Die Konstitution der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft und Freien Hochschule für Geisteswissenschaft. Der Wiederaufbau des Goetheanum

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Rudolf Steiner

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RUDOLF  STEINER  GESAMTAUSGABE 


SCHRIFTEN  UND  VORTRAGE 
ZUR  GESCHICHTE  DER  ANTHROPOSOPHISCHEN  BEWEGUNG 
UND  DER  ANTHROPOSOPHISCHEN  GESELLSCHAFT 


RUDOLF  STEINER 


DAS  LEBENDIGE  WESEN  DER  ANTHROPOSOPHIE 
UND  SEINE  PFLEGE 

Bisher  erschienene  Bande  der  Schriften  und  Vortrage  zur  Geschichte 
der  anthroposophischen  Bewegung  und  der  Anthroposophischen  Gesellschaft 

Die  okkulte  Bewegung  im  19.  Jahrhundert  und  ihre  Beziehung  zur  Weltkultur. 
13  Vortrage,  Dornach  10.  Oktober  bis  7.  November  1915  (Bibl.-Nr.  254) 

Anthroposophische  Gemeinschaftsbildung.  10  Vortrage,  Stuttgart  und  Dornach, 
Januar  bis  Marz  1923  (Bibl.-Nr.  257) 

Die  Geschichte  und  die  Bedingungen  der  anthroposophischen  Bewegung  im  Verhdltnis 
zur  Anthroposophischen  Gesellschaft.  Eine  Anregung  zur  Selbstbesinnung.  8  Vortrage, 
Dornach  10.  bis  17.  Juni  1923  (Bibl.-Nr.  258) 

Die  Weihnachtstagung  zur  Begrundung  der  Allgemeinen  Anthroposophischen  Gesell- 
schaft: 1923/24.  Grundsteinlegung,  Vortrage  und  Ansprachen,  Statutenberatung, 
Jahresausklang  und  Jahreswende  1923/24  (Bibl.-Nr.  260) 

Die  Konstitution  der  Allgemeinen  Anthroposophischen  Gesellschaft  und  der  Freien 
Hochschule  fur  Geisteswissenschaft  -  Der  Wiederaufbau  des  Goetheanum.  Gesammelte 
Aufsatze,  Aufzeichnungen  und  Ansprachen,  Dokumente,  Januar  1924  bis  Marz  1925 

(Bibl.-Nr.  260a) 

Unsere  Toten.  Ansprachen,  Gedenkworte  und  Meditationsspriiche  1906-1924 

(Bibl.-Nr.  261) 

Rudolf  Steiner /Marie  Steiner-von  Sivers:  Briefwechsel  und  Dokumente  1901  - 1925 

(Bibl.-Nr.  262) 

Zur  Geschichte  und  aus  den  Inhalten  der  Ersten  Abteilung  der  Esoterischen  Schule  von 
1904  bis  1914.  Briefe,  Rundbriefe,  Dokumente,  Vortrage  (Bibl.-Nr.  264) 


Zur  Geschichte  und  aus  den  Inhalten  der  erkenntniskultischen  Abteilung  der  Esoteri- 
schen Schule  1904  bis  1914.  Briefe,  Dokumente  und  Vortrage  (Bibl.-Nr.  265) 


RUDOLF  STEINER 


Die  Konstitution  der  Allgemeinen 
Anthroposophischen  Gesellschaft  und  der 
Freien  Hochschule  fiir  Geisteswissenschaft 

Der  Wiederaufbau  des  Goetheanum 

1924-1925 


Aufsatze  und  Mitteilungen 
Vortrage  und  Ansprachen 

Dokumente 
Januar  1924  bis  Marz  1925 


1987 


RUDOLF  STEINER-VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 


Herausgegeben  von  der  Rudolf  Steiner-NachlafJverwaltung,  Dornach/Schweiz 
Die  Nachschriften  der  Vortrage  wurden  vom  Vortragenden  selbst 

nicht  durchgesehen 

Die  Herausgabe  besorgte  Hella  Wiesberger 


1.  Auflage  in  dieser  Zusammenstellung 
Gesamtausgabe  Dornach  1966 

2.  Auflage,  neu  durchgesehen  und 
erganzt  durch  eine  Beilage 
Gesamtausgabe  Dornach  1987 

Nachweis  friiherer  Veroffentlichungen  siehe  Seite  710f. 


Bibliographie-Nr.  37/260  a 

Zeichen  auf  dem  Einband  von  Rudolf  Steiner, 
Schrift  von  B.  Marzahn 

Alle  Rechte  bei  der  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach/Schweiz 
©  1987  by  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach/Schweiz 
Printed  in  Germany  by  Greiserdruck,  Rastatt 
ISBN  3-7274-2606-3 


INHALT 


(Ausfuhrliche  Inhaltsangaben  finden  sich  auf  Seite  749  ff.) 


Vorbemerkungen  des  Herausgebers  zur  zweiten  Auflage  1987     ...  7 

I. 

Die  Neugestaltung  der  Anthroposophischen  Gesellschaft  durch  die 
Weihnachtstagung  1923.  19  Briefe  an  die  Mitglieder  25 

II. 

Die  Konstitution  der  Freien  Hochschule  fur  Geisteswissenschaft.  Ihre 
Gliederung  in  Sektionen  87 

III. 

Aus  der  Arbeit  fur  eine  Allgemeine  Anthroposophische  Gesellschaft 
und  fur  eine  Freie  Hochschule  fur  Geisteswissenschaft.  Die  Fiihrung 
des  Nachrichtenblattes  161 

Mitteilungen,  Anschlage  am  Schwarzen  Brett,  Briefe,  nach  Beginn  der 
Erkrankung  Rudolf  Steiners  399 

IV. 

Auswirkungen  der  Weihnachtstagung  in  Verwaltungsfragen  und  der 
Wiederaufbau  des  Goethanum  407 

Anhang  (Vertrage  und  Vereinbarungen)   573 

Chronik  1924/1925   587 

Abbildungen  des  Modells  und  des  zweiten  Goetheanums   700 

Hinweise   702 

Nachweis  friiherer  und  anderweitiger  Veroffentlichungen   710 

Register  der  in  diesem  Band  erwahnten  Institutionen   712 

Personenregister   725 

Ausfuhrliche  Inhaltsangaben   749 

Rudolf  Steiner  iiber  die  Vortragsnachschriften   763 

Ubersicht  iiber  die  Rudolf  Steiner  Gesamtausgabe   765 

Beilage  nach  766 


VORBEMERKUNGEN  DES  HERAUSGEBERS 
2UR  ZWEITEN  AUFLAGE 


Als  sich  Rudolf  Steiner  zu  Beginn  des  20.  Jahrhunderts  entschlossen  hatte,  fiir  eine 
offentliche  Verbreitung  iibersinnlicher  Erkenntnisse  einzutreten,  tat  er  dies  als  vol- 
lig  selbstandiger  Geistesforscher  im  Strom  der  abendlandisch-christlichen  Esoterik, 
aber  doch  im  Rahmen  einer  bereits  bestehenden  Organisation,  der  damaligen  Theo- 
sophischen  Gesellschaft.  Zusammen  mit  Marie  von  Sivers  (spater  Marie  Steiner) 
baute  er  aus  kleinsten  Anfangen  heraus  die  mit  ihm  als  Generalsekretar  und  Marie 
von  Sivers  als  Sekretar  begriindete  deutsche  Sektion  zu  einer  immer  weiterreichen- 
den  mitteleuropaischen  Bewegung  auf. 

Gegen  Ende  dieser  ersten  zehnjahrigen  Aufbauarbeit  kam  es  mit  Annie  Besant, 
der  damaligen  Prasidentin  der  Theosophischen  Gesellschaft,  zu  tiefgehenden  geisti- 
gen  Differenzen,  die  schlieftlich  dazu  fiihrten,  daft  die  deutsche  Sektion  im  Marz 
1913  offiziell  aus  der  Theosophischen  Gesellschaft  ausgeschlossen  wurde.  Da  dies  zu 
erwarten  gewesen  war,  wurde  an  Weihnachten  1912  die  Anthroposophische  Gesell- 
schaft gegriindet,  der  sich  Theosophen  aus  aller  Welt  anschlossen.  Rudolf  Steiner 
wollte  nunmehr  keine  Verwaltungsfunktion  mehr  ausiiben,  weil,  wie  er  spater 
riickblickend  aufterte,  es  schwierig  sei,  das,  was  in  der  heutigen  Zeit  ein  aufieres 
Amt  verlangt,  mit  den  okkulten  Pflichten  gegentiber  den  Offenbarungen  der  geisti- 
gen  Welt  zu  vereinigen  (S.  354  und  370*).  Die  Anthroposophische  Gesellschaft  soll- 
te  sich  daher  ganz  auf  sich  selbst  gestellt  verwalten  und  Rudolf  Steiner  sich  aus- 
schlieftlich  dem  geistigen  Forschen  und  Lehren  widmen  konnen  (S.  490).  Er  habe 
das  in  den  verschiedensten  in  Betracht  gekommenen  Belangen  streng  durchgefiihrt 
(S.  382)  und  sei  damals  nicht  einmal  Mitglied  der  Gesellschaft  gewesen  (S.  178). 

Nachdem  im  Herbst  1913  auf  dem  Dornacher  Hiigel  bei  Basel  mit  der  Errichtung 
eines  Zentralbaues  begonnen  worden  war,  durch  den  die  Anthroposophie  starker 
als  vorher  ins  Bewulksein  der  Offentlichkeit  trat,  wuchs  auch  dementsprechend  ih- 
re  Gegnerschaft.  Diese  wurde  immer  heftiger,  als  wahrend  und  insbesondere  unmit- 
telbar  nach  dem  Ersten  Weltkrieg,  in  den  Jahren  1918/19  bis  1922/23,  aktive  Mit- 
glieder  sich  mit  aller  Kraft  dafiir  einsetzten,  die  Anthroposophie  als  das  von  ihnen 
als  brennend  notwendig  erkannte  Element  fiir  eine  Kulturerneuerung  in  verschiede- 
nen  Lebenszweigen  zu  realisieren,  was  zur  Bewegung  fiir  eine  Dreigliederung  des  so- 
zialen  Organismus  und  daraus  hervorgegangenen  verschiedenen  praktischen  Griinr- 
dungen  gefuhrt  hatte  (Freie  Waldorfschule  in  Stuttgart,  klinisch-therapeutische  In- 
stitute in  Arlesheim/Schweiz  und  in  Stuttgart,  assoziative  Wirtschaftsunternehmen 
«Der  Kommende  Tag  AG»  in  Stuttgart  und  «Futurum  AG»  in  der  Schweiz).  Rudolf 
Steiner  muUte  damals  feststellen,  dafi  die  Anthroposophische  Gesellschaft  der 
Gegnerschaft  nicht  in  dem  von  ihm  als  notwendig  erachteten  Mafie  gewachsen  war, 
Damals  aufierte  er  schon  manchesmal  zu  Marie  Steiner:  «Wer  weifi,  ob  es  nicht  bes- 
ser  ware,  die  [anthroposophische]  Bewegung  ohne  Gesellschaft  weiterzufuhren. 

*  Seitenverweise  ohne  weitere  Angaben  beziehen  sich  auf  den  Band  «Die  Konstitution  . . .», 
1.  und  2.  Auflage. 


Fiir  alle  Fehler  der  Gesellschaft  werde  ich  verantwortlich  gemacht,  und  darunter 
leidet  die  Bewegung.»l)  Eine  Reorganisierung  der  Gesellschaft  erwies  sich  von  Tag 
zu  Tag  als  dringlicher. 

Bei  einem  Aufenthalt  in  Stuttgart,  wohin  1921  der  Sitz  der  Anthroposophischen 
Gesellschaft  verlegt  worden  war,  liefi  er  am  10.  Dezember  1922  dem  Zentralvor- 
stand  seine  Aufforderung  ubermitteln,  entsprechende  Vorschlage  zur  Konsolidie- 
rung  der  Gesellschaft  zu  machen.  Drei  Wochen  spater  wurde  das  erste,  ganz  in  Holz 
erbaute  Goetheanum  ein  Raub  der  Flammen.  Dieser  schwere  Schicksalsschlag 
machte  die  Neuordnung  der  Gesellschaft  zum  Hauptproblem  des  ganzen  Jahres 
1923.  In  kleineren  und  grofieren  Gesellschaftskreisen  sprach  Rudolf  Steiner  in  ein- 
dringlicher  Weise  von  der  Notwendigkeit,  ein  erhohtes  Verantwortungs-  und  ein 
wahrhaft  anthroposophisches  Gemeinschaftsbewuiksein  zu  entwickeln.2) 

Die  Vorbereitung  zur  Neubildung  der  Anthroposophischen 
Gesellschaft  bei  der  Weihnachtstagung  1923/24 

Der  erste  Schritt  war  die  Ordnung  der  deutschen  Gesellschaftsverhaltnisse.  Bei  der 
Delegiertenversammlung  Ende  Februar  1923  in  Stuttgart  erfolgte  die  Auflosung  des 
bisherigen  Zentralvorstandes  und  die  Begriindung  einer  deutschen  Landesgesellschaft 
(«Anthroposophische  Gesellschaft  in  Deutschland»)  sowie  einer  «Freien  Anthropo- 
sophischen Gesellschaft*  fur  die  Bedurfnisse  der  damaligen  anthroposophischen  Ju- 
gend.  In  den  darauffolgenden  Monaten  wurden  auch  in  anderen  Landern  autonome 
Landesgesellschaften  begriindet  (siehe  Register  der  Institutionen,  S.  712ff.). 

Anfang  Juni  1923  riefen  englische  Freunde  mit  Rundschreiben  vom  8.  Juni  1923 
«an  die  Zweige  aller  Lander*  dazu  auf,  eine  internationale  Delegiertenversammlung 
einzuberufen.  Daraufhin  beschlofi  die  Anthroposophische  Gesellschaft  in  der 
Schweiz  an  ihrer  Generalversammlung  am  10.  Juni  1923,  zu  einer  solchen  Ver- 
sammlung  in  Dornach  (20.  bis  23.  Juli  1923)  einzuladen.  Als  eine  Art  Vorbereitung 
dazu,  als  eine  «Anregung  zur  Selbstbesinnung»,  wie  er  es  selbst  nannte,  hielt  Rudolf 
Steiner  vom  10.  bis  zum  17.  Juni  1923  acht  Vortrage  iiber  «Die  Geschichte  und  die 
Bedingungen  der  anthroposophischen  Bewegung  im  Verhaltnis  zur  Anthroposophi- 
schen Gesellschaft*  (GA  258).  Hierin  stellte  er  u.  a.  fest,  dafi  die  Gesellschaft  in  be- 
zug  auf  die  Bildung  eines  Gemeinschaftskorpers,  eines  Gesellschafts-Ichs,  noch  nicht 
einmal  in  den  Anfangen  stecke  und  aus  dem  aufierlich  Gesellschaftsmafiigen  in  das 
wirkliche  Geist-Reale  hineinfinden  miisse,  denn  eine  «anthroposophische  Bewegung 
kann  nur  in  einer  anthroposophischen  Gesellschaft  leben,  die  eine  Realitat  ist». 
Darunter  wollte  er  vor  allem  verstanden  wissen,  dafi  Anthroposophie  selbst  «wie 
ein  lebendiges,  ubersinnliches,  unsichtbares  Wesen»  als  unter  den  Anthroposophen 
wandelnd  angesehen  werde.  In  jedem  Augenblicke  seines  Lebens  sollte  ein  Anthro- 

1)  Marie  Steiner  in  ihrem  Vorwort  zur  1.  Auflage  der  Vortrage  «Die  karmischen  Zusammen- 
hange  der  anthroposophischen  Bewegung»,  Dornach  1926,  wieder  abgedruckt  in  «Nach- 
richten  der  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung»  Nr.  23,  Weihnachten  1968. 

2)  Siehe  «Anthroposophische  Gemeinschaftsbildung»,  GA  257,  sowie  «Rudolf  Steiner  und 
die  Zivilisationsaufgaben  der  Anthroposophie.  Ein  Riickblick  auf  das  Jahr  1923»,  Dornach 
1943  (Neuauflage  in  Vorbereitung). 


posoph  fiihlen,  wie  man  mit  der  unsichtbaren  Wesenheit  der  Anthroposophie 
verbunden  und  ihr  verantwortlich  sei  (Dornach,  17.  Juni  1923). 

Bei  der  internationalen  Delegiertenversammlung  vom  20.  bis  23.  Juli  wurden 
zwei  entscheidende  Beschliisse  gefalk:  der  Wiederaufbau  des  Goetheanums  (nach- 
dem  am  15.  Juni  die  Brandversicherungssumme  ausbezahlt  worden  war),  sowie  die 
Einberufung  einer  Versammlung  zu  Weihnachten  1923  in  Dornach,  um  eine  Inter- 
nationale Anthroposophische  Gesellschaft»  mit  Sitz  am  Goetheanum  zu  begriinden, 
in  welcher  die  einzelnen  autonomen  Landesgesellschaften  ihr  Zentrum  erblicken 
sollten.  Entsprechende  Statutenvorschlage  und  Vorschlage  fur  den  dafiir  zu  wahlen- 
den  Generalsekretar  sollten  bis  dahin  vorbereitet  werden. 

Letzteres  wurde  hinfallig,  als  Rudolf  Steiner  sich  entschlofi,  selbst  die  Leitung  der 
neu  zu  begriindenden  Gesellschaft  zu  iibernehmen.  Zu  diesem  Entschlufi  mulS  er 
sich  unmittelbar  vor  seiner  am  12./ 13.  November  1923  angetretenen  Vortragsreise 
nach  Holland,  wo  am  18.  November  noch  die  letzte  in  Frage  kommende  Landesge- 
sellschaft  gegriindet  werden  sollte,  vielleicht  auch  erst  nach  seiner  Ankunft,  durch- 
gerungen  haben.  Dies  ergibt  sich  aus  folgenden  Vorgangen. 

Am  9.  November  1923  hatte  in  Miinchen  Hitlers  Marsch  auf  die  Feldherrhhalle 
stattgefunden.  Als  Rudolf  Steiner  die  Zeitungsmeldung  dariiber,  die  am  Schwarzen 
Brett  in  der  Schreinerei  des  Goetheanum  angeschlagen  war,  zur  Kenntnis  nahm,  zu- 
fallig  zusammen  mit  der  gerade  in  Dornach  weilenden  Berliner  Mitarbeiterin  Anna 
Samweber,  aufkrte  er  zu  dieser:  «Wenn  diese  Herren  an  die  Regierung  kommen, 
kann  mein  Fuft  deutschen  Boden  nicht  mehr  betreten.»  Am  gleichen  Tage  noch  bat 
er  sie,  sofort  nach  Berlin  zuriickzukehren,  um  seinen  Auftrag,  die  dortigen  Mietver- 
trage  zu  kundigan,  zu  ubermitteln.l)  Demnach  hatte  er  sich  auf  dieses  Ereignis  hin 
sofort  entschlossen,  seinen  und  Marie  Steiners  Berliner  Wohnsitz  aufzugeben  und  den 
Philosophisch-Anthroposophischen  Verlag  von  Berlin  nach  Dornach  zu  verlegen. 
Mit  Marie  Steiner  mufi  er  damals  verabredet  haben,  dafi  sie  von  Holland  aus  direkt 
nach  Berlin  weiterreisen  und  den  Umzug  veranlassen  solle,  wahrend  er  selbst  nach 
Dornach  zuriickkehren  werde,  um  die  Weihnachtstagung  vorzubereiten.2)  Auch 
miissen  sie  -  entweder  noch  in  Dornach  oder  eventuell  erst  in  Holland  -  iiber  die 
Besetzung  des  kunftigen  Vorstandes  der  Gesellschaft  miteinander  beraten  haben.  Wie 
Marie  Steiner  iiberlieferte,  wollte  Rudolf  Steiner,  daft  sie  den  zweiten  Vorsitz  iiber- 
nehmen solle.  Sie  habe  jedoch  eingewendet,  daft  ihre  gesundheitlichen  Krafte  wohl 
nicht  ausreichen  wurden,  um  zu  ihrer  kiinstlerischen  Arbeit  noch  diese  neue  grofie 
Aufgabe  zu  iibernehmen.  Aufierdem  schiene  es  ihr  der  Aufienwelt  gegeniiber  nicht 
gut,  wenn  die  neue  Weltgesellschaft  von  einem  Ehepaar  reprasentiert  werden  wiirde. 
Letzteren  Einwand  habe  Rudolf  Steiner  akzeptiert,  und  als  sie  ihm  daraufhin  vor- 
schlug,  an  ihrer  Stelle  den  Dichter  und  Redakteur  der  Wochenschrift  «Das  Goethea- 
num*, Albert  Steffen,  zu  berufen,  war  er  einverstanden  unter  der  Voraussetzung, 
dafi  sie  mit  diesem  gemeinsam  den  zweiten  Vorsitz  ubernehme.  Auch  die  Arztin 
Dr.  Ita  Wegman  habe  sie  ihm  vorgeschlagen.3)  Weitere  jungere,  in  Dornach  lebende 

1)  Laut  personlicher  Mitteilung  Anna  Samwebers  an  Hella  Wiesberger. 

2)  Siehe  Vorwort  Marie  Steiners  in  «Die  Weihnachtstagung  . . .»,  GA  260. 

3)  Siehe  «Eine  Erinnerung  an  Marie  Steiner  aus  dem  Jahre  1947,  niedergelegt  durch  Lidia 
Gentilli-Baratto»,  Freiburg  i.Br.  o.J.,  2.  Auflage  1966. 


Personlichkeiten  sollten  hinzukommen,  solche,  welche  ihr  Leben  «in  restloser  Weise 
der  anthroposophischen  Sache  gewidmet  haben;  aufierlich  und  innerlich»  (Dornach, 
24.  Dezember  1923).  1) 

Die  «Fragealternative»,  vor  der  Rudolf  Steiner  in  den  letzten  Wochen  vor 
der  Weihnachtstagung  gestanden  habe,  charakterisierte  er  im  Eroffnungsvortrag 
(Dornach,  24.  Dezember  1923)  wie  folgt: 

«Nun,  heute  stehen  die  Dinge  so,  daft  in  den  letzten  Wochen,  nach  schwerem 
innerem  Uberwinden,  eben  in  mir  die  Erkenntnis  aufgestiegen  ist:  Es  wiirde  mir 
unmoglich  sein,  die  anthroposophische  Bewegung  innerhalb  der  Anthroposophi- 
schen Gesellschaft  weiterzufuhren,  wenn  diese  Weihnachtstagung  nicht  zustimmen 
wiirde  darin,  dafi  ich  nun  wiederum  selber  in  aller  Form  die  Leitung  bzw.  den  Vor- 
sitz  der  hier  in  Dornach  am  Goetheanum  zu  begriindenden  Anthroposophischen 
Gesellschaft  iibernehme.»  Schon  friiher  hatte  er  sich  mehrmals  in  diesem  Sinne  ge- 
auftert,  zum  Beispiel  im  November  in  Holland.  Daruber  berichtet  F.W.  Zeylmans 
van  Emmichoven  wie  folgt :  «Wie  schwer  diese  Sorgen  [um  den  neuen  Stil  der  Gesell- 
schaftsfuhrung]  auf  Rudolf  Steiners  Seele  lasteten,  geht  hervor  aus  einem  Gesprach 
am  17.  November  1923,  am  Vorabend  der  Bildung  der  Anthroposophischen  Gesell- 
schaft in  Holland,  als  er  seine  Zweifel  daruber  aufterte,  ob  ein  Weitergehen  mit  der 
Gesellschaft  als  solcher  uberhaupt  noch  moglich  sei.  Er  beklagte  sich  daruber,  dafi 
man  nirgends  zu  verstehen  scheine,  was  er  uberhaupt  wolle  und  dafi  es  vielleicht 
notig  sein  wiirde,  mit  nur  ganz  wenigen  Menschen  innerhalb  eines  strengen  Zusam- 
menschlusses  weiter  zu  arbeiten.  Auf  die  Wenigen,  die  bei  diesem  Gesprach  anwe- 
send  waren,  machte  es  einen  fast  unertraglich  schmerzlichen  Eindruck.»2)  Vielleicht 
war  es  damals,  daiS  Marie  Steiner  ihn  bat,  die  Gesellschaft,  die  ohn&ihn  nicht  existie- 
ren  konne,  doch  nicht  zu  verlassen.3)  Dies  schien  ihm  offensichtlich  nur  moglich  zu 
sein,  wenn  sie  von  ihm  personlich  geleitet  wiirde,  da  vor  der  Welt  deutlich  werden 
musse,  wie  er  die  Anthroposophie  durch  die  Gesellschaft  vertreten  haben  mochte. 
Denn  bisher,  insbesondere  seit  1918,  sei  dem,  was  er  selbst  wollte,  durch  die  Gesell- 
schaft fortwahrend  die  «impulsierende  Kraft»  genommen  worden;  in  Zukunft  solke 
nun  Anthroposophie  nicht  mehr  blofi  gelehrt  und  als  Substanz  aufgenommen  wer- 
den, sondern  auch  in  alien  aufieren  Mafinahmen,  bis  in  die  kleinsten  Einzelheiten 
hinein,  getan  werden  (S.  105,  383,  489). 

Von  Holland  nach  Dornach  zuriickgekehrt,  berichtete  Rudolf  Steiner  bei  dem 
nachsten  Mitgliedervortrag  am  23.  November  1923  iiber  die  hollandischen  Veran- 
staltungen  und  begann  mit  seiner  Vortragsreihe  «Mysteriengestaltungen»  (GA  232) 
auf  die  Weihnachtstagung  vorzubereiten.  Doch  bis  zu  dem  Tag,  an  dem  in  der 
Wochenschrift  «Das  Goetheanum»  in  Nr.  19  vom  16.  Dezember  1923  die  von  der 
Anthroposophischen  Gesellschaft  in  der  Schweiz  ergangene  offizielle  «Einladung 
zur  Griindungsversammlung  der  Internationalen  Anthroposophischen  Gesellschaft, 

1)  Eroffnungsvortrag  in  «Die  Weihnachtstagung  zur  Begriindung  der  Allgemeinen  Anthro- 
posophischen Gesellschaft  1923/ 24»,  GA  260. 

2)  F.W.  Zeylmans  van  Emmichoven  «Entwickelung  und  Geisteskampf  1923  - 1935»,  aus  dem 
Hollandischen  ins  Deutsche  ubersetzt  von  Elisabeth  Vreede,  1935,  Seite  10. 

3)  Personliche  Mitteilung  Marie  Steiners  an  Febe  Arenson-Baratto  und  von  dieser  an  Hella 
Wiesberger  weitergegeben. 


Dornach  Weihnachten  1923»1)  erschien,  war  aufier  Marie  Steiner  niemandem  be- 
kannt,  dafi  Rudolf  Steiner  entschlossen  war,  selbst  die  Leitung  zu  ubernehmen,  ob- 
wohl  er  mit  Albert  Steffen  als  dem  Redakteur  der  Wochenschrift  «Das  Goetheanum» 
iiber  die  Gestaltung  der  Einladung  und  des  Programmes  sicherlich  mindestens  eine 
Woche  vorher  gesprochen  haben  mui  Offenbar  erst  nachdem  er  wufite,  dafi  Marie 
Steiner  ihre  Aufgabe  in  Berlin  beendigt  hatte  und  in  der  Nacht  vom  17.  auf  den  18. 
Dezember  nach  Stuttgart  reisen  wiirde,  forderte  er  am  Sonntag,  den  16.  Dezember 
1923,  Frau  Dr.  Wegman,  Albert  Steffen  und  Dr.  Guenther  Wachsmuth  zu  einer  Be- 
sprechung  auf.  Albert  Steffen  berichtete  hiervon,  laut  Protokoll  der  aufierordent- 
lichen  Generalversammlung  vom  Dezember  1930,  wie  folgt: 

«Im  Dezember  vor  der  Weihnachtstagung,  am  16.  Dezember  1923,  fand 
eine  Sitzung  statt,  eine  Vorsitzung.  Herr  Dr.  Steiner  rief  heran  Frau  Dr.  Weg- 
man, Dr.  Wachsmuth  und  mich  und  sprach  damals  so,  dafi  ich  es  horte  zum 
erstenmal,  wie  er  sich  den  Vorstand  zusammengesetzt  denkt,  und  da  sagte  er  - 
das  habe  ich  aufgeschrieben  -:  <Vizeprasident  Frau  Dr.  Steiner  und  Herr  Stef- 
fen). Dann  sagte  er:  <Frau  Dr.  Wegman  =  Schriftfuhrer,  Dr.  Wachsmuth  = 
Schatzmeister.  >2)  Fraulein  Dr.  Vreede  wurde  damals  noch  nicht  genannt.»3) 
Seine  Tagebucheintragung,  auf  die  er  hier  Bezug  nahm,  lautet  w6rtlich:4)  «Am 

1)  «Die  Weihnachtstagung  zur  Begriindung  der  Allgemeinen  Anthroposophischen  Gesell- 
schaft 1923/24»,  GA  260,  S.  28/29,  4.  Auflage  1985. 

2)  Auf  die  Griinde,  aus  denen  heraus  Rudolf  Steiner  Guenther  Wachsmuth  in  den  Vorstand 
aufnahm,  fallt  ein  Licht  durch  einen  Bericht  Albert  Steffens  an  Marie  Steiner  in  seinem 
Brief  an  sie  vom  8.  August  1943,  in  dem  es  heifit:  «. . .  Es  war  am  22.  April  1923,  als  Herr 
Storrer  demissionierte  und  ich  einen  Heifer  im  Auftrag  der  Delegiertenversammlung  [der 
Anthroposophischen  Gesellschaft  in  der  Schweiz,  deren  Generalsekretar  er  war]  fur  die 
Tatigkeit  im  Sekretariat  vorzuschlagen  hatte.  Ich  hatte  diesen  Vorschlag  mit  Herrn  Dr. 
Steiner  beraten  und  schlug  demgemafi  Herrn  Dr.  Wachsmuth  vor.  Diese  Wahl  wurde  in 
dem  Beisein  von  Herrn  Dr.  Steiner  von  alien  Delegierten  einstimmig  angenommen.  Dr. 
Wachsmuth  erklarte,  die  Tatigkeit  im  Sekretariat  zur  Unterstiitzung  von  Herrn  Steffen 
sehr  gern  und  unentgeltlich  ubernehmen  zu  wollen.»  -  Dr.  Wachsmuth  selbst  berichtete 
in  der  Generalversammlung  vom  Jahre  1943  (gemafl  Protokoll)  folgendes:  «Man  denkt 
zuriick  an  die  Zeit  des  Brandes,  wo  wir  das  erste  Goetheanum  durch  Feuer  verloren,  an 
das  Jahr  vor  der  Weihnachtstagung;  es  werden  sich  noch  viele  erinnern,  daft  damals  die 
Dinge  alle  noch  vom  Sekretariat  der  Anthroposophischen  Gesellschaft  in  der  Schweiz  ver- 
waltet  wurden  im  Hause  Friedwart.  Aus  jener  Zeit  entsinne  ich  mich  auf  stundenlange 
Sitzungen  im  Hause  Friedwart,  die  damit  zusammenhingen,  dafi  die  Kasse  ein  machtiges 
Defizit  hatte,  ein  machtiges  Loch  war  in  der  Kasse.  Und  so  geschah  es,  dafi  Dr.  Steiner  zu 
mir  sagte:  Wollen  Sie  nicht  diese  Finanzverwaltung  einmal  ubernehmen,  diese  Verwaltung 
der  Schatzmeisterei?  Ich  tat  es,  ich  mufi  gestehen,  mit  einer  gewissen  Beklemmung;  aber 
alles,  was  Dr.  Steiner  sagte,  tat  man  auch  wiederum  gern.  Und  als  das  Jahr  vorbei  war, 
hatte  es  sich  zum  erstenmal  gefiigt,  dafi  kein  Defizit  war,  sondern  ein  kleiner  Uberschufi. 
Und  es  ist  mir  noch  in  lebendiger  Erinnerung,  wie  giitig  strahlend  Dr.  Steiner  dieses 
entlastende  Ergebnis  entgegennahm.» 

3)  Nach  Elisabeth  Vreede  hatte  Rudolf  Steiner  ihr  gegeniiber  aber  schon  in  einem  Gesprach 
am  10.  Dezember  eine  Bemerkung  gemacht,  «in  der  im  Grunde  genommen  enthalten  war, 
dafi  er  erwage,  mich  in  den  Vorstand  zu  nehmen».  (E.  Vreede,  «Zur  Geschichte  der  An- 
throposophischen Gesellschaft  seit  der  Weihnachtstagung  1923»,  Arlesheim  1935.) 

4)  Abdruck  mit  Genehmigung  der  Albert  Steffen  Stiftung,  Dornach. 


16.  Dezember  1)  in  der  Villa  Hansi  (Frau  Dr.  Wegman,  Dr.  Wachsmuth,  ich).  Dr. 
Steiner  liest  die  Statuten  vor  und  sagt  dann,  wie  er  sich  den  Vorstand  denke.  Er:  Pra- 
sident.  Frau  Dr.  Steiner  und  ich  Viceprasident,  Frau  Wegman  Protokollfiihrerin. 
Wachsmuth  Kassier  (Wachsmuth  schlagt  vor  Schatzmeister,  wozu  Dr.  Steiner  la- 
chend  sagt :  Der  Name  tut  nichts  zur  Sache.)  Dann  Vorsteher  der  einzelnen  Facher. 
Dr.  Steiner  der  ganzen  Hochschule.  Ich  belles  lettres.  Wachsmuth  Nationalokono- 
mie.  Er  mochte  lieber  Naturwissenschaften,  Aber  Dr.  Steiner  sagt,  es  sei  schade,  dafi 
er  kein  Mathematiker  ware.» 

Tags  darauf,  am  17.  Dezember  1923,  reiste  Rudolf  Steiner  nach  Stuttgart,  um  sich 
dort  mit  Marie  Steiner  zu  treffen  und  dann  gemeinsam  mit  ihr  nach  Dornach  zu- 
riickzukehren.  In  Stuttgart  -  es  kann  nur  am  18.  oder  19.  Dezember  gewesen  sein  - 
orientierte  Rudolf  Steiner  nun  im  Beisein  von  Marie  Steiner  die  Vorstande  der  bei- 
den  deutschen  Gesellschaften  iiber  seine  Absichten  in  bezug  auf  die  neue  Gesell- 
schaftsbildung:  «Da  erfuhren  wir,  daf$  er  vorhabe,  eine  neue  Gesellschaft  zu  begriin- 
den  und  zwar  unter  seinem  Vorsitz.  Dazu  wiirden  eine  Anzahl  (uns  da  noch  nicht 
genannte)  Personlichkeiten  kommen,  die  mit  ihm  zusammen  deren  Vorstand  bilden 
wiirden.  Wir  erfuhren  ferner  von  der  Neueroffnung  einer  esoterischen  Schule  als 
<  Freie  Hochschule  fur  Geisteswissenschaft  >  und  von  einigen  Grundziigen  ihrer  Ein- 
richtung.  Den  Mitgliedern  stiinde  es  frei,  seinen  Vorschlag  anzunehmen,  aber  wenn 
dies  einmal  geschehen  sei,  dann  waren  die  von  diesem  Vorstand  ausgehenden  Hand- 
lungen  fvir  die  Mitgliedschaft  bindend.»2) 

Nachdem  Rudolf  Steiner  und  Marie  Steiner  am  19.  oder  20.  Dezember  nach 
Dornach  zuriickgekehrt  waren,  richtete  Rudolf  Steiner  beim  Abendvortrag  vom  22. 
Dezember  1923,  zwei  Tage  vor  Beginn  der  Weihnachtstagung  -  es  waren  schon  viele 
der  Tagungsgaste  eingetroffen  -  im  Hinblick  auf  die  Tagung  an  die  Anwesenden 
folgende  Worte: 

«Es  wird  ja  diese  Delegiertenversammlung  die  Anthroposophische  Gesellschaft 
zu  gestalten  haben,  und  diese  Gestaltung  wird  jetzt  schon  eine  solche  werden  miis- 
sen,  meine  lieben  Freunde,  dafi  nun  diese  Anthroposophische  Gesellschaft  die  Be- 
dingungen  erfiillt,  die  eben  einfach  sich  aus  den  heutigen  Verhaltnissen  heraus  erge- 
ben.  Und  da  muft  ich  sagen,  es  mufi  diese  Weihnachtsversammlung  so  ablaufen,  dafi 
man  sich  von  ihr  versprechen  kann:  nun  wird  eine  arbeitsfahige  Anthroposophische 
Gesellschaft  entstehen.  Ich  mufi  schon  sagen,  wenn  diese  Aussicht  nicht  vorhanden 
sein  sollte,  so  wiirde  ich  doch  nun  einmal  jene  Konsequenzen  Ziehen  miissen,  von 
denen  ich  wiederholt  gesprochen  habe.  Daher  betrachte  ich  dasjenige,  was  wahrend 


1)  Anmerkung  zum  Datum  von  Dr.  Heinz  Matile  (Albert  Steffen  Stiftung) : 

1  Die  Eintragung  zum  16.  Dezember  befindet  sich  im  Tagebuch  nach  riickschauenden 
Eintragungen  zum  19./20.12.,  18./19.12.,  17./ 18. 12.,  17.12.  (in  dieser  Reihenfolge).  Die 
ndchstfolgende  datierte  Eintragung  (im  folgenden  Tagebuch)  bezieht  sich  auf  den  20./2 1 . 12. 
1923.  Daraus  konnte  sich  erklaren,  warum  Steffen  an  der  Generalversammlung  der  Allge- 
meinen  Anthroposophischen  Gesellschaft  am  27.  Marz  1934,  als  er  sich  auf  diese  Tage- 
bucheintragung  bezog,  den  19.  Dezember  1923  als  Datum  der  Besprechung  nannte.  (Vgl. 
Protokoll  der  GV  im  Nachrichtenblatt  vom  22.4. 1934,  S.  63.) 

2)  Ernst  Lehrs,  «Gelebte  Erwartung»,  Stuttgart  1979,  S.  250  f. 


und  durch  diese  Weihnachtsveranstaltung  zu  geschehen  hat  fur  die  Begriindung  der 
Anthroposophischen  Gesellschaft,  der  vorangegangen  ist  die  der  Landergesellschaf- 
ten,  als  etwas  aufierordentlich  Serioses  und  etwas  aufierordentlich  Bedeutungsvolles. 
So  dafi  tatsachlich  hier  in  Dornach  wird  etwas  geschaffen  werden  miissen,  was  dann 
einfach  durch  seinen  Bestand  selber  real  ist.  Uber  das  Eigentliche  werde  ich  ja  zu 
sprechen  haben  bei  der  Eroffnungsversammlung,  die  ja  stattfindet  am  nachsten 
Montag.  Aber  was  heute  schon  gesagt  werden  mufi  -  well  auch  schon  der,  ich  moch- 
te  sagen,  Urbeginn  so  geschehen  mufi,  dafi  man  sieht,  es  wird  jetzt  aus  anderem 
Grundtone  heraus  gehen  in  der  Anthroposophischen  Gesellschaft,  die  da  begriindet 
wird  -,  was  ich  eben  heute  schon  sagen  muft,  das  ist  das,  dafi  zunachst  schon  -  und 
zwar  von  dem  morgigen  Tag  ab,  wo  ja  die  meisten  der  Freunde,  die  mitbegrunden 
woilen  diese  Gesellschaft,  da  sein  werden  -  ein  Probevorstand,  der  aber  im  Laufe  der 
allernachsten  Tage  der  definitive  Vorstand  werden  mufi,  da  sei,  der  als  solcher  wirk- 
lich  arbeiten  kann.  Und  wirklich,  meine  lieben  Freunde,  ich  habe  mich  mit  der 
Frage,  wie  nun  die  Gesellschaft  zu  gestalten  ist,  wahrhaftig  in  der  letzten  Zeit  viel, 
viel  beschaftigt.  Ich  habe  ja  auch  manche  Begriindungen  von  Landergesellschaften 
mitgemacht,  mancherlei  erfahren,  was  jetzt  unter  den  Mitgliedern  lebt  und  so  wei- 
ter,  und  ich  habe  mich  recht  griindlich  beschaftigt  mit  dem,  was  unmittelbar  in  der 
nachsten  Zeit  notwendig  ist.  Und  da  mochte  ich  heute  zunachst  eben  meine  Vor- 
schlage  vorbringen,  praliminarisch  zunachst,  weil  einfach  die  Sache  schon  da  sein 
mufi,  bevor  man  beginnt. 

Sehen  Sie,  es  kann  nicht  anders  sein,  dem  Ernste  der  Sache  wird  nicht  Rechnung 
getragen,  wenn  die  Bedingungen  zum  Fortbestande,  das  heifit  eigentlich  zur  Neube- 
griindung  der  Gesellschaft  -  von  denen  ich  am  Montag  sprechen  werde  -,  wenn  die- 
se Bedingungen  nicht  erfiillt  werden.  Aber  um  diese  Bedingungen  zu  erfiillen,  mufi 
ich  eben  selber  gewisse,  vielleicht  zunachst  manchem  radikal  anmutende  Bedingun- 
gen stellen.  Es  sind  aber  diejenigen  Bedingungen,  die  eigentlich  so  sind,  dafi  ich  sage : 
Ich  sehe  nur  die  Moglichkeit,  weiter  zu  arbeiten  mit  der  Gesellschaft  auf  anthropo- 
sophischem  Boden,  wenn  diese  Bedingungen  erfiillt  werden.  Und  so  mochte  ich 
denn  meinerseits  den  Vorschlag  machen  -  damit  Sie  sich  mit  dem  Gedanken  ver- 
traut  machen  konnen  -,  meinerseits  den  Vorschlag  machen  zur  Konstituierung  des 
Vorstandes,  der  einfach  dadurch,  daft  ich  Ihnen  den  Vorschlag  heute  mache, 
zunachst  provisorisch  funktionieren  wird,  und  ich  hoffe,  er  wird  ein  definitiver 
Vorstand  werden. 

Dieser  Vorstand  mufi  so  sein,  daf5  er  tatsachlich  Dornach  in  den  Mittelpunkt  der 
Anthroposophischen  Gesellschaft  stellen  kann.  Wie  gesagt,  ich  habe  mich  viel  mit 
der  Frage,  wie  nun  die  Gesellschaft  zu  konstituieren  ist,  beschaftigt,  und  Sie  diirfen 
mir  glauben,  griindlich.  Und  nach  dieser  griindlichen  Beschaftigung  kann  ich  kei- 
nen  anderen  Vorschlag  machen,  meine  lieben  Freunde,  als  den,  dafi  Sie  zum  Vorsit- 
zenden  der  Anthroposophischen  Gesellschaft,  die  begriindet  wird,  und  zwar  zum 
ganz  offiziellen  Vorsitzenden,  mich  selber  wahlen.  Ich  mufi  also  aus  den  Erlebnissen 
der  letzten  Jahre  einfach  die  Konsequenz  ziehen,  dafi  ich  eigentlich  nur  mitarbeiten 
kann,  wenn  ich  selber  zum  wirklichen  Vorsitzenden  -  ich  will  auf  alles  verzichten 
von  Ehrenvorsitzendem  und  so  weiter,  darauf  gehe  ich  nicht  mehr  ein,  auf  alle  dieje- 
nigen Dinge,  wo  man  sozusagen  nur  hinter  den  Kulissen  zu  stehen  und  brav  zu  sein 


hat  fur  dasjenige,  was  die  anderen  tun  -  ich  werde  also  tatsachlich  nur  fortarbeiten 
konnen,  wenn  ich  selber  zum  wirkhchen  Vorsitzenden  der  Anthroposophischen 
Gesellschaft,  die  hier  begriindet  werden  soli,  gewahlt  werde.  Selbstverstandlich  ist  ja 
dann  notwendig,  dafi,  da  ich  die  Arbeit  selber  in  die  Hand  nehmen  werde,  mir  dann 
zur  Seite  stehen  werden  diejenigen  Menschen,  die  nun  schon  durch  die  Bedingungen 
in  der  Arbeit,  die  sich  vorbereitet  hat,  die  nachsten  sind,  die  nun  hier  mit  mir  im 
Zentrum  arbeiten  konnen.  Und  so  werde  ich  meinerseits  vorschlagen  -  also  wenn 
ich  gewahlt  werde  zum  Vorsitzenden,  sonst  wiirde  ich  ja  gar  nicht  mitmachen  -  zum 
zweiten  Vorsitzenden,  also  Vorsitzenden-Stellvertreter,  Herrn  Steffen;  als  drittes 
Vorstandsmitglied  Frau  Dr.  Steiner;  als  viertes  Vorstandsmitglied  Frau  Dr.  Wegman 
als  Schriftfuhrerin.  Als  fiinftes  Vorstandsmitglied  schlage  ich  meinerseits  vor  Frau- 
lein  Dr.  Vreede,  als  sechstes  Vorstandsmitglied  Herrn  Dr.  Guenther  Wachsmuth, 
der  dann  das  Amt  des  Sekretars  und  Schatzmeisters  zu  versehen  hatte. 

Ich  werde  am  Montag  die  Griinde  auseinandersetzen,  warum  ich  Vorschlage 
mache  fur  den  eigentlichen  Zentralvorstand  nur  von  solchen  Personlichkeiten,  die 
unmittelbar  hier  in  Dornach  am  Orte  ansafiig  sind.  Ein  Vorstand,  der  iiberall  in  der 
Welt  zusammenzusuchen  ist,  der  wird  niemals  ordentlich  arbeiten  konnen  und 
kann  nicht  eigentlich  arbeiten.  Also  es  miissen  in  Dornach  etablierte  Menschen 
sein.  Und  diejenigen,  die  ich  jetzt  vorgeschlagen  habe,  wie  gesagt,  mich  selbst, 
Herrn  Steffen  als  Stellvertreter,  Frau  Dr.  Steiner,  Frau  Dr.  Wegman  als  Schriftfiih- 
rer,  Fraulein  Dr.  Vreede,  und  Dr.  Wachsmuth  als  Sekretar  und  Schatzmeister,  das 
wiirde  dann  der  Vorstand  sein,  der  von  hier  aus  zu  arbeiten  hatte. 

Nun  aber  fasse  ich  ja,  wie  ich  einigen  Freunden  schon  neulich  im  Haag  gezeigt  habe, 
die  Vorstandschaft  so  auf,  dafi  sie  tatsachlich  nicht  nur  auf  dem  Papiere  steht,  sondern 
dafi  sie  mit  aller  Verantwortlichkeit  auf  dem  Vorstandsplatze  steht  und  die  Gesell- 
schaft reprasentiert.  Deshalb  werde  ich  bitten,  dafi  von  morgen  ab  sich  dieser  provi- 
sorische  Vorstand  bei  jeder  Gelegenheit  eben  hier  den  iibrigen  Freunden  gegeniiber 
als  Vorstand  auch  tatsachlich  reprasentativ  plaziert,  so  dafi  die  Sache  wirklich  so  ist, 
wie  ich  ja  den  Freunden  im  Haag  klar  gemacht  habe :  es  kann  nicht  ohne  eine  gewisse 
Form  in  einer  ordentlichen  Gesellschaft,  die  funktionieren  soil,  abgehen.  Form  mufi 
vom  Anfange  an  da  sein.  Ich  bitte  also,  dafi  das  beriicksichtigt  wird,  dafi  tatsachlich 
hier  so  viele  als  zunachst  provisorische  Vorstandsmitglieder  sind,  Stiihle  stehen  und 
diese  Vorstandsmitglieder  mit  den  Gesichtern  gegen  die  iibrigen  Mitglieder  da  sind, 
so  dafi  man  fortwahrend  vor  Augen  hat,  dafi  das  eben  der  Vorstand  ist.  Wenn  einer 
da  sitzt,  der  andere  dort,  so  kann  man  sie  niemals  zusammenkriegen,  wenn  man  sie 
braucht.  Also  es  handelt  sich  darum,  dafi  nunmehr  wirklich  die  Dinge  als  Wirklich- 
keiten  aufgenommen  werden.  Wie  gesagt,  es  ist  das  blofi,  weil  ich  haben  wollte,  dafi 
wir  von  morgen  ab  schon  einen  Vorstand  haben,  deshalb  habe  ich  diesen  provisori- 
schen  Vorstand  genannt.  Die  Begriindungen  fur  die  Dinge,  die  schon  in  dem  liegen, 
was  ich  ja  damit  gesagt  habe,  die  werde  ich  dann  am  Montag  bei  der  Eroffnungsrede 
ja  noch  bringen.  Ebenso  werde  ich  am  Montag  selber  einen  Statutenvorschlag  ma- 
chen  -  ich  hoffe,  die  Statuten  sind  dann  gedruckt  der  aus  den  jetzigen  Bedingungen 
heraus  der  Konstitution  der  Gesellschaft  zu  Grunde  liegen  soli. 

Nun,  meine  lieben  Freunde,  damit  habe  ich  nun  zunachst  dasjenige  gesagt,  was 
mein  Anliegen  war  beim  Ausgangspunkte  unserer  Weihnachtstagung  hier.» 


Auch  vor  dem  Abendvortrag  am  nachsten  Tag,  dem  23.  Dezember  1923,  kam  er 
nochmals  darauf  zu  sprechen: 

«Dann  habe  ich  noch  aus  der  Fiille  desjenigen,  was  morgen  wird  verhandelt  werden 
miissen,  nochmal  mitzuteilen  -  was  ich  gestern  am  Schlusse  mitteilte,  weil  ja  das  zu- 
sammenhangt  mit  dem  ganzen  Arrangement  unserer  Delegiertenversammlung,  das  ja 
schon  vorbereket  werden  mufke,  und  das  auch  sozusagen  vor  dem  Beginne  schon  ver- 
waltet  werden  mufi  -,  ich  habe  noch  zu  erwahnen,  dafi  ich  ja  in  der  letzten  Zeit  wirk- 
lich  recht  griindlich  uberlegt  habe,  wie  nun  eigentlich  die  Anthroposophische  Gesell- 
schaft, wenn  sie  ihre  Aufgabe  erreichen  soil,  in  der  Zukunft  gestaltet  werden  mufl. 

Ich  habe  an  einzelnen  Orten  immer  wieder  betont :  die  Anthroposophische  Ge- 
sellschaft  soil  zu  Weihnachten  hier  eine  bestimmte  Gestalt  erlangen,  die  ja  entstehen 
kann  auf  Grundlage  desjenigen,  was  in  den  einzelnen  Landergesellschaften  zustande 
gekommen  ist.  Ich  habe  nie  gedacht,  meine  lieben  Freunde,  an  eine  blofi  syntheti- 
sche  Zusammenfassung  der  Landergesellschaften.  Da  wiirden  wir  wiederum  zu  ei- 
nem  Abstraktum  kommen.  Wir  miissen  hier,  wenn  es  iiberhaupt  noch  zu  etwas 
kommen  soli  mit  dieser  Anthroposophischen  Gesellschaft,  wir  miissen  hier  tatsach- 
lich  eine  ihre  Existenzkrafte  in  sich  selbst  tragende  Gesellschaft  formen.  Nach  den 
verschiedenen  Erfahrungen,  die  ich  da  gemacht  habe,  nach  all  dem,  was  ich  kennen- 
gelernt  habe,  habe  ich  mich  entschlossen,  nun  an  der  Formung  der  Gesellschaft 
nicht  nur  so  mitzuarbeiten,  wie  das  in  friiheren  Zeiten  geschehen  ist,  sondern  tat- 
sachlich  intensiv  und  zentral  an  der  Formierung  dieser  Gesellschaft  mitzuarbeiten. 
Ich  werde  daher  morgen  den  Freunden  einen  Statutenentwurf  vorlegen,  der  aus 
dem  engsten  Kreise  meiner  Mitarbeiter  in  Dornach  hier  hervorgegangen  ist,  und  ich 
mochte  eben  schon  heute  ankiindigen,  wie  ich  es  ja  gestern  auch  getan  habe,  dafi 
ich,  so  schweren  Herzens  ich  das  auch  tue,  dennoch  gegeniiber  dem  Verlauf,  den  die 
anthroposophischen  Gesellschaftsangelegenheiten  genommen  haben,  nicht  anders 
kann,  als  Ihnen  eben  den  Vorschlag  zu  machen,  kiinftig  die  Leitung  der  Gesellschaft 
so  zu  bilden,  dafi  ich  selber  diese  Leitung  als  Vorsitzender  der  Gesellschaft,  die  hier 
in  Dornach  gebildet  wird,  dafi  ich  selber  diese  Leitung  habe.  Und  dann  wird  es 
schon  notwendig  sein,  dafi  eben  gerade  diejenigen  Mitarbeiter  mir  hier  im  engsten 
Kreise  zur  Seite  stehen,  die  schon  bisher  eigentlich  in  der  Weise,  wie  ich  es  morgen 
charakterisieren  werde,  an  der  Dornacher  Arbeit  so  teilgenommen  haben,  dafi  ich 
mir  gerade  von  der  Fortsetzung  dieser  Arbeit  die  richtige  Entwickelung  der  anthro- 
posophischen Arbeit  versprechen  kann. 

Und  so  habe  ich  selber  den  Vorschlag  zu  machen,  dafi  eben  ich  selber  ausiibe  den 
Vorsitz  der  Anthroposophischen  Gesellschaft,  die  hier  begriindet  wird,  dafi  dann 
Herr  Steffen  mir  zur  Seite  steht  als  Vorsitzender- Stellvertreter.  Dann  wiirde  weiter 
in  diesem  Vorstande  sein  Frau  Dr.  Steiner,  dann  weiter  Frau  Dr.  Wegman  als 
Schriftfiihrer.  Weiter  wiirden  drinnen  sein  in  diesem  engsten  Arbeitsvorstand  -  es 
soil  eben  ein  Arbeitsvorstand  sein  -  Fraulein  Dr.  Vreede  und  Dr.  Guenther  Wachs- 
muth.  Damit  wiirden  wir  den  Arbeitsvorstand  haben,  und  es  wiirde  dann  morgen 
von  mir  in  dem  Eroffnungsvortrag  zu  rechtfertigen  sein,  warum  gerade  in  dieser 
Weise  von  mir  gedacht  werden  mufi  iiber  die  Begriindung  und  iiber  den  Fortgang 
der  Anthroposophischen  Gesellschaft. 


Es  ist  schon  so,  daft  gegenwartig  die  Dinge  sehr,  sehr  ernst,  bitterernst  genommen 
werden  miissen.  Sonst  miiftte  eigentlich  dennoch  dasjenige  eintreten,  wovon  ich  ja 
oftmals  gesprochen  habe,  daft  ich  mich  von  der  Anthroposophischen  Gesellschaft 
zuriickziehen  miifite.» 

Diese  Vorschlage  Rudolf  Steiners  wurden  anderntags  bei  der  Eroffnung  der 
Weihnachtstagung  voll  akzeptiert.  Damit  war  die  wichtigste  Entscheidung  fiir  die 
neue  Anthroposophische  Gesellschaft  getroffen,  die  Rudolf  Steiner  nunmehr  aus- 
driicklich  als  allgemeine  und  nicht  als  Internationale  Gesellschaft  verstanden  wissen 
wollte  (siehe  Eroffnungsvortrag  der  Weihnachtstagung  Dornach,  24.  Dezember 
1923,  in  GA  260,  S.  41). 

Die  mit  dem  Weihnachtstagungs-Entschlufi  Rudolf  Steiners 
verbundenen  ideellen  Ziele 

Die  wichtigsten  ideellen  Ziele,  die  durch  die  Neubildung  der  Anthroposophischen 
Gesellschaft  verwirklicht  werden  sollten,  damit  die  Anthroposophie  ihre  wahre 
Kulturaufgabe  -  dem  durch  die  materielle  Kultur  geschaffenen  Weltkorper  die  ihm 
notwendige  Seele  zu  bilden  (S.  491)  -  erfullen  konne,  charakterisierte  Rudolf  Steiner 
in  seinen  verschiedenen  Ausfuhrungen  (in  diesem  Band)  dahingehend: 

Voile  Offentlichkeit  fiir  Gesellschaft  und  esoterische  Schule  als  «Freie  Hoch- 
schule  fur  Geisteswissenschaft»  unter  gleichzeitiger  Wahrung  der  fiir  das  Esote- 
rische notwendigen  Lebensbedingungen. 

Voile  Offentlichkeit  der  Publikationen. 

Mit  allem  Vereinsmaftigen  zu  brechen  und  alles  auf  das  rein  Menschliche  zu  stellen. 

Ein  Gemeinschaftsbewufksein  als  notwendige  Tragekraft  fiir  umfassende  Geist- 
Erkenntnisse,  insbesondere  auf  dem  Gebiet  von  Reinkarnation  und  Karma,  zu 
entwickeln. 

Durch  die  voile  Offentlichkeit  sollte  die  Gesellschaft  zur  modernsten  esoterischen 
Gesellschaft  der  Welt  werden  und  der  esoterische  Impuls  bis  in  die  ganze  Verfassung 
hinein  in  Erscheinung  treten  (S.  209).  Darum  wurde  die  Gesellschaft  nunmehr  als 
vollig  offentlich  konstituiert,  und  die  vordem  nur  fur  Mitglieder  erhaltlich  gewesenen 
Manuskriptdrucke  von  Rudolf  Steiners  Vortragszyklen  wurden  freigegeben.  Auch 
die  neue  esoterische  Schule  als  «Freie  Hochschule  fur  Geisteswissenschaft»  mit  ihren 
drei  Klassen  und  den  verschiedenen  wissenschaftlichen  und  kiinstlerischen  Sektio- 
nen  sollte  in  keiner  Weise  «den  Charakter  einer  Geheimgesellschaft  tragen»,  denn 
«Geheimgesellschaften  sind  heute  nicht  moglich,  die  heutige  Zeit  verlangt  etwas  an- 
deres»  (S.  127).  Nicht  nur,  daft  sie  als  «Zentrum  des  Wirkens»  in  den  Statuten  der 
Gesellschaft  (§  5)  verankert  und  den  Mitgliedern  das  Recht  zuerkannt  wurde,  sich 
um  Aufnahme  bewerben  zu  konnen,  sondern  Rudolf  Steiner  wollte  auch  dafiir  sor- 
gen,  «daft  man  immer  wissen  wird,  im  weitesten  Umfange,  was  sie  tut»  (S.  127 f.).  Ein 
erster  Schritt  in  diese  Richtung  war,  daft  Rudolf  Steiner  iiber  den  Inhalt  von  Vor- 


tragen,  die  er  fiir  den  «allgemein  anthroposophischen  Teil  der  Freien  Hochschule» 
innerhalb  deren  erster  Klasse  gehalten  hatte,  im  allgemeinen  Nachrichtenblatt  fiir 
die  Mitglieder  berichtete  (S.  202)  und  dazu  bemerkte:  «In  diesen  Andeutungen  soli 
zunachst  das  esoterische  Wirken  der  Freien  Hochschule  charakterisiert  werden.  (. . .) 
Was  hier  exoterisch  gesagt  ist,  das  wird  in  der  Schule  esoterisch  entmckelt.»  Ande- 
rerseits  wurde  denen,  die  in  die  «Freie  Hochschule  fiir  Geisteswissenschaft»  eintre- 
ten  wollten,  dringlich  ans  Herz  gelegt,  zu  bedenken,  dafi  von  ihnen  verlangt  werden 
musse,  daft  sie,  wo  sie  auch  im  Leben  stehen,  wirkliche  Reprasentanten  der  anthro- 
posophischen Sache  sein  mufiten.  Dies  sei  keine  Beschrankung  der  Freiheit.  Die  Lei- 
tung  der  Schule  musse  ebenso  frei  sein  konnen,  an  wen  sie  ihre  Arbeiten  mitteilen 
will,  wie  diejenigen  frei  sein  miissen,  die  diese  Arbeiten  empfangen.  Der  Hinweis 
auf  die  in  der  kurzen  Zeit  ihres  Bestehens  erfolgten  neunzehn  Ausschliefiungen  sollte 
zeigen,  wie  ernst  Rudolf  Steiner  die  Forderungen  dieses  freien  Vertragsverhaltnisses 
genommen  wissen  wollte  (S.  374f.). 

Die  Auswirkungen  von  Rudolf  Steiners  Weihnachtstagungs-Entschluft 

auf  ihn  persdnlich 

Die  schweren  Hindernisse,  die  sich  Rudolf  Steiners  Zukunftswillen  entgegenstellten, 
begannen  noch  wahrend  der  Weihnachtstagung,  die  zwar  von  der  gesamten  Mit- 
gliedschaft  mit  grofiter  Begeisterung  getragen  wurde,  doch  zugleich,  wie  Marie  Stei- 
ner schreibt,  mit  «einer  unendlichen  Tragik»  verbunden  war,  denn  «am  letzten  jener 
Tage,  dem  1.  Januar  1924,  erkrankte  er  schwer  und  ganz  plotzlich.  Es  war  wie  ein 
Schwerthieb,  der  sein  Leben  traf  bei  jener  geselligen  Zusammenkunft,  die  verbun- 
den war  mit  einer  Teebewirtung  und  dazugehorigen  Zutaten,  auf  dem  Programm 
als  <Rout>  verzeichnet.»  (Vorwort  zu  «Die  Weihnachtstagung  . . .»,  GA  260). 

Diese  von  Marie  Steiner  mehrfach  dokumentierte  Vergiftungsattacke  (S.  589)  mufi 
wohl  zu  dem  Risiko  gerechnet  werden,  das  Rudolf  Steiner  mit  seinem  Entschlufi 
eingegangen  war,  anthroposophische  Bewegung  und  Gesellschaft  miteinander  zu 
vereinen,  dadurch,  dafi  er  selbst  die  Leitung  der  neuen  Gesellschaft  iibernommen 
hatte.  Uberall,  wo  er  von  der  Weihnachtstagung  an  bis  zu  seiner  schweren  Erkran- 
kung  im  September  1924  Vortrage  fur  die  Mitglieder  der  Anthroposophischen  Ge- 
sellschaft gehalten  hat,  bezeichnete  er  diesen  Entschlufi  nicht  nur  als  den  «denkbar 
schwierigsten»  (S.  382),  sondern  sogar  als  ein  «Wagnis»,  insbesondere  auch  gegeniiber 
der  geistigen  Welt  (S.  236).  Denn  er  habe  nicht  gewufk,  wie  jene  geistigen  Machte, 
die  in  der  geistigen  Welt  die  anthroposophische  Bewegung  lenken  und  denen  es 
«einzig  und  allein  obliegt,  zu  entscheiden  dariiber,  in  welcher  Weise  die  anthroposo- 
phische Bewegung  gefiihrt  werden  soll»  (S.  364),  sich  zu  seinem  Entschlufi  stellen 
wiirden.  Es  hatte  durchaus  sein  konnen,  dafi  dadurch  diese  geistigen  Machte  ihre 
Hande  abgezogen  hatten,  so  dafi  der  Fortgang  der  geistigen  Offenbarungen  in  Frage 
gestellt  gewesen  ware.  Jedoch  sei  das  Gegenteil  eingetreten:  die  geistigen  Offen- 
barungen, «auf  die  wir  doch  durchaus  angewiesen  sind,  wenn  es  sich  um  Verbrei- 
tung  der  Anthroposophie  handelt»,  seien  sogar  noch  starker  geworden.  Es  liege  aber 
auch  «ein  Versprechen»  gegeniiber  der  geistigen  Welt  vor,  das  «in  unverbruchlicher 
Weise»  erfullt  werde.  Man  werde  sehen,  dafi  «in  der  Zukunft  die  Dinge  geschehen 


werden,  wie  sie  der  geistigen  Welt  gegeniiber  versprochen  wurden»  (S.  236,  325, 371, 
382).  Die  fur  ihn  daraus  folgenden  Konsequenzen  hat  er  einmal  dahingehend  ange- 
deutet,  dafi  er  dasjenige,  was  im  Zusammenhang  mit  der  Leitung  geschieht,  hinauftra- 
gen  mujR  in  die  geistige  Welt,  «um  nicht  nur  eine  Verantwortung  zu  erfullen  inner- 
halb  von  irgend  etwas,  was  hier  auf  dem  physischen  Plane  ist,  sondern  eine  Verant- 
wortung, die  durchaus  hinaufgeht  in  die  geistigen  Welten».  Darum  sollte  bedacht 
werden,  welche  Schwierigkeiten  ihm  erwachsen  miissen,  wenn  er  «zuweilen  mitzu- 
bringen  hat  mit  dem,  was  er  zu  verantworten  hat,  das,  was  aus  den  personlichen  Aspi- 
rationen  der  teilnehmenden  Menschen  kommt»,  denn  das  bewirke  die  «schauderhaf- 
testen  Riickschlage»  (Dornach,  3.  Mai  1924,  siehe  Beilage  S.  18).  Wenige  Wochen  spa- 
ter  fiel  noch  die  Aulterung,  daft  «sehr  starke  gegnerische,  damonische  Machte  gegen 
die  anthroposophische  Bewegung  anstiirmen»,  dafi  aber  doch  zu  hoffen  sei,  da!5  durch 
die  «Krafte  des  Biindnisses»,  das  durch  die  Weihnachtstagung  mit  den  guten  geistigen 
Kraften  geschlossen  werden  durfte,  diese  gegnerischen  Krafte  auf  geistigem  Gebiete, 
die  sich,  um  ihre  Wirkungen  zu  erzielen,  «doch  der  Menschen  auf  Erden  bedienen», 
aus  dem  Felde  geschlagen  werden  konnen  (Paris,  23.  Mai  1924,  siehe  S.  236). 

Dies  gehort  wohl  zu  den  Hintergriinden  von  Marie  Steiners  Wort,  dafi  Rudolf 
Steiner  durch  seinen  Weihnachtstagungsentschluft  das  Karma  der  Gesellschaft  auf 
sich  genommen  habe,  was  seinen  friihen  Tod  bewirkte: 

«Er  nahm  ihr  Karma  auf  sich.  Er  hat  keine  weitere  Weihnachtstagung  mehr  leiten 
konnen.  Nach  einem  Jahr  und  drei  Monaten  war  er  von  uns  gegangen. 

Inzwischen  aber  hat  er  uns  das  gegeben,  was,  wenn  es  richtig  verstanden  und  gelebt 
wird,  weltumwandelnd,  seelenneuschaffend,  geistschopferisch  wirken  kann.  Wenn 
es  richtig  gelebt  wird,  mit  dem  Ernst,  um  den  er  bat  und  mit  dem  reinen  Herzen.  Er 
hat  von  uns  gehen  miissen.  Was  aus  der  Gesellschaft  wird,  liegt  in  deren  Gruppen- 
seelenerkenntnis.  Die  Gesamtheit  wird  den  Ausschiag  geben.  Eines  wird  sie  geleistet 
haben,  wie  es  auch  ausgehen  mag,  ob  aufwarts  oder  abwarts:  sie  ist  die  Briicke  gewe- 
sen,  die  sich,  der  griinen  Schlange  im  Marchen  gleichl),  iiber  den  Abgrund  geworfen 
hat,  in  dem  die  Menschheit  zu  versinken  drohte;  die  Menschheit  wird  iiber  sie  hin- 
wegschreiten  konnen  zum  jensekigen  Ufer.  Sie  wird  dort  in  Empfang  nehmen  das, 
was  Rudolf  Steiner  als  Vermachtnis  zuriickgelassen  hat.  Auch  die  Fehler  der  Gesell- 
schaft werden  gesiihnt  sein  durch  seinen  Tod.  Er  durfte  ihr  so  viel  geben,  weil  er  fur 
sie  und  fur  die  Menschheit  hat  sterben  wollen,  damit  er  es  geben  konne.»2) 

Die  konstitutionellen  Auswirkungen  von  Rudolf  Steiners 
Weihnachtstagungs-Entschlufi 

Nach  Abschlufi  der  Weihnachtstagung  ging  Rudolf  Steiner  daran,  die  Verwaltung 
der  Anthroposophischen  Gesellschaft  und  der  bestehenden  Institutionen  neu  zu  ge- 
stalten,  immer  in  dem  Sinne,  dafi  er  nunmehr  fur  alles  personlich  die  Verantwortung 
tragen  wolle.  Eindeutig  bringt  er  dies  noch  auf  seinem  Krankenlager  in  seinem  Brief 

1)  Gemeint  ist  das  Goethesche  «Marchen  von  der  griinen  Schlange  und  der  schonen  Lilie». 

2)  Marie  Steiner  in  ihrem  Vorwort  zur  1.  Auflage  der  Vortrage  «Die  karmischen  Zusammen- 
hange  der  anthroposophischen  Bewegung*,  Dornach  1926,  wieder  abgedruckt  in  «Nach- 
richten  der  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung»  Nr.  23,  Weihnachten  1968, 


vom  31.  Dezember  1924  an  Felix  Heinemann  zum  Ausdruck:  «Das  ganze  Gefuge 
der  Goetheanum- Verwaltung  muI5  nun  einmal  so  bleiben,  wie  es  jetzt  ist . . .  Insbe- 
sondere  mufi  die  finanzielle  Verwaltung  ganz  dieselbe  Gestalt  behalten,  das  heifit, 
durch  mich  allein  besorgt  werden.  Anders  konnte  ich  nicht  arbeiten»  (S.  567).  Und 
in  seinem  Vortrag  am  12.  April  1924  in  Dornach  hatte  er  gesagt:  «Denn  natiirlich 
muf5  ja  die  Anthroposophische  Gesellschaft  etwas  ganz  anderes  sein,  wenn  sie  von 
mir  geleitet  wird  oder  wenn  sie  von  jemandem  anderem  geleitet  wird.»  An  alien 
Orten,  wo  er  iiber  die  Bedingungen  der  Weihnachtstagung  sprach  (siehe  S.  163ff.), 
wies  er  auch  auf  die  Tatsache  hin,  wie  nur  dadurch,  da$  er  personlich  den  ersten 
Vorsitz  iibernommen  hat,  die  spirituelle  Stromung  «anthroposophische  Bewegung» 
mit  der  Anthroposophischen  Gesellschaft  verbunden  ist.  So  sagte  er  zum  Beispiel  in 
England  (Torquay,  12.  August  1924):  «Ich  habe  es  ja  oftmals,  bevor  diese  Weih- 
nachtstagung am  Goetheanum  war,  betonen  miissen,  daft  man  zu  unterscheiden 
habe  zwischen  der  anthroposophischen  Bewegung,  die  eine  spirituelle  Stromung 
in  ihrer  Spiegelung  auf  Erden  darlebt,  und  zwischen  der  Anthroposophischen  Ge- 
sellschaft, die  eben  eine  Gesellschaft  ist,  die  in  einer  auflerlichen  Weise  verwaltet 
wurde,  indem  man  ihre  Funktionare  wahlte  oder  auf  eine  andere  Weise  bestimmte. 
Seit  Weihnachten  mufi  das  Gegenteil  gesagt  werden.  Nicht  mehr  kann  man  unter- 
scheiden die  anthroposophische  Bewegung  von  der  Anthroposophischen  Gesell- 
schaft. Sie  sind  beide  eins :  Denn  damit,  dafi  ich  selber  Vorsitzender  der  Gesellschaft 
geworden  bin,  ist  die  anthroposophische  Bewegung  eins  geworden  mit  der  Anthro- 
posophischen Gesellschaft.» 

Schritt  fur  Schritt  erfolgte  nun  auch  die  Ordnung  der  Verwaltung  des  Goethe- 
anum-Gefuges,  die  bei  dem  schon  bald  eingetretenen  Tod  Rudolf  Steiners  aber 
durchaus  noch  nicht  abgeschlossen  war.  Die  wesentlichste  Form  der  bis  dahin  ge- 
schaffenen  neuen  Organisation,  die  nur  durch  seinen  Tod  zu  einer  endgultigen  ge- 
worden ist,  wurde  von  ihm  bei  der  3.  aufierordentlichen  Generalversammlung  des 
«Vereins  des  Goetheanum»  am  29.  Juni  1924  festgelegt.  Dieser  Verein  hatte  zur  Er- 
fullung  seiner  Aufgabe  eine  statuarisch  festgesetzte,  kleine  Anzahl  «ordentlichen> 
Mitglieder,  welche  allein  stimmberechtigt  waren.  Dieser  Zusammenkunft  war  vor- 
ausgegangen,  dafi  im  April  das  Bauprojekt  des  neuen  Goetheanums  von  der  Ge- 
meinde  Dornach  angenommen  und  am  21.  Mai  von  Rudolf  Steiner  personlich  dem 
Baudepartement  in  Solothurn  eingereicht  worden  war.  Nach  seinen  sich  unmittel- 
bar  hieran  anschliefienden  Aufenthalten  in  Paris,  Koberwitz  und  Breslau  wurde  in 
der  Wochenschrift  «Das  Goetheanum»  und  im  «Nachrichtenblatt»  vom  22.  Juni 
1924  zur  3.  aufierordentlichen  Generalversammlung  des  «Vereins  des  Goetheanum» 
eingeladen.  In  dieser  Versammlung,  die  am  Sonntag,  dem  29.  Juni,  stattgefunden 
hat,  wies  nun  Rudolf  Steiner  darauf  hin,  dafS  sich  aufgrund  der  ganzen  Entwicklung 
die  Allgemeine  Anthroposophische  Gesellschaft,  die  noch  als  Verein  einzutragen 
ist,  in  die  folgenden  vier  Unterabteilungen  gliedern  soil: 

1.  Anthroposophische  Gesellschaft  im  engeren  Sinne 

2.  Philosophisch-Anthroposophischer  Verlag 

3.  Verein  des  Goetheanum 

4.  Klinisch-Therapeutisches  Institut. 


Im  Verlauf  dieser  Versammlung  wurde  durch  Rudolf  Steiner  zunachst  der  Vor- 
stand  des  «Vereins  des  Goetheanum»  so  umgebildet,  da!5  er  auch  in  ihm  den  ersten 
Vorsitz  iibernahm  und  Dr.  Emil  Grosheintz,  der  bisherige  erste  Vorsitzende,  den 
zweiten  Vorsitz.  Gleichzeitig  wurden  die  iibrigen  fiinf  Vorstandsmitglieder  des  an 
der  Weihnachtstagung  gebildeten  Vorstandes  der  Anthroposophischen  Gesellschaft 
sowie  die  bisherigen  Vorstandsmitglieder  des  «Vereins  des  Goetheanum»  in  diesen 
Vorstand  aufgenommen.  Die  Statuten  wurden  abgeandert,  weil  nunmehr  die  Ein- 
tragung  der  Allgemeinen  Anthroposophischen  Gesellschaft  in  das  Handelsregister 
erfolgen  sollte.  Hierfur  kamen  nicht  die  Statuten  der  Weihnachtstagung  in  Betracht, 
die  dann  spater  laut  Dr.  Guenther  Wachsmuth  «auf  ausdriickliche  Angabe  Dr.  Stei- 
ners  die  Bezeichnung  <Prinzipien>  erhielten»  (Nachrichtenblatt  1935,  Nr.  20).  Ein 
erster  Entwurf  von  Statuten  fur  das  Handelsregister  tragt  das  Datum  vom  3.  August 
1924.  Er  liegt  in  der  Handschrift  der  Schriftfiihrerin  Dr.  Ita  Wegman  vor  mit  hand- 
schriftlichen  Korrekturen  bzw.  Erganzungen  Rudolf  Steiners  (S.  548  f.).  Laut  zwei 
Entwiirfen  Rudolf  Steiners  vom  2.  August  fur  eine  Bevollmachtigung  von  Dr.  Ita 
Wegman  war  eine  «Grundungsversammlung  der  Anthroposophischen  Gesellschaft* 
fur  diesen  3.  August  vorgesehen  (Beilage  S.  30).  Wie  der  Rechnung  von  Amtsschrei- 
ber  Altermatt  vom  3.  Marz  1925  (Beilage  S.  31)  zu  entnehmen  ist,  hat  am  3.  August 
1924  offensichtlich  eine  «Generalversammlung»  stattgefunden,  an  der  dieser  als  Ur- 
kundsperson  und  Protokollfuhrer  teilgenommen  hat.  Uber  den  Verlauf  undetwaige 
Beschliisse  dieser  Versammlung  liegen  jedoch  keinerlei  Unterlagen  vor;  auch  das 
Handelsregister  weist  keine  Eintragungen  auf  (Beilage  S.  58  f.). 

Standen  die  Beschliisse  vom  29.  Juni  1924  noch  ganz  im  Zeichen  einer  Neukon- 
stituierung  des  «Vereins  des  Goetheanum,  der  Freien  Hochschule  fur  Geisteswissen- 
schaft  in  Dornach»  als  Unterabteilung  der  noch  in  das  Handelsregister  einzutragen- 
den  Allgemeinen  Anthroposophischen  Gesellschaft,  so  ging  es  im  Statutenentwurf 
vom  3.  August  1924  um  diese  selbst.  Was  Rudolf  Steiner  in  seinen  einfuhrenden 
Worten  am  29.  Juni  ausgefuhrt  hatte,  namlich  «dafi  aus  dem  ganzen  Geist  der  An- 
throposophischen Gesellschaft  heraus,  wie  sie  jetzt  besteht,  diese  Anthroposophi- 
sche  Gesellschaft  als  der  eigentlich  eingetragene,  handelsregisterlich  eingetragene 
Verein  fungiert»  (S.  503),  sollte  nun  in  eine  rechtlich  verbindliche  Form  gebracht 
werden  (S.  548 f.).  In  §  2  des  Statute nentwurfs  vom  3.  August  werden  jene  vier  Un- 
terabteilungen  aufgefuhrt,  von  denen  Rudolf  Steiner  am  29.  Juni  gesprochen  hat. 
Auch  die  fur  die  Unterabteilung  «Verein  des  Goetheanum»  getroffene  Unterschei- 
dung  zwischen  ordentlichen  und  aufierordentlichen  Mitgliedern  findet  Eingang  in 
den  Entwurf  vom  3.  August  (vgl.  §  4),  In  gleicher  Weise  verhalt  es  sich  hinsichtlich 
der  Berufung  der  ordentlichen  Mitglieder,  die,  so  §  5,  durch  den  Vorstand  erfolgt. 

DaU  es  am  3.  August  1924  zu  keinerlei  BeschlufSfassung  und  auch  nicht  zur  beab- 
sichtigten  Eintragung  in  das  Handelsregister  gekommen  war,  h'angt  moglicherweise 
damit  zusammen,  dafi  sich  inzwischen  herausgestellt  hat,  dafi  das  Vorhaben,  den 
« Verein  des  Goetheanum»  -  der  ja  noch  der  rechtmafiige  Vermogenstrager  war  -  als 
Unterabteilung  der  noch  einzutragenden  Allgemeinen  Anthroposophischen  Gesell- 
schaft zu  fiihren,  nicht  realisierbar  war,  da  eine  Ubertragung  der  hohen  Vermogens- 
werte  dieses  Vereins  auf  den  Verein  Allgemeine  Anthroposophische  Gesellschaft 
mit  hohen  Handanderungskosten  verbunden  gewesen  ware  (so  auch  iiberliefert 


durch  den  Architekten  Ernst  Aisenpreis).  Offensichtlich  ist,  daft  es  zu  einer  Losung 
der  Probleme  im  Sommer  und  Friihherbst  1924  nicht  mehr  gekommen  ist,  da 
Rudolf  Steiner  wenige  Tage  spater  nach  England  reiste  und  nach  seiner  Riickkehr, 
Anfang  September,  aufgrund  mehrerer  zum  Teil  parallellaufender  Fachkurse 
aufs  hochste  beansprucht  war.  Der  Beginn  seines  Krankenlagers,  Ende  September, 
machte  weitere  Schritte  zunachst  unmoglich. 

Wie  einer  Notiz  Rudolf  Steiners  (siehe  Beilage  S.  43)  zu  entnehmen  ist,  hatte  er 
zwischenzeitlich  einen  Brief  von  Amtsschreiber  Altermatt  erhalten,  in  dem  dieser 
um  ein  Gesprach  iiber  die  «Grixndung  der  Anthroposophischen  Gesellschaft»  nach- 
suchte.  Es  miissen  wohl  einige  Monate  vergangen  sein,  ehe  die  Verhandlungen 
wieder  aufgenommen  worden  waren.  So  berichtete  Guenther  Wachsmuth  auf  den 
Generalversammlungen  der  Jahre  1934  und  1935  iiber  die  mit  der  Eintragung  der 
Statuten  verbundenen  Umstande  (It.  Protokoll)  folgendes: 

«1925,  als  Dr.  Steiner  schon  krank  darniederlag,  da  mufite  ich  die  Eintragung  be- 
hordlicherseits  besorgen.  Innert  Jahresfrist  muftte  die  Eintragung  ins  Handelsregi- 
ster  mdglichst  erfolgt  sein.  Damals  bin  ich  hinuntergegangen  zu  einem  Amtsschrei- 
ber in  Dornach.  Es  war  nicht  sehr  leicht,  mit  ihm  die  Statuten  einer  Anthroposo- 
phischen Gesellschaft  zu  besprechen.  Nicht,  daft  er  nicht  aufterordentlich  willig  ge- 
wesen  ware,  aber  es  war  nicht  sehr  einfach,  ihm  die  Gesichtspunkte  klar  zu  machen. 
Aber  da  er  nicht  mehr  unter  den  Lebenden  weilt,  mochte  ich  da  nicht  weiter  dar- 
iiber  sprechen.  Aber  diese  Statuten,  wie  sie  dann  entstanden,  kamen  dabei  so  unvoll- 
kommen  und  unadaquat  zu  den  Prinzipien  heraus,  daft  Dr.  Steiner  sagte:  Ja,  diese 
Statuten  sind  eben  nicht  das,  was  wir  wollen;  man  wird  sie  eben  langsam  andern 
miissen,  und  fur  uns  sind  eben  die  Prinzipien  das  Maftgebende.» 

Und  1935  fiihrte  er  dariiber  folgendes  aus: 

« Als  die  Statuten  eingetragen  werden  sollten,  war  Dr.  Steiner  bereits  krank.  Er  be- 
auftragte  Dr.  Wachsmuth,  die  Verhandlungen  mit  dem  Registerbeamten  zu  fuhren. 
Dr.  Wachsmuth  legte  Anderungsvorschlage  des  Registerbeamten  Dr.  Steiner  vor. 
Mit  einigen  Punkten  in  der  Art  der  Formulierung  war  Dr.  Steiner  noch  nicht  einver- 
standen.  Er  veranlafite  aber  dennoch  die  Eintragung  mit  der  Bemerkung,  daft  man 
von  Zeit  zu  Zeit  die  Moglichkeit  habe,  Anderungen  vorzunehmen.»  (Nachrichten- 
blatt  1935,  Nr.  20). 

Am  8.  Februar  1925  war  es  schlieftlich  so  weit,  daft  auf  der  4.  aufterordentlichen 
Generalversammlung  des  «Vereins  des  Goetheanum»,  die  ohne  Rudolf  Steiner 
stattfinden  muftte,  die  neuen  Statuten  verabschiedet  werden  konnten.  Diese  spie- 
geln  einerseits  wider,  was  bereits  am  29.  Juni  und  im  Entwurf  vom  3.  August 
1924  Gegenstand  der  Verhandlungen  war  bzw.  werden  sollte.  Andererseits  ent- 
halten  sie  grundlegende  Neuerungen:  So  erscheint  die  Allgemeine  Anthroposo- 
phische  Gesellschaft  in  §  1  als  Rechtsnachfolgerin  des  «Vereins  des  Goetheanum». 
Ferner  wurde  die  im  Statutenentwurf  vom  3.  August  festgehaltene  Unterschei- 
dung  in  «leitende  (ordentliche)»  und  «teilnehmende  (aufierordentliche)»  Mitglie- 
der  abgeandert  in  «ordentliche»  und  «beitragende»  Mitglieder.  Wahrend  vormals 
die  ordentlichen  Mitglieder,  die  ja  eine  leitende  Funktion  innehatten,  allein 
durch  den  Vorstand  berufen  wurden,  kann  jetzt  die  Mitgliedschaft  auf  eine  schrift- 
liche  Anmeldung  hin  erworben  werden.  Auch  der  Gesichtspunkt,  daft  in  den 


Statuten  vom  29.  Juni  (§  10)  nur  die  ordentJichen  Mitglieder  stimmberechtigt 
waren,  fiel  nun  weg. 

Mit  den  Beschliissen  vom  8.  Februar  1925,  insbesondere  durch  die  Veranderun- 
gen  gegeniiber  den  Statuten  vom  29.  Juni  und  dem  Statutenentwurf  vom  3.  August 
1924,  war  eine  Situation  geschaffen,  die  tiefgreifende  Veranderungen  des  gesamten 
Gesellschaftsgefiiges  zur  Folge  hatte.  Mogliche,  weiterreichende  Konsequenzen,  die 
aus  den  Vorgangen  vom  8.  Februar  abgeleitet  werden  konnen,  hat  Albert  Steffen 
am  9.  Februar  in  seinem  Tagebuch  so  festgehalten:  «Am  8.  Februar  war  die  Eintra- 
gung  ins  Handelsregister.  Jedes  Mitglied  hat  jetzt  Stimmrecht.  Die  Gesellschaft 
kann  sagen:  Kein  Bau!  Keine  Klinik.  Ein  anderer  Vorstand  etc.»l) 

Am  3.  Marz  1925  erfolgte  die  Eintragung  in  das  Handelsregister  und  am  7.  und 
11.  Marz  die  Publikation  im  «Schweizerischen  Handelsamtsblatt».  Der  im  Handels- 
register eingetragene  Wortlaut  entspricht  dem  der  von  Amtsschreiber  Altermatt 
verfaiiten  «Anmeldung  fur  das  Handelsregister*  (S.  564  ff.).  Entgegen  dem  Wortlaut 
des  Protokolls  der  Versammlung  vom  8.  Februar,  wo  es  unter  §  1  der  Statuten 
heifit:  «Unter  dem  Namen  Allgemeine  Anthroposophische  Gesellschaft  besteht  als 
Rechtsnachfolgerin  des  Vereins  des  Goetheanums,  der  Freien  Hochschule  fiir  Gei- 
steswissenschaft  in  Dornach,  ein  Verein . . .»,  heilk  es  im  Handelsregister  «Der  Name 
des  Vereins  wird  abgeandert  in  <  Allgemeine  Anthroposophische  Gesellschaft  >  . . .». 
Mit  dieserNamensanderungsollte  offensichtlich  das  mit  den  hohen  Handanderungs- 
kosten  verbundene  Problem  gelost  werden. 

Im  «Nachrichtenblatt»  vom  22.  Marz  1925  erschien  unter  der  Uberschrift  «Mit- 
teilungen  des  Vorstandes»  ein  Bericht  iiber  die  Versammlung  vom  8.  Februar,  in 
dem  die  Mitglieder  von  den  dort  getroffenen  Beschliissen  unterrichtet  wurden.  Hier 
wird  nun  erstmals  naher  charakterisiert,  wer  zu  den  «ordentlichen»  Mitgliedern  zu 
zahlen  ist.  Wortlich  heifit  es:  «Es  werden  in  Zukunft  die  Mitglieder  der  <Allgemei- 
nen  Anthroposophischen  Gesellschaft>  sein:  a)  <ordentliche  Mitglieder>  (dies  sind 
alle  Mitglieder  der  Allgemeinen  Anthroposophischen  Gesellschaft)»  (S.  570). 

Um  nun  auch  auf  der  neuen  Grundlage  die  Kontinuitat  in  der  Goetheanumbau- 
Verwaltung  aufrechtzuerhalten,  wandte  sich  Rudolf  Steiner  in  einem  Brief  vom 
19.  Marz  1925,  also  wenige  Tage  vor  seinem  Tode,  an  sieben  Schweizer  Mitglieder, 
von  denen  fiinf  zu  den  bisherigen  «ordentlichen»  Mitgliedern  des  «Vereins  des  Goe- 
theanum»  gehorten,  um  sie  «in  die  Leitung  der  Administration  des  Goetheanum- 
Baues»,  der  3.  Unterabteilung,  welche  die  Aufgaben  des  bisherigen  « Vereins  des 
Goetheanum»  ubernehmen  sollte,  zu  berufen.  Obgleich  diese  bereit  waren,  im  Sinne 
der  Intentionen  Rudolf  Steiners  tatig  zu  werden,  konnten  sie  ihr  Amt  nicht  ausiiben, 
da  die  ihnen  zugedachten  Aufgaben  nach  dem  Tod  Rudolf  Steiners  vom  Vorstand 
der  Allgemeinen  Anthroposophischen  Gesellschaft  im  Zusammenhang  mit  einem 
Schatzkomitee  ubernommen  wurden. 

Die  Frage,  welche  weiteren  oder  gar  endgultigen  Formen  fur  die  Arbeit  der  All- 
gemeinen Anthroposophischen  Gesellschaft  noch  entwickelt  worden  waren,  insbe- 
sondere da  ja  Rudolf  Steiner  die  innere  und  auftere  Leitung  ganz  auf  seine  Person  ab- 
gestellt  hatte,  mufi  offenbleiben.  Entsprechende  Anweisungen  fur  die  Zeit  nach  sei- 
nem Tode  hat  er  bewufit  nicht  gegeben  (S.  694).  Eine  liickenlose  Rekonstruktion 


1)  Wiedergabe  mit  Genehmigung  der  Albert  Steffen  Stiftung. 


der  Vorgange  seit  der  Weihnachtstagung  bis  zum  Marz  1925  ist  heute,  obwohl  seit 
der  ersten  Auflage  des  vorliegenden  Bandes  im  Jahre  1966  verschiedene  neue  Doku- 
mente  aufgefunden  wurden,  noch  nicht  moglich.  Denn  es  fehlen  einerseits  immer 
noch  wichtige  Unterlagen  (zum  Beispiel  das  Protokoll  vom  3.  August,  der  Brief  von 
Altermatt  und  weitere  Korrespondenzen  zu  den  mit  der  handelsregisterlichen  Ein- 
tragung  der  Allgemeinen  Anthroposophischen  Gesellschaft  verbundenen  Proble- 
men),  andererseits  liegen  von  den  damals  unmittelbar  Beteiligten  keine  entsprechend 
aussagekraftigen  Verlautbarungen,  Dokumente  usw.  vor. 

*** 

Die  neu  aufgefundenen  Dokumente,  von  denen  einige  freundlicherweise  vom 
Goetheanum  zur  Verfiigung  gestellt  wurden,  beziehen  sich  auf  die  Neuordnung  des 
Verhaltnisses  der  verschiedenen  in  Frage  kommenden  Institutionen  zueinander 
(Anthroposophische  Gesellschaft,  Philosophisch-Anthroposophischer  Verlag,  Ver- 
ein  des  Goetheanum,  Klinisch-Therapeutisches  Institut)  und  sind  in  der  «Beilage» 
zur  zweiten  Auflage  abgedruckt.  In  den  Hinweisen  zu  dieser  Beilage  wird  ihr  inhalt- 
licher  und  zeitlicher  Bezug  mit  den  im  Band  wiedergegebenen  Ausfuhrungen 
Rudolf  Steiners  hergestellt.  Im  Band  selbst  ist  an  den  jeweils  in  Frage  kommenden 
Stellen  auf  ihre  chronologische  Einordnung  hingewiesen. 

Erganzend  zur  geschichtlichen  Entwicklung  der  Jahre  1924/ 25  ist  noch  anzu- 
fiigen,  dafi  die  Immobilien  des  Klinisch-Therapeutischen  Instituts  mit  Kaufvertrag 
vom  5.  September  1924,  auf  der  Basis  der  Vertrage  vom  29.  und  30.  Juni  1924, 
durch  den  «Verein  des  Goetheanum*  erworben  und  somit  dem  Verein  Allgemeine 
Anthroposophische  Gesellschaft  eingegliedert  wurden  (siehe  Beilage  S.  34 ff.). 
1931  wurden  sie  an  den  Klinik- Verein  zuriickverkauft. 

Den  Philosophisch-Anthroposophischen  Verlag  iibertrug  Marie  Steiner,  als  des- 
sen  Eigentiimerin,  nach  dem  Tode  Rudolf  Steiners  durch  Vertrag  vom  16.  Dezem- 
ber  1925  auf  die  Allgemeine  Anthroposophische  Gesellschaft  in  der  Form,  dafi  sie 
sich  bis  zu  ihrem  Tode  die  unbeschrankte  Leitung  und  voile  Nutzniefiung  vorbe- 
hielt  und  die  Kaufsumme  erst  nach  ihrem  Tode  fallig  stellte. 

Die  Ordnung  der  nicht  zum  engeren  Goetheanum-Gefuge  gehorigen  Institutio- 
nen, also  der  Futurum  AG  Dornach,  der  Internationalen  Laboratorien  AG  (Weleda) 
Arlesheim,  und  der  Kommende  Tag  AG  Stuttgart,  erfolgte  in  der  Art,  wie  dies  aus 
den  Protokollen  vom  24.  und  25.  Marz  sowie  vom  15.  Juli  1924  mit  den  entspre- 
chenden  Vertragen  ersichtlich  ist. 

Der  vorliegende  Band  umfafk  somit  alle  vorliegenden  schriftlichen  und  mundli- 
chen  Ausfuhrungen  Rudolf  Steiners  iiber  die  durch  die  Weihnachtstagung  1923/24 
eingeleiteten  Intentionen  und  Mafinahmen  zur  Neugestaltung  der  Anthroposophi- 
schen Gesellschaft.  Durch  die  «Chronik  1924-1925»  (S.  587-698)  werden  diese 
Dokumente  mit  dem  ganzen  Strom  seiner  iibrigen  immensen  bis  zu  seinem  Tod 
wahrenden  anthroposophischen  Tatigkeit  verbunden. 


Hella  Wiesberger 


I 


I 


Die  Neugestaltung 
der  Anthroposophischen  Gesellschaft 
durch  die  Weihnachtstagung  1923 


Zu  Rudolf  Steiners  Schreibweise  von  (Allgemeine)  Anthroposophische  Gesellschaft 


Fiir  die  2.  Auflage  von  1987  wurden  die  von  Rudolf  Steiner  verfafiten  Texte,  die  im 
«Nachrichtenblatt»  abgedruckt  und  als  Vorlage  fiir  den  Druck  in  der  Gesamtausgabe 
gedient  hatten,  mit  den  vorhandenen  handschriftlichen  Manuskripten  verglichen 
(im  Inhalt  mit  °  bezeichnet). 

Rudolf  Steiner  verwendete  im  allgemeinen  in  den  Titeln  die  Schreibweise  (Allge- 
meine) Anthroposophische  Gesellschaft,  im  laufenden  Text  (allgemeine)  anthropo- 
sophische Gesellschaft. 

Die  Schreibweisen  im  «Nachrichtenblatt»  folgen  nicht  immer  der  in  den  hand- 
schriftlichen Manuskripten  verwendeten,  obwohl  zu  erkennen  ist,  dafi  Rudolf  Stei- 
ner seine  Artikel  vor  dem  Druck  selbst  durchgelesen  und  korrigiert  haben  mufi, 
weil  an  vielen  Stellen  noch  stilistische  und  sachliche  Korrekturen  vorgenommen 
wurden. 

Auch  die  Vorstandsmitteilungen  im  «Nachrichtenblatt»  1924  verwendeten  keine 
einheitliche  Schreibweise: 

AG      20.1.  /  23.3.  /  4.,  25.5.  /  8.6.  /  17.8. 
a  G      3.,  17.,  24.2.  /  9.3. 
A  AG  24.2.  /  30.11. 
a  AG  13.1.  /  24.2. 

Zu  bemerken  ist  ferner,  dafi  die  fiinf  von  Rudolf  Steiner  konzipierten  offiziellen 
Schriftstiicke  der  Gesellschaft:  1.  Mitgliedskarte  (Beilage  S.  9),  2.  Kopf  fiir  das  «Nach- 
richtenblatt»  (Beilage  S.  10/11),  3.  Aufnahme-Antrags-Formular  (Beilage  S.  12), 
4.  Statuten  (Beilage  S.  13),  5.  Briefkopf  (Band  S.  495)  alle  auf  «Anthroposophische 
Gesellschaft*  lauten. 

Aus  diesen  Griinden  wurde  auf  eine  Korrektur  der  bestehenden  Schreibweise  im 
Band  verzichtet. 


Nachrichtenblatt,  13.  Januar  1924 


DIE  BILDUNG  DER  ALLGEMEINEN  ANTHROPOSOPHISCHEN 
GE SELLS CH AFT  DURCH  DIE  WEIHNACHTSTAGUNG  I923 

Der  Anthroposophischen  Gesellsdiaft  eine  Form  zu  geben,  wie  sie  die 
anthroposophische  Bewegung  zu  ihrer  Pflege  braucht,  das  war  mit  der 
eben  beendeten  Weihnachtstagung  am  Goetheanum  beabsichtigt.  Eine 
sokhe  Gesellsdiaft  kann  nicht  abstrakte  Richtlinien  oder  Statuten 
ha'ben.  Denn  ihre  Grundlage  ist  gegeben  in  den  Einsichten  in  die  gei- 
stige  Welt,  die  als  Anthroposophie  vorliegen.  In  diesen  findet  schon  bis 
heute  eine  grofie  Zahl  von  Mensdien  eine  sie  befriedigende  Anregung 
fiir  ihre  geistigen  Ideale.  Und  in  idem  Gesellschaftszusammenhange  mit 
andern  in  dieser  Richtung  gleichgesinnten  Mensdien  liegt,  was  die  Seelen 
brauchen.  Denn  im  gegenseitigen  Geben  und  Nehmen  auf  geistigem 
Gebiete  entwickelt  sich  das  wahre  Wesen  des  Menschenlebens.  Deshalb 
ist  es  naturgemaiS,  daiS  Mensdien,  die  Anthroposophie  in  ihren  Lebens- 
inhalt  aufnehmen  wollen,  sie  durdi  eine  Gesellsdiaft  pflegen  mochten. 

Aber  wenn  audi  Anthroposophie  zunachst  ihre  Wurzeln  in  den  schon 
gewonnenen  Einsichten  in  die  geistige  Welt  hat,  so  sind  das  doch  nur 
ihre  Wurzeln.  Ihre  Zweige,  ihre  Blatter,  Bluten  und  Fruchte  wachsen 
hinein  in  alle  Felder  des  menschlichen  Lebens  und  Tuns.  Sie  ruft  mit 
den  Gedanken,  die  Wesen  und  Gesetze  des  geistigen  Daseins  offen- 
baren,  in  die  Tiefen  der  sdiaffenden  Menschenseele  hinein:  und  deren 
kiinstlerische  Krafte  werden  durch  den  Ruf  hervorgelockt.  Die  Kunst 
erhalt  allseitige  Anregungen.  -  Sie  lafit  die  Warme,  die  von  der  Auf- 
schau  zum  Geistigen  ausstromt,  in  die  Herzen  fliefien:  und  der  religiose 
Sinn  erwacht  in  wahrer  Hingabe  an  das  Gottliche  in  der  Welt.  Die 
Religion  erhalt  eine  tiefe  Verinnerlichung.  -  Sie  ofFnet  ihre  Quellen, 
und  der  liebegetragene  Menschenwille  kann  aus  ihnen  schopfen.  Sie 
macht  die  Menschenliebe  lebendig  und  wird  damit  schaffend  in  Im- 
pulsen  des  sittlichen  Handelns  und  der  echten  sozialen  Lebenspraxis.  - 
Sie  befruchtet  den  Blick  in  die  Natur  durch  die  treibenden  Samen  der 
Geistesschau  und  macht  dadurch  aus  dem  blofSen  Naturwissen  wahre 
Naturerkenntnis. 


Durdi  all  das  erzeugt  die  Anthroposophie  eine  Fiille  von  Lebensauf- 
gaben.  In  die  weiteren  Kreise  des  Menschenlebens  konnen  diese  Auf- 
gaben  nur  gelangen,  wenn  sie  von  der  Pflege  in  einer  Gesellschaft  ihren 
Ausgangspunkt  nehmen. 

Die  Leitung  des  Goetheanums  in  Dornach  hat  an  diejenigen  Persdn- 
lichkeiten,  die  der  Meinung  sind,  dafi  die  an  diesem  Goetheanum  ge- 
pflegte  Anthroposophie  den  charakterisierten  Aufgaben  zu  entsprechen 
sucht,  den  Ruf  gerichtet,  in  einer  Weihnachtstagung  die  schon  seit  lange 
bestehenden  Versuche  zur  Bildung  von  anthroposophisdien  Gesell- 
schaften  in  einer  befriedigenden  Weise  zum  AbschlufS  zu  bringen. 

Der  Ruf  ist  in  einer  gar  nicht  zu  erwartenden  Weise  erhort  worden. 
Sieben-  bis  adithundert  Menschen  erschienen  zur  «Grundsteinlegung» 
der  «Allgemeinen  Anthroposophisdien  Gesellschafl».  Was  sie  getan 
haben,  soil  in  dieser  Beilage  zum  «Goetheanum»  nach  und  nach  ge- 
schildert  werden. 

Die  ErofTnung  und  Leitung  der  Versammlungen  oblag  mir.  -  Und 
sie  wurde  meinem  Herzen  leicht  -  diese  Eroffnung.  Neben  mir  safi  der 
Schweizer  Dichter  Albert  StefFen.  Die  versammelten  Anthroposophen 
sahen  mit  dankerfullter  Seele  zu  ihm  hin.  Auf  Schweizer  Boden  hatten 
sie  sich  zur  Bildung  der  Anthroposophischen  Gesellschaft  versammelt. 
Der  Schweiz  verdanken  sie  in  Albert  Steffen  seit  langer  Zeit  ein  fuh- 
rendes  Mitglied,  zu  dem  sie  mit  wahrer  Begeisterung  aufschauen.  Ich 
hatte  in  ihm  die  Schweiz  in  einem  ihrer  edelsten  Sohne  vor  mir;  ihm 
und  unseren  schweizerischen  Freunden  herzlichsten  Gruft  zu  sagen, 
war  mein  erstes  Wort  -  und  das  zweite  die  Aufforderung  an  ihn,  der 
Versammlung  den  Anfang  zu  geben. 

Es  war  ein  tiefergreifender  Anfang.  Albert  StefFen,  der  wunderbare 
Maler  in  Worten,  der  dichterische  Bildgestalter  sprach.  Man  horte  ihn 
und  sah  seelengewaltige  Bilder  wie  Visionen  vor  sich. 

Die  Grundsteinlegung  des  Goetheanums  von  19 13  stand  da  vor  dem 
Seelenauge.  Ich  kann  nicht  Worte  finden,  zu  sagen,  wie  es  mir  urn  die 
Seele  war,  als  ich  diesen  Vorgang,  bei  dem  ich  vor  zehn  Jahren  wirken 
durfte,  in  dem  StefFenschen  Gemalde  wieder  vor  mir  sah. 

Die  Arbeit  am  Goetheanum,  in  der  sich  hunderte  von  hingebungs- 
vollen  Handen  regten,  und  bei  der  hunderte  von  begeisterten  Herzen 


schlugen,  zauberten  kiinstlerisch  vollendet  gepragte  Worte  vor  den 
Gekt. 

Und  -  der  Brand  des  Goetheanums:  die  ganze  Tragik,  der  Schmerz 
Tausender,  sie  erzitterten,  als  Albert  Steff en  zu  uns  sprach. 

Und  dann  -  im  Vordergrunde  eines  weiteren  Bildes:  das  Wesen  der 
Anthroposophie  selbst  in  der  Verklarung  durch  die  Dichterseele  Albert 
Steffens  —  im  Hintergrunde  deren  Feinde,  nicht  getadelt,  aber  mit 
gestaltender  Kraft  einfach  hingestellt. 

«Zehn  Jahre  Goetheanum» ;  Albert  Steffens  Worte  dariiber  drangen 
tief  -  man  empfand  es  -  in  die  Herzen  der  Versammelten. 

Nadi  diesem  so  wttrdigen  Auftakt  kam  es  mir  zu,  von  der  Form  zu 
sprechen,  die  nunmehr  die  Anthroposophische  Gesellsdiaft  wird  anneh- 
men  miissen. 

Was  an  die  Stelle  eines  gewohnlichen  Statuts  zu  treten  habe,  war  zu 
sagen.  Eine  Beschreibung  dessen,  was  Mensdien  in  einem  rein  mensch- 
lichen  Lebenszusammenhang  -  als  Anthroposophische  Gesellsdiaft  - 
vollbringen  mochten,  solle  an  die  Stelle  eines  solchen  «Statuts»  treten. 
Am  Goetheanum,  das  seit  dem  Brande  nur  aus  Holz  notdiirftig  her- 
gerichtete  Raume  hat,  wird  Anthroposophie  gepflegt.  Was  die  Leiter 
des  Goetheanums  unter  dieser  Pflege  verstehen  und  welche  Wirkung 
fiir  die  menschliche  Zivilisation  sie  sich  da  von  versprechen,  solle  gesagt 
werden.  Dann,  wie  sie  sich  diese  Pflege  in  einer  Freien  Hochschule  fiir 
Geisteswissenschaft  denken.  Nicht  Grundsatze,  zu  denen  man  sich  be- 
kennen  solle,  diirfen  aufgestellt  werden;  sondern  eine  Realitat  in  ihrer 
Eigenart  solle  geschildert  werden.  Dann  solle  gesagt  werden,  wer  seine 
Mitwirkung  zu  dem,  was  am  Goetheanum  geschieht,  geben  wolle, 
konne  Mitglied  werden. 

Als  «Statut»,  das  aber  kein  «Statut»,  sondern  die  Darstellung  dessen 
sein  soil,  was  sich  aus  einem  solchen  rein  menschlich-lebensvollen  Ge- 
sellschaftsverhaltnis  ergeben  kann,  wird  nur  dieses  vorgeschlagen: 

i.  Die  Anthroposophische  Gesellschaft  soil  eine  Vereinigung  von 
Menschen  sein,  die  das  seelische  Leben  im  einzelnen  Menschen  und  in 
der  menschlichen  Gesellschaft  auf  der  Grundlage  einer  wahren  Erkennt- 
nis  der  geistigen  Welt  pflegen  wollen. 


2.  Den  Grundstock  dieser  Gesellschaft  bilden  die  in  der  Weihnachts- 
zeit  1923  am  Goetheanum  in  Dornach  versammelten  Personlichkeiten, 
sowohl  die  Einzelnen  wie  audi  die  Gruppen,  die  sich  vertreten  liefien. 
Sie  sind  von  der  Anschauung  durchdrungen,  dafi  es  gegenwartig  eine 
wirkliche,  seit  vielen  Jahren  erarbeitete  und  in  wichtigen  Teilen  audi 
schon  veroffentlichte  Wissenschaft  von  der  geistigen  Welt  schon  gibt 
und  daft  der  heutigen  Zivilisation  die  Pflege  einer  soldien  Wissenschaft 
fehlt.  Die  Anthroposophische  Gesellschaft  soli  diese  Pflege  zu  ihrer 
Aufgabe  haben.  Sie  wird  diese  Aufgabe  so  zu  losen  versuchen,  dafi  sie 
die  im  Goetheanum  zu  Dornach  gepflegte  anthroposophische  Geistes- 
wissenschaft  mit  ihren  Ergebnissen  fur  die  Bruderlichkeit  im  mensch- 
lichen  Zusammenleben,  fiir  das  moralische  und  religiose  sowie  fiir  das 
kunstlerische  und  allgemein  geistige  Leben  im  Menschenwesen  zum 
Mittelpunkte  ihrer  Bestrebungen  macht*. 

3.  Die  als  Grundstock  der  Gesellschaft  in  Dornach  versammelten 
Personlicnkeiten  erkennen  zustimmend  die  Anschauung  der  durch  den 
bei  der  Griindungs-Versammlung  gebildeten  Vorstand  vertretenen 
Goetheanum-Leitung  in  bezug  auf  das  Folgende  an:  «Die  im  Goethe- 
anum gepflegte  Anthroposophie  fuhrt  zu  Ergebnissen,  die  jedem  Men- 
schen  ohne  Unterschied  der  Nation,  des  Standes,  der  Religion  als  An- 
regung  fiir  das  geistige  Leben  dienen  konnen.  Sie  konnen  zu  einem 
wirklich  auf  briiderliche  Liebe  aufgebauten  sozialen  Leben  fiihren.  Ihre 
Aneignung  als  Lebensgrundlage  ist  nicht  an  einen  wissenschaftlichen 
Bildungsgrad  gebunden,  sondern  nur  an  das  unbefangene  Menschen- 
wesen. Ihre  Forschung  und  die  sachgemafie  Beurteilung  ihrer  For- 
schungsergebnisse  unterliegt  aber  der  geisteswissenschaftlichen  Schu- 
lung,  die  stufenweise  zu  erlangen  ist.  Diese  Ergebnisse  sind  auf  ihre  Art 
so  exakt  wie  die  Ergebnisse  der  wahren  Naturwissenschaft.  Wenn  sie 
in  derselben  Art  wie  diese  zur  allgemeinen  Anerkennung  gelangen, 
werden  sie  auf  alien  Lebensgebieten  einen  gleichen  Fortschritt  wie  diese 
bringen,  nicht  nur  auf  geistigem,  sondern  audi  auf  praktischem  Gebiete.» 

*  Die  Anthroposophische  Gesellschaft  kniipft  an  die  im  Jahre  19 12  gegrundete 
Anthroposophische  Gesellschaft  an,  mochte  aber  fiir  die  damals  festgestellten  Ziele 
einen  selbstandigen,  dem  wahren  Geiste  der  Gegenwan  entsprechenden  Ausgangs- 
punkt  schaffen. 


4.  Die  Anthroposophische  Gesellschaft  ist  keine  Geheimgesellschaft, 
sondern  eine  durchaus  offentliche,  Ihr  Mitglied  kann  jedermann  ohne 
Unterschied  der  Nation,  des  Standes,  der  Religion,  der  wissenschaft- 
lichen  oder  kUnstlerischen  Oberzeugung  werden,  der  in  dem  Bestand 
einer  solchen  Institution,  wie  sie  das  Goetheanum  in  Dornach  als  Freie 
Hochschule  fiir  Geisteswissenschaft  ist,  etwas  Berechtigtes  sieht.  Die 
Gesellschaft  lehnt  jedes  sektiererische  Bestreben  ab.  Die  Politik  betrach- 
tet  sie  nicht  als  in  ihren  Aufgaben  liegend. 

5 .  Die  Anthroposophische  Gesellschaft  sieht  ein  Zentrum  ihres  Wir- 
kens  in  der  Freien  Hochschule  fiir  Geisteswissenschaft  in  Dornach. 
Diese  wird  in  drei  Klassen  bestehen.  In  dieselbe  werden  auf  ihre  Be- 
werbung  hin  aufgenommen  die  Mitglieder  der  Gesellschaft,  nachdem 
sie  eine  durch  die  Leitung  des  Goetheanums  zu  bestimmende  Zeit  die 
Mitgliedschaft  innehatten.  Sie  gelangen  dadurch  in  die  erste  Klasse  der 
Freien  Hochschule  fiir  Geisteswissenschaft.  Die  Aufnahme  in  die  zweite, 
beziehungsweise  in  die  dritte  Klasse  erfolgt,  wenn  die  um  dieselbe  An- 
suchenden  von  der  Leitung  des  Goetheanums  als  geeignet  befunden 
werden. 

6.  Jedes  Mitglied  der  Anthroposophischen  Gesellschaft  hat  das  Recht, 
an  alien  von  ihr  veranstalteten  Vortragen,  sonstigen  Darbietungen  und 
Versammlungen  unter  den  von  dem  Vorstande  bekanntzugebenden 
Bedingungen  teilzunehmen. 

7.  Die  Einrichtung  der  Freien  Hochschule  fiir  Geisteswissenschaft 
obliegt  zunachst  Rudolf  Steiner,  der  seine  Mitarbeiter  und  seinen  even- 
tuellen  Nachfolger  zu  ernennen  hat. 

8.  Alle  Publikationen  der  Gesellschaft  werden  offentlich  in  der  Art 
wie  diejenigen  anderer  oftentlicher  Gesellschaften  seins:*.  Von  dieser 
OfFentlichkeit  werden  auch  die  Publikationen  der  Freien  Hochschule 
fiir  Geisteswissenschaft  keine  Ausnahme  machen;  doch  nimmt  die  Lei- 
tung der  Schule  fiir  sich  in  Anspruch,  dafi  sie  von  vorneherein  jedem 
Urteile  iiber  diese  Schriften  die  Berechtigung  bestreitet,  das  nicht  auf 

*  Offentlich  sind  audi  die  Bedingungen,  unter  denen  man  zur  Schulung  kommt, 
geschildert  worden  und  werden  audi  weiter  veroffentlicht  werden. 


die  Schulung  gestutzt  ist,  aus  der  sie  hervorgegangen  sind.  Sie  wird  in 
diesem  Sinne  keinem  Urteil  Berechtigung  zuerkennen,  das  nicht  auf 
entsprediende  Vorstudien  gestutzt  ist,  wie  das  ja  audi  sonst  in  der  an- 
erkannten  wissenschaftlichen  Welt  iiblich  ist.  Deshalb  werden  die 
Schriften  der  Freien  Hochschule  fiir  Geisteswissenschaft  den  folgenden 
Vermerk  tragen:  «Ais  Manuskript  fiir  die  Angehorigen  der  Freien 
Hochschule  fiir  Geisteswissenschaft,  Goetheanum  Klasse  ...  gedruckt. 
Es  wird  niemand  fiir  diese  Schriften  ein  kompetentes  Urteil  zugestan- 
den,  der  nicht  die  von  dieser  Schule  geltend  gemachte  Vor-Erkenntnis 
durch  sie  oder  auf  eine  von  ihr  selbst  als  gleichbedeutend  erkannte 
Weise  erworben  hat.  Andere  Beurteilungen  werden  insofern  abgelehnt, 
als  die  Verfasser  der  entsprechenden  Schriften  sich  in  keine  Diskussion 
iiber  dieselben  einlassen.» 

9.  Das  Ziel  der  Anthroposophischen  Gesellschaft  wird  die  Forderung 
der  Forschung  auf  geistigem  Gebiete,  das  der  Freien  Hochschule  fiir 
Geisteswissenschaft  diese  Forschung  selbst  sein.  Eine  Dogmatik  auf 
irgendeinem  Gebiete  soil  von  der  Anthroposophischen  Gesellschaft  aus- 
geschlossen  sein. 

10.  Die  Anthroposophische  Gesellschaft  halt  jedes  Jahr  im  Goethe- 
anum eine  ordentliche  Jahresversammlung  ab,  in  der  von  dem  Vor- 
stande  ein  vollstandiger  Rechenschaftsbericht  gegeben  wird.  Die  Tages- 
ordnung  zu  dieser  Versammlung  wird  mit  der  Einladung  an  alle  Mit- 
glieder  sechs  Wochen  vor  der  Tagung  von  dem  Vorstande  bekannt- 
gegeben.  Aufierordentliche  Versammlungen  kann  der  Vorstand  berufen 
und  fiir  sie  die  Tagesordnung  festsetzen.  Er  soil  drei  Wochen  vorher 
die  Einladungen  an  die  Mitglieder  versenden.  Antrage  von  einzelnen 
Mitgliedern  oder  Gruppen  von  solchen  sind  eine  Woche  vor  der  Tagung 
einzusenden. 

1 1 .  Die  Mitglieder  konnen  sich  auf  jedem  ortlichen  oder  sachlichen 
Felde  zu  kleineren  oder  grofieren  Gruppen  zusammenschliefien.  Die 
Anthroposophische  Gesellschaft  hat  ihren  Sitz  am  Goetheanum.  Der 
Vorstand  hat  von  da  aus  das  an  die  Mitglieder  oder  Mitgliedergruppen 
zu  bringen,  was  er  als  die  Aufgabe  der  Gesellschaft  ansieht.  Er  tritt  in 


Verkehr  mit  den  Funktionaren,  die  von  den  einzelnen  Gruppen  gewahlt 
oder  ernannt  werden.  Die  einzelnen  Gruppen  besorgen  die  Aufnahme 
der  Mitglieder;  doch  sollen  die  Aufnahmebestatigungen  dem  Vorstand 
in  Dornach  vorgelegt  und  von  diesem  im  Vertrauen  zu  den  Gruppen- 
funktionaren  unterzeichnet  werden.  Im  allgemeinen  soli  sich  jedes 
Mitglied  einer  Gruppe  anschliefien;  nur  wem  es  ganz  unmoglich  ist,  die 
Aufnahme  bei  einer  Gruppe  zu  finden,  sollte  sich  in  Dornach  selbst  als 
Mitglied  aufnehmen  lassen. 

1 2.  Der  Mitgliedsbeitrag  wird  durch  die  einzelnen  Gruppen  bestimmt; 
doch  hat  jede  Gruppe  fur  jedes  ihrer  Mitglieder  15  Franken  an  die 
zentrale  Leitung  am  Goetheanum  zu  entrichten. 

13.  Jede  Arbeitsgruppe  bildet  ihre  eigenen  Statuten;  nur  sollen  diese 
den  Statuten  der  Anthroposophischen  Gesellschaft  nicht  widersprechen. 

14.  Gesellschaftsorgan  ist  die  Wochenschrift  «Goetheanum»,  die  zu 
diesem  Ziele  mit  einer  Beilage  versehen  wird,  die  die  offiziellen  Mit- 
teilungen  der  Gesellschaft  enthalten  soil.  Diese  vergrofierte  Ausgabe 
des  «Goetheanum»  wird  nur  an  die  Mitglieder  der  Anthroposophischen 
Gesellschaft  abgegeben*. 

Im  engsten  Zusammenhang  mit  der  Eroffnungsversammlung  vom 
Vormittag  des  25.Dezember  stand  die  Festlichkeit  am  Morgen  des  25,, 
die  den  Namen  trug:  «Grundsteinlegung  der  Allgemeinen  Anthropo- 
sophischen Gesellschaft. » 

Es  konnte  sich  dabei  nur  um  eine  ideell-geistige  Grundsteinlegung 
handeln.  Der  Boden,  in  den  der  «Grundstein»  gelegt  wurde,  konnten 
nur  die  Herzen  und  Seelen  der  in  der  Gesellschaft  vereinigten  Person- 
lichkeiten  sein,  und  der  Grundstein  selbst  mufi  die  aus  der  anthropo- 
sophischen Lebensgestakung  quellende  Gesinnung  sein.  Diese  Gesinnung 
bildet  in  der  Art,  wie  sie  von  den  Zeichen  der  gegenwartigen  Zeit 
gefordert  wird,  der  Wille,  durch  menschliche  Seelenvertiefung  den  Weg 

*  Der  Einzelbezug  der  Mitteilungen  ist  den  Mitgliedern  moglidi.  Die  Bedingun- 
gen  dafiir  finden  sldi  am  Kopfe  dieser  ersten  Nummer.  Alles,  "was  sidi  auf  die  Aus- 
fiihrung  der  Statuten  im  einzelnen  bezieht,  wird  in  einer  besonderen  «Geschafts- 
ordnung*  gegeben  werden.  Diese  wird  in  einer  der  nadisten  Nummern  der  Mittei- 
lungen enthalten  sein. 


zum  Anschauen  des  Geistes  und  zum  Leben  aus  dem  Geiste  zu  finden. 
Ich  mochte  zunachst  hieher  setzen,  womit  idi  in  Sprudiform  den 
«Grundstein»  zu  gestalten  versuchte  und  die  weitere  Schilderung  der 
Erdffnungsversammlung  in  der  nachsten  Nummer  dieses  Mitteilungs- 
blattes  geben. 

Menschenseele! 

Du  lebest  in  den  Gliedern, 

Die  dich  durch  die  Raumeswelt 

In  das  Geistesmeereswesen  tragen: 

Ube  Geist-Erinnern 

In  Seelentiefen, 

Wo  in  waltendem 

Weltenschopfer-Sein 

Das  eigne  Ich 

Im  Gottes-Ich 

Erweset; 

Und  du  wirst  wahrhaft  leben 
Im  Menschen-Welten-Wesen. 

Denn  es  waltet  der  Vater-Geist  der  Hohen 

In  den  Weltentiefen  Sein-erzeugend: 

Ihr  Krafte-Geister 

Lasset  aus  den  Hohen  erklingen, 

Was  in  den  Tiefen  das  Echo  findet; 

Dieses  spricht: 

Aus  dem  Gottlichen  weset  die  Menschheit. 
Das  horen  die  Geister  in  Ost,  West,  Nord,  Siid: 
Menschen  mogen  es  horen. 

Menschenseele! 

Du  lebest  in  dem  Herzens-Lungen-Schlage, 
Der  dich  durch  den  Zeitenrhythmus 
In's  eigne  Seelenwesensfuhlen  leitet: 
Ube  Geist-Besinnen 
Im  Seelengleichgewichte, 


Wo  die  wogenden 
Welten-Werde-Taten 
Das  eigne  Ich 
Dem  Welten-Ich 
Vereinen; 

Und  du  wirst  wahrhaft  fiihlen 
Ira  Menschen-Seelen-Wirken. 

Denn  es  waltet  der  Christus-Wille  im  Umkreis 

In  den  Weltenrhythmen  Seelen-begnadend; 

Ihr  Lichtes-Geister 

Lasset  vom  Osten  befeuern, 

Was  durch  den  Westen  sich  formet; 

Dieses  spricht: 

In  dem  Chiistus  wird  Leben  der  Tod, 

Das  horen  die  Geister  in  Ost,  West,  Nord,  Siid : 

Menschen  mogen  es  horen. 

Menschenseele! 

Du  lebest  im  ruhenden  Haupte, 

Das  dir  aus  Ewigkeitsgriinden 

Die  Weltgedanken  erschlieftet: 

Dbe  Geist-Erschauen 

In  Gedanken-Ruhe, 

Wo  die  ew'gen  Gotterziele 

Welten-Wesens-Licht 

Dem  eignen  Ich 

Zu  freiem  Wollen 

Schenken; 

Und  du  wirst  wahrhaft  denken 
In  Menschen-Geistes-Grunden. 

Denn  es  walten  des  Geistes- Weltgedanken 

Im  Weltenwesen  Licht-erflehend: 

Ihr  Seelen-Geister 

Lasset  aus  den  Tiefen  erbitten, 


Was  in  den  Hohen  erhoret  wird: 
Dieses  spricht: 

In  des  Geistes  Weltgedanken  erwadiet  die  Seele. 
Das  horen  die  Geister  in  Ost,  West,  Nord,  Sikh 
Mensdien  mogen  es  horen. 

In  der  Zeiten  Wende 

Trat  das  Welten-Geistes-Licht 

In  den  irdisdien  Wesensstrom; 

Nacht-Dunkel 

Hatte  ausgewaket; 

Taghellas  Lkfet 

Erstrahlte  in  Menschenseelen; 

Lidit, 

Das  erwarmet 

Die  armen  Hirtenherzen; 

Licht, 

Das  erleuchtet 

Die  weisen  Konigshaupter. 

Gottlidies  Licht, 
Christus-Sonne 
Erwarme 
Unsere  Herzen; 
Erleuchte 
lifeere  Haupter; 
Dafi  gut  werde, 
Was  wir 

Aus  Herzen  griinden, 
Was  wir 

Aus  Hauptern  fiihren 
Wollen. 


DER  VORSTAND  DER 
ALLGEMEINEN  ANTHROPOSOPHISCHEN  GESELLSCHAFT 


Der  Vorstand  wurde  auf  der  Weihnachtstagung  aus  Personlidikeiten 
gebildet,  die  durch  die  Art  ihres  Verbundenseins  mit  dem  anthroposo- 
phisdien  Leben  in  der  Lage  sein  werden,  von  dem  Goetheanum  aus  mit 
Initiative  dasjenige  zu  tun,  was  in  der  Richtung  des  auf  diesen  Spalten 
Ausgesprochenen  liegt.  Es  miissen  dies  Personlidikeiten  sein,  die  am 
Goetheanum  selbst  ihre  Tatigkeit  haben.  Uber  die  Art,  wie  sie  sidi  zu 
den  andern  Funktionaren  der  Gesellschaft  stellen,  soil  in  der  nachsten 
Nummer  dieser  Mitteilungen  gesprodien  werden.  Vorlaufig  sollen  hier 
nur  ihre  Namen  genannt  werden:  i.  Vorsitzender:  Dr. Rudolf  Steiner, 
2.  Vorsitzender:  Albert  Steffen.  Schriftfuhrer:  Frau  Dr.  Ita  Wegman. 
Beisitzer:  Frau  Marie  Steiner,  Fraulein  Lili  Vreede.  Sekretar  und 
Schatzmeister:  Dr.Guenther  Wachsmuth.  Dieser  Vorstand  wird  in 
Paragraph  1 5  des  «Statuts»  als  Grundungsvorstand  genannt. 

Im  Inhalt  des  nachsten  Mitteilungsblattes  wird  vorkommen: 

1.  Aufruf  an  die  Mitglieder  durch  Rudolf  Steiner 

2.  Fortsetzung  der  Mitteilungen  Uber  die  Weihnachtstagung 

3.  Konstitution  der  Gesellschaft 

4.  Die  Freie  Hochschule  fiir  Geisteswissenschaft. 

Es  wird  .wiinschenswert  sein,  dieses  Mitteilungsblatt  fiir  Mitglieder 
der  einzelnen  Lander  in  Ubersetzung  erscheinen  zu  lassen.  Wir  bitten 
die  verehrten  Generalsekretare  oder  Vorstande  der  einzelnen  Gesell- 
schaften  und  Gruppen,  uns  uber  diese  Ubersetzungen  Vorschlage  zu 
machen. 


Nachrichtenblatt,  20.  Januar  1924 


An  die  Mitglieder! 
I. 

Die  Weihnachtstagung  zur  Begriindung  der  Allgemeinen  Anthropo- 
sophischen  Gesellschaft  kann  ihren  Inhalt  nicht  allein  in  dem  haben, 
was  diewahrend  ihrerDauer  am  Goetheanum  versammelten  Mitglieder 
erlebt  haben.  Nur  wenn  man  iiberall,  wo  man  Anthroposophie  liebt,  in 
der  Zukunft  empfinden  wird:  es  ist  durch  die  Ausfiihrung  dessen,  was 
durch  diese  Tagung  angeregt  worden  ist,  neues  anthroposophisches 
Leben  gekommen,  wird  dieser  Inhalt  wirklich  da  sein.  Wenn  dies  nicht 
sein  wurde,  hatte  diese  Tagung  ihre  Auf gabe  nicht  erfullt.  So  sprachen 
wohl  audi  die  Gefuhle  derjenigen,  die  Teilnehmer  waren. 

Mehr  als  zwei  Jahrzehnte  ist  das  anthroposophische  Leben  gepflegt 
worden.  Diejenigen  Personlichkeken,  die  sich  in  den  bisher  bestehenden 
Formen  zu  diesem  Leben  zusammengeschlossen  haben,  werden,  wenn 
sie  ihre  Erfahrungen  sprechen  lassen,  verstehen,  warum  vom  Goethe- 
anum aus  versucht  worden  ist,  einen  neuen  Impuls  zu  geben. 

Aus  kleinen  Anfangen  ist  das  anthroposophische  Streben  heraus 
gewachsen.  Wenige  Menschen  haben  sich  innerhalb  des  Rahmens  der 
TheosophischenGesellschaft  zur  Teilnahme  an  dem  zusammengefunden, 
was  in  der  besonderen  Gestalt  der  Anthroposophie  vor  sie  hintrat. 
Kennen  lernen  wollten  sie  zunachst  diese  Anthroposophie  und  fur  das 
Leben  fruchtbar  sein  lassen.  In  kleinen  Kreisen  und  in  kleinen  offent- 
lichen  Veranstaltungen  wurde  iiber  die  geistige  Welt,  iiber  das  Wesen 
des  Menschen  und  iiber  die  Art,  wie  man  zur  Erkenntnis  von  beiiden 
kommt,  gesprochen.  Kaum  kiimmerte  sich  jemand,  der  nicht  an  den 
Veranstaltungen  teilgenommen  hat,  ura  das,  was  da  vorgebracht  wurde. 
Und  von  denjenigen,  die  teilnahmen,  fanden  viele,  was  ihre  Seelen  aus 
tiefster  Sehnsucht  suchten.  Dann  wurden  sie  entweder  treue,  stille 
Anteilnehmer  oder  mehr  oder  weniger  enthusiastische  Mitarbeiter. 
Andere  fanden  es  nicht  und  blieben,  als  sie  dies  bemerkten,  weg.  Alles 
ging  in  Ruhe  und  ohne  Stoning  von  aufien  vor  sich. 

Viele  Jahre  hindurch  ist  es  so  gewesen.  Es  wurden  die  grundlegenden 


Geistes-  und  Seelen-Einsichten  gepflegt.  Man  konnte  in  dieser  Pflege 
sehr  weit  gehen.  Fiir  Personlichkeiten,  die  langere  Zeit  mit  der  Anthro- 
posophie sich  beschaftigt  hatten,  konnte  eine  Gelegenheit  geschaffen 
werden,  durch  die  sie  von  den  grundlegenden  zu  den  hdheren  Wahr- 
heiten  aufsteigen  konnten.  Dadurch  wurde  als  Anthroposophie  etwas 
begriindet,  das  nicht  nur  ein  geisteswissenschaftlich.es  Erkenntnissystem, 
sondern  etwas  Lebendiges  in  den  Herzen  vieler  Menschen  war. 

Doch  Anthroposophie  geht  bis  an  die  Wurzel  des  Menschen  daseins. 
Und  sie  findet  sich  in  dieser  Wurzel  zusammen  mit  allem,  was  im 
Erleben  und  Schaffen  der  Menschen  erwachst.  Deshalb  war  es  natur- 
gemafi,  dafi  sie  ihre  Betatigung  nach  und  nach  iiber  die  mannigfaltigsten 
Gebiete  des  Erlebens  und  Schaffens  ausdehnte. 

Ein  Anfang  wurde  mit  dem  Kiinstlerischen  gemacht.  In  Mysterien- 
auffuhrungen  wurde  kiinstlerisch  gestaltet,  was  die  geistgemafie  An- 
schauung  von  Welt  und  Menschen  offenbarte.  Zahlreichen  Mitgliedern 
war  es  bef  riedigend,  im  kiinstlerischen  Bilde  wieder  zu  empf  angen,  was 
sie  vorher  ohne  aufieres  Bild,  nur  im  Gemiite,  aufgenommen  hatten. 

Auch  dies  konnte  geschehen,  ohne  daf$  sich  andere  Menschen  als  die 
unmittelbar  Beteiligten  viel  darum  kiimmerten. 

Da  wurde  von  enthusiastischen  und  opferwilligen  Anteilnehmern  an 
der  Anthroposophie  der  Plan  gefafit,  dieser  eine  eigene  Heimstatte  zu 
schaffen.  19 13  konnte  der  Grundstein  zu  dieser,  die  spater  Goetheanum 
genannt  wurde,  gelegt  werden.  In  den  darauffolgenden  Jahren  wurde 
sie  gebaut. 

Ein  anderes  kam  hinzu.  In  der  Anthroposophischen  Gesellschaft 
hatten  sich  allmahlich  Personlichkeiten  eingefunden,  deren  Lebens- 
aufgabe  die  Pflege  des  einen  oder  des  andern  wissenschaftlichen  Ge- 
bietes  war.  Gewifi,  der  urspriingliche  Beweggrund  ihres  Anschlusses 
an  die  Gesellschaft  war  auch  fiir  diese  Personlichkeiten  das  allgemeine 
menschliche  Seelen-  und  Herzensbediirfnis.  Sie  wollten  in  ihrer  Seele 
die  Wege  finden,  die  diese  an  das  Licht  des  Geistes  heranfiihren.  - 
Aber  ihr  wissenschaftlicher  Entwickelungsgang  hatte  sie  auch  dazu 
gefiihrt,  einzusehen,  dafi  die  herrschenden  Anschauungen  iiberall,  wo 
entscheidende  Erkenntnisse  zu  einem  brennenden  Bediirfnis  des  Men- 
schen werden,  versagen,  weil  sie  an  tote  Punkte  kommen.  Sie  mufiten 


erfahren,  dafi  man  die  Wissenschaften  iiberall  da  fortsetzen  konne, 
wo  sie  nach  den  bisherigen  Methoden  in  das  Nichtige  auslaufen, 
wenn  man  sie  durch  Anthroposophie  befruchtet.  -  Und  so  entstand 
anthroposophisdie  Arbeit  auf  den  mannigfaltigsten  wissenschaftlichen 
Gebieten. 

Durch  das  Goetheanum  und  durch  die  wissenschaftliche  Arbeit  war 
die  Anthroposophisdie  Gesellschaft  so  vor  die  Welt  hingestellt,  dafi 
deren  vorherige  ruhige  und  storungsfreie  Entwickelung  aufhorte.  Man 
wurde  auf  Anthroposophie  aufmerksam.  Man  fing  aufierhalb  ihrer 
eigenen  Kreise  an,  zu  fragen,  was  an  ihr  richtig  und  heilsam  ist.  Es 
konnte  nicht  ausbleiben,  dafi  sich  Menschen  fanden,  welche  mit  ihrem 
Urteile  an  anderem  hingen,  als  was  Anthroposophie  zeigte,  oder  die  ihr 
Leben  mit  etwas  verbunden  hatten,  das  im  Lichte  der  Anthroposophie 
nicht  so  erschien,  wie  sie  es  haben  wollten.  Diese  fingen  nun  an, 
Anthroposophie  von  ihren  Gesichtspunkten  und  Lebensinhalten  aus  zu 
beurteilen. 

Was  nun  daraus  in  ganz  kurzer  Zeit  entstand,  darauf  war  die 
Anthroposophisdie  Gesellschaft  nicht  vorbereitet.  In  ihr  ist  ruhig 
gearbeitet  worden.  Und  in  der  ruhigen  Arbeit  fanden  weitaus  die 
meisten  der  Mitglieder  ihre  voile  Befriedigung.  Es  war  alles,  was  sie 
glaubten  leisten  zu  sollen,  neben  den  Aufgaben,  die  ihnen  ihr  Platz  im 
aufieren  Leben  zugewiesen  hatte. 

Und  wer  konnte  diesen  Mitgliedern  audi  nur  im  geringsten  unrecht 
geben,  wenn  sie  in  dieser  Art  denken?  Menschen,  die  unbefriedigt  sich 
von  anderem  abwenden  und  zur  Anthroposophie  kommen,  wollen 
naturgemafi  in  ihr  das  Positive  der  Geist-Erkenntnis  und  des  geistigen 
Lebens  flnden.  Sie  fiihlen  sich  in  ihrem  Suchen  gestort,  wenn  sie  von 
alien  Seiten  von  Kampfen  gegen  die  Anthroposophie  beriihrt  werden. 

Es  ist  schon  so,  daft  die  ernste  Frage  fiir  die  Anthroposophisdie  Ge- 
sellschaft entstanden  ist:  wie  ist  in  der  Art,  die  fiir  wahre  Pflege  des 
Geisteslebens  notwendig  ist,  diese  Pflege  weiterzufuhren,  trotzdem  die 
Zeit  voriiber  ist,  in  der  sich  um  Anthroposophie  niemand  aufier  den 
Anteilnehmenden  kiimmerte?  Vor  der  Leitung  des  Goetheanums 
gestaltete  sich  eine  der  Fragen,  die  fiir  sie  in  Betracht  kommen,  so:  Ist 
vielleicht  notig,  sich  zu  gestehen,  dafi  von  der  Anthroposophisdien 


Gesellschaft  noch  mehr  Anthroposophie  erarbeitet  werde,  als  bisher 
geschehen  ist?  Und  wie  kann  dies  gesdiehen? 

Von  diesen  Fragen  ausgehend,  mochte  ich  in  der  folgenden  Nummer 
dieses  Nachrichtenblattes  meine  «Ansprache  an  die  Mitglieder»  fort- 
setzen. 

Nadiriditenblatt,  27.  Januar  1924 

An  die  Mitglieder! 
II. 

DAS  RECHTE  VERHALTNIS  DER  GESELLSCHAFT 
ZUR  ANTHROPOSOPHIE 

Fur  Menschen  soli  Anthroposophie  da  sein,  die  in  ihrer  Seele  die  Wege 
zum  geistigen  Erleben  suchen.  Und  wenn  die  Anthroposophische  Ge- 
sellschaft ihre  Aufgabe  erfullen  will,  dann  mufi  sie  den  suchenden 
Seelen  dienen  konnen.  Sie  mufi  als  Gesellschaft  selbst  das  rechte  Ver- 
haltnis  zur  Anthroposophie  finden. 

Anthroposophie  kann  nur  als  etwas  Lebendiges  gedeihen.  Denn  der 
Grundzug  ihres  Wesens  ist  Leben.  Sie  ist  aus  dem  Geiste  flielSendes 
Leben.  Deshalb  will  sie  von  der  lebendigen  Seele,  von  dem  warmen 
Herzen  gepflegt  sein. 

Die  Urform,  in  der  sie  unter  Menschen  auftreten  kann,  ist  die  Idee; 
und  das  erste  Tor,  an  das  sie  sich  bei  Menschen  wendet,  ist  die  Einsicht. 
Ware  das  nicht  so,  sie  hatte  keinen  Inhalt.  Sie  ware  blofie  Gefuhls- 
schwarmerei.  Aber  der  wahre  Geist  schwarmt  nicht;  er  spricht  eine 
deutliche,  inhaltvolle  Sprache. 

Aber  diese  Sprache  ist  eine  solche,  die  nicht  allein  den  Verstand, 
sondern  den  ganzen  Menschen  ergreift.  Wer  nur  mit  dem  Verstande 
Anthroposophie  aufnimmt,  der  totet  sie  in  seinem  Aufnehmen.  Er 
findet  dann  vielleicht,  dafi  sie  «kalte  Wissenschaft»  sei.  Aber  er  bemerkt 
nicht,  dafi  sie  erst  durch  den  Empf ang,  den  er  ihr  in  seiner  Seele  bereitet 
hat,  ihr  warmes  Leben  verloren  hat. 


Anthroposophie  mul5  sich,  wenn  sie  in  unserer  Gegenwart  ein  Dasein 
haben  will,  der  Mittel  der  gegenwartigen  Zivilisation  bedienen.  Sie 
mu!5  in  Biichern  und  im  Vortrage  ihren  Weg  zu  den  Menschen  finden. 
Allein  sie  1st,  ihrem  Wesen  nach,  keine  Sache  fiir  Bibliotheken.  Sie  mufi 
jedesmal  neu  erstehen,  wenn  das  Menschenherz  sich  an  das  Buch  wen det, 
urn  von  ihr  zu  erfahren.  Das  wird  nur  sein  konnen,  wenn  das  Bucb  so 
geschrieben  ist,  daft  der  Mensch  beim  Schreiben  in  die  Herzen  der  Mit- 
menscben  gescbaut  hat,  um  wissen  zu  konnen,  was  er  ibnen  zu  sagen 
bat.  Das  wird  aber  audi  nur  sein  konnen,  wenn  der  Mensch  beim 
Schreiben  von  dem  Leben  des  Geistes  beriihrt  ist,  und  wenn  er  dadurch 
in  die  Lage  kommt,  dem  toten  Schreibworte  anzuvertrauen,  was  die 
nach  dem  Geistigen  suchende  Seele  des  Lesers  als  ein  Wiedererstehen 
des  Geistes  aus  dem  Worte  empfinden  kann.  Nur  Bucher,  die  im  lesen- 
den  Menschen  lebendig  werden  konnen,  sind  anthroposophische  Bucher. 

Noch  weniger  als  das  tote  Buch  selbst  vertragt  die  Anthroposophie 
das  in  der  Menschenrede  zum  Scheinleben  gewordene  Buch.  Unsere 
Gegenwartszivilisation  ist  in  vielen  Gebieten  so,  da£  Lesen  eines  Buches 
oder  Aufsatzes  und  Anhoren  eines  Menschen  als  etwas  Gleichartiges 
erscheinen.  Man  lernt,  indem  man  einem  Menschen  zuhort,  nicht  den 
Menschen  kennen,  sondern  das,  was  er  gedacht  hat  und  was  ebensogut 
geschrieben  sein  kann. 

Anthroposophie  vertragt  nicht,  dafi  sie  restlos  von  dieser  Art  auf- 
gesogen  werde.  Wer  Anthroposophie  von  einem  Menschen  hort,  der 
will  den  Menschen  in  all  seinem  urspriinglichen  Wesen  vor  sich  haben, 
nicht  einen  gesprochenen  Auf  satz. 

Deshalb  kann  Anthroposophie,  wenn  sie  auch  als  Literatur  notwen- 
dig  leben  muji,  jedesmal  wie  neu  geboren  werden,  wenn  sie  in  einer 
Gruppe  von  Menschen  im  Worte  den  Weg  zu  den  Seelen  sucht.  Aber 
sie  wird  da  nur  neu  geboren  werden,  wenn  der  Mensch  zum  Menschen 
spricht,  nicht  der  aufgenommene  Gedanke. 

Anthroposophie  kann  deshalb  ihre  Wege  auch  nicht  durch  ein 
gewohnliches  Agitieren  finden,  wenn  dieses  auch  mit  gutem  Willen 
getrieben  wird.  Agitation  totet  die  wabre  Anthroposophie.  Diese  muS 
auftreten,  weil  sie  vom  Geiste  zu  ihrem  Auftreten  gefuhrt  wird.  Sie 
mufi  ihr  Leben  erweisen,  weil  alles  Leben  nur  im  Dasein  sich  ofFenbaren 


kann.  Aber  sie  darf  mit  ihrem  Dasein  niemanden  bedrangen.  Sie  mufi 
warten,  ob  jemamd  kommt,  der  sie  aufnehmen  will.  Einen  Zwang  auch 
nur  durch  Oberredung  gegeniiber  den  Menschen  darf  sie  nicht  kennen. 

Solche  Gesinnung,  das  mochte  ich  als  etwas,  das  aus  der  Weihnachts- 
tagung  hervorgehen  mufi,  den  Mitgliedern  als  etwas  besonders  Not- 
wendiges  hinstellen.  Wir  sind  mit  vielem  auf  Widerstand  gestofien, 
weil  solche  Gesinnung  nicht  immer  rein  in  den  Herzen  gelebt  hat.  Oft, 
auch  wenn  wir  uns  soldier  Gesinnung  befleifiigten,  konnten  wir  sie  in 
der  Pragung  der  Worte  nicht  festhalten.  Und  schon  in  unseren  Worten 
mufi  tonen,  was  nicht  agitatorisch  iiberreden,  sondern  was  allein  dem 
Geiste  Ausdruck  verleihen  will. 

Von  solcher  Gesinnung  getragene  Anthroposophie  wird  mehr  sein, 
als  was  bisher  in  unseren  Gruppen  oft  von  Anthroposophie  gelebt  hat. 
Das  Goetheanum  mochte  allein  aus  dieser  Gesinnung  heraus  wirken. 
Es  hat  sich  den  uns  entrissenen  Bau  in  solchen  kiinstlerischen  Formen 
errichtet,  die  schon  fur  sich  diese  Gesinnung  offenbarten.  Wenn  sich  in 
das  untergegangene  Goetheanum  ein  Wort  verirrte,  das  agitatorisch 
tonte,  so  gab  es  einen  schrillen  Miftklang  zwischen  ihm  und  den  Bau~ 
formen.  Wenn  das  Goetheanum  neu  ersteht,  so  wird  es  nur  dann  eine 
Wahrheit  sein,  wenn  die  Anthroposophische  Gesellschaft  uberall  ein 
lebendiger  Zeuge  seiner  Wahrheit  wird  sein  wollen. 

Man  darf  gerade  auf  dem  Boden  der  Anthroposophie  nicht  glauben, 
dal$  wirksam  nur  das  sein  kann,  dem  man  die  Wirksamkeit  kiinstlich 
aufpragt.  Was  aus  dem  Wesen  seines  eigenen  Geistes  heraus  lebt,  das 
kann  warten,  bis  die  Welt  seine  Wirksamkeit  aufnehmen  will. 

Wenn  in  jeder  Gruppe  der  Anthroposophischen  Gesellschaft  diese 
Gesinnung  lebt,  <lann  wird  der  Geist  der  Anthroposophie  auch  hinaus- 
wirken  dahin,  wo  es  unsere  Pflicht  ist,  vor  die  Welt  Anthroposophie 
hinzutragen.  Wir  diirfen  nicht  uns  mit  dem  Flitter  der  Geheimnistuerei 
umgeben.  Die  Gegenwart  vertragt  solchen  Flitter  nicht.  Sie  will  wirken 
in  voller  Offentlichkeit.  Das  «Geheimnis»  liegt  nicht  in  der  Geheimnis- 
tuerei, sondern  in  dem  innerlichen  Ernste,  mit  dem  in  jedem  Herzen 
Anthroposophie  neu  erlebt  werden  mul5.  Sie  kann  nicht  auf  aufierliche 
Art  iibertragen  werden.  Sie  kann  nur  in  innerem  Erleben  von  der  Seele 
erfafit  werden.  Dadurch  wird  sie  zum  «Geheimnis»,  das  jedesmal  im 


Verstandnis  neu  entsiegelt  werden  mufi.  Begreift  man  diese  Art  van 
«Geheimnis»,  so  wird  man  audi  die  rechte  «esoterische»  Gesinnung  in 
seiner  Seele  tragen. 

Nachrichtenblatt,  3.  Februar  1924 

An  die  Mkglieder! 
III. 

ANTHROPOSOPHISCHE  MITGLIEDERVERSAMMLUNGEN 

Es  ist  in  nicht  wenigen  Fallen  vorgekommen,  dafi  Personlichkeiten  die 
Mitgliedschaft  der  Anthroposophischen  Gesellschaft  nur  aus  dem 
Grunde  erworben  haben,  weil  sie  dadurchdieSchriften  kaufen  konnten, 
die  aufierhalb  der  Gesellschaft  bisher  unverkauflich  waren.  Um  das 
Leben  in  den  Gruppen  der  Gesellschaft  haben  sich  diese  Mitglieder  dann 
wenig  gekiimmert.  Sie  gingen  ja  wohl  zun'achst  zu  Mitgliederzusam- 
menkiinften,  blieben  aber  nach  kurzer  Zeit  weg  und  sagten:  was  da 
getrieben  wird,  fordert  mich  nicht.  Ich  komme  besser  zur  Anthroposo- 
phie,  wenn  ich  mich  fur  mich  allein  mit  ihr  beschaftige. 

Es  ist  gewifi  nicht  zu  leugnen,  daiS  die  Vorwiirfe,  die  solche  Person- 
lichkeiten  den  Mitgliederversammlungen  machten,  nicht  immer  begriin- 
det  waren.  Es  lag  nicht  immer  an  diesen  Versammlungen,  sondern  oft 
an  den  unmoglich  zu  befriedigenden  Anspruchen  derer,  die  kein 
Verhaltnis  zu  ihnen  finden  konnten. 

Es  ist  eben  leicht,  zu  sagen:  dies  oder  jenes  befriedigt  mich  nicht. 
Schwieriger  ist  es,  dieses  Nicht-Befriedigende  in  Ruhe  zu  bemerken  und 
dann  die  notigen  Anstrengungen  machen,um  von  sich  aus  zurBesserung 
beizutragen. 

Aber  andererseits  ist  kein  Grund  dazu  vorhanden,  die  Tatsache  zu 
verbergen,  dafi  in  den  Mitgliederzusammenkunften  manches  anders 
sein  sollte,  als  es  ist. 

Gerade  bei  solchen  Zusammenkiinften  konnte  sich  eine  bedeutsame 
Wahrheit  bewahren.  Wenn  Menschen  zusammen  das  Geistige  in  innerer 


Ehrlichkeit  suchen,  dann  finden  sie  audi  die  Wege  zueinander,  von 
Seele  zu  Seele. 

Diese  Wege  zu  finden,  ist  gegenwartig  einer  unbegrenzt  grofien 
Anzahl  von  Menschen  ein  tiefes  Herzensbedurfnis.  Sie  sagen:  wenn  die 
Anthroposophie  die  rechte  Lebensanschauung  ist,  dann  mufi  bei  denen, 
die  sich  Anthroposophen  nennen,  dieses  Herzensbedurfnis  vorhanden 
sein.  Dann  aber  miissen  sie  sehen,  wie  viele,  die  in  den  Mitgliedergrup- 
pen  Anthroposophie  als  ihre  theoretische  Oberzeugung  vertreten,  dieses 
Herzensbedurfnis  nicht  zeigen. 

Anthroposophische  Mitgliederversammlungen  miissen  es  sich  natiir- 
lich  zur  Aufgabe  machen,  den  Inhalt  der  anthroposophischen  Welt- 
anschauung zu  pflegen.  Man  liest  und  hort  an  dasjenige,  was  durch 
Anthroposophie  an  Erkenntnissen  gewonnen  ist.  Wer  das  nicht  ein- 
sieht,  hat  gewift  unredit.  Denn  um  blofi  uber  allerlei  Meinungen  zu 
debattieren,  die  man  auch  ohne  Anthroposophie  hat,  dazu  braucht  man 
eben  keine  Anthroposophisdie  Gesellsehaft.  Aber  wenn  es  beim  blofien 
Vorlesen  der  anthroposophischen  Schriften  bleibt,  oder  auch,  wenn 
Anthroposophie  als  blofie  Lehre  vorgetragen  wird,  dann  ist  es  richtig, 
dafi  man  dasselbe,  was  die  Zusammenkiinfle  bringen,  auch  in  aller 
Einsamkeit  durch  die  Lektiire  erreichen  kann. 

Jeder,  der  zu  anthroposophischen  Zusammenkunflen  geht,  sollte  das 
Gefiihl  haben,  er  flnde  da  mehr,  als  wenn  er  blofi  in  Einsamkeit  Anthro- 
posophie treibt.  Er  sollte  dahin  gehen  konnen,  weil  er  da  Mensdien 
findet,  mit  denen  zusammen  er  gerne  Anthroposophie  treiben  will.  In 
den  Schriften  iiber  Anthroposophie  findet  man  eine  Weltanschauung. 
In  den  anthroposophischen  Zusammenkunflen  sollte  der  Mensch  den 
Menschen  finden. 

Auch  wer  nodi  so  eifrig  Anthroposophisches  liest,  der  sollte  ein 
freudiges,  gehobenes  Gefiihl  haben  konnen,  in  eine  Zusammenkunft 
von  Anthroposophen  zu  gehen,  weil  er  sich  auf  die  Menschen  freut,  die 
er  da  findet.  Er  sollte  sich  auch  dann  freuen  konnen,  wenn  er  voraus- 
setzen  mufi,  dafi  er  nichts  anderes  hort,  als  was  er  langst  schon  in  sich 
auf  genommen  hat. 

Findet  man  in  einer  anthroposophischen  Gruppe  ein  neu  eingetrete- 
nes  Mitglied,  so  sollte  man  es  als  altes  Mitglied  nicht  bei  der  Befriedi- 


gung  bewenden  lassen,  dafi  die  Anthroposophie  wieder  einen  neuen 
«Anhanger»  gewonnen  habe.  Man  sollte  nicht  blofi  den  Gedanken 
haben:  jetzt  ist  wieder  einer  da,  in  den  man  Anthroposophie  hinein- 
giefien  kann;  sondern  man  sollte  eine  Empfindung  fur  das  Menschlidie 
haben,  das  mit  dem  neuen  Mitgliede  in  die  anthroposophische  Gruppe 
hereinkommt. 

In  der  Anthroposophie  kommt  es  auf  die  Wahrheiten  an,  die  durch 
sie  offenbar  werden  konnen;  in  der  Anthroposophischen  Gesellschaft 
kommt  es  auf  das  Leben  an,  das  in  ihr  gepflegt  wird. 

Es  ware  von  grofitem  Ubel,  wenn  in  berechtigter  Art  die  Meinung 
aufkommen  konnte:  Anthroposophie  mag  noch  so  wertvoli  sein,  wenn 
ich  aber  Menschen  naherkommen  will,  dann  gehe  ich  lieber  anders- 
wo  hin,  als  wo  Anthroposophen  in  Selbstzufriedenheit  fanatisch  mir 
nur  ihre  theoretischen  Gedanken  an  den  Kopf  werfen  wollen  und  sagen: 
wenn  du  nicht  denkst  wie  ich,  so  bist  du  hochstens  ein  halber  Mensch. 

Viel  aber  kann  zum  berechtigten  Aufkommen  einer  solchen  Meinung 
beitragen:  auf  der  einen  Seite  das  kalte,  nuchterne  Belehren wollen,  in 
das  man  leicht  verfallt,  wenn  man  die  Wahrheit  der  Anthroposophie 
eingesehen  hat.  Auf  der  andern  Seite  aber  steht  das  Esoterik-Spielen, 
das  manchen  neu  Eintretenden  so  stark  abstofit,  wenn  er  an  die  anthro- 
posophischen Zusammenkunfte  herantritt.  Ein  soldier  findet  Menschen, 
die  geheimnisvoll  damit  tun,  dafi  sie  vieles  wissen,  was  man  denen,  die 
«dazu  noch  nicht  reif  sind,  nicht  sagen  kann».  Aber  tiber  der  ganzen 
Rederei  schwebt  etwas  Spielerisches.  Esoterisches  vertragt  eben  nur 
Lebensernst,  nicht  die  eitle  Befrieidigung,  die  man  an  dem  Beschwatzen 
hoher  Wahrheiten  haben  kann.  Deshalb  raufi  noch  lange  nicht  die 
Sentimentalitat,  die  sich  vor  der  Freude  und  der  Begeisterung  fiirchtet, 
das  Le^benselement  im  Zusammenleben  der  Anthroposophen  sein.  Aber 
das  spielerische  Sich-Zuriickziehen  vor  dem  «profanen  Leben»,  um 
«wahre  Esoterik»  zu  treiben,  das  vertragt  die  Anthroposophische  Ge- 
sellschafl  nicht.  Das  Leben  enthalt  an  alien  Orten  viel  mehr  Esoterisches, 
als  sich  oft  diejenigen  traumen  lassen,  die  da  sagen:  da  oder  dort  kann 
man  nicht  Esoterik  treiben;  man  muft  das  in  diesem  oder  jenem  abge- 
sonderten  Zirkel  tun.  Gewifi  sind  solche  Zirkel  oft  notwendig.  Aber  sie 
konnen  spielerisches  Wesen  nicht  vertragen.  Sie  mussen  Statten  sein, 


von  denen  aus  das  Leben  wirklich  befruchtet  werden  kann.  «Esoterische» 
Zifkel,  die  nur  entstehen,  um  durch  den  mangelnden  Ernst  bald  wieder 
zu  verschwinden,  konnen  nur  zerstorende  Krafte  in  die  Anthroposo- 
phische  Gesellsdia.fi  tragen.  Sie  gehen  nur  allzu  oft  aus  Cliquenbediirfnis 
hervor,  und  dieses  bewirkt  nidit,  daft  viel,  sondern  daft  wenig  anthro- 
posophisches  Leben  in  der  Gesellschaft  ist.  Wenn  es  gelingt,  dem  inner- 
lich  Unwahren,  das  in  vielem  Reden  iiber  «Esoterik»  bisher  vorhanden 
war,  entgegenzuwirken,  so  wird  die  wahre  Esoterik  in  der  Anthro- 
posophisdien  Gesellschaft  eine  rechte  Statte  finden  konnen. 

Nachriditenblatt,  10.  Februar  1924 

An  die  Mitglieder! 
IV. 

DIE  STELLUNG  DER  MITGLIEDER  ZUR  GESELLSCHAFT 

Es  ist  begreiflich,  daft  unter  den  Mitgliedern  der  Anthroposophtschen 
Gesellschaft  eine  verschiedene  Auffassung  herrscht  iiber  ihre  Stellung 
zu  dieserGesellschaft.  Wer  in  diese  eintritt,  kann  die  Auffassung  haben, 
in  ihr  zu  finden,  was  er  aus  den  innersten  Bediirfnissen  seiner  Seele 
heraus  sucht.  Und  in  diesem  Suchen  und  dem  Finden  dessen,  was  ihm 
die  Gesellschaft  geben  kann,  findet  dann  ein  solches  Mitglied  den  Sinn 
seiner  Mitgliedschaft.  Ich  habe  schon  angedeutet,  daft  gegen  eine  solche 
Auffassung  im  Grunde  nichts  eingewendet  werden  kann. 

Denn  die  Gesellschaft  kann  wegen  des  Wesens  der  Anthroposophie 
nicht  die  Aufgabe  haben,  einen  Kreis  von  Menschen  zu  vereinigen, 
denen  sie  bei  ihrem  Eintritte  Pflichten  auferlegt,  die  sie  nicht  schon 
vorher  anerkannt  haben,  sondern  nur  um  der  Gesellschaft  willen  aus- 
iiben  sollen.  Pflichten  kann  im  eigentlichen  Sinne  nur  die  Gesellschaft 
gegeniiber  den  Mitgliedern  haben. 

Aber  gerade  dieses  Selbstverstandliche  bewirkt  ein  anderes,  das  nicht 
immer  in  der  richtigen  Art  angesehen,  oft  uberhaupt  nicht  einmal 
bedacht  wird. 


Es  erwachst  namlich  sogleich  fiir  dasjenige  Mitglied,  das  in  irgend- 
einer  Art  tatig  in  der  Gesellschaft  fiir  diese  wird,  eine  grofie  Verant- 
wortlichkeit  und  ein  ernster  Pflichtenkreis.  Wer  zu  einer  solchen  Tatig- 
keit  nicht  uberzugehen  die  Absicht  hat,  dem  sollte  man  seine  stillen 
Kreise  nicht  storen.  Wer  aber  in  der  Gesellschaft  irgend  etwas  tun  will, 
der  darf  nicht  aufler  acht  lassen,  daft  er  die  Angelegenheiten  der  Gesell- 
schaft zu  seinen  eigenen  machen  mui 

Will  jemand  ein  stilles  Mitglied  sein,  dann  mufi  es  an  ihm  begreiflich 
sein,  wenn  er  zumBeispiel  sagt:  ich  kann  mich  nicht  darum  bekummern, 
was  die  Gegner  der  Gesellschaft  uber  diese  sagen.  Das  hort  sogleich  auf , 
wenn  er  iiber  den  Kreis  der  stillen  Anteilnahme  hinausgeht.  Dann 
erwachst  ihm  sogleich  die  Aufgabe,  auf  die  Gegnerschaft  hinzusehen 
und  an  der  Anthroposophie  und  Gesellschaft  das  zu  verteidigen,  was 
an  ihr  in  berechtigter  Art  zu  verteidigen  ist. 

Dafi  dieser  ganz  notwendigen  Tatsache  nicht  immer  Rechnung  getra- 
gen  worden  ist,  war  der  Gesellschaft  nicht  forderlich.  Es  mufi  die  Mit- 
glieder,  die  von  der  Gesellschaft  mit  allem  guten  Recht  fordern  konnen, 
dafi  sie  ihnen  zunachst  gibt,  was  sie  ihnen  verspricht,  sonderbar  beriih- 
ren,  wenn  man  sogleich  von  ihnen  denselben  Pflichtenkreis  verlangt, 
den  diejenigen  sich  auferlegen  miissen,  welche  diese  Versprechungen 
machen. 

Wenn  man  von  Pflichten  der  Mitglieder  im  Hinblick  auf  die  Gesell- 
schaft redet,  so  kann  sich  dieses  also  nur  auf  die  tatig  sein  wollenden 
Mitglieder  beziehen.  Das  soil  natiirlich  nicht  verwechselt  werden  mit 
dem  Sprechen  von  Verpftichtungen  der  Menschen  als  solchen,  das  aus 
der  Anthroposophie  selbst  heraus  sich  ergibt.  Diese  Dinge  werden  aber 
immer  den  ganz  allgemeinen  menschlichen  Charakter  tragen  und  nur 
den  Anschauungskreis  dariiber  so  erweitern,  wie  sich  das  aus  der  Ein- 
sicht  in  die  geistige  Welt  ergibt.  Redet  die  Anthroposophie  von  solchen 
Verpflichtungen,  so  kann  sie  damit  nie  meinen,  dafi  man  damit  etwas 
nur  fiir  die  Anthroposophische  Gesellschaft  Verbindliches  sagt,  sondern 
etwas,  das  sich  aus  der  recht  verstandenen  Menschen wesenheit  als 
soldier  ergibt. 

Aber  gerade  deswegen,  weil  aus  dem  Wesen  der  Anthroposophischen 
Gesellschaft  fiir  die  in  ihr  tatigen  Mitglieder  der  Pflichtenkreis  erwachst, 


sollte  dieser  so  ernst  wie  moglich  genommen  werden.  Wer  zum  Beispiele 
als  Mitglied  der  Gesellsdiaft  anderen  die  Einsichten  der  Anthroposo- 
phie  iiberliefern  will,  dem  erwachsen  sogleich  diese  Pflichten,  wenn  er 
iiber  den  allerengsten  stillen  Kreis  einer  solchen  Belehrung  hinausgeht. 
Ein  soldier  wird  sich  klar  sein  miissen  iiber  die  allgemeine  geistige  Lage 
der  Menschen  in  der  gegenwartigen  Zeit.  Er  wird  von  der  Aufgabe  der 
Anthroposophie  eine  deutliche  Vorstellung  haben  miissen.  Er  wird, 
soviel  ihm  dies  auch  nur  moglich  ist,  sich  in  Zusammenhang  halten  miis- 
sen mit  den  andern  tatigen  Mitgliedern  der  Gesellsdiaft.  Eine  solche 
Personlichkeit  wird  weit  davon  entfernt  sein  miissen,  zu  sagen:  es 
erregt  mein  Interesse  nicht,  wenn  die  Anthroposophie  und  ihre  Trager 
von  Gegnern  in  einem  f alschen  Lichte  dargestellt  oder  sogar  verleumdet 
werden. 

Der  Vorstand,  der  bei  der  Weihnachtstagung  gebildet  worden  ist, 
fafit  seine  Aufgabe  so  auf,  daft  er  dem  hier  Ausgesprochenen  innerhalb 
der  Gesellsdiaft  zur  Verwirklidiung  verhelfen  will.  Und  er  kann  nicht 
anders,  als  alle  tatig  sein  wollenden  Mitglieder  darum  zu  bitten,  sich 
zu  Mithelf  ern  dieser  seiner  Absichten  zu  machen. 

Nurdadurch  kann  erreicht  werden,  dafi  die  Gesellsdiaft  ihrer  gesam- 
ten  Mitgliedschaft  und  damit  auch  der  Welt  das  halten  kann,  was  sie 
verspricht. 

Es  ist  zum  Beispiel  wirklich  betriiblich,  wenn  man  die  folgende 
Erfahrung  macht:  Es  kommt  innerhalb  der  Gesellsdiaft  vor,  dafi  sich 
an  einem  Orte  tatig  sein  wollende  Mitglieder  von  Zeit  zu  Zeit  iiber  die 
Angelegenheiten  der  Gesellsdiaft  besprechen.  Sie  halten  zu  diesem 
Zwecke  Versammlungen  ab.  Wenn  man  dann  mit  den  einzelnen  Per- 
sonlichkeiten,  die  bei  diesen  Versammlungen  sitzen,  spricht,  so  bemerkt 
man,  dajS  sie  in  Wirklichkeit  iibereinander,  iiber  ihre  Tatigkeiten  fiir 
die  Gesellsdiaft  und  so  weiter  Ansichten  haben,  die  bei  den  Versamm- 
lungen gar  nicht  zur  Sprache  kommen.  Man  kann  erfahren,  daft  irgend 
jemand  gar  keine  Ahnung  hat,  wie  die  oft  mit  ihm  Vereinten  iiber  seine 
Tatigkeit  denken.  Dergleichen  in  bessere  Bahnen  zu  bringen,  miilke 
ganz  unbedingt  aus  dem  Impuls  folgen,  den  die  Weihnachtstagung 
gegeben  hat.  Die  tatig  sein  wollenden  Mitglieder  vor  alien  miiftten 
diesen  Impuls  zu  verstehen  versuchen. 


Man  hort  von  solchen  tatig  sein  wollenden  Mitgliedern  gar  oft  sagen: 
ich  habe  ja  den  guten  Willen;  aber  ich  weift  eben  nicht,  was  das  Richtige 
ist.  Man  sollte  iiber  diesen  « guten  Willen»  doch  nicht  eine  allzu  bequeme 
Ansicht  haben.  Man  sollte  sich  doch  immer  wieder  fragen:  habe  ich 
denn  auch  wirklich  alle  Wege  gesucht,  die  sich  in  der  Gesellschaft  bieten, 
urn  das  «Richtige»  in  der  gutwilligen  Zusammenarbeit  mit  andern  zu 
finden? 

Nachrichtenblatt,  17.  Februar  1924 

An  die  Mitglieder! 
V. 

ANTHROPOSOPHISCHE  LEITSATZE 

Man  soli  an  dieser  Stelle  in  der  Zukunft  eine  Art  anthroposophischer 
Leitsatze  finden.  Sie  sind  so  aufzufassen,  dafi  sie  Ratschlage  enthalten 
uber  die  Richtung,  welche  die  Vortrage  und  Besprechungen  in  den  ein- 
zelnen  Gruppen  der  Gesellschaft  durch  die  f  uhrenden  Mitglieder  nehmen 
konnen.  Es  wird  dabei  nur  an  eine  Anregung  gedacht,  die  vom  Goe- 
theanum  aus  der  gesamten  Gesellschaft  gegeben  werden  mochte.  Die 
Selbstandigkeit  im  Wirken  der  einzelnen  fiihrenden  Mitglieder  soli 
damit  nicht  angetastet  werden.  Es  ist  gut,  wenn  die  Gesellschaft  sich  so 
entfaltet,  dafi  in  vollig  freier  Art  in  den  einzelnen  Gruppen  zur  Geltung 
kommt,  was  die  fiihrenden  Mitglieder  zu  sagen  haben.  Dadurch  wird 
das  Leben  der  Gesellschaft  bereichert  und  in  sich  mannigf  altig  gestaltet 
werden. 

Aber  es  sollte  ein  einheitliches  Bewufksein  in  der  Gesellschaft  ent- 
stehen  konnen.  Das  kann  geschehen,  wenn  man  von  den  Anregungen, 
die  an  den  einzelnen  Orten  gegeben  werden,  iiberall  weilS.  Deshalb 
werden  hier  in  kurzen  Satzen  solche  Darstellungen  zusammengefafit 
werden,  die  von  mir  am  Goetheanum  fur  die  Gesellschaft  in  Vortragen 
gegeben  werden.  Ich  denke  mir,  dafi  dann  von  denjenigen  Personlich- 
keiten,  die  in  den  Gruppen  (Zweigen)  Vortrage  halten  oder  die  Be- 


sprechungen  leiten,  dabei  das  Gegebene  als  Richtlinien  genommen 
werde,  urn  in  freier  Art  daran  anzukniipfen.  Es  kann  daidurch  zu  einer 
einheitlichen  Gestaltung  im  Wirken  der  Gesellschaft  etwas  beigetragen 
werden,  ohne  daft  an  einen  Zwang  in  irgendeiner  Art  gedacht  wird. 

Fruchtbar  fur  die  ganze  Gesellschaft  kann  die  Sache  werden,  wenn 
der  Vorgang  auch.  die  entsprechende  Gegenliebe  findet,  wenn  die  fiih- 
renden  Mitglieder  iiber  Inhalt  und  Art  ihrer  Vortrage  und  Anregungen 
auch  den  Vorstand  am  Goetheanum  unterrichten.  Wir  werden  dadurch 
erst  aus  einem  Chaos  verschiedener  Gruppen  zu  einer  Gesellschaft  mit 
einem  geistigen  Inhalt. 

Die  Leitlinien,  die  hier  gegeben  werden,  sollen  gewissermaften 
Themen  anschlagen.  Man  wird  dann  in  der  anthroposophischenBucher- 
und  Zyklenliteratur  an  den  verschiedensten  Stellen  die  Anhaltspunkte 
finden,  um  das  im  Thema  Angeschlagene  so  auszugestalten,  daft  es  den 
Inhalt  der  Gruppenbesprechungen  bilden  kann. 

Auch  dann,  wenn  neue  Ideen  von  den  leitenden  Mitgliedern  in  den 
einzelnen  Gruppen  zutage  treten,  konnen  sie  ja  an  dasjenige  angekniipft 
werden,  was  in  der  geschilderten  Art  vora  Goetheanum  aus  als  ein 
Rahmen  fiir  das  geistige  Wirken  der  Gesellschaft  angeregt  werden  soli. 

Es  ist  ganz  gewifi  eine  Wahrheit,  gegen  die  nicht  gesiindigt  werden 
darf,  daft  geistiges  Wirken  nur  aus  der  freienEntfaltungder  wirkenden 
Personlichkeiten  hervorgehen  kann.  Allein,  es  braucht  dagegen  nicht 
gesiindigt  zu  werden,  wenn  in  reenter  Art  innerhalb  der  Gesellschaft 
der  eine  mit  dem  andern  im  Einklange  handelt.  Wenn  das  nicht  sein 
konnte,  so  miiftte  die  Zugehorigkeit  des  Einzelnen  oder  der  Gruppen 
zur  Gesellschaft  immer  etwas  Aufterliches  bleiben.  Diese  Zugehorigkeit 
soil  aber  etwas  sein,  das  man  als  Innerliches  empflndet. 

Es  kann  doch  eben  nicht  so  sein,  daft  das  Vorhandensein  der  Anthro- 
posophischen  Gesellschaft  von  dieser  oder  jener  Personlichkeit  nur  als 
Gelegenheit  beniitzt  wird,  um  das  zu  sagen,  was  man  aus  dieser  oder 
jener  Absicht  heraus  personlich  sagen  will,  sondern  die  Gesellschaft 
muft  die  Pflegestatte  dessen  sein,  was  Anthroposophie  1st.  Alles  andere 
kann  ja  auch  aufterhalb  ihres  Rahmens  gepflegt  werden.  Sie  kann  nicht 
dafur  da  sein. 

Es  ist  in  den  letzten  Jahren  nicht  zum  Vorteil  der  Gesellschaft  ge- 


wesen,  dafi  in  sie  einzelne  Mitglieder  ihre  Eigenwiinsche  hineingetragen 
haben,  bloft  weil  sie  mit  deren  VergrofSerung  fiir  diese  Eigenwiinsche 
ein  Wirkungsfeld  zu  finden  glaubten.  Man  katin  sagen:  warum  ist  dem 
nicht  in  der  gebuhrenden  Art  entgegengetreten  worden?  -  Ware  das 
geschehen,  so  wiirde  heute  iiberall  die  Meinung  zu  hb'ren  sein:  ja,  wenn 
man  damals  die  Anregungen  von  dieser  oder  jener  Seite  aufgenommen 
hatte,  wo  waren  wir  gegenwartig?  Nun,  man  hat  vieles  aufgenommen, 
was  klaglich  gescheitert  ist,  was  uns  zuriickgeworfen  hat. 

Aber  nun  ist  es  genug.  Die  Probe  auf  das  Exempel,  das  einzelne 
Experimentatoren  in  der  Gesellschaft  geben  wollten,  ist  gemacht.  Man 
braucht  dergleichen  nicht  ins  Endlose  zu  wiederholen.  Der  Vorstand 
am  Goetheanum  soil  ein  Korper  sein,  der  Anthroposophie  pflegen  will, 
und  die  Gesellschaft  sollte  eine  Verbindung  von  Menschen  sein,  die  sich 
mit  ihm  iiber  ihre  Pflege  der  Anthroposophie  lebendig  verstandigen 
wollen. 

Man  soil  nicht  denken,  dal$,  was  angestrebt  werden  soli,  von  heute 
auf  morgen  erreicht  werden  kann.  Man  wird  Zeit  brauchen.  Und  es 
wird  Geduld  notig  sein.  Wenn  geglaubt  wird,  in  ein  paar  Wochen 
konne  verwirklicht  da  sein,  was  in  den  Absichten  der  Weihnachtstagung 
liegt,  so  wird  das  wieder  von  Schaden  sein. 

Nachrichtenblatt,  24.  Februar  1924 

An  die  Mitglieder! 
VI. 

ERKENNTNISSTREBEN  UND  WILLE  ZUR  SELBST2UCHT 

In  der  Anthroposophischen  Gesellschaft  treten  die  Menschen  einander 
naher,  als  sie  dies  tun  wiirden,  wenn  sie  sich  auf  einem  andern  Lebens- 
felde  begegnen  wiirden.  Das  gemeinsame  Inter  esse  fiir  das  geistige 
Weltwesen  schliefit  die  Seelen  auf.  Es  erscheint  fiir  den  einen  bedeut- 
sam,  was  der  andere  in  seinem  Streben  nach  dem  Geistigen  innerlich 
erlebt.  Der  Mensch  wird  mitteilsam,  wenn  er  weifi,  er  steht  einem 


Mitmenschen  gegeniiber,  der  fiir  das  Innerste,  das  die  Seele  bewegt, 
ein  aufmerksames  Gehor  hat. 

Dadurch  bildet  es  sich  wie  von  selbst,  dafi  die  Mitglieder  der  Gesell- 
schaft anderes  und  dieses  andere  audi  anders  aneinander  beobachten  als 
andere  Menschen.  Das  aber  schliefit  zugleich  eine  Gefahr  in  sich.  Man 
lernt  einander  schatzen,  indem  man  sich  trifft.  Man  hat  die  innigste 
Freude  an  der  SeelenaulSerung  des  andern.  Alle  edlen  Wirkungen  des 
freundschaftlichen  Zusammenseins  konnen  sich  rasch  entf alten.  Es  liegt 
nahe,  daft  diese  Wirkungen  sich  rasch  zur  Schwarmerei  steigern  konnen. 
Man  sollte  einer  solchen  Schwarmerei,  trotzdem  sie  ihre  Schattenseiten 
hat,  nicht  nur  das  kalte,  niichterne  Philisterherz  oder  die  iiberlegene 
Weltmenschenhaltung  entgegenbringen.  Schwarmerei,  die  sich  zur  har- 
monischen  Seelenhaltung  durchgerungen  hat,  ist  geist-erschliefiender 
als  ein  Gleichmafi,  das  an  alien  bedeutsamen  Lebensoffenbarungen  mit 
starrer  Haltung  vorbeigeht. 

Es  konnen  aber  leicht  Menschen,  die  einander  rasch  nahe  kommen, 
sich  ebenso  rasch  wieder  voneinander  entfernen.  Hat  man  den  andern 
genau  kennen  gelernt,  weil  er  sich  voll  aufgeschlassen  hat,  so  bemerkt 
man  auch  bald  seine  Schwachen.  Und  dann  kann  die  -  negative 
Schwarmerei  auftreten.  Und  diese  Gefahr  ist  in  der  Anthroposophi- 
schen  Gesellschaft  eine  iiberall  herumschleichende.  Gegen  sie  zu  wirken, 
gehort  zu  den  Aufgaben  der  Gesellschaft..  Innere  Toleranz  gegen  den 
andern  sollte  daher  jeder  im  Tiefsten  seiner  Seele  anstreben,  der  rechtes 
Mitglied  der  Gesellschaft  sein  will.  Den  andern  verstehen  lernen  auch 
da,  wo  er  Dinge  denkt  und  tut,  die  man  nicht  selber  denken  und  tun 
mochte,  das  sollte  ein  Ideal  darstellen. 

Es  braucht  dies  nicht  gleichbedeutend  zu  sein  mit  der  Urteilslosigkeit 
gegeniiber  Schwachen  und  Fehlern.  Verstehen  ist  etwas  anderes  als 
Sich-blind-machen.  Man  kann  zu  einem  Menschen,  den  man  liebt,  von 
dessen  Verfehlungen  reden:  er  wird  in  vielen  Fallen  darin  den  schonsten 
Freundschafts'dienst  sehen.  Man  kann  aber  auch  mit  der  Empflndung 
des  gleichgultigen  Richters  den  andern  abkanzeln:  er  prallt  zuriick  vor 
der  Verstandnislosigkeit  und  trostet  sich  mit  dem  Hafigefiihle,  das  in 
ihm  gegeniiber  dem  Kritiker  auf dammert. 

Es  kann  in  vieler  Beziehung  in  der  Anthroposophischen  Gesellschaft 


verhangnisvoll  werden,  wenn  die  Intoleranz  und  Verstandnislosigkeit 
gegenuber  andern  Mensdien  in  sie  in  der  Form  hineingetragen  werden, 
in  der  sie  gegenwartig  in  weitem  Umfange  das  Leben  beherrschen. 
Denn  durch  das  Nahe-Stehen  der  Mensdien  steigern  sie  sich  innerhalb 
der  Gesellschaft. 

Das  sind  Dinge,  die  stark  darauf  hinweisen,  wie  das  lebendigere 
Erkenntnisstreben  in  der  Anthropasophischen  Gesellschaft  notwendig 
begleitet  sein  mufi  von  dem  Ringen  nach  einer  Veredelung  des  Gefiihls- 
und  Empfindungslebens.  Das  verstarkte  Erkenntnisstreben  vertieft  das 
Seelenleben  nach  der  Region  hin,  wo  Hodimut,  SelbstUberschatzung, 
Teilnahmslosigkeit  mit  andern  Mensdien  und  noch  vieles  andere  lauern. 
Ein  minderes  Erkenntnisstreben  greift  audi  nur  schwach  in  diese  Region 
ein.  Es  lafit  sie  in  den  Tief en  der  Seele  schlafen.  Ein  regsames  Erkennt- 
nisleben  stort  sie  aus  ihrem  Schlafe  auf .  Gewohnheiten,  die  sie  nieder- 
gehalten  haben,  verlieren  ihre  Kraft.  Das  Ideal,  das  auf  Geistiges  sich 
richtet,  kann  Seeleneigenschaften  erwecken,  die  ohne  dieses  Ideal  nieht 
offenbar  geworden  waren.  Die  Anthroposophische  Gesellsdiaft  sollte 
dazu  da  sein,  durch  die  Pflege  edien  Gefuhls-  und  Empfindungslebens 
Gefahren  entgegenzuwirken,  die  da  lauern.  Es  gibt  Instinkte  in  der 
Menschennatur,  die  zur  Furcht  vor  der  Erkenntnis  treiben,  weil  sie 
solche  Zusamrnenhange  wittern.  Wer  aber  sein  Erkenntnisstreben  des- 
halb  scblummern  lafit,  weil  durch  dessen  Pflege  seine  hafilichen  Gef  iihle 
aufgeruhrt  werden,  der  verzichtet  audi  darauf,  den  vollen  Umf ang  des 
wahren  Mensdien  in  sich  zu  entwickeln.  Es  ist  menschenunwiirdig,  die 
Einsicht  zu  lahmen,  weil  man  sich  vor  der  Charakterschwache  fiirchtet. 
Es  kann  allein  menschenwiirdig  sein,  mit  dem  Erkenntnisstreben  audi 
das  nach  dem  Willen  zur  Selbstzucht  zu  verbinden, 

Und  durch  die  Anthroposophie  kann  man  das.  Man  mufi  nur  auf  die 
Lebendigkeit  ihrer  Gedanken  kommen.  Diese  Lebendigkeit  macht,  dafi 
sie  audi  Kraft  im  Willen,  Warme  in  Gefuhl  und  Empfindung  erzeugen 
konnen.  Es  Hegt  durchaus  an  dem  Menschen,  ob  er  die  Anthroposophie 
blofi  vorstellt,  oder  ob  er  sie  erlebt. 

Und  es  wird  an  den  tatig  auftretenden  Mitgliedern  der  Gesellschaft 
liegen,  ob  durch  die  Art,  wie  sie  Anthroposophie  entwickeln,  nur 
Gedanken  angeregt  werden  konnen,  oder  ob  Leben  entzundet  wird. 


Nachrichtenblatt,  2.Marz  1924 


An  die  Mitglieder! 
VII. 

DIE  ARBEIT  IN  DER  GESELLSCHAFT 

In  meinen  Vortragen  fiir  die  Anthroposophische  Gesellschaft,  die  ich 
gegenwartig  am  Goetheanum  halte,  suche  ich  die  Grundfragen  des 
menschlichen  Seelenlebens  zur  Darstellung  zu  bringen.  In  den  fiinf 
«Leitsatzen»,  die  bisher  in  diesem  Mitteilungsblatte  enthalten  waren, 
ist  der  Gesichtspunkt  gekennzeichnet,  von  dem  aus  die  Darstellung 
gegeben  wird.  IchwolltederGrundforderung  eines  anthroposophischen 
Vortrages  entsprechen.  Der  Zuhorer  soli  die  Empfindung  haben,  dafi 
Anthroposophie  von  dem  spricht,  was  er  bei  voller  Selbstbesinnung  als 
ureigene  Angelegenheit  seiner  Seele  empfindet.  Kann  man  fiir  eine 
solche  Darstellung  die  rechte  Art  finden,  dann  wird  sich  unter  den 
Mitgliedern  das  Bewulksein  entwkkeln:  In  der  Anthroposophiscben 
Gesellschaft  wird  der  Mensch  wirklich  verstanden. 

Man  trifft  damit  auf  dasjenige,  was  fiir  die  Menschen,  die  Mitglieder 
werden,  der  treibende  Impuls  ist.  Sie  wollen  eine  Statte  finden,  an  der 
Menschen verstandnis  seine  rechte  Pflege  findet. 

Man  ist  eigentlich  schon  auf  demWege  zur  Anerkennung  desGeistes- 
wesens  der  Welt,  wenn  man  ernstlich  Menschenverstandnis  sucht.  Denn 
man  wird  in  diesem  Suchen  gewahr,  da/5  die  Naturerkenntnis  in  bezug 
auf  den  Menschen  keine  Aufschliisse  gibt,  sondern  nur  Fragen  erzeugt. 

In  den  anthroposophischen  Darstellungen  kommt  nur  Verwirrung 
zustande,  wenn  man  die  Seele  von  der  Liebe  zur  Natur  hinwegfuhren 
will.  Nicht  in  der  Geringschatzung  dessen,  was  die  Natur  den  Menschen 
offenbart,  kann  der  Ausgangspunkt  der  anthroposophischen  Betrach- 
tung  liegen.  Naturverachtung,  Abkehr  von  der  Wahrheit,  die  m  den 
Erscheinungen  des  Lebens  und  der  Welt  dem  Menschen  entgegenstrahlt, 
von  der  Schonheit,  die  in  diesen  Erscheinungen  waltet,  von  den  Auf- 
gaben,  die  sie  dem  Menschenstreben  stellen,  kann  nur  zu  einem  Zerr- 
bilde  vom  Geisteswesen  fiihren. 


Ein  solches  Zerrbild  wird  immer  einen  personlichen  Charakter 
haben.  Es  wird,  audi  wenn  es  nicht  blofi  aus  Traumen  gewoben  ist,  dodi 
wie  das  Traumen  erlebt  werden.  Wenn  der  Mensch  im  wachen  Dasein 
mit  Menschen  lebt,  dann  rnufi  sein  Streben  auf  Verstandigung  iiber 
Gemeinsames  ausgehen.  Was  der  eine  behauptet,  mufi  Bedeutung  fur 
den  andern  haben;  was  der  eine  erarbeitet,  muft  fur  den  andern  einen 
gewissen  Wert  haben.  Die  Menschen,  die  miteinander  leben,  mussen  das 
Gefiihl  haben,  dafS  sie  in  einer  gemeinsamen  Welt  sind.  Wenn  der 
Mensch  in  seinen  Traumen  webt,  dann  lost  er  sich  aus  dieser  gemein- 
samen Welt  heraus.  Ein  anderer  Mensch  in  seiner  unmittelbaren  Nahe 
kann  ganz  andere  Traume  haben.  Im  Wachen  haben  die  Menschen  eine 
gemeinsame  Welt;  im  Traumen  hat  ein  jeder  seine  eigene. 

Anthroposophie  sollte  nicht  aus  dem  Wachen  in  das  Traumen,  son- 
dern  in  ein  starkeres  Erwachen  hineinfiihren.  Im  alltaglichen  Leben  ist 
zwar  Gemeinsamkeit  vorhanden;  aber  diese  wird  doch  in  engen  Gren- 
zen  erlebt.  Man  ist  da  in  ein  Stuck  Dasein  hineingebannt;  man  tragt  die 
Sehnsucht  nach  dem  vollen  Leben  nur  im  Herzen.  Man  fiihlt,  die 
Gemeinsamkeit  des  menschlichen  Erlebens  geht  weiter  als  der  Umkreis 
des  alltaglichen  Lebens.  Und  wie  man  von  der  Erde  weg  zur  Sonne 
blicken  mufi,  wenn  man  die  allem  Irdischen  gemeinsame  Quelle  des 
Lichtes  gewahr  werden  will,  so  mufi  man  von  der  Sinnenwelt  hinweg 
zum  Geistes-Inhalt  sich  wenden,  wenn  man  finden  will,  was  aus  dem 
edit  Menschlichen  heraus  dieSeele  zur  befriedigendenMenschengemein- 
schaft,  zum  vollen  Erleben  dieser  Gemeinschaft  fiihren  kann. 

Da  ist  es  denn  leicht  moglich,  dafi  man  sich  vom  Leben  abwendet, 
statt  in  einem  intensiveren  Mafie  in  dasselbe  einzutreten. 

Und  dieser  Gefahr  unterliegt  der  Naturverachter.  Er  wird  in  die 
Einsamkeit  der  Seele  hineingetrieben,  fiir  die  das  natiirliche  Traumen 
ein  Vorbild  ist.  Fiir  menschliche  Wahrheit,  die  zugleich  Weltwahrheit 
ist,  entwickelt  man  am  besten  den  Sinn,  wenn  man  diesen  heranerzieht 
an  derjenigen  Wahrheit,  die  aus  der  Natur  derMenschenseele  entgegen- 
leuchtet.  Wer  aber  Natur  wahrheit  mit  offenem,  freiem  Sinn  in  sich 
erlebt,  der  wird  durch  sie  zur  Geisteswahrheit  hingefuhrt.  Wer  sich  von 
der  Schdnheit,  Grofie  und  Erhabenheit  der  Natur  durchdringt,  in  dem 
werden  diese  zur  Quelle  der  Geistempfindung.  Und  wer  sein  Herz 


der  stummen  Naturgeb'arde  offnet,  die  jenseits  von  Gut  und  Bose  in 
ewiger  Unschuld  sich  offenbart,  dem  erschliefit  sich  der  Blick  fiir  die 
geistige  Welt,  die  in  die  stumme  Gebarde  das  lebendige  Wort  tonen 
liifit,  das  den  Unterschied  von  Gut  und  Bose  offenbart. 

Geistanschauung,  die  durch  die  Liebe  zur  Naturanschauung  hin- 
durchgegangen  ist,  bereichert  das  Leben  um  die  wahren  Schatze  der 
Seele;  Geistestraumen,  das  im  Widerspruch  mit  der  Naturanschauung 
sich  entwickelt,  verarmt  das  Menschenherz. 

Wer  Anthroposophie  im  tiefsten  Wesen  durchdringt,  wird,  was  in 
diesen  Satzen  angedeutet  ist,  als  den  Gesichtspunkt  empflnden,  von 
dem  in  den  anthroposophischen  Darstellungen  ausgegangen  werden 
mufi.  Man  wird  durch  solche  Ausgangspunkte  dasjenige  beruhren,  von 
dem  ein  jedes  Mitglied  der  Anthroposophischen  Gesellschaft  sich  sagt: 
darin  liegt,  was  den  wahren  Grund  meines  Eintrittes  in  die  Gesellschaft 
gebildet  hat. 

Bei  den  Mitgliedern,  die  in  der  Gesellschaft  tatig  sein  wollen,  wird  es 
nicht  geniigen,  dafi  sie  von  dem  hier  Angedeuteten  theoretisch  uberzeugt 
sind.  Es  wird  das  rechte  Leben  in  ihre  Oberzeugung  erst  kommen,  wenn 
sie  ein  warmes  Interesse  fiir  alles  entf alten,  was  in  der  Gesellschaft  vor- 
geht.  Durch  das  Erfahren  dessen,  was  von  den  Personlichkeiten,  die  in 
der  Gesellschaft  sind,  erdacht  und  erlebt  wird,  werden  sie  die  Warme 
empfangen,  die  sie  fiir  ihre  Arbeit  in  der  Gesellschaft  brauchen.  Man 
mufi  viel  Interesse  fiir  die  andern  Menschen  haben,  wenn  man  ihnen 
auf  anthroposophische  Art  gegeniibertreten  will.  Das  Studium  dessen, 
«was  in  der  Gesellschaft  vorgeht»,  mufi  die  Unterlage  fiir  das  Wirken 
in  der  Gesellschaft  werden.  Gerade  diejenigen  Mitglieder  brauchen 
dieses  Studium,  die  in  der  Gesellschaft  tatig  sein  wollen. 


Nacfariditenblatt,  9.  Marz  1924 


An  die  Mitglieder! 


VIII. 


DIE  ARBEIT  IN  DER  GESELLSCHAFT 


Man  wird  sich  erinnern,  dafi  ich  in  meinen  offentlichen  Vortragen,  die 
idi  im  Dienste  der  Anthroposophischen  Gesellschaft  gehalten  habe,  nach 
Moglichkeit  versuchte,  liberal!  einzufiigen,  was  an  entsprechenden 
Erkenntnissen  im  gegenwartigen  Zeitalter  vorhanden  ist.  Ich  tat  dieses, 
weil  Anthroposophie  nicht  dastehen  darf  wie  eine  willkiirlich  ersonnene 
Sektenmeinung.  Sie  mufi  zum  Ausdrucke  bringen,  was  sie  in  Wahrheit 
ist:  die  von  unserer  Zeit  selbst  geforderte  Weltanschauung  und  Lebens- 
praxis. 

Es  erscheint  mir  ganz  verfehlt,  wenn  der  Anthroposoph  nur  abweist, 
was  aufier  seinem  Gebiete  von  dem  geistigen  Leben  der  Gegenwart 
hervorgebradit  wird.  Tut  er  dies  sogar  in  einer  solchen  Weise,  daft  der 
Kundige  sogleich  bemerkt,  er  weist  ab,  was  er  gar  nicht  geniigend  kennt, 
so  wird  Anthroposophie  niemals  etwas  ausrichten  konnen. 


Dieiri  den  Zweigen  tatigen  Mitglieder  werden  dies  beachten  mussen. 
Man  wird  aber  nicht  erreichen,  was  erstrebenswert  ist,  wenn  man  neben 
den  anthroposophischen  Darlegungen  auch  solche  veranstaltet,  die  aus 
den  verschiedensten  Wissensgebieten  der  Gegenwart  die  Dinge  so  brin- 
gen, wie  dies  aufierhalb  der  anthroposophischen  Bewegung  geschieht. 
Dadurch  wird  nur  eine  fiir  die  zuhorenden  Mitglieder  peinigende  Kluft 
geschaff en  zwischen  dem  heute  ublichen  Erkennen  und  demjenigen,  von 
dem  Anthroposophie  sprechen  mufi. 

Es  ist  vom  Ob  el,  wenn  ein  Thema  aufgeworfen  wir  d  und  von  vorne- 
herein  der  Eindruck  entsteht,  es  werde  nur  die  Gelegenheit  ergriffen, 
um  Kritik  an  irgendwelchen  Gegenwarts-Vorstellungen  zu  iiben.  Es 
sollte  erst  uberall  sorgfaltig  gepriift  werden,  inwiefern  in  einer  solchen 
Vorstellung  ein  gesunder  Ausgangspunkt  gegeben  ist.  Die  Sache  liegt 
zumeist  so,  dafi  in  der  Gegenwart  uberall  solche  bedeutsame  Ausgangs- 
punkte  vorliegen.  Man  wird  deshalb  nicht  mit  der  Kritik  zuruckhalten 


mussen.  Aber  man  sollte  nur  kritisieren,  was  man  zuerst  audi  in  seiner 
Eigenart  auseinandergesetzt  hat. 

Wiirde  das  beaditet,  so  konnte  in  der  Anthroposophisdien  Gesell- 
schaft  etwas  hinwegfallen,  was  in  der  letzten  Zeit  Schwierigkeiten 
gemacht  hat.  Es  haben  die  Wissenschafter  bei  uns  eine  Wirksamkeit 
entwickelt,  iiber  die  man  nur  tief  befriedigt  sein  kann.  Und  'doch  ist  in 
vielen  Mitgliedern  das  Gefuhl  entstanden,  dafi  diese  Wissenschafter  zu 
«wenig  anthroposophisch»  wirken. 

Ein  Seitenstiick  dazu  ist  dadurch  entstanden,  dafi  anthroposophische 
Haltung  versucht  worden  ist  als  Lebenspraxis  auf  verschiedenen  Gebie- 
ten  auszubilden.  Audi  da  ist  in  vielen  Mitgliedern  das  Gefuhl  entstan- 
den, es  gehe  in  solchen  «Unternehmungen»  gar  nichtanthroposophisch  zu. 

Die  Kritik,  die  hier  einsetzt,  ist  gewifi  nur  zum  Teil  berechtigt.  Denn 
der  Kritiker  sieht  oft  nicht,  wie  schwierig  derartige  Versuche  in  der 
Gegenwart  sind,  un'd  wie  alles  Zeit  braucht,  um  in  entsprechender  Art 
verwirklicht  zu  werden. 

Aber  eine  gesunde  Grundlage  hat  doch  die  Empfindung  vieler  Mit- 
glieder.  Man  hat  als  Anthroposoph  zunachst  die  Aufgabe,  durch 
Anthroposophie  das  Seelenauge  zu  scharfen,  um  dasjenige  im  rechten 
Lichte  zu  seben,  was  unsere  Zeitkultur  hervorbringt.  Denn  diese  hat  ja 
das  Eigentumliche,  daft  sie  unendlich  viel  Fruchtbares  findet,  aber  des 
Bodens  ermangelt,  in  dem  sie  in  richtiger  Art  dieses  Fruchtbare  ein- 
pflanzen  kann.  Sicherlich  mufi  man  oft  gerade  dann  mit  der  herbsten 
Kritik  schliefien,  wenn  man  sich  positiv  und  nicht  negativ  zu  den  Zeit- 
erscheinungen  der  Gegenwart  stellt. 

Wenn  man  die  positive  Orientierung  aufter  adit  lafk,  wird  man  der 
Gefahr  nicht  entrinnen,  zuriickzuzucken  vor  dem  Sprechen  in  der  wirk- 
lichen  anthroposophisdien  Art.  Wie  oft  hort  man  gerade  von  Wissen- 
schaftern  in  der  Anthroposophisdien  Gesellschaft  sagen:  wir  schrecken 
die  Nicht- Anthroposophen  ab,  wenn  wir  ihnen  so  ohne  weiteres  vom 
Ather-  oder  Astralleib  reden.  Aber  wir  bleiben  unfruchtbar,  wenn  wir 
die  Nicht- Anthroposophen  auf  ihrem  Felde  kritisieren  und  dabei  uns 
nur  derjenigen  Urteile  bedienen,  die  auch  auf  diesem  Felde  selbst  wach- 
sen  konnen.  Man  kann  von  Ather-  und  Astralleib  sprechen,  wenn  man 
sagt,  warum  man  dieses  tut. 


Bestrebt  man  sich  aber,  von  dem  eigentlich  Anthroposophischen  so 
zu  sprechen,  dafi  man  iiberall  das  von  Anthroposophie  gescharfte 
Seelenauge  walten  lafk,  dann  wird  audi  unter  den  Mitgiiedern  der 
Anthroposophischen  Gesellschaft  das  Gefuhl  verschwinden,  unsere 
Wissenschafter  reden  in  einer  Art,  die  nicht  anthroposophisch  genug  ist, 
und  die  Praktiker  handeln  so,  wie  man  es  von  Mitgiiedern  der  Gesell- 
schaft nicht  erwarten  sollte. 

Man  wird  die  Gesinnung  in  dieser  Richtung  orientieren  miissen, 
wenn  unsere  Weihnachtstagung  nicht  eine  Summe  frommer  Wunsche 
bleiben  soil,  sondern  wenn  ihre  Absichten  der  Verwirklichung  entgegen- 
gehen  sollen. 

Nacliridbtenblatt,  16.  Marz  1924 

An  die  Mitglieder! 
IX. 

DIE  INDIVID UELLE  GESTALTUNG 
ANTHROPOSOPHISCHER  WAHRHEITEN 

Die  vorangehenden  Betrachtungen  habe  ich  an  die  Mitglieder  gerichtet 
in  der  Hoffnung,  dadurch  einiges  dazu  beizutragen,  dafi  sie  den  Gegen- 
stand  von  Erwagungen  an  den  verschiedenen  Orten  bilden,  an  denen 
Anthroposophen  sind.  Es  erschiene  mir  gut,  wenn  die  in  der  Gesellschaft 
tatigen  Mitglieder  sie  zum  Ausgangspunkte  nehmen  wollten,  urn  an  sie 
ankniipfend  die  gesamte  Mitgliedschaft  zu  einem  gemeinsamen  Bewufit- 
sein  von  dem  Wesen  der  Anthroposophischen  Gesellschaft  zu  erheben. 

Es  ist  gewifi  richtig,  dafi  in  unseren  Zweigversammlungen  das  Be- 
sprechen  der  anthroposophischen  Weltanschauung  und  deren  Einfuh- 
rung  in  das  Leben  den  Hauptteil  der  Tatigkeit  ausmachen  mu(5.  Aber 
es  kann  in  so  mancher  Zweigversammlung  doch  auch  ein  -  wenn  auch 
noch  so  geringer  -  Teil  der  Zeit  dazu  verwendet  werden,  um  solche 
Dinge  zu  besprechen,  wie  sie  in  diesen  Betrachtungen  angedeutet  wer- 
den. Gerade  dadurch  wird  manches  Mitglied  in  reenter  Art  angeregt 


werden,  audi  der  nicht-anthroposophischen  Auftenwelt  gegeniiber  ein 
Reprasentant  der  Gesellschaft  zu  sein. 

Ober  die  Anthroposophische  Gesellschaft  wird  man  nicht  so  denken 
konnen,  als  ob  ihr  Wesen  und  ihre  Aufgabe  mit  ein  paar  Statuten- 
paragraphen  erschopft  waren.  Dadurch,  dafi  Anthroposophie  tief  in  das 
Denken,  Fiihlen  und  Wollen  des  Mensdien  Impulse  bringt,  wird  sie 
audi  wieder  von  dem  Seelenleben  der  Mensdien  stark  beeinflufit.  Man 
kann  ihren  Inhalt  in  allgemeine  Satze  fassen,  wie  man  das  auf  den 
versdiiedensten  Gebieten  des  Geisteslebens  tut.  Allein,  so  notwendig 
dieses  ist,  man  sollte  dabei  nicht  stehenbleiben.  Die  allgemeinen  Satze 
werden  lebensvolle  Farbungen  dadurch  erhalten  konnen,  da£  sie  ein 
jeglicher,  der  sie  in  seinem  Gemiite  tragt,  aus  seinen  eigenen  Lebens- 
erfahrungen  heraus  ausspricht.  Und  mit  jeder  soldien  individuellen 
Gestaltung  kann  etwas  Wertvolles  fiir  das  Verstandnis  der  anthropo- 
sophischen  Wahrheiten  gewonnen  sein. 

Legt  man  dieser  Tatsache  Gewicht  bei,  so  wird  man  die  Entdeckung 
madien,  dafi  man  in  dem  Wesen  der  Anthroposophischen  Gesellschaft 
immer  wieder  neue  Seiten  gewahr  wird. 

Jedes  in  der  Gesellschaft  tatige  Mitglied  wird  oft  genug  in  der  Lage 
sein,  iiber  dieses  oder  jenes  gefragt  zu  werden.  Der  Fragende  sucht 
Belehrung  durch  die  Antworten,  die  er  erhalt;  der  Gefragte  kann  Be- 
lehrung  suchen  durch  die  Art,  wie  die  Fragen  gestellt  werden.  Man 
sollte  an  dieser  Belehrung  nicht  unaufmerksam  vorbeigehen.  Man  lernt 
vor  allem  an  den  Fragen  das  Leben  kennen.  Es  tritt  oft  der  Anlafi 
zutage,  aus  dem  heraus  gefragt  wird.  Der  Gefragte  sollte  dankbar  sein, 
wenn  Fragende  so  zu  ihm  sprechen.  Er  wird  durch  ihre  Hilfe  imstande 
sein,  immer  besser  in  seinen  Antworten  sich  verhalten  zu  konnen.  Was 
insbesondere  sich  bessern  wird,  ist  der  Gefuhlston,  der  durch  die  Ant- 
worten hindurchklingt.  Und  dieser  Gefuhlston  ist  ein  Wesentliches  im 
Mitteilen  anthroposophischer  Wahrheiten.  Es  kommt  dabei  durchaus 
nicht  blofi  darauf  an,  was  man  sagt,  sondern  vor  allem,  wie  man  es  sagt. 

Anthroposophische  Wahrheiten  sind  doch,  von  einem  gewissen  Ge- 
sichtspunkte  aus,  das  Wichtigste,  was  Mensdien  sich  mitteilen  konnen. 
Solche  Mitteilungen  einem  andern  ohne  tiefen  innern  Anteil  an  dem 
Mitgeteilten  zu  maehen,  ist  eigentlich  schon  eine  Entstellung  derselben. 


Aber  diese  Anteilnahme  wird  dadurch  vertieft,  dafi  man  bei  den  ver- 
schiedensten  Menschen  fiihlt,  aus  welchem  Lebensuntergrunde  sie  die 
Fragen  stellen.  Man  braucht  jedoch  nicht  zum  Examinator  oder  seeli- 
schen  Vivisektor  des  andern  zu  werden.  Man  kann  ganz  zufrieden  sein 
mit  dem,  was  er  ganz  von  sich  aus  in  sein  Fragen  legt.  Befriedigt  damit 
sein,  auf  alle  Fragen  nach  einem  zurechtgelegten  Schema  zu  antworten, 
sollte  kein  tatiges  Mitglied  der  Anthroposophischen  Gesellschaft. 

Man  betont  -  mit  Recht  -  oft,  Anthroposophie  miisse  Leben  im 
Menschen  werden,  nicht  blofie  Lehre  bleiben.  Aber  Leben  kann  nur 
etwas  werden,  das  fortdauernd  vom  Leben  angeregt  wird. 

Durch  die  Pflege  eines  solchen  Verhaltens  in  der  Anthroposophie 
wird  diese  zum  Antrieb  der  Menschenliebe.  Und  in  diese  sollte  alles 
Wirken  auf  anthroposophischem  Gebiete  getaucht  sein.  Wer  sich  viel  in 
der  Anthroposophischen  Gesellschaft  umgesehen  hat,  der  kann  wissen, 
da£  viele  Personlichkeiten  in  sie  kommen,  weil  ihnen  an  andern  Orten 
die  Lebenswahrheiten  so  entgegentreten,  dafi  sie  des  Grundtones  der 
Liebe  entbehren.  Diesen  Ton  hort  die  Menschenseele  aus  dem  Gespro- 
chenen  mit  feiner  Empfindlichkeit  heraus.  Und  er  bildet  im  hochsten 
Grade  einen  Vermittler  des  Verstandnisses. 

Man  wird  vielleicht  sagen:  wie  soil  man  Liebe  in  eine  Darstellung 
der  Erdenentwickelung  bringen?  Hat  man  sich  ein  Verstandnis  dafiir 
angeeignet,  dafi  die  End-  und  Weltentwickelung  nur  die  andere  Seite 
der  Menschheitsentwickelung  ist,  so  wird  man  nicht  zweifeln,  dafi 
gerade  fur  solche  Wahrheiten  die  Liebe  das  Seelenvolle  in  ihnen  bildet. 

Nachrichtenblatt,  23.  Marz  1924 

An  die  Mitglieder! 
X. 

DIE  DARSTELLUNG  ANTHROPOSOPHISCHER  WAHRHEITEN 

In  der  Darstellung  anthroposophischer  Wahrheiten  wird  um  so  mehr 
Leben  sein  konnen,  je  mehr  das  Dargestellte  in  der  mannigfaltigsten 
Art  von  den  verschiedensten  Gesichtspunkten  betrachtet  auftritt.  Man 


sollte  deshalb  sich  nicht  scheuen,  als  tatiges  Mitglied  in  der  Gesellsdiaft, 
denselben  Gegenstand  in  den  Zweigversammlungen  immer  wieder  zu 
behandeln.  Aber  man  wird  dabei  notig  haben,  an  ihn  von  den  verschie- 
densten  Seiten  heranzutreten.  Durch  die  Art,  sich  zu  den  Fragen  seiner 
Mitmenschen  so  zu  verhalten,  wie  das  in  meinem  letzten  Briefe  geschil- 
dert  worden  ist,  wird  man  zu  einer  solchen  Betrachtung  wie  von  selbst 
hingefuhrt.  Man  lernt  dabei  die  Lebendigkeit  der  anthroposophischen 
Einsichten  erst  recht  kennen.  Man  fuhlt,  wie  jedes  Gedankenbild,  in 
das  man  diese  Einsichten  gebracht  hat,  ein  unvollkommenes  sein  mufi. 
Man  empfindet,  dafi,  was  man  in  der  Seele  tragt,  unermefllich  viel 
reicher  ist  als  dasjenige,  was  man  im  Gedanken  aussprechen  kann.  Wird 
man  dies  mit  immer  grofterer  Deutlichkeit  gewahr,  dann  steigert  sich  in 
der  Seele  die  Ehrfurcht  vor  dem  geistigen  Leben.  Und  diese  Ehrfurcht 
mufi  in  aller  anthroposophischen  Darstellung  walten.  Sie  mufi  einer  der 
Grundtone  sein,  welche  diese  Darstellung  durchziehen.  Wo  diese  Ehr- 
furcht fehlt,  da  ist  in  dem  Besprechen  anthroposophischer  Wahrheiten 
keine  Kraft. 

Man  sollte  diese  Kraft  nicht  auf  eine  aufterliche  Art  in  das  Sprechen 
tiber  Anthroposophie  bringen  wollen.  Man  sollte  ihre  Entwickelung 
dem  lebendigen  Gefiihl  iiberlassen,  in  dem  man  zu  den  Wahrheiten 
dadurch  stent,  dafi  man  das  Bewufksein  hat,  man  nahert  sich  mit  ihrem 
Ergreifen  in  der  Seele  der  wirklichen  geistigen  Welt.  -  Das  gibt  der 
Seele  eine  gewisse  Stimmung.  Sie  fuhlt  sich  fur  AugenbHcke  ganz 
hingegeben  an  die  Gedanken  von  der  geistigen  Welt.  In  dieser  Hingabe 
stellt  sich  die  Ehrfurcht  vor  dem  Geistigen  auf  ganz  selbst verstandllche 
Art  ein. 

In  der  Entwickelung  einer  solchen  Stimmung  liegt  der  Anfang  aller 
wahren  Meditation.  Wer  eine  solche  Stimmung  der  Seele  nicht  lieben 
kann,  der  wird  vergeblich  die  Regeln  anwenden  fur  die  Erlangung  von 
Erkenntnissen  einer  «geistigen  Welt».  Denn  in  dieser  Stimmung  wird 
das  Geistige,  das  in  den  Tiefen  der  Menschenseele  liegt,  vor  das  Be- 
wufksein gerufen.  Der  Mensch  vereinigt  sich  dadurch  mit  seiner  eigenen 
Geisthaftigkeit.  Und  nur  in  dieser  Vereinigung  kann  er  das  Geistige  in 
der  Welt  finden.  Nur  der  Geist  im  Menschen  kann  an  den  Geist  der 
Welt  herantreten. 


Nun  werdendie  tatigen  Mitglieder  der  Gesellschaftybei  denen  andere 
Rat  suchen,  durch  das  Erwerben  dieser  Stimmungsmomente  ihre  Wahr- 
nehmungsfahigkeit  fiir  dasjenige  steigern,  was  der  andere  eigentlich 
will.  Es  wird  dem  Menschen  oft  schwer,  sich  iiber  das  deutlich  auszu- 
sprechen,  was  seine  Seele  am  allertiefsten  bewegt.  Deshalb  wird  der 
Gefragte  nur  allzuleicht  an  dem  eigentlichen  Bediirfnisse  des  Fragen- 
den  vorbeihoren.  Dann  stellt  sich  bei  diesem  das  berechtigte  Gefiihl 
ein,  daft  er  liber  das  Gewollte  doch  keine  Antwort  erhalten  habe.  Stent 
aber  der  Gefragte  vor  dem  Fragenden  in  einer  Seelenverfassung,  die 
errungen  ist  durch  innere  Stimmungen  von  der  beschriebenen  Art,  dann 
wird  er  dem  Fragenden  die  Zunge  losen  konnen.  Dieser  wird  jenes 
wahre,  intime  Vertrauen  zu  dem  Gefragten  entwickeln,  das  der  Mit- 
teilung  anthroposophischer  Wahrheiten  rechtes  Leben  gibt.  Es  wird 
sich  in  diese  Mitteilung  etwas  hineinversetzen,  das  den,  der  die  Ant- 
wort erhalten  hat,  von  dieser  aus  dann  selbstandig  seinen  Weg  in  dem 
Verfolgen  seiner  geistigen  Bediirfnisse  gehen  laftt.  Er  wird  vielleicht 
das  Gefiihl  haben,  wenn  auch  die  Antwort  nicht  alles  enthalten  hat, 
was  er  suchte,  so  werde  er  jetzt  imstande  sein,  sich  weiter  zu  helfen. 
Ein  inneres  Kraftgefiihl  wird  sich  in  der  Seele  statt  eines  vorher  vor- 
handenen  Ohnmachtsgefiihles  einstellen.  Und  dieses  Kraftgefiihl  hat 
der  Fragende  in  Wahrheit  gesucht. 

Man  sollte  nicht  glauben,  daft  man  ohne  Gedanken,  in  blofien  Ge- 
fiihlen  die  Antworten  auf  brennende  Seelenfragen  finden  kann.  Aber 
ein  Gedanke,  der  sich  in  kalter  Abgeschlossenheit  gegeniiber  den  Ge- 
fiihlen  entwickelt,  findet  nicht  den  Weg  zu  dem  menschlichen  Herzen. 
Man  soli  jedoch  auch  nicht  die  Furcht  davor  haben,  daft  das  Gefiihl 
der  Objektivitat  des  Gedankens  schaden  miisse.  Das  wird  nur  der  Fall 
sein,  wenn  es  nicht  durch  die  beschriebene  Stimmung  den  Weg  zu  der 
Geisthaftigkeit  des  Menschen  gefunden  hat. 


Nachrichtenblatt,  30.  Marz  1924 


An  die  Mitglieder! 

VOM  ANTHROPOSOPHISCHEN  LEHREN 

Die  Anregung,  sich  mit  Anthroposophie  zu  beschaftigen,  wird  in  den 
meisten  Fallen  da  von  herkommen,  dafi  dem  Menschen  der  Blick  in  die 
aufiermenschliche  Welt  zu  einem  Quell  der  Unbefriedigung  wird,  und 
er  dadurch  veranlafk  wird,  die  Betrachtung  auf  das  eigene  Menschen- 
wesen  zu  lenken.  Er  ahnt,  daft  die  Ratsel,  welche  das  Leben  aufgibt, 
nicht  durch  Hinausschauen  in  das  Weltgetriebe,  sondern  durch  Hinein- 
blicken  in  das  menschliche  Innensein  zur  Aufhellung  kommen.  Das 
Streben  nadi  Wekerkenntnis  verwandelt  sidi  ihm  in  dasjenige  nach 
Selbsterkenntnis. 

Die  in  der  Anthroposophischen  Gesellschaft  tatig  sein  wollenden 
Mitglieder  werden  auf  dieses  zu  achten  haben.  Dann  werden  sie  auf  der 
einen  Seite  ihre  Aufgabe  in  der  rediten  Art  empfinden  lernen.  Sie  wer- 
den aber  audi  die  Gefahren  erkennen  lernen,  die  mit  dieser  Aufgabe 
verbunden  sind. 

Streben  nach  Selbsterkenntnis  treibt  nur  allzu  oft,  wenn  sie  irre- 
geleitet  ist,  zu  einer  besonderen  Form  des  Egoismus.  Der  Mensch  kann 
sich  selbst  zu  wichtig  nehmen  und  dadurch  das  Interesse  fur  alles  ver- 
lieren,  was  sich  aufier  ihm  abspielt.  Jedes  rechte  Streben  kann  eben, 
wenn  es  in  Einseitigkeit  verfallt,  in  die  Irre  gehen. 

Man  kommt  uberhatipt  zu  keiner  Weltanschauung,  wenn  man  diese 
nicht  durch  eine  Menschen-Anschauung  sucht.  Denn  die  uralte  Wahr- 
heit,  dafi  der  Mensch  ein  Mikrokosmos,  eine  wahre  «kleine  Welt»  ist, 
wird  sich  immer  auch  als  die  allerneueste  erweisen.  Der  Mensch  birgt 
in  seinem  eigenen  Wesen  alle  Ratsel  und  Geheimnisse  der  «grofien 
Welt»,  des  Makrokosmos. 

Erfafk  man  dieses  in  rechter  Art,  so  wird  jeder  Blick  in  das  Men- 
schen-Innere  die  Aufmerksamkeit  auf  die  aufiermenschliche  Welt 
lenken.  Und  Selbsterkenntnis  wird  das  Tor  zurWelterkenntnis  werden. 
Erfafit  man  es  in  irriger  Art,  so  wird  man  sich  mit  der  Selbstbetrach- 


tung  in  das  eigene  Wesen  einsperren  und  die  Anteilnahme  fiir  die  Welt 
verlieren. 

Das  letztere  darf  durch  die  Anthroposophie  nidit  geschehen.  Sonst 
wird  die  Klage  nicht  verstummen,  die  man  von  vielen  in  die  Anthro- 
posophische  Gesellschaft  Neu-Eintretenden  horen  kann:  ach,  wie  ego- 
istisch  denken  doch  die  Anthroposophen. 

Wer  sich  selbst  kennen  lernen  will,  der  sollte  durch  das,  was  er  in 
dieser  Selbsterkenntnis  erwirbt,  den  Blick  scharfen  kbnnen  zunachst 
dafiir,  wie  alles,  was  an  ihm  ist,  ihm  auch  in  dem  andern  Menschen 
entgegentritt.  Man  empfindet,  was  der  Mitmensch  erlebt,  wenn  man 
ein  ahnliches  in  sich  selbst  erlebt  hat.  Solange  dieses  Selbst-Erleben 
fehlt,  geht  man  am  dem  Erlefoen  des  andern  voriiber,  ohne  es  in  der 
richtigen  Weise  zu  sehen.  Aber  es  kann  das  Fiihlen  audi  durch  das  eigene 
Erleben  so  gefesselt  werden,  dafi  es  fiir  den  andern  nichts  mehr  iibrig 
behalt. 

Die  in  der  Gesellschaft  tatigen  Mitglieder  werden  ihr  Wirken  nach 
dieser  Richtung  zu  einem  forderlichen  machen,  wenn  sie  nur  acht  geben 
wollen  auf  die  Gefahren,  die  da  lauern.  Sie  werden  dann  verhindern, 
daft  Selbsterkenntnis  in  Selbstliebe  ausartet.  Sie  werden  vielmehr  ihrem 
Wirken  den  Ton  verleihen,  der  die  Selbst-Erkenntnis  in  die  Menschen- 
Liebe  hiniiberleitet.  Und  wer  Interesse  fiir  den  andern  Menschen  ent- 
wickelt,  der  wird  es  auch  an  Interesse  fiir  die  Welt  im  allgemeinen  nicht 
fehlen  lassen. 

Ich  habe  Freunden,  die  von  mir  zu  irgendeiner  Gelegenheit  einen 
Gedenkspruch  forderten,  oft  den  folgenden  gegeben: 

Willst  du  das  eigene  Wesen  erkennen, 
Sieh  dich  in  der  Welt  nach  alien  Seiten  um. 
Willst  du  die  Welt  wahrhaft  durchschauen, 
Blick  in  die  Tiefen  der  eignen  Seele. 

In  der  Orientierung,  welche  dieser  Spruch  gibt,  mufi  der  Vortrag 
anthroposophischer  Erkenntnisse  sich  halten.  Dann  wird  vermieden 
werden,  daft  durch  das  Besprechen  des  menschlichen  Innenwesens  das 
egoistische  Sich-Hineinspinnen  in  das  eigene  Wesen  zu  stark  angefacht 
wird. 


Es  wirkt  in  der  Tat  abstofiend,  wenn  der  Neu-Eintretende  an  den 
Anthroposophen  nur  bemerken  kann,  wie  sich  diese  nur  mit  sich  selbst 
beschaftigen  wollen.  Man  wird  gewahr,  wie  Menschen,  die  eine  Zeitlang 
Mitglieder  der  Anthroposophischen  Gesellschaft  gewesen  sind,  bei  jeder 
Gelegenheit  dariiber  jammern,  daft  ihnen  das  Leben  keine  Zeit  lafit, 
sich  in  die  Anthroposophie  recht  zu  vertiefen.  Besonders  haufig  findet 
man  das  bei  solchen  Menschen,  die  ihr  Tatigkeitsfeld  innerhalb  der 
anthroposophischen  Bewegung  selbst  gefunden  haben.  Ihnen  wird  leicht 
die  Arbeit  zuviel,  weil  sie  meinen,  sie  werden  durch  sie  von  der  Medi- 
tation, von  dem  Lesen  anthroposophischer  Schriften  und  so  weiter  ab- 
gehalten.  Aber  durch  die  Liebe  zur  anthroposophischen  Erkenntnis 
darf  nicht  die  freudige  Hingabe  an  die  Notwendigkeiten  des  Lebens 
gestort  werden.  1st  das  der  Fall,  so  wird  die  Besehaftigung  mit  der 
Anthroposophie  audi  nicht  die  rechte  Warme  haben  konnen;  sie  wird 
zum  kalten  Egoismus  ausarten. 

Sich  stark  mit  dieser  Erkenntnis  zu  durchdringen,  wird  eine  Aufgabe 
fiir  die  in  der  Gesellschaft  tatig  sein  wollenden  Mitglieder  sein  miissen. 
Dann  werden  sie  den  Ton  fiir  ihr  Wirken  finden  konnen,  der  Gefahren 
aus  dem  Felde  schlagt,  die  sich  leicht  einstellen  konnen. 

Nadirichtenblatt,  6.  April  1924 

An  die  Mitglieder! 

UBER  DIE  GESTALTUNG  DER  ZWEIGABENDE 

Es  wird  seit  einiger  Zeit  innerhalb  der  Mitgliedschaft  viel  dariiber  ver- 
handelt,  ob  in  den  Zweigversammlungen  es  Regel  sein  soil,  die  vor- 
handene  anthroposophische  Literatur  durch  Vorlesen  und  Besprechen 
zur  allgemeinen  Kenntnis  innerhalb  der  Anthroposophischen  Gesell- 
schaft zu  bringen,  oder  ob  der  freie  Vortrag  iiber  dasjenige,  was  einzelne 
tatig  sein  wollende  Mitglieder  zu  sagen  haben,  zu  bevorzugen  sei. 

Wer  sich  auf  dieBedingungen  der  anthroposophischen  Arbeit  besinnt, 
dem  sollte  ohne  weiteres  klar  sein,  daft  nicht  einseitig  die  eine  oder  die 
andere  dieser  Tatigkeitsrichtungen,  sondern  nach  den  vorhandenen 


Mogliehkeitenbeidegepflegt  werden  miissen.  In  der  anthroposophischen 
Literatur  liegt  dasjenige  vor,  was  die  Menschen  in  die  Gesellsdiaft  her- 
einfuhrt.  Sie  ist  dazu  bestimmt,  die  Grundlage  im  Wirken  der  Gesell- 
sdiaft zu  bilden.  Sie  wird,  wenn  sie  durch  die  Zweigversammlungen 
zur  Kenntnis  der  Mitglieder  gebracht  wird,  den  einheitlichen  Zug 
bilden,  den  wir  brauchen,  wenn  unsere  Gesellsdiaft  einen  rechten  Inhalt 
haben  soli. 

Man  sollte  nicht  den  Einwand  machen:  was  gedruckt  ist,  kann  ich  ja 
zu  Hause  selber  lesen;  das  braucht  mir  in  den  Zweigversammlungen 
nicht  vorgefuhrt  zu  werden.  Es  ist  in  diesem  Mitteilungsblatte  schon 
auf  das  Irrtumliche  dieser  Meinung  hingewiesen  worden.  Man  sollte 
einen  Sinn  darinnen  sehen,  mit  den  in  der  Gesellsdiaft  vereinigten 
Personlichkeiten  zusammen  das  anthroposophische  Geistesgut  an  sich 
herankommen  zu  lassen.  In  diesem  Gefuhl,  zusammen  zu  sein,  und  im 
Zusammensein  das  Geistige  aufzunehmen,  sollte  man  nidit  ein  Wesen- 
loses  sehen. 

Audi  ist  es  notig,  dafi  die  tatig  sein  wollenden  Mitglieder  ein  Inter- 
esse  daran  haben,  die  vorhandene  Literatur  allmahlich  wirklidi  zum 
geistigen  Eigentum  der  Mitgliederschaft  zu  machen.  Es  geht  nicht  an, 
dafi  viele  Mitglieder,  die  jahrelang  in  der  Gesellsdiaft  sind,  in  den 
Zweigversammlungen  nichts  zu  horen  bekommen  uber  Dinge,  von 
denen  bestimmte  Erkenntnisse  in  der  vorhandenen  Literatur  vorliegen. 

Anf  der  andern  Seite  ist  zu  sagen:  es  wiirde  das  Leben  in  der  Gesell- 
sdiaft ernsten  Schaden  leiden,  wenn  nicht  moglichst  viele  tatige  Mit- 
glieder innerhalb  derselben  vorbringen  wiirden,  was  sie  aus  Eigenem 
heraus  zu  sagen  haben.  Man  kann  doch  dieses  Tatigkeitsfeld  ganz  gut 
mit  dem  andern  in  harmonischen  Einklang  bringen.  Man  sollte  doch 
bedenken,  dafi  Anthroposophie  nur  das  werden  kann,  was  sie  werden 
soil,  wenn  immer  mehr  Menschen  an  ihrer  Ausbildung  teilnehmen.  Es 
sollte  Freude  dariiber,  nicht  Ablehnung  herrschen,  wenn  tatige  Mit- 
glieder in  den  Zweigversammlungen  das  zur  Kenntnis  bringen,  was  sie 
sich  erarbeitet  haben. 

Wenn  nun  oft  gesagt  wird:  das,  was  von  mancher  Personlichkeit 
vorgebracht  wird,  sei  nicht  Anthroposophie,  so  kann  ein  solcher  Aus- 
spruch  gewifi  in  einzelnen  Fallen  seine  Berechtigung  haben.  Aber  wohin 


kamen  wir,  wenn  wir  uns  gegen  die  Wahrheit  versiindigten,  dafi  in  der 
Anthroposophisdien  Gesellsdiaft  alles  leben  sollte,  was  zumGeistesgute 
der  Menschheit  gehdrt.  Das  eine  wird  aus  dem  Grunde  vorgebradit 
werden  sollen,  weil  es  die  Grundlage  zum  Aufbau  anthroposophischer 
Darstelkng  bilden  kann.  Das  andere  wird  mitzuteilen  sein,  weil  es  von 
anthroposophisdien  Gesichtspunkten  nachher  zu  beleuchten  ist.  "Wenn 
nur  der  anthroposophische  Grunddiarakter  in  dem  Wirken  der  Gesell- 
sdiaft gewahrt  wird,  so  sollte  dem,  was  die  einzelnen  tatigen  Mitglieder 
bringen,  nidit  in  engherziger  Art  eine  Grenze  gezogen  werden. 

Nidit  in  dem  Ausschliefien  des  einen  oder  des  andern  sollte  gesudit 
werden,  was  die  Zweigversammlungen  tun  sollen,  sondern  in  der  har- 
monischen  Vereinigung  der  Pflege  der  vorhandenen  Literatur  und  dem 
Vorbringen  dessen,  was  die  einzelnen  tatigen  Mitglieder  von  sich  aus 
zu  sagen  haben. 

Durch  Mannigfaltigkeit,  nidit  durdi  Einformigkeit  des  Wirkens 
werden  wir  die  Ziele  der  Anthroposophisdien  Gesellsdiaft  erreichen. 
Wir  haben  innerhalb  der  Gesellsdiaft  soviele  Mitglieder,  die  aus  Eige- 
nem  zu  geben  haben,  dafi  wir  iiber  diese  Tatsadie  herzlich  froh  sein 
konnen.  Wir  sollten  uns  nach  dieser  Richtung  angewohnen  konnen, 
Anerkennung  solchen  Mitgliedern  entgegenzubringen.  Nur  wenn  die 
Leistungen  innerhalb  der  Gesellsdiaft  recht  gewiirdigt  werden,  kann 
wahres  Ldben  in  ihr  sein.  Engherzige  Ablehnung  sollte  unter  den  Un- 
tugenden  innerhalb  der  Anthroposophisdien  Gesellsdiaft  die  allersel- 
tenste  sein.  Man  sollte  vielmehr  einen  Enthusiasmus  dafiir  entwickeln, 
moglicfost  viel  von  dem  kennen  zu  lernen,  was  der  eine  oder  der  andere 
in  der  Gemeinschaft  der  Anthroposophen  zu  sagen  hat. 


Nadirichtenblatt,  18.  Mai  1924 


An  die  Mitglieder! 

DIE  BILDNATUR  DES  MENSCHEN 

Es  kommt  viel  darauf  an,  dafi  durch  die  Anthroposophie  begriffen 
werde,  wie  die  Vorstellungen,  die  der  Mensch  im  Anblicke  der  aufieren 
Natur  gewinnt,  vor  der  Menschenbetrachtung  Halt  machen  miissen. 
Gegen  diese  Forderung  siindigt  die  Denkungsart,  die  durch  die  geistige 
Entwickelung  der  letzten  Jahrhunderte  in  die  Menschengemiiter  ein- 
gezogen  ist.  Durch  sie  gewohnt  man  sich,  Naturgesetze  zu  denken;  und 
durch  diese  Naturgesetze  erklart  man  sich  die  Naturerscheimmgen,  die 
man  mit  den  Sinnen  wahrnimmt.  Man  sieht  nun  nach  dem  menschlichen 
Organismus  hin  und  betrachtet  audi  diesen  so,  wie  wenn  seine  Einridi- 
tung  begriffen  werden  konnte,  wenn  man  die  Naturgesetze  auf  ihn 
anwendet. 

Das  ist  nun  gerade  so,  als  ob  man  das  Bild,  das  ein  Maler  gescbaffen 
hat,  betrachtete  nach  der  Substanz  der  Farben,  nach  der  Kraft,  mit  der 
die  Farben  an  der  Leinwand  haften,  nach  der  Art,  wie  sich  diese  Farben 
auf  die  Leinwand  streichen  lassen,  und  nach  ahnlichen  Gesichtspunkten. 
Aber  mit  alledem  trifft  man  nicht,  was  sich  in  dem  Bilde  offenbart.  In 
dieser  Offenbarung,  die  durch  das  Bild  da  ist,  leben  ganz  andere  Gesetz- 
mafiigkeiten  als  diejenigen,  die  aus  den  angegebenen  Gesichtspunkten 
gewonnen  werden  konnen. 

Es  kommt  nun  darauf  an,  sich  dariiber  klar  zu  werden,  daiS  sich  audi 
in  der  menschlichen  Wesenheit  etwas  offenbart,  das  von  den  Gesichts- 
punkten, von  denen  aus  die  Gesetze  der  aufieren  Natur  gewonnen  wer- 
den, nicht  zu  ergreifen  ist.  Hat  man  diese  Vorstellung  in  der  rechten 
Art  sich  zu  eigen  gemacht,  dann  wird  man  in  der  Lage  sein,  den  Men- 
schen  als  Bild  zu  begreifen.  Ein  Mineral  ist  in  diesem  Sinne  nicht  Bild. 
Es  offenbart  nur  dasjenige,  was  unmittelbar  die  Sinne  wahrnehmen 
konnen. 

Beim  Bilde  richtet  sich  die  Anschauung  gewissermafien  durch  das 
sinnlich  Angeschaute  hindurch  auf  einen  Inhalt,  der  im  Geiste  erfafit 


wird.  Und  so  ist  es  audi  bei  der  Betraditung  des  Menschenwesens.  Er- 
faftt  man  dieses  in  reenter  Art  mit  den  Naturgesetzen,  so  fuhlt  man  sich 
im  Vorstellen  dieser  Naturgesetze  nicht  dem  wirklichen  Menschen  nahe, 
sondern  nur  demjenigen,  durch  das  sich  dieser  wirkliche  Mensch  offen- 
bart. 

Man  mufi  es  im  Geiste  erleben,  daiS  man  mit  den  Naturgesetzen  so 
vor  dem  Menschen  stent,  wie  man  vor  einem  Bilde  stiinde,  wenn  man 
nur  wtiftte,  da  ist  Blau,  da  ist  Rot,  und  man  nicht  imstande  ware,  in 
einer  inneren  Seelentatigkeit  das  Blau  und  Rot  auf  etwas  zu  beziehen, 
das  sich  durch  diese  Farben  off  enbart. 

Man  mufi  eben  eine  andere  Empfindung  haben,  wenn  man  mit  den 
Naturgesetzen  einem  Mineralischen,  und  eine  andere,  wenn  man  dem 
Menschen  gegeniibersteht.  Beim  Mineralischen  ist  es  fur  die  geistige 
Auffassung  so,  als  wenn  man  das  Wahrgenommene  unmittelbar  er- 
tastete;  beim  Menschen  ist  es  so,  als  ob  man  ihm  mit  den  Naturgesetzen 
so  feme  stiinde,  wie  man  einem  Bilde  feme  stent,  das  man  nicht  mit 
Seelenaugen  anblickt,  sondern  nur  betastet. 

Hat  man  erst  in  der  Anschauung  des  Menschen  begriffen,  da!5  dieser 
Bild  von  etwas  ist,  dann  wird  man  in  der  rechten  Seelenstimmung  auch 
zu  dem  fortschreiten,  was  sich  in  diesem  Bilde  darstellt. 

Und  im  Menschen  offenbart  sich  die  Bildnatur  nicht  auf  eine  ein- 
deutige  Weise.  Ein  Sinnesorgan  ist  in  seinem  Wesen  am  wenigsten  Bild, 
am  meisten  eine  Art  Offenbarung  seiner  selbst  wie  das  Mineral.  Man 
kann  gerade  an  die  Sinnesorgane  mit  den  Naturgesetzen  am  nachsten 
heran.  Man  betrachte  nur  die  wundervolleEinrichtungdes  menschlichen 
Auges.  Man  erfafit  durch  Naturgesetze  annahernd  diese  Einrichtung. 
Und  bei  den  andern  Sinnesorganen  ist  es  ahnlich,  wenn  auch  die  Sache 
nicht  so  offen  zutage  tritt  wie  beim  Auge.  Es  kommt  dies  daher,  dafl 
die  Sinnesorgane  in  ihrer  Bildung  eine  gewisse  Abgeschlossenheit  zei- 
gen.  Sie  sind  als  fertige  Bildungen  dem  Organismus  eingegliedert,  und 
als  solche  vermitteln  sie  die  Wahrnehmungen  der  Aufienwelt. 

So  aber  ist  es  nicht  mit  den  rhythmischen  Vorgangen,  die  sich  im 
Organismus  abspielen.  Sie  stellen  sich  nicht  als  etwas  Fertiges  dar.  In 
ihnen  vollzieht  sich  ein  fortwahrendes  Entstehen  und  Vergehen  des 
Organismus.  Waren  die  Sinnesorgane  so  wie  das  rhythmische  System, 


so  wiirde  der  Mensch  die  Aufienwelt  in  der  Art  wahrnehmen,  daft 
diese  in  einem  fortwahrenden  Werden  sich  befande. 

Die  Sinnesorgane  stellen  sich  dar  wie  ein  Bild,  das  an  der  Wand 
hangt.  Das  rhythmische  System  stent  vor  uns  wie  das  Geschehen,  das 
sich  entfaltet,  wenn  Leinwand  und  Maler  im  Entstehen  des  Bildes  von 
uns  betrachtet  werden.  Das  Bild  ist  noch  nicht  da;  aber  es  1st  immer 
mehr  da.  In  dieser  Betrachtung  hat  man  es  mir  mit  einem  Entstehen  zu 
tun.  Was  entstanden  ist,  bleibt  zunachst  bestehen.  In  der  Betrachtung 
des  menschlichen  rhythmischen  Systems  schliefit  sich  das  Vergehen,  der 
Abbau,  sogleich  an  das  Entstehen,  an  den  Aufbau  an.  Im  rhythmischen 
System  offenbart  sich  ein  werdendes  Bild. 

Die  Tatigkeit,  welche  die  Seele  verrichtet,  indem  sie  sich  einem  ihr 
Gegenuberstehenden  wahrnehmend  hingibt,  das  fertiges  Bild  ist,  kann 
als  Imagination  bezeichnet  werden.  Das  Erleben,  das  entfaltet  werden 
mufi,  um  ein  werdendes  Bild  zu  erfassen,  ist  dem  gegenuber  Inspiration. 

Noch  anders  Hegt  die  Sache,  wenn  man  das  StofFwechsel-  und  das 
Bewegungssystem  des  menschlichen  Organismus  betrachtet.  Da  ist  es, 
als  ob  man  vor  der  noch  ganz  leeren  Leinwand,  den  Farbentopfen  und 
dem  noch  nicht  malenden  Kiinstler  stiinde.  Will  man  dem  Stoff wechsel- 
und  dem  GliedmajRensystem  gegenuber  zum  Begreifen  kommen,  so 
mufi  man  ein  Wahrnehmen  entwickeln,  das  mit  dem  Wahrnehmen 
dessen,  was  die  Sinne  erfassen,  nicht  mehr  zu  tun  hat  als  der  Anblick 
von  Farbentopfen,  leerer  Leinwand  und  Maler  mit  dem,  was  spater  als 
Bild  des  Malers  vor  unsere  Augen  tritt.  Und  die  Tatigkeit,  in  der  die 
Seele  rein  geistig  den  Menschen  aus  dem  StofFwechsel  und  aus  seinen 
Bewegungen  heraus  erlebt,  ist  so,  wie  wenn  man  im  Anblicke  vom 
Maler,  leerer  Leinwand  und  Farbentopfen  das  spater  gemalte  Bild 
erlebte.  Dem  StofFwechsel-  und  Gliedmafiensystem  gegenuber  mufi  in 
der  Seele  die  Intuition  walten,  wenn  es  zum  Begreifen  kommen  soil. 

Es  ist  notig,  daft  die  tatig  wirkenden  Mitglieder  der  Anthroposophi- 
schen  Gesellschaft  in  soldier  Art  auf  die  Wesenheit  hindeuten,  die  dem 
anthroposophischen  Betrachten  zugrunde  liegt.  Denn  nicht  nur  soil 
eingesehen  werden,  was  durch  Anthroposophie  an  Erkenntnisinhalt 
gewonnen  wird,  sondern  audi,  wie  man  zum  Erleben  dieses  Erkennt- 
nisinhaltes  gelangt. 


Nadiriditenblatt,  2$.  Mai  1924 


An  die  Micglieder! 

ETfAS  VON  DER  STIMMUNG, 
DIE  IN  DEN  ZWEIGVERSAMMLUNGEN  SEIN  SOLLTE 

Die  Betraditungsart  gegeniiber  dem  Menschen,  von  der  das  letzte  Mai 
hier  gesprochen  worden  ist,  fuhrt  zu  einer  sachgemaften  Anerkennung 
von  der  Wirksamkeit  des  Geistig-Seelischen  in  der  physischen  und 
atherischen  Menschenwesenheit.  Hat  man  begriffen,  dafi  das  sinnen- 
fallig  Anschaulidie  am  Menschen  Bild  ist,  so  erfafit  man  audi  leicht, 
dafi  in  dem  Bilde  anderes  wirkt  als  dasjenige,  was  in  ihm  an  Stoif- 
artigem  enthalten  ist.  Man  wird  sich  aber  auch  mit  einer  ganz  anderen 
Seelen-Einstellung  dem  gegeniiber  verhalten,  dessen  Bildwesenheit  man 
anerkennt,  als  einem  solchen  gegeniiber,  das  man  nur  in  seiner  eigenen 
stoffartigen  Beschaffenheit  ins  Auge  faftt. 

Und  in  dieser  anderen  Seelen-Einstellung  liegt  etwas  Aufweckendes. 
Empfindet  man  ganz  lebhaft,  wie  man  sich  in  einer  solchen  Einstellung 
innerlich  verhalt,  wie  man  gestimmt  ist,  so  fiihlt  man  das  Aufwachen 
von  Seelenkraften,  die  im  gewohnlichen  Leben  schlummern.  Und  dar- 
auf  kommt  viel  an,  dafi  derjenige,  der  Anthroposophie  aufnimmt,  an 
diesem  Aufnehmen  schon  empfindet:  in  der  Menschenseele  schlummern 
noch  andere  Erkenntniskrafte,  als  die  sind,  die  er  vor  seinem  Heran- 
treten  an  die  Anthroposophie  anerkannt  hat. 

Weifi  man,  man  hat  ein  Bild  vor  sich,  so  stellt  man  das  Erkennen  auf 
das  Nicht-Sinnenfallige  ein.  Man  wird  dadurch  von  diesem  Nicht- 
Sinnenfalligen  ergrifTen,  wie  man  im  Wahrnehmungsleben  von  dem 
Sinnenfalligen  ergriffen  wird. 

Wenn  die  vortragend  tatigen  Mitglieder  der  Anthroposophischen 
Gesellschafl  in  den  Zweigversammlungen  die  Aufmerksamkeit  fiir 
solche  Dinge  wachrufen,  so  wird  dadurch  zu  dem  anthroposophischen 
Lehren  anthroposophische  Stimmung  kommen. 

Und  diese  sachgemdfi  hervorgerufene  Stimmung  wird  erst  den 
Zweigversammlungen  den  Geist  geben,  der  in  ihnen  walten  soil.  Der 
Teilnehmer  wird  dann  fuhlen,  dafi  Anthroposophie  nicht  blofi  eine 


theoretische  Mitteilung  uber  das  Geistige  enthalt,  sondern  dafi  sie  ein 
in  sich  Kraftvolles,  Wesenhaftes  ist,  das  zum  Erleben  des  Geistigen 
hinuberfuhrt. 

In  jeder  sachgemafien  Art  sollte  von  den  tatigen  Mitgliedern  bedacht 
werden,  wie  dieses  Erleben  des  Geistigen  in  der  anthroposophischen 
Arbeit  erreicht  werden  kann. 

Denn  nur  auf  diese  Art  kann  in  denen,  die  Anthroposophie  aufneh- 
men,  ohne  selbst  im  Geistigen  forschen  zu  konnen,  das  Gefuhl  iiber- 
wunden  werden,  dafi  sie  nur  theoretisch  sich  mitteilen  lassen,  was 
andere,  die  es  zum  Forschen  gebracht  haben,  erleben.  In  der  rechten 
Mitteilung  des  im  Geiste  Erlebten  liegt  ein  Mit-Erleben-Lassen  des 
Mitgeteilten. 

Herrscht  dieser  Geist  des  Mit-Erleben-Lassens  in  den  Zweigver- 
sammlungen,  so  vertreibt  er  alles  auf  unberechtigtes  Autoritatsgefuhl 
gebaute  Wesen.  Die  Gegner  der  Anthroposophie  wenden  gegen  diese 
fortwahrend  ein,  dafi  sich  die  Anthroposophen  zu  dem,  was  ihnen  mit- 
geteilt  wird,  nur  auf  dieses  Autoritatsgefuhl  hin  bekennen.  Wenn  in 
der  Gesellschaft  Anthroposophie  im  rechten  Geiste  getrieben  wird,  so 
verliert  diese  Einwendung  jeden  Sinn.  Denn  die  Teilnehmer  an  unsern 
Versammlungen  fuhlen  dann  gar  nicht  so,  dafi  sie  sagen  konnen,  sie 
erkennen  dieses  oder  jenes  an,  weil  dieser  oder  jener  es  gesagt  hat;  denn 
sie  lernen  wissen,  dafi  in  dem  eigenen  Innern  die  Zustimmung  nicht 
erzwungen  wird,  sondern  dafi  sich  diese  im  selbstverstandlichen  Erleben 
einstellt. 

Man  erlebt  doch  auch,  wenn  man  einem  gutgesinnten  Menschen 
gegeniibertritt,  dessen  innere  Giitigkeit  nicht  deshalb,  weil  eine  Autori- 
tat  dazu  anleitet,  die  Giitigkeit  als  wohltuend  zu  empfinden,  sondern 
weil  sich  die  Seele  unmittelbar  von  der  giitigen  Art  wohltuend  beriihrt 
fiihlt.  So  kann  man  die  Wahrheit  der  Anthroposophie  an  der  Art  ihres 
Mitteilens,  an  ihrem  eigenen  Wesen  gewahr  werden. 

Dafi  die  Anthroposophie  so  wirken  kann,  dazu  sollten  die  Zweig- 
leiter  dasNotwendige  tun.  Nicht  durch  dieHervorrufung  des  Gefuhles: 
da  werden  Dinge  vorgebracht,  die  geheimnisvoll  sind,  soli  der  esoteri- 
sche  Charakter  der  anthroposophischen  Versammlungen  bedingt  sein. 
Esoterik  beruht  auf  dem  charakterisierten  Verinnerlichen  in  der  Mit- 


teilung  von  Wahrheiten.  Man  sollte  in  dieser  Verinnerlichung  etwas 
von  dem  Impuls  sehen,  den  die  Weihnachtstagung  in  die  Anthroposo- 
phische  Gesellschaft  hat  bringen  wollen.  In  dem  unaufhorlichen  Wach- 
Erhalten  dieser  Absicht  und  dieses  Wollens  von  der  Weihnachtstagung 
her  wird  der  Segen  liegen  konnen,  den  diese  Tagung  gehabt  hat  und 
den  sie  weiter  wird  iiber  die  anthroposophische  Bewegung  ausgielSen 
konnen. 

Nachrichtenblatt,  i.  Juni  1924 

An  die  Mitglieder! 

NOCH  ETfAS  VON  DER  DEN  ZWEIGVERSAMMLUNGEN 
NOTWENDIGEN  STIMMUNG 

Anthroposophische  Betrachtungen  solltennicht  zu  einer  Unterschatzung 
des  aufieren  Lebens  fuhren.  Es  wird  ja  bei  vielen  Menschen  so  sein,  dafi 
entweder  schwere  Schicksalsschlage  oder  die  Wahrnehmung  der  Wider- 
spriiche  im  aufieren  Leben  diejenige  Vertiefung  des  Empfindens  hervor- 
ruft,  welche  sich  in  dem  Hinneigen  zu  einer  geistgemafien  Auff  assung 
des  Daseins  ausdriickt. 

Aber  wie  die  physische  Wesenheit  des  Menschen  des  Schlafes  bedarf, 
um  im  Wachen  tiichtig  zu  sein,  so  hat  ein  richtiges  Drinnenstehen  in  der 
geistigen  Welt  den  Sinn  fur  das  physische  Erleben  no  tig,  um  Festigkeit 
und  Sicherheit  der  Seele  zu  entwickeln.  -  Denn  die  Erfullung  des 
menschlichen  Inneren  mit  Erkenntnissen  vom  Geistigen  ist  ein  Auf- 
wachen  aus  dem  Leben  in  der  sinnenfalligen  Wirklichkeit  und  aus  den 
Impulsen,  die  der  Wille  aus  dieser  Wirklichkeit  schopfen  kann. 

Deshalb  sollten  die  in  der  Anthroposophischen  Gesellschaft  tatig 
wirkenden  Mitglieder  stets  darauf  bedacht  sein,  dafi  solchen  Person- 
lichkeiten,  die  aus  einer  Unterschatzung  des  aufieren  Lebens  das  innere 
zu  ergreifen  suchen,  die  Kraft  dieses  Inneren  zwar  in  aller  nur  mog- 
lichen  Starke  gegeben  werde,  dafi  aber  mit  diesem  ihnen  zugleich  die 
Schatzung  des  XufSeren  und  die  Tiichtigkeit  fur  dieses  erstehe. 

Man  sollte  stets  bedenken,  dafi  das  menschliche  Erdenleben  innerhalb 


des  Gesamtdaseins  des  Menschen,  das  durch  Geburten  und  Tode  geht, 
eine  Bedeutung  hat.  In  diesem  Erdenleben  ist  der  Menschengeist  in 
dem  materiellen  Sein  verkdrpert.  Er  ist  an  dieses  materielle  Sein  hin- 
gegeben.  Was  er  in  dieser  Hingebung  erleben  kann,  das  kann  ihm  in 
keiner  Daseinsform  zukommen,  in  der  er  als  Geist  im  Geistigen  sich 
selbst  gegeben  ist. 

Das  Leben  im  materiellen  Dasein  ist  fur  den  Menschen  diejenige 
Daseinsstuf  e,  auf  der  er  das  Geistige  aufierhalb  von  dessen  Wirklichkeit 
im  Bilde  wahrnehmen  kann.  Und  ein  Wesen,  das  den  Geist  nicht  auch 
im  Bilde  erlebt,  kann  kein  freies,  aus  der  eigenen  Wesenheit  entsprin- 
gendes  Hinneigen  zum  Geiste  entfalten.  Audi  diejenigen  Wesenheiten, 
die  sich  nicht  nach  Menschenart  im  materiellen  Dasein  verkorpern, 
machen  Lebensstufen  durch,  in  denen  sie  ihr  eigenes  Wesen  an  ein 
anderes  Daseins-Element  hinzugeben  haben. 

In  dieser  Hingabe  liegt  die  Grundlage  fur  die  Entwickelung  des 
Liebes-Impulses  im  Leben.  Ein  Wesen,  das  niemals  in  eineEntfremdung 
von  dem  eigenen  Selbst  eingeht,  kann  nicht  diejenige  Hinneigung  zu 
einem  andern  in  sich  erbilden,  die  sich  in  der  Liebe  ofTenbart.  Und  das 
Erfassen  des  Geistigen  durch  den  Menschen  kann  leicht  in  Lieblosigkeit 
verharten,  wenn  es  in  Einseitigkeit  mit  einer  Verachtung  des  in  der 
aufteren  Welt  sich  OfFenbarenden  sich  verbindet. 

Wahre  Anthroposophie  sucht  nicht  den  Geist,  weil  sie  die  Natur 
geistlos  findet  und  deshalb  der  Verachtung  wert,  sondern  deshalb,  weil 
sie  in  der  Natur  den  Geist  suchen  will  und  ihn  nur  auf  anthroposophi- 
sche  Art  darinnen  finden  kann. 

Wenn  eine  in  dieser  Richtung  wirkende  Gesinnung  dasjenige  durch- 
waltet,  was  in  unseren  Zweigversammlungen  getan  wird,  so  werden 
diese  den  Mitgliedern  ein  Erleben  bringen,  das  mit  den  Anforderungen, 
die  des  Menschen  Gesamtdasein  an  diesen  stellt,  im  Einklange  sich 
befindet.  Und  die  Weltfremdheit,  die  so  leicht  wie  eine  ungesunde 
Atmosphare  anthroposophischer  Arbeit  sich  ergeben  kann,  wird  ver- 
trieben  werden. 

Auch  dieses  gehort  zu  den  Elementen,  die  die  rechte  Stimmung  in  der 
Arbeit  unserer  Gesellschaft  bewirken  sollen.  Die  Mitglieder  werden 
ihreBesuche  in  den  Zweigversammlungen  nicht  in  der  wiinschenswerten 


Art  verbracht  haben,  wenn  sich  ihnen  ein  Abgrund  auftut  zwischen 
dan,  was  sie  durch  Anthroposophie  vernehmen  und  dem,  was  sie  im 
aufieren  Leben  erfahren  miissen.  Der  Geist,  der  in  den  Zweigversamm- 
lungen  waltet,  mufi  zum  Lidite  werden,  das  fortleuchtet,  wenn  das 
Mitglied  den  aufieren  Anforderungen  des  Tages  hingegeben  ist.  Waltet 
solcher  Geist  nicht,  so  wird  das  Mitglied  durch  Anthroposophie  fiir  das 
Leben,  das  dodi  seine  Rechte  hat,  nicht  tiichtiger,  sondern  untiichtiger. 
Dann  aber  waren  manche  Vorwiirfe,  die  von  Auftenstehenden  der 
Anthroposophischen  Gesellschaft  gemacht  werden,  berechtigt.  Und  die 
Anthroposophische  Gesellsdiaft  wiirde  Anthroposophie  nicht  fordern, 
sondern  schadigen. 

Nadirichtenblatt,  6.  Juli  1924 

An  die  Mitglieder! 

NOCH  ETWAS  UBER 
DIE  AUSWIRKUNGEN  DER  WEIHNACHTSTAGUNG 

Zu  den  Auswirkungen  der  Weihnachtstagung  sollte  auch  gehoren,  daft 
durch  die  tatig  sein  wollenden  Mitglieder  immer  klarer  vor  die  Welt 
hingestellt  wiirde,  was  Anthroposophie  ihrem  Wesen  nach  ist  und  nicht 
ist.  Solange  immer  noch  die  Meinung  diskutiert  werden  kann:  Sollte 
man  nicht  das  oder  jenes  auf  anthroposophischem  Boden  Gewonnene 
da  oder  dort  «einfliefien»  lassen,  ohne  die  Leute  dadurch  abzuschrecken, 
daft  man  ihnen  sagt,  das  sei  Anthroposophie,  solange  wird  innerhalb 
der  Anthroposophischen  Gesellschaft.  vieles  nicht  in  Ordnung  kommen. 

Nun  handelt  es  sich  darum,  nach  dieser  Richtung  wirklich  nach 
Klarheit  zu  streben.  Es  ist  ein  Unterschied  zwischen  dem  sektiererischen 
Eintreten  fiir  irgend  etwas,  das  man  sich  als  dogmatische  Anthroposo- 
phie zurechtgelegt  hat,  und  dem  geradsinnigen,  off enen,  unversteckten 
und  unverbramten  Eintreten  fiir  dasjenige,  was  durch  Anthroposophie 
an  Erkenntnis  iiber  die  geistige  Welt  so  zutage  tritt,  dai5  der  Mensch 
ein  menschenwurdiges  Verhaltnis  zu  dieser  Welt  gewinnen  kann. 

In  der  letzteren  Art  restlos  das  Arbeiten  fiir  Anthroposophie  aufzu- 


fassen,  ist  die  Aufgabe  des  Vorstandes  am  Goetheanum;  und  dieser 
wird  von  den  tatig  sein  wollenden  Mitgliedern  in  dieser  seiner  beson- 
deren  Eigenart  audi  recht  verstanden  werden  miissen.  Durch  die  Weih- 
nachtstagung  soil  bewirkt  werden,  dafi  Anthroposophie  und  Anthro- 
posophisdie  Gesellschaft  immer  mehr  zusammenwachsen.  Das  kann 
nicht  geschehen,  wenn  die  Saat  weiter  bluht,  die  dadurch  ausgestreut 
worden  ist,  dafi  man  immer  wieder  zwisdien  «Rechtglaubigkeit»  und 
«Ketzerei»  innerhalb  des  Kreises  derer  unterschied,  die  sich  in  der 
Anthroposophischen  Gesellsdiaft  zusammengefunden  haben. 

Man  mufi  vor  allem  wissen,  was  in  dieser  Richtung  Anthroposophie 
als  geistige  Haltung  moglich  madit.  Sie  besteht  nidit  in  einer  Summe 
von  Meinungen,  wekhe  die  «Anthroposophen»  haben  miissen.  Es  sollte 
unter  den  Anthroposophen  gar  nicht  das  Wort  aufkommen:  «Wir 
glauben  dies;  wir  weisen  jenes  zuriick.»  So  etwas  kann  sidi  als  die 
naturgemafie  Folge  des  anthroposophisdien  Wirkens  ergeben;  als  Pro- 
gramm  darf  es  nirgends  zur  Geltung  gebracht  werden.  Es  kann  nur  das 
Urteil  geben:  « Anthroposophie  ist  da;  sie  ist  erarbeitet  worden;  ich 
trete  dafur  ein,  dafi  in  der  Welt  das  Erarbeitete  bekannt  werde.»  Dafi 
ein  Unterschied  wie  zwisdien  Tag  und  Nacht  zwisdien  den  beiden  hier 
angefiihrten  Urteilen  besteht,  das  wird  in  Anthroposophenkreisen  noch 
viel  zu  wenig  empfunden.  Sonst  konnte  man  nidit  immer  wieder  sogar 
den  grotesken  Aussprudi  horen:  «Die  Anthroposophisdie  Gesellschaft 
glaubt  dies  oder  jenes. »  Ein  soldier  Aussprudi  hat  in  Wirklichkeit  gar 
keinen  Inhalt.  Dafi  man  dieses  empfinde,  darauf  kommt  es  an. 

Wollte  man  etwa  herumfragen,  um  uber  Anthroposophie  klar  zu 
werden:  was  fur  eine  Meinung  oder  Lebenshaltung  hat  der  oder  jener, 
der  in  der  Anthroposophischen  Gesellschaft  als  Mitglied  eingeschrieben 
ist,  so  wiirde  man  einen  ganz  falschen  Weg  einschlagen,  um  zu  dem 
Wesen  der  Anthroposophie  zu  kommen.  Dennoch  wirken  viele  tatig 
sein  wollende  Mitglieder  so,  dafi  diese  Frage  immer  wieder  auftauchen 
mu£.  Es  sollte  aber  nur  die  Meinung  entstehen:  Da  gibt  es  in  der  Welt 
Anthroposophie;  die  Anthroposophisdie  Gesellschaft  gibt  Gelegenheit, 
sie  kennen  zu  lernen. 

Jeder,  der  neu  in  diese  Gesellschaft  eintritt,  sollte  das  Gefiihl  haben: 
ich  trete  ein,  lediglich  um  Anthroposophie  kennen  zu  lernen.  Dafi  soldi 


em  Gefuhl  in  reenter  Art  entstehe,  kann  durch  die  Haltung  der  tatig 
sein  wollenden  Mitglieder  bewirkt  werden.  Heute  aber  wird  vielfach 
etwas  ganz  anderes  bewirkt.  Die  Leute  haben  Angst  davor,  der  Gesell- 
schaft beizutreten,  weil  sie  aus  der  Haltung  tatig  sein  wollender  Mit- 
glieder den  Eindruck  empfangen:  sie  miiftten  sidi  mit  dem  innersten 
Wesen  ihrer  Seele  gewissen  Dogmen  verschreiben.  Davor  schrecken  sie 
natiirlich  zuriick. 

Es  mufi  der  gute  Wille  dazu  da  sein,  diesen  Eindruck  immer  mehr 
zum  Verloschen  zu  bringen.  Viele  tatig  sein  wollende  Mitglieder  mei- 
nen,  ja,  wenn  man  die  Leute  blofi  deshalb  aufnimmt,  damit  sie  in  der 
Gesellschaft  die  Anthroposophie  kennen  lernen,  dann  treten  sie  eben 
wieder  aus,  wenn  sie  dieses  Kennen-Lernen  besorgt  haben.  Und  wir 
haben  nie  eine  in  sich  geschlossene  Gesellscliaft. 

So  kann  es  aber  nicht  kommen,  wenn  die  Anthroposophische  Gesell- 
schaft  von  ihren  tatig  sein  wollenden  Mitgliedern  in  der  rechten  Art 
aufgefaik  wird.  Es  wird  aber  immer  so  kommen,  wenn  man  die  Zu- 
gehorigkeit  zur  Gesellschaft  von  dem  Bekenntnis  zu  dem  auch  nur 
kleinsten  Dogma  abhangig  machen  will.  Und  ein  Dogma  ist  auch 
jeglicher  Programmpunkt. 

Wenn  aber  die  Mitglieder  der  Anthroposophischen  Gesellschaft  dar- 
aufhin  orientiert  sind,  die  Anthroposophie  durch  die  Mitgliedschaft 
kennen  zu  lernen,  dann  wird  es  von  etwas  ganz  anderem  abhangen,  ob 
sie  drinnen  bleiben  oder  nicht.  Dann  wird  dies  namlich  davon  abhan- 
gen, ob  sie  HofFnungen  haben  konnen,  in  der  Gesellschaft  immer  weiter 
etwas  kennen  lernen  zu  konnen. 

Das  aber  wieder  wird  darauf  zuruckgehen,  ob  der  Kern  der  Gesell- 
schaft wirklich  lebt  oder  ob  er  tot  ist;  und  ob  im  Umkreis  der  Gesellschaft 
die  Bedingungen  dazu  vorhanden  sind,  dalS  der  lebendige  Kern  nicht 
ersterbe,  wenn  er  in  die  Gesellschaft  hineinwachsen  will.  Daft  der  Kern 
lebendig  sei,  das  ist  die  Sorge  des  Vorstandes  am  Goetheanum.  Der 
verwaltet  nicht  Dogmen;  er  fiihlt  sich  nur  als  Trager  eines  Geistesgutes, 
dessen  Wert  ihm  bekannt  ist;  und  er  arbeitet  an  der  Verbreitung  dieses 
Geistesgutes.  Er  ist  iiber  jeden  Menschen  befriedigt,  der  da  kommt  und 
sagt:  ich  will  Anteil  nehmen  an  dem,  was  ihr  da  macht.  Das  ergibt  die 
lebendige  Gestaltung  der  Anthroposophischen  Gesellschaft.  Und  diese 


wird  lebendig  erhalten,  wenn  sich  alle  tatig  sein  wollenden  Mitglieder 
der  Gesinnung  und  Wirkensweise  nach  einig  halten  mit  dem  Vorstande 
am  Goetheanum. 

Alles,  was  man  «Vertrauen»  innerhalb  der  Gesellschaft  zu  nennen 
berechtigt  ist,  kann  nur  auf  einer  solchen  Grundlage  erwadisen.  1st 
diese  Grundlage  vorhanden,  dann  wird  es  nicht  immer  wieder  vor- 
kommen,  dafi  die  Anthroposophisdie  Gesellschaft  vor  der  Welt  als 
etwas  ganz  anderes  ersdieint,  als  sie  ist. 

Idi  kenne  nun  die  Urteile  ganz  gut,  die  bei  vielen  tatig  sein  wollen- 
den Mitgliedern  der  Gesellschaft  aufkommen,  wenn  sie  das  Voran- 
gehende  lesen.  Sie  werden  sagen:  Das  konnen  wir  nicht  verstehen;  jetzt 
wissen  wir  erst  recht  nicht,  was  da  eigentlich  gewollt  wird.  Aber  gerade 
dies  ist  das  schlimmste  Vorurteil.  Man  lese  nur  einmal  die  Sache  genau; 
und  man  wird  sie  nicht  unbestimmt  und  vieldeutig  finden,  sondern  nur 
so,  dafi,  um  sie  in  die  Gesinnung  aufzunehmen,  ein  gewisses  Zartgefiihl 
im  Verstehen  gehort.  Aber  dieses  sollte  doch  da  sein  bei  denjenigen,  die 
in  der  Anthroposophischen  Gesellschaft  tatig  sein  wollen. 

Nadiriditenblatt  13.JUI11924 

An  die  Mitglieder! 

ETWAS  VOM  GEIST-VERSTEHEN  UND 
S  CHICK  SALS- ERLEB EN 

In  die  Mitteilungen  und  Betrachtungen,  die  an  dieser  Stelle  an  die 
Mitglieder  gerichtet  werden,  soil  diesmal  einiges  einfliefien,  das  geeignet 
sein  kann,  den  Gedanken  iiber  die  Leitsatze  eine  weitere  Richtung  zu 
geben. 

Das  Verstandnis  des  anthroposophischen  Erkennens  kann  gefordert 
werden,  wenn  die  menschliche  Seele  immer  wieder  auf  das  Verhaltnis 
von  Mensch  und  Welt  hingelenkt  wird. 

Richtet  der  Mensch  die  Aufmerksamkeit  auf  die  Welt,  in  die  er  hin- 
eingeboren  wird  und  aus  der  er  herausstirbt,  so  hat  er  zunachst  die 


Fiille  seiner  Sinneseindriicke  urn  sich.  Er  macht  sich  Gedanken  iiber 
diese  Sinneseindriicke. 

Indem  er  dieses  sich  zum  Bewufitsein  bringt:  «Ich  mache  mir  Gedan- 
ken iiber  das,  was  mir  meine  Sinne  als  Welt  orTenbaren»,  kann  er  schon 
mit  der  Selbstbetrachtung  einsetzen.  Er  kann  sich  sagen:  in  meinen 
Gedanken  lebe  «Ich».  Die  Welt  gibt  mir  Veranlassung,  in  Gedanken 
mich  zu  erleben.  Ich  finde  mich  in  meinen  Gedanken,  indem  ich  die 
Welt  betrachte. 

So  fortfahrend  im  Nachsinnen  verliert  der  Mensch  die  Welt  aus  dem 
Bewufitsein;  und  das  Ich  tritt  in  dieses  ein.  Er  hort  auf,  die  Welt  vor- 
zustellen;  er  fangt  an,  das  Selbst  zu  erleben. 

Wird  umgekehrt  die  Aufmerksamkeit  auf  das  Innere  gerichtet,  in 
dem  die  Welt  sich  spiegelt,  so  tauchen  im  Bewufitsein  die  Lebensschick- 
salsereignisse  auf,  in  denen  das  menschliche  Selbst  von  dem  Zeitpunkte 
an,  bis  zu  dem  man  sich  zuriickerinnert,  dahingeflossen  ist.  Man  erlebt 
das  eigene  Dasein  in  der  Folge  dieser  Schicksals-Erlebnisse. 

Indem  man  sich  dieses  zum  Bewufitsein  bringt:  «Ich  habe  mit  meinem 
Selbst  ein  Schicksal  erlebt»,  kann  man  mit  der  Weltbetrachtung  einset- 
zen. Man  kann  sich  sagen:  In  meinem  Schicksal  war  ich  nicht  allein; 
da  hat  die  Welt  in  mein  Erleben  eingegriffen.  Ich  habe  dieses  oder  jenes 
gewollt;  in  mein  Wollen  ist  die  Welt  hereingeflutet.  Ich  finde  die  Welt 
in  meinem  Wollen,  indem  ich  dieses  Wollen  selbstbetrachtend  erlebe. 

So  fortfahrend,  sich  in  das  eigene  Selbst  einlebend,  verliert  der 
Mensch  das  Selbst  aus  dem  Bewufitsein;  die  Welt  tritt  in  dieses  ein.  Er 
hort  auf,  das  Selbst  zu  erleben;  er  fangt  an,  die  Welt  im  Erfuhlen 
gewahr  zu  werden. 

Ich  denke  hinaus  in  die  Welt;  da  finde  ich  mich;  ich  versenke  mich  in 
mich  selbst,  da  finde  ich  die  Welt.  Wenn  der  Mensch  dieses  stark  genug 
empfindet,  steht  er  in  den  Welt-  und  Menschenratseln  drinnen. 

Denn  fiihlen:  man  miiht  sich  im  Denken  ab,  um  die  Welt  zu  ergrei- 
fen,  und  man  steckt  in  diesem  Denken  doch  nur  selbst  darinnen,  das 
gibt  das  erste  Weltratsel  auf. 

Vom  Schicksal  in  seinem  Selbst  sich  geformt  fiihlen  und  in  diesem 
Formen  das  Fluten  des  Weltgeschehens  empfinden;  das  drangt  zum 
zweiten  Weltratsel  hin. 


In  dem  Erleben  dieses  Welt-  und  Menschenratsels  erkeimt  dieSeelen- 
verfassung,  in  der  der  Mensch  der  Anthroposophie  so  begegnen  kann, 
dafi  er  in  seinem  Innern  von  ihr  einen  Eindruck  erhalt,  der  seine  Auf- 
merksamkeit  erregt. 

Denn  Anthroposophie  macht  nun  dieses  geltend:  Es  gibt  ein  geistiges 
Erleben,  das  nicht  im  Denken  die  Welt  verliert.  Man  kann  audi  im 
Denken  noch  leben.  Sie  gibt  im  Meditieren  ein  inneres  Erleben  an,  in 
dern  man  nicht  denkend  die  Sinneswelt  verliert,  sondern  die  Geistwelt 
gewinnt.  Statt  in  das  Ich  einzudringen,  in  dem  man  die  Sinnen-Welt 
versinken  fiihlt,  dringt  man  in  die  Geist-Welt  ein,  in  der  man  das  Ich 
erfestigt  fiihlt. 

Anthroposophie  zeigt  im  weiteren:  Es  gibt  ein  Erleben  des  Schick- 
sals,  in  dem  man  nicht  das  Selbst  verliert.  Man  kann  auch  im  Schicksal 
noch  sich  selbst  als  wirksam  erleben.  Sie  gibt  in  dem  unegoistischen 
Betrachten  des  Menschenschicksals  ein  Erleben  an,  in  dem  man  nicht 
nur  das  eigene  Dasein,  sondern  die  Welt  lieben  lernt.  Statt  in  die  Welt 
hineinzustarren,  die  in  Gliick  und  Ungluck  das  Ich  auf  ihren  Wellen 
tragt,  findet  man  das  Ich,  das  wollend  das  eigene  Schicksal  gestaltet. 
Statt  an  die  Welt  zu  stofien,  an  der  das  Ich  zerschellt,  dringt  man  in  das 
Selbst  ein,  das  sich  mit  dem  Weltgeschehen  verbunden  fiihlt. 

Das  Schicksal  des  Menschen  wird  ihm  von  der  Welt  bereitet,  die  ihm 
seine  Sinne  offenbaren.  Findet  er  die  eigene  Wirksamkeit  in  dem 
Schicksalswalten,  so  steigt  ihm  sein  Selbst  wesenhaft  nicht  nur  aus  dem 
eigenen  Innern,  sondern  es  steigt  ihm  aus  der  Sinneswelt  auf. 

Kann  man  auch  nur  leise  empfinden,  wie  im  Selbst  die  Welt  als 
Geistiges  erscheint  und  wie  in  der  Sinneswelt  das  Selbst  sich  als  wirk- 
sam erweist,  so  ist  man  schon  im  sicheren  Verstehen  der  Anthroposophie 
darinnen. 

Denn  man  wird  dann  einen  Sinn  dafiir  entwickeln,  dafi  in  der  An- 
throposophie die  Geist-Welt  beschrieben  werden  darf,  die  vom  Selbst 
erfafit  wird.  Und  dieser  Sinn  wird  auch  Verstandnis  dafiir  entwickeln, 
dafi  in  der  Sinneswelt  das  Selbst  auch  noch  anders  als  durch  Versenken 
in  daslnnere  gefunden  werden  kann.  Anthroposophie  findet  das  
…[truncated]