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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
SCHRIFTEN
RUDOLF STEINER
DIE KERNPUNKTE
DER SOZIALEN FRAGE
IN DEN LEBENSNOTWENDIGKEITEN DER
GEGENVARTUND ZUKUNFT
1976
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung,
Dornach/ Schweiz
(1. Auflage) Verlag des Goetheanum Dornach, im
Kommissions-Verlag R. Geering, Basel 1919
(2. Auflage) 1.-10., 11.-20., 21.-40. Tsd. Dornach/
Stuttgart 1919
(3. Auflage) 1.-5. Tsd. Wien 1919
(4. Auflage mit Vorrede, Einleitung und Fufinoten)
41.-80. Tsd. Stuttgart, teilweise Dornach 1920
5. Auflage, 81.-85. Tsd. Gesamtausgabe Dornach 1961
Taschenbuchausgabe l.-lO.Tsd. (86.-95. Tsd.) Dorn-
ach 1973
6. Auflage, 96.-98. Tsd. (unveranderter Nachdruck
der 5. Auflage) Gesamtausgabe Dornach 1976
Bibliographie-Nr. 23
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlaftverwaltung,
Dornach/Schweiz
© 1961 by Rudolf Steiner-NachlafSverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Switzerland by Zbinden Druck und Verlag AG, Basel
ISBN 3-7274-0230-X
INHALT
Vorrede und Einleitung zum 41.-80. Tausend . . 7
Vorbemerkungen iiber die Absicht dieser Schrift . . 23
I. Die wahre Gestalt der sozialen Frage, erf afit aus
dem Leben der modernen Menschheit .... 29
II. Die vom Leben geforderten wirklichkeitsgema-
fien Losungsversuche f iir die sozialen Fragen und
Notwendigkeiten 56
III. Kapitalismus und soziale Ideen 91
IV. Internationale Beziehungen der sozialen Orga-
nismen 141
V. Anhang: An das deutsche Volk und an die
Kulturwelt 157
Hinweise des Herausgebers 163
Obersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . 165
VORREDE UND EINLEITUNG
ZUM 41. BIS 80.TAUSEND DIESER SCHRIFT
Die Aufgaben, welche das soziale Leben der Gegenwart
stellt,mufi derjenige verkennen, der an sie mitdem Gedanken
an irgendeine Utopie herantritt. Man kann aus gewissen
Anschauungen und Empfindungen den Glauben haben,
diese oder jene Einrichtungen, die man sich in seinen Ideen
zurechtgelegt hat, miisse die Menschen begliicken; dieser
Glaube kann iiberwartigendeOberzeugungskraft annehmen;
an dem, was gegenwartig die « soziale Frage» bedeutet,
kann man doch vollig vorbeireden, wenn man einen solchen
Glauben geltend machen will.
Man kann heute diese Behauptung in der folgenden Art
bis in das sdieinbar Unsinnige treiben, und man wird doch
das Richtige treffen. Man kann annehmen, irgend jemand
ware imBesitze einer vollkommenen theoretischen «L6sung»
der sozialen Frage, und er konnte dennoch etwas ganz Un-
praktisches glauben, wenn er der Menschheit diese von ihm
ausgedachte «L6sung» anbieten wollte. Denn wir leben
nicht mehr in der Zeit, in welcher man glauben soil, auf
diese Art im offentlichen Leben wirken zu konnen. Die
Seelenverfassung der Menschen ist nicht so, dafi sie fur das
offentliche Leben etwa einmal sagen konnten: Da seht
einen, der versteht, welche sozialen Einrichtungen notig
sind; wie er es meint, so wollen wir es machen.
In dieser Art wollen die Menschen Ideen iiber das soziale
Leben gar nicht an sich herankommen lassen. Diese Schrift,
die nun doch schon eine ziemlich weite Verbreitung gef unden
hat, rechnet mit dieser Tatsache. Diejenigen haben die ihr
zugrunde liegenden Absichten ganz verkannt, die ihr einen
utopistischen Charakter beigelegt haben. Am starksten
haben dies diejenigen getan, die selbst nur utopistisch den-
ken wollen. Sie sehen bei dem andern, was der wesent-
lichste Zug ihrer eigenen Denkgewohnheiten ist.
Fiir den praktisch Denkenden gehort es heute schon zu
den Erfahrungen des offentlichen Lebens, dafi man mit
einer noch so iiberzeugend erscheinenden utopistischen Idee
nichts anf angen kann. Dennoch haben viele die Empfindung,
dafi sie zum Beispiele auf wirtschaftlichem Gebiete mit
einer solchen an ihre Mitmenschen herantreten sollen. Sie
mussen sich davon uberzeugen, dafi sie nur unnotig reden.
Ihre Mitmenschen konnen nichts anfangen mit dem, was
sie vorbringen.
Man sollte dies als Erfahrung behandeln. Denn es weist
auf eine wichtige Tatsache des gegenwartigen offentlichen
Lebens hin. Es ist die Tatsache der Lebensfremdheit dessen,
was man denkt gegenuber dem, was zum Beispiel die wirt-
schaftliche WirkKchkeit fordert. Kann man denn hoffen,
die verworrenen Zustande des ofFentKchen Lebens zu
bewaltigen, wenn man an sie mit einem lebensfremden
Denken herantritt?
Diese Frage kann nicht gerade beliebt sein. Denn sie
veranlafit das Gestandnis, dafi man lebensfremd denkt.
Und doch wird man ohne dieses Gestandnis der «sozialen
Frage» auch fern bleiben. Denn nur, wenn man diese Frage
als eine ernste Angelegenheit der ganzen gegenwartigen
Zivilisation behandelt, wird man Klarheit dariiber erlangen,
was dem sozialen Leben notig ist.
Auf die Gestaltung des gegenwartigen Geisteslebens
weist diese Frage hin. Die neuere Menschheit hat ein
Geistesleben entwickelt, das von staatlichen Einrichtungen
und von wirtschaftlichen Kraften in einem hohen Grade
abhangig ist. Der Mensch wird noch als Kind in die
Erziehung und den Unterricht des Staates aufgenommen.
Er kann nur so erzogen werden, wie die wirtschaftlichen
Zustande der Umgebung es gestatten, aus denen er heraus-
wachst.
Man kann nun leicht glauben, dadurch miisse der Mensch
gut an die Lebensverhaltnisse der Gegenwart angepafit
sein. Denn der Staathabe die Moglichkeit, die Einrichtungen
des Erziehungs- und Unterrichtswesens und damit des
wesentlichen Teiles des offentlichen Geisteslebens so zu
gestalten, dafi dadurch der Menschengemeinschaft am besten
gedient werde. Und auch das kann man leicht glauben, dafi
der Mensch dadurch das bestmogliche Mitglied der mensch-
lichen Gemeinschaft werde, wenn er im Sinne der wirt-
schaftlichen Moglichkeiten erzogen wird, aus denen er her-
auswachst, und wenn er durch diese Erziehung an denjenigen
Platz gestellt wird, den ihm diese wirtschaftlichen Moglich-
keiten anweisen.
Diese Schrift mufi die heute wenig beliebte Aufgabe
ubernehmen, zu zeigen, dafi die Verworrenheit unseres
ofFentlichen Lebens von der Abhangigkeit des Geisteslebens
vom Staate und der Wirtschaft herruhrt. Und sie mujS
zeigen, dafi die Befreiung des Geisteslebens aus dieser
Abhangigkeit den einen Teil der so brennenden sozialen
Frage bildet.
Damit wendet sich diese Schrift gegen weitverbreitete
Irrtiimer. In der Obernahme des Erziehungswesens durch
den Staat sieht man seit lange etwas dem Fortschritt der
Menschheit Heilsames. Und sozialistisch Denkende konnen
sich kaum etwas anderes vorstellen, als dafi die Gesellschaft
den einzelnen zu ihrem Dienste nach ihren Mafinahmen
erziehe.
Man will sich nicht leicht zu einer Einsicht bequemen, die
auf diesem Gebiete heute unbedingt notwendig ist. Es ist
die, dafi in der geschichtlichen Entwickelung der Mensch-
heit in einer spateren Zeit zum Irrtum werden kann, was in
einer fruheren richtig ist. Es war fur das Heraufkommen
der neuzeitlichen Menschheitsverhaltnisse notwendig, dafi
das Erziehungswesen und damit das offentliche Geistes-
leben den Kreisen, die es im Mittelalter innehatten, ab-
genommen und dem Staate iiberantwortet wurde. Die
weitere Beibehaltung dieses Zustandes ist aber ein schwerer
sozialer Irrtum.
Das will diese Schrift in ihrem ersten Teile zeigen. Inner-
halb des Staatsgefuges ist das Geistesleben zur Freiheit
herangewachsen; es kann in dieser Freiheit nicht richtig
leben, wenn ihm nicht die voile Selbstverwaltung gegeben
wird. Das Geistesleben fordert durch das Wesen, das es
angenommen hat, dafi es ein vollig selbstandiges Glied des
sozialen Organismus bilde. Das Erziehungs- und Unterrichts-
wesen, aus dem ja doch alles geistige Leben herauswachst,
muU in die Verwaltung derer gestellt werden, die erziehen
und unterrichten. In diese Verwaltung soli nichts hinein-
reden oder hineinregieren, was im Staate oder in der Wirt-
schaft tatig ist. Jeder Unterrichtende hat fur das Unterrichten
nur so viel Zeit aufzuwenden, dafi er audi noch ein Ver-
waltender auf seinem Gebiete sein kann. Er wird dadurch
die Verwaltung so besorgen, wie er die Erziehung und den
Unterricht selbst besorgt. Niemand gibt Vorschriften, der
nicht gleichzeitig selbst im lebendigen Unterrichten und
Erziehen drinnen steht. Kein Parlament, keine Personlich-
keit, die vielleicht einmal unterriditet hat, aber dies nicht
mehr selbst tut, sprecben mit. Was im Unterricht ganz
unmittelbar erf ahren wird, das fliefit audi in die Verwaltung
ein. Es ist naturgemafi, dafi innerhalb einer solchen Ein-
richtung Sadilichkeit und Fachtiichtigkeit in dem hochst-
moglichen Mafie wirken.
Man kann naturlich einwenden, dafi audi in einer solchen
Selbstverwaltung des Geisteslebens nicht alles vollkommen
sein werde. Doch das wird im wirklichen Leben auch gar
nicht zu fordern sein. Dafi das Bestmogliche zustande
komme, das allein kann angestrebt werden. Die Fahigkeiten,
die in dem Menschenkinde heranwachsen, werden der
Gemeinschafl wirklich iibermittelt werden, wenn iiber ihre
Ausbildung nur zu sorgen hat, wer aus geistigen Bestim-
mungsgrunden heraus sein mafigebendes Urteil fallen kann.
Wie weit ein Kind nach der einen oder der andern Richtung
zu bringen ist, dariiber wird ein Urteil nur in einer freien
Geistgemeinschaft entstehen konnen. Und was zu tun ist,
um einem solchen Urteil zu seinem Recht zu verhelfen, das
kann nur aus einer solchen Gemeinschafl heraus bestimmt
werden, Aus ihr konnen das Staats- und das Wirtschafts-
leben die Krafte empfangen, die sie sich nicht geben konnen,
wenn sie von ihren Gesichtspunkten aus das Geistesleben
gestalten.
Es liegt in der Richtung des in dieser SchriftDargestellten,
dafi auch die Einrichtungen und der Unterrichtsinhalt
derjenigen Anstalten, die dem Staate oder dem Wirtschafts-
leben dienen, von den Verwaltern des freien Geisteslebens
besorgt werden. Juristenschulen, Handelsschulen, landwirt-
schaftliche und industrielle Unterrichtsanstalten werden
ihre Gestaltung aus dem f reien Geistesleben heraus erhalten.
Diese Sdirift mufi notwendig viele Vorurteile gegen sidi
erwecken, wenn man diese - richtige - Folgerung aus ihren
Darlegungen zieht. Allein woraus fliefien diese Vorurteile?
Man wird ihren antisozialen Geist erkennen, wenn man
durchschaut, dafi sie im Grunde aus dem unbewulken
Glauben hervorgehen, die Erziehenden miissen lebens-
fremde, unpraktische Menschen sein. Man konne ihnen gar
nicht zumuten, dafi sie Einrichtungen von sich aus treffen,
welche den praktischen Gebieten des Lebens richtig dienen.
Solche Einrichtungen miissen von denjenigen gestaltet wer-
den, die im praktischen Leben drinnen stehen, und die
Erziehenden miissen gemafi den Richtlinien wirken, die
ihnen gegeben werden.
Wer so denkt, der sieht nicht, dafi Erziehende, die sich
nicht bis ins Kleinste hinein und bis zum GroEten hinauf
die Richtlinien selber geben konnen, erst dadurch lebens-
fremd und unpraktisch werden. Ihnen konnen dannGrund-
satze gegeben werden, die von scheinbar noch so praktischen
Menschen herriihren; sie werden keine rechten Praktiker in
das Leben hineinerziehen. Die antisozialen Zustande sind
dadurch herbeigefuhrt, da£ in das soziale Leben nicht
Menschen hineingestellt werden, die von ihrer Erziehung
her sozial empfinden. Sozial empfindende Menschen konnen
nur aus einer Erziehungsart hervorgehen, die von sozial
Empfmdenden geleitet und verwaltet wird. Man wird der
sozialen Frage niemals beikommen, wenn man nicht die
Erziehungs- und Geistesfrage als einen ihrer wesentlichen
Teile behandelt. Man schaflft Antisoziales nicht blofi durch
wirtschaftliche Einrichtungen, sondern auch dadurch, da£
sich die Menschen in diesen Einrichtungen antisozial ver-
halten. Und es ist antisozial, wenn man die Jugend von
Menschen erziehen und unterrichten lafit, die man dadurch
lebensfremd werden lafit, daft man ihnen von aufien her
Richtung und Inhalt ihres Tuns vorschreibt.
Der Staat richtet juristische Lehranstalten ein. Er verlangt
von ihnen, daft derjenige Inhalt einer Jurisprudenz gelehrt
werde, den er, nach seinen Gesichtspunkten, in seiner Ver-
fassung und Verwaltung niedergelegt hat. Anstalten, die
ganz aus einem freien Geistesleben hervorgegangen sind,
werden den Inhalt der Jurisprudenz aus diesem Geistes-
leben selbst schopfen. Der Staat wird zu warten haben auf
dasjenige, was ihm von diesem freien Geistesleben aus
iiberantwortet wird. Er wird befruchtet werden von den
lebendigen Ideen, die nur aus einem solchen Geistesleben
erstehen konnen.
Innerhalb dieses Geisteslebens selbst aber werden die-
jenigen Menschen sein, die von ihren Gesichtspunkten aus
in die Lebenspraxis hineinwachsen. Nicht das kann Lebens-
praxis werden, was aus Erziehungseinrichtungen stammt,
die von bloften «Praktikern» gestaltet und in denen von
lebensfremden Menschen gelehrt wird, sondern allein das,
was von Erziehern kommt, die von ihren Gesichtspunkten
aus das Leben und die Praxis verstehen. Wie im einzelnen
die Verwaltung eines freien Geisteslebens sich gestalten
muft, das wird in dieser Schrift wenigstens andeutungsweise
dargestellt.
Utopistisch Gesinnte werden an die Schrift mit allerlei
Fragen heranriicken. Besorgte Kiinstler und andere Geistes-
arbeiter werden sagen: Ja, wird denn dieBegabung in einem
freien Geistesleben besser gedeihen als in dem gegen-
wartigen vom Staat und den Wimcnaftsmachten besorgten?
Solche Frager sollten bedenken, daft diese Schrift eben in
keiner Beziehung utopistisch gemeint wird. In ihr wird des-
halb durdiaus nichttheoretisdi f estgesetzt : Dies soli so oder so
sein. Sondern es wird zu Menschengemeinsdiaften angeregt,
die aus ihrem Zusammenleben das sozial Wiinschenswerte
herbeifiihren konnen. Wer das Leben nicht nach theore-
tisdien Vorurteilen, sondern nach Erfahrungen beurteilt,
der wird sich sagen: Der aus seiner freien Begabung heraus
Schaff ende wird Aussicbt auf eine rechte Beurteilung seiner
Leistungen haben, wenn es eine freie Geistesgemeinschaft
gibt, die ganz aus ihren Gesichtspunkten heraus in das
Leben eingreifen kann.
Die «soziale Frage» ist nicht etwas, was in dieser Zeit in
das Menschenleben heraufgestiegen ist, was jetzt durch ein
paar Menschen oder durch Parlamente gelost werden kann
und dann gelost sein wird. Sie ist ein Bestandteil des ganzen
neueren Zivilisationslebens, und wird es, da sie einmal ent-
standen ist, bleiben. Sie wird fur jeden Augenblick der
weltgeschichtlichen Entwickelung neu gelost werden miissen.
Denn das Menschenleben ist mit der neuesten Zeit in einen
Zustand eingetreten, der aus dem sozial Eingerichteten
immer wieder das Antisoziale hervorgehen lafit. Dieses mufi
stets neu bewaltigt werden. Wie ein Organismus einige Zeit
nach der Sattigung immer wieder in den Zustand des
Hungers eintritt, so der soziale Organismus aus einer Ord-
nung der Verhaltnisse in die Unordnung. Eine Universal-
arznei zur Ordnung der sozialen Verhaltnisse gibt es so
wenig wie ein Nahrungsmittel, das fiir alle Zeiten sattigt.
Aber die Menschen konnen in solche Gemeinschaften ein-
treten, dafi durch ihr lebendiges Zusammenwirken dem
Dasein immer wieder die Richtung zum Sozialen gegeben
wird. Eine solche Gemeinschaft ist das sich selbst verwaltende
geistige Glied des sozialen Organismus.
Wie sich fiir das Geistesleben aus den Erfahrungen der
GegenwartdiefreieSelbstverwaltung als soziale Forderung
ergibt, so fiir das Wirtschaftsleben die assoziative Arbeit.
Die Wirtschaft setzt sich im neueren Menschenleben zu-
sammen aus Warenproduktion, Warenzirkulation und
Warenkonsum. Durch sie werden die menschlichen Bediirf-
nisse befriedigt; innerhalb ihrer stehen die Menschen mit
ihrer Tatigkeit. Jeder hat innerhalb ihrer seine Teilinteressen ;
jeder mufi mit dem ihm moglichen Anteil von Tatigkeit in
sie eingreif en. Was einer wirklich br audit, kann nur er wissen
und empfinden; was er leisten soli, will er aus seiner
Einsicht in die Lebensverhaltnisse des Ganzen beurteilen.
Es ist nicht immer so gewesen, und ist heute noch nicht
uberall so auf der Erde; innerhalb des gegenwartig zivi-
lisierten Teiles der Erdbevolkerung ist es im wesentlichen so.
Die Wirtschaftskreise haben sich im Laufe der Mensch-
heitsentwickelung erweitert. Aus der geschlossenen Haus-
wirtschaft hat sich die Stadtwirtschaft, aus dieser die Staats-
wirtschaft entwickelt. Heute steht man vor der Welt-
wirtschaft. Es bleibt zwar von dem alten noch ein erheblicher
Teil im Neuen bestehen; es lebte in dem alten andeutungs-
weise schon vieles von dem Neuen. Aber die Schicksale der
Menschheit sind davon abhangig, dafi die obige Entwicke-
lungsreihe innerhalb gewisser Lebensverhaltnisse vorherr-
schend wirksam geworden ist.
Es ist ein Ungedanke, die Wirtschaftskrafte in einer
abstrakten Weltgemeinschaft organisieren zu wollen. Die
Einzelwirtschaften sind im Laufe der Entwickelung in die
Staatswirtschaften in weitem Umfange eingelaufen. Doch
die Staatsgemeinschaften sind aus anderen als blofi wirt-
schaftlichen Kraften entsprungen. Dafi man sie zu Wirt-
sdiaftsgemeinschaften umwandeln wollte, bewirkte das
soziale Chaos der neuesten Zeit. Das Wirtschaftsleben strebt
darnach, sich aus seinen eigenen Kraften heraus unabhangig
von Staatseinriditungen, aber audi von staatlicher Denk-
weise zu gestalten. Es wird dies nur konnen, wenn sich,
nach rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten, Assoziationen
bilden, die aus Kreisen von Konsumenten, von Handel-
treibenden und Produzenten sich zusammenschliefien. Durch
die Verhaltnisse des Lebens wird der Umfang solcher
Assoziationen sich von selbst regeln. Zu kleine Assoziationen
wiirden zu kostspielig, zu grofie wirtschaftlich zu uniiber-
sichtlich arbeiten. Jede Assoziation wird zu der andern aus
den Lebensbedurfnissen heraus den Weg zum geregelten
Verkehr finden. Man braucht nicht besorgt zu sein, dafi
derjenige, der sein Leben in reger Ortsveranderung zu-
zubringen hat, durch solche Assoziationen eingeengt sein
werde. Er wird den Ubergang von der einen in die andere
leicht finden, wenn nicht staatliche Organisation, sondern
wirtschaftliche Interessen den "Qbergang bewirken werden.
Es sind Einrichtungen innerhalb eines solchen assoziativen
Wesens denkbar, die mit der Leichtigkeit des Geldverkehrs
wirken.
Innerhalb einer Assoziation kann aus Fachkenntnis und
Sachlichkeit eine weitgehende Harmonie der Interessen
herrschen. Nicht Gesetze regeln die Erzeugung, die Zirku-
lation und den Verbrauch der Giiter, sondern die Menschen
aus ihrer unmittelbaren Einsicht und ihrem Interesse heraus.
Durch ihr Drinnenstehen im assoziativen Leben konnen die
Menschen diese notwendige Einsicht haben; dadurch, dafi
Interesse mit Interesse sidi vertragsmafiig ausgleichen mufi,
werden die Giiter in ihren entspreehenden Werten zirku-
Heren. Ein solcbes Zusammenschliefien nach wirtschaftlichen
Gesichtspunkten ist etwas anderes als zum Beispiele das in
den modernen Gewerkschaften. Diese wirken sicli im wirt-
schaftlichen Leben aus; aber sie kommen nicht nach
wirtschaftlichen Gesichtspunkten zustande. Sie sind den
Grundsatzen nachgebildet, die sich in der neueren Zeit aus
der Handhabung der staatlichen, der politisclien Gesichts-
punkte heraus gestaltet haben. Man parlamentarisiert in
ihnen; man kommt nicht nach wirtschaftlichen Gesichts-
punkten iiberein, was der eine dem andern zu leisten hat.
In den Assoziationen werden nicht «Lohnarbeiter» sitzen,
die durch ihre Macht von einem Arbeit-Unternehmer mog-
lichst hohen Lohn f ordern, sondern es werden Handarbeiter
mit den geistigen Leitern der Produktion und mit den
konsumierenden Interessenten des Produzierten zusammen-
wirken, um durch Preisregulierungen Leistungen entspre-
chend den Gegenleistungen zu gestalten. Das kann nicht
durch Parlamentieren in Versammlungen geschehen. Vor
solchen mii£te man besorgt sein. Denn, wer sollte arbeiten,
wenn unzahlige Menschen ihre Zeit mit Verhandlungen
uber die Arbeit verbringen miifken? In Abmachungen von
Mensch zu Mensch, von Assoziation zu Assoziation voll-
zieht sich alles neben der Arbeit. Dazu ist nur notwendig,
dafi der Zusammenschlufi den Einsichten der Arbeitenden
und den Interessen der Konsumierenden entspricht.
Damit wird nicht eineUtopie gezeichnet. Denn es wird gar
nicht gesagt: Dies soil so oder so eingerichtet werden. Es
wird nur darauf hingedeutet, wie die Menschen sich selbst
die Dinge einrichten werden, wenn sie in Gemeinschaften
wirken wollen, die ihren Einsichten und ihren Interessen
entsprechen.
Dafi sie sich zu solchen Gemeinschaften zusammen-
schliefien, dafiir sorgt einerseits die menschliche Natur,
wenn sie durch staatliche Dazwischenkunft nicht gehindert
wird; denn die Natur erzeugt die Bediirfnisse. Andrerseits
kann dafiir das freie Geistesleben sorgen, denn dieses bringt
die Einsichten zustande, die in der Gemeinschaft wirken
sollen. Wer aus der Erfahrung heraus denkt, mufi zugeben,
das solche assoziative Gemeinschaften in jedem Augenblick
entstehen konnen, daft sie nichts von Utopie in sich schliefien.
Ihrer Entstehung steht nichts anderes im Wege, als dafi der
Mensch der Gegenwart das wirtschaftliche Leben von aufien
«organisieren» will in dem Sinne, wie fur ihn der Gedanke
der « Organisation zu einer Suggestion geworden ist.
Diesem Organisieren, das die Menschen zur Produktion von
aufien zusammenschlieften will, steht diejenige wirtschaft-
liche Organisation, die auf dem freien Assoziieren beruht,
als sein Gegenbild gegeniiber. Durch das Assoziieren
verbindet sich der Mensch mit einem andern; und das
Planmafiige des Ganzen entsteht durch die Vernunft des
einzelnen. - Man kann ja sagen: Was niitzt es, wenn der
Besitzlose mit dem Besitzenden sich assoziiert? Man kann
es besser finden, wenn alle Produktion und Konsumtion
von auften her «gerecht» geregelt wird. Aber diese organi-
satorische Regelung unterbindet die freie SchafFenskraft des
einzelnen, und sie bringt das Wirtschaftsleben um die
Zufuhr dessen, was nur aus dieser freien Schaffenskraft
entspringen kann. Und man versuche es nur einmal, trotz
aller Vorurteile, sogar mit der Assoziation des heute
Besitzlosen mit dem Besitzenden. Greifen nicht andere als
wirtschaftliche Krafte ein, dann wird der Besitzende dem
Besitzlosen die Leistung notwendig mit der Gegenleistung
ausgleidien miissen. Heute spricht man iiber solche Dinge
nicht aus den Lebensinstinkten heraus, die aus der Erf ahrung
stammen; sondern aus den Stimmungen, die sich nicht aus
wirtschaftlichen, sondern aus Klassen- und anderen In-
teressen heraus entwickelt haben. Sie konnten sich ent-
wickeln, weil man in der neueren Zeit, in welcher gerade
das wirtschaftliche Leben immer komplizierter geworden
ist, diesem nicht mit rein wirtschaftlichen Ideen nachkommen
konnte. Das unfreie Geistesleben hat dies verhindert. Die
wirtschaftenden Menschen stehen in der Lebensroutine
drinnen; die in der Wirtschaft wirkenden Gestaltungskrafte
sind ihnen nicht durchsichtig. Sie arbeiten ohne Einsicht in
das Ganze des Menschenlebens. In den Assoziationen wird
der eine durch den andern erfahren, was er notwendig
wissen mufi. Es wird eine wirtschaftliche Erfahrung iiber
das Mogliche sich bilden, weil die Menschen, von denen
jeder auf seinem Teilgebiete Einsicht und Erfahrung hat,
zusammen-urteilen werden.
Wie in dem freien Geistesleben nur die Krafte wirksam
sind, die in ihm selbst liegen, so im assoziativ gestalteten
Wirtschaftssystem nur die wirtschaftlichen Werte, die sich
durch die Assoziationen herausbilden. Was in dem Wirt-
schaftsleben der einzelne zu tun hat, das ergibt sich ihm aus
dem Zusammenleben mit denen, mit denen er wirtschaftlich
assoziiert ist. Dadurch wird er genau so viel Einfluft auf die
allgemeine Wirtschaft haben, als seiner Leistung entspricht.
Wie Nicht-Leistungsfahige sich dem Wirtschaftsleben ein-
gliedern, das wird in dieser Schrift auseinandergesetzt. Den
Schwachen gegenuber dem Starken schiitzen, kann ein Wirt-
schaftsleben, das nur aus seinen eigenen Kraften heraus
gestaltet ist.
So kann der soziale Organismus in zwei selbstandige
GHeder zerf alien, die sich geradedadurchgegenseitigtragen,
dafi jeder seine eigenartige Verwaltung hat, die aus seinen
besonderen Kraften hervorgeht. Zwischen beiden aber mufi
sich ein Drittes ausleben. Es ist das eigentliche staatliche
Glied des sozialen Organismus. In ihm macht sich alles das
geltend, was von dem Urteil und der Empfindung eines
jeden mundig gewordenen Menschen abhangig sein mufi.
In dem freien Geistesleben betatigt sich jeder nach seinen
besonderen Fahigkeiten; im Wirtschaftsleben fiillt jeder
seinen Platz so aus, wie sich das aus seinem assoziativen
Zusammenhang ergibt. Im politisch-rechtlichen Staatsleben
kommt er zu seiner rein menschlichen Geltung, insoferne
diese unabhangig ist von den Fahigkeiten, durch die er im
freien Geistesleben wirken kann, und unabhangig davon,
welchen Wert die von ihm erzeugten Giiter durch das
assoziative Wirtschaftsleben erhalten.
In diesem Buche wird gezeigt, wie Arbeit nach Zeit und
Art eine Angelegenheit ist dieses politisch-rechtlichen
Staatslebens. In diesem steht jeder dem andern als ein
gleicher gegenuber, weil in ihm nur verhandelt und ver-
waltet wird auf den Gebieten, auf denen jeder Mensch
gleich urteilsfahig ist. Rechte und Pflichten der Menschen
finden in diesem Gliede des sozialen Organismus ihre
Regelung.
Die Einheit des ganzen sozialen Organismus wird ent-
stehen aus der selbstandigen Entf altung seiner drei Glieder.
Das Buch wird zeigen, wie die Wirksamkeit des beweglichen
Kapitales, der Produktionsmittel, dieNutzungdesGrundes
und Bodens sich durch das Zusammenwirken der drei
Glieder gestalten kann. Wer die soziale Frage «l6sen» will
durch eine ausgedachte oder sonstwie entstandene Wirt-
schaftsweise, der wird diese Schrift nicht praktisch finden;
wer aus den Erfahrungen des Lebens heraus die Menschen
zu solchen Arten des Zusammenschlusses anregen will, in
denen sie die sozialen Aufgaben am besten erkennen und
sich ihnen widmen konnen, der wird dem Verfasser des
Buches das Streben nach wahrer Lebenspraxis vielleicht
doch nicht absprechen.
Das Buch ist im April 1919 zuerst veroffentlicht worden.
Erganzungen zu dem damals Ausgesprochenen habe ich in
den Beitragen gegeben, die in der Zeitschrift «Dreigliederung
des sozialen Organismus» enthalten war en und die soeben
gesammelt als die Schrift «In AusfiihrungderDreigliederung
des sozialen Organismus» erschienen sind.
Man wird finden konnen, dajS in den beiden Schriften
weniger von den «Zielen» der sozialen Bewegung als viel-
mehr von den Wegen gesprochen wird, die im sozialen
Leben beschritten werden sollten. "Wer aus der Lebenspraxis
heraus denkt, der weift, daft namentlich einzelne Ziele in
verschiedener Gestalt auftreten konnen. Nur wer in ab-
strakten Gedanken lebt, dem erscheint alles in eindeutigen
Umrissen. Ein solcher tadelt das Lebenspraktische oft, weil
er es nicht bestimmt, nicht «klar» genug dargestellt findet.
Viele, die sich Praktiker diinken, sind gerade solche Ab-
straktlinge. Sie bedenken nicht, daft das Leben die mannig-
f altigsten Gestaltungen annehmen kann. Es ist ein flieftendes
Element. Und wer mit ihm gehen will, der mufi sich auch
in seinen Gedanken und Empfindungen diesem fliefienden
Grundzug anpassen. Die sozialen Aufgaben werden nur
mit einem solchen Denken ergrifFen werden konnen.
Aus der Beobachtung des Lebens heraus sind die Ideen
dieser Schrift erkampft; aus dieser heraus raochten sie auch
verstanden sein.
VORBEMERKUNGEN 0BER DIE ABSICHT
DIESER SCHRIFT
Das soziale Leben der Gegenwart stellt ernste, umfassende
Aufgaben. Forderungen nach Neueinrichtungen in diesem
Leben treten auf und zeigen, dafi zur Losung dieser Auf-
gaben Wege gesudit werden miissen, an die bisher nicht
gedadit worden ist. Durch die Tatsachen der Gegenwart
unterstiitzt, findet vielleicht heute schon derjenige Gehor,
der, aus den Erfahrungen des Lebens heraus, sich zu der
Meinung bekennen mufi, dafi dieses Nichtdenken an not-
wendig gewordene Wege in die soziale Verwirrung hinein-
getrieben hat. Auf der Grundlage einer solchen Meinung
stehen die Ausfiihrungen dieser Schrift. Sie mochten von
dem sprechen, was geschehen sollte, um die Forderungen,
die von einem grofien Teile der Menschheit gegenwartig
gestellt werden, auf den Weg eines zielbewulken sozialen
Wollens zu bringen. — Ob dem einen oder dem andern
diese Forderungen gef alien oder nicht gef alien, davon sollte
bei der Bildung eines solchen Wollens wenig abhangen. Sie
sind da, und man muE mit ihnen als mit Tatsachen des
sozialen Lebens rechnen. Das mogen diejenigen bedenken,
die, aus ihrer personlichen Lebenslage heraus, etwa finden,
dafi der Verfasser dieser Schrift in seiner Darstellung von
den proletarischen Forderungen in einer Art spricht, die
ihnen nicht gef allt, weil sie, nach ihrer Ansicht, zu einseitig
auf diese Forderungen als auf etwas hinweist, mit dem das
soziale Wollen rechnen mufi. Der Verfasser aber mochte
aus der vollen Wirklichkeit des gegenwartigen Lebens heraus
spredien, soweit ihm dieses nach seiner Erkenntnis dieses
Lebens moglich ist. Ihm stehen die verhangnisvollen Folgen
vor Augen, die entstehen miissen, wenn man Tatsachen, die
nun einmal aus dem Leben der neueren Menschheit sich
erhoben haben, nicht sehen will; wenn man von einem
sozialen Wollen nichts wissen will, das mit diesen Tatsachen
redinet.
Wenig befriedigt von den Ausfiihrungen des Verfassers
werden audi zunachst Personlichkeiten sein, die sich in der
Weise als Lebenspraktiker ansehen, wie man unter dem
Einflusse mancher liebgewordener Gewohnheiten die Vor-
stellung der Lebenspraxis heute nimmt. Sie werden finden,
dafi in dieser Schrift kein Lebenspraktiker spricht. Von
diesen Personlichkeiten glaubt der Verfasser, dafi gerade sie
werden griindlich umlernen miissen. Denn ihm erscheint
ihre «Lebenspraxis» als dasjenige, was durch die Tatsachen,
welche die Menschheit der Gegenwart hat erleben miissen,
unbedingt als ein Irrtum erwiesen ist. Als derjenige Irrtum,
der in unbegrenztem Umfange zu Verhangnissen gefiihrt
hat. Sie werden einsehen miissen, dafi es notwendig ist,
manches als praktisch anzuerkennen, das ihnen als ver-
bohrter Idealismus erschienen ist. Mogen sie meinen, der
Ausgangspunkt dieser Schrift sei deshalb verfehlt, weil in
deren ersten Teilen wenigervon dem Wirtschafts- und mehr
von dem Geistesleben der neueren Menschheit gesprochen
ist. Der Verfasser mu$ aus seiner Lebenserkenntnis heraus
meinen, dafi zu den begangenen Fehlern ungezahlte weitere
werden hinzugemacht werden, wenn man sich nicht ent-
schlielk, auf das Geistesleben der neueren Menschheit die
sachgemafte Aufmerksamkeit zu wenden.— Auch diejenigen,
welche in den verschiedensten Formen nur immer die
Phrasen hervorbringen, die Mensdiheit miisse aus der Hin-
gabe an rein materielle Interessen herauskommen und sich
«zum Geiste», «zum Idealismus» wenden, werden an dem,
was der Verf asser in dieser Schrift sagt, kein redites Gef alien
finden. Denn er halt nicht viel von dem bloften Hinweis
auf «den Geist», von dem Reden iiber eine nebelhafte
Geisteswelt. Er kann nur die Geistigkeit anerkennen, die
der eigene Lebensinhalt des Menschen wird. Dieser erweist
sich in der Bewaltigung der praktischen Lebensaufgaben
ebenso wirksam wie in der Bildung einer Welt- und Lebens-
anschauung, welche die seelischen Bediirfnisse befriedigt.
Es kommt nicht darauf an, dafi man von einer Geistigkeit
weifi oder zu wissen glaubt, sondern darauf, daft dies eine
Geistigkeit ist, die auch beim Erfassen der praktischen
Lebenswirklichkeit zutage tritt. Eine solche begleitet diese
Lebenswirklichkeit nicht als eine blofi fiir das innere Seelen-
wesen reservierte Nebenstromung. - So werden die Aus-
fiihrungen dieser Schrift den «Geistigen» wohl zu ungeistig,
den «Praktikern» zu lebensfremd erscheinen. Der Verfasser
hat die Ansicht, dafi er gerade deshalb dem Leben der
Gegenwart werde in seiner Art dienen konnen, weil er der
Lebensf remdheit manches Menschen, der sich heute fiir einen
«Praktiker» halt, nicht zuneigt, und weil er auch demjenigen
Reden vom «Geiste», das aus Worten Lebensillusionen
schafft, keine Berechtigung zusprechen kann.
Als eine Wirtschafts-, Rechts- und Geistesfrage wird die
«soziale Frage» in den Ausfuhrungen dieser Schrift be-
sprochen. Der Verfasser glaubt zu erkennen, wie aus den
Forderungen des Wirtschafts-, Rechts- und Geisteslebens die
«wahre Gestalt» dieser Frage sich ergibt. Nur aus dieser
Erkenntnis heraus konnen aber die Impulse kommen fiir
eine gesunde Ausgestaltung dieser drei Lebensgebiete inner-
halb der sozialen Ordnung. - In alteren Zeiten der Mensch-
heitsentwickelung sorgten die sozialen Instinkte dafiir, dafi
diese drei Gebiete in einer der Menschennatur damals ent-
sprechenden Art sich im sozialen Gesamtleben gliederten.
In der Gegenwart dieser Entwickelung stent man vor
der Notwendigkeit, diese Gliederung durch zielbewufites
soziales Wollen zu erstreben. Zwischen jenen altern Zeiten
und der Gegenwart liegt fiir die Lander, die fur ein solches
Wollen zunachst in Betracht kommen, ein Durcheinander-
wirken der alten Instinkte und der neueren Bewufkheit
vor, das den Anforderungen der gegenwartigen Menschheit
nicht mehr gewachsen ist. In manchem, das man heute fiir
zielbewufites soziales Denken halt, leben aber nodi die
alten Instinkte fort. Das macht dieses Denken schwach
gegeniiber den fordernden Tatsachen. Griindlicher, als
mancher sich vorstellt, mufi der Mensch der Gegenwart sich
aus dem herausarbeiten, das nicht mehr lebensf ahig ist. Wie
Wirtschafts-, Rechts- und Geistesleben im Sinne des von
der neueren Zeit selbst geforderten gesunden sozialen
Lebens sich gestalten sollen, das - so meint der Verfasser -
kann sich nur dem ergeben, der den guten Willen entwickelt,
das eben Ausgesprochene gelten zu lassen. Was der Ver-
fasser glaubt, iiber eine solche notwendige Gestaltung sagen
zu miissen, das mochte er dem Urteile der Gegenwart mit
diesem Buche unterbreiten. Eine Anregung zu einem Wege
nach sozialen Zielen, die der gegenwartigen Lebens-
wirklichkeit und Lebensnotwendigkeit entsprechen, mochte
der Verfasser geben. Denn er meint, dafi nur ein solches
Streben iiber Schwarmgeisterei und Utopismus auf dem
Gebiete des sozialen Wollens hinausfiihren kann.
Wer doch etwas Utopistisches in dieser Schrift findet, den
mochte der Verfasser bitten, zu bedenken, wie stark man
sidi gegenwartig mit manchen Vorstellungen, die man sich
iiber eine mogliche Entwickelung der sozialen Verhaltnisse
macht, von dem wirklichen Leben entf ernt und in Schwarm-
geisterei verfallt. Deshalb sieht man das aus der wahren
Wirklichkeit und Lebenserfahrung Geholte von der Art,
wie es in dieser Schrift darzustellen versudit ist, als Utopie
an. Mancher wird in dieser Darstellung deshalb etwas
«Abstraktes» sehen, weil ihm «konkret» nur ist, was er
zu denken gewohnt ist und «abstrakt» audi das Konkrete
dann, wenn er nicht gewohnt ist, es zu denken*.
Dafi stramm in Parteiprogramme eingespannte Kopfe
mit den Aufstellungen des Verfassers zunachst unzufrieden
* Der Verfasser hat bewufit vermieden, sidi in seinen Ausfiihrungen
unbedingt an die in der volkswirtsdiaftlichen Literatur gebrauchlichen
Ausdriicke zu halten. Er kennt genau die Stellen, von denen ein «fach-
mannisches* Urteil sagen wird, das sei dilettantisch. Ihn bestimmte zu
seiner Ausdrucksweise aber nicht nur, dafi er audi fiir Menschen spre-
chen mochte, denen die volks- und sozialwissenschaflliche Literatur
ungelaufig ist, sondern vor allem die Ansicht, dafi eine neue Zeit das
meiste von dem einseitig und unzulanglich sogar schon in der Ausdrucks-
form wird erscheinen lassen, das in dieser Literatur als «fachmannisch»
sich findet. Wer etwa meint, der Verfasser hatte audi hinweisen sollen
auf die sozialen Ideen anderer, die in dem einen oder andern an das
hier Dargestellte anzuklingen scheinen, den bitte ich zu bedenken, dafi
die Ausgangspunkte und die Wege der hier gekennzeichneten Anschau-
ung, welche der Verfasser einer jahrzehntelangen Lebenserfahrung zu
verdanken glaubt, das Wesentliche bei der praktischen Verwirklichung
der gegebenen Impulse sind und nicht etwa blofi so oder anders geartete
Gedanken. Audi hat der Verfasser, wie man aus dem Abschnitt IV
ersehen kann, fiir die praktische Verwirklichung sich schon einzusetzen
versucht, als ahnlidb scheinende Gedanken in bezug auf das eine oder
andere noch nicht bemerkt wurden.
sein werden, weiiS er. Doch er glaubt, viele Parteimenschen
werden recht bald zu der Oberzeugung gelangen, dafi die
Tatsachen der Entwickelung schon weit iiber die Partei-
programme hinausgewachsen sind, und dafi ein von solchen
Programmen unabh'dngiges Urteil iiber die nachsten Ziele
des sozialen Wollens vor allem notwendig ist.
Anfang April 1919.
Rudolf Steiner,
1
DIE WAHRE GESTALT DER SOZIALEN FRAGE,
ERFASST AUS DEM LEBEN DER MODERNEN
MENSCHHEIT
OfTenbart sichnicht aus der Weltkriegskatastropheheraus die
moderne soziale Bewegung durch Tatsachen, die beweisen,
wie unzulanglich Gedanken waren, durdi die man jahr-
zehntelang das proletarische Wollen zu verstehen glaubte?
Was gegenwartig sich aus friiher niedergehaltenen For-
derungen des Proletariats und im Zusammenhange damit
an die Oberflache des Lebens drangt, notigt dazu, diese
Frage zu stellen. Die Machte, welche das Niederhalten
bewirkt haben, sind zum Teil vernichtet. Das Verhaltnis,
in das sidi diese Machte zu den sozialen Triebkraften eines
grofien Teiles der Menschheit gesetzt haben, kann nur
erhalten wollen, wer ganz ohne Erkenntnis davon ist, wie
unvernichtbar solche Impulse der Menschennatur sind.
Manche Personlichkeiten, deren Lebenslage es ihnen
moglich machte, durch ihr Wort oder ihren Rat hemmend
oder fordernd einzuwirken auf die Krafte im europaischen
Leben, die 1914 zur Kriegskatastrophe drangten, haben
sich iiber diese Triebkrafte den grofken Illusionen hin-
gegeben. Sie konnten glauben, ein Waffensieg ihres Landes
werde die sozialen Anstiirme beruhigen. Solche Personlich-
keiten mufiten gewahr werden, dafi durch die Folgen ihres
Verhaltens die sozialen Triebe erstvollig in dieErscheinung
traten. Ja, die gegenwartige Menschheitskatastrophe erwies
sich als dasjenige geschichtliche Ereignis, durch das diese
Triebe ihre voile Schlagkraft erhielten. Die fiihrenden Per-
sonlichkeiten und Klassen mufken ihr Verhalten in den
letzten schicksalsschweren Jahren stets von dem abhangig
machen, was in den sozialistisch gestimmten Kreisen der
Menschheit lebte. Siehatten oftmals gerne anders gehandelt,
wenn sie die Stimmung dieser Kreise hatten unbeachtet
lassen konnen. In der Gestalt, die gegenwartig die Ereignisse
angenommen haben, leben die Wirkungen dieser Stimmung
fort.
Und jetzt, da in ein entscheidendes Stadium eingetreten
ist, was jahrzehntelang vorbereitend heraufgezogen ist in
der Lebensentwickelung der Menschheit: jetzt wird zum
tragischen Schicksal, daE den gewordenen Tatsachen sidi
die Gedanken nicht gewachsen zeigen, die im Werden dieser
Tatsachen entstanden sind. Viele Personlichkeiten, die ihre
Gedanken an diesem Werden ausgebildet haben, um dem
zu dienen, was in ihm als soziales Ziel lebt, vermogen heute
wenig oder nichts in bezug auf Schicksalsfragen, die von
den Tatsachen gestellt werden.
Noch glauben zwar manche dieser Personlichkeiten, was
sie seit langer Zeit als zur Neugestaltung des menschlichen
Lebens notwendig gedacht haben, werde sich verwirklichen
und dann als machtig genug erweisen, um den fordernden
Tatsachen eine lebensmogliche Richtung zu geben. - Man
kann absehen von der Meinung derer, die audi jetzt noch
wahnen, das Alte musse sich gegen die neueren Forderungen
eines grofien Teiles der Menschheit halten lassen. Man
kann seinen Blick einstellen auf das Wollen derer, die von
der Notwendigkeit einer neuen Lebensgestaltung uberzeugt
sind. Man wird doch nicht anders konnen, als sich gestehen:
Es wandeln unter uns Parteimeinungen wie Urteilsmumien,
die von der Entwickelung der Tatsachen zuriickgewiesen
werden. Diese Tatsachen f ordern Entscheidungen, f iir weldie
die Urteile der alten Parteien nicht vorbereitet sind. Solche
Parteien haben sich zwar mit den Tatsachen entwickelt;
aber sie sind mit ihren Denkgewohnheken hinter den Tat-
sachen zuriickgeblieben. Man braucht vielleicht nicht un-
bescheiden gegeniiber heute noch als mafigeblich geltenden
Ansichten zu sein, wenn man glaubt, das eben Angedeutete
aus dem Verlaufe der Weltereignisse in der Gegenwart
entnehmen zu konnen. Man darf daraus die Folgerung
Ziehen, gerade diese Gegenwart miisse empfanglich sein f iir
den Versuch, dasjenige im sozialen Leben der neueren
Menschheit zu kennzeichnen, was in seiner Eigenart auch
den Denkgewohnten der sozial orientierten Personlich-
keiten und Parteirichtungen feme liegt, Denn es konnte
wohl sein, daft die Tragik, die in den Losungsversuchen der
sozialen Frage zutage tritt, gerade in einem Mifiverstehen
der wahren proletarischen Bestrebungen wurzelt. In einem
Mifiverstehen selbst von seiten derjenigen, welche mit ihren
Anschauungen aus diesen Bestrebungen herausgewachsen
sind. Denn der Mensch bildet sich keineswegs immer iiber
sein eigenes Wollen das rechte Urteil.
Gerechtfertigt kann es deshalb erscheinen, einmal die
Fragen zu stellen, was will die moderne proletarische
Bewegung in Wirklichkeit? Entspricht dieses Wollen dem-
jenigen, was gewohnlich von proletarischer oder nicht
proletarischer Seite iiber dieses Wollen gedacht wird?
OfFenbart sich in dem, was iiber die «soziale Frage» von
vielen gedacht wird, die wahre Gestalt dieser «Frage»?
Oder ist ein ganz anders gerichtetes Denken no tig? An
diese Frage wird man nicht unbefangen herantreten konnen,
wenn man nicht durch die Lebensschicksale in die Lage
versetzt war, in das Seelenleben des modernen Proletariats
sich einzuleben. Und zwar desjenigen Teiles dieses Prole-
tariats, der am meisten Anteil hat an der Gestaltung, welche
die soziale Bewegung der Gegenwart angenommen hat.
Man hat viel gesprochen iiber die Entwickelung der
modernen Technik und des modernen Kapitalismus. Man
hat gefragt, wie innerhalb dieser Entwickelung das gegen-
wartige Proletariat entstanden ist, und wie es durch die
Entfaltung des neueren Wirtschafblebens zu seinen For-
derungen gekommen ist. In all dem, was man in dieser
Richtung vorgebracht hat, liegt viel Treffendes. Dafi damit
aber ein Entscheidendes doch nicht beriihrt wird, kann sich
dem aufdrangen, der sich nicht hypnotisieren lafrt von dem
Urteil: Die aulkrn Verhaltnisse geben dem Menschen das
Geprage seines Lebens. Es offenbart sich dem, der sich einen
unbefangenen Einblick bewahrt in die aus inneren Tiefen
heraus wirkenden seelischen Impulse. Gewift ist, dafi die
proletarischen Forderungen sich entwickelt haben wahrend
des Lebens der modernen Technik und des modernen
Kapitalismus; aber die Einsicht in diese Tatsache gibt noch
durchaus keinen Aufschluft dariiber, was in diesen For-
derungen eigentlich als rein menschliche Impulse lebt. Und
solange man in das Leben dieser Impulse nicht eindringt,
kann man wohl auch der wahren Gestalt der «sozialen
Frage» nicht beikommen.
Ein Wort, das oftmals in der Proletarierwelt aus-
gesprochen wird, kann einen bedeutungsvollen Eindruck
machen auf den, der in die tiefer liegenden Triebkrafte des
menschlichen Wollens zu dringen vermag. Es ist das: Der
moderne Proletarier ist «klassenbewufit» geworden. Er
folgt den Impulsen der aufier ihm bestehenden Klassen
nicht mehr gewisserma£en instinktiv, unbewufit; er weifi
sich als Angehoriger einerbesonderenKlasse und ist gewillt,
das Verhaltnis dieser seiner Klasse zu den andern im offent-
lichen Leben in einer seinen Interessen entsprechenden
Weise zur Geltung zu bringen. Wer ein Auffassungs-
vermogen hat fur seelische Unterstromungen, der wird
durch das Wort «klassenbewulk» in dem Zusammenhang,
in dem es der moderne Proletarier gebraucht, hingewiesen
auf wichtigste Tatsachen in der sozialen Lebensauffassung
derjenigen arbeitenden Klassen, die im Leben der modernen
Technik und des modernen Kapitalismus stehen. Ein soldier
mufi vor allem aufmerksam darauf werden, wie wissen-
schaflliche Lehren iiber das Wirtschaftsleben und dessen
Verhaltnis zu den Menschenschicksalen ziindend in die Seele
des Proletariers eingeschlagen haben. Hiermit wird eine
Tatsache beriihrt, iiber welche viele, die nur iiber das
Proletariat denken konnen, nicht mit demselben, nur ganz
verschwommene, ja in Anbetracht der ernsten Ereignisse
der Gegenwart schadliche Urteile haben. Mit der Meinung,
dem «ungebildeten» Proletarier sei durch den Marxismus
und seine Fortsetzung durch die proletarischen Schriftsteller
der Kopf verdreht worden, und mit dem, was man sonst in
dieser Richtung oft horen kann, kommt man nicht zu einem
auf diesem Gebiete in der Gegenwart notwendigen Ver-
standnis der geschichtlichen Weltlage. Denn man zeigt,
wenn man eine solche Meinung aufiert, nur, dafi man nicht
den Willen hat, denBlick auf ein Wesentliches in der gegen-
wartigen sozialen Bewegung zu lenken. Und ein solches
Wesentliches ist die Erfiillung des proletarischen Klassen-
bewufitseins mit Begriffen, die ihren Charakter aus der
neueren wissenschafllichen Entwickelung heraus genommen
haben. In diesem Bewulksein wirkt als Stimmung fort, was
in Lassalles Rede iiber die «Wissenschaft und die Arbeiter»
gelebt hat. Solche Dinge mogen manchem unwesentlich
erscheinen, der sidi fiir einen «praktischen Menschen» halt.
Wer aber eine wirklich fruchtbare Einsicht in die moderne
Arbeiterbewegung gewinnen will, der mufi seine Aufmerk-
samkeit auf diese Dinge richten. In dem, was gema£igte
und radikale Proletarier heute fordern, lebt nicht etwa das
in Menschen-Impulse umgewandelte Wirtschaftsleben so,
wie es sich manche Menschen vorstellen, sondern es lebt die
Wirtschafts- Wissenschaft, von welcher das proletarische
Bewulksein ergriffen worden ist. In der wissenschaftlich
gehaltenen und in der journalistisch popular isiertenLiteratur
der proletarischen Bewegung tritt dieses so klar zutage. Es
zu leugnen, bedeutet ein Augenverschliefien vor den wirk-
Hchen Tatsachen. Und eine fundamentale, die soziale Lage
der Gegen wart bedingende Tatsache ist die, dafi der moderne
Proletarier in wissenschaftlich gearteten Begriffen sich den
Inhalt seines Klassenbewufitseins bestimmen lafit. Mag der
an der Maschine arbeitende Mensch von «Wissenschaft» noch
so weit entfernt sein; er hort den Aufklarungen iiber seine
Lage von seiten derjenigen zu, welche die Mittel zu dieser
Aufklarung von dieser « Wissenschaft » empfangen haben.
Alle die Auseinandersetzungen iiber das neuere Wirt-
schaftsleben, das Maschinenzeitalter, den Kapitalismus
mogen noch so einleuchtend auf die Tatsachengrundlage
der modernen Proletarierbewegung hinweisen; was die
gegenwartige soziale Lage entscheidend aufklart, erfliefit
nicht unmittelbar aus der Tatsache, da£ der Arbeiter an die
Maschine gestellt worden, dafi er in die kapitalistische
Lebensordnung eingespannt worden ist. Es fliefk aus der
andern Tatsadie, dafi ganz bestimmte Gedanken sich inner-
halb seines Klassenbewufitseins an der Maschine und in der
Abhangigkeit von der kapitalistisdien Wirtschaftsordnung
ausgebildet haben. Es konnte sein, dafi die Denkgewohn-
heiten der Gegenwart manchen verhindern, die Tragweite
dieses Tatbestandes ganz zu erkennen und ihn veranlassen,
in seiner Betonung nur ein dialektisches Spiel mit BegrifFen
zu sehen. Demgegenuber mufi gesagt werden: Urn so
schlimmer f iir die Aussichten auf eine gedeihliche Einstellung
in das soziale Leben der Gegenwart bei denen, die nicht
imstande sind, das Wesentliche ins Auge zu fassen. Wer die
proletarische Bewegung verstehen will, der mufi vor allem
wissen, wie der Proletarier denkt. Denn die proletarische
Bewegung - von ihren gemafiigten Reformbestrebungen
an bis in ihre verheerendsten Auswiichse hinein - wird
nicht von «aufiermenschlichen Kraften», von «Wirtschafts-
impulsen» gemacht, sondern von Menschen; von deren
Vorstellungen und Willensimpulsen.
Nicht in dem, was die Maschine und der Kapitalismus in
das proletarische Bewufkseinhineinverpflanzt haben, liegen
die bestimmenden Ideen und "Willenskrafte der gegen-
wartigen sozialen Bewegung. Diese Bewegung hat ihre
Gedanken-Quelle in der neueren Wissenschaftsrichtung
gesucht, weil dem Proletarier Maschine und Kapitalismus
nichts geben konnten, was seine Seele mit einem menschen-
wiirdigen Inhalt erfiillen konnte. Ein soldier Inhalt ergab
sich dem mittelalterlichen Handwerker aus seinem Berufe.
In der Art, wie dieser Handwerker sich menschlich mit dem
Berufe verbunden fuhlte, lag etwas, das ihm das Leben
innerhalb der ganzen menschlichen Gesellschaft vor dem
eigenen Bewufitsein in einem lebenswertenLichte erscheinen
lieft. Er vermochte, was er tat, so anzusehen, dafi er dadurch
verwirklicht glauben konnte, was er als «Mensch» sein
wollte. An der Maschine und innerhalb der kapitalistischen
Lebensordnung war der Mensch auf sich selbst, auf sein
Inneres angewiesen, wenn er nach einer Grundlage suchte,
auf der sich eine das Bewufitsein tragende Ansicht von dem
errichten lafit, was man als «Mensch» ist. Von der Technik,
von dem Kapitalismus stromte fur eine solche Ansicht
nichts aus. So ist es gekommen, dafi das proletarische
Bewufitsein die Richtung nach dem wissenschaftlich gearteten
Gedanken einschlug. Es hatte den menschlichen Zusammen-
hang mit dem unmittelbaren Leben verloren. Das aber
geschah in der Zeit, in der die fiihrenden Klassen der
Menschheit einer wissenschaftlichenDenkungsart zustrebten,
die selbst nicht mehr die geistige StoEkraft hatte, um das
menschliche Bewufttsein nach dessen Bediirfnissen allseitig
zu einem befriedigenden Inhalte zu fuhren. Die alten Welt-
anschauungen stellten den Menschen als Seele in einen
geistigen Daseinszusammenhang hinein. Vor der neueren
Wissenschaft erscheint er als Naturwesen innerhalb der
blofien Naturordnung. Diese Wissenschaft wird nicht emp-
funden wie ein in die Menschenseele aus einer Geistwelt
fliefiender Strom, der den Menschen als Seele tragt. Wie
man auch iiber das Verhaltnis der religiosen Impulse und
dessen, was mit ihnen verwandt ist, zu der wissenschaft-
lichen Denkungsart der neueren Zeit urteilen mag: man
wird, wenn man unbef angen die geschichtliche Entwickelung
betrachtet, zugeben miissen, daft sich das wissenschaftliche
Vorstellen aus dem religiosen entwickelt hat. Aber die alten,
auf religiosen Untergriinden ruhenden Weltanschauungen
haben nicht vermocht, ihren seelentragenden Impuls der
neueren wissenschaftlichen Vorstellungsart mitzuteilen. Sie
stellten sidi aufierhalb dieser Vorstellungsart und lebten
weiter mit einem Bewufitseinsinhalt, dem sich die Seelen
des Proletariats nicht zuwenden konnten. Den fuhrenden
Klassen konnte dieser Bewufitseinsinhalt nodi etwas Wert-
voiles sein. Er hing auf die eine oder die andere Art mit
ihrer Lebenslage zusammen. Diese Klassen suchten nicht
nach einem neuen BewuiStseinsinhalt, weil dieOberlieferung
durch das Leben selbst sie den alten nodi festhalten liefi.
Der moderne Proletarier wurde aus alien alten Lebens-
zusammenhangen herausgerissen. Er ist der Mensch, dessen
Leben auf eine vollig neue Grundlage gestellt worden ist.
Fiir ihn war mit der Entziehung der alten Lebensgrund-
lagen zugleich die Moglichkeit geschwunden, aus den alten
geistigen Quellen zu schopfen. Die standen inmitten der
Gebiete, denen er entfremdet worden war. Mit der modernen
Technik und dem modernen Kapitalismus entwickelte sich
gleichzeitig — in dem Sinne, wie man die grofien welt-
geschichtlichen Stromungen gleichzeitig nennen kann - die
moderne Wissenschaftlichkeit. Ihr wandte sich das Ver-
trauen, der Glaube des modernen Proletariats zu. Bei ihr
suchte es den ihm notwendigen neuen BewuJStseinsinhalt.
Aber es war zu dieser Wissenschaftlichkeit in ein anderes
Verhaltnis gesetzt als die fuhrenden Klassen. Diese fiihlten
sich nicht genotigt, die wissenschaflliche Vorstellungsart zu
ihrer seelentragenden Lebensauf f assung zu machen. Mochten
sie noch so sehr mit der « wissenschaftlichen Vorstellungsart*
sich durchdringen, dafi in der Naturordnung ein gerader
Ursachenzusammenhang von den niedersten Tieren bis zum
Menschen fiihre: diese Vorstellungsart blieb dochtheoretische
Oberzeugung. Sie erzeugte nicht den Trieb, das Leben auch
empfindungsgemafi so zu nehmen, wie es dieser Oberzeu-
gung restlos angemessen ist. Der Naturforscher Vogt, der
naturwissenschaftliche Popularisator Buchner: sie waren
sicherlich von der wissenschaftlichen Vorstellungsart durch-
drungen. Aber neben dieser Vorstellungsart wirkte in ihrer
Seele etwas, das sie festhalten liefi an Lebenszusammen-
hangen, die sich nur sinnvoll rechtf ertigen aus dem Glauben
an eine geistige Weltordnung. Man stelle sich doch nur
unbefangen vor, wie anders die Wissenschaftlichkeit auf
den wirkt, der in solchen Lebenszusammenhangen mit dem
eigenen Dasein verankert ist, als auf den modernen Prole-
taries vor den sein Agitator hintritt und in den wenigen
Abendstunden, die von der Arbeit nicht ausgefiillt sind, in
der folgenden Art spricht: Die Wissenschaft hat in der
neueren Zeit den Menschen ausgetrieben, zu glauben, dafi
sie ihren Ursprung in geistigen Welten haben. Sie sind dar-
iiber belehrt worden, da$ sie in der Urzeit unanstandig als
Baumkletterer lebten, belehrt, daft sie alle den gleichen
rein naturlichen Ursprung haben. Vor eine nach solchen
Gedanken hin orientierte Wissenschaftlichkeit sah sich der
moderne Proletarier gestellt, wenn er nach einem Seelen-
inhalt suchte, der ihn empfinden lassen sollte, wie er als
Mensch im Weltendasein drinnen stent. Er nahm diese
Wissenschaftlichkeit restlos ernst, und zog aus ihr seine
Folgerungen fiir das Leben. Ihn traf das technische und
kapitalistische Zeitalter anders als den Angehorigen der
fiihrenden Klassen. Dieser stand in einer Lebensordnung
drinnen, welche noch von seelentragenden Impulsen gestaltet
war. Er hatte alles Interesse daran, die Errungenschaften
der neuen Zeit in den Rahmen dieser Lebensordnung ein-
zuspannen. Der Proletarier war aus dieser Lebensordnung
seelisch herausgerissen. Ihm konnte diese Lebensordnung
nicht eine Empfindung geben, die sein Leben mit einem
menschenwiirdigen Inhalt durchleuchtete. Empfinden lassen,
was man als Mensch ist, das konnte den Proletarier das
einzige, was ausgestattet mit Glauben erweckender Kraft
aus der alten Lebensordnung hervorgegangen zu sein schien:
die wissenschaflliche Denkungsart.
Es konnte manchen Leser dieser Ausfiihrungen wohl zu
einem Lacheln drangen, wenn auf die «Wissenschaftlidikeit»
der proletarischen Vorstellungsart verwiesen wird. Wer bei
«Wissenschaftlichkeit» nur an dasjenige zu denken vermag,
was man durch vieljahriges Sitzen in «Bildungsanstalten»
sich erwirbt, und der dann diese «Wissenschaftlichkeit» in
Gegensatz bringt zu demBewufitseinsinhalt des Proletariers,
der «nicnts gelernt» hat, der mag lacheln. Er lachelt iiber
Schicksal entscheidendeTatsachen des gegenwartigen Lebens
hinweg. Diese Tatsachen bezeugen aber, dafi mancher hoch-
gelehrte Mensch unwissenschaftlich lebt, wahrend der un-
gelehrte Proletarier seine Lebensgesinnung nach der Wissen-
schafl hin orientiert, die er vielleicht gar nicht besitzt. Der
Gebildete hat die Wissenschaft aufgenommen; sie ist in
einem Schubfach seines Seelen-Innern. Er steht aber in
Lebenszusammenhangen und lafit sich von diesen seine
Empfindungen orientieren, die nicht von dieser Wissen-
schaft gelenkt werden. Der Proletarier ist durch seine
Lebensverhaltnisse dazu gebracht, das Dasein so aufzu-
fassen, wie es der Gesinnun% dieser Wissenschaft entspricht.
Was die andern Klassen « Wissenschaftlichkeit» nennen, mag
ihm feme liegen; die Vorstellungsrichtung dieser Wissen-
schaftlichkeit orientiert sein Leben. Fiir die andern Klassen
ist bestimmend eine religiose, eine asthetische, eine allgemein-
geistige Grundlage; fur ihn wird die «Wissenschaft», wenn
audi oft in ihren allerletzten Gedanken-Auslaufen, Lebens-
glaube. Manclier Angehorige der «fiihrenden» Klassen fiihlt
sich «aufgeklart», «freireligios». Gewifi, in seinen Vor-
stellungen lebt die wissenschaftliche Oberzeugung; in seinen
Empfindungen aber pulsieren die von ihm unbemerkten
Reste eines uberlieferten Lebensglaubens.
Was die wissenschaftliche Denkungsart nicht aus der
alten Lebensordnung mitbekommen hat: das ist das Bewufit-
sein, dafi sie als geistiger Art in einer geistigen Weltwurzelt.
Ober diesen Charakter der modernen Wissenschaftlichkeit
konnte sich der Angehorige der fuhrenden Klassen hinweg-
setzen. Denn ihm erfullt sidi das Leben mit alten Tra-
ditionen. Der Proletarier konnte das nicht. Denn seine neue
Lebenslage trieb die alten Traditionen aus seiner Seele. Er
ubernahm die wissenschaftliche Vorstellungsart von den
herrschenden Klassen als Erbgut. Dieses Erbgut wurde die
Grundlage seines BewulStseins vom Wesen des Menschen.
Aber dieser «Geistesinhalt» in seiner Seele wu&te nichts von
seinem Ursprung in einem wirklichen Geistesleben. Was
der Proletarier von den herrschenden Klassen als geistiges
Leben allein iibernehmen konnte, verleugnete seinen Ur-
sprung aus dem Geiste.
Mir ist nicht unbekannt, wie diese Gedanken Nicht-
proletarier und auch Proletarier beriihren werden, die mit
dem Leben «praktisch» vertraut zu sein glauben, und die
aus diesem Glauben heraus das hier Gesagte fur eine lebens-
fremde Anschauung halten. Die Tatsachen, welche aus der
gegenwartigen Weltlage heraus sprechen, werden immer
mehr diesen Glauben als einen Wahn erweisen. Wer un-
befangen diese Tatsachen sehen kann, dem mufi sich often-
baren, dafi einer Lebensauffassung, welche sich nur an das
Aufiere dieser Tatsachen halt, zuletzt nur noch Vorstellungen
zuganglich sind, die mit den Tatsachen nichts mehr zu tun
haben. Herrschende Gedanken haben sich so lange «prak-
tisch» an die Tatsachen gehalten, bis diese Gedanken keine
Ahnlichkeit mehr mit diesen Tatsachen haben. In dieser
Beziehung konnte die gegenwartige Weltkatastrophe ein
Zuchtmeister fiir viele sein. Denn: Was haben sie gedacht,
daft werden kann? Und was ist geworden? Soil es so auch
mit dem sozialen Denken gehen?
Auch hore ich im Geiste den Einwurf, den der Bekenner
proletarischer Lebensauffassung aus seiner Seelenstimmung
heraus macht: Wieder einer, der den eigentlichen Kern der
sozialen Frage auf ein Geleise ablenken mochte, das dem
burgerlich Gesinnten bequem zu befahren sdieint. Dieser
Bekenner durchschaut nicht, wie ihm das Schicksal sein
proletarisches Leben gebracht hat, und wie er sich innerhalb
dieses Lebens durch eine Denkungsart zu bewegen sucht,
die ihm von den «herrschenden» Klassen als Erbgut iiber-
macht ist. Er lebt proletarisch; aber er denkt burgerlich.
Die neue Zeit macht nicht blofi notwendig, sich in ein neues
Leben zu finden, sondern auch in neue Gedanken. Die
wissenschaftliche Vorstellungsart wird erst zum leben-
tragenden Inhalt werden konnen, wenn sie auf ihre Art fiir
die Bildung eines vollmenschlichen Lebensinhaltes eine
solche Stofikraft entwickelt, wie sie alteLebensauffassungen
in ihrer Weise entwickelt haben.
Damit ist der Weg bezeichnet, der zum Auffinden der
wahren Gestalt eines der Glieder innerhalb der neueren
proletarischen Bewegung fiihrt. Am Ende dieses Weges
ertont aus der proletarischen Seele die Oberzeugung: Ich
strebe nach dem geistigen Leben. Aber dieses geistige Leben
ist Ideologic, ist nur, was sich im Menschen von den
aufieren Weltvorgangen spiegelt, flie£t nicht aus einer
besonderen geistigen Welt her. Was im "Obergange zur
neuen Zeit aus dem alten Geistesleben geworden ist, emp-
findet die proletarischeLebensauffassung als Ideologic. Wer
die Stimmtmg in der proletarischen Seele begreifen will, die
sich in den sozialen Forderungen der Gegenwart auslebt,
der mufi imstande sein, zu erfassen, was die Ansicht
bewirken kann, dafi das geistige Leben Ideologic sei. Man
mag erwidern: Was weifi der Durchschnittsproletarier von
dieser Ansicht, die in den Kopfen der mehr oder weniger
geschulten Fiihrer verwirrend spukt. Der so spricht, redet
am Leben vorbei, und er handelt auch am wirklichen Leben
vorbei. Ein soldier weifi nicht, was im Proletarierleben der
letzten Jahrzehnte vorgegangen ist; er weifi nicht, welche
Faden sich spinnen von der Ansicht, das geistige Leben sei
Ideologic, zu den Forderungen und Taten des von ihm
nur fiir «unwissend» gehaltenen radikalen Sozialisten und
audi zu den Handlungen derer, die aus dumpfen Lebens-
impulsen her aus « Revolution machen».
Darinnen liegt die Tragik, die iiber das Erfassen der
sozialen Forderungen der Gegenwart sich ausbreitet, dafi
man in vielen Kreisen keine Empfindung fiir das hat, was
aus der Seelenstimmung der breiten Massen sich an die
Oberflache des Lebens heraufdrangt, dafi man den Blick
nicht auf das zu richten vermag, was in den Menschen-
gemiitern wirklich vorgeht. Der Nichtproletarier hort
angsterfiillt nach den Forderungen des Proletaries hin und
vernimmt: Nur durch Vergesellschaftung der Produktions-
mittel kann fiir mich ein menschenwiirdiges Dasein erreicht
werden. Aber er vermag sich keine Vorstellung davon zu
bilden, dafi seine Klasse beim Obergang aus einer alten in
die neue Zeit nicht nur den Proletarier zur Arbeit an den
ihm nicht gehorenden Produktionsmitteln aufgerufen hat,
sondern dafi sie nicht vermocht hat, ihm zu dieser Arbeit
einen tragenden Seeleninhalt hinzuzugeben. Menschen,
welche in der oben angedeuteten Art am Leben vorbeisehen
und vorbeihandeln, mogen sagen: Aber der Proletarier will
doch einfach in eine Lebenslage versetzt sein, die der-
jenigen der herrschenden Klassen gleichkommt; wo spielt
da die Frage nach dem Seeleninhalt eine Rolle? Ja, der
Proletarier mag selbst behaupten: Ich verlange von den
andern Klassen nichts fiir meine Seele; idi will, dafi sie
mich nicht weiter ausbeuten konnen. Ich will, dafi die jetzt
bestehenden Klassenunterschiede aufhoren. Solche Rede
trifft doch das Wesen der sozialen Frage nicht. Sie enthiillt
nichts von der wabren Gestalt dieser Frage. Denn ein solches
Bewufitsein in den Seelen der arbeitenden Bevolkerung, das
von den herrschenden Klassen einen wahren Geistesinhalt
ererbt hatte, wiirde die sozialen Forderungen in ganz
anderer Art erheben, als es das moderne Proletariat tut,
das in dem empfangenen Geistesleben nur eine Ideologie
sehen kann. Dieses Proletariat ist von dem ideologischen
Charakter des Geisteslebens iiberzeugt; aber es wird durch
dieseUberzeugung immer unglucklicher. Und die Wirkungen
dieses seines Seelenungluckes, die es nicht bewufit kennt,
aber intensiv erleidet, iiberwiegen weit in ihrer Bedeutung
fiir die soziale Lage der Gegenwart alles, was nur die in
ihrer Art auch berechtigte Forderung nach Verbesserung der
aufieren Lebenslage ist.
Die herrschenden Klassen erkennen sich nicht als die
Urheber der jenigen Lebensgesinnung, die ihnen gegenwartig
im Proletariertum kampfbereit entgegentritt. Und doch
sind sie diese Urheber dadurch geworden, dafi sie von ihrem
Geistesleben diesem Proletariertum nur etwas haben ver-
erben konnen, was von diesem als Ideologie empfunden
werden mufi.
Nicht das gibt der gegenwartigen sozialen Bewegung ihr
wesentliches Geprage, dafi man nach einer Anderung der
Lebenslage einer Menschenklasse verlangt, obgleich es das
natiirlidi Erscheinende ist, sondern die Art wie die For-
derung nach dieser Anderung aus den Gedanken-Impulsen
dieser Klasse in Wirklichkeit umgesetzt wird. Man sehe
sich doch die Tatsachen von diesem Gesichtspunkte aus nur
einmal unbefangen an. Dann wird man sehen, wie Per-
sonlichkeiten, die ihr Denken in der Richtung der proleta-
rischen Impulse halten wollen, lacheln, wenn die Rede
darauf kommt, durch diese oder jene geistigen Bestrebungen
wolle man etwas beitragen zur Losung der sozialen Frage.
Sie belacheln das als Ideologic als eine graue Theorie. Aus
dem Gedanken heraus, aus dem blofien Geistesleben heraus,
so meinen sie, werde gewifi nichts beigetragen werden
konnen zu den brennenden sozialen Fragen der Gegenwart.
Aber sieht man genauer zu, dann drangt es sich einem auf,
wie der eigentliche Nerv, der eigentliche Grundimpuls der
modernen, gerade proletarischen Bewegung nicht in dem
liegt, wovon der heutige Proletarier spricht, sondern liegt
in Gedanken.
Die moderne proletarische Bewegung ist, wie vielleicht
noch keine ahnliche Bewegung der Welt - wenn man sie
genauer anschaut, zeigt sich dies im eminentesten Sinne -,
eine Bewegung aus Gedanken entsprungen. Dies sage ich
nicht blofi wie ein im Nachdenken iiber die soziale Be-
wegung gewonnenes Aper£U. Wenn es mir gestattet ist,
eine personliche Bemerkung einzufugen, so sei es diese: Ich
habe jahrelang innerhalb einer Arbeiterbildungsschule in
den verschiedensten Zweigen proletarischen Arbeitern Un-
terricht erteilt. Ich glaube dabei kennengelernt zu haben,
was in der Seele des modernen proletarischen Arbeiters lebt
und strebt. Von da ausgehend habe ich auch zu verfolgen
Gelegenheit gehabt, was in den Gewerkschaften der ver-
schiedenen Berufe und Berufsrichtungen wirkt. Ich meine,
ich spreche nicht blofi vom Gesichtspunkte theoretischer Er-
wagungen, sondern ich spreche aus, was ich glaube, als
Ergebnis wirklicher Lebenserfahrung mir errungen zu
haben.
Wer - was bei den fuhrenden Intellektuellen leider so
wenig der Fall ist — wer die moderne Arbeiterbewegung da
kennengelernt hat, wo sie von Arbeitern getragen wird, der
weiE, welch bedeutungsschwere Erscheinung dieses ist, dafi
eine gewisse Gz&zviken-Richtung die Seelen einer grofien
Zahl von Menschen in der intensivsten Weise er griff en hat.
Was gegenwartig schwierig macht, zu den sozialen Ratseln
Stellung zu nehmen, ist, dafi eine so geringe Moglichkeit
des gegenseitigen Verstandnisses der Klassen da ist. Die
burgerlichen Klassen konnen heute sich so schwer in die
Seele des Proletariers hineinversetzen, konnen so schwer
verstehen, wie in der noch unverbrauchten Intelligenz des
Proletariats Eingang finden konnte eine solche — mag man
nun zum Inhalt stehen wie man will — , eine solche an
menschliche Denkforderungen hochste MaEstabe anlegende
Vorstellungsart, wie es diejenige Karl Marxens ist.
Gewifi, Karl Marxens Denksystem kann von dem einen
angenommen, von dem andern widerlegt werden, vielleicht
das eine mit so gut erscheinenden Griinden wie das andre;
es konnte revidiert werden von denen, die das soziale
Leben nach Marxens und seines Freundes Engels Tode von
anderem Gesichtspunkte ansahen als diese Fiihrer. Von dem
Inhalte dieses Systems will ich gar nicht sprechen. Der
scheint mir nicht als das Bedeutungsvolle in der modernen
proletarischen Bewegung. Das Bedeutungsvollste erscheint
mir, dafi die Tatsache vorliegt: Innerhalb der Arbeiterschaft
wirkt als machtigster Impuls ein Gedankensystem. Man
kann geradezu die Sache in der folgenden Art aussprechen:
Eine praktische Bewegung, eine reine Lebensbewegung mit
alleralltaglichsten Menschheitsforderungen stand noch nie-
mals so fast ganz allein auf einer rein gedanklichen Grund-
lage wie diese moderneProletarierbewegung. Sie ist gewisser-
mafien sogar die erste derartige Bewegung in der Welt,
die sich rein auf eine wissenschaftliche Grundlage gestellt
hat. Diese Tatsache mufi aber richtig angesehen werden.
Wenn man alles dasjenige ansieht, was der moderne Prole-
tarier iiber sein eigenes Meinen und Wollen und Empfinden
bewulk zu sagen hat, so scheint einem das programmafiig
Ausgesprochene bei eindringlicher Lebensbeobachtung durch-
aus nicht als das Wichtige.
Als wirklich wichtig aber mufi erscheinen, dafi im Prole-
tarierempfmden fiir den ganzen Menschen entscheidend
geworden ist, was bei andern Klassen nur in einem einzelnen
Gliede ihres Seelenlebens verankert ist: die Gedanken-
grundlage der Lebensgesinnung. Was im Proletarier auf
diese Art innere Wirklichkeit ist, er kann es nicht bewufit
zugestehen. Er ist von diesem Zugestandnis abgehalten da-
durch, dafi ihm das Gedankenleben als Ideologic uberlief ert
worden ist. Er baut in Wirklichkeit sein Leben auf die Ge-
danken; empfindet diese aber als unwirkliche Ideologic
Nicht anders kann man die proletarische Lebensauffassung
und ihre Verwirklichung durch die Handlungen ihrer Tra-
ger verstehen, als indem man diese Tatsache in ihrer vollen
Tragweite innerhalb der neueren Menschheitsentwickelung
durchschaut.
Aus der Art, wie in dem Vorangegangenen das geistige
Leben des modernen Proletariers geschildert worden ist,
kann man erkennen, dafi in der Darstellung der wahren
Gestalt der proletarisch-sozialen Bewegung die Kennzeich-
nung dieses Geisteslebens an erster Stelle ersdieinen mufi.
Denn es ist wesentlich, dafi der Proletarier die Ursachen
der ihn nidit befriedigenden sozialen Lebenslage so empfin-
det und nach ihrer Beseitigung in einer solchen Art strebt,
daJS Empfindung und Streben von diesem Geistesleben die
Riditung empfangt. Und doch kann er gegenwartig nodi
gar nidht anders als die Meinung spottend oder zornig
ablehnen, dafi indiesen geistigen Untergriinden der sozialen
Bewegung etwas liegt, was eine bedeutungsvolle treibende
Kraft darstellt. Wie sollte er einsehen, dal5 das Geistesleben
eine ihn treibende Macht hat, da er es doch als Ideologie
empfinden mufi? Von einem Geistesleben, das so empfun-
den wird, kann man nicht erwarten, daft es den Ausweg
aus einer sozialen Lage findet, die man nicht weiter er-
tragen will. Aus seiner wissenschaftlich orientierten Den-
kungsart ist dem modernen Proletarier nicht nur die Wissen-
schaft selbst, sondern es sind ihm Kunst, Religion, Sitte,
Recht zu Bestandteilen der menschlichen Ideologie gewor-
den. Er sieht in dem, was in diesen Zweigen des Geistes-
lebens waltet, nichts von einer in seinDasein hereinbrechen-
den Wirklichkeit, die zu dem materiellen Leben etwas
hinzufiigen kann. Ihm sind sie nur Abglanz oder Spiegel-
biid dieses materiellen Lebens. Mogen sie immerhin, wenn
sie entstanden sind, auf demUmwege durch das menschliche
Vorstellen oder durch ihre Auf nahme in die Willensimpulse
auf das materielle Leben wieder gestaltend zuriickwirken:
Urspriinglich steigen sie als ideologische Gebilde aus diesem
Leben auf. Nicht sie konnen von sich aus etwas geben, das
zur Behebung der sozialen Schwierigkeiten fuhrt. Nur inner-
halb der materiellen Tatsachen selbst kann etwas entstehen,
was zum Ziele geleitet.
Das neuere Geistesleben ist von den fiihrenden Klassen
der Menschheit an die proletarische Bevolkerung in einer
Form iibergegangen, die seine Kraft fur das Bewufksein
dieser Bevolkerung ausschaltet. Wenn an die Krafte gedacht
wird, welche der sozialen Frage die Losung bringen konnen,
so mufi dies vor allem andern verstanden werden. BHebe
diese Tatsache weiter wirksam, so miifite sich das Geistes-
leben der Menschheit zur Ohnmacht verurteilt sehen gegen-
iiber den sozialen Forderungen der Gegenwart und Zu-
kunft. Von dem Glauben an diese Ohnmacht ist in der Tat
ein grofier Teil des modernen Proletariats uberzeugt; und
diese Uberzeugung wird aus marxistischen oder ahnlichen
Bekenntnissen heraus zum Ausdruck gebracht. Man sagt,
das moderne Wirtschaftsleben hat aus seinen altern Formen
heraus die kapitalistische der Gegenwart entwickelt. Diese
Entwickelung hat das Proletariat in eine ihm unertragliche
Lage gegeniiber dem Kapitale gebracht. Die Entwickelung
werde weitergehen; sie werde den Kapitalismus durch die
in ihm selbst wirkenden Krafte ertoten, und aus dem Tode
des Kapitalismus werde die Befreiung des Proletariats er-
stehen. Diese Oberzeugung ist von neueren sozialistisdien
Denkern des fatalistisdien Charakters entkleidet worden,
den sie fur einen gewissen Kreis von Marxisten angenom-
men hat. Aber das Wesentliche ist audi da geblieben. Dies
driickt sich darinnen aus, dafi es dem, der gegenwartig edit
sozialistisch denken will, nicht beif alien wird, zu sagen:
Wenn irgendwo ein aus den Impulsen der Zeit heraus-
geholtes, in einer geistigen Wirklichkeit wurzelndes, die
Menschen tragendes Seelenleben sich zeigt, so wird von
diesem die Kraft ausstrahlen konnen, die audi der sozialen
Bewegung den rechten Antrieb gibt.
Dafi der zur proletarischen Lebensfiihrung gezwungene
Mensch der Gegenwart gegeniiber dem Geistesleben dieser
Gegenwart eine solche Erwartung nicht hegen kann, das
gibt seiner Seele die Grundstimmung. Er bedarf eines Gei-
steslebens, von dem die Kraft ausgeht, die seiner Seele die
Empfindung von seiner Menschenwiirde verleiht. Denn als
er in die kapitalistische Wirtschaftsordnung der neueren
Zeit hineingespannt worden ist, wurde er mit den tiefsten
Bediirfnissen seiner Seele auf ein solches Geistesleben hin-
gewiesen. Dasjenige Geistesleben aber, das ihm die fuhren-
den Klassen als Ideologic iiberlieferten, hohlte seine Seele
aus. Dafi in den Forderungen des modernen Proletariats
die Sehnsucht nach einem andern Zusammenhang mit dem
Geistesleben wirkt, als ihm die gegenwartige Gesellschafts-
ordnung geben kann: dies gibt der gegenwartigen sozialen
Bewegung die richtende Kraft. Aber diese Tatsache wird
weder von dem nicht proletarischen Teile der Menschheit
richtig erfafit, noch von dem proletarischen. Denn der nicht
proletarische leidet nicht unter dem ideologischen Geprage
des modernen Geisteslebens, das er selbst herbeigefuhrt hat.
Der proletarische Teil leidet darunter. Aber dieses ideolo-
gische Geprage des ihm vererbten Geisteslebens hat ihm den
Glauben an die tragende Kraft des Geistesgutes als solchen
geraubt. Von der rechten Einsicht in diese Tatsache hangt
das Auffinden eines Weges ab, der aus den Wirren der
gegenwartigen sozialen Lage der Menschheit herausfuhren
kann. Durch die gesellsdbaftlidie Ordnung, welche unter
dem Einflufi der fuhrenden Menschenklassen beim Herauf-
kommen der neueren Wirtschaftsform entstanden ist, ist
der Zugang zu einem solchen Wege verschlossen worden.
Man wird die Kraft gewinnen mussen, ihn zu offnen.
Man wird auf diesem Gebiete zum Umdenken dessen
kommen, was man gegenwartig denkt, wenn man das Ge-
wicht der Tatsache wird richtig empfinden lernen, da& ein
gesellschaftliches Zusammenleben der Menschen, in dem das
Geistesleben als Ideologie wirkt, eine der Krafte entbehrt,
welche den sozialen Organismus lebensfahig machen. Der
gegenwartige krankt an der Ohnmacht des Geisteslebens.
Und die Krankheit wird verschlimmert durch die Abnei-
gung, ihr Bestehen anzuerkennen. Durch die Anerkennung
dieser Tatsache wird man eine Grundlage gewinnen, auf
der sich ein der sozialen Bewegung entsprechendes Denken
entwickeln kann.
Gegenwartig vermeint der Proletarier eine GrundkrafT:
seiner Seele zu trefTen, wenn er von seinem Klassenbewuflt-
sein redet. Doch die Wahrheit ist, daiS er seit seiner Ein-
spannung in die kapitalistische "Wirtschaftsordnung nach
einem Geistesleben sucht, das seine Seele tragen kann, das
ihm das Bewufttsein seiner Menschenwiirde gibt; und dafi
ihm das als ideologisch empfundene Geistesleben dieses
Bewufttsein nicht entwickeln kann. Er hat nach diesem
Bewulksein gesucht, und er hat, was er nicht finden konnte,
durch das aus dem Wirtschaftsleben geborene Klassenbe-
wufitsein ersetzt.
Sein Blick ist wie durch eine machtige suggestive Kraft
blofi hingelenkt worden auf das Wirtschaftsleben. Und nun
glaubt er nidit mehr, daft anderswo, in einem Geistigen
oder Seelischen, ein Anstoft liegen konne zu dem, was not-
wendig eintreten miiftte auf dem Gebiete der sozialen
Bewegung. Er glaubt allein, daft durch die Entwickelung des
ungeistigen, unseelischen Wirtschaftslebens der Zustand her-
beigefiihrt werden konne, den er als den menschenwurdigen
empflndet. So wurde er dazu gedrangt, sein Heil allein in
einer Umgestaltung des Wirtschaftslebens zu suchen. Zu der
Meinung wurde er gedrangt, daft durch blofte Umgestaltung
des Wirtschaftslebens verschwinden werde all der Schaden,
der herriihrt von der privaten Unternehmung, von dem
Egoismus des einzelnen Arbeitgebers und von der Unmog-
lichkeit des einzelnen Arbeitgebers, gerecht zu werden den
Anspriichen auf Menschen wiirde, die im Arbeitnehmer leben.
So kam der moderne Proletarier dazu, das einzige Heil des
sozialen Organismus zu sehen in der Uberfiihrung alien
Privatbesitzes an Produktionsmitteln in gemeinschafllichen
Betrieb oder gar gemeinschaftliches Eigentum. Eine solche
Meinung ist dadurch entstanden, daft man gewissermafien
den Blick abgelenkt hat von allem Seelischen und Geistigen
und ihn nur hingerichtet hat auf den rein okonomischen
Prozefi.
Dadurch stellte sich all das Widerspruchsvolle ein, das in
der modernen proletarischen Bewegung liegt. Der moderne
Proletarier glaubt, dafi aus der Wirtschaft, aus dem Wirt-
schaftsleben selbst sich alles entwickeln musse, was ihm zu-
letzt sein voiles Menschenrecht geben werde. Um dies voile
Menschenrecht kampft er. Allein innerhalb seines Strebens
tritt etwas auf, was eben niemals aus dem wirtschaftlichen
Leben allein als eine Folge auftreten kann. Das ist eine
bedeutende, eine eindringliche Sprache redende Tatsache,
dafi geradezu im Mittelpunkte der verschiedenen Gestal-
tungen der sozialen Frage aus den Lebensnotwendigkeiten
der gegenwartigen Menschheit heraus etwas liegt, von dem
man glaubt, dafi es aus dem Wirtschaftsleben selbst hervor-
gehe, das aber niemals aus diesem allein entspringen konnte,
das vielmehr in der geraden Fortentwickelungslinie liegt,
die uber das alte Sklavenwesen durch das Leibeigenen-
wesen der Feudalzeit zu dem modernen Arbeitsproletariat
herauffuhrt. Wie auch fur das moderne Leben die Waren-
zirkulation, die Geldzirkulation, das Kapitalwesen, der
Besitz, Wesen von Grund und Boden und so weiter sich
gestaltet haben, innerhalb dieses modernen Lebens hat sich
etwas herausgebildet, das nicht deutlich ausgesprochen wird,
auch von dem modernen Proletarier nicht bewufk empfun-
den wird, das aber der eigentliche Grundimpuls seines so-
zialen Wollens ist. Es ist dieses: Die moderne kapitalistische
Wirtschaftsordnung kennt im Grunde genommen nur Ware
innerhalb ihres Gebietes. Sie kennt Wertbildung dieser
Waren innerhalb des wirtschaftlichen Organismus. Und es
ist geworden innerhalb des kapitalistischen Organismus der
neueren Zeit etwas zu einer Ware, von dem heute der Pro-
letarier empfindet: es darf nicht Ware sein.
Wenn man einmal einsehen wird, wie stark als einer der
Grundimpulse der ganzen modernen proletarischen sozialen
Bewegung in den Instinkten, in den unterbewufiten Empfin-
dungen des modernen Proletariers ein Abscheu davor lebt,
dafi er seine Arbeitskraft dem Arbeitgeber ebenso verkaufen
mufi, wie man auf dem Markte Waren verkauft, der Ab-
sdieu davor, dafi auf dem Arbeitskraftemarkt nach An-
gebot und Nachfrage seine Arbeitskraft ihre Rolle spielt,
wie die Ware auf dem Markte unter Angebot und Nach-
frage, wenn man darauf kommen wird, welche Bedeutung
dieser Abscheu vor der Ware Arbeitskraft in der modernen
sozialen Bewegung hat, wenn man ganz unbefangen dar-
auf blicken wird, daift, was da wirkt, auch nicht eindringlich
und radikal genug von den sozialistischen Theorien aus-
gesprochen wird, dann wir man zu dem ersten Impuls, dem
ideologisch empfundenen Geistesleben, den zweiten gefun-
den haben, von dem gesagt werden mull, dafi er heute die
soziale Frage zu einer drangenden, ja brennenden macht.
Im Altertum gab es Sklaven. Der game Mensch wurde
wie eine Ware verkauft. Etwas weniger vom Menschen,
aber doch eben ein Teil des Menschenwesens selber wurde
in den Wirtschaftsprozefi eingegliedert durch die Leibeigen-
schaft. Der Kapitalismus ist die Macht geworden, die noch
einem Rest des Menschenwesens den Charakter der Ware
aufdriickt: der Arbeitskraft. Ich will hier nicht sagen, dafi
diese Tatsache nicht bemerkt worden sei. Im Gegenteil, sie
wird im sozialen Leben der Gegenwart als eine fundamen-
tal Tatsache empfunden. Sie wird als etwas gefiihlt, was
gewichtig in der modernen sozialen Bewegung wirkt. Aber
man lenkt, indem man sie betrachtet, den Blick lediglich auf
dasWirtschaflsleben. Man macht die Frage iiber denWaren-
charakter zu einer blofien Wirtschaftsfrage. Man glaubt,
dafi aus dem Wirtschaftsleben heraus selbst die Krafte kom-
men miissen, welche einen Zustand herbeifuhren, durch den
der Proletarier nicht mehr die Eingliederung seiner Arbeits-
kraft in den sozialen Organismus als seiner unwiirdig emp-
findet. Man sieht, wie die moderne Wirtschaflsform in der
neueren geschichtlichen Entwickelung der Menschheit her-
aufgezogen ist. Man sieht audi, dafi diese Wirtschaflsform
der menschlichen Arbeitskrafl den Charakter der Ware auf-
gepragt hat. Aber man sieht nicht, wie es im Wirtschafts-
leben selbst liegt, da$ alles ihm Eingegliederte zur Ware
werden mufi. In der Erzeugung und in dem zweckmafiigen
Verbrauch von Waren besteht das Wirtschaftsleben. Man
kann nicht die menschliche Arbeitskrafl des Warencharak-
ters entkleiden, wenn man nicht die Moglichkeit findet, sie
aus dem Wirtschaflsprozefi herauszureifien. Nicht darauf
kann das Bestreben gerichtet sein, den Wirtschaftsprozefi so
umzugestalten, dafi in ihm die menschliche Arbeitskrafl zu
ihrem Rechte kommt, sondern darauf : Wie bringt man diese
Arbeitskrafl aus dem Wirtschaflsprozefi heraus, um sie von
sozialen Kraften bestimmen zu lassen, die ihr den Waren-
charakter nehmen? Der Proletarier ersehnt einen Zustand
des Wirtschaflslebens, in dem seine Arbeitskrafl ihre ange-
messene Stellung einnimmt. Er ersehnt ihn deshalb, weil er
nicht sieht, dafi der Warencharakter seiner Arbeitskrafl
wesentlich von seinem volligen Eingespanntsein in den
Wirtschaftsprozefi herriihrt. Dadurch, dafi er seine Arbeits-
krafl diesem Prozefi iiberliefern mufi, geht er mit seinem
ganzen Menschen in demselben auf . Der WirtschaflsprozefS
strebt so lange durch seinen eigenen Charakter danach, die
Arbeitskrafl in der zweckmafiigsten Art zu verbrauchen,
wie in ihm Waren verbraucht werden, so lange man die
Regelung der Arbeitskrafl in ihm liegen lafit. Wie hypnoti-
siert durch die Macht des modernen Wirtschaflslebens, richtet
man den Blick allein auf das, was in diesem wirken kann.
Man wird durch diese Blickrichtung nie finden, wie Arbeits-
kraft nicht mehr Ware zu sein braucht. Denn eine andere
Wirtschaftsf orm wird diese Arbeitskr aft nur in einer andern
Art zur Ware machen. Die Arbeitsfrage kann man nicht
in ihrer wahren Gestalt zu einem Teile der sozialen Frage
machen, solange man nicht sieht, dafi im Wirtschaftsleben
Warenerzeugung, Warenaustausch und Warenkonsumtion
nach Gesetzen vor sich gehen, die durch Interessen bestimmt
werden, deren Machtbereich nicht iiber die menschliche
Arbeitskraft ausgedehnt werden soil.
Das neuzeitliche Denken hat nicht trennen gelernt die
ganz verschiedenen Arten, wie sich auf der einen Seite das-
jenige in das Wirtschaftsleben eingliedert, was als Arbeits-
kraft an den Menschen gebunden ist, und auf der andern
Seite dasjenige, was, seinem Ursprunge nach, unverbunden
mit dem Menschen auf den Wegen sich bewegt, welche die
Ware nehmen mufi von ihrer Erzeugung bis zu ihrem Ver-
brauch. Wird sich durch eine in dieser Richtung gehende
gesunde Denkungsart die wahre Gestalt der Arbeitsfrage
einerseits zeigen, so wird anderseits sich durch diese Denk-
art auch erweisen, welche Stellung das Wirtschaftsleben im
gesunden sozialen Organismus einnehmen soil.
Man sieht schon hieraus, daft die «soziale Frage» sich in
drei besondere Fragen gliedert. Durch die erste wird auf
die gesunde Gestalt des Geisteslebens im sozialen Organis-
mus zu deuten sein; durch die zweite wird das Arbeitsver-
haltnis in seiner rechten Eingliederung in das Gemeinschafts-
leben zu betrachten sein; und als drittes wird sich ergeben
konnen, wie das Wirtschaftsleben in diesem Leben wirken
soli.
II.
DIE VOM LEBEN GEFORDERTEN WIRKLICH-
KEITSGEMASSEN LOSUNGS VERSUCHE FOR DIE
SOZIALEN FRAGEN UND NOTWENDIGKE ITEN
Man kann das Charakteristische, das gerade zu der beson-
dern Gestalt der sozialen Frage in der neueren Zeit gefuhrt
hat, wohl so aussprechen, daft man sagt: Das Wirtschafts-
leben, von der Technik getragen, der moderne Kapitalismus,
sie haben mit einer gewissen naturhaften Selbstverstandlich-
keit gewirkt und die moderne Gesellschaft in eine gewisse
innere Ordnung gebracht. Neben der Inanspruchnahme der
menschlichen Aufmerksamkeit fur dasjenige, was Technik
und Kapitalismus gebracht haben, ist die Aufmerksamkeit
abgelenkt worden fiir andere Zweige, andere Gebiete des
sozialen Organismus. Diesen mufi ebenso notwendig vom
menschlichen Bewufttsein aus die rechte Wirksamkeit
angewiesen werden, wenn der soziale Organismus gesund
sein soil.
Ich darf, um dasjenige, was hier gerade als treibende Im-
pulse einer umfassenden, allseitigen Beobachtung iiber die
soziale Frage charakterisiert werden soil, deutlich zu sagen,
vielleicht von einem Vergleich ausgehen. Aber eswirdzube-
achten sein, daft mit diesem Vergleich nichts anderes gemeint
sein soil als eben ein Vergleich. Ein solcher kann unter-
stiitzen das menschliche Verstandnis, um es gerade in die-
jenige Richtung zu bringen, welche notwendig ist, um sich
Vorstellungen zu machen iiber die Gesundung des sozialen
Organismus. Wer von dem hier eingenommenen Gesichts-
punkt betrachten muft den kompliziertesten natiirlichen
Organismus, den menschlichen Organismus, der muE seine
Aufmerksamkeit darauf richten, daft die ganze Wesenheit
dieses menschlichen Organismus drei nebeneinander wirk-
same Systeme aufzuweisen hat, von denen jedes mit einer
gewissen Selbstandigkeit wirkt. Diese drei nebeneinander
wirksamen Systeme kann man etwa in folgender Weise
kennzeichnen. Im menschlichen natiirlichen Organismus
wirkt als ein Gebiet dasjenige System, welches in sich
schliefit Nervenleben und Sinnesleben. Man konnte es auch
nach dem wichtigsten Gliede des Organismus, wo Nerven-
und Sinnesleben gewissermafien zentralisiert sind, den Kopf-
organismus nennen.
Als zweites Glied der menschlichen Organisation hat man
anzuerkennen, wenn man ein wirkliches Verstandnis f iir sie
erwerben will, das, was ich nennen mochte das rhythmische
System. Es besteht aus Atmung, Blutzirkulation, aus all
dem, was sich ausdriickt in rhythmischen Vorgangen des
menschlichen Organismus.
Als drittes System hat man dann anzuerkennen alles, was
als Organe und Tatigkeiten zusammenhangt mit dem eigent-
lichen Stoffwechsel.
In diesen drei Systemen ist enthalten alles dasjenige, was
in gesunder Art unterhalt, wenn es aufeinander organisiert
ist, den Gesamtvorgang des menschlichen Organismus"*.
* Die hier gemeinte Gliederung ist nicht eine solche nach raumlich
abgrenzbaren Leibesgliedern, sondern eine solche nach Tatigkeiten
(Funktionen) des Organismus. «Kopforganismus» ist nur zu gebrau-
chen, wenn man sich bewufit ist, dafi im Kopfe in erster Linie das
Nerven-Sinnesleben zentralisiert ist. Doch ist natiirlich im Kopfe auch
die rhythmische und die Stoffwechseltatigkeit vorhanden, wie in den
andern Leibesgliedern die Nerven-Sinnestatigkeit vorhanden ist.
Trotzdem sind die drei Arten der Tatigkeit ihrer Wesenheit nach
streng voneinander geschieden.
Ich habe versucht, in vollem Einklange mit all dem, was
naturwissenschaftliche Forschung schon heute sagen kann,
diese DreigHederung des menschlichen natiirlichen Orga-
nismus wenigstens zunachst skizzenweise in meinem Buche
«Von Seelenratseln» zu charakterisieren. Ich bin mir klar
dariiber, dafi Biologie, Physiologie, die gesamte Natur-
wissenschaft mit Bezug auf den Menschen in der allernach-
sten Zeit zu einer solchen Betrachtung des menschlidien
Organismus hindrangen werden, welche durchschaut, wie
diese drei Glieder — Kopf system, Zirkulationssystem oder
Brustsystem und Stoffwechselsystem-dadurch den Gesamt-
vorgang im menschlichen Organismus aufrechterhalten, dafi
sie in einer gewissen Selbstandigkeit wirken, dafi nicht eine
absolute Zentralisation des menschlichen Organismus vor-
liegt, daE auch jedes dieser Systeme ein besonderes, fiir sich
bestehendes Verhaltnis zur Auftenwelt hat. Das Kopf system
durch die Sinne, das Zirkulationssystem oder rhythmische
System durch die Atmung, und das Stoffwechselsystem
durch die Ernahrungs- und Bewegungsorgane.
Man ist mit Bezug auf naturwissenschaftliche Methoden
noch nicht ganz so weit, um dasjenige, was ich hier an-
gedeutet habe, was aus geisteswissenschaftlichen Unter-
griinden heraus fiir die Naturwissenschaft von mir zu
verwerten gesucht worden ist, auch schon innerhalb der
naturwissenschaftlichen Kreise selbst zur allgemeinen An-
erkennung in einem solchen Grade zu bringen, wie das
wiinschenswert fiir den Erkenntnisfortschritt erscheinen
kann. Das bedeutet aber: Unsere Denkgewohnheiten,
unsere ganze Art, die Welt vorzustellen, ist noch nicht voll-
standig angemessen dem, was zum Beispiel im mensch-
lichen Organismus sich als die innere Wesenheit des Natur-
wirkens darstellt. Man konnte nun wohl sagen: Nun ja, die
Naturwissenschaft kann warten, sie wird nach und nach
ihren Idealen zueilen, sie wird schon dahin kommen, soldi
eine Betrachtungsweise als die ihrige anzuerkennen. Aber
mit Bezug auf die Betrachtung und namentlich das Wirken
des sozialen Organismus kann man nicht warten. Da mufi
nicht nur bei irgendwelchen Fachmannern, sondern da mufi
in jeder Menschenseele - denn jede Menschenseele nimmt
teil an der Wirksamkeit fiir den sozialen Organismus -
wenigstens eine instinktive Erkenntnis von dem vor-
handen sein, was diesem sozialen Organismus notwendig
ist. Ein gesundes Denken und Empfinden, ein gesundes
Wollen und Begehren mit Bezug auf die Gestaltung des
sozialen Organismus kann sich nur entwickeln, wenn man,
sei es audi mehr oder weniger bloft instmktiv, sich klar
dariiber ist, dafi dieser soziale Organismus, soil er gesund
sein, ebenso dreigliedrig sein mufS wie der naturliche Or-
ganismus.
Es ist nun, seit Schaffle sein Buch geschrieben hat uber
den Bau des sozialen Organismus, versucht worden, Ana-
logien aufzusuchen zwischen der Organisation eines Natur-
wesens — sagen wir, der Organisation des Menschen - und
der menschlichen Gesellschaft als soldier. Man hat f eststellen
wollen, was im sozialen Organismus die Zelle ist, was
Zellengefuge sind, was Gewebe sind und so weiter! Noch
vor kurzem ist ja ein Buch erschienen von Meray, « Welt-
mutation^ in dem gewisse naturwissenschafHiche Tatsachen
und naturwissenschafHiche Gesetze einfach iibertragen wer-
den auf - wie man meint - den menschlichen Gesellschafts-
organismus. Mit all diesen Dingen, mit all diesen Analogie-
Spielereien hat dasjenige, was hier gemeint ist, absolut
nichts zu tun. Und wer meint, audi in diesen Betrachtungen
werde ein solches Analogienspiel zwischen dem naturlichen
Organismus und dem gesellschaftlichen getrieben, der wird
dadurch nur beweisen, da£ er nicht in den Geist des hier
Gemeinten eingedrungen ist. Denn nicht wird hier ange-
strebt, irgendeine fur naturwissenschaftliche Tatsachen
passendeWahrheit heriiber zu verpflanzen auf den sozialen
Organismus; sondern das vollig andere, daE das menschliche
Denken, das menschliche Empfinden lerne, das Lebens-
mogliche an der Betrachtung des naturgema£en Organismus
zu empfinden und dann diese Empfindungsweise anwenden
konne auf den sozialen Organismus. Wennmaneinfachdas,
was man glaubt gelernt zu haben am naturlichen Organis-
mus, iibertragt auf den sozialen Organismus, wie es oft
geschieht, so zeigt man damit nur, daft man sich nicht die
Fahigkeiten aneignen will, den sozialen Organismus ebenso
selbstandig, ebenso fiir sich zu betrachten, nach dessen
eigenen Gesetzen zu forschen, wie man dies notig hat fiir
das Verstandnis des naturlichen Organismus. In dem Augen-
blicke, wo man wirklich sich objektiv, wie sich der Natur-
forscher gegeniiberstellt dem naturlichen Organismus, dem
sozialen Organismus in seiner Selbstandigkeit gegeniiber-
stellt, um dessen eigene Gesetze zu empfinden, in diesem
Augenblicke hort gegeniiber dem Ernst der Betrachtung
jedes Analogiespiel auf.
Man konnte audi denken, der hier gegebenenDarstellung
liege der Glaube zugrunde, der soziale Organismus solle
von einer grauen, der Naturwissenschaft nachgebildeten
Theorie aus «aufgebaut» werden. Das aber liegt dem,
wovon hier gesprochen wird, so feme wie nur moglich. Auf
ganz anderes soil hingedeutet werden. Die gegenwartige
geschichtliche Menschheitskrisis fordert, dafi gewisse Emp-
findungen entstehen in jedem einzelnen Menschen, dafi die
Anregung zu diesen Empfindungen von dem Erziehungs-
und Schulsystem so gegeben werde, wie diejenige zur
Erlernung der vier Rechnungsarten. Was bisher ohne die
bewulke Aufnahme in das menschliche Seelenleben die
alten Formen des sozialen Organismus ergeben hat, das
wird in der Zukunft nicht mehr wirksam sein. Es gehort zu
den Entwickelungsimpulsen, die von der Gegenwart an neu
in das Menschenleben eintreten wollen, dafi die angedeu-
teten Empfindungen von dem einzelnen Menschen so gefor-
dert werden, wie seit langem eine gewisse Schulbildung
gefordert wird. Dafi man gesund empfinden lernen miisse,
wie die Krafte des sozialen Organismus wirken sollen,
damit dieser lebensfahig sich erweist, das wird, von der
Gegenwart an, von dem Menschen gefordert. Man wird
sich ein Gefiihl davon aneignen miissen, dafi es ungesund,
antisozial ist, nicht sich mit solchen Empfindungen in diesen
Organismus hineinstellen zu wollen.
Man kann heute von «Sozialisierung» als von dem reden
horen, was der Zeit notig ist. Diese Sozialisierung wird kein
Heilungsprozel$, sondern ein Kurpf uscherprozefi am sozialen
Organismus sein, vielleicht sogar ein Zerstorungsprozefi,
wenn nicht in die menschlichen Herzen, in die menschlichen
Seelen einzieht wenigstens die instinktive Erkenntnis von
der Notwendigkeit der Dreigliederung des sozialen Orga-
nismus. Dieser soziale Organismus mufi, wenn er gesund
wirken soil, drei solche Glieder gesetzmafiig ausbilden.
Eines dieser Glieder ist das Wirtschaflsleben. Hier soil
mit seiner Betrachtung begonnen werden, weil es sich ja
ganz augenscheinlich, alles iibrige Leben beherrschend, durch
die moderne Technik und den modernen Kapitalismus in
die menschliche Gesellschaft hereingebildet hat. Dieses
okonomische Leben mufi ein selbstandiges Glied fur sich
innerhalb des sozialen Organismus sein, so relativ selb-
standig, wie das Nerven-Sinnes-System im menschlichen
Organismus relativ selbstandig ist. Zu tun hat es dieses
Wirtschaftsleben mit all dem, was Warenproduktion,
Warenzirkulation, Warenkonsum ist.
Als zweites Glied des sozialen Organismus ist zu betrach-
ten das Leben des offentlichen Rechtes, das eigentliche
politische Leben. Zu ihm gehort dasjenige, das man imSinne
des alten Rechtsstaates als das eigentliche Staatsleben
bezeichnen konnte. Wahrend es das Wirtschaftsleben mit all
dem zu tun hat, was der Mensch braucht aus der Natur und
aus seiner eigenen Produktion heraus, mit Waren, Waren-
zirkulation und Warenkonsum, kann es dieses zweite Glied
des sozialen Organismus nur zu tun haben mit all dem, was
sich aus rein menschlichen Untergriinden heraus auf das
Verhaltnis des Menschen zum Menschen bezieht. Es ist
wesentlich fur die Erkenntnis der Giieder des sozialen
Organismus, dafi man weifi, welcher Unterschied besteht
zwischen dem System des offentlichen Rechtes, das es nur
zu tun haben kann aus menschlichen Untergriinden heraus
mit dem Verhaltnis von Mensch zu Mensch, und dem Wirt-
schafts-Sy stem, das es nur zu tun hat mit Warenproduktion,
Warenzirkulation, Warenkonsum. Man mufi dieses im
Leben empfindend unterscheiden, damit sich als Folge dieser
Empfindung das Wirtschafts- von dem Rechtsleben scheidet,
wie im menschlichen natiirlichen Organismus die Tatigkeit
der Lunge zur Verarbeitung der aufieren Luft sich abscheidet
von den Vorgangen im Nerven-Sinnesleben.
Als drittes Glied, das ebenso selbstandig sich neben die
beiden andern Glieder hinstellen mufi, hat man im sozialen
Organismus das aufzufassen, was sich auf das geistige Leben
bezieht. Noch genauer konnte man sagen, weil vielleicht die
Bezeichnung « geistige Kultur» oder alles das, was sich auf
das geistige Leben bezieht, durchaus nicht ganz genau ist:
alles dasjenige, was beruht auf der natiirlichen Begabung
des einzelnen menschlichen Individuums, was hineinkommen
mufi in den sozialen Organismus auf Grundlage dieser
natiirlichen, sowohl der geistigen wie der physischen
Begabung des einzelnen menschlichen Individuums. Das
erste System, das Wirtschaftssystem, hat es zu tun mit all
dem, was da sein mufi, damit der Mensch sein materielles
Verhaltnis zur Aufienwelt regeln kann. Das zweite System
hat es zu tun mit dem, was da sein muE im sozialen Orga-
nismus wegen des Verhaltnisses von Mensch zu Mensch.
Das dritte System hat zu tun mit all dem, was hervor-
spriefien mufi und eingegliedert werden mufi in den sozialen
Organismus aus der einzelnen menschlichen Individuality
heraus.
Ebenso wahr, wie es ist, dafi moderne Technik und
moderner Kapitalismus unserm gesellschaftlichen Leben
eigentlich in der neueren Zeit das Geprage gegeben haben,
ebenso notwendig ist es, dafi diejenigen Wunden, die von
dieser Seite her notwendig der menschlichen Gesellschaft
geschlagen worden sind, dadurch geheilt werden, dafi man
den Menschen und das menscbliche Gemeinschaftsleben in
ein richtiges Verhaltnis bringt zu den drei Gliedern dieses
sozialen Organismus. Das Wirtschaftsleben hat einfach
durch sich selbst in der neueren Zeit ganz bestimmte Formen
angenommen. Es hat durch eine einseitige Wirksamkeit in
das menschliche Leben sich besonders machtvoll herein-
gestellt. Die andern beiden Glieder des sozialen Lebens sind
bisher nicht in der Lage gewesen, mit derselben Selbst-
verstandlichkeit sich in der richtigen Weise nach ihren
eigenen Gesetzen in den sozialen Organismus einzugliedern.
Fiir sie ist es notwendig, dafi der Mensch aus den oben
angedeuteten Empfindungen heraus die soziale Gliederung
vornimmt, jeder an seinem Orte; an dem One, an dem er
gerade steht. Denn im Sinne derjenigen Losungsversuche
der sozialen Fragen, die hier gemeint sind, hat jeder einzelne
Mensch seine soziale Aufgabe in der Gegenwart und in der
nachsten Zukunft.
Dasjenige, was das erste Glied des sozialen Organismus
ist, das Wirtschaftsleben, das ruht zunachst auf der Natur-
grundlage geradeso, wie der einzelne Mensch mit Bezug auf
dasjenige, was er fiir sich durch Lernen, durch Erziehung,
durch das Leben werden kann, ruht auf der Begabung
seines geistigen und korper lichen Organismus. Diese Natur-
grundlage driickt einf ach dem Wirtschaftsleben und dadurch
dem gesamten sozialen Organismus sein Geprage auf. Aber
diese Naturgrundlage ist da, ohne daft sie durch irgendeine
soziale Organisation, durch irgendeine Sozialisierung in
urspriinglicher Art getroffen werden kann. Sie mull dem
Leben des sozialen Organismus so zugrunde gelegt werden,
wie bei der Erziehung des Menschen zugrunde gelegt werden
mufi die Begabung, die er auf den verschiedenen Gebieten
hat, seine naturliche korperliche und geistige Tuchtigkeit.
Von jeder Sozialisierung, von jedem Versuche, dem mensch-
lichen Zusammenleben eine wirtschaffcliche Gestaltung zu
geben, mufi beriicksichtigt werden die Naturgrundlage.
Denn aller Warenzirkulation und auch aller menschlichen
Arbeit und audi jeglichem geistigen Leben liegt zugrunde
als ein erstes elementarisches Urspriingliches dasjenige, was
den Menschen kettet an ein bestimmtes Stuck Natur. Man
mufi iiber den Zusammenhang des sozialen Organismus mit
der Naturgrundlage denken, wie man mitBezug auf Lernen
beim einzelnen Menschen denken mufi iiber sein Verhaltnis
zu seiner Begabung. Man kann gerade sich dieses klar-
machen an extremen Fallen. Man braucht zum Beispiel nur
zu bedenken, dafi in gewissen Gebieten der Erde, wo die
Banane ein naheliegendes Nahrungsmittel fur die Menschen
abgibt, in Betracht kommt fiir das menschliche Zusammen-
leben dasjenige an Arbeit, was aufgebracht werden muC,
um die Banane von ihrer Ursprungsstatte aus an einen
Bestimmungsort zu bringen und sie zu einem Konsummittel
zu machen. Vergleicht man die menschliche Arbeit, die auf-
gebracht werden mull, um die Banane fiir die menschliche
Gesellschaft konsumfahig zu machen, mit der Arbeit, die
aufgebracht werden mufi, etwa in unsern Gegenden Mittel-
europas, um den Weizen konsumfahig zu machen, so ist die
Arbeit, die fiir die Banane notwendig ist, gering gerechnet,
eine dreihundertmal kleinere als beim "Weizen.
Gewi£, das ist ein extremer Fall. Aber solche Unter-
schiede mit Bezug auf das notwendige Mafi von Arbeit im
Verhaltnis zu der Naturgrundlage sind auch da unter den
Produktionszweigen, die in irgendeinem sozialen Organis-
mus Europas vertreten sind, - nicht in dieser radikalen
Verschiedenheit wie bei Banane und Weizen, aber sie sind
als Unterschiede da. So ist es im Wirtschaftsorganismus
begriindet, dafi durch das Verhaltnis des Menschen zur
Naturgrundlage seines Wirtschaftens das Maft von Arbeits-
kraft bedingt ist, das er in den Wirtschaftsprozefi hinein-
tragen mufi. Und man braucht ja nur zum Beispiel zu ver-
gleichen: in Deutschlan d, in Gegenden mit mittlerer Ertrags-
fahigkeit, ist ungefahr das Ertragnis der Weizenkultur so,
dafl das Sieben- bis Acbtfache der Aussaat einkommt durch
die Ernte; in Chile kommt das Zwdlffacbe herein, in, Nord-
mexiko kommt das Siebzebnfache ein, in Peru das Zwanzig-
fache. (Vergleiche Jentsch, Volkswirtschaftslehre, S. 64.)
Dieses ganze zusammengehorige Wesen, welches verlauft
in Vorgangen, die beginnen mit dem Verhaltnis des Men-
schen zur Natur, die sich fortsetzen in all dem, was der
Mensch zu tun hat, um die Naturprodukte umzuwandeln
und sie bis zur Konsumfahigkeit zu bringen, alle diese
Vorgange und nur diese umschliefien fur einen gesunden
sozialen Organismus sein Wirtschaftsglied. Dieses steht im
sozialen Organismus wie das Kopfsystem, von dem die
individuellen Begabungen bedingt sind, im menschlichen
Gesamtorganismus drinnen steht. Aber wie dieses Kopf-
system von dem Lungen-Herzsystem abhangig ist, so ist
das Wirtschaftssystem von der menschlichen Arbeitsleistung
abhangig. Wie nun aber der Kopf nicht selbstandig die
Atemregelung hervorbringen kann, so sollte das mensch-
liche Arbeitssystem nicht durch die im Wirtschaftsleben
wirksamen Krafte selbst geregelt werden.
In dem Wirtschaftsleben steht der Mensch durch seine
Interessen darinnen. Diese haben ihre Grundlage in seinen
seelischen und geistigen Bediirfnissen. Wie den Interessen
am zweckmafiigsten entsprochen werden kann innerhalb
eines sozialen Organismus, so daft der einzelne Mensch
durch diesen Organismus in der bestmoglichen Art zur
Befriedigung seines Inter esses kommt, und er auch in vor-
teilhaf tester Art sich in die Wirtschaft hineinstellen kann:
diese Frage mufi praktisdi in den Einrichtungen des Wirt-
schaftskorpers gelost sein. Das kann nur dadurch sein, daft
die Interessen sich wirklich frei geltend machen konnen
und dafi audi der Wille und die Moglichkeit entstehen, das
Notige zu ihrer Befriedigung zu tun. Die Entstehung der
Interessen liegt aufierhalb des Kreises, der das Wirtschafts-
leben umgrenzt. Sie bilden sich mit der Entfaltung des
seelischen und natiirlichen Menschenwesens. Dafi Einrich-
tungen bestehen, sie zu befriedigen, ist die Aufgabe des
Wirtschaftslebens. Diese Einrichtungen konnen es mit nichts
anderem zu tun haben als allein mit der Herstellung und
dem Tausch von Waren, das heiftt von Gutern, die ihren
Wert durch das menschliche Bediirfnis erhalten. Die Ware
hat ihren Wert durch denjenigen, der sie verbraucht. Da-
durch, daft die Ware ihren Wert durch den Verbraucher
erhalt, steht sie in einer ganz anderen Art im sozialen Orga-
nismus als anderes, das fur den Menschen als Angehorigen
dieses Organismus Wert hat. Man sollte unbefangen das
Wirtschaftsleben betrachten, in dessen Umkreis Waren-
erzeugung, Warenaustausch und Warenverbrauch gehoren.
Man wird den wesenhaflen Unterschied nicht Hop betrach-
tend bemerken, welcher besteht zwischen dem Verhaltnis
von Mensch zu Mensch, indem der eine fur den anderen
Waren erzeugt, und demjenigen, das auf einem Rechts-
verhaltnis beruhen mufi. Man wird von der Betrachtung
zu der praktischen Forderung kommen, dafi im sozialen
Organismus das Rechtsleben vollig von dem Wirtschafts-
leben abgesondert gehalten werden mufi. Aus den Tatig-
keiten, welche die Menschen innerhalb der Einrichtungen
zu entwickeln haben, die der Warenerzeugung und dem
Warenaustausch dienen, konnen sich unmittelbar nicht die
moglichst besten Impulse ergeben fur die rechtlichen Ver-
haltnisse, die unter den Menschen bestehen miissen. Inner-
halb der Wimchaftseinrichtungen wendet sich der Mensch
an den Menschen, well der eine dem Interesse des andern
dient; grundverschieden davon ist die Beziehung, welche
der eine Mensch zu dem andern innerhalb des Rechtslebens
hat.
Man konnte nun glauben, dieser vom Leben geforderten
Unterscheidung ware schon Geniige geschehen, wenn inner-
halb der Einrichtungen, die dem Wirtschaftsleben dienen,
auch fur die Rechte gesorgt werde, welche in den Verhalt-
nissen der in dieses Wirtschaftsleben hineingestellten Men-
schen zueinander bestehen miissen. - Ein soldier Glaube
hat seine Wurzeln nicht in der Wirklichkeit des Lebens.
Der Mensch kann nur dann das Rechtsverhaltnis richtig
erleben, das zwischen ihm und anderen Menschen bestehen
mufi, wenn er dieses Verhaltnis nicht auf dem Wirtschafts-
gebiet erlebt, sondern auf einem davon vollig getrennten
Boden. Es mufi deshalb im gesunden sozialen Organismus
neb en dem Wirtschaftsleben und in Selbstandigkeit ein
Leben sich entfalten, in dem die Rechte entstehen und ver-
waltet werden, die von Mensch zu Mensch bestehen. Das
Rechtsleben ist aber dasjenige des eigentlichen politischen
Gebietes, des Staates. Tragen die Menschen diejenigen
Interessen, denen sie in ihrem Wirtschaftsleben dienen
miissen, in die Gesetzgebung und Verwaltung des Rechts-
staates hinein, so werden die entstehenden Rechte nur der
Ausdruck dieser wirtschaftlichen Interessen sein. Ist der
Rechtsstaat selbst Wirtschafter, so verliert er die Fahigkeit,
das Rechtsleben der Menschen zu regeln. Denn seine Mafi-
nahmen und Einrichtungen werden dem menschlichen
Bediirfnisse nach War en dienen miissen; sie werden dadurch
abgedrangt von den Impulsen, die auf das Rechtsleben
gerichtet sind.
Der gesunde soziale Organismus erfordert als zweites
Glied neben dem Wirtschaftskorper das selbstandige
politische Staatsleben. In dem selbstandigen Wirtschafts-
korper werden die Menschen durch die Krafte des wirt-
schafllichen Lebens zu Einrichtungen kommen, welche der
Warenerzeugung und dem Warenaustausch in der moglichst
besten Weise dienen. In dem politischen Staatskorper wer-
den solche Einrichtungen entstehen, welche die gegenseitigen
Beziehungen zwischen Menschen und Menschengruppen in
soldier Art orientieren, daft dem Rechtsbewufksein des
Menschen entsprochen wird.
Der Gesichtspunkt, von dem aus hier die gekennzeichnete
Forderung nach volliger Trennung des Rechtsstaates von
dem Wirtschaftsgebiet gestellt wird, ist ein soldier, der
im wirklichen Menschenleben drinnen liegt. Einen solchen
Gesichtspunkt nimmt derjenige nicht ein, der Rechtsleben
und Wirtschaftsleben miteinander verbinden will. Die im
wirtschaftlichen Leben stehenden Menschen haben selbst-
verstandlich das RechtsbewuEtsein; aber sie werden nur
aus diesem heraus und nicht aus den wirtschaftlichen In-
teressen Gesetzgebung und Verwaltung im Sinne des Rechtes
besorgen, wenn sie dariiber zu urteilen haben in dem
Rechtsstaat, der als soldier an dem Wirtschaftsleben keinen
Anteil hat. Ein soldier Rechtsstaat hat seinen eigenen
Gesetzgebungs- und Verwaltungskorper, diebeide nach den
Grundsatzen aufgebaut sind, welche sich aus dem Rechts-
bewufitsein der neueren Zeit ergeben. Er wird aufgebaut
sein auf den Impulsen im Menschheitsbewufitsein, die man
gegenwartig die demokratisdien nennt. Das Wirtschafts-
gebiet wird aus den Impulsen des Wirtschaftslebens her-
aus seine Gesetzgebungs- und Verwaltungskdrperschaften
bilden. Der notwendige Verkehr zwischen den Leitungen
des Rechts- und Wirtschaftskorpers wird erf olgen annahernd
wie gegenwartig der zwischen den Regierungen souveraner
Staatsgebiete. Durch diese Gliederung wird, was in dem
einen Korper sich entfaltet, auf dasjenige, was im andern
entsteht, die notwendige Wirkung ausiiben konnen. Diese
Wirkung wird dadurch gehindert, dafi das eine Gebiet in
sich selbst das entfalten will, was ihm von dem anderen
zufliefien soil.
Wie das Wirtschaftsleben auf der einen Seite den Be-
dingungen der Naturgrundlage (Klima, geographische
Beschaffenheit des Gebietes, Vorhandensein von Boden-
schatzen und so weiter) unterworfen ist, so ist es auf der
andern Seite von den Rechtsverhaltnissen abhangig, welche
der Staat zwischen den wirtschaflenden Menschen und
Menschengruppen schafft. Damit sind die Grenzen dessen
bezeichnet, was die Tatigkeit des Wirtschaflslebens umf assen
kann und soil. Wie die Natur Vorbedingungen schafft, die
aufierhalb des Wirtschaftskreises liegen und die der wirt-
schaftende Mensch hinnehmen mufS als etwas Gegebenes,
auf das er erst seine Wirtschaft aufbauen kann, so soil alles,
was im Wirtschaftsbereich ein Rechtsverhaltnis begriindet
von Mensch zu Mensch, im gesunden sozialen Organismus
durch den Rechtsstaat seine Regelung erf ahren, der wie die
Naturgrundlage als etwas dem Wirtschaftsleben selbstandig
Gegeniiberstehendes sich entfaltet.
In dem sozialen Organismus, der sich im bisherigen
geschichtlichen Werden der Menschheit herausgebildet hat
und der durch das Maschinenzeitalter und durch die
moderne kapitalistische Wirtsdiaftsform zu dem geworden
ist, was der sozialen Bewegung ihr Geprage gibt, umfafit
das Wirtschaftsleben mehr, als es im gesunden sozialen
Organismusumfassensoll. Gegenwartigbewegt sich in dem
wirtschaftlichen Kreislauf, in dem sidi blofi Waxen bewegen
sollen, audi die menschliche Arbeitskraft, und es bewegen
sich audi Rechte. Man kann gegenwartig in dem Wirt-
schaftskorper, der auf der Arbeitsteilung beruht, nidit allein
Waren tausdien gegen Waren, sondern durch denselben
wirtschaftlichen Vorgang audi Waren gegen Arbeit und
Waren gegen Rechte. (Ich nenne Ware jede Sache, die durch
menschliche Tatigkeit zu dem geworden ist, als das sie an
irgendeinem Orte, an den sie durch den Menschen gebracht
wird, ihrem Verbrauch zugefuhrt wird. Mag diese Bezeich-
nung manchem Volkswirtschaftslehrer audi anstofiig oder
nicht geniigend erscheinen, sie kann zur Verstandigung iiber
das, was dem Wirtschaftsleben angehoren soli, ihre guten
Dienste tun*.) Wenn jemand durch Kauf ein Grundstiick
erwirbt, so mufi das als ein Tausch des Grundstuckes gegen
Waren, fur die das Kaufgeld als Reprasentant zu gelten
hat, angesehen werden. Das Grundstiick selber aber wirkt
im Wirtschaftsleben nicht als Ware. Es steht in dem sozialen
Organismus durch das Recht darinnen, das der Mensch auf
* Es kommt eben bei einer Darlegung, die im Dienste des Lebens ge-
madit wird, nicht darauf an, Definitionen zu geben, die aus einer
Theorie heraus stammen, sondern Ideen, die verbildlidien, was in der
Wirklidikeit eine lebensvolle Rolle spielt. «Ware», im obigen Sinne
gebraudit, weist auf etwas hin, was der Mensdi erlebt; jeder andere
Begriff von «Ware» lafit etwas weg oder fiigt etwas hinzu, so dafi sich
der Begriff mit den Lebensvorgangen in ihrer wahren "Wirklidikeit
nicht deckt.
seine Benutzung hat. Dieses Recht ist etwas wesentlich
anderes als das Verhaltnis, in dem sich der Produzent einer
Ware zu dieser befindet. In dem letzteren Verhaltnis liegt
es wesenhaft begriindet, dafi es nicht iibergreift auf die ganz
anders geartete Beziehung von Mensch zu Mensch, die
dadurch hergestellt wird, daft jemandem die alleinige
Beniitzung eines Grundstiickes zusteht. Der Besitzer bringt
andere Menschen, die zu ihrem Lebensunterhalt von ihm
zur Arbeit auf diesem Grundstiick angestellt werden, oder
die darauf wohnen miissen, in Abhangigkeit von sich.
Dadurch, daft man gegenseitig wirkliche Waren tauscht, die
man produziert oder konsumiert, stellt sich eine Abhangig-
keit nicht ein, welche in derselben Art zwischen Mensch
und Mensch wirkt.
Wer eine solche Lebenstatsache unbefangen durchschaut,
dem wird einleuchten, daft sie ihren Ausdruck finden mufi
in den Einrichtungen des gesunden sozialen Organismus.
Solange War en gegen Waren im Wirtschaftsleben aus-
getauscht werden, bleibt die Wertgestaltung dieser Waren
unabhangig von dem Rechtsverhaltnisse zwischen Personen
und Personengruppen. Sobald Waren gegen Rechte ein-
getauscht werden, wird das Rechtsverhaltnis selbst beriihrt.
Nicht auf den Tausch als solchen kommt es an. Dieser ist
das notwendige Lebenselement des gegenwartigen, auf
Arbeitsteilung ruhenden sozialen Organismus; sondern es
handelt sich darum, daft durch den Tausch des Rechtes mit
der Ware das Recht selbst zur Ware gemacht wird, wenn
das Recht innerhalb des Wirtschaftslebens entsteht. Das
wird nur dadurch verhindert, dafi im sozialen Organismus
einerseits Einrichtungen bestehen, die nur darauf abzielen,
den Kreislauf der Waren in der zweckmafiigsten Weise zu
bewirken; und anderseits solche, weldie die im Waren-
austausch lebenden Rechte der produzierenden, Handel
treibenden und konsumierenden Personen regeln. Diese
Rechte unterscheiden sich ihrem Wesen nach gar nicht von
anderen Rechten, die in dem vom Warenaustausch ganz
unabhangigen Verhaltnis von Person zu Person bestehen
miissen. Wenn ich meinen Mitmenschen durch den Verkauf
einer Ware schadige oder fordere, so gehort das in das
gleiche Gebiet des sozialen Lebens wie eine Schadigung
oder Forderung durch eine Tatigkeit oder Unterlassung,
die unmittelbar nicht in einem Warenaustausch zum Aus-
druck kommt.
In der Lebenshaltung des einzelnen Menschen fliefien
die Wirkungen aus den Rechtseinrichtungen mit denen aus
der rein wirtschaftlichen Tatigkeit zusammen. Im gesunden
sozialen Organismus miissen sie aus zwei verschiedenen
Richtungen kommen. In der wirtschaftlichen Organisation
hat die aus der Erziehung fur einen Wirtschaftszweig und
die aus der Erfahrung in demselben gewonnene Vertraut-
heit mit ihm fiir die leitenden Personlichkeiten die notigen
Gesichtspunkte abzugeben. In der Rechtsorganisation wird
durch Gesetz und Verwaltung verwirklicht, was aus dem
Rechtsbewufksein als Beziehung einzelner Menschen oder
Menschengruppen zueinander gefordert wird. Die Wirt-
schaftsorganisation wird Menschen mit gleichen Berufs-
oder Konsuminteressen oder mit in anderer Beziehung
gleichen Bediirfnissen sich zu Genossenschaften zusammen-
schliefien lassen, die im gegenseitigen Wechselverkehr die
Gesamtwirtschaft zustande bringen. Diese Organisation
wird sich auf assoziativer Grundlage und auf dem Ver-
haltnis der Assoziationen aufbauen. Diese Assoziationen
werden eine blofi wirtschaftliche Tatigkeit entfalten. Die
Rechtsgrundlage, auf der sie arbeiten, kommt ihnen von der
Rechtsorganisation zu.Wenn solche Wirtschaftsassoziationen
ihre wirtschaftlichen Interessen in den Vertretungs- und
Verwaltungskorpern der Wirtschaflsorganisation zur Gel-
tung bringen konnen, dann werden sie nicht den Drang
entwickeln, in die gesetzgebende oder verwaltende Leitung
des Rechtsstaates einzudringen (zum Beispiel als Bund der
Landwirte, als Partei der Industriellen, als wirtschafHich
orientierte Sozialdemokratie), urn da anzustreben, was
ihnen innerhalb des Wirtschaftslebens zu erreichen nicht
moglich ist. Und wenn der Rechtsstaat in gar keinem Wirt-
schaftszweige mitwirtschaftet, dann wird er nur Einrich-
tungen schaffen, die aus dem Rechtsbewufitsein der zu ihm
gehorenden Menschen stammen. Audi wenn in der Ver-
tretung des Rechtsstaates, wie es ja selbstverstandlich ist,
dieselben Personen sitzen, die im Wirtschaftsleben tatig
sind, so wird sich durch die Gliederung in Wirtschafts- und
in Rechtsleben nicht ein Einflufi des Wirtschafts- auf das
Rechtsleben ergeben konnen, der die Gesundheit des sozialen
Organismus so untergrabt, wie sie untergraben werden
kann, wenn die Staatsorganisation selbst Zweige des Wirt-
schaftslebens versorgt, und wenn in derselben die Vertreter
des Wirtschaftalebens aus dessen Interessen heraus Gesetze
beschliefien.
Ein typisches Beispiel von Verschmelzung des Wirt-
schaftslebens mit dem Rechtsleben bot Osterreich mit der
Verfassung, die es sich in den sechziger Jahren des neun-
zehnten Jahrhunderts gegeben hat. Die Vertreter des Reichs-
rates dieses Landergebietes wurden aus den vier Zweigen
des Wirtschaftslebens heraus gewahlt, aus der Gemeinschaft
der Grofigrundbesitzer, der Handelskammern, der Stadte,
Markte und Industrialorte und der Landgemeinden. Man
sieht, dafi fiir diese Zusammensetzung der Staatsvertretung
an gar nichts anderes in erster Linie gedadit wurde, als dafi
aus der Geltendmadiung der wirtschaftlichen Verhaltnisse
sich das Rechtsleben ergeben werde. Gewifi ist, dafi zu dem
gegenwartigen Zerfall Osterreichs die auseinandertreiben-
den Krafte seiner Nationalitaten bedeutsam mitgewirkt
haben. Allein als ebenso gewiiS kann es gelten, dafi eine
Rechtsorganisation, die neben der wirtschaftlichen ihre
Tatigkeit hatte entfalten konnen, aus dem Rechtsbewufit-
sein heraus eine Gestaltung des sozialen Organismus wiirde
entwickelt haben, in der ein Zusammenleben der Volker
moglich geworden ware.
Der gegenwartig am offentlichen Leben interessierte
Mensch lenkt gewohnlich seinen Blick auf Dinge, die erst in
zweiter Linie fiir dieses Leben in Betracht kommen. Er tut
dieses, weil ihn seine Denkgewohnheit dazu bringt, den
sozialen Organismus als ein einheitliches Gebilde aufzu-
fassen. Fiir ein solcbes Gebilde aber kann sich kein ihm
entsprechender Wahlmodus finden. Denn bei jedem Wahl-
modus miissen sich im Vertretungskorper die wirtschaft-
lichen Interessen und die Impulse des Rechtslebens storen.
Und was aus der Storung fiir das soziale Leben fliefit, mufi
zu Erschutterungen des Gesellschaftsorganismus fiihren.
Obenan als notwendige Zielsetzung des offentlichen Lebens
mufi gegenwartig das Hinarbeiten auf eine durchgreifende
Trennung des Wirtschaftslebens und der Rechtsorganisation
stehen. Indem man sich in diese Trennung hineinlebt, wer-
den die sich trennenden Organisationen aus ihren eigenen
Grundlagen heraus die besten Arten fiir die Wahlen ihrer
Gesetzgeber und Verwalter finden. In dem, was gegen-
wartig zur Entscheidung drangt, kommen Fragen des Wahl-
modus, wenn sie audi als solche von fundamentaler Bedeu-
tung sind, doch erst in zweiter Linie in Betracht. Wo die
alten Verhaltnisse noch vorhanden sind, ware aus diesen
heraus auf die angedeutete GHederung hinzuarbeiten. Wo
das Alte sich bereits aufgelost hat, oder in der Auflosung
begriffen ist, miiftten Einzelper sonen und Bundnisse zwisdien
Personen die Initiative zu einer Neugestaltung versuchen,
die sich in der gekennzeichneten Richtung bewegt. Von
heute zu morgen eine Umwandlung des off entlichen Lebens
herbeifiihren zu wollen, das sehen audi verniinftige
Sozialisten als Schwarmgeisterei an. Solche erwarten die
von ihnen gemeinte Gesundung durch eine allmahliche,
sachgemafte Umwandlung. Daft aber die geschichtlichen
Entwickelungskrafte der Menschheit gegenwartig ein ver-
niinftiges Wollen nach der Richtung einer sozialen Neu-
ordnung notwendig machen, das konnen jedem Unbefan-
genen weithinleuchtende Tatsachen lehren.
Wer fur «praktisch durchfuhrbar» nur dasjenige halt, an
das er sich aus engem Lebensgesichtskreis heraus gewohnt
hat, der wird das hier Angedeutete fur «unpraktisch»
halten. Kann er sich nicht bekehren, und behalt er auf
irgendeinem Lebensgebiete Einflufi, dann wird er nicht zur
Gesundung, sondern zur weiteren Erkrankung des sozialen
Organismus wirken, wie Leute seiner Gesinnung an der
Herbeifuhrung der gegenwartigen Zustande gewirkt haben.
Die Bestrebung, mit der fiihrende Kreise der Menschheit
begonnen haben und die zur Uberleitung gewisser Wirt-
schaffcszweige (Post, Eisenbahnen und so weiter) in das
Staatsleben gefiihrt hat, mufi der entgegengesetzten weichen:
der Herauslosung alles Wirtschaftens aus dem Gebiete des
politisdien Staatswesens. Denker, welche mit ihrem Wollen
glauben, sich in der Richtung nach einem gesunden sozialen
Organismus zu befinden, ziehen die aufierste Folgerung der
Verstaatlichungsbestrebungen dieser bisher leitenden Kreise.
Sie wollen die Vergesellschaftung aller Mittel des Wirt-
schaftslebens, insofern diese Produktionsmittel sind. Eine
gesunde Entwickelung wird dem wirtschaftlichen Leben seine
Selbstandigkeit geben und dem politisdien Staate die Fahig-
keit, durch die Rechtsordnung auf den Wirtschaftskorper so
zu wirken, daft der einzelne Mensch seine Eingliederung in
den sozialen Organismus nicht im Widerspruche mit seinem
Rechtsbewufksein empfindet.
Man kann durchschauen, wie die hier vorgebrachten
Gedanken im wirklichen Leben der Menschheit begriindet
sind, wenn man den Blick auf die Arbeit lenkt, welche der
Mensch fur den sozialen Organismus durch seine korper-
liche Arbeitskraft verrichtet. Innerhalb der kapitalistischen
Wirtschaftsform hat sich diese Arbeit dem sozialen Organis-
mus so eingegliedert, dafi sie durch den Arbeitgeber wie
eine Ware dem Arbeitnehmer abgekauft wird. Ein Tausch
wird eingegangen zwischen Geld (als Reprasentant der
Waren) und Arbeit. Aber ein solcher Tausch kann sich in
Wirklichkeit gar nicht vollziehen. Er scheint sich nur zu
vollziehen*. In Wirklichkeit nimmt der Arbeitgeber von
* Es ist durchaus mijglidi, dafi im Leben Vorgange nicht nur in einem
falschen Sinne erklart werden, sondern dafi sie sich in einem falschen
Sinne vollziehen. Geld und Arbeit sind keine austauschbaren Werte,
sondern nur Geld und Arbeitserzeugnis. Gebe ich daher Geld fur
Arbeit, so tue ich etwas Falsches. Ich schaff e einen Scheinvorgang. Denn
in Wirklichkeit kann ich nur Geld fur Arbeitserzeugnis geben.
dem Arbeiter Waren entgegen, die nur entstehen konnen,
wenn der Arbeiter seine Arbeitskrafl fiir die Entstehung
hingibt. Aus dem Gegenwert dieser Waren erhalt der Ar-
beiter einen Anteil, der Arbeitgeber den andern. Die Pro-
duktion der Waren erfolgt durch das Zusammenwirken
des Arbeitgebers und Arbeitnehmers. Das Produkt des
gemeinsamen Wirkens geht erst in den Kreislauf des Wirt-
schaftslebens iiber. Zur Herstellung des Produktes ist ein
Rechtsverhaltnis zwischen Arbeiter und Unternehmer not-
wendig. Dieses kann aber durch die kapitalistische Wirt-
schaftsart in ein solches verwandelt werden, welches durch
die wirtschaftliche Ubermacht des Arbeitgebers iiber den
Arbeiter bedingt ist. Im gesunden sozialen Organismus
mufi zutage treten, dafi die Arbeit nicht bezahlt werden
kann. Denn diese kann nicht im Vergleich mit einer Ware
einen wirtschaftlichen Wert erhalten. Einen solchen hat erst
die durch Arbeit hervorgebrachte Ware im Vergleich mit
andern Waren. Die Art, wie, und das Ma£, in dem ein
Mensch fiir den Bestand des sozialen Organismus zu arbeiten
hat, miissen aus seiner Fahigkeit heraus und aus den Bedin-
gungen eines menschenwurdigen Daseins geregelt werden.
Das kann nur geschehen, wenn diese Regelung von dem
politischen Staate aus in Unabhangigkeit von den Ver-
waltungen des Wirtschaftslebens geschieht.
Durch eine solche Regelung wird der Ware eine Wert-
unterlage geschafFen, die sich vergleichen lafit mit der andern,
die in den Naturbedingungen besteht. Wie der Wert einer
Ware gegeniiber einer andern dadurch wachst, dafi die
Gewinnung der Rohprodukte fiir dieselbe schwieriger ist
als fiir die andere, so muft der Warenwert davon abhangig
werden, welche Art und welches Mafi von Arbeit zum
Hervorbringen der Ware nach der Rechtsordnung auf-
gebracht werden diirf en*.
Das Wirtschaftsleben wird auf diese Weise von zwei
Seiten her seinen notwendigen Bedingungen unterworfen:
von Seite der Naturgrundlage, welche die Menschheit hin-
nehmen mufi, wie sie ihr gegeben ist, und von Seite der
Rechtsgrundlage, die aus dem Rechtsbewufttsein heraus auf
dem Boden des vom Wirtschaftsleben unabhangigen poli-
tischen Staates geschaff en werden soil.
Es ist leicht einzusehen, dafi durch eine solche Fuhrung
des sozialen Organismus der wirtschaftliche Wohlstand
sinken und steigen wird je nach dem Mafi von Arbeit, das
aus dem Rechtsbewufitsein heraus auf gewendet wird. Allein
eine solche Abhangigkeit des volkswirtschaftlichen Wohl-
standes ist im gesunden sozialen Organismus notwendig.
Sie allein kann verhindern, dafi der Mensch durch das Wirt-
schaftsleben so verbraucht werde, dafi er sein Dasein nicht
mehr als menschenwiirdig empfinden kann. Und auf dem
Vorhandensein der Empflndung eines menschenunwiirdigen
Daseins beruhen in Wahrheit alle Erschiitterungen im
sozialen Organismus.
Eine Moglichkeit, den volkswirtschaftlichen Wohlstand
von der Rechtsseite her nicht allzu stark zu vermindern,
besteht in einer ahnlichen Art, wie eine solche zur Auf-
besserung der Naturgrundlage. Man kann einen wenig
ertragreichen Boden durch technische Mittel ertragreicher
* Ein soldies Verhaltnis der Arbeit zur Rechtsordnung wird die im
Wirtschaftsleben tatigen Assoziationen notigen, mit dem, was «rechtens
ist» als mit einer Voramsetzung zu rechnen. Doch wird dadurch erreicht,
dafi die Wirtschaftsorganisation vom Menschen, nicht der Mensch von
der Wirtschaftsordnung abhangig ist.
machen; man kann, veranlafk durch die allzu starke Ver-
minderung des Wohlstandes, die Art und das Mafi der
Arbeit andern. Aber diese Anderung soil nicht aus dem
Kreislauf des Wirtschaftslebens unmittelbar erfolgen, son-
dern aus der Einsickt, die sich auf dem Boden des vom
Wirtschaftsleben unabhangigen Rechtslebens entwickelt.
In alleSj was durch das Wirtschaftsleben und das Rechts-
bewufitsein in der Organisation des sozialen Lebens her-
vorgebracht wird, wirkt hinein, was aus einer dritten Quelle
stammt: aus den individuellen Fahigkeiten des einzelnen
Menschen. Dieses Gebiet umfafrt alles von den hochsten
geistigen Leistungen bis zu dem, was in Menschenwerke
einfliefit durch die bessere oder weniger gute korperliche
Eignung des Menschen fur Leistungen, die dem sozialen
Organismus dienen. Was aus dieser Quelle stammt, muft in
den gesunden sozialen Organismus auf ganz andere Art
einfliefien, als dasjenige, was im Warenaustausch lebt, und
was aus dem Staatsleben fliefien kann. Es gibt keine andere
Moglichkeit, diese Aufnahme in gesunder Art zu bewirken,
als sie von der freien Empfanglichkeit der Menschen und
von den Impulsen, die aus den individuellen Fahigkeiten
selbst kommen, abhangig sein zu lassen. Werden die durch
solche Fahigkeiten erstehenden Menschenleistungen vom
Wirtschaftsleben oder von der Staatsorganisation kunstlich
beeinflufit, so wird ihnen die wahre Grundlage ihres eigenen
Lebens zum grolken Teile entzogen. Diese Grundlage kann
nur in der Kraft bestehen, welche die Menschenleistungen
aus sich selbst entwickeln miissen. Wird die Entgegennahme
solcher Leistungen vom Wirtschaftsleben unmittelbar be-
dingt, oder vom Staate organisiert, so wird die freie
Empfanglichkeit fur sie gelahmt. Sie ist aber allein geeignet,
sie in gesunder Form in den sozialen Organismus einfliefien
zu lassen. Fur das Geistesleben, mit dem audi die Ent-
wickelung der anderen individuellen Fahigkeiten im Men-
schenleben durch uniibersehbar viele Faden zusammen-
hangt, ergibt sidi nur eine gesunde Entwickelungsmoglich-
keit, wenn es in der Hervorbringung auf seine eigenen
Impulse gestellt ist, und wenn es in verstandnisvollem
Zusammenhange mit den Menschen stent, die seine Lei-
stungen empfangen.
Worauf hier als auf die gesunden Entwickelungsbedin-
gungen des Geisteslebens gedeutet wird, das wird gegen-
wartig nicht durchschaut, weil der rechte Blick daf iir getriibt
ist durch die Verschmelzung eines grofien Teiles dieses
Lebens mit dem politischen Staatsleben. Diese Verschmel-
zung hat sich im Laufe der letzten Jahrhunderte ergeben
und man hat sich in sie hineingewohnt. Man spricht jawohl
von «Freiheit der Wissenschaft unddesLehrens». Aber man
betrachtet es als selbstverstandlich, dalS der politische Staat
die «freie Wissenschaifi:» und das «freie Lehren» verwaltet.
Man entwickelt keine Empfindung dafiir, wie dieser Staat
dadurch das Geistesleben von seinen staatlichen Bediirf nissen
abhangig macht. Man denkt, der Staat schafft die Stellen,
an denen gelehrt wird; dann konnen diejenigen, welche
diese Stellen einnehmen, das Geistesleben «frei» entfalten.
Man beachtet, indem man sich an eine solche Meinung
gewohnt, nicht, wie eng verbunden der Inhalt des geistigen
Lebens ist mit dem innersten Wesen des Menschen, in dem
er sich entfaltet. Wie diese Entfaltung nur dann eine freie
sein kann, wenn sie durch keine andern Impulse in den
sozialen Organismus hineingestellt ist als allein durch
solche, die aus dem Geistesleben selbst kommen. Durch die
Verschmelzung mit dem Staatsleben hat eben nicht nur die
Verwaltung der Wissenschaft und des Teiles des Geistes-
lebens, der mit ihr zusammenhangt, in den letzten Jahr-
hunderten das Geprage erhalten, sondern audi der Inhalt
selbst. Gewifi, was in Mathematik oder Physik produziert
wird, kann nicht unmittelbar vom Staatebeeinflufitwerden.
Aber man denke an die Geschichte, an die andern Kultur-
wissenschaften. Sind sie nicht ein Spiegelbild dessen gewor-
den, was sich aus dem Zusammenhang ihrer Trager mit dem
Staatsleben ergeben hat, aus den Bediirfnissen dieses Lebens
heraus? Gerade durch diesen ihnen aufgepragten Charakter
haben die gegenwartigen wissenschaftlich orientierten, das
Geistesleben beherrschenden Vorstellungen auf das Prole-
tariat als Ideologic gewirkt. Dieses bemerkte, wie ein
gewisser Charakter den Menschengedanken auf gepragt wird
durch die Bediirfnisse des Staatslebens, in welchem den
Interessen der leitenden Klassen entsprochen wird. Ein
Spiegelbild der materiellen Interessen und Interessenkampf e
sah der proletarisch Denkende. Das erzeugte in ihm die
Empfindung, alles Geistesleben sei Ideologic, sei Spiegelung
der okonomischen Organisation.
Eine solche, das geistige Leben des Menschen verodende
Anschauung hort auf, wenn die Empfindung entstehen
kann: Im geistigen Gebiet waltet eine iiber das materielle
Auftenleben hinausgehende Wirklichkeit, die ihren Inhalt
in sich selber tragt. Es ist unmoglich, dafi eine solche Emp 1
findung ersteht, wenn das Geistesleben nicht aus seinen
eigenen Impulsen heraus sich innerhalb des sozialen Orga-
nismus frei entfaltet und verwaltet. Nur solche Trager des
Geisteslebens, die innerhalb einer derartigen Entfaltung
und Verwaltung stehen, haben die Kraft, diesem Leben
das ihm gebuhrende Gewicht im sozialen Organismus zu
verschaff en. Kunst, Wissenschaft, Weltanschauung und alles,
was damit zusammenhangt,. bedarf einer solchen selbstan-
digen Stellung in der menschlichen Gesellschaft. Denn im
geistigen Leben hangt alles zusammen. Die Freiheit des
einen kann nicht ohne die Freiheit des andern gedeihem
Wenn audi Mathematik und Physik in ihrem Inhalt nicht
von den Bediirfnissen des Staates unmittelbar zu beein-
flussen sind: Was man von ihnen entwickelt, wie die Men-
schen uber ihren Wert denken, welche Wirkung ihre Pflege
auf das ganze iibrige Geistesleben haben kann, und vieles
andere wird durcli diese Bediirfnisse bedingt, wenn der
Staat Zweige des Geisteslebens verwaltet. Es ist ein anderes,
wenn der die niederste Schulstufe versorgende Lehrer den
Impulsen des Staatslebens folgt; ein anderes, wenn er diese
Impulse erhalt aus einem Geistesleben heraus, das auf sich
selbst gestellt ist. Die Sozialdemokratie hat auch auf diesem
Gebiete nur die Erbschaft aus den Denkgewohnheiten und
Gepflogenheiten der leitenden Kreise ubernommen. Sie
betrachtet es als ihr Ideal, das geistige Leben in den auf
das Wirtschaftsleben gebauten Gesellschaftskorper einzu-
beziehen. Sie konnte, wenn sie dieses von ihr gesetzte Ziel
erreichte, damit den Weg nur fortsetzen, auf dem das
Geistesleben seine Entwertung gefunden hat. Sie hat eine
richtige Empfindung einseitig entwickelt mit ihrer For-
derung: Religion musse Privatsache sein. Denn im gesunden
sozialen Organismus mufi alles Geistesleben dem Staate
und der Wirtschaft gegeniiber in dem hier angedeuteten
Sinn «Privatsache» sein. Aber die Sozialdemokratie geht
bei der Uberweisung der Religion auf das Privatgebiet
nicht von der Meinung aus, dafi einem geistigen Gute da-
durch erne Stellung innerhalb des sozialen Organismus
geschaffen werde, durch die es zu einer wiinschenswerteren,
hoheren Entwickelung kommen werde als unter dem EinfluE
des Staates. Sie ist der Meinung, dafi der soziale Organis-
mus durch seine Mittel nur pflegen diirfe, was ihm Lebens-
bediirfnis ist. Und ein solches sei das religiose Geistesgut
nicht. In dieser Art, einseitig aus dem offentlichen Leben
herausgestellt, kann ein Zweig des Geisteslebens nicht
gedeihen, wenn das andere Geistesgut gefesselt ist. Das
religiose Leben der neueren Menschheit wird in Verbindung
mit allem befreiten Geistesleben seine fur diese Menschheit
seelentragende Kraft entwickeln.
Nicht nur die Hervorbringung, sondern auch die Auf-
nahme dieses Geisteslebens durch die Menschheit mufi auf
dem freien Seelenbedurfnis beruhen. Lehrer, Kiinstler und
so weiter, die in ihrer sozialen Stellung nur im unmittel-
baren Zusammenhange sind mix einer Gesetzgebung und
Verwaltung, die aus dem Geistesleben selbst sich ergeben
und die nur von dessen Impulsen getragen sind, werden
durch die Art ihres Wirkens die Empfanglichkek fiir ihre
Leistungen entwickeln konnen bei Menschen, welche durch
den aus sich wirkenden politischen Staat davor behutet
werden, nur dem Zwang zur Arbeit zu unterliegen, sondern
denen das Recht auch die Mufie gibt, welche das Ver-
standnis fiir geistige Giiter weckt. Den Menschen, die sich
«Lebenspraktiker» diinken, mag bei solchen Gedanken der
Glaube aufsteigen: Die Menschen werden ihre Mufiezeit
vertrinken, und man werde in den Analphabetismus zuruck-
fallen, wenn der Staat fiir solche Mufie sorgt, und wenn der
Besuch der Schule in das freie Verstandnis der Menschen
gestellt ist. Mochten solche «Pessimisten» doch abwarten,
was wird, wenn die Welt nicht mehr unter ihrem Einflufi
stent. Dieser ist nur allzu oft von einem gewissen Gefiihle
bestimmt, das ihnen leise zufliistert, wie sie ihre Mufie ver-
wenden, und was sie notig hatten, urn sich ein wenig
«Bildung» anzueignen. Mit der ziindenden Kraft, die ein
wirklich auf sich selbst gestelltes Geistesleben im sozialen
Organismus hat, konnen sie ja nicht rechnen, denn das
gefesselte, das sie kennen, hat auf sie nie eine solch ziin-
dende Kraft ausiiben konnen.
Sowohl der politische Staat wie das Wirtschaftsleben
werden den ZufJufi aus dem Geistesleben, den sie brauchen,
von dem sich selbst verwaltenden geistigen Organismus
erhalten. Auch die praktische Bildung fur das Wirtschafts-
leben wird durch das freie Zusammenwirken desselben mit
dem Geistesorganismus ihre voile Kraft erst entfalten
konnen. Entsprechend vorgebildete Menschen werden die
Erfahrungen, die sie im Wirtschaftsgebiet machen konnen,
durch die Kraft, die ihnen aus dem befreiten Geistesgut
kommt, beleben. Menschen mit einer aus dem Wirtschafts-
leben gewonnenen Erfahrung werden den Ubergang finden
in die Geistesorganisation und in derselben bef nicht end
wirken auf dasjenige, was so befruchtet werden mul
Auf dem Gebiete des politischen Staates werden sich
die notwendigen gesunden Ansichten durch eine solche
freie Wirkung des Geistesgutes bilden. Der handwerklich
Arbeitende wird durch den EinfluE eines solchen Geistes-
gutes eine ihn befriedigende Empfindung von der Stellung
seiner Arbeit im sozialen Organismus sich aneignen konnen.
Er wird zu der Einsicht kommen, wie ohne die Leitung,
welche die handwerkliche Arbeit zweckentsprechend orga-
nisiert, der soziale Organismus ihn nicht tragen kann. Er
wird das Gefiihl von der Zusammengehorigkeit seiner
Arbeit mit den organisierenden Kraften, die aus der Ent-
wickelung individueller menschlicher Fahigkeiten stammen,
in sich aufnehmen konnen. Er wird auf dem Boden des
politischen Staates die Rechte ausbilden, welche ihm den
Anteil sichern an dem Ertrage der Waren, die er erzeugt;
und er wird in f reier Weise dem ihm zukommenden Geistes-
gut denjenigen Anteil gonnen, der dessen Entstehung
ermoglicht. Auf dem Gebiet des Geisteslebens wird die
Moglichkeit entstehen, daft dessen Hervorbringer von den
Ertragnissen ihrer Leistungen audi leben. Was jemand fiir
sich im Gebiete des Geisteslebens treibt, wird seine engste
Privatsache bleiben; was jemand fiir den sozialen Orga-
nismus zu leisten vermag, wird mit der freien Ent-
schadigung derer rechnen konnen, denen das Geistesgut
Bediirfnis ist. Wer durch solche Entschadigung innerhalb
der Geistesorganisation das nicht finden kann, was er
braucht, wird ubergehen mussen zum Gebiet des politischen
Staates oder des Wirtschaftslebens.
In das Wirtschaftsleben fliefien ein die aus dem geistigen
Leben stammenden technischen Ideen. Sie stammen aus dem
geistigen Leben, audi wenn sie unmittelbar von Angehorigen
des Staats- oder Wirtschaflsgebietes kommen. Daher kom-
men alle die organisatorischen Ideen und Krafte, welche das
wirtschaftliche und staatliche Leben befruchten. Die Ent-
schadigung fiir diesen Zuflufi in die beiden sozialen Gebiete
wird entweder audi durch das freie Verstandnis derer
zustande kommen, die auf diesen Zuflufi angewiesen sind,
oder sie wird durch Rechte ihre Regelung finden, welche im
Gebiete des politischen Staates ausgebildet werden. Was
dieser politische Staat selber fiir seine Erhaltung fordert,
das wird aufgebracht werden durch das Steuerrecht. Dieses
wird durch eine Harmonisierung der Forderungen des
Rechtsbewu£tseins mit denen des Wirtschaffcslebens sich aus-
bilden.
Neben dem politischen und dem Wirtschaftsgebiet mufi
im gesunden sozialen Organismus das auf sich selbst gestellte
Geistesgebiet wirken. Nach der Dreigliederung dieses Orga-
nismus weist die Richtung der Entwickelungskrafte der
neueren Menschheit. Solange das gesellschaftliche Leben im
wesentlichen durch die Instinktkrafte eines grofien Teiles
der Menschheit sich fuhren liefi, trat der Drang nach dieser
entschiedenen Gliederung nicht auf. In einer gewissen
Dumpfheit des sozialen Lebens wirkte zusammen, was im
Grunde immer aus drei Quellen stammte. Die neuere Zeit
fordert ein bewufkes Sichbineinstellen des Menschen in den
Gesellschaftsorganismus. Dieses Bewufksein kann dem Ver-
halten und dem ganzen Leben der Menschen nur dann eine
gesunde Gestaltung geben, wenn es von drei Seiten her
orientiert ist. Nach dieser Orientierung strebt in den un-
bewufiten Tiefen des Seelischen die moderne Menschheit;
und was sich als soziale Bewegung auslebt, ist nur der
getriibte Abglanz dieses Strebens.
Aus andern Grundlagen heraus, als die sind, in denen
wir heute leben, tauchte aus tiefen Untergriinden der
menschlichen Natur heraus am Ende des 18. Jahrhunderts
der Ruf nach einer Neugestaltung des sozialen mensch-
lichen Organismus. Da horte man wie eine Devise dieser
Neuorganisation die drei Worte:Bruderlichkeit, Gleichheit,
Freiheit. Nun wohl, derjenige, der sich mit vorurteilslosem
Sinn und mit einem gesunden Menschheitsempfinden einlafit
auf die Wirklichkeit der menschlichen Entwickelung, der
kann natiirlich nicht anders, als Verstandnis haben f iir alles,
worauf diese Worte deuten. Dennoch, es gab scharfsinnige
Denker, welche im Laufe des 19. Jahrhunderts sich Muhe
gegeben haben, zu zeigen, wie es unmoglich ist, in einem
einheitlichen sozialen Organismus diese Ideen von Briider-
lichkeit, Gleichheit, Freiheit zu verwirklichen. Solche glaub-
ten zu erkennen, dafi sich diese drei Impulse, wenn sie sich
verwirklichen sollen, im sozialen Organismus widersprechen
miissen. Scharfsinnig ist nachgewiesen worden zum Beispiel,
wie unmoglich es ist, wenn der Impuls der Gleichheit sich
verwirklicht, dafi dann auch die in jedem Menschenwesen
notwendig begriindete Freiheit zur Geltung komme. Und
man kann gar nicht anders als zustimmen denen, die diesen
Widerspruch fmden; und doch mufi man zugleich aus einem
allgemein menschlichen Empfinden heraus mit jedem dieser
drei Ideale Sympathie haben!
Dies Widerspruchsvolle besteht aus dem Grunde, weil
die wahre soziale Bedeutung dieser drei Ideale erst zutage
tritt durch das Durchschauen der notwendigen Dreiglie-
derung des sozialen Organismus. Die drei Glieder sollen
nicht in einer abstrakten, theoretischen Reichstags- oder
sonstigen Einheit zusammengefiigt und zentrahsiert sein.
Sie sollen lebendige Wirklichkeit sein. Ein jedes der drei
sozialen Glieder soli in sich zentralisiert sein; und durch
ihr lebendiges Nebeneinander- und Zusammenwirken kann
erst die Einheit des sozialen Gesamtorganismus entstehen.
Im wirklichen Leben wirkt eben das scheinbar Wider-
spruchsvolle zu einer Einheit zusammen. Daher wird man
zu einer Erfassung des Lebens des sozialen Organismus
kommen, wenn man imstande ist, die wirklichkeitsgemaEe
Gestaltung dieses sozialen Organismus mit Bezug auf
Bruderlichkeit, Gleichheit und Freiheit zu durchschauen.
Dann wird man erkennen, dafi das Zusammenwirken der
Menschen im Wirtschaftsleben auf der jenigen Bruderlichkeit
ruhen mufi, die aus den Assoziationen heraus ersteht. In
dem zweken Gliede, in dem System des offentlicben Rechts y
wo man es zu tun hat mit dem rein menschlichen Verhaltnis
von Person zu Person, hat man zu erstreben die Verwirk-
lichung der Idee der Gleichheit. Und auf dem geistigen
Gebiete, das in relativer Selbstandigkeit im sozialen Orga-
nismus steht, hat man es zu tun mit der Verwirklichung des
Impulses der Freiheit. So angesehen, zeigen diese drei Ideale
ihren Wirklichkeitswert. Sie konnen sich nicht in einem
chaotischen sozialen Leben realisieren, sondern nur in dem
gesunden dreigliedrigen sozialen Organismus. Nicht ein
abstrakt zentralisiertes Sozialgebilde kann durcheinander
die Ideale der Freiheit, Gleichheit und Bruderlichkeit ver-
wirklichen, sondern jedes der drei Glieder des sozialen
Organismus kann aus einem dieser Impulse seine Kraft
schopfen. Und es wird dann in fruchtbarer Art mit den
andern Gliedern zusammenwirken konnen.
Diejenigen Menschen, welche am Ende des 18.Jahr-
hunderts die Forderung nach Verwirklichung der drei Ideen
von Freiheit, Gleichheit und Bruderlichkeit erhoben haben,
und auch diejenigen, welche sie spater wiederholt haben, sie
konnten dunkel empfinden, wohin die Entwickelungskrafte
der neueren Menschheit weisen. Aber sie haben damit
zugleich nicht den Glauben an den Einheitsstaat iiberwun-
den. Fiir diesen bedeuten ihre Ideen etwas Widerspruchs-
volles. Sie bekannten sich zu dem Widersprechenden, weil
in den unterbewufken Tiefen ihres Seelenlebens der Drang
nach der Dreigliederung des sozialen Organismus wirkte,
in dem die Dreiheit ihrer Ideen erst zu einer hoheren Ein-
heit werden kann. Die Entwickelungskrafte, die in dem
Werden der neueren Menschheit nach dieser Dreigliederung
hindrangen, zum bewufiten sozialen Wollen zu machen, das
fordern die deutlich sprechenden sozialen Tatsachen der
Gegenwart.
III.
KAPITALISMUS UND SOZIALE IDEEN
(Kapital, Menschenarbeit)
Man kann nicht zu einem Urteile dariiber kommen, welche
Handlungsweise auf sozialem Gebiete gegenwartig durch
die lautsprechenden Tatsachen gefordert wird, wenn man
nicht den Willen hat, dieses Urteil bestimmen zu lassen von
einer Einsicht in die Grundkrafte des sozialen Organismus.
Der Versuch, eine solche Einsicht zu gewinnen, liegt der hier
vorangehendenDarstellungzugrunde. MitMafinahmen, die
sich nur auf ein Urteil stiitzen, das aus einem eng umgrenz-
ten Beobachtungskreis gewonnen ist, kann man heute etwas
Fruchtbares nicht bewirken. Die Tatsachen, welche aus der
sozialen Bewegung herausgewachsen sind, ofTenbaren Sto-
rungen in den Grundlagen des sozialen Organismus, und
keineswegs solche, die nur an der Oberflache vorhanden
sind. Ihnen gegeniiber ist notwendig, auch zu Einsichten
zu kommen, die bis zu den Grundlagen vordringen.
Spricht man heute von Kapital und Kapitalismus, so
weist man auf das hin, worin die proletarische Menschheit
die Ursachen ihrer Bedruckung sucht. Zu einem f ruchtbaren
Urteil iiber die Art, wie das Kapital fordernd oder hem-
mend in den Kreislaufen des sozialen Organismus wirkt,
kann man aber nur kommen, wenn man durchschaut, wie
die individuellen Fahigkeiten der Menschen, wie die Rechts-
bildung und wie dieKrafte des Wirtschaftslebens das Kapital
erzeugen und verbrauchen. — Spricht man von der Men-
schenarbeit, so deutet man auf das, was mit der Natur-
grundlage der Wirtschaft und dem Kapital zusammen die
wirtschafllichen Werte schafft und an demderArbeiter zum
Bewufitsein seiner sozialen Lage kommt. Ein Urteil dariiber,
wie diese Menschenarbeit in den sozialen Organismus hin-
eingestellt sein mufi, um in dem Arbeitenden die Empfindung
von seiner Menschenwiirde nicht zu storen, ergibt sich nur,
wenn man das Verhaltnis ins Auge fassen will, welches
Menschenarbeit zur Entfaltung der individuellen Fahig-
keiten einerseits und zum Rechtsbewufitsein anderseits hat.
Man fragt gegenwartig mit Recht, was zu allerndcbst zu
tun ist, um den in der sozialen Bewegung auftretenden
Forderungen gerecht zu werden. Man wird auch das Aller-
ndchste nicht in fruchtbarer Art vollbringen konnen, wenn
man nicht weift, welches Verhaltnis das zu Vollbringende
zu den Grundlagen des gesunden sozialen Organismus
haben soil. Und weifi man dieses, dann wird man an dem
Platze, an den man gestellt ist, oder an den man sich zu
stellen vermag, die Aufgaben find en konnen, die sich aus
den Tatsachen heraus ergeben. Der Gewinnung einer Ein-
sicht, auf die hier gedeutet wird, stellt sich, das unbefangene
Urteil beirrend, gegenuber, was im Laufe langer Zeit aus
menschlichem Wollen in soziale Einrichtungen iibergegangen
ist. Man hat sich in die Einrichtungen so eingelebt, daiS man
aus ihnen heraus sich Ansichten gebildet hat iiber dasjenige,
was von ihnen zu erhalten, was zu verandern ist. Man
richtet sich in Gedanken nach den Tatsachen, die doch der
Gedanke beherrschen soli. Notwendig ist aber heute, zu
sehen, dafi man nicht anders ein den Tatsachen gewachsenes
Urteil gewinnen kann als durch Zuriickgehen zu den Ur-
gedanken, die alien sozialen Einrichtungen zugrunde liegen.
Wenn nicht rechteQuellen vorhanden sind, aus denen die
Krafte, welche in diesen Urgedanken liegen, immer von
neuem dem sozialen Organismus zufliefien, dann nehmen
die Einrichtungen Formen an, die nicht lebenfordernd,
sondern lebenhemmend sind. In den instinktiven Impulsen
der Menschen aber leben mehr oder weniger unbewu£t die
Urgedanken fort, audi wenn die vollbewufken Gedanken
in die Irre gehen und lebenhemmende Tatsachen schaffen,
oder schon geschaffen haben. Und diese Urgedanken, die
einer lebenhemmenden Tatsaclienwelt gegeniiber chaotisch
sich auftern, sind es, die offenbar oder verhiillt in den
revolutionaren Erschiitterungen des sozialen Organismus
zutage treten. Diese Erschiitterungen werden nur dann nicht
eintreten, wenn der soziale Organismus in der Art gestaltet
ist, dafi in ihm jederzeit die Neigung vorhanden sein kann,
zu beobachten, wo eine Abweichung von den durch die Ur-
gedanken vorgezeichneten Einrichtungen sich bildet, und
wo zugleich die Moglichkeit besteht, dieser Abweichung
entgegenzuarbeiten, ehe sie eine verhangnistragende Starke
gewonnen hat.
In unsern Tagen sind in weitem Umfange des Menschen-
lebens die Abweichungen von den durch die Urgedanken
geforderten Zustanden grofi geworden. Und das Leben der
von diesen Gedanken getragenen Impulse in Menschen-
seelen steht als eine durch Tatsachen laut sprechende Kritik
da iiber das, was sich im sozialen Organismus der letzten
Jahrhunderte gestaltet hat. Daher bedarf es des guten
Willens, in energischer Weise zu den Urgedanken sich zu
wenden und nicht zu verkennen, wie schadlich es gerade
heute ist, diese Urgedanken als «unpraktische» Allgemein-
heiten aus dem Gebiete des Lebens zu verbannen. In dem
Leben und in den Forderungen der proletarischen Bevol-
kerung lebt die Tatsachen-Kritik iiber dasjenige, was die
neuere Zeit aus dem sozialen Organismus gemacht hat. Die
Aufgabe unserer Zeit dem gegeniiber ist, der einseitigen
Kritik dadurch entgegenzuarbeiten, dafi man aus dem Ur-
gedanken heraus die Richtungen findet, in denen die Tat-
sachen bewu$t gelenkt werden miissen. Denn die Zeit ist
abgelauf en, in der der Menschheit geniigen kann, was bisher
die instinktive Lenkung zustande gebracht hat.
Eine der Grundfragen, die aus der zeitgenossischen Kritik
heraus auftreten, ist die, in welcher Art die Bedriickung
aufhoren kann, welche die proletarische Menschheit durch
den privaten Kapitalismus erfahren hat. Der Besitzer oder
Verwalter des Kapitals ist in der Lage, die korperliche
Arbeit anderer Menschen in den Dienst dessen zu stellen,
das er herzustellen unternimmt. Man mufi in dem sozialen
Verhaltnis, das in dem Zusammenwirken von Kapital und
menschlicher Arbeitskraft entsteht, drei Glieder unter-
scheiden: die Unternehmertatigkeit, die auf der Grundlage
der individuellen Fahigkeiten einer Person oder einer
Gruppe von Personen beruhen mufi; das Verhaltnis des
Unternehmers zum Arbeiter, das ein Rechtsverhaltnis sein
mufi; das Hervorbringen einer Sache, die im Kreislauf des
Wirtschaftslebens einen Warenwert erhalt. Die Unter-
nehmertatigkeit kann in gesunder Art nur dann in den
sozialen Organismus eingreifen, wenn in dessen Leben
Krafte wirken, welche die individuellen Fahigkeiten der
Menschen in der moglichst besten Art in die Erscheinung
treten lassen. Das kann nur geschehen, wenn ein Gebiet des
sozialen Organismus vorhanden ist, das dem Fahigen die
freie Initiative gibt, von seinen Fahigkeiten Gebrauch zu
machen, und das die Beurteilung des Wertes dieser Fahig-
keiten durch freies Verstandnis fur dieselben bei andern
Menschen ermoglicht. Man sieht: die soziale Betatigung
eines Mensdien durch Kapital gehort in dasjenige Gebiet
des sozialen Organismus, in welchem das Geistesleben
Gesetzgebung und Verwaltung besorgt. Wirkt in diese
Betatigung der politisdieStaathinein 3 so mufi notwendiger-
weise die Verstandnislosigkeit gegeniiber den individuellen
Fahigkeiten bei deren Wirksamkeit mitbestimmend sein.
Denn der politische Staat mufi auf dem beruhen, und er
mufi das in Wirksamkeit versetzen, das in alien Menschen
als gleiche Lebensforderung vorhanden ist. Er mufi in seinem
Bereich alle Menschen zur Geltendmachung ihres Urteils
kommen lassen. Fur dasjenige, was er zu vollbringen hat,
kommt Verstandnis oder Nichtverstandnis fur individuelle
Fahigkeiten nicht in Betracht. Daher darf, was in ihm zur
Verwirklichung kommt, auch keinen Einflufi haben auf die
Betatigung der individuellen menschlichen Fahigkeiten.
Ebensowenig sollte der Ausblick auf den wirtschaftlichen
Vorteil bestimmend sein konnen fur die durch Kapital
ermoglichte Auswirkung der individuellen Fahigkeiten.
Auf diesen Vorteil geben manche Beurteiler des Kapitalis-
mus sehr vieles. Sie vermeinen, dafi nur durch diesen
Anreiz des Vorteils die individuellen Fahigkeiten zur
Betatigung gebracht werden konnen. Und sie berufen sich
als «Praktiker» auf die «unvollkommene» Menschennatur,
die sie zu kennen vorgeben. Allerdings innerhalb derjenigen
Gesellschaftsordnung, welche die gegenwartigen Zustande
gezeitigt hat, hat die Aussicht auf wirtschaftlichen Vorteil
eine tiefgehende Bedeutung erlangt. Aber diese Tatsache ist
eben zum nicht geringen Teile die Ursache der Zustande,
die jetzt erlebt werden konnen. Und diese Zustande drangen
nachEntwickelung eines andern Antriebes fiir dieBetatigung
der individuellen Fahigkeiten. Dieser Antrieb wird in dem
aus einem gesunden Geistesleben erfliefienden sozialen Ver-
stdndnis liegen miissen. Die Erziehung, die Schule werden
aus der Kraft des f reien Geisteslebens heraus den Menschen
mit Impulsen ausriisten, die ihn dazu bringen, kraft dieses
ihm innewohnenden Verstandnisses das zu verwirklichen,
wozu seine individuellen Fahigkeiten drangen.
Soldi eine Meinung braucht nicht Schwarmgeisterei zu
sein. Gewifi, die Schwarmgeisterei hat unermej&lich grofies
Unheil auf dem Gebiete des sozialen Wollens ebenso
gebracht wie auf anderen. Aber die hier dargestellte An-
schauung beruht nicht, wie man aus dem Vorangehenden
ersehen kann, auf dem Wahnglauben, dafi «der Geist»
Wunder wirken werde, wenn diejenigen moglichst vie! von
ihm sprechen, die ihn zu haben meinen; sondern sie geht
hervor aus der Beobachtung des freien Zusammenwirkens
der Menschen auf geistigem Gebiete. Dieses Zusammen-
wirken erhalt durch seine eigene Wesenheit ein soziales
Geprage, wenn es sich nur wabrhafl frei entwickeln kann.
Nur die unfreie Art des Geisteslebens hat bisher dieses
soziale Geprage nicht aufkommen lassen. Innerhalb der
leitenden Klassen haben sich die geistigen Krafte in einer
Art ausgebildet, welche die Leistungen dieser Krafte in anti-
sozialer Weise innerhalb gewisser Kreise der Menschheit
abgeschlossen haben. Was innerhalb dieser Kreise hervor-
gebracht worden ist, konnte nur in kunstlicher Weise an die
proletarische Menschheit herangebracht werden. Und diese
Menschheit konnte keine seelentragende Kraft aus diesem
Geistesleben schopf en, denn sie nahm nicht wirklicb an dem
Leben dieses Geistesgutes teil. Einrichtungen fiir «volks-
tiimliche Belehrung», das «Heranziehen» des «Volkes» zum
Kunstgenuft und Ahnliches sind in Wahrheit keine Mittel
zur Ausbreitung des Geistesgutes im Volke, so lange dieses
Geistesgut den Charakter beibehalt, den es in der neueren
Zeit angenommen hat. Denn das «Volk» steht mit dem
inner sten Anteil seines Menschenwesens nicht in dem Leben
dieses Geistesgutes drinnen. Es wird ihm nur ermoglicht,
gewissermafien von einem Gesichtspunkte aus, der aufier-
halb desselben liegt, darauf hinzuschauen. Und was von
dem Geistesleben im engern Sinne gilt, das hat seine Bedeu-
tung auch in denjenigen Verzweigungen des geistigen
Wirkens, die auf Grund des Kapitals in das wirtschaftliche
Leben einflieften. Im gesunden sozialen Organismus soil der
proletarische Arbeiter nicht an seiner Maschine stehen und
nur von deren Getriebe beriihrt werden, wahrend der
Kapitalist allein wei£, welches das Schicksal der erzeugten
Waren im Kreislauf des Wirtschaftslebens ist. Der Arbeiter
soil mit vollem Anteil an der Sache Vorstellungen entwickeln
konnen iiber die Art, wie er sich an dem sozialen Leben
beteiligt, indem er an der Erzeugung der Waren arbeitet.
Besprechungen, die zum Arbeitsbetrieb gerechnet werden
miissen wie die Arbeit selbst, sollen regelmajRig von dem
Unternehmer veranstaltet werden mk dem Zweck der Ent-
wickelung eines gemeinsamen Vorstellungskreises, der Ar-
beitnehmer und Arbeitgeber umschlielk. Ein gesundes Wir-
ken dieser Art wird bei dem Arbeiter Verstandnis dafiir
erzeugen, dafi eine rechte Betatigung des Kapitalverwalters
den sozialen Organismus und damit den Arbeiter, der ein
Glied desselben ist, selbst fordert. Der Unternehmer wird
bei soldier auf freies Verstehen zielenden OfTentHchkeit
seiner Geschaftsfuhrung zu einem einwandfreien Gebaren
veranlaftt.
Nur, wer gar keinen Sinn hat fiir die soziale Wirkung
des innerlichen vereinten Erlebens einer in Gemeinschaft
betriebenen Sache, der wird das Gesagte fiir bedeutungslos
halten. Wer einen solchen Sinn hat, der wird durchschauen,
wie die wirtschaftliche Produktivitat gefordert wird, wenn
die auf Kapitalgrundlage ruhende Leitung des Wirtschafts-
lebens in dem Gebiete des freien Geisteslebens seine Wur-
zeln hat. Das blofi wegen des Profites vorhandene Interesse
am Kapital und seiner Vermehrung kann nur dann, wenn
diese Voraussetzung erfiillt ist, dem sachlichen Interesse
an der Hervorbringung von Produkten und am Zustande-
kommen von Leistungen Platz machen.
Die sozialistisch Denkenden der Gegenwart streben die
Verwaltung der Produktionsmittel durch die Gesellschaft
an. Was in diesem ihrem Streben berechtigt ist, das wird
nur dadurch erreicht werden konnen, da£ diese Verwaltung
von dem freien Geistesgebiet besorgt wird. Dadurch wird
der wirtschaftliche Zwang unmoglich gemacht, der vom
Kapitalisten dann ausgeht und als menschenunwurdig
empfunden wird, wenn der Kapitalist seine Tatigkeit aus
den Kraften des Wirtschaftslebens her aus entfaltet. Und es
wird die Lahmung der individuellen menschlichen Fahig-
keiten nicht eintreten konnen, die als eine Folge sich ergeben
mujR, wenn diese Fahigkeiten vom politischen Staate ver-
waltet werden.
Das Ertragnis einer Betatigung durch Kapital und indi-
viduellemenschliche Fahigkeiten mufi im gesunden sozialen
Organismus wie jede geistige Leistung aus der freien
Initiative des Tatigen einerseits sich ergeben und anderseits
aus dem freien Verstandnis anderer Menschen, die nach dem
Vorhandensein der Leistung des Tatigen verlangen. Mit der
freien Einsicht des Tatigen mufi auf diesem Gebiete im
Einklange stehen die Bemessung dessen, was er als Ertragnis
seiner Leistung - nach den Vorbereitungen, die er braucht,
urn sie zu vollbringen, nach den Aufwendungen, die er
machen mufi, um sie zu ermoglichen und so weiter - an-
sehen will. Er wird seine Anspriiche nur dann befriedigt
finden konnen, wenn ihm Verstandnis fiir seine Leistungen
entgegengebracht wird.
Durch soziale Einrichtungen, die in der Richtung des hier
Dargestellten liegen, wird der Boden geschaffen fiir ein
• wirklich f reies Vertragsverhaltnis zwischen Arbeitleiter und
Arbeitleister. Und dieses Verhaltnis wird sich beziehen nicht
auf einen Tausch von Ware (beziehungsweise Geld) fiir
Arbeitskraft, sondern auf die Festsetzung des Anteiles, den
eine jede der beiden Personen hat, welche die Ware gemein-
sam zustande bringen.
Was auf der Grundlage des Kapitals fiir den sozialen
Organismus geleistet wird, beruht seinem Wesen nach auf
der Art, wie die individuellen menschlichen Fahigkeiten in
diesen Organismus eingreifen. Die Entwickelung dieser
Fahigkeiten kann durch nichts anderes den ihr entsprechen-
den Impuls erhalten als durch das freie Geistesleben. Auch
in einem sozialen Organismus, der diese Entwickelung in die
Verwaltung des politischen Staates oder in die Krafte des
Wirtschaftslebens einspannt, wird die wirkliche Produk-
tivitat alles dessen, was Kapitalaufwendung notwendig
macht, auf dem beruhen, was sich an freien individuellen
Kraften durch die lahmenden Einrichtungen hindurch-
zwangt. Nur wird eine Entwickelung unter solchen Vor-
aussetzungen eine ungesunde sein. Nicht die freie Entf altung
der auf Grundlage des Kapitals wirkenden individuellen
Fahigkeiten hat Zustande hervorgemfen, innerhalb welcher
die menschliclie Arbeitskraft Ware sein mull, sondern die
Fesselung dieser Krafte durch das politische Staatsleben oder
durcli den Kreislauf des Wirtschaftslebens. Dies unbefangen
zu durchschauen, ist in der Gegenwart eine Voraussetzung
fiir alles, was auf dem Gebiete der sozialen Organisation
geschehen soli. Denn die neuere Zeit hat den Aberglauben
hervorgebracht, daft aus dem politischen Staate oder
dem Wirtschaftsleben die Maftnahmen hervorgehen sollen,
welche den sozialen Organismus gesund machen. Beschreitet
man den Weg weiter, der aus diesem Aberglauben seine
Richtung empfangen hat, dann wird man Einrichtungen
schafFen, welche die Menschheit nicht zu dem fiihren, was
sie erstrebt, sondern zu einer unbegrenzten Vergrofterung
des Bedriickenden, das sie abgewendet sehen mochte.
Uber den Kapitalismus hat man denken gelernt in einer
Zeit, in welcher dieser Kapitalismus dem sozialen Organis-
mus einen Krankheitsprozeft verursacht hat. Den Krank-
heitsprozeft erlebt man; man sieht, daft ihm entgegen-
gearbeitet werden muft. Man muft mehr sehen. Man muft
gewahr werden, daft die Krankheit ihren Ursprung hat in
dem Aufsaugen der im Kapital wirksamen Krafte durch
den Kreislauf des Wirtschaftslebens. Derjenige nur kann in
der Richtung d ess en wirken, was die Entwkkelungskrafte
der Menschheit in der Gegenwart energisch zu fordern
beginnen, der sich nicht in Illusionen treiben Iaftt durch die
Vorstellungsart, welche in der Verwaltung der Kapital-
betatigung durch das befreite Geistesleben das Ergebnis
eines «unpraktischen Idealismus» sieht.
In der Gegenwart ist man allerdings wenig darauf vor-
bereitet, die soziale Idee, die den Kapitalismus in gesunde
Bahnen lenken soil, in einen unmittelbaren Zusammenhang
mit dem Geistesleben zu bringen. Man kniipft an dasjenige
an, was dem Kreis des Wirtschaftslebens angehort. Man
sieht, wie in der neueren Zeit die Warenproduktion zum
Grofibetrieb, und dieser zur gegenwartigen Form des
Kapitalismus gefiihrt hat. An die Stelle dieser Wirtschafts-
f orm solle die genossenschaftliche treten, die fiir den Selbst-
bedarf der Produzenten arbeitet. Da man aber selbstver-
standlich die Wirtschaft mit den modernen Produktions-
mitteln beibehalten will, verlangt man die Zusammen-
fassung der Betriebe in eine einzige gro£e Genossenschaft.
In einer soldien, denkt man, produziere ein jeder im Auf-
trage der Gemeinscbaft, die nicht ausbeuterisch sein konne,
weil sie sich selbst ausbeutete. Und da man an Bestehendes
anknupfen will oder mu£, blickt man nach dem modernen
Staat aus, den man in eine umfassende Genossenschaft ver-
wandeln will.
Man bemerkt dabei nicht, dafi man von einer solchen
Genossenschaft sich Wirkungen verspricht, die um so weniger
eintreten konnen, je grdfier die Genossenschaft ist. Wenn
nicht die Einstellung der individuellen menschlichen Fahig-
keiten in den Organismus der Genossenschaft so gestaltet
wird, wie es in diesen Ausfiihrungen dargestellt worden ist,
kann die Gemeinsamkeit der Arbeitsverwaltung nicht zur
Gesundung des sozialen Organismus fiihren.
Dafi fiir ein unbefangenes Urteil iiber das Eingreifen des
Geisteslebens in den sozialen Organismus gegenwartig
wenig Veranlagung vorhanden ist, ruhrt davon her, dafi
man sich gewohnt hat, das Geistige moglichst fern von
allem Materiellen und Praktischen vorzustellen. Es wird
nicht wenige geben, die etwas Groteskes in der hier dar-
gestellten Ansicht finden, dafi in der Betatigung des Kapitals
im Wirtschaftsleben die Auswirkung eines Teiles des geistigen
Lebens sich offenbaren soil. Man kann sich denken, dafi in
dieser Charakterisierung des als grotesk Dargestellten Zu-
gehorige der bisher leitenden Menschenklassen mit sozia-
listischen Denkern iibereinstimmen. Man wird, um die
Bedeutung dieses grotesk Befundenen fiir eine Gesundung
des sozialen Organismus einzusehen, den Blick richten
miissen in gewisse Gedankenstromungen der Gegenwart,
die in ihrer Art redlichen Seelenimpulsen entspringen, die
aber das Entstehen eines wirklich sozialen Denkens dort
hemmen, wo sie Eingang finden.
Diese Gedankenstromungen streben-mehr oder weniger
unbewufit — hinweg von dem, was dem inneren Erleben
dierechteStofikrafl gibt. Sie erstreben eine Lebensauffassung,
ein seelisches, ein denkerisches, ein nach wissenschaftlicher
Erkenntnis sudiendes inneres Leben gewissermaften wie eine
Insel im Gesamtmenschenleben. Sie sind dann nicht in der
Lage, die Briicke zu bauen von diesem Leben hin zu dem-
jenigen, was den Mensdien in die Alltaglichkeit einspannt.
Man kann sehen, wie viele Menschen der Gegenwart es
gewissermaften «innerlidi vornehm» finden, in einer ge-
wissen, sei es audi schulmaftigen Abstraktheit nachzudenken
iiber allerlei ethisdi-religiose Probleme in Wolkenkuckucks-
heimhohen; man kann sehen, wie die Mensdien nachdenken
iiber die Art und Weise, wie sich der Mensch Tugenden an-
eignen konne, wie er in Liebe zu seinen Mitmenschen sich
verhalten soli, wie er begnadet werden kann mit einem
« inneren Lebensinhalt». Man sieht dann aber audi das
Unvermogen, einen Ubergang zu ermoglichen von dem,
was die Leute gut und liebevoll und wohlwollend und
rechtlich und sittlich. nennen, zu dem, was in der aufiern
Wirklichkeit, im Alltag den Menschen umgibt als Kapital-
wirkung, als Arbeitsentlohnung, als Konsum, als Produktion,
als Warenzirkulation, als Kreditwesen, als Bank- und
Borsenwesen. Man kann sehen, wiezweiWeltenstromungen
nebeneinandergestellt werden audi in den Denkgewohn-
heiten der Menschen. Die eine Weltenstromung ist die,
welche sich gewissermafien in gottlich-geistiger Hohe halten
will, die keine Briicke bauen will zwischen dem, was ein
geistiger Impuls ist, und was eine Tatsache des gewohn-
lichen Handelns im Leben ist. Die andere lebt gedankenlos
im Alltaglichen. Das Leben aber ist ein einheitliches. Es
kann nur gedeihen, wenn die es treibenden Krafte von allem
ethisch-religiosen Leben herunterwirken in das alleralltag-
lichste profanste Leben, in dasjenige Leben, das manchem
eben weniger vornehm erscheint. Denn, versaumt man, die
Briicke zu schlagen zwischen den beiden Lebensgebieten, so
verfallt man in bezug auf religioses, sittliches Leben und
auf soziales Denken in blofie Schwarmgeisterei, die fern-
stent der alltaglichen wahren Wirklichkeit. Es racht sich
dann gewisserma£en diese alltaglich-wahre Wirklichkeit.
Dann strebt der Mensch aus einem gewissen «geistigen»
Impuls heraus alles mogliche Ideale an, alles mogliche, was
er «gut» nennt; aber denjenigen Instinkten, die diesen
«Idealen» gegeniiberstehen als Grundlage der gewohn-
lichen taglichen Lebensbediirfnisse, deren Befriedigung aus
der Volkswirtschaft heraus kommen mu£, diesen Instinkten
gibt sich der Mensch ohne «Geist» hin. Er weifi keinen
wirklichkeitsgemafien Weg von dem BegrifF der Geistigkeit
zu dem, was im alltaglichen Leben vor sich geht. Dadurch
nimmt dieses alltagliche Leben eine Gestalt an, die nichts zu
tun haben soil mit dem, was als ethische Impulse in vorneh-
meren, seelisch-geistigen Hohen gehalten werden will. Dann
aber wird die Rache der Alltaglichkeit eine solche, daft das
ethisch-religiose Leben zu einer innerlichen Lebensliige des
Menschen sich gestaltet, weil es sich feme halt von der all-
taglichen, von der unmittelbaren Lebenspraxis, ohne daft
man es merkt.
Wie zahlreich sind doch heme die Menschen, die aus einer
gewissen ethisch-religiosen Vornehmheit heraus den besten
Willen zeigen zu einem rechten Zusammenleben mit ihren
Mitmenschen, die ihren Mitmenschen nur das Alleraller-
beste tun mochten. Sie versaumen es aber, zu einer Empfin-
dungsart zu kommen, die dies wirklich ermoglicht, weil sie
sich kein soziales, in den praktischen Lebensgewohnheiten
sich auswirkendes Vorstellen aneignen konnen.
Aus dem Kreise solcher Menschen stammen diejenigen,
die in diesem welthistorischen Augenblick, wo die sozialen
Fragen so drangend geworden sind, sich als die Schwarm-
geister, die sich aber fiir echte Lebenspraktiker halten, hem-
mend der wahren Lebenspraxis entgegenstellen. Man kann
von ihnen Reden horen wie diese: Wir haben notig, daft die
Menschen sich erheben aus dem Materialismus, aus dem
aufterlich materiellen Leben, das uns in die Weltkriegs-
Katastrophe und in das Ungliick hineingetrieben hat, und
daft sie sich einer geistigen Auffassung des Lebens zu-
wenden. Man wird, wenn man so die Wege des Menschen
zur Geistigkeit zeigen will, nicht rnude, diejenigen Person-
lichkeiten zu zitieren, die man in der Vergangenheit wegen
ihrer dem Geiste zugewendeten Denkungsart verehrt hat.
Man kann erleben, daft jemand, der versucht, gerade auf
dasjenige hinzuweisen, was heute der Geist fiir das wirk-
liche praktische Leben so notwendig leisten mufi, wie das
tagliche Brot erzeugt werden mufi, darauf aufmerksam
gemacht wird, dafi es ja in erster Linie darauf ankomme,
die Menschen wiederum zur Anerkennung des Geistes zu
bringen. Es kommt aber gegenwartig darauf an, dafi aus
der Kraft des geistigen Lebens heraus die Riditlinien fur die
Gesundung des sozialen Organismus gefunden werden.
Dazu geniigt nicht, dafi die Menschen in einer Seiten-
stromung des Lebens sich mit dem Geiste beschafligen. Dazu
ist notwendig, dafi das alltagliche Dasein geistgemafi werde.
Die Neigung, fur das «geistige Leben» solche Seiten-
stromungen zu suchen, ftihrte die bisher leitenden Kreise
dazu, an sozialen Zustanden Geschmack zu haben, die in
die gegenwartigen Tatsachen ausgelaufen sind.
Eng verbunden sind im sozialen Leben der Gegenwart
die Verwaltung des Kapitals in der Warenproduktion und
der Besitz der Produktionsmittel, also audi des Kapitals.
Und doch sind diese beiden Verhaltnisse des Menschen zum
Kapital ganz verschieden mit Bezug auf ihre Wirkung
innerhalb des sozialen Organismus. Die Verwaltung durch
die individuellen Fahigkeiten fiihrt, zweckmafiig ange-
wendet, dem sozialen Organismus Giiter zu, an deren
Vorhandensein alle Menschen, die diesem Organismus an-
gehoren, ein Interesse haben. In welcher Lebenslage ein
Mensch auch ist, er hat ein Interesse daran, dafi nichts von
dem verloren gehe, was aus den Quellen der Menschen-
natur an solchen individuellen Fahigkeiten erfliefk, durch
die Giiter zustande kommen, welche dem Menschenleben
zweckentsprechend dienen. Die Entwickelung dieser Fahig-
keiten kann aber nur dadurch erfolgen, dafi ihre mensch-
lichen Trager aus der eigenen freien Initiative heraus sie
zur Wirkung bringen konnen. Was aus diesen Quellen nicht
in Freiheit erfliefien kann, das wird der Menschenwohl-
fahrt mindestens bis zu einem gewissen Grade entzogen.
Das Kapital aber ist das Mittel, soldie Fahigkeiten fiir
weite Gebiete des sozialen Lebens in Wirksamkeit zu brin-
gen. Den gesamten Kapitalbesitz so zu verwalten, dafi der
einzelne in besonderer Richtung begabte Mensch oder dafi
zuBesonderem befahigte Menschengruppen zu einer solchen
Verfugung iiber Kapital kommen, die lediglich aus ihrer
ureigenen Initiative entspringt, daran mufi jedermann
innerhalb eines sozialen Organismus ein wahrhaftes In-
teresse haben. Vom Geistesarbeiter bis zum handwerklich
Schaffenden mufi ein jeder Mensch, wenn er vorurteilslos
dem eigenen Interesse dienen will, sagen: Ich mochte, dafi
eine geniigend grofte Anzahl befahigter Personen oder
Personengruppen vollig frei iiber Kapital nicht nur ver-
f iigen konnen, sondern dafi sie audi aus der eigenen Initiative
heraus zu dem Kapitale gelangen konnen; denn nur sie
allein konnen ein Urteil dariiber haben, wie durch die
Vermittlung des Kapitals ihre individueilen Fahigkeiten
dem sozialen Organismus zweckmaftig Giiter erzeugen
werden.
Es ist nidit notig, im Rahmen dieser Schrifl darzustellen,
wie im Laufe der Menschheitsentwickelung zusammen-
hangend mit der Betatigung der menschlichen individueilen
Fahigkeiten im sozialen Organismus sich der Privatbesitz
aus andern Besitzformen ergeben hat. Bis zur Gegenwart
hat sich unter dem Einflu£ der Arbeitsteilung innerhalb
dieses Organismus ein solcher Besitz entwickelt. Und von
den gegenwartigen Zustanden und deren notwendiger
Weiterentwickelung soil hier gesprochen werden.
Wie audi der Privatbesitz sich gebildet hat, durch Macht-
und Eroberungsbetatigung und so weiter, er ist ein Ergebnis
des an individuelle menschliche Fahigkeiten gebundenen
sozialen Schaffens. Dennoch besteht gegenwartig bei sozia-
listisch Denkenden die Meinung, dafi sein Bedriickendes
nur beseitigt werden konne durch seine Verwandlung in
Gemeinbesitz. Dabei stellt man die Frage so: Wie kann der
Privatbesitz an Produktionsmitteln in seinem Entstehen
verhindert werden, damit die durch ihn bewirkte Bedriik-
kung der besitzlosen Bevolkerung aufhore? Wer die Frage
so stellt, der richtet dabei sein Augenmerk nicht auf die
Tatsache, dafi der soziale Organismus ein fortwahrend
WerdendeSj Wachsendes ist. Man kann diesem Wachsenden
gegenuber nicht so fragen: Wie soil man es am besten ein-
nchten, damit es durch diese Einrichtung dann in dem Zu-
stande verbleibe, den man als den richtigen erkannt hat?
So kann man gegenuber einer Sache denken, die von einem
gewissen Ausgangspunkt aus wesentlich unverandert weiter
wirkt. Das gilt nicht fiir den sozialen Organismus. Der
verandert durch sein Leben fortwahrend dasjenige, das in
ihm entsteht. Will man ihm eine vermeintlich beste Form
geben, in der er dann bleiben soil, so untergrabt man seine
Lebensbedingungen.
Eine Lebensbedingung des sozialen Organismus ist, dafi
demjenigen, welcher der Allgemeinheit durch seine indi-
viduellen Fahigkeiten dienen kann, die Moglichkeit zu
solchem Dienen aus der freien eigenen Initiative heraus
nicht genommen werde. Wo zu solchem Dienste die freie
Verfugung iiber Produktionsmittel gehort, da wiirde die
Verhinderung dieser freien Initiative den allgemeinen
sozialen Interessen schaden. Was gewohnlich mit Bezug auf
diese Sache vorgebracht wird, daft der Unternehmer zum
Anreiz seiner Tatigkeit die Aussicht auf den Gewinn
braudit, der an den Besitz der Produktionsmittel gebunden
ist: das soil hier nicht geltend gemacht werden. Denn die
Denkart, aus welcher die in diesem Buche dargestellte
Meinung von einer Fortentwickelung der sozialen Ver-
haltnisse erfliefit, mufi in der Bef reiung des geistigen Lebens
von dem politischen und dem wirtschaftlichen Gemein-
wesen die Moglichkeit sehen, dafi ein soldier Anreiz weg-
f alien kann. Das befreite Geistesleben wird soziales Ver-
standnis ganz notwendig aus sich selbst entwickeln; und aus
diesem Verstandnis werden Anreize ganz anderer Art sich
ergeben als derjenige ist, der in der Hoffnung auf wirt-
schaftlichen Vorteil liegt. Aber nicht darum kann es sich
allein handeln, aus welchen Impulsen heraus der Privat-
besitz an Produktionsmitteln bei Menschen beliebt ist, son-
dern darum, ob die freie Verfiigung iiber solche Mittel,
oder die durch die Gemeinschaft geregelte den Lebens-
bedingungen des sozialen Organismus entspricht. Und da-
bei muE immer im Auge behalten werden, dafi man f iir den
gegenwartigen sozialen Organismus nicht die Lebens-
bedingungen in Betracht ziehen kann, die man bei primitiven
Menschengesellschaften zu beobachten glaubt, sondern allein
diejenigen, welche der heutigen Entwickelungsstufe der
Menschheit entsprechen.
Auf dieser gegenwartigen Stufe kann eben die fruchtbare
Betatigung der individuellen Fahigkeiten durch dasKapital
nicht ohne die freie Verfiigung iiber dasselbe in den Kreis-
lauf des Wirtschaftslebens eintreten. Wo fruchtbringend
produziert werden soli, da mufi diese Verfiigung moglich
sein, nicht weil sie einem einzelnen oder einer Menschen-
gruppe Vorteil bringt, sondern weil sie der Allgemeinheit
am besten dienen kann, wenn sie zweckmaftig von sozialem
Verstandnis getragen ist.
Der Mensch ist gewissermaften, wie mit der Geschicklich-
keit seiner eigenen Leibesglieder, so verbunden mit dem,
was er selbst oder in Gemeinschafl mit andern erzeugt. Die
Unterbindung der freien Verfugung uber die Produktions-
mittel kommt gleich einer Lahmung der freien Anwendung
seiner Geschicklichkeit der Leibesglieder.
Nun ist aber das Privateigentum nicbts anderes als der
Vermittler dieser freien Verfugung. Fur den sozialen
Organismus kommt in Ansehung des Eigentums gar nichts
anderes in Betracht, als daft der Eigentiimer das Recht hat,
tiber das Eigentum aus seiner freien Initiative heraus zu
verfiigen. Man sieht, im sozialen Leben sind zwei Dinge
miteinander verbunden, welche von ganz verschiedener
Bedeutung sind fur den sozialen Organismus: Die freie
Verfugung uber die Kapitalgrundlage der sozialen Pro-
duktion, und das Rechtsverhaltnis, in das der Verfiiger zu
andern Menschen tritt dadurch, daft durch sein Verfiigungs-
recht diese anderen Menschen ausgeschlossen werden von
der freien Betatigung durch diese Kapitalgrundlage.
Nicht die urspriingliche freie Verfugung fiihrt zu sozialen
Schaden, sondern lediglich das Fortbesteben des Rechtes auf
diese Verfugung, wenn die Bedingungen aufgehort haben,
welche in zweckmaftiger Art individuelle menschliche
Fahigkeiten mit dieser Verfugung zusammenbinden. Wer
seinen Blick auf den sozialen Organismus als auf ein Wer-
dendes, Wachsendes richtet, der wird das hier Angedeutete
nicht miftverstehen konnen. Er wird nach der Moglichkeit
fragen, wie dasjenige, was dem Leben auf der einen Seite
dient, so verwaltet werden kann, dafi es nidit auf der
anderen Seite schadlich wirkt. Was lebt, kann gar nicht in
einer andern Weise fruchtbringend eingerichtet sem als
dadurch, dafi im Werden das Entstandene audi zum Nach-
teil fiihrt. Und soli man an einem Werdenden selbst mit-
arbeiten, wie es der Mensch am sozialen Organismus mu$,
so kann die Aufgabe nicht darin bestehen, das Entstehen
einer notwendigen Einrichtung zu verhindern, um Schaden
zu vermeiden. Denn damit untergrabt man die Lebens-
moglichkeit des sozialen Organismus. Es kann sich allein
darum handeln, dafi im rechten Augenblick eingegriffen
werde, wenn sich das Zweckmaftige in ein Schadliches ver-
wandelt.
Die Moglichkeit, f rei iiber die Kapitalgrundlage aus den
individuellen Fahigkeiten heraus zu verf iigen, muC bestehen ;
das damit verbundene Eigentumsrecht muf$ in dem Augen-
blicke verandert werden konnen, in dem es umschlagt in
ein Mittel zur ungerechtfertigten Machtentfaltung. In
unserer Zeit haben wir eine Einrichtung, welche der hier
angedeuteten sozialen Forderung Rechnung tragt, teilweise
durchgefiihrt nur fur das sogenannte geistige Eigentum.
Dieses geht einige Zeit nach dem Tode des SchafTenden in
freies Besitztum der Allgemeinheit iiber. Dem liegt eine
dem Wesen des menschlichen Zusammenlebens entsprechende
Vorstellungsart zugrunde. So eng auch die Hervorbringung
eines rein geistigen Gutes an die individuelle Begabung des
einzelnen gebunden ist: es ist dieses Gut zugleich ein
Ergebnis des sozialen Zusammenlebens und mufi in dieses
im rechten Augenblicke iibergeleket werden. Nicht anders
aber stent es mit anderem Eigentum. Dafi mit dessen Hilfe
der einzelne im Dienste der Gesamtheit produziert, das ist
nur moglich im Mitwirken dieser Gesamtheit. Es kann also
das Recht auf die Verfiigung tiber ein Eigentum nicht von
den Interessen dieser Gesamtheit getrennt verwaltet wer-
den. Nicht ein Mittel ist zu finden, wie das Eigentum an
der Kapitalgrundlage ausgetilgt werden kann, sondern ein
solches, wie dieses Eigentum so verwaltet werden kann, dafi
es in der besten Weise der Gesamtheit diene.
In dem dreigliedrigen sozialen Organismus kann dieses
Mittel gefunden werden. Die im sozialen Organismus ver-
einigten Menschen wirken als Gesamtheit durch den Reehts-
staat. Die Betatigung der individuellen Fahigkeiten gehort
der geistigen Organisation an.
Wie alles am sozialen Organismus einer Anschauung, die
fur Wirklichkeiten Verstandnis hat, und die nicht von sub-
jektiven Meinungen, Theorien, Wiinschen und so weiter
sich ganz beherrschen lafSt, die Notwendigkeit der Drei-
gliederung dieses Organismus ergibt, so insbesondere die
Frage nach dem Verhaltnis der individuellen menschlichen
Fahigkeiten zur Kapitalgrundlage des Wirtschaftslebens
und dem Eigentum an dieser Kapitalgrundlage. Der Rechts-
staat wird die Entstehung und die Verwaltung des privaten
Eigentums an Kapital nicht zu verhindern haben, solange
die individuellen Fahigkeiten so verbunden bleiben mit
der Kapitalgrundlage, dafi die Verwaltung einen Dienst
bedeutet fur das Ganze des sozialen Organismus. Und er
wird Rechtsstaat bleiben gegeniiber dem privaten Eigentum;
er wird es niemals selbst in seinen Besitz nehmen, sondern
bewirken, dafi es im rechten Zeitpunkt in das Verfugungs-
recht einer Person oder Personengruppe iibergeht, die
wieder ein in den individuellen Verhaltnissen bedingtes
Verhaltnis zu dem Besitze entwickeln konnen. Von zwei
ganz verschiedenen Ausgangspunkten wird dadurch dem
sozialen Organismus gedient werden konnen. Aus dem
demokratischen Untergrund des Rechtsstaates heraus, der
es zu tun hat mit dem, was alle Menschen in gleicher Art
beriihrt, wird gewacht werden konnen, dafi Eigentumsrecht
nicht im Laufe der Zeit zu Eigentumsunrecht wird. Da-
durch, dafi dieser Staat das Eigentum nicht selbst verwaltet,
sondern sorgt fur die "Oberleitung an die individuellen
menschlichen Fahigkeiten, werden diese ihre fruchtbare
Kraft fur die Gesamtheit des sozialen Organismus entf alten.
Solange es als zweckmafiig erscheint, werden durch eine
solche Organisation die Eigentumsrechte oder die Ver-
fiigung liber dieselben bei dem personlichen Elemente ver-
bleiben konnen. Man kann sich vorstellen, dafi die Vertreter
im Rechtsstaate zu verschiedenen Zeiten ganz verschiedene
Gesetze geben werden liber die Oberleitung des Eigentums
von einer Person oder Personengruppe an andere. In der
Gegenwart, in der sich in weiten Kreisen ein gro£es Mi£-
trauen zu allem privaten Eigentum entwickelt hat, wird
an ein radikales Oberfiihren des privaten Eigentums in
Gemeineigentum gedacht. Wiirde man auf diesem Wege
weit gelangen, so wiirde man sehen, wie man dadurch die
Lebensmoglichkeit des sozialen Organismus unterbindet.
Durch die Erfahrung belehrt, wiirde man einen andern
Weg spater einschlagen. Doch ware es zweifellos besser,
wenn man schon in der Gegenwart zu Einrichtungen griff e,
die dem sozialen Organismus im Sinne des hier Ange-
deuteten seine Gesundheit gaben. Solange eine Person fur
sich allein oder in Verbindung mit einer Personengruppe
die produzierende Betatigung fortsetzt, die sie mit einer
Kapitalgrundlage zusammengebracht hat, wird ihr das
Verfugungsrecht verbleiben miissen iiber diejenige Kapital-
masse, die sich aus dem Anfangskapital als Betriebsgewinn
ergibt, wenn der letztere zur Erweiterung des Produktions-
betriebes verwendet wird. Von dem Zeitpunkt an, in dem
eine solche Personlidikeit aufhort, die Produktion zu ver-
walten, soil diese Kapitalmasse an eine andere Person oder
Personengruppe zum Betriebe einer gleichgearteten oder
anderen dem sozialen Organismus dienenden Produktion
ubergehen. Audi dasjenige Kapital, das aus dem Produk-
tionsbetrieb gewonnen wird und nidit zu dessen Erwei-
terung verwendet wird, soli von seiner Entstehung an den
gleichen Weg nehmen. Als personliches Eigentum der
den Betrieb ieitenden Personlidikeit soli nur gelten, was
diese bezieht auf Grund derjenigen Anspriiche, die sie bei
Aufnahme des Produktionsbetriebes glaubte wegen ihrer
individuellen Fahigkeit machen zu konnen, und die dadurch
gerechtf ertigt erscheinen, dafi sie aus dem Vertrauen anderer
Mensdien heraus bei Geltendmachung derselben Kapital
erhalten hat. Hat das Kapital durch die Betatigung dieser
Personlidikeit eine Vergrofierung erfahren, so wird in deren
individuelles Eigentum aus dieser Vergrofierung so viel
ubergehen, da£ die Vermehrung der ursprunglichen Beziige
der Kapital vermehrung im Sinne eines Zinsbezuges ent-
spridit. — Das Kapital, mit dem ein Produktionsbetrieb
eingeleitet worden ist, wird nach dem Willen der urspriing-
lichen Besitzer an den neuen Verwalter mit alien iiber-
nommenen Verpflichtungen ubergehen, oder an diese zuruck-
fliefien, wenn der erste Verwalter den Betrieb nicht mehr
besorgen kann oder will.
Man hat es bei einer solchen Einrichtung mit Rechts-
ubertragungen zu tun. Die gesetzlichen Bestimmungen zu
treff en, wie solche Obertragungen stattfmden sollen, obliegt
dem Reditsstaat. Er wird auch iiber die Ausfiihrung zu
wachen und deren Verwaltung zu fiihren haben. Man kann
sich denken, dafi im einzelnen die Bestimmungen, die eine
solche Rechtsubertragung regeln, in sehr verschiedener Art
aus dem Rechtsbewufksein heraus fiir richtig befunden
werden. Eine Vorstellungsart, die wie die hier dargestellte
wirklichkeitsgemdji sein soli, wird niemals mehr wollen als
auf die Richtung weisen, in der sich die Regelung bewegen
kann. Geht man verstandnisvoll auf diese Richtung ein, so
wird man im konkreten Einzelfalle immer ein Zweckent-
sprechendes finden. Doch wird aus den besondern Verhalt-
nissen heraus fiir die Lebenspraxis dem Geiste der Sache
gemafi das Richtige gefunden werden miissen. Je wirklich-
keitsgemafter eine Denkart ist, desto weniger wird sie fiir
einzelnes aus vorgefafrten Forderungen heraus Gesetz und
Regel feststellen wollen. - Nur wird andrerseits eben aus
dem Geiste der Denkart in entschiedener Weise das eine
oder das andere mit Notwendigkeit sich ergeben. Ein
solches Ergebnis ist, dafi der Reditsstaat durch seine Ver-
waltung der Rechtsiibertragungen selbst niemals die Ver-
f iigung iiber ein Kapital wird an sich reifien diirf en. Er wird
nur dafiir zu sorgen haben, dafi die Obertragung an eine
solche Person oder Personengruppe geschieht, welche diesen
Vorgang durch ihre individuellen Fahigkeiten als gerecht-
fertigt erscheinen lassen. Aus dieser Voraussetzung heraus
wird auch zunachst ganz allgemein die Bestimmung zu
gelten haben, da£, wer aus den geschilderten Griinden zu
einer Kapitaliibertragung zu schreiten hat, sich aus freier
Wahl iiber seine Nachfolge in der Kapitalverwertung ent-
scheiden kann. Er wird eine Person oder Personengruppe
wahlen konnen, oder audi das Verfiigungsrecht auf eine
Korporation der geistigen Organisation iibertragen konnen.
Denn wer durch eine Kapitalverwaltung dem sozialen
Organismus zweckentsprechende Dienste geleistet hat, der
wird audi iiber die weitere Verwendung dieses Kapitals
aus seinen individuellen Fahigkeken heraus mit sozialem
Verstandnis urteilen. Und es wird fiir den sozialen Orga-
nismus dienlicher sein, wenn auf dieses Urteil gebaut wird,
als wenn darauf verzichtet und die Regelung von Personen
vorgenommen wird, die nicht unmittelbar mit der Sadie
verbunden sind.
Eine Regelung dieser Art wird in Betracht kommen bei
Kapitalmassen von einer bestimmten Hohe an, die von
einer Person oder einer Personengruppe durch Produktions-
mittel (zu denen audi Grund und Boden gehort) erworben
werden, und die nicht auf der Grundlage der ursprunglich
fiir die Betatigung der individuellen Fahigkeiten gemachten
Anspruche personliches Eigentum werden.
Die in der letzteren Art gemachten Erwerbungen und
alle Ersparnisse, die aus den Leistungen der eigenen Arbeit
entspringen, verbleiben bis zum Tode des Erwerbers oder
bis zu einem spatern Zeitpunkte im personlichen Besitz
dieses Erwerbers oder seiner Nachkommen. Bis zu diesem
Zeitpunkte wird audi ein aus dem Rechtsbewufitsein sich
ergebender, durch den Rechtsstaat festzusetzender Zins von
dem zu leisten sein, dem solche Ersparnisse zum SchafF en
von Produktionsmitteln gegeben werden. In einer sozialen
Ordnung, die auf den hier geschilderten Grundlagen ruht,
kann eine vollkommene Scheidung durchgefiihrt werden
zwischen den Ertragnissen, die auf Grund einer Arbeits-
leistung mit Produktionsmitteln zustandekommen und
den Vermogensmassen, die auf Grund der personlichen
(physischen und geistigen) Arbeit erworben werden. Diese
Scheidung entspricht dem Rechtsbewufksein und den
Interessen der sozialen Allgemeinheit. Was jemand erspart
und als Ersparnis einem Produktionsbetrieb zur Verfugung
stellt, das dient den allgemeinen Interessen. Denn es macht
erst die Produktionsleitung durch individuelle menschliche
Fahigkeiten moglich. Was an Kapitalvermehrung durch die
Produktionsmittel - nach Abzug des rechtmafiigen Zinses -
entsteht, das verdankt seine Entstehung der Wirkung des
gesamten sozialen Organismus. Es soil also audi in der
geschilderten Art wieder in ihn zuriickflieften. Der Rechts-
staat wird nur eine Bestimmung dariiber zu treffen haben,
dafi die Oberleitung der in Frage kommenden Kapital-
massen in der angegebenen Art geschehe; nicht aber wird es
ihm obliegen, Entscheidungen dariiber zu treffen, zu welcher
materiellen oder geistigen Produktion ein iibergeleitetes
oder audi ein erspartes Kapital zur Verfugung zu stellen
ist. Das wiirde zu einer Tyrannis des Staates iiber die
geistige und materielle Produktion fiihren. Diese aber wird
in der fur den sozialen Organismus besten Art durch die
individuellen menschlichen Fahigkeiten geleitet. Nur wird
i
es demjenigen, der nicht selbst die Wahl dariiber treffen
will, an wen er ein durch ihn entstandenes Kapital iiber-
tragen soli, frei iiberlassen sein, fur das Verfugungsrecht
eine Korporation der geistigen Organisation einzusetzen.
Audi ein durch Ersparnis gewonnenes Vermogen geht
mit dem Zinsertragnis nach dem Tode des Erwerbers oder
einige Zeit danach an eine geistig oder materiell produ-
zierende Person oder Personengruppe - aber nur an eine
solche, nicht an eine unproduktive Person, bei der es zur
Rente wiirde — iiber, die durch letztwillige Anordnung
von dem Erwerber zu wahlen ist. Auch dafur wird, wenn
eine Person oder Personengruppe nicht unmittelbar gewahlt
werden kann, die Obertragung des Verfiigungsrechtes an
eine Korporation des geistigen Organismus in Betracht
kommen. Nur wenn jemand von sich aus keine Verfugung
trifft, so wird der Rechtsstaat fiir ihn eintreten und durch
die geistige Organisation die Verfugung treff en lassen.
Innerhalb einer so geregelten sozialen Ordnung ist zu-
gleich der freien Initiative der einzelnen Menschen und
auch den Interessen der sozialen Allgemeinheit Rechnung
getragen; ja es wird den letzteren eben dadurch voll ent-
sprochen, dafi die freie Einzel-Initiative in ihren Dienst
gestellt wird. Wer seine Arbeit der Leitung eines andern
Menschen anzuvertrauen hat, wird bei einer solchen Re-
gelung wissen konnen, daft das mit dem Leiter gemeinsam
Erarbeitete in der moglichst besten Art fiir den sozialen
Organismus, also auch fiir den Arbeiter selbst, fruchtbar
wird. Die hier gemeinte soziale Ordnung wird ein dem
gesunden Empfinden der Menschen entsprechendes Ver-
haltnis schaffen zwischen den durch das Rechtsbewufitsein
geregelten Verfiigungsrechten iiber in Produktionsmitteln
verkorpertes Kapital und menschlicher Arbeitskraft einer-
seits und den Preisen der durch beides geschaffenen Erzeug-
nisse andrerseits. - Vielleicht findet mancher in dem hier
Dargestellten Unvollkommenheiten. Die mogen gefunden
werden. Es kommt einer wirklichkeitsgemafien Denkart
nicht darauf an, vollkommene «Programme» ein fiir alle
Male zu geben, sondern darauf, die Richtung zu kenn-
zeichnen, in der praktisch gearbeitet werden soli. Durch
solche besondere Angaben, wie sie die hier gemachten sind,
soli eigentlich nur wie durch einBeispiel die gekennzeichnete
Richtung naher erlautert werden. Ein solches Beispiel mag
verbessert werden. Wenn dies nur in der angegebenen
Richtung geschieht, dann kann ein fruchtbares Ziel erreicht
werden.
Berechtigte personliche oder Familienimpulse werden
sich durch solche Einrichtungen mit den Forderungen der
menschlichen Allgemeinheit in Einklang bringen lassen.
Man wird gewifi darauf hinweisen konnen, daft die Ver-
suchung, das Eigentum auf einen oder mehrere Nach-
kommen noch bei Lebzeiten zu iibertragen, sehr groft ist.
Und daft man ja in solchen Nachkommen scheinbar Pro-
duzierende schaffen kann, die aber dann doch gegeniiber
anderen untiichtig sind und besser durch diese anderen
ersetzt wiirden. Doch diese Versuchung wird in einer von
den oben angedeuteten Einrichtungen beherrschten Organi-
sation eine moglichst geringe sein konnen. Denn der
Rechtsstaat braucht nur zu verlangen, daft unter alien
Umstanden das Eigentum, das an ein Familienmitglied von
einem andern iibertragen worden ist, nach Ablauf einer
gewissen, auf den Tod des letzteren folgenden Zeit einer
Korporation der geistigen Organisation zufallt. Oder es
kann in andrer Art durch das Recht die Umgehung der
Regel verhindert werden. Der Rechtsstaat wird nur dafiir
sorgen, dafl diese Oberfuhrung geschehe; wer ausersehen
sein soli, das Erbe anzutreten, das sollte durch eine aus
der geistigen Organisation hervorgegangene Einrichtung
bestimmt sein. Durch Erfullung soldier Voraussetzungen
wird sich ein Verstandnis dafiir entwickeln, daft Nach-
kommen durch Erziehung und Unterricht fur den sozialen
Organismus geeignet gemacht werden, und nicht durch
Kapitaliibertragung an unproduktive Personen sozialer
Schaden angerichtet werde. Jemand, in dem wirklich
soziales Verstandnis lebt, hat kein Interesse daran, dafi
seine Verbindung mit einer Kapitalgrundlage nachwirke
bei Personen oder Personengruppen, bei denen die in-
dividuellen Fahigkeiten eine solche Verbindung nicht
rechtfertigen.
Niemand wird, was hier ausgefiihrt ist, fiir eine blofie
Utopie halten, der Sinn fiir wirklich praktisch Durchfiihr-
bares hat. Denn es wird gerade auf solche Einrichtungen
gedeutet, die ganz unmittelbar an jeder Stelle des Lebens
aus den gegenwartigen Zustanden heraus erwachsen konnen.
Man wird nur zu dem EntschlufS greifen miissen, innerhalb
des Rechtsstaates auf die Verwaltung des geistigen Lebens
und auf das Wirtschaften allmahlich zu verzichten und sich
nicht zu wehren, wenn, was geschehen sollte, wirklich
geschieht, daE private Bildungsanstalten entstehen und dafi
sich das Wirtschaftsleben auf die eigenen Untergriinde
stellt. Man braucht die Staatsschulen und die staatlichen
Wirtschaflseinrichtungen nicht von heute zu morgen abzu-
schaffen; aber man wird aus vielleicht kleinen Anfangen
heraus die Moglichkeit erwachsen sehen, dafi ein all-
mahlicher Abbau des staatlichen Bildungs- und Wirtschafts-
wesens erfolge. Vor allem aber wiirde notwendig sein, dafi
diejenigen Personlichkeiten, welche sich mit der Ober-
zeugung durchdringen konnen von der Richtigkeit der hier
dargestellten oder ahnlicher sozialer Ideen, fiir deren Ver-
breitung sorgen. Finden solche Ideen Verstandnis, so wird
dadurch Vertrauen geschaffen zu einer moglichen heilsamen
Umwandlung der gegenwartigen Zustande in solche, welche
deren Schaden nicht zeigen. Dieses Vertrauen aber ist das
einzige, aus dem eine wirklich gesunde Entwickelung wird
hervorgehen konnen. Denn wer ein soldies Vertrauen
gewinnen soil, der mufi iiberschauen konnen, wie Neu-
einrichtungen sich praktisch an das Bestehende ankniipfen
lassen. Und es scheint gerade das Wesentliche der Ideen zu
sein, die hier entwickelt werden, dafi sie nicht eine bessere
Zukunfl herbeifiihren wollen durch eine nodb weiter-
gehende Zerstorung des Gegenwartigen, als sie schon ein-
getreten ist; sondern dafi die Verwirklichung soldier Ideen
auf dem Bestehenden weiterbaut und im Weiterbauen den
Abbau des Ungesunden herbeifiihrt. Eine Aufklarung, die
ein Vertrauen nach dieser Richtung nicht anstrebt, wird
nicht erreichen, was unbedingt erreicht werden mull: eine
Weiterentwickelung, bei welcher der Wert der bisher von
den Menschen erarbeiteten Giiter und der erworbenen
Fahigkeiten nicht in den Wind geschlagen, sondern gewahrt
wird. Audi der ganz radikal Denkende kann Vertrauen zu
einer sozialen Neugestaltung unter Wahrung der iiber-
kommenen Werte gewinnen, wenn er vor Ideen sich gestellt
sieht, die eine wirklich gesunde Entwickelung einleiten
konnen. Audi er wird einsehen miissen, dafi, welche Men-
schenklasse audi immer zur Herrschaft gelangt, sie die
bestehenden Obel nicht beseitigen wird, wenn ihre Impulse
nicht von Ideen getragen sind, die den sozialen Organismus
gesund, lebensfahig machen. Verzweifeln, weil man nicht
glauben kann, dafi bei einer geniigend grofien Anzahl von
Menschen audi in den Wirren der Gegenwart Verstandnis
sich finde fiir solche Ideen, wenn auf ihre Verbreitung
die notwendige Energie gewandt werden kann, hiefie an
der Empfanglichkeit der Menschennatur fiir Impulse des
Gesunden und Zweckentsprechenden verzweifeln. Es sollte
diese Frage, ob man daran verzweifeln miisse, gar nicht
gestellc werden, sondern nur die andere: was man tun solle,
urn die Aufklarung iiber vertrauenerweckende Ideen so
kraftvoll als moglich zu machen.
Einer wirksamen Verbreitung der hier dargestellten Ideen
wird zunachst entgegenstehen, daft die Denkgewohnheiten
des gegenwartigen Zeitalters aus zwei Untergriinden heraus
mit ihnen nicht zurechtkommen werden. Entweder wird
man in irgendeiner Form ein wend en, man konne sich nicht
vorstellen, daft ein Auseinanderreiften des einheitlichen
sozialen Lebens moglich sei, da doch die drei gekennzeich-
neten Zweige dieses Lebens in der Wirklichkeit uberall
zusammenhangen; oder man wird finden, daft auch im
Emheitsstaate die notwendige selbstandige Bedeutung eines
jeden der drei Glieder erreicht werden konne, und daft
eigentlich mit dem hier Dargestellten ein Ideengespinst
gegeben sei, das die Wirklichkeit nicht beriihre. Der erste
Einwand beruht darauf, daft von einem unwirklichen Den-
ken ausgegangen wird. Daft geglaubt wird, die Menschen
konnten in einer Gemeinschaft nur eine Einheit des Lebens
erzeugen, wenn diese Einheit durch Anordnung erst in die
Gemeinschaft hineingetragen wird. Doch das Umgekehrte
wird von der Lebens wirklichkeit verlangt. Die Einheit muft
als das Ergebnis entstehen; die von verschiedenenRichtungen
herzusammenstromendenBetatigungenmiissen zuletzt eine
Einheit bewirken. Dieser wirklichkeitsgemaften Idee lief
die Entwickelung der letzten Zeit zuwider. Deshalb stemmte
sich, was in den Menschen lebte, gegen die von auften in das
Leben gebrachte «Ordnung» und fiihrte zu der gegen-
wartigen sozialen Lage. - Das zweite Vorurteil geht hervor
aus dem Unvermogen, die radikale Verschiedenheit im
Wirken der drei Glieder des sozialen Lebens zu durch-
schauen. Man sieht nicht, wie der Mensch zu jedem der drei
Glieder ein besonderes Verhaltnis hat, das in seiner Eigen-
art nur entfaltet werden kann, wenn im wirklichen Leben
ein fiir sich bestehender Boden vorhanden ist, auf dem
sich, abgesondert von den beiden andern, dieses Verhaltnis
ausgestalten kann, um mit ihnen zusammenzuwirken.
Eine Anschauung der Vergangenheit, die physiokratische,
meinte: Entweder die Menschen machen Regierungsmaft-
regeln iiber das wirtschaftliche Leben, welche der freien
Selbstentfaltung dieses Lebens widerstreben; dann seien
solche Maftregeln schadlich. Oder die Gesetze laufen in
ders
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