Anthroposophie, ihre Erkenntniswurzeln und Lebensfrüchte

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Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF  STEINER  GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

OFFENTLICHE  VORTRAGE 


Zu  den  Veroffentlichungen 
aus  dem  Vortragswerk  von  Rudolf  Steiner 


Die  Grundlage  der  anthroposophisch  orientierten  Geistes- 
wissenschaft  bilden  die  von  Rudolf  Steiner  (1861-1925)  ge- 
schriebenen  und  veroffentlichten  Werke.  Daneben  hielt  er 
in  den  Jahren  1900  bis  1924  zahlreiche  Vortrage  und  Kurse, 
sowohl  dffentlich  wie  auch  fur  die  Mitglieder  der  Theoso- 
phischen,  spater  Anthroposophischen  Gesellschaft.  Er  selbst 
wollte  urspriinglich,  dafi  seine  durchwegs  frei  gehaltenen 
Vortrage  nicht  schriftlich  festgehalten  wiirden,  da  sie  als 
«miindliche,  nicht  zum  Druck  bestimmte  Mitteilungen»  ge- 
dacht  waren.  Nachdem  aber  zunehmend  unvollstandige 
und  fehlerhafte  Horernachschriften  angefertigt  und  verbrei- 
tet  wurden,  sah  er  sich  veranlafit,  das  Nachschreiben  zu  re- 
geln.  Mit  dieser  Aufgabe  betraute  er  Marie  Steiner-von 
Sivers.  Ihr  oblag  die  Bestimmung  der  Stenographierenden, 
die  Verwaltung  der  Nachschriften  und  die  fur  die  Heraus- 
gabe  notwendige  Durchsicht  der  Texte.  Da  Rudolf  Steiner 
aus  Zeitmangel  nur  in  ganz  wenigen  Fallen  die  Nachschrif- 
ten selbst  korrigieren  konnte,  mufi  gegeniiber  alien  Vor- 
tragsveroffentlichungen  sein  Vorbehalt  beriicksichtigt  wer- 
den:  «Es  wird  eben  nur  hingenommen  werden  miissen,  dafi 
in  den  von  mir  nicht  nachgesehenen  Vorlagen  sich  Fehler- 
haftes  findet.» 

Nach  dem  Tode  von  Marie  Steiner  (1867-1948)  wurde 
gemafi  ihren  Richtlinien  mit  der  Herausgabe  einer  Rudolf 
Steiner  Gesamtausgabe  begonnen.  Der  vorliegende  Band 
bildet  einen  Bestandteil  dieser  Gesamtausgabe.  Soweit  erfor- 
derlich,  finden  sich  nahere  Angaben  zu  den  Textunterlagen 
am  Beginn  der  Hinweise. 


RUDOLF  STEINER 


Anthroposophie, 
ihre  Erkenntniswurzeln 
und  Lebensfriichte 

Mit  einer  Einleitung  iiber 
den  Agnostizismus 
als  Verderber  echten  Merischentums 

Acht  Vortrdge,  gehalten  in  Stuttgart 
vom  29.  August  bis  6.  September  1921 


1986 


RUDOLF  STEINER  VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 


Nach  vom  Vortragenden  teilweise  durchgesehenen  Nachschriften 
herausgegeben  von  der  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die  Herausgabe  besorgte  Ernst  Weidmann 


1.  Auflage  Dornach  1952 

2.  Auflage,  Gesamtausgabe  Dornach  1968 

3.  Auflage,  Gesamtausgabe  Dornach  1986 


Bibliographie-Nr.  78 

Alle  Rechte  bei  der  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach/Schweiz 
©  1952  by  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach/Schweiz 
Printed  in  Germany  by  Konkordia  Druck,  Buhl 

ISBN  3-7274-0780-8 


INHALT 


Erster  Vortrag,  Stuttgart,  29.  August  1921     .    .  . 

Das  Wesen  des  Agnostizismus.  Abirrungen  unter  dem 
Einfluft  des  Agnostizismus  im  Vorstellungs-,  Gefiihls- 
und  Willensleben.  Agnostizismus  und  Kunstverderbnis 

Zweiter  Vortrag,  30.  August  1921  

Uber  die  Art  und  Weise,  wie  geschichtlich  die  Erkenntnis- 
wurzeln  der  Anthroposophie  gefunden  wurden.  Ein  Motto 
fur  diese  Vortrage  aus  dem  Jahre  1886.  Die  Betrachtung 
von  Goethes  Denken,  fur  Rudolf  Steiner  eine  der  Wurzeln 
der  Anthroposophie 

Dritter  Vortrag,  31.  August  1921  

Uber  die  «Phi1osophie  der  Freiheit».  Das  Freiheitserlebnis 
und  die  Kausalerklarung.  Freiheitsuntersuchung  als  iiber- 
sinnliche  Forschung.  Friedrich  Nietzsche  als  Kampfer 
gegen  das  Agnostische  unserer  Zeit 

Vierter  Vortrag,  1.  September  1921  

Nietzsches  Seelentragik.  Haeckels  Monismus.  Die  Bedeu- 
tung  moderner  naturwissenschaftlicher  Forschungsweisen 
fur  die  anthroposophische  Geisteswissenschaft.  Die 
Anschauungsweise  des  Tierischen  bei  Haeckel  und  des 
Pflanzlichen  bei  Goethe 

Funfter  Vortrag,  2.  September  1921  

Von  der  imaginativen  Erkenntnis.  Unterschied  zwischen 
dem  Verlauf  des  iibersinnlichen  und  des  gewohnlichen 
Erkenntnisstrebens.  Haeckels  aufgezeichnete  instinktive 
Imaginationen.  Verhaltnis  des  Erkenntniserlebens  von 
Goethe  zu  Swedenborgs  krankhaftem  Sehen 


SechsterVortrag,  3.  September  1921  110 

Imaginatives  Erkennen  und  das  Leben  in  der  Erinnerung. 
Die  Gefahr  des  Joga-Atmens.  Der  Aufstieg  vom  gegen- 
standlichen  Erkennen  durch  Imagination  und  Inspiration 
zu  der  kosmischen  Intuition,  als  Weiterfuhrung  dessen, 
was  schon  in  der  «Philosophie  der  Freiheit»  angedeutet 
wurde 

SiebenterVortrag,  5.  September  1921  132 

Der  Abgrund  zwischen  der  kausalen  Naturerklarung  und 
der  moralischen  Weltordnung.  Naturnotwendigkeit  und 
Glaubensgewiftheit.  Der  Weg  zur  intuitiven  Erkenntnis; 
diese  fiihrt  zum  Hineinleben  in  die  Natur  des  Denkens  und 
Erkennens.  Von  der  Dreigliederung  des  menschlichen  We- 
sens.  Uber  das  Durchbrechen  der  Naturkausalitat  durch 
die  moralische  Welt.  Moralische  Intuitionen.  Schillers  Hal- 
tung  zu  Kants  Pflichtbegriff.  Die  Antithese  der  « Philo- 
sophic der  Freiheit»  gegeniiber  der  Kantischen  Moralauf- 
fassung 

Achter  Vortrag,  6.  September  1921  153 

Kurze  Charakterisierung  der  sozialen  Frage.  Der  mensch- 
liche  Organismus  und  eine  geisteswissenschaftlich  be- 
fruchtete  Medizin.  Nur  imaginative  Erkenntnis  kann  vor- 
dringen  zum  Erfassen  menschlicher  Organprozesse  und 
der  komplizierten  sozialen  Prozesse.  Der  ideenmafiige  und 
der  kunstlerische  Ast  des  lebendigen  Schaffens.  Anthropo- 
sophie  keine  neue  Religionsbildung.  Freies  inneres  Erleben 
mulS  an  die  Stelle  des  Dogmas  der  Erfahrung  treten 


Hinweise 


Personenregister  

Ubersicht  iiber  die  Rudolf  Steiner-Gesamtausgabe 


176 
182 
183 


ERSTER  VORTRAG 


Stuttgart,  29- August  1921 

Vorerst  sage  ich  Herrn  Dr.  Unger  und  Ihnen  alien  den  herz- 
lichsten  Dank  fiir  Ihre  so  freundliche  Begriifiung.  Es  darf 
wohl  in  diesem  Augenblick  audi  von  mir  ausgesprochen 
werden,  dafi  dieser  herzliche  Grufi  audi  von  mir  selbst  zu 
Ihnen  hiniibergeht,  und  Sie  werden  es  demjenigen,  dessen 
ganzes  Herz  daran  hangt,  dafi  solche  Veranstaltungen  wie 
die  gestern  begonnene,  zum  Entwickeln  der  anthroposophi- 
schen  Weltanschauung  das  Entsprechende  beitragen  modi- 
ten,  Sie  werden  es  jemandem,  dessen  ganzes  Herz  daran 
hangt,  dafi  das  so  sein  moge,  glauben,  dafi  dieser  Grufi  ein 
innerlich  durch  und  durch  wahrhafliger  ist  und  da£  er  aus 
einer  Seele  heraus  kommt,  die  gerne  mochte,  dafi  diese  Ver- 
anstaltung  in  dem  denkbar  besten  Sinne  verlaufe. 

Anthroposophische  Geisteswissenschaft,  wie  sie  auch  wie- 
derum  durch  diesen  Kongrefi  hier  vertreten  werden  soli, 
beruht  darauf,  daft  anerkannt  werde,  wie  hinter  der  sinn- 
lich-physischen  Welt  und  mit  dieser  innig  verwoben  eine 
geistig-ubersinnliche  stent,  aber  auch  darauf,  dafi  der  Mensch 
in  der  Lage  ist,  durch  Entwickelung  gewisser  Erkenntnis- 
krafte  zu  einer  Einsicht  zu  kommen  in  diese  mit  der  Sinnes- 
welt  verwobene  ubersinnliche  Welt.  Weil  Anthroposophie 
dieses  anerkennt,  hat  man  sie  vielfach  nur  gehalten  fiir  eine 
Art  Wiederaufwarmung  der  alten  Gnosis,  welche  noch 
lebendig  bliihte  in  den  ersten  christlichen  Jahrhunderten  und 
dann  uberwunden,  ich  konnte  auch  sagen,  ausgerottet  wor- 
den  ist.  Wer  nur  ein  einziges  meiner  Biicher  mit  ehrlichen 
Absichten  gelesen  hat,  der  kann  wissen,  da£  dieses  Urteil 


ein  durchaus  unriditiges  ist.  Aber  wer  auf  der  andern  Seite 
darauf  blickt,  wie  durch  Anthroposophie  aus  einer  ahnlichen 
Erkenntnisgesinnung  heraus  eine  iibersinnliche  Anschauung 
gesucht  werden  soli,  wie  es  der  Fall  war  in  der  alten  Gnosis 
und  in  andern  nach  dem  Obersinnlichen  hinstrebenden 
Weltanschauungen,  der  wird,  wenn  er  nur  nicht  dem  eben 
ausgesprochenen  Mifturteil  sich  hmgibt,  immerhin  diese  An- 
throposophie als  eine  Art  von  Gnosis  bezeichnen  konnen. 
Dadurch  aber  hat  sie  in  begreif  licher  Weise  zur  Gegnerschaff. 
eine  Ansicht,  die  sich  im  Verlaufe  des  19.  Jahrhunderts  im- 
mer  mehr  und  mehr  unter  dem  Einflusse  der  naturwissen- 
schaftlichen  Denkweise  ausgebildet  hat  und  die  eigentlich 
das  Gegenteil  aller  gnostischen  Erkenntnisbestrebungen  ist. 
Das  ist  dasjenige,  was  sich  ja  selbst  vielfach  genannt  hat:  der 
Agnostizismus.  Dieser  Agnostizismus  ist,  man  mochte  sagen 
in  seiner  Reinkultur,  entstanden  aus  denselben  Untergriin- 
den  auf  philosophischem  Gebiete,  aus  denen  heraus  Darwin 
zum  Beispiel  auf  naturwissenschaftlichem  Gebiete  gearbeitet 
hat:  aus  der  Denkweise  der  westlichen  Welt.  Man  kann  ihn 
in  dieser  seiner  Reinkultur  insbesondere  studieren  bei  sol- 
chen  Geistern  wie  etwa  Herbert  Spencer. 

Will  man  sagen,  worinnen  das  Wesen  dieses  Agnostizis- 
mus besteht,  so  wird  man  dies  vielleicht  am  besten  in  der 
folgenden  Art  tun.  Dieser  Agnostizismus  will  eine  Art  Phi- 
losophic, eine  Art  Weltanschauung  sein,  und  er  will  durch- 
aus aus  naturwissenschaftlichen  Voraussetzungen  heraus 
arbeiten.  Dabei  lafit  er  nur  gelten  dasjenige  an  menschlicher 
Erkenntnismethodik,  dessen  sich  auch  die  Naturwissenschafl 
auf  ihren  verschiedenen  begrenzten  und  beschrankten  Ge- 
bieten  bedient.  Diese  Naturwissenschafl  verfolgt  die  einzel- 
nen  Erscheinungen  der  Natur  in  ihren  gesetzma&gen  Zu- 
sammenhangen;  sie  durchsetzt  dasjenige,  was  sie  sich  da  an 
Ideen  iiber  die  einzelnen  Naturerschemungen  ausbildet, 


wohl  audi  mit  allerlei  Hypothesen  iiber  Ursadilichkeiten; 
aber  sie  lehnt  es  ab  -  und  auf  ihrem  Gebiete  wohl  audi  mit 
Redit  aufzusteigen  von  der  sinnlichen  Betraditung  im 
Experiment,  in  der  Beobaditung  und  von  dem,  was  sidi 
dem  Verstande,  der  an  die  Sinnlichkeit  gebunden  ist,  aus 
Experiment  und  Beobaditung  ergibt,  zu  irgendwelcher  Aus- 
gestaltung  von  Erkenntnissen,  die  auf  das  Obersinnliche  ge- 
hen.  Sie  fafk  die  Erscheinungen,  besser  gesagt  eigentlich  nur 
die  Erscheinungsgebiete,  zusammen  und  stellt  dasjenige  hin, 
was  sie  auf  diese  Weise  an  gesetzmafiigen  Zusammenhangen 
der  Erscheinungen  ergrunden  kann. 

Darauf  baut  nun  der  Agnostizismus.  Er  sagt:  Man  kann 
in  der  Zusammenfassung  der  au£eren  Erscheinungen  immer 
weiter  und  weiter  gehen.  Man  bekommt  dann  gewisser- 
ma£en  ein  Bild  von  zusammenhangenden  Gedankenstruk- 
turen,  die  sich  wie  ein  Netz  iiber  die  Erscheinungen  und 
Erscheinungsreihen  erstrecken,  die  die  Naturwissenschaft 
konstatiert.  Aber  man  mufi  all  dem  gegemiber ,  was  da  in  das 
Bewufttsein  des  Menschen  als  eine  Erkenntnis  iiber  die  Na- 
tur  hereinkommen  kann,  ein  Unbekanntes  annehmen,  das 
als  die  eigentliche  tiefere  Ursachenwelt  dem  zugrunde  liegt, 
was  auf  diese  Art  bekannt  werden  kann.  Man  kann  eigent- 
lich  nur  eine  Erkenntnis  des  au£eren  sinnlich-physischen 
Gebietes  und  seiner  Zusammenfassungen  haben;  man  kann 
aber  nicht  zu  demjenigen  vordringen,  was  nun  das  Ganze 
halt  und  tragt,  was  nicht  mehr  mit  den  Sinnen  erreichbar 
sein  kann,  was  ein  Obersinnliches  sein  mufi.  Der  Mensch 
kann  nicht  haben  eine  Gnosis,  einen  Gnostizismus.  Der 
Mensch  kann  nur  haben  einen  Agnostizismus;  er  kann  nur 
wissen,  dafi  seiner  Erkenntnis  Grenzen  gesetzt  sind,  und 
dafi  er  nicht  vordringen  kann  bis  zu  demjenigen,  was  der 
aufieren  sinnlichen  Welt  als  ihre  eigentliche  iibersinnliche 
Ursache  zugrunde  liegt. 


Dieser  Agnostizismus  wird  dann  auch  auf  das  seelische 
Gebiet  ausgedehnt.  Es  wird  gesagt:  Man  kann  wohl  ergriin- 
den,  wie  dasjenige,  was  als  Vorstellungen  in  unserem  Be- 
wufksein  auftritt,  sich  aneinandergliedert,  sich  gegenseitig 
halt  und  tragt,  wie  sich  Gefiihle  an  diese  Vorstellungen  an- 
gliedern,  wie  eine  Willenswelt  aus  unbekannten  Tiefen  in 
diese  Vorstellungswelt  hineinwirkt,  wie  diese  Vorstellungen 
angeregt  werden  durch  Reize,  die  von  den  sinnlichen  Wahr- 
nehmungen  herkommen.  Man  kann  aber  nicht  demjenigen, 
was  nun  fortstromt  innerhalb  des  Wechselspiels  der  Vorstel- 
lungen, der  Tingierung  dieses  Wechselspiels  mit  dem  Gef  iihl, 
der  Durchpulsung  desselben  Wechselspiels  mit  Willenskraf- 
ten,  man  kann  nicht  dem,  was  da  fortstromt  und  was  das 
Bewufttsein  zusammenfafk  in  dem  Worte  «Ich»,  man  kann 
dem  nicht  so  beikommen,  dafi  etwa  die  Aspirationen  des 
Menschen  auf  Erkenntnis  einer  unsterblichen,  einer  ewigen 
Seele  durch  eine  Wissenschaft  dieser  Seele  befriedigt  werden 
konnen  -  Agnostizismus  auf  naturwissenschaftlichem  Ge- 
biete,  Agnostizismus  auf  dem  Gebiete  des  psychologischen, 
des  seelischen  Lebens. 

Eine  kritische  Besprechung  des  Agnostizismus,  der  weite 
Kreise  der  heutigen  Menschenwelt  griindlich  beherrscht, 
mochte  ich  hier  heute  nicht  geben.  Es  soil  ihm  in  diesen 
Vortragen  nicht  eine  Kritik  entgegengestellt  werden;  es  soli 
ihm  entgegengestellt  werden  dasjenige,  was  in  positiver 
Weise  Anthroposophie  zu  sagen  hat  iiber  ihre  Erkenntnis- 
wurzeln  und  ihre  Lebensfriichte. 

Was  ich  heute  sagen  will,  ist  einiges  zur  Charakteristik, 
wie  dieser  Agnostizismus,  wenn  er  sich  der  Menschenseele 
bemachtigt,  auf  das  ganze  menschliche  Leben  wirkt.  Denn 
eigentlich  kann  nur  derjenige,  der  nicht  unbefangen  genug 
dem  menschlichen  Leben  sowohl  in  seiner  individuellen 
wie  in  seiner  sozialen  Seite  gegeniibersteht,  glauben,  dafi 


Erkenntnis,  daft  so  etwas  wie  eine  agnostische  Anschauung 
allein  fiir  sich  dastehen  konne,  den  Grundton  bilden  konne 
einer  gewissen  mehr  oder  weniger  wissenschafllichen  oder 
popularen  Philosophic  Wer  dem  Leben  unbefangen  gegen- 
iibersteht,  der  weift,  daft  es  in  diesem  Menschenleben  so  ist 
wie  in  der  einzelnen  menschlichen  Naturorganisation.  Was 
in  irgendeinem  Gliede  des  menschlichen  Leibes  vor  sich 
geht,  was  krank  oder  gesund  vor  sich  geht,  das  wirkt  im 
ganzen  menschlichen  Organismus,  wo  immer  es  audi  in 
diesem  auftritt.  Und  so  kann  der  Unbefangene  auch  sehen, 
wie  dasjenige,  was  heute  als  Agnostizismus  in  unsere  Wis- 
senschafl;, die  ja  fiir  den  groftten  Teil  der  Menschen,  wenig- 
stens  der  ziviHsierten  Menschen  des  Abendlandes,  Autoritat 
ist,  wie  der  Agnostizismus  in  die  Wissenschafl  eindringt, 
wie  er  von  der  Wissenschafl:  aus  in  Unterricht  und  Er- 
ziehung  eindringt,  wie  er  von  da  aus  das  soziale  und  reli- 
giose Leben  ergreift,  wie  von  ihm  ergriffen  sind  Millionen 
und  aber  Millionen  von  Menschen,  die  tonangebend  sind 
fiir  die  Gegenwart  und  die  nachste  Zukunft,  und  die  es 
oftmals  keineswegs  wissen,  wie  sie  trotz  vielleicht  dieses 
oder  jenes  traditionellen  religiosen  Bekenntnisses  in  ihrer 
tief sten  Seele  dieser  agnostischen  Anschauung  huldigen.  Der 
Unbefangene  kann  uberall  im  Leben  sehen,  wie  Agnostizis- 
mus wirkt.  Er  tritt  uns  heute  in  seinen  Wirkungen  im  ein- 
zelnen Menschen  und  im  sozialen  Leben  entgegen.  Zunachst 
tritt  er  ja  allerdings  im  Vorstellungsleben  auf .  Das  mensch- 
liche  Wesen  offenbart  sich  sowohl  als  einzelnes  wie  als 
soziales  durch  das  Vorstellen,  durch  das  Fiihlen,  durch  das 
Wollen. 

Der  Agnostizismus  ergreift  zunachst  die  Vorstellungs- 
welt,  und  er  macht  geltend,  dafi,  wie  man  auch  diese  Vor- 
stellungswelt  ausbilden  moge,  wie  man  sie  auch  verbreiten 
oder  vertiefen  moge,  welche  Zusammenhange  man  auch 


ergriinden  moge  in  seinem  Vorstellungsleben:  untertauchen 
in  ein  Sein,  in  eine  Wirklichkeit,  kann  man  mit  diesem 
Vorstellungsleben  nicht.  Das  Vorstellungsleben  verlaufl:  im 
Stromen  von  Bildern,  die  gewi£  auf  irgendeine  Weise  wur- 
zeln in  einem  Sein,  in  einer  objektiven  Wirklichkeit;  aber 
dasjenige,  was  der  Mensch  in  sich  tragt  als  seine  Vorstel- 
lungen,  das  hat  nichts  in  sich,  was  ihn  hinunterweisen 
konnte  in  dieses  Gebiet  der  wahren  Wirklichkeit.  -  Diese 
Anschauung  wird  gerade  von  ausgezeichneten  Geistern  der 
Gegenwart  mit  allem  Radikalismus  vertreten.  Aber  man 
denke  doch  nur  einmal  dariiber  nach,  wie  der  ganze,  der 
voile  Mensch  mit  alien  seinen  Off  enbarungen  doch  eigent- 
lich  wurzeln  muE  nicht  in  irgendeinem  Bilddasein,  nicht  m 
einer  Vorstellungswelt,  die  mit  der  wahren  Wirklichkeit 
nichts  zu  tun  hat,  sondern  wie  er  wurzeln  mufi  in  dieser 
wahren  Wirklichkeit  selbst.  Mag  man  denken  wie  man  will 
liber  das  Verhaltnis  desjemgen,  was  wir  vorstellen,  zu  der 
wahren  Wirklichkeit  der  Welt:  das  kann  kein  Mensch  zu- 
geben,  daf$,  was  der  Mensch  fuhlt,  was  der  Mensch  will, 
was  der  Mensch  als  Taten  verrichtet,  da£  das  nicht  in  dieser 
wahren  Wirklichkeit  wurzle.  Auch  der  einfachste  Schritt 
in  die  Lebenspraxis  zeigt  das. 

Es  hat  Skeptiker  gegeben,  welche  noch  nicht  ganz  bis 
zum  Agnostizismus  haben  vordringen  wollen,  welche  aber 
doch  die  auftere  sinnliche  Welt  in  einem  absoluten  Sinne 
als  eine  Art  von  Schein  betrachtet  haben.  Es  haben  sich,  an 
solche  Skeptiker  ankniipfend,  Legenden  gebildet.  So  er- 
zahlte  man  von  einem  Skeptiker  des  Altertums,  dafi  er, 
wenn  er  an  einen  Abgrund  gekommen  ist,  seine  Schritte 
nicht  angehalten  habe,  weil  er  das  Vorhandensein  des  Ab- 
grundes  in  der  aufteren  Sinnenwelt  lediglich  fur  einen  Schein 
gehalten  habe.  Sie  werden  es  unmittelbar  bei  einer  solchen 
Legende  in  all  ihrer  Absurditat  einsehen,  dafi  es  unmoglich 


ist,  die  letzte  Praxis  aus  einer  Anschauung  zu  ziehen,  die 
etwa  dasjenige,  was  der  Mensch  tut,  was  er  selbst  als  seine 
Realitat  beurteilt,  nicht  wurzeln  lafit  in  einer  wahren 
Wirklichkeit,  in  einem  objektiven  Weltenzusammenhange. 

Durchdringt  man  sich  aber  ganz  innerlich  ehrlich  mit  der 
Ansdiauung,  dafi  alles  das,  was  man  vorstellen  kann,  nur 
Bild  ist,  das  nicht  hinunterdringt  zu  den  Wurzeln  des  wahr- 
haft  Wirklichen,  dann  sondert  man  das  ganze  menschliche 
Vorstellen  ab  von  dem,  was  der  Mensch  eigentlich  ist.  Dann 
geht  man  in  der  Welt  herum,  indem  man  auf  der  einen  Seite 
voraussetzen  mufi,  da£  der  Mensch  in  einer  wahren  Wirk- 
lichkeit  wurzle,aber  zu  gleicherZeit,dafi  alles  dasjenige,  was 
er  sich  in  seinem  Bewufttsein  vergegenwartigen  kann,  nichts 
zu  tun  habe  mit  dieser  Wirklichkeit.  Der  Mensch  sondert  das- 
jenige, was  ihm  gerade  den  wichtigsten  Inhalt  seines  Zivili- 
sationslebens  gibt  —  seine  Vorstellungs-,  seine  Gedanken- 
welt  — ,  ab  nicht  nur  von  der  Wirklichkeit,  sondern  von  sich 
selbst;  er  spaltet  sich  in  sich  selbst.  Und  wird  so  etwas  nicht 
blofi  als  eine  Phrase,  als  eine  eitle  Theorie  genommen,  wird 
so  etwas  aus  dem  ganzen  Menschentum  heraus  wie  eine  in- 
nerliche  Wahrheit  durchlebt,  dann  ist  es  unmoglich,  ein 
innerlich  starker  Mensch  zu  sein,  ein  Mensch  mit  einer  siche- 
ren  Lebensbasis,  wenn  man  sich  in  dieser  Weise  spaltet  und 
sein  Bestes  absondert  von  dem,  was  man  eigentlich  in  Wirk- 
lichkeit, in  Wahrheit  ist.  Dadurch  werden,  wenn  solch  eine 
Weltanschauung  ehrlich  innerlich  erlebt  wird,  die  Vorstel- 
lungen  unmutig;  sie  werden  etwas  Kraftloses,  sie  entwickeln 
sich  gewissermafien  nach  und  nach  immer  mehr  und  mehr  als 
ein  Gleichgiiltiges,  und  sie  werden,  wahrend  sie  einen  grofien 
Teil  der  menschlichen  geschichtlichen  Entwickelung  hindurch 
die  eigentlich  treibenden  Motoren  des  menschlichen  Lebens 
waren,  depossediert  zugunsten  der  Instinkte  und  Triebe, 
zugunsten  desjenigen,  was  nun  nicht  vorstellungsgema£  aus 


dem  Animalischen  in  das  menschliche  Bewufttsein  herauf- 
spielt. 

Wer  konnte  verkennen,  daft  im  Grunde  genommen  die 
moderne  Menschheit  in  einem  hohen  Grade  auf  einem  sol- 
chen  Wege  zur  innerlicnen  Spaltung  des  Menschen,  zur  Ent- 
wertung  des  Vorstellungslebens  gekommen  ist!  Aber  ein 
Vorstellungsleben,  das  also  verlauft,  durchdringt  auch  nicht 
das  Gefiihlsleben.  Ein  Gefiihlsleben,  das  nicht  durchdrungen 
wird  von  st^rken  Vorstellungen,  die  in  sich  selber  das  Be- 
wufksein  tragen,  daft  sie  in  der  Wahrheit  drinnenstehen,  das 
wird  nach  und  nach  unwahr,  das  fuhlt  sich  nach  und  nach  als 
im  Unwahren  drinnenstehend,  und  dann  artet  es  nach  zwei 
verschiedenen  Seiten  hin  aus.  Es  verliert  seine  Natiirlichkeit, 
es  verliert  seine  innerliche  Ehrlichkeit  und  Wahrheit  und  es 
artet  entweder  aus  zu  einer  falschen  Sentimentalitat,  wo 
man  sich  wie  gezwungen  fuhlt,  sich  hinzugeben  als  Mensch 
gewissen  Gefuhlen;  aber  man  steht  nicht  drinnen,  weil  da- 
hinter  nicht  die  starken  Vorstellungen  stehen.  Man  redet  sich 
nur  ein,  sich  solchen  Gefuhlen  hingeben  zu  diirfen.  Man  legt 
dann  in  diese  Gefuhle  allerlei,  was  nicht  wirklich  erlebt 
wird.  Man  steigert  sich  hinauf,  ich  mochte  sagen  gefiihls- 
duselig,  phrasenhaft,  in  eine  Empfmdungshohe,  die  innerlich 
erlogen  ist.  Das  ist  das  Ausarten  nach  der  einen  Seite.  Oder 
aber  das  Gefiihlsleben  kann  nach  der  andern  Seite  unwahr- 
haftig  werden  dadurch,  daft  es  gerade  annimmt  den  Charak- 
ter,  den  ich  schon  angedeutet  habe,  den  Charakter,  der  die 
Vorstellung  verleugnet,  dafiir  aber  dasjenige,  was  anima- 
lisch  ist,  sprechen  laftt.  Wird  die  Vorstellung  blafi,  verliert 
sie  das  innere  Bewufitsein,  da£  sie  vom  Sein  durchdrungen 
ist.  Dann  kann  sie  auch  nicht  in  das  Gefiihl  sich  hineinleben, 
dann  mufi  der  Mensch  in  jenes  Bewufitlose  untertauchen, 
das  in  seinem  Animalischen  lebt.  Dann  wird  er  in  seinen 
Gefuhlen  ein  Spielball  seines  inneren  Wohlseins  oder  Nicht- 


wohlseins,  seiner  Instinkte,  Triebe,  seiner  Bediirfnisse,  die 
nicht  von  dem  Lichte  des  Bewufttseins  durchhellt  sind.  Er 
f  olgt,  weil  er  sich  als  Mensch  nicht  zur  wahrhaftigen  Mensch- 
lichkeit  erheben  kann,  dem  Spiel  der  Natur  in  seinem  orga- 
nischen  Wesen. 

Das  sind  die  zwei  Abirrungen  in  die  Unwahrhaftigkeit, 
die  das  Gefiihl  unter  dem  Einflufi  des  Agnostizismus  neh- 
men  kann.  Diese  Abirrungen  zeigen  sich  ganz  besonders  in 
dem  Kiinstlerischen,  das  die  Menschheit  hervorbringt.  Das 
Kiinstlerische,  das  im  wesentlichen  aus  der  Gefiihlswelt  ent- 
springen  mufi,  wird  selbst  unwahrhaftig,  wenn  ihm  zu- 
grunde  liegt  eine  unwahrhaftige  Gefiihlswelt,  eine  sentimen- 
talische  oder  eine  animalische  Gefiihlswelt.  Wir  haben  beides 
in  der  neuesten  Zeit,  in  dem  Zeitalter  des  Agnostizismus, 
heraufkommen  sehen.  Wir  haben  heraufkommen  sehen  die 
Siiftlichkeit,  die  Sentimentalitat,  die  innerliche  Verlogenheit, 
die  sich  hineinsteigert  in  Gef  iihle,  die  nicht  aus  dem  wahren 
Menschenwesen  mit  elementarer  Kraft  herausquellen,  son- 
dern  die  erkiinstelt,  die  gemacht  und  daher  unwahr  sind. 
Wir  haben  gesehen  auf  der  andern  Seite,  wie  diejenigen,  die 
durchschaut  haben  das  Unwahrhaftige  dieser  Sentimentali- 
tat und  nicht  anders  konnten,  als  das  sprechen  lassen,  was 
naturhaft  im  Menschen  ist,  wie  diese  dann  gefiihrt  wurden 
zu  dem  krassesten  Naturalismus,  zu  der  blofien  Nach- 
ahmung  desjenigen,  was  in  der  Natur  drauften  schon  ge- 
schaffen  wird. 

Was  in  der  Natur  schon  geschafTen  wird,  das  kann  die 
Natur  noch  immer  besser  schaff  en  als  der  Mensch,  und  wenn 
dieser  als  Landschafter  oder  was  immer  die  Natur  nach- 
ahmen  will,  so  wird  er,  audi  wenn  er  ein  noch  so  grofier 
Kiinstler  ist,  hinter  der  Natur  dennoch  -  der  Unbefangene 
kann  das  merken  -  zuriickbleiben  miissen.  Oberflussig  ist  im 
Grunde  genommen  dasjenige,  was  Naturnachahmung  ist. 


Will  man  dann  nicht  verfallen  in  das  phrasenhafte  Sich- 
Hinaufsteigern  in  ein  Unreales,  weil  man  das  Reale  glaubt 
nidit  erf  assen  zu  konnen,  will  man  nicht  ausarten  in  Manier, 
so  muft  man  eben  bei  der  blofien  Naturnachahmung  bleiben. 
"Wahre  Kunst  erhebt  sich  iiber  Manier  und  Nachahmung 
zum  Stil.  Aber  der  Stil  kann  sich  nicht  anders  entwickeln  als 
dadurch,  dafi  der  Mensch  mit  seinem  ganzen  Innenleben  in 
einer  wahren  Wirklichkeit  wurzelt,  die  noch  hinausgeht  iiber 
dasjenige,  was  sinnlich-physischer  Natur  ist,  aus  der  heraus 
daher  audi  etwas  geschaff  en  werden  kann,  was  nur  aus  der 
menschlichen  Schopferkraft  kommen  kann,  Wahre  Kunst, 
sie  mufi  zum  Stile  streben,  und  wahrer  Stil,  er  kann  nur  auf 
dem  Erleben  des  Ubersinnlichen  durch  den  Menschen  be- 
ruhen.  Wer  in  der  Kunst  nicht  etwas  wie  eine  Luxusbeigabe 
zum  Leben  sieht,  sondern  eine  notwendige  Bedingung  jedes 
menschenwurdigen  Daseins,  etwas,  was  den  Menschen  erst 
zum  ganzen  Menschen  macht  und  die  menschliche  Civili- 
sation erst  zu  ihrem  vollen  Sinne  bringt,  der  wird  sich  sagen 
mussen:  Agnostizismus  nimmt  den  Menschen  jene  Wahrheit, 
die  in  der  Kunst  leben  will  und  leben  mufi. 

Audi  das  kann  jeder,  der  sehen  will,  an  dem  Gang  unserer 
neueren  Zivilisations-  und  Kulturentwickelung  sehen.  Er 
kann  sehen,  wie  diejenigen,  welche  agnostisch  gesinnt  sind, 
alles  Obersinnliche  in  der  Kunst  nach  und  nach  abgewiesen 
haben,  wie  sie  anerkennen  nur  dasjenige,  was,  wie  sie  sagen, 
naturlich  ist,  was  sie  erinnert  an  irgend  etwas,  das  sie  au£er- 
lich  mit  ihren  Sinnen  und  ihrem  Verstande  wahrnehmen 
konnen.  Dann  aber  erfullt  die  Kunst  nur  ein  Sensations- 
bediirfnis,  das  wir  befriedigen  wollen,  wenn  wir  uns  von 
der  Arbeit  der  Woche  fur  den  Sonntag  ausruhen;  dann  gibt 
sich  der  Mensch  der  Kunst  wie  einem  Luxus  hin,  dann  ist  die 
Kunst  kein  Notwendiges  im  Leben.  Agnostizismus  drangt 
die  Kunst  als  einen  notwendigen  Lebensinhalt  aus  dem 


menschlichen  Dasein  selbst  hinaus,  macht  sie  zu  einem  Sonn- 
tagsvergnugen,  zu  einem  Lebensluxus.  Das  ist  sie  fur  wei- 
teste  Kreise  geworden.  Ist  sie  etwas  anderes,  wenn  wir  heute 
sehen,  wie  grofie  Menschengruppen  durch  Museen  gefiihrt 
werden?  Das  ist  ein  Grundton  in  unserem  neueren  Geistes- 
leben.  Derjenige,  der  die  Dinge  nicht  aufierlich  betrachtet, 
sondern  die  innerlichen  Zusammenhange  des  Lebens,  der 
sieht,  wie  das,  was  ich  hier  eben  als  Kunstverderbnis  charak- 
terisiert  babe,  zusammenhangt  mit  der  agnostischen  Rich- 
tung  des  Zeitalters. 

Und  weiter:  nicht  nur  auf  das  Vorstellungsleben,  nicht 
nur  auf  das  Gefiihlsleben,  auch  auf  das  Willensleben  hat  der 
Agnostizismus  seinen  EinfluE.  Man  mag  noch  so  sehr  philo- 
sophieren  dariiber,  daft  man  iiber  die  Natur  und  iiber  die 
Welt  denken  mag,  wie  man  will  —  es  werde  doch  sprechen 
im  Menschen  dasjenige,  was  Pflicht  ist,  dasjenige,  was  das 
Gute  ist,  durch  eine  Art  kategorischen  Imperativs.  Dekla- 
mieren,  philosophieren  kann  man  von  einem  solchen  kate- 
gorischen Imperativ  innerhalb  einer  Sphare  des  Agnostizis- 
mus. Dann  aber,  wenn  der  Agnostizismus  nicht  Theorie, 
wenn  er  Gesinnung,  wenn  er  auch  Gefiihl  ist,  dann  entstehen 
eben  die  kategorischen  Imperative  nicht.  Und  nicht  darauf 
kommt  es  an,  wie  man  iiber  eine  Sache  denkt,  sondern  dar- 
auf, was  in  der  menschlichen  Seele  wirklich  entstehen  kann. 
Es  entstehen  keine  neuen  kategorischen  Imperative,  wenn 
diejenigen  alten  immer  mehr  und  mehr  abnehmen,  welche 
noch  durch  Tradition  aus  friiheren  menschlichen  Epochen 
herauf  fortgepflanzt  sind.  Wenn  diese  Traditionen  sich  ver- 
lieren,  dann  horen  allmahlich  die  kategorischen  Imperative 
auf.  Dann  fiihlt  der  Mensch  an  derjenigen  Stelle  seines 
Wesens,  wo  der  Wille  als  Impuls  fur  das  Leben  wirkt,  die 
innerliche  Leerheit.  Gedanken,  Vorstellungen  werden  durch 
das  Erleben  des  Agnostizismus  kraftlos  gemacht.  Gefuhle 


werden  stumpf  gemacht,  der  Wille  wird  leer  gemacht,  und 
dann  ist  der  Mensch  ausgelief  ert  entweder  irgendeiner  aufter- 
lichen  Autoritat,  die  ihm  seinen  Imperativ  gibt,  oder  aber 
dem  Animalischen,  demjenigen,  was  als  die  physischen  Be- 
durfnisse  sich  geltend  macht,  demjenigen,  was  aus  der  tief- 
sten  unterbewufiten  Welt  ohne  alles  Vorstellen,  ja  ohne  alles 
Regulativ  des  Fiihlens  heraufquillt.  Dann  ist  der  Mensch 
entweder  darauf  angewiesen,  den  bestehenden  Autoritaten 
sich  bedingungslos  auszuliefern,  oder  neue  zu  begriinden, 
oder  aber  zuzugeben,  daft  das  Menschengeschlecht  nichts  an- 
deres  konne,  als  seine  physischen  Instinkte  ausleben. 

Auch  diese  Anschauungen  sind,  wenn  vielleicht  auch  mehr 
oder  weniger  schiichtern,  in  unserem  Zeitalter  geniigend  ver- 
treten  worden.  Was  heute  immer  mehr  und  mehr  hindrangt 
zum  Autoritatsglauben,  zum  Autoritatsgefiihl,  was  gar  nicht 
anders  sein  kann  als  in  Anlehnung  an  diesen  Autoritats- 
glauben, an  dieses  Autoritatsgefiihl,  was  wir  so  furchtbar 
iiberhandnehmen  sehen,  das  hangt  mit  dem  Agnostizismus 
zusammen.  Denn  so  etwas  wie  der  Agnostizismus  kann  in 
einer  Generation  Theorie  sein  -  diese  Generation  kann  ihn 
vielleicht  sehr  geistreich  begriinden  -,  in  der  nachsten  Gene- 
ration ist  er  Leben,  und  wenn  er  Leben  ist,  dann  entstehen 
eben  diejenigen  Dinge,  die  ich  geschildert  habe.  So  sehen  wir 
den  theoretischen  Agnostizismus  unserer  Vorvater  in  dem 
Autoritatsdrang  der  gegenwartigen  Menschheit  auferstehen, 
oder  wir  sehen  ihn  auch  auferstehen  in  dem  Unglauben  an 
alles  dasjenige,  was  aus  dem  Geiste  des  Menschen  heraus  die 
menschlichen  Bediirfnisse  regeln  konnte,  was  ein  mensch- 
liches  soziales  Leben  begriinden  konnte.  Wir  sehen  ihn  an 
der  Aufrichtung  der  Meinung,  dafi  im  Grunde  genommen 
dennoch  der  Mensch  nichts  anderes  konne  als  seinen  anima- 
lischen Impulsen  leben  und  diese  organisieren. 

Nun,  was  da  in  Vorstellen,  Fiihlen  und  Wollen  zunachst 


im  Menschen  sich  auslebt,  das  fiihrt  ihn  auf  seinem  Wege 
dann  weiter  zu  dem  eigentlichen  religiosen  Erleben.  Fur 
mich  ist  audi  der  starkste  Materialist  ein  religioser  Mensch, 
denn  es  kommt  schliefilich  beim  Allgemeinen  der  Religion 
nicht  darauf  an,  ob  man  zu  dem  oder  jenem  sich  bekennt, 
sondern  darauf,  wie  man  sich  in  seiner  Seele  oder  audi,  wenn 
man  sie  leugnet,  in  seiner  ganzen  Menschlichkeit  verbunden 
fuhlt  mit  dem  Weltenwesen. 

So  ist  es  gekommen,  dalS  in  der  neuen  Zeit  immer  mehr 
und  mehr  der  Mensch  audi  mit  Bezug  auf  das  religiose  Er- 
leben sich  innerlich  leer  fuhlt  und  deshalb  Anlehnung  sucht. 
Eine  Erscheinung  kann  einem  da  vor  Augen  stehen,  die  viel- 
leicht  heute  noch  nicht  von  sehr  vielen,  die  nicht  gerade  drin- 
nenstehen,  bemerkt  wird,  die  aber  in  vielleicht  gar  nicht  so 
f erner  Zeit  sehr  grundlich  wird  bemerkt  werden  konnen:  das 
ist  die  Hinneigung  gerade  intelligenter,  gerade  seelenvoller 
Menschen  zu  den  aufterlich  begriindeten,  strammen  alten 
Kirchenorganisationen.  Die  Menschenseele,  die  innerlich  leer 
ist,  kann  in  sich  die  Kraft  nicht  finden,  die  sie  verbindet  mit 
dem  gottlichen  Weltengrunde;  sie  tendiert  deshalb  dazu, 
eine  aufierliche  Anlehnung  zu  haben.  Die  Seele,  die  sich 
selbst  nicht  innerlich  mit  dem  Gotte  verbunden  fuhlt,  die 
will  in  der  Aufienwelt  das  finden,  was  sie  zu  diesem  Gotte 
hinfuhrt.  Zahlreiche  Menschen,  von  denen  man  das  viel- 
leicht nicht  geglaubt  hatte,  tendieren  hin  zum  romischen 
Katholizismus.  Zahlreiche  Menschen  geben  sich  aber  gar 
nicht  aus  andern  Untergriinden  der  Seele  als  diesem  zum 
Katholizismus  hin  Tendierenden  der  materialistischen  Re- 
ligionsauffassung  hin.  Auf  der  andern  Seite  sehen  wir  See- 
len,  die  gerade  fein-religios  organisiert  sind,  die  gewisser- 
mafien  das  Unbefriedigende  der  religiosen  Traditionen  des 
Abendlandes  grundlich  empfunden  haben.  Diese  Seelen 
geben  sich  hin  allerlei  Dingen,  die  man  ihnen  aus  dem  alten 


oder  auch  aus  dem  neuen  Orient  heruberbringt.  Sie  suchen 
nicht  dasjenige,  was  aus  der  eigenen  Gegenwartsseele  quill  t; 
sie  berucksichtigen  nicht,  dafi,  wenn  ein  religioses  Leben 
Wahrheit  ist,  es  immer  quellen  mufi.  Sie  mochten  sich  anleh- 
nen  an  ein  Fremdes,  an  ein  Altes.  Die  innere  Leerheit  ist  es, 
die  wir  hier  walten  sehen,  die  innerliche  Leerheit,  die  An- 
lehnung  nach  aufien  sucht. 

Mit  all  dem,  was  ich  geschildert  habe,  kann  der  Mensch 
nur  bis  zu  einem  gewissen  Grade  leben,  und  die  Entwicke- 
lung  der  neuesten  Zeit  hat  ja  gezeigt,  dafi  es  sich  bis  zu  einem 
gewissen  Grade  mit  all  dem  leben  lafit.  Das  hat  seinen  tiefen 
Grund  in  der  ganzen  neueren  Zivilisations-  und  Kulturent- 
wickelung.  Als  eine  Folge  der  wissenschaftlichen  Denkweise 
ist  herauf gekommen  die  moderne  Technik,  die  eigentlich  nur 
arbeiten  kann  in  dem,  was  vom  Menschen  abgesondert  istr 
in  demjenigen,  in  das  der  Mensch  mit  seiner  eigenen  inneren 
Wesenheit  nicht  hineindringt.  Diese  Technik  stellt  etwas  um 
uns  herum  dar,  das  unsere  Arbeit  so  in  Anspruch  nimmt,  da£ 
wir  uns  selber  nach  und  nach  ihr  eingegliedert  haben  wie 
etwas,  das  sich  ihr  hingibt,  wie  etwas,  das  sich  mit  ihrem 
Besten  hingibt.  Man  br audit  sich  nur  zu  erinnern  an  allerlei 
Arbeitssysteme,  die  in  der  westlichen  Zivilisation  ihren  Ur- 
sprung  haben,  wie  diese  Arbeitssysteme  den  Menschen  hin- 
einstellen  mochten  in  die  Welt  der  Technik  selber  wie  ein 
Glied  einer  Maschine,  so  dafi  dasjenige,  was  ihm  lieb  ist,  was 
seine  Sympathie,  seine  Antipathie  erregt,  was  ihn  veranlafit, 
einmal  irgend  etwas  schneller,  ein  andermal  etwas  lang- 
samer  zu  machen,  daft  das  ausgeschaltet  wird,  dafi  man  rech- 
nen  kann  auf  das,  was  als  seine  Tatigkeit  aus  ihm  kommt, 
wie  man  rechnen  kann  auf  die  Tatigkeit  einer  Maschine. 

Niemals  konnte  die  Menschheit  auf  die  Dauer  irgendwie 
befriedigt  sein  durch  eine  solche  Hingabe,  durch  eine  solche 
Anlehnung  an  ein  Fremdes,  sei  es  ein  aufierlich  Physisches, 


sei  es  ein  Geistiges.  Natiirlich  ist  es,  dafi  unter  dem  Einflusse 
der  triumphalen  Technik  gerade  bei  den  zivilisiertesten 
Menschen  des  neuesten  Zeitalters  sich  so  etwas  ausgebildet 
hat.  Aber  es  ist  in  gewisser  Beziehung  heute  auch  an  seinem 
Kulminationspunkte  angelangt,  es  ist  da  angelangt,  wo 
deutlich  die  Rufe  horbar  sind  nach  einer  Umkehr,  wo  deut- 
lich schon  gefuhlt  werden  kann  die  innere  Entzweiung  des 
Menschen  im  Vorstellungsleben,  das  Dumpfwerden  seines 
Gefiihlslebens,  das  Leerwerden  seines  Willens-  und  religio- 
sen  Lebens,  das  Leerwerden  auch  seiner  sozialen  Impulse. 

Wir  stehen  an  dem  Zeitpunkte,  wo  erlebt  werden  konnen 
die  Friichte  des  Agnostizismus,  der  als  Theorie  begonnen 
hat,  der  aber  als  eine  Art  von  Lebenspraxis  iiberall  heute 
schon  unser  soziales  Leben  durchzieht.  Und  im  Leben  ist 
•alles  im  Grunde  genommen  nicht  nur  eine  Wirkung  von  der 
einen  nach  der  andern  Seite,  sondern  auch  von  der  andern 
Seite  nach  der  ersten  zuriick.  Wenn  der  Mensch  heute  drin- 
nensteht  in  einem  praktisch-technischen  Leben,  das  seine 
Subjektivitat,  das  seine  Personlichkeit  ganz  auszuschalten 
strebt,  wenn  er  sich  selbst  in  eine  Lage  gebracht  hat,  in  der 
sein  Wille  an  innerer  Leerheit,  seine  Gefiihle  und  Empfm- 
dungen  an  einer  gewissen  Stumpfheit  kranken,  dann  kon- 
nen wir  sehen,  wie  das  alles  wiederum  zuriickwirkt  auf  das 
Vorstellungsleben.  Dadurch  ist  der  Mensch  heute  zu  einer 
gewissen  Bequemlichkeit  in  seinem  Vorstellungsleben  ge- 
kommen. 

Es  ist  heute  durchaus  so,  daE  man  sagen  kann:  Was  auch 
immer  auftaucht  an  Anschauungen,  an  Impulsen,  um  den 
Niedergangskraften  Auf gangskrafle  entgegenzusetzen  -  das 
menschliche  Vorstellungsleben  ist  nicht  mehr  empfanglich 
genug,  das  menschliche  Vorstellungsleben  entwickelt  pas- 
sive, aber  nicht  innerlich  aktive  Krafte,  artet  sich  nicht  mehr 
so,  dafi  es  etwas  mit  Enthusiasmus  ergreifen  kann,  um  zu 


sehen,  ob  es  standhalt  im  Leben.  Dieses  innerlich  Tatige  des 
Vorstellungslebens  ist  einer  gewissen  Bequemlichkeit  ge- 
wichen.  Wenn  man  irgend  etwas  hort,  was  einem  ungewohnt 
ist,  was  man  nicht  selbst  schon  gedacht  hat,  mochte  man  nicht 
das  Innere  so  anstrengen,  da$  nun  anders  konturierte  Vor- 
stellungen, anders  tingierte  Vorstellungen  aufleben  in  einem 
als  diejenigen,  die  schon  dagewesen  sind.  Man  priift  nicht 
eigentlich  an  dem  inneren  Leben,  das  einem  ermoglicht  ist, 
dasjenige,  was  auftaucht,  sondern  man  fragt  nur:  Bin  ich 
gewohnt  daran,  da£  solche  Vorstellungen  in  mir  auftau- 
chen?  -  Findet  man,  dafi  man  nicht  gewohnt  ist,  dafi  solche 
Vorstellungen  auftauchen,  wie  sie  einem  entgegengebracht 
werden,  dann  lafit  man  sich  nicht  auf  sie  ein.  Ich  will  nicht 
einmal  sagen,  da£  man  immer  energisch  ablehnt,  sondern 
man  greift  gar  nicht  an,  man  lalk  die  Vorstellungen  vor- 
iibergehen. 

Es  ist  heute  nicht  blofi  so  zum  Beispiel  in  politischen  Ver- 
sammlungen.  Man  kann  dort  Verschiedenes  reden.  Dann 
tritt  ein  anderer  Redner  auf,  so  einer,  der  so  ganz  hinein 
sich  gelebt  hat  in  eine  Parteischablone.  Man  hort  ihn  dann 
reden  in  all  den  Formen,  die  er  seit  dreiftig  Jahren  gewohnt 
ist;  dasjenige,  was  ein  bilkhen  angeklungen  hat  an  das,  was 
er  seit  dreifiig  Jahren  gewohnt  ist,  das  spricht  er  dann  nach, 
das  andere  hat  er  iiberhaupt  nicht  gehort.  Er  wird  innerlich 
unbewulk  unwillig,  wenn  er  irgend  etwas  horen  soil,  woran 
er  nicht  gewohnt  ist.  Das  ist  im  Grunde  genommen  eine  Wir- 
kung  des  Agnostizismus,  indem  dieser  aus  einer  Theorie 
Leben  geworden  ist. 

Das  tritt  auch  in  unser  Erziehungswesen  ein.  Haben  wir 
denn  die  lebendige  Anschauung,  dafi  die  Erziehung  so  ge- 
staltet  werden  miisse,  wie  das  Leben  selber  ist?  Das  Leben  ist 
so,  da£,  was  wir  als  vier-,  fiinfjahriges  Kind  an  Gliedern 
haben,  ganz  anders  ist,  wenn  wir  erwachsen  sind.  Alles  me- 


tamorphosiert  sich,  alles  gestaltet  sich  um.  Wenn  wir  dem 
Kinde  etwas  beibringen,  mochten  wir  am  liebsten  es  ihm  so 
beibringen,  dafi  es  bleiben  kann,  dafi  das  Kind  spater  sich  so 
erinnert,  dafi  in  der  Erinnerung  das  Beigebrachte  ganz  genau 
so  auftritt,  wie  wir  es  beigebracht  haben.  Wer  aber  lebens- 
voll  denkt,  der  mufi  an  eine  Erziehung  denken,  die  dem 
Kinde  alles  dasjenige,  was  sie  ihm  beibringt,  so  vermittelt, 
da£  dieses  mit  dem  Kinde  wachst,  daft  dieses  von  vorne- 
herein  ein  Wachsendes,  ein  Sich-Entwickelndes  ist.  Man  mufi 
die  Dinge  so  an  das  Kind  heranbringen,  dafi  sie  sich  ebenso 
wie  die  organischen  Glieder  des  Kindes  metamorphosieren, 
umgestalten. 

All  das  haben  wir  aber  hinschwinden  sehen  aus  der 
menschlichen  Anschauung,  aber  auch  aus  der  menschlichen 
Lebenspraxis  unter  dem  Einflusse  des  Agnostizismus.  Ich 
betone  es  noch  einmal  ausdriicklich:  Weder  wollte  ich  heute 
eine  Kritik  des  Agnostizismus  geben,  noch  wollte  ich  in  po- 
sitiver  Weise  ihm  etwas  entgegensetzen.  Ich  wollte  nur 
gewissermafien  eine  allerdings  von  einem  innerlichen  Stand- 
punkt  aus  gegebene  Charakteristik  unseres  Zeitalters  zu- 
nachst  hinstellen,  wollte  zeigen,  wie  aufierlich  im  mensch- 
lichen individuellen,  im  sozialen,  im  religiosen,  im  sittlichen 
Leben  uberall  auftreten  gewisse  Friichte,  die  zuruckgefiihrt 
werden  miissen  auf  die  Saat  des  Agnostizismus.  So  kann  uns 
diese  Zeit  erscheinen,  wenn  wir  sie  ansehen  nicht  so,  wie  wir 
es  aus  gewissen  Vorurteilen  heraus  mochten,  wie  wir  es  unter 
den  Einfliissen  gewisser  agitatorischer  Ideale  mochten,  son- 
dern  wenn  wir  dieses  Zeitalter,  in  dem  wir  selber  leben,  sei- 
ner Wirklichkeit  gemafi  anschauen. 

Das,  meine  sehr  verehrten  Anwesenden,  wollte  ich  vor- 
ausschicken  den  Vortragen,  die  in  den  nachsten  Tagen  han- 
deln  sollen  von  einer  Lebensauff  assung,  nach  der  sich  sehnen 
mufi  ein  Zeitalter,  an  dem  sich  die  Tragik  des  Agnostizismus 


erfullt  hat.  Diese  Lebensauffassung,  das  will,  wie  Sie  sehen 
werden,  die  Anthroposophie  als  eine  lebensvolle  Welt- 
anschauung sein,  eine  Weltanschauung,  die  bis  zu  demjeni- 
gen  vordringen  will,  mit  dem  der  Mensch  sich  verbindet  als 
mit  der  wahren  Wirklichkeit,  eine  Weltanschauung,  die  zei- 
gen  wird,  dafi  der  Mensch  auch  Mittel  hat,  um  zu  dieser 
wahren  Wirklichkeit  vorzudringen. 


2 WE  ITER  VORTRAG 


Stuttgart,  30.  August  192 1 

Im  heutigen  Vortrage  gestatten  Sie  mir,  als  eine  Art  von 
Grundlage  fur  die  folgenden  Betrachtungen  einiges  anzu- 
fuhren  von  der  Art  und  Weise,  wie  geschichtlich  die  Er- 
kenntniswurzeln  der  Anthroposophie  gefunden  worden 
sind.  Ich  werde  in  die  Notwendigkeit  versetzt  sein,  dabei 
vielleicht  einige  entlegene  Gebiete  heranzuziehen  und  audi 
einiges  Personliche  in  die  Betrachtung  einzumischen;  ins- 
besondere  das  erstere,  der  Exkurs  in  etwas  abgelegenere, 
scheinbar  philosophische  Gebiete,  soli  moglichst  in  den  nach- 
sten  Tagen  vermieden  werden.  Aber  damit  man  nicht 
glaube,  dafi  Anthroposophie  auf  irgendwelchen  laienhaften 
Vorstellungen  beruhe,  muE  heute  von  dieser  Grundlage 
schon  einiges  gesprochen  werden. 

Was  als  eine  eigentliche  Wirkung  des  Agnostizismus  in 
das  ganze  Leben  des  Menschen  gekommen  ist,  war  insbeson- 
dere  in  der  Zeit  im  hochsten  Mafie  zu  beobachten,  in  der  sich 
mir  der  Weg  zu  den  Wurzeln  desjenigen  ergab,  was  heute 
von  mir  Anthroposophie  genannt  wird.  Es  fallt  das  erste 
Suchen  nach  diesen  Wurzeln  bei  mir  in  die  achtziger  Jahre  des 
vorigen  Jahrhunderts,  und  wer  das  damalige  Suchen  ver- 
f olgen  will,  der  wird  Anhaltspunkte  dafur  finden  in  meinen 
Schriften,  die  ich  verfafit  habe  als  Einleitungen  zu  Goethes 
naturwissenschaftlichen  Werken,  in  meinen  Schriften  « Goe- 
thes Erkenntnistheorie»,  in  meiner  kleinen  Schrift  «Wahr- 
heit  und  Wissenschaft»  und  dann  in  der  im  Beginne  der 
neunziger  Jahre  erschienenen  «Philosophie  der  Freiheit». 

Damals,  als  diese  Schriften  entstanden,  stand  man  ganz 


und  gar  einer  Erkenntnis-  und  Wissenschaftsgesinnung  ge- 
geniiber,  die  unmittelbar  aus  dem  Agnostizismus  hervor- 
gmg.  Oberall  —  auch  da,  wo  man  ernstes  Erkenntnisstreben 
und  ernstes  Streben  antraf,  dasjenige,  was  der  Mensch  sich 
als  Erkenntnis  erringen  kann,  in  die  Praxis  des  Lebens  um- 
zusetzen  -,  iiberall  da  traf  man  eben  auf  Menschen,  die  iiber 
den  Agnostizismus  nicht  hinauskommen  konnten,  auf  Men- 
schen, die  durch  alles  dasjenige,  was  der  Agnostizismus  in  sie 
gepflanzt  hatte,  durchaus  ablehnend  gegeniiberstehen  mufi- 
ten  alldem,  was  zur  Anthroposophie  fiihren  kann.  Alles, 
was  man  da  an  solchen  Menschen  erlebte,  das  fiihrte  einen 
dazu,  zwei  Fragen  aufzuwerfen  aus  dem  Zeitbewufitsein 
heraus,  die  von  eminenter,  rein  menschlicher  Bedeutung  zu 
sein  scheinen.  Fur  jemand,  der  auf  der  einen  Seite  wissen- 
schaftliches  Streben  lieben  gelernt  hat,  der  aber  auch  auf  der 
andern  Seite  einsieht,  welchen  tief  gehenden  Einflufi  gerade 
der  Wissenschaftsgeist  in  der  neueren  Zeit  auf  alles  Leben 
der  Menschen  gewonnen  hat,  ergab  sich  die  wichtige  Lebens- 
frage:  Kann  Wissenschaft  da,  wo  sie  sich  zu  ihrer  hochsten 
Bliite  entwickeln  will,  als  Philosophic  dasjenige  geben,  was 
der  Mensch  aus  seinem  tiefsten  Inneren  heraus  als  die  eigent- 
lichen  Antworten  auf  die  Grundfragen  des  Lebens  haben 
mufi?  Und  diese  Frage,  sie  spaltete  sich  gegeniiber  dem  Zeit- 
bewufitsein der  damaligen  Zeit  in  die  zwei  andern:  Gibt  die 
zeitgenossische  Wissenschaft  dasjenige,  was  der  Mensch  aus 
seinem  innersten  Drange  suchen  mu£?  Und  was  ist  es,  das 
der  Mensch  gerade  in  unserer  Zeit  gemafi  diesem  seinem  in- 
nersten Drange  suchen  mufi? 

Diese  zwei  brennenden  Fragen  standen  in  den  achtziger 
Jahren  des  vorigen  Jahrhunderts  vor  meiner  Seele,  und  mit 
diesen  zwei  Fragen  im  Herzen  betrachtete  ich  dasjenige,  was 
die  verschiedenen  Wissenschaften,  die  sich  ja,  indem  sie  phi- 
losophisch  wurden,  aus  dem  Geiste  des  Agnostizismus  her- 


aus  genahrt  hatten,  dem  Menschen  geben  konnten.  Ich 
fragte:  Was  kann  die  Philosophic,  die  das  Ende  des  19.  Jahr- 
hunderts  hervorgebracht  hat,  dem  menschlichen  Drange  ge- 
ben? Und  aus  dem,  was  ich  empfinden  mufke  gegeniiber 
diesen  beiden  Fragen,  formte  sich  mir  dasjenige,  was  ich 
1885  niedergeschrieben  habe  fiir  meine  «Grundlinien  einer 
Erkenntnistheorie  der  Goetheschen  Weltanschauung*.  Da 
entrangen  sich  mir  die  Worte:  «So  haben  wir  eine  Wissen- 
schaft,  nach  der  niemand  sucht,  und  ein  wissenschaftliches 
Bediirfnis,  das  von  niemandem  befriedigt  wird.»  Denn  so 
kam  mir  dasjenige  vor,  was  dazumal  als  Philosophic  aus 
dem  Agnostizismus  hervorgegangen  war.  Diese  Philosophic 
behandelte  Fragen  von  einer  so  entlegenen,  so  abstrakten 
Art,  dafi  diese  nichts  zu  tun  hatte  mit  dem,  was  lebendig  in 
der  Seele  nach  einer  Losung  der  eigentlichen  Ratselfragen 
des  Daseins  suchte. 

Aus  dieser  Stimmung  heraus  entstand  dann  dasjenige,  was 
ich  §enannt  habe  «Erkenntnistheorie  der  Goetheschen  Welt- 
anschauung^ Denn  aus  alldem,  was  damals  die  zeitgenossi- 
sche  Philosophic  bieten  konnte,  bekam  man  einen  gewissen 
Ausblick  erst,  wenn  man  versuchte,  sich  mit  einem  Geiste 
auseinanderzusetzen,  der  seinem  eigentlichen  Wesen  nach 
im  Grunde  genommen  im  letzten  Drittel  des  19.  Jahrhun- 
derts  tot  war,  von  dem  man  zwar  in  bezug  auf  allerlei 
AujSerlichkeiten  viel  sprach,  in  den  man  aber  nicht  dem 
Geiste  nach  wirklich  eindringen  wollte:  ich  meine  Goethe, 
Und  was  einem  auffallen  konnte  an  Goethe,  das  war,  dafi 
wirklich  audi  da,  wo  er  sich  mit  einem  engeren  Gebiete  wis- 
senschafllicher  Forschung  befalke,  zum  Beispiel  mit  den 
Pflanzen,  mit  den  Tieren,  mit  den  Farben,  dafi  da  immer  die 
Tendenz  zugrunde  lag,  hinaufzugelangen  aus  menschlicher 
Einzelwissenschaft  zu  einer  umspannenden  Wissenschaft  von 
den  Weltenratseln. 


Goethe  hat  gewifi  die  verschiedenen  Wege,  die  aus  den 
Niederungen  in  die  Hohen  hinauffiihren  konnen,  nicht  alle 
betreten.  Er  war  trotz  seiner  Grdfie  in  einer  gewissen  Weise 
au£erordentlich  innerlich  bescheiden;  aber  darauf  kam  es  ja 
nicht  an,  sondern  darauf,  ob  man  bei  Goethe  uberall  die 
Tendenz  sieht,  aus  den  Niederungen  wissenschaftlichen  Le- 
bensstrebens  hinaufzudringen  zu  den  Gipfeln  des  Daseins. 
Und  diese  Tendenz  konnte  man  deutlich  sehen.  Man  nahm 
aber  bei  Goethe  etwas  wahr,  was  einem  zunachst  ein  Weg- 
weiser  sein  konnte.  Ich  erinnere  an  einen  Ausspruch,  den 
Goethe  getan  hat  im  Verlauf  seiner  italienischen  Reise  in 
den  achtziger  Jahren  des  18.  Jahrhunderts  und  der  sich  wie- 
derfindet  in  seiner  gedruckten  Schrift  von  der  « Italienischen 
Reise».  Ich  erinnere  daran,  daft  Goethe  diese  italienische 
Reise  nicht  nur  dazu  beniitzt  hat,  um  nach  seiner  Art  in  das 
Wesen  des  kunstlerischen  ScharTens  einzudringen,  sondern 
auch  dazu,  um  aus  der  Beobachtung  des  Mineralisch-Geo- 
gnostischen,  das  ihm  entgegentrat,  aus  der  Beobachtung  des 
Pflanzen-  und  Tierwesens,  eine  wissenschaftliche  Welt- 
anschauung zu  gewinnen.  Und  nachdem  er  schon  viele  Mo- 
nate  auf  dieser  Reise  zugebracht  hatte,  nachdem  er  bereits 
allerlei  wissenschaftliche  Prinzipien  -  das  heifit  solche,  die 
von  ihm  so  angesehen  worden  sind  —  ausgestaltet  hatte, 
schrieb  er  eben  das  bedeutungs voile  Wort:  Nach  dem,  was 
ich  hier  an  Pflanzen  und  Fischen  gesehen  habe,  mochte  ich .  .  . 
eine  Reise  nach  Indien  antreten,  nicht  um  etwas  Neues  zu 
entdecken,  sondern  um  das  Entdeckte  nach  meiner  Art  an- 
zusehen. 

Wer  sich  ganz  in  dasjenige  vertieft,  was  in  Goethes  Seele 
lebte,  da  er  einen  solchen  Ausspruch  tat,  dem  kann  dieser 
eben  ein  ganz  besonderer  Wegweiser  sein;  denn  wenn  er  von 
dem  Sinn  eines  solchen  Ausspruchs  ausgeht,  so  wird  ihm  all- 
mahlich  aufgehen,  wie  Goethe  erkennend  zu  der  Aufienwelt 


ganz  anders  stand  als  viele  andere  Menschen.  Und  insbeson- 
dere  in  den  achtziger  Jahren  des  19.  Jahrhunderts  war  es 
gegenviber  den  Friichten  des  Agnostizismus  ganz  besonders 
wichtig,  auf  die  Art  des  Goetheschen  Erkennens  hinzu- 
schauen,  denn  diese  ist  anders  als  alles  dasjenige,  was  sich 
dann  durch  die  grofien  wissenschaftlichen  Errungenschaften 
des  19.  Jahrhunderts  als  ein  Erkenntnisniederschlag  fur  das 
Ende  dieses  19.  Jahrhunderts  und  fiir  den  Anfang  des 
20.  Jahrhunderts  ergeben  hat,  und  da  konnte  man  wohl  Ver- 
anlassung  nehmen,  die  besondere  Eigenart  des  seelischen 
Verhaltens,  die  bei  Goethe  vorhanden  war  in  seinem  Er- 
kenntnisprozesse,  tiefer  ins  Auge  zu  fassen. 

Goethe  stellte  anders  vor  uber  die  Dinge,  Goethe  dachte 
iiber  die  Welt  anders  als  diejenigen,  die  mehr  in  einer  ge- 
wissen  Beziehung  eine  Art  philosophischen  Abschlufi  glaub- 
ten  errungen  zu  haben  am  Ende  des  19.  Jahrhunderts.  Und 
man  kann  bei  Goethe  dies  ganz  besonders  sehen,  wenn  man 
beachtet,  wie  er,  von  seiner  italienischen  Reise  zuriickge- 
kehrt,  das  klassische  kleine  Schriftchen  «Versuch,  die  Meta- 
morphose der  Pflanzen  zu  erklaren»  geschrieben  hat,  und 
wie  dieldeen  dieses  Schriftchens  wie  als  ein  selbstverstand- 
liches  Seelenprodukt  hervorgegangen  sind  aus  dieser  beson- 
deren  Art  des  Erkenntnisstrebens.  Geht  man  ein  auf  das, 
was  hier  vorliegt,  dann  wird  man  finden,  da$  Goethes  Er- 
kenntnisart  besonders  dafiir  veranlagt  war,  anschauend  in 
das  Leben  der  Pflanzen  welt  einzudringen.  Am  Ende  des 
1 9.  Jahrhunderts  aber  war  man  ganz  besonders  darauf  aus, 
diejenigen  Erkenntnisprozesse  auszubilden,  die  in  das  We- 
ben  der  unorganischen,  der  unlebendigen  Natur  eindringen. 
Einzelne  Menschen  versuchten  in  ihrem  Erkennen  eine  Art 
Reaktion  gegen  diese  Hinorientierung  des  ganzen  Erkennt- 
nisprozesses  auf  die  unlebendige  Natur.  Man  kann  sagen, 
Goethes  Denken,  Goethes  Vorstellen  lebte  in  anderer  Art 


im  Verhaltnis  zu  der  aufteren  Wahrnehmung,  zu  der  aufte- 
ren  sinnlichen  Welt  als  dasjenige  Denken,  welches  beson- 
ders  befahigt  ist,  in  die  unlebendige  Welt  einzudringen. 
Was  Goethe  dachte,  war  gewissermaften  geneigt,  sich  innig 
zu  durchdringen  mit  dem,  was  seine  Augen  sahen,  was 
seine  Sinne  wahrnahmen.  Was  Sinne  wahrnehmen,  das 
steht  dem  Gedankenprozesse,  der  sich  namentlich  an  die 
unlebendige  Natur  heranmacht,  viel  ferner,  als  bei  Goethe 
Wahrnehmung  und  Denken  standen.  Goethes  Denken  war 
ein  solches,  daft  es  sich  beweglich  verhalten  konnte,  indem 
es  den  ganzen  Wachstumsprozeft  der  Pflanze  verfolgte, 
indem  es  verfolgte,  wie  die  eine  Pflanzenform  eine  Modi- 
fikation  der  andern  ist.  Goethes  Denken  war  kein  starres, 
kein  steif  konturiertes;  es  war  ein  solches,  daft  sich  seine 
Begriffe  fortwahrend  metamorphosierten,  und  dadurch 
wurden  sie,  ich  mochte  sagen,  innig  angepaftt  an  den  Gang, 
den  gerade  die  pflanzliche  Natur  selber  durchmacht. 

Man  kann  es  daher  verstehen,  daft  es  Goethe  besonders 
ansprach,  als  er  nach  Jahrzehnten  eine  Beschreibung  dieser 
seiner  besonderen  Erkenntnisart  bei  dem  Psychologen  Hein- 
roth fand.  Heinroth  nannte  Goethes  Denken  ein  «gegen- 
standliches  Denken».  Und  dieses  Wort  «gegenstandliches 
Denken»,  es  gefiel  Goethe  ganz  besonders,  denn  er  fuhlte, 
daft  sein  Denken  in  einer  gewissen  Weise  untertaucht  in  das- 
jenige, was  es  beobachtet,  da£  es  sich  innig  verbindet  mit 
dem  Beobachteten,  daft  es  gewissermaften  herausschlupft  aus 
der  Subjektivitat  und  hineinschlupft  in  das  Objekt,  daft  die 
Gegenstande  der  Wahrnehmung  ganz  ergriffen  werden  von 
den  Begriff en  und  die  Begriffe  wiederum  ganz  untertauchen 
in  den  Gegenstanden  der  Wahrnehmung.  «Gegenstandliches 
Denken»,  so  sagte  Heinroth,  und  Goethe  fand  darin  wirk- 
lich  eine  Charakteristik  desjenigen,  was  in  seinem  Erkennt- 
nisprozeft  lebte. 


Man  kann  nun  dasjenige,  was  ich  hier  als  den  besonderen 
Erkenntnisprozeft  Goethes  andeute,  weiter  ausfiihren.  Das 
ist  in  den  genannten  Einleitungen  zu  Goethes  naturwissen- 
schaftlichen  Schriften  geschehen  und  audi  in  meinem  klei- 
nen  Bikhelchen  «Erkenntnistheorie  der  Goetheschen  Welt- 
anschauung».  Aber  dabei  kann  einem  eines  auf fallen: 
Goethe  hat  mit  seinem  Denken  in  einer  aufterordentlich  ein- 
leuchtenden  Weise  die  Metamorphose  der  Pflanzen  beschrie- 
ben.  Er  wurde  ein  klassischer  Morphologe  der  Pflanzenwelt. 
Aber  obwohl  Goethe  eigentHch  bei  seinen  naturwissenschaft- 
lichen  Studien  iiber  die  organische  Welt  zunachst  nicht 
von  dem  Pflanzlichen  ausgegangen  ist,  sondern  von  dem 
Tierisch-Menschlichen,  so  brachte  er  es  trotzdem  in  der 
Betrachtung  des  Tierisch-Menschlichen  nicht  zu  derselben 
Vollendung  wie  in  der  Veriolgung  der  Geheimnisse  der 
Pflanzenwelt.  Es  ist  vielleicht  bekannt  und  es  kann  in  mei- 
nen  Schriften  nachgelesen  werden,  wie  Goethe  sich  auflehnte 
gegen  die  Kluft,  die  aufgerichtet  werden  sollte  von  einigen 
Anatomen  und  Physiologen  zwischen  dem  Tier  und  dem 
Menschen  dadurch,  dafi  man  diesem  einen  Zwischenkiefer- 
knochen  in  der  oberen  Kinnlade  absprach,  wahrend  ein  sol- 
cher  bei  alien  Tieren  vorhanden  ist.  Goethe  war  nicht  ge- 
neigt,  als  er  mit  der  Sache  bekannt  wurde,  zuzulassen,  daft 
der  Unterschied  zwischen  der  Tierheit  und  der  Menschheit 
in  einer  so  untergeordneten  Einzelheit  gesehen  werden  soil. 
Goethe  wollte  das,  was  den  Menschen  heraufhob  iiber  die 
Tierheit,  in  etwas  ganz  anderem  als  in  einer  solchen  Einzel- 
heit suchen.  Daher  kam  er  zu  dem  Bestreben,  zu  zeigen,  da$ 
dem  Menschen  wie  den  iibrigen  Tieren  ein  Zwischenkiefer- 
knochen  in  der  oberen  Kinnlade  zuzuschreiben  sei.  Dieses  ist 
von  ihm  wieder  in  einer  klassischen  Weise  geschehen,  indem 
er  sich  aller  damals  moglichen  wissenschafllichen  Hilfsmittel 
zu  diesem  Nachweis  bedient  hat.  Und  als  dann  Goethe  von 


dem  Studium  des  Tierisch-Menschlichen  iiberging  zu  dem 
Studium  des  Pflanzlichen  und  das,  ich  mochte  sagen,  ein- 
stromen  liefi  in  die  genannte  aufierordentlich  bedeutsame 
Abhandlung  von  1790,  da  kam  ihm  auch  der  Gedanke,  diese 
Metamorphosenanschauung  auszudehnen  auf  das  Tierische, 
also  auf  dasjenige,  was  nicht  nur  lebt  wie  die  Pflanze,  son- 
dern  was  beseelt  ist  wie  das  Tier. 

Wenn  man  sich  nun  darauf  einlafk,  zunachst  zu  sehen, 
wie  Goethe  sich  dieser  Auf  gabe  unterzogen  hat,  so  wird  man 
bemerken  konnen:  er  hat  viele  Ansatze  gemacht,  auch  eine 
Art  Metamorphose  der  tierischen  Organe  zu  schreiben.  Er 
hat  unermefilich  viele  Studien  gemacht,  urn  eine  solche  Tier- 
metamorphose  zu  schreiben;  aber  man  wird  nicht  finden, 
dafi  irgendeine  dieser  Studien  auch  nur  im  entferntesten  an 
dasjenige  heranreicht,  was  ihm  gelungen  war  mit  seiner 
Metamorphose  der  Pflanzen.  Und  man  sieht  auch,  wie 
Goethe  immer  wieder  angefangen  hat,  wenigstens  auf  dem 
Gebiet  der  Knochenlehre,  die  Metamorphosenlehre  auszu- 
bauen.  Aber  er  horte  immer  wieder  auf  mit  dem  Weiter- 
schreiten.  Alle  diese  Dinge  sind  Fragment  geblieben.  Er 
konnte  nicht  bis  zu  dem  Punkte  kommen,  wo  sich  sein  Den- 
ken  als  innerliches  Seelenleben  so  verlebendigt  hatte,  da£  es 
auch  hatte  untertauchen  konnen  in  die  Tierheit  wie  in  die 
Pflanzenwesenheit  und  ihre  Verwandlungen.  Und  so  ergab 
sich  gerade  beim  Studium  Goethes  die  grofie  Frage  nach  dem 
Wesen  und  den  Wegen  des  menschlichen  Erkennens  uber- 
haupt,  und  hier  liegt  geschichtlich  -  wenigstens  fur  mich  - 
eine  der  Wurzeln  der  Anthroposophie. 

So  mulke  man  aus  den  Wirkungen  des  Agnostizismus 
vom  Ende  des  19.  Jahrhunderts  heraus  die  Grundfrage 
stellen:  Was  geschieht  denn  da  eigentlich  im  Menschen, 
wenn  er  erkennt?  -  Es  ist  offenbar  diese  Erkenntnis  eine 
Tatigkeit,  die  er  innerlich  ausiibt;  aber  es  ist  nicht  blofi 


eine  gleichgiiltige  Tatigkeit.  Es  ist  eine  Tatigkeit,  die  ihn 
zusammenbringen  soli  mit  dem  Wesen  der  Welterscheinun- 
gen,  eine  Tatigkeit,  durch  die  er  sich  orientieren  soil,  wie 
er  mit  seinem  eigenen  Wesen  in  den  Welttatsachen  drinnen- 
steht.  Ist  Erkennen  etwas,  mit  dem  man,  ich  mochte  sagen, 
nur  wie  das  f  iinfte  Rad  am  Wagen  neben  der  aufieren  Welt 
steht,  und  hat  man  in  seinen  Vorstellungen,  die  den  Er- 
kenntnisprozefi  bilden,  lediglich  etwas  zu  finden,  was  Ab- 
bild  der  aufieren  Wirklichkeit  ist?  Oder  ist  der  Erkenntnis- 
prozefi  nicht  so  etwas  blofi  Formelies,  mit  dem  man  sich 
in  die  Ecke  stellt,  wahrend  der  Wekprozefi  draufien  ab- 
lauft,  durch  das  man  in  sich  diesen  Weltenprozefi  spiegeln 
lafit,  so  dafi  es  fur  diesen  hochst  gleichgiiltig  ware,  ob  der 
Mensch  da  in  der  Ecke  steht  und  sich  aufier  allem  ubrigen, 
was  geschieht,  auch  noch  das  zutragt,  dafi  er  durch  sein 
Denken  allerlei  Begriffe  und  Ideen  bildet  iiber  diesen 
Weltenprozefi?  Mit  andern  Worten:  Ist  das  Erkennen 
etwas  blofi  Formelies,  etwas,  was  der  Mensch  fur  sich 
macht,  oder  ist  das  Erkennen  etwas  Reales?  Steht  der 
Mensch  mit  dem  Erkennen  als  mit  etwas  Realem,  mit 
einem  realen  Prozefi  in  dem  Weltenganzen  drinnen?  Erlebt 
man,  indem  man  erkennt,  irgend  etwas,  was  in  der  Welt 
und  durch  die  Welt  geschieht,  und  das  sich  nur  wegen  der 
besonderen  Organisation  der  Welt  nicht  aufierhalb,  son- 
dern  im  Menschen  abspielt  so,  dafi  der  Mensch  in  sich  selber 
der  Schauplatz  wird  fur  wichtige  Weltenereignisse,  die  sich 
auf  diesem  Schauplatz  abspielen?  Wenn  das  letztere  der 
Fall  ist,  dann  steht  der  Mensch  mit  seiner  Erkenntnis  als 
mit  einem  realen  Prozesse  im  Weltenzusammenhang  drin- 
nen- Dann  ist  er  nicht  ein  Eckensteher  des  Daseins,  dann 
ist  gewissermafien  im  Weltenprozesse  auf  ihn  gerechnet; 
dann  ist  seine  Organisation  so,  dafi  die  Welt  nicht  voll- 
standig  ware,  wenn  dasjenige,  was  in  ihm,  gewissermafien 


innerhalb  seiner  Haut  sich  abspielt,  nicht  auch  geschahe 
und  gerade  den  Gipfel  des  Geschehens  in  der  Welt  abgabe. 

Das  etwa  ist  die  Frage,  die  sich  herausrang  in  der  Seele 
aus  dem  Erleben  des  Agnostizismus.  Und  da  ergab  sich 
dann,  indem  herangezogen  wurde  alles  dasjenige,  was  im 
menschlichen  Erkenntnisprozesse  tatig  ist,  was  diese  Tatig- 
keit, die  entweder  blofi  eine  formale  oder  eine  reale  ist, 
eigentlich  in  sich  schliefit.  Wenn  man  nun  versucht,  einen 
charakteristischen  Gegensatz  herauszuflnden  innerhalb  die- 
ser  Tatigkeit,  dann  findet  man  dasjenige,  was  einen  dann 
weiterbringt,  was  einen  hineinstellt  in  die  Moglichkeit,  die 
Frage  zu  beantworten,  was  bei  Goethe  Erkennen  war  und 
was  deshalb  noch  nicht  vollkommenes  Erkennen  war,  weil 
er  abbrechen  mu£te  zwischen  der  Pflanzenwelt  und  der 
Tierwelt.  Diese  Frage  lafk  sich  nur  beantworten,  wenn 
man  sich  reinlich  den  Gegensatz  zwischen  dem  Denken  auf 
der  einen  Seite  und  dem  Wahrnehmen  auf  der  andern  Seite 
vor  Augen  stellt.  Im  menschlichen  inneren  Erleben  gibt  es 
eigentlich  keinen  grofteren  Gegensatz  als  den  zwischen  dem 
Denken  und  dem  Wahrnehmen. 

In  dem  Denken  leben  wir  ja  so,  dajfi  wir  ganz  einer  inne- 
ren Tatigkeit  hmgegeben  sind.  Im  wirklichen  Denken  ist 
alles  Aktivitat  in  uns.  Kein  Gedanke  kann  Platz  greifen 
in  unserem  Bewufksein,  ohne  dafi  wir  mit  unserer  ureigen- 
sten  Tatigkeit  an  dem  Entstehen  und  an  der  weiteren  Ent- 
wickelung  dieses  Gedankens  teilnehmen.  Denn  wenn  in 
unserem  Vorstellen  ein  Traum  oder  ein  Erinnerungsbild 
auftauchen,  dann  ist  das  kein  Denken;  wir  fiihlen,  wir  sind 
beim  Traum  und  Erinnerungsbild  oder  bei  andern  Bewufk- 
seinsinhalten  nicht  bis  zu  dem  vorgedrungen,  was  wirk- 
liches  Denken  ist.  Wirkliches  Denken  ist  nur  dann  da, 
wenn  wir  mit  unserer  Aktivitat  ganz  bei  diesem  Denken 
sind.  Wir  konnen  das  Denken  am  reinsten,  am  klarsten 


ausbilden,  wenn  wir  ganz  absehen  von  aller  Aufienwelt 
und  uns  dem  sich  selbst  vollziehenden  Denkprozefi  iiber- 
lassen.  Da  nehmen  wir  wahr,  wie  Gedanke  sidi  aus  Ge- 
danke  entwickeln  kann,  und  wir  nehmen  audi  wahr,  wie 
dieses  eigentUmliche  Hervorgehen  des  Gedankens  aus  dem 
Gedanken  fur  das  Innere  seelisches  Erleben  ist. 

Dem  steht  gegeniiber  dann  dasjenige,  was  wir  als  Seelen- 
erlebnis  haben  im  Wahrnehmen,  wenn  wir  durch  unsere 
Augen,  durch  unsere  Ohren,  durch  unsere  andern  Sinne  der 
von  aufien  gegebenenWelt  gegeniiberstehen.  Wahrnehmung 
tragt  in  ihrer  hauptsachlichsten  Charakteristik  den  vollen 
Gegensatz  zum  Denken.  Eine  Wahrnehmung,  bei  der  wir 
schon  mit  unserer  Aktivitat  anwesend  waren,  ware  keine 
reine  Wahrnehmung;  in  sie  hatte  sich  schon  das  Denken 
gemischt.  Eine  reine  Wahrnehmung  ist  allein  diese,  die  wir 
ganz  passiv  erleben. 

Diese  zwei  Gegensatze  des  menschlichen  Seelenerlebens 
konnten  sich  einem  gerade  aus  dem  Agnostizismus  heraus 
vor  die  Seele  stellen.  Dann  aber  mufite  man  sich  die  Frage 
vorlegen:  Wie  benimmt  sich  die  menschliche  Seele,  indem 
sie  in  die  Wahrnehmung  fortwahrend  das  Denken  hinein- 
drangt,  fortwahrend  im  Erkenntnisprozesse  dasjenige,  was 
an  passiver  Wahrnehmung  auftaucht,  mit  der  Aktivitat 
des  Denkens  durchdringt  und  dann  lebendig  drinnensteht 
in  dem  fortwahrenden  Durchdringen  der  passiven  Wahr- 
nehmung mit  dem  aktiven  Denken? 

Gerade  die  Zeit  des  Agnostizismus  -  ich  mochte  sagen 
die  Kulminationszeit  des  Agnostizismus  -  hat  einen  darauf 
hingewiesen,  die  Wahrnehmung  selber,  dasjenige  also,  was 
in  volliger  Passivitat  erlebt  wird,  in  aller  Reinheit  sich  vor 
die  Seele  zu  stellen.  Ich  erinnere  mich,  wie  eine  Schrift  auf 
mich  einen  energischen  Eindruck  gemacht  hat,  die  1884  er- 
schienen  ist  von  jener  Personlichkeit,  die  spater  das  um- 


fangreiche  Buch  geschrieben  hat  «Das  Ganze  der  Philo- 
sophic und  ihr  Ende»;  es  war  die  Schrift  «Gehirn  und 
Bewufksein»  von  Richard  Wahle.  Ich  sah  dazumal  den  be- 
sonderen  Vorzug  dieser  Schrift  darin,  daft  Richard 
Wahle  scharf  charakterisiert  hat,  was  eigentlich  der  Mensch 
wahrnimmt,  was  noch  dableibt,  wenn  man  von  dem  Seelen- 
inhalt  alles  heraussondert,  was  durch  die  Aktivitat  des 
Denkens  hineingetragen  ist.  Gerade  durch  diese  Schrift 
konnte  man  mit  einem  Wichtigen  sich  auseinandersetzen, 
mit  dem,  dafi  in  dem  gewohnlichen  menschlichen  Seelen- 
erleben  durchaus  nicht  streng  gesondert  wird  dasjenige,  was 
wahrgenommen  wird,  von  dem,  was  schon  mit  dem  Denken 
durchmischt  ist. 

Fur  das  gewohnliche  Bewulksein  ist  es  ja  durchaus  so, 
dafi  der  Mensch  von  morgens,  wo  er  aufwacht,  bis  zum 
Abend,  wo  er  einschlaft,  eigentlich  immer  in  seelischen 
Inhalten  lebt,  die  das  Wahrnehmen  schon  mit  dem  Denken 
durchmischt  haben.  Erst  eine  wirklich  griindliche  Analyse 
mufi  dasjenige,  was  passive  Wahrnehmung  ist,  absondern 
von  dem,  was  durch  das  Denken  hineingetragen  ist.  Dann 
kommt  man  darauf,  wie  eigentlich  unser  Wahrnehmungs- 
bild  aussieht.  Dieses  Wahrnehmungsbild,  man  verfolge  es 
nur,  indem  man,  ich  will  sagen,  nur  durch  funf  Minuten 
sich  des  zusammenfassenden  Denkens  enthalt  und  nur 
registriert,  was  man  der  Reihe  nach  wahrnimmt.  Solche 
Denker,  wie  Richard  Wahle  und  Johannes  Volkelt,  haben 
dies  getan,  haben  registriert,  wie,  sagen  wir,  ein  Brieftrager 
hereinkommt,  einen  Brief  iiberreicht,  was  dann  mit  diesem 
Briefe  geschieht,  wie  sich  da  Wahrnehmungsbild  an  Wahr- 
nehmungsbild gegeniiber  dem  ordnenden  Denken  chaotisch 
reiht.  Dadurch  aber  bekommt  man  einen  richtigen  Einblick 
in  die  fortwahrend  vor  sich  gehende,  nur  zum  geringsten 
Teil  bewufite  Tatigkeit  in  der  Menschenseele,  die  darinnen 


besteht,  fortwahrend  die  Wahrnehmung  mit  dem  Denken, 
also  das  passiv  Angeschaute  mit  dem  innerlich  aktiv  Er- 
zeugten  zu  vermischen. 

Nun  aber  stand  einem  dazumal  aus  den  Eriichten,  die 
aus  dem  Agnostizismus  aufgingen  iiber  den  Erkenntnis- 
prozefi,  nichts  anderes  vor  der  Seele  als  dasjenige,  was  sich 
in  Ausgestaltung  des  Kantianismus  ergeben  hat  und  was 
sich  ferner  in  Ausgestaltung  desjenigen  gezeigt  hat,  was  die 
Maxime  des  physiologischen  Vorstellens  im  19- Jahrhundert 
seit  Johannes  M tiller  gewesen  war.  Nicht  anders  dachte 
man  da,  als:  das  eigentlich  Wirkliche  sei  da  zu  erforschen, 
wo  das  Drauften  ist,  und  das  Denken  habe  nur  die  Auf- 
gabe,  dieses  AuSere  abzubilden;  man  wurde  zu  dem  rich- 
tigen  Denken  dadurch  kommen,  wenn  man  nicht  aus  dem 
menschlichen  Inneren  heraus  etwas  in  die  Wahrnehmung 
hineintriige,  sondern  wenn  man  das  Denken  nur  ganz 
passiv  dazu  bentitzen  wurde,  Bilder  der  Wirklichkeit  zu 
schafTen.  Diese  Wirklichkeit  aber,  dachte  man,  sei  schon, 
ganz  abgesehen  von  dem  DenkprozelS,  von  dem  innerlichen 
Seelenprozeft,  irgendwo  fertig  da.  Solches  Denken  verfuhrt 
ja  dann  dazu,  zu  imaginaren  Begriffen  zu  kommen,  wie 
zum  Beispiel  der  ist  von  dem  bekannten  oder  unbekannten 
«Ding  an  sich».  Zu  sprechen  von  diesem  «Ding  an  sidr> 
hat  nur  einen  Sinn,  wenn  man  meint,  irgendwo  musse  an 
sich,  abgesehen  von  der  menschlichen  Erkenntnis,  die  Wirk- 
lichkeit sein,  und  man  brauche  nur  durch  irgendwelche 
Prozeduren  sich  eben  eine  Erkenntnis  zu  verschaffen  von 
dieser  Wirklichkeit.  Dann  ware  der  Erkenntnisprozel?  eben 
nichts  real  Erlebtes,  dann  ware  er  nur  etwas  formell  neben 
dem  wirklichen  Geschehen  und  den  wirklichen  Dingen  in 
der  Ecke  Stehendes.  Demgegemiber  ergab  sich  mir,  dafi  das 
Erkennen  nun  tatsachlich  etwas  Reales  ist;  denn  durch  die 
Priifung  des  eigentlichen  Wahrnehmungsinhaltes,  desjenigen 


also,  dem  wir  hingegeben  sind,  wenn  wir  passiv  die 
Aufienwelt  auf  uns  durch  unsere  Sinne  wirken  lassen, 
zeigte  sich,  dafi  diese  Aufienwelt  eben  nicht  die  Wirklich- 
keit  enthalt,  sondern  dafi  der  Mensch  so  in  die  Welt  her- 
eingeboren  ist,  da£,  wenn  er  nur  durch  seine  Sinne  in  diese 
AufSenwelt  hineinschaut,  er  eben  nur  die  Halfte  dieser 
Wirklichkeit,  nur  eine  Seite  der  Wirklichkeit,  durch  seine 
Sinne  erlebt. 

Sie  konnen  in  meinen  Schriften  bis  zu  dem  Buche  «Die 
Ratsel  der  Philosophie»  iiberall  die  Versuche  finden,  nach- 
zuweisen,  da£  dasjenige,  was  sinnlich  fiir  die  Wahrneh- 
mung  vorliegt,  eben  nicht  die  Wirklichkeit  ist;  dafi  also 
dem  Menschen,  indem  er  in  die  Welt  hereingeboren  wird, 
mit  seiner  Wahrnehmung  nicht  die  Wirklichkeit  iibergeben 
wird,  und  dafi  diese  Wirklichkeit  dem  Menschen  erst  da- 
durch  vor  die  Seele  tritt,  dafi  er  aus  seinem  Inneren  heraus 
die  Aktivitat  des  Denkens  erzeugt  und  der  unvollstandigen 
Wirklichkeit,  der  einen  Seite  der  Wirklichkeit,  das  andere 
gegenuberstellt,  was  zu  dieser  Wirklichkeit  gehort,  das- 
jenige, was  ihm  im  Geiste  zunachst  als  das  Denken  gegeben 
ist.  Es  stellt  sich  die  Sache  so,  dafi  Wirklichkeit  erst  Seelen- 
erlebnis  wird,  wenn  der  Mensch  sich  mit  der  Wahrnehmung 
durch  sein  Denken,  das  in  seinem  Geiste  aufgeht,  verbindet. 
Wirklichkeit  ist  etwas,  was  durch  das  Erkennen  wird.  Wirk- 
lichkeit ist  nicht  etwas,  was  wir  suchen  mussen.  Wirklichkeit 
ist  etwas,  was  wir  erzeugen,  an  dem  wir  erzeugenden  Anteil 
nehmen;  und  das  Geheimnis  des  Menschen  besteht  darinnen, 
dafi  ihn,  indem  er  geboren  wird,  eine  Welt  umgibt,  die  nicht 
voile  Wirklichkeit  ist,  und  dafi  er  dazu  geboren  wird,  zu 
dem,  was  sich  ihm  da  darstellt  in  der  aufieren  sinnlichen  Er- 
scheinung,  etwas  hinzuzubringen,  das  nur  in  seinem  Inneren 
aufgeht.  Erst  in  diesem  Zusammenhang,  in  diesem  Zusam- 
menleben  desjenigen,  was  ihm  in  seinem  Inneren  aufgeht, 


mit  dem,  was  er  aufierlich  wahrnimmt,  lebt  er  sich  in  die 
Wirklichkeit  hinein. 

Solange  wir  blofi  hinausschauen  mit  unseren  Sinnen  auf 
dasjenige,  was  wir  aufterhalb  wahrnehmen  konnen,  haben 
wir  keine  Wirklichkeit  vor  uns.  Wenn  wir  ringen,  alles 
Wahrnehmbare  mit  demjenigen  zu  verbinden,  was  wir  von 
einer  ganz  andern  Seite  aus  den  Weltenwurzeln  in  dieses 
Dasein  hineintragen,  wenn  wir  ringen  mit  dem,  was  zu- 
nachst  in  unserem  Denken  aufgeht,  und  wenn  wir  in  unserer 
eigenen  aktiven  Erkenntnistatigkeit  diese  zwei  Seiten  der 
Wirklichkeit  miteinander  verbinden,  so  bringen  wir  zu  der 
aufieren  Wahrnehmung  dasjenige  hinzu,  was  noch  fehlt  von 
der  Wirklichkeit;  wir  gestalten  sie  erst  zu  der  Wirklichkeit. 
Der  Erkenntnisprozefi  ist  dasjenige,  zu  dem  sich  der  Mensch 
erheben  mufi,  damit  Wirklichkeit  in  seiner  Welt  enthalten 
sei.  In  seiner  Welt  ware  nicht  Wirklichkeit,  wenn  er  nur 
wahrnehmen  wiirde,  wenn  er  nicht  ringen  konnte,  mit  dem 
Wahrgenommenen  zu  verbinden  dasjenige,  was  nicht  die 
Wahrnehmung  geben  kann,  was  er  aus  ganz  anderer  Welten- 
ecke  zu  der  Wahrnehmung  hinzubringt  und  was  sich  zu- 
nachst  in  seinem  Denken  off  enbart. 

Weil  sich  der  Mensch  mit  seinem  Erkenntnisprozeft  in  die 
Wirklichkeit  so  hineinstellt,  daft  dieser  Erkenntnisprozefi 
selber  eine  Realitat  ist,  daft  also  in  dem  ProzeE,  der  zum 
Wissen  fuhrt,  die  Wirklichkeit  erst  erzeugt  wird,  erst  auf- 
steigt,  deshalb  konnte  ich  dasjenige  Schriftchen,  worinnen  ich 
gerade  diese  Art  des  menschlichen  Erkennens  darstellen 
wollte,  «Wahrheit  und  Wissenschaft»  nennen.  Ich  gab  ge- 
wissermaften  dazumal  in  diesem  Schriftchen  nach  meiner 
Ansicht  eine  Art  Versuch  einer  Verstandigung  des  mensch- 
lichen Bewufitseins  mit  sich  selbst.  Das  menschliche  Bewufit- 
sein  stellt  sich  gewissermaften  die  Frage:  Wie  stehst  du  zu 
der  Wirklichkeit?  Bist  du  das  funfte  Rad  am  Wagen  oder 


der  Eckensteher,  der  mit  seiner  Erkenntnis  etwas  vollfiihrt, 
das  nidits  zu  tun  hat  mit  der  Wirklichkeit?  1st  da  draufien 
schon  die  Wirklichkeit  vielleicht  nur  verhohlen  und  hast  du 
sie  durch  deine  Erkenntnis  blofl  zu  suchen?  Oder  ist  der  Er- 
kenntnisprozefi  etwas,  das  an  dem  Zustandekommen  der 
vollen  Wirklichkeit  beteiligt  ist?  -  Diese  Frage  liefi  sich 
nicht  anders  als  in  dem  letzteren  Sinne  beantworten.  Aller- 
dings  ist  es  aber  notwendig,  wenn  man  diese  Antwort,  die 
dem  Agnostiker  zunachst  wie  ein  Paradoxon  erscheint,  in 
ihrer  Richtigkeit  durchschauen  will,  dafi  man  dann  die  ganz 
besondere  Natur  des  Denkens  als  ein  Reales  von  der  einen 
Seite  wirklich  erfasse  und  auf  der  andern  Seite  wirklich 
erfasse,  wie  die  Wahrnehmung  iiberall  sich  so  erweist,  dafi 
sie  an  uns  herantritt  wie  dasjenige,  was  eigentlich  in  sich 
dunkel  und  fmster  ist.  Man  mufi  sich  die  Empfindung  von 
diesem  Gegensatz  von  Denken  und  Wahrnehmung  so  ver- 
gegenwartigen,  dafi  man  klar  anschaut,  wie  wir  in  dem 
Denken  etwas  haben,  worinnen  wir  voll  wachen. 

Der  Wachprozefi  hat  ja  seine  Stuf  en,  seine  Grade.  Wollen 
wir  ihn  erf assen  in  seiner  ureigensten  Gestalt  fur  unser  ge- 
wohnliches  Bewufitsein,  so  konnen  wir  das  nur,  indem  wir 
uns  erleben  mit  der  vollen  Aktivitat  der  Seele  im  Denken. 
Und  dann  werden  wir  erleben,  wie  wir  im  Wahrnehmen 
eigentlich  da  sind.  Haben  wir  es  dazu  gebracht,  etwa  in  dem 
Sinne  von  Richard  Wahle  oder  Johannes  Volkelt,  die  Wahr- 
nehmung in  ihrer  wahren  Gestalt  uns  vor  die  Seele  hinzu- 
stellen,  und  priifen  wir  dann,  wie  die  Seele  lebt,  indem  sie 
nur  in  der  Wahrnehmung  lebt,  dann  finden  wir  keinen  Un- 
terschied  mehr  zwischen  diesem  Erleben  der  Seele  und  der 
noch  ganz  vom  Denken  undurchdrungenen  Wahrnehmung 
in  dem  eigentlichen  Schlaf  zustand.  Und  gerade  so,  wie  unser 
tagliches  Leben  wechselt  zwischen  Wachen  und  Schlafen,  so 
wechselt  das  webende,  wellende  Seelenleben  fortwahrend, 


indem  es  in  Verkehr  mit  der  Aufienwelt  tritt,  zwischen  dem, 
wohinein  es  sich  eigentlich  nur  schlafen  kann,  der  Wahr- 
nehmung,  und  zwischen  dem,  worinnen  es  vollstandig  wacht, 
dem  aktiven  Denken. 

Was  sich  sonst  in  der  Zeit  vollzieht,  wo  wir  die  Finsternis 
des  Schlaf  ens  durchleuchten  mit  der  Helligkeit  des  Wachens, 
das  vollzieht  sich  eigentlich  auf  einem  andern  Felde  in  jedem 
Augenblick,  indem  wir  die  Dunkelheit  des  Wahrnehmens 
durchdringen  mit  dem  Lichte,  das  in  uns  lebt,  indem  wir  im 
aktiven  Denken  da  sind.  Wir  erhellen  fortwahrend  die 
dunkle  Wahrnehmung.  Das  ist  das  Lebendige,  das  sich  ab- 
spielt  zwischen  dem,  was  in  dem  Eindrucke,  den  die  Wahr- 
nehmung auf  uns  macht,  schlafl,  und  demjenigen,  was  sich 
hineinwacht  in  dieses  schlafende  Leben,  indem  wir  es  mit 
der  Aktivitat  des  Denkens  durchdringen.  Es  kommt  einem 
wirklich  etwas  vor  die  Seele  wie  eine  Art  Abwechslung  von 
Wachen  und  Schlafen  wahrend  des  gewohnlichen  Wach- 
zustandes,  wenn  wir  ganz  lebendig  uns  hineinversetzen  in 
diese  Beziehung  zwischen  Denken  -  das  heifk,  der  im  Geiste 
erlebten  Aktivitat  -  und  dem  Wahrnehmen,  das  heifit  dem- 
jenigen, das  fortwahrend  den  Geist  au£er  sich  bringt,  das 
fortwahrend  den  Geist  so  macht,  daft  er  es  nur  ergreifen 
kann  in  seiner  Unbewufitheit,  wie  er  die  Vorgange  wahrend 
des  Schlafens  nur  in  seiner  Unbewufitheit  ergreifen  kann. 
Bei  dem  Verfolgen  eines  solchen  Erkenntnisweges  bekommt 
man  einen  richtigen  Einblick  in  das,  was  eigentlich  dieser 
Erkenntnisprozefi  ist,  wie  er  wirklich  ein  realer  Prozefi  ist, 
wie  er  arbeitet  drinnen  in  der  Wirklichkeit,  nicht  in  der  Ecke 
als  ein  blofi  formaler. 

Dennoch  ist  es  aufierordentlich  schwierig,  auf  diesem 
Wege  rein  philosophisch  hinzukommen  zu  der  Erfassung 
der  Aktivitat  des  Denkens,  und  ich  kann  es  vollstandig  ver- 
stehen,  dafi  Geister  wie  Richard  Wahle,  der  sich  einmal  klar 


vor  die  Seele  gestellt  hat,  wie  das  Wahrnehmen  eigentlich 
nur  Chaotisches  vor  unsere  Seele  hinsetzt,  und  wie  solche 
Denker,  die  wirklich  nur  dasjenige  vor  sich  haben,  was  Jo- 
hannes Volkelt  mit  Recht  genannt  hat  die  einzelnen  neben- 
einandergesetzten  Fetzen  des  aufteren  Wahrnehmens,  die 
das  Denken  erst  ordnen  mufi  —  idi  kann  es  verstehen,  wie 
solche  Denker  dann,  weil  sie  sich  ganz  einleben  in  das  Wahr- 
nehmen, nicht  dazu  kommen,  sich  audi  einleben  zu  konnen 
in  die  aktive  Wesenheit  des  Denkens,  sich  nicht  aufschwin- 
gen  konnen  dazu,  anzuerkennen,  dafi  wir,  indem  wir  die 
Aktivitat  des  Denkens  erleben,  in  einer  Tatigkeit  ganz  drin- 
nenstehen,  und  weil  wir  ganz  drinnenstehen,  sie  mit  unserem 
Bewulksein  vollig  verbinden  konnen.  Ich  kann  mir  gut  vor- 
stellen,  wie  unbegreiflich  es  solchen  Denkern  ist,  wenn  man 
ihnen  aus  dem  vollen  Erleben  dieser  Aktivitat  des  Denkens 
die  Worte  entgegnet:  Im  Denken  haben  wir  das  Weltgesche- 
hen  selber  an  einem  Zipfel  erfafit!  — ,  wie  ich  es  in  meiner 
«  Philosophic  der  Freiheit»  ausgesprochen  habe. 

Dafi  das  so  der  Fall  ist,  daft  wir  wirklich  das  Welten- 
geschehen  im  Denken  an  einem  Zipfel  erfassen,  das  konnte 
nur  zunachst  dargestellt  werden  an  jenem  Denken,  das  dem 
menschlichen  Handeln  zugrunde  liegt,  jenem  Denken,  das 
sich  entwickelt  dann,  wenn  wir  die  sittliche  Welt  in  unseren 
Handlungen  aus  unserem  reinen  Denken  heraus  gestalten. 
Denn  dann  sind  wir  gezwungen,  zunachst  das  reine  Denken 
in  der  Seele  zu  entwickeln,  also  das  Denken  gewissermaften 
in  seiner  Reinkultur  zu  haben  und  die  Anschauung  dann  sel- 
ber dazu  zu  gestalten.  Da  zwingen  uns  die  Tatsachen  selber, 
Anschauen,  Wahrnehmen  und  Denken  voneinander  zu  son- 
dern,  um  sie  im  Handeln,  in  der  sittlichen  Tat  miteinander 
zu  verbinden.  Wie  gerade  bei  der  Verfolgung  des  ethischen, 
des  sozialen  Lebens  einem  die  wahre  Wesenheit  der  denke- 
rischen  Aktivitat  aufgeht,  was  ich  entwickelt  habe  in  meiner 


« Philosophic  der  Freiheit»,  da  von  will  ich  dann  morgen 
spredien. 

Aus  dem  heute  Dargestellten  mochte  ich,  dafl  Ihnen  her- 
vorgehen  konnte,  wie  gerade  aus  dem  Erleben  des  Agnosti- 
zismus  des  1 9.  Jahrhunderts  vor  die  Seele  ein  Problem  tritt, 
das  etwa  so  lautet:  1st  die  aufkre  Welt,  die  wir  wahrnehmen 
durch  die  Sinne,  eine  abgeschlossene,  eine  endgiiltige  Wirk- 
lichkeit,derenSinn  wir  nur  passiv  zu  suchen  haben-oder  ist 
diese  auftere  Wirklichkeit  nur  eineSeite  der  wahren  Wirklich- 
keit?  Haben  wir  diese  Wirklichkeit  selbst  als  lebendige  Men- 
schen  audi  im  Erkenntnisprozesse  erst  mitzuschaffen? 

Alles  dasjenige,  was  ich  heute,  allerdings  nur  andeutend, 
gesagt  habe,  wird  Ihnen  begreiflich  machen,  dafi  ich  hin- 
schreiben  mufite  schon  in  meiner  «Erkenntnistheorie  der 
Goetheschen  Weltanschauung» :  dafi  die  widitigste  Frage 
unseres  Zei takers  die  ist,  ob  die  Art  unserer  aufieren  Erfah- 
rung  uns  schon  eine  Wirklichkeit  entgegenhalt.  Denn  halt 
uns  die  aufiere  Erf  ahrung  schon  eine  voile  Wirklichkeit  ent- 
gegen>  dann  durfte  unsere  Erkenntnis  nur  eine  Wieder- 
holung  dieser  au£eren  Wirklichkeit  sein.  Halt  uns  aber  die 
auftere  Wirklichkeit  nur  die  halbe,  nur  einen  Teil  der  ge- 
samten,  der  wahren  Wirklichkeit  entgegen,  dann  mufi  das 
Folgende  gesagt  werden,  das  Sie  in  meiner  1886  erschienenen 
Schrift  «Grundlinien  einer  Erkenntnistheorie  der  Goethe- 
schen Weltanschauung*  fmden:  «Ganz  anders  verhielte  es 
sich,  wenn  wir  es  in  dieser  Form  der  Wirklichkeit*  -  die 
durch  die  aufieren  Sinne  vermittelt  wird  -  «nicht  mit  dem 
Wesen  der  Wirklichkeit,  sondern  nur  mit  ihrer  ganz  un- 
wesentlichen  Aufienseite  zu  tun  hatten,  wenn  wir  nur  eine 
Hiille  von  dem  wahren  Wesen  der  Welt  vor  uns  hatten,  die 
uns  das  Wesen  der  Welt  verbirgt  und  uns  auffordert,  weiter 
nach  demselben  zu  forschen.  Wir  miifken  dann  danach  trach- 
ten,  diese  Hiille  zu  durchdringen.  Wir  miifiten  von  der 


ersten  Form  der  Welt  ausgehen,  um  uns  ihrer  wahren  (we- 
sentlichen)  Eigenschaflen  zu  bemachtigen.  Wir  miilken  die 
Erscheinung  fur  die  Sinne  iiberwinden,  um  daraus  eine 
hohere  Ersdieinungsform  zu  entwickeln.» 

Diese  Frage  wurde  von  mir  dazumal  gestellt,  und  sie 
konnte  aus  den  Voraussetzungen,  die  idi  einigermaflen,  aber 
nur  andeutungsweise  heute  charakterisiert  habe,  nicht  an- 
ders  als  so  beantwortet  werden,  dafi  in  der  Wissenschafl 
selber  etwas  Real-Tatsachliches,  etwas,  was  teil  an  dem 
Weltenprozesse  hat,  vorliegt;  und  dafi  audi  in  der  Kunst, 
die  ja  ebenfalls  eine  gewisse  Beeinflussung,  wie  ich  gestern 
gezeigt  habe,  aus  der  agnostischen  Denkungsweise  erfahren 
hat,  dasjenige  leben  muft,  was  vom  Menschen  iiber  die 
aufiere  Wirklichkeit  hinaus  in  lebendiger  Geistigkeit  erlebt 
wird.  Und  wenn  ich  heute  eine  Devise  suchte,  ein  Motto  fiir 
dasjenige,  was  ich  Ihnen  aus  der  Geisteswissenschaft,  aus  der 
Anthroposophie  heraus  als  deren  wahren  Sinn  zu  charak- 
terisieren  habe,  dann  miilke  ich  fiir  die  ganze  Anthropo- 
sophie und  insbesondere  fiir  diese  Vortrage  folgendes  Motto 
hinstellen: 

«Oberwindung  der  Sinnlichkeit  durch  den  Geist  ist  das 
Ziel  von  Kunst  und  Wissenschafl.  Die  Wissenschafl  iiber- 
windet  die  Sinnlichkeit,  indem  sie  sie  ganz  in  Geist  auflost, 
jene  -  die  Kunst  namlich  indem  sie  ihr  -  namlich  der 
Sinnlichkeit  -  den  Geist  einpflanzt.» 

Nun,  es  gibt  Leute,  die  da  sagen,  von  mir  ist  Anthropo- 
sophie ausgebildet  worden,  nachdem  ich  mich  von  ande^er 
Wissenschaflsgesinnung  getrennt  habe.  Dasjenige,  was  ich 
heute  hinsetzen  mochte  vor  das,  was  ich  Ihnen  in  den  nach- 
sten  Tagen  zu  sagen  habe,  es  ist  kein  anderes  als  dieses: 

«Oberwindung  der  Sinnlichkeit  durch  den  Geist  ist  das 
Ziel  von  Kunst  und  Wissenschafl.  Die  Wissenschafl  iiber- 
windet  die  Sinnlichkeit,  indem  sie  sie  ganz  in  Geist  auflost, 


die  Kunst  uberwindet  die  Sinnlichkeit,  indem  sie  ihr  den 
Geist  einpflanzt.» 

Das  aber  -  all  denjenigen  sei  es  gesagt,  die  von  angeb- 
lichen  Widerspriichen  in  meinem  Entwicklungsgange  spre- 
chen  — ,  das  habe  ich  geschrieben  nicht  heute,  nicht  gestern, 
nidit  vor  zehn,  nicht  vor  zwanzig  Jahren,  sondern  das  steht 
in  meiner  1 886 erschienenen  «Erkenntnistheorie  der  Goethe- 
schen  Weltansdiauung». 


DRITTER  VORTRAG 


Stuttgart,  31.  August  1921 

Gestern  erlaubte  ich  mir  darauf  hinzuweisen,  wie  ich  das- 
jenige,  was  ich  in  den  achtziger  und  neunziger  Jahren  des 
vorigen  Jahrhunderts  gegen  die  agnostische  Gesinnung  zu 
f  ormulieren  versuchte,  aus  den  Quellen  anthroposophischer 
Weltanschauung  1893  niedergelegt  habe  in  meiner  «Philo- 
sophie  der  Freihek».  Diese  « Philosophic  der  Freiheit>  tragt 
auf  ihrem  Titelblatt  das  Motto:  «Seelische  Beobachtungs- 
resultate  nach  naturwissenschaftlicher  Methode.»  Zunachst 
war  dieses  Motto  gerichtet  gegen  eine  Weltanschauungsrich- 
tung,  die  ich  bis  zu  einem  gewissen  Grade  aufierordentlich 
verehrte:  gegen  die  Weltanschauungsrichtung  Eduard  von 
Hartmanns,  dessen  «Philosophie  des  Unbewufiten»  das 
Motto  trug:  «Spekulative  Resultate  nach  induktiv-natur- 
wissenschaftlicher  Methode.» 

«Spekulative  Resultate»,  das  war  etwas,  was  mir  im 
Grunde  zu  widerstreben  schien  dem  eigentlichsten  Sinn  wirk- 
licher  Geistes-  und  Menschenerkenntnis,  denn  unter  speku- 
lativen  Resultaten,  spekulativen  Denkinhalten  kann  man 
nur  das  verstehen,  was  sich  dann  ergibt,  wenn  man  durch 
eine  abstrakte  Logik  aus  dem,  was  man  wahrnimmt,  schliefit 
auf  irgend  etwas  nicht  Wahrnehmbares,  wenn  man  also 
durch  Schlufifolgerung  gewissermafien  rekurriert  nach  einem 
Unbekannten  hin,  das  eben  nur  durch  Denkfolgerungen, 
nicht  durch  Wahrnehmung  erreichbar  sein  soil. 

Gegen  diese  ganze  Denkweise  mufite  ich  geltend  machen, 
da(5  restlos  dasjenige,  was  fiir  den  Menschen  Erkenntnis  und 
Lebensinhalt  in  jeder  Richtung  sein  soil,  in  irgendeiner 


Weise  unmittelbar  in  die  Beobaditung,  in  die  Wahrnehmung 
audi  eintreten  miisse.  Gerade  so,  wie  aufierlidie  natur- 
wissenschaftliche  Tatsachen  sich  vor  das  Bewufksein  hin- 
stellen  und  beobachtet  werden  konnen,  so  mussen  audi  see- 
lisdi-geistige  Inhalte  vor  das  Bewufksein  hintreten  und 
dadurch  der  Beobaditung  zuganglich  sein.  Denn  konnte 
man  nidit  dahin  gelangen,  alles  dasjenige,  was  in  irgendeiner 
Hinsicht  den  Menschen  gerade  in  bezug  auf  sein  tiefstes 
Inneres  angeht,  audi  in  sein  Bewufksein  hereinzubringen, 
dann  miifke  man  annehmen,  der  Mensdi  werde  gelenkt  und 
geleitet  an  Faden  aus  unbekannten  Welten  herein,  aus  Wel- 
ten,  die  man  hochstens  im  abstrakten  Denken  erschliefien, 
die  man  aberniemals  erleben  kann.  Wer  aber  das  Phanomen 
der  Freiheit,  das  Erlebnis  der  Freiheit  im  vollen  Sinne  des 
Wbrtes  unmittelbar  in  seinem  Bewufksein  tragt,  der  kann 
nidit  anders,  als  metaphysische  Resultate  in  dem  Sinne,  wie 
ich  das  angedeutet  habe,  abweisen;  er  mufi  streben,  als  Be- 
obachtungsresultate,  als  moglichen  gegenwartigen  Seelen- 
inhalt  dasjenige  zu  haben,  was  auf  ihn  gerade  in  bezug  auf 
sein  intimstes  Wesen  Einflufi  haben  kann.  Freiheitsphilo- 
sophie  erschien  mir  unzertrennlidi  von  demjenigen,  was 
ausgesprodien  werden  kann  in  dem  Satze:  «Seelisdie  Beob- 
achtungs-Resultate  nadi  naturwissenschafllidier  Methode», 
das  heifit,  die  Beobachtungsmethode,  auf  die  die  Natur- 
wissensdiafl  gelernt  hatte  zu  halten,  miifite  audi  auf  das 
ausgedehnt  werden,  was  Inhalt  des  geistigen  Lebens  fiir  den 
Menschen  werden  soil. 

Die  Frage  nadi  einer  Freiheitsphilosophie  wurde  aus  sol- 
chen  Grundlagen  heraus  zu  einer  brennenden,  denn  was  der 
Begriff  der  Freiheit  in  sich  einschliefit,  ist  eine  unmittelbare 
menschliche  Erfahrung,  und  man  braucht  im  Grunde  ge- 
nommen  nur  Unbefangenheit  genug  dazu,  um  sich  zu  sagen: 
Die  menschliche  Freiheit  wird  erlebt.  -  Es  gibt  im  Bewufk- 


sein  das  Erlebnis  des  freieti  menschlidien  Wesens.  Die  aus 
dem  Agnostizismus  hervorgehende  Naturanschauung  kann 
in  diesem  Falle,  weil  sie  alles  dasjenige,  was  nadi  dem  Geiste 
hinweist,  eigentlich  ablehnt,  kein  unbefangenes  Urteil  ge- 
winnen  iiber  dieses  unmittelbare  Freiheitserlebnis;  denn  sie 
sieht  ja  ihr  Ideal  darin,  alles  nach  der  sogenannten  kausalen 
Methode  zu  erklaren,  das  heifit  so,  dafi  jeglidies  Geschehen 
durch  eine  Ursache  bedingt  ist  und  sich  als  eine  Wirkung 
erweist.  Und  diese  agnostisch-naturwissenschafUiche  Gesin- 
nung  glaubt,  gegen  die  Gesetze  einer  wirklichen  Welterkla- 
rung  zu  verstofien,  wenn  sie  irgendwo  etwas  gelten  lafit, 
was  nicht  nach  dem  Prinzip  der  kausalen  Notwendigkeit  zu 
erklaren  ist.  Aber  man  mag  sidi  noch  so  anstrengen  mit  einer 
Welterklarung  im  Sinne  der  Kausalnotwendigkeit:  gerade 
wenn  man  diese  kausale  Erklarung  konsequent  ausbildet, 
dann  kommt  man  durch  sie  nicht  an  das  Erlebnis  der 
menschlidien  Freiheit  heran.  Dieses  unmittelbare  Erlebnis 
fallt  aus  der  Kausalerklarung  einfach  heraus. 

Wie  hat  sich  die  agnostisch-naturwissenschaftliche  Gesin- 
nung  nun  geholfen?  Sie  hat  einfach,  ich  mochte  sagen,  das 
unmittelbare  Erlebnis  der  menschlichen  Freiheit  sich  ver- 
dunkelt  durch  die  kausale  Erklarung.  Man  sagt:  Die  Kausal- 
erklarung lafit  die  menschliche  Freiheit  nicht  zu;  also  ist  sie 
nicht  da.  -  Und  so  wird  man,  wenn  man  auf  der  einen  Seite 
nicht  anders  kann,  als  unbefangen  auf  das  Freiheitserlebnis 
hinzuschauen  und  anderseits  es  ehrlich  meint  mit  der 
Naturwissenschaft  der  neueren  Zeit,  als  Mensch  vor  den 
Zwiespalt  hingestellt,  entweder  die  Freiheit  abzuschaffen, 
was  man  nur  kann,  wenn  man  eben  die  Unbef  angenheit  sich 
verdunkelt,  oder  allerlei  Auskunftsmittel  zu  ersinnen,  damit 
in  scheinbarer  Weise  doch  diese  Freiheit  in  irgendeinen  be- 
griffsmafligen  Zusammenhang  gebracht  werden  konne  mit 
der  Kausalerklarung  der  Naturwissenschaft. 


Diese  Wege  konnten  fiir  ein  anthroposophisches  Denken 
nidit  gegangen  werden.  Das  mufke  gerade,  wenn  es  mit  der 
naturwissenschaftHchen  Kausalerklarung  und  auch  mit  dem 
Grundsatze:  «Unbefangenheit  der  Beobachtung»  es  ehrlidi 
meinte,  auch  das  Phanomen  der  Freiheit  unbefangen  be- 
obachten.  Und  so  ergab  sich  denn  die  Notwendigkeit,  den 
Geist  naturwissenschaftlicher  Anschauung,  jenen  Geist,  der 
ausgebildet  ist  im  Beobachten  der  physischen,  der  biologi- 
schen,  der  sonstigen  Erscheinungen  der  aufieren  Natur,  audi 
anzuwenden  auf  die  Erscheinung,  auf  die  Offenbarung  der 
menschlichen  Freiheit.  Das  aber  konnte  nur  geschehen  da- 
durch,  dafi  die  ganze  erkennende  Seelenverfassung  gegen- 
uber  diesem  Freiheitsproblem  eine  andere  wurde,  als  sie  in 
der  naturwissenschaftlichen  Betrachtungsweise  ist.  Die  letz- 
tere  mufite  man  auf  der  einen  Seite  festhalten;  aber,  um 
in  ihrem  Sinne  zum  Freiheitsproblem  hinuberzukommen, 
mufite  man  sie  auf  der  andern  Seite  weiter  ausgestalten.  Man 
mulke  gewissermafien  dasjenige,  was  man  in  der  Natur- 
wissenschaft  sich  erringt  durch  ein  die  Naturerscheinungen 
zusammenfassendes  und  durchhellendes  Denken,  in  das  freie 
menschliche  Erleben  selber  heraufheben. 

Im  Naturbeobachten  lehnt  man  sich  an  die  auiSere  Sinnes- 
erfahrung  an.  Man  entwickelt  der  Sinneserfahrung  entgegen 
die  menschliche  Gedankenwelt,  den  Inhalt  des  Denkens,  und 
es  ergibt  sich  als  die  wahre  Wirklichkeit  dasjenige,  was  sich 
zusammenfiigt  aus  dem  einseitigen  Erfahrungsinhalte  der 
Aufienwelt  und  dem  einseitigen  Inhalte  des  Denkens.  Man 
erganzt  dasjenige,  was,  wie  ich  gestern  sagte,  als  eine  halbe 
Wirklichkeit  dem  Menschen  durch  seine  Organisation  ent- 
gegentritt.  Man  kann,  wenn  man  diese  Freiheit  erfassen 
will,  die  ja  ein  unmittelbar  mit  dem  Menschen  identisches 
Erlebnis  ist,  nicht  an  Aufteres  sich  anlehnen.  Man  mufi  das 
Denken  selber  verbinden  mit  demjenigen,  was  man,  ich 


mochte  sagen,  in  dem  Prozesse  seines  Ichs  ist.  Man  mu£  das- 
jenige  anschauen,  was  in  der  Freiheit  vor  einem  stent,  aber 
indem  man  anschaut,  mu6  man  zu  gleicher  Zeit  das  Denken 
entwickeln,  wie  man  es  sonst  an  den  Erscheinungen  der 
aufieren  Natur  entwickelt. 

Was  Goethe  so  gefallen  hat,  als  Heinroth  sein  Denken  ein 
gegenstandliches  genannt  hat,  das  mu£  auf  einer  noch  hohe- 
ren  Stufe  zutage  treten,  wenn  man  die  Offenbarung  der 
Freiheit  erfassen  will,  denn  Goethe  verband  sein  Denken 
mit  dem  AufSerlich-Sinnlichen  der  pflanzlichen  Welt.  Da  ge- 
lang  es  ihm,  das  Denken  untertauchen  zu  lassen  in  das  Ob- 
jekt,  mit  dem  aktiven  Denken  in  dem  Objekt  selbst  drinnen 
zu  leben;  aber  das  Objekt  blieb  passiv.  Will  man  dieses, 
wenn  ich  es  da  noch  so  nennen  darf ,  gegenstandliche  Denken 
auf  die  Freiheit  anwenden,  dann  mufi  man  ein  Ubersinnlich- 
Geistiges,  das  im  Menschenseelenweben  in  fortwahrender 
Tatigkeit  ist,  noch  auf  eine  viel  innigere  Weise  durchdringen 
mit  der  Aktivitat  des  Denkens.  Man  mufi  nicht  ein  Aufier- 
liches,  man  mufi  dasjenige,  was  in  einem  selber  sich  entwik- 
kelt,  mit  der  Aktivitat  des  Denkens  durchdringen.  Dadurch 
aber  reilk  sich  das,  was  nun  Inhalt  des  Denkens  wird,  los 
von  einem  jeglichen  Haften  an  einem  Objekt  im  gewohn- 
lichen  Sinne. 

Was  hier  das  Denken  vollzieht,  es  wird  selber  ein  Akt 
der  Befreiung.  Es  hebt  sich  das  Denken,  indem  es  nicht  in- 
haltlos  wird,  sondern  gerade  indem  es  angefiillt  ist  mit  dem 
intimsten  FHefien  des  Menschenwesens  selbst,  herauf  zu 
einem  freien  Flusse,  der  das  eine  aus  dem  andern  hervor- 
stromen  laftt.  Es  erfullt  sich  der  Seeleninhalt  mit  etwas,  das 
er  selber  erzeugt  und  das  in  seiner  Erzeugung  zu  gleicher 
Zeit  objektiv  ist.  Der  Geist  naturwissenschafHicher  Den- 
kungsweise  ist  herauf getragen  in  das  Aufsuchen  der  dem 
Menschen  wichtigsten  Seelenresultate. 


Damit  aber  war  fur  das  Gebiet,  das  dem  Menschen  als 
ethisches,  als  sittliches  Wesen  zugrunde  liegt,  die  geistes- 
wissenschaftliche  Methode  geltend  gemacht,  und  diese  be- 
steht  in  nichts  anderem  als  in  dem  Erleben  eines  Inhalts,  der 
da  ist,  wenn  das  menschliche  Seelenleben  sich  losreifk  von 
dem  Haften  an  einem  au£eren  Objekte.  Und  wenn  die  Seele 
dann  noch  etwas  erleben  kann,  dann  ist  das  Erlebnis  ein 
ubersinnliches.  Qualitativ  ist  dasjenige,  was  da  erstrebt 
worden  ist  als  seelische  Beobachtungsresultate,  nichts  ande- 
res,  als  was  spater  von  mir  geltend  gemacht  worden  ist  mit 
Bezug  auf  die  Erforschung  der  verschiedenen  Gebiete  der 
iibersinnlichen  Welten.  Man  wird  durch  dasjenige,  was  spa- 
ter geltend  gemacht  worden  ist,  allerdings  in  andere  Gebiete 
gefiihrt  als  diejenigen,  die  dem  Menschen  zunachst  im  ge- 
wohnlichen  Leben  vorliegen;  aber  man  verfahrt  mit  Bezug 
auf  das  Innerste  der  Seelenverfassung  auch  fur  diese  iiber- 
sinnlichen Gebiete  nicht  anders,  als  man  zu  verfahren  hat, 
wenn  man  das  Wesen  der  menschlichen  Freiheit  untersucht, 
so  dafi  man  eine  wirkliche  Erkenntnis  dieses  Wesens  erhalt. 
Man  beschrankt  den  Gegenstand  der  Untersuchung  zunachst 
auf  den  Menschen  als  freies  Wesen  innerhalb  der  physischen 
Welt,  aber  dieses  freie  Wesen  wurzelt  in  einem  Ubersinn- 
lichen.  Man  bewegt  sich  in  den  Freiheitsuntersuchungen  in 
einem  Strom  ubersinnlicher  Forschung.  Wer  dann  in  vollem 
Sinne  ernst  nimmt,  was  er  da  eigentlich  tut,  was  da  eigent- 
lich  in  ihm  geschieht,  indem  er  sich  in  diesem  Strom  iiber- 
sinnlicher  Forschung  bewegt,  bei  dem  bietet  sich  nach  und 
nach  selbst  der  Weg,  dasjenige,  was  er  nun  angewendet  hat 
behufs  Untersuchung  der  menschlichen  Freiheit,  auch  fur 
weitere  Gebiete  anzuwenden.  Und  eines  tritt  fur  ihn  hervor 
aus  solchen  Untersuchungen  mit  einer  deutlich  sprechenden 
Notwendigkeit:  dafi  der  Mensch,  wenn  er  sich  nur  nicht 
durch  naturwissenschaftliche  Vorurteile  den  Weg  zur  Frei- 


heit  verdunkelt,  wenn  er  unbefangen  dasjenige  im  Freiheits- 
wesen  untersudit,  was  ihm  im  alleralltaglichsten  Leben  vor- 
iiegt,  dafi  der  Mensch  dazu  kommt,  wenigstens  zunachst  fiir 
dieses  Gebiet  anzuerkennen,  daft  er  imstande  ist,  sich  in  sei- 
nem  inneren  Seelenleben  loszureifien  von  der  Leiblichkeit, 
die  sonst  das  Werkzeug  des  Denkens  ist,  weil  diese  Leiblich- 
keit  eben  gerade  das  liefern  mufi,  was  die  aufiere  Beobach- 
tung  bietet,  zu  der  dann  der  Gedanke  als  die  Erganzung 
hinzutritt.  Und  man  weift,  was  iibersinnliche  Forschung  ist, 
wenn  man  in  rich  tiger  Weise  geforscht  hat  iiber  das  Frei- 
heitsproblem.  Man  steht  in  dem  Geiste  dieser  Forschung 
schon  drinnen,  der  dann  auch  hinauffiihrt  in  die  Hohe  der 
iibersinnlichen  Welt.  Gerade  aber  aus  dem  Grunde,  weil  der 
Geist  des  Agnostizismus  es  dahin  gebracht  hat,  lieber  ein 
unbefangenes  Beobachtungsresultat  wie  dasjenige,  das  von 
der  Untersuchung  der  Freiheit  kommt,  hinwegzuleugnen, 
als  den  Sinn  der  Kausalerklarung  zu  modifizieren,  war  es 
tatsachlich  notwendig,  sich  entgegenzustellen  dem,  was  na- 
turwissenschaftliche  Weltanschauung  am  Ende  des  19.  Jahr- 
hunderts  aus  dem  Freiheitsproblem  gemacht  hatte. 

Was  der  Mensch  in  seinem  Innersten  erlebt,  was  er  erlebt 
in  bezug  auf  sein  Verhaltnis  zur  Welt,  das  erfordert,  dafi  er 
sich  verstandigt  mit  sich  selbst  iiber  das  in  der  Welt  und  in 
seinem  Wesen,  woraus  der  Impuls  der  Freiheit  quillt.  Wenn 
sich  der  Mensch  iiber  dieses  nicht  mit  sich  selbst  verstandigen 
kann,  dann  treten  fiir  ihn  die  Folgen  im  unmittelbaren  Le- 
ben auf.  Dann  treten  diese  so  auf,  dafi  er  sich  selber  ein 
unverstandliches,  ein  fiir  seine  eigene  Erkenntnis  und  da- 
durch  auch  fiir  sein  Leben  nicht  durchsichtiges  Wesen  ist.  Er 
fiihlt  sich  dann  in  der  Welt  so,  als  ob  er  nicht  auf  einem 
richtigen  Boden  mit  seiner  Erkenntnis  stunde.  Er  sieht  ge- 
wissermaften  in  sich  hinein,  und  da,  wo  er  sein  eigenes  Wesen 
glanzen  und  leuchten  sehen  wollte,  da  sieht  er  eine  Art  Aus- 


hohlung.  Ober  diese  Aushohlung  lafSt  sich  «Ignorabimus» 
sagen,  lafk  sich  diskutieren  und  philosophieren,  mit  dieser 
Aushohlung  lafk  sich  aber  nicht  leben.  Sie  hohlt  das  Leben 
selber  aus,  verddet  es,  ertotet  seine  wichtigsten,  seine  inten- 
sivsten  Antriebe,  tilgt  aus  dasjenige,  was  der  Mensch  braucht 
an  innerem  Lebensgehalt,  um  den  Zusammenhang  zu  finden 
mit  dem  aufteren  Lebensgehalt  in  der  fur  ihn  und  die  Welt 
notwendigen  Betatigung.  Will  man  den  Menschen  in  seinem 
Verhaltnisse  zur  Tat  begreifen,  dann  braucht  man  eine  Frei- 
heitsphilosophie.  Dann  braucht  man  aber  auch,  zunachst 
wenigstens  fiir  das  Problem  der  Freiheit,  eine  iibersinnliche 
Forschung. 

An  diesem  Problem  der  Freiheit  zeigt  es  sich  mit  aller 
Scharf  e,  wie  das  menschliche  Wesen  selber  sich  entgegenstel- 
len  mu£  der  agnostischen  Weltanschauung.  Das  konnte, 
wollte  man  zur  Anthroposophie  vorriicken,  sich  einem 
schwer  auf  die  Seele  legen,  wenn  man  es  zu  gleicher  Zeit 
ganz  ehrlich  meinte  mit  dem,  was  in  groEartiger  Weise  na- 
turwissenschaftliche  Forschung  in  der  neueren  Zeit  hervor- 
gebracht  hat.  Denn  wer  die  Erkenntnis  so  betrachtet,  wie  ich 
das  gestern  geschildert  habe  -  als  einen  Lebensprozeft,  nicht 
nur  als  etwas  Formales  der  mufi,  wenn  er  nach  Erkennt- 
nis strebt,  sein  Leben  verbinden  mit  diesem  realen  Erkennt- 
nisprozefi  selbst.  Und  indem  er  ein  Mensch  der  Tat  wird, 
verbindet  sich  dasjenige,  was  er  fiir  die  Welt  ist,  mit  dem, 
was  sich  durch  seine  Erkenntnis  in  ihm  als  sein  innerstes 
Wesen  ihm  selber  offenbart. 

Nun  konnte  einem  in  dieser  Epoche  des  Agnostizismus 
auch  eine  menschliche  Erscheinung  gegeniibertreten,  die  sich 
darstellt  wie  die  lebendige  Verkorperung  der  Frage:  Wie 
lafit  sich  leben  mit  demjenigen,  was  agnostische  Gesinnung 
als  eine  absolute,  unumstoftliche  Wahrheit  ansieht?  -  Dem- 
jenigen, der  sich  im  letzten  Drittel  des  19.  Jahrhunderts  aus- 


einandersetzen  wollte  mit  dieser  bedeutsamen  Lebensratsel- 
frage,  muftte  diese  menschliche  Erscheinung  in  irgendeiner 
Weise  selber  wie  ein  Zeitenratsel  begegnen.  Mit  dieser 
menschlichen  Erscheinung  meine  ich  Friedrich  Nietzsche. 
Friedrich  Nietzsche  war  wohl  fur  jeden  in  dem  letzten  Drit- 
tel  des  19.  Jahrhunderts  eine  menschliche  Erscheinung,  die 
wie  lebendig  verkorperte  dasjenige,  was  sich  einem  vor  die 
Seele  drangte,  wenn  man  nach  den  Erkenntnisquellen  an- 
throposophischen  Lebens  suchte.  Das  ist  das  Einzigartige  der 
Personlichkeit  Friedrich  Nietzsches,  daft  gewissermafien  in 
seiner  Seele  sich  ablud  alles  dasjenige,  was  man  gerade  an 
den  hervorragendsten  nach  dem  Agnostizismus  hindrangen- 
den  Gedanken-  und  Empfindungswelten  im  letzten  Drittel 
des  19.  Jahrhunderts  erleben  konnte. 

Friedrich  Nietzsche  war  ausgegangen  von  einem  rechten 
Erkenntnisleben,  und  obwohl  er  eigentlich  ein  ausgezeich- 
neter  Philologe  war,  so  ausgezeichnet,  daft,  bevor  er  noch 
seinen  Doktor  gemacht  hatte,  er  eine  Universitatsprofessur 
erlangte,  lebte  sich  in  seiner  Seele  aus  ein  Zusammenhang 
mit  der  naturwissenschaftlichen  Richtung  seiner  Zeit.  Er 
konnte  nicht  anders,  als  sich  zur  Welt  so  verhalten,  daft  ihm 
diese  Welt  Wahrnehmung  wurde  im  Sinne  der  naturwissen- 
schaftlichen Gesinnung  seiner  Zeit.  Da  er  erleben  muftte  aus 
dem  Ganzen,  aus  dem  Vollmenschentum  heraus,  so  brauchte 
er  fur  diese  Wahrnehmungswelt,  die  doch  nur  die  halbe 
Welt  ist,  dasjenige,  was  aus  dem  Inneren  der  Seele  sich  mit 
dieser  Wahrnehmungswelt  zu  einer  vollen  Wirklichkeit  erst 
verbinden  muft.  Nietzsche  sah  die  auftere  Wahrnehmungs- 
welt, und  er  sah  sie  so  an,  wie  man  sie  eben  ansehen  muftte 
im  Sinne  seiner  Epoche.  Und  der  Eindruck  dieser  Wahr- 
nehmungswelt schmerzte  Nietzsche.  Man  mufi  nur  die 
ganze  Psychologie  dieser  Nietzsche-Seele  sich  selber  einmal 
vor  die  eigene  Seele  riicken,  um  den  Satz  verstehen  zu  kon- 


nen:  Die  aufiere  Beobachtung,  tingiert  von  naturwissen- 
schaftlicher  Gesinnung,  wurde  fur  Nietzsche  zum  innerlichen 
Schmerz.  -  Nichts  Geringeres  liegt  hier  vor,  als  dafi  allmah- 
lich  die  naturwissenschaftliche  Denkweise  die  aufiere  Wahr- 
nehmungswelt  zu  einer  solchen  gemacht  hat,  die  innerlich 
Schmerz  macht,  wenn  man  sie  auf  sich  wirken  lafit.  Denn 
alles  dasjenige  macht  Schmerz,  was  der  Mensch  so  ansehen 
mochte,  daft  es  ihn  erfiillt,  dafi  es  seiner  Seele  Inhalt  gibt, 
und  von  dem  er  dann  doch  gewahr  wird,  dafi  es  dieser  nicht 
einen  vollen  Inhalt  gibt,  dafi  es  ihn  leer  lafk.  Dann  tritt  das 
Furchtbare  in  seiner  Seele  auf,  daft  er  Hunger  hat  nach  dem, 
was  ihm  die  Welt  geben  sollte,  und  da£  er  diesen  Hunger 
nicht  sattigen  kann,  weil  ihm  die  Welt  keine  voile  Sattigung 
geben  kann. 

Das  fiihlte  Nietzsche  zunachst,  als  er  in  den  sechziger 
Jahren  des  19.  Jahrhunderts  Mann  wurde.  Da  wandte  er 
sich  an  dasjenige,  was  ihn  gewissermafien  iiber  diesen  im 
Innersten  seiner  Seele  an  der  aufieren  Wahrnehmung  erleb- 
ten  Schmerz,  iiber  dieses  Weltenleid  hinwegfiihren  konnte. 
Er  suchte  iiberall  nach  Elementen  in  dem,  was  ihm  in  der 
Weltenkultur,  in  der  Menschheitsentwickelung  entgegen- 
treten  konnte,  um  sich  hinwegzuheben  iiber  den  grofien 
inneren  Schmerz,  den  er  im  Verkehr  mit  der  Welt  erlebte. 
Und  da  ergab  sich  ihm  zunachst  zweierlei:  Erstens  lebte  er 
sich  ein  in  die  wunderbare  Richard  Wagnersche  musika- 
lische  Welt  und  kiinstlerische  Weltanschauung.  Er  suchte 
mit  seiner  ganzen  Seele  aufzugehen  in  die  Art  und  Weise, 
wie  Richard  Wagner,  hinter  sich  lassend  die  aufiere  Welt, 
sich  erhob  zu  einer  vom  Menschen  zu  schaff  enden  Welt,  die 
alles  das  zu  Hilfe  nimmt,  was  die  Menschheit  in  ihren  My- 
then  und  so  weiter  jemals  geschaffen  hat,  um  hinauszu- 
kommen  iiber  das  unmittelbare  aufiere  Dasein.  Und  das 
verband  sich  fur  Friedrich  Nietzsche  mit  dem  zweiten 


Element,  mit  der  Schopenhauerschen  Philosophic,  deren 
Anhanger  Richard  Wagner  selbst  nach  seiner  Feuerbach- 
schen  Zeit  geworden  war.  In  der  Schopenhauerschen  Philo- 
sophic lebte  fur  Nietzsche  erst  ganz  die  Bestatigung,  dafi 
die  Wahrnehmung  der  Aufienwelt  wirklich  nur  den  Pessi- 
mismus  anregen  kann.  Es  lebte  fur  ihn  die  Bestatigung, 
daft  dasjenige,  was  die  Seele  erleben  mufi,  nicht  in  der 
aufieren  Welt,  nicht  in  der  Welt  des  blinden  Willens  zu 
flnden  sei,  dafi  der  Mensch  sich  also  hinwegheben  mufi 
durch  ein  von  ihm  selbst  Geschaffenes  iiber  dasjenige,  was 
aufiere  Beobachtung  geben  kann.  Fiir  Friedrich  Nietzsche 
war  es  eine  Wohltat,  von  Schopenhauer  auf  der  einen  Seite 
zu  horen,  dafi  die  menschliche  Vorstellungswelt,  die  in  Ge- 
mafiheit  seiner  Epoche  nur  ein  unvollkommenes,  schmerz- 
volles  Bild  der  Welt  lief  ern  konnte,  eigentlich  nur  eine  illu- 
sorische  sei,  und  dafi  dasjenige,  was  nicht  Illusion  ist,  der 
Wille,  im  Grunde  genommen  fiir  den  Menschen  nichts 
Zwingendes  hat,  so  dafi  der  Mensch  ein  Recht  hat,  sich 
gewissermafien  durch  die  Illusion  iiber  die  Blindheit  und 
Torheit  des  Willens  in  der  Welt  hinwegzuheben. 

Mit  diesem  zweiten  Element  verband  sich  etwas  anderes 
fiir  Nietzsche.  Es  verband  sich  das,  was  sich  ihm  ergab  aus 
seinen  philologischen  Vertiefungen  heraus:  ein  Sich-Hin- 
einleben  in  die  Art  und  Weise  der  griechischen  Seelen- 
verfassung,  in  die  Art  und  Weise,  wie  der  Grieche  sich  auf 
seine  Art  hinweggeholfen  hat  iiber  das  unbefriedigende 
Dasein,  wie  Nietzsche  meinte.  Er  vertiefte  sich  in  den 
eigentlichen  Sinn  der  griechischen  Kunst,  und  ihm  kam 
dieser  Sinn  so  vor,  als  ob  der  Grieche  voll  empfunden  hatte 
die  ganze  Tragik  und  den  ganzen  Schmerz  des  unbefriedi- 
genden  sinnlichen  Daseins.  Er  meinte,  dafi  der  Grieche  zur 
Kunst  gegriffen  habe,  um  sich  hinwegzuheben  iiber  den 
sonst  notwendigen  Pessimismus  des  Daseins.  Griechische 


Kunst,  deren  Wiedererneuerung  Nietzsche  audi  fur  den 
modernen  Menschen  wunschte,  war  fur  ihn  ein  Trost,  den 
die  Menschheit  suchte  gegeniiber  der  nur  in  pessimistischem 
Sinne  zu  erfiihlenden  aufierlichen  Wahrnehmungswelt. 

Der  Mensch  brauchte,  so  meint  Nietzsche,  die  Fluent 
hinauf  in  eine  Welt,  die  ihn  hinwegfiihrte  iiber  denSchmerz 
des  Daseins.  Und  aus  dieser  Gesinnung  heraus,  aus  dieser 
Tragik,  aus  diesem  Seelenschmerze  heraus  schrieb  Nietzsche 
sein  erstes  Buch  «Die  Geburt  der  Tragodie  aus  dem  Geiste 
der  Musik».  Der  Geist,  aus  dem  heraus  er  es  schrieb,  war 
der  Glaube,  daft  der  Grieche  das  Tragische  des  wahrnehm- 
baren  Daseins  so  tief  empfand,  daft  er  sich  iiber  diese 
Tragik  nur  hinwegbringen  konnte,  indem  er  sich  iiber  alle 
Wirklichkeit  die  Tragodie  im  Geiste  schuf,  um  in  dieser 
Trost  zu  empfinden  fur  die  Tragodie  der  aufieren  Wahr- 
nehmungs-Wirklichkeit.  Von  diesem  Sinn  des  Weltenseins, 
wie  er  ihn  auffafke,  war  dann  Nietzsche  erfiillt,  als  er  seine 
«Unzeitgemafien  Betrachtungen»  schrieb,  als  er  David 
Friedrich  Strang  abfertigte,  als  er  das  Unbefriedigende 
einer  blo£  historischen  Darstellungsweise,  die  nur  immer 
registriert,  schildern  wollte,  als  er  den  eigentlichen  Geist 
der  Wagnerschen  Musik  angeben  wollte  und  als  er  iiber 
Schopenhauer  selber  sprechen  wollte.  Das  war  alles  in  der 
ersten  Halfte  der  siebziger  Jahre  des  19.  Jahrhunderts. 

In  diesen  «UnzeitgemafienBetrachtungen»  hielt  Nietzsche 
seiner  Zeit,  die  an  der  unbefriedigenden,  fur  ihn  schmerz- 
vollen  Wahrnehmung  haflete,  den  Spiegel  so  vor,  dafi  er 
iiberall  dem,  was  die  Zeitgenossen  sagten,  das  entgegen- 
setzte,  was  der  Vollmensch  in  sich  finden  und  erfinden  mufi, 
um  iiberhaupt  das  zu  ertragen,  worinnen  nach  Nietzsches 
Meinung  die  Zeitgenossen  philistros  gliicklich  zu  sein  sich 
einbilden  konnten.  David  Friedrich  Straufi  stellte  er  gerade- 
zu  als  den  Typus  des  Philisters  hin,  der  hinweist  auf  das  Be- 


friedigende  der  aufteren  Wahrnehmungswelt,  der  in  haus- 
backener  Art  nicht  aufsteigen  will  zu  einem  iiber  diese 
Wahrnehmungswelt  hinwegfiihrenden  Geist. 

Dann  aber  kam  fur  Nietzsche  die  Zeit  um  1876,  in  der 
sich  ihm  zeigte,  welchen  Druck  diese  naturwissenschaftliche 
Gesinnung  der  neueren  Zeit,  die  im  Grunde  genommen 
doch  alles  durchdringt,  was  einem  geistig  entgegentritt,  auf 
die  menschliche  Seele  ausiiben  kann.  Zuletzt  wurde  die  Kraft, 
mit  der  sich  Nietzsche  in  eine  Trosteswelt  hinauffliichten 
wollte  gegeniiber  dem  Unbef  riedigenden  der  auEeren  Wahr- 
nehmungswelt, fliigellahm.  Er  konnte  sich  nicht  mehr  dem 
Glauben  hingeben,  daft  man  irgendwie  aus  dem  Menschen 
selber  heraus  finden  konne  einen  Ausweg  in  eine  trostvolle, 
selbstgeschaffene  Welt,  denn  er  empfand  nach  und  nach 
dasjenige,  was  sich  da  iiber  die  aufiere  Wahrnehmungs- 
wirklichkeit  erheben  will,  wie  eine  Luge,  wie  eine  lugenvolle 
Illusion.  Und  die  Jahre  1875,  1876  wurden  fur  ihn  solche, 
wo  er,  wie  er  sich  selber  ausdriickte,  eine  solche  Lebensliige 
nach  der  andern  aufs  Eis  legte,  damit  sie  erfrieren  miifke. 

Das  war  im  Grunde  genommen  ein  noch  tragischerer 
Seelenzustand  als  der  fruhere,  denn  in  dem  f riiheren  glaubte 
er,  dafi  er  Trost  finden  konne  in  den  Lebensillusionen  iiber 
die  Wahrnehmungswelt,  die  sich  als  Wirklichkeit  trotz  ihrer 
Einseitigkeit  aufdrangte.  Jetzt  aber  konnte  er  nicht  einmal 
mehr  an  diesen  Illusionen  als  an  einem  Trost  festhalten,  und 
er  wurde  in  einer  gewissen  Beziehung  ein  Wahrheits- 
fanatiker,  so  dafi  er  sich  sagte:  Mag  diese  Wirklichkeit,  die 
die  aufieren  Sinne  darbieten,  noch  so  tief  die  Seele  innerlich 
schmerzvoll  zerreifien,  sie  ist  die  Wirklichkeit,  die  uns 
zunachst  vorliegt.  -  Diese  ungeheure  Last  iibte  die  agnosti- 
sche  Gesinnung  auf  Friedrich  Nietzsche  aus.  Er  konnte  f  ort- 
an  diese  Last  nicht  mehr  heben,  und  so  seufzte  er  denn  aus 
dasjenige,  was  er  in  seinen  Aphorismenbuchern  «Mensch- 


liches  Allzumenschliches»  gab:  O  du  armer  Men$ch  -  so  etwa 
empfand  Nietzsche  -,  o  du  armer  Mensch,  du  malst  dir 
Ideale,  Illusionen  vor,  in  denen  du  dich  hinausfliichtest  aus 
dem  sinnlichen  in  ein  iibersinnliches  Gebiet;  du  willst  dich 
erheben  von  einem  Menschlichen  zu  einem  Gottlichen;  du 
f  allst,  indem  du  Krafte  entwickelst,  die  zu  solchen  Illusionen 
dich  verfiihren,  nur  noch  tiefer  in  die  menschlichen  Unter- 
griinde  hinein,  und  dasjenige,  was  du  zunachst  in  naiver 
Weise  als  dein  Menschliches  entwickelt  hast,  das  wird  ein 
Untermenschliches,  ein  Allzumenschliches.  Priife  deine 
Instinkte,  priife  deinen  Egoismus,  und  du  wirst  sehen,  wie 
du  dir  die  Selbstlosigkeit  als  Illusion,  als  ein  moralisches 
Ideal  vorzauberst!  Die  Wahrheit  ist,  dafi  du  redest  von 
selbstlosen  Idealen,  aber  im  Grunde  genommen  nur  einem 
feineren,  einem  allzumenschlichen  Egoismus  huldigst;  in 
deinem  Unterbewufitsein  lebt  ein  Element,  das  tief  unter 
deinem  Menschlichen  steht,  nicht  nur  steht  unter  dem,  wozu 
du  dich  hinaufschrauben  willst,  als  zu  einem  Gottlichen.  - 
Aus  solcher  Stimmung  heraus  entstanden  fur  einen  wirk- 
lichen  Wahrheitssucher  die  Schriften  «Menschliches  Allzu- 
menschliches». 

Aber  Nietzsche  war  nicht  bloft  ein  theoretischer  Erkenner, 
Nietzsche  war  eine  Seele,  innerhalb  der  sich  ablud  alles  das- 
jenige, was  man  in  der  Weltanschauungsentwickelung  im 
letztenDrittel  des  19.  Jahrhunderts  erlebenkonnte.  Nietzsche 
konnte  audi  diesen  Wahrheitsfanatismus  nicht  so  ausgieften 
in  seine  Schriften  und  seine  Gedanken,  in  seine  Worte,  wie 
ihn  ausgieEen  die  Theoretiker.  Nietzsche  konnte  nicht  in  der 
selbstgeniigsamen  Weise  etwa  reden  wie  ein  Emil  Du  Bois- 
Reymond  in  seiner  Ignorabimus-  oder  Weltratsel-Rede.  Das 
Reden  in  solcher  Art  war  fiir  Nietzsche  unsaglich  welten- 
fremd,  denn  fiir  ihn  war  Weltennahe  dasjenige,  was  un- 
mittelbar  im  Intimen  der  menschlichen  Seele  lebt,  was  sich 


erleben  laftt,  wenn  man  gerade  in  sein  tiefstes  Inneres 
hinuntersteigt.  Deshalb  konnte  es  fur  Nietzsche  die  Stim- 
mung  nicht  geben,  die  aalglatt  sich  von  Begriff  zu  BegrifT 
elegant  hinschlangelt  in  Ignorabimus-Reden.  Man  beobachte 
nur  einmal  vom  rein  menschlichen,  aber  vom  vollmensch- 
lichen  Standpunkt,  Stil  und  Haltung  einer  solchen  Ignora- 
bimus-Rede.  Da  ist  es,  als  ob  der  Mensch  so  redete,  daft  sein 
Herz  bei  seiner  Rede,  daft  sein  Vollmensch  bei  seiner  Rede 
gar  nicht  dabei  ware,  daft  automatisch  ablaufen  die  Ge- 
danken  des  Kopfes.  Es  windet  sich  aalglatt  irgend  etwas 
recht  wenig  Festes  und  Dichtes  durch  alle  die  Satzgefiige,  die 
von  dem  Laplaceschen  Weltgedanken  und  dergleichen  reden 
und  dann  davon,  daft  da,  wo  die  naturwissenschaftlich 
erfaftbare  Welt  aufhort,  der  Supernaturalismus  beginnen 
rniisse,  daft  aber,  wo  Supernaturalismus  beginnt,  eben  die 
Wissenschaft  auf  horen  rniisse. 

Fur  Nietzsche  wurde  das,  was  er  da  erleben  konnte,  ein 
wirklicher  Lebensinhalt  und  eine  Lebenstragik.  Die  wissen- 
schaftliche  Entwickelung  selber  im  letzten  Drittel  des 
19.  Jahrhunderts  wurde  fiir  Friedrich  Nietzsche  zur  inner- 
sten  Lebenstragik,  denn  er  muftte  jetzt,  nachdem  er  ein 
Wahrheitsfanatiker,  ein  Positivist,  ein  Voltairianer  ge- 
worden  war,  dasjenige,  was  sich  in  seinem  Kopfe  entlud, 
mit  seinem  ganzen  Menschen  durchdringen,  er  muftte  das 
Vollmenschliche  dabei  empfinden.  Was  er  friiher  aus  dem 
Geiste  des  menschlichen  Hauptes  heraus,  aus  dem  Kopf- 
wissen,  sich  ertraumt  hatte  in  seiner  «Geburt  der  Tragodie 
aus  dem  Geiste  der  Musik»,  in  seinen  «Unzeitgemaften  Be- 
trachtungen»  als  den  Trost  iiber  die  wissenschaftliche  Lebens- 
tragik, das  konnte  er  jetzt  nicht  mehr  aus  seinem  Gedanken- 
system  gewinnen,  das  ergab  fur  ihn  nicht  mehr  das  Denken. 
Er  wollte  in  der  ersten  Epoche  seines  Lebens  die  dunkle  - 
wie  ich  gestern  charakterisiert  habe  -,  wie  aus  einem  Schlaf e 


heraus  wirkende  Wahrnehmung  durchdringen  und  erleuch- 
ten  mit  menschlichem  Seeleninhalte.  Aber  dieser  menschliche 
Seeleninhalt  wurde  fur  ihn  nur  dasjenige,  was  sich  ihm  dann 
als  Illusion  entpuppte.  Und  so  fiihlte  er  sich  in  seiner  positi- 
vistischen  Periode  hingewiesen  auf  die  einseitige  Wahr- 
nehmungswelt,  die  nur  ein  Teil  der  Wirklichkeit  ist,  aber 
nicht  die  voile  Wirklichkeit. 

So  mufke  Nietzsche  aus  andern  Quellen  heraus  zu  einer 
Erfiillung  der  Seele  mit  einem  Inhalt  kommen,  mit  dem  sich 
fur  ihn  wenigstens  leben  liefi.  Was  ihm  der  Gedanke  nicht 
mehr  erleuchtete,  das  mufke,  wie  in  einem  inneren  Seelen- 
brande,  der  fiir  ihn  verhangnisvoll  wurde,  Gefuhl  und 
Emotion  entwickeln,  und  wir  sehen  dieses  Gefiihl  und  diese 
Emotion  wie  gedankenverbrennend  wirken  in  seinen  aus 
der  Seele  wie  durch  eine  innere  Seelenentziindung  heraus 
entstandenen  Schriften  aus  den  siebziger  Jahren  «Morgeni 
rote»  und  «Fr6hliche  Wissenschaft».  So  schon  diese  auch 
sind  -  es  hat  sich  dasjenige,  was  sich  ihm  in  krankhaften 
Seelenerlebnissen  aufgehauft  hatte,  in  Entziindungen  ent- 
laden,  die  feuriges  Leben  durch  die  Seele  gossen,  und  dieses 
feurige  Leben  konnte  nun  fiir  kurze  Zeit  ihn  hinwegheben 
iiber  das  Unbefriedigende,  iiber  das  ihn  friiher  jener  Trost 
hinwegheben  sollte,  von  dem  ich  Ihnen  gesprochen  habe. 

Aber  noch  war  Nietzsche  so  fest  in  seinem  Inneren,  dafi 
er  dieses  Entzundliche  seiner  Seele  empfand;  noch  war  er  so 
fest  in  seinem  Inneren,  daft  er  den  Drang  fiihlte,  zu  der 
auEeren  Wahrnehmung  das  innere  Erlebnis  hinzuzufinden. 
Und  indem  er  gewissermafien  seine  letzten  Krafle  zusam- 
menfafite,  um  hinwegzukommen  iiber  die  einseitige  Wahr- 
nehmungswelt,  hinzukommen  zu  demjenigen  Erlebnis,  das 
mit  dieser  aufieren  Wahrnehmung  zusammen  erst  die  voile 
Wirklichkeit  gibt,  liegt  in  dieser  Bestrebung  dasjenige,  was 
sich  in  ihm  auslebte  in  seiner  dritten  Epoche,  als  er  seinen 


«Zarathustra»  schrieb,  jenen  «Zarathustra»,  der  dadurch  zu 
charakterisieren  ist,  da$  Nietzsche  sich  sagte:  Nun  ist  man 
Mensch  geworden,  aber  als  Mensch  ist  man  verurteilt,  an  der 
Welt  zu  leiden,  denn  die  Welt  gibt  einem  eine  Einseitigkeit, 
die  Welt  erfiillt  einen  nicht.  Man  ist  Mensch  geworden  und 
steht  in  der  Welt.  Aber  was  heifk  Mensch  sein,  wenn  die 
Welt  in  dem  Menschen  nicht  das  auslost,  was  diesen  zu  einem 
Wesen  macht,  nach  dem  seine  tieferen  Krafte  selber  drangen 
miissen?  -  Und  so  preftte  sich  aus  der  Nietzsche-Seele  heraus 
der  Gedanke:  Also  darf  der  Mensch  nicht  Mensch  bleiben, 
denn  bleibt  er  Mensch,  so  hohlt  er  sich  aus,  so  mufi  er  im 
Schmerze  ertrinken.  Der  Mensch  mufi  zum  Ubermenschen 
werden.  Der  Mensch,  der  sich  mit  seinem  Wesen  in  der  Welt 
nicht  verstandigen  kann,  er  mufi  sich  iiberwinden.  Es  mu& 
eine  Briicke  geben,  wie  es  sie  gibt  vom  Wurm  zum  Menschen, 
so  vom  Menschen  zum  Ubermenschen.  Sprengen  wollte 
Nietzsche  diese  menschliche  Hiille,  damit  aus  diesem 
Sprengen  das  werde,  was  nun  in  Obereinstimmung  mit  der 
Welt  aus  den  tiefsten  Triebfedern  des  Menschlichen  heraus 
leben  konnte.  Und  Zarathustra  sollte  der  Lehrer  und  Trager 
dieser  Obermenschen-Idee  sein. 

Aber  da  konnte  Nietzsche  nicht  sprechen  in  den  Formen, 
welche  der  moderne  Wissenschaflsgeist,  der  Geist  des  Agno- 
stizismus  heraufgebracht  hatte.  Da  mufite  er  sich  eine 
andere  Sprache,  eine  ins  Lyrisch-Episch-Dramatische  dran- 
gende  Sprache  finden;  da  mulke  er  eine  Sprache  finden,  die 
sogar  aus  dem  Bewulkseinszustand  herausfuhrte,  in  dem 
konzipiert  ist  dieser  moderne  agnostische  Wissenschaflsgeist. 
Es  ist  etwa,  wie  wenn  Nietzsche  iiberall,  gerade  in  den  be- 
deutsamsten  Partien  seines  «Zarathustra»,  herausdrangte 
aus  dem  gewohnlichen  Bewuiksein  zu  einer  Art  Uber- 
bewufitsein,  als  ob  er  eine  Verwandlung,  eine  Metamorphose 
des  Bewufitseins  suchte,  um  in  einer  Welt  leben  zu  konnen, 


die  mit  dem  gewohnlichen  Tagesbewufksein  nicht  erreichbar 
ist.  Es  war  Nietzsche,  als  ob  er  die  Art,  wie  der  Mensch  mit 
der  Welt  lebt,  iiberwinden  miisse.  Zarathustra  soli  nicht  ein 
Mensch  sein,  der  den  pedantischen  Schritt  mitmacht,  den 
sich  die  Menschheit  der  neueren  Zeit  angewohnt  hat,  in  dem 
Zeitenmafie,  in  dem  sich  die  aufiere  einseitige  Wahrneh- 
mungswelt  bewegt.  Zarathustra  sollte  werden  ein  leicht- 
fufiiger  Geist,  der  hinwegtanzt  iiber  dasjenige,  was  sonst 
den  Menschen  lastend  herunterhalt  in  diese  einseitige  Wahr- 
nehmungswelt. 

Man  sieht  iiberall  ein  lyrisch-pathetisches  Sich-Hinauf- 
arbeiten  des  Nietzsche-Bewufttseins  in  eine  hohere  iiber- 
sinnliche  Welt,  in  eine  Welt,  in  der  der  Obermensch  gef unden 
werden  konnte,  in  eine  Welt,  die  man  nicht  finden  kann 
innerhalb  des  gewohnlichen  Bewufkseins.  Und  man  sieht  in 
andern  Schriften  dieser  letzten  Periode  des  Nietzsche- 
SchafTens,  wie  auftaucht  eine  Idee,  die  nach  derselben  Rich- 
tung  hindrangt:  jene  ratsel  voile,  geheimnis voile  Idee  von 
der  ewigen  Wiederkehr  des  Gleichen. 

Indem  Nietzsche  dieses  Leben  betrachtete,  wie  es  durchlebt 
wird  zwischen  Geburt  und  Tod,  kam  es  ihm  aus  alldem,  was 
ich  jetzt  als  Ablagerung  in  seiner  Seele  geschildert  habe,  so 
vor,  als  ob  es  sich  unmoglich  in  sich  erschopfen  konnte,  als 
ob  es  ein  Nonsens  ware,  wenn  es  ebenso  verliefe,  wie  es  sich 
darstellte  zwischen  Geburt  und  Tod.  Da  drangte  sich  aus 
seinem  Inneren  heraus  die  Idee  von  der  Wiederkehr  des 
Gleichen,  die  Idee,  dafi  das  Leben,  das  ich  jetzt  durchlebe 
zwischen  Geburt  und  Tod,  nicht  das  einzige  ist,  sondern 
immer  wiederkehrt  und  wiederkehr  en  mu£.  Und  nun  tritt, 
ich  mochte  sagen,  erst  das  hochst  Tragische  in  Nietzsche  auf : 
die  Ungeniigsamkeit  an  dem  einen  Erdenleben,  aber  auch 
das  Unvermogen,  sich  zu  einer  wahrhaftigen  welt-  und  geist- 
gemafien  Entwkkelungsidee  zu  erheben,  welche  in  den  wie- 


derhoiten  Erdenleben  einen  Fortschritt,  einen  Aufstieg  der 
Menschheit  sieht.  Unvermogend  war  Nietzsche,  den  wieder- 
holten  Erdenleben,  die  er  annahm,  einen  Sinn  aus  einem 
geistgefafken  Entwickelungsgedanken  heraus  zu  geben.  So 
ergriff  er  krampfhaft  die  wiederholten  Erdenleben,  so  war 
er  unvermogend,  hinauszukommen  iiber  eine  solche  Wieder- 
holung,  die  immer  nur  das  Gleiche  ablaufen  lalk,  so  oft  sich 
auch  dieses  Erdenleben  wiederholen  mag.  Dieses  Erdenleben 
tragt  die  Forderung,  nicht  einzig  dazustehen,  fur  ihn  in  sich. 
Aber  es  zeigt  sich  unvermogend,  auch  in  ewigen  Wieder- 
holungen  jemals  etwas  anderes  hervorzubringen  als  das,  was 
das  einmal  im  tiefsten  Sinne  Unbefriedigende  und  Tragik- 
Erweckende  ist. 

Wenn  man  dasjenige,  was  ich  da  als  Nietzsches  Seelen- 
inhalt  schildere,  so  nimmt,  daft  es  nun  nicht  ein  System 
abstrakter  Gedanken  ist,  sondern  dafi  es  heraufquillt  aus 
der  Vollnatur  des  Menschen,  heraufquillt  aus  dem  Menschen 
so,  dafi  alles  dasjenige  dabei  ist,  was  dieser  Mensch  nach 
Geist,  Seele  und  Korper  ist,  dann  kann  man  schon  so  hin- 
schauen  auf  diese  Personlichkeit,  daft  man  versteht  ihr  Zu- 
sammenbrechen  am  Ende  der  achtziger  Jahre  des  19.  Jahr- 
hunderts.  Und  es  kann  uns  schon  aufmerksam  machen  auf 
die  besondere  Natur  der  Erkenntnisquellen,  die  wir  brau- 
chen,  wenn  man  sieht,  wie  ein  solches  Leben  zusammen- 
gebrochen  ist  an  den  Erkenntnisquellen,  die  der  Agnosti- 
zismus  als  die  alleinigen,  als  die  absolut  richtigen  ansieht. 

Friedrich  Nietzsche  hat  sich  im  allerredlichsten  Sinne 
bemiiht,  mit  seinem  vollen,  ganzen  menschlichen  Anteil  in 
demjenigen  zu  leben,  was  die  Erkenntnis  im  letzten  Drittel 
des  19.  Jahrhunderts  dem  Menschen  fiir  sein  Leben  geben 
kann.  In  seinem  Erleben  wurde  Nietzsche  ein  Kampfer 
gegen  seine  Zeit.  So  habe  ich  mein  Buch,  das  ich  iiber 
Nietzsche   geschrieben  habe,   genannf.   «Nietzsche,  ein 


Kampfer  gegen  seine  Zeit».  Nietzsche  entwickelte  in  sich 
eine  Gesinnung,  wie  sie  gerade  bei  einem  tief  erlebenden 
Menschen  im  letzten  Drittel  des  19.  Jahrhunderts  durch  die 
Wissenschaftsentwickelung  kommen  mufite.  Er  erlebte  diese 
so,  wie  sie  in  einer  solchen  Personlichkeit  durchlebt  werden 
kann,  und  er  erlebte  das,  was  eine  solche  Personlichkeit  zu 
einem  Kampfer  gegen  diese  Zeit,  diese  Zeit  des  Agnosti- 
zismus  machen  mufi.  Nietzsche  war  zwar  veranlagt  zu  einem 
Kampfer  gegen  seine  Zeit;  aber  er  ist  zusammengebrochen, 
und  bevor  er  zusammengebrochen  ist,  fiihlte  er  sich  mit 
seinem  innerlichen  Kampf  esgeist  noch  am  wohlsten,  wenn  er 
viele  Meter  iiber  dem  Meere  als  Eremit  leben  konnte,  iiber 
alldem,  was  der  Mensch  unseres  Zeitalters  mit  seinem  Leben, 
so  wie  es  sich  herausgebildet  hat,  mitmacht.  Zum  Kampfer 
gegen  seine  Zeit  und  zum  Einsiedler  machte  Nietzsche  dieses 
Miterleben  mit  den  Erkenntnisquellen  des  19.  Jahrhunderts, 
iiberhaupt  unserer  Zeit. 

Darum  konnte  Nietzsche  nicht  diejenige  Forderung  er- 
f  ullen,  die  gerade  vor  den  Erkennenden  als  eine  so  gewaltige 
in  unserem  Zeitalter  hintritt.  Fordert  dieses  Zeitalter  von 
uns,  dafi  wir  uns  nach  einem  Sils-Maria  als  Eremit  zuriick- 
ziehen,  um  mit  unserer  Zeit  wenigstens  leben  zu  konnen? 
Nein,  dieses  Zeitalter,  gerade  wenn  es  uns  zum  Kampfer 
gegen  die  Epoche  macht,  dann  fordert  es  von  uns,  dafi  wir 
uns  mitten  hineinstellen  in  das  soziale  Menschenleben,  da 
hinein,  wo  die  grofien  Probleme  nicht  in  abgesonderten 
Theorien,  wo  sie  lebensvoll  einer  Losung  entgegengefuhrt 
werden  miissen.  Nietzsche  zeigt  uns,  was  eine  die  Zeit  echt 
erlebende  erkennende  Natur  durchmachen  mufi;  er  zeigt  uns 
die  Tragik  des  Lebens  einer  solchen  erkennenden  Kampfer- 
natur.  Aber  er  zeigt  uns  doch  zugleich  -  so  wahr  er  auch 
aus  innerster  Gesinnung  heraus  zum  Kampfer  seiner  Zeit 
gebildet  war,  so  wahr  es  ist,  dafi  dieser  Kampf  gegen  das 


Agnostische  in  unserer  Zeit  notwendig  ist  dafi  ihm,  Fried- 
rich  Nietzsche,  dem  tragischen  Kampfer  gegen  diese  agno- 
stische Epoche,  die  rechten  Waffen  fehlten  zu  diesem  not- 
wendigen  Kampf.  Nach  diesen  rechten  Waffen  mu£  man 
ausschauen;  und  es  ist  einmal  meine  ehrliche  Oberzeugung, 
daft  fur  unsere  Zeit  diese  rechten  Waffen,  diese  Geisteswaff en 
allein  die  Mittel,  die  Forschungsweise,  die  Lebensimpulse  der 
anthroposophisch  orientierten  Geisteswissenschaft  geben 
konnen. 


VIERTER  VORTRAG 


Stuttgart,  I.September  192 1 

Es  wird  in  den  nachsten  Tagen  meine  Aufgabe  sein,  in  diesen 
Betrachtungen  die  Ideen  zu  gestalten,  welche  die  Erkenntnis- 
wege  zu  den  iibersinnlichen  Welten  und  zur  praktisdien 
Verwertung  der  Ergebnisse  dieser  iibersinnlichen  Forschung 
bezeichnen.  Ich  habe  mir  es  aber  ganz  besonders  diesmal  zur 
Aufgabe  gemacht,  behufs  Gestaltung  dieser  Ideen  eine  Art 
Orientierung  vorzubringen  dariiber,  wie  dasjenige,  was  an 
solchen  Ideen  tibersinnlicli-anthroposophischer  Wissenschaft 
auftreten  kann,  ein  giiltiges  Verhaltnis  zu  denjenigen  Welt- 
anschauungen  gewinnt,  die  in  der  neuesten  Zeit  auf  die 
Menschheit  Einflufi  gewonnen  haben  und  die  diesen  Einflufi 
zumTeil  noch  haben.  Ich  habe  gestern  aus  diesen  Intentionen 
heraus  einiges  vorgebracht  von  dem  Suchen  Friedrich 
Nietzsches,  und  ich  glaube,  es  diirfte  sich  herausgestellt  haben, 
dafi  Friedrich  Nietzsches  Seelentragik  sich  zuletzt  ganz  be- 
sonders dadurch  offenbarte,  dafi  er,  um  zu  einer  wahrhafl: 
menschenwiirdigen  Anschauung  fiir  das  Leben  zu  kommen, 
gewissermafien  den  Menschen  sprengen  mufite  und  fassen 
mufke  die  Idee  des  Ubermenschen.  Vor  Nietzsches  Blick 
verschwand  der  Mensch,  fiir  den  sich  ihm  kein  bef riedigender 
Inhalt  ergeben  konnte,  und  er  lechzte  nach  einer  Anschau- 
ung, die  er  nur  lyrisch  oder  abstrakt  zum  Ausdruck  bringen 
konnte  in  seiner  Idee  vom  Ubermenschen.  Und  auf  der 
anderen  Seite  hatte  Nietzsche  dasBedurfnis,hinauszuschauen 
fiir  eine  Gesamterklarung  des  Menschenlebens  und  Welten- 
daseins  iiber  das  einzelne  menschliche  Leben  zwischen  Ge- 
burt  und  Tod;  aber  er  kam  bei  diesem  Suchen  nur  zu  seiner 


Idee  von  der  Wiederkehr  des  Gleichen,  von  der  ewigen 
Wiederkehr  derselben  gleichen  Erdenleben  des  einzelnen 
Menschen.  Mit  andern  Worten:  er  konnte  demjenigen,  was 
der  Mensch  in  sich  birgt  zwischen  Geburt  und  Tod,  dem, 
was  erlebt  werden  kann  in  dieser  Zeitenspanne,  nicht  so 
viel  entlocken,  urn  fur  seine  wiederholten  Erdenleben 
einen  wirklichen  Inhalt  zu  gewinnen,  und  so  blieb  es  bei 
der  abstrakten  Idee  der  blofien  Wiederholung  dieser  Erden- 
leben. 

Forscht  man  naher  nach,  wie  Nietzsche  zu  dieser  Seelen- 
tragik  gekommen  ist,  warum  er  nichts  anderes  herauslocken 
konnte  aus  seinem  so  tiefen  menschlichen  Streben,  so  kommt 
man  zuletzt  doch,  wie  ich  glaube,  zu  denjenigen  Ergebnissen, 
die  ich  im  Beginne  dieses  Jahrhunderts  in  meinem  Aufsatze 
uber  die  Personlichkeit  Nietzsches  als  psycho-pathologisches 
Problem  in  der  «Wiener  klinischen  Rundschau»  niedergelegt 
habe.  Es  stellte  sich  mir  dar,  wie  in  Nietzsche  wohl  das 
Streben  nach  einer  umfassenden  Anschauung  des  gesamt- 
menschlichen  Daseins  vorhanden  war,  da£  aber  dieser  Drang 
in  einem  von  Anf  ang  an  ungesunden  Organismus  lebte  und 
daft  sich  darin  eben  offenbart,  wie  auf  der  einen  Seite  seine 
Seele  gewissermaften  einen  freien  Flug  entwickelte  gerade 
wegen  der  Ungesundheit  des  Organismus,  wie  aber  dieser 
Flug  dadurch  selber  kein  vollig  gesunder  sein  konnte.  Das 
weist  aber  darauf  hin,  gerade  die  gesunden  Erkenntnis- 
quellen  anthroposophischer  Weltanschauung  zu  suchen. 

Bei  Nietzsche  fmdet  man,  dafi  er  niemals  ein  eigentliches 
tieferes  Verhaltnis  hat  gewinnen  konnen  zu  der  modernen 
naturwissenschaftlichen  Anschauungsweise.  Sie  blieb  ihm 
gewissermaften  immer  etwas  Grobes,  etwas,  was  auf  seine 
feine  Organisation  abstofiend  wirkte.  Er  konnte  sich  nicht 
anders  befreunden  mit  solchen  Ideen  wie  den  Darwinschen, 
als  indem  er  sie  sprengte,  indem  er  den  Blick  abwandte  von 


ihnen  und  sich  nicht  vergegenwartigte,  wie  der  Mensch  aus 
andern  Organismen  physisch  hervorgegangen  ist,  sondern 
zu  dem  Postulat  sich  hinneigte,  daft  sich  der  Obermensch 
aus  dem  Menschen  entwickeln  miisse.  Nun,  auch  wenn  man, 
wie  mir  scheint,  noch  so  tief  eingedrungen  ware  in  ein  Er- 
leben  geistiger  Welten:  man  kann  zu  keiner  fiir  die  heutige 
Zeit  befriedigenden  Formulierung  seiner  Anschauungen 
kommen,  wenn  man  nicht  die  Linien  von  geistiger  An- 
schauung  zu  der  naturwissenschaftlichen  Weltanschauung 
der  neueren  Zeit  zu  ziehen  vermag. 

In  derselben  Zeit,  in  welcher  meine  « Philosophic  der 
Freiheit»  erschienen  ist,  die  zunachst  die  menschlichen  Hand- 
lungsimpulse  in  einer  anthroposophischen  Art  als  iiber- 
sinnliche  zu  enthullen  versuchte  und  damit  der  menschlichen 
Ethik  eine  Grundlage  zu  liefern  trachtete,  in  derselben  Zeit 
erschien  die  damals  aufsehenerregende  Wiedergabe  von 
Haeckels  Altenburger  Rede  «Der  Monismus  als  Band 
zwischen  Religion  und  WissenschafU.  Und  ich  glaube  nicht, 
daft  der  Weg,  welchen  der  gegenwartige  Mensch  zu  den  Er- 
kenntnisquellen  anthroposophischer  Forschung  zuriickzu- 
legen  hat,  f  ruchtbar  geschildert  werden  kann,  ohne  daft  man 
dasjenige  ins  Auge  faftt,  was  gerade  mit  einer  solchen  An- 
schauung  wie  Haeckels  Monismus  in  unsere  Gegenwart 
hereingezogen  ist.  Nietzsches  Tragik  beruht  gerade  darauf, 
daft  er  sich  in  so  etwas  eben  nicht  hat  einleben  konnen. 

Haeckels  Monismus  ist  gewift  in  vieler  Beziehung  etwas 
Anfechtbares,  allein,  wenn  man  sich  wirklich  eingelebt  hat 
in  eine  solche  Denkergesinnung,  muft  man  sagen,  daft  in  ihr 
diejenige  Anschauungsweise  wirksam  geworden  ist,  die  sich 
aus  der  modernen  Naturforschung  heraus  ergeben  hat  und 
die  bei  Haeckel  mit  einem  religiosen,  man  konnte  sogar 
sagen,  f  anatischen  Charakter  auf  getreten  ist.  Aber  man  wird 
doch  Haeckel  nicht  abtun  konnen,  wie  so  viele  es  wollen, 


indem  man  einfach  auf  seine  Klischees  in  der  «Natur  lichen 
Schopfungsgeschichte»  hinweist.  Das  ist  eine  Sache,  die  ihm 
ailerdings,  ich  mochte  sagen,  durch  eine  gewisse  wissen- 
schaftliche  Schlamperei  passiert  ist.  Er  hat  Embryonen  in 
fruhem  Stadium  so  gezeichnet,  daft  er,  fiir  ailerdings  wenig 
Verschiedenes,  aber  doch  Verschiedenes,  einfach  die  gleichen 
Klischees  hat  verwenden  lassen.  Es  ist  aber  doch  zu  billig, 
um  einer  solchen  Schlamperei  willen  etwa  Haeckels  ganze 
monistische  Denkweise  abtun  zu  wollen,  denn  diese  birgt 
dennoch  in  sich  dasjenige,  wiederum  in  Reinkultur,  was  skh 
einem  nach  Konsequenz  drangenden  Geiste  aus  dem  mo- 
dernen  Forschungssinn  heraus  aufdrangte.  Dieser  moderne 
Forschungssinn  hat  ja  eine  Hinneigung  zur  Beobachtung, 
zum  Experiment  gezeitigt.  Er  hat  dazu  gedrangt,  alle  sub- 
jektiven  Einfliisse  auf  die  Weltanschauung  des  Naturlichen 
zu  tilgen;  er  hat  bewirkt,  dafi  sich  an  Beobachtung  und 
Experiment  das  Denken  in  einer  aufterordentlichen  Weise 
diszipliniert  und  methodisiert  hat.  Und  wenn  auch  gerade 
in  dieser  Beziehung  Haeckel  manchen  Fehler  aufweist,  so 
wird  man  im  Ganzen  seiner  Darlegungen  immer  diese 
Disziplinierung  und  diese  Methodisierung  des  Denkens 
verspii ren  und  zu  gleicher  Zeit  ein  kiinstlerisches  Hindrangen 
nach  Losung  der  hochsten  Frobleme,  die  sich  gerade  aus 
naturwissenschaftlicher  Forschung  auch  uber  den  Menschen 
ergeben  konnen. 

Was  ich  mit  Bezug  auf  Goethe  sagen  mufite  -  dafi  er  eine 
besondere  Seelenverfassung  hatte,  um  in  die  vielgestaltige 
und  werdende  Pflanzenwelt  mit  seinen  anschaulichen  Ideen 
einzudringen  -,  das  lieferte  zugleich  den  Grund  fur  das 
Verstandnis,  dafi  Goethe  ein  eminenter  Geist  war  zur  Er- 
forschung  der  Pflanzenwelt,  aber  es  brachte  auf  der  andern 
Seite  auch  ein  Bedenken,  wenn  man  sieht,  wie  Goethe  mit 
seiner  anschaulichen  Idee  nicht  den  Weg  fortsetzen  konnte, 


um  audi  das  Reich  des  Tierisch-Lebendigen  in  einer  ihn  selbst 
bef  riedigenden  Weise  zu  behandeln. 

Haeckel  segelte,  ich  mochte  sagen,  aus  dem  ganzen  Sinn 
des  Zeitalters  der  fttnfziger  Jahre  des  vorigen  Jahrhunderts, 
in  denen  seine  Studienjahre  lagen,  gerade  in  eine  Erf  orschung 
des  Tierisch-Lebendigen  hinein.  Fur  ihn  ergab  sich  die  Not- 
wendigkeit,  Gestaltung  und  Werden  der  tierischen  Wesen  zu 
erforschen,  zu  erforschen  wie  die  vielgestaltigen  tierischen 
Wesen  im  Weltendasein  miteinander  zusammenhangen.  Man 
kann  nicht  sagen,  daiS  Haeckel  auf  der  Hohe  Goethes  stand, 
indem  er  seinen  Forschersinn  gegeniiber  der  tierischen  Lebe- 
welt  anwendete;  denn  Goethe  war  immerzu  bemuht,  das- 
jenige,  was  er  forschend  betatigte,  in  einer  gewissen  Selbst- 
beobachtung  sich  zur  Klarheit  zu  bringen  und  damit  sich  mit 
sich  selber  dahin  zu  verstandigen,  wieviel  die  aufiere  An- 
schauung  gibt  und  wieviel  durch  eine  sinnlich-iibersinnliche 
Anschauung,  wie  er  sie  nannte,  zu  der  aufieren  Sinnes- 
anschauung  hinzukommen  mUsse,  um  die  wahre  Wirklich- 
keit,  namentlich  des  Pflanzenwesens,  zu  ergreifen.  Haeckel 
ging  mehr  wie  ein  naiver  Geist  vor;  es  lebte  etwas  in  ihm, 
das  ihn  gerade  pradestinierte,  in  das  Werden  der  tierischen 
Welt  einzudringen.  Aber  jenen  Sinn  fur  Selbstbeobachtung, 
wie  man  ihn  an  Goethe  bemerken  kann,  den  hatte  Haeckel 
nicht.  Deshalb  kam  es  audi,  dafi  er  sich  eigentlich  niemals 
recht  Klarheit  verschaffte,  wie  der  Mensch  als  soldier  nun 
in  der  Welt  drinnensteht,  die  er  so  erforschen  muft,  wie 
Haeckel  die  tierische  Welt  zu  erforschen  versuchte. 

Weil  nun  aber  derjenige,  der  von  der  sinnlich-physischen 
Welt  in  dem  Sinne  der  hier  gemeinten  Anthroposophie  in 
die  iibersinnliche  Welt  hinauf  will,  durchaus  beim  Forschen 
in  dieser  denselben  Geist  betatigen  mufi,  der  richtig  in  die 
sinnliche,  namentlich  in  die  komplizierte  sinnliche  Welt  der 
tierischen  Organismen  einfiihrt,  so  kann  man  an  den  For- 


schungsweisen  der  Naturwissenschaft  manches  sich  zum 
Verstandnis  bringen,  was  audi  zum  Aufstieg  in  Imagination, 
Inspiration,  Intuition  gehort,  die  ja  notwendig  sind  fur  die 
ubersinnliche  Forschung,  damit  man  diese  vom  Standpunkt 
des  heutigen  Wissenschaftsgeistes  versteht.  Und  als  Haeckels 
Altenburger  Rede  vor  mich  hintrat  -  ich  kannte  Haeckels 
vorhergehende  Schriften  gut  -,  mufke  ich  mir  sagen:  Es  ist 
trotz  aller  Fehler,  die  von  Haeckel  gemacht  worden  sind,  fur 
die  sinnlich-physische  Welt  von  ihm  ein  Standpunkt  erreicht, 
der  innerhalb  dieser  Welt  festgehalten  werden  muE,  wenn 
man  von  einem  sicheren  Boden  aus  in  die  geistige  Welt 
eindringen  will.  Man  rau6  exakt  lernen,  wie  man  zu  forschen 
hat,  zum  Beispiel  in  der  Zoologie,  um  nicht  in  Phantastik  zu 
verfallen,  sondern  um  den  Phanomenen  in  ihrer  Reinheit 
nachzugehen.  Man  mufi  das  gelernt  haben,  wenn  man  in 
sich  die  gesunde  Festigkeit  haben  will,  die  einen  berechtigt, 
iiber  die  sinnliche  Welt  hinauszugehen.  Vor  meiner  Seele 
stand  dasjenige,  was  ich  nennen  mufi:  ein  methodischer 
Monismus,  der  sich  klar  dariiber  ist,  daft  alles  phantastisch- 
dilettantische  Herumschwatzen  iiber  Lebenskrafle  und  der- 
gleichen  gegeniiber  den  Errungenschaften  neuerer  Forschung 
aufhoren  miisse,  daft  wir  denselben  Geist,  den  wir  gebrau- 
chen  in  der  sinnlichen  Forschung,  hineintragen  miissen  in  die 
ubersinnliche  Forschung,  dafS  wir  keinen  Abgrund  auf  richten 
diirfen  zwischen  einem  wissenschaftlichen  und  einem  Glau- 
bensinhalte. 

Aus  dem  Duktus  Haeckelschen  Denkens,  wie  es  sich 
aufterte  in  seiner  Altenburger  Monismusrede,  ging  mir  her- 
vor,  wie  man  alle  Forschung  im  monistischen  Sinne  zu  ge- 
stalten  habe.  Man  kann  ja  selbstverstandlich  viel  diskutieren 
iiber  die  Einzelheiten,  die  von  diesem  Monismus  vorgebracht 
werden.  Da  wird  man  gewift  in  vielem  vieles  einzuwenden 
haben,  aber  gegeniiber  dem  Grundnerv  monistischer  Den- 


kungsweise  habe  ich  im  Grunde  genommen  gerade  von 
meinem  anthroposophischen  Standpunkt  aus  nichts  einzu- 
wenden.  Insofern  der  Monismus  aus  einer  richtigen  An- 
schauung  richtiger  Forschungsergebnisse  hervorgeht,  fiihre 
ich  keine  Polemik  gegen  ihn.  Ich  kann  nichts  dafiir,  daft  ich 
vom  anthroposophischen  Standpunkt  aus  den  Inhalt  des 
Monismus  bejahen  mufi,  daft  ich  aber  auf  der  andern  Seite, 
trotzdem  ich  zu  allem  ja  sage,  was  der  berechtigte  Monismus 
zu  sagen  hat,  noch  anderes  hinzuzufugen  habe.  Daft  dieses 
andere  gerade  von  Monisten  bekampft  wird,  ist,  indem  ich 
von  den  eben  charakterisierten  Voraussetzungen  ausgehe, 
nicht  meine  Sache,  sondern  ihre  Sache. 

Nunmehr  handelt  es  sich  aber  darum,  an  der  Anschauung 
gerade  des  Haeckel-Monismus  auch  etwas  zu  gewinnen  fiir 
die  Charakteristik  der  iibersinnlichen  Forschungsrnethoden, 
die  von  mir  in  den  weiteren  Vortragen  werden  geschildert 
werden  miissen.  Wenn  es  sich  aber  darum  handelt,  iiber- 
sinnliche  Forschungsrnethoden  zu  schildern,  so  kommt  es 
darauf  an,  die  fiir  das  gewohnliche  Bewufttsein  gewisser- 
mafien  verborgenen  Seelenkrafte,  die  entwickelt  werden 
konnen,  zu  schildern,  Seelenkrafte,  die  in  der  Seele  vorhan- 
den  sind,  die  in  den  Tiefen  der  Seele  ein  Sein  haben,  die 
aber  fiir  das  gewohnliche  Bewufttsein  verborgen  oder  latent 
bleiben.  Dann  aber,  wenn  man  diese  Seelenkrafte  schildert, 
ist  man  gezwungen,  sich  an  die  menschliche  Gesamtnatur  zu 
wenden.  Aus  dieser  quillt  ja  nicht  allein  dasjenige,  was  wir 
in  abstrakter  Wissenschaftlichkeit  iiber  die  Dinge  zu  sagen 
haben,  sondern  aus  den  Untergninden  des  seelischen  Lebens, 
aus  denselben  Untergriinden,  aus  denen  unsere  naturwissen- 
schaftlichen  Methoden  hervorquelien,  quillt  auch  dasjenige 
hervor,  was  den  Menschen  zum  kunstlerischen  Schaffen 
fiihrt.  Anthroposophische  Geisteswissenschaft.  mufi  es  ja 
von  ihrem  Gesichtspunkte  aus  immer  wieder  betonen,  dafi 


sie  sich  an  den  ganzen  vollen  Menschen,  nicht  bloft  an  den 
Kopfmenschen  wendet,  und  daft  sie  dadurch  auch  zur  An- 
schauung  der  Verwandtschaft  des  wissenschaftlichen  For- 
schens  und  des  kiinstlerischen  SchafFens  kommt.  Indem  man 
an  diese  Verwandtschaft  sich  wendet,  wird  man  sogleich 
wiederum  an  Goethe  erinnert. 

Goethe  stellte  die  Kunst  und  die  Wissenschaft  nicht  in 
einen  soldi  schrofFen  Gegensatz,  wie  das  die  Abstraktlinge 
tun,  sondern  er  fand,  daft  man  wissenschaftlich  eine  gewisse 
Seite  der  Weltgeheimnisse  enthiillen  konne,  daft  aber  eine 
andere  Seite  dieser  Weltengeheimnisse  unenthiillt  bleibe, 
wenn  man  sich  der  Welt  nicht  kiinstlerisch  empfindend, 
klinstlerisch  in  sich  schaffend,  nahen  kann.  Aus  einer  sol- 
chen  Anschauung  ging  ja  hervor,  was  Goethe  zum  Beispiel 
in  die  Worte  legte:  Das  Schone  ist  eine  Manifestation  ge-  ' 
heimer  Naturgesetze,  die  ohne  dieses  Schone  niemals  ofTen- 
bar  wiirden.  Das  heiftt  aber:  Goethe  meinte,  wenn  jemand 
noch  so  sehr  in  wissenschaftlich  gepragten  Ideen  die  Natur 
charakterisierte,  hatte  er  nicht  die  ganze  Natur  vor  sich. 
In  gewisse  Untergriinde  des  natiirlichen  Daseins  dringe  er 
dadurch  doch  nicht  ein.  Diese  Untergriinde  des  natiirlichen 
Daseins,  diese  Geheimnisse  der  Welt  treten  erst  ins  Bewuftt- 
sein  herein,  werden  erst  anschaulich,  wenn  der  Mensch  ihnen 
mit  Kunstlersinn  entgegenkommt. 

Selbstverstandlich  sind  die  Einwande  gegen  eine  solche 
Anschauung  aufierordentlich  plausibel  und  daher  verfiihre- 
risch,  aber  deshalb  doch  nicht  giiltig,  denn  man  kann  mit 
logischen  Griinden  aus  einer  gewissen  einseitigen  Verstan- 
desanschauung  sogar  streng  beweisen,  daft  man  zu  einer 
sogenannten  exakten  Wissenschaftlichkeit  nur  durch  das 
logische  Denken  kommen  konne,  das  einen  Begriff  aus  dem 
andern  in  einer  fortwahrenden  Urteilsvermittlung  gewinnt. 
Aber  wenn  die  Natur,  wenn  die  Welt  uberhaupt  nicht  ge- 


eignet  ist,  durch  ihre  eigene  Wesenheit  sich  einer  solchen 
logischen  Zergliederung  zu  ergeben,  so  mu6  eben  zu  ihrer 
Erkenntnis  ein  anderer  Weg  gesudit  werden.  Und  gerade 
der  Geistesforscher  findet  auf  seinem  Wege  manches,  was 
ihn  stark  in  die  Nahe  des  inneren  kiinstlerischen  Gestaltens 
bringt,  denn  dasjenige,  was  er  zur  Heranbildung  iibersinn- 
licher  Schaukrafte  auszugestalten  hat,  hat  grofte  Ahnlich- 
keit  mit  dem,  was  im  kiinstlerischen  Schaffen  sich  betatigt. 
Das  hat  Goethe  gefiihlt;  daher  sprach  er  auch  die  Worte  aus: 
Wem  die  Natur  ihr  off  enbares  Geheimnis  zu  enthiillen  be- 
ginnt,  der  empfindet  die  tiefste  Sehnsucht  nach  ihrer  wiir- 
digsten  Auslegerin,  der  Kunst. 

Es  beeintrachtigt  nicht  die  Exaktheit  desjenigen,  zu  dem 
man  zuletzt  im  wissenschaftlichen  Erkennen  kommt,  wenn 
die  Seele  sich  notwendig  vorbereiten  muE  zu  der  schlieft- 
lichen  Exaktheit  des  Forschens  durch  dasjenige,  was  in  ihr 
kiinstlerisch  wirken  kann.  Es  beeintrachtigt  nicht,  sondern 
kann  nur  fordern,  dafi  vielleicht  die  Seele  gerade  aus  kunst- 
lerischen Fahigkeiten  heraus  dasjenige  in  sich  ausbildet,  was 
zuletzt  die  besten  Erkenntnismethoden  abgibt.  Daher  wird 
man  schon  auf  das  Thema,  das  ich  hier  anschlage,  etwas 
eingehen  miissen,  wenn  man  die  ubersinnlichen  Erkennt- 
nismethoden der  Imagination,  der  Inspiration  und  der  In- 
tuition zu  schildern  hat. 

Goethe,  sagte  ich,  ist  besonders  groft  durch  seine  beson- 
dere  Seelenart  in  der  Erforschung  der  pflanzlichen  Welt. 
Warum  ist  Goethe  gerade  in  der  Erfassung  des  pflanzlichen 
Wesens  grofi?  Sehen  wir  uns,  um  eine  Antwort  auf  diese 
Frage  zu  bekommen,  diese  goethesche  Seelenart  genauer  an. 
Wenn  man  sich  Miihe  gibt,  deren  besonderen  Charakter  vor 
das  eigene  Auge  treten  zu  lassen,  so  ergibt  sich,  dafi  diese 
Seelenart  Goethes  als  ihr  charakteristischstes  Merkmal  das 
aufweist,  dafi  Goethe  alles,  was  sich  ihm  vor  das  Bewufit- 


sein  hinstellte,  mit  einer  Art  inneren  plastischen  Gestal- 
tungskraft  auffaftte.  Goethe  war  in  gewisser  Beziehung  auf 
dem  Wege,  ein  Bildhauer  zu  werden,  und  mir  scheint  das 
Allercharakteristischste  bei  Goethe  eben  dieses  zu  sein,  daft 
die  bildhauerische  Kraft  in  seiner  Seelenverfassung  lag,  aber 
in  dieser  Seelenverfassung  wie  ein  innerstes  verborgenstes 
Wesen  blieb,  sich  nicht  in  Bildhauerei  nach  auften  aufierte, 
daiS  er  gewissermafien  innerlicher  Plastiker  war  in  der  Aus- 
gestaltung  seiner  seelischen  Anschauungen,  dafi  er  aber  nicht 
den  Weg  dazu  suchte,  dasjenige,  was  sich  ihm  in  innerer 
Plastik  als  Anschauung  geistig  vor  die  Seele  stellte,  auch 
dem  aufteren  StofTe  einzuverleiben.  Mir  erscheint  die  Sache 
so,  als  ob  Goethe,  indem  er  nun  seinen  Blick  iiber  die  Pflan- 
zenwelt  richtete,  mit  dieser  bildhauerischen  Seelenverfas- 
sung, mit  einem  nach  alien  Richtungen  hin  ausgebildeten 
plastischen  Sinn  schaute.  Statt  im  Ton  bildhauerisch  zu 
arbeiten,  statt  dasjenige,  was  der  plastische  Sinn  innerlich 
gestaltete,  in  den  Ton  hineinzupragen,  richtete  Goethe  den 
Blick  auf  die  Pflanze,  und  statt  dafi  er  die  plastische  Gestalt 
dem  Ton  einverleibte,  offenbarte  die  Pflanze  ihre  aus  ihrem 
Leben  hervorgehende  Plastik  seiner  Seele.  Das  scheint  mir 
ein  Teil,  und  vielleicht  der  wichtigste,  der  Psychologie  Goe- 
thes  zu  sein. 

Nun  stelle  man  neben  diese  Tatsache  eine  andere,  eine 
allgemeinere.  Man  betrachte  einmal  die  plastische  Kunst. 
Gewift,  man  kann  in  allem  alles  machen,  aber  wenn  man 
unbefangenen  kiinstlerischen  Sinn  anwendet,  wie  muB  man 
sich  dann  die  folgende  Frage  beantworten:  1st  es  moglich, 
mit  volliger  plastischer  Empfindung,  mit  vollig  ausgebil- 
detem  plastischem  Sinn  in  derselben  Art  etwa  plastisch 
geformte  Pflanzen  anzuschauen,  wie  man  plastisch  geformte 
Tiere  oder  plastisch  geformte  Menschen  anschaut?  -  Stellen 
Sie  sich  im  Geiste  eine  Blumengruppe  vor,  bluhende  Pflan- 


zen  in  Gips  oder  in  Marmor  geformt,  vor  Ihrem  Blick.  Ich 
glaube,  mit  unbefangenem  plastischem  Sinn  wird  man  sich 
sagen  miissen:  Jawohl,  die  tierische  Organisation,  die 
menschliche  Organisation,  sie  la£t  sich  wie  selbstverstand- 
lich  in  die  Plastik  hineinbringen;  plastisch  nachgebildete 
Pflanzen,  die  stolen  uns  eigentlich  ab.  -  Warum  dieses? 
Wenn  man  tiefer  eingeht  auf  dieses  psychologisch-kiinst- 
lerische  Faktum,  dann  mufi  man  sich  sagen:  Die  Pflanze  ist 
fur  sich  schon,  so  wie  sie  uns  in  der  Natur  entgegentritt,  so 
kiinstlerisch  plastisch,  dafi  die  Natur  einem  gar  nicht  ge- 
stattet,  mit  irgendeiner  Plastik  noch  iiber  diese  Naturplastik 
der  Pflanzenwelt  selber  hinauszugehen.  Es  ist  naturgemafi 
die  Plastik  des  Pflanzlichen  anzuschauen,  wie  sie  da  ist,  denn 
man  erkennt  dann,  dafi  im  Wesen  des  Pflanzlichen  etwas 
liegt,  was  sich  plastisch  schon  als  Natiirliches  ausgestalten 
mufi.  Man  hat  nichts  mehr  dazuzubringen  durch  irgendeine 
kunstlerische  Plastik. 

Nehmen  wir  nun  einen  Geist,  der  so  wie  Goethe  hinein- 
gestellt  ist  in  die  Welt  in  einer  durchaus  naturgemafien 
Weise,  und  nehmen  wir  ihn  mit  seiner  besonderen  Geistes- 
anlage,  mit  seinen  besonderen  Fahigkeiten.  Er  ist  nicht  dazu 
ausgebildet,  wirklicher  plastischer  Kiinstler  zu  werden,  aber 
die  Plastik  tragt  er  uberall  hinein.  Man  sehe,  wie  Plastik 
selbst  in  seine  vollendetsten  poetischen  Schopfungen  hinein- 
spielt,  wie  die  «Iphigenie»,  wie  «Tasso»,  wie  «Die  natiir- 
liche  Tochter»  uberall  die  plastische  Gestaltungskraft  selbst 
im  Dramatischen  verraten.  Goethe  ist  gewissermaften  uber- 
all Plastiker,  aber  er  kommt  nicht  dazu,  die  plastische  Ge- 
staltungskrafl in  den  Ton  hineinzugestaiten.  Da  er  aber  den 
innigsten  Drang  hat,  mit  der  Natur  ganz  im  Einklang  zu 
leben,  wo  wird  er  das,  was  so  tief  in  seinem  Inneren  sitzt, 
den  plastischen  Sinn,  draufien  befriedigt  fiihlen?  Da,  wo 
die  Natur  am  reinsten  als  Plastikerin  wirkt:  an  der  Pflan- 


zenwelt.  Und  nun  sieht  man  an  der  Anschauung  Goethes 
selber,  wie  der  innere  Sinn  der  Menschenseele  gewisser- 
mafien  zur  Plastik  hinneigen  mu£,  um  die  Pflanzenwelt  in 
dem,  was  sie  von  Natur  aus  ist,  zu  ergreifen,  sie  in  dem  zu 
ergreifen,  wie  ihr  Leben  selber  eine  natiirliche  Plastik  dar- 
lebt. 

Dem  Unorganischen  gegeniiber  konnen  wir  mit  einer 
solchen  Plastik  nicht  auskommen.  Einem  grofien  Teil  der 
unorganischen  Welt  gegeniiber  wenden  wir  an:  Messen, 
Zahlen,  Wagen.  Das  sind  Betatigungen,  die  eigentlich  die 
Gestalt  zerreifien;  und  selbst,  wenn  wir  iiber  dieses  Zer- 
reiflen  der  Gestalt  in  der  anorganischen  Wissenschafl  uns 
erheben  zum  Erfassen  des  Kristalles,  so  ist  es  uns  in  der 
anorganischen  Wissenschafl  selber  nicht  darum  zu  tun,  die 
besondere  plastische  Formung  des  Kristalles  innerlich  nach- 
zuerleben,  sondern  wir  rechnen  die  Winkel  der  Flachen,  wir 
rechnen  die  Neigungen  der  Begrenzungslinien  und  so  weiter. 
Wir  versuchen  aus  demjenigen,  was  die  Gestalt  analysiert, 
diese  Gestalt  zu  begreifen. 

Eine  solche  Anschauungsweise  hatte  gerade  Goethes  Geist 
gegeniiber  der  Pflanzenwelt  nicht  genii gt.  Seine  Morpho- 
logie  wurde  eine  Metamorphosenanschauung.  Er  mulke  un- 
mittelbar  die  Gestalt  der  Pflanze  in  ihrer  Plastik  ergreifen, 
um  die  Umwandlung  der  einzelnen  Pflanzengestalten  inein- 
ander  mit  zu  durchschauen.  Und  so  wurde  sein  Anschauen 
der  Pflanzenwelt  eine  bewegliche  innerliche  Plastik.  In  der 
Pflanze  ist  also  etwas,  was  gerade  einen  natiirlich  veranlag- 
ten  Geist  notigt,  seine  Erkenntnisse  in  innerliche,  plastische 
Gestalten  zu  wandeln,  zu  innerlichen  plastischen  Gestalten 
zu  machen.  Indem  Goethe  dieses  tat,  indem  in  seiner  Seele 
lebendig  wurde  dasjenige,  was  sich,  ich  mochte  sagen,  an 
Kraftplastik  durch  die  ganze  Pflanzenwelt  hindurchlebt, 
kam  er  zu  dem  Wesentlichen  in  der  Pflanzenwelt.  Man 


nenne  das  nun,  wie  man  will:  in  der  anthroposophischen 
Wissenschaft  ist  man  gewohnt  worden,  dasjenige,  was  Goethe 
so  an  der  Pflanze  mit  seinem  plastisdien  Sinn  durchschaut 
hat,  den  Atherleib  der  Pflanze  zu  nennen.  Ich  werde  wohl 
in  den  nachsten  Tagen  zu  sagen  haben,  warum.  Aber  man 
nenne  es,  wie  man  will,  man  halte  sich  jedoch  an  die  Art, 
wie  man  sich  dem  eigentlichen  Weben  und  Wesen  des  Pflanz- 
lichen  mit  einem  so  naturgemafien  Sinn  der  Erkenntnis,  wie 
ihn  Goethe  hatte,  nahern  mufi.  Und  man  sehe  dann,  wie  man 
in  der  Plastik  selber  dasjenige,  was  man  nun  im  Anschauen 
der  Pflanzenwelt  ausgestalten  mufi,  fur  die  tierische,  fiir  die 
menschliche  Gestalt  in  dem  kiinstlerischen  Material  ausar- 
beite.  Es  ist  dasjenige,  was  die  Pflanze  belebt  und  was  man 
durch  diesen  plastisdien  Sinn  findet,  auch  im  Tier  und  im 
Menschen  drinnen.  Nennt  man  dasjenige,  was  die  Pflanze 
so  durchwebt,  daft  man  es  mit  dem  plastischen  Sinn  ergreift, 
Atherleib,  dann  findet  man  diesen  Atherleib  auch  in  der 
tierischen,  in  der  menschlichen  Organisation.  Und  der  Pla- 
stiker  ist  bemuht,  dasjenige,  was  die  tierische,  die  mensch- 
liche Organisation  durchzieht,  in  der  allerdings  noch  etwas 
anderes  ist,  herauszugestalten  dann,  wenn  er  seine  plasti- 
schen Formen  des  tierisch,  des  menschlich  Organisierten 
schafft. 

Sieht  man  aber  in  der  Natur  das  Tier,  sieht  man  den 
Menschen  an,  dann  verbirgt  sich  die  blofte  Plastik  des  Ather- 
leibes,  dann  ist  ihr  etwas  anderes  zugesetzt,  dann  sieht  man 
durch  dieses  andere,  gewissermafien  wie  durch  eine  Abstrak- 
tion  hindurch,  dasjenige,  was  sich  in  der  Plastik  als  Ather- 
leib darlebt.  So  kann  man  sagen,  dafi  Goethe  es  durch  seine 
besondere  Veranlagung  dahin  brachte,  tief  en  Einblick  in  die 
Pflanzenwelt  zu  gewinnen.  Man  konnte  sagen,  eine  kiinst- 
lerisch  veranlagte  Personlichkeit  behalt  eine  gewisse  kiinst- 
lerische  Richtung  im  Inneren,  auch  wenn  sie  sich  wissen- 


schaftlich  betatigt.  Die  befahigt  sie,  gewisse  Geheimnisse  der 
Aufienwelt  zu  entdecken,  die  eben,  wenn  diese  kiinstlerische 
Befahigung  im  Inneren  bleibt,  entdeckt  werden  konnen. 

Ernst  Haeckel  wandte,  allerdings  in  einer  naiveren  Weise 
als  Goethe  das  fiir  die  Pflanzen  tat,  seinen  Sinn  auf  die 
tierische  Welt.  Und  man  kann  nun  in  einer  gewissen  Weise 
von  Haeckel  das  Folgende  sagen:  Wenn  Goethes  Denken, 
wie  ich  in  den  vorigen  Betrachtungen  auseinandergesetzt 
babe,  mit  Recht  von  Heinroth  als  ein  gegenstandliches  be- 
zeichnet  worden  ist  -  das  heifk  ein  solches,  wobei  der  Seelen- 
inhalt  untertaucht  in  die  Objekte  — ,  so  kann  man  das,  wenn 
auch  zunachst  in  einer  unvollkommenen  Weise,  auch  an 
Haeckels  zoologiscben  Forschungsmethoden  durchaus  be- 
merken.  Es  ist  tief  bezeichnend,  wenn  Haeckel  einmal,  um 
sich  in  seiner  naiven  Weise  zu  rechtfertigen,  sagt,  wie  er  nun 
nicht  die  Gestalt  -  die  Goethe  gefunden  hat,  indem  er  sich 
auf  das  Pflanzliche  beschrankte  -,  sondern  die  Seele  in  den 
tierischen  Wesenheiten  findet.  Haeckel  redet  vom  Tierischen, 
und  da  mu6  er  von  der  Seele  reden. 

Goethe  verfolgte  Pflanze  fiir  Pflanze,  er  verfolgte  die 
Metamorphose  der  Gestalt.  Haeckel  verfolgte  Tier  fiir  Tier; 
es  blieb  nicht  beim  Verfolgen  der  Gestalt,  aber  es  kam  zu 
einem  Suchen  des  Tierisch-Seelischen  in  den  Gestaltungen 
des  Tierischen.  Und  wenn  man  ihm  eingewendet  hatte,  er 
hatte  kein  Recht,  von  diesem  Seelischen  auch  in  den  einfach- 
sten  Gestaltungen  des  Tierischen  zu  reden,  so  hatte  er  immer 
wieder  dasjenige  gesagt,  was  er  wirklich  auch  ausgesprochen 
hat:  Wenn  einer  gleich  mir  durch  viele  Jahrzehnte  niedere 
Tierwesen,  wie  die  Protisten,  betrachtet  und  gesehen  hat, 
wie  sich  ihre  Gestalten  verhalten,  dann  kann  er  nicht  anders, 
als  in  diesem  Anschauen  dazu  kommen,  dafi  in  diesen  Zell- 
tieren  Zellseelen  leben,  die  nur  qualitativ  von  den  kom- 
pliziertesten  Seelen  verschieden  sind. 


So  hat  Goethe  auf  der  einen  Seite  gesagt:  Wenn  ich  die 
Pflanzenwelt  durchgehe,  so  ergibt  sich  mir  dasjenige,  was 
ich  in  dem  einfachsten  Pflanzenorganismus  sehen  mufi:  eine 
Gestalt,  der  Typus  der  Pflanze,  die  Urpflanze.  Sie  bietet 
mir  in  der  einfachsten  Pflanze  dasselbe,  was  nur  qualitativ 
verschieden  ist  von  dem,  was  ich  audi  in  der  vollkommen- 
sten  Pflanze  als  Gestalt,  als  lebendig  wirkenden  Typus  finde. 

Haeckel  sagt,  indem  er  jetzt  nicht  von  der  pflanzlichen, 
indem  er  von  der  tierischen  Welt  spricht:  Wenn  ich  die  ganze 
tierische  Welt  durchgehe,  so  finde  ich  das  Seelenhafte  schon 
in  dem  einfachsten  Tiere,  und  ich  finde  es  in  der  mannig- 
faltigsten  Weise  metamorphosiert,  verwandelt  bis  in  die 
kompliziertesten  Gestaltungen  des  Tierwesens  hinein. 

Eine  gewisse  Verwandtschafl:  ist  da  zwischen  dieser  An- 
schauung  des  Tierischen  bei  Haeckel  und  der  Anschauung 
des  Pflanzlichen  bei  Goethe;  und  legt  man  einen  Wert  dar- 
auf ,  betrachtet  man  es  nicht  als  etwas  Untergeordnetes,  dalS 
Goethe  von  Gestalt  reden  mufi,  Haeckel  von  Seele,  dann  ist 
man  auf  dem  Wege,  wie  ich  glaube,  ganz  Bedeutsames  zu 
finden.  Und  woher  dieses,  daft  sich  in  der  naiven  Forscher- 
seele  Haeckels  dasjenige,  was  Goethe  in  einer  bewufkeren 
Weise  anstrebte,  in  einer  solchen  Art  ergab,  wie  ich  es  ge- 
schildert  habe?  Ich  suchte  nach  einer  Erklarung  fiir  diese 
Tatsache,  und  ich  fand  sie  zu  meiner  vollen  Befriedigung, 
als  ich  einmal  bei  einer  Ausstellung  im  Giordano-Bruno- 
Bund  in  Berlin  dasjenige  durchsah,  was  da  vorlag  an  Haek- 
kels  zum  Teil  dilettantischen  Malereien.  Das  ist  etwas,  was 
in  die  Haeckel-Psychologie  hineinf iihrt.  Uberall  ist  Haeckel 
nicht  nur  tatig  als  Forscher;  uberall  setzt  er  sich  zugleich 
hin  und  malt,  und  iiberall  hat  er  seine  Freude,  dasjenige, 
was  die  Natur  seinem  Forschersinn  enthiillt,  zu  gleicher  Zeit 
in  der  Farbe  festzuhalten.  Welche  Freude  er  hatte,  diese 
Formen  der  tierischen  Welt  in  den  Farben  festzuhalten,  das 


kann  man  noch  nachempfinden,  wenn  man  die  Hefte  vor 
sich  ausbreitet,  die  Haeckel  herausgegeben  hat  unter  dem 
Titel:  «Kunstformen  der  Natur». 

So  wie  Goethe  auf  einer  hoheren  Stufe  in  der  plastischen 
Kunst  innerlich  lebte,  so  Haeckel  in  den  Farben,  welche  das 
Tierische  an  seine  Oberflache  zaubert.  Und  so  wie  Goethe 
nicht  zum  Bildhauer  geworden  ist,  sondern  das  Bildhaue- 
rische  in  seinem  Inneren  bewahrt  hat,  so  wurde  Haeckel  nicht 
Maler,  sondern  Naturforscher;  aber  ein  innerlich  Wesen- 
haftes  seiner  ganzen  Seelenveranlagung  war  das  in  Farben 
Malende.  Das  lebte  in  seinem  Inneren,  und  er  suchte  das- 
jenige,  was  sich  nun  in  der  Auftenwelt  so  ausdriickt,  daft  es 
aus  seinem  Leben,  das  von  der  Empfindung  durchdrungen 
ist,  daft  es  aus  dem  Seelenhaften  heraus  sich  in  der  Farbe 
ofTenbart.  Das  suchte  er  zu  erforschen. 

Damit  aber  sind  wir  vorgedrungen  zu  demjenigen,  was 
das  Tierische  von  dem  Pflanzlichen  unterscheidet.  Allerdings 
kann  man  sagen:  Die  Pflanze  zeigt  erst  recht  die  Farben!  - 
Aber  jeder  wird  empfmden,  daft  das  Innerlichste  des  tieri- 
schen  Wesens  ganz  anders  zusammenhangt  mit  dem,  was 
sich  als  Farbe  enthiillt,  als  das  Pflanzliche.  Das  Pflanzliche 
lebt  eigentlich  in  der  Gestalt,  und  die  Farbe  ist  im  Grunde 
genommen  etwas,  wovon  man  leicht  einsehen  kann,  daft 
es  von  auften  an  die  Pflanze  wesenhaft  herangebracht  ist. 
Man  wird  studieren  miissen  das  Verhaltnis  von  Sonne  und 
Luft  und  anderem  Aufterem  zur  Pflanze,  wenn  man  die 
Farbe  der  Pflanze  betrachten  will.  Will  man  aber  das  In- 
nere  der  Pflanze  begreifen,  dann  muft  man  mit  plastischem 
Sinne  die  Gestalt  der  Pflanze  ins  Auge  fassen. 

Nicht  in  derselben  Weise  ist  dasjenige,  was  an  der  Ober- 
flache des  Tieres  an  Farben  auftritt,  von  den  aufteren  Ver- 
haltnissen  abhangig.  Ja,  wenn  es  abhangig  ist  -  wie  bei  den 
Erscheinungen  von  Mimikry      dann  fiihlen  wir  uns  noch 


veranlafit,  es  aus  besonderen  Bedingungen  zu  erklaren,  weil 
wir  ein  Gefiihl  haben,  wie  aus  dem  mit  Empfindungen 
durchdrungenen  Leben  auch  von  innen  heraus  die  Tingie- 
rung  mit  der  Farbe  stattfindet.  Aber  es  kommt  weniger  auf 
die  Farbe,  es  kommt  auf  das  Leben  an,  das  vom  Menschen 
nacherlebt  werden  kann,  indem  er  selber  im  Farbigen  emp- 
findet,  im  Farbigen  denkt.  Nicht  auf  das  Zusammenstellen 
der  Farbe  kommt  es  an,  sondern  auf  das,  was  man  innerlich 
empfindet,  wenn  man  in  Farben  empflndet,  in  Farben  denkt. 
Und  geradeso  wie  man  bei  der  Pflanze  sprechen  kann  vom 
atherischen  Leib,  den  man  ergreifen  mufi  durch  den  plasti- 
schen  Sinn,  so  muE  man  beim  Tiere  -  in  gewisser  Beziehung 
auch  beim  Menschen  -  sprechen  von  demjenigen,  wasMensch 
und  Tier  uber  die  Pflanze  hinaus  haben,  wenn  man  von  den 
innerlichen  Bedingungen  des  Farbigen  sprechen  will.  Und 
halt  man  fest,  was  das  Tier,  was  der  Mensch  mit  der  Pflanze 
gemein  haben,  so  halt  man  es  in  der  farblosen  Skulptur  fest. 
Greift  man  zur  Malerei  fiir  Mensch  und  Tier,  so  schafrt  man 
beim  Tier  und  beim  Menschen  dasjenige,  was  einen  durch 
die  Farbe  in  das  Innere  hineinschauen  lafit,  was  einem  das 
Innere  enthiillt,  dasjenige,  was  sich  nicht  mehr  blofi  in  der 
Metamorphose  derGestalt  ausspricht,  was  sich  in  einer  tiefer 
bedingten  Verwandlungsfahigkeit  des  Lebens  selber  zur 
Offenbarung  bringt.  Was  da  ebenso  anschaulich  verfolgt 
werden  kann  beim  Tier  wie  beim  Menschen,  das  mag  man 
wiederum  nennen,  wie  man  will:  in  der  anthroposophischen 
Geisteswissenschaft  ist  man  gewohnt  worden,  aus  der  be- 
sonderen Anschauung,  wie  sich  das  der  Inspiration  ergibt, 
es  den  astralischen  Leib  zu  nennen.  Ich  werde  davon  in  den 
nachsten  Vortragen  zu  sprechen  haben.  Aber  dafi  man  iiber- 
haupt  herangedrangt  wird,  die  Verwandlungen,  das  Wer- 
den des  Tierischen  zu  erforschen,  das  hangt  zusammen  mit 
einer  inneren  Seelenverfassung,  die  anders  ist  als  diejenige, 


die  als  plastische  Seelenverfassung  ins  Pflanzliche  hinein- 
fiihrt. 

Wenn,  wie  gesagt,  auf  naivere  Art  als  Goethe,  so  war 
doch  audi  Haeckel  dazu  veranlagt,  in  die  tierische  Welt 
kunstlerisch  einzudringen,  Und  das  ist  es,  was  Haeckel  als 
einen  besonders  charakteristischen  Geist  innerhalb  der  mo- 
dernen  naturwissenschaftlichen  Weltanschauung  erscheinen 
lafit.  Daft  er  nicht  in  einer  aufterlichen  Weise  forschte, 
sondern  dafi  er,  ich  mochte  sagen,  aus  einer  verhaltenen 
Kiinstlerschaft  heraus  forschte,  wie  Goethe  ebenfalls  aus  ver- 
haltener  plastischer  Kiinstlerschaft  an  die  Pflanzenmetamor- 
phose  herankam,  das  brachte  einen  dazu,  trotz  aller  Ver- 
irrungen  Haeckels  die  innere  Wahrheit  dieses  Haeckelschen 
Monismus  dennoch  zu  fiihlen  und  etwas  darinnen  zu  sehen, 
das,  wenn  die  Ablegung  seiner  Einseitigkeiten  weiter  ver- 
folgt  werden  kann,  auch  dazu  fiihren  kann,  nicht  nur  das- 
jenige  zu  suchen,  was  sich  aufterlich  im  Tiere,  im  Menschen, 
iiber  das  Pflanzliche  hinaus  offenbart,  sondern  es  auch  im 
Inneren,  in  seiner  ureigenstenWesenheitdurchiibersinnliche 
Erkenntnisse,  die  so  streng  diszipliniert  sind  wie  heute  die 
sinnlichen,  zu  suchen. 

Es  gibt  also  einen  Weg,  um  lebensvoll  hineinzukommen 
aus  den  tiefsten  Bedurfnissen  nach  einer  menschenwiirdigen 
Weltanschauung  in  einen  modernen  Forschergeist.  Es  gibt 
einen  Weg,  dasjenige  in  einer  positiven  Gestalt  aufzuneh- 
men,  was  Nietzsche  im  Grunde  genommen  nie  hat  verdauen 
konnen  und  weswegen  er  zu  seiner  so  ergreifenden,  aber  ihn 
auch  zerbrechenden  seelischen  Lebenstragik  gekommen  ist. 
Es  rau£  schon  der  Weg  der  modernen  Naturf  orschung  in  das 
Gebiet  anthroposophischer  Geistesforschung  heriibergenom- 
men  werden,  wenn  man  zu  echten,  zu  giiltigen  Formulie- 
rungen  der  Ideen  kommen  will,  wenn  man  nicht  im  Dilet- 
tantischen,  im  Laienhaften  steckenbleiben  will.  Wer  es  ernst 


mit  seiner  Zeit  nimmt,  mufi  immer  ein  gewisses  Verhaltnis 
zu  seiner  Zeit  haben.  Daher  ist  es  notig,  dafi,  wenn  von  den 
Erkenntnisquellen  anthroposophischer  Geisteswissenschaft 
gesprodien  wird,  auf  dieses  Verhaltnis  zu  den  andern  Er- 
kenntnisquellen der  gegenwartigen  Epoche  hingewiesen 
wird.  Mufke  vieles  in  den  vorangegangenen  Vortragen  ge- 
sagt  werden  zur  Ablehnung  der  agnostischen  Denkweise, 
so  ist  heute  der  erste,  vielleicht  nodi  wenig  weitreichende 
Ausblick  hingestellt  worden  in  einer  selbst  den  Agnostizis- 
mus  ablehnenden  Weltanschauung,  wie  es  der  Haeckelsche 
Monismus  war.  Und  damit  ist  das  angedeutet,  was  dieser 
Monismus,  wenn  er  auch  vielfach  iiberholt  ist,  auch  fiir  uns 
Heutige  noch  sein  kann. 

Als  ich  zu  schreiben  hatte  1 897,  am  hundertsten  Geburts- 
tage  Lyells,  iiber  Charles  Lyell,  einen  der  Begriinder  der 
modernen  naturwissenschaftlich-monistischen  Denkweise, 
da  stand  mir  auch  Haeckel  lebendig  vor  dem  Seelenauge. 
Mir  erschien  im  Geiste  eine  Gemeinde,  welche  imstande  sein 
konnte,  jenes  Hineinleben  in  die  Natur,  welches  man  finden 
kann  in  der  Linie  der  Geister  von  Lyell  bis  Haeckel,  fort- 
zusetzen  in  der  Richtung,  in  der  es  fortgesetzt  werden  mufi. 
Deshalb  schrieb  ich  fiir  diese  ideelle  Gemeinde,  die  suchen 
sollte  den  Weg,  der  begonnen  war  gerade  mit  dem  Haeckel- 
schen  Monismus,  diejenigen  Worte,  welche,  wenn  man  sie 
richtig  versteht,  andeuten  konnen,  dafi  nun  mit  diesem 
Monismus  zunachst  dennoch  ein  Wall  iiberschritten  worden 
ist,  iiber  den  man  nicht  mehr  in  f  riihere  Zeiten  zuruckkehren 
darf,  wenn  man  es  nicht  mit  Niedergangs-,  wenn  man  es 
mit  Aufgangskraften  der  menschlichen  Entwickelung  zu  tun 
haben  will. 

Jawohl,  vorwartsgeschritten  werden  mufi  von  diesem 
Monismus;  nie  und  nimmermehr  darf  zuriickgegangen  wer- 
den zu  dem,  was  durch  diesen  Monismus  an  alten  Weltan- 


schauungen  Uberwunden  worden  ist.  Deshalb  sdirieb  ich 
dazumal  die  Worte  nieder:  «Wenn  wir  audi  an  mancher 
Stelle»,  -  ich  bitte  das  zu  beachten  —  «an  die  er  uns  fuhrt»,  - 
namlich  Haeckel  -  «nicht  gerade  vorbei  wollen»,  -  das  kann 
niemand,  in  dessen  Seele  Anthroposophie  keimt  -,  «er  hat 
doch  die  Richtung,  die  wir  einschlagen  wollen.  Aus  Lyells 
und  Darwins  Handen  hat  er  das  Steuerruder  bekommen; 
sie  hatten  es  keinem  Besseren  geben  konnen.  Und  unsere 
Gemeinde  segelt  rasch  vor  warts ...»  Ja,  moge  sie  den  stren- 
gen  Wissenschaftsgeist,  den  die  wahre  Naturforschung  her- 
aufgebracht  hat,  in  sich  aufnehmen  und  rasch  vorwarts- 
schreiten  in  diejenigen  Untergriinde  des  Weltendaseins,  die 
im  Ubersinnlichen  liegen  und  doch  nUr  durch  iibersinnliche 
Forschung  ergriindet  werden  konnen! 


FONFTER  VORTRAG 


Stuttgart,  2.  September  1921 

Anthroposophisdie  Geisteswissenschafl  will  aufsteigen  von 
der  Sinnesanschauung  zu  der  Geistesanschauung,  und  sie  will 
aufsteigen  von  dem  Verstandesgebrauch,  wie  er  sein  mufi 
im  gewohnlichen  Leben  und  in  der  gebrauchlichen  Wissen- 
schaft,  zu  solchen  andern  Arten  von  Seelentatigkeiten,  durch 
welche  die  Erkenntnis  in  Gebiete  gefiihrt  werden  kann,  die 
sich  zwar  offenbaren  in  der  gewohnlidien  Sinneswelt,  die 
aber  durch  die  Sinne  und  durch  die  Verstandeserkenntnis 
als  solche  unmittelbar  nicht  erkennbar  sind.  Und  solche 
inneren  Seelenbetatigungen  leben  in  dem,  was  ich  in  meinen 
Schriften  als  Imagination,  Inspiration,  Intuition  bezeichnete. 

Wenn  nun  von  Imagination  geredet  wird,  so  hat  man  zu- 
nachst  nicht  an  irgend  etwas  Nebulos-Mystisches  zu  denken, 
zu  dem  man  kommt,  wenn  man  an  die  Stelle  der  klaren, 
besonnenen  Verstandeseinsicht  irgend  etwas  dunkel  in  der 
Seele  Lebendiges  setzt,  sondern  man  hat  an  etwas  zu  den- 
ken, das  ausgeht  von  einem  vollstandigen  und  umf assenden 
Gebrauche  der  besonnenen  Verstandeserkenntnis,  diese  aber 
weiterentwickelt  durch  Heraufheben  von  in  der  Seele  ver- 
borgenen  Kraften  zu  einer  Betatigung  der  Seele,  die  nun 
nicht  in  den  gebrauchlichen  Begriffen  lebt,  sondern  zunachst 
in  etwas  Bildartigem,  das  sich  aber  durchaus  im  weiteren 
Verlaufe  seiner  Betatigung  in  ebenso  klaren  Begriffen  aus- 
zuleben  hat  wie  die  Verstandeserkenntnis  selbst.  Ich  habe 
in  meinen  Buchern  dasjenige  geschildert,  was  der  Mensch 
als  innerliche  Obungen  zu  vollbringen  hat,  um  diese  fur 
das  gewohnliche  Leben  und  die  gewohnliche  Wissenschaft 


in  der  Seele  verborgen  bleibenden  Krafte  zu  entwickeln  und 
so  zur  imaginativen  Erkenntnis  zu  kommen.  Heute  mochte 
ich  diese  imaginative  Erkenntnis,  wie  sie  sich  auf  die  in 
jenen  Biichern  geschilderte  Weise  ergibt,  zunachst  mit  eini- 
gen  Strichen  cbarakterisieren. 

Diese  imaginative  Erkenntnis  lebt  nicht  in  den  abstrak- 
ten  Begriffen,  an  die  wir  im  gewohnlichen  logischen  Denken 
gewohnt  sind,  aber  man  hat  sich  audi  nicht  zu  denken,  daft 
diese  Erkenntnis  irgend  etwas  vielleicht  bloft  Phantasie- 
maftiges  ist.  Man  hat,  wenn  man  zunachst,  was  da  vorliegt, 
mehr  aufterlich  charakterisieren  will,  sich  zu  besinnen  auf 
jene  Form  des  Erlebnisses,  das  der  Mensch  hat,  wenn  er  aus 
den  Untergriinden  seiner  Organisation  Erinnerungsvorstel- 
lungen  herausholt,  oder  audi,  wenn  diese  Erinnerungsvor- 
stellungen,  angeregt  durch  dieses  oder  jenes,  aus  diesen  Un- 
tergriinden wie  von  selbst  auftauchen.  Man  fasse  also 
dasjenige  genau  ins  Seelenauge,  was  eine  Erinnerungsvor- 
stellung  ist,  und  man  wird  damit  die  Art  und  Weise  gegeben 
haben,  wie  auch  Imaginationen  in  der  Seele  leben.  Sie  leben 
mit  derselben  Intensitat,  ja  mit  einer  oft  weit  gesteigerten 
Intensitat  gegeniiber  den  Erinnerungsvorstellungen.  Aber 
gerade  so,  wie  die  Erinnerungsvorstellungen  durch  ihr  eige- 
nes  Auftreten,  durch  ihren  eigenen  Inhalt  zeigen,  wie  das 
Erlebnis  war,  das  der  Mensch  vielleicht  vor  Jahren  hatte 
und  von  dem  sie  ein  Bild  sind,  so  zeigen  diese  Imaginatio- 
nen, indem  sie  in  die  Seele  hereingerufen  werden,  daft  sie 
zunachst  nicht  an  ein  personliches  Erlebnis  ankniipf  en,  wenn 
sie  als  wirkliche  Erkenntnisimaginationen  auftreten,  son- 
dern  daft  sie  sich  beziehen,  obwohl  sie  genau  mit  dem  Cha- 
rakter  der  Erinnerungsvorstellungen  auftreten,  auf  eine  nun 
nicht  sinnliche,  aber  doch  durchaus  objektive  Welt,  die  in- 
nerhalb  der  Sinneswelt  lebt  und  webt,  aber  durch  die  Wahr- 
nehmungsorgane  der  Sinne  sich  nicht  offenbart. 


So  konnte  man  zunachst  in  einem  positiven  Sinne  das 
mehr  Aufierliche  der  Erkenntnisimaginationen  charakteri- 
sieren.  In  einem  negativen  Sinne  ist  zu  sagen,  was  diese  Er- 
kenntnisimaginationen nicht  sind.  Sie  sind  nicht  irgendwie 
etwas,  das  einer  Vision,  einer  Halluzination  oder  derglei- 
chen  ahnlich  ist.  Sie  fiihren  im  Gegenteil  die  Seelenverfas- 
sung  des  Menschen  nadi  der  entgegengesetzten  Richtung, 
als  diejenige  ist,  in  der  sie  sich  bewegt,  wenn  sie  in  Visionen, 
in  Halluzinationen  und  dergleichen  verfallt.  Erkenntnis- 
imaginationen sind  in  demselben  Sinne  gesunde  Seelener- 
lebnisse,  in  dem  Visionen,  Halluzinationen  und  so  weiter 
kranke  Seelenerlebnisse  sind.  Was  ist  mit  Bezug  auf  den 
Mensdien  selber  das  eigentlich  Kennzeichnende  des  visio- 
naren,  des  halluzinierenden  Lebens?  Eines  der  Kennzeichen 
ist  das  herabgedampfte  Ich-Gefuhl,  die  herabgedampfte  Be- 
sonnenheit  auf  sich  selbst.  Wir  haben,  indem  wir  uns  unserer 
gesunden  Sinnesverfassung  und  unserem  gesunden  Erleben 
der  aufieren  sinnlichen  Wirklichkeit  hingeben,  eben  das- 
jenige,  was  wir  Besonnenheit  auf  unser  eigenes  Ich  nennen 
konnen.  Wir  miissen  in  jedem  Augenblick,  in  dem  wir  ge- 
sund  die  aufiere  Welt  anschauen,  in  dem  wir  gesund  uns 
in  die  auftere  Welt  hineinstellen,  uns  selber  in  einem  gewis- 
sen  Grade  unterscheiden  konnen  von  demjenigen,  was  In- 
halt  unseres  Selbstes  ist.  Obermannt  uns  dasjenige,  was 
Inhalt  unseres  Bewufitseins,  unseres  Selbstes  ist,  so,  dafi  die 
notwendige  Besonnenheit  auf  uns  selbst  herabgelahmt  wird, 
dann  treten  eben  ungesunde  Zustande  ein,  und  solche  sind 
audi  die  des  visionaren,  des  halluzmatorischen  Lebens.  Wer 
in  diesen  Dingen  ein  unbefangenes  Urteil  sich  erwirbt,  der 
weifi,  da£  ein  gewisser  Grad  der  so  geschilderten  Besonnen- 
heit vorhanden  ist,  wenn  wir  im  gesunden  Sinneserfahren 
leben,  und  er  weifi,  dafi  unter  diesem  gesunden  Sinneserfah- 
ren das  visionare,  das  halluzinatorische  Leben  steht.  Er  wird 


gar  nicht  versucht  sein,  diese  Herabstimmungen  des  Bewufk- 
seins  irgendwie  hinzunehmen  als  Off enbarungen  einer  Welt, 
die  wertvoller  ist  als  die  Sinneswelt. 

Man  kann  es  einfach  als  eine  Art  Kriterium  auf  f  assen,  ob 
jemand  etwas  versteht  von  wahrer  anthroposophischer  Gei- 
steswissenschaft  oder  nicht,  wie  er  sich  zu  diesen  Dingen 
verhalt.  Wenn  jemand  den  Glauben  hat,  daft  er  etwas  Wert- 
volleres  iiber  die  Welt  erfahrt  durch  Visionen  und  Hallu- 
zinationen  als  durch  Sinneswahrnehmung,  dann  hat  er 
eigentlich  kein  geniigendes  Verstandnis  fiir  anthroposophi- 
sche  Geisteswissenschaft.  Die  Sinneswahrnehmung  bringt 
uns  mit  der  Auiknwelt  in  ein  Verhaltnis.  Visionares,  hallu- 
zinatorisches  Leben  setzt  dieses  Verhaltnis  auf  eine  niedri- 
gere  Stufe  der  Besonnenheit  herab,  indem  es  dasjenige,  was 
schon  reinere  objektive  Welt  in  der  Sinneswahrnehmung 
ist,  in  die  subjektive  Sphare  versetzt,  in  dasjenige  Gebiet 
des  Erlebens,  in  dem  in  ungesunder  Weise  aus  dem  Organis- 
mus  selbst  sich  ein  Inhalt  herausentwickelt  und  zum  minde- 
sten  unsere  Sinneswahrnehmung  durchsetzt,  in  Krankheits- 
f  alien  sie  iiber haupt  vertreibt  und  durch  Krankhaff  es  ersetzt. 
Wenn  man  dies,  was  ich  jetzt  ausgesprochen  habe,  streng 
festhalt,  dann  wird  man  unter  alien  Umstanden  die  For- 
derung  gegenuber  den  Erkenntnisimaginationen  haben,  dafi 
durch  sie  das  Verhaltnis,  das  wir  in  der  Sinneswelt  zur 
objektiven  Aufienwelt  haben,  nicht  heruntergestimmt,  her- 
abgelahmt,  sondern  hinaufgestimmt  und  durch  ein  starkes 
Leben  angeregt  werde. 

Wenrvman  sich  nun  klar  daniber  ist,  daE  es  die  Besonnen- 
heit auf  das  eigene  Selbst,  auf  das  Ich  ist,  was  die  Sinnes- 
wahrnehmungen  heraufhebt  iiber  die  bloften  visionaren  und 
halluzinatorischen,  traumhaften  Erlebnisse,  dann  wird  man 
auch  verstehen,  warum  es  von  dem  Geistesforscher  als  eine 
Notwendigkeit  hingestellt  wird,  dafi  behufs  derErkenntnis- 


imaginationen  solche  Obungen  gemacht  werden,  die  zu- 
nachst die  innere  Intensitat  des  Ich-Gefiihls  nicht  herab- 
stimmen,  sondern  sie  sogar  erhdhen,  steigern.  Damit  aber 
bin  ich  bei  etwas  angekommen,  das  im  eminentesten  Sinne 
notwendig  ist  fiir  die  Erlangung  iibersinnlicher  Erkennt- 
nisse,  wie  audi  bei  etwas,  das,  wenn  es  nicht  mit  Beobachtung 
all  derjenigen  Gesetzmafiigkeiten  vollzogen  wird,  die  ich 
angedeutet  habe  in  meiner  Schrifl  «Wie  erlangt  man  Er- 
kenntnisse  der  hoheren  Welten?»  und  in  meiner  «Geheim- 
wissenschaft  im  Umrifi»,  sogar  in  einem  gewissen  Sinn  zwar 
nicht  eine  Gefahr  fiir  den  Organismus,  wohl  aber  zunachst 
fiir  die  seelische,  namentlich  die  moralische  Verfassung  des 
Menschen  sein  kann.  Das  Ich-Gefiihl  mufi  gesteigert  werden, 
die  Besonnenheit  auf  sich  selbst  mufi  kraffcvoller  werden. 
Damit  wird  bei  Menschen,  welche  nicht  zugleich  die  von  mir 
oftmals  geschilderten  Vorkehrungen  treffen,  um  ein  solches 
verstarktes  Ich-Gefiihl  ohne  moralische,  ohne  psychische 
Einbufie  zu  ertragen,  schon  etwas  von  seelischem  -  nicht 
pathologischem  -  Grofienwahn  erzeugt. 

Das  ist  Uberhaupt  etwas,  was  man  zunachst  -  gestattenSie 
den  Ausdruck  -  bei  «t)bern»  zu  iibersinnlichen  Erkenntnis- 
sen  leicht  bemerken  kann,  weil  sie  hinuberhuschen  mochten 
iiber  die  notigen  Vorkehrungsmaj&regeln,  dafi  sie  nicht  be- 
scheidener  werden,  sondern  wirklich  in  eine  Art  Gro£en- 
wahn  verfallen.  Man  mufi  dies  ungeschminkt  aussprechen, 
damit  niemand  auf  den  Glauben  kommt,  derjenige,  welcher 
innerhalb  einer  wirklichen  anthroposophischen  Erkenntnis 
steht,  wolle  verkennen,  dafi  ein  solcher  Grofienwahn  vielf  ach 
wirklich  unter  denen  wiitet,  die  sich  nun  vielleicht  aus  diesen 
oder  jenen  Untergriinden  heraus  zur  Anthroposophie  be- 
kennen.  Das  Eigentiimliche,  das  auftritt,  wenn  in  dieser 
Weise  das  Selbstgefiihl  gesteigert  wird,  ist  das  Folgende: 
Man  kann  dieses  Selbstgefiihl  steigern,  man  kann  es  dahin 


bringen,  daft  das  Ich  in  einem  ganz  erheblichen  Grade  ein 
starkeresExistenzgefiihl  hat  als  im  gewohnlichen  Leben.  Wie 
tritt  zunachst  diese  Steigerung  auf  ? 

Fur  das  gewohnliche  Leben  und  audi  fiir  die  gewohnliche 
Wissenschafl  gibt  es  etwas,  was  ich  das  Augenblicksbewuftt- 
sein  nennen  mochte.  Man  mufi  sich  nur  einmal  klar  sein  dar- 
iiber,  was  dieses  Augenblicksbewufttsein  eigentlidi  ist.  Man 
wird  sich  klar,  wenn  man  unterscheidet,  wie  man  ein  Er- 
eignis  erlebt,  in  dem  man  unmittelbar  in  der  Gegenwart 
drinnensteht,  das  man  mit  den  Sinnen  anschaut,  das  man 
mit  dem  Verstande  ergreift,  von  dem  man  sich  also  in  der 
Gegenwart  Vorstellungen  bildet,  mit  dem  man  vielleicht 
auch  in  der  Gegenwart  durch  die  Willenserregungen  zusam- 
menhangt.  Man  werfe  einmal  einen  priifenden  Blick  auf  das 
Seelenleben,  wenn  es  in  der  geschilderten  Lage  ist,  und  man 
vergleiche  dann  damit,  wie  dieses  Seelenleben  innerlich  ist, 
wenn  man  sich  einem  Komplex  von  Erinnerungen  hingibt; 
man  sehe  hin  auf  dasjenige,  wofur  die  Erinnerungs vorstel- 
lungen Bilder  sind.  Was  man,  sagen  wir,  vor  zehn  Jahren 
als  Gegenwartiges  erlebt  hat,  das  erlebt  sich  im  gegenwar- 
tigen  Augenblick,  wenn  auch  nut  schwacherer  Intensitat,  als 
ein  Gegenwartserlebnis.  Es  erlebt  sich  auch  als  Objektives 
gegeniiber  dem  Augenblicksbewufitsein.  Das  Augenblicks- 
bewufksein  schaut  durch  die  Erinnerungsvorstellung  hin  auf 
dasjenige,  was  vor  zehn  Jahren  erlebt  worden  ist.  Und  man 
vergleiche  den  Grad  des  Erlebnisses,  den  man  dem  gegen- 
wartigen  Erlebnis  gegeniiber  hat,  mit  demjenigen,  den  man 
einem  vergangenen  Erlebnis  gegeniiber  hat.  Wie  wenig  steckt 
man  im  Verhaltnis  zu  dem  Gegenwartserlebnis  mit  seiner 
Vollpersonlichkeit  in  demjenigen  drinnen,  das  gegenwartig 
nur  in  den  Erinnerungsbildern  im  Bewufksein  anwesend  ist! 

Das  wird  anders,  wenn  man  zur  Erkenntnisimagination 
aufsteigt,  und  zwar  so,  daft  man  das  Erleben  willkurlich 


handhaben  kann  und  nicht  iiberwaltigt  wird.  Es  wird  so, 
dafi  in  der  Tat  das  Ich-Erlebnis  sidi  allmahlich  so  verstarkt, 
dafi  man  fiir  das  ganze  zuriickliegende  Leben,  an  das  man 
sich  sonst  nur  erinnert,  ein  Ich-Erlebnis  hat,  als  ob  man  in 
den  vergangenen  Ereignissen  als  unmittelbar  Gegenwar- 
tigem  wirklich  drinnen  lebte.  Das  Augenblicksbewufitsein 
wird  ausgedehnt  zu  einem  im  Strom  der  Zeit  verlaufenden 
Bewufksein.  Das  ist  die  erste  Stufe  fiir  das  Erleben  von  Er- 
kenntnisimaginationen.  Man  lafit  gewissermafien  sein  Ich 
ausfliefien  in  die  Erlebnisse,  die  man  in  diesem  Erden- 
leben  seit  der  Geburt  gehabt  hat.  Wenn  ich  sage,  man 
wird  von  diesen  intensiver  gemachten  Erlebnissen  nicht 
iiberwaltigt,  so  meine  ich,  wer  in  richtiger  Weise  zu  einer 
solchen  Stufe  des  Erkennens  aufsteigt,  der  ist  in  der  Lage, 
dieses  Ausfliefien  des  Ich^  in  die  Vergangenheit  willkiirlich 
bewirken  zu  konnen.  Er  kann  Anfang  und  Ende  des  Vor- 
ganges  voll  festsetzen,  wahrend  er  im  iibrigen  eben  derselbe, 
in  dem  Grade  des  Alltagsbewufitseins  besonnene  Mensch 
bleibt,  wie  er  friiher  war.  Nichts  darf  von  einer  Oberwal- 
tigung  eintreten,  sondern  es  mufi  dasjenige,  was  der  Mensch 
sich  erwirbt,  als  Fahigkeit  einer  andern  Erkenntnis  durchaus 
so  in  die  Willkiir  gestellt  sein,  wie  der  Gebrauch  irgendeines 
'  Komplexes  von  Urteilen  im  gewohnlichen  Leben  in  die  Will- 
kiir des  Urteilenden  gestellt  ist;  sonst  sind  diese  Dinge 
nicht  auf  einem  gesunden  Boden.  Es  ist  aber  eine  betracht- 
liche  Intensivierung  des  Ichs|,  wenn  das,  was  sonst  im  Augen- 
blick  lebt,  die  Starke  seines  Erlebens  ausdehnt  iiber  den  gan- 
zen  Lebensstrom. 

Man  wird  fiir  die  erkennenden  Augenblicke,  in  denen 
Imaginationserkenntnis  Fahigkeit  werden  soli,  in  gewissem 
Sinne  ein  anderer  Mensch  dadurch,  dafi  man  nun  nicht  blofi 
mit  einem  gewissen  Ich-Erfiihlen  in  der  Gegenwart  lebt, 
sondern  dafi  man  in  der  Zeit  lebt,  da$  man  die  Zeit  in  sein 


Erleben  vollstandig  aufgenommen  hat,  wahrend  im  ge- 
wohnlichen  Erleben  nur  der  gegenwartige  Augenblick  sub- 
jektiv,  der  iibnge  Zeitverlauf  einschliefilich  des  eigenen  Er- 
lebens  seit  der  Geburt  aber  eigentlich  objektiv  ist.  Man  kann 
sehen,  dafi  es  sich  bei  einem  solcben  systematischen  Aus- 
bilden  von  inneren  Erkenntnisfahigkeiten  um  ein  Unter- 
tauchen  in  die  Objektivitat  handelt,  ja,  es  ist  die  erste  Art 
des  Untertauchens  in  die  Objektivitat,  die  darin  besteht, 
da£  man  in  den  Zeitenverlauf  auf  dem  angedeuteten  Ge- 
biete  untertaucht. 

Indem  das  Ich  in  einer  solchen  Weise  sich  steigert,  gelangt 
es  zu  einer  Art  von  Kulmination.  Es  ist  so,  da£  das  Ich 
iibend  zunachst  sich  steigern  muE,  daft  es  aber,  indem  es  sich 
steigert,  einen  Punkt  erreicht,  wo  die  Steigerung  durch  die 
eigene  Gesetzmafiigkeit  der  Sache  aufhort,  indem  von  einem 
gewissen  Punkte  ab  das  Ich  zum  Abschwachen  ganz  von 
selbst  kommt.  Nur  bis  zu  einem  gewissen  Punkte  hin  kann 
das  Ich  in  bezug  auf  sein  Inneres  sich  erfuhlend  steigern; 
dann  kommt  es  dazu,  dieses  Ich-Erfuhlen  wiederum  in  ab- 
sreigender  Kurve  in  einer  Abschwachung  zu  erleben.  Das  ist 
so,  daft  das  Ich  sich  dann  von  dem  eigenen  Erleben,  das  zu- 
nachst da  war  in  dem  Erleben  des  Zeitenstromes,  hinaus- 
begibt  in  ein  nun  nicht  in  den  eigenen  Zeitenstrom  einge- 
schlossenes  Erleben,  sondern  in  ein  Erleben  des  kosmischen 
Weltendaseins.  Dieses  Erleben  ist  dann  ein  solches,  das  zu- 
nachst nicht  in  abstrakten  Verstandesbegriff en  auftritt,  son- 
dern in  etwas,  was  deshalb  Imagination  genannt  werden 
darf,  weil  es  bildhafl  auftritt.  Obwohl  das  Erleben  der  Art 
nach  genau  dasjenige  ist,  was  ich  fur  das  Begreifen  der  Frei- 
heit  in  meiner  «Philosophie  der  Freiheit»  geschildert  habe, 
so  ist  doch  der  Inhalt  dieses  Erlebens  so,  dafi  man  in  dem 
Bildhaften,  das  sich  in  das  Bewufksein  hereinbegibt,  nun 
nicht  einen  eigenen  Inhalt  hat,  sondern  einen  Weltinhalt, 


wie  man  in  der  Sinneswahrnehmung  einen  Weltinhalt  hat. 

Geistesforschung  kann  in  ganz  systematischer  Weise  jeden 
einzelnen  Schritt,  ja  jedes  Schrittchen  angeben,  durch  welches 
sie  sich  bewegt  von  dem  gewohnlichen  Verstandeserkennen 
zu  dem  Auftreten  des  imaginativen  Erkennens.  Wenn  dieses 
imaginative  Erkennen  eintritt,  ist  das  allerdings,  man  darf 
das  schon  sagen,  ein  inneres  Schicksalserlebnis.  Und  damit 
bin  ich  an  einem  Punkte,  wo  ein  Unterschied  anzugeben  ist 
zwischen  dem  Verlauf  des  iibersinnlichen  und  des  gewohn- 
lichen Erkenntnisstrebens,  das  man  heute  als  das  einzig 
objektive  ansehen  mochte.  Dieses  gewohnliche  Erkenntnis- 
streben  macht  man  in  den  meisten  Fallen  ohne  Katastrophen 
und  Peripetien  durch.  Denn,  was  wahrend  des  gewohnlichen 
Erkenntnisstrebens  durchgemacht  wird  mit  Bezug  auf  den 
Vollmenschen,  nicht  auf  den  Kopfmenschen,  das  sind  doch 
Aufterlichkeiten  gegeniiber  dem  eigentlichen  Erkenntnisvor- 
gange.  Man  kann  als  Forscher  gewi£  eine  gewisse  Freude 
und  Befriedigung  haben,  wenn  man  etwas  Neues  gefunden 
hat,  aber  dasjenige,  was  man  da  als  Freude  empfmdet  iiber 
das  Ereignis,  iiber  die  Erflndung,  die  Entdeckung,  das  hangt 
mit  derMethodik  der  Entdeckung  selber  hochstens  ganz  ent- 
fernt  zusammen.  Schliefilich  haben  auch  mit  dem  Erkennt- 
nisverlauf  selber  die  andern  katastrophen-  oder  peripetie- 
ahnlichen  inneren  Erlebnisse,  welche  man  bezeichnen  mull 
als  Examensschmerzen  und  dergleichen,  nichts  zu  tun.  Solche 
Dinge  kann  man  im  gewohnlichen  Erkenntniserleben  haben, 
aber  sie  haben  mit  dem  Erkenntnisvorgang  als  solchem  nichts 
zu  tun.  Dagegen  ist  tatsachlich  dasjenige,  was  einen  von  dem 
gewohnlichen  Verstandeserkennen  in  das  imaginative  Er- 
kennen hineinfuhrt,  etwas,  das  den  ganzen,  den  vollenMen- 
schen  mit  Erlebnissen  durchsetzt,  was  inneres  Schicksal  dar- 
stellt. 

Solch  inneres  Schicksal  erlebt  man  insbesondere  dann, 


wenn  mit  Bezug  auf  irgendeinen  Punkt  dieser  Erkenntnis- 
entwickelung  das  eintritt,  dafi,  nachdem  man  zuerst  mehr 
innerliche  Erlebnisse  hatte,  die  noch  mit  dem  Menschen  zu- 
sammenhangen,  diese  Erlebnisse  sich  hinausversetzen  in  das 
Durchschauen  von  Geheimnissen  des  Kosmos.  Wenn  ich  ein 
Beispiel  anfiihren  sollte,  das  zu  gleicher  Zeit  ein  wenig, 
figurlich  gesprochen,  in  das  Laboratorium  des  Geistesfor- 
schers  hineinfuhrt,  so  mochte  ich  folgendes  sagen.  Es  ist  jetzt 
ziemlich  lange  her,  da  hatte  ich  einen  inneren  Erwagungs- 
und  Urteilsprozefi  durchgemacht,  der  sich  namentlich  damit 
beschaftigte:  Wie  steht  das  seelische  Erleben  bei  demjenigen, 
der  genotigt  ist,  durch  seine  Lebensimpulse  Materialist  zu 
werden,  wie  steht  es  bei  demjenigen,  der  durch  seine  Lebens- 
impulse genotigt  ist,  Idealist  oder  Spiritualist  zu  werden 
-  ich  meine  das  Wort  «spirituell»  jetzt  im  Sinne  des  deut- 
schen  philosophischen  Sprachgebrauchs  oder  wie  verhalten 
sich  iiberhaupt  solche  an  der  Welt  erworbene  Seelenverfas- 
sungen  zueinander?  Ich  versuchte  objektiv  drinnenzustehen 
in  dem  seelischen  Erleben,  das  den  Materialisten,  den  Natu- 
ralisten  ausfullt,  und  wiederum  in  dem  seelischen  Erleben, 
das  den  Idealisten,  den  Spiritualisten  ausfullt;  ich  versuchte 
gewissermafien  hineinzuschlupfen  in  dieSeelenverfassungen, 
die  in  dieser  Weise  sich  des  Menschen  bemachtigen  konnen. 
Nur  auf  diese  Art  lernt  man  eigentlich  die  Welt  des  Seeli- 
schen in  ihrem  Inneren  verstehen,  dafi  man  mit  dem  Mate- 
rialisten freiwillig,  wenn  auch  probeweise,  Materialist  sein 
kann,  dafi  man  auf  der  andern  Seite  Idealist  oder  Spiri- 
tualist in  ebendemselben  Sinne  probeweise  sein  kann.  Man 
bekommt  ein  neues  Verhaltnis  dadurch  zu  der  Art  und 
Weise,  wie  der  Mensch  logisch  dasjenige  zusammenf  afit,  was 
dann  Inhalt  seiner  Weltanschauung  wird. 

Ich  erwahne  dieses  aber  jetzt  nur  in  methodischer  Be- 
ziehung.  Wer  in  ehrlicher,  innerlich  aufrichtiger  Weise  so 


etwas  durchmacht,  wie  ich  es  jetzt  geschildert  habe,  der  er- 
lebt  schon  an  diesen  besonderen  Seelenverfassungen  schick- 
salsmafiige  Dinge,  denn  man  sieht  dann  in  ganz  anderer 
Weise  ein,  warum  Menschen  zum  Materialismus  oder  zum 
Spiritualismus  gedrangt  werden  konnen.  Man  hort  auf,  im 
gewohnlichen  Sinne  kritisch  gestachelt  zu  werden,  eben  nur 
von  seinem  eigenen  Gesichtspunkt  aus  die  andern  abzukan- 
zeln.  Das  fiihrt  das  seelische  Erleben  in  ein  anderes  Niveau 
hinein;  es  wird  umgeartet.  Wenn  man  das  dann  langere 
Zeit  durchmacht,  so  merkt  man,  daft  in  solchen  Medita- 
tionen,  die  aber  das  seelische  Leben  ergreifen,  etwas  liegt, 
das  einen  realen  Seelenprozefi  darstellt  und  das  sich  gerade 
hinbewegt  zur  Entwickelung  der  Fahigkeiten  fiir  objektive 
Erkenntnisimaginationen.  Denn  dadurch,  dafi  sich  gewisser- 
maiften  meine  Seele  so  prapariert  hatte,  wie  ich  geschildert 
habe,  dadurch  artete  sich  die  Seele  so,  daft  vor  ihr  plotzlich 
stand  das  Verstandnis  dafiir,  anschauend  zu  erleben,  wie  in 
dem  sonst  nur  sinnlich-mechanistisch  angeschauten  Gang  der 
Sonne  durch  den  Tierkreis  ein  lebendiger,  ein  kosmisch-orga- 
nischer  Vorgang  liegt.  Was  sonst  nur  in  einem  kosmisch- 
mechanischen  Bilde  angeschaut  werden  kann,  das  wurde 
imaginativ  inhaltsvoll.  Etwas  Neues  sah  ich  in  dem  Kosmos. 
Gerade  bei  einem  solchen  Sich-Erweitern  des  Bewufitseins 
iiber  den  Kosmos  erf ahrt  man  schicksalsmafiig,  was  es  heifit, 
sein  Ich  erst  verstarkt  zu  haben,  indem  man  kraftvoller  ge- 
wisse  Verstandesoperationen  durchgefiihrt  hat,  und  dann 
von  einer  gewissen  Kulmmation  an  dieses  Ich  nun  in  die 
Welt  ausflieften  zu  fiihlen,  so  dafi  man  mit  diesem  Ich  nun 
drinnensteht  in  der  Welt.  Das  ist  ein  Erlebnis,  das  im  Er- 
kenntnis  vor  gang  selbst  etwas  Schicksalsmafiiges  anzeigt,  das 
einen  Erkenntnisvorgang  hervorruft,  der  in  der  Tat  den 
ganzen  Menschen  ergreift;  und  dieses  Zusammenhangen  mit 
dem  ganzen  Menschen,  wahrend  eigentlich  der  gewohnliche 


Erkenntnisvorgang  nur  mit  dem  Kopfmenschen  zusammen- 
hangt,  das  ist  das  unterscheidende  Merkmal.  Ich  wollte  auf 
diese  Weise  nur  aufmerksam  darauf  machen,  wie  nicht  in 
irgendeiner  verschwommenen  Mystik  dasjenige  dargestellt 
werden  soli,  was  zu  den  Erkenntnisimaginationen  fiihrt, 
sondern  wie  dieser  Vorgang  mit  derselben  Exaktheit  ge- 
schildert  werden  kann  wie  das  Auflosen  irgendeines  mathe- 
matischen  Problems.  Und  was  auf  solchen  Wegen  an  Fahig- 
keiten  fiir  Erkenntnisimaginationen  erworben  wird,  das  ist 
so  in  der  Seele  prasent,  wie  mathematisch-geometrische  Ge- 
bilde  mit  aller  Klarheit  und  Durchsichtigkeit  in  der  Seele 
prasent  sind.  Man  hat  nicht  einen  Seeleninhalt,  dem  man 
sich  nur  in  verborgenem,  innerem  Erleben  nebulos  hingibt, 
sondern  einen  so  durchsichtigen  und  mit  der  Aufrechterhal- 
tung  seines  eigenen  Wirklichkeitswertes  verbundenen,  wie 
das  bei  dem  mathematischen  Seeleninhalt  der  Fall  ist. 

Ich  habe  damit  zunachst  in  einer  etwas  aufierlichen  Weise 
geschildert,  wie  in  der  Seele  das  imaginative  Leben  Platz 
greift,das  dann  auf  die  ebenfalls  weiter  zu  schildernde  Weise 
zu  Erkenntnissen  der  iibersinnlichen  Welt  fiihrt.  Ich  mochte 
aber  nie  aus  dem  Auge  verlieren,  zu  zeigen,  daE  mit  dem 
Erringen,  mit  dem  Erstreben  solcher  ubersinnlicher  Er- 
kenntnisarten  nicht  irgend  etwas  gegeben  ist,  was  ganz  will- 
kiirlich  in  unserer  heutigen  Zeit  in  die  Kultur-  und  Zivilisa- 
tionsentwickelung  der  Menschheit  sich  hereinstellen  will, 
sondern  was  aus  dem  Gange  dieser  Zeit  selber  mit  einer  ge- 
wissen  Notwendigkeit  folgt.  Was  heute  nur  in  aller  Be- 
wufttheit,  so  wie  ich  es  geschildert  habe,  als  imaginative  Er- 
kenntnis  errungen  werden  kann,  was  sich  dann  auch  in  Be- 
griffen  aussprechen  kann,  wenn  es  den  Umweg  durch  das 
Bildwesen  genommen  hat,  das  ist  in  fruheren  Entwicke- 
lungsepochen  der  Menschheit  auf  mehr  instinktive  Art  an- 
gestrebt  worden.  Der  Gang  der  Entwickelung  der  Mensch- 


heit  war  so,  daft  altere  Zeiten  ihre  Erkenntnisse  nicht  durch 
jene  logisch-empirischen  Erwagungen  empfangen  haben,  die 
wir  seit  der  Mitte  des  1 5 .  Jahrhunderts  als  die  unseres  rech- 
ten  Weges  anerkennen,  sondern  daft  in  alteren  Zeiten  eine 
Art  instinktiven  Strebens  nach  Imaginationen  und  audi  ein 
Erreichen  solcher  Imaginationen  vorhanden  war. 

Diese  Imaginationen  hat  man  zur  Zeit  dieses  instinktiven 
Geistschauens  nicht  bis  zum  BegrifTe  bringen  konnen.  Daft 
man  sich  in  Begriff  en  so  aussprechen  kann,  wie  wir  das  heute 
wissenschaftlich  gewohnt  sind  aus  dem  begrifTlichen  Bearbei- 
ten  der  unorganischen  Welt,  das  ist  erst  ein  Ergebnis  des 
Galilei-  und  Kopernikus-Zeitalters.  Friiher  hat  man  sich 
nicht  in  Begriff  en  in  dieser  Weise  auszudriicken  vermocht. 
Die  griechischen  BegrifTe  sind  etwas  wesentlich  anderes  ge- 
wesen.  Man  hat  sich  in  Bildern  ausgedriickt,  in  Bildern,  die 
durch  Linien  oder  audi  wohl  durch  Farbenzusammenstel- 
lungen  zustande  gekommen  sind.  Ich  mochte  nur  neben- 
bei  erwahnen,  daft  Erkenntnisse  in  friiheren  Epochen  der 
Menschheitsentwickelung  nicht  so  allgemein,  ich  mochte 
sagen,  demokratisch  behandelt  wurden,  wie  heute  das  Wis- 
sen,  die  Erkenntnis  behandelt  wird,  sondern  daft  sich  die 
Erkennenden  abschlossen  in  kleinere  Gruppen,  die  man  ge- 
wohnt worden  ist,  Geheimgesellschaflen  und  dergleichen  zu 
nennen,  wovon  heute  noch  die  Spuren,  allerdings  nur  mift- 
verstandliche  Spuren,  in  allerlei  Orden  und  ahnlichen  Grup- 
pen vorhanden  sind.  Die  Erkennenden  haben  sich  in  kleine 
Gruppen  abgeschlossen.DiejenigenMenschen,  die  sie  in  diese 
Gruppen  eingelassen  haben,  haben  sie  sorgfaltig  vorbereitet, 
so  daft  sie  gef ahrlos  fur  ihr  moralisches  Leben  zu  diesen  Er- 
kenntnissen,  die  man  f iir  notwendig  hielt,  kommen  konnten. 
Und  es  wurde  in  gewissen,  sagen  wir  symbolischen,  bild- 
haften  Darstellungen  dasjenige  gelehrt,  was  man  in  instink- 
tiven Imaginationen  erleben  konnte.  Solche  Bilder  bildeten 


den  Lehrinhalt  der  alten  Weisheitsschulen,  so  wie  heute 
unsere  Biicher  unseren  Lehrinhalt  bilden,  aber  diese  Lehr- 
mittel  bestanden  eben  durchaus  in  Bildern,  die  aus  dem 
Inneren  des  Menschen  hervorgeholt  waren. 

Ich  mochte,  urn  Ihnen  nicht  im  Unbestimmten  etwas  vor- 
zureden,  an  etwas  ganz  Bestimmtes,  an  ein  einzelnes  Bild 
erinnern:  Da  trat  immer  wiederum  ein  Bild  auf,  das  ge- 
braucht  wurde  fur  die  imaginative  Erkenntnis  des  Erkennt- 
nisvorgangs  beim  Menschen  selber.  Man  schilderte  den  Er- 
kenntnisvorgang  nicht  so  wie  heute  die  Erkenntnistheore- 
tiker.  Man  schaute  ihn  in  einer  Art  instinktiven  Hellsehens 
an,  und  das,  was  man  da  anschaute,  charakterisierte  man 
dadurch,  dafi  man  das  Bild  der  Schlange,  die  sich  in  den 
Schwanz  beifit,  zeichnete.  Ein  wesentliches  Charakteristikon 
desErkennens  war  in  diesemBilde  zu  sehen.  Aber  dieses  Bild, 
wie  ich  es  Ihnen  jetzt  geschildert  habe,  ist  eigentlich  nur  das- 
jenige,  was  dann  mehr  oder  wemger  in  populare  Darstellun- 
gen  ubergegangen  ist.  Die  eigentlichen  symbolischen  Bilder 
haben  sie,  die  Erkennenden,  aus  einem  gewissen  Machtdrang 
heraus,  damit  sie  allein  die  Wissenden  sein  konnten,  die  an- 
dern  dieUnwissenden  sein  sollten,in  denGruppen  sorgfaltig 
geheimgehalten.Das  Bild,  das  eigentlich  gemeint  ist  mit  dem 
Exoterischen  der  Schlange,  die  sich  in  den  Schwanz  beifit,  ist 
ein  solches,  in  dem  die  Schlange  so  gemalt  wird,  dafi  sie  sich 
nicht  nur  in  den  Schwanz  beifit,  sondern  gewissermaften  den 
eigenen  Schwanz  verschlingt.  Immer  so  weit  dieses  Schwanz- 
ende  in  den  Mund  hineingeht,  vergeistigt  es  sich.  Und  es 
erscheint  dann  etwas,  das  man,  wenn  man  die  Schlange  mit 
einer  dichteren  Farbe  aufzeichnet,  mit  einer  diinneren  Farbe 
wie  eine  Art  Aura  der  Schlange  hinzuzumalen  hatte.  Man  be- 
kommt  dadurch  ein  kompliziertes  Gebilde,  das  aber,  wenn 
man  es  mit  einfachen  Worten  charakterisieren  will,  mit 
den  Worten  charakterisiert  werden  mull,  die  heute  morgen 


Dr.  Unger  in  seinem  Vortrage  gebraucht  hat,  indem  er  sich 
fortwahrend  fur  dieses  Wo
…[truncated]