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Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER 


Friedrich Nietzsche 


Ein Kampfer gegen 
seine Zeit 


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RUDOLF STEINER 


Friedrich NiefBsche 


Ein Kampfer gegen 


seine Zeit 


Zweite, durch Aufnahme 
mehrerer Aufsdtze erweiterte Auflage 
2. bis 6. Tausend 


1972.10 


Philosophisch-Anthroposophischer Verlag 
am Goetheanum, Dornach (Schweiz) 


Alle Rechte vorbehalten / Copyright 1926 by Philosophisch- 
Anthroposophischer Verlag am Goetheanum, Dornach (Schweiz) 
Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart 


Inhalt. 


Ejnieitung zur Neuausgabe 1926......... 1 
Friedrich Niefsche im ,Lebensgang* Rudolf 
SICMNEISM st ee ee On te 13 
Friedrich Niefsche, ein Kampfer gegen seine Zeit 
Vorrede zur ersten Auflage 1895. ..... 55 
PybDer Charakter” sat. eet. 2h nee 37 
Homer Ubermienach eu) ako 4ibhs.. cok 61 
lll. Niefsches Entwicklungsgang ..... 121 
Die Philosophie Friedrich Niefsches als psycho- 
pathologisches Problem ............: 153 
Friedrich Niefsches Persdnlichkeit und die 
Psy cho-Paitholooie: cusses xi) ris ace hoes 183 


Die Persénlichkeit Friedrich Niefsches. Ge- 
dachinisredes. crane. ee ees 203 


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in 2024 


https://archive.org/details/friedrichnietzsc0000rudo 


Einleitung zur Neuausgabe 1926. 


Tae jener Aufgaben, die Rudolf Steiner sich vor- 
gesetst hatfe und die leider vor seinem Hinscheiden 
im leften Jahre nicht mehr zur Ausfiihrung kommen 
konnte, war die Neuherausgabe seiner vor mehr als 
dreiBig Jahren erschienenen Schrift: ,Niessche, ein 
Kampfer gegen seine Zeit“. Im Jahre 1921 hatte ich 
Gelegenheit, mit ihm iiber den Plan der Neuheraus- 
gabe zu sprechen. Er duferte die Absicht, diese Schrift 
mit seinen Aufsapen iiber die psycho-pathologische 
Seite der Philosophie Friedrich Niepsches sowie mit 
einer Geddchtnisrede zu Niebsches Tod aus dem 
Jahre 1900 zu vereinigen und dem Ganzen eine Vor- 
rede voranzusenden. Diese sollte die beiden so ver- 
schiedenartigen Behandlungsweisen, wie sie in dem 
Buche von 1895 und in den Aufsdpen von 1900 zum 
Ausdruck kommen, in ihrem wechselseitig bedingten, 
sich ergdénzenden Zusammenhang darstellen. 

Das Zweite, worauf Rudolf Steiner groen Wert 
legte, war seine Stellung zu der Niepscheschen Lehre 
von der ,Wiederkunft des Gleichen*. Er hatte im 
Jahre 1896 die Entdeckung gemacht, da Niebsche 
diese Lehre nach der Lektiire von Eugen Diihrings 
Buch ,Kursus der Philosophie als streng wissen- 
schaftlicher Weltanschauung und Lebensgestaltung“, 


als eine Art Gegenidee gegen die moderne Nafur- 
Steiner, Friedrich Nietsche. 1 


9 Einleitung zur Neuausgabe 1926. 


00000000000000000000000000000000' IOOCOCOCCOCOO000O 
wissenschaft ausgebildet hat. Im Jahrgang 1900. des 
damals von ihm herausgegebenen ,,Magazin fiir Lite- 
ratur* hat Rudolf Steiner diese Gedanken zuerst aus- 
gesprochen. Es lag ihm daran, auch diese fiir das 
Versténdnis von Niebsches Wesen grundlegende Er- 
kenntnis iiber die ,ewige Wiederkunft* in der Neu- 
ausgabe zur Darstellung zu bringen. Schon die leften 
Worte seines Niefschebuches (vgl. unten S. 151) weisen 
auf diese Notwendigkeif hin. 

Nun hat Rudolf Steiner ein Kapitel in seinem Buche 
»Mein Lebensgang')*“ der Schilderung seiner geistigen 
Beziehungen zu Nietsche gewidmet. Darin hat er seine 
Gedanken iiber die ,Wiederkunft des Gleichen‘, los- 
gelést aus dem damals im ,Magazin fiir Literatur“ 
gegebenen Zusammenhange, wiedergegeben und ihre 
Bedeutung in lichtvoller Weise erlautert. Er zeigt da, 
da viele der Ideen Nietsches als solche ,Gegen- 
ideen* gebildet worden sind, ja, da® darin geradezu 
der Schliissel fiir die Art zu finden ist, wie Nietssche 
als ,Kampfer gegen seine Zeif* an dieser Zeit leiden 
mufte. 

Darum erscheint es berechtigt, diese Neuausgabe 
durch jene lebten und zusammenfassenden Gedanken 
Rudolf Steiners iiber Nietsche einzuleiten. Dann sollen 
das Buch vom Jahre 1895 und die genannten Auf- 
safe im Sinne jener Unterredung folgen. Durch die 
giitige Erlaubnis von Frau Marie Steiner, in deren 
Hdnden die Verwaltung des Nachlasses Rudolf Stei- 
ners liegt, bin ich in der Lage, hier diese Erlauterung 
zum Zustandekommen der Anordnung fiir die Neu- 


) Rudolf Steiner. Mein Lebensgang. Philosoph. Anthroposoph. 
Verlag 1925, Dornach, Goetheanum, Schweiz. 


Einleitung zur Neuausgabe 1926. 3 


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ausgabe geben zu kénnen und noch einige Ausfiih- 
rungen iiber das gegenseilige Verhdltnis des Niessche- 
buches und der spdater veréffentlichten Aufsape hinzu- 
zufiigen. 

Rudolf Steiner hat in Niefsche stets jene bedeu- 
tende Persoénlichkeit gesehen, die am meisten gelitten 
hat unter dem Ernst der Erkenntnisprobleme des mo- 
dernen Menschen. Er selbst hat mit ihnen gerungen, 
und an diesem Ringen ist ihm die Kraft erstarkt fiir 
die Schépfung seiner Geisteswissenschaft. ,Ich emp- 
fand es als theoretische Ehrensache, ihm iiberallhin 
zu folgen. Manchmal war mir’s, als ob sich mein 
Gehirn von seinem Boden léste, manchmal fingen die 
feinsten Fasern desselben zu zappein an; ich glaubte 
es zu spiiren, wie sie sich straéubten, die von allen 
Urvdtern ererbten Lagen so ganz ploplich verlassen 
zu miissen. Vielleicht aber ist der Urgrund der Dinge 
so schwer zu erreichen, daf wir gar nicht zu ihm ge- 
Jangen k6nnen, wenn wir nicht unser Gehirn aufs 
Spiel setzen wollen.“ So schreibt Steiner iiber Niebsche 
im Jahre 1892, kurz, nachdem er zuerst Nietssches 
Schriften kennen gelernt hatte, in einem Aufsasé im 
»Literarischen Merkur“ (Niepscheanismus. Lit. Mer- 
kur 1892, S. 106). 

Solches vollstandige Sich-Hineinleben in 
die Denkweise des Anderen bildete Rudolf Steiners 
wahres Lebenselement. Aus dieser Gesinnung ist auch 
die Schrift ,.Niepsche, ein Kampfer gegen seine Zeil*, 
entstanden. Wer so wie Rudolf Steiner, von der Natur- 
wissenschaft ausgehend, sich Schriff fiir Schrift eine 
Geisteswissenschaft als Erweiterung der modernen 
Naturerkenntnis erkaémpft hat, mu® die tiefste Sym- 


4 Einleitung zur Neuausgabe 1926. 


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pathie und Wertschdsung fiir denjenigen empfinden, 
der an dem unendlichen Leiden, das ihm jene unver- 
geistigten naturwissenschaftlichen Ideen verursachten, 
als ein wahrer Blutzeuge modernen Erkenninisstrebens 
zugrunde gegangen ist. Die Genialitat Niepsches, seine 
unbegrenzte Redlichkeit, sein Wahrheitsmut sind in 
ergreifender Weise dargestellf, nirgends ist auf eine 
psycho-pathologische Seite in Niessches Wesen hin- 
gewiesen. Nur eines befont Steiner (S. 119), da® Niet- 
sche stets die Bedeutung des Bewuftseins fiir die 
menschliche Pers6énlichkeit unterschapt habe. Daher 
sei es ihm nie méglich gewesen, zwischen den blof 
sinnlichen Instinkten und den geistigen, den morali- 
schen Instinkten, die bewuBte Triebfedern des mensch- 
lichen Handelns sind, zu unterscheiden. Die ,mora- 
lische Phantasie*, die im Menschen in Freiheit ein 
eigenes Gutes und Boses schafff, in der instinktive 
Urspriinglichkeit und Bewuftheit zu einer Einheit ver- 
bunden sind, und die das wesentlich Neue von Stei- 
ners Freiheitsphilosophie ausmacht, fehlt Nietsche. 
Er kann sie nicht finden, darum findet auch sein Uber- 
mensch keine Erdenziele. Rudolf Steiner ist Niessche 
in jenem Buche ganz gefolgt, er hat ihn gegen alle 
Angriffe philistréser Zeitgenossen verteidigi, aber er 
hat auf den Punkt hingewiesen, wo Nietsche in tra- 
gischer Weise das Hereinbrechen einer geistigen Welt 
in die menschlichen Instinkte nur zerstérend, aber 
nicht aufbauend erleben kann. 

Hier mag es nun am Plate sein, auf die Verschie- 
denheit der Betrachtungsweisen Rudolf Steiners in 
dem Buche vom Jahre 1895 und den Aufsdgfen tiber 
Psycho-Pathologie hinzuweisen. An einem Beispiel 


Einleitung zur Neuausgabe 1926, 5 


[o\s oe ele elelele el elele cle! [olo.e,e.eleielele lo elele ele ole ole ele (elelelc\e eleleleiejele!ne/0\0.e]0,0]e]0\e\010\0,0\0] 
mag diese Verschiedenheit deutlich werden. ,,Gesebt, 
wir wollen Wahrheif, warum nicht lieber Unwahrheit?*, 
so sagt Nietsche in ,Jenseits von Gut und Bose“. 
Steiner dufert sich in dem Nietschebuch zu diesem 
Ausspruch: ,Das ist ein Gedanke von kaum zu iiber- 
bietender Kiihnheit. Stellt man daneben, was ein anderer 
kiihner ,Griibler und Réatselfreund‘, Johann Gottlieb 
Fichte, von dem Streben nach Wahrheit sagt, so 
sieht man erst, wie tief aus dem Wesen der mensch- 
lichen Natur Niessche seine Vorstellungen heraufholt. 
sich bin dazu berufen‘ — sagte Fichte — ,der Wahrheit 
Zeugnis zu geben; an meinem Leben und an meinem 
Schicksal liegt nichts; an den Wirkungen meines Le- 
bens liegt unendlich viel. Ich bin ein Priester der Wahr- 
heit; ich bin in ihrem Solde; ich habe mich verbind- 
lich gemacht, alles fiir sie zu tun und zu wagen und 
zu leiden‘ (Fichte, Vorlesungen ,Uber die Bestimmung 
des Gelehrten‘, vierte Vorlesung). Diese Worte sprechen 
das Verhdltnis aus, in das sich die edelsten Geister 
der abendlandischen neveren Kultur zur Wahrheit sefen. 
Niefsches angefiihriem Ausspruch gegeniiber erschei- 
nen sie oberflachlich. Man kann gegen sie einwenden: 
Ist es denn nicht méglich, da® die Unwahrheit wert- 
vollere Wirkungen fiir das Leben hat, als die Wahr- 
heit? Ist es ausgeschlossen, da die Wahrheit dem 
Leben schadet? Hat sich Fichte diese Fragen gestellt? 
Haben es andere getan, die ,der Wahrheit Zeugnis‘ 
gegeben haben ?* 

Demgegeniiber heift es in dem Aufsate ,Die Philo- 
sophie Friedrich Niefsches als psycho-pathologisches 
Problem* (S. 156): ,,Eine Eigenschaft, die sich durch 
Niebsches ganzes Wirken hindurchzieht, ist der Mangel 


6 Einleitung zur Neuausgabe 1926. 


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des Sinnes fiir objektive Wahrheit. Was die Wissen- 
schaft als Wahrheit anstrebt, das war fiir ihn im Grunde 
nie vorhanden. In der Zeit, die kurz vor dem Aus- 
bruche des vélligen Wahnsinns liegt, steigert sich dieser 
Mangel zu einem férmlichen Ha® auf alles, was man 
logische Begriindung nennt.“ 

Man kann sich fragen: Warum wird der Wahrheits- 
sinn Niefsches in den beiden Schriffen so grundver- 
schieden charakterisiert? Dies ist so zu verstehen: 
Das eine Mal sehen wir hin auf Niegsches Genialitdt, 
die kiihner fragen konnte als alle anderen, auf den 
genialen Kampfer gegen seine Zeit. Das andere Mal 
aber sehen wir darauf hin, da® es Niebsche unmég- 
lich war, die grofen Fragen, die er sich stellte, durch 
Erkenntnis zu lésen. Seine Genialitat mufte aus un- 
begrenzter Redlichkeit Fragen stellen, der seine logisch- 
erkenntnistheoretische Fahigkeit nicht gewachsen war. 
Daran zerbrach er. Das ist das Krankhafte bei Nies- 
sche, da seine logische Fahigkeit, sein Sinn fiir ob- 
jektive Wahrheit, seinem unbegrenzten Willensdrang, 
redliche Fragen zu stellen, nicht das Gleichgewicht 
halten konnte. 

Rudolf Steiner hat sich einmal in einem Aufsab ,Der 
geniale Mensch* (Magazin 1900) iiber das Wesen des 
Genies ausgesprochen: ,Bei dem Genie ist die Er- 
findungsgabe nur eine reichere als beim Durchschnitts- 
menschen. Vollkommen werden geniale Schépfungen 
nur, wenn der Erfindungsgabe ein entsprechendes Ma 
von Talent zur Seite steht, das dem Genie die Herr- 
schaft iiber seine Ideen sichert. Verliert es die lettere, 
so wird es von seinen eigenen Gebilden wie von 
fremden Gewalten beherrscht. Deshalb kann, wenn 


Einleitung zur Neuausgabe 1926, 7 


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die Erfindungsgabe einseitig ausgebildet ist, und von 
keiner registrierenden, ordnenden Seelenkraf{ unter- 
stiipt wird, das Genie in Wahnsinn iibergehen.“ 

Von zwei Seifen stellt also Rudolf Steiner Niet- 
sches Wesen dar. Von der Seite seiner Genialitat 
und von der Seite seiner dieser Genialitat nicht das 
Gleichgewicht haltenden Selbstkritik, Besonnenheit 
und Logik. Diese aber konnte sein Gehirn wegen der 
krankhaften Anlage nicht geniigend stark entwickeln. 
Er konnte nicht Philosoph genug sein, um die von 
seiner eigenen Genialitat gestellten Fragen zu beant- 
worten. Dem Erkenntnisleiden der Fragestellung stand 
niemals die voll ausgleichende Befriedigung des Denkers 
gegeniiber, der die Lésung der Probleme findet. Sein 
Denken lie? keine geistige Welt einstrahlen, die die 
Wunden hatte heilen kénnen, welche der durch mo- 
derne Erkenntnisraétsel angeregte geniale Fragemut 
geschlagen hatte. 

»Man kann Niebsches Geisteskonstitution nicht mit 
den Begriffen der Psychologie verstehen, man muh 
die Psycho-Pathologie zu Hilfe rufen. Mit dieser Be- 
hauptung soll nichts gegen das geniale Schaffen Nieb- 
sches gesagt werden (S. 178). Am wenigsten soll da- 
mit iiber Wahrheit und Irrtum in seinen Ideen selbst 
etwas entschieden werden. Niefbsches Genie hat mit 
dieser Untersuchung iiberhaupt nichts zu fun. Das 
Genialische erscheint bei ihm durch ein pathologisches 
Medium hindurch* (S. 179). So spricht sich Steiner in 
dem unten folgenden Aufsate iiber sein Unternehmen 
aus. 

Die morbide Anlage von Nietsches Nervensystem 
war seiner auferordentlichen genialen Produktivitdt, 


8 Einleitung zur Neuausgabe 1926. 
10G00000000000000: 
seinem Willen zum Leben, nicht gewachsen. So lebte 
sich diese Produktivitaét, dieses geniale Dionysische 
zulest immer mehr zerst6érend fiir sein Nervensystem 
aus. Was eigentlich als gréfte Genialitét, was als be- 
deutendste Intuition durch ein gesundes Nervensystem 
in héchster Besonnenheif zu gesunden Erkenninissen 
gefiihrt worden ware, welche aus geistigen Urgriin- 
den hdften einstrahlen miissen, wurde hier zum Zer- 
storer des Leibes. ,Das Problem Nietsche,* so spricht 
sich Steiner (S. 179) aus, ,hat gerade dadurch sein 
grofes Interesse, weil ein genialer Mensch Jahre hin- 
durch mit morbiden Elementen kaémpft, weil er grofe 
Gedanken nur in einem Zusammenhang vorzubringen 
vermag, der durch die Psycho-Pathologie erklarbar 
wird.* So sehen wir in den Jahren 1879—1888 einen 
standig fortschreitenden Proze?, der Ende Dezem- 
ber 1888 seinen Héhepunkt erreicht, indem der Wahn- 
sinn zum Ausbruch kommt. Zulest mu Niefsche in 
seinem ,Ecce homo*% sagen, in dem sich dieser Vor- 
gang der Zerst6rung ganz klar ausspricht: ,Ich kenne 
die Lust am Vernichten in einem Grade, die meiner 
Kraft zum Vernichten gemdaf ist — in Beidem gehorche 
ich meiner dionysischen Natur, welche das Nein-Tun 
nicht vom Ja-Sagen zu trennen weif. Ich bin der erste 
Immoralist. Damit bin ich der Vernichter par ex- 
cellence.* Wie zerstérend offenbart sich in Niepsche 
der Geist durch das erkrankte Nervensystem hindurch. 

Warum hat aber die Idee der Wiederkunft des Gleichen 
eine so auferordentliche Bedeutung? Steiner deutet 
es im ,Lebensgang“ an: ,Die wiederholten Erden- 
leben des Menschen démmerten im Unterbewuftsein 
Nietsches ... NieBsche war umklammert von den 


Einleitung zur Neuausgabe 1926. 9 


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Fesseln der Naturanschauung. Was diese aus den 
wiederholten Erdenleben machen konnte, das zauberte 
sich vor seine Seele. Und er lebte das... Dieses 
Leben noch unzdhlige Male zu erfahren, das stand 
vor seiner Seele statt der Perspektive auf die befreien- 
den Erfahrungen, die eine solche Tragik in der Weiter- 
entfaltung kommenden Lebens zu erfahren hat.* Diese 
Idee aber war eine zwangsmdfhige Gegenidee zu Diih- 
rings naturwissenschaftlicher Idee. Es konnte sich 
seinem morbiden Nervensystem nur eine solche Gegen- 
idee entringen, anstatt einer Geistanschauung, der eine 
solche Wiederholung sinnvoll erscheinen kann. Nieb- 
sches geistiger Wesenskern fragt unbewuft nach den 
wiederholten Erdenleben, aber er kann nur die natur- 
wissenschafflich sinnlose Gegenidee der ,, Wiederholung 
des Gleichen* erzeugen. Den mutigen Frager nach 
dem Schicksal grinste aus dem zerst6érten Instrument 
seines Geistes die ,ewige Wiederkunft* an und er 
zerbrach an ihr. 

Rudolf Steiner durfte in dem Aufsate des Jahres 1900 
sagen(S.179): ,,Nicht die Genialitéi Friedrich Niessches 
soll aus seiner kranken Konstitution erklart werden. 
Nietzsche war ein Genie, trotzdem er krank 
war. Ein anderes ist es, die Genialitat selbst als 
krankhaften Geisteszustand zu erklaren; ein anderes, 
die GesamtpersGnlichkeit eines Menschen von Genie 
unter Beriicksichtigung des Morbiden in seinem Wesen 
_ zu begreifen.* In seinem ,Lebensgang“ hat Rudolf 
Steiner auf seinen einzigen Besuch bei Nietsche hin- 
gewiesen. Er spricht von einem Geisterlebnis, das sich 
vor seine Seele stellte, als er vor dem geistig Um- 
nachteten stand: Niepsches Seele schwebend, frei hin- 


10 Einleitung zur Neuausgabe 1926. 


gegeben geistigen Welten iiber dem KOrper, der ihr 
Widerstand bot, sich in vollem Lichte zu entfalfen. 
Rudolf Steiner durfte so von dem Genie Niefsches 
sprechen, weil er sein wahres Wesen geschaut hatte. 
Er tat es in dem Buche ,,Niebsche, ein Kampfer gegen 
seine Zeil*. 

Und er durfte auf der anderen Seite im Jahre 1900 
iiber das Morbide in Niefsches Konstitution sprechen. 
In welchem Sinne er dies konnte, darauf weist ein 
Aufsafs hin, den Rudolf Steiner kurz darauf in der- 
selben medizinischen Wochenschrift (Wiener Klinische 
Rundschau 1901 Nr.2, S.24) hat erscheinen lassen: 
»Goethe und die Medizin“'!). Fiir Goethe war das 
Krankhafte niemals blo? etwas Abnormes, sondern er 
wubte, da® die Betrachtung des Krankhaften Licht ver- 
breitet iiber die Gesesbe des Gesunden. Daher nimmt 
seine Metamorphose der Pflanzen den Ausgang von 
einer pathologischen Erscheinung, den gefiillten Blu- 
men, und er erkennt, da® in jedem Staubgefaéi die 
MOglichkeit liegt, Blatt zu werden, da aber diese 
MOglichkeif nur gewohnlich verhindert wird. Im schein- 
bar Abnormen wird also nur offenbar, was auch bei 
der normalen Bildung wirkt, aber dort durch eine andere 
Kraft in Schranken gehalten wird. So dachte Goethe 
tiber das Krankhafte, er, der in der Natur immer den 
Geist suchte und auch fand. ,,Goethe,“ so sagt Stei- 
ner in jenem Aufsate, ,hat durch seine Beziehungen 
zur Medizin bewiesen, da® er diesem Geistgebiete den 
rechten Plats in der Gesamtheit des menschlichen Geistes 
anzuweisen hatte.“ 


') Abgedruckt in der Wochenschrift , Das Goetheanum*, Ill. Jahr- 
gang, Nr. 15 vom 18. November 1923. 


Einleitung zur Neuausgabe 1926. 11 


99000000000000000000000000000000000000009000000000000000000000000000000000000000 

Was aber Goethe nur andeuten konnte als einen 
Weg des Medizinischen, Rudolf Steiner hat es in seiner 
lesten, nach seinem Tode erschienenen Schrift ,Grund- 
legendes zur Erweiterung der Heilkunst nach geistes- 
wissenschaftlichen Erkenntnissen* zum Ziele gefiihrt *). 
Denn dort ist die Krankheit geschildert als das ge- 
st6rfe Zusammenwirken des Geistig-Seeli- 
schen mit dem Physisch-Leiblichen. Krank- 
heit entsteht, wenn das Geistig-Seelische zu wenig 
oder zu stark in das Physisch-Leibliche eingreift. Dort 
steht geisteswissenschaftliche Anschauung in innigster 
Verbindung mit einer medizinischen Erkenntnis, welche 
die Fortfiihrung der Goetheschen keimhaften Gedanken 
ist. Und wir sehen im Lichte dieser geisteswissen- 
schaftlichen Heilkunde, wie Niebsches ,iibergesundes* 
Stoffwechselsystem sein morbides Nervensystem gleich- 
sam tiberfluten mufte, und wie das Geistig-Seelische 
Niessches endlich den Kampf verloren geben und das 
zerstorte Nervensystem verlassen mufte. 

So geben uns gerade die leften Werke Rudolf Stei- 
ners gleichsam Aufschluf iiber seine beiden Versuche, 
Niefsches Gesamtpersonlichkeit zu schildern. Der ,,Le- 
bensganeg“ zeigt uns das geistig geschaute Bild, das 
rechtfertigte, so iiber Niebsche sich zu dufern, wie es 
1895 geschehen ist, und die medizinische Schrift zeigt 
uns, welche medizinische Denkweise das Recht hatte, 
von dem Morbiden in Niefsche zu sprechen, ,ohne 
die Behauptungen der Gegner Friedrich Niefsches zu 
vermehren* (vgl. S. 155). 


1) Dr. Rudolf Steiner und Dr. Ita Wegman, Grundlegendes 
zur Erweiterung der Heilkunst nach geisteswissenschaftlichen Er- 
kenntnissen. Phil. anthr. Verlag, Dornach 1925. 


12 Einleitung zur Neuausgabe 1926. 


OCOOOCOO 00000000: 

Goethe hat den Geist in der Natur gefunden. Die 
in seinem Sinne wirkende Medizin kann dem Men- 
schenwesen gerecht werden, kann ohne Verlesung der 
Pietat an das Krankhafte herantreten, das den grofen 
Geist Nietsches, sich ganz rein auszusprechen, ge- 
hindert hat. Die geistige Anschauung einer Géeist- 
personlichkeit und ein Medizinisches, das aus der 
Goetheschen Naturanschauung hervorgegangen ist, 
verbinden sich, um Niefsches tragisches Geschick in 
seiner ganzen Gr6dfe begreifen zu lassen. 


Eugen Kolisko. 


Friedrich Niefsche 
im ,Lebensgang* Rudolf Steiners. 


(1924.) 


P diese Zeit fallt mein Hineintreten in die Kreise des 
geistigen Erlebens, in denen Niebsche geweilt hat. 
Meine erste Bekanntschaft mit Niebsches Schriften 
fallt in das Jahr 1889. Vorher hatte ich keine Zeile 
von ihm gelesen. Auf den Inhalt meiner Ideen, wie 
sie in der ,Philosophie der Freiheit* zum Ausdruck 
kamen, haben die seinigen keinen Einflu® gehabt. Ich 
las, was er geschrieben hatte, mit der Empfindung 
des Angezogenwerdens von dem Stil, den ihm sein 
Verhdltnis zum Leben gegeben hatte. Ich empfand 
seine Seele als ein Wesen, das mit vererbter und an- 
erzogener Aufmerksamkeit auf alles hinhorchen mufte, 
was das Geisfesleben seiner Zeit hervorgebracht hatte, 
das aber stets fiihlte, was geht mich doch dieses 
Geistesleben an; es muff eine andere Welt geben, in 
der ich leben kann; in dieser stort mich so vieles am 
Leben. Dieses Gefiihl machte ihn zum geistbefeuerten 
Kritiker seiner Zeit; aber zu einem Krifiker, den die 
eigene Krifik krank machte. Der die Krankheit erleben 
mufte, und der von der Gesundheit, von seiner 
Gesundheit nur traumen konnte. Er suchte zuerst nach 
Méglichkeiten, seinen Traum von der Gesundheit zum 
Inhalt seines Lebens zu machen; und so suchte er 
mit Richard Wagner, mit Schopenhauer, mit dem mo- 
dernen ,Positivismus‘ so zu tréumen, als ob er den 
Traum in seiner Seele zur Wirklichkeit machen wollte. 


16 Nietzsche im,Lebensgang* Rudolf Steiners. 


09900000000000006000000000000000000000000000000000000000' 
Eines Tages entdeckte er, da# er nur getrdumt hatte. 
Da fing er an, mit jeglicher Kraft, die seinem Geiste 
eigen war, nach Wirklichkeifen zu suchen. Wirklich- 
keiten, die ,irgendwo* liegen muften; er fand nicht 
»Wege* zu diesen Wirklichkeiten, aber Sehnsuchten. 
Da wurden die Sehnsuchten in ihm Wirklichkeifen. 
Er traumte weiler; aber die gewalfige Kraft seiner 
Seele schuf aus den Tréumen innermenschliche Wirk- 
lichkeiten, die ohne die Schwere, die den Menschen- 
ideen seit lange eigen war, frei in einer geistfrohen, 
aber von dem ,,Zeitgeist* widerlich beriihrten Seelen- 
stimmung schwebten. 

So empfand ich Niefsche. Das Freischwebende, 
Schwerelose seiner Ideen rif mich hin. Ich fand, dab 
dieses Freischwebende in ihm manche Gedanken ge- 
zeitigt hatte, die Ahnlichkeit mii denen hatten, die in 
mir selbst auf Wegen, die den seinigen ganz undhn- 
lich waren, sich gebildet hatten. 

So konnte ich 1895 in der Vorrede zu meinem Buche 
»Niepsche als Kampfer gegen seine Zeit* schreiben: 
»ochon in meinem 1886 erschienenen kleinen Buche 
,Erkennitnistheorie der Goetheschen Weltanschauung‘ 
kommt dieselbe Gesinnung zum Ausdruck“, wie in 
einigen Werken Niefsches. Was mich aber besonders 
anzog, war, daf man Nietsche lesen durfte, ohne 
irgendwie bei ihm selbst auf etwas zu stoBen, das den 
Leser zu seinem ,Anhdnger* machen wollte. Man 
konnte mit hingebender Freude seine Geisteslichter 
empfinden; man fiihlte sich in diesem Empfinden ganz 
frei; denn man fiihlte, seine Worte fingen an zu lachen, 
wenn man ihnen zugemutet hatte, man solle ihnen zu- 
Stimmen, wie Haeckel oder Spencer dies voraussebten. 


Nietzsche im ,Lebensgang* Rudolf Steiners. {7 


000000000000000000000000090000000000000000000000' 


So durfte ich auch, um mein Verhdltnis zu Niefsche 
auszusprechen, in dem genannten Buche dies mit Wor- 
ten fun, die er iiber das seinige zu Schopenhauer ge- 
formt hat: ,Ich gehdre zu den Lesern Niebsches, 
welche, nachdem sie die erste Seite von ihm gelesen, 
mit Bestimmtheit wissen, da® sie alle Seiten lesen und 
auf jedes Wort héren werden, das er iiberhaupt ge- 
sagt hat. Mein Vertrauen zu ihm war sofort da... 
Ich verstand ihn, als ob er fiir mich geschrieben hiitte, 
um mich verstandlich, aber unbescheiden und foricht 
auszudriicken.“ 

Kurz, bevor ich an die Niederschrift dieses Buches 
ging, erschien eines Tages Niebsches Schwester, Elisa- 
beth Férster-Nietsche, im Goethe- und Schillerarchiv. 
Sie machte eben die ersten Schritte zur Griindung 
eines Niefschearchives und wollte erfahren, wie das 
Goethe- und Schillerarchiv eingerichtet war. Bald dar- 
auf erschien auch der Herausgeber von Nietsches 
Werken, Fris Koegel, in Weimar, und ich lernte ihn 
kennen. 

Ich bin sp&ter mit Frau Elisabeth Foerster-Niepsche 
in schwere Konflikte gekommen. Damals forderte ihr 
beweglicher, licbenswiirdiger Geist meine tiefste Sym- 
pathie heraus. Ich habe unter den Konflikten unsag- 
lich gelitten; eine verwickelte Situation hat es dazu 
kommen lassen; ich wurde genotigt, mich gegen An- 
schuldigungen zu verteidigen; ich weif, da das alles 
notwendig war, da® mir dadurch schéne Stunden, die 
ich im Niepschearchiv in Naumburg und Weimar ver- 
leben durfte,*mit einem Schleier der Bifternis in der 
Erinnerung iiberzogen sind; aber ich bin Frau Foerster- 


Niessche doch dankbar, da sie mich bei dem ersten 
Steiner, Friedrich Niefsche. ) 


18 Nietzsche im,Lebensgang“ Rudolf Steiners. 
O0E000C0E0000000 E00C000000000000800000000000000000000000000000000000000000000000 


der vielen Besuche, die ich bei ihr machen durffe, in 
das Zimmer Friedrich Nietsches fiihrfe. Da lag der 
Umnachtete mit der wunderbar schénen Stirne, Kiinst- 
ler- und Denkerstirne zugleich, auf einem Ruhesofa. 
Es waren die ersten Nachmittagsstunden. Diese Augen, 
die im Erloschensein noch durchseelt wirkten, nahmen 
nur noch ein Bild der Umgebung auf, das keinen Zu- 
gang zur Seele mehr hatte. Man stand da, und Niet- 
sche wufte nichts davon. Und doch hafte man von 
dem durchgeistigten Antlis noch glauben kénnen, dah 
es der Ausdruck einer Seele wdre,*die den ganzen 
Vormittag Gedanken in sich gebildet hatte, und die 
nun eine Weile ruhen wollte. Eine innere Erschiiffe- 
rung, die meine Seele ergriff, durffe meinen, da sie 
sich in Versténdnis fiir den Genius verwandle, dessen 
Blick auf mich gerichtet war, mich aber nicht traf. Die 
Passivitat dieses lange Zeit verharrenden Blickes léste 
das Verstandnis des eigenen Blickes aus, der die 
Seelenkraft des Auges wirken lassen durfte, ohne dah 
ihm begegnet wurde. 

Und so stand vor meiner Seele: Niessches Seele 
wie schwebend tiber seinem Haupfe, unbegrenzt schon 
in ihrem Geisteslichte; frei hingegeben geistigen Wel- 
fen, die sie vor der Umnachtung ersehnt, aber nicht 
gefunden; aber gefesselt noch an den Leib, der nur 
so lange von ihr wufte, als diese Welt noch Sehn- 
sucht war. Niepsches Seele war noch da; aber sie 
konnfe nur noch von auffen den Korper halten, der 
ihr Widerstand bot, sich in ihrem vollen Lichte zu ent- 
falten, so lange sie in seinem Innern war, 

Ich hatte vorher den Nietsche gelesen, der ge- 
schrieben hatte; jest hatte ich den Niefsche geschaut, 


Nietzsche im ,Lebensgang“ Rudolf Steiners. {9 
00000000000000000000600000000000' POC00000000000000G000000 


der aus weit entlegenen Geistgebieten Ideen in seinem 
Leib trug, die noch in Schénheit schimmerten, tros- 
dem sie auf dem Wege ihre urspriingliche Leuchtkraft 
verloren hatten. Eine Seele, die aus friiheren Erden- 
leben reiches Lichtgold brachte, es aber nicht ganz 
in diesem Leben zum Leuchten bringen konnte. Ich 
bewunderte, was Niessche geschrieben; aber ich schaute 
jebt hinter meiner Bewunderung ein hellstrahlendes 
Bild. 

Ich konnte in meinen Gedanken nur stammeln, von 
dem, was ich damals geschaut; und das Stammeln 
ist der Inhalt meines Buches ,,Niefsche, ein Kampfer 
gegen seine Zeif*. Daf das Buch nur ein solches 
Sfammeln geblieben ist, verbirgt die aber doch wahre 
Tatsache, dak das Bild Niespsches es mir inspiriert hat. 

Frau Foerster-Niefsche hat mich dann aufgefordert, 
Niepsches Bibliothek zu ordnen. Ich habe dadurch 
mehrere Wochen im Niesfschearchiv in Naumburg zu- 
bringen diirfen. Ich wurde dabei auch mit Frit Koegel 
sehr befreundet. Es war eine schéne Aufgabe, die die 
Biicher vor meine Augen stellte, in denen Niebsche 
gelesen hatte. Sein Geist lebte in den Eindriicken auf, 
welche diese Biicher machten. Ein ganz mii Rand- 
bemerkungen versehenes, alle Spuren hingebendstfer 
Durcharbeitung tragendes Exemplar eines Emerson- 
schen Buches. Guyaus Schriften mit ebensolchen Spu- 
ren. Biicher mit leidenschafflich kritisierenden Bemer- 
kungen von seiner Hand. Eine grofe Anzahl von 
Randbemerkungen, aus denen man die Keime seiner 
Ideen aufschiefen sieht. 

Eine durchgreifende Idee der lesten Schaffensperiode 
Niefsches konnte ich aufleuchten sehen, indem ich 


90 Nietzsche im,Lebensgang* Rudolf Steiners. 
00000000000000009000000000000000' 190000000 000000000000000000000000 


seine Randbemerkung in Eugen Diihrings philoso- 
phischem Hauptwerk las. Diihring konstruiert da den 
Gedanken, da® man das Weltall in einem Augenblick 
als eine Kombination von Elementarteilen vorstellen 
konne. Dann ware das Weltgeschehen der Ablauf aller 
méglichen solcher Kombinationen. Wdren diese er- 
schopit, dann miif®te die allererste wiederkehren und 
der ganze Ablauf sich wiederholen. Stellte so etwas 
die Wirklichkeit vor, so miifte es unzadhlige Male schon 
geschehen sein und weiter in die Zukunft hinein un- 
zahlige Male geschehen. Man kame zu der Idee der 
ewigen Wiederholung gleicher Zustande des Weltalls. 
Diihring weist diesen Gedanken als einen unméglichen 
zuriick. Niefsche liest das; er nimmt davon einen Ein- 
druck auf; der arbeitet in den Untergriinden seiner 
Seele weiter; und er form sich dann in ihm als ,die 
Wiederkunft des Gleichen“, die mit der Idee vom , Uber- 
menschen* zusammen seine lefte Schaffensperiode 
beherrscht. 

Ich war tief ergriffen, ja erschiittert von dem Ejin- 
druck, den ich durch ein solches Nachgehen von Nieb- 
sches Lektiire bekam. Denn ich sah, welch ein Gegen- 
safb zwischen Nietsches Geistesart und der seiner 
Zeitgenossen war. Diihring, der extreme Positivist, 
der alles ablehnt, was sich nicht aus einer ganz niich- 
fern orientierten, mathematisch verfahrenden Schema- 
tik ergibt, findet den Gedanken der ,ewigen Wieder- 
kunft des Gleichen* absurd, konstruiert ihn nur, um 
seine Unmdglichkeit darzutun: Niefsche muf ihn als 
seine Weltratsell6sung wie eine aus den Tiefen der 
eigenen Seele kommende Intuition aufnehmen. 

So steht Niessche in vollem Gegensatf zu vielem, 


Nietzsche im ,Lebensgang“ Rudolf Steiners. 94 


CSEOCOOQOOCOCCOCOO0ED0COO0OO00RCCODCOOCCOOOC OOOO OD R0000000C00000000000000000000000 
was als Inhalt des Denkens und Fiihlens seiner Zeit 
auf ihn einstiirmt. Er nimmt diese Stiirme so auf, daB 
er tief durch sie leidet, und im Leiden, in unsdglichen 
Seelenschmerzen den Inhalt der eigenen Seele schafft. 
Das war die Tragik seines Schaffens. 

Sie erreichte ihren Héhepunkt, als er die Gedanken- 
skizzen zu seinem letten Werke nofierte, zum ,,Willen 
zur Macht“, oder der ,,Umwertung aller Werte“. Nieb- 
sche war dazu veranlagt, alles, was er dachte und 
empfand, aus den Tiefen seiner Seele in rein geisti- 
ger Art heraufzuholen. Das Weltbild zu schaffen aus 
dem Geistgeschehen, das die Seele miterlebt, das lag 
in seiner Richtung. Das positivistische Weltbild seines, 
des naturwissenschaftlichen Zeitalters, flo® aber auf 
ihn ein. Darinnen war nur die rein materielle geist- 
lose Welt. Was in diesem Bild noch auf geistige Art 
gedacht war, das.war der Uberrest alter Denkweisen, 
die nicht mehr zu ihm paften. Niessches unbegrenzter 
Wahrheitssinn wollte alles das ausmerzen. So kam 
er dazu, den Positivismus ganz extrem zu denken. 
Eine Geistwelt hinter der materiellen ward ihm zur Liige. 
Er konnte aber nur aus der eigenen Seele heraus 
schaffen. So schaffen, wie ein wahres Schaffen nur 

Sinn erhdlt, wenn es den Inhalt der Geistwelf in Ideen 
vor sich hinstellt. Diesen Inhalt lehnte er ab. Der na- 
turwissenschaftliche Weltinhalt hatte seine Seele so 
stark ergriffen, da® er ihn wie auf Geistwegen schaffen 
wollte. Lyrisch, in dionysischem Seelenfluge, schwingt 
sich seine Seele im ,Zarathustra‘ auf. Wunderbar 
webt da das Geistige, aber es traumt in Geistwundern 
von mafteriellem Wirklichkeitsgehalt. Es zerstaubt der 
Geist in seiner Entfaltung, weil er nicht sich finden, 


99 Nietzsche im,Lebensgang* Rudolf Steiners. 


100009000 900000000000000000000000 


00000000000000000000000000000000: 
sondern nur den ertréumien=Abglanz des Maieriellen 
als seine Scheinwesenheit erleben kann. 

Ich lebte in der eigenen Seele ‘damals in Weimar 
viel in dem Anschauen von Niefsches Geistesart. In 
meinem eigenen Geist-Erleben hatte diese Geistesart 
ihren Plas. Dieses Geist-Erleben konnte mit Niebsches 
Ringen, mit Niepsches Tragik leben; was gingen es 
die positivistisch gestalteten Gedankenergebnisse Nieb- 
sches an! 

Andere haben mich fiir einen ,,Niepscheaner* gehal- 
fen, weil ich restlos bewundern konnte‘auch, was meiner 
eigenen Géeistesrichtung entgegengeseft war. Mich 
fesselte, wie der Geist in Niessche sich offenbarte; 
ich glaubte, ihm gerade dadurch nahe zu sein, denn 
er stand niemand nahe durch Gedankeninhalte; er 
fand sich allein mit-Menschen und Zeiten im Mif- 
erleben der Geistwege zusammen, 

Eine Zeitlang habe ich mit dem Herausgeber von 
Niessches Werken, Frif Koegel, viel verkehrt. Man- 
ches auf die Niebscheausgabe Beziigliche haben wir 
durchgesprochen. Eine offizielle Stellung im Niefsche- 
archiv oder zur Niepscheausgabe habe ich nie ge- 
habt. Als Frau Foerster-Niessche mir eine solche an- 
bieten wollte, fiihrte gerade das zu Konflikten mit Frit 
Koegel, die fortan mir jede Gemeinsamkeit mit dem 
Niepschearchiv unméglich machten. 

Mein Verhdltnis zum Nietschearchiv stellte sich in 
mein Weimarer Leben als eine Episode starker An- 
regungen hinein, die mir zulest im Zerbrechen des 
Verhdltnisses tiefes Leid brachte. 

Aus der weitgehenden Beschdftigung mit Niefsche 
verblieb mir die Anschauung von seiner Persénlich- 


Nietzsche im ,Lebensgang* Rudolf Steiners. 93 
90000000000000090000000000090000000000000000000000000000000000000000000000000000 


keit, deren Schicksal war, das naturwissenschaftliche 
Zeitalter der lesten Halfte des neunzehnten Jahrhun- 
derts in Tragik mifzuerleben, und an der Beriihrung 
mit ihm zu zerbrechen. Er suchte in diesem Zeit- 
alter, konnte aber in ihm nichts finden. Mich konnte 
das Erleben an ihm nur festigen in der Anschauung, 
daft alles Suchen in den Ergebnissen der Natur- 
wissenschaft das Wesentliche nicht in ihnen, sondern 
durch sie im Geiste finden miisse, 

So trat gerade durch Nietfsches Schaffen das Pro- 
blem der Naturwissenschaft in erneuerter Gestalt vor 
meine Seele. Goethe und Niefsche standen in meiner 
Perspektive. Goethes energischer Wirklichkeifssinn 
nach den Wesen und Vorgadngen der Natur gerichtet. 
Er wollfe in der Natur bleiben. Er hielt sich in reinen 
Anschauungen von Pflanzen-, Tier- und Menschen- 
formen. Aber indem er sich mit der Seele in diesen 
bewegte, kam er iiberall zum Geiste. Den in der Ma- 
terie waltenden Geist fand er. Bis zu der Anschauung 
des in sich selbst lebenden und waltenden Geistes 
wollte ernicht gehen. Eine , geistgemae* Naturerkennt- 
nis bildete er aus. Vor einer reinen Geist-Erkenntnis 
machte er Halt, um die Wirklichkeit nicht zu verlieren. 

Nietsche ging vom Geistanschauen in mythischer 
Form aus. Apollo und Dionysos waren Geistgestalten, 
die er erlebte. Der Ablauf der menschlichen Geistge- 
schichte erschien ihm wie ein Zusammenwirken, oder 
auch wie ein Kampf zwischen Apollo und Dionysos. 
Aber er brachte es nur zu dem mythischen Vorstellen 
solcher Geistgestalten. Er drang nicht vor zu der An- 
schauung wirklicher geistiger Wesenheit. Vom Geist- 
mythos aus drang er zur Natur vor. Apollo sollte in 


94 Nietzsche im,Lebensgang“ Rudolf Steiners. 


000000000000000000000000: OOO G0GC0000 80000000! 
Niessches Seele das Materielle nach dem Muster der 
Naturwissenschaft vorstellen; Dionysos sollte wirken 
wie Naturkrafte. Aber da verfinsterte sich Apollos 
Schoénheit; da ward des Dionysos’ Weltemotion durch 
die NaturgesepmdfBigkeit gelahmt. 

Goethe fand den Geist in der Naturwirklichkeit; 
Niebsche verlor den Geistmythos in dem Natur- 
traum, in dem er lebte. 

Ich stand zwischen diesen beiden Gegensdten. Die 
seelischen Erlebnisse, die sich in meiner Schrift , Nieb- 
sche als Kaémpfer gegen seine Zeit< ausgelebt hatten, 
fanden zundchst keine Fortsesung; dagegen stellte sich 
in meiner lesten Weimarer Zeit Goethe wieder beherr- 
schend vor meine Betrachtung. Ich wollte den Weg 
kennzeichnen, den das Weltanschauungsleben der 
Menschheit bis zu Goethe genommen hat; um dann 
Goethes Anschauungsart in ihrem Hervorgehen aus 
diesem Leben darzustellen. Ich habe das versucht in 
dem Buche ,Goethes Weltanschauung*, das 1897 er- 
schienen ist. 

Ich wollte da zur Anschauung bringen, wie Goethe 
aus der reinen Naturerkenntnis iiberall, wo er hinblickt, 
den Geist aufblipend erblickt; aber ich habe die Art, 
wie Goethe sich zum Geist als solchem stellte, ganz 
unberiihrt gelassen. Ich wollte den Teil von Goethes 
Weltanschauung charakterisieren, der in einer ,geist- 
gemden* Naturanschauung lebt. 

Nietsches Ideen von der ,ewigen Wiederkunft* und 
dem ,Ubermenschen* standen lange vor mir. Denn 
in ihnen spiegelte sich, was eine Persénlichkeit iiber 
die Entwicklung der Menschheit und iiber das Wesen 
des Menschen erleben muftte, die von der Erfassung 


Nietzsche im ,,Lebensgang“ RudolfSteiners. 95 


190000000000000000000000009000000000000000090000000000000000000000 
der geistigen Welt durch die festgezimmerten Gedan- 
ken der Naturanschauung vom Ende des neunzehnten 
Jahrhunderts zuriickgehalten wurde. Niessche sah die 
Entwicklung der Menschheit so, da® sich, was in einem 
Augenblick geschieht, unzahlige Male in ganz gleicher 
Gestalt schon ereignet hat und unzdhlige Male sich in 
der Zukunft ereignen werde. Die atomistische Gestal- 
tung des Weltalls laft den gegenwartigen Augenblick als 
eine bestimmte Kombination der kleinsten Wesenheiten 
erscheinen; an diese muf sich eine andere anschliefen, 
an diese wieder eine andere; und wenn alle méglichen 
Kombinationen erschopft sind, so muf die anfangliche 
wieder erscheinen. — Ein menschliches Leben mit allen 
seinen Ejinzelheifen war unzdhlige Male da; es wird 
unzdhlige Male mit all diesen selben Einzelheiten 
wiederkehren. 

Die ,.wiederholten Erdenleben* des Menschen dém- 
merten im Unterbewuftsein Nietsches. Sie fiihren das 
Menschenleben durch die Menschheitsentwicklung zu 
Lebensetappen, in denen das waltende Schicksal auf 
geistgestaltenden Bahnen den Menschen nicht zu einer 
Wiederholung des gleichen Erlebens, sondern zu einem 
vielgestalteten Hindurchgehen durch den Weltenlauf 
kommen lat. Niefsche war umklammert von den 
Fesseln der Naturanschauung. Was diese aus den 
wiederholten Erdenleben machen konnte, das zauberte 
sich vor seine Seele. Und er lebte das. Denn er 
empfand sein Leben als ein tragisches, erfiillt mit 
schmerzvollsten Erfahrungen, niedergedriickt von Leid. 
— Dieses Leben noch unzdhlige Male zu erfahren — 
das stand vor seiner Seele stati der Perspektive auf 
die befreienden Erfahrungen, die eine solche Tragik 


96 Nietzsche im,Lebensgang* Rudolf Steiners. 


in der Weiterentfaltung kommender Leben zu erfah- 
ren hat. 

Und Niessche empfand, da® in dem Menschen, der 
sich in Einem Erdendasein erlebt, ein anderer sich 
offenbart — ein ,Ubermensch*“, der aus sich nur die 
Fragmente seines Gesamtlebens im leiblichen Erden- 
dasein ausgestalten kann. Die naturalistische Entwick- 
lungsidee lie® ihm diesen ,Ubermenschen* nicht als 
das geistig Waltende innerhalb des Sinnlich-Physi- 
schen schauen, sondern als das durch blof natur- 
gemdfe Entwicklung sich Ausgestaltende. Wie aus 
dem Tier der Mensch sich entfaltet hat, wird sich aus 
dem Menschen der ,Ubermensch* entfalten. Die Na- 
turanschauung entrif Niessche den Ausblick auf den 
»Qeistmenschen* im ,Naturmenschen* und blendete 
ihn mit einem héheren Naturmenschen. 

Was nach dieser Richtung Nietfsche erlebt hat, das 
stand in vollster Lebhaftigkeit im Sommer 1896 vor 
meiner Seele. Damals gab mir Frits Koegel seine Zu- 
sammenstellung von Niebsches Aphorismen zur ,,ewigen 
Wiederkunft* zur Durchsicht. Ich habe, was ich da- 
mals tiber das Hervorgehen von Nietsches Ideen ge- 
dacht habe, 1900 in einem Aufsate im ,Magazin fiir 
Literatur“ niedergeschrieben. — In einzelnen Sdaben 
dieses Aufsates ist festgehalien, was ich 1896 an 
Nietsche und der Naturwissenschaft erlebt habe. Ich 
werde diese meine Gedanken von damals hier wieder- 
holen, losgelést von der Polemik, in die sie damals 
gekleidet waren. 

»Es ist kein Zweifel, da® Niebsche diese einzelnen 
Aphorismen in zwangloser Reihenfolge aufgeschrieben 
hat ...Ich habe meine damals ausgesprochene Uber- 


Nietzsche im ,Lebensgang“ Rudolf Steiners. 97 


©200000000000000000000000000000000000000000000 20000000 
zeugung auch heute noch: da Niessche bei Gelegen- 
heit der Lektiire von Eugen Diihrings ,Kursus der 
Philosophie als streng wissenschaftlicher Weltanschau- 
ung und Lebensgestaltung* (Leipzig 1875) und unter 
dem Einflusse dieses Buches die Idee gefaft hat. Auf 
Seite 84 dieses Werkes findet sich nadmlich der Ge- 
danke ganz klar ausgesprochen; nur wird er da ener- 
gisch bekdmpft, wie ihn Nietsche verteidigt. Das Buch 
ist in Niessches Bibliothek vorhanden. Es ist, wie 
zahlreiche Bleistiftstriche am Rande zeigen, von Niet- 
sche eifrig gelesen worden... Diihring sagt: ,Der 
tiefere logische Grund alles bewuten Lebens fordert 
daher im strengsten Sinne des Wortes eine Uner- 
schépflichkeit der Gebilde. Ist diese Unendlich- 
keif, vermége deren immer neue Formen hervorge- 
trieben werden, an sich méglich? Die blo®e Zahl der 
materiellen Teile und Kraftelemente wiirde an sich die 
unendliche Haufung der Kombinationen ausschliefen, 
wenn nicht das stetige Medium des Raumes und der 
Zeit eine Unbeschranktheit der Variationen verbiirgte. 
Aus dem, was zdhlbar ist, kann auch nur eine er- 
schépfbare Anzahl von Kombinationen folgen. Aus 
dem aber, was seinem Wesen nach ohne Widerspruch 
gar nicht als etwas Zahlbares konzipiert werden darf, 
muf auch die unbeschraénkte Mannigfaltigkeit der La- 
gen und Beziehungen hervorgehen kénnen. Diese Un- 
beschrdnktheif, die wir fiir das Schicksal der Gestal- 
tungen des Universums in Anspruch nehmen, ist nun 
mit jeder Wandlung und selbst mit dem Eintreten eines 
Intervalls der anndhernden Beharrung oder der voll- 
standigen Sichselbstgleichheit (von mir unfer- 
strichen), aber nicht mit dem Aufhoéren alles Wandels 


98 Nietzsche im ,Lebensgang* Rudolf Steiners. 


OOCCOCOO00000000 


vertraglich. Wer die Vorstellung von einem Sein kulfi- 
vieren méchte, welches dem Ursprungszustande ent- 
spricht, sei daran erinnert, da® die zeitliche Entwick- 
jung nur eine einzige reale Richtung hat, und da die 
Kausalitét ebenfalls dieser Richtung gemdf ist. Es ist 
leichter, die Unterschiede zu verwischen als sie fest- 
-zuhalten, und es kostet daher wenig Miihe, mit Hin- 
wegsepung iiber die Kluft das Ende nach Analogie 
des Anfangs zu imaginieren. Hiifen wir uns jedoch 
vor solchen oberflaéchlichen Voreiligkeiten; denn die 
einmal gegebene Existenz des Universums ist keine 
gleichgiiltige Episode zwischen zwei Zustaéanden der 
Nacht, sondern der einzige feste und lichte Grund, 
von dem aus wir unsere Riickschliisse und Vorweg- 
nahmen bewerkstelligen...“ Diihring findet auch, da 
eine immerwdhrende Wiederholung der Zustande keinen 
Reiz fiir das Leben hat. Er sagt: ,Nun versteht es 
sich von selbst, da die Prinzipien des Lebensreizes 
mit ewiger Wiederholung derselben Formen nicht ver- 
trdglich sind...“ 

Niefsche wird mit der Naturanschauung in eine 
Konsequenz hineingetrieben, vor der Diihring durch 
die mathematische Betrachtung und durch das 
Schreckbild, das sie vor dem Leben darstellt, zuriick- 
schauert. 

In meinem Aufsafe heift es weiter: ,... machen 
wir die Voraussepung, da? mit den materiellen Teilen 
und Kraftelementen eine zahlbare Anzahl von Kom- 
binationen méglich sei, so haben wir die Niebschesche 
Idee der ,Wiederkunft des Gleichen‘. Nichts anderes 
als die Verteidigung einer aus der Diihringschen An- 
sicht genommenen Gegenidee haben wir in dem 


Nietzsche im ,Lebensgang* Rudolf Steiners. 99 


000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000C0 
Aphorismus 205 (Band XII in Koegels Ausgabe, und 
Aphorismus 22 in Horneffers Schrift: ,Niessches Lehre 
von der ewigen Wiederkunft‘): ,Das Mag der All- 
kraft ist bestimmt, nichts ,Unendliches‘: hiiten wir 
uns vor solchen Ausschweifungen des Begriffs! Folg- 
lich ist die Zahl der Lagen, Veraénderungen, Kombi- 
nationen und Entwicklungen dieser Kraft zwar unge- 
heuer grof und praktisch uunermeflich‘, aber jeden- 
falls auch bestimmt und nicht unendlich, das heift: 
die Kraft ist ewig gleich und ewig tatig: — bis zu 
diesem Augenblick ist schon eine Unendlichkeit ab- 
gelaufen, das heift, alle médglichen Entwicklungen 
miissen schon dagewesen sein. Folglich muf die 
augenblickliche Entwicklung eine Wiederholung sein, 
und so die, welche sie gebar, und die, welche aus ihr 
entsteht, und so vorwarts und riickwdrts weiter! Alles 
ist unzdhlige Male dagewesen, insofern die Gesami- 
lage aller Krafte wiederkehrt...« Und Niebsches Ge- 
fiihl gegeniiber diesem Gedanken ist genau das Gegen- 
teilige von dem, das Diihring bei ihm hat. Niefsche 
ist dieser Gedanke die héchste Formel der Lebens- 
bejahung. Aphorismus 44 (bei Horneffer 234 in Koegels 
Ausgabe) lautet: ,die zukiinftige Geschichte: immer 
mehr wird dieser Gedanke siegen — und die nicht 
daran glauben, die miissen ihrer Natur nach endlich 
aussterben! Nur wer sein Dasein fiir ewig wieder- 
holungsfdhig halt, bleibt iibrig: unter solchen aber 
ist ein Zustand méglich, an den kein Utopist ge- 
reicht hat!* Es ist der Nachweis méglich, daf viele 
der Niefscheschen Gedanken auf dieselbe Art ent- 
standen sind wie der ewige Wiederkunftsgedanke. 
Nietsche bildete zu irgend einer vorhandenen Idee die 


30 Nietzsche im,Lebensgang* Rudolf Steiners. 


Gegenidee. Schlieflich fiihrte ihn dieselbe Tendenz auf 
sein Hauptwerk: ,Umwertung aller Werte*. 

Mir war damals klar: Nietsche ist mit gewissen 
seiner nach der Geistwelt strebenden Gedanken ein 
Gefangener der Naturanschauung. Deshalb lehnte ich 
die mystische Interpretation seines Wiederkunftgedan- 
kens streng ab. Und ich stimmte Peter Gast zu, der 
in seiner Ausgabe von Niebsches Werken geschrieben 
hat: ,Die rein mechanisch zu verstehende Lehre von 
der Erschopfbarkeit, also Repetition der kosmischen 
Molekularkombinationen.* — Niessche glaubte einen 
Hohegedanken aus den Grundlagen der Naturanschau- 
ung holen zu miissen. Das war die Art, wie er an 
seiner Zeit leiden mufte. 

So stand, was man — nach dem Geiste ausblickend — 
an der Naturanschauung vom Ende des neunzehnten 
Jahrhunderts zu leiden hatte, in dem Anblicke von 
NiefBsches Seele 1896 vor mir. 


Friedrich Niefische, 
ein Kampfer gegen seine Zeit. 


Vorrede zur ersten Auflage. 


Is ich vor sechs Jahren die Werke Friedrich 
Nietzsches kennen lernte, waren in mir bereits 
Ideen ausgebildet, die den seinigen Ghrilich sind. Un- 
abhdngig von ihm und auf anderen Wegen als er, 
bin ich zu Anschauungen gekommen, die im Einklang 
stehen mit dem, was Niessche in seinen Schriften: 
,Zarathustra‘, ,Jenseits von Gut und Bése‘, ,Genea- 
logie der Moral‘ und ,G6tendammerung* ausge- 
sprochen hat. Schon in meinem 1886 erschienenen 
. kleinen Buche ,Erkenntnistheorie der Goetheschen 
Weltanschauung* kommt dieselbe Gesinnung zum 
Ausdruck, wie in den genannten Werken Nietsches. 
Dies ist der Grund, warum ich mich gedrdanet fiihlte, 
ein Bild von dem Vorstellungs- und Empfindungs- 
leben Niefsches zu zeichnen. Ich glaube, daft ein 
solches Bild Niebsche am dhnlichsten dann wird, 
wenn man es seinen erwdhnten letten Schriften ge- 
mda schafft. So habe ich es getan. Die friiheren 
Schriften Niessches zeigen uns ihn als Suchenden. 
Er stellt sich uns in ihnen dar als rastlos aufwdrts 
Strebender. In seinen leften Schriften sehen wir ihn 
auf dem Gipfel angelangt, der eine seiner ureigenen 
Geistesart angemessene Hohe hat. In den meisten 


der bis jetzt iiber Niebsche erschienenen Schriften ve 
Steiner, Friedrich Niebsche. 


34 Vorrede zur ersten Auflage. 
00900000000: 


dessen Entwickelung so dargestellf, als ob er in den 
verschiedenen Zeiten seiner Schriftstellerlaufbahn von- 
einander mehr oder weniger abweichende Meinungen 
gehabt hatte. Ich habe zu zeigen versucht, dal von 
einem Meinungswechsel bei Niefsche nichf die Rede 
sein kann, sondern nur von einer Aufwartsbewegung, 
von der naturgemdfen Entwickelung einer Persénlich- 
keit, die noch nicht die ihren Anschauungen ent- 
sprechende Ausdrucksform gefunden hatte, als sie 
ihre ersten Schriften schrieb. 

Das Endziel von Niefsches Wirken ist die Zeich- 
nung des Typus ,Ubermensch*. Diesen Typus zu 
charakterisieren, habe ich als eine der Hauptaufgaben 
meiner Schrift betrachtet. Mein Bild des Ubermenschen 
ist genau das Gegenteil des Zerrbildes geworden, 
das in dem augenblicklich verbreitetsten Buche iiber 
Niesfsche von Frau LouAndreas-Salomé entwor- 
fen ist. Man kann nichts dem Niefscheschen Geiste 
mehr Zuwiderlaufendes in die Welt sesen, als das 
mystische Ungetiim, das Frau Salomé aus dem Uber- 
menschen gemacht hat. Mein Buch zeigi, da’ in Nietz- 
sches Ideen nirgends auch nur die geringste Spur 
von Mystik anzutreffen ist. Auf die Widerlegung der 
Ansicht von Frau Salomé, da® Niessches Gedanken 
in ,Menschliches, Allzumenschliches* von den Aus- 
fiihrungen Paul Rées, des Verfassers der ,Psycho- 
logischen Beobachtungen* und des ,Ursprungs der 
moralischen Empfindungen‘ usw., beeinfluft seien, habe 
ich mich nicht eingelassen. Ein so mittelmabiger Kopf 
wie Paul Rée konnte auf Niessche keinen bedeuten- 
den Eindruck machen. Ich wiirde diese Dinge auch 
hier nicht beriihren, wenn nicht das Buch von Frau 


Vorrede zur ersten Auflage. 35 


Salomé so viel beigetragen hatte, geradezu wider- 
wdrtige Ansichten tiber Niefsche zu verbreiten. Fritz 
Koegel, der ausgezeichnete Herausgeber von Niep- 
sches Werken, hat im ,Magazin fiir Literatur“ diesem 
Machwerke die gebiihrende Abfertigung angedeihen 
lassen. 

Ich kann diese kurze Vorrede nicht beschliefen, 
ohne Frau Foerster-Nietzsche, der Schwester 
Niessches, herzlichst zu danken fiir die vielen Freund- 
lichkeiten, die ich von ihr wadhrend der Zeit erfahren 
habe, in der meine Schrift entstanden ist. Den im 
»Niepsche-Archiv* in Naumburg verlebfen Stunden 
verdanke ich die Stimmung, aus der heraus die fol- 
genden Gedanken geschrieben sind. 


Weimar, April 1895. 
Rudolf Steiner. 


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I. Der Charakter. 
13 

eee Nietzsche charakterisiert sich selbst 

als einsamen Griibler und Réatselireund, als un- 
zeitgemdfe Personlichkeit. Wer auf solchen eigenen 
Wegen gehi, wie er, ,begegnet niemandem; das bringen 
die eigenen Wege mit sich. Niemand kommt, ihm dabei 
zu helten; mit allem, was ihm von Getahr, Zufall, Bos- 
heit und schlechtem Wetter zustoft, muf er allein fertig 
werden“, sagt er in der Vorrede zur zweiten Ausgabe 
seiner , Morgenrote*. Aber reizvoll ist es, ihm in seine 
Einsamkeit zu folgen. Die Worte, die er iiber sein Ver- 
hditnis zu Schopenhauer ausgesprochen hat, méchte 
ich iiber das meinige zu Niebsche sagen: ,Ich gehGre 
zu den Lesern Niefsches, welche, nachdem sie die 
erste Seife von ihm gelesen, mit Bestimmtheit wissen, 
daf sie alle Seiten lesen und auf jedes Wort horen 
werden, das er iiberhaupt gesagt hal. Mein Vertrauen 
zu ihm war sofort da..... Ich verstand ihn, als ob 
er fiir mich geschrieben hatte, um mich verstdndlich, 
aber unbescheiden und thoricht auszudriicken.* Man 
kann so sprechen und weit davon entfernt sein, sich 
als ,Gldubigen* der Nietsscheschen Welftanschauung 
zu bekennen. Weiler allerdings nicht, als Niefsche 
davon entfernt war, sich solche ,Gldubige* zu wiin- 
schen. Legt er doch seinem ,Zarathustra* die Worte 
in den Mund: 


38 I. Der Charakter. 


BOCOC00G00000000! 

»lhr sagt, ihr glaubt an Zarathustra? Aber was 
liegt an Zarathustra! Ihr seid meine Glaubigen: aber 
was liegt an allen Gldubigen! 

Thr hattet euch noch nicht gesucht: da fandet ihr 
mich. So thun alle Glaubigen; darum ist es so wenig 
mit allem Glauben. 

Nun heife ich euch, mich verlieren und euch finden; 
und erst, wenn ihr mich alle verleugnet habt, will ich 
euch wiederkehren.* 

Niebsche ist kein Messias und Religionsstifter; er 
kann deshalb sich wohl Freunde seiner Meinungen 
wiinschen; Bekenner seiner Lehren aber, die ihr eigenes 
Selbst aufgeben, um das seinige zu finden, kann er 
nicht wollen. 

In Niebsches Personlichkeit finden sich Instinkte, 
denen ganze Vorstfellungskreise seiner Zeitgenossen 
zuwider sind. Von den wichtigsten Kulturideen der- 
jenigen, in deren Mitte er sich entwickelt hat, wendet 
er sich ab mit einem instinktiven Widerwillen; und zwar 
nicht so, wie man eine Behaupiung ablehnt, in der man 
einen logischen Widerspruch entdeckt hat, sondern wie 
man sich von einer Farbe abwendet, die dem Auge 
Schmerz verursacht. Der Widerwille geht von dem 
unmittelbaren Gefiihl aus; die bewufte Uberlegung 
kommt zundchst gar nicht in Betracht. Was andere 
Menschen empfinden, wenn ihnen die Gedanken: 
Schuld, Gewissensbifi, Siinde, jenseitiges Leben, Ideal, 
Seligkeii, Vaterland durch den Kopf gehen, wirkt auf 
Niefsche unangenehm. Die instinktive Art der Ab- 
neigung gegen die genannten Vorstellungen unter- 
scheidet Niessche auch von den sogenannten ,Frei- 
geistern* der Gegenwart. Diese kennen alle Verstan- 


l. Der Charakter. 39 


909000000000000000000000 99000000900000000000000000000000900000000000000000000000 
deseinwdnde gegen die ,alten Wahnvorstellungen‘; 
aber wie selten findet sich einer, der von sich sagen 
kann: seine Instinkte hangen nicht mehr an ihnent 
Gerade die Instinkte sind es, die den Freigeistern der 
Gegenwart bése Streiche spielen. Das Denken nimmt 
einen von den iiberlieferten Ideen unabhadngigen Cha- 
rakter an, aber die Instinkte kénnen sich diesem ver- 
dnderten Charakter des Verstandes nicht anpassen. 
Diese ,freien Geisier* seben irgend einen Begriff der 
modernen Wissenschaft an die Stelle einer 4lferen 
Vorstellung; aber sie sprechen so von ihm, da® man 
erkennt: der Verstand geht einen andern Weg als die 
Instinkte. Der Verstand sucht in dem Stoffe, in der 
Kraft, in der Naturgesetzlichkeit den Urgrund 
der Erscheinungen; die Instinkte aber verleiten dazu, 
diesen Wesen gegeniiber dasselbe zu empfinden, was 
andere ihrem personlichen Gotte gegeniiber empfinden. 
Geister dieser Art wehren sich gegen den Vorwurf 
der Gofttesleugnung; aber sie tun es nicht deshalb, 
weil ihre Weltauffassung sie auf etwas fiihrt, was mit 
irgend einer Gottesvorstellung iibereinstimmt, sondern 
weil sie von ihren Vorfahren die Eigenschaft ererbt 
haben, bei dem Worte ,Gottesleugner* ein instink- 
tives Gruseln zu empfinden, Grofe Naturforscher 
betonen, daf sie die Vorstellungen: Gott, Unsterb- 
lichkeit nicht verbannen, sondern nur im Sinne der 
modernen Wissenschaft umgestalten wollen. thre In- 
stinkte sind eben hinter ihrem Verstande zuriickge- 
blieben. 

Eine grofe Zahl dieser ,freien Geister* vertritt die 
Ansicht, da® der Wille des Menschen unfrei ist. Sie 
sagen: der Mensch mu® in einem bestimmten Falle 


40 1, Der Charakter. 


00600000 000000020000000000000000! OCOOOCOCOCOOOSCCOGO 


so handeln, wie es sein Charakter und die auf ihn 
einwirkenden Verhdltnisse bedingen. Man halte aber 
Umschau bei diesen Gegnern der Ansicht vom , freien 
Willen“, und man wird finden, da? sich die Insfinkte 
dieser ,Freigeister“ von dem Vollbringer einer ,,bésen“ 
Tat geradeso mit Abscheu abwenden, wie es die In- 
stinkte der anderen tun, die der Meinung sind: der 
,freie Wille* koénne sich nach Belieben dem Guten 
oder dem Bésen zuwenden. 

Der Widerspruch zwischen Verstand und Instinkt 
ist das Merkmal unserer ,modernen Geister“. Auch 
in den freiesten Denkern der Gegenwart leben noch 
die von der christlichen Orthodoxie gepflanzten In- 
stinkte. Genau die entgegengesetten sind in Nieb- 
sches Natur wirksam. Er braucht nicht erst dariiber 
nachzudenken, ob es Griinde gegen die Annahme 
eines pers6nlichen Weltenlenkers gibt. Sein Instinkt 
ist zu stolz, um sich vor einem solchen zu beugen; 
deshalb lehnt er eine derartige Vorstellung ab. Er 
spricht mit seinem Zarathustra: ,Aber da ich euch 
ganz mein Herz offenbare, ihr Freunde: wenn es 
Gotter gabe, wie hielte ich’s aus, kein Gott zu sein! 
Also gibt es keine Gétter.“ Sich selbst oder einen 
andern wegen einer begangenen Handlung ,schuldig“ 
zu sprechen, dazu drdangt ihn nichts in seinem Innern. 
Um ein solches ,schuldig* unstatthaft zu finden, dazu 
braucht er keine Theorie vom ,,freien* oder ,unfreien“ 
Willen. 

Auch die patriotischen Empfindungen seiner deut- 
schen Volksgenossen sind Niefsches Instinkten zu- 
wider. Er kann sein Empfinden und Denken nicht ab- 
hdngig machen von den Gedankenkreisen des Volkes, 


I. Der Charakter. Af 


GOCGGOCOQGOOOGOOGOO0O000CCODOGOOOG00C0000ECO0ECO000000E000000C0CGE00000208009000 
innerhalb dessen er geboren und erzogen ist; auch 
nicht von der Zeit, in der er lebt. ,Es ist so klein- 
stddtisch* — sagt er in seiner Schrift ,Schopenhauer 
als Erzieher‘ —-, ,sich zu den Ansichten verpflichten, 
die ein paar hundert Meilen weiter schon nicht mehr 
verpflichten. Orient und Okzident sind Kreidestriche, 
die uns jemand vor unsere Augen hinmalt, um unsere 
Furchtsamkeit zu narren. Ich will den Versuch machen, 
zur Freiheit zu kommen, sagt sich die junge Seele; 
und da sollte es sie hindern, da# zufallig zwei Na- 
tionen sich hassen und bekriegen, oder da? ein Meer 
zwischen zwei Erdfeilen liegt, oder da? rings um sie 
eine Religion gelehrt wird, welche vor ein paar tau- 
send Jahren nicht bestand. Die Empfindungen der 
Deutschen wdhrend des Krieges im Jahre 1870 fanden 
in seiner Seele einen so geringen Widerhall, daf er, 
»wahrend die Donner der Schlacht von Worth iiber 
Europa weggingen‘, in einem Winkel der Alpen sah, 
»sehr vergriibelt und verrdtselt, folglich sehr bekiim- 
mert und unbekiimmert zugleich*, und seine Gedanken 
iiber die Griechen niederschrieb. Und als er einige 
Wochen darauf sich selbst ,unter den Mauern von 
Mest‘ befand, war er ,noch immer nicht losgekommen 
von den Fragezeichen, die er zum Leben und der 
Kunst der Griechen gesett hatte“. (Vgl. ,Versuch 
einer Selbstkritik* in der zweiten Auflage seiner ,Ge- 
burt der Tragédie*.) Als der Krieg zu Ende war, 
stimmte er so wenig in die Begeisterung seiner deut- 
schen Zeitgenossen iiber den errungenen Sieg ein, 
da® er schon im Jahre 1873 in seiner Schrift iiber 
David Strauf von den ,schlimmen und gefahrlichen 
Folgen* des siegreich beendeten Kampfes sprach. Er 


492 I. Der Charakter. 


000000000000090000000000' 
stellte es sogar als einen Wahn hin, daf auch die 
deutsche Kultur in diesem Kampfe gesiegt habe, und 
er nannte diesen Wahn gefdhrlich, weil, wenn er inner- 
halb des deutschen Volkes herrschend wird, die Ge- 
fahr vorhanden ist, den Sieg in eine véllige Nieder- 
lage zu verwandeln; in die Niederlage, ja Exstirpation 
des deutschen Geistes zugunsten des_ ,Deutschen 
Reiches*. Das ist Niesbsches Gesinnung in einer Zeit, 
in der ganz Europa voll ist von nationaler Begeiste- 
rung. Es ist die Gesinnung einer unzeitgemdfen 
Persénlichkeit, eines Kampfers gegen seine Zeit. 
Auer dem Angefiihrten lieBe sich noch vieles nennen, 
was in Niepsches Empfindungs- und Vorsfellungs- 
leben anders isf, als in dem seiner Zeitgenossen. 


ze 


Nietsche ist kein ,Denker* im gew6hnlichen Sinne 
des Wortes. Fiir die fragwiirdigen und tiefdringenden 
Fragen, die er der Welt und dem Leben gegeniiber 
zu stellen hat, reicht das blo®e Denken nicht aus. Fiir 
diese Fragen miissen alle Krafte der menschlichen 
Natur entfesselt werden; die denkende Betrachtung 
allein ist ihnen nicht gewachsen. Zu blo® erdachten 
Griinden fiir eine Meinung hat Niebsche kein Ver- 
trauen. ,Es gibt ein Mi®trauen in mir gegen Dialektik, 
selbst gegen Griinde*, schreibt er am 2. Dezember 
1887 an Georg Brandes. (Vgl. dessen ,Menschen und 
Werke“, S. 212.) Wer ihn um die Griinde seiner An- 
sichten fragt, fiir den hat er ,Zarathustras“ Antwort 
bereit: ,Du fragst warum? Ich gehére nicht zu denen, 
welche man nach ihrem Warum fragen darf.“ Nicht 
ob eine Ansicht logisch bewiesen werden kann, ist fiir 


I. Der Charakter. 43 


ihn mafgebend, sondern ob sie auf alle Krafte der 
menschlichen Persénlichkeit so wirkt, da® sie fiir das 
Leben Wert hat. Er lat einen Gedanken nur gelten, 
wenn er ihn geeignet findet, zur Entwicklung des Le- 
bens beizutragen. Den Menschen so gesund als még- 
lich, so machtvoll als méglich, so schépferisch als még- 
lich zu sehen, ist sein Wunsch. Wahrheit, Schénheit, 
alle Ideale haben nur Wert und gehen den Menschen 
nur etwas an, insofern sie lebensféOrdernd sind. 

Die Frage nach dem Werte der Wahrheit trift 
in mehreren Schriften Niepsches auf. In der verwegen- 
sten Form wird sie in seinem Buche: ,Jenseits von 
Gut und Bése* gestellt. ,Der Wille zur Wahrheil, der 
uns noch zu manchem Wagnisse verfiihren wird, jene 
beriihmte Wahrhaftigkeit, von der alle Philosophen bis- 
her mit Ehrerbietung geredet haben: was fiir Fragen 
hat dieser Wille zur Wahrheit uns schon vorgelegt! 
Welche wunderlichen, schlimmen, fragwiirdigen Fragen! 
Das ist bereits eine lange Geschichte — und doch 
scheint es, da® sie kaum eben angefangen hat. Was 
Wunder, wenn wir endlich auch miftrauisch werden, 
die Geduld verlieren, uns ungeduldig umdrehn? Dab 
wir von dieser Sphinx auch unserseits das Fragen 
lernen? Wer ist das eigentlich, der uns hier Fragen 
stellt? Was in uns will eigentlich ,zur Wahrheit*? In 
der Tat, wir machten lange halt vor der Frage nach 
der Ursache dieses Willens — bis wir, zulept, vor einer 
noch griindlicheren Frage ganz und gar sfehen blieben. 
Wir fragten nach dem Werte dieses Willens. Ge- 
sebt, wir wollen Wahrheit: warum nicht lieber 
Unwahrheit?* 

Das ist ein Gedanke von kaum zu iiberbietender 


44 ]. Der Charakter. 


Kiihnheif. Stellt man daneben, was ein anderer kiihner 
»Oribler und Réatselsfreund*‘, Johann Gottlieb 
Fichte, von dem Streben nach Wahrheit sagt, so 
sieht man erst, wie tief aus dem Wesen der mensch- 
lichen Natur Nietsche seine Vorstellungen heraufholt. 
»ich bin dazu berufen* — sagt Fichte — ,der Wahr- 
heit Zeugnis zu geben; an meinem Leben und an 
meinem Schicksal liegt nichts; an den Wirkungen 
meines Lebens liegt unendlich viel. Ich bin ein Priester 
der Wahrheit; ich bin in ihrem Solde; ich habe mich 
verbindlich gemacht, alles fiir sie zu tdn und zu wagen 
und zu leiden.“ (Fichte, Vorlesungen ,Uber die Be- 
stimmung des Gelehrten“, vierte Vorlesung.) Diese 
Worte sprechen das Verhdltnis aus, in das sich die 
edelsten Geister der abendlandischen neueren Kultur 
zur Wahrheit seen. Niebsches angefiihrtem Aus- 
spruch gegeniiber erscheinen sie oberflachlich. Man 
kann gegen sie einwenden: Ist es denn nicht még- 
lich, da®B die Unwahrheit wertvollere Wirkungen fiir das 
Leben hat, als die Wahrheit? Ist es ausgeschlossen, 
da® die Wahrheit dem Leben schadet? Hat sich Fichte 
diese Fragen gestellt? Haben es andere getan, die 
,~der Wahrheit Zeugnis* gegeben haben? 

Nietsche aber stellt diese Fragen. Und er glaubt 
iiber sie erst dann ins Reine zu kommen, wenn er 
das Sireben nach Wahrheit nicht als bloBe Verstandes- 
sache behandelt, sondern nach den Instinkten sucht, 
die dieses Streben erzeugen. Denn es kénnte ja wohl 
sein, da sich diese Instinkte der Wahrheit nur als 
Mittel bedienten, um etwas zu erreichen, was héher 
steht, als die Wahrheit. Nietsche findet, nachdem er 
,lange genug den Philosophen zwischen die Zeilen 


OOCOCCCSOOCC00CO 


I. Der Charakter. | 45 


und auf die Finger gesehn* hat: ,Das meiste Denken 
eines Philosophen ist durch seine Instinkte heimlich 
gefiihrt und in bestimmte Bahnen gezwungen.* Die 
Philosophen glauben, die lette Triebfeder ihres Tuns 
sei das Streben nach Wahrheit. Sie glauben dies, weil 
sie nicht auf den Grund der menschlichen Natur zu 
sehen vermégen. In Wirklichkeit wird das Streben 
nach Wahrheit gelenkt von dem Willen zur Macht. 
Mit Hilfe der Wahrheit soll die Macht und Lebens- 
fiille der PersGnlichkeit erhéht werden. Das bewuPte 
Denken des Philosophen ist der Meinung: die Er- 
kenntnis der Wahrheit sei ein leftes Ziel; der unbe- 
wufte Instinkt, der das Denken treibt, strebt nach 
Forderung des Lebens. Fiir diesen Instinkt ist ,die 
Falschheit eines Urteils noch kein Einwand gegen 
ein Urteil*; fiir ihn kommt allein die Frage in Be- 
tracht: ,wie weit ist es lebenfordernd, lebenerhaltend, 
arterhaltend, vielleicht gar artziichtend* (Jenseits von 
Gut und Bose § 4). 

» Wille zur Wahrheit‘ heift ihr’s, ihr Weisesten, was 
euch fireibt und briinstig macht? 

Wille zur Denkbarkeit alles Seienden: also heife 
ich euren Willen! 

Alles Seiende wollt ihr erst denkbar machen: denn 
ihr zweifelt mit gutem Miftrauen, ob es schon denk- 
bar isf. 

Aber es soll sich euch fiigen und biegen! So will’s 
euer Wille. Glatt soll es werden und dem Geiste unter- 
fan, als sein Spiegel und Widerbild. 

Das ist euer ganzer Wille, ihr Weisesten, als ein 
Wille zur Macht .. .“ (Zarathustra, 2. Teil, Von der 
Selbstiiberwindung.) 


46 1. Der Charakter. 


E9C0000000000000 OEOOO0000C00C000000000000000000000000009 

Die Wahrheit soll die Welt dem Geisfe untertan 
machen und dadurch dem Leben dienen. Nur als Le- 
bensbedingung hat sie einen Werf. — Kann man nicht 
aber noch weiter gehen und fragen: was ist das Leben 
selbst wert? Niessche halt eine solche Frage fiir un- 
moglich. Da alles Lebende so machtvoll, so inhalt- 
reich leben will, als irgend méglich ist, nimmft er als 
eine Tatsache hin, iiber die er nicht weiter griibelt. 
Die Lebensinstinkte fragen nicht nach dem Werte des 
Lebens. Sie fragen nur: welche Mittel gibt es, um die 
Macht ihres Traégers zu erhdhen. ,Urteile, Werturteile 
iiber das Leben, fiir oder wider, kénnen zulett nie- 
mals wahr sein: sie haben nur Wert als Symptome, 
sie kommen nur als Symptome in Betracht, — an 
sich sind solche Urteile Dummheiten. Man muf durch- 
aus seine Finger darnach ausstrecken und den Ver- 
such machen, die erstaunliche Finesse zu fassen, da 
der Wert desLebens nicht abgeschatzt wer- 
den kann. Von einem Lebenden nicht, weil ein sol- 
cher Partei, ja sogar Streitobjekt ist, und nicht Richter; 
von einem Toten nicht, aus einem andern Grunde. — 
Von seifen eines Philosophen im Wert des Lebens 
ein Problem sehn, bleibt dergestalt sogar ein Einwurf 
gegen ihn, ein Fragezeichen an seiner Weisheit, eine 
Unweisheit.« — (G6sendémmerung. Das Problem des 
Sokrates.) Die Frage nach dem Werte des Lebens 
existiert nur fiir eine mangelhaft ausgebildete, kranke 
PersGnlichkeit. Wer allseitig entwickelt ist, lebt, ohne 
zu fragen, wieviel sein Leben wert ist. 

Weil Nietsche die beschriebenen Ansichten hat, des- 
halb legt er auf logische Beweisgriinde fiir ein Urteil 
wenig Gewicht. Nicht darauf kommt es ihm an, ob 


1. Der Charakter. 47 


sich das Urteil logisch beweisen la6t, sondern wie 
gut sich unter seinem Einflusse leben Jat. Nicht allein 
der Verstand, sondern die ganze Persdénlichkeit des 
Menschen soll befriedigt werden. Die besten Gedanken 
sind diejenigen, welche alle Krafte der menschlichen 
Natur in eine ihnen angemessene Bewegung bringen. 

Nur Gedanken dieser Art haben fiir Niessche Inter- 
esse. Er ist kein philosophischer Kopf, sondern ein 
»Honigsammler des Geisies*, der die ,Bienenkérbe* 
der Erkenntnis aufsucht und heimzubringen sucht, was 
dem Leben fromm. 


BOOC00CO 


3}. 


In Niebsches Personlichkeit sind diejenigen Instinkte 
vorherrschend, die den Menschen zu einem gebieten- 
den, herrischen Wesen machen. Ihm gefallt alles, was 
Macht bekundet; ihm miffallt alles, was Schwdche 
verrdt. Er fiihlt sich nur so lange gliicklich, als er 
sich in Lebensbedingungen befindei, die seine Kraft 
erhohen. Er liebt Hemmnisse, Widerstdnde fiir seine 
Tatigkeit, weil er sich bei ihrer Uberwindung seiner 
Macht bewuft wird. Er sucht die beschwerlichsten 
Wege auf, die der Mensch gehen kann. Ein Grund- 
zug seines Charakters isi in dem Spruche ausge- 
driickt, den er der zweifen Ausgabe seiner ,frdhlichen 
Wissenschaft* auf das Titelblatt gesetzt hat: 

»lch wohne in meinem eignen Haus, 
Hab’ niemandem nie nichts nachgemacht 
Und — lachte noch jeden Meister aus, 
Der nicht sich selber ausgelacht.“ 

Jede Art von Unterordnung unter eine fremde Macht 
empfindet Niepsche als Schwdche. Und iiber das, 
was eine ,fremde Macht* ist, denkt er anders als 


48 I. Der Charakter. 


C000E00000008900 IOD0000000000000000000000000' 
mancher, der sich als ,unabhangigen, freien Geisi“ 
bezeichnet. Niefbsche empfindet es als Schwache, wenn 
der Mensch sich in seinem Denken und Handeln so- 
genannien ,ewigen, ehernen* Gesegen der Vernunif 
unterwirft. Was die allseitig entwickelte Persénlichkeit 
tut, das !a4f1 sie sich von keiner Moralwissenschaft 
vorschreiben, sondern allein von den Antrieben des 
eigenen Selbst. Der Mensch ist in dem Augenblicke 
schon schwach, in dem er nach Gesefen und Regeln 
sucht, nach denen er denken und handeln soll. Der 
Starke bestimmt die Art seines Denkens und Han- 
delns aus seinem eigenen Wesen heraus. 

Diese Ansicht spricht Nietsche am schroffsten in 
Sdapen aus, um derentwillen ihn kleinlich denkende 
Menschen geradezu als einen gefdhrlichen Geist be- 
zeichnet haben: ,Als die chrisflichen Kreuzfahrer im 
Orient auf jenen unbesiegbaren Assassinenordenstiefen, 
jenen Freigeisterorden par excellence, dessen unterste 
Grade in einem Gehorsame lebten, wie einen gleichen 
kein MOnchsorden erreicht hat, da bekamen sie auf 
irgend welchem Wege auch einen Wink iiber jenes 
Symbol und Kerbholzwort, das nur den obersten Gra- 
den, als deren Sekretum, vorbehalten war: ,Nichts ist 
wahr, alles ist erlaubi!* ... Wohlan, das war Frei- 
heit des Geistes, damit war der Wahrheit selbst der 
Glaube gekiindigt*... (Genealogie der Moral, 35. Abh. 
§ 24.) Da® diese Sape die Empfindungen einer vor- 
nehmen, einer Herrennatur zum Ausdruck bringen, die 
sich die Erlaubnis, frei, nach ihren eigenen Gesepen 
zu leben, durch keine Riicksicht auf ewige Wahrheiten 
und Vorschriften der Moral verkiimmern lassen will, 
fiihlen diejenigen Menschen nicht, die, ihrer Art nach, 


Oo 


l. Der Charakter. 49 


1000000900000000000000000, 
zur Unterwiirfigkeit geeignet sind. Eine Persénlichkeit, 
wie die Nietsches isi, vertragt auch jene Tyrannen 
nicht, die in der Form abstrakter Sittengebote auf- 
treten. Ich bestimme, wie ich denken, wie ich handeln 
will, sagt eine solche Natur. 

Es gibt Menschen, die ihre Berechtigung, sich ,Frei- 
denker* zu nennen, davon herleiten, da® sie sich in 
ihrem Denken und Handeln nicht solchen Geseten 
unterwerfen, die von anderen Menschen herriihren, 
sondern nur den ,ewigen Gesefen der Vernunft«, 
den ,unumst6flichen Pflichtbegriffen* oder dem, Willen 
Gofies*. Nietsche sieht solche Menschen nicht als 
wahrhaft starke Persénlichkeiten an. Denn auch sie 
denken und handeln nicht nach ihrer eigenen Natur, 
sondern nach den Beftehlen einer hGdheren Autori- 
tat. Ob der Sklave der Willkiir seines Herrn, der 
Religidse den geoffenbarten Wahrheiten eines Goltes 
oder der Philosoph den Anspriichen “der Vernuntt 
folgt, das dandert nichis an dem Umstande, daft sie 
alle Gehorchende sind. Was befiehlt, ist dabei 
gleichgiiltig; das ausschlaggebende ist, da iiberhaupt 
befohlen wird, da® der Mensch sich nicht selbst 
die Richtung fiir sein Tun gibt, sondern der Meinung 
ist, es gebe eine Macht, welche ihm diese Richtung 
vorzeichnet. 

Der starke, wahrhaft freie Mensch will die Wahr- 
heit nicht empfangen — er will sie schaffen; er 
will sich nichts ,erlauben* lassen, er will nicht ge- 
horchen. ,Die eigentlichen Philosophen sind Befeh- 
lende und Gesetgeber; sie sagen: so solles 
sein!* sie bestimmen erst das Wohin? und Wozu? 


des Menschen und verfiigen dabei iiber die Vorarbeit 
Steiner, Friedrich Niebsche 4 


50 I], Der Charakter. 


aller philosophischen Arbeiter, aller Uberwdltiger der 
Vergangenheit, — sie greifen mif sch6épferischer Hand 
nach der Zukunft, und alles, was ist und war, wird 
ihnen dabei zum Mittel, zum Werkzeug, zum Hammer. 
Ihr ,Erkennen‘ ist Schaffen, ihr Schaffen ist eine 
Gesesgebung, ihr Wille zur Wahrheit ist — Wille 
zur Macht. — Gibt es heute solche Philosophen? 
Gab es schon solche Philosophen? Mu®f es nicht 
solche Philosophen geben?* (Jenseits von Gut und 
Bose § 211.) 


4. 


Ein besonderes Zeichen menschlicher Schwdche 
sieht Niefsche in jeder Art von Glauben an ein Jen- 
seits, an eine andere Welt, als die ist, in der der 
Mensch lebt. Man kann, nach seiner Ansichi, dem 
Leben keinen gréferen Schaden tun, als wenn man 
sein Leben im Diesseits im Hinblick aut ein anderes 
Leben im Jenseits einrichtet. Man kann sich keiner 
groReren Verirrung hingeben, als wenn man hinter 
den Erscheinungen dieser Welt Wesenheiten annimmt, 
die der menschlichen Erkenntnis unzugdnglich sind, 
und die als der eigentliche Urgrund, als das Be- 
stimmende alles Daseins gelten sollen. Durch eine 
solche Annahme verdirbt man sich die Freude an 
dieser Welt. Man wiirdigt sie zum Scheine, zu einem 
blofen Abglanz eines Unzugdnglichen herab. Man er- 
klart die uns bekannte Welt, die fiir uns allein wirk- 
liche, fiir einen nichtigen Traum und schreibt die wahre 
Wirklichkeit einer ertréumten, erdichteten anderen Welt 
zu. Man erklart die menschlichen Sinne fiir Betriiger, 
die uns Scheinbilder statt Wirklichkeiten liefern. 


1. Der Charakter. 51 


900000000000000600000000000000000000000000000000000000000C000000' 

Nur aus der Schwdche kann eine solche Ansicht 
stammen. Denn der Starke, der fest in der Wirklich- 
keit wurzelt, der seine Freude am Leben hat, wird es 
sich nicht in den Sinn kommen lassen, eine andere 
Wirklichkeit zu erdichten. Er ist mit dieser Welt be- 
schdftigt und bedarf keiner andern. Aber die Leiden- 
den, die Kranken, die unzufrieden sind mif diesem 
Leben, nehmen ihre Zuflucht zum Jenseits. Was ihnen 
das Diesseits entzogen hat, soll ihnen das Jenseits 
bieten. Der Starke, der Gesunde, der entwickelfe und 
taugliche Sinne hat, um die Griinde dieser Welt in 
ihr selber aufzusuchen, der bedarf zur Erklarung der 
Erscheinungen, innerhalb deren er lebt, keiner jen- 
seitigen Griinde und Wesenheiten. Der Schwache, 
der mif verkriippelten Augen und Ohren die Wirklich- 
keit wahrnimmt, der braucht Ursachen hinter den Er- 
scheinungen. 

Aus dem Leiden und der kranken Sehnsucht ist 
der Glaube an das Jenseits geboren. Aus dem Un- 
vermégen, die wirkliche Welf zu durchschauen, sind 
alle Annahmen von ,Dingen an sich“ erwachsen. 

Alle, welche Grund haben, das wirkliche Leben 
zu verneinen, sagen Ja zu einem erdichteten. 
Niepsche will ein Jasager gegeniiber der Wirklich- 
keit sein. Diese Welt will er durchforschen nach allen 
Richtungen, er will sich einbohren in die Tiefen des 
Daseins; von einem andern Leben will er nichts 
wissen. Ihn kann selbst das Leiden nicht veranlassen, 
Nein zum Leben zu sagen; denn auch das Leiden ist 
ihm ein Mittel der Erkenntnis. , Nicht anders, als es 
ein Reisender macht, der sich vorsett, zu einer be- 
stimmten Stunde aufzuwachen, und sich dann ruhig 


52 I. Der Charakter. 


dem Schlafe iiberlaBt: so ergeben wir Philosophen, 
gesett, da? wir krank werden, uns zeitweilig mit Leib 
und Seele der Krankheit — wir machen gleichsam 
vor uns die Augen zu. Und wie jener wei, dak 
irgend etwas nicht schlaff, irgend etwas die Stun- 
den abzdhlt und ihn aufwecken wird, so wissen auch 
wir, da® der entscheidende Augenblick uns wach fin- 
den wird, — da dann etwas hervorspringt und den 
Geist auf der Tat ertappt, ich meine auf der Schwdche 
oder Umkehr oder Ergebung oder Verhdartung oder 
Verdiisterung, und wie alle die krankhaffen Zustande 
des Geistes heifen, welche in gesunden Tagen den 
Stolz des Geistes wider sich haben. Man lernt nach 
einer derartigen Selbstbefragung, Selbstversuchung, 
mit einem feineren Auge nach allem, woriiber tiber- 
haupt bisher philosophiert worden ist, hinsehen* .. . 
(Vorrede zur zweiten Ausgabe der ,frohlichen Wissen- 
schaft*.) — 


5. 


Dieser lebens- und wirklichkeitsfreundliche Sinn 
Niepsches zeigt sich auch in seinen Anschauungen 
iiber die Menschen und ihre gegenseitigen Beziehungen. 
Auf diesem Gebiete ist Niebsche vollkommener In- 
dividualist. Jeder Mensch gilt ihm als eine Welt fiir 
sich, ein Unikum. ,Das wunderlich bunte Mancherlei, 
das zum ,Einerlei‘ vereinigt ist und} uns als ein be- 
stimmter Mensch entgegentritt, kann kein noch so 
Selisamer Zufall ein zweites Mal in gleicher Weise 
zusammenschiitteln.* (Schopenhauer als Erzieher 1.) 
Die wenigsten Menschen sind jedoch geneigi, ihre 
nur einmal vorhandenen Eigentiimlichkeiten zu ent- 


Il. Der Charakter. 5d 


OC000000: 100000000 
falten. Sie fiirchten ‘sich vor der Einsamkeit, in die 
sie dadurch gedraéngt werden. Es ist bequemer und 
gefahrloser, in gleicher Weise wie die Mitmenschen 
zu leben; man*findet dann immer Gesellschaft. Wer 
auf seine eigene Art sich einrichtet,” wird von anderen 
nicht verstanden und findet keine Genossen. Fiir 
Nietsche hat die Einsamkeit einen besonderen Reiz. 
Er liebt es, die Heimlichkeiten des ‘eigenen Innern 
aufzusuchen. Er flieht die Gemeinschaft der Menschen. 
Seine Gedankengdnge sind zumeist Bohrversuche 
nach Schdten, die tief in seiner PersGénlichkeit ver- 
borgen liegen. Das Licht, das andere ihm bieten, ver- 
schmahi er; die Luft, die man da atmet, wo das ,Ge- 
meinsame der Menschen“, die ,Regel Mensch* lebt, 
will er nicht mitatmen. Er trachtet instinktiv nach 
seiner ,Burg und Heimlichkeit*, wo er von der Menge, 
den vielen, den allermeisten erl6ést ist. Jenseits von 
Gut und Bose § 26.) In seiner ,fréhlichen Wissen- 
schaft* klagt er, daf es ihm schwer ist, seine Mit- 
menschen zu ,verdauen‘; und in ,Jenseits von Gut 
und Bése“ (§ 282) verrdt er, da er zumeist gefahr- 
liche Verdauungsstérungen davontrug, wenn er sich 
an Tische septe, an denen die Kost des ,,Allgemein- 
Menschlichen* genossen wurde. Die Menschen diirfen 
Nietsche nicht: zu nahe kommen, wenn er sie er- 
tragen soll. 


COCOOCOOCCCOOCOOCOCCC000 


6. 


Niefsche erklari! einen Gedanken, ein Urteil in 
derjenigen Form fiir giiltig, zu der die freiwaltenden 
Lebensinstinkte ihre Zustimmung geben. Ansichten, 
fiir die das Leben sich entscheidet, lat er sich durch 


54 I. Der Charakter. 


0000000000000000009000000000000000000000000000009000000000000000 00000000 000C0000 
keine logischen Zweifel nehmen. Dadurch erhalt sein 
Denken einen sichern, freien Zug. Es wird nicht be- 
irrt durch Bedenken wie: ob eine Behauptung auch 
,objektiv“ wahr ist, ob sie die Grenzen des mensch- 
lichen Erkenntnisvermégens nicht iiberschreifet usw. 
Wenn Niefsche den Wert eines Urteiles fiir das Le- 
ben erkanni hat, dann fragt er nicht mehr nach einer 
weiteren ,objektiven* Bedeutung und Giilfigkeit des- 
selben. Und wegen Grenzen des Erkennens macht 
er sich keine Sorgen. Er ist der Ansicht, da® ein 
gesundes Denken das schafft, was es schaffen kann, 
und sich nicht mit der nusblosen Frage abqudlt: was 
kann ich nicht? 

Wer den Wert eines Urteils nach dem Grade be- 
stimmen will, in dem es das Leben foérdert, kann 
diesen Grad natiirlich nur durch seine eigenen, per- 
s6nlichen Lebenstriebe und Lebensinstinkte festsefen. 
Er kann nie mehr sagen wollen, als: in bezug auf 
meine Lebensinstinkte halte ich dieses bestimmte Ur- 
teil fiir ein wertvolles. Und Niessche will auch nie 
etwas anderes sagen, wenn er eine Ansicht ausspricht. 
Gerade dieses sein Verhdltnis zu seiner Gedanken- 
welt wirkt so wohltuend auf den freiheitlich gesinnten 
Leser. Es gibt Niettsches Schriften den Charakter 
anspruchsloser, bescheidener Vornehmheit. Wie ab- 
stoRend und unbescheiden klingt es daneben, wenn 
andere Denker glauben, ihre Person sei das Organ, 
durch das der Welt ewige, unumstéfliche Wahrheiten 
verkiindet werden. Man kann in Niebsches Werken 
Sdpe finden, die ein starkes Selbstbewuftsein aus- 
driicken, z. B.: ,Ich habe der Menschheit das tiefste 
Buch gegeben, das sie besist, meinen Zarathustra: 


I. Der Charakter. 55 


ich gebe ihr iiber kurzem das unabhangigste.* — 
(Gobenddmmerung, Streifziige eines Unzeitgemafen 
§ 51.) Was besagt dies aber aus seinem Munde? 
Ich habe es gewagt, ein Buch zu schreiben, dessen 
Inhalt tiefer aus dem Wesen einer Persénlichkeit ge- 
holt ist, als das sonst bei dhnlichen Biichern der Fall 
ist; und ich werde ein Buch liefern, das unabhdngiger 
von jedem fremden Urteil ist, als andere philosophi- 
sche Schriften; denn ich werde iiber die wichtigsten 
Dinge blo® aussprechen, wie sich meine persénlichen 
Insfinkte zu ihnen verhalten. Das is{ vornehme Be- 
scheidenheit. Sie geht freilich denen wider den Ge- 
schmack, deren verlogene Demut sagt: ich bin nichts, 
mein Werk ist alles; ich bringe nichts von pers6n- 
lichem Empfinden in meine Biicher, sondern ich 
spreche blo? aus, was die reine Vernunft mich aus- 
sprechen heift. Solche Menschen wollen ihre Person 
verleugnen, um behaupten zu kénnen, da ihre Aus- 
Spriiche die eines hdheren Geistes sind. Nietsche 
halt seine Gedanken fiir Erzeugnisse seiner Person 
und fiir nicht mehr. 


ig 


Die Fachphilosophen mégen iiber Niefsche lacheln 
oder ihre Meinungen iiber die ,Gefahren‘ seiner 
»Weltanschauung* zum besten geben. Manche dieser 
Geister, die nichts sind als personifizierte Lehrbiicher 
der Logik, kénnen natiirlich Niepsches aus den mdach- 
ligsten, unmittelbarsten Lebensimpulsen entspringen- 
des Schaffen nicht loben. 

Niessche mit seinen kiihnen Gedankenspriingen trifft 
jedenfalls auf tiefere Geheimnisse der menschlichen 


56 ]. Der Charakter. 


Natur, als mancher logische Denker mif seinem vor- 
sichtigen Kriechen. Was nuft alle Logik, wenn sie mit 
ihren Begriffsneben nur einen wertlosen Inhalt fangt? 
Wenn uns wertvolle’ Gedanken mitgeteilt werden, dann 
erfreuen wir uns an ihnen, wenn sie auch nicht mit 
logischen Faden verkniipft sind. Das Heil des Lebens 
hangt nicht allein von der Logik ab, sondern auch 
von der Gedankenerzeugung. Unsere Fachphilosophie 
ist gegenwadrtig unfruchtbar genug, und sie k6énnte 
die Belebung mit Gedanken eines mutigen, kiihnen 
Schriftstellers, wie es Niessche ist, sehr wohl brauchen. 
Die Entwickelungskraft dieser Fachphilosophie ist ge- 
lahmt durch den Ejinflu®, den das Kantsche Denken 
auf sie genommen hat. Sie hai durch diesen Einflug 
allie Urspriinglichkeit, allen Mut verloren. Kant hat 
aus der Schulphilosophie seiner Zeit den Begriff von 
Wahrheiten, die aus der ,reinen Vernunft* stammen, 
iibernommen. Er hat zu zeigen versucht, da wir 
durch solche Wahrheit nichts wissen kénnen von 
Dingen, die jenseits unserer Erfahrung liegen, von 
»Dingen an sich*. Seif einem Jahrhundert ist nun un- 
ermeflicher Scharfsinn aufgewendet worden, um diesen 
Kantschen Gedanken nach allen Seiten durchzudenken. 
Die Erzeugnisse dieses Scharfsinns sind allerdings 
oft diirftig und trivial. Uberseste man die Banalitaten 
manches philosophischen Buches der Gegenwart aus 
den Schulformeln in eine gesunde Sprache, so wiirde 
sich ein solcher Inhalt gegeniiber manchem kurzen 
Aphorismus Nietsches armselig genug ausnehmen. 
Dieser konnte im Hinblick auf die Philosophie der 
Gegenwart mit einem gewissen Recht den _ stolzen 
Saf aussprechen: ,Mein Ehrgeiz ist, in zehn Satzen 


l. Der Charakter. 57 


zu Sagen, was jeder andere in einem Buche sagt, — 
was jeder andere in"einem Buche nicht sagt .. .“ 


8. 


Wie Niessche in seinen eigenen Meinungen nichts 
geben will als ein Erzeugnis seiner persénlichen In- 
stinkte und Triebe, so sind ihm auch fremde Ansichten 
nichts weiter als Symptome, aus denen er auf die in 
einzelnen Menschen oder ganzen Vilkern, Rassen usw. 
vorwalfenden Instinkte schlie#t. Er macht sich nichts 
mit Diskussionen oder Widerlegungen fremder Mei- 
nungen zu schaffen. Aber er sucht die Instinkte auf, 
die sich in diesen Meinungen aussprechen. Er sucht 
die Charaktere der Persénlichkeiten oder Vélker aus 
ihren Ansichten zu erkennen. Ob eine Ansicht auf 
das Vorwalten der Instinkte fiir Gesundheit, Tapfer- 
keit, Vornehmheit, Lebensfreude hinweist, oder ob 
sie aus ungesunden, sklavischen, miiden, lebensfeind- 
lichen Instinkten entspringt, das interessiert ihn. Wahr- 
heifen an sich sind ihm gleichgiiltig; er kiimmert sich 
darum, wie die Menschen ihre Wahrheifen ihren In- 
stinkten jgemd@ ausbilden, und wie sie damit ihre 
Lebensziele?|f6érdern. Die natiirlichen Ursachen der 
menschlichen Ansichten will er aufsuchen. 

Nach dem Sinne jener Idealisten, die der Wahrheit | 
einen selbstandigen Wert zuerkennen, die ihr einen 
»reinen, thoheren Ursprung* als den aus den In- 
stinkten geben wollen, ist Niebsches Bestreben aller- 
dings nicht. Er erklaért die menschlichen Ansichten 
als das Ergebnis natiirlicher Krafte, wie der Natur- 
forscher die Einrichtung des Auges aus dem Zu- 
sammenwirken nafiirlicher Ursachen erklart. Eine Er- 


58 I. Der Charakter. 


©0000000000000000000000000000000000000000000000000000000090000000000000000000000 
klarung der geistigen Entwickelung der Menschheit 
aus besonderen sitflichen Zwecken, Idealen, aus einer 
sittlichen Weltordnung erkennt er ebensowenig an, wie 
der Naturforscher der Gegenwart die Erkldrung an- 
erkennt, da® die Natur das Auge deswegen in einer 
bestimmten Weise gebaut hat, weil sie den Zweck 
hatte, dem Organismus ein Organ zum Sehen anzu- 
erschaffen. In jedem Ideal sieht Niepsche nur den 
Ausdruck fiir einen Instinkt, der sich auf eine be- 
stimmte Art seine Befriedigung sucht, wie der moderne 
Naturforscher in der zweckmafigen Einrichtung eines 
Organes das Ergebnis organischer Bildungsgesebe 
sieht. Wenn es gegenwéartig nocn Naturforscher und 
Philosophen gibt, die jedes Schaffen der Natur nach 
Zwecken ablehnen, aber vor dem sittlichen Idealismus 
Halt machen und in der Geschichte die Verwirk- 
lichung eines g6tflichen Willens, einer idealen Ord- 
nung der Dinge sehen, so ist dies eine Instinkthalbheif. 
Solchen Personen fehlt fiir die Beurteilung geistiger 
Vorgdnge der richtige Blick, wahrend sie ihn in der 
Beobachtung von Naturvorgangen zeigen. Wenn ein 
Mensch glaubt, er strebe ein Ideal an, das nicht aus 
der Wirklichkeit stammt, so glaubi er dies nur, weil 
er den Instinkt nicht kennt, aus dem dieses Ideal 
entsteht. 

Niepsche ist Anti-Idealist in dem Sinne, wie der 
moderne Naturforscher Gegner der Annahme von 
Zwecken ist, die die Natur verwirklichen soll. Er 
spricht ebensowenig von sittlichen Zwecken, wie der 
Naturforscher von Naturzwecken spricht. Niebsche 
hdlt es nicht fiir weiser, zu sagen: der Mensch soll 
ein sittliches Ideal verwirklichen, wie zu erklaren: der 


I. Der Charakter. 59 


Stier hat Horner, damit er stofBen kénne. Er be- 
frachtet den einen wie den andern Ausspruch als 
Produkt einer Welterklarung, welche von _,g6ttlicher 
Vorsehung“, ,weiser Allmacht*, statt von nafiirlichen 
Wirkungen spricht. 

Diese Welterklarung ist ein Hemmschuh fiir alles 
gesunde Denken; sie schafft einen erdichteten, idealen 
Nebel, der das natiirliche, auf die Beobachtung der 
Wirklichkeit gerichtete Sehvermégen hindert, die Welt- 
vorgdnge zu durchschauen; sie stumpft endlich vollig 
allen Wirklichkeitssinn ab. 


9. 


Wenn Nietssche sich in einen geistigen Kampf ein- 
laft, so will er nicht fremde Meinungen als solche 
widerlegen, sondern er tut es, weil diese Meinungen 
auf schddliche, naturwidrige Instinkte hinweisen, die 
er bekdmpfen will. Er hat dabei eine dhnliche Ab- 
sicht, wie sie jemand hat, der eine schddliche Natur- 
wirkung bekampft oder ein gefahrliches Naturwesen 
vertilgt. Er baut nicht auf die ,iiberzeugende* Krafft 
der Wahrheit, sondern darauf, da? er den Gegner 
besiegen wird, wenn dieser die ungesunden, schdd- 
lichen Instinkte, er aber die gesunden, lebenfordernden 
hat. Er sucht nach keiner weiteren Rechtfertigung eines 
solchen Kampfes, wenn seine Instinkte die des Geg- 
ners als schddlich empfinden. Er glaubt nicht als 
Vertreter irgend einer Idee kampfen zu miissen, son- 
dern er kdmpft, weil ihn seine Instinkte dazu treiben. 
Zwar ist das bei keinem geistigen Kampfe anders, 
aber gewohnlich sind sich die Kampfer der wirklichen 
Triebfedern ebensowenig bewuft, wie die Philosophen 


60 1. Der Charakter. 
C0000000' 13000000000000000000000060000000000000000 0000000SC00G0000 


sich ihres ,Willens zur Macht“ oder die Anhdanger 
der sittlichen Welfordnung der natiirlichen Ursachen 
ihrer sittlichen Ideale. Sie glauben, daf lediglich Mei- 
nung gegen Meinung kaémpft, und verhiillen ihre wirk- 
lichen Motive durch Begriffsmdntel. Sie nennen auch 
die Instinkte des Gegners nicht, die ihnen unsym- 
pathisch sind, ja diese kommen ihnen vielleicht gar 
nicht zum Bewuftsein. Kurz, die Krafte, die eigent- 
lich feindlich gegen einander gerichtet sind, trefen 
gar nicht offen hervor. Niebsche nennt riicksichtslos 
die Instinkte des Gegners, die ihm zuwider sind, und 
er nennt auch die Instinkte, die er ihnen entgegen- 
sebt. Wer dies Zynismus nennen will, der mag 
es tun. Er soll aber nur nicht iibersehen, daf es in 
aller menschlichen Téfigkeit niemals etwas anderes 
als solchen Zynismus gegeben hat, und daf alle 
idealistischen Wahngewebe von diesem Zynismus ge- 
webt sind. 


Il. Der Ubermensch. 


10. 

lles Streben des Menschen besteht, wie das eines 

jeden Lebewesens, darin, von der Natur einge- 
pflanzte Triebe und Instinkte in der besten Weise zu be- 
friedigen. Wenn die Menschen nach Tugend, Gerechtig- 
keit, Erkenntnis und Kunst streben, so geschieht dies 
deshalb, weil Tugend, Gerechtigkeit usw. Mittel sind, 
durch die die menschlichen Instinkte sich so entwickeln 
k6nnen, wie es deren Natur entsprechend ist. Die In- 
stinkte wiirden ohne diese Mittel verkiimmern. Es ist 
nun eine Eigentiimlichkeit des Menschen, daf er diesen 
Zusammenhang seiner Lebensbedingungen mit seinen 
nafiirlichen Trieben vergift und jene Miftel zu einem na- 
turgemdfen, machtvollen Leben als etwas ansieht, das 
an sich einen unbedingten Wert hat. Der Mensch sagt 
dann: Tugend, Gerechtigkeit, Erkenntnis usw. miissen 
um ihrer selbst willen erstrebt werden. Sie haben nicht 
dadurch einen Wert, daf® sie dem Leben dienen, son- 
dern vielmehr das Leben erhalte erst einen Wert da- 
durch, da es nach jenen idealen Giitern strebt. Der 
Mensch sei nicht dazu da, nach Mafgabe seiner In- 
stinkte zu leben, wie das Tier; sondern er solle seine 
Instinkte dadurch adeln, da® er sie in den Dienst 
hdherer Zwecke stelle. Auf diese Weise kommt der 
Mensch dazu, das, was er selbst erst zur Befriedigung 
seiner Triebe geschaffen hat, als Ideale anzubeten, die 


62 ll. Der Ubermensch. 


seinem Leben erst die rechte Weihe geben. Er fordert 
Unterwerfung unter die Ideale, die er héher schagf, 
als sich selbst. Er lést sich los von dem Mutterboden 
der Wirklichkeit und will seinem Dasein einen héheren 
Sinn und Zweck geben. Er erfindet einen unnatiirlichen 
Ursprung fiir seine Ideale. Er nennt sie den ,,Willen 
Goties*, die ,ewigen sifflichen Gebote*. Er will die 
»Wahrheit um der Wahrheit willen*, ,die Tugend um 
der Tugend willen* anstreben. Er betrachtet sich als 
einen guten Menschen erst dann, wenn es ihm an- 
geblich gelungen ist, seine Selbstsuchi, d. h. seine na- 
tiirlichen Instinkte zu bandigen und selbstlos einem 
idealen Ziele zu folgen. Einem solchen Idealisten gilt 
der Mensch als unedel und ,bGdse“, der es bis zu 
solcher Selbstiiberwindung nicht gebracht haf. 

Nun stammen urspriinglich alle Ideale aus natiir- 
lichen Instinkien. Auch was der Christ als Tugend 
ansieht, die ihm Gott geoffenbart hat, ist urspriinglich 
von Menschen erfunden, um irgendwelche Instinkte 
zu befriedigen. Der natiirliche Ursprung ist vergessen 
und der gdttliche hinzugedichtet worden. Ahnlich ver- 
halt es sich mit den Tugenden, die die Philosophen 
und Moralprediger aufstellen. 

Wenn die Menschen blo? gesunde Instinkte hatten 
und diesen gem4&f ihre Ideale bestimmten, so wiirde 
der theoretische Irrtum iiber den Ursprung dieser Ideale 
nicht schaden. Die Idealisten hatten zwar falsche An- 
sichten iiber die Herkunft ihrer Ziele, aber diese Ziele 
selbst waren gesund, und das Leben miifte gedeihen. 
Aber es gibt ungesunde Instinkte, die nicht auf Star- 
kung, Foérderung des Lebens, sondern auf dessen 
Schwachung, Verkiimmerung abzielen. Diese bemdch- 


ll. Der Ubermensch. 63 
99000600900000600000000000000000000000008000000000000000000000000000000000000000 


figen sich des genannten theoretischen Irrtums und 
machen ihn zum praktischen Lebenszweck. Sie ver- 
leiten den Menschen, zu sagen: ein vollkommener 
Mensch ist nicht derjenige, der sich selbst, seinem 
Leben dienen will, sondern derjenige, der sich der 
Verwirklichung eines Ideals hingibt. Unter dem Ein- 
flu dieser Instinkie bleibt der Mensch nicht blo® dabei 
stehen, irrtiimlich seinen Zielen einen un- oder iiber- 
naliirlichen Ursprung anzudichten, sondern er macht 
sich wirklich solche Ideale zurecht oder iibernimmt sie 
von anderen, die nicht den Bediirfnissen des Lebens 
dienen. Er strebt nicht mehr darnach, die in seiner Per- 
sonlichkeit liegenden Krafte ans Tageslicht zu ziehen, 
sondern er lebt nach einem seiner Natur aufgezwunge- 
nen Musterbilde. Ob er dieses Ziel einer Religion ent- 
nimmf, oder ob er es selbst auf Grund gewisser, nicht 
in seiner Natur liegenden Voraussebungen bestimmt: 
darauf kommt es nicht an. Der Philosoph, der einen 
allgemeinen Zweck der Menschheit im Auge hat und 
aus diesem seine siftlichen Ideale ableitet, legt der 
menschlichen Natur ebenso Fesseln an, wie der Re- 
ligionsstifter, der den Menschen sagt: dies ist das 
Ziel, das euch Gott gesest hat; und dem miift ihr 
folgen. Es ist auch gleichgiiltig, ob der Mensch sich 
vorsest, ein Ebenbild Gottes zu werden, oder ob er 
ein Ideal des ,vollkommenen Menschen‘ erfindet und 
diesem méglichst dhnlich werden will. Wirklich ist nur 
der einzelne Mensch und die Triebe und Instinkte 
dieses einzelnen Menschen. Nur wenn er auf die Be- 
diirfnisse seiner eigenen Person sein Augenmerk richtet, 
kann der Mensch erfahren, was seinem Leben frommt. 
Der einzelne Mensch wird nicht ,vollkommen*, wenn 


64 ll. Der Gbermensch. 


er sich verleugnet und einem Vorbilde ahnlich- wird, 
sondern wenn er das verwirklicht, was in ihm zur 
Verwirklichung drdngt. Die menschliche Tdtigkeit er- 
halt nicht erst einen Sinn, wenn sie einem unperson- 
lichen, au@eren Zwecke dient; sie hat ihren Sinn in 
sich selbst. 

Der Anti-Idealist wird zwar auch in der ungesunden 
Abkehr des Menschen von seinen ureigenen Instinkfen 
noch eine Instinktéu®erung erblicken. Er weil, dah 
der Mensch selbst das Instinktwidrige nur aus Insfinkt 
vollbringen kann. Er wird aber doch*die Instinktwidrig- 
keit bekampfen, wie der Arzt eine Krankheit bekampft, 
tropdem er wei, dab sie nalurgema? aus bestimmien 
Ursachen entstanden ist. Es darf also dem Anti-Idea- 
listen nicht der Einwurf gemacht werden: du behaupftest, 
alles, was der Mensch erstrebt, also auch alle Ideale, 
seien naturgemda® entstanden; dennoch bekaémpfsf du 
den Idealismus. Gewil entstehen Ideale ebenso nafur- 
gemma wie Krankheiten; aber der Gesunde bekampft 
den Idealismus, wie er die Krankheit bekampft. Der 
Idealist aber sieht die Ideale als etwas an, das ge- 
hegt und gepflegt werden muf. 

Der Glaube, dafé der Mensch vollkommen erst 
wird, wenn er ,hdheren* Zwecken dient, ist, nach 
Niefsches Meinung, etwas, das iiberwunden werden 
mu. Der Mensch muf sich auf sich selbst besinnen 
und erkennen, da? er Ideale nur erschaffen hat, um 
sich zu dienen. Naturgemdf leben, ist gesiinder, als 
Idealen nachjagen, die angeblich nicht aus der Wirk- 
lichkeit stammen. Den Menschen, der nicht unpersén- 
lichen Zielen dient, sondern der den Zweck und Sinn 
seines Daseins in sich selbst sucht, der solche Tu- 


ll. Der Ubermensch. 65 


IOGO00000000000000000000000000000000000000000000C 
genden zu den seinigen macht, die seiner Kraftent- 
faltung, seiner Machtvollkommenheit dienen — diesen 
Menschen stellt Niessche hodher als den selbstlosen 
Idealisten. 

Dies ist es, was er durch seinen , Zarathustra‘ ver- 
kiindet. Das souverdne Individuum, das wei, daB es 
nur aus seiner Natur heraus leben kann, und das in 
einer seinem Wesen entsprechenden Lebensgestaltung 
sein persGnliches Ziel sieht, ist fiir Niesbsche der 
Ubermensch, im Gegensats zu dem Menschen, der 
glaubt: ihm sei das Leben geschenkt, um einem aufer 
ihm selbst liegenden Zwecke zu dienen. 

Den Ubermenschen, d. h. den Menschen, der 
naturgemdf? zu leben versteht, lehrt Zarathustra. Er 
lehrt die Menschen, ihre Tugenden als ihre Geschépfe 
betrachien; er heift sie diejenigen verachten, die ihre 
Tugenden hGher als sich selbst achten. 

Zarathustra ist in die Einsamkeit gegangen, um sich 
frei zu machen von der Demut, in der sich die Men- 
schen beugen vor ihren Tugenden. Er geht erst wieder 
unter Menschen, als er die Tugenden verachten ge- 
lernt hal, die das Leben bdndigen und nicht dem Le- 
ben dienen wollen. Er bewegt sich nun leicht wie ein 
Tadnzer, denn er folgt nur sich und seinem Willen und 
achtet nicht auf die Linien, die ihm von den Tugenden 
vorgezeichnet werden. Nicht schwer mehr lastet der 
Glaube auf seinem Riicken, daf es unrecht sei, nur 
sich selbst zu folgen. Zarathustra schlaff nun nicht 
mehr, um von Idealen zu tréumen; er ist ein Wachender, 
der der Wirklichkeit sich frei gegeniiberstellf. Ein 
schmubiger Strom ist ihm der Mensch, der sich selbst 


verloren hat und vor seinen eigenen Geschépfen im 
Steiner, Friedrich Niebsche. 5 


90000000: 


66 I. Der Ubermensch. 


Staube liegt. Der Ubermensch ist ihm ein Meer, das 
diesen Strom aufnimmt, ohne selbst unrein zu werden. 
Denn der Ubermensch hat sich selbst gefunden; er 
erkennt sich als Herrn und Schépfer seiner Tugen- 
den. Zarathustra hat das Grofe erlebt, da® ihm alle 
Tugend zum Ekel geworden ist, die iiber den Men- 
schen gesett wird. 

,Was ist das Grofte, das ihr erleben kénnt? Das 
ist die Stunde der groken Verachtung. Die Stunde, 
in der euch euer Gliick zum Ekel wird und ebenso 
eure Vernunft und eure Tugend.* »+ 


16 


Die Weisheit Zarathustras ist nicht nach dem Sinne 
der ,modernen Gebildeten*. Sie m6dchten alle Men- 
schen einander gleich machen. Wenn alle nur nach 
einem Ziele streben, sagen sie, dann ist Zufrieden- 
heit und Gliick auf Erden. Der Mensch soll zuriick- 
halten, so fordern sie, seine besonderen persénlichen 
Wiinsche und nur der Allgemeinheif, dem gemein- 
samen Gliicke dienen. Friede und Ruhe wird dann 
auf der Erde herrschen. Wenn jeder die gleichen Be- 
diirfnisse hat, dann stért keiner die Kreise des andern. 
Nicht sich und seine individuellen Ziele soll der Ein- 
zelne im Auge haben, sondern nach der einmal be- 
stimmten Schablome sollen alle leben. Verschwinden 
soll alles einzelne Leben, und Glieder der gemein- 
samen Welfordnung sollen alle werden. 

»Kein Hirt und eine Herde! Jeder will das gleiche, 
jeder ist gleich, wer anders fiihlt, geht freiwillig ins 
Irrenhaus.* 


ll. Der Ubermensch. 67 


00600000000000000000000000000000: 


OCC 000G000000000000000000000000 

»hemals war alle Welt irre‘ — sagen die Feinsten 
und _ blinzeln.* 

»Man ist klug und wei alles, was geschehen ist: 
so hat man kein Ende zu spotten. Man zankt sich 
noch, aber man vers6hnt sich bald, sonst verdirbt es 
den Magen.“ 

Zarathustra ist zu lange Einsiedler gewesen, um 
solcher Weisheit zu huldigen. Er hat die eigenartigen 
Tone gehGrt, die aus dem Innern der Pers6nlichkeit 
erklingen, wenn der Mensch abseits steht von dem 
Larm des Marktes, wo einer nur die Worte des andern 
nachspricht, Und er méchte es den Menschen in die 
Ohren rufen: héret auf die Stimmen, die nur in jedem 
Einzelnen von euch erklingen. Denn die nur sind na- 
turgemdf, die nur sagen jedem, was er vermag. Ein 
Feind des Lebens, des reichen, vollen Lebens, ist der- 
jenige, welcher diese Stimmen ungehort verhallen laft 
und auf das gemeinsame Geschrei der Menschen hort. 
Zu den Freunden der Gleichheit aller Menschen will 
Zarathustra nicht sprechen. Sie k6nnten ihn nur mif- 
verstehen. Denn sie wiirden glauben, da? sein Uber- 
mensch jenes ideale Mustferbild sei, dem alle gleich 
werden sollen. Aber Zarathustra will den Menschen 
-keine Vorschriften dariiber machen, wie sie sein sollen; 
er will nur jeden Einzelnen auf sich selbst verweisen 
und ihm sagen: tiberlasse dich dir selbst, folge nur 
dir allein, stelle dich iiber Tugend, ‘Weisheit und Er- 
kenntnis. Zu solchen, die sich suchen wollen, spricht 
Zarathustra;.nicht einer Menge, die ein gemeinsames 
Ziel sucht, sondern solchen Geféhrten gelten seine 
Worte, die gleich ihm einen eigenen Weg gehen. Sie 
allein verstehen ihn, denn sie wissen, da er nicht 


68 Il. Der Ubermensch. 


IBROOOOOGOCO00000 0OCOOCOOCOOOOOOe 
sagen will: seht, dies ist der Ubermensch, werdet wie 
er, sondern: seht, ich habe mich gesucht; so bin ich, 
wie ich es euch lehre; geht hin und sucht euch ebenso, 
dann habt ihr den Ubermenschen. 

»Den Ejinsiedlern werde ich mein Lied singen und 
den Zweisiedlern; und wer noch Ohren hat fiir Un- 
erhértes, dem will ich sein Herz schwer machen mif 
meinem Gliicke.* 


see 


Zwei Tiere: die Schlange, als das*kliigste, und der 
Adler, als das stolzeste Tier, begleiten Zarathustra. 
Sie sind die Symbole seiner Instinkte. Klugheit schapt 
Zarathustra, denn sie lehrt den Menschen die ver- 
schlungenen Pfade der Wirklichkeit finden; sie lehrt 
ihn kennen, was er. zum Leben braucht. Und auch 
den Stolz liebt Zarathustra, denn der Stolz bringt die 
Selbstachtung des Menschen hervor, durch die dieser 
dazu kommt, sich selbst als den Sinn und Zweck 
seines Daseins zu betrachten. Der Stolze stellt seine 
Weisheit, seine Tugend nicht iiber sich selbst. Der 
Stolz bewahrt den Menschen davor, sich selbst zu 
vergessen iiber ,hdheren, heiligeren* Zielen. Lieber 
noch als den Stolz mGchte Zarathustra die Klugheit 
verlieren, 

Denn die Klugheit, die nicht von Stolz begleitet 
isf, sieht sich nicht als Menschenwerk an. Wem der 
Stolz und die Selbstachtung fehlt, der glaubt, seine 
Klugheit sei ihm vom Himmel geschenkt. Ein solcher 
sagt: ein Tor ist der Mensch, und er hat nur so viel 
Weisheit, als ihm der Himmel schenken will. 

»Und wenn mich einst meine Klugheit verla6t: — 


I. Der UWbermensch. 69 
9O900900000000000000000000000000000000000900000900000000000000000000000000000000 


ach, sie liebt es, davonzufliegen! — midge mein Stolz 
dann noch milf meiner Torheit fliegen!* 


13. 


Drei Verwandlungen muf der menschliche Geist 
durchmachen, bis er sich selbst gefunden hat. Dies 
lehrt Zarathustra. Ehrfiirchtig ist der Geist zuerst. Er 
nennt Tugend, was auf ihm lastet. Er erniedrigt sich, 
um seine Tugend zu erhdhen. Er sagt: alle Weisheit 
ist bei Gott, und Gottes Wegen muf ich folgen. Gott 
legt mir das Schwerste auf, um meine Kraft zu priifen, 
ob sie auch stark sei und geduldig ausharre. Nur der 
Geduldige ist stark. Gehorchen will ich, sagt der Geist 
auf dieser Stufe, und ausfiihren die Gebote des Welten- 
geistes, ohne zu fragen, was der Sinn dieser Gebote 
ist. Der Geist fiihlt den Druck, den eine h6here Macht 
auf ihn ausiibt. Nicht seine Wege geht der Geist, 
sondern die Wege dessen, dem er dient. 

Es kommt die Zeit, wo der Geist inne wird, daw 
kein Gott zu ihm redef. Dann will er frei sein und 
Herr in seiner eigenen Welt. Er sucht nach einer Richt- 
schnur fiir seine Geschicke. Er fragt nicht mehr den 
Weltengeist, wie er sein Leben einrichten solle. Aber 
nach einem festen Geset, nach einem heiligen ,du 
sollst* strebt er. Er sucht nach einem Maftstab, um 
den Wert der Dinge zu messen; er sucht nach einem 
Unterscheidungszeichen von Gut und Bose. Es muf 
eine Regel fiir mein Leben geben, die nicht von mir, 
von meinem Willen abhdngt, so spricht der Geist auf 
dieser Stufe. Dieser Regel will ich mich fiigen. Frei 
bin ich, meint der Geist, aber nur frei, um einer sol- 
chen Regel zu gehorchen. 


70 Il. Der Wbermensch. 


0000000000000000: 

Auch diese Stufe iiberwindet der Geist. Er wird wie 
das Kind, das bei seinem Spielen nicht fragt: wie 
soll ich dies oder jenes machen, sondern das nur 
seinen Willen ausfiihrt, das nur sich selbst folgt. 
,oeinen Willen will nun der Geist, seine Welt ge- 
winnt sich der Weltverlorne.* 

»Drei Verwandlungen: nannte ich euch des Geistes: 
wie der Geist zum Kamele ward, und zum Léwen 
das Kamel, und der Léwe zuletzt zum Kinde. — Also 
sprach Zarathustra.“ 


~ 


14. 


Was wollen die Weisen, die die Tugend iiber den 
Menschen stellen? fragt Zarathustra. Sie sagen: die 
Ruhe der Seele kann nur haben, wer seine Pflicht 
getan hat, wer dem heiligen ,du sollst* gefolgt ist. 
Tugendhaft soll der Mensch sein, damif er nach ge- 
taner Pflicht. traumen k6énne von erfiillten Idealen und 
keine Gewissensbisse fiihle. Ein Mensch mit Ge- 
wissensbissen gleicht, sagen die Tugendhaften, einem 
Schlafenden, dem bése Traéume die Nachtruhe stéren. 

»Wenige wissen das, aber man muf alle Tugenden 
haben, um gut zu schlafen. Werde ich falsch Zeugnis 
reden? Werde ich ehebrechen? 

»Werde ich mich geliisten lassen meines Nachsten 
Magd? Das alles vertriige sich schlecht mit gutem 
Schlafe ... 

»Friede mit Gott und dem Nachbar, so will es der 
gute Schlaf. Und Friede auch noch mit des Nach- 
bars Teufel! Sonst geht er bei dir des Nachts um.“ 

Nicht was sein Trieb ihn heift, tut der Tugendhafte, 
sondern was Seelenruhe bewirkt. Er lebt, um in Ruhe 


Il. Der Ubermensch. 71 


tiber das Leben tréumen zu kénnen. Noch lieber ist 
es ihm, wenn den Schlaf, den er Seelenruhe nennt, 
gar kein Traum stort. Das heift: dem Tugendhaften 
ist es am liebsten, wenn er irgendwoher die Regeln 
seines Handelns erhalt und im iibrigen seine Ruhe 
geniefen kann. ,Seine Weisheit hei®t: wachen, um 
gut zu schlafen. Und wahrlich, hatte das Leben keinen 
Sinn, und‘ miif®te ich Unsinn wdahlen, so ware auch 
mir dies ‘der wahlenswiirdigste Unsinn,* spricht Zara- 
thustra. 

Auch fiir Zarathustra gab es eine Zeit, da er glaubte, 
ein auferhalb der Welt wohnender Geist, ein Gott, 
habe die Welt geschaffen. Einen unzufriedenen, leiden- 
den Gott dachte sich Zarathustra. Um sich eine Be- 
friedigung zu verschaffen, um von seinem Leiden los- 
zukommen, habe Gott die Welt erschaffen, meinte einst 
Zarathustra. Aber er hat einsehen gelernt, da es ein 
Wahnbild war, das er sich selbst geschaffen hatte. 
»Ach, ihr Briider, dieser Gott, den ich schuf, war 
Menschenwerk und -wahnsinn gleich allen Gottern!* 
Zarathustra hat seine Sinne gebrauchen und die Welt 
betrachten gelernt. Und zufrieden wurde er mif der 
Welt; nicht mehr schweiften seine Gedanken ins Jen- 
seits. Blind war er ehemals und konnte die Welt nicht 
sehen, deshalb suchte er sein Heil auferhalb der Welt. 
Aber Zarathustra hat sehen gelerni und erkennen, 
da die Welt in sich selbst ihren Sinn habe. 

»Linen neuen Stolz lehrte mich mein Ich, den lehre 
ich die Menschen: nicht mehr den Kopf in den Sand 
der himmlischen Dinge zu stecken, sondern frei ihn 
zu tragen, einen Erdenkopf, der der Erde Sinn 
schafft.« 


72 ll. Der Ubermensch. 


15. 


In Leib und Seele haben die Idealisten den Men- 
schen gespalten, in Idee und Wirklichkeit haben sie 
alles Dasein geteilt. Und sie haben die Seele, den 
Geist, die Idee zu einem besonders Wertvollen ge- 
macht, um die Wirklichkeit, den Leib umsomehr ver- 
achten zu kénnen. Zarathustra aber sagt: Nur eine 
Wirklichkeit, nur einen Leib gibt es, und die Seele ist 
nur etwas am Leibe, die Idee nur etwas an der Wirk- 
lichkeit. Eine Einheii sind Leib’ und Seele des 
Menschen; aus einer Wurzel entspringen Korper und 
Geist. Der Geist ist nur da, weil ein K6rper da ist, 
der Krafte hat, an sich den Geist zu entwickeln. Wie 
die Pflanze an sich die Bliite, so entfaltet der K6rper 
an sich den Geist. 

»Hinter deinen Gedanken und Gefiihlen, mein Bruder, 
steht ein mdachtiger Gebieter, ein unbekannter Weiser 
— der heifit Selbst. In deinem Leibe wohnt er, dein 
Leib ist er.“ 

Wer einen Sinn hat fiir das Wirkliche, der sucht 
den Geist, die Seele in und an dem Wirklichen, er 
sucht die Vernunft in dem Wirklichen; nur wer die 
Wirklichkeit fiir geistlos, fiir ,blo®# natiirlich*, fiir ,roh* 
halt, der gibt dem Geiste, der Seele ein besonderes 
Dasein. Er macht die Wirklichkeit zur bloBen Woh- 
nung des Geistes. Einem solchen fehltf aber auch 
der Sinn fiir die Wahrnehmung des Geistes selbst. 
Nur weil er den Geist in der Wirklichkeit nicht sieht, 
sucht er ihn anderswo. 

»es ist mehr Vernunft in deinem Leibe, als in 
deiner besten Weisheit .. . 


Il. Der Ubermensch. 73 


»Der Leib ist eine grofe Vernunft, eine Vielheit mit 
einem Sinne, ein Krieg und ein Frieden, eine Herde 
und ein Hirt. 

»Werkzeug deines Leibes ist auch deine kleine 
Vernunft, mein Bruder, die du ,Geist‘ nennst, ein 
kleines Werk- und Spielzeug deiner grofen Vernunft.* 

Ein Tor ist, wer die Bliite von der Pflanze reift 
und glaubt, die abgerissene Bliite werde nun sich 
noch zur Frucht entwickeln. Ein Tor ist ebenso, wer 
den Geist von der Natur absondert und glaubt, ein 
solcher abgesonderter Geist kénne noch schaffen. 

Menschen mit kranken Instinkten haben die Schei- 
dung von Geist und Korper vorgenommen. Ein 
kranker Instinkt nur kann sagen: mein Reich ist nicht 
von dieser Welt. Eines gesunden Instfinktes Reich ist 
nur diese Welt. 


1. 


Was fiir Ideale haben sie doch geschaffen, diese 
Verdchter der Wirklichkeit! Fassen wir sie ins Auge, 
die Ideale der Asketen, die da sagen: wendet ab 
euren Blick vom Diesseits und schaut nach dem Jen- 
seits! Was bedeuten asketische Ideale? Mit dieser 
Frage und den Vermufungen, mif denen er sie be- 
antwortet, hat uns Niefsche am tiefsten hineinblicken 
lassen in sein von der abendlandischen neueren Kultur 
unbefriedigtes Herz. (Genealogie der Moral, 5. Ab- 
teilung.) 

Wenn ein Kiinstler, wie z. B. Richard Wagner, 
in der leften Zeit seines Schaffens, Anhdnger des 
asketischen Ideals wird, so hat das nicht viel zu be- 
deuten. Der Kiinstler steht sein ganzes Leben hin- 


74 I. Der Ubermensch. 


durch iiber seinen Schépfungen. Er sieht von oben 
herab auf seine Wirklichkeiten. Er schafft Wirklich- 
keiten, die nicht seine Wirklichkeit sind. Ein Homer 
hatte keinen Achill, ein Goethe keinen Faust ge- 
dichtet, wenn Homer ein Achill, und wenn Goethe 
ein Faust gewesen ware.“ (Genealogie, 5. Abt. § 4.) 
Wenn nun ein solcher Kiinstler sein eigenes Dasein 
einmal ernst nimmt, sich selbst und seine persénlichen 
Ansichten in Wirklichkeit umsefen will, so ist es kein 
Wunder, wenn etwas sehr Unreales entsteht. Richard 
Wagner hat iiber seine Kunst vollstandig umgelernt, 
als ihm die Philosophie Schopenhauers bekannt wurde. 
Vorher hielt er die Musik fiir ein Ausdrucksmiffel, 
das etwas braucht, dem es Ausdruck verschafft, das 
Drama. In seiner Schrift Oper und Drama, die 
1851 geschrieben ist, spricht er aus, da® der gréfte 
Irrtum, dem man sich in bezug auf die Oper hin- 
geben kann, der ist, 

»da ein Miftel des Ausdrucks (die Musik) zum 

Zwecke, der Zweck des Ausdrucks (das Drama) 

aber zum Mittel gemacht werde‘*. 

Er bekannte sich zu einer andern Ansicht, nachdem 
er Schopenhauers Lehre von der Musik kennen gelernt 
hatte. Schopenhauer ist der Ansicht, da® durch die 
Musik das Wesen der Dinge selbst zu uns spricht. 
Der ewige Wille, der in allen Dingen lebt, er wird 
in allen andern Kiinsten nur in seinen Abbildern, in 
den Ideen, verkérpert; die Musik ist kein blofes Bild 
des Willens: in ihr gibt sich der Wille unmiftelbar 
kund. Was uns in allen unseren Vorstellungen nur im 
Abglanz erscheint: der ewige Grund alles Seins, der 
Wille, ihn glaubt Schopenhauer in den Kléngen der 


I. Der Ubermensch. 75 


Musik unmittelbar zu vernehmen. Kunde aus dem 
Jenseits... bringt ;fiir Schopenhauer die Musik. Diese 
Ansicht wirkte auf Richard Wagner. Nicht mehr als 
Ausdrucksmittel wirklicher menschlicher Leidenschaften, 
wie sie im Drama verkorpert sind, lie? er die Musik 
gelten, sondern als ,eine Ari Mundstiick des Ansich 
der Dinge, ein Telephon des Jenseits*. Richard Wagner 
glaubte jest nicht mehr die Wirklichkeit in Ténen aus- 
zudriicken; ,,er redete fiirderhin nicht nur Musik, dieser 
Bauchredner Gottes, — er redete Metaphysik: was 
Wunder, dai er endlich eines Tages asketische 
Ideale redete*. (Genealogie, 5. Abhandlung § 5.) 

Hdfte Richard Wagner blof seine Ansicht iiber 
die Bedeutung der Musik gedndert, so hatte Nieb- 
sche keinen Anla®, ihm etwas vorzuwerfen. Nietsche 
ko6nnte dann hédchstens sagen: Wagner hat aufer 
seinen Kunstwerken auch noch allerlei verkehrte Theo- 
rien iiber die Kunst geschaffen. Daf aber Wagner in 
der letten Zeit seines Schaffens den Schopenhauer- 
schen Jenseitsglauben auch in seinen Kunstwerken 
verkérpert hat, da® er seine Musik dazu verwendet 
hat, die Flucht vor der Wirklichkeit zu verherrlichen: 
das ging Niebsche wider den Geschmack. 

Aber der , Fall Wagner“ besagt nichts, wenn es 
sich um die Bedeutung der Verherrlichung des Jen- 
seits auf Kosten des Diesseits, wenn es sich um die 
Bedeutung der asketischen Ideale handelt. Kiinstler 
stehen nicht auf eigenen Fiifen. Wie Richard Wagner 
von Schopenhauer abhdngig ist, so waren die Kiinstler 
»zu allen Zeiten Kammerdiener einer Moral, oder 
Philosophie oder Religion*. 

Anders ist es, wenn die Philosophen fiir die Ver- 


76 ll. Der Ubermensch, 


0000000 000000000000000060000000000000008000000000000000000600000000000000000000 
achtung der Wirklichkeit, fiir die asketischen Ideale 
eintreten, Sie tun das aus einem ftiefen Instinkte 
heraus. 

Schopenhauer hat diesen Instinkt verrafen durch 
die Beschreibung, die er von dem Schaffen und Ge- 
nieBen eines Kunstwerkes gibt. ,Dal also das Kunst- 
werk die Auffassung der Ideen, in welcher der asthe- 
tische Genuf besteht, so sehr erleichtert, beruht nicht 
blo® darauf, da® die Kunst durch Hervorhebung des 
Wesentlichen und Aussonderung des Unwesentflichen 
die Dinge deutlicher und charakteristischer darstellt, 
sondern ebenso sehr darauf, daf® das zur objek- 
tiven Auffassung des Wesens der Dinge 
erforderte gadnzliche Schweigen des Wil- 
lens am sichersten dadurch erreicht wird, 
dak das angeschaute Objekt gar nicht im 
Gebiete der Dinge liegt, welche einer Be- 
ziehung zum Willen fahig sind.“ (Ergaénzungen 
zum 4. Buch der Welt als Wille und Vorstellung, 
Kap. 50.) ,Wann aber ein duferer Anla® oder eine 
innere Stimmung uns pl6éplich aus dem endlosen 
Strome des Wollens heraushebt, die Erkenntnis dem 
Sklavendienst des Willens entrei®t, die Aufmerksam- 
keit nun nicht mehr auf die Motive des Wollens gerich- 
tet wird, sondern die Dinge frei von ihrer Beziehung 
auf den Willen auffait, also ohne Interesse, ohne 
Subjektivitadt, rein objektiv sie betrachtet, ihnen 
ganz hingegeben, sofern sie blo? Vorstellungen, nicht 
sofern sie Motive sind: dann ist ... der schmerzen- 
lose Zustand, den Epikuros als das héchste Gut und 
als den Zustand der G6tter pries [eingetreten]: denn 
wir sind fiir jenen Augenblick des schnéden Willens- 


Il. Der Ubermensch. 77 


dranges entledigt, wir feiern den Sabbat der Zucht- 
hausarbeit des Wollens, das Rad des Ixion steht still.“ 
(Welt als Wille und Vorstellung, § 38.) 

Dies ist eine Beschreibung einer Art des dstheti- 
schen Genusses, die nur bei dem Philosophen vor- 
kommt. Niepsche stellt ihr gegeniiber eine andere 
Beschreibung, ,die ein wirklicher Zuschauer und 
Artist gemacht hat — Stendhal*, der das Schéne 
»une promesse de bonheur“ nennt. Schopenhauer 
méchte alles Willensinteresse, alles wirkliche Leben 
ausschalfen, wenn es sich um die Betrachtung eines 
Kunstwerkes handelt, und nur mit dem Geiste ge- 
niefen; Stendhal sieht in dem Kunstwerke ein Ver- 
sprechen von Gliick, also einen Hinweis auf das 
Leben, und sieht in diesem Zusammenhang der Kunst 
mit dem Leben den Wert der Kunst. 

Kant fordert vom schénen Kunstwerk, da? es ohne 
Interesse gefalle, d. h. da® es uns heraushebe 
aus dem wirklichen Leben und einen rein geistigen 
Genuf gewdhre. 

Was sucht der Philosoph in dem kiinsflerischen 
Genuf? Erlésung von der Wirklichkeif. In eine 
Wirklichkeit-fremde Stimmung will der Philosoph 
durch das Kunstwerk versetzt werden. Er verrat da- 
durch seinen Grundinstinkt. Der Philosoph fiihlt sich 
in den Augenblicken am wohlsten, in denen er von 
der Wirklichkeit loskommen kann. Seine Ansicht vom 
dsthetischen Genu® zeigt, daf er die Wirklichkeit 
nicht liebt. 

Nicht was der dem Leben zugewandte Zuschauer 
von dem Kunstwerke verlangt, sagen uns die Philo- 
sophen in ihren Theorien, sondern nur, was ihnen 


78 li. Der Ubermensch. 
00000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000 
selbst angemessen ist, Und dem Philosophen ist die 
Abkehr von dem Leben sehr férderlich. Er will sich 
seine verschlungenen Gedankenwege nicht durch- 
kreuzen lassen von der Wirklichkeit. Das Denken 
gedeiht besser, wenn sich der Philosoph von dem 
Leben abkehrt. Es ist nun kein Wunder, wenn dieser 
philosophische Grundinstinkt geradezu zu einer leben- 
feindlichen Stimmung wird, Wir finden eine solche 
Stimmung bei der Mehrzahl der Philosophen ausge- 
bildet. Und nahe liegt es, da der Philosoph seine 
eigene Antipathie gegen das Leben zu einer Lehre 
ausbildet und fordert, da® sich alle Menschen zu einer 
solchen Lehre bekennen. Schopenhauer hat dieses 
getan. Er fand, da der Larm der Welt seine Ge- 
dankenarbeit stérte. Er empfand, da® man iiber die 
Wirklichkeit am besten nachdenken kann, wenn 
man dieser Wirklichkeit entflieht. Zugleich vergab er, 
daf alles Denken iiber die Wirklichkeit doch nur dann 
einen Wert hat, wenn es aus dieser Wirklichkeit ent- 
springt. Er beachtete nicht, da? das Zuriickziehen 
des Philosophen von der Wirklichkeif nur geschehen 
kann, damit die entfernt von dem Leben entstandenen 
philosophischen Gedanken dann dem Leben um so 
besser dienen, konnen. Wenn der Philosoph den 
Grundinstinkt, der nur ihm als Philosophen férderlich 
ist, der ganzen Menschheit aufdraéngen will, dann 
wird er zu einem Feinde des Lebens. 

Der Philosoph, der die Weltflucht nicht als Mittel 
betrachtet, um weltfreundliche Gedanken zu schaffen, 
sondern als Zweck, als Ziel, kann nur Wertloses 
schaffen, Der wahre Philosoph flieht auf der einen 
Seite die Wirklichkeit nur, um sich auf der andern 


ll. Der Ubermensch. 79 


POC00COGOCCOCCCOLC00000000000000 
um so fiefer in sie einzubohren. Aber es ist begreif- 
lich, da dieser Grundinstinkt den Philosophen leicht 
dazu verfiihren kann, die Weltflucht als solche fiir 
wertvoll zu halfen. Dann wird der Philosoph zu einem 
Anwalt der Weltverneinung, Er lehrt Abkehr vom Le- 
ben, asketisches Ideal. Er findet: ,Ein gewisser As- 
ketismus . . . eine harte und heitere Entsagsamkeit 
besten Willens gehért zu den giinstigen Bedingungen 
héchster Geistigkeit, insgleichen auch zu deren natiir- 
lichsten Folgen: so wird es von vornherein nicht 
wundernehmen, wenn das asketische Ideal gerade 
von den Philosophen nie ohne einige Voreingenom- 
menheit behandelt worden ist. (Genealogie der Moral, 
5. Abhandlung § 9.) 


GEGCCCOCOCC000CO: 


17. 


Einen andern Ursprung haben die asketischen Ideale 
der Priester. Was bei dem Philosophen durch das 
Uberwuchern eines bei ihm berechtigten Triebes ent- 
steht, das bildet das Grundideal des _priesterlichen 
Wirkens. Der Priester sieht in der Hingabe des Men- 
schen an das wirkliche Leben einen Irrtum; er ver- 
langt, da@ man dieses Leben gering achte gegen- 
iiber einem andern Leben, das von héheren als blo# 
natiirlichen Kraéften gelenkt wird. Der Priester leugnet, 
da® das wirkliche Leben einen Sinn in sich selbst 
habe, und er fordert, da? ihm dieser Sinn verliehen 
werde durch Einimpfung eines hoheren Willens. Er 
sieht das Leben in der Zeitlichkeit als unvollkommen 
an und stellt ihm ein ewiges, vollkommenes Leben 
gegeniiber. Abkehr von der Zeitlichkeit und Einkehr 
in das Ewige, Unwandelbare lehrt der Priester. Ich 


80 I. Der Ubermensch. 


méchte als besonders bezeichnend fiir die priester- 
liche Denkweise einige Sape aus dem _ beriihmten 
Buche ,Die deutsche Theologie* anfiihren, das aus 
dem 14. Jahrhundert stammt und von dem Luther 
sagt, da® er aus keinem Buche, die Bibel und den 
heiligen Augustin ausgenommen, mehr gelernt habe, 
was Gott, Christus und der Mensch sei, als aus diesem. 
Auch Schopenhauer findet, da der Geist des Christen- 
tums in diesem Buche vollkommen und krdffig aus- 
gesprochen ist. Nachdem der Verfasser, der uns un- 
bekannt ist, auseinandergesebt hat. da® alle Dinge 
der Welt nur ein Unvollkommenes und Geteilfes seien 
gegeniiber dem Vollkommenen, ,das in sich und in 
seinem Wesen alle Wesen begriffen und beschlossen 
hat, und ohne das und aufer dem kein wahres Wesen 
ist und in dem alle Dinge ihr Wesen haben‘, fiihrt 
er aus, daf der Mensch in dieses Wesen nur ein- 
dringen kann, wenn er , reatiirlichkeit, Geschaffen- 
heit, Ichheit, Selbstheit und dergleichen alles verloren“ 
und in sich zu nichte gemacht hat. Was von dem 
Vollkommenen ausgeflossen ist und was der Mensch 
als seine wirkliche Welt erkennt, das wird folgender- 
mafen charakterisiert: ,Das ist kein wahres Wesen 
und hat kein Wesen anders denn in dem Vollkomme- 
nen, sondern es ist ein Zufall oder ein Glanz und 
ein Schein, der kein Wesen ist oder kein Wesen hat 
anders als in dem Feuer, wo der Glanz ausflieBt, 
oder in der Sonne, oder in dem Lichte. Die Schrift 
spricht und der Glaube und die Wahrheit: Siinde sei 
nichts anderes, denn daf sich die Kreatur abkehrt 
von dem unwandelbaren Gute und kehret sich zu dem 
wandelbaren, das ist: da sie sich kehrt von dem 


Il. Der Ubermensch. 81 


Vollkommenen zu dem Geteilten und Unvollkommenen 
und allermeist zu sich selber. Nun merke. Wenn 
sich die Kreatur etwas Gutes annimmt, als Wesens, 
Lebens, Wissens, Erkennens, Vermégens und kiirzlich 
alles dessen, was man gut nennen soll, und meint, 
dak sie das sei oder da es das Ihre sei 
oder ihr zugehGre oder daft es von ihr sei: 
so off und viel dabei geschieht, so kehrt 
sie sich ab. Was tat der Teufel anders oder was 
war sein Fall und Abkehren anders, als daf er sich 
annahm, er wdre auch etwasund etwas wdre 
sein und ihm gehG6rte auch etwas zu? Dies 
Annehmen und sein Ich und sein Mich, sein Mir und 
sein Mein, das war sein Abkehren und sein Fall. 
Also ist es noch ... Denn alles das, was man fiir 
gut halt oder gut nennen soll, das gehért niemand zu, 
denn allein dem ewigen wahren Gut, der Gott allein 
ist, und wer sich dessen annimmt, der tut Unrecht 
und wider Gott.“ (1., 2., 4. Kap. der deutsch. Theol., 
3. Aufl., iibersest von Pfeiffer.) 

Diese Sape sprechen die Gesinnung jedes Prie- 
sters aus. Sie sprechen den eigentlichen Charakter 
der Priesterlichkeit aus. Und dieser Charakter ist 
das Gegenteil desjenigen, den Nietsche als den hdher- 
wertigen, den lebenswiirdigen bezeichnet. Der héher- 
wertige Typus Mensch will alles, was er ist, nur durch 
sich sein; er will, da? alles, was er fiir gut half und 
gut nennt, niemand zugehGrt, denn ihm selbst. 

Aber jene minderwertige Gesinnung ist kein Aus- 
nahmefall. Sie ,ist eine der breitesten und langsten 
Tatsachen, die es gibt. Von einem fernen Gestirn 


aus gelesen, wiirde vielleicht die Majuskelschrift un- 
Steiner, Friedrich Niefsche. 6 


82 i. Der Ubermensch. 


OOOO GECCOOCEC0000C0G00000000 


seres Erdendaseins zu dem Schluf verfiihren, die 
Erde sei der eigentlich asketische Stern, ein 
Winkel mifvergniigter, hochmiitiger und widriger Ge- 
schopfe, die einen tiefen Verdruf an sich, an der Erde, 
an allem Leben gar nicht los wiirden.* (Genealogie 
der Moral, 3. Abteilung § 11.) Der asketische Prie- 
ster ist deshalb eine Notwendigkeit, weil die Mehr- 
zahl der Menschen an einer ,Hemmung und Ermii- 
dung* der Lebenskréfte leidet, weil sie an der Wirk- 
lichkeit leidet. Der asketische Priester ist der Tréster 
und Arzt derjenigen, die am Leben teiden. Er tréstet 
sie dadurch, da® er ihnen sagt: dieses Leben, an 
dem ihr leidet, ist nicht das wahre Leben; das wahre 
Leben ist denjenigen, die an diesem Leben leiden, 
viel leichter erreichbar als den Gesunden, die an 
diesem Leben hangen und sich ihm hingeben. Durch 
solche Ausspriiche ziichtet der Priester die Verach- 
tung, die Verleumdung dieses wirklichen Lebens. Er 
bringt endlich die Gesinnung hervor, die sagt: um 
das wahre Leben zu erreichen, muf dieses wirkliche 
Leben verneint werden. In der Verbreitung dieser 
Gesinnung sucht der asketische Priester seine Starke. 
Er beseitigt durch die Ziichtung dieser Gesinnung 
eine grofe Gefahr, die den Gesunden, Starken, Selbst- 
bewuften von den Verungliickten, Niedergeworfenen, 
Zerbrochenen droht. Die lesteren hassen die Gesun- 
den und die leiblich und seelisch Gliicklichen, die ihre 
Krdfte aus der Natur nehmen. Diesen Haf, der sich 
dadurch dufern miifte, da die Schwachen gegen die 
Starken einen fortwahrenden Vernichtungskrieg fiihrten, 
sucht der Priester niederzuhalten. Er stellt deshalb die 
Starken als diejenigen hin, die ein wertloses, menschen- 


Il. Der Ubermensch. 83 


unwiirdiges Leben fiihren und behauptet dagegen, da® 
das wahre Leben allein denen erreichbar ist, die von 
dem Erdenleben geschddigt werden. ,Der asketische 
Priester mu@ uns als der vorherbestimmte Heiland, 
Hirt und Anwalt der kranken Herde gelten: damit 
erst verstehen wir seine ungeheure historische Mission. 
Die Herrschaft iiber Leidende ist sein Reich, 
auf sie weist ihn sein Instinkt an, in ihr hat er seine 
eigenste Kunst, seine Meisterschaft, seine Art von 
Gliick.* (Genealogie, 5. Abt. § 15.) 

Es ist kein Wunder, wenn eine solche Denkweise 
endlich dazu fiihrt, da? ihre Anhanger nicht nur das 
Leben verachten, sondern geradezu auf seine Zer- 
stoérung hinarbeiten. Wenn den Menschen gesagt wird, 
nur der Leidende, der Schwache kann wirklich zu 
einem héheren Leben kommen, so wird endlich das 
Leiden, die Schwadche gesucht werden. Sich selbst 
Schmerz zuzufiigen, den Willen in sich ganz ert6ten, 
das wird Ziel des Lebens werden. Die Opfer dieser 
Gesinnung sind die Heiligen. ,,VGllige Keuschheit und 
Entsagung aller Wollust fiir den, welcher eigentliche 
Heiligkeit anstrebt; Wegwerfung alles Eigentums, Ver- 
lassung jedes Wohnortes, aller Angehérigen, ftiefe, 
gdnzliche Einsamkeit, zugebracht in stillschweigender 
Betrachtung, mit freiwilliger Bue und schrecklicher 
langsamer Selbstpeinigung, zur gdadnzlichen Morti- 
fikation des Willens, welche zulest bis zum freiwilligen 
Tode geht durch Hunger, auch durch Entgegengehen 
den Krokodilen, durch Herabstiirzen vom geheiligten 
Felsengipfel im Himalaya, durch Lebendigbegraben- 
werden, auch durch Hinwerfung unter die Rader des 
unter Gesang, Jubel und Tanz der Bajaderen die 


84 Il. Der Ubermensch. 
000000000000000000000000' 


Gdotterbilder umfahrenden Wagens‘, dies sind die 
lebten Friichte der asketischen Gesinnung. (Schopen- 
hauer, Welt als Wille und Vorstellung § 68.) 

Diese Denkweise ist dem Leiden am Leben ent- 
sprungen, und sie richtet ihre Waffen gegen das Leben. 
Wenn der Gesunde, Lebensfrohe von ihr angesteckt 
wird, dann tilgt sie bei ihm die gesunden, starken 
Instinkte aus. Niessches Werk gipfelt darinnen, dieser 
Lehre gegeniiber etwas anderes geltend zu machen, 
eine Ansicht fiir Gesunde, Wohlgeratene. Mégen die 
Mifratenen, Verdorbenen in der Lehre der asketischen 
Priester ihr Heil suchen; die Gesunden will Niepsche 
um sich sammeln und ihnen eine Meinung sagen, 
die ihnen besser zu Gesichte steht, als jedes lebens- 
feindliche Ideal. 


18. 


Auch in den Pflegern der modernen Wissen- 
schaft steckt noch das asketische Ideal. Zwar riihmt 
sich diese Wissenschaft, alle alten Glaubensvorstel- 
lungen iiber Bord geworfen zu haben und sich nur 
an die Wirklichkeif zu halten. Sie will nichts gelfen 
lassen, was sich nicht zahlen, berechnen, wdagen, 
sehen und greifen la%t. Daf man auf diese Weise 
»das Dasein zu einer Rechenknechtsiibung und Stuben- 
hockerei fiir Mathematiker* herabwiirdigt, ist den mo- 
dernen Gelehrten gleichgiiltig. (Frohliche Wissenschaft 
§ 575.) Ein Recht, die vor seinen Sinnen und seiner 
Vernunft voriiberziehenden Vorkommnisse der Welt 
zu interpretieren, so da? er sie mit seinem Denken be- 
herrschen kann, schreibt sich ein solcher Gelehrter 
nicht zu. Er sagt: die Wahrheit mu? von meiner 


Il. Der Ubermensch. 85 


IOG000600000000000000000000000000000000000000000000000000080000000 
Interpretationskunst unabhadngig sein, und ich habe 
die Wahrheit nicht zu schaffen, sondern ich mu® sie 
mir von den Erscheinungen der Welt diktieren lassen. 

Wozu diese moderne Wissenschaft zuletzt gelangt, 
wenn sie sich alles Zurechtlegens der Welterschei- 
nungen enthdlf, das hat ein Anhanger dieser Wissen- 
schaft (Richard Wahle) in einem soeben erschienenen 
Buche (,,Das Ganze der Philosophie und ihr Ende“) 
ausgesprochen: ,Was k6énnte der Geist, der in das 
Welfgehduse spdhend und in sich die Fragen nach 
dem Wesen und dem Ziele des Geschehens herum- 
wdlzte, endlich als Antwort finden? Es ist ihm wider- 
fahren, da er, wie er so scheinbar im Gegensate 
zur umgebenden Well dastand, sich aufléste und in 
einer Flucht von Vorkommnissen mit allen Vor- 
kommnissen zusammenflok. Er ,wufte* nicht mehr 
die Welt; er sagte, ich bin nicht sicher, da@ Wissende 
da sind, sondern Vorkommnisse sind da schlecht- 
hin. Sie kommen freilich in solcher Weise, da der 
Begriff eines Wissens vorschnell, ungerechffertigt, 
entstehen konnte ... Und ,Begriffe* huschten empor, 
um Licht in die Vorkommnisse zu bringen, aber es 
waren Irrlichter, Seelen der Wiinsche nach Wissen, 
erbdrmliche, in ihrer Evidenz nichtssagende Postulate 
einer unausgefiillten Wissensform. Unbekannte 
Faktoren miissen im Wechsel walten. Uber 
ihre Natur war Dunkel gebreitet. Vorkommnisse sind 
der Schleier des Wahrhaften.* 

Dak die menschliche PersGnlichkeit in die Vor- 
kommnisse der Wirklichkeit einen Sinn hineinlegen 
kénne und die unbekannten Faktoren, die im 
Wechsel der Ereignisse walten, aus eigenem Ver- 


86 ll. Der Ubermensch. 


moégen erganzen kénne, daran denken die modernen 
Gelehrten nicht. Sie wollen nicht die Flucht der Er- 
scheinungen durch die Ideen interpretieren, die aus 
ihrer Pers6nlichkeit stammen. Sie wollen die Erschei- 
nungen blo® beobachten und beschreiben, aber nicht 
deuten. Sie wollen bei dem Tatsdchlichen stehen 
bleiben und es der schdpferischen Phantasie nicht 
gestatten, sich ein in sich gegliedertes Bild von der 
Wirklichkeit zu machen. 

Wenn ein phantasievoller Naturforscher, wie z. B. 
Ernst Haeckel, aus den Ergebnissen einzelner Be- 
obachtungen ein Gesamtbild der Entwicklung des or- 
ganischen Lebens auf der Erde entwirft, dann fallen 
diese Fanatiker der Tatsdchlichkeit iiber ihn her und 
zeihen ihn der Versiindigung an der Wahrheif. Die 
Bilder, die er von dem Leben in der Natur entwirft, 
k6nnen sie nicht mit Augen sehen, oder mit Handen 
greifen. Ihnen ist das unpers6nliche Urteil lieber, als 
das durch den Geist der Persénlichkeit gefarbte. Sie 
méchten bei ihren Beobachtungen am liebsten die 
Personlichkeit ganz ausschalfen. 

Es ist das asketische Ideal, das die Fanatiker der 
Tatsdchlichkeit beherrscht. Sie wollen eine Wahrheit 
jenseits des pers6dnlichen, individuellen Urteils. Was 
der Mensch in die Dinge ,hineinphantasieren* kann, 
bekiimmert sie nicht; die ,Wahrheif* ist ihnen etwas 
absolut Vollkommenes, ein Gott; der Mensch soll sie 
entdecken, sich ihr ergeben, aber sie nicht schaffen. 
Die Naturforscher und die Geschichtschreiber sind 
gegenwadrtig von dem gleichen Geiste des asketischen 
Ideals beseelt. Uberall Aufzahlen, Beschreiben von Tat- 
sachen, und nichts dariiber. Jedes Zurechtlegen der 


ll. Der Ubermensch. 87 


09000000090000000900000000000000000000000000000000000009000000000000000000000000 
Tatsachen ist verp6ént. Alles persénliche Urteilen soll 
unterbleiben. 

Unter diesen modernen Gelehrten finden sich auch 
Atheisten. Diese Atheisten sind aber keine freieren 
Geister als ihre Zeitgenossen, die an Gott glauben. 
Mit den Mitfeln der modernen Wissenschaft la®t sich 
das Dasein Gottes nicht beweisen. Hat sich doch eine 
der Leuchten moderner Wissenschaft (Du Bois-Rey- 
mond) tiber die Annahme einer ,,Weltseele* also ge- 
dufert: bevor der Naturforscher sich zu einer solchen 
Annahme entschlieBt, verlangt er, ,da ihm irgendwo 
in der Welt, in Neuroglia gebettet und mit warmem 
arteriellen Blut unter richtigem Druck gespeist, cin dem 
geistigen Vermdgen solcher Seele an Umfang ent- 
sprechendes Konvolut von Ganglienzellen und Nerven- 
fasern gezeigt* werde (Grenzen des Naturerkennens 
S. 44). Die moderne Wissenschaft lehnt den Glauben 
an Gott ab, weil dieser Glaube neben dem Glauben 
an die ,objektive Wahrheit* nicht bestehen kann. Diese 
,objektive Wahrheit* ist aber nichts anderes als ein 
neuer Gott, der iiber den alten gesiegt hat. ,Der un- 
bedingte redliche Atheismus (und seine Luff allein 
atmen wir, wir geistigeren Menschen dieses Zeitalters!) 
steht nicht im Gegensats zu jenem (asketischen) Ideal, 
wie es den Anschein hat; er ist vielmehr nur eine 
seiner lesten Entwicklungsphasen, eine seiner Schluk- 
formen und inneren Folgerichtigkeiten, er ist die Ehr- 
furcht gebietende Katastrophe einer zweitausend- 
jahrigen Zucht zur Wahrheit, welche am Schlusse sich 
die Liige im Glauben an Gott verbietet.* (Genea- 
logie, 5. Abhandlung § 27.) Der Christ sucht die Wahr- 
heit in Gott, weil er Gott fiir den Quell aller Wahr- 


88 ll. Der Ubermensch. 


heit halt; der moderne Atheist lehnt den Glauben an 
Gott ab, weil ihm sein Gott, sein Ideal von Wahr- 
heit diesen Glauben verbietet. Der moderne Geist sieht 
in Gott eine menschliche Schépfung; in der ,Wahr- 
heit* sieht er etwas, was ohne alles menschliche Zu- 
fun durch sich selbst besteht. Der wirklich ,freie Geisi* 
geht noch weiter. Er fragt: ,Was bedeutet aller 
Wille zur Wahrheit?* Wozu Wahrheit? Alle Wahr- 
heit entsteht doch dadurch, da der Mensch iiber die 
Erscheinungen der Welt nachdenkt, sich Gedanken 
iiber die Dinge bildet. Der Mensch selbst ist der 
Sch6pfer der Wahrheit. Der ,freie Geist‘ kommt zum 
Bewuftsein seines Schaffens der Wahrheit. Er be- 
trachtet die Wahrheit nicht mehr als etwas, dem er 
sich unterordnet; er betrachtet sie als sein Gescho6pf. 


19. 


Die mit schwachen, mifratenen Erkenntnisinstinkten 
ausgestatteten Menschen wagen es nicht, aus der Be- 
griffe bildenden Macht ihrer Persénlichkeit heraus den 
Welferscheinungen einen Sinn unterzulegen. Sie wollen, 
da ihnen die ,Gesepmdhigkeit der Natur“ als Tat- 
bestand vor die Sinne trete. Ein subjektives, der Ein- 
richtung des menschlichen Geistes gema? geformtes 
Weltbild scheint ihnen wertlos. Aber die blo®e Beob- 
achtung der Vorkommnisse in der Welt liefert uns nur 
ein zusammenhangloses und doch nicht in Einzel- 
heiten gesondertes Weltbild. Dem blofen Beobachter 
der Dinge erscheint kein Gegenstand, kein Geschehnis 
wichtiger, bedeutungsvoller als das andere. Das rudi- 
mentdre Organ eines Organismus, das vielleicht dann, 
wenn wir dariiber nachgedacht haben, ohne alle Be- 


Il. Der Ubermensch. 89 


I0090000000000000G00000000000000000000000 


deutung fiir die Entwicklung des Lebens erscheint, 
steht gerade mit demselben Anspruch auf Beachtung 
da, wie der edelste Teil des Organismus, so lange 
wir blo® den objektiven Tatbestand beschauen. Ur- 
sache und Wirkung sind aufeinanderfolgende Erschei- 
nungen, die ineinander iiberflieBen, ohne durch etwas 
getrennt zu sein, so lange wir sie blo® beobachten. 
Erst wenn wir mit unserem Denken einsefen, die in- 
einander flie@enden Erscheinungen sondern und ge- 
danklich aufeinander beziehen, wird ein gesetz- 
mdafiger Zusammenhang sichtbar. Erst das 
Denken erklart die eine Erscheinung fiir die Ursache, 
die andere fiir die Wirkung. Wir sehen einen Regen- 
tropfen auf den Erdboden fallen und eine Vertiefung 
hervorrufen. Ein Wesen, das nicht denken kann, wird 
hier nicht Ursache und Wirkung sehen, sondern nur 
eine Aufeinanderfolge von Erscheinungen. Ein denken- 
des Wesen isoliert die Erscheinungen, bringt die iso- 
lierten Fakten in ein Verhdltnis und bezeichnet das 
eine Faktum als Ursache, das andere als Wirkung. 
Durch die Beobachtung wird der Intellekt angeregft, 
Gedanken zu produzieren und diese mit den beob- 
achteten Tatsachen zu einem gedankenvollen Weltbilde 
zu verschmelzen. Der Mensch tut dies, weil er die 
Summe der Beobachtungen gedanklich beherrschen 
will. Ein ihm gegeniiberstehendes Gedankenleeres 
driickt auf ihn wie eine unbekannte Macht. Er wider- 
sebt sich dieser Macht, iiberwindet sie, indem er sie 
denkbar macht. Auch alles Zahlen, Wagen und Be- 
rechnen der Erscheinungen geschieht aus demselben 
Grunde. Es ist der Wille zur Macht, der sich: in 
dem Erkenntnistriebe auslebt. (Ich habe den Erkennt- 


C090000000000000 60000000: 


90 ll. Der Ubermensch. 


nisproze® im einzelnen dargestellt in meinen beiden 
Schriften: ,Wahrheit und Wissenschaft‘ und_ ,,Die 
Philosophie der Freiheif*.) 

Der stumpfe, schwache Intellekt will sich nicht ein- 
gestehen, daf er es selbst isi, der als Auferung seines 
Strebens nach Macht die Erscheinungen interpretiert. 
Er halt auch seine Interpretation fiir einen Tatbestand. 
Und er fragt: wie der Mensch dazu kommt, einen 
solchen Tatbestand in der Wirklichkeit zu finden. Er 
fragt z. B.: wie kommt es, da? der Intellekt in zwei 
aufeinander folgenden Erscheinungen Ursache und 
Wirkung anerkennt? Alle Erkenntnistheorefiker von 
Locke, Hume, Kant bis auf die Gegenwart haben sich 
mit dieser Frage beschdftigt. Die Spitfindigkeiten, die 
sie auf diese Untersuchung verwendet haben, sind 
unfruchtbar geblieben. Die Erklarung ist gegeben in 
dem Streben des menschlichen Intellekts nach Macht. 
Die Frage ist gar nicht: sind Urteile, Gedanken iiber 
die Erscheinungen méglich, sondern: hat der mensch- 
liche Intellekt solche Urteile nétig? Weil er sie nétig 
hat, deshalb wendet er sie an, und nicht weil sie még- 
lich sind. Es kommt darauf an, ,zu begreifen, dab 
zum Zweck der Erhaltung von Wesen unserer Art 
solche Urteile als wahr geglaubt werden miissen; 
weshalb sie natiirlich noch falsche Urteile sein 
k6nnten!* (Jenseits von Gut und Bése § 11.) ,Und 
wir sind grundsdtlich geneigt, zu behaupten, dab die 
falschesten Urteile uns die unentbehrlichsten sind, da® 
ohne ein Geltenlassen der logischen Fiktionen, ohne 
ein Messen der Wirklichkeit an der rein erfundenen 
Welt des Unbedingten, Sich-selbst-Gleichen, ohne eine 
bestdndige Falschung der Welt durch die Zahl der 


OOEOCOO000000000 


ll. Der Ubermensch. 91 


9800000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000: 
Mensch nicht leben ké6nnte, — da Verzichtleisten auf 
falsche Urteile ein Verzichtleisten auf Leben, eine Ver- 
neinung des Lebens ware.“ (Ebenda § 4.) Wem dieser 
Ausspruch paradox erscheini, der besinne sich darauf, 
wie fruchtbar die Anwendung der Geometrie auf die 
Wirklichkeit ist, obgleich es nirgends in der Welt wirk- 
lich geometrisch regelmdfige Linien, Flachen usw. 
gibt. 

Wenn der stumpfe, schwache Intellekt einsieht, dai 
alle Urteile iiber die Dinge aus ihm selbst stammen, 
durch ihn produziert und mit den Beobachtungen ver- 
schmolzen werden, dann hat er nicht den Mut, diese 
Urteile riickhaltslos anzuwenden. Er sagt: Urteile 
solcher Art k6nnen uns keine Erkenntnis von dem 
»wahren Wesen* der Dinge vermitteln. Dieses ,wahre 
Wesen* bleibt daher unserer Erkenntnis verschlossen. 

Noch in einer anderen Art sucht der schwache In- 
tellekt zu beweisen, da? durch das menschliche Er- 
kennen kein Fesistehendes gewonnen werden kann. 
Er sagt: Der Mensch sieht, hoért, tastet die Dinge und 
Vorgdnge. Was er dabei wahrnimmt, sind Eindriicke 
auf seine Sinnesorgane. Wenn er eine Farbe, einen 
Ton wahrnimmt, so kann er nur sagen: mein Auge, 
mein Ohr werden in einer gewissen Art besfimmf, 
Farbe, Ton wahrzunehmen. Nicht etwas aufer ihm 
nimmt der Mensch wahr, sondern nur eine Bestim- 
mung, eine Modifikation seiner eigenen Organe. In 
der Wahrnehmung werden das Auge, das Ohr usw. 
dazu veranlaftt, in einer gewissen Weise zu empfinden; 
sie werden in einen bestimmten Zustand versetst. Diese 
Zustande seiner eigenen Organe nimmt der Mensch 
als Farben, Tone, Geriiche usw. wahr. In aller Wahr- 


92 I. Der Ubermensch. 


10G0000000000000000000000000000000000000 


0C00000: 
nehmung nimmt der Mensch nur seine eigenen Zu- 
stande wahr. Was er Aufenwelf nennt, isf nur aus 
diesen seinen Zustéanden zusammengeseft; ist also 
im eigentlichen Sinne sein Werk. Die Dinge, die ihn 
veranlassen, aus sich heraus die Aufenwelt zu spinnen, 
kennt er nicht; nur ihre Wirkungen auf seine Organe. 
Einem von dem Menschen getrdéumten Traume gleich, 
der durch ein Unbekanntes veranlaft wird, erscheint 
die Welt in dieser Beleuchtung. 

Wenn dieser Gedanke konsequent zu Ende gedacht 
wird, so zieht er foleenden Nachsat& nach sich. Auch 
seine Organe kennt der Mensch nur, insofern er sie 
wahrnimmt; sie sind Glieder in seiner Wahrnehmungs- 
welt. Und seines eigenen Selbst wird sich der Mensch 
nur bewuft, insofern er die Bilder der Welt aus sich 
herausspinnt. Traumbilder nimmt er wahr und inmiften 
dieser Traumbilder ein ,Ich*, an dem diese Traum- 
bilder voriiberziehen. Jedes Traumbild erscheint in Be- 
gleitung dieses ,Ich*. Man kann auch sagen: jedes 
Traumbild erscheint inmiftten der Traumwelt immer in 
Beziehung auf dieses ,Ich“. Dieses ,Ich* haftet als 
Bestimmung, als Eigenschaft an den Traumbildern. 
Es ist somit, als Bestimmung von Traumbildern, selbst 
ein Traumhaftes. J. G. Fichte fat diese Ansicht in 
die Worte zusammen: ,Was durch das Wissen und 
aus dem Wissen entsteht, ist nur ein Wissen. Alles 
Wissen aber ist nur Abbildung, und es wird in ihm 
immer etwas gefordert, das dem Bilde entspreche. 
Diese Forderung kann durch kein Wissen befriedigt 
werden; und ein System des Wissens ist notwendig 
ein System blofer Bilder, ohne alle Realitat, Be- 
deutung und Zweck.* ,Alle Realitat« ist fiir Fichte 


ll. Der Ubermensch. 93 
000000000600000000000600000000000000000000000000000000000' OOC00000 


ein wunderbarer ,Traum, ohne ein Leben, von wel- 
chem getraumt wird, und ohne einen Geist, dem da 
trdumt*; ein Traum, ,der in einem Traume von sich 
selbst zusammenhdngt*. (Bestimmung des Menschen, 
2. Buch.) 

Was hat diese ganze Gedankenkette fiir eine Be- 
deutung? Ein schwacher Intellekt, der sich nicht unter- 
fangen will, der Welt aus sich heraus einen Sinn zu 
geben, sucht diesen Sinn in der Welt der Beobach- 
tungen. Er kann ihn da natiirlich nicht finden, weil die 
bloRe Beobachtung gedankenleer ist. 

Der starke, produktive Intellekt verwendet seine Be- 
eriffswelt dazu, die Beobachtungen zu deuten; der 
schwache, unproduktive Intellekt erklart sich selbst fiir 
zu ohnmachtig, um das zu tun und sagt: ich kann in 
den Erscheinungen der Welt keinen Sinn finden; sie 
sind bloke Bilder, die an mir voriiberziehen. Der Sinn 
des Daseins muf auferhalb, jenseits der Erscheinungs- 
welt gesucht werden. Dadurch wird die Erscheinungs- 
welt, d. h. die menschliche Wirklichkeit fiir einen Traum, 
eine Tduschung, ein Nichts erklart und das ,wahre 
Wesen* der Erscheinungen wird in einem ,Ding an 
sich“ gesucht, bis zu dem keine Beobachtung, kein 
Erkennen reicht, d. h. von dem sich der Erkennende 
keine Vorstellung machen kann. Dieses ,wahre Wesen“ 
ist also fiir den Erkennenden ein vdllig leerer Ge- 
danke, der Gedanke an ein Nichts. Traum ist bei 
jenen Philosophen, die von dem ,,Ding an sich* spre- 
chen, die Erscheinungswelt. Nichts ist aber das, was 
sie als das ,wahre Wesen* dieser Erscheinungswelt 
ansehen. Die ganze philosophische Bewegung, die von 
dem ,Ding an sich“ spricht und die in der neueren 


94 I. Der Ubermensch. 


00000000000000000000000000000000000000000000000000006000000000608000000000000000 
Zeit sich namentlich auf Kant sfiibt, ist der Glaube 
an das Nichts, ist philosophischer Nihilis- 
mus. 


20. 


Wenn der starke Geist nach der Ursache eines 
menschlichen Handelns und Vollbringens sucht, so findet 
er diese immer in dem Willen zur Macht der einzelnen 
Personlichkeit. Der Mensch mit schwachem, mutlosem 
Intellekt will dies aber nicht zugeben. Er fiihlt sich 
nicht krdftig genug, sich zum Herfn und Richtung- 
geber seines Handelns zu machen. Er deutet die Triebe, 
die ihn lenken, als Gebote einer fremden Macht. Er 
sagt nicht: ich handle, wie ich will; sondern er sagt: 
ich handle gemaé einem Gebote, wie ich soll. Er 
will sich nicht befehlen, er will gehorchen. Auf 
der einen Stufe der Entwicklung sehen die Menschen 
ihre Antriebe zum Handeln als Gebote Gottes an, auf 
einer andern Stufe glauben sie in ihrem Innern eine 
Stimme zu vernehmen, die ihnen gebietet. Sie wagen 
es im lefteren Falle nicht, zu sagen: ich bin es selbst, 
der da befiehlt; sie behaupten: in mir spricht ein héherer 
Wille sich aus. Da® sein Gewissen ihm in jedem 
einzelnen Falle sagt, wie er handeln soll, ist die Mei- 
nung des einen; da ein kategorischer Imperativ ihm 
befiehlt, behauptet ein anderer. Hiren wir, was J. G. 
Fichte sagt: ,Es soll schlechthin etwas geschehen, 
weil es nun einmal geschehen soll: dasjenige, was 
das Gewissen nun eben von mir... fordert; da® es 
geschehe, dazu, lediglich dazu bin ich da; um es zu 
erkennen, habe ich Verstand; um es zu vollbringen 
habe ich Kraft.* (,, Bestimmung des Menschen‘, 5. Buch.) 


ll. Der Ubermensch. 95 


COC0G000 COCCCCECC000000000000000C0000000 IOO0000900000000000000000 
Ich fiihre mit Vorliebe J. G. Fichtes Ausspriiche an, 
weil er mit eiserner Konsequenz die Meinung der 
»ochwachen und Miffratenen* bis ans Ende gedacht 
hat. Wozu diese Meinungen zulett fiihren, kann man 
nur erkennen, wenn man sie da aufsucht, wo sie zu 
Ende gedacht worden sind; auf die Halben, die jeden 
Gedanken nur bis in seine Mitte denken, kann man 
sich nicht stiifen. 

Nicht in der Einzelpersénlichkeit wird von denen, 
die in der angedeuteten Weise denken, der Quell des 
Wissens gesucht; sondern jenseits dieser Persén- 
lichkeit in einem ,Willen an sich*. Eben dieser , Wille 
an sich“ soll als ,Stimme Gottes* oder ,als Stimme 
des Gewissens‘, ,kategorischer Imperativ® usw. zu 
dem Ejinzelnen sprechen. Er soll der universelle Lenker 
des menschlichen Handeins und der Urquell der 
Sittlichkeit sein und auch die Zwecke des sift- 
lichen Handelns bestimmen. ,Ich sage, das Ge- 
bot des Handelns selbst ist es, welches durch sich 
selbst mir einen Zweck sett: dasselbe in mir, was 
mich n6figt, zu denken, da ich so handeln solle, 
nofigt mich, zu glauben, da® aus diesem Handeln 
etwas erfolgen werde; es erdffnet dem Auge die Aus- 
sicht auf eine andere Welt.“ ,Wie ich im Gehorsam 
lebe, lebe ich zugleich in der Anschauung seines 
Zweckes, lebe ich in der besseren Welt, die 
er mir verheift.* (Fichte, die Bestimmung des Men- 
schen, 3. Buch.) Der also Denkende will sich nicht 
selbst ein Ziel sefen; er will von dem héheren Willen, 
dem er gehorcht, sich zu einem Ziele fiihren lassen. 
Er will sich seines Eigenwillens entledigen und sich 
zum Werkzeug ,hdherer“ Zwecke machen. In Worfen, 


96 ll. Der Ubermensch. 


die zu den schénsten Erzeugnissen des Sinnes fiir 
Gehorsam und Demut gehoren, die mir bekannt sind, 
schildert Fichte die Hingabe an den ,ewigen Willen 
an sich*. ,Erhabener, lebendiger Wille, den kein Name 
nennt und kein Begriff umfaft, wohl darf ich mein 
Gemiit zu dir erheben; denn du und ich sind nicht 
getrennt. Deine Stimme ertént in mir, die meinige tont 
in dir wieder; und alle meine Gedanken, wenn 
sie nur wahr und gut sind, sind in dir ge- 
dacht. — In dir, dem Unbegreiflichen, werde ich mir 
selbst, und wird mir die Welt vollkommen begreiflich, 
alle Ratsel meines Daseins werden gelést, und die 
vollendetste Harmonie entsteht in meinem Geiste.* ,Ich 
verhiille vor dir mein Angesicht, und lege die Hand 
auf den Mund. Wie du fiir dich selbst bist, und dir 
selbst erscheinst, kann ich nie einsehen, so gewif ich 
nie du selbst werden kann. Nach tausendmal tausend 
durchlebten Geisterleben werde ich dich noch eben- 
sowenig begreifen als jet, in dieser Hiitte von Erde.“ 
(Bestimmung des Menschen, 3. Buch.) 

Wohin dieser Wille den Menschen zulett fiihren 
will, das kann der Einzelne nicht wissen. Wer an diesen 
Willen glaubt, gesteht also damit, da er iiber die 
Endzwecke seines Handelns nichts weif. Die Ziele, 
die sich der Einzelne schafft, sind aber fiir einen sol- 
chen Gldubigen eines héheren Willens keine ,wahren* 
Ziele. Er seft somit an die Stelle der durch das In- 
dividuum geschaffenen positiven Einzelziele einen End- 
zweck der ganzen Menschheit, dessen Gedankeninhalt 
aber ein Nichts ist. Ein solcher Glaubiger ist mo- 
ralischer Nihilist. Er ist in der schlimmsten Art 
von Unwissenheit befangen, die sich erdenken laBt. 


I. Der Ubermensch. 97 


000000000000000000000000000000000000000000000000080000000800000000000000000000000 
Niefsche wollte diese Art von Unwissenheit in einem 
besonderen Buche seines unvollendet gebliebenen 
Werkes ,Der Wille zur Macht“ behandeln. (Vgl. An- 
hang zu Band VIII der Gesamtausgabe von Nietssches 
Werken.) 

Die Lobpreisung des moralischen Nihilismus finden 
wir wieder in Fichtes ,Bestimmung des Menschen“ 
(5. Buch): ,Ich will nicht versuchen, was mir durch 
das Wesen der Endlichkeit versagt ist, und was mir 
zu nichts niipen wiirde; wie du an dir selbst bist, 
will ich nicht wissen. Aber deine Beziehungen und 
Verhdltnisse zu mir, dem Endlichen, und zu allem End- 
lichen, liegen offen vor meinem Auge: werde ich, was 
ich sein soll! — und sie umgeben mich in hellerer 
Klarheit, als das Bewuftsein meines eignen Daseins. 
Du wirkest in mir die Erkenntnis von meiner Pflicht, 
von meiner Bestimmung in der Reihe der verniinftigen 
Wesen; wie, das weif ich nicht, noch bedarf ich es 
zu wissen. Du weift und erkennst, was ich denke 
und will; wie du wissen kannst, — durch welchen 
Akt du dieses Bewuftsein zustande bringst, dariiber 
verstehe ich nichts; ja ich wei sogar sehr wohl, 
da® der Begriff eines Akts, und eines besonderen 
Akts des Bewuftseins nur von mir gilt, nicht aber von 
dir, dem Unendlichen. Du willst, denn du willst, daR 
mein freier Gehorsam Folgen habe in alle Ewigkeit; 
den Akt deines Willens begreife ich nicht; 
und wei? nur soviel, da® er nicht dhnlich ist dem 
meinigen. Du tust, und dein Wille selbst ist Tat; 
aber deine Wirkungsweise ist der, die ich allein zu 
denken vermag, geradezu entgegengesebt. Du lebest 


und bist, denn du weift, willst und wirkest, allgegen- 
Steiner, Friedrich Niebsche. 7 


98 ll. Der Ubermensch. 


wartig der endlichen Vernunft; aber du bist nichf, 
wie ich alle Ewigkeiten hindurch allein ein 
Sein werde denken kénnen.* 

Dem moralischen Nihilismus stellt Niefsche die 
Ziele gegeniiber, die der schaffende Einzelwille 
sich sept. Den Lehrern der Ergebung ruft Zara- 
thustra zu: 

»Diese Lehrer der Ergebung. Uberall hin, wo es 
klein und krank und grindig ist, kriechen sie hin, 
gleich Lausen; und nur mein Ekel hindert mich, sie 
zu knacken. . 

Wohlan! Dies ist meine Predigt fiir ihre Ohren: 
ich bin Zarathustra, der Gottlose, der da spricht: ,wer 
ist gotfloser denn ich, da ich mich seiner Unter- 
weisung freue ?‘ 

Ich bin Zarathustra, der Gottlose: wo finde ich 
meinesgleichen? Und alle die sind meinesgleichen, 
die sich selber ihren Willen geben und alle 
Ergebung von sich abtun.* 


a1 


Die starke Personlichkeit, die Ziele schaf ft, ist riick- 
sichtslos in der Ausfiihrung derselben. Die schwache 
Personlichkeit dagegen fiihrt nur das aus, wozu der 
Wille Gottes oder die ,Stimme des Gewissens* oder 
der ,kategorische Imperativ’ Ja sagt. Was diesem 
Ja entspricht, bezeichnet der Schwache als gut, 
was diesem Ja zuwider ist als b6se. Der Starke 
kann dieses ,gut und bés* nicht anerkennen; denn 
er erkennt diejenige Macht nicht an, von der sich 
der Schwache sein Gutes und Béses_ bestimmen 
ld@t. Was er, der Starke, will, ist fiir ihn gut; er 


Il. Der Ubermensch. 99 


G00000006000000000000000: GOO000000000000000000000 


fiihrt es durch gegen alle widerstrebenden Machte. 
Was ihn in dieser Durchfiihrung stért, das sucht er 
zu tiberwinden. Er glaubt nicht, da® ein ,ewiger 
Weltwille* alle einzelnen Willensentschliisse zu einer 
grofen Harmonie lenkt; aber er ist der Ansicht, da® 
alle menschliche Entwickelung aus den Willens- 
impulsen der EinzelpersGnlichkeiten sich ergibt, und 
da@ ein ewiger Krieg besteht zwischen den einzelnen 
Willensduferungen, in dem immer der starkere Wille 
liber den schwacheren siegft. 

Von den Schwachen und Mutlosen wird die starke 
Personlichkeit, die sich selbst Gesetz und Zweck geben 
will, als bése, als siindhaft bezeichnet. Sie erregt 
Furcht, denn sie durchbricht die hergebrachten Ord- 
nungen; sie nennt wertlos, was die Schwachen ge- 
wohnt sind, wertvoll zu nennen, und sie erfindet Neues, 
vor ihr Unbekanntes, das sie als wertvoll bezeichnet. 
»Jede individuelle Handlung, jede individuelle Denk- 
weise erregt Schauder ; es ist gar nicht auszurechnen, 
was gerade die selfeneren, ausgesuchteren, urspriing- 
licheren Geister im ganzen Verlauf der Geschichte 
dadurch gelitten haben miissen, da sie immer als 
die bésen und gefahrlichen empfunden wurden, ja 
da® sie sich selber so empfanden. Unter der 
Herrschaft der Sitte hat die Originalitat jeder Art 
ein béses Gewissen bekommen; bis diesen Augen- 
blick ist der Himmel der Besten noch dadurch ver- 
diisterter, als er sein miifte.« (Morgenréte § 9.) 

Der wahrhaft freie Geist fait schlechthin erste 
Entschliisse; der unfreie entscheidet sich nach dem 
Herkommen. ,Sittlichkeit ist nichts anderes (also 
namentlich nicht mehr!), als Gehorsam gegen Sit- 


100 I. Der Ubermensch. 


ten, welcher Art diese auch sein mégen; Siffen aber 
sind die herkémmliche Art zu handeln und abzu- 
schaben.* (Morgenréte § 9.) Dieses Herkommen ist 
es, was von den Moralisten als ,ewiger Wille“, ,,kate- 
gorischer Imperativ“ gedeutet wird. Jedes Herkommen 
ist aber das Ergebnis der naturgemafen Triebe und 
Impulse einzelner Menschen, ganzer Stéamme, V6l- 
ker usw. Es ist ebenso das Produkt natiirlicher Ur- 
sachen, wie eifwa die Witterungsverhdltnisse einzelner 
Gegenden. Der freie Geist erklart sich durch dieses 
Herkommen nicht gebunden. Er ~hat seine indivi- 
duellen Triebe und Impulse, und diese sind nicht 
weniger berechtigt als die der anderen. Er sept 
diese Impulse in Handlungen um, wie eine Wolke 
Regen auf die Erdoberflache sendet, wenn die Ur- 
sachen dazu vorhanden sind. Der freie Geist steht 
jenseits dessen, was das Herkommen als 
guf und b6se ansiehft. Er schafft sich selbst 
sein Gut und Bose. 

»Als ich zu den Menschen kam, da fand ich sie 
sipen auf einem alten Diinkel: Alle diinkten sich 
lange schon zu wissen, was dem Menschen gut und 
bése sei. 

Eine alte miide Sache diinkte ihnen alles Reden von 
Tugend; und wer gut schlafen wollte, der sprach vor 
dem Schlafengehen noch von ,Gut und Bése‘. 

Diese Schlaferei stérte ich auf, als ich lehrte: was 
gut und bose ist, das wei® noch niemand — es 
sei denn der Schaffende. 

Das aber ist der, welcher des Menschen Ziel 
schafft und der Erde ihren Sinn gibt und ihre Zu- 
kunft: dieser erst schafft es, da® etwas gut und 


ll. Der Ubermensch. 101 


osn olocle lela o.oo olelo ale e/a 0 olele ele clevele alelelclale ol slololaleleolalarovelevelaleverelelelolelevelereveleleelle\elevelelelelole’evelsvelole] 
bose ist.“ (Zarathustra, 3. Teil, Von alten und neuen 
Tafeln.) 

Auch dann wenn der freie Geist handelt, wie es 
dem Herkommen gemdf ist, dann tut er es, weil er 
die herk6mmlichen Motive zu den seinigen machen 
will, und weil er es in bestimmten Fallen nicht fiir 
notig half, an die Stelle des Herkémmlichen etwas 
Neues zu setzen. 


225 


Der Starke sucht in der Durchsesung seines schaf- 
fenden Selbst seine Lebensaufgabe. Diese Selbst- 
sucht unterscheidet ihn von den Schwachen, die in 
der selbstlosen Hingabe an das, was sie das 
Gute nennen, die Sittlichkeit sehen. Die Schwachen 
predigen die Selbstlosigkeit als die héchste Tugend. 
Ihre Selbstlosigkeit ist aber nur die Folge ihres Man- 
gels an Schaffenskraft. Hatten sie ein schaffendes 
Selbst, so wiirden sie dieses auch durchsefen wollen. 
Der Starke liebi den Krieg, denn er braucht den Krieg, 
um seine Schépfungen gegen die widerstrebenden 
Machte durchzuseten. 

»Curen Feind sollt ihr suchen, euren Krieg sollt 
ihr fiihren und fiir eure Gedanken! Und wenn euer 
Gedanke unterliegt, so soll eure Redlichkeit dariiber 
noch Triumph rufen! 

Ihr sollf den Frieden lieben als Miffel zu neuen 
Kriegen. Und den kurzen Frieden mehr als den langen. 

Euch rate ich nicht zur Arbeit, sondern zum Kampfe. 
Euch rate ich nicht zum Frieden, sondern zum Siege. 
Eure Arbeit sei ein Kampf, euer Friede sei ein Sieg! 

Ihr sagt, die gute Sache sei es, die sogar den 


102 Il. Der Ubermensch. 


Krieg heilige! Ich aber sage euch: der gute Krieg ist 
es, der jede Sache heiligt. 

Der Krieg und der Mut haben mehr grofe Dinge 
getan, als die Ndchstenliebe. Nicht euer Mifleiden, 
sondern eure Tapferkeit rettete bisher die Verun- 
gliickten.“ (Zarathustra, 1. Teil. Vom Krieg und 
Kriegsvolke.) 

Unerbittlich und ohne Schonung des Widerstreben- 
den handelt der Schaffende. Er kennt nicht die Tu- 
gend der Leidenden: das Mifleid. Aus seiner Kraft 
kommen die Antriebe des Schaffendén, nicht aus dem 
Gefiihle des fremden Leidens. Daf die Kraft siege, 
dafiir setzt er sich ein, nicht da® das Leidende, 
Schwache gepflegt werde. Schopenhauer hat die 
ganze Welt fiir ein Lazarett erklart, und die aus dem 
Mitgefiihle mit den Leidenden entspringenden Hand- 
lungen fiir die héchsten Tugenden. Er hat damit die 
Moral des Christentums in anderer Form ausge- 
sprochen, als dieses selbst es tut. Der Schaffende 
fiihlt sich nicht berufen, Krankenwéarterdienste zu ver- 
richten. Die Tiichtigen, Gesunden kénnen nicht um 
der Schwachen, Kranken willen da sein. Das Mitleid 
schwdcht die Kraft, den Mut, die Tapferkeit. 

Das Mitleid sucht gerade das zu erhalten, was der 
Starke iiberwinden will: die Schwdche, das Leiden. 
Der Sieg des Starken iiber das Schwache ist der 
Sinn aller menschlichen wie aller natiirlichen Ent- 
wickelung. ,Leben selbst ist wesentlich Aneignung, 
Verlesung, Uberwalligung des Fremden und Schwa- 
cheren, Unterdriickung, Harte, Aufzwangung eigener 
Formen, Ejinverleibung und mindestens, mildestens, 
Ausbeulung.* (Jenseits von Gut und Bése § 259.) 


Il. Der Ubermensch. 103 
000000000000000600000006000006000000000' lo ove ole eee) 


»Und wollt ihr nicht Schicksale sein und Uner- 
bittliche; wie kénntet ihr mit mir — siegen? 

Und wenn eure Harte nicht bliben und scheiden 
und zerschneiden will: wie kénntet ihr einst mit mir 
— schaffen? 

Die Schaffenden némlich sind hart. Und Seligkeit 
mu es euch diinken, eure Hand auf Jahrtausende 
zu driicken wie auf Wachs, — 

— Seligkeit, auf dem Willen von Jahrtausenden zu 
schreiben wie auf Erz, — harter als Erz, edler als 
Erz. Ganz hart isi allein das Edelste. 

Diese neue Tafel, o meine Briider, stelle ich iiber 
euch: werdet hart “ (Zarathustra, 3. Teil. Von alten 
und neuen Tafeln.) 

Der freie Geist macht keinen Anspruch auf Mit- 
leid. Wer ihn bemitleiden wollte, den mii®te er fragen: 
hdltst du mich fiir so schwach, da ich mein Leid 
nicht selbst tragen kann? lIhm geht jedes Mitleid 
gegen die Scham. Niefsche bringt den Widerwillen 
des Starken gegen das Mitleiden im vierten Teil 
seines ,Zarathustra* zur Anschauung. Zarathustra 
kommt auf seinen Wanderungen in ein Tal, das 
»ochlangentod* heift. Kein Lebewesen findet sich 
hier. Nur eine Art ha@licher griiner Schlangen kommt 
hierher, um zu sterben. Dieses Tal hat der ,hab- 
lichste Mensch* aufgesucht. Dieser will von keinem 
Wesen gesehen werden wegen seiner Haflichkeit. In 
diesem Tal sieht ihn niemand aufer Gott. Aber auch 
dessen Anblick kann er nicht ertragen. Das Bewufit- 
sein, da? Gottes Blicke in alle Raéaume dringen, ist 
ihm zur Last. Er hat deshalb Gott getétef, d. h. er 
hat den Glauben an Gott in sich ertétet. Er ist zum 


104 ll. Der Ubermensch, 


Atheisten geworden wegen seiner Hdfilichkeit. Als 
Zarathustra diesen Menschen sieht, iiberfallt ihn noch 
einmal das, was er fiir immer in sich getilgt zu haben 
glaubt: das Mitleid mit der furchtbaren Haflichkeit. 
Dies ist eine Versuchung Zarathustras. Er weist aber 
das Gefiihl des Mitleids bald zuriick und wird wieder 
hart. Der haflichste Mensch sagt zu ihm: Deine 
Harte ehrt meine Hdaflichkeit. Ich bin zu reich an 
Haflichkeit, um irgend eines Menschen Mifleid zu 
ertragen. Mitleid geht gegen die Scham. 

Wer Mitleid braucht, kann nicht allein siehen, und 
der freie Geist will vollstandig auf sich selbst ge- 
stellt sein. 


O0000COO 


25. 


Mit der Aufzeigung des natiirlichen Willens zur 
Macht als Ursache der menschlichen Handlungen 
geben sich die Schwachen nicht zufrieden. Sie suchen 
nicht blo? nach natiirlichen Zusammenhdngen in der 
Menschenentwickelung, sondern sie suchen das Ver- 
hdltnis der menschlichen Handlungen zu dem, was 
sie als den ,Willen an sich*, die ,ewige, sittliche 
Weltordnung* nennen. Wer dieser Weltordnung zu- 
widerhandelt, dem sprechen sie eine Schuld zu. 
Und sie begniigen sich auch nicht damit, eine Hand- 
lung nach ihren natiirlichen Folgen zu bewerten, son- 
dern sie machen den Anspruch darauf, da? eine 
schuldvolle Handlung auch moralische Folgen, Stra- 
fen nach sich ziehe. Sie nennen sich selbst schuldig, 
wenn sie ihr Handeln mif der siftlichen Weltordnung 
nicht in Ubereinstimmung finden; sie wenden sich 
mit Abscheu von dem Quell des Bésen in sich ab 


Il. Der Ubermensch. 105 
BO0GO000 00000000 08000000 10090000000000000000000000000000000000000 
und nennen dies Gefiihl b6ses Gewissen. Alle 
diese Begriffe lat die starke Persénlichkeit nicht 
gelfen. Sie kiimmert sich nur um die natiirlichen 
Folgen ihrer Handlungen. Sie fragt: wieviel ist meine 
Handlungsweise fiir das Leben wert? Entspricht sie 
dem, was ich gewollt habe? Der Starke kann sich 
grdmen, wenn ihm eine Handlung fehlschlagt, wenn 
das Resultat seinen Absichten nicht entspricht. Aber 
er klagt sich nicht an. Denn er mift seine Handlungs- 
weise nicht an aufernatiirlichen Mafstaében. Er weif, 
da? er so handelt, wie es seinen natiirlichen Trieben 
entspricht, und kann héchstens bedauern, daf diese 
nicht besser sind. Ebenso halt er es mif der Beur- 
feilung fremder Handlungen. Ein moralisches Ab- 
schaéspen der Handlungen kennt er nicht. Er ist Im- 
moralist. 

Was das Herkommen als bése bezeichnet, sieht 
der Immoralist ebenso als Ausflu® menschlicher In- 
stinkte an, wie das Gute. Die Strafe gilt ihm nicht 
als moralisch bedingt, sondern nur als ein Miftel, 
Instinkte gewisser Menschen, die andern schddlich 
sind, auszurotten. Die Gesellschaft straff nach An- 
sicht des Immoralisten nicht deswegen, weil sie ein 
»moralisches Recht* hat, die Schuld zu siihnen, son- 
dern allein, weil sie sich stéarker erweist, als der Ein- 
zelne, welcher der Gesamtheit widerstrebende Instinkte 
hat. Die Macht der Gesellschaft steht gegen die Macht 
des Einzelnen. Dies ist der natiirliche Zusammenhang 
einer ,bésen* Handlung des Einzelnen mii der Recht- 
sprechung der Gesellschaft und der Bestrafung dieses 
Einzelnen. Es ist der Wille zur Macht, d.h. zum 
Ausleben jener Instinkte, die bei der Mehrzahl der 


106 I. Der Ubermensch. 


0000000000000000! 1900000000000000000000000000000000000000000000000 
Menschen vorhanden sind, der sich in der Rechts- 
pflege einer Gesellschaft au®ert. Der Sieg einer Mehr- 
heit iiber einen Einzelnen ist jede Bestrafung. Siegte 
der Einzelne iiber die Gesellschaft, so miifte seine 
Handlungsweise als gut, die der andern als bése 
bezeichnet werden. Das jeweilige Recht driickt nur 
aus, was die Gesellschaft eben als die beste Grund- 
lage ihres Willens zur Macht anerkennt. 


24. 


_ Weil Niepsche in der menschlichen Handlungs- 
weise nur einen Ausflu® der Instinkte sieht, und diese 
lettteren bei verschiedenen Menschen verschieden sind, 
scheint es ihm notwendig, da auch deren Handlungs- 
weisen verschieden sind. Niepsche ist deshalb ein 
entschiedener Gegner des demokratischen Grund- 
sabes: Gleiche Rechte und gleiche Pflichten fiir alle. 
Die Menschen sind ungleich, deshalb miissen auch 
ihre Rechte und Pflichten ungleich sein. Der natiir- 
liche Gang der Weltgeschichte wird stets starke und 
schwache, schaffende und unfruchtbare Menschen 
aufweisen. Und die Starken werden immer dazu be- 
rufen sein, den Schwachen die Ziele zu bestimmen. Ja 
noch mehr: die Starken werden sich der Schwachen 
als Mittel zum Zwecke, d. h. als Sklaven bedienen. 
Nietsche spricht natiirlich nicht von einem ,mora- 
lischen* Recht der Starken zur Haltung von Sklaven. 
»Moralische* Rechte erkennt er nicht an. Sondern er 
ist der Meinung, da? die Uberwindung des Schwa- 
cheren durch den Starkeren, die er fiir das Prinzip 
alles Lebens halt, notwendig zur Sklaverei fiihren muf. 

Es ist auch natiirlich, da® sich der Uberwundene 


Il. Der Ubermensch. 107 


00000000000000000000000000000000: 


[ooo elelelelelcleecclee ele ccc clalee) 


gegen den Uberwinder auflehnt. Wenn diese Auf- 
lehnung sich nicht durch die Tat aufern kann, so 
dufert sie sich wenigstens im Gefiihle. Und der Aus- 
druck dieses Gefiihles ist die Rache, die stets in 
den Herzen derer wohnt, die in irgend einer Weise 
von den besser Veranlagten iiberwunden worden sind. 
Als AusfluR dieser Rache sieht Niebsche die moderne 
sozialdemokratische Bewegung an. Der Sieg dieser 
Bewegung wiirde ihm eine Erhéhung der Mifratenen, 
Ubel-Weggekommenen zu ungunsten der Besseren 
sein. Gerade das Gegenteil strebt Niebsche an: die 
Pflege der starken, selbstherrlichen Persénlichkeit. 
Und er haftt die Sucht, die alles gleich machen und 
die souverdne Individualitat in dem Meere der allge- 
meinen Mittelmdfigkeit verschwinden lassen will. 

Nicht alle sollen dasselbe haben und geniefen, 
meint Niebsche, sondern jeder soll haben und ge- 
nieben, was er nach Mafgabe seiner persoénlichen 
Starke erreichen kann. 


25. 


Was der Mensch wert ist, hangt allein von dem 
Wert seiner Instinkte ab. Durch nichts anderes kann 
der Wert des Menschen bestimmt werden. Man spricht 
von dem Werte der Arbeit. Die Arbeit soll den Men- 
schen adeln. Aber die Arbeit hat an sich gar keinen 
Wert. Nur dadurch, da sie dem Menschen dient, 
erhdlt sie einen Wert. Nur insofern sich die Arbeit 
als natiirliche Folge der menschlichen Neigungen 
darstellt, ist sie des Menschen wiirdig. Wer sich 
zum Diener der Arbeit macht, entwiirdigt sich. Nur 
der Mensch, der nicht sich selbst seinen Wert be- 


108 ll. Der Ubermensch. 


@0000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000 
stimmen kann, sucht diesen Wert an der Grofe seines 
Werkes abzumessen. Es ist charakteristisch fiir das 
demokratische Biirgertum der neueren Zeif, da? es in 
der Wertbemessung des Menschen sich nach dessen 
Arbeit richtet. Sogar Goethe isi von dieser Gesinnung 
nicht frei. La®t er doch seinen Faust die volle Be- 
friedigung in dem Bewuftsein getaner Arbeit finden. 


26. 


Auch die Kunst hat nach Nietsches Meinung 
nur Wert, wenn sie dem Leben des Einzelmenschen 
dient. Auch hier vertritt Niebsche die Ansicht der 
starken Pers6nlichkeit und lehnt alles ab, was die 
schwachen Instinkte iiber die Kunst aussprechen. 
Fast alle deutschen Asthetiker vertreten den Stand- 
punkt der schwachen Instinkte. Die Kunst soll ein 
»Unendliches* im ,,Endlichen*, ein ,Ewiges* im ,,Zeit- 
lichen“, eine ,Idee* in der ,Wirklichkeit* darstellen. 
Fiir Schelling z. B. ist alle sinnliche Schénheit nur 
ein Abglanz jener unendlichen Schoénheit, die wir 
nie mit den Sinnen wahrnehmen k6nnen. Das Kunst- 
werk ist nicht um seiner selbst willen und durch das, 
was es ist, schén, sondern weil es die Idee der 
Sch6nheit abbildet. Das sinnliche Bild ist nur ein Aus- 
drucksmittel, nur die Form fiir einen iibersinn- 
lichen Inhalt. Und Hegel nennt das Schéne ,das 
sinnliche Scheinen der Idee“. Ahnliches kann man 
auch bei den andern deutschen Asthetikern finden. 
Fiir Nietsche ist die Kunst ein lebenférderndes Ele- 
ment, und nur, wenn sie dieses ist, hat sie Berech- 
figung. Wer das Leben, wie er es unmittelbar wahr- 
nimmf, nicht ertragen kann, der formt es sich nach 


Il Der Wbermensch. 109 


00G000000000000000000000000000C0 


seinem Bediirfnisse um, und damit schafft er ein 
Kunstwerk. Und was will der GenieBende vom Kunst- 
werk? Er will Erhohung seiner Lebensfreude, Star- 
kung seiner Lebenskrdfte, Befriedigung von Bediirf- 
nissen, die ihm die Wirklichkeit nicht befriedigt. Aber 
er will, wenn sein Sinn auf das Wirkliche gerichtet 
ist, nicht durch das Kunstwerk den Abglanz des Gdtt- 
lichen, Uberirdischen erblicken. Héren wir, wie Nieb- 
sche den Ejindruck schildert, den Bizets Carmen auf 
ihn gemacht: ,JIch werde ein besserer Mensch, wenn 
mir dieser Bizet zuredet. Auch ein besserer Musikant, 
ein besserer ZuhGrer. Kann man iiberhaupt noch 
besser zuhéren? — Ich vergrabe meine Ohren noch 
unter diese Musik, ich hére deren Ursache. Es 
scheint mir, da® ich ihre Entsiehung erlebe — ich 
zittere vor Gefahren, die irgend ein Wagnis begleiten, 
ich bin entziickt tiber Gliicksfalle, an denen Bizet un- 
schuldig ist. — Und selfsam! im Grunde denke ich 
nicht daran, oder weifh es nicht, wie sehr ich daran 
denke. Denn ganz andere Gedanken laufen mir wah- 
rend dem durch den Kopf... Hat man bemerkt, dak 
die Musik den Geist frei macht? dem Gedanken 
Fliigel gibt? da man um so mehr Philosoph wird, 
je mehr man Musiker wird? — Der graue Himmel 
der Abstraktion wie von Blitzen durchzuckt; das Licht 
stark genug fiir alles Filigran der Dinge; die grofen 
Probleme nahe zum Greifen; die Welt wie von einem 
Berge aus iiberblickt. — Ich definierte eben das philo- 


sophische Pathos. — Und unversehens fallen mir 
Antworten in den Scho, ein kleiner Hagel von 
Eis und Weisheif, von gelésten Problemen ... Wo 


bin ich? — Bizet macht mich fruchtbar. Alles Gute 


110 I. Der Ubermensch. 


00000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000 
macht mich fruchtbar. Ich habe keine andere Dank- 
barkeit, ich habe auch keinen andern Beweis dafiir, 
was gut ist. — (Fall Wagner § 1.) Weil Richard 
Wagners Musik eine solche Wirkung nicht auf ihn 
machte, deshalb lehnte sie Niessche ab: ,,Meine Ein- 
wande gegen die Musik Wagners sind physiologische 
Einwdnde ... Meine Tatsache, mein petit fait vrai 
ist, da® ich nicht mehr leicht atme, wenn diese Musik 
erst auf mich wirkt; da? alsbald mein Fu gegen 
sie b6se wird und revoltiert: er hat das Bediirfnis 
nach Takt, Tanz, Marsch... er verlangt von der 
Musik vorerst die Entziickungen, welche in gufem 
Gehen, Schreiten, Tanzen liegen. Protestiert aber 
nicht auch mein Magen? mein Herz? mein Blutlauf? 
Betriibt sich nicht mein Eingeweide? Werde ich nicht 
unversehens heiser dabei? Und so frage ich mich: 
was will eigentlich mein ganzer Leib von der Musik 
iiberhaupt? ... Ich glaube, seine Erleichterung: 
wie als ob alle animalischen Funktionen durch leichte, 
kiihne, ausgelassene, selbstgewisse Rhythmen be- 
schleunigt werden sollten; wie als ob das eherne, 
bleierne Leben durch goldene, zartliche, 6lgleiche Me- 
lodien seine Schwere verlieren sollte. Meine Schwer- 
mut will in den Verstecken und Abgriinden der Voll- 
kommenheit ausruhen: dazu brauche ich Musik.‘ 
(Niefbsche kontra Wagner. Kap.: Wo ich Einwande 
mache.) — 

Im Anfange seiner schriftstellerischen Laufbahn 
fauschte sich Niefsche iiber das, was seine Instinkte 
von der Kunst verlangen, deshalb war er damals ein 
Anhdnger Wagners. Er hat sich durch das Studium 
der Schopenhauerschen Philosophie zum Idealismus 


I. Der Ubermensch. 111 


9O0G0000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000 
verfiihren lassen. Er glaubte einige Zeit hindurch an 
den Idealismus und tdéuschte sich kiinstliche Bediirf- 
nisse, ideale Bediirfnisse vor. Erst im weiferen Ver- 
laufe seines Lebens merkte er, daf® aller Idealismus 
seinen Trieben gerade entgegengesebt ist. Er wurde 
nun aufrichtiger gegen sich selbst. Er sprach aus, 
wie er selbst empfand. Und das konnte nur zur voll- 
standigen Ablehnung von Wagners Musik fiihren, die 
ja immer mehr den asketischen Charakter annahm, 
den wir bereits als Kennzeichen von Wagners lebtem 
Wirkensziel aufgefiihrt haben. 

Die Asthetiker, die es der Kunst zur Aufgabe 
machen, die Idee zu versinnlichen, das Gdttliche zu 
verk6rpern, vertreten auf diesem Gebiete eine dhnliche 
Ansicht wie die philosophischen Nihilisten auf dem 
Gebiete der Erkenntnis und der Moral. Sie suchen in 
den Kunstobjekten ein Jenseitiges, das sich aber vor 
dem Wirklichkeifssinn in ein Nichts auflést. Es gibt 
auch einen asthetischen Nihilismus. 

Diesem steht die Asthetik der starken Personlich- 
keit gegeniiber, die in der Kunst ein Abbild der Wirk- 
lichkeit, eine h6here Wirklichkeit sieht, die der Mensch 
lieber genieBt als die Alltaglichkeit. 


Oks 


Zwei Menschentypen stellt Niefsche einander 
gegeniiber: den Schwachen und den Starken. Der 
erstere sucht die Erkenntnis als einen objektiven Tat- 
bestand, der von der Aufenwelt in seinen Geist ein- 
flieBen soll. Er lat sich sein Gutes und Béses von 
einem ,ewigen Weltwillen* oder einem ,,kategorischen 
Imperativ“ diktieren. Er bezeichnet jede nicht von diesem 


112 ll. Der Ubermensch. 


Weltwillen, sondern nur von dem schépferischen Eigen- 
willen bestimmte Handlung als Siinde, die eine mo- 
ralische Strafe nach sich ziehen mu. Er méchte fiir 
alle Menschen gleiche Rechte dekretieren und den Wert 
des Menschen nach einem duferen Mafstabe bestim- 
men. Er mochte endlich in der Kunst ein Abbild des 
Gottlichen, eine Kunde aus dem Jenseits erblicken. 
Der Starke dagegen sieht alle Erkenntnis als den Aus- 
druck des Willens zur Macht an. Er sucht durch die 
Erkenntnis die Dinge denkbar und sich dadurch unter- 
fan zu machen. Er weil, da® er selbst der Schépfer 
der Wahrheit ist; da® niemand als er selbst sein Gutes 
und sein Béses schaffen kann. Er betrachtet die Hand- 
lungen des Menschen als Folgen natiirlicher Triebe 
und laft sie gelten als Naturereignisse, die niemals 
als Siinden zu betrachten sind und nicht eine moralische 
Verurteilung verdienen. Er sucht den Wert des Men- 
schen in der Tiichtigkeit seiner Instinkte. Einen Men- 
schen mit den Instinkten fiir Gesundheit, Geist, Schén- 
heit, Ausdauer, Vornehmheit schatt er héher als einen 
solchen mit den Instinkten fiir Schwdche, Haflichkeit, 
Sklaverei. Er beurteilt ein Kunstwerk nach dem Grade, 
in dem es zur Steigerung seiner Krdafte beitragt. 
Diesen lesteren Menschentypus versteht Niebsche 
unter seinem Ubermenschen. Solche Ubermenschen 
konnten bisher nur durch das Zusammentreffen zu- 
fdlliger Umstdande entstehen. Ihre Entwickelung zum 
bewuftten Ziele der Menschheit zu machen, ist die 
Absicht, die Zarathustra hat. Man sah bisher das Ziel 
der menschlichen Entwickelung in irgendwelchen Idea- 
len. Hier halt Niefsche eine Anderung der Anschau- 
ungen fiir nétig. Der ,hGherwertigere Typus ist oft ge- 


ll. Der Ubermensch. 113 


0000000000000000000000000000000000000000000000' 0000 BOOCEC0O 
nug schon dagewesen: aber als ein Gliicksfall, als 
eine Ausnahme, niemals als gewollt. Vielmehr ist 
er gerade am besten gefiirchtet worden, er war bisher 
beinahe das Furchtbare; — und aus der Furcht heraus 
wurde der umgekehrte Typus gewollt, geziichtet, er- 
reicht: das Haustier, das Herdentier, das kranke Tier 
Mensch, — der Christ ...* (Antichrist § 3.) 

Zarathustras Weisheit soll diesen Ubermenschen, 
zu dem jener andere Typus nur ein Ubergang ist, 
lehren. 

Nietsche nennt diese Weisheit eine dionysische. 
Es ist eine Weisheit, die nicht dem Menschen von 
aufen gegeben wird; es ist eine selbstgeschaffene 
Weisheit. Der dionysische Weise forscht nicht; er 
schafft. Er steht nicht als Betrachter aufer der Welt, 
die er erkennen will; er ist Eins geworden mit seiner 
Erkenntnis. Er sucht nicht nach einem Gotte; was er 
sich noch als géttlich vorstellen kann, ist nur Er selbst 
als Schépfer seiner eigenen Welt. Wenn dieser Zu- 
stand auf alle Krafte des menschlichen Organismus 
sich erstreckt, so gibt das den dionysischen Men- 
schen, dem es unmOglich ist, irgendeine Suggestion 
nicht zu verstehen; er iibersieht kein Zeichen des 
Affekts, er hat den héchsten Grad des verstehenden 
und erratenden Instinktes, wie er den héchsten Grad 
von Mitteilungskunst besitt. Er geht in jede Haut, in 
jeden Affekt ein: er verwandelt sich bestandig. Dem 
dionysischen Weisen steht der bloRe Betrachter gegen- 
iiber, der sich immer auferhalb seiner Erkenntnis- 
objekte stehend glaubi, als objektiver, leidender Zu- 
schauer. Dem dionysischen Menschen steht der apol- 


linische gegeniiber, der ,vor allem das Auge erregt 
Steiner, Friedrich Niessche. 8 


114 i. Der Ubermensch. 


halt, so da® es die Kraft der Vision bekommt*. Visio- 
nen, Bilder von Dingen, die jenseits der Menschen- 
wirklichkeit stehen, erstrebt der apollinische Geist, nicht 
eine durch ihn selbst geschaffene Weisheit. 


28. 


Die apollinische Weisheit hat den Charakter des 
Ernstes. Sie empfindet die Herrschaft des Jenseits, 
das sie nur im Bilde besitt, als einen schweren Druck, 
als eine ihr widersfrebende Macht. Ernst ist die apol- 
linische Weisheit, denn sie glaubt sich.im Besife einer 
Kunde aus dem Jenseits, wenn diese auch nur durch 
Bilder, Visionen vermittelt sein soll. Schwer beladen 
mit seiner Erkenntnis wandelt der apollinische Geist 
einher, denn er tragt eine Biirde, die aus einer andern 
Welt stammf. Und den Ausdruck der Wiirde nimmi 
er an, denn vor den Kundgebungen des Unendlichen 
mu jedes Lachen verstummen. 

Dieses Lachen aber charakterisiert den dionysischen 
Geist. Er wei, da alles, was er Weisheit nennt, nur 
seine Weisheit ist, von ihm erfunden, um sich das 
Leben leicht zu machen. Nur dieses Eine soll ja seine 
Weisheit sein: ein Mittel, das ihm erlaubt, zum Leben 
Ja zu sagen. Dem dionysischen Menschen ist der 
Geist der Schwere zuwider, weil er das Leben nicht 
erleichtert, sondern niederdriickt. Die selbstgeschaffene 
Weisheit ist eine heitere Weisheit, denn wer sich selbst 
seine Biirde schafft, der schafft sich nur eine solche, 
die er auch leicht tragen kann. Mit der selbstgeschaffe- 
nen Weisheit bewegt sich der dionysische Geist leicht 
durch die Welt wie ein Tanzer. 

»Dak ich aber der Weisheit gut bin und oft zu 


ll. Der Ubermensch. 115 


0009000000000000 00C0000e: IOOC00000 80000200 00000000 00000000 
gut: das macht, sie erinnert mich gar sehr an das 
Leben! 

Sie hat ihr Auge, ihr Lachen und sogar ihr goldnes 
Angelriitchen: was kann ich dafiir, daB die beiden 
sich so dhnlich sehen?“ 

yin dein Auge schaute ich jiingst, o Leben: Gold 
sah ich in deinem Nachtauge blinken, — mein Herz 
stand still vor dieser Wollust: 

— einen goldenen Kahn sah ich blinken auf nach- 
tigen Gewdssern, einen sinkenden, trinkenden, wieder 
winkenden goldenen Schaukelkahn! 

Nach meinem Fue, dem tanzwiitigen, warfst du 
einen Blick, einen lachenden, fragenden, schmel- 
zenden Schaukelblick : 

zweimal nur regtest du deine Klapper mit kleinen 
Handen — da schaukelte mein Fu vor Tanzwut. — 

Meine Fersen bdumten sich, meine Zehen horch- 
ten, dich zu verstehen: doch traégt der Tanzer sein 
Ohr — in seinen Zehen!“ 

(Zarathustra 2. u. 5. Teil. Die Tanzlieder.) 


29. 


Weil der dionysische Geist aus sich selbst alle An- 
triebe seines Tuns entnimmt und keiner duReren Macht 
gehorchti, ist er ein freier Geist. Denn ein freier Geist 
ist derjenige, der nur seiner Natur folgt. Nun ist aller- 
dings in Niesbsches Werken nur die Rede von In- 
stinkten als den Antrieben des freien Geistes. Ich 
glaube, daf jhier Niebsche mit einem Namen eine 
Reihe von Antrieben zusammengefaft hat, die eine 
mehr ins Ejinzelne gehende Betrachtung erfordern. 
Niepsche nennt Instinkte sowohl die bei den Tieren 


116 Il. Der Ubermensch. 


'Q0000009000000000000000000000000000000000000000000000000000000006000000900000000 
vorhandenen Triebe zur Ernahrung und Selbsterhal- 
tung, wie auch die héchsten Antriebe der mensch- 
lichen Natur, z. B. den Erkenntnistrieb, den Trieb, 
nach siftlichen Mafstaben zu handeln, den Trieb, sich 
an Kunstwerken zu ergésen usw. Nun sind zwar alle 
diese Triebe Au®erungsformen einer und derselben 
Grundkraft. Aber sie stellen doch verschiedene Stufen 
in der Entwickelung dieser Kraft dar. Die moralischen 
Antriebe z. B. sind eine besondere Stufe der Insfinkte. 
Wenn auch zugegeben werden kann, da? sie nur hohere 
Formen sinnlicher Instinkte sind, se treten sie doch 
im Menschen auf eine besondere Art ins Dasein. Dies 
zeigt sich darin, da® es dem Menschen méglich ist, 
Handlungen zu vollfiihren, die nicht unmiftelbar auf 
sinnliche Instinkte zuriickzufiihren sind, Sondern nur 
auf jene Antriebe, die eben als héhere Formen des 
Instinktes zu bezeichnen sind. Der Mensch schafft 
sich Antriebe seines Handelns, die nicht aus seinen 
sinnlichen Trieben abzuleiten sind, sondern nur aus 
dem bewuften Denken. Er setzt sich individuelle Zwecke 
vor, aber er setzt sich diese mit Bewufbtsein vor. 
Und es ist ein grofer Unterschied, ob er einem un- 
bewuft entstandenen und erst hinterher in das Be- 
wuftsein aufgenommenen Instinkte oder einem Ge- 
danken folgt, den er von vornherein mit vollem Be- 
wuftsein produziert hal. Wenn ich esse, weil mein 
Nahrungstrieb mich drdngt, so ist dies etwas wesent- 
lich anderes, als wenn ich eine mathematische Auf- 
gabe lése. Die denkende Erfassung der Welterschei- 
nungen stellt eine besondere Form des allgemeinen 
Wahrnehmungsvermégens dar. Sie unterscheidet sich 
von der blofen sinnlichen Wahrnehmung. Dem Men- 


ll. Der Ubermensch. biz 


€00000002000002000000000000000000000000000000000000000000 
schen sind nun die héheren Entwickelungsformen des 
Instinktlebens ebenso natiirlich wie die niederen. Stehen 
beide nicht im Ejinklange, dann ist er zur Unfreiheit 
verurteilt. Es kann der Fall eintreten, da eine schwache 
Pers6nlichkeit mit vollkommen gesunden sinnlichen 
instinkten nur schwache geistige Instinkte hat. Dann 
wird sie zwar in bezug auf ihr Sinnenleben ihre eigene 
Individualitat entfalten, aber die gedanklichen Antriebe 
ihres Handelns wird sie aus dem Herkommen ent- 
lehnen. Es kann eine Disharmonie beider Triebwelten 
entstehen. Die sinnlichen Triebe drangen zum Aus- 
leben der eigenen Personlichkeit, die geistigen An- 
triebe stehen in dem Banne einer duferen Autoritdt. 
Das Geistesleben einer solchen Persénlichkeit wird 
von den sinnlichen, das sinnliche Leben von den 
geistigen Instinkfen tyrannisiert. Denn beide Gewalten 
gehoren nicht zusammen, sind nicht aus einer Wesen- 
heit erwachsen. Zur wirklich freien Persénlichkeit ge- 
hért also nicht nur ein gesund entwickeltes indivi- 
duelles sinnliches Triebleben, sondern auch die Fahig- 
keit, sich die gedanklichen Antriebe fiir das Leben zu 
schaffen. Erst derjenige Mensch ist vollkommen frei, 
der auch Gedanken produzieren kann, die zum Han- 
deln fiihren. Ich habe das Vermégen, rein gedank- 
liche Triebfedern des Handelns zu schaffen, in meiner 
Schrift ,,Die Philosophie der Freiheit* (Weimar, Emil 
Felber 1894) die ,moralische Phantasie* genannt. Nur 
wer diese moralische Phantasie hat, ist wirklich 
frei, denn der Mensch muf nach bewuften Trieb- 
federn handeln. Und wenn er solche nicht selbst pro- 
duzieren kann, dann muf er sich dieselben von duferen 
Autoritaten oder von dem in Form der Gewissens-. 


418 i. Der Ubermensch. 


stimme in ihm sprechenden Herkommen geben lassen. 
Ein Mensch, der sich blo? seinen sinnlichen Instinkten 
iiberlaft, handelt wie ein Tier; ein Mensch, der seine 
sinnlichen Instinkte unter fremde Gedanken stellt, han- 
delt unfrei; erst der Mensch, der sich selbst seine 
moralischen Ziele schafft, handelt frei. Die mora- 
lische Phantasie fehlt in Niefsches Ausfiihrungen. Wer 
dessen Gedanken zu Ende denkt, muf notwendig auf 
diesen Begriff kommen. Aber andererseits ist es auch 
eine unbedingte Notwendigkeit, da? dieser Begriff der 
Niesscheschen Weltanschauung eingefiigt wird. Sonst 
kénnte gegen dieselbe immerfort eingewendet werden: 
Zwar ist der dionysische Mensch kein Knecht des 
Herkommens oder des ,jenseitigen Willens*, aber er 
ist ein Knecht seiner eigenen Insfinkfe. 
Niefsche hat seinen Blick auf das Urspriingliche, 
Eigenpersonliche im Menschen gerichtet. Er suchte 
dieses Eigenpersonliche herauszulésen aus dem Mantel 
des Unpersonlichen, in den es eine wirklichkeitsfeind- 
liche Weltanschauung eingehiillt hat. Aber er ist nicht 
dazu gekommen, die Stufen des Lebens innerhalb der 
Personlichkeit selbst zu unterscheiden. Er hat des- 
halb die Bedeutung des Bewuftseins fiir die mensch- 
liche PersGnlichkeit unterschapt. ,Die Bewubtheit ist 
die lebte und sp&teste Entwickelung des Organischen 
und folglich auch das Unfertigste und Unkrdftigste 
daran. Aus der Bewuftheit stammen unzéhlige Fehl- 
griffe, welche machen, daf® ein Tier, ein Mensch zu- 
grunde geht, friiher als es nétig ware, ,tiber das Ge- 
schick*, wie Homer sagt. Wa4re nicht der erhaltende 
Verband der Instinkte so iiberaus viel machtiger, diente 
er nicht im ganzen als Regulator: an ihrem verkehrten 


i. Der Ubermensch. 119 


Urteilen und Phantasieren mit offenen Augen, an ihrer 
Ungriindlichkeit und Leichtglaubigkeit, kurz eben -an 
ihrer Bewuftheit miifte die Menschheit zugrunde 
gehen,* sagt Nietsche. (Fréhliche Wissenschaft § 11.) 

Dies ist zwar durchaus zuzugeben; aber nicht minder 
wahr ist es, da? der Mensch nur insoweit frei ist, 
als er sich gedankliche Triebfedern seines Handelns 
innerhalb des Bewuftseins schaffen kann. 

Die Betrachtung der gedanklichen Triebfedern fiihrt 
aber noch weiter. Es ist eine Tatsache der Erfahrung, 
da diese gedanklichen Triebfedern, die die Menschen 
aus sich heraus produzieren, bei den einzelnen Indivi- 
duen doch bis zu einem gewissen Grade eine Uber- 
einstimmung zeigen. Auch wenn der einzelne Mensch 
ganz frei aus sich heraus Gedanken schafft, so stim- 
men diese in gewisser Weise mit den Gedanken anderer 
Menschen iiberein. Daraus folgt fiir den Freien die 
Berechtigung, anzunehmen, da® die Harmonie in der 
menschlichen Gesellschaft von selbst eintritt, wenn sie 
aus souverdnen Individuen besteht. Er kann diese 
Meinung dem Verfeidiger der Unfreiheit gegeniiber- 
Stellen, der glaubt, daf@ die Handlungen einer Mehr- 
heit von Menschen nur zusammenstimmen, wenn sie 
durch eine dufere Gewalt nach einem gemeinsamen 
Ziele hingelenkt werden. Der freie Geist ist deshalb 
durchaus kein Anhdnger jener Ansicht, welche die 
tierischen Triebe absolut frei walfen lassen und alle 
geseblichen Ordnungen deshalb abschaffen will. Aber 
er verlangt absolute Freiheit fiir diejenigen, die nicht 
blof# ihren tierischen Instinkten folgen wollen, sondern 
die imstande sind, moralische Triebfedern, ihr eigenes 
Gutes und Béses, zu schaffen. 


120 I. Der Ubermensch. 


Nur wer Nietsche nicht so weit durchdrungen hat, 
da® er die lebten Konsequenzen von dessen Welt- 
anschauung zu ziehen vermag, tropdem sie Niefsche 
nicht selbst gezogen hat, kann in ihm einen Menschen 
sehen, der ,mif einer gewissen stilistischen Wollust 
zu enthiillen den Mut gefunden hat, was bisher etwa 
im geheimsten Seelengrunde grandioser Verbrecher- 
typen ... verborgen gelauert haben mag‘. (Ludwig 
Stein, Friedrich Niessches Welfanschauung und ihre 
Gefahren S. 5.) Noch immer ist die Durchschnifts- 
bildung eines deutschen Professors nicht so weit, das 
Grofe einer Persénlichkeit von deren kleinen Irrtiimern 
abzutrennen. Sonst kénnfe man es nicht erleben, da® 
die Kritik eines. solchen Professors gerade gegen diese 
kleinen Irrtiimer sich richtet. Ich denke, wahrhafte Bil- 
dung nimmt das Grofe einer Persénlichkeit auf und 
verbessert kleine Irrtiimer oder denkt halbfertige Ge- 
danken zu Ende. 


Ill. Niebsches Entwicklungsgang. 
30. 


ee habe Niessches Ansichten vom Ubermenschen so 
dargestellf, wie sie uns in seinen letzten Schriften: 
Zarathustra (1885—1884), Jenseits von Gut und 
Bose (1886), Genealogie der Moral (1887), Der 
Fail Wagner (1888), G6tzendammerung (1889) 
entgegentreten. In dem unvollendet gebliebenen Werke: 
»Der Wille zur Macht‘, Versuch einer Umwertung 
aller Werte, dessen erster Teil ,Antichrist* im 8. Bande 
der Gesamtausgabe erschienen ist, hatten sie wohl 
ihren philosophisch prdgnantesten Ausdruck gefunden. 
Aus der Disposition, die im Anhange zu dem er- 
wadhnten Band abgedruckt ist, ist das deutlich zu er- 
kennen. Sie heift: 1. Der Antichrist. Versuch einer 
Kritik des Christentums. 2. Der freie Geist. Kritik 
der Philosophie als einer nihilistischen Bewegung. 
3. Der Immoralist. Kritik der verhangnisvollsten 
Ari von Unwissenheit, der Moral. 4. Dionysos. 
Philosophie der ewigen Wiederkunft. 

Niepsche hat seine Gedanken nicht sogleich im 
Beginne seiner schriftstellerischen Laufbahn in der 
ihnen ureigensten Form zum Ausdruck gebracht. Er 
stand anfangs unter dem Einflusse des deutschen 
Idealismus, namentlich in der Form, in der ihn Scho- 
penhauer und Richard Wagner vertreten haben. 
In Schopenhauerschen und Wagnerschen Formeln 


129 lll. Nietzsches Entwicklungsgang. 


0000000 


driickt er sich in seinen ersten Schriften aus. Wer 
aber durch dieses Formelwesen hindurch auf den Kern 
der Niebscheschen Gedanken zu blicken vermag, der 
findet in diesen Schriften dieselben Absichten und Ziele, 
die in den spateren Werken zum Ausdruck kommen. 

Man kann von Niebsches Entwickelung nicht spre- 
chen, ohne an den freiesten Denker erinnert zu werden, 
den die neuzeitliche Menschheit hervorgebracht haf, 
an Max Stirner. Es ist eine traurige Wahrheit, dai 
dieser Denker, der im vollsten Sinne dem entspricht, 
was Niefsche von dem Ubermenschen fordert, nur 
von wenigen erkannt und gewiirdigt worden ist. Er 
hat bereits in den vierziger Jahren dieses Jahrhunderts 
Niefsches Weltanschauung ausgesprochen. Allerdings 
nicht in solch gesattigten Herzenst6énen wie Niessche, 
aber dafiir in kristallkklaren Gedanken, neben denen 
sich Niefsches Aphorismen allerdings oft wie ein 
blofes Stammeln ausnehmen. 

Welchen Weg hatte Niessche genommen, wenn 
nicht Schopenhauer, sondern Max Stirner sein Er- 
zieher geworden ware! In Nietssches Schriften ist 
keinerlei Einflu@ Stirners zu bemerken. Aus eigener 
Kraft mute sich Niebsche aus dem deutschen Idea- 
lismus heraus zu einer der Stirnerschen gleichen Welt- 
auffassung durchringen. 

Stirner ist wie Niepsche der Ansicht, das die Trieb- 
krdfte des menschlichen Lebens nur in der einzelnen, 
wirklichen Pers6nlichkeit gesucht werden kénnen. 
Er lehnt alle Gewalten ab, die die Einzelpersénlich- 
keit von auen formen, bestimmen wollen. Er verfolgt 
den Gang der Weltgeschichte und findet den Grund- 
irrftum der bisherigen Menschheit darin, da® sie nicht 


) 


lll. Nietzsches Entwicklungsgang. 123 


OCOOCOO0 00000000: iOQ00000000000000: 
die Pflege und Kultur der individuellen Persénlichkeit, 
sondern andere, unpers6nliche Ziele und Zwecke sich 
vorsebte. Er sieht die wahre Befreiung des Menschen 
darin, da® dieser allen solchen Zielen keine héhere 
Realitét zugesteht, sondern sich dieser Ziele als Mittel 
zu seiner Selbstpflege bedient. Der freie Mensch be- 
stimmt sich seine Zwecke; er besibt seine Ideale; er 
laBt sich nicht von ihnen besiben. Der Mensch, der 
nichi als freie Personlichkeit iiber seinen Idealen waltet, 
steht unter dem Einflusse derselben, wie der Irrsinnige, 
der an fixen Ideen leidet. Es ist fiir Stirner einerlei, 
ob sich der Mensch einbildet, der ,K6nig von China‘, 
oder ob ,ein behaglicher Biirger sich einbildet, es sei 
seine Bestimmung, ein guter Christ, ein glaubiger Prote- 
stanf, ein loyaler Biirger, ein tugendhafter Mensch usw. 
zu sein — das ist beides ein und dieselbe ,fixe Idee‘. 
Wer es nie versucht und gewagt hat, kein guter Christ, 
kein glaubiger Protestant, kein tugendhafter Mensch usw. 
zu sein, der ist in der Glaubigkeit, Tugendhaftigkeit usw. 
gefangen und befangen.* 

Man braucht nur einige Safe aus Stirners Buch: 
»Der Einzige und sein Eigentum* zu lesen, um zu 
sehen, wie verwandt seine Anschauung der Niefsche- 
schen ist. Ich fiihre einige Stellen aus diesem Buche an, 
die besonders bezeichnend fiir Stirners Denkweise sind. 

»Vorchristliche und christliche Zeit verfolgen ein ent- 
gegengesettes Ziel; jene will das Reale idealisieren, 
diese das Ideale realisieren, jene sucht den ,heiligen 
Geist*, diese den ,verklarten Leib‘. Daher schlieft 
jene mit der Unempfindlichkeit gegen das Reale, mit 
der ,,Weltverachtung*; diese wird mit der Abwerfung 
des Idealen, mit der ,Geistesverachtung* enden. 


194 lll. Nietzsches Entwicklungsgang. 


0Q0G0000000000000000000000000000000900000000006 00000000000000000000000000000000 

Wie der Zug der Heiligung oder Reinigung durch 
die alte Welt geht (die Waschungen usw.), so geht 
der der Verleiblichung durch die christliche: der Gott 
stiirzt sich in diese Welt, wird Fleisch und will sie 
erlésen, d. h. mif sich erfiillen; da er aber ,die Idee“ 
oder ,der Geist“ isf, so fiihrt man (z. B. Hegel) am 
Schlusse die Idee in alles, in die Welt, ein und be- 
weist, ,da die Idee, da® Vernunft in allem sei*. Dem, 
was die heidnischen Stoiker als ,den Weisen* auf- 
stellien, entspricht in der heutigen Bildung ,,der Mensch‘*, 
jener wie dieser ein fleischloses Wesen. Der un- 
wirkliche ,Weise*, dieser leiblose ,Heilige* der 
Stoiker, wurde eine wirkliche Person, ein leiblicher 
»leiliger* in dem fleischgewordenen Gotte; der 
unwirkliche ,Mensch*, das leiblose Ich, wird wirklich 
werden im leibhaftigen Ich, in Mir. 

Daf der Einzelne fiir sich eine Weltgeschichte ist 
und an der iibrigen Weltgeschichte sein Eigentum be- 
sibt, das geht tiber das Christliche hinaus. Dem Christen 
ist die Weltgeschichte das Héhere, weil sie die Ge- 
schichte Christi oder ,des Menschen‘ ist; dem Ego- 
isten hat nur seine Geschichte Wert, weilernur sich ent- 
wickeln will, nicht die Menschheitsidee, nicht den Plan 
Gottes, nicht die Absichten der Vorsehung, nicht die Frei- 
heif u. dgl. Er sieht sich nicht fiir ein Werkzeug der Idee 
oder ein Gefa Gottes an, er erkennt keinen Beruf an, 
erwahnt nicht, zur Fortentwickelung der Menschheit da- 
zusein, und sein Scherflein dazu beifragen zu miissen, 
sondern er lebf sich aus, unbesorgt darum, wie gut 
oder wie schlecht die Menschheit dabei fahre. Liefe 
es. nicht das Mifverstdandnis zu, als sollte ein Natur- 
zustand gepriesen werden, so kénnte man an Lenaus 


Ill. Nietzsches Entwicklungsgang. 125 


* GOOSOCOS 00000000000000000000000000000000: 


»Drei Zigeuner“ erinnern. — Was, bin Ich dazu in 
der Welt, um Ideen zu realisieren? Um etwa zur Ver- 
wirklichung der Idee ,Staat* durch mein Biirgertum 
das Meinige zu tun oder durch die Ehe, als Ehegatte 
und Vater, die Idee der Familie zu einem Dasein zu 
bringen? Was ficht mich ein solcher Beruf an! Ich 
lebe so wenig nach einem Berufe, als die Blume nach 
einem Berufe wachst und duftet. 

Das Ideal ,der Mensch* ist realisiert, wenn die 
christliche Anschauung umschldgt in den Sat: ,JIch, 
dieser Einzige, bin der Mensch.“ Die Begriffsfrage: 
»was ist der Mensch?“ — hat sich dann in die per- 
sonliche umgeseft: ,wer ist der Mensch?* Bei ,was“ 
suchte man den Begriff, um ihn zu realisieren; bei 
»wer* ist’s iiberhaupt keine Frage mehr, sondern die 
Antwort im Fragenden gleich persénlich vorhanden: 
die Frage beantwortet sich von selbst. 

Man sagt von Gott: ,Namen nennen Dich nicht‘. 
Das gilt von Mir: kein Begriff driickt Mich aus, 
nichts, was man als mein Wesen angibt, erschépft 
mich; es sind nur Namen. Gleichfalls sagt man von 
Gott, er sei vollkommen und habe keinen Beruf, nach 
Vollkommenheit zu streben. Auch das gilt allein 
von Mir. 

Eigner bin Ich meiner Gewalt, und Ich bin es 
dann, wenn Ich Mich als Einzigen weifs tm Ein- 
zigen kehrt selbst der Eigner in sein schépferisches 
Nichts zuriick, aus welchem er geboren wird. Jedes 
hohere Wesen iiber Mir, sei es Gott, sei es der Mensch, 
schwdcht das Gefiihl meiner Einzigkeit und erbleicht 
erst vor der Sonne dieses Bewuftseins: Stell’ Ich auf 
Mich, den Einzigen, meine Sache, dann steht sie auf 


126 lll. Nietzsches Entwicklungsgang. 


dem verganglichen, dem sterblichen Schépfer seiner, 
der sich selbst verzehrt, und Ich darf sagen: 

wich hab’ mein’ Sach’ auf nichts gestellt.“ 

Dieser auf sich selbst gestellfe, nur aus sich heraus 
schaffende Eigner ist Niepsches Ubermensch. 


31. 


Diese Stirnerschen Gedanken wadren das geeignete 
Gefaé® gewesen, in das Niepsche sein reiches Emp- 
findungsleben hatte giefen kénnen. Statt dessen suchte 
er in Schopenhauers Begriffswelt die~Leiter, auf der 
er zu seiner Gedankenwelt hinaufkletterte. 

Aus zwei Wurzeln stammt, nach Schopenhauers 
Meinung, unsere gesamte Welterkenntnis. Aus dem 
Vorstellungsleben und aus der Wahrnehmung des 
Willens, der in uns selbst als Handelnder auftrift. Das 
»Ding an sich* liegt jenseits der Welt unserer Vor- 
stellung. Denn die Vorstellung ist nur die Wirkung, 
die das ,Ding an sich“ auf mein Erkenntnisorgan 
ausiibft. Nur die Eindriicke kenne ich, die die Dinge 
auf mich machen, nicht die Dinge selbst. Und diese 
Eindriicke sind eben meine Vorstellungen. Ich kenne 
keine Sonne und keine Erde, sondern nur ein Auge, 
das eine Sonne sieht, und eine Hand, die eine Erde 
fiihlt. Der Mensch weif nur: ,da die Welt, welche 
ihn umgibf, nur als Vorstellung da ist, d. h. durchweg 
nur in Beziehung auf ein anderes, das Vorstellende, 
welches er selbst ist*. (Schopenhauer, Welt als Wille 
und Vorstellung § 1.) Aber der Mensch stellt die Welt 
nicht blo® vor, sondern er wirkt auch in ihr; er wird 
sich seines Willens bewuft, und er erfahrt, da® das- 
jenige, welches er in sich als Wille empfindet, von 


Ill. Nietzsches Entwicklungsgang. 127 
000000000000000000000000000000000: 


aufen als Bewegung seines Leibes wahrgenommen 
werden kann, d. h. der Mensch nimmt sein eigenes 
Wirken doppelt wahr, von innen als Vorstellung, 
von auken als Wille. Schopenhauer schlieft daraus, 
da es der Wille selbst ist, der in der wahrgenom- 
menen Leibesakfion als Vorstellung erscheint. Und er 
behauptet dann weiter, da® nicht nur der Vorstellung 
des eigenen Leibes und seiner Bewegungen ein Wille 
zugrunde liege, sondern da dies auch bei allen 
iibrigen Vorstellungen der Fall sei. Die ganze Welt 
ist also, nach Schopenhauers Ansicht, dem Wesen 
nach Wille und erscheint unse
…[truncated]