheit
ist, entwickelt man am besten den Sinn, wenn man diesen heranerzieht
an derjenigen Wahrheit, die aus der Natur derMenschenseele entgegen-
leuchtet. Wer aber Natur wahrheit mit offenem, freiem Sinn in sich
erlebt, der wird durch sie zur Geisteswahrheit hingefuhrt. Wer sich von
der Schdnheit, Grofie und Erhabenheit der Natur durchdringt, in dem
werden diese zur Quelle der Geistempfindung. Und wer sein Herz
der stummen Naturgeb'arde offnet, die jenseits von Gut und Bose in
ewiger Unschuld sich offenbart, dem erschliefit sich der Blick fiir die
geistige Welt, die in die stumme Gebarde das lebendige Wort tonen
liifit, das den Unterschied von Gut und Bose offenbart.
Geistanschauung, die durch die Liebe zur Naturanschauung hin-
durchgegangen ist, bereichert das Leben um die wahren Schatze der
Seele; Geistestraumen, das im Widerspruch mit der Naturanschauung
sich entwickelt, verarmt das Menschenherz.
Wer Anthroposophie im tiefsten Wesen durchdringt, wird, was in
diesen Satzen angedeutet ist, als den Gesichtspunkt empflnden, von
dem in den anthroposophischen Darstellungen ausgegangen werden
mufi. Man wird durch solche Ausgangspunkte dasjenige beruhren, von
dem ein jedes Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft sich sagt:
darin liegt, was den wahren Grund meines Eintrittes in die Gesellschaft
gebildet hat.
Bei den Mitgliedern, die in der Gesellschaft tatig sein wollen, wird es
nicht geniigen, dafi sie von dem hier Angedeuteten theoretisch uberzeugt
sind. Es wird das rechte Leben in ihre Oberzeugung erst kommen, wenn
sie ein warmes Interesse fiir alles entf alten, was in der Gesellschaft vor-
geht. Durch das Erfahren dessen, was von den Personlichkeiten, die in
der Gesellschaft sind, erdacht und erlebt wird, werden sie die Warme
empfangen, die sie fiir ihre Arbeit in der Gesellschaft brauchen. Man
mufi viel Interesse fiir die andern Menschen haben, wenn man ihnen
auf anthroposophische Art gegeniibertreten will. Das Studium dessen,
«was in der Gesellschaft vorgeht», mufi die Unterlage fiir das Wirken
in der Gesellschaft werden. Gerade diejenigen Mitglieder brauchen
dieses Studium, die in der Gesellschaft tatig sein wollen.
Nacfariditenblatt, 9. Marz 1924
An die Mitglieder!
VIII.
DIE ARBEIT IN DER GESELLSCHAFT
Man wird sich erinnern, dafi ich in meinen offentlichen Vortragen, die
idi im Dienste der Anthroposophischen Gesellschaft gehalten habe, nach
Moglichkeit versuchte, liberal! einzufiigen, was an entsprechenden
Erkenntnissen im gegenwartigen Zeitalter vorhanden ist. Ich tat dieses,
weil Anthroposophie nicht dastehen darf wie eine willkiirlich ersonnene
Sektenmeinung. Sie mufi zum Ausdrucke bringen, was sie in Wahrheit
ist: die von unserer Zeit selbst geforderte Weltanschauung und Lebens-
praxis.
Es erscheint mir ganz verfehlt, wenn der Anthroposoph nur abweist,
was aufier seinem Gebiete von dem geistigen Leben der Gegenwart
hervorgebradit wird. Tut er dies sogar in einer solchen Weise, daft der
Kundige sogleich bemerkt, er weist ab, was er gar nicht geniigend kennt,
so wird Anthroposophie niemals etwas ausrichten konnen.
Dieiri den Zweigen tatigen Mitglieder werden dies beachten mussen.
Man wird aber nicht erreichen, was erstrebenswert ist, wenn man neben
den anthroposophischen Darlegungen auch solche veranstaltet, die aus
den verschiedensten Wissensgebieten der Gegenwart die Dinge so brin-
gen, wie dies aufierhalb der anthroposophischen Bewegung geschieht.
Dadurch wird nur eine fiir die zuhorenden Mitglieder peinigende Kluft
geschaff en zwischen dem heute ublichen Erkennen und demjenigen, von
dem Anthroposophie sprechen mufi.
Es ist vom Ob el, wenn ein Thema aufgeworfen wir d und von vorne-
herein der Eindruck entsteht, es werde nur die Gelegenheit ergriffen,
um Kritik an irgendwelchen Gegenwarts-Vorstellungen zu iiben. Es
sollte erst uberall sorgfaltig gepriift werden, inwiefern in einer solchen
Vorstellung ein gesunder Ausgangspunkt gegeben ist. Die Sache liegt
zumeist so, dafi in der Gegenwart uberall solche bedeutsame Ausgangs-
punkte vorliegen. Man wird deshalb nicht mit der Kritik zuruckhalten
mussen. Aber man sollte nur kritisieren, was man zuerst audi in seiner
Eigenart auseinandergesetzt hat.
Wiirde das beaditet, so konnte in der Anthroposophisdien Gesell-
schaft etwas hinwegfallen, was in der letzten Zeit Schwierigkeiten
gemacht hat. Es haben die Wissenschafter bei uns eine Wirksamkeit
entwickelt, iiber die man nur tief befriedigt sein kann. Und 'doch ist in
vielen Mitgliedern das Gefuhl entstanden, dafi diese Wissenschafter zu
«wenig anthroposophisch» wirken.
Ein Seitenstiick dazu ist dadurch entstanden, dafi anthroposophische
Haltung versucht worden ist als Lebenspraxis auf verschiedenen Gebie-
ten auszubilden. Audi da ist in vielen Mitgliedern das Gefuhl entstan-
den, es gehe in solchen «Unternehmungen» gar nichtanthroposophisch zu.
Die Kritik, die hier einsetzt, ist gewifi nur zum Teil berechtigt. Denn
der Kritiker sieht oft nicht, wie schwierig derartige Versuche in der
Gegenwart sind, un'd wie alles Zeit braucht, um in entsprechender Art
verwirklicht zu werden.
Aber eine gesunde Grundlage hat doch die Empfindung vieler Mit-
glieder. Man hat als Anthroposoph zunachst die Aufgabe, durch
Anthroposophie das Seelenauge zu scharfen, um dasjenige im rechten
Lichte zu seben, was unsere Zeitkultur hervorbringt. Denn diese hat ja
das Eigentumliche, daft sie unendlich viel Fruchtbares findet, aber des
Bodens ermangelt, in dem sie in richtiger Art dieses Fruchtbare ein-
pflanzen kann. Sicherlich mufi man oft gerade dann mit der herbsten
Kritik schliefien, wenn man sich positiv und nicht negativ zu den Zeit-
erscheinungen der Gegenwart stellt.
Wenn man die positive Orientierung aufter adit lafk, wird man der
Gefahr nicht entrinnen, zuriickzuzucken vor dem Sprechen in der wirk-
lichen anthroposophisdien Art. Wie oft hort man gerade von Wissen-
schaftern in der Anthroposophisdien Gesellschaft sagen: wir schrecken
die Nicht- Anthroposophen ab, wenn wir ihnen so ohne weiteres vom
Ather- oder Astralleib reden. Aber wir bleiben unfruchtbar, wenn wir
die Nicht- Anthroposophen auf ihrem Felde kritisieren und dabei uns
nur derjenigen Urteile bedienen, die auch auf diesem Felde selbst wach-
sen konnen. Man kann von Ather- und Astralleib sprechen, wenn man
sagt, warum man dieses tut.
Bestrebt man sich aber, von dem eigentlich Anthroposophischen so
zu sprechen, dafi man iiberall das von Anthroposophie gescharfte
Seelenauge walten lafk, dann wird audi unter den Mitgiiedern der
Anthroposophischen Gesellschaft das Gefuhl verschwinden, unsere
Wissenschafter reden in einer Art, die nicht anthroposophisch genug ist,
und die Praktiker handeln so, wie man es von Mitgiiedern der Gesell-
schaft nicht erwarten sollte.
Man wird die Gesinnung in dieser Richtung orientieren miissen,
wenn unsere Weihnachtstagung nicht eine Summe frommer Wunsche
bleiben soil, sondern wenn ihre Absichten der Verwirklichung entgegen-
gehen sollen.
Nacliridbtenblatt, 16. Marz 1924
An die Mitglieder!
IX.
DIE INDIVID UELLE GESTALTUNG
ANTHROPOSOPHISCHER WAHRHEITEN
Die vorangehenden Betrachtungen habe ich an die Mitglieder gerichtet
in der Hoffnung, dadurch einiges dazu beizutragen, dafi sie den Gegen-
stand von Erwagungen an den verschiedenen Orten bilden, an denen
Anthroposophen sind. Es erschiene mir gut, wenn die in der Gesellschaft
tatigen Mitglieder sie zum Ausgangspunkte nehmen wollten, urn an sie
ankniipfend die gesamte Mitgliedschaft zu einem gemeinsamen Bewufit-
sein von dem Wesen der Anthroposophischen Gesellschaft zu erheben.
Es ist gewifi richtig, dafi in unseren Zweigversammlungen das Be-
sprechen der anthroposophischen Weltanschauung und deren Einfuh-
rung in das Leben den Hauptteil der Tatigkeit ausmachen mu(5. Aber
es kann in so mancher Zweigversammlung doch auch ein - wenn auch
noch so geringer - Teil der Zeit dazu verwendet werden, um solche
Dinge zu besprechen, wie sie in diesen Betrachtungen angedeutet wer-
den. Gerade dadurch wird manches Mitglied in reenter Art angeregt
werden, audi der nicht-anthroposophischen Auftenwelt gegeniiber ein
Reprasentant der Gesellschaft zu sein.
Ober die Anthroposophische Gesellschaft wird man nicht so denken
konnen, als ob ihr Wesen und ihre Aufgabe mit ein paar Statuten-
paragraphen erschopft waren. Dadurch, dafi Anthroposophie tief in das
Denken, Fiihlen und Wollen des Mensdien Impulse bringt, wird sie
audi wieder von dem Seelenleben der Mensdien stark beeinflufit. Man
kann ihren Inhalt in allgemeine Satze fassen, wie man das auf den
versdiiedensten Gebieten des Geisteslebens tut. Allein, so notwendig
dieses ist, man sollte dabei nicht stehenbleiben. Die allgemeinen Satze
werden lebensvolle Farbungen dadurch erhalten konnen, da£ sie ein
jeglicher, der sie in seinem Gemiite tragt, aus seinen eigenen Lebens-
erfahrungen heraus ausspricht. Und mit jeder soldien individuellen
Gestaltung kann etwas Wertvolles fiir das Verstandnis der anthropo-
sophischen Wahrheiten gewonnen sein.
Legt man dieser Tatsache Gewicht bei, so wird man die Entdeckung
madien, dafi man in dem Wesen der Anthroposophischen Gesellschaft
immer wieder neue Seiten gewahr wird.
Jedes in der Gesellschaft tatige Mitglied wird oft genug in der Lage
sein, iiber dieses oder jenes gefragt zu werden. Der Fragende sucht
Belehrung durch die Antworten, die er erhalt; der Gefragte kann Be-
lehrung suchen durch die Art, wie die Fragen gestellt werden. Man
sollte an dieser Belehrung nicht unaufmerksam vorbeigehen. Man lernt
vor allem an den Fragen das Leben kennen. Es tritt oft der Anlafi
zutage, aus dem heraus gefragt wird. Der Gefragte sollte dankbar sein,
wenn Fragende so zu ihm sprechen. Er wird durch ihre Hilfe imstande
sein, immer besser in seinen Antworten sich verhalten zu konnen. Was
insbesondere sich bessern wird, ist der Gefuhlston, der durch die Ant-
worten hindurchklingt. Und dieser Gefuhlston ist ein Wesentliches im
Mitteilen anthroposophischer Wahrheiten. Es kommt dabei durchaus
nicht blofi darauf an, was man sagt, sondern vor allem, wie man es sagt.
Anthroposophische Wahrheiten sind doch, von einem gewissen Ge-
sichtspunkte aus, das Wichtigste, was Mensdien sich mitteilen konnen.
Solche Mitteilungen einem andern ohne tiefen innern Anteil an dem
Mitgeteilten zu maehen, ist eigentlich schon eine Entstellung derselben.
Aber diese Anteilnahme wird dadurch vertieft, dafi man bei den ver-
schiedensten Menschen fiihlt, aus welchem Lebensuntergrunde sie die
Fragen stellen. Man braucht jedoch nicht zum Examinator oder seeli-
schen Vivisektor des andern zu werden. Man kann ganz zufrieden sein
mit dem, was er ganz von sich aus in sein Fragen legt. Befriedigt damit
sein, auf alle Fragen nach einem zurechtgelegten Schema zu antworten,
sollte kein tatiges Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft.
Man betont - mit Recht - oft, Anthroposophie miisse Leben im
Menschen werden, nicht blofie Lehre bleiben. Aber Leben kann nur
etwas werden, das fortdauernd vom Leben angeregt wird.
Durch die Pflege eines solchen Verhaltens in der Anthroposophie
wird diese zum Antrieb der Menschenliebe. Und in diese sollte alles
Wirken auf anthroposophischem Gebiete getaucht sein. Wer sich viel in
der Anthroposophischen Gesellschaft umgesehen hat, der kann wissen,
da£ viele Personlichkeiten in sie kommen, weil ihnen an andern Orten
die Lebenswahrheiten so entgegentreten, dafi sie des Grundtones der
Liebe entbehren. Diesen Ton hort die Menschenseele aus dem Gespro-
chenen mit feiner Empfindlichkeit heraus. Und er bildet im hochsten
Grade einen Vermittler des Verstandnisses.
Man wird vielleicht sagen: wie soil man Liebe in eine Darstellung
der Erdenentwickelung bringen? Hat man sich ein Verstandnis dafiir
angeeignet, dafi die End- und Weltentwickelung nur die andere Seite
der Menschheitsentwickelung ist, so wird man nicht zweifeln, dafi
gerade fur solche Wahrheiten die Liebe das Seelenvolle in ihnen bildet.
Nachrichtenblatt, 23. Marz 1924
An die Mitglieder!
X.
DIE DARSTELLUNG ANTHROPOSOPHISCHER WAHRHEITEN
In der Darstellung anthroposophischer Wahrheiten wird um so mehr
Leben sein konnen, je mehr das Dargestellte in der mannigfaltigsten
Art von den verschiedensten Gesichtspunkten betrachtet auftritt. Man
sollte deshalb sich nicht scheuen, als tatiges Mitglied in der Gesellsdiaft,
denselben Gegenstand in den Zweigversammlungen immer wieder zu
behandeln. Aber man wird dabei notig haben, an ihn von den verschie-
densten Seiten heranzutreten. Durch die Art, sich zu den Fragen seiner
Mitmenschen so zu verhalten, wie das in meinem letzten Briefe geschil-
dert worden ist, wird man zu einer solchen Betrachtung wie von selbst
hingefuhrt. Man lernt dabei die Lebendigkeit der anthroposophischen
Einsichten erst recht kennen. Man fuhlt, wie jedes Gedankenbild, in
das man diese Einsichten gebracht hat, ein unvollkommenes sein mufi.
Man empfindet, dafi, was man in der Seele tragt, unermefllich viel
reicher ist als dasjenige, was man im Gedanken aussprechen kann. Wird
man dies mit immer grofterer Deutlichkeit gewahr, dann steigert sich in
der Seele die Ehrfurcht vor dem geistigen Leben. Und diese Ehrfurcht
mufi in aller anthroposophischen Darstellung walten. Sie mufi einer der
Grundtone sein, welche diese Darstellung durchziehen. Wo diese Ehr-
furcht fehlt, da ist in dem Besprechen anthroposophischer Wahrheiten
keine Kraft.
Man sollte diese Kraft nicht auf eine aufterliche Art in das Sprechen
tiber Anthroposophie bringen wollen. Man sollte ihre Entwickelung
dem lebendigen Gefiihl iiberlassen, in dem man zu den Wahrheiten
dadurch stent, dafi man das Bewufksein hat, man nahert sich mit ihrem
Ergreifen in der Seele der wirklichen geistigen Welt. - Das gibt der
Seele eine gewisse Stimmung. Sie fuhlt sich fur AugenbHcke ganz
hingegeben an die Gedanken von der geistigen Welt. In dieser Hingabe
stellt sich die Ehrfurcht vor dem Geistigen auf ganz selbst verstandllche
Art ein.
In der Entwickelung einer solchen Stimmung liegt der Anfang aller
wahren Meditation. Wer eine solche Stimmung der Seele nicht lieben
kann, der wird vergeblich die Regeln anwenden fur die Erlangung von
Erkenntnissen einer «geistigen Welt». Denn in dieser Stimmung wird
das Geistige, das in den Tiefen der Menschenseele liegt, vor das Be-
wufksein gerufen. Der Mensch vereinigt sich dadurch mit seiner eigenen
Geisthaftigkeit. Und nur in dieser Vereinigung kann er das Geistige in
der Welt finden. Nur der Geist im Menschen kann an den Geist der
Welt herantreten.
Nun werdendie tatigen Mitglieder der Gesellschaftybei denen andere
Rat suchen, durch das Erwerben dieser Stimmungsmomente ihre Wahr-
nehmungsfahigkeit fiir dasjenige steigern, was der andere eigentlich
will. Es wird dem Menschen oft schwer, sich iiber das deutlich auszu-
sprechen, was seine Seele am allertiefsten bewegt. Deshalb wird der
Gefragte nur allzuleicht an dem eigentlichen Bediirfnisse des Fragen-
den vorbeihoren. Dann stellt sich bei diesem das berechtigte Gefiihl
ein, daft er liber das Gewollte doch keine Antwort erhalten habe. Stent
aber der Gefragte vor dem Fragenden in einer Seelenverfassung, die
errungen ist durch innere Stimmungen von der beschriebenen Art, dann
wird er dem Fragenden die Zunge losen konnen. Dieser wird jenes
wahre, intime Vertrauen zu dem Gefragten entwickeln, das der Mit-
teilung anthroposophischer Wahrheiten rechtes Leben gibt. Es wird
sich in diese Mitteilung etwas hineinversetzen, das den, der die Ant-
wort erhalten hat, von dieser aus dann selbstandig seinen Weg in dem
Verfolgen seiner geistigen Bediirfnisse gehen laftt. Er wird vielleicht
das Gefiihl haben, wenn auch die Antwort nicht alles enthalten hat,
was er suchte, so werde er jetzt imstande sein, sich weiter zu helfen.
Ein inneres Kraftgefiihl wird sich in der Seele statt eines vorher vor-
handenen Ohnmachtsgefiihles einstellen. Und dieses Kraftgefiihl hat
der Fragende in Wahrheit gesucht.
Man sollte nicht glauben, daft man ohne Gedanken, in blofien Ge-
fiihlen die Antworten auf brennende Seelenfragen finden kann. Aber
ein Gedanke, der sich in kalter Abgeschlossenheit gegeniiber den Ge-
fiihlen entwickelt, findet nicht den Weg zu dem menschlichen Herzen.
Man soli jedoch auch nicht die Furcht davor haben, daft das Gefiihl
der Objektivitat des Gedankens schaden miisse. Das wird nur der Fall
sein, wenn es nicht durch die beschriebene Stimmung den Weg zu der
Geisthaftigkeit des Menschen gefunden hat.
Nachrichtenblatt, 30. Marz 1924
An die Mitglieder!
VOM ANTHROPOSOPHISCHEN LEHREN
Die Anregung, sich mit Anthroposophie zu beschaftigen, wird in den
meisten Fallen da von herkommen, dafi dem Menschen der Blick in die
aufiermenschliche Welt zu einem Quell der Unbefriedigung wird, und
er dadurch veranlafk wird, die Betrachtung auf das eigene Menschen-
wesen zu lenken. Er ahnt, daft die Ratsel, welche das Leben aufgibt,
nicht durch Hinausschauen in das Weltgetriebe, sondern durch Hinein-
blicken in das menschliche Innensein zur Aufhellung kommen. Das
Streben nadi Wekerkenntnis verwandelt sidi ihm in dasjenige nach
Selbsterkenntnis.
Die in der Anthroposophischen Gesellschaft tatig sein wollenden
Mitglieder werden auf dieses zu achten haben. Dann werden sie auf der
einen Seite ihre Aufgabe in der rediten Art empfinden lernen. Sie wer-
den aber audi die Gefahren erkennen lernen, die mit dieser Aufgabe
verbunden sind.
Streben nach Selbsterkenntnis treibt nur allzu oft, wenn sie irre-
geleitet ist, zu einer besonderen Form des Egoismus. Der Mensch kann
sich selbst zu wichtig nehmen und dadurch das Interesse fur alles ver-
lieren, was sich aufier ihm abspielt. Jedes rechte Streben kann eben,
wenn es in Einseitigkeit verfallt, in die Irre gehen.
Man kommt uberhatipt zu keiner Weltanschauung, wenn man diese
nicht durch eine Menschen-Anschauung sucht. Denn die uralte Wahr-
heit, dafi der Mensch ein Mikrokosmos, eine wahre «kleine Welt» ist,
wird sich immer auch als die allerneueste erweisen. Der Mensch birgt
in seinem eigenen Wesen alle Ratsel und Geheimnisse der «grofien
Welt», des Makrokosmos.
Erfafk man dieses in rechter Art, so wird jeder Blick in das Men-
schen-Innere die Aufmerksamkeit auf die aufiermenschliche Welt
lenken. Und Selbsterkenntnis wird das Tor zurWelterkenntnis werden.
Erfafit man es in irriger Art, so wird man sich mit der Selbstbetrach-
tung in das eigene Wesen einsperren und die Anteilnahme fiir die Welt
verlieren.
Das letztere darf durch die Anthroposophie nidit geschehen. Sonst
wird die Klage nicht verstummen, die man von vielen in die Anthro-
posophische Gesellschaft Neu-Eintretenden horen kann: ach, wie ego-
istisch denken doch die Anthroposophen.
Wer sich selbst kennen lernen will, der sollte durch das, was er in
dieser Selbsterkenntnis erwirbt, den Blick scharfen kbnnen zunachst
dafiir, wie alles, was an ihm ist, ihm auch in dem andern Menschen
entgegentritt. Man empfindet, was der Mitmensch erlebt, wenn man
ein ahnliches in sich selbst erlebt hat. Solange dieses Selbst-Erleben
fehlt, geht man am dem Erlefoen des andern voriiber, ohne es in der
richtigen Weise zu sehen. Aber es kann das Fiihlen audi durch das eigene
Erleben so gefesselt werden, dafi es fiir den andern nichts mehr iibrig
behalt.
Die in der Gesellschaft tatigen Mitglieder werden ihr Wirken nach
dieser Richtung zu einem forderlichen machen, wenn sie nur acht geben
wollen auf die Gefahren, die da lauern. Sie werden dann verhindern,
daft Selbsterkenntnis in Selbstliebe ausartet. Sie werden vielmehr ihrem
Wirken den Ton verleihen, der die Selbst-Erkenntnis in die Menschen-
Liebe hiniiberleitet. Und wer Interesse fiir den andern Menschen ent-
wickelt, der wird es auch an Interesse fiir die Welt im allgemeinen nicht
fehlen lassen.
Ich habe Freunden, die von mir zu irgendeiner Gelegenheit einen
Gedenkspruch forderten, oft den folgenden gegeben:
Willst du das eigene Wesen erkennen,
Sieh dich in der Welt nach alien Seiten um.
Willst du die Welt wahrhaft durchschauen,
Blick in die Tiefen der eignen Seele.
In der Orientierung, welche dieser Spruch gibt, mufi der Vortrag
anthroposophischer Erkenntnisse sich halten. Dann wird vermieden
werden, daft durch das Besprechen des menschlichen Innenwesens das
egoistische Sich-Hineinspinnen in das eigene Wesen zu stark angefacht
wird.
Es wirkt in der Tat abstofiend, wenn der Neu-Eintretende an den
Anthroposophen nur bemerken kann, wie sich diese nur mit sich selbst
beschaftigen wollen. Man wird gewahr, wie Menschen, die eine Zeitlang
Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft gewesen sind, bei jeder
Gelegenheit dariiber jammern, daft ihnen das Leben keine Zeit lafit,
sich in die Anthroposophie recht zu vertiefen. Besonders haufig findet
man das bei solchen Menschen, die ihr Tatigkeitsfeld innerhalb der
anthroposophischen Bewegung selbst gefunden haben. Ihnen wird leicht
die Arbeit zuviel, weil sie meinen, sie werden durch sie von der Medi-
tation, von dem Lesen anthroposophischer Schriften und so weiter ab-
gehalten. Aber durch die Liebe zur anthroposophischen Erkenntnis
darf nicht die freudige Hingabe an die Notwendigkeiten des Lebens
gestort werden. 1st das der Fall, so wird die Besehaftigung mit der
Anthroposophie audi nicht die rechte Warme haben konnen; sie wird
zum kalten Egoismus ausarten.
Sich stark mit dieser Erkenntnis zu durchdringen, wird eine Aufgabe
fiir die in der Gesellschaft tatig sein wollenden Mitglieder sein miissen.
Dann werden sie den Ton fiir ihr Wirken finden konnen, der Gefahren
aus dem Felde schlagt, die sich leicht einstellen konnen.
Nadirichtenblatt, 6. April 1924
An die Mitglieder!
UBER DIE GESTALTUNG DER ZWEIGABENDE
Es wird seit einiger Zeit innerhalb der Mitgliedschaft viel dariiber ver-
handelt, ob in den Zweigversammlungen es Regel sein soil, die vor-
handene anthroposophische Literatur durch Vorlesen und Besprechen
zur allgemeinen Kenntnis innerhalb der Anthroposophischen Gesell-
schaft zu bringen, oder ob der freie Vortrag iiber dasjenige, was einzelne
tatig sein wollende Mitglieder zu sagen haben, zu bevorzugen sei.
Wer sich auf dieBedingungen der anthroposophischen Arbeit besinnt,
dem sollte ohne weiteres klar sein, daft nicht einseitig die eine oder die
andere dieser Tatigkeitsrichtungen, sondern nach den vorhandenen
Mogliehkeitenbeidegepflegt werden miissen. In der anthroposophischen
Literatur liegt dasjenige vor, was die Menschen in die Gesellsdiaft her-
einfuhrt. Sie ist dazu bestimmt, die Grundlage im Wirken der Gesell-
sdiaft zu bilden. Sie wird, wenn sie durch die Zweigversammlungen
zur Kenntnis der Mitglieder gebracht wird, den einheitlichen Zug
bilden, den wir brauchen, wenn unsere Gesellsdiaft einen rechten Inhalt
haben soli.
Man sollte nicht den Einwand machen: was gedruckt ist, kann ich ja
zu Hause selber lesen; das braucht mir in den Zweigversammlungen
nicht vorgefuhrt zu werden. Es ist in diesem Mitteilungsblatte schon
auf das Irrtumliche dieser Meinung hingewiesen worden. Man sollte
einen Sinn darinnen sehen, mit den in der Gesellsdiaft vereinigten
Personlichkeiten zusammen das anthroposophische Geistesgut an sich
herankommen zu lassen. In diesem Gefuhl, zusammen zu sein, und im
Zusammensein das Geistige aufzunehmen, sollte man nidit ein Wesen-
loses sehen.
Audi ist es notig, dafi die tatig sein wollenden Mitglieder ein Inter-
esse daran haben, die vorhandene Literatur allmahlich wirklidi zum
geistigen Eigentum der Mitgliederschaft zu machen. Es geht nicht an,
dafi viele Mitglieder, die jahrelang in der Gesellsdiaft sind, in den
Zweigversammlungen nichts zu horen bekommen uber Dinge, von
denen bestimmte Erkenntnisse in der vorhandenen Literatur vorliegen.
Anf der andern Seite ist zu sagen: es wiirde das Leben in der Gesell-
sdiaft ernsten Schaden leiden, wenn nicht moglichst viele tatige Mit-
glieder innerhalb derselben vorbringen wiirden, was sie aus Eigenem
heraus zu sagen haben. Man kann doch dieses Tatigkeitsfeld ganz gut
mit dem andern in harmonischen Einklang bringen. Man sollte doch
bedenken, dafi Anthroposophie nur das werden kann, was sie werden
soil, wenn immer mehr Menschen an ihrer Ausbildung teilnehmen. Es
sollte Freude dariiber, nicht Ablehnung herrschen, wenn tatige Mit-
glieder in den Zweigversammlungen das zur Kenntnis bringen, was sie
sich erarbeitet haben.
Wenn nun oft gesagt wird: das, was von mancher Personlichkeit
vorgebracht wird, sei nicht Anthroposophie, so kann ein solcher Aus-
spruch gewifi in einzelnen Fallen seine Berechtigung haben. Aber wohin
kamen wir, wenn wir uns gegen die Wahrheit versiindigten, dafi in der
Anthroposophisdien Gesellsdiaft alles leben sollte, was zumGeistesgute
der Menschheit gehdrt. Das eine wird aus dem Grunde vorgebradit
werden sollen, weil es die Grundlage zum Aufbau anthroposophischer
Darstelkng bilden kann. Das andere wird mitzuteilen sein, weil es von
anthroposophisdien Gesichtspunkten nachher zu beleuchten ist. "Wenn
nur der anthroposophische Grunddiarakter in dem Wirken der Gesell-
sdiaft gewahrt wird, so sollte dem, was die einzelnen tatigen Mitglieder
bringen, nidit in engherziger Art eine Grenze gezogen werden.
Nidit in dem Ausschliefien des einen oder des andern sollte gesudit
werden, was die Zweigversammlungen tun sollen, sondern in der har-
monischen Vereinigung der Pflege der vorhandenen Literatur und dem
Vorbringen dessen, was die einzelnen tatigen Mitglieder von sich aus
zu sagen haben.
Durch Mannigfaltigkeit, nidit durdi Einformigkeit des Wirkens
werden wir die Ziele der Anthroposophisdien Gesellsdiaft erreichen.
Wir haben innerhalb der Gesellsdiaft soviele Mitglieder, die aus Eige-
nem zu geben haben, dafi wir iiber diese Tatsadie herzlich froh sein
konnen. Wir sollten uns nach dieser Richtung angewohnen konnen,
Anerkennung solchen Mitgliedern entgegenzubringen. Nur wenn die
Leistungen innerhalb der Gesellsdiaft recht gewiirdigt werden, kann
wahres Ldben in ihr sein. Engherzige Ablehnung sollte unter den Un-
tugenden innerhalb der Anthroposophisdien Gesellsdiaft die allersel-
tenste sein. Man sollte vielmehr einen Enthusiasmus dafiir entwickeln,
moglicfost viel von dem kennen zu lernen, was der eine oder der andere
in der Gemeinschaft der Anthroposophen zu sagen hat.
Nadirichtenblatt, 18. Mai 1924
An die Mitglieder!
DIE BILDNATUR DES MENSCHEN
Es kommt viel darauf an, dafi durch die Anthroposophie begriffen
werde, wie die Vorstellungen, die der Mensch im Anblicke der aufieren
Natur gewinnt, vor der Menschenbetrachtung Halt machen miissen.
Gegen diese Forderung siindigt die Denkungsart, die durch die geistige
Entwickelung der letzten Jahrhunderte in die Menschengemiiter ein-
gezogen ist. Durch sie gewohnt man sich, Naturgesetze zu denken; und
durch diese Naturgesetze erklart man sich die Naturerscheimmgen, die
man mit den Sinnen wahrnimmt. Man sieht nun nach dem menschlichen
Organismus hin und betrachtet audi diesen so, wie wenn seine Einridi-
tung begriffen werden konnte, wenn man die Naturgesetze auf ihn
anwendet.
Das ist nun gerade so, als ob man das Bild, das ein Maler gescbaffen
hat, betrachtete nach der Substanz der Farben, nach der Kraft, mit der
die Farben an der Leinwand haften, nach der Art, wie sich diese Farben
auf die Leinwand streichen lassen, und nach ahnlichen Gesichtspunkten.
Aber mit alledem trifft man nicht, was sich in dem Bilde offenbart. In
dieser Offenbarung, die durch das Bild da ist, leben ganz andere Gesetz-
mafiigkeiten als diejenigen, die aus den angegebenen Gesichtspunkten
gewonnen werden konnen.
Es kommt nun darauf an, sich dariiber klar zu werden, daiS sich audi
in der menschlichen Wesenheit etwas offenbart, das von den Gesichts-
punkten, von denen aus die Gesetze der aufieren Natur gewonnen wer-
den, nicht zu ergreifen ist. Hat man diese Vorstellung in der rechten
Art sich zu eigen gemacht, dann wird man in der Lage sein, den Men-
schen als Bild zu begreifen. Ein Mineral ist in diesem Sinne nicht Bild.
Es offenbart nur dasjenige, was unmittelbar die Sinne wahrnehmen
konnen.
Beim Bilde richtet sich die Anschauung gewissermafien durch das
sinnlich Angeschaute hindurch auf einen Inhalt, der im Geiste erfafit
wird. Und so ist es audi bei der Betraditung des Menschenwesens. Er-
faftt man dieses in reenter Art mit den Naturgesetzen, so fuhlt man sich
im Vorstellen dieser Naturgesetze nicht dem wirklichen Menschen nahe,
sondern nur demjenigen, durch das sich dieser wirkliche Mensch offen-
bart.
Man mufi es im Geiste erleben, daiS man mit den Naturgesetzen so
vor dem Menschen stent, wie man vor einem Bilde stiinde, wenn man
nur wtiftte, da ist Blau, da ist Rot, und man nicht imstande ware, in
einer inneren Seelentatigkeit das Blau und Rot auf etwas zu beziehen,
das sich durch diese Farben off enbart.
Man mufi eben eine andere Empfindung haben, wenn man mit den
Naturgesetzen einem Mineralischen, und eine andere, wenn man dem
Menschen gegeniibersteht. Beim Mineralischen ist es fur die geistige
Auffassung so, als wenn man das Wahrgenommene unmittelbar er-
tastete; beim Menschen ist es so, als ob man ihm mit den Naturgesetzen
so feme stiinde, wie man einem Bilde feme stent, das man nicht mit
Seelenaugen anblickt, sondern nur betastet.
Hat man erst in der Anschauung des Menschen begriffen, da!5 dieser
Bild von etwas ist, dann wird man in der rechten Seelenstimmung auch
zu dem fortschreiten, was sich in diesem Bilde darstellt.
Und im Menschen offenbart sich die Bildnatur nicht auf eine ein-
deutige Weise. Ein Sinnesorgan ist in seinem Wesen am wenigsten Bild,
am meisten eine Art Offenbarung seiner selbst wie das Mineral. Man
kann gerade an die Sinnesorgane mit den Naturgesetzen am nachsten
heran. Man betrachte nur die wundervolleEinrichtungdes menschlichen
Auges. Man erfafit durch Naturgesetze annahernd diese Einrichtung.
Und bei den andern Sinnesorganen ist es ahnlich, wenn auch die Sache
nicht so offen zutage tritt wie beim Auge. Es kommt dies daher, dafl
die Sinnesorgane in ihrer Bildung eine gewisse Abgeschlossenheit zei-
gen. Sie sind als fertige Bildungen dem Organismus eingegliedert, und
als solche vermitteln sie die Wahrnehmungen der Aufienwelt.
So aber ist es nicht mit den rhythmischen Vorgangen, die sich im
Organismus abspielen. Sie stellen sich nicht als etwas Fertiges dar. In
ihnen vollzieht sich ein fortwahrendes Entstehen und Vergehen des
Organismus. Waren die Sinnesorgane so wie das rhythmische System,
so wiirde der Mensch die Aufienwelt in der Art wahrnehmen, daft
diese in einem fortwahrenden Werden sich befande.
Die Sinnesorgane stellen sich dar wie ein Bild, das an der Wand
hangt. Das rhythmische System stent vor uns wie das Geschehen, das
sich entfaltet, wenn Leinwand und Maler im Entstehen des Bildes von
uns betrachtet werden. Das Bild ist noch nicht da; aber es 1st immer
mehr da. In dieser Betrachtung hat man es mir mit einem Entstehen zu
tun. Was entstanden ist, bleibt zunachst bestehen. In der Betrachtung
des menschlichen rhythmischen Systems schliefit sich das Vergehen, der
Abbau, sogleich an das Entstehen, an den Aufbau an. Im rhythmischen
System offenbart sich ein werdendes Bild.
Die Tatigkeit, welche die Seele verrichtet, indem sie sich einem ihr
Gegenuberstehenden wahrnehmend hingibt, das fertiges Bild ist, kann
als Imagination bezeichnet werden. Das Erleben, das entfaltet werden
mufi, um ein werdendes Bild zu erfassen, ist dem gegenuber Inspiration.
Noch anders Hegt die Sache, wenn man das StofFwechsel- und das
Bewegungssystem des menschlichen Organismus betrachtet. Da ist es,
als ob man vor der noch ganz leeren Leinwand, den Farbentopfen und
dem noch nicht malenden Kiinstler stiinde. Will man dem Stoff wechsel-
und dem GliedmajRensystem gegenuber zum Begreifen kommen, so
mufi man ein Wahrnehmen entwickeln, das mit dem Wahrnehmen
dessen, was die Sinne erfassen, nicht mehr zu tun hat als der Anblick
von Farbentopfen, leerer Leinwand und Maler mit dem, was spater als
Bild des Malers vor unsere Augen tritt. Und die Tatigkeit, in der die
Seele rein geistig den Menschen aus dem StofFwechsel und aus seinen
Bewegungen heraus erlebt, ist so, wie wenn man im Anblicke vom
Maler, leerer Leinwand und Farbentopfen das spater gemalte Bild
erlebte. Dem StofFwechsel- und Gliedmafiensystem gegenuber mufi in
der Seele die Intuition walten, wenn es zum Begreifen kommen soil.
Es ist notig, daft die tatig wirkenden Mitglieder der Anthroposophi-
schen Gesellschaft in soldier Art auf die Wesenheit hindeuten, die dem
anthroposophischen Betrachten zugrunde liegt. Denn nicht nur soil
eingesehen werden, was durch Anthroposophie an Erkenntnisinhalt
gewonnen wird, sondern audi, wie man zum Erleben dieses Erkennt-
nisinhaltes gelangt.
Nadiriditenblatt, 2$. Mai 1924
An die Micglieder!
ETfAS VON DER STIMMUNG,
DIE IN DEN ZWEIGVERSAMMLUNGEN SEIN SOLLTE
Die Betraditungsart gegeniiber dem Menschen, von der das letzte Mai
hier gesprochen worden ist, fuhrt zu einer sachgemaften Anerkennung
von der Wirksamkeit des Geistig-Seelischen in der physischen und
atherischen Menschenwesenheit. Hat man begriffen, dafi das sinnen-
fallig Anschaulidie am Menschen Bild ist, so erfafit man audi leicht,
dafi in dem Bilde anderes wirkt als dasjenige, was in ihm an Stoif-
artigem enthalten ist. Man wird sich aber auch mit einer ganz anderen
Seelen-Einstellung dem gegeniiber verhalten, dessen Bildwesenheit man
anerkennt, als einem solchen gegeniiber, das man nur in seiner eigenen
stoffartigen Beschaffenheit ins Auge faftt.
Und in dieser anderen Seelen-Einstellung liegt etwas Aufweckendes.
Empfindet man ganz lebhaft, wie man sich in einer solchen Einstellung
innerlich verhalt, wie man gestimmt ist, so fiihlt man das Aufwachen
von Seelenkraften, die im gewohnlichen Leben schlummern. Und dar-
auf kommt viel an, dafi derjenige, der Anthroposophie aufnimmt, an
diesem Aufnehmen schon empfindet: in der Menschenseele schlummern
noch andere Erkenntniskrafte, als die sind, die er vor seinem Heran-
treten an die Anthroposophie anerkannt hat.
Weifi man, man hat ein Bild vor sich, so stellt man das Erkennen auf
das Nicht-Sinnenfallige ein. Man wird dadurch von diesem Nicht-
Sinnenfalligen ergrifTen, wie man im Wahrnehmungsleben von dem
Sinnenfalligen ergriffen wird.
Wenn die vortragend tatigen Mitglieder der Anthroposophischen
Gesellschafl in den Zweigversammlungen die Aufmerksamkeit fiir
solche Dinge wachrufen, so wird dadurch zu dem anthroposophischen
Lehren anthroposophische Stimmung kommen.
Und diese sachgemdfi hervorgerufene Stimmung wird erst den
Zweigversammlungen den Geist geben, der in ihnen walten soil. Der
Teilnehmer wird dann fuhlen, dafi Anthroposophie nicht blofi eine
theoretische Mitteilung uber das Geistige enthalt, sondern dafi sie ein
in sich Kraftvolles, Wesenhaftes ist, das zum Erleben des Geistigen
hinuberfuhrt.
In jeder sachgemafien Art sollte von den tatigen Mitgliedern bedacht
werden, wie dieses Erleben des Geistigen in der anthroposophischen
Arbeit erreicht werden kann.
Denn nur auf diese Art kann in denen, die Anthroposophie aufneh-
men, ohne selbst im Geistigen forschen zu konnen, das Gefuhl iiber-
wunden werden, dafi sie nur theoretisch sich mitteilen lassen, was
andere, die es zum Forschen gebracht haben, erleben. In der rechten
Mitteilung des im Geiste Erlebten liegt ein Mit-Erleben-Lassen des
Mitgeteilten.
Herrscht dieser Geist des Mit-Erleben-Lassens in den Zweigver-
sammlungen, so vertreibt er alles auf unberechtigtes Autoritatsgefuhl
gebaute Wesen. Die Gegner der Anthroposophie wenden gegen diese
fortwahrend ein, dafi sich die Anthroposophen zu dem, was ihnen mit-
geteilt wird, nur auf dieses Autoritatsgefuhl hin bekennen. Wenn in
der Gesellschaft Anthroposophie im rechten Geiste getrieben wird, so
verliert diese Einwendung jeden Sinn. Denn die Teilnehmer an unsern
Versammlungen fuhlen dann gar nicht so, dafi sie sagen konnen, sie
erkennen dieses oder jenes an, weil dieser oder jener es gesagt hat; denn
sie lernen wissen, dafi in dem eigenen Innern die Zustimmung nicht
erzwungen wird, sondern dafi sich diese im selbstverstandlichen Erleben
einstellt.
Man erlebt doch auch, wenn man einem gutgesinnten Menschen
gegeniibertritt, dessen innere Giitigkeit nicht deshalb, weil eine Autori-
tat dazu anleitet, die Giitigkeit als wohltuend zu empfinden, sondern
weil sich die Seele unmittelbar von der giitigen Art wohltuend beriihrt
fiihlt. So kann man die Wahrheit der Anthroposophie an der Art ihres
Mitteilens, an ihrem eigenen Wesen gewahr werden.
Dafi die Anthroposophie so wirken kann, dazu sollten die Zweig-
leiter dasNotwendige tun. Nicht durch dieHervorrufung des Gefuhles:
da werden Dinge vorgebracht, die geheimnisvoll sind, soli der esoteri-
sche Charakter der anthroposophischen Versammlungen bedingt sein.
Esoterik beruht auf dem charakterisierten Verinnerlichen in der Mit-
teilung von Wahrheiten. Man sollte in dieser Verinnerlichung etwas
von dem Impuls sehen, den die Weihnachtstagung in die Anthroposo-
phische Gesellschaft hat bringen wollen. In dem unaufhorlichen Wach-
Erhalten dieser Absicht und dieses Wollens von der Weihnachtstagung
her wird der Segen liegen konnen, den diese Tagung gehabt hat und
den sie weiter wird iiber die anthroposophische Bewegung ausgielSen
konnen.
Nachrichtenblatt, i. Juni 1924
An die Mitglieder!
NOCH ETfAS VON DER DEN ZWEIGVERSAMMLUNGEN
NOTWENDIGEN STIMMUNG
Anthroposophische Betrachtungen solltennicht zu einer Unterschatzung
des aufieren Lebens fuhren. Es wird ja bei vielen Menschen so sein, dafi
entweder schwere Schicksalsschlage oder die Wahrnehmung der Wider-
spriiche im aufieren Leben diejenige Vertiefung des Empfindens hervor-
ruft, welche sich in dem Hinneigen zu einer geistgemafien Auff assung
des Daseins ausdriickt.
Aber wie die physische Wesenheit des Menschen des Schlafes bedarf,
um im Wachen tiichtig zu sein, so hat ein richtiges Drinnenstehen in der
geistigen Welt den Sinn fur das physische Erleben no tig, um Festigkeit
und Sicherheit der Seele zu entwickeln. - Denn die Erfullung des
menschlichen Inneren mit Erkenntnissen vom Geistigen ist ein Auf-
wachen aus dem Leben in der sinnenfalligen Wirklichkeit und aus den
Impulsen, die der Wille aus dieser Wirklichkeit schopfen kann.
Deshalb sollten die in der Anthroposophischen Gesellschaft tatig
wirkenden Mitglieder stets darauf bedacht sein, dafi solchen Person-
lichkeiten, die aus einer Unterschatzung des aufieren Lebens das innere
zu ergreifen suchen, die Kraft dieses Inneren zwar in aller nur mog-
lichen Starke gegeben werde, dafi aber mit diesem ihnen zugleich die
Schatzung des XufSeren und die Tiichtigkeit fur dieses erstehe.
Man sollte stets bedenken, dafi das menschliche Erdenleben innerhalb
des Gesamtdaseins des Menschen, das durch Geburten und Tode geht,
eine Bedeutung hat. In diesem Erdenleben ist der Menschengeist in
dem materiellen Sein verkdrpert. Er ist an dieses materielle Sein hin-
gegeben. Was er in dieser Hingebung erleben kann, das kann ihm in
keiner Daseinsform zukommen, in der er als Geist im Geistigen sich
selbst gegeben ist.
Das Leben im materiellen Dasein ist fur den Menschen diejenige
Daseinsstuf e, auf der er das Geistige aufierhalb von dessen Wirklichkeit
im Bilde wahrnehmen kann. Und ein Wesen, das den Geist nicht auch
im Bilde erlebt, kann kein freies, aus der eigenen Wesenheit entsprin-
gendes Hinneigen zum Geiste entfalten. Audi diejenigen Wesenheiten,
die sich nicht nach Menschenart im materiellen Dasein verkorpern,
machen Lebensstufen durch, in denen sie ihr eigenes Wesen an ein
anderes Daseins-Element hinzugeben haben.
In dieser Hingabe liegt die Grundlage fur die Entwickelung des
Liebes-Impulses im Leben. Ein Wesen, das niemals in eineEntfremdung
von dem eigenen Selbst eingeht, kann nicht diejenige Hinneigung zu
einem andern in sich erbilden, die sich in der Liebe ofTenbart. Und das
Erfassen des Geistigen durch den Menschen kann leicht in Lieblosigkeit
verharten, wenn es in Einseitigkeit mit einer Verachtung des in der
aufteren Welt sich OfFenbarenden sich verbindet.
Wahre Anthroposophie sucht nicht den Geist, weil sie die Natur
geistlos findet und deshalb der Verachtung wert, sondern deshalb, weil
sie in der Natur den Geist suchen will und ihn nur auf anthroposophi-
sche Art darinnen finden kann.
Wenn eine in dieser Richtung wirkende Gesinnung dasjenige durch-
waltet, was in unseren Zweigversammlungen getan wird, so werden
diese den Mitgliedern ein Erleben bringen, das mit den Anforderungen,
die des Menschen Gesamtdasein an diesen stellt, im Einklange sich
befindet. Und die Weltfremdheit, die so leicht wie eine ungesunde
Atmosphare anthroposophischer Arbeit sich ergeben kann, wird ver-
trieben werden.
Auch dieses gehort zu den Elementen, die die rechte Stimmung in der
Arbeit unserer Gesellschaft bewirken sollen. Die Mitglieder werden
ihreBesuche in den Zweigversammlungen nicht in der wiinschenswerten
Art verbracht haben, wenn sich ihnen ein Abgrund auftut zwischen
dan, was sie durch Anthroposophie vernehmen und dem, was sie im
aufieren Leben erfahren miissen. Der Geist, der in den Zweigversamm-
lungen waltet, mufi zum Lidite werden, das fortleuchtet, wenn das
Mitglied den aufieren Anforderungen des Tages hingegeben ist. Waltet
solcher Geist nicht, so wird das Mitglied durch Anthroposophie fiir das
Leben, das dodi seine Rechte hat, nicht tiichtiger, sondern untiichtiger.
Dann aber waren manche Vorwiirfe, die von Auftenstehenden der
Anthroposophischen Gesellschaft gemacht werden, berechtigt. Und die
Anthroposophische Gesellsdiaft wiirde Anthroposophie nicht fordern,
sondern schadigen.
Nadirichtenblatt, 6. Juli 1924
An die Mitglieder!
NOCH ETWAS UBER
DIE AUSWIRKUNGEN DER WEIHNACHTSTAGUNG
Zu den Auswirkungen der Weihnachtstagung sollte auch gehoren, daft
durch die tatig sein wollenden Mitglieder immer klarer vor die Welt
hingestellt wiirde, was Anthroposophie ihrem Wesen nach ist und nicht
ist. Solange immer noch die Meinung diskutiert werden kann: Sollte
man nicht das oder jenes auf anthroposophischem Boden Gewonnene
da oder dort «einfliefien» lassen, ohne die Leute dadurch abzuschrecken,
daft man ihnen sagt, das sei Anthroposophie, solange wird innerhalb
der Anthroposophischen Gesellschaft. vieles nicht in Ordnung kommen.
Nun handelt es sich darum, nach dieser Richtung wirklich nach
Klarheit zu streben. Es ist ein Unterschied zwischen dem sektiererischen
Eintreten fiir irgend etwas, das man sich als dogmatische Anthroposo-
phie zurechtgelegt hat, und dem geradsinnigen, off enen, unversteckten
und unverbramten Eintreten fiir dasjenige, was durch Anthroposophie
an Erkenntnis iiber die geistige Welt so zutage tritt, dai5 der Mensch
ein menschenwurdiges Verhaltnis zu dieser Welt gewinnen kann.
In der letzteren Art restlos das Arbeiten fiir Anthroposophie aufzu-
fassen, ist die Aufgabe des Vorstandes am Goetheanum; und dieser
wird von den tatig sein wollenden Mitgliedern in dieser seiner beson-
deren Eigenart audi recht verstanden werden miissen. Durch die Weih-
nachtstagung soil bewirkt werden, dafi Anthroposophie und Anthro-
posophisdie Gesellschaft immer mehr zusammenwachsen. Das kann
nicht geschehen, wenn die Saat weiter bluht, die dadurch ausgestreut
worden ist, dafi man immer wieder zwisdien «Rechtglaubigkeit» und
«Ketzerei» innerhalb des Kreises derer unterschied, die sich in der
Anthroposophischen Gesellsdiaft zusammengefunden haben.
Man mufi vor allem wissen, was in dieser Richtung Anthroposophie
als geistige Haltung moglich madit. Sie besteht nidit in einer Summe
von Meinungen, wekhe die «Anthroposophen» haben miissen. Es sollte
unter den Anthroposophen gar nicht das Wort aufkommen: «Wir
glauben dies; wir weisen jenes zuriick.» So etwas kann sidi als die
naturgemafie Folge des anthroposophisdien Wirkens ergeben; als Pro-
gramm darf es nirgends zur Geltung gebracht werden. Es kann nur das
Urteil geben: « Anthroposophie ist da; sie ist erarbeitet worden; ich
trete dafur ein, dafi in der Welt das Erarbeitete bekannt werde.» Dafi
ein Unterschied wie zwisdien Tag und Nacht zwisdien den beiden hier
angefiihrten Urteilen besteht, das wird in Anthroposophenkreisen noch
viel zu wenig empfunden. Sonst konnte man nidit immer wieder sogar
den grotesken Aussprudi horen: «Die Anthroposophisdie Gesellschaft
glaubt dies oder jenes. » Ein soldier Aussprudi hat in Wirklichkeit gar
keinen Inhalt. Dafi man dieses empfinde, darauf kommt es an.
Wollte man etwa herumfragen, um uber Anthroposophie klar zu
werden: was fur eine Meinung oder Lebenshaltung hat der oder jener,
der in der Anthroposophischen Gesellschaft als Mitglied eingeschrieben
ist, so wiirde man einen ganz falschen Weg einschlagen, um zu dem
Wesen der Anthroposophie zu kommen. Dennoch wirken viele tatig
sein wollende Mitglieder so, dafi diese Frage immer wieder auftauchen
mu£. Es sollte aber nur die Meinung entstehen: Da gibt es in der Welt
Anthroposophie; die Anthroposophisdie Gesellschaft gibt Gelegenheit,
sie kennen zu lernen.
Jeder, der neu in diese Gesellschaft eintritt, sollte das Gefiihl haben:
ich trete ein, lediglich um Anthroposophie kennen zu lernen. Dafi soldi
em Gefuhl in reenter Art entstehe, kann durch die Haltung der tatig
sein wollenden Mitglieder bewirkt werden. Heute aber wird vielfach
etwas ganz anderes bewirkt. Die Leute haben Angst davor, der Gesell-
schaft beizutreten, weil sie aus der Haltung tatig sein wollender Mit-
glieder den Eindruck empfangen: sie miiftten sidi mit dem innersten
Wesen ihrer Seele gewissen Dogmen verschreiben. Davor schrecken sie
natiirlich zuriick.
Es mufi der gute Wille dazu da sein, diesen Eindruck immer mehr
zum Verloschen zu bringen. Viele tatig sein wollende Mitglieder mei-
nen, ja, wenn man die Leute blofi deshalb aufnimmt, damit sie in der
Gesellschaft die Anthroposophie kennen lernen, dann treten sie eben
wieder aus, wenn sie dieses Kennen-Lernen besorgt haben. Und wir
haben nie eine in sich geschlossene Gesellscliaft.
So kann es aber nicht kommen, wenn die Anthroposophische Gesell-
schaft von ihren tatig sein wollenden Mitgliedern in der rechten Art
aufgefaik wird. Es wird aber immer so kommen, wenn man die Zu-
gehorigkeit zur Gesellschaft von dem Bekenntnis zu dem auch nur
kleinsten Dogma abhangig machen will. Und ein Dogma ist auch
jeglicher Programmpunkt.
Wenn aber die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft dar-
aufhin orientiert sind, die Anthroposophie durch die Mitgliedschaft
kennen zu lernen, dann wird es von etwas ganz anderem abhangen, ob
sie drinnen bleiben oder nicht. Dann wird dies namlich davon abhan-
gen, ob sie HofFnungen haben konnen, in der Gesellschaft immer weiter
etwas kennen lernen zu konnen.
Das aber wieder wird darauf zuruckgehen, ob der Kern der Gesell-
schaft wirklich lebt oder ob er tot ist; und ob im Umkreis der Gesellschaft
die Bedingungen dazu vorhanden sind, dalS der lebendige Kern nicht
ersterbe, wenn er in die Gesellschaft hineinwachsen will. Daft der Kern
lebendig sei, das ist die Sorge des Vorstandes am Goetheanum. Der
verwaltet nicht Dogmen; er fiihlt sich nur als Trager eines Geistesgutes,
dessen Wert ihm bekannt ist; und er arbeitet an der Verbreitung dieses
Geistesgutes. Er ist iiber jeden Menschen befriedigt, der da kommt und
sagt: ich will Anteil nehmen an dem, was ihr da macht. Das ergibt die
lebendige Gestaltung der Anthroposophischen Gesellschaft. Und diese
wird lebendig erhalten, wenn sich alle tatig sein wollenden Mitglieder
der Gesinnung und Wirkensweise nach einig halten mit dem Vorstande
am Goetheanum.
Alles, was man «Vertrauen» innerhalb der Gesellschaft zu nennen
berechtigt ist, kann nur auf einer solchen Grundlage erwadisen. 1st
diese Grundlage vorhanden, dann wird es nicht immer wieder vor-
kommen, dafi die Anthroposophisdie Gesellschaft vor der Welt als
etwas ganz anderes ersdieint, als sie ist.
Idi kenne nun die Urteile ganz gut, die bei vielen tatig sein wollen-
den Mitgliedern der Gesellschaft aufkommen, wenn sie das Voran-
gehende lesen. Sie werden sagen: Das konnen wir nicht verstehen; jetzt
wissen wir erst recht nicht, was da eigentlich gewollt wird. Aber gerade
dies ist das schlimmste Vorurteil. Man lese nur einmal die Sache genau;
und man wird sie nicht unbestimmt und vieldeutig finden, sondern nur
so, dafi, um sie in die Gesinnung aufzunehmen, ein gewisses Zartgefiihl
im Verstehen gehort. Aber dieses sollte doch da sein bei denjenigen, die
in der Anthroposophischen Gesellschaft tatig sein wollen.
Nadiriditenblatt 13.JUI11924
An die Mitglieder!
ETWAS VOM GEIST-VERSTEHEN UND
S CHICK SALS- ERLEB EN
In die Mitteilungen und Betrachtungen, die an dieser Stelle an die
Mitglieder gerichtet werden, soil diesmal einiges einfliefien, das geeignet
sein kann, den Gedanken iiber die Leitsatze eine weitere Richtung zu
geben.
Das Verstandnis des anthroposophischen Erkennens kann gefordert
werden, wenn die menschliche Seele immer wieder auf das Verhaltnis
von Mensch und Welt hingelenkt wird.
Richtet der Mensch die Aufmerksamkeit auf die Welt, in die er hin-
eingeboren wird und aus der er herausstirbt, so hat er zunachst die
Fiille seiner Sinneseindriicke urn sich. Er macht sich Gedanken iiber
diese Sinneseindriicke.
Indem er dieses sich zum Bewufitsein bringt: «Ich mache mir Gedan-
ken iiber das, was mir meine Sinne als Welt orTenbaren», kann er schon
mit der Selbstbetrachtung einsetzen. Er kann sich sagen: in meinen
Gedanken lebe «Ich». Die Welt gibt mir Veranlassung, in Gedanken
mich zu erleben. Ich finde mich in meinen Gedanken, indem ich die
Welt betrachte.
So fortfahrend im Nachsinnen verliert der Mensch die Welt aus dem
Bewufitsein; und das Ich tritt in dieses ein. Er hort auf, die Welt vor-
zustellen; er fangt an, das Selbst zu erleben.
Wird umgekehrt die Aufmerksamkeit auf das Innere gerichtet, in
dem die Welt sich spiegelt, so tauchen im Bewufitsein die Lebensschick-
salsereignisse auf, in denen das menschliche Selbst von dem Zeitpunkte
an, bis zu dem man sich zuriickerinnert, dahingeflossen ist. Man erlebt
das eigene Dasein in der Folge dieser Schicksals-Erlebnisse.
Indem man sich dieses zum Bewufitsein bringt: «Ich habe mit meinem
Selbst ein Schicksal erlebt», kann man mit der Weltbetrachtung einset-
zen. Man kann sich sagen: In meinem Schicksal war ich nicht allein;
da hat die Welt in mein Erleben eingegriffen. Ich habe dieses oder jenes
gewollt; in mein Wollen ist die Welt hereingeflutet. Ich finde die Welt
in meinem Wollen, indem ich dieses Wollen selbstbetrachtend erlebe.
So fortfahrend, sich in das eigene Selbst einlebend, verliert der
Mensch das Selbst aus dem Bewufitsein; die Welt tritt in dieses ein. Er
hort auf, das Selbst zu erleben; er fangt an, die Welt im Erfuhlen
gewahr zu werden.
Ich denke hinaus in die Welt; da finde ich mich; ich versenke mich in
mich selbst, da finde ich die Welt. Wenn der Mensch dieses stark genug
empfindet, steht er in den Welt- und Menschenratseln drinnen.
Denn fiihlen: man miiht sich im Denken ab, um die Welt zu ergrei-
fen, und man steckt in diesem Denken doch nur selbst darinnen, das
gibt das erste Weltratsel auf.
Vom Schicksal in seinem Selbst sich geformt fiihlen und in diesem
Formen das Fluten des Weltgeschehens empfinden; das drangt zum
zweiten Weltratsel hin.
In dem Erleben dieses Welt- und Menschenratsels erkeimt dieSeelen-
verfassung, in der der Mensch der Anthroposophie so begegnen kann,
dafi er in seinem Innern von ihr einen Eindruck erhalt, der seine Auf-
merksamkeit erregt.
Denn Anthroposophie macht nun dieses geltend: Es gibt ein geistiges
Erleben, das nicht im Denken die Welt verliert. Man kann audi im
Denken noch leben. Sie gibt im Meditieren ein inneres Erleben an, in
dern man nicht denkend die Sinneswelt verliert, sondern die Geistwelt
gewinnt. Statt in das Ich einzudringen, in dem man die Sinnen-Welt
versinken fiihlt, dringt man in die Geist-Welt ein, in der man das Ich
erfestigt fiihlt.
Anthroposophie zeigt im weiteren: Es gibt ein Erleben des Schick-
sals, in dem man nicht das Selbst verliert. Man kann auch im Schicksal
noch sich selbst als wirksam erleben. Sie gibt in dem unegoistischen
Betrachten des Menschenschicksals ein Erleben an, in dem man nicht
nur das eigene Dasein, sondern die Welt lieben lernt. Statt in die Welt
hineinzustarren, die in Gliick und Ungluck das Ich auf ihren Wellen
tragt, findet man das Ich, das wollend das eigene Schicksal gestaltet.
Statt an die Welt zu stofien, an der das Ich zerschellt, dringt man in das
Selbst ein, das sich mit dem Weltgeschehen verbunden fiihlt.
Das Schicksal des Menschen wird ihm von der Welt bereitet, die ihm
seine Sinne offenbaren. Findet er die eigene Wirksamkeit in dem
Schicksalswalten, so steigt ihm sein Selbst wesenhaft nicht nur aus dem
eigenen Innern, sondern es steigt ihm aus der Sinneswelt auf.
Kann man auch nur leise empfinden, wie im Selbst die Welt als
Geistiges erscheint und wie in der Sinneswelt das Selbst sich als wirk-
sam erweist, so ist man schon im sicheren Verstehen der Anthroposophie
darinnen.
Denn man wird dann einen Sinn dafiir entwickeln, dafi in der An-
throposophie die Geist-Welt beschrieben werden darf, die vom Selbst
erfafit wird. Und dieser Sinn wird auch Verstandnis dafiir entwickeln,
dafi in der Sinneswelt das Selbst auch noch anders als durch Versenken
in daslnnere gefunden werden kann. Anthroposophie findet das
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