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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
OFFENTLICHE VORTRAGE
RUDOLF STEINER
Antworten der Geisteswissenschaft
auf die grofien Fragen des Daseins
Fiinfzehn bffentliche Vortrdge
Berlin, 20. Oktober 1910 bis 16. Mdrz 1911
1983
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Mitschriften,
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgten K. Boegner und E. Frobose
1. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1959
2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1983
Einzelausgaben
Vortrag III und IV: «Menschenseele und Tierseele.
Menschengeist und Tiergeist», Stuttgart 1949
Vortrag VI: «Der Geist im Pflanzenreich», Stuttgart 1948
Vortrag XI: «Was hat die Geologie iiber die Weltentstehung zu sagen?»,
Stuttgart 1949
Vortrag IX, XII-XIV unter dem Titel:
«Wendepunkte des Geisteslebens».
1. Auflage, Dornach 1927; 2. Auflage, Dresden 1940;
3. Auflage, Freiburg i. B. 1954
Bibliographie-Nr. 60
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafivenvaltung, Dornach/Schweiz
© 1959 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Konkordia GmbH, Buhl/Baden
ISBN 3-7274-0600-3
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geistes-
wissenschaft bilden die von Rudolf Steiner (1861 — 1925) ge-
schriebenen und veroffentlichten Werke. Daneben hielt er
in den Jahren 1900 bis 1924 zahlreiche Vortrage und Kurse,
sowohl offentlich wie auch fiir die Mitglieder der Theoso-
phischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst
wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei gehaltenen
Vortrage nicht schriftlich festgehalten wurden, da sie als
«mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» ge-
dacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige
und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbrei-
tet wurden, sah er sich veranlafk, das Nachschreiben zu re-
geln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von
Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographierenden,
die Verwaltung der Nachschriften und die fiir die Heraus-
gabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner
aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschrif-
ten selbst korrigieren konnte, mull gegenuber alien Vor-
tragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt wer-
den: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, dafi
in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehler-
haftes findet.»
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde
gemafi ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf
Steiner Gesamtausgabe begonnen. Der vorliegende Band
bildet einen Bestandteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erfor-
derlich, finden sich nahere Angaben zu den Textunterlagen
am Beginn der Hinweise.
INHALT
Zu dieser Ausgabe 8
I. Das Wesen der Geisteswissenschaft und ihre
Bedeutung fur die Gegenwart.
Berlin, 20. Oktober 1910 9
II. Leben und Tod.
Berlin, 27. Oktober 1910 39
III. Menschenseele und Tierseele.
Berlin, 10. November 1910 68
IV. Menschengeist und Tiergeist.
Berlin, 17. November 1910 95
V. Das Wesen des Schlafes.
Berlin, 24. November 1910 125
VI. Der Geist im Pflanzenreich.
Berlin, 8. Dezember 1910 157
VII. Wie erlangt man Erkenntnis der geistigen Welt?
Berlin, 15. Dezember 1910 186
VIII. Anlage, Begabung und Erziehung des Menschen.
Berlin, 12. Januar 1911 220
IX. Zarathustra.
Berlin, 19. Januar 1911 252
X. Galilei, Giordano Bruno und Goethe.
Berlin, 26. Januar 1911 284
XI. Was hat die Geologie iiber die Weltentstehung zu
sagen?
Berlin, 9. Februar 1911 315
XII. Hermes.
- Berlin, 16. Februar 1911 345
XIII. Buddha.
Berlin, 2. Marz 1911 376
XIV. Moses.
Berlin, 9. Marz 1911 410
XV. Was hat die Astronomie iiber Weltentstehung
zu sagen?
Berlin, 16. Marz 1911 441
Hinweise 478
Personenregister 487
Ausfiihrliche Inhaltsangaben 490
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . . 495
ZUDIESER AUSGABE
Die Vortrage dieses Bandes gehoren dem Teil von Rudolf Steiners
Vortragswerk an, mit dem er sich an die Offentlichkeit wandte.
«Berlin war der Ausgangspunkt fur diese offentliche Vortragstatig-
keit gewesen. Was in anderen Stadten mehr in einzelnen Vortragen
behandelt wurde, konnte hier in einer zusammenhangenden Vor-
tragsreihe zum Ausdruck gebracht werden, deren Themen ineinan-
der ubergriffen. Sie erhielten dadurch den Charakter einer sorgfaltig
fundierten methodischen Einfuhrung in die Geisteswissenschaft und
konnten auf ein regelmafiig wiederkehrendes Publikum rechnen,
dem es darauf ankam, immer tiefer in die neu sich erschliefienden
Wissensgebiete einzudringen, wahrend den neu Hinzukommenden
die Grundlagen fur das Verstandnis des Gebotenen immer wieder
gegeben wurden.» (Marie Steiner).
Die vorliegenden wahrend des Winterhalbjahres 1910/11 gehalte-
nen 15 Vortrage bilden die achte der offentlichen Vortragsreihen,
welche Rudolf Steiner in Berlin seit 1903 regelmafiig durchfiihrte.
Kurz zusammengefafit wird darin folgendes dargestellt:
Geisteswissenschaft gibt ein neues Weltbild. Der Tod ist fur sie
Keim eines neuen Lebens. Die menschliche Seele wachst uber das
Gattungsmafiige des Tieres hinaus. Im Menschen ersteht die Ich-
kraft, die im Sinnesleben, in der Sprache, im sittlichen Leben wirk-
sam ist. Die Geheimnisse des Schlafes enthiillen sich ebenso wie die
des Erdeniebens. Der Mensch kann in eine hohere Welt, zu hoheren
Bewulkseinserlebnissen vordringen und die Erziehung gewinnt da-
durch eine neue Aufgabe: die Pflege des Unverganglichen im Men-
schenwesen. Geisteswissenschaft lehrt die geistigen Fiihrer des Men-
schengeschlechtes wie Zarathustra, Hermes, Buddha, Moses neu zu
verstehen. Sie weckt Verstandnis fur die Kiinder der abendlandi-
schen Kultur wie Galilei, Giordano Bruno und vor allem Goethe.
Weltentstehung und Sternenwelt erscheinen in neuem Lichte. Das
Weltbild der Naturwissenschaft wird uberhoht durch das der Gei-
steswissenschaft, welches das Geistige hinter aller Erscheinung als
wirksam erweist.
DAS WESEN DER GEISTESWISSENSCHAFT
UND IHRE BEDEUTUNG FOR DIE
GEGENWART
Berlin, 20. Oktober 1910
Schon seit mehreren Jahren wird hier von diesem Orte
aus die Wintermonate hindurch von mir der Versuch ge-
macht, Vortrage iiber ein Gebiet zu halten, welches ich mir
gestatte mit dem Namen der Geisteswissenschaft zu bezeich-
nen. Audi in diesem Winter soil von diesem Gesichtspunkte
aus in der Reihe der Ihnen angekiindigten Vortrage wie-
derum ein Bild gegeben werden von Tatsachen der geistigen
Welt. Es soli betrachtet werden, was zu den grofien Fragen
des Daseins gehort: das Verhaltnis von Leben und Tod,
von Schlaf und Wachen, von Menschenseele und Tierseele,
Menschengeist und Tiergeist und Geist im Pflanzenreich.
Es soil dann betrachtet werden das Wesen der menschlichen
Entwickelung durch die verschiedenen Lebensalter, durch
Kindheit, Jugend und die spateren Lebensjahre, der Anteil
der Erziehung an dem Hauptcharakter des Menschen. Es
soil das Geistesleben beleuchtet werden, indem der Blick
hingewendet wird zu grofien Individualitaten der Mensch-
heitsentwickelung, zu Zarathustra, Moses, Galilei, Goethe.
Es soil versucht werden an einzelnen Beispielen zu zeigen,
welches Verhaltnis das, was hier Geisteswissenschaft ge-
nannt wird, zur Naturwissenschaft hat: an dem Beispiel
der Astronomie und der Geologic Und dann soil versucht
werden zu sagen, was aus den Quellen der Geisteswissen-
schaft selbst iiber die Ratsel des Lebens zu sagen ist. Diesen
Betraditungen ging in jedem Jahre eine Art orientierender,
allgemeiner Betrachtung voraus. Dieser Gepflogenheit soil
audi in diesem Jahre gefolgt werden, indem heute gespro-
dien wird iiber die Bedeutung der Geisteswissensdiafl, ihr
Wesen und ihr Verhaltnis oder - man konnte audi sagen -
ihre Auf gabe innerhalb der versdiiedenen geistigen Bediirf-
nisse der Gegenwart.
In dem Sinne, wie hier von Geisteswissensdiafl gespro-
chen wird, darf man wohl sagen, dafi Geisteswissensdiafl
heute noch in den weiten Kreisen unserer Menschheit eine
recht unbeliebte Sadie ist. Zwar spricht man wohl audi
aufierhalb derjenigen Gesiditspunkte, die hier eingenom-
men werden sollen, von «Geisteswissenschafl». Man ver-
steht zum Beispiel unter Geschichte etwas, was man mit
dem Namen Geisteswissensdiafl belegt, und wohl audi
unter noch anderen Wissensgebieten der Gegenwart. In an-
derem Sinne als gewohnlich von Geisteswissensdiafl ge-
sprochen wird, soil das hier gesdiehen. Wenn man heute
von «Geisteswissenschaffc» spricht und den Namen etwa
auf Geschichte anwendet, so wird man im aufiersten Falle
zugeben, dafi neben dem, was der menschlichen Beobach-
tung, der Sinnes- und Verstandeserfahrung vorliegt, fur
die Geschichte noch gewisse grofie Tendenzen in Betracht
kommen, die sich wie Krafle im Strom des Weltgeschehens
hindurch wirksam zeigen und gleichsam die Geschicke der
einzelnen Volkerschaflen und der einzelnen Staaten bewir-
ken. Man spricht wohl auch von allgemeinen Ideen in der
Geschichte und im menschlichen Leben. Wer sich besinnt,
was in solchem Falle gemeint ist, der wird bald darauf
kommen, dafi abstrakte Ideen gemeint sind, an was man
appelliert, wenn man von den Kraflen, von dem Wesen-
haflen spricht, von dem, was die menschlichen Geschicke
leitet. Es sind in gewisser Beziehung allgemeine Ideen, zu
weldien die menschliche Verstandesf ahigkeit ein Erkennt-
nisverhaltnis gewinnen kann.
In anderem Sinne wird hier von Geisteswissenschaft
gesprochen, indem als geistige Welt vorausgesetzt wird
eine Welt, welche wesenhafl ist, wie die Menschenwelt in-
nerhalb des physischen Daseins wesenhafl ist. Es wird ge-
zeigt werden: wenn man hinausgeht mit dem menschlichen
Erkenntnisvermogen iiber das, was der aufieren Sinnes-
beobachtung, der Verstandeserfahrung sidi darbietet, und
zu den leitenden Kraften des Menschen- und Weltendaseins
iiberhaupt geht, dafi man nidit zu Abstraktionen, zu saft-
und kraftlosen Begriffen blofi kommt, sondern zu etwas
Wesenhaftem, zu etwas, was lebendig, inhaltsvoll, geistig
mit Dasein durchtrankt ist wie das Wesen des Menschen
selber. Also von einer geistigen Welt mit realem Dasein
wird hier gesprochen. Und eben das macht es, dafi die Gei-
steswissensdiaft fur die Standpunkte der weitesten Kreise
unseres gegenwartigen Geistesstrebens keine beliebte Sache
ist. Es ist ja noch das Geringste, wenn man diejenigen, die
sich auf solche geisteswissenschaftlichen Forschungswege
begeben, als Schwatzer, als Traumer oder Phantasten be-
zeichnet. Und es ist heute noch etwas Gewohnliches, zu
sagen, dafi alles, was als strenge Methode, was als wirk-
liche Wissenschaftlichkeit auf diesem Boden auftritt oder
sich dafur ausgeben will, eine ziemlich zweifelhafte
Sache ist.
Grofie, gewaltige Fortschritte haben ja auf die Mensch-
heit immer, zu alien Zeiten, eine grofie suggestive Wirkung
auch in bezug auf alles Denken, Fiihlen und Empfinden
ausgeiibt. Und wenn wir auf die grofien Fortschritte im
allgemeinen Menschenleben in den letzten Zeiten - wir
konnen fast sagen in den letzten Jahrhunderten - hin-
blicken, so liegen sie nicht auf dem geisteswissenschaftlichen
Gebiet, von dem hier gesprochen werden soli, sondern
vielmehr auf demjenigen Gebiet, auf das die Menschheit
heute - und zwar wie gleidi betont werden soil - mit
vollem Recht so stolz ist und auf das sie noch grofie Hoff-
nungen fur die Fortentwickelung der Menschheit in der
Zukunft setzt. Es liegen diese Fortschritte der letzten Jahr-
hunderte bis in unsere Tage hinein auf dem Gebiet, das aus
den Naturwissenschaften herauswachst. Wenn man denkt,
wie gewaltig alles ist, was heute nicht nur theoretisch auf
naturwissenschaffclichem Gebiet fiir die menschliche Er-
kenntnis gewonnen ist und was verspricht aus dem natur-
wissenschaftlichen Boden noch gewonnen zu werden, und
wenn man aufierdem in die Waagschale legt, welche grofie
Bedeutung diese naturwissenschaftHchen Errungenschaften
fiir das aufiere Leben haben, so mufi man sagen: der Segen,
das Bedeutungsvolle dieses naturwissenschaftHchen Fort-
schrittes konnte und mufke eine suggestive Macht auf das
menschliche Gemiit in unserer Zeit ausiiben. So ist es denn
gekommen, dafi diese suggestive Wirkung auch nach einer
andern Seite sich geaufiert hat. Hatte sie sich nur dahin
geaufiert, dalS das Menschengemiit vor alien Dingen etwas
empfand wie eine Art weltlichen Kultus gegenuber diesen
gewaltigen Fortschritten, wer konnte auch nur einSterbens-
wortchen dagegen sprechen? Aber es hat sich diese sug-
gestive Macht auch nach jener Richtung geaufiert, dafi nicht
nur anerkannt wird, was die naturwissenschaftliche For-
schung und der daraus folgende Fortschritt fiir unsere Zeit
bedeutet, sondern es hat sich nach der Richtung ausgelebt,
dafi in den weitesten Kreisen der Glaube entstanden ist,
dafi alle Erkenntnis, alles Wissen der Menschheit nur auf
demjenigen Boden gewonnen werden kann, der heute eben
als der naturwissenschaftliche anerkannt wird. Und weil
man von diesem Glauben aus zu dem Schlusse sich berech-
tigt glaubt, dafi mit diesen naturwissenschaftlichen Me-
thoden die geisteswissensdiaftlidien in Widersprudi stehen,
dafi es unmoglich sei fiir den, der auf naturwissenschaft-
lidiem Boden steht, uberhaupt von der Erforschung einer
geistigen Welt zu sprechen, so ist in den weitesten Kreisen
das Vorurteil verbreitet, dafi Geisteswissenschaft gegen-
iiber den berechtigten Anforderungen der Naturwissen-
schaft abgelehnt werden miisse. Bei dieser Ablehnung kann
es vor alien Dingen auf fallen, dafi man etwas aufierordent-
Hch schwer in die Waagschale Fallendes geltend macht.
Die naturwissenschaftliche Methode, so wird gesagt, sei
eine solche, deren Forsdiungsresultate, deren Erkenntnisse
von jedem Menschen in jedem beliebigen Zeitpunkt nach-
gepriift werden konnen, und dafi bei der Gewinnung dieser
Erkenntnisse, dieser Forschungsresultate nichts mitspielen
darf von dem, was im subjektiven Mensdien als Emp-
finden, Sympathie oder Antipathie, Sehnsucht oder Begier-
den waltet. Dafi nichts sich einmischen darf von der Vor-
aussetzung: man mochte dieses Resultat so oder so haben;
ausschliefien miisse sich. das menschliche Element von der
Forschung und rein die Objektivitat der Dinge sprechen
lassen, wenn es sich urn Ergebnisse naturwissenschaftlicher
Forschung handele.
So ohne weiteres kann die Geisteswissenschaft diese For-
derung nicht aufstellen. Fiir denjenigen, der sich rasch ein
Urteil iiber das Allgemeingiiltige dieser Forderung bildet,
wird einfach schon der Grund hinlanglich sein, die Geistes-
wissenschaft abzulehnen, dafi sie dieser Forderung nicht
geniigen kann. Warum ist das so? Die Naturwissenschaft
hat die Gegenstande ihrer Forschung, von denen sie spricht,
um den Menschen herum. Sie geht von demjenigen aus,
was vor jeden Menschen hingestellt werden kann, woriiber
jeder Mensch mit den naturwissenschaftlichen Methoden
nachdenken kann, wenn er vor die Sadie gefiihrt wird.
Und es ist scheinbar ganz gleichgiiltig, mit welchen Voraus-
setzungen der Mensch an das herantritt, was da in seiner
Umgebung dem Blickfelde sich darbietet. Es ist gerade das,
was sich in der allgemeinen Forderung ausspricht: Natur-
wissenschaftliche Erkenntnis mufi fiir jeden Menschen in
jedem beliebigen Zeitpunkte nachgepriift werden konnen.
Wie die Naturwissenschaft ihre Resultate gewinnt, in
der Art, in welcher sie vorgeht, kann audi die wahre
Geisteswissenschaft gar nicht vorgehen. Sie kann zunachst
nicht sagen: Es ist notwendig, dafi ihre Ergebnisse von
jedem Mensdien in jeder Zeit nachgepriift werden konnen.
Denn sie mufi voraussetzen, dafi diese Ergebnisse, diese
Forschungsresultate dadurch gewonnen werden, dafi der
Mensch gerade sein Inneres nicht als ein Festes, als ein Ab-
geschlossenes betrachtet, dafi er seine subjektive Wesen-
heit nicht als etwas Fertiges ansieht, sondern sich sagt:
Meine subjektive Wesenheit, diese ganze Summe meines
Seelendaseins, wie ich sie der Welt entgegensetzen kann,
ist nichts Abgeschlossenes, nichts Fertiges, sie kann ent-
wickelt werden, das Seelenleben kann vertieft werden. Das
Seelenleben kann so verlaufen, dafi dasjenige, was man
findet, wenn man die Sinne auf die aufiere Welt richtet
und den Verstand auf das anwendet, was die Sinne sagen,
nur gleichsam eine Unterlage ist fiir weitere Seelenerfah-
rungen. Weitere Seelenerf ahrungen ergeben sich dann, wenn
sich die Seele in sich selber vertieft, an sich selber arbeitet,
wenn sie die unmittelbare Lebenserfassung nur als einen
Ausgangspunkt betrachtet und dann durch Krafte, die zu-
nachst in ihr schlummern, die aber herausgeholt werden
konnen, sich durch Stufen des Daseins ringt, die nicht so
angeschaut werden konnen, dafi man sie durch ein aufieres
Auge nachpriifen konnte.
Was also der Geistesforscher zur Vorbereitung fur seine
Studien durchmachen muE, ist ein innerliches Ringen der
Seele, das ganz und gar unabhangig ist von dem, was der
Mensch selber in sich hat. Wenn man also von Wissenschaft
iiberhaupt verlangt, dafi der Mensch nichts hinzubringen
soli zu den Ergebnissen, die sich ihm aufierlich vorstellen,
so konnte von Geisteswissenschaft gar nicht die Rede sein.
Wer sich aber ein wenig besinnt und sich fragt: Welches ist
denn der wichtigste Teil der Forderungen, welche da fiir
die Geisteswissenschaft geltend gemacht werden, - konnte
sich sagen, dafi ihreErgebnisse fiir jedenMenschenGiiltigkeit
haben, dafi sie nicht der personlichen Willkiir dieser oder
jener Menschenindividualitat unterliegen, und nicht blofi
eine Bedeutung haben fiir das Innenleben dieses oder jenes
Menschen, sondern eine Bedeutung fiir alleMenschen haben.
Das ist ja das Bedeutsame bei allem Wissenschaftlichen,
dafi es nicht blofi bei dem gilt, dem sich die Gegenstande
der Wissenschaft vor Augen stellen, sondern dafi, wenn
die Gegenstande erforscht sind, dies zu Erkenntnissen fuh-
ren kann, die fiir alle Menschen Giiltigkeit haben konnen.
Wenn es nun wahr ware, dafi das, was so als Entwicke-
lung des Menschen charakterisiert worden ist, nur subjektiv
ware, nur fiir den einen oder andern Menschen Geltung
habe, und dafi ihm so auch nur ein personlicher Glaube zu-
kame, so konnte von Geisteswissenschaft auch wirklich nicht
gesprochen werden. Es wird sich uns aber in diesem Winter
auch noch zeigen, dafi dieses Innenleben des Menschen,
das Ringen der Seele aus Kraften heraus, die zunachst
schlummern, die aber erwachen konnen, sich entfalten und
entwickeln und dann den Menschen von Erlebnis zu Er-
lebnis fiihren kann, und dafi dieses Seelenleben noch auf-
steigen kann zu einer Stufe, wo seine Erlebnisse eine ganz
bestimmte Eigentumlichkeit haben.
Wenn wir das Mensdienleben betraditen, wie es sidi im
Innern der Menschenseele abspielt, so ist es zunachst ein ganz
personliches, fur den einen so, fiir den andern anders. Wer
eine gesunde Selbstbesinnung hat, wird bei diesem oder
jenem, was in seiner Seele an Sympathie oder Antipathie
aufsteigt, was gleichsam nur eine personliche Note hat,
sidi klar sein konnen, daft dieses und wie es der Fall ist.
Aber das innere Erleben fuhrt zu einem gewissen Punkt,
wo gerade eine methodisch getriebene Selbsterkenntnis, ein
reines, von Personlichem unbeeinflufites Selbsterkennen sich
sagen mufi: das Personliche ist eben abgestreifl, bildet ein
besonderes Gebiet, aber man kommt dann an einen be-
stimmten Punkt, wo fiir das innere Erleben, fiir das uber-
sinnliche Erleben geradeso die Willkiir aufhort, wie sie
aufhort, wenn man diesen oder jenen sinnenfalligen Er-
sdieinungen gegeniibertritt, und wo man audi nicht denken
kann, wie man will, sondern in Gemafiheit des Gegenstan-
des denken mufi. So kommt der Mensch auch innerlich,
seelisch in eine gewisse Sphare, auf ein gewisses Gebiet, wo
er sich deutlich bewufit wird, daft nicht mehr seine person-
liche Subjektivitat spricht, sondern daft jetzt nicht sinn-
lich anschaubare, aber iibersinnliche Wesenheiten und Krafte
sprechen, fiir die seine Individuality ebensowenig Bedeu-
tung hat, wie sie Bedeutung hat fiir das, was die aufieren
Sinnesgegenstande sagen. Diese Erkenntnis mufi allerdings
gewonnen werden, wenn von dem Rechte gesprochen wer-
den soli, dafi dasjenige, was iiber die geistige Welt gesagt
wird, uberhaupt den Namen Wissenschaft tragt. Es sollen
auch in diesem Winter diese Vortrage wieder ein Beweis
dafiir sein, dafi die Betrachtungen iiber die Erforschung
der geistigen Welt eine Wissenschaft genannt werden darf.
So muB man sagen, Geisteswissenschaft ist ihrem Wesen
nach auf dem begrundet, was durch die menschliche Seele
erforscht werden kann, wenn diese in ihrem innerlidien
Ringen und Erleben zu einem Punkte gekommen ist, an dem
das Personliche nicht mehr bei den Betrachtungen der gei-
stigen Welt mitspricht, sondern wo sie sich von der geistigen
Welt selber ihre Eigentiimlichkeiten sagen lafit. Wenn man
die Geisteswissenschaft dann einmal vergleichen wird mit
der Naturwissenschaft, so wird mancher vielleicht sagen:
Dann fehlt aber doch der Geisteswissenschaft das wichtige
Kennzeichen, dafi sie auf alle Mensdien einen iiberzeugen-
den Eindruck machen kann, welches bei der Naturwissen-
schaft aus dem Grunde vorhanden ist, dafi man iiberall,
wo naturwissenschaftliche Resultate auftreten, das Bewulk-
sein hat: Wenn du das audi nicht selber erforscht und
gesehen hast, so konntest du doch, wenn du auf die Stern-
warte oder in das Laboratorium gingest und dich des Fern-
rohres und des Mikroskopes bedientest, das in derselben
Weise erkennen wie der, welcher dir die Mitteilung ge-
macht hat. Und es konnte weiter gesagt werden: Wenn
auf dem Wege der Geisteswissenschaft der Beweis ein rein
inner licher ist, und die Seele mit sich ringt, bis sie sagt:
jetzt gibst du nichts mit von deiner PersonHchkeit zu dem,
was dir die Gegenstande sagen, -es bleibt doch ein einzelnes
Ringen. Und dem, der auf diesem Wege zu gewissen Er-
gebnissen gelangt ist, oder wem der geisteswissenschaft-
liche Forscher diese Ergebnisse mitteilt, dem miifke man
sagen: Fur mich bleiben diese Ergebnisse ein unbekanntes
Land, bis ich selber aufsteige zu demselben Punkte!
Audi dieses - das soil sich uns noch zeigen - ergibt sich
uns als ein unrichtiger Einwand. Gewifi, es gehort dieses
einsame Ringen der Menschenseele, dieses Blofilegen von
in der Menschenseele schlummernden Kraften dazu, um in
die geistige Welt, wo sie objektiv zu uns spricht, hinauf-
zudringen. Aber die geistige Welt ist so: Wenn die geistes-
wissenschaftlichen Resultate mitgeteilt werden, dann bleiben
die Ergebnisse nicht etwa wirkungslos. Was aus einer durch
die geisteswissenschaftliche Forschung gepriiften Menschen-
seele als Mitteilungen zu andern Seelen tritt, kann von
jeder Seele wleder, in einem gewissen Sinne allerdings,
nachgepriift werden, nicht so, dafi man im Laboratorium
sehen kann, was der andere gefunden hat, sondern so, dafi
man es einsehen kann. Denn in jeder Seele lebt ein unbe-
fangener Wahrheitssinn, eine gesunde Logik, eine gesunde
VerniinfKgkeit. Und wenn die Ergebnisse der Geistesfor-
schung in gesunde Logik gekleidet werden, in das, was zu
unserem gesunden Wahrheitssinn spricht, dann klingt in
jeder Seele oder kann wenigstens in jeder unbefangenen
Menschenseele eine Saite mitklingen mit der mitteilenden
Seele. Man kann sagen: Jede Seele ist in sich selber veran-
lagt, wenn sie sich audi noch nicht dem gekennzeichneten
einsamen Ringen hingegeben hat, durch eine unbefangene
Logik und durch einen gesunden Wahrheitssinn in sich auf-
zunehmen, was von der Geisteswissenschaft mitgeteilt wird.
Wenn auch ganz gewifi zugegeben werden mufi, dafi im
weitesten Umkreis, in dem heute dieses oder jenes von der
Geisteswissenschaft getrieben wird, bei der Aufnahme der
Mitteilungen der Geistesforschung nicht uberall dieser ge-
sunde Wahrheitssinn und diese gesunde Logik herrschen,
so ist das ein Mangel einer jeden Geistesbewegung. Im
Prinzip ist es aber durchaus richtig, was gesagt ist. Ja, im
Prinzip sollte sogar beachtet werden, dafi es zu Irrtumern
uber Irrtumern fiihren mufi, wenn leichten Herzens und
mit einem blinden Glauben das entgegengenommen wird,
was so oft heute als Geisteswissenschaft an die Menschheit
herangebracht wird. Wer wirklich auf dem Boden der
Geisteswissenschaft stent, fiihlt sich in strenger Art ver-
pflichtet, logisch und vernunftgemafi das mitzuteilen, was
er zu sagen hat, so dafi es wirklich von einem gesunden
Wahrheitssinn und von aller Logik gepriift werden kann. -
So haben wir also von einer Seite das Wesen der Geistes-
wissenschaft dadurch bezeichnet, dafi wir gezeigt haben,
wie ihre Resultate gefunden werden miissen.
Dafi es nun eine solche objektive Tatsache des Geistes gibt,
kann ja nur diese Wissenschaft selber belegen. Darauf aber
soli jetzt schon aufmerksam gemacht werden, dafi diese
Wissenschaft eben zu dem fiihrt, was wir den realen, den
wirklidien Inhalt der geistigen Welt nennen, einen Inhalt,
der lebendig erfullt ist von solcher Wesenhaftigkeit, wie
etwa ein Menschenwesen selber von Wesenhaftigkeit er-
fiillt ist. Von diesem Gesichtspunkte aus ist sich die Geistes-
wissenschaft dariiber klar, dafi allem aufieren, physisch-
sinnlidien Dasein, allem Dasein, von dem uns die Sinne
sprechen und die verstandesmafiige Erfahrung, zuletzt eine
geistige Welt zugrunde liegt, dafi der Mensch so wie alle
anderen Dinge aus dieser geistigen Welt herausgeboren ist,
sich herausentwickelt hat, so daft also hinter der sinnen-
falligen Welt, hinter dem, was man gewohnlich das phy-
sische aufiere Dasein nennt, das Gebiet der geistigen Welt
sich ausdehnt. Wenn nun die Geisteswissenschaft allmahlich
dazu ubergeht, aus ihren Beobachtungen heraus zu zeigen,
wie es sich in dieser geistigen Welt ausnimmt, wie die gei-
stige Welt unserer sinnenfalHgen zugrunde liegt, dann fangt
eben in vielen Kreisen unserer Gegenwart die Abneigung,
die Antipathie an, was im Eingange der heutigen Betrach-
tung damit bezeichnet wurde: In weiten Kreisen der Gegen-
wart ist die Geisteswissenschaft eine ziemlich unbeliebte
Sache. Und es ist keineswegs schwer zu begreifen, dafi
dieser Geisteswissenschaft heute noch ein gewaltiger Wider-
stand entgegengebracht wird. Es ist durchaus selbstver-
standlich und nicht nur selbstverstandlich aus dem Grunde,
weil dasjenige, was in einer gewissen Beziehung, wie die
Geisteswissensdiaft, neu dem menschlichen Kulturleben sich
einverleibt, immer mit einer gewissen Zuriickdrangung be-
handelt worden ist wie alle kleinen und grofkn Errungen-
schaften der Menschheit; sondern weil es in der Tat recht
vieles gibt im Umkreis der Vorstellungen, die der Mensch
heute zum Beispiel aus der naturwissenschaftlichen Beob-
achtung gewinnt, was gerade die Notwendigkeit hervor-
ruft, dafi sich der, der glaubt, ganz auf dem Boden der Na-
turwissenschafl zu stehen, in lauter Widersprtiche verwickelt
findet, wenn er von dem hort, was die Geisteswissensdiaft
sagt. Wer selbst auf dem Boden der Geisteswissensdiaft
stent, zweifelt gar nicht, daft mit einem gewissen Rechte
Hundert und aber Hundert von sogenannten Widerlegun-
gen dieser Geisteswissensdiaft aufgebracht werden konnen.
Nur wie in Parenthese mochte ich einfiigen, dafi ich selber
in der nadisten Zeit an verschiedenen Orten und audi hier
einmal, damit Klarheit in die angeregte Frage gebracht
wird, zwei Vortrage halten werde, wovon der erste lauten
wird: «Wie widerlegt man Theosophie?» und der andere:
«Wie begriindet man Theosophie?» Probeweise soli das ge-
schehen, damit einmal gezeigt wird, wie der, der auf dem
Boden der Geisteswissensdiaft stent, wirklich alles zu-
sammentragen kann, was an Widerlegungen gegeniiber
der Geisteswissensdiaft aufgebracht werden kann. Ja, ich
mochte sagen mehr noch als das, was schon angefiihrt
worden ist, ist dies der Fall, dafi die Widerlegungen der
Geisteswissensdiaft, wie man gewohnlich heute von Wider-
legungen spricht, in bezug auf ihre verschiedenen Resultate
gar nicht so sonderlich schwierig sind. Es ist leicht, die
geisteswissenschaftlichen Forschungen zu widerlegen.
Ich mochte diese Widerlegungen nicht direkt vergleichen,
aber um zu verdeutlichen, was ich sagen will, anknup-
fen an etwas, was einem oft auffallt, wenn man Werke
von gewissen Philosophen liber die Hegelsche Philosophic
liest. — Ich will hier nicht iiber das sprechen, was an der
Hegelschen Philosophie bedeutungsvoll ist, was wahr ist
und was Irrtum ist; das wollen wir dahingestellt sein las-
sen. - Es wird unter den Kennern Hegels doch wenige
geben, die nidit anerkennen, dafi sie es in Hegel mit einem
bedeutenden Geist zu tun haben. Nun findet sidi in Hegels
Schriften ein merkwiirdiger Satz, der sozusagen einen tie-
fen Eindruck auf die machen kann, welche leichten Herzens
Hegel wider legen wollen. Und dieser Satz lautet: «Alles
Wirkliche ist veriinftig!» Nun denken wir einmal, man
mochte sagen, welch innerlidies Ladien ein soldier Satz her-
vorrufen mufi bei dem, der gern widerlegt! Ein Philosoph
soil grofi sein, der soldien Unsinn spridit: «Alles Wirkliche
ist vernunfKg!» Man braudit nur einen einzigen Blick in die
Welt zu lenken und wird sehen, wie unverniinftig dieser
Satz ist! Es gibt eine einfache Methode, um die Richtig-
keit dieses Satzes zu widerlegen, und die besteht darin, dafi
man selbst eine kniippeldicke Dummheit madit. Denn
davon kann man behaupten, es sei ganz gewifi nicht ver-
niinftig. Soil die Tatsadie, dafi eine Widerlegung leicht
wird, denn audi dazu fuhren, dafi sie einfadi leidit ge-
nommen und leicht als bedeutungsvoll genommen werde?
Das ist eine ganz andere Frage, die sich vielleicht dadurdi
beantwortet, dafi man sidi folgendes iiberlegt: Sollte denn
wirklidi Hegel — man mag sidi zu Hegel stellen wie man
will - so dumm gewesen sein, dafi er nicht eingesehen hatte,
was es gegen diesen Satz als Widerlegung gibt? Sollte er
wirklich geglaubt haben, dafi kein Mensch eine kniippel-
dicke Dummheit madien kann? Sollte man nidit selbst ver-
anlafk sein, einmal darauf einzugehen, in weldiem Sinne
Hegel diesen Satz gemeint haben kann, und dafi man mit
einer solchen Widerlegung gar nidit das trifft, was ge-
meint ist ?
So konnte es audi bei vielen Dingen der Geisteswissen-
schaft sein. Um an etwas Konkretes anzukniipfen: Die
Geisteswissenschaft muE voraussetzen - das kann heute
nur angefiihrt werden -, dafi das, was wir im Menschen
als das Werkzeug des Denkens, des Vorstellens, des Fiihlens
und des Wollens anerkennen, namlich das Nervensystem mit
dem Gehirn, herausgebaut ist aus emem Geistigen, dalS Ge-
hirn und Nervensystem Werkzeug sind eines Wesenhaften,
das man nicht in der Sinneswelt aufzeigen kann, son-
dern das durch die charakterisierten Methoden der Geistes-
wissenschaft erforscht werden mulS. Die Geisteswissenschaft
mufi also zuriickgehen von dem, was die aufiere, auf
die sinnenfalligen Erscheinungen sich stiitzende Wissen-
sdiaft iiber Gebirn und Nervensystem zu sagen weifi, auf
etwas, was im Menschen als Seelisch-Geistiges selbst arbei-
tet, was nicht mehr mit den Sinnen erforscht werden kann,
was nur auf den inneren Wegen der Seele erforscht wer-
den kann. Es ist nun wirklich kinderleicht zu widerlegen,
was die Geistesforschung iiber ein t)bersinnliches erzahlt,
das dem menschlichen Gehirn zugrunde liegt. Man kann
sagen: Alles, was du da redest, ist selbst nur ein Produkt
des Gehirns. Wenn du das nicht einsiehst, dann betrachte
einmal, wie die geistigen Fahigkeiten in der Entwickelungs-
reihe steigen. Bei den niederen Tieren sind die geistigen
Fahigkeiten noch ganz unvollkommen, bei den hoheren
Tieren und besonders bei den hoheren Saugetieren sind sie
schon bedeutender und vollkommener, und beim Menschen
sind sie deshalb am vollkommensten erscheinend, weil sein
Gehirn die grolke Vollkommenheit erlangt hat. Das zeigt,
dafi aus dem Gehirn herauswachst, was als Geistesleben
erscheint. Und wenn du das noch nicht glaubst, so wende
dich einmal an den, der dir zeigen kann, wie in gewissen
Krankheitsfallen gewisse Gehirnpartien unwirksam wer-
den und gewisse Fahigkeiten vom Mensdien nicht mehr
ausgeiibt werden konnen, so daft gleichsam gewisse Ge-
hirnpartien abgetragen werden und das geistige Leben
ausgeschaltet wird. Da siehst du also, wie Stuck fiir Stuck
dein Geistesleben abgetragen werden kann durch das, was
sinnenfalliges Organ ist! Warum sprichst du also da noch
von geistigen Wesenheiten, die hinter den sinnenfalligen
Dingen stehen sollen?
Dieser Einwand ist wirklich kinderleicht zu machen.
Daft er aber nicht aus den naturwissenschaftlichen Ergeb-
nissen heraus, sondern aus der Suggestion getan wird, die
fiir viele aus gewissen naturwissenschaftlichen Theorien
heraus gebildet wird, das muft uns als selbstverstandlich
in der Gegenwart erscheinen. Das alles hangt damit zu-
sammen, daft unsere Zek unter der suggestiven Gewalt
dessen steht, daft man Wahrheit, Erkenntnis nur gewinnen
konne, wenn man die Sinne nach auften richtet und den
Verstand an dem Gewonnenen entzundet. Wenn nun audi
- das mufi in bezug auf die Geisteswissenschaft gesagt wer-
den — diese Ergebnisse Widerlegungen der geisteswissen-
schaftlichen Resultate von alien Punkten nur so hervor-
quellen lassen miissen, so kann man doch sagen, daft auf
der andern Seite in unserer Gegenwart ein tiefes Bediirf-
nis, eine tiefe Sehnsucht vorhanden ist, aus jenen Landen
etwas zu horen, von denen Geisteswissenschaft zu berich-
ten weifi. Eine tiefe Sehnsucht darnach hat sich zugleich
herausgebildet und ist bei einer Gruppe von Menschen
lebendig und bewufit vorhanden. Bei dem grofien Teil der
Menschen schlummert sie sozusagen unter der Oberflache
des Bewufitseins, wird aber immer mehr und mehr zur
Erscheinung kommen. Immer grofier und grofier wird das
Bediirfnis nach geisteswissenschaftlichen Resuitaten wer-
den. Diese Sehnsucht, dieses Bediirfnis nach geisteswissen-
schaftlichen Resuitaten tritt - konnen wir sagen - als eine
Nebenerscheinung neben der Bewunderung, der Hingabe
gegeniiber den naturwissenschaftlichen Errungenschaften
auf. Gerade weil die naturwissenschaftlichen Errungen-
schaften notwendigerweise den Blick des Menschen nach
aufien wenden miissen, erwacht wie ein Gegenpol die
Sehnsucht nach geisteswissenschaftlichen Resuitaten. In be-
zug darauf sind wir innerhalb der Entwickelung, wie sie
sich im neunzehnten und in unserern Jahrhundert ergeben
hat, auf einem ganz anderen Gesichtspunkte angelangt, als
die Menschheit ihn noch vor einem Jahrhundert hatte.
Wenn man von dem Wert der geisteswissenschaftlichen
Forschungen fur die Gegenwart sprechen will, so ist es
bedeutungsvoll, sich einmal vor die Seele zu rufen, dafi
selbst grofiere Geister vor einem Jahrhundert noch nicht
das Bediirfnis gefiihlt haben, von geisteswissenschaftlichen
Ergebnissen in der Art zu sprechen, wie das heute im Sinne
dieser Vortragsreihe geschehen soli. Und da die grofien In-
dividualitaten fur die Menschheit nur tonangebend sind,
in gewissem Sinne nur ausdriicken, was das Bediirfnis der
gesamten Zeit ist, also auch der kleinen Individualitaten,
so kann sich uns eine solche Sache anschaulich darstellen,
wenn wir auf die grofieren Individualitaten einmal hin-
blicken.
Da kann mit Recht gesagt werden: ein soldier Mensch
wie Goethe hat vor einem Jahrhundert keineswegs das Be-
diirfnis gefiihlt, sich iiber geisteswissenschaftliche Resultate
auszusprechen, wie das heute etwa auf dem Boden der
Geisteswissenschaft geschieht. Wo die Frage darauf kam,
iiber etwas zu sprechen, was iiber dem aufierlich Sinnen-
falligen liegt, hat sich auch Goethe wie so viele Menschen
oft darauf berufen, daft das eine Sadie des Glaubens, aber
nicht einer strengen Wissenschaft sein konne. Und daft im
Grunde genommen die Mitteilung von allgemein giiltigen
Resultaten auf diesem Boden kaum sehr fruchtbar sein
konne, wenn sie von dem einen Menschen zu dem anderen
gemacht werden, hat audi Goethe ofter geauftert. Wir smd
im Laufe eines Jahrhunderts in bezug auf die Gesamtent-
wickelung der Menschheit nicht nur so fortgeschritten, daft
Goethe in einem Zekalter gelebt hat, welches keine Tele-
grafen, Telefone, Eisenbahnen und keine solche Aussich-
ten gehabt hat, wie sie sich der Luftschiffahrt bieten; wir
stehen audi in bezug auf die geistige Entwickelung vor Er-
gebnissen, die andere sind, als sie zur Zeit Goethes waren.
Das konnen Sie an einem konkreten Fall sehen. Es gibt
ein schones Gesprach, das Goethe mit einem gewissen Falk
gefiihrt hat bei Gelegenheit des Todes Wielands. Da hat er
sich uber die Gebiete ausgesprochen, aus denen heraus eine
gewisse Erkenntnis uber das beim Menschen geschopft
werden soil, was iiber Geburt und Tod hiniiberlebt, was
nicht hinfallig ist mit der sinnlichen Hulle, was unsterb-
lich ist gegeniiber dem sterblichen Teil des Menschen. Der
unmittelbare Anlaft des Todes des von ihm so geschatzten
Wieland hatte Goethe dazu gedrangt, sich gegeniiber einem
Menschen wie Falk, der ihm Verstandnis dafiir entgegen-
brachte, in popularer Weise auszudriicken. Und was er
da sagte, ist hochst bezeichnend, wenn wir auf die Frage
der Bedeutung der Geisteswissenschaft fiir die Gegenwart
eingehen.
«... Sie wissen langst, daft Ideen, die eines festen Fun-
damentes in der Sinneswelt entbehren, bei allem ihrem
ubrigen Wert fiir mich keine Oberzeugung mit sich fiihren,
weil ich der Natur gegeniiber wissen, nicht aber blofi ver-
muten und glauben will. Was nun die personliche Fort-
dauer unserer Seele nach dem Tode betrifTt, so ist es damit
auf meinem Wege also beschaffen: Sie steht keineswegs
mit den vieljahrigen Beobachtungen, die ich iiber die Be-
schaffenheit unserer und aller Wesen in der Natur an-
gestellt, im Widerspruch; im Gegenteil, sie geht sogar aus
denselben mit neuer Beweiskraft hervor. Wie viel aber,
oder wie wenig von dieser Personlichkeit ubrigens ver-
dient, dafi es fortdauere, ist eine andere Frage und ein
Punkt, den wir Gott tiberlassen miissen. Vorlaufig will ich
nur dies zuerst bemerken: Ich nehme verscbiedene Klassen
und Rangordnungen der letzten Urbestandteile aller Wesen
an, gleichsam der Anfangspunkte aller Erscheinungen in
der Natur, die ich Seelen nennen mochte, weil von die-
sen die Beseelung des Ganzen ausgeht, oder noch lieber
Monaden - lassen Sie uns immer diesen Leibnizischen Aus-
druck beibehalten! Die Einfachheit des einfachsten Wesens
auszudriicken, mochte es kaum einen besseren geben. Nun
sind einige von diesen Monaden oder Anf angspunkten, wie
uns die Erfahrung zeigt, so klein, so geringfiigig, dafi sie
sich hochstens nur zu einem untergeordneten Dienst und
Dasein eignen; andere dagegen sind gar stark und ge-
waltig. Die letzten pflegen daher alles, was sich ihnen
naht, in ihren Kreis zu reifien und in ein ihnen Angehori-
ges, das heilk in einen Leib, in eine Pflanze, in ein Tier,
oder noch hoher hinauf, in einen Stern zu verwandeln.
Sie setzen dies solange fort, bis die kleine oder grofie Welt,
deren Intention geistig in ihnen liegt, auch nach aufien
leiblich zum Vorschein kommt. Nur die letzten mochte
ich eigentlich Seelen nennen. Es folgt hieraus, dafi es Welt-
monaden, Weltseelen, wie Ameisenmonaden, Ameisensee-
len gibt, und dafi beide in ihrem Ursprung, wo nicht vollig
eins, doch im Urwesen verwandt sind. Jede Sonne, jeder
Planet tragt in sich eine hohere Intention, einen hoheren
Auftrag, vermoge dessen seine En twickelungen ebenso regel-
majSig und nach demselben Gesetze wie die Entwickelungen
eines Rosenstockes durdi Blatt, Stiel und Krone, zustande
kommen miissen. Mogen Sie dies eine Idee oder eine Mo-
nade nennen, wie Sie wollen, ich habe auch nichts dawider;
genug, dafi diese Intention unsichtbar und friiher, als die
siditbare Entwickelung aus ihr in der Natur, vorhan-
den ist. . . »
In gewissem Sinne spricht also Goethe in der damaligen
Zeit von dem, wovon wir in diesen Vortragen hier ofter
sprechen werden: iiber Wiederverkorperung der Menschen-
seele. Und er macht die Bemerkung: nach allem, was er
sich selbst als Anschauung iiber die Menschenwelt, Tier-
welt und so weiter gebildet habe, widersprache eine solche
Anschauung nicht dem, was er als Wissenschaft da auf-
gebaut habe.
Man kann sich nun leicht iiberlegen, was ein soldier
Ausspruch im Munde Goethes besagt, wenn man sich dar-
auf besinnt, dafi Goethe 1784 eine Entdeckung gemacht
hatte, die allein geniigt haben wiirde, seinen Namen bis
in die weitesten Zeiten zu erhalten, selbst wenn er sonst
gar nichts geleistet hatte: die Entdeckung des sogenannten
Zwischenkieferknochens in der oberen Kinnlade des Men-
schen. Man hat in der oberen Kinnlade des Menschen -
wie bei den Tieren auch - einen Zwischenknochen. Das
leugnete man gerade damals, als Goethe in dieNaturwissen-
schaft hineinging. Man suchte, wo es sich um die Unter-
scheidung von Mensch und Tier handelte, nur nach aufieren
unterscheidenden Merkmalen und meinte, die Tiere hatten
im Oberkiefer einen Zwischenknochen, und der ware beim
Menschen nicht vorhanden. Das unterscheide die mensch-
liche von der tierischen Organisation. Goethe wollte es
nicht zugeben, konnte es nicht glauben, dafi in dieser
untergeordneten Beschaffenheit der Unterschied zwisdien
Mensch und Tier anzugeben sei, und ging mit alien Mit-
teln daran, zu zeigen, dafi das, was man Zwischenkiefer-
knochen nennt, beim Menschen zwar schon kurz nadi der
Geburt verwachse, aber doch in der Anlage vorhanden sei
und nidit beim Menschen fehle. Dafi nicht in so etwas
Aufierem der Unterschied zwisdien Mensch und Tier liege,
war ihm wirklich gelungen zu beweisen.
Von diesem Ausgangspunkt aus hat Goethe auf alien
Gebieten der Naturwissenschaft sich umgetan und war also
wohl bekannt mit der wissenschaftlichen Denkweise seiner
Zek. Ja, er war seiner Zeit so weit voraus, dafi Darwi-
nianer, welche Goethe im Sinne Darwins umdeuten woll-
ten, heute behaupten konnen: Goethe ware ein Vorlaufer
Darwins. Obwohl Goethe so in der Wissenschaftlichkeit
seiner Zeit wurzelt und dariiber hinausgeht, kann er trotz-
dem sagen, was er sich als Ansicht iiber des Menschen un-
sterbliches Teil gebildet habe, was anklingt an dieWieder-
verkorperung, das sei durchaus mit seinen wissenschaft-
lichen Vorstellungen vereinbar. Und was Goethe damals
sagen konnte, konnte sich im Grunde genommen jeder
Mensch sagen. Audi andere Forscher, die sich in wissen-
schaftlicher Weise die Erkenntnisbediirfnisse fur das Leben
zu erringen suchten, waren in derselben Lage. Charakteri-
stisch dafiir ist, daft man sich auf Haeckelschem Boden auf
eine grofie Tat Kants beruft, auf die Begriindung der
mechanischen Weltanschauung durch Kant, und auf die
im Jahre 1775 geschriebene «Allgemeine Naturgeschichte
und Theorie des Himmels oder Versuch von der Verf as-
sung und dem mechanischen Ursprunge des ganzen Welt-
gebaudes» von Kant hinweist. Sie brauchen sich nur das
Reclamheft zu nehmen, den Schlufi sich anzuschauen und
dann zu fragen: Wie stellen sich die, welche auf dem Bo-
den des blofien Haeckelismus stehen, zu Kant, wenn er
von der Unsterblichkeit der menschlichen Seele spricht, wo
er iiber die grofien Geheimnisse der Menschenseele spricht,
iiber die Aussicht, die sich in der Bewohnbarkek anderer
Himmelskorper bietet und in dem Weiterleben der mensch-
lichen Seele auf andern Planeten? Wie stellen sich solche
Anhanger Haeckels zu der Moglichkeit einer Wiederver-
korperung des Menschen, wie sie in dieser 1775 erschie-
nenen Schrift Kants auftaucht? Man beruft sich heute auf
Dinge so, dafi man erstaunt sein miifite, wenn dieselben,
die sich auf Kant berufen, diese Dinge wirklich gelesen
hatten!
Es liegen die Dinge in der Gegenwart schon anders, als
sie vor einem oder anderthalb Jahrhunderten lagen. Es
lag im Zeitbediirfnis, dafi man in einer gewissen "Weise,
die mit Wissenschaft nichts zu tun haben wollte, iiber die
Dinge des geistigen Lebens sprach, weil man empfand,
man spricht da von etwas, was in keinem Widerspruch
steht zu dem, was von der Wissenschaft behauptet wer-
den kann. Jeder, der die Wissenschaft von der Wende des
achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts auf sich wir-
ken lafit, fiihlt, wenn er nur durch die popularen Schil-
derungen Wissenschaftliches aufnimmt, da£ er so sprechen
konnte wie Goethe: Die Uberzeugungen, die ich mir von
einem geistigen Leben gebildet habe, seien sie audi nur wie
ein personlicher Glaube, werden in keinem Punkte dem
widersprechen, was als Wissenschaft heute geboten wird.
Die Dinge sind anders geworden und werden heute
gegeniiber der Wissenschaft sehr schwierig. Man mufi be-
denken, dafi nach dem Tode Goethes die grofien Ent-
deckungen von Schleiden und Schwann iiber die Men-
schen- und Tierzelle eingetreten sind, und dafi sich da erst
sinnenfallig einEiementar-Organismusdargeboten hat. Was
braucht man zu reden von einem «Leben auf andern Him-
melskorpern» und so weiter, wenn man sehen kann, wie
bei einem Tier oder einer Pflanze durch Zusammenwirken
der rein materiellen, sinnenfalligen Zellen die Korper sidi
aufbauen!
Dann kamen die andern gewaltigen Errungensdiaften.
Wir braudien nur nachzudenken, was fur einen Eindruck
es auf das menschliche Nachsinnen machen konnte, als
Kirchhoff und Bunsen die Spektralanalyse brachten, die
des Menschen Blick erweiterte iiber feme Welten, und wo
der Schlufi gezogen werden durfte, dafi das materielie Da-
sein, das wir auf der Erde finden, audi auf den fernsten
Weltenkorpern dasselbe ist, so dafi von einer Einheit des
Stoffes in dem ganzen Weltendasein gesprochen werden
durfte. Und jeder Tag vermehrt heute das, was uns auf
diesem Gebiet entgegentreten kann. Ich konnte auf Hun-
derte und Hunderte von solchen Dingen hinweisen, die
umwalzend gewirkt haben - nicht auf die Tatsachenwelt,
sondern auf die Vorstellungsart der Menschen, so dafi die
Oberzeugung entstehen mufite, dafi man gegeniiber dem,
was die naturwissenschaftliche Methode bietet, kein Recht
habe anders als so zu sprechen: Wartet ab, was die natur-
wissenschaftliche Forschung euch zu sagen hat iiber die
Griinde des Lebens, iiber die Entstehung des Geisteslebens
aus der Gehirntatigkeit, und redet nicht in phantastischer
Art von einer geistigen Welt, welche dem alien zugrunde
liegen soil! - Das ist alles nur zu leicht zu begreifen.
So hat sich fur die menschliche TJberzeugungskraft der
Anblick des Naturwissenschaftlichen geandert. Goethe ist
in dieser Beziehung wirklich ein Vorganger Darwins. Aber
trotzdem stieg er auf in Gemafiheit des Geistes seiner Zeit
von seinen naturwissenschaftlichen Forschungen, von der
Entwickelung der Lebewesen vom Unvollkommenen zum
Vollkommenen, zu einer rein geistigen Weltanschauung,
die durchaus das Obersinnliche, das Geistige hinter allem
Sinnlichen sucht. Die Menschen, welche in derselben Weise
in unserer Zeit vorgehen, glauben, dafi die naturwissen-
schaftlichen Resultate dazu drangen, haltzumachen vor
dem, was diese naturwissenschaftlichen Resultate sein
sollen, und dafi alles, was Geistesgebiet ist, wie hervor-
quillt aus dem sinnenfalligen Hintergrunde. Heute konnte
eben nicht in derselben Weise wie vor einem Jahrhundert
der Mensch sagen, was er durdb seine personliche Glaubens-
tiberzeugung weifi oder zu wissen glaubt oder sich an-
geeignet hat iiber die iibersinnliche Welt, stehe nicht in
Widerspruch zu den naturwissenschaftlichen Ergebnissen,
sondern es scheint, dafi es gar sehr in Widerspruch dazu
stehen miisse. Und nicht blofi diesem oder jenem ernsten,
wiirdigen Wahrheitsforscher und strebenden Menschen
scheint es so.
Wenn das der Fall ist, so miissen wir sagen: Fur unsere
Gegenwart ist diejenige Oberzeugungskraft, sind die Ober-
zeugungsgriinde, die herangebracht werden konnten noch
vor einem Jahrhundert oder auch noch spater, ohne dafi
sie mit den aufieren wissenschaftlichen Resultaten in Wi-
derspruch standen, nicht mehr unmittelbar mafigebend. Es
bedarf heute gewichtigerer Impulse, um das, was iiber die
iibersinnliche Welt gesagt wird, gegeniiber den strengen
wissenschaftlichen Resultaten der Wissenschaft aufrecht-
zuerhalten. Was wir iiber die geistige Welt zu glauben uns
befugt halten, das miissen wir imstande sein, in derselben
Weise einzukleiden, in derselben objektiven Weise zu ge-
winnen, wie die naturwissenschaftlichen Resultate - nur
auf anderem Boden - gewonnen werden konnen. Nur von
einer Geisteswissenschaft, die mit derselben Logik, mit
demselben gesunden Wahrheitssinn arbeitet wie die Natur-
wissenschaft, wird man empfinden konnen, dafi sie sich
neben die gewaltig fortgeschrittene Naturwissenschaft
steilen kann. Wenn man dies bedenkt, begreifl man, in
welchem Sinne Geisteswissensdiaft heute fiir unsere Gegen-
wart eine Notwendigkeit geworden ist. Man begreift audi,
dafi diese Geisteswissensdiaft einzig und allein den Sehn-
siichten, von denen gesprochen worden ist, entgegenkom-
men kann. Und diese Sehnsuchte sind deshalb vorhanden,
weil unbewufit fiir viele Menschenseelen wirkt, was eben
charakterisiert worden ist - gerade bei den besten Wahr-
heitssuchern und auf einem Gebiet, wo man es sich gar
nicht versieht -, wenn man anfuhrt, wie der menschliche
Erkenntnisdrang hinausstrebt aus dem, was immer auf
wissenschaftlichem Gebiet fruher zu sagen war.
Gewi£ scheint das mathematische Gebiet, das Gebiet der
Geometrie ein soiches zu sein, auf welchem das, was man
gewinnt, in seiner Anwendung auf die sinnliche Welt ge-
sichert erscheint. Wer mochte sozusagen leichten Herzens
glauben, dafi irgend jemand behaupten konne, was die
Welt iiber die Mathematik, uber die Geometrie zu sagen
habe, konnte irgendwie erschiittert werden? Und dennoch
ist es charakteristisch, dafi es im Verlaufe des neunzehn-
ten Jahrhunderts Geister gegeben hat, die sich rein ma-
thematisch, durch strenge mathematische Untersuchungen
dazu aufgeschwungen haben, Geometrien, Mathematiken
auszudenken, die nicht Geltung haben innerhalb unserer
sinnlichen Welt, sondern Geltung haben fiir ganz andere
Wei ten. Also denken wir: streng mathematisch denkende
Geister hat es gegeben, die empfanden, sie konnten iiber
das hinausgehen, was es bisher als Mathematik und Geo-
metrie iiber das Gebiet der. Sinneswelt gegeben hat, konn-
ten eine Geometrie erfinden, die fiir eine ganz andere
Sinneswelt gilt! Und es gibt nicht eine, sondern mehrere
soldier Geometrien. Mathematisch Geschulte wissen etwas
iiber die Namen Riemann, Lobatschewski, Bolyai. Wir
wollen hier nicht naher darauf eingehen, denn es kommt
uns nur darauf an, dafi aus dem mensdblichen Erkennen
so etwas werden konnte. - Es gibt zum Beispiel Geome-
trien, die nicht den Satz anerkennen: Die drei Winkel eines
Dreiecks betragen zusammenl80Grad, sondern fiir welche
die Dreiecke eine ganz andere Eigenschaft haben, so dafi
zum Beispiel die drei Winkel eines Dreiecks stets kleiner
sind als 180 Grad. Oder einen andern Fall: Fiir unsere
euklidische Geometrie kann man durch einen Punkt zu
einer gegebenen Linie nur eine Parallele ziehen. Geome-
trien sind ausgedacht worden, wo man unendlich viele
Parallelen durch einen Punkt zu einer andern Linie ziehen
kann. Das heifit also: Geister hat es gegeben, die sich ge-
drangt fanden, fiir andere Welten nicht blofi zu schwar-
men, sondern sogar Geometrien fiir sie auszudenken! Das
spricht gewaltig dafiir, dafi selbst in Mathematikerkopfen
eine Sehnsucht waltete, dariiber hinauszugehen, was in der
unmittelbar uns umgebenden Welt ist.
Nur eines soil noch angefuhrt werden iiber die Tatsache,
dafi unsere Zeit etwas braucht, was aus der Geisteswissen-
schaft gewonnen werden kann. Es wird sich uns zeigen,
dafi in der Tat der Mensch in bezug auf das, was sein
eigentliches geistig-seelisches Wesen ist, immer wieder und
wieder in erneuerten Leben auf unserer Erde selbst er-
scheint. Dafi das, was man Wiederverkorperung nennt,
auf geistig-seelischem Gebiete eine ahnliche Tatsache ist
wie die Entwickelungslehre oder Evolutionstheorie auf
einer untergeordneten Stufe fiir das Tierreich. Dafi also die
menschliche Seele sich hindurchentwickelt durch Verkor-
perungen, die sie wahrend ferner Vergangenheiten erlebt
hat, und durch solche sich hindurchleben wird, die sie in
fernen zukunftigen Verkorperungen erleben wird. Gewifl,
gerade gegen soldie Dinge wird sich die Widerlegungs-
kunst gar sehr in der Gegenwart nodi wenden. Aber man
kann schon behaupten, dafi die Gegenwart ein tiefes Be-
diirfnis nach solchen Ergebnissen hat, die zusammenhan-
gen mit dem, wodurch sich der Mensch orientieren kann
iiber seine Bestimmung, seine ganze Lage zur aufieren
Welt.
Der Mensch hat seit kurzer Zeit erst angefangen, sich
richtig als geschichtliches Wesen in die Weltentwickelung
hineinzustellen. Das ist durch die auiSeren Bildungsmittel
gekommen. Denken Sie an den eingeschrankten Gesichts-
kreis der Menschheit des vierzehnten, fiinfzehnten Jahr-
hunderts, bevor die Buchdruckerkunst die Bildungsmittel
verbreitet hat. Dadurch traten an das menschliche Herz
noch nicht Fragen her an wie die: Wie kann sich unsere
Seele befriedigt gegeniiberstellen dem, was wir als den
geschichtlichen Fortschritt erkennen? Hier liegt der Ur-
sprung einer Frage, die fur viele Menschen heute schon
eine Herzensfrage geworden ist. Der geschichtliche Fort-
schritt zeigt uns, dafi immer neue Errungenschaften, die
auch fur die innere Entwickelung der Seele selber Wert
haben, dafi neue und immer neue Tatsachen eintreten in
den Strom der fortschreitenden Menschheit. Da mufi sich
der Mensch fragen: Wie verhalt es sich nun mit dem
Menschen in seiner innersten Wesenheit selber? Waren die
Menschen der Vergangenheit dazu verurteilt, in einem
dumpfen Dasein ihr Leben erlebt zu haben und nicht An-
teil zu nehmen an Entwickelungsprodukten eines spateren
Fortschrittes? Wie ist denn der Anteil der menschlichen
Wesenheit an den aufeinanderfolgenden Entwickelungen
des Menschengeschlechtes?
Mag das eine Frage sein, gegeniiber der mancher Ein-
wand gemacht werden konnte hier soil nur davon die
Rede sein, dafi in der Tat aus einem tiefen Gefiihl der
Menschenseele die Frage, das Ratsel entsteht: 1st es denn
moglich, dafi heute eine menschliche Seele lebt, die da-
durch, dafi ihr Leben eingeschlossen ist zwischen Geburt
und Tod, nicht sich Errungensdiaften einverleiben kann,
die erst in der Zukunft dem Strom der Menschheitsent-
wickelung eingepragt werden?
Diese Frage nimmt fur die Bekenner des Christentums
eine grundlegende Bedeutung an. Wer auf dem Boden
eines gelauterten Christentums steht, unterscheidet in der
Entwickelung der Menschheit die vorchristliche Epodie
von der nachchristlichen und spricht davon, dafi von dem
Christus-Ereignis ein Strom neuen geistigen Lebens aus-
gegangen ist, der friiher nicht fur die Erdenmenschheit da
war. Da mufi sich fur einen solchen Menschen besonders
die Frage ergeben: Wie ist es mit den Seelen, die vor dem
Christus-Ereignis gelebt haben, vor der Verkundigung
dessen, was vom Christus-Ereignis ausstromte?
Eine solche Frage kann der Mensch stellen. Die Geistes-
wissenschaft beantwortet sie ihm nicht nur theoretisch,
sondern so, dafi sie ihm auch befriedigend ist, indem sie
zeigt, dafi dieselben Menschen, die in der Zeit vor dem
Christus-Ereignis Errungenschaften der vorchristlichen Zeit
aufgenommen haben, wiederverkorpert werden, nachdem
der Strom der christlichen Entwickelung seinen Anfang
genommen hat, so dafi also keiner verlustig gehen kann
dessen, was in der Kultur eintritt. So wachst fiir die Gei-
steswissenschaft aus der Geschichte etwas heraus, was nicht
blofi allgemeine abstrakte Ideen sind, die kalt und abstrakt
wie steife Krafte den Menschheitsstrom durchkraften sol-
len, sondern es spricht die Geisteswissenschaft von der Ge-
schichte als von etwas, an dem der Mensch mit seinem
innersten Wesen alluberall beteiligt ist. Und da sich der
menschliche Horizont durdhi die modernen Bildungsmittel
erweitert hat, wird diese Frage jetzt in einem ganz an-
deren Sinne gestellt als etwa vor einem Jahrhundert, wo
der Gesichtskreis der Menschen eingeschrankter war. Ein
Verlangen nadi Antwort ist vorhanden, das nur durch
die Geisteswissenschaft gestillt werden kann.
Wenn wir dies alles in Erwagung ziehen - und wir
konnten stundenlang so fortsprechen und vieles anfiihren,
was dafiir spricht, dafi die Geisteswissenschaft deshalb eine
Bedeutung hat fur die Gegenwart, weil die Gegenwart
gar sehr nach ihren Resultaten verlangen muft - dann be-
kommen wir eine Vorstellung von der Bedeutung der
Geisteswissenschaft fur die Gegenwart. Und alle Vortrage,
die im Lauf e dieses Winters hier gehalten werden, sollen nur
dazu dienen, von den verschiedensten Seiten Material zu-
sammenzutragen, um zu zeigen die geisteswissenschaftlichen
Resultate und ihre Bedeutung fur das menschliche Leben,
wie fur die Befriedigung der hochsten Bediirfnisse des
Menschen uberhaupt.
Nur das sei zum Schlufi noch gesagt: Einer der gewohn-
lichsten, allerdings nur von einem Schlagworte hergenom-
menen Einwiirfe gegen die Geisteswissenschaft ist heute
der, dafi man sagt, so habe es die Naturwissenschaft gliick-
lich dahin gebracht aus einem einheitlichen Prinzip, das
gegeben ist durch die naturwissenschaftlichen Methoden,
monistisch die Welt zu erklaren. Und fast schon ist es zu
einem Wort geworden, das bei vielen von selbst Anti-
pathien hervorruft, dafi jetzt die Geisteswissenschaft wie-
der komme und einen Dualismus gegenuber diesem er-
kenntnistheoretisch so segensreichen Monismus aufstelle!
Mit solchen Schlagworten wird ja viel gesiindigt. Ist denn
das Prinzip, das Weltall einheitlich zu erklaren, schon da-
durch durchbrochen, dafi im Weltall zwei Strome zusam-
menwirken, von denen einer von aufien, der andere von
innen in der Seele sich treffen? Darf denn gar nicht vor-
ausgesetzt werden, dafi das, was so von zwei Seiten an die
Seele herandringt - namlich von der Sinneserfahrung auf
der einen Seite und von der geisteswissenschaftlichen For-
schung auf der anderen Seite - dennodi in einem einheit-
lichen Dasein begriindet ist und sich nur fur die mensch-
liche Auffassung zunachst in zwei Stromungen zeigt? Mufi
der Monismus durchaus oberflachlich genommen werden?
Wenn das der Fall ware, dafi das monistische Prinzip
dadurch durchbrochen wiirde, dann mag jemand nur gleich
behaupten, dafi das monistische Prinzip audi durchbrochen
ist, wenn er zugesteht, dafi Wasser aus Wasserstoft und
Sauerstoff besteht. Wasserstoff und Sauerstoff konnen den-
noch einen einheitlichen Ursprung haben, wenn sie sich
auch vereinigen in dem, was wir Wasser nennen. Ebenso
konnen sinnliche und ubersinnliche Welt einen einheit-
lichen Ursprung haben, wenn man auch durch die Tat-
sachen der Naturwissenschaft und der Geisteswissenschaft ge-
zwungen ist zu sagen: In der Seele des Menschen vereinigen
sich zwei Strome, von denen einer von der Sinnenseite, der
andere von der Geistesseite hereinkommt. Dann kann man
zwar das Einheitliche, das Monon, nicht sogleich aufzeigen,
aber es widerspricht darum nicht der Anschauung von einer
monistischen Welt. Was sich so von zwei Seiten zeigt, das
erlangt erst dann die Kraft der vollen Wirklichkeit, wenn
wir es sich zusammensetzend aus den zwei Stromungen
erkennen. Wenden wir den Blick in die Aufienwelt, er-
blicken wir durch die Einrichtung unserer Sinne und un-
seres Verstandes ein Weltbild, welches uns nicht das zeigt,
woraus es herauswachst: den Geist. Wenn wir die Wege
der geisteswissenschaftlichen Forschung gehen und in der
Seele den Aufschwung durchleben, so finden wir den Geist.
Und in der Seele ist es, wo sich begegnen Geist und Stoff .
In der Zusammenfiigung von Geist und Stoff innerhalb
unserer Seele liegt erst die wahre, geist- und stofferfiillte
Wirklichkeit!
So darf vielleicht das jetzt Gesagte zusammengefafit
werden in die Worte, die etwa in dichterischer Form das-
selbe geben, was dennoch alle, die sich unbefangen bemuht
haben, eine Anschauung zu gewinnen von Geist und Stoff,
zu alien Zeiten gefuhlt haben. Geisteswissenschaft im Ver-
haltnis zur Naturwissenschaft lehrt uns erkennen, dafi es
wahr ist:
Es drangt sich an den Menschensinn
Aus Weltentief en ratselvoll
Des Stoffes reiche Fiille.
Es stromt in Seelengriinde
Aus Weltenhohen inhaltvoll
Des Geistes klarend Wort.
Sie treff en sich im Menscheninnern
Zu weisheitvoller Wirklichkeit.
LEBEN UND TOD
Berlin, 27. Oktober 1910
Wenn man so manche heutige Aufierung betrachtet, die
getan wird uber das Verhaltnis des Menschen zu Leben
und Tod, kann man an einen Ausspruch erinnert werden,
den Shakespeare den diisteren Hamlet tun lafit:
Der grofie Casar, tot und Lehm geworden,
Verstopft ein Loch wohl vor dem rauhen Norden.
O dafi die Erde, der die Welt gebebt,
Vor Wind und Wetter eine Wand verklebt.
Einen solchen Ausspruch kann mancher tun, der im Sinne
der Auseinandersetzungen, die vor acht Tagen gemacht
wurden, unter der suggestiven Wirkung mancher Zeitvor-
stellungen steht, die auf dem Boden der Naturwissen-
schaft gewonnen werden, und der sich bewogen fuhlte,
alle die Bewegungen der einzelnen Stoff e, die den mensch-
lichen Leib aufbauen, nach dem Tode zu verfolgen, der
vor alien Dingen sich berechtigt glaubt zu fragen: Was
tun Sauerstoff, Stickstoff, KohlenstorT und so weiter, die
den menschlichen Leib aufbauen, nach dem Tode des Men-
schen? Abgesehen davon, dafi es heute viele Menschen
gibt, die von dem suggestiven Wort «Ewigkeit des StofTes»
beeinflufk werden, gibt es wieder andere, die ganz und gar
die Moglichkeit verlieren, im unendlich leeren Raum an-
deres sich zu denken als den StoflF mit seinen Wirkungen.
Dafi es allerdings bei Auseinandersetzungen dieser Art im-
mer darauf ankommt, in moglichst genauer Weise vor
alien Dingen die Begriffe und Ideen festzuhalten, das
kann man mancher Betrachtung iiber das Wesen des Todes
ansehen. Bei mancher Betrachtung, welche den Begriff
eines Gegensatzes zwischen Tod und Leben aufstellt und
dabei, wie es immer wieder und wieder vorkommt, vor
alien Dingen ganz vergilk, dafi Tod und Leben ein Gegen-
satz ist, der von dem Wesen abhangt, auf das er sich be-
zieht, - bei einer genaueren Betrachtung darf man gar
nicht in derselben Weise iiber den Tod der Pflanze, des
Tieres oder des Menschen sprechen. Inwiefern dies der
Fall ist, sollen die nachfolgenden Auseinandersetzungen
mit enthalten. Aber wie wenig man sich iiber die Worte
klar ist, welche auf diesem Gebiete gebraucht werden, das
mag sich uns daraus zeigen, daft zum Beispiel in der Phy-
siologie des grofien Naturforschers Huxley sich folgendes
findet.
Da wird gesagt, daft man unterscheiden miisse zwischen
dem lokalen, ortlichen Tod und dem allgemeinen Tod,
dem Tod der Gewebe in einem Organismus, und dann
wird ausdrucklich gesagt, dafi das Leben des Menschen
hange an Gehirn, an Lungen, an Herz, dafi aber dies eine
Dreiheit sei, die man eigentlich zuruckfiihren konne auf
eine Zweiheit, daft man namlich, wenn man kiinstlich die
Atmung unterhalt, einem Menschen ganz gut das Gehirn
wegnehmen konnte und er doch fortleben wiirde. Das
heifit, es wird gesagt, das Leben dauere fort, audi wenn
das Gehirn weggenommen ist. Das will sagen: "Wenn der
Mensch nicht mehr imstande ist, irgendeine Vorstellung
von dem zu gewinnen, was um ihn herum ist oder was
in ihm vorgeht, wenn das Leben blofi als Lebensvorgang
im Organismus durch eine kiinstliche Atmung unterhalten
werden konnte, so wiirde der Organismus fortleben im
Sinne dieser naturwissenschaftlichen Definition. Und man
konnte eigentlich nicht von einem Tode sprechen, trotz-
dem gar nicht ein Gehirn da sei.
Das ist eine Idee, dafi jeder, wenn er sich fur ein Leben
ohne Gehirn nidit bedanken wiirde, so doch wenigstens,
wenn er audi eine solche Definition plausibel finden konnte,
in seiner Empfindung sich klar sein miifite, dafi gerade diese
Erklarung zeigt, wie die naturwissenschaftliche Definition
von Leben in dieser Form iiberhaupt nicht auf den Men-
schen anwendbar ist. Denn niemand wiirde das Leben eines
Organismus - wenn auch eines menschlichen — das Leben
des Menschen nennen konnen, wenn auch im ubrigen die
Tatsache, auf die angespielt wird, ganz richtig ist.
Nun ist man auch auf naturwissenschaftlichem Gebiete
heute schon etwas weiter als vor vielleicht zehn Jahren, wo
man sich fast genierte, iiberhaupt von Leben zu sprechen und
alles Leben auf das Leben der kleinsten Lebewesen zu-
riickfuhrte. Dieses Leben der kleinsten Organismen sah
man als einen komplizierten chemischen Prozefi an. Da
wiirde es sich nach dieser Anschauung darum handeln,
daft, wenn diese Definition zu einer Weltanschauung aus-
gedehnt wiirde, nur davon gesprochen werden konnte,
dafi die kleinsten Teile des Lebens weiter leben, so dafi dann
nur von einer Erhaltung des StofTes gesprochen werden
konnte. Nun ist heute - zum Beispiel gegeniiber den For-
schungen iiber das Radium - der BegrifF des Ewigen des
Stoffes ein etwas schwankender geworden. Aber es soil
jetzt nur darauf aufmerksam gemacht werden, dafi man
heute auf naturwissenschaftlichem Gebiet schon versucht,
von einer Art Selbstandigkeit wenigstens der kleinsten
Lebewesen zu sprechen. Man sagt: die kleinsten Lebewesen
vermehren sich durch Teilung, eines teilt sich in zwei, zwei
in vier und so weiter. Da konnte man nichts angeben
von einem Tode, denn das erste lebt in den zweiten
weiter, und wenn diese sterben, leben sie in den nach-
sten fort.
Es haben nun die, welche daraufhin von einer Ewigkeit
der einzelligen Wesen sprechen wollten, nach einer Defini-
tion des Todes gesucht. Aber gerade diese Definition fur
das Wesen des Todes ist aufierordentlich charakteristisch.
Man hat das Charakteristikum des Todes darin gefunden,
dafi bei einem Tode eine Leiche zuriickbleibt. Und da bei
einzelligen Wesen keine Leiche zuriickbleibt, konnen sie
audi nicht in Wahrheit sterben. Also man sucht das Cha-
rakteristikum dessen, um was es sich im tiefsten Lebens-
grunde handelt, in dem, was vom Leben zuriickbleibt.
Nun wird es ohne weiteres klar sein, dafi das, was vom
Leben zuriickbleibt, allmahlich in leblosen Stoff ubergeht.
So lebloser Stoff wird nun im Tode der aufiere Organis-
mus des kleinsten, der aufiere Organismus des komplizier-
testen Lebewesens. Allein wenn man die Bedeutung des
Todes fiir das Leben in Betracht ziehen will, darf man
nicht darauf sehen, was ubrigbleibt, was also ins Leblose
ubergeht, sondern man mu£ auf die Ursache, auf die Prin-
zipien des Lebens sehen, solange das Leben da ist.
Ich sagte, man konne nicht in derselben Weise von Tod
sprechen bei Pflanzen wie bei Tieren und Menschen, weil
man da eine wichtige Erscheinung nicht in Betracht zieht.
Die findet sich auch bei gewissen niederen Tieren, zum
Beispiel bei den Eintagsfliegen, und sie besteht darin, dafi
die Mehrzahl der Pflanzen und der niederen Tiere die Eigen-
tiimlichkeit hat, dafi in dem Moment, wo der Befruch-
tungsprozefi angelegt ist und die Moglichkeit eines neuen
Lebewesens geschaff en ist, das Absterben des alten beginnt.
Bei der Pflanze beginnt in dem Moment ihr riickwarts-
gehender Prozeft, der Prozefi des Absterbens, wo sie in sich
die Moglichkeit der Anlage einer neuen Pflanze aufgenom-
men hat. Von denjenigen Pflanzen, bei denen man das
beobachten kann, kann man also ganz gewifi sagen: Die
Ursache, die ihnen das Leben weggenommen hat, liegt in
dem neuen oder den neuen Lebewesen; die haben nichts
davon zuruckgelassen in dem alten Wesen.
Durch eine einfache Oberlegung konnte man sich uber-
zeugen, dafi dies so ist. Es gibt gewisse Pflanzen, die dau-
ern, die wiederholt bliihen und Fruchte tragen, wo sozu-
sagen immer neue Pflanzengebilde, wie Sdimarotzer, auf-
gepflanzt werden auf den alten Stamm. Aber da konnen
Sie sich uberzeugen, daft sie sich die Moglichkeit weiterzu-
leben damit erkaufen, dafi sie gewisse Teile in das Leblose
hineinstofien, in den Tod, das heifit, sich mit einer Rinde
umgeben. Von einer Pflanze, die sich mit einer Rinde
umgeben, das Leblose an sich tragen und weiterleben kann,
mufi man ganz berechtigt sagen, dafi sie einen Oberschufi
an Leben hat. Und weil sie diesen Uberschufi hat, den sie
nicht abgeben wird - sie gibt nur ab, was die jungen Lebe-
wesen brauchen -, mufi sie sich dadurch sichern, dafi sie
den Tod nach aufien abstofit. So kann man aber audi sa-
gen, dafi jegliches Lebewesen, das in sich die Moglichkeit
enthalt, iiber die Hervorbringung eines neuen Lebewesens
hinauszuleben, in die Notwendigkeit versetzt ist, in sich
selber fortdauernd das Leben selbst zu iiberwinden, in-
dem es den unorganischen Stoff, den unbelebten Stoff auf-
nimmt. Und das ist beim Tier, das ist beim Menschen hin-
langlich zu beobachten.
Da haben wir also eine Auseinandersetzung zwischen
Tod und Leben in dem Wesen selber. Wir haben da eine
Wechselwirkung zwischen einem lebendigen Glied, das in
einer Richtung sich entwickelt, und einem fortwahrenden
In-sich-Hereinsetzen eines andern Gliedes, das sich nach
der Tod-Richtung entwickelt. Wenn wir nun von diesem
Gesichtspunkte ausgehend bis in das innerste Wesen des
Menschen hineinriicken wollen, so miissen wir allerdings
einiges von dem uns wieder vor Augen fiihren, was ofter
sdion gesagt worden ist, was aber nie iiberflussig ist, weil
es durchaus nodi nicht zu den gang und gaben Wahrheiten
gehort.
Wenn man in Anlehnung an ganz gewohnliche Vorstel-
lungen - das wollen wir in der ersten Halfte des Vortrages
tun - geisteswissenschaftlich an die Frage nach Leben und
Tod herangeht, raufi man daran erinnern, dafi allerdings
dasjenige, was hier in Betracht kommt, heute sehr, sehr
wenig anerkannt ist. Es handelt sich um eine Wahrheit,
die der heutigen Menschheit ebenso neu ist, wie eine an-
dere, die heute zu den Trivialitaten gehort, vor drei Jahr-
hunderten der Menschheit neu, beziehungsweise unbekannt
war. Ich habe schon ofter darauf hingewiesen, da£ es heute
fur den Naturforscher und fur den, der auf naturwissen-
schaftlicheBegriffe seine Anschauungen aufbaut, eine Selbst-
verstandlichkeit ist, dafi man den Satz anerkennt: «Alles
Lebendige stammt von Lebendigem.» Natiirlich spreche
ich hier nur mit jener Einschrankung, mit der audi auf
naturwissenschaftlichem Gebiete von diesem Satz gespro-
chen wird. Wir brauchen uns dabei gar nicht einzulassen
auf die Frage der Urzeugung, denn es kann von vornherein
bemerkt werden, daft der analoge Satz, der dann genannt
werden wird, ebenso auf geisteswissenschafllichem Gebiete
gebraucht wird.
Es ist noch nicht lange her, dafi der grofie Naturforscher
Francesco Redi mit aller Energie den Satz durchfechten
mufke: «Alles Lebendige stammt von Lebendigem.» Denn
man hatte vor diesem Naturforscher des siebzehnten Jahr-
hunderts nicht blofi in Laienkreisen, sondern audi in natur-
wissenschaftlichen Kreisen es durchaus fur moglich gehal-
ten, dafi aus verfaulendem Flufischlamm, aus in Verfau-
lung iibergegangenen organischen Stoffen sich neue Or-
ganismen herausentwickeln konnten. Von Wurmern, sogar
von Fischen glaubte man dies. Diese Anschauung, dafi
Lebendiges sich nur aus Lebendigem entwickeln kann, ist
noch nicht alt. Und Francesco Redi hat vor kurzer Zeit,
vor wenigen Jahrhunderten, einen solchen Sturm der Ent-
riistung hervorgerufen, dafi er nur mit knapper Not dem
Schicksal des Giordano Bruno entgangen ist. Wenn man
bedenkt, dafi die Moden der Zeit sich andern, so kann
man sagen, an dem Schicksal dieser Wahrheit kann man
Mut gewinnen fur das Schicksal derjenigen Wahrheit, die
wir nun hierwerden aussprechen miissen. Denn diese Wahr-
heit: Lebendiges kann nur von Lebendigem stammen-rief
damals einen Sturm von Entriistung her vor. Man liefer t ja
heute diejenigen, die gezwungen sind, fur andere Gebiete
ahnliche Wahrheiten aus dem Born des Wissens herauf-
zuholen, nicht mehr den Flammen des Scheiterhaufens aus.
Das ist nicht mehr Mode. Aber man macht sich heute iiber
solche lustig; man spottet iiber den, der solche Dinge mit-
teilen kann. Und man macht die, welche gezwungen sind,
solche Dinge in bezug auf geistige Entwickelung auszu-
sprechen, geistig tot. Aber das Schicksal der eben genann-
ten Wahrheit besteht auch noch darin, dafi sie heute eine
Selbstverstandlichkeit, eine Trivialitat geworden ist fiir
den, der urteilsfahig ist.
Welcher Fehler lag denn zugrunde, als man diese Wahr-
heit: Lebendiges kann nur von Lebendigem stammen -
noch nicht anerkannt hatte? Ein ganz einfacher Beobach-
tungsfehler! Man schaute das an, was man unmittelbar
sah, und versuchte nicht einzudringen in die Tatsache, dafi
einem Lebewesen wirklich ein von einem anderen Lebe-
wesen hinterlassener Keim zugrunde liegt, so dafi also
ein neues Lebendiges von elner bestimmten Art nur da-
durch entstehen kann, daft ein altes Lebendiges einen Keim
zuriicklafit von einer gleichen Art. Das heifit: man schaute
auf die Umgebung des sich entwickelnden Lebendigen und
hatte eigentlich auf das sehen sollen, was von einem an-
dern Lebewesen zuriickgeblieben ist und sich innerhalb
dieser Umgebung entwickelte. So aber machte man es in
all den Jahrhunderten vor der Zeit des Francesco Redi.
Man konnte ganz interessante Ausfuhrungen bringen aus
Biichern, welche im siebenten, achten Jahrhundert genau
so viel galten wie heute autoritativ geltende Schriften
der modernsten Naturforscher, und in denen ganz genau
klassifiziert hingestellt worden ist, wie sich zum Beispiel
aus einem miirbe geschlagenen Ochsenkadaver Hornissen
entwickelten, aus einem Eselkadaver Wespen und so wei-
ter. Das wurde hubsch eingeteilt. Und genau nach dersel-
ben Methode, nach der man damals Fehler gemacht hat,
macht man heute in bezug auf das Geistig-Seelische des
Menschen Fehler.
Man sieht einen Menschen ins Dasein treten und be-
trachtet seine individuelle Entwickelung von der Geburt
angefangen durch das weitere Leben. Man sieht, wie sich
die Gestalt, die verschiedenen Fahigkeiten, die Anlagen
entwickeln. Ober das Genauere dieser Entwickelung wer-
den wir in einem spateren Vortrag sprechen. Aber wenn
man das Wesen der menschlichen Gestaltung, das Wesen
dessen, um was es sich handelt, erkennen will, hat man
namentlich die Frage: Wie sind die Vererbungsverhalt-
nisse, wie sieht es in der Umgebung aus, aus der der Mensch
herausgekommen ist? Das ist genau dieselbe Methode, als
wenn man den Schlamm rings um den entstehenden Wurm
ansieht und nicht auf das Ei blickt. In dem, was sich als
Anlagen, als verschiedene Fahigkeiten in dem Menschen
heranbildet, ist genau zu untersdieiden zwischen dem Cha-
rakteristisdien, was sidi iibertragt von Eltern, Voreltern
und so weiter, und einem gewissen Kern, welchen der, der
wirklich betrachtet, nicht verkennen wird. Nur wer dem
geistig-seelischen Element gegemiber ebenso vorgehen wird,
wie vor Francesco Redi die Naturforscher aufierlich vor-
gegangen sind, wird es verkennen konnen, wie sich ein
Kern des Menschen deutlich darstellt, der nicht zuriick-
gefiihrt werden kann auf das, was vererbt ist von Eltern,
Grofieltern und so weiter.
In dem, was sich in einem Menschen heranentwickelt,
haben wir daher zu unterscheiden das, was von der Um-
gebung stammt, von dem, was nie aus der Umgebung
hergeleitet werden kann. Bei einem pflanzlichen oder
tierischen Lebewesen wird man immer finden, dafi das neu
entstehende Wesen im wesentlichen darauf angelegt ist,
es bis zum Gattungsmafiigen des Vorfahren zu bringen.
Nehmen Sie die hochsten Tiere. Wie weit bringen sie es?
Bis zum Gattungsmafiigen. Und auf das Gattungsmafiige
sind sie angelegt.
Gewifi werden manche sagen: Hat denn das Pferd, hat
ein Hund oder eine Katze keine Individuality? Sie wer-
den glauben, man konnte ebensogut das Individuelle der
Katze, des Pf erdes und so weiter schildern, vielleicht audi
in einer Biographie, wie man das Individuelle eines Men-
schen schildern kann. Wer es will, der mag es tun. Aber er
sollte es nicht als etwas Wirkliches, sondern als etwas Sym-
bolisches nehmen, wenn zum Beispiel den Schiilern die
Schulaufgabe gestellt wird - wie ich und meine Kollegen
in der Jugend sie haben machen miissen -, die Biographie
ihrer Schreibfeder zu schreiben. Da konnte man sonst dann
audi von der Biographie einer Schreibfeder sprechen. Aber
gegeniiber der Wirklichkeit handelt es sich nicht darum,
Analogien und Vergleiche zu pflegen, sondern auf das
Wesentliche loszugehen. Das ist beim Menschen das Indi-
viduelle, was den Mensdien nicht zu einem Gattungswesen
macht, sondern zu der ganz bestimmten Individuality, die
ein jeder Mensch ist. Auf die Ausgestaltung des Individuel-
len steuert ein jeder Mensch ebenso hin, wie die Pflanze
auf die Gestaltung der Gattung hinsteuert. Und darauf,
dafi der Mensch in der Entwickelung iiber das Gattungs-
gemafie einen Oberschufi hat in der Individuality, beruht
jede Entwickelung, jeder Fortschritt in der Erziehung wie
in der geschichtlichen Entwickelung. Wenn nicht bei jedem
Menschen ein geistig-seelischer, individueller Kern da ware,
der sich geistig-seelisch so entwickelt wie das Tier physisch
bei der Gattung, gabe es keine Geschichte. Dann konnte
man beim Menschengeschlecht nur von einer Gattung
sprechen. Dann konnte man audi nur von einer Entwicke-
lung sprechen, aber nicht von einer Geschichte und von einer
Kultur-Entwickelung. Daher wird die Naturwissenschafi:
von einer Gattungs- oder Art-Entwickelung der Pferde
sprechen, aber nicht von einer Geschichte.
Wir haben also in der Entwickelung eines jeden Men-
schen einen geistig-seelischen Kern zu sehen, der ganz die-
selbe Bedeutung hat wie beim Tier das Gattungsgemafie.
Das Gattungsmafiige im Tierreich entspricht im Menschen
dem Individuellen. Wenn aber im Tierreich ein jegliches
Wesen, das zum Gattungsmafiigen hinsteuert, die Gattung
des Ahnen wiederholt und nur entstehen kann auf Grund-
lage der Samenanlage des Ahnen, der physischen Keim-
anlage, dann kann das Individuelle des einzelnen Men-
schen nicht aus irgend etwas entstehen, was hier in der
physischen Welt ist, sondern lediglich aus etwas, was ein
Geistig-Seelisches ist. Das heilk: ein geistig-seelischer Kern,
der mit der menschlichen Geburt ins Dasein tritt, weist
nicht auf eine Gattung Mensch blofi zuriick, insofern der
Mensch zuriickgeht auf Ahnen, auf Eltern und Voreltern,
sondern er weist auf einen solchen Ahnen, der geistig-
seelisdier Art ist, auf ein Wesen, das vorangegangen ist,
das individuell nicht zur Gattung Mensch, iiberhaupt zu
keiner Gattung gehort, sondern zu dieser selben Menschen-
Individuality. Wird also ein Mensch geboren, so wird mit
ihm ein individueller Kern geboren, der auf nichts anderes
hin angelegt ist als nur wieder auf diesen individuellen
menschlichen Kern. Wie das Tier seine Gattung sucht, so
sucht der Mensch sein Individuell-Menschliches. Das heifk:
wie dieser individuelle Kern mit der Geburt ersdieint, so
ist er vorher dagewesen, ebenso wahr wie ein Gattungs-
keim fiir das Tier da war. Und wir miissen in der Vor-
zeit etwas wesenhaft Geistig-Seelisches suchen, welches
der geistig-seelische, nicht physische Keim dieses individuell
sich entwickelnden geistig-seelischen Menschen ist. Nur der,
welcher keine Augen dafiir hat, dafi Geistig-Seelisches als
Kern sich nicht innerhalb der menschlichen allgemeinen Er-
scheinung herausentwickelt, wird leugnen, dafi die eben ge-
gebene Schlufifolgerung richtig ist.
So fiihrt jedes individuelle Menschenleben in sich den
Beweis dafiir, dafi es friiher schon da war. Wir werden
daher von einem individuellen Menschenleben ebenso zu-
ruckgefuhrt auf einen individuellen geistig-seelischen Keim
und von diesem wieder auf einen geistig-seelischen Keim,
das heifit wir werden von unserem individuellen Leben
auf ein fruheres individuelles Leben zuruckgefiihrt und
dann selbstverstandlich zu unserem nachsten Leben. Die
unbefangene Betrachtung des menschlichen Lebens liefert
das mit derselben Notwendigkeit, wie die ausgesprochene
Wahrheit auf naturwissenschaftlichem Gebiete dort als
Wahrheit erscheint.
Man nehme einmal an, man wollte als ein Mensch mit
unbefangenem Verstande sagen: Dariiber kann man nidits
wissen. Wenn man die Schlufifolgerung immer wieder und
wieder zieht, dann konnte man folgendes Schicksal erleben,
sich zu sagen: Du mufit gegen jede Beobachtung und gegen
jede Logik sundigen. Trotzdem ist diese Wahrheit von den
wiederholten Erdenleben noch eine wenig anerkannte. Aber
diese Wahrheit, dafi Geistig-Seelisdies nur aus Geistig-See-
lisdiem entstehen kann, wird sich gewilS in nachster Zeit
ebenso schnell in das mensdiliche Kulturleben einbiirgern
wie die andere charakterisierteWahrheit.Und es wird eine
Zeit kommen, wo man ebenso wird begreifen mussen, dafi
man fruher etwas anderes geglaubt hat, wie man fruher
geglaubt hat, dafi niedere Tiere, Fische und so weiter aus
Flufischlamm entstehen konnen.
Wenn man aber diesen individuellen Wesenskern des
Menschen, den man sozusagen mit der Geburt ins Dasein
treten sehen kann, im Laufe des Lebens weiter verfolgt,
zeigt er sich gewissermafien in einer zweifachen Beziehung,
vor alien Dingen im aufgehenden Menschen, in der Ju-
gend. Er zeigt sich da als das, was eine aufsteigende Ent-
wickelung des ganzen Menschen bedingt. Und wer wirk-
lich intim Jugendleben beobachten kann, wer das Kind nicht
nur aufierlich, sondern ganz intim beobachten gelernt hat,
wer selber sich erinnert, was er in dieser Beziehung erlebt
hat, der wird zugeben, daft das, was in ihm steckt, noch
nicht da ist in einem bestimmten Zeitpunkt, dafi es sich
erst spater zeigt als Kraftgefuhl, als Lebensgefuhl, als Le-
bensinhalt, der machtig hebend wirkt. Nicht nur auf die
aufiere Lebensgestaltung, sondern bis in die elementarsten
Lebensgestaltungen und Lebensfunktionen hinein wirkt
das nach, was man als individuellen Wesenskern in sich
tragt. Und wenn eine bestimmte Reife des Menschen ein-
tritt, und er nadi aufien hin Gelegenheit hat, vieles auf-
zunehmen, dann wirkt dieser individuelle Lebenskern so,
dafi er sich bereidiert, sidi an die aufiere Welt anpafit, In-
halt ansammelt. Wenn man aber diese Wechselbeziehung
beobachtet des individuellen Wesenskernes des Menschen
mit demjenigen, was an den Menschen im Laufe des Le-
bens nicht nur durch das zu Lernende und zu Erfahrende,
sondern audi durch Erlebnisse wie Lust und Leid, Schmer-
zen und Freuden herantritt, dann wird man in diesem
geistig-seelischen Leben selber auf einem hoheren Gebiete
eine ahnliche Wechselwirkung sehen wie - sagen wir zwi-
schen dem neuen Pflanzenkeim, der sich in der Bliite des
alten entwickelt, und der alten Pflanze, der der neue Keim
das Leben wegnimmt.
Wenn man diese Betrachtung auf den Baum ausdehnt,
wird man sagen konnen: da wird audi immer Leben weg-
genommen, indem im Pflanzenreich der Baum verholzt.
Aber dafiir verwandeln sidi gewisse Dinge am Baum selbst
in tote, unlebendige Produkte; unorganisch werdendeRinde
umgibt den Baum.
In derselben Weise sehen wir, wenn wir das Wesen des
Mensdienlebens genauer betrachten, nicht nur eine auf-
steigende Entwickelung, sondern wir sehen eine aufstei-
gende Entwickelung, die den geistig-seelischen Wesenskern
des Menschen aufsteigen und wachsen lafit, ihn sich an-
gliedern lafit an die aufiere Welt; und indem er immer
weiter und weiter wachst, sehen wir ihn in Konflikt kom-
men mit der alten Anlage, das heifk mit sich selber in
Konflikt kommen. Das geschieht dadurch, dafi er sich in
der Jugend Organe aufbauen, Organe gliedern konnte nach
seiner Anlage, wahrend jetzt im weiteren Verlauf des Le-
bens dieser Prozefi nicht mehr moglich ist und er nun in
dem verholzenden Leben weiter existieren muift. So sehen
wir, dafi wir gerade, wenn unser Leben sich reich entwik-
kelt im Laufe der Zeit, wenn wir Neues aufnehmen und
dadurch unsern individuellen Wesenskern bereichern, in
Konflikt kommen mit dem, was die Hiille dieses Wesens-
kernes ist, was wir herangebaut haben und was im Wach-
sen war. Solange wir wachsen, und insofern wir so wach-
sen, nehmen wir in uns keinen geistig-seelischen Todes-
prozefi auf. Erst indem wir Aufieres aufnehmen, nehmen
wir einen geistig-seelischen Todesprozefl auf. Das ist aber
im Grunde genommen, wenn es auch in der Kindheit nodi
weniger als in spaterer Zeit hervortritt, das ganze Leben
hindurch der Fall.
So konnen wir sagen, dafi auf geistig-seelischem Gebiet
ein Wachsen und Absterben im Innersten des Menschen,
auch geistig-seelisch, sitzt. Aber worin besteht jetzt der
Prozefi, der sich da abspielt? Wir konnen ihn gut ver-
stehen, wenn wir ihn einmal in einer niedrigeren Form
betrachten und irgend etwas aus dem Bereich des gewohn-
lichen Lebens zur Betrachtung heranziehen, um dadurch
sozusagen zu BegrifFen und Ideen iiber das hohere Gebiet
des Daseins zu kommen.
Nehmen wir zum Beispiel die Ermudung. Von Ermu-
dung sprechen wir bei tierischen und menschlichen Wesen.
Nun handelt es sich darum, dafi man einen Begriff ge-
winnt iiber das Wesen der Ermudung. Ich kann mich jetzt
nicht einlassen auf alle die BegrifFe, die dariiber aufgesam-
melt worden sind, sondern wir wollen den ganzen Prozeft
der Ermudung im Verhaltnis zum Lebensprozefi in Be-
tracht ziehen, Man kann sagen: Der Mensch ermiidet, weil
er seine Muskeln abnutzt und weil den Muskeln neue
Krafte zugefiihrt werden rmissen. In diesem Falle konnte
man definieren: Der Mensch ermiidet, weil er seine Muskeln
durch irgendeine Arbeit abnutzt.
Recht plausibel sdiaut fiir den ersten Augenblick eine
solche Definition aus. Nur wahr ist sie nicht. Aber heute
ist es schon so, dafi man mit Begriffen arbeitet, welche sich
gerade so ausnehmen, dafi sie von oben an die Dinge
tippen, aber nicht in die Untergrunde dringen wollen.
Denn denken Sie, wenn wirklich die Muskeln ermiiden
konnten, wie stunde es denn dann mit dem Herzmuskel?
Der wird aber uberhaupt nicht miide, der arbeitet Tag
und Nacht, fortwahrend, und so auch andere Muskel-
gebiete des menschlichen und tierischen Leibes. Das gibt
Ihnen einen Begriff, dafi es nicht richtig ist zu sagen, in
der Beziehung zwischen Arbeit und Muskel konne irgend
etwas zur Erklarung der Ermiidung liegen.
Wann ermiidet das Tier oder der Mensch? Wenn eine
Arbeit nicht durch den Organismus, nicht durch den Le-
bensprozeft veranlafit wird, sondern wenn eine Arbeit
von der Aufienwelt selbst veranlafit wird, das heifk aus
der Welt, mit der ein Lebewesen durch seine Organe in
Beziehung treten kann. Also wenn ein Lebewesen Arbeit
auf Grundlage seines Bewufitseins ausfuhrt, ermiidet das
betreffende Organ. An sich liegt im Lebensprozefi nichts,
was zu einer Ermiidung Veranlassung geben konnte. So
mufi also der Lebensprozefi, mussen die samtlichen Lebens-
organe mit etwas zusammengefuhrt werden, was gar nicht
zu ihnen gehort, wenn sie ermiiden sollen.
Ich kann nur aufmerksam machen auf diese wichtige
Tatsache. In ihrer Ausgestaltung kann man ungeheuer
fruchtbare Gesichtspunkte finden. Also nur das, was auf
dem Umwege durch einen Bewufitseinsprozefi, was durch
eine Bewufkseinsveranlassung einem Lebewesen zugefiihrt
wird, kann Veranlassung zur Ermiidung sein. Es ware
daher ganz unsinnig, bei den Pflanzen von Ermiidung zu
sprechen. Daher kann man sagen: In alledem, was ein
Lebewesen ermiiden soli, mufi ihm tatsachlich etwas Frem-
des gegeniiberstehen, mufi ihm etwas eingefiigt werden,
was nicht in seiner eigenen Natur Hegt .
So konnen wir sagen, daft jene Storung des Lebenspro-
zesses, die durch die Ermiidung eintritt, sdion auf einem
ganz untergeordneten Gebiete darauf hinweist, dafi das,
was wir im Seelenleben haben, nidit ohne weiteres her-
ausgeboren ist aus dem physischen Leben, sondern dafi
es durchaus mit denGesetzen dieses Lebens in einem Wider-
spruch steht. Der Widerspruch zwischen den Gesetzen
des Bewufkseinslebens und den Gesetzen des Lebens und
der Lebensprozesse allein erklart, was in der Ermiidung
gegeben ist, wovon Sie sich selbst iiberzeugen konnen,
wenn Sie es sich genauer iiberlegen. Deshalb konnen wir
sagen, daft die Ermiidung ein Ausdruck dafiir ist, dafi das,
was zu einem LebensprozelS hinzukommt, ihm fremd sein
muft, und daher kann es ihn nur storen. Nun kann der
Lebensprozefi im wesentlichen ausgleichen, was durch die
Ermiidung abgenutzt ist, durch Schlafen und durch die
Ruhe. Aber Abnutzung wird dadurch herbeigefuhrt, dafi
ein Neues gegeniiber dem alten Lebensprozefi auftritt.
Nun tritt im menschlichen individuellen Leben dadurch,
dafi der Mensch mit der Aufienwelt in Beziehung tritt, ein
innerer Abnutzungsprozefi auf. Das Alte, das in der An-
lage vorhanden war, tritt mit Neuem in Wechselbeziehung.
Das Ergebnis ist darin ausgedriickt, dafi wahrend des in-
dividuellen Lebens zwar der individuelle Lebenskern um-
gestaltet wird, aber dafiir auch sozusagen Verholzendes
abstofien mufi, was er sich selbst von seiner Geburt an ge-
bildet hat. Die Ursache des Todes Hegt mit der Bestim-
mung zu einem neuen Leben in dem menschlichen Seeli-
schen geradeso, wie in dem tierischen Organischen die An-
lage zur Ermiidung nur dadurch liegen kann, daft es mit
Neuem, ihm Fremden in Wechselbeziehung tritt. Man
konnte daher sagen: der Prozefi des Todes, des allmah-
lidien Absterbens lafit sidi besser begreifen, wenn man den
Gegensatz in Erwagung zieht, in welchem Seelisdies steht
zu Organischem, und der sidi in der Ermiidung ausdriickt.
Daher haben wir eigentiich in unserem inneren Wesens-
kern das ganze individuelle Leben hindurch den Todes-
keim. Wir konnten uns aber nicht weiterentwickeln, konn-
ten unmoglich das, was wir schon sind bei der Geburt, um
einen Schritt weiterbringen, wenn wir nicht von innen
heraus diesen Tod dem Leben beigesellen wiirden. Wie zur
Verrichtung aufierer Arbeit Ermiiden gehort, so gehort zu
einer Bereicherung und Hohergestaltung des individuellen
Lebenskernes das Abstofien, das Toten der aufieren Um-
hullung.
Gerade an dem geistig-seelischen Lebens- und Todes-
prozefi driickt sich uns mit einer grofien Klarheit aus, was
wir nennen konnen: wir erkaufen uns die Hohergestal-
tung, die Weiterentwickelung des Lebens dadurch, dafi wir
die Wohltat geniefien, das, was wir schon waren, von uns
abzustofien. Eine Entwickelung ware nicht moglich, wenn
wir nicht das Alte abstofien konnten. Mit dem aber, was
wir in dem Neuen unserem Geistig-Seelischen einorgani-
siert haben, schreiten wir durch den Tod. Was liegen darin
fur Krafle? Solche Krafte, die die Fruchte sind des ver-
flossenen Lebens. Wir konnen die Samen zu diesen Fruch-
ten zwar erleben, konnen die Lebensbeobachtungen zwar
erleben, konnen audi vieles im Leben machen, aber wir
konnen sie uns nicht einorganisieren, konnen sie nicht
wirklich in unsere auftere Hiille iibertragen. Denn unsere
Hulle bauen wir uns nicht aus dem, was wir in einem
Leben lernen, oder hochstens zu einem gewissen Teil, son-
dern wir bauen sie nach Mafigabe dessen, was wir im vor-
hergehenden Leben geworden sind. Wir konnen uns also
unser Leben nur dadurch aufbauen, dafi wir dasjenige ver-
wenden, was wir uns im vorigen Leben angeeignet haben,
und konnen uns dadurdi fortentwickeln, dafi wir das
Alte - wie der Baum die Rinde — von uns abstofien und
in den Tod eingehen. Und mit dem, was wir mitnehmen
durdi den Tod hindurch, sind wir imstande, unser nachstes
Leben aufzubauen, weil es in sidi dieselben Krafte enthalt,
die unser geistig-seelisches Wachstum aufgebaut haben, als
wir frisch und froh uns in der Jugend entwickelten. Die-
sen Kraften ist es gleichartig. Wir haben es aus der Le-
benserfahrung aufgenommen und bauen uns ein kiinftiges
Lebewesen, eine kiinftige leibliche Hiille, die das als Blute
in der Anlage in sich tragen wird, was wir in dem einen
Leben gewonnen haben.
Solchen Dingen gegeniiber wird immer wieder die Frage
geltend gemacht: "Was hilft es im Grunde genommen dem
Menschen, wenn von wiederholten Erdenleben gesprochen
wird, wenn er doch nicht imstande ist, sich an friihere Le-
ben zu erinnern, wenn ein Gedachtnis an friihere Leben
nicht vorhanden ist?
Es Hegt ja im Wesen der heutigen geistigen Kultur, dafi
man iiber solche Fragen des geistig-seelischen Lebens noch
nicht gelaufig nachzudenken und nachzusinnen in der Lage
ist wie iiber die Dinge des Naturlebens, aber wir miissen
uns doch klar sein, dafi es moglich ist, iiber diese Fragen
des geistig-seelischen Lebens in genau derselben Weise uns
Begriffe, Anschauungen zu entwickeln. Dies konnen wir
nur, wenn wir dieses geistig-seelische Leben wirklich ge-
nauer betrachten, wenn wir uns fragen: "Wie mufi es denn
iiberhaupt mit dem menschlichen Gedachtnis stehen, wie
ist denn das Wesen des menschlichen Gedachtnisses?
Es gibt einen Punkt im personlichen Menschenleben, der
sehr leidit dahin fiihren kann, iiber diese Frage Ansiditen
zu gewinnen, das ist der folgende. Sie wissen alle, daft es
im heutigen normalen Menschenleben eine Zeit gibt, an
die das spatere Leben huidurch keine Erinnerung vorhan-
den ist. Das ist die Zeit der ailerersten Kindheit. Der
Mensch erinnert sich im heutigen normaien Leben bis zu
einem gewissen Punkt seiner Kindheit, dann schwindet
ihm die Erinnerung. Obwohl er sich ganz klar ist, daft er
fruher schon dabei war, erinnert er sich daran doch nicht.
Er weift, daft es sein gleiches geistig-seelisches Ich ist, das
ihm das Leben aufgebaut hat, aber es fehlt ihm die Mog-
lichkeit, sein Gedachtnis iiber diese Stufe auszudehnen.
Wer viele Kindesleben betrachtet, wird daraus eine Beob-
achtung machen konnen. Die wird natiirlich nur im we-
sentlichen sich im aufteren Leben verwirklicht finden, aber
sie ist doch richtig. Aus der Beobachtung der kindlichen
Seele wird man das Resultat gewinnen konnen, daft die
Erinnerung genau so weit zuriickgeht, bis sie den Zeitpunkt
trifft, wo der Ich-BegrifT, die Vorstellung von dem eigenen
Ich in dem betreffenden Menschenwesen entstanden ist.
Das ist eine aufterordentlich wichtige Tatsache. In dem
Moment, wo das Kind nicht mehr aus sich selbst heraus
sagt: Karlchen will dies, oder: Mariechen will dies,
sondern wo es sagt: Ich will das, - von dem Zeitpunkt,
wo die bewufite Ich- Vorstellung anhebt, fangt audi die
Ruckerinnerung an. Woher kommt diese merkwiirdige
Tatsache? Sie kommt daher, weil zur Erinnerung noch
etwas anderes notwendig ist, als daft man sozusagen
einmal oder iiberhaupt mit einem Gegenstande in Beriih-
rung gekommen ist. Man kann noch so oft mit einem
Gegenstande in Beruhrung kommen, eine Erinnerung muft
deshalb nicht hervorgerufen werden. Die Erinnerung
beruht namlich auf einem ganz bestimmten seelischen
Prozefi, auf einem ganz bestimmten geistig-seelischen,
inneren Lebensprozefi, den Sie sich vergegenwartigen
konnen, wenn Sie sich folgendes vor Augen stellen.
Man mufi unterscheiden zwischen der Wahrnehmung
eines Gegenstandes oder Erlebnisses und zwischen dem,
was die Vorstellung dieses Gegenstandes ist. Im Wahr-
nehmungsprozefi hat man etwas, was man immer wieder
haben kann, wenn man vor das Ding hintritt. Aber man
hat an dem Erlebnis noch etwas anderes. Wenn man mit
einem Ding in Beriihrung gekommen ist, einen Gesichts-
oder Gehorseindruck in sich aufgenommen hat, so hat man
aufierdem noch etwas wie einen inneren Siegelabdruck in
sich aufgenommen, und der ist es, den wir mitnehmen, der
in der Vorstellung bleibt, der sich der Erinnerung einver-
leiben kann. Der mufi aber erst entstehen. Ich weifi, dafi
das, was ich jetzt gesagt habe, vielfach beanstandet werden
wird von wackeren Schopenhauerianern, von denen, die da
behaupten, dafi unsere Weltanschauung nur unsere Vorstel-
lung sei. Aber das beruht auf Verwechselung von Wahr-
nehmung und Vorstellung. Beide miissen dringend unter-
schieden werden. Die Vorstellung ist ewas Reproduziertes.
Das aufiere Erlebnis kann noch so oft auftreten: wenn
es nicht den inneren Siegelabdruck der Vorstellung erf ahrt,
kann es nicht dem Gedachtnis einverleibt werden. Wenn
dagegen gesagt wird, die Vorstellung ist nichts anderes,
als was sich in der Wahrnehmung darbietet, so braucht
man nur darauf aufmerksam zu machen, daiS die Vor-
stellung eines noch so heifien Stiickes Stahl ganz gewifi
niemanden brennen wird, aber das Sinneserlebnis wird
brennen. Da haben Sie den Unterschied zwischen Vorstel-
lung und Sinneswahrnehmung. Deshalb konnen wir sagen:
Die Vorstellung ist ein nach innen gewendetes Sinnes-
erlebnis.
Aber bei dieser Wendung nach innen, bei diesem aufie-
ren Anprall des Gegenstandes im Wechselverkehr mit dem
menschlichen Innern, wobei der innere Siegelabdruck her-
vorgerufen wird, kommt nodi etwas anderes in Betracht.
Was da nach innen in unserm Sinnesleben erlebt wird,
das wird bei jedem aufteren Sinneseindruck, bei allem, was
wir an der aufteren Welt aufnehmen konnen, einverleibt
unserm Ich. Eine Sinneswahrnehmung kann audi da sein,
ohne daft sie dem Ich einverleibt wird. Fur die aufiere
Welt ist es unmoglich, daft eine Vorstellung im Gedaditnis
behalten wird, wenn sie nicht nacli innen, in den Bereich
des Ich aufgenommen wird. So stent bei jeder Vorstellung,
die wir uns aus einem Sinneserlebnis bilden und die im
Gedaditnis behalten werden kann, das Ich am Ausgangs-
punkt. Eine Vorstellung, die von auften herein in unser
Seelenleben kommt, ist gar nicht zu trennen von dem Ich.
Ich weift wohl, daft ich bildlich spreche. Aber diese Dinge
bedeuten trotzdem eine Wirklichkeit, wie wir im Laufe
der nachsten Vortrage sehen werden.
Wir konnen uns vorstellen, daft das Ich-Erlebnis etwas
darstellt wie eine innere Kugelflache, von auften gesehen,
daft dann die Sinneserlebnisse herankommen und daft das
Sich-Spiegeln der Erlebnisse im Innern die Vorstellung er-
gibt. Dazu mufi aber das Ich dabei sein bei jeder einzelnen
Sinneswahrnehmung. So ist tatsachlich das Ich-Erlebnis
bei allem, was der Erinnerung einverleibt werden kann,
wie ein Spiegel, der nach innen uns die Erlebnisse zuruck-
strahlt. Es mufi da sein. Daraus erklart sich uns folgendes:
Solange das Kind nicht die BegrifFswahrnehmungen so
aufnimmt, daft sie Vorstellungen werden, sondern solange
sie nur als Sinneswahrnehmungen aufterlich an das Kind
herantreten, nur aufterlich zwischen Ich und Aufienwelt
erlebt werden, nicht aber zum inneren Ich-Erlebnis um-
gewandelt werden, solange das Kind nicht die Ich-Vor-
stellung hat, deckt ihm kein Ich-Spiegel sozusagen zu, was
ringsherum ist. Solange wird man aber audi bemerken,
dafi das Kind Mannigfaltiges, was die Erwachsenen nicht
verstehen, in die Umgebung hineinphantasiert. Bei der
Riickerinnerung aber kann nur das auftauchen, was das
Ich schon aufgenommen hat, so dafi es dadurch in die
Erinnerung gedrangt ist. Wo die Ich-Wahrnehmung auf-
getreten ist, stellt sidi das Ich vor die Vorstellungen wie
ein Spiegel, und was dann vor dieser Zeit des Ich-Erleb-
nisses liegt, kann nicht mehr in die Erinnerung herauf-
gerufen werden. Daher tritt der Mensch immer so mit der
Aufienwelt in Beruhrung, dafi sein Ich alle Erlebnisse mit-
erlebt, dafi sein Ich immer dabei ist. Damit ist nicht gesagt,
dafi audi alles zum Bewufitsein kommen mufi, sondern
nur, dafi Erlebnisse nicht blofi als Sinneswahrnehmungen
verbleiben, sondern in Vorstellungen umgewandelt werden.
So konnen wir jetzt sagen: Der innerste Wesenskern
des Menschen, aus dessen Mittelpunkt sich das heraus-
entwickelt, was jetzt beschrieben worden ist als von
Verkorperung zu Verkorperung gehend, wird gerade zu-
gedeckt durch die Ich-Vorstellung, wie sie gewohnlich
vorhanden ist. Der Mensch stellt sich selbst vor sein
Gedachtnis hin mit seiner heutigen Ich-Entwickelung. Und
daher ist es ganz erklarlich, dafi sein Gedachtnis nur iiber
die Sinneswelt reichen wird.
Kann nun durch die Erfahrung selber der Beweis ge-
liefert werden, dafi das audi anders werden kann? Kann
von Erweiterung des Gedachtnisses bis in friihere Verkor-
perungen hinein gesprochen werden? Das ist aus der blo-
fien Definition selbstverstandlich, wenn das erfafit wird,
was hinter dem eigenen Ich-Punkt liegt, den man sich so-
zusagen selber zudeckt. Fangt man an ihn zu erfassen, so
mufi man audi seine innerste Natur und Wesenheit erken-
nen, und man mufi audi erkennen, was ein Mensch im
mensdilidien Leben und nidit blofi im allgemeinen, son-
dern im eigenen individuellen Leben tut. Gibt es eine Mog-
lichkeit, sozusagen hinter dieses Idi dahinter zu schauen?
Die gibt es aller dings. Und sie liegt in jenem inneren
Seelenleben, von dem ich schon in dem einleitenden Vor-
trage gesprochen habe. Wenn es der Mensch wirklich un-
ternimmt, in streng methodischer Schulung seine Seele so
zu entwickeln, dafi die in ihr schlummernden Krafle her-
vorkeimen, dafi die Seele uber sich selber hinaussteigt, dann
kann er das nur dadurch, dafi er mit einer gewissen in-
neren Entsagung sich Vorstellungen aneignet, welche nicht
solche sind, bei denen das Ich-Erlebnis unmittelbar dabei
ist. Bei allem, wo das Ich-Erlebnis dabei ist, stellt sich das
Ich-Erlebnis vor dem menschlichen Wesenskern auf. Fiir
die Seelenschulung mufi er sich also Vorstellungen aneig-
nen, bei denen das Ich-Erlebnis nicht dabei ist. Deshalb
mussen jene inneren Seeleniibungen, die der Mensch vor-
nimmt, in einer ganz bestimmten Art getroffen werden.
Da kommt es auf den Inhalt des Nachsinnens an, was er
da seinem Seelenleben einverleibt. Und er mufi seinem
Seelenleben etwas einverleiben, was der inneren Seelen-
natur zwar gleichkommt, aber sich nicht auf Aufieres be-
zieht. Was bezieht sich nicht auf das Aufiere? Nur das
Nachdenken. Aber das Nachdenken erstreckt sich gewohn-
lich iiber die aufiere Welt. Daher ist es nicht brauchbar fiir
den, der in die hoheren Welten hinaufsteigen will. Es mufi
daher ein solches Vorstellungsleben entwickelt werden, das
in Bildern, in Symbolen, die immerfort und fort vor die
Seele hingestellt werden, im Ich eine solche Tatigkeit her-
vorruft, dafi das Ich, wenn es die Wahrheiten der gewohn-
lichen Sinneswelt gewinnen wollte, sich nie eine solche Vor-
stellung bilden wiirde. Also es mufi sich die Seele Bilder
und Symbole einverleiben, die nicht eintreten, wenn man
mit seinem Ich-Erlebnis alles Aufiere begleitet.
Beachtet man das, dann madit man die folgende Erfah-
rung, iiber die man nur etwas aussagen kann, indem man
hinweist auf jenen Zustand, in welchem der Mensch. immer
wieder in seinem Leben eintritt, namlich in den Schlaf-
zustand. Mit dem Einschlafen versinken alle Vorstellun-
gen, alle Leiden, Schmerzen und so weiter, die der Mensdb
wahrend des Tages erlebt hat, in ein unbestimmtes Dun-
kel. Das ganze bewufite Leben des Menschen geht in ein
unbestimmtes Dunkel hinunter, und es kommt wieder,
wenn der Mensch des Morgens aufwacht. Vergleichen Sie
das Bewulkseinsleben beim Aufwachen und beim Einschla-
fen. Solange der Mensch nur bewufke Eindrucke aus dem
aufieren Sinnesleben gewinnt, bringt er nur wieder mit
am Morgen, was er am Abend im Bewufitsein hatte. Er
wacht mit demselben Bewufitseinsinhalt wieder auf, er
erinnert sich an denselben, kann dasselbe denken und so
weiter. Wenn der Mensch aber in der angedeuteten Weise
eine solche innere Trainierung vornimmt, bei der das Ich
nicht dabei ist, dann stellt sich die Sache anders. Da findet
der Mensch allerdings, da£ er seine ersten Fortschritte dar-
an merkt, dafi er sich beim Aufwachen bereichert fiihlt
durch den Schlaf, dafi dasjenige, was er vor dem Einschla-
fen aufgenommen hat, ihm mit einem reicheren Inhalt zu-
riickkommt. Da kann er nun sagen: Jetzt habe ich hinter
die geistige Welt geschaut, die das Ich nicht zudeckt, und
habe als Frucht davon, dafi sich mir in mein Bewufttseins-
leben etwas eingliedert, was ich nicht aus der Smneswelt
gewonnen habe, denn ich habe es mir mitgebracht aus der
Welt des Schlaf es. So sind die ersten Fortschritte dessen,
der ein geistig-seelisches Leben durchmacht.
Dann aber tritt weiter die Moglichkeit ein, dafi er audi
wahrend des wachen Tageslebens einen solchen Inhalt sich
eingliedern kann, der nicht vom Ich-Erlebnis durchdrun-
gen ist, obwohl das Ich dabei ist. Das Ich-Erlebnis mufi
sich neben diesen Inhalt ebenso stellen, wie es sich in alien
sinnlichen Inhalt hineinstellt. Wenn wir dies in Betracht
ziehen, miissen wir sagen: In einen seelisch-geistigen In-
halt des Menschseins hineinschauen kann der, welcher in
der Lage ist, hinter das Ich zu schauen. Wer einen solchen
Weg durchmacht, dem wird audi oft nahegelegt, gewisse
Gefuhle zu entwickeln. An der Art wie diese Gefuhle
sind, zeigt sich schon, wie auch der Weg ist. So mufi man
lernen, wunschlos zu sein gegen kommende Erlebnisse,
lernen, wunschlos zu werden, und namentlich sich Furcht
und Angst vor kommenden Ereignissen abzugewohnen.
Man mufi lernen, kaltbliitig zu sagen: Du lafk alles an
dich herankommen, was auch kommen mag, und sich das
nicht blofi in einer trockenen, abstrakten Vorstellung zu
sagen, sondern es sich zum innersten Gefuhl zu machen.
Fatalist braucht man deshalb nicht zu werden, denn man
mufi selbst dabei eingreifen ins Leben. Fatalist ist man,
wenn man denkt, dafi alles von selbst geschieht. Aber
dieses absolute Gleichgewicht als Gefuhl und Empfindung
dem Ich einzuimpfen, das ist etwas, was nach dem geistig-
seelischen Wesen des Menschen eine solche Kraft hinstolk,
die das Ich ausschaltet von den Wahrnehmungen, die sich
in unser Bewufitsein bereits hineinstellen. So bleibt man
innerhalb der Ich- Welt darinnen stehen, nimmt aber eine
neue Welt von inneren Seelenerfahrungen auf .Diese machen
es einzig und alleinmoglich,dafi man den innersten Wesens-
kern des Menschen, der sich zwar von der Geburt an ent-
wickelt als das, was aus einem vorhergehenden Leben
stammt, aber nicht in Wahrheit erkannt werden kann*
nun in seiner wahren, individuellen Gestalt sehen kann.
Man mufi ihn erst sehen wie er ist, wie er unmittelbar in
der Gegenwart ist und arbeitet. Wie soli man sich an etwas
erinnern, auf das man nodi nie die Augen gewendet hat?
Wie das Kind dasjenige auch im Bewufksein nicht hat, was
sich vor der Entwickelung der Ich-Wahrnehmung abge-
spielt hat, so kann der Mensch diejenigen Erlebnisse vor-
heriger Geburten nicht in sein Gedachtnis hereinnehmen,
die nicht aufgebaut sind auf einer Erkenntnis des inneren
Wesenskernes des Menschen, auf Gefiihlen und Empfin-
dungen des geistigen und seelischen Kernes, der in jedem
Menschen ist.
Wer das wirklich durchmacht, wer vor alien Dingen
lernt, sich die Riickschau in friihere Leben dadurch zu er-
kaufen, dafi er mit Gleichmut und Gelassenheit wunschlos
der Zukunft entgegenschaut, der wird sehen, da£ die friihe-
ren Erdenleben nicht blofi eine logische Schlufifolgerung
sind, sondern durch ein neu entstandenes, wirklich hervor-
gerufenes Gedachtnis als Realitat sich erweisen. Aber dazu
ist eines notwendig. Die Moglichkeit, in die Vergangen-
heit zu schauen, kann nur erkauft werden durch Wunsch-
losigkeit, durch Gleichmut und Gleichgultigkeit gegeniiber
der Zukunft. Soweit wie wir in unseren Gefiihlen und
Empfindungen darauf gefafit sind, die Zukunft zu er leben,
soweit wie wir unser Ich ausschalten konnen gegeniiber
dem Erleben der Zukunft, so weit sind wir imstande, in
die Vergangenheit zu schauen. Und je mehr der Mensch
diesen Gleichmut entwickelt, desto mehr nahert er sich
dem Zeitpunkt, wo die vergangenen Erdenleben eine Rea-
litat fur ihn sind.
So konnen wir den Grund angeben, warum fur das ge-
wohnliche Menschenleben oft gesagt werden kann, eine
Erinnerung sei nicht da. Dieser Einwand ist ebenso, wie
wenn jemand ein Kind von vier Jahren bringen wiirde
und sagte: Dieses Kind kann nicht rechnen, und nun
daraus schliefien wollte: Also kann der Mensch nicht
rechnen! Dagegen konnte man nur erwidern: Lafi das
Kind zehn Jahre alt werden, und es kann rechnen. Also
kann der Mensch rechnen! - Die Erinnerung an die ver-
gangenen Erdenleben ist eine Sache der Entwickelung! Da-
her ist es notwendig, dafi man durch das Zwingende des
logischen Schlusses, der an die Spitze des heutigen Vor-
trages gestellt worden ist, daruber nachdenken lernt. Dann
wird man finden, dafi ein geistig-seelischer Wesenskern
des Menschen da sein mufi und dafi wir ihn durch den
Tod hindurch in ein neues Leben hiniibertragen, wie wir
ihn durch die Geburt in dieses Leben hineingetragen haben.
So kann Geisteswissenschaft nicht in einfacher Weise,
sondern so wie es sachlich richtig ist, auf das hinweisen,
was im Menschen gegeniiber Leben und Tod ewig ist. Und
wir diirfen sagen: Die logische SchlufSfolgerung iiber Tod
und Leben in bezug auf die menschliche Wesenheit sagt
uns von vornherein, dafi in dieser menschlichen Individua-
list die Moglichkeit auch zur Erringung des Gedachtnisses
fiir die vergangenen Leben vorhanden ist. Dann braucht
man auch nicht mehr zu sagen: "Wenn man sich nicht daran
erinnern kann, nutzen einem die vergangenen Erdenleben
nichts! Nutzt einem denn nur das, an was man sich erin-
nert? Sind nicht auch fiir das Kind die Zeiten wichtig, an
die es sich nicht erinnert? Wir tragen in uns die Fruchte
vergangener Leben. Wir entwickeln in uns - ohne unser
Bewufitsein - im gegenwartigen Leben das, was wir aus
fruheren Leben haben. Und wenn wir anfangen, in f riihere
Erdenleben zuriickzusehen, dann ist ja die Ruckerinnerung
da. Dann konnen wir uns auch sagen, wie gut es war, dafi
wir uns in fruheren Zeiten nicht zuriickerinnert haben. Es
ist zum Beispiel die Riickerinnerung nidit nur erst durch
das zu erringen, was ich an Gefuhlen und Empfindungen
fiir das zukiinffcige Leben charakterisiert habe, sondern sie
ist sogar nur vertraglich mit einer solchen gesdiilderten
Seelenverfassung. Wenn sie auf eine kiinstliche Weise
eintrate und ihr dennoch der Mensch ein von Egokat durch-
drungenes Wunsch- und Begierdenleben zur Seite stellen
wiirde, mttfite sein geistig-seelisches Leben aus dem Gleich-
gewicht kommen, miilke aus den Fugen gehen. Denn ge-
wisseDinge gehoren zusammen - und gewisse andereDinge
stolen sich ab.
So konnten wir verfolgen das, was im Menschen ewig
ist, was durch die Geburt ins Leben tritt, was aus dem
Leben durch den Tod in geistige Welten iibertritt und in
neuen Verkorperungen wiedererscheint. Und verbunden
damit ist, wie wir nur dadurch in neuen Verkorperungen
uns hoher entwickeln konnen, dafi wir die Fruchte aus
den friiheren Leben verwerten. Heute sollten die Be-
ziehungen des menschlichen Wesenskernes zu diesen bei-
den Begriffen gezeigt werden. Wenn wir das vor Augen
haben, werden wir nicht mehr bei der Frage nach dem
Wesen von Leben und Tod zur Antwort geben: Das We-
sen des Todes erkenne man an der Leiche, - sondern wir
werden sagen: Wir suditen im innersten Wesenskern des
Menschen dasjenige, was neues Leben herbeifuhren mufi.
Damit aber neues Leben entstehen kann, mufi das alte
nach und nach absterben und dann ganz erloschen, ebenso
wie die alte Pflanze, wenn sie einjahrig ist, absterben mufi,
damit die neue Pflanze das Leben aus ihr nehmen kann.
Wer so die Welt des Todes betrachtet, wird nicht auf das
hinschauen, was als Leiche iibrigbleibt, sondern er wird in
jedem Wesen auf das Charakteristische des Lebens hin-
schauen, das in ein neues Leben hiniibergefuhrt wird. Mag
also audi Shakespeare den dusteren Danenprinzen das-
jenige ausspredien lassen, was fiir viele scheinbar aus den
sidieren Tatsachen der heutigen Wissenschaft folgen kann:
Der grofie Casar, tot und Lehm geworden,
Verstopft ein Lodi wohl vor dem rauhen Norden.
O dafi die Erde, der die Welt gebebt,
Vor Wind und Wetter eine Wand verklebt.
Liegt einer solchen Betrachtung nur das zugrunde, was die
Wege des Absterbenden sind, so wenden wir uns, indem
wir aus der Geisteswissenschaft heraus den Mensdien be-
traditen, an den geistig-seelisdien Wesenskern, der durch
Geburt und Tod und durdi immer neue Leben hindurch-
geht. Und wir gewinnen die Zuversicht, indem wir nicht
die Wege verfolgen, die SauerstofT, KohlenstofT, StickstofT
gehen, sondern die Wege des Lebens sudien, indem wir
auf das sehen, was der eigentlidie Wesenskern des Men-
sdien durdimadit, dafi wir dem Worte Shakespeares das
andere Wort gegenuberstellen konnen:
Der kleinste Erdenmensch,
Ein Sohn der Ewigkeit,
Besiegt in immer neuen Leben
Den alten Tod!
I.]
MENSCHENSEELE UND TIERSEELE
Berlin, 10. November 1910
Vielleicht ist es Ihnen aufgefallen, dafi im Anschlufi an
den heutigen Vortrag hier in adit Tagen ein Vortrag ge-
halten werden soil iiber «Menschengeist und Tiergeist»,
wahrend heme der Gegenstand, iiber den wir sprechen
wollen, «Menschenseele und Tierseele» heifit. Warum das
geschehen ist, dafi iiber Geist und Seele in zwei getrennten
Vortragen gesprochen werden soil, kann allerdings erst im
nachsten Vortrage vollstandig deutlich zutage treten. Vor-
laufig kann nur darauf aufmerksam gernacht werden: wenn
man geisteswissenschaftlich Leben und Dasein betrachtet,
hat man es in einer gewissen Beziehung allerdings nicht so
leicht wie bei der anderen wissenschaftlichen Betrachtung,
die in der Gegenwart iiblich ist, wo Begriffe und Ideen,
die durchaus zu einer wirklidien Erfassung der Dinge aus-
einandergehalten werden miissen, eben zusammengewor-
fen werden. Und wir werden sehen, dafi wir mit den Rat-
seln, die sich auf Seele und Geist bei Tieren und Menschen
beziehen, nicht zurechtkommen konnten, wenn wir nicht
die Unterscheidung zwischen Seele und Geist klar und
sicher machen konnten.
Wenn wir geisteswissenschaftlich, wie es hier geschehen
soli, von Seele sprechen, dann ist mit dem Begriff der Seele
immer der andere Begriff der Innerlichkeit, des innerlichen
Erlebens verbunden. Und wenn wir in bezug auf die uns
umgebende Welt vom Geist reden, sind wir uns dariiber
klar, dafi wir in allem, was uns nur erscheinen, entgegen-
treten kann, etwas wie eineOfFenbarung desGeistes haben.
Es ist das audi schon ofter erwahnt worden, dafi sich der
Mensdi in einem sonderbaren Selbstwiderspruch befinden
wiirde, wenn er den Geist nidit voraussetzen wiirde in
allenErsdieinungen desDaseins, die ihn umgeben.Nur der-
jenige Mensdi kann eigentlich, ohne in einen sich totenden
Selbstwiderspruch zu kommen, erkennend an die Aufien-
welt herantreten, der zugibt, dafi das, was er in seinem
Geiste zuletzt iiber die Aufienwelt findet, was er erkennend
sidi an Begriffen und Ideen aneignet, um die Aufienwelt
zu erfassen, mit den Dingen selbst etwas zu tun hat. Wer
nidit zugeben wollte - womit er dann von den Dingen
ausgeht, wenn er glaubt, in irgendeiner Weise etwas er-
kannt zu haben, wenn er sich Begriffe von den Dingen
gemacht hat — , wer nicht zugeben wollte, dafi in diesen
BegrifFen etwas lebt, was in den Dingen selber ist, der
diirfte, wenn er mit sich selbst in Obereinstirnmung lebt
und sein erkennendes Leben selber logisch auffassen will,
gar nicht an das Erkennen schreiten. Nur der kann Er-
kenntnis als etwas Wirkliches betrachten, der sich sagt:
Was ich zuletzt in meinem Geist in der Erkenntnis flnden
und behalten, gegenwartig machen kann, das mufi zuerst
in den Dingen enthalten sein. Insofern ich in meinem Geist
von den Dingen etwas hereinnehme, gleichgultig welchem
Reiche sie angehoren, setze ich in alien Reichen den Geist
voraus.
Gewifi,dieseAnerkennung, die jetzt ausgesprochen wor-
den ist, wird nicht uberall gemacht. Aber sie wird nur
dann nicht gemacht, wenn man sich in den charakterisier-
ten Selbstwiderspruch versetzt hat. Deshalb sprechen wir
von Geist, indem wir uns klar sind, dafi er sich in alien
Welten offenbart, und wir suchen zu erkennen, wie er sich
in die Welten hineingiefit und in ihnen erscheint. Anders
sprechen wir, wenn wir von Seele spredien. Von Seele
sprechen wir nur, wenn das Geistige, von dem eben jetzt
gesprodien worden ist, das wir als Menschen uns durch
unseren Intellekt, durch unsere Vernunft und andereMittel
aneignen, durch die wir die Dinge erkennend durchdrin-
gen, in einem Wesen selber innerlich lebt und erlebt wird.
Wir spredien einem Wesen Seele zu, das den Geist nicht
nur in sich aufnimmt, sondern das den Geist in sidi erlebt
und aus dem Geist heraus in sich selber schafTend ist. Also
nur dann sprechen wir Von Seele, wenn Geist innerlich in
einem Wesen ist, das uns entgegentritt. So aber - innerlich
schaflfend — finden wir den Geist bei Mensch und Tier.
Wie es sozusagen leicht wird, manches andere zu wider-
legen - was in dem ersten Vortrag dieser Serie gesagt und
gezeigt worden ist — , wenn man sich an landlaufige Be-
grifFe halt, ebenso ist es audi kinderleicht, sich iiber das
widerlegend herzumachen, was sozusagen fundamental
Ergebnisse der Geistesforschung sind, die sich darin aus-
driicken, dafi man auf dem Boden der Geisteswissenschaft
innerhalb der menschlichen Natur nicht blofi ein ein-
gliedriges Wesen, sondern eine mehrgliederige Wesenheit
unterscheiden mu£. Gewifi, es gibt heute noch weite, weite
Kreise, welche - und man kann das ganz gut verstehen
und sich in solche Menschen hineindenken, kann mit ihnen
fiihlen und nachempfinden, was sie eigentlich wollen - so-
zusagen ein Hohngelachter der Holle anfangen, von ihrem
Standpunkt aus mit vollem Recht, wenn von geisteswis-
senschaftlicher Seite folgendes gesagt wird: Der Mensch
mufi zusammengesetzt gedacht werden nicht nur aus dem
physischen Leib, den man in der aufieren Welt durch die
Sinneswahrnehmung sieht, den man anerkennt in der
aufieren Wissenschaft und audi untersucht, sondern dem
Menschen mufi audi zugeschrieben werden ein hoherer
Leib, der sogenannte Ather- oder Lebensleib, wobei
nicht an den hypothetischen Ather der Physik zu den-
ken ist. Ebenso mufi, wenn geisteswissenschaftlich ge-
sprochen wird, ein drittes Glied der menschlichen Wesen-
heit anerkannt werden, der Astralleib, und ein viertes
Glied des Menschen, sein Idi. Wenn diese Glieder als
etwas Reales anerkannt werden, so ist es vom Stand-
punkt der gegenwartigen Forschung aufierordentlich leicht
zu widerlegen, was so von der Geisteswissenschafl gesagt
wird, und zwar deshalb leicht - das kann gerade aus
dieser Serie von Vortragen ersichtlich werden weil
man in die ganze Art und Weise des geisteswissenschaft-
lichen Forschens erst einen Blick hineintun mufi, um die
Bereditigung dieser Dinge anzuerkennen.
Vom Standpunkte des Geistesforschers selbst sind diese
vier Glieder der menschlichen Wesenheit - physischer Leib,
Atherleib oder Lebensleib, Astralleib und Ich, das heilk
also ein sichtbares und drei unsichtbare,iibersinnliche Glie-
der der menschlichen Wesenheit - Realitaten, weil der
Geistesforscher seine Seele in bezug auf die in ihr sdilum-
mernden Krafte in einer solchen Weise entwickelt hat, dafi
er die hoheren Leiber des Menschen so wahrnehmen kann,
wie die gewohnlichen Augen den physischen Leib wahr-
nehmen. Diese hoheren Glieder sind also Realitaten und,
insofern sie unsichtbare Glieder sind, gerade dem sidit-
baren Glied, dem physischen Leib zugrunde liegend. Aber
wenn sie wahrnehmbare Realitaten audi nur fur den
Geistesforscher sind, so kann man doch sagen, dafi sich dem
Denken verstandlich machen kann, was gemeint ist, wenn
von diesen hoheren Gliedern der menschlichen Natur ge-
sprochen wird. In dem Atherleib erkennt der Geistes-
forscher zunachst eine Realitat, den Trager aller Lebens-
erscheinungen des Menschen. Und der Geistesforscher zeigt,
dafi der Tod dann eintritt, wenn der physische Leib ver-
lassen wird von seinem Ather- oder Lebensleib. Deshalb
sieht der Geistesforscher in dem Ather- oder Lebensleib
dasjenige, was den physisdien Leib davor bewahrt, den
physischen und diemisdien Kraften zu folgen, die ja im
physisdien Leibe des Mensdien tatig sind. In dem Augen-
blicke, da der Tod eingetreten ist, ist der physische Leib
eine nicht mehr moglicheZusammenfiigung von chemischen
und physischen Vorgangen. Dafi der menschliche Leib zeit-
lebens herausgerissen ist aus diesen physischen und chemi-
schen Vorgangen, die sich seiner sofort bemachtigen, wenn
der Tod eintritt, das verdankt er dem Ather- oder Lebens-
leib. Mit demselben haben wir etwas gegeben, was die
chemischen und physischen Stoffe und Kraffce aus ihrer
Wirksamkeit herausreilk und sie erst wieder im Moment
des Todes dieser physischen Wirksamkeit iibergibt.
Wir haben ofter gesagt, was dagegen eingewendet wer-
den kann, das ist kinderleicht vorzubringen. Aber diese
Einwande sind auch solche, die bei einer tieferen Erfassung
derSache wegf alien. Ganz abgesehen da von, dafi der Ather-
leib fur den Geistesforscher eine Tatsache ist, zeigt auch
eine wirkliche Logik, dafi es unmoglich ist, einen leben-
digen Organismus ohne einen solchen Ather- oder Lebens-
leib zu denken. Einen solchen Atherleib schreiben wir
daher im geisteswissenschaftlichen Sinne auch den Pflanzen
zu und sagen: Wahrend der Mensch noch hohere Glieder
iibersinnlicher Art hat - den astralischen Leib und das
Ich -, ist die Pflanze eine Wesenheit, die nur physischen
und Atherleib hat, wahrend ein Mineral nur aus phy-
sischem Leib besteht, soweit es sich uns in der Aufienwelt
darstellt. Treten wir zum Tier heran, so sprechen wir nur
davon, dafi sich beim Tier in physischen Leib und Ather-
leib eingliedert - indem wir uns bei diesem Worte nichts
anderes denken wollen, als was jetzt gesagt wird - der
Astralleib.
Nun schreiben wir dem Astralleib die Fahigkeit zu, dafi
dasjenige, was zum Beispiel beim Kristall die Gestaltung
hervorruft, also das Geistige, in dem Wesen selber inner-
lich, organbildend wird. Und wenn wir sehen, dafi in
einem tierischen Wesen aus der innerlichen Organisation
heraus sich die Sinnesorgane, die Funktionen der tierischen
Seele aufbauen, so sagen wir: Wahrend beim Mineral sich
der Geist erschopft in der Ausgestaltung der Form, ist er
innerlich lebendig im Tier. Dieses Innerlich-lebendig-Sein,
dieses Dasein des Geistes innerhalb der tierisdien Organi-
sation selber bezeichnen wir als eine Tatigkeit des Astral-
leibes. Beim Menschen aber sprechen wir davon, dafi dieser
Astralleib nodi durdidrungen ist von einem Ich-Leib, und
wir werden gleich nachher sehen, welche Bedeutung dieser
Ich-Leib fiir das Menschenleben hat.
Was sprechen wir denn dem Geiste eigentlidi zu, wenn
wir von Geist reden? Wir sprechen ihm dasjenige als
Realitat, als aufiere Wirklichkeit zu, was wir sozusagen
in uns selber in unserer Intelligenz erleben. Wir fiihren
durch unsere Intelligenz dieses oder jenes aus, wir bringen
die Krafte der Wesenheiten in ein Zusammenspiel durch
unsere Intelligenz. Diese unsere schopferische Intelligenz
hat eine gewisse Art. Indem sie in uns gleichsam in ein
zeitliches Dasein tritt, schopferisch auftritt, bilden wir uns
einen BegrifF von Intelligenz, von vernunftigem Erleben,
von vernunftgemafiem Schaffen, und schauen uns rings-
herum das Weltall an. Wir miifken sehr kurzsichtig sein,
wenn wir Intelligenz, alles was wir Geist nennen, nur
uns selbst zuschreiben wollten. Das ist gerade die Grund-
lage fiir die Unmoglichkeit, in die Ratsel des Daseins ein-
zudringen, dafi der Mensch leicht geneigt ist, das Wesen
der Intelligenz nur sich selber zuzuschreiben, und sidi gar
nidit die Frage beantworten kann: Wie bin idi beredhitigt,
die Intelligenz auf das Dasein anzuwenden? Wenn wir
aber hinausschauen und sehen, dafi die Dinge des Raumes
und der Zeit sich so aussprechen, dafi unsere Intelligenz
die Gesetzmafiigkeit umfassen kann, dann sagen wir: Was
in uns als Intelligenz lebt, das ist ausgebreitet in Raum
und Zeit und wirkt dort in Raum und Zeit. Wenn wir
uns umsehen im weiten, toten Naturreich, sprechen wir
davon, dafi der Geist in diesem weiten, toten Naturreich
gleichsam im StofTe erstarrt ist, und dafi wir das, was in
den Formen, in der gesetzmaftigen Wirksamkeit des Stoffes
sich auspragt, hereinlassen, auffangen konnen in unserer
Intelligenz, und dadurch in unserer Intelligenz eine Art
Spiegelung des die Welt durchwebenden und durchwir-
kenden Geistes haben.
Wenn wir so den Geist im ganzen Weltall verfolgen
und ihn jetzt vergleichen, wie er gleichsam in den toten
Wesen des Daseins erstarrt ist, mit der Art, wie er uns
im Tierreich entgegentritt, dann sagen wir uns: Sehen
wir ein einzelnes tierisches Wesen an, so erscheint uns in
ihm ein in sich geschlossenes Dasein, das in derselben Art
schafFt wie der Geist, der ausgebreitet ist in Raum und
Zeit. Wir konnen uns vorlaufig ein Gefuhl dafiir aneignen,
warum die Menschen, welche die Grunde dafiir wufiten,
diesen im Tier wirksamen Geist den «Astralleib» nannten.
Sie richteten den Blick in die grofle Welt des Daseins,
durch welche die Sterne in ihren Bahnen sich bewegen,
die der Mensch durch seine Intelligenz begreift, und sagten
sich: In der Gesetzmafiigkeit der ganzen Welt lebt der
Geist, und wir sehen einen gewissen Abschlufi in einem
einzelnen tierischen Organismus, sehen ihn in dem Raum,
der durch die tierischeHaut begrenzt wird, eingeschlossen. -
Was so im Tiere wirkt und gleichartig ist dem, was sidi
sonst ausbreitet in Raum und Zeit, das bezeichneten sie
im einzelnen tierischen Organismus als astralischen Leib.
Ob nun ein dunkles Gefiihl, nur eine Ahnung die Ver-
wandtschaft dessen fiihlt, was sich da im Tiere ausspricht,
mit dem, was in Raum und Zeit ergossen ist, oder ob die
auf Geisteswissenschaft beruhende strenge Forschung dies
erkennt — zwischen diesem beiden ist ein weiter Weg.
Aber das Gefiihl ist ein sidierer Fuhrer, und es zeigt
manchem, bevor er in das Wesen der Geistesforschung
eindringen kann, dafi es eine Wahrheit ist, was vom
Geistesforscher gesagt wird.
Wenn wir jetzt diesen Geist, den wir bewundern konnen
in seinem Ergossensein in Raum und Zeit, betrachten, wie
er wirkt im Tier, dann diirfen wir sagen: Wir sehen an
dem Tier, wo wir es audi betrachten, wie aus seiner Organi-
sation die geistige Wirksamkeit heraussprielk, die wir sonst
herausholen miissen aus alien Gesetzen des Raum- und
Zeitdaseins. Dazu braudien wir nicht absonderlidie Er-
scheinungen zu betrachten, sondern dazu genugen die aller-
nachstliegenden Erscheinungen. Der sinnigeMensch braucht
nicht weit zu gehen, und er wird aus der tierischen Tatig-
keit die geistige Wirksamkeit heraussprieften sehen, wie
er sie sonst aufsuchen mufS in den Weiten des Daseins,
Wenn er die Wespe das Wespennest aufbauen sieht, kann
er sich sagen: Da sehe ich gleichsam Intelligenz aus der
tierischen Organisation herausspriefien. Die Intelligenz,
die ich draufien im Weltenall finde, wenn ich meine eigene
Intelligenz auf die Gesetze des Daseins anwende, sehe ich
in dem an der tierischen Organisation wirksamen Geist.
Wenn der Mensch diesen in der tierischen Organisation
wirksamen Geist betrachtet - gleichgultig wo er ihm ent-
gegentritt — , dann kann er sich wahrhaft sagen: Zuweilen
ist wirklich dieser in der tierischen Organisation wirksame
Geist, diese Verinnerlichung des Geistes im Tier weit uber
das hinaus, was der Mensch in bezug auf Intelligenz zu
erschaffen vermag! Wir haben ein naheliegendes Beispiel
schon ofter erwahnt. Wie lange hat der Mensch im .Ver-
laufe seines geschichtlichen Daseins warten miissen, bis ihn
die eigene Intelligenz dazu befahigte, Papier zu bereiten!
Untersuchen wir die Krafte der Intelligenz, die der Mensch
aufwenden und seinem eigenen Seelenleben einverleiben
mufite, urn Papier bereiten zu konnen. Sie konnen in jeder
Schulgeschichte nachlesen, was es fiir ein groftes Ereignis
gewesen ist, daft der Mensch zur Papierbereitung aufstieg.
Nun - die Wespe kann das schon seit Jahrtausenden! Denn
das ist ganz dasselbe, was uns im "Wespennest entgegen-
tritt, und was der Mensch als Papier herstellt.
So sehen wir formlich, was der Mensch im Kampf
urns Dasein aus seiner Intelligenz herausflieften laftt, in
aller Lebendigkeit aus dem tierischen Organismus heraus-
sprieften. Da man die Dinge gewohnlich am verkehrten
Ende anfaftt, so hat man sich lange Zeit hindurch in der
sonderbaren Redensart ergangen, ob das Tier intelligent
oder nicht intelligent ist, - gar nicht darauf achtend, daft
man den Punkt, worauf es eigentlich ankommt, verkannte.
Denn die Frage kann nicht lauten, ob das Tier intelligent
ist oder nicht, sondern ob das Tier in allem, was es zu-
stande bringt, das entfaltet, was der Mensch nur durch
seine Intelligenz kann. Dann wird man sich die Antwort
geben, daft in dem Tier innerlich schaffende und waltende
Intelligenz ist, die unmittelbar aus dem tierischen Leben
heraus wirkt. Man wird sich dann ein Gefuhl aneignen
von dem, was dem Geistesforscher in dem Astralleib als
Wahrnehmung vorliegt und was er innerlich und aufier-
lich im Tier wirksam sieht, indem die Intelligenz in dem
Organismus selber schopferisch ist und aus ihm heraus
schafTt. Denn der Geistesforscher spricht vom Astralleib,
wenn solche Organe veranlagt sind, durch deren Tatig-
keit etwas zustande kommt, was der Mensdi nur durch
seine Intelligenz vollbringen kann. Und wir sehen auf
die verschiedenen Tiere verteilt sozusagen dieses inner-
liche geistige Wirken, sehen es in den Geschicklichkeiten der
einzelnen Arten hervortreten. Die eine Tierart kann dieses,
die andere jenes, was wir dann als eine Verschiedenartigkeit
des Astralleibes bei den verschiedenen Tierarten ansehen.
So sind wir sozusagen dabei, die individuelle Wirk-
samkeit des Geistes in dem tierischen Organismus zu be-
trachten. Dieses innerliche Wirken des Geistes in einem
Organismus, dieses Sich-Erleben des Geistes in seiner Tatig-
keit, das ist es, was wir als seelisches Erleben bezeichnen.
Dieses seelische Erleben finden wir nun, wenn wir es
vorurteiislos betrachten, in einer ganz verschiedenen Art
beim Menschen und beim Tier ausgebildet. Man hat viel
gesprochen und spricht heute noch von dem, was in dem
Tier Instinkte sind, und was beim Menschen bewufite
Tatigkeit ist. Man tate gut, wenn man sich in dieser Be-
ziehung weniger an Worte hielte und mehr die Sache ins
Auge fafite, wenn man mehr darauf einginge, das Wesen
der Instinkte zu verstehen. Vor allem zeigt die Betrach-
tung, die wir jetzt gepflogen haben, dafi die Instinkte
etwas sein konnen, was weit der Intelligenz des Menschen
voraus sein kann, und da£ wir die Qualitat, die hervor-
gebracht wird, durchaus nicht auf das Wort Instinkt be-
ziehen diirfen. Der Mensch fragt so leicht - man mochte
sagen in seinem universellen Hochmut: Was habe ich vor
den Tieren voraus? Vielleicht konnte er audi, wenn er
wollte, einmal fragen: Worin bin ich hinter den Tieren
zuriickgeblieben? Da konnte er finden, dafi er vor allem
hinter den Tieren in vielen, vielen Verriditungen und Ge-
schicklichkeiten zuriickgeblieben ist, welche wir beim Tier
einfach vorfinden, die der Mensdi aber, wenn er sie in
bezug auf sich selber ausbilden will, sich erst aneignen,
erst erlernen mufi.
Der Mensch, das ist oft gesagt worden, kommt hilflos
durch die Geburt ins Dasein. Das Tier kommt so auf die
Welt, dafi die Natur ihm aus dem Innern herausstrotzt
und dafi es als vererbtes Kapital mitbringt, was ihm das
Leben so, wie es leben soli, moglich macht. Gewifi, wir
wollen nidit verkennen, dafi das Tier audi erst mandies
wird lernen mussen, dafi das Kiichlein zwar gleich pidkt,
aber nicht gleich unterscheiden kann zwischen dem, was
geniefibar ist oder nicht, was verdaubar ist oder nicht.
Aber das ist so nur kurze Zeit. Darauf kommt es jedoch
an, dafi gewisse tierische Fahigkeiten so auftreten, dafi wir
deutlich sehen, sie liegen in der ganzen Vererbungslinie,
sind wirklich angeboren und kommen zu ihrer Zeit heraus.
Dafi irgendeine Fahigkeit erst zu einer bestimmten Zeit
auftritt, ist kein Beweis dafiir, dafi sie eine anerzogene
ist und etwa erst erlernt werden mufite. Die ganze tierische
und audi pflanzliche Organisation zeigt, dafi etwas, was in
der Vererbungslinie liegt, erst auftreten kann, lange nach-
dem die Organisation des betreffenden Wesens schon da
ist. Geradeso wie der Mensch die Fahigkeit, die zweiten
Zahne zu bekommen, audi nicht erst erwirbt - er hat sie,
wenn audi die zweiten Zahne erst spater auftreten so
treten gewisse Geschicklichkeiten und Fahigkeiten beim
Tier audi erst spater auf, die aber dodi in die Vererbung
gehoren. Betrachten wir als ein Beispiel dafiir den Ein-
siedlerkrebs. Er zeigt die Eigentumlichkeit, wenn er eine
Weile gelebt hat, dafi er dazu getrieben wird, ein Schnecken-
haus aufzusuchen, weil sein Hinterleib zu weich ist und sich
so nicht halten kann. Dieses Aufsuchen eines Schnecken-
hauses, urn einen Schutz fiir seinen Hinterleib zu haben,
geschieht in einem bestimmten Zeitpunkt aus Selbsterhal-
tungstrieb, tritt aber da mit Sicherheit auf, das heiik, es ist
seiner Organisation eingeboren. So mussen wir sagen, dafi
wir den Umkreis des tierisdien Lebens in weitestem Mafie
in dem Augenblick umrissen sehen, wo das Tier ins Dasein
tritt, und dafi die Art, wie sich das Tier weiterentwickelt,
mit dem Augenblick seiner Geburt gegeben ist und dann
sich ausgestaltet. In diesem Ausgestalten erkennen wir die
Wirksamkeit des Geistes an, und in dem Dabeisein des
Tieres bei diesem Ausgestalten erkennen wir das seelische
Leben des Tieres.
Man konnte, wenn man wollte und das Wort nicht mift-
verstiinde, das seelische Leben des Tieres nennen ein «Ge-
niefien des Geistes innerhalb des Organismus». Man wird
im grofien Umf ange zurechtkommen, wenn man an diesem
Begriffe festhalt,um das seelische Leben zu charakterisieren.
Dann aber wird man sehen - und wir wollen vorlaufig bei
den hoheren Tieren bleiben dafi dieses Erleben der geisti-
gen Wirksamkeit, dieses seelische Erleben des Tieres in
einem hohen Mafie sich innerlich erschopft, dafi es sozu-
sagen sich innerlich auslebt. Ja, seelisches Erleben des Tieres
liegt in dem Haben seiner Organe, in dem Begehren seiner
Organe, namentlich in der Tatigkeit dieser Organe, die auf
das innere Leben gerichtet ist. Eine Ahnung davon, was
sich allerdings erst im vollen Umf ange derGeistesforschung
ergibt, wie das Tier sozusagen die Arbeit des Geistes in sich
selber geniefit, kann der bekommen, der den Blick auf ein
in der Verdauung begriffenes Tier richtet. Ein Tier, das
verdaut, also die innere Tatigkeit des Geistes in sich erlebt,
fuhlt darin sein besonderes Wohlbehagen. Das ist seelisches
Erleben der inneren LeibUchkeit, in der der Geist unmittel-
bar wirkt. Und in dieser Weise ist das seelische Erleben an
die LeibKchkeit durdi dieTierreiche in einer gewissen Weise
gebunden. Es ist sogar reizvoll, mochte man sagen, eine
Herde Binder zu betrachten, unmittelbar nadidem sie ge-
weidet hat und sich nun hinlagert und verdaut, und wenn
man dann das seelische Leben beobachten kann, das in
jedem Tiere vorgeht. Erhoht ist das sogar noch bei den-
jenigen Tieren vorhanden, die in eine Art Verdauungs-
schlaf versinken. Dann erleben sie die Wirksamkek des
Geistes in den Organen.
Aber die Wirksamkek des Geistes ist beim Tier noch eng
gebunden an die Organisation. Das Tier hat, indem der
Geist eine gewisse Summe von Organen auf gebaut hat, die-
sen Geist zur Darstellung zu bringen, wie er in den Orga-
nen gewirkt hat, wie er sich in den Organen darlebt; es hat
keine Moglichkeit, hinauszugehen iiber das Mafi dieses Gei-
stes, wie er sich in den Organen darlebt. Wenn man die
aufieren seelischen Lebensfunktionen, die au£eren Lebens-
vorgange des Tieres bei dieser oder jener Tiergattung be-
trachtet, wird man sehen, wie eng an die Organisation des
Tieres, also an das, was der Geist an dem Tier gemacht hat,
die seelischen Aufierungen gebunden sind. Beobachtet man
einmal, unter welchen Umstanden ein Tier Furcht zeigt, so
kann man sagen: Wo es Furcht zeigt, hat es diese eben
wegen seiner besonderen Organisation. Und ebenso wenn
ein Tier einen Diebessinn zeigt, kann man sagen: es zeigt
ihn wegen seiner Organisation.
Was hier geisteswissenschaftlich angefuhrt ist, das finden
Sie schon zusammengestellt in dem Schriftchen des um
die Erforschung der Tierseele verdienstvollen Schriflstellers
Zell: «Ist das Tier unvernunftig?» Wenn audi das kleine
Schriftchen von einem anderen Gesichtspunkt aus geschrie-
ben ist, so ist es doch gut, um Beispiele zu geben, wie das
seelisdie Erleben des Tieres an die Organisation gebunden
ist, und es kann geradezu ein Beleg fur das sein, was die
Geistesforschung von einer ganz anderen Seite herzuholen
hat. Deshalb zeigt sich uns das seelisdie Leben des Tieres
bei den verschiedenen Tieren in der versdiiedensten Art
abgestuft, weil sich der Geist in seinen besonderen Arten
seine Organe geschafFen hat. Aber wir sehen, dafi das gei-
stige Schaffen, also das, was wir im Astralleib verankert
finden, sich erschopft in Organbildungen, in dem, was die
Tiere unmittelbar auf die Welt bringen. In dem Art-
gemafien hat es sich erschopft. Das Tier bringt, was es kann
und was es das Dasein erleben lafit, mit auf die Welt. Es
kann wenig dariiber hinausgehen. Damit zeigt es zugleich,
dafi sich der Geist in der Organbildung des Tieres erschopft,
sich ausgegossen hat. In der Organbildung liegt uns aber
die Art des Tieres vor. Daher konnen wir die Frage: Was
erlebt, was geniefk das Tier seelisch? dahin beantworten:
Von der Geburt bis zum Tode erlebt es seine Art. Es erlebt
dasjenige an seinem eigenen Organismus seelisch, was ihm
der Geist mit in das Dasein gegeben hat.
Einer, der viel, viel nachgedacht hat uber das Leben der
Tiere und des Menschen, und der aus einem tiefen Bewufit-
sein heraus gesprochen hat, namlich Goethe, hat das schone
Wort gepragt: «Die Tiere werden durch ihre Organe be-
lehrt, sagten die Alten; ich setze hinzu: die Menschen
gleichfalls, sie haben jedoch den Vorzug, ihre Organe da-
gegen wieder zu belehren.»
Damit ist ein ungeheuer tiefes Wort gesprochen. Was
kann ein Tier im Leben? Was seine Organe ihm moglich
machen, das kann ein Tier. Und so angstigt sich ein Tier, ist
mutig oder feige, raubsuchtig oder sanftmiitig, wie sich der
Geist in seine Organisation ergossen hat. Es spiegelt sich in
dem seelischen Erleben des Tieres das Schaffen des Geistes
in den Organen. Damit aber ist das seelische Erleben des
Tieres audi eingeschlossen in seine Gattung, es kann nicht
heraus aus der Gattung, aus der Art, es geniefit sich als
Gattung, als Art.
Stellen wir das seelische Leben des Menschen dagegen.
Dieses seelische Leben oder, wir konnten besser sagen dieses
seelische Erleben des Menschen, wie es sich in des Menschen
Wollen, Fiihlen und Denken darlebt, wie es sich in des
Menschen Begehrungen, Interessen, in seiner Intelligenz
darlebt, ist etwas, was in dem Augenblick, wo der Mensch
durch die Geburt ins Dasein tritt, nicht durch das gegeben
ist, was er durch die Vererbung hat, es ist etwas, was der
Mensch auch selber nicht durch die Vererbung an seine
Nachkommen abgeben kann. Auf den letzteren Umstand
wird eigentlich viel zu wenig gesehen. Aber es ist eine ganz
unendlich wichtige Tatsache, die eigentlich aller Betrach-
tung des Lebens zugrunde liegen sollte, und die man etwa
in folgender Weise ausdriicken kann. In dem Moment, wo
ein tierisches, ein menschliches Wesen die Fahigkeit erlangt
hat, seinesgleichen hervorzubringen, da ist in ihm das, was
wir vorhin den Atherleib genannt haben, bis zu einem ge-
wissen Punkte abgeschlossen. Dieser Atherleib tragt die
Fahigkeit in sich, das, was er in sich hat, auf die Nachkom-
men zu vererben. Entwickelt sich nun der Mensch ttber die-
sen Zeitpunkt hinaus, wachst er dariiber hinaus, so kann er
das, was noch zu entwickelnde Fahigkeiten iiber diesen
Zeitpunkt bleiben, nicht vererben. Das ist eine Selbstver-
standlichkeit. Der Mensch mufi in dem Augenblick, wo er
geschlechtsreif ist, alle dieFahigkeiten an sich haben, welche
die Vererbbarkeit bedingen. Also kann er die Fahigkeiten,
die iiber den Zeitpunkt der Geschlechtsreife hinaus ent-
wickelbare Fahigkeiten bleiben, nicht als solches haben, was
in den Atherleib zunicktritt, was vererbbar ist. Das ist
eine Kapitalwahrheit, die durchaus beriicksichtigt werden
Das ist ja gerade das Bedeutsame in der Betrachtung des
Menschenlebens, dafi der Mensch von der Geburt bis zum
Tode fahig ist, neue Sprachen zu lernen, und dafi es eben-
f alls etwas so Bedeutsames ist, was bier audi sdion erwahnt
worden ist, dafi der Mensch, wenn er auf einer fernen, ein-
samen Insel aufwachsen wiirde, iiberhaupt sich nicht ent-
wickeln konnte. Ebenso steht es mit der Fahigkeit der Be-
griffsbildung und der Entwickelung der Ich-Vorstellung.
Das sind Dinge, die mit der Vererbung nichts zu tun haben,
die der Mensch aber auch nicht an die Vererbung abgeben
kann, weil sie nicht zur Art und Gattung gehoren. Was
nicht zum Vererbbaren gehort, was Entwickelungsfahig-
keiten bleiben uber die Vererbung hinaus, mit dem hat der
Mensch etwas, was nicht in seiner Art, in der Gattung be-
dingt ist, sondern das der Individuality angehort. Und ge-
rade in der Fahigkeit der Sprache, in der Moglichkeit der
Begriffsbildung und in dem Erleben der Ich-Vorstellung
liegt das, was sich der Mensch so in die Welt hereinbringt,
dafi er durch dieses - umgekehrt - wieder seine Organe be-
lehren und praparieren mufi, dafi er sie darin belehrt, was
sie noch nicht mitbekommen haben, was sie aber haben
sollen.
Das ist eine Auseinandersetzung des Menschen mit dem
Geiste aufierhalb dessen, was Vererbung sein kann. Das ist
eine Auseinandersetzung in einer solchen Weise, dafi die
Erfolge dieser Auseinandersetzung nicht vererbbar sind,
nicht in die Eigenschaften, die in der Vererbungslinie lie-
gen, auf genommen werden konnen.Der Mensch entwickelt
etwas, was nicht in das Gattungsmaftige einfliefien kann,
was dem Gattungsmafiigen enthoben ist. Insofern der
Mensch ein Gattungswesen ist, hat er alle Fahigkeiten, die
ihm als Gattungswesen zukommen, geradeso vererbt, wie
sie das Tier vererbt hat. Nur vererbt man ihm nicht soviel
Geschicklichkeit, nicht soviel Geist, wie man dem Tier ver-
erbt; sondern man lafit noch etwas iibrig, was er sich als
Individuality t aneignen kann. Und das Leben des Geistes
in bezug auf die nicht vererbbaren Eigenschaften ist das
iiber das Tier hinausgehende menschliche seelische Erleben.
Indem der Mensch die Produkte seiner Arbeit und Tatig-
keit geniefk, insofern sie durch nicht vererbbare Eigen-
schaften im Leben erworben werden, entwickelt er ein see-
lisches Leben, das iiber das tierische Leben hinausgeht.
So tritt der Mensch ungeschickter ins Dasein als das Tier.
Der Mensch ist ungeschickter, da das Tier jene Auseinan-
dersetzung, welche der Mensch erst nach der Geburt mit
dem Geiste zu pflegen hat, schon vorher gehabt hat und
fertig geworden ist. So geniefit das Tier in seinem seelischen
Erleben dasjenige, was ihm vererbt werden kann; das heifk,
das seelische Leben des Tieres weist auf die Vergangenheit
hin. Und in dem Augenblick, wo wir das seelische Erleben
des Tieres in den Tod sinken sehen, sehen wir das, was das
Tier von sich als Gattung erleben kann, mit in den Tod
versinken. Alles, was am Tier individuell ist, indem es
Seelisches erlebt, erlebt es als etwas, was es iiberkommen
hat, was ihm von der Vergangenheit zugekommen ist. Es
erschopft im Leben das seelische Leben. Und es ist kein An-
haltspunkt da fur eine Unsterblichkeit. Dagegen sehen wir,
was das Tier seelisch erlebt, immer wieder und wieder im
Gattungsleben weiterleben. Daher sprechen wir beim Tier,
wenn wir geisteswissenschaftlich sprechen, von einer Gat-
tungsseele, die in der Gattung stets von neuem aufersteht,
in der Gattung stets weiterlebt.Und niemand, der in klaren
Begriffen leben will, kann verkennen, welche Berechtigung
dieser Satz hat. Was der Geist in der tierischen Art und
Gattung schafft, das sehen wir in der einzelnen tierischen
Individuality erlebt werden. Wir sehen aber audi, dafi die-
ses Erleben auf das Vergangene hinweist und dafi es in dem
Augenblick, wo das Vergangene erschopft ist, wo das see-
lische Erleben sich dem Tod zuneigt, zu Ende geben mufi,
daft die Abendrote damit beginnt.
Anders ist es, wenn wir unbefangen das menschliche
seelische Leben betrachten. Da sehen wir in dem Sinne, wie
es vorhin charakterisiert worden ist, dafi der Mensch, in-
dem er mit der Geburt ins Dasein tritt, etwas miterhalt,
was sich noch nicht in seinen Organen erschopft hat. Wir
sehen, wie er weiter an seinen Organen arbeitet, wie er
wirklich seine Organe belehrt. Daran sehen wir aber, dafi
der Mensch in einer unmittelbaren Weise im individuellen
Leben mit dem Geist in Wechselwirkung steht. Der Mensch
erlebt seelisch nicht nur das, was ihm sozusagen von der
Vergangenheit iiberliefert ist, sondern audi dasjenige, was
ihm im Leben entgegentritt, was von aufien an ihn heran-
tritt, was unmittelbar als Geist sich ihm darstellt.
So zerfallt des Menschen seelisches Leben in zwei genau
voneinander zu trennende Glieder: einmal in das, was er
als Seelisches so wie ein Tier erlebt. Was er von der Art, der
Menschen- Art, mitbekommen hat, das lebt er als ein Wesen
der Vergangenheit aus, das dem Tode entgegengeht, wo
sich der Geist aus den Organen zuruckzieht, wo die Organe
zu verholzen, zu verdorren beginnen. Was aber eigene Aus-
einandersetzung ist mit dem Geist, das gehort nicht den
Organen, das ist etwas, was der Mensch unabhangig von
den Organen in seinen Atherleib aufgenommen hat. Das ist
daher etwas, was nicht in die Vergangenheit, die vererbt
ist, den Menschen hineinverweist, sondern was unmittel-
barer Same fur das Weiterleben ist. In dem Mafie, als wir
sehen, dafi des Menschen Innerlichkeit sich von den Orga-
nen losreifk, das heifit individuell wird, in dem Ma£e kon-
nen wir Iogisch davon sprechen, dafi wir das Unsterblidie
des Menschen seelisch sich herauskristallisieren sehen aus
dem leiblichen Leben. So lernen wir fuhlen, dafi dieses ge-
rade im Menschen wachst, wahrend er in bezug auf das
Vererbte das Vergangene seelisch erlebt.So wachst im Men-
schen etwas der Zukunft entgegen, von dem wir sagen miis-
sen, dafi es nicht in die Vererbungslinie aufgenommen wer-
den kann. Das zeigt sich aber auch, wenn wir unbefangen
das seelische Leben bei Mensch und Tier beobachten.
Sehen wir nur einmal, wie das seelische Erleben beim
Tier eng an die Organisation gebunden ist, wie eng die Ge-
schicklichkeit eines Tieres, das ganze Erleben des Tieres an
seine Organe und an die vererbten Merkmale gebunden
ist. So recht konnen wir das seelische Leben des Tieres nur
betrachten, wenn wir es im Selbstgenufi seiner Leiblich-
keit belauschen. Das ist das Wesentliche. Wir merken das
Wesentliche eines Tieres sehr wenig,wenn wirdarauf sehen,
wie es sich an der Aufienwelt freut, wohl aber dann, wenn
wir beobachten, wie es seine eigene Verdauung erlebt. Man
mufl innerhalb der Grenzen seiner Organe stehenbleiben,
wenn man das Hochste des seelischen Erlebens beim Tier
haben will. Das Tier erschopft sich geradezu innerhalb sei-
ner Organisation in seinem seelischen Erleben, und was es
nach aufien noch ubrig hat, ist doch fur das Tier nur inso-
fern bedeutsam, als es sich im inneren Seelischen des Tieres
ausleben kann. Gewifi, es ist vorauszusetzen und zu sagen
und durch die Geistesforschung auch zu dokumentieren,
dafi der Adler seelisches Erleben an der Hohe hat, in der er
sein Dasein hat. Aber er hat es in der Betatigung, in dem,
was in seinen Organen lebt, was innerhalb seiner Organe
zumAusdruck kommt. Beim Menschen lost sich das seelische
Erleben von dem innerlichen Geniefien los, von dem inner-
lichen Sich-Erleben. Das mufi der Mensch, wenn man so
sagen darf, audi biifien. Beim Tier ist eine gewisse Instinkt-
sidierheit vorhanden, das Tier weifi, welcheNahrungsmittel
ihm schaden, welche ihm niitzen. Das Tier verdirbt sich viel
weniger, als es durch den Menschen verdorben wird. Es
wird hochstens verdorben, wenn der Mensch die Tiere in
Kafigen zusammenhalt. Aber in der freien Natur, wenn
das Tier dem folgt, was seiner Organisation eingeboren ist,
entfaltet es eine grofie Instinktsicherheit, weil es mit seinen
Organen verbunden bleibt. Der Mensch dagegen lost sich
von seinen Organen los. Die Folge davon ist, dafi er jetzt
nicht mehr unmittelbar dem folgen kann, was fur ihn gut
oder schlecht ist. Er wird unsicher. Und wahrend die Tiere
Leidenschaften zeigen, welche mit den Organen zusammen-
f alien, zeigt der Mensch Leidenschaften, die vielleicht sehr
viel verwiistender sind und gar nicht mit seinen Organen
zusammenfallen. Wahrend die Spinne mit Sicherheit ihr
Netz baut und es unsinnig ware, ihr von Logik zu reden,
mufi sich der Mensch gar sehr bedenken, wenn er seine Bau-
ten zusammenfugensoll.Da kann er sehr irren. Das seelische
Leben des Menschen hat sich losgelost, hat sich von der
Leiblichkeit emanzipiert. Das mufi der Mensch aber auch
biifien.
Dagegen kann sich der Mensch aber auch wieder nach der
anderen Seite mit dem Geist verbinden und in die Seele
aufnehmen, was ihm der Geist vermittelt.Er ist fahig, Geist
aufzunehmen, ohne dafi dieser sich erst durch die Organe,
durch die Leiblichkeit ergiefien mufi, wahrend das Tier dar-
auf angewiesen ist, wie sich der Geist in die Organe ergiefit.
Das Tier erlebt in sich den Geist, wie er in die Organe ein-
flielk. Der Mensch dagegen reifit seine Organe von dem
Seelischen los und erlebt unmittelbar das Einfliefien des
Geistes in seine Seele.
Diese Dinge sind, wenn man wirklich hinter die Bedeu-
tung des Geistes gekommen ist und hinter die Art, wie sidi
der Geist in der Seele auslebt, von einer unendlichen Be-
deutung.Eine vollstandigeKlarheit wird sich uns erst heute
iiber adit Tage bei dem Vortrag «Menschengeist und Tier-
geist» ergeben. Aber gerade wenn wir das Seelische, das
Innere betrachten,bekommenwir einGeiuhl fur denUnter-
schied zwischen Mensch und Tier, wenn wir gegeniiberstel-
len die leibliche Inner lichkeit der tierisdien Seele der leib-
lichen Aufierlichkeit der menschlichen Seele. Dafiir kann
die menschliche Seele geistig innerlkher werden. DaiS sie
sidi freuen kann an den Dingen der Aufienwelt, dafi sie
dringen kann zu dem, was aufierlich erscheint, was als Geist
zu der Seele spricht, das verdankt der Mensch allerdings
dem Umstande, dafi sich seine Seele von der Leiblichkeit
emanzipiert hat, sich von dem innerlichen Erleben des Gei-
stes getrennt hat - und die Sicherheit, den Geist selbst zu
erleben, sich mit einer Unsicherheit und Ungeschicklichkeit,
ja Unvollendetheit in den Instinkten erkauft hat.
Es ist ziemlich leicht, zu sagen: Wie kann man iiberhaupt
von einer tierischen Seele reden, da «Seele» den BegrifiF der
Innerlichkeit in sich schlieftt, und da im Grunde genommen
in das Innere eines anderen Wesens der Mensch zunachst
nicht hineinschauen kann? Auf diesen leichtfufiigen Ein-
wand stiitzen sich ja gerade die, welche es iiberhaupt ver-
bieten wollen, iiber seelisches Erleben zu sprechen, weil
seelisches Erleben nur in uns erlebt werden kann und daher
im Grunde genommen bei anderen Wesen nur durch Ana-
logic erschlossen werden kann. Aber wenn man nicht in
ganz abstrakter Weise solche Dinge hinspricht, sondern die
Dinge nimmt, wie sie sind, dann mufi man sagen: Wie sich
ein Wesen darlebt, darin zeigt es, was es unmittelbar inner-
lich erlebt. Und wer nicht glauben will, dafi sich ein Wesen
unmittelbar darlebt nach dem, was es innerlich erlebt, der
wird iiberhaupt fur eine Weltbetrachtung taub sein. Wir
haben ja gewifi in der unmittelbaren Beobachtung keine
redite Garantie, wenn wir riicht nadiweisen — was nodi ge-
schehen soil, um zu zeigen, wie man geisteswissenschaftlich
die Saclien dokumentieren soli dafi das Tier wirklich
etwas Innerlich-Seelisches erlebt, wenn es in der Verdauung
behaglich sich darlebt. Aber wer die Dinge in der Welt ver-
gleicht und nicht nur eine Sadie betrachtet, der wird schon
sehen, dafi recht viel Griinde vorhanden sind, um in dieser
Weise iiber das Innere zu sprechen. Und wenn man sich
dann ein Gefuhl von dem Unterschied des seelischen Er-
lebens im Tier und im Menschen verschafft hat, so wird
man audi sein Fiihlen und sein Empfinden iiber das See-
lische des Tieres in einer richtigen Weise ausdehnen konnen.
Man wird dann vor alien Dingen immer mehr und mehr
ein Gefuhl dafiir erhalten, wie beim Menschen sich das
Seelische emanzipiert von dem, was innerlich-leiblich er-
lebter Geist ist. Der Geist ist es, der die Organe schafft, der
in der Organisation wirkt und dieselbe so aufbaut, wie sie
ist. Und wir sprechen vom Geist, der im Atherleib wirkt,
wenn wir vom Aufbauen der Organe sprechen. Dieser Geist,
der da innerlich erlebt wird, kann nun, wenn der Astralleib
sich einschiebt in die Organisation, unter gewissen Voraus-
setzungen in einer ganz besonderen Weise erlebt werden.
Wenn wir das ernst nehmen konnen, was vorhin iiber den
physischen Leib, Atherleib und Astralleib ausgesprochen
wurde, so konnen wir uns sagen: Der physische Leib ist bei
den Menschen und Tieren zunachst das unterste Glied ihrer
Wesenheit. Der Atherleib ist der, welcher die chemischen
und physischen Stoflfe so formt, dafi sie Lebensprozesse
werden. Dadurch lebt der Atherleib in dem physischen
Leibe darinnen, fafit in sich, umspannt die chemischen und
physisdien Prozesse. In alledem lebt wieder der Astralleib
und erlebt im Atherleib als seelisdies Erleben alles, was
im Atherleib vorgeht. So ist also der Atherleib der
Tatige, der SchafFende am physisdien Leib, und der Astral-
leib ist der die Taten des Atherleibes seelisch erlebende
Teil einer tierischen oder mensdilichen Wesenheit. So ist
der physische Leib mit dem Atherleibe in dem Aufbauen
der Organe verbunden - und der Atherleib ist verbunden
mit dem Astralleib in dem innerlichen Erleben dieses
Aufbauens und dieser Tatigkeit der Organe. So haben
wir alles, was im physisdien Leib, Atherleib und Astralleib
sich darstellt, in gegenseitigen Bezug zueinander zu stellen.
Was ruft denn nun ein ganz besonderes seelisches Erleben
hervor? Dasjenige, was sich bei Mensch und Tier iiber die
gesamte innere Organisation ausgielk. Dieses besondere
seelische Erleben konnen wir am besten dann fassen, wenn
wir es in einem gewissen Zustand erfassen. Wer kennt denn
nicht jene eigentumliche Art des seelischen Erlebens, die nur
vorhanden ist, solange das Tier wachst, seine Organe ver-
grofiert, und die aufhort, wenn das Wachstum abgeschlos-
sen ist? Was sich da in dem Erleben ausdriickt von strotzen-
der Kraft, das ist verbunden mit einem gewissen Arbeken
des Atherleibes am physisdien Leib, und es ist der Ausdruck
dafur, dafi dieses Arbeiten in gehoriger Weise vor sich geht.
Was wir aber in diesem Zustande hervorheben konnen,
das ist immer vorhanden als ein gewisses Wohlgefuhl der
Seele, als ein Lebensgefuhl, als Behaglichkeit oder Un-
behaglichkeit, und das kommt davon her, wie der Ather-
leib bezwingt oder nicht bezwingt, machtig oder ohnmach-
tig ist gegeniiber der physisdien Organisation. Ist er nicht
imstande, sich wirklich in den physisdien Organen zur Gel-
tung zu bringen, so kommt das in der astralischen Orga-
nisation, in dem Unbehagen, zum Ausdruck. Wenn aber
der Atherleib in seiner Tatigkeit iiberall an die physischen
Organe herankann, wenn alles, was Tatigkeit werden soil,
wirklidi mit Hilfe der physisdien Organe ausgefiihrt wer-
den kann, dann ruft dies das weiteste Wohlgefuhl im Men-
schen hervor. Man kann es im Feineren und im Groberen
spuren. Wenn der Magen verdorben ist, was heifk das an-
ders, als dafi der Atherleib eine Tatigkeit, die er sonst aus-
fiihren soil, nicht ausfiihren kann? Das gibt sich dann in
dem damit verbundenen Unbehagen kund. Oder nehmen
wir an, es hat sich jemand mit seinem Denken so weit ab-
gemiiht, dafi das Organ des Gehirns nicht mehr mit will.
Der Atherleib kann dann wohl noch denken, aber das Ge-
hirn kann nicht mehr mit. Da f angt das Denken an, Kopf-
schmerzen zu machen. Und davon geht das Unbehagen aus
im allgemeinen Lebensgefiihl. Das erfahrt seine besondere
Steigerung, wenn der Teil, der vom Atherleib aufgebaut
ist, eine vollige Storung erfahrt. Dann sagen wir: Uns ist,
wie wenn die Haut, die vom Atherleib aufgebaut ist, sich
nicht dehnen kann, wenn sie durch aufiere Hitze sich deh-
nen will, oder: Es ist mir, als wenn ich einen brennenden
Pf ahl daranhalte.Dann trifft der Atherleib auf einen Wider-
stand eben auf. Der Atherleib, der vom aufieren Eindruck
nicht verzehrt, nicht ergriffen wird, ist dann auf einen
physischen Leib getroff en, zu dem er nicht paftt. Das driickt
sich im astralischen Leib als Schmerzgefiihl aus.
So haben wir den Schmerz im astralischen Leibe begrif-
f en, indem wir ihn als den Ausdruck fur eine Ohnmacht des
Atherleibes gegeniiber dem physischen Leib zu erfassen ver-
stehen. Ein Atherleib, der mit seinem physischen Leib zu-
rechtkommt, wirkt auf seinen Astralleib so zuriick, dafi in
diesem Behagen gesundes inneres Erleben auftritt. Ein
Atherleib, der dagegen nicht mit seinem physischen Leib
zurechtkommt, wirkt so auf den Astralleib zuriick, dafi in
demselben Schmerz und Unbehagen auftreten mufi. Jetzt
werden wir einsehen konnen, wie gerade bei den hoheren
Tieren - von den mederen Tieren werden wir besser das
nachste Mai sprechen, weil da das seelische Erleben so innig
an die Leiblichkeit gebunden ist - dieses seelische Erleben
audi in die gestorte Leiblichkeit sich viel tiefer hineinleben
wird, als es sich beim Menschen in die gestorte Leiblichkeit
hineinleben kann. Weil sich das seelische Leben des Men-
schen von dem inneren leiblichen Erleben so emanzipiert,
deshalb ist beim Menschen ganz gewifi gegeniiber dem
hoheren Tier der Schmerz, der durch die blofien leiblichen
Verhaltnisse herbeigefiihrt wird, kein so peinigender und
in der Seele fressender als beim Tier. Wir konnen das noch
bei Kindern beobachten, wie leiblicher Schmerz noch ein
viel grofierer seelischer Schmerz ist als in den spateren Jah-
ren, weil der Mensch in dem Mafie, als er von der leib-
lichen Organisation unabhangig wird, in den Eigenschaften
seiner Seele, die ihm unmittelbar aus der Seele kommen
miissen, audi die Mittel findet gegen den leiblichen Schmerz,
wahrend das hohere Tier, das so eng an seine Leiblichkeit
gebunden ist, audi mit alledem, was Schmerz bedeutet, in
einem unendlich viel hoheren Mafie zusammenhangt als
der Mensch. Das alles sind auf nichts basierende Redens-
arten, welche davon sprechen, dafi beim Menschen ein
Schmerz hoher sein konnte als beim Tier. Der Schmerz ist
beim Tier ein viel tieferer und viel mehr seelenerfullend,
als es beim rein leiblichen Schmerz fur den Menschen der
Fall sein kann.
So sehen wir, dafi sich der Mensch in der Erhebung iiber
das Leibliche etwas herausholt in bezug auf das Tiefste sei-
nes Wesens aus seiner Innerlichkeit selbst. Was sich der
Mensch da herausholt, das bezeichnen wir als sein eigent-
liches Ich. Was er nicht vererbt, was sich iiber den Verlauf
des Gattungsmafiigen erhalten kann, was er durdi seine
Individuality immer mehr ausbilden muft, nennen wir ge-
bunden an sein Idi. Das ist es, was in das Menschendasein
hineinkommen mufi - da es nicht durch die Vererbung ge-
geben werden kann - als von der menschlichen Individua-
litat kommend, was mit der Geburt aus den geistigen Rei-
chen ins Dasein tritt, was nadh erfolgtem Tode dem Geisti-
gen wieder zuruckgegeben wird. Wir reden deshalb von
einem von Leben zu Leben durch immer wiederkehrendes
Dasein gehenden menschlichen Wesenskern, weil wir ihn
im unmittelbaren Dasein erfassen konnen, wenn wir das
Leben nur vorurteilslos betrachten.
Ich habe heute in einer Art versucht, aus der unmittel-
baren Erfahrung her aus einen kleinen Hinweis auf das zu
geben, was es begriindet, dafi man im Menschen von einer
Wesenheit sprechen kann, die nicht vererbt ist, sondern die
von ganz anderer Seite her in das Menschenleben eintritt,
und die wieder, wenn der Mensch das, was in ihm vererbt
ist, mit dem Tode aufgelost sieht, nach dem Tode in ein
anderes, geistiges Dasein eintreten kann. Ich habe das in
einer Weise heute gezeigt, wie es, wenn weitere Voraus-
setzungen der Geisteswissenschaft gemacht worden sind, im
Grunde genommen nicht mehr gezeigt zu werden braucht,
weil die Geistesforschung auf der unmittelbaren Anschau-
ung fufit und noch von ganz anderer Seite her die Beweise
und Belege fiir das bringen kann, was heute aus dem un-
mittelbaren Erleben des Alltags heraus veranschaulicht wer-
den sollte. In der Geisteswissenschaft liegen aber auch die
Moglichkeiten, die Erlebnisse des Alltags so zu gruppieren,
in Beziehung zu bringen, dafi sie uns zeigen, was in dem
Menschen eine auf die Beobachtung der Tatsachen gestiitzte
HofFnung auf ein dauerndes, uber das leibliche Dasein hin-
ausgehendes Leben der Seele begriinden kann.
So sehen wir, wie eine Beobaditung des Daseins iiberall
das erwahnte Goethe- Wort beweist. Das tierische seelische
Erleben ist ein solches, das wir eingeschlossen sehen in den
Kreis der tierischen Organe. Wir sehen iiberall die Organe
als die Meister, die der Geist geformt hat, damit sich das
Tier nach Mafigabe der Organe seelisch erleben und ihrer
bedienen kann. Und wir sehen den Mensdien in bezug
auf dasjenige hilflos ins Dasein treten, woriiber ihm
seine Organe keine Richtung geben, was er aus dem
Leben her aus seinem seelischen Erleben einpragen muE.
Aber gerade in dem letzteren finden wir das, was des
Mensdien Anwartschaft auf Unsterblichkeit bedeutet, was
ewig ist, weil es nicht auf Vererbung zuriickgefuhrt werden
kann. Das ist es, was Goethe meinte mit dem Satz: Das
Tier werde durch seine Organe belehrt; der Mensch aber
hatte den Vorzug, seine Organe wieder belehren zu konnen.
Und wer in richtiger Weise diesen letzten Satz auffafit, dafi
der Mensch im Verlaufe seines Daseins fahig ist, seine Or-
gane wieder zuriickzubelehren, der wird sich sagen: In dem
Umkreise des seelischen Lebens, wo sich darstellt, wie der
Mensch seine Organe belehrt, zeigt sich die Verbindung,
welche der Mensch mit dem Geiste eingeht, und die unauf-
loslich sein mufi, weil sie sich nicht erschopft und aus der
Vergangenheit kommt, sondern in die Zukunft hinweist
und der Same fur sie ist, durch welche der Mensch wirklich
erreichen kann, was in seinem seelischen Erleben innerlich
bilden wird die Kraft, durch die er in stets neuen Leben den
alten Tod besiegen kann.
MENSCHENGEIST UND TIERGEIST
Berlin, 17. November 1910
Es wird mir gestattet sein, heute mit ein paar Worten an
einige Ausfiihrungen des letzten Vortrags zu erinnern. Be-
sonders wichtig sind uns ja die Anschauungen gewesen, die
wir uns aus der unmittelbarenBeobachtung heraus iiber den
Unterschied des menschlichen und tierischen Seelenlebens
haben bilden konnen. Diesen Unterschied haben wir dahin
angegeben, dafi wir uns klar waren, dafi das tierischeSeelen-
leben nicht so von dem menschlidien unterschieden werden
diirfe, dafi man sagt: Der Mensch ist so und so weit vor
dem Tier voraus in bezug auf diese oder jene geistigen
Eigenschaflen. Denn um eine solche Anschauung zu wider-
legen, braucht man nur darauf hinzuweisen, wie gewisse
Verrichtungen, die beim Menschen zweif ellos nur durch Er-
ringung einer gewissen Intelligenzstufe zu erreichen sind,
objektiv innerhalb der tierischen Welt im Bau der tierischen
Wohnungen, im ganzen tierischen Leben ausgefuhrt wer-
den, so dafi sozusagen in den Produkten, in der Hervor-
bringung dessen, was das Tier tut, genau dieselbe intelli-
gente Tatigkeit steckt wie in dem, was der Mensch als seine
Werkzeuge, als seine Produkte hervorzubringen vermag.
Man konnte wirklich sagen: In dem, was das Tier voll-
bringt, fliefit hinein, erstarrt darinnen dieselbe Intelligenz,
die wir dann auch beim Menschen finden. Deshalb diirfen
wir nicht einfach in der Art von Tierseele und Menschen-
seele sprechen, dafi wir sagen, das Tier ware so und so weit
hinter dem Menschen zuruck - der Mensdi so und so weit
vor dem Tier voraus.
Insoweit wir von Seele gesprochen haben - wir bezeich-
nen im Gegensatz zu dem Geistesleben, das wir vorzugs-
weise in der Formung, in der Ausgestaltung sehen, das
seelische Leben als das Leben der Innerlichkeit haben wir
uns darauf berufen, dafi wir in dem tierischen Seelenleben
ein enges Gebundensein an die Organisation des Tieres ge-
sehen haben, und dafi das, was das Tier in seinem Seeli-
schen erleben kann,uns vorherbestimmt erscheint durdi den
ganzen Bau und die ganze Fiigung seiner Organe. Deshalb
mufiten wir sagen: Dieses tierische Seelenleben ist durch die
Art und Weise bestimmt, wie das Tier organisiert ist, und
das Tier lebt in seinem Seelenleben gleichsam in sich selbst
hinein.Dasaber ist dasWesentlichedesmenschlichenSeelen-
lebens, dafi die Seele des Menschen sich von dem unmittel-
baren Organismus bis zu einem hohen Grade eman-
zipiert und gewissermafien - bitte das nicht mifizuver-
stehen, es ist nur relativ gemeint — unabhangig von der
leiblichen Organisation den Geist als solchen, wie wir ihn
verstanden haben, erlebt, das heifit unmittelbar in der
Lage ist, sich dem Geist hinzugeben.
Wenn wir nun aufsteigen zur Betrachtung des mensch-
lichen und tierischen Geistes, so miissen wir vor alien Din-
gen von diesen BegrifTen und Ideen ausgehen, die wir an
der Betrachtung der menschlichen und tierischen Seele ent-
wickelt haben und uns ein wenig intimer mit einer Erschei-
nung befassen, die aus alledem hervorgeht, was das vorige
Mai gesagt worden ist. Das Tier hat alle seine geistigen
Verrichtungen, die ja unmittelbar an seine Organe gebun-
den sind und in seiner Seele erlebt werden, hineingelegt,
gebunden an das, was sich im Tier gattungsmafiig vererbt.
Wir konnen also sagen: In dem tierischen Seelenleben lebt
sidi das Gattungsmafiige aus, und weil dies vererbbar ist,
tritt sozusagen das Tier mit der Geburt so in die Erschei-
nung, dafi alle durch den Geist bedingten Verrichtungen,
die durch das Seelische erlebt werden konnen, veranlagt
sind. Dadurdi tritt das Tier gewissermafien fertig ins Da-
sein und vererbt die Merkmale, die wir als einen Ausflufi
des tierischen Geistes bezeichnen konnen, audi wieder gat-
tungsmafiig auf die Nachkommen. Anders ist es beim Men-
schen, der sidi in bezug auf das seelische Leben von der
leiblichen Organisation emanzipiert. Weil diese aber natiir-
lich in die Vererbungslinie ubergeht, so tritt er in einer ge-
wissen Beziehung hilflos ins Dasein hinein gegemiber den-
jenigen Verrichtungen, die ihm im Leben dienen sollen. Auf
der andern Seite aber macht diese Hilflosigkeit erst mog-
lich, was man seelisch-geistige Entwickeiung nennen kann.
So finden wir als das Gewichtigste fur den Menschen, wenn
er durch die Geburt ins Dasein tritt, dafi off en stehen bleibt,
was von aufien bestimmt ist. Damit haben wir darauf hin-
gewiesen, wie wir uns uberhaupt die Beziehung des Geistes
zu der Leiblichkeit - zwischen Geist und Leiblichkeit steht
das Seelische darinnen - bei Tier und Mensch zu denken
haben. In dem, wie uns das Tier gattungsmafiig vor Augen
tritt und seine Instinkte nach und nach im Leben auslebt,
haben wir eine unmittelbare Betatigung des Geistes in der
organischen Leiblichkeit zu sehen.Es ist gleichsam der orga-
nische Leib, in dem sich das Tier seelisch erlebt, der in die
Wirklichkeit getretene Geist. Ein unmittelbares Verhaltnis
zwischen Geist und Leib ist beim Tier vorhanden. Wenn
wir den Blick auf das Tier richten, es studieren, ob nun
oberflachlich mit der Laienbeobachtung oder genauer mit
dem, was uns die vergleichende Anatomie und Physiologie
oder andere Wissenschaften bieten konnen: uberall sehen
wir sozusagen den in den tierischen Formen, in den tieri-
schen Lebensverhaltnissen geronnenen Geist, der sich aus-
lebt in dieserWeise in der einzelnen Tier gattung. Die aufiere
Form und das auftere Leben ebenso ist uns unmittelbar ein
Abdruck dessen, was wir den dem Tiere zugrunde liegen-
den Geist nennen, so dafi wir die engsteBeziehung zwischen
demGeiste und derLeiblichkeit beim Tiere zu suchen haben.
Das ist ganz anders beim Menschen. Es ist aufterordent-
lich wichtig, wenn man auf das Wichtige im Unterschiede
zwischen Mensch und Tier aufmerksam zu machen hat, dafi
man sozusagen nicht die Dinge weit herholt. Das Wich-
tigste liegt nahe genug, wenn es sich darum handelt, die
Dinge in der richtigen Weise anzusehen, als dafi man mit
alien moglichen intimen Einzelheiten der Forschung zu
kommen brauchte. Wenn wir den Menschen betrachten, fin-
den wir, dafi sich zwischen den Geist und die Leiblichkeit
etwas hineinstellt, das beim Tier nicht hineingestellt ge-
dacht werden darf . Und das ist das Wesentliche. Gleichsam
unmittelbar wirkt sich der Geist in der tierischen Form
und Organisation aus. Beim Menschen wirkt er sich nicht
unmittelbar aus, sondern es schiebt sich ein Zwischenglied
hinein, das wir im unmiteibaren Leben sehr genau beobach-
ten konnen. Wie uns der Mensch rein in der Beobachtung
entgegentritt, druckt sich dieses Zwischenglied, das gleich-
sam die losere Beziehung zwischen Geist und Leiblichkeit
vermittelt, in dem aus, was wir beim Menschen das selbst-
bewulke Ich nennen. Ich will jetzt noch nicht darauf Riick-
sicht nehmen, wie sich dieses selbstbewulke Ich wieder in
der Leiblichkeit gestaltet, sondern ich will nur sagen: Wie
uns der Mensch in der Beobachtung entgegentritt, wie uns
seine seelischen Erscheinungen entgegentreten, steht zwi-
schen Geist und Leiblichkeit dieses selbstbewulke Ich. Ge-
wi£, es ist wieder kinderleicht, vom Standpunkt einer
Wissenschaft, die glaubt, auf dem festen Boden der Natur-
wissenschaft zu stehen, blofi gegen den Ausdruck «selbst-
bewufites Idi» etwas einzuwenden. Aber wir wollen jetzt
die Art verfolgen, wie sidi dieses selbstbewuftte Ich zwi-
schen Geist und Leiblichkeit hineinstellt.
Da finden wir vor alien Dingen - wir haben sdion das
letzte Mai darauf aufmerksam gemacht - daft der Mensch
angewiesen ist auf das Leben in seiner Umgebung, in der
Aufienwelt in bezug auf die Aneignung der Spradie, die
Aneigmmg der Denkweise und audi in bezug auf die An-
eignung eines gewissen Selbstbewufttseins. Das ist ja eine
allbekannte Tatsache, daft der Mensch, wenn er, ausge-
schlossen von jeder mensdilichen Gemeinschaft, einsam sich
entwickeln miiftte, weder zur Spradie, noch zu einer gewis-
sen Denkart, noch zu einem gewissen Selbstbewufitsein
kommen wiirde und in jenerHilflosigkeitverbleiben miiftte,
in der er geboren ist. Wir sehen also, daft beim Tier alle
dieBetatigungen, die fur das tierische Leben, fur die tierische
Existenz notwendig sind, von vornherein in die Vererbungs-
linie hineingeboren sind. Wir sehen die Betatigungen beim
Menschen so auftreten, dafi sie ebensowenig inner halb der
Vererbungslinie gesucht werden diirf en wie etwa dieWarme,
die beim Bebriiten eines Hiihnereies notwendig ist, inner-
halb des Hiihnereies gesucht werden darf, denn sie mufi
von aufien an dasselbe herankommen. Da sieht man schon,
daft es der Mensch notig hat, sich Dinge, die zu seiner Ent-
wickelung gehoren, durch etwas anzueignen, was in ihm
ist, wahrend sie dem Tier sozusagen direkt geistig ein-
gepragt sind. Beim Menschen bleiben also bestimmte Ent-
wickelungsmoglichkeiten offen, in die er durch sein selbst-
bewufttes Ich gewisse Organisationskrafle aufnimmt. Denn
niemand wird natiirlich daran zweifeln, daft mit dem Hin-
einwachsen des Menschen in Spradie, in Denkweisen, in
das Selbstbewufitsein und durch die damit verbundenen
Betatigungen Veranderungen der Organisation verbunden
sind; so dafi sozusagen dasselbe, was sich beim Tier durdi
Tatigkeiten veranlagt vorfindet, die vererbbar sind, beim
Menschen hereingenommen wird von der Umgebung, wie
die Warme vom bebriiteten Hiihnerei aufgenommen wird,
das heifit von aufien hineinorganisiert wird. So bleiben
beim Menschen Entwickelungsmoglichkeiten offen gegen-
iiber den Einwirkungen der Umgebung, denn natiirlich
steht die Geisteswissenschaft nicht auf dem Standpunkt,
dafi der Mensch irgend etwas ohne Organe verrichten konne.
So miissen wir uns klar sein, dafi alles, was auf den
Menschen hereinwirkt, ihn umorganisiert. Das ist audi der
Fall, wenn man recht genau auf die menschliche Organisa-
tion eingeht, dafi der Mensch tatsachlich durch die von
aufien an ihn herantretenden Krafte umorganisiert wird,
die auf dem Umwege durch sein Ich an ihn erst heran-
treten miissen. Dabei sehen wir noch etwas: Wenn wir den
Menschen betrachten, wie er sich in die Welt hineinstellt,
um das zu werden, was er durch Sprache, Denkart und
Selbstbewufitsein werden kann, dann fassen wir ihn gleich-
sam an dem einen Pol, an dem einen Ende an. Wir miissen
ihn aber audi an dem andern Ende anfassen. Das ist, wenn
man es mit dem Gedanken durchdringen will, nicht so ganz
leicht. Aber es ist tatsachlich notwendig, dafi man den Men-
schen audi am andern Ende anf afit.
Der Mensch kommt tatsachlich hiiflos auf die Welt. Es
ist ja kinderleicht zu finden, um was es sich handelt, aber
nicht so leicht, es in die Betrachtung hineinzustellen. Der
Mensch mufi im Laufe seines Lebens etwas herstellen, was
dem Tier herzustellen erspart bleibt. Dieses stellt der Mensch
her, wahrend er gehen lernt, oder, noch besser gesagt, wah-
rend er stehen lernt. Hinter dem Stehenlernen verbirgt sich
sehr viel im menschlichen Leben: namlich die Oberwindung
dessen, was man das Gleidigewidit der Leibliclikeit nennen
kann. Wenn man genau auf den Organisationsplan ein-
geht, auf die Organisation des Baues der Tiere, so findet
man, dafi in der Tat das Tier so organisiert ist, dafi ihm ein
gewisses Gleidigewidit eingepragt ist, durch das es sich in
die Lage zu bringen vermag, in der es sein Leben fort-
bringen kann. Es ist so gebaut, daft ein festes Gleidigewidit
seiner Korperlichkeit mitgegeben ist. Das ist auf der einen
Seite die Hilflosigkeit, auf der andern Seite der Vorzug
des Mensdien gegenuber dem Tier, dafi er darauf ange-
wiesen ist, mit Hilfe seines Ich sich dieses Gleidigewidit
erst zu erringen. Hier geht es audi nictit, daft man den
Mensdien mit den nachststehenden Tieren vergleicht. Wenn
man eingeht auf die vergleichende Anatomie, auf alle ein-
zelnen Organe, so wiirde es kindisdi sein von der Geistes-
wissensdiafl, wenn sie eine Klufl annehmen wiirde zwi-
schen dem Mensdien und den nachststehenden Tieren. Aber
in dem Organisationsplan des Tieres liegt ein vorbestimm-
tes Gleidigewidit. Beim Mensdien liegt die Moglichkeit
offen, nach der Geburt dieses Gleidigewidit erst herzustel-
len. Es liegt aber noch mehr an Moglichkeiten offen. Beim
Tier ist durch die eingepragte — wenn man das Wort ge-
brauchen will - vorbestimmte Organisation die Richtung
der Eigenbewegung angegeben. Beim Mensdien bleibt wie-
der die Moglichkeit offen, sozusagen innerhalb eines gewis-
sen Spielraumes seinen Eigenbewegungssinn zu entwickeln.
Noch mehr bleibt beim Mensdien offen - wir werden dar-
auf noch zuruckkommen, wie das sich anders aufiert — : eine
gewisse Moglichkeit, in die Organisation selbst das Leben
hineinzupragen.
Man kann ganz gewifi von einer gewissen Pragung des
Lebens in einem Lebewesen sprechen. Oder wer wiirde mit
einigem plastischen Sinn nicht merken, dafi sich die Orga-
nisation einer Ente an den plastischen Formen zum Aus-
druck bringt? Oder dafi sich die Organisation des Elefanten
an den plastischen Formen zum Ausdruck bringt? Und dafi
vorzugsweise das Skelett, wenn wir es anschauen, imUnter-
schiede zu den einzelnen Tierarten uns Ratsel iiber Ratsel
enthiillt, wie sozusagen das Leben in die Form hinein-
schiefit, in der Form sich verfangt und uns wie erstarrt er-
scheint? Audi da bleibt dem Menschen ein Spielraum, das
Leben in einer ganz gewissen Weise in die Form hineinzu-
giefien, so dafi wir nur vorauszuschicken brauchten, daft
wir, wenn wir eine tierische Form mit unserm plastischen
Sinn studieren, uns viel mehr fur das Allgemeine, fur das
Gattungsmafiige, Generelle interessieren und die indivi-
duellen Formen sehr vernachlassigen. Beim Menschen in-
teressiert uns das edelste Organ — als das Organ des Ske-
lettes - der Schadelbau, ganz besonders in seiner Plastik.
Und er ist bei jedem Menschen ein anderer, weil er offen
bleibt fiir das, was dem Menschen in dem Ich zugrunde
Hegt, fiir das Individuelle, wahrend er beim Tier das Gat-
tungsmafiige zum Ausdruck bringt. Wenn wir also den
Menschen beim anderen Ende anfassen, dann finden wir,
dafi er wahrend gewisser Zeiten des Lebens freien Spiel-
raum innerhalb der Auspragung des Gleichgewichtssinnes,
des Eigenbewegungssinnes und des ganzen Lebenssinnes
hat. Das Interessante ist, dafi wir sozusagen diese Arbeit
des Geistes am Menschen, diese Auspragung des Geistes in
Form und Bewegung im Beginne des menschlichen Lebens
sehen konnen: wie in der Erringung des aufrechten Ganges,
in der Erringung des Eigenbewegungssinnes und in der
Auspragung der Korperformen sich diese Krafte wirklich
betatigen und zum Ausdruck bringen. Dann aber hort in
einem gewissen Lebensalter die Mogiichkeit auf, dafi die
Krafte, die in der Kindheit frei spielen, weiter einwirken.
Mit einem bestimmten Lebensalter sind diese Krafte in be-
zug auf die Wirkung, die wir charakterisiert haben, abge-
sdilossen. Wenn sie aber wirklich in dem Mensdien als
Individuality darinnen sind, konnen sie nicht auf einmal
verschwinden, wenn sie ihre Arbeit in bezug auf ein ge-
wisses Gebiet getan haben, sondern sie miissen uns in einer
spateren Lebenszeit wieder entgegentreten. Wir miifken fur
das spatere Leben nachweisen konnen, dafi diese Krafte da
sind, Realitaten im menschlichen Leben sind.
Wir finden nun in der Tat diese Krafte wieder in einer
ganz charakteristischen Weise fiir den Fortschritt des Gei-
stes am Menschen deutlich hervortreten. Was der Mensch
in der Ausbildung des Gleichgewichtssinnes leistet, das fin-
den wir im spateren Leben wieder, wenn er dieselbe Kraft
fiir die Ausbildung seiner Gebarden anwendet. Die Ge-
barde ist etwas, was uns tatsachlich in das tiefere Gefiige
der menschlidien Organisation, insof ern der Geist im Men-
schen lebt, hineinf iihrt. Und indem der Mensch sein Inneres
in der Gebarde zum Ausdruck bringt, verwendet er die-
selbe Kraft, die er erst verwendet, um den Gleichgewichts-
sinn zur Herstellung einer gewissen Gleichgewichtslage zu
erringen. Was der Mensch beim Gehenlernen, beim Stehen-
lernen handgreiflich entwickelt, das erscheint uns also ver-
feinert, vertieft, verinnerlicht im spateren Leben, wenn es,
statt korperlich zur Darstellung zu kommen, mehr seelisch
zur Darstellung kommt in der Gebarde. Daher fiihlen wir
uns erst so recht intim in das menschliche Innere hinein,
wenn wir einem Menschen gegenuberstehen und seine Ge-
barden, die ganze Art und Weise, wie sich in seinen aufieren
Bewegungen das Innere ausdriickt, auf uns wirken lassen
konnen. In dieser Beziehung ist eigentlich jeder Mensch
mehr oder weniger ein feiner Kunstler gegeniiber seinen
Mitmenschen. Wenn man eingehen wiirde auf f eine psycho-
logische Wirkungen, die von einem Menschen zum anderen
gehen, so wiirde man sehen, daft unendlidi viel davon ab-
hangt - ohne dafi es sidi die Menschen zum Bewufksein
bringen — , wie die Gebarde als Ganzes genommen auf einen
Menschen wirkt. Das braucht nicht in das grobe aufiere
Bewufitsein einzutreten, es tritt aber darum doch in die
Seele ein und aufiert sich dann besonders in Wirkungen, wo
das aufiereBewufksein unzahlige Intimkaten, die sich unter
der Schwelle des Bewufkseins abspielen, einfach grob in
Worten zusammenfalk wie: er gefallt mir, er gefallt mir
nicht, oder sie gefallt mir, sie gefallt mir nicht.
Wir konnen aber auch sehen, wie die Krafte, die in der
Eigenbewegung organisierend wirken, im spateren Leben
weiterwirken, wenn wir von der Gebarde, die sich in der
Bewegung ausdriickt, mehr ubergehen zu dem, wo das
Innere des Menschen sozusagen in die aufiere Form - aber
in Beweglichkeit- sich hineinergiefit in der Mimik und in der
Physiognomic Da wirkt in der Tat dasjenige weiter, was
erst als Eigenbewegungssinn wirkt und sozusagen der Hilf-
losigkeit des Menschen Spielraum lalk, sich weiterzuent-
wickeln, und dann diese Hilflosigkeit in Zucht nimmt.
Wenn wir sehen, wie der Mensch sein Au£eres durch sein
Inneres sozusagen in fortwahrendem Gange halt mit seiner
Miene, auch mit dem Spiel seiner Physiognomie, so finden
wir, wie in der Tat das, was erst in der Organisation mehr
als ein blofier Ausdruck der Wirkung in die Leiblichkeit
erscheint, mehr in das Seelische umgegossen und dadurch
verinnerlicht erscheint. Was in der ersten Lebenszeit des
Menschen mehr direkt wirkt, wird gleichsam in die Inner-
lichkeit eingefangen, in das selbstbewufite Ich, um dann von
innen nach aufien sich in die leibliche Sphare hineinzu-
ergiefien, wahrend es anfangs eine Auseinandersetzung des
selbstbewufken Ich mit dem Geist war.
Wenn wir nun beim Mensdien sehen, wie uns an ihm
berechtigterweise die besondere Schadelform interessiert,
so miissen wir sagen: In dieser besonderen Schadelform
driickt sicli in der Tat auch etwas von seinem innersten We-
sen aus. Jeder Mensch weift, daft dies schon im groben der
Fall ist und daft man immer Unterschiede zwischen dem
menschlichen Innern bei diesem oder jenem Menschen in
der Stirnform, in der Schadelform flnden wird. Selbstver-
standlich darf man nicht auf gewisse Gebiete des geistigen
Lebens dabei blicken, die sich wieder von der an den Leib
gebundenen Seele emanzipieren. Aber als eine gewisse
Grundlage ist doch das vorhanden, was man als Ausdruck
des zur Seele gewordenen Geistes bezeichnen kann und
mit so groftem Unrecht ausgestaltete in dem, was man
Phrenologie, Schadelbeobachtung und dergleichen nennt.
Denn das Wesentliche ist gerade, sich klarzumachen, daft
jene Formen, die im menschlichen Schadel zum Ausdruck
kommen, fur den Menschen als solchen, wie er als mora-
lisches, intellektuelles Wesen vor uns steht, individuelle
und nicht generelle sind. Wo wir aber darangehen, zu gene-
ralisieren, da verkennen wir iiberhaupt den ganzen Zu-
sammenhang. In dieser Art ist die ganze Phrenologie, wenn
sie so getrieben wird, ein materialistischer Unfug. Man
sollte sie iiberhaupt zu keiner Wissenschaft machen im
rechten Sinne des Wortes, denn das kann sie nicht sein.
Was uns in der menschlichen Schadelbildung entgegentritt,
ist ein Individuelles, das von Mensch zu Mensch verschie-
den ist. Die Art und Weise, wie wir dann den Menschen
gerade nach diesen Merkmalen beurteilen wollen, muft
ebenso eine individuelle sein, wie es das Verhaltnis des
Menschen zu einem Kunstwerk ist. Wie es da keine all-
gemeinen, festgestellten Regeln gibt, sondern wie man ein
Verhaltnis zu einem jeden Kunstwerk gewinnen muft,
wenn es wirklich eines ist, so wird man, wenn man nadi
allgemeinen Regeln an das geht, was an kunstlerischem
Sinn in dem Menschen steckt, schon zu einigen Urteilen
kommen konnen. Nur werden sidi diese Urteile ganz an-
ders ergeben, als sie gewohnlich ausgesprochen werden.
Aber gerade das wird sich uns ergeben: Betrachten wir
einen menschlidien Schadel, so werden wir sehen, wie der
Geist in der Form in unmittelbarer Beziehung arbeitet, wie
die Krafte des Geistigen - des Ich - von innen heraus die
Schadelkapsel formlich entgegenschieben dem, was von
aufien nadi innen arbeitet. Nur wenn man ein Gefiihl fiir
dieses Arbeiten von au£en nach innen und von innen nadi
auften hat, kann man sich auf das einlassen, was in der
menschlichen Schadelform, die das Gehirn umschliefit, uns
entgegentritt.
So zeigt uns die Beobachtung, wie in der Tat der Geist
im Tiere unmittelbar sich auslebt in den Formen. Da das
seelische Leben des Tieres wieder unmittelbar an die
Organisation gebunden ist und das instinktive Leben
ein Ausdruck der Organisation ist, so wird man immer
finden konnen, warum diese oder jene Instinkte oder Im-
pulse gefiihlsmafiig beim Tier auftreten miissen. Dagegen
kann man vom Menschen sagen: Bei ihm sehen wir ebenso
den Geist von innen an seiner Organisation arbeiten. Wir
sehen aber auch, wie das, was dem selbstbewuEten Ich zu-
grunde liegt, sich entgegenstellt und sich hineinschiebt in
die Organisation — und damit in die Arbeit des Geistes.
Nun betrachten wir aber den Menschen einmal etwas
anders. Da haben wir - was offen am Tage liegt — die
Fahigkeit der Sprache, eine gewisse Denkungsart und ein
gewisses Selbstbewufksein durch die Erziehung bei ihm
vorliegend. Diese Fahigkei ten entstehen durch dieBeriihrung
des Menschen mit der Aufienwelt. Aber man tut nicht
genug, wenn man diese Dinge einfach hinnimmt. Denn
man mufi sich klar sein, dafi etwas viel Tieferes, viel Inti-
meres sowohl der Sprache, der Denkart wie audi dem
Selbstbewufitsein zugrunde liegt, das durch die Umgebung
ausgelost wird. Es liegt dem zugrunde, dafi der Mensch in
der Tat gewissermafien drei Sinne hat, die wir beim Tier
nidit finden. Man darf dabei das Wort Sinn nicht nur ver-
gleichsweise nehmen; aber halten wir uns an Tatsachen und
nidit an Worte. Das Tier zeigt sich im weitesten Umfange
unfahig, auf dem Gebiete des Lautes, des Begriffes und
dem, was wir Ich-Wesenheit nennen, sich so aufnahme-
fahig zu erweisen wie der Mensch. Das Tier geht, wenn
wir die Sinne durchgehen, bis zum Tonsinn hinauf. - Das
liegt fur die auftere Wahrnehmung dem Tier als eine Art
Hochstes zugrunde. — Bis zum Ton geht es mit seiner Sinn-
fahigkeit, dann aber losen sich aus seiner allgemeinen
Organisation nicht die Moglichkeiten heraus, ein Verstand-
nis zu haben fur Laut, Begriff und fur die Ich-Wesenheit,
die in einem anderen Wesen ist. Das Tier sieht die Gattung:
der Hund den Hund, der Elefant den Elefanten und so
weiter. Aber kein Geistesforscher wiirde dem Tier die
Wahrnehmung fur eine Ich-Wesenheit zuschreiben. Es wird
der materialistischen Forschung nicht gelingen, fur die
Wahrnehmung einer Ich-Wesenheit in der tierischen Orga-
nisation etwas nachzuweisen; also die Naturforschung
sollte es nicht bezweifeln, und die Geistesforschung wird es
nicht bezweifeln. So haben wir Entwickelungsmoglichkeiten
beim Menschen off en fiir die Wahrnehmung der Innerlich-
keit des Lautes, fiir die Innerlichkeit von Begriff und Vor-
stellung und fiir die Innerlichkeit des Ich-Wesens selbst.
Hatte der Mensch fiir diese drei Betatigungen nicht Ent-
wickelungsmoglichkeiten offen, so wiirden die andern
Krafte, die ich genannt habe, keine von innen sich er-
giefiende Nahrung haben und sich audi nicht ausdriicken
konnen. Das Tier hat fur diese drei Entwickelungsmoglich-
keiten nicht die Organe. Denn in alledem, was der Mensch
in seinem Hinausgehen iiber das Tier darlegt, zeigt sich der
Abdruck dessen, was in seinem Innern ist, als Moglichkeit
des Ausdruckes der Lautauffassung, der Begriffsauffassung
und der Ich-Auffassung, des Ich-Bewuikseins, wahrend-
dessen haben wir beim Tier ausgedriickt, wie der Geist
in die Form gegossen ist, und es zeigt uns daher eine durch
das Gattungsmafiige gegebene Gebarde und eine durch das
Gattungsmafiige bedingte Physiognomic Das alles driickt
sozusagen aus, wie sich der Geist unmittelbar in die Form
hineingerinnend betatigen kann. Beim Menschen sehen
wir, wie ein jeder seine spezielle Gebarde hat, seine spezi-
elle Physiognomie und Mimik, und wie sich gerade darin
ganz besonders ausdriickt, was er auf der anderen Seite an
Entwickelungsmoglichkeiten fur den Laut, fur Begriff oder
Vorstellung und fur das Selbstbewufitsein hat. In der Tat
ergiefit sich in die Gebarde, in die Physiognomie und Mi-
mik und in das ganze Auftreten des Selbstbewufitseins
dasjenige, was der Mensch in bezug auf Entwickelungsmog-
lichkeiten fur Laut, Begriff und Ich-Wesenheit hat. Da
sehen wir von innen nach aufien rinnen das, was erst durch
den unmittelbaren Verkehr des selbstbewufiten Ich mit
dem Geist erlebt wird, und sehen es sich am Menschen aus-
driicken.
Wenn wir dies so erleben, durfen wir uns sagen: Also
sehen wir am Menschen, wenn wir nur nicht mit abstrakten,
trockenen, niichternen Begriffen an ihn herantreten, son-
dern mit lebendiger, lebensvoller Anschauung, wie Ich-
Wesen, Vorstellungs-Wesen und Laut-Wesen unmittelbar
an der aufieren Gestaltung und Bewegung arbeiten. Es ist
formlich so, wie wenn wir als Kristallographen die Form-
krafte eines Kristalls studieren wiirden und uns dann eine
Vorstellung bilden, wie wir im Steinsalz einen Wurfel, im
Schwef el ein Oktaeder, im Granat ein Rhombendodekaeder
und so weiter vor uns haben. Wie wir da sehen, wie innere
Kraftwirkungen sich in die Form ergiefien, so sehen wir
beim Menschen nach aufien unmittelbar leben vor der
lebendigen Ansdiauung alles, was der Mensdi uns eigentlich
ist, was gerade starken Eindruck in bezug auf seine Wesen-
heit auf uns macht, und was uns wie geronnene Ich- Vor-
stellung, wie geronnene Begriffe oder Vorstellungen und
wie geronnener Lautsinn entgegentritt. Ja, das Letzte, was
uns im Ton oder Laut entgegentritt, konnen wir ganz be-
sonders anschaulich uns vor Augen fiihren. Denn jenen
Verkehr mit dem Geist, den der Mensdi vielleicht auf die
intimste Art pflegt, den jeder Mensdi, ob Kunstler oder
nidit, mit dem Geiste pflegen kann, der sozusagen ganz in
die f einsten Seelenverwebungen seines Wesens hineinwirkt,
erlebt der Mensch in jener Eigentiimlichkeit, die doch nicht
in ihrer ganzen Bedeutung f iir das menschlidie Leben uber-
sehen werden soli, ubersenen werden darf in dem Gehalt,
in der Innigkeit — ich sage jetzt nicht des Wortinhaltes, son-
dern in der Innigkeit des Wie im Wortinhalt, in der Innig-
keit des Lautcharakters, der Seele der Sprache. Die Sprache
hat nicht nur den Geist, der sich aufiert im Inhalt der
Worte, die Sprache hat audi eine Seele. Und viel mehr als
wir denken, wirkt gerade in dem Lautcharakter eine
Sprache auf uns. Ganz anders wirkt in unserer Seele eine
Sprache, welche viel a hat, ganz anders eine solche, die im
Wortcharakter mehr i oder u hat. Denn in dem, was im
Timbre des Lautcharakters liegt, ergiefit sich wie im Unbe-
wufiten die Seele, die iiber die ganze Menschheit aus-
gegossen ist, iiber uns heniber. Das baut und wirkt an uns,
und das kommt im Leben wieder als eine besondere Art
von Gebarde zum Ausdruck. Denn eine besondere Art von
Gebarde ist audi die Spradie des Menschen, aber nicht in-
sofern sie Ausdruck der Worte ist, sondern insofern sie
Seele hat, wie der Mensch mit seiner Seele in der Sprache
lebt und sich ausdriickt.Da konnen wir sogar ganz wichtige
Unterschiede angeben.
Jeder weifl, daft zu jenen eigentiimlichen Imponderabi-
lien, die von Mensch zu Mensch spielen, die Innigkeit ge-
hort, wie ein Mensch spricht, ganz abgesehen davon, was er
sagt. Wenn wir dieses berixcksichtigen, werden wir uns
sagen: Wir lernen viel, viel von dem Intimsten eines Men-
schen gerade dadurch kennen, wenn wir beobachten, wie
ein Mensch spricht. Wir miissen im Leben oftmals dariiber
hinwegsehen, denn hohere Gesichtspunkte konnen es in
den Hintergrund treten lassen. Dennoch ist aber etwas in
uns, was sehr rechnet mit dem Krachzen oder dem Wohllaut
einer Stimme. Wer ein wirklicher Seelenbeobachter ist, der
weifi, dafi eine krachzende Stimme bei einem Mann viel
unangenehmer ist als bei einer Frau - aus dem einfachen
Grunde, weil diese Gebiete ganz intim mit unserer Orga-
nisation zusammenhangen und beim Manne eine viel inti-
mere Beziehung, eine viel innigere Verbindung des Seelen-
lebens mit der ganzen Behandlung der Stimme, dem Timbre
und so weiter besteht, als es bei der Frau der Fall ist. Wahr
ist es, aber beweisen kann man es nicht. Man kann nur
darauf hinweisen. Wenn Sie darauf achtgeben, werden Sie
es schon bemerken. Wer auf solche Dinge einzugehen ver-
mag, wird daher gerade das Bedurfnis haben, wenn er
besonders wichtige Dinge aussprechen will, in die Sprache
nicht bloft Inhalt hineinzulegen, sondern auch dasjenige,
was jetzt gerade angedeutet worden ist. Und wahrhaftig
nicht aus Unbescheidenheit, sondern um ein Beispiel anzu-
fuhren fur das, was gemeint ist, will ich dabei hinweisen
auf das von mir verfafite Rosenkreuzermysterium «Die
Pforte der Einweihung». Da tritt an den gewichtigsten
Stellen iiberall hervor, dafi das, was uberdies nicht in dem
Inhalt gesagt werden kann, in der Behandlung der Spradie
bis auf den Vokalklang gegeben ist; Sie werden nicht dort,
wo ein u klingt auf ein a, ein i auf ein a folgen lassen
konnen.
Es ist aufierordentlich wichtig, dafi wir dieses Gebiet als
die «Gebarde der Sprache» ins Auge fassen und sehen, wie
der Geist in seiner Macht auf die Organisation wirkt, und
dafi wir die unmittelbareWirkung des Geistes auf dieSeele,
die das selbstbewufite Ich in sich enthalt, beachten. Dann
sehen wir wieder zuriick, wie die menschliche Seele in die
Leiblichkeit sich hineinergiefit. Jetzt komme ich allerdings
zu einer Sache, welche fiir viele von Ihnen selbstverstand-
lich eine Hypothese sein mufi, und die auszusprechen fiir
den einen gewagt, fiir den andern sogar argerlich erschei-
nen kann. Aber darauf kommt es nicht an.
Wir sehen am Menschen die Ich-Wesenheit, was der
Vorstellungssinn ergibt und erleben kann und was der
Lautsinn erleben kann, in dieGebarde, in die Physiognomie
und Mimik sich hineinergiefien und audi in die Form inner-
halb jener Grenzen, die ich angedeutet habe, so dafi wir im
Menschen eine unmittelbare Wirksamkeit des Geistes sehen
in jenem Lebensalter zwischen Geburt und Tod, wo das Ich
sich hineinstellt zwischen Geist und Leiblichkeit. Nun
denken wir uns jetzt einmal folgendes: ich rede, weil die
Dinge mehr oder weniger subtil sind, in Gleichnissen.
Denken wir uns das, was der Mensch vollbringt mit Ich-
Wesenheit, Begriff svermogen und Lautsinn, so wie es sich
hineinergiefit wirklich zunachst mehr oder weniger in das
Gleichgewicht, in die Eigenbewegung und in das Selbst-
bewufitsein, spater in die freie Gebarde, in die freie Mimik
und in die das Innerliche verratende Physiognomie, von
vornherein mit einer Notwendigkeit zusammenwirken, so
dafi sich zwischen diese zwei, beziehungsweise drei Seiten
kein Ich hineinstellt. Denken wir uns also das Ich aus-
gesdialtet und so die beiden Seiten der menschlichen Natur
aufeinanderwirken, dafi gleichsam durch einen nicht zum
Bewufitsein gekommenen Lautsinn, der das tiefste Innere
auslebt, von vornherein in seinen Erlebnissen eine ohne das
Dazwisdientreten des Ich bewirkte Herstellung des Gleich-
gewichtes zustande kommt, so haben Sie etwas, was beim
Menschen offen bleibt, ohne ein Dazwisdientreten eines Ich
hergestellt: das ist das, was dem Tier sein Gleichgewicht von
vornherein bestimmt. Und denken Sie sich die Vorstellung,
wodurch der Mensch seine Gesetze und die tierische Gat-
tung erfafit, das heifit, die ganze Organisation insofern sie
Eigenbewegung ist, und wo sie Physiognomie und Mimik
ist, in der ganzen Bewegung des Tieres ausgedriickt - was
ausgedriickt wird in den tierischen Instinkten, Leidenschaf-
ten und so weiter - so haben Sie wieder dasjenige, durch
eine naturgesetzliche Notwendigkeit im Tier verbunden,
was der Mensch in seinem Leben so hat, dafi sein Ich ver-
bindend dazwischen tritt. Wieder haben wir beim Tier
durch naturgesetzliche Notwendigkeit verbunden, was im
Menschen der unmittelbare Ausdruck des Lebens ist. Beim
Menschen arbeitet die Lebensgestaltung noch hinein in die
Form. Denken Sie es sich aber nicht mehr aufgespart fur
das Leben, sondern unmittelbar durch die Naturwirksam-
keit gestaltet, dann haben Sie es gattungsmafiig, wie es uns
in der Plastik der verschiedenen Tiergattungen entgegen-
tritt.
So sehen wir im Menschen ein Wesen, das seine Sinnen-
welt in der Mitte hat zwischen zwei Polen. Er hat seine
Sinnenwelt: die Wahrnehmungswelt, die Ton welt, die
Geschmackswelt, die Gerudiswelt und so weiter. Diese lie-
gen zwischen dem, wie er sich selber wahrnimmt, sidi Be-
ziehungen gibt in den verschiedenen Riclitungen des Rau-
mes im Gleichgewichtssinn, wie er sich im eigenen Leib
befindlich fiihlt, und zwischen dem Lautsinn, dem Begriffs-
verstandnis und der Ich-Vorstellung auf der anderen Seite.
Wie sich nun mit innerer Notwendigkeit das innere Leben
fiir die dazwischen liegenden Sinne verhalt, so verhalt es
sich fiir das Tier, notwendig gestaltend die ganze Leibes-
organisation. Lassen Sie beim Menschen die beiden Seiten
zusammengehorig sein ohne ein Dazwischenkommen eines
Ich, so haben Sie das unmittelbare, ohne das Dazwischen-
treten seiner Seele vorhandene Einwirken der Geistigkeit
auf die Leiblichkeit. Beim Menschen haben wir das, was
wir nennen konnen: er ist nachder geistigen und physischen
Seite eine Auslegung in Raum, Gebarde und so weiter, die
offen bleibt fiir die Wirkung des Geistes nach der einen
Seite und nach der andern Seite. Damit miissen wir uns
befreunden, dafi in der Tat gewissermafien dadurch die
Grundlage fiir das ganze Verstandnis des Menschen und
des menschlichen Geisteslebens iiberhaupt geschaffen ist,
insofern es sich in der Geistesgeschichte abspielt.
Wir sehen, daft wir nicht zusammenwerfen diirfen, was
der Mensch im BegrifF erlebt, mit dem, was er erlebt, indem
er den Begriff selber verwirklicht und selber ausgestaltet.
In einer gewissen Beziehung ist der Mensch in bezug auf
die Ausgestaltung des Begriffes in einer ganz anderen Lage
als in bezug auf das Verstandnis des Begriffes. Die Aus-
gestaltung des Begriffes steht auf einem ganz anderen Blatt
als die Mittel zum Verstandnis des Begriffes. Ich mochte
dabei auf eine Tatsache hinweisen.
Im Jahre 1894 hielt ein grofier Verehrer Galileis in
Wien, als er das Rektorat der Wiener Universitat antrat,
Laurenz Mullner, eine Rektoratsrede und machte dabei auf
eine eigentiimlidie Tatsache aufmerksam, die ja zunachst
sehr interessant ist. Er machte darauf aufmerksam, dafi in
Galilei derjenige Geist der Menschheit gegeben worden ist,
der in Begfiffe f assen konnte die mechanisch-physikalischen
Gesetze ™ die Gesetze der Pendelbewegung, der Wurf-
bewegung, der Fallgeschwindigkeit, des Gleichgewichtes -,
die in der grandiosesten Weise vielleicht zum Ausdruck
kommen - so sagte Professor Mullner - in der himmelan-
steigenden Kuppel der Peterskirche in Rom, in dem wun-
derbaren Werke Michelangelos. Das ist wahr, das mufi
jeder sagen, auf den das betreffen
…[truncated]