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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER
Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhange
aus dem Jahre 1 924
BAND I Zwolf Vortrage, gehalten in Dornach am 16., 17., 23. und 24. Februar,
1., 2., 8., 9., 15., 16., 22. und 23. Marz 1924 (Bibliographie-Nr. 235)
BAND II Siebzehn Vortrage, gehalten in Dornach am 6., 12., 23., 26. und 27.
April, 4., 9., 10., 11., 16., 18., 29. und 30. Mai, 4., 22., 27. und 29. Juni
1924 (Bibliographie-Nr. 236)
BAND III Die karmischen Zusammenhange der anthroposophischen Bewegung.
Elf Vortrage, gehalten in Dornach am 1., 4., 6., 8., 11., 13. und 28. Juli,
1., 3., 4. und 8. August 1924 (Bibliographie-Nr. 237)
BAND IV Das geistige Leben der Gegenwart im Zusammenhang mit der anthro-
posophischen Bewegung.
Zehn Vortrage, gehalten in Dornach am 5., 7., 10., 12., 14., 16., 18., 19.,
21. und 23. September, sowie die «letzte Ansprache» vom 28. Septem-
ber 1924 (Bibliographie-Nr. 238)
BAND V Sechzehn Vortrage, gehalten in Prag vom 29. bis 31. Marz und am
5. April, in Paris vom 23. bis 25. Mai, und in Breslau vom 7. bis 15. Juni
1924 (Bibliographie-Nr. 239)
BAND VI Fiinfzehn Vortrage, gehalten in Bern am 25. Januar und 16. April, in
Zurich am 28. Januar, in Stuttgart am 6. Februar, 9. April und 1. Juni,
in Arnheim vom 18. bis 20. Juli, in Torquay am 12., 14. und 21. August,
und in London am 24. und 27. August 1924 (Bibliographie-Nr. 240)
Zum Thema «Wiederverkdrperung und Karma* sei nock auf folgende Bdnde der
Rudolf Sterner Gesamtausgabe hingewiesen:
«Reinkarnation und Karma, vom Standpunkte der modernen Natur-
wissenschaft notwendige Vorstellungen - Wie Karma wirkt», 1903 (im
Band «Luzifer-Gnosis», Bibliographie-Nr. 34, und als Einzelausgabe)
«Das Prinzip der spirituellen Dkonomie im Zusammenhang mit Wieder-
verkorperungsfragen - Ein Aspekt der geistigen Fiihrung der Mensch-
heit», 1909 (Bibliographie-Nr. 109/111)
«Die Offenbarungen des Karma», 1910 (Bibliographie-Nr. 120)
«Okkulte Geschichte. Esoterische Betrachtungen karmischer Zusam-
menhange von Personlichkeiten und Ereignissen der Weltgeschichte»,
1911 (Bibliographie-Nr. 126)
«Wiederverk6rperung und Karma und ihre Bedeutung fur die Kultur
der Gegenwart», 1912 (Bibliographie-Nr. 135)
RUDOLF STEINER
Esoterische Betrachtungen
karmischer Zusammenhange
Vierter Band
Das geistige Leben der Gegenwart
im Zusammenhang
mit der anthroposophischen Bewegung
Zehn Vortrage und eine Ansprache, gehalten in Dornach
zwischen dem 5. und 28. September 1924
1991
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgte Robert Friedenthal
1. Auflage Dornach 1937
2. Auflage, erweitert um die Ansprache vom 28. Sept. 1924
Gesamtausgabe Dornach I960
3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1965
4., mit dem Originalstenogramm neu verglichene Auflage
Gesamtausgabe Dornach 1974
5. Auflage, teilweise neu durchgesehen
Gesamtausgabe Dornach 1981
6. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1991
Einzeiausgabe
Ansprache vom 28. Sept. 1924 («Letzte Ansprache»)
Dornach 1951
Bibliographie-Nr.238
Einbandgestaltung von Assja Turgenieff
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafwerwaltung, Dornach/ Schweiz
© 1974 by Rudolf Steiner-Nachlarlverwaltung, Dornach /Schweiz
Printed in Switzerland by Zbinden Druck und Verlag AG, Basel
ISBN 3-7274-2380-3
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen-
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Ge-
sellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie
als «mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen* gedacht
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich
veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute
er Marie Steiner- von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra-
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Her-
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst kor-
rigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen
sein Vorbehalt berikksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge-
nommen werden mussen, daft in den von mir nicht nachgesehenen
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offent-
lichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist
am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt glei-
chermafien auch fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen-
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich , finden sich nahere An-
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
Zur Wiedergabe des in diesen Vortragen Gesagten bemerkt
Rudolf Steiner im Vortrag vom 22. Juni 1924, dafi diese nicht anders
als durch Vorlesen des genauen Wortlautes erfolgen diirfe .
INHALT
Erster Vortrag, Dornach, 5. September 1924
Das spirituelle Urbild der anthroposophischen Bewegung. Gegen-
wartige und vorhistorische Bewufitseinszustande des Menschen. Das
Traumesleben. Chaotische Symbolisierungen des aufSeren Sinnes-
lebens und Offenbarungen der Geistwelt. Das Spinnen und Weben
unseres Schicksalsfadens wahrend des Schlaferlebens im Zusammen-
hang mit gottlichen Geistern.
Zweiter Vortrag, 7. September 1924
Der fortlaufende Schicksalsfaden, das Karma, kummert sich wenig
um aufiere und innere Berufe des Menschen, sondern viel mehr um
die inneren Seelenkrafte und Seelenwiderstande, um die moralischen
Zusammenhange. Die Erforschung des Schicksalsfadens macht es
notwendig, auf besondere Intimitaten zu sehen, auf das Ganze des
Menschen einzugehen. Carl Ludwig Schleich und August Strindberg.
Dritter Vortrag, 10. September 1924
Dem historischen Geschehen liegen geistige Ereignisse zugrunde;
diese miissen als innere Motive in die Weltgeschichte und in das Le-
ben hineinbezogen werden. Ergebnisse friiherer Kulturepochen wer-
den von Personlichkeiten in spatere Zeiten getragen und dabei ver-
andert. In der neuen Form werden sie nicht durch Betrachtung des
Aufieren wiedererkannt; sie miissen als innere Stromung ins Auge
gefafit werden. Harun al Raschid und sein Ratgeber. Der Arabismus
in der europaischen Kultur. Das achte dkumenische Konzil. Das die
Michael-Stromung vorbereitende ubersinnliche Konzil am Anfang
des 9. Jahrhunderts. Artus' Tafelrunde und das alte kosmische
Christentum. Die Schule von Chartres. Brunetto Latini. Baco von
Verulam und Amos Comenius.
Vierter Vortrag, 12. September 1924
Der Fortgang der vorbereitenden Michael-Stromung, wirkend durch
die Individualitaten von christlichen Aristotelikern und Platoni-
kern. Alte Mysterientraditionen in der Schule von Chartres. Die
Gottin Natura, planetarische Intelligenzen und Geistmachte der
Fixsterne. Um die Wende des zwolften und dreizehnten Jahrhun-
derts Ubertragung der Mission von Chartres auf die bis dahin in der
ubersinnlichen Welt im kosmischen Michael-Dienst verweilenden
Aristoteliker, die sich nun inkarnieren. Die Scholastik. Zugleich mit
dem Aufkommen des Materialismus im Zeitalter der BewuJStseins-
seele auf Erden Begriindung einer ausgebreiteten Michael-Schule in
den ubersinnlichen Welten.
Funfter Vortrag, 14. September 1924
Abenddammerungsstimmung des lebendigen Platonismus in der
Schule von Chartres, wahrend in der ubersinnlichen Michael-Schule
Zukunftsimpulse erstehen. Diese wirken hinein in die anthroposo-
phische Bewegung der Gegenwart. Die Gestalt des Julian Apostata.
Sechster Vortrag, 16. September 1924
Die Individuality des Julian Apostata-Herzeloyde-Tycho de Brahe.
Die Damonen-Idole des Baco von Verulam. Der iibersinnliche Kul-
tus um die Wende des 18. und 19. Jahrhunderts. Inspirierende Wir-
kungen im Sinne der Michael-Stromung durch die Individuality
Tycho de Brahes. Schelling und Jakob Frohschammer.
Siebenter Vortrag, 18. September 1924
Sterne als Kolonien von Geistwesen im Weltenraum. Um Karma zu
verstehen, miissen wir zwischen Tod und neuer Geburt in Verbin-
dung mit den Sternenwesen kommen. Die Michael-Herrschaft eroff-
net uns wieder einen Zugang zu einem spirituellen Erfassen des Le-
bens zwischen Tod und neuer Geburt. Die Gestalt des Strader. Der
Sangerkrieg auf der Wartburg. Heinrich von Ofterdingen.
Achter Vortrag, 19. September 1924
Wiederverkorperungen geschichtlicher Persdnlichkeiten: Ein skep-
tischer romischer Philosoph, Kardinal Mazarin, Graf Hertling. -
Papst Gregor VII., Ernst Haeckel. - Der Einsiedler, die Nonne,
Wladimir Solowjow.
Neunter Vortrag, 21. September 1924
Richtlinien zum Verstandnis des gegenwartigen Geisteslebens. Kar-
mische Hemmnisse aufgezeigt am Beispiel der Individuality, die in
Thomas Campanellas und Otto Weiningers Seeie lebte: innerer
Kampf des frviheren Visionaren und der spirituellen Weltanschau-
ung mit dem Rationalismus und Intellektualismus.
Zehnter Vortrag, 23. September 1924
Emanzipation des Intellektualistischen vom tieferen Seelenwesen.
Die ganz auf Intellektualismus hin gestimmten Leiber der gegenwar-
tigen Zivilisation lassen die friihere Spiritualitat der sich inkarnieren-
den Seele nicht hinein; diese zieht sich in das Unterbewufitsein zu-
riick. Intellektualismus in Spiritualitat umzuwandeln ist die Auf-
gabe der Anthroposophie, die mit dem Rationalismus der Zeit rech-
nen mufi, damit die Ideen den Weg hinauf zum Geiste wie hinunter
zur Natur finden. Stauung des Spirituellen in Seelen am Ende des
19. Jahrhunderts. Als Beispiel die Inkarnationsreihe: Plato-Hros-
witha-Schroer.
Ansprache, 28. September 1924 (Letzte Ansprache) . . . . 166
Vorbereitende Gedanken fur eine kiinftige Michael-Festeszeit der
Menschheit. Die Wiederverkorperung des Elias in Lazarus- Johannes,
Raffael und Novalis. Raffaels Durchgang durch die Monden-, Mer-
kur-, Venus- und Sonnensphare. Seine Verbindung in der Jupiter-
sphare mit Goethe. Eliphas Levi, Swedenborg. Herman Grimms
Raffael-Biographie. Nachklang des Raffael-Lebens im magischen
Idealismus des Novalis. Offenbarung der Michael-Kraft in der Seele,
ihr Lebendigwerden in Taten ist notwendig, um iiber das Damo-
nen-Drachenhafte den Sieg zu erringen.
Spruch: «Sonnenmachten Entsprossene.. .» 175
Wiedergabe der Handschrift Rudolf Steiners
Erganzende Bemerkungen zum Inhalt der Ansprache vom 28. Sep-
tember 1924 (Letzte Ansprache) 176
Hinweise
Zu dieser Ausgabe
179
Hinweise zum Text
179
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften
185
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe
187
ERSTER VORTRAG
Dornach, 5. September 1924
Es sind heute viele Freunde versammelt, welche seit der Weih-
nachtstagung zum ersten Male hier sind, und daher obliegt es mir,
wenn auch mit wenigen Worten, einleitend auf die Weihnachts-
tagung hinzuweisen. Durch diese Weihnachtstagung sollte ja die
Anthroposophische Gesellschaft einen neuen Impuls bekomrnen,
und zwar denjenigen, der ihr eigen sein muB, wenn wirklich durch
sie dasjenige Leben in wiirdiger Art flieBen soli, das mit der
Anthroposophie dem menschlichen Zivilisationsleben einverleibt
werden soli. Es ist durchaus seit dieser Weihnachtstagung ein eso-
terischer Impuls in die Anthroposophische Gesellschaft gekommen.
Diese Anthroposophische Gesellschaft war ja bisher sozusagen die
Verwaltungsstatte fur Anthroposophie. Anthroposophie war von
ihrem Anfange an dasjenige, durch das flieBt das spirituelle Leben,
das heute und seit dem letzten Drittel des neunzehnten Jahrhun-
derts der Menschheit zuganglich ist. Diese anthroposophische Be-
wegung muB aber so aufgefaBt werden, daB, was von ihr hier auf
Erden ablauft, eigentlich nur die auBere Erscheinung von etwas
ist, das in der geistigen Welt sich vollzieht fur die Entwickelung
der Menschheit. Und wer in wiirdiger Weise der anthroposophi-
schen Bewegung zugeneigt sein will, der muB sich schon auch da-
mit bekannt machen, daB fiir das Gebiet der Anthroposophischen
Gesellschaft selber die spirituellen Impulse gelten.
Was hat es denn fiir eine Bedeutung, meine lieben Freunde,
wenn der Mensch im allgemeinen theoretisch an eine geistige Welt
glaubt? Theoretisch an eine geistige Welt glauben heiBt, diese gei-
stige Welt in die Gedanken aufnehmen. Aber die Gedanken der
Menschen der Gegenwart sind heute selber so, wenn sie auch ihrer
ureigensten Natur nach fiir den heutigen Menschen das Geistigste
darstellen, daB sie zun'achst so, wie sie sich als innerer Geist des
Menschen ausgebildet haben im Laufe der letzten vier bis fiinf
Jahrhunderte, nur geeignet sind, Wahrheiten iiber das Materielle
aufzunehmen. Und so hat die heutige Menschheit em spirituelles
Leben in Gedanken, erfiillt aber als allgemeine Zivilisations-Mensch-
heit dieses spirituelle Gedankenleben nur mit materiellem Inhalte.
Materiel ler Inhalt bleibt auch dasjenige, was man theoretisch iiber
Anthroposophie weiB, bis hinzutritt die wirkliche innere, bewuBte
Uberzeugungskraft: daB das Geistige ein konkretes Wirkliches ist,
daB iiberall da, wo fur den auBeren Menschensinn Materie lebt,
Geist diese Materie nicht nur durchzieht und durchstromt, sondern
daB zuletzt vor dem menschlichen wahren Blicke alles Materielle
verschwindet, wenn er imstande ist, durch das Materielle zum Gei-
stigen, zum Spirituellen durchzudringen.
Dann aber muB ein solches Anschauen auch ausgedehnt werden
auf alles dasjenige, was uns zunachst selber angeht. Selber geht
uns an unsere Zugehorigkeit zur Anthroposophischen Gesellschaft.
Fur diese in der auBeren Sinneswelt bestehende Tatsache, fur diese
unsere Zugehorigkeit zur Anthroposophischen Gesellschaft miissen
wir in der Lage sein, anzuerkennen das entsprechende Spirituelle,
die spirituelle Bewegung, die in der geistigen Welt sich in der neue-
ren Zeit entwickeite und im Erdenleben fortbestehen wird, wenn
die Menschen ihr treu bleiben konnen. Sie wird fortbestehen sonst
abseits vom Erdenleben. Sie wird fortbestehen zusammenhangend
mit dem Erdenleben, wenn die Menschen in ihren Herzen die Kraft
finden, ihr treu zu bleiben.
DaB aber nicht nur unsere theoretische Uberzeugung dahin geht,
daB hinter Mineralien, Pflanzen, Tieren und dem Menschen selber
ein Geistiges schwebt, sondern daB auch hinter der Anthropo-
sophischen Gesellschaft, die im AuBeren zur Maja, zur Illusion
gehort, schwebt das spirituelle Urbild der anthroposophischen Be-
wegung, das ist dasjenige, was emdringen muB als tiefe Uberzeu-
gungskraft in das Herz jedes sich zur Anthroposophie Bekennen-
den. Und das muB in dem Wirken und in dem Arbeiten der
Anthroposophischen Gesellschaft real werden. Oftmals habe ich
gesagt, meine lieben Freunde, vor der Weihnachtstagung, man
miisse unterscheiden zwischen anthroposophischer Bewegung, von
der immer dasselbe gesagt werden miiBte wie heute, und zwischen
der Anthroposophischen Gesellschaft, die eine auBere exoterische
Verwaltungsst'atte fiir den anthroposophischen Esoterismus war. Seit
Weihnachten ist das Gegenteil der Fall. Zur Weihnachtszeit trat
die schwierige Entschliessung heran, ob ich selber Vorsitzender der
Anthroposophischen Gesellschaft werden soil. Ich betrachtete in
alien vorangehenden Jahren des Bestandes der Anthroposophischen
Gesellschaft mich als den nicht mit der Verwaltung verkniipften
Lehrer der anthroposophischen Sache, und ich habe in den ver-
schiedensten Dingen, die in Betracht kommen, das strenge durch-
gefiihrt. Die Anthroposophische Gesellschaft wurde als solche von
anderen geleitet. Mir oblag, innerhalb der Anthroposophischen
Gesellschaft, insofern es der einzelne oder ihre Gruppen wollten,
die anthroposophische Sache zur Geltung zu bringen.
Unsere Freunde werden ja im Laufe dieser Vortrage oder aber
sonst Gelegenheit haben, erkennen zu lernen, was es heiBt, in tati-
ger Weise auf dem Erdenplane dasjenige auszuarbeiten, was sich
heute in der spirituellen Welt offenbaren will. Und die Schwierig-
keiten sollten eingesehen werden, welche damit verkniipft sind,
wenn sozusagen zu diesem Verhaltnis zur geistigen Welt eine auBere
Verwaltung hinzutreten soil. Und es lag durchaus um die Weih-
nachtszeit die Eventualitat vor: Entweder werden diejenigen gei-
stigen Machte, welche uns die Anthroposophie geben, AnstoB neh-
men daran, daB die auBere Verwaltung nun herangezogen wird an
die Esoterik selber, oder aber es wird etwas anderes eintreten. Da-
her war der EntschluB der denkbar schwierigste, der damals zu fas-
sen war. Denn es konnte durchaus auch die Moglichkeit da sein,
daB die Strome geistigen Lebens, die uns zugeflossen sind, gerade
durch einen solchen EntschluB hatten gefahrdet werden konnen.
Dennoch muBte der EntschluB gefaBt werden, weil die Vorbedin-
gungen so lagen, daB nunmehr das Gegenteil eintreten muBte von
dem, was ich eben vorhin charakterisiert habe, wenn die anthropo-
sophische Sache weiter mit der Anthroposophischen Gesellschaft in
Verbindung bleiben sollte. Es muBte fiir die Zukunf t die Anthropo-
sophische Gesellschaft selber diejenige Statte sein, durch die un-
mittelbar das esoterische Leben flieBt und die selber esoterisch wirkt
und sich ihres esoterischen Wirkens bewiiGt wird.
Dazu muBte der esoterische Vorstand geschaffen werden am
Goetheanum. Dazu muBte anerkannt werden, daB diesem Vorstande
in seiner Ganzheit eine esoterische Aufgabe obliegt und daB in der
Zukunft alles dasjenige, was durch die Anthroposophische Gesell-
schaft flieBt, nicht nur anthroposophische Substanz ist, die aufzu-
nehmen ist, sondern daB fur die Zukunft auBerdem, daB Anthropo-
sophie gelehrt wird, Anthroposophie getan werde, das heiBt, in
alien auBeren MaBnahmen Anthroposophie wirkt.
Dazu bedarf es der Anerkennung jener realen Krafte, welche
verbinden miissen die einzelnen in der Gesellschaft vereinigten Per-
sonlichkeiten. Diese Krafte konnen keine Krafte sein, die unter
irgendeinem Programm oder Satze stehen, die durch abstrakte Satze
zusammengefaBt werden. Allein dasjenige kann im esoterischen
Sinne die Anthroposophische Gesellschaft begriinden und halten,
was als reale menschliche Beziehungen vorhanden ist. So muB in der
Zukunft alles auf die realen menschlichen Beziehungen im weite-
sten Sinne begriindet sein, auf das konkrete, nicht auf das abstrakte
geistige Leben.
Man muB nur in der Lage sein, dieses konkrete geistige Leben
als solches aufzufassen und es in den geringsten Einzelheiten des
Lebens zu sehen. Ich mochte eine recht winzige Einzelheit anfiihren.
Wir haben beschlossen, als dieser Impuls aufgenommen wurde,
jedem unserer Mitglieder ein neues Mitglieds-Zertiflkat zu geben.
Da die Anthroposophische Gesellschaft mittlerweile bis zu zwolf-
tausend Mitglieder n angewachsen ist, handelte es sich nun darum,
diese zwolftausend Mitglieder-Zertifikate auszustellen, und ich
muBte trotz des Einwandes, den viele gemacht haben, den Ent-
schluB fassen — wie gesagt, es ist eine winzige Sache — , jedes ein-
zelne Mitglieds-Zertiflkat selber zu unterschreiben. Das ist natiirlich
eine Arbeit von vielen Wochen. Was bedeutet sie aber? Nicht irgend-
einen Eigensinn, nicht irgendeine auBere VerwaltungsmaBregel,
sondern das bedeutet sie, daB meine Augen geruht haben auf dem
Namen desjenigen, der das Mitglieds-Zertiflkat empfangt. Es ist
eine menschliche Beziehung, allerdings zunachst winzigen Inhaltes,
aber es ist eine menschliche Beziehung.
So unterscheiden sich menschliche Beziehungen, die Tatsachen
sind, von dem, was bloBe VerwaltungsmaBregeln sind, was bloB in
Programmen und Paragraphen steht. Nichts von dem, was real
durch die Anthroposophie flieBt, darf in Satzungen und Paragraphen
stehen, sondern alles muB wirkliches Leben sein. Allein wirkliches
Leben kann die Esoterik aufnehmen.
So muB gesagt werden, seit der Weihnachtstagung sind anthropo-
sophische Sache und Anthroposophische Gesellschaft nicht mehr zu
unterscheiden, sind eines geworden. DaB das im BewuBtsein jedes
einzelnen Mkgliedes ist, das ist dasjenige, um was es sich handelt.
Es konnte Ihnen vorkommen, meine lieben Freunde, das sei eine
Selbstverstandlichkeit. Denken Sie dariiber nach, und Sie werden
finden, daB die vollig herzliche Durchfuhrung davon nicht eine
Selbstverstandlichkeit ist, sondern daB es sogar recht schwierig ist,
die Sache in jedem Augenblick seines Lebens durchzufiihren.
Nun handelt es sich darum, ich mochte sagen, unter der wirk-
lichen Sorge zunachst zu stehen: Wird spirituelles Leben weiter
unter diesen Bedingungen durch die Anthroposophische Gesellschaft
flieBen, wie sie durch die anthroposophische Bewegung geflossen ist?
Das aber darf gesagt werden, nachdem wir jetzt viele Monate
unter den Wirkungen der Weihnachtstagung stehen, uns bemiihen,
treu zu bleiben dem, was wir dazumal mit der spirituellen Grund-
steinlegung der Anthroposophischen Gesellschaft gemeint haben,
das diirfen wir uns sagen: Dasjenige, was geflossen ist seit Jahren,
es flieBt in reicherem MaBe weiter. Und wir diirfen auch sagen, daB
die Herzen sich noch mehr aufgeschlossen haben alliiberall, wo
der mehr esoterische Zug, der seit der Weihnachtstagung durch
alles, was anthroposophische Arbeit ist, flieBt, wo dieser mehr eso-
terische Zug eben da ist.
Fassen Sie die ganze Bedeutung dieses Wortes, wie ich es aus den
Erfahrungen der letzten Monate heraus zu sprechen habe, in Ihrem
Herzen auf, meine lieben Freunde! Exn solches Auf fassen wird in
der Zukunft vielfach mit beitragen, den rechten Boden jenem spiri-
tuellen Grundstein zu geben, den wir zur Zeit der Weihnachts-
tagung fiir die Anthroposophische Gesellschaft gelegt haben.
Und damit komme ich auf das zu sprechen, was auch orientie-
rend heute in diesem Einleitungsvortrage auf dasjenige hinweisen
soil, was ich Ihnen in den nachsten Tagen zu sagen haben werde,
hinweisen soil darauf, wie die anthroposophische Bewegung jetzt
in diesem ernsten Augenblicke im Grunde genommen zu ihrem
Keime zuriickkehrt. Als aus dem SchoBe der Theosophischen Ge-
sellschaft heraus im Beginne des Jahrhunderts in Berlin die An-
throposophische Gesellschaft begrundet worden ist, da spielte sich
etwas sehr Eigentiimliches ab. Wahrend der Begriindung der An-
throposophischen Gesellschaft, das heiBt der deutschen Sektion der
Theosophischen Gesellschaft, hielt ich in Berlin Vortrage iiber «An-
throposophie». Damit war von vornherein meinem Wirken der-
jenige Impuls aufgedriickt, der spater die anthroposophische Be-
wegung ausgemacht hat.
Aber noch etwas anderes ist es, an das ich heute erinnern darf.
Das erste, was ich dazumal einem ganz kleinen Kreise ankiindigte,
trug fiir ein paar Vortrage den Titel: «Praktische Karma-Ubungen».
Ich fiihlte den allerlebhaftesten Widerstand gegen die Ausfiihrung
dieses Vorhabens dazumal. Und vielleicht wird sich das alleralteste
Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft, das zu unserer gro-
Ben Freude heute wiederum hier ist — Herr Gunther Wagner, den
ich aufs herzlichste wie eine Art von Senior der Anthroposophi-
schen Gesellschaft hier begriiBen mochte — , daran erinnern, wie
stark dazumal der Widerstand gegen vieles war, was vom Anfange
an von mir der anthroposophischen Bewegung einverleibt werden
sollte. Es kam nicht zu diesen Vortragen. Es kam nicht dazu, jene
Esoterik zu pflegen gegentiber den Stromungen, die sonst da waren
aus der theosophischen Bewegung heraus, jene Esoterik zu pflegen,
die in ganz unverhohlener und unbefangener Weise in Wahrheit
von dem spricht, was eigentlich theoretisch immer da war.
Seit der Weihnachtstagung wird hier in diesem Saale, wird an
den verschiedenen Orten, an denen ich sprechen durfte, in ganz un-
verhohlener Weise vom konkreten Wirken des menschlichen Karma
in geschichtlichen Erscheinungen, in einzelnen Menschen gespro-
chen. Und heute sind eine Anzahl unserer Anthroposophen bereits
unterrichtet, wie die verschiedenen Erdenleben bedeutsamer Person-
lichkeiten verlaufen sind, wie das Karma der Anthroposophischen
Gesellschaft selber und das mit ihr verbundene einzelner Person-
lichkeiten sich gestaltet hat. Seit der Weihnachtstagung wird iiber
diese Dinge ganz esoterisch gesprochen. Seit der Weihnachtstagung
sind unsere Zyklen offentlich, jedem, der dafiir Interesse hat, zu-
ganglich. So sind wir eine esoterischere und zu gleicher Zeit vollig
offentliche Gesellschaft geworden.
Damit kehren wir in einem gewissen Sinne zu dem Ausgangs-
punkt zuriick. Damals war Absicht, was jetzt Wirklichkeit werden
soil. Da viele unserer Freunde seit der Weihnachtstagung jetzt zum
erstenmal hier sind, werde ich gerade die Karma-Frage vor Ihnen
hier in den nachsten Tagen behandeln. Dazu werde ich mir nur
erlauben, heute eine Art von Einleitung zu geben, indem ich von
denjenigen Dingen spreche, die auch in den dieswochigen «Mit-
teilungen», wenn auch skizzenhaft, angedeutet sind.
Zur Erlangung — das geht ja aus unserer anthroposophischen
Literatur hervor — derjenigen Erkenntnisse, die in der geistigen
Welt auf Tatsachen und Wesenheiten dieser geistigen Welt deuten,
zur Erforschung dieser Tatsachen gehort die Entwickelung des
menschlichen BewuBtseins. Wir werden schon horen, wie diese
durch die Entwickelung des menschlichen BewuBtseins erforschte
geistige Welt dann dem unbefangenen gesunden Menschenverstande
begreiflich werden kann. Das muB immer beriicksichtigt werden:
Zur Erforschung der geistigen Welt gehort die Entwickelung ande-
rer BewuBtseinszustande; zum Auffassen, zum Verstehen dessen,
was der Geistesforscher zutage bringt, gehort nur der gesunde Men-
schensinn, der gesunde Menschenverstand, der wirklich unbefangen
sich entfalten will.
Damit stoBt man allerdings sogleich, indem man dieses aus-
spricht, auf harte Widerstande im Denkleben der Gegenwart. Als
ich in Berlin dasselbe, was ich jetzt sagte, einmal aussprach, da
erschien ein wohlwollender Artikel iiber meinen offentlichen, vor
einer groBen Zuhdrerschaft gehaltenen Vortrag. Dieser Artikel be-
sagte: Herr Steiner habe gesagt, der gesunde Menschenverstand
konne einsehen, was in den spirituellen Welten erforscht wird. Aber
die ganze Entwickelung der neueren Zeit habe uns gelehrt, daB der-
jenige Verstand, der gesund ist, nichts vom Ubersinnlichen einsieht
und daB derjenige Verstand, der etwas vom Ubersinnlichen einsieht,
ganz gewiB nicht gesund ist. — Man muB schon sagen: In einer
gewissen Beziehung ist das die allgemeine Ansicht der gebildeten
Leute der Gegenwart Ist man nicht verriickt — so heiBt es in niich-
ternes Deutsch iibersetzt — , so versteht man nichts von der uber-
sinnlichen Welt; versteht man etwas von der ubersinnlichen Welt,
so ist man ganz gewiB verriickt! — Das ist ja dieselbe, nur etwas
deutlichere Art, liber die Sache zu sprechen.
Daher muB man sich schon damit beschaftigen, einzusehen, in-
wieferne der gesunde Menschenverstand die Ergebnisse der Geistes-
forschung, die durch Entwickelung anderer BewuBtseinszustande
erlangt wird, einsehen kann. Wir bewaffnen seit Jahrhunderten
unsere auBeren Sinne mit Instrumenten, mit Teleskop, mit Mikro-
skop. Auch der Geistesforscher bewaffnet seine auBeren Sinne mit
dem, was er in seiner Seele selber entwickelt. Die Naturforschung
ist nach auBen gegangen, hat sich der auBeren Werkzeuge bedient.
Die Geistesforschung geht nach innen, bedient sich der inneren
Werkzeuge, die die Seele in treulichem Seelenleben ausbildet.
Nun mochte ich Ihnen heute einleitend die Entfaltung anderer
BewuBtseinszustande dadurch nahebringen, daB ich die BewuBt-
seinszustande, die die gewohnlichen der Menschen der Gegenwart
sind, zusammenstelle, zunachst bloB zusammenstelle mit denjenigen
BewuBtseinszustanden, die einmal in alteren, nicht historischen, aber
vorhistorischen primitiven Entwickelungszustanden der Menschheit
vorhanden waren.
Der Mensch lebt heute in drei BewuBtseinszustanden, von denen
eigentlich nur der eine von ihm als die Quelle von Erkenntnissen
anerkannt wird: Der Mensch lebt in den Zustanden des gewohn-
lichen Wachseins, er lebt in dem Zustande des TraumbewuBtseins,
und er lebt in dem Zustande des traumlosen SchlafbewuBtseins.
Im gewohnlichen BewuBtsein, im WachbewuBtsein, stellen wir
uns zur AuBenwelt so, daB wir alles, was wir durch die Sinne er-
fassen konnen, fiir eine Wirklichkeit hinnehmen und auf uns wir-
ken lassen, daB wir dieses auBere Sinnliche mit unserem an das
Gehirn gebundenen Verstand, oder wenigstens an den Menschen
gebundenen Verstand erfassen, uns Vorstellungen, Begriffe, auch
wohl Gefiihle und so weiter iiber das durch die Sinne Aufgenom-
mene bilden. Wir erfassen dann in gewissen Grenzen unser eigenes
Innenleben innerhalb dieses wachen BewuBtseins. Und wir kom-
men durch allerlei Erwagungen, Ideenentwickelungen dazu, ein
Ubersinnliches anzuerkennen iiber diesem Sinnlichen. Ich brauche
diesen BewuBtseinszustand nicht weiter zu beschreiben; er ist ja
jedem als derjenige, den er eigentlich fiir sein Erkenntnis- und
Willensleben auf Erden anerkennt, bekannt.
Das TraumbewuBtsein, es ist fiir den Menschen der Gegenwart
ein undeutliches, ein dammerhaftes. Der Mensch schaut im Traum-
bewuBtsein das, was in der AuBenwelt ist, in einer symbolischen
Umgestaltung, der er sich nicht immer bewuBt wird. Wir liegen
des Morgens im Bette noch im Aufwachezustand, so daB wir nicht
durch unsere vollgeoffneten Augen auf die aufgehende Sonne hin-
ausblicken, sondern dem noch umflorten Blicke offenbart sich das
Sonnenlicht hereinscheinend zum Fenster. Der Mensch ist noch wie
durch einen diinnen Schleier getrennt von dem, was er sonst in
scharf konturierten Sinnesempfindungen, scharf konturierten Sinnes-
wahrnehmungen auffaBt: innen wird die Seele angefiillt mit der
Vorstellung einer machtigen Feuersbrunst. Die machtige Feuers-
brunst, von der der Mensch traumt, ist das Symbolum fiir das, was
im Sonnenaufgange herleuchtet auf das noch nicht vollstandig
erschlossene Auge.
Oder aber der Mensch traumt, er ginge durch eine Allee von
weiBen Steinen, die eine StraBe begrenzen, hindurch. Er kommt an
einen der Steine; er findet ihn durch irgendeine Naturerscheinung
oder durch Menschen oben zerstort. Der Mensch wacht auf: An
dem Zahnschmerz, den er hat, nimmt er die Schadhaftigkeit eines
Zahnes wahr. Die zwei ganzen Zahnreihen haben sich symbolisiert
in dem, was der Mensch im Traume gesehen hat; der schadhafte
Zahn an dem schadhaften Pflock.
Wir nehmen wahr, wir seien in einem iiberheizten Zimmer, in
dem wir uns unbehaglich fiihlen. Wir wachen auf : Das Herz pocht
kraftig, der Puis schlagt schnell. Die Feurigkeit der Herzbewegung
und des Pulses symbolisieren sich in dem iiberhitzten Zimmer.
Innere und auBere Zustande symbolisieren sich uns im Traume;
Reminiszenzen des Tageslebens, in mannigfaltigster Weise umge-
staltet, zu ganzen Traumdramen ausgebildet, erfullen den Men-
schen. Er weiB nicht immer, wie die Dinge sich in dem wunder-
baren Umfange seines Seelenlebens ausgestalten. Und oftmals ist
der Mensch gerade iiber dieses Traumesleben, das ja auch ins Wach-
leben hereinspielen kann, wenn das BewuBtsein nur irgendwie
herabgedampft ist, in einem leichten Wahne befangen.
Ein Naturforscher geht durch eine StraBe an einer Buchhandlung
vorbei. Er sieht ein Buch iiber niedere Tierwelt, ein Buch, das ihn
immer auBerordentlich interessiert hat, denn er ist ja ein Natur-
forscher. Jetzt aber, trotzdem der Titel ankiindigt, daB etwas fur
einen Naturforscher auBerordentlich Wichtiges drinnensteht, inter-
essiert ihn das gar nicht, sondern plotzlich, indem er nur hinstarrt
auf das, was er sonst immer mit dem hochsten Interesse angeschaut
hatte, hort er in der Feme einen Leierkasten eine ihm zunachst
ganz entfallene Melodie abspielen. Er wird ganz aufmerksam. Den-
ken Sie: Der Naturforscher sieht auf dem Titel eines Buches
eine naturwissenschaftliche Abhandlung. Er wird nicht aufmerksam
darauf, sondern das Spielen eines entfernten Leierkastens, den er
sonst gar nicht gehort hatte, ist, was ihn fesselt. Was ist es? Vor
vierzig Jahren, als er noch ganz jung war, tanzte er zum ersten
Male in seinem Leben mit seiner ersten Tanzerin nach derselben
Melodie, die jetzt der Leierkasten abspielt. Die Leierkastenmelodie,
die er seit vierzig Jahren nicht gehort hat, erinnert ihn an dieses
Ereignis. Der Naturforscher ist niichtern geblieben, daher erinnerte
er sich ziemlich genau an die Sache.
Der Mystiker kommt oftmals dazu, solch ein Ereignis innerlich
so umzugestalten, daB es etwas ganz anderes wird. Gerade derjenige,
der mit aller innerer Gewissenhaftigkeit an die Erforschung des
geistigen Lebens geht, muB sich auch alles, was an Wahn und Illu-
sion auftritt innerhalb des menschlichen Seelenlebens, ganz genau
vor Augen stellen konnen. Man kann sehr leicht glauben, indem
man sich in das Seelenleben sozusagen vertieft, einen innerlichen
Weg zu dem oder jenem Geistigen gefunden zu haben; aber man
hat nur die umgestaltete Reminiszenz einer Leierkastenmelodie.
Dieses Traumleben ist etwas Wunderbares, etwas GroBartiges, aber
es ist vom Menschen richtig aufzufassen nur dann moglich, wenn
er wirklich geistdurchbildet vor den Erscheinungen des mensch-
lichen Lebens stehen kann.
Und wenn wir das tiefe Schlafesleben betrachten, das traumlos
ist, so hat ja der Mensch von diesem tiefen Schlafesleben im ge-
wohnlichen heutigen BewuBtsein nichts anderes als die Erinnerung,
daB etwa die Zeit verlaufen sein kann zwischen seinem Einschlafen
und Aufwachen. Alles iibrige muB er wiederum mit Hilfe seines
Wachzustandes erleben. Ein allgemeines dumpfes Fiihlen, wie man
dagewesen ist zwischen dem Einschlafen und Aufwachen, das ist
alles, was aus dem traumlosen Schlaf zuriickbleibt.
Jedoch wir haben heute schon diese drei BewuBtseinszustande:
das WachbewuBtsein, das TraumbewuBtsein, das traumlose Schlaf-
bewuBtsein. Gehen wir aber zuriick in Urzeiten menschlicher Ent-
wickelung — wie gesagt, nicht in historische, sondern in vorhisto-
rische Zeiten, die nur mit jenen Mitteln der Geistesforschung durch-
drungen werden konnen, von denen bier in den nachsten Tagen
gesprochen werden soli — , dann finden wir auch drei BewuBtseins-
zustande des Menschen, aber ganz anderer Art. Dasjenige, was wir
heute im wachen TagesbewuBtsein erleben, erlebte man damals
nicht, sondern man erlebte in uralten Zeiten menschlicher Ent-
wickelung statt scharf konturierter materieller, festbegrenzter Tat-
sachen: Wesenheiten, verschwommene physische Grenzen.
In solchen Zeiten wiirde ein Mensch, der Sie alle hier gesehen
hatte, wie Sie hier sitzen, nicht die scharfen Konturen, die heute
Ihre Menschenwesenheit bedingen, so als Linie gesehen haben, wie
er sie heute sieht, sondern die Gestalt ware verschwommen gewesen
fiir das gewohnliche WachbewuBtsein; iiberall durchdrungen ware
dasjenige gewesen, was man heute sieht und was damals undeut-
licher gewesen ware, von einem Aurischen, von einem geistigen
Leuchten und Glanzen und Schimmern und Schillern, das weit
iiber den Umfang, den man heute sieht, hinausgegangen ware.
Alle, die Sie hier sitzen, wiirden Ihre Auren fiir den Auffassen-
den ineinandergehend gezeigt haben. Und ein solcher Auffassender
hatte hineingeschaut in diese schillernden, glanzenden, scheinenden,
glitzernden Auren des Seelischen derjenigen, die vor ihm sind.
Noch hineinschauen konnte man in das Seelische, denn der Mensch
lebte in der Atmosphare des Seelisch-Geistigen.
Wenn ich einen Vergleich gebrauchen darf: Gehen wir heute
nach einem heiteren, trockenen Tag abends durch die StraBen, dann
sehen wir nach einem solchen Tage die StraBenlaternen so, daB
sie uns die scharfen Konturen der Lichter zeigen. Gehen wir an
einem nebeligen Abend durch die StraBen, so zeigen uns dieselben
Laternenlichter um sich herum allerlei farbige Gebilde, die die
heutige Physik ganz miBversteht, indem sie sie fiir subjektive Er-
scheinungen halt, die aber in Wahrheit dasjenige sind, was erlebt
wird aus der Wesenheit dieser Flammen heraus im Zusammen-
hange damit, daB der Mensch durch das wassrige Element des
Nebels schreitet. Die alten Menschen schritten durch das Element
des Geistig-Seelischen; sie sahen die Auren, die nicht subjektiv
waren, sondern objektiv zu den Menschenwesenheiten gehorten, am
Menschen. Das war ihr einer BewuBtseinszustand.
Dann hatten sie einen BewuBtseinszustand, der sich an diesen
anschloB, wie bei uns der traumbeseelte Schlaf sich an den Wach-
zustand anschlieBt, der wiederum nicht der unseres heutigen Traum-
zustandes war, sondern der verschwinden um sich sah alles das, was
sinnlich ist. Fiir uns werden die sinnhchen Eindriicke gegeniiber
dem Traum zu Sinnbildern: Sonnenschein zu einer Feuersbrunst,
die inneren Zahnreihen zu zwei Reihen von Pflocken und so weiter,
Erinnerungstraume zu irdischen oder auch vergeistigten Dramen,
Traumdramen. Die Sinneswelt ist immer da; die Erinnerungswelt
bleibt da. Fiir denjenigen, welcher in uralten Zeiten der Mensch-
heitsentwickelung sein BewuBtsein hatte — wir werden ja sehen,
da!3 wir es alle damals hatten, denn alle, die hier sitzen, waren
damals in friiheren Erdenleben da — , fur den war die Sache anders.
Da sah der Mensch, wenn der Sonnenschein am Tage schwacher
wurde, nicht Symbole der physischen Dinge, sondern die physischen
Dinge verschwanden vor seinem Blicke. Der Baum, der vor einem
stand, verschwand; er verwandelte sich in Geistiges — die Sagen
von den Baumgeistern, sie sind ja nicht ausgedacht von der Volks-
phantasie, nur ihre Interpretation ist ausgedacht von der im Irrtum
wandelnden Gelehrtenphantasie — , der Geist, der dem Baum zu-
gehorte, trat an die Stelle. Und diese Geister — der Baumgeist, der
Berggeist, der Felsengeist — sie waren es wieder, die weiter den
Seelenblick hinlenkten in diejenige Welt, in der der Mensch ist
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, wo er ebenso unter
geistigen Tatsachen ist wie hier auf der Erde unter physischen Tat-
sachen, wo er ebenso unter geistigen Wesenheiten ist wie hier auf
Erden unter physischen "Wesenheiten. Das war der zweite BewuBt-
seinszustand. Wir werden demnachst sehen, wie sich unser gewohn-
liches TraumbewuBtsein fur den heutigen, nach dem geistigen Er-
kennen hinstrebenden Menschen auch in diesen BewuBtseinszustand
verwandeln kann.
Und ein dritter BewuBtseinszustand war da. Die Menschen
schliefen naturlich damals auch. Aber wenn sie aufwachten, hatten
sie nicht bloB die dunkle Erinnerung, Zeit durchlebt zu haben,
oder ein dumpfes Lebensgefuhl, sondern wenn sie aufwachten, hat-
ten sie eine deutliche Erinnerung an das, was sie im Schlafe erlebt
hatten. Und gerade aus diesem Schlafe heraus kamen die Eindriicke
iiber vergangene Erdenleben mit dem Schicksalszusammenhange
des Menschen, mit der Erkenntnis, mit dem Durchschauen des
Karma.
So hat der heutige Mensch WachbewuBtsein, TraumbewuBtsein,
traumloses SchlafbewuBtsein. So hatte eine Vormenschheit drei
BewuBtseinszustande: den BewuBtseinszustand fiir die geistdurch-
trankte Wirklichkeit, den BewuBtseinszustand fiir den Einblick in
die geistige Welt, den BewuBtseinszustand fiir das Durchschauen
des Karma. Es war im wesentlichen bei der Urmenschheit eine Art
DammerungsbewuBtsein des Abends.
Dieses DammerungsbewuBtsein des Abends ist vergangen, ver-
glommen in der Menschheitsentwickelung. Ein Dammerungs-
bewuBtsein des Morgens muB heraufziehen. Die heutige Geistes-
forschung findet sich schon in dasselbe hinein. Und in die Lage
kommen muB der Mensch, hinzuschauen auf den Baum, auf den
Fels, auf die Quelle, auf den Berg, auf die Sterne, in die Lage kom-
men muB er, hinzuschauen und in der Erkraftung seiner eigenen
Seelenkrafte, in der Verst'arkung seiner eigenen Seelenkrafte es dazu
bringen, daB ihm erscheint aus jeglichem physischen Dinge die
dahinterstehende geistige Tatsache oder geistige Wesenheit.
Exakte Wissenschaft, exakte Erkenntnis kann es werden —
woriiber man heute noch wie iiber eine Verrucktheit, iiber einen
Wahnsinn spottet — , daB der wirklich Erkennende hinschaut auf
den Baum, der Baum vor seinem Blicke, trotzdem er das Materielle
darstellt, wie aussparend den Raum, zum Nichtigen wird, und ent-
gegenkommt dem Menschen die geistige Wesenheit des Baumes.
Wie unseren physischen Augen das Sonnenlicht von alien auBeren
physischen Wesen in der Reflexion entgegenleuchtet, so wird die
Menschheit dazu kommen — und Anthroposophie nimmt voraus
dieses Dazukommen — , einzusehen, daB die geistige Sonnenwesen-
heit, die die Welt durchwebt und durchlebt, auch in alien physi-
schen Wesenheiten lebt. Wie das physische Licht in unser physisches
Auge zuriickstrahlt, so kann in unser Seelenauge zuruckstrahlen
von einem jeglichen irdischen Wesen als eine Tatsache das gottlich-
geistige Sonnenwesen, das alles durchdringt. Und wie der Mensch
jetzt sagt: Die Rose ist rot — , und dem zugrunde liegt, daB die
Rose ihm die Gabe zuriickgibt, die er selber von dem physisch-
atherischen Sonnenwesen bekommen, so wird er dann sagen kon-
nen: Die Rose gibt ihm dasjenige zuriick, was sie von dem geistig-
seelischen Sonnenwesen bekommt, das die Welt durchwellt und
durchlebt.
Der Mensch wird sich wiederum einleben in eine Geistatmo-
sphare, wird wissen, daB er mit seinem eigenen Wesen in dieser
geistigen Atmosphare wurzelt. Dann aber wird ihm aufgehen, wie
in diesem Traumbewufitsein, das zunachst nur die chaotischen
Symbolisierungen des auBeren Sinneslebens geben kann, darinnen
liegen die Offenbarungen einer Geistwelt, die wir durchmachen
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt; wie in dem Tief-
Schlafesleben in uns webt und lebt als realer Kraftezusammenhang
das, was uns dann nach dem Aufwachen hingehen lasst zu dem-
jenigen, mit dem sich unser Schicksal, unser Karma abspinnt. Was
wir trotz aller Freiheit als unser Schicksal in unserem Tagesleben
durchmachen, es wird gesponnen und gewoben wahrend unseres
Schlafeslebens da, wo wir mit unserem Seelisch-Geistigen, das aus
dem Physisch-Atherischen herauBen ist, ein Leben fuhren mit gbtt-
lichen Geistern, auch mit denjenigen gottlichen Geistern, die die
Ergebnisse friiherer Erdenleben in dieses Leben heriibertragen. Und
derjenige, dem es durch die Entwickelung der entsprechenden
Seelenkrafte gelingt, hineinzuschauen in das traumlose Schlafes-
leben, der entdeckt darinnen die karmischen Zusammenhange. Da-
durch aber erst bekommt das geschichtliche Leben der Menschheit
auch einen Sinn: Es wird gewoben aus dem, was Menschen aus
friiheren Epochen durch das Leben zwischen Tod und neuer Geburt
in neue Leben, in neue Epochen hiniibertragen. Wenn wir hin-
schauen auf eine Persdnlichkeit der Gegenwart oder sonst irgendwie
in der Zeit, wir verstehen sie doch erst, wenn wir ihre vergangenen
Erdenleben begreifen.
Von jener Forschung, welche zunachst bei historischen Person-
lichkeiten, dann aber auch im alltaglichen Leben aus dem gegen-
w'artigen oder irgendeinem zeitlichen Leben in friihere Erdenleben
fuhrt, wollen wir dann in den nachsten Tagen sprechen.
ZWEITER VORTRAG
Dornach, 7. September 1924
Vorgestern sprach ich davon, daB ja das theoretische Auseinander-
setzen iiber Karma und wiederholte Erdenleben nur etwas Unleben-
diges bleiben miisse, wenn man nicht die Betrachtung, die in dieser
Richtung orientiert ist, auch wirklich in die praktische Lebens-
auffassung einfiihrt, das heiBt das Leben betrachtet in dem Sinne
von Karma und wiederholten Erdenleben. Die Betrachtung, die
hier gemeint ist, ist aber eine solche, die mit dem allergroBten Ernst
angestellt werden muB. Denn man kann schon sagen: Die Versu-
chung der Menschen, iiber allerlei karmische Zusammenhange,
iiber allerlei Dinge, die mit den wiederholten Erdenleben zusam-
menhangen, sich Ideen zu bilden, diese Versuchung ist sehr groB,
und die Quelle der Illusionen auf diesem Gebiete ist eine auBer-
ordentlich groBe. Und es kann ja auch eine Untersuchung nach
diesen Richtungen erst wirklich angestellt werden, wenn die gei-
stige Welt dutch Seelenentwickelung in einem gewissen Sinne fiir
den Untersuchenden aufgeschlossen ist.
Dann allerdings werden aber auch von den Zuhorern gerade fiir
solche Untersuchungen diejenigen Griinde der Uberzeugung bean-
sprucht, welche folgen konnen aus alledem, was sonst im Lauf der
Betrachtungen eines solchen Untersuchens zutage tritt. Man sollte
eigentlich nicht irgendwelches Vertrauen haben zu demjenigen, der
ohne weiteres beginnt, iiber wiederholte Erdenleben zu sprechen,
sondern es muB schon das, was aus solchen okkulten Tiefen heraus-
geholt wird, dadurch bekraftigt werden, daB manches andere zu-
n'achst vorliegt, was das Vertrauen begriindet.
Nun denke ich, daB im Laufe der dreiundzwanzig, vierundzwan-
zig Jahre, in denen Anthroposophie gepflegt worden ist, geniigend
okkultes Material zusammengetragen worden ist, so daB heute Er-
gebnisse auch dieser gewagten Forschung iiber Karma und wieder-
holte Erdenleben vor denjenigen Zuhorern entfaltet werden diirfen,
die das Vertrauen durch die anderen Gebiete des Geisteslebens, die
im Laufe der Zeit entrollt worden sind, gewonnen haben konnen.
Allerdings sitzen hier gerade in dieser Zeit viele, welche verhaltnis-
maflig kurze Zeit erst in der Gesellschaft sind. Allein es wiirde ja
eine Unmoglichkeit fiir die Entwickelung der Gesellschaft bedeu-
ten, wenn man sozusagen fiir die Neueintretenden beim Anfang
beginnen wiirde; denn auf der anderen Seite haben wir ja die groBe
Freude und Befriedigung, daB gerade wahrend dieser vollbesetzten
Kursuszeit auch eine groBe Anzahl der altesten anthroposophischen
Freunde hier erschienen sind, Anthroposophen, die fast die ganze
anthroposophische Entwickelung miterlebt haben. Und es miissen
ja im Laufe der Zeit die Gelegenheiten geschaffen werden, daB in
der Anthroposophischen Gesellschaft diejenigen, die mehr im An-
fanglichen ihrer Mitgliedschaft stehen, herangefiihrt werden kon-
nen an das, was im Verlaufe der Entwickelung der Anthroposo-
phischen Gesellschaft eben gepflegt werden muB.
Ich muB das aus dem Grunde voranschicken, weil ich gerade die
Betrachtungen, die ich heute als Ausgangspunkt fiir manches, was
in den n'achsten Vortragen folgen wird, mehr als Mitteilung hin-
stellen werde, weil manches darinnen ist, das wirklich recht gewagt
erscheinen wird. Aber, meine lieben Freunde, es erscheint eben das
menschliche Leben doch erst in seinem rechten Lichte, wenn man
es seiner Wahrheit nach als durchgehend durch wiederholte Erden-
daseine ins Auge faBt. Nur, das Forschen, das ernste, seiner Verant-
wortung sich bewuBte Forschen auf diesem Gebiete ist durchaus
nicht leicht. Denn Ergebnisse, die auf diesem Gebiete gewonnen
werden, widersprechen eigentlich in einer gewissen Art den Vorstel-
lungen, die man sich gewbhnlich macht.
Es ist ja so, daB, wenn jemand ein menschliches Erdenleben mit
seinen Schicksalsinhalten betrachtet, ihm diejenigen Schicksals-
schlage auffallen, die er zunachst aufzufassen vermag, die zusam-
menhangen nut dem, was Beruf, auBerer oder innerer Beruf ist, die
mit der sozialen Stellung zusammenhangen und dergleichen. Es
erscheint leicht ein Mensch in bezug auf den Inhalt seines Erden-
lebens mit Eigenschaften, die durchaus nicht auBerlich zu sein brau-
chen, die schon etwas fur das Innerste seines Seelenwesens bedeuten
konnen; aber in jenen Tiefen geschaut, in denen die wiederholten
Erdenleben geschaut werden miissen, ist es doch notwendig, von
vielem abzusehen, was auBerlich dem Schicksal eines Menschen in
einem Erdenleben den Stempel aufdriickt.
So darf man sich namentlich nicht vorstellen, daB fiir das durch
die verschiedenen Erdenleben durchgehende Karma der auBere oder
innere Beruf eine groBe Bedeutung habe. Man stelle sich nur vor,
wie schon ein verhaltnismaBig auBerlich charakterisierter Beruf -
sagen wir der Beruf eines Beamten oder dergleichen — mit dem
Schicksalsm'aBigen des Menschen auch auBerlich zusammenhangt.
Aber fiir die eigentlichen karmischen, fiir die eigentlichen Schick-
salszusammenhange braucht das, was man von diesem auBeren
Beruf aus charakterisiert, gar keine Bedeutung zu haben. Ebenso ist
es mit dem inneren Beruf. Wie leicht ist man versucht, bei einem
Musiker daran zu denken, daB er wenigstens in einem friiheren
Erdenleben, wenn nicht wieder ein Musiker, so ein Kiinstler war.
Es ist durchaus nicht immer, es ist sogar in den seltensten Fallen
so, wenn man die Dinge wirklich erforscht. Denn das fortlaufende
Karma, der fortlaufende Schicksalsfaden, der geht viel mehr in
das menschliche Innere und kiimmert sich wenig um auBere und
innere Berufe, sondern viel mehr um die inneren Seelenkrafte
und Seelenwiderstande, um die moralischen Zusammenhange, die
sich schlieBlich in jedem auBeren und inneren Berufe kundgeben
konnen.
Das aber macht es auch, daB die Erforschung des Karma, die
Erforschung des Schicksalsfadens notwendig erscheinen laBt, auf
Umst'ande im Leben eines Menschen hinzusehen, die zuweilen sogar
nebensachlich erscheinen. Ich muB da immer wieder und wieder
eine Tatsache erwahnen, die mir im Leben entgegengetreten ist.
Ich sollte nachforschen uber die karmischen Zusammenhange eines
Menschen, der mancherlei Eigentiimlichkeiten im Leben gehabt hat,
der seine Aufgabe im Leben, seinen Beruf eben gehabt hat. Aber
es ergab sich dem intuitiven Blick aus all dem, was er aus seinem
Beruf heraus ausfiihrte, was er zum Beispiel als Menschen freund
und dergleichen ausfiihrte, nicht ein Hinweis auf seine friiheren
Erdenleben. Nicht als ob das alles nicht zusammenhinge mit den
friiheren Erdenleben; aber fiir das Anschauen ergab sich eben nicht
ein Hinweis. Man konnte nicht durchkommen aus dem Anschauen
dieser aus dem Beruf oder aus der Menschenfreundlichkeit folgen-
den Tatsachen. Dagegen ergab sich kurioserweise bei dieser Persbn-
lichkeit gerade aus einer nebensachlichen Eigentiimlichkeit des Le-
bens etwas. Er hatte vorzutragen, und immer, bevor er anfing
vorzutragen, muBte er ganz gewohnheitsmaBig das Taschentuch
herausnehmen und sich die Nase putzen. Ich habe ihn oft vortragen
gehort und nie etwas anderes erlebt, als daB, bevor er zu sprechen,
zusammenhangend zu sprechen begann, er das Taschentuch heraus-
nahm und sich die Nase putzte. Er tat es nicht in der Konversation,
aber er tat es immer, wenn er genotigt war, in Zusammenhangen
zu sprechen. Das ergab ein Bild, von dem aus nun ausstrahlte die
Fahigkeit, in friihere Erdenleben zuriickzuschauen.
Ich fuhre das als ein besonders groteskes Beispiel an. Die Bei-
spiele sind nicht immer so grotesk; aber man muB eben die Fahig-
keit haben, auf das Ganze eines Menschen einzugehen, wenn man
iiberhaupt in einer giiltigen und geltenden Weise auf das Karma
hinschauen will. Sehen Sie, zum Beispiel einen gewissen Beruf zu
haben ist fiir einen tieferen Blick doch mehr oder weniger etwas,
was aus der Erziehung und so weiter kommt. Dagegen h'angt es
schon mit der inneren geistigen ^Configuration des Menschen zu-
sammen, wenn er gar nicht anders kann, als bevor er eine Rede
beginnt, das Taschentuch herauszunehmen und sich die Nase zu
putzen. Es ist das viel intimer an das Wesen des Menschen gebun-
den. Aber es ist das eben ein radikales, ein extremes Beispiel. Die
Dinge sind nicht immer so. Aber ich mochte dadurch eben eine
Vorstellung hervorrufen davon, daB einem in der Regel fiir die
Karma-Untersuchung das, was an der Oberflache des Lebens eines
Menschen liegt, gar nichts nutzt, daB man auf gewisse Intimitaten
sich einlassen muB, aber auf solche, in die man sich nicht erst
hineindichtet auf unrechtmaBige Weise, sondern die offen im Leben
daliegen.
Nachdem ich diese Einleitung vorausgeschickt habe, mochte ich
nun unverhohlen mit dem beginnen, was ich zu sagen habe, natiir-
lich mit all den Reserven, die in einem solchen Falle immer da
sein miissen, mit den Reserven namlich, daB jeder das, was ich zu
sagen habe, glaube oder audi nicht glaube, aber auch mit der
Versicherung, daB der Sache, die ich auseinandersetzen werde, der
allertiefste Ernst des geisteswissenschaftlichen Forschens zugrunde
liegt
Solche Dinge treten auch nicht auf, wenn man mit der Absicht,
so zu forschen, wie es ein heutiger Laboratoriumforscher tut, an
die Forschung herantritt; sondern Forschungen iiber Karma miissen
sich selber in einer gewissen Weise aus dem Karma ergeben. Ich
habe das ja am Schlusse der Neuauflage meiner «Theosophie» er-
wahnen miissen, aus dem Grunde, weil ja unter den mancherlei
merkwiirdigen Zumutungen, die im Laufe des Lebens an mich
gestellt worden sind, auch die ist, daB ich mich irgendwelchen psy-
chologischen Laboratorien stellen soil, damit die Leute da erfor-
schen konnen, ob die Dinge begriindet sind, die ich iiber Geistes-
wissenschaft sage. Das ist naturlich ebenso lacherlich, als wenn
irgend jemand mathematische Ergebnisse lieferte und man nicht
diese mathematischen Ergebnisse nachpriifte, sondern ihn auf-
forderte, sich in einem Laboratorium untersuchen zu lassen, um
dadurch darauf zu kommen, ob einer ein richtiger Mathematiker
ist oder nicht. Aber dergleichen Lacherlichkeiten sind ja heute
Gelehrsamkeit, werden ernsthaftig gefordert. DaB bei solchen Ver-
suchen selbstverstandlich nichts herauskommen kann, ich habe es
ausdriicklich am Schlusse der Neuauflage meiner «Theosophie»
erwahnt und habe auch erwahnt, daB alle Wege, die zu einer sol-
chen Sache fiihren miissen — zu einer Erforschung eines konkreten
okkulten Resultates — , selber auf geistig-iibersinnliche Weise vor-
bereitet sein miissen.
Es bot sich mir einmal Gelegenheit, einen modernen Arzt zu
treffen, der mir seinem Renommee, seiner schriftstellerischen Lauf-
bahn nach sehr gut bekannt war und der von mir sehr geschatzt
wurde. Ich erwahne also hier in diesem Falle die karmischen
Details, die zu der entsprechenden Forschung fiihrten. Sie hat lange
Zeit in Anspruch genommen und wurde erst in den letzten Wochen
abgeschlossen, ist erst jetzt so, daft — wenn man ein gewissenhafter
Mensch ist — man davon redet. Ich erwahne also alle Details, damit
Sie eben mancherlei — naturlich nicht alles — von dem sehen, wie
die Dinge zusammenhangen.
Also einen solchen modernen Arzt lernte ich kennen, und zwar
so, daB er, als ich ihn kennenlernte, zusammen war mit einer
anderen Personlichkeit. Diese andere Personlichkeit kannte ich
schon langere Zeit sehr genau; sie machte auf mich stets einen, ich
mochte nicht sagen tiefen, aber griindlichen Eindruck. Einen griind-
lichen Eindruck aus dem Grunde, weil diese Personlichkeit auBer-
ordentlich gern zusammen war mit Menschen, die sich im weitesten
Umfange gerade mit einem etwas auBerlich aufgefaBten Okkultis-
mus befaBten. Diese Personlichkeit erzahlte aber auch auBerordent-
lich gern von dem, wie sich viele ihrer Bekannten eben auBern liber
allerlei Okkultes, namentlich auch iiber allerlei, was aus dem
Okkulten heraus zusammenhangt mit dem, was etwa der heutige
Kiinstler als Lyriker, als Epiker, Dramatiker anstreben soli. Und es
umschwebte diese Personlichkeit eine Art, ich mochte sagen, von
moralischer Aura. Ich gebrauche das Wort «moralisch» fur alles
das, was mit den vom Willen beherrschten seelischen Eigenschaften
zusammenhangt. In der Gegenwart dieser Personlichkeit, welche
ich eigentlich besuchte, fand ich nun den andern, den ich seiner
Schriftstellerlaufbahn nach, seiner arztlichen Tatigkeit nach kannte
und sehr schatzte. Und was sich da abspielte wahrend dieses Be-
suches, das hinterliefi wirklich einen tiefen Eindruck, der dazu an-
regte, das Ganze in das Gebiet der geistigen Forschung aufzu-
nehmen.
Da ergab sich denn etwas sehr Merkwiirdiges. Durch diejenige
Anschauung, die ich durch das Zusammensein der zwei Personlich-
keiten gewinnen konnte, und auch durch den Eindruck, den diese
andere Personlichkeit auf mich machte, die ich lange aus ihrer
Schriftstellerlaufbahn, aus ihrer arztlichen Tatigkeit kannte, die ich
schatzte und die ich hier zum erstenmal auBerlich sah, durch alles
das erhielt ich die Kraft, zunachst zwar nicht diese Personlichkeit,
die ich neu kennenlernte, irgendwie ihren Lebens- und Schicksals-
zusammenhangen nach zu priifen, aber sie strahlte gewissermaBen
auf den andern, den ich schon lange kannte, Licht hiniiber, und es
ergab sich, daB der andere — nicht in seinem letzten, aber in einem
friiheren Erdenleben - im alten Agypten gelebt hat und, was das
Eigentumliche ist, im alten Agypten mumifiziert worden ist, ein-
balsamiert worden ist als Mumie.
Nun ergab sich sehr bald auch, daB diese Mumie noch existierte.
Ich habe sie auch spater irgendwo gesehen, aber viel spater. Das
war zunachst der Ausgangspunkt. Aber indem die Forschung ent-
ziindet war an dieser Personlichkeit, die ich lange kannte, strahlte
sie gewissermaBen weiter aus, diese Forschung, und es ergab sich
die Moglichkeit, im Schicksalszusammenhange des Mannes der
neuen Bekanntschaft nun zu forschen. Und da ergab sich dann das
Folgende.
Wahrend man nun sonst sehr leicht von einem Erdenleben eines
Menschen auf das letzte zuriickgefiihrt wird, fiihrte hier die Intui-
tion zuriick weit ins alte Agypten und stellte klar vor das Seelenauge
zwei Personlichkeiten: eine Art Hauptling im alten Agypten, wel-
cher in einem gewissen sehr starken Sinne die alte agyptische In-
itiation innehatte, aber etwas dekadent geworden war als Initiierter,
der anfing, die Initiation im Laufe seines Lebens nicht mehr sehr
ernst zu nehmen, sogar mit einem gewissen spottenden Benehmen
diese Initiation zu behandeln. Der Hauptling hatte aber einen Die-
ner, der auBerordentlich serios war. Der Diener war natiirlich nicht
initiiert; aber beiden wurde die Obliegenheit, Mumien zu balsamie-
ren und dazu die Stoffe von ziemlich weit her zu besorgen.
Nun war ja das Geschaft der Mumien-Einbalsamierung nament-
lich im alteren Agypten ein auBerordentlich kompliziertes und er-
forderte intime Kenntnisse der menschlichen Wesenheit, des
menschlichen Leibes. Aber es wurden auch von denen, die recht-
maBig Mumien einbalsamieren sollten, tiefe Kenntnisse iiber die
menschliche Seele gefordert. Der Hauptling, der zu diesem Ge-
schafte eigentlich initiiert worden war, lief nach und nach in eine
Art Frivolitat ein gegeniiber seinem eigentlichen Berufe. So kam
es, daB er diejenigen Dinge, die er durch eine Art Initiation emp-
fangen hatte, nach und nach, man wiirde in der Mysteriensprache
sagen: verriet an seinen Diener, der sich als ein Mensch entpuppte,
der den Inhalt der Initiation allmahlich besser verstand als der
Initiierte. Und so wurde der betreffende Diener Mumien-Einbalsa-
mierer, wahrend der andere zuletzt nicht einmal mehr zuschaute,
aber selbstverst'andlich alles, was damit zusammenhing in bezug
auf Stellung und soziale Haltung, fiir sich in Anspruch nahm.
Dieser andere wurde nach und nach auch so, daB er kein sehr
groBes Ansehen mehr genoB und dadurch in mancherlei Lebens-
konflikte hineinkam. Der Diener aber, der sich eigentlich nach
und nach zu einer sehr, sehr ernsten Lebensauffassung herauf-
arbeitete, wurde geradezu ergriffen, merkwiirdig kongenial ergrif-
fen von einer Art Initiation, die keine wirkliche war, die aber so
instinktiv in ihm lebte. Und so wurde denn eine ganze Reihe von
Mumien unter der Aufsicht und Mittat dieser beiden Leute eben
einbalsamiert.
Die Zeit verging. Die beiden Menschen gingen durch die Pforte
des Todes, machten diejenigen Erlebnisse durch, von denen ich
dann das n'achste Mai sprechen mochte, die im Ubersinnlichen mit
der Entwickelung des Karma, des Schicksals zusammenhangen, und
wurden dann beide wiederum ins Erdenleben versetzt in der Romer-
zeit, und zwar gerade um die Zeit, als die romische Kaiserherrschaft
begriindet worden ist: in der Zeit des Augustus; nicht genau, aber
etwa im Zeitalter des Augustus.
Wie gesagt, es ist gewissenhafte Forschung, die so exakt ist, wie
nur irgendeine physikalische oder chemische Forschung sein kann.
Ich wiirde von diesen Dingen nicht sprechen, wenn nicht eben seit
Wochen die Moglichkeit gegeben ware, iiber diese Dinge in so
bestimmter Weise zu sprechen. Nun findet man den einen, den
Hauptling — der nach und nach eigentlich ein frivoler Initiierter
geworden ist, das aber, nachdem er durch die Pforte des Todes
gegangen war, empfand als eine auBerordentlich bittere Erden-
priifung mit alien Nachwirkungen einer solchen Empfindung einer
bitteren Erdenpriifung — , man findet ihn wieder als Augustus'
Tochter Julia, die des Augustus Stiefsohn Tiberius heiratet und die
ein Leben fiihrt, das vor ihr selber naturlich gerechtfertigt erschien,
das aber innerhalb der romischen Gesellschaft dazumal als ein so
unmoralisches angesehen worden ist, daB sie verbannt worden ist.
Der andere, der Diener, der sich hinaufgearbeitet hatte fast zum
Initiierten, aber von unten auf, wird wiedergeboren in dieser Zeit
als der romische Geschichtsschreiber Titus Livius.
Nun ist aber das Interessante, wie Titus Livius zur Geschichts-
schreibung kommt. Er hat eine ganze Anzahl Mumien einbalsamiert
in alter agyptischer Zeit. Die Seelen, die in den Korpern dieser
Mumien waren, gerade diese Seelen waren vielfach als Romer,
namentlich als die sieben romischen Konige inkarniert — denn die
sieben romischen Konige hat es gegeben. Wir kommen, wenn wir
in die Zeit gehen, wo die beiden, der Hauptling und sein Diener,
inkarniert waren, in sehr alte agyptische Zeit zuriick. Und durch
ein gewisses Gesetz, das gerade fur die Wiederverkorperung von
Seelen, deren Leiber mumifiziert sind, gilt, wurden verhaltnismaBig
bald diese Seelen wiederum zur Erde gerufen. Aber die karmische
Verbindung des Dieners des Hauptlings, von dem ich gesprochen
habe, mit diesen Seelen, deren Korper er einbalsamiert hat, ist eine
so intime, daB er gerade von ihnen die Geschichte schreiben muB —
naturlich muB er auch das andere dazunehmen, was er nicht ein-
balsamiert hat — , aber gerade die Geschichte derjenigen Menschen
muB er schreiben, die er einbalsamiert hat. So wird Titus Livius
zum Geschichtsschreiber.
Nun mochte ich nur, daB moglichst viele von Ihnen die romische
Geschichte des Titus Livius nehmen und den Stil des Titus Livius
mit dem Wissen, das sich hier aus dem karmischen Zusammen-
hange heraus ergibt, auf sich wirken lassen. Sie werden sehen, daB
das merkwurdig menschlich Eindringliche und zu gleicher Zeit nach
dem Mythus Hinneigende im Stil des Titus Livius hindrangt nach
jener Menschenkenntnis, die sich ein Einbalsamierer erwerben kann.
Auf solchen Zusammenhang kommt man erst, wenn man solche
Forschungen anstellt. Aber dann ergibt sich eben das, was plotzlich
Licht uber irgend etwas verbreitet. Man kann sich schwer den Ur-
sprung des Stils des Titus Livius, diesen merkwiirdigen Stil, mit dem
Livius als Historiker die Menschen, die er beschreibt, einbalsamiert -
denn so ist er zuletzt, dieser Stil — , man kann sich schwer den Ur-
sprung dieses Stils denken. Es wird ein Licht geworfen auf diesen
Stil, wenn man auf solche Zusammenhange hinweist.
Nun, sehen Sie, haben wir die beiden Personlichkeiten wieder als
Julia und Titus Livius. Als Julia und Titus Livius gehen sie nun
wiederum durch die Pforte des Todes. Alles das, was die eine Seele
erlebt hat: eigentlich ziemlich stark eine Art Initiierter zu sein, es
aber in die Frivolitat verzerrt zu haben, die Bitterkeit der Nach-
wirkung in dem Leben zwischen Tod und neuer Geburt erfahren
zu haben, dann als Julia das eigentiimliche Schicksal — lesen Sie
es nach — erfahren zu haben, alles das ergab fur das nachste
Leben, das auf das Julia-Leben folgte zwischen Tod und neuer
Geburt, eine starke Antipathie gegen die Julia-Inkarnation, die sich
in einer merkwiirdigen Weise universahsierte. Man kann in der
Intuition diese Individuality in dem Leben zwischen Tod und
neuer Geburt finden, wie wenn sie fortwahrend schrie: Ach, ware
ich niemals ein Weib geworden, denn zu diesem Weibsein hat
mich gefuhrt dasjenige, was ich dazumal im alten Agypten voll-
bracht habe!
Man kann nun diese Individualitaten verfolgen. Man kommt ins
Mittelalter herein: Man findet Titus Livius wieder als sangesfrohen
Dichter in der Mitte des Mittelalters. Man ist erstaunt, ihn so zu
finden, denn die auBeren Berufe hangen gar nicht zusammen. Aber
die groBten Uberraschungen, die einem Menschen werden konnen,
sind eben diejenigen, die sich aus der Betrachtung aus einander
hervorgehender Erdenleben ergeben. Man findet den romischen
Geschichtsschreiber — mit dem aus der Kenntnis des menschlichen
Wesens durch das Mumifizieren hervorgegangenen Stil — in der
weiteren Ausbildung dieses Stiles, der eine groBe Leichtigkeit hatte
und der jetzt wie hinaufgetragen wird in lyrischer Leichtigkeit, man
findet den Titus Livius wieder als Walther von der Vogeltueide.
Walther von der Vogelweide, der sich aufhalt in Tirol, manchen
Gonner hat, hat nun auch unter diesen einen bestimmten Gonner,
der ein ganz merkwiirdiger Mensch ist. Ein Mensch, der mit alien
moglichen Alchimisten, die es dazumal zu Dutzenden und aber
Dutzenden in Tirol gab, auf du und du stand, der SchloBherr
war, der sich aber iiberall — man wiirde sagen, wenn man in der
modernen Schauspielkunstsprache sprechen wiirde, in allerhand
alchimistischen Schmieren herumtrieb, dabei aber ungeheuer vieles
erfuhr und lernte; der unter anderem gerade aus diesem heraus,
wie es ja spater bei Paracelsus auch in einer ahnlichen Art der Fall
war, aus seinem Herumbummeln in alchimistischen Schmieren den
Impuls bekam, alles Okkulte intensiv zu verfolgen. Ungeheuer
intensiven okkulten Sinn bekam er, und dadurch kam er in die
Lage, etwas in Tirol wiederzufinden, was eigentlich damals auch
nur sagenhaft bekannt war, namlich die Burg, die Bergburg, die
Felsenburg, die von jemandem anderen gar nicht hatte erkannt wer-
den konnen, weil sie eben nur noch in Felsen bestand — sie war aus
Felsen gebildet, mit einer Hohlung hinein — , die Burg des Zwerg-
konigs Laurin. Und auf diese Personlichkeit machte die Damonen-
natur der Gegend der Burg des Zwergkonigs Laurin einen unge-
heuer tiefen Eindruck. So daB in dieser Seele Merkwiirdiges vereint
ist: Initiation bis zur Frivolitat getrieben, Groll dariiber, Frau ge-
wesen zu sein und dadurch in die romische Sittenlosigkeit und zu-
gleich in die romische Heuchelei iiber Sitte hineingetrieben worden
zu sein, und intime Kenntnis, aber auBere Kenntnis, von allerlei
Alchimistischem; dabei aber wiederum diese erweitert zu einem
freien Sinn iiber Naturdamonen und iiberhaupt iiber das Geistige
in aller Natur. Und beide — wenn das auch nicht in der Biographie
Walthers steht, so ist das doch der Fall — beide, Walther von der
Vogelweide und dieser Mann, kamen damals recht oft zusammen.
Walther von der Vogelweide hat manchen Impetus, manchen Ein-
fluB von diesem Manne erfahren.
Nun, sehen Sie, hier verfolgen wir zu gleicher Zeit — was ja sozu-
sagen karmisches Gesetz ist — , wie die Personlichkeiten immer wie-
der zueinander hingezogen werden, wie sie immer wieder und
wiederum gleichzeitig, sich erganzend, sich in Gegensatzen aus-
lebend, auf die Erde hierher berufen werden. Und es ist ja wiederum
interessant, eben zu sehen den eigentiimlichen lyrischen Stil des
Walther, der wirklich, ich mochte sagen, sich so ausnimmt, wie
wenn ihm das Einbalsamieren nun griindlich verleidet ware und
er nach der ganz anderen Seite des Lebens, nach der Seite des Le-
bens, wo man es mit nichts Totem, sondern mit dem vollen froh-
lichen Dasein zu tun hat — aber auch wiederum mit einem Stich
sogar ins Pessimistische — , sich wendet. Fiihlen Sie den Stil
Walthers von der Vogelweide, und fiihlen Sie die beiden vorher-
gehenden Erdenleben in diesem Stil drinnen. Fiihlen Sie auch
das unruhige Leben des Walther von der Vogelweide: Es erin-
nert ungeheuer an jenes Leben, das einem aufgeht, wenn man so
lange mit den Toten zusammen ist und viele Schicksale sich in
der Seele abladen, wie das bei einem Mumieneinbalsamierer der
Fall war.
Und nun im weiteren. Sehen Sie, die weitere Verfolgung dieser
karmischen Kette fiihrte mich wiederum in dasselbe Zimmer — aber
jetzt nur intuitiv, im Geist — in dem ich in der Anwesenheit eines
alten Bekannten von mir, den ich aber auch als Mumie wuBte — und
jetzt wuBte ich: als Mumie einbalsamiert von dem andern — , ge-
wesen war, fiihrte mich also die ganze Linie wiederum in dieses
Zimmer. Und ich fand die Seele, die durch den alten agyptischen
dienenden Einbalsamierer, durch Titus Livius, durch Walther von
der Vogelweide gegangen war, in dem modernen Arzt Ludwig
Schleicb wieder.
So ergeben sich in iiberraschender Weise die Zusammenhange
im Leben. Wer begreift denn uberhaupt mit dem gewohnlichen
BewuBtsein ein Erdenleben! Es ist ja nur zu begreifen, wenn man
weiB, was auf dem Grunde einer Seele ist. Theoretisch wird es von
vielen gewuBt, daB da aufeinanderfolgende Erdenleben abgelagert
sind auf dem Grunde der Seele. Aber real, konkret wird das ja erst,
wenn man es eben auch wirklich im konkreten Fall beschaut.
Der Blick wurde wieder herausgefiihrt aus diesem Zimmer, denn
die andere Personlichkeit, die da als eine von dem anderen Mumifl-
zierte vorhanden war, ergab zunachst keine weiteren, wenigstens
nicht sehr erheblich weiteren Spuren. Dagegen ergab sich jetzt auch
der Seelenweg des alten Hauptlings, der Julia, des Entdeckers von
Laurins ZauberschloB: das ist August Strindberg.
Nun bitte ich Sie, das ganze Leben und die Dichtung August
Strindbergs zu nehmen und sie auf dem Hintergrunde zu sehen, den
ich eben geschildert habe. Schauen Sie sich den eigentiimlichen
FrauenhaB von Strindberg an, der eigentlich keiner ist, weil er aus
allerlei anderen Untergriinden hervorgeht. Schauen Sie sich alles
das an, was damonisch durch die Dichtungen Strindbergs geht.
Schauen Sie sich die Vorliebe fur alle moglichen alchimistischen
und okkulten Kiinste und Kiinsteleien bei August Strindberg an —
und schauen Sie sich schlieBlich das abenteuerliche Leben August
Strindbergs an! Dann werden Sie schon finden, wie gut sich dieses
Leben von dem geschilderten Hintergrunde abhebt.
Und lesen Sie dann die Memoiren von Ludwig Schleich, seine
Beziehungen zu August Strindberg, so werden Sie sehen, wie das
wiederum sich auslebt auf dem Hintergrunde von den friiheren
Erdenleben! Aber es kann da aus den Memoiren von Ludwig
Schleich ein Licht aufflackern, ein ganz merkwiirdiges Licht, ich
mochte sagen, ein bestiirzendes Licht. Die Personlichkeit, bei der
ich Schleich getroffen habe, von der ich so gesprochen habe, daB
sie ja von Schleich selber im alten Agypterleben muminziert wor-
den ist, diese Personlichkeit ist ja dieselbe, von der Schleich in
seinen Memoiren erzahlt, daB sie ihm Strindberg gebracht hat,
wiedergebracht hat. An der Leiche haben sie zusammen gearbeitet:
diese Seele, die in diesem Korper war, die hat sie wieder zusammen-
gebracht.
Sehen Sie, so werden die Dinge, die zunachst theoretisch erortert
werden konnen iiber wiederholte Erdenleben und das Karma, kon-
kret. Dann aber wird wirklich dasjenige, was im Erdenleben sich
darstellt, erst durchsichtig. Was ist so ein einzelnes menschliches
Erdenleben in seiner vollen Unbegreiflichkeit, wenn es nicht auf
seinem Hintergrunde der friiheren Erdenleben geschaut werden
kann!
Meine lieben Freunde, wenn ich solche Dinge erortere, habe ich
auBer der Erorterung noch eine Empfindung. Diese Dinge, die seit
der Weihnachtstagung zu erortern moglich geworden sind, diese
Dinge erfordern, wenn sie im richtigen Sinne angesehen werden
wollen, bei den Zuhorern wahrhaftigen Ernst, ernste Gesinnung
und ein serioses Drinnenstehen in der anthroposophischen Bewe-
gung, denn sie konnen sehr leicht zu alien mogHchen Frivolitaten
fiihren. Aber die Dinge werden vorgebracht, weil es heute notwen-
dig ist, daB die Anthroposophische Gesellschaft auf die Basis des
Ernstes gestellt werde und sich ihrer eigenen Aufgabe innerhalb der
modernen Zivilisation bewuBt werde.
Daher mochte ich, nachdem ich in dieser Weise den Grund
gelegt habe, in der nachsten Stunde, die am nachsten Mittwoch um
halb neun Uhr stattfinden soil, iiber das Karma der Anthroposo
phischen Gesellschaft sprechen, um dann in der weiternachsten
Stunde, die ich noch ankiindigen werde, iiberzugehen zu dem-
jenigen, was solche Karmabetrachtungen fiir den Menschen werden
konnen, der sein eigenes Leben seinem tieferen Sinne nach betrach-
ten will.
DRITTER VORTRAG
Dornach, 10. September 1924
Der Verlauf der Menschheitsgeschichte und unseres eigenen Lebens
wird nur zum geringsten Teile begriffen, wenn wir ihn nach seiner
AuBenseite betrachten, nach jener AuBenseite, die wir iiberblicken,
wenn wir zuhilfe nehmen, was sich abspielt im Ausblicke von
unserem Erdenleben zwischen Geburt und Tod. Und unmoglich
ist es, die inneren Motive von Geschichte und Leben zu iiber-
schauen, wenn der Blick nicht auf dasjenige hingewendet wird, was
als der geistige Hintergrund dem auBeren physischen Geschehen
zugrunde liegt. Man stellt ja die Weltgeschichte dar und in dieser
Weltgeschichte auch die Ereignisse, welche sich in der physischen
Welt abspielen, und sagt wohl, diese Weltgeschichte stellt Ursachen
und Wirkungen hin. Man geht an die Ereignisse im zweiten Jahr-
zehnt des zwanzigsten Jahrhunderts heran, stellt sie als Wirkungen
der Ereignisse des ersten Jahrzehntes dar und so weiter. Aber wie
viel Illusion ist da moglich! Es ist so, wie wenn wir etwa ein fort-
laufendes Wasser sehen wiirden, das Wellen aufwirft, und wir jede
Tafel Welle nur als die Folge der vorhergehenden ansehen wiirden; wah-
Mltte rend von unten herauf die Krafte dringen, welche die Wellen auf-
werfen. So ist es: Dasjenige, was an irgendeiner Stelle des geschicht-
lichen Werdens oder des menschlichen Lebens iiberhaupt geschieht,
das wird aus der geistigen Welt heraus gestaltet, und nur zum
geringsten Teile konnen wir in bezug auf dieses Geschehen von
Ursachen und Wirkungen sprechen.
Ich mochte Ihnen nun an einigen fortlaufenden Beispielen zei-
gen, wie man, um ein wirkliches Bild von dem zu bekommen, was
dem Geschehen zugrunde liegt, die geistigen Ereignisse in dieses
Geschehen hereinbeziehen muB. Die gegenwartige Zeit hangt ja in
geistiger Beziehung mit dem zusammen, was man im geistigen
Leben die Michael-Herrschaft nennen kann. Diese Michael-Herr-
schaft aber ist wiederum mit demjenigen verbunden, was im tief-
sten Sinne auch die anthroposophische Bewegung will, namentlich
mit dem, was sie soil. So daB mit den Ereignissen, von denen ich
sprechen werde, auch das Schicksal, das Karma, wie sich uns das
nachste Mai herausstellen wird, der Anthroposophischen Gesell-
schaft und damit das Karma der weitaus meisten Einzelpersonlich-
keiten zusammenhangt, welche in dieser Anthroposophischen Ge-
sellschaft sich finden. Einzelnes von dem, was ich heute abend be-
riihren werde, ist vielen von Ihnen aus vorigen Vortragen schon
bekannt. Allein ich mochte heute Bekanntes mit weniger Bekann-
tem von einem gewissen Gesichtspunkte aus betrachten.
Wir sehen, meine lieben Freunde, wie seit dem Mysterium von
Golgatha eine fortlaufende christliche Entwickelung durch die ge-
bildete Welt geht. Und es ist ja ofter auch von mir in friiheren
Zeiten dargestellt worden, welchen Sinn diese christliche Entwicke-
lung in den aufeinanderfolgenden Jahrhunderten angenommen hat.
Aber es ist ja nicht zu leugnen, daB in diese christliche Entwicke-
lung manches andere hereingespielt hat. Denn ware das nicht der
Fall, so konnte nicht unsere heutige Zeitbildung von jenem starken
Materialismus durchsetzt sein, von dem sie durchsetzt ist.
Es ist zwar nicht zu leugnen, daB zu diesem Materialismus gerade
die christlichen Bekenntnisse starke Beitrage geliefert haben, aber
nicht eigentlich aus den christlichen Impulsen heraus, sondern aus
anderen Impulsen heraus, die eben von anderer Seite in die christ-
liche Entwickelung hereingeflossen sind.
Wir sehen, wie im Abendlande — nehmen wir eine gewisse Zeit
heraus, das achte, den Beginn des neunten Jahrhunderts — , wir
sehen, wie da in einer Weise, mit der wir vielleicht nicht immer
einverstanden sein konnen von unseren heutigen humanitaren Be-
griffen aus, durch solch eine Personlichkeit wie Karl den GroBen
das Christentum iiberall hingetragen wird unter die damals in
Europa lebenden, noch nicht christlichen Menschen. Unter diesen
nichtchristlichen Menschen sind aber diejenigen ganz besonders
bemerkenswert, welche von jenen Ziigen beeinfluBt worden sind,
die von Asien durch Nordafrika nach Europa heruberkamen und
die vom Arabismus, vom Mohammedanertum ausgehen. Wir miis-
sen dabei das Mohammedanertum im weiteren Sinne des Wortes
fassen.
Ein halbes Jahrtausend und mehr nach dem Mysterium von
Golgatha sehen wir entstehen aus dem Arabismus heraus alle alten
Weltanschauungselemente des Arabismus im Mohammedanertum,
vieies, was damit zusammenhangt, vieles namentlich von einer
reichen, aber in einer unchristlichen Art gestalteten Gelehrsamkeit,
sehen diese Gelehrsamkeit mit durchstoBenden Kriegsziigen von
Asien heriiber durch Nordafrika nach dem Westen und Siiden
Europas sich verbreiten. Wir sehen allmahlich diesen Strom ver-
siegen fiir die mehr auBerliche Welt, aber er versiegt nicht im
Innern der Entwickelung des geistigen Lebens. Als die mehr auBer-
liche Art, den Arabismus nach Europa auszubreiten, schon versiegte,
sehen wir — und hier kommt einer der Falle, wo wir nun von der
auBeren Geschichte nach dem spirituellen Hintergrunde zu sehen
haben — , wie auf eine innerliche Art der Arabismus sich ausbreitet.
Und ich habe Ihnen ja gesagt bei der letzten Karmabetrachtung,
die ich hier angestellt habe, daB, wenn wir die aufeinanderfolgenden
Erdenleben von einzelnen Menschen betrachten, wir nicht aus dem
AuBerlichen, aus der auBerlichen Attitude irgendwelche Schliisse
Ziehen konnen darauf, wie ein friiheres Erdenleben gestaltet war,
denn es kommt auf viel innerlichere Impulse an. So kommt es auch
bei den historischen Personlichkeiten auf viel innerlichere Impulse
an. Und wir sehen die Ergebnisse friiherer Kulturepochen in spatere
von Personlichkeiten getragen, von den Menschen selber hinuber-
getragen, aber wir sehen sie bei diesem Hiniibertragen auch ver-
andert, so daB wir sie in der neuen Form, in der sie eine Person-
lichkeit austragt in einer neuen Inkarnation, nicht ohne weiteres
durch die Betrachtung des AuBeren wiedererkennen konnen. Und
so wollen wir denn eine solche innere Stromung ins Auge fassen.
In derselben Zeit, in der Karl der GroBe — man mochte sagen,
auf eine etwas primitive Art mit der damaligen europaischen pri-
mitiven Bildung verkniipft — das Christentum ausbreitete, lebte
driiben im Orient eine Personlichkeit, die eigentlich gegeniiber
Karl dem GroBen auf einer viel bedeutenderen Hohe stand, Harun
al Raschid. Harun al Raschid versammelte an seinem Hofe in
Vorderasien die bedeutendsten geistigen GroBen seiner Zeit. Und es
war ein glanzender, ja auch von Karl dem GroBen vielfach ver-
ehrter Hof, dieser Hof des Harun al Raschid. Wir sehen die Archi-
tektur, Dichtkunst, Astronomie, Geographie, Historie, Menschen-
kunde, alles in glanzendster Weise durch die glanzendsten Person-
lichkeiten vertreten, zum Teil durch Personlichkeiten, welche noch
viel in sich trugen von Erkenntnissen alter Initiationswissenschaft.
Insbesondere sehen wir beigesellt dem Harun al Raschid, der sel-
ber ein organisatorischer Geist im groBen Stile war, der aus seinem
Hofe geradezu, ich mochte sagen, eine Universal-Akademie zu
gestalten vermochte, wo in einem groBen organischen Ganzen die
einzelnen GHeder dessen, was man dazumal im Orient an Kunst
und Wissenschaft hatte, zusammenwirkten, wir sehen dem Harun
al Raschid beigesellt eine andere Personlichkeit, eine Personlichkeit,
die geradezu die Elemente alter Einweihung in sich trug.
Es ist ja nicht so, daB ein Mensch, der in friiherer Inkarnation
ein Eingeweihter war, wiederum als Eingeweihter in einer spateren
Inkarnation erscheinen muB. Sie konnen ja, meine lieben Freunde,
die Frage aufwerfen, die im Anschlusse an manches in diesen Vor-
tragen Behauptete aufzuwerfen ist: Ja, es soil doch alte Eingeweihte
gegeben haben, wo sind denn die hingekommen? Haben die sich
nicht wieder verkorpert? Wo sind sie heute? Wo waren sie in den
letzten Jahrhunderten? — Nun, sie waren schon da, aber man muB
eben in Erwagung Ziehen, daB derjenige, der in einer fruheren
Inkarnation ein Initiierter war, in einer neuen Inkarnation vor alien
Dingen fur sich die auBere Korperlichkeit benutzen muB, die eben
das Zeitalter geben kann. Die neuere menschliche Entwickelung
gibt nicht Korper, die so innerlich schmiegsam, biegsam und weich
sind, daB unmittelbar dasjenige in sie eintreten kann, was in einer
fruheren Inkarnation in der Individualist lebte. Und so bekommen
dann die Initiaten andere Aufgaben, in denen schon unbewuBt in
der StoBkraft der Impulse dasjenige wirkt, was friiher wahrend
ihrer Initiation da war, was aber nicht in der Form des Initiations-
wirkens auftritt.
So lebte am Hofe Harun al Raschids als ein zweiter Organisator,
der auch ein Besitzer auBerordentlich tiefer Einsicht war — nur
nicht gerade in der damaligen Inkarnation der Initiaten-Einsicht —
ein Ratgeber, der die groBtdenkbaren Dienste dem Harun al Raschid
leistete.
Diese beiden Personlichkeiten, Harun al Raschid und sein Rat-
geber, sie gingen durch die Pforte des Todes. Und sie sahen gewis-
sermaBen, nachdem sie driiben im geistigen Reiche angekommen
waren, noch die letzten Phasen der Ausbreitung des Arabismus auf
der einen Seite liber Afrika nach Spanien hiniiber, weit nach Europa
herein, auf der andern Seite aber auch nach Mitteleuropa herein.
Sie waren starkste Krafte, die beiden, und Harun al Raschid hatte
manches getan w'ahrend seines Lebens, um in der physischen Welt
zur Ausbreitung des Arabismus beizutragen.
Dieser Arabismus hat ja eine besondere Gestalt am Hofe Harun
al Raschids bekommen: die Gestalt, die nun eben hervorgegangen
war aus mancherlei anderen Gestaltungen, welche Erkennen und
Kunst driiben in Asien seit langer Zeit hatten. Die letzte groBe Ent-
wickelungswelle nach Asien hiniiber war ja von dem vorigen
Michael-Zeitalter als dasjenige ausgegangen, was griechisches Gei-
stesleben, griechische Spiritualitat, griechischer kiinstlerischer Sinn
bedeutete und was zusammengefaBt wurde durch die Gemeinschaft
von Aristoteles und Alexander dem GroBen und als die Bliite des
griechischen Geisteslebens, in einer ungemein energischen, aber
auch fur Geistverbreitung vorbildlichen Art durch die Eroberungs-
ziige Alexanders des GroBen nach Asien, nach Afrika hiniiber-
getragen wurde, durchsetzt mit der Gesinnung, die sich wissen-
schaftlich auspragte im Aristotelismus in Vorderasien und Afrika.
Und damit wurde iiberhaupt der Arabismus und der Orientalismus
gesinnungsgemaB ausgestaltet mit jenen Impulsen, welche das Grie-
chentum des Aristoteles angenommen hatte und die dann durch
Alexanders Eroberungen und Griindungen eine so glanzende Ver-
breitung gefunden haben.
Wenn wir da ein paar Jahrhunderte vor das Mysterium von Gol-
gatha zuriicksehen, bis zu den Alexanderziigen, bis zu der Verbrei-
tung jener Weisheitsgiiter, die ich eben angedeutet habe, durch
Alexander den GroBen, so sehen wir die ganzen Jahrhunderte hin-
durch bis zu Harun al Raschid, der dann im achten nachchristlichen
Jahrhundert lebte, driiben in Asien die Gesinnung, die Aufnahme-
fahigkeit fiir griechisches Geistesleben in der aristotelischen Gestalt.
Aber es hatte eigentiimliche Formen angenommen. Obzwar das
alles geistvoll, groBartig eindringlich, von dem Arabismus durch-
drungen am Hofe Harun al Raschids lebte, obzwar es gepflegt
wurde von Harun al Raschid, von seinem Ratgeber, von den ande-
ren, die da waren, sogar durchsetzt wurde von alter orientalischer
Initiatenweisheit, so war das, was an Aristotelismus am Hofe Harun
al Raschids lebte, doch nicht das Echte, was etwa zwischen Aristoteles
und Alexander gepflegt worden ist. Es hatte Formen angenommen,
die sich wenig um das Christen turn kummern wollten.
Und so haben wir da driiben, glanzend gepflegt namentlich unter
der Agide Harun al Raschids und seines Ratgebers, einen Aristote-
lismus, ein Alexandertum, der einen dem Christentum abtraglichen
Pol darstellt, der eine Geistgestalt, namentlich eine Art von Pan-
theismus, angenommen hat, die sich mit dem Christentum niemals
vereinigen wollte, durch ihre innere Essenz sich nicht mit dem Chri-
stentum vereinigen konnte.
Mit einer solchen Gesinnung eines antiken Geisteslebens, das
nicht in das Christentum hineinwollte, gingen Harun al Raschid
und sein Ratgeber durch die Pforte des Todes. All ihr Miihen, all
ihre Sehnsucht, all ihre Kraft war, nachdem sie durch die Pforte des
Todes gegangen waren, darauf gerichtet, von der Geistwelt aus in
der geschichtlichen Entwickelung gewissermaBen fortsetzend in das-
jenige einzugreifen, was an Verbreitung des Geisteslebens des Ara-
bismus — friiher im Laufe der Kriegszeiten und dergleichen — von
Asien nach Europa herein stattgefunden hatte. Sie sandten nach
ihrem Tode aus der geistigen Welt herunter die Geiststrahlen, die
gewissermaBen Europa in seinem Geistesleben mit Arabismus
durchdringen wollten.
Und so sehen wir, wie der eine, Harun al Raschid, folgende Ent- Ta ( el
7 <=> rechts
wickelung nach seinem Tode durchmacht: Von Vorderasien durch oben
den Siiden Europas heriiber, durch Spanien verfolgt er von der gei-
stigen Welt aus das, was zur Verbreitung des Arabismus geschieht,
und setzt es fort. Der andere, der in der geistigen Welt lebt, be-
obachtet entsprechend und lebt in einer gewissen Weise mit dem-
jenigen mit, was unten in der physischen Welt ist; er nimmt gewis-
sermaBen in der Geistwelt einen Zug, der sich in seiner Projektion
etwa ausnehmen wiirde wie: nordlich vom Schwarzen Meer nach
Mitteleuropa herein.
So senden wir einmal unsern BHck hinauf zu diesen Individuali-
taten, gewissermaBen in Geistwanderungen, die sich in dieser eben
angegebenen Weise auf den physischen Plan herunterprojizieren
lassen. Sie wissen ja auch schon historisch, wie der Aristotelismus,
wie die Alexandersage sich in das Christentum hinein verbreitet
hatten. Im neunten, zehnten, elften, zwolften, dreizehnten Jahrhun-
dert noch gehorte zu den allerpopularsten Stoffen, von denen man
iiberall erzahlte in Europa, der Stoff, der sich an Alexander den
GroBen ankniipfte. Und wir haben da die wunderbare Dichtung
des Pfaffen Lamprecht, das Alexanderlied, das iiberall aber die
Taten Alexanders an die geistige Welt ankniipft. Die Erziehung
und das Leben Alexanders werden geschildert, die Ziige nach Asien
hiniiber. Aber iiberall wird dasjenige, was in diesem Erdenleben
Alexanders geistig lebt, hervorgehoben. Und mit allem Erdenleben
hangt ja Geistiges zusammen, das sieht nur das gewohnliche Be-
wuBtsein nicht. In dieser Bearbeitung des Stories im Mittelalter war
das alles darinnen. Und so breitet sich der Aristotelismus aus bis
herein in die Scholastik: iiberall aristotelische Begriffe. Aber es ist
nur der andere Pol: Driiben, hiniiber nach Asien, in arabistischer
Form, hier in christlicher Form; das Alexanderlied ganz von christ-
licher Gesinnung durchdrungen, der Aristotelismus in Europa durch-
aus in christlicher Gestalt.
Ja, es spielt sich da sogar das Merkwiirdige ab, daB die christ-
lichen Kirchenlehrer, ausgeriistet in ihrer Seele mit dem Aristoteles,
gegen diejenigen kampfen, die von Asien heriiber den anderen
Aristoteles getragen hatten nach Spanien hinein und dort eine un-
christliche Lehre verbreiteten. Und wir sehen iiberall auf den Bil-
dern, die eben in spaterer Zeit gemalt worden sind, ich mochte
sagen, den Aristotelismus kampfen mit den christlichen Kirchen-
vatern, die Kirchenvater mit dem in der Hand, was sie aus Aristoteles
haben, tot-tretend mit den FiiBen Averrhoes und die anderen, die
nun auch jenen Aristotelismus, der durch das Alexandertum her-
iiber nach Europa gekommen war, in ihrer Art vertreten.
Das spielt sich auBerlich ab. Aber man darf aus der geistigen
Forschung heraus sagen: Harun al Raschid und sein Ratgeber leb-
ten in der angedeuteten Weise weiter fort, nachdem sie durch die
Pforte des Todes gegangen waren. So lebten selbstverstandlich auch
fort Alexander und Aristoteles. Sie selber aber, die wirklichen Indi-
vidualitaten, die nur einmal, ich mochte sagen, voriibergehend ins
Erdenleben hereinsahen in den ersten christlichen Jahrhunderten
— sogar in einer fur die anthroposophischen Gesichtspunkte inter-
essanten Gegend — , aber dann wiederum zuriickgingen in die gei-
stige Welt und die in der geistigen Welt zugleich waren in der Zeit,
als Harun al Raschid und sein Ratgeber schon einige Zeit den phy-
sischen Plan verlassen hatten, Aristoteles und Alexander verfolgten
andere Wege. Ihre wirklichen Individualitaten gingen mit der
christlichen Entwickelung, gingen westwarts mit der christlichen
Entwickelung.
Nun spielte sich auch das Wichtigste, das Wesentlkhste ab im
neunten Jahrhundert. Aber dasjenige, was jetzt von der geistigen
Welt aus maBgebend ist fur das, was in Europa geistig geschieht,
das fallt in ubersinnlichen Welten mit einem Ereignis zusammen,
in dem man es nicht leicht wiedererkennt, — aber es fallt zusammen
mit diesem Ereignis. Und ein ungeheuer Bedeutsames geschieht
gerade 869 in ubersinnlichen Welten. Oben geschieht etwas auBer-
ordentlich Bedeutsames; unten spielt sich ab jenes achte okume-
nische Konzil in Konstantinopel, in dem dogmatisch erklart wird,
man diirfe nicht sagen, wenn man Christ sein wolle, der Mensch
bestiinde aus Leib und Seele und Geist. Die Trichotomie, wie man
es nannte, wurde fur ketzerisch erklart.
Ich habe das friiher oftmals so ausgedriickt, daB ich sagte: Auf
diesem Konzil 869 wurde der Geist abgeschafft; man muBte in der
Zukunft sagen, der Mensch bestehe aus Leib und Seele, und die
Seele habe einige geistige Eigenschaften. Das, was da unten in dieser
Weise in Konstantinopel geschah, das war eine irdische Projektion,
in der man allerdings dasjenige nicht wiedererkennt, von dem es
die Projektion ist. Es war die Projektion eines geistigen, aber fur die
europaische Geistesgeschichte ungeheuer wichtigen Ereignisses, das
sich allerdings liber viele Jahre erstreckte, das aber sozusagen doch
nach diesem Zeitpunkte audi angesetzt werden kann.
Es war schon jene Zeit herangekommen in diesem neunten Jahr-
hundert, wo fur die europaische Menschheit und ihr Geistesleben
vollstandig vergessen war, was in den ersten christlichen Jahrhun-
derten den echten Christen durchaus noch gelaufig war: daB der
Christus als ein Wesen, das friiher in der Sonne war, sein Leben mit
der Sonne zusammenhangend hatte, daB dieser Christus in dem
Leibe des Jesus von Nazareth sich verkorpert hatte, wie es ja oft-
mals hier dargestellt wurde. Christus, das Sonnenwesen Christus zu-
sammenhangend mit der kosmischen Welt durch seine Wohnung in
der Sonne vor dem Mysterium von Golgatha, und nicht nur das
Sonnenwesen, sondern das Wesen, das mit allem, was planetarisch
mit der Sonne zusammenhangt, eben auch verbunden war: das war
etwas den ersten Christen Gelaufiges. Aber dieser kosmische Ur-
sprung des Christus-Impulses, er war im neunten Jahrhundert schon
nicht mehr da. Man hatte sozusagen die GroBe des Christus-Impul-
ses abgestreift. Immer mehr und mehr riickte man heran an das,
was man das rein Menschliche nannte, das heiBt das nur auf dem
physischen Plan sich Abspielende. Man nahm die Evangelien,
erklarte nicht das, was in den Kosmos hinauswies, sondern erzahlte
wie ein Erden-Epos dasjenige, was Inhalt der Evangelien ist.
Wenn man recht verstehen will, was damit eigentlich geschieht,
dann muB man sich klar sein dariiber, daB es ja in der wirklichen
Entwickelung der Menschheit ein Christentum vor Christus, vor
dem Mysterium von Golgatha gab. Und ernst sollte man nehmen
solche Worte wie die des Heiligen Augustinus, der ja sagte, das
Christentum war immer da, nur nannte man diejenigen, die sich
vor dem Mysterium von Golgatha zum Christentum bekannten,
nicht Christen, sondern man nannte sie eben anders. Das ist aber
nur der auBere Ranken-Ausdruck fiir etwas, was auBerordentlich
tief bedeutsam ist. In den Mysterien, in den wahren Mysterien, und
sogar an denjenigen Statten, wo nicht selber Mysterien waren, aber
das Mysterium-Wissen und die Mysterien-Impulse hineinspielten,
da gab es iiberall ein Christentum vor dem Mysterium von Golgatha.
Nur sprach man von dem Christus- Wesen als dem Wesen, das auf
der Sonne ist, das man dann schauen kann, mit dem man wirken
kann, wenn man durch die Initiations- Weisheit so weit kornmt, daB
einem die Tatsache des Sonnenlebens in ihrem geistigen Inhalte,
in ihrem tatsachlichen Inhalte gegenwartig sein kann.
So sprach man von dem Christus, der da kommen wird, in den
alten Mysterien. Man sprach nicht von einem irdischen Christus,
der auf der Erde gelebt hat und da ist; man sprach aber von dem
kommenden Christus, der einmal da sein wird, den man dazumal
noch auf der Sonne suchte. Solches aber verbreitete sich auch in die
spateren Zeiten noch hinein fiir manche Statten, die das Christen-
tum auch in nachchristlichen Jahrhunderten noch nicht erreicht
hatte.
Und da hat sich gerade vor kurzem durch den englischen Auf-
enthalt, als der Sommerkurs stattfand in Torquay, im Westen Eng-
lands, in der Nahe derjenigen Statte, wo einstmals Artus mit den
Seinen war — wir konnten ja diese Statte besuchen — , da hat sich
gerade etwas ergeben, was hinwies auf ein solches verspatetes Wir-
ken in einem Christentum vor dem Christentum. Dort hat sich ein-
fach das erhalten in spatere Zeiten hinein, was in der Artus-Sage
vielfach von einer Gelehrsamkeit, die aber nicht sehr gelehrt ist in
bezug auf das Tatsachliche, auf spatere Zeiten bezogen wird. Das
geht aber in sehr friihe Zeiten zuriick. Und es ist ja wirklich ein
tiefer Eindruck, den man bekommen kann, wenn man da auf der
Statte steht, von der man hinunterschaut in das Meer, wie einstmals
die Ritter der Artusschen Tafelrunde hinuntergeschaut haben in das
Meer. Und man bekommt, wenn man dafiir empfanglich ist, heute
noch durchaus jenen Eindruck, der einem sagt, was eigentlich diese
Ritter der Tafelrunde, die Artus-Ritter, da oben machten in diesem
Riesenschloss, von dem die letzten Steine, die abbrockelnden Steine,
die spatesten Zeugen, stehen.
Von dieser Ruinenstatte, die, trotzdem sie ganz zerbrockelt ist,
TafeJ noch einen gigantischen Eindruck macht, schaut man hinaus in das
links Meer. Es ist eine Bergkuppe, auf beiden Seiten davon das Meer. In-
dem man da in das Meer hinausschaut, in einer Gegend, wo fast
immer stundenweise die Witterung wechselt, kann man, wenn man
da stent, den glanzenden Sonnenschein, der sich im Meere spiegelt,
anschauen; gleich darauf weht stiirmisches Wetter. Man bekommt,
wenn man das, was sich heute noch da abspielt, mit dem okkulten
Auge iiberschaut, einen groBartigen Eindruck. Es weben und leben
elementarische Geister, die da sich herausentwickein aus den Licht-
wirkungen, den Luftwirkungen, den Wirkungen der sich krauseln-
den und an dem Ufer sich stoBenden Meereswellen. Der Eindruck
jener Elementargeister, die in dem allem leben, die Wechselwirkung
der Elementargeister in dem Leben, in dem Weben dieser Elemen-
targeister zeigt sich heute noch ganz anschaulich: wie die Sonne in
ihrer Wesenheit Irdisches wirkt, indem sie zusammenkommt mit
dem, was von unten an Elementargewalten, an spirituellen Elemen-
targeistern aus der Erde herauswachst. Da bekommt man heute den
Eindruck: Das war die unmittelbare, urspriingliche Inspirations-
quelle der Zwolf, die zu dem Artus gehorten.
Man sieht sie stehen dort, diese Ritter von Arms' Tafelrunde,
beobachtend dieses Spiel der Licht-, Luft-, Wasser-, Erdgewalten,
der elementaren Geister. Aber man sieht auch, wie diese Elementar-
geister ihnen Boten waren fiir Sonnen- und Monden- und Sternen-
Botschaften, was dann iibergegangen ist in ihre Impulse, nament-
lich in alteren Zeiten. Vieles hatte sich erhalten durch die Jahr-
hunderte der nachchristlichen Zeit bis zu jenem Jahrhundert, dem
neunten Jahrhundert, von dem ich eben spreche.
Es war ja die Aufgabe dieses Artus-Ordens, der auf den Unter-
richt Merlins hin dort begriindet worden ist, Europa zu kultivieren,
als Europa noch iiberall in seinem Geistesleben unter dem Einflusse
der merkwiirdigsten Elementarwesenheiten stand. Und mehr als
man heute glaubt, muB das alte Leben Europas begriffen werden so,
daB man iiberall sieht das Hineinspielen von elementargeistigen
Wesenheiten in das unmittelbare menschliche Leben.
Da aber lebte auch, bevor dorthin die Kunde von dem Christen-
tum gekommen war, und sogar in den altesten Formen — denn, wie
gesagt, das Artusleben fiihrt bis in vorchristliche Zeit zuriick — , da
lebte auch die Erkenntnis, wenigstens praktisch instinktiv, aber prak-
tisch instinktiv ganz deutlich, die Erkenntnis von dem Christus, dem
Sonnengeiste, vor dem Mysterium von Golgatha. Und in dem, was
die Ritter von Arms' Tafelrunde taten, lebte dieser selbe kosmische
Christus, der - nur nicht unter dem Namen des Christus — auch
enthalten war in dem Impetus, mit dem Alexander der GroBe nach
Asien hiniiber die griechische Kultur mit ihrem spirituellen Leben
trug. Es gab sozusagen spatere Alexanderziige, die von den Rittern
von Artus' Tafelrunde so nach Europa ausgefuhrt wurden wie der
Alexanderzug von Mazedonien nach Asien hiniiber.
Ich fiihre das an, weil man da an einem Beispiele, das gerade in
der letzten Zeit untersucht werden konnte, sieht, wie der Sonnen-
dienst, das heiBt der alte Christusdienst, eigentlich da gepflegt wor-
den ist; aber selbstverstandlich mit diesem Christus, wie er fiir die
Menschen vor dem Mysterium von Golgatha war: Da war alles
kosmisch, sogar in dem irdisch-elementaren Ubergang des Kosmos.
In den Elementargeistern, die in Licht und Luft und Wasser und
Erde lebten, lebte ja das Kosmische; da konnte man darinnen das
Kosmische beim Erkennen nicht verleugnen. So daB im euro-
paischen Heidentum in diesem neunten Jahrhundert viel vorchrist-
liches Christentum lebte. Das ist das Eigentiimliche — , und daB
diese Nachziigler des europaischen Heidentums den kosmischen
Christus in dieser Zeit iiberhaupt verstanden, viel wiirdiger verstan-
den als diejenigen, die in dem sich offiziell verbreitenden Christen-
tum den Christus hinnahmen.
Wir sehen ja, wenn wir dieses Leben um den Konig Artus, von
Konig Artus, hereinleuchten sehen in die Gegenwart, wie merk-
wiirdig sich das fortsetzt, wenn es sich durch Karmagewalt, durch
Schicksalsgewalt plotzlich in die Gegenwart hereinstellt. So konnte
ich schauend kommen auf ein Mitglied von Artus' Tafelrunde, das
wirklich das Leben von Artus' Tafelrunde in einer sehr eindring-
lichen Weise fiihrte, etwas abseits von den iibrigen, die mehr dem
Rittertum hingegeben waren. Es war das ein Ritter mit einem etwas
beschaulichen Leben. Nkht ahniich dem Gralsrittertum, — das gab
es bei Artus nicht. Man nannte das, was aus ihren Aufgaben her-
aus, die zum groBen Teile eben gemaB der damaligen Zeit Kriegs-
ziige waren, diese Ritter trieben, man nannte das: Abenteuer,
Aventiuren. Aber der eine, der mir herausfiel aus den anderen Ge-
stalten, der zeigte ganz aus diesem Leben heraus vieles, das ja in
seiner Inspiration wunderbar ist. Diese Ritter gingen hinaus auf
das vorspringende Land, iiberschauten jenes wunderbare Wolken-
spiel oben, die sich krauselnden Wellen unten, dieses Ineinander-
werfen, das heute noch einen majestatischen, groBartigen Eindruck
macht, sahen darinnen das Geistige, inspirierten sich damit. Da-
durch hatten sie ihre Kraft. Aber es gab einen darunter, der hatte
einen besonders eindringlichen Blick fiir dieses Krauseln und Wel-
len, dafiir, wie die geistigen Wesenheiten in diesen krauselnden
Wellen herauftollen, mit ihren fiir irdischen Anblick grotesken Ge-
stalten, er hatte einen wunderbaren Blick fiir die Art und Weise,
wie diese herrlich reine Sonnenwirkung mit der iibrigen Natur zu-
sammenspielte, lebte und webte in dem geistigen Wirken und
Weben dieser bewegten Meeresoberflache, er lebte in dem, was man
auch sieht in dieser durch die wassrige Atmosphare, ich mochte
sagen, getragenen Lichtnatur der Sonne, die in einer anderen Weise
an Baume und Baumzwischenraume herankommt als in anderen
Gegenden. Sie erglanzt wieder, zuweilen wie in Regenbogenfarben
spielend, von den Baumzwischenraumen hervor.
Solch ein Ritter war da unter diesen, der einen eindringlichen
Blick hatte fiir diese Dinge. Es lag mir viel daran, dessen Leben
weiter zu verfolgen, die Individualist weiter zu schauen, denn ge-
rade da muBte sich etwas von einem, ich mochte sagen, fast primi-
tiven heidnischen, nur so weit christlichen Leben, wie ich es dar-
gestellt habe, in einer sp'ateren Inkarnation ergeben. Es hat sich
ergeben: Gerade dieser Ritter der Tafelrunde des Artus ist wieder-
geboren als Arnold Bocklin. Und dieses Ratsel, das mich ungeheuer
lange verfolgt hat, kann nur gelost werden in Ankniipfung an
Amis' Tafelrunde. Sehen Sie, da haben wir ein Christentum vor
dem Mysterium von Golgatha, das heute noch mit geistigen Han-
den zu greifen ist, das noch hineinleuchtet in die Zeit, bis zu der
Zeit, die ich hier skizziert habe.
Die Personlichkeiten, die durch die Pforte des Todes gegangen
waren, die gut kannten, was Christentum vor dem Mysterium von
Golgatha war, trafen zusammen, wahrend das achte allgemeine
Konzil in Konstantinopel spielte, ich mochte sagen, bei einem
himmlischen Konzil, das gleichzeitig war; bei dem sich Aristoteles,
Alexander, Harun al Raschid, sein Ratgeber und manche aus dem
Kreise, gerade von Arms' Tafelrunde, begegneten.
Da war von den im christlichen Sinne wirken wollenden Aristo-
teles und Alexander viel Miihe aufgewandt, den Arabismus, der in
den Individualitaten von Harun al Raschid und den anderen lebte,
zu besiegen. Es ging nicht. Die Individualitaten waren nicht dazu
geeignet. Aber das andere ergab sich: daB noch tiefer durchdrungen,
als es eben in den rauheren Attituden der Artusritter war, das alte
kosmische Christentum in den von Artus' Tafelrunde herkommen-
den Menschen lebte. Und da war es, bei diesem uberirdischen Kon-
zil, daB gegeniiber dem, was nun wohl in der Zukunft geschehen
werde und was man voraussah, unter der Mitwirkung der Michael-
macht sozusagen von Alexander und Aristoteles die Entschliisse ge-
faBt wurden, wie in Europa das geistige Leben neue Impulse im
Sinne eines verchristlichten Alexandrismus, eines verchristlichten
Aristotelismus erhalten solle.
Aber Harun al Raschid und sein Ratgeber blieben bei dem alten.
Und das, was durch dieses, wenn ich so sagen darf, himmlische
Konzil sich abspielte, dieses nun weiter zu verfolgen in der euro-
paischen Geistesgeschichte, das ist von der allergroBten Bedeutung.
Denn wenn wir auf die weitere Wanderung im Geistesleben blicken,
finden wir Harun al Raschid, diesen wunderbaren Organisator, die-
sen groBartigen Geist aus der Zeit Karls des GroBen, auf Erden
wiederkommen. Und er erscheint wiederum spater mitten im Chri-
stentum, aber indem er durchgetragen hat durch das Leben zwi-
schen Tod und neuer Geburt seinen Arabismus. Doch es braucht
nicht in der auBeren Konfiguration, die dann in der physischen
Welt auftritt, dasjenige, was eine solche Personlichkeit darlebt, dem
arabischen Elemente ahnlich zu sein. Es kleidet sich in die neuen
Formen, bleibt aber in den neuen Formen dennoch dem Wesen
nach das Alte: Mohammedanismus, Arabismus.
Das tritt auf, wirksam im europaischen Geistesleben, als Harun
al Raschid wiedererscheint, wiederverkorpert in Bacon, Baco von
Verulam. Und das tritt in einer anderen Weise auf, sogar in einer
merkwiirdigen Weise mit dem Christentum durchsetzt, indem sein
Ratgeber auftritt in Mitteleuropa, weithin in Europa dann wirkt als
Amos Comenius. Vieles im europaischen Geistesleben ist im Zu-
sammenhange mit dem geschehen, was die wiedererstandenen Gei-
ster des Hofes von Harun al Raschid in diesen neuen menschlichen
Gestalten in Europa begriindet haben.
Wir sehen, wie dagegen wirkt, was sich erst vorbereitet, dann
wirklich geschieht, aber spater geschieht. Denn dasjenige, was in
Baco von Verulam, was in Amos Comenius spater herausgekom-
men ist, es hat geistig vorher lange gewirkt von der geistigen Welt
herunter, denn es hatte ganz besonders intensive Formen angenom-
men durch dieses iibersinnliche Konzil 869.
Dagegen wirkt nun auch der andere Pol, der Pol, den nun
Alexandertum und Aristotelismus fur das Christentum angenom-
men haben. Das pragte sich zunachst aus in den mannigfaltigsten
Influenzierungen, die stattfanden an einsamen Statten der Pflege
christlichen Geisteslebens. Namentlich sehen wir eine solche Statte
in der hier schon ofter fur einzelne, aber nicht fur alle, die da sind,
genannten Schule von Chartres. Die Schule von Chartres, die nament-
lich im zwolften Jahrhundert bliihte, hatte einen groBartigen spiri-
tuellen Einschlag. Sylvester von Chartres, Alanus ab Insulis, andere
Geister, die in irgendeiner Weise mit der Schule von Chartres in
Zusammenhang standen oder wie Alanus ab Insulis oder Sylvester
in ihr lehrten, sie hatten viel in sich von alter Initiatenweisheit,
wenn sie auch nicht selber im wahren Sinne des Wortes voll Initi-
ierte genannt werden konnen. Die Biicher, die von ihnen herriih-
ren, sehen wie Kataloge von Worten aus. Aber es war dazumal
nicht moglich, dasjenige, was man dem vollen Leben geben wollte,
in Biichern anders anzubringen als in voller Rhetorik, als eine Art
Wortkatalog. Aber wer zu lesen versteht, der liest gerade in diesen
Biichern dasjenige, was in einer glanzenden, wunderbar spirituell
durchdrungenen Weise von den groBen Lehrern von Chartres zahl-
reichen Schiilern gelehrt worden ist.
Da glanzte wirklich ein spiritueller Stern iiber dem europaischen
Geistesleben in dieser Schule von Chartres, dem Ort, an dem ja
heute noch die architektonisch wunderbar gestalteten Kathedralen
sind, die das Werk von Jahrhunderten in feiner Ausgestaltung zeigen.
Auch an manchen anderen Orten lebte dasjenige, was da spiri-
tuelles Leben war: eine Einsicht in die Natur, aber eine andere Ein-
sicht, eine spirituellere Einsicht, als die spater gekommene ist, ein
geistiges Leben, das auch auf geistigem Wege gewirkt hat. Es ist ja
interessant, was dieses geistige Leben, dieses spirituelle Leben in der
mannigfal tigs ten Weise ausgestrahlt hat. Wir kdnnen an einzelnen
Orten Frankreichs verfolgen, wie an den hohen Schulen, von
Chartres ausgehend, durch Frankreich hindurch, nach Siidfrankreich
herein, bis nach Italien heruber, auch im Lehren der Geist von
Chartres lebte. Aber er lebte auch auf spirituelle Art selber.
Es ist ja interessant, daB Brunetto Latini, der eine Zeitlang Ge-
sandter in Spanien war, als er wieder zuriickging und von dem
Ungliicke seiner Vaterstadt Florenz aus der Feme schon horte, da-
durch eine starke seelische Erschiitterung erlitten hat, die zusam-
menfiel mit einem leisen Sonnenstich, den er bekommen hatte. In
solcher korperlicher Verfassung ist der Mensch leicht spirituellen
Einfliissen, die sich auf spirituelle Art verbreiten, zuganglich. Es ist
ja bekannt, wie Brunetto Latini auf seinem Wege nach Florenz
geradezu eine Art von elementarischer Einweihung erlebte. Er
wurde der Lehrer Dantes. Die Spirituaiitat der «Commedia» ist her-
riihrend von den Lehren, die Brunetto Latini Dante, seinem Schii-
ler, gegeben hat.
In all dem lebt eben dasjenige, was, ich mochte sagen, iibersinn-
lich ausgemacht worden ist auf dem iibersinnlichen Konzil 869-
Denn die Inspiration zu den Lehren von Chartres, die Inspiration
fur Brunetto Latini, auch die Inspiration fur Dante, so daB in Dantes
Gedichtwerk Kosmisches leben konnte, all das hangt zusammen
mit dem Impuls, der von dieser iibersinnlichen Versammlung aus-
gegangen war im neunten nachchristlichen Jahrhundert.
Wenn man in diese Dinge hineinschaut, zusammen erblickt das
ganze europaische Geistesleben aus der alten Alexanderzeit, in der
Zeit des Mysteriums von Golgatha, bis herein in diese Zeiten, bis
zur Schule von Chartres, und wenn man es weiter verfolgt in die
folgende Zeit hinein — wir werden das noch sehen — , wenn man da
ineinanderschaut, was ubersinnlich sich abspielt, mit dem, was hier
unten sein Schattenbild in der physischen Welt ist, dann beginnt
man dasjenige, was man heme Michaelstromung nennen soil, erst
wirklich zu begreifen, zu begreifen, was die Michaelstromung will.
Man kann dann hineinsehen in das, was im Sinne der Michael-
stromung die anthroposophische Bewegung will. — Davon wollen
wir dann das nachste Mai weiter sprechen.
VIERTER VORTRAG
Dornach, 12. September 1924
Wenn wir ein vom Geistesleben durchflossenes menschliches Den-
ken und Handeln wiederum haben wollen, dann wird es notwen-
dig sein, solche Anschauungen von der geistigen Welt, wie sie in
den letzten Vortragen dutch unsere Seele gezogen sind, in vollem
Ernste wiederum aufzunehmen, nachdem sie jahrhundertelang
eigentlich gerade der zivilisierten Menschheit gefehlt haben.
Wenn wit in verschiedene Epochen menschlicher Geschichts-
entwickelung zuriickblicken, so werden wir in alteren Zeiten sehen,
wie menschliches Handeln auf Erden iiberall angekniipft worden
ist an dasjenige, was im Ubersinnlichen sich vollzieht. Nicht als ob
etwa bei dem weitaus groBten Teil der Menschheit in der letzten
Zeit ein gewisses abstraktes BewuBtsein vom Ubersinnlichen gefehlt
hatte; das soli nicht gesagt werden. Wohl aber hat der Mut gefehlt,
dasjenige, was im Irdischen konkret geschieht, auch an konkrete
Gestaltungen des geistigen Lebens und Webens anzukniipfen.
Mit solchen Betrachtungen, wie wir sie nun angestellt haben,
kommen wir wieder dazu. Namentlich kommen wir dazu, wenn
wir das irdische Leben der Menschen, so wie es ja hier geschehen
ist, in Zusammenhang zu bringen vermogen mit dem Leben zwi-
schen dem Tode und einer neuen Geburt und wenn wir vermogen
anzukniipfen das, was in einem Erdenleben geschieht, an dasjenige,
was in den aufeinanderfolgenden Erdenleben sich vollzieht.
Wir haben nun damit begonnen, jene geistig-iibersinnliche Stro-
mung zu betrachten, von der ich sagen durfte, daB sie mit unserer
gegenwartigen Michaelstromung, in deren Dienst sich die An-
throposophie gestellt hat, zusammenhangt. Damit haben wir uns
auf den Weg begeben, der in gewissem Sinne an das Karma der
anthroposophischen Bewegung selbst herankommen soli und damit
auch an das Karma der einzelnen Personlichkeiten, die in ehrlicher
Weise, das heiBt aus einem selbstverstandlichen Trieb ihres Inneren
heraus, das Leben ihrer Seele, ihres Geistes vereinigen konnen mit
der anthroposophischen Bewegung.
Und ich habe darauf aufmerksam gemacht, wie gewissermaBen
unter der Agide der Michaelmacht ein iibersinnliches Ereignis in
derselben Zeit stattgefunden hat, in welcher auf Erden 869 jenes
Konzil stattgefunden hat, durch welches das ganze Mittelalter in
seinem Zivilisationsleben tief beeinfluBt worden ist. Man muB nur
die tiefe Scheu beobachten, mit der erleuchtete Geister des Mittel-
alters es vermieden, von dem dreigliedrigen Menschen nach Leib,
Seele und Geist zu sprechen. Denn es hat eben dieses achte all-
gemeine Konzil in Konstantinopel die Lehre vom dreigliedrigen
Menschen als ketzerisch, als haretisch erklart, und bei der Macht,
welche solche geistigen Verfiigungen im Mittelalter hatten, ist es
einleuchtend, daB nun eigentlich das ganze geistige Leben in gewis-
ser Beziehung hier auf Erden unter dem Schatten dieser Verketze-
rung der sogenannten Trichotomie verlauft.
Aber um so intensiver ist eigentlich dasjenige Geistesleben, das
seit langer Zeit daran arbeitet, die Michaelstromung fur das zwan-
zigste Jahrhundert vorzubereiten, die Michaelstromung, in der wir
seit dem letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts stehen und
in der wir als Menschheit drei bis vier Jahrhunderte stehen werden.
Wir wollen heme auf den Fortgang dieser Stromung, die wir ja zu
betrachten begonnen haben, hinweisen, um dann iibermorgen, am
nachsten Sonntag, mehr an dasjenige heranzukommen, was auf der
einen Seite mit dem Karma der anthroposophischen Bewegung, auf
der anderen Seite mit dem Geistesleben der Gegenwart karmisch
zusammenhangt.
Ich habe gesagt, daB bei einer Art ubersinnlichen, iiberirdischen
Konzils in derselben Zeit, als das achte allgemeine Konzil in Kon-
stantinopel stattgefunden hat, sich die Individualitaten Harun al
Raschids und seines weisen Ratgebers, aber auch die Individualita-
ten Alexanders und Aristoteles' getroffen haben; daB sich da auch
eingefunden haben einige Individualitaten aus der Zeit, in welcher
der Dienst des Artus stattgefunden hat, und ich habe auseinander-
gesetzt, wie das alles unter der Agide Michaels stattgefunden hat.
Dann habe ich darauf aufmerksam gemacht, wie Harun al Raschid
wiedererscheint — heriibertragend nach Europa orientalisches Gei-
stesleben mit einer unchristlich gewordenen aristotelischen Lehre — ,
wie Harun al Raschid erscheint als Lord Bacon, als Baco von Veru-
lam, der einen groBen EinfluB auf das Geistesleben Europas hatte-,
aber einen EinfluB, der sich durchaus im materialistischen Sinne
bewegt. Und ich habe darauf aufmerksam gemacht, wie der Rat-
geber Harun al Raschids, den ich charakterisiert habe, wiederum
erscheint als Amos Comenius, von dem ja mit Recht in einem guten
Sinne viel geredet wird, der aber doch auch die Seite hat, daB er in
dem Bestreben, anschauliche Bildlichkeit in den Unterricht hinein-
zubringen, den Materialismus dadurch gefordert hat, daB er im
Grunde genommen die unmittelbar sinnliche Anschaulichkeit scharf
betont hat.
Da sehen wir gewissermaBen ins Erdenleben Ende des sechzehn-
ten Jahrhunderts, Anfang des siebzehnten Jahrhunderts diejenige
Stromung hereinbrechen, welche nicht in der geradlinigen Fort-
setzung des Christentums liegt, welche ein dem Christentum frem-
des Element in die europaische Geistesentwickelung hineinbringt
Aber auf der anderen Seite wirken ja weiter, und zwar jetzt in iiber-
sinnlichen Welten, die mit der Michaelstromung verbunden blei-
benden Individualitaten Aristoteles', Alexanders, alle diejenigen,
welche dazugehoren.
Aber auBerdem wirkt innerhalb dieser Stromung, zum Teil in
iibersinnlichen Welten, zum Teil auch auf Erden selber, etwas
durch gewisse Personiichkeiten, welche im Zusammenhange mit
diesen iibersinnlichen Stromungen standen, da sie zwischen Tod
und neuer Geburt waren, Individualitaten, die dann als Personiich-
keiten auf der Erde im Laufe der nachsten Jahrhunderte erschie-
nen; Individualitaten, die weniger an den Alexandrinismus, an den
Aristotelismus ankniipfen, die an Plato und an alles dasjenige an-
kniipfen, was aus Platos Anschauung geworden ist.
Namentlich sehen wir in den auf das neunte Jahrhundert folgen-
den Jahrhunderten platonisch gerichtete, platonisch orientierte Gei-
ster auf die Erde heruntersteigen. Und das sind ja diejenigen, welche
eine von dem ofnziellen Christentum, von dem ofrlziellen Katholi-
zismus als h'aretisch angesehene christliche Lehre, die aber die wah-
rere christliche Lehre war, im Mittelalter fortgesetzt haben. Die In-
dividualitaten, die den christlichen Aristotelismus fortsetzten, sie
blieben zunachst in geistigen Welten zuriick, denn auf der Erde war
im neunten, zehnten, elften, zwolften Jahrhundert, nach den Zivi-
lisationsbedingungen, die gegeben waren, keine rechte Ankniip-
fung fiir diese Geistesstromung. Dagegen konnten sich, man mochte
sagen, in gewissen isolierten Geistesbezirken mit ganz besonderer
Intensitat diejenigen entwickeln, die mehr platonisch gesinnt waren.
Man findet eingestreut in dem offiziell sich immer mehr und mehr
verbreitenden katholisch gefarbten Christentum da und dort Per-
sonlichkeiten in Schulen, welche alte Mysterien tradition fortsetzen
und das Christentum beleuchten mit diesen alten Mysterientraditio-
nen. Und eine Statte, in die dann alles dasjenige eingeflossen ist,
was als solche Traditionen fortgesetzt worden ist, ist ja die von mir
in der letzten Zeit ofter genannte, durch und durch spirituelle Schule
von Chartres, innerhalb welcher solche Geister wie Bernhardus
Sylvestris, Alanus ab Insulis und andere gewirkt haben.
Was ist da eigentlich fiir ein Geistesleben zur Entwickelung
gekommen, das zuletzt eingelaufen ist in diese merkwiirdige, der
Menschheit eigentlich nur auBerlich bekannte Schule von Chartres?
Das ist ein Geistesleben, welches im Grunde genommen vollig ver-
schiittet ist in der neueren Zeit, ein Geistesleben, in dem noch alte
Mysterientraditionen fortgepflanzt werden. Insbesondere finden wir
innerhalb dieses Geisteslebens uberall, daB eine Anschauung von
der Natur herrscht, die tief geistig durchdrungen ist, eine Anschau-
ung von der Natur, welche noch total verschieden ist von dieser
abstrakten Naturanschauung, die dann spater alle Kreise bewegte,
jener abstrakten Naturanschauung, die nur in Gedanken ausdriick-
bare Naturgesetze kennt.
Dasjenige, was die Geistesstromung, auf die ich hindeute, aus
der Natur in die Seele aufgenommen hat, war etwas durchaus Geist-
gemaBes, war so, daB uberall in der Natur nicht bloB abstrakte,
tote, begriffliche Naturgesetze gesehen wurden, sondern lebendiges
Wirken und Weben. Man hat noch wenig auf dasjenige gesehen,
was spater fiir die Menschen so bewundernswert geworden ist: auf
unsere heutigen chemischen Elemente. Man hat aber um so mehr
auf dasjenige gesehen, was man im alten Sinne die Elemente ge-
nannt hat: Erde, Wasser, Luft, Feuer. In dem Augenblicke, wo man
aber diese Elemente kennt nicht durch bloBe Tradition in Worten,
sondern durch eine Tradition, die noch impragniert ist von den alte-
sten der Mysterien, in demselben Momente sieht man dasjenige, was
zwar nicht vorhanden ist in unseren siebzig bis achtzig chemischen
Elementen, was aber in jenen vier Elementen vorhanden ist: die
Welt der elementarischen Geistigkeit, die Welt gewisser Elemen-
tarwesen, in die man sich sogleich vertieft, wenn man in diese Ele-
mente sich einlebt.
Und dann sieht man, wie der Mensch selber in bezug auf seine
auBere Leiblichkeit teilnimmt an diesem Leben und Weben von
Erde, Wasser, Luft, Feuer, wie das in ihm organische Gestalt wird.
Und dann sahen diejenigen, die so hineinschauten in das Leben und
Weben der Elemente, nicht Naturgesetze in dem Weben und Leben
von Erde, Wasser, Feuer, Luft, sondern sie sahen hinter diesem
Weben eine groBe, lebendige Wesenheit, die Gottin Natura. Und
sie bekamen aus der Anschauung das unmittelbare Gefiihl, daB
diese Gottin Natura nur einen Teil ihres Wesens dem Menschen
zunachst zuwendet, daB sich der andere Teil ihres Wesens verbirgt
in derjenigen Welt, die der Mensch im Schlafe zwischen Einschla-
fen und Aufwachen zubringt, wo Ich und astralischer Leib in einer
der Natur zugrunde liegenden Geistumgebung sind, wo Ich und
astralischer Leib zusammen sind mit den Elementarwesen, die den
Elementen zugrunde liegen. Und wir finden in diesen isolierten
Geistesstatten und Schulen, auf die ich hingedeutet habe, iiberall
Lehrer groBerer oder kleinerer Menschengruppen, welche davon
sprechen, wie die Gottin Natura in den auBeren Erscheinungen, die
sich den Menschen im Wachzustande zeigen, einen Teil ihres leben-
den und webenden Wesens zeigt, wie aber in allem elementarischen
Wirken, in Wind und Wetter, in alledem, was den Menschen um-
gibt und den Menschen konstituiert, mitwirkt dasjenige, was der
Mensch nicht schauen kann, sondern was sich ihm in der Finster-
nis des Schlafes verbirgt.
So empfanden diese Gelehrten der damaligen Zeit die groBe Got-
tin Natura als diejenige, die in der Halfte der Zeit heraufsteigt und
sich im auBeren Weben der Sinnesnatur zeigt; aber auch als die-
jenige, die hinuntersteigt allnachtlich, alljahrlich hinuntersteigt, in
den Gefilden wirkt und webt, die sich dem Menschen durch das
SchlafbewuBtsein verbergen. Und das war die gerade Fortsetzung
jener Anschauung, die in den alten Mysterien vorhanden war als
die Anschauung der Proserpina.
Sie miissen nur bedenken, was das bedeutet. Wir haben heute
eine Naturanschauung, die aus Gedanken gewoben ist, die in Natur-
gesetzen besteht, die abstrakt spricht und denkt, in der nichts Leben-
des ist. Dazumal war noch eine Naturanschauung, wo man die
Natur in einer ahnlichen Weise anschaute, wie man die wirkende
Gottin Proserpina, die Tochter der Demeter, anschaute. Und in den
Vorstellungen, die in jenen Schulen als die richtigen ubermittelt
wurden, als die aus der noch lebendigen Tradition herauskommen-
den, waren viele Ausspriiche und Ausdriicke, die sich genau als die
Fortsetzungen desjenigen zeigten, was man in den alten Mysterien
iiber Proserpina sagte.
Wenn man den Menschen zum Begreifen seines Seelenlebens
von dem Begreifen seines korperlichen Lebens aus fiihren wollte,
machte man ihm folgendes klar: Du bestehst in bezug auf dein
Leibliches aus den Elementen, in denen die Elementarwesen mit-
weben, aber du tragst in dir die Seele; die steht nicht unter dem
EinfluB dieser Elemente allein, sondern beherrscht im Gegenteil
die Organisation der Elemente in dir; sie steht, diese Seele, unter
dem Einflusse der planetarischen Welt des Merkur, des Jupiter, der
Venus, unter dem EinfluB von Sonne und Mond, Saturn, Mars. —
Der menschliche Blick wurde hinaufgelenkt, wenn Psychologie stu-
diert werden sollte, zu den Geheimnissen der planetarischen Welt.
Da erweiterte sich dasjenige, was Menschenwesen war, vom Leib-
lichen ins Seelische hinein, aber in der Anschauung der Zusammen-
gehorigkeit mit der Welt, von dem Wirken und Weben der Ele-
mente Erde, Wasser, Luft, Feuer zu demjenigen, was in ihrem Krei-
sen, in ihrem Scheinen, in ihrem Lichtwirken, in ihren geheimnis-
vollen okkulten Wirkungen die Planeten im menschlichen Seelen-
leben taten. Und von der Gottin Natura, der friiheren Proserpina,
wendete man sich hinauf zu den Intelligenzen, zu den Genien der
Planeten, zu denen man aufschaute, wenn man das menschliche
Seelenleben begreifen wollte.
Und dann, wenn es sich darum handelte, das geistige Leben zu
begreifen — denn die Lehrer dieser isolierten Schulen hatten sich
nicht von der Betrachtung des Geistes abbringen lassen durch das
Dogma des achten Konstantinopeler Konzils — , wenn es sich darum
handelte, das geistige Leben zu begreifen, dann wendete man den
Blick hinauf zu den Fixsternen, zu ihren Konfigurationen, insbe-
sondere zu dem, was sich darstellt in dem Tierkreise. Und man
begriff dasjenige, was der Mensch als Geist in sich trug, aus der
Konstellation, dem Scheinen und den in den Fixsternen gewuBten
geistigen Machten heraus.
So begriff man aus der Welt, aus dem Kosmos den Menschen.
So war da in Wirklichkeit der Makrokosmos und der Mikrokosmos,
der Mensch. Das war die Lehre von der Natur in der damaligen
Zeit. Sie wurde begeistert in isolierten Schulen, aber auch von ein-
zelnen, die da oder dorthin zerstreut waren, der Menschheit dar-
geboten. Und sie wurde dann wie in einer Art von Kulmination in
wunderbarer Weise von solchen Personlichkeiten wie Bernhardus
Sylvestris, Alanus ab Insulis und anderen in der Schule von Chartres
vorgebracht.
Diese Schule von Chartres, sie ist eigentlich etwas ganz Wunder-
bares. Wenn man heute die Schriften in die Hand bekommt — ich
sagte schon, sie nehmen sich aus wie Kataloge von Namen. Aber
es war in der damaligen Zeit eben nicht iiblich, in anderer Weise
als in, ich mochte sagen, solch katalogisierender Art zu schreiben
iiber dasjenige, was man in lebendiger Geistigkeit haben wollte.
Derjenige aber, der solche Dinge lesen kann, der namentlich in der
Anordnung der Dinge lesen kann, der nimmt schon wahr, wie das-
jenige, was herriihrt von den Lehrern der Schule von Chartres, von
alter Spiritualitat durchdrungen ist. Die tiefe Spiritualitat der Schule
wirkte aber nicht nur dadurch, daB gelehrt wurde und daB zahl-
reiche Schiiler da waren, die wiederum hinaustrugen, was sie gelernt
hatten, sondern sie wirkte direkt auf spirituelle Art. Sie wirkte so,
daB auch in der geistigen Atmosphare der Menschheit auf okkulte
Weise dasjenige ausgestrahlt wurde, was an lebendiger Geistigkeit
in Chartres lebte. Deshalb sehen wir durch Frankreich hindurch
bis nach Italien hinein die Geiststrahlen dieser Schule von Chartres.
In verschiedenen Schulen, die dem auBeren Namen nach in der
Geschichte bekanntgeworden sind, wurde aber solch eine Natur-
lehre gelehrt, wie ich sie angedeutet habe.
Das ist eben ein konkreter Fall: Als Brunetto Latini, der Lehrer
Dantes, von seinem spanischen Gesandtschaftsposten zuriickkehrte
und einen leisen Sonnenstich und einen groBen Schreck in der Nahe
seiner Vaterstadt Florenz erlebte, da wurde er zuganglich fur die
okkulten Ausstrahlungen der Schule von Chartres. Er erlebte das-
jenige, was er dann selber so darstellt, daB er, indem er sich seiner
Vaterstadt Florenz naherte, in einen tiefen Wald kam, wo er zu~
nachst drei Tieren begegnete, wo er dann begegnete der Gottin
Natura, welche aufbaue die Reiche der Natur in der Weise, wie es
durch Jahrhunderte gelehrt wurde, wie ich es angedeutet habe. Er
aber schaute das; in diesem halbpathologischen Zustand, der aber
bald voriiberging, wurde ihm das Anschauen dessen, was in den
Schulen gelehrt wurde. Und er schaute dann, nachdem er die Gottin
Natura, die Nachfolgerin der Proserpina, in ihrer Arbeit gesehen
hatte, wie der Mensch sich aufbaut aus den Elementen, wie die
Seele webt in den Kraften der Planeten; er wird bis in den Sternen-
himmel hinauf mit seinen Gedanken gefiihrt. Er erlebt in eigener
Person diese ganze gewaltige mittelalterliche Wissenschaft.
Brunetto Latini ist der Lehrer von Dante. Ware er es nicht ge-
wesen, hatte er nicht dasjenige, was er in einer so majestatischen
Schauung empfangen hat, seinem Schiiler Dante iiberliefert, wir
hatten die «Commedia» nicht, denn die ist der Abglanz der Lehre
von Brunetto Latini aus Dantes Seele. Sehen Sie, es war jetzt keine
andere Moglichkeit, als daB gewirkt wurde mit solchen Dingen
innerhalb der damals gegeniiber der spateren noch viel freieren
kirchlichen Einrichtung, und wir sehen ja, wie alle diese Lehrer
von Chartres Ordensgeistliche sind. Wir sehen sie das Zisterzienser-
kleid tragen. Wir sehen sie mit den besseren Stromungen innerhalb
des christlichen Ordenslebens zusammenhangen.
Nun kam eine eigentiimliche Phase der Entwickelung. Wahrend
dieser ganzen Zeit, in der sozusagen die Platoniker auf die eben
geschilderte Art gewirkt hatten, konnten die Aristoteliker auf der
Erde nicht wirken. Es waren eben nicht die Bedingungen da. Aber
sie bereiteten dafur im iibersinnlichen Leben die Michaelstromung
vor. Sie standen von der iibersinnlichen Welt aus auch in einem
fortwahrenden Zusammenhang mit den Lehrern, die in der gleichen
Richtung wirkten, die dann nach Chartres hin sich zogen. Dann
aber fand, wahrend die Bliite der Schule von Chartres Ende des
elften Jahrhunderts, im zwolften Jahrhundert war — man muB
diese Dinge mit irdischen Bezeichnungen belegen, obwohl natiir-
lich diese irdischen Bezeichnungen nicht stimmen und man sich
iiber sie leicht lacherlich machen kann — , es fand eine Art iiber-
sinnlicher Besprechung statt zwischen denjenigen Seelen, die hinauf-
stiegen in die iibersinnliche Welt durch die Pforte des Todes aus
der Stromung von Chartres heraus, zwischen den Platonikern und
denen, die oben geblieben waren, den Aristotelikern, den Alexan-
drinern, eine Besprechung, welche um die Wende des zwolften und
des dreizehnten Jahrhunderts im Mittelalter liegt, ein Ausgleich,
wie fernerhin zu wirken sei.
Das fiihrte dazu, daB, da nun andere Bedingungen eingetreten
waren im Geistesleben der europaischen Menschheit, die Platoniker,
die zuletzt in Chartres ihre grosse Wirksamkeit entfaltet hatten und
in der iibersinnlichen Welt waren, ihre Mission iibertrugen auf die
Aristoteliker. Und diese stiegen nun herunter in die physische Welt,
um so fortzusetzen, wie sich eben fortsetzen lieB dasjenige, was ich
nennen mochte den kosmischen Michaeldienst.
Wieder finden wir diejenigen, welche in diesem mehr aristote-
lisch gefarbten Sinne wirkten, innerhalb des Dominikaner-Ordens
in der mannigfaltigsten Weise wirksam. Es Ibsten sozusagen fin* das
Erdenwirken die Seelen der Aristoteliker die Seelen der Platoniker
ab, und es entwickelte sich dasjenige, was ja heute eigentlich nur
innerhalb der anthroposophischen Bewegung wirklich gewiirdigt
wird — ich habe hier einmal einen Vortragszyklus iiber die Scho-
lastik in ihrer wahren Gestalt und Herkunft gehalten — , es ent-
wickelte sich die Scholastik des Mittelalters, jene Lehre, welche in
einer schon dem Materialismus zueilenden Zeit festhalten wollte,
was an Geistigkeit in den menschlichen Anschauungen festgehalten
werden kann.
Noch bevor Baco von Verulam und Comenius auf der Erde er-
schienen, wird in der Scholastik an der Fortsetzung des Michael-
dienstes gearbeitet. Wir sehen, wie in der Scholastik gerettet werden
soil, in der sogenannten realistischen Schule gerettet werden soli
der Ursprung dessen, was der Mensch in seinen Gedanken tragt
fur die Geistigkeit. Geistige Realitat wird von den realistischen
Scholastikern demjenigen zugeschrieben, was der Mensch durch
seine Gedanken erfaBt, geistige Realitat. Es ist eine diinne Geistig-
keit, die da gerettet werden konnte, aber es ist Geistigkeit.
Es ist schon so, meine lieben Freunde, daB das spirituelle Leben
in der Welten-Entwickelung sich so fortsetzt, daB man, wenn man es
in seiner Realitat iiberblickt und die Initiationswissenschaft besitzt,
gar nicht anders kann, als Physisches oder solches iiberhaupt, das
sich in der physischen Historie auf der Erde abspielt, zusammenzu-
schauen mit dem, was aus dem Geistigen geistig dieses Physische
durchdringt. Man kommt zu einer einheitlichen Anschauung, wie
zuerst die platonischen Seelen wirken bis nach Chartres hin, wie
dann die aristotelischen Seelen wirken. Man schaut zuerst die aristo-
telischen Seelen, wie sie inspirierend wirken von der iibersinnlichen
Welt nach den Lehrern hin, die als platonische Seelen auf der Erde
leben, dort wirken, lehren, auf der Erde im Erdenverstande Wissen-
schaft ausbilden. Man schaut hinein in dieses Getriebe, sieht, wie
der Lehrer von Chartres auf dem Erdenboden wandelt, seine von
Schauungen durchdrungenen Studien absolviert und der inspirie-
rende Strahl von der aristotelischen Seele vom Uberirdischen
hereinfallt und dasjenige in die richtigen Bahnen bringt, was pla-
tonisch gefarbt ist. Man bekommt dann eine ganz andere Anschau-
ung von dem Leben, als sie sehr haufig vorhanden ist. Denn in dem
auBeren Leben unterscheidet man so gern Platoniker und Aristo-
teliker wie Gegensatze. Das ist ja in der Wirklichkeit gar nicht so.
Die Zeitepochen der Erde erfordern, daB bald im platonischen,
bald im aristotelischen Sinne gesprochen werde. Aber wenn man
das iibersinnliche Leben im Hintergrunde des sinnlichen Lebens
iiberschaut, so befruchtet das eine das andere, steckt das eine in dem
anderen darinnen.
Und wiederum, als innerhalb der Dominikaner die Aristoteliker
lehrten, da waren die nunmehr in der geistigen Welt weilenden
platonischen Seelen, nachdem sie sich verstandigt hatten mit den
spater heruntergekommenen aristotelischen Seelen, die inspirieren-
den Genien. Das Leben war iiberhaupt anders in jener Zeit. Ob
man das heute glaubt oder nicht, es war so, daB wenn man geistig
auf diese Zeiten hinschaut, man solch einen Geist wie Alanus ab
Insulis in seiner einsamen Zelle sitzend findet, seinen Studien er-
geben, einen Geistbesuch empfangend aus der iibersinnlichen Welt,
der sich zu ihm gesellt und der eine aristotelische Seele ist. Ja, es
ist ein starkes BewuBtsein vorhanden — auch dann, als im Domini-
kaner-Orden die Aristoteliker erscheinen — , ein starkes BewuBtsein
von der Zugehorigkeit zu der geistigen Welt. Das kann einem aus
solchen Tatsachen hervorgehen: Einer der Dominikaner-Lehrer
steigt in das physische Erdenleben friiher herunter als eine andere
Seele, mit der er verbunden ist; diese bleibt in der geistigen Welt
zunachst zuriick, um etwas, was dort zunachst absolviert werden
muBte, etwas spater zu dem, der friiher heruntergekommen ist,
hinunterzutragen, um dann mit dem friiher Geborenen wiederum
zusammenzuwirken. Und das geht in BewuBtheit vor sich. Man
weiB sich mit seinem Wirken, mit seiner Arbeit zusammenhangend
mit der geistigen Welt.
Das alles hat die spatere Geschichte ausgeloscht. Aber Wahrheit
iiber das geschichtliche Leben muB man ja nicht aus den Doku-
menten der neueren Zeit ablesen wollen, sondern aus dem Leben.
Und man muB einen unbefangenen Blick fur das Leben haben.
Man muB das Leben auch da sich entfalten sehen, wo es innerhalb
vielleicht recht wenig sympathischer Kreise sich entwickelt als
etwas, was durch das Karma eben hineingestellt ist in diese Kreise,
was aber innerlich etwas ganz anderes bedeutet.
Solches Lesen in den Ereignissen, meine lieben Freunde, trat mir
wirklich im Verlaufe meines Lebens in ganz merkwiirdiger Weise
entgegen. Und jetzt schaue ich auf manches erst, mit den Blicken
es durchdringend, was in deutlicher Weise wie eine okkulte Schrift
mir im Verlaufe des Lebens entgegengetreten ist. Karma webt und
wirkt ja in recht geheimnisvoller Weise gerade fur die bedeutsam-
sten Dinge, die man erlebt. Und ich mochte sagen: Es liegt ja auch
ein eigentiimliches Karma dem zugrunde, daB ich heute, und zu
anderen Zeiten an anderen Orten, gerade jetzt in dieser Zeit iiber
solche Dinge spreche wie iiber die Schule von Chartres und iiber
alles dasjenige, was ihr vorangegangen ist, alles dasjenige, was ihr
folgt. Denn gerade die hervorragendsten Menschen, die in der
Schule von Chartres gelehrt haben, gehorten dem Zisterzienser-
Orden an.
Nun ist der Zisterzienser-Orden, so wie die anderen Orden inner-
halb der katholischen Entwickelung, dekadent geworden, aber in
diesem Dekadentwerden liegt ja viel AuBerlichkeit. Die Indivi-
dualitaten, sie stecken zuweilen, indem sie alte, auch fur die Anthro-
posophie auBerordentlich wertvolle Richtungen fortsetzen, in Zu-
sammenhangen drinnen, zu denen sie eigentlich nicht gehoren;
jedoch das Leben, das Karma bringt sie hinein. So muBte ich es
immer merkwurdig finden, daB — von meiner ersten Jugend an
bis in eine gewisse Zeit — an mich immer etwas herangetreten ist
vom Zisterzienser-Orden. Ich kam ja, als ich die Volksschule hinter
mir hatte, nur dadurch, daB ich aus den Grunden, die ich in meinem
Lebensgang auseinandergesetzt habe, von meinen Angehorigen in
die Realschule verwiesen wurde, nicht in das Gymnasium kam, —
nur knapp daran vorbei, Schiiler zu werden eines Zisterzienser-
Ordensgymnasiums. Es war eigentlich ganz selbstverstandlich, daB
ich das hatte werden sollen. Ich wurde es nicht, natiirlich auch aus
guten karmischen Grunden.
Aber die Realschule, an der ich war, war ja nur fiinf Schritte
vom Zisterzienser-Ordensgymnasium entfernt. Man lernte alle diese
dazumal eigentlich noch ganz ausgezeichnet wirkenden Zister-
zienser-Lehrer kennen. Man braucht nicht vom Orden zu sprechen,
sondern von den einzelnen Individualitaten. Ich denke heute noch
mit einer tiefen Befriedigung an einen solchen Zisterzienser-Ordens-
priester, der an jenem Gymnasium deutsche Literatur mit einschnei-
dender Begeisterung lehrte, und ich sehe sie vor mir in alien ihren
Individualitaten, in jener StraBe, die man in Wiener-Neustadt die
Alleegasse nennt, wo die Professoren immer spazieren gingen,
bevor die Schule anfing: diese Zisterzienser-Ordenspriester im Zivil-
kostiim, ungeheuer begabte Leute. Und da ich mich in jener Zeit
viel mehr damit beschaftigte, am Ende des Schuljahres die Pro-
gramm-Aufsatze der Professoren zu lesen als die Schulbiicher wah-
rend des Schuljahres, so las ich wirklich mit eifriger Hingebung
dasjenige, was in dem Schulprogramm dieses Wiener-Neustadter
Gymnasiums diese Zisterzienser als ihre eigene Weisheit nieder-
schrieben. Kurz, der Zisterzienser-Orden war mir nahe. Und ganz
gewiB: ware ich ins Zisterzienser-Gymnasium gekommen — das sind
natiirlich Hypothesen, wie man sie nur zur Beleuchtung aufstellen
kann — , ich ware selbstverstandlich Zisterzienser geworden.
Nun ging's in Wien weiter — ich habe das alles in meinem
Lebensgang erzahlt. Nach einiger Zeit kam ich in den Kreis, der
um delle Grazie sich versammelte, in dem viele von den Theologie-
Professoren der theologischen Fakultat in Wien verkehrten. Ich
wurde mit manchen sehr intim bekannt. Es waren alle da Wir-
kenden Mitglieder des Zisterzienser-Ordens. Ich kam wieder mit
den Zisterziensern zusammen. Und ich habe durch dasjenige, was
gegenwartig durch den Zisterzienser-Orden stromt, gewissermaBen
mancherlei zuriickverfolgen konnen.
Ich mochte, um Ihnen zu zeigen, wie Karma wirkt, auf ein Ereig-
nis hinweisen. Ich hielt einen Vortrag, und ich war ja durch die —
« five-o'clock teas» sind's in England, in Wien «jour-Tage» — ich
war ja durch die «jour-Tage» bei delle Grazie sehr gut bekannt
geworden mit den dort verkehrenden Professoren der theologischen
Fakultat, den Zisterziensern. Ich hielt einen Vortrag. Es war ein
Zisterzienser-Ordenspriester da, einer, der ein ganz besonders aus-
gezeichneter Mensch war, und als ich meinen Vortrag beendet hatte,
sagte er etwas ganz Eigentiimliches, etwas, das ich nur in der Form
andeuten mochte: Er brachte mir ein Wort entgegen, in dem gele-
gen war seine Erinnerung an ein Zusammensein von ihm mit mir
in einem friiheren Erdenleben.
Solche Dinge sind schon erziehend fur das Leben. Es war im
Jahre 1889- GewiB, ich konnte nur die AuBerlichkeiten dieser
Dinge im «Goetheanum» erzahlen, und die Aufsatze werden ja als
Buch erscheinen, mit Anmerkungen, in denen dann auch das Inner-
liche beriicksichtigt werden wird.
Nun, sehen Sie, hier haben Sie etwas von den karmischen Griin-
den, die dazu fiihrten, daB ich iiberhaupt in dieser Form sprechen
kann iiber diese Geistesstromungen. Dafiir kann ja die Vorbereitung
nur im Leben liegen, nicht im Studium.
Nun zeigte ich also, wie zusammenwirkte die platonische, die
aristotelische Stromung. Dann gingen auch die Aristoteliker wie-
derum durch die Pforte des Todes. Und es kam ja im Zei taker der
BewuBtseinsseele zunachst auf Erden immer mehr und mehr der
Materialismus herauf. Aber gerade in der Zeit, als der Materialis-
mus auf Erden seinen Anfang nahm, da wurde begriindet — wie
gesagt, man muB diese Dinge mit Trivial-Terminologie belegen — ,
da wurde begr'indet in iibersinnlichen Welten eine Art Michael-
Schule, eine ausgebreitete Michael-Schule, in der vereinigt waren
Geister wie Bernardus Silvestris nach dem Tode, Alanus ab
Insulis, aber auch wiederum Aristoteles und Alexander; in der ver-
einigt waren menschliche Seelen, die dazumal nicht auf Erden ver-
korpert waren, mit geistigen Wesenheiten, die ihr Leben absol-
vieren, ohne auf Erden verkorpert zu sein, die aber verbunden sind
mit Erdenseelen, Michael selber als der Lehrer, zuriickschauend auf
alles dasjenige, was die groBen Lehren der alten Mysterien waren,
eine wunderbare Uberschau haltend iiber die Geheimnisse der alten
Mysterien, aber zu gleicher Zeit einen gewaltigen Ausblick gebend
iiber dasjenige, was geschehen soil.
Und sehen Sie, in irgendeiner Form flndet man gewisse Seelen,
die in vielen Erdenleben sich mehr oder weniger zusammengefun-
den haben innerhalb dieser Scharen, an dieser iibersinnlichen Schule
im vierzehnten, funfzehnten Jahrhundert teilnehmend, Scharen von
Seelen, die heranstreben zur Michael-Stromung, Seelen, welche in
ihre Willensimpulse dasjenige aufnehmen, was man nennen kann:
sich verbinden wollen mit der Michael-Stromung.
Man kann nach diesen Seelen hinschauen. Man flndet sie sozu-
sagen — weil dazumai die wenigsten von ihnen auf Erden, die
meisten eben in dem Leben zwischen Tod und neuer Geburt waren
und teilnahmen an der iibersinnlichen Versammlung dieser iiber-
sinnlichen Schule — , man findet sie dort, diese Seelen. Man findet
sie dort, hinhorend auf die Michael-Lehren. Man findet sie heute
wieder in denjenigen Seelen, die, auf Erden verkdrpert, ein ehrliches,
innerliches, aufrichtiges Streben nach der anthroposophischen Be-
wegung entwickeln.
In dem Karma derjenigen, die in ehrlicher, innerlich ehrlicher
Weise nach der anthroposophischen Bewegung hintendieren, liegen
die Impulse, die in der iibersinnlichen "Welt auch fur das Karma
studiert werden miissen. Natiirlich: DaB diese Seelen durch ihr
Karma getrieben wurden gerade dazumai zu einer solchen himm-
lischen Gemeinschaft, das hat seine Griinde darinnen, daB sie im
friiheren Erdenleben sich ihr Karma in der Weise gestaltet hatten,
daB es sie eben dorthin gefiihrt hat. Aber man kann ja auch das
Karma von Seelen nicht erkennen, ohne daB man hinschaut nicht
nur auf dasjenige, was sich auf Erden abspielt, sondern hinschaut
auf dasjenige auch, was sich zwischen dem Tode und einer neuen
Geburt abspielen wird.
Es ist ja das Anschauen der Welt unendlich bereichernd, wenn
man, wenn ich es so ausdriicken darf, bei der Betrachtung der in
der Welt wirkenden Seelen — und das sind ja zum SchluB alle
Menschen — nicht immer anzufangen hat da, wo die Menschen auf
die Erde hereintreten, und aufzuhoren hat da, wo sie sterben; denn
sie fangen da ja gar nicht an zu wirken, sie horen da ja gar nicht
auf zu wirken. In dem, was sich geistig abspielt, wirken ja nicht
bloB etwa diejenigen Seelen, die auf Erden heute verkorpert sind,
sondern andere Seelen, die heute zwischen dem Tode und einer
neuen Geburt stehen und die Strahlen ihres Wirkens hereinsenden
auf die Erde. In unseren eigenen Taten liegen die Impulse soldier
Seelen. Das wirkt ja alles zusammen, geradeso wie die Erdentaten
sich wiederum hineinerstrecken in das Himmelsgebiet und dort
weiterwirken, wie ich es an den Personlichkeiten Capesius und
Strader zum Beispiel schon im ersten Mysteriendrama bildhaft an-
gedeutet habe.
Brunetto Latini, der Lehrer Dantes, er ist ja da. Er ist gestorben
dazumal, durch die Pforte des Todes gegangen, aber das ist ja eine
Lebensverwandlung. Er ist ja da. Er wirkt ja weiter, und man findet
ihn, wenn man ihn geistig sucht.
Nun, dadurch vervollstandigt sich das Bild der geistigen Ent-
wickelung der Menschheit, wenn man immer die sogenannten
Toten dazunehmen kann, denn sie sind ja eigentlich viel lebendiger
als diejenigen, die die sogenannten Lebendigen sind. In vieler Be-
ziehung ist ja jemand wie Brunetto Latini heute, trotzdem er nicht
auf der Erde verkorpert ist, in ungeheuer vielem darinnen, was auf
Erden geschieht. Sie sehen aber daraus, wie innig verbunden das
Erdenleben ist mit dem ubersinnlichen Leben, wie man gar nicht
eigentlich reden kann von einer von der Erdenwelt, von der sinn-
lichen Welt getrennten ubersinnlichen Welt, denn alles, was sinn-
lich ist, ist zu gleicher Zeit iibersinnlich durchdrungen; alles, was
iibersinnlich ist, offenbart sich irgendwo oder irgendwann im Sinn-
lichen. Und aufnehmen kann man eigentlich das Erdenleben nur,
wenn man diese Dinge hinter dem Erdenleben sieht.
Das, meine lieben Freunde, soli der Zug sein, der in die anthro-
posophische Bewegung seit der Weihnachtstagung hineingekom-
men ist: daB in ganz unverhohlener, unbefangener Weise mit voller
Erkenntnisbesinnung von den ubersinnlichen Tatsachen gehandelt
wird. Das soil der esoterische Zug sein, der durch die anthroposo-
phische Bewegung geht. Erst dadurch wird es moglich sein, der
anthroposophischen Bewegung ihren wirklichen spirituellen Inhalt
zu geben.
Denn sehen Sie, dasjenige, was ich Ihnen von der Michael-
stromung geschildert habe, es hat sich dann fortgesetzt. Aber wenn
Individualitaten wiedererscheinen auf Erden: sie sind ja darauf
angewiesen, zunachst die physischen Leiber zu benutzen, die in
irgendeinem Zeitalter moglich sind, sie miissen sich hineinfinden
in die Erziehungsimpulse, die in irgendeinem Zeitalter da sind; das
ailes bildet eine auBere Bekieidung in einer materialistischen Zeit.
Und unsere materialistische Zeit, sie bietet die denkbar groBten
Hindernisse fiir die Seelen, die in friiheren Erdenleben viel Spiri-
tualitat gehabt haben, urn diese Spiritualitat hineinzutreiben in die
Leiber, die noch dazu prapariert werden durch die heutigen Erzie-
hungsmaBnahmen. So daB Sie sich nicht zu verwundern brauchen,
wenn ich sage: Die ehrlich nach der Anthroposophie hinstrebenden
Seelen, sie sind in der angedeuteten Weise in friiheren Erd-
entwickelungsperioden zu finden. Und man kann nicht wirkliches
Erkennen begriinden, wenn man nicht dieses Zusammengreifen von
allem, was in der Welt wirkt und lebt, erschauen kann. Denn
geistige Forschung hangt ja durchaus wiederum am geistigen Leben;
geistige Forschung macht notwendig, daB der Geist eben auf seinem
Wege auch gesucht werde. Und die Wege des Geistes, sie sind in
jedem Zeitalter andere. In unserem Zeitalter sind sie nur zu gehen,
wenn auch der feste Boden einer geistgemaBen Erkenntnis der
auBeren Natur vorhanden ist.
Es folgt ja auf das Zeitalter, das ich beschrieben habe, innerhalb
der Michael-Stromung beschrieben habe, ein solches Zeitalter, das
hier auf Erden einen ganz materialistischen Aspekt zeigt, alles auf
materialistische Weise ausbildet. Und es entwickelt sich im Uber-
sinnlichen die intensivste Vorbereitung der Michael-Impulse, die in
diesem unserem Zeitalter gewissermaBen vom Himmel auf die
Erde getragen worden sind. Und ankniipfen kann unser Zeitalter
nicht an dasjenige, was in den letzten Jahrhunderten vorangegan-
gen ist; kennen muB man das, aber ankniipfen kann es nicht daran.
Ankniipfen muB man mit dem heutigen ZeitbewuBtsein an das-
jenige, was im Ubersinnlichen sich in den letzten Jahrhunderten
abgespielt hat. Da beriihrt man dann, indem man auf dieses hin-
weist, den Boden, der der Boden anthroposophischer Wirksamkeit,
anthroposophischen Lebens in der Gegenwart sein muB. Und solche
Anschauungen, wie diejenigen sind, die ich in diesen Stunden aus-
einandersetzte, sie sollen nicht bloB mit dem kalten Verstande auf-
genommen werden und dem niichternen Herzen, sie miissen auf-
genommen werden mit dem ganzen, vollen Menschen, mit dem
ganzen Umfange des menschlichen Gemiites. Anthroposophie kann
der Menschheit nur etwas sein, wenn sie mit dem ganzen Umfange
des menschlichen Gemiites aufgenommen wird. Das liegt zugrunde
dem Wollen der mit der Anthroposophischen Gesellschaft vereinig-
ten anthroposophischen Bewegung seit der Weihnachtstagung. Von
dem mochte man wiinschen, daB es ganz tief in die Seelen der Men-
schen hineingeht, die damit verbunden sind, damit sie ein BewuBt-
sein von demjenigen bekommen, was eigentlich mit ihrem Karma
in den Tiefen der Seelen zusammenhangt.
Und damit, meine lieben Freunde, haben wir eine Art Grund-
lage geschaffen fur das, was uns weiterfiihren wird das nachste Mai
am nachsten Sonntag, in der Sonntags-Mitgliederversammlung, wo
wir den weiteren Fortgang der Michael-Stromung und dasjenige be-
trachten wollen, was sich daraus fur die Aufgaben der Anthroposo-
phie, als Aufgabe des geistigen Lebens in der Gegenwart iiberhaupt
ergibt.
FUNFTER VORTRAG
Dornach, 14. September 1924
Ich habe heute hier die Bilder befestigen lassen, die einen Teil einer
Gabe bilden, welche mir in den letzten Tagen zugekommen ist
infolge des ofteren Sprechens liber die fur das abendlandische
innere Geistesleben so bedeutungsvolle Schule von Chartres. Sie
sehen auf diesen Bildern — ich werde am Dienstag andere aus der
Sammlung hier befestigen lassen — , was an wunderbar Architek-
tonischem, an im Sinne der mittelalterlichen Plastik wunderbar
Bildhauerischem, an der Statte geworden ist, wo einstmals jenes
Leben gebliiht hat, von dem ich auch hier als einem fur das
Abendland wichtigen geistigen Leben nun schon ofter gespro-
chen habe.
Diese Schule von Chartres, sie hatte ja diejenigen Personlich-
keiten in sich, welche im zwolften Jahrhundert noch den Drang
hatten, sich lehrend oder lernend in dasjenige zu vertiefen, was an
lebendigem Geistesleben in der Zeitenwende heraufgekommen ist,
was heraufgezogen ist in jener Epoche europaischer Zivilisations-
entwickelung, in der die Menschheit, insofern sie Erkenntnis suchte,
diese Erkenntnis noch im lebendigen Wirken und Weben der
Naturwesen, nicht im Begreifen der wesenlosen abstrakten Natur-
gesetze suchte. Und so wurde in der Schule von Chartres, wenn
auch nicht mehr durch alte Initiaten, so doch aber durch Person-
lichkeiten, welche Sinn und Herz dafiir hatten, aus der Tradition
manches von dem aufzunehmen, was einstmals auf spirituelle Art
erlebt worden war, in einem intensiven Sinne eine Hingabe an die
geistigen Machte gepflegt, namentlich an diejenigen, die in der
Natur walten, Und ich habe es ja bemerklich gemacht, meine lieben
Freunde, wie man geradezu eine geheimnisvolle Lichtausstrahlung
der Schule von Chartres in dem Geiste Brunetto Latinis, des groBen
Lehrers Dantes, sehen kann. Und ich habe dann begreiflich zu
machen gesucht, wie die Personlichkeiten, die Individualitaten von
Chartres in geistigen Welten weitergewirkt haben, im Bunde mit
denen, die nachher im Dominikanerorden mehr als die Trager der
Scholastik gekommen sind.
Man kann sagen, die Individualitaten von Chartres muBten aus
den Zeichen der Zeit heraus zu der Anschauung kommen, daB
innerhalb des Erdenlebens fiir sie erst dann wiederum die Zeit kom-
men werde, wenn das Michael-Element, das am Ende des neunzehn-
ten Jahrhunderts beginnen sollte, eine Zeklang auf Erden gewirkt
haben wird. Teil nahmen diese Individualitaten von Chartres in
einer wekgehenden Weise an jenen iibersinnlichen Lehren, die in
dem Sinne gegeben wurden, wie ich das letztemal davon gesprochen
habe, unter der Agide Michaels selber, um sozusagen die Impulse
ausstromen zu lassen, welche fiir das spirituelle Leben in den nach-
sten Jahrhunderten gelten sollten und unter deren EinfluB der-
jenige heute notwendig stehen muB, welcher sich der Pflege des
geistigen Lebens widmen will.
Im groBen und ganzen kann man sagen: Wiederverkorperungen
der Geister von Chartres sind eigentlich nur in geringem MaBe
dagewesen. Aber dennoch war es mir gegonnt, gerade eine Mog-
lichkeit zu finden, durch eine Anregung in der Gegenwart auf die
Schule von Chartres zuriickzublicken. Es gab da in der Schule von
Chartres einen Monch, der ganz demjenigen hingegeben war, was
dazumal in der Schule von Chartres ja an Lebenselement war. Aber
man fiihlte in der Schule von Chartres, gerade wenn man ihr recht
hingegeben war, etwas von Abenddammerungsstimmung des gei-
stigen Lebens. Denn alles, was noch an die groBen, bedeutungs-
vollen Impulse des geisterfiillten Platonismus erinnerte, wie er sich
fortgepflanzt hat, das lebte in Chartres, aber so, daB die Trager
dieses Chartresschen Lebens sich sagen muBten: Ja, in der Zukunft
wird die Zivilisation Europas keine Empfanglichkeit haben fiir diese
platonische Lebendigkeit.
Riihrend, mochte ich sagen, ist es ja, wenn wir sehen, wie die
Schule von Chartres Bildnisse der inspirierenden Genien fiir die
sogenannten sieben Freien Kiinste bewahrt: Grammatik, Dialektik,
Rhetorik, Arithmetik, Geometrie, Astronomie, Musika. Auch in
dem Empfangen des Geistigen, das in diesen sieben Freien Kiinsten
gegeben war, sah man noch lebendige Gottergaben, die durch
Wesen an den Menschen herankamen, nicht Mitteilungen nur toter
Gedanken iiber tote Naturgesetze. Und man konnte sehen, daB
eben Europa keine Empfanglichkeit haben wird in der Zukunft fiir
alles das. Deshalb empfand man etwas wie Abenddammerungs-
stimmung des geistigen Lebens.
Und ein solcher Monch, ein einzelner, besonders den Arbeiten,
den Lehren in Chartres hingegebener Monch, wurde ja in unserer
Zeit doch verkorpert, aber verkorpert in einer Weise, daB man
geradezu in wunderbarer Art den Abglanz des vorigen Lebens in
diesem Leben bei der betreffenden Personlichkeit finden konnte.
Diese Personlichkeit in unserer Zeit war eine mir bekannte, sogar
befreundete Schriftstellerin, die jetzt schon seit langerer Zeit ge-
storben ist, die eine in unserer Zeit ganz merkwiirdige Seelen-
stimmung in sich trug, eine Seelenstimmung, iiber die ich friiher
nicht gesprochen haben wiirde, trotzdem ich sie vor Jahren beob-
achtet habe. Aber iiber diese Dinge zu sprechen ist eigentlich erst
moglich, seitdem die Weihnachtsstimmung iiber unsere Anthro-
posophische Gesellschaft gekommen ist, weil diese ja eine besondere
Beleuchtung fiir diese Dinge gebracht hat und weil heute die Mog-
lichkeit vorliegt, iiber diese Dinge, wie ich schon ausfiihrte, un-
befangen zu sprechen.
Wenn man mit dieser Personlichkeit sprach, so sprach sie eigent-
lich nur davon, daB sie sterben wolle. Dabei war dieses Sterben-
wollen nicht aus einer sentimentalen, auch nicht aus einer hypo-
chondrischen, man konnte nicht einmal sagen aus einer melancho-
lischen Seelenstimmung heraus, sondern wenn man den psycho-
logischen Blick hatte, auf solche Dinge einzugehen, so fand man
sich so weit zuriick in der Seele dieser Personlichkeit, daB man sich
sagte: Da ist der Abglanz eines vorigen Erdenlebens. Da ist in
einem vorigen Erdenleben etwas als Keim gelegt worden, was jetzt
herauskommt. Jetzt — nicht in dieser Todessehnsucht, sondern in der
Empfindung, daB eigentlich diese Seele, die da verkorpert war, gar
nichts mit der Gegenwart zu tun hatte.
Die Schriften dieser Personlichkeit sind auch so, daB sie wie aus
einer anderen Welt heraus, nicht den Mitteilungen nach, nicht den
Tatsachen nach, wohl abet det Stimmung nach geschrieben sind.
Und man kommt nur dann zu einem Verstandnisse dieset Stim-
mung, wenn man den Weg findet von dem diisteten Lichte dieset
Schtiften und dem diisteten Lichte, das in dieset Seele selbst als
deten Gtundlage gelebt hat, zutiick zu jenem Monch von Chatttes,
der die Abenddammetungsstimmung des lebendigen Platonismus
dazumal in Chatttes mitetlebt hat.
Es wat bei dieset Personlichkeit nicht Tempetament, nicht
Melancholie, nicht Sentimentalitat, es wat das Heteinleuchten eines
ftiiheten Lebens. Und die gegenwartige Seele dieset Petsonlichkeit
wat wie ein Spiegel, in die witklich das Chatttes- Leben heteintagte.
Nicht det Inhalt det Lehten von Chatttes wat hetiibetgekommen,
wohl abet waten hetiibetgekommen in dieset Petsonlichkeit die
Stimmungen. Und wenn man tiickschauend in diese Stimmungen
sich vetsetzt, dann kann man in ihnen, ich mochte sagen, etwas
bekommen wie geistige Photogtaphien jener Personlichkeiten,
die man sonst auch dutch Geistesfotschung innethalb detjenigen
Welt findet, in det sie zu finden sind, und die in Chatttes gelehtt
haben.
Sehen Sie, so bfingt eben das Leben in det vetschiedensten Weise
dutch Katma die Moglichkeiten, in diese Dinge hineinzuschauen.
Und wenn ich die Eilebnisse mit dem Zistetziensetotden das letzte
Mai angefiihtt habe, so mochte ich in Etganzung davon dasjenige
anfiihten, was von det Abenddammerung det Schule von Chatttes
in Hetz und Seele einet auBetotdentlich intetessanten Petsonlich-
keit der Gegenwart heteintagte. Sie hat nun seit langem diejenigen
Welten wiedetgefunden, nach denen sie sich so seht sehnte, zutiick
zu den Vatern von Chatttes. Und wenn nicht Miidigkeit als kar-
misches Ergebnis der Seelenstimmung in Chartres bei jenem Monch
das ganze Seelenleben dieser Personlichkeit behettscht hatte, ich
konnte mir kaum denken, daB es eine geeignetere Personlichkeit
in der Gegenwart gegeben hatte, in Verbindung gerade mit dem
ttaditionellen Leben des Mittelalters das Geistesleben der Gegen-
wart zu pflegen. Und dabei mochte ich erw'ahnen, daB, wenn solche
tief in den Untergriinden der Seele wirkende Karma-Impulse da
sind, man das Eigentiimliche vor sich hat, daB im physischen Ge-
sichtsausdrucke einer nachfolgenden Inkarnation eine Ahnlichkeit
zu finden ist — es ist das in seltenen Fallen so, aber es ist der Fall — ,
eine Ahnlichkeit mit der vorigen Inkarnation. Die beiden Antlitze
jenes Monches und jener Schriftstellerin der Gegenwart waren
wirkiich ganz ausserordentlich ahnlich.
Nun, meine lieben Freunde, im Zusammenhang damit mochte
ich nach und nach dasjenige betrachten, was Karma der Anthro-
posophischen Gesellschaft beziehungsweise Karma der Individuali-
taten ihrer einzelnen Mitglieder ist dadurch, daB, wie ich schon das
letzte Mai sagte, ein groBer Teil der Seelen, die in der anthroposo-
phischen Bewegung ehrlich drinnen stehen, irgendwo und irgend-
wann den AnschluB an jene Michael-Stromung gefunden hat, die
ich eigentlich zu charakterisieren habe mit alledem, was ich bisher
zu sagen hatte iiber Aristoteles und Alexander, iiber das, was im
Ubersinnlichen geschehen war zur Zeit, als in der Sinnenwelt hier
das achte Konzil in Konstantinopel stattgefunden hat, iiber das,
was als Fortsetzung geschah im Geistigen und im Physischen des
Lebens am Hofe Harun al Raschids, und endlich iiber jene iiber-
sinnliche Schule, die unter der Agide des Michael selber stand. Das
Bedeutungsvolle in der Lehre dieser Schule war ja dieses, daB
innerhalb ihrer Schule immer wieder hingewiesen wurde erstens
auf die Zusammenhange mit den alten Mysterien, auf die Zusam-
menhange mit all dem, was wiederum heraufkommen muB in
einer neuen Form aus dem Inhalte der alten Mysterien, um die
neuere Zivilisation mit Spiritualitat zu durchdringen; daB aber auf
der anderen Seite auch auf die Impulse hingewiesen wurde, welche
die fur geistiges Leben begeisterten Seelen fur ihr Wirken in die
Zukunft hinein haben miissen. Und aus dem Verstandnisse die-
ser Geistesstromung heraus kann es ja auch sein, daB verstanden
werde, inwiefern Anthroposophie in ihrem Wesen die Impulse
fur ein erneuertes, wahres, ehrliches Verstehen des Christus-Impul-
ses bedeutet.
Denn in der anthroposophischen Bewegung finden sich eigent-
lich Seelen zweifacher Art. Eine ganze Anzahl dieser Seelen hat
jene Stromungen mitgemacht, die sozusagen die offiziellen christ-
lichen Stromungen der ersten Jahrhunderte waren; sie haben mit-
gemacht alles das, was als Christentum in die Welt gekommen ist,
namentlich in den Zeiten des Kaisers Konstantin und in den un-
mittelbar daran anschlieBenden. Gerade unter denen, die dazumal
mit einer ungeheuren Ehrlichkeit an das Christentum herangetreten
sind, die in innerlicher Vertiefung das Christentum aufgenommen
haben, sind eben solche Seelen, die sich mit dem Drange nach
einem Verstandnis des Christentums heute in der Anthroposophi-
schen Gesellschaft befinden; nicht eben Christen, die solchen Bewe-
gungen wie der des Kaisers Konstantin einfach nachfolgten, son-
dern mehr diejenigen Christen, die gerade fur sich in Anspruch
nahmen, als die echten Christen zu gelten, die in einzelne Sekten
verteilt waren. Christliche Sekten mit innerlicher Vertiefung, sie
enthielten viele der Seelen, die heute in ehrlicher Weise — manch-
mal aus unterbewuBten Impulsen, die das OberbewuBtsein sogar in
vieler Beziehung miBdeutet — herankommen an die anthroposo-
phische Bewegung.
Andere Seelen sind dann diejenigen, die diese christliche Ent-
wickelung nicht unmittelbar mitgemacht haben, die entweder die
spatere christliche Entwickelung mitgemacht haben, wo jene inner-
liche Vertiefung in Sekten nicht mehr da war, die aber vor alien
Dingen auf dem Grunde ihrer Seelen viel von dem haben, unaus-
geloscht, lebendig, was in der vorchristlichen Zeit als alte heid-
nische Mysterienweisheit erlebt werden konnte. Auch sie haben
vielfach das Christentum mitgemacht, aber es hat auf sie nicht
solch einen Eindruck gemacht wie auf jene anderen Seelen, weil in
ihnen der Eindruck und die Lehre, die Kultusiibungen und so weiter
der alten Mysterien lebendig geblieben waren. Gerade unter denen,
die so in die anthroposophische Bewegung hineinkamen, befinden
sich nun solche Seelen, die nicht in einem abstrakten Sinne Christus
suchen. Die vorher Charakterisierten sind sozusagen froh, das Chri-
stentum wieder in der anthroposophischen Bewegung zu finden.
Aber unter den andern sind diejenigen, die mit einem inneren Ver-
standnis ergreifen, was in der Anthroposophie kosmisches Christen-
tum ist. Chrisms als den kosmischen Sonnengeist, ihn erfassen vor
allem diejenigen zahlreich in der anthroposophischen Bewegung
stehenden Seelen, die viel Lebendiges noch in dem Untergrunde
ihrer Seelen haben von dem, was sie aus den alten heidnischen
Mysterien mitgebracht haben. Mit alledem sind ja die Stromungen
des ganzen geistigen Lebens der Menschheit der Gegenwart ver-
bunden; und ich meine eine weite Gegenwart, die iiber Jahrzehnte,
die iiber Jahrhunderte reicht.
Anthroposophie ist ja schlieBlich doch herausgewachsen aus dem
Geistesleben der Gegenwart. Wenn sie auch in ihrem Inhalt nichts
unmittelbar gemein hat mit diesem Geistesleben der Gegenwart,
karmisch ist sie vielfach aus ihm herausgewachsen, und man muB
auf manches, das scheinbar nicht in die Reihe dessen gehort, was
unmittelbar in der Anthroposophie wirkt, man muB schon auch
dahin schauen, um alles das in sein geistiges Gesichtsfeld herein-
zubekommen, was in den Stromungen, die ich genannt habe, im
Laufe der Zeit mitgewirkt hat. Ich sagte ja, man bekommt eigent-
lich ein wirkliches Verstandnis fur das, was auBerlich auf dem
physischen Plane geschieht, erst dann, wenn man auf dem Hinter-
grunde dieses Geschehens schaut, was vom geistigen Felde aus in
diese auf dem physischen Plane vor sich gehenden Ereignisse hinein-
gestromt wird. Und wir miissen, sagte ich schon das letzte Mai,
wieder den Mut gewinnen, jene alte Mysterien-Empfindung in die
Gegenwart hereinzuleiten, die nicht bloB in abstrakter Weise das
physische Geschehen an ein allgemein pantheistisches oder thei-
stisches oder wie immer geartetes Geistesleben ankniipft, sondern
die konkret in der Lage ist, die einzelnen Geschehnisse, ja die
menschlichen Erlebnisse innerhalb der Geschehnisse bis zu den
geistigen Urgriinden und Urwesen zuriickzuverfolgen.
Dazu gibt ja gerade dasjenige Veranlassung, was heute durch eine
der tiefsten Aufgaben der Gegenwart gesucht werden muB. Es muB
in der Gegenwart wiederum eine wirkliche Menschenerkenntnis
nach Leib, Seele und Geist gesucht werden, aber nicht eine solche, die
in abstrakten Ideen oder in abstrakten Gesetzen wurzelt, sondern
die hineinschauen kann in die wirklichen Untergriinde des ganzen
menschlichen Wesens. Es muB dann der Mensch wirklich durch-
forscht werden nach seinen gesunden, nach seinen kranken Zu-
standen, nicht so, wie es sonst in der Gegenwart iiblich ist, nach
bloB physischen Erkenntnissen. Da lernt man den Menschen nicht
kennen; da lernt man vor alien Dingen dasjenige im Leben nicht
kennen, was in den Menschen hereinwirkt und so bedeutungsvoll
in sein Schicksal eingreift: Ungliick, Krankheit, Fahigkeit oder
Unfahigkeit. Karma in alien seinen Formen lernt man nur kennen,
wenn man den Menschen in seine Geistigkeit und in sein inneres
Seelenleben hinein verfolgen kann von dem Ausgang des phy-
sischen Lebens aus.
Heute steht ja das Erkenntnisstreben so da, daB in ganz auBer-
licher Weise der Mensch in bezug auf seine Organe, in bezug auf
seine GefaBe, in bezug auf seine Nerven, in bezug auf die GefaBe
seines Blutumlaufes und so weiter betrachtet wird. Und wer die
Dinge so betrachtet nach Gesundheit und Krankheit des Menschen,
der ist nicht in der Lage, in all dem etwas zu finden, was Geist oder
Seele ist. Und man mochte sagen: Der Anatom, der Physiologe von
heute, er konnte so reden, wie einstmals ein beriihmter Astronom
zu einem Herrscher gesprochen hat in Beantwortung einer Frage,
die der Herrscher gestellt hatte: Ich habe das ganze Weltall durch-
sucht, iiberall herumgesucht unter Sternen und ihren Bewegungen,
aber einen Gott habe ich nicht gefunden. — So sagte der Astro-
nom. Der Anatom und Physiologe von heute konnte sagen: Ich
habe alles, Herz und Nieren und Magen und Gehirn und Blut-
gefaBe und Nerven untersucht, aber die Seele und den Geist nicht
gefunden.
Sehen Sie, alles was die Schwierigkeiten zum Beispiel der heu-
tigen Medizin sind, das steht unter diesem Einflusse. Und all das
muB heute entwickelt werden, im allgemeinen nach den Anforde-
rungen, die der anthroposophischen Bewegung gestellt sind, der
ganzen Anthroposophischen Gesellschaft, und im einzelnen fach-
mannisch fur die einzelnen Gruppen, wie zum Beispiel jetzt uber
Pastoral-Medizin vor einer Gruppe gesprochen wird, die fachman-
nisch dazu vorbereitet ist. Denn da muB das Tor gesucht werden,
auch in diejenigen Zusammenhange hereinzukommen, die sich zu-
letzt als die groBeren Zusammenhange in der Wirksamkeit der
Karma-Stromungen ergeben. Und man wird sehen in der Patho-
logie und Therapie, wie die Beobachtung des kranken und gesun-
den Menschen notwendig macht, auf alles das einzugehen, was iiber
Seele und Geist gesagt wird neben dem auBeren Physischen, das,
wie ich immer wiederhole, so wie die Naturwissenschaft es dar-
bietet, voll respektiert wird. Man wird aber sehen, wie man genotigt
ist, mit Bezug auf den gesunden und den kranken Menschen auf
die hoheren Glieder der Menschennatur einzugehen, wenn dem-
nachst das Buch erscheinen wird, das von mir zusammen mit meiner
lieben Mitarbeiterin, Frau Dr. Wegman, gerade auf diesem Ge-
biete des gesunden und kranken Menschen gearbeitet wird. Nur
ergeben gerade solche Forschungen, welche die Tore suchen, um
vom physischen Menschen auf eine richtige Art in den geistigen
Menschen hineinzukommen, nur dann ein aussichtsvolles Resultat,
wenn sie in der richtigen Weise angestellt werden. So daB zu einer
soichen Arbeit, wie es hier der Fall ist, nicht bloB die Forschungs-
krafte der Gegenwart mitverwendet werden, sondern eben gerade
Forschungskrafte, die sich dadurch ergeben, daB man die karmischen
Faden aufnimmt, die sich aus der Entwickelungsgeschichte der
Menschheit heraus ergeben. Man muB sozusagen mit den Kraften
des Karma arbeiten, um hinter die Geheimnisse zu kommen, um
die es sich da handelt. Es werden zunachst nur die Anfange im
ersten Bande dieses Werkes erscheinen. Das Werk wird seine Fort-
setzung finden, und es wird dann weitergeschritten werden von
dem, was zunachst in mehr elementarer Weise entwickelt wird, zu
demjenigen, was gerade von dieser Seite her, von der medizinisch-
pathologischen Seite her, eine Menschenerkenntnis geben kann. Es
ist das ja nur dadurch moglich, daB gerade in Frau Dr. Wegman
eine Personlichkeit vorliegt, welche in ihren medizinischen Studien
die Dinge so aufgenommen hat, daB sie sich bei ihr selbstverstand-
lich hinuberentwickeln zu demjenigen, was geistige Anschauung der
Menschenwesenheit ist. Da aber, im Verlaufe dieser Forschung,
ergeben sich gerade in der Anschauung der Organologie des Men-
schen, die man in geistiger Perspektive schaut, die Dinge, welche
nun auch auf die karmischen Zusammenhange hinfiihren. Denn
dieselbe Art der Anschauung, die man entwickeln muB, um das
Geistige zu schauen, das nicht hinter dem ganzen Menschen, son-
dern hinter den einzelnen Organen steht — hinter dem einen Organ
steht meinetwillen die Jupiterwelt, hinter dem anderen Organ die
Venuswelt und so weiter — , diejenigen Einsichten, die man da ent-
wickeln muB, fiihren eben zu dem, was sich als die Moglichkeit
darstellt, hinter menschliche Personlichkeiten in ihren abgelaufenen
Erdenleben zu kommen. Denn im gegenwartigen Erdenleben steht
der Mensch in seiner Hautumgrenzung vor uns. Bekommen wir die
Fahigkeit, hineinzuschauen in die einzelnen Organe des Menschen,
dann erweitert sich das, was innerhalb der Haut ist, indem jedes
Organ nach einer anderen Richtung der Welt hinweist, die Wege
bildet hinaus in den Makrokosmos. Dann rundet sich drauBen wie-
derum der Mensch, und das braucht man: diesen Menschen, der
sich geistig wieder aufbaut, nachdem er die gegenwartige Form, die
durch die Haut begrenzt ist, iiberwunden hat. Und wenn man das,
was physisch etwas ganz anderes ist, als sich der heutige Anatom
und Physiologe vorstellt, hinaus verfolgt, dann gibt das Anschau-
ungen, die auch dem entsprechen, was die Schauungen in friihere
Erdenleben des Menschen sind. Und da erlebt man ja dann die
Zusammenhange, die eben hineinleuchten in die Entwickelungs-
geschichte der Menschheit, und die Gegenwart in dem, was physisch
da ist, erklarlich machen. Es lebt ja die ganze Vergangenheit der
Menschen eigentlich in der Gegenwart. Aber mit diesem allgemein
abstrakten Satze ist natiirlich nichts gesagt, den sagen ja die Mate-
rialisten auch; darauf kommt es aber nicht an, sondern es kommt
darauf an, wie diese Vergangenheit in der Gegenwart lebt.
Da mochte ich Ihnen auch dafiir ein Beispiel sagen, ein Beispiel,
das eigentlich so in sich wunderbar ist, daB es in mir selbst die
groBte Verwunderung hervorgerufen hat, als es sich als Resultat der
Forschung ergeben hat. Und manches von dem, was von mir auf
diesem Gebiete friiher gedacht worden ist, muBte rektifiziert werden
oder wenigstens erganzt werden.
Sehen Sie, es wird fiir den, der sinnvoll die Geschichte betrachtet,
ein Ereignis gerade in den ersten Jahrhunderten des Christentums
von einem merkwurdigen Geheimnis umschwebt. Wir sehen da
eine Personlichkeit, die wir vielleicht innerlich sehr wenig dazu
geeignet finden, wir sehen den schon erwahnten Kaiser Konstantin
das Christentum ergreifen, um es zu dem zu machen, was dann
eigentlich das offizielle Christentum des Abendlandes geworden ist.
Aber wir sehen — natiirlich nicht im wortlichen Sinne, aber wenn
man iiber groBere Zeitraume hinwegsieht — , wir sehen neben
dem Konstantin stehen Julian Apostata, wahrhaftig eine Person-
lichkeit, von der man wissen kann, in ihr lebte Mysterien-Weisheit.
Julian Apostata konnte von der dreifachen Sonne sprechen. Und er
hat ja sein Leben eingebiiBt, weil er eben dadurch als Verrater an
den Mysterien angesehen worden ist, daB er von der dreifachen
Sonne gesprochen hat. Das durfte man in der damaligen Zeit nicht;
friiher hat man es schon erst recht nicht gedurft. Aber Julian Apo-
stata stand in einer eigentiimlichen Weise zum Christentum. Man
mochte in gewissem Sinne oftmals verwundert sein, daB gerade
dieser feine, geniale Kopf fiir die GrdBe des Christentums so wenig
empfanglich war; aber das kommt davon her, daB er eben in seiner
Umgebung wenig von innerlicher Ehrlichkeit, wie er sie auffaBte,
sah. Und unter denen, die ihn in die antiken Mysterien einfuhrten,
fand er noch viel Ehrlichkeit, positive, aktive Ehrlichkeit.
Julian Apostata wurde ja driiben in Asien ermordet. Uber den
Mord wurde mancherlei gefabelt. Aber er ist eben erfolgt, weil
man in Julian Apostata einen Verrater der Mysterien gesehen hat.
Es war ein ganz arrangierter Mord.
Wenn man sich nun etwas bekannt macht mit dem, was in Julian
Apostata lebte, dann wird man ja tief interessiert dafiir: Wie lebte
diese Individualist weiter? — Denn es ist eine ganz eigenartige Indi-
vidualist, eine Individualist, von der man sagen muB: Mehr als
Konstantin, mehr als Chlodwig, mehr als alle anderen ware er
geeignet gewesen, dem Christentum die Wege zu ebnen! Und es
lag in seiner Seele. Er hatte, wenn die Zeit dazu giinstig gewesen
ware, wenn die Verhaltnisse dazu dagewesen waren, aus den alten
Mysterien heraus eine geradlinige Fortsetzung bewirken konnen
vom vorchristlichen Christus, von dem wirklichen makrokosmi-
schen Logos, zu dem Christus, der fortwirken sollte in der Mensch-
heit nach dem Mysterium von Golgatha. Und wenn man geistig
auf den Julian eingeht, so findet man eben das Merkwiirdige: Es ist
Schale bei ihm gewesen dieses Apostata-Wesen, und auf dem
Grunde seiner Seele findet man eigentlich einen Trieb, das Christen-
tum zu erfassen, den er aber nicht heraufkommen lieB, den er unter-
driickte, wegen der Albernheiten des Celsus, der iiber den Jesus
geschrieben hat. Es kommt eben vor, daB auch eine geniale Per-
sonlichkeit bisweilen auf Albernheiten von Leuten hereinfallt. Und
so hat man das Gefiihl, Julian ware eigentlich die geeignete Seele
gewesen, dem Christentum die Bahnen zu ebnen, das Christentum
in die Bahn zu bringen, in die es gehort.
Und man verlaBt dann diese Seele des Julian Apostata in ihrem
Erdenleben und folgt ihr als Individualist mit hochstem Interesse
durch die geistigen Welten. Aber da ist etwas Unklares. Es um-
schwebt diese Seele etwas Unklares, und nur dem intensivsten Be-
streben kann es gelingen, in dieser Beziehung zur Klarheit zu ge-
langen. Uber vieles existieren im Mittelalter ja Anschauungen, die
immer legendar sind, die aber adaquat sind den wirklichen Ereig-
nissen. Ich habe das schon erwahnt, wie adaquat — wenn auch
natiirlich legendar — die Sagen sind, die sich an die Personlichkeit
des Alexander angeschlossen haben. Wie lebendig erscheint das
Leben Alexanders noch in der Schilderung des Pfaffen Lamprecht!
Was von Julian fortlebt, das lebt so fort, daB man immer sagen
kann: Es will eigentlich verschwinden in der Menschenbetrachtung.
Und wenn man es verfolgt, hat man sozusagen die groBte Miihe,
mit dem geistigen Blick dabeibleiben zu konnen. Es entzieht sich
einem fortwahrend. Man verfolgt es durch die Jahrhunderte bis in
das Mittelalter herein: es entzieht sich einem. Und wenn es einem
dann doch gelingt, die Sache zu verfolgen, dann landet man mit
der Betrachtung an einer merkwiirdigen Stelle, die eigentlich gar
nicht historisch ist, die aber historischer als historisch ist: Man
landet endlich bei einer weiblichen Personlichkeit, in der man die
Seele Julian Apostatas findet, bei einer weiblichen Personlichkeit,
die unter einem fiir sie selbst bedriickenden Eindrucke ein Wichtiges
im Leben vollzog. Diese weibliche Personlichkeit sah nicht in sich,
sondern in einer anderen ein Abbild des Schicksals Julian Apo-
statas, insofern Julian Apostata einen Zug nach dem Oriente
machte und im Orient durch Verrat umgekommen ist.
Sehen Sie, das ist Herzeloyde, die Mutter des Parsifal, die eine
historische Personlichkeit ist, iiber die aber die Historie nicht be-
richtet, die in Gamuret, den sie geheiratet hat und der auf einem
Zug nach dem Orient durch Verrat zugrunde gegangen ist, auf ihr
eigenes Schicksal in dem friiheren Julian Apostata hingewiesen
wird. Durch diesen Hinweis, der ihr tief in die Seele ging, voll-
brachte Herzeloyde, was nun legendar, aber ungemein historisch
doch von der Erziehung des Parsifal durch Herzeloyde gesagt wird.
Diese Seele des Julian Apostata, die so in den Untergriinden geblie-
ben war, bei der man glauben mochte, daB sie eigentlich wie beru-
fen gewesen ware, dem Christentum die rechte Bahn zu weisen, die
findet sich dann im Mittelalter in einem weiblichen Leibe, in einer
weiblichen Personlichkeit, die den Parsifal aussendet, urn dem
Christentum die esoterischen Wege zu suchen und zu weisen.
Sehen Sie, so geheimnisvoll, so ratselhaft gehen oft die Wege
der Menschheit in den Unter- und Hintergriinden des Daseins. Die-
ses Beispiel, das sich in einer merkwiirdigen Weise verwebt mit
dem, was ich schon erzahlt habe in Ankniipfung an die Schule von
Chartres, kann Sie aufmerksam darauf machen, wie wunderbar im
Grunde genommen die Wege der menschlichen Seele und die Ent-
wickelungswege der ganzen Menschheit sind. Dieses Beispiel wird
noch eine Art Fortsetzung erfahren diirfen, indem ich iiber das
Leben von Herzeloyde, iiber den, der dazumal physisch als Parsifal
hinausgesendet wurde, einiges sprechen werde. Da, wo wir jetzt die
Betrachtungen unterbrechen miissen, werde ich das nachste Mai
ankniipfen.
SECHSTER VORTRAG
Dornach, 16. September 1924
Ich mochte in der Betrachtung, die ich vorgestern hier angestellt
habe, heute fortfahren. Und zwar standen wir da, wo wir den Faden
der Entwickelung, wie er hereinspielt in das spirituelle Leben der
Gegenwart, fallengelassen haben mit der Individualist Julian
Apostatas respektive der Individualist, die in Julian Apostata
gelebt hat und von der ich Ihnen angedeutet habe, daB sie zunachst
in derjenigen Personlichkeit verkorpert war, von der nur legendare
Nachrichten da sind, von der Personlichkeit, die in die Parsifal-
Sage hineingeheimniBt ist als Herzeloyde. Es war ein vertieftes
Seelenleben, das da in die Seele des friihern Julian Apostata einzog,
ein vertieftes Seelenleben, das diese Individualist wahrhaftig
brauchte, brauchte gegeniiber den Stiirmen und den inneren Oppo-
sitionsstimmungen, welche sie eben in dem Dasein als Julian
Apostata durchgemacht hatte. Dieses Leben, von dem ich Ihnen
sprach, war ein solches, das sich iiber das Julian-Apostata-Leben
wie eine friedfertige, warme Wolke heriiberzog. Und so ist die Seele
innerlich intensiver geworden. So ist die Seele reicher auch gewor-
ren, reicher an den mannigfaltigsten inneren Impulsen.
Aber diese Seele hatte ja, weil sie zu denjenigen gehorte, die
noch etwas von den alten Mysterien ubernommen hatten, die noch
drinnen gelebt hatten in der Substanz der alten Mysterien in einer
Zeit, wo diese Mysterien in gewisser Beziehung helleuchtend noch
waren, diese Seele hatte von der Spiritualist des Kosmos viel in
sich aufgenommen. Das war gewissermaBen zuriickgedrangt wor-
den wahrend der Herzeloyde-Inkarnation, drangte aber herauf in
der Seele, und so finden wir diese Individualist wieder im sech-
zehnten Jahrhunderte. Und wir erkennen im sechzehnten Jahr-
hunderte bei dieser Individualist, wie aufsteigt verchristlicht das-
jenige, was sie als Julian Apostata durchgemacht hatte. Es erscheint
diese Individualist als Tycho de Brahe im sechzehnten Jahrhun-
derte und steht da gegeniiber demjenigen, was in der abendlandi-
schen Zivilisation als die kopernikanische Weltanschauung herauf-
taucht.
Diese kopernikanische Weltanschauung, sie gab ein Bild von
dem Weltenall, das nun ganz darauf hinarbeitet, wenn es in
seinen letzten Konsequenzen verfolgt wird, Spiritualitat aus dem
Kosmos in der Anschauung herauszutreiben. Das kopernikanische
Weltbild fiihrt zuletzt zu einer vollig mechanisch-maschinellen Auf-
fassung des Weltalls im Raume. Und schlieBlich ist es ja dieses
kopernikanische Weltbild, aus dem heraus ein beruhmter Astronom
zu Napoleon gesagt hat, er fande keinen Gott innerhalb dieses
Weltenalls; er hatte alles durchforscht, er fande keinen Gott. Es
ist eben das Austreiben aller Spiritualitat.
Dem konnte sich die charakterisierte Individualist, die jetzt in
Tycho de Brahe da war, nicht fiigen. Daher sehen wir, wie Tycho
de Brahe in bezug auf seine Weltanschauung dasjenige annimmt,
was brauchbar ist im Kopernikanismus, wie er aber ablehnt die ab-
solute Bewegung, die der Erde zugeschrieben werden muBte im
Sinne des kopernikanischen Weltbildes. Und wir sehen dies gebun-
den bei Tycho de Brahe an wirkliche Spiritualitat, Spiritualitat, bei
der wir, wenn wir den Verlauf seines Lebens ins Auge fassen,
geradezu sehen konnen, wie altes Karma hinaufdrangt in das
Tycho-de-Brahe-Leben, mit aller Gewalt heraufdrangt, BewuBtseins-
inhalt werden will. So wird ja von seinen danischen Angehorigen
in jeder Weise versucht, ihn im juristischen Berufe festzuhalten; er
muB unter der Aufsicht eines Hauslehrers in Leipzig Jurisprudenz
studieren und kann nur, wahrend jener schlaft, sich die Stunden
aussparen, in denen er in der Nacht mit den Gottern verkehrt. Und
da zeigt sich — das ist ja auch in seiner Biographie wiederum ent-
halten — etwas hochst Merkwiirdiges.
Sie werden sehen, daB dies fur die spatere Beurteilung der Tycho de
Brahe-Herzeloyde-Julian-Individualitat von Bedeutung ist. Schon
mit sehr primitiven Instrumenten, die er sich selber zusammen-
gestellt hat, entdeckt er bedeutende Rechenfehler, die gemacht
worden sind in bezug auf die Ortsbestimmungen von Saturn und
Jupiter. Und wir haben die merkwiirdige Szene im Leben Tycho
de Brahes, daB er als junger Mensch mit primitiven Instrumenten,
mit denen man sonst gar nicht daran denkt, irgendwie etwas an-
fangen zu konnen, eines Tages sich gedrangt fiihlt, die genauen
Orte am Himmel fiir Saturn und Jupiter aufzusuchen. Solche Dinge
werden dann bei ihm durchaus mit Spirituellem durchsetzt, mit
Spirituellem, das ihn so hineinfuhrt in eine Auffassung des "Welt-
alls, wie man sie eigentlich haben muB, wenn man wiederum dem
modernen Initiatentum zustrebt, wo man dann dazu kommt, von
geistigen Wesen so zu sprechen, wie man von physischen Menschen
auf Erden spricht, weil man ihnen ja eigentlich immer begegnen
kann, weil ja im Grunde genommen nur ein Seins-Unterschied, ein
Unterschied in der Qualitat des Seins ist zwischen denjenigen Men-
schenindividualit'aten, die gerade hier auf dem physischen Plane
verweilen, und denjenigen, die entkorpert sind und zwischen dem
Tod und einer neuen Geburt leben.
Das aber fachte in Tycho de Brahe iiberhaupt ein ungemein
bedeutsames Hineinschauen in jene Zusammenhange an, die sich
ergeben, wenn man nicht mehr hier auf Erden alles wie durch
irdische Impulse veranlaBt anschaut und dies oben in den Sternen
nur mathematisch berechnet, sondern wenn man das Ineinander-
wirken von Sternenimpulsen und menschheitlichen geschichtlichen
Impulsen durchschaut. Durch jenes Instinktive in der Seele, das er
sich aus seinem Julian-Apostata-Leben mitgebracht hatte, das da-
mals wahrend des Julian-Apostata-Lebens nicht durchsetzt war von
Rationalismus oder Intellektualismus, sondern das intuitiv, imagina-
tiv war — so war ja das innere Leben Julian Apostatas — , durch all
das gelang es ihm dann, etwas sehr Aufsehenerregendes zu tun.
Er konnte nicht viel Eindruck auf seine Zeitgenossen machen mit
seinen von dem Kopernikus ja abweichenden astronomischen An-
sichten, mit dem, was er sonst in der Sternkunde leistete. Er be-
obachtete unzahlige Sterne und zeichnete eine Sternkarte, die es
dann allein moglich machte, daB Kepler zu seinen groBartigen Er-
gebnissen kam. Denn Kepler kam auf Grundlage der Sternkarte
des Tycho de Brahe zu seinen Keplerschen Gesetzen. Das alles aber
hatte auf seine Zeitgenossen wohl nicht den groBen Eindruck ge-
macht, den eine an sich nicht gerade bedeutsame, aber auffallige
Sache machte: Er sagte namlich den Tod des Sultans Soliman fast
bis auf den Tag genau prophetisch voraus, der dann auch so eintraf,
wie er ihn vorausgesagt hatte. Wir sehen ja wirklich in Tycho
de Brahe hereinwirken in eine neuere Zeit, verbunden mit einer
spirituellen Intellektualitat, mochte ich sagen, alte Anschauungen,
die er als Julian Apostata aufgenommen hatte. Wir sehen das alles
hereinwirken in die neuere Zeit in diesem Tycho de Brahe. Und
Tycho de Brahe gehort schon zu den interessantesten Seelen, die
dann, als er im siebzehnten Jahrhunderte durch die Todespforte
ging, in die geistige Welt hinaufversetzt wurde.
Nun, in den Stromungen, die ich als Michael-Stromungen geschil-
dert habe, flndet sich eigentlich Tycho de Brahe -Julian -Apostata-
Herzeloyde fortwahrend; in irgendeiner der ubersinnlichen Funk-
tionen ist er im Grunde genommen immer da. Deshalb flndet man
ihn auch wieder bei bedeutsamen Ereignissen in der ubersinnlichen
Welt, die mit dieser Michael-Stromung zusammenhangen, am Ende
des achtzehnten und am Beginn des neunzehnten Jahrhunderts.
Ich habe ja friiher hingewiesen auf die groBe ubersinnliche Lehr-
schule im fiinfzehnten, sechzehnten Jahrhundert, die unter Michaels
Agide selber stand. Dann begann ein Leben fur diejenigen, die in
dieser Lehrschule waren, das sich so abspielte, daB Kraftentwicke-
lungen, Tatigkeiten in der geistigen Welt abliefen, daB diese Tatig-
keiten herunterwirkten in die physische Welt, im Zusammenhang
wirkten mit der physischen Welt. So zum Beispiel fiel gerade in
dieser Zeit, die nun folgte auf die Zeit dieser Lehrschule, eine wich-
tige Aufgabe einer Individualist zu, von deren fortlaufendem Le-
ben ich ja ofter gesprochen habe: der Individualist Alexanders des
GroBen.
Ich habe ja auch hier aufmerksam darauf gemacht, wie Baco von
Verulam, Lord Bacon, der wiedererstandene Harun al Raschid ist.
Und das Merkwurdige ist dieses, daB im Zusammenhang mit Lord
Bacons Anschauungen, die einen so intensiven, maBgebenden Ein-
fluB auf die ganze folgende Geistesentwickelung gerade in feineren
geistigen Bestrebungen gehabt haben, in Lord Bacon etwas geschah,
was man bezeichnen konnte wie ein krankhaftes Heraustreiben alter
Spiritualitat, die er schon immerhin als Harun al Raschid gehabt
hat. Und so sehen wir denn, daB von dem Impuls dieses Lord Bacon
ausgeht eine ganze Welt damonischer Wesenheiten. Es wird die
Welt geradezu davon erfiillt, iibersinnlich und sinnlich erf iillt - sinn-
lich, naturlich nicht anschaulich — ich meine, die sinnliche Welt
wird erfiillt von damonischen Wesenheiten. Der Individuality
Alexanders fallt es zu, hauptsachlich den Kampf zu fiihren gegen
diese Damonen-Idole des Lord Bacon, des Baco von Verulam.
Und ahnliche Tatigkeiten, die auBerordentlich wichtig sind, ge-
schehen unten, sonst ware der Materialismus des neunzehnten Jahr-
hunderts noch in viel verheerenderer Weise hereingebrochen. Ahn-
liche Tatigkeiten, die sich im Zusammenhange der geistigen und
der physischen Welt abspielten, die fielen dann der Michael-Stro-
mung zu, bis in iibersinnlichen Regionen am Ende des achtzehnten
und Beginn des neunzehnten Jahrhunderts das stattfand, was ich
schon einmal hier genannt habe: das Aufleben eines iibersinnlichen
bedeutsamen Kultus.
In der iibersinnlichen Welt wurde dazumal ein Kultus eingerich-
tet, der in realen Imaginationen geistiger Art sich abspielte. So daB
man sagen kann: Am Ende des achtzehnten und Beginn des neun-
zehnten Jahrhunderts schwebt eigentlich unmittelbar angrenzend,
ganz in der Nahe — naturlich ist das qualitativ gemeint — der phy-
sisch-sinnlichen Welt ein iibersinnliches Geschehen, das darstellt
iibersinnliche Kultushandlungen, machtige Bilder-Entwickelung des
geistigen Lebens, der Wei ten wesenheiten, der Wesenheiten der Hier-
archien, im Zusammenhange mit den groBen Atherwirkungen des
Kosmos und mit den menschlichen Wirkungen auf der Erde. Es ist
interessant, daB in einem besonders giinstigen Augenblicke von die-
ser iibersinnlichen Kultusbetatigung, ich mochte sagen, ein Minia-
turbildchen einstromte in Goethes Geist. Und dieses Miniaturbild-
chen, dieses metamorphosierte, veranderte Miniaturbildchen haben
wir von Goethe hingemalt in seinem «Marchen von der griinen
Schlange und der schonen Lilie». Es ist so ein Fall, wo leise nun
etwas durchbricht. Sehen Sie, das war ein iibersinnlicher Kultus, an
dem sich vorzugsweise diejenigen beteiligt haben, welche mit teil-
genommen haben an der Michael-Stromung bei all den Offenbarun-
gen, den iibersinnlichen und sinnlichen Offenbarungen, von denen
ich gesprochen habe.
Uberall spielt da die Individualitat, die zuletzt in Tycho de Brahe
war, eine auBerordentlich groBe Rolle. Er war uberall bestrebt, die
groBen, dauernden Impulse dessen, was man Heidentum, was man
altes Mysterienwesen nennt, eben auch zum besseren Verstandnis
des Christentumes zu erhalten. In das Christentum war er eingezo-
gen, wahrend er als Seele der Herzeloyde lebte. Jetzt war er bestrebt,
alles dasjenige, was er durch seine Julian-Apostata-Initiation hatte,
einzufuhren in die Vorstellungen des Christentums. Das war es ja
ganz besonders, was wichtig erschien fur diejenigen Seelen, von
denen ich da gesprochen habe. Mit alien diesen Stromungen sind
die zahlreichen Seelen verbunden, die jetzt in der anthroposophi-
schen Bewegung sich finden, die ehrlich nach dieser Bewegung hin-
streben. Sie fuhlen sich angezogen von der Michael-Stromung ge-
rade durch die innere Natur und Wesenheit dieser Michael-Stromung.
Und Tycho de Brahe hatte einen bedeutenden EinfluB darauf, daB
diese Seelen nun am Ende des neunzehnten Jahrhunderts oder im
Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, vorzugsweise aber Ende des
neunzehnten Jahrhunderts, vorbereitet auf die Erde herunterkamen,
um den Christus nicht nur so zu schauen oder zu fuhlen, wie ihn
die verschiedenen Bekenntnisse fuhlen, sondern wiederum in seiner
ganzen grandiosen Weltherrlichkeit als den kosmischen Christus.
Dazu wurden sie ja vorbereitet, auch ubersinnlich zwischen dem
Tode und einer neuen Geburt, durch solche Einfliisse wie die des
Tycho de Brahe, der Seele, die zuletzt in Tycho de Brahe verkorpert
war. So spielte diese Individualitat eigentlich fortdauernd gerade
innerhalb dieser Michael-Stromung eine auBerordentlich bedeut-
same Rolle.
Sehen Sie, es wurde ja immer hingeschaut — sowohl innerhalb
der alten Lehrschule im fiinfzehnten und sechzehnten Jahrhundert
wie sp'ater bei der Verrichtung des iibersinnlichen Kultus, der
einleiten sollte gewissermaBen von der iibersinnlichen Welt
aus die sp'atere, neu eintretende sp'atere Michael-Herrschaft auf
Erden — , es wurde ja iiberall hingewiesen auf die kommende
Michael-Herrschaft.
Nun blieben eine ganze Anzahl — ich habe das schon an-
gedeutet — platonisch begabter Seelen seit ihrer Wirksamkeit in
Chartres in der geistigen Welt. Ich habe heute andere Bilder aus der
Sammlung von Bildern iiber Chartres hier anheften lassen, Pro-
phetenbilder, aber auch Bilder der auBerordentlich wunderbaren
Architektur von Chartres. Die Individualitaten der Lehrer von
Chartres, die gerade platonisch geartet waren, sie blieben in der
geistigen Welt. Herunter stiegen mehr die Aristoteliker, die zum
Beispiel im Dominikaner-Orden vielfach waren, dann aber nach
einer bestimmten Zeit sich vereinigten und eben auch von der gei-
stigen Welt aus auf ubersinnliche Art mit den Platonikern zusam-
men wirkten. So daB man sagen kann: Eigentlich sind immer
zuriickgeblieben die platonisch gearteten Seelen; sie sind bis
heute in ihren wesentlicheren Individualitaten nicht wiederum
auf der Erde erschienen, sondern warten bis zum Ende dieses
Jahrhunderts.
Dagegen sind gerade viele, die sich angezogen fiihlten von dem,
was ich beschrieben habe als die Michael-Taten im iibersinnlichen,
die sich in ehrlicher Weise zu einer solchen spirituellen Bewegung
hingezogen fiihlten, eben in die Stromung der anthroposophischen
Bewegung eingelaufen. Und man kann schon sagen: Dasjenige, was
in der Anthroposophie lebt, das ist angeregt zunachst von der
Michael-Lehrschule im fiinfzehnten, sechzehnten Jahrhundert und
von jenem Kultus, der am Ende des achtzehnten Jahrhunderts und
im Beginn des neunzehnten Jahrhunderts iibersinnlich stattfand.
Es ist ja auch aus diesem Grunde, daB, als im Hinblick auf diesen
iibersinnlichen Kultus meine Mysterienspiele entstanden, gerade das
erste Mysterium, trotzdem es sich viel unterscheidet von Goethes
«Marchen von der griinen Schlange und der schonen Lilie», doch
deutlich ahnliche Ziige aufweist. Diese Dinge, die reale Impulse
spiritueller Art enthalten wollen, konnen eben nicht aus den Fin-
gem gesogen werden, sondern werden durchaus im Einklange mit
der geistigen Welt geschaut und gearbeitet.
So stehen wir heute da mit der anthroposophischen Bewegung,
die eingelaufen ist in die mittlerweile eingetretene Michael-Herr-
schaft, berufen dazu, gerade das Wesen dieser Michael-Herrschaft
zu verstehen, berufen dazu, gerade im Sinne des Wirkens Michaels
durch die Jahrhunderte und die Jahrtausende, jetzt, wo er wieder
seine Erdenherrschaft in einem besonders bedeutsamen Momente
antritt, berufen, in dieser Richtung zu wirken. Es liegt in dem inne-
ren Esoterischen dieser Michael-Stromung, daB in einer ganz be-
stimmten Weise vorgezeichnet ist, zunachst fiir dieses Jahrhundert,
dasjenige, was geschehen wird.
Aber sehen Sie, meine lieben Freunde, fiir die Anthroposophie,
wenn man sie so ihrem heutigen Inhalte nach nimmt und sie riick-
warts verfolgt, findet man wenig Erdenvorbereitung. Gehen Sie nur
etwas zuriick von dem, was heute als Anthroposophie auftritt, und
suchen Sie unbefangen, nicht etwa den Sinn getnibt durch allerlei
philologische Spitzfindigkeiten, sondern unbefangen irgendwo Quel-
len fiir diese Anthroposophie etwa im Laufe dieses neunzehnten
Jahrhunderts: Sie finden sie nicht. Sie finden einzelne Spuren von
spiritueller Auffassung, die dann wie Keime, aber Keime sehr spar-
Hcher Art, Verwendung finden konnten in dem ganzen Gefiige der
Anthroposophie; aber eine eigentliche Vorbereitung innerhalb des
Irdischen ist ja nicht vorhanden.
Urn so starker ist die Vorbereitung im Ubersinnlichen. Und
schlieBlich, inwiefern Goethes Wirken, auch nach seinem Tode
— wenn auch das in meinen Biichern anders aussieht — mitgewirkt
hat an der Gestaltung der Anthroposophie, das wissen Sie ja alle.
Das Wichtigste in bezug auf diese Dinge, das unmittelbar Wich-
tigste hat sich schon im Ubersinnlichen abgespielt. Aber wiederum
wenn man so lebendig zuriickverfolgt das geistige Leben des neun-
zehnten Jahrhunderts bis zu Goethe, Herder, sogar meinetwillen bis
zu Lessing zuriick, dann erscheint einem dennoch dasjenige, was in
einzelnen Geistern des ablaufenden achtzehnten Jahrhunderts, der
ersten Halfte des neunzehnten Jahrhunderts gewirkt hat, wenn es
audi wie zum Beispiel bei Hegel in starken Abstraktionen auftritt
oder in abstrakt bildhafter Art wie bei Scheiling, es erscheint einem
dennoch mindestens sehr stark spirituell angehaucht.
Denn ich glaube, man erkennt in meinen «Ratseln der Philo-
sophie» aus der Art und Weise, wie ich Scheiling, wie ich Hegel
geschildert habe, daB ich dennoch in dem Geistig-Seelischen dieser
Entwickelung der Weltanschauung auf etwas hinweisen wollte, was
dann einlaufen kann in das Anthroposophische. Ich versuchte ja
auch in meinem Buche «Die Ratsel der Philosophie» diese Abstrak-
tionen, die da auftreten, ich mochte sagen, mit dem Gemiite zu er-
fassen. Ich darf da vielleicht ganz besonders auf das Kapitel iiber
Hegel hinweisen, auch auf manches, was iiber Scheiling gesagt ist.
Aber man muB eben doch noch tiefer gehen. Dann findet man
merkwiirdige Erscheinungen, die da im Geistesleben der ersten
Halfte des neunzehnten Jahrhunderts auftreten und die dann nur,
ich mochte sagen, zunachst versanken in demjenigen, was geistiges
Leben, materialistisches Leben der zweiten Halfte des neunzehnten
Jahrhunderts war. Und doch tritt in alledem etwas auf, worin, wenn
auch in abstrakten Begriffen, eben durchaus Spirituelles ist, spiri-
tuelles Leben und Weben darinnen ist.
Insbesondere interessant und immer interessanter, je mehr man
sich in ihn einliest, wird der Philosoph Scheiling. Ich mochte sagen,
er beginnt fast wie Fichte mit willensdurchtrankten, scharf markier-
ten, reinen Ideen. So trat ja Fichte auf. Johann Gottlieb Fichte ist ja
eine der wenigen Personlichkeiten in der Weltgeschichte, vielleicht
in seiner Art uberhaupt einzig in gewisser Beziehung, eine Person-
lichkeit, die die starksten Begriffsabstraktionen zu gleicher Zeit mit
Enthusiasmus und Energie des Willens verband, so daB man gerade
in ihm eine sehr interessante Erscheinung vor sich hat: Der kurze,
gedrungene Fichte, im Wachstum etwas zuriickgeblieben durch die
Entbehrungen der Jugend, der, wenn man ihm auf der StraBe nach-
schaute, mit einem ungeheuer fest auftretenden Schritte ging, alles
Wille, Wille, der sich auslebt in der Darstellung der abstraktesten
Begriffe, aber mit diesen abstraktesten Begriffen doch wiederum so
etwas erreicht wie jene «Reden an die deutsche Nation», die er ge-
halten hat, mit denen er unzahlige auf wunderbare Weise begei-
stert hat.
Schelling tritt fast fichtisch auf, nicht mit solcher Kraft, aber mit
solcher Gedankenart. Wir sehen aber sehr bald, daB sich Schellings
Geist erweitert. Geradeso wie Fichte von Ich und Nicht-Ich und
von allerlei ahnlichem Abstrakten redet, redet auch Schelling in
seiner Jugend, begeistert damit auch in Jena die Leute. Aber ihn
verlaBt das alsobald, der Geist erweitert sich, und wir sehen in ihn
einziehen, wenn auch phantasie-gestaltete, aber wiederum fast nach
Imaginationen hinzielende Vorstellungen. Es geht eine Weile wei-
ter, dann vertieft er sich in solche Geister wie Jakob Bohme, be-
schreibt etwas, was dem ganzen Ton und Stile nach ganz verschie-
den ist von seiner fniheren Wirksamkeit: die Grundlage der mensch-
lichen Freiheit, eine Art Auferweckung der Ideen Jakob Bohmes.
Wir sehen dann, wie in Schelling der Platonismus fast auflebt. Ein
Weltanschauungsgesprach «Bruno» verfaBt er, das wirklich an
Platos Gesprache erinnert, das sehr eindringlich ist. Interessant ist
auch ein anderes Schriftchen, «Clara», worinnen die iibersinnliche
Welt eine groBe Rolle spielt.
Dann schweigt Schelling furchtbar lange. Er wird von seinen
Mit-Philosophen, ich mochte sagen, fur einen Lebendig-Toten ge-
halten und veroffentlicht dann nur die auBerordentlich bedeutsame
Schrift iiber die Samothrakischen Mysterien, — wiederum Erweite-
rung seines Geistes. Er lebt aber vorerst noch in Miinchen, bis ihn
der Konig von PreuBen beruft, an der Berliner Universitat diejenige
Philosophic vorzutragen, von der Schelling sagt, daB er sie in der
Stille seiner Einsamkeit durch die Jahrzehnte hindurch erarbeitet
habe. Und jetzt tritt Schelling in Berlin auf mit derjenigen Philo-
sophic, die dann in seinen nachgelassenen Werken als « Philosophic
der Mythologie» und als « Philosophic der Offenbarung» enthalten ist.
Er macht keinen groBen Eindruck auf das Berliner Publikum, denn
der Tenor dessen, was er in Berlin redet
…[truncated]