Briefe Band I

Rudolf Steiner Archive

Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

SCHRIFTEN 

VEROFFENTLICHUNGEN AUS DEM NACHLASS 




Rudolf Steiner, Wien 1889 



RUDOLF STEINER 

BRIEFE 

BAND I 
1881-1890 



1985 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Herausgegeben von der Rudolf-Steiner-Nachlafiverwaltung 
Die Herausgabe besorgten Edwin Frobose und Paul G. Bellmann 



1. Auflage «Briefe 1 1881-1 891 » 
mit Vortrag Berlin, 3. Februar 1913 und «Credo» 
Dornach 1948 

2. Auflage Dornach 1955 

3., veranderte und erweiterte Auflage 
«Briefe 1 1881-1 890» 
Gesamtausgabe Dornach 1985 



Bibliographie-Nr. 38 

Zeichen auf dem Schutzumschlag von Rudolf Steiner 

Alle Rechte bei Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1985 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Konkordia Druck GmbH, Buhl 

ISBN 3-7274-0380-2 



INHALT 



Vorbemerkungen der Herausgeber 9 

Geleitwort von Marie Steiner zur 1 . Auflage des 

ersten Bandes der Briefe 1948 12 

Brief e Nr. 1-252 13 

Nachtrag zu den Brief en 238 

Erganzung: Fiinf in den Brief en genannte Artikel 

fur «Pierers Konversations-Lexikon» 243 

Hinweise 277 

Verzeichnis der Briefe 327 

Alphabetisches Verzeichnis der Briefempfanger . . 335 

Verzeichnis der in den Briefen erwahnten Personen . 336 

Chronologische Ubersicht iiber die Wiener Zeit . . 340 

Ubersicht 

iiber die Herausgabetatigkeit Rudolf Steiners . . 341 
Handschriftenwiedergaben . 77, 138, 169, 199, nach 204 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 343 



VORBEMERKUNGEN DER HERAUSGEBER 



Von den vielen Briefen, die Rudolf Steiner im Laufe seines Le- 
bens geschrieben hat, sind die meisten an seine literarische Erbin 
Marie Steiner-von Sivers und deren Nachfolgerin, die Rudolf 
Steiner-Nachlafiverwaltung, zuruckgekommen. Einzelne, von 
denen man weifi, dafi sie geschrieben wurden, miissen als verlo- 
ren gelten. Zu hoffen bleibt, dafi hie und da vielleicht der eine 
oder andere Brief doch noch auftaucht. Alle erhalten gebliebe- 
nen sind in die Gesamtausgabe wie folgt eingegliedert: 

Briefe der Wiener Zeit (1881-1890) = «Briefe I», GA BibL- 
Nr. 38; 

Briefe der Weimarer, Berliner und Dornacher Zeit (1890- 
1925) = «Briefe GA Bibl.-Nr. 39; 

der Briefwechsel mit Marie Steiner-von Sivers (1901-1925), 
GA Bibl.-Nr. 262; 

Briefe an Mitglieder der Deutschen Sektion der Theosophi- 
schen Gesellschaft und an Mitglieder der Anthroposophi- 
schen Gesellschaft (1902-1925), vorgesehen fur GA Bibl.- 
Nr. 263; 

Briefe an personliche Schiiler in «Zur Geschichte und aus den 
Inhalten der ersten Abteilung der Esoterischen Schule 
i904-i9i4», GA Bibl.-Nr. 264. 
Da die Briefe Rudolf Steiners auch wesentliche biographische 
Aussagen enthalten, bilden sie eine wertvolle Erganzung zu sei- 
ner unvollendet gebliebenen Autobiographic «Mein Lebens- 
gang», dem autobiographischen Vortrag von 19 13, einem unda- 
tierten Fragment und den sogenannten Barr-Dokumenten*. Die 

* «Mein Lebensgang», Gesamtausgabe Bibl.-Nr. 28 ; « Autobiographischer Vor- 
trag uber die Kindheits- und Jugendjahre bis zur Weimarer 2eit» (Berlin, 4. 
Febr. 1913), wiederabgedruckt in «Beitrage zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe* 
Nr. 83/84 (Ostern 1984) und fruher (in «Briefe I», 1948 und 1955) unter dem 
Titel «Skizze eines Lebensabrisses (i86i-i893)» den Briefen vorangestellt; «Ru- 
dolf Steiner iiber seine Kindheit. Ein autobiographisches Fragment*, faksimiliert 
wiedergegeben in «Beitrage zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe» Nr. 49/50 
(Ostern 1975); «Aufzeichnungen Rudolf Steiners, geschrieben fur Edouard 
Schure in Barr im Elsafi, September I907», in «Rudolf Steiner/Marie Steiner-von 
Sivers. Briefwechsel und Dokumente i9oi-i925», GA Bibl.-Nr. 262. 



erste Ausgabe der Briefe («Briefe I» 1948 und 1955, «Briefe II» 
1953) wurde von Edwin Frobose und Werner Teichert im Auf- 
trage von Marie Steiner besorgt und stand im Zusammenhang 
mit den «Ver6ffentlichungen aus dem Literarischen Friihwerk» 
von Rudolf Steiner. Die vorliegende, zwei Bande umfassende 
Ausgabe konnte durch neue Brieffunde wesentlich erweitert 
werden. 

Das Schwergewicht der Briefe des ersten Bandes liegt neben 
den Briefen an Jugendfreunde und an Mitglieder der Familie 
Specht vor allem in den Briefen an Prof. Kiirschner; diese erga- 
ben sich aus dem Arbeitszusammenhang mit der Herausgabe 
von Goethes «Naturwissenschaftlichen Schriften» in Kiirsch- 
ners «Deutscher National- Literatur», sowie aus seinen lexi- 
kalischen Arbeiten. Rudolf Steiner hat an drei lexikalischen Wer- 
ken mitgearbeitet: Erstens an «Kurschners Taschen-Konversa- 
tions-Lexikon» (1. Aufl. 1884, 7. Aufl. 1889; Ubersetzung ins 
Englische und Franzosische), zweitens an «Kiirschners Quart- 
Lexikon» (1888) und drittens an «Pierers Konversations-Lexi- 
kon», 7. Aufl. (herausg. von J. Kiirschner), 1.-6. Bd., 1888- 
1890. In diesen Lexika hat er die Artikel fur Mineralogie und 
' Geologie, Bergbau und Hiittenkunde bearbeitet, fur den «Pie- 
rer» aufterdem noch: Allgemeine Fragen der Naturwissenschaft. 
In der Erganzung zum ersten Briefband sind fiinf fiir diese Sach- 
gebiete ausgewahlte Artikel wiedergegeben. Diese zahlreichen 
Artikel sollen spater gesamthaft veroffentlicht werden. 

Der zweite Band bringt neben einer ganzen Reihe von Briefen 
an Zeitgenossen Briefe an die Eltern und Geschwister, an den 
Verlag Cotta, an Elisabeth Forster-Nietzsche, der Schwester 
Friedrich Nietzsches, und an Anna Eunike, der spateren Anna 
Steiner. 

Um manche Aussagen oder Mitteilungen Rudolf Steiners bes- 
ser verstehen zu konnen, wurden zahlreicher als in der friiheren 
Ausgabe Briefe der Briefpartner herangezogen. Zur Erleichte- 
rung der zeitlichen Einordnung seiner Herausgabe-Arbeiten 
und der lexikalischen Arbeiten finden sich im ersten Band eine 
Ubersichtstafel und eine Ubersicht der wichtigsten biographi- 
schen Daten der Wiener Zeit. Einige bemerkenswerte Briefe 
wurden faksimiliert zu dem jeweiligen Brieftext gestellt. Her- 
vorzuheben ist noch das im ersten Band zwischen den Seiten 204 



und 205 befindliche Zusatzblatt mit der fur die Leitung des 
Goethe- und Schiller-Archivs geschriebenen autobiographi- 
schen Notiz. Die Originalbriefe befinden sich bis auf wenige 
Ausnahmen im Archiv der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung. 

Auf die Wiedergabe von Bildern wurde in beiden Banden mit 
je einer Ausnahme verzichtet. Wer solche sucht, findet sie in den 
«Vier Bildbanden zu Rudolf Steiners Lebensgang» (Freiburg 
1 97 1, Schaffhausen 1975 und 1980, vierter Band in Vorberei- 
tung). 

Fur freundliche Hilfe bei einigen schwierigen Recherchen sei 
den Herren Konrad Donat, Bremen, und Dr. Kurt Eigl, Wien, 
gedankt. 



Du suchtest - den Menschen 

Du suchtest ihn 

In freier Ichgestaltung, 

Indem du den Willen wandeltest 

Zur schaffenden Denkkraft. 

Du fandest - den Menschen 

In der Gottheit der Welt. 



Geleitwort von Marie Steiner 
zum ersten Band der Briefe 1948 



I. AN JOSEF KOCK 

Am 13. Januar 1881 
12 Uhr mitternachts 

Lieber, getreuer Freund! 

Es war die Nacht vom 10. auf den 11. Januar, in der ich 
keinen Augenblick schlief . Ich hatte mich bis V2 1 Uhr mit- 
ternachts mit einzelnen philosophischen Problemen be- 
schaftigt, und da warf ich mich endlich auf mein Lager; mein 
Bestreben war voriges Jahr, zu erforschen, ob es denn wahr 
ware, was Schelling sagt: «Uns alien wohnt ein geheimes, 
wunderbares Vermogen bei, uns aus dem Wechsel der Zeit 
in unser innerstes, von allem, was von aufien hinzukam, 
entkleidetes Selbst zuriickzuziehen und da unter der Form 
der Unwandelbarkeit das Ewige in uns anzuschauen.» Ich 
glaubte und glaube nun noch, jenes innerste Vermogen ganz 
klar an mir entdeckt zu haben - geahnt habe ich es ja schon 
langst — ; die ganze idealistische Philosophic steht nun in 
einer wesentlich modifizierten Gestalt vor mir; was ist eine 
schlaflose Nacht gegen solch einen Fund ! Und der Morgen 
kam heran - ein eisig kalter .... da war ich denn schnell 
reisefertig und stand zur Abfahrt bereit - an mich ein Brief 
war da; dafi er von Dir war, entdeckte ich ja gar bald an der 
Adresse. Ich war im Waggon, und bei einer erbarmlichen 

Lampe las ich meine augenblicklichen Gefiihle zu 

schildern, ist heute schon ganz unmoglich; ich war aufter 
mir - ungeheuer bewegt; was war zu tun, urn beruhigt zu 

werden offenbar nichts! Ich war den ganzen Tag 

nicht derselbe des vorigen Tages - naturlich materialiter ge- 
meint, nicht formaliter Des Abends beim Nachhausefah- 
ren hatte es eine Frau zu bii£en; ich stieg in den Waggon - 
d. h. mein Korper -. Um Dir zu zeigen, dafi so was auch 
moglich ist, flechte ich hier eine kleine Anekdote ein: - Ein- 
mal safi ich bis tief in die Nacht hinein bei Jean Paul; ich las 
und las so fort - des vorigen Tages war dasselbe geschehen -, 
doch was weiter war, das weifi ich nicht, denn ich hatte mich 



weder ausgezogen noch schlafen gelegt, doch fand ich mich 
des Morgens liegend im Bette, meine Biicher, Kleider etc. an 
den gewohnten Orten -, offenbar war alles im Traume ge- 
schehen, und da ich taglich auf ganz bestimmte Weise schla- 
fen gehe, d. h. meine Biicher an einen bestimmten Ort lege, 
meine Kleider desgleichen etc., etc., so war dieses mit 
ebenderselben Genauigkeit jetzt im Traume geschehen -. 
Nun so ging ich desselbigen Tages auch herum und zum 
Bahnhof bis in den Wagen und setzte mich - nur zum Un- 
gliick auf eine Uhr, die eine Frau dort liegen hatte und die 
auf Scherben hin war. - Den Schaden hatte sie, nicht ich; 
denn ich habe ihr nichts gezahlt; sie soil ihre Uhr anderswo- 
hin legen. - Des Abends schrieb ich diese Zeilen, die auch 
bei diesem Briefe liegen, nieder des anderen Tages einem 
Freunde - ohne sonstige Andeutung -, als er um den Grund 
meines Betrixbtseins frug, ins Stammbuch die Worte, die 
sich an der Spitze des Beiliegenden befinden: Unergriindlich 
tief usw. - Nun ist es schon zwei Tage. Nachdem ich nun 
zwei Tage als Mensch die Sache betrachtet habe, ist es meine 
Aufgabe, Deine Natur als Philosoph zu betrachten, und da, 
sage ich Dir ganz offen, bist Du mir die unbegreiflichste der 
Unbegreiflichkeiten. Kehre vor allem in Dein Innerstes ein 
und betrachte es als Deine Pflicht, zu erforschen, ob Dein 
Liebesverhaltnis ganz frei war von Selbstsucht - ganz bis 
aufs Aufierste frei -, denn was Du da vom Verzichten als 
einem unedlen Handeln sagst, das gestehe ich offen, daft 
ich's nicht verstehe; noch weniger, warum es besser gewe- 
sen, Du hattest nicht verzichtet. - War es ganz frei davon, 
dann, guter Freund, brauchst Du weiter nichts, Du hast 
genug, hast Cyane in Dein Herz aufgenommen; da lebt sie 
drinnen fort, ihr Bild geniigt Dir und das kannst Du mit dem 
Freunde sogar teilen; das ist echte Liebe, wo man mit dem 
Bilde zufrieden ist und das Fleisch nicht braucht, ja es unter- 
dnickt. Da gibt's kein Gramen, keinen Kummer. Sage das 
auch dem Freunde! - Und nun, Freund, noch einen Rat: 
Schlage Dir den Heine, den literarischen Gassenjungen, den 



Vaterlandsverachter - den Empfindungsentsteller - ganz aus 
dem Kopfe und lies Goethes «Faust» - da ist Nahrung fur 
jeden denkenden und empfindenden Menschen, der noch 
mehr erstrebt als das Zwei mal Zwei ist Vier der hausbacke- 
nen Alltaglichkeit. Ich danke es Gott und einem guten Ge- 
schicke, dafi ich hier in Wien einen Mann kennenlernte, der 
- nach Goethe selbstverstandlich - sich als der beste Faust- 
kenner ruhmen darf, einen Mann, den ich hochschatze und 
verehre als Lehrer, als Gelehrten, als Dichter, als Menschen. 
Es ist Karl Julius Schroer, der Sohn jenes Chr. Oser, der so 
beruhmt in Deutschland, auch teilweise schon bei uns ist, 
durch seine Dichtungen einerseits, seine «Weltgeschichte 
fur T6chterschulen», «Briefe iiber die Hauptgegenstande 
der Asthetik an eine Jungfrau» etc. etc. etc. Nimm den Na- 
men - er ist ein Pseudonym - Chr. Oser und setze S nach O 
voraus - ganz voraus - so hast Du SCHroer. - Nun da ich 
doch schon wieder aus dem Geleise bin - K. J. Schroer war 
es, der den zweiten Teil des «Faust» ins rechte Licht setzte. 
Glaubte man doch, dieser sei nur ein schwaches Werk des 
alten Goethe. - Lenau sagte: Goethe hatte den Gedanken 
des Faust ganz verfehlt. Den Faust musse der Teufel holen. 
Doch das ist nicht wahr. Das hat Goethe richtig gesehen. 
Den Faust des sechzehnten Jahrhunderts, der sich nicht mit 
der Bibel etc. etc. zufrieden gibt, den mull der Teufel holen, 
das ist gewifi, doch den Faust des neunzehnten Jahrhun- 
derts, den braucht und darf kein Teufel holen, denn «wer 
immer strebend sich bemiiht, den konnen wir erlosen». 

Nun, Freund, dieses Werk, sag* ich Euch, studieret; ich 
sage es von Herzen, in tiefster innigster Uberzeugung, - 
daraus trinket Mut des neuen Lebens zu neuer Kraft, zu 
neuen Idealen, und mit dem Heinrich Heine schliefit ab und 
lafit Euch durch ihn nicht um den Verstand bringen. Ich 
kenne auch einiges Schone, was Heine geschrieben, doch 
mir ist leid, dafi dieses von Heine geschrieben. Schaue Dir 
dagegen den lieblichen edlen Miiller oder Riickert oder Uh- 
land an, diese deutschen edlen Herzen -. Heine der Deut- 



schen-Verachter hole sich Ruhm bei den Franzosen, viel- 
leicht findet er dort Anklang, wo er, verlottert und verbuhlt, 
frivole und ein edleres Gefuhl verletzende Lieder gesungen 
hat. Dort mag er glauben machen 3 daft er neben einem Dich- 
ter in Deutschland noch als ein Tribune angesehen wird; bei 
uns ist er ein Straftenjunge, der manchmal auch witzige Ein- 
falle hat. Verzeih, daft ich mit so harten Worten Deinen 
Irrtum, den Du damit bezeigest, daft Du Heinrich Heine so 
hoch hieltest, bespreche, - doch was wiirde es heiften, wenn 
ich anders sagte, als ich denke, - ist das einer edeln Seele 
einem Freunde gegeniiber wiirdig? Ich gestehe Dir of fen, 
daft es meine f este Uberzeugung ist, daft, wenn Schiller noch 
gelebt hatte, als Heines Lieder erklangen, er dieselben 
ebenso beurteilt hatte. - Du hast doch auch Plato studiert! - 
Und wahrscheinlich auch seinen «Staat»! Studiere ihn gele- 
gentlich noch einmal; vielleicht bekommst Du andere An- 
sichten. Was soil's mit der Wanderlust? Nur gerade direkt 
herausgesagt! Nur kein Romanheld sein, der nicht weift, 
was er will, weil der Dichter auch nicht gewuftt hat, was er 
will... 

[Der Rest des Briefes fehlt.] 



2. AN JOSEF KOCK 

Wien, 27. Julii88i 

Lieber Freund ! 

Was Du verbrochen hast? Du wiirdest es ja wohl selbst 
wissen, wenn Du etwas verbrochen hattest. Wenn Du aber 
erst fragst, so weift t Du wahrscheinlich von nichts. Nun was 
ist die Folge? Der Grund meines Nichtschreibens liegt auch 
gar nicht darinnen. Er liegt vielmehr darinnen, daft ich gar 
zu derlei Sachen nicht kommen kann. Kommst Du einmal 
zu dem guten Schober, so kannst Du ihn fragen: wie wenig 
ich zu sehen bin. Es ist dies sehr natiirlich. Ich bin durchaus 



kein Mensch, der in den Tag hinein lebt, wie ein Tier in 
Mensch engestalt, sondern ich verfolge ein ganz bestimmtes 
Ziel, ein ideales Ziel, die Erkenntnis der Wahrheit. Nun 
kann man diese aber keineswegs im Sprunge erhaschen, son- 
dern es bedarf dazu gerade des allerredlichsten Strebens von 
der Welt, eines Strebens, das frei von Selbstsucht, aber eben 
auch frei von Resignation ist. Und Du weifit es wohl, dafi 
auch Lessings Streben von der letzteren keineswegs frei war. 
Die Hindernisse zur freien Vollkommenheit und zur echten 
Weisheit sind so grofie, dafi man sich dieselben kaum vor- 
stellen kann. Die Wissenschaften sind voll von Schndrke- 
leien und Pedanterien, die einen gesunden Geist abstoften. 
Denn, das weiftt Du ja wohl, daft Biicher nicht immer aus 
Neigung geschrieben werden, um die Wahrheit zu erkennen 
und zu verbreiten, und ich versichere Dich, wenn der leiseste 
Zug von einem Nicht-nach-Wahrheit-Streben vorhanden 
ist, dann ist alles Reden von derselben ein Kauderwelsch 
und eine Narretei. Das Bose ist nur, dafi die sozialen Zu- 
stande derart sind, dalS man sich die Schnorkeleien neben 
dem Wahren auch aneignen mufi ; iibrigens verlangt's ja auch 
das Pflichtgefuhl, denn man kann was nur dann beurteilen, 
wenn man's kennt. Will man behaupten, dafi etwas stinkt, 
so mufi man dazu gerochen haben. 

Womit beschaftigst Dich denn Du jetzt? Ich bitte Dich, 
quale Dich nicht mit unerreichbaren Idealen ab, sondern 
strebe nach erreichbaren. Denn ich versichere Dich, es ist 
bei dem Faseln von unerreichbaren Idealen immer etwas 
kurioses Selbstgefalliges dabei. Ich strebe auch nach Idealen 
- dieses Wort im edelsten Sinne verstanden -, aber wohl ge- 
merkt, nach erreichbaren. Oben deutete ich es an. Fluche 
Du auch nicht viel iiber die Menschen und sei nicht Pessi- 
mist. Ich kann Dir nur sagen, dafi es oft ganz unbegnindet 
ist, tiber die Bosheit der Menschen zu schelten, denn meist 
ist es nicht Bosheit, durch was uns Leid bereitet wird, son- 
dern reine Dummheit, und die konnen wir niemandem als 
Schlechtes anrechnen. 



Schreibe mir bald, und zwar mit der Adresse: k.k. Tech- 
nische Hochschule, Wien. 

Indessen sei gegriifk. Dein unveranderlicher 

Rudolf Steiner 

3. AN RUDOLF RONSPERGER 

Oberlaa bei Wien, 27. Juli 1 8 8 1 

Mein lieber Freund! 

Ihren lieben Brief erhielt ich heute morgens. Da£ ich Ih- 
nen den «letzten Ritter» nicht schon lange zuriickgab, daran 
sind einzig und allein die peinlichen Ereignisse der letzten 
Tage Schuld. Priifungen miissen einmal gemacht sein und 
die beiden letzten erforderten bei mir heuer einige Tage 
mehr als ich vorher ahnen konnte. Ich kann Sie nur versi- 
chern, dafi es eine wahre Geistesdressur ist, ein bestimmtes 
Quantum Formelgeschnorksel in einer Tour sich anzueig- 
nen. Dies zog mich eben von allem ab. Es ist mir auch sehr 
lieb, dafi Sie geneigt sind, das Buch mir iiber die Ferien zu 
borgen und ich werde diese Ihre Giite entsprechend ausniit- 
zen. Sie fragen nach den Prolegomena. Es tut mir leid, daft 
Sie so lange nichts zu sehen bekommen, doch die Sache ist 
eben gerade kein Kinderspiel. Sie entschuldigen mal meine 
Aufrichtigkeit, doch ich mufi gestehen, dafi mir Ihre Worte, 
ob ich mein System nicht gar fallen gelassen habe, tatsachlich 
sonderbar vorkommen. Die Philosophic ist bei mir ein inne- 
res Bediirfnis, ohne die mir das Leben ein leeres Nichts ist; 
dies Bediirfnis zu befriedigen hat eben mein von Ihnen soge- 
nanntes System. Dies Bediirfnis konnte doch wohl nur mit 
dem Tode verschwinden. Von einem Fallenlassen kann also 
doch - wie Sie es ja ohnedies nur tun - nur im Scherze 
gesprochen werden. Der August wird mir hoffentlich die 
notige Ruhe gewahren, einen grofien Teil meiner lieben 
Freiheitsphilosophie zu Papier zu bringen. Ich werde nicht 
ermangeln, Ihnen von den Fortschritten Mitteilung zu ma- 



chen. Ich werde mich jeder weiteren Exkursion, alien Ver- 
gniigungen zeitraubender Art entziehen und mich blofi die- 
ser Arbeit widmen. Uber die Form bin ich ja auch nicht 
mehr im geringsten im Zweifel; es wird ein schlichter Prosa- 
stil; nicht Brief- und nicht Dialogform; ohne viel Paragra- 
phenteilung, ohne die ublichen gelehrten Zitate und schul- 
maftigen Schndrkeleien. Sehen Sie sich Schillers Aufsatz 
«Uber naive und sentimentalische Dichtung» an und denken 
Sie sich solche Aufsatze aneinandergereiht, so haben Sie die 
Form der Freiheitsphilosophie, die auch schon durch ihre 
Form ankundigen soil, dafi sie nicht zimmermannisch ausse- 
hen will. Ganz ungezwungen geschriebene, die Liebe zur 
Sache bekundende, aneinandergereihte Aufsatze zusam- 
menhangenden Inhaltes lesen sich eben angenehmer als Bii- 
cher, die nichts als ein auseinandergetriebenes Inhaltsver- 
zeichnis sind. Die Systematik darf natiirlich dennoch nicht 
fehlen; nur muE sie eben nicht im Sinne der «Formalasthe- 
tik» den Leser fortwahrend belastigen. Ich wiirde mich 
freuen, wenn es dahin kame, durch die Form den Inhalt so 
nahe zu bringen, daft man philosophische Gedanken wie 
einen unterhaltenden und lehrreichen Roman liest. Ich 
glaube wohl, daft es moglich ist. Um was ich Sie beziiglich 
der ganzen Sache nur bitten mochte, ist das, doch ja nicht - 
auch nicht scherzweise - anzunehmen, dafi ich meine Philo- 
sophic aus der Luft gegriffen habe und deshalb auch wieder 
jeden Augenblick von mir werfen konne. Man kann dies mit 
einem Werke tun, nicht aber mit einer Welt- und Lebensan- 
schauung. Wo ich hinblicke, sehe ich nur neue Bestatigun- 
gen meiner Ansichten und sie iiberzeugen mich von Tag zu 
Tag mehr. 

Ich bedauere, dafi Sie zu dem Abschreiben Ihres Suickes 
nicht kommen konnen; ich wiirde mich herzlich freuen, 
wenn ich, wenn wir uns zu meiner gewifi grofien Freude 
wieder sehen, von dem Stiicke ebensoviel sehen konnte, als 
Sie mal ganz gewifi von der «Freiheitslehre» werden zu se- 
hen bekommen. 



Dafi Sie Dr. Biichner lesen, erfreut mich gerade nicht sehr. 
Sie scheinen mich auch beziiglich dieses reaktionaren und 
forts chrittsfeindlichen Menschen total miftzuverstehen. Ich 
habe doch nie behauptet, daft, was in dem Buche « Kraft und 
Stoff » steht, etwa unwahr ware, doch es ist auch wahr, daft 
zweimal zwei vier ist, ohne dafi jemand gerade die Albern- 
heit besitzen wird, daruber ein dickes Buch zu schreiben. 
Solch selbstverstandliche, triviale, abgeschmackte und auf 
dem Tagesmarkt iiberall feile Wahrheiten werden eben dem 
Leser hier kredenzt und es verlohnte sich wahrscheinlich 
nicht der Miihe iiber solche Kleinlichkeiten, Beschrankthei- 
ten irgendwelche Worte zu verlieren, wenn nicht diese Sorte 
von Wissenschaftlern und in einer versteckten Art ultra- 
montanen Finsterlinge anderen Schlages seichte Kopfe er- 
zeugen wiirden, die fur hohere Wahrheiten dann ebenso 
unempfanglich sind wie ein Kotzebuesches Publikum fur 
ein klassisches Drama. Diese Finsterlinge untergeordneten 
Ranges, diese Nicolais des neunzehnten Jahrhunderts mufi 
man eben nur deshalb bekampfen, weil sie Ware feil bieten, 
die nach dem Mittagstische oder im Kaffeehaus gleich den 
Schriften Saphirs recht gut schmeckt - sie kostet ja eben 
keinen Splitter geistiger Anstrengung und nicht das gering- 
ste Talent und die Aufmerksamkeit fur alles Hohere 
griindlich hinwegfegt. Darf ich Ihnen deshalb einen wohlge- 
meinten, freundschaftlichen Rat geben, so rate ich: werfen 
Sie dieses reaktionare, lichtfeindliche Buch keck in die Ecke. 
- Als jungen Poeten wird es Ihnen nur Schaden bringen. 
Was Sie bis jetzt gelesen, brauchen Sie nicht zu vergessen, 
denn es ist aus diesem Buche eben nichts zu lernen. Sie wer- 
den ja eben als Poet auch einmal in die Lage kommen gegen 
derlei ruckschrittliche, undeutsche und moralisch tief ste- 
hende Verirrungen zu kampfen. Also es ist alles wahr, was 
da gesagt wird, aber aufierst selbstverstandlich, fade und 
wohl albern sogar. - 

Mehr und sogar ungemein erfreulich ist mir Ihre einge- 
hende Beschaftigung mit dem mittlerweile auch mir - frei- 



lich auch blofi in den letzteren Teilen - naher bekannt ge- 
wordenen Gervinus. Die vorziigliche Charakteristik der 
Hauptaufgaben unserer Zeit gereicht mir zur wirklichen Be- 
friedigung. Die Wiirdigung Schillers ist zwar keine durch- 
greifende, aber mit Liebe zur Sache geschrieben und von 
einer gewissen moralischen Nahe getragen. Ich wei$ nicht, 
ob Sie wissen, dafi ich Deinhardts «Uber Schillers astheti- 
sche Briefe» gelesen habe. Wenn Sie sich diese Schrift einmal 
ansehen konnen, so sehen Sie die Schrift, den Stil und den 
moralischen Standpunkt eines wahren Philosophen. Ich 
habe Duhrings dickes Buch «Kursus der Philosophie» eben 
am Tische; auch zum grofieren Teile schon durchgelesen. 
Ich habe mein Urteil iiber Diihring vollstandig abgeschlos- 
sen. Seine Philosophic ist der argste Ausbund aller philoso- 
phischen Riicklaufigkeiten. Seine Anschauungen sind 
durchaus barbarisch und kulturfeindlich, zuweilen sogar 
roh. Seine Schriften iiber die Juden und iiber Lessing sind 
die strengsten Konsequenzen seiner beschrankten egoisti- 
schen Philosophic Damit ist genug gesagt. Seine materielle 
Lage ist zum Erbarmen. Er hat sich in der Jugend ein gewis- 
ses Quantum des roheren Wissens angeeignet, welches er 
nun in verschiedener Weise dem Publikum auftischt. Er 
mufi aus Leibeskraften Biicher schreiben, denn dies ist sein 
einziger Erwerb, er kann zu seinem Wissen nichts mehr 
dazulernen, denn er hat wohl nicht die Mittel, wahrend die- 
ser Zeit sich und seine Familie zu erhalten. Dazu kommen 
die tatsachlichen Verfolgungen, die Schmahungen, die er er- 
litten hat und noch erleidet; nun dies ist wohl erne traurige 
Lage. Ich fur meine Person habe nun mit Diihring in der 
Philosophic wohl abgeschlossen; die Zeit, die ich auf ihn 
verwendet habe, ist wohl rein verloren. - 

Sie schreiben auch iiber Talent und Genie. Sie wissen, ich 
nehme an, dafi der menschliche Geist aus mehreren Teilen 
besteht, aus Talent, Gedachtnis etc. und auch Genie. Dieses 
letztere hat nun ein jeder wesentlich, doch die verschiedenen 
Bestandteile des Geistes bei den verschiedenen Individuen 



sind mehr oder weniger ausgebildet. Wo das Genie beson- 
ders stark ausgebildet ist, dort nennt man den Menschen 
eben bloft Genie; doch hat auch das bloft e Talent ein wenig 
Genie, und wird zugegeben, daft dieses spezielle Anlage ist, 
so stellt uns eine solche eben auch jedes gewohnliche Talent 
dar. Die aufteren Einflusse sind ohne inneres Korrelat ein 
leeres Nichts. 

«War nicht das Auge sonnenhaft, 

Wie konnten wir das Licht erblicken. 

Lag nicht in uns des Gottes eigene Kraft, 

Wie konnte uns Gottliches entziicken.» 

Darum charakterisiert sich Goethes Anschauungsweise 
weit besser als in dem von Ihnen angefuhrten Zitate. 

So gerne ich auch weiterschreiben wiirde, mufi ich es doch 
fur heute aufgeben, entschuldigen Sie das, lieber Freund; ich 
fahre morgen nach Wiener Neustadt und es ist bereits spat 
in der Nacht. 

Ich bin erfreut von jeder von Ihnen an mich geschriebenen 
Zeile, bescheren Sie mir diese Freude wieder bald und sind 
Sie herzlich versichert, daft Ihre Zeilen aufnehmen wird wie 
der edelste der Freunde : 

Rudolf Steiner 



4. AN RUDOLF RONSPERGER 

Oberlaa, 3. August 1881 

Mein lieber Freund ! 

Es machte mir eine ganz besondere Freude aus Ihrem 
lieben Briefe zu ersehen, daft Sie an der Hand des urwuchsi- 
gen Gervinus vorgedrungen sind zu einem der weltumspan- 
nenden Gedanken unseres groften und lieben Schiller. Ich 
wiirde nur wunschen, daft diese Bekanntschaft das Feuer 
der hingebenden Liebe in Ihre Seele gieften mochte, damit 
Sie sich in die Gedanken jenes Ideenheros selbst vertiefen. 



Sie werden sehen, dajR alle jene Ideen, welche im alten Grie- 
chenvolke lebten, im deutschen Volke neue Bliiten getrieben 
haben und einem jeden, der sich zu diesen Ideen emporzu- 
heben imstande ist, die hochst befriedigenden Worte in den 
Mund legen: das Deutschtum ist eine Wiederholung des 
Griechentums; und wenn dereinst der Deutschen Name ver- 
klungen sein wird, wenn alle unsere Sanger «ruhen werden 
im Sand», unsere Denker langst werden dahingegangen sein, 
dann werden die jiingeren Generationen unsere Kultur, un- 
sere Ideen einsaugen miissen, wenn sie nicht hinter ihren 
Ahnen werden zurvickbleiben wollen. 

Die Realisierung der von Ihnen angefiihrten Gedanken 
Schillers, die Sie in Gervinus gefunden haben, liegt nicht 
etwa einem Manne ob, sondern dem Staate. Jene Totalitat 
im deutschen Volke herzustellen ist der Gedanke Gervinus' 
ja gewesen bei Durchfuhrung seiner Schriften, aber auch 
damals, als er mit Uhland, Arndt, Haupt, Lachmann, Dahl- 
mann, Falk, Jakob und Wilhelm Grimm, Lappenberg, 
Ranke etc. zu Frankfurt und Lubeck iiber polkische Streit- 
fragen der Gegenwart verhandelte, wie auch da, als er in 
Heidelberg mit Welcker, v. Gagern etc. etc. etc. iiber die 
groftartigen Einheitsbestrebungen Deutschlands konferierte 
und bei sehr vielen anderen Anlassen. Kurz, wenn Sie etwa 
glauben wiirden, Gervinus erwartet von der schonen oder 
philosophischen Literatur die Herstellung jener Totalitat, 
so irren Sie; nach ihm ist dies ebensosehr Angelegenheit der 
Parlamente wie der Volkserzieher. 

Vieles ist ja iibrigens schon - freilich nicht bei uns - in 
Erfiillung gegangen. Bezuglich der Weltanschauung mussen 
wir die Sache vorlaufig doch auf sich beruhen lassen; wenn 
Sie wieder ruhiger denken werden, so wird die Gelegenheit 
weit giinstiger sein. Vorlaufig nehmen Sie nur folgendes Bild 
hin. Ein Blinder und ein Sehender gehen zusammen in eine 
Bildergalerie; wenn der zweite keine asthetische Begabung 
hat, so werden beide ungefahr gleichbefriedigt heraus gehen; 
hat er sie aber ja, so wird er ein kleines Universum gesehen 



haben; - und um es doch deutlich herauszusagen: man findet 
erst dann etwas in der Welt, wenn man darnach sucht. Dieses 
Suchen beginnt aber nicht mit Beginn der Siebenziger, son- 

dern mit der ersten Regung des Geistes sind Sie also 

beziiglich des Reahtatskampfes nicht gar zu angstlich; - daft 
Sie mir Ihren neuen Plan nicht mitteilten, tut mir recht leid; 
ich nehme groften Anteil an Ihren Bestrebungen. Tun Sie es 
also, darum bitte ich Sie sehr, bald. 

Bei meinen Studien iiber Bauernphilosophie wurde ich 
auf eine mir hochst interessante Tatsache aufmerksam. In 
Miinchendorf bei Laxenburg lebte vor einigen Jahren ein 
Schulmeister, Wurth mit Namen, welcher unter seinesglei- 
chen gewifi einer der Strebsamsten war. Er war in vielen 
Gebieten schriftstellerisch tatig und hat der wahren Wissen- 
schaft manchen Dienst geleistet. Ich kann nun nicht umhin, 
Ihrem Geschmacke ein paar Verse von ihm mitzuteilen, um 
zu sehen, was Sie fur ein Urteil daruber fallen. 

Auf den Tod seines Sohnleins dichtete er: 

«Im Friedhof ist ein Hiigelein, 

Das hab' ich innig lieb; 

Wenn ich an dieses Hiig'lein denk', 

Wird mir das Auge trub. 

Das Auge triib und schwer das Herz, 

Daft es mich fast erdriickt. 

Es birgt ja dieses Hiigelein, 

Was mich so sehr begliickt! 

Es schlielk dies kleine teure Grab 

Mein liebes Sohnlein ein. 

Mein kleiner Ernst hegt darin, 

Mein Kind, mein Engelein!» 

Oder: 

«Wie, wenn der Friihlingssonne gold'ner Strahl 
In sanfter Warme auf die Erde fliefiet, 



Mit mildem Hauche Wald und Fluren griifiet, 
Die schonen Bliimlein sprieften ohne Zahl; 

Und wie der Vogel Lied von Berg und Tal, 
Vom Lenz geweckt, sich in das All ergiefiet 
Und Quell und Bach vom Liebesmund gekiisset 
Sanft murmelnd singen durch den Schopfungssaal. 

So hat, o Heiligenkreuz, Du Edelstein! 

Mein Herz zur Friihlingszeit sich aufgeschlossen. 

In deiner Liebe mildem Sonnenschein. 

Manch' Blumchen ist daraus hervorgesprossen 
Und manches Lied, das schlief im tiefen Schrein, 
Hat sich aus liebdurchwarmter Brust ergossen.» 

Dies ist, glaube ich, fur einen Dorfschullehrer eine recht 
anerkennenswerte Leistung. Denken Sie, was wohl dieser 
Mann geleistet hatte, wenn ihn seine Ausbildung in den 
Stand gesetzt hatte, die hochsten Ideen, die unsere klassische 
Zeit bewegten, in sich aufzunehmen. Ich fuhrte dies nur an 
ais eine interessante Kuriositat. 

Ich sprach vom Studium der Bauernphilosophie. Dies 
kann Sie vielleicht befremden; doch ich versichere Sie, nicht 
alles, was der Bauer denkt, ist eine Frucht von Predigten 
etc., sondern das Landvolk hat seine ureigenen Uberzeu- 
gungen ethischer, theoretischer und sogar asthetischer Na- 
tur, die gar viel Interess antes an sich haben. - 

Zum Schlusse wiederhole ich jene Gluckwiinsche, die ich 
beim Tore des Unterrichts-Ministeriums aus vollem Herzen 
aussprach; ich freue mich iiber die erfolgte gunstige Erledi- 
gung Ihres Gesuches ebensosehr wie Sie selber. Nochmals 
vom ganzen Herzen: Gliick auf! - Was ich bald vergessen 
hatte, ist, dafi mein lieber Freund Albert Loger den Prolog 
von Ihnen verlegt hat; vielleicht waren Sie in der Lage, mir 
ein paar Exemplare (2 oder 3) zukommen zu lassen. Jetzt 



wird es wohl nicht moglich sein, doch es kann ja auch erst 
im Oktober geschehen, wenn wir uns wieder treffen. 

Ich mufi schliefien, denn ich bin heute schon ganz konfus; 
entschuldigen Sie dies und antworten Sie recht bald Ihrem 

stets unveranderlichen 
Rudolf Steiner 

NB. Ich bitte, beriicksichtigen Sie, wegen sonstiger Ver- 
zogerungen in der Zustellung der Briefe an mich, die schon 
das letzte Mai bemerkte Adresse: 

Rudolf Steiner - Oberlaa bei Wien. 

5. AN RUDOLF RONSPERGER 

Oberlaa, 1 1 . August 1 8 8 1 

Mein liebster Freund! 

Gerne hatte ich, nachdem ich gestern morgens Ihren Brief 
erhielt, alsogleich geantwortet, doch ich konnte nicht; den 
Grund vermag ich nicht anzugeben. Dafi Ihr Urteil iiber die 
beiden Gedichtchen des Schulmeisters so giinstig ausgefal- 
len ist, erfreute mich ungeheuer. Sind wir in manchen Din- 
gen auch entgegengesetzter Ansichten, hier stimmen wir 
vollstandig uberein. Ich wiirde Ihnen gerne mehreres iiber 
diesen Mann mitteilen, doch wiirde dies einerseits diesmal 
zu grolken Weitlaufigkeiten fuhren, andrerseits wird es bes- 
ser sein, wenn ich das tue, nachdem ich die Sammlung mei- 
ner Daten iiber diese liebliche Erscheinung werde vermehrt 
haben. Nur noch seine vortreffliche Definition der Poesie 
will ich anfiihren: 

«Poesie ist die Verkiinderin der unnennbaren Liebe Got- 
tes. Sie ist ein natiirliches, sii£es, andachtiges und geheimnis- 
volles Gebet und desjenigen Menschen Geist, welcher dieses 
Gebet versteht, muft unwillkiirlich mitbeten, denn er wird 
zu seinem Schopfer hingerissen.» 



Hier sagt dieser Mann - denken Sie, ein Dorfschullehrer, 
der sonst in der Regel aller hoheren Bildung bar ist — das- 
selbe, was die grofiten Asthetiker in ihrer Art auch sagten. 
Die Wahrheit dieser letzten Bemerkung getraue ich mir zu 
beweisen. 

Ebenso erfreuliche Erscheinungen sind mir nun auch Ihre 
beiden Gedichtchen. Das zweke ist mir entschieden lieber 
als das erste. Die durch eine tiefere Empfindung vertriebene 
Gleichgiiltigkeit ist daran das echt Poetische. Ich glaube 
schon einmal Ihnen gegeniiber gesagt zu haben, dafi Heine, 
ware auch sonst manches Gute an ihm, schon deshalb wider- 
lich ist, weil er den entgegengesetzten Weg einschlagt; eine 
edlere Empfindung durch eine spottische Bemerkung ver- 
unehrt. Ich halte dieses «Geigers Herzeleid» fiir das beste, 
was ich bisher von Ihnen gesehen habe. Fahren Sie auf die- 
sem Wege fort, so werden Sie gewifi manch schone Blute 
uns zu schenken in der Lage sein. Meinen herzlichen Dank 
fiir die Mitteilung dieses Gedichtchens. Was aber das erste 
anbetrifft, «Herbsttraum», so vermisse ich sehr stark nach 
der vierten « Strophe » irgend etwas, es ist fiir mich der Ge- 
danke vollig unabgeschlossen. Die letzte Strophe dagegen 
gehort nicht zum Ganzen; dadurch, dafi Sie den Traum zu 
einer Wirklichkeit machen wollen, verderben Sie den ganzen 
Eindruck und die Sache wird unnatiirlich. 

Dafi die Wahl des Stoffes zu Ihrem neuen Trauerspiele 
eine gliickliche ist, daran will ich gerade nicht zweifeln. Sie 
sagen, dafi Sie in der deutschen Geschichte keinen geeigne- 
ten Stoff fanden zu einem Trauerspiele. Dies ist mir ganz 
erklarlich. Soli ich die Ursache in kurzem angeben, so 
mochte ich sagen: bei den deutschen Helden ist wohl die 
Katastrophe, aber in den meisten Fallen nicht die Schuld 
vorhanden. Doch davon einmal mehr. M[acaulay]s «Mil- 
ton» werde ich demnachst lesen. 

Und nun zu einem anderen Kapitel. Ich bitte Sie, werfen 
Sie - ich bitte Sie wirklich herzlich - den Biichner und dgl. 
dummes Zeug von sich, vergessen Sie alles, was darinnen 



steht; denn dies ist ja so alles erlogen. Ich staune mit jedem 
Tage mehr, wie solches Geschwatz soviel Anklang finden 
kann. Ich habe meinen guten Grund dazu, Ihnen solch einen 
Rat zu geben. Denn ich versichere Sie, es krankt unsere 
ganze Zeit daran, daft sie sich von der an sich widerspruchs- 
losen Religion losgemacht, einer seichten Aufklarung und 
Aufklarerei hingegeben und sich bis zu den wieder wider- 
spruchslosen, Vernunft wie Herz vollig zufriedenstellenden 
Lehren der Philosophic nicht aufschwingen kann. Die Reli- 
gion wie die Philosophic sohnen gleicherweise mit der Welt 
aus; die seichte Aufklarung ganz allein erzeugt Disharmo- 
nien. Darum, ich bitte Sie nochmals, glauben Sie alles nicht, 
was Buchner, Diihring und Konsorten behaupten; lesen Sie 
andere populare philosophische Schriften, z. B. Fichtes Be- 
stimmung des Menschen (Universal-Bibliothek), desselben 
Reden an die deutsche Nation (ebd.). Sie werden, wenn Sie 
das gelesen haben, den Grund, den ich hatte, Ihnen solches 
anzuraten, vielleicht einsehen; jedoch ist derselbe ein ge- 
wichtiger. Ohne mein Rechtsgefuhl wie Diihring auf Rache 
zu griinden, mochte ich « Kraft und Stoff» insbesondere seit 
gestern friih fur ein philosophisches Ketzerwerk erklaren 

etc* • ft • ' 1 " 

Ich bin iiberzeugt, daft, wenn Sie meinen wirklich aufrich- 
tigen Rat befolgen, bald sagen werden: der Budapester Arzt 
kann mich gerne haben. Jetzt einstweilen werden Sie sich 
freilich die Moglichkeit davon nicht recht vorstellen kon- 
nen. Ihr auf das letzte Blattchen geschriebener Einfall ist 
recht gut und ich werde ihn jedenfalls ausfiihren; doch bitte 
ich mir doch nur zu sagen, von welcher Gemiitsart Ihr Herr 
Vaterist. 

Mit dem freundschaftlichstherzlichen 
Grufte wartet auf baldige Antwort 

Ihr unveranderlicher 



Rudolf Steiner 



6. AN RUDOLF RONSPERGER 

Oberlaa, 16. August 1881 

Mein lieber Freund! 

Ihr «Ausblick und Riickkehr» iiberrascht mich sonder- 
bar. 1st das Ihr Ernst? Das kann ich nimmermehr glauben. 
Ich gehe im Zimmer auf und ab und suche mein Entsetzen 
zu bemeistern. Das ist ja die Poesie des krassesten Materia- 
lismus. Von neuem wendet sich mein granzer Groll gegen 
den letzteren. Mich beriihrt das Gedicht so unangenehm, 
mir ist das Hineintraumen eines so dustern Pessimismus in 
die jugendliche Herrlichkeit so zuwider, daft ich gar nicht 
weiter iiber das Gedicht zu sprechen vermag. Erst jetzt fallt 
mir ein, daft ich ein solches Urteil hatte vielleicht nicht aus- 
sprechen sollen, doch ich kann ja annehmen, daft Ihnen bare 
Miinze das liebste ist. 

Das zweite Gedichtchen versohnt mich einigermaften, 
nur fuhle ich darinnen zu viel des jungen Schiller; gebe Gott, 
daft ich dereinst etwas dem spateren Ahnliches bei Ihnen 
bewundern und mich daran freuen konnte. Beziiglich des 
«Herbsttraumes» haben Sie mich miftverstanden. Ich tadle 
ja nicht die Art und Weise, wie Sie die Unbefriedigtheit 
ausdriicken; ich sage ja eben, daft es sicht nicht gebiihrt, in 
solcher Lage eine Unbefriedigtheit auszudriicken. Sie fra- 
gen: «soll er nicht die Unbefriedigtheit ausdriicken?» und 
dazu sage ich: Nein. 

Denken Sie nur, was wiirden wir denn sagen, wenn uns 
Jules Verne alle Einrichtungen und Vorkehrungen ausfuhr- 
lich beschriebe und dann, wenn es zur Abfahrt nach dem 
Monde kame, sagte : es geht nicht. Ich fur meinen Teil wiirde 
iiber J. Verne rasend werden. Und dann, warum sollte das 
hochste Gluck jeder Beschreibung spotten. Man braucht die 
bloften Tatsachen [nur] anzufuhren und die entsprechenden 
Saiten werden in dem mittonenden Herzen des Mitmen- 
schen erregt werden. Kann der Dichter so nicht auch den 
tiefsten Schmerz darstellen? Denken Sie an Werther. 



Und nun zu was anderem. Den eigentlichen Begriff und 
das Wesen des Menschen macht aus: die Sehnsucht nach 
dem Absoluten, Ewigen, Unsterblichen. Dieses zu beweisen 
unternehmen ist ein Unsinn. Es verrat vielmehr das Stecken 
in dem tiefsten Unsinn, daft man jemals darnach Beweise 
verlangte. Dem Absoluten allein kommt die hochste Wirk- 
lichkeit zu. Alles was nicht im Absoluten auf geht ist Schein, 
Tauschung, Irrtum, «des Sterblichen Meinung», wie Parme- 
nides sagte. Das Streben nach dem Absoluten, diese Sehn- 
sucht des Menschen ist Freibeit. Jedes andere Ziel bringt 
Irrtum, Tauschung, Schein hervor und verdankt nicht der 
Freiheit, sondern der Willkur den Ursprung. Solche willkiir- 
lichen Ziele sind: die Natur, das Ich, die Materie usw. Der 
Schein mufi zerstort, der Schleier gehoben werden, und die 
Wahrheit, die Gottheit steht vor uns; die Welt steht im 
neuen Lichte vor uns. Wie toricht waren wir, da wir das 
nicht erkannten. Mit der Willkur streifen wir auch alle uns 
noch anhaftenden Zuge der seichten Weltanschauung ab; 
wir erkennen, daft wir uns miftverstanden haben. Wir verste- 
hen uns jetzt erst, wir verstehen Religion, Kunst und Philo- 
sophic in ihrem Zusammenhange. Wir streifen die gewohn- 
lichen landlaufigen Anschauungen von Ewigkeit, Unend- 
lichkeit ab und ein ganz neues Gebaude steht vor uns. Es 
geht uns der Sinn fur eine Unendlichkeit auf, von der wir 
keine Ahnung hatten, ja nicht haben konnten. - 

Dies sind alles keine Metaphern, sondern der hochste 
Ernst. - Das Fatale bei dem Niederschreiben der hochsten 
Wahrheiten ist nur das, daft man sich der gewohnlichen 
Sprache bedienen muft und in dieser die Worte meist Zei- 
chen fiir sinnliche Gegenstande sind, die Leute aber dann 
nur immer an das nachste denken, und von dem, was man 
sagen will, keine Ahnung bekommen. Manche kommen gar 
mit den Trivialitaten der Logik, ohne zu wissen, daft man 
mit diesem abgeschmackten und faden Formalismus alles 
mbgliche beweisen kann. Und nun weiter. Nennen wir die- 
ses Erkennen der hochsten Wahrheiten: das Zusammenge- 



hen des Menschen mit dem Absoluten, so finden wir, daft in 
diesem Zusammengehen seine hochste Freiheit erbliiht. Er 
findet sich in einem Punkte des Universums und nun hat er 
seinen Standpunkt - jetzt kommt, was wir im Winter schon 
einmal besprachen -, von da aus iiberblickt er die Welt. Er 
beurteilt sie, beurteilt sich und ist zufrieden mit sicb y der 
Welt und allem. In der hochsten Freiheit manifestiert sich 
das hochste Gliick, die vollste Zufriedenheit. Der Mensch 
hat seine Bestimmung erkannt; er ist mit allem versdhnt. 

Halten Sie das nicht fur Schwarmerei und Irrtum, sondern 
fur einen matten Abdruck von wirklichen Wahrheiten. Be- 
ziiglich der Seltsamkeit mache ich Sie aufmerksam, daft man 
gerade im 19. Jahrhundert nicht beim grofien Haufen die 
Wahrheit finden kann. Sie wissen ja, urn was gewohnlich 
gedacht wird, und es ist weiser Weise eine Notwendigkeit, 
daft nur der die Wahrheit finden kann, der nicht um Brot, 
«Apfel» denkt, sondern um der Wahrheit willen. Dies ist 
nicht Fatalismus, sondern eine ebenso schone wie durchaus 
begreifliche Gerechtigkeit. 

Fur heute miissen Sie wohl entschuldigen, daft ich einen 
weiteren Bericht iiber den Dorfschullehrer nicht anschlie- 
ften kann. Ich werde sehr bald diese angenehme Pflicht erful- 
len. Ich hoffe baldigst nach Miinchendorf, Trumau etc. zu 
kommen, wo ich manches erfahren werde. 

Vorlaufig nur einige von seinen Sinngedichtchen: 

An einer dufVgen Wiese 
Da stand ein Hirtenknab'. 
Er freute sich der Blumen, 
Der schonen Gottesgab'. 

Am andern End' ein Ochs stand, 
Der fraft die Blumen ab; 
Auch er hatt' seine Freude 
An dieser Gottesgab'. 



Der Friichte dreierlei vom Baume fallen: 
Die einen angefressen von dem Wurme, 
Die andern abgerissen von dem Sturme, 
Die dritten endlich fallen reif von Allen. 

Die Friichte treu der Menschen Schicksal zeigen: 
Der Eine fallt zernagt vom Herzens wurme, 
Geknickt der And're von des Ungliicks Sturme, 
Der Dritte reif von Lebensbaumes Zweigen! 



Es schrieen so viele nach Freiheit! 
Man wollte sie erretten. 
Doch als sie Freiheit hatten, 
Schlugen andere sie in Ketten. 

Ich schreibe so morgen abends wieder, dann die Fortset- 
zung von dem. 

Beziiglich Ihrer Angelegenheit glaube ich folgendes: Es 
ist mir unbegreiflich, auf welche Weise Sie zuerst Ihrem Va- 
ter so was beibringen konnten; iiberhaupt sind da manche 
Schwierigkeiten, ich ixberlege mir die Sache morgen noch 
reiflich und sollte [es] das Beste sein, Ihrem ersten Willen zu 
folgen, so tue ich es und berichte Sie sofort morgen abends. 

Sind Sie iiberzeugt, daft ich den besten Willen zur Sache 
habe und von diesem durchdrungen handeln werde. 

Vorlaufig sind Sie der stets 
unveranderlichen Hinneigung 
versichert Ihres 



Rudolf Steiner 



J. AN RUDOLF RONSPERGER 

Oberlaa, 18. August 1881 

Mein Heber Freund! 

Nun ist die Sache eine vollendete Tatsache. Ich habe ge- 
stern den Brief mit nachfolgenden Begleitworten abge- 
schickt. Ich habe dafiir mehrere Griinde. 1. Wiirden Sie 
wohl noch lange gezaudert haben, bis Sie endlich herausge- 
riickt waren. 2. Ist der Brief an mich in einer Weise geschrie- 
ben, dafi er wert ist, an Ihren Herrn Vater zu kommen. 
Solche Worte sind in dieser Sache durchaus notwendig, und 
ich glaube nicht, daft in derselben Weise, wie Sie mir schrei- 
ben, Sie auch zu Ihren Angehorigen sprechen wiirden. 
Meine Begleitworte sind: Hochgeehrter Herr! Es war im 
Winter dieses Jahres, als ich mit Ihrem lieben und mir seither 
unendlich teuer gewordenen Sohne bekannt wurde. Bei der 
Art und Weise meiner Bildung konnte mir die tiefere Anlage 
und die hoffnungerregende Begabung desselben nicht ver- 
borgen bleiben. Das edle Streben, welches in ihm liegt, die 
Weise seines Empfindens sind Dinge, die man heute suchen 
mufi. Mit meinen Ideen war er nie recht einverstanden, wir 
mufiten viel streiten; doch im Streit entwickelt sich der ho- 
here Einklang und er wurde mir zum teuren Freunde. Ich 
freute mich, wenn er sich freute, mit und wunschte ihm 
daher vom ganzen Herzen Gliick, als er mir schrieb, daft 
sein Ansuchen wegen Aufnahme an die Universitat giinstig 
erledigt worden war. Da schrieb er mir dann als Antwort 
den beiliegenden Brief, der von dem ausfuhrlicher spricht, 
wovon er mir nur einmal im Gesprache eine fluchtige An- 
deutung machte. Der Inhalt des Briefes ware eine zu grofie 
Last fur mich, wenn ich denken sollte; sein Herr Vater weift 
davon nichts. Dies enthalt die Rechtfertigung, warum ich 
Ihnen, hochgeehrter Herr, den Brief ubersende. Nehmen 
Sie das als Entschuldigungsgrund dafiir hin, daft ein vollig 
Unbekannter Ihnen schreibt. Ich tue damit nur das, was Ihr 
Sohn schon lange getan hatte, wenn er's iibers Herz gebracht 



hatte. Er weifi wohl nichts davon, daft ich's tue, doch bin ich 
iiberzeugt, daft er mir's nicht ungut aufnimmt, sondern, 
wenn er's erfahren sollte, damit vollstandig einverstanden 
sein wird. Die Sache beginnt von der Stelle an, wo ich das 
Zeichen # gemacht habe. Indem ich nochmals um Entschul- 
digung bitte, verbleibe ich in tiefster Hochachtung etc. - 

Moge die Sache Ihnen ebensowenig miftliche Umstande 
herbeifuhren, als sie von mir nicht voreilig ausgefuhrt 
wurde. 

Schreiben Sie mir, ich bitte Sie, baldigst, welchen Ein- 
druck die Sache auf Sie macht, ob Sie damit zufrieden sind. 



Die Fortsetzung des beiliegenden Briefes werde ich un- 
verziiglich schreiben und absenden. Sie wird die von Ihnen 
gestellten Fragen beantworten, auch iiber M[acaulay]s 
« Milton » etwas enthalten, den ich bereits gelesen habe. 

Mittlerweile verharre ich als 
Ihr stets treuer 

Rudolf Steiner 

8. AN RUDOLF RONSPERGER 

Oberlaa, 19. August 1881 

Mein lieber Freund! 

Wie ich aus Ihrem letzten Briefe ersehe, scheinen Sie der 
Ansicht zu sein, daft ich es Wurth als Fehler anrechne, dafi 
er nicht auf der Hohe moderner Bildung steht. Ich wollte 
rnit jenen Worten meines Briefes eben nur sagen, dafi ich Sie 
bitte," jene Gedichtchen nicht mit dem Mafistabe des Ge- 
schmackes zu beurteilen, den man gewinnt, wenn man un- 
sere modernen Dichter oder auch unsere Klassiker liest. Da 
Sie das getan haben, so haben Sie mich tatsdchlich richtig 
verstanden und ich wollte mehr gar nicht sagen. 

Da wir aber so schon einmal auf das Problem vom «Stehen 



auf der Hohe der Zeit» gekommen sind^so will ich Ihnen 
denn doch dariiber meine Ansicht mitteilen. Ich glaube, man 
versteht unter jenem «Stehen auf der Hohe der 2eit» ge- 
wohnlich das Bekanntsein mit den wichtigsten Betatigungen 
des Geistes in der Gegenwart und das Arbeiten im Einklange 
mit den Errungenschaften desselben. Nun ist es aber klar, 
dafi nicht eine jede Zeit besonders reich an grundlegenden 
Gedanken ist, sondern dafi oft Jahrhunderte dazu ver- 
braucht werden, einmal geltend gemachte Gesichtspunkte 
in's Lange und Breite zu spinnen. Solche Zeiten sind eben 
die Epigonenzeiten und in einer derselben leben wir jetzt. 
Da die geistigen Verrichtungen in solchen Zeiten so ziemlich 
auf demselben Niveau bleiben und keine Tat die andere 
iiberragt, so wird ein «Stehen auf der Hohe der Zeit» in 
solchen Perioden eben ein «Eingelebtsein» in sehr vieles, 
obgleich manchmal, vom allgemein menschlichen Stand- 
punkte betrachtet, hochst Gleichgultigem notig machen. 
Solche Bildung erfordert naturlich besonders viel Fleifi und 
Gedachtnisarbeit und es ist kein Wunder, wenn dann die 
Urspriinglichkeit abhanden kommt. Auf solche Perioden 
scheinen Sie zunachst zu denken, wenn Sie sagen, dafi nicht 
jeder im Stande ist, sein bifichen Talent durch den Wust 
gelebrter Bildung hindurchzuringen. Allein, da die geistigen 
Taten solcher Zeiten nur sekundarer Natur sind, so glaube 
ich iiberhaupt nicht, daft jenes Hindurchringen dem Dichter 
notwendig ist. Ganz anders ist es mit weltbewegenden Ge- 
danken, wie solche in klassischen Epochen zur Geltung ge- 
bracht werden. Diese gehoren unbedingt zur hoheren Bil- 
dung und der Dichter mufi sie nicht erlernen, sondern erle- 
ben. Ein Dichter, der nicht fur die Zeit, sondern fur die 
Ewigkeit schaffen will, der mufi mit jenen allgemein 
menschlichen Triebradern allerdings bekannt sein. Von der 
letzteren Art diirften nun wohl Lingg, Scheffel, Hamerling 
nicht sein, wohl auch Geibel nicht, obwohl man von ihnen 
wird durchaus sagen miissen, daft sie auf der Hohe der Zeit 
stehen. 



Wenn wir das alles bedenken, so kann nun nicht mehr 
zweifelhaft sein, dafi auf der Hohe der Zeit Wurth jene zwei 
Gedichtchen nicht geschaffen hatte. So viel ist aber gewifi, 
dafi W.s Gedichte ein allgemeiner menschliches Interesse 
haben, als die mancher eben auf jener Hohe stehender 
Poeten. 

Bezuglich des zitierten Goetheschen Ausspruches wage 
ich gar kein Urteil zu fallen. Es ist selbst dann, wenn man die 
gesamte geistige Betatigung eines Menschen zu der Zeit, in 
der er den Ausspruch getan hat - was in diesem Falle mir 
ganz abgeht - [, betrachtet, sehr schwer,] im Zusammen- 
hange mit dieser solche allgemeine Maximen zu beurteilen, 
da man nie wissen kann, ob man bei einem Worte genau 
denselben Begriff vor Augen hat, an den der Urheber des 
Ausspruches dachte. Es ist gerade aus diesem Grunde oft- 
mals eine Kritik ein blofier Wortstreit. 

Dafi ich den Dorfschullehrer bestandig hervorhebe, darf 
Sie doch nicht wundern. Diese Leute sind gewohnlich ohne 
alle edlere Bildung, ohne Wissen und Gemiit. Dabei sind sie 
furchterlich hochmutig, diinken sich, weift Gott wieviel, ge- 
scheiter zu sein als die anderen Dorfbewohner - eigentlich 
sind sie dummer -, schreien mit ihrem Liberalismus iiberall 
herum etc. etc. etc., lauter Dinge, die ich selbst schon erfah- 
ren habe, die Sie aber auch in Schroers vortrefflichen «Un- 
terrichtsfragen» angefiihrt finden. 

Ich bitte Sie ferner noch herzlichst, mir Ihre fragmentari- 
schen Gedanken iiber die Bestimmung des Menschen mitzu- 
teilen. Glauben Sie nicht, daft es Zufall ist, dafi Sie mit Biich- 
ners Gedanken ubereinstimmen. Ich bitte Sie darum noch- 
mals, teilen Sie mir sie mit und ich werde Ihnen den notwen- 
digen Zusammenhang nachweisen. 

Indem ich baldigst eine Antwort erwarte, verbleibe 

ich Ihr stets unveranderlich 
treuer Freund 



Rudolf Steiner 



9. AN RUDOLF RONSPERGER 

Oberlaa, 25. August 1881 

Mein innigstgeliebter Freund! 

Ihr allzulanges Schweigen macht mich besorgt, umso- 
mehr, da meine Kombinationsgabe durchaus nicht hin- 
reicht, irgendeinen Grund desselben ausfindig zu machen 
und ich gerade jetzt mit aller Sehnsucht eine Antwort auf 
meine Brief e herbeisehne. Ihr Herr Vater schrieb mir auf 
meinen an ihn gesandten Brief eine Antwort, worinnen er 
ausspricht, dafi er von Ihrer Krankheit nicht gerade sehr viel 
hake, er glaube, dafi dieselbe mehr in der Phantasie, als im 
Riickenmarke ihren eigentlichen Sitz habe. Er bezweifelt 
sogar die Wahrheit der Tatsache mit dem Budapester Arzt. 
Er glaubt ferner, Sie bilden sich das alles nur ein und deshalb 
konne nur die Beschaftigung mit etwas Positivem Heilung 
bringen. 

Es ist naturlich, dafi ich Sie in jeder Weise in Schutz nahm. 
Einmal schrieb ich, dafi ich Sie soweit kenne, dafi von einer 
Unwahrheit beziiglich des Aussp ruches jenes Arztes nicht 
die Rede sein konne. Der Arzt, so sagte ich, rmisse ganz 
gewi£ den Aussp ruch getan haben und wenn bei irgend je- 
mandem eine Phantasterei vorliege, so miisse man dieselbe 
auf der Seite jenes Arztes suchen. Ihr Herr Vater fragte mich 
sogar, was ich fur das Beste halte, Ihnen die Skrupel zu 
vertreiben, welche positive Beschaftigung. Ich sagte, dafi da- 
von keine Rede sein konne, dafi, wenn die Sache ein blofies 
Hirngespinst ist - ich glaube schon selbst, daft jenes Arztes 
Ausspruch sich nicht erfiillen wird -, es am besten ist, einen 
geschickten und bescheidenen Arzt zu fragen, zu dem Sie 
ein Vertrauen haben, damit so der Ausspruch eines zweiten 
Arztes den des ersten schlage. Ich glaube, dies wiirde ja wohl 
das beste sein? Warum tun Sie das nicht selbst? Ihr Herr 
Vater wiinscht auch die naheren Details zu wissen und 
glaubt, dafi Sie mir dieselben vielleicht lieber mitteilen wiir- 
den, doch ich glaube, es ist der Umweg nicht notwendig. Sie 



konnen ja die naheren Details (Name jenes Arztes, die Art 
des Unwohlseins etc.) Ihrem Herrn Vater direkt bekannt 
machen. 

Ich glaube, dafi ich nicht anders getan habe, als ich hatte 
tun konnen, wenn wir uns vorher hatten verstandigen kon- 
nen. Der Brief Ihres Vaters stent Ihnen auf Verlangen natiir- 
lich zur Verfugung. Vor allem bitte ich Sie, lieber Freund! 
nochmals, mich aus meiner Besorgnis durch eine Antwort 
zu erlosen. 

Empfangen Sie zugleich meinen Dank fiir die mir zuge- 
sendeten 3 Exemplare des Prologes. Entschuldigen Sie, dafi 
ich darauf im letzten Briefe ganz vergessen habe. Ich hatte 
wohl schon lange wieder geschrieben, allein ich wartete von 
Tag zu Tag auf eine Antwort von Ihnen. 



Emiges iiber den Dorfschullehrer. 

Johann Wurth ist 1828 zu Trumau in Niederosterreich 
geboren als der Sohn von aufierst armen Eltern. Er war ein 
sehr braves Kind. In der Schule zeigte er eine hervorragende 
Anlage zu alien Lehrgegenstanden, ohne dafi er es in irgend- 
einem besonders ausgezeichnet hatte. Es ging eben uberall 
gleich ausgezeichnet. Er brauchte etwas nur einmal zu lesen 
und er wufite, wenn das Stuck auch lang war, es auswendig. 
Er war stets zuriickgezogen, spielte aber mit seinen Schulka- 
meraden doch gerne. Mehrere von diesen waren seine be- 
sonderen Lieblinge. Mit diesen spielte er immer «Nussele- 
sen». Die Knaben mufiten das mit einer grofien Begeisterung 
getan haben, denn der alte Mann, der mir's erzahlte und der 
eben auch mitgespielt hat, kam heute, da er 57 Jahre zahlt, 
beim Erzahlen in formliche Ekstase. 

Dann kam ein Geistlicher aus dem Stifte Heiligenkreuz 
nach Trumau, Lewandersky mit Namen - ein wenig ein 
Griibler und Kritikus, wie sich ein Bauer wortlich aus- 
driickte und nahm sich mehrerer begabter Knaben des 



Ortes an, darunter auch Wurths. Er erteilte ihnen Unterricht 
im Latein und den Gymnasialgegenstanden, so dafi sie teils 
Geistliche, teils Lehrer werden konnten. 

Wurth wurde Lehrer. Als solcher fungierte er in Gaden, 
Heiligenkreuz und Miinchendorf. Das ehrwurdige Schlofi 
Heiligenkreuz mit seiner reizenden Umgebung entlockte 
dem jungen Manne so manches innige Lied und das Anden- 
ken an den ihm lieben Aufenthalt im «Waldestal» schwand 
nie aus seinem Herzen. Dort hatte er ja auch seine Lebensge- 
fahrtin gefunden. Wer jemals mit ihr gesprochen hat, wird 
ihr eine gewisse Liebenswiirdigkeit zuerkennen miissen. 
Jetzt, nachdem ihr Gatte langst tot ist, bewahrt sie ihm ein 
treues Andenken und es ist riihrend, mit ihr iiber Wurth zu 
sprechen. 

In Miinchendorf lebte er zuriickgezogen seinem Berufe, 
seinen Studien, seinen Forschungen, seiner Familie. Wer das 
Bild dieses Mannes gesehen hat, der ahnt wohl nicht das 
innige Gemiit in diesem Korper. Schwachlich, abgemagert 
sieht er aus, etwas Sinniges ist allerdings in seinem Antlitze, 
doch nichts gerade Auffalliges. Dr. Hauer, ein liebenswur- 
diger Mann, der Arzt in Miinchendorf ist, erzahlte mir, dafi, 
als er 1869 nach Miinchendorf kam und Wurth zum ersten- 
mal sah, ihn fur einen geistes- und korperschwachen Men- 
schen gehalten habe, der wohl wird mit knapper Not den 
Kindern das ABC beibringen konnen. Bald sollte er eines 
andern belehrt werden, er sollte sehen, wie dieser «geistes- 
schwache» Mann korrespondierte mit Wagner, Schmeller, 
Zingerle, Vernaleken, Becker, Weinhold, wie Hugo Mareta 
von ihm fur ein niederosterreichisches Idiotikon zehrt, wie 
er fur die Frommannsche und Schroersche Zeitschrift gear- 
beitet hat. 

Kein Tag ohne Ziele war das Losungswort dieses Mannes. 
Sein Tagebuch allein umfafit vier starke Bande. Dasselbe ist 
mit gewissenhafter Genauigkeit gefiihrt. Man mufi staunen, 
wenn man darinnen sucht, wie dem Dorfschullehrer Kant 
und Hegel nichts Fremdes waren. 



In bezug auf seine Gedichte ist zu bemerken, dafi eine 
triibe Stimmung durch dieselben geht, eine Stimmung, die 
uns zu oft an den Tod und iiberhaupt die Verganglichkeit 
alles Irdischen erinnert. Es ist zu bedauern, dafi dieser Mann 
wahrend seines Lebens vielfach gequalt und mifihandelt, 
nach seinem Tode noch falsch beurteilt wurde. Ich kann 
mich hier ganz der Ansicht Dr. Hauers anschliefien, der mir 
sagte, dafi er eben in Hande geraten ist, die der «Erde mehr 
fur Korper, als dem Himmel fur Seelen danke». - 

Man sagt z. B., er war konservativ und macht so vielen 
vor, er sei mit den gewohnlich so genannten auf einem Punkt 
gestanden. Doch dies ist gefehlt. Wurth lernte die Geistlich- 
keit und die Religion nur von der guten Seite aus kennen, 
und ahnte nichts von deren Schattenseiten. Deshalb dachte 
er, es ware viel besser fur die Schule, wenn sie unter der 
Obhut des Klerus bliebe, als wenn sie an den Staat respektive 
die Gemeinden iibergehe. Ja hatte, wenn man sich einen 
aufopfernden, pflichttreuen, idealen, der Erziehung der Ju- 
gend sich mit Begeisterung widmenden Klerus denkt, 
Wurth nicht recht} Er hatte aber eben nur keinen solchen 
Klerus kennen gelernt. Ganz gewifi hatte er recht. Er war 
also keiner von den gewohnlichen Konservativen. - 

In der Schule liebten ihn die Kinder wie ihre Mutter; nicht 
wie den Vater, was bezeichnend ist. Er aber behandelte sie 
ebenfalls mit inniger Liebe. Bei jeder Gelegenheit sagen die 
Leute noch: ja ein Wurth kommt nimmermehr. 

Einen Mann, den ich fragte um den Unterschied zwischen 
Wurth und seinem jetzigen Nachfolger, sagte mir: der frii- 
here war ein flei&ger Sammler fur Zeitschriften, der jetzige 
sammelt viele Flaschen voll Wein im Wirtshause fur seinen 
Magen. Der andere ging nie ins Wirtshaus, der jetzige ist 
immer besoffen. 

Er war bis zu seinem letzten Augenblick seinem Wahl- 
spruche getreu und arbeitete mit einem schier unglaublichen 
Fleifie. Er hat auch recht hiibsche Musikstiicke komponiert, 
wie Dr. Hauer mir sagte. 



Nun ruht er in Miinchendorf, neben seinen lieben Kin- 
dern; erst heute vor acht Tagen folgte eine Tochter von 
20 Jahren ihrem Vater nach. Auf seinem Grabsteine ist zu 
lesen: 

Dem verdienten Lehrer und Volksschriftsteller 
und liebreichen Gatten und Vater 

Johann Wurth 

geb. zu Trumau 1828 
gest. zu Miinchendorf 1870 

Lebst Du, o Mensch, in stillem, ungetriibtem Gliicke, 
So dank dem Herrn dafur mit jedem Herzensschlag! 
Wie manches Leben hat nur kurze Sonnenblicke, 
Wie manches ist ein steter Regentag ! 

Gewfidmet] von Freunden u. Kollegen 
April 1873. 



Leben Sie, lieber Freund, einstweilen wohl und vergessen 
Sie ja nicht Ihres 

stets gleich ergebenen und treuen 
Rudolf Steiner 

IO. AN RUDOLF RONSPERGER 

Oberlaa, 26. August 1881 

Mein lieber Freund! 

Sie scheinen sich ganz gewaltig fur jenes Problem vom 
«Sich Stellen zur Zeit und zur Geschichte» zu interessieren. 
Dafi der Verfasser der «Chemischen Elemente» Sie angeregt 
hat, wundert mich eben gerade nicht, denn gerade diejeni- 
gen, die von derlei Sachen nichts verstehen, schwatzen dar- 
iiber am meisten. Wenn dem Kletzinsky jemand etwas aus 



der Chemie sagen wiirde, was nicht fachmannisch aussieht, 
da gabe es ein Schreien und Wettern iiber die Dilettanten, 
doch iiber literarhistorische und philosophische Gegen- 
stande glaubt sich auch ein Chemiker wohlberechtigt zu 
urteilen. Ich bitte Sie, horen Sie Urteile von solchen Leuten 
gar nicht an; sie sind ja nicht der Rede wert. Nun zu unserem 
Probleme. Ich glaube schon im letzten Briefe gesagt zu ha- 
ben, dafi in einer Epigonenzeit von jenem Stehen auf der 
Hohe der Zeit nicht die Rede sein kann, bei dem wahren 
Dichter namlich. Ubrigens gilt das auch fur den Philoso- 
phen. Um einmal von dem letzteren anzuheben, bemerke 
ich, dafi z. B. Schiller, vielleicht einer der gedankenreichsten 
und tiefsten Philosophen aller Zeiten - denn was Hegel und 
Schelling betrifft, so sind sie zwar sehr scharfsinnig, aber 
nicht besonders retch -, von der fachmannischen Zeitphi- 
losophie aufier dem Systeme des Konigsbergers nichts 
wufite. Das ist eben das Charakteristische des Genies, dafi es 
nicht empfanglich ist fiir die Willkiir der Schulkrampusse, 
sondern schnurstracks auf die unwillkurlichen und ewigen 
Probleme der Menschheit loseilt. Was kiimmert Lessingen 
die Asthetik seiner Zeit; er rang sich empor zu den hochsten 
Problemen und gab zu ihnen die hochsten Losungen. Das 
Grofte bei Lessing bestand eben darinnen, dafi er das Nich- 
tige jener Schulprobleme und Schullosungen erkannte. 

Ich habe vor einigen Tagen, ich weifi jetzt nicht wo, den 
sonderbaren Satz gelesen, der Dichter der Zukunft - schon 
der Ausdruck erregt Lachen - wird mit dem gesamten 
Schatze der modernen Bildung eine angeborene Naivitat 
vereinigen miissen. Ich weifi fast nicht, an was ich bei «mo- 
derne Bildung» denken sollte. Wird damit die in den poeti- 
schen Erzeugnissen der Gegenwart niedergelegte verstan- 
den, dann mag ich noch eher befriedigt sein; ist aber etwa 
gar an wissenschaftliche Bildung - und das scheint der Fall 
zu sein - gedacht, so mochte einem wohl die Geduld bei 
dem Lesen solchen Unsinnes vergehen. Was fiir eine Bil- 
dung? Ist das Tradieren der Dichter mit Zitaten pedantische- 



ster Art Wissenschaft, ist eine Literaturgeschichte, die nichts 
zustande bringt, als die Geister der Zeit nach aneinanderzu- 
reihen und aus ihren Werken schwache Ausziige zu geben, 
Wissenschaft; ist eine Geschichte, welche die Ereignisse 
nach Raum, Ort und wenn's hoch kommt nach Ursache und 
Wirkung gliedert, Wissenschaft? Von der Naturwissen- 
schaft mag ich gar nicht reden, denn es ware Ironie auch nur 
die Frage aufzuwerfen, ob eine mit ein bi£chen Molekular- 
mechanik durchschossene, unsystematische Physik Wissen- 
schaft sei. - Was mochte Lessing zur Zimmermannschen 
Asthetik, was Schiller oder Hegel zu «Kraft und Stoff» sa- 
gen, wenn sie horten, dafi deutsche Biicher mit solchem In- 
halte existieren? 

Die edlen Veteranen aus der besseren Zeit, Kuno Fischer, 
Carriere, Friedr. Theod. Vischer, Rosenkranz etc., stehen 
so kampflos gegeniiber der ungeheuren Oberflachlichkeit, 
dafi sie verschwinden. Kuno Fischer macht iibrigens an Kant 
zu grofie Konzessionen und neigt so immer mehr und mehr 
zur Zeithin. Das merkwurdigste Beispiel des wissenschaftli- 
chen Niederganges gibt Prof. Kirchmanns «Lehre vom Wis- 
sen» und dessen Erlauterungen zu verschiedenen Philoso- 
phen. Soil man also, um auf der Hohe der Zeit zu stehen, alle 
diese Irrtiimer sich aneignen? So halte ich es mit dem «Sich 
Stellen zur Zeit und Geschichte ». — 

Mit der zweiten Gattung des Genies scheinen Sie an Grill- 
parzer zu denken. Ihn fur ein besonderes Genie zu halten, 
scheint mir doch ein wenig zu stark. 

Mein lieber Freund! Was mir an Ihren Gedichten nicht 
behagt, das ist ein Besingen des sinnenfallig Wirklichen. Es 
hangt das innig mit dem Materialismus zusammen. Ich kann 
Sie versichern, an der Hand des Materialismus wird sich nie 
ein Dichter heranbilden. Denken Sie nur, was es aufier dem 
Sinnenfalligen noch alles zu besingen gibt, welchen Spiel- 
raum die angeborene Naivitat des Gemiits lafk, was durch 
das Auge spricht; mufi es denn dann das Auge als Auge sein, 
was der Dichter besingt? Sie sind formgewandt, wenn Sie es 



nur bald zu einem edleren, gottlicheren, idealeren Inhalte 
bringen mochten! Ferner erscheint mir das angewendete 
Bild doch zu gewagt, zu unnaturlich. 

Wir haben iiberhaupt viel zu sprechen; ich werde am 
31. August oder 1. Sept. nach Wien kommen; vielleicht 
konnten wir uns irgendwo vormittags treffen; schreiben Sie 
mir wo. 

Ich komme gerade jetzt aus Miinchendorf, ich habe von 
dort aus den Weg nach Trumau hin et retour zu Fufi zuriick- 
gelegt; ein Weg von einer Stunde hin und ebensoviel wieder 
zuriick. Ich lerne dabei das niederosterreichische Volk ken- 
nen und zugleich liebgewinnen. Diese Leute kommen einem 
mit einer erstaunlichen Aufmerksamkeit entgegen und wer- 
den bald recht zutraulich. Ich bin eben daher ermudet und 
kann heute nur mehr ein klein wenig iiber Ihre Bemerkun- 
gen bezuglich des mir vom Grunde aus verhafiten Materia- 
lismus anfugen. Wenn ich Ihre Worte zusammenfasse, so 
kommt folgendes heraus. Da es Menschen gibt, welche die 
Wahrheiten der hoheren Philosophic durchaus nicht verste- 
hen konnen und die eben nichts zu sehen vermogen, als so 
etwas, was sinnenfdllige Wirklichkeit hat und auch Leute, 
die aus Unverstand, Eitelkeit und Bosheit nichts anderes 
beschreiben mogen, so schufen sich diese den Materialis- 
mus. Die wichtigste Wahrheit fur diese «Winkelphiloso- 
phen» ist das, dafi ein Kopf ohne Gehirn nicht denken kann. 
Wir konnen dieser Sorte von Leuten zwar versichern, .daft 
wir das ohne ihre materialistische Wissenschaft wissen, daft 
es uns aber kleinlich diinken wiirde, so was zu sagen. Dies 
ist allerdings eine Erkldrung des verfluchten Materialismus, 
aber keine Rechtfertigung. Sie entschuldigen schon meine 
Worte, doch ich schreibe in dieser Sache wirklich leiden- 
schaftlich erregt. In der Philosophic soil [es] eben keine 
Winkelgelehrten geben, diese Profanen sollen sich mit ande- 
ren Dingen beschaftigen, die fur derlei schwachen Verstand 
geschaffen sind, aber nicht mit der Philosophie. Hier, wo 
Schiller, Fichte, Schelling, Hegel gewirkt haben, ist es ein 



unzurechtfertigender Frevel, wenn sich solche Winkelphi- 
losophen iiber dieselbe Sache machen. Begreiflich ist die 
Philosophic fur jeden Menschen, wenn er Eifer und guten 
Willen hat; aber gerade die letzteren Tugenden gehen den 
samtlichen Materialisten ab. Wackere und wirkliche Natur- 
forscher sind nie Materialisten. Ein mir personlich bekann- 
ter und von mir hochverehrter Geologe und Botaniker in 
Wiener Neustadt, Dr. med. Lorenz, ist ein ausgemachter 
Feind des Materialismus, und Prof. Hyrtl weist ihn entschie- 
den zuriick, weil er die hdheren Gefiihle des Menschen belei- 
digt. Das sind allgemein anerkannte Naturforscher und, daft 
ich fortfahre, Kepler machte seine groften Entdeckungen 
nur deshalb, weil er Idealist war, weil er glaubte, daft Ver- 
nunft in der Anordnung und Bewegung der Himmelskorper 
sei. Vor solchen Dingen verstummt wohl zuletzt alle mate- 
rialistische Regung. 

Und ich frage Sie, was hat Biichner als wirklicher Natur- 
forscher geleistet, aufter dem Geschwatze seiner Bucher? 

Und Duhring, der ein Genosse Biichners ist, welche 
Friichte tragt seine materialistische Philosopie? Seit ich in 
dessen «Philosophie der Wirklichkeit» hineingeblickt habe, 
geht mir ein Licht auf, wie dieser «Nichtwisser» iiber Les- 
sing so urteilen konnte. Duhring hat nicht das geringste In- 
teresse fur und keinen blauen Dunst von der Kunst. Das 
«Tragische» existiert fiir diesen Frevler gar nicht. Er fordert 
von der Kunst, daft sie «angenehmer Sinnenreiz» sei, daft sie 
kunstlich angenehme Affekte erregen soli. Solch barbari- 
schen Unsinn redet ein Materialist. Er will die Asthetik auf 
die Physiologie der Sinnesorgane griinden. Solchen Blod- 
sinn fordert der Materialismus zu Tage. Wenn man diese 
Dinge liest, so glaubt man sich zuweilen in Australien, nicht 
unter Deutschen. Deutsche konnen denken, die Materiali- 
sten konnen nicht [denken] und sind zufaul dazu. Um Hegel 
zu verstehen, muft man Lust zum Denken haben, wie er es 
selbst hatte; man muft aber auch dem freien fortschrittlichen 
Denken, dem kulturfreundlichen Lichte gewogen sein und 



nicht mit den Banden des hergebrachten traditionellen Dog- 
mas gefesselt sein, wie es die Materialisten alle sind. Alle 
materialistischen Biicher sind wiirdig, dafi man sie insgesamt 
auf einem Scheiterhaufen verbrennt. Die armseligen Verfas- 
ser lasse man leben, denn was konnen sie fur ihre geringen 
Fahigkeiten. Prof. Schroer sagte einmal, als vom Pessimis- 
mus die Rede war, «Dummsein» sei keine Schlechtigkeit, 
also Erbarmung iiben an diesen Geistesschwachen, doch 
ihre Biicher verpesten die Welt, stecken alle Kreise mit 
Seichtigkeit an, verhindern den geistigen Aufschwung, ver- 
nichten Poesie und Idealismus, iiberhaupt jeglichen Auf- 
schwung des Geistes, denn wer konnte wider solches Ge- 
schwatz schreiben, wie es im Kapitel «Wiirde des Stoffs» 
geschehen ist; daher Fluch iiber diese teuflische Literatur, 
fort mit ihr ins Feuer. - 

Das letztere mir Ihrem materialistischen Buche, falls Sie 
ein solches besitzen, zu tun bittet Sie recht sehr, 

indem er Ihnen herzlich freundschaft- 
lichst die Hand driickt, Ihr 

Rudolf Steiner 

Bern.: Lesen Sie Herder: Ideen zur Geschichte der 
Menschheit, dessen Brief e zur Befordferung] der Humanitat 
statt Biichner; da wird Ihr dichterisches Gemiit Anregung 
bekommen. 

NB. Sie werden wohl aus dem gestern an Sie gerichteten 
Schreiben ersehen haben, dafi ich Ihren letzten Brief erst 
heute (26. VIII.) bekam. 



11. AN RUDOLF RONSPERGER 

Oberlaa, 27. August 1881 

Mein lieber Freund! 

Eben erinnere ich mich, dafi ich mich gestern sehr scharf 
iiber den Materialismus aussprach. Doch geschah es voll- 
kommen gerecht. Ich war auch sehr zornig dariiber, dafi Sie, 
da ich Sie schon wiederholt gebeten habe, wenigstens fiir Sie 
diese bewufit lichtfeindliche, niedrig stehende Weltansicht 
zu den Toten zu werfen, Sie sich noch immer mit ihr be- 
schaftigen, iiber sie nachdenken. Dafi, da Sie schon dariiber 
nachdenken, mir schreiben, ist mir lieb, denn ich bekomme 
Anlafi gelegentlich iiber solche Dummheiten nachzuden- 
ken; nur, dafi ich etwa geschadigt wiirde, wenn man mir 
vom Materialismus vorerzahlt, das fiirchte ich nicht; wer 
einmal hohere Wahrheiten gekostet hat, der ist fiir solch 
tiefstehende Irrtumer nicht mehr empfanglich. 

Sie nochmals bittend, den Materialismus so zu betrachten, 
als wenn er gar nie existiert hatte, 

verbleibe ich Ihr unveranderlicher 
Rudolf Steiner 

12. AN FRIEDRICH THEODOR VISCHER 

Wien, 20. Juni 1882 

Euer Hochwohlgeboren! 
Hochgeehrter Herr Professor! 

Euer Hochwohlgeboren werden entschuldigen, wenn ein 
Ihnen vollig Unbekannter es wagt, dieses Schreiben an Sie 
zu richten und zu seiner Rechtfertigung aus dem Grunde 
nichts weiter beifugt, weil ihm diese Handlung nur dann als 
zu entschuldigend diinkt, wenn hochgeehrter Herr Profes- 
sor sie als solche auffassen. 

Ich erlaube mir namlich die beiliegende Abhandlung zu 



iibersenden. Der Druck derselben wurde bisher durch 
aufierliche Umstande verhindert, und ich liefi daher eine 
Abschrift derselben anfertigen. 

Euer Hochwohlgeboren werden aus derselben ersehen, 
daft Ihre hochgeschatzten Schriften, die ich vollstandig gele- 
sen, vielfache Anregung zu derselben gegeben haben. Ich 
glaube, es mufi einmal Ernst gemacht werden gegen jene 
Auffassung der Welt, welche nur Atom- und mechanische 
Vorgange anerkennen will. Meine Abhandlung scheint mir 
den Punkt zu beriihren, auf den es allein ankommt. Der 
linkische Stil und die vielleicht nicht iiberall ganz klare Dar- 
stellung diirften wohl der Sache Eintrag tun. Ich habe einst- 
mals mich ganz in die mechanisch-materialistische Natur- 
auffassung hineingelebt, hatte auf ihre Wahrheit ebenso ge- 
schworen, wie es viele andere der Jetztzeit machen; aber ich 
habe auch die Widerspriiche, die sich aus derselben ergeben, 
selbst durchlebt. Was ich vorbringe, ist daher nicht blofte 
Dialektik, sondern eigene innere Erfahrung. Weil ich weift, 
wie ich damals dachte, kann ich diese Weltanschauung auch 
in ihrem tiefsten Wesen erkennen, sehe ihre Mangel viel- 
leicht leichter als andere, die einen anderen Bildungsgang 
durchgemacht. Meine Berufsstudien sind ja Mathematik 
und Naturwissenschaft. 

Die Ansichten, welche Euer Hochwohlgeboren iiber den 
Darwinismus haben, scheinen mir die Keime zu sein fur das 
Urteil der spateren Zeit dariiber. Von einer Korrektur des 
Zeitbegriffes hat man wirklich das Heil der Wissenschaft in 
mannigfacher Hinsicht zu erwarten. GewiR wird auf diese 
Weise mehr erreicht werden als durch die vergeblichen Be- 
muhungen Carneris und anderer, welche den Darwinismus 
auch mit alien s einen Unwahrheiten und Unklarheiten mit 
der Ethik in Vereinigung bringen wollen. 

Schliefilich erlaube ich mir, wenn Euer Hochwohlgebo- 
ren diese Bitte nicht unbillig finden sollten, recht sehr zu 
bitten, mir nur mit wenig Zeilen Ihr Urteil iiber das in der 
Abhandlung Ausgesprochene mitteilen zu wollen. Wenn ich 



mit dieser Kiihnheit allzusehr iiber die Grenzen des ge- 
wohnlichen Anstandes hinaustrete, so habe ich dafiir in der 
Tat nichts zu meiner Entschuldigung als meinen gliihenden 
Eif er firr die Wahrheit und den Gedanken, da£ Euer Hoch- 
wohlgeboren einem Ihrer Verehrer es gewifi verzeihen wer- 
den, wenn er um dieser willen sich etwas zu tun erdreistet, 
was in jedem anderen Falle Frechheit ware. 

Mit ausgezeichneter Hochachtung 
Rudolf Steiner 

Adresse von morgen an: 

Brunn am Gebirge, Niederosterreich. 

12a. Siehe Nachtrag auf Seite 238. 

13. AN ALBERT LOGER 

[Brunn am Gebirge, 1882] 

Mein innigstgeliebter Freund! 

Wiirde ich Dich weniger kennen, so glaubte ich fast, Du 
warest mir bose iiber mein so langes Schweigen. Allein dies 
wird wohl nicht der Fall sein, und Du wirst daher gestatten, 
dafi ich mich wieder einmal nach D einem Befinden erkun- 
dige umsomehr, da ich schon lange Zeit keinen Neustadter 
gesehen habe, der mich dariiber hatte benachrichtigen kon- 
nen. Ich sehe niemanden aufier den Staub zuweilen bei 
E. Schmidt in der Vorlesung, und den frage ich um nichts, 
denn sein Betragen ist denn in der Tat ein recht hochmiitiges. 

Mein Vater wurde mittlerweile auf seinen eigenen 
Wunsch nach Brunn ubersetzt und ich fahre jetzt taglich 
nicht mehr von Inzersdorf nach Wien, sondern von Brunn. 
Hier ist es jedenfalls viel schoner. Nun werde ich hoffentlich 
auch dies letzte Jahr der Fadheiten an der mir unlieben 
techn. Hochschule hinter mir haben. Dann kommt erst jene 
jammerliche Priifung iiber die massenweise in den Biblio- 



theken aufgeturmte mathematische Weisheit. Wenn ich 
daran denke, an die verstand- und geistlose Zitatenarbeit, 
die da fur mich kommen soli - ich meine die schriftliche 

da graut's mir. Doch ich mufi es tun, will es tun, tue es. 

Es hat iibrigens auch sein Gutes, daft ich Naturlehre studiert 
habe, denn ich habe dadurch das Kartengebdude, welches 
unter diesem Namen die moderne Zeit aufgebaut hat. Wenn 
es so fortgeht, so nimmt der Geist der hoheren Begriffe 
allmahlich ab, Religion, Sitte etc. verschwinden aus der 
Welt. Ich bin iiberzeugt, zu der Schlaffheit, welche auf vielen 
Orten die Leute zeigen, hat die verderbliche Tendenz der 
Naturwissenschaft nicht das wenigste beigetragen. Die 
grundlose Hypothese der Atomistik und der Atheismus ge- 
hen Hand in Hand, und die Natur stellt sich uns mit den 
Augen der neueren Theorien besehen als nichts dar, wie ein 
zweckleeres Spiel mit Atomen: die moderne Naturlehre ist 
eingefroren. Wie froh ware ich, wenn ich jetzt Geschichte 
griindlich studieren konnte, doch ich mufi mir's schon des- 
halb versagen, weil ich mir die Zeit, die ich zu meinen offi- 
ziellen Studien brauche, nicht verkiirzen kann. 

Mir wurde oft es libel genommen, dafi ich Gefallen an der 
Philosophic finde, doch ich sehe jetzt wie gut dies ist. Sie hat 
mir das gegeben, was ich von Natur nicht hatte, was aber 
andere haben und ohne das man ja doch eigentlich nicht sein 
kann. Ich lernte gerade durch sie kennen, was mir noch vor 
kurzem ganz unverstandlich war: die Bedeutung der religio- 
sen Bewegungen. Ich mufi gestehen, daft ich mir noch vor 
nicht langer Zeit, wenn Du von dem Altkatholizismus 
sprachst und wenn Du Deine grofien Bemiihungen um den- 
selben anfuhrtest, nichts Rechtes denken konnte. Jetzt ist 
mir das alles klar. Ich sehe ebensogut ein, warum es diese 
und gerade diese Religionsiorm fur unser Volk sein mu£. 
Der Protestantismus wiirde selbst dann nicht ganz berech- 
tigt sein - ich meine beim Volke -, wenn er den Traditionen 
des Landes entsprechen wurde, denn aus Mangel am For- 
mellen artet er sehr gerne in niichternen gemiit- und geistlo- 



sen Rationalismus aus. Der Mensch mufi ein Bild von seinem 
Gotte haben und ihn in sinnlichen Handlungen verehrt se- 
hen, sonst verschwindet er seinem Geiste. Schwellas und 
Strau£ens sowie Renans Kirchen gehoren an denselben Ort, 
wohin der vierdimensionale Raum gehort und die Gelehr- 
ten, die sich mit diesem beschaftigen. Ich mochte noch die 
zweidimensionale Zeit hinzufugen und dann den ganzen 
Pack ins Narrenhaus schicken. 

Indem ich Dich bitte, mich recht bald durch einige Zeilen 
zu erfreuen, verbleibe ich - einen Handkufi an die gnadige 
Frau bitte ich Dich auszurichten - 

Dein Dich stets gleich schatzender 
Rudolf Steiner 

14. AN JOSEPH KURSCHNER 

Brunn am Gebirge, Niederdsterreich, 

28. September 1882 

Euer Hochwohlgeboren! 
Hochgeehrter Herr Professor! 

Herr Professor Schroer ist mit seinen Arbeiten fur Ihre 
Ausgaben eben sehr beschaftigt und ersucht mich daher 
Euer Hochwohlgeboren das Folgende mitzuteilen. Von ihm 
selbst werden Sie ehestens ein Schreiben bekommen. Mit 
alien von Euer Hochwohlgeboren beziigHch meiner Bear- 
beitung von Goethes wissenschaftlichen Schriften gestellten 
Bedingungen ist er vollkommen einverstanden. Er wird die 
Durchsicht besorgen und in einer guten Stunde die Einfiih- 
rung schreiben. Daher, meint er, sei die Sache nur mehr eine 
Frage der Zeit. Bezuglich des Umfanges des von mir zu 
Bearbeitenden glaube ich, dafi es angezeigt ware, wenn die 
bei Hempel als «naturwissenschaftlich» bezeichneten 
Schriften (enthalten in Band 33, 34, 35, 36) von Einem bear- 
beitet wiirden. Dahin wiirden also gehoren: die Optik (Far- 
benlehre), «zur Naturwissenschaft im Allgemeinen» und 



«naturwissenschaftliche Einzelheiten», dann die morpholo- 
gischen, mineralogischen, geologischen und meteorologi- 
schen Schriften. Prof. Schroer ist ebenfalls dieser Ansicht. 

Ferner mochte ich den Ausgaben die von Goethe angefer- 
tigten kolorierten Tafeln beigeben, wodurch die Sache sehr 
viel gewinnen wiirde. Ich glaube, dafi Herr Professor damit 
gewifi einverstanden sein werden. 

Wenn Euer Hochwohlgeboren dies billigen mochten, so 
wiirde ich recht sehr bitten mich zu benachrichtigen und, da 
ich eben jetzt iiber Zeit zu verfugen habe, mir gutigst die 
durchschossenen Ausgaben von Hempel, wie sie Prof. 
Schroer hat, zu ubersenden. Ferner wiirde ich bitten um 
eine beilaufige Angabe des Zeitpunktes, wann die Sachen 
fertigzustellen waren und um andere von Euer Hochwohl- 
geboren zu bestimmende Einzelheiten. Ich erklare mich mit 
alien von Euer Hochwohlgeboren an Prof. Schroer mitge- 
teilten Bedingungen, von denen er mich verstandigt hat, ein- 
verstanden. 

Indem ich der angenehmen Hoffnung bin, von Euer 
Hochwohlgeboren bald mit einer Antwort erfreut zu wer- 
den, zeichne ich mit « 1- 1 TT 1 1 

vorzuglicner riocnacntung 

Rudolf Steiner 

Meine Adresse bis auf weiteres: Brunn am Gebirge, Nie- 
derosterreich 

15. JOSEPH KURSCHNER AN RUDOLF STEINER 

Sehr geehrter Herr ! Stuttgart, 9 . Oktober 1882 

Mit Vergniigen hore ich, dafi Sie geneigt sind, die Bearbeitung 
von Goethes wissenschaftlichen Schriften unter den von mir ge- 
stellten Bedingungen zu iibernehmen. Ich freue mich besonders, 
daft Prof. Schroer als Protektor dieser Ausgabe figurieren wird. Es 
ware mir nun angenehm, von Ihnen zu erfahren, bis zu welcher 
Zeit ich eventuell diese Schriften erhalten konnte und bin ich mit 



Vergniigen bereit, Ihnen die samtlichen wissenschaftlichen Werke 
Goethes zu iibertragen. Die Tafeln Goethes den Werken gleich 
beizugeben, liegt kein Hemmnis vor; ob sie freilich koloriert wer- 
den konnen, mufi sich erst mit der Zeit herausstellen. Die Exem- 
plare der Schriften lasse ich gleich hier mitfolgen und bitte dabei 
besonders zu beachten, dal? der Umfang der Hempelschen Aus- 
gabe keinesfalls iiberschritten werden darf. Die Auslassungen Ka- 
lischers sind gewifi sehr gut, aber eine kurzere Fassung wird gerade 
bei diesen Sachen der Verbreitung einer neuen Ansicht dienlicher 
sein. Bevor Sie an die Bearbeitung selbst gehen, ersuche ich Sie, mir 
einen eingehenden Plan iiber die wissenschaftlichen Schriften Goe- 
thes zu entwerfen, worin auch die Umfangsbezeichnungen auf 
Grund der Hempelschen Ausgabe angegeben sind. Ebenso ware 
ich Ihnen verbunden fur Ubermittlung einer kurzen Darlegung 
Ihres Standpunktes gegeniiber den wissenschaftlichen Schriften 
Goethes. Sobald ich iiber diese Einzelheiten und namentlich auf 
den Zeitpunkt orientiert bin, werde ich nicht versaumen, Ihnen 
Kontrakt zu ubermitteln. Es soli mich freuen, wenn durch Ihre den 
landlaufigen so sehr entgegengestellten Ansichten iiber die Bedeu- 
tung Goethes als Gelehrten dem Altmeister auch nach dieser Rich- 
tung hin neue Verehrung zuwachst. 

In Erwartung Ihrer freundlichen Zeilen 
in vorziiglicher Hochachtung Ihr 

Kurschner 

l6. AN JOSEPH KURSCHNER 

Brunn am Gebirge, 21. Oktober 1882 
Hochgeehrter Herr Professor! 

Besten Dank fiir Ihre freundlichen Zeilen und insbeson- 
dere Dank fiir die Ubertragung einer so schonen Aufgabe. 
Der vollberechtigten Forderung unserer Zeit, die Naturwis- 
senschaft weiteren Kreisen zuganglich zu machen, wird 
durch eine Herausgabe von Goethes wissenschaftlichen 
Schriften ganz besonders Rechnung getragen. Dies letztere 
besonders dadurch, daE hier die wissenschaftlichen Einzel- 
heiten stets von grofSen Ansichten getragen sind. Darauf hat 



der Erklarer durchaus Riicksicht zu nehmen. Er mufi mit 
einer vollkommenen Beherrschung des Standes jeder ein- 
schlagigen Wissenschaft in der Gegenwart die Fahigkeit ver- 
einigen, von allgemeinen Gesichtspunkten ausgehend die gro- 
ften Maximen Goethes mit freiem Blicke zu iiberschauen. 

Ich werde in den Einleitungen stets die Punkte in den 
Vordergrund treten lassen, von welchen aus man in das 
Ganze Goethescher Forschungen bequem eingefuhrt wird. 
Es soil hier - mit moglichster Vermeidung alles Polemischen 
- die Goethesche Anschauungsweise erklart werden. Solche 
Einleitungen sind vier notig: Eine allgemeine, welche 
Goethes Denkweise, die Einwirkungen historischer und 
zeitgenossischer Personlichkeiten neben der Bedeutung der 
ersteren etc. zu umfassen hat und die ich gerne den «natur- 
wissenschaftlichen Einzelheiten» vorangedruckt sehen 
wiirde; ferner eine solche zu den morphologischen Schriften 
(Metamorphose der Pflanzen, Osteologie und Zoologie); 
ferner eine dritte zur Mineralogie, Geologie und Meteorolo- 
gie; eine vierte zur Optik (Farbenlehre). Den gewiinschten 
Plan lege ich auf einem Blatte bei. Ich habe ihn mit Herrn 
Professor Schroer durchgesprochen. Auch lege ich ein Blatt 
bei, auf dem ich ganz im allgemeinen meine Auffassung von 
Goethes wissenschaftlichen Anschauungen in einigen Sat- 
zen fluchtig skizziert habe. Ich mochte dem hier nur noch 
beifiigen, dafi ich in den Einleitungen durchaus besondere 
Riicksicht darauf nehmen werde, wie Goethe auf das eine 
oder andere Gebiet der Wissenschaft gefuhrt wird. Wenn 
man bedenkt, dafi Goethes Vielseitigkeit sich iiber fast alle 
Zweige menschlichen Wirkens erstreckt, so erscheint dies 
vorzugsweise wichtig, weil uns daraus die Art anschaulich 
wird, wie die Wissenschaft sich auf natiirliche Weise aus 
dem Ganzen menschlichen Strebens entwickelt. 

Mit der Ansicht, dafi eine kurzere Fassung in den Einlei- 
tungen dem Ganzen dienen wird, stimme ich uberein. Mein 
Standpunkt bringt es ja auch mit sich, dafi manches, was 
Kalischer in den Einleitungen bespricht, in die Anmerkun- 



gen verwiesen werden wird. Bezuglich des Zeitpunktes kann 
ich folgendes bemerken. Die morphologischen Schriften mit 
der Einfiihrung von Professor Schrder werden bis Neujahr 
f ertiggestellt. Die zweite Partie (Mineralogie, Geologie, Me- 
teorologie, Naturwissenschaftliche Einzelheiten) wiirden 
dann Mitte Februar und das iibrige Ende Marz fertig. Es 
wiirde mich freuen, Euer Hochwohlgeboren mit diesem 
Gange einverstanden zu finden. 

Indem ich hoffe, die Wunsche, welche Euer Hochwohlge- 
boren im letzten Briefe an mich aussprachen, damit zu erful- 
len, zeichne ich in Erwartung Ihrer freundlichen Antwort 

mit vorziiglicher Hochachtung 
Rudolf Steiner 
d.z. in Brunn am Gebirge, Niederosterreich 

Durch ein Versehen wohl ist bei Ubersendung der Hem- 
pelschen Ausgabe - fiir die ich bestens danke - der 36. Band, 
enthaltend die Geschichte der Farbenlehre, Entoptische 
Farben und Nachtrage zur Farbenlehre, nicht mitgesendet 
worden. Sollte die separate Sendung desselben zu viele Um- 
stande machen, so bin ich bereit, mir denselben hier zuberei- 
ten zu lassen. 

17. AN JOSEPH KURSCHNER 

Brunn a. Gebirge, 19. November 1882 

Euer Hochwohlgeboren ! 
Hochgeehrter Herr Professor! 

Euer Hochwohlgeboren werden verzeihen, wenn ich mir 
erlaube, einige Anfragen an Sie zu richten. Erstlich mochte 
ich recht sehr um Auskunft bitten, ob hochgeehrter Herr 
Professor den Ihnen von mir mitgeteilten Plan von Goethes 
naturwissenschaftlichen Schriften, sowie die darinnen be- 
merkten Umfangsverhaltnisse der Einleitungen und na- 



mentlich die bestimmten Zeitpunkte billigen, da dieses fur 
mich, wegen der nunmehr schon fortgeschrittenen Arbeit 
notig ist. Ferner mochte ich namentlich bitten, ob der 
III. Band, der die optischen Schriften enthalten soil, nicht 
zu umfangreich sein wiirde. In diesem Falle mitfke er doch 
wohl in zwei gespalten werden. 

Eine weitere Bitte ware die, Euer Hochwohlgeboren 
mochten mich giitigst wissen lassen, ob Sie nicht geneigt 
waren,einen kleinen Aufsatz [von mir zu veroffentlichen]: 
«Goethes wissenschaftliche Anschauungen im allgemeinen» 
mit Beziehung auf Haeckels letzten Vortrag iiber « Lamarck, 
Darwin und Goethe» und auf Du Bois-Reymonds Rede 
vom 15. Oktober d. J. «Goethe und kein Ende», welch letz- 
terer Vortrag ja - sogar schon bis in die Tagesjournale herab 
- viel Staub aufwirbelt. Es erscheint fast unbedingt notig, 
gegeniiber den hier gebrachten falschen Auffassungen eines 
im Empirischen hochverdienten Forschers, den wahren 
Standpunkt geltend zu machen. Satze wie dieser: Goethes 
wissenschaftliche Besprechungen seien «die totgeborene 
Spielerei eines autodidaktischen Dilettanten», sind die trau- 
rige Folge des Umstandes, dafi selbst unsere groften Natur- 
forscher der Gegenwart es verabscheuen, sich an grofte Prin- 
zipien zu halten, iiberhaupt einer tieferen wissenschaftlichen 
Basis entbehren. Darinnen ist der Grund fur die Verken- 
nung Goethes als Gelehrten zu suchen. Der beste Beweis 
dafur ist, daft hoheren Maximen zustrebende Geister - wie 
Haeckel - auch eine vorurteilsfreiere Auffassung Goethes 
von dieser Seite bereits angebahnt haben, wenngleich auch 
deren Auffassung von Einseitigkeiten nicht ganz freizuspre- 
chen ist. Die Behandlung meines Themas wiirde eine ganz 
populare sein. 

In der Uberzeugung, daft Euer Hochwohlgeboren diese 
meine Anfragen mir nicht ubelnehmen werden, zeichne ich 
mit 

vorziiglicher Hochachtung 
Rudolf Steiner 



l8. AN JOSEF KOCK 



[1882/83] 

Lieber Freund! 

So sei es denn zur Seite gelegt, das Blatt, auf dem ich eben 
schreibe, um in meinen lieben, lieben Goethe tief genug ein- 
zudringen. Es ist wahr, ich verspreche und halte nichts, doch 
nimm meine Versicherung zugleich, dafi ich nicht verspre- 
chen wiirde, wenn ich nicht den besten Willen hatte, alles zu 
halten. Aber ich fuhle mich berufen, uber einen Teil Goethe- 
schen Geistes Aufklarung zu verbreiten, und ich fuhle es so, 
daft ich es Frevel nennen miifite, wenn ich oft, wenn die 
rechte Stunde ist, nicht gerade zur Feder greifen wiirde. Lie- 
ber Freund, Du kannst mal Dich einigermaften iiber das 
Vorurteil hinwegsetzen, welches viele gleich haben, wenn 
man ihnen nicht alles zu Rechte machen kann. Ich glaube bis 
in acht Tagen alle Deine Sachen gelesen zu haben. Manches 
habe ich schon, dariiber ist viel zu sagen, noch mehr zu 
denken. Im allgemeinen eines. Ich glaube, bei Dir ist es im- 
mer mehr eine Grundidee, welche ein Poem etc. tragt, als 
der rauschende Flufi der Ereignisse. Es ist gleichsam die 
Handlung, die Aufgabe nur erfunden, um einen [Grundjge- 
danken auszusprechen. Fur jenen, der einmal jenen Grund- 
gedanken erkannt hat, verliert dann die Einkleidung als sol- 
che ihr Interesse. Ich nehme die Erzahlung «Der alte und 
neue Glaube». Es sind die Grundgedanken aufierordentlich 
wahr, grofi gedacht und sehr bedeutsam. Die Erzahlung aber 
kann nur zum geringen Teile interessieren. Ich hatte gerne 
gesehen, dafi Du baldigst mit Deinen Sachen in die Offent- 
lichkeit konntest, vielleicht erst, ohne dafiir ein Honorar 
einzuheimsen. Das ist ubrigens selbstverstandlich, ich 
glaubte, den «Alten und neuen Glauben» selbst anzubrin- 
gen, doch der Redaktor wiirde sagen: was gesagt werden 
soil, sollte in anderer Form als Prosaaufsatz gesagt werden, 
und was wirklich gesagt ist, lalk den Leser ohne Interesse. 
Bei so etwas mu6 die Handlung selbst interessieren. Hat 



Shakespeare in einem einzigen seiner Dramen eine Grund- 
idee ausgesprochen? Nirgends! Wo ware in diesem Hamlet, 
in diesem tollen Prinzen, in den unsinnigen Gespensterge- 
schichten und den unnatiirlichen Verwicklungen ein 
Grundgedanke, hochstens der, dafi das Ganze gedankenlos 
ist. Und doch! Welches Interesse, diese Kette von Handlun- 
gen ! Ideen gehoren nicht in die Poesie, uberhaupt nicht in 
die Kunst, nur in die Philosophie. Modell ist und bleibt nicht 
Goethes oder Schillers Kunst, sondern die griechische. Wo 
hat je Homer, Aschylos, Sophokles, Euripides eine Grund- 
idee aussprechen wollen, wo Phidias in seinen Statuen Ideen 
verkorpern wollen? Es ist die Kunst umsomehr Kunst, je 
mehr sie sich in Bildern, nicht in Gedanken (Ideen) bewegt. 
Erst seit man nach Loepers Anleitung angefangen hat, im 
zweiten Teil des «Faust» nicht Ideen, Allegorien zu finden, 
sondern eine Reihe traumhafter Bilder, erst seit jener Zeit 
geniefit man ihn in seiner wahren Grofie; Allegorien sind 
eben holzern. Darum, lieber Freund, rate ich Dir, Deine 
Gedanken nicht in Dichtungen, sondern geradezu in Pro- 
saaufsatze, und nur sinnenfallig Wirkliches in poetisches 
Gewand zu kleiden. Kunst ist einmal das Gottliche nicht als 
solches, sondern in der Sinnlichkeit. Und letztere als solche, 
nicht das Gottliche, mufi gefallen. 

Dariiber wollen wir bald igst mal sprechen. Wenn ich alles 
gelesen habe, bekommst Du wieder einen Brief. Sei mir nur 
wegen meiner Nachlassigkeit nicht bose. 

Dein unveranderlicher 
Rudolf Steiner 

19. AN JOSEPH KURSCHNER 

Brunn am Gebirge bei Wien, 6. Januar 1883 
Hochgeehrter Herr Professor! 

Herzlichsten Dank fur die Neujahrswunsche, die ich hier- 
mit gleichfalls iibersende; insbesondere wiinsche ich dem 



ganzen Unternehmen den besten Erfoig. Ich habe an dem 

Manuskript des ersten Bandes nur noch einige Tage Arbeit. 

Dafi Euer Wohlgeboren mit meinen Vorschlagen einver- 

standen sind, freut mich. 

In Erwartung Ihres freundlichst in Aussicht gestellten 

Schreibens , 

ergebenst 

Rudolf Steiner 



20. AN JOSEPH KURSCHNER 

Brunn am Gebirge, 22. Februar 1883 
Hochgeehrter Herr Professor! 

Bezuglich des ersten Bandes der wissenschaftlichen 
Schriften Goethes «Zur Morphologie», der nun beendet ist 
und nach der Durchsicht von Prof. Schroer mit dessen Ein- 
leitung bald in Ihre Hande kommen wird, erlaube ich mir, 
Euer Hochwohlgeboren bezuglich einiger Punkte um giitige 
Auskunft zu bitten. 

Da ich durchaus von dem Grundsatze ausging, an diesen 
Schriften nichts unerklart zu lassen - sie sollen nicht mehr 
als blofie Zugabe zu Goethes Werken, sondern auch in ihrer 
selbstandigen Bedeuturig erscheinen — , so sehe ich mich ge- 
notigt, Abbildungen, welche die bisherigen Ausgaben 
durchaus nicht haben, beizufiigen. Dies waren aufier einigen 
unerheblichen Figuren im Texte der Anmerkungen alle Ab- 
bildungen, die sich in den Heften «zur Naturwissenschaft, 
besonders zur Morphologie» von Goethe (1817-24) finden. 
Diese konnte ich etwa selbst aus den betreffenden Heften 
zur Vervielfaltigung iibersenden. Dasselbe kann mit einigen 
schematischen Zeichnungen zur Erklarung der Wirbeltheo- 
rie geschehen. Nun aber handelt es sich um Abbildungen 
iiber den Zwischenknochen. Da nun zu Goethes Abhand- 
lung solche in sehr schoner Ausfuhrung in Vol. XV, p. 1 der 
«Verhandlungen der Kaiserlich Leopoldinisch-Carolini- 



schen Academie der Naturforscher» (Bonn 183 1) existieren, 
so hatte ich gerne, daft sie beigefiigt wiirden. Mir stehen 
diese Tafeln wohl in den hiesigen Bibliotheken zur Verfu- 
gung, so daft ich den Text denselben entsprechend einrichten 
kann, aber ich bin nicht in der Lage, sie meinem Manu- 
skripte beizufiigen. Ich wiirde daher Euer Hochwohlgebo- 
ren bitten, mir recht bald Auskunft dariiber zu senden, ob 
Sie geneigt sind, diese Tafeln in die Ausgabe nach dort zu 
beschaffendem Originale aufzunehmen, Es ist mir von 
Wichtigkeit, dieses recht bald zu wissen, da ich den Text 
darnach einrichten muft. 

Professor Schroer teilt mir mit, daft ihm Euer Hochwohl- 
geboren von einer bestimmten Zusage, die zu Neujahr an 
mich ergangen ware, geschrieben haben. Ich habe eine sol- 
che nicht erhalten und teile dieses mit, da dieselbe am Ende 
auch konnte verloren gegangen sein. Ich mochte recht sehr 
bitten, auch in dieser Richtung das Notige zu veranlassen. 
Der erste Band meiner Arbeit konnte langst fertig sein, wenn 
man in den Wiener Bibliotheken reichlichere Hilfsmittel 
fande. Manches war von Quellwerken recht schwer zu ver- 
schaffen. Ich will z. B. nur erwahnen, daft ich in keiner Wie- 
ner Bibliothek die Gothaische Gelehrtenzeitung habe finden 
konnen, und solche Falle gibt es mehr. Ich dachte zu Weih- 
nachten die Sache in Prof. Schroers Hande iiberliefern zu 
konnen, der auch damals schon die Gute hatte, die Einfiih- 
rung zu schreiben. 

Indem ich bitte, diese durchaus nicht durch meine Schuld, 

sondern durch auftere Umstande herbeigefiihrte Verzo- 

gerung giitigst zu entschuldigen, wiirde ich recht sehr er- 

suchen, mir baldigst irgendeine Nachricht zukommen zu 

lassen. . T , in 

In Erwartung derselben 

mit vorzuglicher Hochachtung 



Rudolf Steiner 



21. JOSEPH KURSCHNER AN RUDOLF STEINER 



Verehrter Herr! Stuttgart, 9. Marz 1883 

Endlich komme ich dazu, Ihnen zu schreiben, woran ich leider 
bis heute verhindert war. Ich hoffe, Sie nehmen es einem so vielfach 
Beschaftigten nicht iibel und verzeihen ihm dieses ungebiihrlich 
lange Schweigen, das nun aber ein fur allemal gebrochen sein soli, 
da ich mich wohl nie mehr in meinem Leben auf solche Uberbiir- 
dung mit Arbeit einlassen werde, wie wahrend des letzten Jahres. 

Ich nehme nun Ihre samtlichen Briefe vor und beantworte sie 
der Reihe nach. "Wie ich Ihnen schon friiher sagte, bin ich durchaus 
mit Ihrer Anordnung etc. einverstanden und hoffe, dafi Sie alles in 
dem von Ihnen angedeuteten Sinne durchfuhren. Auch mit den 
Ablieferungsterminen bin ich einverstanden, zu sehr eilt es ja nicht, 
da ich doch noch grofie Mengen von Manuskripten im Vorrat habe. 
Die Einteilung in Bande behalte ich mir vor, nachdem ich das Ma- 
nuskript in Handen habe. So was lafit sich im Angesicht der Sache 
besser entscheiden als ohne diese. 

Mit der Illustrierung sehen Sie mich ebenfalls vollig einverstan- 
den und bitte ich, mir die Vorlagen zu denselben zu senden; ich 
werde dann fur sofortige Anfertigung Sorge tragen.* Ich werde 
auch die Tafeln jedenfalls auf nehmen und habe mich bereits hier an 
die Bibliothek gewendet, um die notwendigen zu erhalten. Seien 
Sie iiberhaupt versichert, dafi ich mir alles angelegen sein lassen 
werde, die Ausgabe nach Kraften zu einer vortrefflichen zu ma- 
chen. Ich freue mich sehr darauf, denn alles, was ich davon hore, 
verspricht das Beste. Den Kontrakt erhalten Sie nachste Woche, da 
Spemann schon seit einiger Zeit wegen der literarischen Konsentio- 
nen in Berlin ist. 

Ich habe, da sich auf Grund des Schroerschen Kontrakts auch 

der unsrige feststellt, 1000 Mark eintragen lassen, was genau dem 

genannten entspricht. . . , « . 

Mit ausgezeicnneter Hochacntung 

Halten Sie die Einleitungen Ihr ergebenster 

und Anmerkungen bitte kurz, 

natiirlich so, dafi nichts Kurschner 
dadurch verlorengeht. 

:: " Ich sehe eben, dai$ ich den zweiten Band der Morphologie im 
Original besitze. Es wurde also genugen, mir von diesem einfach 
die Blatter anzugeben. 



22. AN JOSEPH KURSCHNER 



Brunn am Gebirge [ca. 18. Marz 1883] 
Hochgeehrter Herr Professor! 

Ihren freundlichen Brief vom 9. d. M. ebenso wie jenen 
vom 16. mit dem Kontrakt habe ich erhalten. Es ist also 
nichts auf mich Bezugliches verlorengegangen. Euer Hoch- 
wohlgeboren erhalten auch dieser Tage den unterschriebe- 
nen Kontrakt wieder. Bitte zu entschuldigen, dafi ich so spat 
erst diese Antwort-Karte absende; Ihre geschatzte Anfrage 
traf mich zufallig nicht zu Hause an. 

Mit vorzuglicher Hochachtung 
Rudolf Steiner 



23. AN JOSEPH KURSCHNER 

Brunn am Gebirge, 23. Marz 1883 
Hochgeehrter Herr Professor! 

Anbei iibersende ich den unterfertigten Kontrakt und er- 
laube mir zugleich mitzuteilen, dafi der 1. Band eben in den 
Handen Prof. Schroers ist. Euer Hochwohlgeboren werden 
denselben mit Schroers Einfuhrung baldigst erhalten, da sich 
dieser fur die Sache sehr interessiert und iiber deren baldige 
Veroffentlichung freuen wiirde. Jedoch wimscht er, dafi ihm 
Euer Hochwohlgeboren vorher den beziiglich dieser Sache 
ihn angehenden Kontrakt ubersenden mochten und tragt 
mir auf, Sie zu ersuchen, dies baldigst zu tun, da er erst nach 
Erhalt desselben, durch Beigabe seiner Einfuhrung, in die 
Absendung einwilligen will. 

Die wahrhaft seltene Vorurteilslosigkeit, mit welcher 
Euer Hochwohlgeboren meinen Arbeiten entgegenkom- 
men, und die Forderung, die mir dadurch zu Teil wird, weifi 



VERLAGS-VERTRAG 

Zwischen Herrn Rudolf Steiner in Brunn am Gebirge 
und Herrn W. Spemann, Verlagsbuch handler, in Stuttgart 
ist nachstehender Vertrag abgeschlossen worden: 

. s 1 

Herr Rudolf Steiner ubernimmt fiir die im Verlag von W. Spe- 
mann erscheinende Deutsche National-Literatur die Herausgabe 
(Einleitung, Textrevision, erlauternde Anmerkungen etc.) von 

Goethes wissenschaftlichen Schriften 
(Feststellung des Titels vorbehalten) auf Grund der brieflich ge- 
troffenen Abmachungen. 

Die Werke sind innerhalb des Umfangs von 3 Banden auszufiih- 
ren. Der Herr Verfasser verpflichtet sich, dieselben in alien Teilen 
streng nach dem Programm u. gleichmafiig zu bearbeiten. 

Die Manuskripte sind in vollstandig druckf ertigem Zustand, so 
dafi wesentliche Anderungen daran nicht mehr vorkommen kon- 
nen, abzuliefern, u. zwar ganz und ungeteilt bis zu folgenden 

Terminen: Band 1 bis 1 . April 1883 

„ 2 „ 1. August 
„ 3 „ 1 . Oktober „ 

Herr W. Spemann bezahlt Herrn R. Steiner fiir diese Arbeiten 
ein Honorar von M 1000.- «Tausend Mark» u. erwirbt damit das 
alleinige u. unbeschrankte Eigentums- und Verlagsrecht derselben. 
Das Honorar ist zahlbar nach Ablieferung des vollstandigen druck- 
fertigen Manuskriptes. 

Der Herr Verfasser wird die zweite Korrektur der Einleitungen 
u. Anmerkungen ohne besondere Vergiitung selbst lesen u. erhalt 
nach vollendetem Druck 10 Freiexemplare. 

Vorstehender Vertrag ist fiir beide Teile, deren Erben u. Rechts- 
nachfolger, verbindlich abgeschlossen, in zwei gleichlautenden 
Exemplaren ausgefertigt u. von beiden Kontrahenten zum Zeichen 
des Einverstandnisses eigenhandig unterschrieben worden. 

Stuttgart u. Brunn a. G., den 16ten Marz 1883 



Der Verleger: 
eh. W. Spemann 



Der Autor: 
eh, Rudolf Steiner 



ich im vollen Mafte zu wiirdigen. Nehmen Sie die Versiche- 
rung meines herzlichsten Dankes dafiir hiermit entgegen. 

Mit vorziiglicher Hochachtung 
Rudolf Steiner 

Bezuglich der mir gutigst iibersendeten durchschossenen 
Hempel-Ausgabe bemerke ich, dafi Band 36, enthaltend: die 
Geschichte der Farbenlehre etc., fehlte. Sollte die Ubersen- 
dung nicht etwa Unannehmlichkeiten bereiten, so bitte ich 
um dieselbe, da ich ihn jetzt benotigen wiirde. 



23a. Siehe Nachtrag auf Seite 238. 



24. AN JOSEF KOCK 

Brunn am Gebirge bei Wien, Niederosterreich 

[April 1883] 

Lieber Freund! 

Uber Missons Dichtung weift ich wohl mehr nicht zu 
sagen, als Landsteiner in der Einleitung zu dem Buche be- 
merkt hat. Dort findet sich auch einige Andeutung beziig- 
lich der Fortsetzung. In bezug auf den Dialekt mochte ich 
Dir vor allem raten, nicht in den Fehler zu verfallen, der so 
vielen Dialekt-Dichtern hindernd in den Weg tritt, Be- 
griffe, Gedanken, Ideen, die die Schriftsprache kennt, der 
Dialekt aber nicht, in letzteren zu iibersetzen. Castelli z. B. 
sagt: d'Naduar - als ob der Gedanke in der Bedeutung, wie 
wir ihn haben, in der Mundart vorkommen wiirde. D'Na- 
duar heifit in der Mundart - der mannliche Same und weiter 
nichts. Ahnliche Falle gibt es ungeheuer viele. Ferner mufi 



ich Dir bemerken, dafi der Dialekt in den einzelnen Gegen- 
den Niederosterreichs einige Differenzen hat. Du wiirdest 
iiberhaupt gut tun, erst einiges iiber Dialektisches zu lesen. 
Konntest denn in Neustadt nichts bekommen? J. P. Hebels 
«Alemannische Gedichte» miissen in der dortigen Real- 
schulbibliothek doch gewift sein. Wende Dich doch iiber 
solches vielleicht einmal durch Schober ernstlich an Loger. 
Ferner ware sehr zu empf ehlen Stelzhamer und einige theo- 
retische Dinge, Frommanns Zeitschrift «Die deutschen 
Mundarten», Schroers «Deutsche Mundarten des ungri- 
schen Berglandes» und sein «W6rterbuch der Mundart von 
Gottschee», denn man handhabt einen Dialekt besser, wenn 
er einem durch die Vergleichung gleichsam gegenstandlich 
geworden ist. Der Bauer, der nur einen, seinen Dialekt 
kennt, dichtet in demselben nicht. Solltest Du den Ver- 
[such] faktisch fertig bringen, so wiirde, wenn es gelingt, 
dies gewi£ Dir viele Freunde erwerben. Jene edlen Literarhi- 
storiker, die sich Missons in so schoner Weise annehmen, 
werden Dir mal gesichert sein. 
Mit bestem Wunsche zur gliicksgekronten Arbeit 

Dein ferner treuer 
Rudolf Steiner 

25. AN JOSEPH KURSCHNER 

Brunn am Gebirge, 11. Mai 1883 

Euer Hochwohlgeboren ! 
Hochgeehrter Herr Professor! 

Es ware mir sehr lieb, wenn der erste Band von Goethes 
wissenschaftlichen Schriften bald in die Hande von Euer 
Hochwohlgeboren kommen wiirde. Dem steht kein Hin- 
dernis mehr entgegen, als dies, dafi Herr Prof. Schroer auf 
die Zusendung einer Nachricht iiber die Bedingungen be- 
ziiglich seiner Einfuhrung wartet. Ich mochte in seinem Na- 



men Euer Hochwohlgeboren recht sehr bitten, die Zusen- 
dung zu bewirken, da die Arbeit lange fertig ist und Prof. 
Schroer sie ebenfalls langst durchgegangen hat. Es ist unbe- 
schreiblich, welch liebevolle Teilnahme derselbe ihr widmet. 
So bin ich durch seine Vermittlung eben iiber den noch un- 
gedruckten Briefen J. H. Mercks an P. Camper, die der «Bi- 
bliotheque de la societe neerlandaise pour les progres de la 
medecine» in Amsterdam gehoren, welche mir manche Auf- 
schliisse iiber die Entstehung von Goethes Ideen geben und 
die fur den 2. Band wichtig sein werden. 

Der baldigen Erfullung meiner oben gestellten Bitte ent- 

gegensehend Euer Hochwohlgeboren 

ergebenster 

Rudolf Steiner 



26. JOSEPH KURSCHNER AN RUDOLF STEINER [Postkarte] 

Stuttgart, 11. Juni 1883 

Verehrter Herr! 

Soeben habe ich an Prof. Schroer wegen der Einleitung geschrie- 
ben und ich hoffe, dafi, wenn ich dieselbe nicht zu spat erhalte, der 
Druck des Bandes bald beginnen kann. Ich wiirde mich freuen, 
wenn Sie ununterbrochen bei der Arbeit blieben, so dafi ich bald 
alles komplett in Handen hatte. Ich mochte bei der Gelegenheit 
auch auf die Schriften Klinkerfues' hinweisen, die vielleicht von 
Interesse fur Ihre Herausgabe sind. Unter Kreuzband sende ich 
Ihnen die besprochenen Illustrationen. Es ware mir lieb, wenn Sie 
dieselben gleich an den Stellen im Texte einfugen wollten, wo sie 
hingehoren. Was raufi ich machen lassen? Ware es nicht ange- 
bracht, wenn Sie in einer grofien Zeitschrift von ernster Bedeutung 
schon jetzt auf Ihre neuen Ideen iiber Goethe aufmerksam mach- 
ten und so gewissermafien das Interesse auf die neue Ausgabe hin- 

lenkten . hochachtungsvollstem Grufi 

Ihr ergebenster 



Kiirschner 



27. an Joseph kurschner [Telegramm] 

Brunn b. Wien, n. Juli 1883 

Da Schroer am 14. Juli von Wien abreist, mochte ich sehr 
bitten, die Sache wegen der Einfiihrung noch vorher Ihnen 
gegeniiber zu erledigen. Sollte meinerseits irgendein Eintre- 
ten diesbeziiglich notig sein, so bitte ich um Weisung. Bin 
alles zu tun bereit, was die Angelegenheit beschleunigen 
oder fordern konnte. Ausfiihrlicher Brief folgt. 

Steiner 

28. AN JOSEPH KURSCHNER 

Brunn am Gebirge, 15. Juli 1883 

Euer Hochwohlgeboren! 
Hochgeehrter Herr Professor! 

Als ich die letzte freundliche Nachricht von Euer Hoch- 
wohlgeboren erhalten hatte, dachte ich das Manuskript so- 
fort abzuschicken und ging deshalb zu Prof. Schroer, um 
mit ihm wegen der Einleitung zu sprechen. Er sagte, er 
wiirde diese erst dann absenden, wenn er eine bindende Zu- 
sage von Ihrer Seite, Herr Professor, in den Handen hatte. 
Es tat mir leid, dafi dadurch neuerdings eine Verzogerung 
eintrat, allein ich konnte nichts machen. Wenn ich gewulk 
hatte, dafi Herr Professor eine Verhandlung meinerseits mit 
Prof. Schroer wiinschten, so ware ich diesem Wunsche 
langst und sehr gerne nachgekommen. Allein es war niemals 
Ahnliches in Ihren Briefen enthalten und ohne den Hinweis 
auf einen Auftrag ware Prof. Schroer darauf nicht eingegan- 
gen. Da er die Einleitung fertig hat, da er ferner mein Manu- 
skript gelesen hat, so konnte die Absendung sofort erfolgen, 
wenn die Sache mit ihm geschlichtet ware. Ich wiirde daher 
Euer Hochwohlgeboren recht sehr bitten, mit Prof. Schroer 
die Sache zu erledigen. Sollte es notwendig sein, so bitte ich, 
mir irgendeinen Auftrag zu geben; eventuelle Schwierigkei- 
ten wiirde ich gerne zu beheben suchen, soweit es in meiner 



Macht gelegen ist. Herr Professor werden es mir wohl nicht 
iibelnehmen, wenn ich Sie bitte, mir bald von dem Stande 
der Sache Nachricht zu geben. Ich bin seit 6 Monaten jede 
Stunde bereit, mein Manuskript abzusenden, nur in Bezug 
auf die Einleitung bin ich abhangig. Mein Manuskript kann 
auch jetzt jede Stunde abgehen. Ich ware schlieElich auch 
bereit, es sogleich, unabhangig von der Einleitung, abzusen- 
den, wenn Euer Hochwohlgeboren es wiinschen sollten. 

Ich bin Euer Hochwohlgeboren zu vielem Danke ver- 
pflichtet. Die iibersendeten Proben der Abbildungen habe 
ich gepriift und dem Zwecke, dem sie dienen sollen, voll- 
kommen entsprechend gefunden. Sie werden im Manuskript 
an ihrer Stelle liegen. Weiters gehoren zum i . Band nur noch 
2 Abbildungen aus dem 2. Bande der Morphologie, die ich 
mit dem Manuskripte mitsenden will. (Da Euer Hochwohl- 
geboren mir mitteilten, da£ Sie den 2. Band der Morpholo- 
gie besitzen, so will ich, falls eine vorlaufige Anfertigung 
dieser Tafeln gleichfalls angezeigt sein sollte, dieselben be- 
zeichnen. Die erste ist die im 1. Hefte des 2. Bandes zu dem 
Aufsatz iiber «die Urform der Schalen kopfloser und bauch- 
fuftiger Weichtiere»; die zweite die zu dem Aufsatze iiber 
«Irrwege eines morphologisierenden Botanikers» mit den 
Abbildungen von «Helosis guianensis Richard» und «Arum 
campanulatum R[oxburgh]». Beide fordern das Verstandnis 
von Goethes Auffassung.) 

Dem Wunsche, eine anzeigende Abhandlung in einer 
Zeitschrift erscheinen zu lassen, komme ich sehr gerne nach. 
Ich glaube, demselben schon in den nachsten Tagen entspre- 
chen zu konnen. Ich erlaube mir schliefilich noch zu bemer- 
ken, dafi es mein innigster Wunsch ware, den Druck in Balde 
beginnen zu sehen und daft ich gerne alien Wiinschen von 
Ihrer Seite, hochgeehrter Herr Professor, nachkommen 

werde. nochmaligen Bitte um baldige Antwort 

und mit vorziiglicher Hochachtung 



Rudolf Steiner 



29. AN JOSEPH KURSCHNER 

Brunn am Gebirge, 15. September 1883 
Hochgeehrter Herr Professor! 

Zu meiner Freude erhielt ich mit dem letzten Briefe Prof. 
Schroers aus Foherczeglak in Ungarn dessen Vorwort zu 
meiner Ausgabe von Goethes naturwissenschaftlichen 
Schriften, mit der Weisung, es meinem Manuskripte [des] 
1. Bandes anzufiigen. Ich bin nun in der Lage, den vollstan- 
digen 1 . Band (Vorwort Prof. Schroers miteingeschlossen) 
an Euer Hochwohlgeboren abzusenden, welches ich auch 
zugleich mit diesem Schreiben tue. Die zwei anderen Bande 
werden sehr bald nachfolgen. Eine genaue Ubersicht und 
Anordnung des Gesamtinhalts der drei Bande habe ich dem 
1 . beigeschlossen. Schroers Vorwort habe ich in die Seiten- 
zahlung meiner Einleitung einbezogen. Die Ausdehnung 
meines 1. Bandes ist nur schwer aus dem Manuskripte zu 
ersehen, jedoch hoffe ich, daft er nicht zu lang ist. Ich glaube 
sogar, daft die Einleitung viel kurzer gefaftt ist als die ent- 
sprechende der Hempelschen Ausgabe. Die Anmerkungen 
unter dem Texte sind nur an einigen wenigen Stellen etwas 
langer. Dem konnte ich aber durchaus nicht ausweichen, es 
war zu vollkommener Klarlegung aller Gesichtspunkte not- 
wendig. Da die Anmerkungen iiberhaupt immer sachlicher 
Natur sind, so werden sie ja wohl auch nicht dem gegen 
derlei oftmals gemachten Vorwurf , daft zu viel erklart wird, 
begegnen. Ein Inhaltsverzeichnis des Bandes habe ich am 
Schlusse beigefiigt. Ich mochte nun nur noch ein Register 
anschlieften und mich der Verfertigung eines solchen wdh- 
rend der Korrektur unterziehen. 

Das Paket enthalt einen Zettel, auf dem sich eine wichtige 
Bemerkung fur den Setzer befindet. Ich habe namlich alle 
Worte der Hempelschen Ausgabe, welche mit durchschos- 
senen Lettern daselbst gedruckt sind, es in meiner Ausgabe 
aber nicht werden sollen, mit einer Wellenlinie, die in der 
Hempelschen Ausgabe nicht gesperrt gedruckten, bei denen 



dies aber geschehen soli, mit einer gerade Linie unterstri- 
chen. 

Die Tafeln, welche Euer Hochwohlgeboren bereits ma- 
chen liefien und mir zur Ansicht sendeten, habe ich an den 
Ort, an den sie gehdren, geheftet. Ich habe sie gepriift und 
vollstandig ihrem Zwecke entsprechend gefunden. 

Nun wiirde ich nur noch bitten, mich durch ein paar 

Worte von der richtigen Ankunft meines Manuskriptes zu 

verstandigen. _ „ , , , , , 

° Euer Hochwohlgeboren ergebenster 

Rudolf Sterner 
Die beiden folgenden Bande folgen in kiirzester Zeit. 



30. AN JOSEPH KURSCHNER 

Brunn am Gebirge, 18. November 1883 

Euer Hochwohlgeboren! 
Hochgeehrter Herr Professor! 

Ihrer freundlichen Aufforderung entsprechend, tiber- 
sende ich hiermit einen Aufsatz iiber Goethes Stellung zur 
Naturwissenschaft, in welchem ich auf die Ausgabe der na- 
turwissenschaftlichen Schriften verweise. Ich hatte dieser 
Aufforderung langst entsprochen, wenn mich nicht ein Un- 
wohlsein daran gehindert hatte. Uber die schonen Worte, 
welche mir Euer Hochwohlgeboren iiber den Goetheband 
schrieben, war ich recht erfreut, wie auch dariiber, dafi der 
Druck so schnell in Angriff genommen wurde. 

Den «Zeitgenossen» zu bestellen, habe ich bis jetzt leider 
auch versaumt, ich tue es denn mittelst diesem Briefe ange- 
fiigter Postanweisung fur das ganze erste Quartal und hatte 
nur die Bitte, Euer Hochwohlgeboren mogen gefalligst den 
Auftrag geben, dafi mir die bereits erschienenen Nummern, 



mit Ausnahme der ersten, die ich als Probenummer erhalten 
habe, zugesendet werden. 

Von Korrektur habe ich bereits den 7. Bogen nebst einem 
Teile der Einleitung erhalten. Ich mochte nur bitten, viel- 
leicht zu veranlassen, dafi alles an mich folgendermafien 
adressiert wird: Rudolf Steiner in Brunn am Gebirge bei 
Wien in Nied. Osterr., denn es scheinen einigemale wegen 
Weglassens des Zusatzes: bei Wien Verzogerungen in Sen- 
dungen an mich entstanden zu sein. Ich werde mittelst Post- 
karte Teubner davon verstandigen. 

Vielleicht durfte ich bitten, mir vom Goetheband auch 
eine Revision libersenden zu lassen. Das Register sende ich 
mit dem letzten Bogen Korrektur sogleich. 

Der beifolgende Auf satz wird, denke ich, in angemessener 
Weise auf die Ausgabe vorbereiten; er wird wohl 3 Spalten 
nicht uberschreiten und so rechne ich auf dessen giitige Auf- 

nahme. ■» •• i* 1 tt 1 1 

Mit vorzuglicher Hochachtung 

Rudolf Steiner 



31. AN JOSEPH KURSCHNER 

Brunn am Gebirge, 20. Dezember 1883 
Hochgeehrter Herr Professor! 

Bezuglich des Druckes des 1. Bandes der naturwissen- 
schaftlichen Schriften Goethes mochte ich mir erlauben zu 
bemerken, daft die Kolonne Uberschriften der Einleitung 
(wie auch des Vorwortes) auch in der mir in diesen Tagen 
zugekommenen Revision noch immer fehlen. Ich werde sie 
daher in letzterer in passender Weise anbringen. 

Eine Bemerkung, die ich im Korrekturbogen Nr. 7, 
S. 1 1 1, 2. 3 5 f. Anm. sehe, veranlaik mich, mir folgende An- 
frage an Euer Hochwohlgeboren zu erlauben. Es ist mir 
namlich nicht bekannt, dafi sich eine Zeichnung von Goe- 



thes Hand erhalten hatte, welche die symbolische Pflanze, 
die Goethe bei dem bekannten Gesprache Schillern mit eini- 
gen «charakteristischen Strichen» entwarf, darstellen wiirde. 
Sollte Euer Hochwohlgeboren iiber diese Sache etwas be- 
kannt sein, so wiirde ich sehr bitten, mir giitigst umgehende 
Auskunft dariiber erteilen zu wollen, wofiir ich sehr verbun- 
den sein wiirde. 

Gleichzeitig bitte ich recht sehr, mir nur mit einigen Wor- 
ten Nachricht zu geben iiber das Schicksal meines Aufsat- 
zes: Goethe und die Naturwissenschaft, womit die natur- 
wissenschaftlichen Schriften Goethes im «Zeitgenossen» an- 
gezeigt werden sollen. 

Zum Schlusse noch einige Kleinigkeiten in bezug auf den 
Text: 

S. 9, Z. 30 und S. 10, Z. 20 sehe ich im Korrekturbogen 
meine Lesart: Einzelheiten ersetzt durch Einzelwheiten. Das 
erstere ist aber Goethes urspriingliche Form und dem 
1 . Druck entsprechend. Ich mochte es daher gerne beibehal- 
ten wissen. 

S. 8, 25-28 finde ich am Rande des Korrekturbogens mit 
blauem Stift ein Fragezeichen, was offenbar darauf hindeu- 
tet, dafi die Anmerkung dem Leser unklar bleibt. Es klart 
sich dies ganz einfach auf. Ich beziehe mich in der betreff en- 
den Bemerkung auf die unmittelbar vorhergehende und 
habe vergessen, auf dieselbe zu verweisen. Dagegen hake ich 
eine Anmerkung der Einleitung S. XXXI,**, bei welcher 
sich dasselbe Zeichen befindet, fur ganz klar. Es ist daselbst 
die Rede davon, dafi in Haeckel die Lehre Darwins ihre 
konsequente Ausgestaltung gefunden habe. Haeckel hat 
eben vor vielen zeitgendssischen Naturphilosophen einen 
grofien Vorzug. Er hat die allerersten Prinzipien seiner Na~ 
turanschauung riickhaltlos vor aller Welt dargelegt. Seine 
Uberzeugung wird aus seinen Schriften vollkommen durch- 
sichtig. Viele andere dagegen lassen die Frage iiber die ersten 
Prinzipien offen. Letztere bekennen sich ebenfalls als An- 
hanger Darwins, ziehen aber durchaus nicht die letzten Kon- 



sequenzen seiner Lehre. Haeckel tut dies. Wenn es sich nun 
darum handelt, iiber einen bestimmten Punkt der modernen 
Organismenlehre - im zustimmenden oder ablehnenden 
Sinn - zu sprechen, so hat man an Haeckel immer denjeni- 
gen, bei dem man denselben am konsequentesten und - bis 
ins Kleinste gehend - genau im Darwinschen Sinne darge- 
stellt findet. Ich habe iiber diesen Punkt mit einem langjahri- 
gen Schiiler Haeckels gesprochen, der jetzt Prof, der Physio- 
logie an der Universitat in Graz ist und dessen vollkommene 
Zustimmung erhalten. 

Mit der Bitte um Euer Hochwohlgeboren ferneres 

Wohlwollen 
Ihr dankbarst ergebener 

Rudolf Steiner 



32. an Joseph kurschner [Postkarte] 

Brunn am Gebirge, 20. Dezember 1883 
Euer Hochwohlgeboren! 

Soeben erinnere ich mich, dafi ich moglicherweise in mei- 
nem heute an Euer Hochwohlgeboren abgeschickten 
Schreiben eine Anfrage vergessen habe. Sie betrifft folgen- 
des: Ich finde auf Bogen 7, Seite 111 der Korrekturen von 
Goethes naturwissenschaftlichen Schriften eine Bemerkung, 
wohl von Ihrer Hand, beziiglich des Vorhandenseins einer 
Zeichnung Goethes iiber die symbolische Pflanze, die letz- 
terer Schiller bei dem bekannten Gesprache entwarf . Mir ist 
nicht bekannt, dafi eine solche irgend bekannt ware. Sollten 
Euer Hochwohlgeboren dariiber Bescheid wissen, so wiirde 
ich recht sehr bitten, mir diesbeziiglich etwas mitzuteilen. 

Auf baldige Antwort wartend 
mit vorzuglicher Hochachtung 

Rudolf Steiner 



33- JOSEPH KURSCHNER AN RUDOLF STEINER 

Stuttgart, den 28. Dezember 1883 

Sehr geehrter Herr! 

Vielen Dank fur Ihren Brief. Die von Ihnen gewunschten Bemer- 
kungen sind beriicksichtigt. Was die Pflanze auf Seite 111, Zei- 
le 3 5 f . betrifft, so sollte das Fragezeichen nur den Zweifel aus- 
driicken, ob hier iiberhaupt gemeint sei, dafi Goethe tatsachlich 
eine Zeichnung ausgefuhrt habe. Ihren Artikel mufi ich zu meinem 
grofiten Bedauern zuriickgeben, da der «Zeitgenosse» inzwischen 
eingegangen ist. Hoffentlich haben Sie Gelegenheit, ihn anderweit 
zu verwerten und ware ich dann fur einen Abzug sehr verbunden. 
Dringend bitte ich, die Korrektur nach Kraften zu beschleunigen, 
da mir aufierordentlich daran liegt, den Band nachstens zum Druck 
zu befordern. 

Mit den besten Empfehlungen zum neuen Jahr 
Ihr hochachtungsvollst ergebener 

Kiirschner 



34. AN JOSEPH KURSCHNER 

Brunn am Gebirge, 2. Januar 1884 
Hochgeehrter Herr Professor! 

Herzlichsten Gliickwunsch auf einen freudevollen und 
erfolgreichsten Verlauf des eben beginnenden Jahres. 

Wegen einiger kieiner Verspatungen in der Riicksendung 
der Korrektur, die in den letzten Tagen vorgekommen sind, 
bitte ich vielmals um Entschuldigung; sie wurden durch 
Zwischenfalle veranlalk, die sich wohl sobald nicht wieder- 
holen werden und ich werde in der nachsten Zeit die noch 
ubrige Korrektur immer sogleich aufarbeiten, wie schnell 
auch die Sendungen aufeinander folgen sollten. 

Euer Hochwohlgeboren ergebenster 
Rudolf Steiner 



35- AN JOSEPH KURSCHNER 

[Brunn am Gebirge,] 20. Januar 1884 
Hochgeehrter Herr Professor! 

Mit den besten Empfehlungen ubersende ich in der An- 
lage das Register des 1 . Bandes und hoff e, dafi es noch recht- 

zeitie eintrifft. -n rr 1 i_i i_ i_ 

& Euer Hochwohlgeboren ergebenster 

Rudolf Steiner 



36. JOSEPH KURSCHNER AN RUDOLF STEINER 

Stuttgart, 24. Januar 1884 

Verehrter Herr! 

Besten Dank fur das Register, von dem Korrekturen dieser Tage 
folgen. Ich bitte Sie, das Lesen der Revisionen nach Moglichkeit zu 
beschleunigen. Die Revision der letzten drei Seiten Einleitung kam 
leider zu spat. Ich fuge sie nochmals bei und bemerke, dafi, wenn 
Sie auf die gezeichneten Anderungen Gewicht legen, solche am 
Schlusse des Bandes angefuhrt werden konnten. 

In aufrichtiger Freude iiber Ihre vortreffliche, geradezu muster- 

hafte Arbeit _. , . . 1t , 

Ihr hocnachtungsvoll ergebener 

Kiirschner 



37. JOSEPH KURSCHNER AN RUDOLF STEINER 

Stuttgart, 7. Februar 1884 

Verehrter Herr! 

Ich habe schon, bevor Ihre Karte kam, die entsprechende Bemer- 
kung gemacht und dieser Tage werden Sie den betreffenden Band 
erhalten. Haben Sie irgendwelchen Wunsch, wohin vielleicht noch 
Rezensionsexemplare zur Besprechung gesandt werden sollen, so 
bitte ich um gutige Mitteilung. Es liegt mir selbst aufrichtig am 



Herzen, Ihrer geradezu meisterhaften Arbeit zur vollsten Aner- 
kennung zu verhelfen. Schon heute freue ich mich auf die Fortset- 
zung Ihrer Arbeiten und bedaure nur, dafi Goethe nicht statt drei 
sechs Bande naturwissenschaftlicher Schriften verfaftt hat. 

Mit warmster Hochschatzung 
Ihr ergebenster 

Kurschner 

38. AN JOSEPH KURSCHNER 

[Brunn am Gebirge,] 1. Marz 1884 

Euer Hochwohlgeboren! 
Hochgeehrter Herr Professor! 

Vor allem meinen herzlichsten Dank fur die so freundli- 
chen Worte, mit denen Sie mich iiber den ersten Band der 
naturwissenschaftlichen Schriften erfreuten, sowie auch fur 
die Sorgfalt, die Sie auf meine Arbeit verwendeten und die 
noch fortdauernd zu verwenden Sie die Absicht ausspra- 
chen. Ich hatte keine grofiere Freude empfinden konnen, als 
die war, die ich bei den Worten Ihres letzten Briefes hatte: 
«ich bedauere nur, daft Goethe nicht statt drei sechs Bande 
naturwissenschaftlicher Schriften verfaik hat». Bemuhe ich 
mich doch vorzuglich darum, in dem Leser die Empfindung 
von der Grofte der Goetheschen Denkungsart auf dem Ge- 
biete der Wissenschaft hervorzurufen, die ihn zu einem die 
Totalitat der Naturwirksamkeit umspannenden Blicke 
fuhrte, der sich iiberall auf die springenden Punkte einer 
Erscheinungsreihe richtete. Dieser seiner Art, die Natur an- 
zusehen, gegeniiber erscheint uns das von ihm wirklich Aus- 
gefuhrte durchaus mit einem gewissen fragmentarischen 
Charakter. Euer Hochwohlgeboren konnen daraus ermes- 
sen, daft es auch mir zur hohen Befriedigung dienen mufite, 
als Sie mir mit obigen Worten indirekt sagten, dafi ich meine 
Absicht nicht verfehlt habe. Besonders hoch rauE ich es an- 
schlagen, daft dies von Seite Euer Hochwohlgeboren 



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Copyright Rudolf Sterner Nachlass-Verwaltung Buch: 3 8 Seite: 7 7 




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kommt. Sie konnen es sich auch zurechnen, wenn diesen 
Ansichten das Gliick gegonnt sein sollte, durchzudringen. 
Sie reichten mit einer nicht hoch genug anzuschlagenden 
Objektivitat die Hand zu dieser Arbeit, die sonst dadurch, 
daft sie mit so vielen entgegengesetzten Ansichten zu kamp- 
fen hat, gewift in jeder Form grofte Schwierigkeiten zu beste- 
hen gehabt hatte, in der ihr angemessensten aber, in der sie 
jetzt vor das Publikum tritt, vielleicht am meisten. Ich 
mochte nur wunschen, daft auch andere derselben nunmehr 
freundlich begegnen mochten. 

Bezuglich der Rezensionsexemplare mochte ich mir zu 
bemerken erlauben, daft es vielleicht gut sein diirfte, wenn 
auch die philosophischen Zeitschriften Berucksichtigung 
fanden. Gerade da wird man vielleicht der Sache mit dem 
meisten Verstandnisse entgegenkommen. Ich mochte daher 
bitten, an folgende Journale Rezensionsexemplare zu sen- 
den: Philosophische Monatshefte (erscheinen in Bonn), Zeit- 
scbrift fur spezielle Philosophie und Vierteljahrsscbrift fur 
Philosophie. Zugleich wiirde ich bitten, jedem dieser Exem- 
plare von mir ein Schreiben an den Redakteur beizufugen; 
ich sende diese drei Briefe dem vorliegenden an Euer Hoch- 
wohlgeboren sogleich nach. Das Gleiche konnte auch bei 
den «Grenzboten» der Fall sein, wenn diese nicht schon ein 
Exemplar erhalten haben. Sollten Euer Hochwohlgeboren 
geneigt sein, auch der «Deutschen Wochenschrift» ein Ex- 
emplar zu senden, so konnte dies etwa durch mich an Fried- 
jung gelangen. Wegen des «Literarischen Zentralblatts» 
gedenkt Prof. Schroer bei Zarncke sich zu verwenden. Fer- 
ner wiirde ich folgende Zeitschriften vorschlagen, die wei- 
tere Entscheidung Euer Hochwohlgeboren anheimstellend: 
Preufiische Jahrbucher, Gottingische Gelehrte Anzeigen, 
Tagliche Rundschau, Nord und Slid, Vossische Zeitung, 
Westermanns Monatshefte. Sollten Euer Hochwohlgeboren 
bezuglich irgendeiner Personlichkeit, die einem bedeuten- 
den Journale nahesteht, der Ansicht sein, daft ein briefliches 
Aufmerksammachen die Sache befordern konnte, so bitte 



ich um giitige Mitteilung. Einzelne Persdnlichkeiten, bei de- 
nen ich Interesse fur die Sache voraussetzen kann, werde ich 
ja durch meine Freiexemplare aufmerksam machen konnen. 
Sollten diese nicht ausreichen, so behalte ich mir vor, Euer 
Hochwohlgeboren auch auf solche einzelne Gelehrte, von 
denen ein Eintreten fur die Schrift zu hoffen ist, aufmerksam 
zu machen. Meine Exemplare mbchte ich recht sehr bitterly 
mir baldigst zu senden. In allerkiirzester Zeit sende ich die 
Fortsetzung der Sache. Ich werde mich gliicklich schatzen, 
wenn das Ganze ebenso wie der erste Teil den Beifall von 
Euer Hochwohlgeboren erlangt. 

Mit vorziiglicher Hochachtung 
Rudolf Steiner 

39. JOSEPH KURSCHNER AN RUDOLF STEINER 

Stuttgart, 6. Marz 1884 

Verehrter Herr! 

Hire lieben Zeilen haben mir ein aufrichtiges Vergnugen ge- 
macht, und ich wiinsche Ihnen zu Ihrer vortrefflichen Arbeit nicht 
weniger Gliick als mir, der ich das prachtige Kind aus der Taufe 
gehoben habe. Was ich bis jetzt aus Freundeskreisen iiber den Band 
vernommen habe, so ist nur eine Stimme der Anerkennung iiber 
die ganz unvergleichliche Durchdringung des schweren Stoffes. 
Nach meinen Kenntnissen auf diesem Gebiete haben Sie so gliick- 
lich die Goethesche Eigenart, was seine naturwissenschaftlichen 
Studien belangt, getroffen, wie dies sonst nie noch der Fall war. - 
Ich gebe heute wiederholt im Geschaft Auftrag, daft man Ihnen 
Ihre Exemplare schicke und werde auch an die genannten Zeit- 
schriften Exemplare befordern, sobald ich die von Ihnen verspro- 
chenen Schreiben dazu erhalten habe. Vielleicht haben Sie die Giite, 
auch fur die Grenzboten, die Wochenschrift und die andern ge- 
nannten Zeitungen einen kurzen Brief zu schreiben, den Sie mir 
senden und den ich dann mit Rezensionsexemplaren begleitet an 
seine Adresse befordere. Sie diirf en versichert sein, dafi ich alles tun 
werde, was im Interesse Ihres Werkes liegt; Sie werden es aber 



wohl bei den grofien Miihen, die mir die Herausgabe der Deut- 
schen National-Literatur verursacht, begreiflich und auch verzeih- 
lich finden, wenn ich Sie bitte, da, wo es Ihr personlicher Einflufi 
gestattet, eine Bemerkung einfliefien zu lassen, dafi man bei der 
Gelegenheit der Anzeige Ihres Buches auch meines grofien Werkes 
mit einigen freundlichen Worten gedenkt. 

In aufrichtiger Freude auf die folgenden Bande stets 

Ihr hochachtungsvollst ergebener 

Kiirschner 

40. an otto kostlin [Briefentwurf] 

[Brunn am Gebirge, Marz 1884] 

Euer Hochwohlgeboren! 
Hochgeehrter Herr Professor! 

Gestatten mir Euer Hochwohlgeboren, dafi ich Ihnen in 
der Anlage den ersten Band meines Kommentars zu Goethes 
Naturwissenschaftlichen Schriften vorlege. (Das Ganze er- 
scheint in drei Banden in Professor Kurschners «Deutscher 
National-Literatur».) Dieser erste Band kann als selbstan- 
diges Ganzes gelten. Er behandelt Goethes Organik. Ich 
glaube in demselben bewiesen zu haben, dafi Goethe mit 
seinen Schriften uber die organische Natur den Weg betre- 
ten hat, der zu einer wahren Organik als Wissenschaft fuhrt. 
Dies deshalb, weil er eine Erklarung des Organischen an- 
strebt ohne Zuhilfenahme der alten Teleologie, aber auch - 
und dies ist fur unsere Zeit das wichtigere - ohne die Mog- 
lichkeit einer solchen Erklarung davon abhangig zu machen, 
dafi die Gesetzlichkeit des Organischen identisch ist mit je- 
ner des Unorganischen. Eine wahre Organik ist meiner An- 
sicht nach nur moglich, wenn es gelingt, das System unserer 
Begriffe um ein Gebiet zu erweitern, so dafi wir zu Gesetzen 
kommen, die uns das Organische ebenso begreiflich erschei- 
nen lassen wie die unorganischen Gesetze die Erscheinun- 
gen der rein physischen und mechanischen Welt. Die Be- 



griindung einer selbstandigen Organik mit eigenen Axio- 
men und einer eigenen Methode halte ich fur Goethes Ziel. 

[Hier bricht der Entwurf ab.] 

41. AN JOSEPH KURSCHNER 

Brunn am Gebirge, 23. Marz 1884 
Euer Hochwohlgeboren ! 

Die beiden mitfolgenden Briefe bitte ich recht sehr, von 
Rezensionsexemplaren begleitet, an ihre Bestimmungsorte 
gelangen zu lassen und zwar 

1 . an Prof. C. Schaarschmidt in Bonn als Herausgeber der 
«Philosophischen Monatshefte» (es ist bei dieser Zeitschrift 
iiblich, da£ Rezensionsexemplare direkt an Schaarschmidt 
selbst gehen). 

2. an «Die Grenzboten». Ich habe den Brief an den Her- 
ausgeber und Redakteur Johannes Grunow gerichtet; ich 
denke, es wird wohl so recht sein. 

Andere Briefe sende ich nun ganz bestimmt noch heme 
oder morgen an Euer Hochwohlgeboren. 

Fur Ihre Miihe im voraus dankend 
Euer Hochwohlgeboren ergebenster 

Rudolf Steiner 

41a. Siehe Nachtrag auf Seite 238. 

42. AN JOSEPH KURSCHNER 

[Brunn am Gebirge,] 28. Marz 1884 
Euer Hochwohlgeboren ! 

Die beifolgenden Briefe erlaube ich mir Euer Hochwohl- 
geboren zu iibersenden mit der Bitte, dieselben mit Rezen- 



sionsexemplaren zu versehen; ich hoffe von alien vier Per- 
sonlichkeiten eine Forderung des Buches. Avenarius wurde 
von Zarncke Prof. Schroer gegeniiber als derjenige bezeich- 
net, der als ein frischer Geist fur neue Anschauungen gewift 
empfanglich sein wird; er ist zugleich Herausgeber der phi- 
losophischen Zeitschrift «Vierteljahrsschrift fiir Philoso- 
phie» und wird das Buch in derselben wohl sicher erwahnen. 
Ich weift nun nicht, ob nicht von Seite Euer Hochwohlgebo- 
rens etwa schon an ihn ein Exemplar geschickt wurde; sollte 
dies auch schon geschehen sein, so mochte ich doch sehr 
bitten, den Brief doch an Avenarius zu senden, vielleicht mit 
einer kurzen Notiz, dafi das Buch schon an ihn abgegangen 
ist. Vielleicht wiirden Euer Hochwohlgeboren im letzteren 
Falle, wenn es so angenehmer sein sollte, den Brief wieder 
zuruckschicken und ich ihn dem Buche nachsenden. 
Rehmke in St. Gallen ist ein aufierordentlich freundlicher 
Mann und in Gelehrtenkreisen bestens bekannt; er kennt 
meine Bestrebungen bereits seit langerer Zeit, und ich halte 
dafiir, daft mein Brief bestimmt nicht erfolglos sein wird. 
Witte in Bonn arbeitet an einem Werke iiber die Philosophic 
Goethes und Schillers und es ware schon damit etwas ge- 
wonnen, wenn er des Buches in seinem eigenen Erwahnung 
tun wiirde. Auf Virchows Urteil kame viel an; den Goethe- 
forschern ist seine Ansicht iiber Goethes naturwissenschaft- 
liche Leistungen noch immer am meisten sympathisch und 
einige wohlwollende Worte von ihm wiirden die Arbeit un- 
gemein fordern. 

Euer Hochwohlgeboren bitte ich vielmals um Entschuldi- 
gung, daft ich Sie mit so vielem belaste; die so wohlwollende 
Freundlichkeit, mit der Sie mir stets begegneten, macht es 
mir gewift, dafi Sie es mir nicht iibel nehmen werden. 

In der Versicherung 
der vorziiglichsten Hochachtung 

Rudolf Steiner 



43- AN JOHANNES REHMKE 

Brunn am Gebirge, 28. Marz 1884 

Euer Hochwohlgeboren! 
Hochgeehrter Herr Professor! 

Die grofte Freundlichkeit, mit der Euer Hochwohlgebo- 
ren schon einmal meinen wissenschaftlichen Bestrebungen 
entgegenkamen, indem Sie mich im Dezember 1882 mit ei- 
nem Schreiben erfreuten, das mir Ihr von mir hochgeschatz- 
tes Urteil iiber einen Aufsatz von mir «Uber die Prinzipien 
der Naturwissenschaft und den Atomismus», den ich Ihnen 
im Manuskript vorgelegt hatte, brachte, ermutigt mich, 
Ihnen, hochverehrter Herr Professor, den ersten Band mei- 
nes Kommentars zu Goethes Naturwissenschaftlichen 
Schriften - in Prof. Kiirschners Deutscher National-Litera- 
tur erschienen - zu iibersenden. 

Euer Hochwohlgeboren bemerkten damals in Ihrem 
Briefe vom 19. Dez. 1882, daft Sie bedauern, «zu gewissen 
kurz angedeuteten, aber fur die vorliegende Frage eminent 
wichtigen Punkten» jenes Aufsatzes «nicht eine weitere 
Ausfuhrung von meiner Hand zur Stelle zu haben». Ich 
glaube nun in dem vorliegenden Bande, der Goethes Orga- 
nik behandelt - er kann als selbstandiges Ganzes gelten -, an 
der Hand derselben wenigstens nach einer Richtung hin die 
Prinzipien, die sich bei mir seit Jahren festsetzten, bis zur 
befriedigenden Deutlichkeit ausgefuhrt und in ihren Konse- 
quenzen verfolgt zu haben. Jetzt darf ich vielleicht hoffen, 
daft die Beziehungen dieser Prinzipien zu dem erkenntnis- 
theoretischen Monismus, den Euer Hochwohlgeboren als 
eine neue Form der Erkenntnistheorie aufstellen, klar her- 
vortreten, was Sie, hochverehrter Herr Professor, damals ja 
vermiftten. 

Ich glaube in meiner Einleitung, besonders in dem Kapitel 
«[Uber] das Wesen und die Bedeutung von Goethes Schrif- 
ten iiber organische Bildung» S. Lllff., bewiesen zu haben, 
daft mit der originellen Art, wie Goethe die Organik zu 



begriinden sucht, der erste Schritt getan ist, urn dieselbe zu 
einer wahren - der Physik, Chemie etc. ebenburtigen - Wis- 
senschaft zu erheben. Dies letztere deshalb, weil er eine Er- 
klarung des Organischen anstrebt, ohne daft er zugleich die 
Moglichkeit einer solchen Erklarung davon abhdngig 
machte, daft die Gesetze des Organischen identisch sind mit 
denen der unorganischen Welt und ohne dafi er teleologische 
Prinzipien zu Hilfe nimmt. Dadurch geht er uber Kants 
Kritik der Urteilskraft weit hinaus, unterscheidet sich aber 
auch bedeutend von denen, welche die ganze Natur mecha- 
nisch-physikalisch erklaren wollen, obgleich nach Haeckels 
Beispiel vielfach heute der Versuch gemacht wird, Goethes 
organische Prinzipien als eine Prophetie der mechanischen 
Weltanschauung darzustellen. Goethe aber will das Organi- 
sche nicht unter das System der unorganischen Naturgesetze 
subsumieren, sondern er will das System unserer Begriffe 
um die Begriffe des Organischen erweitern. Mit jener Sub- 
sumtion wird ja das eigentlich zu Erklarende gar nicht be- 
riihrt, vielmehr als Organisches eigentlich aufgehoben. Der 
richtige Weg kann doch eigentlich nur darin bestehen, fur 
das Organische erklarende Prinzipien zu finden, nach denen 
es uns ebenso verstandlich wird, wie die unorganische Natur 
aus den Prinzipien der Energie, Kausalitat, Schwere etc. Da- 
durch wird die Einheit der Welterklarung nicht aufgehoben, 
sondern erst auf eine sichere Basis gestellt. Was man heute 
so vielfach Einheit der Naturerklarung nennt, ist ja doch 
nichts als Einformigkeit, alleinige Geltung der mechanisch- 
physikalischen Naturgesetze. 

Ich glaube in meiner Einleitung bewiesen zu haben, daft, 
obgleich Goethe die eigentliche Philosophic fremd war, er 
doch der Philosoph ist, der vor allem zum Kommentator 
seiner Anschauungen berufen ist und dafi seine Prinzipien 
vor dem Forum der Philosophic zu rechtfertigen sind. Euer 
Hochwohlgeboren mochte ich bitten, sich nicht an einer 
Stelle in dem von Prof. Dr. Schroer, einem den Goethefor- 
schern bestens bekannten Schriftsteller, geschriebenen Vor- 



wort [zu] stolen, wo von «Grenzen des Erkennens» gespro- 
chen wird. Man konnte in der Tat aus manchen Behaup tun- 
gen Goethes zu dem Schlufi kommen, daft er an eine abso- 
lute Grenze des menschlichen Erkennens im Kantschen 
Sinne geglaubt hatte (Harpf sucht den Beweis davon in sei- 
nem Aufsatz: Goethes Erkenntnisprinzip in den Philo- 
s[ophischen] Monatsheften im Jahrgang 1883 zu fuhren). 
Meiner festen Uberzeugung nach ist da, wo er von Grenzen 
des Erkennens spricht, nur immer das jeweilige Ende dessel- 
ben gemeint. Es ist ja doch seinem ganzen Wesen gemaft ein 
«Ding an sich» abzulehnen und an der Identitat von Be- 
wufk-Seiendem und Seiendem festzuhalten. 

Euer Hochwohlgeboren werden am besten ermessen 
konnen, daft die Zeitstromung, in der wir leben, meinen 
Ausfuhrungen nicht giinstig ist und da$ ich vielen Schwie- 
rigkeiten dadurch begegne, dafi ich so viele Interpretationen 
Goethes als irrtumliche bezeichnen mufite - einerseits haben 
wir die mechanische Naturerklarung, andererseits noch im- 
mer das Festhalten an Kantschen Irrtumern. In Ansehung 
dessen werden Sie, hochverehrter Herr Professor, verzei- 
hen, wenn ich die Bitte wage, mich durch ein iiber das Buch 
sich aussprechendes Wort an einen von Ihnen geeignet ge- 
haltenen Orte zu unterstiitzen. 

In vorziiglicher Verehrung 
Euer Hochwohlgeboren ergebenster 

Rudolf Steiner 

44. AN ALBERT LOGER 

[Brunn am Gebirge, Marz/April 1884] 
Vielgeliebter Freund ! 

Es macht mir besondere Freude, Dir hiermit den ersten 
Band meines in Kiirschners Ausgabe «Deutscher National- 
Literatur» erschienenen Kommentars zu Goethes naturwis- 



senschaftlichen Schriften iibersenden zu konnen. Das Vor- 

wort ist von Prof. Schroer, von dem wir schon ofters spra- 

chen und der auch die Ausgabe der Dramen Goethes in 

derselben Ausgabe besorgt. 

Wann meine iibrigen beiden Bande folgen, steht dann frei- 

lich noch im Uneewissen. , , ,. . « n 

° Mit nerzlicnem GrulSe 

Dein 
Rudolf Steiner 

Einen Handkufi an die gnadige Frau. 



45. JOSEPH KURSCHNER AN RUDOLF STEINER [Postkarte] 

Stuttgart, 31. Marz 1884 

Sehr geehrter Herr! 

Besten Dank fiir die ubermittelten Briefe und zugleich die Mit- 
teilung, dafi dieselben heute mit Rezensionsexemplaren versehen 
an ihre respektiven Adressen abgegangen sind. 

In ausgezeichneter Hochachtung 
Ihr ergebenster 

Kiirschner 



46. AN JOHANNES WITTE 

[Brunn am Gebirge, 14. April 1884] 

Euer Hochwohlgeboren! 
Hochgeehrter Herr Professor! 

Herzlichsten Dank fiir Ihren so freundlichen Brief, der 
mir eine aufrichtige Freude bereitet hat und fiir die Liebens- 
wiirdigkeit, mit der Sie mein Buch aufgenommen haben. 
Daft Sie, hochverehrter Herr Professor, der Ansicht sind, 



dafi ich in den wichtigsten Punkten das Richtige getroffen 
habe, gereicht mir zur ganz besonderen Befriedigung, denn 
ich kann Sie versichern, dafi ich mir Ihre Zustimmung sehr 
gewiinscht habe und dafi ich diese sehr hochschatze. 

Sehr erfreut es mich, dafi Euer Hochwohlgeboren die 
Giite haben wollen, sich in den «Philosophischen Monats- 
heften» iiber das Buch auszusprechen. Haben Sie im vorhin- 
ein meinen aufrichtigsten Dank fur diese Ihre Freundlich- 
keit. Glauben Sie mir, hochverehrter Herr Professor, dafi 
ich auf Ihre weiteren Ausfiihrungen iiber die Sache daselbst 
sehr gespannt bin. Ich werde Ihnen gerade fur eine Bespre- 
chung in den «Philosophischen Monatsheften» sehr dankbar 
sein, denn dort gelangt sie, wie ich glaube, an die richtigsten 
Adressen. 

Dafi Sie, hochverehrter Herr Professor, Ihr Wohlwollen 
noch weiter ausdehnen und in einem besonderen Artikel in 
Kiirschners «Vom Fels zum Meer» mit Bezug auf mein Buch 
sich iiber den Gegenstand aufiern wollen, miifite mich eben- 
falls aufs freudigste beriihren. Eine so warme Teilnahme wie 
die Ihrige in diesem Falle ist gewifi selten. Ich kann Sie auch 
da nur meiner innigsten Dankbarkeit versichern. Es ist mir 
sehr leid, dafi Euer Hochwohlgeboren von Kurschner in 
einer solchen Weise verletzt worden sind. Ich werde so- 
gleich an ihn schreiben und ihn ersuchen, die Sache aufzu- 
klaren, so dafi es Ihnen moglich wird, jene wohlgemeinte 
Absicht auszufiihren. Kurschner hat sich in den letzten Jah- 
ren ungemein viel Arbeit auf geladen, iiber die ihm die Uber- 
sicht immer schwieriger zu werden scheint. Dafi bei ihm 
Brief e verlorengehen, noch bevorsie zur Auf gab e gelangen, 
ist, glaube ich, ganz gut [moglich]. 

[Der Rest des Briefes fehk.] 



47- AN JOSEPH KURSCHNER 

Brunn am Gebirge, 14. April 1884 

Euer Hochwohlgeboren! 
Hochgeehrter Herr Professor! 

Prof. Witte in Bonn hat meinen an ihn wegen des Goethe- 
bandes gerichteten Brief aufierordentlich freundlich beant- 
wortet und teilt mir mit, dafi er in alien wichtigen Punkten 
meiner Ansicht ist. Er hat sich bereit erklart, das Buch in den 
«Philosophischen Monatsheften» zu besprechen, sobald es 
dort moglich sein wird. Eine kurze Zeit diirfte dies deshalb 
dauern, weil diese Zeitschrift immer mit sehr viel Material 
versehen ist und der Inhalt der Hefte schon Monate lang vor 
dem Erscheinen desselben fest bestimmt ist. Prof. Schaar- 
schmidt, der Herausgeber derselben, hat aber bereits seine 
Zusage beziiglich der Aufnahme von Wittes Besprechung 
gegeben und es ist dieselbe bestimmt zu erwarten. Prof. 
Witte stellt aber noch ein weiteres in Aussicht, um der Sache 
zu dienen. Dazu mufi ich mir aber Ihre freundliche Mitwir- 
kung erbitten. Er wiirde gerne fur die Zeitschrift «Vom Fels 
zum Meer» in Anlehnung an mein Buch einen besonderen 
Artikel schreiben. Ich mufi aufrichtig gestehen, dafi ich ei- 
nen solchen Artikel mit wahrer Freude begriiften wiirde. Er 
wiirde [sich], aller Voraussicht nach, ganz auf den Stand- 
punkt meines Buches stellen. Sie, hochverehrter Herr Pro- 
fessor, mdchte ich recht sehr bitten, einen solchen Artikel 
Wittes aufzunehmen. Nun ist da aber leider noch ein kleines 
Hindernis aus dem Wege zu raumen. Witte schreibt, er hatte 
seinerzeit von Ihnen eine Aufforderung bekommen, an der 
Deutschen National- Literatur mitzuarbeiten; er habe dar- 
auf geantwortet und auch einige Themen bezeichnet, die er 
zu bearbeiten gesonnen gewesen ware. Darauf nun will er 
ohne Antwort geblieben sein. Er nimmt jedoch an, dafi die 
Antwort verlorengegangen ist. Dennoch halt er es nicht 
recht fur tunlich, dafi er sich nun direkt an Sie, hochverehrter 
Herr Professor, wegen Aufnahme des bezeichneten Artikels 



wende. Ich mochte Sie nun recht sehr bitten, nur ein paar 
Worte der Aufkiarung iiber den Zwischenfall an Witte zu 
schreiben, den die Sache recht unangenehm beriihrt zu ha- 
ben scheint. Dann wiirde ja seinerseits die Einsendung des 
Artikels sogleich erfolgen. Mir selbst aber bitte ich sehr diese 
unumwundene Sprache giitigst zu verzeihen. Ich mochte 
Wittes Empfehlung wirklich fur eine Forderung der Sache 
haiten. Da mir sehr viel daran liegt, so bitte ich mir baldigst 
Nachricht zukommen zu lassen, wie sich Sie, hochverehrter 
Herr Professor, zu der Angelegenheit verhalten. Auch Prof. 
Schroer hatte aufrichtige Freude iiber die ungewohnliche 
Liebenswiirdigkeit Wittes und iiber sein Entgegenkommen 
in dieser Sache. 

Mit Schroer habe ich auch gesprochen rucksichtlich des- 
sen, was man in bezug auf die Wiener Zeitungen tun solle, 
damit sie das Werk anempfehlen. Wir mochten Sie beide 
ersuchen, entweder an Schroer oder an mich fur die hiesigen 
Zeitungen 4 Exemplare giitigst senden zu wollen, damit wir 
diese auffordern konnten, fur das Buch einzutreten. Diese 
tun nichts, bevor ihnen das Buch zur Verfugung gestellt 
wird. Fur die «Deutsche Zeitung» habe ich mittlerweile 
selbst gesorgt und hoffe, da$ diese schon in allernachster 
Zeit eine Anzeige, vielleicht auch einen langeren Artikel 
iiber das Buch bringen wird. Dann wiirde ich noch bitten 
um Nachricht, ob Gottschall fur die « Blatter fur literarische 
Unterhaltung» und Theophil Zolling fur die «Gegenwart» 
ein Exemplar erhalten haben. Fur die letztere werde ich 
Eduard von Hartmann ersuchen, ein Wort iiber das Buch 
zu schreiben. 

Indem ich nochmals um recht baldige Nachricht bitte 

Euer Hochwohlgeboren 
dankbarst ergebener 

Rudolf Steiner 



48. JOSEPH KURSCHNER AN RUDOLF STEINER 



Stuttgart, 20. April 1884 

Sehr geehrter Herr! 

Vielen Dank fur Ihre freundlichen Mitteilungen in betreff der 

naturgeschichtlichen Schriften. Leider aber ist es nicht moglich, 

einen entsprechenden Aufsatz in «Vom Fels zum Meer» aufzuneh- 

men, da das Publikum dieser Zeitschrift fur derartige Sachen nicht 

das geringste Interesse hat und es vollstandig aus dem Rahmen 

fallen wiirde. Ubrigens kann ich Ihnen mein Wort darauf geben, 

dafi ich nichts davon weifi, Witte jemals fiir die National-Literatur 

aufgefordert und einen Brief von ihm erhalten zu haben. Ich hore 

iiberhaupt durch Sie jetzt das erste Mai von ihm. Es ware mir 

erfreulich, wenn Sie diese Sache noch einmal mit ihm besprechen 

konnten, da aller Wahrscheinlichkeit nach ein Mifiverstandnis mit 

meiner anderen Sammlung vorliegt. Die betreffenden Exemplare 

sind hoffentlich inzwischen in den Besitz des Herrn Professor 

Schroer gelangt. . . TT , . , 

Mit ausgezeichneter Hochacntung ergebenst 

Kiirschner 



49, JOSEPH KURSCHNER AN RUDOLF STEINER 

Stuttgart, 22. April 1884 

Verehrtester Herr! 

Soeben erhalte ich beifolgenden Brief des Professor Welcker in 
Halle, den ich Ihnen ebenso wie den beigefiigten Separatabzug und 
die Inauguraldissertation mitschicke mit der Bitte, mir alles nach 
genommener Einsicht wieder zu ubermitteln. Ich habe dem Herrn 
bereits fiir seine Liebenswiirdigkeit gedankt, und wenn es sonst in 
Ihrem Plane liegt, konnten Sie die Winke vielleicht benutzen. 

Mit vollkommener Hochachtung 
Ihr ergebenster 

Kiirschner 



50. JOSEPH KURSCHNER AN RUDOLF STEINER 



Stuttgart, 24. April 1884 

Sehr geehrter Herr! 

Heute erlaube ich mir, mich auch einmal in emer Privatangele- 
genheit an Ihre Gute zu wenden. Ich beabsichtige namlich dem- 
nachst die Herausgabe einer Art praktischen Hausbuchs, dem ich 
einen Anhang zu geben gedenke, welcher in moglichst gedrangter 
Form den Leser iiber das Wissenswerteste orientiert. In demselben 
sollen auch eine Reihe ganz kurzer Artikel aus dem Gebiete der 
«Mineralogie» Aufnahme finden und wiirden Sie mich zu aufteror- 
dentlichem Danke verbinden, wenn Sie geneigt waren, dieses Ge- 
biet zu bearbeiten. Es handelt sich wie gesagt um ganz kurze Arti- 
kel, ohne besonderen stilistischen Zusammenhang, die nur durch 
Angabe des Tatsachlichen das Stichwort genugend erklaren. Aller- 
dings bin ich leider nicht in der Lage ein aufiergewohnlich hohes 
Honorar zu bezahlen, da ich selbst nur sehr wenig erhalte, aber ich 
glaube auch, dafi die Arbeit aufierordentlich wenig Miihe verursa- 
chen wird. 

Ich wiirde dann ein Artikelverzeichnis einsenden und alles Na- 
here schreiben. - Sollten Sie selbst nicht geneigt oder in der Lage 
sein, die Arbeit zu iibernehmen, so konnten Sie mir doch vielleicht 
irgendeine hierzu geeignete Personlichkeit namhaft machen. 

In der Hoffnung bald von Ihnen Gutes zu horen 

Ihr hochachtungsvollst ergebener 
Kiirschner 



51. AN JOSEPH KURSCHNER 

Brunn am Gebirge, 27. April 1884 

Euer Hochwohlgeboren! 
Hochgeehrter Herr Professor! 

Vorerst meinen warmsten Dank fur Ihre freundlichen 
Briefe, die mir manche erfreuliche Mitteilung gebracht [ha- 
ben] und die ich mich nun beeile, zu beantworten. Daft Prof. 



Welcker in Halle sich in einer so freundlichen Weise iiber 
den Goetheband ausspricht, hat mir die aufrichtigste Freude 
bereitet. Aus allem, was ich von ihm weifl und auch aus der 
von Ihnen, hochverehrter Herr Professor, mir giitigst zur 
Lektiire iiberlassenen Dissertation von ihm, ersehe ich, dafi 
Welcker eine tiefangelegte Natur ist, die bis zu jenem fur 
vieie schwer zu fassenden Punkte hindurchdringt, wo Goe- 
thes dichterisches Schaffen, seine kiinstlerische Weltanschau- 
ung mit innerer Notwendigkeit zur wissenschaftlichen Be- 
trachtung fiihren mufite. Euer Hochwohlgeboren werden 
verzeihen, wenn ich mir die Abhandlungen Welckers einige 
Tage zu einem eingehenden Studium hier behalte; ich sende 
sie dann samt dessen Brief zuriick. 

Ich komme nun zu Ihrer freundlichen Aufforderung be- 
treffs der Bearbeitung des mineralogischen Teiles des von 
Euer Hochwohlgeboren bezeichneten Buches. Ich kann 
eine solche Arbeit ganz gut ubernehmen, somit Ihre liebens- 
wiirdige Anfrage bejahend beantworten. Ich mochte dem- 
nach bitten, mir das erwahnte Artikelverzeichnis zu iiber- 
senden und mir das Nahere iiber die Tendenz und Anlage 
Ihres Buches giitigst mitzuteilen. Jedenfalls bitte ich auch 
urn Auskunft in bezug auf die ungef ahre raumliche Ausdeh- 
nung eines Artikels. Ich danke Ihnen, hochverehrter Herr 
Professor, bestens dafiir, dafi Sie bei dieser Gelegenheit an 
mich gedacht [haben] und versichere Sie, dafi es mich sehr 
freuen wird, wenn es mir gelingen sollte, Sie zu bef riedigen. 

In bezug auf einen Punkt betreffs Witte in Bonn habe ich 
einiges zu berichtigen. Ich schrieb in meinem letzten Briefe 
wahrscheinlich, Witte behauptete, zur Mitarbeiterschaft an 
der Deutschen National-Literatur von Euer Hochwohlge- 
boren aufgefordert worden zu sein. Ich irrte mich: das Deut- 
sche National-Literatur soil heifien: an der Zeitschrift «Vom 
Fels zum Meere». Ich werde Witte mitteilen, dafi wohl auch 
diese seine Behauptung auf einem Miftverstandnis beruhen 
diirfte. Dafi es nicht tunlich ist, den besagten Aufsatz Wittes 
in « Vom Fels zum Meere» aufzunehmen, sehe ich sehr wohl 



ein; ich hatte es aber doch gerne, wenn er irgendwo erschei- 
nen wiirde. Es ware doch schade, wenn etwas, wofiir eine so 
liebenswiirdige Zusage bereits vorliegt, unterbleiben sollte. 
Witte scheint keine Zeitschrift zu wissen, in der er den Arti- 
kel unterbringen konnte. Vielleicht konnten Euer Hoch- 
wohlgeboren bei Ihrer reichen Erfahrung auf diesem Ge- 
biete einen giitigen Rat geben, wohin man sich etwa zur 
Aufnahme jenes Aufsatzes wenden konnte. 

Die Exemplare fur die Wiener Zeitungen sind noch nicht 
in den Handen Prof. Schroers; ich mochte sehr bitten, die 
Ubersendung derselben freundlichst zu veranlassen, da 
Schroer mir erst in diesen Tagen wieder sagte, er wolle alles 
tun, damit die Wiener Zeitungen iiber die Sache etwas 
bringen. vorzU gjj cner Hochachtung 

Euer Hochwohlgeboren 
dankbarst ergebener 

Rudolf Steiner 



52. JOSEPH KURSCHNER AN RUDOLF STEINER 

Stuttgart, 29. April 1884 

Verehrtester Herr! 

Vielen Dank fur Ihre Mitteilung und die gutige Absicht, mir 
behilflich zu sein. Ich sende Ihnen in der Anlage das Nahere und 
zugleich die Abschrift eines Briefes, aus dem Sie ersehen konnen, 
wie ich mir die Arbeit behandelt denke. Diirfte ich eventuell darauf 
hoffen, daE, wenn ich in Verlegenheit kame, Sie auch die Zoologie 
und Botanik ubernehmen wiirden? Die Riicksendung des Welcker- 
schen Buches und Briefes hat keine Eile. Was den Artikel von 
Witte anlangt, so ware derselbe vielleicht geeignet fur Friedjungs 
«Deutsche Wochenschrift» in Wien oder fur Zollings «Gegen- 
wart». Besonders die letztere wiirde gewifi mit Vergnugen etwas 
iiber die Sache bringen. Die Rezensionsexemplare sind dummer- 



weise auf [dem] Buchhandlerwege befordert, auf dem leider alles 

langsamer geht als mit der Post. Indes mit Gottes Hilfe werden 

ja wohl die Exemplare in Hamburg ankommen 

} r Mit bestem Grufi 

Ihr ergebenster 
Kurschner 

52a. Siehe Nachtrag auf Seite 239. 



53. AN JOSEPH KURSCHNER 

Brunn am Gebirge, 2. Mai 1884 

Euer Hochwohlgeboren! 
Hochgeehrter Herr Professor! 

Fiir die Ubertragung der mineralogischen Arbeit noch- 
mals bestens dankend, erlaube ich mir mitzuteilen, dafi ich 
Ihren freundlichen Brief nebst Register soeben erhalten 
habe. Ich werde das Manuskript gewifi den Angaben von 
Euer Hochwohlgeboren gemafi herstellen und sobald als 
moglich, unbedingt aber langstens in der von Ihnen gefor- 
derten Zeit, senden. Vielleicht sende ich in einigen Tagen 
einige Stichproben an Euer Hochwohlgeboren mit der Bitte 
um Auskunft iiber Ihr Einverstandnis mit den von mir zu 
brauchenden Abkiirzungen. 

Bezuglich der Zoologie und Botanik fragen mich Euer 

Hochwohlgeboren, ob ich notigenfalls auch diese iiberneh- 

men wiirde. Da ich einmal an der Sache bin, so kbnnen Sie 

im Bedarfsfalle jederzeit auch darauf rechnen. Nur ware es 

mir dann angenehm, wenn Sie die Bearbeitung der Manu- 

skripte der Zeit nach nicht zu sehr tf«5einandernicken 

wiirden. ,. , TT 1 1 

Mit vorzuglicner riochachtung 

Rudolf Steiner 



54- JOSEPH KURSCHNER AN RUDOLF STEINER 

Stuttgart, 7. Mai 1884 

Verehrter Herr! 

Vielen Dank fur Ihre Zeilen. Es freut mich sehr, dafi Sie die 
Mineralogie ubernommen haben. Zoologie und Botanik scheint 
nun doch von den fruher von mir ausgesehenen Herren behalten 
worden zu sein; andernfalls komme ich noch zu Ihnen, auf Ihre 
giitige Zusage mich berufend. Die Termine des Manuskriptes 
werde ich jedenfalls nicht weit auseinanderriicken, sondern lasse 
Ihnen hier bereits die Buchstaben J bis Q folgen. Ich wiirde sehr 
gerne kleine Illustrationen beifugen, die sich auf Mineralogie bezie- 
hen, etwa iiber Kristalle oder was Sie etwa noch denken. Vielleicht 
machen Sie mir einen Vorschlag und sagen mir, wo ich etwas Vor- 
bildliches finden kann 

Mit bestem Grufi stets 
Ihr ergebenster 

Kurschner 

55. AN JOHANNES WITTE 

Brunn am Gebirge bei Wien, 24. Mai 1884 

Euer Hochwohlgeboren! 
Hochgeehrter Herr Professor! 

Soeben erhalte ich von Professor Kurschner die Antwort 
auf rnein Schreiben, in dem ich ihm mitgeteilt habe, dafi Sie, 
hochgeehrter Herr Professor, die freundliche Absicht ha- 
ben, in seiner Zeitschrift «Vom Fels zum Meer» einen Auf- 
satz mk Bezug auf meinen Goetheband erscheinen zu lassen. 
Zu meinem Bedauern sagt er, daft er einen solchen Aufsatz 
in dieser Zeitschrift nicht aufzunehmen in der Lage ware, 
weil das Publikum, fur das dieselbe bestimmt [ist], fur solche 
Dinge absolut kein Interesse habe und das Thema ganz aus 
dem Rahmen des Journals hinausfallen wiirde. Dies tut mir 
sehr leid, da ich, wie ich schon einmal versichert habe, auf 
die Ausfuhrungen von Ihnen, hochverehrter Herr Profes- 



sor, sehr gespannt gewesen ware. Ich wage es fast nicht, die 
Bitte auszusprechen, [ob] Euer Hochwohlgeboren nicht ge- 
neigt waren, denselben in einer anderen Zeitschrift zu verof- 
fentlichen. Kiirschner meint, dafi Theophil Zollings «Ge- 
genwart» mit Vergniigen einen solchen Aufsatz aufnehmen 
wiirde. Er denkt auch an Friedjungs «Deutsche Wochen- 
schrift» in Wien. Die letztere ist wohl in Osterreich mehr 
gelesen, als dies in Deutschland der Fall sein durfte - ist 
iibrigens auch noch jung -; dennoch weifi ich nicht, ob sie 
Ihnen, hochverehrter Herr Professor, nicht ein zu kleines 
Publikum hat, als dafi Sie jenen Aufsatz in derselben erschei- 
nen liefien. Ich wiirde, wenn das letztere nicht der Fall sein 
sollte, mit Dr. Friedjung selbst wegen Aufnahme des Auf- 
satzes sprechen. 

Da ich mit Kiirschner besonders in der letzteren Zeit in 
ziemlich nahe Beziehungen getreten bin, so konnte ich ihn 
ganz unverhohlen auffordern, mir Aufklarung zu geben 
iiber den Grund, warum das von Ihnen, hochverehrter Herr 
Professor, erwahnte Schreiben an ihn damals unbeantwortet 
geblieben ist. Er versichert mich nun, dafi er sich nicht erin- 
nere, ein Schreiben von Ihnen erhalten zu haben und dafi 
seiner Meinung nach ein Mi£verstandnis mit einer anderen 
Zeitschrift obwalten miisse. 

Hier nochmals fur die Freundlichkeit, mit der mir Euer 

Hochwohlgeboren begegnet, innigst dankend, empfehle ich 

mich Ihrem ferneren Wohlwollen als T1 , 

Ihr ergebenster 

Rudolf Steiner 



56. JOSEPH KURSCHNER AN RUDOLF STEINER 

VerehrtesterHerr! Stuttgart, 30. Mai t 88 4 

Angeschlossen sende ich Ihnen den Rest der Artikelverzeich- 
nisse zur «Mineralogie» und solche zu «Bergbau», welche Sie wohl 
auch in der Lage sind zu bearbeiten. 



Ich mufke Sie nun aber dringend bitten, mir baldmoglicbst das, 
was Sie bis jetzt fertig haben, sowie die ersten Buchstaben zu 
«Bergbau», die ja ganz unbedeutend sind, zu iibersenden, da ich 
Mitte nachster Woche mit dem Satz und Druck beginnen mochte 
und das Manuskript doch vorher noch zusammenstellen mufi. 

Indem ich also recht bald einer Sendung entgegensehe, verharre 
ich als 

Ihr hochachtungsvollst ergebener 
Kurschner 

57. AN JOSEPH KURSCHNER 

Brunn am Gebirge, 5. Juni 1884 

Euer Hochwohlgeboren! 
Hochverehrter Herr Professor! 

Zu meinem grolken Bedauern kann ich erst heute mit der 
Sendung meines Manuskriptes beginnen; jetzt aber habe ich 
die Buchstaben A— R nur mehr abzuschreiben, was be- 
stimmt heute noch geschieht, so daft ich hoffen kann, Euer 
Hochwohlgeboren haben morgen sowohl von Mineralogie 
wie von Bergbau das Alphabet von A-R in den Handen. 
Den Anfang der Mineralogie sende ich gleich mit. Mit der 
nachsten Sendung hoffe ich auch einen Teil der Abbildun- 
gen, die beigegeben werden konnten, mitsenden zu konnen. 
Jedenfalls kann ich Euer Hochwohlgeboren versichern, dafi 
Sie bis 10. das Ganze haben und bitte damit zugleich urn 
Entschuldigung, daft ich mich so verspatet habe. Um die 
Sendung nicht aufzuhalten, verspare ich mir alle weitere 
Mitteilung auf meinen nachsten Brief. 

Mit vorzuglicher Hochachtung 
Rudolf Steiner 



58. JOSEPH KURSCHNER AN RUDOLF STEINER 



Stuttgart, 9. Juni 1884 

Verehrtester Herr! 

Besten Dank fur die Manuskriptsendung, deren Fortsetzung ich 
mit Vergmigen bald entgegensehe. Heute sende ich Ihnen 3 Tafeln 
iiber Kristallformen mit der Bitte, mir gefalligst sagen zu wollen, 
ob und was Sie von denselben der Wiedergabe fur wert und interes- 
sant halten. Diejenigen, deren Reproduktion Sie nicht raten, bitte 
ich einfach zu durchstreichen. Die Tafeln stehen uns zu dem ge- 
dachten Zwecke zur Verfugung. 

In ausgezeichneter Hochachtung 
Ihr ergebenster 

Kiirschner 



59. JOSEPH KURSCHNER AN RUDOLF STEINER [Postkarte] 

Stuttgart, 12. Juni 1884 

Sehr geehrter Herr! 

Hierdurch erlaube ich mir die Bitte an Sie zu richten um gefallige 
Riickgabe derjenigen meiner Artikelverzeichnisse, zu denen Sie 
das Manuskript bereits eingesandt haben. Fur mbglichst umge- 
hende Zusendung ware ich Ihnen doppelt verbunden, da ich ohne 
dieselben das Manuskript nicht fertigstellen kann. Bei der nachsten 
Sendung, deren Expre/?-Bestellung nicht mehr notig ist, bitte ich, 
die betr. Register jedesmal gleich beifugen zu wollen. 

In vorziiglicher Hochachtung 
Ihr ergebenster 

Kiirschner 



6o. AN JOSEPH KURSCHNER 



[Brunn am Gebirge,] 12. Juni 1884 

Euer Hochwohlgeboren! 
Hochgeehrter Herr Professor! 

Die mir iibersendeten Tafeln habe ich durchgesehen und 
die meiner Ansicht nach unnotigen Figuren durchgestri- 
chen; sie sollten eigentlich jetzt abgehen. Leider aber sehe 
ich, daft ich sie in Brunn liegen liefi und sie so mit dieser 
Sendung, die von Wien abgeht, nicht mitsenden kann. Sie 
gehen noch heute als Expreft-Sendung ab. Gleichzeitig 
sende ich 3 Tafeln, beziiglich welcher ich bemerke, dafi ich 
glaube, daft sie an Stelle der mir iibersendeten keineswegs 
instruktiven Tafeln gesetzt werden sollten. Ich habe mich 
bemuht, auf diesen Tafeln dem Leser alles so klar als moglich 
zu machen, namentlich den Vorgang bei Entstehung halber 
Formen usw. und die Achsenverhaltnisse. Ich rate jeden- 
falls, diese Tafeln, bei denen die Figuren auch das richtige 
Grofienverhaltnis zueinander haben, zu verwenden, da dies 
bei den andern nicht der Fall ist. Jedenfalls ware es gut, die 
rot gezeichneten Linien so zu lassen, sonst waren sie zu 
punktieren. Beziiglich des Artikels «Kristall» bemerke ich, 
dafi ich ihn in 2 Fassungen iibersende, in der einen findet er 
sich auf beigegebenen Blattern. In einer zweiten geht er mit 
meiner heutigen Nachmittagssendung ab. Hier ist er etwas 
langer und es ware notig, einige Zeilen zu den fixierten zuzu- 
geben. Konnten sich Euer Hochwohlgeboren dazu ent- 
schliefien, so wurde ich sehr dazu raten, da die langere Fas- 
sung viel instruktiver ist. 

Mit vorzuglicher Hochachtung 
Euer Hochwohlgeboren ergebenster 

Rudolf Steiner 



6l. AN JOSEPH KURSCHNER 



Brunn am Gebirge, 12. Juni 1884 

Euer Hochwohlgeboren! 
Hochgeehrter Herr Professor! 

Noch einmal mochte ich raten, statt der hier mitfolgenden 
die vorausgegangenen Tafeln zu verwenden; ich halte sie fur 
entsprechender. Wenn es irgend moglich, so bitte ich den 
mitfolgenden Artikel iiber «Kristall» statt des im vorigen 
Manuskript enthaltenen zu verwenden. Register folgt mit. 

Mit vorziiglicher Hochachtung 
ergebenst 

Rudolf Steiner 



62. PAULINE SPECHT AN RUDOLF STEINER 

Voslau, 16. Juni 1884 

Werter Herr! 

Infolge einer warmen Empfehlung des Herrn Regierungsrates 

Dr. Walser wende ich mich an Sie mit der Anfrage, ob Sie geneigt 

waren, eine Hofmeister-Stelle in meinem Hause zu iibernehmen. 

Ich habe vier Knaben, der alteste besucht die vierte Unterrealklasse, 

die beiden folgenden die vierte Normalklasse und der Jungste (im 

Alter von 6 Jahren) wiirde nur bei Spaziergangen Ihre freundliche 

Obsorge in Anspruch nehmen. Naheres wiirde sich wohl am be- 

sten miindlich besprechen [lassen] und ersuche ich Sie darum, im 

Falle Sie auf meine Proposition eingehen wollen, mich in « Voslau 

Waldwiese No. i» zu besuchen. Sollten Sie jedoch nicht diese Ab- 

sicht haben, so bitte ich sehr, mich davon schriftlich zu verstandi- 

gen, da ich jedenfalls Ihre Antwort abwarte, bevor ich weitere 

Schritte unternehme. Ihren freundlichen Nachrichten entgegense- 

hend, zeichnet sich achtunesvoll .. „ , 

Pauline Specht 



63. AN JOSEPH KURSCHNER 

Brunn am Gebirge, 2. September 1884 
Hochverehrter Herr Professor! 

In der Anlage sende ich mit den besten Empfehlungen 
den gewiinschten Artikel, den ich, um ihn nicht aufzuhalten, 
durch nichts weiter beschweren will. 

Mit vorziiglicher Hochachtung 
Euer Hochwohlgeboren ergebenster 

Rudolf Stein er 

64. AN EDUARD VON HARTMANN 

Brunn am Gebirge, 4. September 1884 
Euer Hochwohlgeboren! 

Gestatten Euer Hochwohlgeboren, daft ich Ihnen hiermit 
den ersten Band meines mit einer Einleitung versehenen 
Kommentars von Goethes Naturwissenschaftlichen Schrif- 
ten vorlege; das Ganze wird in drei Banden in der «Deut- 
schen National-Literatur» erscheinen. Dieser erste Band, 
der als selbstandiges Ganzes gelten kann, behandelt Goethes 
Organik. Mochten Sie, hochverehrter Herr, als Entschuldi- 
gung dieser Sendung den Umstand gelten lassen, daft ich seit 
Jahren mit aufrichtiger Verehrung zu Ihrem philosophi- 
schen Wirken emporblicke und mich gedrangt fiihle, meine 
Gedanken vor den Urheber der «Philosophie des Unbewuft- 
ten» zu bringen. 

Es wiirde mir wirklich zur innersten Befriedigung gerei- 
chen, wenn Euer Hochwohlgeboren nichts Unberechtigtes 
in meinem Versuche sehen wiirden, Goethes wissenschaftli- 
ches Streben vom philosophischen Standpunkte aus zu be- 
urteilen, was bisher, meiner Uberzeugung nach, noch nicht 
in richtiger Weise geschehen ist. 

Ich glaube bewiesen zu haben, daft das Verhaltnis Goethes 



zur Wissenschaft denn doch ein ganz anderes ist, als von 
Haeckel, Du Bois-Reymond, O. Schmidt und deren An- 
hangern behauptet wird. Habe ich das Richtige getroffen, so 
ist bei Goethe der Ansatz zur Begriindung der Organik als 
wahrer Wissenschaft zu suchen. Ich nehme das deshalb an, 
weil er nach einer Erklarung des Organischen strebt, die 
nicht von der Annahme ausgeht, dafi die Gesetze desselben 
identisch sind mit denen des Unorganischen. Diese Identitat 
wird ja von den «Monisten» unserer Zeit angenommen und 
auch von diesen als Goethes Ansicht ausgegeben. Ich glaube 
nun, dafi durch eben diese Identitat das Organische nicht 
nur nicht erklart, sondern geradezu aufgehoben wird. Eine 
wahre Erklarung des Organischen wird gewifi nicht er- 
reicht, wenn man es leugnet, sondern wenn man unser Be- 
griffssystem erweitert, so dafi wir zu Begriffen gelangen, die 
uns das Organische ebenso begreiflich erscheinen lassen, wie 
dies beziiglich des Unorganischen mit den mechanischen, 
physikalischen etc. Gesetzen der Fall ist. Haeckel ist bei 
seinen wiederholten Besprechungen von Goethes morpho- 
logischen Anschauungen immer von dem Verhaltnis Goe- 
thes zu Kant ausgegangen. Er hat aber, meiner Ansicht nach, 
dieses Verhaltnis vollkommen mifiverstanden. Er glaubt, 
Kant habe behauptet, wir konnten das Organische nur dann 
erklaren, wenn wir in der Lage waren, es als Mechanismus 
zu deduzieren. Goethe aber habe damit Ernst gemacht und 
den Organismus wirklich mit Hilfe mechanischer Kausalitat 
erklaren wollen. Es ist aber doch gewifi, daft Kant, seiner 
ganzen Lehre nach, gerade dann, wenn er den Organismus 
aus mechanischen Gesetzen fur erklarbar gehalten hatte, 
auch die Moglichkeit einer solchen Erklarung dem Men- 
schen hatte durchaus nicht absprechen konnen. Der Mecha- 
nismus ist ja, nach Kant, das fur unseren diskursiven Ver- 
stand Begreifliche. Er konnte also nichts anderes gemeint 
haben, als : weil der Organismus nicht mechanisch erklarbar 
ist, unser Verstand aber nur mechanische Zusammenhange 
erfassen kann, ist das Organische fur ihn unbegreiflich. 



Goethe sprach nun dem Menschen — im Gegensatz zu 
Kant - das intuitive Erkennen zu und nahm es gerade fur die 
Erklarung des Organischen in Anspruch. Goethes organi- 
scher «Typus» ist, meiner Ansicht nach, sehr verschieden 
von dem, was der heutige Darwinismus unter Typus ver- 
steht. Er ist im letzten Grunde das Unbewuflte in jener 
Form, in der es die organische Welt beherrscht. 

Mit Goethe ist, denke ich, der Wendepunkt gegeben, an 
dem sich die Organik von einer unwissenschaftlichen zu 
einer wissenschaftlichen Methode erhoben hat. Im zweiten 
Bande meines Buches, das im Manuskript bereits abge- 
schlossen ist, werde ich das Verhaltnis von Goethes wissen- 
schaftlichen Grundansichten zur Metaphysik des Unbe- 
wufken zu beleuchten suchen. Im ersten Bande mufke ich 
den Inhalt von Goethes Gedanken iiber Organik entwik- 
keln, um dann im zweiten Bande die Beziehungen derselben 
zu philosophischen Grundanschauungen, also auch zum 
Unbewulken zu besprechen. Ich hoffe, da beweisen zu kon- 
nen, da$ sich bei Goethe mancher sehr bedeutsame Ansatz 
zur Ansicht vom Unbewulken findet. Dies gilt freilich von 
seinen Anschauungen in praktischer Beziehung weniger als 
in theoretischer. 

Ich kann nur nochmals versichern, dafi es mir zur ganz 
besonderen Befriedigung gereichen wiirde, wenn Euer 
Hochwohlgeboren, von Ihrem Standpunkt aus, mein Be- 
streben billigen konnten. Mochten es Euer Hochwohlgebo- 
ren mit meinem Eifer fur die Sache entschuldigen und mit 
der Bedeutung, die ich Ihrem Urteil beilege, wenn ich mir 
die Bitte beizufiigen erlaube, mich durch ein Wort an ir- 
gendeinem Orte in meinem Bestreben in dieser Richtung zu 
unterstiitzen. Jede Bemerkung von Ihrer Seite wiirde mich 
zu aufrichtigstem Danke verpflichten. 

Nochmals um Entschuldigung bittend 

Euer Hochwohlgeboren ergebenster Verehrer 
Rudolf Steiner 



65. EDUARD VON HARTMANN AN RUDOLF STEINER 



Berlin, 13. September 1884 

Hochgeehrter Herr! 

Zunachst meinen herzlichen Dank fur Ihre freundlichen Zeilen 
und die gefallige Zusendung Ihrer Publikation iiber Goethe! Ich 
bringe Ihrem Unternehmen die vollste Sympathie entgegen und 
glaube, dafi Sie durch Ihre Arbeit die Beurteilung Goethes 
als Naturphilosophen wesentlich fordern werden. 

Haeckel gegeniiber sind Sie vollstandig im Recht, der Goethe 
ebenso mifiverstanden hat wie Kant; ebenso stehe ich auf Ihrer 
Seite denjenigen gegeniiber, die Goethe als Idealisten im platoni- 
schen Sinne stigmatisieren, blofi um iiber ihn zur Tagesordnung 
der mechanischen Weltanschauung iiberzugehen. 

Aber in einem Punkte, meine ich, steht Goethe dem Darwinis- 
mus naher, als Sie denken, namlich darin, daft er die Mannigfaltig- 
keit des Hoheren und Niederen und dessen Entwickelungsreihe in 
der Erscheinungswelt nicht als logische Notwendigkeit in der Idee 
selbst . . . gelten lafit, sondern aus den zufalligen aufieren Einfliis- 
sen der Wirklichkeit auf die Idee ableiten lafit. Der Gegensatz, dafi 
es bei den Darwinisten die zufallig entstandenen realen Urorganis- 
men sind, bei Goethe die Idee in ihrer idealen Vollkommenheit, 
woran die aufieren Einfliisse sich modifizierend betatigen, bleibt 
freilich bestehen; aber er spricht fast zugunsten des Darwinismus, 
insofern bei diesem doch ein realer Entwickelungsprozefi, wenn 
auch auf zufalligem Wege, entsteht - so daft das Goethesche als 
Erscheinung wirklich positive Resultat das der Zwischenstufen 
ist wahrend bei Goethe die aufieren Einfliisse gar nicht positiv, 
sondern nur negativ, hemmend wirken, also nicht die vollkom- 
mene, sondern nur die unvollkommene Erscheinung zum Ergebnis 
haben. Der Idealismus, durch den Goethe auf der anderen Seite 
iiber den Darwinismus hinausragt, scheint mir in der Tat noch ein 
abstrakter platonischer Idealismus wie bei Schelling zu sein, den 
erst Hegel im 3. Band der «Logik» mit dem Begriff des «Konkret- 
Allgemeinen» (freilich nur in seiner unhaltbar dialektischen Ma- 
nier) zu uberwinden suchte. Ich sehe Goethe in Parallelstellung zu 
Darwin, nicht zu Haeckel, denn wenn Darwin so viele Urorganis- 
men annimmt, als es Ordnungen im Tier- und Pflanzenreich gibt, 



so hatte auch Goethe neben seinem Typus des Wirbeltieres und 
Typus der einjahrigen Phanerogamenpflanze von Rechts wegen so 
viele andere Idealtypen aufstellen miissen, als es Ordnungen im 
Tier- und Pflanzen- und Protistenreich gibt. Diese sind nun soviel 
abstrakter als die alten Speziestypen, wie die Ordnungen weiter 
sind als die Spezies; sie stehen aber ebenso zusammenhangslos und 
verhaltnislos nebeneinander wie diese. Dem Schritt Haeckels, bloft 
einen Urorganismus anzunehmen und alle Ordnungstypen durch 
Transformation auf Anlaft aufterer Einfliisse aus diesem entstehen 
zu lassen, hat Goethe keinen analogen Schritt entgegengestellt, 
namlich Tiertypus und Pflanzentypus unvereinigt gelassen. Wollte 
man denselben nachholen, so miiftte er darin bestehen, daft der 
Mensch der Typus der gesamten Organismen sei (wie bei Haeckel 
das Protoplasma); denn der ideale Typus soil ja der vollkommenste 
sein. Hier zeigt sich nun aber sofort die Unmoglichkeit, alle niede- 
ren Organismen, die nicht in der direkten Ahnenreihe des Men- 
schen liegen, aus dem Menschentypus als aufterlich bedingte Hem- 
mungsbildungen abzuleiten, das heiftt die Unhaltbarkeit der ausge- 
fuhrten Goetheschen Theorie. Will man dagegen auf Goethes An- 
nahme, daft der Urorganismus als Idee die Goethesche vollendete 
Gestalt des Organischen sein miisse, verzichten und ihm nur die an 
alien Organismen gemeinsam zu findenden Merkmale zuschrei- 
ben, so kommt man auf einen idealen Typus, der iiber den realen 
Haeckelschen Urorganismus inhaltlich nicht hinausreicht, das 
heiftt, den Idealismus an seiner Abstraktheit zugrunde gehen 
laftt. 

Aus diesen Griinden kann ich Ihrer Behauptung, daft Goethe 
«das Wesen des Organismus gefunden habe» (S. LXVIII), nicht 
beistimmen; vielmehr scheint sein Beispiel mir zu zeigen, daft die- 
ses «Wesen» auf dem Wege des Platon-Schellingschen abstrakten 
Idealismus iiberhaupt nicht zu finden ist. Sie wissen, daft ich in der 
Metaphysik und Religion den abstrakten Monismus durch einen 
konkreten, in der Politik, Asthetik und Naturphilosophie den ab- 
strakten Idealismus durch den konkreten zu ersetzen bemuht bin, 
was ich gegenwartig auf dem Felde der Asthetik durchzufuhren 
bemuht bin. Mein obiges Urteil iiber Goethe wiirde ich vorlaufig 
nicht wagen offentlich auszusprechen, weil es sich mehr auf Ihre 
Darstellung der Goetheschen Naturphilosophie als auf deren ge- 
naues Selbststudium stiitzt. Ich sehe aber mit lebhafter Spannung 



dem 2, Band Ihrer Publikation entgegen, da Goethe ohne Zweifel 
dem Unbewufiten sein Bestes verdankt und davon auch etwas ge- 
merkt hat. Goethes Grofie liegt, wie Sie richtig betonen, in der 
Intuition; dagegen ist er in der Reflexion auffallend schwach, und 
deshalb gelingt es ihm nie, seine Intuitionen so durch allseitige 
Reflexion zu verarbeiten, daft sie sich zur echten Spekulation oder 
gar zur systematischen Philosophic ergeben. Sein Bestes gibt er, 
wo er die Intuition von aller Reflexion loslost und als aphoristische 
Aper§us darbietet, die oft als geniale Lichtblitze blenden und er- 
leuchten. Fur die Asthetik hat Schasler diese Eigentiimlichkeit tref- 
fend nachgewiesen (Kritische Geschichte der Asthetik); sie gelten 
aber auch fur die Naturphilosophie. Sie erkennen dies auch in ge- 
wisser Weise an, indem Sie betonen, daft das Fragmentarische der 
Goetheschen Leistungen nichts Zufalliges ist; aber es ware gut zu 
bemerken, daft und warum Goethe umso viel formell schlechterer 
Philosoph als Lessing und Schiller war, als er besserer Dichter war, 
weil ihm namlich die rationelle Reflexion beim Philosophieren 
fehlt, deren Mangel beim Dichten sein Gliick war. 

Ihrer Abhandlung mochte ich noch einige Bemerkungen beifii- 
gen. Ihre Sonderung von Organischem und Unorganischem auf 
S. LX unten und LXI scheint mir bedenklich; das Gesetz als Natur- 
gesetz ist dem Unorganischen ebenso immanent und innerlich wie 
dem Organischen, nur der Zweck y wo etwas als Maschine verwen- 
det wird, ist dem ersteren aufterlich, wahrend auch der Zweck dem 
Organischen immanent ist (S. LIII, Anm. 2). Auch im Unorgani- 
schen gibt es Typen so gut wie im Organischen (z. B. die Kristalle), 
die dasselbe Verhaltnis zur Erscheinung hier wie dort haben. Auch 
im Organischen bedingen die phanomenalen Teile und Verhalt- 
nisse einander auf mechanische Weise, ebenso wie sie von dem 
idealen Prinzip auf nichtmechanische Weise bedingt sind, woraus 
Sie auf S. LIV, Z. 9-10 eine Antithese formieren, die der Erfahrung 
gegeniiber in Ihrer Fassung unhaltbar ist. Daft die sinnliche An- 
schauung im Unorganischen die Prozesse erschopft, bestreite ich 
entschieden; Kraft und Gesetz sind unanschauliche, ubersinnliche 
Konzeptionen, wobei ganz gleichgiiltig, ob sie einfach oder zusam- 
mengesetzt zu denken sind (gegen S. LIII). Diese Behauptung 
scheint mir auch fur die Deduktion, in welche Sie dieselbe einflech- 
ten, nicht erforderlich. Daft die Idee (induktives) Resultat der Er- 
fahrung, und doch Prinzip der apriorischen Gestaltung fur den 



Erkenntnisprozefi sein sollte, erscheint als ein Widerspruch, der 
wohl einer Aufldsung wert gewesen ware. 

Ich bitte Sie, diese Ausstellungen nur als ein Zeichen der Auf- 
merksamkeit und des Interesses zu betrachten, mit dem ich Ihren 
Auseinandersetzungen gef olgt bin, und verbleibe mit nochmaligem 

^ an ^ Ihr hochachtungsvoll ergebener 

Eduard von Hartmann 
Schonhauser Alle 132 pt. 

Vom 23. September ab: 
Liitzow-Ufer 30 pt. 



66. AN EINEN FREUND 



[letzte vorhandene Seite eines Briefes] 

[Brunn am Gebirge bei Wien?,] 

3. Oktober 1884 



Fiir den Deutschen gibt es in Osterreich nur zweierlei 
Parteibestrebungen. Entweder er ist in der Minoritat, dann 
mufi er die Fahne der Kultur entfalten und den Slawen und 
Magyaren geistig imponieren. Oder er ist in der Majoritat 
und am Ruder, dann muE er in echt demokratischem Geiste 
den Autonomismus und die freie Selbstbestimmung der 
Volker auf seine Fahne schreiben und jenem Zukunftsstaate 
entgegenstreben, der der Kultur am giinstigsten ist: dem 
geschlossenen Handelsstaate ohne «Geld» und «B6rse». 

Fiir heute nur noch: herzlich-bruderlichen Grufi und die 

Versicherung, dafi ich in den nachsten Tagen komme, es 

mufi aber nicht sonntags sein, ist aber auch da nicht unmog- 

lich; dariiber besondere Nachricht, sowie iiber den materiel- 

len Punkt. ^ . 

Dein ewig treuer 

Rudolf Steiner 



6y. AN JOSEPH KURSCHNER 



Brunn am Gebirge, 12. Oktober 1884 
Euer Hochwohlgeboren! 

Auf die gefallige Anfrage von Ihnen, hochverehrter Herr 
Professor, erlaube ich mir folgendes zu erwidern: das Ame 
im Artikel «Mineral» bedeutet Ametalle (Nichtmetalle). 
Man kann - falls die Abkiirzung nicht angeht - ja ausschrei- 
ben:«Ametalle» oder «Nichtmetalle». Gemeint sind nam- 
lich die nichtmetallischen - als Mineralien vorkommenden 
Elemente: Diamant, Graphit und Schwefel. Die Abkiir- 
zung Me fur Metall wird unter meinen Abkiirzungen 

vorkommen. . _. .. , TT 1 , 

Mit vorzuglicher Hochachtung 

Rudolf Steiner 



68. JOSEPH KURSCHNER AN RUDOLF STEINER 

[Eilpostkarte] 
Stuttgart, 16. Oktober 1884 

Sehr geehrter Herr! 

Soeben mit dem Zusammenordnen des Manuskriptes fur den 
Schluft des kleinen Lexikons beschaftigt, bemerke ich zu meinem 
Schrecken, daft die Artikel zur «Mineralogie» und «Bergbau» von 
V— Z noch fehlen. Ich bitte Sie deshalb dringendst, mir dieselben 
doch moglicbst umgehend zugehen zu lassen, um dieselben noch 
rechtzeitig einordnen zu kdnnen, da der Druck bis langstens 20. cr. 
vollstandig beendet sein mufi. 

In der Hoffnung, die Sachen bald zu erhalten und mit verbind- 
lichstem Danke im voraus 

Ihr hochachtungsvollst ergebener 
Joseph Kiirschner 



6<?. JOSEPH KURSCHNER AN RUDOLF STEINER 



[Stuttgart, November 1884] 

Die zwingende Notwendigkeit, mein Taschen-Konversations- 
Lexikon, welches dieser Tage erscheint, bis zum Oktober zu vollen- 
den, hat mich neben den zahlreichen anderen Verpflichtungen, 
welche mir obliegen, leider gehindert, alle Briefe so rasch zu beant- 
worten, als ich es gewiinscht hatte. Indem ich mich anschicke, die 
scbwer empfundene Schuld abzuzahlen, bitte ich um gutige Nach- 
sicht und Entschuldigung und nehme, in der Voraussicht, meine 
Bitte erfullt zu sehen, den Faden unserer Korrespondenz da auf, 
wo er liegengebheben ist, ohne mich nochmals iiber die Griinde 
des bedauerlichen Nichtschreibens zu verbreiten. 

Kiirschner 



[Stuttgart,] 20. November 1884 

Sehr geehrter Herr! 

Der vorstehend angefiihrte Grund und die zur Zeit drangenden 
Arbeiten fur den neuen Jahrgang des Literaturkalenders machen es 
mir erst jetzt moglich, Ihnen zu schreiben und das kleine Lexikon, 
an welchem Sie so freundlich waren, mitzuwirken, Ihnen zu iiber- 
senden. Es folgt nun hierbei mit dem Wunsche, dafi Ihnen das 
Buch, welches trotz seiner Kleinheit doch eine ungeheure Miihe 
verursachte, gefallen moge. Sollten Sie vielleicht in die Lage kom- 
men, irgendwo einige freundliche Worte iiber dasselbe anbringen 
zu konnen, so wiirde mich dies und die gefallige Ubermittlung 
eines Abzuges sehr zu Dank verbinden. Was das Honorar anlangt, 
so wird Ihnen dasselbe in den ersten Tagen des Dezember zugehen. 
Ich fiige hier eine Berechnung bei, aus welcher Sie den Betrag erse- 
hen werden. 

Bei der Gelegenheit erlaube ich mir die Anfrage, ob Sie geneigt 
waren, bei einer eventuellen Neuauflage gegen ein seinerzeit noch 
zu vereinbarendes Honorar die Artikel, welche Ihnen auf einzelne 
Zettel aufgeklebt zugehen wiirden, einer Revision zu unterwerfen 
und eventuell zu erganzen. Vielleicht notieren Sie sich jetzt schon, 



was Ihnen eventuell Bemerkenswertes und besonders Aktuelles 
begegnet, was dann die Arbeit wesentlich erleichtert. 

Indem ich hieriiber Ihrer geneigten Mitteilung entgegensehe, 
bin ich mit ausgezeichneter Hochachtung 

Ihr ergebenster 
Kiirschner 



70. AN JOSEPH KURSCHNER 

Brunn am Gebirge, 1. Dezember 1884 

Euer Hochwohlgeboren! 
Hochgeehrter Herr Professor! 

Besten Dank fur das hubsch ausgestattete und mit so gro- 
wer Sorgfalt ausgefiihrte handliche Lexikon. Ich werde mir 
alle Miihe geben, es in geeigneter Weise besprechen zu kon- 
nen und werde dann die betreffenden Ausschnitte iibersen- 
den. Es ist selbstverstandlich, dafi ich alles tun werde, was 
fur eine eventuelle Neuausgabe notig erscheint. 

Verzeihen Sie nun, hochverehrter Herr Professor, wenn 
ich mir heute eine Bitte an Sie erlaube und Sie recht sehr 
ersuche, mir dieselbe nicht abzuschlagen. Ich will mich kurz 
fassen, auf Ihr mir so oft bewiesenes Wohlwollen vertrau- 
end. Ich habe namlich eine Erkenntnistheorie von meinem 
wissenschaftlichen Standpunkte aus bearbeitet. Diese heute 
zu einer Frage der Zeit gewordene Disziplin erhalt da eine 
Gestalt, die sowohl dem Grundgedanken wie auch der Be- 
handlungsart nach ganz neu ist; sie erscheint auf einer 
Grundlage aufgebaut, durch die sie nicht allein die wissen- 
schaftliche Welt beruhrt, sondern die weitesten Kreise der 
Gebildeten interessieren mufke. Sie ist namlich auf dem 
Fundamente aufgebaut, auf dem die heutige deutsche Bil- 
dung iiberhaupt ruht. Gegeniiber alien ahnlichen Erschei- 
nungen der deutschen Literatur erscheint sie auf breitester 
Basis, weil sie nicht von einer einseitigen Schulrichtung, son- 
dern von der in sich gesattigten Weltanschauung unserer 



Klassiker ausgeht. Zu meinen Bestrebungen in bezug auf 
Goethe bildet sie insoferne die Erganzung, als dort die vor- 
nehmlich kritische Seite in den Vordergrund treten mufite, 
wahrend hier das an der Hand dieser Kritik Gewonnene zu 
einem positiven, wissenschaftlichen Ganzen verarbeitet 
wird. Ich wiirde die 6—8 Bogen umfassende Broschiire beti- 
teln: «Erkenntnistheorie auf Grund der Goethe-Schiller- 
schen Weltanschauung und des deutschen Idealismus». Ich 
wiirde nun Euer Hochwohlgeboren recht sehr bitten, bei 
Spemann etwas dafiir zu tun, dafi er die gedachte Broschiire 
in Verlag nehme. Der gegenwartige Moment ist fur das Er- 
scheinen besonders giinstig, weil meine Erkenntnistheorie 
dann zugleich mit der von Volkelt demnachst zu erwarten- 
den auftreten wiirde, welch letzterer diese Wissenschaft von 
einem vollig andern - den durch den Spatschellingianismus 
modifizierten Kantianismus - behandeln wird. Ich halte da- 
fiir, dafi die Sache eher das Gegenteil als gewagt genannt 
werden kann; dennoch wiirde ich eventuell sehr gerne auf 
jeden materiellen Vorteil verzichten, wenn Spemann den 
Verlag davon abhangig machen wiirde. Ich kann Sie, hoch- 
verehrter Herr Professor, versichern, dafi es mir um den 
materiellen Vorteil bei meinen Arbeiten ganz und gar nicht 
zu tun ist und dafi mir die Sache iiber alles geht. Ich habe 
bisher so viele Beweise Ihres Wohlwollens mir gegeniiber 
kennengelernt, dafi ich leichten Herzens und mit Zuversicht 
daran gehe, diese Bitte an Sie zu richten. Jedenfalls bitte ich 
um Ihren freundlichen und giitigen Rat in dieser Angelegen- 
heit und nochmals um Entschuldigung wegen dieses Briefes, 
der sich von dem hochsten Vertrauen und der aufrichtigsten 
Verehrung von Ihnen, hochverehrter Herr Professor, her- 
schreibt. 

In gespannter Erwartung einer giitigen Antwort mich 
Ihrem fernern Wohlwollen bestens empf ehlend 

Ihr ergebener 
Rudolf Steiner 



71. AN JOSEPH KURSCHNER 

[Brunn am Gebirge,] i. Dezember 1884 

Euer Hochwohlgeboren! 
Hochgeehrter Herr Professor! 

Zu meinem Bedauern bemerke ich, dafi das beiliegende 
langst zum Absenden Vorbereitete noch bei mir liegt und 
furchte fast, dafi es nun schon zu spat ist. Vielmals um Ent- 
schuldigung bittend wegen dieser Verspatung. 

In vorzuglicher Hochachtung 
ergebenst 

Rudolf Steiner 

72. JOSEPH KURSCHNER AN RUDOLF STEINER 

[Stuttgart, Anfang Dezember] 1884 

Sehr geehrter Herr! 

Beifolgend erlaube ich mir, Ihnen den Betrag fur die mir freund- 
lichst gelieferten Artikel im Umfang von zus. 1720 Zeilen mit 
M[ark] 30 - zu iibersenden. Nochmals verbindlichst dankend 

Ihr hochachtungsvollst ergebener 

Kurschner 

73. JOSEPH KURSCHNER AN RUDOLF STEINER [Postkarte] 

Stuttgart, 6. Dezember 1884 

Verehrter Dr. Steiner! 

Herzlichen Dank fur Ihre freundlich in Aussicht gestellte An- 
zeige meines Buches. 

Was nun Ihre Bitte anlangt, so habe ich mit Spemann gespro- 
chen. Er nimmt eigentlich bei der groften Anlage seines Geschafts 
nicht gern Sachen in Verlag, die nicht auf weite Kreise berechnet 



sind - seinen Kuristverlag ausgenommen - hat aber doch gern 

meiner Bitte entsprochen und will Ihr Buch drucken, freilich ohne 

Honorar. 1st Ihnen damit gedient, so senden Sie mir das Manu- 

skript, es wird in Format und Ausstattung genau wie die National- 

Literatur werden. . c 

Mit schonsten Emptenlungen und in 

aufrichtiger Hochachtung 

Ihr 
Kurschner 



74. AN JOSEPH KURSCHNER 

Brunn am Gebirge, 18. Dezember 1884 

Euer Hochwohlgeboren! 
Hochverehrter Herr Professor! 

In der Anlage iibersende ich einen Ausschnitt der «Deut- 
schen Zeitung», eine kurze Besprechung des Konversations- 
Lexikons von mir enthaltend. Gleichzeitig lege ich das ganze 
Blatt bei, fur den Fall, daft es etwa fur Sie, hochverehrter 
Herr Professor, wunschenswert sein sollte. Hoffentlich 
werde ich dergleichen noch weiteres unterbringen. 

Fur Ihre gutige Verwendung, hochverehrter Herr Profes- 
sor, wegen meiner Erkenntnistheorie bei Spemann kann ich 
Ihnen nicht genug Dank sagen. Als ich diese Bitte stellte, 
geschah es mit Zogern, denn ich meinte, das mir von Euer 
Hochwohlgeboren in so reichem Mafie bewiesene freundli- 
che und wohlwollende Entgegenkommen, das ich so hoch 
anschlage, zu sehr in Anspruch zu nehmen. Sie haben es mir 
aber neuerdings in einer mir so am Herzen liegenden Sache 
zuteil werden lassen. Seien Sie versichert, dafi ich Zeit mei- 
nes Lebens dieses mir am Beginne meiner Laufbahn so riick- 
haltlos bewiesene Wohlwollen werde zu wiirdigen wissen. 
Wie ich bereits schrieb, verzichte ich gerne auf ein Honorar 
fur das Buch, wie es Spemann zur Bedingung macht und 
begluckwiinsche mich dazu, dafi durch Ihre gutige Fiirspra- 
che gerade bei Spemann gedruckt wird. Also nochmals mei- 



nen tiefgefuhltesten Dank fur Ihre Bemiihungen. Ich wiin- 
sche und hoffe zuversichtlich, dafi Sie, hochverehrter Herr 
Professor, wenn Sie das Manuskript demndcbst vor Augen 
haben werden, sich iiberzeugen werden, fur nichts Unwiir- 
diges Ihr so freundliches Wort eingelegt zu haben. Das Ma- 
nuskript wird jetzt abgeschrieben und mit einem Vorworte 
versehen, worauf ich mir erlauben werde, es sogleich zu 
iibersenden. Ich hoffe den besten Erfolg und sogar eine gun- 
stige Riickwirkung auf die Goetheausgabe. 

Nochmals herzlichst dankend in aufrichtigster Anerken- 

nun § Ihr ergebener 

Rudolf Steiner 

Die Zeitung mulke ich mir leider erst in der Expedition 
verschaffen - in den Verkaufsladen ist sie schnell vergrif- 
fen daher diese geringe Verspatung. 



75. AN JOSEPH KURSCHNER 

Brunn am Gebirge, 31. Januar 1885 

Euer Hochwohlgeboren! 
Hochverehrter Herr Professor! 

Herzlichsten Gliickwunsch zum neuen Jahre. Moge es 
Ihnen, hochverehrter Herr Professor, zu Ihrer vollstandigen 
Befriedigung verlaufen. Hierbei auch nochmals meinen ver- 
bindlichsten Dank fur Ihre freundliche Verwendung fur 
meine Erkenntnistheorie, deren Manuskript ich mir dem- 
nachst zu iibersenden erlauben werde. 

Anbei sende ich auch einen anonymen Aufsatz von mir 
(« Goethe und die Liebe und Goethes Dramen») [aus] der 
«Deutschen Zeitung», der auch iiber die zwei ersten Bande 
von Goethes Dramen der «Deutschen National- Literatur» 
handelt. Zu meinem Leidwesen hat man mir in der Redak- 



tion einen Passus weggelassen, in dem ich iiber die «Natio- 
nal-Literatur» im allgemeinen sprach. 

Mit vorziiglicher Hochachtung 
Ihr dankschuldiger 

Rudolf Steiner 

76. AN JOSEPH KURSCHNER 

Brunn am Gebirge, 30. Marz 1885 

Euer Hochwohlgeboren! 
Hochverehrter Herr Professor! 

Hiermit erlaube ich mir, zwei in jungster Zeit erschienene 
Hinweisungen auf «Goethes naturwissenschaftliche Schrif- 
ten»* Euer Hochwohlgeboren zu iibersenden. Die Verfasser 
derselben sind mir unbekannt. 

Mit vorziiglicher Hochachtung 
Rudolf Steiner 

* Literarisches Zentralblatt Nr. 10, S. 316; 
Mxinchner Allg. Zeitung, Nr. 82, S. 1203. 



77. AUS EINEM BRIEF AN MORIZ ZITTER 

[WienJ 1 6./ 1 7. April 1885 

. . . Nun mochte ich Ihnen in bezug auf etwas anderes 
einiges mitteilen. Sie wissen und scheinen es oft bedauert zu 
haben, daft ich mich gegeniiber der neudeutschen - oder 
sagen wir, der gegenwartigen deutschen Poesie ablehnend 
verhalten habe. Sie wissen auch, dafi ich mich durch nichts 
in dieser meiner Auffassung habe beirren lassen. Dafi diese 
Ansicht auch die Schroers ist, wissen Sie ebenfalls, und ich 
glaube mich erinnern zu konnen, dafi Sie sich einmal beson- 
ders argerten, als Ihnen derselbe gewift mit vollem Recht 



sagte: Die neueren Dichter erinnern iiberhaupt an nichts. 
Dies ist auch heute noch meine Ansicht, bis auf die Werke 
eines Ihnen vielleicht noch unbekannten Genies, iiber das 
ich Ihnen Naheres hier sagen will. Mit einer gewissen Re- 
serve mochte ich schon heute sagen: Diese Dichtungen sind 
der Form nach vielleicht nicht ganz, dem Inhalte nach gewifi 
aber ganz einigen der grdlken Schopfungen Schillers und 
Goethes an die Seite zu setzen. Diese ja erst vor kurzem 
erschienenen Sachen atmen einmal wieder wahre Poesie, 
sind voll dichterisch gestaltender Kraft . . . 



78. AN JOSEPH KURSCHNER 

Brunn am Gebirge, 15. Mai 1885 
Hochverehrter Herr Professor! 

Auf Ihren freundlichen Brief erlaube ich mir hiermit zu 
erwidern, dafi ich zunachst sehr erfreut bin iiber die Tatsa- 
che, dafi schon jetzt eine neue Ausgabe des kleinen Lexikons 
notwendig ist und dafi ich mit Vergniigen bereit bin, meinen 
Teil in der von Ihnen, hochverehrter Herr Professor, ange- 
gebenen Weise wieder zu besorgen. Ich bitte Sie deshalb 
recht sehr, mir, sobald als es angeht, die in Ihrem Briefe 
erwahnten Zettel zu senden, und Sie konnen liberzeugt sein, 
dafi ich alle Sorgfalt verwenden werde, die notig ist. Im be- 
sonderen mache ich den Vorschlag, die kleinen Abbildungen 
um eine zu vermehren, die den Artikel «Geologische Perio- 
den» erlautern soli und die ich Ihnen mit meinem Manu- 
skript zugleich einsenden werde. Sollten Sie, hochverehrter 
Herr Professor, noch in der Lage sein, mir die franz. und 
engl. Ubersetzung meines Teiles zu iibertragen, so konnte 
und wollte ich dieselbe ganz wohl ubernehmen. 

Mich Ihrem ferneren Wohlwollen bestens empfehlend 



Rudolf Steiner 



79- JOSEPH KURSCHNER AN RUDOLF STEINER 



Stuttgart, 23. Mai 1885 

Sehr geehrter Herr! 

Besten Dank fur Ihre giitige Zusage, die Bearbeitung der Neu- 
auflage \ibernehmen zu wollen. Sie empfangen in der Anlage eine 
Partie Artikel, denen in kurzen Zwischenraumen weitere folgen 
werden, und bitte ich um moglichst schleunige Erledigung. Uber 
die zu beachtenden Grundsatze geben die anliegenden Bemerkun- 
gen nahere Auskunft. Es scheint mir iibrigens ratsam, bei den Mi- 
neralen etc. die verschiedenen Formeln wegzulassen, welche ja 
doch dem Leser mehr oder minder unverstandlich bleiben. Dage- 
gen scheint es mir geboten, namentlich darauf Riicksicht zu neh- 
men, daft die Bezeichnung, was Minerale und was Kristalle sind, 
streng geschieden werden. Ich furchte, daft durch die Anwendung 
des Zeichens viele Fehler sich eingeschlichen haben. Wollen Sie die 
Giite haben, mir die Ubersetzung gleich beizufiigen, so werde ich 
Ihnen zu besonderem Danke verpflichtet sein. Uber die Abkiir- 
zungen behalte ich mir eine besondere Mitteilung vor. 

Mit vorzuglicher Hochachtung 
Ihr ergebenster 

Kiirschner 

80. AN JOSEPH KURSCHNER 

Brunn am Gebirge, 30. Juni 1885 

Euer Hochwohlgeboren! 
Hochverehrter Herr Professor! 

In Ihren geehrten Zeilen, die Sie, hochverehrter Herr Pro- 
fessor, der Sendung der ersten Serie von Artikeln des kleinen 
Lexikons anschlossen, behielten Sie sich ausdriicklich vor, 
mir noch einige Mitteilungen in bezug auf Abkiirzungen zu 
machen, durch die sich in der 1 . Auflage eine Undeutlichkeit 
eingeschlichen haben soil. Diese Mitteilung habe ich noch 
nicht erhalten. Ich sende nun demungeachtet die erste Serie 
ab und glaube, daft Verwechslungen nicht vorkommen 



konnen, denn ich habe jedes Mineral mit OJ) bezeichnet und 

wenn es kristallisiert, dies ausdriicklicb mit «krist.» hinzu 

bemerkt. Das Folgende sowie die Ubersetzungen sende ich 

unverziiglich nach. «. , TT , , 

6 Mit vorzuglicner Hocnacntung 

Rudolf Steiner 



8l. AN JOSEPH KURSCHNER 

Brunn am Gebirge, 4. Juli 1885 

Euer Hochwohlgeboren! 
Hochgeehrter Herr Professor! 

Anbei die Fortsetzung der Artikel. Ich hoffe, daft die zahl- 
reichen Anderungen, die ich vorgenommen habe, der Sache 
zum Vorteil gereichen. Das weitere folgt unverziiglich nach. 

Mich Ihrem fernern geneigten Wohlwollen empfehlend 

Rudolf Steiner 



82. JOSEPH KURSCHNER AN RUDOLF STEINER [Postkarte] 

Stuttgart, 24. Juli 1885 

Sehr geehrter Herr! 

Da nunmehr schon der weitaus grofite Teil der Bearbeitungen 
der franz. u. engl. Ausgabe des kl. Lexikons eingeliefert sind, und 
fortlaufend an dem Ordnen des ganzen Alphabets gearbeitet wird, 
sehe ich mich gezwungen, auch Sie nochmals zu bitten, doch ja die 
Ubersetzung recht sehr zu beschleunigen. Vor alien Dingen kame 
es mir darauf an, die engl. Ubersetzung zu erhalten, und bitte ich, 
mir zu senden, was f ertig ist und Fortsetzung und Schlufi moglichst 
umgehend folgen zu lassen. 

Mit vorziiglicher Hochachtung 
Ihr ergebenster 

Kurschner 



83. AN JOSEPH KURSCHNER 



Brunn am Gebirge, 4. August 1885 

Euer Hochwohlgeboren ! 
Hochverehrter Herr Professor! 

Hierdurch bitte ich vielmals um Entschuldigung, wenn 
ich diese Blatter erst heute sende. Ihre freundliche Karte traf 
mich nicht zu Hause und so hat sich das zu meinem aufrich- 
tigen Bedauern wieder verzogert. Zu folgenden Buchstaben 
mufi ich nur noch das Register machen und sende sie unver- 
ziiglich nach. Ich geben Ihnen die Versicherung, daft alles 
jetzt in wenigen Tagen in Ihren Handen ist und bitte noch- 
mals um Entschuldigung we gen meines Zogerns. 

Mich dem f ernern Wohlwollen Euer Hochwohlgeboren 

bestens empfehlend 

Rudolf Steiner 



84. JOSEPH KURSCHNER AN RUDOLF STEINER [Postkarte] 

Stuttgart, 6. August 1885 

Verehrter Herr! 

Mit verbindlichstem Dank bestatige ich den Empfang des ersten 
Teils der Artikel resp. Ubersetzungen und bin sehr erfreut zu ho- 
ren, demnachst den Schlufi zu erhalten. Ich lasse Ihnen Manu- 
skriptpapier hier folgen (Kreuzband) und bemerke noch, dafi ich 
hauptsachlich zuerst auf das Englische reflektiere. 

In vorzuglicher Hochachtung 
Ihr ergebenster 

Kiirschner 



85. JOSEPH KURSCHNER AN RUDOLF STEINER [Postkarte] 

Stuttgart, 11. August 1885 

Verehrter Herr! 

Konnte ich nicht bald wieder eine Partie Ubersetzungen haben? 
Die Sache ist hocbst eilig. Nehmen Sie bitte nur immer zuerst das 
Englische, das mir vor allem wichtig ist, dann erst franzosisch. 

In vorziiglicher Hochachtung 
Ihr ergebenster 

Kiirschner 

86. an Joseph kurschner [Postkarte] 

Voslau, 17. August 1885 

Hochverehrter Herr Professor! 

Hierdurch erlaube ich mir anzuzeigen, da$ ich das Ge- 
wiinschte fiir das Lexikon noch heute abgehen lasse. 

In vorziiglicher Hochachtung 
Rudolf Steiner 

87. AN JOSEPH KURSCHNER 

[ohne Tages- und Monatsdatum] 1885 
Hochverehrter Herr Professor! 

Beifolgend die Fortsetzung der Artikel fiir das Lexikon 
mit den besten Empfehlungen. Das Folgende und die Uber- 
setzungen in kiirzester Zeit. 

Ihrem ferneren Wohlwollen mich empf ehlend 
in aufrichtiger Hochschatzung 

Rudolf Steiner 



88. AN JOSEPH KURSCHNER 



Brunn am Gebirge, 13. Oktober 1885 

Euer Hochwohlgeboren! 
Hochverehrter Herr Professor! 

In der Anlage eriaube ich mir, die letzte Nummer (i6u. 
17) der «Osterreichischen Literaturzeitung>> zu iibersenden. 
Sie enthalt eine ausfuhrlichere Besprechung der «Naturwis- 
senschaftlichen Schriften Goethes» (S. 17). Ich werde die 
wichtigeren Stellen durch einen Strich am Rande hervorhe- 
ben. Was der Rezensent in bezug auf die Anordnung und 
das «formale Prinzip in Goethes wissenschafdichen Schrif- 
ten» vorbringt, wird von mir in einer Entgegnung richtig- 
gestellt werden. 

Indem ich wegen vieler Versaumnisse, die ich in letzter 

Zeit Ihnen [gegeniiber], hochverehrter Herr Professor, be- 

gangen [habe], vielmals um Entschuldigung bitte, bin ich 

in vorzuglicher Hochachtung T1 , 

Ihr ergebenster 

Rudolf Steiner 

88a. Siehe Nachtrag auf Seite 241. 



89. JOSEPH KURSCHNER AN RUDOLF STEINER [Postkarte] 

Stuttgart, 11. Dezember 1885 

Sehr geehrter Herr! 

Hier durch eriaube ich mir, Ihnen mitzuteilen, dafi ich jetzt auf 

das dringendste des Schlusses der Artikel der Mineralogie bedarf, 

namentlich fur Englisch, da sonst die Arbeit hier ins Stocken gerat. 

Ich bitte also, mich moglichst umgehend in den Besitz derselben zu 

setzen. T ^ i* 1 j 1 j 

lm voraus herzlich dankend 

Ihr hochachtungsvollst ergebener 
Kiirschner 



90. an Joseph kurschner [Postkarte] 

Brunn am Gebirge, 15. Dezember 1885 

Euer Hochwohlgeboren! 
Hochverehrter Herr Professor! 

Hierdurch erlaube ich mir anzuzeigen, daft ich Ihrer 
freundlichen Karte zufolge sogleich den gewiinschten 
Schluft der Artikel absenden werde, so daft dieselben jeden- 
falls binnen 24 Stunden in Ihren Handen sein werden. In- 
deral ich hoffe, Sie durch meine Verspatung nicht im regel- 
rechten Gange des Druckes aufzuhalten, 

mit vorziiglicher Hochachtung 

Rudolf Steiner 



91. JOSEPH KURSCHNER AN RUDOLF STEINER 

Stuttgart, 27. Januar 1886 

Hochgeehrter Herr! 

Von der National-Literatur, an der auch Sie die Gute hatten sich 
zu beteiligen, sind bereits gegen 70 Bande erschienen und gegen 10 
weitere im Druck. Es 1st fur mich jetzt unter alien Umstanden 
notwendig, daft ich wegen der iibrigen Bande genaue Dispositionen 
treffe, einerseits wegen der Drucklegung, andererseits aber auch 
wegen der Herstellung eines endgiiltigen Verzeichnisses, dessen 
Herausgabe ich so friih wie moglich veranlassen mochte. Ich bitte 
Sie deshalb in der herzlichsten Weise, mir recht bald Aufschluft zu 
geben, bis wann ich nunmehr definitiv auf die Einsendung Ihres 
Manuskripts rechnen kann und hoffe ich, daft dies in nicht zu 
ferner Zeit geschieht. Gleichzeitig mochte ich Sie auch gebeten 
haben, mir nun womoglich eine definitive Inhaltsangabe der von 
Ihnen ubernommenen Bande, wenigstens soweit dieselben von 
dem zwischen uns urspriinglich besprochenen Programm abwei- 
chen, zu machen, eben zum Zweck jenes Gesamtverzeichnisses. 

In der Hoffnung, recht bald von Ihnen zu horen, 

in vollkommener Hochachtung 
Ihr ergebenster 

Kurschner 



92. JOSEPH KURSCHNER AN RUDOLF STEINER 



Stuttgart, 12. Februar 1886 

Sehr geehrter Herr! 

Soeben empfange ich beifolgenden, mich etwas komisch anmu- 
tenden Brief eines Mannes, der mir nicht bekannt ist. Ich habe ihm 
mitgeteilt, wie grofle Anerkennung Ihre Einleitung gefunden habe 
und wie sehr ich dieselbe anerkenne. Es scheint mir aber doch 
notwendig, daft Sie von der Sache Notiz nehmen, um gegebenen- 
falls gewappnet zu sein. Ich bitte aber um gefallige Rucksendung 

In vorziiglicher Hochachtung 
Ihr ergebenster 

Kiirschner 



93. AN JOSEPH KURSCHNER 

Brunn am Gebirge, Marz 1886 
Hochgeehrter Herr Professor! 

Herzlichsten Dank fur die Ubersendung des Bergschen 
Briefes, den ich hiermit wieder zurucksende, sowie fur Ihre 
beigeschlossenen so freundlichen Zeilen. Wenn Berg sagt, 
daft ich Goethe Gewalt antue, so kann ich mich darauf beru- 
fen, daft selbst diejenigen, welche nicht, wie ich, den Stand- 
punkt Goethes in der Naturwissenschaft recbtfertigen, mir 
doch das Eine nickhaltlos zugestehen, dafi ich die Anschau- 
ungen Goethes vollstandig im Sinne des letztern wieder- 
gebe. Daft aber gerade von meiner Interpretation viele iiber- 
rascht sind, wundert mich nicht. Man war eben von jeher 
gewohnt, ganz anders iiber diese Seite Goetheschen Schaf- 
fens zu denken; man beschaftigte sich nie eigentlich in dem 
Sinne mit den hierher gehorigen Schriften, als wenn sie, wie 
Goethes andere Werke, eine geistige Macht waren, mit der 
im besten Sinne gerechnet werden muft, wenn es sich um 
einschlagige - hier wissenschaftliche - Fragen handelt. Als 
Beweis hierfur erlaube ich mir Ihnen, hochverehrter Herr 



Professor, eine Stelle aus einem Brief Eduard v. Hartmanns 
an mich im Vertrauen mitzuteilen. Derselbe sagt, dafi er 
Goethes naturwissenschaftliche Schriften eigentlich nur aus 
meiner Einleitung und Ausgabe kenne. Wenn nun Ed. von 
Hartmann, dem gewifi niemand Einseitigkeit vorwerfen 
wird — was hat er nicht gelesen! -, so spricht, so geht daraus 
hervor, dafi es selbst Manner mit dem entschiedensten Be- 
durfnisse, alle Seiten des geistigen Lebens kennenzulernen, 
bisher nicht fur notwendig hielten, sich mit Goethe dem 
Naturforscher ernstlich zu beschaftigen. Wie nun aber 
Hartmann uber die Gewalt denkt, die ich Goethe antue, 
geht aus folgender Stelle von ihm hervor, die ich mir erlaube 
wortlich anzufuhren: «Ich bringe Ihrem Unternehmen die 
vollste Sympathie entgegen und glaube, daft Sie durch Ihre 
Arbeit die Beurteilung Goethes als Naturphilosophen 
wesentlich fordern werden. Haeckel gegemiber sind Sie 
vollstandig im Recht, der Goethe ebenso mifiverstanden hat 
wie Kant; ebenso stehe ich auf Ihrer Seite denjenigen gegen- 
uber, die Goethe als Idealisten im pl
…[truncated]