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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
OFFENTLICHE VORTRAGE
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geistes-
wissenschaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) ge-
schriebenen und veroffentlichten Werke. Daneben hielt er
in den Jahren 1900 bis 1924 zahlreiche Vortrage und Kurse,
sowohl offentlich wie auch fur die Mitglieder der Theoso-
phischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft. Er
selbst wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei gehal-
tenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wxirden, da sie
als «mundliche, nicht zum Druck bestimrnte Mitteilungen»
gedacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige
und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbrei-
tet wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu re-
geln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von
Si vers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographierenden,
die Verwaltung der Nachschriften und die fiir die Heraus-
gabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner
aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschrif-
ten selbst korrigeren konnte, mufi gegeniiber alien Vor-
tragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt wer-
den: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, dafi
in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehler-
haftes findet.»
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde
gemafi ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf
Steiner Gesamtausgabe begonnen. Der vorliegende Band
bildet einen Bestandteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erfor-
derlich, finden sich nahere Angaben zu den Textunterlagen
am Beginn der Hinweise.
RUDOLF STEINER
Die Philosophic
des Thomas von Aquino
Drei Vortrage, gehalten in Dornach
vom 22. bis 24. Mai 1920
Mit Ubertragungen aus Werken des
Thomas von Aquino durch Roman Boos
1993
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH / SCHWEIZ
Nach einer vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschrift
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe der 4. Auflage besorgte Anna-Maria Balaster
1. Auflage, Dornach 1930
2. Auflage, Dornach 1958
3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1967
4. Auflage, erganzt und erweitert
Gesamtausgabe Dornach 1993
Bibliographischer Nachweis
der Auflagen siehe Seite 161
Bibliographie-Nr. 74
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Dornach/Schweiz
1993 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach Schweiz
Printed in Germany by Konkordia Druck, Buhl
ISBN 3-7274-0741-7
I N H A L T
Ausfiihrliche Inhaltsangaben S. 171 f.
Erster Vortrag, Dornach, 22. Mai 1920 7
Thomas und Augustinus
Zweiter Vortrag, Dornach, 23. Mai 1920 38
Das Wesen des Thomismus
Dritter Vortrag, Dornach, 24. Mai 1920 73
Die Bedeutung des Thomismus in der Gegenwart
ANHANG
Einladung zu den Vortragen (Zeitungsanzeige) 110
Notizbucheintragung Rudolf Steiners Ill
Textiibertragungen aus Werken des Thomas von Aquin
mit verbindenden Erlauterungen von Dr. Roman Boos
Thomas und der Platonismus 117
Der Mensch und die intelligible Welt 121
Der Mensch und die materielle Welt 128
Der Mensch als erkennendes Wesen 133
*
Hinweise
Zu dieser Ausgabe 159
Hinweise zum Text 162
Namenregister 169
Ausfiihrliche Inhaltsangabe 171
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 1 73
Die Original-Wandtafelzeichnungen
von Rudolf Steiner zu den Vortragen in diesem Band
werden innerhalb der Gesamtausgabe erscheinen in der Reihe
«Wandtafelzeichnungen zum Vortragswerk»
Band I
ERSTER VORTRAG
THOMAS UND AUGUSTINUS
Dornach, 22. Mai 1920
In diesen drei Tagen mochte ich iiber ein Thema spredien,
das gewohnlich von einer mehr formalen Seite her betrach-
tet wird, und dessen Inhalt gewohnlich nur darinnen ge-
sehen wird, daft durch die zugrunde liegende philosophische
Bewegung des Mittelalters die Stellung der philosophisdien
Weltanschauung zum Christentum gewissermafien festge-
legt worden sei. Da gerade diese Seite der Sadie in der neue-
ren Zeit eine Art Wiederauffrischung gefunden hat durch
die Aufforderung des Papstes Leo XIII. an seine Kleriker,
den Thomismus zur offizieilen Philosophic der katholischen
Kirche zu machen, so hat von dieser Seite her gewifi unser
gegenwartiges Thema eine gewisse Bedeutung.
Allein, ich mochte eben nicht blofi von dieser formalen
Seite her die Sache betrachten, die sich als mittelalterliche
Philosophie gewissermaflen herumkristallisiert um die Per-
sonlichkeit des Albertus Magnus und des Thomas von
Aquino, sondern ich mochte im Laufe dieser Tage dazu
kommen, den tieferen historischen Hintergrund aufzuzei-
gen, aus dem diese von der Gegenwart trotz alledem viel
zu wenig gewiirdigte philosophisdie Bewegung sich erhoben
hat. Man kann sagen: In einer ganz scharfen Weise versucht
Thomas von Aquino im 13. Jahrhundert das Problem der
Erkenntnis, der Gesamtweltanschauung zu fassen, in einer
Weise, die, man mufi es ihr zugestehen, heute eigentlich
schwer nachzudenken ist, weil zu dem Nachdenken Voraus-
setzungen gehoren, die bei den Menschen der Gegenwart
kaum erfiillt sind, auch wenn sie Philosopher! sind. Es ist
notwendig, dafi man sidi ganz hineinversetzen konne in die
Art des Denkens des Thomas von Aquino, seiner Vorganger
und Nachfolger, dafi man zu wissen vermag, wie die Be-
griffe zu nehmen sind, wie die Begriffe in den Seelen dieser
mittelalterlichen Menschen lebten, von denen eigentlich die
Geschichte der Philosophic in ziemlich aufierlicher Weise be-
richtet.
Sieht man nun auf der einen Seite hin auf den Mittel-
punkt dieser Betrachtung, auf Thomas von Aquino, so
mochte man sagen, in ihm hat man eine Personlichkeit, die
gegeniiber der Hauptstromung der christlichen Philosophic
des Mittelalters eigentlidi als Personlichkeit verschwindet,
die, man mochte sagen, eigentlidi nur der Koeffizient oder
der Exponent ist fur dasjenige, was in einer breiten Welt-
anschauungsstromung lebt und nur mit einer gewissen Uni-
versalis eben gerade durch diese eine Personlichkeit zum
Ausdrucke kommt. So daft man, wenn man von dem Tho-
mismus spricht, sein Auge richten kann auf etwas aufler-
ordentlich Unpersonliches, auf etwas, das sich eigentlich nur
offenbart durch die Personlichkeit des Thomas von Aquino.
Dagegen erblickt man sofort, dafi man eine voile, ganze
Personlichkeit mit alledem, was eben in einer Personlichkeit
sich darlebt, in den Mittelpunkt der Betrachtung stellen
mufi, wenn man denjenigen ins Auge f afit, auf den zunachst
als hauptsachlichsten Vorganger der Thomismus zuriick-
geht, wenn man Augustinus ins Auge fafk: bei Augustinus
alles personlich, bei Thomas von Aquino alles eigentlich
ganz unpersonlich. Bei Augustinus haben wir es zu tun mit
einem ringenden Mensdien, bei Thomas von Aquino mit der
ihre Stellung zum Himmel, zur Erde, zu den Menschen, zu
der Geschichte und so weiter feststellenden mittelalterlichen
Kirche, die sich eigentlich sogar, konnte man, allerdings mit
gewissenEinsdirankungen, sagen, als Kirdie ausdriickt durch
die Philosophic des Thomas von Aquino.
Ein bedeutsames Ereignis liegt zwisdien den beiden, und
ohne daft man den Blick auf dieses Ereignis richtet, ist es
nicht moglich, die Stellung dieser beiden mittelalterlidien
Personlichkeiten zueinander festzustellen. Das Ereignis, das
idi meine, das ist die durch den Kaiser Justinian betriebene
Verketzerung des Origenes. Die ganze Farbung der Welt-
anschauung des Augustinus wird erst verstandlich, wenn
man den ganzen historischen Hintergrund, aus dem sich
Augustinus herausarbeitet, ins Auge f afit. Dieser historische
Hintergrund wird aber in der Tat ein ganz anderer dadurch,
daft jener machtige Einflufi - es war in der Tat ein machtiger
Einfluft trotz vielem, was in der Geschichte der Philosophic
gesagt wird - auf das Abendland aufhort, der ausgegangen
ist von den Philosophenschulen in Athen, ein Einfluft, der
im wesentlichen bis ins sechste Jahrhundert hinein dauerte,
dann abflutete, so daft etwas zuriickbleibt, was tatsadilidi in
der weiteren philosophischen Stromung des Abendlandes
etwas ganz anderes ist als das war, in dem Augustinus noch
lebendig drinnengestanden hat.
Ich werde Sie bitten mussen zu beriicksichtigen, daft heute
mehr eine Einleitung gegeben wird, daft morgen das eigent-
liche Wesen des Thomismus hier behandelt werden soil, und
daft mein Ziel, dasjenige, warum ich all das vorbringe, was
ich in diesen Tagen sagen will, eigentlich erst am dritten
Tage ganz zum Vorschein kommen wird. Denn sehen Sie,
audi mit Bezug auf die christliche Philosophic des Mittel-
alters, namentlich des Thomismus, bin ich ja - verzeihen Sie
einleitend diese personliche Bemerkung - in einer ganz be-
sonderen Lage. Ich habe ofter hervorgehoben, audi in off ent-
lichen Vortragen, wie es mir einmal gegangen ist, als ich vor
einer proletarischen Bevolkerung dasjenige vorgetragen
hatte, was ich als die Wahrheit in dem Verlauf der abend-
landischen Gesdiichte ansehen mufi. Es hat dazu gefiihrt,
dafi zwar unter den Schiilern eine gute Anhangerschaft da
war, dafi aber die Fiihrer der proletarischen Bewegung um
die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert darauf gekommen
sind, es wurde da nidit echter Marxismus vorgetragen. Und
obschon man sich beruf en konnte darauf, dafi eine Zukunfts-
menschheit eigentlich dodht etwas wie Lehrfreiheit anerken-
nen miisse, wurde mir in der mafigebenden Versammlung
dazumal erwidert, diese Partei kenne keine Lehrfreiheit,
sondern nur einen verniinftigen Zwang! — Und meine Lehr-
tatigkeit mufite, obwohl dazumal eine grofie Anzahl von
Schiilern herangezogen waren im Proletariat, damit be-
schlossen werden.
In einer ahnlichen Weise ging es mir an anderer Statte mit
demjenigen, was ich vor etwa jetzt neunzehn bis zwanzig
Jahren sagen wollte iiber den Thomismus und alles das-
jenige, was sich als mittelalterliche Philosophie daran-
schliefit. Es war das die Zeit, in welcher eben um die Wende
des 19. zum 20. Jahrhundert zu ganz besonderer Hochflut
gekommen war dasjenige, was man gewohnt worden ist,
den Monismus zu nennen. Als eine besondere Farbung des
Monismus, namlich als materialistischer Monismus, schein-
bar zur Pflege einer freien, unabhangigen Weltanschauung,
aber im Grunde genommen doch nur zur Pflege dieser mate-
rialistischen Farbung des Monismus, war dazumal in
Deutschland der «Giordano-Bruno-Bund» begriindet wor-
den. Weil es mir unmoglich war, all das leere Phrasengerede
mitzumachen, das dazumal als Monismus in die Welt ging,
hielt ich im Berliner «Giordano-Bruno-Bund» einen Vortrag
iiber den Thomismus. In diesem Vortrage suchte ich den
Nachweis zu ftihren, dafi in dem Thomismus ein wirklicher
spiritueller Monismus gegeben sei, dafi dieser spirituelle
Monismus gegeben sei aufierdem in der Weise, dafl er sich
offenbart durch das denkbar sdiarf sinnigste Denken, durch
ein scharf sinniges Denken, von dem die neuere, unter Kant-
sdiem Einflufi stehende und aus dem Protestantismus her-
vorgegangene Philosophic im Grunde genommen keine
Ahnung hat, zu dem sie aber jedenfalls keine Kraft mehr
hat. Und so hatte ich es denn audi mit dem Monismus ver-
dorben! Es ist tatsachlich heute auflerordentlich schwierig,
von den Dingen so zu spredien, dafi das Gesprodiene aus
der wirklichen Sache herausklingt und nicht in den Dienst
irgendeiner Parteif a rbung sich stellt. So zu sprechen iiber die
Erscheinungen, die ich angedeutet habe, mochte ich mich in
diesen drei Tagen wiederum bestreben.
Die Personlichkeit des Augustinus stellt sich hinein in
das vierte und fiinfte Jahrhundert als, wie ich schon sagte,
eine im eminenten Sinne ringende Personlichkeit. Die Art
und Weise, wie Augustinus ringt, das ist dasjenige, was sich
einem tief in die Seele grabt, wenn man auf die besondere
Natur dieses Ringens einzugehen vermag. Zwei Fragen
sind es, die sich in einer Intensitat vor des Augustinus Seele
stellen, von der man heute, wo die eigentlichen Erkenntnis-
und Seelenfragen verblafit sind, wiederum eigentlich keine
Ahnung hat. Die erste Frage ist die, die man etwa dadurch
charakterisieren kann, dafi man sagt: Augustinus ringt nach
dem Wesen desjenigen, was der Mensch eigentlich als
Wahrheit, als eine ihn stiitzende, als seine Seele erfullende
Wahrheit anerkennen konne. Die zweite Frage ist diese:
Wie ist zu erklaren in einer Welt, die doch nur einen Sinn
hat, wenn wenigstens das Ziel dieser Welt mit dem Guten
irgend etwas zu tun hat, wie ist zu erklaren in dieser Welt
die Anwesenheit des Bosen? Wie ist zu erklaren in der
menschlichen Natur namentlich der Stachel des Bosen, der
eigentlich - wenigstens nach des Augustinus Ansicht - nie-
rnals zum Schweigen kommt, die Stimme des Bosen, die
niemals zum Schweigen kommt, audi dann nicht, wenn der
Mensch ein ehrliches und aufrichtiges Streben nach dem
Guten entwickeit?
Ich glaube nicht, dafi man an Augustinus wirklich her-
ankommt, wenn man diese zwei Fragen in dem Sinne
nimmt, wie sie der Durchschnittsmensch der Gegenwart,
auch wenn er Philosoph ist, zu nehmen geneigt ist. Man
mufi nach der besonderen Farbung suchen, die fur diesen
Menschen des vierten und funften Jahrhunderts diese bei-
den Fragen hatten. Augustinus geht ja zunachst durch ein
innerlich bewegtes, man mochte sagen ausschweifendes Le-
ben. Aber aus diesem ausschweifenden und bewegten Leben
heraus tauchen ihm doch immer wieder diese beiden Fragen
auf . Personlich ist er in einen Zwiespalt hineingestellt. Der
Vater ist Heide, die Mutter ist fromme Christin. Die Mut-
ter gibt sich alle Miihe, den Sohn fiir das Christentum zu
gewinnen. Zunachst ist der Sohn nur fiir einen gewissen
Ernst zu gewinnnen, und dieser Ernst richtet sich zunachst
nach dem Manichaismus. Wir wollen nachher einige Blicke
nach dieser Weltanschauung werfen, die zunachst in den
Gesichtskreis des Augustinus hereintrat, als er von einem
etwas lotterigen Leben zu einem vollen Lebensernst uber-
ging. Dann fuhlte er sich aber immer mehr und mehr,
allerdings erst nach Jahren, abgestofien von dem Mani-
chaismus, und es bemachtigte sich seiner nun wiederum,
nicht etwa nur aus den Tiefen der Seele heraus oder aus
irgendwelchen abstrakten Hohen her, sondern aus der
ganzen Zeitstromung des philosophischen Lebens heraus
ein gewisser Skeptizismus, der Skeptizismus, in den zu
einer gewissen Zeit die griechische Philosophie ausgelaufen
war, und der sich dann erhalten hat bis in die Zeit des
Augustinus.
Aber nun tritt immer mehr und mehr der Skeptizismus
zuriick. Es ist der Skeptizismus fur Augustinus gewisser-
mafien nur etwas, was ihn mit der griechischen Philosophic
zusammenbringt. Und dieser Skeptizismus tragt ihm zu
dasjenige, was zweifellos auf seine Subjektivitat, auf die
ganze Haitung seiner Seele fiir einige Zeit einen ganz
aufierordentlich tiefen Einflufi ausgeubt hat. Der Skeptizis-
mus fiihrt ihm eine ganz andere Richtung zu, dasjenige,
was man in der Geschiehte der Philosophic gewohnlich den
Neuplatonismus nennt. Und Augustinus ist viel mehr, ats
man gewohnlich denkt, von diesem Neuplatonismus zuge-
fiihrt worden. Die ganze Personlichkeit und alles Ringen des
Augustinus ist nur begreiflich, wenn man versteht, wie viel
von neuplatonischer Weltanschauung hineingezogen ist in
die Seele dieser Personlichkeit. Und wenn man objektiv auf
die Entwickelung des Augustinus eingeht, dann findet man
eigentlich kaum, dafi der Bruch, der in dieser Personlichkeit
war beim Ubergang vom Manichaismus zum Plotinismus,
sich in derselben Starke wiederholt hat dann, als Augustinus
vom Neuplatonismus zum Christentum uberging. Denn
man kann eigentlich sagen: Neuplatoniker in einem ge-
wissen Sinne ist Augustinus geblieben; soweit er Neuplato-
niker werden konnte, ist er es geblieben. Nur, dafi er es eben
nur bis zu einem gewissen Grade werden konnte. Und weil
er es nur bis zu einem gewissen Grade werden konnte, trug
ihn dann sein Schicksal dazu, bekannt zu werden mit der
Erscheinung des Christus Jesus. Und eigentlich ist da gar
kein enormer Sprung, sondern es ist in Augustinus eine
naturgemafie Fortentwickelung vorhanden vom Neuplato-
nismus zum Christentum. So, wie in Augustinus dieses Chri-
stentum lebt, kann man dieses augustinische Christentum
nicht beurteilen, wenn man nicht zunachst hinschaut auf den
Manichaismus, eine eigentiimHche Form, die alte heidnische
Weltanschauung zu iiberwinden zu gleicher Zeit mit dem
Alten Testament, mit dem Judentum.
Der Manichaismus war in der Zeit, als Augustinus auf-
wuchs, schon eine Weltanschauungsstromung, die durchaus
iiber Nordafrika, wo ja Augustinus aufwuchs, sich ausge-
dehnt hatte, in der viele Leute des Abendlandes sdion leb-
ten. Im dritten Jahrhundert etwa entstanden in Asien drii-
ben durch Mani, einen Perser, ist vom Manichaismus
historisch aufierordentlich wenig auf die Nachwelt gekom-
men. Will man diesen Manichaismus charakterisieren, so
mufi man sagen: Mehr kommt es dabei an auf die ganze
Haitung dieser Weltanschauung als auf dasjenige, was man
heute wortwortKch als Inhalt bezeichnen kann.
Dem Manichaismus ist vor alien Dingen eigentiimlich,
dafi fur ihn die Zweiteilung des menschlichen Erlebens als
geistige Seite und als materielle Seite noch gar keinen Sinn
hat. Die Worte oder Ideen «Geist» und «Materie» haben
fiir den Manichaismus keinen Sinn. Der Manichaismus sieht
in dem, was den Sinnen materiell erscheint, Geistiges und
erhebt sich nicht iiber dasjenige, was sich den Sinnen dar-
bietet, wenn er vom Geistigen spricht. Es ist in einem viel
intensiveren Mafie, als man gewohnlich denkt, wo die Welt
so abstrakt und intellektualistisch geworden ist, fiir den
Manichaismus das der Fall, dafi er in der Tat in den Sternen
und in ihrem Gange geistige Erscheinungen, geistige Tat-
sachen sieht, dafi er in dem Sonnengeheimnis zugleich das-
jenige sieht, was als Geistiges, als Spirituelles hier auf der
Erde sich vollzieht. Einerseits von Materie, andererseits von
Geist zu sprechen, das hat fiir den Manichaismus keinen
Sinn. Fiir ihn ist das, was geistig ist, zugleich materiell sich
offenbarend, und dasjenige, was sich materiell off enbart, ist
fiir ihn das Geistige. Daher ist es fiir den Manichaismus ganz
selbstverstandlieh, dafi er von Astronomischem, von Welt-
ersdieinungen so spricht, wie er audi von Moralisdiem und
von Geschehnissen innerhalb der Menschheitsentwickelung
spricht. So ist fur den Manichaismus viel mehr als man denkt
jener Gegensatz, den er in die Weltanschauung hineinsetzt -
Lidit und Finsternis, etwas Altpersisches nachahmend -, er
ist fur inn zugleich durchaus ein selbstverstandliches Gei-
stiges. Und ein Selbstverstandliches ist es, dafi dieser Ma-
nichaismus noch spricht von dem, was da als Sonne schein-
bar am Himmelsgewolbe sich bewegt, als von etwas, das
auch mit den moralischen Entitaten und moralischen Impul-
sen innerhalb der Menschheitsentwickelung etwas zu tun
hat, und dafi er von den Beziehungen dieses Moralisch-Phy-
sischen, das da am Himmelsgewolbe dahingeht, zu den Zei-
chen des Tierkreises spricht wie zu zwolf Wesenheiten, durch
die das Urwesen, das Urlichtwesen der Welt, seine Tatig-
keiten spezifiziert.
Aber etwas anderes ist noch diesem Manichaismus eigen.
Er sieht auf den Menschen hin, und dieser Mensch erscheint
ihm keineswegs schon als dasjenige, als was uns heute der
Mensch erscheint. Uns erscheint der Mensch wie eine Art
Krone der Erdenschopfung. Mag man nun mehr oder weni-
ger materialistisch oder spiritualistisch denken, es erscheint
dem Menschen heute der Mensch wie eine Art Krone der
Erdenschopfung, das Menschenreich wie das hochste Reich,
oder wenigstens wie die Kronung des Tierreiches. Das kann
der Manichaismus nicht zugeben. Fur ihn ist das, was als
Mensch auf der Erde gewandelt hat und eigentlich zu seiner
Zeit noch wandelte, eigentlich nur ein sparlicher Rest des-
jenigen, was auf der Erde durch das gottliche Lichtwesen
hatte Mensch werden sollen. Etwas ganz anderes hatte
Mensch werden sollen als das, was jetzt als Mensch auf der
Erde herumwandelt. Dasjenige, was jetzt als Mensch auf der
Erde herumwandelt, ist dadurch entstanden, dafi der ur-
sprtingliche Mensch, den sidi das Lichtwesen zur Verstar-
kung seines Kampfes gegen die Damonen der Finsternis ge-
schaffen hat, diesen Kampf gegen die Damonen der Finster-
nis verloren hat, aber durdb die guten Madite in die Sonne
versetzt worden ist, also aufgenommen worden ist van dem
Lichtreiche selbst. Aber die Damonen haben es dodi zuwege
gebracht, gewissermafien ein Stuck dieses Urmensdien dem
in die Sonne entfliehenden wirkliehen Menschen zu ent-
reifien und daraus zu bilden, was das Menschen-Erden-
geschlecht ist, dieses Menschen-Erdengeschlecht, das also
herumwandelt wie eine schlechtere Ausgabe hier auf Erden
desjenigen, was auf der Erde hier gar nidit leben konnte,
weil es im grofien Geisteskampfe in die Sonne entriickt wer-
den muflte. Urn wieder zuriickzufiihren den Mensdien, der
in dieser Weise wie eine schleditere Auflage auf der Erde
ersduen, zu seiner ursprunglidien Bestimmung, ist dann die
Christus-Wesenheit erschienen, und durdi ihre Tatigkeit soil
die Wirkung des Damonisdien von der Erde weggenommen
werden.
Ich weifi sehr gut, meine sehr verehrten Anwesenden, dafi
alles das, was man im heutigen Sprachgebraudie von dieser
Weltanschauung noch in Worte f assen kann, eigentlich kaum
geniigend sein kann; denn das ganze geht eben aus Unter-
griinden des seelischen Erlebens hervor, die von den jetzigen
wesentlich verschieden sind. Aber das Wesentliche, worauf
es heute ankommen muE, das ist dasjenige, was ich schon
heryorgehoben habe. Denn wie phantastisch es auch erschei-
nen mag, was ich Ihnen so erzahle iiber den Fortgang der
Erdenentwickelung im Sinne der Manichaer, der Manichais-
mus stellte das durchaus vor nicht wie etwas, das man etwa
nur im Geiste erschauen miifite, sondern wie etwas, das sich
wie eine heute sinnlich genannte Erscheinung vor den physi-
schen Augen zugleich als Geistiges abspielt.
Das war das erste, was machtig auf Augustinus wirkte.
Und die Probleme, die sidi an die Personlichkeit des Augu-
stinus ankniipfen, gehen einem eigentlidi audi nur dadurdi
auf, dafi man diese machtige Wirkung des Manichaismus,
seines geistig-materiellen Prinzips, ins Auge fafit. Fragen
mufi man sich: Woraus gingen denn die Unbefriedigtheiten
des Augustinus mit dem Manichaismus hervor? Nicht eigent-
lidi aus dem, was man den mystischen Inhalt, wie ich ihn
Ihnen jetzt diarakterisiert habe, nennen konnte, sondern
die Unbefriedigtheit ging aus der ganzen Haltung dieses
Manichaismus hervor.
Zuerst war es fiir Augustinus so, dafi er in gewissem Sinne
eingenommen war, sympathisch beriihrt war von der sinn-
lichen Anschaulichkeit, von der Bildhaftigkeit, mit der diese
Anschauung vor ihn hintrat. Dann aber regte sich in ihm
etwas, was gerade mit dieser Bildhaftigkeit, mit der das Ma-
terielle geistig und das Geistige materiell angeschaut wurde,
nicht zufrieden sein konnte. Und man kommt wirklich nicht
anders zurecht, als wenn man hier von dem, was man eigent-
lich oftmals blofi als eine formelle Betrachtung vor sich hat,
zu der Realitat iibergeht, wenn man also den Blick darauf
wirft, daft der Augustinus eben ein Mensch war, der im
Grunde genommen den Menschen des Mittelalters und viel-
leicht selbst den Menschen der neueren Zeit schon ahnlicher
war, als er irgendwie sein konnte denjenigen Menschen, die
durch ihre Seelenstimmung die naturgemafien Trager des
Manichaismus waren. Augustinus hat bereits etwas von
dem, was ich eine Erneuerung des seelischen Lebens nennen
mochte.
Bei anderen Gelegenheiten mufite auch in offentlichen
Vortragen auf das, was hier in Betracht kommt, ofters hin-
gewiesen werden. In unserer heutigen intellektuellen, zum
Abstraktenhingeneigten Zeit, da sieht man eigentlidi immer
in dem, was geschichtlidi wird fur irgendein Jahrhundert,
die Wirkung, die hervorgehen soli aus dem, was das vorige
Jahrhundert gebradit hat und so weiter. Beim individuellen
Menschen ist es ja ein reiner Unsinn zu sagen, dasjenige, was
sidi zum Beispiel im achtzehnten Lebensjahre abspielt, sei in
ihm eine blofie Wirkung von dem, was sich im dreizehnten,
vierzehnten Jahre abgespielt habe; denn dazwischen Hegt
etwas, was aus den tiefsten Tiefen der Menschennatur sich
heraufarbeitet, was nicht blofi Wirkung ist des Vorhergehen-
den in dem Sinne, wie man von Wirkung als hervorgehend
aus einerUrsache berechtigt sprechen kann,sondern was eben
sich hineinstellt in das menschliche Leben als aus dem Wesen
der Menschheit herauskommende Geschlechtsreif e. Und audi
zu andern Zeiten der individuellen Menschheitsentwicke-
lung miissen solche Spriinge in der Entwickelung anerkannt
werden, wo sich etwas emporringt aus Tiefen heraus an die
Oberflache; so dafi man nicht sagen kann: Was geschieht, ist
nur die unmittelbar gradlinige Wirkung desjenigen, was
vorangegangen ist.
Solche Spriinge vollziehen sich audi mit der Gesamt-
menschheit, und man mufi annehmen, dafi vor einem solchen
Sprung dasjenige lag, was Manichaismus war, nach einem
solchen Sprung diejenige Seelenverf assung, diejenige Seelen-
haltung, in der sich auch Augustinus befand. Augustinus
konnte einfach nicht auskommen in seinem Seelenleben,
ohne dafi er auf stieg von dem, was ein Manichaer materiell-
geistig vor sich hatte, zu einem reinen Geistigen, zu einem
blofi im Geiste Erkonstruierten, Eranschauten. Zu etwas
viel Sinnlichkeitsfreierem mufite Augustinus aufsteigen als
ein Manichaer aufstieg. Deshalb mujftte er sich abwenden
von der bildhaften, von der anschauHchen Weltanschauung
des Manichaismus. Das war das erste, was sich in seiner Seele
so intensiv auslebte, und wir lesen es etwa aus seinen Wor-
ten: Dafi ich mir, wenn ich Gott denken wollte, Korper-
massen vorstellen mufite und glaubte, es konne nidits exi-
stieren als derartiges — das war der gewiditigste und fast
der einzige Grund des Irrtums, den ich nicht vermeiden
konnte.
So weist er auf diejenige Zeit zuriick, in der der Mani-
chaismus mit seiner Sinnlichgeistigkeit, Geistigsinnlichkeit in
seiner Seele lebte; so weist er auf diese Zeit hin, und so
charakterisiert er diese Zeit seines Lebens als einen Irrtum.
Er brauchte etwas, zu dem er aufblickte als zu etwas, das der
Menschenwesenheit zugrunde liegt. Er brauchte etwas, das
nicht so, wie die Prinzipien des Manichaismus, in dem sinn-
lichen Weltenall als Geistig-Sinnliches unmittelbar zu
schauen ist. Wie bei ihm alles intensiv ernst und stark sich
an die Oberflache der Seele ringt, so auch dieses: «Ich fragte
die Erde, und sie sprach: Ich bin es nicht. Und was auf ihr
ist, bekannte das gleiche.»
Wonach fragt Augustinus? Er fragt, was das eigentlich
Gottliche sei, und er fragt die Erde, und die sagt ihm: Ich
bin es nicht. — Im Manichaismus ware ihm geantwortet wor-
den: Ich bin es als Erde, insofern das Gottliche durch das
irdische Wirken sich ausspricht. - Und weiter sagt Augusti-
nus: «Ich fragte das Meer und die Abgriinde und was vom
Lebendigen sie bergen: Wir sind dein Gott nicht, suche dro-
ben iiber uns. - Ich fragte die wehenden Lufte, und es sprach
der ganze Dunstkreis samt alien seinen Bewohnern: Die
Philosophen, die in uns das Wesen der Dinge suchten, tausch-
ten sich, wir sind nicht Gott.» Also auch nicht das Meer und
auch nicht der Dunstkreis, alles dasjenige nicht, was sinnlich
angeschaut werden kann. «Ich fragte Sonne, Mond und
Sterne. Sie sprachen: Wir sind nicht Gott, den du suchst.»
So ringt er sich heraus aus dem Manichaismus, gerade aus
dem Element des Manichaismus, das eigentlich als das Be-
deutsamste, wenigstens in diesem Zusammenhange, charak-
terisiert werden mufi. Nach einem sinnlidikeitsf reien Gei-
stigen sucht Augustinus. Er steht gerade in demjenigen
Zeitalter der menschlichen Seelenentwickelung drinnen, in
dem die Seele sich losringen mufi von dem blofien Anschauen
des Sinnlidien als eines Geistigen, des Geistigen als eines
Sinnlidien; denn man verkennt audi in dieser Beziehung
durchaus die griechische Philosophic Und deshalb wird der
Anfang meiner «Ratsel der Philosophic* so schwer verstan-
den, weil idi versuchte, einmal diese griechische Philosophie
so zu charakterisieren, wie sie war.
Wenn der Grieche spricht von Ideen, von Begriff en, wenn
Plato so spricht, so glauben die heutigen Menschen, Plato
oder der Grieche uberhaupt meine mit seinen Ideen das-
jenige, was wir heute als Gedanken oder Ideen bezeichnen.
Das ist nicht so, sondern der Grieche sprach von Ideen als
von etwas, das er in der Auftenwelt wahrnimmt, geradeso,
wie er von der Farbe oder von Tonen als Wahrnehmungen
in der Aufienwelt sprach. Was nur im Manichaismus um-
gestaltet war mit einer, ich mochte sagen, orieritalischen
Nuance, das ist im Grunde in der ganzen griechischen Welt-
anschauung vorhanden. Der Grieche sieht seine Idee, wie
er die Farbe sieht. Und er hat noch das Sinnlichgeistige,
Geistigsinnliche, jenes Erleben der Seele, das gar nicht auf-
steigt zu dem, was wir als sinnlichkeitsfreies Geistiges ken-
nen; wie wir es nun auffassen, ob als eine blofie Abstraktion
oder als einen realen Inhalt unserer Seele, das wollen wir
in diesem Augenblick noch nicht entscheiden. Das ganze, was
wir sinnlichkeitsfreies Erleben der Seele nennen, das ist ja
noch nicht etwas, womit der Grieche rechnet. Er unterschei-
det nicht in dem Sinne wie wir zwischen Denken und aufie-
rem sinnlidien Wahrnehmen.
Die ganze Auffassung der Platonischen Philosophie
miifite eigentlich von diesem Gesiditspunkte aus korrigiert
werden, denn erst dann gewinnt sie ihr redites Antlitz. So
dafi man sagen kann: Der Manichaismus ist nur eine nach-
christliche Ausgestaltung — wie ich sdion sagte, mit orientali-
sdier Nuance - desjenigen, was im Griechentum war. Man
versteht audi nicht jenen groflen Genialen, aber Erzphilister,
der die griechische Philosophic abschliefit, Aristoteles, wenn
man nicht weifi, dafi, wenn er noch spricht von den Be-
griffen, er zwar hart an der Grenze schon steht vom Er-
fassen von etwas sinnlichkeitsfreiem Abstrakten, daft er
aber im Grunde genommen doch noch im Sinne der gefiihl-
ten Tradition desjenigen spricht, was auch die Begriffe noch
im Umkreise der sinnlichen Welt gesehen hat wie die Wahr-
nehmungen.
Augustinus war einfach durch den Gesichtspunkt, zu dem
sich die Menschenseelen durchgerungen hatten in seinem
Zeitalter, durch reale Vorgange, die sich in den Menschen-
seelen abspielten, in deren Reihen Augustinus stand als eine
besonders hervorragende Personlichkeit, Augustinus war
einfach gezwungen, nicht mehr so blofi in der Seele zu er-
leben, wie ein Grieche erlebt hat; sondern er war gezwun-
gen, zu sinnlichkeitsfreiem Denken aufzusteigen, zu einem
Denken, das noch einen Inhalt behalt, wenn es nicht reden
kann von der Erde, von der Luft, vom Meer, von den Ster-
nen, von Sonne und Mond, das einen unanschaulichen In-
halt hat. Und nach einem Gottlichen rang Augustinus, das
einen solchen unanschaulichen Inhalt haben sollte. Und nun
sprachen zu ihm nur Philosophien, Weltanschauungen, die
eigentlich das, was sie ihm zu sagen hatten, von einem ganz
anderen Gesichtspunkte aus sagten, namlich von dem eben
charaktensierten des Sinnlich-Obersinnlichen. Kein Wun-
der, dafi, weil diese Seelen in unbestimmter Art strebten
nach etwas, was noch nicht da war, und, wenn sie hinlangten
wie mit geistigen Armen nach dem, was da war, sie nur fin-
den konnten dasjenige, was sie nicht aufnehmen konnten,
kein Wunder, dafi diese Seelen zum Skeptizismus kamen!
Aber auf der anderen Seite war das Gefiihl, auf einem
sidieren Wahrheksboden zu stehen und Aufschlufi zu be-
kommen Uber die Frage nach dem Ursprung des Bosen, so
stark in Augustinus, dafi doch in seine Seele noch ebenso
betrachtHdi diejenige Weltanschauung hereingeleuchtet hat,
die als Neuplatonismus am letzten Ausgange der griechi-
schen philosophischen Entwickelung steht, namentlich in der
Person des Plotin y und die uns audi historisch verrat - was
im Grunde genommen nicht die Dialoge des Platon und am
wenigsten die Aristotelische Philosophic verraten konnen -,
wie das ganze Seelenleben dann verlief, wenn es eine ge-
wisse Verinnerlichung, ein Hinausgehen iiber das Normale
suchte. Plotin ist wie ein letzter Nachziigler einer Menschen-
art, die ganz andere Wege zur Erkenntnis, zum inneren Le-
ben der Seele einschlug als dasjenige, was uberhaupt nachher
verstanden worden ist, wovon man nachher eine Ahnung
entwickelt hat. Plotin steht so da, dafi er dem heutigen Men-
schen eigentlich als Phantast erscheint.
Plotin erscheint gerade denjenigen, die mehr oder weniger
in sich aufgenommen haben von der mittelalterlichen Scho-
lastik, wie ein schrecklicher Schwarmer, ja, wie ein gefahr-
licher Schwarmer. Ich habe das wiederholt erleben konnen.
Mein alter Freuhd Vincenz Knauer, der Benediktinermonch,
der eine Geschichte der Philosophic geschrieben hat, und der
audi ein Buch geschrieben hat iiber die Hauptprobleme der
Philosophic von Thales bis Hamerling, war die Sanftmut
selber. Dieser Mann schimpfte eigentlich nie zu andern Zei-
ten, als wenn man mit ihm uber die Philosophic des Neu-
platonismus, namentlich des Plotin, zu verhandeln hatte.Da
wurde er bos und schimpfte sehr, furchterlich iiber Plotin
wie iiber einen gef ahrlichen Schwarmer. Und Brentano, der
geistvolle Aristoteliker und Empiriker Franz Brentano, der
aber audi die Philosophie des Mittelalters in einer aufier-
ordentiidi tiefen und intensiven Weise in seiner Seele trug,
er schrieb sein Buchelchen « Was f iir ein Philosoph manchmal
Epoche macm>, und da schimpft er eigentlich geradeso iiber
Plotin, denn Plotin ist der Philosoph, der Mann, der nach
seiner Meinung als ein gef ahrlicher Schwarmer am Ausgange
des griechischen Altertums Epoche gemacht hat. Plotin zu
verstehen, wird fiir den heutigen Philosophen tatsachlich
aufierordentlich schwer.
Von diesem Philosophen des dritten Jahrhunderts miissen
wir zunadist sagen: Dasjenige, was wir als unseren Ver-
standesinhalt erleben, als unseren VernunfKnhalt erleben,
was wir erleben als die Summe der BegrifFe, die wir uns iiber
die Welt machen, das ist fiir ihn durchaus nicht, was es fiir
uns ist. Ich modite sagen, wenn ich mich bildlich ausdrvicken
darf (es wird gezeidmet): Wir fassen die Welt auf durch TafeH
Sinneswahrnehmungen, bringen dann durch Abstraktionen ltnks
diese Sinneswahrnehmungen auf Begriffe und endigen so bei
den Begriffen. Wir haben die Begriffe als inneres seelisches
Erlebnis und sind uns, wenn wir Durchschnittsmenschen der
Gegenwart sind, mehr oder weniger bewufk, dafi wir ja
Abstraktionen haben, etwas, was wir aus den Dingen wie
herausgesogen haben. Das Wesentliche ist, wir endigen da;
wir wenden unsere Aufmerksamkeit der Sinneserf ahrung zu
und endigen da, wo wir die Summe unserer Begriffe, unserer
Ideen bilden.
Das war fiir Plotin nicht so. Fiir Plotin war diese ganze
Welt der Sinneswahrnehmungen im Grunde genommen zu-
nachst kaum vorhanden. Dasjenige aber, was fiir ihn etwas
war, wovon er so sprach wie wir von Pflanzen, Mineralien,
Tieren und physischen Menschen, das war etwas, was er nun
* Zu den Tafelzeichnungen
23
fiber den Begriffen liegend sah, das war eine geistige Welt,
und diese geistige Welt hatte fur ihn eine untere Grenze.
Diese untere Grenze waren die Begriffe. Wahrend fiir uns
die Begriffe dadurdi gewonnen werden, dafi wir zu den
Sinnesdingen uns wenden, abstrahieren und die Begriffe uns
bilden und sagen: Die Begriffe sind die Zusammenfassun-
gen, die Extrakte ideeller Natur aus den Sinneswahrneh-
mungen — , sagte Plotin, der sich zunachst um die Sinnes-
wahrnehmungen wenig kummerte: Wir als Menschen leben
in einer geistigen Welt, und dasjenige, was uns diese geistige
Welt als ein Letztes offenbart, was wir wie ihre untere
Grenze sehen, das sind die Begriffe.
Fiir uns liegt unter den Begriffen die sinnliche Welt; fiir
Plotin liegt iiber den Begriffen eine geistige Welt, die eigent-
liche intellektuelle Welt, die Welt des eigentlichen Geistes-
reidies. Ich konnte audi folgendes Bild gebraudien: Denken
wir uns einmal, wir waren in das Meer untergetaucht, und
wir blicken hinauf bis zur Meeresoberflache, sehen nichts als
diese Meeresoberflache, nichts iiber der Meeresoberflache, so
ware die Meeresoberflache die obere Grenze. Wir lebten im
Meere, und wir hatten vielleicht eben in der Seele das Ge-
fiihl: Diese Grenze umschliefk uns das Lebenselement, in
dem wir sind -, wenn wir fiir das Meer organisierte Wesen
waren.
Fiir Plotin war das anders. Er beachtete nicht dieses Meer
um sich. Fiir ihn war aber seine Grenze, die er da sah, die
Grenze der Begriffswelt, in der seine Seele lebte, die untere
Grenze desjenigen, was iiber ihr war; also wie wenn wir die
Meeresgrenze als die Grenze gegeniiber dem Luftraum und
der Wolkenwelt und so weiter auffassen wiirden. Fiir Plo-
tin, der dabei durchaus fiir sich die Meinung hat, daft er die
wahre, echte Anschauung des Plato fortsetzt, fiir Plotin ist
dieses, was iiber den Begriffen liegt, zugleich dasjenige, was
Plato die Ideenwelt nennt. Diese Ideenwelt ist zunachst
durchaus etwas, wovon man als einer Welt spricht im Sinne
des Plotinismus.
Nicht wahr, es wird Ihnen alien nicht einfallen, selbst
wenn Sie subjektivistisch oder Anhanger der modernen sub-
jektivistischen Philosophic sind, wenn Sie hinaussehen auf
die Wiese zu sagen: Ich habe meine, du hast deine Wiese,
der dritte hat seine Wiese audi wenn Sie uberzeugt sind
davon, dafi sie alle eben nur die Vorstellung der Wiese
haben. Sie reden von der einheitlichen Wiese, von der einen
Wiese, die drauflen ist; so Plotin zunachst von der einen
Ideenwelt, nicht von der Ideenwelt dieses Kopf es, oder eines
zweiten Kopfes, oder der Ideenwelt im dritten Kopfe. An
dieser Ideenwelt - und das merkt man ja schon aus der gan-
zen Art und Weise, wie man den Gedankengang zu charak-
terisieren hat, der zu dieser Ideenwelt fiihrt -, an dieser
Ideenwelt nimmt nun teil die Seele. So dafi wir also sagen
konnen: Gewissermafien entfaltet sich aus der Ideenwelt
heraus, diese Ideenwelt erlebend, die Seele, die Psyche. Und
ebenso wie die Ideenwelt die Psyche, die Seele schafft, so
schafft sich die Seele ihrerseits erst die Materie, in der sie
verkorpert ist. So daft also dasjenige, woraus die Psyche
ihren Leib nimmt, im wesentlichen ein Geschopf dieser Tafel 1
Psyche ist. links
Da aber ist erst der Ursprung der Individuation, da erst
gliedert sich die Psyche, die sonst teilnimmt an der einheit-
lichen Ideenwelt, da gliedert sie sich in den Leib A, in den
Leib B und so weiter ein, und dadurch entstehen erst die
Einzelseelen. Die einzelnen Seelen entstehen dadurch, dafi
gewissermafien die Psyche eingegliedert wird in die einzel-
nen materiellen Leiber. Geradeso, wie wenn ich eine grofie
Menge Flussigkeit hatte als eine Einheit, dann zwanzig
Glaser nehmen und jedes mit dieser Flussigkeit vollschutten
1C
wiirde, so dafi ich iiberall diese Fliissigkeit, die als solche eine
Einheit ist, nun drinnen hatte, geradeso habe ich iiberall die
Psyche drinnen dadurch, dafi die Psyche sich in Leibern, die
sie sich aber selbst schafft, verkorpert. So dafi im plotinischen
Smne der Mensch sich anschauen kann zunachst seiner
Aufienseite nach, seinem Gef afi nach. Das ist aber im Grunde
genommen nur dasjenige, wodurch die Seele sich offenbart,
wodurch die Seele sich audi individualisiert. Dann hat der
Mensch innerhch zu erleben seine Seele selbst, die sich hin-
auferhebt zu der Ideenwelt. Dann gibt es eine hohere Art
des Erlebens. Dafi man von abstrakten Begriff en redet, das
hatte fur einen Plotinisten keinen Sinn; denn solche abstrak-
ten Begriffe, ja, ein Plotinist wiirde gesagt haben: Was soil das
sein, abstrakte Begriffe? Es konnen doch Begriffe nicht ab-
strakt sein, Begriffe konnen doch nicht in der Luft hangen, sie
miissen doch irgendwie vom Geiste heruntergesenkt sein, sie
miissen doch die konkreten Off enbarungen des Geistigen sein.
Man hat also unrecht, wenn man so interpretiert, dafi das,
was man als Ideen gegeben hat, irgendwelche Abstraktionen
seien. Das ist der Ausdruck einer intellektuellen Welt, einer
Welt der Geistigkeit. Es ist dasjenige, was auch im gewohn-
lichen Erleben bei denjenigen Menschen vorhanden war, aus
deren Verhaltnissen Plotin und die Seinigen herauswuchsen.
Fur die hatte ein solches Reden iiber Begriffe, wie wir es
heute entfalten, iiberhaupt keinen Sinn, denn fiir sie gab
es nur ein Hereinragen der geistigen Welt in die Seelen. Und
an der Grenze dieses Hereinragens, im Erleben, ergab sich
diese Begriff s welt. Erst dann aber, wenn man sich vertiefle,
wenn man weiterentwkkelte die Seele, ergab sich das, was
nun der gewohnliche Mensch nicht wissen konnte, was eben
ein soldier erlebte, der zu einem hoheren Erleben sich auf-
schwang. Er erlebte dann dasjenige, was noch iiber der
Ideenwelt war, das Eine, wenn man es etwa so nennen will,
Erleben des Einen, was fur Plotin dasjenige war, das fur
kerne Begriffe zu erreichen war, weil es eben iiber der Be-
griff swelt war, das nur zu erreichen war, wenn man begriffs-
los ins Innere sich versenken konnte, und das charakterisiert
ist durch das, was wir hier in unserer Geisteswissenschaft
Imagination nennen. Sie konnen dariiber nachlesen in mei-
nem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren
Welten?», nur dafi dasjenige, was in diesem Buche gemeint
ist, im Sinne der Gegenwart ausgebildet ist, wahrend es bei
Plotin im Sinne des alten ausgebildet war. Was da die Ima-
gination genannt werden kann, das versenkt sich nach Plotin
in dasjenige, was iiber der Ideenwelt stent.
Aus dieser Gesamtanschauung der Welt ergab sich fiir
Plotin eigentlich audi alles Erkennen iiber die menschliche
Seele. Es liegt ja eigentlich schon darinnen. Und man kann
nur Individualist im Sinne Plotins sein, indem man zu glei-
cher Zeit ein Mensch ist, der anerkennt, wie der Mensch sich
hinauf lebt in etwas, das iiber alle Individuality erhaben ist,
wie sich der Mensch hinauf lebt in ein Geistiges, in das er sich
gewissermaften nach oben erhebt, wahrend wir heute in un-
serem Zeitalter mehr die Gewohnheit haben, unterzutau-
chen in das Sinnliche. Das alles aber, was da der Ausdruck
von etwas ist, was also selbst schon ein richtiger Scholastiker
als Schwarmerei ansieht, das ist fiir Plotin nichts etwa Er-
dachtes, das sind fiir Plotin keine Hypothesen. Fiir Plotin
war das so sichere Wahrnehmung, bis zu dem Einen hin, das
eben nur in Ausnahmef alien erlebt werden konnte, fiir Plo-
tin war es so sichere Wahrnehmung, so selbst verstandliche
Wahrnehmung, wie fiir uns eben heute Mineralien, Pflan-
zen, Tiere Wahrnehmungen sind. Er sprach nur im Sinne
von etwas, das wirklich unmitteibar von der Seele erlebt
wird, wenn er sprach von der Seele, dem Logos, der teil-
nimmt an dem Nous, an der Ideenwelt und an dem Einen.
Fur Plotin war gewissermaften die ganze Welt eine Gei-
stigkeit; wieder eine andere Nuance von Weltanschauung,
als es der Manichaismus war und als dasjenige, wonach
Augustinus strebte. Der Manichaismus erkennt ein Sinnlich-
Ubersinnliches; fiir ihn haben die Worte und Begriflfe Ma-
terie und Geist noch keinen Sinn. Augustinus ringt darnach,
aus seiner sinnlichen Anschauung heraus nach einem sinn-
lichkeitsfreien geistigen Erleben der Seele zu kommen. Fiir
Plotin ist die ganze Welt ein Geistiges, fiir ihn sind Sinnen-
dinge nicht da. Denn das, was materiell erscheint, ist nur die
Offenbarungsart, die unterste OfFenbarungsart des Geisti-
gen. Alles ist Geist, und dringen wir nur tief genug in die
Dinge hinein, so offenbart sich alles als Geist.
Das ist etwas, womit Augustinus nicht ganz mitgehen
konnte. Warum? Weil er die Anschauung nicht hatte. Weil
er eben schon in seinem Zeitalter lebte als - ja, wenn ich
Plotin einen Nachziigler nennen mochte der alten Zeiten, wo
man solche Anschauungen hatte, der aber noch hereinragte
ins dritte Jahrhundert, so war Augustinus eben ein Vor-
ziigler, im Gegensatze zu dem Nachziigler - ein Vorziigler
derjenigen Menschen, die nicht mehr fuhlen, empfinden,
wahrnehmen konnten, dafi in der Ideenwelt eine geistige
Welt nach unten sich offenbart. Er schaute das eben nicht
mehr. Er konnte es sich nur erzahlen lassen. Er konnte es nur
von andern erfahren. Er konnte nur darauf kommen, dafi
man das sagte, und er konnte noch ein Gef uhl daf iir entwik-
keln, dafi darinnen etwas stecke, was ein menschlicher Weg
zur Wahrheit ist. Das war der Zwiespalt, in dem Augustinus
dem Plotinismus gegenuberstand. Aber eigentlich wurde er
niemals davon ganz abgelenkt, hinzustreben nach einem
inneren Verstandnis dieses Plotinismus. Aber das Schauen
eroffnete sich ihm nicht. Er ahnte nur: In dieser Welt mufi
etwas drinnen sein. Aber er konnte sich nicht durchringen.
Das war die Seelenstimmung, in der Augustinus sich in
Einsamkeiten zuriidkzog, aus welchen Einsamkeiten heraus
er dann die Bibel und das Christentum kennenlernte, spater
die Predigten des Ambrosius, die Paulus-Brief e. Und es war
die Seelenstimmung, die ihn endlich dazu brachte, zu sagen:
Dasjenige, was der Plotin gesucht hat als das Wesen der
Welt zunachst im Wesen der Ideenwelt, des Nous, oder in
dem Einen, das man nur in besonderen Vorzugszustanden
der Seele erreicht, das ist ja leibhaftig erschienen auf der
Erde in menschlicher Gestalt durdi den Christus Jesus. - Das
sprang ihm als eine Oberzeugung aus der Bibel hervor: Du
brauchst nicht hinaufzudringen zu dem Einen, du brauchst
nur hinzuschauen zu dem, was dir die historische Tradition
von dem Christus Jesus vermittelt. Da ist der Eine herab-
gestiegen, ist Mensch geworden.
Und Augustinus tauscht die Kirche ein f ur die Philosophic
des Plotin. Dafi er die Kirche eintauscht, spricht er eigentlidi
klar genug aus. Er spricht es aus, indem er sagt: «Wer konnte
so verblendet sein, zu sagen, die Kirche der Apostel verdiene
keinen Glauben, die so treu ist und von so vieler Briider
Ubereinstimmung getragen, dafi sie deren Schriften gewis-
senhaft den Nachkommen uberlieferte, wie sie auch deren
Lehrstiihle bis zu den gegenwartigen Bischofen herab mit
streng gesicherter Nachfolge erhalten hat.» Das ist dasjenige,
worauf jetzt Augustinus aus der gekennzeichneten Seelen-
stimmung heraus den Hauptwert legt, dafi ja schliefilich,
wenn man nur nachgeht durch die Jahrhunderte hindurch,
nachgewiesen werden kann: Es hat Menschen gegeben, die
haben die Schiiler des Herrn noch gekannt, und es ist eine
fortlaufende Tradition glaubwiirdiger Art vorhanden, daft
auf der Erde erschienen ist dasjenige, was Plotin auf dem
angedeuteten Wege zu erringen suchte.
Und nun entstand in Augustinus das Bestreben, so weit er
in den Plotinismus eindringen konnte, diesen Plotinismus
zum Verstandnisse desjenigen zu verwenden, was sich ihm
fiir sein GefUhl, fiir seine Empfindung, fiir seine innere
Wahrnehmung durch das Christentum ersdilossen hatte. Er
wendete tatsachlich dasjenige, was er durch den Plotinismus
bekommen hatte, an, um das Christentum und seinen Inhalt
zu verstehen. So formte er zum Beispiel den Begriff des
Einen um. Fiir Plotin war das Eine ein Erlebnis; fiir Augu-
stinus, der bis zu diesem Erlebnis nicht dringen konnte,
wurde das Eine etwas, was er mit dem abstrakten «Sein»
bezeichnete, Ideenwelt etwas, was er mit dem abstrakten
Begriff des «Wesens» bezeichnete, Psyche etwas, was er mit
dem abstrakten Begriff «Leben» oder auch mit dem Begriff
«Liebe» bezeichnete. Daft Augustinus so verfuhr, charakteri-
siert uns am allerbesten, daft er versuchte, die geistige Welt,
aus der er sich den Christus Jesus stammend dachte, mit neu-
platonischen, mit plotinischen Begriff en zu erfassen: daft da
iiber den Menschen eine geistige Welt ist, aus der der Chri-
stus stammt. Die Dreigeteiltheit, das war etwas, was dem
Augustinus aus dem Plotinismus heraus klargeworden war.
Es wurden fiir Augustinus die drei Personlichkeiten der
Trinitat - der Vater, der Sohn, der Geist - aus dem Ploti-
nismus klar.
Eine
-Sein
Ideenwelt
Wesen
► Trinitat
Psyche
-Leben - Liebe
Und will man nun im Ernste fragen: Was erfiillte die
Seele des Augustinus, wenn er von den dreiPersonen sprach? -
so mufi man antworten: Es erfullte ihn dasjenige, was er
von Plotin gelernt hatte. Und er trug audi in dasjenige, was
ihm Bibelverstandms war, das hinein, was er von Plotin
gelernt hatte. Man sieht, wie das nodi weiter fortwirkt,
denn diese Trinitat wird wiederum lebendig zum Beispiel
in Scotus Erigena, der am Hofe Karls des Kahlen im neun-
ten Jahrhundert lebte, und der ein Buch iiber die Teilung,
iiber die Gliederung der Natur geschrieben hat, in dem wir
eine ahnliche Trinitat nodi finden. Christentum interpretiert
seinen Inhalt aus dem Plotinismus heraus.
Was aber Augustinus ganz besonders stark blieb aus die-
sem Plotinismus heraus, das war etwas Grundwesentliches
fur diesen Plotinismus. Denken Sie sidi doch, dafi ja eigent-
Hdi nur, indem die Psyche hinunterragt in das Materielle
wie in ein Gef afi, der Mensch eine irdische Individuality ist.
Gehen wir nur etwas hinauf in das hohere Wesenhafte, stei-
gen wir vom Mensdilichen zum Gottlichen oder Geistigen
auf, wo die Trinitat wurzelt, dann haben wir es nicht
mehr mit dem einzelnen Menschen zu tun, dann haben wir
es gewissermafien mit der Gattung, mit der Menschheit zu
tun.
Wir lenken nicht mehr in dieser starken Weise aus unse-
ren heutigen Begriffen heraus unsere Vorstellungen der
ganzen Menschheit zu, wie Augustinus das getan hat aus
dem Plotinismus heraus. Ich mochte sagen, von da unten
angesehen nehmen sich die Menschen als Individuen aus;
von oben angesehen - wenn man das hypothetisch so sagen
darf - nimmt sich die ganze Menschheit als eine Einheit aus.
Von diesem Gesichtspunkte wuchs nun audi, von vorne
gesehen, die ganze Menschheit fiir Plotin in Adam zusam-
men. Adam war die ganze Menschheit. Und indem Adam
hervorging aus der geistigen Welt, war er eine Wesenheit,
mit der Erde verbunden, die freien Willen hatte, und die,
weil in ihr lebte dasjenige, was da droben noch war — nicht
dasjenige, was aus der Verirrung der Materie stammt un-
fahig war zu siindigen. Unmdglich war es diesem Menschen,
der zunachst Adam war, zu siindigen, unfrei zu sein, und da-
mit audi unmoglich, zu sterben. Da kam die Wirkung des-
jenigen, was Augustinus empfand als den Gegengeist, als
die satanische Wesenheit. Die versuchte, verfiihrte den
Menschen. Er fiel in die Materie, und damit die ganze
Menschheit.
Sehen Sie, insofern stent mit seiner aufgenommenen Er-
kenntnis Augustinus ganz in dem drinnen, was der Plotinis-
mus ist. Die ganze Menschheit ist ihm eines. Es siindigt nidit
der einzelne Mensch, es siindigt in Adam die ganze Mensch-
heit. Geht man ein auf das, was ofhnals zwischen den Zeilen
namentlich der letzten Schriflen des Augustinus lebt, so sieht
man, wie aufterordentlich schwer es Augustinus geworden
ist, so seine Blicke auf die ganze Menschheit zu werf en, auf
die Moglichkeit zu werfen, daft die ganze Menschheit siin-
digt. Denn es liegt in ihm schon eben der moderne Mensch,
der Vorziigler im Gegensatze zum Nachziigler. Es lebte in
ihm der individuelle Mensch, der eine Empfindung dafiir
hatte, daft der einzelne Mensch immer mehr und mehr ver-
antwortlich wird fur das, was er tut und lernt. Fast als
etwas Unmogliches erschien es Augustinus in gewissen
Augenblicken, zu empfinden, daft der einzelne Mensch nur
ein Glied in der ganzen Menschheit ist. Aber der Neuplato-
nismus, der Plotinismus war so fest bei ihm, daft er doch
wiederum nur den Blick auf die ganze Menschheit werfen
konnte. Und so war dieser Zustand bei den ganzen Men-
schen- der Zustand der Siinde, des Siindigens, des Sterbens-
iibergegangen in den Zustand des Nichtf reiseinkonnens, des
Nichtunsterblichseinkonnens.
Die ganze Menschheit war damit gefallen, hatte sich ab-
gewendet von ihrem Ursprung. Und Gott wiirde, wenn er
blofi gerecht ware, die Mensdiheit nun einfach verworfen
haben. Er ist aber nidit blofi gerecht, er ist audi barmherzig.
So empf and es Augustinus. Daher beschlofi Gott, einen Teil
der Menschheit - wohlgemerkt: einen Teil der Mensdiheit —
zu retten. Das heifk, Gottes Ratschluft bestimmte einen Teil
der Mensdiheit zum Empfangen der Gnade, wodurch dieser
Teil der Menschheit zuruckgefuhrt wird von dem Zustande
des Nichtfreiseinkonnens, des Nichtunsterblichseinkonnens,
in den Zustand des Freiseinkonnens, des Unsterblichsein-
konnens, was allerdings erst nach dem Tode vollstandig
verwirklicht werden kann. Ein Teil der Menschheit wird
in diesen Zustand zuriickversetzt. Der andere Teil der
Menschheit - das sind die nicht Erwahlten -, der bleibt in
dem Zustand der Sunde. So dafi die Menschheit in diese
zwei Teile zerfallt: in diejenigen, die erwahlt sind, und in
diejenigen, die verworfen sind. Und sieht man im augu-
stinischen Sinne hin auf die Menschheit, so zerfallt sie ein-
fach in diese zwei Glieder, in diejenigen, die zur Seligkeit
bestimmt sind ohne ihr Verdienst, blofi weil es im gott-
lichen Weltenplan weise so eingerichtet ist, und in solche,
die, was sie audi immer machen, die Gnade nicht erringen
konnen, die determiniert sind, pradestiniert sind, in Ver-
dammnis zu fallen. Diese Anschauung, die man audi die
Pradestinationslehre nennt, die ergab sich fur Augustinus
aus der Art heraus, wie er seinen Blick auf die gesamte
Menschheit hinrichtete. Wenn die gesamte Menschheit siin-
digte, so war eigentlich die gesamte Menschheit wert, das
Schicksal des Teiles der Menschheit zu erfahren, der ver-
worfen wurde.
Welche furchtbaren geistigen Kampfe sich aus dieser
Pradestinationslehre ergeben haben, wie der Pelagianis-
mus, der Semipelagianismus daraus herausgewachsen sind,
davon soli dann morgen gesprodien werden. Aber heute
mochte ich nur ganz zum Schlusse noch hinzufiigen: Wir
sehen nun, wie Augustinus als lebendig ringende Person-
lichkeit drinnensteht zwisdien jener Ansdiauung, die nadi
dem Geistigen hinaufgeht, und fur deren Blick die Mensch-
heit ein Ganzes wird. Das legt er sich in seinem Sinn, im
Sinn der Pradestinationslehre aus. In seiner Seele aber lebt
der Drang, aus der mensdilichen Individualitat aufzustei-
gen zu einem sinnlichkeitsf reien Geistigen, einem Geistigen,
das wiederum nur aus der Individualitat stammen kann.
Das war eben das Charakteristikon des Zeitalters, dessen
Vorziigler der Augustinus ist, dafi dieses Zeitalter gewahr
wurde, was im Altertum nicht gewahr worden sind die
Menschen: das individuelle Erleben.
Heute nimmt man ja vieles als Phrase. Klopstock war
noch ernst, nicht Phraseur, als er seinen «Messias» mit den
Worten begann: Singe, unsterbliche Seele, der siindigen
Menschen Erlosung. — Homer hat begonnen, ebenso ehrlich
und aufrichtig: Singe, o Gottin, mir von dem Zorn
oder: Singe, o Muse, mir von dem Manne, dem vielge-
wanderten Odysseus. - Diese Leute sprachen nicht von dem,
was in der Individualitat drinnenlebt; die sprachen von
dem, was als allgemeine Menschheit, als Gattungsseele,
als Psyche durch sie spricht. Das ist keine Phrase, wenn
Homer die Muse singen lafit statt seiner selbst. Dafi man
sich als Individualitat empfinden kann, das kommt erst
auf. Und Augustinus ist einer der ersten derjenigen, die im
Grunde genommen eigentlich erst empfanden das indi-
viduelle Dasein des Menschen mit der individuellen Ver-
antwortlichkeit. Deshalb lebte er in diesem Zwiespalt drin-
nen. Aber es entstand eben in seinem Erleben das indi-
viduelle Streben nach dem unsinnlichen Geistigen. In ihm
war ein personliches, subjektives Ringen.
In der Folgezeit wurde verschiittet audi dasjenige Ver-,
standnis nodi, das Augustinus haben konnte fiir den Ploti-
nismus. Und nachdem die griechischen Philosophen, die
letzten Nachziigler des Platon, und Plotin in die Verban-
nung nach Persien hiniiber auswandern mufiten, nadidem
diese letzten Philosophen in der Akademie von Gondi-
shapur dann ihre Nachkommen gefunden haben, da ver-
siegte im Abendlande dieses Hinaufschauen nach dem Gei-
stigen, und nur dasjenige blieb, was der Generalphilister
Aristoteles als filtrierte griechische Philosophic auf die
Nachwelt iiberliefert hat, aber audi das nur in einzelnen
Fragmenten. Das pflanzte sich fort, kam dann auf dem
Umwege, wie wir sehen werden, uber die Araber nach
Europa herein. Das war dasjenige, was kein Bewufksein
mehr hatte von der eigentlichen Ideenwelt, was keinen
Plotinismus mehr im Leibe hatte. Und so blieb die grofie
Frage iibrig: Der Mensch mufi das Geistige ja aus sich selbst
herausspinnen. Der Mensch mufi das Geistige als Abstrak-
tion gebaren. Wenn er die Lowen sieht und den Begriff des
«L6wen» dazu denkt, wenn er die Wolfe sieht und den
BegrifF «Wolf» dazu denkt, wenn er den Menschen sieht
und den BegrifF des «Menschen» dazu denkt, so sind diese
BegrifTe nur in ihm lebend, so steigt das aus der Individua-
list auf.
Die ganze Frage hatte noch keinen Sinn fiir einen Plotin
gehabt; jetzt bekommt diese Frage einen Sinn. Und jetzt
bekommt diese Frage noch einen tiefen, anderen Sinn.
Augustinus hat noch mit dem, was aus dem Plotinismus in
seine Seele hereingeleuditet hat,erfassen konnen dasMyste-
rium des Christus Jesus. Das war verschiittet, was als sol-
dier Plotinismus da war; mit der Schliefiung der Philo-
sophenschule in Athen 529 durch den Kaiser Justinian war
der lebendige Zusammenhang mit solchen Anschauungen
abgebrochen. Versdiiedene haben in tiefer Weise empfun-
den, was es heiflt: Uns wird gesprochen von einer geistigen
Welt in der Tradition, in der Schrift; wir erleben aus der
Individuality heraus iibersinnnliche Begriffe, vom Sinn-
lichen abgezogene Begriffe. Wie stehen wir mit diesen Be-
griff en zum Sein? Wie stehen wir mit diesen BegrifFen zur
Wesenheit der Welt? Lebt dasjenige, was wir uns als Be-
griffe bilden, nur als etwas Willkurliches in uns, oder hat
es etwas zu tun mit der aufteren Welt?
In dieser Form tauchten die Fragen auf, in aufierster
Abstraktion, aber in einer Abstraktion, die tiefernste
menschliche und ganz mittelalterlich-kirchliche Angelegen-
heiten waren. In dieser Abstraktion, in dieser Herzensinnig-
keit tauchten die Fragen auf in den beiden Personlichkeiten
des Albertus Magnus und des Thomas von Aquino. Sie wur-
den dann, wiederum verabstrahiert, die Fragen zwischen
Realismus und Nominalismus genannt. Wie steht man zu
einer Welt, von der uns berichtet wird durch diejenigen Be-
griffe, die nur in uns selbst aus unserer Individuality heraus
geboren werden konnen? Das war die grofie Frage, die sich
die mittelalterlichen Scholastiker vorgelegt haben. Und
wenn Sie bedenken, welche Form der Plotinismus in der
Pradestinationslehre des Augustinus angenommen hat, dann
werden Sie die ganze Tiefe dieser scholastischen Frage fuh-
len konnen: Nur ein Teil der Menschheit, und der nur durch
Gottes Ratschlufi, konnte der Gnade teilhaftig werden, das
heifk, zur Seligkeit gelangen; der andere Teil war zur ewi-
gen Verdammnis von vornherein bestimmt, was er audi tun
mochte. Dasjenige aber, was der Mensch als seinen Erkennt-
nisinhalt sich erringen konnte, das ging ja gerade aus dem
hervor, aus dem Augustinus noch nicht seinen Begriff, den
furchtbaren Begriff der Pradestinationslehre hat umbilden
konnen, das ging hervor aus der menschlichen Individual!-
tat. Fur Augustinus war die Menschheit ein Ganzes, fiir
Thomas war jeder einzelne Mensch eine Individualitat.
Wie hangt dieser grofte Weltenprozeft der Predestination,
wie ihn Augustinus sah, mit dem zusammen, was die ein-
zelne menschliche Individualitat erlebt? Wie hangt zusam-
men dasjenige, was Augustinus eigentlich ganz abgeworfen
hat, mit dem, was die einzelne menschliche Individualitat
sich erringen kann? Man bedenke: Augustinus hat, weil er
die menschliche Individualitat nicht zur Geltung bringen
wollte, die Pradestinationslehre hingenommen, ausgeloscht
die menschliche Individualitat um der Menschheit willen;
Thomas von Aquino hatte nur den einzelnen Menschen mit
seinem Erkenntnisstreben vor sich. Aus dem, was Augusti-
nus ausgeschlossen hat aus seiner Menschheitsbetrachtung,
mufke Thomas die menschliche Erkenntnis und ihr Ver-
haltnis zur Welt suchen.
Es geniigt nicht, dafi man eine solche Frage abstrakt und
verstandesmafiig und rationalistisch stellt. Es ist notwendig,
daft man eine solche Frage mit dem ganzen Herzen f aflt, mit
der ganzen menschlichen Personlichkeit fafit. Dann wird
man ermessen konnen, wie diese Frage iastete auf denjeni-
gen Menschen, die ihre Trager im 1 3. Jahrhundert waren.
ZWEITER VORTRAG
DAS WESEN DES THOMISMUS
Dornach, 23. Mai 1920
Was ich mich gestern besonders hervorzuheben bemiihte, das
war, daft in jener geistigen Entwickelung des Abendlandes,
die dann ihren Ausdruck in der Scholastik gefunden hat,
nicht blofi dasjenige spielt, was man in abstrakten BegrifFen
erfassen kann und was sich etwa in abstrakten Begriffen, in
einer Entwickelung abstrakter BegrifTe vollzogen hat, son-
dern daft dahinter eine reale Entwickelung der Impulse der
abendlandischen Menschheit steht. Ich meine das so: Man
kann zunachst, wie man ja das zumeist in der Philosophie-
geschichte macht, den Blick auf dasjenige richten, was man
bei den einzelnen Philosophenpersonlichkeiten findet. Man
kann verfolgen, wie gewissermaften die Ideen, die man bei
einer Personlichkeit des 6., 7., 8., 9. Jahrhunderts findet,
dann fortgesponnen werden von Personlichkeiten des 10.,
11., 12., 13. Jahrhunderts, und man kann durch eine solche
Betrachtung den Eindruck gewinnen, ein Denker habe von
dem anderen gewisse Ideen ubernommen und es Hege eine
gewisse Evolution von Ideen vor.
Das ist eine geschichtliche Betrachtung des geistigen Le-
bens, die allmahlich verlassen werden mufite. Denn das-
jenige, was sich so abspielt, was sich offenbart aus den
einzelnen menschlichen Seelen heraus, das sind doch eigent-
lich nur Symptome fur ein tieferes Geschehen, das gewisser-
mafien hinter der Szene der aufteren Vorgange liegt. Und
dieses Geschehen, das sich abspielte von etwa ein paar Jahr-
hunderten an schon bevor das Christentum begriindet wor-
den ist, dann in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten
bis in die Zeit der Scholastik hinein, ist ein ganz organisdier
Vorgang im Werden der abendlandischen Mensdiheit. Ohne
den Blick hinzurichten auf diesen organischen Vorgang, ist
es ebenso unmoglich, dariiber Aufschlufi zu bekommen, wie
iiber dasjenige, was Entwickelung, sagen wir vom zwolften
bis zum zwanzigsten menschlidien Lebensjahre ist, wenn
man nicht den wichtigen Einschlag in diesem Lebensalter ins
Auge f assen wurde, der mit der Geschlechtsreife und all den
Kraften, die sich da aus den Untergriinden der menschlidien
Wesenheit heraufarbeiten, verbunden ist. So wiihlt sich her-
auf aus den Tiefen dieses ganzen grofien Organismus euro-
paischer Menschheit etwas, was man eben dadurch charak-
terisieren kann - man konnte audi andere Charakteristiken
erfinden -, dafi man sagt: Sehr ehrlich und aufrichtig haben
jene alten Dichter gesprochen, die etwa wie Homer began-
nen ihre epischen Gedichte: Singe mir, Gottin, den Zorn des
Peleiden Achilleus oder: Singe mir, Muse, die Taten des
vielgewanderten Mannes. - Diese Leute haben nicht eine
Phrase sagen wollen, diese Leute haben empfunden als inne-
ren Tatbestand ihres Bewufkseins, daiS nicht ein einzelnes
individuelles Ich sich da aussprechen will, sondern dafi sich
aussprechen will, was in der Tat empfunden wurde als ein
hoheres Geistig-Seelisches, das hereinspielt in den gewohn-
lichen Bewufitseinszustand des Menschen.
Und wiederum - ich sagte es schon gestern - war Klop-
stock aufrichtig und durchschaute in einer gewissen Bezie-
hung diesen Tatbestand, wenn audi vielleicht nur instinktiv,
als er seine «Messias»-Dichtung begann; jetzt nicht: Singe,
o Muse -, oder : Singe, o Gottin, von der Erlosung der Men-
schen -, sondern als er sagte: Singe, unsterbliche Seele also:
Singe, individuelles Wesen, das in dem einzelnen Menschen
als einer Individuality wohnt. - Als Klopstock seinen
«Messias» schrieb, war allerdings dieses individuelle Fiihlen
in der einzelnen Seele schon weit vorgeschritten. Aber dieser
innere Trieb, die Individuality herauszukehren, indivi-
duell das Leben zu gestalten, bildete sich im eminentesten
Sinne in dem Zeitalter aus, das etwa von der Begriindung
des Christentums bis zu der Hochscholastik verlauft. In
dem, was die Philosophen gedacht haben, kann man nur das
Oberste sehen, dasjenige, was an die alleraufierste Ober-
flache hinaufgeht von dem, was in den Tiefen der ganzen
Menschheit sich vollzieht: das Individuellwerden des Be-
wulkseins europaischer Menschen. Und ein wesentliches
Moment in der Verbreitung des Christentums durch diese
Jahrhunderte ist die Tatsache, dafi diejenigen, welche die
Trager dieser Verbreitung waren, hineinsprechen mufiten
in eine Menschheit, die aus den Tiefen ihres Wesens heraus
den Menschen immer mehr und mehr zu einem innerlichen
Individuell-Erfuhlen hindrangte.
Nur unter diesem Gesichtspunkte lassen sich die einzelnen
Ereignisse verstehen, die sich in diesem Zeitalter vollziehen.
Und auch nur mit dem Blick auf diese Tatsachen lafit sich
verstehen, was an Seelenkampfen in solchen Personlich-
keiten stattgefunden hat, die dann eben in den tiefsten
Tiefen der Menschenseele sich auseinandersetzen wollten
mit dem Christentum auf der einen Seite und mit der Philo-
sophic auf der andern Seite, wie Albertus Magnus und Tho-
mas von Aquino. Heute liegt den gebrauchlichen Philo-
sophiegeschichtsschreibern viel zu wenig von den wahren
Gestalten der Seelenkampfe vor, die ihren letzten AbschluG
gewissermafien in Albert und Thomas gefunden haben, als
dafi dieses Zeitalter in den gebrauchlichen Philosophie-
geschichten auch nur annahernd deutlich genug geschildert
wiirde. Da spielt vieles herein in das Seelenleben des Albert
und des Thomas.
Aufierlich sieht es so aus, als ob Albertus Magnus, der
vom 12. ins 13. Jahrhundert hiniiber lebte, und Thomas, der
im 13. Jahrhundert lebte, nur gewissermafien dialektisch
hatten vereinigen wollen auf der einen Seite Augustinismus,
von dem wir gestern gesprochen haben, und Aristotelismus.
Der eine war der Trager der kirchlichen Ideen, der andere
der Trager der ausgebildeten philosophischen Ideen. Den
Einklang zwischen beiden zu suchen zieht sich allerdings wie
ein Duktus hindurdi durch all dasjenige, was die beiden ge-
schrieben haben. Aber in alldem, was da in Gedanken fixiert
wird wie in einer Bliite des abendlandischen Fiihlens und
Wollens, lebt doch unendlich viel darinnen von dem, was
dann nicht auf jenes Zeitalter ubergegangen ist, das sich
etwa von der Mitte des 1 5. Jahrhunderts bis in unsere Tage
erstreckt, und aus dem wir unsere gebrauchlichen Ideen fur
alle Wissenschaften und audi fur das gesamte offentliche
Leben entnehmen.
Dem heutigen Menschen erscheint es eigenriich nur wie
etwas Paradoxes, wenn er hort, was wir gestern horen mufi-
ten von der Lebensanschauung des Augustinus: daft Augu-
stinus tatsachlich der Anschauung war, dafi ein Teil der
Menschen von vornherein dazu bestimmt sei, die gottliche
Gnade ohne Verdienst zu empfangen — denn eigentlich miifi-
ten sie nach der Erbsiinde alle zugrunde gehen — , die gott-
liche Gnade zu empfangen und gerettet zu werden, seelisch-
geistig gerettet zu werden; ein anderer Teil der Menschheit
miisse seelisch-geistig zugrunde gehen, gleichgultig was er
auch unternimmt. - Fur den heutigen Menschen erscheint
das paradox, vielleicht sogar sinnlos. Wer sich hineinfuhlen
kann in das Zeitalter, in dem Augustinus gelebt hat, in dem
Augustinus all diejenigen Ideen und Empfindungen emp-
fangen hat, die ich gestern charakterisierte, der wird anders
fiihlen. Der wird fiihlen, dafi man - noch dazu als ein
Mensch wie Augustinus, der mittendrinnen stand in dem
Kampfe zwisdien dem Gedanken, der die ganze Menschheit
als eine Einheit umfafite, und jenem Gedanken, der die In-
dividualist des Mensdien herauskristallisieren wollte aus
dieser einheitlichen Menschheit -, dafi man es begreiflich
finden kann, dafi Augustinus auf diese Weise nodi f esthalten
wollte an den Gedanken, die nodi nicht als die altertiim-
lichen Gedanken Riicksicht nahmen auf den einzelnen Men-
sdien, die noch unter dem Einflusse soldier Ideen wie die des
Plotinismus, den ich gestern diarakterisiert habe, eben ein-
zig und allein das Allgemeinmenschlidie im Sinne hatten.
Aber auf der anderen Seite wiihlte auch in der Seele des
Augustinus der Drang nach Individualist. Daher bekom-
men diese Ideen eine so pragnante, seelen- und herzensmaftig
pragnante Fassung, daher sind sie so erfiillt von mensch-
lidiem Erleben, und dadurch wird gerade Augustinus jene
unendlich sympathische Gestalt, welche so tiefen Eindruck
macht, wenn wir den Blick zuriickwenden auf die Jahrhun-
derte, die der Scholastik vorangegangen sind.
Ober Augustinus hinaus hat sich dann fiir viele dasjenige,
was den einzelnen Menschen des Abendlandes als Christ zu-
sammenhielt mit seiner Kirche - aber nur in den Ideen des
Augustinus — , erhalten. Nur waren diese Ideen, so wie ich
sie Ihnen gestern gezeigt habe, eben nicht annehmbar fiir
diese abendlandische Menschheit, die den Gedanken nicht
ertrug, die Gesamtmenschheit, das Einheitliche, als ein Gan-
zes zu nehmen und sich darinnen nur etwa zu fiihlen wie ein
Glied, noch dazu wie ein Glied, das zu dem Teil der Mensch-
heit gehort, der dem Untergang, der Vernichtung verf alien
ist. Und so sah sich die Kirche gedrangt, zu einem Ausweg
zu greifen.
Augustinus fiihrte noch seinen gewaltigen Kampf gegen
den Pelagius, jenen Mann, der schon ganz erfiillt war von
dem Individualimpuls des Abendlandes. Es war dies jene
Personlichkeit, bei der wir als einem Zeitgenossen des Augu-
stinus sehen konnen, wie voraus erscheint das Sich-als-In-
dividualitat-Fuhlen, wie es sonst erst die Menschen der spa-
teren Jahrhunderte gehabt haben. Daher kann er nicht an-
ders als sagen: Es kann keine Rede da von sein, dafi der
Mensdi ganz unbeteiligt bleiben miisse an seinem Schicksal
in der sinnlichen Welt; es mufi aus der Menschenindivi-
dualitat selbst herausgeboren werden konnen die Kraft,
durch welche die Seele den Anschlufi findet an das, was
sie aus der Umstrickung der Sinnlichkeit erhebt in die rei-
nen geistigen Regionen, wo sie ihre Erlosung und Riick-
kehr zur Freiheit und Unsterblichkeit finden kann. - Das
war dasjenige, was Augustinus' Gegner geltend machten:
dafi der einzelne Mensch die Kraft finden miisse, die Erb-
siinde zu uberwinden.
Die Kirche stand mittendrinnen zwischen den beiden
Gegnern, und sie suchte nach einem Ausweg. Dieser Ausweg
wurde vielfach besprochen. Es wurde gewissermaften hin
und her geredet, und man ergriff dann die Mitte, und ich
kann es jedem einzelnen von Ihnen uberlassen, ob er diese
Mitte in diesem Falle als die goldene Mitte oder als die
kupferne Mitte ansieht. Man ergrifF die Mitte: den Semi-
pelagianismus. Man fand eine Formel, die eigentlich nicht
recht Schwarz und nicht recht Weifi sagte, die verkiindete:
Es ist zwar so, wie Augustinus gesagt hat, aber es ist doch
nicht ganz so, wie Augustinus gesagt hat; es ist audi nicht
ganz so, wie Pelagius gesagt hat, aber es ist in einem gewis-
sen Sinne audi so, wie er gesagt hat. Und so konne man
sagen, dafi zwar nicht durch einen weisheitsvollen ewigen
Ratschlufi der Gottheit die einen zur Sunde, die anderen
zur Gnade verurteilt sind, dafi die Menschen Anteil haben
an ihrem Siindhaflwerden oder an ihrem Erfulltsein nut
Gnade; aber die Sadie sei denn doch so, dafi zwar nicht eine
gottliche Vorherbestimmung vorliege, aber ein gottliches
Vorherwissen. Die Gottheit weifi vorher, ob der eine ein
Sunder sein werde oder der andere ein Gnadenerfiillter sein
werde.
Dabei wurde nicht weiter darauf Rucksicht genommen,
als dieses Dogma verbreitet wurde, dafi es sich im Grunde
gar nicht um ein Vorherwissen handelte, sondern da£ es sich
darum handelte, klipp und klar Stellung zu nehmen zu dem,
ob nun der einzelne individuelle Mensch sich verbinden
kann mit den Kraften in seinem individuelien Seelenleben,
die ihn herausheben aus seiner Trennung von dem gottlich-
geistigen Wesen der Welt und ihn wieder zunickf uhren kon-
nen zu dem gottlich-geistigen Wesen der Welt. So bleibt fur
das Dogmenwesen im Grunde genommen die Frage unge-
lost, und ich mdchte sagen: Auf der einen Seite genotigt, den
Blick nach dem Dogmengehalt der Kirche zu richten, auf der
anderen Seite aber aus innerster Empfindung heraus mit
tiefster Verehrung fur die Grofie des Augustinus erfiillt,
standen in der Hochscholastik Albertus und Thomas dem
gegeniiber, was sich als abendlandische Geistesentwickelung
innerhalb der christlichen Stromung ausbildete. Und hinein
spielte doch noch manches aus friiheren Zeiten. Es lebte fort
so, daft man es sieht, wenn man genau hinblickt auf die Seele
des Albertus, des Thomas, dafi man es sieht auf dem Grunde
ihrer Seele tatig sein, aber daft man auch einsieht, dafi es
ihnen selber nicht ganz vollbewufit ist, dafi es in ihre Ge-
danken hineinspielt, dafi sie es aber nicht zu einer prazisen
Fassung bringen konnen.
Das mufi man bedenken, mehr bedenken fur diese Zeit
der Hochscholastik des Albert und des Thomas, als man eine
ahnliche Erscheinung zum Beispiel in unserer Zeit bedenken
mufke. Das Warum habe ich mir schon erlaubt hervorzu-
heben in meinen «Welt- und Lebensanschauungen im neun-
zehnten Jahrhundert», die dann erweitert wurden zu mei-
nem Buche «Die Ratsel der Philosophic », wo dann die Auf-
gabe anders gestellt war und daher die betreffende Stelle
nicht wiederkehren konnte, wie ich mir noch erlauben will
zu bemerken. Das gilt durdiaus — und das wird uns morgen
nodi eingehend zu beschaftigen haben, jetzt will ich es nur
erwahnen - dafi wir aus diesem Emporringen der Indi-
vidualist bei den Denkern, die nun philosophisch ausbilde-
ten dieses Emporringen der Individuality, dasjenige er-
leben, was hochste Bliite logischer Urteilskraft ist, man
konnte sagen hochste Bliite logischer Technik.
Man kann schimpf en wie man will von diesem oder jenem
Parteistandpunkte iiber die Scholastik - all dieses Schimp-
f en ist in der Regel wenig von einer wirklichen Sachkenntnis
erfiillt. Denn wer Sinn hat fiir die Art undWeise, wie sich,
ganz abgesehen jetzt vondem sachlichen Inhalt, der Scharf-
sinn der Gedanken abspielt bei irgend etwas, was wissen-
schaftlich oder sonst erklart wird, wer Sinn dafur hat zu
erkennen, wie Zusammenhange zusammengedacht werden,
die zusammengedacht werden miissen, wenn das Leben Sinn
bekommen soil - wer fiir alles das und fiir manches andcre
Sinn hat, fiir den geht es schon auf, daft so prazis, so inner-
lich logisch gewissenhaft niemals gedacht worden ist vorher,
und nachher niemals gedacht worden ist als in der Zeit der
Hochscholastik. Gerade das ist das Wesentliche, dafi da das
reine Denken mit mathematischer Sicherheit von Idee zu
Idee, von Urteil zu Urteil, von Schlufifolgerung zu Schlufi-
folgerung so verlauft, dafi uber den kleinsten Schritt und
iiber das kleinste Schrittchen diese Denker sich immer Re-
chenschaft geben.
Man mufi nur bedenken, in welchem Milieu sich dieses
Denken abspielte. Das war nicht ein Denken, das sich etwa
so abspielte wie jetzt sich das Denken abspielt in der ge-
rauschvollen Welt. Das war ein Denken, das sidi abspielte
in der stillen Klosterzelle oder sonst fern von dem Welten-
getriebe. Das war ein Denken, das ganz aufging in dem Ge-
dankenleben, und das war ein Denken, das audi noch durch
andere Umstande die reine Denktechnik ausbilden konnte.
Es ist heute tatsachlich schwer, diese reine Denktatigkeit
auszubilden, denn kaum wird es irgendwie versucht, solche
Denktatigkeit vor die Off entlichkeit hinzustellen, die nichts
anderes mochte als, durch ihren Inhalt bedingt,Gedanken an
Gedanken reihen, dann kommen die unsadilichen Leute, die
unlogischen Leute, greifen alles mogliche auf, werfen ihre
brutalen Parteimeinungen entgegen. Und da man schon ein-
mal ein Mensch unter Menschen ist, mufi man sich auseinan-
dersetzen mit diesen Dingen, die eigentiich nichts anderes
sind als hineingeworfene Brutalitaten, die gar nichts zu tun
haben oftmals mit demjenigen, um was es sich eigentiich
handelt. Da ist sehr bald jene innere Ruhe verloren, der
sichDenker des 12. und i3.Jahrhunderts hingeben konnten,
die nicht auf den Widerspruch der Unvorbereiteten in ihrem
sozialen Leben so aufierordentHch viel zu geben brauchten.
Dieses und noch manches andere hat gerade in diesem
Zeitalter jene auf der einen Seite wunderbare plastische,
aber auch in feinen Konturen verlaufende Denktatigkeit
hervorgerufen, welche die Scholastik kennzeichnet und
welche namentlich bewufit angestrebt worden ist von Leu-
ten wie Albertus und Thomas.
Aber nun bedenke man dieses: Auf der einen Seite sind
Forderungen des Lebens da, die sich so ausnehmen, dafi man
es zu tun hat mit nicht ins Klaregebrachten Dogmen, was in
zahlreichen Fallen ahnlich war dem charakterisierten Semi-
pelagianismus, und dafi man kampfte, um aufrechtzuerhal-
ten dasjenige, von dem man glaubte, dafi es aufrechterhalten
werden imisse, weil es die dazu berechtigte Kirche aufge-
stellt hat, dafi man das aufrechterhalten wollte mit dem
scharfsinnigsten Denken. Man stelle sidi nur vor, was es
heifit, gerade mit dem scharfsinnigsten Denken hineinzu-
leuchten in das, was so geartet war, wie ich es Ihnen nach
dem Augustinismus charakterisieren mufite. Man mufi schon
in dieses Innere des scholastischen Strebens hineinschauen
und nicht blofi am Faden der Begriffe, die man aufgelesen
hat, diesen Hergang von der Patristik bis zu der Scholastik
charakterisieren wollen.
Es spielte eben vieles halb Unbewufite in diese Geister der
Hochscholastik hinein, und man kommt eigentlich nur zu-
recht, wenn man iiber das, was ich schon gestern charakte-
risiert habe, hinausblickend, noch etwa eine solche Gestalt
ins Auge f afit wie die, die halb mysterios vom sechsten Jahr-
hundert an in das europaische Geistesleben eintrat, die be-
kannt geworden ist unter dem Namen des Dionysius des
Areopagiten. Ich kann heute, weil die Zeit dazu nicht aus-
reichen wurde, nicht eingehen auf all die Streitigkeiten dar-
iiber, ob nun irgend etwas daran ist, dafi diese Schriften erst
im sechsten Jahrhundert verfafit worden sind oder ob die
andere Anschauung die richtige ist, die wenigstens das Tra-
ditionelle dieser Schriften in viel fruhere Zeitraume zuriick-
fiihrt. Auf all das kommt es ja nicht an, sondern darauf
kommt es an, dafi vorlagen die Anschauungen des Dionysius
des Areopagiten fur die Denker des siebenten, achten Jahr-
hunderts bis noch in die Zeiten des Thomas von Aquino, und
dafi diese Schriften durchaus mit christlicher Nuance das-
jenige in einer besonderen Gestalt enthielten, was ich Ihnen
gestern als den Plotinismus, als den Neuplatonismus des
Plotin charakterisiert habe, aber eben in einer besonderen
Gestalt, durchaus mit christlicher Nuance. Und ganz beson-
ders bedeutsam ist es geworden fur die christlichen Denker
des ausgehenden Altertums und des Beginnes des Mittel-
alters bis in die Mitte des Mittelalters, eben bis zur Hoch-
scholastik, wie sich der Sdireiber der Dionysiusschen Schrif-
ten verhalten hat zu dem Aufsteigen der menschlichen Seele
bis zu einer Anschauung iiber das Gottliche.
Dieser Dionysius wird ja gewohnlich so geschildert, als
ob er zwei Wege zum Gottlichen hatte. Die hat er audi. Der
eine Weg ist der, dafi er verlangt: Wenn der Mensch auf-
steigen will von den Aufiendingen, die uns umgeben in der
Welt, zu dem Gottlichen, so muE er versuchen herauszufin-
den aus all den Dingen, die da sind, ihre Vollkommenheiten,
ihr WesentHches, mu6 versuchen zuriickzugehen zu dem
Allervollkommensten, muE die Moglichkeit haben, das
Allervollkommenste so mit Namen zu benennen, dafi er
einen Inhalt hat fur dieses Gottlich-Vollkommenste, der
nun wiederum sich gleichsam ausgiefien und durch Indi-
vidualisierung und Differenzierung die einzelnen Dinge der
Welt aus sich hervorbringen kann. — So, mochte man sagen,
ist fur diesen Dionysius die Gottheit diejenige Wesenheit,
die mit den Namen im reichlichsten Umf ange versehen wer-
den mufi, die belegt werden mufi mit den Pradikaten, die
man als auszeichnendste Pradikate nur herausfinden kann
aus alien Vollkommenheiten der Welt, die man zusammen-
finden kann: Nimm all das, was dir auffallt in den Dingen
der Welt an Vollkommenheit, benenne es und benenne dann
damit die Gottheit, dann kommst du zu einer Vorstellung
iiber die Gottheit. - Das ist der eine Weg, den Dionysius
vorschlagt.
Der andere Weg ist, dafi er sagt: Du erreichst die Gott-
heit nie, wenn du ihr audi nur einen einzigen Namen gibst,
denn der ganze Seelenprozeft, der darauf hinausgeht, Voll-
kommenheiten in den Dingen zu finden, der darauf hinaus-
lauft, das Wesenhafte der Dinge zu suchen, es zusammen-
zufassen, um es dann in dieser Zusammenfassung der Gott-
heit anzuheften, das fiihrt niemals zu dem, was man Er-
kennen der Gottheit nennen kann. Du mufit so werden, dafi
du didi frei machst von alledem, was du in den Dingen
erkannt hast. Du mufit dein Bewufitsein vollstandig reini-
gen von alldem, was du an den Dingen erfahren hast. Du
mufit nichts mehr wissen von demjenigen, was dir die Welt
sagt. Du mufit alle Namen, die du gewohnt bist, den Dingen
zu geben, vergessen und dich in einen Seelenzustand ver-
setzen, wo du von der ganzen Welt nichts weifit. Wenn du
das in deinem Seelenzustand erleben kannst, dann erlebst
du den Namenlosen, der sofort verkannt wird, wenn man
ihm irgendeinen Namen beilegt; dann erkennst du den
Gott, den Obergott in seiner Oberschonheit. Aber schon die
Namen Obergott und Oberschonheit wiirden storend sein.
Sie konnen nur dazu dienen, didi hinzuweisen auf dasjenige,
was du als Namenloses erleben mufit.
Wie kommt man zurecht mit einer Personlichkeit, die
einem nicht eine Theologie gibt, die einem zwei Theologien
gibt, eine positive und eine negative, eine rationalistische
und eine mystische Theologie? Wer sich eben hineinversetzen
kann in die Geistigkeit der Zeitalter, aus denen heraus das
Christenturri geboren ist, der kommt ganz gut damit zurecht.
Wenn man allerdings den Verlauf der Menschheitsentwicke-
lung audi fur die ersten christlichen Jahrhunderte so schil-
dert, wie die heutigen Materialisten das tun, dann erscheint
einem so etwas wie die Schriften des Areopagiten mehr oder
weniger als Narretei, als Hirnverbranntheit. Dann weist
man sie in der Regel aber auch einfach zuruck. Wenn man
aber sich hineinversetzen kann in das, was damals erlebt und
erfuhlt worden ist, dann sieht man ein, was ein Mensch wie
der Areopagite eigentlich wollte: im Grunde genommen nur
ausdriicken, was Unzahlige anstrebten. Fur sie war namlich
die Gotthek ein Wesen, das man Uberhaupt nicht erkennen
konnte, wenn man nur einen Weg zu ihr einschlug. Fiir ihn
war die Gottheit ein Wesen, dem man sich nahern mufite
auf rationellem Wege durch Namengebung und Namen-
findung. Aber geht man nur diesen einen Weg, dann verliert
man den Pfad, dann verliert man sich in dasjenige, was ge-
wissermafien der gottentleerte Weltenraum ist. Dann ge-
langt man nicht zu Gott. Aber man mufi ihn gehen, diesen
Weg, denn ohne ihn zu gehen, kommt man audi nicht zu
dem Gotte. Aber man mufi noch einen anderen Weg gehen.
Das ist eben der, der das Namenlose anstrebt. Geht man
jeden allein, dann findet man ebensowenig die Gottheit;
aber geht man beide, so kreuzen sie sich, und man findet in
dem Durchkreuzungspunkte die Gottheit. Es geniigt nicht,
zu streiten dariiber, ob der eine Weg oder der andere Weg
richtig sei. Beide sind sie richtig; aber jeder einzelne, fiir sich
gegangen, fuhrt zu nichts. Beide gegangen fuhren, wenn die
Menschenseele sich im Kreuzungspunkte findet, zu dem, was
angestrebt wird.
Ich kann begreifen, wie manche Menschen der Gegen-
wart, die gewohnt sind an das, was als Polemik gilt, zuriick-
schrecken vor dem, was hier von dem Areopagiten gefordert
wird. Aber dasjenige, was hier gefordert wird, das lebte bei
den Menschen, die in den ersten christlichen Jahrhunderten
die fiihrenden geistigen Personlichkeiten waren, und es lebte
dann traditionell noch weiter fort in der christlich-philo-
sophischen Stromung des Abendlandes, und es lebte bis auf
Albertus Magnus und bis auf Thomas von Aquino. Es lebte
zum Beispiel durch jene Personlichkeit, deren Namen ich
schon gestern genannt habe, durch den am Hofe Karls des
Kahlen lebenden Scotus Erigena. Dieser Scotus Erigena er-
innert einen lebhaft an dasjenige, was ich Ihnen gestern
sagte: Ich habe nie einen so sanften Menschen gekannt wie
Vincenz Knauer, den Philosophiegeschichtsschreiber. Vin-
cenz Knauer war immer sanft, aber er fing an wie ein Rohr-
spatz zu sdhimpfen, wenn die Rede kam auf Plotin oder das,
was Plotin ahnlich war. Und Franz Brentano, der geist-
reiche Philosoph, der immer feierlich war, er wurde ganz
unfeierlich und schimpfte in seinem Buch «Was fur ein Phi-
losoph manchmal Epoche macht» -, er meint «Plotin».
Diejenigen, die mehr oder weniger, wenn auch mitScharf-
sinn und Geistreichigkeit, dem Rationalismus zugeneigt
sind, die werden schon schimpfen, wenn sie das zu Gesicht,
zum geistigen Gesichte bekommen, was etwa da ausstromte
von dem Areopagiten, und was dann eine letzte bedeutende
Off enbarung fand in diesem Erigena. Er war in den letzten
Lebensjahren noch Benediktinerprior. Aber seine eigenen
Monche haben ihn, wie die Sage sagt - die Sage; ich sage ja
nicht, dafi das wortlich wahr ist, aber wenn es nicht ganz
wahr ist, so ist es annahernd wahr die haben ihn so lange
mit Stecknadeln bearbeitet, bis er tot war, weil er noch den
Plotinismus hereinbrachte in das neunte Jahrhundert. Aber
iiber ihn hinaus lebten seine Ideen, die zugleich die weitere
Fortbildung der Ideen des Areopagiten waren. Seine Schrif-
ten sind mehr oder weniger bis in spate Zeiten hinein ver-
schwunden gewesen; sie sind dann ja doch auf die Nachwelt
gekommen. Im 12. Jahrhundert ist Scotus Erigena als Ket-
zer erklart worden. Aber das hat ja noch nicht eine solche
Bedeutung gehabt wie spater und wie heme. Trotzdem sind
Albertus Magnus und Thomas von Aquino tief beeinflufit
auch von den Ideen des Scotus Erigena.
Das ist das eine, was wir gewissermaflen als eine Erbschaft
aus friiheren Zeiten auf dem Grunde der Seelen erblicken
miissen, wenn wir vom Wesen des Thomismus sprechen
wollen. Noch ein anderes aber kommt in Betracht. Im Ploti-
nismus, den ich Ihnen gestern in bezug auf seine Kosmologie
zu charakterisieren versuchte, findet sich eine sehr bedeut-
same, aus einer sinnlich-ubersinnlichen Schauung hervor-
gegangene Charakteristik des menschlidien Wesens. Man
bekommt vor diesen Dingen eigentlidi erst wiederum Re-
spekt, wenn man sie aus geisteswissenschaftlichen Unter-
griinden heraus wieder findet. Da madit man audi ohne
weiteres gern das folgende Gestandnis. Da sagt man: Wenn
man so unvorbereitet liest etwas wie den Plotin oder das,
was von ihm iiberliefert ist, dann sieht es audi ziemlich
chaotisch und kraus aus. Wenn man aber die entsprechenden
Wahrheiten selber wieder entdeckt, dann gewinnen Ansich-
ten, wenn sie audi anders ausgesprochen waren in der da-
maligen Zeit, als sie heute ausgesprochen werden miissen,
doch ein ganz besonderes Antlitz. Und so ist denn bei Plotin
eine Anschauung zu finden, die ich etwa in der folgenden
Weise charakterisieren mochte.
Plotin betrachtet die menschliche Wesenheit mit ihren
leiblich-seelisch-geistigen Eigentiimlichkeiten. Er betrachtet
sie zunachst von zwei Gesichtspunkten aus. Er betrachtet sie
zuerst von dem Gesichtspunkte der Arbeit der Seele am
Leib. Wollte ich in der heutigen Charakteristik sprechen, so
mufite ich folgendes sagen. Plotin sagt sich zunachst: Wenn
man ein Kind betrachtet, das hereinwachst in die Welt, dann
sieht man, wie gewissermafien noch fertig entwickelt wird
dasjenige, was aus Geistig-Seelischem heraus sich als mensch-
licher Leib gestaltet. Fur Plotin ist alles das, was materiell
auftritt namentlich am Menschen - wenn ich den Ausdruck,
bitte stolen Sie sich nicht daran, gebrauchen darf - eine
Ausschwitzung des Geistig-Seelischen, eine Krustation
gewissermafien des Geistig-Seelischen. Wir konnen alles
das, was leiblich auftritt, als eine Krustation des Geistig-
Seelischen auffassen. Dann aber, wenn der Mensch heran-
gewachsen ist bis zu einem gewissen Grade, dann horen
die geistig-seelischen Krafte auf, ins Leibliche hinein-
zuarbeiten.
Man konnte also sagen (es wird gezeichnet): Zunachst Tafei3
haben wir es zu tun mit einer solchen Betatigung des Geistig- lmks
Seelisdien am Leiblichen, dafi dieses Leibliche herausge-
staltet, herausorganisiert wird aus dem Geistig-Seelischen.
Die Menschheitsorganisation ist aus dem Geistig-Seelischen
heraus gearbeitet. Wenn ein gewisser Reifezustand einge-
treten ist fur irgend etwas in der organischen Tatigkeit,
sagen wir zum Beispiel fur diejenige Tatigkeit, auf welche
die Krafte verwendet werden, die spater als die Krafte des
Gedachtnisses erscheinen, so treten eben diese Krafte, die
fruher in den Leib hineingearbeitet haben, in einer geistig-
seelischen Metamorphose auf. Was also zuerst materiell ge-
arbeitet hat vom Geistig-Seelischen, das befreit sich, wenn
es fertig ist mit seiner Arbeit, und tritt auf als selbstandige
Wesenheit: Seelenspiegel miilke man etwa sagen, wenn man
im Sinne des Plotin sprechen wollte.
Es ist aufierordentlich schwierig, mit unseren heutigen
Begriffen diese Dinge zu charakterisieren.Man kommt ihnen
nahe, wenn man etwa das Folgende denkt: Man sehe, wie
der Mensch von einem gewissen Reifezustand seines Ge-
dachtnisses an sich erinnern kann. Das kann er nicht als
kleines Kind. Wo sind die Krafte, mit denen er sich erinnert?
Sie arbeiten zunachst am Organismus, sie gestalten den Or-
ganismus. Haben sie am Organismus gearbeitet, dann eman-
zipieren sie sich rein geistig-seelisch und bearbeiten jetzt,
aber noch immer als Geistig-Seelisches, den Organismus.
Dann erst wohnt wiederum in diesem Seelenspiegel drinnen
der eigentliche Kern, das Ich. In Charakteristiken, in einem
Ideengehalt, der aufierordentlich bildhaft ist, arbeiten diese
Anschauungen von dem, was Seelisches tatig arbeitet, und
von dem, was dann bleibt, was gewissermafien passiv wird
gegemiber der Aufienwelt, so dafi es wie das Gedachtnis auf-
nimmt die Eindriicke der Aufienwelt, sie dann behalt -, in
einer aufterordentlich bildhaften Weise wird diese zweif ache
Arbeit der Seele, diese Gliederung der Seele in einen aktiven
Teil, der eigentlich den Leib aufbaut, und in einen passiven
Teil, von jener alteren Schichte menschlichen Empflndens
und menschlicher Weltanschauung geschildert, die in Plotin
ihren letzten Ausdruck gefunden hat und die dann uber-
gegangen ist auf Augustmus und seine Nachfolger.
Rationalisiert, in mehr physische Begriffe umgesetzt, fin-
den wir diese Anschauung im Aristotelismus. Aristoteles
hatte audi wiederum von Plato her und auch von dem, wor-
auf wiederum Plato fufite, dieses Schauen vorliegend. Aber
wenn man Aristoteles liest, ist es so, als ob man sagen
miifite: Aristoteles selber bestrebt sich, alles in abstrakte Be-
griffe zu fassen, was er an alten Anschauungen vor sich
hatte. Und so sehen wir in dem aristotelischen System, das
sich nun auch fortpflanzte, das gewissermafien die rationa-
listische Gestalt desjenigen war, was Plotin gegeben hat in
der anderen Gestalt, wir sehen in dem, was sich als Aristo-
telismus f ortpflanzt bis zu Albertus und bis zu Thomas dem
Aquinaten, eine gewissermafien rationalisierte Mystik, eine
rationalistische Beschreibung des geistigen Geheimnisses der
menschlichen Wesenheit.
Dafi Aristoteles gewissermafien heruntergeholt hat durch
abstrakte Begriffe dasjenige, was die anderen in Schauungen
gehabt haben, davon haben ein Bewufitsein Albertus und
Thomas. Deshalb stehen sie auch dem Aristoteles wahrhaftig
nicht so gegeniiber wie die jetzigen Philosophiephilologen,
die kuriose Streite entfaltet haben uber zwei Begriffe, die
von Aristoteles herriihren. Aber da die Aristotelischen
Schriften nicht vollstandig auf die Nachwelt gekommen
sind, so findet man diese beiden Begriffe, ohne daft man sie
bei Aristo teles im Zusammenhang hat - was ja immer eine
Tatsache ist, die fur viele geiehrte Streitigkeiten den Unter-
schied bieten kann man findet zwei Ideen bei Aristoteles.
Aristoteles sieht ja in der menschlichen Wesenheit das, was
zu einer Einheit zusammenfafit das vegetative Prinzip des
Mensdien, das animalische Prinzip des Menschen, das nie-
dere menschliche Prinzip, und dann das hohere menschliche
Prinzip, dasjenige, was Aristoteles den Nous, was die Scho-
lastik dann den Intellekt nennt. Aber Aristoteles unter-
scheidet zwischen dem Nous poietikos und dem Nous pathe-
tikos, zwischen dem tatigen und leidenden Geiste des Men-
schen. Die Ausdriicke sind nicht mehr so bezeichnend, wie
die griechischen waren, aber man kann doch sagen, Aristo-
teles unterscheidet zwischen dem aktiven Verstand, dem
tatigen Geist des Menschen und dem passiven Verstand des
Menschen. Was ist damit gemeint?
Man begreift nicht, was damit gemeint ist, wenn man
nicht auf den Ursprung dieser Begriffe zuriickgeht. Geradeso
wie die anderen Seelenkrafte sind in einer anderen Meta-
morphose die beiden Arten des Verstandes an dem Aufbau
der menschlichen Seele betatigt: der Verstand, insofern er
wirkt als tatiger, noch im Aufbau des Menschen wirksam,
aber als Verstand, nicht wie das Gedachtnis einmal auf-
horend und dann als Gedachtnis sich emanzipierend, son-
dern als Verstand das ganze Leben hindurch wirkend, das
ist der Nous poietikos, das ist dasjenige, was aus dem
Weltenall heraus sich individualisierend den Leib aufbaut
im Sinne des Aristoteles. Es ist nichts anderes als das, was
die den menschlichen Leib aufbauende tatige Seele des Plotin
auch ist. Und dasjenige, was dann sich emanzipiert, was nur
noch dazu da ist, um die aufiere Welt aufzunehmen und die
Eindriicke der aufieren Welt dialektisch zu verarbeiten, das
ist der Nous pathetikos, das ist der leidende Intellekt, der
intellectus possibilis. Es geht zuriick, was in scharfer Dialek-
tik, in praziser Logik in der Scholastik uns entgegentritt,
auf diese alten Oberlief erungen. Und man kommt nicht zu-
recht mit dem, was in den Seelen der Scholastiker sich ab-
spielte, wenn man nicht dieses Hereinspielen uralter Tradi-
tionen beriicksichtigt.
Dadurch, dafi das alles, was ich Ihnen geschildert habe,
in die Seele der Scholastiker hineinspielte, entstand fur sie
die grofte Frage, die man so gewohnlich als das eigentliche
Problem der Scholastik empfindet. In der Zeit, in der es fur
die Menschheit ein Schauen gab, das solche Dinge hervor-
brachte wie den Platonismus oder seine rationalistische Fil-
trierung, den Aristotelismus, in der aber auch noch nicht das
individuelle Fuhlen bis zu seinem Hohepunkt gekommen
war, in dieser Zeit konnte es die Scholastikprobleme noch
nicht geben. Denn dasjenige, was wir heute Verstand nen-
nen, was wir heute Intellekt nennen, und was nach der einen
Seite hin seinen Ursprung in der Scholastikterminologie hat,
das ist gerade einAusflufi des individuellen Menschen. Wenn
wir alle gleich denken, so kommt es nur davon, dafi wir alle
gleich individuell organisiert sind und dafi der Verstand
gekniipfl; ist an dies in alien Menschen gleich organisierte
Individuelle. Sie denken schon, insoferne Sie differenziert
sind, auch verschieden. Das sind aber Nuancen, die mit der
eigentlichen Logik nichts zu tun haben. Das eigentliche logi-
sche und dialektische Denken ist aber ein AusfluE der allge-
meinen menschheitlichen, aber individuell differenzierten
Organisation.
So steht dann der Mensch, wenn er fiihlt, er ist eine Indi-
vidualitat, da und sagt sich: Da steigen im Menschen auf die
Gedanken, durch die die Aufienwelt innerlich reprasentiert
wird; da werden gewissermafien von innen heraus die Ge-
danken zusammengestellt, die in ihrer Zusammenstellung
wiederum ein Bild der Welt geben sollen. Da arbeiten im
Innern des Menschen auf der einen Seite Vorstellungen, die
sich kniipfen an einzelne individuelle Dinge, wie an einen
einzelnen Stier oder an einen einzelnen Menschen, sagen
wir wie Augustinus. Dann aber kommt der Mensch zu an-
deren inneren Erlebnissen, wie zu seinen Traumen, fiir die
er einen solchen aufieren Reprasentanten zunachst nicht fin-
det. Da kommt er zu denjenigen Erlebnissen, die er sich
bildet, die rein Schimare sind, wie hier audi schon fiir die
Scholastik der Kentaur oder dergleichen Schimare waren.
Dann sind aber auf der anderen Seite diejenigen Begriff e
und Ideen, die eigentlich nach beiden Seiten hin schillern:
die Menschheit, der Typus Lowe, der Typus Wolf, und so
weiter. Das sind die allgemeinen Begriff e, welche die Schola-
stiker nach altem Gebrauch die Universalien nannten. Als
die Sache fiir die Menschen so lag, wie ich sie Ihnen gestern
geschildert habe, als man herauf sich erhob gewissermaflen
zu diesen Universalien und sie empfand als die unterste
Grenze der sich dem Menschen durch Schauen off enbaren-
den Geistwelt, da waren eben einfach diese Universalien
- Menschheit, Tierheit, Lowenheit und so weiter - dasjenige,
durch das sich die Geistwelt, die intelligible Welt off enbarte,
dasjenige, was die Seele als einen Ausflufi der ubersinnlichen
Welt erlebte. Um so zu erleben, war es notig, jenes indi-
viduelle Gefiihl noch nicht in sich zu haben, das sich dann
in den charakterisierten Jahrhunderten auslebte. Jenes indi-
vidualisierte Gefiihl brachte es dahin, dafi man sich sagte:
Man steigt von den Sinnendingen auf bis zu jener Grenze, Tafel 2
wo die mehr oder weniger abstrakten, aber doch erlebten rechts
Dinge sind, die Universalien Menschheit, Lowenheit, und
so weiter.
Das sah die Scholastik sehr gut ein, dafi man nicht ohne
weiteres sagen kann: Das sind blofie Konzeptionen, blofie
Zusammenfassungen der aufieren Welt -, sondern fur die
Scholastik wurde das ein Problem, mit dem sie rang. Wir
mussen uns aus unserer Individuality heraus solche allge-
meinen BegrifTe bilden, solche Universalbegriffe. Wenn wir
aber auf die Welt hinausschauen, so haben wir nicht die
Menschheit, sondern einzelne Menschen, nicht die Wolfheit,
sondern einzelne Wolfe. Aber auf der andern Seite: Wir
konnen nicht dasjenige, was wir uns als die Wolfheit aus-
bilden oder als die Lammheit ausbilden, nur sehen gewisser-
mafien so, dafi wir einmal die Materie in einer Weise lamm-
haft gebildet haben, ein anderes Mai sie wolfhaft gebildet
haben und die Wolfheit und die Lammheit nur so Zusam-
menstellungen waren, und das Materielle, das in diesen Zu-
sammenfassungen drinnen ist, nur das einzig Wirkliche sei.
Das konnen wir audi nicht ohne weiteres annehmen, denn
wenn wir das annehmen, dann miifiten wir ja annehmen:
Sperren wir einen Wolf ein und schauen wir darauf, dafi er
durch eine gewisse Zeit hindurch, bis sein Stoffwechsel voll-
standig umgesetzt ist, nur Lammer frifit, da erfiillt er sich
dann ganz mit Lammesmaterie; aber er wird kein Lamm.
Die Materie macht es nicht, er bleibt Wolf. Die Wolfheit ist
also doch etwas, was nicht so ohne weiteres blofi mit dem
Materiellen in einen Zusammenhang gebracht wird, denn
materiell ist der ganze Wolf Lamm, aber er bleibt Wolf.
Es ist heute vielfach ein Problem, das die Menschen gar
nicht ernst nehmen. Es ist ein Problem gewesen, mit dem
man mit alien Fasern der Seele gerungen hat in der Schola-
stik, gerade in ihrer Blu tezeit. Und dieses Problem, das war
in unmittelbarem Zusammenhang stehend mit den kirch-
lichen Interessen. Wie es mit den Kircheninteressen im Zu-
sammenhang steht, davon konnen wir uns eine Vorstellung
machen, wenn wir das Folgende berucksichtigen.
Bevor Albertus Magnus und Thomas von Aquino mit
ihrer besonderen Ausgestaltung der Philosophie auftraten,
war es so, dafi allerdings Leute schon auf getreten waren wie
Roscellin zum Beispiel, die die Behauptung aufgestellt ha-
ben und audi durchaus der Meinung waren: Diese allgemei-
nen Begriffe, diese Universalien sind eigentlich nichts ande-
res als dasjenige, was wir zusammenfassen von den aufieren
individuellen Dingen ;sie sind eigentlich blofteWorte,blofie
Namen. - Und es hatte sich ausgebildet ein gewisser Nomi-
nalismus, der in den allgemeinen Dingen, in den Univer-
salien, nur Worte sah. Aber Roscellin, der hat dogmatisch
Ernst gemacht mit dem Nominalismus und hat ihn auf die
Trinitat angewendet und hat gesagt: Wenn - was er als
Richtiges ansah - dasjenige, was Zusammenfassung ist, nur
ein Wort ist, dann ist die Dreieinigkeit nur ein Wort, und
die Individuen sind das einzig Wirkliche: der Vater, der
Sohn, der Heilige Geist. Dann fasse nur der menschliche
Verstand durch einen Namen diese drei: Vater, Sohn und
Heiliger Geist. - Mittelalterliche Geister haben bis in die
letzten Konsequenzen hin solche Dinge ausgedehnt. Die
Kirche war genotigt, auf der Synode zu Soissons diese An-
schauung des Roscellin fur einen partiellen Polytheismus
und die Lehre fiir haretisch zu erklaren. Also man war in
einer gewissen Kalamitat gegeniiber dem Nominalismus. Es
war also ein dogmatisches Interesse, das sich mit einem
philosophischen zusammenschlofi.
Heute empfindet man selbstverstandlich eine solche Situa-
tion nicht mehr als etwas Reales. In der damahgen Zeit hat
man es allerdings als etwas sehr Reales empfunden, und ge-
rade mit dem Verhaltnis der Universalien zu den indivi-
duellen Dingen ringen die beiden geistig, Thomas und
Albertus, und das ist fiir sie das wichtigste Problem. Im
Grunde genommen ist alles andere nur eine Folge, das heifit
insofern eine Folge, als alles andere eine gewisse Schattie-
rung bekommen hat (lurch die Art und Weise, wie sie sich
zu diesem Problem gestellt haben. Aber gerade in die Art
und Weise, wie sich Albertus und Thomas zu diesem Pro-
blem gestellt haben, spielen hinein alle die Krafte, die ich
Ihnen bis jetzt geschildert habe, alle die Krafte, die noch als
Tradition geblieben waren von dem Areopagiten, die ge-
blieben waren von Plotin, die durchgegangen waren durch
die Seele des Augustinus, durch Erigena und durch viele an-
dere, - all das spielt herein in die besondere Art der Ge-
dankenformung, welche nun zutage trat zunachst durch
Albertus und dann in einer weitlaufigen philosophischen Be-
griindung durch Thomas. Und man wufite ja noch: Da hat
es Menschen gegeben, die tiber die Begriffe hinaufsahen in
die geistige Welt, in die intellektuelle Welt, in diejenige
Welt, von der audi der Thomismus als von einer Wirklich-
keit spricht, in der er die materiefreien intellektuellen We-
sen erblickt, die er die Engel nennt. Das sind nicht blofie
Abstraktionen, das sind reale Wesenheiten, die nur keine
Leiber haben. Es sind jene Wesenheiten, die Thomas ver-
setzt in die zehnte Sphare. Indem er sich umkreist denkt die
Erde von der Sphare des Mondes, des Merkur, der Venus,
der Sonne und so weiter, kommt er dann liber die achte zur
neunten Sphare und zu dem, was das Empyreum war, also
zur zehnten Sphare. Er denkt sich das alles durchaus durch-
setzt von Intelligenzen, und die Intelligenzen, auf die er
zunachst rekurriert, es sind diejenigen, welche das, was sie
zu ihrer untersten Grenze haben, gewissermafien hinunter-
scheinen lassen so, dafi die menschliche Seele es erleben kann.
Aber so, wie ich es jetzt ausgesprochen habe, in dieser
Form, in der es mehr angelehnt ist an den Plotinismus,
kommt es nicht heraus aus dem blofien indi viduellen Fuhlen,
zu dem sich gerade die Scholastik durchgerungen hatte, son-
dern es blieb fur Albertus und fur Thomas ein Glaube, dafi
es iiber den abstrakten Begriff en oben die Off enbarung die-
ser abstrakten Begriffe gebe. Und fiir sie entstand die Frage:
Welche Realitat haben denn diese abstrakten Begriffe?
Nun hatten sowohl Albertus wie Thomas nodi eine Vor-
stellung von dem Tatbestand des Arbeitens des Seelisch-
Geistigen an dem Leiblichen und des nadiherigen Sichspie-
gelns des Seelisch-Geistigen, wenn geniigend am Leiblichen
gearbeitet ist. Von alldem hatten sie Vorstellungen. Sie hat-
ten nun Vorstellungen audi von dem, was der Mensch in
seinem einzelnen individuellen Leben wird, wie er von Jahr
zu Jahr, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt sich weiterentwickelt
gerade durch dasjenige, was er an Eindriicken der Aufien-
welt aufnimmt und durch Eindriicke der Aufienwelt ver-
arbeitet. Und so bildete sich aus der Gedanke, dafi wir
allerdings die Welt um uns herum haben, aber diese Welt
ist eine Offenbarung dessen, was iiberweltlich ist, was geistig
ist. Indem wir die Welt betrachten, indem wir uns zu den
einzelnen Mineralien, Pflanzen und Tieren hinwenden,
ahnen wir gewissermafien, dafi dahintersteckt dasjenige, was
sich offenbart aus hoheren geistigen Wei ten.
Betrachten wir dann mit logischer Zergliederung, mit all-
dem, wozu uns unsere Seele fahig macht, mit alldem, was
an Denkkraft in uns ist, die Welt der Naturreiche, so kom-
men wir zu dem, was von der geistigen Welt in die Natur-
reiche hineingelegt ist. Dann aber miissen wir uns klarwer-
den dariiber: Wir wenden unseren Blick, unsere iibrigen
Sinnesorgane hin auf diese Welt. Da stehen wir mit der
Welt in Verkehr. Wir gehen dann weg von der Welt. Wir
bewahren gewissermafien als Erinnerung dasjenige auf, was
wir aus der Welt aufgenommen haben. Wir blicken in der
Erinnerung wiederum zuriick. Da erscheint uns eigentlich
erst das Universelle, das Allgemeine, so etwas wie «Mensch-
heit» und dergleichen, das erscheint uns erst in der inneren
begriff lichen Gestalt. So dafi Albertus und Thomas sagen:
Blickst du zuriick, wenn dir deine Seek reflektiert dasjenige,
was sie an der Auflenwelt erlebt hat, dann hast du in deiner
Seele lebend die Universalia. Du hast dann Universalia. Du
bildest dir aus all den Menschen heraus, die dir begegnet
sind, den Begriff der Menschheit. Du konntest ja iiberhaupt,
wenn du nur individuelle Dinge erinnertest, blofi in irdi-
schen Namen leben. Indem du iiberhaupt nicht blofi in
irdischen Namen lebst, mufit du Universalia erleben. Da
hast du die universalia post res, diejenigen, die nach den
Dingen in der Seele leben. Wahrend der Mensch seine Seele
hinwendet zu den Dingen, hat er nicht dasselbe in seiner
Seele, was er nachher hat, wenn er sich daran erinnert, wenn
es ihm gewissermafien vom Innern reflektiert wird, sondern
er steht in einer realen Beziehung zu den Dingen. Er erlebt
an den Dingen ihr Geistiges; er ubersetzt es sich nur in die
Form der Universalien post rem.
Indem Albertus und Thomas annehmen, dafi der Mensch
in dem Augenblicke, wo er durch sein Denkvermogen in
Beziehung steht zu seiner Umgebung, zu einem Realen in
Beziehung steht, also nicht blofi zu dem, was der Wolf ist
dadurch, dafi das Auge ihn sieht, das Ohr ihn hort und so
waiter, sondern dadurch, dafi der Mensch uber ihn denken
kann, sich den Typus «Wolf» herausbildet, erlebt er etwas,
was in den Dingen unanschaulich gedanklich erfafit wird,
was auch nicht in den Sinnenentitaten aufgeht. Er erlebt
die universalia in rebus, in den Dingen.
Nun ist die Unterscheidung nicht ganz leicht zu machen,
weil man gewohnlich denkt, dasjenige, was man im Innern
seiner Seele hat zuletzt als Reflexion, das sei auch in den
Dingen dasselbe. Nein, es ist nicht dasselbe im Sinne des
Thomas von Aquino. Was der Mensch als Idee in seiner
Seele erlebt, mit seinem Verstande sich erklart, das ist das-
jenige, wodurdi er das Reale, das Universelle erlebt. So dafi
der Form nadi die Universalien in den Dingen verschieden
sind von den Universalien nach den Dingen, die in der
Seele dann bleiben; aber innerlich sind sie dasselbe. Da
haben Sie einen der scholastischen BegrifTe, die man sich
gewohnlich nach ihrer ganzen Scharfe nicht vor die Seele
fiifirt. Die Universalien in den Dingen und die Universalien
nach den Dingen in der Seele sind inhaltlich dasselbe, nur
der Form nach verschieden.
Dann aber kommt noch dazu, dafi nun das, was in den
Dingen ausgebreitet, individualisiert lebt, wiederum hin-
weist auf dasjenige, was ich gestern als im Plotinismus lie-
gend, als die eigentlich intelligible Welt charakterisierte. Da
sind wiederum dieselben Inhalte, die in den Dingen, nach
den Dingen in der Menschenseele sind, inhaltlich gleich, for-
mell verschieden, sind wiederum in anderer Form enthalten,
aber wiederum von gleichem Inhalt: das sind die univer-
salia ante res, vor den Dingen. Das sind die Universalien,
wie sie in dem gottlichen Verstande und in dem Verstande
der Diener des Gottlichen, der engHschen Wesenheiten, ent-
halten sind.
So wird dasjenige, was einer alteren Zeit unmittelbar
geistig-sinnlich-iibersinnliches Anschauen war, zu Anschau-
ungen, die nur eben in sinnlichen Bildern abgebildet wur-
den, weil man das, was man ubersinnlich schaut, selbst nach
dem Areopagiten nicht einmal mit einem Namen benennen
kann, wenn man es in seiner wahren Gestalt behandeln will.
Man kann nur hinweisen und sagen: Es ist das alles nicht,
was die aufieren Dinge sind. - So wird dasjenige, was fur
die Alten Schauung war, was fur die Alten sich als eine Rea-
litat in der geistigenWelt darstellte,fiir dieScholastik etwas,
woruber zu entscheiden hat eben all jener Scharfsinn des
Denkens, all jene Plastizitat und feine Logik, von der ich
Ihnen heute gesprodien habe. Es ist heruntergeholt das Pro-
blem, das friiher durch Schauen abgemacht wurde, in die
Sphare des Denkens, in die Sphare der Ratio. Das ist das
Wesen des Thomismus, das Wesen des Albertinismus, das
Wesen der Hochscholastik. Sie sieht vor alien Dingen, daft
in ihrer Zeit das Erfuhlen der menschlichen Individuality
in der Kulmination angelangt ist. Sie sieht vor alien Dingen
alle Probleme vor sich in der rationellen Gestalt, in der
logisdien Gestalt, in der Gestalt, wie sie der Denker auf-
fassen mufi.
Mit dieser Gestalt der Weltenprobleme in der Form des
Denkens ringt wesenhaft die Scholastik. Und mit diesem
Ringen und Denken steht die Scholastik mitten im kirch-
lichen Leben drinnen, das ich Ihnen nach den verschieden-
sten Seiten gestern und heute, wenn auch nur mit einzelnen
Lichtern, beleuchtet habe. Da steht dasjenige, wovon man
im 13., im 12. Jahrhundert glauben konnte, es ist zu errin-
gen mit dem Denken, mit der scharfsinnigen Logik; da steht
auf der anderen Seite dasjenige, was als kirchliche Dogmen
uberliefert ist, da steht der Glaubensinhalt.
Nehmen wir ein Beispiel, wie ein soldier Denker wie
Thomas von Aquino zu den beiden Dingen steht. Da sagt
Thomas von Aquino: Kann man das Dasein Gottes be-
weisen durch Logik? Ja, man kann es. - Thomas von Aquino
gibt eine ganze Reihe von Beweisen. Einer derselben ist zum
Beispiel der, dafl er sagt: Erkenntnisse konnen wir zunachst
nur gewinnen, indem wir an die universalia in rebus heran-
gehen, in die Dinge hineinblicken. Wir konnen nicht durch
Schauen - das ist einfach personliches Erlebnis dieses Zeit-
alters - in die geistige Welt eindringen. Wir konnen nur
dadurch mit menschlichen Kraften in die geistige Welt ein-
dringen, dafi wir uns in die Dinge vertief en, aus den Dingen
dasjenige herausholen, was wir universalia in rebus nennen
konnen. Dann kann man zuriickschlieften, wie das mit die-
sen universalia ante res ist vorher so sagt er. Die Welt
sehen wir bewegt; ein Ding bewegt immer das andere, weil
es selbst bewegt ist. So kommen wir von einem bewegten
Ding zu einem anderen bewegten Ding, von dem anderen
bewegten Ding zu einem weiteren bewegten Ding. Das kann
nidht so fortgehen, sondern wir mussen zu einem ersten Be-
weger kommen. Ware der aber wieder bewegt, so wiirde es
sich darum handeln, dafi wir zu einem anderen Beweger
ubergehen. Wir mussen also zu einem unbewegten Beweger
kommen. - Damit ist Thomas gerade angelangt - und audi
Albertus macht ja denselben Schlufi - bei dem aristotelischen
unbewegten Beweger, bei der ersten Ursache. Den Gott als
eine notwendig erste Wesenheit, als einen notwendig un-
bewegten ersten Beweger anzuerkennen, das ist dem logi-
schen Denken gegeben.
Fur die Trinitat gibt es keinen solchen Gedankengang,
der zu ihr hinfiihrt. Sie ist aber uberlief ert. Man kann mit
dem menschlichen Denken nur so weit kommen, dafi man
probiert, ob die Trinitat widersinnig ist. Da findet man:
Sie ist nicht widersinnig, aber man kann sie nicht beweisen,
man mufi sie glauben, man mufi sie hinnehmen als einen
Inhalt, bis zu dem sich die auf sich selbst gestellte mensch-
liche Intellektualitat nicht erheben kann.
So steht die Scholastik vor der damals so bedeutungsvol-
len Frage: Wie weit kommt man mit dem sich selbst iiber-
lassenen menschlichen Verstande? Aber durch die Zeit-
entwickelung war sie noch in ganz besonderer Weise hinein-
gestellt in die Tiefen dieses Problems, denn andere Denker
gingen voran. Die hatten etwas scheinbar ganz Absurdes
angenommen. Die hatten gesagt, es konne etwas theologisch
wahr und philosophisch falsch sein. Man konne rundweg
sagen: Es kann durchaus sein, dafi Dinge dogma tisch iiber-
liefert sind, wie zum Beispiel die Trinitat; wenn man dann
nachdenkt iiber dieselbe Frage, so kommt man zum ent-
gegengesetzten Resultat. Es ist durdiaus moglich, dafi die
Vernunft zu anderen Ergebnissen fiihrt als der Glaubens-
inhalt. - Und das ist wichtig, das war das andere, wovor
die Scholastiker standen: die Lehre von der doppelten
Wahrheit. Das ist dasjenige, worauf die beiden Denker
Albertus und Thomas ganz besonderen Wert legten: den
Glaubensinhalt in Einklang zu bringen mit dem Vernunft-
inhalt, keinen Widerspruch zu suchen zwischen dem, was
die Vernunft denken kann, allerdings nur bis zu einer ge-
wissen Grenze, und dem Glaubensinhalt. Aber was die Ver-
nunft denken kann, darf nicht widersprechen dem Glaubens-
inhalt, der Glaubensinhalt darf nicht widersprechen der
Vernunft.
Das war dazumal ein Radikalismus, denn die Mehrzahl
der tonangebenden Kirchenautoritaten hielt fest an der
Lehre der doppelten Wahrheit: dafl einfach der Mensch
musse auf der einen Seite etwas Vernunftiges denken, in-
haltlich in einer Gestalt, und der Glaubensinhalt konne es
ihm in einer anderen Gestalt geben, und er musse mit diesen
zweiGestalten der Wahrheit leben.-Ich glaube, man konnte
ein Gefiihl bekommen fur das geschichtliche Werden, wenn
man bedenken wiirde, dafi die Menschen mit ihren ganzen
Seelenkraften vor so wenigen Jahrhunderten in solchen Pro-
blemen drinnensteckten. Denn diese Dinge tonen noch fort
in unsere Zeiten. Wir leben auch noch in diesen Problemen.
Wie wir darinnen leben, das wollen wir dann morgen be-
sprechen. Heute wollte ich das Wesen des Thomismus im
allgemeinen so charakterisieren, wie er in der damaligen
Zeit gelebt hat.
Nun, sehen Sie, so war es, dafi das Hauptproblem, das
sich vor Albertus und Thomas hinstellte, das war: Wie ver-
halt sich der Vernunflinhalt des Menschen zu dem Glaubens-
inhalt? Wie kann dasjenige, was die Kirche zu glauben vor-
gibt, erstens verstanden werden, zweitens verteidigt werden
gegen das, was ihm entgegengesetzt ist? Darinnen hatten
ja audi Leute wie Albertus und Thomas viel zu tun. Denn
in Europa lebte nun nicht eben ausschliefilich das, was ich
charakterisiert habe, sondern es lebten nodi allerlei andere
Ansichten. Mit der Ausbreitung des Islam, mit der Aus-
breitung der Araber haben sich noch andere Anschauungen
in Europa geltend gemacht. Und etwas von jenen Anschau-
ungen, die ich gestern als die manichaischen charakterisiert
habe, war iiber ganz Europa hin geblieben.
Aber auch so etwas lebte wie dasjenige, was man als Re-
presentation kennt durch die Lehre des Averroes aus dem
12. Jahrhundert, der da sagte: Was der Mensch denkt mit
seinem reinen Intellekt, das gehort ihm nicht besonders, das
gehort der ganzen Menschheit an. - Averroes sagt: Wir
haben nicht etwa einen Verstand fur uns; wir haben jeder
einen Leib fur uns, aber nicht jeder hat einen Verstand fur
sich. Der A hat einen eigenen Leib, aber der Verstand, der
ist derselbe, den audi der B und wieder der C hat. - Man
konnte sagen, fur Averroes ist die Menschheit so, da£ eine
einheitliche Intelligenz, Verstand, da ist; in den tauchen alle
Individuen unter. Da leben sie mit ihrem Kopf gewisser-
mafien. Wenn sie sterben, zieht sich der Leib zuriick aus
diesem universellen Verstande. Eine Unsterblichkeit gibt es
nicht in dem Sinne eines individuellen Weiterdauerns nach
dem Tode. Was da dauert, ist nur der universelle Verstand,
ist nur das, was alien Menschen gemeinsam ist.
Fur Thomas lag die Sache so, dafi er zu rechnen hatte mit
dieser Universalitat des Verstandes, dafi er aber sich stellen
mufke auf den Standpunkt, dafi dasjenige, was universeller
Verstand ist, sich nicht nur so innig vereinigt mit dem, was
nun individuelles Gedachtnis ist im einzelnen Menschen,
sondern was wahrend des Lebens sich so vereinigt audi mit
dem, was die tatigen Krafte der Organisation, der leiblichen
Organisation sind, so vereinigt, so eine Einheit bildet, dafi
all das, was im Menschen wirkt als die gestaltenden, vege-
tativen Krafte, animalen Krafte, als die Krafte des Gedacht-
nisses, daft all das gewissermafien wahrend des Lebens an-
gezogen wird von dem universellen Verstande und der Ge-
sinnung. So dafi sich Thomas das so vorstellt, dafi der
Mensch das Individuelle durch das Universelle anzieht und
dann in die geistige Welt hineinzieht dasjenige, was sein
Universelles angezogen hat, so daiS er es da hineintragt. Es
kann also fur Albertus und Thomas keine Praexistenz ge-
ben, wohl aber eine Postexistenz. Das ist ja dasjenige, was
auch fiir Aristoteles da war. In dieser Beziehung wird auch
der Aristotelismus fortgesetzt von diesen Denkern.
So schliefien sich zusammen die groften logischen Fragen
der Universalien mit den Fragen, die das Weltenschicksal
der einzelnen Menschen betreffen. In alles spielt schliefilich
— auch wenn ich Ihnen die Kosmologie des Thomas von
Aquino, wenn ich Ihnen die aufterordentlich weite, iiber fast
alle Gebiete sich erstreckende, zahlreiche Bande umfassende
Naturgeschichte des Albertus charakterisieren wiirde -, in
all die Einzelheiten spielt hinein dasjenige, was ich Ihnen
als das allgemeine logische Wesen des Albertinismus und des
Thomismus charakterisieren mufite. Diese logische Wesen-
heit bestand darinnen: Wir konnen mit unserer Vernunft,
was man dazumal eben den Intellekt nannte, nicht hinauf-
reichen; bis zu einer gewissen Grenze konnen wir alles in
scharfsinniger Logik und Dialektik durchdringen, dann
miissen wir eindringen in den Glaubensinhalt. Und so, wie
ich es charakterisiert habe, standen beide diesen zwei Din-
gen gegeniiber, ohne dafi sie sich widersprechen: Was wir
mit unserer Vernunft erfassen und was durch den Glau-
bensinhalt geoffenbart ist, beides kann nebeneinander-
gehen.
Was lag denn nun aber eigentlich vor? Ich glaube, man
kann diese Frage von den verschiedensten Seiten anfassen.
Was lag da eigentlich welthistorisch vor als Wesen des Alber-
tinismus und als Wesen des Thomismus? Sehen Sie, fur
Thomas ist eigentlich charakteristisch und wichtig, dafi er,
indem er die Vernunft anstrengt, den Gott zu beweisen, zu
gleicher Zeit zusetzen mufi: Man kommt zu einer Gottes-
vorstellung, wie sie mit Recht im Alten Testament als Jahve
bezeichnet worden ist. - Das heilk, indem Thomas ausgeht
von den vernunftigen Wegen, welche die einzelne Menschen-
seele machen kann, kommt er zu jenem einheitlichen Gotte,
den auch das Alte Testament als den Jahve-Gott bezeichnet
hat. Will man zu dem Christus kommen, mufi man zu dem
Glaubensinhalt iibergehen; zu ihm kann man nicht durch
das kommen, was die menschliche Seele an eigenem Geisti-
gen erlebt.
Nun steckt in den Auseinandersetzungen, gegen die sich
die Hochscholastik einfach aus dem Zeitgeiste heraus wen-
den mufite, in diesen Anschauungen von der doppelten
Wahrheit - dafi etwas theologisch wahr und philosophisch
f alsch sein konne — , in ihnen steckt doch noch etwas Tief eres
darinnen, was man allerdings in dem Zeitalter nicht iiber-
schauen konnte, in dem man iiberall umgeben war von dem
Streben der Menschheit nach Rationalismus, nach Logik; es
steckte doch etwas Tiefes dahinter. Es steckte namlich das
Folgende dahinter: dafi diejenigen, die von der doppelten
Wahrheit sprachen, allerdings nicht der Ansicht waren, dafi
theologisch Geoffenbartes und durch die Vernunft zu Er-
reichendes letzten Endes zweierlei ist, sondern vorlaufig
zweierlei Wahrheiten sind, und dafi der Mensch deshalb zu
zweierlei Wahrheiten kommt, weil er bis in das Innerste der
Seele hinein den Sundenf all mitgemacht hat.
Diese Frage glimmt gewissermaften in den Untergriinden
der Seele bis zu Albertus und Thomas hin. In den Unter-
griinden der Seele glimmt die Frage: Ja, haben wir nicht
audi in unserem Denken, in dem, was wir als Vernunft in
uns sehen, die Erbsiinde aufgenommen? 1st es nicht gerade,
weil die Vernunft abgefallen ist von der Geistigkeit, daft uns
die Vernunft andere Wahrheitsgehalte vorgaukelt als die
wirkliche Wahrheit? - Nehmen wir in unsere Vernunft den
Christus auf, nehmen wir in unsere Vernunft etwas auf , was
diese Vernunft also umwandelt, was diese Vernunft weiter-
entwickelt, dann erst stellt sie sich in Einklang mit der
Wahrheit, die der Glaubensinhalt ist. Die Siindhaftigkeit
der Vernunft lag in einer gewissen Weise zugrunde, indem
die Denker der voralbertinischen und vorthomistischen Zeit
von zwei Wahrheiten sprachen. Mit der Lehre von der Erb-
siinde und der Lehre von der Erlosung durch Christus woll-
ten sie Ernst machen. Sie hatten noch nicht die Gedanken-
kraft, die Logizitat dazu, aber sie wollten das ernsthaft
machen. Sie legten sich die Frage vor: Wie erlost der Chri-
stus in uns die Wahrheit der Vernunft, die der geistig ge-
ofTenbarten Wahrheit widerspricht? Wie werden wir bis in
das Innerste hinein Christen? Denn unsere Vernunft ist
schon verderbt; in ihr lebt die Erbsiinde, daher widerspricht
sie der reinen Glaubenswahrheit.
Und nun traten Albertus und Thomas auf, und fur sie
schien es zunachst, daft es unrichtig ist, daft, wenn wir uns
rein logisch in die universalia in rebus vertiefen, wenn wir
in uns aufnehmen dasjenige, was in den Dingen Wirklich-
keit ist, daft wir uns dann in Siindhaftigkeit iiber die Welt
ergehen. Es darf nicht die gewohnliche Vernunft sundhaft
sein. Im Grunde lebt die Frage der Christologie in dieser
Frage der Hochscholastik. Und was nicht gelost werden
konnte fiir die Hochscholastik, das war die Frage: Wie
tritt der Christus in das menschliche Denken ein? Wie wird
das menschliche Denken durchchristet? Wie fiihrt der Chri-
stus das eigene menschliche Denken hinauf in die Sphare,
wo es zusammenwachsen kann mit dem, was nur der gei-
stige Glaubensinhalt ist?
Das steckte noch als das eigentlich Bewegende in den
Seelen der Scholastiker drinnen. Daher ist es, trotzdem die
vollkommenste logische Technik in der Scholastik lebt, vor
alien Dingen wichtig, dafi man nicht die Resultate der
Scholastik nimmt, sondern dafi man durch die Antwort
hinschaut auf die Fragestellungen; dafi man absieht von
dem, wozu sich im 12., im 1 3 . Jahrhundert die Menschen
hindurchringen konnen; dafi man sieht auf die grofien Pro-
bleme, die damals aufgestellt worden sind. Man war nodi
nicht mit der Christologie so weit gekommen, dafi man die
Erlosung der Menschen von derErbsiinde bis in das mensch-
liche Denken hinein hat verfolgen konnen. Daher mufiten
Albertus und Thomas der Vernunft das Recht absprechen,
die Stufen zu iiberschreiten, iiber die hinaufschreitend sie in
die geistige Welt selbst eintreten konne. Und es blieb von
der Hochscholastik die Frage zuriick: Wie entwickelt sich
das menschliche Denken hinauf zu einer Anschauung der
geistigen Welt?
Selbst das wichtigste Ergebnis der Hochscholastik ist eine
Frage, ist nicht dasjenige, was als Inhalt von der Hoch-
scholastik existiert. Es ist die Frage: Wie tragt man die
Christologie in das Denken hinein? Wie wird das Denken
christlich gemacht? - Diese Frage steht welthistorisch da in
dem Augenblicke, als Thomas von Aquino 1274 stirbt. Bis
zu diesem Momente konnte er sich nur durchringen zu der
Frage. Die Frage steht mit aller Herzinnigkeit da in der
europaischen Geisteskultur. Was aus ihr werden soli, das
konnte nur zunachst so angedeutet werden, daft man sagte:
Der Mensch dringt bis zu einem gewissen Grade in das We-
sen, in das geistige Wesen der Dinge ein. Aber dann mufi der
Glaubensinhalt kommen. Und die beiden durfen einander
nur nidit widersprechen, sie miissen in Konkordanz mitein-
ander sein. Aber die gewohnliche Vernunft kann den Inhalt
der hochsten Dinge, wie zum Beispiel die Trinitat, die In-
karnation des Christus in dem Menschen Jesus und so wei-
ter, nicht von sich aus begreifen. Die Vernunft kann begrei-
fen nur so weit, dafi sie sagen kann: Die Welt konnte in
der Zeit entstanden sein, konnte aber audi von Ewigkeit
her sein. Aber die OfFenbarung sagt, sie ist in der Zeit ent-
standen. Wenn Sie die Vernunft noch einmal fragen, so
finden Sie die Griinde, warum das In-der-Zeit-Entstehen
das Vernunftigere, das Weisere ist.
So ist der Scholastiker hineingestellt in die ganze Zeit.
Mehr als man denkt, lebt in aller heutigen Wissenschaft, in
dem ganzen ofFentlichen Leben der Gegenwart noch das-
jenige fort, aber allerdings in einer besonderen Gestalt, was
von der Scholastik iibriggeblieben ist. Wie lebendig im
Grunde genommen die Scholastik noch in unseren Seelen ist
und welche Stellung zu dem, was noch lebt von der Schola-
stik, der gegenwartige Mensch eigentlich einnehmen mufi,
davon wollen wir dann morgen sprechen.
DRITTER VORTRAG
DIE BEDEUTUNG DES THOMISMUS
IN DER GEGENWART
Dornach, 24. Mai 1920
Es war gestern mein Bemiihen, am Schlusse der Betrachtun-
gen iiber die Hodischolastik darauf hinzuweisen, wie das
Wesentlichste in einer Gedankenstromung die Probleme sind,
die Probleme, die in einer ganz bestimmten Weise in den
Menschenseelen sich kundgaben, und die ja eigentlich doch
alle gipfelten in einer gewissen Sehnsucht, zu begreifen:
Wie erlangt der Mensch diejenigen Erkenntnisse, die ihm
zum Leben notwendig sind, und wie gliedern sich diese Er-
kenntnisse in dasjenige ein, was dazumal in sozialer Bezie-
hung die Gemiiter beherrschte, wie gliedert sich das, was an
Erkenntnissen gewonnen werden kann, ein in den Glau-
bensinhalt der christlichen Kirche des Abendlandes?
Die ringenden Scholastiker haben es zunachst zu tun ge-
habt mit der menschlichen Individuality, die, wie wir ge-
sehen haben, als solche sich immer mehr herausrang, die zu-
nachst nicht mehr als solche imstande war, das Erkenntnis-
leben hinaufzutragen bis zu wirklichem, konkretem Geist-
inhalt, wie er noch heraufleuchtete im Laufe der Zeit aus
dem, was ubriggeblieben war von dem Neuplatonismus, was
iibriggeblieben war von dem Areopagiten und von Scotus
Erigena. Ich habe auch schon darauf hingewiesen, daft die
Impulse, die durch die Hodischolastik gegeben waren, in
einer gewissen Weise fortlebten. Aber sie lebten so fort, dafi
man sagen kann : Die Probleme selbst sind grofi und gewaltig,
und die Art und Weise, wie sie gestellt waren - wir haben
gestern gesehen, wie sie gesteilt waren - die wirkte nodi
lange nach. Und - das soil gerade der Inhalt der heutigen
Betrachtung sein - eigentlich wirkt, wenn auch in ganz ver-
anderter methodischer Form, dasjenige, was dazumal als das
grofite Problem aufging, das Verhaltnis des Menschen zur
sinnlichen und geistigen Wirklichkeit, es wirkt noch immer
nach, wenn man es auch nicht sieht in der heutigen Zeit, wenn
es auch in der heutigen Zeit scheinbar ganz der Scholastik
entgegengesetzte Gestalt annimmt. Es wirkt nach. Es ist ge-
wissermaften das alles in den geistigen Betatigungen der
Gegenwart noch, aber wesentlich verandert durch alles das,
was in der Zwischenzeit wiederum durch bedeutsame Person-
lichkeiten hingestellt worden ist in die europaische Mensch-
heitsentwickelung auf dem philosophischen Gebiete.
Wir sehen auch, wenn wir hiniibergehen von Thomas von
Aquino zu dem Franziskanermonch, der wahrscheinlich aus
Irland stammte und im Beginne des 14. Jahrhunderts in
Paris, spater in Koln gelehrt hat, Duns Scotus, wir sehen da
sogleich, wenn wir zu dieser Personlichkeit heruberkommen,
wie gewissermafien das Problem zu grofi wird selbst fiir
alles das, was an wunderbarer, intensiver Denktechnik zu-
riickgeblieben war aus den Zeiten der eigentlichen Meister-
schaft in der Denktechnik, aus den Zeiten der Scholastik.
Vor Duns Scotus steht neuerdings die Frage: Wie lebt das
Menschlich-Seelische in dem Menschlich-Leiblichen? Es war
noch so bei Thomas von Aquino, dafi er - wie ich gestern
auseinandersetzte - das Seelische sich hinein wirksam dachte
in die Gesamtheit des Leiblichen. So daft der Mensch zwar,
wenn er durch Empfangnis und Geburt heremtritt in das
physisch-sinnliche Dasein, nur ausgeriistet wird durch die
physisch-leibliche Vererbung mit den vegetativen Kraften,
mit den gesamten mineralischen Kraften und mit den Kraf-
ten des sinnlichen Auffassungsvermogens, dafi sich aber
ohne Praexistenz eingliedert in den Menschen der eigent-
liche Intellekt, der tatige Intellekt, dasjenige, was Aristo-
teles den Nous poietikos genannt hat. Aber fur Thomas ist
die Sache so, dafi dieser Nous poietikos nun gewissermafien
aufsaugt das gesamte Seelische - das vegetativisch Seelische,
das animalisch Seelische — und nur die Korperlichkeit
durchsetzt, um das in seinem Sinne umzuwandeln, zu me-
tamorphosieren,um dann unsterblich fortzuleben mit dem,
was er, der selbst aus ewigen Hdhen heraus in den Men-
schenleib, aber ohne Praexistenz, eingezogen ist, aus die-
sem Menschenleib gewonnen hat.
Duns Scotus kann sich ja schon nicht vorstellen, dafi soldi
ein Auf saugen des gesamten Kraftesystems der menschlichen
Wesenheit durch den tatigen Verstand stattfinde. Er kann
sich nur vorstellen, dafi die menschliche Korperlichkeit ge-
wissermafien wie etwas Fertiges vorliegt, dafi in einer ge-
wissen selbstandigen Weise durch das ganze Leben hindurch
bleibt das vegetative, das animalische Prinzip, dann abge-
worfen wird mit dem Tode, und dafi nur das eigentlich gei-
stige Prinzip, der intellectus agens, dann in die Unsterblich-
keit ubergeht. Scotus kann sich das ebensowenig vorstellen,
was dem Thomas von Aquino noch vorgeschwebt hat: die
Durchdringung des ganzen Leibes mit dem Menschlich-See-
lisch-Geistigen, wie sein Schuler, Wilhelm von Ockham- der
dann in Munchen im 14. Jahrhundert gestorben ist, und der
vor alien Dingen wieder zum Nominalismus zuriickgekehrt
ist — , weil ihm der menschliche Verstand etwas Abstraktes
geworden ist, etwas, das ihm nicht mehr die geistige Welt
reprasentierte, sondern was ihm nur aus der Oberlegung
gewonnen erschien, aus der sinnlichen Wahrnehmung. Er
konnte sich nicht mehr vorstellen, dafi nur in den Univer-
saiien, in den Ideen das gegeben sei, was nun eine Realitat
ergabe. Er verfiel wiederum in den Nominalismus, wieder-
um in die Anschauung, da$ dasjenige, was im Menschen sich
festsetzt als Ideen, als allgemeine Begriff e, nur konzipiert ist
aus der sinnlichen Umwelt, dafi es eigentlich nur etwas ist,
was im menschlichen Geiste, idi mochte sagen, um der be-
quemen Zusammenfassung des Daseins willen lebt als Name,
als Worte. Kurz, er kehrte wiederum zuriick zum Nomina-
lismus.
Das ist im Grunde genommen eine bedeutsame Tatsache,
denn man sieht, der Nominalismus, wie er zum Beispiel bei
Roscellin aufgetreten ist - dem selbst die Trinitat ausein-
andergefallen ist wegen seines Nominalismus - dieser No-
minalismus wird nur unterbrochen durch die intensive Ge-
dankenarbeit des Albertus Magnus und Thomas von Aquino
und einiger anderer, undgleich fallt die europaische Mensch-
heit wiederum zuriick in den Nominalismus, in jenen Nomi-
nalismus, der im Grunde genommen ist die Unfahigkeit
der sich immer mehr und mehr heraufringenden Individua-
list des Menschen, das, was er im Geiste als Ideen gegen-
wartig hat, zu f assen als eine geistige Realitat, es so zu fassen,
dafi es etwas ist, was lebt in dem Menschen und lebt in einer
gewissen Weise audi in den Dingen. Die Ideen werden von
Realitaten sogleich wiederum zu Namen, zu blofien leeren
Abstraktionen.
Man sieht hin auf die Schwierigkeiten, welche das euro-
paische Denken immer mehr und mehr hatte, indem es die
Frage nach der Erkenntnis aufwarf. Denn erkennen miissen
wir Menschen doch schliefilich - wenigstens im Beginne des
Erkennens miissen wir uns der Ideen bedienen -, erkennen
miissen wir durch die Ideen. Die grofie Frage mufi immer
wieder auftreten: Wie vermitteln uns die Ideen die Wirk-
lichkeit? Aber es ist im Grunde genommen kaum eine Mog-
lichkeit fur eine Antwort da, wenn einem die Ideen blofi als
realitatslose Namen erscheinen. Und diese Ideen, die dem
alten Griechentum, wenigstens dem eingeweihten Griechen-
tum, nodi waren die letzten von oben herunterkommenden
Kundgebungen einer realen Geistwelt, diese Ideen verab-
strahierten sidi immer mehr und mehr fur das europaische
Bewufitsein. Diesen Prozefi des Verabstrahierens, des Wort-
werdens der Ideen, sehen wir im Grunde genommen immer
mehr und mehr zunehmen, indem wir weiterverfolgen die
Entwickelung des abendlandischen Denkens.
Einzelne Personlichkeiten heben sich spater noch heraus,
wie zum Beispiel Leibniz, der sidi im Grunde genommen
nicht einlafitauf dieFrage: Wieerkenntman durch die Ideen?,
weil er wohl traditionell noch imBesitze einer gewissen spiri-
tuellen Anschauung ist und alles zuruckfiihrt auf indivi-
duelle Weltenmonaden, die eigentlich geistig sind. Es ragt
Leibniz iiber die anderen turmhoch empor, indem er noch
den Mut hat, die Welt als geistige vorzustellen. Ja, die Welt
ist ihm geistig; sie besteht ihm aus lauter geistigen Wesen-
heiten. Aber ich mochte sagen, was fiir eine fruhere Zeit,
deren Erkenntnis allerdings mehr instinktiv war, deren Er-
kenntnis noch nicht durchleuchtet war von einer solchen
Logik, wie die Scholastik war, dasjenige, was fiir eine solche
Zeit diff erenzierte geistige Individualitaten waren, das sind
fiir Leibniz mehr oder weniger graduell abgestufte Geist-
punkte, Monaden. Die geistige Individuality ist gesichert,
aber sie ist nur in der Gestalt der Monade gesichert, in der
Gestalt gewissermafien eines geistigen Punktwesens.
Wenn wir absehen von Leibniz, dann sehen wir im ganzen
Abendlande zwar ein starkes Ringen nach Gewifiheit iiber
die Urgriinde des Daseins, aber zu gleicher Zeit uberall das
Unvermogen, die Nominalismusfrage wirklich zu losen.
Ganz besonders bedeutsam tritt das hervor bei dem Denker,
der ja mit Recht immer an den Ausgangspunkt der neueren
Philosophiegeschichte gestellt wird, es tritt entgegen bei dem
Denker Cartesius, Descartes, der im Beginn oder in der
ersten Halfte des 17. Jahrhunderts lebte. Man lernt ja iiber-
all in der Philosophiegeschichte den eigentlichen Grundquell
der Cartesiusschen Philosophic kennen in dem Satz: cogito
ergo sum: ich denke, also bin ich. - In diesen Satz ragt noch
herein ein Streben des Augustinismus. Denn Augustinus
ringt sich aus jenem Zweifel heraus, von dem ich im ersten
Vortrage gesprochen habe, indem er sich sagt: Zweifeln kann
ich an allem, aber die Tatsache des Zweifelns besteht doch,
und ich lebe doch, wahrend ich zweifle. Ich kann daran
zweifeln, dafi Sinnendinge um mich herum sind, ich kann
daran zweifeln, dafi Gott ist, dafi Wolken sind, dafi Sterne
sind, aber wenn ich zweifle, so ist der Zweifel da. An dem-
jenigen, was in meiner eigenen Seele vorgeht, kann ich nicht
zweifeln. Da ist eine Sicherheit, ein sicherer Ausgangspunkt
zu erfassen. — Cartesius nimmt diesen Gedanken wieder
auf : Ich denke, also bin ich.
Bei solchen Dingen setzt man sich selbstverstandlich argen
Mifiverstandnissen aus, wenn man genotigt ist, ein Einf aches
gegen ein historisch Angesehenes setzen zu mussen. Und den-
noch ist es notwendig. Nicht wahr, dem Cartesius und vielen
seiner Nachfolger — in dieser Beziehung hat er ja unzahlig
viele Nachfolger gehabt - schwebt vor: Wenn ich in meinem
Bewufksein Denkinhalt habe, wenn ich denke, so ist nicht
hinwegzuleugnen die Tatsache, daft ich denke; also bin ich,
also ist mein Sein durch mein Denken gesichert. Ich wurzle
gewissermafien im Weltensein, indem ich mein Sein durch
mein Denken gesichert habe.
Damit beginnt eigentlich die neuere Philosophic als In-
tellektualismus, als Rationalismus, als etwas, das ganz aus
dem Denken heraus arbeiten will und insoferne nur der
Nachklang ist der Scholastik, die ja die Wendung zum Intel-
lektualismus hin in so energischer Weise genommen hat*
Zweierlei sieht man bei Cartesius. Erstens mufi man ihm den
einfachen Einwand machen: 1st wirklidi durch die Tatsache,
dafi ich denke, mein Sein ergriffen? Jeder Nachtschlaf be-
weist das Gegenteil. - Das ist eben das Einfache, das man
einwenden mufi: Wir wissen an jedem Morgen, an dem wir
aufwachen, wir miissen gewesen sein vom Abend bis zum
Morgen, aber wir haben nicht gedacht. Also ist der Satz:
Ich denke, also bin ich, cogito ergo sum einfach wider-
legt. Das Einfache, das, ich mochte sagen, wie eine Art Ei des
Kolumbus ist, das mufi schon einmal einem angesehenen
Satze, der ungeheuer viel Nachfolge gefunden hat, entgegen-
gehalten werden.
Das ist das eine, was in bezug auf Cartesius zu sagen ist.
Das andere aber ist die Frage: Worauf ist denn eigentlich
das ganze philosophische Streben des Cartesius gerichtet? Es
ist nicht mehr auf Anschauung gerichtet, es ist nicht mehr auf
das Empfangen eines Weltengeheimnisses fur dasBewufitsein
gerichtet, es ist wirklich ganz intellektualistisch, ganz denke-
risch orientiert. Es ist auf die Frage hingerichtet: Wie erlange
ich Gewifiheit? Wie komme ich aus dem Zweifel heraus?
Wie erfahre ich, dafi Dinge sind y und dafi ich selbst bin} -
Es ist nicht mehr eine materielle Frage, eine Frage des in-
haltlichen Ergebnisses der Weltenbeobachtung, es ist eine
Frage der Sicherung der Erkenntnis.
Diese Frage steigt auf aus dem Nominalismus der Scho-
lastiker, den nur Albertus und Thomas fur eine gewisse Zeit
uberwunden haben, der aber nach ihnen sogleich wiederum
auf tritt. Und so stellt sich f iir die Leute dasjenige dar, was sie
in ihrer Seele bergen und dem sie nur einen Namencharakter
beilegen konnen, den sie hineinklauben in die Seele, um
irgendwo in dieser Seele einen Punkt zu finden, von dem aus
sie sich jetzt nicht ein Weltbild, eine Weltanschauung ver-
schaffen konnen, sondern die Gewifiheit, dafi uberhaupt
nicht alles Tauschung, nicht alles Unwahrheit ist, dafi
man hinausschaut in die Welt und auf eine Realitat schaut,
dafi man hineinschaut in die Seele und auf eine Realitat
schaut.
Es ist in alledem wohl deutlidi wahrnehmbar dasjenige,
worauf idi gestern am Schlusse hingedeutet habe, namlich
dafi die menschliche Individualitat zum Intellektualismus
gekommen ist, aber gewissermafien im Intellektualismus, im
Denkerisdien das Christus-Problem nodi nicht empfunden
hat. Das Christus-Problem tritt fur Augustinus etwa auf,
indem er noch auf die ganze Menschheit schaut. Der Christus
da drinnen in der menschlichen Seele, der dammert, mochte
ich sagen, dann f iir die christlichen Mystiker des Mittelalters
auf; aber er dammert nicht klar und deutlich auf bei den-
jenigen, die ihn aus dem Denken heraus nur finden wollten,
aus jenem Denken, das der sich gebarenden Individualitat so
notwendig ist, oder aus dem, das diesem Denken sich er-
geben wurde. Dieses Denken, das nimmt sich gewissermafien
in seinem Urzustand so aus, wie es herausquillt aus der
menschlichen Seele, dafi es ablehnt dasjenige, was gerade fiir
das Innerste des Menschen das Christliche sein miifite. Es
lehnt ab die Umwandlung, die innere Metamorphose, es
lehnt ab, so sich zum Erkenntnisleben zu stellen, dafi man
sich sagen wiirde: Ja, ich denke, ich denke zunachst iiber mich
und die Welt. Aber dieses Denken ist noch ein unentwickel-
tes. Dieses Denken ist gewissermafien dasjenige, das nach
dem Siindenfall liegt. Es mufi sich iiber sich selbst erheben.
Es mufi sich verwandeln, es mufi sich emporheben in eine
hohere Sphare.
Eigentlich hat nur einmal so recht deutlich diese Notwen-
digkeit aufgeleuchtet in einer Denkerpersonlichkeit, und das
ist bei dem Nachfolger des Cartesius, bei Spinoza. Spinoza
hat ja wirklich aus guten Grunden jenen tief en Eindruck auf
Leute wie Herder und Goethe gemacht; denn Spinoza, wenn
er audi scheinbar ganz im Intellektualismus, der aus der
Scholastik heraus geblieben ist oder sich umgewandelt hat,
noch drinnensteckt, Spinoza f afit doch diesen Intellektualis-
mus so auf, dafi der Mensch zuletzt eigentlich nur zur Wahr-
heit komme - die zuletzt fur Spinoza in einer Art Intuition
besteht -, indem er das Intellektuelle, das innere denkerische
Seelenleben umwandelt, nicht stehenbleibt bei dem, was im
Alltagsleben und im gewohnlichen wissenschaftlichen Leben
da ist. Und da kommt gerade Spinoza dazu, sich zu sagen:
Durch die Entwickelung des Denkens f iillt sich dieses Denken
wieder an mit geistigem Inhalt. - Gewissermafien die gei-
stige Welt, die wir kennengelernt haben im Plotinismus, er-
gibt sich wiederum dem Denken, wenn dieses Denken ent-
gegengehen will dem Geiste. Der Geist erfullt als Intuition
wiederum das Denken.
Es ist sehr interessant, denke ich, dafi es im Grunde ge-
nommen dieser Spinoza ist, welcher sagt: Oberblicken wir
das Weltendasein, wie es in seiner hochsten Substanz im
Geiste sich weiterentwickelt, wie wir dann diesen Geist in
die Seele aufnehmen, indem wir uns mit unserem Denken
zur Intuition erheben, indem wir auf der einen Seite so
intellektualistisch sind, dafi wir strenge wie mathematisch
beweisen, aber im Beweisen zu gleicher Zeit uns entwickeln
und erheben, so dafi der Geist uns entgegenkommen kann. -
Wenn wir uns so erheben, dann begreifen wir audi von die-
sem Gesichtspunkte aus den historischen Werdegang des-
jenigen, was in der Menschheitsentwickelung drinnen ist.
Und es ist merkwurdig, dafi herausleuchtet aus den Schriften
des Juden Spinoza folgender Satz: Die hochste Offenbarung
der gottlichen Substanz ist in Christus gegeben. - In Chri-
stus ist die Intuition zur Theophanie geworden, zur Mensch-
werdung Gottes, und Christus' Stimme ist daher in Wahr-
heit Gottes Stimme und der Weg zum Heil. - Das heilk, der
Jude Spinoza kommt darauf , dafi der Mensdi aus semem In-
tellektualismus heraus sich so entwickeln kann, dafi ihm der
Geist entgegenkommt. 1st er dann in der Lage, sich auf das
Mysterium von Golgatha zu richten, so wird die Erfiillung
mit dem Geiste nicht nur Intuition, das heifit Erscheinung
des Geistes durch das Denken, sondern es verwandelt sich
die Intuition in Theophanie, in die Erscheinung des Gottes
selbst. Der Mensch tritt dem Gotte spirituell entgegen.
Man mochte sagen, Spinoza war nicht zuriickhaltend mit
dem, was ihm plotzlich aufgegangen war, denn dieser Aus-
spruch beweist das. Aber es erfullt wie eine Stimmung, wie
ein Grundton dasjenige, was er in dieser Weise herausge-
funden hat aus der Entwickelung der Menschheit, es erfullt
das seine «Ethik».
Und wiederum geht es iiber auf einen empf anglichen Men-
schen. Deshalb kann man einsehen, daft fur jemanden, der
ganz gewifi auch zwischen den Zeilen dieser «Ethik» lesen
konnte, der das Herz, das in dieser «Ethik» lebt, in dem
eigenen Herzen empfinden konnte, daft fur Goethe diese
«Ethik» des Spinoza ein so tonangebendes Buch wurde. Es
wollen doch diese Dinge nicht blofi so abstrakt angesehen
werden, wie man das gewohnlich in der Philosophie-
geschichte tut; sie wollen angesehen werden vom mensch-
lichen Standpunkte aus, und man mull schon hinblicken
auf dasjenige, was heruberleuchtet von Spinozismus in die
Goethesche Seele hinein. Aber im Grunde genommen ist das-
jenige, was da nur zwischen den Zeilen des Spinoza heraus-
leuchtet, doch etwas, was schliefilich nicht zeitbeherrschend
wurde. Zeitbeherrschend wurde dennoch das Unvermogen,
iiber den Nominalismus hinauszukommen. Ja, der Nomina-
lismus wird zunachst so, dafi man sagen mochte, der Mensch
spinnt sich immer mehr und mehr ein in den Gedanken : Ich
lebe ja in etwas, was die Aufienwelt nicht erfassen kann, in
etwas, was aus mir nidit herauskann, um in die Aufienwelt
sich hineinzuversenken und etwas von der Natur der Au-
fienwelt aufzunehmen. - Und so kommt es, dafi diese Stim-
mung, dafi man so allein ist in sich selber, dafi man nicht
hinauskann iiber sich und von der Aufienwelt etwas emp-
fangt, dann schon auftritt bei Locke im 17. Jahrhundert in
der Form, dafi Locke sagt: Audi dasjenige, was wir als Far-
ben, als Tone in der Aufienwelt wahrnehmen, das ist nicht
mehr etwas, was uns zur Realitat der Aufienwelt fuhrt; es
ist im Grunde genommen nur die Wirkung der Aufienwelt
auf unsere Sinne, es ist etwas, mit dem wir schliefilich audi
in unsere eigene Subjektivitat eingesponnen sind. - Das ist
die eine Seite der Sache.
Die andere Seite der Sache ist, dafi bei solchen Geistern wie
Baco von Verulam im 16. und 17. Jahrhundert der Nomina-
lismus eine ganz durchdringende Weltanschauung wird, dafi
bei Baco das so zutage tritt, dafi er sagt: Man mufi aufraumen
mit alledem, was des Menschen Aberglaube an die Realitat
desjenigen ist, was im Grunde genommen nur als Name ge-
geben ist. Eine Realitat liegt uns nur vor, wenn wir hinaus-
schauen auf die Sinneswelt. Die Sinne allein liefern in der
empirischen Erkenntnis Realitaten. - Neben diesen Realita-
ten spielen eine wirklich wissenschaftliche Rolle jene Realita-
ten bei Baco schon nicht mehr, um derentwillen eigentlich
Albertus und Thomas ihre Vernunfterkenntnistheorie auf-
gebaut haben. Sozusagen verfliichtigt hat sich die geistige
Welt bei Baco schon zu etwas, was nun nicht mehr mit einer
wissenschaftlichen Gewifiheit und Sicherheit aus dem Innern
des Menschen hervorquellen kann. Nur Glaubensinhalt
wird dasjenige, was geistige Welt ist, den man nicht beruh-
ren soli mit dem, was man Wissen, was man Erkenntnis
nennt. Dagegen soil die Erkenntnis nur gewonnen werden
aus der aufierlichen Beobachtung und aus dem Experiment,
das ja nur eine gesteigerte aufiere Beobachtung ist.
Und so geht es dann fort bis zu Hume im 18. Jahrhun-
dert, dem sogar schon der Zusammenhang zwischen Ursache
und Wirkung zu etwas wird, was nur in der menschlichen
Subjektivitat lebt, was schliefilich der Mensch den Dingen
nur beilegt aus einer gewissen aufieren Gewohnheit heraus.
Man sieht, wie ein Alp lastet der Nominalismus, das Erbe
der Scholastik, auf den Menschen.
Was ist zunachst das wichtigste Kennzeichen dieser Ent-
wickelung? Das wichtigste Kennzeichen dieser Entwicke-
lung ist doch dieses, dafi die Scholastik mit ihrem Scharfsinn
dasteht, daiS sie entsteht in einer Zeit, wo das Vernunftgut
abgegrenzt werden soil gegen das Wahrheitsgut einer gei-
stigen Welt. Der Scholastiker hatte zur Aufgabe, auf der
einen Seite hinzuschauen auf das Wahrheitsgut einer geisti-
gen Welt, das fur ihn ja naturlich durch den Glaubensinhalt,
durch den Offenbarungsinhalt der Kirche iiberliefert war.
Er hatte auf der andern Seite hinzuschauen auf dasjenige,
was sich durch die eigene Kraft der menschlichen Erkenntnis
ergeben kann. Das, was der Gesichtspunkt der Scholastiker
war, das versaumte zunachst jene Frontanderung, die ein-
fach die Zeitentwickelung notwendig gemacht hatte. Als
Thomas, als Albertus ihre Philosophien zu entwickeln
hatten, da gab es noch keine naturwissenschafUiche Welt-
anschauung. Da hatten noch nicht Galilei, Giordano Bruno,
Kopernikus, Kepler gewirkt, da gab es noch nicht den Hin-
blick der Menschen auf die aufiere Natur mit den Kraften
des menschlichen Verstandes. Da hatte man nicht sich aus-
einanderzusetzen gebraucht mit dem, was die menschliche
Vernunft aus den Tiefen der Seele heraus finden kann, und
dem, was gewonnen wird aus der aufieren empirischen, aus
der sinnlichen Welt. Da hatte man sich nur auseinanderzu-
setzen gebraucht mit dem, was die Vernunft zu finden hat
aus den Tief en der Seele heraus im Verhaltnis zu dem, was
geistiges Wahrheitsgut war, wie es die Kirche uberliefert
hatte, wie es dastand vor diesen Menschen, die nicht mehr
durch innere spirituelle Entwickelung sidi zu diesem Weis-
heitsgut selbst in seiner Realitat erheben konnten, die es aber
sahen in der Gestalt, wie es ihnen die Kirche uberliefert
hatte, eben einfach als Tradition, als Schriftinhalt und so
weiter.
Entsteht da eigentlich nicht die Frage: Wie verhalt sich
der Vernunflinhalt, dasjenige, was Albertus und Thomas als
Erkenntnistheorie f tir den Vernunflinhalt entwickelt haben,
zum Inhalte der naturwissenschaftlichen Weltanschauung?
Man mochte sagen, es ist jetzt ein ohnmachtiges Ringen bis
in das 19. Jahrhundert hinein. Und da sehen wir etwas sehr
Merkwurdiges. Wahrend wir zuriickblicken in das 13. Jahr-
hundert, Albertus und Thomas sehen, die Menschheit beleh-
rend iiber die Grenzen der Vernunfterkenntnis gegeniiber
dem Glaubens-, dem Offenbarungsinhalt, sehen wir, wie
Albertus und Thomas Snick fur Stuck zeigen: Der Offen-
barungsinhalt ist da, aber er ergibt sich nur bis zu einem ge-
wissen Teile der menschlichen Vernunfterkenntnis, er bleibt
aufierhalb dieser Vernunfterkenntnis, er bleibt fur die Ver-
nunfterkenntnis Weltratsel. - Wir konnen sie aufzahlen,
diese Weltratsel: die Inkarnation, das Enthaltensein des
Geistes im Altarsakramente, und so weiter - das liegt jen-
seits der Grenze des menschlichen Erkennens. Fur Albertus
und Thomas ist es so, dafi der Mensch auf der einen Seite
steht, die Grenze der Erkenntnis gewissermafien ihn umgibt
und er nicht hineinblicken kann in die spirituelle Welt. Das
ergibt sich fur das 13. Jahrhundert.
Und jetzt blicken wir heriiber in das 19. Jahrhundert. Da
sehen wir eine merkwiirdige Tatsache: In den siebziger
Jahren, bei einer beriihmten Naturforsdierversammlung in
Leipzig, halt Du Bois-Reymond seine eindrucksvolle Rede
«Ober die Grenzen des Naturerkennens» und bald darnach
uber «Die sieben Weltratsel». Was ist da die Frage gewor-
den? (Es wird gezeichnet.) Da steht der Mensch, da ist die
Grenze der Erkenntnis; jenseits dieser Grenze liegt aber die
materielle Welt, liegen die Atome, liegt dasjenige, wovon
Du Bois-Reymond sagt: Man weifi nicht, was das ist, was als
Materie im Raume spukt. - Und diesseits der Grenze liegt
dasjenige, was in der menschlichen Seele sich entwickelt.
Wenn audi, verglichen mit dem imposanten Werke, das
als Sdiolastik vom Mittelalter heraufleuchtet, das eine Klei-
nigkeit ist, die einem da entgegentritt in den siebziger Jahren
durch Du Bois-Reymond, so ist es doch das wahre Gegen-
stiick: dort die Frage nach den Ratseln der spirituellen Welt,
hier die Frage nach den Ratseln der materiellen Welt; hier
die Grenze zwischen dem Menschen und den Atomen, dort
die Grenze zwischen dem Menschen und den Engeln und
Gott. In diese Zeitenspanne miissen wir hineinblicken, wenn
wir anschauen wollen alles das, was nun wie eine nahere
oder weitere Folge der Scholastik auftaucht. Als etwas
wenigstens fiir die Zeitgeschichte Bedeutsames taucht auf aus
dieser Scholastik die Kantsche Philosophic, von Hume be-
einflufit, diese Kantsche Philosophic, unter deren Eindruck
die Menschen, die philosophieren, auch heute noch stehen,
nadidem in den sechziger Jahren, als die Kantsdie Philo-
sophic ein wenig zuriickgetreten war, die Philosophen
Deutschlands den Ruf erhoben haben: Zuriick zu Kant! -
und seither eine uniibersehbare Kantliteratur sich geoffen-
bart hat und auch selbstandige Kantdenker wie Volkelt^
Cohen und so weiter - ein ganzes Heer konnte man auf-
zahlen - aufgetreten sind.
Wir konnen ja heute Kant selbstverstandlich nur skizzen-
haft charakterisieren. Wir brauchen nur hinzuweisen auf
das, was das Wesentliche bei ihm ist. Ich glaube nicht, dafi,
wer Kant wirklich studiert, ihn anders flnden kann als so,
wie ich ihn versuchte zu flnden in meiner kleinen Schrift
«Wahrheit und Wissenschaft». Vor Kant steht Ende der
sechziger Jahre und Anfang der siebziger Jahre des 1 8. Jahr-
hunderts mit aller Gewalt jetzt nicht eine Inhaltsfrage der
Weltanschauung, nicht irgend etwas, was in bestimmten Ge-
stalten, Bildern, Begriffen, Ideen iiber die Dinge bei ihm
aufgetreten ware, sondern vor ihm steht eigentlich die for-
melle Erkenntnisfrage: Wie gewinnen wir Sicherheit iiber
irgend etwas in der Aufienwelt, iiber ein Sein in der Aufien-
welt? — Mehr peinigt Kant die Frage der Gewifiheit der Er-
kenntnis als irgendein Inhalt der Erkenntnis. Ich meine, das
sollte man sogar fiihlen, wenn man die Kantsche «Kritik»
vornimmt, wie es nicht der Inhalt der Erkenntnis ist, son-
dern wie es das Streben nach einem Prinzip der Sicherheit
der Erkenntnis ist, was bei Kant auf tritt. Man lese doch die
«Kritik der reinen Vernunft», die «Kritik der praktischen
Vernunft», und sehe sich um, wie, nachdem das ja in einer
gewissen Beziehung klassische Kapitel iiber Raum und Zeit
uberwunden ist, wie dann auftritt die Kategorienlehre, nur,
man mochte sagen rein pedantisch abgezahlt, um eine ge-
wisse Vollstandigkeit zu haben. Wahrhaftig, da lauft nicht
die Darstellung, diese «Kritik der reinen Vernunft» so fort,
wie bei jemandem, der von Satz zu Satz mit seinem Herzblut
schreibt.
Wichtiger ist es fiir Kant, viel wichtiger: Wie verhalt sich
dasjenige, was wir Begriffe nennen, was iiberhaupt der ganze
Inhalt der Erkenntnis ist, zu einer aufteren Wirklichkeit? -
als dieser Inhalt der Erkenntnis selbst. Den Inhalt stoppelt
er sozusagen aus alledem, was ihm philosophisch uberliefert
ist, zusammen. Er schematisiert, systematisiert. Aber iiberall
tritt die Frage auf : Wie kommt man zu einer Gewifiheit, zu
einer solchen Gewiftheit - das sagt er ja ganz deutlich -, wie
sie in der Mathematik vorhanden ist? -Und zu einer solchen
Gewifiheit kommt er auf eine Art, die im Grunde genom-
men nichts weiter ist als ein verwandelter und noch dazu
aufterordentlich kaschierter und maskierter Nominalismus,
nur ein Nominalismus, der nun auch noch auf die Formen
der Sinnlichkeit, Raum und Zeit ausgedehnt wird aufter auf
die Ideen, auf die Universalien. Er sagt: Dasjenige, was wir
in unserer Seele entwickeln als Inhalt der Erkenntnis, das
hat im Grunde genommen gar nichts mit etwas zu tun, das
wir aus den Dingen herausholen. Wir stiilpen es iiber die
Dinge druber. Wir bekommen die ganze Form unserer Er-
kenntnis aus uns selber heraus. Wenn wir sagen: A hangt
Tafel 4 mit B nach dem Prinzip der Verursachung zusammen -, so
ist dieses Prinzip der Verursachung nur in uns. Wir stiilpen
es iiber A und B, iiber die beiden Erf ahrungsinhalte hiniiber.
Wir tragen die Ursachlichkeit in die Dinge hinein.
Mit andern Worten, so paradox das sich ausnimmt - aber
wirklich nur historisch paradox gegeniiber etwas, das soldi
mafiloses Ansehen hat wie die Kantsche Philosophic es
mu6 doch dieses Paradoxe gesagt werden: Kant sucht ein
Prinzip der Gewifiheit dadurch, daft er iiberhaupt leugnet,
wir nehmen den Inhalt unserer Erkenntnis aus den Dingen,
und behauptet, wir nehmen ihn aus uns selber und legen ihn
in die Dinge hinein. Das heifit mit anderen Worten, und das
ist eben die Paradoxic: Wir haben Wahrheit, weil wir sie
selber machen, wir haben im Subjekte Wahrheit, weil wir
sie selbst erzeugen. Wir tragen die Wahrheit erst in die
Dinge hinein.
Da haben Sie die letzte Konsequenz des Nominalismus.
Die Scholastik hat gerungen mit den Universalien, mit der
Frage: Wie lebt dasjenige, was wir in die Ideen aufnehmen,
draufien in der Welt? Sie konnte nicht zu einer wirklichen
Losung des Problems kommen, die vorlaufig vollauf be-
friedigend geworden ware. Kant sagt: Nun gut, die Ideen
sind blofie Nomina. Wir bilden sie nur in uns, aber wir stiil-
pen sie als Nomina hiniiber iiber die Dinge; dadurch werden
sie Realitat. Sie mogen lange nicht Realitat sein, aber indem
ich mich den Dingen gegeniiberstelle, schiebe ich die Nomina
in die Erfahrung hinein und mache sie zu Realitaten, denn
die Erfahrung mufi so sein, wie ich es ihr durch die Nomina
befehle.
Der Kantianismus ist damit in einer gewissen Weise die Ver-
mehrung des Nominalismus, in einer gewissen Weise die au-
fierste Spitze des Nominalismus, in einer gewissen Weise der
auflerste Niedergang der abendlandischen Philosophic, der
vollstandige Bankrott des Menschen in bezug auf sein Wahr-
heitsstreben, die Verzweiflung daran, dafi man irgendwie
aus den Dingen heraus die Wahrheit gewinnen konnte. Da-
her das Diktat: Die Wahrheit kann nur sein, wenn wir sie
selber in die Dinge hineintragen.-Kant hat alleObjektivitat,
alle Moglichkeit des Menschen, in die Realitat der Dinge
unterzutauchen, zerstort. Kant hat jede mogliche Erkennt-
nis zerstort, jedes mogliche Wahrheitsstreben zerstort, denn
Wahrheit kann nicht bestehen, wenn sie nur im Subjekte
gemacht wird.
Dies ist eine Konsequenz der Scholastik, weil sie nidit ein-
gehen konnte in die andere Seite, wo sich die andere Grenze
ergeben hat, die zu iiberwinden war. Weil das naturwissen-
schaftliche Zeitalter herauftauchte und die Scholastik nicht
die Frontanderung nach der Naturwissenschaft hin vorge-
nommen hat, trat der Kantianismus auf, der im Grunde als
Subjektivitat ausgegangen ist und dann aus der Subjek-
tivitat, in der er alle Erkenntnis ausgeloscht hat, herauf-
spriefien lafit die sogenannten Postulate Freiheit, Unsterb-
lichkeit und die Gottesidee. Wir sollen das Gute tun, den
kategorischen Imperativ erfiillen, dann mussen wir es kbn-
nen. Das heifit, wir mussen frei sein, aber wir konnen es
nicht, indem wir hier im physischen Leibe leben. Wir er-
reichen erst eine Vollkommenheit, so dafi wir den katego-
rischen Imperativ voll ausfuhren konnen, wenn wir aufier
dem Leibe sind. Also raufi es eine Unsterblichkeit geben.
Aber audi da konnen wir es noch nicht als Menschen ein-
sehen. Dasjenige, was der Inhalt ist unseres Handelns in der
Welt - wenn wir uns dessen befleifiigen, was wir sollen — ,
das mull eine Gottheit einordnen in die Welt. Also mufi eine
Gottheit da sein.
Drei Glaubenspostulate, von denen nicht gewufit werden
kann, wie sie in der Realitat an sich wurzeln, das ist das-
jenige, was Kant gesichert hat nach seinem eigenen Aus-
spruche: Ich mufite die Erkenntnis vernichten, urn fur den
Glauben Platz zu bekommen. - Und Kant bekommt jetzt
nicht fiir einen Glaubensinhalt im Sinne des Thomas von
Aquino Platz, fiir einen uberheferten Glaubensinhalt, son-
dern fiir einen abstrakten Glaubensinhalt - Freiheit, Un-
sterblichkeit und die Gottesidee -, fiir einen Glaubensinhalt,
der eben herausgeboren wird aus dem die Wahrheit, das
heifit den Schein diktierenden menschlichen Individuum.
Damit wird Kant der Erfuller des Nominalismus. Er
wird diejenige Philosophenpersonlichkeit, weldie im Grunde
genommen alles dem Menschen abspricht, was dieser Mensch
liaben konnte, um in irgendeine Realitat unterzutaudien.
Daher gleich jene Reaktion gegen Kant, die zum Beispiel
Fichte, die dann Schelling, die dann Hegel vorgenommen
haben, audi nodi andere Denker des 19. Jahrhunderts. Man
braucht nur auf Fichte zu sehen, indem er alles dasjenige,
was Kant im Grunde genommen nur als eine Scbeinwelt
oder Erscheinungswelt statuiert hatte, herausholen wollte
aus dem eigentlichen schopferischen Ich, das er aber wur-
zelnd dachte im Seinsgehalt der Welt. Man braucht nur auf
diesen Fichte zu sehen, wie er genotigt war, zu emem inten-
siveren, man mochte sagen immer mystischer und mystischer
werdenden Erleben der Seele zu dringen, um iiber den Kan-
tianismus hinauszukommen. Fichte konnte nicht einmal
glauben, dafi Kant das gemeint haben konnte, was in den
Kantschen Kritiken wirklich enthalten ist. Er glaubte im An-
f ang, ich mochte sagen, in einer gewissen philosophischen Nai-
vitat, dafi er nur die letzte Konsequenz der Kantschen Philo-
sophic zog. Wenn man nicht diese «letzten Konsequenzen»
ziehe, meinte Fichte, so miifite man glauben, es habe der
wunderlichste Zufall diese Philosophic zusammengestop-
pelt, jedenf alls aber nicht ein menschlich denkender Kopf .
Das alles steht im Grunde genommen aufierhalb dessen,
was heraufzieht in der abendlandischen Menschheitsent-
wickelung durch die aufkeimende Naturwissenschaft, die
auftritt wie eine Reaktion gerade um die Mitte des 19. Jahr-
hunderts, die im Grunde genommen gar nichts von der Phi-
losophic versteht und daher bei vielen Denkern in krassen
Materialismus ausgeartet ist. Und so sehen wir, wie sich
die philosophische Entwickelung in das letzte Drittel des
19. Jahrhunderts herauf entfaltet. Wir sehen gewissermafien
dieses philosophische Streben vollstandig in der Nichtigkeit
ankommen, und wir sehen dann, wie von allem moglichen,
das man anheftet an den Kantianismus und dergleichen, aus-
ging der Versuch, etwas zu begreifen von dem, was eigent-
lich als Wesenhaftes in der Welt liegt. Was so bedeutend
erschienen ware, wenn man es erfafit hatte, die Goethesche
Weltanschauung, die ging eigentlich, mit Ausnahme der Gei-
ster, die sich an Schelling, Hegel und Fichte anlehnten, als
Weltanschauung fur das i9-Jahrhundert vollstandig ver-
loren. Denn in dieser Goetheschen Weltanschauung liegt der
Anf ang dessen, was eigentlich, nur mit Frontanderung nach
der Naturwissenschaft hin, aus dem Thomismus werden
mufi, indem er sich herauferhebt zu der Entwickelungshohe
der Gegenwart, indem er eine wirkliche Entwickelungs-
stromung wird.
Thomas konnte es nur bis zu einem abstrakten Statuieren
dessen bringen, dafi das Seelisch-Geistige wirklich bis in die
letzten Tatigkeiten der menschlichen Organehinunter wirkt.
In abstrakter Form sprach das Thomas von Aquino aus:
Alles das, bis in die vegetativen Tatigkeiten hinein, was im
menschlichen Leibe lebt, wird von dem Seelischen aus diri-
giert und mufi von dem Seelischen aus erkannt werden. -
Goethe macht den Anfang zur Frontanderung in seiner
«Farbenlehre», die deshalb so ganzund gar nicht verstanden
wird; Goethe macht den Anfang mit seiner «Morphologie»,
mit seiner Pflanzen- und Tierlehre. Die vollige Erfullung
dieses Goetheanismus wird aber erst gegeben, wenn man eine
Geisteswissenschaft hat, die aus ihrer eigenen Kraft Auf-
klarung uber die naturwissenschaftlichen Tatsachen hervor-
bringt.
Vor einigen Wochen versuchte ich hier auszufiihren, wie
unsere Geisteswissenschaft zum Beispiel korrigierend der
Naturwissenschaft sich gegeniiberstellen will, sagen wir, in
bezug auf die Lehre vom Herzen. Dieses Herz hat die
mechanisch-materialistische Anschauung zu einer Pumpe ge-
macht, die das Blut durdi den mensdilichen Korper treibt. Es
ist das Gegenteil, dieses Herz: Ein Lebendiges ist die Blut-
zirkulation - die Embryologie kann es exakt nachweisen,
wenn sie nur will -, und das Herz wird durdi das innerlich
bewegte Blut in Tatigkeit versetzt. Das Herz ist dasjenige,
worinnen sich die Bluttatigkeit schliefilich statuiert, wor-
innen die Bluttatigkeit hereingenommen wird in die ganze
menschliche Individuality. Die Tatigkeit des Herzens ist
eine Folge der Bluttatigkeit, nicht die Bluttatigkeit eine
Folge der Herztatigkeit. Und so kann man, wie es hier schon
in bezug auf die Einzelheiten gezeigt worden ist in einem
Kursus fur Arzte, in bezug auf die einzelnen Organe des
Leibes durchaus zeigen, wie die Erfassung des Menschen als
eines Geistwesens erst wirklich sein Materielles erklart. Man
kann in einer gewissen Weise real machen dasjenige, was wie
in abstrakter Gestalt dem Thomismus vorgeschwebt hat, der
da sagte: Das Geistig-Seelische durchdringt alles Leibliche. -
Eine konkrete, reale Erkenntnis wird das. Es lebt, indem sie
sich entziindet an dem Goetheanismus, die thomistische Phi-
losophic, die im 13. Jahrhundert noch eine abstrakte Gestalt
hatte, in unserer Gegenwart als Geisteswissenschaft weiter.
Wenn ich hier ein personliches Erlebnis einfiigen darf , so
kann es das folgende sein. Es soil nur illustrieren, in aller
Bescheidenheit. Als ich am Ende der achtziger Jahre in Wien
im « Wiener Goethe- Verein» sprach iiber das Thema « Goethe
als Vater einer neuen Asthetik», da war unter den Zuhorern
ein sehr gelehrter Zisterzienser. Ich setzte auseinander, wie
man sich die Vorstellung Goethes iiber die Kunst zu denken
hat, und da tat dazumal der Pater Wilhelm Neumann, ein
Zisterzienser, der zugleich Professor an der theologischen
Fakultat der Wiener Universitat war, den merkwiirdigen
Ausspruch: Die Keime zu diesem Vortrage, den Sie heute
uns gehalten haben, die liegen schon bei Thomas von
Aquino! - Es war mir doch ein aufierordentlich interessantes
Erlebnis, von dem Pater Wilhelm Neumann zu horen, daft
er, der natiirlich voll eingeschult war - denn es war ja
schon nach dem Erscheinen des Neuthomismus innerhalb
des katholischen Klerus -, der also ganz eingeschult war im
Thomismus, dafi er empfand, dafi im Thomismus etwas
liegt wie die Keime zu dem, was da als die Konsequenz der
Goetheschen Weltanschauung in bezug auf die Asthetik
gesagt wurde.
Man mufi schon sagen: Die Dinge, der Wahrheit gemaft
angesehen, nehmen sich durchaus anders aus, als sie sich
unter dem Einflusse einer ohnmachtigen nominalistischen
Weltanschauung, die zum grofien Teil doch auf Kant und
die kantianisierende moderne Physiologie zuruckgeht, fur
die Philosophiegeschichte darstellen. Und so wiirden Sie
manches finden, wenn Sie nachsehen in der Geisteswissen-
schaft. Lesen Sie in meinen «Seelenratseln», die vor mehreren
Jahren erschienen sind, wie da von mir versucht wird, auf
Grund von dreifiigjahrigen Studien die menschliche Wesen-
heit zu gliedern in drei Glieder; wie da versucht wird zu
zeigen, wie das eine Glied des menschlichen phy sischen Leibes
mit der Denk- und Sinnesorganisation zusammenhangt, wie
dann das rhythmische System, alles dasjenige, was zum
Atmen und zur Herztatigkeit gehort, zusammenhangt mit
dem Gefiihlssystem, wie der Stoffwechsel mit dem Willens-
system zusammenhangt. Da wird uberall der Versuch ge-
macht, das Geistig-Seelische in seinem SchafTen im Physi-
schen wieder zu finden. Das heifk, die Frontanderung nach
der Naturwissenschaft hin wird ernsthaft gemacht. Es wird
versucht, so einzudringen in das Gebiet des natiirlichen Da-
seins nach dem Zeitalter der Naturwissenschaft, wie vor dem
Zeitalter der Scholastik, der Thomistik - wir haben es bei
dem Areopagiten und bei Plotin gesehen - von der mensch-
lichen Erkenntnis aus in das spirituelle Gebiet eingedrungen
worden ist. Es wird mit dem Christus-Prinzip Ernst ge-
macht, wie mit dem Christus-Prinzip Ernst gemacht worden
ware, wenn man gesagt hatte: Das menschliche Denken kann
sich umwandeln, so dafi es wirklich hinaufdringen kann,
wenn es die Denk-Erbsiinde der Erkenntnisgrenze abstreif t
und sich rein durch sinnlichkeitsfreies Denken hinaufent-
wickelt in die geistige Welt - nach der Frontanderung. Was
sich als Natur offenbart, das kann durchdrungen werden als
der Schleier des Naturdaseins. Man dringt iiber die Grenze
der Erkenntnis hinaus, die ein Dualismus glaubte aufrichten
zu miissen, so wie die Scholastiker die Grenze auf der an-
deren Seite aufgerichtet haben. Man dringt ein in diese mate-
rielle Welt und entdeckt, daft diese eigentlich die geistige ist,
dafi hinter dem Schleier der Natur in Wahrheit nicht mate-
rielle Atome sind, sondern geistige Wesenheiten.
Das zeigt Ihnen, wie eigentlich gedacht wird in einer
fortschrittlichen Weise uber eine Fortentwickelung des
Thomismus des Mittelalters. Suchen Sie die wichtigsten
psychologischen Gedanken des Albertus und des Thomas
in ihrer Abstraktheit auf. Da wird allerdings nicht so ein-
gedrungen in das Menschlich-Leibliche, dafi gesagt wird,
wie der Geist oder die Seele arbeiten am Herzen, an der
Milz, an der Leber und so weiter, aber es wird schon dar-
auf hingewiesen, dafi der ganze menschliche Leib heraus-
entstanden gedacht werden mufi aus demGeistig-Seelischen.
Die Fortsetzung dieses Gedankens ist die Arbeit, wirklich
zu verfolgen das Geistig-Seelische bis in die Einzelheiten des
Leiblichen hinein. Das macht nicht die Philosophic, das
macht nicht die Naturwissenschaft, das wird nur eine Geistes-
wissenschaft machen, die nicht zuruckscheut, die Gedanken,
die einmal als grofie Gedanken in der Menschheitsentwicke-
lung gefafit worden sind, wie die Gedanken der Hoch-
scholastik, hereinzutragen in unsere Zeit und sie anzuwen-
den auf all dasjenige, was unsere Zeit an Naturanschauungen
gebradit hat. Dazu war allerdings notwendig, wenn die
Sadie wissenschaftlich bestehen sollte, eine Auseinanderset-
zung mit dem Kantianismus.
Diese Auseinandersetzung mit dem Kantianismus habe
ich versucht zuerst in meiner kleinen Schrift «Wahrheit und
Wissenschaft» sdion vor Jahren, in den achtziger Jahren des
19. Jahrhunderts in meiner kleinen Schrift «Erkenntnis-
theorie der Goetheschen Weltanschauung* und dann wieder-
um in meiner «Philosophie der Freiheh>. Nur ganz kurz
und ohne Berlicksichtigung dessen, dafi die Dinge ja, wenn
man sie kurz darstellt, scheinbar schwer sind, mochte ich den
Grundgedanken, der in diesen Buchern lebt, einmal vor Sie
hinstellen.
Diese Biicher gehen aus davon, dafi allerdings in der Welt
der Wahrnehmung, die um uns herum sich ausbreitet, nicht
unmittelbar die Wahrheit gef unden werden kann. Man sieht
in einer gewissen Weise, wie in der menschlichen Seele sich
festlegt der Nominalismus, wie er die falsche Konsequenz
des Kantianismus annehmen kann, aber wie Kant durchaus
nicht sah das, womit einmal Ernst gemacht wurde in diesen
Buchern. Das ist, dafi eine Betrachtung der Wahrnehmungs-
welt selbst, wenn sie ganz sachlich und grundlich angestellt
wird, zu der Erkenntnis fuhrt: Diese Wahrnehmungswelt ist
nicht etwas Ganzes, diese Wahrnehmungswelt stellt sich dar
als etwas, das wit verwirklichen.
Wodurch entstand denn eigentlich die Schwierigkeit des
Nominalismus? Wodurch entstand der ganze Kantianismus?
Dadurch, dafi die Wahrnehmungswelt genommen wird,
dann beobachtet man die Wahrnehmungswelt und breitet
iiber sie durch das Seelenleben die Ideenwelt aus. Nun hat
man die Ansdiauung, als ob diese Ideenwelt die aufteren
Wahrnehmungen abbilden sollte. Aber die Ideenwelt ist im
Innern. Was hat diese im Innern des Menschen befindliche
Ideenwelt mit dem, was da drauften ist, zu tun? Diese Frage
konnte Kant nicht anders beantworten als dadurch, daft er
sagte: Also stiilpen wir eben iiber die Wahrnehmungswelt
die Ideenwelt driiber, machen wir die Wahrheit. — So ist die
Sadie nicht. Die Sache ist so, daft, wenn wir die Wahrneh-
mung unbefangen betrachten, sie ein Nichtfertiges ist, uber-
all einNicht-in-sich-Abgeschlossenes.Das versuchte ich streng
zu beweisen zunachst in meinem Buche « Wahrheit und Wis-
senschafU, dann in meinem Buche «Philosophie der Frei-
heit».DieWahrnehmung ist uberall so, daft sie als ein Nicht-
Abgeschlossenes erscheint. Indem wir uns hereingestellt ha-
ben in die Welt, indem wir hereingeboren sind in die Welt,
spalten wir die Welt. Die Sache ist so, daft wir den Welt-
inhalt gewissermaften hier haben (es wurde gezeichnet). In-
dem wir uns alsMensch hineinstellen in die Welt, spalten wir
den Weltinhalt in die Wahrnehmung, die uns von auften er-
scheint, und in die Ideenwelt, die uns im Innern der Seele er-
scheint. Dadurch, daft wir in der Welt sind, spaltet sich fur uns
die Welt in eine Wahrnehmungswelt und in eine Ideenwelt.
Wer diese Spaltung fur eine absolute ansieht, wer einfach
sagt: Da ist die Welt, da bin ich der kann gar nicht hin-
iiber mit seiner Ideenwelt in die Wahrnehmungswelt. Aber
die Sache ist so: Ich schaue mir die Wahrnehmungswelt an;
die ist in sich uberall nicht f ertig, der fehlt uberall etwas. Ich
selber bin aber mit meinem ganzen Sein aus der Welt, der
audi die Wahrnehmungswelt angehort, herausgestiegen. Da
schaue ich in mich selber hinein: was ich durch mich selber er-
blicke, das ist gerade das, was der Wahrnehmungswelt fehlt.
Ich mufi das, was, indem das Ich in die Welt hineingetreten
ist, sich in zwei Glieder auseinandergelegt hat, durch mein
eigenes Dasein vereinigen. Ich erarbeite die Wirklichkeit.
Dadurch, daft ich geboren bin, erzeugt sich der Schein, indem
sich das, was eins ist, in zwei gliedert, in Wahrnehmung und
Ideenwelt. Dadurdi, daft ich lebe, daft ich werde, daft ich
mich entwickle, bringe ich die zwei Stromungen der Wirk-
lichkeit zusammen. Ich in meinem Erkenntniserleben arbeite
mich in die Wirklichkeit hinein. Ich wiirde niemals zu einem
Bewufitsein gekommen sein, wenn ich mir nicht abgespalten
hatte durch mein Hereingehen in die Welt die Ideenwelt
von der aufterlichen Wahrnehmungswelt. Aber ich wiirde
niemals die Briicke zur Welt finden, wenn ich dasjenige, was
ich mir abgespalten habe, die Ideenwelt, nicht wiederum in
Vereinigung brachte mit dem, was ohne diese Ideenwelt
eben keine Wirklichkeit ist.
Kant sucht die Wirklichkeit bloft in der aufieren Wahr-
nehmung und ahnt gar nicht, daft diese andere Halfte der
Wirklichkeit gerade in dem liegt, was wir in uns tragen. Wir
haben das, was wir als Ideenwelt in uns tragen, erst der
aufteren Wirklichkeit entrissen. Jetzt ist der Nominalismus
gelost, denn jetzt stulpen wir nicht irgendwie formal Raum
und Zeit und Ideen, die blofte Nomina waren, iiber die
auftere Wahrnehmung hiniiber, sondern jetzt geben wir in
ihrem Erkennen der Wahrnehmung zuruck, was wir ihr,
wenn wir bei unserer Geburt ins sinnliche Dasein treten, ge-
nommen haben.
Auf diese Weise tritt einem des Menschen Beziehung zur
geistigen Welt vor die Seele zunachst in einer rein philoso-
phischen Form. Und wer nun meine «Philosophie der Frei-
heit», die ganz ruht auf diesen erkenntnistheoretischen Un-
tergriinden von der Erarbeitung der Wirklichkeit, von dem
Hineinleben in die Wirklichkeit durch die menschliche Er-
kenntnis wer diesen Grundgedanken in sich aufnimmt,
der schon in dem Titel der Schrifl «Wahrheit und Wissen-
sdiaft» ausgedriickt ist: dafi die wirkliche Wissenschaft Wahr-
nehmungen und Ideenwelt miteinander vereinigt und in
diesem Vereinigen nicht bloft ein Ideelles, sondern einen
realen Prozefi sieht, wer nun etwas von einem Weltprozefi
sehen kann in diesem Vereinigen von Wahrnehmungs- und
Ideenwelt, der stent dabei, den Kantianismus zu Uberwin-
den, der stent aber audi dabei, nun endlich f ertigzuwerden
mit dem Problem, das wir haben aufgehen sehen in der
abendlandischen Entwickelung, das den Nominalismus her-
vorgebracht hat, das in der Scholastik manche Lichter ge-
worfen hat im 1 3. Jahrhundert, das aber zuletzt ohnmachtig
gegeniiberstand der Scheidung in Wahrnehmung und in
Ideenwelt.
Diesem Problem der Individuality kommt man nun nahe
auf ethischem Gebiete. Deshalb ist meine «Philosophie der
Freiheit» das geworden, was Wirklichkeits-Philosophie ist.
Indem das Erkennen nicht blofi ein f ormaler Akt ist, indem
das Erkennen selber ein Wirklichkeitsprozefi ist, stellt sich
das ethisdie, das moralische Handeln als ein Ausflufi des-
jenigen dar, was in diesem Werden in einem realen Prozefi
das Individuum erlebt durch die moralische Phantasie als
Intuition. Und es entsteht das, was im zweiten Teil meiner
«Philosophie der Freiheit» dargestellt ist, der ethische Indi-
vidualismus, der nun tatsachlich baut, wenn das audi in
meiner «Philosophie der Freiheit» nicht ausgesprochen ist,
auf den Christus-Impuls im Menschen. Er baut auf das-
jenige, was der Mensch sich erringt als Freiheit, indem er
umwandelt das gewohnliche Denken in dasjenige, was in
meiner «Philosophie derFreiheit» das reine Denken genannt
wird, das sich erhebt in die geistige Welt und herausgebiert
aus der geistigen Welt die Antriebe fur die moralischen
Handlungen, sie herausgebiett dadurch, dafi sich etwas, was
sonst an die menschliche Leiblichkeit gebunden ist, der Im-
puis der Liebe, heraufspiritualisiert. Und indem die sitt-
lidien Ideale aus der geistigen Welt durch die moraKsche
Phantasie entlehnt werden, aufiern sie sich in ihrer Kraft,
werden die Kraft der geistigen Liebe.
Daher mufite entgegengehalten werden dem Philister-
prinzip Kants: Pflidit! Du erhabener Name, der du nichts
von Schmeichelei bei dir fiihrst, sondern strenge Unterwer-
f ung f orderst - diesem Philisterprinzip, gegen das sich Schil-
ler schon aufgelehnt hat — , dem mufite die «Philosophie der
Freiheit» entgegensetzen das umgewandelte Ich, das hinauf
sich entwickelt hat in die Sphare der Geistigkeit und oben in
der Sphare der Geistigkeit anfangt, die Tugend zu lieben,
und deshalb die Tugend iibt, weil es sie aus der Individuali-
st heraus liebt.
So stellte sich audi das, was fur Kant ein blofler Glaubens-
inhalt geblieben ist, als ein realer Welteninhalt dar. Denn
fur Kant ist die Erkenntnis etwas Formales, fiir die «Philo-
sophie der Freiheit» etwas Reales. Es ist ein wirklicher Pro-
zefi, der vorgeht. Daher ist audi dasjenige, was die hohere
Sittlichkeit ist, durch sie verkniipfl: zu einer Realitat, aber zu
einer Realitat, welche Wertphilosophen wie Windelband und
Rickert durchaus nicht erreichen, indem sie nicht darauf-
kommen, wie das, was sittlich wertvoll ist, eingewurzelt ist
in der Welt. Selbstverstandlich, diejenigen Menschen, die
den Erkenntnisvorgang nicht als einen realen Vorgang an-
sehen, die kommen schliefilich audi nicht zu einer Veranke-
rung der Sittlichkeit in der Seinswelt; die kommen iiber-
haupt zu keiner Wirklichkeitsphilosophie.
Aus dem ganzen Werdegang der abendlandischen philo-
sophischen Entwickelung wurde eigentlich die philosophi-
sche Grundlegung desjenigen, was hier als Geisteswissen-
schaft auftritt, herausgeholt. Und ich habe im Grunde
genommen heute den Versuch gemacht, Ihnen zu zeigen, wie
jener Zisterzienserpater dazumal nicht ganz unrichtig gehort
hat: wie wirklidi der Versudi vorliegt, die realistischen Ele-
mente der Hochscholastik durch eine Geisteswissenschaft in
unser naturwissenschaftliches Zeitalter hereinzustellen, wie
Ernst gemacht wurde mit der Umwandlung der mensch-
lichen Seele, mit der wirklichen Erfiillung der menschlichen
Seele mit dem Christus-Impuls audi im Gedankenleben. Das
Erkenntnisleben ist zu einem realen Faktor im Weltenwer-
den gemacht, das sich nur auf dem Schauplatz — wie ich in
meinemBuche «Goethes Weltanschauung* ausgefiihrt habe-
des menschlichen Bewufitseins vollzieht. Aber das, was sich
da auf dem Schauplatze des menschlichen Bewufitseins voll-
zieht, das ist zugleich Weltenvorgang, das ist ein Geschehen
in der Welt; und es ist dasjenige Geschehen, das die Welt und
innerhalb der Welt uns selbst vorwartsbringt.
Da gewinnt das Erkenntnisproblem eine ganz andere
Gestalt.Da wird das, was wir erleben,geistig-seelisch in uns
zu einem real uns entwickelnden Faktor. Da sind wir das,
was hervorgeht aus dem, was wir Erkenntnis nennen. Wie
der Magnetismus wirkt in der Gestaltung der Eisenf eilspane,
wenn er die Figuren hervorbringt, die wir kennen als die
Ergebnisse der Wirkung des Magnetismus auf die freien
Eisenfeilspane, so wirkt in uns dasjenige, was sich in uns
spiegelt als Erkenntnis. Es wirkt zu gleicher Zeit als unser
Gestaltungsprinzip, und wir erkennen dann zu gleicher Zeit
das Unsterbliche, das Ewige in uns, und wir werfen das Er-
kenntnisproblem nicht mehr in bloft formaler Weise auf.
Wie wurde immer das Erkenntnisproblem aufgeworfen?
Das Erkenntnisproblem wurde immer in Anlehnung an den
Kantianismus so aufgeworfen, dafi man sich sagte: Wie
kommt der Mensch dazu, in dieser Innenwelt ein Abbild der
aufieren Welt zu erblicken? - Aber das Erkennen ist zu-
nachst gar nicht dazu da, um Abbilder der aufieren Welt zu
schaffen, sondern um uns zu entwickeln, und es ist ein
Nebenprozefi, daft wir die Aufienwelt abbilden. Wir lassen
in der Aufienwelt zusammenfliefien in einem Nebenprozefi,
was wir erst durch unsere Geburt abgespalten haben, und es
ist geradeso bei dem modernen Erkenntnisproblem, wie
wenn jemand Weizen oder andere Feldprodukte hat und,
wenn er das Wesen des Wachstumsprinzips im Weizen unter-
suchen will, den Weizen auf seinen NahrungsmittelefFekt
untersucht. Gewifi kann man Nahrungsmitteldiemiker wer-
den, aber das, was im Weizen wirkt von der Ahre bis zur
Wurzel und wieder weiter, das wird nicht durch Nahrungs-
mittelchemie erkannt. Die erortert nur irgend etwas, was
hinzukommt zu der geradlinig sich fortbewegenden Ent-
wickelungsstromung, die in der Weizenpflanze liegt.
So gibt es eine Entwickelungsstromung des geistigen Le-
bens in uns, die uns erkraftet, die mit unserem Wesen etwas
zu tun hat, wie die Entwickelung der Pflanze von der Wur-
zel durch den Stamm, durch das Blatt zur Bliite und zur
Frucht, und von da wiederum zum Keime und zur Wurzel
wird. Und wie das, daft wir das essen,wahrhaftig nicht bei
der Wesenserklarung des Pflanzenwachstums eine Rolle
spielen soil, so darf audi nicht die Frage nach dem Erkennt-
niswerte dessen, was in uns als Entwickelungsimpuls lebt,
die Grundlage fur eine Erkenntnistheorie sein, sondern es
mufi klar sein, daft das, was wir im aufteren Leben Erkennt-
nis nennen, ein Nebeneffekt ist der Arbeit des Ideellen in
unserer Menschenwesenheit. Da kommen wir zu dem Realen
desjenigen, was ideell ist. Es arbeitet in uns. Und nur da-
durch ist der falsche Nominalismus, ist der Kantianismus
entstanden, daft man die Erkenntnisfrage so aufgeworfen
hat, wie man die Frage nach dem Wesen des Weizens von
der Nahrungsmittelchemie aus aufwerfen wiirde.
So kann man sagen: Erst wenn man darauf kommt, was
in unserer Zeit der Thomismus sein kann, was der Thomis-
mus fiir die Gegenwart sein kann, wie er aufspriefk gerade
aus dem, was sein Bedeutendstes im Mittelalter ausmacht,
dann sieht man ihn aufsprieflen in seiner Gestalt fiir das
20. Jahrhundert in der Geisteswissenschaft, dann ist er als
Geisteswissenschaft wieder da. Und dadurch ist schon ein
Licht geworfen auf die Frage: Wie nimmt sich das aus, wenn
man jetzt kommt und sagt, gegeniiber der Philosophic der
Gegenwart miisse zuriickgegangen werden zu Thomas von
Aquino, und Thomas von Aquino miisse studiert werden,
hochstens mit einigen kritischen Erlauterungen und einigen
anderem, wie er im 13. Jahrhundert geschrieben hat? - Da
sehen wir, was es heifit, in ehrlicher und auf rich tiger Weise
sich in die Entwickelungsstromung, die von der Hochscho-
lastik ausgeht, hineinzuversetzen, und was es heifk, biofi mit
Obersehen alles dessen, was seit dem 13. Jahrhundert in der
europaischen Menschheitsentwickelung vor sich gegangen ist,
sich in dieses 1 3 . Jahrhundert zuriickzuversetzen. Das ist im
Grunde genommen doch dasjenige, was geschehen ist infolge
der Enzyklika «Aeterni patris» von 1 879, welche die katho-
lischen Kleriker anweist, den Thomas von Aquino fiir die
of fizielle Philosophic der katholischen Kirche anzusehen. Ich
will hier die Frage nicht erortern: Wo ist der Thomismus?
denn man miifite die Frage erortern: Ist die Rose, die ich
jetzt vor mir habe, am besten angeschaut, wenn ich die Bliite
aufier acht lasse, nur in die Erde hineingrabe, um die Wurzeln
anzuschauen, und iibersehe, dafi aus dieser Wurzel schon
etwas entstanden ist - oder wenn ich hinsehe auf alles das-
jenige, was aus dieser Wurzel entstanden ist?
Nun, das alles konnen Sie sich ja selbst ausmalen. Wir er-
leben das, was sich unter uns geltend macht, wie eine Wieder-
erneuerung desjenigen Thomismus, wie er war im 13. Jahr-
hundert, neben dem, was ehrlich die Entwickelung des
europaischen Abendlandes mitmadien will. Wir diirf en dem-
gegeniiber fragen: Wo lebt der Thomismus in der Gegen-
wart? Man braucht ja nur die Frage aufzuwerfen: Wie hat
sich Thomas von Aquino selber verhalten zu dem, was ihm
dazumal vorlag, zu dem OfFenbarungsinhalt? Er hat ge-
sucht, ein Verhaltnis zu ihm zu gewinnen. Wir haben die
Notwendigkeit, ein Verhaltnis zu dem Naturoffenbarungs-
inhalte zu gewinnen. Da konnen wir nicht stehenbleiben bei
der Dogmatik. Da mufi «das Dogma der Erfahrung», wie
ich bereits in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts
gesdirieben habe, ebenso iiberwunden werden wie auf der
anderen Seite das Dogma der OfTenbarung. Da mufi tatsach-
lich rekurriert werden zu dem geistig-seelischen Inhalt des
Menschen, zur Ideenwelt, die das Umwandelnde des Chri-
stus-Prinzips in sich auf nimmt, um durch den Christus in uns,
das heifit in unserer Ideenwelt, die geistige Welt wiederum
zu flnden. Soil man denn durchaus dabei stehenbleiben, nur
die Ideenwelt auf dem Standpunkte des Abfalles zu lassen?
Soli die Ideenwelt der Erlosung nicht teilhaftig werden?
Man konnte im 13. Jahrhundert noch nicht das christliche
Erlosungsprinzip in der Ideenwelt finden; deshalb stellte
man sie entgegen der Offenbarungswelt. Das mufi der Fort-
schritt der Menschheit in die Zukunft hinein werden, dafi
nicht nur fur die aufiere Welt das Erlosungsprinzip gefun-
den werde, sondern dafi das Erlosungsprinzip gefunden
werde fur die menschliche Vernunft. Die unerloste mensch-
liche Vernunft nur allein konnte sich nicht in die geistige
Welt erheben. Die erloste menschliche Vernunft, die das
wirkliche Verhaltnis zu Christus hat, die dringt ein in die
geistige Welt.
Eindringen in die geistige Welt von diesem Gesichtspunkte
aus ist Christentum des 20. Jahrhunderts, ist Christentum
so stark, dafi es in die innersten Fasern desjenigen hinein-
dringt, was menschliches Denken, was menschliches Seelen-
leben ist. Das ist kein Pantheismus, das ist alles dasjenige
nicht, als was man es heute verleumdet, das ist Ernst des
Christentums. Und vielleicht kann man gerade, wenn sie
auch in gewisser Beziehung sich in abstrakte Gebiete ver-
lieren muftte, aus dieser Betrachtung der Philosophic des
Thomas von Aquino ersehen, wie Geisteswissenschaft es mit
den Problemen des Abendlandes ernst nimmt, wie Geistes-
wissenschaft aber immer stehen will auf dem Boden der
Gegenwart, wie Geisteswissenschaft sich nicht auf einen an-
deren Boden stellen kann, was auch gegen sie vorgebracht
werden mag.
Ich weift, meine sehr verehrten Anwesenden, was alles an
unwahren Dingen jetzt heranschwirrt. Ich konnte mir auch
denken, daft nun vielleicht auch wiederum gesagt werden
konnte: Ja, der, der hat schon oftmals die Haut gewechselt;
der wendet sich jetzt, weil die Sachen brenzlig werden, nun
gar zum Thomismus. - Nun, man hat zwar in uralten Zeiten
in gewissen Bekenntnissen die Priester auch «Schlangen» ge-
nannt. Schlangen hauten sich. So daft gerade auf seiten des
Angreifers heute das Hauten verstanden werden kann, ob-
wohl es in dem Sinne ganz gewift eine Luge ist, wie es dem
vorgeworfen wird, was Sie in meinen Schriften finden. Denn
ich habe heute gezeigt, wie gerade die philosophisch getreu-
liche Grundlegung der Geisteswissenschaft in meinen friihe-
sten Schriften zu finden ist. Aber nun - Hauten hin, Hauten
her — , aus dem Ton der Polemiken, die jetzt gefiihrt werden,
kann man ersehen, daft diese Leute das Hauten ganz gewift
nicht verstanden haben, daher haben sie so viele Haute be-
kommen und sind solche Dickhauter. Aber man konnte viel-
leicht sagen, es sei herausgefordert dasjenige, was ich in die-
sen Tagen gesagt habe, wenigstens im Tone, gegeniiber dem,
was wir als Angriffe auf die Geisteswissenschaft erleben.
Nun darf ich vielleicht auf zwei Tatsachen hinweisen:
1908 habe ich in Stuttgart einen Vortrag gehalten iiber die
philosophische Entwickelung des Abendlandes. In diesem
Vortrage f and ich mich genotigt, gar nicht darauf hinzuwei-
sen, dafi etwa meine Besprechung des Thomismus Mifif alien
finden konnte auf katholisch-klerikaler Seite, denn ich bin
dem Thomismus dazumal voll gerecht geworden, habe alles
das, was man als seine Verdienste hervorheben kann, sogar
mit viel deutlicheren Worten hervorgehoben als es von den
Neuthomisten, von Kleutgen oder ahnlichen, geschieht. Da-
her kam ich dazumal gar nicht darauf, dafi mir von seiten
des katholischen Klerus mein Lob des Thomismus iibelge-
nommen werden konnte, und ich sagte: Wenn man abfallig
von der Scholastik spricht, kommt man nicht in die Gefahr,
von den sogenannten freien Geistern verketzert zu werden;
spricht man aber objektiv dariiber, so liegt die Wahrschein-
lichkeit nahe, mifiverstanden zu werden, und zwar deshalb,
weil man sich heute innerhalb der positiven und gerade
der intolerantesten Kirchenbewegung vielf ach philosophisch
ganz miflverstandlich auf die Thomistik stutzt. Ich habe
also gar nicht befiirchtet, auf Grund gerade meines Lobes des
Thomismus vom katholischen Klerus angegriff en zu werden,
sondern von den sogenannten freien Geistern.
Es ist anders gekommen, und die Leute werden sagen: Wir
sind ja zuerst diejenigen, denen etwas getan worden ist. -
In diesen Tagen ist audi auf meine Biicher hingewiesen
worden, die noch um die Wende des 19. und 20. Jahrhun-
derts geschrieben worden sind, unter anderem audi auf das
Ernst Haeckel gewidmete Buch. Ich habe dazumal meine
«Welt- und Lebensanschauungen im neunzehnten Jahrhun-
dert» geschrieben. Darin finden Sie auf Seite 172 folgenden
Satz. Es ist darauf hingewiesen, wie das heutige Denken
durchaus kein scharfsinniges, logisches ist; dann ist darauf
hingewiesen, wie die Neuscholastik versucht hat, auf das
streng Logische des Thomismus sich zu stiitzen: «Diese Den-
ker konnten sidi wirklich in der Ideenwelt bewegen, ohne
sich diese Welt in grobsinnlicher Form zu verkorperlichen.»
So habe ich von den Scholastikern gesprochen, und dann
sprach ich noch von den katholischen Denkern, die dazumal
das Studium der Scholastik wieder aufgenommen haben:
«Und die katholischen Denker, die sichheutebemuhen, diese
Gedankenkunst zu erneuern, sind in dieser Beziehung der
Beriicksichtigung durchaus wert. Es wird immer Geltung
haben, was einer von ihnen, der Jesuitenpater Joseph Kleut-
gen, in seinem Buche <Die Philosophic der Vorzeit> (Inns-
bruck 1878) sagt: <Den verschiedenen Lehren iiber unser Er-
kennen, die wir soeben wiederholt haben, liegen zwei Satze
zugrunde: der erste, dafi unsere Vernunfl . . .»> und so wei-
ter. Sie sehen, auch wenn der Jesuit Joseph Kleutgen etwas
Verdienstvolles getan hat, wurde es anerkannt in dem Buche,
das Ernst Haeckel gewidmet war. Es wurde nirgends verleug-
net dasjenige, worauf hingewiesen werden mufite zur Steuer
der Wahrheit. Warum erwahnt man, wenn man die Tatsache
erwahnt — die in jenem Buche ja gerechtfertigt ist -, dafi es
Ernst Haeckel gewidmet ist, nicht auch, dafi der Jesuiten-
pater Joseph Kleutgen da zu seinem Recht kommt? Doch hat
das die Folge gehabt, dafi man dazumal gesagt hat, ich sei
selber ein verkappter Jesuit. Sehen Sie, damals war ich ein
verkappter Jesuit; jetzt lesen Sie in zahlreichen Schriften, in
zahlreichen Angriff sartikeln, ich sei Jude. Das wollte ich am
Schlusse nur erwahnen, um auch noch in einer kleinen
Nuance Licht zu werfen auf das, was eigentlich zugrunde
liegt als der innerste Impuls fur dasjenige, was ich bei dieser
Betrachtung iiber den Thomismus ausgefiihrt habe. Jeden-
f alls glaube ich nicht, dafi jemand aus dieser Betrachtung den
Schlufi ziehen kann, hier sei gesprochen worden zur Herab-
zerrung des Thomismus, sondern ich glaube, daft jedermann
den anderen Schlufi ziehen kann.
Diese Betrachtungen wurden gesprochen, urn zu erweisen,
daft sich in der Hochscholastik des 1 3 . Jahrhunderts im
Abendlande eine Kulmination europaischer Geistesentwik-
kelung gezeigt hat, und dafi die gegenwartige Zeit alle Ur-
sache hat, auf die besondere Wesenheit dieser Kulmination
europaischer Geistesentwickelung einzugehen; dafi wir un-
endlich viel lernen konnen von einem solchen Eingehen,
lernen konnen vor alien Dingen in bezug auf das, was wir
im eminentesten Sinne brauchen: Vertiefung unseres Ideen-
lebens — damit wir hinauskommen iiber alien Nominalismus,
damit wir wiederflnden durch die Durchchristung der Ideen
das Christentum, das eindringt in das geistige Sein, dem der
Mensch doch entstammen mufi, da ihn, wenn er ganz ehrlich
und aufrichtig gegen sich ist, nichts anderes bef riedigen kann
als das Bewufitsein seines geistigen Ursprunges.
ANHANG
Einladung zu den Vortragen
Notizbucheintragungen Rudolf Steiners
Textiibertragungen aus Werken
des Thomas von Aquin von Roman Boos
Hinweise des Herausgebers
Namenregister
Ausfiihrliche Inhaltsangaben
'I
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe
1 Goetheanum Doxnach
Zu Pfingsien !S20 wird
Dr. RUDOLF STEINER
3 6Ff entlicfts Ifcrirage halten
iiber: 5593
„Die Philosophie des
Thomas von Aquino"
und zwar
Pflngstsamstag fiber „AuiUS{iaiIS UOtf TliOBias"
Pfingslsonntag „ „BaS WfiSBH (IBS Ht0!iSIHfl$"
pfmgstmontag „ , f DerTh8i!iismttS In fier Gegeawart"
je abends 8 Uhr im provisorischen Vortragsraum
(Schreinerei) des Goetheanums Dornach (Bahn-
und Tramrercmdung : Aeschenplatz ab 6.56
und 7.13),
Zykluskarten zu Fr. 7.50, 5. — und Fr. 2.50 und
Einzelkarten zu Fr. 3. — , 2,— und 1. — bis
Samstag mittags bei Hug, Muiikaliengesehaft,
Freiestrasse, Basel, bei Frl. Kessler, Keform-
gesehaft, Arlesheim, und beim Goetheanum
(Vorrerkauf und Abendkasse). (Bl. 6046 a.)
5 ; ;j%fe :^^v..^.^-.^V,; . ^^r^V^/^:-^^-.;^^^:^
Einladung zu den Vortragen
Zeitungsanzeige, Vorwarts Basel Nr. 117, 11. 5. 1920
Seiten 111 - 115: Notizbucheintragungen Rudolf Steiners
Notizbuch Archiv-Nr. NB 110
110
Der altere Standpunct / zwiefache Wahrheit = / esoterischer Sinn - /
Erigena = Schopfung aus «Nichts» / Averoes -
Vorstufe fur das Jenseits / Gnade -
Nicht Mystik; nicht Pietismus (Heilverlangen) / theonome Weltauf- 1
fassung = / Thomas = Siinde - Beleidigung Gottes (theol.) / Siinde
widerstreitet der Vernunft (philos.)
Nominalismus Realismus
Augustin = Wahrheit - Macht / absoluter Grund u. absolutes / Mafi
lex aeterna = Ausdruck des / gottl. Wesens, das Gott / selbst erkennt.
Thomismus
1. ) Der Augustinismus = er enthalt noch / ein Erfuhlen der im Men-
schen / arbeitenden Begriffe = (Ideen) - : / er ist noch nicht iiberge-
gangen zu dem / Conceptualismus -
2. ) Es findet dann statt ein Gewahrwerden / des Subjectiven -
3. ) Bei den Arabern = Verwandtschaft / mit der ideellen Natur des
Universums / ist noch bewusst. -
4. ) Predestination bei Augustinus
" i V'T
I >
1' , i
7 I J/V^l
(wit
.•■i-.v.;
Trinitat kann nicht durch / Vernunft erwiesen werden; die / Vernunft
kann nur das Gottliche / als solches in der Schopfung / erkennen. -
114 1.) Wissen - Glauben / 2.) aristot. christl. Weltauffassung
Erkenntnis stammt aus den Sinnen. / Gott nicht im Erkenntnispro-
zess - / Jedes geistige Wesen eine «Art» -
Vorbemerkung: Nachstehende Textiibertragungen aus Werken
des Thomas von Aquin und die (klein gedruckten) verbindenden
Erlauterungen von Roman Boos sind aus der Erstauflage des
vorliegendens Bandes ubernommen (ohne das letzte Kapitel), die
Marie Steiner im Jahre 1930 herausgegeben hat. Die bei den
Erlauterungen in Klammern angegebenen Seitenzahlen verwei-
sen auf die entsprechenden Ausfuhrungen in Rudolf Steiners
Vortragen.
Textiibertragungen aus Schriften
des Thomas von Aquino mit
verbindenden Erlauterungen, von Roman Boos
THOMAS UND DER PLATONISMUS
Im ersten Vortrag Rudolf Steiners wird der Einblick in den
Punkt der Geistesgeschichte erarbeitet, auf den Thomas den
Einsatz seines Lebenswerkes machte. Die damals modernste
Strdmung, der arabistische Aristotelismus, der «keinen Plotmis-
mus mehr im Leib hatte» (S. 35), stellte alle Ergebnisse der
christlichen Denkarbeit in Frage. So die Grundbegriffe des
Augustinus - von dem schon Thomas sagt, dafi er von den
Lehren der Platoniker «durchtrankt» (imbutus) sei darunter
jenen Begriff der «Menschheit als Ganzes», der ein triiber
Nachglanz alter hellseherischer Schau war. Aus dem vom
Arabismus durchtrankten «modernen» Denken - das nach
riickwarts zur hellseherisch geschauten geistigen Welt die Briicken
abgebrochen, nach vorwarts zum auf Erden sich selbst findenden
Individuum aber keine neuen Briicken geschlagen hatte -, also
aus dem einzelnen Menschen und seinem abstrakt gewordenen
Erkenntnisstreben, mufite vom christlichen Geistesleben die
Frage beantwortet werden: «Wie steht man zu einer Welt, von
der uns berichtet wird durch diejenigen Begriff e, die nur in uns
selbst aus unserer Individualitat heraus geboren werden kon-
nen?» (S. 36).
Aus den durch alle Werke des Thomas zerstreuten Zeugnissen
seiner ablehnenden Auseinandersetzung mit einem unzeitgemafi
gewordenen Platonismus - dessen Positionen ihm gegen den
arabistischen Aristotelismus als unhaltbar erschienen - sei ein
Teil des «Prologus» des Thomas zu einem Werk des Dionysius
Areopagita ausgewahlt, dessen geistesgeschichtliche Bedeutung
im zweiten der Vortrage (S. 38 ff.) sichtbar wird:
Kommentare zum Buch des seligen Dionysius
«Uber die gottlichen Namen»
PROLOGUS
. . . Es mufi beachtet werden, da£ sich der selige Dionysius
in alien seinen Schriften eines dunklen Stils bedient. Aber
nicht aus Unwissenheit, sondern mit Fleift, um die heiligen
und gottlichen Lehren vor der Verhohnung durch die
Unglaubigen zu bergen.
Die Schwerverstandlichkeit dieser Schriften entspringt
mancherlei Griinden.
Erstens daraus, dafi Dionysius den Stil und die Aus-
drucksweise verwendet, deren sich die Platoniker bedien-
ten, die aber bei den Modernen (apud modernos) unge-
wohnt sind. Die Platoniker namlich stellten, im Bemiihen,
alles Zusammengesetzte (compositum) und Materielle in
einfache und abgezogene (simplicia et abstracta) Prinzipien
zuriickzufuhren, von den Dingen abgetrennte (separatas)
Sonderformen (species) auf, indem sie vom «Menschen
aufierhalb der Materie» (homo extra materiam) sprachen,
und desgleichen vom Pferd, und von andern Spezialformen
der natiirlichen Dinge. Sie sagte
…[truncated]