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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER
Wie erwirbt man sich Verstandnis
fiir die geistige Welt?
Das Einfliefien geistiger Impulse
aus der Welt der Verstorbenen
Sieben Vortrage, gehalten in
verschiedenen Stadten zwischen dem
17. April vmd 26. Mai 1914
1985
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEI2
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgte Hendrik Knobel
1. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1973
2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1985
Einzelausgaben:
Berlin, 18. April und 12. Mai 1914: «Wie erwirbt man sich Verstandnis
fiir die geistige Welt?», Berlin 1919
Berlin, 26. April 1914: in «Robert Hamerling, ein Dichter und
ein Denker und ein Mensch», Dornach 1939
Basel, 5. Mai 1914 (ohne den Schlufi): in «Rudolf Steiner und
unsereToten», Dornach 1935
Weitere Verdffentlichungen siehe Seite 135
Bibliographie-Nr. 154
Siegel auf dem Einband nach einem Entwurf Rudolf Steiners
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1 973 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Greiserdruck Rastatt
ISBN 3-7274-1540-1
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen-
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen
und veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900
bis 1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie
auch fur die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthropo-
sophischen Gesellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine
durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten
wiirden, da sie als «miindliche, nicht zum Druck bestimmte Mit-
teilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstan-
dige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbreitet
wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit
dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die
Bestimmung der Stenographierenden, die Verwaltung der Nach-
schriften und die fiir die Herausgabe notwendige Durchsicht der
Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen
Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, mufi gegen-
iiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksich-
tigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen,
dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehler-
haftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen
offentlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbst-
biographie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende
Wortlaut ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort
Gesagte gilt gleichermafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fach-
gebieten, welche sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen
der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner
Gesamtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen
Bestandteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderhch, finden sich
nahere Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Wie erwirbt man sich Verstandnis fiir die geistige Welt? (I)
Vom Wesen des Traumes. Ober die Halluzination. Athersubstanz und
verstarkte Seelenkraft. Vom okkulten Schreiben. Gewohnliches und
ubersinnliches Denken. Die alten Religionsstifter und die neuere Gei-
steswissenschaft. Das Wesen des Christus. Weiteres iiber den Traum.
Das Wesen des Astralleibes. Die Ich-Vorstellung als Schwerpunkt des
Geist-Erlebens. Atavistisches Hellsehen und gesundes Urteilen. Klare
Vorstellungen als Bedingung zur Geisteswissenschaft.
Berlin, 18. April 1914
Robert Hamerling, ein Dichter und ein Denker und ein Mensch
Berlin, 26. April 1914
Die Erweckung spiritueller Gedanken als Zeitforderung
Ober den Schlaf. Der Gegensatz von Blut und Nerven und dem
ubrigen Organismus im Schlaf. Bazillen und Gespenster. Wesen der
Bazillen. Spirituelle Gedanken als Nahrung fiir die Toten. t)ber-
windung des Egoismus im Verhaltnis zu den Toten. Ober den Tod
eines Freundes (Christian Morgenstern). Die Religionsstifter und
ihre Bedeutung. Das Miindigwerden der modernen Menschheit. Die
Christus-Tat. Das Wesen der aufieren Welt. Der tiefere Gedanke des
Dornacher Baues. Die Entwickelung des Denkens als Aufgabe unse-
rer Zeit. Ausschlufi eines Mitgliedes und die Begriindung dieses Vor-
gehens.
Basel, 5. Mai 1914
Wie erwirbt man sich Verstandnis fiir die geistige Welt? (II)
Johann Gottlieb Fichtes Verhaltnis zur geistigen Welt und zu seiner
menschlichen Umwelt. Unterschied von sinnlichem und geistigem
Wahrnehmen. Das Schicksal einer befreundeten Personlichkeit (Ma-
ria von Strauch-Spettini) und ihr Aufsteigen zum Schutzgeist der
Mysteriendramen. Der verstorbene Dichterfreund (Christian Mor-
genstern) und sein Wesen im Leben nach dem Tode. Die Darstellung
des Dornacher Baues in der Weltpresse. Die Bildung des Urteils aus
der Geisteswissenschaft selber heraus.
Berlin, 12. Mai 1914
Das Hereinwirken der geistigen Welt in unser Dasein
Das hellsichtige Bewufitsein und der Traum. Verschiedenheit der
Gestalt und der Handlungsweise beim Verstorbenen. Das Aneignen
neuer Begriffe zum Verstehen der geistigen Welt. Eine verstorbene
Personlichkeit (Maria von Strauch-Spettini) als Schutzpatronin der
Mysterienaufftihrungen. Die Jungfrau von Orleans. Vom Erleben
der Angeloi (Milde) und der Archangeloi (Starke). Das Wesen eines
verstorbenen Dichterfreundes (Christian Morgenstern) nach dem
Tode. Das Erleben der geistigen Welt. Angeloi, Archangeloi, Luzifer
und Ahriman. Wandlung der Erlebnisse in der physischen und gei-
stigen Welt. Die Bereicherung des Vorstellungslebens. Wesen des
Dornacher Baues. Die Grundsubstanz der anthroposophischen Bewe-
gung. Die Eroffnung des Baues.
Paris, 25. Mai 1914 82
Die Geisteswissenschaft als Zusammenfassung von Wissenschaft,
Intelligenz und hellsichtiger Forschung
Geisteswissenschaft als «geistige Chemie». Konzentration und Me-
ditation. Das Wahrnehmen des inneren Wortes. Illusion und Selbst-
erkenntnis. Das Wesen der Begegnung mit Verstorbenen. Befruch-
tung des eigenen Fuhlens und Wollens durch eine verstorbene Freun-
din (Oda Waller). Die Verselbstandigung des Denkens. Ausbildung
der Logik in der hellsichtigen Erkenntnis. Die Konkordanz zwischen
Intelligenz und Hellsehen. Raumliches und zeitliches Firmament,
ihre Durchstofiung bei Giordano Bruno und in der Geisteswissen-
schaft. Grenzen des Erkennens und ihre Widerlegung. Das Wesen
der Geisteswissenschaft als Zusammenfassung von Wissenschaft, In-
telligenz und hellsichtiger Forschung.
Offentlicber Vortrag, Paris, 26. Mai 1914 105
Glauben und Wissen. Johannifest und Osterfest
Die gro&en Religionsstifter und ihre Aufgabe. Verzehrende und auf-
bauende Vorstellungen. Das friihere «Ich glaube» und das heutige
«Ich glaube, was ich weift». Max Miillers Ausspruch iiber die gott-
liche Verkundigung. Der Mensch als leuchtende Wesenheit nach dem
Tode. Die Bedeutung von Mythen und Marchen fiir das Leben. Be-
gegnung mit zwei Priestern. Der Sehprozefi. Tote und lebendige Vor-
stellungen. Der Spruch «In einem gesunden Leib wohnt eine gesunde
Seele». Die Anschauung der Sinnesempfindung als Wellenbewegung.
Johannifest und Osterfest.
Notizen aus dem Vortrag, Prag, 17. April 1914 126
Hinweise 135
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 141
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 143
WIE ERWIRBT MAN SICH VERSTANDNIS FUR DIE
GEISTIGE WELT? (I)
Berlin, 18. April 1914
Wenn Sie einen Traum haben und an den Traum sich erinnern, so ist
Ihnen, wenn eine moglichst deutliche Erinnerung an den Traum statt-
findet, wie das ja in zahlreichen Fallen vorkommt, wohl ohne weiteres
klar, dafi Sie, wahrend der Traum abfliefit, gleichsam Beobachter sind,
aber ohne dafi Sie wahrend dieser Beobachtung ein deutliches Ich-Be-
wufitsein haben von den Bildern, die webend an der Seele voriiber-
ziehen. Wie gesagt, immer mull die Voraussetzung gemacht werden,
dafi im Traume das Ich-Bewufitsein nicht so deutlich auftritt wie im
Wachbewufitsein. Diese Bilder, die webend an der Seele voriiberziehen,
stellen dar Szenen, Bilderfolgen, welche dem Traumenden entweder gut
bekannt sind, indem sie an Erlebnisse friiherer Tage oder der letzten
Zeit ankniipfen, oder die wohl auch solche Erlebnisse in der mannig-
f altigsten Weise verandern, sie in ihren Formen so stark verandern, dafi
ein bestimmtes Erlebnis nicht wiedererkannt wird und man etwas
vollig anderes zu traumen glaubt. Auch das kommt vor, dafi man
Traume hat, die nicht an Erlebnisse ankniipf en, die also gleichsam etwas
vollig Neues vorstellen gegeniiber den Erlebnissen, die man durchge-
macht hat. Aber jedesmal wird man die Empfindung haben: Eine Art
lebender, webender Bilder seien an der Seele vorbeigezogen, haben sich
der Seele geoffenbart. - Und an diese Erlebnisse wird man sich nach
dem Aufwachen erinnern. Es wird Traume geben, die man langer im
Gedachtnis behalt, und es wird solche Traume geben, die dadurch, dafi
man wieder an die Erlebnisse des Tages herantritt, wie ausgeloscht
sind.
Nun wollen wir uns einmal heute die Frage beantworten: Worin
nehmen wir denn eigentlich solche webenden Traume wahr? Wenn
wir im Wachzustande in der physischen Welt sind, dann wissen wir,
wir nehmen in der Welt, die wir die physische Welt nennen, das wahr,
was wir eben wahrnehmen. Was ist denn gleichsam die Substanz, der
Stoff - wie es also die Vorgange, die materiellen Dinge der physischen
Welt im Wachzustande sind -, in welchem wir wahrnehmen, indem wir
traumen? Es ist dasjenige, was wir die Atherwelt nennen, der sich in der
ganzen Welt ausdehnende Ather mit seinen inneren Vorgangen, mit
alledem, was in ihm lebt. Das ist gleichsam das Substantielle, in dem
wir wahrnehmen, wenn wir traumen. In der Regel aber nehmen wir
wahr, indem wir traumen, nur einen ganz bestimmten Teil der Ather-
welt. Wie uns ja die atherische Welt im Wachzustande, wenn wir phy-
sisch wahrnehmen, verschlossen ist im gewohnlichen Leben, wie der
Ather um uns herum ist, ohne daft wir ihn durch unsere physischen
Sinne wahrnehmen, so bleibt auch fur das gewohnliche Traumen der
Ather, der um uns herum ist, unwahrnehmbar. Nur dasjenige Stuck der
Atherwelt tritt gleichsam vor uns auf, wenn wir traumen, was unser
eigener Atherleib ist. Wir sind ja, wenn wir schlafen, aufterhalb un-
seres physischen Leibes und unseres Atherleibes. Und darin besteht nun
der gewohnliche Traum, daft wir mit dem, worin wir aufterhalb unseres
physischen Leibes und Atherleibes sind, mit dem astralischen Leib und
dem Ich, gleichsam auf das zuriickschauen, woraus wir im Schlafe her-
ausgestiegen sind, aber daft uns bei diesem Anschauen unser selbst nicht
der physische Leib zum Bewufttsein kommt, wir uns daher auch nicht
der physischen Sinne bedienen, sondern daft wir gleichsam zuriick-
schauen, mit Aufterachtlassung unseres physischen Leibes, nur auf un-
seren Atherleib. Es sind also im Grunde genommen die Vorgange un-
seres Atherleibes, die an irgendeiner Stelle ihren Schleier liiften und
die uns als Traum erscheinen. Die meisten Traume sind eben durchaus
so, daft der Mensch in der Tat aus dem Schlafe auf seinen eigenen
Atherleib schaut, und daft ihm ein Stuck der ungemein komplizierten
Vorgange des eigenen Atherleibes zum Bewufttsein kommt, und daft
dies den Traum ausmacht.
Dieser unser eigener Atherleib, der also ein Stuck von uns selbst ist,
ist etwas aufterordentlich Kompliziertes. In ihm sind zum Beispiel
enthalten, immer gegenwartig en thai ten, alle Erinnerungen. Auch das-
jenige, was tief hinuntergestiegen ist in die Untergriinde der Seele,
was im gewohnlichen Tagesbewufttsein nicht in unser Bewufttsein
kommt, im Atherleibe ist es in irgendeiner Weise immer enthalten.
Unser ganzes bisheriges Leben in unserer diesmaligen Inkarnation ist
im Atherleibe enthalten, ist wirklich da drinnen. Selbstverstandlich
mufi zugegeben werden, dafi es aufterordentlich schwierig ist, das vor-
zustellen. Aber es ist trotzdem so. Denken Sie sich einmal, Sie wiirden
zum Beispiel den ganzen Tag iiber reden - manche Leute tun ja das
und alles, was Sie reden, wiirde sich durch irgendeinen Mechanismus
in eine Phonographenplatte einschreiben. Wenn Sie so viel geredet ha-
ben, dafi die Phonographenplatte voll ist, legen Sie dieselbe beiseite,
nehmen eine zweite, wenn diese voll ist, eine dritte und so weiter. Sie
nehmen also mehr oder weniger solcher Platten, je nachdem Sie mehr
oder weniger reden. Ein anderer, nehmen wir an, wiirde nun eine jede
Platte in einen Phonographen hineinlegen, und am Abend wiirden
alle Platten hiibsch darinnen sein. Alles, was Sie wahrend des Tages
geredet haben, wiirde am Abend in dem Phonographen sein. Wiirde
nun jemand in der Lage sein, das Gesprochene aus dem Phonographen
abrollen zu lassen, dann wiirde alles herauskommen, was Sie tagsiiber
geredet haben. So steckt alles, was unsere Erinnerungen sind, immer
im Atherleibe gegenwartig darinnen. Und nehmen wir an, durch die
besonderen Verhaltnisse des Schlafes wiirde - halten wir den Vergleich
fest - ein Teil der Bestandteile des Atherleibes so vor unsere Seele hin-
treten, wie wenn man einen Teil der Phonographenplatten herausneh-
men und abrollen lassen wiirde, so wiirde das dann der Traum sein,
diejenigen Traume, die am weitaus haufigsten sind. Also wir weben
mit unserem Bewufitsein in unserem eigenen Atherleib.
In einer ahnlichen Weise gilt dasselbe fur viele Halluzinationen, die
vor der menschlichen Seele auftreten. Solche Halluzinationen sind in
der Regel auch dadurch hervorgeruf en, dafi der Mensch mit seinem Ich
und seinem astralischen Leibe, die dann im physischen Leibe drinnen-
stecken, dennoch gewissermafien ein herausgerissenes Stuck seines
Atherleibes sehen kann. Das kommt auf folgende Weise zustande. Den-
ken Sie sich, irgend etwas in Ihrem physischen Leib ist krank, zum Bei-
spiel etwas am Nervensystem oder dergleichen. Dann kann der Ather-
leib an der Stelle, wo das Nervensystem krank ist, nicht eingreifen;
er ist gleichsam herausgeworfen. Der Atherleib selbst ist gar nicht
krank, aber er ist herausgespannt aus dem physischen Leibe an einer
bestimmten Stelle. Wiirde er eingespannt sein, dann wiirde sich alles
so abspielen wie im normalen Bewufttsein. Es kame uns nicht zura Be-
wufitsein, daft der physische Leib krank ist. Wenn der Atherleib an
dieser Stelle nicht eingreifen kann, und wenn das, was da ist und worin
der Atherleib nicht eingreifen kann, dem Atherleibe entgegenleuchtet,
dann kommt das als Halluzination zum Bewufitsein.
Genau dieselbe Substanz, aus welcher uns der Traum oder die Hallu-
zination erscheinen, umgibt uns alliiberall in der Welt. Es ist die Ather-
substanz. Und aus der Athersubstanz, die uns umgibt, ist gleichsam
unser eigener Atherleib wie ein Stuck herausgeschnitten. Wenn wir
nun durch die Pforte des Todes gegangen sind, den physischen Leib
abgelegt haben, so machen wir den Weg durch die Athersubstanz durch.
Im Grunde genommen kommen wir gar nicht auf dem ganzen Wege
zwischen Tod und neuer Geburt aus der Athersubstanz heraus. Denn
diese Athersubstanz ist iiberall und wir miissen durch sie durch, wir
sind in derselben. Wir haben ja einige Zeit nach dem Tode auch un-
seren eigenen Atherleib abgelegt. Der lost sich gerade in diese aufiere
Athersubstanz auf. Die Fahigkeit, in dieser aufieren Athersubstanz nun
auch wahrzunehmen, hat der Mensch im gewohnlichen Leben zunachst
nicht. Daher tritt dasjenige nicht auf, was ein Wahrnehmen sein
wiirde - jetzt nicht in der physischen Welt, sondern in der Atherwelt.
Durch das Traumen wird der Mensch gleichsam bekanntgemacht mit
einer auf ihn selbst angewiesenen Wahrnehmung des Atherischen.
Nun hangt das wirkliche Wahrnehmen in der uns umgebenden
Atherwelt von etwas ganz Bestimmtem ab. Wenn der Mensch nach dem
Todewirklich wahrnimmt in der ihn umgebenden Atherwelt, oder wenn
er sich so entwickelt, dafi bei ihm hellseherisch die Imaginationen auf-
treten - denn das heifit auch: er nimmt wahr in der ihn umgebenden
Atherwelt so mufi er eine starkere Kraft haben, als er im gewohn-
lichen Leben zwischen Geburt und Tod hat, eine starkere innere See-
lenkraft. Deshalb nehmen wir nicht wahr in der uns umgebenden
Atherwelt, weil unsere Seelenkraft zu gering ist, urn darin wahrzu-
nehmen. Wir miissen uns viel aktiver, tatiger machen, als wir es fur
das gewohnliche Leben brauchen, um in der Atherwelt wahrzunehmen.
Wir miissen auch in unserer Seele eine viel tatigere Kraft nach dem Tode
haben, als wir im gewohnlichen Leben haben, damit wir eine Umge-
bung nach dem Tode um uns haben kdnnen. Sonst ist der Ather urn
uns herum und wir nehmen ihn nicht wahr. Es ware das so, wie wenn
wir im gewohnlichen Leben keinen einzigen Sinn hatten. So mufi der
Mensch also eine tatigere, aktivere Seelenkraft haben, damit er sich
nach dem Tode behelfen kann, damit er nach dem Tode nicht, bild-
lich gesprochen, taub und blind ist f iir die Welt, in die er eintritt. Aber
wenn man sich eine Vorstellung machen will von der Art, wie nun die
Seele nach dem Tode wahrnimmt, oder nachdem sie die Fahigkeit er-
langt hat, die Krafte der Imagination zu entfalten, so kann man sich
vorstellen, wie diese Fahigkeit der Seele sein mufi, wenn man zunachst
einen Vergleich wahlt. Dieser Vergleich kann vom Schreiben genom-
men werden. Wenn Sie etwas aufschreiben, dann bedeutet das doch
etwas, was Sie aufschreiben. Das driackt etwas aus. Es ist etwas dahinter
hinter dem, was Sie aufschreiben. Und dennoch, Sie haben selber erst
die Zeichen daftir gemacht. Und wenn das wahr sein soil, wenn es
einer objektiven Sache entsprechen soil, was Sie aufgeschrieben haben,
so konnen Sie das natiirlich bewirken. Wenn Sie durch einen Brief
einem Freunde diese oder jene Tatsache mitteilen wollen und Sie schrei-
ben das auf, damit der Freund in der Feme es lesen kann, so haben Sie
die Zeichen erst hingesetzt, wodurch der Freund, wenn cr die Zeichen
entziffert, die Tatsache kennenlernt. Wenn nun jemand kommen wiirde
und sagte: Das kann doch unter alien Umstanden nicht wahr sein!
Denn das steht nicht auf eine objektive Weise in die Welt hineinge-
zeichnet. Das hat jemand erst aufgezeichnet und das kann keiner ob-
jektiven Tatsache entsprechen -, so redet ein solcher Unsinn. Geradeso
wie Sie eine objektive Tatsache bezeichnen, wenn Sie schreiben, indem
Sie dabei die Zeichen erst hinsetzen, so ist es beim imaginativen Sehen
in der imaginativen Welt. Sie miissen tatig sein. Sie miissen das erst
hinsetzen, was Ihnen Zeichen ist fiir die objektiven Vorgange der gei-
stigen Welt, und Sie miissen ein Bewufksein haben, dafi Sie das hin-
setzen. Dafi Sie es hinsetzen, hangt davon ab, dafi Sie die notige Kraft
haben, lebendig in der geistigen Wirklichkeit drinnenzustecken, so dafi
diese Sie anregt, Wahres und nicht Falsches hinzusetzen. Aber die Tat-
sache ist, dafi man weifi: man setzt das hin.
Ich will das noch auf eine andere Weise zu charakterisieren ver-
suchen. Gehen wir zum Traum zuriick. Wenn man im gewohnlichen
Leben traumt, so hat man die Empfindung, die Traumbilder «weben»,
spielen sich so ab. Denken Sie, was Sie vorstellen miissen von diesen
Traumen: Die Traumbilder schweben so vor meiner Seele vorbei. -
Das ist die Vorstellung, die Sie haben miissen. Denken Sie nun, Sie
hatten nicht diese Vorstellung, sondern die andere: Sie setzten selber
die Traumbilder in den Raum und in die Zeit hinein, wie Sie die Buch-
staben auf das Papier setzen. Diese Vorstellung hat man beim gewohn-
lichen Traumen und auch bei Halluzinationen nicht. Man mufi aber
dieses Bewufitsein beim imaginativen Vorstellen haben. Da mufl man
das Bewufitsein haben: Du bist die waltende Macht in deinen Traumen.
Du setzt das eine hin und fiigst das andere dazu, wie man auf ein Pa-
pier etwas aufschreibt. Du bist die waltende Macht, du machst es selbst.
Nur die Kraft, die hinter dir ist, wie beim Schreiben, ist die, welche
macht, dafi es wahr ist, was du aufschreibst. - Das mufi man sich klar-
machen, dafi der grofie Unterschied zwischen Traumen, Halluzina-
tionen und wirklicher Hellsichtigkeit darin besteht, da& man bei letz-
terer iiberall das Bewufksein hat, man ist sozusagen der okkulte Schrei-
ber. Was man sieht, das wird aufgezeichnet als eine okkulte Schrift.
Man schreibt das hin in die Welt, was einem ein Ausdruck, eine Offen-
barung der Welt ist. Sie konnten naturlich sagen: Dann brauchte man
das nicht auf schreiben, denn das weifi man ja vorher. Warum soli
man es aufschreiben? — Das ist aber nicht wahr. Denn der, der dann
schreibt, ist man nicht selber, sondern das ist die Wesenheit der nachst-
stehenden hoheren Hierarchic Man gibt sich der Wesenheit der nachst-
stehenden hoheren Hierarchie hin, und das ist die Kraft, die in einem
wahet. Man schreibt ganz in einem inneren Seelenvorgange das auf, was
durch einen waltet. Und indem man es dann anschaut, dieses Geschrie-
bene in der okkulten Schrift, offenbart sich einem das, was zum Aus-
druck kommen soli.
Sie sehen jetzt, warum in offentlichen Vortragen so vielfach darauf
hingewiesen worden ist, wie die Entwickelung zum Hellsehertum dar-
auf beruht, dafi alles Wahrnehmen ein aktives, ein tatiges wird, dafi es
nicht, was fur die Erkenntnis der physischen Welt richtig ist, bei dem
passiven Hingegebensein an die Welt bleibt. So lernt man allmahlich
das wirklich innerlich verstehen, was schon im Anfange unseres an-
throposophischen Lebens die «Erlernung der okkulten Schrift» ge-
nannt worden ist, und was ich wieder genauer beschrieben habe in
meiner Schrift «Die Schwelle der geistigen Welt». Die Seelenkraft, die
notig ist, urn in den geistigen Raum und in die geistige Zeit die okkul-
ten Schriftzeichen hineinzuschreiben, ist eine starkere, kraftigere, ge-
waltigere Seelenkraft, muft starker, kraftiger, gewaltiger sein als die
Seelenkraft, die wir im gewohnlichen Leben zum Wahrnehmen an-
wenden. Und diese Kraft miissen wir haben, wenn wir durch die Pforte
des Todes durchgegangen sind. Wer sich das imaginative Hellsehen
aneignen will, bildet durch seine Meditationen diese Kraft aus, er er-
langt sie allmahlich. Er kommt dadurch zu dem, was eben beschrieben
worden ist, das heifit, er kommt zu einem Erleben, bei dem er weift, daft
er sich in einer Welt bef indet, von der ein schwacher Abglanz das Trau-
men ist, aber sich so darinnen befindet, daft er mit seinen Traumen
waltet, wie man waltet, wenn man einen Tisch oder einen Schuh macht,
wobei man auch Stuck f iir Stuck zusammenf iigt und so weiter. Wenn so
viele Menschen immer wieder und wieder damit kommen, daft sie sa-
gen: Nun bemiihe ich mich ja mit allem moglichen Meditieren. Ich
komme aber gar nicht dahin, hellseherisch zu werden so beruht das
auf der einfachen Tatsache, daft die Menschen das gar nicht wollen,
was ich jetzt auseinandergesetzt habe, daft sie froh sind, wenn sie es
nicht brauchen. Sie wollen nicht innerlich aktive Seelenkraft entwik-
keln, sondern sie wollen Hellseher werden, ohne daft sie sich eine star-
kere Seelenkraft aneignen miissen. Sie wollen, daft das Tableau, das
durch ihre Hellsichtigkeit vor ihnen auftritt, sich ganz von selber vor
ihnen aufrichtet. Dann aber ist es gar nichts weiter als Halluzination
oder Traum. Ein Stuck Atherwelt - wenn ich mich jetzt drastisch aus-
driicken will ~, das man sich nehmen kann von einem Orte, mit den
atherischen Fiihlhornern ergreifen und an eine andere Stelle setzen
kann, ein solches Stuck Atherwelt ist nun der Traum. Das gehort gar
nicht in das wirkliche Hellsehen hinein. In dem Erleben des wirklichen
Hellsehens fiihlt man sich gerade so darinnen, wie man sich fuhlt, wenn
man in der physischen Welt auf dem Papier schreibt, nur daft man,
wenn man in der physischen Welt auf dem Papier schreiben will, erst
wissen mufi, was man aufschreiben will - jedenfalls ist es in den mei-
sten Fallen gut, wenn man es weifi wahrenddem man beim geistigen
Wahrnehmen die Wesenheiten der geistigen Hierarchien schreiben lafk,
und einem erst, indem man es tatig hinschreibt, das erscheint, was wahr-
genommen werden soli. Aber ohne an jedem Atom dessen, was man
schaut, selber tatigen Anteil zu haben, selber tatig dabei zu sein, kommt
kein wirkliches Hellsehen zustande.
Und solche Kraft, urn wirklich in die Atherwelt hineinschreiben zu
konnen, brauchen wir auch, wenn wir durch die Pforte des Todes ge-
gangen sind. All das Denken, das wir in der gewbhnlichen physischen
Welt haben und das uns in derselben dient, taugt nichts zu solchem
Wahrnehmen nach dem Tode. Es kann einer ein noch so gescheiter
Mensch sein und scharfsinnig iiber die Dinge der physischen Welt den-
ken konnen, das hilft ihm gar nichts nach dem Tode. Denn diese Kraft
des Denkens ist viel zu schwach, als dafi man damit wiirde in die Ather-
welt hineinschreiben konnen. Alle Vorstellungen, die man entwickelt
und die sich auf physische Dinge beziehen, entstammen einer solchen
schwachen Denkkraft, welche uns nach dem Tode nicht niitzen wiirde.
Wir miissen eine starkere Denkkraft haben, eine Denkkraft, die sich
im Inneren selber betatigt, eine Denkkraft, die sich, mit anderen Wor-
ten, Gedanken macht, ohne dafi diese Gedanken etwas Aufieres, in
der Sinneswelt Befindliches, abbilden. Wiirden wir nicht im Inneren
etwas haben, was uns dazu fiihrt, uns Gedanken zu machen, die nichts
Aufieres abbilden, sondern die innerlich sich gleichsam aus den Unter-
griinden unserer Seele heraufheben, wiirden wir nicht die Fahigkeit
haben, solche Gedanken uns zu machen, so wiirden wir nach dem Tode
keine entsprechende Fahigkeit haben konnen.
Nun konnte jemand sagen: Also konnte man alles mogliche zusam-
mendenken, zusammenphantasieren. Man konnte seine Phantasiekraft
moglichst anspannen, um sich recht viele Phantasiegedanken zu ma-
chen, die gar nichts Aufieres abbilden. Dann wiirde man ja eine gute
Vorbereitung haben, um die notige Denkkraft nach dem Tode zu ent-
wickeln. - Es konnte also sein, dafi jemand sagen wiirde: Ich will viel
Denkkraft nach dem Tode haben. Also stelle ich mir vor gefliigelte
Drachen, die es gar nicht gibt, schauderhafte Tiere und so weiter. Alles
dieses stelle ich mir vor, denn ich will nicht am Gangelbande der aufie-
ren Vorstellungen sein, sondern stelle mir die buntesten Dinge zusam-
men. Dadurch entwickele ich eine innere Denkkraft und bereite mich
dadurch vor, ein erstarktes Denken nach dem Tode zu haben. - Es ist
gar nicht zu leugnen: Wenn jemand das tate, so wiirde er mehr Fahig-
keiten haben in der Welt nach dem Tode, als jemand, der es nicht tut.
Aber er wiirde lauter Falsches, nur Zerrbilder wahrnehmen, wie je-
mand, der ein krankes Auge hat, die physische Welt f alsch wahrnehmen
mufi, oder wie jemand, der ein krankes Ohr hat, die Tone der physi-
schen Welt f alsch wahrnehmen mufL Wer also so etwas tate, wiirde
sich nur dazu verurteilen, in der atherischen Welt immer das groteske-
ste Zeug wahrzunehmen, aber nicht das, was wahrhaft in der Ather-
welt wurzelt.
In den verflossenen Zeiten der Menschheitsentwickelung wurde nun
immer dafur gesorgt, dafi die Menschen Vorstellungen hatten, die nicht
der physischen Welt entlehnt waren, die aber auch nicht in einer sol-
chen Weise, wie es eben beschrieben worden ist, ebenso willkiirlich und
phantastisch erschaffen worden sind. Es waren die grofien Religions-
stifter, die im Laufe der Menschheitsentwickelung aufgetreten sind, die
dafur sorgten, dafi die Menschen solche nicht der physischen Welt ent-
lehnte Vorstellungen hatten. Indem sie nach den ihnen moglichen Me-
thoden den Menschen solche Vorstellungen uberlieferten, die sich nicht
auf die physische Welt, sondern auf die ubersinnlichen Welten bezogen,
konnten die Menschen, wenn sie ihren Religionsstiftern folgten, Vor-
stellungen entwickeln, die nicht am Gangelbande der aufteren Sinnes-
welt gebildet waren, die aber doch wahr waren, weil sie aus der uber-
sinnlichen Welt herausgeholt waren. Das ist die grofie, gewaltige Er-
ziehung des Menschengeschlechtes durch die Religionsstifter, von der
man sagen kann, wenn man sie ganz richtig charakterisieren will: Die
Religionsstifter haben sich die Aufgabe gestellt, den Menschen solche
Vorstellungen zu iiberliefern, die ihnen ein Denken gaben, durch das
die Menschen nicht geistig blind und taub nach dem Tode in der gei-
stigen Welt ankamen. So sehen wir, wie die Religionsstifter dafiir ge-
sorgt haben, dafi die Menschen gewissermafien ganz lebendig, ganz be-
wufit sind, dafi sie nicht blofi ein Bewufitsein haben, das erlischt oder
abdammert in der Todesstunde, oder das unrichtig ist nach der Todes-
stunde.
Nun leben wir aber - von anderen Seiten aus ist das of ter charakte-
risiert worden- gegenwartig in einem Entwickelungszyklus des mensch-
lichen Werdens, in welchem die Menschen gleichsam miindig werden
sollen so, daft nicht mehr in der alten Weise die Religionsstifter auf-
treten werden und an den Glauben der Menschen appellieren werden.
Das sind vergangene Zeiten, obwohl selbstverstandlich diese alten Zei-
ten in unsere Gegenwart hereinragen und gegenwartig nur angefangen
werden kann mit einer kleineren Anzahl von Menschen, sozusagen das
neue Leben zu erleben, und die Menschen nur schwer nachkommen,
sich sogar darnach sehnen, die iiberlieferten Vorstellungen aufzu-
schnappen, die noch von den alten Religionslehrern herkommen. Aber
wir leben in der Zeit, da die Menschen miindig werden sollen. Da mufi
das, was die Religionsstifter fur den Glauben gelief ert haben, durch das
ersetzt werden, was die neuere Geisteswissenschaft gibt. Diese neuere
Geisteswissenschaft unterscheidet sich ja in ihrem ganzen Wesen von
demjenigen, was die alten Religionsstifter uberliefert haben. Dabei
mufi betont werden, damit kein Miftverstandnis entsteht: Wenn von
diesen alten Religionsstiftern gesprochen wird, so ist der Christus aus-
genommen. Denn ich habe oft betont: Es kommt beim Christus nicht
darauf an, was er gelehrt hat, sondern was durch ihn geschehen ist.
Die alten Religionsstifter waren gewissermafien Lehrer, der Christus
hat aber hauptsachlich dadurch gewirkt, dafi er durch das Mysterium
von Golgatha seine eigene Kraft in die Menschheit hineingesenkt hat.
Das ist heute noch fur viele Menschen aufierordentlich schwer zu be-
greifen. Daher reden sie auch von dem Christus nur als von einem gro-
fien Weltenlehrer, was aber fiir den, der die ganze Bedeutung des Chri-
stus wirklich versteht, einfach Unsinn ist. Also wir stehen gegenwartig
davor, dafi die Menschheit miindig wird. Und das soil durch die neuere
Geisteswissenschaft geschehen, soil geschehen mit den Begriffen, Ideen
und Vorstellungen, die sich fiir den Menschen auf sein Leben nach dem
Tode beziehen und damit auf sein ganzes Seelenleben. Geisteswissen-
schaft wird ja so errungen, dafi sie eigentlich von jedem Menschen er-
rungen werden kann, wenn er sich wirklich den Ergebnissen der Gei-
steswissenschaft entgegenentwickelt. Geisteswissenschaft strebt darauf
hin, den Menschen das zu geben, was die einzelne Menschenseele wirk-
lich durch sich erreichen kann, nicht wie friiher die Dinge erreicht
worden sind, dadurch, dafi man auf die Religionsstifter horte. Und
wenn heute die Geisteswissenschaft selbstverstandlich nur von einzel-
nen Geistesforschern sozusagen zu ihren Ergebnissen gebracht werden
kann und dann mitgeteilt wird, so wird sie aber in einer solchen Form
mitgeteilt, dafi man sie ganz und gar verstehen kann, wenn man nur
will. Ich habe ja oft betont: Wenn gesagt wird, auch der Geisteswissen-
schaft miisse man glauben, so beruht das auf einem vollstandigen Mifi-
verstandnis. Dafi die Leute das sagen, auch der Geisteswissenschaft
miisse man glauben, beruht darauf, dafi sie so vollgepfropft sind von
materialistischen Vorurteilen, dal$ sie nicht eingehen auf das, was die
Geisteswissenschaft wirklich geben kann. Sobald man auf sie eingeht,
kann man alles verstehen und begreiflich finden. Es reicht nicht blofi
das Hellsehen, es reicht das gewohnliche Verstandnis aus, um alles nach
und nach - es mag ja dieses «nach und nach» fur manchen unbequem
sein - wirklich zu verstehen und zu begreifen.
Es tritt also die Geisteswissenschaft so an den Menschen heran, dafi
sie an sein Verstandnis, an sein Begreifen appelliert, indem sie gewis-
sermafien das ganz entgegengesetzte Prinzip geltend macht gegeniiber
dem Prinzip, durch das die alten Religionsstifter gewirkt haben. So ha-
ben in den Vorstellungen, welche von den alten Religionsstiftern an die
Menschenseelen herangekommen sind, diese Seelen etwas gehabt, wo-
durch sie gleichsam geistig aufgeweckt worden sind und eine Kraft hat-
ten, um in der Atherwelt wahrzunehmen, also auch, um nach dem Tode
ein selbstbewufkes Leben zu fiihren. Und wiederum wird die Men-
schenseele durch das Aufnehmen der neueren Geisteswissenschaft das-
jenige haben, was ihr die Kraft gibt, um nach dem Tode die notige
Vorstellungskraft zu entwickeln, um die Atherwelt bewufit als Um-
gebung wahrzunehmen. Die alten Menschen, die auf ihre Religions-
stifter horten, die neueren Menschen, die den Willen haben, die Geistes-
wissenschaft zu verstehen, sie werden also gleichsam mit den Fahigkei-
ten ausgeriistet sein, um nach dem Tode sich in der richtigen Weise
auszukennen. Nur eine Sorte von Menschen hat es schwer, nach dem
Tode sich auszukennen; und bei dieser einen Sorte gilt sogar das viel-
fach nicht, was man beschreibt als das Leben nach dem Tode, weii es
vielfach getriibt und verdunkelt ist. Diese Sorte von Menschen sind die
Gesinnungsmaterialisten, die nur an den Dingen haften mochten, die
Abbilder der gewohnlichen physischen Welt sind, die sich keine Kraft
aneignen wollen, urn in der Welt wahrzunehmen, in die wir nach dem
Tode eintreten. Materialist sein, heifit in bezug auf sein Geistig-Seeli-
sches wirklich nichts anderes, als wenn man beschliefien wiirde, sich
in der gewohnlichen physischen Welt die Augen zu zerstoren, die Ohren
zu zerstoren, die Sinne nach und nach abzutoten, und dann weiterzu-
leben. Es ware so, wie wenn jemand sagte: Diese Augen - man kann
ja ohnedies nichts auf sie geben, denn sie geben nur Lichteindriicke.
Also weg mit ihnen! Diese Ohren - man kann ja durch sie nur Luft-
erschutterungen wahrnehmen, nicht die eine einzige Wahrheit. Also
weg damit! Weg mit den Sinnen, einem nach dem anderen! - So gescheit,
wie dies fur die Sinneswelt ware, so gescheit ist es in bezug auf die gei-
stige Welt, Materialist zu sein. Es ist ganz dasselbe. Und dies ist sogar
gar nicht so schwierig einzusehen, wenn man auf die Griinde eingeht,
die von der Geisteswissenschaft geltend gemacht werden.
Ich habe versucht, einmal heute von dieser Seite her Ihnen zu cha-
rakterisieren, wie es mit dem Drinnensein in der geistigen Welt ist. Ich
mochte gleichsam noch ein anderes Faktum in einer ahnlichen Weise
charakterisieren. Aus der Sphare der Traume kann man eine Art der
Traume herausheben, die eigentlich auch jeder kennt, denn einen Traum,
der so geartet ist wie die jetzt zu beschreibenden, wird jeder schon ge-
habt haben. Es ist jene Art von Traumen, wo wir im Traume uns in
einer gewissen Weise selbst gegenuberstehen. Die gewohnlichen Traume
verfliefien ja so, dafi das eintritt, was ich vorhin charakterisiert habe,
dafi sich das Traumgewebe vor uns abrollt und wir kein deutliches
Ich-Bewufitsein dabei haben, sondern erst nachher das Traumgewebe
uberdenken mit unserem Ich-Bewufitsein. Wer genau die Verhaltnisse
priift, wird finden, dafi es so ist. Aber es treten auch Traume auf, wo
wir uns gleichsam selber objektiv gegenubertreten. Nicht nur dafi wir
uns, wie es auch vorkommt, selber wirklich sehen, denn das kann auch
eintreten, sondern es kann auch etwas anderes eintreten. Bekannt ist
ja der Traum, wie der Schuljunge traumt, dafi er in der Schule sitzt, wie
eine Rechenaufgabe gegeben wird, und wie er sie so gar nicht losen kann.
Da kommt ein anderer und lost sie spielend. Das traumt er wirklich.
Nun werden Sie ja einsehen, dafi er es selber war, der sich entgegen-
getreten ist und die Aufgabe loste. Man tritt sich also auch so gegen-
iiber, erkennt sich aber nicht. Darauf kommt es aber nicht an. In einem
solchen Falle spaltet sich gleichsam das Ich des Menschen. Es ware ja
ganz nett, wenn das auch in der physischen Welt so sein konnte, dafi
einem dann, wenn man irgend etwas nicht weifi, das andere Ich gegen-
ubertritt, und man wiifite dann die betreffende Sache vorziiglich. Aber
im Traume tritt es auf. Da hat der Traum einen ganz anderen Cha-
rakter, als bei den zuerst charakterisierten. Man ist ja im Traume aufier-
halb seines physischen Leibes und Atherleibes, ist in seinem Astralleib
und Ich. Wahrend die fruher charakterisierten Traume darauf beru-
hen, dafi man das Wesen des eigenen Atherleibes geluftet bekommt, be-
ruhen die Traume, in denen man sich selbst gegeniibertritt, darauf, dafi
der eigene Astralleib, den man mitgenommen hat, ein Stuck von sich
zeigt, dafi er einem durch dieses Stuck entgegentritt. Es ist ein Stuck
Selbstwahrnehmung aufierhalb des physischen Leibes. Wahrend man
im gewohnlichen Leben den Astralleib nicht wahrnimmt, kann es im
Schlafe durchaus eintreten, dafi man ein Stuck seines Astralleibes wahr-
nimmt, und im Astralleib sind gar manche Dinge drinnen, die durch-
aus nicht im gewohnlichen Wachzustande von uns gewufit werden.
Ich habe vorhin darauf aufmerksam gemacht - ich werde Ihnen jetzt
etwas recht Sonderbares sagen miissen -, was im Atherleibe enthalten
ist. Es ist jedenfalls alles darinnen, was wir erlebt haben. Im Astral-
leibe ist aber sogar das darinnen, was wir nicht erlebt haben. Der Astral-
leib ist namlich ein recht kompliziertes Gebilde. Er ist gewissermafien
aus den geistigen Welten hereinorganisiert und enthalt nicht nur die
Dinge, die wir schon jetzt in uns haben, sondern auch die, welche wir
noch einmal lernen werden! Die sind schon veranlagt, sind schon in
einer gewissen Weise in ihm darinnen. Dieser Astralleib ist viel ge-
scheiter als wir. Deshalb kann er auch, wenn er uns im Traume etwas
von sich offenbar werden lafit, uns selber in einer Form uns entgegen-
treten lassen, in der wir gescheiter sind, als wir durch das physische Le-
ben geworden sind. Wenn Sie dies bedenken - ich mochte dies jetzt aber
nur als eine Episode in die Ausfiihrungen hineinflechten, die nicht zum
Vortrag gehoren soli -, so wird Ihnen das ein Licht werfen konnen
darauf, wie es sich verhalt mit den «klugen» Fahigkeiten der Tiere.
Die Tiere haben ja auch einen Astralleib, und es kann durch den Astral-
leib das hervortreten, was nicht hervortritt beim gewohnlichen Leben
der Tiere. Da konnen tatsachlich viele Dinge hervortreten, die durch-
aus iiberraschen konnen. Denn dieser Astralleib enthalt zum Beispiel -
Sie mogen es glauben oder nicht - die ganze Mathematik, nicht nur die
jetzt bekannte, sondern auch alles in der Mathematik, was noch einmal
entdeckt werden wird. Wollte man allerdings die ganze Mathematik
daraus herauslesen, bewufit herauslesen, so miifite man es tatig tun,
miifite sich erst die entsprechend erstarkten Fahigkeiten dazu aneignen;
aber enthalten ist wirklich alles darin. Also es ist die Offenbarung wie
aus einem Stiicke unseres Astralleibes heraus, wenn wir uns selbst ge-
gemibertreten. Und auf diesen Offenbarungen des Astralleibes beruht
wirklich auch vieles, was wie innere Eingebungen iiber uns kommt.
Geradeso wie ein gewisses Halluzinieren unter solchen Umstanden ent-
steht, wie ich es vorhin charakterisiert habe, so kann auch durch beson-
dere Verhaltnisse unserer Organisation das in uns sprechend werden,
was gescheiter ist als wir selber. Dann konnen wir innere Eingebungen
haben, dann kann etwas in uns auftreten, was nicht auftreten wiirde,
wenn wir blofi unsere gewohnliche Urteilskraft anwenden wiirden im
gewohnlichen physischen Leibe. Aber es ist gefahrlich, solche Dinge
auftreten zu lassen, sich solchen Dingen hinzugeben. Es ist gefahrlich
aus dem Grunde, weil solche Dinge kommen und wir sie nicht bewal-
tigen konnen, solange wir ihnen nicht urteilend beikommen. Und da
wir sie nicht bewaltigen konnen, hat Luzifer einen so leichten Zugang
zu alien diesen Dingen, und wir konnen es nicht wehren, dafi er sie
nach seinem Sinn und nicht nach dem Sinn der ordentlichen Weltord-
nung lenkt.
Wenn also der Mensch seine inneren Krafte erstarkt, dann lernt er
auch so innerlich zu leben, dafi er im astralischen Leibe hellsichtig wird.
Aber Sie werden jetzt aus dem, was ich gesagt habe - ich habe darum
den Traum herangezogen -, ersehen, dafi es zu diesem Hellsichtigwer-
den im astralischen Leibe notwendig ist, daft man gewissermaften im-
mer eine deutliche Vorstellung hat von dem Sich-Gegeniiberstellen der
eigenen Wesenheit. So wie man im physischen Leben nicht gesund lebt,
wenn man nicht voll bei seinem Bewufttsein ist, so lebt man gegeniiber
der Welt, die hoher ist als die physische Welt, seelisch nicht gesund,
wenn man sich nicht immer sieht. In der physischen Welt ist man sel-
ber, in der hoheren geistigen Welt ist man so zu sich, wie man in der
physischen Welt zu einem Gedanken ist, der ein vergangenes Erlebnis
darstellt. Einen solchen Gedanken, der ein vergangenes Erlebnis dar-
stellt, schaut man innerlich an. Man verhalt sich zu ihm wie zu einer
Erinnerung. Wie man in der Sinneswelt sich zu einem Gedanken ver-
halt, so weift man in der geistigen Welt, daft man auf sich hinschaut,
sich anschaut. Man muft immer sich dabei haben bei den Dingen, die
man in der geistigen Welt erlebt. Und das ist im Grunde genommen
die eine einzige Vorstellung, die sich in den Dingen hineinstellt - iiber
die man zunachst nicht die Macht hat, von der ich vorhin gesprochen
habe - und die auch fur die geistige Welt gilt, so daft man die Dinge
meistert, daft man die waltende Macht ist. Wie der Schwerpunkt, um
den sich alles gruppiert, ist die eigene Wesenheit. Wie man in der gei-
stigen Welt hantiert, das merkt man an der eigenen Wesenheit. Man
merkt: So ist man in der geistigen Welt. - Nehmen wir an, man ist in
der geistigen Welt darinnen und man nimmt etwas Unrichtiges wahr,
das heiftt, man hantiert durch die okkulte Schrift unrichtig. Ja, wenn
man durch die okkulte Schrift unrichtig hantiert und sich als den
Schwerpunkt wahrnimmt, um den sich alles herumgruppiert, dann er-
lebt man an seiner eigenen Wesenheit: So schaust du aus, denn du
hast etwas unrichtig gemacht; jetzt muftt du das verbessern! - Man
merkt an der Art und Weise, wie man wird, was man gemacht hat.
Wenn ich es vergleichsweise darstellen will, so mochte ich sagen: Sie
seien hier in der physischen Welt, aber Sie seien nicht in sich, sondern
um sich herum, und Sie sagen zu jemandem: Jetzt ist es halb zwolf -
aber das ist nicht wahr. Und in dem Augenblick schauen Sie sich an,
wie Sie sich die Zunge entgegenstrecken und sagen jetzt: Das bist du
ja nicht! - Und nun fangen Sie an, an sich auszubessern, bis es rich-
tig ist, und bis Sie sagen: Es ist zwanzig Minuten nach neun! - Dann
geht die Zunge wieder zuriick. So schauen Sie sich an, ob Sie sich richtig
in der geistigen Welt verhalten.
Das sind die Dinge, die vielleicht sich durch solche grotesken Bilder
charakterisieren lassen, von denen aber jeder fiihlen wird, sie sind viel
ernster gemeint, als alles gemeint sein kann, was fur die physische Welt
gesprochen werden kann. Das ist es ja gerade, daft wir uns mit der
Denkkraft, die wir schon fur die physische Welt haben, zunachst ein
Verstandnis fiir die ubersinnlichen Welten aneignen. Dadurch reiften
wir das Denken los, das sonst wirklich am Gangelbande der physischen
Welt verlauft. In f riiheren Zeiten hatten die Menschen ein atavistisches,
elementares Hellsehen. Da waren sie imstande, Imaginationen und so
weiter, auch Inspirationen zu haben. Daft sie sich aber heute Begriffe
bilden iiber die physische Welt, ist gegeniiber dem fruheren ein voll-
kommenerer Zustand der Menschen. In der Zeit, als die Menschen ein
atavistisches Hellsehen gehabt haben, haben sie eben nicht ordentlich
denken konnen. Und damit ordentliches Denken hat entstehen konnen,
muftte eben die Kraft, die fruher zum Hellsehen notig war, zum Den-
ken verwendet werden. Und wenn heute ein Mensch in gewissen Par-
tien des Lebens hellseherische Krafte entfaltet, die nicht so entwickelt
worden sind, wie sie die Geisteswissenschaft beschreibt, so heiftt das:
Er hat sie als Erbschaft von fruheren Zeiten, weil er als Hellseher fiir
die Partien des Lebens, wo das Hellsehen vorhanden ist, eben noch
nicht angekommen ist an das reife Urteil. Immer mehr und mehr gehen
wir aber den Zeiten entgegen, in welchen zuerst das reife Urteil vor-
handen sein muft, und sich dann erst aus dem reif en Urteil heraus wie-
der das Hellsehen entwickeln mufi. Wenn also heute jemand auftritt,
der, ohne daft er ernste Obungen gemacht hat, ohne daft er, sagen wir,
entsprechend in die Geisteswissenschaft eingedrungen ist - denn die
Geisteswissenschaft kann selbst, wenn man richtig in sie eindringt, die
beste Ubung sein, um das alte Hellsehen herauszubringen wenn ein
solcher gewisse psychische Fahigkeiten, ein gewisses Hellsehen oder
anderes zeigt, so deutet das darauf hin, daft er nicht etwa in der Ent-
wickelung voraus ist vor den anderen, sondern daft er zurikkgeblieben
ist. Man mufi noch nicht den Standpunkt des hellen Denkens erreicht
haben, wenn man heute atavistische Fahigkeiten in der Seele entwik-
kelt. Wenn also heute die Frage entsteht: Welche Seele steht gewisser-
maften in der Entwickelung voran, diejenige, die nur gesund urteilt
mit dem gewohnlichen Verstandnis - und mit diesem gewohnlichen
Verstandnis kann sie auch, wenn sie kein Vorurteil hat, die Geisteswis-
senschaft verstehen -, die sich also zunachst aus dem Verstandnis her-
aus eine Anschauung verschafft iiber geistige Welten und Sinne, oder
ein Mensch, der allerlei Zeug hellsichtig aus sich herausbringt? - so ist
diejenige Personlichkeit die vorgeschrittene, die ein gesundes Urteil
hat. Und am meisten geht man fehl, wenn man sich imponieren lafit
durch solche atavistischen hellseherischen Fahigkeiten. Wenn man sich
zu dem Glauben verleiten lafit, daft eine solche Personlichkeit eine be-
sonders entwickelte Seele vorstellt, so geht man immer fehl. Denn daft
diese Seele solche Fahigkeiten zeigt, das bedeutet, daft sie besondere
Dinge noch nicht durchgemacht hat, die wahrend der Zeit des Hell-
sehens durchgemacht werden muftten. Deshalb holt sie es heute nach.
Das Groteskeste ist, wenn innerhalb der geisteswissenschaftlichen Stro-
mung der Glaube auftritt, daft jemand, der ein gewisses Hellsehen hat,
ohne in die Geisteswissenschaft eingedrungen zu sein, f riiher etwas Be-
deutenderes gewesen sein mul Er ist sicher etwas Unbedeutenderes als
der, welcher ein gesundes Urteil iiber die Dinge hat.
Nun kommt sehr viel darauf an, daft unsere geisteswissenschaftliche
Stromung gerade dahin wirkt, einen gewissen Kreis von Menschen zu
haben, der diese Dinge durchschaut, sie wirklich richtig versteht, der
also vor alien Dingen dem Urteil gewachsen ist: Es muft in der Gegen-
wart Geisteswissenschaft auftreten, denn man muft durch die Geistes-
wissenschaft durchgehen, man muft durch das Verstandnis der Geistes-
wissenschaft durchgehen, um weiterzukommen.
Es ist aufterordentlich wichtig, daft dies auftritt. Gewift, es gibt Kin-
derkrankheiten auf alien Gebieten, auf den Gebieten des menschlichen
Lebens und auch selbstverstandlich innerhalb solcher Stromungen, die
als geistige Stromungen in die Welt kommen. Und Kinderkrankheiten
der Geisteswissenschaft sind nur zu leichtverstandlich, weil es ja bei der
Geisteswissenschaft selbstverstandlich darauf hinauskommt, dem Men-
schen das zu verschaffen, was durch das hellsichtige Bewufttsein erlangt
worden ist. Aber Sie sehen, wie das charakterisiert werden muft. Daft es
so charakterisiert werden mufi, dafi es gar nicht die menschliche Be-
quemlichkeit anspricht, so hellsichtig zu werden, wie es die gegenwar-
tige und zukiinftige Menschheit fordert, Dazu gehort etwas ganz an-
deres, als nur die Dinge an sich herankommen zu lassen. Dazu gehort
ein Dabeisein jeden Augenblick, ein Sich-in-der-Hand-Haben und ein
Sich-beobachten-Konnen, sobald man in die geistige Welt hinauf-
kommt. Das ist es, was sich als Verstandnis verbreiten mufi. Bequemer
ist es, so etwas an sich herankommen zu lassen, was wie ein Traum an
den Menschen herankommt, was auf und ab flutet. Man mochte ge-
nau so die geistige Welt erleben, wie man die physisch-sinnliche Welt
erlebt. Es ist das noch zuriickgeblieben aus den alten Zeiten der
menschlichen kulturellen Geistesentwickelung, weil man im alten Hell-
sehen.eben die Dinge so erlebt hat, dafi man sie eigentlich nicht «ge-
wufit» hat, und daher konnte es wohl auch heute sein, dafi man die
geistige Welt so erleben mochte, dafi man sie eigentlich nicht «weifi».
Man unterschatzt das, was man durchsichtig klar weifi. Wenn man
zum Beispiel rechnet, so rechnet man nach der Methode. Da ist man
nicht selbst dabei. Wenn man addiert: fiinf und sieben ist zwolf -, so
ist man nicht so dabei, wie es hier gemeint ist, dafi man sich hinstellen
mufi, iiberall dabei sein mufi, um die Sache zu machen. Deshalb lieben
die Menschen nicht, dafi man eine Meinung iiber die Welt hat, die man
selbst gemacht hat. Sobald man den Menschen nur irgend etwas auf-
zeigen kann, wobei man nicht dabei war, dann sind sie froh, ungeheuer
froh! Wenn aber jemand kommt und zeigt: Er weifi von der geistigen
Welt, weifi so davon, dafi er dabei ist -, dann sagen die Leute: Oh, der
weifi das! Das ist ein ganz bewufiter Vorgang, das ist nicht objektiv. -
Wenn aber jemand kommt, der eine Lichterscheinung hat und der
keine Ahnung hat, wie er es hervorbringt, dann heifit es: Das ist objek-
tiv, ganz objektiv! Da kann man daran glauben. - Aber das ist gerade
der bedeutsamste Punkt in unserer Geisteswissenschaft, bei der geistigen
Stromung, die der wahren Geisteswissenschaft entspricht, dafi man
versucht, sich klare Vorstellungen zu machen. Gerade weil die Geistes-
wissenschaft noch etwas Neues ist, aber naturlich die Sehnsucht nach
der geistigen Welt und nach einem Wissen von der geistigen Welt jetzt
in den Menschenseelen erwacht, deshalb versuchen die Menschen iiber-
all, wo noch etwas heraufkommt aus der alten Welt des Hellsehens und
Hellfiihlens, da anzukniipfen, das zu sammeln, urn dann zu glauben,
man tate etwas ganz Besonderes, wenn man die alten Dinge konser-
viert. Aber darin besteht unsere Aufgabe: auf diesem Gebiete klar zu
sehen! Uns mufi klar sein, dafi es nicht minderwertig ist, wenn jemand
in bezug auf einen geistigen Heilungsprozefi einen vollstandig bewufi-
ten Rat gibt. Aber das werden die Menschen weniger schatzen, als wenn
jemand kommt, der die Geschichte «im Griff » hat, der sich ganz dunk-
len Gefiihlen uberlafk, der es gar nicht «weil5»; denn da hat man das
dunkle, wonnige Gefiihl: Das kommt aus etwas Unbekanntem her-
aus! — Und hort man denn nicht auf Schritt und Tritt, daft die Leute
sagen: Was man begreifen kann, das interessiert uns ja nicht, das Un-
begreifliche bringt uns einmal her! Das ist das Hohe, das Gottliche!
Wirklich, es ist notig, dafi nicht nur die einzelnen Wahrheiten der
Geisteswissenschaft nach und nach in unsere Seele einziehen, sondern
dafi wir uns einen klaren, sicheren Blick aneignen in bezug auf die
Verhaltnisse, die soeben benihrt worden sind und die sich uns ergeben
haben, indem ich versuchte, von der Charakteristik von Traumen aus-
gehend, zu zeigen, wie das wirkliche Hellsehen eine aktive Betatigung
der Seele voraussetzt, die sich vergleichen lafit mit dem Schreiben. Um
in diesen Dingen immer mehr und mehr Klarheit zu verbreiten, ist
meine Schrift «Die Schwelle der geistigen Welt» abgefafit. Wer sie
versteht, wird den Grundnerv, das Hauptsachlichste, worauf es bei un-
serer Bewegung ankommt, verstehen. Deshalb mufi immer wieder und
wieder darauf hingewiesen werden - trotzdem es ja im Laufe der Jahre
oft geschehen ist -, weil so viel darauf ankommt: Wer wirklich in die
Geisteswissenschaft eindringen will, mufi sich einen gesunden Blick
fur das wahrhaft Geisteswissenschaftliche aneignen. Dann werden wir
allmahlich zu einer Gesellschaft werden, die sich zur Aufgabe machen
kann, wirklich heilsam zu wirken in bezug auf alles, was in das Gebiet
des geistigen Lebens gehort.
Ober das, was heute begonnen worden ist als eine Charakteristik
uber die Traumwelt aus den geistigen Welten, werden wir bei nachster
Gelegenheit weitersprechen.
ROBERT HAMERLING, EIN DICHTER UND EIN DEN KE R
UND EIN MENSCH
Berlin, 26. April 1914
Es war am 15. Juli 1889. Da stand ich mit dem Dichter Rosegger und
dem osterreichischen Bildhauer Hans Brandstetter auf dem Friedhof zu
St. Leonhard bei Graz, als in das Grab hinabgesenkt wurde die Leiche
des osterreichischen Dichters Robert Hamerling. Robert Hamerling
war nach unsaglichen, man darf sagen, jahrzehntelang dauernden Lei-
den, die sich zuletzt bis zur Unertraglichkeit gesteigert hatten, einige
Tage vorher von dem physischen Plan abgerufen worden. Die Leiche
lag vorher aufgebahrt im kleinen, so wunderschonen Stiftinghaus an
der Peripherie der osterreichisch-steierischen Stadt Graz. Hamerling
lag da, das heifk die irdische Form, die verlassen war von dieser grofien
Seele, lag da, ein wunderbares Abbild in ihrer Form von einem Leben,
das gerungen hat nach den hochsten Hohen des Geistes. So ausdrucks-
voll, so sprechend war diese nur den irdischen Elementen ubrigge-
bliebene Form, aber auch so sehr der Abdruck der unsaglichen Leiden,
die diese Dichterseele in diesem Leben hat erfahren mussen! - Damals
sah man in der Umgebung derjenigen, welche die nachsten Leidtragen-
den waren, ein kleines Madchen, zehnjahrig, das Miindel Robert Ha-
merlings, welches durch seine vielversprechende, damals vielverspre-
chende Kindlichkeit die letzten Jahre des Dichters so sehr erfrischt und
verschont hat, jenes Madchen, dem der Dichter jene Verse gewidmet
hat, die im Grunde genommen so unendlich tief hineinfiihren in die
Stimmung Robert Hamerlings in seinen letzten Lebensjahren. Und weil
sie so tief hineinfiihren in das, was in Hamerlings Seele war, so gestatten
Sie, dal$ ich gerade diese Verse gleich hier vorlese.
AnB. (ertha)
Kind, das nun harmlos gaukelt wie ein Falter
Vorbei am Kranken, Schmerzgefolterten,
Wenn heimgehn du mich sahst nach langem Leid,
Gedenke meiner nicht im Braus der Jugend:
Nur fliichtig wiirdest meiner du gedenken;
Auch nicht im Liebes-, Eh'- und Muttergliicke:
Nur matt im Trubel ware dein Erinnern.
Mit secbzig Jahren erst gedenke meiner:
Des armen, kranken Mannes, den du gesehen
So Jahr fur Jahr auf seinem Schmerzenslager,
Und der, von unablafi'ger Qual gefoltert,
Muhselig achzend wen'ges nur gesprochen,
Der nichts dir war und nichts dir konnte sein.
Mit sechzig Jahren, Kind, gedenke seiner:
Dann denkst du sinnend seiner, lange sinnend,
Und spates, tiefes Mitleid iiberkommt dich
Mit dem, der ausruht langst von aller Qual.
Und eine Trane quillt dir aus dem Aug'
Als Totenopfer fiir den langst Verblichenen,
Der nichts dir war und nichts dir konnte sein.
Man braucht nicht die Lage des Dichters zu schildern, der diese Zeilen
schreiben konnte, die so machtig sprechen von dem Leiden, man darf
sagen, der ganzen zweiten Halfte seines Lebens. Die Welt hat sich
allerlei erzahlt, schon als Hamerling einen grofien Teil seines Lebens
ans Bett gefesselt war, von einem sybaritischen Leben, das der Dichter
des «Ahasver» fiihren sollte; es wurde sogar erzahlt, dafi er in einem
prunkvollen Hause in Graz lebe, dafi er sich vergniige an einer ganzen
Anzahl von Madchen, welche griechische Tanze auffiihren miifiten
Tag fiir Tag und dergleichen. Das alles konnte erzahlt werden in den
Tagen seiner Krankheit, die den Dichter ans Bett fesselte, in Zeiten, wo
draufien die herrlichste Sonne leuchtete. Er mufite in seinem kleinen
Stiibchen im Bette liegen, wenn er wufite, dafi draufien die Sonne iiber
die griinen Fluren hinschien, in der herrlichen Natur, wo er sich so gern
vergniigte, wenn er nur irgendeine kurze Zeit hatte, die er aufier dem
Bette zubringen konnte. Und diese herrliche Sonne, sie leuchtete gar so
schon, als wir am 15. Juli 1 889 den Verstorbenen zur letzten Ruhestatte
brachten. Es wird selten ein Leben geben, das, in einer solchen Weise
aufierlich zugebracht, so sehr mit jeder Fiber der Seele dem ergeben
sein konnte, was das Grofie, das Schone, das Gigantische, das Herrliche,
das Freudige in der Welt ist.
Ich erinnere mich einer Szene, wo ich in Wien mit einem jungen Mu-
siker zusammensafi, der sehr befreundet mit Hamerling war. Dieser
junge Musiker war im Grunde genommen ein armer Mensch, der friih
einem Seelenleid erlag. Er war ein tiefer Pessimist, der nie mude wurde,
iiber das Leben zu klagen. Und da er Hamerling so liebte, so hatte er
es so gem gehabt, wenn er sich hatte auf den Dichter Robert Hamer-
ling berufen konnen, wenn er iiber das Leben klagte. Aber einmal war
es, dafi der gute junge Musiker den Dichter Hamerling wieder einmal
als Pessimisten aufrufen wollte. Und ich konnte ein Zeitungsblatt her-
beirufen - wir safien zusammen in einem Cafe -, in welchem ein klei-
nes Gelegenheitsgedicht von Hamerling, «Pers6nliche Bitte» iiberschrie-
ben, enthalten war, und es dem jungen Musiker zeigen:
Personliche Bitte
Sagt, ich mache schlechte Verse -
Sagt, ich stehle Silberloffel -
Sagt, ich sei kein guter Deutscher,
Weil aus notgedrungner Rucksicht
Der Diat kein Judenfleisch ich
Und kein Slawenf leisch geniefie -
Oder ich verrate Dstreich,
Weil den Bismarck ich besinge -
Sagt, dafi mich der Gram verzehre,
Weil man mich zu selten lobt,
Und zuweilen schnod verlastert -
Aber Eines, bitt* ich, Eines
Saget nicht: dafi Pessimist ich -
Dafi in meinem Sang das letzte
Wort hat die blasiert-moderne,
Blode, stumpfe Daseinsunlust!
Pessimist war' drum der Dichter,
Weil er sich ergeht in Klagen?
Just weil ihm so schon die Welt
Und so reizend scheitit das Leben,
Wird er schmerzlich es bedauern,
Wenn versagt ihm blieb sein Anteil.
Soil, wer klagt, schon Pessimist sein,
Dann ist Pessimist auch jener,
Welchem ein O web entfuhr,
Als ein Zahn ihm ward gerissen!
Glaubt den Rezensenten alles,
Nur nicht, dafi ich Pessimist!
Dieses Wort haft ich — mir duftet's
Wie nach seiner letzten Silbe.
Die Stimmung Hamerlings charakterisieren doch auch solche Worte,
Worte, welche zeigen, wie man im tiefsten Schmerze stohnen und le-
ben kann, wie er - er hat das an Rosegger geschrieben - gerade lebte in
der Zeit, in welcher etwa diese «Personliche Bitte» geschrieben sein
kann. Er schrieb an Rosegger: «Ich furchte nicht, Pessimist zu werden,
aber ich furchte, da ich manchmal auch nur wenige Augenblicke den
immer fortdauernden Schmerzen abgewinnen kann, wahnsinnig oder
blodsinnig zu werden !» Wahnsinnig oder blodsinnig zu werden konnte
er furchten, aber nicht konnte er befurchten, Pessimist zu werden, er,
der seinen Dichterzug durch die Welt begonnen hat mit den Worten, die
wahrhaft wie ein ganzes Lebensprogramm wirken. Denn, als Robert
Hamerling seine erste grofiere Dichtung « Venus im Exil» in die Welt
schickte, da trug sie das Motto:
Zieh' hin, ein heiliger Bote,
Und sing' in freudigen Tonen
Vom tagenden Morgenrote,
Vom kommenden Reiche der Schonen.
Und so war er im Grunde genommen sein ganzes Leben lang. Es pragt
sich einem allerdings tief eine Szene ein, an die man erinnert werden
mufi, wenn man Hamerling, den osterreichischen Dichter, in seiner
ganzen Eigenart so recht verstehen will. Es ist einige Monate, einige
Wochen vor seinem Tode gewesen, da iibersiedelte er aus seiner Woh-
nung in der Stadt Graz - in der Strafie, die damals Realschulstrafte
genannt war, die jetzt Hamerlingstrafie heifit - in sein kleines Som-
merhauschen, das so lauschig gelegen war an der Peripherie der Stadt.
Zwei Dienstmanner mufiten den Kranken heruntertragen, drei Etagen
hoch, so hoch war seine Wohnung gelegen. Mehrmals war er einer Ohn-
macht nahe. Aber zu beiden Seiten hatte er, umwunden von einem
breiten Band, das ihm stolagleich vom Hals herunterhing, zwei Pakete
hangen, die eingewickelten Manuskripte seines letzten Werkes, der
«Atomistik des Willens». Es ist charakteristisch fiir die Art, wie dieser
Dichter lebte, und was er liebte. Nicht einen Augenblick wollte er die-
ses Manuskript seines philosophischen Werkes aus seinen Handen in
andere Hande geben! So krank war er, dafi er von zwei Dienstmannern
heruntergetragen werden mufite, aber bewahren wollte er sich das, wor-
in er lebte. Und jetzt wurde er heruntergetragen und hinausgefahren
nach dem Stiftinghaus, bei schonstem Sonnenschein, und stohnte: Ach,
wie angenehm, so zu fahren, nur nicht so krank, nicht so krank! - Aber
aus dieser aufieren Lebenslage heraus arbeitete eine Seele, ein Geist, der
zugewendet war allem Grofien, Schonen, allem Geistigen in der Welt,
arbeitete so aus der Quelle des Grofien, Schonen, Geistigen heraus, dafi
uns im Grunde genommen nur ganz natiirlich klingt, was er iiber die
pessimistische Stimmung sagte, was aber zugleich so klingt, dafi uns in
Hamerling ein Geist erscheint, der eine lebendige Dokumentation des
Kosmos ist dafiir, dafi in jeder menschlichen Lage moglich ist der Sieg
der Geisteskrafte im Menschen iiber die auch noch so sehr widerstre-
benden materiellen und sinnlichen Krafte.
Neunundfunfzig Jahre vorher, also im Jahre 1 830, war Robert Ha-
merling im osterreichischen Waldviertel geboren, in jenem osterreichi-
schen Waldviertel, das durch seine eigentiimliche Naturkonfiguration
so sehr - und zumal wohl noch mehr als heute, wo es auch schon durch-
kreuzt ist von Eisenbahnen - dazu geeignet ist, die Seelen, wenn sie
aufgeweckt sind, in sich selbst zu konzentrieren, die Seelen in sich selbst
zu vertiefen. Es ist im Grunde genommen eine von der Kultur ziemlich
verlasseneGegend, dieses Waldviertel, obwohl eine dorther stammende,
in dem diesseits der Leitha gelegenen Dsterreich, weit und breit be-
riihmte Personlichkeit in der ersten Halfte des 19. Jahrhunderts gelebt
hat. Diese Personlichkeit ist jetzt wohl vergessen, lebt aber wahrschein-
lich wenigstens noch in der Umgebung des Waldviertels in der Erinne-
rung der Leute, in zahlreichen Sagen des Volkes nach. Ich mufi sagen,
ich habe von der Beruhmtheit dieser Personlichkeit oftmals erzahlen
horen, denn meine beiden Eltern stammten aus dem Waldviertel, und
so konnte ich den Nachklang dieser eigentumlichen Beriihrntheit we-
nigstens horen, der charakteristisch ist fur die ganze kulturf remde Stim-
mung des Waldviertels. Diese beruhmte Personlichkeit war namlich
einer der «beruhmtesten» Raubmorder jener Zeit: der Grasel. Beriihm-
ter als alle, die aus dem Waldviertel hervorgegangen waren, ist sicher
dieser Grasel.
Hamerlinghat noch in seinen spateren Jahren einmal einiges uber das
Waldviertel geschrieben, und ich mochte nur ganz wenige Zeilen von
dem vorlesen, was er uber das Waldviertel geschrieben hat, von seinem
Heimatlande, in dem er in dem ersten Jahrzehnt oder in den ersten
funfzehn Jahren seines Lebens aufgewachsen ist. Ich will es vorlesen,
weil ich glaube, dafi durch solche Schilderung viel mehr Streiflichter
auf das geworfen werden, was Hamerling ist, als durch irgendeine pro-
fessorate Charakterisierung. So schreibt er: «Ich weifi nicht, wieviel
die Erbauung einer Eisenbahn, welche das Waldviertel beriihrt, an der
Weltabgeschiedenheit desselben geandert hat. Im Jahre 1867 war das
Erscheinen eines Fremden dort noch ein Ereignis. Kam ein solcher zu
Fufi oder zu Wagen des Weges, so blieben die pfliigenden Rinder auf
dem Felde stehen, um mit seitwarts gewendeten Kopfen die neue Er-
scheinung anzuglotzen. Der Bauer machte einige schwache Versuche,
sie mit der Geifiel anzutreiben - vergebens; am Ende tat er wie sie, und
der Pflug rastete, bis der Fremde hinter dem nachsten Hiigel oder
Waldchen verschwunden war. Auch das ein Bild von idyllischer Stim-
mung!»
Aber wie eine Seele herauswachst aus der Umgebung, wie eine Indi-
vidualist wird, das zeigt sich uns ganz besonders an Hamerling. Der
Sohn eines armen Webers war er. Und als Hamerling noch nicht ein-
mal das «Ich» aussprechen konnte, wurden die Eltern aus dem Hause
fortgejagt, weil sie ganz verarmt waren. Der Vater mulke in die Fremde
ziehen, die Mutter blieb mit dem kleinen Hamerling in dem Schonauer
Waldviertel zuriick. Da erlebte das Kind die Schonheiten des Wald-
viertels. Und dem spateren Hamerling blieb aus jener Zeit eine Szene
im Gedachtnis zuriick, von der er glaubte, daf> er durch jenes Erlebnis
eigentlich sein Wesen gewonnen hat. Als siebenjahriger Knabe stieg er
einmal einen Hiigel hinunter. Es war am Abend, im Westen ging die
Sonne hinunter. Goldig kam es ihm aus dem goldenen Sonnenschein
entgegen, und was in Hamerlings Augen aus dem goldigen Schein her-
ausglanzte, schildert er in der folgenden Weise: «2u den bedeutsamsten,
aber freilich am schwersten mitteilbaren Erinnerungen meiner Kna-
benzeit gehoren die oft seltsamen Stimmungen, die teils als lebhafte
Eindriicke und Anregungen des Moments, meist vom Naturleben um
mich her ausgehend, teils als wache Traume und Ahnungen durch die
Seele des umherschweif enden Knaben zogen. Der Mystiker Jakob Bohnie
erzahlte von sich, dafi der hohere Sinn, das mystische Geistesleben auf
wunderbare Weise in dem Momente bei ihm erweckt worden sei, als er
sich traumend in den Anblick einer im hellen Sonnenlicht funkelnden
zinnernen Schussel versenkte. Vielleicht hat jeder geistigeMensch so eine
Jakob Bohmesche Zinnschiissel irgendwelcher Art gehabt, von welcher
seine eigentliche innere Erweckung sich herschreibt. Ich erinnere mich
sehr lebhaft an einen gewissen Abend, an welchem mir - ich mochte sie-
ben Jahre zahlen als ich einen Bergabhang herunterging, der Sonnen-
untergang im Westen wie eine Wunder- und Geistererscheinung entge-
genleuchtete und mein Gemiit mit einer unvergefllich-merkwurdigen
Stimmung, mit einer Ahnung erfullte, die mir heute wie eine Berufung
erscheint und in welcher mein ganzes kiinftiges Geschick sich spiegelte.
Ich eilte mit gehobener Brust einem unbekannten Ziel entgegen und zu-
gleich lag eine Schwermut iiber meiner Seele, dafi ich hatte weinen
mogen. Ware jener Moment ein aus seinen nachsten Bedingungen er-
klarlicher, nicht in seiner Art einziger gewesen, er hatte sich gewifi
nicht so unausloschlich in mein Gedachtnis eingegraben.»
So war es in des Dichters siebentem Jahre, so war es, als die dichte-
rische und die Geistesmuse ihm nahte. Dazumal wurde, man mochte
sagen, aus dem Kosmos selber heraus in diese Seele der Keim gelegt zu
allem, was dann aus ihr wurde. Es ist schon, wenn Hamerling einer
solchen Erscheinung, wie einem Wunder, das der Kosmos selber mit
ihm angestellt hatte, seine dichterische Berufung zuschreibt.
Wegen der Verarmung der Eltern mufke der Knabe aufgezogen
werden in dem Zisterzienserkloster Zwettl. Er mufke dafiir, dafi er
dort den ersten Gymnasialunterricht erhieit, im Chor der Sangerknaben
des Klosters mitsingen. Hamerling war damals zwischen zehn und
vierzehn Jahren, als er in diesem Kloster war. Er hatte sich innig an-
geschlossen an eine merkwiirdige Personlichkeit in diesem Kloster, an
den Pater Hugo Traumihler. Der Pater Traumihler war ein Asket, eine
Personlichkeit, ganz ergeben mystischer Versenkung und asketisch
strengem Leben. Man kann sich denken, wie der Knabe, in dem im
Grunde genommen damals schon der Durst nach der Schonheit des
Weltalls lebte, aber doch der Drang nach Vertiefung der Seele immer
rege war, angeregt werden konnte von den inneren Erlebnissen, die der
eigenartige Pater Traumihler ihm erzahlen konnte von dem inneren
Versenken in die Herz- und Seelengeheimnisse eines Mystikers, eines
Mystikers sehr elementarer, primitiver Art, der aber einen grofien Ein-
druck auf die Seele Hamerlings machte. Aber man kann Hamerling
nicht als Dichter schildern, wenn man nicht hinweist auf das, was in
ihm so einzig grofi war: die Sehnsucht, ein grofier Mensch zu sein. Als
er spater einmal, nachdem er langst aus dem Waldviertel weg war,
wieder eine Reise dorthin machte, da fragten die Leute, die wufiten,
dafi er von dort stammte, was er denn werden wolle. Aber Hamerling
hatte sich, obwohl er bereits weit die Zwanzig uberschritten hatte, nicht
iiberlegt, was er werden wollte. Und da fiel ihm auf, dafi man in diesen
Jahren an die Frage herantritt: Was willst du werden? - Und er mufke
sich immer sagen: Ja, was ich werden will, das kann ich den Leuten
doch nicht sagen, denn das verstehen sie nicht. Denn wenn ich gefragt
werde: Was willst du werden? — so mochte ich antworten: Ich will ein
Mensch werden! - Und so hat er denn manchmal gesagt, er wolle Phi-
iologe werden, manchmal, er wolle Astronom werden oder dergleichen.
Das verstanden die Leute. Aber dafi man die Absicht haben kann -
Hamerling war damals schon ein studierter junger Mann -, ein Mensch
zu werden, das hatten sie nicht verstehen konnen.
Nun wiirde viel zu erzahlen sein iiber den Werdegang des Dichters
Hamerling, und vor allem ware dariiber viel zu sprechen, wie sich in
seine Seele herauflebt ein dreifaches. Das erste, was in ihm ganz leben-
dig wurde, war das, was er spater in seiner «Atomistik des Willens» in
die einfachen Worte gefaftt hat: dafi die Griechen das Weltall mit «Kos-
mos» benannt haben, was zusammenhangt mit Schonheit. Das war ihm
bezeichnend fiir den griechischen Geist; denn seine Seele war trunken
von der Schonheit, die das Weltall durchpulst. Und die Menschheit
wieder trunken zu erblicken von der Schonheit, das war alles, was sein
Herz ersehnte und was er in dichterische Tone ausgieften wollte. Und
so strebte in ihm alles nach der Schonheit hin, nach der schonheits-
trunkenen griechischen Welt, und er sah so vieles, was in das Menschen-
leben eingezogen ist, was sich wie ein triiber Flor hiniiberzieht iiber das,
was gewollt ist in der Natur, iiber das, was gewollt ist von der Natur in
Schonheit. Und Schonheit war fiir Hamerling eins mit Geistigkeit. So
drang denn oft sein Blick hinaus iiber alles, was er von dem Griechen-
tum wulke, und sah zugleich mit Wehmut hinein in die moderne Kul-
tur, fiir die er dichten wollte. Dichten aber wollte er fiir diese moderne
Kultur, um in sie hineinzusenken alle die Tone, welche die Menschen
wieder aufmuntern konnen, Schonheit und Geistigkeit in das Leben
hineinzutragen, um so wieder zu einem gliicklichen Erdendasein zu
kommen. Unmoglich war es fiir Hamerling, dafi man von einer Diskre-
panz zwischen Welt und Schonheit im Menschenleben sprechen konnte.
Daft das Schone das Leben durchdringen rmifite, dafi das Schone auf
der Welt leben miisse, das war es, was ihn ganz und gar begeisterte, wo-
fiir er auch am liebsten ganz und gar gelebt hatte, von Jugend auf. Das
war wie ein Instinkt in seiner Seele. Aber er mufite sich hineinleben in
so manches, was ihm zeigte, wie sich die moderne Zeit hindurchringen
mufite durch vielfaches, was im Leben die Ideale durchkreuzt.
Hamerling machte dann als Student mit das Jahr 1848. Und er, der
selbst die freiheitiiche Bewegung mitmachte, wurde wegen dieses «gro-
fien Verbrechens» vor die Polizei gefiihrt und wie viele, die damals in
Wien die freiheitiiche Bewegung mitgemacht hatten, einer besonderen
Strafe zugefuhrt. Sie wurden namlich zu dem Barbier gefiihrt, und es
wurden ihnen die Haare geschnitten zum Zeichen dafiir, daft man ein
«Demokrat» war, wenn man iiber das Polizeimafi des Erlaubten hin-
ausgegangen war. Das andere, was damals nicht erlaubt war - wir
haben heute doch schon in dieser Beziehung einen Fortschritt, denn
heute werden einem nicht die Haare abgeschnitten, weil man freiheit-
lich gesinnt ist -, das war, einen breitkrampigen Hut zu tragen, der gait
wieder als ein Zeichen einer demokratischen Gesinnung, sondern man
mufke eine sogenannte « Angstr6hre» tragen, den Zylinderhut. Der war
polizeilich vollstandig berechtigt. Durch dieses und manch anderes
noch mufite sich Hamerling hindurchwinden. Als ein kleines Zeichen
dafur, wie sich die Welt zu dem grofien Dichter verhielt, sei nur noch
das eine angefuhrt, wovon ich glaube, dafi sich daraus eine bessere
Charakterisierung ergibt als durch ein abstraktes Charakterisieren.
Es war, als Hamerling seine Universitatsjahre absolviert hatte und
nun die Lehramtspriifung ablegen sollte. In bezug auf Griechisch, La-
teinisch und Mathematik bestand er die Priifung gut. Geradezu glan-
zend ist das Zeugnis, das ihm iiber Griechisch und Lateinisch ausgestellt
wurde. Dann aber lesen wir, dafi er zwar vorgegeben hatte, einige Bu-
cher iiber Grammatik gelesen zu haben, aber was er in der Priifung ge-
zeigt hatte, das hatte nicht darauf hingewiesen, dafi er sich griindlich
mit der deutschen Sprache und ihrem Studium befafit hatte. Ein solches
Zeugnis wurde einem Manne ausgestellt, der durch das ganz Eigenar-
tige, durch das Einzigartige seines Stiles, die deutsche Sprache so un-
endlich bereichert hat!
Aus dem Jahre 1851 mochte ich noch ein Erlebnis Hamerlings her-
vorheben. In jener Zeit lernte er eine Familie kennen, und er ware ein-
mal dort gern bei einem Abendfest geblieben, aber er konnte nicht da-
bei sein. Da wurde ihm aber von der Tochter des Hauses ein Glaschen
Punsch in seine kleine Studentenstube hinubergeschickt. Und wie wurde
ihm? Es wurde ihm so, dafi er plotzlich den Drang bekam, Papier und
Bleistift zu nehmen, und da fuhlte er sich plotzlich in einer anderen
Welt. Zuerst sah er, wie in einem grofien Tableau eingezeichnet, Bilder
der Weltgeschichte. Dann gingen diese Bilder iiber in ein Chaos von
Bluten, Moder, Blut, Molchen, Goldfriichten, blauen Augen, Harfen-
klangen, Verwiistungen des Lebens, Kanonendonner und streitende
Menschen. Historische Szenen abwechselnd mit Bluten und Salaman-
dern, claim, wie sich herauskristallisierend aus dem Ganzen, eine
bleiche, ernste Gestalt mit eindringlichen Augen. Der Anblick dieser
Gestalt brachte Hamerling zu sich. Er schaute auf sein Papier. Und auf
seinem Papier stand, was, bevor die Vision aufgetreten war, nicht dar-
auf gestanden hat, der Name Ahasver, und unten der Plan zu einer
Dichtung « Ahasver ».
Das ist das Eigentiimliche an Hamerling, dafi er ein selten tiefes In-
teresse hatte fur alles, was die Menschenseele bewegen kann in ihren
Hohen und Tiefen, vereinigt mit, man mochte sagen, einer Trunken-
heit fiir das Schone. Daher war es auch, dafi es als so gliicklich fur ihn
bezeichnet werden mufite, dafi er wahrend einer Zeit von zehn Jahren
ein Gymnasiallehreramt in Triest innehatte und diese Zeit an der herr-
lichen Adria zubringen und dann die Ferien in dem benachbarten Ve-
nedig erleben konnte. Dieses Venedig lernte er kennen, so kennen, dafi
er in spateren Jahren noch die einzelnen Winkel und Gafichen wufite,
die er immer wieder und wieder an den schonen Abenden abgelaufen
war. Da ieuchtete ihm die Natur entgegen, Schonheit, sudliche Schon-
heit, wonach seine Seele so sehr durstete. Diese sudliche Schonheit, sie
bliiht noch heraus aus den Dichtungen, die, wie unter seinen Erstlings-
werken, schon die eigenartige Begabung Robert Hamerlings anzeigen
als dem «Sangesgrufi von der Adria». Dann kam seine Dichtung « Venus
im Exil», Venus nicht blofi gedacht als die Verkorperung irdischer
Liebe, sondern als die Tragerin der Schonheit, die durch den Kosmos
waltet und webt, die aber fiir die heutige Menschheit wie im Exil ist.
Und aus dem Exil Schonheit und Liebe zu bef reien, das betrachtete Ro-
bert Hamerling als seine dichterische Sehnsucht, Dichtersehnsucht. Da-
her dieses Ihnen vorgelesene Motto:
Zieh* hin, ein heiliger Bote,
Und sing 1 in freudigen Tonen
Vom tagenden Morgenrote,
Vom kommenden Reiche der Schonen.
Aber diese Hamerling-Seele konnte nicht vom «tagenden Morgen-
rote, vom kommenden Reiche der Schonen » singen, ohne hineinzu-
blicken in alle Untergriinde der Menschenseele. Und wie sich diese
Untergriinde der Menschenseele vor Robert Hamerling hinstellten, die
Vision iiber Ahasver hat es gezeigt. Dichterisch stand sie immer wieder
und wieder vor seiner Seele, bis er dichterische Gestaitung fur die Per-
sonlichkeit des Ahasver fand. So trat sie ihm vor die Seele, dafi ihm
Ahasver der im Leben gebliebene Keim wurde, der durch das ganze
Menschenleben geht als die Personifikation einer menschlichen Indi-
vidualist, die dem Leben entfliehen mochte und nicht kann, einer
menschlichen Individuality, die dann gegeniibergestellt wird der Ge-
stalt des Nero in Rom, jener Gestalt, die das Leben immer sucht und es
in der sinnlichen Oberfulle nicht finden kann, die daher immer suchen
Man sieht, wie die Gegensatze des Lebens an Robert Hamerling her-
antraten. Das zeigt sich dann noch mehr in seiner Dichtung «Der K6-
nig von Sion», worin er eine Gestalt schildert, die den Mitmenschen
wieder geistiges Heil aus den geistigen Hohen herunterholen will, dabei
aber in die menschliche Schwache verfallt, in die Sinnlichkeit und so
weiter. Wie sich die Gegensatze des Lebens beriihren, das trat immer
wieder vor die Seele Hamerlings. Und er wollte es dichterisch verkor-
pern. Griechenland stand vor seiner Seele auf, wie er es wieder her-
stellen wollte. In seiner «Aspasia» schildert er es, jenes Griechenland,
wie er es sich vorstellte, schildert das Land seiner Sehnsucht, die Welt
des Schonen mit allem, was die Welt des Schonen auch als ihre Schat-
tenseiten an sich tragen kann. Ein wunderbares kuiturhistorisches Ge-
dicht wird, als ein Roman in drei Teilen, «Aspasia». Daft man Robert
Hamerling nicht verstehen konnte, mir trat es symptomatisch entgegen,
wie ich in einem alten Winkel zusammentraf mit einem Menschen, aus
dessen Augen Mifigunst strahlte, um dessen Mund Hafilichkeit sich
ausdriickte. - Selbstverstandlich, nicht korperliche Hafilichkeit soil
damit gemeint sein, denn die kann sogar im hochsten Mafie schon sein. -
Dieser Mensch war einer der bissigsten Kritiker der «Aspasia». Er
nahm sich gleichsam so aus, wie der «hafilichste Mensch» dem schon-
heitstrunkenen Dichter gegemiber, und es ist begreiflich, dafi die bis-
sige Seele den schonheitstrunkenen Dichter nicht verstehen konnte!
So war das ganze Streben Robert Hamerlings. Ich hatte viel zu er-
zahlen, wenn ich den ganzen Gang Robert Hamerlings durch die Ge-
schichte wiedergeben wollte. Danton, Robespierre suchte er zu behan-
deln, bis zu dem Homunkulus hin, worin er das ganze Groteske der
modernen Kultur verkorpern wollte. Ich hatte auch viel zu sagen, wenn
ich schildern wollte, wie die lyrische Muse Robert Hamerlings auf der
einen Seite immer wieder und wieder aus aller Schonheit der Natur,
aus alien herrlichen Farben der Natur, anderseits aus allem Geist der
Natur die sinnenden Tone zu finden suchte, die seine Dichtungen durch-
ziehen. Und wieder hatte ich viel zu sagen, wenn ich nur andeutend
charakterisieren wollte, wie in diesen lyrischen Dichtungen Hamer-
lings alles das lebt, wodurch die Menschenseele Trost finden kann uber
das Kleine im Grofien, wie ihr aus diesen Dichtungen der unbesiegliche
Glaube fliefien kann, dafi, wie auch die Damonen der Zwietracht und
des Unschonen ihre Herrschaft geltend machen mogen, doch uber die
Menschenseele das Reich des Schonen kommen kann. Eine Seele war
die Seele Hamerlings, die leiden konnte im Leben und die sich freuen
konnte mitten im tiefsten, schmerzlichsten Leiden an den Schonheiten
der geistigen Wirksamkeit, die um sich schauen konnte die Disharmo-
nien des Tages und tief innerlich versenkt sein konnte, wenn der Ster-
nenhimmel iiber den Gewassern aufging, in die Schonheiten der Nacht.
In sinnvolle Tone konnte Hamerling diese Stimmung fliefien lassen.
Wo von ich gern eine Vorstellung hervorgerufen hatte durch Worte,
die Hamerling mehr symptomatisch charakterisieren wollten, das ist,
dafi Robert Hamerling erscheint wie der Dichter aus dem letzten Drittel
des 19. Jahrhunderts, der das Bewufitsein der besseren Zukunft der
Menschheit unbesiegbar in sich tragt, weil er ganz durchdrungen ist von
der Wahrheit der Schonheit im Weltall, dafi er der Dichter ist, der zu-
gleich schildern kann, wie der Geist im Menschen Sieger werden kann
iiber alles, was an materiellen Hemmnissen und Hindernissen gegen die
geistige Natur des Menschen heranrikkt. Nur durch einzelne Zuge in
Hamerlings Leben wollte ich dieses charakterisieren.
Man versteht Hamerling, den Dichter, nicht, wenn man nicht dar-
auf hinweist, wie dieser Hamerling sein ganzes Leben lang daran ge-
hangen hat, sich die Frage zu beantworten: Wie werde ich ein Mensch? -
Alles, was er geschaffen hat, hat menschliche Grofie, nicht immer
gleich dichterische Grofie, denn die dichterische Grofie ist bei Hamer-
ling erst eine Folge seiner menschlichen Grofie. Es war fiir Hamer-
lings Seele immer so, dafi es, wenn er dahin, dorthin sah und Dishar-
monien im Leben erblickte, wie ein unbesieglicher Drang in seiner
Seele lebte, die dazugehorige Harmonie zu finden, zu finden, wie sich
alles Haflliche auflosen mufi vor dem rechten Blick der Menschen-
natur in Schdnheit. Ich mochte, weil dies so charakteristisch ist fiir
Hamerling, ein kleines, unbedeutendes Gedichtchen zum Schlufi vor-
lesen, das in der Anlage, im Gedanken seiner ersten Jugend eigentlich
entsprossen ist, das aber, wenn auch in primitiver dichterischer Ein-
fachheit, die Stimmung charakterisiert, die durch sein ganzes Leben
gegangen ist.
Lowe und Rose
Es trat auf eine rote
Rose der Low* im Zorn;
Da blieb ihm in der Pfote
Der zarten Blume Dorn.
Es schwoll, es schmerzte die Pranke,
Der grimme Low* ist tot;
Frisch labt sich am Morgentranke
Des Taus die Rose rot!
Sei noch so fein das Feine,
Das Grobe noch so grob,
Das Feine, Zarte, Reine,
Das Schone siegt doch ob!
Das war Hamerlings Stimmung - das geht aus allem, was er geschaf-
fen hat, hervor die sein ganzes Leben durchzog:
Sei noch so fein das Feine,
Das Grobe noch so grob,
Das Feine, Zarte, Reine,
Das Schone siegt doch ob!
DIE ERWECKUNG SPIRITUELLER GEDANKEN
ALS 2EITFORDERUNG
Basel, 5. Mai 1914
Es ist mir eine besondere Befriedigung, dafi wir uns hier zusammen-
finden konnen, gewissermafien herausgerissen aus unserer Dornacher
Bauarbeit. Allein es schien mir eine Unmoglichkeit, so rein raumlich
in unmittelbarer Nahe unseres Baues zusammenzusein, und nicht auch
zusammenzukommen, um anthroposophische Dinge zu besprechen.
Hoffentlich ergibt sich die Moglichkeit, dies ab und zu wahrend des
Jahres mehrmals zu tun, da ja sonst gerade unsere am Bau arbeitenden
Freunde weniger Gelegenheit haben wiirden, an solchen Besprechungen
teilzunehmen, als sie schlieftlich in den Zeiten haben, in denen sie ihre
Krafte nicht diesem Bau widmen.
Womit wir heute beginnen mochten, das sollen einzelne Betrach-
tungen sein iiber das geistige Leben, die uns niitzlich sein konnen, wenn
wir einmal in ruhiger Stunde eine Oberschau halten iiber die Frage:
Welche Bedeutung kann fur uns als menschliche Seelen die Geisteswis-
senschaft, welche Bedeutung kann das anthroposophische Leben ha-
ben? - Es konnte ja, insbesondere demjenigen Menschen der Gegenwart,
der noch wenig sich eingelebt hat in anthroposophisches Denken und
Fiihlen und Empfinden, sehr leicht scheinen, als ob die Frage berech-
tigt sein konnte: Ja, wozu braucht man sich eigentlich zu kiimmern
um das geistige Leben, um die geistige Welt, da wir doch jedenfalls -
so konnte ja auch der materialistisch Gesinnte sagen - nach dem Tode
in diese geistige Welt hineinversetzt werden und dann schon erfahren
werden dasjenige, was wir iiber sie zu erfahren haben. Warum sollten
wir uns nicht damit begniigen konnen, hier in diesem Leben zwischen
Geburt und Tod einfach dasjenige zu tun, was sich aus dem Leben
in der physischen Welt eben ergibt, und warum sollten wir unserem
Leben einen Nachteil bringen, wenn wir unsere physischen Pflichten
tun, die sich in der physischen Welt ergeben, und im ubrigen im Un-
bestimmten lassen dasjenige, wie es sich mit der geistigen Welt ver-
halten mag? - Es ist das ein Ausspruch und eine Frage, die man ja oft-
mals gehort hat, als die materialistische Hochflut, namentlich im letz-
ten Drittel des 19. Jahrhunderts, iiber die Menschheitsentwickelung da-
hin ging. Und es waren gar nicht immer die ethisch schlechtesten See-
len, die sagten: Seien wir doch wahrend unseres Lebens auf Erden be-
dacht auf die Pflichten, die uns auf Erden erwachsen, und iiberlassen
wir das iibrige einer "Welt, die wir nach dem Tode etwa betreten. -
Oft hat man das horen miissen.
Nun sei zunachst auf eines aufmerksam gemacht, welches fur den
Verstandigen, der nun beginnt sich einzuleben, man mochte nicht ein-
mal sagen in Geisteswissenschaft, sondern nur in ein wirklich logisches
Denken, es sei etwas erwahnt, was fur ihn sogleich einleuchtend sein
kann. Der Mensch verbringt ja eigentlich nur einen Teil der Zeit zwi-
schen Geburt und Tod wirklich in der physischen Welt, das heifit, er
verbringt in der physischen Welt die Zeit, in der er wach ist. Und min-
destens miifite derjenige, der vielleicht noch wenig an das Denken
uber die geistige "Welt herangetreten ist, jedoch logisch denken kann,
zugeben, dafi der Mensch in seinem bewufken Seelenleben iiber das
Schlafleben zunachst ebensowenig unterrichtet ist wie iiber das Leben
nach dem Tode. Und nicht gut kann schliefilich ein logisches Denken
das Fortleben im Schlafe ableugnen, es miiiSte dann ein solches logisches
Denken sich abfinden konnen mit der Behauptung, dafi man wirklich
an jedem Abend zugrunde geht und am morgen neu entsteht. Das wird
ein logisches Denken wohl nicht tun, aber ebensowenig wird sich ein
wirklich logisches Denken entschliefien konnen zu behaupten, dafi in
dem schlafenden Leibe, der im Bette liegt, wirklich der ganze Mensch
enthalten sei. Mindestens miifiten die Leute iiber die Tatsache des
Schlafes nachdenklich werden. Und wenn die Leute iiber die Tatsache
des Schlafes nachdenklich werden, wird ihnen das schon einen Impuls
geben, sich doch ein wenig auseinanderzusetzen mit dem, was Geistes-
wissenschaft der Welt zu geben hat. Gerade die Naturwissenschaft
wird immer mehr und mehr dazu kommen, einzusehen, daft in dem
schlafenden Menschen, das heiftt in dem physischen Leib des schlafen-
den Menschen, das eigentlich seelische Wesen des Menschen nicht vor-
handen ist, nicht da ist. Aber wohl kaum wird dieses Jahrhundert na-
turwissenschaftlicher Entwickelung zu Ende gehen, ohne daft die Na-
turwissenschaft auch aus sich heraus diese Erkenntnis, die eben ange-
deutet worden ist, haben wird. Dann wird diese Naturwissenschaft
schon anfragen bei der Geisteswissenschaft, und dann wird sie durch
sich selbst gezwungen werden, diese Naturwissenschaft, anzuerkennen,
daf5 das, was wir des Menschen geistig-seelische Wesenheit nennen,
wirklich aufier Verbindung ist mit dem Leiblich-Physischen im Schlaf .
Und dann wird wichtig werden, immer wichtiger werden fur die Men-
schen des 20. Jahrhunderts, etwas liber diesen Schlaf zu wissen. Und
uns eine Vorstellung zu machen liber dasjenige, was im Laufe des 20.
Jahrhunderts die Menschen werden wissen miissen iiber die Natur des
Schlaf es, damit wollen wir heute beginnen.
Wir wissen ja aus unseren geisteswissenschaftlichen Studien, daft der
Mensch mit den zwei Gliedern seiner Wesenheit, dem Ich und dem
Astralleib, aus dem physischen und dem Atherleib heraus ist, wenn der
Mensch schlaf t. Wir konnen die Frage aufwerfen: Ja, wo sind denn
Ich und Astralleib wahrend des Schlaf es? — Zunachst konnen wir ant-
worten: Nun, in der geistigen Welt. - Ja, in dieser geistigen Welt sind
wir ja aber eigentlich immer. Wir sind in der geistigen Welt wirklich
immer drinnen, weil ja diese geistige Welt nicht irgendwo abgesondert
ist von der aufieren Welt; sondern wie uns physisch die Luft iiberall
umgibt, so umgibt uns geistig die geistige Welt. Wir sind also auch im
wachenden Zustand in der geistigen Welt immerfort drinnen. Aber wir
sind im Schlaf anders in dieser geistigen Welt, als wir im Wachzustand
darin sind. Nun geniigt es ja gewissermaften, ich mochte sagen flir die
gewohnlichsten nachsten Bedurfnisse der Geisteswissenschaft, die Sache
so zu sagen: Man ist mit seinem Ich und Astralleib aufterhalb des phy-
sischen und Atherleibes im Schlaf. Aber man sagt, indem man dieses
ausspricht, doch im Grunde genommen nur die halbe Wahrheit. Die
halbe Wahrheit sagt man ja, aber man sagt eben nur die halbe Wahr-
heit. Es ist so im Grunde genommen, als wenn man sagte: In der Nacht
ist die Sonne aufierhaib der Erde. - Nur fur diejenigen Bewohner, nicht
wahr, die in Europa leben, ist in der Tat die Sonne aufterhalb ihrer
Erde wahrend der Nachtzeit. Aber wir wissen: nicht fur alle Bewoh-
ner der Erde ist es so. Im Grunde genommen ist es so mit unserer We-
senheit, insofern wir ein Ich und ein Astralleib sind, im Schlaf. Wirk-
lich aufierhalb, man mochte sagen, vollig aufierhalb unseres physischen
und Atherleibes sind wir mit unserem Ich und Astralleib erst nach dem
Tode. Wahrend des Schlafes sind wir, streng genommen, mit unserem
Ich und Astralleib au£erhalb unseres Blutes und unseres Nervensystems.
Aber wenn gleichsam die Sonne unseres Wesens, unser Ich und Astral-
leib, untergehen fur unser Blut und unser Nervensystem, die sie wah-
rend des Tages durchdringen, so gehen sie auf fur die andere Halfte des
Menschen, fur die Organe, die nicht Blut und Nervensystem sind. Mit
denen steht der Mensch wahrend des Schlafes in einer innigen Verbin-
dung. Wirklich, wie unsere Sonne, die uns wahrend des Tages scheint,
wenn sie fiir uns untergeht, fur andere Erdbewohner aufgeht, so ist
es mit Ich und Astralleib. Wenn sie untergehen fiir unser Blut und Ner-
vensystem, so gehen sie auf fiir die anderen Organe und sind mit diesen
dann urn so energischer verbunden. Nun sind diese anderen Organe,
mit denen nun wahrend der schlafenden Zeit unser Ich und Astralleib
verbunden sind, in der Tat diejenigen, welche geradeso wie alles, was
in der Welt existiert, aus der Geistigkeit heraus aufgebaut sind. Und
nun liegt fiir unsere Schlafenszeit das Merkwiirdige vor, dafi wir von
unserem Ich und Astralleib aus stark beeinflussen diese aufierhalb un-
seres Nervensystems und unseres Blutes gelegenen Organe unseres Lei-
bes. Wahrend wir bei tagwachender Zeit von unserem Ich und Astral-
leib aus stark unser Nervensystem und unser Blut beeinflussen, beein-
flussen wir unsere anderen Organe und auch das an unseren anderen
Organen, was nicht gewissermafien von Blut und Nerven selber aus-
geht, sondern was von unseren Nerven in das Blut hineinspielt, be-
einflussen wir dies alles von unserem Ich und Astralleib aus besonders
stark im Schlaf .
Wenn das der Fall ist, so ergibt sich etwas anderes, ich mochte sa-
gen, leicht Begreifliches. Das leicht Begreifliche ergibt sich daraus, dafi
es nicht gleichgultig ist, wie wir mit unserem Ich und Astralleib in den
Schlaf hineingehen. Dem Materialisten kann das zunachst ja ganz
gleichgultig sein, wie es mit seinem Ich und Astralleib, von denen er
ja gar nicht spricht, sich verhalt im Schlaf. Derjenige, der die Dinge
durchschaut, weifi, dafi unsere Organe, insofern sie nicht direkt in Be-
tatigungen des Blutes und des Nervensystems, also im bewulken Leben
sich aufiern, abhangig sind von dem, was in unserem Ich und Astral-
leib so ist, dafi es sich insbesondere wahrend des Schlafes betatigt.
Vielleicht kann man iiber eine solche Sache am besten durch ein Bei-
spiel sprechen. Ein naheliegendes Beispiel sei genommen.
In unserer Zeit gibt es bekanntlich eine Furcht, die sich ganz sinnge-
mafi vergieichen lafit mit der mittelalterlichen Furcht vor Gespenstern.
Das ist die heutige Furcht vor den Bazillen. Die beiden Furchtzustande
sind sachlich ganz dasselbe. Sie sind auch insofern ganz dasselbe, als
ein jedes der beiden Zeitalter, das Mittelalter und die Neuzeit sich so
verhalten, wie es sich fur sie schickt. Das Mittelalter hat einen gewis-
sen Glauben an die geistige Welt; es fiirchtet sich selbstverstandlich
dann vor geistigen Wesenheiten. Die neuere Zeit hat diesen Glauben an
die geistige Welt verloren, sie glaubt an das Materielle, sie fiirchtet sich
also vor materiellen Wesenheiten, wenn diese auch noch so klein sind.
Ein Unterschied konnte, nicht wahr, sachlich hochstens darin gefun-
den werden, dafi die Gespenster doch wenigstens gewissermafien an-
standige Wesen sind gegeniiber den kleinwinzigen Bazillen, die kei-
neswegs eigentlich, ich mochte sagen, wirklich Staat machen konnen
mit ihrem Wesen, so dafi man sich wirklich so ernsthaftig fiirchten
konnte vor ihnen wie vor einem anstandigen Gespenst. Nun soil ja
damit selbstverstandlich nicht gesagt werden, dafi die Bazillen durch-
aus gepflegt werden sollen, und dafi es etwas Gutes ist, recht viel so-
zusagen mit Bazillen zusammenzuleben. Das soil durchaus nicht ge-
sagt werden. Aber es widerspricht auch nicht dem, was gesagt wurde,
denn schliefilich Bazillen sind gewiiS da, aber Gespenster waren auch
da. Fur diejenigen, die an die geistige Welt wirklich glauben konnten,
ist nicht einmal in bezug auf Realitat ein Unterschied in dieser Be-
ziehung.
Nun handelt es sich darum, und das ist das Wesentliche, was heute
hervorgehoben werden soli, daft Bazillen nur dann gefahrlich werden
konnen, wenn sie gepflegt werden. Pflegen soli man die Bazillen nicht.
Gewifi, da werden uns auch die Materialisten recht geben, wenn wir die
Forderung aufstellen, Bazillen soil man nicht pflegen. Aber wenn wir
weitergehen und vom Standpunkt einer richtigen Geisteswissenschaft
davon sprechen, wodurch sie am meisten gepflegt werden, dann wer-
den sie nicht mehr mitgehen, die Materialisten. Bazillen werden am in-
tensivsten gepflegt, wenn der Mensch in den Schlafzustand hinein-
nimmt nichts anderes als materialistische Gesinnung. Es gibt kein bes-
seres Mittel fur diese Pflege, als mit nur materialistischen Vorstellun-
gen in den Schlaf hineinzugehen und von da, von der geistigen Welt,
von seinem Ich und Astralleib aus zurikkzuwirken auf die Organe des
physischen Leibes, die nicht Blut und Nervensystem sind. Es gibt kein
besseres Mittel, Bazillen zu hegen, als mit nur materialistischer Gesin-
nung zu schlafen. Das heifit, es gibt noch wenigstens ein Mittel, das
ebensogut ist wie dieses. Das ist, in einem Herd von epidemischen oder
endemischen Krankheiten zu leben und nichts anderes aufzunehmen
als die Krankheitsbilder um sich herum, indem man einzig und allein
angefiillt ist mit der Empfmdung der Furcht vor dieser Krankheit. Das
ist allerdings ebensogut. Wenn man nichts anderes vorbringen kann
vor sich selber als Furcht vor den Krankheiten, die sich rundherum ab-
spielen in einem epidemischen Krankheitsherd und mit dem Gedanken
der Furcht hineinschlaft in die Nacht, so erzeugen sich in der Seele
die unbewufiten Nachbilder, Imaginationen, die durchsetzt sind von
Furcht. Und das ist ein gutes Mittel, um Bazillen zu hegen und zu pfle-
gen. Kann man nur ein wenig mildern diese Furcht durch werktatige
Liebe zum Beispiel, wo man unter den Verrichtungen der Pflege fur
die Kranken etwas vergessen kann, dafi man auch angesteckt werden
konnte, so mildert man auch durchaus die Pflegekrafte fur die Ba-
zillen.
Diese Dinge werden ja in der Geisteswissenschaft nicht blofi vor-
gebracht, um auf den Egoismus der Menschen zu spekulieren, sondern
um Tatsachen der geistigen Welt zu schildern. So sehen wir, dafi wir
es eigentlich im Leben in diesem konkreten Fall sehr wohl mit der gei-
stigen Welt zu tun haben, denn wir wirken tatsachlich selber aus der
geistigen Welt heraus vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Und wahr-
haftig mehr als durch alle Mittel, die jetzt von der materialistischen
Wissenschaft vorgebracht werden gegen all das, was Bazillen heifit,
wahrhaftig mehr, unsaglich reicher fur die Menschheitszukunft konnte
man wirken, wenn man den Menschen Vorstellungen iiberlief erte, durch
die sie vom Materialismus weggebracht werden und zu werktatiger
Liebe vom Geiste aus angespornt werden konnten. Immer mehr und
mehr mufi sich im Laufe dieses Jahrhunderts die Erkenntnis verbrei-
ten, wie die geistige Welt auch fur unser physisches Leben absolut nicht
gleichgiiltig ist, wie sie fiir die physische Welt ihre durchdringende
Bedeutung hat, weil wir in der Tat vom Einschlafen bis zum Aufwa-
chen in der geistigen Welt drinnen sind und da von ihr aus wirksam
bleiben fiir den physischen Leib. Wenn sich das auch nicht unmittel-
bar zeigt, so ist es doch der Fall.
Nun wird man sich an eines gewohnen miissen, wenn man diese
Dinge im richtigen Lichte betrachten will. Man wird sich daran ge-
wohnen miissen, dafi dasjenige, was man direkt als Heilkraft der Gei-
steswissenschaft zu betrachten hat, wirken mufi durch die menschliche
Gemeinschaft. Denn man mochte sagen, was hatte es fiir eine Bedeu-
tung, wenn irgendein einzelner Mensch da oder dort in die geistigen
Welten beim Einschlafen hineingeht jedesmal mit denjenigen Gedan-
ken, die der geistigen Welt zugeneigt sind, und ringsherum sind die
anderen, die mit materialistischen Gedanken, materialistischen Emp-
findungen und Furchtempfindungen - die ja immer mit dem Materia-
lismus zusammenhangen Heger und Pfleger der Bazillenwelt sind.
Was ist sie eigentlich, diese Bazillenwelt? Ja, da kommen wir auf ein
Kapiiel, iiber das etwas zu wissen, recht wesentlich ist fiir das mensch-
liche Leben. Wenn wir draufien in der Natur die Luft erfiillt finden
mit Vogelgattungen aller Art, das Wasser mit Fischen, wenn wir ver-
folgen dasjenige, was kriecht iiber die Erde, was sich auf ihr tummelt
und so den aufieren Sinnen zeigt, was da lebt in der Natur, da haben
wir es zu tun mit Wesenheiten, von denen wir eigentlich durchaus ganz
richtig sprechen, wenn wir sagen: Sie sind doch in irgendeiner Form,
selbst dann, wenn sie da oder dort schadlich eingreifen in die Natur-
wirkungen, sie sind doch Geschopfe der sich fortentwickelnden Gott-
heit. In dem Augenblick aber, wo wir auf diejenigen Wesen kommen,
die den Wohnplatz ihres Wirkens in anderen lebenden Wesen haben,
in Pflanzen, Tieren oder Menschen, da haben wir es zu tun, insbeson-
dere wenn es sich handelt um bazillenahnliche Geschopfe, die im tie-
rischen oder menschlichen Leibe, namentlich die im menschlichen Leibe
sind, da haben wir es allerdings auch zu tun mit Geschopfen von geisti-
gen Wesenheiten, aber mit Geschopfen Ahrimans. Und richtig be-
trachtet man die Anwesenheit solcher Geschopfe innerhalb unserer
Welt, wenn man sich klar dariiber ist, dafi alle diese Wesenheiten zu-
sammenhangen mit geistigen Tatsachen, mit den Beziehungen des Men-
schen zu Ahriman. Und diese Beziehungen des Menschen zu Ahriman
werden hergestellt, wie wir wissen, durch materialistische Gesinnung
oder rein egoistische Furchtzustande. Und richtig betrachtet man das
Verhaltnis, in dem vorhanden sind solche parasitare Wesenheiten in
der Welt, wenn man sagt: Da wo sich diese parasitaren Wesenheiten
zeigen, sind sie ein Symptom fur das Eingreifen Ahrimans in die Welt.
Und wenn wir an einem solchen Beispiel sehen, dafi es tatsachlich nicht
einerlei ist, ob der Mensch, wenn er des Abends einschlaft, in die gei-
stige Welt, in der er ist zwischen Einschlaf en und Aufwachen, hiniiber-
nimmt reine materialistische Vorstellungen oder geistige Vorstellungen,
wenn wir einsehen, dafi das nicht einerlei ist, dann horen wir auch auf ,
davon zu sprechen, dafi es etwa einerlei sein konnte, schon in dieser
Welt etwas zu wissen vom Geiste oder nichts zu wissen vora Geiste.
So miissen wir allerdings an einem bestimmten Punkte einsetzen, wenn
wir uns so recht vor Augen rucken wollen die grofie Bedeutung der
geisteswissenschaftlichen Forschung schon fur dieses menschliche Le-
ben zwischen Geburt und Tod.
Aber wir konnen auch in ganz andere Gebiete unsere geistigen Augen
hinrichten. Immer mehr und mehr wird uns auffallen, wie dieses Le-
ben zusammenhangt mit dem geistigen Leben. Da brauchen wir als
Menschen die andere, gleichsam unter dem Menschen stehende Natur,
von der wir uns ernahren, aus der wir also unsere Nahrung ziehen. Das-
jenige, wovon zunachst eine Zeitlang nach dem Tode die Toten ihre
Nahrung ziehen, das sind die Vorstellungen, die Empfindungen, die
unbewufiten Empfindungen und Gefiihle, die die Menschen hier auf
Erden in den Schlaf hiniibertragen. Fur die Toten ist es ein gewaltiger
Unterschied, ob irgendwo, sagen wir, eine Schar von Menschen schlaft,
die sich nur anfullen wahrend ihres Wachlebens mit lauter materiali-
stischen Empfindungen und Vorstellungen und diese in den Schlaf hin-
iibertragen und im Einschlafen durchdrungen sind von den Nachwir-
kungen dieser Materialismen, oder ob irgendwo schlaft eine Schar von
Menschen, die wahrend des Wachens sich ganz und gar durchdrang mit
geistigen Vorstellungen und die auch wahrend des Schlafes noch von
solchen durchdrungen ist. Wie eine ode Oberflache, die nichts von
Nahrungsmitteln enthalt und auf welcher die Menschen verhungern
miifken, sich verhalt zu einer fruchtbaren Gegend, die den Menschen
Nahrung bietet, so verhalt sich fur diejenigen, welche durch den Tod
gegangen sind, erne Schar von Menschen, die mit materialistischer Ge-
sinnung schlaft, zu einer Schar von Menschen, die mit geistigen Vor-
stellungen schlaft. Denn aus dem Erfiilltsein der Seelen, die hier auf
Erden schlafen, mit geistigen Vorstellungen, ziehen die Toten zunachst
viele Jahre nach dem Tode Lebenskraft, die ahnlich ist, nur geistig,
nur ins Geistige versetzt, dem, was wir als physische Menschen aus den
uns Nahrung gebenden Wesenheiten der unter uns stehenden Natur-
reichen ziehen. Im buchstablichen Sinne machen wir uns zum frucht-
baren Acker fur die Toten, wenn wir uns erfullen mit den Vorstellun-
gen, die uns von der Geisteswissenschaft kommen. Und wir machen
uns zum oden Felde, durch das wir die Toten aushungern, wenn wir
uns zu Schlafern mit materialistischen Vorstellungen und Gesinnun-
gen machen.
Von Geisteswissenschaft jetzt in unserer Zeit zu sprechen, ent-
springt nicht einem solchen Enthusiasmus, wie der ist, der zu vieien
anderen Vereinigungen, zu menschlichen Gesellschaften und der-
gleichen fiihrt. Sondern es entspringt der Drang, von Geisteswissen-
schaft zu sprechen, derjenigen Notwendigkeit des Herzens, die ein-
sieht, dafi die Menschen im kommenden 20. Jahrhundert diese Geistes-
wissenschaft brauchen werden. Wie sich auch die Verhaltnisse in der
aufieren Welt gestalten, derjenige, der intensiv durchschaut, wie not-
wendig der Welt die Geisteswissenschaft ist, der hat es gar nicht in sei-
ner Gewalt, etwa nicht die Erkenntnisse der Geisteswissenschaft auf
die Zunge und in den Mund fliefien zu lassen, um sie den Mitmenschen
mitzuteilen. Und man empfindet jede Kraft des Wortes, die man ge-
brauchen kann, als viel zu gering gegeniiber der Notwendigkeit, die
besteht, die Geisteswissenschaft in immer steigenderem Mafie zuzu-
fiihren derjenigen Menschheit, die sonst immer mehr und mehr in den
Materialismus hineintauchen miifite.
Und wenn wir noch von einer anderen Seite fragen: Wie steht es
mit unserem Verhaltnis zu denjenigen Verstorbenen, mit denen wir
im Leben in Verbindung gestanden haben, von denen wir uns deutliche
Vorstellungen machen konnen, zu denen wir alle solche Beziehungen
haben, dafi oft an diese gedacht wird? Wie verhalt es sich mit unserem
Verhaltnis zu den Toten in noch anderer Beziehung, als wenn wir eben
den Toten geistige Nahrung bieten dadurch, dafi wir in den Schlaf hin-
ein geistige Vorstellungen tragen? Wie verhalt es sich im Wachleben
mit unseren Beziehungen zu den Toten?
1st dasjenige, was die Toten zu ziehen haben aus dem, was in den
Seelen der schlaf enden Menschen ist, etwas wie eine Nahrung fiir die
Toten, so ist jeder Gedanke, der in die geistigen Welten hineingeht, der
sich mit den geistigen Welten und geistigen Wesenheiten beschaftigt,
jeder Gedanke, der so ist, dafi er zu den geistigen Welten Beziehung
hat, etwas, was die Toten wahrnehmen konnen, was sie entbehren mtis-
sen, wenn wir keine solche Gedanken hegen. Vorstellungen, die blofi
auf die materielle Welt sich beziehen, auf dasjenige, was draufien in
der Natur ist, die leben in unserer Seele so, dafi die Toten sie nicht se-
hen konnen, die haben keine Bedeutung fiir die Toten. Wir konnen
noch so gelehrt, noch so weise iiber die Dinge der aufieren Natur nach-
denken, unsere Gedanken sind ein Nichts fiir die Toten. In dem Augen-
blick, wo wir Gedanken hegen, die sich auf die geistige Welt beziehen,
sind die Gedanken unmittelbar da fiir die Toten, nicht nur fiir die Le-
bendigen, sondern auch fiir die Toten,
Daher ist es ofters schon unseren Freunden empfohlen worden: Wenn
irgendeine Persbnlichkeit, mit der sie in Verbindung gestanden haben, in
der geistigen Welt weilt, so lese man ihr vor in Gedanken. Man verbild-
liche sich die betreffende Personlichkeit und gehe in Gedanken lesend
das durch, was von der geistigen Welt handelt. Dann liest der Tote
mit. Man darf nicht glauben, dafi das bedeutungslos ist. Der Tote in
der geistigen Welt ist zwar in derjenigen Welt, von der wir wissen aus
der Geisteswissenschaft. Aber die Gedanken iiber die geistige Welt
miissen auf Erden erzeugt werden. Der Tote soil nicht nur die geistige
Welt wahrnehmen, die allerdings um ihn herum ist. Er braucht die Ge-
danken derjenigen, die auf Erden leben. Diese Gedanken sind fiir ihn
etwas wie eine Wahrnehmung. Das Schonste, Bedeutsamste, was wir
den Toten schenken konnen, ist, ihnen vorzulesen in dieser geschilder-
ten Weise. Immer wiederum, wenn gefragt wird, womit wir den To-
ten etwas geben konnen, so mufi geantwortet werden: Mit dem Vorle-
sen irgendeines geistigen Inhaltes. - Und wenn jemand doch Zweifel
haben sollte, ob das niitzlich ist, da der Tote ja in der geistigen Welt
weilt, braucht man nur zu iiberlegen, daft in der sinnlichen Welt einer
ebenfalls ringsherum von Dingen und Wesenheiten umgeben sein kann,
aber doch keine Ideen von ihnen haben kann. Die mufi man sich erst
erwerben. So kann der Tote in der geistigen Welt sein; er ist da. Aber
die Gedanken miissen ihm stromen von der Erde hinauf. Wie der seg-
nende Regen aus der Wolke fiir die physische Erde stromen muft, so die
leuchtenden Gedanken in diejenigen Regionen hinauf, in denen der
Tote zu verweilen hat.
Alle diese Beispiele zeigen uns, was fiir eine grofte, was fiir eine un-
endliche Bedeutung das Erleben der geistigen Welt in Gedanken schon
hat auch fiir unsere physische Welt und wie unberechtigt der Einspruch
ist, daft man ja warten konnte bis nach dem Tode mit dem Wissen iiber
das, was in der geistigen Welt vorhanden ist. Wahrhaftig, gerade eine
genaue Betrachtung der geistigen Welt zeigt so recht, daft der Mensch
nicht umsonst auf der Erde ist, daft er auf der Erde ist, um auf der Erde
etwas zu erwerben, was nirgends anderswo in der Welt erworben wer-
den kann als nur auf der Erde, was ein Gut ist von solcher Bedeutung,
daft der Lebende es dem Toten noch schenken kann.
Und auch in vielen anderen Beziehungen zeigt sich der innige Zu-
sammenhang zwischen dem Leben hier auf Erden zwischen Geburt und
Tod und dem Leben unmittelbar nach dem Tode. Nur ist es schwer,
iiber diesen Zusammenhang im Konkreten zu sprechen, weil sie so
furchtbar leicht miftverstanden werden, diese Worte. Der Mensch ist
zur Einseitigkeit ganz veranlagt, und wenn man von irgendeiner Sache
spricht, dann ruft das, insbesondere wenn es sich auf die geistige Welt
und auf geistige Wesenheiten bezieht, ein Miftverstandnis aus gewissen
Beweggriinden des menschlichen Herzens hervor. Wenn man erzahlt
in einem Einzelfall, daft dieser oder jener Zusammenhang eines mensch-
lichen Lebens hier auf Erden und nach dem Tode besteht, dann wird
so leicht aus der Schilderung eines solchen Einzelfalles aus einem leicht
begreiflichen menschlichen Egoismus heraus etwas ganz Mifiverstand-
liches gefolgert, namlich man wendet den Fall auf sich selber an. Wenn
von einem besonderen, konkreten Menschen erzahlt wird, er erlebt
dieses oder jenes, so denkt der Mensch so leicht: mit mir verhalt es
sich ganz anders, daher erlebe ich nicht etwas so Schones. Und statt
dafi der Zuhorer Befriedigung hatte iiber die Mitteilung der Erleb-
nisse, empfindet er etwas, was aus dem Gefiihl des Egoismus heraus ge-
boren ist: dafi er nicht ebenso Schones haben kann nach dem Tode.
Sobald man auf einen einzelnen Fall eingeht, nicht so im Allgemei-
nen herumredet, mufi der Mensch das selbstlose Gefiihl entwickeln, auf
das Schicksal eines anderen hinzuschauen, ohne Schliisse auf das eigene
Leben zu Ziehen und nun etwa zu sagen: Habe ich es nicht ebenso,
entgeht mir das, was da erzahlt wird. - Also dieses und ahnliches sind
wirklich Beweggriinde zu Mifiverstandnissen. Und ich mufi voraus-
schicken, dafi solches Mifiverstandnis leicht entstehen kann, weil ich
vermeiden will, indem ich dieses sage, daft sich solches Mifiverstandnis
bilde.
Vor kurzem ist ein sehr lieber Freund von uns verstorben, dessen
Einascherung eine grofie Anzahl der hier versammelten Freunde bei-
gewohnt hat. Er hatte morgen seinen dreiundvierzigsten Geburtstag
gehabt, am 6. Mai. Der Betreffende hat in den letzten Jahren seines
Lebens hier viel gelitten. Ich mochte sagen, wie in Parenthese mochte
ich einflechten eine wunderbare Ausfuhrung seiner letzten Zeiten, von
denen mir seine Gattin vor kurzem gesprochen hat. Unser Freund hat
sich gewehrt in der Zeit, in der er viel litt, nicht dagegen etwa, sich tat-
sachlich zuzugestehen, dafi er leiden miisse, aber er hat sich gewehrt
dagegen, krank zu sein. Er sei nicht krank, sagte er. Er litte zwar, aber
er sei nicht krank. Und er wollte durchaus, dafi ein solcher Ausspruch
nicht als Wortklauberei aufgefafit werde, sondern dafi dadurch wirk-
lich etwas gesagt werden soil. Es war diese von ihm gepragte Defini-
tion: Ich leide zwar, aber ich bin nicht krank - entsprungen aus dem
Bewufitsein, dasjenige, was ich als geistige Wissenschaft in mir tragen
kann, was mich als geistige Wissenschaft innerlich halt und tragt,
macht alle Anfechtungen des Krankseins zunichte. Ich spiire, dafi ich
leide, aber die Gesundheit meiner Seele ist so groft, dafi, wenn ich da-
gegen auf meine korperlichen Zustande blicke, ich mich nicht krank
nennen darf. Man konnte noch viel reden iiber diese Definition. Es ist
etwas ungeheuer Bedeutungsvolles, etwas, was so recht geeignet ist, als
Empfindung die menschliche Seele zu durchdringen.
Aber nun, wenn man den Betreffenden verfolgt, wie er seine letzten
Erdenjahre in einem kranken Leib, in einem leidenden Leib, in dem er
sich nicht krank wulke, sondern nur leidend, zubrachte, wenn man
dies vergleicht mit dem jetzt nun beginnenden geistigen Leben des be-
treffenden Freundes, so bekommt man ein wiirdiges Bild von den Zu-
sammenhangen des Lebens zwischen Geburt und Tod und dem Leben
nach dem Tode. Vorbereitet hat sich - ich erzahle eine Tatsache der
geistigen Welt - in diesem Leibe, der das aufierliche Symptom des
Krankseins hatte, eine Summe von Imaginationen. Eine Summe von
Imaginationen lebte sozusagen in den kranken Gliedern, starke Ima-
ginationen. Er war ganz erfiillt von dem Inhalt der geistigen Welten,
und sie lebten so, dafi sie in all diejenigen Organe hineinwirkten, de-
ren sich der Mensch nicht so bewufk ist im taglichen Leben, wie er sich
seines Gehirns oder Nervensystems bewufk ist - die er also mehr in
seinem unterbewufiten Leben durchlebte sie lebten dadrinnen und
sie konnten um so leichter darin leben, je aufierlich kranker diese Or-
gane waren. Und sie praparierten sich und stehen nun als ein gewal-
tiges Tableau der geistigen "Welt vor der Seele des Toten, der nun in
diesen Vorstellungen lebt, die eingefangen waren gerade wahrend sei-
ner letzten Lebensjahre in den Kerker seiner kranken Organe, aber die
sich vorbereitet haben in solcher Dichte, dafi er sie jetzt als seine Welt
aufier sich im Geiste hat.
Schonere Welten, oder vollkommener, auf schonere Art sehen den
geistigen Kosmos, als zu sehen, wie er erbluht, sich aufbauend mit gei-
stiger Kunst, schoner dies Phanomen zu beobachten, ist nicht leicht
moglich als durch eine solche Tatsache. Alles das, was etwa der Kiinst-
ler schafft, der hier auf dem physischen Plan steht und in Schone er-
stehen lalk ein Stuck Welt - so dafi wir durch das Bild, das er auf die
Leinwand oder im Marmor hinzaubert, mehr sehen von der Welt,
als wir von uns aus sehen konnen, ist eine Kleinigkeit gegenuber dem,
wenn wir sie wieder sehen, die geistige Welt, wie sie da ist auf der einen
Seite, man mochte sagen, so wie sie an sich ist und dann wieder, wie sie
ersteht, aufbliihend aus der Seele eines Toten, der durch sein Karma in
solcher Weise, wie ich es ausgefiihrt habe, vorbereitet ist. Wie er vor-
bereitet war, das werden besonders seine Dichtungen zeigen, die jetzt
im Druck sind und demnachst erscheinen werden. Denn sie werden
zeigen, daft diese ganze Art des geistigen Lebens, des Hiniibergehens
auch in die geistige Welt nach dem Tode, innig zusammenhangt mit
dem, was wir seit Jahren innerhalb unserer Geisteswissenschaft den
Christus-Impuls nennen. Schon lebt dieser geisteswissenschaftlich ge-
meinte Christus-Impuls in diesen Dichtungen.
Im Zusammenhang mit dieser Tatsache, von der ich sprach, die
wahrhaftig fuhlen lassen kann das Verhaltnis der Welt, die wir durch-
laufen zwischen Geburt und Tod mit derjenigen wiederum zwischen
Tod und neuer Geburt, stent nun etwas, was ich daranschliefien mochte,
so anschliefien mochte, dafi ich nicht in abstrakten Gedanken den Zu-
sammenhang ausfiihre, sondern so, dafi ich Sie erfuhlen lasse den Zu-
sammenhang. Sehen Sie, man kann hier auf dem physischen Plan ein
torichter oder ein gescheiter Mensch sein, man kann auch ein gelehrter
Mensch sein: fur das Leben nach dem Tode hat das nicht viel Bedeu-
tung, ob man auf dem physischen Plan ein torichter, ein gescheiter oder
ein gelehrter Mensch war, wenn sich das Torichte, Gescheite, Gelehrte
auf Dinge der physischen Welt bezieht. Wir konnen noch so gescheit
iiber die Dinge der physischen Welt denken, die Gedanken, namentlich
die Art des Denkens iiber die physische Welt, niitzt uns gar nichts, so-
bald wir durch die Pforte des Todes geschritten sind. Dies hat dann
gar keine Bedeutung. Wenn der Mensch durch die Pforte des Todes
geschritten ist, braucht er Gedanken, Vorstellungen, Empfindungen,
die sich nicht auf die physische Welt beziehen, die haben dort allein Be-
deutung.
Nun mochte ich Ihnen zunachst dasjenige, was ich gesagt habe, in
einer etwas grotesken, paradoxen Weise mitteilen. Aber stolen Sie sich
nicht an dem Paradoxen, es wird sich uns gleich zeigen, was ich damit
sagen will. Nehmen wir an, ein Mensch wiirde ablehnen irgend etwas
zu denken, wozu er nicht aufgefordert wird durch die Sinneswahr-
nehmungen. Und sobald irgend etwas an ihn herankommt und irgend-
welche Gedanken in ihm keimen, sagt er: Ich will dich nicht, ich gehe
von dem aus, was die Augen sehen, was die Ohren horen, dariiber will
ich denken. Mit dem anderen bleibt mir vom Leibe, ich selber bleibe mir
damit vom Leibe. - Ein solcher Mensch nimmt keine Kraft auf, die
er nach dem Tode gebrauchen konnte. Er kommt blind hinein in die
Zeit zwischen Tod und neuer Geburt. Nehmen wir nun weiter an,
ein Mensch hatte eine lebhafte Phantasie und fande es unbequem, her-
anzukommen an die Geisteswissenschaft, allerlei zu lernen, so nach
und nach erst etwas zu lernen. Er fande es viel bequemer, sich alle
moglichen Vorstellungen zu machen aus der Phantasie heraus iiber die
geistige Welt, er dachte sehr viel aus blower Phantasie heraus iiber die
geistige Welt, so daft er auf einer Seite hatte alles dasjenige im Vorstel-
lungsleben, was von der Sinnenwelt handelt und dann auf der anderen
Seite noch alle moglichen Phantasievorstellungen iiber die geistige Welt.
Ein solcher Mensch unterschiede sich allerdings von dem, der sagt:
Bleibt mir vom Leibe mit den Vorstellungen von der geistigen Welt -,
denn derjenige, der nichts wissen will von der geistigen Welt, der geht
wie ein Blinder in die geistige Welt. Derjenige, der sich wenigstens
Phantasievorstellungen macht, hat solche Seelenkrafte, dafi er aller-
dings als ein Sehender in die geistige Welt hineinkommt, aber er wird
ein solcher Sehender, wie in der physischen Welt einer ein Sehender ist,
der lauter Fehler in seinem Auge hat, so dafi er uberall falsch sieht.
Und das bedeutet in der geistigen Welt noch viel Schlimmeres als in
der physischen Welt, denn wenn einer in der geistigen Welt alles falsch
sieht, so heifit das, auf Schritt und Tritt in der geistigen Welt Verwir-
rung stiften. Aber wir konnen eines sehen aus dem, was gesagt worden
ist, wenn auch in grotesker Weise, wir konnen sehen, dafi der Mensch
Vorstellungen braucht, die iiber das sinnliche Leben hinausgehen, wenn
er wirklich ein Burger der geistigen Welt sein will, und das mufi er sein.
Er kann es entweder in verkriippeltem Zustande sein - so ist der, der
nur sinnliche Vorstellungen aufnehmen will, oder der seiner Phan-
tasie die Ziigel schiefien lafit -; sonst braucht er Orientierung, die iiber
die sinnliche Welt hinausgeht.
Damit die Menschen nun, so wie sie sich auf Erden entwickeln, nicht
blofi Vorstellungen hatten, die von physischen Dingen angeregt sind,
oder damit sie sich iiber die geistige Welt nicht nur Phantasievorstel-
lungen machten, erschienen im Laufe der Zeit die einzelnen Religions-
stifter. Wenn wir sie durchnehmen mit den Lehren, die sie den Men-
schen gegeben haben, so war das Ziel aller dieser Religionsstifter, den
Menschen solche Vorstellungen zu geben iiber die iibersinnliche Welt,
dafi sie in unverkriippeltem Zustand in diese iibersinnliche Welt hinein-
kommen konnten. Je nach dem Bediirfnis der Zeitalter und der Volker
haben die Religionsstifter den Menschen solche Vorstellungen gegeben.
Unser Zeitalter ist ein anderes als diejenigen vergangener Zeiten.
Unser Zeitalter ist ein solches, dafi wir heranwachsen miissen — und
ich bitte, dieses Wort nicht im aufieren Sinn zu nehmen, sondern in tief
innerem Sinne ~ zu einer miindigen Menschheit. Zu einer mundigen
Menschheit, die durch die eigene Seele finden muf$ den Weg in die gei-
stigen Welten hinauf . Die Religionsstifter der alten Zeiten redeten vor
einer unmiindigen Menschheit. Sie redeten zu der Menschheit, durch
die alle unsere Seelen auch durchgegangen sind. Die Religionsstifter
dieser alten Zeiten kannten ihre Zeiten und sie wufiten, dafi sie so, wie
sie einstmals zur Menschheit gesprochen haben, zu der Menschheit, die
der Zukunft entgegenleben soil, nicht wiirden sprechen konnen. Denn
diese mufi miindig werden. Nehmen wir an, der Angehorige eines Vol-
kes der alten Zeiten, er hatte sich entweder auf die sinnlichen Vorstel-
lungen beschranken oder aber zu Phantasievorstellungen greif en miissen,
je nachdem wiirde er verkriippelt oder wenigstens doch verwirrt in die
geistige Welt hineingekommen sein. Da kam der Religionsstifter. Er
brachte wahre Vorstellungen aus der geistigen Welt heraus. Der An-
gehorige eines Volkes der verflossenen Zeit sagte sich: Nicht ich, inso-
fern ich sinnlich wahrnehme, insofern ich in meiner Phantasie arbeite,
sondern die Religionsstifter, Zarathustra, Buddha, Krishna, sie sind es,
die Vorstellungen in mir anregen, durch die ich den Einlafi in die gei-
stige Welt finde. - Ob das Ich Verwirrung stiftet oder blind wird, der
Mensch dieses Zeitalters rau!5 miindig sein. Daft er als Mundiger den
Weg finden kann in die geistige Welt, dazu hat sich vollzogen das
Mysterium von Golgatha. Nicht mehr erscheint der Religionsstifter als
solcher vor der aufteren Menschheit, wie er friiher erschienen ist. Denn
diejenigen, die den Christus mit den alten Religionsstif tern auch nur ver-
gleichen, die verstehen gar nichts von dem Christus. Denn der Christus
hat zunachst gewirkt durch eine Tatsache, die anderen Religionsstifter
durch die Lehren. In dem Augenblick, wo man den Christus einen Wel-
tenlehrer nennt, bezeugt man, dafi man gar nicht weifi, wer der Chri-
stus ist. Dasjenige, worauf es bei dem Christus ankommt, ist die Tat,
die er vollbracht hat, die sich vollzogen hat von dem Ereignis an, wel-
ches wir sehen in der Johannestaufe bis zu der Kreuzigung auf Gol-
gatha. Was da fur die Menschheit geschieht, ist im Geistigen dasjenige,
worauf es ankommt. Was da geschehen ist, das ist das, was die Men-
schenseelen beseligen kann seit jener Zeit, das Wort, das Paulus aus-
gesprochen hat: «Nicht ich, der Christus in mir.» Denn der Christus ist
der Weg in die geistige Welt geworden, weil er in diese Welt herein-
gebracht hat die geistige Welt, die der Mensch braucht, wenn er nicht
ein Kriippel oder ein Blinder in der geistigen Welt sein soli. Man kann
ja heute den Christus ableugnen, man kann herumgehen in der Welt
und kann sagen: Es ist kein Beweis dafur da, dafi der Christus in der
Aufienwelt gelebt hat im Leibe des Jesus von Nazareth. - Gewifi, man
hat es sogar bewiesen, daft kein historischer Christus da war. Man be-
weist aber damit nur, dafi man nicht weifi, worauf es ankommt. Hatte
der Christus irgendwo an einen Felsen eingekratzt, fur alle spateren
Geschlechter: Ich bin da gewesen -, so hatten alle spateren Geschlechter
aus der Sinnenwelt heraus die Tatsache gewufk, dann hatten sie es
nicht zu glauben brauchen. DafS eben dieses nicht der Fall war, daf$
man ihn nicht erkennen kann mit sinnlichen Mitteln, sondern dafi man
ihn erkennen raufi mit der Kraft des Geistes, das ist das Erlosende, das
ist die tiefe Bedeutung, die in ihm liegt. So mufi man es auffassen, dann
findet man ihn in unmittelbarer Verbindung mit demjenigen, was den
Menschen schon hier auf Erden heraushebt aus der sinnlich-physischen
Welt und ihn in die geistige Welt hinein erhebt. Denn fur den, der sich
nicht in die geistige Welt erheben kann, ist alles das gar nicht da, regt
immer wiederum den Zweifel an.
Damit hangt es zusammen, daJS es eine so ungeheure Wohltat ist,
wenn ein Mensch, der gerade so ganz in der modernen Bildung und
Gesittung, in Wissen und Kunst darin lebt, auf eine Christus- Vorstel-
lung stofien kann, die so sich entwickelt hat, dafi sie der ganzen mo-
dernen Gesittung wohl angemessen ist. Das wird die anthroposophische
Christus-Vorstellung unserer Geisteswissenschaft sein. Manches wird
sie uns lehren. Sie wird uns lehren, auch den richtigen Standpunkt zu
gewinnen gegeniiber der aufSeren Welt.
Oh, diese aufiere Welt! Auf welchem Wege ist sie heute! Ich habe
einiges schon letzthin im Vortrag, den ich offentlich halten durfte, an-
gedeutet. Hier kann man noch genauer dariiber sprechen. Gewifi, man
raufi sie bewundern, diese materielle Kultur und alles dasjenige, wozu
Technikj Industrie und so weiter es gebracht haben. Unendliche Gei-
steskraft ist hineingeflossen in dieses materielle Leben, und es bean-
sprucht viele menschliche Geisteskrafte. Aber diese menschlichen Gei-
steskrafte, wem dienen sie denn? Sofern sie die materiellen Bedurfnisse
der modernen Menschheit befriedigen, dienen sie dem Ahriman. Was
der Christus Jesus einmal durchlebt hat - die Versuchung durch Ahri-
man wahrhaftig, die gewohnlichen Menschenseelen, sie konnen nicht
auf einmal diese Erschiitterung durchleben. Es mufi sich fiir die Men-
schen verteilen diese Versuchung. Aber es gehort zu dieser Verteilung
der Versuchung, dafi der Mensch zugerufen erhalt von Ahriman: Ja,
denke nur mit der Kraft deiner Wissenschaft, mit all dem, was du her-
ausfinden kannst durch die auf Technik, Industrie und so weiter an-
gewandte Wissenschaft. Denke nur mit alldem, und wende das auf
nichts anderes an als auf das aufiere Erdenleben. Mir kann es schon
recht sein. Wenn du mich nicht siehst, finde ich es allerdings - so meint
Ahriman - angemessen meinen Zwecken. Verachte nur Vernunft und
Wissenschaft, des Menschen allerhochste Kraft: da habe ich dich schon
unbedingt, wenigstens so lange du mich nicht siehst. Da flofie ich dir
ein den Trieb, Vernunft und Wissenschaft nur fiir irdische Dinge zu
verwenden!
Da mufi es dann schon etwas anderes geben, was dem Dienste, der
dem Ahriman geleistet wird, das Gleichgewicht halten kann. Deshalb
ist es nicht ohne Bedeutung, dafi einmal zusammengenommen wird das-
jenige, was durch moderne Technik und so weiter geleistet werden
kann und dafi etwas gebaut wird, was nicht dem aufieren Leben dient,
was rein dem geistigen Leben dienen soil.
In alten Zeiten brachte man den Gottern Opfer dar, die Erstlings-
friichte der Herde und des Feldes. Man brachte sie den Gottern zum
Opfer. Ich will heute nicht iiber den Sinn des Opf ers sprechen. Aber f iih-
len werden Sie den Sinn dieses Opf ers, wie es in neuer Zeit vorhanden
sein soil. Als die Menschen hingegangen sind mit den Friichten und sie
den Gottern geopfert haben, da haben sie, trotzdem sie die Friichte des
Feldes geopfert haben, die anderen genossen, nachdem sie die Erstlings-
friichte den Gottern zum Opfer hingetragen haben. Wahrhaftig, nicht
von falscher Askese geht Geisteswissenschaft aus. Nicht wird sie sich
der Unmoglichkeit schuldig machen, zu donnern gegen die moderne
Kultur mit alien ihren materiellen Segnungen. Die erkennt sie an. Aber
sie mufl, wenn sie nicht blofi dem Ahriman dienen will, etwas von den
Erstlingen dieser aufieren materiellen Kultur den Gottern zum Opfer
bringen.
Sie sehen, es ist ein tiefer Gedanke, der dem Bau zugrunde liegt, der
sich draufien auf dem Hiigel in Dornach erhebt, der Gedanke, dafi
wir darbringen wollen die Erstlinge der modernen materiellen Kultur
den Gottern zum Opfer. Alles ist anders geworden in der Zeit, in der
wir leben, gegeniiber der Zeit, durch die in vorhergehenden Inkarna-
tionen unsere Seelen durchgegangen sind. Aber verstehen miissen wir,
was wir zu tun haben, so wie wir verstanden haben, was zu tun war,
indem wir in den friiheren Inkarnationen unter den Leitungen der
geistigen Leuchten wirkten. Wahrhaftig, schwierig ist es in unserer
Zeit, weil wir auf das Wesen unserer Zeit, auf die Eigenschaften un-
serer Seelen Riicksicht nehmen miissen und weil uns nicht mehr jene
aufiere Autoritat zu Hilfe kommen kann, die den Religionsstiftern zu
Hilf e kam, und weil wir durch ganz andere Krafte wirken miissen. Und
so wie Christus das «Wort» war, so wird wahre Geisteswissenschaft nur
durch das Wort wirken wollen und darf durch nichts anderes wirken.
Wir sehen durch solche Betrachtungen den Zusammenhang der Welt,
in der wir auf Erden leben im physischen Leib, und der geistigen Welt.
Und wir sehen, wie uns, wo wir auch die Betrachtungen einsetzen, iiber-
all das Mysterium von Golgatha wie die Seele dieser Betrachtungen
entgegenleuchtet. Aber wir miissen uns auch wirklich - auch das sei
hier gesagt - reif machen, richtig reif machen, urn dasjenige, was die
neuere Geisteswissenschaft sein soli, wirklich zu verstehen, wirklich in
diese Geisteswissenschaft so einzudringen suchen, dafi wir niemals
aufier acht lassen; diese Geisteswissenschaft mufi da sein, weil die
Menschheit mundig werden mu£.
Wahr ist es, ganz wahr, dafi in einer gewissen Weise die Menschheit
heruntergestiegen ist aus hoheren geistigen Regionen, dafi sie von dem
alten atavistisch gewordenen Hellsehen abgekommen ist, indem sie
durch ihren Verstand und die iibrige Wissenschaftlichkeit eine "Welt-
anschauung begriindete. Und wahr ist es auch, dafi wir den Fortschritt
der Entwickelung ernst nehmen miissen, dafi wir uns klarwerden miis-
sen, wie wir jetzt in dem Zeitpunkt leben, in dem der Mensch die Mis-
sion hat, sein Denken zu entwickeln, wirklich durch sein Denken vor-
wartszukommen, durch das Studium zu lernen. Die Geisteswissen-
schaft ist dasjenige, wovon wir ausgehen miissen. Wir miissen suchen,
uns hinein zu vertiefen in diese Vorstellungen, damit diese Vorstellun-
gen in uns anregen das, was unsere Seelen in Zukunft brauchen. Jeder
kann das, was Geisteswissenschaft gibt, wirklich verstehen und begrei-
fen. Diejenigen, die sagen, man miisse glauben, man konne nicht begrei-
fen, was in der Geisteswissenschaft gegeben wird, die reden, ohne zu
wissen, wie die Dinge wirklich sind.
Wenn uns in unserer Zeit Menschen entgegentreten, die nicht durch-
gehen durch das geistige denkerische Verstandnis, sondern die wie von
selbst herauf kommend gewisse psychische, seelische Fahigkeiten zeigen,
so sollen wir uns auch nicht beirren lassen durch solche Tatsachen. Ver-
stehen wir die ganze Mission der Geisteswissenschaft, so wissen wir,
dafi die Seelen, die heute denken, deshalb denken konnen, weil das Hell-
sehen der friiheren Zeiten zuriickgedrangt worden ist. Wenn solche
Menschen auftreten, die von selber das Hellsehen haben, die es nicht
erworben haben, so sollen wir in ihnen Menschen sehen, die auf einer
friiheren Stufe zuriickgeblieben sind, und die heute in einer solchen Ge-
sellschaft eher gehegt und gepflegt werden miissen, als dafi man sie als
besonders vollkommen ansehen diirfte. Falsch ist das Urteil, das jemand
haben wiirde, der so sagen wiirde: Da ist jemand, bei dem dammern
die Hellseherkr'afte auf, der ist eine besonders reife Seele, der hat be-
sonders hohe Inkarnationen durchgemacht. - Ein solcher Mensch, der
wie durch Naturgabe hellsichtige Krafte hat, der hat viel weniger
durchgemacht als derjenige, der ein Denker ist, heute. Das soil schon
verstanden werden innerhalb unserer Gesellschaft. Dann konnte un-
sere Gesellschaft - ich mulS das sagen, es ist mir auferlegt - eine Pflege-
statte sein auch fiir solche Seelen, welche psychische Krafte entwickeln.
Sie wiirden gerade in unserer Gesellschaft diese psychischen Krafte auf
einen rechten Weg bringen konnen. Und die Gesellschaft gerade konnte
das geben, was ihnen sonst nirgends gegeben werden kann: Ordnung fiir
ihre psychischen Krafte. Dann mufi aber unsere Gesellschaft in ihrer
Mehrzahl Mitglieder haben, welche, wie es gesagt worden ist, tief, tief
innerlich wissen, welches die Mission wahrer Geisteswissenschaft in der
Gegenwart ist. Dann wiirde sich nicht wiederholen der Fall, der uns
in den letzten Tagen so betrubt hat: dafi ein Mitglied, welches aufge-
nommen worden ist in der Meinung, dafi unsere Gesellschaft die Pflege-
statte sein konnte auch fiir noch hellseherisch wirkende psychische
Krafte, dafi dieses Mitglied gerade da das Wirkungsfeld finden konnte,
wo es gleich wirken konnte wie ein Prophet. Dadurch kommt natiirlich
alles das, was, wenn es durchdringen wiirde, unsere Gesellschaft zu dem
genauen Gegenteil von dem machen wiirde, was sie sein soli nach den
Intentionen der geistigen Machte, von denen sie sich getragen fiihlt.
Wir haben leider erfahren miissen den Fall . . der aus nordischen
Landen gekommen ist, der vielleicht ein gutes Mitglied hatte werden
konnen, wenn er in Bescheidenheit seine psychischen Krafte weiterge-
bildet hatte. So aber verbreitete sich sogleich eine Art Nimbus urn ihn.
Oberall trat er heilend auf in einer Weise, die nur bedauerlich gefunden
werden mufi. Das muS schon gesagt werden. Die Notwendigkeit war
gegeben, zu erklaren, dafi er nicht mehr weiter als Mitglied unserer Ge-
sellschaft angesehen werden kann, weil unsere Gesellschaft gerade in
das Gegenteil von dem verwandelt wiirde, was sie sein soli, wenn wir
nicht mit aller Sorgfalt immer hinweisen wiirden auf diesen Psychismus,
der sich nicht durchdringen will mit wahrer Geisteskraft, die doch die
wahre Kraft des Christus ist. Nicht das Psychische, sondern der Chri-
stus in mir mufi wirken. Alles das mufi so behandelt werden, dafi wir
sagen: Unsere Gesellschaft hat damit nichts zu tun. Sie weifS kein an-
deres Mittel als das, was in den letzten Tagen gewahlt wurde. Es muftte
leider dasjenige, wofur man sonst prinzipiell gar nicht ist, geschehen:
es mufite der Ausschlufi vollzogen werden.
So hangt allerdings dieses zusammen mit der ganzen ernsten und
wtirdigen Auffassung der Mission der Anthroposophischen Gesell-
schaft. Und wahrhaftig, wenn man prinzipiell Gegner jedes Ausschlie-
fiens ist und dennoch in solchem Fall sich nicht widersetzen kann dem
Ausschlufi, werden Sie verstehen, dafi man nur mit dem tiefsten Leid-
wesen so etwas durchleben kann, was in den letzten Tagen durchlebt
werden mufite. Es wird immer weniger durchlebt werden, wenn sich
unsere lieben Freunde immer mehr durchdringen werden mit dem, was
so oftmals gesagt wird und was auch wiederum mit den Ausfuhrungen
dieses Abends gemeint war.
Damit will ich diese Ausfuhrungen abschliefien und sie Ihnen, meine
lieben Freunde, in die Seele legen.
WIE ERWIRBT MAN SICH VERSTANDNIS FOR DIE
GEISTIGE WELT? (II)
Berlin, 12. Mai 1914
Es war, als der deutsche Philosoph Johann Gottlieb Fichte aufmerk-
sam machen wollte auf sein Bewufitsein vom Drinnenleben in der gei-
stigen Welt, auf seine Uberzeugung, daft die geistige Welt iiberall urn
uns herum ist, dafi er aus dieser Oberzeugung heraus sagte: «Nicht erst,
nachdem ich aus dem Zusammenhange der irdischen Welt gerissen sein
werde, werde ich den Eintritt in die iiberirdische erhalten; ich bin und
lebe schon jetzt in ihr, weit wahrer, als in der irdischen; schon jetzt ist
sie mein einziger fester Standpunkt, und das ewige Leben, das ich schon
langst in Besitz genommen, ist der einige Grund, warum ich das irdische
noch fortfuhren mag. Das, was sie Himmel nennen, liegt nicht jenseits
des Grabes; es ist schon hier um unsere Natur verbreitet, und sein Licht
geht in jedem reinen Herzen auf.»
Es ist gut, manchmal auf einen solchen Ausspruch aufmerksam zu
machen. Denn in der Gegenwart gibt es viele Stimmen, welche den
Menschen den Glauben beibringen mochten, daft von der geistigen
Welt zu sprechen und der geistigen Welt gegeniiber Ansichten zu ha-
ben, eigentlich doch ein Charakteristikon der torichten und aber-
glaubischen, hochstens vielleicht der phantastischen Leute seL Wir
erleben es ja immer wieder und wieder, daft die Menschen, auch die-
jenigen, die eben den Glauben erheben wollen, als ob es sozusagen
eine Torheit ware, von der geistigen Welt zu sprechen, Fichte und
ahnliche Geister immer im Munde fiihren. Da ist es denn gut, wenn
wenigstens einige Menschen wissen, wie sich der anthroposophisch
Gestimmte im Einklang fiihlen darf mit alien denjenigen Menschen
der Menschheitsentwickelung, die in ihren Herzen wirklich Wissen
und Erkenntnis von einer geistigen Welt trugen, wenigstens Wissens-
und Erkenntnisstreben im hochsten und edelsten Sinne des Wortes. Und
wenn dann materiaKstisch gestimmte Gemiiter von Fichte sprechen
und das oder jenes aus seinen Schriften herausreifien, was gerade ihnen
pafit, so ist es gut, wenn die anthroposophisch gestimmte Seele immer
weifi, woher bei solchen Menschen die Sicherheit des Lebens, der Mut
zum Leben und der Glaube an das Leben kommt, namlich dafi diese
kommen aus dem treuen Festhalten an der Uberzeugung, drinnenzu-
stehen mit der Menschenseele in der geistigen Welt, im geistigen Leben.
Mogen Sie da oder dort Ausspriiche eines solchen Mannes horen, wie
die von Johann Gottlieb Fichte, der bekanntlich die «Reden an die
deutsche Nation* in schwierigen Zeiten gehalten hat, dann mogen Sie
immer das Bewufksein im Herzen tragen: Die Kraft, das zu sagen, was
zum Beispiel Fichte gesagt hat - oder viele andere, Fichte ist nur ein Bei-
spiel dafur -, diese Kraft kam ihm daher, dafi er wufite: Mit dem besten
Teile meines Selbst lebe ich immer, auch wenn ich im physischen Leibe
noch lebe, in der geistigen Welt darinnen. Sie ist iiberall um meine Na-
tur herum. - Solche Menschen waren sich bewufit, dafi in ihren Worten
die Kraft lebte, die ihnen dadurch kam, daiS sie gleichsam hinter ihrer
Seele und einwirkend auf diese die geistige Welt wufiten.
Und auch noch aus einem anderen Grunde ist es gut, sich an eine
solche Tatsache, wie die eben erwahnte, manchmal zu erinnern. Als
Johann Gottlieb Fichte vor einem engeren Kreise von Zuhorern jene
Vorlesungen unter dem Titel «Die Anweisungen zum seligen Le-
ben» gehalten hat, die, man mochte sagen, seine geistige Lebenslehre
enthalten, da bat ihn dieser engere Kreis von Zuhorern, diese Vortrage
auch im Druck erscheinen zu lassen. Die Vortrage hatten auf diesen
engeren Kreis, vor dem er sie gehalten hatte, einen grofien Eindruck
gemacht. Und da hat ihn denn dieser engere Kreis ersucht, sie drucken
zu lassen, weil er glaubte, da# auch weitere Kreise teilnehmen sollten
an der Lebensaufmunterung, an dem schonen, edlen Erkenntnisstreben
zum wahren Leben hin, die aus diesen Vorlesungen sprachen. Und eine
merkwiirdige Bemerkung macht der kraftvolle, energische, fiir seine
Sache im allerhochsten Mafie enthusiasmierte Fichte in der Vorrede
zum Druck dieser seiner Vorlesungen, die da heifien «Anweisungen
zum seligen Leben». Er sagt: «Zu dem Abdruck derselben haben
Freunde unter meinen Zuhorern, die nicht ungiinstig von ihnen dach-
ten, mich, ich diirfte fast sagen, iiberredet; und fiir diesen Abdruck sie
nochmals umzuarbeiten, ware, nach meiner Weise zu arbeiten, das
sichere Mittel gewesen, sie niemals zu vollenden. Diese mogen es nun
verantworten, wenn der Erfolg gegen ihre Erwartung ausfallt. Denn
ich fur meine Person bin durch den Anblick der unendiichen Verwir-
rungen, welche jede kraftigere Anregung nach sich zieht, auch des
Dankes, der jedem, der das Rechte will, unausbleiblich zu Teil wird,
an dem grofiern Publikum also irre geworden, dafi ich mir in Dingen
dieser Art nicht selber zu raten vermag, und nicht mehr weifi, wie man
mit diesem Publikum reden solle, noch, ob es iiberhaupt der Miihe wert
sei, dafi man durch die Druckerpresse mit ihm rede.»
Ich mochte gerade diese Bemerkung Fichtes anfuhren aus dem
Grunde, weil man daraus sieht, wie unendlich einsam sich Fichte da-
mals - es ist jetzt hundertacht Jahre her - mit seiner Kunde von der
geistigen Welt gegeniiber dem allgemeinen Zeitgeschmack, dem allge-
meinen Zeitbewufitsein fiihlte. Es ist, wenn man gerade die grofiten
Geister der Menschheitsentwickelung in ihrem Sehnen und Trachten
beobachtet, fur die heutige Geisteswissenschaft die Empfindung aller-
dings erbliihend, dafi diese Geisteswissenschaft die Erfiillung desje-
nigen ist, was diese besten Geister der Menschheitsentwickelung ersehnt
und ertrachtet haben. Und es mufi gegeniiber der Stumpfheit und dem
Unverstande, die man der Geisteswissenschaft heute entgegenbringt,
wirklich in der Menschenseele, um diese Menschenseele zu bemutigen
und zu erkraften, der Einklang wachgerufen werden, in dem man ste-
hen kann mit diesen grofiten Geistern, wenn man auf dem Boden der
Geisteswissenschaft steht. Aber es wird manches lange dauern, bis selbst
die, welche ein Herz haben fur diese Geisteswissenschaft, gewisserma-
fien die rechte innere Spannkraft finden, um die Art des Impulses
wirklich zu empfinden, der durch die Geisteswissenschaft der mensch-
lichen Kultur mitgeteilt werden soil. Ich mochte nur deshalb an solche
Dinge immer wieder und wieder erinnern, weil ich gern in Ihren Her-
zen nicht nur die rechten Anschauungen erblicken mochte von der gei-
stigen Welt, sondern auch die rechten Gesinnungen und Empfindungen
gegeniiber dem Verhaltnis des Menschen zur geistigen Welt und zu dem,
was daraus notwendig hervorgehen mufi in bezug auf die Gesinnung,
die wir zu unserer ganzen Umwelt haben mussen, wenn wir uns mit den
Anschauungen und Vorstellungen iiber die geistige Welt erfullen.
Nun ist es wahrhaftig durchaus zu begreifen, dafi man iiberall, wo
zunachst diese Geisteswissenschaft in die auftere Welt hinausdringt,
Unverstand und Mift verstandnis ihr gegeniiber erblicken mufi. Denn
versuchen wir uns einmal zum Verstandnis zu bringen, wie das Ver-
haltnis eines heutigen, von der Geisteswissenschaft nicht weiter be-
riihrten Weltbiirgers, wie er eben aus den Anschauungen der Gegen-
wart herausgeboren wird, zur Geisteswissenschaft ist. Er hort dieses
oder jenes, er hort, daft da iiber die geistigen Welten dieses oder jenes
behauptet wird. Was mufi er notwendigerweise tun? Nun, der Mensch
kann ja nicht anders, als daft er das, was ihm gegeniiber gesagt wird,
mit seinen Vorstelhmgen zu begreifen sucht, daft er es selbst mit den
Vorstellungen, die er hat, zu begreifen sucht- Nun hat aber der heutige
gewohnliche Weltburger keine Vorstellungen, die ihm begreiflich ma-
chen konnen, was iiber die geistige Welt in der wirklichen Geisteswis-
senschaft gesprochen wird. Ihm fehlen zunachst die Vorstellungen, Be-
griffe und Ideen dazu. Er sucht das, was ihm gesagt wird, mit Ideen
zu durchdringen, die er hat, die aber von ganz anderen Seiten herge-
nommen sind. Wie soil er also die Sachen nicht miftverstehen? Wie soli
man iiberhaupt voraussetzen, daft er irgendwelches Verstandnis der
Sache entgegenbringen wird?
Wir aber mussen uns dariiber klar sein, daft eines in unserem Ver-
haltnis zur Geisteswissenschaft die Hauptsache ist: das Aneignen ge-
rade von neueren Begriffen, neueren Vorstellungen, die man vorher, be-
vor man an die Geisteswissenschaft wirklich herankommt, im Grunde
genommen nicht hat, die man nicht von auften mitbringen kann, son-
dern die man sich erst erwerben muft. Man sollte dieses wirklich ganz
grundsatzlich einsehen, um dadurch allmahlich das rechte innere Ge-
miitsverhaltnis zu der geistigen Stromung, die man eben als die geistes-
wissenschaftliche bezeichnen kann, zu gewinnen. Man nehme einmal
nur die eine, ich mochte sagen fundamentale Tatsache, daft uns ja die
Geisteswissenschaft die Moglichkeit geben soli, zunachst die aufier uns
befindliche geistige Welt auf zuf assen, zu begreifen. Wir haben im Lauf e
des Jahres vieles an uns herankommen lassen, was man nennen konnte:
Beschreibungen der geistigen Welt, Mitteilungen iiber die geistige Welt. -
Und wir haben andererseits immer wieder versucht, unsere Begriff e zu
bereichern, um wirklich Vorstellungen und Begriff e zu haben, mit de-
nen man das, was in der geistigen Welt vorgeht, richtig begreifen kann.
Wir reden zum Beispiel von Wesenheiten der hoheren Hierarchies Wie
wir dariiber reden, ist Ihnen bekannt. Wir reden von den Seelen der
Verstorbenen, die in dem Dasein zwischen Tod und neuer Geburt sind.
Wie wir davon reden, ist Ihnen bekannt. Aber wir miissen uns gleichsam
auf Schritt und Tritt klarmachen, daft man mit den Begriffen, die so-
zusagen heute in der Welt aufgelesen sind, nicht von diesen Dingen
sprechen kann, oder wenigstens dann nur zu Miftverstandnissen kom-
men kann. Da sei zunachst heute auf einen Begriff aufmerksam ge-
macht, den wir uns schon im Laufe unserer Betrachtungen aneignen
konnten, den wir uns aber doch, indem ich ihn heraushebe, wie er so
den einzelnen Betrachtungen zugrunde lag, in seiner Einzelheit zu Ge-
mut bringen wollen.
Wenn wir die Auftenwelt betrachten, wie sie um uns herum liegt,
wie sie ihre Eindriicke auf unsere Sinne macht, wie wir sie zu begrei-
fen suchen mit den Vorstellungen, die an unser Nervensystem, an unser
Gehirn gebunden sind, so miissen wir sagen: Die Hauptsache besteht
darin, dafi wir die Dinge anschauen. Indem wir die Dinge anschauen,
nehmen wir wahr das Menschenreich, die Menschen als physische We-
sen, das Reich der tierischen Wesenheiten, das Pf lanzenreich, das mine-
ralische Reich, Wolken, Berge, Fliisse, Meere, Sterne, Sonne und Mond.
Wir nehmen sie wahr, diese Reiche, insofern sie physische Wesen sind.
Wir schauen sie an, nehmen ihre Farben wahr, horen ihre Klange, neh-
men ihren Warmezustand wahr, kurz, wir nehmen sie wahr. Und der
Ausdruck: Wir nehmen sie wahr -, die Vorstelhmg: Wir nehmen sie
wahr -, ist durchaus berechtigt fur unser Verhaltnis zur physischen
Welt. In dem Augenblick, wo der Geistesforscher sich in die geistige
Welt hinauferhebt, mufi in ihm sogleich das Bedurfnis erwachen, fur
den Ausdruck: Ich nehme wahr - eigentlich einen anderen zu gebrau-
chen, denn es ist durchaus nicht vollig richtig, zu sagen: Ich nehme
wahr die Wesen der geistigen Welt. - Da kann man den Ausdruck: Ich
nehme wahr - eben gar nicht so anwenden, wie man ihn fur die phy-
sische Welt gebraucht. Es ist gut, sich einmal klarzumachen, dafi alles
sogenannte Wahrnehmen in der geistigen Welt doch einen ganz an-
deren Charakter hat. In der geistigen Welt hat man, indem man in sie
hineinwachst, indem man sich immer mehr und mehr zu ihr erhoben
fiihlt, vielmehr den Eindruck: Man wird wahrgenommen nicht: Man
nimmt wahr. - Hier in der physischen Welt sind wir gewissermafien als
Menschen auf dem physischen Plan die hochsten physischen Wesen.
Ein Stein konnte sagen, er ware von den Menschen wahrgenommen.
Eine Pf lanze konnte sagen, sie ware von den Menschen wahrgenommen,
ebenso ein Tier. Ebenso konnte es der physische Mensch sagen, er ware
von Wesen seinesgleichen wahrgenommen. In dem Augenblick, wo wir
in die geistige Welt hinaufwachsen, werden wir auch wahrgenommen.
Da schauen die Wesen der geistigen Welt auf uns herunter. Da sind
wir fur sie gewissermafien Objekt. Und es ist sogar das erste Zeichen,
daft man in der geistigen Welt drinnen ist, wenn man als wahrnehmen-
des Wesen auf dem physischen Plan ein wahrgenommenes Wesen wird.-
Erinnern Sie sich auch an das, was im letzten Vortrage gesagt worden
ist. - Man wachst dadurch zu den Wesenheiten der hdheren Hierarchien
hinauf, dafi man zu ihren Fahigkeiten hinauf wachst, dafi das, was
man ist, von ihnen wahrgenommen wird. So ist es gegeniiber den We-
senheiten der hoheren Hierarchien. Man lernt sich hineinwachsen se-
hen in einen Gemutszustand, bei dem man sich sagt: Ich fuhle mich
wahrgenommen von den hoheren Wesen der Hierarchie der Angeloi, ich
fuhle mich wahrgenommen, wenn ich mich weiter entwickele, von den
hoheren Wesen der Hierarchie der Archangeloi - und so weiter. Dieses
Verspiiren, dieses Empfinden: Da schauen uns Wesen an, da wirken
geistige Wesen mit ihrem Willen auf uns das ist es, was ich in den
Ausdruck: Ich werde wahrgenommen - kleiden mbchte. Und es ist
gut, sich so etwas ganz klar zu machen, damit man nicht meint, das
Hineinwachsen in die geistige Welt sei blofi gleichsam eine Fortsetzung
jenes Tableaus, das um uns in der physischen Welt herum ist. Es andert
sich wirklich die ganze Seelenstimmung, insofern man dieses Bewufit-
sein in sich aufnehmen mufi: Da lebst du in der geistigen Welt drinnen,
und das, was man innerlich erlebt, ist das Bewufitsein: Es schauen dich
an die Wesen der hoheren Hierarchien. Und wenn du etwas tust, wenn
du handelst, so sind es die Krafte der Wesen der hoheren Hierarchien,
die dir zufliefien, die in dir wirken.
Man kann sich ja am besten solche Dinge durch Schilderung konkre-
ter Verhaltnisse klarmachen. So sei, ohne alle Anmafiung - ich bitte,
das wirklich zu beriicksichtigen, dafi ich dieses mit dem Ausdruck ein-
leite: «ohne alle Anmafiung» - und bescheiden auf folgendes aufmerk-
sam gemacht, aus dem wir wie an einem Beispiele ersehen sollen, wie
dieses Verhaltnis des Menschen zur geistigen Welt eigentlich ist. Wenn
wir hier in der physischen Welt etwas arbeiten sollen, so brauchen wir
zunachst fiir dieses Arbeiten in der physischen Welt - das kann durch-
aus auch etwas sein, wozu man geistig inspiriert ist - die Krafte, die uns
durch die physische Welt zuwachsen. Und diese Krafte, die uns durch
die physische Welt zuwachsen, liegen fiir das gewohnliche Bewufitsein
natiirlich aufterhalb dieses Bewufitseins. Aber wir fiihlen, dafi wir sie
uns auf dem physischen Plan, insofern sie physische Krafte sind, zu-
nachst nicht selber geben konnen. Wenn das zum Beispiel nicht geglaubt
werden sollte, so braucht man jetzt nur nach Dornach zu gehen zu
unserem Bau und ein wenig zuschauen, wie unsere Freunde dort die
grofien Holzblocke umwandeln zuKapitalen fiir unsere Saulen, und wie
sie da ihre physischen Krafte anwenden miissen. Und dann wird man
sich schon gestehen miissen: Solche Krafte sind uns eben rein aus der
physischen Welt zukommend. - Ich fiir meine Person gestehe ganz of fen,
dafi ich manchmal solche rein physischen Krafte mehr haben mochte,
als ich sie habe, urn die Arbeit noch mehr fordern zu konnen, die dort
jetzt gemacht wird. Diese Dinge sollen uns nur zum Vergleich dessen
dienen, was jetzt gesagt werden soil. - Wie uns so in unsere Sache herein
mitwirken die Krafte der Handmuskeln und andere physische Krafte,
so konnen fiir unsere Leistungen mitwirken geistige Krafte, Krafte, die
uns von der geistigen Welt aus in die Seele hereinfliefien, und die sich,
man mochte sagen, von oben herunter so verhalten, wie die physischen
Krafte, wenn wir es mit Leistungen auf dem physischen Plan zu tun
haben.
Es war nun in den aufeinanderfolgenden Jahren unter mancherlei
anderen Aufgaben diese uns zugeteilt; in unseren Mysterienspielen in
dramatische Kunst dasjenige umzusetzen, was durch unsere geistige
Weltanschauung fliefit. Das heilk, man mufite geistig erschaute Tat-
sachen wirklich auf die aufiere Biihne bringen. Wenn man den trivialen
Ausdruck gebrauchen darf, man mufke die Dinge «inszenieren». Und es
waren bei diesem Inszenieren mancherlei Dinge notwendig, die eben
gegeniiber der gewohnlichen Inszenierungskunst doch etwas wesent-
lich Neues bedeuten. Wir haben ja im Laufe der Jahre, man mochte
sagen, mit immer sich steigernder Kraft solche Inszenierungen zu be-
wirken gehabt. Mit dem, was ich aber jetzt meine, will ich nicht so sehr
auf das hinweisen, was Aufierlichkeiten sind, was geschieht, wenn so-
zusagen schon alles beisammen ist, sondern auf das mochte ich hin-
weisen, was mehr das Geistige, das Spirituelle der Sache war. Diese
Tatsache sei als die eine Seite der Tatsachen, die ich erzahlen will, hin-
gestellt. Die andere Seite ist die folgende.
Im Beginne unseres geisteswissenschaftlichen Wirkens, ziemlich im
Anfange, waren wir besucht von einer Personlichkeit, welche nicht nur
einen grofien, tief innerlichen gemutreichen Anteil an unserer geistes-
wissenschaftlichen Lehre entwickelte, wie wir sie damals im Anfange
unserer geisteswissenschaftlichen Arbeit geben konnten und geben mufi-
ten, sondern die auch durchseelt war von einem wunderbar edlen Kunst-
sinn, von einer wunderbar edlen Kunstgesinnung, von einer Kunst-
gesinnung, die nun eigentlich ganz verschmolzen war auch mit dem
Personlichen dieser Personlichkeit, so dafi man im wahren Sinne des
Wortes sagen konnte, man hatte mit dieser Personlichkeit eine objek-
tiv liebenswiirdige Personlichkeit vor sich. In rascher, schneller Weise
nahm diese Personlichkeit an, was damals uber die geisteswissenschaft-
liche Lehre gesagt werden konnte. Dann, es war ja das schon in den
ersten Jahren unseres Wirkens hier, verliefi sie den physischen Plan,
und es vergingen dann Jahre, in denen die Individuality dieser Per-
sonlichkeit daran arbeitete, aus jenen unterbewufiten Untergriinden,
die ja vorhanden sind, wenn die Menschenseelen durch die Pforte des
Todes gegangen sind, herauf zuarbeiten den Zusammenschlufi desjenigen,
was sie aus unserer geisteswissenschaftlichen Lehre aufgenommen hatte,
mit dem, was ihr kiinstlerischer Sinn war. Man mochte sagen: Man
konnte verfolgen den Aufbau eines Geistleibes, in welchem zusammen-
wirkten diese zwei eben geschilderten Krafte, auf der einen Seite die
fruchtbaren geisteswissenschaftlichen Anschauungen, auf der anderen
Seite der liebenswiirdige und energische und einsichtige kiinstlerische
Sinn. Dann vergingen so die Jahre. Und im Laufe der letzten Jahre, als
die Aufgaben in Munchen dann an uns herantraten, da war es immer
wieder und wieder, oft und oft, bevor ich iiber das und jenes zu entschei-
den hatte, was mehr auf das Innere unserer Munchner Vorstellungen be-
ziiglich war, dafi ich wufite: diese Individualitat schaut herunter auf
alles, was da geschieht. Und wie einem in der physischen Welt die
Krafte zuwachsen, eben aus dieser physischen Welt heraus, so ist. es
naturlich eben nicht so, dafi einem eine solche Wesenheit eingeben
wurde, wie man die Dinge zu machen hat. Dazu mufi man schon selber
die Fahigkeiten haben. Aber indem ihre warme, innige Anteilnahme
an unserer Sache, indem ihr geistiges Auge mit seinen Ausstrahlungen
schiitzend einfliefit in das, was man zu tun hat, fuhlt man sich durch-
kraftet fur das, was man zu tun hat, durch die segnenden Gewalten, die
von einer solchen Individualitat ausgehen.
Das ist es, was uns zeigen kann, wie die Seeie, wenn sie durch die
Pforte des Todes gegangen ist, sich allmahlich verwandelt in ein We-
sen, das mittatig ist, das mitwirkt hier auf dem physischen Plan. Und
wenn man anfangt dieses Mitwirken bewufit zu empfinden und zu
fiihlen, dann empfindet man solche Wesen wie den Schutzgeist, wie den
starkenden Geist fiir das, was man hier zu tun hat und was mit der
geistigen Welt zusammenhangt. Dann geht man an die Arbeit, indem
man die Voraussetzung hat: Da schwebt in den geistigen Welten jenes
Wesen, das dieser Arbeit Schutzgeist ist.
Wenn so etwas erwahnt wird, dann konnen wir uns, ich mochte sa-
gen, eine konkrete Vorstellung von dem machen, was einflieften soil
und kann in unser ganzes Leben als das, was uns beseelt gegeniiber der
geistigen Welt. Denn wir lernen allmahlich wissen: Die Toten sind nicht
gestorben, sie sind nur auf einen anderen Schauplatz iibergegangen. Sie
wirken mit bei dem, was wir tun. Und fiir uns bleibt es nicht ein unbe-
stimmter Gedanke: Sie wirken mit -, sondern wir lernen allmahlich die
Gebiete aufzuzeigen, auf denen sie mitwirken. Wir lernen allmahlich
uns mit ihnen zusammenzufiihlen, wenn wir Krafte brauchen, die wir
nicht aus dem physischen Plan entnehmen konnen, sondern bei denen
wir uns unterstutzt fiihlen miissen von dem, was aus hoheren Pianen
herunterfliefien kann zu uns, weil die Seelen, die durch die Pforte des
Todes geschritten sind, dadurch, daft sie das Material fiir das, was sie
nun werden, aus einer anderen Welt entnehmen, auch andere Krafte
haben, als die Krafte des physischen Planes sind. Versuchen wir fur
einen Moment die wirkliche innere Vertiefung vorzustellen, die das
Leben dadurch gewinnen kann, dafi die Geisteswissenschaft nicht nur
in Form von abstrakten Theorien, sondern im lebendigen Leben, im
lebendigen Erfassen des einzelnen Konkreten zu uns kommt, dann wer-
den wir erst den Segen des Einfliefiens nicht nur der geisteswissenschaf t-
lichen Theorien erblicken, sondern der ganzen spirituellen Stromung,
die mit der Geisteswissenschaft in uns einflieik fur das ganze mensch-
liche Leben.
Oder ein anderes Beispiel. Ich setze wirklich voraus, dafi die Aus-
einandersetzungen solcher Dinge innerhalb eines solchen Zweiges mit
der notwendigen Pietat genommen werden, demi nur dadurch kon-
nen wir fortschreiten vom Abstrakten ins Konkrete.
Vor kurzer Zeit verlie$ uns fur den physischen Plan eine Personlich-
keit, die sich durch fiinf Jahre hindurch mit uns verbunden hatte, die
ihr bestes Wesen allmahlich ganz geeint hatte mit demjenigen, was aus
den Erkenntnissen unserer Geisteswissenschaft kommt. Durch viele
Jahre hindurch lebte diese Personlichkeit in einem siechen Kdrper und
hatte gewissermafien zu kampfen gegen die Attacken dieses siechen
Korpers. Aber sagen darf man, namentlich wenn man die Kraft ins
Auge fafit, die notwendig war, um die letzten Dichtungen dieser Per-
sonlichkeit zu schaffen, dafi sich in dieser Personlichkeit wirklich das
gezeigt hat, was man nennen kann den Sieg des Geistes iiber den Leib.
Zu welchen wunderbar intimen Charakteristiken, dichterisch intimen
Charakteristiken der geistigen Welt diese Personlichkeit gekommen ist,
das kennen Sie schon aus Proben, die Ihnen vorgetragen sind. Die Welt
wird, wenn sie will, manches verspiiren konnen aus der Veroffentli-
chung des letzten Gedichtbandes, der in einigen Wochen erscheinen
wird, und der zwar nicht mehr auf dem physischen Plan erlebt worden
ist von der betreffenden Personlichkeit, die ihn geschaffen hat, der aber
in wunderbarer Weise das geistige Leben, das hier iiber den Leib ge-
siegt hatte, der Welt zeigen wird. Als ich Ende vorigen Jahres in Leip-
zig iiber diese Dichtungen sprach, da gebrauchte ich einen Ausdruck,
den ich dazumal, ja, ich mochte sagen, so gebrauchte, wie eben ein
Mensch, auch wenn dieser Mensch nur ein Kind ist, sagt: Die Rose ist
rot. - So etwas kann ganz richtig sein und man braucht doch nicht zu
«wissen», dafi die Rose rot ist. So wufite ich damals in Leipzig, dafi ich
den Ausdruck gebrauchen durfte, und dafi er richtig ist. Ich sagte nam-
lich damals aus einer inneren Notwendigkeit heraus, urn diese Dich-
tungen zu charakterisieren: In ihnen spreche sich nicht nur aus, was
man nennen kann einen wunderbaren dichterischen Ausdruck unserer
Weltanschauung, sondern ich konnte sagen: Diese Gedichte haben
Aura! — Das heiik, es ist in die Seele dieser Wesenheit hereingegangen,
was die Personlichkeit ergreift, so da£ aus ihr nicht nur die Worte flie-
fien, sondern in den Worten etwas liegt, was wie eine Aura ist. Kurz,
ich sagte dieses Wort damals und empfand es als durchaus richtig.
Jetzt weifi ich, warum ich es sagte. Man kann selbstverstandlich erst
nach dem Tode wissen, wozu sich die Personlichkeit dieser Dichtungen
anschickt in der geistigen Welt, wozu sie sich vorbereitete. Aber es liegt
hier ja der eigentiimliche Fall vor, dafi diese Personlichkeit viel ge-
litten hat, dafi der physische Organismus morsch geworden ist. Aber
wahrend der physische Organismus morsch geworden ist, bildete sich
in der Seele etwas aus, was weit hinausging iiber diesen physischen
Organismus, was etwas ganz anderes war, als was zunachst dieser Per-
sonlichkeit selber zum Bewufitsein kam. In den Untergriinden der Seele
lebte dieses andere und lebte ein immer leuchtenderes Leben, je mehr
der physische Organismus sozusagen seiner Zerstorung entgegenging.
Und jetzt sieht man, ich mochte sagen, in der geistigen Welt dasjenige
aufleuchten, was sich schon hier in der physischen Welt vorbereitet hat.
Um das zu charakterisieren, was ich charakterisieren will, mochte ich
ein Bild zum Vergleich gebrauchen.
Wir konnen ringsherum die weite Natur mit alien ihren Schonhei-
ten und Erhabenheiten haben. Gewifi, fur den, der die Schonheiten der
Natur empfindet, ist das berechtigt, was ich von dieser Stelle aus vor
langerer Zeit einmal aussprach. Damals sagte ich: Man kann durch
alle Galerien Italiens gegangen sein, kann dann heraufkommen in die
Schweizer Berge und dort einen Sonnenaufgang sehen, und hat dann
das Gefuhl: Die geistigen Wesenheiten, die den Sonnenaufgang malen,
sind noch grofiere Maler als die, welche auf die Leinwand etwas ma-
len. - Aber trotzdem dieses zugegeben werden mufi, miissen wir sagen:
Wir bewundern die aufiere Schonheit der Natur, konnen uns ihr ganz
hingeben. Aber ist es uns nicht ein unendlich Wertvolles, wenn wir ne-
ben dem, dafi wir uns der aufieren Natur hingeben konnen, erblicken,
dafi ein Gemalde von Raffael oder Leonardo da Vinci oder einem an-
deren Kunstler, aufier der schonen Natur auch noch das vor uns auf-
treten lafit, was die andere Seele vor uns hinstellt? Wir sehen hinein-
gestellt auf den physischen Plan, was Seelen uns geben, und wodurch
sie das bereichern, was wir selber der Natur ablauschen konnen. - Die-
sen Vergleich mochte ich gebrauchen, urn in Ihren Herzen ein Ver-
standnis fiir das anzuschlagen, was ich Ihnen sagen mochte.
Die Individualitat der Personlichkeit, von der ich eben gesprochen
habe, sie ist nun in der geistigen Welt. Und ledig des Leibes sind die-
jenigen Bildungen geistiger Art, die vorher im Leibe waren. Sie sind
nun in der geistigen Welt. Hier auf der Erde werden wir die herrlichen
Dichtungen haben, in der geistigen Welt ist aber noch etwas anderes.
Da leuchtet auf, was sich wirklich der Individualitat angliedert - und
woraus diese Individualitat ihren Geistleib nimmt - aus den Imagina-
tionen, die sich hier vorbereitet haben wahrend der langen Krankheit.
Ein wunderbares kosmisches Bild! In diesen Imaginationen lebt eine
wunderbare Ingredienz des Kosmos, die sich hinstellt neben das, was
unmittelbar die Geistesforschung wahrnehmen kann, wie sich eben ein
wunderbares Gemalde hinstellt neben das, was wir als die Schonheiten
der Natur empfinden konnen. Unendliches wird einem offenbar, wenn
neben dem, was sich einem in der geistigen Welt aufschliefit, auch noch
dasjenige anschaulich wird, wie diese geistige Welt in den Imagina-
tionen einer Menschenseele sich vor dem geistigen Blick ausbreitet. Ich
mochte sagen: Man sieht den geistigen Kosmos zweimal, erst wie er
unmittelbar dem hellseherischen Blick erscheint, und dann, wie er sich
vor dem hellseherischen Blick enthiillt durch das, was sich eine Men-
schenseele in harten Leiden auf Erden, aber in energischem Streben
nach geistiger Erkenntnis anerworben hat. Ich brauche nicht zu sagen,
dafi alle diese Dinge karmisch genommen werden miissen, dafi nie eine
Seele durch ihre Willkiir sich irgend etwas in der erwahnten Art erwer-
ben konnte. Das alles miissen wir sozusagen der Gnade der weisheits-
vollen Weltenlenkung iiberlassen, ob uns dergleichen zuteil werden
kann. Solange der Mensch auf Erden weilt, mufi er dafiir sorgen und
haben auch die anderen dafiir zu sorgen, daft er solange als moglich auf
der Erde bleibt, und dafi er so gesund sein kann als irgend moglich.
Man sollte das nicht zu erklaren brauchen, aber es wird so viel mi&-
verstanden in diesen Dingen. Nie sollte jemand versuchen, irgend etwas
zu tun, um Leiden oder so etwas herbeizufiihren. Das darf nicht sein.
Dann wiirde er auch gar nichts dadurch erreichen. Wenn also jemand
kommen wiirde und sagte: Also versuche ich, mich irgendwie in Leid
zu stiirzen, um irgend etwas zu erreichen -, so wiirde es das Falscheste
sein, was als Konsequenz aus diesen Auseinandersetzungen gezogen
werden konnte.
Ich wollte Ihnen heute an diesen besonderen Beispielen gewisserma-
fien zwei Vorstellungen zeigen; die eine Vorstellung, die ich so aus-
sprechen mochte: Die geistigen Wesen senden uns ihre Krafte zu durch
den Blick ihres Geistesauges -, was ich durch die schiitzende Indivi-
dualitat fur unsere kiinstlerischen Bestrebungen zu belegen versuchte.
Die andere wollte ich anfuhren als ein Beispiel dafiir, wie innerlich
weisheitsvoll die Weltenlenkung ist, wie, ich mochte sagen, es uns
moglich wird hinzublicken in der geistigen Welt auf das, was eine gei-
stige Individualitat aus dem Erdendasein herausgezogen hat und was
nun selbst unsere Anschauung iiber die geistige Welt bereichern kann,
wie die kiinstlerischen Anschauungen Bereicherungen unserer physi-
schen Welt sind. Vieles hatte ich vielleicht heute schon zu sagen iiber
manches andere noch der Individualitat, die in solch begnadeter Weise
in die geistigen Welten hinauftragen kann, was sie aus der anthroposo-
phischen Weltanschauung gesogen hat. Allein dazu ist wohl noch nicht
in Wirklichkeit die Zeit gekommen. Ich habe die beiden Dinge ange-
fiihrt, weil ich wirklich glaube, dafi man durch die Anschauung solcher
konkreter Dinge, die uns ja naheliegen, sich besser einen Begriff ma-
chen kann iiber die Vorstellungen und Ideen, die wir brauchen, um in
die geistige Welt wirklich einzudringen, und an die wir uns zunachst
vorzugsweise halten miissen, wenn wir wirklich eben eindringen wol-
len. Dazu kommen wir ja auch in intimeren Versammlungen zusam-
men, damit wir gewissermaften in diesen intimeren Versammlungen
schon unsere Sprache sprechen konnen, die wir uns allmahlich fur die
Darstellungen des geistigen Lebens angeeignet haben. Denn das ist der
Fortschritt auf dem Boden der Geisteswissenschaft, dafi wir nicht blofi
lernen im allgemeinen von dem Geist zu sprechen, der urn uns herum ist.
Wie wir ja auch nicht blofi im allgemeinen von der Natur sprechen, die
um uns herum ist. Wir sprechen wahrhaftig nicht allein von der Natur
und immer von Natur und Natur, sondern wir sprechen von dem Gras
der Wiesen, von den Ahren des Feldes, von den Baumen am Bergab-
hang, von den Wolken und so weiter, und wir miissen uns nach und
nach dazu aufschwingen, so konkret auch von der geistigen Welt zu
sprechen. Deshalb mochte ich auch ab und zu so konkret von der gei-
stigen Welt sprechen, indem ich hinweise auf eine so schiitzende Seele,
wie ich sie heute im Verhaltnis zu unserer kiinstlerischen Arbeit cha-
rakterisiert habe, oder auf eine Seele, die eine solche Gestalt annimmt,
nachdem sie durch die Pforte des Todes gegangen ist, indem sie wider-
spiegelt die Krafte, die aus dem geistigen Kosmos selbst kommen, die
sie schon wahrend des Siechwerdens des Korpers hier gesammelt hat,
und die uns Dinge lehrt, die wir sonst nicht leicht gewinnen konnen.
Solch ein Freund und Mitglied wie der zuletzt Charakterisierte -
der Ihnen ja bekannt ist -, werden zugleich die besten Mitarbeiter fur
das, was die Geisteswissenschaft in der Welt zu tun hat. Nach der Art,
wie die Geisteswissenschaft von vielen Seiten aufgenommen, mifiver-
standen, mifiachtet, feindlich behandelt wird, kann es ja wirklich
manchmal scheinen, als ob es schwer wiirde, durchzukommen mit dem,
was die Geisteswissenschaft wirklich soli. Da aber treten dann die er-
mutigenden Gedanken auf, die aus einer solchen Erkenntnis sprieften,
wie der heute angefiihrten: dafi die, welche schon durch die Pforte des
Todes gegangen sind, die wahren Zeugen werden fiir das, was die Gei-
steswissenschaft sein soli. Das mochte ich, dafi es ein wenig zu unseren
Herzen und Seelen spricht. Denn dahinblickend, mufi man sich doch
immer wieder und wieder sagen: Diese Geisteswissenschaft, sie wird,
und wenn es iiber uns und unser Leben hinweggehen miifite, sie wird sich
einieben in den geistigen Fortschritt der Menschheit. Und das kann
uns dann doch Mut geben gegenuber dem, was wir von dieser oder jener
Seite her beobachten miissen, kann uns Mut geben fur den Glauben und
die Oberzeugung, dafi doch immer mehr und mehr Menschen kommen
werden, welche verstehen werden: Die geistige Welt braucht neue Be-
grif f e, neue Vorstellungen, Empfindungen und Gesinnungen, wenn man
sie wirklich erfassen will.
Gewinnen wir durch solche Ausfiihrungen ein recbtes Verhaltnis zu
dem, was wir selbst sein wollen in dieser unserer geistigen Bewegung
drinnen. Nehmen wir in Pietat Beispiele hin, wie die heute angefiihrten,
aber durchdringen wir uns mit dem, was daraus fur unsere Gesinnung
fliefien kann, damit wir stark sind, manchem Anprall von aufien stand-
zuhalten. Draufien, sagte ich, konnen uns ja die Menschen nur mit
denjenigen Begriffen entgegenkommen, die sie in der Welt aufgelesen
haben, und wir brauchen uns nicht direkt zu verwundern, wenn die
Menschen draufien das, was sie von uns erfabren, mit den Begriffen be-
legen, die sie eben drauften in der Welt aufgelesen haben. Da liegen ja
grofie, grofie Schwierigkeiten vor in bezug auf das Verhaltnis der Gei-
steswissenschaft zu dem, was aufierlich in der Welt iiber diese Geistes-
wissenschaft gesagt und geurteilt wird.
Wir wollen, wie Ihnen bekannt ist - wie Ihnen das letzte Mai hier
aus begeistertem Herzen heraus von einem unserer lieben Mitglieder
auch aus eigner Anschauung geschildert worden ist -, in Dornach, in
der Nahe von Basel, den Anfang machen mit einem wirklichen, rechten
Kunstwerk, das aber als Kunstwerk herausgeflossen ist aus unserer
Weltanschauung. Alles hangt davon ab, dafi einige Menschen in der
Welt verstehen, was da eigentlich gemeint ist, und dafi nicht nur die-
jenigen iiber die Sache urteilen, die mit den Begriffen, die draufien auf-
gelesen sind, so etwas charakterisieren wollen. Denn wenn man an so
etwas mit den Begriffen herangeht, die draufien aufgelesen sind, so
kommt man, wenn man es selber vielleicht sogar gut meint, doch nur
dazu, mit den Begriffen, die draufien gebrauchlich sind, die Dinge zu
charakterisieren. Und so konnen wir es jetzt erleben, dafi durch Zei-
tungen aller Sprachen Dinge gesagt werden iiber den Dornacher Bau,
die geeignet sind, dasjenige, was wir uns durch Jahre miihsam erworben
haben - dadurch erworben haben, dafi wir versucht haben, die Dffent-
lichkeit nicht zu behelHgen da, wo sie ohnedies nichts davon versteht
in kurzer Zeit hinwegzufegen; wenn durch die Zeitungen aller Sprachen
Mitteilungen gehen: In welcher Zeit leben wir? 1st das noch die Zeit
des Materialismus? Ein kolossaler Tempel wird gebaut - und so weiter,
und wenn dann geschildert wird, wie in diesem Tempel Saulen stehen,
die miteinander verbunden sind durch Pentagramme, und was derglei-
chen mehr ist. - Wenn das geschieht, dann sagt man sich erst: Was wird
daraus, wenn mit den aus der Welt draufien aufgelesenen Begriffen
die Dinge charakterisiert werden, die aus unserer Geistesstromung her-
aus entspringen sollen? Schaudervoll gehen diese Schilderungen jetzt
durch die Zeitungen! Es ist nicht notwendig, dafi wir auf Einzelheiten
solcher Schilderungen uns einlassen. Aber das gar so Schmerzliche da-
bei ist, dafi da, wo zuerst diese Schilderung erschien, wovon das Weitere
ausgegangen ist, die Ursache eine gutmutige Seele war, die verstehen
wollte, die einen grofien Dienst der Sache erweisen wollte durch diese
Schilderung, eine Seele, der gegeniiber man sich sogar bemiihte, damit
nicht Allzuschreckliches in die Welt gesetzt wird, die Dinge zu zeigen,
zum Beispiel, wie wirklich kein Pentagramm zu sehen ist, sondern an
einer einzelnen Stelle, dezent, das esoterische Gemut erst fiihlend das
Pentagramm herausfuhlen mufi. Und bei einer solchen Seele, die ge-
beten worden ist, ja nichts, was irgendwie nach Journalismus klingt,
zu schreiben, erlebt man es - als wenn eine solche iiberhaupt gar nichts
anderes kann -, da!5 sie nur so schreiben kann, dafi sie nicht die Begrif fe
und Ideen gebraucht, die man sich bei uns aneignet, sondern die Be-
griffe und Ideen, die heute auf der Strafie des geistigen Lebens aufge-
lesen werden! Wie schneidet es uns in die Seele, wenn wir sehen, wie
das, was wir eigentlich wollten, jetzt in dieser Weise durch die Zei-
tungen geht. Die Artikel und die Klischees werden ja dann von einer
Zeitung zur anderen weiter iibernommen, werden in alle Sprachen iiber-
setzt, und in jeder Sprache wird noch ein spezieller Unsinn, eine spe-
zielle Torheit hinzugefugt. Selbstverstandlich nicht um unbegreiflich
zu finden, was geschieht, ich mochte sagen, beim Zusammenstofie des-
jenigen, was unsere ernst und aufrichtig gemeinte Geisteswissenschaft
zu tun hat, mit dem, was in der aufieren Welt verstanden werden kann,
sind diese Worte gesagt, sondern wirklich um Ihnen zu zeigen, wie sehr
ernst und wiirdig wir es mit unserer Sache nehmen miissen, wie sehr wir
uns bewufit werden miissen, wie tiefgehend das Verstandnis sein mu8,
das wir uns erwerben mussen fur das, was die Geisteswissenschaft der
Welt sein soil.
Man konnte vielleicht doch manchmal fragen: Warum durften wir
nicht ebenso bescheiden, und ungenannt, durch Begriffe, bei denen,
die uns nicht verstehen konnen, weiterwirken, wie wir fur unsere Sache
vox dem Dornacher Bau gewirkt haben? - Nun ja, das Auge der Ge-
genwart ist auf den physischen Plan eben eingestellt. Geistiges merkt
man nicht. Aber daft dort in Dornach ein Gebaude aufgefiihrt wird,
das sieht man. Aber solche Fragen sind natiirlich vollstandig unfrucht-
bar, und darauf kommt es auch gar nicht an. Sondern das, worauf es
ankommt, ist, daft wir flir unsere Sache in unseren Herzen den rechten
Sinn und das rechte Verstandnis gewinnen. Nicht urn irgend jemanden
anzuklagen, oder um zu kritisieren, sind diese Worte gesagt, sondern
um Sie wieder und wieder darauf aufmerksam zu machen, wie tief ernst
wir selber versuchen sollten, ein Verstandnis zu gewinnen fur das vol-
lig Andere, das in uns ersprieften soli demgegenuber, was drauften so
vielf ach von der Welt hereinschlagt, hereinschlagt allerdings in den Mei-
nungen der Leute. In dem, was die Seelen wirklich brauchen, wonach
sie wirklich lechzen, ist solches nicht darinnen. Die Seelen wollen schon
die Geisteswissenschaft, lechzen darnach, sie zu bekommen. Deshalb
wird es sich darum handeln, daft Verfiihrungen und Versuchungen, die
von den materialistischen Meinungen und namentlich von dem geisti-
gen Hochmut ausgehen, von uns in der richtigen Weise eingeschatzt
werden, daft wir das richtige Verhaltnis zu ihnen gewinnen und uns
nicht davon blenden lassen, daft diese Meinungen und Stimmungen uns
sozusagen iiberall drauften in der Welt sichtbarlich entgegentreten kon-
nen, sondern darauf kommt es an, daft wir wirklich in uns die Kraft
finden, uns voll hineinzustellen in diese Welt, und in uns selber den
Impuls suchen, um ein rechtes Verhaltnis zur Umwelt zu gewinnen,
damit uns die Geisteswissenschaft wirklich etwas werde, was uns inner-
lich durchwarmt, innerlich durchkraftet, so daft wir in ihr die Aus-
gangspunkte fur unser Urteilen finden und uns nicht blenden lassen
durch das, was uns von aufterhalb kommt, und was uns - weil es mit
Autoritat, mit Macht auftreten kann - immer wieder tauschen kann
iiber die Art, wie die Zeit diese Geisteswissenschaft verstehen kann.
Das ist es, was ich heute nochmals vor Ihre Seele bringen wollte.
Denn wenn wir seltener zusammenkommen, wenn es dem Sommer zu-
geht, dann soil doch das fiir uns sicher sein: dafi die Impulse der Geistes-
wissenschaft in unserer Seele leben unabhangig von Zeit und Raurn, dafi
wir sie gleich lebendig in uns haben, ob unsere Zusammenkiinfte ofter
oder seltener sind. Auf ihr Wesen kommt es an, darauf, dafi wir sie
wirklich lebendig in uns machen. Das ist es, was mir oblag, heute mit
Ihnen zu besprechen.
DAS HEREINWIRKEN DER GEISTIGEN WELT
IN UNSER DASEIN
Paris, 25. Mai 1914
Vor alien Dingen, meine lieben Freunde, lassen Sie mich meine herz-
liche Freude ausdriicken dariiber, dafi wir am heutigen Tage hier in
diesem Zweige der Anthroposophischen Gesellschaft uns wiederfinden
konnen. Ich erinnere mich dabei des schonen Nachklingens unseres vor-
jahrigen Zusammenseins, und ebenso aufrichtig und herzlich, wie die-
ses Nachklingen war, ebenso aufrichtig und herzlich ist die Begriifiung,
mit der ich die heutigen Betrachtungen beginnen mochte.
Sprechen mochte ich heute iiber einen Gegenstand, welcher tief-
innerlich zusammenhangt mit dem Grundnerv unserer anthroposo-
phischen Bewegung. All dasjemge, was wir vorzubringen vermogen
innerhalb unserer spirituellen Bewegung, beruht auf jenen Forschun-
gen, die man hellsichtige Forschungen nennen kann. Und wenn es auch
durchaus immer wieder betont werden muE, dafi von den anthroposo-
phischen Wahrheiten vorzugsweise unser Herz, unser Gemut getroffen
werden, so darf doch eben nicht aufier acht gelassen werden, dafi das-
jenige, was auf unsere Herzen, auf unser Gemut innerhalb dieser Be-
wegung wirken soil, seine Grundlage in dieser hellsichtigen Forschung
hat. Hellsichtige Forschung ist der Ausdruck einer anderen Verfassung
des menschlichen Seelenlebens, als diejenige ist, die den Alltag be-
herrscht. Scheinbar fuhrt sie uns zunachst fort von demjenigen, was
uns als Menschen so naheliegt im alltaglichen Leben. In Wahrheit aber
fiihrt uns diese hellsichtige Forschung gerade in den Mittelpunkt des
wahrhaft menschlichen Lebens. Nun mochte ich heute nicht sprechen
iiber die Wege zur hellsichtigen Forschung, die schon angedeutet sind
in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?»,
sondern ich mochte sprechen iiber die Eigentiimlichkeiten jener Seelen-
verfassung, jener Stimmung der Menschenseele, die unter dem Eindruck
der hellsichtigen Forschung entstehen miissen. Festhalten miissen wir,
dafi ja in der Tat die Wege zur hellsichtigen Forschung dahin fiihren,
dafi der Mensch sich innerhalb ihrer wirklich als ein ganz anderes We-
sen ftihlt, als er sich sonst im Leben fiihlt. Will man dasjenige, was urn
die Menschenseele herum ist, wenn diese Menschenseele hellsehend wird,
mit einer Erscheinung des gewohnlichen Lebens vergleichen, so kann
man es hdchstens mit den Erscheinungen des Traumes, die aber wie ein
Surrogat des Hellsehens sind. Wir erinnern uns, dafi wir im Traume
leben und weben in einer Bilderwelt, welche sich so darstellt, dafi dar-
in, wenn wir sie genau betrachten, uns nichts erscheinen kann von dem,
was wir nennen «das Beriihrungsgefiihl mit einem aufieren Gegen-
stand», und daft uns zunachst in dem gewohnlichen Falle des Traumes
nichts erscheint, was wir vergleichen konnen mit unserem gewohnlichen
Ich-Bewufitsein. Wenn uns im Traume doch etwas erscheint von un-
serem Ich, so erscheint es uns als von uns getrennt, wie ein aufieres We-
sen. Wir treten unserem Ich wie einem anderen Wesen gegeniiber, so
dafi man sprechen kann von einer Verdoppelung des Ich, wobei man
aber im Traume nur das herausgetretene Ich wahrnimmt, nicht das
subjektive Ich. Alles dasjenige, was zu widersprechen scheint dem eben
Gesagten, riihrt davon her, dafi die meisten Menschen vom Traume
nur aus der Erinnerung wissen und in der Erinnerung nicht genau
festhalten konnen die Tatsache, dafi im wirklichen Traumen das sub-
jektive Ich ausgeloscht ist.
Dieselben Eigenschaften, die dadurch entstehen, dafi das Beriih-
rungsgefiihl und das subjektive Ich ausgeloscht sind im Traum, diesel-
ben Eigenschaften hat zunachst das Feld, das Bilderfeld der hellsich-
tigen Forschung. Wenn der Hellseher sich erinnert an die Erfahrungen
des Hellsehens, so mufi er das Gefiihl haben in der Erinnerung, dafi die
Realitaten des Hellsehens durchlassig sind, dafi man sie durchgreifen
kann, nicht dafi sie Widerstand leisten wie ein physischer Gegenstand.
Und bezuglich des Ich-Gefiihls: In der physischen Welt haben wir das
Ich-Gefiihl dadurch, dafi wir wissen: Ich stehe da, der Gegenstand ist
aufier mir. - In dem Felde der hellsichtigen Beobachtung sind wir in
dem Gegenstand drinnen, wir trennen uns nicht, wir scheiden uns nicht
von den Gegenstanden des hellsichtigen Feldes. Diese Eigentumlichkeit
des hellsichtigen Feldes hat die ganz bestimmte Folge, dafi die einzel-
nen Objekte nicht feststehen wie die abgegrenzten Gegenstande des
physischen Feldes, sondern in fortwahrender Bewegung und Verwand-
lung sind. Die Gegenstande des physischen Feldes sind dadurch fest,
dafi wir sie beriihren konnen, dafi sie uns Grenzen setzen. Solche Gren-
zen setzen uns die Objekte des hellsichtigen Feldes nicht. Dasjenige,
welches bewirkt, dafi unser Ich zusammenfliefit mit den Objekten des
hellsichtigen Feldes, das bewirkt nun, dafi alles, was uns auf dem phy-
sischen Plan als ein Ich entgegentritt, das heifit der Mensch selbst, im
hellsichtigen Felde, wenn er auftritt, uns aufierordentliche Vorsicht der
Beobachtung notwendig macht. Ich will den zunachst bedeutungsvoll-
sten Fall ins Auge fassen, daft wir auf dem hellsichtigen Felde, durch
die entwickelten hellsichtigen Fahigkeiten, einem verstorbenen Men-
schen gegeniibertreten. Wenn wir einem verstorbenen Menschen ent-
gegentreten, so kann dies so geschehen, dafi uns zunachst, wie ein mit
grofier Lebhaftigkeit auftretendes Traumbild, die Gestalt des verstor-
benen Menschen im hellsichtigen Felde entgegentritt, so wie wir ihn uns
vorstellen oder vorzustellen haben, als er noch lebte. Dies ist aber nicht
etwa der gewohnliche Fall, sondern dies ist der aufierste Ausnahmefall.
Es kann der Fall eintreten, daft sich uns nahert im hellsichtigen
Felde ein Toter, und daft dieser Tote irgendeine Gestalt annimmt eines
Lebenden oder eines anderen Toten, die nicht seine Gestalt ist. Die Ge-
stalt, in der uns ein Toter entgegentritt, ist zunachst iiberhaupt nicht
maftgebend fur die Identifikation des betreffenden Toten. Es kann der
Fall vorkommen, dafi ein Toter sich uns nahert und wir haben einen
anderen Toten besonders lieb gehabt, oder wir stehen in einem beson-
ders freundschaftlichen Verhaltnis zu einem Lebenden; dann kann der
Tote, der uns entgegentritt, die Gestalt dieses Toten oder des Lebenden
annehmen. Von diesem Gesichtspunkte aus fehlen uns zunachst alle
Mittel, durch welche wir auf dem physischen Plan die Identifikation
eines Ich mit einer Gestalt erkennen. Dasjenige, was uns dann helfen
kann, wirklich uns zurechtzufinden, das ist, zunachst vorauszusetzen,
daft die Gestalt gar nicht maftgebend ist, sondern daft uns in dieser oder
jener Gestalt eben irgendein Wesen erscheint, und dann darauf zu mer-
ken, was dieses Wesen tut, welche Handlungen es vollbringt. Und es
wird sich, wenn wir in aller Ruhe uns dem Bilde hingeben, die Kon-
sequenz zeigen, dafi nach alledem, was wir wissen von der betreffen-
den Gestalt, diese Gestalt nicht so handeln kann, wie sie auf dem hell-
sichtigen Felde handelt. Ein Widerspruch zwischen der Gestalt und der
Handlungsweise wird uns sehr haufig entgegentreten. Und wenn wir
mit unserem Fiihlen mitgehen mit der Handlungsweise, ganz unbe-
schadet des Eindrucks der Gestalt, dann taucht aus den Tiefen unserer
Seele ein Gefuhl herauf, welches uns die Spur weist zu dem Wesen, um
das es sich eigentlich handelt. Halten wir fest, dafi es ein aus den Tiefen
der Seele heraufdringendes Gefuhl ist, das uns leitet, denn das ist aufier-
ordentlich wichtig. Dasjenige, was uns auf dem hellsichtigen Felde als
Gestalt erscheint, die etwa ahnlich sein konnte einer physischen Ge-
stalt, das kann so unahnlich sein dem Wesen, das wirklich erscheint,
wie die Zeichen, die auf dem Papier fur das Wort «Haus» stehen, un-
ahnlich sind dem wirklichen Haus. Aber ebenso wie wir, wenn wir auf
dem Papier die Zeichen, die das Wort «Haus» zusammensetzen, sehen,
wie wir dann nicht unsere Aufmerksamkeit auf die Zeichen richten
und nicht beschreiben die Formen der Buchstaben, sondern iiber die
Form der Buchstaben, dadurch dafi wir lesen konnen, zu der Vorstel-
lung der Form des Hauses kommen, so eignen wir uns beim wirklichen
Weg zum Hellsehen die Moglichkeit an, von der Gestalt zu dem wirk-
lichen Wesen hinzugehen. Aus diesem Grunde spricht man im wahren
Sinne des Wortes vom Lesen der okkulten Schrift, das heifit, vom
innerlich lebendigen Hinausgehen iiber dasjenige, was die Vision ist zu
dem, was die Vision ausdriickt, aber real ausdriickt, wie die Schrift aus-
drtickt die Realitaten.
Es ist nun natiirlich, dafi wir uns fragen miissen: Wodurch eignen
wir uns diese Fahigkeit an des Hinausgehens iiber die Gestalt, iiber die
unmittelbare Vision? Wir eignen uns diese Fahigkeit vor allem dadurch
an, dafi wir ins Auge fassen neue Vorstellungen, neue Begriffe, die wir
brauchen, wenn wir das hellsichtige Feld verstehen wollen, neue Vor-
stellungen gegenuber den Vorstellungen, die wir fur das physische Feld
haben. Auf dem physischen Feld ist dort ein Gegenstand oder ein We-
sen, und indem wir es wahrnehmen, sagen wir mit Recht: Ich nehme
das Wesen, ich nehme den Gegenstand wahr, ich nehme ihn wahr. -
So nehmen wir wahr die Wesen des Pflanzen-, des Mineral-, des Tier-
reiches, des physischen Menschenreiches, so nehmen wir wahr Wolken,
Berge, Fliisse, Sterne, Sonne und Mond. Dieses Gefuhl, das ausgedriickt
wird in den Worten: Ich nehme wahr -, erfahrt eine Umanderung, eine
Verwandlung, wenn wir uns auf das hellsichtige Feld begeben.
Ich will versuchen, durch einen Vergleich, der etwas grob klingen
mag, klarzumachen, was mit dem eben Gesagten gemeint ist. Versetzen
wir uns in das Wesen einer Pflanze und in ihr Verhaltnis zu uns, wenn
wir die Pflanze wahrnehmen. Wenn die Pflanze bewufk sprechen
konnte, miifite sie sagen: Ich werde von den Menschen angeschaut, ich
werde von den Menschen wahrgenommen. - Wir sagen: Ich nehme die
Pflanze wahr. - Die Pflanze miifite von ihrem Bewufitsein aus sagen:
Ich werde von den Menschen wahrgenommen. - Und dieses Gefuhl
des Wahrgenommenwerdens, des Angeschautwerdens, dieses Gefuhl
mussen wir uns gegeniiber den Wesen des hellsichtigen Feldes aneignen.
Wenn wir zum Beispiel sprechen von den Wesenheiten der ersten Hier-
archie iiber uns, der Hierarchie der Angeloi, so mussen wir uns klar
sein, daft es, genau gesprochen, nicht richtig ist, zu sagen: Ich nehme
einen Engel wahr -, sondern wir mussen sagen: Wir fiihlen, ein Engel
nimmt uns wahr, oder nimmt mich wahr. - Wie wir sagen: Die Sonne
geht auf und bewegt sich um den Horizont -, trotzdem wir, als inner-
halb der Kopernikanischen Weltanschauung stehend, iiberzeugt sind,
da£ die Sonne stillsteht, dafi die Sonne sich nicht bewegt, wie wir in
diesen unseren Worten widersprechen dem, was wir denken, so konnen
wir gewifi auch sagen fur die gewohnliche Sprache: Ich sehe einen
Engel. - In Wahrheit ist es nicht richtig. In Wahrheit mussen wir sa-
gen: Ich fuhle mich von einem Engel gesehen oder geschaut. - Der
Ausdruck: Das Wesen eines Engels oder das Wesen eines Toten ruht
auf mir, fur mich fuhlbar — , ist ein richtiger Ausspruch vom Standpunkt
des Hellsehers. Die Dinge begreift man vielleicht am leichtesten durch
Beispiele. Es sei deshalb ein Beispiel aus der wirklich hellsichtigen Be-
obachtung hier angefuhrt.
Im Beginn unserer geisteswissenschaftlichen Arbeit, es ist jetzt mehr
als ein Jahrzehnt her, arbeitete mit uns kurze Zeit eine uns sehr liebe,
uns freundschaftlich zugetane Personlichkeit. Diese Personlichkeit war
ausgestattet nicht nur mit einem enthusiastischen Inneren fiir dasjenige,
was wir damals im Beginne der geisteswissenschaftlichen Bewegung ihr
geben konnten, sondern auch ausgestattet mit einem tiefen kiinstle-
rischen Gefiihl und Empfinden und einer bedeutungsvollen kiinstle-
rischen Auffassung. Diese Personlichkeit, man mufite sie liebgewinnen,
ich mochte sagen, mit einer Liebe, die man objektiv nennen kann, we-
gen der bei ihr charakterisierten Eigenschaften. Sie verliefi dann, nach-
dem sie verhaltnismafiig kurze Zeit mit uns gearbeitet hatte und sich
einen wirklich grofien Teil unserer damaligen geisteswissenschaftlichen
Ergebnisse angeeignet hatte, den physischen Plan. Es ist nicht notig,
dafi ich nun die nachsten vier bis fiinf Jahre nach dem Tode der be-
treffenden Personlichkeit in bezug auf sie beriihre, sondern ich will
gleich erzahlen von demjenigen, was vorging, nachdem vier bis fiinf
Jahre nach dem physischen Tod der betreffenden Personlichkeit ver-
flossen waren. Es kam das Jahr 1909, in dem wir begannen in Miin-
chen mit unseren Mysterienspielen, die wir beginnen konnten zu un-
serer grofien Freude mit den «Kindern des Luzifer» unseres hochver-
ehrten Edouard Schure. Wie man auch denken mag iiber das gut oder
schlecht, wie wir diese Mysterienspiele damals und dann im Laufe der
Jahre aufgefiihrt haben, wir mufken sie auffiihren, wie wir sie eben
aufgefiihrt haben. Was ich aber sagen darf, das ist, dafJ wir unter den
Verhaltnissen, unter denen die Auff iihrungen geleistet werden mufken,
einen Impuls aus der spirituellen Welt, auch fiir das Kunstlerische, das
wir verbinden wollten mit den Auffiihrungen, brauchten. Nun kann ich
Ihnen die bestimmteste Versicherung geben, dafi schon damals, 1909,
aber insbesondere immer bedeutsamer und bedeutsamer in den nach-
folgenden Jahren, ich von neuem immer fuhlte einen bestimmten spiri-
tuellen Impuls, wenn ich daran ging, das Szenische und die ganze Ein-
richtung der betreffenden Auffiihrungen zu arrangieren. Wir wollen
uns noch durch folgendes verstandigen. Wenn man irgend etwas zu
tun hat auf dem physischen Plan, so braucht man dazu nicht nur die
Geisteskraft, die Talente, sondern man braucht auch seine Muskeln
zur Arbeit auf dem physischen Plan. Diese Muskeln sind etwas, was
uns objektiv zu Hilfe kommt, etwas, was uns gegeben ist im Gegensatz
zu den Geisteskraften, in denen wir selbst darinnen leben. Bei dem-
jenigen nun, wo Spirituelles in Betracht kommt, brauchen wir, so wie
wir zum physischen Handeln Muskelkraft brauchen, spirituelle Krafte,
die aus der geistigen Welt herauskommen und sich mit unseren eigenen
Kraften verbinden. In dem Falle, den ich angefiihrt habe, war es so,
daft mit zunehmenden Jahren fur die kiinstlerische Ausgestaltung der
Miinchner Spiele immer mehr und mehr in das, was ich selbst zu tun
hatte, was ich zu tun hatte fur meine Mitarbeiter, hineinflofi der Im-
puls, der ausging von der vorher angefiihrten Personlichkeit, die seit
dem Jahre 1904 den physischen Plan verlassen hat. Wollte ich richtig
ausdriicken, urn was es sich handelt, so hatte ich mir zu sagen: In deine
Intentionen, in deine Verrichtungen flielk herein der Impuls, der von
dieser Personlichkeit vom spirituellen Plan herunterkommt. Sie ist die
Schutzpatronin desjenigen, um was es sich dabei handelt.
So fuhlen wir richtig, auch gegeniiber einer verstorbenen Person-
lichkeit, wenn wir uns bewulk sind: Ihr geistiges Auge - der Ausdruck
sei erlaubt -, ihre Krafte ruhen auf uns, sie flie&en in unsere Kraf te ein,
sie sehen uns an, sie handeln in uns herein. - Um solch ein geistiges
Faktum in der richtigen Weise zu erleben, dazu ist vor alien Dingen
notwendig eine ganz bestimmte Art von Selbstlosigkeit und Liebefa-
higkeit. Deshalb hob ich hervor, dafi man die betreffende Personlich-
keit wegen ihrer Eigenschaf ten gleichsam objektiv lieben konnte, sie lie-
ben muike, weil sie so war. Eine subjektive Liebe, eine Liebe, die aus den
personlichen Bediirfnissen hervorgeht und die leicht egoistisch sein kann,
eine solche Liebe kann unter Umstanden uns hindern, das richtige Ver-
haltnis zu einer solchen toten Personlichkeit zu finden. Und der Un-
terschied der richtigen Liebe, der selbstlosen Liebe, die wir solch einem
verstorbenen Wesen entgegenbringen, von der selbstsiichtigen Liebe,
der tritt wirklich in der hellsichtigen Erf ahrung zutage.
Nehmen wir an, solch eine Personlichkeit sollte uns nach ihrem
Tode helfen und wir konnten nicht eine wirklich selbstlose Liebe zu
ihr aufbringen, dann wiirde die Stromung, die von ihr ausgeht, indem
sie ihr geistiges Auge und ihren geistigen Willen auf uns richtet, wie
brennen, sie wiirde ein fur uns stechendes, brennendes Gefuhl in der
Seele erzeugen. Wenn wir eine wirklich selbstlose Liebe aufbringen und
bewahren konnen, die wir einem Toten entgegenbringen, dann kommt
die Stromung, der gleichsam geistige Blick, der von einer solchen Per-
sonlichkeit ausgeht, wie warme Milde iiber unsere Seele, und die warme
Milde giefit sich in dasjenige, was wir denken, in dasjenige, was wir
vorstellen, fuhlen und wollen. Und in diesem Fiihlen erkennt man die
verstorbene Personlichkeit, nicht an der unmittelbaren Gestalt, denn
sie kann eine Gestalt annehmen, die uns gerade naheliegt und sich durch
diese naheliegende Gestalt ausdruckt. Die Gestalten, in denen uns die
Wesen der hoheren Welt erscheinen - und ein Toter ist nach dem Tode
ein Wesen eben der hoheren, der geistigen Welt — , diese Gestalt hangt
ab von unserer subjektiven Besehaf f enheit, von dem, was wir gewohnt
sind zu sehen, zu denken, zu fuhlen. Die Art, wie wir dem Wesen, das
in der Gestalt sich ausdruckt, gegeniiber fuhlen, empfinden, wie wir
aufnehmen das, was von dem Wesen ausgeht, das ist die Realitat. Wie
auch immer die Jungfrau von Orleans sprechen konnte von den Ge-
stalten, in denen ihr die Wesen der hoheren Welt erschienen, der Okkul-
tist, der die Dinge zu untersuchen in der Lage ist, weifi, daft hinter
diesen Gestalten immer der Genius der franzosischen Nation war.
Ich habe Ihnen geschildert, wie man lernt fiihlen, wie der Blick der
geistigen Wesen auf einem ruht, wie ihr Wille sich in unsere eigene
Seele hineinergiefk. Indem man dieses lernt, lernt man dasjenige, was
fur das Hellsehen analog ist dem physischen Lesenlernen. Jemand, der
nichts anderes wollte, als seine Visionen beschreiben, der ware gleich
einem Menschen, der die Form der Buchstaben auf dem Papier be-
schriebe und nicht auf dasjenige hinwiese, was er durch die Buchstaben
und Worte liest. Sie sehen daraus, wie unendlich nahe es liegt, gegen-
iiber den Erfahrungen des hellsichtigen Feldes vorurteilsvoll zu sein.
Denn das nachste ist natiirlich, daft man den Hauptwert darauf legt,
die Form der Vision zu beschreiben, wahrend tatsachlich es darauf an-
kommt, was hinter dem Schleier des Visionaren liegt und sich durch
die Bilder der Visionen zum Ausdruck bringt. So ist es notwendig, sich
vorzustellen, dafi die Seele eintaucht, indem sie sich okkult entwickelt,
in ganz bestimmte Stimmungen, innere Verfassungen, die sich unter-
scheiden von den Stimmungen und Verfassungen des gewohnlichen Le-
bens. Wir konnen sagen: In dem Augenblick, wo wir durch unsere
okkulten Obungen soweit sind, dafi die Beruhrung, die fur den physi-
schen Plan charakteristisch ist, aufhort, und dafi aufhort charakte-
ristisch zu sein die Gestalt fiir das Ich des betreffenden Wesens, dafi
in dem Augenblick wir in der Welt sind, in der wir fahig werden, die
Hierarchie der Angeloi wahrzunehmen und die Hierarchie, wir kon-
nen auch sagen die Hierarchien, der verstorbenen Menschen wahrzu-
nehmen. Eine Veranderung erfahrt dann, wenn das Beriihrungsgefiihl
und die Identifizierung des Ich durch dieGestalt aufhort, unser Denken,
unser Leben in Gedanken. Gedanken in dem Sinne, wie wir sie hier in
der physischen Welt haben, haben wir dann gar nicht mehr. Jeder Ge-
danke nimmt in dieser Welt die Form einer Elementarwesenheit an,
wird Wesenheit. In der physischen Welt widersprechen sich die Ge-
danken oder stimmen miteinander iiberein. In der Welt, in die wir da
eintreten, bekampfen sich die Gedanken als wirkliche Wesenheiten.
Sie lieben einander oder sie hassen einander. Wir leben uns sogleich
hinein in eine Welt vieler Gedankenwesen. Und dasjenige, wofiir wir
gewohnt sind, das Wort «Leben» zu gebrauchen, das fuhlen wir wirk-
lich darinnen in den lebendigen Gedanken, die Lebewesen sind. Leben
und Gedanken haben sich miteinander verbunden, wahrend in der
physischen Welt Leben und Gedanken vollstandig voneinander ge-
trennt sind. Wenn man als physischer Mensch spricht, jemandem seine
Gedanken mitteilt, dann hat man das Gefiihl: Deine Gedanken kom-
men aus deiner Seele heraus, du muik dich im Moment an deine Gedan-
ken erinnern. Wenn man als Okkultist spricht, wirklich als Okkultist
spricht, nicht bloft aus der Erinnerung mitteilt das, was man erlebt hat,
so mufi man das Gefiihl haben: Deine Gedanken kommen als leben-
dige Wesen herauf, und du mufit froh sein, wenn im richtigen Moment
du begnadet wirst, daft der Gedanke herankommt als ein wirkliches
Wesen.
Um die Sache klarzumachen, will ich zweierlei anfuhren. Redet man
als physischer Mensch aus seinen Gedanken heraus, so wird man, wenn
man zum Beispiel als Vortragender einen Vortrag zum dreiftigsten
Male halt, leichter reden, als man geredet hat, wie man ihn zum ersten
Male hielt. Indem man als Okkultist redet, miissen immer die Gedan-
ken wirklich herankommen, und sie verlassen einen wieder. Und ge-
nau wie ein Mensch, der uns das dreifiigste Mai besucht, jedesmal die-
selbe Arbeit verrichten mufi, wie er, wenn er uns dreifiigmal besucht,
auch dreiftigmal den Weg machen mufi, so mu8 der Gedanke, den wir
das dreiftigste Mai mitteilen als lebendigen Gedanken, dreifiigmal an
uns herankommen, herankommen genau wie beim ersten Male, und
die Erinnerung nutzt uns dabei nicht das geringste.
Wenn man als physischer Mensch seine Gedanken auftert, und es
ist unter den Zuhorern in irgendeiner Ecke jemand, der denkt: Ich mag
den Unsinn, den der da redet, nicht, ich hasse ihn so wird einen phy-
sischen Menschen das nicht besonders beirren. Man hat vielleicht so
und so oft seine Gedanken vorbereitet und spricht sie aus, ganz gleich-
giiltig, ob in irgendeiner Ecke jemand mit guten oder schlimmen Ge-
danken sitzt. Wenn man als Okkultist seine Gedanken herankommen
lafit, so kann es wohl sein, dafi der Gedanke aufgehalten wird von
irgend jemand, der ihn hafit, oder von jemand, der den Redner hafit.
Und es miissen dann erst iiberwunden werden die Krafte, mit denen der
Gedanke zum Beispiel in demselben Raum zuruckgehalten wird, weil
man es mit einem lebendigen Wesen zu tun hat und nicht mit einem ab-
strakten Gedanken.
Ich fuhre diese beiden Dinge an, um zu zeigen, wie man sofort un-
tertaucht, wenn man ins hellsichtige Feld hineinkommt, in ein leben-
diges Leben und Weben der Gedanken. Die Gedanken sind wie aus dem
Subjektiven herausgegangen, und man selbst ist aus sich herausgegan-
gen und lebt drauften, ich mochte sagen, in der weiten Welt. Indem
man in dieser Welt der lebenden und webenden Gedanken lebt, ist man
in der Welt der Hierarchie der Angeloi und man konnte sagen: Wie
unsere physische Welt iiberall erfullt ist von Luft, wohin wir auch
gehen, so ist diese Welt der Hierarchie der Angeloi iiberall erfullt von
jener milden Warme, die vorhin erwahnt worden ist und die ausstromt
von den Wesen der Hierarchie der Angeloi. Wenn wir uns durch unsere
innere Entwickelung dieser Art zu der Moglichkeit erheben, zu leben
in der geistigen Atmosphare stromender Milde, so, kann man sagen,
kann man auf der eigenen Seele ruhen fiihlen die geistigen Augen der
Hierarchie der Angeloi.
Versuchen wir noch von einer anderen Seite dieselbe Sache zu cha-
rakterisieren. In unserem physischen Leben haben wir Ideale. Wir den-
ken diese Ideale in Abstraktionen. Indem wir sie denken, fiihlen wir
uns verpflichtet, ihnen zu folgen. Sobald wir in das Feld der hellsich-
tigen Beobachtung eintreten, gibt es nicht abstrakte Ideale. Die abstrak-
ten Ideale sind dort lebende Wesen, die Wesen der Hierarchie der An-
geloi. Diese Ideale fliefien, man mochte sagen, auf uns mit Warme
blickend, durch den geistigen Raum in der Gestalt eines Wesens der
Hierarchie der Angeloi.
In der physischen Welt konnen wir vielleicht ein Ideal haben, wir
konnen wissen davon, aber wir konnen uns dieses Wissens nicht bedie-
nen, sondern werden vielleicht durch Leidenschaf t, durch Gefiihl, durch
Empfindung veranlalk, uns um das Ideal gleichsam herumzudriicken.
In der Welt des hellsichtigen Feldes ist das anders. Wenn wir irgend-
ein Ideal, von dem wir wissen konnen, nicht beachten, so fiihlen wir:
Ein auf uns ruhender geistiger Blick eines
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