Antworten der Geisteswissenschaft auf die grossen Fragen des Daseins

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

OFFENTLICHE VORTRAGE 



RUDOLF STEINER 



Antworten der Geisteswissenschaft 
auf die grofien Fragen des Daseins 

Fiinfzehn bffentliche Vortrdge 
Berlin, 20. Oktober 1910 bis 16. Mdrz 1911 



1983 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Mitschriften, 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgten K. Boegner und E. Frobose 



1. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1959 

2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1983 



Einzelausgaben 

Vortrag III und IV: «Menschenseele und Tierseele. 
Menschengeist und Tiergeist», Stuttgart 1949 

Vortrag VI: «Der Geist im Pflanzenreich», Stuttgart 1948 

Vortrag XI: «Was hat die Geologie iiber die Weltentstehung zu sagen?», 

Stuttgart 1949 

Vortrag IX, XII-XIV unter dem Titel: 
«Wendepunkte des Geisteslebens». 
1. Auflage, Dornach 1927; 2. Auflage, Dresden 1940; 
3. Auflage, Freiburg i. B. 1954 



Bibliographie-Nr. 60 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafivenvaltung, Dornach/Schweiz 
© 1959 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Konkordia GmbH, Buhl/Baden 

ISBN 3-7274-0600-3 



Zu den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geistes- 
wissenschaft bilden die von Rudolf Steiner (1861 — 1925) ge- 
schriebenen und veroffentlichten Werke. Daneben hielt er 
in den Jahren 1900 bis 1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, 
sowohl offentlich wie auch fiir die Mitglieder der Theoso- 
phischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst 
wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei gehaltenen 
Vortrage nicht schriftlich festgehalten wurden, da sie als 
«mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» ge- 
dacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige 
und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbrei- 
tet wurden, sah er sich veranlafk, das Nachschreiben zu re- 
geln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von 
Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographierenden, 
die Verwaltung der Nachschriften und die fiir die Heraus- 
gabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner 
aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschrif- 
ten selbst korrigieren konnte, mull gegenuber alien Vor- 
tragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt wer- 
den: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, dafi 
in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehler- 
haftes findet.» 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde 
gemafi ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf 
Steiner Gesamtausgabe begonnen. Der vorliegende Band 
bildet einen Bestandteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erfor- 
derlich, finden sich nahere Angaben zu den Textunterlagen 
am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Zu dieser Ausgabe 8 

I. Das Wesen der Geisteswissenschaft und ihre 
Bedeutung fur die Gegenwart. 

Berlin, 20. Oktober 1910 9 

II. Leben und Tod. 

Berlin, 27. Oktober 1910 39 

III. Menschenseele und Tierseele. 

Berlin, 10. November 1910 68 

IV. Menschengeist und Tiergeist. 

Berlin, 17. November 1910 95 

V. Das Wesen des Schlafes. 

Berlin, 24. November 1910 125 

VI. Der Geist im Pflanzenreich. 

Berlin, 8. Dezember 1910 157 

VII. Wie erlangt man Erkenntnis der geistigen Welt? 

Berlin, 15. Dezember 1910 186 

VIII. Anlage, Begabung und Erziehung des Menschen. 

Berlin, 12. Januar 1911 220 

IX. Zarathustra. 

Berlin, 19. Januar 1911 252 



X. Galilei, Giordano Bruno und Goethe. 

Berlin, 26. Januar 1911 284 

XI. Was hat die Geologie iiber die Weltentstehung zu 
sagen? 

Berlin, 9. Februar 1911 315 

XII. Hermes. 

- Berlin, 16. Februar 1911 345 

XIII. Buddha. 

Berlin, 2. Marz 1911 376 

XIV. Moses. 

Berlin, 9. Marz 1911 410 

XV. Was hat die Astronomie iiber Weltentstehung 
zu sagen? 

Berlin, 16. Marz 1911 441 

Hinweise 478 

Personenregister 487 

Ausfiihrliche Inhaltsangaben 490 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . . 495 



ZUDIESER AUSGABE 



Die Vortrage dieses Bandes gehoren dem Teil von Rudolf Steiners 
Vortragswerk an, mit dem er sich an die Offentlichkeit wandte. 
«Berlin war der Ausgangspunkt fur diese offentliche Vortragstatig- 
keit gewesen. Was in anderen Stadten mehr in einzelnen Vortragen 
behandelt wurde, konnte hier in einer zusammenhangenden Vor- 
tragsreihe zum Ausdruck gebracht werden, deren Themen ineinan- 
der ubergriffen. Sie erhielten dadurch den Charakter einer sorgfaltig 
fundierten methodischen Einfuhrung in die Geisteswissenschaft und 
konnten auf ein regelmafiig wiederkehrendes Publikum rechnen, 
dem es darauf ankam, immer tiefer in die neu sich erschliefienden 
Wissensgebiete einzudringen, wahrend den neu Hinzukommenden 
die Grundlagen fur das Verstandnis des Gebotenen immer wieder 
gegeben wurden.» (Marie Steiner). 

Die vorliegenden wahrend des Winterhalbjahres 1910/11 gehalte- 
nen 15 Vortrage bilden die achte der offentlichen Vortragsreihen, 
welche Rudolf Steiner in Berlin seit 1903 regelmafiig durchfiihrte. 
Kurz zusammengefafit wird darin folgendes dargestellt: 

Geisteswissenschaft gibt ein neues Weltbild. Der Tod ist fur sie 
Keim eines neuen Lebens. Die menschliche Seele wachst uber das 
Gattungsmafiige des Tieres hinaus. Im Menschen ersteht die Ich- 
kraft, die im Sinnesleben, in der Sprache, im sittlichen Leben wirk- 
sam ist. Die Geheimnisse des Schlafes enthiillen sich ebenso wie die 
des Erdeniebens. Der Mensch kann in eine hohere Welt, zu hoheren 
Bewulkseinserlebnissen vordringen und die Erziehung gewinnt da- 
durch eine neue Aufgabe: die Pflege des Unverganglichen im Men- 
schenwesen. Geisteswissenschaft lehrt die geistigen Fiihrer des Men- 
schengeschlechtes wie Zarathustra, Hermes, Buddha, Moses neu zu 
verstehen. Sie weckt Verstandnis fur die Kiinder der abendlandi- 
schen Kultur wie Galilei, Giordano Bruno und vor allem Goethe. 
Weltentstehung und Sternenwelt erscheinen in neuem Lichte. Das 
Weltbild der Naturwissenschaft wird uberhoht durch das der Gei- 
steswissenschaft, welches das Geistige hinter aller Erscheinung als 
wirksam erweist. 



DAS WESEN DER GEISTESWISSENSCHAFT 
UND IHRE BEDEUTUNG FOR DIE 
GEGENWART 



Berlin, 20. Oktober 1910 



Schon seit mehreren Jahren wird hier von diesem Orte 
aus die Wintermonate hindurch von mir der Versuch ge- 
macht, Vortrage iiber ein Gebiet zu halten, welches ich mir 
gestatte mit dem Namen der Geisteswissenschaft zu bezeich- 
nen. Audi in diesem Winter soil von diesem Gesichtspunkte 
aus in der Reihe der Ihnen angekiindigten Vortrage wie- 
derum ein Bild gegeben werden von Tatsachen der geistigen 
Welt. Es soli betrachtet werden, was zu den grofien Fragen 
des Daseins gehort: das Verhaltnis von Leben und Tod, 
von Schlaf und Wachen, von Menschenseele und Tierseele, 
Menschengeist und Tiergeist und Geist im Pflanzenreich. 
Es soil dann betrachtet werden das Wesen der menschlichen 
Entwickelung durch die verschiedenen Lebensalter, durch 
Kindheit, Jugend und die spateren Lebensjahre, der Anteil 
der Erziehung an dem Hauptcharakter des Menschen. Es 
soil das Geistesleben beleuchtet werden, indem der Blick 
hingewendet wird zu grofien Individualitaten der Mensch- 
heitsentwickelung, zu Zarathustra, Moses, Galilei, Goethe. 
Es soil versucht werden an einzelnen Beispielen zu zeigen, 
welches Verhaltnis das, was hier Geisteswissenschaft ge- 
nannt wird, zur Naturwissenschaft hat: an dem Beispiel 
der Astronomie und der Geologic Und dann soil versucht 
werden zu sagen, was aus den Quellen der Geisteswissen- 
schaft selbst iiber die Ratsel des Lebens zu sagen ist. Diesen 



Betraditungen ging in jedem Jahre eine Art orientierender, 
allgemeiner Betrachtung voraus. Dieser Gepflogenheit soil 
audi in diesem Jahre gefolgt werden, indem heute gespro- 
dien wird iiber die Bedeutung der Geisteswissensdiafl, ihr 
Wesen und ihr Verhaltnis oder - man konnte audi sagen - 
ihre Auf gabe innerhalb der versdiiedenen geistigen Bediirf- 
nisse der Gegenwart. 

In dem Sinne, wie hier von Geisteswissensdiafl gespro- 
chen wird, darf man wohl sagen, dafi Geisteswissensdiafl 
heute noch in den weiten Kreisen unserer Menschheit eine 
recht unbeliebte Sadie ist. Zwar spricht man wohl audi 
aufierhalb derjenigen Gesiditspunkte, die hier eingenom- 
men werden sollen, von «Geisteswissenschafl». Man ver- 
steht zum Beispiel unter Geschichte etwas, was man mit 
dem Namen Geisteswissensdiafl belegt, und wohl audi 
unter noch anderen Wissensgebieten der Gegenwart. In an- 
derem Sinne als gewohnlich von Geisteswissensdiafl ge- 
sprochen wird, soil das hier gesdiehen. Wenn man heute 
von «Geisteswissenschaffc» spricht und den Namen etwa 
auf Geschichte anwendet, so wird man im aufiersten Falle 
zugeben, dafi neben dem, was der menschlichen Beobach- 
tung, der Sinnes- und Verstandeserfahrung vorliegt, fur 
die Geschichte noch gewisse grofie Tendenzen in Betracht 
kommen, die sich wie Krafle im Strom des Weltgeschehens 
hindurch wirksam zeigen und gleichsam die Geschicke der 
einzelnen Volkerschaflen und der einzelnen Staaten bewir- 
ken. Man spricht wohl auch von allgemeinen Ideen in der 
Geschichte und im menschlichen Leben. Wer sich besinnt, 
was in solchem Falle gemeint ist, der wird bald darauf 
kommen, dafi abstrakte Ideen gemeint sind, an was man 
appelliert, wenn man von den Kraflen, von dem Wesen- 
haflen spricht, von dem, was die menschlichen Geschicke 
leitet. Es sind in gewisser Beziehung allgemeine Ideen, zu 



weldien die menschliche Verstandesf ahigkeit ein Erkennt- 
nisverhaltnis gewinnen kann. 

In anderem Sinne wird hier von Geisteswissenschaft 
gesprochen, indem als geistige Welt vorausgesetzt wird 
eine Welt, welche wesenhafl ist, wie die Menschenwelt in- 
nerhalb des physischen Daseins wesenhafl ist. Es wird ge- 
zeigt werden: wenn man hinausgeht mit dem menschlichen 
Erkenntnisvermogen iiber das, was der aufieren Sinnes- 
beobachtung, der Verstandeserfahrung sidi darbietet, und 
zu den leitenden Kraften des Menschen- und Weltendaseins 
iiberhaupt geht, dafi man nidit zu Abstraktionen, zu saft- 
und kraftlosen Begriffen blofi kommt, sondern zu etwas 
Wesenhaftem, zu etwas, was lebendig, inhaltsvoll, geistig 
mit Dasein durchtrankt ist wie das Wesen des Menschen 
selber. Also von einer geistigen Welt mit realem Dasein 
wird hier gesprochen. Und eben das macht es, dafi die Gei- 
steswissensdiaft fur die Standpunkte der weitesten Kreise 
unseres gegenwartigen Geistesstrebens keine beliebte Sache 
ist. Es ist ja noch das Geringste, wenn man diejenigen, die 
sich auf solche geisteswissenschaftlichen Forschungswege 
begeben, als Schwatzer, als Traumer oder Phantasten be- 
zeichnet. Und es ist heute noch etwas Gewohnliches, zu 
sagen, dafi alles, was als strenge Methode, was als wirk- 
liche Wissenschaftlichkeit auf diesem Boden auftritt oder 
sich dafur ausgeben will, eine ziemlich zweifelhafte 
Sache ist. 

Grofie, gewaltige Fortschritte haben ja auf die Mensch- 
heit immer, zu alien Zeiten, eine grofie suggestive Wirkung 
auch in bezug auf alles Denken, Fiihlen und Empfinden 
ausgeiibt. Und wenn wir auf die grofien Fortschritte im 
allgemeinen Menschenleben in den letzten Zeiten - wir 
konnen fast sagen in den letzten Jahrhunderten - hin- 
blicken, so liegen sie nicht auf dem geisteswissenschaftlichen 



Gebiet, von dem hier gesprochen werden soli, sondern 
vielmehr auf demjenigen Gebiet, auf das die Menschheit 
heute - und zwar wie gleidi betont werden soil - mit 
vollem Recht so stolz ist und auf das sie noch grofie Hoff- 
nungen fur die Fortentwickelung der Menschheit in der 
Zukunft setzt. Es liegen diese Fortschritte der letzten Jahr- 
hunderte bis in unsere Tage hinein auf dem Gebiet, das aus 
den Naturwissenschaften herauswachst. Wenn man denkt, 
wie gewaltig alles ist, was heute nicht nur theoretisch auf 
naturwissenschaffclichem Gebiet fiir die menschliche Er- 
kenntnis gewonnen ist und was verspricht aus dem natur- 
wissenschaftlichen Boden noch gewonnen zu werden, und 
wenn man aufierdem in die Waagschale legt, welche grofie 
Bedeutung diese naturwissenschaftHchen Errungenschaften 
fiir das aufiere Leben haben, so mufi man sagen: der Segen, 
das Bedeutungsvolle dieses naturwissenschaftHchen Fort- 
schrittes konnte und mufke eine suggestive Macht auf das 
menschliche Gemiit in unserer Zeit ausiiben. So ist es denn 
gekommen, dafi diese suggestive Wirkung auch nach einer 
andern Seite sich geaufiert hat. Hatte sie sich nur dahin 
geaufiert, dalS das Menschengemiit vor alien Dingen etwas 
empfand wie eine Art weltlichen Kultus gegenuber diesen 
gewaltigen Fortschritten, wer konnte auch nur einSterbens- 
wortchen dagegen sprechen? Aber es hat sich diese sug- 
gestive Macht auch nach jener Richtung geaufiert, dafi nicht 
nur anerkannt wird, was die naturwissenschaftliche For- 
schung und der daraus folgende Fortschritt fiir unsere Zeit 
bedeutet, sondern es hat sich nach der Richtung ausgelebt, 
dafi in den weitesten Kreisen der Glaube entstanden ist, 
dafi alle Erkenntnis, alles Wissen der Menschheit nur auf 
demjenigen Boden gewonnen werden kann, der heute eben 
als der naturwissenschaftliche anerkannt wird. Und weil 
man von diesem Glauben aus zu dem Schlusse sich berech- 



tigt glaubt, dafi mit diesen naturwissenschaftlichen Me- 
thoden die geisteswissensdiaftlidien in Widersprudi stehen, 
dafi es unmoglich sei fiir den, der auf naturwissenschaft- 
lidiem Boden steht, uberhaupt von der Erforschung einer 
geistigen Welt zu sprechen, so ist in den weitesten Kreisen 
das Vorurteil verbreitet, dafi Geisteswissenschaft gegen- 
iiber den berechtigten Anforderungen der Naturwissen- 
schaft abgelehnt werden miisse. Bei dieser Ablehnung kann 
es vor alien Dingen auf fallen, dafi man etwas aufierordent- 
Hch schwer in die Waagschale Fallendes geltend macht. 

Die naturwissenschaftliche Methode, so wird gesagt, sei 
eine solche, deren Forsdiungsresultate, deren Erkenntnisse 
von jedem Menschen in jedem beliebigen Zeitpunkt nach- 
gepriift werden konnen, und dafi bei der Gewinnung dieser 
Erkenntnisse, dieser Forschungsresultate nichts mitspielen 
darf von dem, was im subjektiven Mensdien als Emp- 
finden, Sympathie oder Antipathie, Sehnsucht oder Begier- 
den waltet. Dafi nichts sich einmischen darf von der Vor- 
aussetzung: man mochte dieses Resultat so oder so haben; 
ausschliefien miisse sich. das menschliche Element von der 
Forschung und rein die Objektivitat der Dinge sprechen 
lassen, wenn es sich urn Ergebnisse naturwissenschaftlicher 
Forschung handele. 

So ohne weiteres kann die Geisteswissenschaft diese For- 
derung nicht aufstellen. Fiir denjenigen, der sich rasch ein 
Urteil iiber das Allgemeingiiltige dieser Forderung bildet, 
wird einfach schon der Grund hinlanglich sein, die Geistes- 
wissenschaft abzulehnen, dafi sie dieser Forderung nicht 
geniigen kann. Warum ist das so? Die Naturwissenschaft 
hat die Gegenstande ihrer Forschung, von denen sie spricht, 
um den Menschen herum. Sie geht von demjenigen aus, 
was vor jeden Menschen hingestellt werden kann, woriiber 
jeder Mensch mit den naturwissenschaftlichen Methoden 



nachdenken kann, wenn er vor die Sadie gefiihrt wird. 
Und es ist scheinbar ganz gleichgiiltig, mit welchen Voraus- 
setzungen der Mensch an das herantritt, was da in seiner 
Umgebung dem Blickfelde sich darbietet. Es ist gerade das, 
was sich in der allgemeinen Forderung ausspricht: Natur- 
wissenschaftliche Erkenntnis mufi fiir jeden Menschen in 
jedem beliebigen Zeitpunkte nachgepriift werden konnen. 

Wie die Naturwissenschaft ihre Resultate gewinnt, in 
der Art, in welcher sie vorgeht, kann audi die wahre 
Geisteswissenschaft gar nicht vorgehen. Sie kann zunachst 
nicht sagen: Es ist notwendig, dafi ihre Ergebnisse von 
jedem Mensdien in jeder Zeit nachgepriift werden konnen. 
Denn sie mufi voraussetzen, dafi diese Ergebnisse, diese 
Forschungsresultate dadurch gewonnen werden, dafi der 
Mensch gerade sein Inneres nicht als ein Festes, als ein Ab- 
geschlossenes betrachtet, dafi er seine subjektive Wesen- 
heit nicht als etwas Fertiges ansieht, sondern sich sagt: 
Meine subjektive Wesenheit, diese ganze Summe meines 
Seelendaseins, wie ich sie der Welt entgegensetzen kann, 
ist nichts Abgeschlossenes, nichts Fertiges, sie kann ent- 
wickelt werden, das Seelenleben kann vertieft werden. Das 
Seelenleben kann so verlaufen, dafi dasjenige, was man 
findet, wenn man die Sinne auf die aufiere Welt richtet 
und den Verstand auf das anwendet, was die Sinne sagen, 
nur gleichsam eine Unterlage ist fiir weitere Seelenerfah- 
rungen. Weitere Seelenerf ahrungen ergeben sich dann, wenn 
sich die Seele in sich selber vertieft, an sich selber arbeitet, 
wenn sie die unmittelbare Lebenserfassung nur als einen 
Ausgangspunkt betrachtet und dann durch Krafte, die zu- 
nachst in ihr schlummern, die aber herausgeholt werden 
konnen, sich durch Stufen des Daseins ringt, die nicht so 
angeschaut werden konnen, dafi man sie durch ein aufieres 
Auge nachpriifen konnte. 



Was also der Geistesforscher zur Vorbereitung fur seine 
Studien durchmachen muE, ist ein innerliches Ringen der 
Seele, das ganz und gar unabhangig ist von dem, was der 
Mensch selber in sich hat. Wenn man also von Wissenschaft 
iiberhaupt verlangt, dafi der Mensch nichts hinzubringen 
soli zu den Ergebnissen, die sich ihm aufierlich vorstellen, 
so konnte von Geisteswissenschaft gar nicht die Rede sein. 
Wer sich aber ein wenig besinnt und sich fragt: Welches ist 
denn der wichtigste Teil der Forderungen, welche da fiir 
die Geisteswissenschaft geltend gemacht werden, - konnte 
sich sagen, dafi ihreErgebnisse fiir jedenMenschenGiiltigkeit 
haben, dafi sie nicht der personlichen Willkiir dieser oder 
jener Menschenindividualitat unterliegen, und nicht blofi 
eine Bedeutung haben fiir das Innenleben dieses oder jenes 
Menschen, sondern eine Bedeutung fiir alleMenschen haben. 

Das ist ja das Bedeutsame bei allem Wissenschaftlichen, 
dafi es nicht blofi bei dem gilt, dem sich die Gegenstande 
der Wissenschaft vor Augen stellen, sondern dafi, wenn 
die Gegenstande erforscht sind, dies zu Erkenntnissen fuh- 
ren kann, die fiir alle Menschen Giiltigkeit haben konnen. 

Wenn es nun wahr ware, dafi das, was so als Entwicke- 
lung des Menschen charakterisiert worden ist, nur subjektiv 
ware, nur fiir den einen oder andern Menschen Geltung 
habe, und dafi ihm so auch nur ein personlicher Glaube zu- 
kame, so konnte von Geisteswissenschaft auch wirklich nicht 
gesprochen werden. Es wird sich uns aber in diesem Winter 
auch noch zeigen, dafi dieses Innenleben des Menschen, 
das Ringen der Seele aus Kraften heraus, die zunachst 
schlummern, die aber erwachen konnen, sich entfalten und 
entwickeln und dann den Menschen von Erlebnis zu Er- 
lebnis fiihren kann, und dafi dieses Seelenleben noch auf- 
steigen kann zu einer Stufe, wo seine Erlebnisse eine ganz 
bestimmte Eigentumlichkeit haben. 



Wenn wir das Mensdienleben betraditen, wie es sidi im 
Innern der Menschenseele abspielt, so ist es zunachst ein ganz 
personliches, fur den einen so, fiir den andern anders. Wer 
eine gesunde Selbstbesinnung hat, wird bei diesem oder 
jenem, was in seiner Seele an Sympathie oder Antipathie 
aufsteigt, was gleichsam nur eine personliche Note hat, 
sidi klar sein konnen, daft dieses und wie es der Fall ist. 
Aber das innere Erleben fuhrt zu einem gewissen Punkt, 
wo gerade eine methodisch getriebene Selbsterkenntnis, ein 
reines, von Personlichem unbeeinflufites Selbsterkennen sich 
sagen mufi: das Personliche ist eben abgestreifl, bildet ein 
besonderes Gebiet, aber man kommt dann an einen be- 
stimmten Punkt, wo fiir das innere Erleben, fiir das uber- 
sinnliche Erleben geradeso die Willkiir aufhort, wie sie 
aufhort, wenn man diesen oder jenen sinnenfalligen Er- 
sdieinungen gegeniibertritt, und wo man audi nicht denken 
kann, wie man will, sondern in Gemafiheit des Gegenstan- 
des denken mufi. So kommt der Mensch auch innerlich, 
seelisch in eine gewisse Sphare, auf ein gewisses Gebiet, wo 
er sich deutlich bewufit wird, daft nicht mehr seine person- 
liche Subjektivitat spricht, sondern daft jetzt nicht sinn- 
lich anschaubare, aber iibersinnliche Wesenheiten und Krafte 
sprechen, fiir die seine Individuality ebensowenig Bedeu- 
tung hat, wie sie Bedeutung hat fiir das, was die aufieren 
Sinnesgegenstande sagen. Diese Erkenntnis mufi allerdings 
gewonnen werden, wenn von dem Rechte gesprochen wer- 
den soli, dafi dasjenige, was iiber die geistige Welt gesagt 
wird, uberhaupt den Namen Wissenschaft tragt. Es sollen 
auch in diesem Winter diese Vortrage wieder ein Beweis 
dafiir sein, dafi die Betrachtungen iiber die Erforschung 
der geistigen Welt eine Wissenschaft genannt werden darf. 

So muB man sagen, Geisteswissenschaft ist ihrem Wesen 
nach auf dem begrundet, was durch die menschliche Seele 



erforscht werden kann, wenn diese in ihrem innerlidien 
Ringen und Erleben zu einem Punkte gekommen ist, an dem 
das Personliche nicht mehr bei den Betrachtungen der gei- 
stigen Welt mitspricht, sondern wo sie sich von der geistigen 
Welt selber ihre Eigentiimlichkeiten sagen lafit. Wenn man 
die Geisteswissenschaft dann einmal vergleichen wird mit 
der Naturwissenschaft, so wird mancher vielleicht sagen: 
Dann fehlt aber doch der Geisteswissenschaft das wichtige 
Kennzeichen, dafi sie auf alle Mensdien einen iiberzeugen- 
den Eindruck machen kann, welches bei der Naturwissen- 
schaft aus dem Grunde vorhanden ist, dafi man iiberall, 
wo naturwissenschaftliche Resultate auftreten, das Bewulk- 
sein hat: Wenn du das audi nicht selber erforscht und 
gesehen hast, so konntest du doch, wenn du auf die Stern- 
warte oder in das Laboratorium gingest und dich des Fern- 
rohres und des Mikroskopes bedientest, das in derselben 
Weise erkennen wie der, welcher dir die Mitteilung ge- 
macht hat. Und es konnte weiter gesagt werden: Wenn 
auf dem Wege der Geisteswissenschaft der Beweis ein rein 
inner licher ist, und die Seele mit sich ringt, bis sie sagt: 
jetzt gibst du nichts mit von deiner PersonHchkeit zu dem, 
was dir die Gegenstande sagen, -es bleibt doch ein einzelnes 
Ringen. Und dem, der auf diesem Wege zu gewissen Er- 
gebnissen gelangt ist, oder wem der geisteswissenschaft- 
liche Forscher diese Ergebnisse mitteilt, dem miifke man 
sagen: Fur mich bleiben diese Ergebnisse ein unbekanntes 
Land, bis ich selber aufsteige zu demselben Punkte! 

Audi dieses - das soil sich uns noch zeigen - ergibt sich 
uns als ein unrichtiger Einwand. Gewifi, es gehort dieses 
einsame Ringen der Menschenseele, dieses Blofilegen von 
in der Menschenseele schlummernden Kraften dazu, um in 
die geistige Welt, wo sie objektiv zu uns spricht, hinauf- 
zudringen. Aber die geistige Welt ist so: Wenn die geistes- 



wissenschaftlichen Resultate mitgeteilt werden, dann bleiben 
die Ergebnisse nicht etwa wirkungslos. Was aus einer durch 
die geisteswissenschaftliche Forschung gepriiften Menschen- 
seele als Mitteilungen zu andern Seelen tritt, kann von 
jeder Seele wleder, in einem gewissen Sinne allerdings, 
nachgepriift werden, nicht so, dafi man im Laboratorium 
sehen kann, was der andere gefunden hat, sondern so, dafi 
man es einsehen kann. Denn in jeder Seele lebt ein unbe- 
fangener Wahrheitssinn, eine gesunde Logik, eine gesunde 
VerniinfKgkeit. Und wenn die Ergebnisse der Geistesfor- 
schung in gesunde Logik gekleidet werden, in das, was zu 
unserem gesunden Wahrheitssinn spricht, dann klingt in 
jeder Seele oder kann wenigstens in jeder unbefangenen 
Menschenseele eine Saite mitklingen mit der mitteilenden 
Seele. Man kann sagen: Jede Seele ist in sich selber veran- 
lagt, wenn sie sich audi noch nicht dem gekennzeichneten 
einsamen Ringen hingegeben hat, durch eine unbefangene 
Logik und durch einen gesunden Wahrheitssinn in sich auf- 
zunehmen, was von der Geisteswissenschaft mitgeteilt wird. 
Wenn auch ganz gewifi zugegeben werden mufi, dafi im 
weitesten Umkreis, in dem heute dieses oder jenes von der 
Geisteswissenschaft getrieben wird, bei der Aufnahme der 
Mitteilungen der Geistesforschung nicht uberall dieser ge- 
sunde Wahrheitssinn und diese gesunde Logik herrschen, 
so ist das ein Mangel einer jeden Geistesbewegung. Im 
Prinzip ist es aber durchaus richtig, was gesagt ist. Ja, im 
Prinzip sollte sogar beachtet werden, dafi es zu Irrtumern 
uber Irrtumern fiihren mufi, wenn leichten Herzens und 
mit einem blinden Glauben das entgegengenommen wird, 
was so oft heute als Geisteswissenschaft an die Menschheit 
herangebracht wird. Wer wirklich auf dem Boden der 
Geisteswissenschaft stent, fiihlt sich in strenger Art ver- 
pflichtet, logisch und vernunftgemafi das mitzuteilen, was 



er zu sagen hat, so dafi es wirklich von einem gesunden 
Wahrheitssinn und von aller Logik gepriift werden kann. - 
So haben wir also von einer Seite das Wesen der Geistes- 
wissenschaft dadurch bezeichnet, dafi wir gezeigt haben, 
wie ihre Resultate gefunden werden miissen. 

Dafi es nun eine solche objektive Tatsache des Geistes gibt, 
kann ja nur diese Wissenschaft selber belegen. Darauf aber 
soli jetzt schon aufmerksam gemacht werden, dafi diese 
Wissenschaft eben zu dem fiihrt, was wir den realen, den 
wirklidien Inhalt der geistigen Welt nennen, einen Inhalt, 
der lebendig erfullt ist von solcher Wesenhaftigkeit, wie 
etwa ein Menschenwesen selber von Wesenhaftigkeit er- 
fiillt ist. Von diesem Gesichtspunkte aus ist sich die Geistes- 
wissenschaft dariiber klar, dafi allem aufieren, physisch- 
sinnlidien Dasein, allem Dasein, von dem uns die Sinne 
sprechen und die verstandesmafiige Erfahrung, zuletzt eine 
geistige Welt zugrunde liegt, dafi der Mensch so wie alle 
anderen Dinge aus dieser geistigen Welt herausgeboren ist, 
sich herausentwickelt hat, so daft also hinter der sinnen- 
falligen Welt, hinter dem, was man gewohnlich das phy- 
sische aufiere Dasein nennt, das Gebiet der geistigen Welt 
sich ausdehnt. Wenn nun die Geisteswissenschaft allmahlich 
dazu ubergeht, aus ihren Beobachtungen heraus zu zeigen, 
wie es sich in dieser geistigen Welt ausnimmt, wie die gei- 
stige Welt unserer sinnenfalHgen zugrunde liegt, dann fangt 
eben in vielen Kreisen unserer Gegenwart die Abneigung, 
die Antipathie an, was im Eingange der heutigen Betrach- 
tung damit bezeichnet wurde: In weiten Kreisen der Gegen- 
wart ist die Geisteswissenschaft eine ziemlich unbeliebte 
Sache. Und es ist keineswegs schwer zu begreifen, dafi 
dieser Geisteswissenschaft heute noch ein gewaltiger Wider- 
stand entgegengebracht wird. Es ist durchaus selbstver- 
standlich und nicht nur selbstverstandlich aus dem Grunde, 



weil dasjenige, was in einer gewissen Beziehung, wie die 
Geisteswissensdiaft, neu dem menschlichen Kulturleben sich 
einverleibt, immer mit einer gewissen Zuriickdrangung be- 
handelt worden ist wie alle kleinen und grofkn Errungen- 
schaften der Menschheit; sondern weil es in der Tat recht 
vieles gibt im Umkreis der Vorstellungen, die der Mensch 
heute zum Beispiel aus der naturwissenschaftlichen Beob- 
achtung gewinnt, was gerade die Notwendigkeit hervor- 
ruft, dafi sich der, der glaubt, ganz auf dem Boden der Na- 
turwissenschafl zu stehen, in lauter Widersprtiche verwickelt 
findet, wenn er von dem hort, was die Geisteswissensdiaft 
sagt. Wer selbst auf dem Boden der Geisteswissensdiaft 
stent, zweifelt gar nicht, daft mit einem gewissen Rechte 
Hundert und aber Hundert von sogenannten Widerlegun- 
gen dieser Geisteswissensdiaft aufgebracht werden konnen. 
Nur wie in Parenthese mochte ich einfiigen, dafi ich selber 
in der nadisten Zeit an verschiedenen Orten und audi hier 
einmal, damit Klarheit in die angeregte Frage gebracht 
wird, zwei Vortrage halten werde, wovon der erste lauten 
wird: «Wie widerlegt man Theosophie?» und der andere: 
«Wie begriindet man Theosophie?» Probeweise soli das ge- 
schehen, damit einmal gezeigt wird, wie der, der auf dem 
Boden der Geisteswissensdiaft stent, wirklich alles zu- 
sammentragen kann, was an Widerlegungen gegeniiber 
der Geisteswissensdiaft aufgebracht werden kann. Ja, ich 
mochte sagen mehr noch als das, was schon angefiihrt 
worden ist, ist dies der Fall, dafi die Widerlegungen der 
Geisteswissensdiaft, wie man gewohnlich heute von Wider- 
legungen spricht, in bezug auf ihre verschiedenen Resultate 
gar nicht so sonderlich schwierig sind. Es ist leicht, die 
geisteswissenschaftlichen Forschungen zu widerlegen. 

Ich mochte diese Widerlegungen nicht direkt vergleichen, 
aber um zu verdeutlichen, was ich sagen will, anknup- 



fen an etwas, was einem oft auffallt, wenn man Werke 
von gewissen Philosophen liber die Hegelsche Philosophic 
liest. — Ich will hier nicht iiber das sprechen, was an der 
Hegelschen Philosophie bedeutungsvoll ist, was wahr ist 
und was Irrtum ist; das wollen wir dahingestellt sein las- 
sen. - Es wird unter den Kennern Hegels doch wenige 
geben, die nidit anerkennen, dafi sie es in Hegel mit einem 
bedeutenden Geist zu tun haben. Nun findet sidi in Hegels 
Schriften ein merkwiirdiger Satz, der sozusagen einen tie- 
fen Eindruck auf die machen kann, welche leichten Herzens 
Hegel wider legen wollen. Und dieser Satz lautet: «Alles 
Wirkliche ist veriinftig!» Nun denken wir einmal, man 
mochte sagen, welch innerlidies Ladien ein soldier Satz her- 
vorrufen mufi bei dem, der gern widerlegt! Ein Philosoph 
soil grofi sein, der soldien Unsinn spridit: «Alles Wirkliche 
ist vernunfKg!» Man braudit nur einen einzigen Blick in die 
Welt zu lenken und wird sehen, wie unverniinftig dieser 
Satz ist! Es gibt eine einfache Methode, um die Richtig- 
keit dieses Satzes zu widerlegen, und die besteht darin, dafi 
man selbst eine kniippeldicke Dummheit madit. Denn 
davon kann man behaupten, es sei ganz gewifi nicht ver- 
niinftig. Soil die Tatsadie, dafi eine Widerlegung leicht 
wird, denn audi dazu fuhren, dafi sie einfadi leidit ge- 
nommen und leicht als bedeutungsvoll genommen werde? 
Das ist eine ganz andere Frage, die sich vielleicht dadurdi 
beantwortet, dafi man sidi folgendes iiberlegt: Sollte denn 
wirklidi Hegel — man mag sidi zu Hegel stellen wie man 
will - so dumm gewesen sein, dafi er nicht eingesehen hatte, 
was es gegen diesen Satz als Widerlegung gibt? Sollte er 
wirklich geglaubt haben, dafi kein Mensch eine kniippel- 
dicke Dummheit madien kann? Sollte man nidit selbst ver- 
anlafk sein, einmal darauf einzugehen, in weldiem Sinne 
Hegel diesen Satz gemeint haben kann, und dafi man mit 



einer solchen Widerlegung gar nidit das trifft, was ge- 
meint ist ? 

So konnte es audi bei vielen Dingen der Geisteswissen- 
schaft sein. Um an etwas Konkretes anzukniipfen: Die 
Geisteswissenschaft muE voraussetzen - das kann heute 
nur angefiihrt werden -, dafi das, was wir im Menschen 
als das Werkzeug des Denkens, des Vorstellens, des Fiihlens 
und des Wollens anerkennen, namlich das Nervensystem mit 
dem Gehirn, herausgebaut ist aus emem Geistigen, dalS Ge- 
hirn und Nervensystem Werkzeug sind eines Wesenhaften, 
das man nicht in der Sinneswelt aufzeigen kann, son- 
dern das durch die charakterisierten Methoden der Geistes- 
wissenschaft erforscht werden mulS. Die Geisteswissenschaft 
mufi also zuriickgehen von dem, was die aufiere, auf 
die sinnenfalligen Erscheinungen sich stiitzende Wissen- 
sdiaft iiber Gebirn und Nervensystem zu sagen weifi, auf 
etwas, was im Menschen als Seelisch-Geistiges selbst arbei- 
tet, was nicht mehr mit den Sinnen erforscht werden kann, 
was nur auf den inneren Wegen der Seele erforscht wer- 
den kann. Es ist nun wirklich kinderleicht zu widerlegen, 
was die Geistesforschung iiber ein t)bersinnliches erzahlt, 
das dem menschlichen Gehirn zugrunde liegt. Man kann 
sagen: Alles, was du da redest, ist selbst nur ein Produkt 
des Gehirns. Wenn du das nicht einsiehst, dann betrachte 
einmal, wie die geistigen Fahigkeiten in der Entwickelungs- 
reihe steigen. Bei den niederen Tieren sind die geistigen 
Fahigkeiten noch ganz unvollkommen, bei den hoheren 
Tieren und besonders bei den hoheren Saugetieren sind sie 
schon bedeutender und vollkommener, und beim Menschen 
sind sie deshalb am vollkommensten erscheinend, weil sein 
Gehirn die grolke Vollkommenheit erlangt hat. Das zeigt, 
dafi aus dem Gehirn herauswachst, was als Geistesleben 
erscheint. Und wenn du das noch nicht glaubst, so wende 



dich einmal an den, der dir zeigen kann, wie in gewissen 
Krankheitsfallen gewisse Gehirnpartien unwirksam wer- 
den und gewisse Fahigkeiten vom Mensdien nicht mehr 
ausgeiibt werden konnen, so daft gleichsam gewisse Ge- 
hirnpartien abgetragen werden und das geistige Leben 
ausgeschaltet wird. Da siehst du also, wie Stuck fiir Stuck 
dein Geistesleben abgetragen werden kann durch das, was 
sinnenfalliges Organ ist! Warum sprichst du also da noch 
von geistigen Wesenheiten, die hinter den sinnenfalligen 
Dingen stehen sollen? 

Dieser Einwand ist wirklich kinderleicht zu machen. 
Daft er aber nicht aus den naturwissenschaftlichen Ergeb- 
nissen heraus, sondern aus der Suggestion getan wird, die 
fiir viele aus gewissen naturwissenschaftlichen Theorien 
heraus gebildet wird, das muft uns als selbstverstandlich 
in der Gegenwart erscheinen. Das alles hangt damit zu- 
sammen, daft unsere Zek unter der suggestiven Gewalt 
dessen steht, daft man Wahrheit, Erkenntnis nur gewinnen 
konne, wenn man die Sinne nach auften richtet und den 
Verstand an dem Gewonnenen entzundet. Wenn nun audi 
- das mufi in bezug auf die Geisteswissenschaft gesagt wer- 
den — diese Ergebnisse Widerlegungen der geisteswissen- 
schaftlichen Resultate von alien Punkten nur so hervor- 
quellen lassen miissen, so kann man doch sagen, daft auf 
der andern Seite in unserer Gegenwart ein tiefes Bediirf- 
nis, eine tiefe Sehnsucht vorhanden ist, aus jenen Landen 
etwas zu horen, von denen Geisteswissenschaft zu berich- 
ten weifi. Eine tiefe Sehnsucht darnach hat sich zugleich 
herausgebildet und ist bei einer Gruppe von Menschen 
lebendig und bewufit vorhanden. Bei dem grofien Teil der 
Menschen schlummert sie sozusagen unter der Oberflache 
des Bewufitseins, wird aber immer mehr und mehr zur 
Erscheinung kommen. Immer grofier und grofier wird das 



Bediirfnis nach geisteswissenschaftlichen Resuitaten wer- 
den. Diese Sehnsucht, dieses Bediirfnis nach geisteswissen- 
schaftlichen Resuitaten tritt - konnen wir sagen - als eine 
Nebenerscheinung neben der Bewunderung, der Hingabe 
gegeniiber den naturwissenschaftlichen Errungenschaften 
auf. Gerade weil die naturwissenschaftlichen Errungen- 
schaften notwendigerweise den Blick des Menschen nach 
aufien wenden miissen, erwacht wie ein Gegenpol die 
Sehnsucht nach geisteswissenschaftlichen Resuitaten. In be- 
zug darauf sind wir innerhalb der Entwickelung, wie sie 
sich im neunzehnten und in unserern Jahrhundert ergeben 
hat, auf einem ganz anderen Gesichtspunkte angelangt, als 
die Menschheit ihn noch vor einem Jahrhundert hatte. 
Wenn man von dem Wert der geisteswissenschaftlichen 
Forschungen fur die Gegenwart sprechen will, so ist es 
bedeutungsvoll, sich einmal vor die Seele zu rufen, dafi 
selbst grofiere Geister vor einem Jahrhundert noch nicht 
das Bediirfnis gefiihlt haben, von geisteswissenschaftlichen 
Ergebnissen in der Art zu sprechen, wie das heute im Sinne 
dieser Vortragsreihe geschehen soli. Und da die grofien In- 
dividualitaten fur die Menschheit nur tonangebend sind, 
in gewissem Sinne nur ausdriicken, was das Bediirfnis der 
gesamten Zeit ist, also auch der kleinen Individualitaten, 
so kann sich uns eine solche Sache anschaulich darstellen, 
wenn wir auf die grofieren Individualitaten einmal hin- 
blicken. 

Da kann mit Recht gesagt werden: ein soldier Mensch 
wie Goethe hat vor einem Jahrhundert keineswegs das Be- 
diirfnis gefiihlt, sich iiber geisteswissenschaftliche Resultate 
auszusprechen, wie das heute etwa auf dem Boden der 
Geisteswissenschaft geschieht. Wo die Frage darauf kam, 
iiber etwas zu sprechen, was iiber dem aufierlich Sinnen- 
falligen liegt, hat sich auch Goethe wie so viele Menschen 



oft darauf berufen, daft das eine Sadie des Glaubens, aber 
nicht einer strengen Wissenschaft sein konne. Und daft im 
Grunde genommen die Mitteilung von allgemein giiltigen 
Resultaten auf diesem Boden kaum sehr fruchtbar sein 
konne, wenn sie von dem einen Menschen zu dem anderen 
gemacht werden, hat audi Goethe ofter geauftert. Wir smd 
im Laufe eines Jahrhunderts in bezug auf die Gesamtent- 
wickelung der Menschheit nicht nur so fortgeschritten, daft 
Goethe in einem Zekalter gelebt hat, welches keine Tele- 
grafen, Telefone, Eisenbahnen und keine solche Aussich- 
ten gehabt hat, wie sie sich der Luftschiffahrt bieten; wir 
stehen audi in bezug auf die geistige Entwickelung vor Er- 
gebnissen, die andere sind, als sie zur Zeit Goethes waren. 
Das konnen Sie an einem konkreten Fall sehen. Es gibt 
ein schones Gesprach, das Goethe mit einem gewissen Falk 
gefiihrt hat bei Gelegenheit des Todes Wielands. Da hat er 
sich uber die Gebiete ausgesprochen, aus denen heraus eine 
gewisse Erkenntnis uber das beim Menschen geschopft 
werden soil, was iiber Geburt und Tod hiniiberlebt, was 
nicht hinfallig ist mit der sinnlichen Hulle, was unsterb- 
lich ist gegeniiber dem sterblichen Teil des Menschen. Der 
unmittelbare Anlaft des Todes des von ihm so geschatzten 
Wieland hatte Goethe dazu gedrangt, sich gegeniiber einem 
Menschen wie Falk, der ihm Verstandnis dafiir entgegen- 
brachte, in popularer Weise auszudriicken. Und was er 
da sagte, ist hochst bezeichnend, wenn wir auf die Frage 
der Bedeutung der Geisteswissenschaft fiir die Gegenwart 
eingehen. 

«... Sie wissen langst, daft Ideen, die eines festen Fun- 
damentes in der Sinneswelt entbehren, bei allem ihrem 
ubrigen Wert fiir mich keine Oberzeugung mit sich fiihren, 
weil ich der Natur gegeniiber wissen, nicht aber blofi ver- 
muten und glauben will. Was nun die personliche Fort- 



dauer unserer Seele nach dem Tode betrifTt, so ist es damit 
auf meinem Wege also beschaffen: Sie steht keineswegs 
mit den vieljahrigen Beobachtungen, die ich iiber die Be- 
schaffenheit unserer und aller Wesen in der Natur an- 
gestellt, im Widerspruch; im Gegenteil, sie geht sogar aus 
denselben mit neuer Beweiskraft hervor. Wie viel aber, 
oder wie wenig von dieser Personlichkeit ubrigens ver- 
dient, dafi es fortdauere, ist eine andere Frage und ein 
Punkt, den wir Gott tiberlassen miissen. Vorlaufig will ich 
nur dies zuerst bemerken: Ich nehme verscbiedene Klassen 
und Rangordnungen der letzten Urbestandteile aller Wesen 
an, gleichsam der Anfangspunkte aller Erscheinungen in 
der Natur, die ich Seelen nennen mochte, weil von die- 
sen die Beseelung des Ganzen ausgeht, oder noch lieber 
Monaden - lassen Sie uns immer diesen Leibnizischen Aus- 
druck beibehalten! Die Einfachheit des einfachsten Wesens 
auszudriicken, mochte es kaum einen besseren geben. Nun 
sind einige von diesen Monaden oder Anf angspunkten, wie 
uns die Erfahrung zeigt, so klein, so geringfiigig, dafi sie 
sich hochstens nur zu einem untergeordneten Dienst und 
Dasein eignen; andere dagegen sind gar stark und ge- 
waltig. Die letzten pflegen daher alles, was sich ihnen 
naht, in ihren Kreis zu reifien und in ein ihnen Angehori- 
ges, das heilk in einen Leib, in eine Pflanze, in ein Tier, 
oder noch hoher hinauf, in einen Stern zu verwandeln. 
Sie setzen dies solange fort, bis die kleine oder grofie Welt, 
deren Intention geistig in ihnen liegt, auch nach aufien 
leiblich zum Vorschein kommt. Nur die letzten mochte 
ich eigentlich Seelen nennen. Es folgt hieraus, dafi es Welt- 
monaden, Weltseelen, wie Ameisenmonaden, Ameisensee- 
len gibt, und dafi beide in ihrem Ursprung, wo nicht vollig 
eins, doch im Urwesen verwandt sind. Jede Sonne, jeder 
Planet tragt in sich eine hohere Intention, einen hoheren 



Auftrag, vermoge dessen seine En twickelungen ebenso regel- 
majSig und nach demselben Gesetze wie die Entwickelungen 
eines Rosenstockes durdi Blatt, Stiel und Krone, zustande 
kommen miissen. Mogen Sie dies eine Idee oder eine Mo- 
nade nennen, wie Sie wollen, ich habe auch nichts dawider; 
genug, dafi diese Intention unsichtbar und friiher, als die 
siditbare Entwickelung aus ihr in der Natur, vorhan- 
den ist. . . » 

In gewissem Sinne spricht also Goethe in der damaligen 
Zeit von dem, wovon wir in diesen Vortragen hier ofter 
sprechen werden: iiber Wiederverkorperung der Menschen- 
seele. Und er macht die Bemerkung: nach allem, was er 
sich selbst als Anschauung iiber die Menschenwelt, Tier- 
welt und so weiter gebildet habe, widersprache eine solche 
Anschauung nicht dem, was er als Wissenschaft da auf- 
gebaut habe. 

Man kann sich nun leicht iiberlegen, was ein soldier 
Ausspruch im Munde Goethes besagt, wenn man sich dar- 
auf besinnt, dafi Goethe 1784 eine Entdeckung gemacht 
hatte, die allein geniigt haben wiirde, seinen Namen bis 
in die weitesten Zeiten zu erhalten, selbst wenn er sonst 
gar nichts geleistet hatte: die Entdeckung des sogenannten 
Zwischenkieferknochens in der oberen Kinnlade des Men- 
schen. Man hat in der oberen Kinnlade des Menschen - 
wie bei den Tieren auch - einen Zwischenknochen. Das 
leugnete man gerade damals, als Goethe in dieNaturwissen- 
schaft hineinging. Man suchte, wo es sich um die Unter- 
scheidung von Mensch und Tier handelte, nur nach aufieren 
unterscheidenden Merkmalen und meinte, die Tiere hatten 
im Oberkiefer einen Zwischenknochen, und der ware beim 
Menschen nicht vorhanden. Das unterscheide die mensch- 
liche von der tierischen Organisation. Goethe wollte es 
nicht zugeben, konnte es nicht glauben, dafi in dieser 



untergeordneten Beschaffenheit der Unterschied zwisdien 
Mensch und Tier anzugeben sei, und ging mit alien Mit- 
teln daran, zu zeigen, dafi das, was man Zwischenkiefer- 
knochen nennt, beim Menschen zwar schon kurz nadi der 
Geburt verwachse, aber doch in der Anlage vorhanden sei 
und nidit beim Menschen fehle. Dafi nicht in so etwas 
Aufierem der Unterschied zwisdien Mensch und Tier liege, 
war ihm wirklich gelungen zu beweisen. 

Von diesem Ausgangspunkt aus hat Goethe auf alien 
Gebieten der Naturwissenschaft sich umgetan und war also 
wohl bekannt mit der wissenschaftlichen Denkweise seiner 
Zek. Ja, er war seiner Zeit so weit voraus, dafi Darwi- 
nianer, welche Goethe im Sinne Darwins umdeuten woll- 
ten, heute behaupten konnen: Goethe ware ein Vorlaufer 
Darwins. Obwohl Goethe so in der Wissenschaftlichkeit 
seiner Zeit wurzelt und dariiber hinausgeht, kann er trotz- 
dem sagen, was er sich als Ansicht iiber des Menschen un- 
sterbliches Teil gebildet habe, was anklingt an dieWieder- 
verkorperung, das sei durchaus mit seinen wissenschaft- 
lichen Vorstellungen vereinbar. Und was Goethe damals 
sagen konnte, konnte sich im Grunde genommen jeder 
Mensch sagen. Audi andere Forscher, die sich in wissen- 
schaftlicher Weise die Erkenntnisbediirfnisse fur das Leben 
zu erringen suchten, waren in derselben Lage. Charakteri- 
stisch dafiir ist, daft man sich auf Haeckelschem Boden auf 
eine grofie Tat Kants beruft, auf die Begriindung der 
mechanischen Weltanschauung durch Kant, und auf die 
im Jahre 1775 geschriebene «Allgemeine Naturgeschichte 
und Theorie des Himmels oder Versuch von der Verf as- 
sung und dem mechanischen Ursprunge des ganzen Welt- 
gebaudes» von Kant hinweist. Sie brauchen sich nur das 
Reclamheft zu nehmen, den Schlufi sich anzuschauen und 
dann zu fragen: Wie stellen sich die, welche auf dem Bo- 



den des blofien Haeckelismus stehen, zu Kant, wenn er 
von der Unsterblichkeit der menschlichen Seele spricht, wo 
er iiber die grofien Geheimnisse der Menschenseele spricht, 
iiber die Aussicht, die sich in der Bewohnbarkek anderer 
Himmelskorper bietet und in dem Weiterleben der mensch- 
lichen Seele auf andern Planeten? Wie stellen sich solche 
Anhanger Haeckels zu der Moglichkeit einer Wiederver- 
korperung des Menschen, wie sie in dieser 1775 erschie- 
nenen Schrift Kants auftaucht? Man beruft sich heute auf 
Dinge so, dafi man erstaunt sein miifite, wenn dieselben, 
die sich auf Kant berufen, diese Dinge wirklich gelesen 
hatten! 

Es liegen die Dinge in der Gegenwart schon anders, als 
sie vor einem oder anderthalb Jahrhunderten lagen. Es 
lag im Zeitbediirfnis, dafi man in einer gewissen "Weise, 
die mit Wissenschaft nichts zu tun haben wollte, iiber die 
Dinge des geistigen Lebens sprach, weil man empfand, 
man spricht da von etwas, was in keinem Widerspruch 
steht zu dem, was von der Wissenschaft behauptet wer- 
den kann. Jeder, der die Wissenschaft von der Wende des 
achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts auf sich wir- 
ken lafit, fiihlt, wenn er nur durch die popularen Schil- 
derungen Wissenschaftliches aufnimmt, da£ er so sprechen 
konnte wie Goethe: Die Uberzeugungen, die ich mir von 
einem geistigen Leben gebildet habe, seien sie audi nur wie 
ein personlicher Glaube, werden in keinem Punkte dem 
widersprechen, was als Wissenschaft heute geboten wird. 

Die Dinge sind anders geworden und werden heute 
gegeniiber der Wissenschaft sehr schwierig. Man mufi be- 
denken, dafi nach dem Tode Goethes die grofien Ent- 
deckungen von Schleiden und Schwann iiber die Men- 
schen- und Tierzelle eingetreten sind, und dafi sich da erst 
sinnenfallig einEiementar-Organismusdargeboten hat. Was 



braucht man zu reden von einem «Leben auf andern Him- 
melskorpern» und so weiter, wenn man sehen kann, wie 
bei einem Tier oder einer Pflanze durch Zusammenwirken 
der rein materiellen, sinnenfalligen Zellen die Korper sidi 
aufbauen! 

Dann kamen die andern gewaltigen Errungensdiaften. 
Wir braudien nur nachzudenken, was fur einen Eindruck 
es auf das menschliche Nachsinnen machen konnte, als 
Kirchhoff und Bunsen die Spektralanalyse brachten, die 
des Menschen Blick erweiterte iiber feme Welten, und wo 
der Schlufi gezogen werden durfte, dafi das materielie Da- 
sein, das wir auf der Erde finden, audi auf den fernsten 
Weltenkorpern dasselbe ist, so dafi von einer Einheit des 
Stoffes in dem ganzen Weltendasein gesprochen werden 
durfte. Und jeder Tag vermehrt heute das, was uns auf 
diesem Gebiet entgegentreten kann. Ich konnte auf Hun- 
derte und Hunderte von solchen Dingen hinweisen, die 
umwalzend gewirkt haben - nicht auf die Tatsachenwelt, 
sondern auf die Vorstellungsart der Menschen, so dafi die 
Oberzeugung entstehen mufite, dafi man gegeniiber dem, 
was die naturwissenschaftliche Methode bietet, kein Recht 
habe anders als so zu sprechen: Wartet ab, was die natur- 
wissenschaftliche Forschung euch zu sagen hat iiber die 
Griinde des Lebens, iiber die Entstehung des Geisteslebens 
aus der Gehirntatigkeit, und redet nicht in phantastischer 
Art von einer geistigen Welt, welche dem alien zugrunde 
liegen soil! - Das ist alles nur zu leicht zu begreifen. 

So hat sich fur die menschliche TJberzeugungskraft der 
Anblick des Naturwissenschaftlichen geandert. Goethe ist 
in dieser Beziehung wirklich ein Vorganger Darwins. Aber 
trotzdem stieg er auf in Gemafiheit des Geistes seiner Zeit 
von seinen naturwissenschaftlichen Forschungen, von der 
Entwickelung der Lebewesen vom Unvollkommenen zum 



Vollkommenen, zu einer rein geistigen Weltanschauung, 
die durchaus das Obersinnliche, das Geistige hinter allem 
Sinnlichen sucht. Die Menschen, welche in derselben Weise 
in unserer Zeit vorgehen, glauben, dafi die naturwissen- 
schaftlichen Resultate dazu drangen, haltzumachen vor 
dem, was diese naturwissenschaftlichen Resultate sein 
sollen, und dafi alles, was Geistesgebiet ist, wie hervor- 
quillt aus dem sinnenfalligen Hintergrunde. Heute konnte 
eben nicht in derselben Weise wie vor einem Jahrhundert 
der Mensch sagen, was er durdb seine personliche Glaubens- 
tiberzeugung weifi oder zu wissen glaubt oder sich an- 
geeignet hat iiber die iibersinnliche Welt, stehe nicht in 
Widerspruch zu den naturwissenschaftlichen Ergebnissen, 
sondern es scheint, dafi es gar sehr in Widerspruch dazu 
stehen miisse. Und nicht blofi diesem oder jenem ernsten, 
wiirdigen Wahrheitsforscher und strebenden Menschen 
scheint es so. 

Wenn das der Fall ist, so miissen wir sagen: Fur unsere 
Gegenwart ist diejenige Oberzeugungskraft, sind die Ober- 
zeugungsgriinde, die herangebracht werden konnten noch 
vor einem Jahrhundert oder auch noch spater, ohne dafi 
sie mit den aufieren wissenschaftlichen Resultaten in Wi- 
derspruch standen, nicht mehr unmittelbar mafigebend. Es 
bedarf heute gewichtigerer Impulse, um das, was iiber die 
iibersinnliche Welt gesagt wird, gegeniiber den strengen 
wissenschaftlichen Resultaten der Wissenschaft aufrecht- 
zuerhalten. Was wir iiber die geistige Welt zu glauben uns 
befugt halten, das miissen wir imstande sein, in derselben 
Weise einzukleiden, in derselben objektiven Weise zu ge- 
winnen, wie die naturwissenschaftlichen Resultate - nur 
auf anderem Boden - gewonnen werden konnen. Nur von 
einer Geisteswissenschaft, die mit derselben Logik, mit 
demselben gesunden Wahrheitssinn arbeitet wie die Natur- 



wissenschaft, wird man empfinden konnen, dafi sie sich 
neben die gewaltig fortgeschrittene Naturwissenschaft 
steilen kann. Wenn man dies bedenkt, begreifl man, in 
welchem Sinne Geisteswissensdiaft heute fiir unsere Gegen- 
wart eine Notwendigkeit geworden ist. Man begreift audi, 
dafi diese Geisteswissensdiaft einzig und allein den Sehn- 
siichten, von denen gesprochen worden ist, entgegenkom- 
men kann. Und diese Sehnsuchte sind deshalb vorhanden, 
weil unbewufit fiir viele Menschenseelen wirkt, was eben 
charakterisiert worden ist - gerade bei den besten Wahr- 
heitssuchern und auf einem Gebiet, wo man es sich gar 
nicht versieht -, wenn man anfuhrt, wie der menschliche 
Erkenntnisdrang hinausstrebt aus dem, was immer auf 
wissenschaftlichem Gebiet fruher zu sagen war. 

Gewi£ scheint das mathematische Gebiet, das Gebiet der 
Geometrie ein soiches zu sein, auf welchem das, was man 
gewinnt, in seiner Anwendung auf die sinnliche Welt ge- 
sichert erscheint. Wer mochte sozusagen leichten Herzens 
glauben, dafi irgend jemand behaupten konne, was die 
Welt iiber die Mathematik, uber die Geometrie zu sagen 
habe, konnte irgendwie erschiittert werden? Und dennoch 
ist es charakteristisch, dafi es im Verlaufe des neunzehn- 
ten Jahrhunderts Geister gegeben hat, die sich rein ma- 
thematisch, durch strenge mathematische Untersuchungen 
dazu aufgeschwungen haben, Geometrien, Mathematiken 
auszudenken, die nicht Geltung haben innerhalb unserer 
sinnlichen Welt, sondern Geltung haben fiir ganz andere 
Wei ten. Also denken wir: streng mathematisch denkende 
Geister hat es gegeben, die empfanden, sie konnten iiber 
das hinausgehen, was es bisher als Mathematik und Geo- 
metrie iiber das Gebiet der. Sinneswelt gegeben hat, konn- 
ten eine Geometrie erfinden, die fiir eine ganz andere 
Sinneswelt gilt! Und es gibt nicht eine, sondern mehrere 



soldier Geometrien. Mathematisch Geschulte wissen etwas 
iiber die Namen Riemann, Lobatschewski, Bolyai. Wir 
wollen hier nicht naher darauf eingehen, denn es kommt 
uns nur darauf an, dafi aus dem mensdblichen Erkennen 
so etwas werden konnte. - Es gibt zum Beispiel Geome- 
trien, die nicht den Satz anerkennen: Die drei Winkel eines 
Dreiecks betragen zusammenl80Grad, sondern fiir welche 
die Dreiecke eine ganz andere Eigenschaft haben, so dafi 
zum Beispiel die drei Winkel eines Dreiecks stets kleiner 
sind als 180 Grad. Oder einen andern Fall: Fiir unsere 
euklidische Geometrie kann man durch einen Punkt zu 
einer gegebenen Linie nur eine Parallele ziehen. Geome- 
trien sind ausgedacht worden, wo man unendlich viele 
Parallelen durch einen Punkt zu einer andern Linie ziehen 
kann. Das heifit also: Geister hat es gegeben, die sich ge- 
drangt fanden, fiir andere Welten nicht blofi zu schwar- 
men, sondern sogar Geometrien fiir sie auszudenken! Das 
spricht gewaltig dafiir, dafi selbst in Mathematikerkopfen 
eine Sehnsucht waltete, dariiber hinauszugehen, was in der 
unmittelbar uns umgebenden Welt ist. 

Nur eines soil noch angefuhrt werden iiber die Tatsache, 
dafi unsere Zeit etwas braucht, was aus der Geisteswissen- 
schaft gewonnen werden kann. Es wird sich uns zeigen, 
dafi in der Tat der Mensch in bezug auf das, was sein 
eigentliches geistig-seelisches Wesen ist, immer wieder und 
wieder in erneuerten Leben auf unserer Erde selbst er- 
scheint. Dafi das, was man Wiederverkorperung nennt, 
auf geistig-seelischem Gebiete eine ahnliche Tatsache ist 
wie die Entwickelungslehre oder Evolutionstheorie auf 
einer untergeordneten Stufe fiir das Tierreich. Dafi also die 
menschliche Seele sich hindurchentwickelt durch Verkor- 
perungen, die sie wahrend ferner Vergangenheiten erlebt 
hat, und durch solche sich hindurchleben wird, die sie in 



fernen zukunftigen Verkorperungen erleben wird. Gewifl, 
gerade gegen soldie Dinge wird sich die Widerlegungs- 
kunst gar sehr in der Gegenwart nodi wenden. Aber man 
kann schon behaupten, dafi die Gegenwart ein tiefes Be- 
diirfnis nach solchen Ergebnissen hat, die zusammenhan- 
gen mit dem, wodurch sich der Mensch orientieren kann 
iiber seine Bestimmung, seine ganze Lage zur aufieren 
Welt. 

Der Mensch hat seit kurzer Zeit erst angefangen, sich 
richtig als geschichtliches Wesen in die Weltentwickelung 
hineinzustellen. Das ist durch die auiSeren Bildungsmittel 
gekommen. Denken Sie an den eingeschrankten Gesichts- 
kreis der Menschheit des vierzehnten, fiinfzehnten Jahr- 
hunderts, bevor die Buchdruckerkunst die Bildungsmittel 
verbreitet hat. Dadurch traten an das menschliche Herz 
noch nicht Fragen her an wie die: Wie kann sich unsere 
Seele befriedigt gegeniiberstellen dem, was wir als den 
geschichtlichen Fortschritt erkennen? Hier liegt der Ur- 
sprung einer Frage, die fur viele Menschen heute schon 
eine Herzensfrage geworden ist. Der geschichtliche Fort- 
schritt zeigt uns, dafi immer neue Errungenschaften, die 
auch fur die innere Entwickelung der Seele selber Wert 
haben, dafi neue und immer neue Tatsachen eintreten in 
den Strom der fortschreitenden Menschheit. Da mufi sich 
der Mensch fragen: Wie verhalt es sich nun mit dem 
Menschen in seiner innersten Wesenheit selber? Waren die 
Menschen der Vergangenheit dazu verurteilt, in einem 
dumpfen Dasein ihr Leben erlebt zu haben und nicht An- 
teil zu nehmen an Entwickelungsprodukten eines spateren 
Fortschrittes? Wie ist denn der Anteil der menschlichen 
Wesenheit an den aufeinanderfolgenden Entwickelungen 
des Menschengeschlechtes? 

Mag das eine Frage sein, gegeniiber der mancher Ein- 



wand gemacht werden konnte hier soil nur davon die 
Rede sein, dafi in der Tat aus einem tiefen Gefiihl der 
Menschenseele die Frage, das Ratsel entsteht: 1st es denn 
moglich, dafi heute eine menschliche Seele lebt, die da- 
durch, dafi ihr Leben eingeschlossen ist zwischen Geburt 
und Tod, nicht sich Errungensdiaften einverleiben kann, 
die erst in der Zukunft dem Strom der Menschheitsent- 
wickelung eingepragt werden? 

Diese Frage nimmt fur die Bekenner des Christentums 
eine grundlegende Bedeutung an. Wer auf dem Boden 
eines gelauterten Christentums steht, unterscheidet in der 
Entwickelung der Menschheit die vorchristliche Epodie 
von der nachchristlichen und spricht davon, dafi von dem 
Christus-Ereignis ein Strom neuen geistigen Lebens aus- 
gegangen ist, der friiher nicht fur die Erdenmenschheit da 
war. Da mufi sich fur einen solchen Menschen besonders 
die Frage ergeben: Wie ist es mit den Seelen, die vor dem 
Christus-Ereignis gelebt haben, vor der Verkundigung 
dessen, was vom Christus-Ereignis ausstromte? 

Eine solche Frage kann der Mensch stellen. Die Geistes- 
wissenschaft beantwortet sie ihm nicht nur theoretisch, 
sondern so, dafi sie ihm auch befriedigend ist, indem sie 
zeigt, dafi dieselben Menschen, die in der Zeit vor dem 
Christus-Ereignis Errungenschaften der vorchristlichen Zeit 
aufgenommen haben, wiederverkorpert werden, nachdem 
der Strom der christlichen Entwickelung seinen Anfang 
genommen hat, so dafi also keiner verlustig gehen kann 
dessen, was in der Kultur eintritt. So wachst fiir die Gei- 
steswissenschaft aus der Geschichte etwas heraus, was nicht 
blofi allgemeine abstrakte Ideen sind, die kalt und abstrakt 
wie steife Krafte den Menschheitsstrom durchkraften sol- 
len, sondern es spricht die Geisteswissenschaft von der Ge- 
schichte als von etwas, an dem der Mensch mit seinem 



innersten Wesen alluberall beteiligt ist. Und da sich der 
menschliche Horizont durdhi die modernen Bildungsmittel 
erweitert hat, wird diese Frage jetzt in einem ganz an- 
deren Sinne gestellt als etwa vor einem Jahrhundert, wo 
der Gesichtskreis der Menschen eingeschrankter war. Ein 
Verlangen nadi Antwort ist vorhanden, das nur durch 
die Geisteswissenschaft gestillt werden kann. 

Wenn wir dies alles in Erwagung ziehen - und wir 
konnten stundenlang so fortsprechen und vieles anfiihren, 
was dafiir spricht, dafi die Geisteswissenschaft deshalb eine 
Bedeutung hat fur die Gegenwart, weil die Gegenwart 
gar sehr nach ihren Resultaten verlangen muft - dann be- 
kommen wir eine Vorstellung von der Bedeutung der 
Geisteswissenschaft fur die Gegenwart. Und alle Vortrage, 
die im Lauf e dieses Winters hier gehalten werden, sollen nur 
dazu dienen, von den verschiedensten Seiten Material zu- 
sammenzutragen, um zu zeigen die geisteswissenschaftlichen 
Resultate und ihre Bedeutung fur das menschliche Leben, 
wie fur die Befriedigung der hochsten Bediirfnisse des 
Menschen uberhaupt. 

Nur das sei zum Schlufi noch gesagt: Einer der gewohn- 
lichsten, allerdings nur von einem Schlagworte hergenom- 
menen Einwiirfe gegen die Geisteswissenschaft ist heute 
der, dafi man sagt, so habe es die Naturwissenschaft gliick- 
lich dahin gebracht aus einem einheitlichen Prinzip, das 
gegeben ist durch die naturwissenschaftlichen Methoden, 
monistisch die Welt zu erklaren. Und fast schon ist es zu 
einem Wort geworden, das bei vielen von selbst Anti- 
pathien hervorruft, dafi jetzt die Geisteswissenschaft wie- 
der komme und einen Dualismus gegenuber diesem er- 
kenntnistheoretisch so segensreichen Monismus aufstelle! 
Mit solchen Schlagworten wird ja viel gesiindigt. Ist denn 
das Prinzip, das Weltall einheitlich zu erklaren, schon da- 



durch durchbrochen, dafi im Weltall zwei Strome zusam- 
menwirken, von denen einer von aufien, der andere von 
innen in der Seele sich treffen? Darf denn gar nicht vor- 
ausgesetzt werden, dafi das, was so von zwei Seiten an die 
Seele herandringt - namlich von der Sinneserfahrung auf 
der einen Seite und von der geisteswissenschaftlichen For- 
schung auf der anderen Seite - dennodi in einem einheit- 
lichen Dasein begriindet ist und sich nur fur die mensch- 
liche Auffassung zunachst in zwei Stromungen zeigt? Mufi 
der Monismus durchaus oberflachlich genommen werden? 
Wenn das der Fall ware, dafi das monistische Prinzip 
dadurch durchbrochen wiirde, dann mag jemand nur gleich 
behaupten, dafi das monistische Prinzip audi durchbrochen 
ist, wenn er zugesteht, dafi Wasser aus Wasserstoft und 
Sauerstoff besteht. Wasserstoff und Sauerstoff konnen den- 
noch einen einheitlichen Ursprung haben, wenn sie sich 
auch vereinigen in dem, was wir Wasser nennen. Ebenso 
konnen sinnliche und ubersinnliche Welt einen einheit- 
lichen Ursprung haben, wenn man auch durch die Tat- 
sachen der Naturwissenschaft und der Geisteswissenschaft ge- 
zwungen ist zu sagen: In der Seele des Menschen vereinigen 
sich zwei Strome, von denen einer von der Sinnenseite, der 
andere von der Geistesseite hereinkommt. Dann kann man 
zwar das Einheitliche, das Monon, nicht sogleich aufzeigen, 
aber es widerspricht darum nicht der Anschauung von einer 
monistischen Welt. Was sich so von zwei Seiten zeigt, das 
erlangt erst dann die Kraft der vollen Wirklichkeit, wenn 
wir es sich zusammensetzend aus den zwei Stromungen 
erkennen. Wenden wir den Blick in die Aufienwelt, er- 
blicken wir durch die Einrichtung unserer Sinne und un- 
seres Verstandes ein Weltbild, welches uns nicht das zeigt, 
woraus es herauswachst: den Geist. Wenn wir die Wege 
der geisteswissenschaftlichen Forschung gehen und in der 



Seele den Aufschwung durchleben, so finden wir den Geist. 
Und in der Seele ist es, wo sich begegnen Geist und Stoff . 
In der Zusammenfiigung von Geist und Stoff innerhalb 
unserer Seele liegt erst die wahre, geist- und stofferfiillte 
Wirklichkeit! 

So darf vielleicht das jetzt Gesagte zusammengefafit 
werden in die Worte, die etwa in dichterischer Form das- 
selbe geben, was dennoch alle, die sich unbefangen bemuht 
haben, eine Anschauung zu gewinnen von Geist und Stoff, 
zu alien Zeiten gefuhlt haben. Geisteswissenschaft im Ver- 
haltnis zur Naturwissenschaft lehrt uns erkennen, dafi es 
wahr ist: 

Es drangt sich an den Menschensinn 

Aus Weltentief en ratselvoll 

Des Stoffes reiche Fiille. 

Es stromt in Seelengriinde 

Aus Weltenhohen inhaltvoll 

Des Geistes klarend Wort. 

Sie treff en sich im Menscheninnern 

Zu weisheitvoller Wirklichkeit. 



LEBEN UND TOD 



Berlin, 27. Oktober 1910 



Wenn man so manche heutige Aufierung betrachtet, die 
getan wird uber das Verhaltnis des Menschen zu Leben 
und Tod, kann man an einen Ausspruch erinnert werden, 
den Shakespeare den diisteren Hamlet tun lafit: 

Der grofie Casar, tot und Lehm geworden, 
Verstopft ein Loch wohl vor dem rauhen Norden. 
O dafi die Erde, der die Welt gebebt, 
Vor Wind und Wetter eine Wand verklebt. 

Einen solchen Ausspruch kann mancher tun, der im Sinne 
der Auseinandersetzungen, die vor acht Tagen gemacht 
wurden, unter der suggestiven Wirkung mancher Zeitvor- 
stellungen steht, die auf dem Boden der Naturwissen- 
schaft gewonnen werden, und der sich bewogen fuhlte, 
alle die Bewegungen der einzelnen Stoff e, die den mensch- 
lichen Leib aufbauen, nach dem Tode zu verfolgen, der 
vor alien Dingen sich berechtigt glaubt zu fragen: Was 
tun Sauerstoff, Stickstoff, KohlenstorT und so weiter, die 
den menschlichen Leib aufbauen, nach dem Tode des Men- 
schen? Abgesehen davon, dafi es heute viele Menschen 
gibt, die von dem suggestiven Wort «Ewigkeit des StofTes» 
beeinflufk werden, gibt es wieder andere, die ganz und gar 
die Moglichkeit verlieren, im unendlich leeren Raum an- 
deres sich zu denken als den StoflF mit seinen Wirkungen. 
Dafi es allerdings bei Auseinandersetzungen dieser Art im- 
mer darauf ankommt, in moglichst genauer Weise vor 



alien Dingen die Begriffe und Ideen festzuhalten, das 
kann man mancher Betrachtung iiber das Wesen des Todes 
ansehen. Bei mancher Betrachtung, welche den Begriff 
eines Gegensatzes zwischen Tod und Leben aufstellt und 
dabei, wie es immer wieder und wieder vorkommt, vor 
alien Dingen ganz vergilk, dafi Tod und Leben ein Gegen- 
satz ist, der von dem Wesen abhangt, auf das er sich be- 
zieht, - bei einer genaueren Betrachtung darf man gar 
nicht in derselben Weise iiber den Tod der Pflanze, des 
Tieres oder des Menschen sprechen. Inwiefern dies der 
Fall ist, sollen die nachfolgenden Auseinandersetzungen 
mit enthalten. Aber wie wenig man sich iiber die Worte 
klar ist, welche auf diesem Gebiete gebraucht werden, das 
mag sich uns daraus zeigen, daft zum Beispiel in der Phy- 
siologie des grofien Naturforschers Huxley sich folgendes 
findet. 

Da wird gesagt, daft man unterscheiden miisse zwischen 
dem lokalen, ortlichen Tod und dem allgemeinen Tod, 
dem Tod der Gewebe in einem Organismus, und dann 
wird ausdrucklich gesagt, dafi das Leben des Menschen 
hange an Gehirn, an Lungen, an Herz, dafi aber dies eine 
Dreiheit sei, die man eigentlich zuruckfiihren konne auf 
eine Zweiheit, daft man namlich, wenn man kiinstlich die 
Atmung unterhalt, einem Menschen ganz gut das Gehirn 
wegnehmen konnte und er doch fortleben wiirde. Das 
heifit, es wird gesagt, das Leben dauere fort, audi wenn 
das Gehirn weggenommen ist. Das will sagen: "Wenn der 
Mensch nicht mehr imstande ist, irgendeine Vorstellung 
von dem zu gewinnen, was um ihn herum ist oder was 
in ihm vorgeht, wenn das Leben blofi als Lebensvorgang 
im Organismus durch eine kiinstliche Atmung unterhalten 
werden konnte, so wiirde der Organismus fortleben im 
Sinne dieser naturwissenschaftlichen Definition. Und man 



konnte eigentlich nicht von einem Tode sprechen, trotz- 
dem gar nicht ein Gehirn da sei. 

Das ist eine Idee, dafi jeder, wenn er sich fur ein Leben 
ohne Gehirn nidit bedanken wiirde, so doch wenigstens, 
wenn er audi eine solche Definition plausibel finden konnte, 
in seiner Empfindung sich klar sein miifite, dafi gerade diese 
Erklarung zeigt, wie die naturwissenschaftliche Definition 
von Leben in dieser Form iiberhaupt nicht auf den Men- 
schen anwendbar ist. Denn niemand wiirde das Leben eines 
Organismus - wenn auch eines menschlichen — das Leben 
des Menschen nennen konnen, wenn auch im ubrigen die 
Tatsache, auf die angespielt wird, ganz richtig ist. 

Nun ist man auch auf naturwissenschaftlichem Gebiete 
heute schon etwas weiter als vor vielleicht zehn Jahren, wo 
man sich fast genierte, iiberhaupt von Leben zu sprechen und 
alles Leben auf das Leben der kleinsten Lebewesen zu- 
riickfuhrte. Dieses Leben der kleinsten Organismen sah 
man als einen komplizierten chemischen Prozefi an. Da 
wiirde es sich nach dieser Anschauung darum handeln, 
daft, wenn diese Definition zu einer Weltanschauung aus- 
gedehnt wiirde, nur davon gesprochen werden konnte, 
dafi die kleinsten Teile des Lebens weiter leben, so dafi dann 
nur von einer Erhaltung des StofTes gesprochen werden 
konnte. Nun ist heute - zum Beispiel gegeniiber den For- 
schungen iiber das Radium - der BegrifF des Ewigen des 
Stoffes ein etwas schwankender geworden. Aber es soil 
jetzt nur darauf aufmerksam gemacht werden, dafi man 
heute auf naturwissenschaftlichem Gebiet schon versucht, 
von einer Art Selbstandigkeit wenigstens der kleinsten 
Lebewesen zu sprechen. Man sagt: die kleinsten Lebewesen 
vermehren sich durch Teilung, eines teilt sich in zwei, zwei 
in vier und so weiter. Da konnte man nichts angeben 
von einem Tode, denn das erste lebt in den zweiten 



weiter, und wenn diese sterben, leben sie in den nach- 
sten fort. 

Es haben nun die, welche daraufhin von einer Ewigkeit 
der einzelligen Wesen sprechen wollten, nach einer Defini- 
tion des Todes gesucht. Aber gerade diese Definition fur 
das Wesen des Todes ist aufierordentlich charakteristisch. 
Man hat das Charakteristikum des Todes darin gefunden, 
dafi bei einem Tode eine Leiche zuriickbleibt. Und da bei 
einzelligen Wesen keine Leiche zuriickbleibt, konnen sie 
audi nicht in Wahrheit sterben. Also man sucht das Cha- 
rakteristikum dessen, um was es sich im tiefsten Lebens- 
grunde handelt, in dem, was vom Leben zuriickbleibt. 
Nun wird es ohne weiteres klar sein, dafi das, was vom 
Leben zuriickbleibt, allmahlich in leblosen Stoff ubergeht. 
So lebloser Stoff wird nun im Tode der aufiere Organis- 
mus des kleinsten, der aufiere Organismus des komplizier- 
testen Lebewesens. Allein wenn man die Bedeutung des 
Todes fiir das Leben in Betracht ziehen will, darf man 
nicht darauf sehen, was ubrigbleibt, was also ins Leblose 
ubergeht, sondern man mu£ auf die Ursache, auf die Prin- 
zipien des Lebens sehen, solange das Leben da ist. 

Ich sagte, man konne nicht in derselben Weise von Tod 
sprechen bei Pflanzen wie bei Tieren und Menschen, weil 
man da eine wichtige Erscheinung nicht in Betracht zieht. 
Die findet sich auch bei gewissen niederen Tieren, zum 
Beispiel bei den Eintagsfliegen, und sie besteht darin, dafi 
die Mehrzahl der Pflanzen und der niederen Tiere die Eigen- 
tiimlichkeit hat, dafi in dem Moment, wo der Befruch- 
tungsprozefi angelegt ist und die Moglichkeit eines neuen 
Lebewesens geschaff en ist, das Absterben des alten beginnt. 
Bei der Pflanze beginnt in dem Moment ihr riickwarts- 
gehender Prozeft, der Prozefi des Absterbens, wo sie in sich 
die Moglichkeit der Anlage einer neuen Pflanze aufgenom- 



men hat. Von denjenigen Pflanzen, bei denen man das 
beobachten kann, kann man also ganz gewifi sagen: Die 
Ursache, die ihnen das Leben weggenommen hat, liegt in 
dem neuen oder den neuen Lebewesen; die haben nichts 
davon zuruckgelassen in dem alten Wesen. 

Durch eine einfache Oberlegung konnte man sich uber- 
zeugen, dafi dies so ist. Es gibt gewisse Pflanzen, die dau- 
ern, die wiederholt bliihen und Fruchte tragen, wo sozu- 
sagen immer neue Pflanzengebilde, wie Sdimarotzer, auf- 
gepflanzt werden auf den alten Stamm. Aber da konnen 
Sie sich uberzeugen, daft sie sich die Moglichkeit weiterzu- 
leben damit erkaufen, dafi sie gewisse Teile in das Leblose 
hineinstofien, in den Tod, das heifit, sich mit einer Rinde 
umgeben. Von einer Pflanze, die sich mit einer Rinde 
umgeben, das Leblose an sich tragen und weiterleben kann, 
mufi man ganz berechtigt sagen, dafi sie einen Oberschufi 
an Leben hat. Und weil sie diesen Uberschufi hat, den sie 
nicht abgeben wird - sie gibt nur ab, was die jungen Lebe- 
wesen brauchen -, mufi sie sich dadurch sichern, dafi sie 
den Tod nach aufien abstofit. So kann man aber audi sa- 
gen, dafi jegliches Lebewesen, das in sich die Moglichkeit 
enthalt, iiber die Hervorbringung eines neuen Lebewesens 
hinauszuleben, in die Notwendigkeit versetzt ist, in sich 
selber fortdauernd das Leben selbst zu iiberwinden, in- 
dem es den unorganischen Stoff, den unbelebten Stoff auf- 
nimmt. Und das ist beim Tier, das ist beim Menschen hin- 
langlich zu beobachten. 

Da haben wir also eine Auseinandersetzung zwischen 
Tod und Leben in dem Wesen selber. Wir haben da eine 
Wechselwirkung zwischen einem lebendigen Glied, das in 
einer Richtung sich entwickelt, und einem fortwahrenden 
In-sich-Hereinsetzen eines andern Gliedes, das sich nach 
der Tod-Richtung entwickelt. Wenn wir nun von diesem 



Gesichtspunkte ausgehend bis in das innerste Wesen des 
Menschen hineinriicken wollen, so miissen wir allerdings 
einiges von dem uns wieder vor Augen fiihren, was ofter 
sdion gesagt worden ist, was aber nie iiberflussig ist, weil 
es durchaus nodi nicht zu den gang und gaben Wahrheiten 
gehort. 

Wenn man in Anlehnung an ganz gewohnliche Vorstel- 
lungen - das wollen wir in der ersten Halfte des Vortrages 
tun - geisteswissenschaftlich an die Frage nach Leben und 
Tod herangeht, raufi man daran erinnern, dafi allerdings 
dasjenige, was hier in Betracht kommt, heute sehr, sehr 
wenig anerkannt ist. Es handelt sich um eine Wahrheit, 
die der heutigen Menschheit ebenso neu ist, wie eine an- 
dere, die heute zu den Trivialitaten gehort, vor drei Jahr- 
hunderten der Menschheit neu, beziehungsweise unbekannt 
war. Ich habe schon ofter darauf hingewiesen, da£ es heute 
fur den Naturforscher und fur den, der auf naturwissen- 
schaftlicheBegriffe seine Anschauungen aufbaut, eine Selbst- 
verstandlichkeit ist, dafi man den Satz anerkennt: «Alles 
Lebendige stammt von Lebendigem.» Natiirlich spreche 
ich hier nur mit jener Einschrankung, mit der audi auf 
naturwissenschaftlichem Gebiete von diesem Satz gespro- 
chen wird. Wir brauchen uns dabei gar nicht einzulassen 
auf die Frage der Urzeugung, denn es kann von vornherein 
bemerkt werden, daft der analoge Satz, der dann genannt 
werden wird, ebenso auf geisteswissenschafllichem Gebiete 
gebraucht wird. 

Es ist noch nicht lange her, dafi der grofie Naturforscher 
Francesco Redi mit aller Energie den Satz durchfechten 
mufke: «Alles Lebendige stammt von Lebendigem.» Denn 
man hatte vor diesem Naturforscher des siebzehnten Jahr- 
hunderts nicht blofi in Laienkreisen, sondern audi in natur- 
wissenschaftlichen Kreisen es durchaus fur moglich gehal- 



ten, dafi aus verfaulendem Flufischlamm, aus in Verfau- 
lung iibergegangenen organischen Stoffen sich neue Or- 
ganismen herausentwickeln konnten. Von Wurmern, sogar 
von Fischen glaubte man dies. Diese Anschauung, dafi 
Lebendiges sich nur aus Lebendigem entwickeln kann, ist 
noch nicht alt. Und Francesco Redi hat vor kurzer Zeit, 
vor wenigen Jahrhunderten, einen solchen Sturm der Ent- 
riistung hervorgerufen, dafi er nur mit knapper Not dem 
Schicksal des Giordano Bruno entgangen ist. Wenn man 
bedenkt, dafi die Moden der Zeit sich andern, so kann 
man sagen, an dem Schicksal dieser Wahrheit kann man 
Mut gewinnen fur das Schicksal derjenigen Wahrheit, die 
wir nun hierwerden aussprechen miissen. Denn diese Wahr- 
heit: Lebendiges kann nur von Lebendigem stammen-rief 
damals einen Sturm von Entriistung her vor. Man liefer t ja 
heute diejenigen, die gezwungen sind, fur andere Gebiete 
ahnliche Wahrheiten aus dem Born des Wissens herauf- 
zuholen, nicht mehr den Flammen des Scheiterhaufens aus. 
Das ist nicht mehr Mode. Aber man macht sich heute iiber 
solche lustig; man spottet iiber den, der solche Dinge mit- 
teilen kann. Und man macht die, welche gezwungen sind, 
solche Dinge in bezug auf geistige Entwickelung auszu- 
sprechen, geistig tot. Aber das Schicksal der eben genann- 
ten Wahrheit besteht auch noch darin, dafi sie heute eine 
Selbstverstandlichkeit, eine Trivialitat geworden ist fiir 
den, der urteilsfahig ist. 

Welcher Fehler lag denn zugrunde, als man diese Wahr- 
heit: Lebendiges kann nur von Lebendigem stammen - 
noch nicht anerkannt hatte? Ein ganz einfacher Beobach- 
tungsfehler! Man schaute das an, was man unmittelbar 
sah, und versuchte nicht einzudringen in die Tatsache, dafi 
einem Lebewesen wirklich ein von einem anderen Lebe- 
wesen hinterlassener Keim zugrunde liegt, so dafi also 



ein neues Lebendiges von elner bestimmten Art nur da- 
durch entstehen kann, daft ein altes Lebendiges einen Keim 
zuriicklafit von einer gleichen Art. Das heifit: man schaute 
auf die Umgebung des sich entwickelnden Lebendigen und 
hatte eigentlich auf das sehen sollen, was von einem an- 
dern Lebewesen zuriickgeblieben ist und sich innerhalb 
dieser Umgebung entwickelte. So aber machte man es in 
all den Jahrhunderten vor der Zeit des Francesco Redi. 
Man konnte ganz interessante Ausfuhrungen bringen aus 
Biichern, welche im siebenten, achten Jahrhundert genau 
so viel galten wie heute autoritativ geltende Schriften 
der modernsten Naturforscher, und in denen ganz genau 
klassifiziert hingestellt worden ist, wie sich zum Beispiel 
aus einem miirbe geschlagenen Ochsenkadaver Hornissen 
entwickelten, aus einem Eselkadaver Wespen und so wei- 
ter. Das wurde hubsch eingeteilt. Und genau nach dersel- 
ben Methode, nach der man damals Fehler gemacht hat, 
macht man heute in bezug auf das Geistig-Seelische des 
Menschen Fehler. 

Man sieht einen Menschen ins Dasein treten und be- 
trachtet seine individuelle Entwickelung von der Geburt 
angefangen durch das weitere Leben. Man sieht, wie sich 
die Gestalt, die verschiedenen Fahigkeiten, die Anlagen 
entwickeln. Ober das Genauere dieser Entwickelung wer- 
den wir in einem spateren Vortrag sprechen. Aber wenn 
man das Wesen der menschlichen Gestaltung, das Wesen 
dessen, um was es sich handelt, erkennen will, hat man 
namentlich die Frage: Wie sind die Vererbungsverhalt- 
nisse, wie sieht es in der Umgebung aus, aus der der Mensch 
herausgekommen ist? Das ist genau dieselbe Methode, als 
wenn man den Schlamm rings um den entstehenden Wurm 
ansieht und nicht auf das Ei blickt. In dem, was sich als 
Anlagen, als verschiedene Fahigkeiten in dem Menschen 



heranbildet, ist genau zu untersdieiden zwischen dem Cha- 
rakteristisdien, was sidi iibertragt von Eltern, Voreltern 
und so weiter, und einem gewissen Kern, welchen der, der 
wirklich betrachtet, nicht verkennen wird. Nur wer dem 
geistig-seelischen Element gegemiber ebenso vorgehen wird, 
wie vor Francesco Redi die Naturforscher aufierlich vor- 
gegangen sind, wird es verkennen konnen, wie sich ein 
Kern des Menschen deutlich darstellt, der nicht zuriick- 
gefiihrt werden kann auf das, was vererbt ist von Eltern, 
Grofieltern und so weiter. 

In dem, was sich in einem Menschen heranentwickelt, 
haben wir daher zu unterscheiden das, was von der Um- 
gebung stammt, von dem, was nie aus der Umgebung 
hergeleitet werden kann. Bei einem pflanzlichen oder 
tierischen Lebewesen wird man immer finden, dafi das neu 
entstehende Wesen im wesentlichen darauf angelegt ist, 
es bis zum Gattungsmafiigen des Vorfahren zu bringen. 
Nehmen Sie die hochsten Tiere. Wie weit bringen sie es? 
Bis zum Gattungsmafiigen. Und auf das Gattungsmafiige 
sind sie angelegt. 

Gewifi werden manche sagen: Hat denn das Pferd, hat 
ein Hund oder eine Katze keine Individuality? Sie wer- 
den glauben, man konnte ebensogut das Individuelle der 
Katze, des Pf erdes und so weiter schildern, vielleicht audi 
in einer Biographie, wie man das Individuelle eines Men- 
schen schildern kann. Wer es will, der mag es tun. Aber er 
sollte es nicht als etwas Wirkliches, sondern als etwas Sym- 
bolisches nehmen, wenn zum Beispiel den Schiilern die 
Schulaufgabe gestellt wird - wie ich und meine Kollegen 
in der Jugend sie haben machen miissen -, die Biographie 
ihrer Schreibfeder zu schreiben. Da konnte man sonst dann 
audi von der Biographie einer Schreibfeder sprechen. Aber 
gegeniiber der Wirklichkeit handelt es sich nicht darum, 



Analogien und Vergleiche zu pflegen, sondern auf das 
Wesentliche loszugehen. Das ist beim Menschen das Indi- 
viduelle, was den Mensdien nicht zu einem Gattungswesen 
macht, sondern zu der ganz bestimmten Individuality, die 
ein jeder Mensch ist. Auf die Ausgestaltung des Individuel- 
len steuert ein jeder Mensch ebenso hin, wie die Pflanze 
auf die Gestaltung der Gattung hinsteuert. Und darauf, 
dafi der Mensch in der Entwickelung iiber das Gattungs- 
gemafie einen Oberschufi hat in der Individuality, beruht 
jede Entwickelung, jeder Fortschritt in der Erziehung wie 
in der geschichtlichen Entwickelung. Wenn nicht bei jedem 
Menschen ein geistig-seelischer, individueller Kern da ware, 
der sich geistig-seelisch so entwickelt wie das Tier physisch 
bei der Gattung, gabe es keine Geschichte. Dann konnte 
man beim Menschengeschlecht nur von einer Gattung 
sprechen. Dann konnte man audi nur von einer Entwicke- 
lung sprechen, aber nicht von einer Geschichte und von einer 
Kultur-Entwickelung. Daher wird die Naturwissenschafi: 
von einer Gattungs- oder Art-Entwickelung der Pferde 
sprechen, aber nicht von einer Geschichte. 

Wir haben also in der Entwickelung eines jeden Men- 
schen einen geistig-seelischen Kern zu sehen, der ganz die- 
selbe Bedeutung hat wie beim Tier das Gattungsgemafie. 
Das Gattungsmafiige im Tierreich entspricht im Menschen 
dem Individuellen. Wenn aber im Tierreich ein jegliches 
Wesen, das zum Gattungsmafiigen hinsteuert, die Gattung 
des Ahnen wiederholt und nur entstehen kann auf Grund- 
lage der Samenanlage des Ahnen, der physischen Keim- 
anlage, dann kann das Individuelle des einzelnen Men- 
schen nicht aus irgend etwas entstehen, was hier in der 
physischen Welt ist, sondern lediglich aus etwas, was ein 
Geistig-Seelisches ist. Das heilk: ein geistig-seelischer Kern, 
der mit der menschlichen Geburt ins Dasein tritt, weist 



nicht auf eine Gattung Mensch blofi zuriick, insofern der 
Mensch zuriickgeht auf Ahnen, auf Eltern und Voreltern, 
sondern er weist auf einen solchen Ahnen, der geistig- 
seelisdier Art ist, auf ein Wesen, das vorangegangen ist, 
das individuell nicht zur Gattung Mensch, iiberhaupt zu 
keiner Gattung gehort, sondern zu dieser selben Menschen- 
Individuality. Wird also ein Mensch geboren, so wird mit 
ihm ein individueller Kern geboren, der auf nichts anderes 
hin angelegt ist als nur wieder auf diesen individuellen 
menschlichen Kern. Wie das Tier seine Gattung sucht, so 
sucht der Mensch sein Individuell-Menschliches. Das heifk: 
wie dieser individuelle Kern mit der Geburt ersdieint, so 
ist er vorher dagewesen, ebenso wahr wie ein Gattungs- 
keim fiir das Tier da war. Und wir miissen in der Vor- 
zeit etwas wesenhaft Geistig-Seelisches suchen, welches 
der geistig-seelische, nicht physische Keim dieses individuell 
sich entwickelnden geistig-seelischen Menschen ist. Nur der, 
welcher keine Augen dafiir hat, dafi Geistig-Seelisches als 
Kern sich nicht innerhalb der menschlichen allgemeinen Er- 
scheinung herausentwickelt, wird leugnen, dafi die eben ge- 
gebene Schlufifolgerung richtig ist. 

So fiihrt jedes individuelle Menschenleben in sich den 
Beweis dafiir, dafi es friiher schon da war. Wir werden 
daher von einem individuellen Menschenleben ebenso zu- 
ruckgefuhrt auf einen individuellen geistig-seelischen Keim 
und von diesem wieder auf einen geistig-seelischen Keim, 
das heifit wir werden von unserem individuellen Leben 
auf ein fruheres individuelles Leben zuruckgefiihrt und 
dann selbstverstandlich zu unserem nachsten Leben. Die 
unbefangene Betrachtung des menschlichen Lebens liefert 
das mit derselben Notwendigkeit, wie die ausgesprochene 
Wahrheit auf naturwissenschaftlichem Gebiete dort als 
Wahrheit erscheint. 



Man nehme einmal an, man wollte als ein Mensch mit 
unbefangenem Verstande sagen: Dariiber kann man nidits 
wissen. Wenn man die Schlufifolgerung immer wieder und 
wieder zieht, dann konnte man folgendes Schicksal erleben, 
sich zu sagen: Du mufit gegen jede Beobachtung und gegen 
jede Logik sundigen. Trotzdem ist diese Wahrheit von den 
wiederholten Erdenleben noch eine wenig anerkannte. Aber 
diese Wahrheit, dafi Geistig-Seelisdies nur aus Geistig-See- 
lisdiem entstehen kann, wird sich gewilS in nachster Zeit 
ebenso schnell in das mensdiliche Kulturleben einbiirgern 
wie die andere charakterisierteWahrheit.Und es wird eine 
Zeit kommen, wo man ebenso wird begreifen mussen, dafi 
man fruher etwas anderes geglaubt hat, wie man fruher 
geglaubt hat, dafi niedere Tiere, Fische und so weiter aus 
Flufischlamm entstehen konnen. 

Wenn man aber diesen individuellen Wesenskern des 
Menschen, den man sozusagen mit der Geburt ins Dasein 
treten sehen kann, im Laufe des Lebens weiter verfolgt, 
zeigt er sich gewissermafien in einer zweifachen Beziehung, 
vor alien Dingen im aufgehenden Menschen, in der Ju- 
gend. Er zeigt sich da als das, was eine aufsteigende Ent- 
wickelung des ganzen Menschen bedingt. Und wer wirk- 
lich intim Jugendleben beobachten kann, wer das Kind nicht 
nur aufierlich, sondern ganz intim beobachten gelernt hat, 
wer selber sich erinnert, was er in dieser Beziehung erlebt 
hat, der wird zugeben, daft das, was in ihm steckt, noch 
nicht da ist in einem bestimmten Zeitpunkt, dafi es sich 
erst spater zeigt als Kraftgefuhl, als Lebensgefuhl, als Le- 
bensinhalt, der machtig hebend wirkt. Nicht nur auf die 
aufiere Lebensgestaltung, sondern bis in die elementarsten 
Lebensgestaltungen und Lebensfunktionen hinein wirkt 
das nach, was man als individuellen Wesenskern in sich 
tragt. Und wenn eine bestimmte Reife des Menschen ein- 



tritt, und er nadi aufien hin Gelegenheit hat, vieles auf- 
zunehmen, dann wirkt dieser individuelle Lebenskern so, 
dafi er sich bereidiert, sidi an die aufiere Welt anpafit, In- 
halt ansammelt. Wenn man aber diese Wechselbeziehung 
beobachtet des individuellen Wesenskernes des Menschen 
mit demjenigen, was an den Menschen im Laufe des Le- 
bens nicht nur durch das zu Lernende und zu Erfahrende, 
sondern audi durch Erlebnisse wie Lust und Leid, Schmer- 
zen und Freuden herantritt, dann wird man in diesem 
geistig-seelischen Leben selber auf einem hoheren Gebiete 
eine ahnliche Wechselwirkung sehen wie - sagen wir zwi- 
schen dem neuen Pflanzenkeim, der sich in der Bliite des 
alten entwickelt, und der alten Pflanze, der der neue Keim 
das Leben wegnimmt. 

Wenn man diese Betrachtung auf den Baum ausdehnt, 
wird man sagen konnen: da wird audi immer Leben weg- 
genommen, indem im Pflanzenreich der Baum verholzt. 
Aber dafiir verwandeln sidi gewisse Dinge am Baum selbst 
in tote, unlebendige Produkte; unorganisch werdendeRinde 
umgibt den Baum. 

In derselben Weise sehen wir, wenn wir das Wesen des 
Mensdienlebens genauer betrachten, nicht nur eine auf- 
steigende Entwickelung, sondern wir sehen eine aufstei- 
gende Entwickelung, die den geistig-seelischen Wesenskern 
des Menschen aufsteigen und wachsen lafit, ihn sich an- 
gliedern lafit an die aufiere Welt; und indem er immer 
weiter und weiter wachst, sehen wir ihn in Konflikt kom- 
men mit der alten Anlage, das heifk mit sich selber in 
Konflikt kommen. Das geschieht dadurch, dafi er sich in 
der Jugend Organe aufbauen, Organe gliedern konnte nach 
seiner Anlage, wahrend jetzt im weiteren Verlauf des Le- 
bens dieser Prozefi nicht mehr moglich ist und er nun in 
dem verholzenden Leben weiter existieren muift. So sehen 



wir, dafi wir gerade, wenn unser Leben sich reich entwik- 
kelt im Laufe der Zeit, wenn wir Neues aufnehmen und 
dadurch unsern individuellen Wesenskern bereichern, in 
Konflikt kommen mit dem, was die Hiille dieses Wesens- 
kernes ist, was wir herangebaut haben und was im Wach- 
sen war. Solange wir wachsen, und insofern wir so wach- 
sen, nehmen wir in uns keinen geistig-seelischen Todes- 
prozefi auf. Erst indem wir Aufieres aufnehmen, nehmen 
wir einen geistig-seelischen Todesprozefl auf. Das ist aber 
im Grunde genommen, wenn es auch in der Kindheit nodi 
weniger als in spaterer Zeit hervortritt, das ganze Leben 
hindurch der Fall. 

So konnen wir sagen, dafi auf geistig-seelischem Gebiet 
ein Wachsen und Absterben im Innersten des Menschen, 
auch geistig-seelisch, sitzt. Aber worin besteht jetzt der 
Prozefi, der sich da abspielt? Wir konnen ihn gut ver- 
stehen, wenn wir ihn einmal in einer niedrigeren Form 
betrachten und irgend etwas aus dem Bereich des gewohn- 
lichen Lebens zur Betrachtung heranziehen, um dadurch 
sozusagen zu BegrifFen und Ideen iiber das hohere Gebiet 
des Daseins zu kommen. 

Nehmen wir zum Beispiel die Ermudung. Von Ermu- 
dung sprechen wir bei tierischen und menschlichen Wesen. 
Nun handelt es sich darum, dafi man einen Begriff ge- 
winnt iiber das Wesen der Ermudung. Ich kann mich jetzt 
nicht einlassen auf alle die BegrifFe, die dariiber aufgesam- 
melt worden sind, sondern wir wollen den ganzen Prozeft 
der Ermudung im Verhaltnis zum Lebensprozefi in Be- 
tracht ziehen, Man kann sagen: Der Mensch ermiidet, weil 
er seine Muskeln abnutzt und weil den Muskeln neue 
Krafte zugefiihrt werden rmissen. In diesem Falle konnte 
man definieren: Der Mensch ermiidet, weil er seine Muskeln 
durch irgendeine Arbeit abnutzt. 



Recht plausibel sdiaut fiir den ersten Augenblick eine 
solche Definition aus. Nur wahr ist sie nicht. Aber heute 
ist es schon so, dafi man mit Begriffen arbeitet, welche sich 
gerade so ausnehmen, dafi sie von oben an die Dinge 
tippen, aber nicht in die Untergrunde dringen wollen. 
Denn denken Sie, wenn wirklich die Muskeln ermiiden 
konnten, wie stunde es denn dann mit dem Herzmuskel? 
Der wird aber uberhaupt nicht miide, der arbeitet Tag 
und Nacht, fortwahrend, und so auch andere Muskel- 
gebiete des menschlichen und tierischen Leibes. Das gibt 
Ihnen einen Begriff, dafi es nicht richtig ist zu sagen, in 
der Beziehung zwischen Arbeit und Muskel konne irgend 
etwas zur Erklarung der Ermiidung liegen. 

Wann ermiidet das Tier oder der Mensch? Wenn eine 
Arbeit nicht durch den Organismus, nicht durch den Le- 
bensprozeft veranlafit wird, sondern wenn eine Arbeit 
von der Aufienwelt selbst veranlafit wird, das heifk aus 
der Welt, mit der ein Lebewesen durch seine Organe in 
Beziehung treten kann. Also wenn ein Lebewesen Arbeit 
auf Grundlage seines Bewufitseins ausfuhrt, ermiidet das 
betreffende Organ. An sich liegt im Lebensprozefi nichts, 
was zu einer Ermiidung Veranlassung geben konnte. So 
mufi also der Lebensprozefi, mussen die samtlichen Lebens- 
organe mit etwas zusammengefuhrt werden, was gar nicht 
zu ihnen gehort, wenn sie ermiiden sollen. 

Ich kann nur aufmerksam machen auf diese wichtige 
Tatsache. In ihrer Ausgestaltung kann man ungeheuer 
fruchtbare Gesichtspunkte finden. Also nur das, was auf 
dem Umwege durch einen Bewufitseinsprozefi, was durch 
eine Bewufkseinsveranlassung einem Lebewesen zugefiihrt 
wird, kann Veranlassung zur Ermiidung sein. Es ware 
daher ganz unsinnig, bei den Pflanzen von Ermiidung zu 
sprechen. Daher kann man sagen: In alledem, was ein 



Lebewesen ermiiden soli, mufi ihm tatsachlich etwas Frem- 
des gegeniiberstehen, mufi ihm etwas eingefiigt werden, 
was nicht in seiner eigenen Natur Hegt . 

So konnen wir sagen, daft jene Storung des Lebenspro- 
zesses, die durch die Ermiidung eintritt, sdion auf einem 
ganz untergeordneten Gebiete darauf hinweist, dafi das, 
was wir im Seelenleben haben, nidit ohne weiteres her- 
ausgeboren ist aus dem physischen Leben, sondern dafi 
es durchaus mit denGesetzen dieses Lebens in einem Wider- 
spruch steht. Der Widerspruch zwischen den Gesetzen 
des Bewufkseinslebens und den Gesetzen des Lebens und 
der Lebensprozesse allein erklart, was in der Ermiidung 
gegeben ist, wovon Sie sich selbst iiberzeugen konnen, 
wenn Sie es sich genauer iiberlegen. Deshalb konnen wir 
sagen, daft die Ermiidung ein Ausdruck dafiir ist, dafi das, 
was zu einem LebensprozelS hinzukommt, ihm fremd sein 
muft, und daher kann es ihn nur storen. Nun kann der 
Lebensprozefi im wesentlichen ausgleichen, was durch die 
Ermiidung abgenutzt ist, durch Schlafen und durch die 
Ruhe. Aber Abnutzung wird dadurch herbeigefuhrt, dafi 
ein Neues gegeniiber dem alten Lebensprozefi auftritt. 

Nun tritt im menschlichen individuellen Leben dadurch, 
dafi der Mensch mit der Aufienwelt in Beziehung tritt, ein 
innerer Abnutzungsprozefi auf. Das Alte, das in der An- 
lage vorhanden war, tritt mit Neuem in Wechselbeziehung. 
Das Ergebnis ist darin ausgedriickt, dafi wahrend des in- 
dividuellen Lebens zwar der individuelle Lebenskern um- 
gestaltet wird, aber dafiir auch sozusagen Verholzendes 
abstofien mufi, was er sich selbst von seiner Geburt an ge- 
bildet hat. Die Ursache des Todes Hegt mit der Bestim- 
mung zu einem neuen Leben in dem menschlichen Seeli- 
schen geradeso, wie in dem tierischen Organischen die An- 
lage zur Ermiidung nur dadurch liegen kann, daft es mit 



Neuem, ihm Fremden in Wechselbeziehung tritt. Man 
konnte daher sagen: der Prozefi des Todes, des allmah- 
lidien Absterbens lafit sidi besser begreifen, wenn man den 
Gegensatz in Erwagung zieht, in welchem Seelisdies steht 
zu Organischem, und der sidi in der Ermiidung ausdriickt. 
Daher haben wir eigentiich in unserem inneren Wesens- 
kern das ganze individuelle Leben hindurch den Todes- 
keim. Wir konnten uns aber nicht weiterentwickeln, konn- 
ten unmoglich das, was wir schon sind bei der Geburt, um 
einen Schritt weiterbringen, wenn wir nicht von innen 
heraus diesen Tod dem Leben beigesellen wiirden. Wie zur 
Verrichtung aufierer Arbeit Ermiiden gehort, so gehort zu 
einer Bereicherung und Hohergestaltung des individuellen 
Lebenskernes das Abstofien, das Toten der aufieren Um- 
hullung. 

Gerade an dem geistig-seelischen Lebens- und Todes- 
prozefi driickt sich uns mit einer grofien Klarheit aus, was 
wir nennen konnen: wir erkaufen uns die Hohergestal- 
tung, die Weiterentwickelung des Lebens dadurch, dafi wir 
die Wohltat geniefien, das, was wir schon waren, von uns 
abzustofien. Eine Entwickelung ware nicht moglich, wenn 
wir nicht das Alte abstofien konnten. Mit dem aber, was 
wir in dem Neuen unserem Geistig-Seelischen einorgani- 
siert haben, schreiten wir durch den Tod. Was liegen darin 
fur Krafle? Solche Krafte, die die Fruchte sind des ver- 
flossenen Lebens. Wir konnen die Samen zu diesen Fruch- 
ten zwar erleben, konnen die Lebensbeobachtungen zwar 
erleben, konnen audi vieles im Leben machen, aber wir 
konnen sie uns nicht einorganisieren, konnen sie nicht 
wirklich in unsere auftere Hiille iibertragen. Denn unsere 
Hulle bauen wir uns nicht aus dem, was wir in einem 
Leben lernen, oder hochstens zu einem gewissen Teil, son- 
dern wir bauen sie nach Mafigabe dessen, was wir im vor- 



hergehenden Leben geworden sind. Wir konnen uns also 
unser Leben nur dadurch aufbauen, dafi wir dasjenige ver- 
wenden, was wir uns im vorigen Leben angeeignet haben, 
und konnen uns dadurdi fortentwickeln, dafi wir das 
Alte - wie der Baum die Rinde — von uns abstofien und 
in den Tod eingehen. Und mit dem, was wir mitnehmen 
durdi den Tod hindurch, sind wir imstande, unser nachstes 
Leben aufzubauen, weil es in sidi dieselben Krafte enthalt, 
die unser geistig-seelisches Wachstum aufgebaut haben, als 
wir frisch und froh uns in der Jugend entwickelten. Die- 
sen Kraften ist es gleichartig. Wir haben es aus der Le- 
benserfahrung aufgenommen und bauen uns ein kiinftiges 
Lebewesen, eine kiinftige leibliche Hiille, die das als Blute 
in der Anlage in sich tragen wird, was wir in dem einen 
Leben gewonnen haben. 

Solchen Dingen gegeniiber wird immer wieder die Frage 
geltend gemacht: "Was hilft es im Grunde genommen dem 
Menschen, wenn von wiederholten Erdenleben gesprochen 
wird, wenn er doch nicht imstande ist, sich an friihere Le- 
ben zu erinnern, wenn ein Gedachtnis an friihere Leben 
nicht vorhanden ist? 

Es Hegt ja im Wesen der heutigen geistigen Kultur, dafi 
man iiber solche Fragen des geistig-seelischen Lebens noch 
nicht gelaufig nachzudenken und nachzusinnen in der Lage 
ist wie iiber die Dinge des Naturlebens, aber wir miissen 
uns doch klar sein, dafi es moglich ist, iiber diese Fragen 
des geistig-seelischen Lebens in genau derselben Weise uns 
Begriffe, Anschauungen zu entwickeln. Dies konnen wir 
nur, wenn wir dieses geistig-seelische Leben wirklich ge- 
nauer betrachten, wenn wir uns fragen: "Wie mufi es denn 
iiberhaupt mit dem menschlichen Gedachtnis stehen, wie 
ist denn das Wesen des menschlichen Gedachtnisses? 

Es gibt einen Punkt im personlichen Menschenleben, der 



sehr leidit dahin fiihren kann, iiber diese Frage Ansiditen 
zu gewinnen, das ist der folgende. Sie wissen alle, daft es 
im heutigen normalen Menschenleben eine Zeit gibt, an 
die das spatere Leben huidurch keine Erinnerung vorhan- 
den ist. Das ist die Zeit der ailerersten Kindheit. Der 
Mensch erinnert sich im heutigen normaien Leben bis zu 
einem gewissen Punkt seiner Kindheit, dann schwindet 
ihm die Erinnerung. Obwohl er sich ganz klar ist, daft er 
fruher schon dabei war, erinnert er sich daran doch nicht. 
Er weift, daft es sein gleiches geistig-seelisches Ich ist, das 
ihm das Leben aufgebaut hat, aber es fehlt ihm die Mog- 
lichkeit, sein Gedachtnis iiber diese Stufe auszudehnen. 
Wer viele Kindesleben betrachtet, wird daraus eine Beob- 
achtung machen konnen. Die wird natiirlich nur im we- 
sentlichen sich im aufteren Leben verwirklicht finden, aber 
sie ist doch richtig. Aus der Beobachtung der kindlichen 
Seele wird man das Resultat gewinnen konnen, daft die 
Erinnerung genau so weit zuriickgeht, bis sie den Zeitpunkt 
trifft, wo der Ich-BegrifT, die Vorstellung von dem eigenen 
Ich in dem betreffenden Menschenwesen entstanden ist. 
Das ist eine aufterordentlich wichtige Tatsache. In dem 
Moment, wo das Kind nicht mehr aus sich selbst heraus 
sagt: Karlchen will dies, oder: Mariechen will dies, 
sondern wo es sagt: Ich will das, - von dem Zeitpunkt, 
wo die bewufite Ich- Vorstellung anhebt, fangt audi die 
Ruckerinnerung an. Woher kommt diese merkwiirdige 
Tatsache? Sie kommt daher, weil zur Erinnerung noch 
etwas anderes notwendig ist, als daft man sozusagen 
einmal oder iiberhaupt mit einem Gegenstande in Beriih- 
rung gekommen ist. Man kann noch so oft mit einem 
Gegenstande in Beruhrung kommen, eine Erinnerung muft 
deshalb nicht hervorgerufen werden. Die Erinnerung 
beruht namlich auf einem ganz bestimmten seelischen 



Prozefi, auf einem ganz bestimmten geistig-seelischen, 
inneren Lebensprozefi, den Sie sich vergegenwartigen 
konnen, wenn Sie sich folgendes vor Augen stellen. 

Man mufi unterscheiden zwischen der Wahrnehmung 
eines Gegenstandes oder Erlebnisses und zwischen dem, 
was die Vorstellung dieses Gegenstandes ist. Im Wahr- 
nehmungsprozefi hat man etwas, was man immer wieder 
haben kann, wenn man vor das Ding hintritt. Aber man 
hat an dem Erlebnis noch etwas anderes. Wenn man mit 
einem Ding in Beriihrung gekommen ist, einen Gesichts- 
oder Gehorseindruck in sich aufgenommen hat, so hat man 
aufierdem noch etwas wie einen inneren Siegelabdruck in 
sich aufgenommen, und der ist es, den wir mitnehmen, der 
in der Vorstellung bleibt, der sich der Erinnerung einver- 
leiben kann. Der mufi aber erst entstehen. Ich weifi, dafi 
das, was ich jetzt gesagt habe, vielfach beanstandet werden 
wird von wackeren Schopenhauerianern, von denen, die da 
behaupten, dafi unsere Weltanschauung nur unsere Vorstel- 
lung sei. Aber das beruht auf Verwechselung von Wahr- 
nehmung und Vorstellung. Beide miissen dringend unter- 
schieden werden. Die Vorstellung ist ewas Reproduziertes. 
Das aufiere Erlebnis kann noch so oft auftreten: wenn 
es nicht den inneren Siegelabdruck der Vorstellung erf ahrt, 
kann es nicht dem Gedachtnis einverleibt werden. Wenn 
dagegen gesagt wird, die Vorstellung ist nichts anderes, 
als was sich in der Wahrnehmung darbietet, so braucht 
man nur darauf aufmerksam zu machen, daiS die Vor- 
stellung eines noch so heifien Stiickes Stahl ganz gewifi 
niemanden brennen wird, aber das Sinneserlebnis wird 
brennen. Da haben Sie den Unterschied zwischen Vorstel- 
lung und Sinneswahrnehmung. Deshalb konnen wir sagen: 
Die Vorstellung ist ein nach innen gewendetes Sinnes- 
erlebnis. 



Aber bei dieser Wendung nach innen, bei diesem aufie- 
ren Anprall des Gegenstandes im Wechselverkehr mit dem 
menschlichen Innern, wobei der innere Siegelabdruck her- 
vorgerufen wird, kommt nodi etwas anderes in Betracht. 
Was da nach innen in unserm Sinnesleben erlebt wird, 
das wird bei jedem aufteren Sinneseindruck, bei allem, was 
wir an der aufteren Welt aufnehmen konnen, einverleibt 
unserm Ich. Eine Sinneswahrnehmung kann audi da sein, 
ohne daft sie dem Ich einverleibt wird. Fur die aufiere 
Welt ist es unmoglich, daft eine Vorstellung im Gedaditnis 
behalten wird, wenn sie nicht nacli innen, in den Bereich 
des Ich aufgenommen wird. So stent bei jeder Vorstellung, 
die wir uns aus einem Sinneserlebnis bilden und die im 
Gedaditnis behalten werden kann, das Ich am Ausgangs- 
punkt. Eine Vorstellung, die von auften herein in unser 
Seelenleben kommt, ist gar nicht zu trennen von dem Ich. 
Ich weift wohl, daft ich bildlich spreche. Aber diese Dinge 
bedeuten trotzdem eine Wirklichkeit, wie wir im Laufe 
der nachsten Vortrage sehen werden. 

Wir konnen uns vorstellen, daft das Ich-Erlebnis etwas 
darstellt wie eine innere Kugelflache, von auften gesehen, 
daft dann die Sinneserlebnisse herankommen und daft das 
Sich-Spiegeln der Erlebnisse im Innern die Vorstellung er- 
gibt. Dazu mufi aber das Ich dabei sein bei jeder einzelnen 
Sinneswahrnehmung. So ist tatsachlich das Ich-Erlebnis 
bei allem, was der Erinnerung einverleibt werden kann, 
wie ein Spiegel, der nach innen uns die Erlebnisse zuruck- 
strahlt. Es mufi da sein. Daraus erklart sich uns folgendes: 
Solange das Kind nicht die BegrifFswahrnehmungen so 
aufnimmt, daft sie Vorstellungen werden, sondern solange 
sie nur als Sinneswahrnehmungen aufterlich an das Kind 
herantreten, nur aufterlich zwischen Ich und Aufienwelt 
erlebt werden, nicht aber zum inneren Ich-Erlebnis um- 



gewandelt werden, solange das Kind nicht die Ich-Vor- 
stellung hat, deckt ihm kein Ich-Spiegel sozusagen zu, was 
ringsherum ist. Solange wird man aber audi bemerken, 
dafi das Kind Mannigfaltiges, was die Erwachsenen nicht 
verstehen, in die Umgebung hineinphantasiert. Bei der 
Riickerinnerung aber kann nur das auftauchen, was das 
Ich schon aufgenommen hat, so dafi es dadurch in die 
Erinnerung gedrangt ist. Wo die Ich-Wahrnehmung auf- 
getreten ist, stellt sidi das Ich vor die Vorstellungen wie 
ein Spiegel, und was dann vor dieser Zeit des Ich-Erleb- 
nisses liegt, kann nicht mehr in die Erinnerung herauf- 
gerufen werden. Daher tritt der Mensch immer so mit der 
Aufienwelt in Beruhrung, dafi sein Ich alle Erlebnisse mit- 
erlebt, dafi sein Ich immer dabei ist. Damit ist nicht gesagt, 
dafi audi alles zum Bewufitsein kommen mufi, sondern 
nur, dafi Erlebnisse nicht blofi als Sinneswahrnehmungen 
verbleiben, sondern in Vorstellungen umgewandelt werden. 

So konnen wir jetzt sagen: Der innerste Wesenskern 
des Menschen, aus dessen Mittelpunkt sich das heraus- 
entwickelt, was jetzt beschrieben worden ist als von 
Verkorperung zu Verkorperung gehend, wird gerade zu- 
gedeckt durch die Ich-Vorstellung, wie sie gewohnlich 
vorhanden ist. Der Mensch stellt sich selbst vor sein 
Gedachtnis hin mit seiner heutigen Ich-Entwickelung. Und 
daher ist es ganz erklarlich, dafi sein Gedachtnis nur iiber 
die Sinneswelt reichen wird. 

Kann nun durch die Erfahrung selber der Beweis ge- 
liefert werden, dafi das audi anders werden kann? Kann 
von Erweiterung des Gedachtnisses bis in friihere Verkor- 
perungen hinein gesprochen werden? Das ist aus der blo- 
fien Definition selbstverstandlich, wenn das erfafit wird, 
was hinter dem eigenen Ich-Punkt liegt, den man sich so- 
zusagen selber zudeckt. Fangt man an ihn zu erfassen, so 



mufi man audi seine innerste Natur und Wesenheit erken- 
nen, und man mufi audi erkennen, was ein Mensch im 
mensdilidien Leben und nidit blofi im allgemeinen, son- 
dern im eigenen individuellen Leben tut. Gibt es eine Mog- 
lichkeit, sozusagen hinter dieses Idi dahinter zu schauen? 
Die gibt es aller dings. Und sie liegt in jenem inneren 
Seelenleben, von dem ich schon in dem einleitenden Vor- 
trage gesprochen habe. Wenn es der Mensch wirklich un- 
ternimmt, in streng methodischer Schulung seine Seele so 
zu entwickeln, dafi die in ihr schlummernden Krafle her- 
vorkeimen, dafi die Seele uber sich selber hinaussteigt, dann 
kann er das nur dadurch, dafi er mit einer gewissen in- 
neren Entsagung sich Vorstellungen aneignet, welche nicht 
solche sind, bei denen das Ich-Erlebnis unmittelbar dabei 
ist. Bei allem, wo das Ich-Erlebnis dabei ist, stellt sich das 
Ich-Erlebnis vor dem menschlichen Wesenskern auf. Fiir 
die Seelenschulung mufi er sich also Vorstellungen aneig- 
nen, bei denen das Ich-Erlebnis nicht dabei ist. Deshalb 
mussen jene inneren Seeleniibungen, die der Mensch vor- 
nimmt, in einer ganz bestimmten Art getroffen werden. 
Da kommt es auf den Inhalt des Nachsinnens an, was er 
da seinem Seelenleben einverleibt. Und er mufi seinem 
Seelenleben etwas einverleiben, was der inneren Seelen- 
natur zwar gleichkommt, aber sich nicht auf Aufieres be- 
zieht. Was bezieht sich nicht auf das Aufiere? Nur das 
Nachdenken. Aber das Nachdenken erstreckt sich gewohn- 
lich iiber die aufiere Welt. Daher ist es nicht brauchbar fiir 
den, der in die hoheren Welten hinaufsteigen will. Es mufi 
daher ein solches Vorstellungsleben entwickelt werden, das 
in Bildern, in Symbolen, die immerfort und fort vor die 
Seele hingestellt werden, im Ich eine solche Tatigkeit her- 
vorruft, dafi das Ich, wenn es die Wahrheiten der gewohn- 
lichen Sinneswelt gewinnen wollte, sich nie eine solche Vor- 



stellung bilden wiirde. Also es mufi sich die Seele Bilder 
und Symbole einverleiben, die nicht eintreten, wenn man 
mit seinem Ich-Erlebnis alles Aufiere begleitet. 

Beachtet man das, dann madit man die folgende Erfah- 
rung, iiber die man nur etwas aussagen kann, indem man 
hinweist auf jenen Zustand, in welchem der Mensch. immer 
wieder in seinem Leben eintritt, namlich in den Schlaf- 
zustand. Mit dem Einschlafen versinken alle Vorstellun- 
gen, alle Leiden, Schmerzen und so weiter, die der Mensdb 
wahrend des Tages erlebt hat, in ein unbestimmtes Dun- 
kel. Das ganze bewufite Leben des Menschen geht in ein 
unbestimmtes Dunkel hinunter, und es kommt wieder, 
wenn der Mensch des Morgens aufwacht. Vergleichen Sie 
das Bewulkseinsleben beim Aufwachen und beim Einschla- 
fen. Solange der Mensch nur bewufke Eindrucke aus dem 
aufieren Sinnesleben gewinnt, bringt er nur wieder mit 
am Morgen, was er am Abend im Bewufitsein hatte. Er 
wacht mit demselben Bewufitseinsinhalt wieder auf, er 
erinnert sich an denselben, kann dasselbe denken und so 
weiter. Wenn der Mensch aber in der angedeuteten Weise 
eine solche innere Trainierung vornimmt, bei der das Ich 
nicht dabei ist, dann stellt sich die Sache anders. Da findet 
der Mensch allerdings, da£ er seine ersten Fortschritte dar- 
an merkt, dafi er sich beim Aufwachen bereichert fiihlt 
durch den Schlaf, dafi dasjenige, was er vor dem Einschla- 
fen aufgenommen hat, ihm mit einem reicheren Inhalt zu- 
riickkommt. Da kann er nun sagen: Jetzt habe ich hinter 
die geistige Welt geschaut, die das Ich nicht zudeckt, und 
habe als Frucht davon, dafi sich mir in mein Bewufttseins- 
leben etwas eingliedert, was ich nicht aus der Smneswelt 
gewonnen habe, denn ich habe es mir mitgebracht aus der 
Welt des Schlaf es. So sind die ersten Fortschritte dessen, 
der ein geistig-seelisches Leben durchmacht. 



Dann aber tritt weiter die Moglichkeit ein, dafi er audi 
wahrend des wachen Tageslebens einen solchen Inhalt sich 
eingliedern kann, der nicht vom Ich-Erlebnis durchdrun- 
gen ist, obwohl das Ich dabei ist. Das Ich-Erlebnis mufi 
sich neben diesen Inhalt ebenso stellen, wie es sich in alien 
sinnlichen Inhalt hineinstellt. Wenn wir dies in Betracht 
ziehen, miissen wir sagen: In einen seelisch-geistigen In- 
halt des Menschseins hineinschauen kann der, welcher in 
der Lage ist, hinter das Ich zu schauen. Wer einen solchen 
Weg durchmacht, dem wird audi oft nahegelegt, gewisse 
Gefuhle zu entwickeln. An der Art wie diese Gefuhle 
sind, zeigt sich schon, wie auch der Weg ist. So mufi man 
lernen, wunschlos zu sein gegen kommende Erlebnisse, 
lernen, wunschlos zu werden, und namentlich sich Furcht 
und Angst vor kommenden Ereignissen abzugewohnen. 
Man mufi lernen, kaltbliitig zu sagen: Du lafk alles an 
dich herankommen, was auch kommen mag, und sich das 
nicht blofi in einer trockenen, abstrakten Vorstellung zu 
sagen, sondern es sich zum innersten Gefuhl zu machen. 
Fatalist braucht man deshalb nicht zu werden, denn man 
mufi selbst dabei eingreifen ins Leben. Fatalist ist man, 
wenn man denkt, dafi alles von selbst geschieht. Aber 
dieses absolute Gleichgewicht als Gefuhl und Empfindung 
dem Ich einzuimpfen, das ist etwas, was nach dem geistig- 
seelischen Wesen des Menschen eine solche Kraft hinstolk, 
die das Ich ausschaltet von den Wahrnehmungen, die sich 
in unser Bewufitsein bereits hineinstellen. So bleibt man 
innerhalb der Ich- Welt darinnen stehen, nimmt aber eine 
neue Welt von inneren Seelenerfahrungen auf .Diese machen 
es einzig und alleinmoglich,dafi man den innersten Wesens- 
kern des Menschen, der sich zwar von der Geburt an ent- 
wickelt als das, was aus einem vorhergehenden Leben 
stammt, aber nicht in Wahrheit erkannt werden kann* 



nun in seiner wahren, individuellen Gestalt sehen kann. 
Man mufi ihn erst sehen wie er ist, wie er unmittelbar in 
der Gegenwart ist und arbeitet. Wie soli man sich an etwas 
erinnern, auf das man nodi nie die Augen gewendet hat? 
Wie das Kind dasjenige auch im Bewufksein nicht hat, was 
sich vor der Entwickelung der Ich-Wahrnehmung abge- 
spielt hat, so kann der Mensch diejenigen Erlebnisse vor- 
heriger Geburten nicht in sein Gedachtnis hereinnehmen, 
die nicht aufgebaut sind auf einer Erkenntnis des inneren 
Wesenskernes des Menschen, auf Gefiihlen und Empfin- 
dungen des geistigen und seelischen Kernes, der in jedem 
Menschen ist. 

Wer das wirklich durchmacht, wer vor alien Dingen 
lernt, sich die Riickschau in friihere Leben dadurch zu er- 
kaufen, dafi er mit Gleichmut und Gelassenheit wunschlos 
der Zukunft entgegenschaut, der wird sehen, da£ die friihe- 
ren Erdenleben nicht blofi eine logische Schlufifolgerung 
sind, sondern durch ein neu entstandenes, wirklich hervor- 
gerufenes Gedachtnis als Realitat sich erweisen. Aber dazu 
ist eines notwendig. Die Moglichkeit, in die Vergangen- 
heit zu schauen, kann nur erkauft werden durch Wunsch- 
losigkeit, durch Gleichmut und Gleichgultigkeit gegeniiber 
der Zukunft. Soweit wie wir in unseren Gefiihlen und 
Empfindungen darauf gefafit sind, die Zukunft zu er leben, 
soweit wie wir unser Ich ausschalten konnen gegeniiber 
dem Erleben der Zukunft, so weit sind wir imstande, in 
die Vergangenheit zu schauen. Und je mehr der Mensch 
diesen Gleichmut entwickelt, desto mehr nahert er sich 
dem Zeitpunkt, wo die vergangenen Erdenleben eine Rea- 
litat fur ihn sind. 

So konnen wir den Grund angeben, warum fur das ge- 
wohnliche Menschenleben oft gesagt werden kann, eine 
Erinnerung sei nicht da. Dieser Einwand ist ebenso, wie 



wenn jemand ein Kind von vier Jahren bringen wiirde 
und sagte: Dieses Kind kann nicht rechnen, und nun 
daraus schliefien wollte: Also kann der Mensch nicht 
rechnen! Dagegen konnte man nur erwidern: Lafi das 
Kind zehn Jahre alt werden, und es kann rechnen. Also 
kann der Mensch rechnen! - Die Erinnerung an die ver- 
gangenen Erdenleben ist eine Sache der Entwickelung! Da- 
her ist es notwendig, dafi man durch das Zwingende des 
logischen Schlusses, der an die Spitze des heutigen Vor- 
trages gestellt worden ist, daruber nachdenken lernt. Dann 
wird man finden, dafi ein geistig-seelischer Wesenskern 
des Menschen da sein mufi und dafi wir ihn durch den 
Tod hindurch in ein neues Leben hiniibertragen, wie wir 
ihn durch die Geburt in dieses Leben hineingetragen haben. 

So kann Geisteswissenschaft nicht in einfacher Weise, 
sondern so wie es sachlich richtig ist, auf das hinweisen, 
was im Menschen gegeniiber Leben und Tod ewig ist. Und 
wir diirfen sagen: Die logische SchlufSfolgerung iiber Tod 
und Leben in bezug auf die menschliche Wesenheit sagt 
uns von vornherein, dafi in dieser menschlichen Individua- 
list die Moglichkeit auch zur Erringung des Gedachtnisses 
fiir die vergangenen Leben vorhanden ist. Dann braucht 
man auch nicht mehr zu sagen: "Wenn man sich nicht daran 
erinnern kann, nutzen einem die vergangenen Erdenleben 
nichts! Nutzt einem denn nur das, an was man sich erin- 
nert? Sind nicht auch fiir das Kind die Zeiten wichtig, an 
die es sich nicht erinnert? Wir tragen in uns die Fruchte 
vergangener Leben. Wir entwickeln in uns - ohne unser 
Bewufitsein - im gegenwartigen Leben das, was wir aus 
fruheren Leben haben. Und wenn wir anfangen, in f riihere 
Erdenleben zuriickzusehen, dann ist ja die Ruckerinnerung 
da. Dann konnen wir uns auch sagen, wie gut es war, dafi 
wir uns in fruheren Zeiten nicht zuriickerinnert haben. Es 



ist zum Beispiel die Riickerinnerung nidit nur erst durch 
das zu erringen, was ich an Gefuhlen und Empfindungen 
fiir das zukiinffcige Leben charakterisiert habe, sondern sie 
ist sogar nur vertraglich mit einer solchen gesdiilderten 
Seelenverfassung. Wenn sie auf eine kiinstliche Weise 
eintrate und ihr dennoch der Mensch ein von Egokat durch- 
drungenes Wunsch- und Begierdenleben zur Seite stellen 
wiirde, mttfite sein geistig-seelisches Leben aus dem Gleich- 
gewicht kommen, miilke aus den Fugen gehen. Denn ge- 
wisseDinge gehoren zusammen - und gewisse andereDinge 
stolen sich ab. 

So konnten wir verfolgen das, was im Menschen ewig 
ist, was durch die Geburt ins Leben tritt, was aus dem 
Leben durch den Tod in geistige Welten iibertritt und in 
neuen Verkorperungen wiedererscheint. Und verbunden 
damit ist, wie wir nur dadurch in neuen Verkorperungen 
uns hoher entwickeln konnen, dafi wir die Fruchte aus 
den friiheren Leben verwerten. Heute sollten die Be- 
ziehungen des menschlichen Wesenskernes zu diesen bei- 
den Begriffen gezeigt werden. Wenn wir das vor Augen 
haben, werden wir nicht mehr bei der Frage nach dem 
Wesen von Leben und Tod zur Antwort geben: Das We- 
sen des Todes erkenne man an der Leiche, - sondern wir 
werden sagen: Wir suditen im innersten Wesenskern des 
Menschen dasjenige, was neues Leben herbeifuhren mufi. 
Damit aber neues Leben entstehen kann, mufi das alte 
nach und nach absterben und dann ganz erloschen, ebenso 
wie die alte Pflanze, wenn sie einjahrig ist, absterben mufi, 
damit die neue Pflanze das Leben aus ihr nehmen kann. 
Wer so die Welt des Todes betrachtet, wird nicht auf das 
hinschauen, was als Leiche iibrigbleibt, sondern er wird in 
jedem Wesen auf das Charakteristische des Lebens hin- 
schauen, das in ein neues Leben hiniibergefuhrt wird. Mag 



also audi Shakespeare den dusteren Danenprinzen das- 
jenige ausspredien lassen, was fiir viele scheinbar aus den 
sidieren Tatsachen der heutigen Wissenschaft folgen kann: 

Der grofie Casar, tot und Lehm geworden, 
Verstopft ein Lodi wohl vor dem rauhen Norden. 
O dafi die Erde, der die Welt gebebt, 
Vor Wind und Wetter eine Wand verklebt. 

Liegt einer solchen Betrachtung nur das zugrunde, was die 
Wege des Absterbenden sind, so wenden wir uns, indem 
wir aus der Geisteswissenschaft heraus den Mensdien be- 
traditen, an den geistig-seelisdien Wesenskern, der durch 
Geburt und Tod und durdi immer neue Leben hindurch- 
geht. Und wir gewinnen die Zuversicht, indem wir nicht 
die Wege verfolgen, die SauerstofT, KohlenstofT, StickstofT 
gehen, sondern die Wege des Lebens sudien, indem wir 
auf das sehen, was der eigentlidie Wesenskern des Men- 
sdien durdimadit, dafi wir dem Worte Shakespeares das 
andere Wort gegenuberstellen konnen: 

Der kleinste Erdenmensch, 
Ein Sohn der Ewigkeit, 
Besiegt in immer neuen Leben 
Den alten Tod! 



I.] 

MENSCHENSEELE UND TIERSEELE 
Berlin, 10. November 1910 



Vielleicht ist es Ihnen aufgefallen, dafi im Anschlufi an 
den heutigen Vortrag hier in adit Tagen ein Vortrag ge- 
halten werden soil iiber «Menschengeist und Tiergeist», 
wahrend heme der Gegenstand, iiber den wir sprechen 
wollen, «Menschenseele und Tierseele» heifit. Warum das 
geschehen ist, dafi iiber Geist und Seele in zwei getrennten 
Vortragen gesprochen werden soil, kann allerdings erst im 
nachsten Vortrage vollstandig deutlich zutage treten. Vor- 
laufig kann nur darauf aufmerksam gernacht werden: wenn 
man geisteswissenschaftlich Leben und Dasein betrachtet, 
hat man es in einer gewissen Beziehung allerdings nicht so 
leicht wie bei der anderen wissenschaftlichen Betrachtung, 
die in der Gegenwart iiblich ist, wo Begriffe und Ideen, 
die durchaus zu einer wirklidien Erfassung der Dinge aus- 
einandergehalten werden miissen, eben zusammengewor- 
fen werden. Und wir werden sehen, dafi wir mit den Rat- 
seln, die sich auf Seele und Geist bei Tieren und Menschen 
beziehen, nicht zurechtkommen konnten, wenn wir nicht 
die Unterscheidung zwischen Seele und Geist klar und 
sicher machen konnten. 

Wenn wir geisteswissenschaftlich, wie es hier geschehen 
soli, von Seele sprechen, dann ist mit dem Begriff der Seele 
immer der andere Begriff der Innerlichkeit, des innerlichen 
Erlebens verbunden. Und wenn wir in bezug auf die uns 
umgebende Welt vom Geist reden, sind wir uns dariiber 
klar, dafi wir in allem, was uns nur erscheinen, entgegen- 



treten kann, etwas wie eineOfFenbarung desGeistes haben. 
Es ist das audi schon ofter erwahnt worden, dafi sich der 
Mensdi in einem sonderbaren Selbstwiderspruch befinden 
wiirde, wenn er den Geist nidit voraussetzen wiirde in 
allenErsdieinungen desDaseins, die ihn umgeben.Nur der- 
jenige Mensdi kann eigentlich, ohne in einen sich totenden 
Selbstwiderspruch zu kommen, erkennend an die Aufien- 
welt herantreten, der zugibt, dafi das, was er in seinem 
Geiste zuletzt iiber die Aufienwelt findet, was er erkennend 
sidi an Begriffen und Ideen aneignet, um die Aufienwelt 
zu erfassen, mit den Dingen selbst etwas zu tun hat. Wer 
nidit zugeben wollte - womit er dann von den Dingen 
ausgeht, wenn er glaubt, in irgendeiner Weise etwas er- 
kannt zu haben, wenn er sich Begriffe von den Dingen 
gemacht hat — , wer nicht zugeben wollte, dafi in diesen 
BegrifFen etwas lebt, was in den Dingen selber ist, der 
diirfte, wenn er mit sich selbst in Obereinstirnmung lebt 
und sein erkennendes Leben selber logisch auffassen will, 
gar nicht an das Erkennen schreiten. Nur der kann Er- 
kenntnis als etwas Wirkliches betrachten, der sich sagt: 
Was ich zuletzt in meinem Geist in der Erkenntnis flnden 
und behalten, gegenwartig machen kann, das mufi zuerst 
in den Dingen enthalten sein. Insofern ich in meinem Geist 
von den Dingen etwas hereinnehme, gleichgultig welchem 
Reiche sie angehoren, setze ich in alien Reichen den Geist 
voraus. 

Gewifi,dieseAnerkennung, die jetzt ausgesprochen wor- 
den ist, wird nicht uberall gemacht. Aber sie wird nur 
dann nicht gemacht, wenn man sich in den charakterisier- 
ten Selbstwiderspruch versetzt hat. Deshalb sprechen wir 
von Geist, indem wir uns klar sind, dafi er sich in alien 
Welten offenbart, und wir suchen zu erkennen, wie er sich 
in die Welten hineingiefit und in ihnen erscheint. Anders 



sprechen wir, wenn wir von Seele spredien. Von Seele 
sprechen wir nur, wenn das Geistige, von dem eben jetzt 
gesprodien worden ist, das wir als Menschen uns durch 
unseren Intellekt, durch unsere Vernunft und andereMittel 
aneignen, durch die wir die Dinge erkennend durchdrin- 
gen, in einem Wesen selber innerlich lebt und erlebt wird. 
Wir spredien einem Wesen Seele zu, das den Geist nicht 
nur in sich aufnimmt, sondern das den Geist in sidi erlebt 
und aus dem Geist heraus in sich selber schafTend ist. Also 
nur dann sprechen wir Von Seele, wenn Geist innerlich in 
einem Wesen ist, das uns entgegentritt. So aber - innerlich 
schaflfend — finden wir den Geist bei Mensch und Tier. 

Wie es sozusagen leicht wird, manches andere zu wider- 
legen - was in dem ersten Vortrag dieser Serie gesagt und 
gezeigt worden ist — , wenn man sich an landlaufige Be- 
grifFe halt, ebenso ist es audi kinderleicht, sich iiber das 
widerlegend herzumachen, was sozusagen fundamental 
Ergebnisse der Geistesforschung sind, die sich darin aus- 
driicken, dafi man auf dem Boden der Geisteswissenschaft 
innerhalb der menschlichen Natur nicht blofi ein ein- 
gliedriges Wesen, sondern eine mehrgliederige Wesenheit 
unterscheiden mu£. Gewifi, es gibt heute noch weite, weite 
Kreise, welche - und man kann das ganz gut verstehen 
und sich in solche Menschen hineindenken, kann mit ihnen 
fiihlen und nachempfinden, was sie eigentlich wollen - so- 
zusagen ein Hohngelachter der Holle anfangen, von ihrem 
Standpunkt aus mit vollem Recht, wenn von geisteswis- 
senschaftlicher Seite folgendes gesagt wird: Der Mensch 
mufi zusammengesetzt gedacht werden nicht nur aus dem 
physischen Leib, den man in der aufieren Welt durch die 
Sinneswahrnehmung sieht, den man anerkennt in der 
aufieren Wissenschaft und audi untersucht, sondern dem 
Menschen mufi audi zugeschrieben werden ein hoherer 



Leib, der sogenannte Ather- oder Lebensleib, wobei 
nicht an den hypothetischen Ather der Physik zu den- 
ken ist. Ebenso mufi, wenn geisteswissenschaftlich ge- 
sprochen wird, ein drittes Glied der menschlichen Wesen- 
heit anerkannt werden, der Astralleib, und ein viertes 
Glied des Menschen, sein Idi. Wenn diese Glieder als 
etwas Reales anerkannt werden, so ist es vom Stand- 
punkt der gegenwartigen Forschung aufierordentlich leicht 
zu widerlegen, was so von der Geisteswissenschafl gesagt 
wird, und zwar deshalb leicht - das kann gerade aus 
dieser Serie von Vortragen ersichtlich werden weil 
man in die ganze Art und Weise des geisteswissenschaft- 
lichen Forschens erst einen Blick hineintun mufi, um die 
Bereditigung dieser Dinge anzuerkennen. 

Vom Standpunkte des Geistesforschers selbst sind diese 
vier Glieder der menschlichen Wesenheit - physischer Leib, 
Atherleib oder Lebensleib, Astralleib und Ich, das heilk 
also ein sichtbares und drei unsichtbare,iibersinnliche Glie- 
der der menschlichen Wesenheit - Realitaten, weil der 
Geistesforscher seine Seele in bezug auf die in ihr sdilum- 
mernden Krafte in einer solchen Weise entwickelt hat, dafi 
er die hoheren Leiber des Menschen so wahrnehmen kann, 
wie die gewohnlichen Augen den physischen Leib wahr- 
nehmen. Diese hoheren Glieder sind also Realitaten und, 
insofern sie unsichtbare Glieder sind, gerade dem sidit- 
baren Glied, dem physischen Leib zugrunde liegend. Aber 
wenn sie wahrnehmbare Realitaten audi nur fur den 
Geistesforscher sind, so kann man doch sagen, dafi sich dem 
Denken verstandlich machen kann, was gemeint ist, wenn 
von diesen hoheren Gliedern der menschlichen Natur ge- 
sprochen wird. In dem Atherleib erkennt der Geistes- 
forscher zunachst eine Realitat, den Trager aller Lebens- 
erscheinungen des Menschen. Und der Geistesforscher zeigt, 



dafi der Tod dann eintritt, wenn der physische Leib ver- 
lassen wird von seinem Ather- oder Lebensleib. Deshalb 
sieht der Geistesforscher in dem Ather- oder Lebensleib 
dasjenige, was den physisdien Leib davor bewahrt, den 
physischen und diemisdien Kraften zu folgen, die ja im 
physisdien Leibe des Mensdien tatig sind. In dem Augen- 
blicke, da der Tod eingetreten ist, ist der physische Leib 
eine nicht mehr moglicheZusammenfiigung von chemischen 
und physischen Vorgangen. Dafi der menschliche Leib zeit- 
lebens herausgerissen ist aus diesen physischen und chemi- 
schen Vorgangen, die sich seiner sofort bemachtigen, wenn 
der Tod eintritt, das verdankt er dem Ather- oder Lebens- 
leib. Mit demselben haben wir etwas gegeben, was die 
chemischen und physischen Stoffe und Kraffce aus ihrer 
Wirksamkeit herausreilk und sie erst wieder im Moment 
des Todes dieser physischen Wirksamkeit iibergibt. 

Wir haben ofter gesagt, was dagegen eingewendet wer- 
den kann, das ist kinderleicht vorzubringen. Aber diese 
Einwande sind auch solche, die bei einer tieferen Erfassung 
derSache wegf alien. Ganz abgesehen da von, dafi der Ather- 
leib fur den Geistesforscher eine Tatsache ist, zeigt auch 
eine wirkliche Logik, dafi es unmoglich ist, einen leben- 
digen Organismus ohne einen solchen Ather- oder Lebens- 
leib zu denken. Einen solchen Atherleib schreiben wir 
daher im geisteswissenschaftlichen Sinne auch den Pflanzen 
zu und sagen: Wahrend der Mensch noch hohere Glieder 
iibersinnlicher Art hat - den astralischen Leib und das 
Ich -, ist die Pflanze eine Wesenheit, die nur physischen 
und Atherleib hat, wahrend ein Mineral nur aus phy- 
sischem Leib besteht, soweit es sich uns in der Aufienwelt 
darstellt. Treten wir zum Tier heran, so sprechen wir nur 
davon, dafi sich beim Tier in physischen Leib und Ather- 
leib eingliedert - indem wir uns bei diesem Worte nichts 



anderes denken wollen, als was jetzt gesagt wird - der 
Astralleib. 

Nun schreiben wir dem Astralleib die Fahigkeit zu, dafi 
dasjenige, was zum Beispiel beim Kristall die Gestaltung 
hervorruft, also das Geistige, in dem Wesen selber inner- 
lich, organbildend wird. Und wenn wir sehen, dafi in 
einem tierischen Wesen aus der innerlichen Organisation 
heraus sich die Sinnesorgane, die Funktionen der tierischen 
Seele aufbauen, so sagen wir: Wahrend beim Mineral sich 
der Geist erschopft in der Ausgestaltung der Form, ist er 
innerlich lebendig im Tier. Dieses Innerlich-lebendig-Sein, 
dieses Dasein des Geistes innerhalb der tierisdien Organi- 
sation selber bezeichnen wir als eine Tatigkeit des Astral- 
leibes. Beim Menschen aber sprechen wir davon, dafi dieser 
Astralleib nodi durdidrungen ist von einem Ich-Leib, und 
wir werden gleich nachher sehen, welche Bedeutung dieser 
Ich-Leib fiir das Menschenleben hat. 

Was sprechen wir denn dem Geiste eigentlidi zu, wenn 
wir von Geist reden? Wir sprechen ihm dasjenige als 
Realitat, als aufiere Wirklichkeit zu, was wir sozusagen 
in uns selber in unserer Intelligenz erleben. Wir fiihren 
durch unsere Intelligenz dieses oder jenes aus, wir bringen 
die Krafte der Wesenheiten in ein Zusammenspiel durch 
unsere Intelligenz. Diese unsere schopferische Intelligenz 
hat eine gewisse Art. Indem sie in uns gleichsam in ein 
zeitliches Dasein tritt, schopferisch auftritt, bilden wir uns 
einen BegrifF von Intelligenz, von vernunftigem Erleben, 
von vernunftgemafiem Schaffen, und schauen uns rings- 
herum das Weltall an. Wir miifken sehr kurzsichtig sein, 
wenn wir Intelligenz, alles was wir Geist nennen, nur 
uns selbst zuschreiben wollten. Das ist gerade die Grund- 
lage fiir die Unmoglichkeit, in die Ratsel des Daseins ein- 
zudringen, dafi der Mensch leicht geneigt ist, das Wesen 



der Intelligenz nur sich selber zuzuschreiben, und sidi gar 
nidit die Frage beantworten kann: Wie bin idi beredhitigt, 
die Intelligenz auf das Dasein anzuwenden? Wenn wir 
aber hinausschauen und sehen, dafi die Dinge des Raumes 
und der Zeit sich so aussprechen, dafi unsere Intelligenz 
die Gesetzmafiigkeit umfassen kann, dann sagen wir: Was 
in uns als Intelligenz lebt, das ist ausgebreitet in Raum 
und Zeit und wirkt dort in Raum und Zeit. Wenn wir 
uns umsehen im weiten, toten Naturreich, sprechen wir 
davon, dafi der Geist in diesem weiten, toten Naturreich 
gleichsam im StofTe erstarrt ist, und dafi wir das, was in 
den Formen, in der gesetzmaftigen Wirksamkeit des Stoffes 
sich auspragt, hereinlassen, auffangen konnen in unserer 
Intelligenz, und dadurch in unserer Intelligenz eine Art 
Spiegelung des die Welt durchwebenden und durchwir- 
kenden Geistes haben. 

Wenn wir so den Geist im ganzen Weltall verfolgen 
und ihn jetzt vergleichen, wie er gleichsam in den toten 
Wesen des Daseins erstarrt ist, mit der Art, wie er uns 
im Tierreich entgegentritt, dann sagen wir uns: Sehen 
wir ein einzelnes tierisches Wesen an, so erscheint uns in 
ihm ein in sich geschlossenes Dasein, das in derselben Art 
schafFt wie der Geist, der ausgebreitet ist in Raum und 
Zeit. Wir konnen uns vorlaufig ein Gefuhl dafiir aneignen, 
warum die Menschen, welche die Grunde dafiir wufiten, 
diesen im Tier wirksamen Geist den «Astralleib» nannten. 
Sie richteten den Blick in die grofle Welt des Daseins, 
durch welche die Sterne in ihren Bahnen sich bewegen, 
die der Mensch durch seine Intelligenz begreift, und sagten 
sich: In der Gesetzmafiigkeit der ganzen Welt lebt der 
Geist, und wir sehen einen gewissen Abschlufi in einem 
einzelnen tierischen Organismus, sehen ihn in dem Raum, 
der durch die tierischeHaut begrenzt wird, eingeschlossen. - 



Was so im Tiere wirkt und gleichartig ist dem, was sidi 
sonst ausbreitet in Raum und Zeit, das bezeichneten sie 
im einzelnen tierischen Organismus als astralischen Leib. 

Ob nun ein dunkles Gefiihl, nur eine Ahnung die Ver- 
wandtschaft dessen fiihlt, was sich da im Tiere ausspricht, 
mit dem, was in Raum und Zeit ergossen ist, oder ob die 
auf Geisteswissenschaft beruhende strenge Forschung dies 
erkennt — zwischen diesem beiden ist ein weiter Weg. 
Aber das Gefiihl ist ein sidierer Fuhrer, und es zeigt 
manchem, bevor er in das Wesen der Geistesforschung 
eindringen kann, dafi es eine Wahrheit ist, was vom 
Geistesforscher gesagt wird. 

Wenn wir jetzt diesen Geist, den wir bewundern konnen 
in seinem Ergossensein in Raum und Zeit, betrachten, wie 
er wirkt im Tier, dann diirfen wir sagen: Wir sehen an 
dem Tier, wo wir es audi betrachten, wie aus seiner Organi- 
sation die geistige Wirksamkeit heraussprielk, die wir sonst 
herausholen miissen aus alien Gesetzen des Raum- und 
Zeitdaseins. Dazu braudien wir nicht absonderlidie Er- 
scheinungen zu betrachten, sondern dazu genugen die aller- 
nachstliegenden Erscheinungen. Der sinnigeMensch braucht 
nicht weit zu gehen, und er wird aus der tierischen Tatig- 
keit die geistige Wirksamkeit heraussprieften sehen, wie 
er sie sonst aufsuchen mufS in den Weiten des Daseins, 
Wenn er die Wespe das Wespennest aufbauen sieht, kann 
er sich sagen: Da sehe ich gleichsam Intelligenz aus der 
tierischen Organisation herausspriefien. Die Intelligenz, 
die ich draufien im Weltenall finde, wenn ich meine eigene 
Intelligenz auf die Gesetze des Daseins anwende, sehe ich 
in dem an der tierischen Organisation wirksamen Geist. 
Wenn der Mensch diesen in der tierischen Organisation 
wirksamen Geist betrachtet - gleichgultig wo er ihm ent- 
gegentritt — , dann kann er sich wahrhaft sagen: Zuweilen 



ist wirklich dieser in der tierischen Organisation wirksame 
Geist, diese Verinnerlichung des Geistes im Tier weit uber 
das hinaus, was der Mensch in bezug auf Intelligenz zu 
erschaffen vermag! Wir haben ein naheliegendes Beispiel 
schon ofter erwahnt. Wie lange hat der Mensch im .Ver- 
laufe seines geschichtlichen Daseins warten miissen, bis ihn 
die eigene Intelligenz dazu befahigte, Papier zu bereiten! 
Untersuchen wir die Krafte der Intelligenz, die der Mensch 
aufwenden und seinem eigenen Seelenleben einverleiben 
mufite, urn Papier bereiten zu konnen. Sie konnen in jeder 
Schulgeschichte nachlesen, was es fiir ein groftes Ereignis 
gewesen ist, daft der Mensch zur Papierbereitung aufstieg. 
Nun - die Wespe kann das schon seit Jahrtausenden! Denn 
das ist ganz dasselbe, was uns im "Wespennest entgegen- 
tritt, und was der Mensch als Papier herstellt. 

So sehen wir formlich, was der Mensch im Kampf 
urns Dasein aus seiner Intelligenz herausflieften laftt, in 
aller Lebendigkeit aus dem tierischen Organismus heraus- 
sprieften. Da man die Dinge gewohnlich am verkehrten 
Ende anfaftt, so hat man sich lange Zeit hindurch in der 
sonderbaren Redensart ergangen, ob das Tier intelligent 
oder nicht intelligent ist, - gar nicht darauf achtend, daft 
man den Punkt, worauf es eigentlich ankommt, verkannte. 
Denn die Frage kann nicht lauten, ob das Tier intelligent 
ist oder nicht, sondern ob das Tier in allem, was es zu- 
stande bringt, das entfaltet, was der Mensch nur durch 
seine Intelligenz kann. Dann wird man sich die Antwort 
geben, daft in dem Tier innerlich schaffende und waltende 
Intelligenz ist, die unmittelbar aus dem tierischen Leben 
heraus wirkt. Man wird sich dann ein Gefuhl aneignen 
von dem, was dem Geistesforscher in dem Astralleib als 
Wahrnehmung vorliegt und was er innerlich und aufier- 
lich im Tier wirksam sieht, indem die Intelligenz in dem 



Organismus selber schopferisch ist und aus ihm heraus 
schafTt. Denn der Geistesforscher spricht vom Astralleib, 
wenn solche Organe veranlagt sind, durch deren Tatig- 
keit etwas zustande kommt, was der Mensdi nur durch 
seine Intelligenz vollbringen kann. Und wir sehen auf 
die verschiedenen Tiere verteilt sozusagen dieses inner- 
liche geistige Wirken, sehen es in den Geschicklichkeiten der 
einzelnen Arten hervortreten. Die eine Tierart kann dieses, 
die andere jenes, was wir dann als eine Verschiedenartigkeit 
des Astralleibes bei den verschiedenen Tierarten ansehen. 

So sind wir sozusagen dabei, die individuelle Wirk- 
samkeit des Geistes in dem tierischen Organismus zu be- 
trachten. Dieses innerliche Wirken des Geistes in einem 
Organismus, dieses Sich-Erleben des Geistes in seiner Tatig- 
keit, das ist es, was wir als seelisches Erleben bezeichnen. 
Dieses seelische Erleben finden wir nun, wenn wir es 
vorurteiislos betrachten, in einer ganz verschiedenen Art 
beim Menschen und beim Tier ausgebildet. Man hat viel 
gesprochen und spricht heute noch von dem, was in dem 
Tier Instinkte sind, und was beim Menschen bewufite 
Tatigkeit ist. Man tate gut, wenn man sich in dieser Be- 
ziehung weniger an Worte hielte und mehr die Sache ins 
Auge fafite, wenn man mehr darauf einginge, das Wesen 
der Instinkte zu verstehen. Vor allem zeigt die Betrach- 
tung, die wir jetzt gepflogen haben, dafi die Instinkte 
etwas sein konnen, was weit der Intelligenz des Menschen 
voraus sein kann, und da£ wir die Qualitat, die hervor- 
gebracht wird, durchaus nicht auf das Wort Instinkt be- 
ziehen diirfen. Der Mensch fragt so leicht - man mochte 
sagen in seinem universellen Hochmut: Was habe ich vor 
den Tieren voraus? Vielleicht konnte er audi, wenn er 
wollte, einmal fragen: Worin bin ich hinter den Tieren 
zuriickgeblieben? Da konnte er finden, dafi er vor allem 



hinter den Tieren in vielen, vielen Verriditungen und Ge- 
schicklichkeiten zuriickgeblieben ist, welche wir beim Tier 
einfach vorfinden, die der Mensdi aber, wenn er sie in 
bezug auf sich selber ausbilden will, sich erst aneignen, 
erst erlernen mufi. 

Der Mensch, das ist oft gesagt worden, kommt hilflos 
durch die Geburt ins Dasein. Das Tier kommt so auf die 
Welt, dafi die Natur ihm aus dem Innern herausstrotzt 
und dafi es als vererbtes Kapital mitbringt, was ihm das 
Leben so, wie es leben soli, moglich macht. Gewifi, wir 
wollen nidit verkennen, dafi das Tier audi erst mandies 
wird lernen mussen, dafi das Kiichlein zwar gleich pidkt, 
aber nicht gleich unterscheiden kann zwischen dem, was 
geniefibar ist oder nicht, was verdaubar ist oder nicht. 
Aber das ist so nur kurze Zeit. Darauf kommt es jedoch 
an, dafi gewisse tierische Fahigkeiten so auftreten, dafi wir 
deutlich sehen, sie liegen in der ganzen Vererbungslinie, 
sind wirklich angeboren und kommen zu ihrer Zeit heraus. 
Dafi irgendeine Fahigkeit erst zu einer bestimmten Zeit 
auftritt, ist kein Beweis dafiir, dafi sie eine anerzogene 
ist und etwa erst erlernt werden mufite. Die ganze tierische 
und audi pflanzliche Organisation zeigt, dafi etwas, was in 
der Vererbungslinie liegt, erst auftreten kann, lange nach- 
dem die Organisation des betreffenden Wesens schon da 
ist. Geradeso wie der Mensch die Fahigkeit, die zweiten 
Zahne zu bekommen, audi nicht erst erwirbt - er hat sie, 
wenn audi die zweiten Zahne erst spater auftreten so 
treten gewisse Geschicklichkeiten und Fahigkeiten beim 
Tier audi erst spater auf, die aber dodi in die Vererbung 
gehoren. Betrachten wir als ein Beispiel dafiir den Ein- 
siedlerkrebs. Er zeigt die Eigentumlichkeit, wenn er eine 
Weile gelebt hat, dafi er dazu getrieben wird, ein Schnecken- 
haus aufzusuchen, weil sein Hinterleib zu weich ist und sich 



so nicht halten kann. Dieses Aufsuchen eines Schnecken- 
hauses, urn einen Schutz fiir seinen Hinterleib zu haben, 
geschieht in einem bestimmten Zeitpunkt aus Selbsterhal- 
tungstrieb, tritt aber da mit Sicherheit auf, das heiik, es ist 
seiner Organisation eingeboren. So mussen wir sagen, dafi 
wir den Umkreis des tierisdien Lebens in weitestem Mafie 
in dem Augenblick umrissen sehen, wo das Tier ins Dasein 
tritt, und dafi die Art, wie sich das Tier weiterentwickelt, 
mit dem Augenblick seiner Geburt gegeben ist und dann 
sich ausgestaltet. In diesem Ausgestalten erkennen wir die 
Wirksamkeit des Geistes an, und in dem Dabeisein des 
Tieres bei diesem Ausgestalten erkennen wir das seelische 
Leben des Tieres. 

Man konnte, wenn man wollte und das Wort nicht mift- 
verstiinde, das seelische Leben des Tieres nennen ein «Ge- 
niefien des Geistes innerhalb des Organismus». Man wird 
im grofien Umf ange zurechtkommen, wenn man an diesem 
Begriffe festhalt,um das seelische Leben zu charakterisieren. 
Dann aber wird man sehen - und wir wollen vorlaufig bei 
den hoheren Tieren bleiben dafi dieses Erleben der geisti- 
gen Wirksamkeit, dieses seelische Erleben des Tieres in 
einem hohen Mafie sich innerlich erschopft, dafi es sozu- 
sagen sich innerlich auslebt. Ja, seelisches Erleben des Tieres 
liegt in dem Haben seiner Organe, in dem Begehren seiner 
Organe, namentlich in der Tatigkeit dieser Organe, die auf 
das innere Leben gerichtet ist. Eine Ahnung davon, was 
sich allerdings erst im vollen Umf ange derGeistesforschung 
ergibt, wie das Tier sozusagen die Arbeit des Geistes in sich 
selber geniefit, kann der bekommen, der den Blick auf ein 
in der Verdauung begriffenes Tier richtet. Ein Tier, das 
verdaut, also die innere Tatigkeit des Geistes in sich erlebt, 
fuhlt darin sein besonderes Wohlbehagen. Das ist seelisches 
Erleben der inneren LeibUchkeit, in der der Geist unmittel- 



bar wirkt. Und in dieser Weise ist das seelische Erleben an 
die LeibKchkeit durdi dieTierreiche in einer gewissen Weise 
gebunden. Es ist sogar reizvoll, mochte man sagen, eine 
Herde Binder zu betrachten, unmittelbar nadidem sie ge- 
weidet hat und sich nun hinlagert und verdaut, und wenn 
man dann das seelische Leben beobachten kann, das in 
jedem Tiere vorgeht. Erhoht ist das sogar noch bei den- 
jenigen Tieren vorhanden, die in eine Art Verdauungs- 
schlaf versinken. Dann erleben sie die Wirksamkek des 
Geistes in den Organen. 

Aber die Wirksamkek des Geistes ist beim Tier noch eng 
gebunden an die Organisation. Das Tier hat, indem der 
Geist eine gewisse Summe von Organen auf gebaut hat, die- 
sen Geist zur Darstellung zu bringen, wie er in den Orga- 
nen gewirkt hat, wie er sich in den Organen darlebt; es hat 
keine Moglichkeit, hinauszugehen iiber das Mafi dieses Gei- 
stes, wie er sich in den Organen darlebt. Wenn man die 
aufieren seelischen Lebensfunktionen, die au£eren Lebens- 
vorgange des Tieres bei dieser oder jener Tiergattung be- 
trachtet, wird man sehen, wie eng an die Organisation des 
Tieres, also an das, was der Geist an dem Tier gemacht hat, 
die seelischen Aufierungen gebunden sind. Beobachtet man 
einmal, unter welchen Umstanden ein Tier Furcht zeigt, so 
kann man sagen: Wo es Furcht zeigt, hat es diese eben 
wegen seiner besonderen Organisation. Und ebenso wenn 
ein Tier einen Diebessinn zeigt, kann man sagen: es zeigt 
ihn wegen seiner Organisation. 

Was hier geisteswissenschaftlich angefuhrt ist, das finden 
Sie schon zusammengestellt in dem Schriftchen des um 
die Erforschung der Tierseele verdienstvollen Schriflstellers 
Zell: «Ist das Tier unvernunftig?» Wenn audi das kleine 
Schriftchen von einem anderen Gesichtspunkt aus geschrie- 
ben ist, so ist es doch gut, um Beispiele zu geben, wie das 



seelisdie Erleben des Tieres an die Organisation gebunden 
ist, und es kann geradezu ein Beleg fur das sein, was die 
Geistesforschung von einer ganz anderen Seite herzuholen 
hat. Deshalb zeigt sich uns das seelisdie Leben des Tieres 
bei den verschiedenen Tieren in der versdiiedensten Art 
abgestuft, weil sich der Geist in seinen besonderen Arten 
seine Organe geschafFen hat. Aber wir sehen, dafi das gei- 
stige Schaffen, also das, was wir im Astralleib verankert 
finden, sich erschopft in Organbildungen, in dem, was die 
Tiere unmittelbar auf die Welt bringen. In dem Art- 
gemafien hat es sich erschopft. Das Tier bringt, was es kann 
und was es das Dasein erleben lafit, mit auf die Welt. Es 
kann wenig dariiber hinausgehen. Damit zeigt es zugleich, 
dafi sich der Geist in der Organbildung des Tieres erschopft, 
sich ausgegossen hat. In der Organbildung liegt uns aber 
die Art des Tieres vor. Daher konnen wir die Frage: Was 
erlebt, was geniefk das Tier seelisch? dahin beantworten: 
Von der Geburt bis zum Tode erlebt es seine Art. Es erlebt 
dasjenige an seinem eigenen Organismus seelisch, was ihm 
der Geist mit in das Dasein gegeben hat. 

Einer, der viel, viel nachgedacht hat uber das Leben der 
Tiere und des Menschen, und der aus einem tiefen Bewufit- 
sein heraus gesprochen hat, namlich Goethe, hat das schone 
Wort gepragt: «Die Tiere werden durch ihre Organe be- 
lehrt, sagten die Alten; ich setze hinzu: die Menschen 
gleichfalls, sie haben jedoch den Vorzug, ihre Organe da- 
gegen wieder zu belehren.» 

Damit ist ein ungeheuer tiefes Wort gesprochen. Was 
kann ein Tier im Leben? Was seine Organe ihm moglich 
machen, das kann ein Tier. Und so angstigt sich ein Tier, ist 
mutig oder feige, raubsuchtig oder sanftmiitig, wie sich der 
Geist in seine Organisation ergossen hat. Es spiegelt sich in 
dem seelischen Erleben des Tieres das Schaffen des Geistes 



in den Organen. Damit aber ist das seelische Erleben des 
Tieres audi eingeschlossen in seine Gattung, es kann nicht 
heraus aus der Gattung, aus der Art, es geniefit sich als 
Gattung, als Art. 

Stellen wir das seelische Leben des Menschen dagegen. 
Dieses seelische Leben oder, wir konnten besser sagen dieses 
seelische Erleben des Menschen, wie es sich in des Menschen 
Wollen, Fiihlen und Denken darlebt, wie es sich in des 
Menschen Begehrungen, Interessen, in seiner Intelligenz 
darlebt, ist etwas, was in dem Augenblick, wo der Mensch 
durch die Geburt ins Dasein tritt, nicht durch das gegeben 
ist, was er durch die Vererbung hat, es ist etwas, was der 
Mensch auch selber nicht durch die Vererbung an seine 
Nachkommen abgeben kann. Auf den letzteren Umstand 
wird eigentlich viel zu wenig gesehen. Aber es ist eine ganz 
unendlich wichtige Tatsache, die eigentlich aller Betrach- 
tung des Lebens zugrunde liegen sollte, und die man etwa 
in folgender Weise ausdriicken kann. In dem Moment, wo 
ein tierisches, ein menschliches Wesen die Fahigkeit erlangt 
hat, seinesgleichen hervorzubringen, da ist in ihm das, was 
wir vorhin den Atherleib genannt haben, bis zu einem ge- 
wissen Punkte abgeschlossen. Dieser Atherleib tragt die 
Fahigkeit in sich, das, was er in sich hat, auf die Nachkom- 
men zu vererben. Entwickelt sich nun der Mensch ttber die- 
sen Zeitpunkt hinaus, wachst er dariiber hinaus, so kann er 
das, was noch zu entwickelnde Fahigkeiten iiber diesen 
Zeitpunkt bleiben, nicht vererben. Das ist eine Selbstver- 
standlichkeit. Der Mensch mufi in dem Augenblick, wo er 
geschlechtsreif ist, alle dieFahigkeiten an sich haben, welche 
die Vererbbarkeit bedingen. Also kann er die Fahigkeiten, 
die iiber den Zeitpunkt der Geschlechtsreife hinaus ent- 
wickelbare Fahigkeiten bleiben, nicht als solches haben, was 
in den Atherleib zunicktritt, was vererbbar ist. Das ist 



eine Kapitalwahrheit, die durchaus beriicksichtigt werden 

Das ist ja gerade das Bedeutsame in der Betrachtung des 
Menschenlebens, dafi der Mensch von der Geburt bis zum 
Tode fahig ist, neue Sprachen zu lernen, und dafi es eben- 
f alls etwas so Bedeutsames ist, was bier audi sdion erwahnt 
worden ist, dafi der Mensch, wenn er auf einer fernen, ein- 
samen Insel aufwachsen wiirde, iiberhaupt sich nicht ent- 
wickeln konnte. Ebenso steht es mit der Fahigkeit der Be- 
griffsbildung und der Entwickelung der Ich-Vorstellung. 
Das sind Dinge, die mit der Vererbung nichts zu tun haben, 
die der Mensch aber auch nicht an die Vererbung abgeben 
kann, weil sie nicht zur Art und Gattung gehoren. Was 
nicht zum Vererbbaren gehort, was Entwickelungsfahig- 
keiten bleiben uber die Vererbung hinaus, mit dem hat der 
Mensch etwas, was nicht in seiner Art, in der Gattung be- 
dingt ist, sondern das der Individuality angehort. Und ge- 
rade in der Fahigkeit der Sprache, in der Moglichkeit der 
Begriffsbildung und in dem Erleben der Ich-Vorstellung 
liegt das, was sich der Mensch so in die Welt hereinbringt, 
dafi er durch dieses - umgekehrt - wieder seine Organe be- 
lehren und praparieren mufi, dafi er sie darin belehrt, was 
sie noch nicht mitbekommen haben, was sie aber haben 
sollen. 

Das ist eine Auseinandersetzung des Menschen mit dem 
Geiste aufierhalb dessen, was Vererbung sein kann. Das ist 
eine Auseinandersetzung in einer solchen Weise, dafi die 
Erfolge dieser Auseinandersetzung nicht vererbbar sind, 
nicht in die Eigenschaften, die in der Vererbungslinie lie- 
gen, auf genommen werden konnen.Der Mensch entwickelt 
etwas, was nicht in das Gattungsmaftige einfliefien kann, 
was dem Gattungsmafiigen enthoben ist. Insofern der 
Mensch ein Gattungswesen ist, hat er alle Fahigkeiten, die 



ihm als Gattungswesen zukommen, geradeso vererbt, wie 
sie das Tier vererbt hat. Nur vererbt man ihm nicht soviel 
Geschicklichkeit, nicht soviel Geist, wie man dem Tier ver- 
erbt; sondern man lafit noch etwas iibrig, was er sich als 
Individuality t aneignen kann. Und das Leben des Geistes 
in bezug auf die nicht vererbbaren Eigenschaften ist das 
iiber das Tier hinausgehende menschliche seelische Erleben. 
Indem der Mensch die Produkte seiner Arbeit und Tatig- 
keit geniefk, insofern sie durch nicht vererbbare Eigen- 
schaften im Leben erworben werden, entwickelt er ein see- 
lisches Leben, das iiber das tierische Leben hinausgeht. 

So tritt der Mensch ungeschickter ins Dasein als das Tier. 
Der Mensch ist ungeschickter, da das Tier jene Auseinan- 
dersetzung, welche der Mensch erst nach der Geburt mit 
dem Geiste zu pflegen hat, schon vorher gehabt hat und 
fertig geworden ist. So geniefit das Tier in seinem seelischen 
Erleben dasjenige, was ihm vererbt werden kann; das heifk, 
das seelische Leben des Tieres weist auf die Vergangenheit 
hin. Und in dem Augenblick, wo wir das seelische Erleben 
des Tieres in den Tod sinken sehen, sehen wir das, was das 
Tier von sich als Gattung erleben kann, mit in den Tod 
versinken. Alles, was am Tier individuell ist, indem es 
Seelisches erlebt, erlebt es als etwas, was es iiberkommen 
hat, was ihm von der Vergangenheit zugekommen ist. Es 
erschopft im Leben das seelische Leben. Und es ist kein An- 
haltspunkt da fur eine Unsterblichkeit. Dagegen sehen wir, 
was das Tier seelisch erlebt, immer wieder und wieder im 
Gattungsleben weiterleben. Daher sprechen wir beim Tier, 
wenn wir geisteswissenschaftlich sprechen, von einer Gat- 
tungsseele, die in der Gattung stets von neuem aufersteht, 
in der Gattung stets weiterlebt.Und niemand, der in klaren 
Begriffen leben will, kann verkennen, welche Berechtigung 
dieser Satz hat. Was der Geist in der tierischen Art und 



Gattung schafft, das sehen wir in der einzelnen tierischen 
Individuality erlebt werden. Wir sehen aber audi, dafi die- 
ses Erleben auf das Vergangene hinweist und dafi es in dem 
Augenblick, wo das Vergangene erschopft ist, wo das see- 
lische Erleben sich dem Tod zuneigt, zu Ende geben mufi, 
daft die Abendrote damit beginnt. 

Anders ist es, wenn wir unbefangen das menschliche 
seelische Leben betrachten. Da sehen wir in dem Sinne, wie 
es vorhin charakterisiert worden ist, dafi der Mensch, in- 
dem er mit der Geburt ins Dasein tritt, etwas miterhalt, 
was sich noch nicht in seinen Organen erschopft hat. Wir 
sehen, wie er weiter an seinen Organen arbeitet, wie er 
wirklich seine Organe belehrt. Daran sehen wir aber, dafi 
der Mensch in einer unmittelbaren Weise im individuellen 
Leben mit dem Geist in Wechselwirkung steht. Der Mensch 
erlebt seelisch nicht nur das, was ihm sozusagen von der 
Vergangenheit iiberliefert ist, sondern audi dasjenige, was 
ihm im Leben entgegentritt, was von aufien an ihn heran- 
tritt, was unmittelbar als Geist sich ihm darstellt. 

So zerfallt des Menschen seelisches Leben in zwei genau 
voneinander zu trennende Glieder: einmal in das, was er 
als Seelisches so wie ein Tier erlebt. Was er von der Art, der 
Menschen- Art, mitbekommen hat, das lebt er als ein Wesen 
der Vergangenheit aus, das dem Tode entgegengeht, wo 
sich der Geist aus den Organen zuruckzieht, wo die Organe 
zu verholzen, zu verdorren beginnen. Was aber eigene Aus- 
einandersetzung ist mit dem Geist, das gehort nicht den 
Organen, das ist etwas, was der Mensch unabhangig von 
den Organen in seinen Atherleib aufgenommen hat. Das ist 
daher etwas, was nicht in die Vergangenheit, die vererbt 
ist, den Menschen hineinverweist, sondern was unmittel- 
barer Same fur das Weiterleben ist. In dem Mafie, als wir 
sehen, dafi des Menschen Innerlichkeit sich von den Orga- 



nen losreifk, das heifit individuell wird, in dem Ma£e kon- 
nen wir Iogisch davon sprechen, dafi wir das Unsterblidie 
des Menschen seelisch sich herauskristallisieren sehen aus 
dem leiblichen Leben. So lernen wir fuhlen, dafi dieses ge- 
rade im Menschen wachst, wahrend er in bezug auf das 
Vererbte das Vergangene seelisch erlebt.So wachst im Men- 
schen etwas der Zukunft entgegen, von dem wir sagen miis- 
sen, dafi es nicht in die Vererbungslinie aufgenommen wer- 
den kann. Das zeigt sich aber auch, wenn wir unbefangen 
das seelische Leben bei Mensch und Tier beobachten. 

Sehen wir nur einmal, wie das seelische Erleben beim 
Tier eng an die Organisation gebunden ist, wie eng die Ge- 
schicklichkeit eines Tieres, das ganze Erleben des Tieres an 
seine Organe und an die vererbten Merkmale gebunden 
ist. So recht konnen wir das seelische Leben des Tieres nur 
betrachten, wenn wir es im Selbstgenufi seiner Leiblich- 
keit belauschen. Das ist das Wesentliche. Wir merken das 
Wesentliche eines Tieres sehr wenig,wenn wirdarauf sehen, 
wie es sich an der Aufienwelt freut, wohl aber dann, wenn 
wir beobachten, wie es seine eigene Verdauung erlebt. Man 
mufl innerhalb der Grenzen seiner Organe stehenbleiben, 
wenn man das Hochste des seelischen Erlebens beim Tier 
haben will. Das Tier erschopft sich geradezu innerhalb sei- 
ner Organisation in seinem seelischen Erleben, und was es 
nach aufien noch ubrig hat, ist doch fur das Tier nur inso- 
fern bedeutsam, als es sich im inneren Seelischen des Tieres 
ausleben kann. Gewifi, es ist vorauszusetzen und zu sagen 
und durch die Geistesforschung auch zu dokumentieren, 
dafi der Adler seelisches Erleben an der Hohe hat, in der er 
sein Dasein hat. Aber er hat es in der Betatigung, in dem, 
was in seinen Organen lebt, was innerhalb seiner Organe 
zumAusdruck kommt. Beim Menschen lost sich das seelische 
Erleben von dem innerlichen Geniefien los, von dem inner- 



lichen Sich-Erleben. Das mufi der Mensch, wenn man so 
sagen darf, audi biifien. Beim Tier ist eine gewisse Instinkt- 
sidierheit vorhanden, das Tier weifi, welcheNahrungsmittel 
ihm schaden, welche ihm niitzen. Das Tier verdirbt sich viel 
weniger, als es durch den Menschen verdorben wird. Es 
wird hochstens verdorben, wenn der Mensch die Tiere in 
Kafigen zusammenhalt. Aber in der freien Natur, wenn 
das Tier dem folgt, was seiner Organisation eingeboren ist, 
entfaltet es eine grofie Instinktsicherheit, weil es mit seinen 
Organen verbunden bleibt. Der Mensch dagegen lost sich 
von seinen Organen los. Die Folge davon ist, dafi er jetzt 
nicht mehr unmittelbar dem folgen kann, was fur ihn gut 
oder schlecht ist. Er wird unsicher. Und wahrend die Tiere 
Leidenschaften zeigen, welche mit den Organen zusammen- 
f alien, zeigt der Mensch Leidenschaften, die vielleicht sehr 
viel verwiistender sind und gar nicht mit seinen Organen 
zusammenfallen. Wahrend die Spinne mit Sicherheit ihr 
Netz baut und es unsinnig ware, ihr von Logik zu reden, 
mufi sich der Mensch gar sehr bedenken, wenn er seine Bau- 
ten zusammenfugensoll.Da kann er sehr irren. Das seelische 
Leben des Menschen hat sich losgelost, hat sich von der 
Leiblichkeit emanzipiert. Das mufi der Mensch aber auch 
biifien. 

Dagegen kann sich der Mensch aber auch wieder nach der 
anderen Seite mit dem Geist verbinden und in die Seele 
aufnehmen, was ihm der Geist vermittelt.Er ist fahig, Geist 
aufzunehmen, ohne dafi dieser sich erst durch die Organe, 
durch die Leiblichkeit ergiefien mufi, wahrend das Tier dar- 
auf angewiesen ist, wie sich der Geist in die Organe ergiefit. 
Das Tier erlebt in sich den Geist, wie er in die Organe ein- 
flielk. Der Mensch dagegen reifit seine Organe von dem 
Seelischen los und erlebt unmittelbar das Einfliefien des 
Geistes in seine Seele. 



Diese Dinge sind, wenn man wirklich hinter die Bedeu- 
tung des Geistes gekommen ist und hinter die Art, wie sidi 
der Geist in der Seele auslebt, von einer unendlichen Be- 
deutung.Eine vollstandigeKlarheit wird sich uns erst heute 
iiber adit Tage bei dem Vortrag «Menschengeist und Tier- 
geist» ergeben. Aber gerade wenn wir das Seelische, das 
Innere betrachten,bekommenwir einGeiuhl fur denUnter- 
schied zwischen Mensch und Tier, wenn wir gegeniiberstel- 
len die leibliche Inner lichkeit der tierisdien Seele der leib- 
lichen Aufierlichkeit der menschlichen Seele. Dafiir kann 
die menschliche Seele geistig innerlkher werden. DaiS sie 
sidi freuen kann an den Dingen der Aufienwelt, dafi sie 
dringen kann zu dem, was aufierlich erscheint, was als Geist 
zu der Seele spricht, das verdankt der Mensch allerdings 
dem Umstande, dafi sich seine Seele von der Leiblichkeit 
emanzipiert hat, sich von dem innerlichen Erleben des Gei- 
stes getrennt hat - und die Sicherheit, den Geist selbst zu 
erleben, sich mit einer Unsicherheit und Ungeschicklichkeit, 
ja Unvollendetheit in den Instinkten erkauft hat. 

Es ist ziemlich leicht, zu sagen: Wie kann man iiberhaupt 
von einer tierischen Seele reden, da «Seele» den BegrifiF der 
Innerlichkeit in sich schlieftt, und da im Grunde genommen 
in das Innere eines anderen Wesens der Mensch zunachst 
nicht hineinschauen kann? Auf diesen leichtfufiigen Ein- 
wand stiitzen sich ja gerade die, welche es iiberhaupt ver- 
bieten wollen, iiber seelisches Erleben zu sprechen, weil 
seelisches Erleben nur in uns erlebt werden kann und daher 
im Grunde genommen bei anderen Wesen nur durch Ana- 
logic erschlossen werden kann. Aber wenn man nicht in 
ganz abstrakter Weise solche Dinge hinspricht, sondern die 
Dinge nimmt, wie sie sind, dann mufi man sagen: Wie sich 
ein Wesen darlebt, darin zeigt es, was es unmittelbar inner- 
lich erlebt. Und wer nicht glauben will, dafi sich ein Wesen 



unmittelbar darlebt nach dem, was es innerlich erlebt, der 
wird iiberhaupt fur eine Weltbetrachtung taub sein. Wir 
haben ja gewifi in der unmittelbaren Beobachtung keine 
redite Garantie, wenn wir riicht nadiweisen — was nodi ge- 
schehen soil, um zu zeigen, wie man geisteswissenschaftlich 
die Saclien dokumentieren soli dafi das Tier wirklich 
etwas Innerlich-Seelisches erlebt, wenn es in der Verdauung 
behaglich sich darlebt. Aber wer die Dinge in der Welt ver- 
gleicht und nicht nur eine Sadie betrachtet, der wird schon 
sehen, dafi recht viel Griinde vorhanden sind, um in dieser 
Weise iiber das Innere zu sprechen. Und wenn man sich 
dann ein Gefuhl von dem Unterschied des seelischen Er- 
lebens im Tier und im Menschen verschafft hat, so wird 
man audi sein Fiihlen und sein Empfinden iiber das See- 
lische des Tieres in einer richtigen Weise ausdehnen konnen. 
Man wird dann vor alien Dingen immer mehr und mehr 
ein Gefuhl dafiir erhalten, wie beim Menschen sich das 
Seelische emanzipiert von dem, was innerlich-leiblich er- 
lebter Geist ist. Der Geist ist es, der die Organe schafft, der 
in der Organisation wirkt und dieselbe so aufbaut, wie sie 
ist. Und wir sprechen vom Geist, der im Atherleib wirkt, 
wenn wir vom Aufbauen der Organe sprechen. Dieser Geist, 
der da innerlich erlebt wird, kann nun, wenn der Astralleib 
sich einschiebt in die Organisation, unter gewissen Voraus- 
setzungen in einer ganz besonderen Weise erlebt werden. 
Wenn wir das ernst nehmen konnen, was vorhin iiber den 
physischen Leib, Atherleib und Astralleib ausgesprochen 
wurde, so konnen wir uns sagen: Der physische Leib ist bei 
den Menschen und Tieren zunachst das unterste Glied ihrer 
Wesenheit. Der Atherleib ist der, welcher die chemischen 
und physischen Stoflfe so formt, dafi sie Lebensprozesse 
werden. Dadurch lebt der Atherleib in dem physischen 
Leibe darinnen, fafit in sich, umspannt die chemischen und 



physisdien Prozesse. In alledem lebt wieder der Astralleib 
und erlebt im Atherleib als seelisdies Erleben alles, was 
im Atherleib vorgeht. So ist also der Atherleib der 
Tatige, der SchafFende am physisdien Leib, und der Astral- 
leib ist der die Taten des Atherleibes seelisch erlebende 
Teil einer tierischen oder mensdilichen Wesenheit. So ist 
der physische Leib mit dem Atherleibe in dem Aufbauen 
der Organe verbunden - und der Atherleib ist verbunden 
mit dem Astralleib in dem innerlichen Erleben dieses 
Aufbauens und dieser Tatigkeit der Organe. So haben 
wir alles, was im physisdien Leib, Atherleib und Astralleib 
sich darstellt, in gegenseitigen Bezug zueinander zu stellen. 

Was ruft denn nun ein ganz besonderes seelisches Erleben 
hervor? Dasjenige, was sich bei Mensch und Tier iiber die 
gesamte innere Organisation ausgielk. Dieses besondere 
seelische Erleben konnen wir am besten dann fassen, wenn 
wir es in einem gewissen Zustand erfassen. Wer kennt denn 
nicht jene eigentumliche Art des seelischen Erlebens, die nur 
vorhanden ist, solange das Tier wachst, seine Organe ver- 
grofiert, und die aufhort, wenn das Wachstum abgeschlos- 
sen ist? Was sich da in dem Erleben ausdriickt von strotzen- 
der Kraft, das ist verbunden mit einem gewissen Arbeken 
des Atherleibes am physisdien Leib, und es ist der Ausdruck 
dafur, dafi dieses Arbeiten in gehoriger Weise vor sich geht. 
Was wir aber in diesem Zustande hervorheben konnen, 
das ist immer vorhanden als ein gewisses Wohlgefuhl der 
Seele, als ein Lebensgefuhl, als Behaglichkeit oder Un- 
behaglichkeit, und das kommt davon her, wie der Ather- 
leib bezwingt oder nicht bezwingt, machtig oder ohnmach- 
tig ist gegeniiber der physisdien Organisation. Ist er nicht 
imstande, sich wirklich in den physisdien Organen zur Gel- 
tung zu bringen, so kommt das in der astralischen Orga- 
nisation, in dem Unbehagen, zum Ausdruck. Wenn aber 



der Atherleib in seiner Tatigkeit iiberall an die physischen 
Organe herankann, wenn alles, was Tatigkeit werden soil, 
wirklidi mit Hilfe der physisdien Organe ausgefiihrt wer- 
den kann, dann ruft dies das weiteste Wohlgefuhl im Men- 
schen hervor. Man kann es im Feineren und im Groberen 
spuren. Wenn der Magen verdorben ist, was heifk das an- 
ders, als dafi der Atherleib eine Tatigkeit, die er sonst aus- 
fiihren soil, nicht ausfiihren kann? Das gibt sich dann in 
dem damit verbundenen Unbehagen kund. Oder nehmen 
wir an, es hat sich jemand mit seinem Denken so weit ab- 
gemiiht, dafi das Organ des Gehirns nicht mehr mit will. 
Der Atherleib kann dann wohl noch denken, aber das Ge- 
hirn kann nicht mehr mit. Da f angt das Denken an, Kopf- 
schmerzen zu machen. Und davon geht das Unbehagen aus 
im allgemeinen Lebensgefiihl. Das erfahrt seine besondere 
Steigerung, wenn der Teil, der vom Atherleib aufgebaut 
ist, eine vollige Storung erfahrt. Dann sagen wir: Uns ist, 
wie wenn die Haut, die vom Atherleib aufgebaut ist, sich 
nicht dehnen kann, wenn sie durch aufiere Hitze sich deh- 
nen will, oder: Es ist mir, als wenn ich einen brennenden 
Pf ahl daranhalte.Dann trifft der Atherleib auf einen Wider- 
stand eben auf. Der Atherleib, der vom aufieren Eindruck 
nicht verzehrt, nicht ergriffen wird, ist dann auf einen 
physischen Leib getroff en, zu dem er nicht paftt. Das driickt 
sich im astralischen Leib als Schmerzgefiihl aus. 

So haben wir den Schmerz im astralischen Leibe begrif- 
f en, indem wir ihn als den Ausdruck fur eine Ohnmacht des 
Atherleibes gegeniiber dem physischen Leib zu erfassen ver- 
stehen. Ein Atherleib, der mit seinem physischen Leib zu- 
rechtkommt, wirkt auf seinen Astralleib so zuriick, dafi in 
diesem Behagen gesundes inneres Erleben auftritt. Ein 
Atherleib, der dagegen nicht mit seinem physischen Leib 
zurechtkommt, wirkt so auf den Astralleib zuriick, dafi in 



demselben Schmerz und Unbehagen auftreten mufi. Jetzt 
werden wir einsehen konnen, wie gerade bei den hoheren 
Tieren - von den mederen Tieren werden wir besser das 
nachste Mai sprechen, weil da das seelische Erleben so innig 
an die Leiblichkeit gebunden ist - dieses seelische Erleben 
audi in die gestorte Leiblichkeit sich viel tiefer hineinleben 
wird, als es sich beim Menschen in die gestorte Leiblichkeit 
hineinleben kann. Weil sich das seelische Leben des Men- 
schen von dem inneren leiblichen Erleben so emanzipiert, 
deshalb ist beim Menschen ganz gewifi gegeniiber dem 
hoheren Tier der Schmerz, der durch die blofien leiblichen 
Verhaltnisse herbeigefiihrt wird, kein so peinigender und 
in der Seele fressender als beim Tier. Wir konnen das noch 
bei Kindern beobachten, wie leiblicher Schmerz noch ein 
viel grofierer seelischer Schmerz ist als in den spateren Jah- 
ren, weil der Mensch in dem Mafie, als er von der leib- 
lichen Organisation unabhangig wird, in den Eigenschaften 
seiner Seele, die ihm unmittelbar aus der Seele kommen 
miissen, audi die Mittel findet gegen den leiblichen Schmerz, 
wahrend das hohere Tier, das so eng an seine Leiblichkeit 
gebunden ist, audi mit alledem, was Schmerz bedeutet, in 
einem unendlich viel hoheren Mafie zusammenhangt als 
der Mensch. Das alles sind auf nichts basierende Redens- 
arten, welche davon sprechen, dafi beim Menschen ein 
Schmerz hoher sein konnte als beim Tier. Der Schmerz ist 
beim Tier ein viel tieferer und viel mehr seelenerfullend, 
als es beim rein leiblichen Schmerz fur den Menschen der 
Fall sein kann. 

So sehen wir, dafi sich der Mensch in der Erhebung iiber 
das Leibliche etwas herausholt in bezug auf das Tiefste sei- 
nes Wesens aus seiner Innerlichkeit selbst. Was sich der 
Mensch da herausholt, das bezeichnen wir als sein eigent- 
liches Ich. Was er nicht vererbt, was sich iiber den Verlauf 



des Gattungsmafiigen erhalten kann, was er durdi seine 
Individuality immer mehr ausbilden muft, nennen wir ge- 
bunden an sein Idi. Das ist es, was in das Menschendasein 
hineinkommen mufi - da es nicht durch die Vererbung ge- 
geben werden kann - als von der menschlichen Individua- 
litat kommend, was mit der Geburt aus den geistigen Rei- 
chen ins Dasein tritt, was nadh erfolgtem Tode dem Geisti- 
gen wieder zuruckgegeben wird. Wir reden deshalb von 
einem von Leben zu Leben durch immer wiederkehrendes 
Dasein gehenden menschlichen Wesenskern, weil wir ihn 
im unmittelbaren Dasein erfassen konnen, wenn wir das 
Leben nur vorurteilslos betrachten. 

Ich habe heute in einer Art versucht, aus der unmittel- 
baren Erfahrung her aus einen kleinen Hinweis auf das zu 
geben, was es begriindet, dafi man im Menschen von einer 
Wesenheit sprechen kann, die nicht vererbt ist, sondern die 
von ganz anderer Seite her in das Menschenleben eintritt, 
und die wieder, wenn der Mensch das, was in ihm vererbt 
ist, mit dem Tode aufgelost sieht, nach dem Tode in ein 
anderes, geistiges Dasein eintreten kann. Ich habe das in 
einer Weise heute gezeigt, wie es, wenn weitere Voraus- 
setzungen der Geisteswissenschaft gemacht worden sind, im 
Grunde genommen nicht mehr gezeigt zu werden braucht, 
weil die Geistesforschung auf der unmittelbaren Anschau- 
ung fufit und noch von ganz anderer Seite her die Beweise 
und Belege fiir das bringen kann, was heute aus dem un- 
mittelbaren Erleben des Alltags heraus veranschaulicht wer- 
den sollte. In der Geisteswissenschaft liegen aber auch die 
Moglichkeiten, die Erlebnisse des Alltags so zu gruppieren, 
in Beziehung zu bringen, dafi sie uns zeigen, was in dem 
Menschen eine auf die Beobachtung der Tatsachen gestiitzte 
HofFnung auf ein dauerndes, uber das leibliche Dasein hin- 
ausgehendes Leben der Seele begriinden kann. 



So sehen wir, wie eine Beobaditung des Daseins iiberall 
das erwahnte Goethe- Wort beweist. Das tierische seelische 
Erleben ist ein solches, das wir eingeschlossen sehen in den 
Kreis der tierischen Organe. Wir sehen iiberall die Organe 
als die Meister, die der Geist geformt hat, damit sich das 
Tier nach Mafigabe der Organe seelisch erleben und ihrer 
bedienen kann. Und wir sehen den Mensdien in bezug 
auf dasjenige hilflos ins Dasein treten, woriiber ihm 
seine Organe keine Richtung geben, was er aus dem 
Leben her aus seinem seelischen Erleben einpragen muE. 
Aber gerade in dem letzteren finden wir das, was des 
Mensdien Anwartschaft auf Unsterblichkeit bedeutet, was 
ewig ist, weil es nicht auf Vererbung zuriickgefuhrt werden 
kann. Das ist es, was Goethe meinte mit dem Satz: Das 
Tier werde durch seine Organe belehrt; der Mensch aber 
hatte den Vorzug, seine Organe wieder belehren zu konnen. 
Und wer in richtiger Weise diesen letzten Satz auffafit, dafi 
der Mensch im Verlaufe seines Daseins fahig ist, seine Or- 
gane wieder zuriickzubelehren, der wird sich sagen: In dem 
Umkreise des seelischen Lebens, wo sich darstellt, wie der 
Mensch seine Organe belehrt, zeigt sich die Verbindung, 
welche der Mensch mit dem Geiste eingeht, und die unauf- 
loslich sein mufi, weil sie sich nicht erschopft und aus der 
Vergangenheit kommt, sondern in die Zukunft hinweist 
und der Same fur sie ist, durch welche der Mensch wirklich 
erreichen kann, was in seinem seelischen Erleben innerlich 
bilden wird die Kraft, durch die er in stets neuen Leben den 
alten Tod besiegen kann. 



MENSCHENGEIST UND TIERGEIST 
Berlin, 17. November 1910 



Es wird mir gestattet sein, heute mit ein paar Worten an 
einige Ausfiihrungen des letzten Vortrags zu erinnern. Be- 
sonders wichtig sind uns ja die Anschauungen gewesen, die 
wir uns aus der unmittelbarenBeobachtung heraus iiber den 
Unterschied des menschlichen und tierischen Seelenlebens 
haben bilden konnen. Diesen Unterschied haben wir dahin 
angegeben, dafi wir uns klar waren, dafi das tierischeSeelen- 
leben nicht so von dem menschlidien unterschieden werden 
diirfe, dafi man sagt: Der Mensch ist so und so weit vor 
dem Tier voraus in bezug auf diese oder jene geistigen 
Eigenschaflen. Denn um eine solche Anschauung zu wider- 
legen, braucht man nur darauf hinzuweisen, wie gewisse 
Verrichtungen, die beim Menschen zweif ellos nur durch Er- 
ringung einer gewissen Intelligenzstufe zu erreichen sind, 
objektiv innerhalb der tierischen Welt im Bau der tierischen 
Wohnungen, im ganzen tierischen Leben ausgefuhrt wer- 
den, so dafi sozusagen in den Produkten, in der Hervor- 
bringung dessen, was das Tier tut, genau dieselbe intelli- 
gente Tatigkeit steckt wie in dem, was der Mensch als seine 
Werkzeuge, als seine Produkte hervorzubringen vermag. 
Man konnte wirklich sagen: In dem, was das Tier voll- 
bringt, fliefit hinein, erstarrt darinnen dieselbe Intelligenz, 
die wir dann auch beim Menschen finden. Deshalb diirfen 
wir nicht einfach in der Art von Tierseele und Menschen- 
seele sprechen, dafi wir sagen, das Tier ware so und so weit 



hinter dem Menschen zuruck - der Mensdi so und so weit 
vor dem Tier voraus. 

Insoweit wir von Seele gesprochen haben - wir bezeich- 
nen im Gegensatz zu dem Geistesleben, das wir vorzugs- 
weise in der Formung, in der Ausgestaltung sehen, das 
seelische Leben als das Leben der Innerlichkeit haben wir 
uns darauf berufen, dafi wir in dem tierischen Seelenleben 
ein enges Gebundensein an die Organisation des Tieres ge- 
sehen haben, und dafi das, was das Tier in seinem Seeli- 
schen erleben kann,uns vorherbestimmt erscheint durdi den 
ganzen Bau und die ganze Fiigung seiner Organe. Deshalb 
mufiten wir sagen: Dieses tierische Seelenleben ist durch die 
Art und Weise bestimmt, wie das Tier organisiert ist, und 
das Tier lebt in seinem Seelenleben gleichsam in sich selbst 
hinein.Dasaber ist dasWesentlichedesmenschlichenSeelen- 
lebens, dafi die Seele des Menschen sich von dem unmittel- 
baren Organismus bis zu einem hohen Grade eman- 
zipiert und gewissermafien - bitte das nicht mifizuver- 
stehen, es ist nur relativ gemeint — unabhangig von der 
leiblichen Organisation den Geist als solchen, wie wir ihn 
verstanden haben, erlebt, das heifit unmittelbar in der 
Lage ist, sich dem Geist hinzugeben. 

Wenn wir nun aufsteigen zur Betrachtung des mensch- 
lichen und tierischen Geistes, so miissen wir vor alien Din- 
gen von diesen BegrifTen und Ideen ausgehen, die wir an 
der Betrachtung der menschlichen und tierischen Seele ent- 
wickelt haben und uns ein wenig intimer mit einer Erschei- 
nung befassen, die aus alledem hervorgeht, was das vorige 
Mai gesagt worden ist. Das Tier hat alle seine geistigen 
Verrichtungen, die ja unmittelbar an seine Organe gebun- 
den sind und in seiner Seele erlebt werden, hineingelegt, 
gebunden an das, was sich im Tier gattungsmafiig vererbt. 
Wir konnen also sagen: In dem tierischen Seelenleben lebt 



sidi das Gattungsmafiige aus, und weil dies vererbbar ist, 
tritt sozusagen das Tier mit der Geburt so in die Erschei- 
nung, dafi alle durch den Geist bedingten Verrichtungen, 
die durch das Seelische erlebt werden konnen, veranlagt 
sind. Dadurdi tritt das Tier gewissermafien fertig ins Da- 
sein und vererbt die Merkmale, die wir als einen Ausflufi 
des tierischen Geistes bezeichnen konnen, audi wieder gat- 
tungsmafiig auf die Nachkommen. Anders ist es beim Men- 
schen, der sidi in bezug auf das seelische Leben von der 
leiblichen Organisation emanzipiert. Weil diese aber natiir- 
lich in die Vererbungslinie ubergeht, so tritt er in einer ge- 
wissen Beziehung hilflos ins Dasein hinein gegemiber den- 
jenigen Verrichtungen, die ihm im Leben dienen sollen. Auf 
der andern Seite aber macht diese Hilflosigkeit erst mog- 
lich, was man seelisch-geistige Entwickeiung nennen kann. 
So finden wir als das Gewichtigste fur den Menschen, wenn 
er durch die Geburt ins Dasein tritt, dafi off en stehen bleibt, 
was von aufien bestimmt ist. Damit haben wir darauf hin- 
gewiesen, wie wir uns uberhaupt die Beziehung des Geistes 
zu der Leiblichkeit - zwischen Geist und Leiblichkeit steht 
das Seelische darinnen - bei Tier und Mensch zu denken 
haben. In dem, wie uns das Tier gattungsmafiig vor Augen 
tritt und seine Instinkte nach und nach im Leben auslebt, 
haben wir eine unmittelbare Betatigung des Geistes in der 
organischen Leiblichkeit zu sehen.Es ist gleichsam der orga- 
nische Leib, in dem sich das Tier seelisch erlebt, der in die 
Wirklichkeit getretene Geist. Ein unmittelbares Verhaltnis 
zwischen Geist und Leib ist beim Tier vorhanden. Wenn 
wir den Blick auf das Tier richten, es studieren, ob nun 
oberflachlich mit der Laienbeobachtung oder genauer mit 
dem, was uns die vergleichende Anatomie und Physiologie 
oder andere Wissenschaften bieten konnen: uberall sehen 
wir sozusagen den in den tierischen Formen, in den tieri- 



schen Lebensverhaltnissen geronnenen Geist, der sich aus- 
lebt in dieserWeise in der einzelnen Tier gattung. Die aufiere 
Form und das auftere Leben ebenso ist uns unmittelbar ein 
Abdruck dessen, was wir den dem Tiere zugrunde liegen- 
den Geist nennen, so dafi wir die engsteBeziehung zwischen 
demGeiste und derLeiblichkeit beim Tiere zu suchen haben. 

Das ist ganz anders beim Menschen. Es ist aufterordent- 
lich wichtig, wenn man auf das Wichtige im Unterschiede 
zwischen Mensch und Tier aufmerksam zu machen hat, dafi 
man sozusagen nicht die Dinge weit herholt. Das Wich- 
tigste liegt nahe genug, wenn es sich darum handelt, die 
Dinge in der richtigen Weise anzusehen, als dafi man mit 
alien moglichen intimen Einzelheiten der Forschung zu 
kommen brauchte. Wenn wir den Menschen betrachten, fin- 
den wir, dafi sich zwischen den Geist und die Leiblichkeit 
etwas hineinstellt, das beim Tier nicht hineingestellt ge- 
dacht werden darf . Und das ist das Wesentliche. Gleichsam 
unmittelbar wirkt sich der Geist in der tierischen Form 
und Organisation aus. Beim Menschen wirkt er sich nicht 
unmittelbar aus, sondern es schiebt sich ein Zwischenglied 
hinein, das wir im unmiteibaren Leben sehr genau beobach- 
ten konnen. Wie uns der Mensch rein in der Beobachtung 
entgegentritt, druckt sich dieses Zwischenglied, das gleich- 
sam die losere Beziehung zwischen Geist und Leiblichkeit 
vermittelt, in dem aus, was wir beim Menschen das selbst- 
bewulke Ich nennen. Ich will jetzt noch nicht darauf Riick- 
sicht nehmen, wie sich dieses selbstbewulke Ich wieder in 
der Leiblichkeit gestaltet, sondern ich will nur sagen: Wie 
uns der Mensch in der Beobachtung entgegentritt, wie uns 
seine seelischen Erscheinungen entgegentreten, steht zwi- 
schen Geist und Leiblichkeit dieses selbstbewulke Ich. Ge- 
wi£, es ist wieder kinderleicht, vom Standpunkt einer 
Wissenschaft, die glaubt, auf dem festen Boden der Natur- 



wissenschaft zu stehen, blofi gegen den Ausdruck «selbst- 
bewufites Idi» etwas einzuwenden. Aber wir wollen jetzt 
die Art verfolgen, wie sidi dieses selbstbewuftte Ich zwi- 
schen Geist und Leiblichkeit hineinstellt. 

Da finden wir vor alien Dingen - wir haben sdion das 
letzte Mai darauf aufmerksam gemacht - daft der Mensch 
angewiesen ist auf das Leben in seiner Umgebung, in der 
Aufienwelt in bezug auf die Aneignung der Spradie, die 
Aneigmmg der Denkweise und audi in bezug auf die An- 
eignung eines gewissen Selbstbewufttseins. Das ist ja eine 
allbekannte Tatsache, daft der Mensch, wenn er, ausge- 
schlossen von jeder mensdilichen Gemeinschaft, einsam sich 
entwickeln miiftte, weder zur Spradie, noch zu einer gewis- 
sen Denkart, noch zu einem gewissen Selbstbewufitsein 
kommen wiirde und in jenerHilflosigkeitverbleiben miiftte, 
in der er geboren ist. Wir sehen also, daft beim Tier alle 
dieBetatigungen, die fur das tierische Leben, fur die tierische 
Existenz notwendig sind, von vornherein in die Vererbungs- 
linie hineingeboren sind. Wir sehen die Betatigungen beim 
Menschen so auftreten, dafi sie ebensowenig inner halb der 
Vererbungslinie gesucht werden diirf en wie etwa dieWarme, 
die beim Bebriiten eines Hiihnereies notwendig ist, inner- 
halb des Hiihnereies gesucht werden darf, denn sie mufi 
von aufien an dasselbe herankommen. Da sieht man schon, 
daft es der Mensch notig hat, sich Dinge, die zu seiner Ent- 
wickelung gehoren, durch etwas anzueignen, was in ihm 
ist, wahrend sie dem Tier sozusagen direkt geistig ein- 
gepragt sind. Beim Menschen bleiben also bestimmte Ent- 
wickelungsmoglichkeiten offen, in die er durch sein selbst- 
bewufttes Ich gewisse Organisationskrafle aufnimmt. Denn 
niemand wird natiirlich daran zweifeln, daft mit dem Hin- 
einwachsen des Menschen in Spradie, in Denkweisen, in 
das Selbstbewufitsein und durch die damit verbundenen 



Betatigungen Veranderungen der Organisation verbunden 
sind; so dafi sozusagen dasselbe, was sich beim Tier durdi 
Tatigkeiten veranlagt vorfindet, die vererbbar sind, beim 
Menschen hereingenommen wird von der Umgebung, wie 
die Warme vom bebriiteten Hiihnerei aufgenommen wird, 
das heifit von aufien hineinorganisiert wird. So bleiben 
beim Menschen Entwickelungsmoglichkeiten offen gegen- 
iiber den Einwirkungen der Umgebung, denn natiirlich 
steht die Geisteswissenschaft nicht auf dem Standpunkt, 
dafi der Mensch irgend etwas ohne Organe verrichten konne. 

So miissen wir uns klar sein, dafi alles, was auf den 
Menschen hereinwirkt, ihn umorganisiert. Das ist audi der 
Fall, wenn man recht genau auf die menschliche Organisa- 
tion eingeht, dafi der Mensch tatsachlich durch die von 
aufien an ihn herantretenden Krafte umorganisiert wird, 
die auf dem Umwege durch sein Ich an ihn erst heran- 
treten miissen. Dabei sehen wir noch etwas: Wenn wir den 
Menschen betrachten, wie er sich in die Welt hineinstellt, 
um das zu werden, was er durch Sprache, Denkart und 
Selbstbewufitsein werden kann, dann fassen wir ihn gleich- 
sam an dem einen Pol, an dem einen Ende an. Wir miissen 
ihn aber audi an dem andern Ende anfassen. Das ist, wenn 
man es mit dem Gedanken durchdringen will, nicht so ganz 
leicht. Aber es ist tatsachlich notwendig, dafi man den Men- 
schen audi am andern Ende anf afit. 

Der Mensch kommt tatsachlich hiiflos auf die Welt. Es 
ist ja kinderleicht zu finden, um was es sich handelt, aber 
nicht so leicht, es in die Betrachtung hineinzustellen. Der 
Mensch mufi im Laufe seines Lebens etwas herstellen, was 
dem Tier herzustellen erspart bleibt. Dieses stellt der Mensch 
her, wahrend er gehen lernt, oder, noch besser gesagt, wah- 
rend er stehen lernt. Hinter dem Stehenlernen verbirgt sich 
sehr viel im menschlichen Leben: namlich die Oberwindung 



dessen, was man das Gleidigewidit der Leibliclikeit nennen 
kann. Wenn man genau auf den Organisationsplan ein- 
geht, auf die Organisation des Baues der Tiere, so findet 
man, dafi in der Tat das Tier so organisiert ist, dafi ihm ein 
gewisses Gleidigewidit eingepragt ist, durch das es sich in 
die Lage zu bringen vermag, in der es sein Leben fort- 
bringen kann. Es ist so gebaut, daft ein festes Gleidigewidit 
seiner Korperlichkeit mitgegeben ist. Das ist auf der einen 
Seite die Hilflosigkeit, auf der andern Seite der Vorzug 
des Mensdien gegenuber dem Tier, dafi er darauf ange- 
wiesen ist, mit Hilfe seines Ich sich dieses Gleidigewidit 
erst zu erringen. Hier geht es audi nictit, daft man den 
Mensdien mit den nachststehenden Tieren vergleicht. Wenn 
man eingeht auf die vergleichende Anatomie, auf alle ein- 
zelnen Organe, so wiirde es kindisdi sein von der Geistes- 
wissensdiafl, wenn sie eine Klufl annehmen wiirde zwi- 
schen dem Mensdien und den nachststehenden Tieren. Aber 
in dem Organisationsplan des Tieres liegt ein vorbestimm- 
tes Gleidigewidit. Beim Mensdien liegt die Moglichkeit 
offen, nach der Geburt dieses Gleidigewidit erst herzustel- 
len. Es liegt aber noch mehr an Moglichkeiten offen. Beim 
Tier ist durch die eingepragte — wenn man das Wort ge- 
brauchen will - vorbestimmte Organisation die Richtung 
der Eigenbewegung angegeben. Beim Mensdien bleibt wie- 
der die Moglichkeit offen, sozusagen innerhalb eines gewis- 
sen Spielraumes seinen Eigenbewegungssinn zu entwickeln. 
Noch mehr bleibt beim Mensdien offen - wir werden dar- 
auf noch zuruckkommen, wie das sich anders aufiert — : eine 
gewisse Moglichkeit, in die Organisation selbst das Leben 
hineinzupragen. 

Man kann ganz gewifi von einer gewissen Pragung des 
Lebens in einem Lebewesen sprechen. Oder wer wiirde mit 
einigem plastischen Sinn nicht merken, dafi sich die Orga- 



nisation einer Ente an den plastischen Formen zum Aus- 
druck bringt? Oder dafi sich die Organisation des Elefanten 
an den plastischen Formen zum Ausdruck bringt? Und dafi 
vorzugsweise das Skelett, wenn wir es anschauen, imUnter- 
schiede zu den einzelnen Tierarten uns Ratsel iiber Ratsel 
enthiillt, wie sozusagen das Leben in die Form hinein- 
schiefit, in der Form sich verfangt und uns wie erstarrt er- 
scheint? Audi da bleibt dem Menschen ein Spielraum, das 
Leben in einer ganz gewissen Weise in die Form hineinzu- 
giefien, so dafi wir nur vorauszuschicken brauchten, daft 
wir, wenn wir eine tierische Form mit unserm plastischen 
Sinn studieren, uns viel mehr fur das Allgemeine, fur das 
Gattungsmafiige, Generelle interessieren und die indivi- 
duellen Formen sehr vernachlassigen. Beim Menschen in- 
teressiert uns das edelste Organ — als das Organ des Ske- 
lettes - der Schadelbau, ganz besonders in seiner Plastik. 
Und er ist bei jedem Menschen ein anderer, weil er offen 
bleibt fiir das, was dem Menschen in dem Ich zugrunde 
Hegt, fiir das Individuelle, wahrend er beim Tier das Gat- 
tungsmafiige zum Ausdruck bringt. Wenn wir also den 
Menschen beim anderen Ende anfassen, dann finden wir, 
dafi er wahrend gewisser Zeiten des Lebens freien Spiel- 
raum innerhalb der Auspragung des Gleichgewichtssinnes, 
des Eigenbewegungssinnes und des ganzen Lebenssinnes 
hat. Das Interessante ist, dafi wir sozusagen diese Arbeit 
des Geistes am Menschen, diese Auspragung des Geistes in 
Form und Bewegung im Beginne des menschlichen Lebens 
sehen konnen: wie in der Erringung des aufrechten Ganges, 
in der Erringung des Eigenbewegungssinnes und in der 
Auspragung der Korperformen sich diese Krafte wirklich 
betatigen und zum Ausdruck bringen. Dann aber hort in 
einem gewissen Lebensalter die Mogiichkeit auf, dafi die 
Krafte, die in der Kindheit frei spielen, weiter einwirken. 



Mit einem bestimmten Lebensalter sind diese Krafte in be- 
zug auf die Wirkung, die wir charakterisiert haben, abge- 
sdilossen. Wenn sie aber wirklich in dem Mensdien als 
Individuality darinnen sind, konnen sie nicht auf einmal 
verschwinden, wenn sie ihre Arbeit in bezug auf ein ge- 
wisses Gebiet getan haben, sondern sie miissen uns in einer 
spateren Lebenszeit wieder entgegentreten. Wir miifken fur 
das spatere Leben nachweisen konnen, dafi diese Krafte da 
sind, Realitaten im menschlichen Leben sind. 

Wir finden nun in der Tat diese Krafte wieder in einer 
ganz charakteristischen Weise fiir den Fortschritt des Gei- 
stes am Menschen deutlich hervortreten. Was der Mensch 
in der Ausbildung des Gleichgewichtssinnes leistet, das fin- 
den wir im spateren Leben wieder, wenn er dieselbe Kraft 
fiir die Ausbildung seiner Gebarden anwendet. Die Ge- 
barde ist etwas, was uns tatsachlich in das tiefere Gefiige 
der menschlidien Organisation, insof ern der Geist im Men- 
schen lebt, hineinf iihrt. Und indem der Mensch sein Inneres 
in der Gebarde zum Ausdruck bringt, verwendet er die- 
selbe Kraft, die er erst verwendet, um den Gleichgewichts- 
sinn zur Herstellung einer gewissen Gleichgewichtslage zu 
erringen. Was der Mensch beim Gehenlernen, beim Stehen- 
lernen handgreiflich entwickelt, das erscheint uns also ver- 
feinert, vertieft, verinnerlicht im spateren Leben, wenn es, 
statt korperlich zur Darstellung zu kommen, mehr seelisch 
zur Darstellung kommt in der Gebarde. Daher fiihlen wir 
uns erst so recht intim in das menschliche Innere hinein, 
wenn wir einem Menschen gegenuberstehen und seine Ge- 
barden, die ganze Art und Weise, wie sich in seinen aufieren 
Bewegungen das Innere ausdriickt, auf uns wirken lassen 
konnen. In dieser Beziehung ist eigentlich jeder Mensch 
mehr oder weniger ein feiner Kunstler gegeniiber seinen 
Mitmenschen. Wenn man eingehen wiirde auf f eine psycho- 



logische Wirkungen, die von einem Menschen zum anderen 
gehen, so wiirde man sehen, daft unendlidi viel davon ab- 
hangt - ohne dafi es sidi die Menschen zum Bewufksein 
bringen — , wie die Gebarde als Ganzes genommen auf einen 
Menschen wirkt. Das braucht nicht in das grobe aufiere 
Bewufitsein einzutreten, es tritt aber darum doch in die 
Seele ein und aufiert sich dann besonders in Wirkungen, wo 
das aufiereBewufksein unzahlige Intimkaten, die sich unter 
der Schwelle des Bewufkseins abspielen, einfach grob in 
Worten zusammenfalk wie: er gefallt mir, er gefallt mir 
nicht, oder sie gefallt mir, sie gefallt mir nicht. 

Wir konnen aber auch sehen, wie die Krafte, die in der 
Eigenbewegung organisierend wirken, im spateren Leben 
weiterwirken, wenn wir von der Gebarde, die sich in der 
Bewegung ausdriickt, mehr ubergehen zu dem, wo das 
Innere des Menschen sozusagen in die aufiere Form - aber 
in Beweglichkeit- sich hineinergiefit in der Mimik und in der 
Physiognomic Da wirkt in der Tat dasjenige weiter, was 
erst als Eigenbewegungssinn wirkt und sozusagen der Hilf- 
losigkeit des Menschen Spielraum lalk, sich weiterzuent- 
wickeln, und dann diese Hilflosigkeit in Zucht nimmt. 
Wenn wir sehen, wie der Mensch sein Au£eres durch sein 
Inneres sozusagen in fortwahrendem Gange halt mit seiner 
Miene, auch mit dem Spiel seiner Physiognomie, so finden 
wir, wie in der Tat das, was erst in der Organisation mehr 
als ein blofier Ausdruck der Wirkung in die Leiblichkeit 
erscheint, mehr in das Seelische umgegossen und dadurch 
verinnerlicht erscheint. Was in der ersten Lebenszeit des 
Menschen mehr direkt wirkt, wird gleichsam in die Inner- 
lichkeit eingefangen, in das selbstbewufite Ich, um dann von 
innen nach aufien sich in die leibliche Sphare hineinzu- 
ergiefien, wahrend es anfangs eine Auseinandersetzung des 
selbstbewufken Ich mit dem Geist war. 



Wenn wir nun beim Mensdien sehen, wie uns an ihm 
berechtigterweise die besondere Schadelform interessiert, 
so miissen wir sagen: In dieser besonderen Schadelform 
driickt sicli in der Tat auch etwas von seinem innersten We- 
sen aus. Jeder Mensch weift, daft dies schon im groben der 
Fall ist und daft man immer Unterschiede zwischen dem 
menschlichen Innern bei diesem oder jenem Menschen in 
der Stirnform, in der Schadelform flnden wird. Selbstver- 
standlich darf man nicht auf gewisse Gebiete des geistigen 
Lebens dabei blicken, die sich wieder von der an den Leib 
gebundenen Seele emanzipieren. Aber als eine gewisse 
Grundlage ist doch das vorhanden, was man als Ausdruck 
des zur Seele gewordenen Geistes bezeichnen kann und 
mit so groftem Unrecht ausgestaltete in dem, was man 
Phrenologie, Schadelbeobachtung und dergleichen nennt. 
Denn das Wesentliche ist gerade, sich klarzumachen, daft 
jene Formen, die im menschlichen Schadel zum Ausdruck 
kommen, fur den Menschen als solchen, wie er als mora- 
lisches, intellektuelles Wesen vor uns steht, individuelle 
und nicht generelle sind. Wo wir aber darangehen, zu gene- 
ralisieren, da verkennen wir iiberhaupt den ganzen Zu- 
sammenhang. In dieser Art ist die ganze Phrenologie, wenn 
sie so getrieben wird, ein materialistischer Unfug. Man 
sollte sie iiberhaupt zu keiner Wissenschaft machen im 
rechten Sinne des Wortes, denn das kann sie nicht sein. 
Was uns in der menschlichen Schadelbildung entgegentritt, 
ist ein Individuelles, das von Mensch zu Mensch verschie- 
den ist. Die Art und Weise, wie wir dann den Menschen 
gerade nach diesen Merkmalen beurteilen wollen, muft 
ebenso eine individuelle sein, wie es das Verhaltnis des 
Menschen zu einem Kunstwerk ist. Wie es da keine all- 
gemeinen, festgestellten Regeln gibt, sondern wie man ein 
Verhaltnis zu einem jeden Kunstwerk gewinnen muft, 



wenn es wirklich eines ist, so wird man, wenn man nadi 
allgemeinen Regeln an das geht, was an kunstlerischem 
Sinn in dem Menschen steckt, schon zu einigen Urteilen 
kommen konnen. Nur werden sidi diese Urteile ganz an- 
ders ergeben, als sie gewohnlich ausgesprochen werden. 
Aber gerade das wird sich uns ergeben: Betrachten wir 
einen menschlidien Schadel, so werden wir sehen, wie der 
Geist in der Form in unmittelbarer Beziehung arbeitet, wie 
die Krafte des Geistigen - des Ich - von innen heraus die 
Schadelkapsel formlich entgegenschieben dem, was von 
aufien nadi innen arbeitet. Nur wenn man ein Gefiihl fiir 
dieses Arbeiten von au£en nach innen und von innen nadi 
auften hat, kann man sich auf das einlassen, was in der 
menschlichen Schadelform, die das Gehirn umschliefit, uns 
entgegentritt. 

So zeigt uns die Beobachtung, wie in der Tat der Geist 
im Tiere unmittelbar sich auslebt in den Formen. Da das 
seelische Leben des Tieres wieder unmittelbar an die 
Organisation gebunden ist und das instinktive Leben 
ein Ausdruck der Organisation ist, so wird man immer 
finden konnen, warum diese oder jene Instinkte oder Im- 
pulse gefiihlsmafiig beim Tier auftreten miissen. Dagegen 
kann man vom Menschen sagen: Bei ihm sehen wir ebenso 
den Geist von innen an seiner Organisation arbeiten. Wir 
sehen aber auch, wie das, was dem selbstbewuEten Ich zu- 
grunde liegt, sich entgegenstellt und sich hineinschiebt in 
die Organisation — und damit in die Arbeit des Geistes. 

Nun betrachten wir aber den Menschen einmal etwas 
anders. Da haben wir - was offen am Tage liegt — die 
Fahigkeit der Sprache, eine gewisse Denkungsart und ein 
gewisses Selbstbewufksein durch die Erziehung bei ihm 
vorliegend. Diese Fahigkei ten entstehen durch dieBeriihrung 
des Menschen mit der Aufienwelt. Aber man tut nicht 



genug, wenn man diese Dinge einfach hinnimmt. Denn 
man mufi sich klar sein, dafi etwas viel Tieferes, viel Inti- 
meres sowohl der Sprache, der Denkart wie audi dem 
Selbstbewufitsein zugrunde liegt, das durch die Umgebung 
ausgelost wird. Es liegt dem zugrunde, dafi der Mensch in 
der Tat gewissermafien drei Sinne hat, die wir beim Tier 
nidit finden. Man darf dabei das Wort Sinn nicht nur ver- 
gleichsweise nehmen; aber halten wir uns an Tatsachen und 
nidit an Worte. Das Tier zeigt sich im weitesten Umfange 
unfahig, auf dem Gebiete des Lautes, des Begriffes und 
dem, was wir Ich-Wesenheit nennen, sich so aufnahme- 
fahig zu erweisen wie der Mensch. Das Tier geht, wenn 
wir die Sinne durchgehen, bis zum Tonsinn hinauf. - Das 
liegt fur die auftere Wahrnehmung dem Tier als eine Art 
Hochstes zugrunde. — Bis zum Ton geht es mit seiner Sinn- 
fahigkeit, dann aber losen sich aus seiner allgemeinen 
Organisation nicht die Moglichkeiten heraus, ein Verstand- 
nis zu haben fur Laut, Begriff und fur die Ich-Wesenheit, 
die in einem anderen Wesen ist. Das Tier sieht die Gattung: 
der Hund den Hund, der Elefant den Elefanten und so 
weiter. Aber kein Geistesforscher wiirde dem Tier die 
Wahrnehmung fur eine Ich-Wesenheit zuschreiben. Es wird 
der materialistischen Forschung nicht gelingen, fur die 
Wahrnehmung einer Ich-Wesenheit in der tierischen Orga- 
nisation etwas nachzuweisen; also die Naturforschung 
sollte es nicht bezweifeln, und die Geistesforschung wird es 
nicht bezweifeln. So haben wir Entwickelungsmoglichkeiten 
beim Menschen off en fiir die Wahrnehmung der Innerlich- 
keit des Lautes, fiir die Innerlichkeit von Begriff und Vor- 
stellung und fiir die Innerlichkeit des Ich-Wesens selbst. 
Hatte der Mensch fiir diese drei Betatigungen nicht Ent- 
wickelungsmoglichkeiten offen, so wiirden die andern 
Krafte, die ich genannt habe, keine von innen sich er- 



giefiende Nahrung haben und sich audi nicht ausdriicken 
konnen. Das Tier hat fur diese drei Entwickelungsmoglich- 
keiten nicht die Organe. Denn in alledem, was der Mensch 
in seinem Hinausgehen iiber das Tier darlegt, zeigt sich der 
Abdruck dessen, was in seinem Innern ist, als Moglichkeit 
des Ausdruckes der Lautauffassung, der Begriffsauffassung 
und der Ich-Auffassung, des Ich-Bewuikseins, wahrend- 
dessen haben wir beim Tier ausgedriickt, wie der Geist 
in die Form gegossen ist, und es zeigt uns daher eine durch 
das Gattungsmafiige gegebene Gebarde und eine durch das 
Gattungsmafiige bedingte Physiognomic Das alles driickt 
sozusagen aus, wie sich der Geist unmittelbar in die Form 
hineingerinnend betatigen kann. Beim Menschen sehen 
wir, wie ein jeder seine spezielle Gebarde hat, seine spezi- 
elle Physiognomie und Mimik, und wie sich gerade darin 
ganz besonders ausdriickt, was er auf der anderen Seite an 
Entwickelungsmoglichkeiten fur den Laut, fur Begriff oder 
Vorstellung und fur das Selbstbewufitsein hat. In der Tat 
ergiefit sich in die Gebarde, in die Physiognomie und Mi- 
mik und in das ganze Auftreten des Selbstbewufitseins 
dasjenige, was der Mensch in bezug auf Entwickelungsmog- 
lichkeiten fur Laut, Begriff und Ich-Wesenheit hat. Da 
sehen wir von innen nach aufien rinnen das, was erst durch 
den unmittelbaren Verkehr des selbstbewufiten Ich mit 
dem Geist erlebt wird, und sehen es sich am Menschen aus- 
driicken. 

Wenn wir dies so erleben, durfen wir uns sagen: Also 
sehen wir am Menschen, wenn wir nur nicht mit abstrakten, 
trockenen, niichternen Begriffen an ihn herantreten, son- 
dern mit lebendiger, lebensvoller Anschauung, wie Ich- 
Wesen, Vorstellungs-Wesen und Laut-Wesen unmittelbar 
an der aufieren Gestaltung und Bewegung arbeiten. Es ist 
formlich so, wie wenn wir als Kristallographen die Form- 



krafte eines Kristalls studieren wiirden und uns dann eine 
Vorstellung bilden, wie wir im Steinsalz einen Wurfel, im 
Schwef el ein Oktaeder, im Granat ein Rhombendodekaeder 
und so weiter vor uns haben. Wie wir da sehen, wie innere 
Kraftwirkungen sich in die Form ergiefien, so sehen wir 
beim Menschen nach aufien unmittelbar leben vor der 
lebendigen Ansdiauung alles, was der Mensdi uns eigentlich 
ist, was gerade starken Eindruck in bezug auf seine Wesen- 
heit auf uns macht, und was uns wie geronnene Ich- Vor- 
stellung, wie geronnene Begriffe oder Vorstellungen und 
wie geronnener Lautsinn entgegentritt. Ja, das Letzte, was 
uns im Ton oder Laut entgegentritt, konnen wir ganz be- 
sonders anschaulich uns vor Augen fiihren. Denn jenen 
Verkehr mit dem Geist, den der Mensdi vielleicht auf die 
intimste Art pflegt, den jeder Mensdi, ob Kunstler oder 
nidit, mit dem Geiste pflegen kann, der sozusagen ganz in 
die f einsten Seelenverwebungen seines Wesens hineinwirkt, 
erlebt der Mensch in jener Eigentiimlichkeit, die doch nicht 
in ihrer ganzen Bedeutung f iir das menschlidie Leben uber- 
sehen werden soli, ubersenen werden darf in dem Gehalt, 
in der Innigkeit — ich sage jetzt nicht des Wortinhaltes, son- 
dern in der Innigkeit des Wie im Wortinhalt, in der Innig- 
keit des Lautcharakters, der Seele der Sprache. Die Sprache 
hat nicht nur den Geist, der sich aufiert im Inhalt der 
Worte, die Sprache hat audi eine Seele. Und viel mehr als 
wir denken, wirkt gerade in dem Lautcharakter eine 
Sprache auf uns. Ganz anders wirkt in unserer Seele eine 
Sprache, welche viel a hat, ganz anders eine solche, die im 
Wortcharakter mehr i oder u hat. Denn in dem, was im 
Timbre des Lautcharakters liegt, ergiefit sich wie im Unbe- 
wufiten die Seele, die iiber die ganze Menschheit aus- 
gegossen ist, iiber uns heniber. Das baut und wirkt an uns, 
und das kommt im Leben wieder als eine besondere Art 



von Gebarde zum Ausdruck. Denn eine besondere Art von 
Gebarde ist audi die Spradie des Menschen, aber nicht in- 
sofern sie Ausdruck der Worte ist, sondern insofern sie 
Seele hat, wie der Mensch mit seiner Seele in der Sprache 
lebt und sich ausdriickt.Da konnen wir sogar ganz wichtige 
Unterschiede angeben. 

Jeder weifl, daft zu jenen eigentiimlichen Imponderabi- 
lien, die von Mensch zu Mensch spielen, die Innigkeit ge- 
hort, wie ein Mensch spricht, ganz abgesehen davon, was er 
sagt. Wenn wir dieses berixcksichtigen, werden wir uns 
sagen: Wir lernen viel, viel von dem Intimsten eines Men- 
schen gerade dadurch kennen, wenn wir beobachten, wie 
ein Mensch spricht. Wir miissen im Leben oftmals dariiber 
hinwegsehen, denn hohere Gesichtspunkte konnen es in 
den Hintergrund treten lassen. Dennoch ist aber etwas in 
uns, was sehr rechnet mit dem Krachzen oder dem Wohllaut 
einer Stimme. Wer ein wirklicher Seelenbeobachter ist, der 
weifi, dafi eine krachzende Stimme bei einem Mann viel 
unangenehmer ist als bei einer Frau - aus dem einfachen 
Grunde, weil diese Gebiete ganz intim mit unserer Orga- 
nisation zusammenhangen und beim Manne eine viel inti- 
mere Beziehung, eine viel innigere Verbindung des Seelen- 
lebens mit der ganzen Behandlung der Stimme, dem Timbre 
und so weiter besteht, als es bei der Frau der Fall ist. Wahr 
ist es, aber beweisen kann man es nicht. Man kann nur 
darauf hinweisen. Wenn Sie darauf achtgeben, werden Sie 
es schon bemerken. Wer auf solche Dinge einzugehen ver- 
mag, wird daher gerade das Bedurfnis haben, wenn er 
besonders wichtige Dinge aussprechen will, in die Sprache 
nicht bloft Inhalt hineinzulegen, sondern auch dasjenige, 
was jetzt gerade angedeutet worden ist. Und wahrhaftig 
nicht aus Unbescheidenheit, sondern um ein Beispiel anzu- 
fuhren fur das, was gemeint ist, will ich dabei hinweisen 



auf das von mir verfafite Rosenkreuzermysterium «Die 
Pforte der Einweihung». Da tritt an den gewichtigsten 
Stellen iiberall hervor, dafi das, was uberdies nicht in dem 
Inhalt gesagt werden kann, in der Behandlung der Spradie 
bis auf den Vokalklang gegeben ist; Sie werden nicht dort, 
wo ein u klingt auf ein a, ein i auf ein a folgen lassen 
konnen. 

Es ist aufierordentlich wichtig, dafi wir dieses Gebiet als 
die «Gebarde der Sprache» ins Auge fassen und sehen, wie 
der Geist in seiner Macht auf die Organisation wirkt, und 
dafi wir die unmittelbareWirkung des Geistes auf dieSeele, 
die das selbstbewufite Ich in sich enthalt, beachten. Dann 
sehen wir wieder zuriick, wie die menschliche Seele in die 
Leiblichkeit sich hineinergiefit. Jetzt komme ich allerdings 
zu einer Sache, welche fiir viele von Ihnen selbstverstand- 
lich eine Hypothese sein mufi, und die auszusprechen fiir 
den einen gewagt, fiir den andern sogar argerlich erschei- 
nen kann. Aber darauf kommt es nicht an. 

Wir sehen am Menschen die Ich-Wesenheit, was der 
Vorstellungssinn ergibt und erleben kann und was der 
Lautsinn erleben kann, in dieGebarde, in die Physiognomie 
und Mimik sich hineinergiefien und audi in die Form inner- 
halb jener Grenzen, die ich angedeutet habe, so dafi wir im 
Menschen eine unmittelbare Wirksamkeit des Geistes sehen 
in jenem Lebensalter zwischen Geburt und Tod, wo das Ich 
sich hineinstellt zwischen Geist und Leiblichkeit. Nun 
denken wir uns jetzt einmal folgendes: ich rede, weil die 
Dinge mehr oder weniger subtil sind, in Gleichnissen. 
Denken wir uns das, was der Mensch vollbringt mit Ich- 
Wesenheit, Begriff svermogen und Lautsinn, so wie es sich 
hineinergiefit wirklich zunachst mehr oder weniger in das 
Gleichgewicht, in die Eigenbewegung und in das Selbst- 
bewufitsein, spater in die freie Gebarde, in die freie Mimik 



und in die das Innerliche verratende Physiognomie, von 
vornherein mit einer Notwendigkeit zusammenwirken, so 
dafi sich zwischen diese zwei, beziehungsweise drei Seiten 
kein Ich hineinstellt. Denken wir uns also das Ich aus- 
gesdialtet und so die beiden Seiten der menschlichen Natur 
aufeinanderwirken, dafi gleichsam durch einen nicht zum 
Bewufitsein gekommenen Lautsinn, der das tiefste Innere 
auslebt, von vornherein in seinen Erlebnissen eine ohne das 
Dazwisdientreten des Ich bewirkte Herstellung des Gleich- 
gewichtes zustande kommt, so haben Sie etwas, was beim 
Menschen offen bleibt, ohne ein Dazwisdientreten eines Ich 
hergestellt: das ist das, was dem Tier sein Gleichgewicht von 
vornherein bestimmt. Und denken Sie sich die Vorstellung, 
wodurch der Mensch seine Gesetze und die tierische Gat- 
tung erfafit, das heifit, die ganze Organisation insofern sie 
Eigenbewegung ist, und wo sie Physiognomie und Mimik 
ist, in der ganzen Bewegung des Tieres ausgedriickt - was 
ausgedriickt wird in den tierischen Instinkten, Leidenschaf- 
ten und so weiter - so haben Sie wieder dasjenige, durch 
eine naturgesetzliche Notwendigkeit im Tier verbunden, 
was der Mensch in seinem Leben so hat, dafi sein Ich ver- 
bindend dazwischen tritt. Wieder haben wir beim Tier 
durch naturgesetzliche Notwendigkeit verbunden, was im 
Menschen der unmittelbare Ausdruck des Lebens ist. Beim 
Menschen arbeitet die Lebensgestaltung noch hinein in die 
Form. Denken Sie es sich aber nicht mehr aufgespart fur 
das Leben, sondern unmittelbar durch die Naturwirksam- 
keit gestaltet, dann haben Sie es gattungsmafiig, wie es uns 
in der Plastik der verschiedenen Tiergattungen entgegen- 
tritt. 

So sehen wir im Menschen ein Wesen, das seine Sinnen- 
welt in der Mitte hat zwischen zwei Polen. Er hat seine 
Sinnenwelt: die Wahrnehmungswelt, die Ton welt, die 



Geschmackswelt, die Gerudiswelt und so weiter. Diese lie- 
gen zwischen dem, wie er sich selber wahrnimmt, sidi Be- 
ziehungen gibt in den verschiedenen Riclitungen des Rau- 
mes im Gleichgewichtssinn, wie er sich im eigenen Leib 
befindlich fiihlt, und zwischen dem Lautsinn, dem Begriffs- 
verstandnis und der Ich-Vorstellung auf der anderen Seite. 
Wie sich nun mit innerer Notwendigkeit das innere Leben 
fiir die dazwischen liegenden Sinne verhalt, so verhalt es 
sich fiir das Tier, notwendig gestaltend die ganze Leibes- 
organisation. Lassen Sie beim Menschen die beiden Seiten 
zusammengehorig sein ohne ein Dazwischenkommen eines 
Ich, so haben Sie das unmittelbare, ohne das Dazwischen- 
treten seiner Seele vorhandene Einwirken der Geistigkeit 
auf die Leiblichkeit. Beim Menschen haben wir das, was 
wir nennen konnen: er ist nachder geistigen und physischen 
Seite eine Auslegung in Raum, Gebarde und so weiter, die 
offen bleibt fiir die Wirkung des Geistes nach der einen 
Seite und nach der andern Seite. Damit miissen wir uns 
befreunden, dafi in der Tat gewissermafien dadurch die 
Grundlage fiir das ganze Verstandnis des Menschen und 
des menschlichen Geisteslebens iiberhaupt geschaffen ist, 
insofern es sich in der Geistesgeschichte abspielt. 

Wir sehen, daft wir nicht zusammenwerfen diirfen, was 
der Mensch im BegrifF erlebt, mit dem, was er erlebt, indem 
er den Begriff selber verwirklicht und selber ausgestaltet. 
In einer gewissen Beziehung ist der Mensch in bezug auf 
die Ausgestaltung des Begriffes in einer ganz anderen Lage 
als in bezug auf das Verstandnis des Begriffes. Die Aus- 
gestaltung des Begriffes steht auf einem ganz anderen Blatt 
als die Mittel zum Verstandnis des Begriffes. Ich mochte 
dabei auf eine Tatsache hinweisen. 

Im Jahre 1894 hielt ein grofier Verehrer Galileis in 
Wien, als er das Rektorat der Wiener Universitat antrat, 



Laurenz Mullner, eine Rektoratsrede und machte dabei auf 
eine eigentiimlidie Tatsache aufmerksam, die ja zunachst 
sehr interessant ist. Er machte darauf aufmerksam, dafi in 
Galilei derjenige Geist der Menschheit gegeben worden ist, 
der in Begfiffe f assen konnte die mechanisch-physikalischen 
Gesetze ™ die Gesetze der Pendelbewegung, der Wurf- 
bewegung, der Fallgeschwindigkeit, des Gleichgewichtes -, 
die in der grandiosesten Weise vielleicht zum Ausdruck 
kommen - so sagte Professor Mullner - in der himmelan- 
steigenden Kuppel der Peterskirche in Rom, in dem wun- 
derbaren Werke Michelangelos. Das ist wahr, das mufi 
jeder sagen, auf den das betreffen
…[truncated]