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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
SCHRIFTEN
VEROFFENTLICHUNGEN AUS DEM NACHLASS
Rudolf Steiner, Wien 1889
RUDOLF STEINER
BRIEFE
BAND I
1881-1890
1985
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Herausgegeben von der Rudolf-Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgten Edwin Frobose und Paul G. Bellmann
1. Auflage «Briefe 1 1881-1 891 »
mit Vortrag Berlin, 3. Februar 1913 und «Credo»
Dornach 1948
2. Auflage Dornach 1955
3., veranderte und erweiterte Auflage
«Briefe 1 1881-1 890»
Gesamtausgabe Dornach 1985
Bibliographie-Nr. 38
Zeichen auf dem Schutzumschlag von Rudolf Steiner
Alle Rechte bei Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1985 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Konkordia Druck GmbH, Buhl
ISBN 3-7274-0380-2
INHALT
Vorbemerkungen der Herausgeber 9
Geleitwort von Marie Steiner zur 1 . Auflage des
ersten Bandes der Briefe 1948 12
Brief e Nr. 1-252 13
Nachtrag zu den Brief en 238
Erganzung: Fiinf in den Brief en genannte Artikel
fur «Pierers Konversations-Lexikon» 243
Hinweise 277
Verzeichnis der Briefe 327
Alphabetisches Verzeichnis der Briefempfanger . . 335
Verzeichnis der in den Briefen erwahnten Personen . 336
Chronologische Ubersicht iiber die Wiener Zeit . . 340
Ubersicht
iiber die Herausgabetatigkeit Rudolf Steiners . . 341
Handschriftenwiedergaben . 77, 138, 169, 199, nach 204
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 343
VORBEMERKUNGEN DER HERAUSGEBER
Von den vielen Briefen, die Rudolf Steiner im Laufe seines Le-
bens geschrieben hat, sind die meisten an seine literarische Erbin
Marie Steiner-von Sivers und deren Nachfolgerin, die Rudolf
Steiner-Nachlafiverwaltung, zuruckgekommen. Einzelne, von
denen man weifi, dafi sie geschrieben wurden, miissen als verlo-
ren gelten. Zu hoffen bleibt, dafi hie und da vielleicht der eine
oder andere Brief doch noch auftaucht. Alle erhalten gebliebe-
nen sind in die Gesamtausgabe wie folgt eingegliedert:
Briefe der Wiener Zeit (1881-1890) = «Briefe I», GA BibL-
Nr. 38;
Briefe der Weimarer, Berliner und Dornacher Zeit (1890-
1925) = «Briefe GA Bibl.-Nr. 39;
der Briefwechsel mit Marie Steiner-von Sivers (1901-1925),
GA Bibl.-Nr. 262;
Briefe an Mitglieder der Deutschen Sektion der Theosophi-
schen Gesellschaft und an Mitglieder der Anthroposophi-
schen Gesellschaft (1902-1925), vorgesehen fur GA Bibl.-
Nr. 263;
Briefe an personliche Schiiler in «Zur Geschichte und aus den
Inhalten der ersten Abteilung der Esoterischen Schule
i904-i9i4», GA Bibl.-Nr. 264.
Da die Briefe Rudolf Steiners auch wesentliche biographische
Aussagen enthalten, bilden sie eine wertvolle Erganzung zu sei-
ner unvollendet gebliebenen Autobiographic «Mein Lebens-
gang», dem autobiographischen Vortrag von 19 13, einem unda-
tierten Fragment und den sogenannten Barr-Dokumenten*. Die
* «Mein Lebensgang», Gesamtausgabe Bibl.-Nr. 28 ; « Autobiographischer Vor-
trag uber die Kindheits- und Jugendjahre bis zur Weimarer 2eit» (Berlin, 4.
Febr. 1913), wiederabgedruckt in «Beitrage zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe*
Nr. 83/84 (Ostern 1984) und fruher (in «Briefe I», 1948 und 1955) unter dem
Titel «Skizze eines Lebensabrisses (i86i-i893)» den Briefen vorangestellt; «Ru-
dolf Steiner iiber seine Kindheit. Ein autobiographisches Fragment*, faksimiliert
wiedergegeben in «Beitrage zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe» Nr. 49/50
(Ostern 1975); «Aufzeichnungen Rudolf Steiners, geschrieben fur Edouard
Schure in Barr im Elsafi, September I907», in «Rudolf Steiner/Marie Steiner-von
Sivers. Briefwechsel und Dokumente i9oi-i925», GA Bibl.-Nr. 262.
erste Ausgabe der Briefe («Briefe I» 1948 und 1955, «Briefe II»
1953) wurde von Edwin Frobose und Werner Teichert im Auf-
trage von Marie Steiner besorgt und stand im Zusammenhang
mit den «Ver6ffentlichungen aus dem Literarischen Friihwerk»
von Rudolf Steiner. Die vorliegende, zwei Bande umfassende
Ausgabe konnte durch neue Brieffunde wesentlich erweitert
werden.
Das Schwergewicht der Briefe des ersten Bandes liegt neben
den Briefen an Jugendfreunde und an Mitglieder der Familie
Specht vor allem in den Briefen an Prof. Kiirschner; diese erga-
ben sich aus dem Arbeitszusammenhang mit der Herausgabe
von Goethes «Naturwissenschaftlichen Schriften» in Kiirsch-
ners «Deutscher National- Literatur», sowie aus seinen lexi-
kalischen Arbeiten. Rudolf Steiner hat an drei lexikalischen Wer-
ken mitgearbeitet: Erstens an «Kurschners Taschen-Konversa-
tions-Lexikon» (1. Aufl. 1884, 7. Aufl. 1889; Ubersetzung ins
Englische und Franzosische), zweitens an «Kiirschners Quart-
Lexikon» (1888) und drittens an «Pierers Konversations-Lexi-
kon», 7. Aufl. (herausg. von J. Kiirschner), 1.-6. Bd., 1888-
1890. In diesen Lexika hat er die Artikel fur Mineralogie und
' Geologie, Bergbau und Hiittenkunde bearbeitet, fur den «Pie-
rer» aufterdem noch: Allgemeine Fragen der Naturwissenschaft.
In der Erganzung zum ersten Briefband sind fiinf fiir diese Sach-
gebiete ausgewahlte Artikel wiedergegeben. Diese zahlreichen
Artikel sollen spater gesamthaft veroffentlicht werden.
Der zweite Band bringt neben einer ganzen Reihe von Briefen
an Zeitgenossen Briefe an die Eltern und Geschwister, an den
Verlag Cotta, an Elisabeth Forster-Nietzsche, der Schwester
Friedrich Nietzsches, und an Anna Eunike, der spateren Anna
Steiner.
Um manche Aussagen oder Mitteilungen Rudolf Steiners bes-
ser verstehen zu konnen, wurden zahlreicher als in der friiheren
Ausgabe Briefe der Briefpartner herangezogen. Zur Erleichte-
rung der zeitlichen Einordnung seiner Herausgabe-Arbeiten
und der lexikalischen Arbeiten finden sich im ersten Band eine
Ubersichtstafel und eine Ubersicht der wichtigsten biographi-
schen Daten der Wiener Zeit. Einige bemerkenswerte Briefe
wurden faksimiliert zu dem jeweiligen Brieftext gestellt. Her-
vorzuheben ist noch das im ersten Band zwischen den Seiten 204
und 205 befindliche Zusatzblatt mit der fur die Leitung des
Goethe- und Schiller-Archivs geschriebenen autobiographi-
schen Notiz. Die Originalbriefe befinden sich bis auf wenige
Ausnahmen im Archiv der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung.
Auf die Wiedergabe von Bildern wurde in beiden Banden mit
je einer Ausnahme verzichtet. Wer solche sucht, findet sie in den
«Vier Bildbanden zu Rudolf Steiners Lebensgang» (Freiburg
1 97 1, Schaffhausen 1975 und 1980, vierter Band in Vorberei-
tung).
Fur freundliche Hilfe bei einigen schwierigen Recherchen sei
den Herren Konrad Donat, Bremen, und Dr. Kurt Eigl, Wien,
gedankt.
Du suchtest - den Menschen
Du suchtest ihn
In freier Ichgestaltung,
Indem du den Willen wandeltest
Zur schaffenden Denkkraft.
Du fandest - den Menschen
In der Gottheit der Welt.
Geleitwort von Marie Steiner
zum ersten Band der Briefe 1948
I. AN JOSEF KOCK
Am 13. Januar 1881
12 Uhr mitternachts
Lieber, getreuer Freund!
Es war die Nacht vom 10. auf den 11. Januar, in der ich
keinen Augenblick schlief . Ich hatte mich bis V2 1 Uhr mit-
ternachts mit einzelnen philosophischen Problemen be-
schaftigt, und da warf ich mich endlich auf mein Lager; mein
Bestreben war voriges Jahr, zu erforschen, ob es denn wahr
ware, was Schelling sagt: «Uns alien wohnt ein geheimes,
wunderbares Vermogen bei, uns aus dem Wechsel der Zeit
in unser innerstes, von allem, was von aufien hinzukam,
entkleidetes Selbst zuriickzuziehen und da unter der Form
der Unwandelbarkeit das Ewige in uns anzuschauen.» Ich
glaubte und glaube nun noch, jenes innerste Vermogen ganz
klar an mir entdeckt zu haben - geahnt habe ich es ja schon
langst — ; die ganze idealistische Philosophic steht nun in
einer wesentlich modifizierten Gestalt vor mir; was ist eine
schlaflose Nacht gegen solch einen Fund ! Und der Morgen
kam heran - ein eisig kalter .... da war ich denn schnell
reisefertig und stand zur Abfahrt bereit - an mich ein Brief
war da; dafi er von Dir war, entdeckte ich ja gar bald an der
Adresse. Ich war im Waggon, und bei einer erbarmlichen
Lampe las ich meine augenblicklichen Gefiihle zu
schildern, ist heute schon ganz unmoglich; ich war aufter
mir - ungeheuer bewegt; was war zu tun, urn beruhigt zu
werden offenbar nichts! Ich war den ganzen Tag
nicht derselbe des vorigen Tages - naturlich materialiter ge-
meint, nicht formaliter Des Abends beim Nachhausefah-
ren hatte es eine Frau zu bii£en; ich stieg in den Waggon -
d. h. mein Korper -. Um Dir zu zeigen, dafi so was auch
moglich ist, flechte ich hier eine kleine Anekdote ein: - Ein-
mal safi ich bis tief in die Nacht hinein bei Jean Paul; ich las
und las so fort - des vorigen Tages war dasselbe geschehen -,
doch was weiter war, das weifi ich nicht, denn ich hatte mich
weder ausgezogen noch schlafen gelegt, doch fand ich mich
des Morgens liegend im Bette, meine Biicher, Kleider etc. an
den gewohnten Orten -, offenbar war alles im Traume ge-
schehen, und da ich taglich auf ganz bestimmte Weise schla-
fen gehe, d. h. meine Biicher an einen bestimmten Ort lege,
meine Kleider desgleichen etc., etc., so war dieses mit
ebenderselben Genauigkeit jetzt im Traume geschehen -.
Nun so ging ich desselbigen Tages auch herum und zum
Bahnhof bis in den Wagen und setzte mich - nur zum Un-
gliick auf eine Uhr, die eine Frau dort liegen hatte und die
auf Scherben hin war. - Den Schaden hatte sie, nicht ich;
denn ich habe ihr nichts gezahlt; sie soil ihre Uhr anderswo-
hin legen. - Des Abends schrieb ich diese Zeilen, die auch
bei diesem Briefe liegen, nieder des anderen Tages einem
Freunde - ohne sonstige Andeutung -, als er um den Grund
meines Betrixbtseins frug, ins Stammbuch die Worte, die
sich an der Spitze des Beiliegenden befinden: Unergriindlich
tief usw. - Nun ist es schon zwei Tage. Nachdem ich nun
zwei Tage als Mensch die Sache betrachtet habe, ist es meine
Aufgabe, Deine Natur als Philosoph zu betrachten, und da,
sage ich Dir ganz offen, bist Du mir die unbegreiflichste der
Unbegreiflichkeiten. Kehre vor allem in Dein Innerstes ein
und betrachte es als Deine Pflicht, zu erforschen, ob Dein
Liebesverhaltnis ganz frei war von Selbstsucht - ganz bis
aufs Aufierste frei -, denn was Du da vom Verzichten als
einem unedlen Handeln sagst, das gestehe ich offen, daft
ich's nicht verstehe; noch weniger, warum es besser gewe-
sen, Du hattest nicht verzichtet. - War es ganz frei davon,
dann, guter Freund, brauchst Du weiter nichts, Du hast
genug, hast Cyane in Dein Herz aufgenommen; da lebt sie
drinnen fort, ihr Bild geniigt Dir und das kannst Du mit dem
Freunde sogar teilen; das ist echte Liebe, wo man mit dem
Bilde zufrieden ist und das Fleisch nicht braucht, ja es unter-
dnickt. Da gibt's kein Gramen, keinen Kummer. Sage das
auch dem Freunde! - Und nun, Freund, noch einen Rat:
Schlage Dir den Heine, den literarischen Gassenjungen, den
Vaterlandsverachter - den Empfindungsentsteller - ganz aus
dem Kopfe und lies Goethes «Faust» - da ist Nahrung fur
jeden denkenden und empfindenden Menschen, der noch
mehr erstrebt als das Zwei mal Zwei ist Vier der hausbacke-
nen Alltaglichkeit. Ich danke es Gott und einem guten Ge-
schicke, dafi ich hier in Wien einen Mann kennenlernte, der
- nach Goethe selbstverstandlich - sich als der beste Faust-
kenner ruhmen darf, einen Mann, den ich hochschatze und
verehre als Lehrer, als Gelehrten, als Dichter, als Menschen.
Es ist Karl Julius Schroer, der Sohn jenes Chr. Oser, der so
beruhmt in Deutschland, auch teilweise schon bei uns ist,
durch seine Dichtungen einerseits, seine «Weltgeschichte
fur T6chterschulen», «Briefe iiber die Hauptgegenstande
der Asthetik an eine Jungfrau» etc. etc. etc. Nimm den Na-
men - er ist ein Pseudonym - Chr. Oser und setze S nach O
voraus - ganz voraus - so hast Du SCHroer. - Nun da ich
doch schon wieder aus dem Geleise bin - K. J. Schroer war
es, der den zweiten Teil des «Faust» ins rechte Licht setzte.
Glaubte man doch, dieser sei nur ein schwaches Werk des
alten Goethe. - Lenau sagte: Goethe hatte den Gedanken
des Faust ganz verfehlt. Den Faust musse der Teufel holen.
Doch das ist nicht wahr. Das hat Goethe richtig gesehen.
Den Faust des sechzehnten Jahrhunderts, der sich nicht mit
der Bibel etc. etc. zufrieden gibt, den mull der Teufel holen,
das ist gewifi, doch den Faust des neunzehnten Jahrhun-
derts, den braucht und darf kein Teufel holen, denn «wer
immer strebend sich bemiiht, den konnen wir erlosen».
Nun, Freund, dieses Werk, sag* ich Euch, studieret; ich
sage es von Herzen, in tiefster innigster Uberzeugung, -
daraus trinket Mut des neuen Lebens zu neuer Kraft, zu
neuen Idealen, und mit dem Heinrich Heine schliefit ab und
lafit Euch durch ihn nicht um den Verstand bringen. Ich
kenne auch einiges Schone, was Heine geschrieben, doch
mir ist leid, dafi dieses von Heine geschrieben. Schaue Dir
dagegen den lieblichen edlen Miiller oder Riickert oder Uh-
land an, diese deutschen edlen Herzen -. Heine der Deut-
schen-Verachter hole sich Ruhm bei den Franzosen, viel-
leicht findet er dort Anklang, wo er, verlottert und verbuhlt,
frivole und ein edleres Gefuhl verletzende Lieder gesungen
hat. Dort mag er glauben machen 3 daft er neben einem Dich-
ter in Deutschland noch als ein Tribune angesehen wird; bei
uns ist er ein Straftenjunge, der manchmal auch witzige Ein-
falle hat. Verzeih, daft ich mit so harten Worten Deinen
Irrtum, den Du damit bezeigest, daft Du Heinrich Heine so
hoch hieltest, bespreche, - doch was wiirde es heiften, wenn
ich anders sagte, als ich denke, - ist das einer edeln Seele
einem Freunde gegeniiber wiirdig? Ich gestehe Dir of fen,
daft es meine f este Uberzeugung ist, daft, wenn Schiller noch
gelebt hatte, als Heines Lieder erklangen, er dieselben
ebenso beurteilt hatte. - Du hast doch auch Plato studiert! -
Und wahrscheinlich auch seinen «Staat»! Studiere ihn gele-
gentlich noch einmal; vielleicht bekommst Du andere An-
sichten. Was soil's mit der Wanderlust? Nur gerade direkt
herausgesagt! Nur kein Romanheld sein, der nicht weift,
was er will, weil der Dichter auch nicht gewuftt hat, was er
will...
[Der Rest des Briefes fehlt.]
2. AN JOSEF KOCK
Wien, 27. Julii88i
Lieber Freund !
Was Du verbrochen hast? Du wiirdest es ja wohl selbst
wissen, wenn Du etwas verbrochen hattest. Wenn Du aber
erst fragst, so weift t Du wahrscheinlich von nichts. Nun was
ist die Folge? Der Grund meines Nichtschreibens liegt auch
gar nicht darinnen. Er liegt vielmehr darinnen, daft ich gar
zu derlei Sachen nicht kommen kann. Kommst Du einmal
zu dem guten Schober, so kannst Du ihn fragen: wie wenig
ich zu sehen bin. Es ist dies sehr natiirlich. Ich bin durchaus
kein Mensch, der in den Tag hinein lebt, wie ein Tier in
Mensch engestalt, sondern ich verfolge ein ganz bestimmtes
Ziel, ein ideales Ziel, die Erkenntnis der Wahrheit. Nun
kann man diese aber keineswegs im Sprunge erhaschen, son-
dern es bedarf dazu gerade des allerredlichsten Strebens von
der Welt, eines Strebens, das frei von Selbstsucht, aber eben
auch frei von Resignation ist. Und Du weifit es wohl, dafi
auch Lessings Streben von der letzteren keineswegs frei war.
Die Hindernisse zur freien Vollkommenheit und zur echten
Weisheit sind so grofie, dafi man sich dieselben kaum vor-
stellen kann. Die Wissenschaften sind voll von Schndrke-
leien und Pedanterien, die einen gesunden Geist abstoften.
Denn, das weiftt Du ja wohl, daft Biicher nicht immer aus
Neigung geschrieben werden, um die Wahrheit zu erkennen
und zu verbreiten, und ich versichere Dich, wenn der leiseste
Zug von einem Nicht-nach-Wahrheit-Streben vorhanden
ist, dann ist alles Reden von derselben ein Kauderwelsch
und eine Narretei. Das Bose ist nur, dafi die sozialen Zu-
stande derart sind, dalS man sich die Schnorkeleien neben
dem Wahren auch aneignen mufi ; iibrigens verlangt's ja auch
das Pflichtgefuhl, denn man kann was nur dann beurteilen,
wenn man's kennt. Will man behaupten, dafi etwas stinkt,
so mufi man dazu gerochen haben.
Womit beschaftigst Dich denn Du jetzt? Ich bitte Dich,
quale Dich nicht mit unerreichbaren Idealen ab, sondern
strebe nach erreichbaren. Denn ich versichere Dich, es ist
bei dem Faseln von unerreichbaren Idealen immer etwas
kurioses Selbstgefalliges dabei. Ich strebe auch nach Idealen
- dieses Wort im edelsten Sinne verstanden -, aber wohl ge-
merkt, nach erreichbaren. Oben deutete ich es an. Fluche
Du auch nicht viel iiber die Menschen und sei nicht Pessi-
mist. Ich kann Dir nur sagen, dafi es oft ganz unbegnindet
ist, tiber die Bosheit der Menschen zu schelten, denn meist
ist es nicht Bosheit, durch was uns Leid bereitet wird, son-
dern reine Dummheit, und die konnen wir niemandem als
Schlechtes anrechnen.
Schreibe mir bald, und zwar mit der Adresse: k.k. Tech-
nische Hochschule, Wien.
Indessen sei gegriifk. Dein unveranderlicher
Rudolf Steiner
3. AN RUDOLF RONSPERGER
Oberlaa bei Wien, 27. Juli 1 8 8 1
Mein lieber Freund!
Ihren lieben Brief erhielt ich heute morgens. Da£ ich Ih-
nen den «letzten Ritter» nicht schon lange zuriickgab, daran
sind einzig und allein die peinlichen Ereignisse der letzten
Tage Schuld. Priifungen miissen einmal gemacht sein und
die beiden letzten erforderten bei mir heuer einige Tage
mehr als ich vorher ahnen konnte. Ich kann Sie nur versi-
chern, dafi es eine wahre Geistesdressur ist, ein bestimmtes
Quantum Formelgeschnorksel in einer Tour sich anzueig-
nen. Dies zog mich eben von allem ab. Es ist mir auch sehr
lieb, dafi Sie geneigt sind, das Buch mir iiber die Ferien zu
borgen und ich werde diese Ihre Giite entsprechend ausniit-
zen. Sie fragen nach den Prolegomena. Es tut mir leid, daft
Sie so lange nichts zu sehen bekommen, doch die Sache ist
eben gerade kein Kinderspiel. Sie entschuldigen mal meine
Aufrichtigkeit, doch ich mufi gestehen, dafi mir Ihre Worte,
ob ich mein System nicht gar fallen gelassen habe, tatsachlich
sonderbar vorkommen. Die Philosophic ist bei mir ein inne-
res Bediirfnis, ohne die mir das Leben ein leeres Nichts ist;
dies Bediirfnis zu befriedigen hat eben mein von Ihnen soge-
nanntes System. Dies Bediirfnis konnte doch wohl nur mit
dem Tode verschwinden. Von einem Fallenlassen kann also
doch - wie Sie es ja ohnedies nur tun - nur im Scherze
gesprochen werden. Der August wird mir hoffentlich die
notige Ruhe gewahren, einen grofien Teil meiner lieben
Freiheitsphilosophie zu Papier zu bringen. Ich werde nicht
ermangeln, Ihnen von den Fortschritten Mitteilung zu ma-
chen. Ich werde mich jeder weiteren Exkursion, alien Ver-
gniigungen zeitraubender Art entziehen und mich blofi die-
ser Arbeit widmen. Uber die Form bin ich ja auch nicht
mehr im geringsten im Zweifel; es wird ein schlichter Prosa-
stil; nicht Brief- und nicht Dialogform; ohne viel Paragra-
phenteilung, ohne die ublichen gelehrten Zitate und schul-
maftigen Schndrkeleien. Sehen Sie sich Schillers Aufsatz
«Uber naive und sentimentalische Dichtung» an und denken
Sie sich solche Aufsatze aneinandergereiht, so haben Sie die
Form der Freiheitsphilosophie, die auch schon durch ihre
Form ankundigen soil, dafi sie nicht zimmermannisch ausse-
hen will. Ganz ungezwungen geschriebene, die Liebe zur
Sache bekundende, aneinandergereihte Aufsatze zusam-
menhangenden Inhaltes lesen sich eben angenehmer als Bii-
cher, die nichts als ein auseinandergetriebenes Inhaltsver-
zeichnis sind. Die Systematik darf natiirlich dennoch nicht
fehlen; nur muE sie eben nicht im Sinne der «Formalasthe-
tik» den Leser fortwahrend belastigen. Ich wiirde mich
freuen, wenn es dahin kame, durch die Form den Inhalt so
nahe zu bringen, daft man philosophische Gedanken wie
einen unterhaltenden und lehrreichen Roman liest. Ich
glaube wohl, daft es moglich ist. Um was ich Sie beziiglich
der ganzen Sache nur bitten mochte, ist das, doch ja nicht -
auch nicht scherzweise - anzunehmen, dafi ich meine Philo-
sophic aus der Luft gegriffen habe und deshalb auch wieder
jeden Augenblick von mir werfen konne. Man kann dies mit
einem Werke tun, nicht aber mit einer Welt- und Lebensan-
schauung. Wo ich hinblicke, sehe ich nur neue Bestatigun-
gen meiner Ansichten und sie iiberzeugen mich von Tag zu
Tag mehr.
Ich bedauere, dafi Sie zu dem Abschreiben Ihres Suickes
nicht kommen konnen; ich wiirde mich herzlich freuen,
wenn ich, wenn wir uns zu meiner gewifi grofien Freude
wieder sehen, von dem Stiicke ebensoviel sehen konnte, als
Sie mal ganz gewifi von der «Freiheitslehre» werden zu se-
hen bekommen.
Dafi Sie Dr. Biichner lesen, erfreut mich gerade nicht sehr.
Sie scheinen mich auch beziiglich dieses reaktionaren und
forts chrittsfeindlichen Menschen total miftzuverstehen. Ich
habe doch nie behauptet, daft, was in dem Buche « Kraft und
Stoff » steht, etwa unwahr ware, doch es ist auch wahr, daft
zweimal zwei vier ist, ohne dafi jemand gerade die Albern-
heit besitzen wird, daruber ein dickes Buch zu schreiben.
Solch selbstverstandliche, triviale, abgeschmackte und auf
dem Tagesmarkt iiberall feile Wahrheiten werden eben dem
Leser hier kredenzt und es verlohnte sich wahrscheinlich
nicht der Miihe iiber solche Kleinlichkeiten, Beschrankthei-
ten irgendwelche Worte zu verlieren, wenn nicht diese Sorte
von Wissenschaftlern und in einer versteckten Art ultra-
montanen Finsterlinge anderen Schlages seichte Kopfe er-
zeugen wiirden, die fur hohere Wahrheiten dann ebenso
unempfanglich sind wie ein Kotzebuesches Publikum fur
ein klassisches Drama. Diese Finsterlinge untergeordneten
Ranges, diese Nicolais des neunzehnten Jahrhunderts mufi
man eben nur deshalb bekampfen, weil sie Ware feil bieten,
die nach dem Mittagstische oder im Kaffeehaus gleich den
Schriften Saphirs recht gut schmeckt - sie kostet ja eben
keinen Splitter geistiger Anstrengung und nicht das gering-
ste Talent und die Aufmerksamkeit fur alles Hohere
griindlich hinwegfegt. Darf ich Ihnen deshalb einen wohlge-
meinten, freundschaftlichen Rat geben, so rate ich: werfen
Sie dieses reaktionare, lichtfeindliche Buch keck in die Ecke.
- Als jungen Poeten wird es Ihnen nur Schaden bringen.
Was Sie bis jetzt gelesen, brauchen Sie nicht zu vergessen,
denn es ist aus diesem Buche eben nichts zu lernen. Sie wer-
den ja eben als Poet auch einmal in die Lage kommen gegen
derlei ruckschrittliche, undeutsche und moralisch tief ste-
hende Verirrungen zu kampfen. Also es ist alles wahr, was
da gesagt wird, aber aufierst selbstverstandlich, fade und
wohl albern sogar. -
Mehr und sogar ungemein erfreulich ist mir Ihre einge-
hende Beschaftigung mit dem mittlerweile auch mir - frei-
lich auch blofi in den letzteren Teilen - naher bekannt ge-
wordenen Gervinus. Die vorziigliche Charakteristik der
Hauptaufgaben unserer Zeit gereicht mir zur wirklichen Be-
friedigung. Die Wiirdigung Schillers ist zwar keine durch-
greifende, aber mit Liebe zur Sache geschrieben und von
einer gewissen moralischen Nahe getragen. Ich wei$ nicht,
ob Sie wissen, dafi ich Deinhardts «Uber Schillers astheti-
sche Briefe» gelesen habe. Wenn Sie sich diese Schrift einmal
ansehen konnen, so sehen Sie die Schrift, den Stil und den
moralischen Standpunkt eines wahren Philosophen. Ich
habe Duhrings dickes Buch «Kursus der Philosophie» eben
am Tische; auch zum grofieren Teile schon durchgelesen.
Ich habe mein Urteil iiber Diihring vollstandig abgeschlos-
sen. Seine Philosophic ist der argste Ausbund aller philoso-
phischen Riicklaufigkeiten. Seine Anschauungen sind
durchaus barbarisch und kulturfeindlich, zuweilen sogar
roh. Seine Schriften iiber die Juden und iiber Lessing sind
die strengsten Konsequenzen seiner beschrankten egoisti-
schen Philosophic Damit ist genug gesagt. Seine materielle
Lage ist zum Erbarmen. Er hat sich in der Jugend ein gewis-
ses Quantum des roheren Wissens angeeignet, welches er
nun in verschiedener Weise dem Publikum auftischt. Er
mufi aus Leibeskraften Biicher schreiben, denn dies ist sein
einziger Erwerb, er kann zu seinem Wissen nichts mehr
dazulernen, denn er hat wohl nicht die Mittel, wahrend die-
ser Zeit sich und seine Familie zu erhalten. Dazu kommen
die tatsachlichen Verfolgungen, die Schmahungen, die er er-
litten hat und noch erleidet; nun dies ist wohl erne traurige
Lage. Ich fur meine Person habe nun mit Diihring in der
Philosophic wohl abgeschlossen; die Zeit, die ich auf ihn
verwendet habe, ist wohl rein verloren. -
Sie schreiben auch iiber Talent und Genie. Sie wissen, ich
nehme an, dafi der menschliche Geist aus mehreren Teilen
besteht, aus Talent, Gedachtnis etc. und auch Genie. Dieses
letztere hat nun ein jeder wesentlich, doch die verschiedenen
Bestandteile des Geistes bei den verschiedenen Individuen
sind mehr oder weniger ausgebildet. Wo das Genie beson-
ders stark ausgebildet ist, dort nennt man den Menschen
eben bloft Genie; doch hat auch das bloft e Talent ein wenig
Genie, und wird zugegeben, daft dieses spezielle Anlage ist,
so stellt uns eine solche eben auch jedes gewohnliche Talent
dar. Die aufteren Einflusse sind ohne inneres Korrelat ein
leeres Nichts.
«War nicht das Auge sonnenhaft,
Wie konnten wir das Licht erblicken.
Lag nicht in uns des Gottes eigene Kraft,
Wie konnte uns Gottliches entziicken.»
Darum charakterisiert sich Goethes Anschauungsweise
weit besser als in dem von Ihnen angefuhrten Zitate.
So gerne ich auch weiterschreiben wiirde, mufi ich es doch
fur heute aufgeben, entschuldigen Sie das, lieber Freund; ich
fahre morgen nach Wiener Neustadt und es ist bereits spat
in der Nacht.
Ich bin erfreut von jeder von Ihnen an mich geschriebenen
Zeile, bescheren Sie mir diese Freude wieder bald und sind
Sie herzlich versichert, daft Ihre Zeilen aufnehmen wird wie
der edelste der Freunde :
Rudolf Steiner
4. AN RUDOLF RONSPERGER
Oberlaa, 3. August 1881
Mein lieber Freund !
Es machte mir eine ganz besondere Freude aus Ihrem
lieben Briefe zu ersehen, daft Sie an der Hand des urwuchsi-
gen Gervinus vorgedrungen sind zu einem der weltumspan-
nenden Gedanken unseres groften und lieben Schiller. Ich
wiirde nur wunschen, daft diese Bekanntschaft das Feuer
der hingebenden Liebe in Ihre Seele gieften mochte, damit
Sie sich in die Gedanken jenes Ideenheros selbst vertiefen.
Sie werden sehen, dajR alle jene Ideen, welche im alten Grie-
chenvolke lebten, im deutschen Volke neue Bliiten getrieben
haben und einem jeden, der sich zu diesen Ideen emporzu-
heben imstande ist, die hochst befriedigenden Worte in den
Mund legen: das Deutschtum ist eine Wiederholung des
Griechentums; und wenn dereinst der Deutschen Name ver-
klungen sein wird, wenn alle unsere Sanger «ruhen werden
im Sand», unsere Denker langst werden dahingegangen sein,
dann werden die jiingeren Generationen unsere Kultur, un-
sere Ideen einsaugen miissen, wenn sie nicht hinter ihren
Ahnen werden zurvickbleiben wollen.
Die Realisierung der von Ihnen angefiihrten Gedanken
Schillers, die Sie in Gervinus gefunden haben, liegt nicht
etwa einem Manne ob, sondern dem Staate. Jene Totalitat
im deutschen Volke herzustellen ist der Gedanke Gervinus'
ja gewesen bei Durchfuhrung seiner Schriften, aber auch
damals, als er mit Uhland, Arndt, Haupt, Lachmann, Dahl-
mann, Falk, Jakob und Wilhelm Grimm, Lappenberg,
Ranke etc. zu Frankfurt und Lubeck iiber polkische Streit-
fragen der Gegenwart verhandelte, wie auch da, als er in
Heidelberg mit Welcker, v. Gagern etc. etc. etc. iiber die
groftartigen Einheitsbestrebungen Deutschlands konferierte
und bei sehr vielen anderen Anlassen. Kurz, wenn Sie etwa
glauben wiirden, Gervinus erwartet von der schonen oder
philosophischen Literatur die Herstellung jener Totalitat,
so irren Sie; nach ihm ist dies ebensosehr Angelegenheit der
Parlamente wie der Volkserzieher.
Vieles ist ja iibrigens schon - freilich nicht bei uns - in
Erfiillung gegangen. Bezuglich der Weltanschauung mussen
wir die Sache vorlaufig doch auf sich beruhen lassen; wenn
Sie wieder ruhiger denken werden, so wird die Gelegenheit
weit giinstiger sein. Vorlaufig nehmen Sie nur folgendes Bild
hin. Ein Blinder und ein Sehender gehen zusammen in eine
Bildergalerie; wenn der zweite keine asthetische Begabung
hat, so werden beide ungefahr gleichbefriedigt heraus gehen;
hat er sie aber ja, so wird er ein kleines Universum gesehen
haben; - und um es doch deutlich herauszusagen: man findet
erst dann etwas in der Welt, wenn man darnach sucht. Dieses
Suchen beginnt aber nicht mit Beginn der Siebenziger, son-
dern mit der ersten Regung des Geistes sind Sie also
beziiglich des Reahtatskampfes nicht gar zu angstlich; - daft
Sie mir Ihren neuen Plan nicht mitteilten, tut mir recht leid;
ich nehme groften Anteil an Ihren Bestrebungen. Tun Sie es
also, darum bitte ich Sie sehr, bald.
Bei meinen Studien iiber Bauernphilosophie wurde ich
auf eine mir hochst interessante Tatsache aufmerksam. In
Miinchendorf bei Laxenburg lebte vor einigen Jahren ein
Schulmeister, Wurth mit Namen, welcher unter seinesglei-
chen gewifi einer der Strebsamsten war. Er war in vielen
Gebieten schriftstellerisch tatig und hat der wahren Wissen-
schaft manchen Dienst geleistet. Ich kann nun nicht umhin,
Ihrem Geschmacke ein paar Verse von ihm mitzuteilen, um
zu sehen, was Sie fur ein Urteil daruber fallen.
Auf den Tod seines Sohnleins dichtete er:
«Im Friedhof ist ein Hiigelein,
Das hab' ich innig lieb;
Wenn ich an dieses Hiig'lein denk',
Wird mir das Auge trub.
Das Auge triib und schwer das Herz,
Daft es mich fast erdriickt.
Es birgt ja dieses Hiigelein,
Was mich so sehr begliickt!
Es schlielk dies kleine teure Grab
Mein liebes Sohnlein ein.
Mein kleiner Ernst hegt darin,
Mein Kind, mein Engelein!»
Oder:
«Wie, wenn der Friihlingssonne gold'ner Strahl
In sanfter Warme auf die Erde fliefiet,
Mit mildem Hauche Wald und Fluren griifiet,
Die schonen Bliimlein sprieften ohne Zahl;
Und wie der Vogel Lied von Berg und Tal,
Vom Lenz geweckt, sich in das All ergiefiet
Und Quell und Bach vom Liebesmund gekiisset
Sanft murmelnd singen durch den Schopfungssaal.
So hat, o Heiligenkreuz, Du Edelstein!
Mein Herz zur Friihlingszeit sich aufgeschlossen.
In deiner Liebe mildem Sonnenschein.
Manch' Blumchen ist daraus hervorgesprossen
Und manches Lied, das schlief im tiefen Schrein,
Hat sich aus liebdurchwarmter Brust ergossen.»
Dies ist, glaube ich, fur einen Dorfschullehrer eine recht
anerkennenswerte Leistung. Denken Sie, was wohl dieser
Mann geleistet hatte, wenn ihn seine Ausbildung in den
Stand gesetzt hatte, die hochsten Ideen, die unsere klassische
Zeit bewegten, in sich aufzunehmen. Ich fuhrte dies nur an
ais eine interessante Kuriositat.
Ich sprach vom Studium der Bauernphilosophie. Dies
kann Sie vielleicht befremden; doch ich versichere Sie, nicht
alles, was der Bauer denkt, ist eine Frucht von Predigten
etc., sondern das Landvolk hat seine ureigenen Uberzeu-
gungen ethischer, theoretischer und sogar asthetischer Na-
tur, die gar viel Interess antes an sich haben. -
Zum Schlusse wiederhole ich jene Gluckwiinsche, die ich
beim Tore des Unterrichts-Ministeriums aus vollem Herzen
aussprach; ich freue mich iiber die erfolgte gunstige Erledi-
gung Ihres Gesuches ebensosehr wie Sie selber. Nochmals
vom ganzen Herzen: Gliick auf! - Was ich bald vergessen
hatte, ist, dafi mein lieber Freund Albert Loger den Prolog
von Ihnen verlegt hat; vielleicht waren Sie in der Lage, mir
ein paar Exemplare (2 oder 3) zukommen zu lassen. Jetzt
wird es wohl nicht moglich sein, doch es kann ja auch erst
im Oktober geschehen, wenn wir uns wieder treffen.
Ich mufi schliefien, denn ich bin heute schon ganz konfus;
entschuldigen Sie dies und antworten Sie recht bald Ihrem
stets unveranderlichen
Rudolf Steiner
NB. Ich bitte, beriicksichtigen Sie, wegen sonstiger Ver-
zogerungen in der Zustellung der Briefe an mich, die schon
das letzte Mai bemerkte Adresse:
Rudolf Steiner - Oberlaa bei Wien.
5. AN RUDOLF RONSPERGER
Oberlaa, 1 1 . August 1 8 8 1
Mein liebster Freund!
Gerne hatte ich, nachdem ich gestern morgens Ihren Brief
erhielt, alsogleich geantwortet, doch ich konnte nicht; den
Grund vermag ich nicht anzugeben. Dafi Ihr Urteil iiber die
beiden Gedichtchen des Schulmeisters so giinstig ausgefal-
len ist, erfreute mich ungeheuer. Sind wir in manchen Din-
gen auch entgegengesetzter Ansichten, hier stimmen wir
vollstandig uberein. Ich wiirde Ihnen gerne mehreres iiber
diesen Mann mitteilen, doch wiirde dies einerseits diesmal
zu grolken Weitlaufigkeiten fuhren, andrerseits wird es bes-
ser sein, wenn ich das tue, nachdem ich die Sammlung mei-
ner Daten iiber diese liebliche Erscheinung werde vermehrt
haben. Nur noch seine vortreffliche Definition der Poesie
will ich anfiihren:
«Poesie ist die Verkiinderin der unnennbaren Liebe Got-
tes. Sie ist ein natiirliches, sii£es, andachtiges und geheimnis-
volles Gebet und desjenigen Menschen Geist, welcher dieses
Gebet versteht, muft unwillkiirlich mitbeten, denn er wird
zu seinem Schopfer hingerissen.»
Hier sagt dieser Mann - denken Sie, ein Dorfschullehrer,
der sonst in der Regel aller hoheren Bildung bar ist — das-
selbe, was die grofiten Asthetiker in ihrer Art auch sagten.
Die Wahrheit dieser letzten Bemerkung getraue ich mir zu
beweisen.
Ebenso erfreuliche Erscheinungen sind mir nun auch Ihre
beiden Gedichtchen. Das zweke ist mir entschieden lieber
als das erste. Die durch eine tiefere Empfindung vertriebene
Gleichgiiltigkeit ist daran das echt Poetische. Ich glaube
schon einmal Ihnen gegeniiber gesagt zu haben, dafi Heine,
ware auch sonst manches Gute an ihm, schon deshalb wider-
lich ist, weil er den entgegengesetzten Weg einschlagt; eine
edlere Empfindung durch eine spottische Bemerkung ver-
unehrt. Ich halte dieses «Geigers Herzeleid» fiir das beste,
was ich bisher von Ihnen gesehen habe. Fahren Sie auf die-
sem Wege fort, so werden Sie gewifi manch schone Blute
uns zu schenken in der Lage sein. Meinen herzlichen Dank
fiir die Mitteilung dieses Gedichtchens. Was aber das erste
anbetrifft, «Herbsttraum», so vermisse ich sehr stark nach
der vierten « Strophe » irgend etwas, es ist fiir mich der Ge-
danke vollig unabgeschlossen. Die letzte Strophe dagegen
gehort nicht zum Ganzen; dadurch, dafi Sie den Traum zu
einer Wirklichkeit machen wollen, verderben Sie den ganzen
Eindruck und die Sache wird unnatiirlich.
Dafi die Wahl des Stoffes zu Ihrem neuen Trauerspiele
eine gliickliche ist, daran will ich gerade nicht zweifeln. Sie
sagen, dafi Sie in der deutschen Geschichte keinen geeigne-
ten Stoff fanden zu einem Trauerspiele. Dies ist mir ganz
erklarlich. Soli ich die Ursache in kurzem angeben, so
mochte ich sagen: bei den deutschen Helden ist wohl die
Katastrophe, aber in den meisten Fallen nicht die Schuld
vorhanden. Doch davon einmal mehr. M[acaulay]s «Mil-
ton» werde ich demnachst lesen.
Und nun zu einem anderen Kapitel. Ich bitte Sie, werfen
Sie - ich bitte Sie wirklich herzlich - den Biichner und dgl.
dummes Zeug von sich, vergessen Sie alles, was darinnen
steht; denn dies ist ja so alles erlogen. Ich staune mit jedem
Tage mehr, wie solches Geschwatz soviel Anklang finden
kann. Ich habe meinen guten Grund dazu, Ihnen solch einen
Rat zu geben. Denn ich versichere Sie, es krankt unsere
ganze Zeit daran, daft sie sich von der an sich widerspruchs-
losen Religion losgemacht, einer seichten Aufklarung und
Aufklarerei hingegeben und sich bis zu den wieder wider-
spruchslosen, Vernunft wie Herz vollig zufriedenstellenden
Lehren der Philosophic nicht aufschwingen kann. Die Reli-
gion wie die Philosophic sohnen gleicherweise mit der Welt
aus; die seichte Aufklarung ganz allein erzeugt Disharmo-
nien. Darum, ich bitte Sie nochmals, glauben Sie alles nicht,
was Buchner, Diihring und Konsorten behaupten; lesen Sie
andere populare philosophische Schriften, z. B. Fichtes Be-
stimmung des Menschen (Universal-Bibliothek), desselben
Reden an die deutsche Nation (ebd.). Sie werden, wenn Sie
das gelesen haben, den Grund, den ich hatte, Ihnen solches
anzuraten, vielleicht einsehen; jedoch ist derselbe ein ge-
wichtiger. Ohne mein Rechtsgefuhl wie Diihring auf Rache
zu griinden, mochte ich « Kraft und Stoff» insbesondere seit
gestern friih fur ein philosophisches Ketzerwerk erklaren
etc* • ft • ' 1 "
Ich bin iiberzeugt, daft, wenn Sie meinen wirklich aufrich-
tigen Rat befolgen, bald sagen werden: der Budapester Arzt
kann mich gerne haben. Jetzt einstweilen werden Sie sich
freilich die Moglichkeit davon nicht recht vorstellen kon-
nen. Ihr auf das letzte Blattchen geschriebener Einfall ist
recht gut und ich werde ihn jedenfalls ausfiihren; doch bitte
ich mir doch nur zu sagen, von welcher Gemiitsart Ihr Herr
Vaterist.
Mit dem freundschaftlichstherzlichen
Grufte wartet auf baldige Antwort
Ihr unveranderlicher
Rudolf Steiner
6. AN RUDOLF RONSPERGER
Oberlaa, 16. August 1881
Mein lieber Freund!
Ihr «Ausblick und Riickkehr» iiberrascht mich sonder-
bar. 1st das Ihr Ernst? Das kann ich nimmermehr glauben.
Ich gehe im Zimmer auf und ab und suche mein Entsetzen
zu bemeistern. Das ist ja die Poesie des krassesten Materia-
lismus. Von neuem wendet sich mein granzer Groll gegen
den letzteren. Mich beriihrt das Gedicht so unangenehm,
mir ist das Hineintraumen eines so dustern Pessimismus in
die jugendliche Herrlichkeit so zuwider, daft ich gar nicht
weiter iiber das Gedicht zu sprechen vermag. Erst jetzt fallt
mir ein, daft ich ein solches Urteil hatte vielleicht nicht aus-
sprechen sollen, doch ich kann ja annehmen, daft Ihnen bare
Miinze das liebste ist.
Das zweite Gedichtchen versohnt mich einigermaften,
nur fuhle ich darinnen zu viel des jungen Schiller; gebe Gott,
daft ich dereinst etwas dem spateren Ahnliches bei Ihnen
bewundern und mich daran freuen konnte. Beziiglich des
«Herbsttraumes» haben Sie mich miftverstanden. Ich tadle
ja nicht die Art und Weise, wie Sie die Unbefriedigtheit
ausdriicken; ich sage ja eben, daft es sicht nicht gebiihrt, in
solcher Lage eine Unbefriedigtheit auszudriicken. Sie fra-
gen: «soll er nicht die Unbefriedigtheit ausdriicken?» und
dazu sage ich: Nein.
Denken Sie nur, was wiirden wir denn sagen, wenn uns
Jules Verne alle Einrichtungen und Vorkehrungen ausfuhr-
lich beschriebe und dann, wenn es zur Abfahrt nach dem
Monde kame, sagte : es geht nicht. Ich fur meinen Teil wiirde
iiber J. Verne rasend werden. Und dann, warum sollte das
hochste Gluck jeder Beschreibung spotten. Man braucht die
bloften Tatsachen [nur] anzufuhren und die entsprechenden
Saiten werden in dem mittonenden Herzen des Mitmen-
schen erregt werden. Kann der Dichter so nicht auch den
tiefsten Schmerz darstellen? Denken Sie an Werther.
Und nun zu was anderem. Den eigentlichen Begriff und
das Wesen des Menschen macht aus: die Sehnsucht nach
dem Absoluten, Ewigen, Unsterblichen. Dieses zu beweisen
unternehmen ist ein Unsinn. Es verrat vielmehr das Stecken
in dem tiefsten Unsinn, daft man jemals darnach Beweise
verlangte. Dem Absoluten allein kommt die hochste Wirk-
lichkeit zu. Alles was nicht im Absoluten auf geht ist Schein,
Tauschung, Irrtum, «des Sterblichen Meinung», wie Parme-
nides sagte. Das Streben nach dem Absoluten, diese Sehn-
sucht des Menschen ist Freibeit. Jedes andere Ziel bringt
Irrtum, Tauschung, Schein hervor und verdankt nicht der
Freiheit, sondern der Willkur den Ursprung. Solche willkiir-
lichen Ziele sind: die Natur, das Ich, die Materie usw. Der
Schein mufi zerstort, der Schleier gehoben werden, und die
Wahrheit, die Gottheit steht vor uns; die Welt steht im
neuen Lichte vor uns. Wie toricht waren wir, da wir das
nicht erkannten. Mit der Willkur streifen wir auch alle uns
noch anhaftenden Zuge der seichten Weltanschauung ab;
wir erkennen, daft wir uns miftverstanden haben. Wir verste-
hen uns jetzt erst, wir verstehen Religion, Kunst und Philo-
sophic in ihrem Zusammenhange. Wir streifen die gewohn-
lichen landlaufigen Anschauungen von Ewigkeit, Unend-
lichkeit ab und ein ganz neues Gebaude steht vor uns. Es
geht uns der Sinn fur eine Unendlichkeit auf, von der wir
keine Ahnung hatten, ja nicht haben konnten. -
Dies sind alles keine Metaphern, sondern der hochste
Ernst. - Das Fatale bei dem Niederschreiben der hochsten
Wahrheiten ist nur das, daft man sich der gewohnlichen
Sprache bedienen muft und in dieser die Worte meist Zei-
chen fiir sinnliche Gegenstande sind, die Leute aber dann
nur immer an das nachste denken, und von dem, was man
sagen will, keine Ahnung bekommen. Manche kommen gar
mit den Trivialitaten der Logik, ohne zu wissen, daft man
mit diesem abgeschmackten und faden Formalismus alles
mbgliche beweisen kann. Und nun weiter. Nennen wir die-
ses Erkennen der hochsten Wahrheiten: das Zusammenge-
hen des Menschen mit dem Absoluten, so finden wir, daft in
diesem Zusammengehen seine hochste Freiheit erbliiht. Er
findet sich in einem Punkte des Universums und nun hat er
seinen Standpunkt - jetzt kommt, was wir im Winter schon
einmal besprachen -, von da aus iiberblickt er die Welt. Er
beurteilt sie, beurteilt sich und ist zufrieden mit sicb y der
Welt und allem. In der hochsten Freiheit manifestiert sich
das hochste Gliick, die vollste Zufriedenheit. Der Mensch
hat seine Bestimmung erkannt; er ist mit allem versdhnt.
Halten Sie das nicht fur Schwarmerei und Irrtum, sondern
fur einen matten Abdruck von wirklichen Wahrheiten. Be-
ziiglich der Seltsamkeit mache ich Sie aufmerksam, daft man
gerade im 19. Jahrhundert nicht beim grofien Haufen die
Wahrheit finden kann. Sie wissen ja, urn was gewohnlich
gedacht wird, und es ist weiser Weise eine Notwendigkeit,
daft nur der die Wahrheit finden kann, der nicht um Brot,
«Apfel» denkt, sondern um der Wahrheit willen. Dies ist
nicht Fatalismus, sondern eine ebenso schone wie durchaus
begreifliche Gerechtigkeit.
Fur heute miissen Sie wohl entschuldigen, daft ich einen
weiteren Bericht iiber den Dorfschullehrer nicht anschlie-
ften kann. Ich werde sehr bald diese angenehme Pflicht erful-
len. Ich hoffe baldigst nach Miinchendorf, Trumau etc. zu
kommen, wo ich manches erfahren werde.
Vorlaufig nur einige von seinen Sinngedichtchen:
An einer dufVgen Wiese
Da stand ein Hirtenknab'.
Er freute sich der Blumen,
Der schonen Gottesgab'.
Am andern End' ein Ochs stand,
Der fraft die Blumen ab;
Auch er hatt' seine Freude
An dieser Gottesgab'.
Der Friichte dreierlei vom Baume fallen:
Die einen angefressen von dem Wurme,
Die andern abgerissen von dem Sturme,
Die dritten endlich fallen reif von Allen.
Die Friichte treu der Menschen Schicksal zeigen:
Der Eine fallt zernagt vom Herzens wurme,
Geknickt der And're von des Ungliicks Sturme,
Der Dritte reif von Lebensbaumes Zweigen!
Es schrieen so viele nach Freiheit!
Man wollte sie erretten.
Doch als sie Freiheit hatten,
Schlugen andere sie in Ketten.
Ich schreibe so morgen abends wieder, dann die Fortset-
zung von dem.
Beziiglich Ihrer Angelegenheit glaube ich folgendes: Es
ist mir unbegreiflich, auf welche Weise Sie zuerst Ihrem Va-
ter so was beibringen konnten; iiberhaupt sind da manche
Schwierigkeiten, ich ixberlege mir die Sache morgen noch
reiflich und sollte [es] das Beste sein, Ihrem ersten Willen zu
folgen, so tue ich es und berichte Sie sofort morgen abends.
Sind Sie iiberzeugt, daft ich den besten Willen zur Sache
habe und von diesem durchdrungen handeln werde.
Vorlaufig sind Sie der stets
unveranderlichen Hinneigung
versichert Ihres
Rudolf Steiner
J. AN RUDOLF RONSPERGER
Oberlaa, 18. August 1881
Mein Heber Freund!
Nun ist die Sache eine vollendete Tatsache. Ich habe ge-
stern den Brief mit nachfolgenden Begleitworten abge-
schickt. Ich habe dafiir mehrere Griinde. 1. Wiirden Sie
wohl noch lange gezaudert haben, bis Sie endlich herausge-
riickt waren. 2. Ist der Brief an mich in einer Weise geschrie-
ben, dafi er wert ist, an Ihren Herrn Vater zu kommen.
Solche Worte sind in dieser Sache durchaus notwendig, und
ich glaube nicht, daft in derselben Weise, wie Sie mir schrei-
ben, Sie auch zu Ihren Angehorigen sprechen wiirden.
Meine Begleitworte sind: Hochgeehrter Herr! Es war im
Winter dieses Jahres, als ich mit Ihrem lieben und mir seither
unendlich teuer gewordenen Sohne bekannt wurde. Bei der
Art und Weise meiner Bildung konnte mir die tiefere Anlage
und die hoffnungerregende Begabung desselben nicht ver-
borgen bleiben. Das edle Streben, welches in ihm liegt, die
Weise seines Empfindens sind Dinge, die man heute suchen
mufi. Mit meinen Ideen war er nie recht einverstanden, wir
mufiten viel streiten; doch im Streit entwickelt sich der ho-
here Einklang und er wurde mir zum teuren Freunde. Ich
freute mich, wenn er sich freute, mit und wunschte ihm
daher vom ganzen Herzen Gliick, als er mir schrieb, daft
sein Ansuchen wegen Aufnahme an die Universitat giinstig
erledigt worden war. Da schrieb er mir dann als Antwort
den beiliegenden Brief, der von dem ausfuhrlicher spricht,
wovon er mir nur einmal im Gesprache eine fluchtige An-
deutung machte. Der Inhalt des Briefes ware eine zu grofie
Last fur mich, wenn ich denken sollte; sein Herr Vater weift
davon nichts. Dies enthalt die Rechtfertigung, warum ich
Ihnen, hochgeehrter Herr, den Brief ubersende. Nehmen
Sie das als Entschuldigungsgrund dafiir hin, daft ein vollig
Unbekannter Ihnen schreibt. Ich tue damit nur das, was Ihr
Sohn schon lange getan hatte, wenn er's iibers Herz gebracht
hatte. Er weifi wohl nichts davon, daft ich's tue, doch bin ich
iiberzeugt, daft er mir's nicht ungut aufnimmt, sondern,
wenn er's erfahren sollte, damit vollstandig einverstanden
sein wird. Die Sache beginnt von der Stelle an, wo ich das
Zeichen # gemacht habe. Indem ich nochmals um Entschul-
digung bitte, verbleibe ich in tiefster Hochachtung etc. -
Moge die Sache Ihnen ebensowenig miftliche Umstande
herbeifuhren, als sie von mir nicht voreilig ausgefuhrt
wurde.
Schreiben Sie mir, ich bitte Sie, baldigst, welchen Ein-
druck die Sache auf Sie macht, ob Sie damit zufrieden sind.
Die Fortsetzung des beiliegenden Briefes werde ich un-
verziiglich schreiben und absenden. Sie wird die von Ihnen
gestellten Fragen beantworten, auch iiber M[acaulay]s
« Milton » etwas enthalten, den ich bereits gelesen habe.
Mittlerweile verharre ich als
Ihr stets treuer
Rudolf Steiner
8. AN RUDOLF RONSPERGER
Oberlaa, 19. August 1881
Mein lieber Freund!
Wie ich aus Ihrem letzten Briefe ersehe, scheinen Sie der
Ansicht zu sein, daft ich es Wurth als Fehler anrechne, dafi
er nicht auf der Hohe moderner Bildung steht. Ich wollte
rnit jenen Worten meines Briefes eben nur sagen, dafi ich Sie
bitte," jene Gedichtchen nicht mit dem Mafistabe des Ge-
schmackes zu beurteilen, den man gewinnt, wenn man un-
sere modernen Dichter oder auch unsere Klassiker liest. Da
Sie das getan haben, so haben Sie mich tatsdchlich richtig
verstanden und ich wollte mehr gar nicht sagen.
Da wir aber so schon einmal auf das Problem vom «Stehen
auf der Hohe der Zeit» gekommen sind^so will ich Ihnen
denn doch dariiber meine Ansicht mitteilen. Ich glaube, man
versteht unter jenem «Stehen auf der Hohe der 2eit» ge-
wohnlich das Bekanntsein mit den wichtigsten Betatigungen
des Geistes in der Gegenwart und das Arbeiten im Einklange
mit den Errungenschaften desselben. Nun ist es aber klar,
dafi nicht eine jede Zeit besonders reich an grundlegenden
Gedanken ist, sondern dafi oft Jahrhunderte dazu ver-
braucht werden, einmal geltend gemachte Gesichtspunkte
in's Lange und Breite zu spinnen. Solche Zeiten sind eben
die Epigonenzeiten und in einer derselben leben wir jetzt.
Da die geistigen Verrichtungen in solchen Zeiten so ziemlich
auf demselben Niveau bleiben und keine Tat die andere
iiberragt, so wird ein «Stehen auf der Hohe der Zeit» in
solchen Perioden eben ein «Eingelebtsein» in sehr vieles,
obgleich manchmal, vom allgemein menschlichen Stand-
punkte betrachtet, hochst Gleichgultigem notig machen.
Solche Bildung erfordert naturlich besonders viel Fleifi und
Gedachtnisarbeit und es ist kein Wunder, wenn dann die
Urspriinglichkeit abhanden kommt. Auf solche Perioden
scheinen Sie zunachst zu denken, wenn Sie sagen, dafi nicht
jeder im Stande ist, sein bifichen Talent durch den Wust
gelebrter Bildung hindurchzuringen. Allein, da die geistigen
Taten solcher Zeiten nur sekundarer Natur sind, so glaube
ich iiberhaupt nicht, daft jenes Hindurchringen dem Dichter
notwendig ist. Ganz anders ist es mit weltbewegenden Ge-
danken, wie solche in klassischen Epochen zur Geltung ge-
bracht werden. Diese gehoren unbedingt zur hoheren Bil-
dung und der Dichter mufi sie nicht erlernen, sondern erle-
ben. Ein Dichter, der nicht fur die Zeit, sondern fur die
Ewigkeit schaffen will, der mufi mit jenen allgemein
menschlichen Triebradern allerdings bekannt sein. Von der
letzteren Art diirften nun wohl Lingg, Scheffel, Hamerling
nicht sein, wohl auch Geibel nicht, obwohl man von ihnen
wird durchaus sagen miissen, daft sie auf der Hohe der Zeit
stehen.
Wenn wir das alles bedenken, so kann nun nicht mehr
zweifelhaft sein, dafi auf der Hohe der Zeit Wurth jene zwei
Gedichtchen nicht geschaffen hatte. So viel ist aber gewifi,
dafi W.s Gedichte ein allgemeiner menschliches Interesse
haben, als die mancher eben auf jener Hohe stehender
Poeten.
Bezuglich des zitierten Goetheschen Ausspruches wage
ich gar kein Urteil zu fallen. Es ist selbst dann, wenn man die
gesamte geistige Betatigung eines Menschen zu der Zeit, in
der er den Ausspruch getan hat - was in diesem Falle mir
ganz abgeht - [, betrachtet, sehr schwer,] im Zusammen-
hange mit dieser solche allgemeine Maximen zu beurteilen,
da man nie wissen kann, ob man bei einem Worte genau
denselben Begriff vor Augen hat, an den der Urheber des
Ausspruches dachte. Es ist gerade aus diesem Grunde oft-
mals eine Kritik ein blofier Wortstreit.
Dafi ich den Dorfschullehrer bestandig hervorhebe, darf
Sie doch nicht wundern. Diese Leute sind gewohnlich ohne
alle edlere Bildung, ohne Wissen und Gemiit. Dabei sind sie
furchterlich hochmutig, diinken sich, weift Gott wieviel, ge-
scheiter zu sein als die anderen Dorfbewohner - eigentlich
sind sie dummer -, schreien mit ihrem Liberalismus iiberall
herum etc. etc. etc., lauter Dinge, die ich selbst schon erfah-
ren habe, die Sie aber auch in Schroers vortrefflichen «Un-
terrichtsfragen» angefiihrt finden.
Ich bitte Sie ferner noch herzlichst, mir Ihre fragmentari-
schen Gedanken iiber die Bestimmung des Menschen mitzu-
teilen. Glauben Sie nicht, daft es Zufall ist, dafi Sie mit Biich-
ners Gedanken ubereinstimmen. Ich bitte Sie darum noch-
mals, teilen Sie mir sie mit und ich werde Ihnen den notwen-
digen Zusammenhang nachweisen.
Indem ich baldigst eine Antwort erwarte, verbleibe
ich Ihr stets unveranderlich
treuer Freund
Rudolf Steiner
9. AN RUDOLF RONSPERGER
Oberlaa, 25. August 1881
Mein innigstgeliebter Freund!
Ihr allzulanges Schweigen macht mich besorgt, umso-
mehr, da meine Kombinationsgabe durchaus nicht hin-
reicht, irgendeinen Grund desselben ausfindig zu machen
und ich gerade jetzt mit aller Sehnsucht eine Antwort auf
meine Brief e herbeisehne. Ihr Herr Vater schrieb mir auf
meinen an ihn gesandten Brief eine Antwort, worinnen er
ausspricht, dafi er von Ihrer Krankheit nicht gerade sehr viel
hake, er glaube, dafi dieselbe mehr in der Phantasie, als im
Riickenmarke ihren eigentlichen Sitz habe. Er bezweifelt
sogar die Wahrheit der Tatsache mit dem Budapester Arzt.
Er glaubt ferner, Sie bilden sich das alles nur ein und deshalb
konne nur die Beschaftigung mit etwas Positivem Heilung
bringen.
Es ist naturlich, dafi ich Sie in jeder Weise in Schutz nahm.
Einmal schrieb ich, dafi ich Sie soweit kenne, dafi von einer
Unwahrheit beziiglich des Aussp ruches jenes Arztes nicht
die Rede sein konne. Der Arzt, so sagte ich, rmisse ganz
gewi£ den Aussp ruch getan haben und wenn bei irgend je-
mandem eine Phantasterei vorliege, so miisse man dieselbe
auf der Seite jenes Arztes suchen. Ihr Herr Vater fragte mich
sogar, was ich fur das Beste halte, Ihnen die Skrupel zu
vertreiben, welche positive Beschaftigung. Ich sagte, dafi da-
von keine Rede sein konne, dafi, wenn die Sache ein blofies
Hirngespinst ist - ich glaube schon selbst, daft jenes Arztes
Ausspruch sich nicht erfiillen wird -, es am besten ist, einen
geschickten und bescheidenen Arzt zu fragen, zu dem Sie
ein Vertrauen haben, damit so der Ausspruch eines zweiten
Arztes den des ersten schlage. Ich glaube, dies wiirde ja wohl
das beste sein? Warum tun Sie das nicht selbst? Ihr Herr
Vater wiinscht auch die naheren Details zu wissen und
glaubt, dafi Sie mir dieselben vielleicht lieber mitteilen wiir-
den, doch ich glaube, es ist der Umweg nicht notwendig. Sie
konnen ja die naheren Details (Name jenes Arztes, die Art
des Unwohlseins etc.) Ihrem Herrn Vater direkt bekannt
machen.
Ich glaube, dafi ich nicht anders getan habe, als ich hatte
tun konnen, wenn wir uns vorher hatten verstandigen kon-
nen. Der Brief Ihres Vaters stent Ihnen auf Verlangen natiir-
lich zur Verfugung. Vor allem bitte ich Sie, lieber Freund!
nochmals, mich aus meiner Besorgnis durch eine Antwort
zu erlosen.
Empfangen Sie zugleich meinen Dank fiir die mir zuge-
sendeten 3 Exemplare des Prologes. Entschuldigen Sie, dafi
ich darauf im letzten Briefe ganz vergessen habe. Ich hatte
wohl schon lange wieder geschrieben, allein ich wartete von
Tag zu Tag auf eine Antwort von Ihnen.
Emiges iiber den Dorfschullehrer.
Johann Wurth ist 1828 zu Trumau in Niederosterreich
geboren als der Sohn von aufierst armen Eltern. Er war ein
sehr braves Kind. In der Schule zeigte er eine hervorragende
Anlage zu alien Lehrgegenstanden, ohne dafi er es in irgend-
einem besonders ausgezeichnet hatte. Es ging eben uberall
gleich ausgezeichnet. Er brauchte etwas nur einmal zu lesen
und er wufite, wenn das Stuck auch lang war, es auswendig.
Er war stets zuriickgezogen, spielte aber mit seinen Schulka-
meraden doch gerne. Mehrere von diesen waren seine be-
sonderen Lieblinge. Mit diesen spielte er immer «Nussele-
sen». Die Knaben mufiten das mit einer grofien Begeisterung
getan haben, denn der alte Mann, der mir's erzahlte und der
eben auch mitgespielt hat, kam heute, da er 57 Jahre zahlt,
beim Erzahlen in formliche Ekstase.
Dann kam ein Geistlicher aus dem Stifte Heiligenkreuz
nach Trumau, Lewandersky mit Namen - ein wenig ein
Griibler und Kritikus, wie sich ein Bauer wortlich aus-
driickte und nahm sich mehrerer begabter Knaben des
Ortes an, darunter auch Wurths. Er erteilte ihnen Unterricht
im Latein und den Gymnasialgegenstanden, so dafi sie teils
Geistliche, teils Lehrer werden konnten.
Wurth wurde Lehrer. Als solcher fungierte er in Gaden,
Heiligenkreuz und Miinchendorf. Das ehrwurdige Schlofi
Heiligenkreuz mit seiner reizenden Umgebung entlockte
dem jungen Manne so manches innige Lied und das Anden-
ken an den ihm lieben Aufenthalt im «Waldestal» schwand
nie aus seinem Herzen. Dort hatte er ja auch seine Lebensge-
fahrtin gefunden. Wer jemals mit ihr gesprochen hat, wird
ihr eine gewisse Liebenswiirdigkeit zuerkennen miissen.
Jetzt, nachdem ihr Gatte langst tot ist, bewahrt sie ihm ein
treues Andenken und es ist riihrend, mit ihr iiber Wurth zu
sprechen.
In Miinchendorf lebte er zuriickgezogen seinem Berufe,
seinen Studien, seinen Forschungen, seiner Familie. Wer das
Bild dieses Mannes gesehen hat, der ahnt wohl nicht das
innige Gemiit in diesem Korper. Schwachlich, abgemagert
sieht er aus, etwas Sinniges ist allerdings in seinem Antlitze,
doch nichts gerade Auffalliges. Dr. Hauer, ein liebenswur-
diger Mann, der Arzt in Miinchendorf ist, erzahlte mir, dafi,
als er 1869 nach Miinchendorf kam und Wurth zum ersten-
mal sah, ihn fur einen geistes- und korperschwachen Men-
schen gehalten habe, der wohl wird mit knapper Not den
Kindern das ABC beibringen konnen. Bald sollte er eines
andern belehrt werden, er sollte sehen, wie dieser «geistes-
schwache» Mann korrespondierte mit Wagner, Schmeller,
Zingerle, Vernaleken, Becker, Weinhold, wie Hugo Mareta
von ihm fur ein niederosterreichisches Idiotikon zehrt, wie
er fur die Frommannsche und Schroersche Zeitschrift gear-
beitet hat.
Kein Tag ohne Ziele war das Losungswort dieses Mannes.
Sein Tagebuch allein umfafit vier starke Bande. Dasselbe ist
mit gewissenhafter Genauigkeit gefiihrt. Man mufi staunen,
wenn man darinnen sucht, wie dem Dorfschullehrer Kant
und Hegel nichts Fremdes waren.
In bezug auf seine Gedichte ist zu bemerken, dafi eine
triibe Stimmung durch dieselben geht, eine Stimmung, die
uns zu oft an den Tod und iiberhaupt die Verganglichkeit
alles Irdischen erinnert. Es ist zu bedauern, dafi dieser Mann
wahrend seines Lebens vielfach gequalt und mifihandelt,
nach seinem Tode noch falsch beurteilt wurde. Ich kann
mich hier ganz der Ansicht Dr. Hauers anschliefien, der mir
sagte, dafi er eben in Hande geraten ist, die der «Erde mehr
fur Korper, als dem Himmel fur Seelen danke». -
Man sagt z. B., er war konservativ und macht so vielen
vor, er sei mit den gewohnlich so genannten auf einem Punkt
gestanden. Doch dies ist gefehlt. Wurth lernte die Geistlich-
keit und die Religion nur von der guten Seite aus kennen,
und ahnte nichts von deren Schattenseiten. Deshalb dachte
er, es ware viel besser fur die Schule, wenn sie unter der
Obhut des Klerus bliebe, als wenn sie an den Staat respektive
die Gemeinden iibergehe. Ja hatte, wenn man sich einen
aufopfernden, pflichttreuen, idealen, der Erziehung der Ju-
gend sich mit Begeisterung widmenden Klerus denkt,
Wurth nicht recht} Er hatte aber eben nur keinen solchen
Klerus kennen gelernt. Ganz gewifi hatte er recht. Er war
also keiner von den gewohnlichen Konservativen. -
In der Schule liebten ihn die Kinder wie ihre Mutter; nicht
wie den Vater, was bezeichnend ist. Er aber behandelte sie
ebenfalls mit inniger Liebe. Bei jeder Gelegenheit sagen die
Leute noch: ja ein Wurth kommt nimmermehr.
Einen Mann, den ich fragte um den Unterschied zwischen
Wurth und seinem jetzigen Nachfolger, sagte mir: der frii-
here war ein flei&ger Sammler fur Zeitschriften, der jetzige
sammelt viele Flaschen voll Wein im Wirtshause fur seinen
Magen. Der andere ging nie ins Wirtshaus, der jetzige ist
immer besoffen.
Er war bis zu seinem letzten Augenblick seinem Wahl-
spruche getreu und arbeitete mit einem schier unglaublichen
Fleifie. Er hat auch recht hiibsche Musikstiicke komponiert,
wie Dr. Hauer mir sagte.
Nun ruht er in Miinchendorf, neben seinen lieben Kin-
dern; erst heute vor acht Tagen folgte eine Tochter von
20 Jahren ihrem Vater nach. Auf seinem Grabsteine ist zu
lesen:
Dem verdienten Lehrer und Volksschriftsteller
und liebreichen Gatten und Vater
Johann Wurth
geb. zu Trumau 1828
gest. zu Miinchendorf 1870
Lebst Du, o Mensch, in stillem, ungetriibtem Gliicke,
So dank dem Herrn dafur mit jedem Herzensschlag!
Wie manches Leben hat nur kurze Sonnenblicke,
Wie manches ist ein steter Regentag !
Gewfidmet] von Freunden u. Kollegen
April 1873.
Leben Sie, lieber Freund, einstweilen wohl und vergessen
Sie ja nicht Ihres
stets gleich ergebenen und treuen
Rudolf Steiner
IO. AN RUDOLF RONSPERGER
Oberlaa, 26. August 1881
Mein lieber Freund!
Sie scheinen sich ganz gewaltig fur jenes Problem vom
«Sich Stellen zur Zeit und zur Geschichte» zu interessieren.
Dafi der Verfasser der «Chemischen Elemente» Sie angeregt
hat, wundert mich eben gerade nicht, denn gerade diejeni-
gen, die von derlei Sachen nichts verstehen, schwatzen dar-
iiber am meisten. Wenn dem Kletzinsky jemand etwas aus
der Chemie sagen wiirde, was nicht fachmannisch aussieht,
da gabe es ein Schreien und Wettern iiber die Dilettanten,
doch iiber literarhistorische und philosophische Gegen-
stande glaubt sich auch ein Chemiker wohlberechtigt zu
urteilen. Ich bitte Sie, horen Sie Urteile von solchen Leuten
gar nicht an; sie sind ja nicht der Rede wert. Nun zu unserem
Probleme. Ich glaube schon im letzten Briefe gesagt zu ha-
ben, dafi in einer Epigonenzeit von jenem Stehen auf der
Hohe der Zeit nicht die Rede sein kann, bei dem wahren
Dichter namlich. Ubrigens gilt das auch fur den Philoso-
phen. Um einmal von dem letzteren anzuheben, bemerke
ich, dafi z. B. Schiller, vielleicht einer der gedankenreichsten
und tiefsten Philosophen aller Zeiten - denn was Hegel und
Schelling betrifft, so sind sie zwar sehr scharfsinnig, aber
nicht besonders retch -, von der fachmannischen Zeitphi-
losophie aufier dem Systeme des Konigsbergers nichts
wufite. Das ist eben das Charakteristische des Genies, dafi es
nicht empfanglich ist fiir die Willkiir der Schulkrampusse,
sondern schnurstracks auf die unwillkurlichen und ewigen
Probleme der Menschheit loseilt. Was kiimmert Lessingen
die Asthetik seiner Zeit; er rang sich empor zu den hochsten
Problemen und gab zu ihnen die hochsten Losungen. Das
Grofte bei Lessing bestand eben darinnen, dafi er das Nich-
tige jener Schulprobleme und Schullosungen erkannte.
Ich habe vor einigen Tagen, ich weifi jetzt nicht wo, den
sonderbaren Satz gelesen, der Dichter der Zukunft - schon
der Ausdruck erregt Lachen - wird mit dem gesamten
Schatze der modernen Bildung eine angeborene Naivitat
vereinigen miissen. Ich weifi fast nicht, an was ich bei «mo-
derne Bildung» denken sollte. Wird damit die in den poeti-
schen Erzeugnissen der Gegenwart niedergelegte verstan-
den, dann mag ich noch eher befriedigt sein; ist aber etwa
gar an wissenschaftliche Bildung - und das scheint der Fall
zu sein - gedacht, so mochte einem wohl die Geduld bei
dem Lesen solchen Unsinnes vergehen. Was fiir eine Bil-
dung? Ist das Tradieren der Dichter mit Zitaten pedantische-
ster Art Wissenschaft, ist eine Literaturgeschichte, die nichts
zustande bringt, als die Geister der Zeit nach aneinanderzu-
reihen und aus ihren Werken schwache Ausziige zu geben,
Wissenschaft; ist eine Geschichte, welche die Ereignisse
nach Raum, Ort und wenn's hoch kommt nach Ursache und
Wirkung gliedert, Wissenschaft? Von der Naturwissen-
schaft mag ich gar nicht reden, denn es ware Ironie auch nur
die Frage aufzuwerfen, ob eine mit ein bi£chen Molekular-
mechanik durchschossene, unsystematische Physik Wissen-
schaft sei. - Was mochte Lessing zur Zimmermannschen
Asthetik, was Schiller oder Hegel zu «Kraft und Stoff» sa-
gen, wenn sie horten, dafi deutsche Biicher mit solchem In-
halte existieren?
Die edlen Veteranen aus der besseren Zeit, Kuno Fischer,
Carriere, Friedr. Theod. Vischer, Rosenkranz etc., stehen
so kampflos gegeniiber der ungeheuren Oberflachlichkeit,
dafi sie verschwinden. Kuno Fischer macht iibrigens an Kant
zu grofie Konzessionen und neigt so immer mehr und mehr
zur Zeithin. Das merkwurdigste Beispiel des wissenschaftli-
chen Niederganges gibt Prof. Kirchmanns «Lehre vom Wis-
sen» und dessen Erlauterungen zu verschiedenen Philoso-
phen. Soil man also, um auf der Hohe der Zeit zu stehen, alle
diese Irrtiimer sich aneignen? So halte ich es mit dem «Sich
Stellen zur Zeit und Geschichte ». —
Mit der zweiten Gattung des Genies scheinen Sie an Grill-
parzer zu denken. Ihn fur ein besonderes Genie zu halten,
scheint mir doch ein wenig zu stark.
Mein lieber Freund! Was mir an Ihren Gedichten nicht
behagt, das ist ein Besingen des sinnenfallig Wirklichen. Es
hangt das innig mit dem Materialismus zusammen. Ich kann
Sie versichern, an der Hand des Materialismus wird sich nie
ein Dichter heranbilden. Denken Sie nur, was es aufier dem
Sinnenfalligen noch alles zu besingen gibt, welchen Spiel-
raum die angeborene Naivitat des Gemiits lafk, was durch
das Auge spricht; mufi es denn dann das Auge als Auge sein,
was der Dichter besingt? Sie sind formgewandt, wenn Sie es
nur bald zu einem edleren, gottlicheren, idealeren Inhalte
bringen mochten! Ferner erscheint mir das angewendete
Bild doch zu gewagt, zu unnaturlich.
Wir haben iiberhaupt viel zu sprechen; ich werde am
31. August oder 1. Sept. nach Wien kommen; vielleicht
konnten wir uns irgendwo vormittags treffen; schreiben Sie
mir wo.
Ich komme gerade jetzt aus Miinchendorf, ich habe von
dort aus den Weg nach Trumau hin et retour zu Fufi zuriick-
gelegt; ein Weg von einer Stunde hin und ebensoviel wieder
zuriick. Ich lerne dabei das niederosterreichische Volk ken-
nen und zugleich liebgewinnen. Diese Leute kommen einem
mit einer erstaunlichen Aufmerksamkeit entgegen und wer-
den bald recht zutraulich. Ich bin eben daher ermudet und
kann heute nur mehr ein klein wenig iiber Ihre Bemerkun-
gen bezuglich des mir vom Grunde aus verhafiten Materia-
lismus anfugen. Wenn ich Ihre Worte zusammenfasse, so
kommt folgendes heraus. Da es Menschen gibt, welche die
Wahrheiten der hoheren Philosophic durchaus nicht verste-
hen konnen und die eben nichts zu sehen vermogen, als so
etwas, was sinnenfdllige Wirklichkeit hat und auch Leute,
die aus Unverstand, Eitelkeit und Bosheit nichts anderes
beschreiben mogen, so schufen sich diese den Materialis-
mus. Die wichtigste Wahrheit fur diese «Winkelphiloso-
phen» ist das, dafi ein Kopf ohne Gehirn nicht denken kann.
Wir konnen dieser Sorte von Leuten zwar versichern, .daft
wir das ohne ihre materialistische Wissenschaft wissen, daft
es uns aber kleinlich diinken wiirde, so was zu sagen. Dies
ist allerdings eine Erkldrung des verfluchten Materialismus,
aber keine Rechtfertigung. Sie entschuldigen schon meine
Worte, doch ich schreibe in dieser Sache wirklich leiden-
schaftlich erregt. In der Philosophic soil [es] eben keine
Winkelgelehrten geben, diese Profanen sollen sich mit ande-
ren Dingen beschaftigen, die fur derlei schwachen Verstand
geschaffen sind, aber nicht mit der Philosophie. Hier, wo
Schiller, Fichte, Schelling, Hegel gewirkt haben, ist es ein
unzurechtfertigender Frevel, wenn sich solche Winkelphi-
losophen iiber dieselbe Sache machen. Begreiflich ist die
Philosophic fur jeden Menschen, wenn er Eifer und guten
Willen hat; aber gerade die letzteren Tugenden gehen den
samtlichen Materialisten ab. Wackere und wirkliche Natur-
forscher sind nie Materialisten. Ein mir personlich bekann-
ter und von mir hochverehrter Geologe und Botaniker in
Wiener Neustadt, Dr. med. Lorenz, ist ein ausgemachter
Feind des Materialismus, und Prof. Hyrtl weist ihn entschie-
den zuriick, weil er die hdheren Gefiihle des Menschen belei-
digt. Das sind allgemein anerkannte Naturforscher und, daft
ich fortfahre, Kepler machte seine groften Entdeckungen
nur deshalb, weil er Idealist war, weil er glaubte, daft Ver-
nunft in der Anordnung und Bewegung der Himmelskorper
sei. Vor solchen Dingen verstummt wohl zuletzt alle mate-
rialistische Regung.
Und ich frage Sie, was hat Biichner als wirklicher Natur-
forscher geleistet, aufter dem Geschwatze seiner Bucher?
Und Duhring, der ein Genosse Biichners ist, welche
Friichte tragt seine materialistische Philosopie? Seit ich in
dessen «Philosophie der Wirklichkeit» hineingeblickt habe,
geht mir ein Licht auf, wie dieser «Nichtwisser» iiber Les-
sing so urteilen konnte. Duhring hat nicht das geringste In-
teresse fur und keinen blauen Dunst von der Kunst. Das
«Tragische» existiert fiir diesen Frevler gar nicht. Er fordert
von der Kunst, daft sie «angenehmer Sinnenreiz» sei, daft sie
kunstlich angenehme Affekte erregen soli. Solch barbari-
schen Unsinn redet ein Materialist. Er will die Asthetik auf
die Physiologie der Sinnesorgane griinden. Solchen Blod-
sinn fordert der Materialismus zu Tage. Wenn man diese
Dinge liest, so glaubt man sich zuweilen in Australien, nicht
unter Deutschen. Deutsche konnen denken, die Materiali-
sten konnen nicht [denken] und sind zufaul dazu. Um Hegel
zu verstehen, muft man Lust zum Denken haben, wie er es
selbst hatte; man muft aber auch dem freien fortschrittlichen
Denken, dem kulturfreundlichen Lichte gewogen sein und
nicht mit den Banden des hergebrachten traditionellen Dog-
mas gefesselt sein, wie es die Materialisten alle sind. Alle
materialistischen Biicher sind wiirdig, dafi man sie insgesamt
auf einem Scheiterhaufen verbrennt. Die armseligen Verfas-
ser lasse man leben, denn was konnen sie fur ihre geringen
Fahigkeiten. Prof. Schroer sagte einmal, als vom Pessimis-
mus die Rede war, «Dummsein» sei keine Schlechtigkeit,
also Erbarmung iiben an diesen Geistesschwachen, doch
ihre Biicher verpesten die Welt, stecken alle Kreise mit
Seichtigkeit an, verhindern den geistigen Aufschwung, ver-
nichten Poesie und Idealismus, iiberhaupt jeglichen Auf-
schwung des Geistes, denn wer konnte wider solches Ge-
schwatz schreiben, wie es im Kapitel «Wiirde des Stoffs»
geschehen ist; daher Fluch iiber diese teuflische Literatur,
fort mit ihr ins Feuer. -
Das letztere mir Ihrem materialistischen Buche, falls Sie
ein solches besitzen, zu tun bittet Sie recht sehr,
indem er Ihnen herzlich freundschaft-
lichst die Hand driickt, Ihr
Rudolf Steiner
Bern.: Lesen Sie Herder: Ideen zur Geschichte der
Menschheit, dessen Brief e zur Befordferung] der Humanitat
statt Biichner; da wird Ihr dichterisches Gemiit Anregung
bekommen.
NB. Sie werden wohl aus dem gestern an Sie gerichteten
Schreiben ersehen haben, dafi ich Ihren letzten Brief erst
heute (26. VIII.) bekam.
11. AN RUDOLF RONSPERGER
Oberlaa, 27. August 1881
Mein lieber Freund!
Eben erinnere ich mich, dafi ich mich gestern sehr scharf
iiber den Materialismus aussprach. Doch geschah es voll-
kommen gerecht. Ich war auch sehr zornig dariiber, dafi Sie,
da ich Sie schon wiederholt gebeten habe, wenigstens fiir Sie
diese bewufit lichtfeindliche, niedrig stehende Weltansicht
zu den Toten zu werfen, Sie sich noch immer mit ihr be-
schaftigen, iiber sie nachdenken. Dafi, da Sie schon dariiber
nachdenken, mir schreiben, ist mir lieb, denn ich bekomme
Anlafi gelegentlich iiber solche Dummheiten nachzuden-
ken; nur, dafi ich etwa geschadigt wiirde, wenn man mir
vom Materialismus vorerzahlt, das fiirchte ich nicht; wer
einmal hohere Wahrheiten gekostet hat, der ist fiir solch
tiefstehende Irrtumer nicht mehr empfanglich.
Sie nochmals bittend, den Materialismus so zu betrachten,
als wenn er gar nie existiert hatte,
verbleibe ich Ihr unveranderlicher
Rudolf Steiner
12. AN FRIEDRICH THEODOR VISCHER
Wien, 20. Juni 1882
Euer Hochwohlgeboren!
Hochgeehrter Herr Professor!
Euer Hochwohlgeboren werden entschuldigen, wenn ein
Ihnen vollig Unbekannter es wagt, dieses Schreiben an Sie
zu richten und zu seiner Rechtfertigung aus dem Grunde
nichts weiter beifugt, weil ihm diese Handlung nur dann als
zu entschuldigend diinkt, wenn hochgeehrter Herr Profes-
sor sie als solche auffassen.
Ich erlaube mir namlich die beiliegende Abhandlung zu
iibersenden. Der Druck derselben wurde bisher durch
aufierliche Umstande verhindert, und ich liefi daher eine
Abschrift derselben anfertigen.
Euer Hochwohlgeboren werden aus derselben ersehen,
daft Ihre hochgeschatzten Schriften, die ich vollstandig gele-
sen, vielfache Anregung zu derselben gegeben haben. Ich
glaube, es mufi einmal Ernst gemacht werden gegen jene
Auffassung der Welt, welche nur Atom- und mechanische
Vorgange anerkennen will. Meine Abhandlung scheint mir
den Punkt zu beriihren, auf den es allein ankommt. Der
linkische Stil und die vielleicht nicht iiberall ganz klare Dar-
stellung diirften wohl der Sache Eintrag tun. Ich habe einst-
mals mich ganz in die mechanisch-materialistische Natur-
auffassung hineingelebt, hatte auf ihre Wahrheit ebenso ge-
schworen, wie es viele andere der Jetztzeit machen; aber ich
habe auch die Widerspriiche, die sich aus derselben ergeben,
selbst durchlebt. Was ich vorbringe, ist daher nicht blofte
Dialektik, sondern eigene innere Erfahrung. Weil ich weift,
wie ich damals dachte, kann ich diese Weltanschauung auch
in ihrem tiefsten Wesen erkennen, sehe ihre Mangel viel-
leicht leichter als andere, die einen anderen Bildungsgang
durchgemacht. Meine Berufsstudien sind ja Mathematik
und Naturwissenschaft.
Die Ansichten, welche Euer Hochwohlgeboren iiber den
Darwinismus haben, scheinen mir die Keime zu sein fur das
Urteil der spateren Zeit dariiber. Von einer Korrektur des
Zeitbegriffes hat man wirklich das Heil der Wissenschaft in
mannigfacher Hinsicht zu erwarten. GewiR wird auf diese
Weise mehr erreicht werden als durch die vergeblichen Be-
muhungen Carneris und anderer, welche den Darwinismus
auch mit alien s einen Unwahrheiten und Unklarheiten mit
der Ethik in Vereinigung bringen wollen.
Schliefilich erlaube ich mir, wenn Euer Hochwohlgebo-
ren diese Bitte nicht unbillig finden sollten, recht sehr zu
bitten, mir nur mit wenig Zeilen Ihr Urteil iiber das in der
Abhandlung Ausgesprochene mitteilen zu wollen. Wenn ich
mit dieser Kiihnheit allzusehr iiber die Grenzen des ge-
wohnlichen Anstandes hinaustrete, so habe ich dafiir in der
Tat nichts zu meiner Entschuldigung als meinen gliihenden
Eif er firr die Wahrheit und den Gedanken, da£ Euer Hoch-
wohlgeboren einem Ihrer Verehrer es gewifi verzeihen wer-
den, wenn er um dieser willen sich etwas zu tun erdreistet,
was in jedem anderen Falle Frechheit ware.
Mit ausgezeichneter Hochachtung
Rudolf Steiner
Adresse von morgen an:
Brunn am Gebirge, Niederosterreich.
12a. Siehe Nachtrag auf Seite 238.
13. AN ALBERT LOGER
[Brunn am Gebirge, 1882]
Mein innigstgeliebter Freund!
Wiirde ich Dich weniger kennen, so glaubte ich fast, Du
warest mir bose iiber mein so langes Schweigen. Allein dies
wird wohl nicht der Fall sein, und Du wirst daher gestatten,
dafi ich mich wieder einmal nach D einem Befinden erkun-
dige umsomehr, da ich schon lange Zeit keinen Neustadter
gesehen habe, der mich dariiber hatte benachrichtigen kon-
nen. Ich sehe niemanden aufier den Staub zuweilen bei
E. Schmidt in der Vorlesung, und den frage ich um nichts,
denn sein Betragen ist denn in der Tat ein recht hochmiitiges.
Mein Vater wurde mittlerweile auf seinen eigenen
Wunsch nach Brunn ubersetzt und ich fahre jetzt taglich
nicht mehr von Inzersdorf nach Wien, sondern von Brunn.
Hier ist es jedenfalls viel schoner. Nun werde ich hoffentlich
auch dies letzte Jahr der Fadheiten an der mir unlieben
techn. Hochschule hinter mir haben. Dann kommt erst jene
jammerliche Priifung iiber die massenweise in den Biblio-
theken aufgeturmte mathematische Weisheit. Wenn ich
daran denke, an die verstand- und geistlose Zitatenarbeit,
die da fur mich kommen soli - ich meine die schriftliche
da graut's mir. Doch ich mufi es tun, will es tun, tue es.
Es hat iibrigens auch sein Gutes, daft ich Naturlehre studiert
habe, denn ich habe dadurch das Kartengebdude, welches
unter diesem Namen die moderne Zeit aufgebaut hat. Wenn
es so fortgeht, so nimmt der Geist der hoheren Begriffe
allmahlich ab, Religion, Sitte etc. verschwinden aus der
Welt. Ich bin iiberzeugt, zu der Schlaffheit, welche auf vielen
Orten die Leute zeigen, hat die verderbliche Tendenz der
Naturwissenschaft nicht das wenigste beigetragen. Die
grundlose Hypothese der Atomistik und der Atheismus ge-
hen Hand in Hand, und die Natur stellt sich uns mit den
Augen der neueren Theorien besehen als nichts dar, wie ein
zweckleeres Spiel mit Atomen: die moderne Naturlehre ist
eingefroren. Wie froh ware ich, wenn ich jetzt Geschichte
griindlich studieren konnte, doch ich mufi mir's schon des-
halb versagen, weil ich mir die Zeit, die ich zu meinen offi-
ziellen Studien brauche, nicht verkiirzen kann.
Mir wurde oft es libel genommen, dafi ich Gefallen an der
Philosophic finde, doch ich sehe jetzt wie gut dies ist. Sie hat
mir das gegeben, was ich von Natur nicht hatte, was aber
andere haben und ohne das man ja doch eigentlich nicht sein
kann. Ich lernte gerade durch sie kennen, was mir noch vor
kurzem ganz unverstandlich war: die Bedeutung der religio-
sen Bewegungen. Ich mufi gestehen, daft ich mir noch vor
nicht langer Zeit, wenn Du von dem Altkatholizismus
sprachst und wenn Du Deine grofien Bemiihungen um den-
selben anfuhrtest, nichts Rechtes denken konnte. Jetzt ist
mir das alles klar. Ich sehe ebensogut ein, warum es diese
und gerade diese Religionsiorm fur unser Volk sein mu£.
Der Protestantismus wiirde selbst dann nicht ganz berech-
tigt sein - ich meine beim Volke -, wenn er den Traditionen
des Landes entsprechen wurde, denn aus Mangel am For-
mellen artet er sehr gerne in niichternen gemiit- und geistlo-
sen Rationalismus aus. Der Mensch mufi ein Bild von seinem
Gotte haben und ihn in sinnlichen Handlungen verehrt se-
hen, sonst verschwindet er seinem Geiste. Schwellas und
Strau£ens sowie Renans Kirchen gehoren an denselben Ort,
wohin der vierdimensionale Raum gehort und die Gelehr-
ten, die sich mit diesem beschaftigen. Ich mochte noch die
zweidimensionale Zeit hinzufugen und dann den ganzen
Pack ins Narrenhaus schicken.
Indem ich Dich bitte, mich recht bald durch einige Zeilen
zu erfreuen, verbleibe ich - einen Handkufi an die gnadige
Frau bitte ich Dich auszurichten -
Dein Dich stets gleich schatzender
Rudolf Steiner
14. AN JOSEPH KURSCHNER
Brunn am Gebirge, Niederdsterreich,
28. September 1882
Euer Hochwohlgeboren!
Hochgeehrter Herr Professor!
Herr Professor Schroer ist mit seinen Arbeiten fur Ihre
Ausgaben eben sehr beschaftigt und ersucht mich daher
Euer Hochwohlgeboren das Folgende mitzuteilen. Von ihm
selbst werden Sie ehestens ein Schreiben bekommen. Mit
alien von Euer Hochwohlgeboren beziigHch meiner Bear-
beitung von Goethes wissenschaftlichen Schriften gestellten
Bedingungen ist er vollkommen einverstanden. Er wird die
Durchsicht besorgen und in einer guten Stunde die Einfiih-
rung schreiben. Daher, meint er, sei die Sache nur mehr eine
Frage der Zeit. Bezuglich des Umfanges des von mir zu
Bearbeitenden glaube ich, dafi es angezeigt ware, wenn die
bei Hempel als «naturwissenschaftlich» bezeichneten
Schriften (enthalten in Band 33, 34, 35, 36) von Einem bear-
beitet wiirden. Dahin wiirden also gehoren: die Optik (Far-
benlehre), «zur Naturwissenschaft im Allgemeinen» und
«naturwissenschaftliche Einzelheiten», dann die morpholo-
gischen, mineralogischen, geologischen und meteorologi-
schen Schriften. Prof. Schroer ist ebenfalls dieser Ansicht.
Ferner mochte ich den Ausgaben die von Goethe angefer-
tigten kolorierten Tafeln beigeben, wodurch die Sache sehr
viel gewinnen wiirde. Ich glaube, dafi Herr Professor damit
gewifi einverstanden sein werden.
Wenn Euer Hochwohlgeboren dies billigen mochten, so
wiirde ich recht sehr bitten mich zu benachrichtigen und, da
ich eben jetzt iiber Zeit zu verfugen habe, mir gutigst die
durchschossenen Ausgaben von Hempel, wie sie Prof.
Schroer hat, zu ubersenden. Ferner wiirde ich bitten um
eine beilaufige Angabe des Zeitpunktes, wann die Sachen
fertigzustellen waren und um andere von Euer Hochwohl-
geboren zu bestimmende Einzelheiten. Ich erklare mich mit
alien von Euer Hochwohlgeboren an Prof. Schroer mitge-
teilten Bedingungen, von denen er mich verstandigt hat, ein-
verstanden.
Indem ich der angenehmen Hoffnung bin, von Euer
Hochwohlgeboren bald mit einer Antwort erfreut zu wer-
den, zeichne ich mit « 1- 1 TT 1 1
vorzuglicner riocnacntung
Rudolf Steiner
Meine Adresse bis auf weiteres: Brunn am Gebirge, Nie-
derosterreich
15. JOSEPH KURSCHNER AN RUDOLF STEINER
Sehr geehrter Herr ! Stuttgart, 9 . Oktober 1882
Mit Vergniigen hore ich, dafi Sie geneigt sind, die Bearbeitung
von Goethes wissenschaftlichen Schriften unter den von mir ge-
stellten Bedingungen zu iibernehmen. Ich freue mich besonders,
daft Prof. Schroer als Protektor dieser Ausgabe figurieren wird. Es
ware mir nun angenehm, von Ihnen zu erfahren, bis zu welcher
Zeit ich eventuell diese Schriften erhalten konnte und bin ich mit
Vergniigen bereit, Ihnen die samtlichen wissenschaftlichen Werke
Goethes zu iibertragen. Die Tafeln Goethes den Werken gleich
beizugeben, liegt kein Hemmnis vor; ob sie freilich koloriert wer-
den konnen, mufi sich erst mit der Zeit herausstellen. Die Exem-
plare der Schriften lasse ich gleich hier mitfolgen und bitte dabei
besonders zu beachten, dal? der Umfang der Hempelschen Aus-
gabe keinesfalls iiberschritten werden darf. Die Auslassungen Ka-
lischers sind gewifi sehr gut, aber eine kurzere Fassung wird gerade
bei diesen Sachen der Verbreitung einer neuen Ansicht dienlicher
sein. Bevor Sie an die Bearbeitung selbst gehen, ersuche ich Sie, mir
einen eingehenden Plan iiber die wissenschaftlichen Schriften Goe-
thes zu entwerfen, worin auch die Umfangsbezeichnungen auf
Grund der Hempelschen Ausgabe angegeben sind. Ebenso ware
ich Ihnen verbunden fur Ubermittlung einer kurzen Darlegung
Ihres Standpunktes gegeniiber den wissenschaftlichen Schriften
Goethes. Sobald ich iiber diese Einzelheiten und namentlich auf
den Zeitpunkt orientiert bin, werde ich nicht versaumen, Ihnen
Kontrakt zu ubermitteln. Es soli mich freuen, wenn durch Ihre den
landlaufigen so sehr entgegengestellten Ansichten iiber die Bedeu-
tung Goethes als Gelehrten dem Altmeister auch nach dieser Rich-
tung hin neue Verehrung zuwachst.
In Erwartung Ihrer freundlichen Zeilen
in vorziiglicher Hochachtung Ihr
Kurschner
l6. AN JOSEPH KURSCHNER
Brunn am Gebirge, 21. Oktober 1882
Hochgeehrter Herr Professor!
Besten Dank fiir Ihre freundlichen Zeilen und insbeson-
dere Dank fiir die Ubertragung einer so schonen Aufgabe.
Der vollberechtigten Forderung unserer Zeit, die Naturwis-
senschaft weiteren Kreisen zuganglich zu machen, wird
durch eine Herausgabe von Goethes wissenschaftlichen
Schriften ganz besonders Rechnung getragen. Dies letztere
besonders dadurch, daE hier die wissenschaftlichen Einzel-
heiten stets von grofSen Ansichten getragen sind. Darauf hat
der Erklarer durchaus Riicksicht zu nehmen. Er mufi mit
einer vollkommenen Beherrschung des Standes jeder ein-
schlagigen Wissenschaft in der Gegenwart die Fahigkeit ver-
einigen, von allgemeinen Gesichtspunkten ausgehend die gro-
ften Maximen Goethes mit freiem Blicke zu iiberschauen.
Ich werde in den Einleitungen stets die Punkte in den
Vordergrund treten lassen, von welchen aus man in das
Ganze Goethescher Forschungen bequem eingefuhrt wird.
Es soil hier - mit moglichster Vermeidung alles Polemischen
- die Goethesche Anschauungsweise erklart werden. Solche
Einleitungen sind vier notig: Eine allgemeine, welche
Goethes Denkweise, die Einwirkungen historischer und
zeitgenossischer Personlichkeiten neben der Bedeutung der
ersteren etc. zu umfassen hat und die ich gerne den «natur-
wissenschaftlichen Einzelheiten» vorangedruckt sehen
wiirde; ferner eine solche zu den morphologischen Schriften
(Metamorphose der Pflanzen, Osteologie und Zoologie);
ferner eine dritte zur Mineralogie, Geologie und Meteorolo-
gie; eine vierte zur Optik (Farbenlehre). Den gewiinschten
Plan lege ich auf einem Blatte bei. Ich habe ihn mit Herrn
Professor Schroer durchgesprochen. Auch lege ich ein Blatt
bei, auf dem ich ganz im allgemeinen meine Auffassung von
Goethes wissenschaftlichen Anschauungen in einigen Sat-
zen fluchtig skizziert habe. Ich mochte dem hier nur noch
beifiigen, dafi ich in den Einleitungen durchaus besondere
Riicksicht darauf nehmen werde, wie Goethe auf das eine
oder andere Gebiet der Wissenschaft gefuhrt wird. Wenn
man bedenkt, dafi Goethes Vielseitigkeit sich iiber fast alle
Zweige menschlichen Wirkens erstreckt, so erscheint dies
vorzugsweise wichtig, weil uns daraus die Art anschaulich
wird, wie die Wissenschaft sich auf natiirliche Weise aus
dem Ganzen menschlichen Strebens entwickelt.
Mit der Ansicht, dafi eine kurzere Fassung in den Einlei-
tungen dem Ganzen dienen wird, stimme ich uberein. Mein
Standpunkt bringt es ja auch mit sich, dafi manches, was
Kalischer in den Einleitungen bespricht, in die Anmerkun-
gen verwiesen werden wird. Bezuglich des Zeitpunktes kann
ich folgendes bemerken. Die morphologischen Schriften mit
der Einfiihrung von Professor Schrder werden bis Neujahr
f ertiggestellt. Die zweite Partie (Mineralogie, Geologie, Me-
teorologie, Naturwissenschaftliche Einzelheiten) wiirden
dann Mitte Februar und das iibrige Ende Marz fertig. Es
wiirde mich freuen, Euer Hochwohlgeboren mit diesem
Gange einverstanden zu finden.
Indem ich hoffe, die Wunsche, welche Euer Hochwohlge-
boren im letzten Briefe an mich aussprachen, damit zu erful-
len, zeichne ich in Erwartung Ihrer freundlichen Antwort
mit vorziiglicher Hochachtung
Rudolf Steiner
d.z. in Brunn am Gebirge, Niederosterreich
Durch ein Versehen wohl ist bei Ubersendung der Hem-
pelschen Ausgabe - fiir die ich bestens danke - der 36. Band,
enthaltend die Geschichte der Farbenlehre, Entoptische
Farben und Nachtrage zur Farbenlehre, nicht mitgesendet
worden. Sollte die separate Sendung desselben zu viele Um-
stande machen, so bin ich bereit, mir denselben hier zuberei-
ten zu lassen.
17. AN JOSEPH KURSCHNER
Brunn a. Gebirge, 19. November 1882
Euer Hochwohlgeboren !
Hochgeehrter Herr Professor!
Euer Hochwohlgeboren werden verzeihen, wenn ich mir
erlaube, einige Anfragen an Sie zu richten. Erstlich mochte
ich recht sehr um Auskunft bitten, ob hochgeehrter Herr
Professor den Ihnen von mir mitgeteilten Plan von Goethes
naturwissenschaftlichen Schriften, sowie die darinnen be-
merkten Umfangsverhaltnisse der Einleitungen und na-
mentlich die bestimmten Zeitpunkte billigen, da dieses fur
mich, wegen der nunmehr schon fortgeschrittenen Arbeit
notig ist. Ferner mochte ich namentlich bitten, ob der
III. Band, der die optischen Schriften enthalten soil, nicht
zu umfangreich sein wiirde. In diesem Falle mitfke er doch
wohl in zwei gespalten werden.
Eine weitere Bitte ware die, Euer Hochwohlgeboren
mochten mich giitigst wissen lassen, ob Sie nicht geneigt
waren,einen kleinen Aufsatz [von mir zu veroffentlichen]:
«Goethes wissenschaftliche Anschauungen im allgemeinen»
mit Beziehung auf Haeckels letzten Vortrag iiber « Lamarck,
Darwin und Goethe» und auf Du Bois-Reymonds Rede
vom 15. Oktober d. J. «Goethe und kein Ende», welch letz-
terer Vortrag ja - sogar schon bis in die Tagesjournale herab
- viel Staub aufwirbelt. Es erscheint fast unbedingt notig,
gegeniiber den hier gebrachten falschen Auffassungen eines
im Empirischen hochverdienten Forschers, den wahren
Standpunkt geltend zu machen. Satze wie dieser: Goethes
wissenschaftliche Besprechungen seien «die totgeborene
Spielerei eines autodidaktischen Dilettanten», sind die trau-
rige Folge des Umstandes, dafi selbst unsere groften Natur-
forscher der Gegenwart es verabscheuen, sich an grofte Prin-
zipien zu halten, iiberhaupt einer tieferen wissenschaftlichen
Basis entbehren. Darinnen ist der Grund fur die Verken-
nung Goethes als Gelehrten zu suchen. Der beste Beweis
dafur ist, daft hoheren Maximen zustrebende Geister - wie
Haeckel - auch eine vorurteilsfreiere Auffassung Goethes
von dieser Seite bereits angebahnt haben, wenngleich auch
deren Auffassung von Einseitigkeiten nicht ganz freizuspre-
chen ist. Die Behandlung meines Themas wiirde eine ganz
populare sein.
In der Uberzeugung, daft Euer Hochwohlgeboren diese
meine Anfragen mir nicht ubelnehmen werden, zeichne ich
mit
vorziiglicher Hochachtung
Rudolf Steiner
l8. AN JOSEF KOCK
[1882/83]
Lieber Freund!
So sei es denn zur Seite gelegt, das Blatt, auf dem ich eben
schreibe, um in meinen lieben, lieben Goethe tief genug ein-
zudringen. Es ist wahr, ich verspreche und halte nichts, doch
nimm meine Versicherung zugleich, dafi ich nicht verspre-
chen wiirde, wenn ich nicht den besten Willen hatte, alles zu
halten. Aber ich fuhle mich berufen, uber einen Teil Goethe-
schen Geistes Aufklarung zu verbreiten, und ich fuhle es so,
daft ich es Frevel nennen miifite, wenn ich oft, wenn die
rechte Stunde ist, nicht gerade zur Feder greifen wiirde. Lie-
ber Freund, Du kannst mal Dich einigermaften iiber das
Vorurteil hinwegsetzen, welches viele gleich haben, wenn
man ihnen nicht alles zu Rechte machen kann. Ich glaube bis
in acht Tagen alle Deine Sachen gelesen zu haben. Manches
habe ich schon, dariiber ist viel zu sagen, noch mehr zu
denken. Im allgemeinen eines. Ich glaube, bei Dir ist es im-
mer mehr eine Grundidee, welche ein Poem etc. tragt, als
der rauschende Flufi der Ereignisse. Es ist gleichsam die
Handlung, die Aufgabe nur erfunden, um einen [Grundjge-
danken auszusprechen. Fur jenen, der einmal jenen Grund-
gedanken erkannt hat, verliert dann die Einkleidung als sol-
che ihr Interesse. Ich nehme die Erzahlung «Der alte und
neue Glaube». Es sind die Grundgedanken aufierordentlich
wahr, grofi gedacht und sehr bedeutsam. Die Erzahlung aber
kann nur zum geringen Teile interessieren. Ich hatte gerne
gesehen, dafi Du baldigst mit Deinen Sachen in die Offent-
lichkeit konntest, vielleicht erst, ohne dafiir ein Honorar
einzuheimsen. Das ist ubrigens selbstverstandlich, ich
glaubte, den «Alten und neuen Glauben» selbst anzubrin-
gen, doch der Redaktor wiirde sagen: was gesagt werden
soil, sollte in anderer Form als Prosaaufsatz gesagt werden,
und was wirklich gesagt ist, lalk den Leser ohne Interesse.
Bei so etwas mu6 die Handlung selbst interessieren. Hat
Shakespeare in einem einzigen seiner Dramen eine Grund-
idee ausgesprochen? Nirgends! Wo ware in diesem Hamlet,
in diesem tollen Prinzen, in den unsinnigen Gespensterge-
schichten und den unnatiirlichen Verwicklungen ein
Grundgedanke, hochstens der, dafi das Ganze gedankenlos
ist. Und doch! Welches Interesse, diese Kette von Handlun-
gen ! Ideen gehoren nicht in die Poesie, uberhaupt nicht in
die Kunst, nur in die Philosophie. Modell ist und bleibt nicht
Goethes oder Schillers Kunst, sondern die griechische. Wo
hat je Homer, Aschylos, Sophokles, Euripides eine Grund-
idee aussprechen wollen, wo Phidias in seinen Statuen Ideen
verkorpern wollen? Es ist die Kunst umsomehr Kunst, je
mehr sie sich in Bildern, nicht in Gedanken (Ideen) bewegt.
Erst seit man nach Loepers Anleitung angefangen hat, im
zweiten Teil des «Faust» nicht Ideen, Allegorien zu finden,
sondern eine Reihe traumhafter Bilder, erst seit jener Zeit
geniefit man ihn in seiner wahren Grofie; Allegorien sind
eben holzern. Darum, lieber Freund, rate ich Dir, Deine
Gedanken nicht in Dichtungen, sondern geradezu in Pro-
saaufsatze, und nur sinnenfallig Wirkliches in poetisches
Gewand zu kleiden. Kunst ist einmal das Gottliche nicht als
solches, sondern in der Sinnlichkeit. Und letztere als solche,
nicht das Gottliche, mufi gefallen.
Dariiber wollen wir bald igst mal sprechen. Wenn ich alles
gelesen habe, bekommst Du wieder einen Brief. Sei mir nur
wegen meiner Nachlassigkeit nicht bose.
Dein unveranderlicher
Rudolf Steiner
19. AN JOSEPH KURSCHNER
Brunn am Gebirge bei Wien, 6. Januar 1883
Hochgeehrter Herr Professor!
Herzlichsten Dank fur die Neujahrswunsche, die ich hier-
mit gleichfalls iibersende; insbesondere wiinsche ich dem
ganzen Unternehmen den besten Erfoig. Ich habe an dem
Manuskript des ersten Bandes nur noch einige Tage Arbeit.
Dafi Euer Wohlgeboren mit meinen Vorschlagen einver-
standen sind, freut mich.
In Erwartung Ihres freundlichst in Aussicht gestellten
Schreibens ,
ergebenst
Rudolf Steiner
20. AN JOSEPH KURSCHNER
Brunn am Gebirge, 22. Februar 1883
Hochgeehrter Herr Professor!
Bezuglich des ersten Bandes der wissenschaftlichen
Schriften Goethes «Zur Morphologie», der nun beendet ist
und nach der Durchsicht von Prof. Schroer mit dessen Ein-
leitung bald in Ihre Hande kommen wird, erlaube ich mir,
Euer Hochwohlgeboren bezuglich einiger Punkte um giitige
Auskunft zu bitten.
Da ich durchaus von dem Grundsatze ausging, an diesen
Schriften nichts unerklart zu lassen - sie sollen nicht mehr
als blofie Zugabe zu Goethes Werken, sondern auch in ihrer
selbstandigen Bedeuturig erscheinen — , so sehe ich mich ge-
notigt, Abbildungen, welche die bisherigen Ausgaben
durchaus nicht haben, beizufiigen. Dies waren aufier einigen
unerheblichen Figuren im Texte der Anmerkungen alle Ab-
bildungen, die sich in den Heften «zur Naturwissenschaft,
besonders zur Morphologie» von Goethe (1817-24) finden.
Diese konnte ich etwa selbst aus den betreffenden Heften
zur Vervielfaltigung iibersenden. Dasselbe kann mit einigen
schematischen Zeichnungen zur Erklarung der Wirbeltheo-
rie geschehen. Nun aber handelt es sich um Abbildungen
iiber den Zwischenknochen. Da nun zu Goethes Abhand-
lung solche in sehr schoner Ausfuhrung in Vol. XV, p. 1 der
«Verhandlungen der Kaiserlich Leopoldinisch-Carolini-
schen Academie der Naturforscher» (Bonn 183 1) existieren,
so hatte ich gerne, daft sie beigefiigt wiirden. Mir stehen
diese Tafeln wohl in den hiesigen Bibliotheken zur Verfu-
gung, so daft ich den Text denselben entsprechend einrichten
kann, aber ich bin nicht in der Lage, sie meinem Manu-
skripte beizufiigen. Ich wiirde daher Euer Hochwohlgebo-
ren bitten, mir recht bald Auskunft dariiber zu senden, ob
Sie geneigt sind, diese Tafeln in die Ausgabe nach dort zu
beschaffendem Originale aufzunehmen, Es ist mir von
Wichtigkeit, dieses recht bald zu wissen, da ich den Text
darnach einrichten muft.
Professor Schroer teilt mir mit, daft ihm Euer Hochwohl-
geboren von einer bestimmten Zusage, die zu Neujahr an
mich ergangen ware, geschrieben haben. Ich habe eine sol-
che nicht erhalten und teile dieses mit, da dieselbe am Ende
auch konnte verloren gegangen sein. Ich mochte recht sehr
bitten, auch in dieser Richtung das Notige zu veranlassen.
Der erste Band meiner Arbeit konnte langst fertig sein, wenn
man in den Wiener Bibliotheken reichlichere Hilfsmittel
fande. Manches war von Quellwerken recht schwer zu ver-
schaffen. Ich will z. B. nur erwahnen, daft ich in keiner Wie-
ner Bibliothek die Gothaische Gelehrtenzeitung habe finden
konnen, und solche Falle gibt es mehr. Ich dachte zu Weih-
nachten die Sache in Prof. Schroers Hande iiberliefern zu
konnen, der auch damals schon die Gute hatte, die Einfiih-
rung zu schreiben.
Indem ich bitte, diese durchaus nicht durch meine Schuld,
sondern durch auftere Umstande herbeigefiihrte Verzo-
gerung giitigst zu entschuldigen, wiirde ich recht sehr er-
suchen, mir baldigst irgendeine Nachricht zukommen zu
lassen. . T , in
In Erwartung derselben
mit vorzuglicher Hochachtung
Rudolf Steiner
21. JOSEPH KURSCHNER AN RUDOLF STEINER
Verehrter Herr! Stuttgart, 9. Marz 1883
Endlich komme ich dazu, Ihnen zu schreiben, woran ich leider
bis heute verhindert war. Ich hoffe, Sie nehmen es einem so vielfach
Beschaftigten nicht iibel und verzeihen ihm dieses ungebiihrlich
lange Schweigen, das nun aber ein fur allemal gebrochen sein soli,
da ich mich wohl nie mehr in meinem Leben auf solche Uberbiir-
dung mit Arbeit einlassen werde, wie wahrend des letzten Jahres.
Ich nehme nun Ihre samtlichen Briefe vor und beantworte sie
der Reihe nach. "Wie ich Ihnen schon friiher sagte, bin ich durchaus
mit Ihrer Anordnung etc. einverstanden und hoffe, dafi Sie alles in
dem von Ihnen angedeuteten Sinne durchfuhren. Auch mit den
Ablieferungsterminen bin ich einverstanden, zu sehr eilt es ja nicht,
da ich doch noch grofie Mengen von Manuskripten im Vorrat habe.
Die Einteilung in Bande behalte ich mir vor, nachdem ich das Ma-
nuskript in Handen habe. So was lafit sich im Angesicht der Sache
besser entscheiden als ohne diese.
Mit der Illustrierung sehen Sie mich ebenfalls vollig einverstan-
den und bitte ich, mir die Vorlagen zu denselben zu senden; ich
werde dann fur sofortige Anfertigung Sorge tragen.* Ich werde
auch die Tafeln jedenfalls auf nehmen und habe mich bereits hier an
die Bibliothek gewendet, um die notwendigen zu erhalten. Seien
Sie iiberhaupt versichert, dafi ich mir alles angelegen sein lassen
werde, die Ausgabe nach Kraften zu einer vortrefflichen zu ma-
chen. Ich freue mich sehr darauf, denn alles, was ich davon hore,
verspricht das Beste. Den Kontrakt erhalten Sie nachste Woche, da
Spemann schon seit einiger Zeit wegen der literarischen Konsentio-
nen in Berlin ist.
Ich habe, da sich auf Grund des Schroerschen Kontrakts auch
der unsrige feststellt, 1000 Mark eintragen lassen, was genau dem
genannten entspricht. . . , « .
Mit ausgezeicnneter Hochacntung
Halten Sie die Einleitungen Ihr ergebenster
und Anmerkungen bitte kurz,
natiirlich so, dafi nichts Kurschner
dadurch verlorengeht.
:: " Ich sehe eben, dai$ ich den zweiten Band der Morphologie im
Original besitze. Es wurde also genugen, mir von diesem einfach
die Blatter anzugeben.
22. AN JOSEPH KURSCHNER
Brunn am Gebirge [ca. 18. Marz 1883]
Hochgeehrter Herr Professor!
Ihren freundlichen Brief vom 9. d. M. ebenso wie jenen
vom 16. mit dem Kontrakt habe ich erhalten. Es ist also
nichts auf mich Bezugliches verlorengegangen. Euer Hoch-
wohlgeboren erhalten auch dieser Tage den unterschriebe-
nen Kontrakt wieder. Bitte zu entschuldigen, dafi ich so spat
erst diese Antwort-Karte absende; Ihre geschatzte Anfrage
traf mich zufallig nicht zu Hause an.
Mit vorzuglicher Hochachtung
Rudolf Steiner
23. AN JOSEPH KURSCHNER
Brunn am Gebirge, 23. Marz 1883
Hochgeehrter Herr Professor!
Anbei iibersende ich den unterfertigten Kontrakt und er-
laube mir zugleich mitzuteilen, dafi der 1. Band eben in den
Handen Prof. Schroers ist. Euer Hochwohlgeboren werden
denselben mit Schroers Einfuhrung baldigst erhalten, da sich
dieser fur die Sache sehr interessiert und iiber deren baldige
Veroffentlichung freuen wiirde. Jedoch wimscht er, dafi ihm
Euer Hochwohlgeboren vorher den beziiglich dieser Sache
ihn angehenden Kontrakt ubersenden mochten und tragt
mir auf, Sie zu ersuchen, dies baldigst zu tun, da er erst nach
Erhalt desselben, durch Beigabe seiner Einfuhrung, in die
Absendung einwilligen will.
Die wahrhaft seltene Vorurteilslosigkeit, mit welcher
Euer Hochwohlgeboren meinen Arbeiten entgegenkom-
men, und die Forderung, die mir dadurch zu Teil wird, weifi
VERLAGS-VERTRAG
Zwischen Herrn Rudolf Steiner in Brunn am Gebirge
und Herrn W. Spemann, Verlagsbuch handler, in Stuttgart
ist nachstehender Vertrag abgeschlossen worden:
. s 1
Herr Rudolf Steiner ubernimmt fiir die im Verlag von W. Spe-
mann erscheinende Deutsche National-Literatur die Herausgabe
(Einleitung, Textrevision, erlauternde Anmerkungen etc.) von
Goethes wissenschaftlichen Schriften
(Feststellung des Titels vorbehalten) auf Grund der brieflich ge-
troffenen Abmachungen.
Die Werke sind innerhalb des Umfangs von 3 Banden auszufiih-
ren. Der Herr Verfasser verpflichtet sich, dieselben in alien Teilen
streng nach dem Programm u. gleichmafiig zu bearbeiten.
Die Manuskripte sind in vollstandig druckf ertigem Zustand, so
dafi wesentliche Anderungen daran nicht mehr vorkommen kon-
nen, abzuliefern, u. zwar ganz und ungeteilt bis zu folgenden
Terminen: Band 1 bis 1 . April 1883
„ 2 „ 1. August
„ 3 „ 1 . Oktober „
Herr W. Spemann bezahlt Herrn R. Steiner fiir diese Arbeiten
ein Honorar von M 1000.- «Tausend Mark» u. erwirbt damit das
alleinige u. unbeschrankte Eigentums- und Verlagsrecht derselben.
Das Honorar ist zahlbar nach Ablieferung des vollstandigen druck-
fertigen Manuskriptes.
Der Herr Verfasser wird die zweite Korrektur der Einleitungen
u. Anmerkungen ohne besondere Vergiitung selbst lesen u. erhalt
nach vollendetem Druck 10 Freiexemplare.
Vorstehender Vertrag ist fiir beide Teile, deren Erben u. Rechts-
nachfolger, verbindlich abgeschlossen, in zwei gleichlautenden
Exemplaren ausgefertigt u. von beiden Kontrahenten zum Zeichen
des Einverstandnisses eigenhandig unterschrieben worden.
Stuttgart u. Brunn a. G., den 16ten Marz 1883
Der Verleger:
eh. W. Spemann
Der Autor:
eh, Rudolf Steiner
ich im vollen Mafte zu wiirdigen. Nehmen Sie die Versiche-
rung meines herzlichsten Dankes dafiir hiermit entgegen.
Mit vorziiglicher Hochachtung
Rudolf Steiner
Bezuglich der mir gutigst iibersendeten durchschossenen
Hempel-Ausgabe bemerke ich, dafi Band 36, enthaltend: die
Geschichte der Farbenlehre etc., fehlte. Sollte die Ubersen-
dung nicht etwa Unannehmlichkeiten bereiten, so bitte ich
um dieselbe, da ich ihn jetzt benotigen wiirde.
23a. Siehe Nachtrag auf Seite 238.
24. AN JOSEF KOCK
Brunn am Gebirge bei Wien, Niederosterreich
[April 1883]
Lieber Freund!
Uber Missons Dichtung weift ich wohl mehr nicht zu
sagen, als Landsteiner in der Einleitung zu dem Buche be-
merkt hat. Dort findet sich auch einige Andeutung beziig-
lich der Fortsetzung. In bezug auf den Dialekt mochte ich
Dir vor allem raten, nicht in den Fehler zu verfallen, der so
vielen Dialekt-Dichtern hindernd in den Weg tritt, Be-
griffe, Gedanken, Ideen, die die Schriftsprache kennt, der
Dialekt aber nicht, in letzteren zu iibersetzen. Castelli z. B.
sagt: d'Naduar - als ob der Gedanke in der Bedeutung, wie
wir ihn haben, in der Mundart vorkommen wiirde. D'Na-
duar heifit in der Mundart - der mannliche Same und weiter
nichts. Ahnliche Falle gibt es ungeheuer viele. Ferner mufi
ich Dir bemerken, dafi der Dialekt in den einzelnen Gegen-
den Niederosterreichs einige Differenzen hat. Du wiirdest
iiberhaupt gut tun, erst einiges iiber Dialektisches zu lesen.
Konntest denn in Neustadt nichts bekommen? J. P. Hebels
«Alemannische Gedichte» miissen in der dortigen Real-
schulbibliothek doch gewift sein. Wende Dich doch iiber
solches vielleicht einmal durch Schober ernstlich an Loger.
Ferner ware sehr zu empf ehlen Stelzhamer und einige theo-
retische Dinge, Frommanns Zeitschrift «Die deutschen
Mundarten», Schroers «Deutsche Mundarten des ungri-
schen Berglandes» und sein «W6rterbuch der Mundart von
Gottschee», denn man handhabt einen Dialekt besser, wenn
er einem durch die Vergleichung gleichsam gegenstandlich
geworden ist. Der Bauer, der nur einen, seinen Dialekt
kennt, dichtet in demselben nicht. Solltest Du den Ver-
[such] faktisch fertig bringen, so wiirde, wenn es gelingt,
dies gewi£ Dir viele Freunde erwerben. Jene edlen Literarhi-
storiker, die sich Missons in so schoner Weise annehmen,
werden Dir mal gesichert sein.
Mit bestem Wunsche zur gliicksgekronten Arbeit
Dein ferner treuer
Rudolf Steiner
25. AN JOSEPH KURSCHNER
Brunn am Gebirge, 11. Mai 1883
Euer Hochwohlgeboren !
Hochgeehrter Herr Professor!
Es ware mir sehr lieb, wenn der erste Band von Goethes
wissenschaftlichen Schriften bald in die Hande von Euer
Hochwohlgeboren kommen wiirde. Dem steht kein Hin-
dernis mehr entgegen, als dies, dafi Herr Prof. Schroer auf
die Zusendung einer Nachricht iiber die Bedingungen be-
ziiglich seiner Einfuhrung wartet. Ich mochte in seinem Na-
men Euer Hochwohlgeboren recht sehr bitten, die Zusen-
dung zu bewirken, da die Arbeit lange fertig ist und Prof.
Schroer sie ebenfalls langst durchgegangen hat. Es ist unbe-
schreiblich, welch liebevolle Teilnahme derselbe ihr widmet.
So bin ich durch seine Vermittlung eben iiber den noch un-
gedruckten Briefen J. H. Mercks an P. Camper, die der «Bi-
bliotheque de la societe neerlandaise pour les progres de la
medecine» in Amsterdam gehoren, welche mir manche Auf-
schliisse iiber die Entstehung von Goethes Ideen geben und
die fur den 2. Band wichtig sein werden.
Der baldigen Erfullung meiner oben gestellten Bitte ent-
gegensehend Euer Hochwohlgeboren
ergebenster
Rudolf Steiner
26. JOSEPH KURSCHNER AN RUDOLF STEINER [Postkarte]
Stuttgart, 11. Juni 1883
Verehrter Herr!
Soeben habe ich an Prof. Schroer wegen der Einleitung geschrie-
ben und ich hoffe, dafi, wenn ich dieselbe nicht zu spat erhalte, der
Druck des Bandes bald beginnen kann. Ich wiirde mich freuen,
wenn Sie ununterbrochen bei der Arbeit blieben, so dafi ich bald
alles komplett in Handen hatte. Ich mochte bei der Gelegenheit
auch auf die Schriften Klinkerfues' hinweisen, die vielleicht von
Interesse fur Ihre Herausgabe sind. Unter Kreuzband sende ich
Ihnen die besprochenen Illustrationen. Es ware mir lieb, wenn Sie
dieselben gleich an den Stellen im Texte einfugen wollten, wo sie
hingehoren. Was raufi ich machen lassen? Ware es nicht ange-
bracht, wenn Sie in einer grofien Zeitschrift von ernster Bedeutung
schon jetzt auf Ihre neuen Ideen iiber Goethe aufmerksam mach-
ten und so gewissermafien das Interesse auf die neue Ausgabe hin-
lenkten . hochachtungsvollstem Grufi
Ihr ergebenster
Kiirschner
27. an Joseph kurschner [Telegramm]
Brunn b. Wien, n. Juli 1883
Da Schroer am 14. Juli von Wien abreist, mochte ich sehr
bitten, die Sache wegen der Einfiihrung noch vorher Ihnen
gegeniiber zu erledigen. Sollte meinerseits irgendein Eintre-
ten diesbeziiglich notig sein, so bitte ich um Weisung. Bin
alles zu tun bereit, was die Angelegenheit beschleunigen
oder fordern konnte. Ausfiihrlicher Brief folgt.
Steiner
28. AN JOSEPH KURSCHNER
Brunn am Gebirge, 15. Juli 1883
Euer Hochwohlgeboren!
Hochgeehrter Herr Professor!
Als ich die letzte freundliche Nachricht von Euer Hoch-
wohlgeboren erhalten hatte, dachte ich das Manuskript so-
fort abzuschicken und ging deshalb zu Prof. Schroer, um
mit ihm wegen der Einleitung zu sprechen. Er sagte, er
wiirde diese erst dann absenden, wenn er eine bindende Zu-
sage von Ihrer Seite, Herr Professor, in den Handen hatte.
Es tat mir leid, dafi dadurch neuerdings eine Verzogerung
eintrat, allein ich konnte nichts machen. Wenn ich gewulk
hatte, dafi Herr Professor eine Verhandlung meinerseits mit
Prof. Schroer wiinschten, so ware ich diesem Wunsche
langst und sehr gerne nachgekommen. Allein es war niemals
Ahnliches in Ihren Briefen enthalten und ohne den Hinweis
auf einen Auftrag ware Prof. Schroer darauf nicht eingegan-
gen. Da er die Einleitung fertig hat, da er ferner mein Manu-
skript gelesen hat, so konnte die Absendung sofort erfolgen,
wenn die Sache mit ihm geschlichtet ware. Ich wiirde daher
Euer Hochwohlgeboren recht sehr bitten, mit Prof. Schroer
die Sache zu erledigen. Sollte es notwendig sein, so bitte ich,
mir irgendeinen Auftrag zu geben; eventuelle Schwierigkei-
ten wiirde ich gerne zu beheben suchen, soweit es in meiner
Macht gelegen ist. Herr Professor werden es mir wohl nicht
iibelnehmen, wenn ich Sie bitte, mir bald von dem Stande
der Sache Nachricht zu geben. Ich bin seit 6 Monaten jede
Stunde bereit, mein Manuskript abzusenden, nur in Bezug
auf die Einleitung bin ich abhangig. Mein Manuskript kann
auch jetzt jede Stunde abgehen. Ich ware schlieElich auch
bereit, es sogleich, unabhangig von der Einleitung, abzusen-
den, wenn Euer Hochwohlgeboren es wiinschen sollten.
Ich bin Euer Hochwohlgeboren zu vielem Danke ver-
pflichtet. Die iibersendeten Proben der Abbildungen habe
ich gepriift und dem Zwecke, dem sie dienen sollen, voll-
kommen entsprechend gefunden. Sie werden im Manuskript
an ihrer Stelle liegen. Weiters gehoren zum i . Band nur noch
2 Abbildungen aus dem 2. Bande der Morphologie, die ich
mit dem Manuskripte mitsenden will. (Da Euer Hochwohl-
geboren mir mitteilten, da£ Sie den 2. Band der Morpholo-
gie besitzen, so will ich, falls eine vorlaufige Anfertigung
dieser Tafeln gleichfalls angezeigt sein sollte, dieselben be-
zeichnen. Die erste ist die im 1. Hefte des 2. Bandes zu dem
Aufsatz iiber «die Urform der Schalen kopfloser und bauch-
fuftiger Weichtiere»; die zweite die zu dem Aufsatze iiber
«Irrwege eines morphologisierenden Botanikers» mit den
Abbildungen von «Helosis guianensis Richard» und «Arum
campanulatum R[oxburgh]». Beide fordern das Verstandnis
von Goethes Auffassung.)
Dem Wunsche, eine anzeigende Abhandlung in einer
Zeitschrift erscheinen zu lassen, komme ich sehr gerne nach.
Ich glaube, demselben schon in den nachsten Tagen entspre-
chen zu konnen. Ich erlaube mir schliefilich noch zu bemer-
ken, dafi es mein innigster Wunsch ware, den Druck in Balde
beginnen zu sehen und daft ich gerne alien Wiinschen von
Ihrer Seite, hochgeehrter Herr Professor, nachkommen
werde. nochmaligen Bitte um baldige Antwort
und mit vorziiglicher Hochachtung
Rudolf Steiner
29. AN JOSEPH KURSCHNER
Brunn am Gebirge, 15. September 1883
Hochgeehrter Herr Professor!
Zu meiner Freude erhielt ich mit dem letzten Briefe Prof.
Schroers aus Foherczeglak in Ungarn dessen Vorwort zu
meiner Ausgabe von Goethes naturwissenschaftlichen
Schriften, mit der Weisung, es meinem Manuskripte [des]
1. Bandes anzufiigen. Ich bin nun in der Lage, den vollstan-
digen 1 . Band (Vorwort Prof. Schroers miteingeschlossen)
an Euer Hochwohlgeboren abzusenden, welches ich auch
zugleich mit diesem Schreiben tue. Die zwei anderen Bande
werden sehr bald nachfolgen. Eine genaue Ubersicht und
Anordnung des Gesamtinhalts der drei Bande habe ich dem
1 . beigeschlossen. Schroers Vorwort habe ich in die Seiten-
zahlung meiner Einleitung einbezogen. Die Ausdehnung
meines 1. Bandes ist nur schwer aus dem Manuskripte zu
ersehen, jedoch hoffe ich, daft er nicht zu lang ist. Ich glaube
sogar, daft die Einleitung viel kurzer gefaftt ist als die ent-
sprechende der Hempelschen Ausgabe. Die Anmerkungen
unter dem Texte sind nur an einigen wenigen Stellen etwas
langer. Dem konnte ich aber durchaus nicht ausweichen, es
war zu vollkommener Klarlegung aller Gesichtspunkte not-
wendig. Da die Anmerkungen iiberhaupt immer sachlicher
Natur sind, so werden sie ja wohl auch nicht dem gegen
derlei oftmals gemachten Vorwurf , daft zu viel erklart wird,
begegnen. Ein Inhaltsverzeichnis des Bandes habe ich am
Schlusse beigefiigt. Ich mochte nun nur noch ein Register
anschlieften und mich der Verfertigung eines solchen wdh-
rend der Korrektur unterziehen.
Das Paket enthalt einen Zettel, auf dem sich eine wichtige
Bemerkung fur den Setzer befindet. Ich habe namlich alle
Worte der Hempelschen Ausgabe, welche mit durchschos-
senen Lettern daselbst gedruckt sind, es in meiner Ausgabe
aber nicht werden sollen, mit einer Wellenlinie, die in der
Hempelschen Ausgabe nicht gesperrt gedruckten, bei denen
dies aber geschehen soli, mit einer gerade Linie unterstri-
chen.
Die Tafeln, welche Euer Hochwohlgeboren bereits ma-
chen liefien und mir zur Ansicht sendeten, habe ich an den
Ort, an den sie gehdren, geheftet. Ich habe sie gepriift und
vollstandig ihrem Zwecke entsprechend gefunden.
Nun wiirde ich nur noch bitten, mich durch ein paar
Worte von der richtigen Ankunft meines Manuskriptes zu
verstandigen. _ „ , , , , ,
° Euer Hochwohlgeboren ergebenster
Rudolf Sterner
Die beiden folgenden Bande folgen in kiirzester Zeit.
30. AN JOSEPH KURSCHNER
Brunn am Gebirge, 18. November 1883
Euer Hochwohlgeboren!
Hochgeehrter Herr Professor!
Ihrer freundlichen Aufforderung entsprechend, tiber-
sende ich hiermit einen Aufsatz iiber Goethes Stellung zur
Naturwissenschaft, in welchem ich auf die Ausgabe der na-
turwissenschaftlichen Schriften verweise. Ich hatte dieser
Aufforderung langst entsprochen, wenn mich nicht ein Un-
wohlsein daran gehindert hatte. Uber die schonen Worte,
welche mir Euer Hochwohlgeboren iiber den Goetheband
schrieben, war ich recht erfreut, wie auch dariiber, dafi der
Druck so schnell in Angriff genommen wurde.
Den «Zeitgenossen» zu bestellen, habe ich bis jetzt leider
auch versaumt, ich tue es denn mittelst diesem Briefe ange-
fiigter Postanweisung fur das ganze erste Quartal und hatte
nur die Bitte, Euer Hochwohlgeboren mogen gefalligst den
Auftrag geben, dafi mir die bereits erschienenen Nummern,
mit Ausnahme der ersten, die ich als Probenummer erhalten
habe, zugesendet werden.
Von Korrektur habe ich bereits den 7. Bogen nebst einem
Teile der Einleitung erhalten. Ich mochte nur bitten, viel-
leicht zu veranlassen, dafi alles an mich folgendermafien
adressiert wird: Rudolf Steiner in Brunn am Gebirge bei
Wien in Nied. Osterr., denn es scheinen einigemale wegen
Weglassens des Zusatzes: bei Wien Verzogerungen in Sen-
dungen an mich entstanden zu sein. Ich werde mittelst Post-
karte Teubner davon verstandigen.
Vielleicht durfte ich bitten, mir vom Goetheband auch
eine Revision libersenden zu lassen. Das Register sende ich
mit dem letzten Bogen Korrektur sogleich.
Der beifolgende Auf satz wird, denke ich, in angemessener
Weise auf die Ausgabe vorbereiten; er wird wohl 3 Spalten
nicht uberschreiten und so rechne ich auf dessen giitige Auf-
nahme. ■» •• i* 1 tt 1 1
Mit vorzuglicher Hochachtung
Rudolf Steiner
31. AN JOSEPH KURSCHNER
Brunn am Gebirge, 20. Dezember 1883
Hochgeehrter Herr Professor!
Bezuglich des Druckes des 1. Bandes der naturwissen-
schaftlichen Schriften Goethes mochte ich mir erlauben zu
bemerken, daft die Kolonne Uberschriften der Einleitung
(wie auch des Vorwortes) auch in der mir in diesen Tagen
zugekommenen Revision noch immer fehlen. Ich werde sie
daher in letzterer in passender Weise anbringen.
Eine Bemerkung, die ich im Korrekturbogen Nr. 7,
S. 1 1 1, 2. 3 5 f. Anm. sehe, veranlaik mich, mir folgende An-
frage an Euer Hochwohlgeboren zu erlauben. Es ist mir
namlich nicht bekannt, dafi sich eine Zeichnung von Goe-
thes Hand erhalten hatte, welche die symbolische Pflanze,
die Goethe bei dem bekannten Gesprache Schillern mit eini-
gen «charakteristischen Strichen» entwarf, darstellen wiirde.
Sollte Euer Hochwohlgeboren iiber diese Sache etwas be-
kannt sein, so wiirde ich sehr bitten, mir giitigst umgehende
Auskunft dariiber erteilen zu wollen, wofiir ich sehr verbun-
den sein wiirde.
Gleichzeitig bitte ich recht sehr, mir nur mit einigen Wor-
ten Nachricht zu geben iiber das Schicksal meines Aufsat-
zes: Goethe und die Naturwissenschaft, womit die natur-
wissenschaftlichen Schriften Goethes im «Zeitgenossen» an-
gezeigt werden sollen.
Zum Schlusse noch einige Kleinigkeiten in bezug auf den
Text:
S. 9, Z. 30 und S. 10, Z. 20 sehe ich im Korrekturbogen
meine Lesart: Einzelheiten ersetzt durch Einzelwheiten. Das
erstere ist aber Goethes urspriingliche Form und dem
1 . Druck entsprechend. Ich mochte es daher gerne beibehal-
ten wissen.
S. 8, 25-28 finde ich am Rande des Korrekturbogens mit
blauem Stift ein Fragezeichen, was offenbar darauf hindeu-
tet, dafi die Anmerkung dem Leser unklar bleibt. Es klart
sich dies ganz einfach auf. Ich beziehe mich in der betreff en-
den Bemerkung auf die unmittelbar vorhergehende und
habe vergessen, auf dieselbe zu verweisen. Dagegen hake ich
eine Anmerkung der Einleitung S. XXXI,**, bei welcher
sich dasselbe Zeichen befindet, fur ganz klar. Es ist daselbst
die Rede davon, dafi in Haeckel die Lehre Darwins ihre
konsequente Ausgestaltung gefunden habe. Haeckel hat
eben vor vielen zeitgendssischen Naturphilosophen einen
grofien Vorzug. Er hat die allerersten Prinzipien seiner Na~
turanschauung riickhaltlos vor aller Welt dargelegt. Seine
Uberzeugung wird aus seinen Schriften vollkommen durch-
sichtig. Viele andere dagegen lassen die Frage iiber die ersten
Prinzipien offen. Letztere bekennen sich ebenfalls als An-
hanger Darwins, ziehen aber durchaus nicht die letzten Kon-
sequenzen seiner Lehre. Haeckel tut dies. Wenn es sich nun
darum handelt, iiber einen bestimmten Punkt der modernen
Organismenlehre - im zustimmenden oder ablehnenden
Sinn - zu sprechen, so hat man an Haeckel immer denjeni-
gen, bei dem man denselben am konsequentesten und - bis
ins Kleinste gehend - genau im Darwinschen Sinne darge-
stellt findet. Ich habe iiber diesen Punkt mit einem langjahri-
gen Schiiler Haeckels gesprochen, der jetzt Prof, der Physio-
logie an der Universitat in Graz ist und dessen vollkommene
Zustimmung erhalten.
Mit der Bitte um Euer Hochwohlgeboren ferneres
Wohlwollen
Ihr dankbarst ergebener
Rudolf Steiner
32. an Joseph kurschner [Postkarte]
Brunn am Gebirge, 20. Dezember 1883
Euer Hochwohlgeboren!
Soeben erinnere ich mich, dafi ich moglicherweise in mei-
nem heute an Euer Hochwohlgeboren abgeschickten
Schreiben eine Anfrage vergessen habe. Sie betrifft folgen-
des: Ich finde auf Bogen 7, Seite 111 der Korrekturen von
Goethes naturwissenschaftlichen Schriften eine Bemerkung,
wohl von Ihrer Hand, beziiglich des Vorhandenseins einer
Zeichnung Goethes iiber die symbolische Pflanze, die letz-
terer Schiller bei dem bekannten Gesprache entwarf . Mir ist
nicht bekannt, dafi eine solche irgend bekannt ware. Sollten
Euer Hochwohlgeboren dariiber Bescheid wissen, so wiirde
ich recht sehr bitten, mir diesbeziiglich etwas mitzuteilen.
Auf baldige Antwort wartend
mit vorzuglicher Hochachtung
Rudolf Steiner
33- JOSEPH KURSCHNER AN RUDOLF STEINER
Stuttgart, den 28. Dezember 1883
Sehr geehrter Herr!
Vielen Dank fur Ihren Brief. Die von Ihnen gewunschten Bemer-
kungen sind beriicksichtigt. Was die Pflanze auf Seite 111, Zei-
le 3 5 f . betrifft, so sollte das Fragezeichen nur den Zweifel aus-
driicken, ob hier iiberhaupt gemeint sei, dafi Goethe tatsachlich
eine Zeichnung ausgefuhrt habe. Ihren Artikel mufi ich zu meinem
grofiten Bedauern zuriickgeben, da der «Zeitgenosse» inzwischen
eingegangen ist. Hoffentlich haben Sie Gelegenheit, ihn anderweit
zu verwerten und ware ich dann fur einen Abzug sehr verbunden.
Dringend bitte ich, die Korrektur nach Kraften zu beschleunigen,
da mir aufierordentlich daran liegt, den Band nachstens zum Druck
zu befordern.
Mit den besten Empfehlungen zum neuen Jahr
Ihr hochachtungsvollst ergebener
Kiirschner
34. AN JOSEPH KURSCHNER
Brunn am Gebirge, 2. Januar 1884
Hochgeehrter Herr Professor!
Herzlichsten Gliickwunsch auf einen freudevollen und
erfolgreichsten Verlauf des eben beginnenden Jahres.
Wegen einiger kieiner Verspatungen in der Riicksendung
der Korrektur, die in den letzten Tagen vorgekommen sind,
bitte ich vielmals um Entschuldigung; sie wurden durch
Zwischenfalle veranlalk, die sich wohl sobald nicht wieder-
holen werden und ich werde in der nachsten Zeit die noch
ubrige Korrektur immer sogleich aufarbeiten, wie schnell
auch die Sendungen aufeinander folgen sollten.
Euer Hochwohlgeboren ergebenster
Rudolf Steiner
35- AN JOSEPH KURSCHNER
[Brunn am Gebirge,] 20. Januar 1884
Hochgeehrter Herr Professor!
Mit den besten Empfehlungen ubersende ich in der An-
lage das Register des 1 . Bandes und hoff e, dafi es noch recht-
zeitie eintrifft. -n rr 1 i_i i_ i_
& Euer Hochwohlgeboren ergebenster
Rudolf Steiner
36. JOSEPH KURSCHNER AN RUDOLF STEINER
Stuttgart, 24. Januar 1884
Verehrter Herr!
Besten Dank fur das Register, von dem Korrekturen dieser Tage
folgen. Ich bitte Sie, das Lesen der Revisionen nach Moglichkeit zu
beschleunigen. Die Revision der letzten drei Seiten Einleitung kam
leider zu spat. Ich fuge sie nochmals bei und bemerke, dafi, wenn
Sie auf die gezeichneten Anderungen Gewicht legen, solche am
Schlusse des Bandes angefuhrt werden konnten.
In aufrichtiger Freude iiber Ihre vortreffliche, geradezu muster-
hafte Arbeit _. , . . 1t ,
Ihr hocnachtungsvoll ergebener
Kiirschner
37. JOSEPH KURSCHNER AN RUDOLF STEINER
Stuttgart, 7. Februar 1884
Verehrter Herr!
Ich habe schon, bevor Ihre Karte kam, die entsprechende Bemer-
kung gemacht und dieser Tage werden Sie den betreffenden Band
erhalten. Haben Sie irgendwelchen Wunsch, wohin vielleicht noch
Rezensionsexemplare zur Besprechung gesandt werden sollen, so
bitte ich um gutige Mitteilung. Es liegt mir selbst aufrichtig am
Herzen, Ihrer geradezu meisterhaften Arbeit zur vollsten Aner-
kennung zu verhelfen. Schon heute freue ich mich auf die Fortset-
zung Ihrer Arbeiten und bedaure nur, dafi Goethe nicht statt drei
sechs Bande naturwissenschaftlicher Schriften verfaftt hat.
Mit warmster Hochschatzung
Ihr ergebenster
Kurschner
38. AN JOSEPH KURSCHNER
[Brunn am Gebirge,] 1. Marz 1884
Euer Hochwohlgeboren!
Hochgeehrter Herr Professor!
Vor allem meinen herzlichsten Dank fur die so freundli-
chen Worte, mit denen Sie mich iiber den ersten Band der
naturwissenschaftlichen Schriften erfreuten, sowie auch fur
die Sorgfalt, die Sie auf meine Arbeit verwendeten und die
noch fortdauernd zu verwenden Sie die Absicht ausspra-
chen. Ich hatte keine grofiere Freude empfinden konnen, als
die war, die ich bei den Worten Ihres letzten Briefes hatte:
«ich bedauere nur, daft Goethe nicht statt drei sechs Bande
naturwissenschaftlicher Schriften verfaik hat». Bemuhe ich
mich doch vorzuglich darum, in dem Leser die Empfindung
von der Grofte der Goetheschen Denkungsart auf dem Ge-
biete der Wissenschaft hervorzurufen, die ihn zu einem die
Totalitat der Naturwirksamkeit umspannenden Blicke
fuhrte, der sich iiberall auf die springenden Punkte einer
Erscheinungsreihe richtete. Dieser seiner Art, die Natur an-
zusehen, gegeniiber erscheint uns das von ihm wirklich Aus-
gefuhrte durchaus mit einem gewissen fragmentarischen
Charakter. Euer Hochwohlgeboren konnen daraus ermes-
sen, daft es auch mir zur hohen Befriedigung dienen mufite,
als Sie mir mit obigen Worten indirekt sagten, dafi ich meine
Absicht nicht verfehlt habe. Besonders hoch rauE ich es an-
schlagen, daft dies von Seite Euer Hochwohlgeboren
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Copyright Rudolf Sterner Nachlass-Verwaltung Buch: 3 8 Seite: 7 7
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kommt. Sie konnen es sich auch zurechnen, wenn diesen
Ansichten das Gliick gegonnt sein sollte, durchzudringen.
Sie reichten mit einer nicht hoch genug anzuschlagenden
Objektivitat die Hand zu dieser Arbeit, die sonst dadurch,
daft sie mit so vielen entgegengesetzten Ansichten zu kamp-
fen hat, gewift in jeder Form grofte Schwierigkeiten zu beste-
hen gehabt hatte, in der ihr angemessensten aber, in der sie
jetzt vor das Publikum tritt, vielleicht am meisten. Ich
mochte nur wunschen, daft auch andere derselben nunmehr
freundlich begegnen mochten.
Bezuglich der Rezensionsexemplare mochte ich mir zu
bemerken erlauben, daft es vielleicht gut sein diirfte, wenn
auch die philosophischen Zeitschriften Berucksichtigung
fanden. Gerade da wird man vielleicht der Sache mit dem
meisten Verstandnisse entgegenkommen. Ich mochte daher
bitten, an folgende Journale Rezensionsexemplare zu sen-
den: Philosophische Monatshefte (erscheinen in Bonn), Zeit-
scbrift fur spezielle Philosophie und Vierteljahrsscbrift fur
Philosophie. Zugleich wiirde ich bitten, jedem dieser Exem-
plare von mir ein Schreiben an den Redakteur beizufugen;
ich sende diese drei Briefe dem vorliegenden an Euer Hoch-
wohlgeboren sogleich nach. Das Gleiche konnte auch bei
den «Grenzboten» der Fall sein, wenn diese nicht schon ein
Exemplar erhalten haben. Sollten Euer Hochwohlgeboren
geneigt sein, auch der «Deutschen Wochenschrift» ein Ex-
emplar zu senden, so konnte dies etwa durch mich an Fried-
jung gelangen. Wegen des «Literarischen Zentralblatts»
gedenkt Prof. Schroer bei Zarncke sich zu verwenden. Fer-
ner wiirde ich folgende Zeitschriften vorschlagen, die wei-
tere Entscheidung Euer Hochwohlgeboren anheimstellend:
Preufiische Jahrbucher, Gottingische Gelehrte Anzeigen,
Tagliche Rundschau, Nord und Slid, Vossische Zeitung,
Westermanns Monatshefte. Sollten Euer Hochwohlgeboren
bezuglich irgendeiner Personlichkeit, die einem bedeuten-
den Journale nahesteht, der Ansicht sein, daft ein briefliches
Aufmerksammachen die Sache befordern konnte, so bitte
ich um giitige Mitteilung. Einzelne Persdnlichkeiten, bei de-
nen ich Interesse fur die Sache voraussetzen kann, werde ich
ja durch meine Freiexemplare aufmerksam machen konnen.
Sollten diese nicht ausreichen, so behalte ich mir vor, Euer
Hochwohlgeboren auch auf solche einzelne Gelehrte, von
denen ein Eintreten fur die Schrift zu hoffen ist, aufmerksam
zu machen. Meine Exemplare mbchte ich recht sehr bitterly
mir baldigst zu senden. In allerkiirzester Zeit sende ich die
Fortsetzung der Sache. Ich werde mich gliicklich schatzen,
wenn das Ganze ebenso wie der erste Teil den Beifall von
Euer Hochwohlgeboren erlangt.
Mit vorziiglicher Hochachtung
Rudolf Steiner
39. JOSEPH KURSCHNER AN RUDOLF STEINER
Stuttgart, 6. Marz 1884
Verehrter Herr!
Hire lieben Zeilen haben mir ein aufrichtiges Vergnugen ge-
macht, und ich wiinsche Ihnen zu Ihrer vortrefflichen Arbeit nicht
weniger Gliick als mir, der ich das prachtige Kind aus der Taufe
gehoben habe. Was ich bis jetzt aus Freundeskreisen iiber den Band
vernommen habe, so ist nur eine Stimme der Anerkennung iiber
die ganz unvergleichliche Durchdringung des schweren Stoffes.
Nach meinen Kenntnissen auf diesem Gebiete haben Sie so gliick-
lich die Goethesche Eigenart, was seine naturwissenschaftlichen
Studien belangt, getroffen, wie dies sonst nie noch der Fall war. -
Ich gebe heute wiederholt im Geschaft Auftrag, daft man Ihnen
Ihre Exemplare schicke und werde auch an die genannten Zeit-
schriften Exemplare befordern, sobald ich die von Ihnen verspro-
chenen Schreiben dazu erhalten habe. Vielleicht haben Sie die Giite,
auch fur die Grenzboten, die Wochenschrift und die andern ge-
nannten Zeitungen einen kurzen Brief zu schreiben, den Sie mir
senden und den ich dann mit Rezensionsexemplaren begleitet an
seine Adresse befordere. Sie diirf en versichert sein, dafi ich alles tun
werde, was im Interesse Ihres Werkes liegt; Sie werden es aber
wohl bei den grofien Miihen, die mir die Herausgabe der Deut-
schen National-Literatur verursacht, begreiflich und auch verzeih-
lich finden, wenn ich Sie bitte, da, wo es Ihr personlicher Einflufi
gestattet, eine Bemerkung einfliefien zu lassen, dafi man bei der
Gelegenheit der Anzeige Ihres Buches auch meines grofien Werkes
mit einigen freundlichen Worten gedenkt.
In aufrichtiger Freude auf die folgenden Bande stets
Ihr hochachtungsvollst ergebener
Kiirschner
40. an otto kostlin [Briefentwurf]
[Brunn am Gebirge, Marz 1884]
Euer Hochwohlgeboren!
Hochgeehrter Herr Professor!
Gestatten mir Euer Hochwohlgeboren, dafi ich Ihnen in
der Anlage den ersten Band meines Kommentars zu Goethes
Naturwissenschaftlichen Schriften vorlege. (Das Ganze er-
scheint in drei Banden in Professor Kurschners «Deutscher
National-Literatur».) Dieser erste Band kann als selbstan-
diges Ganzes gelten. Er behandelt Goethes Organik. Ich
glaube in demselben bewiesen zu haben, dafi Goethe mit
seinen Schriften uber die organische Natur den Weg betre-
ten hat, der zu einer wahren Organik als Wissenschaft fuhrt.
Dies deshalb, weil er eine Erklarung des Organischen an-
strebt ohne Zuhilfenahme der alten Teleologie, aber auch -
und dies ist fur unsere Zeit das wichtigere - ohne die Mog-
lichkeit einer solchen Erklarung davon abhangig zu machen,
dafi die Gesetzlichkeit des Organischen identisch ist mit je-
ner des Unorganischen. Eine wahre Organik ist meiner An-
sicht nach nur moglich, wenn es gelingt, das System unserer
Begriffe um ein Gebiet zu erweitern, so dafi wir zu Gesetzen
kommen, die uns das Organische ebenso begreiflich erschei-
nen lassen wie die unorganischen Gesetze die Erscheinun-
gen der rein physischen und mechanischen Welt. Die Be-
griindung einer selbstandigen Organik mit eigenen Axio-
men und einer eigenen Methode halte ich fur Goethes Ziel.
[Hier bricht der Entwurf ab.]
41. AN JOSEPH KURSCHNER
Brunn am Gebirge, 23. Marz 1884
Euer Hochwohlgeboren !
Die beiden mitfolgenden Briefe bitte ich recht sehr, von
Rezensionsexemplaren begleitet, an ihre Bestimmungsorte
gelangen zu lassen und zwar
1 . an Prof. C. Schaarschmidt in Bonn als Herausgeber der
«Philosophischen Monatshefte» (es ist bei dieser Zeitschrift
iiblich, da£ Rezensionsexemplare direkt an Schaarschmidt
selbst gehen).
2. an «Die Grenzboten». Ich habe den Brief an den Her-
ausgeber und Redakteur Johannes Grunow gerichtet; ich
denke, es wird wohl so recht sein.
Andere Briefe sende ich nun ganz bestimmt noch heme
oder morgen an Euer Hochwohlgeboren.
Fur Ihre Miihe im voraus dankend
Euer Hochwohlgeboren ergebenster
Rudolf Steiner
41a. Siehe Nachtrag auf Seite 238.
42. AN JOSEPH KURSCHNER
[Brunn am Gebirge,] 28. Marz 1884
Euer Hochwohlgeboren !
Die beifolgenden Briefe erlaube ich mir Euer Hochwohl-
geboren zu iibersenden mit der Bitte, dieselben mit Rezen-
sionsexemplaren zu versehen; ich hoffe von alien vier Per-
sonlichkeiten eine Forderung des Buches. Avenarius wurde
von Zarncke Prof. Schroer gegeniiber als derjenige bezeich-
net, der als ein frischer Geist fur neue Anschauungen gewift
empfanglich sein wird; er ist zugleich Herausgeber der phi-
losophischen Zeitschrift «Vierteljahrsschrift fiir Philoso-
phie» und wird das Buch in derselben wohl sicher erwahnen.
Ich weift nun nicht, ob nicht von Seite Euer Hochwohlgebo-
rens etwa schon an ihn ein Exemplar geschickt wurde; sollte
dies auch schon geschehen sein, so mochte ich doch sehr
bitten, den Brief doch an Avenarius zu senden, vielleicht mit
einer kurzen Notiz, dafi das Buch schon an ihn abgegangen
ist. Vielleicht wiirden Euer Hochwohlgeboren im letzteren
Falle, wenn es so angenehmer sein sollte, den Brief wieder
zuruckschicken und ich ihn dem Buche nachsenden.
Rehmke in St. Gallen ist ein aufierordentlich freundlicher
Mann und in Gelehrtenkreisen bestens bekannt; er kennt
meine Bestrebungen bereits seit langerer Zeit, und ich halte
dafiir, daft mein Brief bestimmt nicht erfolglos sein wird.
Witte in Bonn arbeitet an einem Werke iiber die Philosophic
Goethes und Schillers und es ware schon damit etwas ge-
wonnen, wenn er des Buches in seinem eigenen Erwahnung
tun wiirde. Auf Virchows Urteil kame viel an; den Goethe-
forschern ist seine Ansicht iiber Goethes naturwissenschaft-
liche Leistungen noch immer am meisten sympathisch und
einige wohlwollende Worte von ihm wiirden die Arbeit un-
gemein fordern.
Euer Hochwohlgeboren bitte ich vielmals um Entschuldi-
gung, daft ich Sie mit so vielem belaste; die so wohlwollende
Freundlichkeit, mit der Sie mir stets begegneten, macht es
mir gewift, dafi Sie es mir nicht iibel nehmen werden.
In der Versicherung
der vorziiglichsten Hochachtung
Rudolf Steiner
43- AN JOHANNES REHMKE
Brunn am Gebirge, 28. Marz 1884
Euer Hochwohlgeboren!
Hochgeehrter Herr Professor!
Die grofte Freundlichkeit, mit der Euer Hochwohlgebo-
ren schon einmal meinen wissenschaftlichen Bestrebungen
entgegenkamen, indem Sie mich im Dezember 1882 mit ei-
nem Schreiben erfreuten, das mir Ihr von mir hochgeschatz-
tes Urteil iiber einen Aufsatz von mir «Uber die Prinzipien
der Naturwissenschaft und den Atomismus», den ich Ihnen
im Manuskript vorgelegt hatte, brachte, ermutigt mich,
Ihnen, hochverehrter Herr Professor, den ersten Band mei-
nes Kommentars zu Goethes Naturwissenschaftlichen
Schriften - in Prof. Kiirschners Deutscher National-Litera-
tur erschienen - zu iibersenden.
Euer Hochwohlgeboren bemerkten damals in Ihrem
Briefe vom 19. Dez. 1882, daft Sie bedauern, «zu gewissen
kurz angedeuteten, aber fur die vorliegende Frage eminent
wichtigen Punkten» jenes Aufsatzes «nicht eine weitere
Ausfuhrung von meiner Hand zur Stelle zu haben». Ich
glaube nun in dem vorliegenden Bande, der Goethes Orga-
nik behandelt - er kann als selbstandiges Ganzes gelten -, an
der Hand derselben wenigstens nach einer Richtung hin die
Prinzipien, die sich bei mir seit Jahren festsetzten, bis zur
befriedigenden Deutlichkeit ausgefuhrt und in ihren Konse-
quenzen verfolgt zu haben. Jetzt darf ich vielleicht hoffen,
daft die Beziehungen dieser Prinzipien zu dem erkenntnis-
theoretischen Monismus, den Euer Hochwohlgeboren als
eine neue Form der Erkenntnistheorie aufstellen, klar her-
vortreten, was Sie, hochverehrter Herr Professor, damals ja
vermiftten.
Ich glaube in meiner Einleitung, besonders in dem Kapitel
«[Uber] das Wesen und die Bedeutung von Goethes Schrif-
ten iiber organische Bildung» S. Lllff., bewiesen zu haben,
daft mit der originellen Art, wie Goethe die Organik zu
begriinden sucht, der erste Schritt getan ist, urn dieselbe zu
einer wahren - der Physik, Chemie etc. ebenburtigen - Wis-
senschaft zu erheben. Dies letztere deshalb, weil er eine Er-
klarung des Organischen anstrebt, ohne daft er zugleich die
Moglichkeit einer solchen Erklarung davon abhdngig
machte, daft die Gesetze des Organischen identisch sind mit
denen der unorganischen Welt und ohne dafi er teleologische
Prinzipien zu Hilfe nimmt. Dadurch geht er uber Kants
Kritik der Urteilskraft weit hinaus, unterscheidet sich aber
auch bedeutend von denen, welche die ganze Natur mecha-
nisch-physikalisch erklaren wollen, obgleich nach Haeckels
Beispiel vielfach heute der Versuch gemacht wird, Goethes
organische Prinzipien als eine Prophetie der mechanischen
Weltanschauung darzustellen. Goethe aber will das Organi-
sche nicht unter das System der unorganischen Naturgesetze
subsumieren, sondern er will das System unserer Begriffe
um die Begriffe des Organischen erweitern. Mit jener Sub-
sumtion wird ja das eigentlich zu Erklarende gar nicht be-
riihrt, vielmehr als Organisches eigentlich aufgehoben. Der
richtige Weg kann doch eigentlich nur darin bestehen, fur
das Organische erklarende Prinzipien zu finden, nach denen
es uns ebenso verstandlich wird, wie die unorganische Natur
aus den Prinzipien der Energie, Kausalitat, Schwere etc. Da-
durch wird die Einheit der Welterklarung nicht aufgehoben,
sondern erst auf eine sichere Basis gestellt. Was man heute
so vielfach Einheit der Naturerklarung nennt, ist ja doch
nichts als Einformigkeit, alleinige Geltung der mechanisch-
physikalischen Naturgesetze.
Ich glaube in meiner Einleitung bewiesen zu haben, daft,
obgleich Goethe die eigentliche Philosophic fremd war, er
doch der Philosoph ist, der vor allem zum Kommentator
seiner Anschauungen berufen ist und dafi seine Prinzipien
vor dem Forum der Philosophic zu rechtfertigen sind. Euer
Hochwohlgeboren mochte ich bitten, sich nicht an einer
Stelle in dem von Prof. Dr. Schroer, einem den Goethefor-
schern bestens bekannten Schriftsteller, geschriebenen Vor-
wort [zu] stolen, wo von «Grenzen des Erkennens» gespro-
chen wird. Man konnte in der Tat aus manchen Behaup tun-
gen Goethes zu dem Schlufi kommen, daft er an eine abso-
lute Grenze des menschlichen Erkennens im Kantschen
Sinne geglaubt hatte (Harpf sucht den Beweis davon in sei-
nem Aufsatz: Goethes Erkenntnisprinzip in den Philo-
s[ophischen] Monatsheften im Jahrgang 1883 zu fuhren).
Meiner festen Uberzeugung nach ist da, wo er von Grenzen
des Erkennens spricht, nur immer das jeweilige Ende dessel-
ben gemeint. Es ist ja doch seinem ganzen Wesen gemaft ein
«Ding an sich» abzulehnen und an der Identitat von Be-
wufk-Seiendem und Seiendem festzuhalten.
Euer Hochwohlgeboren werden am besten ermessen
konnen, daft die Zeitstromung, in der wir leben, meinen
Ausfuhrungen nicht giinstig ist und da$ ich vielen Schwie-
rigkeiten dadurch begegne, dafi ich so viele Interpretationen
Goethes als irrtumliche bezeichnen mufite - einerseits haben
wir die mechanische Naturerklarung, andererseits noch im-
mer das Festhalten an Kantschen Irrtumern. In Ansehung
dessen werden Sie, hochverehrter Herr Professor, verzei-
hen, wenn ich die Bitte wage, mich durch ein iiber das Buch
sich aussprechendes Wort an einen von Ihnen geeignet ge-
haltenen Orte zu unterstiitzen.
In vorziiglicher Verehrung
Euer Hochwohlgeboren ergebenster
Rudolf Steiner
44. AN ALBERT LOGER
[Brunn am Gebirge, Marz/April 1884]
Vielgeliebter Freund !
Es macht mir besondere Freude, Dir hiermit den ersten
Band meines in Kiirschners Ausgabe «Deutscher National-
Literatur» erschienenen Kommentars zu Goethes naturwis-
senschaftlichen Schriften iibersenden zu konnen. Das Vor-
wort ist von Prof. Schroer, von dem wir schon ofters spra-
chen und der auch die Ausgabe der Dramen Goethes in
derselben Ausgabe besorgt.
Wann meine iibrigen beiden Bande folgen, steht dann frei-
lich noch im Uneewissen. , , ,. . « n
° Mit nerzlicnem GrulSe
Dein
Rudolf Steiner
Einen Handkufi an die gnadige Frau.
45. JOSEPH KURSCHNER AN RUDOLF STEINER [Postkarte]
Stuttgart, 31. Marz 1884
Sehr geehrter Herr!
Besten Dank fiir die ubermittelten Briefe und zugleich die Mit-
teilung, dafi dieselben heute mit Rezensionsexemplaren versehen
an ihre respektiven Adressen abgegangen sind.
In ausgezeichneter Hochachtung
Ihr ergebenster
Kiirschner
46. AN JOHANNES WITTE
[Brunn am Gebirge, 14. April 1884]
Euer Hochwohlgeboren!
Hochgeehrter Herr Professor!
Herzlichsten Dank fiir Ihren so freundlichen Brief, der
mir eine aufrichtige Freude bereitet hat und fiir die Liebens-
wiirdigkeit, mit der Sie mein Buch aufgenommen haben.
Daft Sie, hochverehrter Herr Professor, der Ansicht sind,
dafi ich in den wichtigsten Punkten das Richtige getroffen
habe, gereicht mir zur ganz besonderen Befriedigung, denn
ich kann Sie versichern, dafi ich mir Ihre Zustimmung sehr
gewiinscht habe und dafi ich diese sehr hochschatze.
Sehr erfreut es mich, dafi Euer Hochwohlgeboren die
Giite haben wollen, sich in den «Philosophischen Monats-
heften» iiber das Buch auszusprechen. Haben Sie im vorhin-
ein meinen aufrichtigsten Dank fur diese Ihre Freundlich-
keit. Glauben Sie mir, hochverehrter Herr Professor, dafi
ich auf Ihre weiteren Ausfiihrungen iiber die Sache daselbst
sehr gespannt bin. Ich werde Ihnen gerade fur eine Bespre-
chung in den «Philosophischen Monatsheften» sehr dankbar
sein, denn dort gelangt sie, wie ich glaube, an die richtigsten
Adressen.
Dafi Sie, hochverehrter Herr Professor, Ihr Wohlwollen
noch weiter ausdehnen und in einem besonderen Artikel in
Kiirschners «Vom Fels zum Meer» mit Bezug auf mein Buch
sich iiber den Gegenstand aufiern wollen, miifite mich eben-
falls aufs freudigste beriihren. Eine so warme Teilnahme wie
die Ihrige in diesem Falle ist gewifi selten. Ich kann Sie auch
da nur meiner innigsten Dankbarkeit versichern. Es ist mir
sehr leid, dafi Euer Hochwohlgeboren von Kurschner in
einer solchen Weise verletzt worden sind. Ich werde so-
gleich an ihn schreiben und ihn ersuchen, die Sache aufzu-
klaren, so dafi es Ihnen moglich wird, jene wohlgemeinte
Absicht auszufiihren. Kurschner hat sich in den letzten Jah-
ren ungemein viel Arbeit auf geladen, iiber die ihm die Uber-
sicht immer schwieriger zu werden scheint. Dafi bei ihm
Brief e verlorengehen, noch bevorsie zur Auf gab e gelangen,
ist, glaube ich, ganz gut [moglich].
[Der Rest des Briefes fehk.]
47- AN JOSEPH KURSCHNER
Brunn am Gebirge, 14. April 1884
Euer Hochwohlgeboren!
Hochgeehrter Herr Professor!
Prof. Witte in Bonn hat meinen an ihn wegen des Goethe-
bandes gerichteten Brief aufierordentlich freundlich beant-
wortet und teilt mir mit, dafi er in alien wichtigen Punkten
meiner Ansicht ist. Er hat sich bereit erklart, das Buch in den
«Philosophischen Monatsheften» zu besprechen, sobald es
dort moglich sein wird. Eine kurze Zeit diirfte dies deshalb
dauern, weil diese Zeitschrift immer mit sehr viel Material
versehen ist und der Inhalt der Hefte schon Monate lang vor
dem Erscheinen desselben fest bestimmt ist. Prof. Schaar-
schmidt, der Herausgeber derselben, hat aber bereits seine
Zusage beziiglich der Aufnahme von Wittes Besprechung
gegeben und es ist dieselbe bestimmt zu erwarten. Prof.
Witte stellt aber noch ein weiteres in Aussicht, um der Sache
zu dienen. Dazu mufi ich mir aber Ihre freundliche Mitwir-
kung erbitten. Er wiirde gerne fur die Zeitschrift «Vom Fels
zum Meer» in Anlehnung an mein Buch einen besonderen
Artikel schreiben. Ich mufi aufrichtig gestehen, dafi ich ei-
nen solchen Artikel mit wahrer Freude begriiften wiirde. Er
wiirde [sich], aller Voraussicht nach, ganz auf den Stand-
punkt meines Buches stellen. Sie, hochverehrter Herr Pro-
fessor, mdchte ich recht sehr bitten, einen solchen Artikel
Wittes aufzunehmen. Nun ist da aber leider noch ein kleines
Hindernis aus dem Wege zu raumen. Witte schreibt, er hatte
seinerzeit von Ihnen eine Aufforderung bekommen, an der
Deutschen National- Literatur mitzuarbeiten; er habe dar-
auf geantwortet und auch einige Themen bezeichnet, die er
zu bearbeiten gesonnen gewesen ware. Darauf nun will er
ohne Antwort geblieben sein. Er nimmt jedoch an, dafi die
Antwort verlorengegangen ist. Dennoch halt er es nicht
recht fur tunlich, dafi er sich nun direkt an Sie, hochverehrter
Herr Professor, wegen Aufnahme des bezeichneten Artikels
wende. Ich mochte Sie nun recht sehr bitten, nur ein paar
Worte der Aufkiarung iiber den Zwischenfall an Witte zu
schreiben, den die Sache recht unangenehm beriihrt zu ha-
ben scheint. Dann wiirde ja seinerseits die Einsendung des
Artikels sogleich erfolgen. Mir selbst aber bitte ich sehr diese
unumwundene Sprache giitigst zu verzeihen. Ich mochte
Wittes Empfehlung wirklich fur eine Forderung der Sache
haiten. Da mir sehr viel daran liegt, so bitte ich mir baldigst
Nachricht zukommen zu lassen, wie sich Sie, hochverehrter
Herr Professor, zu der Angelegenheit verhalten. Auch Prof.
Schroer hatte aufrichtige Freude iiber die ungewohnliche
Liebenswiirdigkeit Wittes und iiber sein Entgegenkommen
in dieser Sache.
Mit Schroer habe ich auch gesprochen rucksichtlich des-
sen, was man in bezug auf die Wiener Zeitungen tun solle,
damit sie das Werk anempfehlen. Wir mochten Sie beide
ersuchen, entweder an Schroer oder an mich fur die hiesigen
Zeitungen 4 Exemplare giitigst senden zu wollen, damit wir
diese auffordern konnten, fur das Buch einzutreten. Diese
tun nichts, bevor ihnen das Buch zur Verfugung gestellt
wird. Fur die «Deutsche Zeitung» habe ich mittlerweile
selbst gesorgt und hoffe, da$ diese schon in allernachster
Zeit eine Anzeige, vielleicht auch einen langeren Artikel
iiber das Buch bringen wird. Dann wiirde ich noch bitten
um Nachricht, ob Gottschall fur die « Blatter fur literarische
Unterhaltung» und Theophil Zolling fur die «Gegenwart»
ein Exemplar erhalten haben. Fur die letztere werde ich
Eduard von Hartmann ersuchen, ein Wort iiber das Buch
zu schreiben.
Indem ich nochmals um recht baldige Nachricht bitte
Euer Hochwohlgeboren
dankbarst ergebener
Rudolf Steiner
48. JOSEPH KURSCHNER AN RUDOLF STEINER
Stuttgart, 20. April 1884
Sehr geehrter Herr!
Vielen Dank fur Ihre freundlichen Mitteilungen in betreff der
naturgeschichtlichen Schriften. Leider aber ist es nicht moglich,
einen entsprechenden Aufsatz in «Vom Fels zum Meer» aufzuneh-
men, da das Publikum dieser Zeitschrift fur derartige Sachen nicht
das geringste Interesse hat und es vollstandig aus dem Rahmen
fallen wiirde. Ubrigens kann ich Ihnen mein Wort darauf geben,
dafi ich nichts davon weifi, Witte jemals fiir die National-Literatur
aufgefordert und einen Brief von ihm erhalten zu haben. Ich hore
iiberhaupt durch Sie jetzt das erste Mai von ihm. Es ware mir
erfreulich, wenn Sie diese Sache noch einmal mit ihm besprechen
konnten, da aller Wahrscheinlichkeit nach ein Mifiverstandnis mit
meiner anderen Sammlung vorliegt. Die betreffenden Exemplare
sind hoffentlich inzwischen in den Besitz des Herrn Professor
Schroer gelangt. . . TT , . ,
Mit ausgezeichneter Hochacntung ergebenst
Kiirschner
49, JOSEPH KURSCHNER AN RUDOLF STEINER
Stuttgart, 22. April 1884
Verehrtester Herr!
Soeben erhalte ich beifolgenden Brief des Professor Welcker in
Halle, den ich Ihnen ebenso wie den beigefiigten Separatabzug und
die Inauguraldissertation mitschicke mit der Bitte, mir alles nach
genommener Einsicht wieder zu ubermitteln. Ich habe dem Herrn
bereits fiir seine Liebenswiirdigkeit gedankt, und wenn es sonst in
Ihrem Plane liegt, konnten Sie die Winke vielleicht benutzen.
Mit vollkommener Hochachtung
Ihr ergebenster
Kiirschner
50. JOSEPH KURSCHNER AN RUDOLF STEINER
Stuttgart, 24. April 1884
Sehr geehrter Herr!
Heute erlaube ich mir, mich auch einmal in emer Privatangele-
genheit an Ihre Gute zu wenden. Ich beabsichtige namlich dem-
nachst die Herausgabe einer Art praktischen Hausbuchs, dem ich
einen Anhang zu geben gedenke, welcher in moglichst gedrangter
Form den Leser iiber das Wissenswerteste orientiert. In demselben
sollen auch eine Reihe ganz kurzer Artikel aus dem Gebiete der
«Mineralogie» Aufnahme finden und wiirden Sie mich zu aufteror-
dentlichem Danke verbinden, wenn Sie geneigt waren, dieses Ge-
biet zu bearbeiten. Es handelt sich wie gesagt um ganz kurze Arti-
kel, ohne besonderen stilistischen Zusammenhang, die nur durch
Angabe des Tatsachlichen das Stichwort genugend erklaren. Aller-
dings bin ich leider nicht in der Lage ein aufiergewohnlich hohes
Honorar zu bezahlen, da ich selbst nur sehr wenig erhalte, aber ich
glaube auch, dafi die Arbeit aufierordentlich wenig Miihe verursa-
chen wird.
Ich wiirde dann ein Artikelverzeichnis einsenden und alles Na-
here schreiben. - Sollten Sie selbst nicht geneigt oder in der Lage
sein, die Arbeit zu iibernehmen, so konnten Sie mir doch vielleicht
irgendeine hierzu geeignete Personlichkeit namhaft machen.
In der Hoffnung bald von Ihnen Gutes zu horen
Ihr hochachtungsvollst ergebener
Kiirschner
51. AN JOSEPH KURSCHNER
Brunn am Gebirge, 27. April 1884
Euer Hochwohlgeboren!
Hochgeehrter Herr Professor!
Vorerst meinen warmsten Dank fur Ihre freundlichen
Briefe, die mir manche erfreuliche Mitteilung gebracht [ha-
ben] und die ich mich nun beeile, zu beantworten. Daft Prof.
Welcker in Halle sich in einer so freundlichen Weise iiber
den Goetheband ausspricht, hat mir die aufrichtigste Freude
bereitet. Aus allem, was ich von ihm weifl und auch aus der
von Ihnen, hochverehrter Herr Professor, mir giitigst zur
Lektiire iiberlassenen Dissertation von ihm, ersehe ich, dafi
Welcker eine tiefangelegte Natur ist, die bis zu jenem fur
vieie schwer zu fassenden Punkte hindurchdringt, wo Goe-
thes dichterisches Schaffen, seine kiinstlerische Weltanschau-
ung mit innerer Notwendigkeit zur wissenschaftlichen Be-
trachtung fiihren mufite. Euer Hochwohlgeboren werden
verzeihen, wenn ich mir die Abhandlungen Welckers einige
Tage zu einem eingehenden Studium hier behalte; ich sende
sie dann samt dessen Brief zuriick.
Ich komme nun zu Ihrer freundlichen Aufforderung be-
treffs der Bearbeitung des mineralogischen Teiles des von
Euer Hochwohlgeboren bezeichneten Buches. Ich kann
eine solche Arbeit ganz gut ubernehmen, somit Ihre liebens-
wiirdige Anfrage bejahend beantworten. Ich mochte dem-
nach bitten, mir das erwahnte Artikelverzeichnis zu iiber-
senden und mir das Nahere iiber die Tendenz und Anlage
Ihres Buches giitigst mitzuteilen. Jedenfalls bitte ich auch
urn Auskunft in bezug auf die ungef ahre raumliche Ausdeh-
nung eines Artikels. Ich danke Ihnen, hochverehrter Herr
Professor, bestens dafiir, dafi Sie bei dieser Gelegenheit an
mich gedacht [haben] und versichere Sie, dafi es mich sehr
freuen wird, wenn es mir gelingen sollte, Sie zu bef riedigen.
In bezug auf einen Punkt betreffs Witte in Bonn habe ich
einiges zu berichtigen. Ich schrieb in meinem letzten Briefe
wahrscheinlich, Witte behauptete, zur Mitarbeiterschaft an
der Deutschen National-Literatur von Euer Hochwohlge-
boren aufgefordert worden zu sein. Ich irrte mich: das Deut-
sche National-Literatur soil heifien: an der Zeitschrift «Vom
Fels zum Meere». Ich werde Witte mitteilen, dafi wohl auch
diese seine Behauptung auf einem Miftverstandnis beruhen
diirfte. Dafi es nicht tunlich ist, den besagten Aufsatz Wittes
in « Vom Fels zum Meere» aufzunehmen, sehe ich sehr wohl
ein; ich hatte es aber doch gerne, wenn er irgendwo erschei-
nen wiirde. Es ware doch schade, wenn etwas, wofiir eine so
liebenswiirdige Zusage bereits vorliegt, unterbleiben sollte.
Witte scheint keine Zeitschrift zu wissen, in der er den Arti-
kel unterbringen konnte. Vielleicht konnten Euer Hoch-
wohlgeboren bei Ihrer reichen Erfahrung auf diesem Ge-
biete einen giitigen Rat geben, wohin man sich etwa zur
Aufnahme jenes Aufsatzes wenden konnte.
Die Exemplare fur die Wiener Zeitungen sind noch nicht
in den Handen Prof. Schroers; ich mochte sehr bitten, die
Ubersendung derselben freundlichst zu veranlassen, da
Schroer mir erst in diesen Tagen wieder sagte, er wolle alles
tun, damit die Wiener Zeitungen iiber die Sache etwas
bringen. vorzU gjj cner Hochachtung
Euer Hochwohlgeboren
dankbarst ergebener
Rudolf Steiner
52. JOSEPH KURSCHNER AN RUDOLF STEINER
Stuttgart, 29. April 1884
Verehrtester Herr!
Vielen Dank fur Ihre Mitteilung und die gutige Absicht, mir
behilflich zu sein. Ich sende Ihnen in der Anlage das Nahere und
zugleich die Abschrift eines Briefes, aus dem Sie ersehen konnen,
wie ich mir die Arbeit behandelt denke. Diirfte ich eventuell darauf
hoffen, daE, wenn ich in Verlegenheit kame, Sie auch die Zoologie
und Botanik ubernehmen wiirden? Die Riicksendung des Welcker-
schen Buches und Briefes hat keine Eile. Was den Artikel von
Witte anlangt, so ware derselbe vielleicht geeignet fur Friedjungs
«Deutsche Wochenschrift» in Wien oder fur Zollings «Gegen-
wart». Besonders die letztere wiirde gewifi mit Vergnugen etwas
iiber die Sache bringen. Die Rezensionsexemplare sind dummer-
weise auf [dem] Buchhandlerwege befordert, auf dem leider alles
langsamer geht als mit der Post. Indes mit Gottes Hilfe werden
ja wohl die Exemplare in Hamburg ankommen
} r Mit bestem Grufi
Ihr ergebenster
Kurschner
52a. Siehe Nachtrag auf Seite 239.
53. AN JOSEPH KURSCHNER
Brunn am Gebirge, 2. Mai 1884
Euer Hochwohlgeboren!
Hochgeehrter Herr Professor!
Fiir die Ubertragung der mineralogischen Arbeit noch-
mals bestens dankend, erlaube ich mir mitzuteilen, dafi ich
Ihren freundlichen Brief nebst Register soeben erhalten
habe. Ich werde das Manuskript gewifi den Angaben von
Euer Hochwohlgeboren gemafi herstellen und sobald als
moglich, unbedingt aber langstens in der von Ihnen gefor-
derten Zeit, senden. Vielleicht sende ich in einigen Tagen
einige Stichproben an Euer Hochwohlgeboren mit der Bitte
um Auskunft iiber Ihr Einverstandnis mit den von mir zu
brauchenden Abkiirzungen.
Bezuglich der Zoologie und Botanik fragen mich Euer
Hochwohlgeboren, ob ich notigenfalls auch diese iiberneh-
men wiirde. Da ich einmal an der Sache bin, so kbnnen Sie
im Bedarfsfalle jederzeit auch darauf rechnen. Nur ware es
mir dann angenehm, wenn Sie die Bearbeitung der Manu-
skripte der Zeit nach nicht zu sehr tf«5einandernicken
wiirden. ,. , TT 1 1
Mit vorzuglicner riochachtung
Rudolf Steiner
54- JOSEPH KURSCHNER AN RUDOLF STEINER
Stuttgart, 7. Mai 1884
Verehrter Herr!
Vielen Dank fur Ihre Zeilen. Es freut mich sehr, dafi Sie die
Mineralogie ubernommen haben. Zoologie und Botanik scheint
nun doch von den fruher von mir ausgesehenen Herren behalten
worden zu sein; andernfalls komme ich noch zu Ihnen, auf Ihre
giitige Zusage mich berufend. Die Termine des Manuskriptes
werde ich jedenfalls nicht weit auseinanderriicken, sondern lasse
Ihnen hier bereits die Buchstaben J bis Q folgen. Ich wiirde sehr
gerne kleine Illustrationen beifugen, die sich auf Mineralogie bezie-
hen, etwa iiber Kristalle oder was Sie etwa noch denken. Vielleicht
machen Sie mir einen Vorschlag und sagen mir, wo ich etwas Vor-
bildliches finden kann
Mit bestem Grufi stets
Ihr ergebenster
Kurschner
55. AN JOHANNES WITTE
Brunn am Gebirge bei Wien, 24. Mai 1884
Euer Hochwohlgeboren!
Hochgeehrter Herr Professor!
Soeben erhalte ich von Professor Kurschner die Antwort
auf rnein Schreiben, in dem ich ihm mitgeteilt habe, dafi Sie,
hochgeehrter Herr Professor, die freundliche Absicht ha-
ben, in seiner Zeitschrift «Vom Fels zum Meer» einen Auf-
satz mk Bezug auf meinen Goetheband erscheinen zu lassen.
Zu meinem Bedauern sagt er, daft er einen solchen Aufsatz
in dieser Zeitschrift nicht aufzunehmen in der Lage ware,
weil das Publikum, fur das dieselbe bestimmt [ist], fur solche
Dinge absolut kein Interesse habe und das Thema ganz aus
dem Rahmen des Journals hinausfallen wiirde. Dies tut mir
sehr leid, da ich, wie ich schon einmal versichert habe, auf
die Ausfuhrungen von Ihnen, hochverehrter Herr Profes-
sor, sehr gespannt gewesen ware. Ich wage es fast nicht, die
Bitte auszusprechen, [ob] Euer Hochwohlgeboren nicht ge-
neigt waren, denselben in einer anderen Zeitschrift zu verof-
fentlichen. Kiirschner meint, dafi Theophil Zollings «Ge-
genwart» mit Vergniigen einen solchen Aufsatz aufnehmen
wiirde. Er denkt auch an Friedjungs «Deutsche Wochen-
schrift» in Wien. Die letztere ist wohl in Osterreich mehr
gelesen, als dies in Deutschland der Fall sein durfte - ist
iibrigens auch noch jung -; dennoch weifi ich nicht, ob sie
Ihnen, hochverehrter Herr Professor, nicht ein zu kleines
Publikum hat, als dafi Sie jenen Aufsatz in derselben erschei-
nen liefien. Ich wiirde, wenn das letztere nicht der Fall sein
sollte, mit Dr. Friedjung selbst wegen Aufnahme des Auf-
satzes sprechen.
Da ich mit Kiirschner besonders in der letzteren Zeit in
ziemlich nahe Beziehungen getreten bin, so konnte ich ihn
ganz unverhohlen auffordern, mir Aufklarung zu geben
iiber den Grund, warum das von Ihnen, hochverehrter Herr
Professor, erwahnte Schreiben an ihn damals unbeantwortet
geblieben ist. Er versichert mich nun, dafi er sich nicht erin-
nere, ein Schreiben von Ihnen erhalten zu haben und dafi
seiner Meinung nach ein Mi£verstandnis mit einer anderen
Zeitschrift obwalten miisse.
Hier nochmals fur die Freundlichkeit, mit der mir Euer
Hochwohlgeboren begegnet, innigst dankend, empfehle ich
mich Ihrem ferneren Wohlwollen als T1 ,
Ihr ergebenster
Rudolf Steiner
56. JOSEPH KURSCHNER AN RUDOLF STEINER
VerehrtesterHerr! Stuttgart, 30. Mai t 88 4
Angeschlossen sende ich Ihnen den Rest der Artikelverzeich-
nisse zur «Mineralogie» und solche zu «Bergbau», welche Sie wohl
auch in der Lage sind zu bearbeiten.
Ich mufke Sie nun aber dringend bitten, mir baldmoglicbst das,
was Sie bis jetzt fertig haben, sowie die ersten Buchstaben zu
«Bergbau», die ja ganz unbedeutend sind, zu iibersenden, da ich
Mitte nachster Woche mit dem Satz und Druck beginnen mochte
und das Manuskript doch vorher noch zusammenstellen mufi.
Indem ich also recht bald einer Sendung entgegensehe, verharre
ich als
Ihr hochachtungsvollst ergebener
Kurschner
57. AN JOSEPH KURSCHNER
Brunn am Gebirge, 5. Juni 1884
Euer Hochwohlgeboren!
Hochverehrter Herr Professor!
Zu meinem grolken Bedauern kann ich erst heute mit der
Sendung meines Manuskriptes beginnen; jetzt aber habe ich
die Buchstaben A— R nur mehr abzuschreiben, was be-
stimmt heute noch geschieht, so daft ich hoffen kann, Euer
Hochwohlgeboren haben morgen sowohl von Mineralogie
wie von Bergbau das Alphabet von A-R in den Handen.
Den Anfang der Mineralogie sende ich gleich mit. Mit der
nachsten Sendung hoffe ich auch einen Teil der Abbildun-
gen, die beigegeben werden konnten, mitsenden zu konnen.
Jedenfalls kann ich Euer Hochwohlgeboren versichern, dafi
Sie bis 10. das Ganze haben und bitte damit zugleich urn
Entschuldigung, daft ich mich so verspatet habe. Um die
Sendung nicht aufzuhalten, verspare ich mir alle weitere
Mitteilung auf meinen nachsten Brief.
Mit vorzuglicher Hochachtung
Rudolf Steiner
58. JOSEPH KURSCHNER AN RUDOLF STEINER
Stuttgart, 9. Juni 1884
Verehrtester Herr!
Besten Dank fur die Manuskriptsendung, deren Fortsetzung ich
mit Vergmigen bald entgegensehe. Heute sende ich Ihnen 3 Tafeln
iiber Kristallformen mit der Bitte, mir gefalligst sagen zu wollen,
ob und was Sie von denselben der Wiedergabe fur wert und interes-
sant halten. Diejenigen, deren Reproduktion Sie nicht raten, bitte
ich einfach zu durchstreichen. Die Tafeln stehen uns zu dem ge-
dachten Zwecke zur Verfugung.
In ausgezeichneter Hochachtung
Ihr ergebenster
Kiirschner
59. JOSEPH KURSCHNER AN RUDOLF STEINER [Postkarte]
Stuttgart, 12. Juni 1884
Sehr geehrter Herr!
Hierdurch erlaube ich mir die Bitte an Sie zu richten um gefallige
Riickgabe derjenigen meiner Artikelverzeichnisse, zu denen Sie
das Manuskript bereits eingesandt haben. Fur mbglichst umge-
hende Zusendung ware ich Ihnen doppelt verbunden, da ich ohne
dieselben das Manuskript nicht fertigstellen kann. Bei der nachsten
Sendung, deren Expre/?-Bestellung nicht mehr notig ist, bitte ich,
die betr. Register jedesmal gleich beifugen zu wollen.
In vorziiglicher Hochachtung
Ihr ergebenster
Kiirschner
6o. AN JOSEPH KURSCHNER
[Brunn am Gebirge,] 12. Juni 1884
Euer Hochwohlgeboren!
Hochgeehrter Herr Professor!
Die mir iibersendeten Tafeln habe ich durchgesehen und
die meiner Ansicht nach unnotigen Figuren durchgestri-
chen; sie sollten eigentlich jetzt abgehen. Leider aber sehe
ich, daft ich sie in Brunn liegen liefi und sie so mit dieser
Sendung, die von Wien abgeht, nicht mitsenden kann. Sie
gehen noch heute als Expreft-Sendung ab. Gleichzeitig
sende ich 3 Tafeln, beziiglich welcher ich bemerke, dafi ich
glaube, daft sie an Stelle der mir iibersendeten keineswegs
instruktiven Tafeln gesetzt werden sollten. Ich habe mich
bemuht, auf diesen Tafeln dem Leser alles so klar als moglich
zu machen, namentlich den Vorgang bei Entstehung halber
Formen usw. und die Achsenverhaltnisse. Ich rate jeden-
falls, diese Tafeln, bei denen die Figuren auch das richtige
Grofienverhaltnis zueinander haben, zu verwenden, da dies
bei den andern nicht der Fall ist. Jedenfalls ware es gut, die
rot gezeichneten Linien so zu lassen, sonst waren sie zu
punktieren. Beziiglich des Artikels «Kristall» bemerke ich,
dafi ich ihn in 2 Fassungen iibersende, in der einen findet er
sich auf beigegebenen Blattern. In einer zweiten geht er mit
meiner heutigen Nachmittagssendung ab. Hier ist er etwas
langer und es ware notig, einige Zeilen zu den fixierten zuzu-
geben. Konnten sich Euer Hochwohlgeboren dazu ent-
schliefien, so wurde ich sehr dazu raten, da die langere Fas-
sung viel instruktiver ist.
Mit vorzuglicher Hochachtung
Euer Hochwohlgeboren ergebenster
Rudolf Steiner
6l. AN JOSEPH KURSCHNER
Brunn am Gebirge, 12. Juni 1884
Euer Hochwohlgeboren!
Hochgeehrter Herr Professor!
Noch einmal mochte ich raten, statt der hier mitfolgenden
die vorausgegangenen Tafeln zu verwenden; ich halte sie fur
entsprechender. Wenn es irgend moglich, so bitte ich den
mitfolgenden Artikel iiber «Kristall» statt des im vorigen
Manuskript enthaltenen zu verwenden. Register folgt mit.
Mit vorziiglicher Hochachtung
ergebenst
Rudolf Steiner
62. PAULINE SPECHT AN RUDOLF STEINER
Voslau, 16. Juni 1884
Werter Herr!
Infolge einer warmen Empfehlung des Herrn Regierungsrates
Dr. Walser wende ich mich an Sie mit der Anfrage, ob Sie geneigt
waren, eine Hofmeister-Stelle in meinem Hause zu iibernehmen.
Ich habe vier Knaben, der alteste besucht die vierte Unterrealklasse,
die beiden folgenden die vierte Normalklasse und der Jungste (im
Alter von 6 Jahren) wiirde nur bei Spaziergangen Ihre freundliche
Obsorge in Anspruch nehmen. Naheres wiirde sich wohl am be-
sten miindlich besprechen [lassen] und ersuche ich Sie darum, im
Falle Sie auf meine Proposition eingehen wollen, mich in « Voslau
Waldwiese No. i» zu besuchen. Sollten Sie jedoch nicht diese Ab-
sicht haben, so bitte ich sehr, mich davon schriftlich zu verstandi-
gen, da ich jedenfalls Ihre Antwort abwarte, bevor ich weitere
Schritte unternehme. Ihren freundlichen Nachrichten entgegense-
hend, zeichnet sich achtunesvoll .. „ ,
Pauline Specht
63. AN JOSEPH KURSCHNER
Brunn am Gebirge, 2. September 1884
Hochverehrter Herr Professor!
In der Anlage sende ich mit den besten Empfehlungen
den gewiinschten Artikel, den ich, um ihn nicht aufzuhalten,
durch nichts weiter beschweren will.
Mit vorziiglicher Hochachtung
Euer Hochwohlgeboren ergebenster
Rudolf Stein er
64. AN EDUARD VON HARTMANN
Brunn am Gebirge, 4. September 1884
Euer Hochwohlgeboren!
Gestatten Euer Hochwohlgeboren, daft ich Ihnen hiermit
den ersten Band meines mit einer Einleitung versehenen
Kommentars von Goethes Naturwissenschaftlichen Schrif-
ten vorlege; das Ganze wird in drei Banden in der «Deut-
schen National-Literatur» erscheinen. Dieser erste Band,
der als selbstandiges Ganzes gelten kann, behandelt Goethes
Organik. Mochten Sie, hochverehrter Herr, als Entschuldi-
gung dieser Sendung den Umstand gelten lassen, daft ich seit
Jahren mit aufrichtiger Verehrung zu Ihrem philosophi-
schen Wirken emporblicke und mich gedrangt fiihle, meine
Gedanken vor den Urheber der «Philosophie des Unbewuft-
ten» zu bringen.
Es wiirde mir wirklich zur innersten Befriedigung gerei-
chen, wenn Euer Hochwohlgeboren nichts Unberechtigtes
in meinem Versuche sehen wiirden, Goethes wissenschaftli-
ches Streben vom philosophischen Standpunkte aus zu be-
urteilen, was bisher, meiner Uberzeugung nach, noch nicht
in richtiger Weise geschehen ist.
Ich glaube bewiesen zu haben, daft das Verhaltnis Goethes
zur Wissenschaft denn doch ein ganz anderes ist, als von
Haeckel, Du Bois-Reymond, O. Schmidt und deren An-
hangern behauptet wird. Habe ich das Richtige getroffen, so
ist bei Goethe der Ansatz zur Begriindung der Organik als
wahrer Wissenschaft zu suchen. Ich nehme das deshalb an,
weil er nach einer Erklarung des Organischen strebt, die
nicht von der Annahme ausgeht, dafi die Gesetze desselben
identisch sind mit denen des Unorganischen. Diese Identitat
wird ja von den «Monisten» unserer Zeit angenommen und
auch von diesen als Goethes Ansicht ausgegeben. Ich glaube
nun, dafi durch eben diese Identitat das Organische nicht
nur nicht erklart, sondern geradezu aufgehoben wird. Eine
wahre Erklarung des Organischen wird gewifi nicht er-
reicht, wenn man es leugnet, sondern wenn man unser Be-
griffssystem erweitert, so dafi wir zu Begriffen gelangen, die
uns das Organische ebenso begreiflich erscheinen lassen, wie
dies beziiglich des Unorganischen mit den mechanischen,
physikalischen etc. Gesetzen der Fall ist. Haeckel ist bei
seinen wiederholten Besprechungen von Goethes morpho-
logischen Anschauungen immer von dem Verhaltnis Goe-
thes zu Kant ausgegangen. Er hat aber, meiner Ansicht nach,
dieses Verhaltnis vollkommen mifiverstanden. Er glaubt,
Kant habe behauptet, wir konnten das Organische nur dann
erklaren, wenn wir in der Lage waren, es als Mechanismus
zu deduzieren. Goethe aber habe damit Ernst gemacht und
den Organismus wirklich mit Hilfe mechanischer Kausalitat
erklaren wollen. Es ist aber doch gewifi, daft Kant, seiner
ganzen Lehre nach, gerade dann, wenn er den Organismus
aus mechanischen Gesetzen fur erklarbar gehalten hatte,
auch die Moglichkeit einer solchen Erklarung dem Men-
schen hatte durchaus nicht absprechen konnen. Der Mecha-
nismus ist ja, nach Kant, das fur unseren diskursiven Ver-
stand Begreifliche. Er konnte also nichts anderes gemeint
haben, als : weil der Organismus nicht mechanisch erklarbar
ist, unser Verstand aber nur mechanische Zusammenhange
erfassen kann, ist das Organische fur ihn unbegreiflich.
Goethe sprach nun dem Menschen — im Gegensatz zu
Kant - das intuitive Erkennen zu und nahm es gerade fur die
Erklarung des Organischen in Anspruch. Goethes organi-
scher «Typus» ist, meiner Ansicht nach, sehr verschieden
von dem, was der heutige Darwinismus unter Typus ver-
steht. Er ist im letzten Grunde das Unbewuflte in jener
Form, in der es die organische Welt beherrscht.
Mit Goethe ist, denke ich, der Wendepunkt gegeben, an
dem sich die Organik von einer unwissenschaftlichen zu
einer wissenschaftlichen Methode erhoben hat. Im zweiten
Bande meines Buches, das im Manuskript bereits abge-
schlossen ist, werde ich das Verhaltnis von Goethes wissen-
schaftlichen Grundansichten zur Metaphysik des Unbe-
wufken zu beleuchten suchen. Im ersten Bande mufke ich
den Inhalt von Goethes Gedanken iiber Organik entwik-
keln, um dann im zweiten Bande die Beziehungen derselben
zu philosophischen Grundanschauungen, also auch zum
Unbewulken zu besprechen. Ich hoffe, da beweisen zu kon-
nen, da$ sich bei Goethe mancher sehr bedeutsame Ansatz
zur Ansicht vom Unbewulken findet. Dies gilt freilich von
seinen Anschauungen in praktischer Beziehung weniger als
in theoretischer.
Ich kann nur nochmals versichern, dafi es mir zur ganz
besonderen Befriedigung gereichen wiirde, wenn Euer
Hochwohlgeboren, von Ihrem Standpunkt aus, mein Be-
streben billigen konnten. Mochten es Euer Hochwohlgebo-
ren mit meinem Eifer fur die Sache entschuldigen und mit
der Bedeutung, die ich Ihrem Urteil beilege, wenn ich mir
die Bitte beizufiigen erlaube, mich durch ein Wort an ir-
gendeinem Orte in meinem Bestreben in dieser Richtung zu
unterstiitzen. Jede Bemerkung von Ihrer Seite wiirde mich
zu aufrichtigstem Danke verpflichten.
Nochmals um Entschuldigung bittend
Euer Hochwohlgeboren ergebenster Verehrer
Rudolf Steiner
65. EDUARD VON HARTMANN AN RUDOLF STEINER
Berlin, 13. September 1884
Hochgeehrter Herr!
Zunachst meinen herzlichen Dank fur Ihre freundlichen Zeilen
und die gefallige Zusendung Ihrer Publikation iiber Goethe! Ich
bringe Ihrem Unternehmen die vollste Sympathie entgegen und
glaube, dafi Sie durch Ihre Arbeit die Beurteilung Goethes
als Naturphilosophen wesentlich fordern werden.
Haeckel gegeniiber sind Sie vollstandig im Recht, der Goethe
ebenso mifiverstanden hat wie Kant; ebenso stehe ich auf Ihrer
Seite denjenigen gegeniiber, die Goethe als Idealisten im platoni-
schen Sinne stigmatisieren, blofi um iiber ihn zur Tagesordnung
der mechanischen Weltanschauung iiberzugehen.
Aber in einem Punkte, meine ich, steht Goethe dem Darwinis-
mus naher, als Sie denken, namlich darin, daft er die Mannigfaltig-
keit des Hoheren und Niederen und dessen Entwickelungsreihe in
der Erscheinungswelt nicht als logische Notwendigkeit in der Idee
selbst . . . gelten lafit, sondern aus den zufalligen aufieren Einfliis-
sen der Wirklichkeit auf die Idee ableiten lafit. Der Gegensatz, dafi
es bei den Darwinisten die zufallig entstandenen realen Urorganis-
men sind, bei Goethe die Idee in ihrer idealen Vollkommenheit,
woran die aufieren Einfliisse sich modifizierend betatigen, bleibt
freilich bestehen; aber er spricht fast zugunsten des Darwinismus,
insofern bei diesem doch ein realer Entwickelungsprozefi, wenn
auch auf zufalligem Wege, entsteht - so daft das Goethesche als
Erscheinung wirklich positive Resultat das der Zwischenstufen
ist wahrend bei Goethe die aufieren Einfliisse gar nicht positiv,
sondern nur negativ, hemmend wirken, also nicht die vollkom-
mene, sondern nur die unvollkommene Erscheinung zum Ergebnis
haben. Der Idealismus, durch den Goethe auf der anderen Seite
iiber den Darwinismus hinausragt, scheint mir in der Tat noch ein
abstrakter platonischer Idealismus wie bei Schelling zu sein, den
erst Hegel im 3. Band der «Logik» mit dem Begriff des «Konkret-
Allgemeinen» (freilich nur in seiner unhaltbar dialektischen Ma-
nier) zu uberwinden suchte. Ich sehe Goethe in Parallelstellung zu
Darwin, nicht zu Haeckel, denn wenn Darwin so viele Urorganis-
men annimmt, als es Ordnungen im Tier- und Pflanzenreich gibt,
so hatte auch Goethe neben seinem Typus des Wirbeltieres und
Typus der einjahrigen Phanerogamenpflanze von Rechts wegen so
viele andere Idealtypen aufstellen miissen, als es Ordnungen im
Tier- und Pflanzen- und Protistenreich gibt. Diese sind nun soviel
abstrakter als die alten Speziestypen, wie die Ordnungen weiter
sind als die Spezies; sie stehen aber ebenso zusammenhangslos und
verhaltnislos nebeneinander wie diese. Dem Schritt Haeckels, bloft
einen Urorganismus anzunehmen und alle Ordnungstypen durch
Transformation auf Anlaft aufterer Einfliisse aus diesem entstehen
zu lassen, hat Goethe keinen analogen Schritt entgegengestellt,
namlich Tiertypus und Pflanzentypus unvereinigt gelassen. Wollte
man denselben nachholen, so miiftte er darin bestehen, daft der
Mensch der Typus der gesamten Organismen sei (wie bei Haeckel
das Protoplasma); denn der ideale Typus soil ja der vollkommenste
sein. Hier zeigt sich nun aber sofort die Unmoglichkeit, alle niede-
ren Organismen, die nicht in der direkten Ahnenreihe des Men-
schen liegen, aus dem Menschentypus als aufterlich bedingte Hem-
mungsbildungen abzuleiten, das heiftt die Unhaltbarkeit der ausge-
fuhrten Goetheschen Theorie. Will man dagegen auf Goethes An-
nahme, daft der Urorganismus als Idee die Goethesche vollendete
Gestalt des Organischen sein miisse, verzichten und ihm nur die an
alien Organismen gemeinsam zu findenden Merkmale zuschrei-
ben, so kommt man auf einen idealen Typus, der iiber den realen
Haeckelschen Urorganismus inhaltlich nicht hinausreicht, das
heiftt, den Idealismus an seiner Abstraktheit zugrunde gehen
laftt.
Aus diesen Griinden kann ich Ihrer Behauptung, daft Goethe
«das Wesen des Organismus gefunden habe» (S. LXVIII), nicht
beistimmen; vielmehr scheint sein Beispiel mir zu zeigen, daft die-
ses «Wesen» auf dem Wege des Platon-Schellingschen abstrakten
Idealismus iiberhaupt nicht zu finden ist. Sie wissen, daft ich in der
Metaphysik und Religion den abstrakten Monismus durch einen
konkreten, in der Politik, Asthetik und Naturphilosophie den ab-
strakten Idealismus durch den konkreten zu ersetzen bemuht bin,
was ich gegenwartig auf dem Felde der Asthetik durchzufuhren
bemuht bin. Mein obiges Urteil iiber Goethe wiirde ich vorlaufig
nicht wagen offentlich auszusprechen, weil es sich mehr auf Ihre
Darstellung der Goetheschen Naturphilosophie als auf deren ge-
naues Selbststudium stiitzt. Ich sehe aber mit lebhafter Spannung
dem 2, Band Ihrer Publikation entgegen, da Goethe ohne Zweifel
dem Unbewufiten sein Bestes verdankt und davon auch etwas ge-
merkt hat. Goethes Grofie liegt, wie Sie richtig betonen, in der
Intuition; dagegen ist er in der Reflexion auffallend schwach, und
deshalb gelingt es ihm nie, seine Intuitionen so durch allseitige
Reflexion zu verarbeiten, daft sie sich zur echten Spekulation oder
gar zur systematischen Philosophic ergeben. Sein Bestes gibt er,
wo er die Intuition von aller Reflexion loslost und als aphoristische
Aper§us darbietet, die oft als geniale Lichtblitze blenden und er-
leuchten. Fur die Asthetik hat Schasler diese Eigentiimlichkeit tref-
fend nachgewiesen (Kritische Geschichte der Asthetik); sie gelten
aber auch fur die Naturphilosophie. Sie erkennen dies auch in ge-
wisser Weise an, indem Sie betonen, daft das Fragmentarische der
Goetheschen Leistungen nichts Zufalliges ist; aber es ware gut zu
bemerken, daft und warum Goethe umso viel formell schlechterer
Philosoph als Lessing und Schiller war, als er besserer Dichter war,
weil ihm namlich die rationelle Reflexion beim Philosophieren
fehlt, deren Mangel beim Dichten sein Gliick war.
Ihrer Abhandlung mochte ich noch einige Bemerkungen beifii-
gen. Ihre Sonderung von Organischem und Unorganischem auf
S. LX unten und LXI scheint mir bedenklich; das Gesetz als Natur-
gesetz ist dem Unorganischen ebenso immanent und innerlich wie
dem Organischen, nur der Zweck y wo etwas als Maschine verwen-
det wird, ist dem ersteren aufterlich, wahrend auch der Zweck dem
Organischen immanent ist (S. LIII, Anm. 2). Auch im Unorgani-
schen gibt es Typen so gut wie im Organischen (z. B. die Kristalle),
die dasselbe Verhaltnis zur Erscheinung hier wie dort haben. Auch
im Organischen bedingen die phanomenalen Teile und Verhalt-
nisse einander auf mechanische Weise, ebenso wie sie von dem
idealen Prinzip auf nichtmechanische Weise bedingt sind, woraus
Sie auf S. LIV, Z. 9-10 eine Antithese formieren, die der Erfahrung
gegeniiber in Ihrer Fassung unhaltbar ist. Daft die sinnliche An-
schauung im Unorganischen die Prozesse erschopft, bestreite ich
entschieden; Kraft und Gesetz sind unanschauliche, ubersinnliche
Konzeptionen, wobei ganz gleichgiiltig, ob sie einfach oder zusam-
mengesetzt zu denken sind (gegen S. LIII). Diese Behauptung
scheint mir auch fur die Deduktion, in welche Sie dieselbe einflech-
ten, nicht erforderlich. Daft die Idee (induktives) Resultat der Er-
fahrung, und doch Prinzip der apriorischen Gestaltung fur den
Erkenntnisprozefi sein sollte, erscheint als ein Widerspruch, der
wohl einer Aufldsung wert gewesen ware.
Ich bitte Sie, diese Ausstellungen nur als ein Zeichen der Auf-
merksamkeit und des Interesses zu betrachten, mit dem ich Ihren
Auseinandersetzungen gef olgt bin, und verbleibe mit nochmaligem
^ an ^ Ihr hochachtungsvoll ergebener
Eduard von Hartmann
Schonhauser Alle 132 pt.
Vom 23. September ab:
Liitzow-Ufer 30 pt.
66. AN EINEN FREUND
[letzte vorhandene Seite eines Briefes]
[Brunn am Gebirge bei Wien?,]
3. Oktober 1884
Fiir den Deutschen gibt es in Osterreich nur zweierlei
Parteibestrebungen. Entweder er ist in der Minoritat, dann
mufi er die Fahne der Kultur entfalten und den Slawen und
Magyaren geistig imponieren. Oder er ist in der Majoritat
und am Ruder, dann muE er in echt demokratischem Geiste
den Autonomismus und die freie Selbstbestimmung der
Volker auf seine Fahne schreiben und jenem Zukunftsstaate
entgegenstreben, der der Kultur am giinstigsten ist: dem
geschlossenen Handelsstaate ohne «Geld» und «B6rse».
Fiir heute nur noch: herzlich-bruderlichen Grufi und die
Versicherung, dafi ich in den nachsten Tagen komme, es
mufi aber nicht sonntags sein, ist aber auch da nicht unmog-
lich; dariiber besondere Nachricht, sowie iiber den materiel-
len Punkt. ^ .
Dein ewig treuer
Rudolf Steiner
6y. AN JOSEPH KURSCHNER
Brunn am Gebirge, 12. Oktober 1884
Euer Hochwohlgeboren!
Auf die gefallige Anfrage von Ihnen, hochverehrter Herr
Professor, erlaube ich mir folgendes zu erwidern: das Ame
im Artikel «Mineral» bedeutet Ametalle (Nichtmetalle).
Man kann - falls die Abkiirzung nicht angeht - ja ausschrei-
ben:«Ametalle» oder «Nichtmetalle». Gemeint sind nam-
lich die nichtmetallischen - als Mineralien vorkommenden
Elemente: Diamant, Graphit und Schwefel. Die Abkiir-
zung Me fur Metall wird unter meinen Abkiirzungen
vorkommen. . _. .. , TT 1 ,
Mit vorzuglicher Hochachtung
Rudolf Steiner
68. JOSEPH KURSCHNER AN RUDOLF STEINER
[Eilpostkarte]
Stuttgart, 16. Oktober 1884
Sehr geehrter Herr!
Soeben mit dem Zusammenordnen des Manuskriptes fur den
Schluft des kleinen Lexikons beschaftigt, bemerke ich zu meinem
Schrecken, daft die Artikel zur «Mineralogie» und «Bergbau» von
V— Z noch fehlen. Ich bitte Sie deshalb dringendst, mir dieselben
doch moglicbst umgehend zugehen zu lassen, um dieselben noch
rechtzeitig einordnen zu kdnnen, da der Druck bis langstens 20. cr.
vollstandig beendet sein mufi.
In der Hoffnung, die Sachen bald zu erhalten und mit verbind-
lichstem Danke im voraus
Ihr hochachtungsvollst ergebener
Joseph Kiirschner
6<?. JOSEPH KURSCHNER AN RUDOLF STEINER
[Stuttgart, November 1884]
Die zwingende Notwendigkeit, mein Taschen-Konversations-
Lexikon, welches dieser Tage erscheint, bis zum Oktober zu vollen-
den, hat mich neben den zahlreichen anderen Verpflichtungen,
welche mir obliegen, leider gehindert, alle Briefe so rasch zu beant-
worten, als ich es gewiinscht hatte. Indem ich mich anschicke, die
scbwer empfundene Schuld abzuzahlen, bitte ich um gutige Nach-
sicht und Entschuldigung und nehme, in der Voraussicht, meine
Bitte erfullt zu sehen, den Faden unserer Korrespondenz da auf,
wo er liegengebheben ist, ohne mich nochmals iiber die Griinde
des bedauerlichen Nichtschreibens zu verbreiten.
Kiirschner
[Stuttgart,] 20. November 1884
Sehr geehrter Herr!
Der vorstehend angefiihrte Grund und die zur Zeit drangenden
Arbeiten fur den neuen Jahrgang des Literaturkalenders machen es
mir erst jetzt moglich, Ihnen zu schreiben und das kleine Lexikon,
an welchem Sie so freundlich waren, mitzuwirken, Ihnen zu iiber-
senden. Es folgt nun hierbei mit dem Wunsche, dafi Ihnen das
Buch, welches trotz seiner Kleinheit doch eine ungeheure Miihe
verursachte, gefallen moge. Sollten Sie vielleicht in die Lage kom-
men, irgendwo einige freundliche Worte iiber dasselbe anbringen
zu konnen, so wiirde mich dies und die gefallige Ubermittlung
eines Abzuges sehr zu Dank verbinden. Was das Honorar anlangt,
so wird Ihnen dasselbe in den ersten Tagen des Dezember zugehen.
Ich fiige hier eine Berechnung bei, aus welcher Sie den Betrag erse-
hen werden.
Bei der Gelegenheit erlaube ich mir die Anfrage, ob Sie geneigt
waren, bei einer eventuellen Neuauflage gegen ein seinerzeit noch
zu vereinbarendes Honorar die Artikel, welche Ihnen auf einzelne
Zettel aufgeklebt zugehen wiirden, einer Revision zu unterwerfen
und eventuell zu erganzen. Vielleicht notieren Sie sich jetzt schon,
was Ihnen eventuell Bemerkenswertes und besonders Aktuelles
begegnet, was dann die Arbeit wesentlich erleichtert.
Indem ich hieriiber Ihrer geneigten Mitteilung entgegensehe,
bin ich mit ausgezeichneter Hochachtung
Ihr ergebenster
Kiirschner
70. AN JOSEPH KURSCHNER
Brunn am Gebirge, 1. Dezember 1884
Euer Hochwohlgeboren!
Hochgeehrter Herr Professor!
Besten Dank fur das hubsch ausgestattete und mit so gro-
wer Sorgfalt ausgefiihrte handliche Lexikon. Ich werde mir
alle Miihe geben, es in geeigneter Weise besprechen zu kon-
nen und werde dann die betreffenden Ausschnitte iibersen-
den. Es ist selbstverstandlich, dafi ich alles tun werde, was
fur eine eventuelle Neuausgabe notig erscheint.
Verzeihen Sie nun, hochverehrter Herr Professor, wenn
ich mir heute eine Bitte an Sie erlaube und Sie recht sehr
ersuche, mir dieselbe nicht abzuschlagen. Ich will mich kurz
fassen, auf Ihr mir so oft bewiesenes Wohlwollen vertrau-
end. Ich habe namlich eine Erkenntnistheorie von meinem
wissenschaftlichen Standpunkte aus bearbeitet. Diese heute
zu einer Frage der Zeit gewordene Disziplin erhalt da eine
Gestalt, die sowohl dem Grundgedanken wie auch der Be-
handlungsart nach ganz neu ist; sie erscheint auf einer
Grundlage aufgebaut, durch die sie nicht allein die wissen-
schaftliche Welt beruhrt, sondern die weitesten Kreise der
Gebildeten interessieren mufke. Sie ist namlich auf dem
Fundamente aufgebaut, auf dem die heutige deutsche Bil-
dung iiberhaupt ruht. Gegeniiber alien ahnlichen Erschei-
nungen der deutschen Literatur erscheint sie auf breitester
Basis, weil sie nicht von einer einseitigen Schulrichtung, son-
dern von der in sich gesattigten Weltanschauung unserer
Klassiker ausgeht. Zu meinen Bestrebungen in bezug auf
Goethe bildet sie insoferne die Erganzung, als dort die vor-
nehmlich kritische Seite in den Vordergrund treten mufite,
wahrend hier das an der Hand dieser Kritik Gewonnene zu
einem positiven, wissenschaftlichen Ganzen verarbeitet
wird. Ich wiirde die 6—8 Bogen umfassende Broschiire beti-
teln: «Erkenntnistheorie auf Grund der Goethe-Schiller-
schen Weltanschauung und des deutschen Idealismus». Ich
wiirde nun Euer Hochwohlgeboren recht sehr bitten, bei
Spemann etwas dafiir zu tun, dafi er die gedachte Broschiire
in Verlag nehme. Der gegenwartige Moment ist fur das Er-
scheinen besonders giinstig, weil meine Erkenntnistheorie
dann zugleich mit der von Volkelt demnachst zu erwarten-
den auftreten wiirde, welch letzterer diese Wissenschaft von
einem vollig andern - den durch den Spatschellingianismus
modifizierten Kantianismus - behandeln wird. Ich halte da-
fiir, dafi die Sache eher das Gegenteil als gewagt genannt
werden kann; dennoch wiirde ich eventuell sehr gerne auf
jeden materiellen Vorteil verzichten, wenn Spemann den
Verlag davon abhangig machen wiirde. Ich kann Sie, hoch-
verehrter Herr Professor, versichern, dafi es mir um den
materiellen Vorteil bei meinen Arbeiten ganz und gar nicht
zu tun ist und dafi mir die Sache iiber alles geht. Ich habe
bisher so viele Beweise Ihres Wohlwollens mir gegeniiber
kennengelernt, dafi ich leichten Herzens und mit Zuversicht
daran gehe, diese Bitte an Sie zu richten. Jedenfalls bitte ich
um Ihren freundlichen und giitigen Rat in dieser Angelegen-
heit und nochmals um Entschuldigung wegen dieses Briefes,
der sich von dem hochsten Vertrauen und der aufrichtigsten
Verehrung von Ihnen, hochverehrter Herr Professor, her-
schreibt.
In gespannter Erwartung einer giitigen Antwort mich
Ihrem fernern Wohlwollen bestens empf ehlend
Ihr ergebener
Rudolf Steiner
71. AN JOSEPH KURSCHNER
[Brunn am Gebirge,] i. Dezember 1884
Euer Hochwohlgeboren!
Hochgeehrter Herr Professor!
Zu meinem Bedauern bemerke ich, dafi das beiliegende
langst zum Absenden Vorbereitete noch bei mir liegt und
furchte fast, dafi es nun schon zu spat ist. Vielmals um Ent-
schuldigung bittend wegen dieser Verspatung.
In vorzuglicher Hochachtung
ergebenst
Rudolf Steiner
72. JOSEPH KURSCHNER AN RUDOLF STEINER
[Stuttgart, Anfang Dezember] 1884
Sehr geehrter Herr!
Beifolgend erlaube ich mir, Ihnen den Betrag fur die mir freund-
lichst gelieferten Artikel im Umfang von zus. 1720 Zeilen mit
M[ark] 30 - zu iibersenden. Nochmals verbindlichst dankend
Ihr hochachtungsvollst ergebener
Kurschner
73. JOSEPH KURSCHNER AN RUDOLF STEINER [Postkarte]
Stuttgart, 6. Dezember 1884
Verehrter Dr. Steiner!
Herzlichen Dank fur Ihre freundlich in Aussicht gestellte An-
zeige meines Buches.
Was nun Ihre Bitte anlangt, so habe ich mit Spemann gespro-
chen. Er nimmt eigentlich bei der groften Anlage seines Geschafts
nicht gern Sachen in Verlag, die nicht auf weite Kreise berechnet
sind - seinen Kuristverlag ausgenommen - hat aber doch gern
meiner Bitte entsprochen und will Ihr Buch drucken, freilich ohne
Honorar. 1st Ihnen damit gedient, so senden Sie mir das Manu-
skript, es wird in Format und Ausstattung genau wie die National-
Literatur werden. . c
Mit schonsten Emptenlungen und in
aufrichtiger Hochachtung
Ihr
Kurschner
74. AN JOSEPH KURSCHNER
Brunn am Gebirge, 18. Dezember 1884
Euer Hochwohlgeboren!
Hochverehrter Herr Professor!
In der Anlage iibersende ich einen Ausschnitt der «Deut-
schen Zeitung», eine kurze Besprechung des Konversations-
Lexikons von mir enthaltend. Gleichzeitig lege ich das ganze
Blatt bei, fur den Fall, daft es etwa fur Sie, hochverehrter
Herr Professor, wunschenswert sein sollte. Hoffentlich
werde ich dergleichen noch weiteres unterbringen.
Fur Ihre gutige Verwendung, hochverehrter Herr Profes-
sor, wegen meiner Erkenntnistheorie bei Spemann kann ich
Ihnen nicht genug Dank sagen. Als ich diese Bitte stellte,
geschah es mit Zogern, denn ich meinte, das mir von Euer
Hochwohlgeboren in so reichem Mafie bewiesene freundli-
che und wohlwollende Entgegenkommen, das ich so hoch
anschlage, zu sehr in Anspruch zu nehmen. Sie haben es mir
aber neuerdings in einer mir so am Herzen liegenden Sache
zuteil werden lassen. Seien Sie versichert, dafi ich Zeit mei-
nes Lebens dieses mir am Beginne meiner Laufbahn so riick-
haltlos bewiesene Wohlwollen werde zu wiirdigen wissen.
Wie ich bereits schrieb, verzichte ich gerne auf ein Honorar
fur das Buch, wie es Spemann zur Bedingung macht und
begluckwiinsche mich dazu, dafi durch Ihre gutige Fiirspra-
che gerade bei Spemann gedruckt wird. Also nochmals mei-
nen tiefgefuhltesten Dank fur Ihre Bemiihungen. Ich wiin-
sche und hoffe zuversichtlich, dafi Sie, hochverehrter Herr
Professor, wenn Sie das Manuskript demndcbst vor Augen
haben werden, sich iiberzeugen werden, fur nichts Unwiir-
diges Ihr so freundliches Wort eingelegt zu haben. Das Ma-
nuskript wird jetzt abgeschrieben und mit einem Vorworte
versehen, worauf ich mir erlauben werde, es sogleich zu
iibersenden. Ich hoffe den besten Erfolg und sogar eine gun-
stige Riickwirkung auf die Goetheausgabe.
Nochmals herzlichst dankend in aufrichtigster Anerken-
nun § Ihr ergebener
Rudolf Steiner
Die Zeitung mulke ich mir leider erst in der Expedition
verschaffen - in den Verkaufsladen ist sie schnell vergrif-
fen daher diese geringe Verspatung.
75. AN JOSEPH KURSCHNER
Brunn am Gebirge, 31. Januar 1885
Euer Hochwohlgeboren!
Hochverehrter Herr Professor!
Herzlichsten Gliickwunsch zum neuen Jahre. Moge es
Ihnen, hochverehrter Herr Professor, zu Ihrer vollstandigen
Befriedigung verlaufen. Hierbei auch nochmals meinen ver-
bindlichsten Dank fur Ihre freundliche Verwendung fur
meine Erkenntnistheorie, deren Manuskript ich mir dem-
nachst zu iibersenden erlauben werde.
Anbei sende ich auch einen anonymen Aufsatz von mir
(« Goethe und die Liebe und Goethes Dramen») [aus] der
«Deutschen Zeitung», der auch iiber die zwei ersten Bande
von Goethes Dramen der «Deutschen National- Literatur»
handelt. Zu meinem Leidwesen hat man mir in der Redak-
tion einen Passus weggelassen, in dem ich iiber die «Natio-
nal-Literatur» im allgemeinen sprach.
Mit vorziiglicher Hochachtung
Ihr dankschuldiger
Rudolf Steiner
76. AN JOSEPH KURSCHNER
Brunn am Gebirge, 30. Marz 1885
Euer Hochwohlgeboren!
Hochverehrter Herr Professor!
Hiermit erlaube ich mir, zwei in jungster Zeit erschienene
Hinweisungen auf «Goethes naturwissenschaftliche Schrif-
ten»* Euer Hochwohlgeboren zu iibersenden. Die Verfasser
derselben sind mir unbekannt.
Mit vorziiglicher Hochachtung
Rudolf Steiner
* Literarisches Zentralblatt Nr. 10, S. 316;
Mxinchner Allg. Zeitung, Nr. 82, S. 1203.
77. AUS EINEM BRIEF AN MORIZ ZITTER
[WienJ 1 6./ 1 7. April 1885
. . . Nun mochte ich Ihnen in bezug auf etwas anderes
einiges mitteilen. Sie wissen und scheinen es oft bedauert zu
haben, daft ich mich gegeniiber der neudeutschen - oder
sagen wir, der gegenwartigen deutschen Poesie ablehnend
verhalten habe. Sie wissen auch, dafi ich mich durch nichts
in dieser meiner Auffassung habe beirren lassen. Dafi diese
Ansicht auch die Schroers ist, wissen Sie ebenfalls, und ich
glaube mich erinnern zu konnen, dafi Sie sich einmal beson-
ders argerten, als Ihnen derselbe gewift mit vollem Recht
sagte: Die neueren Dichter erinnern iiberhaupt an nichts.
Dies ist auch heute noch meine Ansicht, bis auf die Werke
eines Ihnen vielleicht noch unbekannten Genies, iiber das
ich Ihnen Naheres hier sagen will. Mit einer gewissen Re-
serve mochte ich schon heute sagen: Diese Dichtungen sind
der Form nach vielleicht nicht ganz, dem Inhalte nach gewifi
aber ganz einigen der grdlken Schopfungen Schillers und
Goethes an die Seite zu setzen. Diese ja erst vor kurzem
erschienenen Sachen atmen einmal wieder wahre Poesie,
sind voll dichterisch gestaltender Kraft . . .
78. AN JOSEPH KURSCHNER
Brunn am Gebirge, 15. Mai 1885
Hochverehrter Herr Professor!
Auf Ihren freundlichen Brief erlaube ich mir hiermit zu
erwidern, dafi ich zunachst sehr erfreut bin iiber die Tatsa-
che, dafi schon jetzt eine neue Ausgabe des kleinen Lexikons
notwendig ist und dafi ich mit Vergniigen bereit bin, meinen
Teil in der von Ihnen, hochverehrter Herr Professor, ange-
gebenen Weise wieder zu besorgen. Ich bitte Sie deshalb
recht sehr, mir, sobald als es angeht, die in Ihrem Briefe
erwahnten Zettel zu senden, und Sie konnen liberzeugt sein,
dafi ich alle Sorgfalt verwenden werde, die notig ist. Im be-
sonderen mache ich den Vorschlag, die kleinen Abbildungen
um eine zu vermehren, die den Artikel «Geologische Perio-
den» erlautern soli und die ich Ihnen mit meinem Manu-
skript zugleich einsenden werde. Sollten Sie, hochverehrter
Herr Professor, noch in der Lage sein, mir die franz. und
engl. Ubersetzung meines Teiles zu iibertragen, so konnte
und wollte ich dieselbe ganz wohl ubernehmen.
Mich Ihrem ferneren Wohlwollen bestens empfehlend
Rudolf Steiner
79- JOSEPH KURSCHNER AN RUDOLF STEINER
Stuttgart, 23. Mai 1885
Sehr geehrter Herr!
Besten Dank fur Ihre giitige Zusage, die Bearbeitung der Neu-
auflage \ibernehmen zu wollen. Sie empfangen in der Anlage eine
Partie Artikel, denen in kurzen Zwischenraumen weitere folgen
werden, und bitte ich um moglichst schleunige Erledigung. Uber
die zu beachtenden Grundsatze geben die anliegenden Bemerkun-
gen nahere Auskunft. Es scheint mir iibrigens ratsam, bei den Mi-
neralen etc. die verschiedenen Formeln wegzulassen, welche ja
doch dem Leser mehr oder minder unverstandlich bleiben. Dage-
gen scheint es mir geboten, namentlich darauf Riicksicht zu neh-
men, daft die Bezeichnung, was Minerale und was Kristalle sind,
streng geschieden werden. Ich furchte, daft durch die Anwendung
des Zeichens viele Fehler sich eingeschlichen haben. Wollen Sie die
Giite haben, mir die Ubersetzung gleich beizufiigen, so werde ich
Ihnen zu besonderem Danke verpflichtet sein. Uber die Abkiir-
zungen behalte ich mir eine besondere Mitteilung vor.
Mit vorzuglicher Hochachtung
Ihr ergebenster
Kiirschner
80. AN JOSEPH KURSCHNER
Brunn am Gebirge, 30. Juni 1885
Euer Hochwohlgeboren!
Hochverehrter Herr Professor!
In Ihren geehrten Zeilen, die Sie, hochverehrter Herr Pro-
fessor, der Sendung der ersten Serie von Artikeln des kleinen
Lexikons anschlossen, behielten Sie sich ausdriicklich vor,
mir noch einige Mitteilungen in bezug auf Abkiirzungen zu
machen, durch die sich in der 1 . Auflage eine Undeutlichkeit
eingeschlichen haben soil. Diese Mitteilung habe ich noch
nicht erhalten. Ich sende nun demungeachtet die erste Serie
ab und glaube, daft Verwechslungen nicht vorkommen
konnen, denn ich habe jedes Mineral mit OJ) bezeichnet und
wenn es kristallisiert, dies ausdriicklicb mit «krist.» hinzu
bemerkt. Das Folgende sowie die Ubersetzungen sende ich
unverziiglich nach. «. , TT , ,
6 Mit vorzuglicner Hocnacntung
Rudolf Steiner
8l. AN JOSEPH KURSCHNER
Brunn am Gebirge, 4. Juli 1885
Euer Hochwohlgeboren!
Hochgeehrter Herr Professor!
Anbei die Fortsetzung der Artikel. Ich hoffe, daft die zahl-
reichen Anderungen, die ich vorgenommen habe, der Sache
zum Vorteil gereichen. Das weitere folgt unverziiglich nach.
Mich Ihrem fernern geneigten Wohlwollen empfehlend
Rudolf Steiner
82. JOSEPH KURSCHNER AN RUDOLF STEINER [Postkarte]
Stuttgart, 24. Juli 1885
Sehr geehrter Herr!
Da nunmehr schon der weitaus grofite Teil der Bearbeitungen
der franz. u. engl. Ausgabe des kl. Lexikons eingeliefert sind, und
fortlaufend an dem Ordnen des ganzen Alphabets gearbeitet wird,
sehe ich mich gezwungen, auch Sie nochmals zu bitten, doch ja die
Ubersetzung recht sehr zu beschleunigen. Vor alien Dingen kame
es mir darauf an, die engl. Ubersetzung zu erhalten, und bitte ich,
mir zu senden, was f ertig ist und Fortsetzung und Schlufi moglichst
umgehend folgen zu lassen.
Mit vorziiglicher Hochachtung
Ihr ergebenster
Kurschner
83. AN JOSEPH KURSCHNER
Brunn am Gebirge, 4. August 1885
Euer Hochwohlgeboren !
Hochverehrter Herr Professor!
Hierdurch bitte ich vielmals um Entschuldigung, wenn
ich diese Blatter erst heute sende. Ihre freundliche Karte traf
mich nicht zu Hause und so hat sich das zu meinem aufrich-
tigen Bedauern wieder verzogert. Zu folgenden Buchstaben
mufi ich nur noch das Register machen und sende sie unver-
ziiglich nach. Ich geben Ihnen die Versicherung, daft alles
jetzt in wenigen Tagen in Ihren Handen ist und bitte noch-
mals um Entschuldigung we gen meines Zogerns.
Mich dem f ernern Wohlwollen Euer Hochwohlgeboren
bestens empfehlend
Rudolf Steiner
84. JOSEPH KURSCHNER AN RUDOLF STEINER [Postkarte]
Stuttgart, 6. August 1885
Verehrter Herr!
Mit verbindlichstem Dank bestatige ich den Empfang des ersten
Teils der Artikel resp. Ubersetzungen und bin sehr erfreut zu ho-
ren, demnachst den Schlufi zu erhalten. Ich lasse Ihnen Manu-
skriptpapier hier folgen (Kreuzband) und bemerke noch, dafi ich
hauptsachlich zuerst auf das Englische reflektiere.
In vorzuglicher Hochachtung
Ihr ergebenster
Kiirschner
85. JOSEPH KURSCHNER AN RUDOLF STEINER [Postkarte]
Stuttgart, 11. August 1885
Verehrter Herr!
Konnte ich nicht bald wieder eine Partie Ubersetzungen haben?
Die Sache ist hocbst eilig. Nehmen Sie bitte nur immer zuerst das
Englische, das mir vor allem wichtig ist, dann erst franzosisch.
In vorziiglicher Hochachtung
Ihr ergebenster
Kiirschner
86. an Joseph kurschner [Postkarte]
Voslau, 17. August 1885
Hochverehrter Herr Professor!
Hierdurch erlaube ich mir anzuzeigen, da$ ich das Ge-
wiinschte fiir das Lexikon noch heute abgehen lasse.
In vorziiglicher Hochachtung
Rudolf Steiner
87. AN JOSEPH KURSCHNER
[ohne Tages- und Monatsdatum] 1885
Hochverehrter Herr Professor!
Beifolgend die Fortsetzung der Artikel fiir das Lexikon
mit den besten Empfehlungen. Das Folgende und die Uber-
setzungen in kiirzester Zeit.
Ihrem ferneren Wohlwollen mich empf ehlend
in aufrichtiger Hochschatzung
Rudolf Steiner
88. AN JOSEPH KURSCHNER
Brunn am Gebirge, 13. Oktober 1885
Euer Hochwohlgeboren!
Hochverehrter Herr Professor!
In der Anlage eriaube ich mir, die letzte Nummer (i6u.
17) der «Osterreichischen Literaturzeitung>> zu iibersenden.
Sie enthalt eine ausfuhrlichere Besprechung der «Naturwis-
senschaftlichen Schriften Goethes» (S. 17). Ich werde die
wichtigeren Stellen durch einen Strich am Rande hervorhe-
ben. Was der Rezensent in bezug auf die Anordnung und
das «formale Prinzip in Goethes wissenschafdichen Schrif-
ten» vorbringt, wird von mir in einer Entgegnung richtig-
gestellt werden.
Indem ich wegen vieler Versaumnisse, die ich in letzter
Zeit Ihnen [gegeniiber], hochverehrter Herr Professor, be-
gangen [habe], vielmals um Entschuldigung bitte, bin ich
in vorzuglicher Hochachtung T1 ,
Ihr ergebenster
Rudolf Steiner
88a. Siehe Nachtrag auf Seite 241.
89. JOSEPH KURSCHNER AN RUDOLF STEINER [Postkarte]
Stuttgart, 11. Dezember 1885
Sehr geehrter Herr!
Hier durch eriaube ich mir, Ihnen mitzuteilen, dafi ich jetzt auf
das dringendste des Schlusses der Artikel der Mineralogie bedarf,
namentlich fur Englisch, da sonst die Arbeit hier ins Stocken gerat.
Ich bitte also, mich moglichst umgehend in den Besitz derselben zu
setzen. T ^ i* 1 j 1 j
lm voraus herzlich dankend
Ihr hochachtungsvollst ergebener
Kiirschner
90. an Joseph kurschner [Postkarte]
Brunn am Gebirge, 15. Dezember 1885
Euer Hochwohlgeboren!
Hochverehrter Herr Professor!
Hierdurch erlaube ich mir anzuzeigen, daft ich Ihrer
freundlichen Karte zufolge sogleich den gewiinschten
Schluft der Artikel absenden werde, so daft dieselben jeden-
falls binnen 24 Stunden in Ihren Handen sein werden. In-
deral ich hoffe, Sie durch meine Verspatung nicht im regel-
rechten Gange des Druckes aufzuhalten,
mit vorziiglicher Hochachtung
Rudolf Steiner
91. JOSEPH KURSCHNER AN RUDOLF STEINER
Stuttgart, 27. Januar 1886
Hochgeehrter Herr!
Von der National-Literatur, an der auch Sie die Gute hatten sich
zu beteiligen, sind bereits gegen 70 Bande erschienen und gegen 10
weitere im Druck. Es 1st fur mich jetzt unter alien Umstanden
notwendig, daft ich wegen der iibrigen Bande genaue Dispositionen
treffe, einerseits wegen der Drucklegung, andererseits aber auch
wegen der Herstellung eines endgiiltigen Verzeichnisses, dessen
Herausgabe ich so friih wie moglich veranlassen mochte. Ich bitte
Sie deshalb in der herzlichsten Weise, mir recht bald Aufschluft zu
geben, bis wann ich nunmehr definitiv auf die Einsendung Ihres
Manuskripts rechnen kann und hoffe ich, daft dies in nicht zu
ferner Zeit geschieht. Gleichzeitig mochte ich Sie auch gebeten
haben, mir nun womoglich eine definitive Inhaltsangabe der von
Ihnen ubernommenen Bande, wenigstens soweit dieselben von
dem zwischen uns urspriinglich besprochenen Programm abwei-
chen, zu machen, eben zum Zweck jenes Gesamtverzeichnisses.
In der Hoffnung, recht bald von Ihnen zu horen,
in vollkommener Hochachtung
Ihr ergebenster
Kurschner
92. JOSEPH KURSCHNER AN RUDOLF STEINER
Stuttgart, 12. Februar 1886
Sehr geehrter Herr!
Soeben empfange ich beifolgenden, mich etwas komisch anmu-
tenden Brief eines Mannes, der mir nicht bekannt ist. Ich habe ihm
mitgeteilt, wie grofle Anerkennung Ihre Einleitung gefunden habe
und wie sehr ich dieselbe anerkenne. Es scheint mir aber doch
notwendig, daft Sie von der Sache Notiz nehmen, um gegebenen-
falls gewappnet zu sein. Ich bitte aber um gefallige Rucksendung
In vorziiglicher Hochachtung
Ihr ergebenster
Kiirschner
93. AN JOSEPH KURSCHNER
Brunn am Gebirge, Marz 1886
Hochgeehrter Herr Professor!
Herzlichsten Dank fur die Ubersendung des Bergschen
Briefes, den ich hiermit wieder zurucksende, sowie fur Ihre
beigeschlossenen so freundlichen Zeilen. Wenn Berg sagt,
daft ich Goethe Gewalt antue, so kann ich mich darauf beru-
fen, daft selbst diejenigen, welche nicht, wie ich, den Stand-
punkt Goethes in der Naturwissenschaft recbtfertigen, mir
doch das Eine nickhaltlos zugestehen, dafi ich die Anschau-
ungen Goethes vollstandig im Sinne des letztern wieder-
gebe. Daft aber gerade von meiner Interpretation viele iiber-
rascht sind, wundert mich nicht. Man war eben von jeher
gewohnt, ganz anders iiber diese Seite Goetheschen Schaf-
fens zu denken; man beschaftigte sich nie eigentlich in dem
Sinne mit den hierher gehorigen Schriften, als wenn sie, wie
Goethes andere Werke, eine geistige Macht waren, mit der
im besten Sinne gerechnet werden muft, wenn es sich um
einschlagige - hier wissenschaftliche - Fragen handelt. Als
Beweis hierfur erlaube ich mir Ihnen, hochverehrter Herr
Professor, eine Stelle aus einem Brief Eduard v. Hartmanns
an mich im Vertrauen mitzuteilen. Derselbe sagt, dafi er
Goethes naturwissenschaftliche Schriften eigentlich nur aus
meiner Einleitung und Ausgabe kenne. Wenn nun Ed. von
Hartmann, dem gewifi niemand Einseitigkeit vorwerfen
wird — was hat er nicht gelesen! -, so spricht, so geht daraus
hervor, dafi es selbst Manner mit dem entschiedensten Be-
durfnisse, alle Seiten des geistigen Lebens kennenzulernen,
bisher nicht fur notwendig hielten, sich mit Goethe dem
Naturforscher ernstlich zu beschaftigen. Wie nun aber
Hartmann uber die Gewalt denkt, die ich Goethe antue,
geht aus folgender Stelle von ihm hervor, die ich mir erlaube
wortlich anzufuhren: «Ich bringe Ihrem Unternehmen die
vollste Sympathie entgegen und glaube, daft Sie durch Ihre
Arbeit die Beurteilung Goethes als Naturphilosophen
wesentlich fordern werden. Haeckel gegemiber sind Sie
vollstandig im Recht, der Goethe ebenso mifiverstanden hat
wie Kant; ebenso stehe ich auf Ihrer Seite denjenigen gegen-
uber, die Goethe als Idealisten im pl
…[truncated]