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RUDOLF STEINER
Friedrich Nietzsche
Ein Kampfer gegen
seine Zeit
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RUDOLF STEINER
Friedrich NiefBsche
Ein Kampfer gegen
seine Zeit
Zweite, durch Aufnahme
mehrerer Aufsdtze erweiterte Auflage
2. bis 6. Tausend
1972.10
Philosophisch-Anthroposophischer Verlag
am Goetheanum, Dornach (Schweiz)
Alle Rechte vorbehalten / Copyright 1926 by Philosophisch-
Anthroposophischer Verlag am Goetheanum, Dornach (Schweiz)
Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart
Inhalt.
Ejnieitung zur Neuausgabe 1926......... 1
Friedrich Niefsche im ,Lebensgang* Rudolf
SICMNEISM st ee ee On te 13
Friedrich Niefsche, ein Kampfer gegen seine Zeit
Vorrede zur ersten Auflage 1895. ..... 55
PybDer Charakter” sat. eet. 2h nee 37
Homer Ubermienach eu) ako 4ibhs.. cok 61
lll. Niefsches Entwicklungsgang ..... 121
Die Philosophie Friedrich Niefsches als psycho-
pathologisches Problem ............: 153
Friedrich Niefsches Persdnlichkeit und die
Psy cho-Paitholooie: cusses xi) ris ace hoes 183
Die Persénlichkeit Friedrich Niefsches. Ge-
dachinisredes. crane. ee ees 203
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in 2024
https://archive.org/details/friedrichnietzsc0000rudo
Einleitung zur Neuausgabe 1926.
Tae jener Aufgaben, die Rudolf Steiner sich vor-
gesetst hatfe und die leider vor seinem Hinscheiden
im leften Jahre nicht mehr zur Ausfiihrung kommen
konnte, war die Neuherausgabe seiner vor mehr als
dreiBig Jahren erschienenen Schrift: ,Niessche, ein
Kampfer gegen seine Zeit“. Im Jahre 1921 hatte ich
Gelegenheit, mit ihm iiber den Plan der Neuheraus-
gabe zu sprechen. Er duferte die Absicht, diese Schrift
mit seinen Aufsapen iiber die psycho-pathologische
Seite der Philosophie Friedrich Niepsches sowie mit
einer Geddchtnisrede zu Niebsches Tod aus dem
Jahre 1900 zu vereinigen und dem Ganzen eine Vor-
rede voranzusenden. Diese sollte die beiden so ver-
schiedenartigen Behandlungsweisen, wie sie in dem
Buche von 1895 und in den Aufsdpen von 1900 zum
Ausdruck kommen, in ihrem wechselseitig bedingten,
sich ergdénzenden Zusammenhang darstellen.
Das Zweite, worauf Rudolf Steiner groen Wert
legte, war seine Stellung zu der Niepscheschen Lehre
von der ,Wiederkunft des Gleichen*. Er hatte im
Jahre 1896 die Entdeckung gemacht, da Niebsche
diese Lehre nach der Lektiire von Eugen Diihrings
Buch ,Kursus der Philosophie als streng wissen-
schaftlicher Weltanschauung und Lebensgestaltung“,
als eine Art Gegenidee gegen die moderne Nafur-
Steiner, Friedrich Nietsche. 1
9 Einleitung zur Neuausgabe 1926.
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wissenschaft ausgebildet hat. Im Jahrgang 1900. des
damals von ihm herausgegebenen ,,Magazin fiir Lite-
ratur* hat Rudolf Steiner diese Gedanken zuerst aus-
gesprochen. Es lag ihm daran, auch diese fiir das
Versténdnis von Niebsches Wesen grundlegende Er-
kenntnis iiber die ,ewige Wiederkunft* in der Neu-
ausgabe zur Darstellung zu bringen. Schon die leften
Worte seines Niefschebuches (vgl. unten S. 151) weisen
auf diese Notwendigkeif hin.
Nun hat Rudolf Steiner ein Kapitel in seinem Buche
»Mein Lebensgang')*“ der Schilderung seiner geistigen
Beziehungen zu Nietsche gewidmet. Darin hat er seine
Gedanken iiber die ,Wiederkunft des Gleichen‘, los-
gelést aus dem damals im ,Magazin fiir Literatur“
gegebenen Zusammenhange, wiedergegeben und ihre
Bedeutung in lichtvoller Weise erlautert. Er zeigt da,
da viele der Ideen Nietsches als solche ,Gegen-
ideen* gebildet worden sind, ja, da® darin geradezu
der Schliissel fiir die Art zu finden ist, wie Nietssche
als ,Kampfer gegen seine Zeif* an dieser Zeit leiden
mufte.
Darum erscheint es berechtigt, diese Neuausgabe
durch jene lebten und zusammenfassenden Gedanken
Rudolf Steiners iiber Nietsche einzuleiten. Dann sollen
das Buch vom Jahre 1895 und die genannten Auf-
safe im Sinne jener Unterredung folgen. Durch die
giitige Erlaubnis von Frau Marie Steiner, in deren
Hdnden die Verwaltung des Nachlasses Rudolf Stei-
ners liegt, bin ich in der Lage, hier diese Erlauterung
zum Zustandekommen der Anordnung fiir die Neu-
) Rudolf Steiner. Mein Lebensgang. Philosoph. Anthroposoph.
Verlag 1925, Dornach, Goetheanum, Schweiz.
Einleitung zur Neuausgabe 1926. 3
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ausgabe geben zu kénnen und noch einige Ausfiih-
rungen iiber das gegenseilige Verhdltnis des Niessche-
buches und der spdater veréffentlichten Aufsape hinzu-
zufiigen.
Rudolf Steiner hat in Niefsche stets jene bedeu-
tende Persoénlichkeit gesehen, die am meisten gelitten
hat unter dem Ernst der Erkenntnisprobleme des mo-
dernen Menschen. Er selbst hat mit ihnen gerungen,
und an diesem Ringen ist ihm die Kraft erstarkt fiir
die Schépfung seiner Geisteswissenschaft. ,Ich emp-
fand es als theoretische Ehrensache, ihm iiberallhin
zu folgen. Manchmal war mir’s, als ob sich mein
Gehirn von seinem Boden léste, manchmal fingen die
feinsten Fasern desselben zu zappein an; ich glaubte
es zu spiiren, wie sie sich straéubten, die von allen
Urvdtern ererbten Lagen so ganz ploplich verlassen
zu miissen. Vielleicht aber ist der Urgrund der Dinge
so schwer zu erreichen, daf wir gar nicht zu ihm ge-
Jangen k6nnen, wenn wir nicht unser Gehirn aufs
Spiel setzen wollen.“ So schreibt Steiner iiber Niebsche
im Jahre 1892, kurz, nachdem er zuerst Nietssches
Schriften kennen gelernt hatte, in einem Aufsasé im
»Literarischen Merkur“ (Niepscheanismus. Lit. Mer-
kur 1892, S. 106).
Solches vollstandige Sich-Hineinleben in
die Denkweise des Anderen bildete Rudolf Steiners
wahres Lebenselement. Aus dieser Gesinnung ist auch
die Schrift ,.Niepsche, ein Kampfer gegen seine Zeil*,
entstanden. Wer so wie Rudolf Steiner, von der Natur-
wissenschaft ausgehend, sich Schriff fiir Schrift eine
Geisteswissenschaft als Erweiterung der modernen
Naturerkenntnis erkaémpft hat, mu® die tiefste Sym-
4 Einleitung zur Neuausgabe 1926.
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pathie und Wertschdsung fiir denjenigen empfinden,
der an dem unendlichen Leiden, das ihm jene unver-
geistigten naturwissenschaftlichen Ideen verursachten,
als ein wahrer Blutzeuge modernen Erkenninisstrebens
zugrunde gegangen ist. Die Genialitat Niepsches, seine
unbegrenzte Redlichkeit, sein Wahrheitsmut sind in
ergreifender Weise dargestellf, nirgends ist auf eine
psycho-pathologische Seite in Niessches Wesen hin-
gewiesen. Nur eines befont Steiner (S. 119), da® Niet-
sche stets die Bedeutung des Bewuftseins fiir die
menschliche Pers6énlichkeit unterschapt habe. Daher
sei es ihm nie méglich gewesen, zwischen den blof
sinnlichen Instinkten und den geistigen, den morali-
schen Instinkten, die bewuBte Triebfedern des mensch-
lichen Handelns sind, zu unterscheiden. Die ,mora-
lische Phantasie*, die im Menschen in Freiheit ein
eigenes Gutes und Boses schafff, in der instinktive
Urspriinglichkeit und Bewuftheit zu einer Einheit ver-
bunden sind, und die das wesentlich Neue von Stei-
ners Freiheitsphilosophie ausmacht, fehlt Nietsche.
Er kann sie nicht finden, darum findet auch sein Uber-
mensch keine Erdenziele. Rudolf Steiner ist Niessche
in jenem Buche ganz gefolgt, er hat ihn gegen alle
Angriffe philistréser Zeitgenossen verteidigi, aber er
hat auf den Punkt hingewiesen, wo Nietsche in tra-
gischer Weise das Hereinbrechen einer geistigen Welt
in die menschlichen Instinkte nur zerstérend, aber
nicht aufbauend erleben kann.
Hier mag es nun am Plate sein, auf die Verschie-
denheit der Betrachtungsweisen Rudolf Steiners in
dem Buche vom Jahre 1895 und den Aufsdgfen tiber
Psycho-Pathologie hinzuweisen. An einem Beispiel
Einleitung zur Neuausgabe 1926, 5
[o\s oe ele elelele el elele cle! [olo.e,e.eleielele lo elele ele ole ole ele (elelelc\e eleleleiejele!ne/0\0.e]0,0]e]0\e\010\0,0\0]
mag diese Verschiedenheit deutlich werden. ,,Gesebt,
wir wollen Wahrheif, warum nicht lieber Unwahrheit?*,
so sagt Nietsche in ,Jenseits von Gut und Bose“.
Steiner dufert sich in dem Nietschebuch zu diesem
Ausspruch: ,Das ist ein Gedanke von kaum zu iiber-
bietender Kiihnheit. Stellt man daneben, was ein anderer
kiihner ,Griibler und Réatselfreund‘, Johann Gottlieb
Fichte, von dem Streben nach Wahrheit sagt, so
sieht man erst, wie tief aus dem Wesen der mensch-
lichen Natur Niessche seine Vorstellungen heraufholt.
sich bin dazu berufen‘ — sagte Fichte — ,der Wahrheit
Zeugnis zu geben; an meinem Leben und an meinem
Schicksal liegt nichts; an den Wirkungen meines Le-
bens liegt unendlich viel. Ich bin ein Priester der Wahr-
heit; ich bin in ihrem Solde; ich habe mich verbind-
lich gemacht, alles fiir sie zu tun und zu wagen und
zu leiden‘ (Fichte, Vorlesungen ,Uber die Bestimmung
des Gelehrten‘, vierte Vorlesung). Diese Worte sprechen
das Verhdltnis aus, in das sich die edelsten Geister
der abendlandischen neveren Kultur zur Wahrheit sefen.
Niefsches angefiihriem Ausspruch gegeniiber erschei-
nen sie oberflachlich. Man kann gegen sie einwenden:
Ist es denn nicht méglich, da® die Unwahrheit wert-
vollere Wirkungen fiir das Leben hat, als die Wahr-
heit? Ist es ausgeschlossen, da die Wahrheit dem
Leben schadet? Hat sich Fichte diese Fragen gestellt?
Haben es andere getan, die ,der Wahrheit Zeugnis‘
gegeben haben ?*
Demgegeniiber heift es in dem Aufsate ,Die Philo-
sophie Friedrich Niefsches als psycho-pathologisches
Problem* (S. 156): ,,Eine Eigenschaft, die sich durch
Niebsches ganzes Wirken hindurchzieht, ist der Mangel
6 Einleitung zur Neuausgabe 1926.
090000009000000000000000000000000000000009000000000000000000000000000000 00000000
des Sinnes fiir objektive Wahrheit. Was die Wissen-
schaft als Wahrheit anstrebt, das war fiir ihn im Grunde
nie vorhanden. In der Zeit, die kurz vor dem Aus-
bruche des vélligen Wahnsinns liegt, steigert sich dieser
Mangel zu einem férmlichen Ha® auf alles, was man
logische Begriindung nennt.“
Man kann sich fragen: Warum wird der Wahrheits-
sinn Niefsches in den beiden Schriffen so grundver-
schieden charakterisiert? Dies ist so zu verstehen:
Das eine Mal sehen wir hin auf Niegsches Genialitdt,
die kiihner fragen konnte als alle anderen, auf den
genialen Kampfer gegen seine Zeit. Das andere Mal
aber sehen wir darauf hin, da® es Niebsche unmég-
lich war, die grofen Fragen, die er sich stellte, durch
Erkenntnis zu lésen. Seine Genialitat mufte aus un-
begrenzter Redlichkeit Fragen stellen, der seine logisch-
erkenntnistheoretische Fahigkeit nicht gewachsen war.
Daran zerbrach er. Das ist das Krankhafte bei Nies-
sche, da seine logische Fahigkeit, sein Sinn fiir ob-
jektive Wahrheit, seinem unbegrenzten Willensdrang,
redliche Fragen zu stellen, nicht das Gleichgewicht
halten konnte.
Rudolf Steiner hat sich einmal in einem Aufsab ,Der
geniale Mensch* (Magazin 1900) iiber das Wesen des
Genies ausgesprochen: ,Bei dem Genie ist die Er-
findungsgabe nur eine reichere als beim Durchschnitts-
menschen. Vollkommen werden geniale Schépfungen
nur, wenn der Erfindungsgabe ein entsprechendes Ma
von Talent zur Seite steht, das dem Genie die Herr-
schaft iiber seine Ideen sichert. Verliert es die lettere,
so wird es von seinen eigenen Gebilden wie von
fremden Gewalten beherrscht. Deshalb kann, wenn
Einleitung zur Neuausgabe 1926, 7
©00000000900000000090000000000000000000090000000000000009000000090000000 30000000
die Erfindungsgabe einseitig ausgebildet ist, und von
keiner registrierenden, ordnenden Seelenkraf{ unter-
stiipt wird, das Genie in Wahnsinn iibergehen.“
Von zwei Seifen stellt also Rudolf Steiner Niet-
sches Wesen dar. Von der Seite seiner Genialitat
und von der Seite seiner dieser Genialitat nicht das
Gleichgewicht haltenden Selbstkritik, Besonnenheit
und Logik. Diese aber konnte sein Gehirn wegen der
krankhaften Anlage nicht geniigend stark entwickeln.
Er konnte nicht Philosoph genug sein, um die von
seiner eigenen Genialitat gestellten Fragen zu beant-
worten. Dem Erkenntnisleiden der Fragestellung stand
niemals die voll ausgleichende Befriedigung des Denkers
gegeniiber, der die Lésung der Probleme findet. Sein
Denken lie? keine geistige Welt einstrahlen, die die
Wunden hatte heilen kénnen, welche der durch mo-
derne Erkenntnisraétsel angeregte geniale Fragemut
geschlagen hatte.
»Man kann Niebsches Geisteskonstitution nicht mit
den Begriffen der Psychologie verstehen, man muh
die Psycho-Pathologie zu Hilfe rufen. Mit dieser Be-
hauptung soll nichts gegen das geniale Schaffen Nieb-
sches gesagt werden (S. 178). Am wenigsten soll da-
mit iiber Wahrheit und Irrtum in seinen Ideen selbst
etwas entschieden werden. Niefbsches Genie hat mit
dieser Untersuchung iiberhaupt nichts zu fun. Das
Genialische erscheint bei ihm durch ein pathologisches
Medium hindurch* (S. 179). So spricht sich Steiner in
dem unten folgenden Aufsate iiber sein Unternehmen
aus.
Die morbide Anlage von Nietsches Nervensystem
war seiner auferordentlichen genialen Produktivitdt,
8 Einleitung zur Neuausgabe 1926.
10G00000000000000:
seinem Willen zum Leben, nicht gewachsen. So lebte
sich diese Produktivitaét, dieses geniale Dionysische
zulest immer mehr zerst6érend fiir sein Nervensystem
aus. Was eigentlich als gréfte Genialitét, was als be-
deutendste Intuition durch ein gesundes Nervensystem
in héchster Besonnenheif zu gesunden Erkenninissen
gefiihrt worden ware, welche aus geistigen Urgriin-
den hdften einstrahlen miissen, wurde hier zum Zer-
storer des Leibes. ,Das Problem Nietsche,* so spricht
sich Steiner (S. 179) aus, ,hat gerade dadurch sein
grofes Interesse, weil ein genialer Mensch Jahre hin-
durch mit morbiden Elementen kaémpft, weil er grofe
Gedanken nur in einem Zusammenhang vorzubringen
vermag, der durch die Psycho-Pathologie erklarbar
wird.* So sehen wir in den Jahren 1879—1888 einen
standig fortschreitenden Proze?, der Ende Dezem-
ber 1888 seinen Héhepunkt erreicht, indem der Wahn-
sinn zum Ausbruch kommt. Zulest mu Niefsche in
seinem ,Ecce homo*% sagen, in dem sich dieser Vor-
gang der Zerst6rung ganz klar ausspricht: ,Ich kenne
die Lust am Vernichten in einem Grade, die meiner
Kraft zum Vernichten gemdaf ist — in Beidem gehorche
ich meiner dionysischen Natur, welche das Nein-Tun
nicht vom Ja-Sagen zu trennen weif. Ich bin der erste
Immoralist. Damit bin ich der Vernichter par ex-
cellence.* Wie zerstérend offenbart sich in Niepsche
der Geist durch das erkrankte Nervensystem hindurch.
Warum hat aber die Idee der Wiederkunft des Gleichen
eine so auferordentliche Bedeutung? Steiner deutet
es im ,Lebensgang“ an: ,Die wiederholten Erden-
leben des Menschen démmerten im Unterbewuftsein
Nietsches ... NieBsche war umklammert von den
Einleitung zur Neuausgabe 1926. 9
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Fesseln der Naturanschauung. Was diese aus den
wiederholten Erdenleben machen konnte, das zauberte
sich vor seine Seele. Und er lebte das... Dieses
Leben noch unzdhlige Male zu erfahren, das stand
vor seiner Seele statt der Perspektive auf die befreien-
den Erfahrungen, die eine solche Tragik in der Weiter-
entfaltung kommenden Lebens zu erfahren hat.* Diese
Idee aber war eine zwangsmdfhige Gegenidee zu Diih-
rings naturwissenschaftlicher Idee. Es konnte sich
seinem morbiden Nervensystem nur eine solche Gegen-
idee entringen, anstatt einer Geistanschauung, der eine
solche Wiederholung sinnvoll erscheinen kann. Nieb-
sches geistiger Wesenskern fragt unbewuft nach den
wiederholten Erdenleben, aber er kann nur die natur-
wissenschafflich sinnlose Gegenidee der ,, Wiederholung
des Gleichen* erzeugen. Den mutigen Frager nach
dem Schicksal grinste aus dem zerst6érten Instrument
seines Geistes die ,ewige Wiederkunft* an und er
zerbrach an ihr.
Rudolf Steiner durfte in dem Aufsate des Jahres 1900
sagen(S.179): ,,Nicht die Genialitéi Friedrich Niessches
soll aus seiner kranken Konstitution erklart werden.
Nietzsche war ein Genie, trotzdem er krank
war. Ein anderes ist es, die Genialitat selbst als
krankhaften Geisteszustand zu erklaren; ein anderes,
die GesamtpersGnlichkeit eines Menschen von Genie
unter Beriicksichtigung des Morbiden in seinem Wesen
_ zu begreifen.* In seinem ,Lebensgang“ hat Rudolf
Steiner auf seinen einzigen Besuch bei Nietsche hin-
gewiesen. Er spricht von einem Geisterlebnis, das sich
vor seine Seele stellte, als er vor dem geistig Um-
nachteten stand: Niepsches Seele schwebend, frei hin-
10 Einleitung zur Neuausgabe 1926.
gegeben geistigen Welten iiber dem KOrper, der ihr
Widerstand bot, sich in vollem Lichte zu entfalfen.
Rudolf Steiner durfte so von dem Genie Niefsches
sprechen, weil er sein wahres Wesen geschaut hatte.
Er tat es in dem Buche ,,Niebsche, ein Kampfer gegen
seine Zeil*.
Und er durfte auf der anderen Seite im Jahre 1900
iiber das Morbide in Niefsches Konstitution sprechen.
In welchem Sinne er dies konnte, darauf weist ein
Aufsafs hin, den Rudolf Steiner kurz darauf in der-
selben medizinischen Wochenschrift (Wiener Klinische
Rundschau 1901 Nr.2, S.24) hat erscheinen lassen:
»Goethe und die Medizin“'!). Fiir Goethe war das
Krankhafte niemals blo? etwas Abnormes, sondern er
wubte, da® die Betrachtung des Krankhaften Licht ver-
breitet iiber die Gesesbe des Gesunden. Daher nimmt
seine Metamorphose der Pflanzen den Ausgang von
einer pathologischen Erscheinung, den gefiillten Blu-
men, und er erkennt, da® in jedem Staubgefaéi die
MOglichkeit liegt, Blatt zu werden, da aber diese
MOglichkeif nur gewohnlich verhindert wird. Im schein-
bar Abnormen wird also nur offenbar, was auch bei
der normalen Bildung wirkt, aber dort durch eine andere
Kraft in Schranken gehalten wird. So dachte Goethe
tiber das Krankhafte, er, der in der Natur immer den
Geist suchte und auch fand. ,,Goethe,“ so sagt Stei-
ner in jenem Aufsate, ,hat durch seine Beziehungen
zur Medizin bewiesen, da® er diesem Geistgebiete den
rechten Plats in der Gesamtheit des menschlichen Geistes
anzuweisen hatte.“
') Abgedruckt in der Wochenschrift , Das Goetheanum*, Ill. Jahr-
gang, Nr. 15 vom 18. November 1923.
Einleitung zur Neuausgabe 1926. 11
99000000000000000000000000000000000000009000000000000000000000000000000000000000
Was aber Goethe nur andeuten konnte als einen
Weg des Medizinischen, Rudolf Steiner hat es in seiner
lesten, nach seinem Tode erschienenen Schrift ,Grund-
legendes zur Erweiterung der Heilkunst nach geistes-
wissenschaftlichen Erkenntnissen* zum Ziele gefiihrt *).
Denn dort ist die Krankheit geschildert als das ge-
st6rfe Zusammenwirken des Geistig-Seeli-
schen mit dem Physisch-Leiblichen. Krank-
heit entsteht, wenn das Geistig-Seelische zu wenig
oder zu stark in das Physisch-Leibliche eingreift. Dort
steht geisteswissenschaftliche Anschauung in innigster
Verbindung mit einer medizinischen Erkenntnis, welche
die Fortfiihrung der Goetheschen keimhaften Gedanken
ist. Und wir sehen im Lichte dieser geisteswissen-
schaftlichen Heilkunde, wie Niebsches ,iibergesundes*
Stoffwechselsystem sein morbides Nervensystem gleich-
sam tiberfluten mufte, und wie das Geistig-Seelische
Niessches endlich den Kampf verloren geben und das
zerstorte Nervensystem verlassen mufte.
So geben uns gerade die leften Werke Rudolf Stei-
ners gleichsam Aufschluf iiber seine beiden Versuche,
Niefsches Gesamtpersonlichkeit zu schildern. Der ,,Le-
bensganeg“ zeigt uns das geistig geschaute Bild, das
rechtfertigte, so iiber Niebsche sich zu dufern, wie es
1895 geschehen ist, und die medizinische Schrift zeigt
uns, welche medizinische Denkweise das Recht hatte,
von dem Morbiden in Niefsche zu sprechen, ,ohne
die Behauptungen der Gegner Friedrich Niefsches zu
vermehren* (vgl. S. 155).
1) Dr. Rudolf Steiner und Dr. Ita Wegman, Grundlegendes
zur Erweiterung der Heilkunst nach geisteswissenschaftlichen Er-
kenntnissen. Phil. anthr. Verlag, Dornach 1925.
12 Einleitung zur Neuausgabe 1926.
OCOOOCOO 00000000:
Goethe hat den Geist in der Natur gefunden. Die
in seinem Sinne wirkende Medizin kann dem Men-
schenwesen gerecht werden, kann ohne Verlesung der
Pietat an das Krankhafte herantreten, das den grofen
Geist Nietsches, sich ganz rein auszusprechen, ge-
hindert hat. Die geistige Anschauung einer Géeist-
personlichkeit und ein Medizinisches, das aus der
Goetheschen Naturanschauung hervorgegangen ist,
verbinden sich, um Niefsches tragisches Geschick in
seiner ganzen Gr6dfe begreifen zu lassen.
Eugen Kolisko.
Friedrich Niefsche
im ,Lebensgang* Rudolf Steiners.
(1924.)
P diese Zeit fallt mein Hineintreten in die Kreise des
geistigen Erlebens, in denen Niebsche geweilt hat.
Meine erste Bekanntschaft mit Niebsches Schriften
fallt in das Jahr 1889. Vorher hatte ich keine Zeile
von ihm gelesen. Auf den Inhalt meiner Ideen, wie
sie in der ,Philosophie der Freiheit* zum Ausdruck
kamen, haben die seinigen keinen Einflu® gehabt. Ich
las, was er geschrieben hatte, mit der Empfindung
des Angezogenwerdens von dem Stil, den ihm sein
Verhdltnis zum Leben gegeben hatte. Ich empfand
seine Seele als ein Wesen, das mit vererbter und an-
erzogener Aufmerksamkeit auf alles hinhorchen mufte,
was das Geisfesleben seiner Zeit hervorgebracht hatte,
das aber stets fiihlte, was geht mich doch dieses
Geistesleben an; es muff eine andere Welt geben, in
der ich leben kann; in dieser stort mich so vieles am
Leben. Dieses Gefiihl machte ihn zum geistbefeuerten
Kritiker seiner Zeit; aber zu einem Krifiker, den die
eigene Krifik krank machte. Der die Krankheit erleben
mufte, und der von der Gesundheit, von seiner
Gesundheit nur traumen konnte. Er suchte zuerst nach
Méglichkeiten, seinen Traum von der Gesundheit zum
Inhalt seines Lebens zu machen; und so suchte er
mit Richard Wagner, mit Schopenhauer, mit dem mo-
dernen ,Positivismus‘ so zu tréumen, als ob er den
Traum in seiner Seele zur Wirklichkeit machen wollte.
16 Nietzsche im,Lebensgang* Rudolf Steiners.
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Eines Tages entdeckte er, da# er nur getrdumt hatte.
Da fing er an, mit jeglicher Kraft, die seinem Geiste
eigen war, nach Wirklichkeifen zu suchen. Wirklich-
keiten, die ,irgendwo* liegen muften; er fand nicht
»Wege* zu diesen Wirklichkeiten, aber Sehnsuchten.
Da wurden die Sehnsuchten in ihm Wirklichkeifen.
Er traumte weiler; aber die gewalfige Kraft seiner
Seele schuf aus den Tréumen innermenschliche Wirk-
lichkeiten, die ohne die Schwere, die den Menschen-
ideen seit lange eigen war, frei in einer geistfrohen,
aber von dem ,,Zeitgeist* widerlich beriihrten Seelen-
stimmung schwebten.
So empfand ich Niefsche. Das Freischwebende,
Schwerelose seiner Ideen rif mich hin. Ich fand, dab
dieses Freischwebende in ihm manche Gedanken ge-
zeitigt hatte, die Ahnlichkeit mii denen hatten, die in
mir selbst auf Wegen, die den seinigen ganz undhn-
lich waren, sich gebildet hatten.
So konnte ich 1895 in der Vorrede zu meinem Buche
»Niepsche als Kampfer gegen seine Zeit* schreiben:
»ochon in meinem 1886 erschienenen kleinen Buche
,Erkennitnistheorie der Goetheschen Weltanschauung‘
kommt dieselbe Gesinnung zum Ausdruck“, wie in
einigen Werken Niefsches. Was mich aber besonders
anzog, war, daf man Nietsche lesen durfte, ohne
irgendwie bei ihm selbst auf etwas zu stoBen, das den
Leser zu seinem ,Anhdnger* machen wollte. Man
konnte mit hingebender Freude seine Geisteslichter
empfinden; man fiihlte sich in diesem Empfinden ganz
frei; denn man fiihlte, seine Worte fingen an zu lachen,
wenn man ihnen zugemutet hatte, man solle ihnen zu-
Stimmen, wie Haeckel oder Spencer dies voraussebten.
Nietzsche im ,Lebensgang* Rudolf Steiners. {7
000000000000000000000000090000000000000000000000'
So durfte ich auch, um mein Verhdltnis zu Niefsche
auszusprechen, in dem genannten Buche dies mit Wor-
ten fun, die er iiber das seinige zu Schopenhauer ge-
formt hat: ,Ich gehdre zu den Lesern Niebsches,
welche, nachdem sie die erste Seite von ihm gelesen,
mit Bestimmtheit wissen, da® sie alle Seiten lesen und
auf jedes Wort héren werden, das er iiberhaupt ge-
sagt hat. Mein Vertrauen zu ihm war sofort da...
Ich verstand ihn, als ob er fiir mich geschrieben hiitte,
um mich verstandlich, aber unbescheiden und foricht
auszudriicken.“
Kurz, bevor ich an die Niederschrift dieses Buches
ging, erschien eines Tages Niebsches Schwester, Elisa-
beth Férster-Nietsche, im Goethe- und Schillerarchiv.
Sie machte eben die ersten Schritte zur Griindung
eines Niefschearchives und wollte erfahren, wie das
Goethe- und Schillerarchiv eingerichtet war. Bald dar-
auf erschien auch der Herausgeber von Nietsches
Werken, Fris Koegel, in Weimar, und ich lernte ihn
kennen.
Ich bin sp&ter mit Frau Elisabeth Foerster-Niepsche
in schwere Konflikte gekommen. Damals forderte ihr
beweglicher, licbenswiirdiger Geist meine tiefste Sym-
pathie heraus. Ich habe unter den Konflikten unsag-
lich gelitten; eine verwickelte Situation hat es dazu
kommen lassen; ich wurde genotigt, mich gegen An-
schuldigungen zu verteidigen; ich weif, da das alles
notwendig war, da® mir dadurch schéne Stunden, die
ich im Niepschearchiv in Naumburg und Weimar ver-
leben durfte,*mit einem Schleier der Bifternis in der
Erinnerung iiberzogen sind; aber ich bin Frau Foerster-
Niessche doch dankbar, da sie mich bei dem ersten
Steiner, Friedrich Niefsche. )
18 Nietzsche im,Lebensgang“ Rudolf Steiners.
O0E000C0E0000000 E00C000000000000800000000000000000000000000000000000000000000000
der vielen Besuche, die ich bei ihr machen durffe, in
das Zimmer Friedrich Nietsches fiihrfe. Da lag der
Umnachtete mit der wunderbar schénen Stirne, Kiinst-
ler- und Denkerstirne zugleich, auf einem Ruhesofa.
Es waren die ersten Nachmittagsstunden. Diese Augen,
die im Erloschensein noch durchseelt wirkten, nahmen
nur noch ein Bild der Umgebung auf, das keinen Zu-
gang zur Seele mehr hatte. Man stand da, und Niet-
sche wufte nichts davon. Und doch hafte man von
dem durchgeistigten Antlis noch glauben kénnen, dah
es der Ausdruck einer Seele wdre,*die den ganzen
Vormittag Gedanken in sich gebildet hatte, und die
nun eine Weile ruhen wollte. Eine innere Erschiiffe-
rung, die meine Seele ergriff, durffe meinen, da sie
sich in Versténdnis fiir den Genius verwandle, dessen
Blick auf mich gerichtet war, mich aber nicht traf. Die
Passivitat dieses lange Zeit verharrenden Blickes léste
das Verstandnis des eigenen Blickes aus, der die
Seelenkraft des Auges wirken lassen durfte, ohne dah
ihm begegnet wurde.
Und so stand vor meiner Seele: Niessches Seele
wie schwebend tiber seinem Haupfe, unbegrenzt schon
in ihrem Geisteslichte; frei hingegeben geistigen Wel-
fen, die sie vor der Umnachtung ersehnt, aber nicht
gefunden; aber gefesselt noch an den Leib, der nur
so lange von ihr wufte, als diese Welt noch Sehn-
sucht war. Niepsches Seele war noch da; aber sie
konnfe nur noch von auffen den Korper halten, der
ihr Widerstand bot, sich in ihrem vollen Lichte zu ent-
falten, so lange sie in seinem Innern war,
Ich hatte vorher den Nietsche gelesen, der ge-
schrieben hatte; jest hatte ich den Niefsche geschaut,
Nietzsche im ,Lebensgang“ Rudolf Steiners. {9
00000000000000000000600000000000' POC00000000000000G000000
der aus weit entlegenen Geistgebieten Ideen in seinem
Leib trug, die noch in Schénheit schimmerten, tros-
dem sie auf dem Wege ihre urspriingliche Leuchtkraft
verloren hatten. Eine Seele, die aus friiheren Erden-
leben reiches Lichtgold brachte, es aber nicht ganz
in diesem Leben zum Leuchten bringen konnte. Ich
bewunderte, was Niessche geschrieben; aber ich schaute
jebt hinter meiner Bewunderung ein hellstrahlendes
Bild.
Ich konnte in meinen Gedanken nur stammeln, von
dem, was ich damals geschaut; und das Stammeln
ist der Inhalt meines Buches ,,Niefsche, ein Kampfer
gegen seine Zeif*. Daf das Buch nur ein solches
Sfammeln geblieben ist, verbirgt die aber doch wahre
Tatsache, dak das Bild Niespsches es mir inspiriert hat.
Frau Foerster-Niefsche hat mich dann aufgefordert,
Niepsches Bibliothek zu ordnen. Ich habe dadurch
mehrere Wochen im Niesfschearchiv in Naumburg zu-
bringen diirfen. Ich wurde dabei auch mit Frit Koegel
sehr befreundet. Es war eine schéne Aufgabe, die die
Biicher vor meine Augen stellte, in denen Niebsche
gelesen hatte. Sein Geist lebte in den Eindriicken auf,
welche diese Biicher machten. Ein ganz mii Rand-
bemerkungen versehenes, alle Spuren hingebendstfer
Durcharbeitung tragendes Exemplar eines Emerson-
schen Buches. Guyaus Schriften mit ebensolchen Spu-
ren. Biicher mit leidenschafflich kritisierenden Bemer-
kungen von seiner Hand. Eine grofe Anzahl von
Randbemerkungen, aus denen man die Keime seiner
Ideen aufschiefen sieht.
Eine durchgreifende Idee der lesten Schaffensperiode
Niefsches konnte ich aufleuchten sehen, indem ich
90 Nietzsche im,Lebensgang* Rudolf Steiners.
00000000000000009000000000000000' 190000000 000000000000000000000000
seine Randbemerkung in Eugen Diihrings philoso-
phischem Hauptwerk las. Diihring konstruiert da den
Gedanken, da® man das Weltall in einem Augenblick
als eine Kombination von Elementarteilen vorstellen
konne. Dann ware das Weltgeschehen der Ablauf aller
méglichen solcher Kombinationen. Wdren diese er-
schopit, dann miif®te die allererste wiederkehren und
der ganze Ablauf sich wiederholen. Stellte so etwas
die Wirklichkeit vor, so miifte es unzadhlige Male schon
geschehen sein und weiter in die Zukunft hinein un-
zahlige Male geschehen. Man kame zu der Idee der
ewigen Wiederholung gleicher Zustande des Weltalls.
Diihring weist diesen Gedanken als einen unméglichen
zuriick. Niefsche liest das; er nimmt davon einen Ein-
druck auf; der arbeitet in den Untergriinden seiner
Seele weiter; und er form sich dann in ihm als ,die
Wiederkunft des Gleichen“, die mit der Idee vom , Uber-
menschen* zusammen seine lefte Schaffensperiode
beherrscht.
Ich war tief ergriffen, ja erschiittert von dem Ejin-
druck, den ich durch ein solches Nachgehen von Nieb-
sches Lektiire bekam. Denn ich sah, welch ein Gegen-
safb zwischen Nietsches Geistesart und der seiner
Zeitgenossen war. Diihring, der extreme Positivist,
der alles ablehnt, was sich nicht aus einer ganz niich-
fern orientierten, mathematisch verfahrenden Schema-
tik ergibt, findet den Gedanken der ,ewigen Wieder-
kunft des Gleichen* absurd, konstruiert ihn nur, um
seine Unmdglichkeit darzutun: Niefsche muf ihn als
seine Weltratsell6sung wie eine aus den Tiefen der
eigenen Seele kommende Intuition aufnehmen.
So steht Niessche in vollem Gegensatf zu vielem,
Nietzsche im ,Lebensgang“ Rudolf Steiners. 94
CSEOCOOQOOCOCCOCOO0ED0COO0OO00RCCODCOOCCOOOC OOOO OD R0000000C00000000000000000000000
was als Inhalt des Denkens und Fiihlens seiner Zeit
auf ihn einstiirmt. Er nimmt diese Stiirme so auf, daB
er tief durch sie leidet, und im Leiden, in unsdglichen
Seelenschmerzen den Inhalt der eigenen Seele schafft.
Das war die Tragik seines Schaffens.
Sie erreichte ihren Héhepunkt, als er die Gedanken-
skizzen zu seinem letten Werke nofierte, zum ,,Willen
zur Macht“, oder der ,,Umwertung aller Werte“. Nieb-
sche war dazu veranlagt, alles, was er dachte und
empfand, aus den Tiefen seiner Seele in rein geisti-
ger Art heraufzuholen. Das Weltbild zu schaffen aus
dem Geistgeschehen, das die Seele miterlebt, das lag
in seiner Richtung. Das positivistische Weltbild seines,
des naturwissenschaftlichen Zeitalters, flo® aber auf
ihn ein. Darinnen war nur die rein materielle geist-
lose Welt. Was in diesem Bild noch auf geistige Art
gedacht war, das.war der Uberrest alter Denkweisen,
die nicht mehr zu ihm paften. Niessches unbegrenzter
Wahrheitssinn wollte alles das ausmerzen. So kam
er dazu, den Positivismus ganz extrem zu denken.
Eine Geistwelt hinter der materiellen ward ihm zur Liige.
Er konnte aber nur aus der eigenen Seele heraus
schaffen. So schaffen, wie ein wahres Schaffen nur
Sinn erhdlt, wenn es den Inhalt der Geistwelf in Ideen
vor sich hinstellt. Diesen Inhalt lehnte er ab. Der na-
turwissenschaftliche Weltinhalt hatte seine Seele so
stark ergriffen, da® er ihn wie auf Geistwegen schaffen
wollte. Lyrisch, in dionysischem Seelenfluge, schwingt
sich seine Seele im ,Zarathustra‘ auf. Wunderbar
webt da das Geistige, aber es traumt in Geistwundern
von mafteriellem Wirklichkeitsgehalt. Es zerstaubt der
Geist in seiner Entfaltung, weil er nicht sich finden,
99 Nietzsche im,Lebensgang* Rudolf Steiners.
100009000 900000000000000000000000
00000000000000000000000000000000:
sondern nur den ertréumien=Abglanz des Maieriellen
als seine Scheinwesenheit erleben kann.
Ich lebte in der eigenen Seele ‘damals in Weimar
viel in dem Anschauen von Niefsches Geistesart. In
meinem eigenen Geist-Erleben hatte diese Geistesart
ihren Plas. Dieses Geist-Erleben konnte mit Niebsches
Ringen, mit Niepsches Tragik leben; was gingen es
die positivistisch gestalteten Gedankenergebnisse Nieb-
sches an!
Andere haben mich fiir einen ,,Niepscheaner* gehal-
fen, weil ich restlos bewundern konnte‘auch, was meiner
eigenen Géeistesrichtung entgegengeseft war. Mich
fesselte, wie der Geist in Niessche sich offenbarte;
ich glaubte, ihm gerade dadurch nahe zu sein, denn
er stand niemand nahe durch Gedankeninhalte; er
fand sich allein mit-Menschen und Zeiten im Mif-
erleben der Geistwege zusammen,
Eine Zeitlang habe ich mit dem Herausgeber von
Niessches Werken, Frif Koegel, viel verkehrt. Man-
ches auf die Niebscheausgabe Beziigliche haben wir
durchgesprochen. Eine offizielle Stellung im Niefsche-
archiv oder zur Niepscheausgabe habe ich nie ge-
habt. Als Frau Foerster-Niessche mir eine solche an-
bieten wollte, fiihrte gerade das zu Konflikten mit Frit
Koegel, die fortan mir jede Gemeinsamkeit mit dem
Niepschearchiv unméglich machten.
Mein Verhdltnis zum Nietschearchiv stellte sich in
mein Weimarer Leben als eine Episode starker An-
regungen hinein, die mir zulest im Zerbrechen des
Verhdltnisses tiefes Leid brachte.
Aus der weitgehenden Beschdftigung mit Niefsche
verblieb mir die Anschauung von seiner Persénlich-
Nietzsche im ,Lebensgang* Rudolf Steiners. 93
90000000000000090000000000090000000000000000000000000000000000000000000000000000
keit, deren Schicksal war, das naturwissenschaftliche
Zeitalter der lesten Halfte des neunzehnten Jahrhun-
derts in Tragik mifzuerleben, und an der Beriihrung
mit ihm zu zerbrechen. Er suchte in diesem Zeit-
alter, konnte aber in ihm nichts finden. Mich konnte
das Erleben an ihm nur festigen in der Anschauung,
daft alles Suchen in den Ergebnissen der Natur-
wissenschaft das Wesentliche nicht in ihnen, sondern
durch sie im Geiste finden miisse,
So trat gerade durch Nietfsches Schaffen das Pro-
blem der Naturwissenschaft in erneuerter Gestalt vor
meine Seele. Goethe und Niefsche standen in meiner
Perspektive. Goethes energischer Wirklichkeifssinn
nach den Wesen und Vorgadngen der Natur gerichtet.
Er wollfe in der Natur bleiben. Er hielt sich in reinen
Anschauungen von Pflanzen-, Tier- und Menschen-
formen. Aber indem er sich mit der Seele in diesen
bewegte, kam er iiberall zum Geiste. Den in der Ma-
terie waltenden Geist fand er. Bis zu der Anschauung
des in sich selbst lebenden und waltenden Geistes
wollte ernicht gehen. Eine , geistgemae* Naturerkennt-
nis bildete er aus. Vor einer reinen Geist-Erkenntnis
machte er Halt, um die Wirklichkeit nicht zu verlieren.
Nietsche ging vom Geistanschauen in mythischer
Form aus. Apollo und Dionysos waren Geistgestalten,
die er erlebte. Der Ablauf der menschlichen Geistge-
schichte erschien ihm wie ein Zusammenwirken, oder
auch wie ein Kampf zwischen Apollo und Dionysos.
Aber er brachte es nur zu dem mythischen Vorstellen
solcher Geistgestalten. Er drang nicht vor zu der An-
schauung wirklicher geistiger Wesenheit. Vom Geist-
mythos aus drang er zur Natur vor. Apollo sollte in
94 Nietzsche im,Lebensgang“ Rudolf Steiners.
000000000000000000000000: OOO G0GC0000 80000000!
Niessches Seele das Materielle nach dem Muster der
Naturwissenschaft vorstellen; Dionysos sollte wirken
wie Naturkrafte. Aber da verfinsterte sich Apollos
Schoénheit; da ward des Dionysos’ Weltemotion durch
die NaturgesepmdfBigkeit gelahmt.
Goethe fand den Geist in der Naturwirklichkeit;
Niebsche verlor den Geistmythos in dem Natur-
traum, in dem er lebte.
Ich stand zwischen diesen beiden Gegensdten. Die
seelischen Erlebnisse, die sich in meiner Schrift , Nieb-
sche als Kaémpfer gegen seine Zeit< ausgelebt hatten,
fanden zundchst keine Fortsesung; dagegen stellte sich
in meiner lesten Weimarer Zeit Goethe wieder beherr-
schend vor meine Betrachtung. Ich wollte den Weg
kennzeichnen, den das Weltanschauungsleben der
Menschheit bis zu Goethe genommen hat; um dann
Goethes Anschauungsart in ihrem Hervorgehen aus
diesem Leben darzustellen. Ich habe das versucht in
dem Buche ,Goethes Weltanschauung*, das 1897 er-
schienen ist.
Ich wollte da zur Anschauung bringen, wie Goethe
aus der reinen Naturerkenntnis iiberall, wo er hinblickt,
den Geist aufblipend erblickt; aber ich habe die Art,
wie Goethe sich zum Geist als solchem stellte, ganz
unberiihrt gelassen. Ich wollte den Teil von Goethes
Weltanschauung charakterisieren, der in einer ,geist-
gemden* Naturanschauung lebt.
Nietsches Ideen von der ,ewigen Wiederkunft* und
dem ,Ubermenschen* standen lange vor mir. Denn
in ihnen spiegelte sich, was eine Persénlichkeit iiber
die Entwicklung der Menschheit und iiber das Wesen
des Menschen erleben muftte, die von der Erfassung
Nietzsche im ,,Lebensgang“ RudolfSteiners. 95
190000000000000000000000009000000000000000090000000000000000000000
der geistigen Welt durch die festgezimmerten Gedan-
ken der Naturanschauung vom Ende des neunzehnten
Jahrhunderts zuriickgehalten wurde. Niessche sah die
Entwicklung der Menschheit so, da® sich, was in einem
Augenblick geschieht, unzahlige Male in ganz gleicher
Gestalt schon ereignet hat und unzdhlige Male sich in
der Zukunft ereignen werde. Die atomistische Gestal-
tung des Weltalls laft den gegenwartigen Augenblick als
eine bestimmte Kombination der kleinsten Wesenheiten
erscheinen; an diese muf sich eine andere anschliefen,
an diese wieder eine andere; und wenn alle méglichen
Kombinationen erschopft sind, so muf die anfangliche
wieder erscheinen. — Ein menschliches Leben mit allen
seinen Ejinzelheifen war unzdhlige Male da; es wird
unzdhlige Male mit all diesen selben Einzelheiten
wiederkehren.
Die ,.wiederholten Erdenleben* des Menschen dém-
merten im Unterbewuftsein Nietsches. Sie fiihren das
Menschenleben durch die Menschheitsentwicklung zu
Lebensetappen, in denen das waltende Schicksal auf
geistgestaltenden Bahnen den Menschen nicht zu einer
Wiederholung des gleichen Erlebens, sondern zu einem
vielgestalteten Hindurchgehen durch den Weltenlauf
kommen lat. Niefsche war umklammert von den
Fesseln der Naturanschauung. Was diese aus den
wiederholten Erdenleben machen konnte, das zauberte
sich vor seine Seele. Und er lebte das. Denn er
empfand sein Leben als ein tragisches, erfiillt mit
schmerzvollsten Erfahrungen, niedergedriickt von Leid.
— Dieses Leben noch unzdhlige Male zu erfahren —
das stand vor seiner Seele stati der Perspektive auf
die befreienden Erfahrungen, die eine solche Tragik
96 Nietzsche im,Lebensgang* Rudolf Steiners.
in der Weiterentfaltung kommender Leben zu erfah-
ren hat.
Und Niessche empfand, da® in dem Menschen, der
sich in Einem Erdendasein erlebt, ein anderer sich
offenbart — ein ,Ubermensch*“, der aus sich nur die
Fragmente seines Gesamtlebens im leiblichen Erden-
dasein ausgestalten kann. Die naturalistische Entwick-
lungsidee lie® ihm diesen ,Ubermenschen* nicht als
das geistig Waltende innerhalb des Sinnlich-Physi-
schen schauen, sondern als das durch blof natur-
gemdfe Entwicklung sich Ausgestaltende. Wie aus
dem Tier der Mensch sich entfaltet hat, wird sich aus
dem Menschen der ,Ubermensch* entfalten. Die Na-
turanschauung entrif Niessche den Ausblick auf den
»Qeistmenschen* im ,Naturmenschen* und blendete
ihn mit einem héheren Naturmenschen.
Was nach dieser Richtung Nietfsche erlebt hat, das
stand in vollster Lebhaftigkeit im Sommer 1896 vor
meiner Seele. Damals gab mir Frits Koegel seine Zu-
sammenstellung von Niebsches Aphorismen zur ,,ewigen
Wiederkunft* zur Durchsicht. Ich habe, was ich da-
mals tiber das Hervorgehen von Nietsches Ideen ge-
dacht habe, 1900 in einem Aufsate im ,Magazin fiir
Literatur“ niedergeschrieben. — In einzelnen Sdaben
dieses Aufsates ist festgehalien, was ich 1896 an
Nietsche und der Naturwissenschaft erlebt habe. Ich
werde diese meine Gedanken von damals hier wieder-
holen, losgelést von der Polemik, in die sie damals
gekleidet waren.
»Es ist kein Zweifel, da® Niebsche diese einzelnen
Aphorismen in zwangloser Reihenfolge aufgeschrieben
hat ...Ich habe meine damals ausgesprochene Uber-
Nietzsche im ,Lebensgang“ Rudolf Steiners. 97
©200000000000000000000000000000000000000000000 20000000
zeugung auch heute noch: da Niessche bei Gelegen-
heit der Lektiire von Eugen Diihrings ,Kursus der
Philosophie als streng wissenschaftlicher Weltanschau-
ung und Lebensgestaltung* (Leipzig 1875) und unter
dem Einflusse dieses Buches die Idee gefaft hat. Auf
Seite 84 dieses Werkes findet sich nadmlich der Ge-
danke ganz klar ausgesprochen; nur wird er da ener-
gisch bekdmpft, wie ihn Nietsche verteidigt. Das Buch
ist in Niessches Bibliothek vorhanden. Es ist, wie
zahlreiche Bleistiftstriche am Rande zeigen, von Niet-
sche eifrig gelesen worden... Diihring sagt: ,Der
tiefere logische Grund alles bewuten Lebens fordert
daher im strengsten Sinne des Wortes eine Uner-
schépflichkeit der Gebilde. Ist diese Unendlich-
keif, vermége deren immer neue Formen hervorge-
trieben werden, an sich méglich? Die blo®e Zahl der
materiellen Teile und Kraftelemente wiirde an sich die
unendliche Haufung der Kombinationen ausschliefen,
wenn nicht das stetige Medium des Raumes und der
Zeit eine Unbeschranktheit der Variationen verbiirgte.
Aus dem, was zdhlbar ist, kann auch nur eine er-
schépfbare Anzahl von Kombinationen folgen. Aus
dem aber, was seinem Wesen nach ohne Widerspruch
gar nicht als etwas Zahlbares konzipiert werden darf,
muf auch die unbeschraénkte Mannigfaltigkeit der La-
gen und Beziehungen hervorgehen kénnen. Diese Un-
beschrdnktheif, die wir fiir das Schicksal der Gestal-
tungen des Universums in Anspruch nehmen, ist nun
mit jeder Wandlung und selbst mit dem Eintreten eines
Intervalls der anndhernden Beharrung oder der voll-
standigen Sichselbstgleichheit (von mir unfer-
strichen), aber nicht mit dem Aufhoéren alles Wandels
98 Nietzsche im ,Lebensgang* Rudolf Steiners.
OOCCOCOO00000000
vertraglich. Wer die Vorstellung von einem Sein kulfi-
vieren méchte, welches dem Ursprungszustande ent-
spricht, sei daran erinnert, da® die zeitliche Entwick-
jung nur eine einzige reale Richtung hat, und da die
Kausalitét ebenfalls dieser Richtung gemdf ist. Es ist
leichter, die Unterschiede zu verwischen als sie fest-
-zuhalten, und es kostet daher wenig Miihe, mit Hin-
wegsepung iiber die Kluft das Ende nach Analogie
des Anfangs zu imaginieren. Hiifen wir uns jedoch
vor solchen oberflaéchlichen Voreiligkeiten; denn die
einmal gegebene Existenz des Universums ist keine
gleichgiiltige Episode zwischen zwei Zustaéanden der
Nacht, sondern der einzige feste und lichte Grund,
von dem aus wir unsere Riickschliisse und Vorweg-
nahmen bewerkstelligen...“ Diihring findet auch, da
eine immerwdhrende Wiederholung der Zustande keinen
Reiz fiir das Leben hat. Er sagt: ,Nun versteht es
sich von selbst, da die Prinzipien des Lebensreizes
mit ewiger Wiederholung derselben Formen nicht ver-
trdglich sind...“
Niefsche wird mit der Naturanschauung in eine
Konsequenz hineingetrieben, vor der Diihring durch
die mathematische Betrachtung und durch das
Schreckbild, das sie vor dem Leben darstellt, zuriick-
schauert.
In meinem Aufsafe heift es weiter: ,... machen
wir die Voraussepung, da? mit den materiellen Teilen
und Kraftelementen eine zahlbare Anzahl von Kom-
binationen méglich sei, so haben wir die Niebschesche
Idee der ,Wiederkunft des Gleichen‘. Nichts anderes
als die Verteidigung einer aus der Diihringschen An-
sicht genommenen Gegenidee haben wir in dem
Nietzsche im ,Lebensgang* Rudolf Steiners. 99
000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000C0
Aphorismus 205 (Band XII in Koegels Ausgabe, und
Aphorismus 22 in Horneffers Schrift: ,Niessches Lehre
von der ewigen Wiederkunft‘): ,Das Mag der All-
kraft ist bestimmt, nichts ,Unendliches‘: hiiten wir
uns vor solchen Ausschweifungen des Begriffs! Folg-
lich ist die Zahl der Lagen, Veraénderungen, Kombi-
nationen und Entwicklungen dieser Kraft zwar unge-
heuer grof und praktisch uunermeflich‘, aber jeden-
falls auch bestimmt und nicht unendlich, das heift:
die Kraft ist ewig gleich und ewig tatig: — bis zu
diesem Augenblick ist schon eine Unendlichkeit ab-
gelaufen, das heift, alle médglichen Entwicklungen
miissen schon dagewesen sein. Folglich muf die
augenblickliche Entwicklung eine Wiederholung sein,
und so die, welche sie gebar, und die, welche aus ihr
entsteht, und so vorwarts und riickwdrts weiter! Alles
ist unzdhlige Male dagewesen, insofern die Gesami-
lage aller Krafte wiederkehrt...« Und Niebsches Ge-
fiihl gegeniiber diesem Gedanken ist genau das Gegen-
teilige von dem, das Diihring bei ihm hat. Niefsche
ist dieser Gedanke die héchste Formel der Lebens-
bejahung. Aphorismus 44 (bei Horneffer 234 in Koegels
Ausgabe) lautet: ,die zukiinftige Geschichte: immer
mehr wird dieser Gedanke siegen — und die nicht
daran glauben, die miissen ihrer Natur nach endlich
aussterben! Nur wer sein Dasein fiir ewig wieder-
holungsfdhig halt, bleibt iibrig: unter solchen aber
ist ein Zustand méglich, an den kein Utopist ge-
reicht hat!* Es ist der Nachweis méglich, daf viele
der Niefscheschen Gedanken auf dieselbe Art ent-
standen sind wie der ewige Wiederkunftsgedanke.
Nietsche bildete zu irgend einer vorhandenen Idee die
30 Nietzsche im,Lebensgang* Rudolf Steiners.
Gegenidee. Schlieflich fiihrte ihn dieselbe Tendenz auf
sein Hauptwerk: ,Umwertung aller Werte*.
Mir war damals klar: Nietsche ist mit gewissen
seiner nach der Geistwelt strebenden Gedanken ein
Gefangener der Naturanschauung. Deshalb lehnte ich
die mystische Interpretation seines Wiederkunftgedan-
kens streng ab. Und ich stimmte Peter Gast zu, der
in seiner Ausgabe von Niebsches Werken geschrieben
hat: ,Die rein mechanisch zu verstehende Lehre von
der Erschopfbarkeit, also Repetition der kosmischen
Molekularkombinationen.* — Niessche glaubte einen
Hohegedanken aus den Grundlagen der Naturanschau-
ung holen zu miissen. Das war die Art, wie er an
seiner Zeit leiden mufte.
So stand, was man — nach dem Geiste ausblickend —
an der Naturanschauung vom Ende des neunzehnten
Jahrhunderts zu leiden hatte, in dem Anblicke von
NiefBsches Seele 1896 vor mir.
Friedrich Niefische,
ein Kampfer gegen seine Zeit.
Vorrede zur ersten Auflage.
Is ich vor sechs Jahren die Werke Friedrich
Nietzsches kennen lernte, waren in mir bereits
Ideen ausgebildet, die den seinigen Ghrilich sind. Un-
abhdngig von ihm und auf anderen Wegen als er,
bin ich zu Anschauungen gekommen, die im Einklang
stehen mit dem, was Niessche in seinen Schriften:
,Zarathustra‘, ,Jenseits von Gut und Bése‘, ,Genea-
logie der Moral‘ und ,G6tendammerung* ausge-
sprochen hat. Schon in meinem 1886 erschienenen
. kleinen Buche ,Erkenntnistheorie der Goetheschen
Weltanschauung* kommt dieselbe Gesinnung zum
Ausdruck, wie in den genannten Werken Nietsches.
Dies ist der Grund, warum ich mich gedrdanet fiihlte,
ein Bild von dem Vorstellungs- und Empfindungs-
leben Niefsches zu zeichnen. Ich glaube, daft ein
solches Bild Niebsche am dhnlichsten dann wird,
wenn man es seinen erwdhnten letten Schriften ge-
mda schafft. So habe ich es getan. Die friiheren
Schriften Niessches zeigen uns ihn als Suchenden.
Er stellt sich uns in ihnen dar als rastlos aufwdrts
Strebender. In seinen leften Schriften sehen wir ihn
auf dem Gipfel angelangt, der eine seiner ureigenen
Geistesart angemessene Hohe hat. In den meisten
der bis jetzt iiber Niebsche erschienenen Schriften ve
Steiner, Friedrich Niebsche.
34 Vorrede zur ersten Auflage.
00900000000:
dessen Entwickelung so dargestellf, als ob er in den
verschiedenen Zeiten seiner Schriftstellerlaufbahn von-
einander mehr oder weniger abweichende Meinungen
gehabt hatte. Ich habe zu zeigen versucht, dal von
einem Meinungswechsel bei Niefsche nichf die Rede
sein kann, sondern nur von einer Aufwartsbewegung,
von der naturgemdfen Entwickelung einer Persénlich-
keit, die noch nicht die ihren Anschauungen ent-
sprechende Ausdrucksform gefunden hatte, als sie
ihre ersten Schriften schrieb.
Das Endziel von Niefsches Wirken ist die Zeich-
nung des Typus ,Ubermensch*. Diesen Typus zu
charakterisieren, habe ich als eine der Hauptaufgaben
meiner Schrift betrachtet. Mein Bild des Ubermenschen
ist genau das Gegenteil des Zerrbildes geworden,
das in dem augenblicklich verbreitetsten Buche iiber
Niesfsche von Frau LouAndreas-Salomé entwor-
fen ist. Man kann nichts dem Niefscheschen Geiste
mehr Zuwiderlaufendes in die Welt sesen, als das
mystische Ungetiim, das Frau Salomé aus dem Uber-
menschen gemacht hat. Mein Buch zeigi, da’ in Nietz-
sches Ideen nirgends auch nur die geringste Spur
von Mystik anzutreffen ist. Auf die Widerlegung der
Ansicht von Frau Salomé, da® Niessches Gedanken
in ,Menschliches, Allzumenschliches* von den Aus-
fiihrungen Paul Rées, des Verfassers der ,Psycho-
logischen Beobachtungen* und des ,Ursprungs der
moralischen Empfindungen‘ usw., beeinfluft seien, habe
ich mich nicht eingelassen. Ein so mittelmabiger Kopf
wie Paul Rée konnte auf Niessche keinen bedeuten-
den Eindruck machen. Ich wiirde diese Dinge auch
hier nicht beriihren, wenn nicht das Buch von Frau
Vorrede zur ersten Auflage. 35
Salomé so viel beigetragen hatte, geradezu wider-
wdrtige Ansichten tiber Niefsche zu verbreiten. Fritz
Koegel, der ausgezeichnete Herausgeber von Niep-
sches Werken, hat im ,Magazin fiir Literatur“ diesem
Machwerke die gebiihrende Abfertigung angedeihen
lassen.
Ich kann diese kurze Vorrede nicht beschliefen,
ohne Frau Foerster-Nietzsche, der Schwester
Niessches, herzlichst zu danken fiir die vielen Freund-
lichkeiten, die ich von ihr wadhrend der Zeit erfahren
habe, in der meine Schrift entstanden ist. Den im
»Niepsche-Archiv* in Naumburg verlebfen Stunden
verdanke ich die Stimmung, aus der heraus die fol-
genden Gedanken geschrieben sind.
Weimar, April 1895.
Rudolf Steiner.
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7
a
I. Der Charakter.
13
eee Nietzsche charakterisiert sich selbst
als einsamen Griibler und Réatselireund, als un-
zeitgemdfe Personlichkeit. Wer auf solchen eigenen
Wegen gehi, wie er, ,begegnet niemandem; das bringen
die eigenen Wege mit sich. Niemand kommt, ihm dabei
zu helten; mit allem, was ihm von Getahr, Zufall, Bos-
heit und schlechtem Wetter zustoft, muf er allein fertig
werden“, sagt er in der Vorrede zur zweiten Ausgabe
seiner , Morgenrote*. Aber reizvoll ist es, ihm in seine
Einsamkeit zu folgen. Die Worte, die er iiber sein Ver-
hditnis zu Schopenhauer ausgesprochen hat, méchte
ich iiber das meinige zu Niebsche sagen: ,Ich gehGre
zu den Lesern Niefsches, welche, nachdem sie die
erste Seife von ihm gelesen, mit Bestimmtheit wissen,
daf sie alle Seiten lesen und auf jedes Wort horen
werden, das er iiberhaupt gesagt hal. Mein Vertrauen
zu ihm war sofort da..... Ich verstand ihn, als ob
er fiir mich geschrieben hatte, um mich verstdndlich,
aber unbescheiden und thoricht auszudriicken.* Man
kann so sprechen und weit davon entfernt sein, sich
als ,Gldubigen* der Nietsscheschen Welftanschauung
zu bekennen. Weiler allerdings nicht, als Niefsche
davon entfernt war, sich solche ,Gldubige* zu wiin-
schen. Legt er doch seinem ,Zarathustra* die Worte
in den Mund:
38 I. Der Charakter.
BOCOC00G00000000!
»lhr sagt, ihr glaubt an Zarathustra? Aber was
liegt an Zarathustra! Ihr seid meine Glaubigen: aber
was liegt an allen Gldubigen!
Thr hattet euch noch nicht gesucht: da fandet ihr
mich. So thun alle Glaubigen; darum ist es so wenig
mit allem Glauben.
Nun heife ich euch, mich verlieren und euch finden;
und erst, wenn ihr mich alle verleugnet habt, will ich
euch wiederkehren.*
Niebsche ist kein Messias und Religionsstifter; er
kann deshalb sich wohl Freunde seiner Meinungen
wiinschen; Bekenner seiner Lehren aber, die ihr eigenes
Selbst aufgeben, um das seinige zu finden, kann er
nicht wollen.
In Niebsches Personlichkeit finden sich Instinkte,
denen ganze Vorstfellungskreise seiner Zeitgenossen
zuwider sind. Von den wichtigsten Kulturideen der-
jenigen, in deren Mitte er sich entwickelt hat, wendet
er sich ab mit einem instinktiven Widerwillen; und zwar
nicht so, wie man eine Behaupiung ablehnt, in der man
einen logischen Widerspruch entdeckt hat, sondern wie
man sich von einer Farbe abwendet, die dem Auge
Schmerz verursacht. Der Widerwille geht von dem
unmittelbaren Gefiihl aus; die bewufte Uberlegung
kommt zundchst gar nicht in Betracht. Was andere
Menschen empfinden, wenn ihnen die Gedanken:
Schuld, Gewissensbifi, Siinde, jenseitiges Leben, Ideal,
Seligkeii, Vaterland durch den Kopf gehen, wirkt auf
Niefsche unangenehm. Die instinktive Art der Ab-
neigung gegen die genannten Vorstellungen unter-
scheidet Niessche auch von den sogenannten ,Frei-
geistern* der Gegenwart. Diese kennen alle Verstan-
l. Der Charakter. 39
909000000000000000000000 99000000900000000000000000000000900000000000000000000000
deseinwdnde gegen die ,alten Wahnvorstellungen‘;
aber wie selten findet sich einer, der von sich sagen
kann: seine Instinkte hangen nicht mehr an ihnent
Gerade die Instinkte sind es, die den Freigeistern der
Gegenwart bése Streiche spielen. Das Denken nimmt
einen von den iiberlieferten Ideen unabhadngigen Cha-
rakter an, aber die Instinkte kénnen sich diesem ver-
dnderten Charakter des Verstandes nicht anpassen.
Diese ,freien Geisier* seben irgend einen Begriff der
modernen Wissenschaft an die Stelle einer 4lferen
Vorstellung; aber sie sprechen so von ihm, da® man
erkennt: der Verstand geht einen andern Weg als die
Instinkte. Der Verstand sucht in dem Stoffe, in der
Kraft, in der Naturgesetzlichkeit den Urgrund
der Erscheinungen; die Instinkte aber verleiten dazu,
diesen Wesen gegeniiber dasselbe zu empfinden, was
andere ihrem personlichen Gotte gegeniiber empfinden.
Geister dieser Art wehren sich gegen den Vorwurf
der Gofttesleugnung; aber sie tun es nicht deshalb,
weil ihre Weltauffassung sie auf etwas fiihrt, was mit
irgend einer Gottesvorstellung iibereinstimmt, sondern
weil sie von ihren Vorfahren die Eigenschaft ererbt
haben, bei dem Worte ,Gottesleugner* ein instink-
tives Gruseln zu empfinden, Grofe Naturforscher
betonen, daf sie die Vorstellungen: Gott, Unsterb-
lichkeit nicht verbannen, sondern nur im Sinne der
modernen Wissenschaft umgestalten wollen. thre In-
stinkte sind eben hinter ihrem Verstande zuriickge-
blieben.
Eine grofe Zahl dieser ,freien Geister* vertritt die
Ansicht, da® der Wille des Menschen unfrei ist. Sie
sagen: der Mensch mu® in einem bestimmten Falle
40 1, Der Charakter.
00600000 000000020000000000000000! OCOOOCOCOCOOOSCCOGO
so handeln, wie es sein Charakter und die auf ihn
einwirkenden Verhdltnisse bedingen. Man halte aber
Umschau bei diesen Gegnern der Ansicht vom , freien
Willen“, und man wird finden, da? sich die Insfinkte
dieser ,Freigeister“ von dem Vollbringer einer ,,bésen“
Tat geradeso mit Abscheu abwenden, wie es die In-
stinkte der anderen tun, die der Meinung sind: der
,freie Wille* koénne sich nach Belieben dem Guten
oder dem Bésen zuwenden.
Der Widerspruch zwischen Verstand und Instinkt
ist das Merkmal unserer ,modernen Geister“. Auch
in den freiesten Denkern der Gegenwart leben noch
die von der christlichen Orthodoxie gepflanzten In-
stinkte. Genau die entgegengesetten sind in Nieb-
sches Natur wirksam. Er braucht nicht erst dariiber
nachzudenken, ob es Griinde gegen die Annahme
eines pers6nlichen Weltenlenkers gibt. Sein Instinkt
ist zu stolz, um sich vor einem solchen zu beugen;
deshalb lehnt er eine derartige Vorstellung ab. Er
spricht mit seinem Zarathustra: ,Aber da ich euch
ganz mein Herz offenbare, ihr Freunde: wenn es
Gotter gabe, wie hielte ich’s aus, kein Gott zu sein!
Also gibt es keine Gétter.“ Sich selbst oder einen
andern wegen einer begangenen Handlung ,schuldig“
zu sprechen, dazu drdangt ihn nichts in seinem Innern.
Um ein solches ,schuldig* unstatthaft zu finden, dazu
braucht er keine Theorie vom ,,freien* oder ,unfreien“
Willen.
Auch die patriotischen Empfindungen seiner deut-
schen Volksgenossen sind Niefsches Instinkten zu-
wider. Er kann sein Empfinden und Denken nicht ab-
hdngig machen von den Gedankenkreisen des Volkes,
I. Der Charakter. Af
GOCGGOCOQGOOOGOOGOO0O000CCODOGOOOG00C0000ECO0ECO000000E000000C0CGE00000208009000
innerhalb dessen er geboren und erzogen ist; auch
nicht von der Zeit, in der er lebt. ,Es ist so klein-
stddtisch* — sagt er in seiner Schrift ,Schopenhauer
als Erzieher‘ —-, ,sich zu den Ansichten verpflichten,
die ein paar hundert Meilen weiter schon nicht mehr
verpflichten. Orient und Okzident sind Kreidestriche,
die uns jemand vor unsere Augen hinmalt, um unsere
Furchtsamkeit zu narren. Ich will den Versuch machen,
zur Freiheit zu kommen, sagt sich die junge Seele;
und da sollte es sie hindern, da# zufallig zwei Na-
tionen sich hassen und bekriegen, oder da? ein Meer
zwischen zwei Erdfeilen liegt, oder da? rings um sie
eine Religion gelehrt wird, welche vor ein paar tau-
send Jahren nicht bestand. Die Empfindungen der
Deutschen wdhrend des Krieges im Jahre 1870 fanden
in seiner Seele einen so geringen Widerhall, daf er,
»wahrend die Donner der Schlacht von Worth iiber
Europa weggingen‘, in einem Winkel der Alpen sah,
»sehr vergriibelt und verrdtselt, folglich sehr bekiim-
mert und unbekiimmert zugleich*, und seine Gedanken
iiber die Griechen niederschrieb. Und als er einige
Wochen darauf sich selbst ,unter den Mauern von
Mest‘ befand, war er ,noch immer nicht losgekommen
von den Fragezeichen, die er zum Leben und der
Kunst der Griechen gesett hatte“. (Vgl. ,Versuch
einer Selbstkritik* in der zweiten Auflage seiner ,Ge-
burt der Tragédie*.) Als der Krieg zu Ende war,
stimmte er so wenig in die Begeisterung seiner deut-
schen Zeitgenossen iiber den errungenen Sieg ein,
da® er schon im Jahre 1873 in seiner Schrift iiber
David Strauf von den ,schlimmen und gefahrlichen
Folgen* des siegreich beendeten Kampfes sprach. Er
492 I. Der Charakter.
000000000000090000000000'
stellte es sogar als einen Wahn hin, daf auch die
deutsche Kultur in diesem Kampfe gesiegt habe, und
er nannte diesen Wahn gefdhrlich, weil, wenn er inner-
halb des deutschen Volkes herrschend wird, die Ge-
fahr vorhanden ist, den Sieg in eine véllige Nieder-
lage zu verwandeln; in die Niederlage, ja Exstirpation
des deutschen Geistes zugunsten des_ ,Deutschen
Reiches*. Das ist Niesbsches Gesinnung in einer Zeit,
in der ganz Europa voll ist von nationaler Begeiste-
rung. Es ist die Gesinnung einer unzeitgemdfen
Persénlichkeit, eines Kampfers gegen seine Zeit.
Auer dem Angefiihrten lieBe sich noch vieles nennen,
was in Niepsches Empfindungs- und Vorsfellungs-
leben anders isf, als in dem seiner Zeitgenossen.
ze
Nietsche ist kein ,Denker* im gew6hnlichen Sinne
des Wortes. Fiir die fragwiirdigen und tiefdringenden
Fragen, die er der Welt und dem Leben gegeniiber
zu stellen hat, reicht das blo®e Denken nicht aus. Fiir
diese Fragen miissen alle Krafte der menschlichen
Natur entfesselt werden; die denkende Betrachtung
allein ist ihnen nicht gewachsen. Zu blo® erdachten
Griinden fiir eine Meinung hat Niebsche kein Ver-
trauen. ,Es gibt ein Mi®trauen in mir gegen Dialektik,
selbst gegen Griinde*, schreibt er am 2. Dezember
1887 an Georg Brandes. (Vgl. dessen ,Menschen und
Werke“, S. 212.) Wer ihn um die Griinde seiner An-
sichten fragt, fiir den hat er ,Zarathustras“ Antwort
bereit: ,Du fragst warum? Ich gehére nicht zu denen,
welche man nach ihrem Warum fragen darf.“ Nicht
ob eine Ansicht logisch bewiesen werden kann, ist fiir
I. Der Charakter. 43
ihn mafgebend, sondern ob sie auf alle Krafte der
menschlichen Persénlichkeit so wirkt, da® sie fiir das
Leben Wert hat. Er lat einen Gedanken nur gelten,
wenn er ihn geeignet findet, zur Entwicklung des Le-
bens beizutragen. Den Menschen so gesund als még-
lich, so machtvoll als méglich, so schépferisch als még-
lich zu sehen, ist sein Wunsch. Wahrheit, Schénheit,
alle Ideale haben nur Wert und gehen den Menschen
nur etwas an, insofern sie lebensféOrdernd sind.
Die Frage nach dem Werte der Wahrheit trift
in mehreren Schriften Niepsches auf. In der verwegen-
sten Form wird sie in seinem Buche: ,Jenseits von
Gut und Bése* gestellt. ,Der Wille zur Wahrheil, der
uns noch zu manchem Wagnisse verfiihren wird, jene
beriihmte Wahrhaftigkeit, von der alle Philosophen bis-
her mit Ehrerbietung geredet haben: was fiir Fragen
hat dieser Wille zur Wahrheit uns schon vorgelegt!
Welche wunderlichen, schlimmen, fragwiirdigen Fragen!
Das ist bereits eine lange Geschichte — und doch
scheint es, da® sie kaum eben angefangen hat. Was
Wunder, wenn wir endlich auch miftrauisch werden,
die Geduld verlieren, uns ungeduldig umdrehn? Dab
wir von dieser Sphinx auch unserseits das Fragen
lernen? Wer ist das eigentlich, der uns hier Fragen
stellt? Was in uns will eigentlich ,zur Wahrheit*? In
der Tat, wir machten lange halt vor der Frage nach
der Ursache dieses Willens — bis wir, zulept, vor einer
noch griindlicheren Frage ganz und gar sfehen blieben.
Wir fragten nach dem Werte dieses Willens. Ge-
sebt, wir wollen Wahrheit: warum nicht lieber
Unwahrheit?*
Das ist ein Gedanke von kaum zu iiberbietender
44 ]. Der Charakter.
Kiihnheif. Stellt man daneben, was ein anderer kiihner
»Oribler und Réatselsfreund*‘, Johann Gottlieb
Fichte, von dem Streben nach Wahrheit sagt, so
sieht man erst, wie tief aus dem Wesen der mensch-
lichen Natur Nietsche seine Vorstellungen heraufholt.
»ich bin dazu berufen* — sagt Fichte — ,der Wahr-
heit Zeugnis zu geben; an meinem Leben und an
meinem Schicksal liegt nichts; an den Wirkungen
meines Lebens liegt unendlich viel. Ich bin ein Priester
der Wahrheit; ich bin in ihrem Solde; ich habe mich
verbindlich gemacht, alles fiir sie zu tdn und zu wagen
und zu leiden.“ (Fichte, Vorlesungen ,Uber die Be-
stimmung des Gelehrten“, vierte Vorlesung.) Diese
Worte sprechen das Verhdltnis aus, in das sich die
edelsten Geister der abendlandischen neueren Kultur
zur Wahrheit seen. Niebsches angefiihrtem Aus-
spruch gegeniiber erscheinen sie oberflachlich. Man
kann gegen sie einwenden: Ist es denn nicht még-
lich, da®B die Unwahrheit wertvollere Wirkungen fiir das
Leben hat, als die Wahrheit? Ist es ausgeschlossen,
da® die Wahrheit dem Leben schadet? Hat sich Fichte
diese Fragen gestellt? Haben es andere getan, die
,~der Wahrheit Zeugnis* gegeben haben?
Nietsche aber stellt diese Fragen. Und er glaubt
iiber sie erst dann ins Reine zu kommen, wenn er
das Sireben nach Wahrheit nicht als bloBe Verstandes-
sache behandelt, sondern nach den Instinkten sucht,
die dieses Streben erzeugen. Denn es kénnte ja wohl
sein, da sich diese Instinkte der Wahrheit nur als
Mittel bedienten, um etwas zu erreichen, was héher
steht, als die Wahrheit. Nietsche findet, nachdem er
,lange genug den Philosophen zwischen die Zeilen
OOCOCCCSOOCC00CO
I. Der Charakter. | 45
und auf die Finger gesehn* hat: ,Das meiste Denken
eines Philosophen ist durch seine Instinkte heimlich
gefiihrt und in bestimmte Bahnen gezwungen.* Die
Philosophen glauben, die lette Triebfeder ihres Tuns
sei das Streben nach Wahrheit. Sie glauben dies, weil
sie nicht auf den Grund der menschlichen Natur zu
sehen vermégen. In Wirklichkeit wird das Streben
nach Wahrheit gelenkt von dem Willen zur Macht.
Mit Hilfe der Wahrheit soll die Macht und Lebens-
fiille der PersGnlichkeit erhéht werden. Das bewuPte
Denken des Philosophen ist der Meinung: die Er-
kenntnis der Wahrheit sei ein leftes Ziel; der unbe-
wufte Instinkt, der das Denken treibt, strebt nach
Forderung des Lebens. Fiir diesen Instinkt ist ,die
Falschheit eines Urteils noch kein Einwand gegen
ein Urteil*; fiir ihn kommt allein die Frage in Be-
tracht: ,wie weit ist es lebenfordernd, lebenerhaltend,
arterhaltend, vielleicht gar artziichtend* (Jenseits von
Gut und Bose § 4).
» Wille zur Wahrheit‘ heift ihr’s, ihr Weisesten, was
euch fireibt und briinstig macht?
Wille zur Denkbarkeit alles Seienden: also heife
ich euren Willen!
Alles Seiende wollt ihr erst denkbar machen: denn
ihr zweifelt mit gutem Miftrauen, ob es schon denk-
bar isf.
Aber es soll sich euch fiigen und biegen! So will’s
euer Wille. Glatt soll es werden und dem Geiste unter-
fan, als sein Spiegel und Widerbild.
Das ist euer ganzer Wille, ihr Weisesten, als ein
Wille zur Macht .. .“ (Zarathustra, 2. Teil, Von der
Selbstiiberwindung.)
46 1. Der Charakter.
E9C0000000000000 OEOOO0000C00C000000000000000000000000009
Die Wahrheit soll die Welt dem Geisfe untertan
machen und dadurch dem Leben dienen. Nur als Le-
bensbedingung hat sie einen Werf. — Kann man nicht
aber noch weiter gehen und fragen: was ist das Leben
selbst wert? Niessche halt eine solche Frage fiir un-
moglich. Da alles Lebende so machtvoll, so inhalt-
reich leben will, als irgend méglich ist, nimmft er als
eine Tatsache hin, iiber die er nicht weiter griibelt.
Die Lebensinstinkte fragen nicht nach dem Werte des
Lebens. Sie fragen nur: welche Mittel gibt es, um die
Macht ihres Traégers zu erhdhen. ,Urteile, Werturteile
iiber das Leben, fiir oder wider, kénnen zulett nie-
mals wahr sein: sie haben nur Wert als Symptome,
sie kommen nur als Symptome in Betracht, — an
sich sind solche Urteile Dummheiten. Man muf durch-
aus seine Finger darnach ausstrecken und den Ver-
such machen, die erstaunliche Finesse zu fassen, da
der Wert desLebens nicht abgeschatzt wer-
den kann. Von einem Lebenden nicht, weil ein sol-
cher Partei, ja sogar Streitobjekt ist, und nicht Richter;
von einem Toten nicht, aus einem andern Grunde. —
Von seifen eines Philosophen im Wert des Lebens
ein Problem sehn, bleibt dergestalt sogar ein Einwurf
gegen ihn, ein Fragezeichen an seiner Weisheit, eine
Unweisheit.« — (G6sendémmerung. Das Problem des
Sokrates.) Die Frage nach dem Werte des Lebens
existiert nur fiir eine mangelhaft ausgebildete, kranke
PersGnlichkeit. Wer allseitig entwickelt ist, lebt, ohne
zu fragen, wieviel sein Leben wert ist.
Weil Nietsche die beschriebenen Ansichten hat, des-
halb legt er auf logische Beweisgriinde fiir ein Urteil
wenig Gewicht. Nicht darauf kommt es ihm an, ob
1. Der Charakter. 47
sich das Urteil logisch beweisen la6t, sondern wie
gut sich unter seinem Einflusse leben Jat. Nicht allein
der Verstand, sondern die ganze Persdénlichkeit des
Menschen soll befriedigt werden. Die besten Gedanken
sind diejenigen, welche alle Krafte der menschlichen
Natur in eine ihnen angemessene Bewegung bringen.
Nur Gedanken dieser Art haben fiir Niessche Inter-
esse. Er ist kein philosophischer Kopf, sondern ein
»Honigsammler des Geisies*, der die ,Bienenkérbe*
der Erkenntnis aufsucht und heimzubringen sucht, was
dem Leben fromm.
BOOC00CO
3}.
In Niebsches Personlichkeit sind diejenigen Instinkte
vorherrschend, die den Menschen zu einem gebieten-
den, herrischen Wesen machen. Ihm gefallt alles, was
Macht bekundet; ihm miffallt alles, was Schwdche
verrdt. Er fiihlt sich nur so lange gliicklich, als er
sich in Lebensbedingungen befindei, die seine Kraft
erhohen. Er liebt Hemmnisse, Widerstdnde fiir seine
Tatigkeit, weil er sich bei ihrer Uberwindung seiner
Macht bewuft wird. Er sucht die beschwerlichsten
Wege auf, die der Mensch gehen kann. Ein Grund-
zug seines Charakters isi in dem Spruche ausge-
driickt, den er der zweifen Ausgabe seiner ,frdhlichen
Wissenschaft* auf das Titelblatt gesetzt hat:
»lch wohne in meinem eignen Haus,
Hab’ niemandem nie nichts nachgemacht
Und — lachte noch jeden Meister aus,
Der nicht sich selber ausgelacht.“
Jede Art von Unterordnung unter eine fremde Macht
empfindet Niepsche als Schwdche. Und iiber das,
was eine ,fremde Macht* ist, denkt er anders als
48 I. Der Charakter.
C000E00000008900 IOD0000000000000000000000000'
mancher, der sich als ,unabhangigen, freien Geisi“
bezeichnet. Niefbsche empfindet es als Schwache, wenn
der Mensch sich in seinem Denken und Handeln so-
genannien ,ewigen, ehernen* Gesegen der Vernunif
unterwirft. Was die allseitig entwickelte Persénlichkeit
tut, das !a4f1 sie sich von keiner Moralwissenschaft
vorschreiben, sondern allein von den Antrieben des
eigenen Selbst. Der Mensch ist in dem Augenblicke
schon schwach, in dem er nach Gesefen und Regeln
sucht, nach denen er denken und handeln soll. Der
Starke bestimmt die Art seines Denkens und Han-
delns aus seinem eigenen Wesen heraus.
Diese Ansicht spricht Nietsche am schroffsten in
Sdapen aus, um derentwillen ihn kleinlich denkende
Menschen geradezu als einen gefdhrlichen Geist be-
zeichnet haben: ,Als die chrisflichen Kreuzfahrer im
Orient auf jenen unbesiegbaren Assassinenordenstiefen,
jenen Freigeisterorden par excellence, dessen unterste
Grade in einem Gehorsame lebten, wie einen gleichen
kein MOnchsorden erreicht hat, da bekamen sie auf
irgend welchem Wege auch einen Wink iiber jenes
Symbol und Kerbholzwort, das nur den obersten Gra-
den, als deren Sekretum, vorbehalten war: ,Nichts ist
wahr, alles ist erlaubi!* ... Wohlan, das war Frei-
heit des Geistes, damit war der Wahrheit selbst der
Glaube gekiindigt*... (Genealogie der Moral, 35. Abh.
§ 24.) Da® diese Sape die Empfindungen einer vor-
nehmen, einer Herrennatur zum Ausdruck bringen, die
sich die Erlaubnis, frei, nach ihren eigenen Gesepen
zu leben, durch keine Riicksicht auf ewige Wahrheiten
und Vorschriften der Moral verkiimmern lassen will,
fiihlen diejenigen Menschen nicht, die, ihrer Art nach,
Oo
l. Der Charakter. 49
1000000900000000000000000,
zur Unterwiirfigkeit geeignet sind. Eine Persénlichkeit,
wie die Nietsches isi, vertragt auch jene Tyrannen
nicht, die in der Form abstrakter Sittengebote auf-
treten. Ich bestimme, wie ich denken, wie ich handeln
will, sagt eine solche Natur.
Es gibt Menschen, die ihre Berechtigung, sich ,Frei-
denker* zu nennen, davon herleiten, da® sie sich in
ihrem Denken und Handeln nicht solchen Geseten
unterwerfen, die von anderen Menschen herriihren,
sondern nur den ,ewigen Gesefen der Vernunft«,
den ,unumst6flichen Pflichtbegriffen* oder dem, Willen
Gofies*. Nietsche sieht solche Menschen nicht als
wahrhaft starke Persénlichkeiten an. Denn auch sie
denken und handeln nicht nach ihrer eigenen Natur,
sondern nach den Beftehlen einer hGdheren Autori-
tat. Ob der Sklave der Willkiir seines Herrn, der
Religidse den geoffenbarten Wahrheiten eines Goltes
oder der Philosoph den Anspriichen “der Vernuntt
folgt, das dandert nichis an dem Umstande, daft sie
alle Gehorchende sind. Was befiehlt, ist dabei
gleichgiiltig; das ausschlaggebende ist, da iiberhaupt
befohlen wird, da® der Mensch sich nicht selbst
die Richtung fiir sein Tun gibt, sondern der Meinung
ist, es gebe eine Macht, welche ihm diese Richtung
vorzeichnet.
Der starke, wahrhaft freie Mensch will die Wahr-
heit nicht empfangen — er will sie schaffen; er
will sich nichts ,erlauben* lassen, er will nicht ge-
horchen. ,Die eigentlichen Philosophen sind Befeh-
lende und Gesetgeber; sie sagen: so solles
sein!* sie bestimmen erst das Wohin? und Wozu?
des Menschen und verfiigen dabei iiber die Vorarbeit
Steiner, Friedrich Niebsche 4
50 I], Der Charakter.
aller philosophischen Arbeiter, aller Uberwdltiger der
Vergangenheit, — sie greifen mif sch6épferischer Hand
nach der Zukunft, und alles, was ist und war, wird
ihnen dabei zum Mittel, zum Werkzeug, zum Hammer.
Ihr ,Erkennen‘ ist Schaffen, ihr Schaffen ist eine
Gesesgebung, ihr Wille zur Wahrheit ist — Wille
zur Macht. — Gibt es heute solche Philosophen?
Gab es schon solche Philosophen? Mu®f es nicht
solche Philosophen geben?* (Jenseits von Gut und
Bose § 211.)
4.
Ein besonderes Zeichen menschlicher Schwdche
sieht Niefsche in jeder Art von Glauben an ein Jen-
seits, an eine andere Welt, als die ist, in der der
Mensch lebt. Man kann, nach seiner Ansichi, dem
Leben keinen gréferen Schaden tun, als wenn man
sein Leben im Diesseits im Hinblick aut ein anderes
Leben im Jenseits einrichtet. Man kann sich keiner
groReren Verirrung hingeben, als wenn man hinter
den Erscheinungen dieser Welt Wesenheiten annimmt,
die der menschlichen Erkenntnis unzugdnglich sind,
und die als der eigentliche Urgrund, als das Be-
stimmende alles Daseins gelten sollen. Durch eine
solche Annahme verdirbt man sich die Freude an
dieser Welt. Man wiirdigt sie zum Scheine, zu einem
blofen Abglanz eines Unzugdnglichen herab. Man er-
klart die uns bekannte Welt, die fiir uns allein wirk-
liche, fiir einen nichtigen Traum und schreibt die wahre
Wirklichkeit einer ertréumten, erdichteten anderen Welt
zu. Man erklart die menschlichen Sinne fiir Betriiger,
die uns Scheinbilder statt Wirklichkeiten liefern.
1. Der Charakter. 51
900000000000000600000000000000000000000000000000000000000C000000'
Nur aus der Schwdche kann eine solche Ansicht
stammen. Denn der Starke, der fest in der Wirklich-
keit wurzelt, der seine Freude am Leben hat, wird es
sich nicht in den Sinn kommen lassen, eine andere
Wirklichkeit zu erdichten. Er ist mit dieser Welt be-
schdftigt und bedarf keiner andern. Aber die Leiden-
den, die Kranken, die unzufrieden sind mif diesem
Leben, nehmen ihre Zuflucht zum Jenseits. Was ihnen
das Diesseits entzogen hat, soll ihnen das Jenseits
bieten. Der Starke, der Gesunde, der entwickelfe und
taugliche Sinne hat, um die Griinde dieser Welt in
ihr selber aufzusuchen, der bedarf zur Erklarung der
Erscheinungen, innerhalb deren er lebt, keiner jen-
seitigen Griinde und Wesenheiten. Der Schwache,
der mif verkriippelten Augen und Ohren die Wirklich-
keit wahrnimmt, der braucht Ursachen hinter den Er-
scheinungen.
Aus dem Leiden und der kranken Sehnsucht ist
der Glaube an das Jenseits geboren. Aus dem Un-
vermégen, die wirkliche Welf zu durchschauen, sind
alle Annahmen von ,Dingen an sich“ erwachsen.
Alle, welche Grund haben, das wirkliche Leben
zu verneinen, sagen Ja zu einem erdichteten.
Niepsche will ein Jasager gegeniiber der Wirklich-
keit sein. Diese Welt will er durchforschen nach allen
Richtungen, er will sich einbohren in die Tiefen des
Daseins; von einem andern Leben will er nichts
wissen. Ihn kann selbst das Leiden nicht veranlassen,
Nein zum Leben zu sagen; denn auch das Leiden ist
ihm ein Mittel der Erkenntnis. , Nicht anders, als es
ein Reisender macht, der sich vorsett, zu einer be-
stimmten Stunde aufzuwachen, und sich dann ruhig
52 I. Der Charakter.
dem Schlafe iiberlaBt: so ergeben wir Philosophen,
gesett, da? wir krank werden, uns zeitweilig mit Leib
und Seele der Krankheit — wir machen gleichsam
vor uns die Augen zu. Und wie jener wei, dak
irgend etwas nicht schlaff, irgend etwas die Stun-
den abzdhlt und ihn aufwecken wird, so wissen auch
wir, da® der entscheidende Augenblick uns wach fin-
den wird, — da dann etwas hervorspringt und den
Geist auf der Tat ertappt, ich meine auf der Schwdche
oder Umkehr oder Ergebung oder Verhdartung oder
Verdiisterung, und wie alle die krankhaffen Zustande
des Geistes heifen, welche in gesunden Tagen den
Stolz des Geistes wider sich haben. Man lernt nach
einer derartigen Selbstbefragung, Selbstversuchung,
mit einem feineren Auge nach allem, woriiber tiber-
haupt bisher philosophiert worden ist, hinsehen* .. .
(Vorrede zur zweiten Ausgabe der ,frohlichen Wissen-
schaft*.) —
5.
Dieser lebens- und wirklichkeitsfreundliche Sinn
Niepsches zeigt sich auch in seinen Anschauungen
iiber die Menschen und ihre gegenseitigen Beziehungen.
Auf diesem Gebiete ist Niebsche vollkommener In-
dividualist. Jeder Mensch gilt ihm als eine Welt fiir
sich, ein Unikum. ,Das wunderlich bunte Mancherlei,
das zum ,Einerlei‘ vereinigt ist und} uns als ein be-
stimmter Mensch entgegentritt, kann kein noch so
Selisamer Zufall ein zweites Mal in gleicher Weise
zusammenschiitteln.* (Schopenhauer als Erzieher 1.)
Die wenigsten Menschen sind jedoch geneigi, ihre
nur einmal vorhandenen Eigentiimlichkeiten zu ent-
Il. Der Charakter. 5d
OC000000: 100000000
falten. Sie fiirchten ‘sich vor der Einsamkeit, in die
sie dadurch gedraéngt werden. Es ist bequemer und
gefahrloser, in gleicher Weise wie die Mitmenschen
zu leben; man*findet dann immer Gesellschaft. Wer
auf seine eigene Art sich einrichtet,” wird von anderen
nicht verstanden und findet keine Genossen. Fiir
Nietsche hat die Einsamkeit einen besonderen Reiz.
Er liebt es, die Heimlichkeiten des ‘eigenen Innern
aufzusuchen. Er flieht die Gemeinschaft der Menschen.
Seine Gedankengdnge sind zumeist Bohrversuche
nach Schdten, die tief in seiner PersGénlichkeit ver-
borgen liegen. Das Licht, das andere ihm bieten, ver-
schmahi er; die Luft, die man da atmet, wo das ,Ge-
meinsame der Menschen“, die ,Regel Mensch* lebt,
will er nicht mitatmen. Er trachtet instinktiv nach
seiner ,Burg und Heimlichkeit*, wo er von der Menge,
den vielen, den allermeisten erl6ést ist. Jenseits von
Gut und Bose § 26.) In seiner ,fréhlichen Wissen-
schaft* klagt er, daf es ihm schwer ist, seine Mit-
menschen zu ,verdauen‘; und in ,Jenseits von Gut
und Bése“ (§ 282) verrdt er, da er zumeist gefahr-
liche Verdauungsstérungen davontrug, wenn er sich
an Tische septe, an denen die Kost des ,,Allgemein-
Menschlichen* genossen wurde. Die Menschen diirfen
Nietsche nicht: zu nahe kommen, wenn er sie er-
tragen soll.
COCOOCOOCCCOOCOOCOCCC000
6.
Niefsche erklari! einen Gedanken, ein Urteil in
derjenigen Form fiir giiltig, zu der die freiwaltenden
Lebensinstinkte ihre Zustimmung geben. Ansichten,
fiir die das Leben sich entscheidet, lat er sich durch
54 I. Der Charakter.
0000000000000000009000000000000000000000000000009000000000000000 00000000 000C0000
keine logischen Zweifel nehmen. Dadurch erhalt sein
Denken einen sichern, freien Zug. Es wird nicht be-
irrt durch Bedenken wie: ob eine Behauptung auch
,objektiv“ wahr ist, ob sie die Grenzen des mensch-
lichen Erkenntnisvermégens nicht iiberschreifet usw.
Wenn Niefsche den Wert eines Urteiles fiir das Le-
ben erkanni hat, dann fragt er nicht mehr nach einer
weiteren ,objektiven* Bedeutung und Giilfigkeit des-
selben. Und wegen Grenzen des Erkennens macht
er sich keine Sorgen. Er ist der Ansicht, da® ein
gesundes Denken das schafft, was es schaffen kann,
und sich nicht mit der nusblosen Frage abqudlt: was
kann ich nicht?
Wer den Wert eines Urteils nach dem Grade be-
stimmen will, in dem es das Leben foérdert, kann
diesen Grad natiirlich nur durch seine eigenen, per-
s6nlichen Lebenstriebe und Lebensinstinkte festsefen.
Er kann nie mehr sagen wollen, als: in bezug auf
meine Lebensinstinkte halte ich dieses bestimmte Ur-
teil fiir ein wertvolles. Und Niessche will auch nie
etwas anderes sagen, wenn er eine Ansicht ausspricht.
Gerade dieses sein Verhdltnis zu seiner Gedanken-
welt wirkt so wohltuend auf den freiheitlich gesinnten
Leser. Es gibt Niettsches Schriften den Charakter
anspruchsloser, bescheidener Vornehmheit. Wie ab-
stoRend und unbescheiden klingt es daneben, wenn
andere Denker glauben, ihre Person sei das Organ,
durch das der Welt ewige, unumstéfliche Wahrheiten
verkiindet werden. Man kann in Niebsches Werken
Sdpe finden, die ein starkes Selbstbewuftsein aus-
driicken, z. B.: ,Ich habe der Menschheit das tiefste
Buch gegeben, das sie besist, meinen Zarathustra:
I. Der Charakter. 55
ich gebe ihr iiber kurzem das unabhangigste.* —
(Gobenddmmerung, Streifziige eines Unzeitgemafen
§ 51.) Was besagt dies aber aus seinem Munde?
Ich habe es gewagt, ein Buch zu schreiben, dessen
Inhalt tiefer aus dem Wesen einer Persénlichkeit ge-
holt ist, als das sonst bei dhnlichen Biichern der Fall
ist; und ich werde ein Buch liefern, das unabhdngiger
von jedem fremden Urteil ist, als andere philosophi-
sche Schriften; denn ich werde iiber die wichtigsten
Dinge blo® aussprechen, wie sich meine persénlichen
Insfinkte zu ihnen verhalten. Das is{ vornehme Be-
scheidenheit. Sie geht freilich denen wider den Ge-
schmack, deren verlogene Demut sagt: ich bin nichts,
mein Werk ist alles; ich bringe nichts von pers6n-
lichem Empfinden in meine Biicher, sondern ich
spreche blo? aus, was die reine Vernunft mich aus-
sprechen heift. Solche Menschen wollen ihre Person
verleugnen, um behaupten zu kénnen, da ihre Aus-
Spriiche die eines hdheren Geistes sind. Nietsche
halt seine Gedanken fiir Erzeugnisse seiner Person
und fiir nicht mehr.
ig
Die Fachphilosophen mégen iiber Niefsche lacheln
oder ihre Meinungen iiber die ,Gefahren‘ seiner
»Weltanschauung* zum besten geben. Manche dieser
Geister, die nichts sind als personifizierte Lehrbiicher
der Logik, kénnen natiirlich Niepsches aus den mdach-
ligsten, unmittelbarsten Lebensimpulsen entspringen-
des Schaffen nicht loben.
Niessche mit seinen kiihnen Gedankenspriingen trifft
jedenfalls auf tiefere Geheimnisse der menschlichen
56 ]. Der Charakter.
Natur, als mancher logische Denker mif seinem vor-
sichtigen Kriechen. Was nuft alle Logik, wenn sie mit
ihren Begriffsneben nur einen wertlosen Inhalt fangt?
Wenn uns wertvolle’ Gedanken mitgeteilt werden, dann
erfreuen wir uns an ihnen, wenn sie auch nicht mit
logischen Faden verkniipft sind. Das Heil des Lebens
hangt nicht allein von der Logik ab, sondern auch
von der Gedankenerzeugung. Unsere Fachphilosophie
ist gegenwadrtig unfruchtbar genug, und sie k6énnte
die Belebung mit Gedanken eines mutigen, kiihnen
Schriftstellers, wie es Niessche ist, sehr wohl brauchen.
Die Entwickelungskraft dieser Fachphilosophie ist ge-
lahmt durch den Ejinflu®, den das Kantsche Denken
auf sie genommen hat. Sie hai durch diesen Einflug
allie Urspriinglichkeit, allen Mut verloren. Kant hat
aus der Schulphilosophie seiner Zeit den Begriff von
Wahrheiten, die aus der ,reinen Vernunft* stammen,
iibernommen. Er hat zu zeigen versucht, da wir
durch solche Wahrheit nichts wissen kénnen von
Dingen, die jenseits unserer Erfahrung liegen, von
»Dingen an sich*. Seif einem Jahrhundert ist nun un-
ermeflicher Scharfsinn aufgewendet worden, um diesen
Kantschen Gedanken nach allen Seiten durchzudenken.
Die Erzeugnisse dieses Scharfsinns sind allerdings
oft diirftig und trivial. Uberseste man die Banalitaten
manches philosophischen Buches der Gegenwart aus
den Schulformeln in eine gesunde Sprache, so wiirde
sich ein solcher Inhalt gegeniiber manchem kurzen
Aphorismus Nietsches armselig genug ausnehmen.
Dieser konnte im Hinblick auf die Philosophie der
Gegenwart mit einem gewissen Recht den _ stolzen
Saf aussprechen: ,Mein Ehrgeiz ist, in zehn Satzen
l. Der Charakter. 57
zu Sagen, was jeder andere in einem Buche sagt, —
was jeder andere in"einem Buche nicht sagt .. .“
8.
Wie Niessche in seinen eigenen Meinungen nichts
geben will als ein Erzeugnis seiner persénlichen In-
stinkte und Triebe, so sind ihm auch fremde Ansichten
nichts weiter als Symptome, aus denen er auf die in
einzelnen Menschen oder ganzen Vilkern, Rassen usw.
vorwalfenden Instinkte schlie#t. Er macht sich nichts
mit Diskussionen oder Widerlegungen fremder Mei-
nungen zu schaffen. Aber er sucht die Instinkte auf,
die sich in diesen Meinungen aussprechen. Er sucht
die Charaktere der Persénlichkeiten oder Vélker aus
ihren Ansichten zu erkennen. Ob eine Ansicht auf
das Vorwalten der Instinkte fiir Gesundheit, Tapfer-
keit, Vornehmheit, Lebensfreude hinweist, oder ob
sie aus ungesunden, sklavischen, miiden, lebensfeind-
lichen Instinkten entspringt, das interessiert ihn. Wahr-
heifen an sich sind ihm gleichgiiltig; er kiimmert sich
darum, wie die Menschen ihre Wahrheifen ihren In-
stinkten jgemd@ ausbilden, und wie sie damit ihre
Lebensziele?|f6érdern. Die natiirlichen Ursachen der
menschlichen Ansichten will er aufsuchen.
Nach dem Sinne jener Idealisten, die der Wahrheit |
einen selbstandigen Wert zuerkennen, die ihr einen
»reinen, thoheren Ursprung* als den aus den In-
stinkten geben wollen, ist Niebsches Bestreben aller-
dings nicht. Er erklaért die menschlichen Ansichten
als das Ergebnis natiirlicher Krafte, wie der Natur-
forscher die Einrichtung des Auges aus dem Zu-
sammenwirken nafiirlicher Ursachen erklart. Eine Er-
58 I. Der Charakter.
©0000000000000000000000000000000000000000000000000000000090000000000000000000000
klarung der geistigen Entwickelung der Menschheit
aus besonderen sitflichen Zwecken, Idealen, aus einer
sittlichen Weltordnung erkennt er ebensowenig an, wie
der Naturforscher der Gegenwart die Erkldrung an-
erkennt, da® die Natur das Auge deswegen in einer
bestimmten Weise gebaut hat, weil sie den Zweck
hatte, dem Organismus ein Organ zum Sehen anzu-
erschaffen. In jedem Ideal sieht Niepsche nur den
Ausdruck fiir einen Instinkt, der sich auf eine be-
stimmte Art seine Befriedigung sucht, wie der moderne
Naturforscher in der zweckmafigen Einrichtung eines
Organes das Ergebnis organischer Bildungsgesebe
sieht. Wenn es gegenwéartig nocn Naturforscher und
Philosophen gibt, die jedes Schaffen der Natur nach
Zwecken ablehnen, aber vor dem sittlichen Idealismus
Halt machen und in der Geschichte die Verwirk-
lichung eines g6tflichen Willens, einer idealen Ord-
nung der Dinge sehen, so ist dies eine Instinkthalbheif.
Solchen Personen fehlt fiir die Beurteilung geistiger
Vorgdnge der richtige Blick, wahrend sie ihn in der
Beobachtung von Naturvorgangen zeigen. Wenn ein
Mensch glaubt, er strebe ein Ideal an, das nicht aus
der Wirklichkeit stammt, so glaubi er dies nur, weil
er den Instinkt nicht kennt, aus dem dieses Ideal
entsteht.
Niepsche ist Anti-Idealist in dem Sinne, wie der
moderne Naturforscher Gegner der Annahme von
Zwecken ist, die die Natur verwirklichen soll. Er
spricht ebensowenig von sittlichen Zwecken, wie der
Naturforscher von Naturzwecken spricht. Niebsche
hdlt es nicht fiir weiser, zu sagen: der Mensch soll
ein sittliches Ideal verwirklichen, wie zu erklaren: der
I. Der Charakter. 59
Stier hat Horner, damit er stofBen kénne. Er be-
frachtet den einen wie den andern Ausspruch als
Produkt einer Welterklarung, welche von _,g6ttlicher
Vorsehung“, ,weiser Allmacht*, statt von nafiirlichen
Wirkungen spricht.
Diese Welterklarung ist ein Hemmschuh fiir alles
gesunde Denken; sie schafft einen erdichteten, idealen
Nebel, der das natiirliche, auf die Beobachtung der
Wirklichkeit gerichtete Sehvermégen hindert, die Welt-
vorgdnge zu durchschauen; sie stumpft endlich vollig
allen Wirklichkeitssinn ab.
9.
Wenn Nietssche sich in einen geistigen Kampf ein-
laft, so will er nicht fremde Meinungen als solche
widerlegen, sondern er tut es, weil diese Meinungen
auf schddliche, naturwidrige Instinkte hinweisen, die
er bekdmpfen will. Er hat dabei eine dhnliche Ab-
sicht, wie sie jemand hat, der eine schddliche Natur-
wirkung bekampft oder ein gefahrliches Naturwesen
vertilgt. Er baut nicht auf die ,iiberzeugende* Krafft
der Wahrheit, sondern darauf, da? er den Gegner
besiegen wird, wenn dieser die ungesunden, schdd-
lichen Instinkte, er aber die gesunden, lebenfordernden
hat. Er sucht nach keiner weiteren Rechtfertigung eines
solchen Kampfes, wenn seine Instinkte die des Geg-
ners als schddlich empfinden. Er glaubt nicht als
Vertreter irgend einer Idee kampfen zu miissen, son-
dern er kdmpft, weil ihn seine Instinkte dazu treiben.
Zwar ist das bei keinem geistigen Kampfe anders,
aber gewohnlich sind sich die Kampfer der wirklichen
Triebfedern ebensowenig bewuft, wie die Philosophen
60 1. Der Charakter.
C0000000' 13000000000000000000000060000000000000000 0000000SC00G0000
sich ihres ,Willens zur Macht“ oder die Anhdanger
der sittlichen Welfordnung der natiirlichen Ursachen
ihrer sittlichen Ideale. Sie glauben, daf lediglich Mei-
nung gegen Meinung kaémpft, und verhiillen ihre wirk-
lichen Motive durch Begriffsmdntel. Sie nennen auch
die Instinkte des Gegners nicht, die ihnen unsym-
pathisch sind, ja diese kommen ihnen vielleicht gar
nicht zum Bewuftsein. Kurz, die Krafte, die eigent-
lich feindlich gegen einander gerichtet sind, trefen
gar nicht offen hervor. Niebsche nennt riicksichtslos
die Instinkte des Gegners, die ihm zuwider sind, und
er nennt auch die Instinkte, die er ihnen entgegen-
sebt. Wer dies Zynismus nennen will, der mag
es tun. Er soll aber nur nicht iibersehen, daf es in
aller menschlichen Téfigkeit niemals etwas anderes
als solchen Zynismus gegeben hat, und daf alle
idealistischen Wahngewebe von diesem Zynismus ge-
webt sind.
Il. Der Ubermensch.
10.
lles Streben des Menschen besteht, wie das eines
jeden Lebewesens, darin, von der Natur einge-
pflanzte Triebe und Instinkte in der besten Weise zu be-
friedigen. Wenn die Menschen nach Tugend, Gerechtig-
keit, Erkenntnis und Kunst streben, so geschieht dies
deshalb, weil Tugend, Gerechtigkeit usw. Mittel sind,
durch die die menschlichen Instinkte sich so entwickeln
k6nnen, wie es deren Natur entsprechend ist. Die In-
stinkte wiirden ohne diese Mittel verkiimmern. Es ist
nun eine Eigentiimlichkeit des Menschen, daf er diesen
Zusammenhang seiner Lebensbedingungen mit seinen
nafiirlichen Trieben vergift und jene Miftel zu einem na-
turgemdfen, machtvollen Leben als etwas ansieht, das
an sich einen unbedingten Wert hat. Der Mensch sagt
dann: Tugend, Gerechtigkeit, Erkenntnis usw. miissen
um ihrer selbst willen erstrebt werden. Sie haben nicht
dadurch einen Wert, daf® sie dem Leben dienen, son-
dern vielmehr das Leben erhalte erst einen Wert da-
durch, da es nach jenen idealen Giitern strebt. Der
Mensch sei nicht dazu da, nach Mafgabe seiner In-
stinkte zu leben, wie das Tier; sondern er solle seine
Instinkte dadurch adeln, da® er sie in den Dienst
hdherer Zwecke stelle. Auf diese Weise kommt der
Mensch dazu, das, was er selbst erst zur Befriedigung
seiner Triebe geschaffen hat, als Ideale anzubeten, die
62 ll. Der Ubermensch.
seinem Leben erst die rechte Weihe geben. Er fordert
Unterwerfung unter die Ideale, die er héher schagf,
als sich selbst. Er lést sich los von dem Mutterboden
der Wirklichkeit und will seinem Dasein einen héheren
Sinn und Zweck geben. Er erfindet einen unnatiirlichen
Ursprung fiir seine Ideale. Er nennt sie den ,,Willen
Goties*, die ,ewigen sifflichen Gebote*. Er will die
»Wahrheit um der Wahrheit willen*, ,die Tugend um
der Tugend willen* anstreben. Er betrachtet sich als
einen guten Menschen erst dann, wenn es ihm an-
geblich gelungen ist, seine Selbstsuchi, d. h. seine na-
tiirlichen Instinkte zu bandigen und selbstlos einem
idealen Ziele zu folgen. Einem solchen Idealisten gilt
der Mensch als unedel und ,bGdse“, der es bis zu
solcher Selbstiiberwindung nicht gebracht haf.
Nun stammen urspriinglich alle Ideale aus natiir-
lichen Instinkien. Auch was der Christ als Tugend
ansieht, die ihm Gott geoffenbart hat, ist urspriinglich
von Menschen erfunden, um irgendwelche Instinkte
zu befriedigen. Der natiirliche Ursprung ist vergessen
und der gdttliche hinzugedichtet worden. Ahnlich ver-
halt es sich mit den Tugenden, die die Philosophen
und Moralprediger aufstellen.
Wenn die Menschen blo? gesunde Instinkte hatten
und diesen gem4&f ihre Ideale bestimmten, so wiirde
der theoretische Irrtum iiber den Ursprung dieser Ideale
nicht schaden. Die Idealisten hatten zwar falsche An-
sichten iiber die Herkunft ihrer Ziele, aber diese Ziele
selbst waren gesund, und das Leben miifte gedeihen.
Aber es gibt ungesunde Instinkte, die nicht auf Star-
kung, Foérderung des Lebens, sondern auf dessen
Schwachung, Verkiimmerung abzielen. Diese bemdch-
ll. Der Ubermensch. 63
99000600900000600000000000000000000000008000000000000000000000000000000000000000
figen sich des genannten theoretischen Irrtums und
machen ihn zum praktischen Lebenszweck. Sie ver-
leiten den Menschen, zu sagen: ein vollkommener
Mensch ist nicht derjenige, der sich selbst, seinem
Leben dienen will, sondern derjenige, der sich der
Verwirklichung eines Ideals hingibt. Unter dem Ein-
flu dieser Instinkie bleibt der Mensch nicht blo® dabei
stehen, irrtiimlich seinen Zielen einen un- oder iiber-
naliirlichen Ursprung anzudichten, sondern er macht
sich wirklich solche Ideale zurecht oder iibernimmt sie
von anderen, die nicht den Bediirfnissen des Lebens
dienen. Er strebt nicht mehr darnach, die in seiner Per-
sonlichkeit liegenden Krafte ans Tageslicht zu ziehen,
sondern er lebt nach einem seiner Natur aufgezwunge-
nen Musterbilde. Ob er dieses Ziel einer Religion ent-
nimmf, oder ob er es selbst auf Grund gewisser, nicht
in seiner Natur liegenden Voraussebungen bestimmt:
darauf kommt es nicht an. Der Philosoph, der einen
allgemeinen Zweck der Menschheit im Auge hat und
aus diesem seine siftlichen Ideale ableitet, legt der
menschlichen Natur ebenso Fesseln an, wie der Re-
ligionsstifter, der den Menschen sagt: dies ist das
Ziel, das euch Gott gesest hat; und dem miift ihr
folgen. Es ist auch gleichgiiltig, ob der Mensch sich
vorsest, ein Ebenbild Gottes zu werden, oder ob er
ein Ideal des ,vollkommenen Menschen‘ erfindet und
diesem méglichst dhnlich werden will. Wirklich ist nur
der einzelne Mensch und die Triebe und Instinkte
dieses einzelnen Menschen. Nur wenn er auf die Be-
diirfnisse seiner eigenen Person sein Augenmerk richtet,
kann der Mensch erfahren, was seinem Leben frommt.
Der einzelne Mensch wird nicht ,vollkommen*, wenn
64 ll. Der Gbermensch.
er sich verleugnet und einem Vorbilde ahnlich- wird,
sondern wenn er das verwirklicht, was in ihm zur
Verwirklichung drdngt. Die menschliche Tdtigkeit er-
halt nicht erst einen Sinn, wenn sie einem unperson-
lichen, au@eren Zwecke dient; sie hat ihren Sinn in
sich selbst.
Der Anti-Idealist wird zwar auch in der ungesunden
Abkehr des Menschen von seinen ureigenen Instinkfen
noch eine Instinktéu®erung erblicken. Er weil, dah
der Mensch selbst das Instinktwidrige nur aus Insfinkt
vollbringen kann. Er wird aber doch*die Instinktwidrig-
keit bekampfen, wie der Arzt eine Krankheit bekampft,
tropdem er wei, dab sie nalurgema? aus bestimmien
Ursachen entstanden ist. Es darf also dem Anti-Idea-
listen nicht der Einwurf gemacht werden: du behaupftest,
alles, was der Mensch erstrebt, also auch alle Ideale,
seien naturgemda® entstanden; dennoch bekaémpfsf du
den Idealismus. Gewil entstehen Ideale ebenso nafur-
gemma wie Krankheiten; aber der Gesunde bekampft
den Idealismus, wie er die Krankheit bekampft. Der
Idealist aber sieht die Ideale als etwas an, das ge-
hegt und gepflegt werden muf.
Der Glaube, dafé der Mensch vollkommen erst
wird, wenn er ,hdheren* Zwecken dient, ist, nach
Niefsches Meinung, etwas, das iiberwunden werden
mu. Der Mensch muf sich auf sich selbst besinnen
und erkennen, da? er Ideale nur erschaffen hat, um
sich zu dienen. Naturgemdf leben, ist gesiinder, als
Idealen nachjagen, die angeblich nicht aus der Wirk-
lichkeit stammen. Den Menschen, der nicht unpersén-
lichen Zielen dient, sondern der den Zweck und Sinn
seines Daseins in sich selbst sucht, der solche Tu-
ll. Der Ubermensch. 65
IOGO00000000000000000000000000000000000000000000C
genden zu den seinigen macht, die seiner Kraftent-
faltung, seiner Machtvollkommenheit dienen — diesen
Menschen stellt Niessche hodher als den selbstlosen
Idealisten.
Dies ist es, was er durch seinen , Zarathustra‘ ver-
kiindet. Das souverdne Individuum, das wei, daB es
nur aus seiner Natur heraus leben kann, und das in
einer seinem Wesen entsprechenden Lebensgestaltung
sein persGnliches Ziel sieht, ist fiir Niesbsche der
Ubermensch, im Gegensats zu dem Menschen, der
glaubt: ihm sei das Leben geschenkt, um einem aufer
ihm selbst liegenden Zwecke zu dienen.
Den Ubermenschen, d. h. den Menschen, der
naturgemdf? zu leben versteht, lehrt Zarathustra. Er
lehrt die Menschen, ihre Tugenden als ihre Geschépfe
betrachien; er heift sie diejenigen verachten, die ihre
Tugenden hGher als sich selbst achten.
Zarathustra ist in die Einsamkeit gegangen, um sich
frei zu machen von der Demut, in der sich die Men-
schen beugen vor ihren Tugenden. Er geht erst wieder
unter Menschen, als er die Tugenden verachten ge-
lernt hal, die das Leben bdndigen und nicht dem Le-
ben dienen wollen. Er bewegt sich nun leicht wie ein
Tadnzer, denn er folgt nur sich und seinem Willen und
achtet nicht auf die Linien, die ihm von den Tugenden
vorgezeichnet werden. Nicht schwer mehr lastet der
Glaube auf seinem Riicken, daf es unrecht sei, nur
sich selbst zu folgen. Zarathustra schlaff nun nicht
mehr, um von Idealen zu tréumen; er ist ein Wachender,
der der Wirklichkeit sich frei gegeniiberstellf. Ein
schmubiger Strom ist ihm der Mensch, der sich selbst
verloren hat und vor seinen eigenen Geschépfen im
Steiner, Friedrich Niebsche. 5
90000000:
66 I. Der Ubermensch.
Staube liegt. Der Ubermensch ist ihm ein Meer, das
diesen Strom aufnimmt, ohne selbst unrein zu werden.
Denn der Ubermensch hat sich selbst gefunden; er
erkennt sich als Herrn und Schépfer seiner Tugen-
den. Zarathustra hat das Grofe erlebt, da® ihm alle
Tugend zum Ekel geworden ist, die iiber den Men-
schen gesett wird.
,Was ist das Grofte, das ihr erleben kénnt? Das
ist die Stunde der groken Verachtung. Die Stunde,
in der euch euer Gliick zum Ekel wird und ebenso
eure Vernunft und eure Tugend.* »+
16
Die Weisheit Zarathustras ist nicht nach dem Sinne
der ,modernen Gebildeten*. Sie m6dchten alle Men-
schen einander gleich machen. Wenn alle nur nach
einem Ziele streben, sagen sie, dann ist Zufrieden-
heit und Gliick auf Erden. Der Mensch soll zuriick-
halten, so fordern sie, seine besonderen persénlichen
Wiinsche und nur der Allgemeinheif, dem gemein-
samen Gliicke dienen. Friede und Ruhe wird dann
auf der Erde herrschen. Wenn jeder die gleichen Be-
diirfnisse hat, dann stért keiner die Kreise des andern.
Nicht sich und seine individuellen Ziele soll der Ein-
zelne im Auge haben, sondern nach der einmal be-
stimmten Schablome sollen alle leben. Verschwinden
soll alles einzelne Leben, und Glieder der gemein-
samen Welfordnung sollen alle werden.
»Kein Hirt und eine Herde! Jeder will das gleiche,
jeder ist gleich, wer anders fiihlt, geht freiwillig ins
Irrenhaus.*
ll. Der Ubermensch. 67
00600000000000000000000000000000:
OCC 000G000000000000000000000000
»hemals war alle Welt irre‘ — sagen die Feinsten
und _ blinzeln.*
»Man ist klug und wei alles, was geschehen ist:
so hat man kein Ende zu spotten. Man zankt sich
noch, aber man vers6hnt sich bald, sonst verdirbt es
den Magen.“
Zarathustra ist zu lange Einsiedler gewesen, um
solcher Weisheit zu huldigen. Er hat die eigenartigen
Tone gehGrt, die aus dem Innern der Pers6nlichkeit
erklingen, wenn der Mensch abseits steht von dem
Larm des Marktes, wo einer nur die Worte des andern
nachspricht, Und er méchte es den Menschen in die
Ohren rufen: héret auf die Stimmen, die nur in jedem
Einzelnen von euch erklingen. Denn die nur sind na-
turgemdf, die nur sagen jedem, was er vermag. Ein
Feind des Lebens, des reichen, vollen Lebens, ist der-
jenige, welcher diese Stimmen ungehort verhallen laft
und auf das gemeinsame Geschrei der Menschen hort.
Zu den Freunden der Gleichheit aller Menschen will
Zarathustra nicht sprechen. Sie k6nnten ihn nur mif-
verstehen. Denn sie wiirden glauben, da? sein Uber-
mensch jenes ideale Mustferbild sei, dem alle gleich
werden sollen. Aber Zarathustra will den Menschen
-keine Vorschriften dariiber machen, wie sie sein sollen;
er will nur jeden Einzelnen auf sich selbst verweisen
und ihm sagen: tiberlasse dich dir selbst, folge nur
dir allein, stelle dich iiber Tugend, ‘Weisheit und Er-
kenntnis. Zu solchen, die sich suchen wollen, spricht
Zarathustra;.nicht einer Menge, die ein gemeinsames
Ziel sucht, sondern solchen Geféhrten gelten seine
Worte, die gleich ihm einen eigenen Weg gehen. Sie
allein verstehen ihn, denn sie wissen, da er nicht
68 Il. Der Ubermensch.
IBROOOOOGOCO00000 0OCOOCOOCOOOOOOe
sagen will: seht, dies ist der Ubermensch, werdet wie
er, sondern: seht, ich habe mich gesucht; so bin ich,
wie ich es euch lehre; geht hin und sucht euch ebenso,
dann habt ihr den Ubermenschen.
»Den Ejinsiedlern werde ich mein Lied singen und
den Zweisiedlern; und wer noch Ohren hat fiir Un-
erhértes, dem will ich sein Herz schwer machen mif
meinem Gliicke.*
see
Zwei Tiere: die Schlange, als das*kliigste, und der
Adler, als das stolzeste Tier, begleiten Zarathustra.
Sie sind die Symbole seiner Instinkte. Klugheit schapt
Zarathustra, denn sie lehrt den Menschen die ver-
schlungenen Pfade der Wirklichkeit finden; sie lehrt
ihn kennen, was er. zum Leben braucht. Und auch
den Stolz liebt Zarathustra, denn der Stolz bringt die
Selbstachtung des Menschen hervor, durch die dieser
dazu kommt, sich selbst als den Sinn und Zweck
seines Daseins zu betrachten. Der Stolze stellt seine
Weisheit, seine Tugend nicht iiber sich selbst. Der
Stolz bewahrt den Menschen davor, sich selbst zu
vergessen iiber ,hdheren, heiligeren* Zielen. Lieber
noch als den Stolz mGchte Zarathustra die Klugheit
verlieren,
Denn die Klugheit, die nicht von Stolz begleitet
isf, sieht sich nicht als Menschenwerk an. Wem der
Stolz und die Selbstachtung fehlt, der glaubt, seine
Klugheit sei ihm vom Himmel geschenkt. Ein solcher
sagt: ein Tor ist der Mensch, und er hat nur so viel
Weisheit, als ihm der Himmel schenken will.
»Und wenn mich einst meine Klugheit verla6t: —
I. Der UWbermensch. 69
9O900900000000000000000000000000000000000900000900000000000000000000000000000000
ach, sie liebt es, davonzufliegen! — midge mein Stolz
dann noch milf meiner Torheit fliegen!*
13.
Drei Verwandlungen muf der menschliche Geist
durchmachen, bis er sich selbst gefunden hat. Dies
lehrt Zarathustra. Ehrfiirchtig ist der Geist zuerst. Er
nennt Tugend, was auf ihm lastet. Er erniedrigt sich,
um seine Tugend zu erhdhen. Er sagt: alle Weisheit
ist bei Gott, und Gottes Wegen muf ich folgen. Gott
legt mir das Schwerste auf, um meine Kraft zu priifen,
ob sie auch stark sei und geduldig ausharre. Nur der
Geduldige ist stark. Gehorchen will ich, sagt der Geist
auf dieser Stufe, und ausfiihren die Gebote des Welten-
geistes, ohne zu fragen, was der Sinn dieser Gebote
ist. Der Geist fiihlt den Druck, den eine h6here Macht
auf ihn ausiibt. Nicht seine Wege geht der Geist,
sondern die Wege dessen, dem er dient.
Es kommt die Zeit, wo der Geist inne wird, daw
kein Gott zu ihm redef. Dann will er frei sein und
Herr in seiner eigenen Welt. Er sucht nach einer Richt-
schnur fiir seine Geschicke. Er fragt nicht mehr den
Weltengeist, wie er sein Leben einrichten solle. Aber
nach einem festen Geset, nach einem heiligen ,du
sollst* strebt er. Er sucht nach einem Maftstab, um
den Wert der Dinge zu messen; er sucht nach einem
Unterscheidungszeichen von Gut und Bose. Es muf
eine Regel fiir mein Leben geben, die nicht von mir,
von meinem Willen abhdngt, so spricht der Geist auf
dieser Stufe. Dieser Regel will ich mich fiigen. Frei
bin ich, meint der Geist, aber nur frei, um einer sol-
chen Regel zu gehorchen.
70 Il. Der Wbermensch.
0000000000000000:
Auch diese Stufe iiberwindet der Geist. Er wird wie
das Kind, das bei seinem Spielen nicht fragt: wie
soll ich dies oder jenes machen, sondern das nur
seinen Willen ausfiihrt, das nur sich selbst folgt.
,oeinen Willen will nun der Geist, seine Welt ge-
winnt sich der Weltverlorne.*
»Drei Verwandlungen: nannte ich euch des Geistes:
wie der Geist zum Kamele ward, und zum Léwen
das Kamel, und der Léwe zuletzt zum Kinde. — Also
sprach Zarathustra.“
~
14.
Was wollen die Weisen, die die Tugend iiber den
Menschen stellen? fragt Zarathustra. Sie sagen: die
Ruhe der Seele kann nur haben, wer seine Pflicht
getan hat, wer dem heiligen ,du sollst* gefolgt ist.
Tugendhaft soll der Mensch sein, damif er nach ge-
taner Pflicht. traumen k6énne von erfiillten Idealen und
keine Gewissensbisse fiihle. Ein Mensch mit Ge-
wissensbissen gleicht, sagen die Tugendhaften, einem
Schlafenden, dem bése Traéume die Nachtruhe stéren.
»Wenige wissen das, aber man muf alle Tugenden
haben, um gut zu schlafen. Werde ich falsch Zeugnis
reden? Werde ich ehebrechen?
»Werde ich mich geliisten lassen meines Nachsten
Magd? Das alles vertriige sich schlecht mit gutem
Schlafe ...
»Friede mit Gott und dem Nachbar, so will es der
gute Schlaf. Und Friede auch noch mit des Nach-
bars Teufel! Sonst geht er bei dir des Nachts um.“
Nicht was sein Trieb ihn heift, tut der Tugendhafte,
sondern was Seelenruhe bewirkt. Er lebt, um in Ruhe
Il. Der Ubermensch. 71
tiber das Leben tréumen zu kénnen. Noch lieber ist
es ihm, wenn den Schlaf, den er Seelenruhe nennt,
gar kein Traum stort. Das heift: dem Tugendhaften
ist es am liebsten, wenn er irgendwoher die Regeln
seines Handelns erhalt und im iibrigen seine Ruhe
geniefen kann. ,Seine Weisheit hei®t: wachen, um
gut zu schlafen. Und wahrlich, hatte das Leben keinen
Sinn, und‘ miif®te ich Unsinn wdahlen, so ware auch
mir dies ‘der wahlenswiirdigste Unsinn,* spricht Zara-
thustra.
Auch fiir Zarathustra gab es eine Zeit, da er glaubte,
ein auferhalb der Welt wohnender Geist, ein Gott,
habe die Welt geschaffen. Einen unzufriedenen, leiden-
den Gott dachte sich Zarathustra. Um sich eine Be-
friedigung zu verschaffen, um von seinem Leiden los-
zukommen, habe Gott die Welt erschaffen, meinte einst
Zarathustra. Aber er hat einsehen gelernt, da es ein
Wahnbild war, das er sich selbst geschaffen hatte.
»Ach, ihr Briider, dieser Gott, den ich schuf, war
Menschenwerk und -wahnsinn gleich allen Gottern!*
Zarathustra hat seine Sinne gebrauchen und die Welt
betrachten gelernt. Und zufrieden wurde er mif der
Welt; nicht mehr schweiften seine Gedanken ins Jen-
seits. Blind war er ehemals und konnte die Welt nicht
sehen, deshalb suchte er sein Heil auferhalb der Welt.
Aber Zarathustra hat sehen gelerni und erkennen,
da die Welt in sich selbst ihren Sinn habe.
»Linen neuen Stolz lehrte mich mein Ich, den lehre
ich die Menschen: nicht mehr den Kopf in den Sand
der himmlischen Dinge zu stecken, sondern frei ihn
zu tragen, einen Erdenkopf, der der Erde Sinn
schafft.«
72 ll. Der Ubermensch.
15.
In Leib und Seele haben die Idealisten den Men-
schen gespalten, in Idee und Wirklichkeit haben sie
alles Dasein geteilt. Und sie haben die Seele, den
Geist, die Idee zu einem besonders Wertvollen ge-
macht, um die Wirklichkeit, den Leib umsomehr ver-
achten zu kénnen. Zarathustra aber sagt: Nur eine
Wirklichkeit, nur einen Leib gibt es, und die Seele ist
nur etwas am Leibe, die Idee nur etwas an der Wirk-
lichkeit. Eine Einheii sind Leib’ und Seele des
Menschen; aus einer Wurzel entspringen Korper und
Geist. Der Geist ist nur da, weil ein K6rper da ist,
der Krafte hat, an sich den Geist zu entwickeln. Wie
die Pflanze an sich die Bliite, so entfaltet der K6rper
an sich den Geist.
»Hinter deinen Gedanken und Gefiihlen, mein Bruder,
steht ein mdachtiger Gebieter, ein unbekannter Weiser
— der heifit Selbst. In deinem Leibe wohnt er, dein
Leib ist er.“
Wer einen Sinn hat fiir das Wirkliche, der sucht
den Geist, die Seele in und an dem Wirklichen, er
sucht die Vernunft in dem Wirklichen; nur wer die
Wirklichkeit fiir geistlos, fiir ,blo®# natiirlich*, fiir ,roh*
halt, der gibt dem Geiste, der Seele ein besonderes
Dasein. Er macht die Wirklichkeit zur bloBen Woh-
nung des Geistes. Einem solchen fehltf aber auch
der Sinn fiir die Wahrnehmung des Geistes selbst.
Nur weil er den Geist in der Wirklichkeit nicht sieht,
sucht er ihn anderswo.
»es ist mehr Vernunft in deinem Leibe, als in
deiner besten Weisheit .. .
Il. Der Ubermensch. 73
»Der Leib ist eine grofe Vernunft, eine Vielheit mit
einem Sinne, ein Krieg und ein Frieden, eine Herde
und ein Hirt.
»Werkzeug deines Leibes ist auch deine kleine
Vernunft, mein Bruder, die du ,Geist‘ nennst, ein
kleines Werk- und Spielzeug deiner grofen Vernunft.*
Ein Tor ist, wer die Bliite von der Pflanze reift
und glaubt, die abgerissene Bliite werde nun sich
noch zur Frucht entwickeln. Ein Tor ist ebenso, wer
den Geist von der Natur absondert und glaubt, ein
solcher abgesonderter Geist kénne noch schaffen.
Menschen mit kranken Instinkten haben die Schei-
dung von Geist und Korper vorgenommen. Ein
kranker Instinkt nur kann sagen: mein Reich ist nicht
von dieser Welt. Eines gesunden Instfinktes Reich ist
nur diese Welt.
1.
Was fiir Ideale haben sie doch geschaffen, diese
Verdchter der Wirklichkeit! Fassen wir sie ins Auge,
die Ideale der Asketen, die da sagen: wendet ab
euren Blick vom Diesseits und schaut nach dem Jen-
seits! Was bedeuten asketische Ideale? Mit dieser
Frage und den Vermufungen, mif denen er sie be-
antwortet, hat uns Niefsche am tiefsten hineinblicken
lassen in sein von der abendlandischen neueren Kultur
unbefriedigtes Herz. (Genealogie der Moral, 5. Ab-
teilung.)
Wenn ein Kiinstler, wie z. B. Richard Wagner,
in der leften Zeit seines Schaffens, Anhdnger des
asketischen Ideals wird, so hat das nicht viel zu be-
deuten. Der Kiinstler steht sein ganzes Leben hin-
74 I. Der Ubermensch.
durch iiber seinen Schépfungen. Er sieht von oben
herab auf seine Wirklichkeiten. Er schafft Wirklich-
keiten, die nicht seine Wirklichkeit sind. Ein Homer
hatte keinen Achill, ein Goethe keinen Faust ge-
dichtet, wenn Homer ein Achill, und wenn Goethe
ein Faust gewesen ware.“ (Genealogie, 5. Abt. § 4.)
Wenn nun ein solcher Kiinstler sein eigenes Dasein
einmal ernst nimmt, sich selbst und seine persénlichen
Ansichten in Wirklichkeit umsefen will, so ist es kein
Wunder, wenn etwas sehr Unreales entsteht. Richard
Wagner hat iiber seine Kunst vollstandig umgelernt,
als ihm die Philosophie Schopenhauers bekannt wurde.
Vorher hielt er die Musik fiir ein Ausdrucksmiffel,
das etwas braucht, dem es Ausdruck verschafft, das
Drama. In seiner Schrift Oper und Drama, die
1851 geschrieben ist, spricht er aus, da® der gréfte
Irrtum, dem man sich in bezug auf die Oper hin-
geben kann, der ist,
»da ein Miftel des Ausdrucks (die Musik) zum
Zwecke, der Zweck des Ausdrucks (das Drama)
aber zum Mittel gemacht werde‘*.
Er bekannte sich zu einer andern Ansicht, nachdem
er Schopenhauers Lehre von der Musik kennen gelernt
hatte. Schopenhauer ist der Ansicht, da® durch die
Musik das Wesen der Dinge selbst zu uns spricht.
Der ewige Wille, der in allen Dingen lebt, er wird
in allen andern Kiinsten nur in seinen Abbildern, in
den Ideen, verkérpert; die Musik ist kein blofes Bild
des Willens: in ihr gibt sich der Wille unmiftelbar
kund. Was uns in allen unseren Vorstellungen nur im
Abglanz erscheint: der ewige Grund alles Seins, der
Wille, ihn glaubt Schopenhauer in den Kléngen der
I. Der Ubermensch. 75
Musik unmittelbar zu vernehmen. Kunde aus dem
Jenseits... bringt ;fiir Schopenhauer die Musik. Diese
Ansicht wirkte auf Richard Wagner. Nicht mehr als
Ausdrucksmittel wirklicher menschlicher Leidenschaften,
wie sie im Drama verkorpert sind, lie? er die Musik
gelten, sondern als ,eine Ari Mundstiick des Ansich
der Dinge, ein Telephon des Jenseits*. Richard Wagner
glaubte jest nicht mehr die Wirklichkeit in Ténen aus-
zudriicken; ,,er redete fiirderhin nicht nur Musik, dieser
Bauchredner Gottes, — er redete Metaphysik: was
Wunder, dai er endlich eines Tages asketische
Ideale redete*. (Genealogie, 5. Abhandlung § 5.)
Hdfte Richard Wagner blof seine Ansicht iiber
die Bedeutung der Musik gedndert, so hatte Nieb-
sche keinen Anla®, ihm etwas vorzuwerfen. Nietsche
ko6nnte dann hédchstens sagen: Wagner hat aufer
seinen Kunstwerken auch noch allerlei verkehrte Theo-
rien iiber die Kunst geschaffen. Daf aber Wagner in
der letten Zeit seines Schaffens den Schopenhauer-
schen Jenseitsglauben auch in seinen Kunstwerken
verkérpert hat, da® er seine Musik dazu verwendet
hat, die Flucht vor der Wirklichkeit zu verherrlichen:
das ging Niebsche wider den Geschmack.
Aber der , Fall Wagner“ besagt nichts, wenn es
sich um die Bedeutung der Verherrlichung des Jen-
seits auf Kosten des Diesseits, wenn es sich um die
Bedeutung der asketischen Ideale handelt. Kiinstler
stehen nicht auf eigenen Fiifen. Wie Richard Wagner
von Schopenhauer abhdngig ist, so waren die Kiinstler
»zu allen Zeiten Kammerdiener einer Moral, oder
Philosophie oder Religion*.
Anders ist es, wenn die Philosophen fiir die Ver-
76 ll. Der Ubermensch,
0000000 000000000000000060000000000000008000000000000000000600000000000000000000
achtung der Wirklichkeit, fiir die asketischen Ideale
eintreten, Sie tun das aus einem ftiefen Instinkte
heraus.
Schopenhauer hat diesen Instinkt verrafen durch
die Beschreibung, die er von dem Schaffen und Ge-
nieBen eines Kunstwerkes gibt. ,Dal also das Kunst-
werk die Auffassung der Ideen, in welcher der asthe-
tische Genuf besteht, so sehr erleichtert, beruht nicht
blo® darauf, da® die Kunst durch Hervorhebung des
Wesentlichen und Aussonderung des Unwesentflichen
die Dinge deutlicher und charakteristischer darstellt,
sondern ebenso sehr darauf, daf® das zur objek-
tiven Auffassung des Wesens der Dinge
erforderte gadnzliche Schweigen des Wil-
lens am sichersten dadurch erreicht wird,
dak das angeschaute Objekt gar nicht im
Gebiete der Dinge liegt, welche einer Be-
ziehung zum Willen fahig sind.“ (Ergaénzungen
zum 4. Buch der Welt als Wille und Vorstellung,
Kap. 50.) ,Wann aber ein duferer Anla® oder eine
innere Stimmung uns pl6éplich aus dem endlosen
Strome des Wollens heraushebt, die Erkenntnis dem
Sklavendienst des Willens entrei®t, die Aufmerksam-
keit nun nicht mehr auf die Motive des Wollens gerich-
tet wird, sondern die Dinge frei von ihrer Beziehung
auf den Willen auffait, also ohne Interesse, ohne
Subjektivitadt, rein objektiv sie betrachtet, ihnen
ganz hingegeben, sofern sie blo? Vorstellungen, nicht
sofern sie Motive sind: dann ist ... der schmerzen-
lose Zustand, den Epikuros als das héchste Gut und
als den Zustand der G6tter pries [eingetreten]: denn
wir sind fiir jenen Augenblick des schnéden Willens-
Il. Der Ubermensch. 77
dranges entledigt, wir feiern den Sabbat der Zucht-
hausarbeit des Wollens, das Rad des Ixion steht still.“
(Welt als Wille und Vorstellung, § 38.)
Dies ist eine Beschreibung einer Art des dstheti-
schen Genusses, die nur bei dem Philosophen vor-
kommt. Niepsche stellt ihr gegeniiber eine andere
Beschreibung, ,die ein wirklicher Zuschauer und
Artist gemacht hat — Stendhal*, der das Schéne
»une promesse de bonheur“ nennt. Schopenhauer
méchte alles Willensinteresse, alles wirkliche Leben
ausschalfen, wenn es sich um die Betrachtung eines
Kunstwerkes handelt, und nur mit dem Geiste ge-
niefen; Stendhal sieht in dem Kunstwerke ein Ver-
sprechen von Gliick, also einen Hinweis auf das
Leben, und sieht in diesem Zusammenhang der Kunst
mit dem Leben den Wert der Kunst.
Kant fordert vom schénen Kunstwerk, da? es ohne
Interesse gefalle, d. h. da® es uns heraushebe
aus dem wirklichen Leben und einen rein geistigen
Genuf gewdhre.
Was sucht der Philosoph in dem kiinsflerischen
Genuf? Erlésung von der Wirklichkeif. In eine
Wirklichkeit-fremde Stimmung will der Philosoph
durch das Kunstwerk versetzt werden. Er verrat da-
durch seinen Grundinstinkt. Der Philosoph fiihlt sich
in den Augenblicken am wohlsten, in denen er von
der Wirklichkeit loskommen kann. Seine Ansicht vom
dsthetischen Genu® zeigt, daf er die Wirklichkeit
nicht liebt.
Nicht was der dem Leben zugewandte Zuschauer
von dem Kunstwerke verlangt, sagen uns die Philo-
sophen in ihren Theorien, sondern nur, was ihnen
78 li. Der Ubermensch.
00000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000
selbst angemessen ist, Und dem Philosophen ist die
Abkehr von dem Leben sehr férderlich. Er will sich
seine verschlungenen Gedankenwege nicht durch-
kreuzen lassen von der Wirklichkeit. Das Denken
gedeiht besser, wenn sich der Philosoph von dem
Leben abkehrt. Es ist nun kein Wunder, wenn dieser
philosophische Grundinstinkt geradezu zu einer leben-
feindlichen Stimmung wird, Wir finden eine solche
Stimmung bei der Mehrzahl der Philosophen ausge-
bildet. Und nahe liegt es, da der Philosoph seine
eigene Antipathie gegen das Leben zu einer Lehre
ausbildet und fordert, da® sich alle Menschen zu einer
solchen Lehre bekennen. Schopenhauer hat dieses
getan. Er fand, da der Larm der Welt seine Ge-
dankenarbeit stérte. Er empfand, da® man iiber die
Wirklichkeit am besten nachdenken kann, wenn
man dieser Wirklichkeit entflieht. Zugleich vergab er,
daf alles Denken iiber die Wirklichkeit doch nur dann
einen Wert hat, wenn es aus dieser Wirklichkeit ent-
springt. Er beachtete nicht, da? das Zuriickziehen
des Philosophen von der Wirklichkeif nur geschehen
kann, damit die entfernt von dem Leben entstandenen
philosophischen Gedanken dann dem Leben um so
besser dienen, konnen. Wenn der Philosoph den
Grundinstinkt, der nur ihm als Philosophen férderlich
ist, der ganzen Menschheit aufdraéngen will, dann
wird er zu einem Feinde des Lebens.
Der Philosoph, der die Weltflucht nicht als Mittel
betrachtet, um weltfreundliche Gedanken zu schaffen,
sondern als Zweck, als Ziel, kann nur Wertloses
schaffen, Der wahre Philosoph flieht auf der einen
Seite die Wirklichkeit nur, um sich auf der andern
ll. Der Ubermensch. 79
POC00COGOCCOCCCOLC00000000000000
um so fiefer in sie einzubohren. Aber es ist begreif-
lich, da dieser Grundinstinkt den Philosophen leicht
dazu verfiihren kann, die Weltflucht als solche fiir
wertvoll zu halfen. Dann wird der Philosoph zu einem
Anwalt der Weltverneinung, Er lehrt Abkehr vom Le-
ben, asketisches Ideal. Er findet: ,Ein gewisser As-
ketismus . . . eine harte und heitere Entsagsamkeit
besten Willens gehért zu den giinstigen Bedingungen
héchster Geistigkeit, insgleichen auch zu deren natiir-
lichsten Folgen: so wird es von vornherein nicht
wundernehmen, wenn das asketische Ideal gerade
von den Philosophen nie ohne einige Voreingenom-
menheit behandelt worden ist. (Genealogie der Moral,
5. Abhandlung § 9.)
GEGCCCOCOCC000CO:
17.
Einen andern Ursprung haben die asketischen Ideale
der Priester. Was bei dem Philosophen durch das
Uberwuchern eines bei ihm berechtigten Triebes ent-
steht, das bildet das Grundideal des _priesterlichen
Wirkens. Der Priester sieht in der Hingabe des Men-
schen an das wirkliche Leben einen Irrtum; er ver-
langt, da@ man dieses Leben gering achte gegen-
iiber einem andern Leben, das von héheren als blo#
natiirlichen Kraéften gelenkt wird. Der Priester leugnet,
da® das wirkliche Leben einen Sinn in sich selbst
habe, und er fordert, da? ihm dieser Sinn verliehen
werde durch Einimpfung eines hoheren Willens. Er
sieht das Leben in der Zeitlichkeit als unvollkommen
an und stellt ihm ein ewiges, vollkommenes Leben
gegeniiber. Abkehr von der Zeitlichkeit und Einkehr
in das Ewige, Unwandelbare lehrt der Priester. Ich
80 I. Der Ubermensch.
méchte als besonders bezeichnend fiir die priester-
liche Denkweise einige Sape aus dem _ beriihmten
Buche ,Die deutsche Theologie* anfiihren, das aus
dem 14. Jahrhundert stammt und von dem Luther
sagt, da® er aus keinem Buche, die Bibel und den
heiligen Augustin ausgenommen, mehr gelernt habe,
was Gott, Christus und der Mensch sei, als aus diesem.
Auch Schopenhauer findet, da der Geist des Christen-
tums in diesem Buche vollkommen und krdffig aus-
gesprochen ist. Nachdem der Verfasser, der uns un-
bekannt ist, auseinandergesebt hat. da® alle Dinge
der Welt nur ein Unvollkommenes und Geteilfes seien
gegeniiber dem Vollkommenen, ,das in sich und in
seinem Wesen alle Wesen begriffen und beschlossen
hat, und ohne das und aufer dem kein wahres Wesen
ist und in dem alle Dinge ihr Wesen haben‘, fiihrt
er aus, daf der Mensch in dieses Wesen nur ein-
dringen kann, wenn er , reatiirlichkeit, Geschaffen-
heit, Ichheit, Selbstheit und dergleichen alles verloren“
und in sich zu nichte gemacht hat. Was von dem
Vollkommenen ausgeflossen ist und was der Mensch
als seine wirkliche Welt erkennt, das wird folgender-
mafen charakterisiert: ,Das ist kein wahres Wesen
und hat kein Wesen anders denn in dem Vollkomme-
nen, sondern es ist ein Zufall oder ein Glanz und
ein Schein, der kein Wesen ist oder kein Wesen hat
anders als in dem Feuer, wo der Glanz ausflieBt,
oder in der Sonne, oder in dem Lichte. Die Schrift
spricht und der Glaube und die Wahrheit: Siinde sei
nichts anderes, denn daf sich die Kreatur abkehrt
von dem unwandelbaren Gute und kehret sich zu dem
wandelbaren, das ist: da sie sich kehrt von dem
Il. Der Ubermensch. 81
Vollkommenen zu dem Geteilten und Unvollkommenen
und allermeist zu sich selber. Nun merke. Wenn
sich die Kreatur etwas Gutes annimmt, als Wesens,
Lebens, Wissens, Erkennens, Vermégens und kiirzlich
alles dessen, was man gut nennen soll, und meint,
dak sie das sei oder da es das Ihre sei
oder ihr zugehGre oder daft es von ihr sei:
so off und viel dabei geschieht, so kehrt
sie sich ab. Was tat der Teufel anders oder was
war sein Fall und Abkehren anders, als daf er sich
annahm, er wdre auch etwasund etwas wdre
sein und ihm gehG6rte auch etwas zu? Dies
Annehmen und sein Ich und sein Mich, sein Mir und
sein Mein, das war sein Abkehren und sein Fall.
Also ist es noch ... Denn alles das, was man fiir
gut halt oder gut nennen soll, das gehért niemand zu,
denn allein dem ewigen wahren Gut, der Gott allein
ist, und wer sich dessen annimmt, der tut Unrecht
und wider Gott.“ (1., 2., 4. Kap. der deutsch. Theol.,
3. Aufl., iibersest von Pfeiffer.)
Diese Sape sprechen die Gesinnung jedes Prie-
sters aus. Sie sprechen den eigentlichen Charakter
der Priesterlichkeit aus. Und dieser Charakter ist
das Gegenteil desjenigen, den Nietsche als den hdher-
wertigen, den lebenswiirdigen bezeichnet. Der héher-
wertige Typus Mensch will alles, was er ist, nur durch
sich sein; er will, da? alles, was er fiir gut half und
gut nennt, niemand zugehGrt, denn ihm selbst.
Aber jene minderwertige Gesinnung ist kein Aus-
nahmefall. Sie ,ist eine der breitesten und langsten
Tatsachen, die es gibt. Von einem fernen Gestirn
aus gelesen, wiirde vielleicht die Majuskelschrift un-
Steiner, Friedrich Niefsche. 6
82 i. Der Ubermensch.
OOOO GECCOOCEC0000C0G00000000
seres Erdendaseins zu dem Schluf verfiihren, die
Erde sei der eigentlich asketische Stern, ein
Winkel mifvergniigter, hochmiitiger und widriger Ge-
schopfe, die einen tiefen Verdruf an sich, an der Erde,
an allem Leben gar nicht los wiirden.* (Genealogie
der Moral, 3. Abteilung § 11.) Der asketische Prie-
ster ist deshalb eine Notwendigkeit, weil die Mehr-
zahl der Menschen an einer ,Hemmung und Ermii-
dung* der Lebenskréfte leidet, weil sie an der Wirk-
lichkeit leidet. Der asketische Priester ist der Tréster
und Arzt derjenigen, die am Leben teiden. Er tréstet
sie dadurch, da® er ihnen sagt: dieses Leben, an
dem ihr leidet, ist nicht das wahre Leben; das wahre
Leben ist denjenigen, die an diesem Leben leiden,
viel leichter erreichbar als den Gesunden, die an
diesem Leben hangen und sich ihm hingeben. Durch
solche Ausspriiche ziichtet der Priester die Verach-
tung, die Verleumdung dieses wirklichen Lebens. Er
bringt endlich die Gesinnung hervor, die sagt: um
das wahre Leben zu erreichen, muf dieses wirkliche
Leben verneint werden. In der Verbreitung dieser
Gesinnung sucht der asketische Priester seine Starke.
Er beseitigt durch die Ziichtung dieser Gesinnung
eine grofe Gefahr, die den Gesunden, Starken, Selbst-
bewuften von den Verungliickten, Niedergeworfenen,
Zerbrochenen droht. Die lesteren hassen die Gesun-
den und die leiblich und seelisch Gliicklichen, die ihre
Krdfte aus der Natur nehmen. Diesen Haf, der sich
dadurch dufern miifte, da die Schwachen gegen die
Starken einen fortwahrenden Vernichtungskrieg fiihrten,
sucht der Priester niederzuhalten. Er stellt deshalb die
Starken als diejenigen hin, die ein wertloses, menschen-
Il. Der Ubermensch. 83
unwiirdiges Leben fiihren und behauptet dagegen, da®
das wahre Leben allein denen erreichbar ist, die von
dem Erdenleben geschddigt werden. ,Der asketische
Priester mu@ uns als der vorherbestimmte Heiland,
Hirt und Anwalt der kranken Herde gelten: damit
erst verstehen wir seine ungeheure historische Mission.
Die Herrschaft iiber Leidende ist sein Reich,
auf sie weist ihn sein Instinkt an, in ihr hat er seine
eigenste Kunst, seine Meisterschaft, seine Art von
Gliick.* (Genealogie, 5. Abt. § 15.)
Es ist kein Wunder, wenn eine solche Denkweise
endlich dazu fiihrt, da? ihre Anhanger nicht nur das
Leben verachten, sondern geradezu auf seine Zer-
stoérung hinarbeiten. Wenn den Menschen gesagt wird,
nur der Leidende, der Schwache kann wirklich zu
einem héheren Leben kommen, so wird endlich das
Leiden, die Schwadche gesucht werden. Sich selbst
Schmerz zuzufiigen, den Willen in sich ganz ert6ten,
das wird Ziel des Lebens werden. Die Opfer dieser
Gesinnung sind die Heiligen. ,,VGllige Keuschheit und
Entsagung aller Wollust fiir den, welcher eigentliche
Heiligkeit anstrebt; Wegwerfung alles Eigentums, Ver-
lassung jedes Wohnortes, aller Angehérigen, ftiefe,
gdnzliche Einsamkeit, zugebracht in stillschweigender
Betrachtung, mit freiwilliger Bue und schrecklicher
langsamer Selbstpeinigung, zur gdadnzlichen Morti-
fikation des Willens, welche zulest bis zum freiwilligen
Tode geht durch Hunger, auch durch Entgegengehen
den Krokodilen, durch Herabstiirzen vom geheiligten
Felsengipfel im Himalaya, durch Lebendigbegraben-
werden, auch durch Hinwerfung unter die Rader des
unter Gesang, Jubel und Tanz der Bajaderen die
84 Il. Der Ubermensch.
000000000000000000000000'
Gdotterbilder umfahrenden Wagens‘, dies sind die
lebten Friichte der asketischen Gesinnung. (Schopen-
hauer, Welt als Wille und Vorstellung § 68.)
Diese Denkweise ist dem Leiden am Leben ent-
sprungen, und sie richtet ihre Waffen gegen das Leben.
Wenn der Gesunde, Lebensfrohe von ihr angesteckt
wird, dann tilgt sie bei ihm die gesunden, starken
Instinkte aus. Niessches Werk gipfelt darinnen, dieser
Lehre gegeniiber etwas anderes geltend zu machen,
eine Ansicht fiir Gesunde, Wohlgeratene. Mégen die
Mifratenen, Verdorbenen in der Lehre der asketischen
Priester ihr Heil suchen; die Gesunden will Niepsche
um sich sammeln und ihnen eine Meinung sagen,
die ihnen besser zu Gesichte steht, als jedes lebens-
feindliche Ideal.
18.
Auch in den Pflegern der modernen Wissen-
schaft steckt noch das asketische Ideal. Zwar riihmt
sich diese Wissenschaft, alle alten Glaubensvorstel-
lungen iiber Bord geworfen zu haben und sich nur
an die Wirklichkeif zu halten. Sie will nichts gelfen
lassen, was sich nicht zahlen, berechnen, wdagen,
sehen und greifen la%t. Daf man auf diese Weise
»das Dasein zu einer Rechenknechtsiibung und Stuben-
hockerei fiir Mathematiker* herabwiirdigt, ist den mo-
dernen Gelehrten gleichgiiltig. (Frohliche Wissenschaft
§ 575.) Ein Recht, die vor seinen Sinnen und seiner
Vernunft voriiberziehenden Vorkommnisse der Welt
zu interpretieren, so da? er sie mit seinem Denken be-
herrschen kann, schreibt sich ein solcher Gelehrter
nicht zu. Er sagt: die Wahrheit mu? von meiner
Il. Der Ubermensch. 85
IOG000600000000000000000000000000000000000000000000000000080000000
Interpretationskunst unabhadngig sein, und ich habe
die Wahrheit nicht zu schaffen, sondern ich mu® sie
mir von den Erscheinungen der Welt diktieren lassen.
Wozu diese moderne Wissenschaft zuletzt gelangt,
wenn sie sich alles Zurechtlegens der Welterschei-
nungen enthdlf, das hat ein Anhanger dieser Wissen-
schaft (Richard Wahle) in einem soeben erschienenen
Buche (,,Das Ganze der Philosophie und ihr Ende“)
ausgesprochen: ,Was k6énnte der Geist, der in das
Welfgehduse spdhend und in sich die Fragen nach
dem Wesen und dem Ziele des Geschehens herum-
wdlzte, endlich als Antwort finden? Es ist ihm wider-
fahren, da er, wie er so scheinbar im Gegensate
zur umgebenden Well dastand, sich aufléste und in
einer Flucht von Vorkommnissen mit allen Vor-
kommnissen zusammenflok. Er ,wufte* nicht mehr
die Welt; er sagte, ich bin nicht sicher, da@ Wissende
da sind, sondern Vorkommnisse sind da schlecht-
hin. Sie kommen freilich in solcher Weise, da der
Begriff eines Wissens vorschnell, ungerechffertigt,
entstehen konnte ... Und ,Begriffe* huschten empor,
um Licht in die Vorkommnisse zu bringen, aber es
waren Irrlichter, Seelen der Wiinsche nach Wissen,
erbdrmliche, in ihrer Evidenz nichtssagende Postulate
einer unausgefiillten Wissensform. Unbekannte
Faktoren miissen im Wechsel walten. Uber
ihre Natur war Dunkel gebreitet. Vorkommnisse sind
der Schleier des Wahrhaften.*
Dak die menschliche PersGnlichkeit in die Vor-
kommnisse der Wirklichkeit einen Sinn hineinlegen
kénne und die unbekannten Faktoren, die im
Wechsel der Ereignisse walten, aus eigenem Ver-
86 ll. Der Ubermensch.
moégen erganzen kénne, daran denken die modernen
Gelehrten nicht. Sie wollen nicht die Flucht der Er-
scheinungen durch die Ideen interpretieren, die aus
ihrer Pers6nlichkeit stammen. Sie wollen die Erschei-
nungen blo® beobachten und beschreiben, aber nicht
deuten. Sie wollen bei dem Tatsdchlichen stehen
bleiben und es der schdpferischen Phantasie nicht
gestatten, sich ein in sich gegliedertes Bild von der
Wirklichkeit zu machen.
Wenn ein phantasievoller Naturforscher, wie z. B.
Ernst Haeckel, aus den Ergebnissen einzelner Be-
obachtungen ein Gesamtbild der Entwicklung des or-
ganischen Lebens auf der Erde entwirft, dann fallen
diese Fanatiker der Tatsdchlichkeit iiber ihn her und
zeihen ihn der Versiindigung an der Wahrheif. Die
Bilder, die er von dem Leben in der Natur entwirft,
k6nnen sie nicht mit Augen sehen, oder mit Handen
greifen. Ihnen ist das unpers6nliche Urteil lieber, als
das durch den Geist der Persénlichkeit gefarbte. Sie
méchten bei ihren Beobachtungen am liebsten die
Personlichkeit ganz ausschalfen.
Es ist das asketische Ideal, das die Fanatiker der
Tatsdchlichkeit beherrscht. Sie wollen eine Wahrheit
jenseits des pers6dnlichen, individuellen Urteils. Was
der Mensch in die Dinge ,hineinphantasieren* kann,
bekiimmert sie nicht; die ,Wahrheif* ist ihnen etwas
absolut Vollkommenes, ein Gott; der Mensch soll sie
entdecken, sich ihr ergeben, aber sie nicht schaffen.
Die Naturforscher und die Geschichtschreiber sind
gegenwadrtig von dem gleichen Geiste des asketischen
Ideals beseelt. Uberall Aufzahlen, Beschreiben von Tat-
sachen, und nichts dariiber. Jedes Zurechtlegen der
ll. Der Ubermensch. 87
09000000090000000900000000000000000000000000000000000009000000000000000000000000
Tatsachen ist verp6ént. Alles persénliche Urteilen soll
unterbleiben.
Unter diesen modernen Gelehrten finden sich auch
Atheisten. Diese Atheisten sind aber keine freieren
Geister als ihre Zeitgenossen, die an Gott glauben.
Mit den Mitfeln der modernen Wissenschaft la®t sich
das Dasein Gottes nicht beweisen. Hat sich doch eine
der Leuchten moderner Wissenschaft (Du Bois-Rey-
mond) tiber die Annahme einer ,,Weltseele* also ge-
dufert: bevor der Naturforscher sich zu einer solchen
Annahme entschlieBt, verlangt er, ,da ihm irgendwo
in der Welt, in Neuroglia gebettet und mit warmem
arteriellen Blut unter richtigem Druck gespeist, cin dem
geistigen Vermdgen solcher Seele an Umfang ent-
sprechendes Konvolut von Ganglienzellen und Nerven-
fasern gezeigt* werde (Grenzen des Naturerkennens
S. 44). Die moderne Wissenschaft lehnt den Glauben
an Gott ab, weil dieser Glaube neben dem Glauben
an die ,objektive Wahrheit* nicht bestehen kann. Diese
,objektive Wahrheit* ist aber nichts anderes als ein
neuer Gott, der iiber den alten gesiegt hat. ,Der un-
bedingte redliche Atheismus (und seine Luff allein
atmen wir, wir geistigeren Menschen dieses Zeitalters!)
steht nicht im Gegensats zu jenem (asketischen) Ideal,
wie es den Anschein hat; er ist vielmehr nur eine
seiner lesten Entwicklungsphasen, eine seiner Schluk-
formen und inneren Folgerichtigkeiten, er ist die Ehr-
furcht gebietende Katastrophe einer zweitausend-
jahrigen Zucht zur Wahrheit, welche am Schlusse sich
die Liige im Glauben an Gott verbietet.* (Genea-
logie, 5. Abhandlung § 27.) Der Christ sucht die Wahr-
heit in Gott, weil er Gott fiir den Quell aller Wahr-
88 ll. Der Ubermensch.
heit halt; der moderne Atheist lehnt den Glauben an
Gott ab, weil ihm sein Gott, sein Ideal von Wahr-
heit diesen Glauben verbietet. Der moderne Geist sieht
in Gott eine menschliche Schépfung; in der ,Wahr-
heit* sieht er etwas, was ohne alles menschliche Zu-
fun durch sich selbst besteht. Der wirklich ,freie Geisi*
geht noch weiter. Er fragt: ,Was bedeutet aller
Wille zur Wahrheit?* Wozu Wahrheit? Alle Wahr-
heit entsteht doch dadurch, da der Mensch iiber die
Erscheinungen der Welt nachdenkt, sich Gedanken
iiber die Dinge bildet. Der Mensch selbst ist der
Sch6pfer der Wahrheit. Der ,freie Geist‘ kommt zum
Bewuftsein seines Schaffens der Wahrheit. Er be-
trachtet die Wahrheit nicht mehr als etwas, dem er
sich unterordnet; er betrachtet sie als sein Gescho6pf.
19.
Die mit schwachen, mifratenen Erkenntnisinstinkten
ausgestatteten Menschen wagen es nicht, aus der Be-
griffe bildenden Macht ihrer Persénlichkeit heraus den
Welferscheinungen einen Sinn unterzulegen. Sie wollen,
da ihnen die ,Gesepmdhigkeit der Natur“ als Tat-
bestand vor die Sinne trete. Ein subjektives, der Ein-
richtung des menschlichen Geistes gema? geformtes
Weltbild scheint ihnen wertlos. Aber die blo®e Beob-
achtung der Vorkommnisse in der Welt liefert uns nur
ein zusammenhangloses und doch nicht in Einzel-
heiten gesondertes Weltbild. Dem blofen Beobachter
der Dinge erscheint kein Gegenstand, kein Geschehnis
wichtiger, bedeutungsvoller als das andere. Das rudi-
mentdre Organ eines Organismus, das vielleicht dann,
wenn wir dariiber nachgedacht haben, ohne alle Be-
Il. Der Ubermensch. 89
I0090000000000000G00000000000000000000000
deutung fiir die Entwicklung des Lebens erscheint,
steht gerade mit demselben Anspruch auf Beachtung
da, wie der edelste Teil des Organismus, so lange
wir blo® den objektiven Tatbestand beschauen. Ur-
sache und Wirkung sind aufeinanderfolgende Erschei-
nungen, die ineinander iiberflieBen, ohne durch etwas
getrennt zu sein, so lange wir sie blo® beobachten.
Erst wenn wir mit unserem Denken einsefen, die in-
einander flie@enden Erscheinungen sondern und ge-
danklich aufeinander beziehen, wird ein gesetz-
mdafiger Zusammenhang sichtbar. Erst das
Denken erklart die eine Erscheinung fiir die Ursache,
die andere fiir die Wirkung. Wir sehen einen Regen-
tropfen auf den Erdboden fallen und eine Vertiefung
hervorrufen. Ein Wesen, das nicht denken kann, wird
hier nicht Ursache und Wirkung sehen, sondern nur
eine Aufeinanderfolge von Erscheinungen. Ein denken-
des Wesen isoliert die Erscheinungen, bringt die iso-
lierten Fakten in ein Verhdltnis und bezeichnet das
eine Faktum als Ursache, das andere als Wirkung.
Durch die Beobachtung wird der Intellekt angeregft,
Gedanken zu produzieren und diese mit den beob-
achteten Tatsachen zu einem gedankenvollen Weltbilde
zu verschmelzen. Der Mensch tut dies, weil er die
Summe der Beobachtungen gedanklich beherrschen
will. Ein ihm gegeniiberstehendes Gedankenleeres
driickt auf ihn wie eine unbekannte Macht. Er wider-
sebt sich dieser Macht, iiberwindet sie, indem er sie
denkbar macht. Auch alles Zahlen, Wagen und Be-
rechnen der Erscheinungen geschieht aus demselben
Grunde. Es ist der Wille zur Macht, der sich: in
dem Erkenntnistriebe auslebt. (Ich habe den Erkennt-
C090000000000000 60000000:
90 ll. Der Ubermensch.
nisproze® im einzelnen dargestellt in meinen beiden
Schriften: ,Wahrheit und Wissenschaft‘ und_ ,,Die
Philosophie der Freiheif*.)
Der stumpfe, schwache Intellekt will sich nicht ein-
gestehen, daf er es selbst isi, der als Auferung seines
Strebens nach Macht die Erscheinungen interpretiert.
Er halt auch seine Interpretation fiir einen Tatbestand.
Und er fragt: wie der Mensch dazu kommt, einen
solchen Tatbestand in der Wirklichkeit zu finden. Er
fragt z. B.: wie kommt es, da? der Intellekt in zwei
aufeinander folgenden Erscheinungen Ursache und
Wirkung anerkennt? Alle Erkenntnistheorefiker von
Locke, Hume, Kant bis auf die Gegenwart haben sich
mit dieser Frage beschdftigt. Die Spitfindigkeiten, die
sie auf diese Untersuchung verwendet haben, sind
unfruchtbar geblieben. Die Erklarung ist gegeben in
dem Streben des menschlichen Intellekts nach Macht.
Die Frage ist gar nicht: sind Urteile, Gedanken iiber
die Erscheinungen méglich, sondern: hat der mensch-
liche Intellekt solche Urteile nétig? Weil er sie nétig
hat, deshalb wendet er sie an, und nicht weil sie még-
lich sind. Es kommt darauf an, ,zu begreifen, dab
zum Zweck der Erhaltung von Wesen unserer Art
solche Urteile als wahr geglaubt werden miissen;
weshalb sie natiirlich noch falsche Urteile sein
k6nnten!* (Jenseits von Gut und Bése § 11.) ,Und
wir sind grundsdtlich geneigt, zu behaupten, dab die
falschesten Urteile uns die unentbehrlichsten sind, da®
ohne ein Geltenlassen der logischen Fiktionen, ohne
ein Messen der Wirklichkeit an der rein erfundenen
Welt des Unbedingten, Sich-selbst-Gleichen, ohne eine
bestdndige Falschung der Welt durch die Zahl der
OOEOCOO000000000
ll. Der Ubermensch. 91
9800000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000:
Mensch nicht leben ké6nnte, — da Verzichtleisten auf
falsche Urteile ein Verzichtleisten auf Leben, eine Ver-
neinung des Lebens ware.“ (Ebenda § 4.) Wem dieser
Ausspruch paradox erscheini, der besinne sich darauf,
wie fruchtbar die Anwendung der Geometrie auf die
Wirklichkeit ist, obgleich es nirgends in der Welt wirk-
lich geometrisch regelmdfige Linien, Flachen usw.
gibt.
Wenn der stumpfe, schwache Intellekt einsieht, dai
alle Urteile iiber die Dinge aus ihm selbst stammen,
durch ihn produziert und mit den Beobachtungen ver-
schmolzen werden, dann hat er nicht den Mut, diese
Urteile riickhaltslos anzuwenden. Er sagt: Urteile
solcher Art k6nnen uns keine Erkenntnis von dem
»wahren Wesen* der Dinge vermitteln. Dieses ,wahre
Wesen* bleibt daher unserer Erkenntnis verschlossen.
Noch in einer anderen Art sucht der schwache In-
tellekt zu beweisen, da? durch das menschliche Er-
kennen kein Fesistehendes gewonnen werden kann.
Er sagt: Der Mensch sieht, hoért, tastet die Dinge und
Vorgdnge. Was er dabei wahrnimmt, sind Eindriicke
auf seine Sinnesorgane. Wenn er eine Farbe, einen
Ton wahrnimmt, so kann er nur sagen: mein Auge,
mein Ohr werden in einer gewissen Art besfimmf,
Farbe, Ton wahrzunehmen. Nicht etwas aufer ihm
nimmt der Mensch wahr, sondern nur eine Bestim-
mung, eine Modifikation seiner eigenen Organe. In
der Wahrnehmung werden das Auge, das Ohr usw.
dazu veranlaftt, in einer gewissen Weise zu empfinden;
sie werden in einen bestimmten Zustand versetst. Diese
Zustande seiner eigenen Organe nimmt der Mensch
als Farben, Tone, Geriiche usw. wahr. In aller Wahr-
92 I. Der Ubermensch.
10G0000000000000000000000000000000000000
0C00000:
nehmung nimmt der Mensch nur seine eigenen Zu-
stande wahr. Was er Aufenwelf nennt, isf nur aus
diesen seinen Zustéanden zusammengeseft; ist also
im eigentlichen Sinne sein Werk. Die Dinge, die ihn
veranlassen, aus sich heraus die Aufenwelt zu spinnen,
kennt er nicht; nur ihre Wirkungen auf seine Organe.
Einem von dem Menschen getrdéumten Traume gleich,
der durch ein Unbekanntes veranlaft wird, erscheint
die Welt in dieser Beleuchtung.
Wenn dieser Gedanke konsequent zu Ende gedacht
wird, so zieht er foleenden Nachsat& nach sich. Auch
seine Organe kennt der Mensch nur, insofern er sie
wahrnimmt; sie sind Glieder in seiner Wahrnehmungs-
welt. Und seines eigenen Selbst wird sich der Mensch
nur bewuft, insofern er die Bilder der Welt aus sich
herausspinnt. Traumbilder nimmt er wahr und inmiften
dieser Traumbilder ein ,Ich*, an dem diese Traum-
bilder voriiberziehen. Jedes Traumbild erscheint in Be-
gleitung dieses ,Ich*. Man kann auch sagen: jedes
Traumbild erscheint inmiftten der Traumwelt immer in
Beziehung auf dieses ,Ich“. Dieses ,Ich* haftet als
Bestimmung, als Eigenschaft an den Traumbildern.
Es ist somit, als Bestimmung von Traumbildern, selbst
ein Traumhaftes. J. G. Fichte fat diese Ansicht in
die Worte zusammen: ,Was durch das Wissen und
aus dem Wissen entsteht, ist nur ein Wissen. Alles
Wissen aber ist nur Abbildung, und es wird in ihm
immer etwas gefordert, das dem Bilde entspreche.
Diese Forderung kann durch kein Wissen befriedigt
werden; und ein System des Wissens ist notwendig
ein System blofer Bilder, ohne alle Realitat, Be-
deutung und Zweck.* ,Alle Realitat« ist fiir Fichte
ll. Der Ubermensch. 93
000000000600000000000600000000000000000000000000000000000' OOC00000
ein wunderbarer ,Traum, ohne ein Leben, von wel-
chem getraumt wird, und ohne einen Geist, dem da
trdumt*; ein Traum, ,der in einem Traume von sich
selbst zusammenhdngt*. (Bestimmung des Menschen,
2. Buch.)
Was hat diese ganze Gedankenkette fiir eine Be-
deutung? Ein schwacher Intellekt, der sich nicht unter-
fangen will, der Welt aus sich heraus einen Sinn zu
geben, sucht diesen Sinn in der Welt der Beobach-
tungen. Er kann ihn da natiirlich nicht finden, weil die
bloRe Beobachtung gedankenleer ist.
Der starke, produktive Intellekt verwendet seine Be-
eriffswelt dazu, die Beobachtungen zu deuten; der
schwache, unproduktive Intellekt erklart sich selbst fiir
zu ohnmachtig, um das zu tun und sagt: ich kann in
den Erscheinungen der Welt keinen Sinn finden; sie
sind bloke Bilder, die an mir voriiberziehen. Der Sinn
des Daseins muf auferhalb, jenseits der Erscheinungs-
welt gesucht werden. Dadurch wird die Erscheinungs-
welt, d. h. die menschliche Wirklichkeit fiir einen Traum,
eine Tduschung, ein Nichts erklart und das ,wahre
Wesen* der Erscheinungen wird in einem ,Ding an
sich“ gesucht, bis zu dem keine Beobachtung, kein
Erkennen reicht, d. h. von dem sich der Erkennende
keine Vorstellung machen kann. Dieses ,wahre Wesen“
ist also fiir den Erkennenden ein vdllig leerer Ge-
danke, der Gedanke an ein Nichts. Traum ist bei
jenen Philosophen, die von dem ,,Ding an sich* spre-
chen, die Erscheinungswelt. Nichts ist aber das, was
sie als das ,wahre Wesen* dieser Erscheinungswelt
ansehen. Die ganze philosophische Bewegung, die von
dem ,Ding an sich“ spricht und die in der neueren
94 I. Der Ubermensch.
00000000000000000000000000000000000000000000000000006000000000608000000000000000
Zeit sich namentlich auf Kant sfiibt, ist der Glaube
an das Nichts, ist philosophischer Nihilis-
mus.
20.
Wenn der starke Geist nach der Ursache eines
menschlichen Handelns und Vollbringens sucht, so findet
er diese immer in dem Willen zur Macht der einzelnen
Personlichkeit. Der Mensch mit schwachem, mutlosem
Intellekt will dies aber nicht zugeben. Er fiihlt sich
nicht krdftig genug, sich zum Herfn und Richtung-
geber seines Handelns zu machen. Er deutet die Triebe,
die ihn lenken, als Gebote einer fremden Macht. Er
sagt nicht: ich handle, wie ich will; sondern er sagt:
ich handle gemaé einem Gebote, wie ich soll. Er
will sich nicht befehlen, er will gehorchen. Auf
der einen Stufe der Entwicklung sehen die Menschen
ihre Antriebe zum Handeln als Gebote Gottes an, auf
einer andern Stufe glauben sie in ihrem Innern eine
Stimme zu vernehmen, die ihnen gebietet. Sie wagen
es im lefteren Falle nicht, zu sagen: ich bin es selbst,
der da befiehlt; sie behaupten: in mir spricht ein héherer
Wille sich aus. Da® sein Gewissen ihm in jedem
einzelnen Falle sagt, wie er handeln soll, ist die Mei-
nung des einen; da ein kategorischer Imperativ ihm
befiehlt, behauptet ein anderer. Hiren wir, was J. G.
Fichte sagt: ,Es soll schlechthin etwas geschehen,
weil es nun einmal geschehen soll: dasjenige, was
das Gewissen nun eben von mir... fordert; da® es
geschehe, dazu, lediglich dazu bin ich da; um es zu
erkennen, habe ich Verstand; um es zu vollbringen
habe ich Kraft.* (,, Bestimmung des Menschen‘, 5. Buch.)
ll. Der Ubermensch. 95
COC0G000 COCCCCECC000000000000000C0000000 IOO0000900000000000000000
Ich fiihre mit Vorliebe J. G. Fichtes Ausspriiche an,
weil er mit eiserner Konsequenz die Meinung der
»ochwachen und Miffratenen* bis ans Ende gedacht
hat. Wozu diese Meinungen zulett fiihren, kann man
nur erkennen, wenn man sie da aufsucht, wo sie zu
Ende gedacht worden sind; auf die Halben, die jeden
Gedanken nur bis in seine Mitte denken, kann man
sich nicht stiifen.
Nicht in der Einzelpersénlichkeit wird von denen,
die in der angedeuteten Weise denken, der Quell des
Wissens gesucht; sondern jenseits dieser Persén-
lichkeit in einem ,Willen an sich*. Eben dieser , Wille
an sich“ soll als ,Stimme Gottes* oder ,als Stimme
des Gewissens‘, ,kategorischer Imperativ® usw. zu
dem Ejinzelnen sprechen. Er soll der universelle Lenker
des menschlichen Handeins und der Urquell der
Sittlichkeit sein und auch die Zwecke des sift-
lichen Handelns bestimmen. ,Ich sage, das Ge-
bot des Handelns selbst ist es, welches durch sich
selbst mir einen Zweck sett: dasselbe in mir, was
mich n6figt, zu denken, da ich so handeln solle,
nofigt mich, zu glauben, da® aus diesem Handeln
etwas erfolgen werde; es erdffnet dem Auge die Aus-
sicht auf eine andere Welt.“ ,Wie ich im Gehorsam
lebe, lebe ich zugleich in der Anschauung seines
Zweckes, lebe ich in der besseren Welt, die
er mir verheift.* (Fichte, die Bestimmung des Men-
schen, 3. Buch.) Der also Denkende will sich nicht
selbst ein Ziel sefen; er will von dem héheren Willen,
dem er gehorcht, sich zu einem Ziele fiihren lassen.
Er will sich seines Eigenwillens entledigen und sich
zum Werkzeug ,hdherer“ Zwecke machen. In Worfen,
96 ll. Der Ubermensch.
die zu den schénsten Erzeugnissen des Sinnes fiir
Gehorsam und Demut gehoren, die mir bekannt sind,
schildert Fichte die Hingabe an den ,ewigen Willen
an sich*. ,Erhabener, lebendiger Wille, den kein Name
nennt und kein Begriff umfaft, wohl darf ich mein
Gemiit zu dir erheben; denn du und ich sind nicht
getrennt. Deine Stimme ertént in mir, die meinige tont
in dir wieder; und alle meine Gedanken, wenn
sie nur wahr und gut sind, sind in dir ge-
dacht. — In dir, dem Unbegreiflichen, werde ich mir
selbst, und wird mir die Welt vollkommen begreiflich,
alle Ratsel meines Daseins werden gelést, und die
vollendetste Harmonie entsteht in meinem Geiste.* ,Ich
verhiille vor dir mein Angesicht, und lege die Hand
auf den Mund. Wie du fiir dich selbst bist, und dir
selbst erscheinst, kann ich nie einsehen, so gewif ich
nie du selbst werden kann. Nach tausendmal tausend
durchlebten Geisterleben werde ich dich noch eben-
sowenig begreifen als jet, in dieser Hiitte von Erde.“
(Bestimmung des Menschen, 3. Buch.)
Wohin dieser Wille den Menschen zulett fiihren
will, das kann der Einzelne nicht wissen. Wer an diesen
Willen glaubt, gesteht also damit, da er iiber die
Endzwecke seines Handelns nichts weif. Die Ziele,
die sich der Einzelne schafft, sind aber fiir einen sol-
chen Gldubigen eines héheren Willens keine ,wahren*
Ziele. Er seft somit an die Stelle der durch das In-
dividuum geschaffenen positiven Einzelziele einen End-
zweck der ganzen Menschheit, dessen Gedankeninhalt
aber ein Nichts ist. Ein solcher Glaubiger ist mo-
ralischer Nihilist. Er ist in der schlimmsten Art
von Unwissenheit befangen, die sich erdenken laBt.
I. Der Ubermensch. 97
000000000000000000000000000000000000000000000000080000000800000000000000000000000
Niefsche wollte diese Art von Unwissenheit in einem
besonderen Buche seines unvollendet gebliebenen
Werkes ,Der Wille zur Macht“ behandeln. (Vgl. An-
hang zu Band VIII der Gesamtausgabe von Nietssches
Werken.)
Die Lobpreisung des moralischen Nihilismus finden
wir wieder in Fichtes ,Bestimmung des Menschen“
(5. Buch): ,Ich will nicht versuchen, was mir durch
das Wesen der Endlichkeit versagt ist, und was mir
zu nichts niipen wiirde; wie du an dir selbst bist,
will ich nicht wissen. Aber deine Beziehungen und
Verhdltnisse zu mir, dem Endlichen, und zu allem End-
lichen, liegen offen vor meinem Auge: werde ich, was
ich sein soll! — und sie umgeben mich in hellerer
Klarheit, als das Bewuftsein meines eignen Daseins.
Du wirkest in mir die Erkenntnis von meiner Pflicht,
von meiner Bestimmung in der Reihe der verniinftigen
Wesen; wie, das weif ich nicht, noch bedarf ich es
zu wissen. Du weift und erkennst, was ich denke
und will; wie du wissen kannst, — durch welchen
Akt du dieses Bewuftsein zustande bringst, dariiber
verstehe ich nichts; ja ich wei sogar sehr wohl,
da® der Begriff eines Akts, und eines besonderen
Akts des Bewuftseins nur von mir gilt, nicht aber von
dir, dem Unendlichen. Du willst, denn du willst, daR
mein freier Gehorsam Folgen habe in alle Ewigkeit;
den Akt deines Willens begreife ich nicht;
und wei? nur soviel, da® er nicht dhnlich ist dem
meinigen. Du tust, und dein Wille selbst ist Tat;
aber deine Wirkungsweise ist der, die ich allein zu
denken vermag, geradezu entgegengesebt. Du lebest
und bist, denn du weift, willst und wirkest, allgegen-
Steiner, Friedrich Niebsche. 7
98 ll. Der Ubermensch.
wartig der endlichen Vernunft; aber du bist nichf,
wie ich alle Ewigkeiten hindurch allein ein
Sein werde denken kénnen.*
Dem moralischen Nihilismus stellt Niefsche die
Ziele gegeniiber, die der schaffende Einzelwille
sich sept. Den Lehrern der Ergebung ruft Zara-
thustra zu:
»Diese Lehrer der Ergebung. Uberall hin, wo es
klein und krank und grindig ist, kriechen sie hin,
gleich Lausen; und nur mein Ekel hindert mich, sie
zu knacken. .
Wohlan! Dies ist meine Predigt fiir ihre Ohren:
ich bin Zarathustra, der Gottlose, der da spricht: ,wer
ist gotfloser denn ich, da ich mich seiner Unter-
weisung freue ?‘
Ich bin Zarathustra, der Gottlose: wo finde ich
meinesgleichen? Und alle die sind meinesgleichen,
die sich selber ihren Willen geben und alle
Ergebung von sich abtun.*
a1
Die starke Personlichkeit, die Ziele schaf ft, ist riick-
sichtslos in der Ausfiihrung derselben. Die schwache
Personlichkeit dagegen fiihrt nur das aus, wozu der
Wille Gottes oder die ,Stimme des Gewissens* oder
der ,kategorische Imperativ’ Ja sagt. Was diesem
Ja entspricht, bezeichnet der Schwache als gut,
was diesem Ja zuwider ist als b6se. Der Starke
kann dieses ,gut und bés* nicht anerkennen; denn
er erkennt diejenige Macht nicht an, von der sich
der Schwache sein Gutes und Béses_ bestimmen
ld@t. Was er, der Starke, will, ist fiir ihn gut; er
Il. Der Ubermensch. 99
G00000006000000000000000: GOO000000000000000000000
fiihrt es durch gegen alle widerstrebenden Machte.
Was ihn in dieser Durchfiihrung stért, das sucht er
zu tiberwinden. Er glaubt nicht, da® ein ,ewiger
Weltwille* alle einzelnen Willensentschliisse zu einer
grofen Harmonie lenkt; aber er ist der Ansicht, da®
alle menschliche Entwickelung aus den Willens-
impulsen der EinzelpersGnlichkeiten sich ergibt, und
da@ ein ewiger Krieg besteht zwischen den einzelnen
Willensduferungen, in dem immer der starkere Wille
liber den schwacheren siegft.
Von den Schwachen und Mutlosen wird die starke
Personlichkeit, die sich selbst Gesetz und Zweck geben
will, als bése, als siindhaft bezeichnet. Sie erregt
Furcht, denn sie durchbricht die hergebrachten Ord-
nungen; sie nennt wertlos, was die Schwachen ge-
wohnt sind, wertvoll zu nennen, und sie erfindet Neues,
vor ihr Unbekanntes, das sie als wertvoll bezeichnet.
»Jede individuelle Handlung, jede individuelle Denk-
weise erregt Schauder ; es ist gar nicht auszurechnen,
was gerade die selfeneren, ausgesuchteren, urspriing-
licheren Geister im ganzen Verlauf der Geschichte
dadurch gelitten haben miissen, da sie immer als
die bésen und gefahrlichen empfunden wurden, ja
da® sie sich selber so empfanden. Unter der
Herrschaft der Sitte hat die Originalitat jeder Art
ein béses Gewissen bekommen; bis diesen Augen-
blick ist der Himmel der Besten noch dadurch ver-
diisterter, als er sein miifte.« (Morgenréte § 9.)
Der wahrhaft freie Geist fait schlechthin erste
Entschliisse; der unfreie entscheidet sich nach dem
Herkommen. ,Sittlichkeit ist nichts anderes (also
namentlich nicht mehr!), als Gehorsam gegen Sit-
100 I. Der Ubermensch.
ten, welcher Art diese auch sein mégen; Siffen aber
sind die herkémmliche Art zu handeln und abzu-
schaben.* (Morgenréte § 9.) Dieses Herkommen ist
es, was von den Moralisten als ,ewiger Wille“, ,,kate-
gorischer Imperativ“ gedeutet wird. Jedes Herkommen
ist aber das Ergebnis der naturgemafen Triebe und
Impulse einzelner Menschen, ganzer Stéamme, V6l-
ker usw. Es ist ebenso das Produkt natiirlicher Ur-
sachen, wie eifwa die Witterungsverhdltnisse einzelner
Gegenden. Der freie Geist erklart sich durch dieses
Herkommen nicht gebunden. Er ~hat seine indivi-
duellen Triebe und Impulse, und diese sind nicht
weniger berechtigt als die der anderen. Er sept
diese Impulse in Handlungen um, wie eine Wolke
Regen auf die Erdoberflache sendet, wenn die Ur-
sachen dazu vorhanden sind. Der freie Geist steht
jenseits dessen, was das Herkommen als
guf und b6se ansiehft. Er schafft sich selbst
sein Gut und Bose.
»Als ich zu den Menschen kam, da fand ich sie
sipen auf einem alten Diinkel: Alle diinkten sich
lange schon zu wissen, was dem Menschen gut und
bése sei.
Eine alte miide Sache diinkte ihnen alles Reden von
Tugend; und wer gut schlafen wollte, der sprach vor
dem Schlafengehen noch von ,Gut und Bése‘.
Diese Schlaferei stérte ich auf, als ich lehrte: was
gut und bose ist, das wei® noch niemand — es
sei denn der Schaffende.
Das aber ist der, welcher des Menschen Ziel
schafft und der Erde ihren Sinn gibt und ihre Zu-
kunft: dieser erst schafft es, da® etwas gut und
ll. Der Ubermensch. 101
osn olocle lela o.oo olelo ale e/a 0 olele ele clevele alelelclale ol slololaleleolalarovelevelaleverelelelolelevelereveleleelle\elevelelelelole’evelsvelole]
bose ist.“ (Zarathustra, 3. Teil, Von alten und neuen
Tafeln.)
Auch dann wenn der freie Geist handelt, wie es
dem Herkommen gemdf ist, dann tut er es, weil er
die herk6mmlichen Motive zu den seinigen machen
will, und weil er es in bestimmten Fallen nicht fiir
notig half, an die Stelle des Herkémmlichen etwas
Neues zu setzen.
225
Der Starke sucht in der Durchsesung seines schaf-
fenden Selbst seine Lebensaufgabe. Diese Selbst-
sucht unterscheidet ihn von den Schwachen, die in
der selbstlosen Hingabe an das, was sie das
Gute nennen, die Sittlichkeit sehen. Die Schwachen
predigen die Selbstlosigkeit als die héchste Tugend.
Ihre Selbstlosigkeit ist aber nur die Folge ihres Man-
gels an Schaffenskraft. Hatten sie ein schaffendes
Selbst, so wiirden sie dieses auch durchsefen wollen.
Der Starke liebi den Krieg, denn er braucht den Krieg,
um seine Schépfungen gegen die widerstrebenden
Machte durchzuseten.
»Curen Feind sollt ihr suchen, euren Krieg sollt
ihr fiihren und fiir eure Gedanken! Und wenn euer
Gedanke unterliegt, so soll eure Redlichkeit dariiber
noch Triumph rufen!
Ihr sollf den Frieden lieben als Miffel zu neuen
Kriegen. Und den kurzen Frieden mehr als den langen.
Euch rate ich nicht zur Arbeit, sondern zum Kampfe.
Euch rate ich nicht zum Frieden, sondern zum Siege.
Eure Arbeit sei ein Kampf, euer Friede sei ein Sieg!
Ihr sagt, die gute Sache sei es, die sogar den
102 Il. Der Ubermensch.
Krieg heilige! Ich aber sage euch: der gute Krieg ist
es, der jede Sache heiligt.
Der Krieg und der Mut haben mehr grofe Dinge
getan, als die Ndchstenliebe. Nicht euer Mifleiden,
sondern eure Tapferkeit rettete bisher die Verun-
gliickten.“ (Zarathustra, 1. Teil. Vom Krieg und
Kriegsvolke.)
Unerbittlich und ohne Schonung des Widerstreben-
den handelt der Schaffende. Er kennt nicht die Tu-
gend der Leidenden: das Mifleid. Aus seiner Kraft
kommen die Antriebe des Schaffendén, nicht aus dem
Gefiihle des fremden Leidens. Daf die Kraft siege,
dafiir setzt er sich ein, nicht da® das Leidende,
Schwache gepflegt werde. Schopenhauer hat die
ganze Welt fiir ein Lazarett erklart, und die aus dem
Mitgefiihle mit den Leidenden entspringenden Hand-
lungen fiir die héchsten Tugenden. Er hat damit die
Moral des Christentums in anderer Form ausge-
sprochen, als dieses selbst es tut. Der Schaffende
fiihlt sich nicht berufen, Krankenwéarterdienste zu ver-
richten. Die Tiichtigen, Gesunden kénnen nicht um
der Schwachen, Kranken willen da sein. Das Mitleid
schwdcht die Kraft, den Mut, die Tapferkeit.
Das Mitleid sucht gerade das zu erhalten, was der
Starke iiberwinden will: die Schwdche, das Leiden.
Der Sieg des Starken iiber das Schwache ist der
Sinn aller menschlichen wie aller natiirlichen Ent-
wickelung. ,Leben selbst ist wesentlich Aneignung,
Verlesung, Uberwalligung des Fremden und Schwa-
cheren, Unterdriickung, Harte, Aufzwangung eigener
Formen, Ejinverleibung und mindestens, mildestens,
Ausbeulung.* (Jenseits von Gut und Bése § 259.)
Il. Der Ubermensch. 103
000000000000000600000006000006000000000' lo ove ole eee)
»Und wollt ihr nicht Schicksale sein und Uner-
bittliche; wie kénntet ihr mit mir — siegen?
Und wenn eure Harte nicht bliben und scheiden
und zerschneiden will: wie kénntet ihr einst mit mir
— schaffen?
Die Schaffenden némlich sind hart. Und Seligkeit
mu es euch diinken, eure Hand auf Jahrtausende
zu driicken wie auf Wachs, —
— Seligkeit, auf dem Willen von Jahrtausenden zu
schreiben wie auf Erz, — harter als Erz, edler als
Erz. Ganz hart isi allein das Edelste.
Diese neue Tafel, o meine Briider, stelle ich iiber
euch: werdet hart “ (Zarathustra, 3. Teil. Von alten
und neuen Tafeln.)
Der freie Geist macht keinen Anspruch auf Mit-
leid. Wer ihn bemitleiden wollte, den mii®te er fragen:
hdltst du mich fiir so schwach, da ich mein Leid
nicht selbst tragen kann? lIhm geht jedes Mitleid
gegen die Scham. Niefsche bringt den Widerwillen
des Starken gegen das Mitleiden im vierten Teil
seines ,Zarathustra* zur Anschauung. Zarathustra
kommt auf seinen Wanderungen in ein Tal, das
»ochlangentod* heift. Kein Lebewesen findet sich
hier. Nur eine Art ha@licher griiner Schlangen kommt
hierher, um zu sterben. Dieses Tal hat der ,hab-
lichste Mensch* aufgesucht. Dieser will von keinem
Wesen gesehen werden wegen seiner Haflichkeit. In
diesem Tal sieht ihn niemand aufer Gott. Aber auch
dessen Anblick kann er nicht ertragen. Das Bewufit-
sein, da? Gottes Blicke in alle Raéaume dringen, ist
ihm zur Last. Er hat deshalb Gott getétef, d. h. er
hat den Glauben an Gott in sich ertétet. Er ist zum
104 ll. Der Ubermensch,
Atheisten geworden wegen seiner Hdfilichkeit. Als
Zarathustra diesen Menschen sieht, iiberfallt ihn noch
einmal das, was er fiir immer in sich getilgt zu haben
glaubt: das Mitleid mit der furchtbaren Haflichkeit.
Dies ist eine Versuchung Zarathustras. Er weist aber
das Gefiihl des Mitleids bald zuriick und wird wieder
hart. Der haflichste Mensch sagt zu ihm: Deine
Harte ehrt meine Hdaflichkeit. Ich bin zu reich an
Haflichkeit, um irgend eines Menschen Mifleid zu
ertragen. Mitleid geht gegen die Scham.
Wer Mitleid braucht, kann nicht allein siehen, und
der freie Geist will vollstandig auf sich selbst ge-
stellt sein.
O0000COO
25.
Mit der Aufzeigung des natiirlichen Willens zur
Macht als Ursache der menschlichen Handlungen
geben sich die Schwachen nicht zufrieden. Sie suchen
nicht blo? nach natiirlichen Zusammenhdngen in der
Menschenentwickelung, sondern sie suchen das Ver-
hdltnis der menschlichen Handlungen zu dem, was
sie als den ,Willen an sich*, die ,ewige, sittliche
Weltordnung* nennen. Wer dieser Weltordnung zu-
widerhandelt, dem sprechen sie eine Schuld zu.
Und sie begniigen sich auch nicht damit, eine Hand-
lung nach ihren natiirlichen Folgen zu bewerten, son-
dern sie machen den Anspruch darauf, da? eine
schuldvolle Handlung auch moralische Folgen, Stra-
fen nach sich ziehe. Sie nennen sich selbst schuldig,
wenn sie ihr Handeln mif der siftlichen Weltordnung
nicht in Ubereinstimmung finden; sie wenden sich
mit Abscheu von dem Quell des Bésen in sich ab
Il. Der Ubermensch. 105
BO0GO000 00000000 08000000 10090000000000000000000000000000000000000
und nennen dies Gefiihl b6ses Gewissen. Alle
diese Begriffe lat die starke Persénlichkeit nicht
gelfen. Sie kiimmert sich nur um die natiirlichen
Folgen ihrer Handlungen. Sie fragt: wieviel ist meine
Handlungsweise fiir das Leben wert? Entspricht sie
dem, was ich gewollt habe? Der Starke kann sich
grdmen, wenn ihm eine Handlung fehlschlagt, wenn
das Resultat seinen Absichten nicht entspricht. Aber
er klagt sich nicht an. Denn er mift seine Handlungs-
weise nicht an aufernatiirlichen Mafstaében. Er weif,
da? er so handelt, wie es seinen natiirlichen Trieben
entspricht, und kann héchstens bedauern, daf diese
nicht besser sind. Ebenso halt er es mif der Beur-
feilung fremder Handlungen. Ein moralisches Ab-
schaéspen der Handlungen kennt er nicht. Er ist Im-
moralist.
Was das Herkommen als bése bezeichnet, sieht
der Immoralist ebenso als Ausflu® menschlicher In-
stinkte an, wie das Gute. Die Strafe gilt ihm nicht
als moralisch bedingt, sondern nur als ein Miftel,
Instinkte gewisser Menschen, die andern schddlich
sind, auszurotten. Die Gesellschaft straff nach An-
sicht des Immoralisten nicht deswegen, weil sie ein
»moralisches Recht* hat, die Schuld zu siihnen, son-
dern allein, weil sie sich stéarker erweist, als der Ein-
zelne, welcher der Gesamtheit widerstrebende Instinkte
hat. Die Macht der Gesellschaft steht gegen die Macht
des Einzelnen. Dies ist der natiirliche Zusammenhang
einer ,bésen* Handlung des Einzelnen mii der Recht-
sprechung der Gesellschaft und der Bestrafung dieses
Einzelnen. Es ist der Wille zur Macht, d.h. zum
Ausleben jener Instinkte, die bei der Mehrzahl der
106 I. Der Ubermensch.
0000000000000000! 1900000000000000000000000000000000000000000000000
Menschen vorhanden sind, der sich in der Rechts-
pflege einer Gesellschaft au®ert. Der Sieg einer Mehr-
heit iiber einen Einzelnen ist jede Bestrafung. Siegte
der Einzelne iiber die Gesellschaft, so miifte seine
Handlungsweise als gut, die der andern als bése
bezeichnet werden. Das jeweilige Recht driickt nur
aus, was die Gesellschaft eben als die beste Grund-
lage ihres Willens zur Macht anerkennt.
24.
_ Weil Niepsche in der menschlichen Handlungs-
weise nur einen Ausflu® der Instinkte sieht, und diese
lettteren bei verschiedenen Menschen verschieden sind,
scheint es ihm notwendig, da auch deren Handlungs-
weisen verschieden sind. Niepsche ist deshalb ein
entschiedener Gegner des demokratischen Grund-
sabes: Gleiche Rechte und gleiche Pflichten fiir alle.
Die Menschen sind ungleich, deshalb miissen auch
ihre Rechte und Pflichten ungleich sein. Der natiir-
liche Gang der Weltgeschichte wird stets starke und
schwache, schaffende und unfruchtbare Menschen
aufweisen. Und die Starken werden immer dazu be-
rufen sein, den Schwachen die Ziele zu bestimmen. Ja
noch mehr: die Starken werden sich der Schwachen
als Mittel zum Zwecke, d. h. als Sklaven bedienen.
Nietsche spricht natiirlich nicht von einem ,mora-
lischen* Recht der Starken zur Haltung von Sklaven.
»Moralische* Rechte erkennt er nicht an. Sondern er
ist der Meinung, da? die Uberwindung des Schwa-
cheren durch den Starkeren, die er fiir das Prinzip
alles Lebens halt, notwendig zur Sklaverei fiihren muf.
Es ist auch natiirlich, da® sich der Uberwundene
Il. Der Ubermensch. 107
00000000000000000000000000000000:
[ooo elelelelelcleecclee ele ccc clalee)
gegen den Uberwinder auflehnt. Wenn diese Auf-
lehnung sich nicht durch die Tat aufern kann, so
dufert sie sich wenigstens im Gefiihle. Und der Aus-
druck dieses Gefiihles ist die Rache, die stets in
den Herzen derer wohnt, die in irgend einer Weise
von den besser Veranlagten iiberwunden worden sind.
Als AusfluR dieser Rache sieht Niebsche die moderne
sozialdemokratische Bewegung an. Der Sieg dieser
Bewegung wiirde ihm eine Erhéhung der Mifratenen,
Ubel-Weggekommenen zu ungunsten der Besseren
sein. Gerade das Gegenteil strebt Niebsche an: die
Pflege der starken, selbstherrlichen Persénlichkeit.
Und er haftt die Sucht, die alles gleich machen und
die souverdne Individualitat in dem Meere der allge-
meinen Mittelmdfigkeit verschwinden lassen will.
Nicht alle sollen dasselbe haben und geniefen,
meint Niebsche, sondern jeder soll haben und ge-
nieben, was er nach Mafgabe seiner persoénlichen
Starke erreichen kann.
25.
Was der Mensch wert ist, hangt allein von dem
Wert seiner Instinkte ab. Durch nichts anderes kann
der Wert des Menschen bestimmt werden. Man spricht
von dem Werte der Arbeit. Die Arbeit soll den Men-
schen adeln. Aber die Arbeit hat an sich gar keinen
Wert. Nur dadurch, da sie dem Menschen dient,
erhdlt sie einen Wert. Nur insofern sich die Arbeit
als natiirliche Folge der menschlichen Neigungen
darstellt, ist sie des Menschen wiirdig. Wer sich
zum Diener der Arbeit macht, entwiirdigt sich. Nur
der Mensch, der nicht sich selbst seinen Wert be-
108 ll. Der Ubermensch.
@0000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000
stimmen kann, sucht diesen Wert an der Grofe seines
Werkes abzumessen. Es ist charakteristisch fiir das
demokratische Biirgertum der neueren Zeif, da? es in
der Wertbemessung des Menschen sich nach dessen
Arbeit richtet. Sogar Goethe isi von dieser Gesinnung
nicht frei. La®t er doch seinen Faust die volle Be-
friedigung in dem Bewuftsein getaner Arbeit finden.
26.
Auch die Kunst hat nach Nietsches Meinung
nur Wert, wenn sie dem Leben des Einzelmenschen
dient. Auch hier vertritt Niebsche die Ansicht der
starken Pers6nlichkeit und lehnt alles ab, was die
schwachen Instinkte iiber die Kunst aussprechen.
Fast alle deutschen Asthetiker vertreten den Stand-
punkt der schwachen Instinkte. Die Kunst soll ein
»Unendliches* im ,,Endlichen*, ein ,Ewiges* im ,,Zeit-
lichen“, eine ,Idee* in der ,Wirklichkeit* darstellen.
Fiir Schelling z. B. ist alle sinnliche Schénheit nur
ein Abglanz jener unendlichen Schoénheit, die wir
nie mit den Sinnen wahrnehmen k6nnen. Das Kunst-
werk ist nicht um seiner selbst willen und durch das,
was es ist, schén, sondern weil es die Idee der
Sch6nheit abbildet. Das sinnliche Bild ist nur ein Aus-
drucksmittel, nur die Form fiir einen iibersinn-
lichen Inhalt. Und Hegel nennt das Schéne ,das
sinnliche Scheinen der Idee“. Ahnliches kann man
auch bei den andern deutschen Asthetikern finden.
Fiir Nietsche ist die Kunst ein lebenférderndes Ele-
ment, und nur, wenn sie dieses ist, hat sie Berech-
figung. Wer das Leben, wie er es unmittelbar wahr-
nimmf, nicht ertragen kann, der formt es sich nach
Il Der Wbermensch. 109
00G000000000000000000000000000C0
seinem Bediirfnisse um, und damit schafft er ein
Kunstwerk. Und was will der GenieBende vom Kunst-
werk? Er will Erhohung seiner Lebensfreude, Star-
kung seiner Lebenskrdfte, Befriedigung von Bediirf-
nissen, die ihm die Wirklichkeit nicht befriedigt. Aber
er will, wenn sein Sinn auf das Wirkliche gerichtet
ist, nicht durch das Kunstwerk den Abglanz des Gdtt-
lichen, Uberirdischen erblicken. Héren wir, wie Nieb-
sche den Ejindruck schildert, den Bizets Carmen auf
ihn gemacht: ,JIch werde ein besserer Mensch, wenn
mir dieser Bizet zuredet. Auch ein besserer Musikant,
ein besserer ZuhGrer. Kann man iiberhaupt noch
besser zuhéren? — Ich vergrabe meine Ohren noch
unter diese Musik, ich hére deren Ursache. Es
scheint mir, da® ich ihre Entsiehung erlebe — ich
zittere vor Gefahren, die irgend ein Wagnis begleiten,
ich bin entziickt tiber Gliicksfalle, an denen Bizet un-
schuldig ist. — Und selfsam! im Grunde denke ich
nicht daran, oder weifh es nicht, wie sehr ich daran
denke. Denn ganz andere Gedanken laufen mir wah-
rend dem durch den Kopf... Hat man bemerkt, dak
die Musik den Geist frei macht? dem Gedanken
Fliigel gibt? da man um so mehr Philosoph wird,
je mehr man Musiker wird? — Der graue Himmel
der Abstraktion wie von Blitzen durchzuckt; das Licht
stark genug fiir alles Filigran der Dinge; die grofen
Probleme nahe zum Greifen; die Welt wie von einem
Berge aus iiberblickt. — Ich definierte eben das philo-
sophische Pathos. — Und unversehens fallen mir
Antworten in den Scho, ein kleiner Hagel von
Eis und Weisheif, von gelésten Problemen ... Wo
bin ich? — Bizet macht mich fruchtbar. Alles Gute
110 I. Der Ubermensch.
00000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000
macht mich fruchtbar. Ich habe keine andere Dank-
barkeit, ich habe auch keinen andern Beweis dafiir,
was gut ist. — (Fall Wagner § 1.) Weil Richard
Wagners Musik eine solche Wirkung nicht auf ihn
machte, deshalb lehnte sie Niessche ab: ,,Meine Ein-
wande gegen die Musik Wagners sind physiologische
Einwdnde ... Meine Tatsache, mein petit fait vrai
ist, da® ich nicht mehr leicht atme, wenn diese Musik
erst auf mich wirkt; da? alsbald mein Fu gegen
sie b6se wird und revoltiert: er hat das Bediirfnis
nach Takt, Tanz, Marsch... er verlangt von der
Musik vorerst die Entziickungen, welche in gufem
Gehen, Schreiten, Tanzen liegen. Protestiert aber
nicht auch mein Magen? mein Herz? mein Blutlauf?
Betriibt sich nicht mein Eingeweide? Werde ich nicht
unversehens heiser dabei? Und so frage ich mich:
was will eigentlich mein ganzer Leib von der Musik
iiberhaupt? ... Ich glaube, seine Erleichterung:
wie als ob alle animalischen Funktionen durch leichte,
kiihne, ausgelassene, selbstgewisse Rhythmen be-
schleunigt werden sollten; wie als ob das eherne,
bleierne Leben durch goldene, zartliche, 6lgleiche Me-
lodien seine Schwere verlieren sollte. Meine Schwer-
mut will in den Verstecken und Abgriinden der Voll-
kommenheit ausruhen: dazu brauche ich Musik.‘
(Niefbsche kontra Wagner. Kap.: Wo ich Einwande
mache.) —
Im Anfange seiner schriftstellerischen Laufbahn
fauschte sich Niefsche iiber das, was seine Instinkte
von der Kunst verlangen, deshalb war er damals ein
Anhdnger Wagners. Er hat sich durch das Studium
der Schopenhauerschen Philosophie zum Idealismus
I. Der Ubermensch. 111
9O0G0000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000
verfiihren lassen. Er glaubte einige Zeit hindurch an
den Idealismus und tdéuschte sich kiinstliche Bediirf-
nisse, ideale Bediirfnisse vor. Erst im weiferen Ver-
laufe seines Lebens merkte er, daf® aller Idealismus
seinen Trieben gerade entgegengesebt ist. Er wurde
nun aufrichtiger gegen sich selbst. Er sprach aus,
wie er selbst empfand. Und das konnte nur zur voll-
standigen Ablehnung von Wagners Musik fiihren, die
ja immer mehr den asketischen Charakter annahm,
den wir bereits als Kennzeichen von Wagners lebtem
Wirkensziel aufgefiihrt haben.
Die Asthetiker, die es der Kunst zur Aufgabe
machen, die Idee zu versinnlichen, das Gdttliche zu
verk6rpern, vertreten auf diesem Gebiete eine dhnliche
Ansicht wie die philosophischen Nihilisten auf dem
Gebiete der Erkenntnis und der Moral. Sie suchen in
den Kunstobjekten ein Jenseitiges, das sich aber vor
dem Wirklichkeifssinn in ein Nichts auflést. Es gibt
auch einen asthetischen Nihilismus.
Diesem steht die Asthetik der starken Personlich-
keit gegeniiber, die in der Kunst ein Abbild der Wirk-
lichkeit, eine h6here Wirklichkeit sieht, die der Mensch
lieber genieBt als die Alltaglichkeit.
Oks
Zwei Menschentypen stellt Niefsche einander
gegeniiber: den Schwachen und den Starken. Der
erstere sucht die Erkenntnis als einen objektiven Tat-
bestand, der von der Aufenwelt in seinen Geist ein-
flieBen soll. Er lat sich sein Gutes und Béses von
einem ,ewigen Weltwillen* oder einem ,,kategorischen
Imperativ“ diktieren. Er bezeichnet jede nicht von diesem
112 ll. Der Ubermensch.
Weltwillen, sondern nur von dem schépferischen Eigen-
willen bestimmte Handlung als Siinde, die eine mo-
ralische Strafe nach sich ziehen mu. Er méchte fiir
alle Menschen gleiche Rechte dekretieren und den Wert
des Menschen nach einem duferen Mafstabe bestim-
men. Er mochte endlich in der Kunst ein Abbild des
Gottlichen, eine Kunde aus dem Jenseits erblicken.
Der Starke dagegen sieht alle Erkenntnis als den Aus-
druck des Willens zur Macht an. Er sucht durch die
Erkenntnis die Dinge denkbar und sich dadurch unter-
fan zu machen. Er weil, da® er selbst der Schépfer
der Wahrheit ist; da® niemand als er selbst sein Gutes
und sein Béses schaffen kann. Er betrachtet die Hand-
lungen des Menschen als Folgen natiirlicher Triebe
und laft sie gelten als Naturereignisse, die niemals
als Siinden zu betrachten sind und nicht eine moralische
Verurteilung verdienen. Er sucht den Wert des Men-
schen in der Tiichtigkeit seiner Instinkte. Einen Men-
schen mit den Instinkten fiir Gesundheit, Geist, Schén-
heit, Ausdauer, Vornehmheit schatt er héher als einen
solchen mit den Instinkten fiir Schwdche, Haflichkeit,
Sklaverei. Er beurteilt ein Kunstwerk nach dem Grade,
in dem es zur Steigerung seiner Krdafte beitragt.
Diesen lesteren Menschentypus versteht Niebsche
unter seinem Ubermenschen. Solche Ubermenschen
konnten bisher nur durch das Zusammentreffen zu-
fdlliger Umstdande entstehen. Ihre Entwickelung zum
bewuftten Ziele der Menschheit zu machen, ist die
Absicht, die Zarathustra hat. Man sah bisher das Ziel
der menschlichen Entwickelung in irgendwelchen Idea-
len. Hier halt Niefsche eine Anderung der Anschau-
ungen fiir nétig. Der ,hGherwertigere Typus ist oft ge-
ll. Der Ubermensch. 113
0000000000000000000000000000000000000000000000' 0000 BOOCEC0O
nug schon dagewesen: aber als ein Gliicksfall, als
eine Ausnahme, niemals als gewollt. Vielmehr ist
er gerade am besten gefiirchtet worden, er war bisher
beinahe das Furchtbare; — und aus der Furcht heraus
wurde der umgekehrte Typus gewollt, geziichtet, er-
reicht: das Haustier, das Herdentier, das kranke Tier
Mensch, — der Christ ...* (Antichrist § 3.)
Zarathustras Weisheit soll diesen Ubermenschen,
zu dem jener andere Typus nur ein Ubergang ist,
lehren.
Nietsche nennt diese Weisheit eine dionysische.
Es ist eine Weisheit, die nicht dem Menschen von
aufen gegeben wird; es ist eine selbstgeschaffene
Weisheit. Der dionysische Weise forscht nicht; er
schafft. Er steht nicht als Betrachter aufer der Welt,
die er erkennen will; er ist Eins geworden mit seiner
Erkenntnis. Er sucht nicht nach einem Gotte; was er
sich noch als géttlich vorstellen kann, ist nur Er selbst
als Schépfer seiner eigenen Welt. Wenn dieser Zu-
stand auf alle Krafte des menschlichen Organismus
sich erstreckt, so gibt das den dionysischen Men-
schen, dem es unmOglich ist, irgendeine Suggestion
nicht zu verstehen; er iibersieht kein Zeichen des
Affekts, er hat den héchsten Grad des verstehenden
und erratenden Instinktes, wie er den héchsten Grad
von Mitteilungskunst besitt. Er geht in jede Haut, in
jeden Affekt ein: er verwandelt sich bestandig. Dem
dionysischen Weisen steht der bloRe Betrachter gegen-
iiber, der sich immer auferhalb seiner Erkenntnis-
objekte stehend glaubi, als objektiver, leidender Zu-
schauer. Dem dionysischen Menschen steht der apol-
linische gegeniiber, der ,vor allem das Auge erregt
Steiner, Friedrich Niessche. 8
114 i. Der Ubermensch.
halt, so da® es die Kraft der Vision bekommt*. Visio-
nen, Bilder von Dingen, die jenseits der Menschen-
wirklichkeit stehen, erstrebt der apollinische Geist, nicht
eine durch ihn selbst geschaffene Weisheit.
28.
Die apollinische Weisheit hat den Charakter des
Ernstes. Sie empfindet die Herrschaft des Jenseits,
das sie nur im Bilde besitt, als einen schweren Druck,
als eine ihr widersfrebende Macht. Ernst ist die apol-
linische Weisheit, denn sie glaubt sich.im Besife einer
Kunde aus dem Jenseits, wenn diese auch nur durch
Bilder, Visionen vermittelt sein soll. Schwer beladen
mit seiner Erkenntnis wandelt der apollinische Geist
einher, denn er tragt eine Biirde, die aus einer andern
Welt stammf. Und den Ausdruck der Wiirde nimmi
er an, denn vor den Kundgebungen des Unendlichen
mu jedes Lachen verstummen.
Dieses Lachen aber charakterisiert den dionysischen
Geist. Er wei, da alles, was er Weisheit nennt, nur
seine Weisheit ist, von ihm erfunden, um sich das
Leben leicht zu machen. Nur dieses Eine soll ja seine
Weisheit sein: ein Mittel, das ihm erlaubt, zum Leben
Ja zu sagen. Dem dionysischen Menschen ist der
Geist der Schwere zuwider, weil er das Leben nicht
erleichtert, sondern niederdriickt. Die selbstgeschaffene
Weisheit ist eine heitere Weisheit, denn wer sich selbst
seine Biirde schafft, der schafft sich nur eine solche,
die er auch leicht tragen kann. Mit der selbstgeschaffe-
nen Weisheit bewegt sich der dionysische Geist leicht
durch die Welt wie ein Tanzer.
»Dak ich aber der Weisheit gut bin und oft zu
ll. Der Ubermensch. 115
0009000000000000 00C0000e: IOOC00000 80000200 00000000 00000000
gut: das macht, sie erinnert mich gar sehr an das
Leben!
Sie hat ihr Auge, ihr Lachen und sogar ihr goldnes
Angelriitchen: was kann ich dafiir, daB die beiden
sich so dhnlich sehen?“
yin dein Auge schaute ich jiingst, o Leben: Gold
sah ich in deinem Nachtauge blinken, — mein Herz
stand still vor dieser Wollust:
— einen goldenen Kahn sah ich blinken auf nach-
tigen Gewdssern, einen sinkenden, trinkenden, wieder
winkenden goldenen Schaukelkahn!
Nach meinem Fue, dem tanzwiitigen, warfst du
einen Blick, einen lachenden, fragenden, schmel-
zenden Schaukelblick :
zweimal nur regtest du deine Klapper mit kleinen
Handen — da schaukelte mein Fu vor Tanzwut. —
Meine Fersen bdumten sich, meine Zehen horch-
ten, dich zu verstehen: doch traégt der Tanzer sein
Ohr — in seinen Zehen!“
(Zarathustra 2. u. 5. Teil. Die Tanzlieder.)
29.
Weil der dionysische Geist aus sich selbst alle An-
triebe seines Tuns entnimmt und keiner duReren Macht
gehorchti, ist er ein freier Geist. Denn ein freier Geist
ist derjenige, der nur seiner Natur folgt. Nun ist aller-
dings in Niesbsches Werken nur die Rede von In-
stinkten als den Antrieben des freien Geistes. Ich
glaube, daf jhier Niebsche mit einem Namen eine
Reihe von Antrieben zusammengefaft hat, die eine
mehr ins Ejinzelne gehende Betrachtung erfordern.
Niepsche nennt Instinkte sowohl die bei den Tieren
116 Il. Der Ubermensch.
'Q0000009000000000000000000000000000000000000000000000000000000006000000900000000
vorhandenen Triebe zur Ernahrung und Selbsterhal-
tung, wie auch die héchsten Antriebe der mensch-
lichen Natur, z. B. den Erkenntnistrieb, den Trieb,
nach siftlichen Mafstaben zu handeln, den Trieb, sich
an Kunstwerken zu ergésen usw. Nun sind zwar alle
diese Triebe Au®erungsformen einer und derselben
Grundkraft. Aber sie stellen doch verschiedene Stufen
in der Entwickelung dieser Kraft dar. Die moralischen
Antriebe z. B. sind eine besondere Stufe der Insfinkte.
Wenn auch zugegeben werden kann, da? sie nur hohere
Formen sinnlicher Instinkte sind, se treten sie doch
im Menschen auf eine besondere Art ins Dasein. Dies
zeigt sich darin, da® es dem Menschen méglich ist,
Handlungen zu vollfiihren, die nicht unmiftelbar auf
sinnliche Instinkte zuriickzufiihren sind, Sondern nur
auf jene Antriebe, die eben als héhere Formen des
Instinktes zu bezeichnen sind. Der Mensch schafft
sich Antriebe seines Handelns, die nicht aus seinen
sinnlichen Trieben abzuleiten sind, sondern nur aus
dem bewuften Denken. Er setzt sich individuelle Zwecke
vor, aber er setzt sich diese mit Bewufbtsein vor.
Und es ist ein grofer Unterschied, ob er einem un-
bewuft entstandenen und erst hinterher in das Be-
wuftsein aufgenommenen Instinkte oder einem Ge-
danken folgt, den er von vornherein mit vollem Be-
wuftsein produziert hal. Wenn ich esse, weil mein
Nahrungstrieb mich drdngt, so ist dies etwas wesent-
lich anderes, als wenn ich eine mathematische Auf-
gabe lése. Die denkende Erfassung der Welterschei-
nungen stellt eine besondere Form des allgemeinen
Wahrnehmungsvermégens dar. Sie unterscheidet sich
von der blofen sinnlichen Wahrnehmung. Dem Men-
ll. Der Ubermensch. biz
€00000002000002000000000000000000000000000000000000000000
schen sind nun die héheren Entwickelungsformen des
Instinktlebens ebenso natiirlich wie die niederen. Stehen
beide nicht im Ejinklange, dann ist er zur Unfreiheit
verurteilt. Es kann der Fall eintreten, da eine schwache
Pers6nlichkeit mit vollkommen gesunden sinnlichen
instinkten nur schwache geistige Instinkte hat. Dann
wird sie zwar in bezug auf ihr Sinnenleben ihre eigene
Individualitat entfalten, aber die gedanklichen Antriebe
ihres Handelns wird sie aus dem Herkommen ent-
lehnen. Es kann eine Disharmonie beider Triebwelten
entstehen. Die sinnlichen Triebe drangen zum Aus-
leben der eigenen Personlichkeit, die geistigen An-
triebe stehen in dem Banne einer duferen Autoritdt.
Das Geistesleben einer solchen Persénlichkeit wird
von den sinnlichen, das sinnliche Leben von den
geistigen Instinkfen tyrannisiert. Denn beide Gewalten
gehoren nicht zusammen, sind nicht aus einer Wesen-
heit erwachsen. Zur wirklich freien Persénlichkeit ge-
hért also nicht nur ein gesund entwickeltes indivi-
duelles sinnliches Triebleben, sondern auch die Fahig-
keit, sich die gedanklichen Antriebe fiir das Leben zu
schaffen. Erst derjenige Mensch ist vollkommen frei,
der auch Gedanken produzieren kann, die zum Han-
deln fiihren. Ich habe das Vermégen, rein gedank-
liche Triebfedern des Handelns zu schaffen, in meiner
Schrift ,,Die Philosophie der Freiheit* (Weimar, Emil
Felber 1894) die ,moralische Phantasie* genannt. Nur
wer diese moralische Phantasie hat, ist wirklich
frei, denn der Mensch muf nach bewuften Trieb-
federn handeln. Und wenn er solche nicht selbst pro-
duzieren kann, dann muf er sich dieselben von duferen
Autoritaten oder von dem in Form der Gewissens-.
418 i. Der Ubermensch.
stimme in ihm sprechenden Herkommen geben lassen.
Ein Mensch, der sich blo? seinen sinnlichen Instinkten
iiberlaft, handelt wie ein Tier; ein Mensch, der seine
sinnlichen Instinkte unter fremde Gedanken stellt, han-
delt unfrei; erst der Mensch, der sich selbst seine
moralischen Ziele schafft, handelt frei. Die mora-
lische Phantasie fehlt in Niefsches Ausfiihrungen. Wer
dessen Gedanken zu Ende denkt, muf notwendig auf
diesen Begriff kommen. Aber andererseits ist es auch
eine unbedingte Notwendigkeit, da? dieser Begriff der
Niesscheschen Weltanschauung eingefiigt wird. Sonst
kénnte gegen dieselbe immerfort eingewendet werden:
Zwar ist der dionysische Mensch kein Knecht des
Herkommens oder des ,jenseitigen Willens*, aber er
ist ein Knecht seiner eigenen Insfinkfe.
Niefsche hat seinen Blick auf das Urspriingliche,
Eigenpersonliche im Menschen gerichtet. Er suchte
dieses Eigenpersonliche herauszulésen aus dem Mantel
des Unpersonlichen, in den es eine wirklichkeitsfeind-
liche Weltanschauung eingehiillt hat. Aber er ist nicht
dazu gekommen, die Stufen des Lebens innerhalb der
Personlichkeit selbst zu unterscheiden. Er hat des-
halb die Bedeutung des Bewuftseins fiir die mensch-
liche PersGnlichkeit unterschapt. ,Die Bewubtheit ist
die lebte und sp&teste Entwickelung des Organischen
und folglich auch das Unfertigste und Unkrdftigste
daran. Aus der Bewuftheit stammen unzéhlige Fehl-
griffe, welche machen, daf® ein Tier, ein Mensch zu-
grunde geht, friiher als es nétig ware, ,tiber das Ge-
schick*, wie Homer sagt. Wa4re nicht der erhaltende
Verband der Instinkte so iiberaus viel machtiger, diente
er nicht im ganzen als Regulator: an ihrem verkehrten
i. Der Ubermensch. 119
Urteilen und Phantasieren mit offenen Augen, an ihrer
Ungriindlichkeit und Leichtglaubigkeit, kurz eben -an
ihrer Bewuftheit miifte die Menschheit zugrunde
gehen,* sagt Nietsche. (Fréhliche Wissenschaft § 11.)
Dies ist zwar durchaus zuzugeben; aber nicht minder
wahr ist es, da? der Mensch nur insoweit frei ist,
als er sich gedankliche Triebfedern seines Handelns
innerhalb des Bewuftseins schaffen kann.
Die Betrachtung der gedanklichen Triebfedern fiihrt
aber noch weiter. Es ist eine Tatsache der Erfahrung,
da diese gedanklichen Triebfedern, die die Menschen
aus sich heraus produzieren, bei den einzelnen Indivi-
duen doch bis zu einem gewissen Grade eine Uber-
einstimmung zeigen. Auch wenn der einzelne Mensch
ganz frei aus sich heraus Gedanken schafft, so stim-
men diese in gewisser Weise mit den Gedanken anderer
Menschen iiberein. Daraus folgt fiir den Freien die
Berechtigung, anzunehmen, da® die Harmonie in der
menschlichen Gesellschaft von selbst eintritt, wenn sie
aus souverdnen Individuen besteht. Er kann diese
Meinung dem Verfeidiger der Unfreiheit gegeniiber-
Stellen, der glaubt, daf@ die Handlungen einer Mehr-
heit von Menschen nur zusammenstimmen, wenn sie
durch eine dufere Gewalt nach einem gemeinsamen
Ziele hingelenkt werden. Der freie Geist ist deshalb
durchaus kein Anhdnger jener Ansicht, welche die
tierischen Triebe absolut frei walfen lassen und alle
geseblichen Ordnungen deshalb abschaffen will. Aber
er verlangt absolute Freiheit fiir diejenigen, die nicht
blof# ihren tierischen Instinkten folgen wollen, sondern
die imstande sind, moralische Triebfedern, ihr eigenes
Gutes und Béses, zu schaffen.
120 I. Der Ubermensch.
Nur wer Nietsche nicht so weit durchdrungen hat,
da® er die lebten Konsequenzen von dessen Welt-
anschauung zu ziehen vermag, tropdem sie Niefsche
nicht selbst gezogen hat, kann in ihm einen Menschen
sehen, der ,mif einer gewissen stilistischen Wollust
zu enthiillen den Mut gefunden hat, was bisher etwa
im geheimsten Seelengrunde grandioser Verbrecher-
typen ... verborgen gelauert haben mag‘. (Ludwig
Stein, Friedrich Niessches Welfanschauung und ihre
Gefahren S. 5.) Noch immer ist die Durchschnifts-
bildung eines deutschen Professors nicht so weit, das
Grofe einer Persénlichkeit von deren kleinen Irrtiimern
abzutrennen. Sonst kénnfe man es nicht erleben, da®
die Kritik eines. solchen Professors gerade gegen diese
kleinen Irrtiimer sich richtet. Ich denke, wahrhafte Bil-
dung nimmt das Grofe einer Persénlichkeit auf und
verbessert kleine Irrtiimer oder denkt halbfertige Ge-
danken zu Ende.
Ill. Niebsches Entwicklungsgang.
30.
ee habe Niessches Ansichten vom Ubermenschen so
dargestellf, wie sie uns in seinen letzten Schriften:
Zarathustra (1885—1884), Jenseits von Gut und
Bose (1886), Genealogie der Moral (1887), Der
Fail Wagner (1888), G6tzendammerung (1889)
entgegentreten. In dem unvollendet gebliebenen Werke:
»Der Wille zur Macht‘, Versuch einer Umwertung
aller Werte, dessen erster Teil ,Antichrist* im 8. Bande
der Gesamtausgabe erschienen ist, hatten sie wohl
ihren philosophisch prdgnantesten Ausdruck gefunden.
Aus der Disposition, die im Anhange zu dem er-
wadhnten Band abgedruckt ist, ist das deutlich zu er-
kennen. Sie heift: 1. Der Antichrist. Versuch einer
Kritik des Christentums. 2. Der freie Geist. Kritik
der Philosophie als einer nihilistischen Bewegung.
3. Der Immoralist. Kritik der verhangnisvollsten
Ari von Unwissenheit, der Moral. 4. Dionysos.
Philosophie der ewigen Wiederkunft.
Niepsche hat seine Gedanken nicht sogleich im
Beginne seiner schriftstellerischen Laufbahn in der
ihnen ureigensten Form zum Ausdruck gebracht. Er
stand anfangs unter dem Einflusse des deutschen
Idealismus, namentlich in der Form, in der ihn Scho-
penhauer und Richard Wagner vertreten haben.
In Schopenhauerschen und Wagnerschen Formeln
129 lll. Nietzsches Entwicklungsgang.
0000000
driickt er sich in seinen ersten Schriften aus. Wer
aber durch dieses Formelwesen hindurch auf den Kern
der Niebscheschen Gedanken zu blicken vermag, der
findet in diesen Schriften dieselben Absichten und Ziele,
die in den spateren Werken zum Ausdruck kommen.
Man kann von Niebsches Entwickelung nicht spre-
chen, ohne an den freiesten Denker erinnert zu werden,
den die neuzeitliche Menschheit hervorgebracht haf,
an Max Stirner. Es ist eine traurige Wahrheit, dai
dieser Denker, der im vollsten Sinne dem entspricht,
was Niefsche von dem Ubermenschen fordert, nur
von wenigen erkannt und gewiirdigt worden ist. Er
hat bereits in den vierziger Jahren dieses Jahrhunderts
Niefsches Weltanschauung ausgesprochen. Allerdings
nicht in solch gesattigten Herzenst6énen wie Niessche,
aber dafiir in kristallkklaren Gedanken, neben denen
sich Niefsches Aphorismen allerdings oft wie ein
blofes Stammeln ausnehmen.
Welchen Weg hatte Niessche genommen, wenn
nicht Schopenhauer, sondern Max Stirner sein Er-
zieher geworden ware! In Nietssches Schriften ist
keinerlei Einflu@ Stirners zu bemerken. Aus eigener
Kraft mute sich Niebsche aus dem deutschen Idea-
lismus heraus zu einer der Stirnerschen gleichen Welt-
auffassung durchringen.
Stirner ist wie Niepsche der Ansicht, das die Trieb-
krdfte des menschlichen Lebens nur in der einzelnen,
wirklichen Pers6nlichkeit gesucht werden kénnen.
Er lehnt alle Gewalten ab, die die Einzelpersénlich-
keit von auen formen, bestimmen wollen. Er verfolgt
den Gang der Weltgeschichte und findet den Grund-
irrftum der bisherigen Menschheit darin, da® sie nicht
)
lll. Nietzsches Entwicklungsgang. 123
OCOOCOO0 00000000: iOQ00000000000000:
die Pflege und Kultur der individuellen Persénlichkeit,
sondern andere, unpers6nliche Ziele und Zwecke sich
vorsebte. Er sieht die wahre Befreiung des Menschen
darin, da® dieser allen solchen Zielen keine héhere
Realitét zugesteht, sondern sich dieser Ziele als Mittel
zu seiner Selbstpflege bedient. Der freie Mensch be-
stimmt sich seine Zwecke; er besibt seine Ideale; er
laBt sich nicht von ihnen besiben. Der Mensch, der
nichi als freie Personlichkeit iiber seinen Idealen waltet,
steht unter dem Einflusse derselben, wie der Irrsinnige,
der an fixen Ideen leidet. Es ist fiir Stirner einerlei,
ob sich der Mensch einbildet, der ,K6nig von China‘,
oder ob ,ein behaglicher Biirger sich einbildet, es sei
seine Bestimmung, ein guter Christ, ein glaubiger Prote-
stanf, ein loyaler Biirger, ein tugendhafter Mensch usw.
zu sein — das ist beides ein und dieselbe ,fixe Idee‘.
Wer es nie versucht und gewagt hat, kein guter Christ,
kein glaubiger Protestant, kein tugendhafter Mensch usw.
zu sein, der ist in der Glaubigkeit, Tugendhaftigkeit usw.
gefangen und befangen.*
Man braucht nur einige Safe aus Stirners Buch:
»Der Einzige und sein Eigentum* zu lesen, um zu
sehen, wie verwandt seine Anschauung der Niefsche-
schen ist. Ich fiihre einige Stellen aus diesem Buche an,
die besonders bezeichnend fiir Stirners Denkweise sind.
»Vorchristliche und christliche Zeit verfolgen ein ent-
gegengesettes Ziel; jene will das Reale idealisieren,
diese das Ideale realisieren, jene sucht den ,heiligen
Geist*, diese den ,verklarten Leib‘. Daher schlieft
jene mit der Unempfindlichkeit gegen das Reale, mit
der ,,Weltverachtung*; diese wird mit der Abwerfung
des Idealen, mit der ,Geistesverachtung* enden.
194 lll. Nietzsches Entwicklungsgang.
0Q0G0000000000000000000000000000000900000000006 00000000000000000000000000000000
Wie der Zug der Heiligung oder Reinigung durch
die alte Welt geht (die Waschungen usw.), so geht
der der Verleiblichung durch die christliche: der Gott
stiirzt sich in diese Welt, wird Fleisch und will sie
erlésen, d. h. mif sich erfiillen; da er aber ,die Idee“
oder ,der Geist“ isf, so fiihrt man (z. B. Hegel) am
Schlusse die Idee in alles, in die Welt, ein und be-
weist, ,da die Idee, da® Vernunft in allem sei*. Dem,
was die heidnischen Stoiker als ,den Weisen* auf-
stellien, entspricht in der heutigen Bildung ,,der Mensch‘*,
jener wie dieser ein fleischloses Wesen. Der un-
wirkliche ,Weise*, dieser leiblose ,Heilige* der
Stoiker, wurde eine wirkliche Person, ein leiblicher
»leiliger* in dem fleischgewordenen Gotte; der
unwirkliche ,Mensch*, das leiblose Ich, wird wirklich
werden im leibhaftigen Ich, in Mir.
Daf der Einzelne fiir sich eine Weltgeschichte ist
und an der iibrigen Weltgeschichte sein Eigentum be-
sibt, das geht tiber das Christliche hinaus. Dem Christen
ist die Weltgeschichte das Héhere, weil sie die Ge-
schichte Christi oder ,des Menschen‘ ist; dem Ego-
isten hat nur seine Geschichte Wert, weilernur sich ent-
wickeln will, nicht die Menschheitsidee, nicht den Plan
Gottes, nicht die Absichten der Vorsehung, nicht die Frei-
heif u. dgl. Er sieht sich nicht fiir ein Werkzeug der Idee
oder ein Gefa Gottes an, er erkennt keinen Beruf an,
erwahnt nicht, zur Fortentwickelung der Menschheit da-
zusein, und sein Scherflein dazu beifragen zu miissen,
sondern er lebf sich aus, unbesorgt darum, wie gut
oder wie schlecht die Menschheit dabei fahre. Liefe
es. nicht das Mifverstdandnis zu, als sollte ein Natur-
zustand gepriesen werden, so kénnte man an Lenaus
Ill. Nietzsches Entwicklungsgang. 125
* GOOSOCOS 00000000000000000000000000000000:
»Drei Zigeuner“ erinnern. — Was, bin Ich dazu in
der Welt, um Ideen zu realisieren? Um etwa zur Ver-
wirklichung der Idee ,Staat* durch mein Biirgertum
das Meinige zu tun oder durch die Ehe, als Ehegatte
und Vater, die Idee der Familie zu einem Dasein zu
bringen? Was ficht mich ein solcher Beruf an! Ich
lebe so wenig nach einem Berufe, als die Blume nach
einem Berufe wachst und duftet.
Das Ideal ,der Mensch* ist realisiert, wenn die
christliche Anschauung umschldgt in den Sat: ,JIch,
dieser Einzige, bin der Mensch.“ Die Begriffsfrage:
»was ist der Mensch?“ — hat sich dann in die per-
sonliche umgeseft: ,wer ist der Mensch?* Bei ,was“
suchte man den Begriff, um ihn zu realisieren; bei
»wer* ist’s iiberhaupt keine Frage mehr, sondern die
Antwort im Fragenden gleich persénlich vorhanden:
die Frage beantwortet sich von selbst.
Man sagt von Gott: ,Namen nennen Dich nicht‘.
Das gilt von Mir: kein Begriff driickt Mich aus,
nichts, was man als mein Wesen angibt, erschépft
mich; es sind nur Namen. Gleichfalls sagt man von
Gott, er sei vollkommen und habe keinen Beruf, nach
Vollkommenheit zu streben. Auch das gilt allein
von Mir.
Eigner bin Ich meiner Gewalt, und Ich bin es
dann, wenn Ich Mich als Einzigen weifs tm Ein-
zigen kehrt selbst der Eigner in sein schépferisches
Nichts zuriick, aus welchem er geboren wird. Jedes
hohere Wesen iiber Mir, sei es Gott, sei es der Mensch,
schwdcht das Gefiihl meiner Einzigkeit und erbleicht
erst vor der Sonne dieses Bewuftseins: Stell’ Ich auf
Mich, den Einzigen, meine Sache, dann steht sie auf
126 lll. Nietzsches Entwicklungsgang.
dem verganglichen, dem sterblichen Schépfer seiner,
der sich selbst verzehrt, und Ich darf sagen:
wich hab’ mein’ Sach’ auf nichts gestellt.“
Dieser auf sich selbst gestellfe, nur aus sich heraus
schaffende Eigner ist Niepsches Ubermensch.
31.
Diese Stirnerschen Gedanken wadren das geeignete
Gefaé® gewesen, in das Niepsche sein reiches Emp-
findungsleben hatte giefen kénnen. Statt dessen suchte
er in Schopenhauers Begriffswelt die~Leiter, auf der
er zu seiner Gedankenwelt hinaufkletterte.
Aus zwei Wurzeln stammt, nach Schopenhauers
Meinung, unsere gesamte Welterkenntnis. Aus dem
Vorstellungsleben und aus der Wahrnehmung des
Willens, der in uns selbst als Handelnder auftrift. Das
»Ding an sich* liegt jenseits der Welt unserer Vor-
stellung. Denn die Vorstellung ist nur die Wirkung,
die das ,Ding an sich“ auf mein Erkenntnisorgan
ausiibft. Nur die Eindriicke kenne ich, die die Dinge
auf mich machen, nicht die Dinge selbst. Und diese
Eindriicke sind eben meine Vorstellungen. Ich kenne
keine Sonne und keine Erde, sondern nur ein Auge,
das eine Sonne sieht, und eine Hand, die eine Erde
fiihlt. Der Mensch weif nur: ,da die Welt, welche
ihn umgibf, nur als Vorstellung da ist, d. h. durchweg
nur in Beziehung auf ein anderes, das Vorstellende,
welches er selbst ist*. (Schopenhauer, Welt als Wille
und Vorstellung § 1.) Aber der Mensch stellt die Welt
nicht blo® vor, sondern er wirkt auch in ihr; er wird
sich seines Willens bewuft, und er erfahrt, da® das-
jenige, welches er in sich als Wille empfindet, von
Ill. Nietzsches Entwicklungsgang. 127
000000000000000000000000000000000:
aufen als Bewegung seines Leibes wahrgenommen
werden kann, d. h. der Mensch nimmt sein eigenes
Wirken doppelt wahr, von innen als Vorstellung,
von auken als Wille. Schopenhauer schlieft daraus,
da es der Wille selbst ist, der in der wahrgenom-
menen Leibesakfion als Vorstellung erscheint. Und er
behauptet dann weiter, da® nicht nur der Vorstellung
des eigenen Leibes und seiner Bewegungen ein Wille
zugrunde liege, sondern da dies auch bei allen
iibrigen Vorstellungen der Fall sei. Die ganze Welt
ist also, nach Schopenhauers Ansicht, dem Wesen
nach Wille und erscheint unse
…[truncated]