Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 
SCHRIFTEN 



RUDOLF STEINER 



DIE KERNPUNKTE 
DER SOZIALEN FRAGE 

IN DEN LEBENSNOTWENDIGKEITEN DER 
GEGENVARTUND ZUKUNFT 



1976 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, 

Dornach/ Schweiz 



(1. Auflage) Verlag des Goetheanum Dornach, im 
Kommissions-Verlag R. Geering, Basel 1919 

(2. Auflage) 1.-10., 11.-20., 21.-40. Tsd. Dornach/ 
Stuttgart 1919 

(3. Auflage) 1.-5. Tsd. Wien 1919 

(4. Auflage mit Vorrede, Einleitung und Fufinoten) 
41.-80. Tsd. Stuttgart, teilweise Dornach 1920 

5. Auflage, 81.-85. Tsd. Gesamtausgabe Dornach 1961 

Taschenbuchausgabe l.-lO.Tsd. (86.-95. Tsd.) Dorn- 
ach 1973 

6. Auflage, 96.-98. Tsd. (unveranderter Nachdruck 
der 5. Auflage) Gesamtausgabe Dornach 1976 



Bibliographie-Nr. 23 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlaftverwaltung, 

Dornach/Schweiz 

© 1961 by Rudolf Steiner-NachlafSverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Switzerland by Zbinden Druck und Verlag AG, Basel 

ISBN 3-7274-0230-X 



INHALT 



Vorrede und Einleitung zum 41.-80. Tausend . . 7 

Vorbemerkungen iiber die Absicht dieser Schrift . . 23 

I. Die wahre Gestalt der sozialen Frage, erf afit aus 
dem Leben der modernen Menschheit .... 29 

II. Die vom Leben geforderten wirklichkeitsgema- 
fien Losungsversuche f iir die sozialen Fragen und 



Notwendigkeiten 56 

III. Kapitalismus und soziale Ideen 91 

IV. Internationale Beziehungen der sozialen Orga- 
nismen 141 

V. Anhang: An das deutsche Volk und an die 

Kulturwelt 157 

Hinweise des Herausgebers 163 

Obersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . 165 



VORREDE UND EINLEITUNG 
ZUM 41. BIS 80.TAUSEND DIESER SCHRIFT 



Die Aufgaben, welche das soziale Leben der Gegenwart 
stellt,mufi derjenige verkennen, der an sie mitdem Gedanken 
an irgendeine Utopie herantritt. Man kann aus gewissen 
Anschauungen und Empfindungen den Glauben haben, 
diese oder jene Einrichtungen, die man sich in seinen Ideen 
zurechtgelegt hat, miisse die Menschen begliicken; dieser 
Glaube kann iiberwartigendeOberzeugungskraft annehmen; 
an dem, was gegenwartig die « soziale Frage» bedeutet, 
kann man doch vollig vorbeireden, wenn man einen solchen 
Glauben geltend machen will. 

Man kann heute diese Behauptung in der folgenden Art 
bis in das sdieinbar Unsinnige treiben, und man wird doch 
das Richtige treffen. Man kann annehmen, irgend jemand 
ware imBesitze einer vollkommenen theoretischen «L6sung» 
der sozialen Frage, und er konnte dennoch etwas ganz Un- 
praktisches glauben, wenn er der Menschheit diese von ihm 
ausgedachte «L6sung» anbieten wollte. Denn wir leben 
nicht mehr in der Zeit, in welcher man glauben soil, auf 
diese Art im offentlichen Leben wirken zu konnen. Die 
Seelenverfassung der Menschen ist nicht so, dafi sie fur das 
offentliche Leben etwa einmal sagen konnten: Da seht 
einen, der versteht, welche sozialen Einrichtungen notig 
sind; wie er es meint, so wollen wir es machen. 

In dieser Art wollen die Menschen Ideen iiber das soziale 
Leben gar nicht an sich herankommen lassen. Diese Schrift, 
die nun doch schon eine ziemlich weite Verbreitung gef unden 



hat, rechnet mit dieser Tatsache. Diejenigen haben die ihr 
zugrunde liegenden Absichten ganz verkannt, die ihr einen 
utopistischen Charakter beigelegt haben. Am starksten 
haben dies diejenigen getan, die selbst nur utopistisch den- 
ken wollen. Sie sehen bei dem andern, was der wesent- 
lichste Zug ihrer eigenen Denkgewohnheiten ist. 

Fiir den praktisch Denkenden gehort es heute schon zu 
den Erfahrungen des offentlichen Lebens, dafi man mit 
einer noch so iiberzeugend erscheinenden utopistischen Idee 
nichts anf angen kann. Dennoch haben viele die Empfindung, 
dafi sie zum Beispiele auf wirtschaftlichem Gebiete mit 
einer solchen an ihre Mitmenschen herantreten sollen. Sie 
mussen sich davon uberzeugen, dafi sie nur unnotig reden. 
Ihre Mitmenschen konnen nichts anfangen mit dem, was 
sie vorbringen. 

Man sollte dies als Erfahrung behandeln. Denn es weist 
auf eine wichtige Tatsache des gegenwartigen offentlichen 
Lebens hin. Es ist die Tatsache der Lebensfremdheit dessen, 
was man denkt gegenuber dem, was zum Beispiel die wirt- 
schaftliche WirkKchkeit fordert. Kann man denn hoffen, 
die verworrenen Zustande des ofFentKchen Lebens zu 
bewaltigen, wenn man an sie mit einem lebensfremden 
Denken herantritt? 

Diese Frage kann nicht gerade beliebt sein. Denn sie 
veranlafit das Gestandnis, dafi man lebensfremd denkt. 
Und doch wird man ohne dieses Gestandnis der «sozialen 
Frage» auch fern bleiben. Denn nur, wenn man diese Frage 
als eine ernste Angelegenheit der ganzen gegenwartigen 
Zivilisation behandelt, wird man Klarheit dariiber erlangen, 
was dem sozialen Leben notig ist. 

Auf die Gestaltung des gegenwartigen Geisteslebens 



weist diese Frage hin. Die neuere Menschheit hat ein 
Geistesleben entwickelt, das von staatlichen Einrichtungen 
und von wirtschaftlichen Kraften in einem hohen Grade 
abhangig ist. Der Mensch wird noch als Kind in die 
Erziehung und den Unterricht des Staates aufgenommen. 
Er kann nur so erzogen werden, wie die wirtschaftlichen 
Zustande der Umgebung es gestatten, aus denen er heraus- 
wachst. 

Man kann nun leicht glauben, dadurch miisse der Mensch 
gut an die Lebensverhaltnisse der Gegenwart angepafit 
sein. Denn der Staathabe die Moglichkeit, die Einrichtungen 
des Erziehungs- und Unterrichtswesens und damit des 
wesentlichen Teiles des offentlichen Geisteslebens so zu 
gestalten, dafi dadurch der Menschengemeinschaft am besten 
gedient werde. Und auch das kann man leicht glauben, dafi 
der Mensch dadurch das bestmogliche Mitglied der mensch- 
lichen Gemeinschaft werde, wenn er im Sinne der wirt- 
schaftlichen Moglichkeiten erzogen wird, aus denen er her- 
auswachst, und wenn er durch diese Erziehung an denjenigen 
Platz gestellt wird, den ihm diese wirtschaftlichen Moglich- 
keiten anweisen. 

Diese Schrift mufi die heute wenig beliebte Aufgabe 
ubernehmen, zu zeigen, dafi die Verworrenheit unseres 
ofFentlichen Lebens von der Abhangigkeit des Geisteslebens 
vom Staate und der Wirtschaft herruhrt. Und sie mujS 
zeigen, dafi die Befreiung des Geisteslebens aus dieser 
Abhangigkeit den einen Teil der so brennenden sozialen 
Frage bildet. 

Damit wendet sich diese Schrift gegen weitverbreitete 
Irrtiimer. In der Obernahme des Erziehungswesens durch 
den Staat sieht man seit lange etwas dem Fortschritt der 



Menschheit Heilsames. Und sozialistisch Denkende konnen 
sich kaum etwas anderes vorstellen, als dafi die Gesellschaft 
den einzelnen zu ihrem Dienste nach ihren Mafinahmen 
erziehe. 

Man will sich nicht leicht zu einer Einsicht bequemen, die 
auf diesem Gebiete heute unbedingt notwendig ist. Es ist 
die, dafi in der geschichtlichen Entwickelung der Mensch- 
heit in einer spateren Zeit zum Irrtum werden kann, was in 
einer fruheren richtig ist. Es war fur das Heraufkommen 
der neuzeitlichen Menschheitsverhaltnisse notwendig, dafi 
das Erziehungswesen und damit das offentliche Geistes- 
leben den Kreisen, die es im Mittelalter innehatten, ab- 
genommen und dem Staate iiberantwortet wurde. Die 
weitere Beibehaltung dieses Zustandes ist aber ein schwerer 
sozialer Irrtum. 

Das will diese Schrift in ihrem ersten Teile zeigen. Inner- 
halb des Staatsgefuges ist das Geistesleben zur Freiheit 
herangewachsen; es kann in dieser Freiheit nicht richtig 
leben, wenn ihm nicht die voile Selbstverwaltung gegeben 
wird. Das Geistesleben fordert durch das Wesen, das es 
angenommen hat, dafi es ein vollig selbstandiges Glied des 
sozialen Organismus bilde. Das Erziehungs- und Unterrichts- 
wesen, aus dem ja doch alles geistige Leben herauswachst, 
muU in die Verwaltung derer gestellt werden, die erziehen 
und unterrichten. In diese Verwaltung soli nichts hinein- 
reden oder hineinregieren, was im Staate oder in der Wirt- 
schaft tatig ist. Jeder Unterrichtende hat fur das Unterrichten 
nur so viel Zeit aufzuwenden, dafi er audi noch ein Ver- 
waltender auf seinem Gebiete sein kann. Er wird dadurch 
die Verwaltung so besorgen, wie er die Erziehung und den 
Unterricht selbst besorgt. Niemand gibt Vorschriften, der 



nicht gleichzeitig selbst im lebendigen Unterrichten und 
Erziehen drinnen steht. Kein Parlament, keine Personlich- 
keit, die vielleicht einmal unterriditet hat, aber dies nicht 
mehr selbst tut, sprecben mit. Was im Unterricht ganz 
unmittelbar erf ahren wird, das fliefit audi in die Verwaltung 
ein. Es ist naturgemafi, dafi innerhalb einer solchen Ein- 
richtung Sadilichkeit und Fachtiichtigkeit in dem hochst- 
moglichen Mafie wirken. 

Man kann naturlich einwenden, dafi audi in einer solchen 
Selbstverwaltung des Geisteslebens nicht alles vollkommen 
sein werde. Doch das wird im wirklichen Leben auch gar 
nicht zu fordern sein. Dafi das Bestmogliche zustande 
komme, das allein kann angestrebt werden. Die Fahigkeiten, 
die in dem Menschenkinde heranwachsen, werden der 
Gemeinschafl wirklich iibermittelt werden, wenn iiber ihre 
Ausbildung nur zu sorgen hat, wer aus geistigen Bestim- 
mungsgrunden heraus sein mafigebendes Urteil fallen kann. 
Wie weit ein Kind nach der einen oder der andern Richtung 
zu bringen ist, dariiber wird ein Urteil nur in einer freien 
Geistgemeinschaft entstehen konnen. Und was zu tun ist, 
um einem solchen Urteil zu seinem Recht zu verhelfen, das 
kann nur aus einer solchen Gemeinschafl heraus bestimmt 
werden, Aus ihr konnen das Staats- und das Wirtschafts- 
leben die Krafte empfangen, die sie sich nicht geben konnen, 
wenn sie von ihren Gesichtspunkten aus das Geistesleben 
gestalten. 

Es liegt in der Richtung des in dieser SchriftDargestellten, 
dafi auch die Einrichtungen und der Unterrichtsinhalt 
derjenigen Anstalten, die dem Staate oder dem Wirtschafts- 
leben dienen, von den Verwaltern des freien Geisteslebens 
besorgt werden. Juristenschulen, Handelsschulen, landwirt- 



schaftliche und industrielle Unterrichtsanstalten werden 
ihre Gestaltung aus dem f reien Geistesleben heraus erhalten. 
Diese Sdirift mufi notwendig viele Vorurteile gegen sidi 
erwecken, wenn man diese - richtige - Folgerung aus ihren 
Darlegungen zieht. Allein woraus fliefien diese Vorurteile? 
Man wird ihren antisozialen Geist erkennen, wenn man 
durchschaut, dafi sie im Grunde aus dem unbewulken 
Glauben hervorgehen, die Erziehenden miissen lebens- 
fremde, unpraktische Menschen sein. Man konne ihnen gar 
nicht zumuten, dafi sie Einrichtungen von sich aus treffen, 
welche den praktischen Gebieten des Lebens richtig dienen. 
Solche Einrichtungen miissen von denjenigen gestaltet wer- 
den, die im praktischen Leben drinnen stehen, und die 
Erziehenden miissen gemafi den Richtlinien wirken, die 
ihnen gegeben werden. 

Wer so denkt, der sieht nicht, dafi Erziehende, die sich 
nicht bis ins Kleinste hinein und bis zum GroEten hinauf 
die Richtlinien selber geben konnen, erst dadurch lebens- 
fremd und unpraktisch werden. Ihnen konnen dannGrund- 
satze gegeben werden, die von scheinbar noch so praktischen 
Menschen herriihren; sie werden keine rechten Praktiker in 
das Leben hineinerziehen. Die antisozialen Zustande sind 
dadurch herbeigefuhrt, da£ in das soziale Leben nicht 
Menschen hineingestellt werden, die von ihrer Erziehung 
her sozial empfinden. Sozial empfindende Menschen konnen 
nur aus einer Erziehungsart hervorgehen, die von sozial 
Empfmdenden geleitet und verwaltet wird. Man wird der 
sozialen Frage niemals beikommen, wenn man nicht die 
Erziehungs- und Geistesfrage als einen ihrer wesentlichen 
Teile behandelt. Man schaflft Antisoziales nicht blofi durch 
wirtschaftliche Einrichtungen, sondern auch dadurch, da£ 



sich die Menschen in diesen Einrichtungen antisozial ver- 
halten. Und es ist antisozial, wenn man die Jugend von 
Menschen erziehen und unterrichten lafit, die man dadurch 
lebensfremd werden lafit, daft man ihnen von aufien her 
Richtung und Inhalt ihres Tuns vorschreibt. 

Der Staat richtet juristische Lehranstalten ein. Er verlangt 
von ihnen, daft derjenige Inhalt einer Jurisprudenz gelehrt 
werde, den er, nach seinen Gesichtspunkten, in seiner Ver- 
fassung und Verwaltung niedergelegt hat. Anstalten, die 
ganz aus einem freien Geistesleben hervorgegangen sind, 
werden den Inhalt der Jurisprudenz aus diesem Geistes- 
leben selbst schopfen. Der Staat wird zu warten haben auf 
dasjenige, was ihm von diesem freien Geistesleben aus 
iiberantwortet wird. Er wird befruchtet werden von den 
lebendigen Ideen, die nur aus einem solchen Geistesleben 
erstehen konnen. 

Innerhalb dieses Geisteslebens selbst aber werden die- 
jenigen Menschen sein, die von ihren Gesichtspunkten aus 
in die Lebenspraxis hineinwachsen. Nicht das kann Lebens- 
praxis werden, was aus Erziehungseinrichtungen stammt, 
die von bloften «Praktikern» gestaltet und in denen von 
lebensfremden Menschen gelehrt wird, sondern allein das, 
was von Erziehern kommt, die von ihren Gesichtspunkten 
aus das Leben und die Praxis verstehen. Wie im einzelnen 
die Verwaltung eines freien Geisteslebens sich gestalten 
muft, das wird in dieser Schrift wenigstens andeutungsweise 
dargestellt. 

Utopistisch Gesinnte werden an die Schrift mit allerlei 
Fragen heranriicken. Besorgte Kiinstler und andere Geistes- 
arbeiter werden sagen: Ja, wird denn dieBegabung in einem 
freien Geistesleben besser gedeihen als in dem gegen- 



wartigen vom Staat und den Wimcnaftsmachten besorgten? 
Solche Frager sollten bedenken, daft diese Schrift eben in 
keiner Beziehung utopistisch gemeint wird. In ihr wird des- 
halb durdiaus nichttheoretisdi f estgesetzt : Dies soli so oder so 
sein. Sondern es wird zu Menschengemeinsdiaften angeregt, 
die aus ihrem Zusammenleben das sozial Wiinschenswerte 
herbeifiihren konnen. Wer das Leben nicht nach theore- 
tisdien Vorurteilen, sondern nach Erfahrungen beurteilt, 
der wird sich sagen: Der aus seiner freien Begabung heraus 
Schaff ende wird Aussicbt auf eine rechte Beurteilung seiner 
Leistungen haben, wenn es eine freie Geistesgemeinschaft 
gibt, die ganz aus ihren Gesichtspunkten heraus in das 
Leben eingreifen kann. 

Die «soziale Frage» ist nicht etwas, was in dieser Zeit in 
das Menschenleben heraufgestiegen ist, was jetzt durch ein 
paar Menschen oder durch Parlamente gelost werden kann 
und dann gelost sein wird. Sie ist ein Bestandteil des ganzen 
neueren Zivilisationslebens, und wird es, da sie einmal ent- 
standen ist, bleiben. Sie wird fur jeden Augenblick der 
weltgeschichtlichen Entwickelung neu gelost werden miissen. 
Denn das Menschenleben ist mit der neuesten Zeit in einen 
Zustand eingetreten, der aus dem sozial Eingerichteten 
immer wieder das Antisoziale hervorgehen lafit. Dieses mufi 
stets neu bewaltigt werden. Wie ein Organismus einige Zeit 
nach der Sattigung immer wieder in den Zustand des 
Hungers eintritt, so der soziale Organismus aus einer Ord- 
nung der Verhaltnisse in die Unordnung. Eine Universal- 
arznei zur Ordnung der sozialen Verhaltnisse gibt es so 
wenig wie ein Nahrungsmittel, das fiir alle Zeiten sattigt. 
Aber die Menschen konnen in solche Gemeinschaften ein- 
treten, dafi durch ihr lebendiges Zusammenwirken dem 



Dasein immer wieder die Richtung zum Sozialen gegeben 
wird. Eine solche Gemeinschaft ist das sich selbst verwaltende 
geistige Glied des sozialen Organismus. 

Wie sich fiir das Geistesleben aus den Erfahrungen der 
GegenwartdiefreieSelbstverwaltung als soziale Forderung 
ergibt, so fiir das Wirtschaftsleben die assoziative Arbeit. 
Die Wirtschaft setzt sich im neueren Menschenleben zu- 
sammen aus Warenproduktion, Warenzirkulation und 
Warenkonsum. Durch sie werden die menschlichen Bediirf- 
nisse befriedigt; innerhalb ihrer stehen die Menschen mit 
ihrer Tatigkeit. Jeder hat innerhalb ihrer seine Teilinteressen ; 
jeder mufi mit dem ihm moglichen Anteil von Tatigkeit in 
sie eingreif en. Was einer wirklich br audit, kann nur er wissen 
und empfinden; was er leisten soli, will er aus seiner 
Einsicht in die Lebensverhaltnisse des Ganzen beurteilen. 
Es ist nicht immer so gewesen, und ist heute noch nicht 
uberall so auf der Erde; innerhalb des gegenwartig zivi- 
lisierten Teiles der Erdbevolkerung ist es im wesentlichen so. 

Die Wirtschaftskreise haben sich im Laufe der Mensch- 
heitsentwickelung erweitert. Aus der geschlossenen Haus- 
wirtschaft hat sich die Stadtwirtschaft, aus dieser die Staats- 
wirtschaft entwickelt. Heute steht man vor der Welt- 
wirtschaft. Es bleibt zwar von dem alten noch ein erheblicher 
Teil im Neuen bestehen; es lebte in dem alten andeutungs- 
weise schon vieles von dem Neuen. Aber die Schicksale der 
Menschheit sind davon abhangig, dafi die obige Entwicke- 
lungsreihe innerhalb gewisser Lebensverhaltnisse vorherr- 
schend wirksam geworden ist. 

Es ist ein Ungedanke, die Wirtschaftskrafte in einer 
abstrakten Weltgemeinschaft organisieren zu wollen. Die 
Einzelwirtschaften sind im Laufe der Entwickelung in die 



Staatswirtschaften in weitem Umfange eingelaufen. Doch 
die Staatsgemeinschaften sind aus anderen als blofi wirt- 
schaftlichen Kraften entsprungen. Dafi man sie zu Wirt- 
sdiaftsgemeinschaften umwandeln wollte, bewirkte das 
soziale Chaos der neuesten Zeit. Das Wirtschaftsleben strebt 
darnach, sich aus seinen eigenen Kraften heraus unabhangig 
von Staatseinriditungen, aber audi von staatlicher Denk- 
weise zu gestalten. Es wird dies nur konnen, wenn sich, 
nach rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten, Assoziationen 
bilden, die aus Kreisen von Konsumenten, von Handel- 
treibenden und Produzenten sich zusammenschliefien. Durch 
die Verhaltnisse des Lebens wird der Umfang solcher 
Assoziationen sich von selbst regeln. Zu kleine Assoziationen 
wiirden zu kostspielig, zu grofie wirtschaftlich zu uniiber- 
sichtlich arbeiten. Jede Assoziation wird zu der andern aus 
den Lebensbedurfnissen heraus den Weg zum geregelten 
Verkehr finden. Man braucht nicht besorgt zu sein, dafi 
derjenige, der sein Leben in reger Ortsveranderung zu- 
zubringen hat, durch solche Assoziationen eingeengt sein 
werde. Er wird den Ubergang von der einen in die andere 
leicht finden, wenn nicht staatliche Organisation, sondern 
wirtschaftliche Interessen den "Qbergang bewirken werden. 
Es sind Einrichtungen innerhalb eines solchen assoziativen 
Wesens denkbar, die mit der Leichtigkeit des Geldverkehrs 
wirken. 

Innerhalb einer Assoziation kann aus Fachkenntnis und 
Sachlichkeit eine weitgehende Harmonie der Interessen 
herrschen. Nicht Gesetze regeln die Erzeugung, die Zirku- 
lation und den Verbrauch der Giiter, sondern die Menschen 
aus ihrer unmittelbaren Einsicht und ihrem Interesse heraus. 
Durch ihr Drinnenstehen im assoziativen Leben konnen die 



Menschen diese notwendige Einsicht haben; dadurch, dafi 
Interesse mit Interesse sidi vertragsmafiig ausgleichen mufi, 
werden die Giiter in ihren entspreehenden Werten zirku- 
Heren. Ein solcbes Zusammenschliefien nach wirtschaftlichen 
Gesichtspunkten ist etwas anderes als zum Beispiele das in 
den modernen Gewerkschaften. Diese wirken sicli im wirt- 
schaftlichen Leben aus; aber sie kommen nicht nach 
wirtschaftlichen Gesichtspunkten zustande. Sie sind den 
Grundsatzen nachgebildet, die sich in der neueren Zeit aus 
der Handhabung der staatlichen, der politisclien Gesichts- 
punkte heraus gestaltet haben. Man parlamentarisiert in 
ihnen; man kommt nicht nach wirtschaftlichen Gesichts- 
punkten iiberein, was der eine dem andern zu leisten hat. 
In den Assoziationen werden nicht «Lohnarbeiter» sitzen, 
die durch ihre Macht von einem Arbeit-Unternehmer mog- 
lichst hohen Lohn f ordern, sondern es werden Handarbeiter 
mit den geistigen Leitern der Produktion und mit den 
konsumierenden Interessenten des Produzierten zusammen- 
wirken, um durch Preisregulierungen Leistungen entspre- 
chend den Gegenleistungen zu gestalten. Das kann nicht 
durch Parlamentieren in Versammlungen geschehen. Vor 
solchen mii£te man besorgt sein. Denn, wer sollte arbeiten, 
wenn unzahlige Menschen ihre Zeit mit Verhandlungen 
uber die Arbeit verbringen miifken? In Abmachungen von 
Mensch zu Mensch, von Assoziation zu Assoziation voll- 
zieht sich alles neben der Arbeit. Dazu ist nur notwendig, 
dafi der Zusammenschlufi den Einsichten der Arbeitenden 
und den Interessen der Konsumierenden entspricht. 

Damit wird nicht eineUtopie gezeichnet. Denn es wird gar 
nicht gesagt: Dies soil so oder so eingerichtet werden. Es 
wird nur darauf hingedeutet, wie die Menschen sich selbst 



die Dinge einrichten werden, wenn sie in Gemeinschaften 
wirken wollen, die ihren Einsichten und ihren Interessen 
entsprechen. 

Dafi sie sich zu solchen Gemeinschaften zusammen- 
schliefien, dafiir sorgt einerseits die menschliche Natur, 
wenn sie durch staatliche Dazwischenkunft nicht gehindert 
wird; denn die Natur erzeugt die Bediirfnisse. Andrerseits 
kann dafiir das freie Geistesleben sorgen, denn dieses bringt 
die Einsichten zustande, die in der Gemeinschaft wirken 
sollen. Wer aus der Erfahrung heraus denkt, mufi zugeben, 
das solche assoziative Gemeinschaften in jedem Augenblick 
entstehen konnen, daft sie nichts von Utopie in sich schliefien. 
Ihrer Entstehung steht nichts anderes im Wege, als dafi der 
Mensch der Gegenwart das wirtschaftliche Leben von aufien 
«organisieren» will in dem Sinne, wie fur ihn der Gedanke 
der « Organisation zu einer Suggestion geworden ist. 
Diesem Organisieren, das die Menschen zur Produktion von 
aufien zusammenschlieften will, steht diejenige wirtschaft- 
liche Organisation, die auf dem freien Assoziieren beruht, 
als sein Gegenbild gegeniiber. Durch das Assoziieren 
verbindet sich der Mensch mit einem andern; und das 
Planmafiige des Ganzen entsteht durch die Vernunft des 
einzelnen. - Man kann ja sagen: Was niitzt es, wenn der 
Besitzlose mit dem Besitzenden sich assoziiert? Man kann 
es besser finden, wenn alle Produktion und Konsumtion 
von auften her «gerecht» geregelt wird. Aber diese organi- 
satorische Regelung unterbindet die freie SchafFenskraft des 
einzelnen, und sie bringt das Wirtschaftsleben um die 
Zufuhr dessen, was nur aus dieser freien Schaffenskraft 
entspringen kann. Und man versuche es nur einmal, trotz 
aller Vorurteile, sogar mit der Assoziation des heute 



Besitzlosen mit dem Besitzenden. Greifen nicht andere als 
wirtschaftliche Krafte ein, dann wird der Besitzende dem 
Besitzlosen die Leistung notwendig mit der Gegenleistung 
ausgleidien miissen. Heute spricht man iiber solche Dinge 
nicht aus den Lebensinstinkten heraus, die aus der Erf ahrung 
stammen; sondern aus den Stimmungen, die sich nicht aus 
wirtschaftlichen, sondern aus Klassen- und anderen In- 
teressen heraus entwickelt haben. Sie konnten sich ent- 
wickeln, weil man in der neueren Zeit, in welcher gerade 
das wirtschaftliche Leben immer komplizierter geworden 
ist, diesem nicht mit rein wirtschaftlichen Ideen nachkommen 
konnte. Das unfreie Geistesleben hat dies verhindert. Die 
wirtschaftenden Menschen stehen in der Lebensroutine 
drinnen; die in der Wirtschaft wirkenden Gestaltungskrafte 
sind ihnen nicht durchsichtig. Sie arbeiten ohne Einsicht in 
das Ganze des Menschenlebens. In den Assoziationen wird 
der eine durch den andern erfahren, was er notwendig 
wissen mufi. Es wird eine wirtschaftliche Erfahrung iiber 
das Mogliche sich bilden, weil die Menschen, von denen 
jeder auf seinem Teilgebiete Einsicht und Erfahrung hat, 
zusammen-urteilen werden. 

Wie in dem freien Geistesleben nur die Krafte wirksam 
sind, die in ihm selbst liegen, so im assoziativ gestalteten 
Wirtschaftssystem nur die wirtschaftlichen Werte, die sich 
durch die Assoziationen herausbilden. Was in dem Wirt- 
schaftsleben der einzelne zu tun hat, das ergibt sich ihm aus 
dem Zusammenleben mit denen, mit denen er wirtschaftlich 
assoziiert ist. Dadurch wird er genau so viel Einfluft auf die 
allgemeine Wirtschaft haben, als seiner Leistung entspricht. 
Wie Nicht-Leistungsfahige sich dem Wirtschaftsleben ein- 
gliedern, das wird in dieser Schrift auseinandergesetzt. Den 



Schwachen gegenuber dem Starken schiitzen, kann ein Wirt- 
schaftsleben, das nur aus seinen eigenen Kraften heraus 
gestaltet ist. 

So kann der soziale Organismus in zwei selbstandige 
GHeder zerf alien, die sich geradedadurchgegenseitigtragen, 
dafi jeder seine eigenartige Verwaltung hat, die aus seinen 
besonderen Kraften hervorgeht. Zwischen beiden aber mufi 
sich ein Drittes ausleben. Es ist das eigentliche staatliche 
Glied des sozialen Organismus. In ihm macht sich alles das 
geltend, was von dem Urteil und der Empfindung eines 
jeden mundig gewordenen Menschen abhangig sein mufi. 
In dem freien Geistesleben betatigt sich jeder nach seinen 
besonderen Fahigkeiten; im Wirtschaftsleben fiillt jeder 
seinen Platz so aus, wie sich das aus seinem assoziativen 
Zusammenhang ergibt. Im politisch-rechtlichen Staatsleben 
kommt er zu seiner rein menschlichen Geltung, insoferne 
diese unabhangig ist von den Fahigkeiten, durch die er im 
freien Geistesleben wirken kann, und unabhangig davon, 
welchen Wert die von ihm erzeugten Giiter durch das 
assoziative Wirtschaftsleben erhalten. 

In diesem Buche wird gezeigt, wie Arbeit nach Zeit und 
Art eine Angelegenheit ist dieses politisch-rechtlichen 
Staatslebens. In diesem steht jeder dem andern als ein 
gleicher gegenuber, weil in ihm nur verhandelt und ver- 
waltet wird auf den Gebieten, auf denen jeder Mensch 
gleich urteilsfahig ist. Rechte und Pflichten der Menschen 
finden in diesem Gliede des sozialen Organismus ihre 
Regelung. 

Die Einheit des ganzen sozialen Organismus wird ent- 
stehen aus der selbstandigen Entf altung seiner drei Glieder. 
Das Buch wird zeigen, wie die Wirksamkeit des beweglichen 



Kapitales, der Produktionsmittel, dieNutzungdesGrundes 
und Bodens sich durch das Zusammenwirken der drei 
Glieder gestalten kann. Wer die soziale Frage «l6sen» will 
durch eine ausgedachte oder sonstwie entstandene Wirt- 
schaftsweise, der wird diese Schrift nicht praktisch finden; 
wer aus den Erfahrungen des Lebens heraus die Menschen 
zu solchen Arten des Zusammenschlusses anregen will, in 
denen sie die sozialen Aufgaben am besten erkennen und 
sich ihnen widmen konnen, der wird dem Verfasser des 
Buches das Streben nach wahrer Lebenspraxis vielleicht 
doch nicht absprechen. 

Das Buch ist im April 1919 zuerst veroffentlicht worden. 
Erganzungen zu dem damals Ausgesprochenen habe ich in 
den Beitragen gegeben, die in der Zeitschrift «Dreigliederung 
des sozialen Organismus» enthalten war en und die soeben 
gesammelt als die Schrift «In AusfiihrungderDreigliederung 
des sozialen Organismus» erschienen sind. 

Man wird finden konnen, dajS in den beiden Schriften 
weniger von den «Zielen» der sozialen Bewegung als viel- 
mehr von den Wegen gesprochen wird, die im sozialen 
Leben beschritten werden sollten. "Wer aus der Lebenspraxis 
heraus denkt, der weift, daft namentlich einzelne Ziele in 
verschiedener Gestalt auftreten konnen. Nur wer in ab- 
strakten Gedanken lebt, dem erscheint alles in eindeutigen 
Umrissen. Ein solcher tadelt das Lebenspraktische oft, weil 
er es nicht bestimmt, nicht «klar» genug dargestellt findet. 
Viele, die sich Praktiker diinken, sind gerade solche Ab- 
straktlinge. Sie bedenken nicht, daft das Leben die mannig- 
f altigsten Gestaltungen annehmen kann. Es ist ein flieftendes 
Element. Und wer mit ihm gehen will, der mufi sich auch 
in seinen Gedanken und Empfindungen diesem fliefienden 



Grundzug anpassen. Die sozialen Aufgaben werden nur 
mit einem solchen Denken ergrifFen werden konnen. 

Aus der Beobachtung des Lebens heraus sind die Ideen 
dieser Schrift erkampft; aus dieser heraus raochten sie auch 
verstanden sein. 



VORBEMERKUNGEN 0BER DIE ABSICHT 
DIESER SCHRIFT 



Das soziale Leben der Gegenwart stellt ernste, umfassende 
Aufgaben. Forderungen nach Neueinrichtungen in diesem 
Leben treten auf und zeigen, dafi zur Losung dieser Auf- 
gaben Wege gesudit werden miissen, an die bisher nicht 
gedadit worden ist. Durch die Tatsachen der Gegenwart 
unterstiitzt, findet vielleicht heute schon derjenige Gehor, 
der, aus den Erfahrungen des Lebens heraus, sich zu der 
Meinung bekennen mufi, dafi dieses Nichtdenken an not- 
wendig gewordene Wege in die soziale Verwirrung hinein- 
getrieben hat. Auf der Grundlage einer solchen Meinung 
stehen die Ausfiihrungen dieser Schrift. Sie mochten von 
dem sprechen, was geschehen sollte, um die Forderungen, 
die von einem grofien Teile der Menschheit gegenwartig 
gestellt werden, auf den Weg eines zielbewulken sozialen 
Wollens zu bringen. — Ob dem einen oder dem andern 
diese Forderungen gef alien oder nicht gef alien, davon sollte 
bei der Bildung eines solchen Wollens wenig abhangen. Sie 
sind da, und man muE mit ihnen als mit Tatsachen des 
sozialen Lebens rechnen. Das mogen diejenigen bedenken, 
die, aus ihrer personlichen Lebenslage heraus, etwa finden, 
dafi der Verfasser dieser Schrift in seiner Darstellung von 
den proletarischen Forderungen in einer Art spricht, die 
ihnen nicht gef allt, weil sie, nach ihrer Ansicht, zu einseitig 
auf diese Forderungen als auf etwas hinweist, mit dem das 
soziale Wollen rechnen mufi. Der Verfasser aber mochte 
aus der vollen Wirklichkeit des gegenwartigen Lebens heraus 



spredien, soweit ihm dieses nach seiner Erkenntnis dieses 
Lebens moglich ist. Ihm stehen die verhangnisvollen Folgen 
vor Augen, die entstehen miissen, wenn man Tatsachen, die 
nun einmal aus dem Leben der neueren Menschheit sich 
erhoben haben, nicht sehen will; wenn man von einem 
sozialen Wollen nichts wissen will, das mit diesen Tatsachen 
redinet. 

Wenig befriedigt von den Ausfiihrungen des Verfassers 
werden audi zunachst Personlichkeiten sein, die sich in der 
Weise als Lebenspraktiker ansehen, wie man unter dem 
Einflusse mancher liebgewordener Gewohnheiten die Vor- 
stellung der Lebenspraxis heute nimmt. Sie werden finden, 
dafi in dieser Schrift kein Lebenspraktiker spricht. Von 
diesen Personlichkeiten glaubt der Verfasser, dafi gerade sie 
werden griindlich umlernen miissen. Denn ihm erscheint 
ihre «Lebenspraxis» als dasjenige, was durch die Tatsachen, 
welche die Menschheit der Gegenwart hat erleben miissen, 
unbedingt als ein Irrtum erwiesen ist. Als derjenige Irrtum, 
der in unbegrenztem Umfange zu Verhangnissen gefiihrt 
hat. Sie werden einsehen miissen, dafi es notwendig ist, 
manches als praktisch anzuerkennen, das ihnen als ver- 
bohrter Idealismus erschienen ist. Mogen sie meinen, der 
Ausgangspunkt dieser Schrift sei deshalb verfehlt, weil in 
deren ersten Teilen wenigervon dem Wirtschafts- und mehr 
von dem Geistesleben der neueren Menschheit gesprochen 
ist. Der Verfasser mu$ aus seiner Lebenserkenntnis heraus 
meinen, dafi zu den begangenen Fehlern ungezahlte weitere 
werden hinzugemacht werden, wenn man sich nicht ent- 
schlielk, auf das Geistesleben der neueren Menschheit die 
sachgemafte Aufmerksamkeit zu wenden.— Auch diejenigen, 
welche in den verschiedensten Formen nur immer die 



Phrasen hervorbringen, die Mensdiheit miisse aus der Hin- 
gabe an rein materielle Interessen herauskommen und sich 
«zum Geiste», «zum Idealismus» wenden, werden an dem, 
was der Verf asser in dieser Schrift sagt, kein redites Gef alien 
finden. Denn er halt nicht viel von dem bloften Hinweis 
auf «den Geist», von dem Reden iiber eine nebelhafte 
Geisteswelt. Er kann nur die Geistigkeit anerkennen, die 
der eigene Lebensinhalt des Menschen wird. Dieser erweist 
sich in der Bewaltigung der praktischen Lebensaufgaben 
ebenso wirksam wie in der Bildung einer Welt- und Lebens- 
anschauung, welche die seelischen Bediirfnisse befriedigt. 
Es kommt nicht darauf an, dafi man von einer Geistigkeit 
weifi oder zu wissen glaubt, sondern darauf, daft dies eine 
Geistigkeit ist, die auch beim Erfassen der praktischen 
Lebenswirklichkeit zutage tritt. Eine solche begleitet diese 
Lebenswirklichkeit nicht als eine blofi fiir das innere Seelen- 
wesen reservierte Nebenstromung. - So werden die Aus- 
fiihrungen dieser Schrift den «Geistigen» wohl zu ungeistig, 
den «Praktikern» zu lebensfremd erscheinen. Der Verfasser 
hat die Ansicht, dafi er gerade deshalb dem Leben der 
Gegenwart werde in seiner Art dienen konnen, weil er der 
Lebensf remdheit manches Menschen, der sich heute fiir einen 
«Praktiker» halt, nicht zuneigt, und weil er auch demjenigen 
Reden vom «Geiste», das aus Worten Lebensillusionen 
schafft, keine Berechtigung zusprechen kann. 

Als eine Wirtschafts-, Rechts- und Geistesfrage wird die 
«soziale Frage» in den Ausfuhrungen dieser Schrift be- 
sprochen. Der Verfasser glaubt zu erkennen, wie aus den 
Forderungen des Wirtschafts-, Rechts- und Geisteslebens die 
«wahre Gestalt» dieser Frage sich ergibt. Nur aus dieser 
Erkenntnis heraus konnen aber die Impulse kommen fiir 



eine gesunde Ausgestaltung dieser drei Lebensgebiete inner- 
halb der sozialen Ordnung. - In alteren Zeiten der Mensch- 
heitsentwickelung sorgten die sozialen Instinkte dafiir, dafi 
diese drei Gebiete in einer der Menschennatur damals ent- 
sprechenden Art sich im sozialen Gesamtleben gliederten. 
In der Gegenwart dieser Entwickelung stent man vor 
der Notwendigkeit, diese Gliederung durch zielbewufites 
soziales Wollen zu erstreben. Zwischen jenen altern Zeiten 
und der Gegenwart liegt fiir die Lander, die fur ein solches 
Wollen zunachst in Betracht kommen, ein Durcheinander- 
wirken der alten Instinkte und der neueren Bewufkheit 
vor, das den Anforderungen der gegenwartigen Menschheit 
nicht mehr gewachsen ist. In manchem, das man heute fiir 
zielbewufites soziales Denken halt, leben aber nodi die 
alten Instinkte fort. Das macht dieses Denken schwach 
gegeniiber den fordernden Tatsachen. Griindlicher, als 
mancher sich vorstellt, mufi der Mensch der Gegenwart sich 
aus dem herausarbeiten, das nicht mehr lebensf ahig ist. Wie 
Wirtschafts-, Rechts- und Geistesleben im Sinne des von 
der neueren Zeit selbst geforderten gesunden sozialen 
Lebens sich gestalten sollen, das - so meint der Verfasser - 
kann sich nur dem ergeben, der den guten Willen entwickelt, 
das eben Ausgesprochene gelten zu lassen. Was der Ver- 
fasser glaubt, iiber eine solche notwendige Gestaltung sagen 
zu miissen, das mochte er dem Urteile der Gegenwart mit 
diesem Buche unterbreiten. Eine Anregung zu einem Wege 
nach sozialen Zielen, die der gegenwartigen Lebens- 
wirklichkeit und Lebensnotwendigkeit entsprechen, mochte 
der Verfasser geben. Denn er meint, dafi nur ein solches 
Streben iiber Schwarmgeisterei und Utopismus auf dem 
Gebiete des sozialen Wollens hinausfiihren kann. 



Wer doch etwas Utopistisches in dieser Schrift findet, den 
mochte der Verfasser bitten, zu bedenken, wie stark man 
sidi gegenwartig mit manchen Vorstellungen, die man sich 
iiber eine mogliche Entwickelung der sozialen Verhaltnisse 
macht, von dem wirklichen Leben entf ernt und in Schwarm- 
geisterei verfallt. Deshalb sieht man das aus der wahren 
Wirklichkeit und Lebenserfahrung Geholte von der Art, 
wie es in dieser Schrift darzustellen versudit ist, als Utopie 
an. Mancher wird in dieser Darstellung deshalb etwas 
«Abstraktes» sehen, weil ihm «konkret» nur ist, was er 
zu denken gewohnt ist und «abstrakt» audi das Konkrete 
dann, wenn er nicht gewohnt ist, es zu denken*. 

Dafi stramm in Parteiprogramme eingespannte Kopfe 
mit den Aufstellungen des Verfassers zunachst unzufrieden 

* Der Verfasser hat bewufit vermieden, sidi in seinen Ausfiihrungen 
unbedingt an die in der volkswirtsdiaftlichen Literatur gebrauchlichen 
Ausdriicke zu halten. Er kennt genau die Stellen, von denen ein «fach- 
mannisches* Urteil sagen wird, das sei dilettantisch. Ihn bestimmte zu 
seiner Ausdrucksweise aber nicht nur, dafi er audi fiir Menschen spre- 
chen mochte, denen die volks- und sozialwissenschaflliche Literatur 
ungelaufig ist, sondern vor allem die Ansicht, dafi eine neue Zeit das 
meiste von dem einseitig und unzulanglich sogar schon in der Ausdrucks- 
form wird erscheinen lassen, das in dieser Literatur als «fachmannisch» 
sich findet. Wer etwa meint, der Verfasser hatte audi hinweisen sollen 
auf die sozialen Ideen anderer, die in dem einen oder andern an das 
hier Dargestellte anzuklingen scheinen, den bitte ich zu bedenken, dafi 
die Ausgangspunkte und die Wege der hier gekennzeichneten Anschau- 
ung, welche der Verfasser einer jahrzehntelangen Lebenserfahrung zu 
verdanken glaubt, das Wesentliche bei der praktischen Verwirklichung 
der gegebenen Impulse sind und nicht etwa blofi so oder anders geartete 
Gedanken. Audi hat der Verfasser, wie man aus dem Abschnitt IV 
ersehen kann, fiir die praktische Verwirklichung sich schon einzusetzen 
versucht, als ahnlidb scheinende Gedanken in bezug auf das eine oder 
andere noch nicht bemerkt wurden. 



sein werden, weiiS er. Doch er glaubt, viele Parteimenschen 
werden recht bald zu der Oberzeugung gelangen, dafi die 
Tatsachen der Entwickelung schon weit iiber die Partei- 
programme hinausgewachsen sind, und dafi ein von solchen 
Programmen unabh'dngiges Urteil iiber die nachsten Ziele 
des sozialen Wollens vor allem notwendig ist. 



Anfang April 1919. 



Rudolf Steiner, 



1 

DIE WAHRE GESTALT DER SOZIALEN FRAGE, 
ERFASST AUS DEM LEBEN DER MODERNEN 

MENSCHHEIT 

OfTenbart sichnicht aus der Weltkriegskatastropheheraus die 
moderne soziale Bewegung durch Tatsachen, die beweisen, 
wie unzulanglich Gedanken waren, durdi die man jahr- 
zehntelang das proletarische Wollen zu verstehen glaubte? 

Was gegenwartig sich aus friiher niedergehaltenen For- 
derungen des Proletariats und im Zusammenhange damit 
an die Oberflache des Lebens drangt, notigt dazu, diese 
Frage zu stellen. Die Machte, welche das Niederhalten 
bewirkt haben, sind zum Teil vernichtet. Das Verhaltnis, 
in das sidi diese Machte zu den sozialen Triebkraften eines 
grofien Teiles der Menschheit gesetzt haben, kann nur 
erhalten wollen, wer ganz ohne Erkenntnis davon ist, wie 
unvernichtbar solche Impulse der Menschennatur sind. 

Manche Personlichkeiten, deren Lebenslage es ihnen 
moglich machte, durch ihr Wort oder ihren Rat hemmend 
oder fordernd einzuwirken auf die Krafte im europaischen 
Leben, die 1914 zur Kriegskatastrophe drangten, haben 
sich iiber diese Triebkrafte den grofken Illusionen hin- 
gegeben. Sie konnten glauben, ein Waffensieg ihres Landes 
werde die sozialen Anstiirme beruhigen. Solche Personlich- 
keiten mufiten gewahr werden, dafi durch die Folgen ihres 
Verhaltens die sozialen Triebe erstvollig in dieErscheinung 
traten. Ja, die gegenwartige Menschheitskatastrophe erwies 
sich als dasjenige geschichtliche Ereignis, durch das diese 
Triebe ihre voile Schlagkraft erhielten. Die fiihrenden Per- 



sonlichkeiten und Klassen mufken ihr Verhalten in den 
letzten schicksalsschweren Jahren stets von dem abhangig 
machen, was in den sozialistisch gestimmten Kreisen der 
Menschheit lebte. Siehatten oftmals gerne anders gehandelt, 
wenn sie die Stimmung dieser Kreise hatten unbeachtet 
lassen konnen. In der Gestalt, die gegenwartig die Ereignisse 
angenommen haben, leben die Wirkungen dieser Stimmung 
fort. 

Und jetzt, da in ein entscheidendes Stadium eingetreten 
ist, was jahrzehntelang vorbereitend heraufgezogen ist in 
der Lebensentwickelung der Menschheit: jetzt wird zum 
tragischen Schicksal, daE den gewordenen Tatsachen sidi 
die Gedanken nicht gewachsen zeigen, die im Werden dieser 
Tatsachen entstanden sind. Viele Personlichkeiten, die ihre 
Gedanken an diesem Werden ausgebildet haben, um dem 
zu dienen, was in ihm als soziales Ziel lebt, vermogen heute 
wenig oder nichts in bezug auf Schicksalsfragen, die von 
den Tatsachen gestellt werden. 

Noch glauben zwar manche dieser Personlichkeiten, was 
sie seit langer Zeit als zur Neugestaltung des menschlichen 
Lebens notwendig gedacht haben, werde sich verwirklichen 
und dann als machtig genug erweisen, um den fordernden 
Tatsachen eine lebensmogliche Richtung zu geben. - Man 
kann absehen von der Meinung derer, die audi jetzt noch 
wahnen, das Alte musse sich gegen die neueren Forderungen 
eines grofien Teiles der Menschheit halten lassen. Man 
kann seinen Blick einstellen auf das Wollen derer, die von 
der Notwendigkeit einer neuen Lebensgestaltung uberzeugt 
sind. Man wird doch nicht anders konnen, als sich gestehen: 
Es wandeln unter uns Parteimeinungen wie Urteilsmumien, 
die von der Entwickelung der Tatsachen zuriickgewiesen 



werden. Diese Tatsachen f ordern Entscheidungen, f iir weldie 
die Urteile der alten Parteien nicht vorbereitet sind. Solche 
Parteien haben sich zwar mit den Tatsachen entwickelt; 
aber sie sind mit ihren Denkgewohnheken hinter den Tat- 
sachen zuriickgeblieben. Man braucht vielleicht nicht un- 
bescheiden gegeniiber heute noch als mafigeblich geltenden 
Ansichten zu sein, wenn man glaubt, das eben Angedeutete 
aus dem Verlaufe der Weltereignisse in der Gegenwart 
entnehmen zu konnen. Man darf daraus die Folgerung 
Ziehen, gerade diese Gegenwart miisse empfanglich sein f iir 
den Versuch, dasjenige im sozialen Leben der neueren 
Menschheit zu kennzeichnen, was in seiner Eigenart auch 
den Denkgewohnten der sozial orientierten Personlich- 
keiten und Parteirichtungen feme liegt, Denn es konnte 
wohl sein, daft die Tragik, die in den Losungsversuchen der 
sozialen Frage zutage tritt, gerade in einem Mifiverstehen 
der wahren proletarischen Bestrebungen wurzelt. In einem 
Mifiverstehen selbst von seiten derjenigen, welche mit ihren 
Anschauungen aus diesen Bestrebungen herausgewachsen 
sind. Denn der Mensch bildet sich keineswegs immer iiber 
sein eigenes Wollen das rechte Urteil. 

Gerechtfertigt kann es deshalb erscheinen, einmal die 
Fragen zu stellen, was will die moderne proletarische 
Bewegung in Wirklichkeit? Entspricht dieses Wollen dem- 
jenigen, was gewohnlich von proletarischer oder nicht 
proletarischer Seite iiber dieses Wollen gedacht wird? 
OfFenbart sich in dem, was iiber die «soziale Frage» von 
vielen gedacht wird, die wahre Gestalt dieser «Frage»? 
Oder ist ein ganz anders gerichtetes Denken no tig? An 
diese Frage wird man nicht unbefangen herantreten konnen, 
wenn man nicht durch die Lebensschicksale in die Lage 



versetzt war, in das Seelenleben des modernen Proletariats 
sich einzuleben. Und zwar desjenigen Teiles dieses Prole- 
tariats, der am meisten Anteil hat an der Gestaltung, welche 
die soziale Bewegung der Gegenwart angenommen hat. 

Man hat viel gesprochen iiber die Entwickelung der 
modernen Technik und des modernen Kapitalismus. Man 
hat gefragt, wie innerhalb dieser Entwickelung das gegen- 
wartige Proletariat entstanden ist, und wie es durch die 
Entfaltung des neueren Wirtschafblebens zu seinen For- 
derungen gekommen ist. In all dem, was man in dieser 
Richtung vorgebracht hat, liegt viel Treffendes. Dafi damit 
aber ein Entscheidendes doch nicht beriihrt wird, kann sich 
dem aufdrangen, der sich nicht hypnotisieren lafrt von dem 
Urteil: Die aulkrn Verhaltnisse geben dem Menschen das 
Geprage seines Lebens. Es offenbart sich dem, der sich einen 
unbefangenen Einblick bewahrt in die aus inneren Tiefen 
heraus wirkenden seelischen Impulse. Gewift ist, dafi die 
proletarischen Forderungen sich entwickelt haben wahrend 
des Lebens der modernen Technik und des modernen 
Kapitalismus; aber die Einsicht in diese Tatsache gibt noch 
durchaus keinen Aufschluft dariiber, was in diesen For- 
derungen eigentlich als rein menschliche Impulse lebt. Und 
solange man in das Leben dieser Impulse nicht eindringt, 
kann man wohl auch der wahren Gestalt der «sozialen 
Frage» nicht beikommen. 

Ein Wort, das oftmals in der Proletarierwelt aus- 
gesprochen wird, kann einen bedeutungsvollen Eindruck 
machen auf den, der in die tiefer liegenden Triebkrafte des 
menschlichen Wollens zu dringen vermag. Es ist das: Der 
moderne Proletarier ist «klassenbewufit» geworden. Er 
folgt den Impulsen der aufier ihm bestehenden Klassen 



nicht mehr gewisserma£en instinktiv, unbewufit; er weifi 
sich als Angehoriger einerbesonderenKlasse und ist gewillt, 
das Verhaltnis dieser seiner Klasse zu den andern im offent- 
lichen Leben in einer seinen Interessen entsprechenden 
Weise zur Geltung zu bringen. Wer ein Auffassungs- 
vermogen hat fur seelische Unterstromungen, der wird 
durch das Wort «klassenbewulk» in dem Zusammenhang, 
in dem es der moderne Proletarier gebraucht, hingewiesen 
auf wichtigste Tatsachen in der sozialen Lebensauffassung 
derjenigen arbeitenden Klassen, die im Leben der modernen 
Technik und des modernen Kapitalismus stehen. Ein soldier 
mufi vor allem aufmerksam darauf werden, wie wissen- 
schaflliche Lehren iiber das Wirtschaftsleben und dessen 
Verhaltnis zu den Menschenschicksalen ziindend in die Seele 
des Proletariers eingeschlagen haben. Hiermit wird eine 
Tatsache beriihrt, iiber welche viele, die nur iiber das 
Proletariat denken konnen, nicht mit demselben, nur ganz 
verschwommene, ja in Anbetracht der ernsten Ereignisse 
der Gegenwart schadliche Urteile haben. Mit der Meinung, 
dem «ungebildeten» Proletarier sei durch den Marxismus 
und seine Fortsetzung durch die proletarischen Schriftsteller 
der Kopf verdreht worden, und mit dem, was man sonst in 
dieser Richtung oft horen kann, kommt man nicht zu einem 
auf diesem Gebiete in der Gegenwart notwendigen Ver- 
standnis der geschichtlichen Weltlage. Denn man zeigt, 
wenn man eine solche Meinung aufiert, nur, dafi man nicht 
den Willen hat, denBlick auf ein Wesentliches in der gegen- 
wartigen sozialen Bewegung zu lenken. Und ein solches 
Wesentliches ist die Erfiillung des proletarischen Klassen- 
bewufitseins mit Begriffen, die ihren Charakter aus der 
neueren wissenschafllichen Entwickelung heraus genommen 



haben. In diesem Bewulksein wirkt als Stimmung fort, was 
in Lassalles Rede iiber die «Wissenschaft und die Arbeiter» 
gelebt hat. Solche Dinge mogen manchem unwesentlich 
erscheinen, der sidi fiir einen «praktischen Menschen» halt. 
Wer aber eine wirklich fruchtbare Einsicht in die moderne 
Arbeiterbewegung gewinnen will, der mufi seine Aufmerk- 
samkeit auf diese Dinge richten. In dem, was gema£igte 
und radikale Proletarier heute fordern, lebt nicht etwa das 
in Menschen-Impulse umgewandelte Wirtschaftsleben so, 
wie es sich manche Menschen vorstellen, sondern es lebt die 
Wirtschafts- Wissenschaft, von welcher das proletarische 
Bewulksein ergriffen worden ist. In der wissenschaftlich 
gehaltenen und in der journalistisch popular isiertenLiteratur 
der proletarischen Bewegung tritt dieses so klar zutage. Es 
zu leugnen, bedeutet ein Augenverschliefien vor den wirk- 
Hchen Tatsachen. Und eine fundamentale, die soziale Lage 
der Gegen wart bedingende Tatsache ist die, dafi der moderne 
Proletarier in wissenschaftlich gearteten Begriffen sich den 
Inhalt seines Klassenbewufitseins bestimmen lafit. Mag der 
an der Maschine arbeitende Mensch von «Wissenschaft» noch 
so weit entfernt sein; er hort den Aufklarungen iiber seine 
Lage von seiten derjenigen zu, welche die Mittel zu dieser 
Aufklarung von dieser « Wissenschaft » empfangen haben. 

Alle die Auseinandersetzungen iiber das neuere Wirt- 
schaftsleben, das Maschinenzeitalter, den Kapitalismus 
mogen noch so einleuchtend auf die Tatsachengrundlage 
der modernen Proletarierbewegung hinweisen; was die 
gegenwartige soziale Lage entscheidend aufklart, erfliefit 
nicht unmittelbar aus der Tatsache, da£ der Arbeiter an die 
Maschine gestellt worden, dafi er in die kapitalistische 
Lebensordnung eingespannt worden ist. Es fliefk aus der 



andern Tatsadie, dafi ganz bestimmte Gedanken sich inner- 
halb seines Klassenbewufitseins an der Maschine und in der 
Abhangigkeit von der kapitalistisdien Wirtschaftsordnung 
ausgebildet haben. Es konnte sein, dafi die Denkgewohn- 
heiten der Gegenwart manchen verhindern, die Tragweite 
dieses Tatbestandes ganz zu erkennen und ihn veranlassen, 
in seiner Betonung nur ein dialektisches Spiel mit BegrifFen 
zu sehen. Demgegenuber mufi gesagt werden: Urn so 
schlimmer f iir die Aussichten auf eine gedeihliche Einstellung 
in das soziale Leben der Gegenwart bei denen, die nicht 
imstande sind, das Wesentliche ins Auge zu fassen. Wer die 
proletarische Bewegung verstehen will, der mufi vor allem 
wissen, wie der Proletarier denkt. Denn die proletarische 
Bewegung - von ihren gemafiigten Reformbestrebungen 
an bis in ihre verheerendsten Auswiichse hinein - wird 
nicht von «aufiermenschlichen Kraften», von «Wirtschafts- 
impulsen» gemacht, sondern von Menschen; von deren 
Vorstellungen und Willensimpulsen. 

Nicht in dem, was die Maschine und der Kapitalismus in 
das proletarische Bewufkseinhineinverpflanzt haben, liegen 
die bestimmenden Ideen und "Willenskrafte der gegen- 
wartigen sozialen Bewegung. Diese Bewegung hat ihre 
Gedanken-Quelle in der neueren Wissenschaftsrichtung 
gesucht, weil dem Proletarier Maschine und Kapitalismus 
nichts geben konnten, was seine Seele mit einem menschen- 
wiirdigen Inhalt erfiillen konnte. Ein soldier Inhalt ergab 
sich dem mittelalterlichen Handwerker aus seinem Berufe. 
In der Art, wie dieser Handwerker sich menschlich mit dem 
Berufe verbunden fuhlte, lag etwas, das ihm das Leben 
innerhalb der ganzen menschlichen Gesellschaft vor dem 
eigenen Bewufitsein in einem lebenswertenLichte erscheinen 



lieft. Er vermochte, was er tat, so anzusehen, dafi er dadurch 
verwirklicht glauben konnte, was er als «Mensch» sein 
wollte. An der Maschine und innerhalb der kapitalistischen 
Lebensordnung war der Mensch auf sich selbst, auf sein 
Inneres angewiesen, wenn er nach einer Grundlage suchte, 
auf der sich eine das Bewufitsein tragende Ansicht von dem 
errichten lafit, was man als «Mensch» ist. Von der Technik, 
von dem Kapitalismus stromte fur eine solche Ansicht 
nichts aus. So ist es gekommen, dafi das proletarische 
Bewufitsein die Richtung nach dem wissenschaftlich gearteten 
Gedanken einschlug. Es hatte den menschlichen Zusammen- 
hang mit dem unmittelbaren Leben verloren. Das aber 
geschah in der Zeit, in der die fiihrenden Klassen der 
Menschheit einer wissenschaftlichenDenkungsart zustrebten, 
die selbst nicht mehr die geistige StoEkraft hatte, um das 
menschliche Bewufttsein nach dessen Bediirfnissen allseitig 
zu einem befriedigenden Inhalte zu fuhren. Die alten Welt- 
anschauungen stellten den Menschen als Seele in einen 
geistigen Daseinszusammenhang hinein. Vor der neueren 
Wissenschaft erscheint er als Naturwesen innerhalb der 
blofien Naturordnung. Diese Wissenschaft wird nicht emp- 
funden wie ein in die Menschenseele aus einer Geistwelt 
fliefiender Strom, der den Menschen als Seele tragt. Wie 
man auch iiber das Verhaltnis der religiosen Impulse und 
dessen, was mit ihnen verwandt ist, zu der wissenschaft- 
lichen Denkungsart der neueren Zeit urteilen mag: man 
wird, wenn man unbef angen die geschichtliche Entwickelung 
betrachtet, zugeben miissen, daft sich das wissenschaftliche 
Vorstellen aus dem religiosen entwickelt hat. Aber die alten, 
auf religiosen Untergriinden ruhenden Weltanschauungen 
haben nicht vermocht, ihren seelentragenden Impuls der 



neueren wissenschaftlichen Vorstellungsart mitzuteilen. Sie 
stellten sidi aufierhalb dieser Vorstellungsart und lebten 
weiter mit einem Bewufitseinsinhalt, dem sich die Seelen 
des Proletariats nicht zuwenden konnten. Den fuhrenden 
Klassen konnte dieser Bewufitseinsinhalt nodi etwas Wert- 
voiles sein. Er hing auf die eine oder die andere Art mit 
ihrer Lebenslage zusammen. Diese Klassen suchten nicht 
nach einem neuen BewuiStseinsinhalt, weil dieOberlieferung 
durch das Leben selbst sie den alten nodi festhalten liefi. 
Der moderne Proletarier wurde aus alien alten Lebens- 
zusammenhangen herausgerissen. Er ist der Mensch, dessen 
Leben auf eine vollig neue Grundlage gestellt worden ist. 
Fiir ihn war mit der Entziehung der alten Lebensgrund- 
lagen zugleich die Moglichkeit geschwunden, aus den alten 
geistigen Quellen zu schopfen. Die standen inmitten der 
Gebiete, denen er entfremdet worden war. Mit der modernen 
Technik und dem modernen Kapitalismus entwickelte sich 
gleichzeitig — in dem Sinne, wie man die grofien welt- 
geschichtlichen Stromungen gleichzeitig nennen kann - die 
moderne Wissenschaftlichkeit. Ihr wandte sich das Ver- 
trauen, der Glaube des modernen Proletariats zu. Bei ihr 
suchte es den ihm notwendigen neuen BewuJStseinsinhalt. 
Aber es war zu dieser Wissenschaftlichkeit in ein anderes 
Verhaltnis gesetzt als die fuhrenden Klassen. Diese fiihlten 
sich nicht genotigt, die wissenschaflliche Vorstellungsart zu 
ihrer seelentragenden Lebensauf f assung zu machen. Mochten 
sie noch so sehr mit der « wissenschaftlichen Vorstellungsart* 
sich durchdringen, dafi in der Naturordnung ein gerader 
Ursachenzusammenhang von den niedersten Tieren bis zum 
Menschen fiihre: diese Vorstellungsart blieb dochtheoretische 
Oberzeugung. Sie erzeugte nicht den Trieb, das Leben auch 



empfindungsgemafi so zu nehmen, wie es dieser Oberzeu- 
gung restlos angemessen ist. Der Naturforscher Vogt, der 
naturwissenschaftliche Popularisator Buchner: sie waren 
sicherlich von der wissenschaftlichen Vorstellungsart durch- 
drungen. Aber neben dieser Vorstellungsart wirkte in ihrer 
Seele etwas, das sie festhalten liefi an Lebenszusammen- 
hangen, die sich nur sinnvoll rechtf ertigen aus dem Glauben 
an eine geistige Weltordnung. Man stelle sich doch nur 
unbefangen vor, wie anders die Wissenschaftlichkeit auf 
den wirkt, der in solchen Lebenszusammenhangen mit dem 
eigenen Dasein verankert ist, als auf den modernen Prole- 
taries vor den sein Agitator hintritt und in den wenigen 
Abendstunden, die von der Arbeit nicht ausgefiillt sind, in 
der folgenden Art spricht: Die Wissenschaft hat in der 
neueren Zeit den Menschen ausgetrieben, zu glauben, dafi 
sie ihren Ursprung in geistigen Welten haben. Sie sind dar- 
iiber belehrt worden, da$ sie in der Urzeit unanstandig als 
Baumkletterer lebten, belehrt, daft sie alle den gleichen 
rein naturlichen Ursprung haben. Vor eine nach solchen 
Gedanken hin orientierte Wissenschaftlichkeit sah sich der 
moderne Proletarier gestellt, wenn er nach einem Seelen- 
inhalt suchte, der ihn empfinden lassen sollte, wie er als 
Mensch im Weltendasein drinnen stent. Er nahm diese 
Wissenschaftlichkeit restlos ernst, und zog aus ihr seine 
Folgerungen fiir das Leben. Ihn traf das technische und 
kapitalistische Zeitalter anders als den Angehorigen der 
fiihrenden Klassen. Dieser stand in einer Lebensordnung 
drinnen, welche noch von seelentragenden Impulsen gestaltet 
war. Er hatte alles Interesse daran, die Errungenschaften 
der neuen Zeit in den Rahmen dieser Lebensordnung ein- 
zuspannen. Der Proletarier war aus dieser Lebensordnung 



seelisch herausgerissen. Ihm konnte diese Lebensordnung 
nicht eine Empfindung geben, die sein Leben mit einem 
menschenwiirdigen Inhalt durchleuchtete. Empfinden lassen, 
was man als Mensch ist, das konnte den Proletarier das 
einzige, was ausgestattet mit Glauben erweckender Kraft 
aus der alten Lebensordnung hervorgegangen zu sein schien: 
die wissenschaflliche Denkungsart. 

Es konnte manchen Leser dieser Ausfiihrungen wohl zu 
einem Lacheln drangen, wenn auf die «Wissenschaftlidikeit» 
der proletarischen Vorstellungsart verwiesen wird. Wer bei 
«Wissenschaftlichkeit» nur an dasjenige zu denken vermag, 
was man durch vieljahriges Sitzen in «Bildungsanstalten» 
sich erwirbt, und der dann diese «Wissenschaftlichkeit» in 
Gegensatz bringt zu demBewufitseinsinhalt des Proletariers, 
der «nicnts gelernt» hat, der mag lacheln. Er lachelt iiber 
Schicksal entscheidendeTatsachen des gegenwartigen Lebens 
hinweg. Diese Tatsachen bezeugen aber, dafi mancher hoch- 
gelehrte Mensch unwissenschaftlich lebt, wahrend der un- 
gelehrte Proletarier seine Lebensgesinnung nach der Wissen- 
schafl hin orientiert, die er vielleicht gar nicht besitzt. Der 
Gebildete hat die Wissenschaft aufgenommen; sie ist in 
einem Schubfach seines Seelen-Innern. Er steht aber in 
Lebenszusammenhangen und lafit sich von diesen seine 
Empfindungen orientieren, die nicht von dieser Wissen- 
schaft gelenkt werden. Der Proletarier ist durch seine 
Lebensverhaltnisse dazu gebracht, das Dasein so aufzu- 
fassen, wie es der Gesinnun% dieser Wissenschaft entspricht. 
Was die andern Klassen « Wissenschaftlichkeit» nennen, mag 
ihm feme liegen; die Vorstellungsrichtung dieser Wissen- 
schaftlichkeit orientiert sein Leben. Fiir die andern Klassen 
ist bestimmend eine religiose, eine asthetische, eine allgemein- 



geistige Grundlage; fur ihn wird die «Wissenschaft», wenn 
audi oft in ihren allerletzten Gedanken-Auslaufen, Lebens- 
glaube. Manclier Angehorige der «fiihrenden» Klassen fiihlt 
sich «aufgeklart», «freireligios». Gewifi, in seinen Vor- 
stellungen lebt die wissenschaftliche Oberzeugung; in seinen 
Empfindungen aber pulsieren die von ihm unbemerkten 
Reste eines uberlieferten Lebensglaubens. 

Was die wissenschaftliche Denkungsart nicht aus der 
alten Lebensordnung mitbekommen hat: das ist das Bewufit- 
sein, dafi sie als geistiger Art in einer geistigen Weltwurzelt. 
Ober diesen Charakter der modernen Wissenschaftlichkeit 
konnte sich der Angehorige der fuhrenden Klassen hinweg- 
setzen. Denn ihm erfullt sidi das Leben mit alten Tra- 
ditionen. Der Proletarier konnte das nicht. Denn seine neue 
Lebenslage trieb die alten Traditionen aus seiner Seele. Er 
ubernahm die wissenschaftliche Vorstellungsart von den 
herrschenden Klassen als Erbgut. Dieses Erbgut wurde die 
Grundlage seines BewulStseins vom Wesen des Menschen. 
Aber dieser «Geistesinhalt» in seiner Seele wu&te nichts von 
seinem Ursprung in einem wirklichen Geistesleben. Was 
der Proletarier von den herrschenden Klassen als geistiges 
Leben allein iibernehmen konnte, verleugnete seinen Ur- 
sprung aus dem Geiste. 

Mir ist nicht unbekannt, wie diese Gedanken Nicht- 
proletarier und auch Proletarier beriihren werden, die mit 
dem Leben «praktisch» vertraut zu sein glauben, und die 
aus diesem Glauben heraus das hier Gesagte fur eine lebens- 
fremde Anschauung halten. Die Tatsachen, welche aus der 
gegenwartigen Weltlage heraus sprechen, werden immer 
mehr diesen Glauben als einen Wahn erweisen. Wer un- 
befangen diese Tatsachen sehen kann, dem mufi sich often- 



baren, dafi einer Lebensauffassung, welche sich nur an das 
Aufiere dieser Tatsachen halt, zuletzt nur noch Vorstellungen 
zuganglich sind, die mit den Tatsachen nichts mehr zu tun 
haben. Herrschende Gedanken haben sich so lange «prak- 
tisch» an die Tatsachen gehalten, bis diese Gedanken keine 
Ahnlichkeit mehr mit diesen Tatsachen haben. In dieser 
Beziehung konnte die gegenwartige Weltkatastrophe ein 
Zuchtmeister fiir viele sein. Denn: Was haben sie gedacht, 
daft werden kann? Und was ist geworden? Soil es so auch 
mit dem sozialen Denken gehen? 

Auch hore ich im Geiste den Einwurf, den der Bekenner 
proletarischer Lebensauffassung aus seiner Seelenstimmung 
heraus macht: Wieder einer, der den eigentlichen Kern der 
sozialen Frage auf ein Geleise ablenken mochte, das dem 
burgerlich Gesinnten bequem zu befahren sdieint. Dieser 
Bekenner durchschaut nicht, wie ihm das Schicksal sein 
proletarisches Leben gebracht hat, und wie er sich innerhalb 
dieses Lebens durch eine Denkungsart zu bewegen sucht, 
die ihm von den «herrschenden» Klassen als Erbgut iiber- 
macht ist. Er lebt proletarisch; aber er denkt burgerlich. 
Die neue Zeit macht nicht blofi notwendig, sich in ein neues 
Leben zu finden, sondern auch in neue Gedanken. Die 
wissenschaftliche Vorstellungsart wird erst zum leben- 
tragenden Inhalt werden konnen, wenn sie auf ihre Art fiir 
die Bildung eines vollmenschlichen Lebensinhaltes eine 
solche Stofikraft entwickelt, wie sie alteLebensauffassungen 
in ihrer Weise entwickelt haben. 

Damit ist der Weg bezeichnet, der zum Auffinden der 
wahren Gestalt eines der Glieder innerhalb der neueren 
proletarischen Bewegung fiihrt. Am Ende dieses Weges 
ertont aus der proletarischen Seele die Oberzeugung: Ich 



strebe nach dem geistigen Leben. Aber dieses geistige Leben 
ist Ideologic, ist nur, was sich im Menschen von den 
aufieren Weltvorgangen spiegelt, flie£t nicht aus einer 
besonderen geistigen Welt her. Was im "Obergange zur 
neuen Zeit aus dem alten Geistesleben geworden ist, emp- 
findet die proletarischeLebensauffassung als Ideologic. Wer 
die Stimmtmg in der proletarischen Seele begreifen will, die 
sich in den sozialen Forderungen der Gegenwart auslebt, 
der mufi imstande sein, zu erfassen, was die Ansicht 
bewirken kann, dafi das geistige Leben Ideologic sei. Man 
mag erwidern: Was weifi der Durchschnittsproletarier von 
dieser Ansicht, die in den Kopfen der mehr oder weniger 
geschulten Fiihrer verwirrend spukt. Der so spricht, redet 
am Leben vorbei, und er handelt auch am wirklichen Leben 
vorbei. Ein soldier weifi nicht, was im Proletarierleben der 
letzten Jahrzehnte vorgegangen ist; er weifi nicht, welche 
Faden sich spinnen von der Ansicht, das geistige Leben sei 
Ideologic, zu den Forderungen und Taten des von ihm 
nur fiir «unwissend» gehaltenen radikalen Sozialisten und 
audi zu den Handlungen derer, die aus dumpfen Lebens- 
impulsen her aus « Revolution machen». 

Darinnen liegt die Tragik, die iiber das Erfassen der 
sozialen Forderungen der Gegenwart sich ausbreitet, dafi 
man in vielen Kreisen keine Empfindung fiir das hat, was 
aus der Seelenstimmung der breiten Massen sich an die 
Oberflache des Lebens heraufdrangt, dafi man den Blick 
nicht auf das zu richten vermag, was in den Menschen- 
gemiitern wirklich vorgeht. Der Nichtproletarier hort 
angsterfiillt nach den Forderungen des Proletaries hin und 
vernimmt: Nur durch Vergesellschaftung der Produktions- 
mittel kann fiir mich ein menschenwiirdiges Dasein erreicht 



werden. Aber er vermag sich keine Vorstellung davon zu 
bilden, dafi seine Klasse beim Obergang aus einer alten in 
die neue Zeit nicht nur den Proletarier zur Arbeit an den 
ihm nicht gehorenden Produktionsmitteln aufgerufen hat, 
sondern dafi sie nicht vermocht hat, ihm zu dieser Arbeit 
einen tragenden Seeleninhalt hinzuzugeben. Menschen, 
welche in der oben angedeuteten Art am Leben vorbeisehen 
und vorbeihandeln, mogen sagen: Aber der Proletarier will 
doch einfach in eine Lebenslage versetzt sein, die der- 
jenigen der herrschenden Klassen gleichkommt; wo spielt 
da die Frage nach dem Seeleninhalt eine Rolle? Ja, der 
Proletarier mag selbst behaupten: Ich verlange von den 
andern Klassen nichts fiir meine Seele; idi will, dafi sie 
mich nicht weiter ausbeuten konnen. Ich will, dafi die jetzt 
bestehenden Klassenunterschiede aufhoren. Solche Rede 
trifft doch das Wesen der sozialen Frage nicht. Sie enthiillt 
nichts von der wabren Gestalt dieser Frage. Denn ein solches 
Bewufitsein in den Seelen der arbeitenden Bevolkerung, das 
von den herrschenden Klassen einen wahren Geistesinhalt 
ererbt hatte, wiirde die sozialen Forderungen in ganz 
anderer Art erheben, als es das moderne Proletariat tut, 
das in dem empfangenen Geistesleben nur eine Ideologie 
sehen kann. Dieses Proletariat ist von dem ideologischen 
Charakter des Geisteslebens iiberzeugt; aber es wird durch 
dieseUberzeugung immer unglucklicher. Und die Wirkungen 
dieses seines Seelenungluckes, die es nicht bewufit kennt, 
aber intensiv erleidet, iiberwiegen weit in ihrer Bedeutung 
fiir die soziale Lage der Gegenwart alles, was nur die in 
ihrer Art auch berechtigte Forderung nach Verbesserung der 
aufieren Lebenslage ist. 

Die herrschenden Klassen erkennen sich nicht als die 



Urheber der jenigen Lebensgesinnung, die ihnen gegenwartig 
im Proletariertum kampfbereit entgegentritt. Und doch 
sind sie diese Urheber dadurch geworden, dafi sie von ihrem 
Geistesleben diesem Proletariertum nur etwas haben ver- 
erben konnen, was von diesem als Ideologie empfunden 
werden mufi. 

Nicht das gibt der gegenwartigen sozialen Bewegung ihr 
wesentliches Geprage, dafi man nach einer Anderung der 
Lebenslage einer Menschenklasse verlangt, obgleich es das 
natiirlidi Erscheinende ist, sondern die Art wie die For- 
derung nach dieser Anderung aus den Gedanken-Impulsen 
dieser Klasse in Wirklichkeit umgesetzt wird. Man sehe 
sich doch die Tatsachen von diesem Gesichtspunkte aus nur 
einmal unbefangen an. Dann wird man sehen, wie Per- 
sonlichkeiten, die ihr Denken in der Richtung der proleta- 
rischen Impulse halten wollen, lacheln, wenn die Rede 
darauf kommt, durch diese oder jene geistigen Bestrebungen 
wolle man etwas beitragen zur Losung der sozialen Frage. 
Sie belacheln das als Ideologic als eine graue Theorie. Aus 
dem Gedanken heraus, aus dem blofien Geistesleben heraus, 
so meinen sie, werde gewifi nichts beigetragen werden 
konnen zu den brennenden sozialen Fragen der Gegenwart. 
Aber sieht man genauer zu, dann drangt es sich einem auf, 
wie der eigentliche Nerv, der eigentliche Grundimpuls der 
modernen, gerade proletarischen Bewegung nicht in dem 
liegt, wovon der heutige Proletarier spricht, sondern liegt 
in Gedanken. 

Die moderne proletarische Bewegung ist, wie vielleicht 
noch keine ahnliche Bewegung der Welt - wenn man sie 
genauer anschaut, zeigt sich dies im eminentesten Sinne -, 
eine Bewegung aus Gedanken entsprungen. Dies sage ich 



nicht blofi wie ein im Nachdenken iiber die soziale Be- 
wegung gewonnenes Aper£U. Wenn es mir gestattet ist, 
eine personliche Bemerkung einzufugen, so sei es diese: Ich 
habe jahrelang innerhalb einer Arbeiterbildungsschule in 
den verschiedensten Zweigen proletarischen Arbeitern Un- 
terricht erteilt. Ich glaube dabei kennengelernt zu haben, 
was in der Seele des modernen proletarischen Arbeiters lebt 
und strebt. Von da ausgehend habe ich auch zu verfolgen 
Gelegenheit gehabt, was in den Gewerkschaften der ver- 
schiedenen Berufe und Berufsrichtungen wirkt. Ich meine, 
ich spreche nicht blofi vom Gesichtspunkte theoretischer Er- 
wagungen, sondern ich spreche aus, was ich glaube, als 
Ergebnis wirklicher Lebenserfahrung mir errungen zu 
haben. 

Wer - was bei den fuhrenden Intellektuellen leider so 
wenig der Fall ist — wer die moderne Arbeiterbewegung da 
kennengelernt hat, wo sie von Arbeitern getragen wird, der 
weiE, welch bedeutungsschwere Erscheinung dieses ist, dafi 
eine gewisse Gz&zviken-Richtung die Seelen einer grofien 
Zahl von Menschen in der intensivsten Weise er griff en hat. 
Was gegenwartig schwierig macht, zu den sozialen Ratseln 
Stellung zu nehmen, ist, dafi eine so geringe Moglichkeit 
des gegenseitigen Verstandnisses der Klassen da ist. Die 
burgerlichen Klassen konnen heute sich so schwer in die 
Seele des Proletariers hineinversetzen, konnen so schwer 
verstehen, wie in der noch unverbrauchten Intelligenz des 
Proletariats Eingang finden konnte eine solche — mag man 
nun zum Inhalt stehen wie man will — , eine solche an 
menschliche Denkforderungen hochste MaEstabe anlegende 
Vorstellungsart, wie es diejenige Karl Marxens ist. 

Gewifi, Karl Marxens Denksystem kann von dem einen 



angenommen, von dem andern widerlegt werden, vielleicht 
das eine mit so gut erscheinenden Griinden wie das andre; 
es konnte revidiert werden von denen, die das soziale 
Leben nach Marxens und seines Freundes Engels Tode von 
anderem Gesichtspunkte ansahen als diese Fiihrer. Von dem 
Inhalte dieses Systems will ich gar nicht sprechen. Der 
scheint mir nicht als das Bedeutungsvolle in der modernen 
proletarischen Bewegung. Das Bedeutungsvollste erscheint 
mir, dafi die Tatsache vorliegt: Innerhalb der Arbeiterschaft 
wirkt als machtigster Impuls ein Gedankensystem. Man 
kann geradezu die Sache in der folgenden Art aussprechen: 
Eine praktische Bewegung, eine reine Lebensbewegung mit 
alleralltaglichsten Menschheitsforderungen stand noch nie- 
mals so fast ganz allein auf einer rein gedanklichen Grund- 
lage wie diese moderneProletarierbewegung. Sie ist gewisser- 
mafien sogar die erste derartige Bewegung in der Welt, 
die sich rein auf eine wissenschaftliche Grundlage gestellt 
hat. Diese Tatsache mufi aber richtig angesehen werden. 
Wenn man alles dasjenige ansieht, was der moderne Prole- 
tarier iiber sein eigenes Meinen und Wollen und Empfinden 
bewulk zu sagen hat, so scheint einem das programmafiig 
Ausgesprochene bei eindringlicher Lebensbeobachtung durch- 
aus nicht als das Wichtige. 

Als wirklich wichtig aber mufi erscheinen, dafi im Prole- 
tarierempfmden fiir den ganzen Menschen entscheidend 
geworden ist, was bei andern Klassen nur in einem einzelnen 
Gliede ihres Seelenlebens verankert ist: die Gedanken- 
grundlage der Lebensgesinnung. Was im Proletarier auf 
diese Art innere Wirklichkeit ist, er kann es nicht bewufit 
zugestehen. Er ist von diesem Zugestandnis abgehalten da- 
durch, dafi ihm das Gedankenleben als Ideologic uberlief ert 



worden ist. Er baut in Wirklichkeit sein Leben auf die Ge- 
danken; empfindet diese aber als unwirkliche Ideologic 
Nicht anders kann man die proletarische Lebensauffassung 
und ihre Verwirklichung durch die Handlungen ihrer Tra- 
ger verstehen, als indem man diese Tatsache in ihrer vollen 
Tragweite innerhalb der neueren Menschheitsentwickelung 
durchschaut. 

Aus der Art, wie in dem Vorangegangenen das geistige 
Leben des modernen Proletariers geschildert worden ist, 
kann man erkennen, dafi in der Darstellung der wahren 
Gestalt der proletarisch-sozialen Bewegung die Kennzeich- 
nung dieses Geisteslebens an erster Stelle ersdieinen mufi. 
Denn es ist wesentlich, dafi der Proletarier die Ursachen 
der ihn nidit befriedigenden sozialen Lebenslage so empfin- 
det und nach ihrer Beseitigung in einer solchen Art strebt, 
daJS Empfindung und Streben von diesem Geistesleben die 
Riditung empfangt. Und doch kann er gegenwartig nodi 
gar nidht anders als die Meinung spottend oder zornig 
ablehnen, dafi indiesen geistigen Untergriinden der sozialen 
Bewegung etwas liegt, was eine bedeutungsvolle treibende 
Kraft darstellt. Wie sollte er einsehen, dal5 das Geistesleben 
eine ihn treibende Macht hat, da er es doch als Ideologie 
empfinden mufi? Von einem Geistesleben, das so empfun- 
den wird, kann man nicht erwarten, daft es den Ausweg 
aus einer sozialen Lage findet, die man nicht weiter er- 
tragen will. Aus seiner wissenschaftlich orientierten Den- 
kungsart ist dem modernen Proletarier nicht nur die Wissen- 
schaft selbst, sondern es sind ihm Kunst, Religion, Sitte, 
Recht zu Bestandteilen der menschlichen Ideologie gewor- 
den. Er sieht in dem, was in diesen Zweigen des Geistes- 
lebens waltet, nichts von einer in seinDasein hereinbrechen- 



den Wirklichkeit, die zu dem materiellen Leben etwas 
hinzufiigen kann. Ihm sind sie nur Abglanz oder Spiegel- 
biid dieses materiellen Lebens. Mogen sie immerhin, wenn 
sie entstanden sind, auf demUmwege durch das menschliche 
Vorstellen oder durch ihre Auf nahme in die Willensimpulse 
auf das materielle Leben wieder gestaltend zuriickwirken: 
Urspriinglich steigen sie als ideologische Gebilde aus diesem 
Leben auf. Nicht sie konnen von sich aus etwas geben, das 
zur Behebung der sozialen Schwierigkeiten fuhrt. Nur inner- 
halb der materiellen Tatsachen selbst kann etwas entstehen, 
was zum Ziele geleitet. 

Das neuere Geistesleben ist von den fiihrenden Klassen 
der Menschheit an die proletarische Bevolkerung in einer 
Form iibergegangen, die seine Kraft fur das Bewufksein 
dieser Bevolkerung ausschaltet. Wenn an die Krafte gedacht 
wird, welche der sozialen Frage die Losung bringen konnen, 
so mufi dies vor allem andern verstanden werden. BHebe 
diese Tatsache weiter wirksam, so miifite sich das Geistes- 
leben der Menschheit zur Ohnmacht verurteilt sehen gegen- 
iiber den sozialen Forderungen der Gegenwart und Zu- 
kunft. Von dem Glauben an diese Ohnmacht ist in der Tat 
ein grofier Teil des modernen Proletariats uberzeugt; und 
diese Uberzeugung wird aus marxistischen oder ahnlichen 
Bekenntnissen heraus zum Ausdruck gebracht. Man sagt, 
das moderne Wirtschaftsleben hat aus seinen altern Formen 
heraus die kapitalistische der Gegenwart entwickelt. Diese 
Entwickelung hat das Proletariat in eine ihm unertragliche 
Lage gegeniiber dem Kapitale gebracht. Die Entwickelung 
werde weitergehen; sie werde den Kapitalismus durch die 
in ihm selbst wirkenden Krafte ertoten, und aus dem Tode 
des Kapitalismus werde die Befreiung des Proletariats er- 



stehen. Diese Oberzeugung ist von neueren sozialistisdien 
Denkern des fatalistisdien Charakters entkleidet worden, 
den sie fur einen gewissen Kreis von Marxisten angenom- 
men hat. Aber das Wesentliche ist audi da geblieben. Dies 
driickt sich darinnen aus, dafi es dem, der gegenwartig edit 
sozialistisch denken will, nicht beif alien wird, zu sagen: 
Wenn irgendwo ein aus den Impulsen der Zeit heraus- 
geholtes, in einer geistigen Wirklichkeit wurzelndes, die 
Menschen tragendes Seelenleben sich zeigt, so wird von 
diesem die Kraft ausstrahlen konnen, die audi der sozialen 
Bewegung den rechten Antrieb gibt. 

Dafi der zur proletarischen Lebensfiihrung gezwungene 
Mensch der Gegenwart gegeniiber dem Geistesleben dieser 
Gegenwart eine solche Erwartung nicht hegen kann, das 
gibt seiner Seele die Grundstimmung. Er bedarf eines Gei- 
steslebens, von dem die Kraft ausgeht, die seiner Seele die 
Empfindung von seiner Menschenwiirde verleiht. Denn als 
er in die kapitalistische Wirtschaftsordnung der neueren 
Zeit hineingespannt worden ist, wurde er mit den tiefsten 
Bediirfnissen seiner Seele auf ein solches Geistesleben hin- 
gewiesen. Dasjenige Geistesleben aber, das ihm die fuhren- 
den Klassen als Ideologic iiberlieferten, hohlte seine Seele 
aus. Dafi in den Forderungen des modernen Proletariats 
die Sehnsucht nach einem andern Zusammenhang mit dem 
Geistesleben wirkt, als ihm die gegenwartige Gesellschafts- 
ordnung geben kann: dies gibt der gegenwartigen sozialen 
Bewegung die richtende Kraft. Aber diese Tatsache wird 
weder von dem nicht proletarischen Teile der Menschheit 
richtig erfafit, noch von dem proletarischen. Denn der nicht 
proletarische leidet nicht unter dem ideologischen Geprage 
des modernen Geisteslebens, das er selbst herbeigefuhrt hat. 



Der proletarische Teil leidet darunter. Aber dieses ideolo- 
gische Geprage des ihm vererbten Geisteslebens hat ihm den 
Glauben an die tragende Kraft des Geistesgutes als solchen 
geraubt. Von der rechten Einsicht in diese Tatsache hangt 
das Auffinden eines Weges ab, der aus den Wirren der 
gegenwartigen sozialen Lage der Menschheit herausfuhren 
kann. Durch die gesellsdbaftlidie Ordnung, welche unter 
dem Einflufi der fuhrenden Menschenklassen beim Herauf- 
kommen der neueren Wirtschaftsform entstanden ist, ist 
der Zugang zu einem solchen Wege verschlossen worden. 
Man wird die Kraft gewinnen mussen, ihn zu offnen. 

Man wird auf diesem Gebiete zum Umdenken dessen 
kommen, was man gegenwartig denkt, wenn man das Ge- 
wicht der Tatsache wird richtig empfinden lernen, da& ein 
gesellschaftliches Zusammenleben der Menschen, in dem das 
Geistesleben als Ideologie wirkt, eine der Krafte entbehrt, 
welche den sozialen Organismus lebensfahig machen. Der 
gegenwartige krankt an der Ohnmacht des Geisteslebens. 
Und die Krankheit wird verschlimmert durch die Abnei- 
gung, ihr Bestehen anzuerkennen. Durch die Anerkennung 
dieser Tatsache wird man eine Grundlage gewinnen, auf 
der sich ein der sozialen Bewegung entsprechendes Denken 
entwickeln kann. 

Gegenwartig vermeint der Proletarier eine GrundkrafT: 
seiner Seele zu trefTen, wenn er von seinem Klassenbewuflt- 
sein redet. Doch die Wahrheit ist, daiS er seit seiner Ein- 
spannung in die kapitalistische "Wirtschaftsordnung nach 
einem Geistesleben sucht, das seine Seele tragen kann, das 
ihm das Bewufttsein seiner Menschenwiirde gibt; und dafi 
ihm das als ideologisch empfundene Geistesleben dieses 
Bewufttsein nicht entwickeln kann. Er hat nach diesem 



Bewulksein gesucht, und er hat, was er nicht finden konnte, 
durch das aus dem Wirtschaftsleben geborene Klassenbe- 
wufitsein ersetzt. 

Sein Blick ist wie durch eine machtige suggestive Kraft 
blofi hingelenkt worden auf das Wirtschaftsleben. Und nun 
glaubt er nidit mehr, daft anderswo, in einem Geistigen 
oder Seelischen, ein Anstoft liegen konne zu dem, was not- 
wendig eintreten miiftte auf dem Gebiete der sozialen 
Bewegung. Er glaubt allein, daft durch die Entwickelung des 
ungeistigen, unseelischen Wirtschaftslebens der Zustand her- 
beigefiihrt werden konne, den er als den menschenwurdigen 
empflndet. So wurde er dazu gedrangt, sein Heil allein in 
einer Umgestaltung des Wirtschaftslebens zu suchen. Zu der 
Meinung wurde er gedrangt, daft durch blofte Umgestaltung 
des Wirtschaftslebens verschwinden werde all der Schaden, 
der herriihrt von der privaten Unternehmung, von dem 
Egoismus des einzelnen Arbeitgebers und von der Unmog- 
lichkeit des einzelnen Arbeitgebers, gerecht zu werden den 
Anspriichen auf Menschen wiirde, die im Arbeitnehmer leben. 
So kam der moderne Proletarier dazu, das einzige Heil des 
sozialen Organismus zu sehen in der Uberfiihrung alien 
Privatbesitzes an Produktionsmitteln in gemeinschafllichen 
Betrieb oder gar gemeinschaftliches Eigentum. Eine solche 
Meinung ist dadurch entstanden, daft man gewissermafien 
den Blick abgelenkt hat von allem Seelischen und Geistigen 
und ihn nur hingerichtet hat auf den rein okonomischen 
Prozefi. 

Dadurch stellte sich all das Widerspruchsvolle ein, das in 
der modernen proletarischen Bewegung liegt. Der moderne 
Proletarier glaubt, dafi aus der Wirtschaft, aus dem Wirt- 
schaftsleben selbst sich alles entwickeln musse, was ihm zu- 



letzt sein voiles Menschenrecht geben werde. Um dies voile 
Menschenrecht kampft er. Allein innerhalb seines Strebens 
tritt etwas auf, was eben niemals aus dem wirtschaftlichen 
Leben allein als eine Folge auftreten kann. Das ist eine 
bedeutende, eine eindringliche Sprache redende Tatsache, 
dafi geradezu im Mittelpunkte der verschiedenen Gestal- 
tungen der sozialen Frage aus den Lebensnotwendigkeiten 
der gegenwartigen Menschheit heraus etwas liegt, von dem 
man glaubt, dafi es aus dem Wirtschaftsleben selbst hervor- 
gehe, das aber niemals aus diesem allein entspringen konnte, 
das vielmehr in der geraden Fortentwickelungslinie liegt, 
die uber das alte Sklavenwesen durch das Leibeigenen- 
wesen der Feudalzeit zu dem modernen Arbeitsproletariat 
herauffuhrt. Wie auch fur das moderne Leben die Waren- 
zirkulation, die Geldzirkulation, das Kapitalwesen, der 
Besitz, Wesen von Grund und Boden und so weiter sich 
gestaltet haben, innerhalb dieses modernen Lebens hat sich 
etwas herausgebildet, das nicht deutlich ausgesprochen wird, 
auch von dem modernen Proletarier nicht bewufk empfun- 
den wird, das aber der eigentliche Grundimpuls seines so- 
zialen Wollens ist. Es ist dieses: Die moderne kapitalistische 
Wirtschaftsordnung kennt im Grunde genommen nur Ware 
innerhalb ihres Gebietes. Sie kennt Wertbildung dieser 
Waren innerhalb des wirtschaftlichen Organismus. Und es 
ist geworden innerhalb des kapitalistischen Organismus der 
neueren Zeit etwas zu einer Ware, von dem heute der Pro- 
letarier empfindet: es darf nicht Ware sein. 

Wenn man einmal einsehen wird, wie stark als einer der 
Grundimpulse der ganzen modernen proletarischen sozialen 
Bewegung in den Instinkten, in den unterbewufiten Empfin- 
dungen des modernen Proletariers ein Abscheu davor lebt, 



dafi er seine Arbeitskraft dem Arbeitgeber ebenso verkaufen 
mufi, wie man auf dem Markte Waren verkauft, der Ab- 
sdieu davor, dafi auf dem Arbeitskraftemarkt nach An- 
gebot und Nachfrage seine Arbeitskraft ihre Rolle spielt, 
wie die Ware auf dem Markte unter Angebot und Nach- 
frage, wenn man darauf kommen wird, welche Bedeutung 
dieser Abscheu vor der Ware Arbeitskraft in der modernen 
sozialen Bewegung hat, wenn man ganz unbefangen dar- 
auf blicken wird, daift, was da wirkt, auch nicht eindringlich 
und radikal genug von den sozialistischen Theorien aus- 
gesprochen wird, dann wir man zu dem ersten Impuls, dem 
ideologisch empfundenen Geistesleben, den zweiten gefun- 
den haben, von dem gesagt werden mull, dafi er heute die 
soziale Frage zu einer drangenden, ja brennenden macht. 

Im Altertum gab es Sklaven. Der game Mensch wurde 
wie eine Ware verkauft. Etwas weniger vom Menschen, 
aber doch eben ein Teil des Menschenwesens selber wurde 
in den Wirtschaftsprozefi eingegliedert durch die Leibeigen- 
schaft. Der Kapitalismus ist die Macht geworden, die noch 
einem Rest des Menschenwesens den Charakter der Ware 
aufdriickt: der Arbeitskraft. Ich will hier nicht sagen, dafi 
diese Tatsache nicht bemerkt worden sei. Im Gegenteil, sie 
wird im sozialen Leben der Gegenwart als eine fundamen- 
tal Tatsache empfunden. Sie wird als etwas gefiihlt, was 
gewichtig in der modernen sozialen Bewegung wirkt. Aber 
man lenkt, indem man sie betrachtet, den Blick lediglich auf 
dasWirtschaflsleben. Man macht die Frage iiber denWaren- 
charakter zu einer blofien Wirtschaftsfrage. Man glaubt, 
dafi aus dem Wirtschaftsleben heraus selbst die Krafte kom- 
men miissen, welche einen Zustand herbeifuhren, durch den 
der Proletarier nicht mehr die Eingliederung seiner Arbeits- 



kraft in den sozialen Organismus als seiner unwiirdig emp- 
findet. Man sieht, wie die moderne Wirtschaflsform in der 
neueren geschichtlichen Entwickelung der Menschheit her- 
aufgezogen ist. Man sieht audi, dafi diese Wirtschaflsform 
der menschlichen Arbeitskrafl den Charakter der Ware auf- 
gepragt hat. Aber man sieht nicht, wie es im Wirtschafts- 
leben selbst liegt, da$ alles ihm Eingegliederte zur Ware 
werden mufi. In der Erzeugung und in dem zweckmafiigen 
Verbrauch von Waren besteht das Wirtschaftsleben. Man 
kann nicht die menschliche Arbeitskrafl des Warencharak- 
ters entkleiden, wenn man nicht die Moglichkeit findet, sie 
aus dem Wirtschaflsprozefi herauszureifien. Nicht darauf 
kann das Bestreben gerichtet sein, den Wirtschaftsprozefi so 
umzugestalten, dafi in ihm die menschliche Arbeitskrafl zu 
ihrem Rechte kommt, sondern darauf : Wie bringt man diese 
Arbeitskrafl aus dem Wirtschaflsprozefi heraus, um sie von 
sozialen Kraften bestimmen zu lassen, die ihr den Waren- 
charakter nehmen? Der Proletarier ersehnt einen Zustand 
des Wirtschaflslebens, in dem seine Arbeitskrafl ihre ange- 
messene Stellung einnimmt. Er ersehnt ihn deshalb, weil er 
nicht sieht, dafi der Warencharakter seiner Arbeitskrafl 
wesentlich von seinem volligen Eingespanntsein in den 
Wirtschaftsprozefi herriihrt. Dadurch, dafi er seine Arbeits- 
krafl diesem Prozefi iiberliefern mufi, geht er mit seinem 
ganzen Menschen in demselben auf . Der WirtschaflsprozefS 
strebt so lange durch seinen eigenen Charakter danach, die 
Arbeitskrafl in der zweckmafiigsten Art zu verbrauchen, 
wie in ihm Waren verbraucht werden, so lange man die 
Regelung der Arbeitskrafl in ihm liegen lafit. Wie hypnoti- 
siert durch die Macht des modernen Wirtschaflslebens, richtet 
man den Blick allein auf das, was in diesem wirken kann. 



Man wird durch diese Blickrichtung nie finden, wie Arbeits- 
kraft nicht mehr Ware zu sein braucht. Denn eine andere 
Wirtschaftsf orm wird diese Arbeitskr aft nur in einer andern 
Art zur Ware machen. Die Arbeitsfrage kann man nicht 
in ihrer wahren Gestalt zu einem Teile der sozialen Frage 
machen, solange man nicht sieht, dafi im Wirtschaftsleben 
Warenerzeugung, Warenaustausch und Warenkonsumtion 
nach Gesetzen vor sich gehen, die durch Interessen bestimmt 
werden, deren Machtbereich nicht iiber die menschliche 
Arbeitskraft ausgedehnt werden soil. 

Das neuzeitliche Denken hat nicht trennen gelernt die 
ganz verschiedenen Arten, wie sich auf der einen Seite das- 
jenige in das Wirtschaftsleben eingliedert, was als Arbeits- 
kraft an den Menschen gebunden ist, und auf der andern 
Seite dasjenige, was, seinem Ursprunge nach, unverbunden 
mit dem Menschen auf den Wegen sich bewegt, welche die 
Ware nehmen mufi von ihrer Erzeugung bis zu ihrem Ver- 
brauch. Wird sich durch eine in dieser Richtung gehende 
gesunde Denkungsart die wahre Gestalt der Arbeitsfrage 
einerseits zeigen, so wird anderseits sich durch diese Denk- 
art auch erweisen, welche Stellung das Wirtschaftsleben im 
gesunden sozialen Organismus einnehmen soil. 

Man sieht schon hieraus, daft die «soziale Frage» sich in 
drei besondere Fragen gliedert. Durch die erste wird auf 
die gesunde Gestalt des Geisteslebens im sozialen Organis- 
mus zu deuten sein; durch die zweite wird das Arbeitsver- 
haltnis in seiner rechten Eingliederung in das Gemeinschafts- 
leben zu betrachten sein; und als drittes wird sich ergeben 
konnen, wie das Wirtschaftsleben in diesem Leben wirken 
soli. 



II. 



DIE VOM LEBEN GEFORDERTEN WIRKLICH- 
KEITSGEMASSEN LOSUNGS VERSUCHE FOR DIE 
SOZIALEN FRAGEN UND NOTWENDIGKE ITEN 

Man kann das Charakteristische, das gerade zu der beson- 
dern Gestalt der sozialen Frage in der neueren Zeit gefuhrt 
hat, wohl so aussprechen, daft man sagt: Das Wirtschafts- 
leben, von der Technik getragen, der moderne Kapitalismus, 
sie haben mit einer gewissen naturhaften Selbstverstandlich- 
keit gewirkt und die moderne Gesellschaft in eine gewisse 
innere Ordnung gebracht. Neben der Inanspruchnahme der 
menschlichen Aufmerksamkeit fur dasjenige, was Technik 
und Kapitalismus gebracht haben, ist die Aufmerksamkeit 
abgelenkt worden fiir andere Zweige, andere Gebiete des 
sozialen Organismus. Diesen mufi ebenso notwendig vom 
menschlichen Bewufttsein aus die rechte Wirksamkeit 
angewiesen werden, wenn der soziale Organismus gesund 
sein soil. 

Ich darf, um dasjenige, was hier gerade als treibende Im- 
pulse einer umfassenden, allseitigen Beobachtung iiber die 
soziale Frage charakterisiert werden soil, deutlich zu sagen, 
vielleicht von einem Vergleich ausgehen. Aber eswirdzube- 
achten sein, daft mit diesem Vergleich nichts anderes gemeint 
sein soil als eben ein Vergleich. Ein solcher kann unter- 
stiitzen das menschliche Verstandnis, um es gerade in die- 
jenige Richtung zu bringen, welche notwendig ist, um sich 
Vorstellungen zu machen iiber die Gesundung des sozialen 
Organismus. Wer von dem hier eingenommenen Gesichts- 
punkt betrachten muft den kompliziertesten natiirlichen 



Organismus, den menschlichen Organismus, der muE seine 
Aufmerksamkeit darauf richten, daft die ganze Wesenheit 
dieses menschlichen Organismus drei nebeneinander wirk- 
same Systeme aufzuweisen hat, von denen jedes mit einer 
gewissen Selbstandigkeit wirkt. Diese drei nebeneinander 
wirksamen Systeme kann man etwa in folgender Weise 
kennzeichnen. Im menschlichen natiirlichen Organismus 
wirkt als ein Gebiet dasjenige System, welches in sich 
schliefit Nervenleben und Sinnesleben. Man konnte es auch 
nach dem wichtigsten Gliede des Organismus, wo Nerven- 
und Sinnesleben gewissermafien zentralisiert sind, den Kopf- 
organismus nennen. 

Als zweites Glied der menschlichen Organisation hat man 
anzuerkennen, wenn man ein wirkliches Verstandnis f iir sie 
erwerben will, das, was ich nennen mochte das rhythmische 
System. Es besteht aus Atmung, Blutzirkulation, aus all 
dem, was sich ausdriickt in rhythmischen Vorgangen des 
menschlichen Organismus. 

Als drittes System hat man dann anzuerkennen alles, was 
als Organe und Tatigkeiten zusammenhangt mit dem eigent- 
lichen Stoffwechsel. 

In diesen drei Systemen ist enthalten alles dasjenige, was 

in gesunder Art unterhalt, wenn es aufeinander organisiert 

ist, den Gesamtvorgang des menschlichen Organismus"*. 

* Die hier gemeinte Gliederung ist nicht eine solche nach raumlich 
abgrenzbaren Leibesgliedern, sondern eine solche nach Tatigkeiten 
(Funktionen) des Organismus. «Kopforganismus» ist nur zu gebrau- 
chen, wenn man sich bewufit ist, dafi im Kopfe in erster Linie das 
Nerven-Sinnesleben zentralisiert ist. Doch ist natiirlich im Kopfe auch 
die rhythmische und die Stoffwechseltatigkeit vorhanden, wie in den 
andern Leibesgliedern die Nerven-Sinnestatigkeit vorhanden ist. 
Trotzdem sind die drei Arten der Tatigkeit ihrer Wesenheit nach 
streng voneinander geschieden. 



Ich habe versucht, in vollem Einklange mit all dem, was 
naturwissenschaftliche Forschung schon heute sagen kann, 
diese DreigHederung des menschlichen natiirlichen Orga- 
nismus wenigstens zunachst skizzenweise in meinem Buche 
«Von Seelenratseln» zu charakterisieren. Ich bin mir klar 
dariiber, dafi Biologie, Physiologie, die gesamte Natur- 
wissenschaft mit Bezug auf den Menschen in der allernach- 
sten Zeit zu einer solchen Betrachtung des menschlidien 
Organismus hindrangen werden, welche durchschaut, wie 
diese drei Glieder — Kopf system, Zirkulationssystem oder 
Brustsystem und Stoffwechselsystem-dadurch den Gesamt- 
vorgang im menschlichen Organismus aufrechterhalten, dafi 
sie in einer gewissen Selbstandigkeit wirken, dafi nicht eine 
absolute Zentralisation des menschlichen Organismus vor- 
liegt, daE auch jedes dieser Systeme ein besonderes, fiir sich 
bestehendes Verhaltnis zur Auftenwelt hat. Das Kopf system 
durch die Sinne, das Zirkulationssystem oder rhythmische 
System durch die Atmung, und das Stoffwechselsystem 
durch die Ernahrungs- und Bewegungsorgane. 

Man ist mit Bezug auf naturwissenschaftliche Methoden 
noch nicht ganz so weit, um dasjenige, was ich hier an- 
gedeutet habe, was aus geisteswissenschaftlichen Unter- 
griinden heraus fiir die Naturwissenschaft von mir zu 
verwerten gesucht worden ist, auch schon innerhalb der 
naturwissenschaftlichen Kreise selbst zur allgemeinen An- 
erkennung in einem solchen Grade zu bringen, wie das 
wiinschenswert fiir den Erkenntnisfortschritt erscheinen 
kann. Das bedeutet aber: Unsere Denkgewohnheiten, 
unsere ganze Art, die Welt vorzustellen, ist noch nicht voll- 
standig angemessen dem, was zum Beispiel im mensch- 
lichen Organismus sich als die innere Wesenheit des Natur- 



wirkens darstellt. Man konnte nun wohl sagen: Nun ja, die 
Naturwissenschaft kann warten, sie wird nach und nach 
ihren Idealen zueilen, sie wird schon dahin kommen, soldi 
eine Betrachtungsweise als die ihrige anzuerkennen. Aber 
mit Bezug auf die Betrachtung und namentlich das Wirken 
des sozialen Organismus kann man nicht warten. Da mufi 
nicht nur bei irgendwelchen Fachmannern, sondern da mufi 
in jeder Menschenseele - denn jede Menschenseele nimmt 
teil an der Wirksamkeit fiir den sozialen Organismus - 
wenigstens eine instinktive Erkenntnis von dem vor- 
handen sein, was diesem sozialen Organismus notwendig 
ist. Ein gesundes Denken und Empfinden, ein gesundes 
Wollen und Begehren mit Bezug auf die Gestaltung des 
sozialen Organismus kann sich nur entwickeln, wenn man, 
sei es audi mehr oder weniger bloft instmktiv, sich klar 
dariiber ist, dafi dieser soziale Organismus, soil er gesund 
sein, ebenso dreigliedrig sein mufS wie der naturliche Or- 
ganismus. 

Es ist nun, seit Schaffle sein Buch geschrieben hat uber 
den Bau des sozialen Organismus, versucht worden, Ana- 
logien aufzusuchen zwischen der Organisation eines Natur- 
wesens — sagen wir, der Organisation des Menschen - und 
der menschlichen Gesellschaft als soldier. Man hat f eststellen 
wollen, was im sozialen Organismus die Zelle ist, was 
Zellengefuge sind, was Gewebe sind und so weiter! Noch 
vor kurzem ist ja ein Buch erschienen von Meray, « Welt- 
mutation^ in dem gewisse naturwissenschafHiche Tatsachen 
und naturwissenschafHiche Gesetze einfach iibertragen wer- 
den auf - wie man meint - den menschlichen Gesellschafts- 
organismus. Mit all diesen Dingen, mit all diesen Analogie- 
Spielereien hat dasjenige, was hier gemeint ist, absolut 



nichts zu tun. Und wer meint, audi in diesen Betrachtungen 
werde ein solches Analogienspiel zwischen dem naturlichen 
Organismus und dem gesellschaftlichen getrieben, der wird 
dadurch nur beweisen, da£ er nicht in den Geist des hier 
Gemeinten eingedrungen ist. Denn nicht wird hier ange- 
strebt, irgendeine fur naturwissenschaftliche Tatsachen 
passendeWahrheit heriiber zu verpflanzen auf den sozialen 
Organismus; sondern das vollig andere, daE das menschliche 
Denken, das menschliche Empfinden lerne, das Lebens- 
mogliche an der Betrachtung des naturgema£en Organismus 
zu empfinden und dann diese Empfindungsweise anwenden 
konne auf den sozialen Organismus. Wennmaneinfachdas, 
was man glaubt gelernt zu haben am naturlichen Organis- 
mus, iibertragt auf den sozialen Organismus, wie es oft 
geschieht, so zeigt man damit nur, daft man sich nicht die 
Fahigkeiten aneignen will, den sozialen Organismus ebenso 
selbstandig, ebenso fiir sich zu betrachten, nach dessen 
eigenen Gesetzen zu forschen, wie man dies notig hat fiir 
das Verstandnis des naturlichen Organismus. In dem Augen- 
blicke, wo man wirklich sich objektiv, wie sich der Natur- 
forscher gegeniiberstellt dem naturlichen Organismus, dem 
sozialen Organismus in seiner Selbstandigkeit gegeniiber- 
stellt, um dessen eigene Gesetze zu empfinden, in diesem 
Augenblicke hort gegeniiber dem Ernst der Betrachtung 
jedes Analogiespiel auf. 

Man konnte audi denken, der hier gegebenenDarstellung 
liege der Glaube zugrunde, der soziale Organismus solle 
von einer grauen, der Naturwissenschaft nachgebildeten 
Theorie aus «aufgebaut» werden. Das aber liegt dem, 
wovon hier gesprochen wird, so feme wie nur moglich. Auf 
ganz anderes soil hingedeutet werden. Die gegenwartige 



geschichtliche Menschheitskrisis fordert, dafi gewisse Emp- 
findungen entstehen in jedem einzelnen Menschen, dafi die 
Anregung zu diesen Empfindungen von dem Erziehungs- 
und Schulsystem so gegeben werde, wie diejenige zur 
Erlernung der vier Rechnungsarten. Was bisher ohne die 
bewulke Aufnahme in das menschliche Seelenleben die 
alten Formen des sozialen Organismus ergeben hat, das 
wird in der Zukunft nicht mehr wirksam sein. Es gehort zu 
den Entwickelungsimpulsen, die von der Gegenwart an neu 
in das Menschenleben eintreten wollen, dafi die angedeu- 
teten Empfindungen von dem einzelnen Menschen so gefor- 
dert werden, wie seit langem eine gewisse Schulbildung 
gefordert wird. Dafi man gesund empfinden lernen miisse, 
wie die Krafte des sozialen Organismus wirken sollen, 
damit dieser lebensfahig sich erweist, das wird, von der 
Gegenwart an, von dem Menschen gefordert. Man wird 
sich ein Gefiihl davon aneignen miissen, dafi es ungesund, 
antisozial ist, nicht sich mit solchen Empfindungen in diesen 
Organismus hineinstellen zu wollen. 

Man kann heute von «Sozialisierung» als von dem reden 
horen, was der Zeit notig ist. Diese Sozialisierung wird kein 
Heilungsprozel$, sondern ein Kurpf uscherprozefi am sozialen 
Organismus sein, vielleicht sogar ein Zerstorungsprozefi, 
wenn nicht in die menschlichen Herzen, in die menschlichen 
Seelen einzieht wenigstens die instinktive Erkenntnis von 
der Notwendigkeit der Dreigliederung des sozialen Orga- 
nismus. Dieser soziale Organismus mufi, wenn er gesund 
wirken soil, drei solche Glieder gesetzmafiig ausbilden. 

Eines dieser Glieder ist das Wirtschaflsleben. Hier soil 
mit seiner Betrachtung begonnen werden, weil es sich ja 
ganz augenscheinlich, alles iibrige Leben beherrschend, durch 



die moderne Technik und den modernen Kapitalismus in 
die menschliche Gesellschaft hereingebildet hat. Dieses 
okonomische Leben mufi ein selbstandiges Glied fur sich 
innerhalb des sozialen Organismus sein, so relativ selb- 
standig, wie das Nerven-Sinnes-System im menschlichen 
Organismus relativ selbstandig ist. Zu tun hat es dieses 
Wirtschaftsleben mit all dem, was Warenproduktion, 
Warenzirkulation, Warenkonsum ist. 

Als zweites Glied des sozialen Organismus ist zu betrach- 
ten das Leben des offentlichen Rechtes, das eigentliche 
politische Leben. Zu ihm gehort dasjenige, das man imSinne 
des alten Rechtsstaates als das eigentliche Staatsleben 
bezeichnen konnte. Wahrend es das Wirtschaftsleben mit all 
dem zu tun hat, was der Mensch braucht aus der Natur und 
aus seiner eigenen Produktion heraus, mit Waren, Waren- 
zirkulation und Warenkonsum, kann es dieses zweite Glied 
des sozialen Organismus nur zu tun haben mit all dem, was 
sich aus rein menschlichen Untergriinden heraus auf das 
Verhaltnis des Menschen zum Menschen bezieht. Es ist 
wesentlich fur die Erkenntnis der Giieder des sozialen 
Organismus, dafi man weifi, welcher Unterschied besteht 
zwischen dem System des offentlichen Rechtes, das es nur 
zu tun haben kann aus menschlichen Untergriinden heraus 
mit dem Verhaltnis von Mensch zu Mensch, und dem Wirt- 
schafts-Sy stem, das es nur zu tun hat mit Warenproduktion, 
Warenzirkulation, Warenkonsum. Man mufi dieses im 
Leben empfindend unterscheiden, damit sich als Folge dieser 
Empfindung das Wirtschafts- von dem Rechtsleben scheidet, 
wie im menschlichen natiirlichen Organismus die Tatigkeit 
der Lunge zur Verarbeitung der aufieren Luft sich abscheidet 
von den Vorgangen im Nerven-Sinnesleben. 



Als drittes Glied, das ebenso selbstandig sich neben die 
beiden andern Glieder hinstellen mufi, hat man im sozialen 
Organismus das aufzufassen, was sich auf das geistige Leben 
bezieht. Noch genauer konnte man sagen, weil vielleicht die 
Bezeichnung « geistige Kultur» oder alles das, was sich auf 
das geistige Leben bezieht, durchaus nicht ganz genau ist: 
alles dasjenige, was beruht auf der natiirlichen Begabung 
des einzelnen menschlichen Individuums, was hineinkommen 
mufi in den sozialen Organismus auf Grundlage dieser 
natiirlichen, sowohl der geistigen wie der physischen 
Begabung des einzelnen menschlichen Individuums. Das 
erste System, das Wirtschaftssystem, hat es zu tun mit all 
dem, was da sein mufi, damit der Mensch sein materielles 
Verhaltnis zur Aufienwelt regeln kann. Das zweite System 
hat es zu tun mit dem, was da sein muE im sozialen Orga- 
nismus wegen des Verhaltnisses von Mensch zu Mensch. 
Das dritte System hat zu tun mit all dem, was hervor- 
spriefien mufi und eingegliedert werden mufi in den sozialen 
Organismus aus der einzelnen menschlichen Individuality 
heraus. 

Ebenso wahr, wie es ist, dafi moderne Technik und 
moderner Kapitalismus unserm gesellschaftlichen Leben 
eigentlich in der neueren Zeit das Geprage gegeben haben, 
ebenso notwendig ist es, dafi diejenigen Wunden, die von 
dieser Seite her notwendig der menschlichen Gesellschaft 
geschlagen worden sind, dadurch geheilt werden, dafi man 
den Menschen und das menscbliche Gemeinschaftsleben in 
ein richtiges Verhaltnis bringt zu den drei Gliedern dieses 
sozialen Organismus. Das Wirtschaftsleben hat einfach 
durch sich selbst in der neueren Zeit ganz bestimmte Formen 
angenommen. Es hat durch eine einseitige Wirksamkeit in 



das menschliche Leben sich besonders machtvoll herein- 
gestellt. Die andern beiden Glieder des sozialen Lebens sind 
bisher nicht in der Lage gewesen, mit derselben Selbst- 
verstandlichkeit sich in der richtigen Weise nach ihren 
eigenen Gesetzen in den sozialen Organismus einzugliedern. 
Fiir sie ist es notwendig, dafi der Mensch aus den oben 
angedeuteten Empfindungen heraus die soziale Gliederung 
vornimmt, jeder an seinem Orte; an dem One, an dem er 
gerade steht. Denn im Sinne derjenigen Losungsversuche 
der sozialen Fragen, die hier gemeint sind, hat jeder einzelne 
Mensch seine soziale Aufgabe in der Gegenwart und in der 
nachsten Zukunft. 

Dasjenige, was das erste Glied des sozialen Organismus 
ist, das Wirtschaftsleben, das ruht zunachst auf der Natur- 
grundlage geradeso, wie der einzelne Mensch mit Bezug auf 
dasjenige, was er fiir sich durch Lernen, durch Erziehung, 
durch das Leben werden kann, ruht auf der Begabung 
seines geistigen und korper lichen Organismus. Diese Natur- 
grundlage driickt einf ach dem Wirtschaftsleben und dadurch 
dem gesamten sozialen Organismus sein Geprage auf. Aber 
diese Naturgrundlage ist da, ohne daft sie durch irgendeine 
soziale Organisation, durch irgendeine Sozialisierung in 
urspriinglicher Art getroffen werden kann. Sie mull dem 
Leben des sozialen Organismus so zugrunde gelegt werden, 
wie bei der Erziehung des Menschen zugrunde gelegt werden 
mufi die Begabung, die er auf den verschiedenen Gebieten 
hat, seine naturliche korperliche und geistige Tuchtigkeit. 
Von jeder Sozialisierung, von jedem Versuche, dem mensch- 
lichen Zusammenleben eine wirtschaffcliche Gestaltung zu 
geben, mufi beriicksichtigt werden die Naturgrundlage. 
Denn aller Warenzirkulation und auch aller menschlichen 



Arbeit und audi jeglichem geistigen Leben liegt zugrunde 
als ein erstes elementarisches Urspriingliches dasjenige, was 
den Menschen kettet an ein bestimmtes Stuck Natur. Man 
mufi iiber den Zusammenhang des sozialen Organismus mit 
der Naturgrundlage denken, wie man mitBezug auf Lernen 
beim einzelnen Menschen denken mufi iiber sein Verhaltnis 
zu seiner Begabung. Man kann gerade sich dieses klar- 
machen an extremen Fallen. Man braucht zum Beispiel nur 
zu bedenken, dafi in gewissen Gebieten der Erde, wo die 
Banane ein naheliegendes Nahrungsmittel fur die Menschen 
abgibt, in Betracht kommt fiir das menschliche Zusammen- 
leben dasjenige an Arbeit, was aufgebracht werden muC, 
um die Banane von ihrer Ursprungsstatte aus an einen 
Bestimmungsort zu bringen und sie zu einem Konsummittel 
zu machen. Vergleicht man die menschliche Arbeit, die auf- 
gebracht werden mull, um die Banane fiir die menschliche 
Gesellschaft konsumfahig zu machen, mit der Arbeit, die 
aufgebracht werden mufi, etwa in unsern Gegenden Mittel- 
europas, um den Weizen konsumfahig zu machen, so ist die 
Arbeit, die fiir die Banane notwendig ist, gering gerechnet, 
eine dreihundertmal kleinere als beim "Weizen. 

Gewi£, das ist ein extremer Fall. Aber solche Unter- 
schiede mit Bezug auf das notwendige Mafi von Arbeit im 
Verhaltnis zu der Naturgrundlage sind auch da unter den 
Produktionszweigen, die in irgendeinem sozialen Organis- 
mus Europas vertreten sind, - nicht in dieser radikalen 
Verschiedenheit wie bei Banane und Weizen, aber sie sind 
als Unterschiede da. So ist es im Wirtschaftsorganismus 
begriindet, dafi durch das Verhaltnis des Menschen zur 
Naturgrundlage seines Wirtschaftens das Maft von Arbeits- 
kraft bedingt ist, das er in den Wirtschaftsprozefi hinein- 



tragen mufi. Und man braucht ja nur zum Beispiel zu ver- 
gleichen: in Deutschlan d, in Gegenden mit mittlerer Ertrags- 
fahigkeit, ist ungefahr das Ertragnis der Weizenkultur so, 
dafl das Sieben- bis Acbtfache der Aussaat einkommt durch 
die Ernte; in Chile kommt das Zwdlffacbe herein, in, Nord- 
mexiko kommt das Siebzebnfache ein, in Peru das Zwanzig- 
fache. (Vergleiche Jentsch, Volkswirtschaftslehre, S. 64.) 

Dieses ganze zusammengehorige Wesen, welches verlauft 
in Vorgangen, die beginnen mit dem Verhaltnis des Men- 
schen zur Natur, die sich fortsetzen in all dem, was der 
Mensch zu tun hat, um die Naturprodukte umzuwandeln 
und sie bis zur Konsumfahigkeit zu bringen, alle diese 
Vorgange und nur diese umschliefien fur einen gesunden 
sozialen Organismus sein Wirtschaftsglied. Dieses steht im 
sozialen Organismus wie das Kopfsystem, von dem die 
individuellen Begabungen bedingt sind, im menschlichen 
Gesamtorganismus drinnen steht. Aber wie dieses Kopf- 
system von dem Lungen-Herzsystem abhangig ist, so ist 
das Wirtschaftssystem von der menschlichen Arbeitsleistung 
abhangig. Wie nun aber der Kopf nicht selbstandig die 
Atemregelung hervorbringen kann, so sollte das mensch- 
liche Arbeitssystem nicht durch die im Wirtschaftsleben 
wirksamen Krafte selbst geregelt werden. 

In dem Wirtschaftsleben steht der Mensch durch seine 
Interessen darinnen. Diese haben ihre Grundlage in seinen 
seelischen und geistigen Bediirfnissen. Wie den Interessen 
am zweckmafiigsten entsprochen werden kann innerhalb 
eines sozialen Organismus, so daft der einzelne Mensch 
durch diesen Organismus in der bestmoglichen Art zur 
Befriedigung seines Inter esses kommt, und er auch in vor- 
teilhaf tester Art sich in die Wirtschaft hineinstellen kann: 



diese Frage mufi praktisdi in den Einrichtungen des Wirt- 
schaftskorpers gelost sein. Das kann nur dadurch sein, daft 
die Interessen sich wirklich frei geltend machen konnen 
und dafi audi der Wille und die Moglichkeit entstehen, das 
Notige zu ihrer Befriedigung zu tun. Die Entstehung der 
Interessen liegt aufierhalb des Kreises, der das Wirtschafts- 
leben umgrenzt. Sie bilden sich mit der Entfaltung des 
seelischen und natiirlichen Menschenwesens. Dafi Einrich- 
tungen bestehen, sie zu befriedigen, ist die Aufgabe des 
Wirtschaftslebens. Diese Einrichtungen konnen es mit nichts 
anderem zu tun haben als allein mit der Herstellung und 
dem Tausch von Waren, das heiftt von Gutern, die ihren 
Wert durch das menschliche Bediirfnis erhalten. Die Ware 
hat ihren Wert durch denjenigen, der sie verbraucht. Da- 
durch, daft die Ware ihren Wert durch den Verbraucher 
erhalt, steht sie in einer ganz anderen Art im sozialen Orga- 
nismus als anderes, das fur den Menschen als Angehorigen 
dieses Organismus Wert hat. Man sollte unbefangen das 
Wirtschaftsleben betrachten, in dessen Umkreis Waren- 
erzeugung, Warenaustausch und Warenverbrauch gehoren. 
Man wird den wesenhaflen Unterschied nicht Hop betrach- 
tend bemerken, welcher besteht zwischen dem Verhaltnis 
von Mensch zu Mensch, indem der eine fur den anderen 
Waren erzeugt, und demjenigen, das auf einem Rechts- 
verhaltnis beruhen mufi. Man wird von der Betrachtung 
zu der praktischen Forderung kommen, dafi im sozialen 
Organismus das Rechtsleben vollig von dem Wirtschafts- 
leben abgesondert gehalten werden mufi. Aus den Tatig- 
keiten, welche die Menschen innerhalb der Einrichtungen 
zu entwickeln haben, die der Warenerzeugung und dem 
Warenaustausch dienen, konnen sich unmittelbar nicht die 



moglichst besten Impulse ergeben fur die rechtlichen Ver- 
haltnisse, die unter den Menschen bestehen miissen. Inner- 
halb der Wimchaftseinrichtungen wendet sich der Mensch 
an den Menschen, well der eine dem Interesse des andern 
dient; grundverschieden davon ist die Beziehung, welche 
der eine Mensch zu dem andern innerhalb des Rechtslebens 
hat. 

Man konnte nun glauben, dieser vom Leben geforderten 
Unterscheidung ware schon Geniige geschehen, wenn inner- 
halb der Einrichtungen, die dem Wirtschaftsleben dienen, 
auch fur die Rechte gesorgt werde, welche in den Verhalt- 
nissen der in dieses Wirtschaftsleben hineingestellten Men- 
schen zueinander bestehen miissen. - Ein soldier Glaube 
hat seine Wurzeln nicht in der Wirklichkeit des Lebens. 
Der Mensch kann nur dann das Rechtsverhaltnis richtig 
erleben, das zwischen ihm und anderen Menschen bestehen 
mufi, wenn er dieses Verhaltnis nicht auf dem Wirtschafts- 
gebiet erlebt, sondern auf einem davon vollig getrennten 
Boden. Es mufi deshalb im gesunden sozialen Organismus 
neb en dem Wirtschaftsleben und in Selbstandigkeit ein 
Leben sich entfalten, in dem die Rechte entstehen und ver- 
waltet werden, die von Mensch zu Mensch bestehen. Das 
Rechtsleben ist aber dasjenige des eigentlichen politischen 
Gebietes, des Staates. Tragen die Menschen diejenigen 
Interessen, denen sie in ihrem Wirtschaftsleben dienen 
miissen, in die Gesetzgebung und Verwaltung des Rechts- 
staates hinein, so werden die entstehenden Rechte nur der 
Ausdruck dieser wirtschaftlichen Interessen sein. Ist der 
Rechtsstaat selbst Wirtschafter, so verliert er die Fahigkeit, 
das Rechtsleben der Menschen zu regeln. Denn seine Mafi- 
nahmen und Einrichtungen werden dem menschlichen 



Bediirfnisse nach War en dienen miissen; sie werden dadurch 
abgedrangt von den Impulsen, die auf das Rechtsleben 
gerichtet sind. 

Der gesunde soziale Organismus erfordert als zweites 
Glied neben dem Wirtschaftskorper das selbstandige 
politische Staatsleben. In dem selbstandigen Wirtschafts- 
korper werden die Menschen durch die Krafte des wirt- 
schafllichen Lebens zu Einrichtungen kommen, welche der 
Warenerzeugung und dem Warenaustausch in der moglichst 
besten Weise dienen. In dem politischen Staatskorper wer- 
den solche Einrichtungen entstehen, welche die gegenseitigen 
Beziehungen zwischen Menschen und Menschengruppen in 
soldier Art orientieren, daft dem Rechtsbewufksein des 
Menschen entsprochen wird. 

Der Gesichtspunkt, von dem aus hier die gekennzeichnete 
Forderung nach volliger Trennung des Rechtsstaates von 
dem Wirtschaftsgebiet gestellt wird, ist ein soldier, der 
im wirklichen Menschenleben drinnen liegt. Einen solchen 
Gesichtspunkt nimmt derjenige nicht ein, der Rechtsleben 
und Wirtschaftsleben miteinander verbinden will. Die im 
wirtschaftlichen Leben stehenden Menschen haben selbst- 
verstandlich das RechtsbewuEtsein; aber sie werden nur 
aus diesem heraus und nicht aus den wirtschaftlichen In- 
teressen Gesetzgebung und Verwaltung im Sinne des Rechtes 
besorgen, wenn sie dariiber zu urteilen haben in dem 
Rechtsstaat, der als soldier an dem Wirtschaftsleben keinen 
Anteil hat. Ein soldier Rechtsstaat hat seinen eigenen 
Gesetzgebungs- und Verwaltungskorper, diebeide nach den 
Grundsatzen aufgebaut sind, welche sich aus dem Rechts- 
bewufitsein der neueren Zeit ergeben. Er wird aufgebaut 
sein auf den Impulsen im Menschheitsbewufitsein, die man 



gegenwartig die demokratisdien nennt. Das Wirtschafts- 
gebiet wird aus den Impulsen des Wirtschaftslebens her- 
aus seine Gesetzgebungs- und Verwaltungskdrperschaften 
bilden. Der notwendige Verkehr zwischen den Leitungen 
des Rechts- und Wirtschaftskorpers wird erf olgen annahernd 
wie gegenwartig der zwischen den Regierungen souveraner 
Staatsgebiete. Durch diese Gliederung wird, was in dem 
einen Korper sich entfaltet, auf dasjenige, was im andern 
entsteht, die notwendige Wirkung ausiiben konnen. Diese 
Wirkung wird dadurch gehindert, dafi das eine Gebiet in 
sich selbst das entfalten will, was ihm von dem anderen 
zufliefien soil. 

Wie das Wirtschaftsleben auf der einen Seite den Be- 
dingungen der Naturgrundlage (Klima, geographische 
Beschaffenheit des Gebietes, Vorhandensein von Boden- 
schatzen und so weiter) unterworfen ist, so ist es auf der 
andern Seite von den Rechtsverhaltnissen abhangig, welche 
der Staat zwischen den wirtschaflenden Menschen und 
Menschengruppen schafft. Damit sind die Grenzen dessen 
bezeichnet, was die Tatigkeit des Wirtschaflslebens umf assen 
kann und soil. Wie die Natur Vorbedingungen schafft, die 
aufierhalb des Wirtschaftskreises liegen und die der wirt- 
schaftende Mensch hinnehmen mufS als etwas Gegebenes, 
auf das er erst seine Wirtschaft aufbauen kann, so soil alles, 
was im Wirtschaftsbereich ein Rechtsverhaltnis begriindet 
von Mensch zu Mensch, im gesunden sozialen Organismus 
durch den Rechtsstaat seine Regelung erf ahren, der wie die 
Naturgrundlage als etwas dem Wirtschaftsleben selbstandig 
Gegeniiberstehendes sich entfaltet. 

In dem sozialen Organismus, der sich im bisherigen 
geschichtlichen Werden der Menschheit herausgebildet hat 



und der durch das Maschinenzeitalter und durch die 
moderne kapitalistische Wirtsdiaftsform zu dem geworden 
ist, was der sozialen Bewegung ihr Geprage gibt, umfafit 
das Wirtschaftsleben mehr, als es im gesunden sozialen 
Organismusumfassensoll. Gegenwartigbewegt sich in dem 
wirtschaftlichen Kreislauf, in dem sidi blofi Waxen bewegen 
sollen, audi die menschliche Arbeitskraft, und es bewegen 
sich audi Rechte. Man kann gegenwartig in dem Wirt- 
schaftskorper, der auf der Arbeitsteilung beruht, nidit allein 
Waren tausdien gegen Waren, sondern durch denselben 
wirtschaftlichen Vorgang audi Waren gegen Arbeit und 
Waren gegen Rechte. (Ich nenne Ware jede Sache, die durch 
menschliche Tatigkeit zu dem geworden ist, als das sie an 
irgendeinem Orte, an den sie durch den Menschen gebracht 
wird, ihrem Verbrauch zugefuhrt wird. Mag diese Bezeich- 
nung manchem Volkswirtschaftslehrer audi anstofiig oder 
nicht geniigend erscheinen, sie kann zur Verstandigung iiber 
das, was dem Wirtschaftsleben angehoren soli, ihre guten 
Dienste tun*.) Wenn jemand durch Kauf ein Grundstiick 
erwirbt, so mufi das als ein Tausch des Grundstuckes gegen 
Waren, fur die das Kaufgeld als Reprasentant zu gelten 
hat, angesehen werden. Das Grundstiick selber aber wirkt 
im Wirtschaftsleben nicht als Ware. Es steht in dem sozialen 
Organismus durch das Recht darinnen, das der Mensch auf 

* Es kommt eben bei einer Darlegung, die im Dienste des Lebens ge- 
madit wird, nicht darauf an, Definitionen zu geben, die aus einer 
Theorie heraus stammen, sondern Ideen, die verbildlidien, was in der 
Wirklidikeit eine lebensvolle Rolle spielt. «Ware», im obigen Sinne 
gebraudit, weist auf etwas hin, was der Mensdi erlebt; jeder andere 
Begriff von «Ware» lafit etwas weg oder fiigt etwas hinzu, so dafi sich 
der Begriff mit den Lebensvorgangen in ihrer wahren "Wirklidikeit 
nicht deckt. 



seine Benutzung hat. Dieses Recht ist etwas wesentlich 
anderes als das Verhaltnis, in dem sich der Produzent einer 
Ware zu dieser befindet. In dem letzteren Verhaltnis liegt 
es wesenhaft begriindet, dafi es nicht iibergreift auf die ganz 
anders geartete Beziehung von Mensch zu Mensch, die 
dadurch hergestellt wird, daft jemandem die alleinige 
Beniitzung eines Grundstiickes zusteht. Der Besitzer bringt 
andere Menschen, die zu ihrem Lebensunterhalt von ihm 
zur Arbeit auf diesem Grundstiick angestellt werden, oder 
die darauf wohnen miissen, in Abhangigkeit von sich. 
Dadurch, daft man gegenseitig wirkliche Waren tauscht, die 
man produziert oder konsumiert, stellt sich eine Abhangig- 
keit nicht ein, welche in derselben Art zwischen Mensch 
und Mensch wirkt. 

Wer eine solche Lebenstatsache unbefangen durchschaut, 
dem wird einleuchten, daft sie ihren Ausdruck finden mufi 
in den Einrichtungen des gesunden sozialen Organismus. 
Solange War en gegen Waren im Wirtschaftsleben aus- 
getauscht werden, bleibt die Wertgestaltung dieser Waren 
unabhangig von dem Rechtsverhaltnisse zwischen Personen 
und Personengruppen. Sobald Waren gegen Rechte ein- 
getauscht werden, wird das Rechtsverhaltnis selbst beriihrt. 
Nicht auf den Tausch als solchen kommt es an. Dieser ist 
das notwendige Lebenselement des gegenwartigen, auf 
Arbeitsteilung ruhenden sozialen Organismus; sondern es 
handelt sich darum, daft durch den Tausch des Rechtes mit 
der Ware das Recht selbst zur Ware gemacht wird, wenn 
das Recht innerhalb des Wirtschaftslebens entsteht. Das 
wird nur dadurch verhindert, dafi im sozialen Organismus 
einerseits Einrichtungen bestehen, die nur darauf abzielen, 
den Kreislauf der Waren in der zweckmafiigsten Weise zu 



bewirken; und anderseits solche, weldie die im Waren- 
austausch lebenden Rechte der produzierenden, Handel 
treibenden und konsumierenden Personen regeln. Diese 
Rechte unterscheiden sich ihrem Wesen nach gar nicht von 
anderen Rechten, die in dem vom Warenaustausch ganz 
unabhangigen Verhaltnis von Person zu Person bestehen 
miissen. Wenn ich meinen Mitmenschen durch den Verkauf 
einer Ware schadige oder fordere, so gehort das in das 
gleiche Gebiet des sozialen Lebens wie eine Schadigung 
oder Forderung durch eine Tatigkeit oder Unterlassung, 
die unmittelbar nicht in einem Warenaustausch zum Aus- 
druck kommt. 

In der Lebenshaltung des einzelnen Menschen fliefien 
die Wirkungen aus den Rechtseinrichtungen mit denen aus 
der rein wirtschaftlichen Tatigkeit zusammen. Im gesunden 
sozialen Organismus miissen sie aus zwei verschiedenen 
Richtungen kommen. In der wirtschaftlichen Organisation 
hat die aus der Erziehung fur einen Wirtschaftszweig und 
die aus der Erfahrung in demselben gewonnene Vertraut- 
heit mit ihm fiir die leitenden Personlichkeiten die notigen 
Gesichtspunkte abzugeben. In der Rechtsorganisation wird 
durch Gesetz und Verwaltung verwirklicht, was aus dem 
Rechtsbewufksein als Beziehung einzelner Menschen oder 
Menschengruppen zueinander gefordert wird. Die Wirt- 
schaftsorganisation wird Menschen mit gleichen Berufs- 
oder Konsuminteressen oder mit in anderer Beziehung 
gleichen Bediirfnissen sich zu Genossenschaften zusammen- 
schliefien lassen, die im gegenseitigen Wechselverkehr die 
Gesamtwirtschaft zustande bringen. Diese Organisation 
wird sich auf assoziativer Grundlage und auf dem Ver- 
haltnis der Assoziationen aufbauen. Diese Assoziationen 



werden eine blofi wirtschaftliche Tatigkeit entfalten. Die 
Rechtsgrundlage, auf der sie arbeiten, kommt ihnen von der 
Rechtsorganisation zu.Wenn solche Wirtschaftsassoziationen 
ihre wirtschaftlichen Interessen in den Vertretungs- und 
Verwaltungskorpern der Wirtschaflsorganisation zur Gel- 
tung bringen konnen, dann werden sie nicht den Drang 
entwickeln, in die gesetzgebende oder verwaltende Leitung 
des Rechtsstaates einzudringen (zum Beispiel als Bund der 
Landwirte, als Partei der Industriellen, als wirtschafHich 
orientierte Sozialdemokratie), urn da anzustreben, was 
ihnen innerhalb des Wirtschaftslebens zu erreichen nicht 
moglich ist. Und wenn der Rechtsstaat in gar keinem Wirt- 
schaftszweige mitwirtschaftet, dann wird er nur Einrich- 
tungen schaffen, die aus dem Rechtsbewufitsein der zu ihm 
gehorenden Menschen stammen. Audi wenn in der Ver- 
tretung des Rechtsstaates, wie es ja selbstverstandlich ist, 
dieselben Personen sitzen, die im Wirtschaftsleben tatig 
sind, so wird sich durch die Gliederung in Wirtschafts- und 
in Rechtsleben nicht ein Einflufi des Wirtschafts- auf das 
Rechtsleben ergeben konnen, der die Gesundheit des sozialen 
Organismus so untergrabt, wie sie untergraben werden 
kann, wenn die Staatsorganisation selbst Zweige des Wirt- 
schaftslebens versorgt, und wenn in derselben die Vertreter 
des Wirtschaftalebens aus dessen Interessen heraus Gesetze 
beschliefien. 

Ein typisches Beispiel von Verschmelzung des Wirt- 
schaftslebens mit dem Rechtsleben bot Osterreich mit der 
Verfassung, die es sich in den sechziger Jahren des neun- 
zehnten Jahrhunderts gegeben hat. Die Vertreter des Reichs- 
rates dieses Landergebietes wurden aus den vier Zweigen 
des Wirtschaftslebens heraus gewahlt, aus der Gemeinschaft 



der Grofigrundbesitzer, der Handelskammern, der Stadte, 
Markte und Industrialorte und der Landgemeinden. Man 
sieht, dafi fiir diese Zusammensetzung der Staatsvertretung 
an gar nichts anderes in erster Linie gedadit wurde, als dafi 
aus der Geltendmadiung der wirtschaftlichen Verhaltnisse 
sich das Rechtsleben ergeben werde. Gewifi ist, dafi zu dem 
gegenwartigen Zerfall Osterreichs die auseinandertreiben- 
den Krafte seiner Nationalitaten bedeutsam mitgewirkt 
haben. Allein als ebenso gewiiS kann es gelten, dafi eine 
Rechtsorganisation, die neben der wirtschaftlichen ihre 
Tatigkeit hatte entfalten konnen, aus dem Rechtsbewufit- 
sein heraus eine Gestaltung des sozialen Organismus wiirde 
entwickelt haben, in der ein Zusammenleben der Volker 
moglich geworden ware. 

Der gegenwartig am offentlichen Leben interessierte 
Mensch lenkt gewohnlich seinen Blick auf Dinge, die erst in 
zweiter Linie fiir dieses Leben in Betracht kommen. Er tut 
dieses, weil ihn seine Denkgewohnheit dazu bringt, den 
sozialen Organismus als ein einheitliches Gebilde aufzu- 
fassen. Fiir ein solcbes Gebilde aber kann sich kein ihm 
entsprechender Wahlmodus finden. Denn bei jedem Wahl- 
modus miissen sich im Vertretungskorper die wirtschaft- 
lichen Interessen und die Impulse des Rechtslebens storen. 
Und was aus der Storung fiir das soziale Leben fliefit, mufi 
zu Erschutterungen des Gesellschaftsorganismus fiihren. 
Obenan als notwendige Zielsetzung des offentlichen Lebens 
mufi gegenwartig das Hinarbeiten auf eine durchgreifende 
Trennung des Wirtschaftslebens und der Rechtsorganisation 
stehen. Indem man sich in diese Trennung hineinlebt, wer- 
den die sich trennenden Organisationen aus ihren eigenen 
Grundlagen heraus die besten Arten fiir die Wahlen ihrer 



Gesetzgeber und Verwalter finden. In dem, was gegen- 
wartig zur Entscheidung drangt, kommen Fragen des Wahl- 
modus, wenn sie audi als solche von fundamentaler Bedeu- 
tung sind, doch erst in zweiter Linie in Betracht. Wo die 
alten Verhaltnisse noch vorhanden sind, ware aus diesen 
heraus auf die angedeutete GHederung hinzuarbeiten. Wo 
das Alte sich bereits aufgelost hat, oder in der Auflosung 
begriffen ist, miiftten Einzelper sonen und Bundnisse zwisdien 
Personen die Initiative zu einer Neugestaltung versuchen, 
die sich in der gekennzeichneten Richtung bewegt. Von 
heute zu morgen eine Umwandlung des off entlichen Lebens 
herbeifiihren zu wollen, das sehen audi verniinftige 
Sozialisten als Schwarmgeisterei an. Solche erwarten die 
von ihnen gemeinte Gesundung durch eine allmahliche, 
sachgemafte Umwandlung. Daft aber die geschichtlichen 
Entwickelungskrafte der Menschheit gegenwartig ein ver- 
niinftiges Wollen nach der Richtung einer sozialen Neu- 
ordnung notwendig machen, das konnen jedem Unbefan- 
genen weithinleuchtende Tatsachen lehren. 

Wer fur «praktisch durchfuhrbar» nur dasjenige halt, an 
das er sich aus engem Lebensgesichtskreis heraus gewohnt 
hat, der wird das hier Angedeutete fur «unpraktisch» 
halten. Kann er sich nicht bekehren, und behalt er auf 
irgendeinem Lebensgebiete Einflufi, dann wird er nicht zur 
Gesundung, sondern zur weiteren Erkrankung des sozialen 
Organismus wirken, wie Leute seiner Gesinnung an der 
Herbeifuhrung der gegenwartigen Zustande gewirkt haben. 

Die Bestrebung, mit der fiihrende Kreise der Menschheit 
begonnen haben und die zur Uberleitung gewisser Wirt- 
schaffcszweige (Post, Eisenbahnen und so weiter) in das 
Staatsleben gefiihrt hat, mufi der entgegengesetzten weichen: 



der Herauslosung alles Wirtschaftens aus dem Gebiete des 
politisdien Staatswesens. Denker, welche mit ihrem Wollen 
glauben, sich in der Richtung nach einem gesunden sozialen 
Organismus zu befinden, ziehen die aufierste Folgerung der 
Verstaatlichungsbestrebungen dieser bisher leitenden Kreise. 
Sie wollen die Vergesellschaftung aller Mittel des Wirt- 
schaftslebens, insofern diese Produktionsmittel sind. Eine 
gesunde Entwickelung wird dem wirtschaftlichen Leben seine 
Selbstandigkeit geben und dem politisdien Staate die Fahig- 
keit, durch die Rechtsordnung auf den Wirtschaftskorper so 
zu wirken, daft der einzelne Mensch seine Eingliederung in 
den sozialen Organismus nicht im Widerspruche mit seinem 
Rechtsbewufksein empfindet. 

Man kann durchschauen, wie die hier vorgebrachten 
Gedanken im wirklichen Leben der Menschheit begriindet 
sind, wenn man den Blick auf die Arbeit lenkt, welche der 
Mensch fur den sozialen Organismus durch seine korper- 
liche Arbeitskraft verrichtet. Innerhalb der kapitalistischen 
Wirtschaftsform hat sich diese Arbeit dem sozialen Organis- 
mus so eingegliedert, dafi sie durch den Arbeitgeber wie 
eine Ware dem Arbeitnehmer abgekauft wird. Ein Tausch 
wird eingegangen zwischen Geld (als Reprasentant der 
Waren) und Arbeit. Aber ein solcher Tausch kann sich in 
Wirklichkeit gar nicht vollziehen. Er scheint sich nur zu 
vollziehen*. In Wirklichkeit nimmt der Arbeitgeber von 

* Es ist durchaus mijglidi, dafi im Leben Vorgange nicht nur in einem 
falschen Sinne erklart werden, sondern dafi sie sich in einem falschen 
Sinne vollziehen. Geld und Arbeit sind keine austauschbaren Werte, 
sondern nur Geld und Arbeitserzeugnis. Gebe ich daher Geld fur 
Arbeit, so tue ich etwas Falsches. Ich schaff e einen Scheinvorgang. Denn 
in Wirklichkeit kann ich nur Geld fur Arbeitserzeugnis geben. 



dem Arbeiter Waren entgegen, die nur entstehen konnen, 
wenn der Arbeiter seine Arbeitskrafl fiir die Entstehung 
hingibt. Aus dem Gegenwert dieser Waren erhalt der Ar- 
beiter einen Anteil, der Arbeitgeber den andern. Die Pro- 
duktion der Waren erfolgt durch das Zusammenwirken 
des Arbeitgebers und Arbeitnehmers. Das Produkt des 
gemeinsamen Wirkens geht erst in den Kreislauf des Wirt- 
schaftslebens iiber. Zur Herstellung des Produktes ist ein 
Rechtsverhaltnis zwischen Arbeiter und Unternehmer not- 
wendig. Dieses kann aber durch die kapitalistische Wirt- 
schaftsart in ein solches verwandelt werden, welches durch 
die wirtschaftliche Ubermacht des Arbeitgebers iiber den 
Arbeiter bedingt ist. Im gesunden sozialen Organismus 
mufi zutage treten, dafi die Arbeit nicht bezahlt werden 
kann. Denn diese kann nicht im Vergleich mit einer Ware 
einen wirtschaftlichen Wert erhalten. Einen solchen hat erst 
die durch Arbeit hervorgebrachte Ware im Vergleich mit 
andern Waren. Die Art, wie, und das Ma£, in dem ein 
Mensch fiir den Bestand des sozialen Organismus zu arbeiten 
hat, miissen aus seiner Fahigkeit heraus und aus den Bedin- 
gungen eines menschenwurdigen Daseins geregelt werden. 
Das kann nur geschehen, wenn diese Regelung von dem 
politischen Staate aus in Unabhangigkeit von den Ver- 
waltungen des Wirtschaftslebens geschieht. 

Durch eine solche Regelung wird der Ware eine Wert- 
unterlage geschafFen, die sich vergleichen lafit mit der andern, 
die in den Naturbedingungen besteht. Wie der Wert einer 
Ware gegeniiber einer andern dadurch wachst, dafi die 
Gewinnung der Rohprodukte fiir dieselbe schwieriger ist 
als fiir die andere, so muft der Warenwert davon abhangig 
werden, welche Art und welches Mafi von Arbeit zum 



Hervorbringen der Ware nach der Rechtsordnung auf- 
gebracht werden diirf en*. 

Das Wirtschaftsleben wird auf diese Weise von zwei 
Seiten her seinen notwendigen Bedingungen unterworfen: 
von Seite der Naturgrundlage, welche die Menschheit hin- 
nehmen mufi, wie sie ihr gegeben ist, und von Seite der 
Rechtsgrundlage, die aus dem Rechtsbewufttsein heraus auf 
dem Boden des vom Wirtschaftsleben unabhangigen poli- 
tischen Staates geschaff en werden soil. 

Es ist leicht einzusehen, dafi durch eine solche Fuhrung 
des sozialen Organismus der wirtschaftliche Wohlstand 
sinken und steigen wird je nach dem Mafi von Arbeit, das 
aus dem Rechtsbewufitsein heraus auf gewendet wird. Allein 
eine solche Abhangigkeit des volkswirtschaftlichen Wohl- 
standes ist im gesunden sozialen Organismus notwendig. 
Sie allein kann verhindern, dafi der Mensch durch das Wirt- 
schaftsleben so verbraucht werde, dafi er sein Dasein nicht 
mehr als menschenwiirdig empfinden kann. Und auf dem 
Vorhandensein der Empflndung eines menschenunwiirdigen 
Daseins beruhen in Wahrheit alle Erschiitterungen im 
sozialen Organismus. 

Eine Moglichkeit, den volkswirtschaftlichen Wohlstand 
von der Rechtsseite her nicht allzu stark zu vermindern, 
besteht in einer ahnlichen Art, wie eine solche zur Auf- 
besserung der Naturgrundlage. Man kann einen wenig 
ertragreichen Boden durch technische Mittel ertragreicher 

* Ein soldies Verhaltnis der Arbeit zur Rechtsordnung wird die im 
Wirtschaftsleben tatigen Assoziationen notigen, mit dem, was «rechtens 
ist» als mit einer Voramsetzung zu rechnen. Doch wird dadurch erreicht, 
dafi die Wirtschaftsorganisation vom Menschen, nicht der Mensch von 
der Wirtschaftsordnung abhangig ist. 



machen; man kann, veranlafk durch die allzu starke Ver- 
minderung des Wohlstandes, die Art und das Mafi der 
Arbeit andern. Aber diese Anderung soil nicht aus dem 
Kreislauf des Wirtschaftslebens unmittelbar erfolgen, son- 
dern aus der Einsickt, die sich auf dem Boden des vom 
Wirtschaftsleben unabhangigen Rechtslebens entwickelt. 

In alleSj was durch das Wirtschaftsleben und das Rechts- 
bewufitsein in der Organisation des sozialen Lebens her- 
vorgebracht wird, wirkt hinein, was aus einer dritten Quelle 
stammt: aus den individuellen Fahigkeiten des einzelnen 
Menschen. Dieses Gebiet umfafrt alles von den hochsten 
geistigen Leistungen bis zu dem, was in Menschenwerke 
einfliefit durch die bessere oder weniger gute korperliche 
Eignung des Menschen fur Leistungen, die dem sozialen 
Organismus dienen. Was aus dieser Quelle stammt, muft in 
den gesunden sozialen Organismus auf ganz andere Art 
einfliefien, als dasjenige, was im Warenaustausch lebt, und 
was aus dem Staatsleben fliefien kann. Es gibt keine andere 
Moglichkeit, diese Aufnahme in gesunder Art zu bewirken, 
als sie von der freien Empfanglichkeit der Menschen und 
von den Impulsen, die aus den individuellen Fahigkeiten 
selbst kommen, abhangig sein zu lassen. Werden die durch 
solche Fahigkeiten erstehenden Menschenleistungen vom 
Wirtschaftsleben oder von der Staatsorganisation kunstlich 
beeinflufit, so wird ihnen die wahre Grundlage ihres eigenen 
Lebens zum grolken Teile entzogen. Diese Grundlage kann 
nur in der Kraft bestehen, welche die Menschenleistungen 
aus sich selbst entwickeln miissen. Wird die Entgegennahme 
solcher Leistungen vom Wirtschaftsleben unmittelbar be- 
dingt, oder vom Staate organisiert, so wird die freie 
Empfanglichkeit fur sie gelahmt. Sie ist aber allein geeignet, 



sie in gesunder Form in den sozialen Organismus einfliefien 
zu lassen. Fur das Geistesleben, mit dem audi die Ent- 
wickelung der anderen individuellen Fahigkeiten im Men- 
schenleben durch uniibersehbar viele Faden zusammen- 
hangt, ergibt sidi nur eine gesunde Entwickelungsmoglich- 
keit, wenn es in der Hervorbringung auf seine eigenen 
Impulse gestellt ist, und wenn es in verstandnisvollem 
Zusammenhange mit den Menschen stent, die seine Lei- 
stungen empfangen. 

Worauf hier als auf die gesunden Entwickelungsbedin- 
gungen des Geisteslebens gedeutet wird, das wird gegen- 
wartig nicht durchschaut, weil der rechte Blick daf iir getriibt 
ist durch die Verschmelzung eines grofien Teiles dieses 
Lebens mit dem politischen Staatsleben. Diese Verschmel- 
zung hat sich im Laufe der letzten Jahrhunderte ergeben 
und man hat sich in sie hineingewohnt. Man spricht jawohl 
von «Freiheit der Wissenschaft unddesLehrens». Aber man 
betrachtet es als selbstverstandlich, dalS der politische Staat 
die «freie Wissenschaifi:» und das «freie Lehren» verwaltet. 
Man entwickelt keine Empfindung dafiir, wie dieser Staat 
dadurch das Geistesleben von seinen staatlichen Bediirf nissen 
abhangig macht. Man denkt, der Staat schafft die Stellen, 
an denen gelehrt wird; dann konnen diejenigen, welche 
diese Stellen einnehmen, das Geistesleben «frei» entfalten. 
Man beachtet, indem man sich an eine solche Meinung 
gewohnt, nicht, wie eng verbunden der Inhalt des geistigen 
Lebens ist mit dem innersten Wesen des Menschen, in dem 
er sich entfaltet. Wie diese Entfaltung nur dann eine freie 
sein kann, wenn sie durch keine andern Impulse in den 
sozialen Organismus hineingestellt ist als allein durch 
solche, die aus dem Geistesleben selbst kommen. Durch die 



Verschmelzung mit dem Staatsleben hat eben nicht nur die 
Verwaltung der Wissenschaft und des Teiles des Geistes- 
lebens, der mit ihr zusammenhangt, in den letzten Jahr- 
hunderten das Geprage erhalten, sondern audi der Inhalt 
selbst. Gewifi, was in Mathematik oder Physik produziert 
wird, kann nicht unmittelbar vom Staatebeeinflufitwerden. 
Aber man denke an die Geschichte, an die andern Kultur- 
wissenschaften. Sind sie nicht ein Spiegelbild dessen gewor- 
den, was sich aus dem Zusammenhang ihrer Trager mit dem 
Staatsleben ergeben hat, aus den Bediirfnissen dieses Lebens 
heraus? Gerade durch diesen ihnen aufgepragten Charakter 
haben die gegenwartigen wissenschaftlich orientierten, das 
Geistesleben beherrschenden Vorstellungen auf das Prole- 
tariat als Ideologic gewirkt. Dieses bemerkte, wie ein 
gewisser Charakter den Menschengedanken auf gepragt wird 
durch die Bediirfnisse des Staatslebens, in welchem den 
Interessen der leitenden Klassen entsprochen wird. Ein 
Spiegelbild der materiellen Interessen und Interessenkampf e 
sah der proletarisch Denkende. Das erzeugte in ihm die 
Empfindung, alles Geistesleben sei Ideologic, sei Spiegelung 
der okonomischen Organisation. 

Eine solche, das geistige Leben des Menschen verodende 
Anschauung hort auf, wenn die Empfindung entstehen 
kann: Im geistigen Gebiet waltet eine iiber das materielle 
Auftenleben hinausgehende Wirklichkeit, die ihren Inhalt 
in sich selber tragt. Es ist unmoglich, dafi eine solche Emp 1 
findung ersteht, wenn das Geistesleben nicht aus seinen 
eigenen Impulsen heraus sich innerhalb des sozialen Orga- 
nismus frei entfaltet und verwaltet. Nur solche Trager des 
Geisteslebens, die innerhalb einer derartigen Entfaltung 
und Verwaltung stehen, haben die Kraft, diesem Leben 



das ihm gebuhrende Gewicht im sozialen Organismus zu 
verschaff en. Kunst, Wissenschaft, Weltanschauung und alles, 
was damit zusammenhangt,. bedarf einer solchen selbstan- 
digen Stellung in der menschlichen Gesellschaft. Denn im 
geistigen Leben hangt alles zusammen. Die Freiheit des 
einen kann nicht ohne die Freiheit des andern gedeihem 
Wenn audi Mathematik und Physik in ihrem Inhalt nicht 
von den Bediirfnissen des Staates unmittelbar zu beein- 
flussen sind: Was man von ihnen entwickelt, wie die Men- 
schen uber ihren Wert denken, welche Wirkung ihre Pflege 
auf das ganze iibrige Geistesleben haben kann, und vieles 
andere wird durcli diese Bediirfnisse bedingt, wenn der 
Staat Zweige des Geisteslebens verwaltet. Es ist ein anderes, 
wenn der die niederste Schulstufe versorgende Lehrer den 
Impulsen des Staatslebens folgt; ein anderes, wenn er diese 
Impulse erhalt aus einem Geistesleben heraus, das auf sich 
selbst gestellt ist. Die Sozialdemokratie hat auch auf diesem 
Gebiete nur die Erbschaft aus den Denkgewohnheiten und 
Gepflogenheiten der leitenden Kreise ubernommen. Sie 
betrachtet es als ihr Ideal, das geistige Leben in den auf 
das Wirtschaftsleben gebauten Gesellschaftskorper einzu- 
beziehen. Sie konnte, wenn sie dieses von ihr gesetzte Ziel 
erreichte, damit den Weg nur fortsetzen, auf dem das 
Geistesleben seine Entwertung gefunden hat. Sie hat eine 
richtige Empfindung einseitig entwickelt mit ihrer For- 
derung: Religion musse Privatsache sein. Denn im gesunden 
sozialen Organismus mufi alles Geistesleben dem Staate 
und der Wirtschaft gegeniiber in dem hier angedeuteten 
Sinn «Privatsache» sein. Aber die Sozialdemokratie geht 
bei der Uberweisung der Religion auf das Privatgebiet 
nicht von der Meinung aus, dafi einem geistigen Gute da- 



durch erne Stellung innerhalb des sozialen Organismus 
geschaffen werde, durch die es zu einer wiinschenswerteren, 
hoheren Entwickelung kommen werde als unter dem EinfluE 
des Staates. Sie ist der Meinung, dafi der soziale Organis- 
mus durch seine Mittel nur pflegen diirfe, was ihm Lebens- 
bediirfnis ist. Und ein solches sei das religiose Geistesgut 
nicht. In dieser Art, einseitig aus dem offentlichen Leben 
herausgestellt, kann ein Zweig des Geisteslebens nicht 
gedeihen, wenn das andere Geistesgut gefesselt ist. Das 
religiose Leben der neueren Menschheit wird in Verbindung 
mit allem befreiten Geistesleben seine fur diese Menschheit 
seelentragende Kraft entwickeln. 

Nicht nur die Hervorbringung, sondern auch die Auf- 
nahme dieses Geisteslebens durch die Menschheit mufi auf 
dem freien Seelenbedurfnis beruhen. Lehrer, Kiinstler und 
so weiter, die in ihrer sozialen Stellung nur im unmittel- 
baren Zusammenhange sind mix einer Gesetzgebung und 
Verwaltung, die aus dem Geistesleben selbst sich ergeben 
und die nur von dessen Impulsen getragen sind, werden 
durch die Art ihres Wirkens die Empfanglichkek fiir ihre 
Leistungen entwickeln konnen bei Menschen, welche durch 
den aus sich wirkenden politischen Staat davor behutet 
werden, nur dem Zwang zur Arbeit zu unterliegen, sondern 
denen das Recht auch die Mufie gibt, welche das Ver- 
standnis fiir geistige Giiter weckt. Den Menschen, die sich 
«Lebenspraktiker» diinken, mag bei solchen Gedanken der 
Glaube aufsteigen: Die Menschen werden ihre Mufiezeit 
vertrinken, und man werde in den Analphabetismus zuruck- 
fallen, wenn der Staat fiir solche Mufie sorgt, und wenn der 
Besuch der Schule in das freie Verstandnis der Menschen 
gestellt ist. Mochten solche «Pessimisten» doch abwarten, 



was wird, wenn die Welt nicht mehr unter ihrem Einflufi 
stent. Dieser ist nur allzu oft von einem gewissen Gefiihle 
bestimmt, das ihnen leise zufliistert, wie sie ihre Mufie ver- 
wenden, und was sie notig hatten, urn sich ein wenig 
«Bildung» anzueignen. Mit der ziindenden Kraft, die ein 
wirklich auf sich selbst gestelltes Geistesleben im sozialen 
Organismus hat, konnen sie ja nicht rechnen, denn das 
gefesselte, das sie kennen, hat auf sie nie eine solch ziin- 
dende Kraft ausiiben konnen. 

Sowohl der politische Staat wie das Wirtschaftsleben 
werden den ZufJufi aus dem Geistesleben, den sie brauchen, 
von dem sich selbst verwaltenden geistigen Organismus 
erhalten. Auch die praktische Bildung fur das Wirtschafts- 
leben wird durch das freie Zusammenwirken desselben mit 
dem Geistesorganismus ihre voile Kraft erst entfalten 
konnen. Entsprechend vorgebildete Menschen werden die 
Erfahrungen, die sie im Wirtschaftsgebiet machen konnen, 
durch die Kraft, die ihnen aus dem befreiten Geistesgut 
kommt, beleben. Menschen mit einer aus dem Wirtschafts- 
leben gewonnenen Erfahrung werden den Ubergang finden 
in die Geistesorganisation und in derselben bef nicht end 
wirken auf dasjenige, was so befruchtet werden mul 

Auf dem Gebiete des politischen Staates werden sich 
die notwendigen gesunden Ansichten durch eine solche 
freie Wirkung des Geistesgutes bilden. Der handwerklich 
Arbeitende wird durch den EinfluE eines solchen Geistes- 
gutes eine ihn befriedigende Empfindung von der Stellung 
seiner Arbeit im sozialen Organismus sich aneignen konnen. 
Er wird zu der Einsicht kommen, wie ohne die Leitung, 
welche die handwerkliche Arbeit zweckentsprechend orga- 
nisiert, der soziale Organismus ihn nicht tragen kann. Er 



wird das Gefiihl von der Zusammengehorigkeit seiner 
Arbeit mit den organisierenden Kraften, die aus der Ent- 
wickelung individueller menschlicher Fahigkeiten stammen, 
in sich aufnehmen konnen. Er wird auf dem Boden des 
politischen Staates die Rechte ausbilden, welche ihm den 
Anteil sichern an dem Ertrage der Waren, die er erzeugt; 
und er wird in f reier Weise dem ihm zukommenden Geistes- 
gut denjenigen Anteil gonnen, der dessen Entstehung 
ermoglicht. Auf dem Gebiet des Geisteslebens wird die 
Moglichkeit entstehen, daft dessen Hervorbringer von den 
Ertragnissen ihrer Leistungen audi leben. Was jemand fiir 
sich im Gebiete des Geisteslebens treibt, wird seine engste 
Privatsache bleiben; was jemand fiir den sozialen Orga- 
nismus zu leisten vermag, wird mit der freien Ent- 
schadigung derer rechnen konnen, denen das Geistesgut 
Bediirfnis ist. Wer durch solche Entschadigung innerhalb 
der Geistesorganisation das nicht finden kann, was er 
braucht, wird ubergehen mussen zum Gebiet des politischen 
Staates oder des Wirtschaftslebens. 

In das Wirtschaftsleben fliefien ein die aus dem geistigen 
Leben stammenden technischen Ideen. Sie stammen aus dem 
geistigen Leben, audi wenn sie unmittelbar von Angehorigen 
des Staats- oder Wirtschaflsgebietes kommen. Daher kom- 
men alle die organisatorischen Ideen und Krafte, welche das 
wirtschaftliche und staatliche Leben befruchten. Die Ent- 
schadigung fiir diesen Zuflufi in die beiden sozialen Gebiete 
wird entweder audi durch das freie Verstandnis derer 
zustande kommen, die auf diesen Zuflufi angewiesen sind, 
oder sie wird durch Rechte ihre Regelung finden, welche im 
Gebiete des politischen Staates ausgebildet werden. Was 
dieser politische Staat selber fiir seine Erhaltung fordert, 



das wird aufgebracht werden durch das Steuerrecht. Dieses 
wird durch eine Harmonisierung der Forderungen des 
Rechtsbewu£tseins mit denen des Wirtschaffcslebens sich aus- 
bilden. 

Neben dem politischen und dem Wirtschaftsgebiet mufi 
im gesunden sozialen Organismus das auf sich selbst gestellte 
Geistesgebiet wirken. Nach der Dreigliederung dieses Orga- 
nismus weist die Richtung der Entwickelungskrafte der 
neueren Menschheit. Solange das gesellschaftliche Leben im 
wesentlichen durch die Instinktkrafte eines grofien Teiles 
der Menschheit sich fuhren liefi, trat der Drang nach dieser 
entschiedenen Gliederung nicht auf. In einer gewissen 
Dumpfheit des sozialen Lebens wirkte zusammen, was im 
Grunde immer aus drei Quellen stammte. Die neuere Zeit 
fordert ein bewufkes Sichbineinstellen des Menschen in den 
Gesellschaftsorganismus. Dieses Bewufksein kann dem Ver- 
halten und dem ganzen Leben der Menschen nur dann eine 
gesunde Gestaltung geben, wenn es von drei Seiten her 
orientiert ist. Nach dieser Orientierung strebt in den un- 
bewufiten Tiefen des Seelischen die moderne Menschheit; 
und was sich als soziale Bewegung auslebt, ist nur der 
getriibte Abglanz dieses Strebens. 

Aus andern Grundlagen heraus, als die sind, in denen 
wir heute leben, tauchte aus tiefen Untergriinden der 
menschlichen Natur heraus am Ende des 18. Jahrhunderts 
der Ruf nach einer Neugestaltung des sozialen mensch- 
lichen Organismus. Da horte man wie eine Devise dieser 
Neuorganisation die drei Worte:Bruderlichkeit, Gleichheit, 
Freiheit. Nun wohl, derjenige, der sich mit vorurteilslosem 
Sinn und mit einem gesunden Menschheitsempfinden einlafit 
auf die Wirklichkeit der menschlichen Entwickelung, der 



kann natiirlich nicht anders, als Verstandnis haben f iir alles, 
worauf diese Worte deuten. Dennoch, es gab scharfsinnige 
Denker, welche im Laufe des 19. Jahrhunderts sich Muhe 
gegeben haben, zu zeigen, wie es unmoglich ist, in einem 
einheitlichen sozialen Organismus diese Ideen von Briider- 
lichkeit, Gleichheit, Freiheit zu verwirklichen. Solche glaub- 
ten zu erkennen, dafi sich diese drei Impulse, wenn sie sich 
verwirklichen sollen, im sozialen Organismus widersprechen 
miissen. Scharfsinnig ist nachgewiesen worden zum Beispiel, 
wie unmoglich es ist, wenn der Impuls der Gleichheit sich 
verwirklicht, dafi dann auch die in jedem Menschenwesen 
notwendig begriindete Freiheit zur Geltung komme. Und 
man kann gar nicht anders als zustimmen denen, die diesen 
Widerspruch fmden; und doch mufi man zugleich aus einem 
allgemein menschlichen Empfinden heraus mit jedem dieser 
drei Ideale Sympathie haben! 

Dies Widerspruchsvolle besteht aus dem Grunde, weil 
die wahre soziale Bedeutung dieser drei Ideale erst zutage 
tritt durch das Durchschauen der notwendigen Dreiglie- 
derung des sozialen Organismus. Die drei Glieder sollen 
nicht in einer abstrakten, theoretischen Reichstags- oder 
sonstigen Einheit zusammengefiigt und zentrahsiert sein. 
Sie sollen lebendige Wirklichkeit sein. Ein jedes der drei 
sozialen Glieder soli in sich zentralisiert sein; und durch 
ihr lebendiges Nebeneinander- und Zusammenwirken kann 
erst die Einheit des sozialen Gesamtorganismus entstehen. 
Im wirklichen Leben wirkt eben das scheinbar Wider- 
spruchsvolle zu einer Einheit zusammen. Daher wird man 
zu einer Erfassung des Lebens des sozialen Organismus 
kommen, wenn man imstande ist, die wirklichkeitsgemaEe 
Gestaltung dieses sozialen Organismus mit Bezug auf 



Bruderlichkeit, Gleichheit und Freiheit zu durchschauen. 
Dann wird man erkennen, dafi das Zusammenwirken der 
Menschen im Wirtschaftsleben auf der jenigen Bruderlichkeit 
ruhen mufi, die aus den Assoziationen heraus ersteht. In 
dem zweken Gliede, in dem System des offentlicben Rechts y 
wo man es zu tun hat mit dem rein menschlichen Verhaltnis 
von Person zu Person, hat man zu erstreben die Verwirk- 
lichung der Idee der Gleichheit. Und auf dem geistigen 
Gebiete, das in relativer Selbstandigkeit im sozialen Orga- 
nismus steht, hat man es zu tun mit der Verwirklichung des 
Impulses der Freiheit. So angesehen, zeigen diese drei Ideale 
ihren Wirklichkeitswert. Sie konnen sich nicht in einem 
chaotischen sozialen Leben realisieren, sondern nur in dem 
gesunden dreigliedrigen sozialen Organismus. Nicht ein 
abstrakt zentralisiertes Sozialgebilde kann durcheinander 
die Ideale der Freiheit, Gleichheit und Bruderlichkeit ver- 
wirklichen, sondern jedes der drei Glieder des sozialen 
Organismus kann aus einem dieser Impulse seine Kraft 
schopfen. Und es wird dann in fruchtbarer Art mit den 
andern Gliedern zusammenwirken konnen. 

Diejenigen Menschen, welche am Ende des 18.Jahr- 
hunderts die Forderung nach Verwirklichung der drei Ideen 
von Freiheit, Gleichheit und Bruderlichkeit erhoben haben, 
und auch diejenigen, welche sie spater wiederholt haben, sie 
konnten dunkel empfinden, wohin die Entwickelungskrafte 
der neueren Menschheit weisen. Aber sie haben damit 
zugleich nicht den Glauben an den Einheitsstaat iiberwun- 
den. Fiir diesen bedeuten ihre Ideen etwas Widerspruchs- 
volles. Sie bekannten sich zu dem Widersprechenden, weil 
in den unterbewufken Tiefen ihres Seelenlebens der Drang 
nach der Dreigliederung des sozialen Organismus wirkte, 



in dem die Dreiheit ihrer Ideen erst zu einer hoheren Ein- 
heit werden kann. Die Entwickelungskrafte, die in dem 
Werden der neueren Menschheit nach dieser Dreigliederung 
hindrangen, zum bewufiten sozialen Wollen zu machen, das 
fordern die deutlich sprechenden sozialen Tatsachen der 
Gegenwart. 



III. 

KAPITALISMUS UND SOZIALE IDEEN 
(Kapital, Menschenarbeit) 

Man kann nicht zu einem Urteile dariiber kommen, welche 
Handlungsweise auf sozialem Gebiete gegenwartig durch 
die lautsprechenden Tatsachen gefordert wird, wenn man 
nicht den Willen hat, dieses Urteil bestimmen zu lassen von 
einer Einsicht in die Grundkrafte des sozialen Organismus. 
Der Versuch, eine solche Einsicht zu gewinnen, liegt der hier 
vorangehendenDarstellungzugrunde. MitMafinahmen, die 
sich nur auf ein Urteil stiitzen, das aus einem eng umgrenz- 
ten Beobachtungskreis gewonnen ist, kann man heute etwas 
Fruchtbares nicht bewirken. Die Tatsachen, welche aus der 
sozialen Bewegung herausgewachsen sind, ofTenbaren Sto- 
rungen in den Grundlagen des sozialen Organismus, und 
keineswegs solche, die nur an der Oberflache vorhanden 
sind. Ihnen gegeniiber ist notwendig, auch zu Einsichten 
zu kommen, die bis zu den Grundlagen vordringen. 

Spricht man heute von Kapital und Kapitalismus, so 
weist man auf das hin, worin die proletarische Menschheit 
die Ursachen ihrer Bedruckung sucht. Zu einem f ruchtbaren 
Urteil iiber die Art, wie das Kapital fordernd oder hem- 
mend in den Kreislaufen des sozialen Organismus wirkt, 
kann man aber nur kommen, wenn man durchschaut, wie 
die individuellen Fahigkeiten der Menschen, wie die Rechts- 
bildung und wie dieKrafte des Wirtschaftslebens das Kapital 
erzeugen und verbrauchen. — Spricht man von der Men- 
schenarbeit, so deutet man auf das, was mit der Natur- 
grundlage der Wirtschaft und dem Kapital zusammen die 



wirtschafllichen Werte schafft und an demderArbeiter zum 
Bewufitsein seiner sozialen Lage kommt. Ein Urteil dariiber, 
wie diese Menschenarbeit in den sozialen Organismus hin- 
eingestellt sein mufi, um in dem Arbeitenden die Empfindung 
von seiner Menschenwiirde nicht zu storen, ergibt sich nur, 
wenn man das Verhaltnis ins Auge fassen will, welches 
Menschenarbeit zur Entfaltung der individuellen Fahig- 
keiten einerseits und zum Rechtsbewufitsein anderseits hat. 

Man fragt gegenwartig mit Recht, was zu allerndcbst zu 
tun ist, um den in der sozialen Bewegung auftretenden 
Forderungen gerecht zu werden. Man wird auch das Aller- 
ndchste nicht in fruchtbarer Art vollbringen konnen, wenn 
man nicht weift, welches Verhaltnis das zu Vollbringende 
zu den Grundlagen des gesunden sozialen Organismus 
haben soil. Und weifi man dieses, dann wird man an dem 
Platze, an den man gestellt ist, oder an den man sich zu 
stellen vermag, die Aufgaben find en konnen, die sich aus 
den Tatsachen heraus ergeben. Der Gewinnung einer Ein- 
sicht, auf die hier gedeutet wird, stellt sich, das unbefangene 
Urteil beirrend, gegenuber, was im Laufe langer Zeit aus 
menschlichem Wollen in soziale Einrichtungen iibergegangen 
ist. Man hat sich in die Einrichtungen so eingelebt, daiS man 
aus ihnen heraus sich Ansichten gebildet hat iiber dasjenige, 
was von ihnen zu erhalten, was zu verandern ist. Man 
richtet sich in Gedanken nach den Tatsachen, die doch der 
Gedanke beherrschen soli. Notwendig ist aber heute, zu 
sehen, dafi man nicht anders ein den Tatsachen gewachsenes 
Urteil gewinnen kann als durch Zuriickgehen zu den Ur- 
gedanken, die alien sozialen Einrichtungen zugrunde liegen. 

Wenn nicht rechteQuellen vorhanden sind, aus denen die 
Krafte, welche in diesen Urgedanken liegen, immer von 



neuem dem sozialen Organismus zufliefien, dann nehmen 
die Einrichtungen Formen an, die nicht lebenfordernd, 
sondern lebenhemmend sind. In den instinktiven Impulsen 
der Menschen aber leben mehr oder weniger unbewu£t die 
Urgedanken fort, audi wenn die vollbewufken Gedanken 
in die Irre gehen und lebenhemmende Tatsachen schaffen, 
oder schon geschaffen haben. Und diese Urgedanken, die 
einer lebenhemmenden Tatsaclienwelt gegeniiber chaotisch 
sich auftern, sind es, die offenbar oder verhiillt in den 
revolutionaren Erschiitterungen des sozialen Organismus 
zutage treten. Diese Erschiitterungen werden nur dann nicht 
eintreten, wenn der soziale Organismus in der Art gestaltet 
ist, dafi in ihm jederzeit die Neigung vorhanden sein kann, 
zu beobachten, wo eine Abweichung von den durch die Ur- 
gedanken vorgezeichneten Einrichtungen sich bildet, und 
wo zugleich die Moglichkeit besteht, dieser Abweichung 
entgegenzuarbeiten, ehe sie eine verhangnistragende Starke 
gewonnen hat. 

In unsern Tagen sind in weitem Umfange des Menschen- 
lebens die Abweichungen von den durch die Urgedanken 
geforderten Zustanden grofi geworden. Und das Leben der 
von diesen Gedanken getragenen Impulse in Menschen- 
seelen steht als eine durch Tatsachen laut sprechende Kritik 
da iiber das, was sich im sozialen Organismus der letzten 
Jahrhunderte gestaltet hat. Daher bedarf es des guten 
Willens, in energischer Weise zu den Urgedanken sich zu 
wenden und nicht zu verkennen, wie schadlich es gerade 
heute ist, diese Urgedanken als «unpraktische» Allgemein- 
heiten aus dem Gebiete des Lebens zu verbannen. In dem 
Leben und in den Forderungen der proletarischen Bevol- 
kerung lebt die Tatsachen-Kritik iiber dasjenige, was die 



neuere Zeit aus dem sozialen Organismus gemacht hat. Die 
Aufgabe unserer Zeit dem gegeniiber ist, der einseitigen 
Kritik dadurch entgegenzuarbeiten, dafi man aus dem Ur- 
gedanken heraus die Richtungen findet, in denen die Tat- 
sachen bewu$t gelenkt werden miissen. Denn die Zeit ist 
abgelauf en, in der der Menschheit geniigen kann, was bisher 
die instinktive Lenkung zustande gebracht hat. 

Eine der Grundfragen, die aus der zeitgenossischen Kritik 
heraus auftreten, ist die, in welcher Art die Bedriickung 
aufhoren kann, welche die proletarische Menschheit durch 
den privaten Kapitalismus erfahren hat. Der Besitzer oder 
Verwalter des Kapitals ist in der Lage, die korperliche 
Arbeit anderer Menschen in den Dienst dessen zu stellen, 
das er herzustellen unternimmt. Man mufi in dem sozialen 
Verhaltnis, das in dem Zusammenwirken von Kapital und 
menschlicher Arbeitskraft entsteht, drei Glieder unter- 
scheiden: die Unternehmertatigkeit, die auf der Grundlage 
der individuellen Fahigkeiten einer Person oder einer 
Gruppe von Personen beruhen mufi; das Verhaltnis des 
Unternehmers zum Arbeiter, das ein Rechtsverhaltnis sein 
mufi; das Hervorbringen einer Sache, die im Kreislauf des 
Wirtschaftslebens einen Warenwert erhalt. Die Unter- 
nehmertatigkeit kann in gesunder Art nur dann in den 
sozialen Organismus eingreifen, wenn in dessen Leben 
Krafte wirken, welche die individuellen Fahigkeiten der 
Menschen in der moglichst besten Art in die Erscheinung 
treten lassen. Das kann nur geschehen, wenn ein Gebiet des 
sozialen Organismus vorhanden ist, das dem Fahigen die 
freie Initiative gibt, von seinen Fahigkeiten Gebrauch zu 
machen, und das die Beurteilung des Wertes dieser Fahig- 
keiten durch freies Verstandnis fur dieselben bei andern 



Menschen ermoglicht. Man sieht: die soziale Betatigung 
eines Mensdien durch Kapital gehort in dasjenige Gebiet 
des sozialen Organismus, in welchem das Geistesleben 
Gesetzgebung und Verwaltung besorgt. Wirkt in diese 
Betatigung der politisdieStaathinein 3 so mufi notwendiger- 
weise die Verstandnislosigkeit gegeniiber den individuellen 
Fahigkeiten bei deren Wirksamkeit mitbestimmend sein. 
Denn der politische Staat mufi auf dem beruhen, und er 
mufi das in Wirksamkeit versetzen, das in alien Menschen 
als gleiche Lebensforderung vorhanden ist. Er mufi in seinem 
Bereich alle Menschen zur Geltendmachung ihres Urteils 
kommen lassen. Fur dasjenige, was er zu vollbringen hat, 
kommt Verstandnis oder Nichtverstandnis fur individuelle 
Fahigkeiten nicht in Betracht. Daher darf, was in ihm zur 
Verwirklichung kommt, auch keinen Einflufi haben auf die 
Betatigung der individuellen menschlichen Fahigkeiten. 
Ebensowenig sollte der Ausblick auf den wirtschaftlichen 
Vorteil bestimmend sein konnen fur die durch Kapital 
ermoglichte Auswirkung der individuellen Fahigkeiten. 
Auf diesen Vorteil geben manche Beurteiler des Kapitalis- 
mus sehr vieles. Sie vermeinen, dafi nur durch diesen 
Anreiz des Vorteils die individuellen Fahigkeiten zur 
Betatigung gebracht werden konnen. Und sie berufen sich 
als «Praktiker» auf die «unvollkommene» Menschennatur, 
die sie zu kennen vorgeben. Allerdings innerhalb derjenigen 
Gesellschaftsordnung, welche die gegenwartigen Zustande 
gezeitigt hat, hat die Aussicht auf wirtschaftlichen Vorteil 
eine tiefgehende Bedeutung erlangt. Aber diese Tatsache ist 
eben zum nicht geringen Teile die Ursache der Zustande, 
die jetzt erlebt werden konnen. Und diese Zustande drangen 
nachEntwickelung eines andern Antriebes fiir dieBetatigung 



der individuellen Fahigkeiten. Dieser Antrieb wird in dem 
aus einem gesunden Geistesleben erfliefienden sozialen Ver- 
stdndnis liegen miissen. Die Erziehung, die Schule werden 
aus der Kraft des f reien Geisteslebens heraus den Menschen 
mit Impulsen ausriisten, die ihn dazu bringen, kraft dieses 
ihm innewohnenden Verstandnisses das zu verwirklichen, 
wozu seine individuellen Fahigkeiten drangen. 

Soldi eine Meinung braucht nicht Schwarmgeisterei zu 
sein. Gewifi, die Schwarmgeisterei hat unermej&lich grofies 
Unheil auf dem Gebiete des sozialen Wollens ebenso 
gebracht wie auf anderen. Aber die hier dargestellte An- 
schauung beruht nicht, wie man aus dem Vorangehenden 
ersehen kann, auf dem Wahnglauben, dafi «der Geist» 
Wunder wirken werde, wenn diejenigen moglichst vie! von 
ihm sprechen, die ihn zu haben meinen; sondern sie geht 
hervor aus der Beobachtung des freien Zusammenwirkens 
der Menschen auf geistigem Gebiete. Dieses Zusammen- 
wirken erhalt durch seine eigene Wesenheit ein soziales 
Geprage, wenn es sich nur wabrhafl frei entwickeln kann. 

Nur die unfreie Art des Geisteslebens hat bisher dieses 
soziale Geprage nicht aufkommen lassen. Innerhalb der 
leitenden Klassen haben sich die geistigen Krafte in einer 
Art ausgebildet, welche die Leistungen dieser Krafte in anti- 
sozialer Weise innerhalb gewisser Kreise der Menschheit 
abgeschlossen haben. Was innerhalb dieser Kreise hervor- 
gebracht worden ist, konnte nur in kunstlicher Weise an die 
proletarische Menschheit herangebracht werden. Und diese 
Menschheit konnte keine seelentragende Kraft aus diesem 
Geistesleben schopf en, denn sie nahm nicht wirklicb an dem 
Leben dieses Geistesgutes teil. Einrichtungen fiir «volks- 
tiimliche Belehrung», das «Heranziehen» des «Volkes» zum 



Kunstgenuft und Ahnliches sind in Wahrheit keine Mittel 
zur Ausbreitung des Geistesgutes im Volke, so lange dieses 
Geistesgut den Charakter beibehalt, den es in der neueren 
Zeit angenommen hat. Denn das «Volk» steht mit dem 
inner sten Anteil seines Menschenwesens nicht in dem Leben 
dieses Geistesgutes drinnen. Es wird ihm nur ermoglicht, 
gewissermafien von einem Gesichtspunkte aus, der aufier- 
halb desselben liegt, darauf hinzuschauen. Und was von 
dem Geistesleben im engern Sinne gilt, das hat seine Bedeu- 
tung auch in denjenigen Verzweigungen des geistigen 
Wirkens, die auf Grund des Kapitals in das wirtschaftliche 
Leben einflieften. Im gesunden sozialen Organismus soil der 
proletarische Arbeiter nicht an seiner Maschine stehen und 
nur von deren Getriebe beriihrt werden, wahrend der 
Kapitalist allein wei£, welches das Schicksal der erzeugten 
Waren im Kreislauf des Wirtschaftslebens ist. Der Arbeiter 
soil mit vollem Anteil an der Sache Vorstellungen entwickeln 
konnen iiber die Art, wie er sich an dem sozialen Leben 
beteiligt, indem er an der Erzeugung der Waren arbeitet. 
Besprechungen, die zum Arbeitsbetrieb gerechnet werden 
miissen wie die Arbeit selbst, sollen regelmajRig von dem 
Unternehmer veranstaltet werden mk dem Zweck der Ent- 
wickelung eines gemeinsamen Vorstellungskreises, der Ar- 
beitnehmer und Arbeitgeber umschlielk. Ein gesundes Wir- 
ken dieser Art wird bei dem Arbeiter Verstandnis dafiir 
erzeugen, dafi eine rechte Betatigung des Kapitalverwalters 
den sozialen Organismus und damit den Arbeiter, der ein 
Glied desselben ist, selbst fordert. Der Unternehmer wird 
bei soldier auf freies Verstehen zielenden OfTentHchkeit 
seiner Geschaftsfuhrung zu einem einwandfreien Gebaren 
veranlaftt. 



Nur, wer gar keinen Sinn hat fiir die soziale Wirkung 
des innerlichen vereinten Erlebens einer in Gemeinschaft 
betriebenen Sache, der wird das Gesagte fiir bedeutungslos 
halten. Wer einen solchen Sinn hat, der wird durchschauen, 
wie die wirtschaftliche Produktivitat gefordert wird, wenn 
die auf Kapitalgrundlage ruhende Leitung des Wirtschafts- 
lebens in dem Gebiete des freien Geisteslebens seine Wur- 
zeln hat. Das blofi wegen des Profites vorhandene Interesse 
am Kapital und seiner Vermehrung kann nur dann, wenn 
diese Voraussetzung erfiillt ist, dem sachlichen Interesse 
an der Hervorbringung von Produkten und am Zustande- 
kommen von Leistungen Platz machen. 

Die sozialistisch Denkenden der Gegenwart streben die 
Verwaltung der Produktionsmittel durch die Gesellschaft 
an. Was in diesem ihrem Streben berechtigt ist, das wird 
nur dadurch erreicht werden konnen, da£ diese Verwaltung 
von dem freien Geistesgebiet besorgt wird. Dadurch wird 
der wirtschaftliche Zwang unmoglich gemacht, der vom 
Kapitalisten dann ausgeht und als menschenunwurdig 
empfunden wird, wenn der Kapitalist seine Tatigkeit aus 
den Kraften des Wirtschaftslebens her aus entfaltet. Und es 
wird die Lahmung der individuellen menschlichen Fahig- 
keiten nicht eintreten konnen, die als eine Folge sich ergeben 
mujR, wenn diese Fahigkeiten vom politischen Staate ver- 
waltet werden. 

Das Ertragnis einer Betatigung durch Kapital und indi- 
viduellemenschliche Fahigkeiten mufi im gesunden sozialen 
Organismus wie jede geistige Leistung aus der freien 
Initiative des Tatigen einerseits sich ergeben und anderseits 
aus dem freien Verstandnis anderer Menschen, die nach dem 
Vorhandensein der Leistung des Tatigen verlangen. Mit der 



freien Einsicht des Tatigen mufi auf diesem Gebiete im 
Einklange stehen die Bemessung dessen, was er als Ertragnis 
seiner Leistung - nach den Vorbereitungen, die er braucht, 
urn sie zu vollbringen, nach den Aufwendungen, die er 
machen mufi, um sie zu ermoglichen und so weiter - an- 
sehen will. Er wird seine Anspriiche nur dann befriedigt 
finden konnen, wenn ihm Verstandnis fiir seine Leistungen 
entgegengebracht wird. 

Durch soziale Einrichtungen, die in der Richtung des hier 
Dargestellten liegen, wird der Boden geschaffen fiir ein 
• wirklich f reies Vertragsverhaltnis zwischen Arbeitleiter und 
Arbeitleister. Und dieses Verhaltnis wird sich beziehen nicht 
auf einen Tausch von Ware (beziehungsweise Geld) fiir 
Arbeitskraft, sondern auf die Festsetzung des Anteiles, den 
eine jede der beiden Personen hat, welche die Ware gemein- 
sam zustande bringen. 

Was auf der Grundlage des Kapitals fiir den sozialen 
Organismus geleistet wird, beruht seinem Wesen nach auf 
der Art, wie die individuellen menschlichen Fahigkeiten in 
diesen Organismus eingreifen. Die Entwickelung dieser 
Fahigkeiten kann durch nichts anderes den ihr entsprechen- 
den Impuls erhalten als durch das freie Geistesleben. Auch 
in einem sozialen Organismus, der diese Entwickelung in die 
Verwaltung des politischen Staates oder in die Krafte des 
Wirtschaftslebens einspannt, wird die wirkliche Produk- 
tivitat alles dessen, was Kapitalaufwendung notwendig 
macht, auf dem beruhen, was sich an freien individuellen 
Kraften durch die lahmenden Einrichtungen hindurch- 
zwangt. Nur wird eine Entwickelung unter solchen Vor- 
aussetzungen eine ungesunde sein. Nicht die freie Entf altung 
der auf Grundlage des Kapitals wirkenden individuellen 



Fahigkeiten hat Zustande hervorgemfen, innerhalb welcher 
die menschliclie Arbeitskraft Ware sein mull, sondern die 
Fesselung dieser Krafte durch das politische Staatsleben oder 
durcli den Kreislauf des Wirtschaftslebens. Dies unbefangen 
zu durchschauen, ist in der Gegenwart eine Voraussetzung 
fiir alles, was auf dem Gebiete der sozialen Organisation 
geschehen soli. Denn die neuere Zeit hat den Aberglauben 
hervorgebracht, daft aus dem politischen Staate oder 
dem Wirtschaftsleben die Maftnahmen hervorgehen sollen, 
welche den sozialen Organismus gesund machen. Beschreitet 
man den Weg weiter, der aus diesem Aberglauben seine 
Richtung empfangen hat, dann wird man Einrichtungen 
schafFen, welche die Menschheit nicht zu dem fiihren, was 
sie erstrebt, sondern zu einer unbegrenzten Vergrofterung 
des Bedriickenden, das sie abgewendet sehen mochte. 

Uber den Kapitalismus hat man denken gelernt in einer 
Zeit, in welcher dieser Kapitalismus dem sozialen Organis- 
mus einen Krankheitsprozeft verursacht hat. Den Krank- 
heitsprozeft erlebt man; man sieht, daft ihm entgegen- 
gearbeitet werden muft. Man muft mehr sehen. Man muft 
gewahr werden, daft die Krankheit ihren Ursprung hat in 
dem Aufsaugen der im Kapital wirksamen Krafte durch 
den Kreislauf des Wirtschaftslebens. Derjenige nur kann in 
der Richtung d ess en wirken, was die Entwkkelungskrafte 
der Menschheit in der Gegenwart energisch zu fordern 
beginnen, der sich nicht in Illusionen treiben Iaftt durch die 
Vorstellungsart, welche in der Verwaltung der Kapital- 
betatigung durch das befreite Geistesleben das Ergebnis 
eines «unpraktischen Idealismus» sieht. 

In der Gegenwart ist man allerdings wenig darauf vor- 
bereitet, die soziale Idee, die den Kapitalismus in gesunde 



Bahnen lenken soil, in einen unmittelbaren Zusammenhang 
mit dem Geistesleben zu bringen. Man kniipft an dasjenige 
an, was dem Kreis des Wirtschaftslebens angehort. Man 
sieht, wie in der neueren Zeit die Warenproduktion zum 
Grofibetrieb, und dieser zur gegenwartigen Form des 
Kapitalismus gefiihrt hat. An die Stelle dieser Wirtschafts- 
f orm solle die genossenschaftliche treten, die fiir den Selbst- 
bedarf der Produzenten arbeitet. Da man aber selbstver- 
standlich die Wirtschaft mit den modernen Produktions- 
mitteln beibehalten will, verlangt man die Zusammen- 
fassung der Betriebe in eine einzige gro£e Genossenschaft. 
In einer soldien, denkt man, produziere ein jeder im Auf- 
trage der Gemeinscbaft, die nicht ausbeuterisch sein konne, 
weil sie sich selbst ausbeutete. Und da man an Bestehendes 
anknupfen will oder mu£, blickt man nach dem modernen 
Staat aus, den man in eine umfassende Genossenschaft ver- 
wandeln will. 

Man bemerkt dabei nicht, dafi man von einer solchen 
Genossenschaft sich Wirkungen verspricht, die um so weniger 
eintreten konnen, je grdfier die Genossenschaft ist. Wenn 
nicht die Einstellung der individuellen menschlichen Fahig- 
keiten in den Organismus der Genossenschaft so gestaltet 
wird, wie es in diesen Ausfiihrungen dargestellt worden ist, 
kann die Gemeinsamkeit der Arbeitsverwaltung nicht zur 
Gesundung des sozialen Organismus fiihren. 

Dafi fiir ein unbefangenes Urteil iiber das Eingreifen des 
Geisteslebens in den sozialen Organismus gegenwartig 
wenig Veranlagung vorhanden ist, ruhrt davon her, dafi 
man sich gewohnt hat, das Geistige moglichst fern von 
allem Materiellen und Praktischen vorzustellen. Es wird 
nicht wenige geben, die etwas Groteskes in der hier dar- 



gestellten Ansicht finden, dafi in der Betatigung des Kapitals 
im Wirtschaftsleben die Auswirkung eines Teiles des geistigen 
Lebens sich offenbaren soil. Man kann sich denken, dafi in 
dieser Charakterisierung des als grotesk Dargestellten Zu- 
gehorige der bisher leitenden Menschenklassen mit sozia- 
listischen Denkern iibereinstimmen. Man wird, um die 
Bedeutung dieses grotesk Befundenen fiir eine Gesundung 
des sozialen Organismus einzusehen, den Blick richten 
miissen in gewisse Gedankenstromungen der Gegenwart, 
die in ihrer Art redlichen Seelenimpulsen entspringen, die 
aber das Entstehen eines wirklich sozialen Denkens dort 
hemmen, wo sie Eingang finden. 

Diese Gedankenstromungen streben-mehr oder weniger 
unbewufit — hinweg von dem, was dem inneren Erleben 
dierechteStofikrafl gibt. Sie erstreben eine Lebensauffassung, 
ein seelisches, ein denkerisches, ein nach wissenschaftlicher 
Erkenntnis sudiendes inneres Leben gewissermaften wie eine 
Insel im Gesamtmenschenleben. Sie sind dann nicht in der 
Lage, die Briicke zu bauen von diesem Leben hin zu dem- 
jenigen, was den Mensdien in die Alltaglichkeit einspannt. 
Man kann sehen, wie viele Menschen der Gegenwart es 
gewissermaften «innerlidi vornehm» finden, in einer ge- 
wissen, sei es audi schulmaftigen Abstraktheit nachzudenken 
iiber allerlei ethisdi-religiose Probleme in Wolkenkuckucks- 
heimhohen; man kann sehen, wie die Mensdien nachdenken 
iiber die Art und Weise, wie sich der Mensch Tugenden an- 
eignen konne, wie er in Liebe zu seinen Mitmenschen sich 
verhalten soli, wie er begnadet werden kann mit einem 
« inneren Lebensinhalt». Man sieht dann aber audi das 
Unvermogen, einen Ubergang zu ermoglichen von dem, 
was die Leute gut und liebevoll und wohlwollend und 



rechtlich und sittlich. nennen, zu dem, was in der aufiern 
Wirklichkeit, im Alltag den Menschen umgibt als Kapital- 
wirkung, als Arbeitsentlohnung, als Konsum, als Produktion, 
als Warenzirkulation, als Kreditwesen, als Bank- und 
Borsenwesen. Man kann sehen, wiezweiWeltenstromungen 
nebeneinandergestellt werden audi in den Denkgewohn- 
heiten der Menschen. Die eine Weltenstromung ist die, 
welche sich gewissermafien in gottlich-geistiger Hohe halten 
will, die keine Briicke bauen will zwischen dem, was ein 
geistiger Impuls ist, und was eine Tatsache des gewohn- 
lichen Handelns im Leben ist. Die andere lebt gedankenlos 
im Alltaglichen. Das Leben aber ist ein einheitliches. Es 
kann nur gedeihen, wenn die es treibenden Krafte von allem 
ethisch-religiosen Leben herunterwirken in das alleralltag- 
lichste profanste Leben, in dasjenige Leben, das manchem 
eben weniger vornehm erscheint. Denn, versaumt man, die 
Briicke zu schlagen zwischen den beiden Lebensgebieten, so 
verfallt man in bezug auf religioses, sittliches Leben und 
auf soziales Denken in blofie Schwarmgeisterei, die fern- 
stent der alltaglichen wahren Wirklichkeit. Es racht sich 
dann gewisserma£en diese alltaglich-wahre Wirklichkeit. 
Dann strebt der Mensch aus einem gewissen «geistigen» 
Impuls heraus alles mogliche Ideale an, alles mogliche, was 
er «gut» nennt; aber denjenigen Instinkten, die diesen 
«Idealen» gegeniiberstehen als Grundlage der gewohn- 
lichen taglichen Lebensbediirfnisse, deren Befriedigung aus 
der Volkswirtschaft heraus kommen mu£, diesen Instinkten 
gibt sich der Mensch ohne «Geist» hin. Er weifi keinen 
wirklichkeitsgemafien Weg von dem BegrifF der Geistigkeit 
zu dem, was im alltaglichen Leben vor sich geht. Dadurch 
nimmt dieses alltagliche Leben eine Gestalt an, die nichts zu 



tun haben soil mit dem, was als ethische Impulse in vorneh- 
meren, seelisch-geistigen Hohen gehalten werden will. Dann 
aber wird die Rache der Alltaglichkeit eine solche, daft das 
ethisch-religiose Leben zu einer innerlichen Lebensliige des 
Menschen sich gestaltet, weil es sich feme halt von der all- 
taglichen, von der unmittelbaren Lebenspraxis, ohne daft 
man es merkt. 

Wie zahlreich sind doch heme die Menschen, die aus einer 
gewissen ethisch-religiosen Vornehmheit heraus den besten 
Willen zeigen zu einem rechten Zusammenleben mit ihren 
Mitmenschen, die ihren Mitmenschen nur das Alleraller- 
beste tun mochten. Sie versaumen es aber, zu einer Empfin- 
dungsart zu kommen, die dies wirklich ermoglicht, weil sie 
sich kein soziales, in den praktischen Lebensgewohnheiten 
sich auswirkendes Vorstellen aneignen konnen. 

Aus dem Kreise solcher Menschen stammen diejenigen, 
die in diesem welthistorischen Augenblick, wo die sozialen 
Fragen so drangend geworden sind, sich als die Schwarm- 
geister, die sich aber fiir echte Lebenspraktiker halten, hem- 
mend der wahren Lebenspraxis entgegenstellen. Man kann 
von ihnen Reden horen wie diese: Wir haben notig, daft die 
Menschen sich erheben aus dem Materialismus, aus dem 
aufterlich materiellen Leben, das uns in die Weltkriegs- 
Katastrophe und in das Ungliick hineingetrieben hat, und 
daft sie sich einer geistigen Auffassung des Lebens zu- 
wenden. Man wird, wenn man so die Wege des Menschen 
zur Geistigkeit zeigen will, nicht rnude, diejenigen Person- 
lichkeiten zu zitieren, die man in der Vergangenheit wegen 
ihrer dem Geiste zugewendeten Denkungsart verehrt hat. 
Man kann erleben, daft jemand, der versucht, gerade auf 
dasjenige hinzuweisen, was heute der Geist fiir das wirk- 



liche praktische Leben so notwendig leisten mufi, wie das 
tagliche Brot erzeugt werden mufi, darauf aufmerksam 
gemacht wird, dafi es ja in erster Linie darauf ankomme, 
die Menschen wiederum zur Anerkennung des Geistes zu 
bringen. Es kommt aber gegenwartig darauf an, dafi aus 
der Kraft des geistigen Lebens heraus die Riditlinien fur die 
Gesundung des sozialen Organismus gefunden werden. 
Dazu geniigt nicht, dafi die Menschen in einer Seiten- 
stromung des Lebens sich mit dem Geiste beschafligen. Dazu 
ist notwendig, dafi das alltagliche Dasein geistgemafi werde. 
Die Neigung, fur das «geistige Leben» solche Seiten- 
stromungen zu suchen, ftihrte die bisher leitenden Kreise 
dazu, an sozialen Zustanden Geschmack zu haben, die in 
die gegenwartigen Tatsachen ausgelaufen sind. 

Eng verbunden sind im sozialen Leben der Gegenwart 
die Verwaltung des Kapitals in der Warenproduktion und 
der Besitz der Produktionsmittel, also audi des Kapitals. 
Und doch sind diese beiden Verhaltnisse des Menschen zum 
Kapital ganz verschieden mit Bezug auf ihre Wirkung 
innerhalb des sozialen Organismus. Die Verwaltung durch 
die individuellen Fahigkeiten fiihrt, zweckmafiig ange- 
wendet, dem sozialen Organismus Giiter zu, an deren 
Vorhandensein alle Menschen, die diesem Organismus an- 
gehoren, ein Interesse haben. In welcher Lebenslage ein 
Mensch auch ist, er hat ein Interesse daran, dafi nichts von 
dem verloren gehe, was aus den Quellen der Menschen- 
natur an solchen individuellen Fahigkeiten erfliefk, durch 
die Giiter zustande kommen, welche dem Menschenleben 
zweckentsprechend dienen. Die Entwickelung dieser Fahig- 
keiten kann aber nur dadurch erfolgen, dafi ihre mensch- 
lichen Trager aus der eigenen freien Initiative heraus sie 



zur Wirkung bringen konnen. Was aus diesen Quellen nicht 
in Freiheit erfliefien kann, das wird der Menschenwohl- 
fahrt mindestens bis zu einem gewissen Grade entzogen. 
Das Kapital aber ist das Mittel, soldie Fahigkeiten fiir 
weite Gebiete des sozialen Lebens in Wirksamkeit zu brin- 
gen. Den gesamten Kapitalbesitz so zu verwalten, dafi der 
einzelne in besonderer Richtung begabte Mensch oder dafi 
zuBesonderem befahigte Menschengruppen zu einer solchen 
Verfugung iiber Kapital kommen, die lediglich aus ihrer 
ureigenen Initiative entspringt, daran mufi jedermann 
innerhalb eines sozialen Organismus ein wahrhaftes In- 
teresse haben. Vom Geistesarbeiter bis zum handwerklich 
Schaffenden mufi ein jeder Mensch, wenn er vorurteilslos 
dem eigenen Interesse dienen will, sagen: Ich mochte, dafi 
eine geniigend grofte Anzahl befahigter Personen oder 
Personengruppen vollig frei iiber Kapital nicht nur ver- 
f iigen konnen, sondern dafi sie audi aus der eigenen Initiative 
heraus zu dem Kapitale gelangen konnen; denn nur sie 
allein konnen ein Urteil dariiber haben, wie durch die 
Vermittlung des Kapitals ihre individueilen Fahigkeiten 
dem sozialen Organismus zweckmaftig Giiter erzeugen 
werden. 

Es ist nidit notig, im Rahmen dieser Schrifl darzustellen, 
wie im Laufe der Menschheitsentwickelung zusammen- 
hangend mit der Betatigung der menschlichen individueilen 
Fahigkeiten im sozialen Organismus sich der Privatbesitz 
aus andern Besitzformen ergeben hat. Bis zur Gegenwart 
hat sich unter dem Einflu£ der Arbeitsteilung innerhalb 
dieses Organismus ein solcher Besitz entwickelt. Und von 
den gegenwartigen Zustanden und deren notwendiger 
Weiterentwickelung soil hier gesprochen werden. 



Wie audi der Privatbesitz sich gebildet hat, durch Macht- 
und Eroberungsbetatigung und so weiter, er ist ein Ergebnis 
des an individuelle menschliche Fahigkeiten gebundenen 
sozialen Schaffens. Dennoch besteht gegenwartig bei sozia- 
listisch Denkenden die Meinung, dafi sein Bedriickendes 
nur beseitigt werden konne durch seine Verwandlung in 
Gemeinbesitz. Dabei stellt man die Frage so: Wie kann der 
Privatbesitz an Produktionsmitteln in seinem Entstehen 
verhindert werden, damit die durch ihn bewirkte Bedriik- 
kung der besitzlosen Bevolkerung aufhore? Wer die Frage 
so stellt, der richtet dabei sein Augenmerk nicht auf die 
Tatsache, dafi der soziale Organismus ein fortwahrend 
WerdendeSj Wachsendes ist. Man kann diesem Wachsenden 
gegenuber nicht so fragen: Wie soil man es am besten ein- 
nchten, damit es durch diese Einrichtung dann in dem Zu- 
stande verbleibe, den man als den richtigen erkannt hat? 
So kann man gegenuber einer Sache denken, die von einem 
gewissen Ausgangspunkt aus wesentlich unverandert weiter 
wirkt. Das gilt nicht fiir den sozialen Organismus. Der 
verandert durch sein Leben fortwahrend dasjenige, das in 
ihm entsteht. Will man ihm eine vermeintlich beste Form 
geben, in der er dann bleiben soil, so untergrabt man seine 
Lebensbedingungen. 

Eine Lebensbedingung des sozialen Organismus ist, dafi 
demjenigen, welcher der Allgemeinheit durch seine indi- 
viduellen Fahigkeiten dienen kann, die Moglichkeit zu 
solchem Dienen aus der freien eigenen Initiative heraus 
nicht genommen werde. Wo zu solchem Dienste die freie 
Verfugung iiber Produktionsmittel gehort, da wiirde die 
Verhinderung dieser freien Initiative den allgemeinen 
sozialen Interessen schaden. Was gewohnlich mit Bezug auf 



diese Sache vorgebracht wird, daft der Unternehmer zum 
Anreiz seiner Tatigkeit die Aussicht auf den Gewinn 
braudit, der an den Besitz der Produktionsmittel gebunden 
ist: das soil hier nicht geltend gemacht werden. Denn die 
Denkart, aus welcher die in diesem Buche dargestellte 
Meinung von einer Fortentwickelung der sozialen Ver- 
haltnisse erfliefit, mufi in der Bef reiung des geistigen Lebens 
von dem politischen und dem wirtschaftlichen Gemein- 
wesen die Moglichkeit sehen, dafi ein soldier Anreiz weg- 
f alien kann. Das befreite Geistesleben wird soziales Ver- 
standnis ganz notwendig aus sich selbst entwickeln; und aus 
diesem Verstandnis werden Anreize ganz anderer Art sich 
ergeben als derjenige ist, der in der Hoffnung auf wirt- 
schaftlichen Vorteil liegt. Aber nicht darum kann es sich 
allein handeln, aus welchen Impulsen heraus der Privat- 
besitz an Produktionsmitteln bei Menschen beliebt ist, son- 
dern darum, ob die freie Verfiigung iiber solche Mittel, 
oder die durch die Gemeinschaft geregelte den Lebens- 
bedingungen des sozialen Organismus entspricht. Und da- 
bei muE immer im Auge behalten werden, dafi man f iir den 
gegenwartigen sozialen Organismus nicht die Lebens- 
bedingungen in Betracht ziehen kann, die man bei primitiven 
Menschengesellschaften zu beobachten glaubt, sondern allein 
diejenigen, welche der heutigen Entwickelungsstufe der 
Menschheit entsprechen. 

Auf dieser gegenwartigen Stufe kann eben die fruchtbare 
Betatigung der individuellen Fahigkeiten durch dasKapital 
nicht ohne die freie Verfiigung iiber dasselbe in den Kreis- 
lauf des Wirtschaftslebens eintreten. Wo fruchtbringend 
produziert werden soli, da mufi diese Verfiigung moglich 
sein, nicht weil sie einem einzelnen oder einer Menschen- 



gruppe Vorteil bringt, sondern weil sie der Allgemeinheit 
am besten dienen kann, wenn sie zweckmaftig von sozialem 
Verstandnis getragen ist. 

Der Mensch ist gewissermaften, wie mit der Geschicklich- 
keit seiner eigenen Leibesglieder, so verbunden mit dem, 
was er selbst oder in Gemeinschafl mit andern erzeugt. Die 
Unterbindung der freien Verfugung uber die Produktions- 
mittel kommt gleich einer Lahmung der freien Anwendung 
seiner Geschicklichkeit der Leibesglieder. 

Nun ist aber das Privateigentum nicbts anderes als der 
Vermittler dieser freien Verfugung. Fur den sozialen 
Organismus kommt in Ansehung des Eigentums gar nichts 
anderes in Betracht, als daft der Eigentiimer das Recht hat, 
tiber das Eigentum aus seiner freien Initiative heraus zu 
verfiigen. Man sieht, im sozialen Leben sind zwei Dinge 
miteinander verbunden, welche von ganz verschiedener 
Bedeutung sind fur den sozialen Organismus: Die freie 
Verfugung uber die Kapitalgrundlage der sozialen Pro- 
duktion, und das Rechtsverhaltnis, in das der Verfiiger zu 
andern Menschen tritt dadurch, daft durch sein Verfiigungs- 
recht diese anderen Menschen ausgeschlossen werden von 
der freien Betatigung durch diese Kapitalgrundlage. 

Nicht die urspriingliche freie Verfugung fiihrt zu sozialen 
Schaden, sondern lediglich das Fortbesteben des Rechtes auf 
diese Verfugung, wenn die Bedingungen aufgehort haben, 
welche in zweckmaftiger Art individuelle menschliche 
Fahigkeiten mit dieser Verfugung zusammenbinden. Wer 
seinen Blick auf den sozialen Organismus als auf ein Wer- 
dendes, Wachsendes richtet, der wird das hier Angedeutete 
nicht miftverstehen konnen. Er wird nach der Moglichkeit 
fragen, wie dasjenige, was dem Leben auf der einen Seite 



dient, so verwaltet werden kann, dafi es nidit auf der 
anderen Seite schadlich wirkt. Was lebt, kann gar nicht in 
einer andern Weise fruchtbringend eingerichtet sem als 
dadurch, dafi im Werden das Entstandene audi zum Nach- 
teil fiihrt. Und soli man an einem Werdenden selbst mit- 
arbeiten, wie es der Mensch am sozialen Organismus mu$, 
so kann die Aufgabe nicht darin bestehen, das Entstehen 
einer notwendigen Einrichtung zu verhindern, um Schaden 
zu vermeiden. Denn damit untergrabt man die Lebens- 
moglichkeit des sozialen Organismus. Es kann sich allein 
darum handeln, dafi im rechten Augenblick eingegriffen 
werde, wenn sich das Zweckmaftige in ein Schadliches ver- 
wandelt. 

Die Moglichkeit, f rei iiber die Kapitalgrundlage aus den 
individuellen Fahigkeiten heraus zu verf iigen, muC bestehen ; 
das damit verbundene Eigentumsrecht muf$ in dem Augen- 
blicke verandert werden konnen, in dem es umschlagt in 
ein Mittel zur ungerechtfertigten Machtentfaltung. In 
unserer Zeit haben wir eine Einrichtung, welche der hier 
angedeuteten sozialen Forderung Rechnung tragt, teilweise 
durchgefiihrt nur fur das sogenannte geistige Eigentum. 
Dieses geht einige Zeit nach dem Tode des SchafTenden in 
freies Besitztum der Allgemeinheit iiber. Dem liegt eine 
dem Wesen des menschlichen Zusammenlebens entsprechende 
Vorstellungsart zugrunde. So eng auch die Hervorbringung 
eines rein geistigen Gutes an die individuelle Begabung des 
einzelnen gebunden ist: es ist dieses Gut zugleich ein 
Ergebnis des sozialen Zusammenlebens und mufi in dieses 
im rechten Augenblicke iibergeleket werden. Nicht anders 
aber stent es mit anderem Eigentum. Dafi mit dessen Hilfe 
der einzelne im Dienste der Gesamtheit produziert, das ist 



nur moglich im Mitwirken dieser Gesamtheit. Es kann also 
das Recht auf die Verfiigung tiber ein Eigentum nicht von 
den Interessen dieser Gesamtheit getrennt verwaltet wer- 
den. Nicht ein Mittel ist zu finden, wie das Eigentum an 
der Kapitalgrundlage ausgetilgt werden kann, sondern ein 
solches, wie dieses Eigentum so verwaltet werden kann, dafi 
es in der besten Weise der Gesamtheit diene. 

In dem dreigliedrigen sozialen Organismus kann dieses 
Mittel gefunden werden. Die im sozialen Organismus ver- 
einigten Menschen wirken als Gesamtheit durch den Reehts- 
staat. Die Betatigung der individuellen Fahigkeiten gehort 
der geistigen Organisation an. 

Wie alles am sozialen Organismus einer Anschauung, die 
fur Wirklichkeiten Verstandnis hat, und die nicht von sub- 
jektiven Meinungen, Theorien, Wiinschen und so weiter 
sich ganz beherrschen lafSt, die Notwendigkeit der Drei- 
gliederung dieses Organismus ergibt, so insbesondere die 
Frage nach dem Verhaltnis der individuellen menschlichen 
Fahigkeiten zur Kapitalgrundlage des Wirtschaftslebens 
und dem Eigentum an dieser Kapitalgrundlage. Der Rechts- 
staat wird die Entstehung und die Verwaltung des privaten 
Eigentums an Kapital nicht zu verhindern haben, solange 
die individuellen Fahigkeiten so verbunden bleiben mit 
der Kapitalgrundlage, dafi die Verwaltung einen Dienst 
bedeutet fur das Ganze des sozialen Organismus. Und er 
wird Rechtsstaat bleiben gegeniiber dem privaten Eigentum; 
er wird es niemals selbst in seinen Besitz nehmen, sondern 
bewirken, dafi es im rechten Zeitpunkt in das Verfugungs- 
recht einer Person oder Personengruppe iibergeht, die 
wieder ein in den individuellen Verhaltnissen bedingtes 
Verhaltnis zu dem Besitze entwickeln konnen. Von zwei 



ganz verschiedenen Ausgangspunkten wird dadurch dem 
sozialen Organismus gedient werden konnen. Aus dem 
demokratischen Untergrund des Rechtsstaates heraus, der 
es zu tun hat mit dem, was alle Menschen in gleicher Art 
beriihrt, wird gewacht werden konnen, dafi Eigentumsrecht 
nicht im Laufe der Zeit zu Eigentumsunrecht wird. Da- 
durch, dafi dieser Staat das Eigentum nicht selbst verwaltet, 
sondern sorgt fur die "Oberleitung an die individuellen 
menschlichen Fahigkeiten, werden diese ihre fruchtbare 
Kraft fur die Gesamtheit des sozialen Organismus entf alten. 
Solange es als zweckmafiig erscheint, werden durch eine 
solche Organisation die Eigentumsrechte oder die Ver- 
fiigung liber dieselben bei dem personlichen Elemente ver- 
bleiben konnen. Man kann sich vorstellen, dafi die Vertreter 
im Rechtsstaate zu verschiedenen Zeiten ganz verschiedene 
Gesetze geben werden liber die Oberleitung des Eigentums 
von einer Person oder Personengruppe an andere. In der 
Gegenwart, in der sich in weiten Kreisen ein gro£es Mi£- 
trauen zu allem privaten Eigentum entwickelt hat, wird 
an ein radikales Oberfiihren des privaten Eigentums in 
Gemeineigentum gedacht. Wiirde man auf diesem Wege 
weit gelangen, so wiirde man sehen, wie man dadurch die 
Lebensmoglichkeit des sozialen Organismus unterbindet. 
Durch die Erfahrung belehrt, wiirde man einen andern 
Weg spater einschlagen. Doch ware es zweifellos besser, 
wenn man schon in der Gegenwart zu Einrichtungen griff e, 
die dem sozialen Organismus im Sinne des hier Ange- 
deuteten seine Gesundheit gaben. Solange eine Person fur 
sich allein oder in Verbindung mit einer Personengruppe 
die produzierende Betatigung fortsetzt, die sie mit einer 
Kapitalgrundlage zusammengebracht hat, wird ihr das 



Verfugungsrecht verbleiben miissen iiber diejenige Kapital- 
masse, die sich aus dem Anfangskapital als Betriebsgewinn 
ergibt, wenn der letztere zur Erweiterung des Produktions- 
betriebes verwendet wird. Von dem Zeitpunkt an, in dem 
eine solche Personlidikeit aufhort, die Produktion zu ver- 
walten, soil diese Kapitalmasse an eine andere Person oder 
Personengruppe zum Betriebe einer gleichgearteten oder 
anderen dem sozialen Organismus dienenden Produktion 
ubergehen. Audi dasjenige Kapital, das aus dem Produk- 
tionsbetrieb gewonnen wird und nidit zu dessen Erwei- 
terung verwendet wird, soli von seiner Entstehung an den 
gleichen Weg nehmen. Als personliches Eigentum der 
den Betrieb ieitenden Personlidikeit soli nur gelten, was 
diese bezieht auf Grund derjenigen Anspriiche, die sie bei 
Aufnahme des Produktionsbetriebes glaubte wegen ihrer 
individuellen Fahigkeit machen zu konnen, und die dadurch 
gerechtf ertigt erscheinen, dafi sie aus dem Vertrauen anderer 
Mensdien heraus bei Geltendmachung derselben Kapital 
erhalten hat. Hat das Kapital durch die Betatigung dieser 
Personlidikeit eine Vergrofierung erfahren, so wird in deren 
individuelles Eigentum aus dieser Vergrofierung so viel 
ubergehen, da£ die Vermehrung der ursprunglichen Beziige 
der Kapital vermehrung im Sinne eines Zinsbezuges ent- 
spridit. — Das Kapital, mit dem ein Produktionsbetrieb 
eingeleitet worden ist, wird nach dem Willen der urspriing- 
lichen Besitzer an den neuen Verwalter mit alien iiber- 
nommenen Verpflichtungen ubergehen, oder an diese zuruck- 
fliefien, wenn der erste Verwalter den Betrieb nicht mehr 
besorgen kann oder will. 

Man hat es bei einer solchen Einrichtung mit Rechts- 
ubertragungen zu tun. Die gesetzlichen Bestimmungen zu 



treff en, wie solche Obertragungen stattfmden sollen, obliegt 
dem Reditsstaat. Er wird auch iiber die Ausfiihrung zu 
wachen und deren Verwaltung zu fiihren haben. Man kann 
sich denken, dafi im einzelnen die Bestimmungen, die eine 
solche Rechtsubertragung regeln, in sehr verschiedener Art 
aus dem Rechtsbewufksein heraus fiir richtig befunden 
werden. Eine Vorstellungsart, die wie die hier dargestellte 
wirklichkeitsgemdji sein soli, wird niemals mehr wollen als 
auf die Richtung weisen, in der sich die Regelung bewegen 
kann. Geht man verstandnisvoll auf diese Richtung ein, so 
wird man im konkreten Einzelfalle immer ein Zweckent- 
sprechendes finden. Doch wird aus den besondern Verhalt- 
nissen heraus fiir die Lebenspraxis dem Geiste der Sache 
gemafi das Richtige gefunden werden miissen. Je wirklich- 
keitsgemafter eine Denkart ist, desto weniger wird sie fiir 
einzelnes aus vorgefafrten Forderungen heraus Gesetz und 
Regel feststellen wollen. - Nur wird andrerseits eben aus 
dem Geiste der Denkart in entschiedener Weise das eine 
oder das andere mit Notwendigkeit sich ergeben. Ein 
solches Ergebnis ist, dafi der Reditsstaat durch seine Ver- 
waltung der Rechtsiibertragungen selbst niemals die Ver- 
f iigung iiber ein Kapital wird an sich reifien diirf en. Er wird 
nur dafiir zu sorgen haben, dafi die Obertragung an eine 
solche Person oder Personengruppe geschieht, welche diesen 
Vorgang durch ihre individuellen Fahigkeiten als gerecht- 
fertigt erscheinen lassen. Aus dieser Voraussetzung heraus 
wird auch zunachst ganz allgemein die Bestimmung zu 
gelten haben, da£, wer aus den geschilderten Griinden zu 
einer Kapitaliibertragung zu schreiten hat, sich aus freier 
Wahl iiber seine Nachfolge in der Kapitalverwertung ent- 
scheiden kann. Er wird eine Person oder Personengruppe 



wahlen konnen, oder audi das Verfiigungsrecht auf eine 
Korporation der geistigen Organisation iibertragen konnen. 
Denn wer durch eine Kapitalverwaltung dem sozialen 
Organismus zweckentsprechende Dienste geleistet hat, der 
wird audi iiber die weitere Verwendung dieses Kapitals 
aus seinen individuellen Fahigkeken heraus mit sozialem 
Verstandnis urteilen. Und es wird fiir den sozialen Orga- 
nismus dienlicher sein, wenn auf dieses Urteil gebaut wird, 
als wenn darauf verzichtet und die Regelung von Personen 
vorgenommen wird, die nicht unmittelbar mit der Sadie 
verbunden sind. 

Eine Regelung dieser Art wird in Betracht kommen bei 
Kapitalmassen von einer bestimmten Hohe an, die von 
einer Person oder einer Personengruppe durch Produktions- 
mittel (zu denen audi Grund und Boden gehort) erworben 
werden, und die nicht auf der Grundlage der ursprunglich 
fiir die Betatigung der individuellen Fahigkeiten gemachten 
Anspruche personliches Eigentum werden. 

Die in der letzteren Art gemachten Erwerbungen und 
alle Ersparnisse, die aus den Leistungen der eigenen Arbeit 
entspringen, verbleiben bis zum Tode des Erwerbers oder 
bis zu einem spatern Zeitpunkte im personlichen Besitz 
dieses Erwerbers oder seiner Nachkommen. Bis zu diesem 
Zeitpunkte wird audi ein aus dem Rechtsbewufitsein sich 
ergebender, durch den Rechtsstaat festzusetzender Zins von 
dem zu leisten sein, dem solche Ersparnisse zum SchafF en 
von Produktionsmitteln gegeben werden. In einer sozialen 
Ordnung, die auf den hier geschilderten Grundlagen ruht, 
kann eine vollkommene Scheidung durchgefiihrt werden 
zwischen den Ertragnissen, die auf Grund einer Arbeits- 
leistung mit Produktionsmitteln zustandekommen und 



den Vermogensmassen, die auf Grund der personlichen 
(physischen und geistigen) Arbeit erworben werden. Diese 
Scheidung entspricht dem Rechtsbewufksein und den 
Interessen der sozialen Allgemeinheit. Was jemand erspart 
und als Ersparnis einem Produktionsbetrieb zur Verfugung 
stellt, das dient den allgemeinen Interessen. Denn es macht 
erst die Produktionsleitung durch individuelle menschliche 
Fahigkeiten moglich. Was an Kapitalvermehrung durch die 
Produktionsmittel - nach Abzug des rechtmafiigen Zinses - 
entsteht, das verdankt seine Entstehung der Wirkung des 
gesamten sozialen Organismus. Es soil also audi in der 
geschilderten Art wieder in ihn zuriickflieften. Der Rechts- 
staat wird nur eine Bestimmung dariiber zu treffen haben, 
dafi die Oberleitung der in Frage kommenden Kapital- 
massen in der angegebenen Art geschehe; nicht aber wird es 
ihm obliegen, Entscheidungen dariiber zu treffen, zu welcher 
materiellen oder geistigen Produktion ein iibergeleitetes 
oder audi ein erspartes Kapital zur Verfugung zu stellen 
ist. Das wiirde zu einer Tyrannis des Staates iiber die 
geistige und materielle Produktion fiihren. Diese aber wird 
in der fur den sozialen Organismus besten Art durch die 
individuellen menschlichen Fahigkeiten geleitet. Nur wird 

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es demjenigen, der nicht selbst die Wahl dariiber treffen 
will, an wen er ein durch ihn entstandenes Kapital iiber- 
tragen soli, frei iiberlassen sein, fur das Verfugungsrecht 
eine Korporation der geistigen Organisation einzusetzen. 

Audi ein durch Ersparnis gewonnenes Vermogen geht 
mit dem Zinsertragnis nach dem Tode des Erwerbers oder 
einige Zeit danach an eine geistig oder materiell produ- 
zierende Person oder Personengruppe - aber nur an eine 
solche, nicht an eine unproduktive Person, bei der es zur 



Rente wiirde — iiber, die durch letztwillige Anordnung 
von dem Erwerber zu wahlen ist. Auch dafur wird, wenn 
eine Person oder Personengruppe nicht unmittelbar gewahlt 
werden kann, die Obertragung des Verfiigungsrechtes an 
eine Korporation des geistigen Organismus in Betracht 
kommen. Nur wenn jemand von sich aus keine Verfugung 
trifft, so wird der Rechtsstaat fiir ihn eintreten und durch 
die geistige Organisation die Verfugung treff en lassen. 

Innerhalb einer so geregelten sozialen Ordnung ist zu- 
gleich der freien Initiative der einzelnen Menschen und 
auch den Interessen der sozialen Allgemeinheit Rechnung 
getragen; ja es wird den letzteren eben dadurch voll ent- 
sprochen, dafi die freie Einzel-Initiative in ihren Dienst 
gestellt wird. Wer seine Arbeit der Leitung eines andern 
Menschen anzuvertrauen hat, wird bei einer solchen Re- 
gelung wissen konnen, daft das mit dem Leiter gemeinsam 
Erarbeitete in der moglichst besten Art fiir den sozialen 
Organismus, also auch fiir den Arbeiter selbst, fruchtbar 
wird. Die hier gemeinte soziale Ordnung wird ein dem 
gesunden Empfinden der Menschen entsprechendes Ver- 
haltnis schaffen zwischen den durch das Rechtsbewufitsein 
geregelten Verfiigungsrechten iiber in Produktionsmitteln 
verkorpertes Kapital und menschlicher Arbeitskraft einer- 
seits und den Preisen der durch beides geschaffenen Erzeug- 
nisse andrerseits. - Vielleicht findet mancher in dem hier 
Dargestellten Unvollkommenheiten. Die mogen gefunden 
werden. Es kommt einer wirklichkeitsgemafien Denkart 
nicht darauf an, vollkommene «Programme» ein fiir alle 
Male zu geben, sondern darauf, die Richtung zu kenn- 
zeichnen, in der praktisch gearbeitet werden soli. Durch 
solche besondere Angaben, wie sie die hier gemachten sind, 



soli eigentlich nur wie durch einBeispiel die gekennzeichnete 
Richtung naher erlautert werden. Ein solches Beispiel mag 
verbessert werden. Wenn dies nur in der angegebenen 
Richtung geschieht, dann kann ein fruchtbares Ziel erreicht 
werden. 

Berechtigte personliche oder Familienimpulse werden 
sich durch solche Einrichtungen mit den Forderungen der 
menschlichen Allgemeinheit in Einklang bringen lassen. 
Man wird gewifi darauf hinweisen konnen, daft die Ver- 
suchung, das Eigentum auf einen oder mehrere Nach- 
kommen noch bei Lebzeiten zu iibertragen, sehr groft ist. 
Und daft man ja in solchen Nachkommen scheinbar Pro- 
duzierende schaffen kann, die aber dann doch gegeniiber 
anderen untiichtig sind und besser durch diese anderen 
ersetzt wiirden. Doch diese Versuchung wird in einer von 
den oben angedeuteten Einrichtungen beherrschten Organi- 
sation eine moglichst geringe sein konnen. Denn der 
Rechtsstaat braucht nur zu verlangen, daft unter alien 
Umstanden das Eigentum, das an ein Familienmitglied von 
einem andern iibertragen worden ist, nach Ablauf einer 
gewissen, auf den Tod des letzteren folgenden Zeit einer 
Korporation der geistigen Organisation zufallt. Oder es 
kann in andrer Art durch das Recht die Umgehung der 
Regel verhindert werden. Der Rechtsstaat wird nur dafiir 
sorgen, dafl diese Oberfuhrung geschehe; wer ausersehen 
sein soli, das Erbe anzutreten, das sollte durch eine aus 
der geistigen Organisation hervorgegangene Einrichtung 
bestimmt sein. Durch Erfullung soldier Voraussetzungen 
wird sich ein Verstandnis dafiir entwickeln, daft Nach- 
kommen durch Erziehung und Unterricht fur den sozialen 
Organismus geeignet gemacht werden, und nicht durch 



Kapitaliibertragung an unproduktive Personen sozialer 
Schaden angerichtet werde. Jemand, in dem wirklich 
soziales Verstandnis lebt, hat kein Interesse daran, dafi 
seine Verbindung mit einer Kapitalgrundlage nachwirke 
bei Personen oder Personengruppen, bei denen die in- 
dividuellen Fahigkeiten eine solche Verbindung nicht 
rechtfertigen. 

Niemand wird, was hier ausgefiihrt ist, fiir eine blofie 
Utopie halten, der Sinn fiir wirklich praktisch Durchfiihr- 
bares hat. Denn es wird gerade auf solche Einrichtungen 
gedeutet, die ganz unmittelbar an jeder Stelle des Lebens 
aus den gegenwartigen Zustanden heraus erwachsen konnen. 
Man wird nur zu dem EntschlufS greifen miissen, innerhalb 
des Rechtsstaates auf die Verwaltung des geistigen Lebens 
und auf das Wirtschaften allmahlich zu verzichten und sich 
nicht zu wehren, wenn, was geschehen sollte, wirklich 
geschieht, daE private Bildungsanstalten entstehen und dafi 
sich das Wirtschaftsleben auf die eigenen Untergriinde 
stellt. Man braucht die Staatsschulen und die staatlichen 
Wirtschaflseinrichtungen nicht von heute zu morgen abzu- 
schaffen; aber man wird aus vielleicht kleinen Anfangen 
heraus die Moglichkeit erwachsen sehen, dafi ein all- 
mahlicher Abbau des staatlichen Bildungs- und Wirtschafts- 
wesens erfolge. Vor allem aber wiirde notwendig sein, dafi 
diejenigen Personlichkeiten, welche sich mit der Ober- 
zeugung durchdringen konnen von der Richtigkeit der hier 
dargestellten oder ahnlicher sozialer Ideen, fiir deren Ver- 
breitung sorgen. Finden solche Ideen Verstandnis, so wird 
dadurch Vertrauen geschaffen zu einer moglichen heilsamen 
Umwandlung der gegenwartigen Zustande in solche, welche 
deren Schaden nicht zeigen. Dieses Vertrauen aber ist das 



einzige, aus dem eine wirklich gesunde Entwickelung wird 
hervorgehen konnen. Denn wer ein soldies Vertrauen 
gewinnen soil, der mufi iiberschauen konnen, wie Neu- 
einrichtungen sich praktisch an das Bestehende ankniipfen 
lassen. Und es scheint gerade das Wesentliche der Ideen zu 
sein, die hier entwickelt werden, dafi sie nicht eine bessere 
Zukunfl herbeifiihren wollen durch eine nodb weiter- 
gehende Zerstorung des Gegenwartigen, als sie schon ein- 
getreten ist; sondern dafi die Verwirklichung soldier Ideen 
auf dem Bestehenden weiterbaut und im Weiterbauen den 
Abbau des Ungesunden herbeifiihrt. Eine Aufklarung, die 
ein Vertrauen nach dieser Richtung nicht anstrebt, wird 
nicht erreichen, was unbedingt erreicht werden mull: eine 
Weiterentwickelung, bei welcher der Wert der bisher von 
den Menschen erarbeiteten Giiter und der erworbenen 
Fahigkeiten nicht in den Wind geschlagen, sondern gewahrt 
wird. Audi der ganz radikal Denkende kann Vertrauen zu 
einer sozialen Neugestaltung unter Wahrung der iiber- 
kommenen Werte gewinnen, wenn er vor Ideen sich gestellt 
sieht, die eine wirklich gesunde Entwickelung einleiten 
konnen. Audi er wird einsehen miissen, dafi, welche Men- 
schenklasse audi immer zur Herrschaft gelangt, sie die 
bestehenden Obel nicht beseitigen wird, wenn ihre Impulse 
nicht von Ideen getragen sind, die den sozialen Organismus 
gesund, lebensfahig machen. Verzweifeln, weil man nicht 
glauben kann, dafi bei einer geniigend grofien Anzahl von 
Menschen audi in den Wirren der Gegenwart Verstandnis 
sich finde fiir solche Ideen, wenn auf ihre Verbreitung 
die notwendige Energie gewandt werden kann, hiefie an 
der Empfanglichkeit der Menschennatur fiir Impulse des 
Gesunden und Zweckentsprechenden verzweifeln. Es sollte 



diese Frage, ob man daran verzweifeln miisse, gar nicht 
gestellc werden, sondern nur die andere: was man tun solle, 
urn die Aufklarung iiber vertrauenerweckende Ideen so 
kraftvoll als moglich zu machen. 

Einer wirksamen Verbreitung der hier dargestellten Ideen 
wird zunachst entgegenstehen, daft die Denkgewohnheiten 
des gegenwartigen Zeitalters aus zwei Untergriinden heraus 
mit ihnen nicht zurechtkommen werden. Entweder wird 
man in irgendeiner Form ein wend en, man konne sich nicht 
vorstellen, daft ein Auseinanderreiften des einheitlichen 
sozialen Lebens moglich sei, da doch die drei gekennzeich- 
neten Zweige dieses Lebens in der Wirklichkeit uberall 
zusammenhangen; oder man wird finden, daft auch im 
Emheitsstaate die notwendige selbstandige Bedeutung eines 
jeden der drei Glieder erreicht werden konne, und daft 
eigentlich mit dem hier Dargestellten ein Ideengespinst 
gegeben sei, das die Wirklichkeit nicht beriihre. Der erste 
Einwand beruht darauf, daft von einem unwirklichen Den- 
ken ausgegangen wird. Daft geglaubt wird, die Menschen 
konnten in einer Gemeinschaft nur eine Einheit des Lebens 
erzeugen, wenn diese Einheit durch Anordnung erst in die 
Gemeinschaft hineingetragen wird. Doch das Umgekehrte 
wird von der Lebens wirklichkeit verlangt. Die Einheit muft 
als das Ergebnis entstehen; die von verschiedenenRichtungen 
herzusammenstromendenBetatigungenmiissen zuletzt eine 
Einheit bewirken. Dieser wirklichkeitsgemaften Idee lief 
die Entwickelung der letzten Zeit zuwider. Deshalb stemmte 
sich, was in den Menschen lebte, gegen die von auften in das 
Leben gebrachte «Ordnung» und fiihrte zu der gegen- 
wartigen sozialen Lage. - Das zweite Vorurteil geht hervor 
aus dem Unvermogen, die radikale Verschiedenheit im 



Wirken der drei Glieder des sozialen Lebens zu durch- 
schauen. Man sieht nicht, wie der Mensch zu jedem der drei 
Glieder ein besonderes Verhaltnis hat, das in seiner Eigen- 
art nur entfaltet werden kann, wenn im wirklichen Leben 
ein fiir sich bestehender Boden vorhanden ist, auf dem 
sich, abgesondert von den beiden andern, dieses Verhaltnis 
ausgestalten kann, um mit ihnen zusammenzuwirken. 
Eine Anschauung der Vergangenheit, die physiokratische, 
meinte: Entweder die Menschen machen Regierungsmaft- 
regeln iiber das wirtschaftliche Leben, welche der freien 
Selbstentfaltung dieses Lebens widerstreben; dann seien 
solche Maftregeln schadlich. Oder die Gesetze laufen in 
ders
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