Der Tod als Lebenswandlung

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Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF  STEINER  GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE  VOR  MITGLIEDERN 
DER  ANTHROPOSOPHISCHEN  GESELLSCHAFT 


RUDOLF  STEINER 

Der  Tod 
als  Lebenswandlung 

Sieben  Vortrage,  gehalten  in  verschiedenen  Stadten 
zwischen  dem  29.  November  1917  und  16.  Oktober  1918 


1996 


RUDOLF  STEINER  VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 


Nach  vom  Vortragenden  nicht  durchgesehenen  Nachschriften 
herausgegeben  von  der  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die  Herausgabe  besorgten  R.  Friedenthal  und  J.  Waeger 


1.  Auflage  in  dieser  Zusammenstellung 
Gesamtausgabe  Dornach  1969 

2.,  durchgesehene  Auflage 
Gesamtausgabe  Dornach  1976 

3.,  neu  durchgesehene  Auflage 
Gesamtausgabe  Dornach  1986 

4.  Auflage,  Gesamtausgabe  Dornach  1996 


Einzelausgaben  und  Abdrucke  in  Zeitschriften 
siehe  zu  Beginn  der  Hinweise 


Bibliographie-Nr.  182 

Zeichen  auf  dem  Einband  nach  einem  Entwurf  Rudolf  Steiners 

Alle  Rechte  bei  der  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach/Schweiz 
©  1969  by  Rudolf  Steiner-Nachlaftverwaltung,  Dornach/Schweiz 
Printed  in  Germany  by  Greiserdruck,  Rastatt 

ISBN  3-7274-1820-6 


Tu  den  Veroffentlichungen 
aus  dem  Vortragswerk  von  Rudolf  Steiner 


Die  Gesamtausgabe  der  Werke  Rudolf  Steiners  (1861-1925)  glie- 
dert  sich  in  die  drei  grofien  Abteilungen:  Schriften  -  Vortrage  - 
Kiinstlerisches  Werk  (siehe  die  Ubersicht  am  Schluft  des  Bandes). 

Von  den  in  den  Jahren  1900  bis  1924  sowohl  offentlich  wie  fur 
die  Mitglieder  der  Theosophischen,  spater  Anthroposophischen 
Gesellschaft  zahlreichen  frei  gehaltenen  Vortragen  und  Kursen 
hatte  Rudolf  Steiner  urspriinglich  nicht  gewollt,  daft  sie  schriftlich 
festgehalten  wiirden,  da  sie  von  ihm  als  «miindliche,  nicht  zum 
Druck  bestimmte  Mitteilungen»  gedacht  waren.  Nachdem  aber 
zunehmend  unvollstandige  und  fehlerhafte  Horernachschriften 
angefertigt  und  verbreitet  wurden,  sah  er  sich  veranlafit,  das 
Nachschreiben  zu  regeln.  Mit  dieser  Aufgabe  betraute  er  Marie 
Steiner-von  Sivers.  Ihr  oblag  die  Bestimmung  der  Stenographie- 
renden,  die  Verwaltung  der  Nachschriften  und  die  fur  die  Heraus- 
gabe  notwendige  Durchsicht  der  Texte.  Da  Rudolf  Steiner  aus 
Zeitmangel  nur  in  ganz  wenigen  Fallen  die  Nachschriften  selbst 
korrigieren  konnte,  mu(S  gegeniiber  alien  Vortragsveroffent- 
lichungen  sein  Vorbehalt  beriicksichtigt  werden:  «Es  wird  eben 
nur  hingenommen  werden  mussen,  daft  in  den  von  mir  nicht 
nachgesehenen  Vorlagen  sich  Fehlerhaftes  findet.» 

Uber  das  Verhaltnis  der  Mitgliedervortrage,  welche  zunachst 
nur  als  interne  Manuskriptdrucke  zuganglich  waren,  zu  seinen  6f- 
fentlichen  Schriften  aufiert  sich  Rudolf  Steiner  in  seiner  Selbst- 
biographie  «Mein  Lebensgang»  (35.  Kapitel).  Der  entsprechende 
Wortlaut  ist  am  Schluft  dieses  Bandes  wiedergegeben.  Das  dort 
Gesagte  gilt  gleichermafien  auch  fur  die  Kurse  zu  einzelnen  Fach- 
gebieten,  welche  sich  an  einen  begrenzten,  mit  den  Grundlagen 
der  Geisteswissenschaft  vertrauten  Teilnehmerkreis  richteten 

Nach  dem  Tode  von  Marie  Steiner  (1867-1948)  wurde  gemafi 
ihren  Richtlinien  mit  der  Herausgabe  einer  Rudolf  Steiner  Ge- 
samtausgabe begonnen.  Der  vorliegende  Band  bildet  einen  Be- 
standteil  dieser  Gesamtausgabe.  Soweit  erforderlich,  finden  sich 
nahere  Angaben  zu  den  Textunterlagen  am  Beginn  der  Hinweise. 


INHALT 


Die  drei  Reiche  der  Toten.  Das  Leben  zwischen  Tod  und  neuer 
Geburt 

Das  Mysterium  von  Golgatha.  Die  Bedeutung  der  Naturwissenschaften 
in  unserer  Zeit.  Theologie  als  Hindernis  fur  das  Begreifen  des  Christus. 
Einwirken  der  Toten  und  des  Christus  auf  das  menschliche  Schicksal. 
Das  Wiedererscheinen  des  Christus  im  Atherischen. 

Bern,  29.  November  1917  

Der  Tod  als  Lebenswandlung 

Die  Beziehungen  zu  den  Toten.  Einwirkung  Toter  in  Blut  und  Nerven- 
system.  Prinzip  der  Umkehrung  im  Verkehr  mit  Toten.  Einschlafen  und 
Aufwachen.  Verbindung  des  Gefiihlslebens  mit  Vorstellungen.  Das 
Verhaltnis  der  Lebenden  zu  den  jungeren  und  alteren  Verstorbenen : 
Mitgefuhls-Schmerz  und  egoistischer  Schmerz.  Totenfeiern  fur  Jung-  und 
Alt verstor bene.  Geschichtliches,  soziales,  ethisches  Leben  abhangig  vom 
Verkehr  zwischen  Lebenden  und  Toten. 

Nurnberg,  10.  Februar  1918  

Mensch  und  Welt 

Wirkung  der  Geisteswissenschaft  auf  Vorstellen,  Fiihlen  und  Wollen. 
Naturwissenschaftliche  Vorstellungen  im  Sozialen  zerstorerisch.  Mensch 
als  Mikrokosmos  im  Makrokosmos.  Laboratorium  soil  Altar  werden. 
Ungeschick  durch  Einseitigkeit.  Intellekt  bewirkt  Instinktlosigkeit.  In- 
stinkt  mufi  spiritualisiert  werden.  Wahrnehmung  des  Geistes  durch 
«Herstellung  eines  anderen  Tempos».  Schule  sollte  fur  das  ganze  Leben 
Impulse  geben.  «Weltenschulmeister»  Wilson. 

Heidenheim,  29.  April  1918  

Zeichen  der  Zeit.  Osten,  Westen,  Mitteleuropa 

Ursprung  des  Wortes  «Gott».  Erdenleib,  Erdenseele,  physische  Kultur, 
geistige  Kultur.  Die  Kirchen.  Was  ist  es,  was  gemeinhin  als  «Gott»  ver- 
ehrt  wird?  Der  Osten  und  die  neue  Geistigkeit.  Leninismus  als  bitterste 
Ironie.  Tagore,  Aufgabe  Mitteleuropas  zwischen  Orient  und  Anglo- 
Amerikanismus. 

Ulm,  30.  April  1918  


Das  Sich-Aufbaumen  der  Menschen  gegen  den  Geist 

Beziehungen  zwischen  Lebenden  und  Toten.  Einschlafen  und  Auf- 
wachen.  Die  Toten  als  Berater  der  Lebenden.  Lloyd  George,  Matthias 
Erzberger.  Goethes  Entwicklung.  Faust  und  Wagner.  Mephisto,  Luzifer 
und  Ahriman.  Die  Psychoanalyse.  Otto  Weininger.  Max  Dessoir.  Oscar 
Hertwig.  Gibbon.  Treitschke.  Begabtenprufungen. 

Hamburg,  30.  Juni  1918  104 


Was  tut  der  Engel  in  unserem  Astralleib? 

Das  Wirken  der  Hierarchien  im  Menschen.  Ziele  kiinftiger  Menschheit: 
Briiderlichkeit,  Religionsfreiheit,  Einsicht  in  die  geistige  Natur  der  Welt. 
Luzifers  und  Ahrimans  Gegenwirkungen:  Sexualinstinkte,  krankma- 
chende  Wirkungen  von  Heilmitteln,  Miftbrauch  der  Technik. 

Zurich,  9.  Oktober  1918  138 


Wie  finde  ich  den  Christus? 

Atheismus  Krankheit,  Leugnung  des  Christus  Ungliick,  Leugnung  des 
Geistes  Idiotismus.  Das  Mysterium  von  Golgatha  und  die  Wissenschaft. 
Harnack.  Die  Menschheitssituation  zur  Zeit  des  Mysteriums  von  Gol- 
gatha. Das  Jahr  333.  Entstehung  der  Evangelien  durch  atavistisches  Hell- 
sehen.  Tertullian.  Das  Jahr  666.  Justinian.  Akademie  von  Gondishapur. 
Mohammed.  Konzil  von  Konstantinopel  von  869.  Angelus  Silesius.  Jo- 
hannes Miiller.  Sprache  als  Gebarde.  Wilson  und  Herman  Grimm. 


Zurich,  16.  Oktober  1918   161 

Hinweise   191 

Personenregister   201 

Rudolf  Steiner  iiber  die  Vortragsnachschriften   203 

Ubersicht  iiber  die  Rudolf  Steiner  Gesamtausgabe   205 


DIE  DREI  RE IC HE  DER  TOTEN 
DAS  LEBEN  ZWISCHEN  TOD  UND  NEUER  GEBURT 

Bern,  29.  November  1917 

Ich  kniipfe  an  an  Betrachtungen,  die  ich  hier  angestellt  habe  in 
einem  vorigen  Vortrage,  gewissermaften  urn  fortzusetzen  diese  Be- 
trachtungen, die  in  der  Linie  desjenigen  liegen,  wovon  ich  iiberzeugt 
sein  mufi,  daft  sie  gerade  jetzt  unter  uns  besprochen  werden  mussen, 
Denn  geradeso  wie  ich  die  Meinung  haben  mu(S,  daft  jetzt  in  den 
offentlichen  Vortragen,  die  von  anthroposophischer  Seite  gehalten 
werden,  ganz  bestimmte,  durch  die  Zeichen  unserer  schweren  Zeit 
herausgeforderte  Dinge  gesagt  werden  mussen,  zu  den  Ohren  der 
Menschen  dringen  mussen,  so  bin  ich  auch  notwendigerweise  der 
Anschauung,  daft  unter  uns  selbst  ganz  bestimmte  geisteswissen- 
schaftliche  Wahrheiten  jetzt  besprochen  werden  mussen. 

In  einem  vorigen  Vortrage  hat  es  sich  namlich  darum  gehandelt, 
zu  sprechen  iiber  das  Hereinleben  der  durch  die  Pforte  des  Todes 
gegangenen  Seelen  in  das  Erdenleben.  Wir  haben  Betrachtungen  an- 
gestellt iiber  die  Art  und  Weise,  wie  die  Impulse  der  sogenannten 
Toten  fortwirken  in  demjenigen,  was  hier  auf  Erden  durch  Men- 
schen vollbracht  wird,  wie  Zusammenhange  geschaffen  werden  zwi- 
schen  den  Kraften  der  sogenannten  Toten  und  der  Lebendigen.  Und 
wir  wollen  heute  einiges,  das  innig  zu  diesem  Thema  gehort,  hinzu- 
fiigen. 

Vor  alien  Dingen  ist  es  notwendig,  sich  klarzumachen,  daft  dieses 
Leben  zwischen  dem  Tode  und  einer  neuen  Geburt  von  uns  zwar  in 
gewissem  Sinne  nur  mit  Bildern  dargestellt  werden  kann,  die  ent- 
nommen  sind  dem  Sinnlichen,  dem  physischen  Erdenleben,  den 
Vorstellungen,  die  wir  uns  innerhalb  dieses  physischen  Erdenlebens 
bilden,  daft  aber  das  Leben  im  Bereiche  der  Toten  doch  eben  ein  sol- 
ches  ist,  daft  es  sich  nur  sehr  schwer  fassen  laftt  mit  den  Begriffen 
und  Vorstellungen,  die  wir  uns  im  Erdenwerden  bilden.  Man  muft 
daher  versuchen,  von  verschiedenen  Seiten  her  sich  diesem  Leben  zu 
nahern. 


Ein  Versuch,  mochte  ich  sagen,  ist  einmal  gemacht  worden  un- 
mittelbar  vor  dem  Ausbruch  dieser  Weltkatastrophe  in  jenem  Wie- 
ner Zyklus,  wo  ich  iiber  das  Leben  zwischen  dem  Tod  und  einer 
neuen  Geburt  im  Zusammenhange  mit  den  inneren  Kraften  der  See- 
le  gesprochen  habe.  Heute  mochte  ich  vor  alien  Dingen  darauf  auf- 
merksam  machen,  daft  ein  Gebiet,  das  dem  Menschen  im  Erden- 
leben  in  einer  gewissen  Beziehung  die  Hauptsache  ist  und  die 
Hauptsache  sein  mu8,  daft  ein  gewisses  Gebiet  aus  den  Erfahrungen, 
aus  den  Erlebnissen  der  durch  die  Todespforte  gegangenen  Seelen 
ausgeschlossen  ist. 

Denken  Sie  nur,  wieviel  wir  haben  als  Erdenmenschen  durch 
Vorstellungen,  die  uns  zukommen  aus  der  mineralischen  und  aus 
der  pflanzlichen  Welt.  Wir  mussen  zu  diesen  Vorstellungen  aus  der 
mineralischen  und  pflanzlichen  Welt  auch  alles  dasjenige  hinzu- 
zahlen,  was  uns  aus  dem  Himmelsraume  an  Vorstellungen,  an  Ein- 
driicken,  an  Wahrnehmungen  zukommt:  der  bestirnte  Himmel 
iiber  uns,  die  Sonne,  der  Mond,  indem  sie  uns  physische  Bilder  als 
Wahrnehmungen  ermoglichen  wahrend  unseres  Erdenlebens,  geho- 
ren  durchaus  zu  dem,  was  ich  jetzt  zur  mineralischen  Natur  rechne. 
Diese  mineralische  und  im  wesentlichen-  ich  sage:  im  wesentlichen- 
auch  die  pflanzliche  Natur  als  Natur  sind  ausgeschlossen  von  dem, 
was  wahrgenommen  wird  in  der  Zeit  zwischen  dem  Tod  und  einer 
neuen  Geburt.  Dasjenige,  was  nach  dieser  Richtung  hin  als  beson- 
ders  charakteristisch  hervorgehoben  werden  kann  mit  Bezug  auf  die 
Erlebnisse  der  sogenannten  Toten,  das  ist,  daft,  wenn  wir  der  mine- 
ralischen oder  der  pflanzlichen  Natur  gegemiberstehen,  wir  Men- 
schen hier  auf  der  Erde  ein  ganz  bestimmtes  Bewufttsein  haben.  Wir 
haben  ja  bei  anderer  Gelegenheit  davon  gesprochen,  daft  es  eine  Illu- 
sion ist,  von  der  Schmerzlosigkeit  oder  Lustlosigkeit  des  minerali- 
schen und  des  pflanzlichen  Reiches  zu  sprechen.  Durch  dasjenige 
aber,  was  wir  Menschen  mit  unseren  Handlungen  ausfiihren,  machen 
wir  Eindriicke  auf  das  mineralische  Reich  und  auch  auf  das  pflanz- 
liche Reich,  von  denen  wir  mit  einem  gewissen  Recht  sagen  konnen, 
daft  sie  ohne  solche  Eindriicke,  ohne  solche  Wirkungen  bleiben, 
welche  Schmerz  oder  Lust,  Leid  oder  Freude  verbreiten.  Wir  wissen, 


wenn  wir  als  Menschen  einen  Stein  zerschlagen,  daft  da  gewisse 
Elementarwesen  allerdings  solche  Lust,  solches  Leid  empfinden,  aber 
in  unser  gewohnliches,  alltagliches  Bewufttsein  kommt  das  nicht;  so 
daft  man  also  innerhalb  des  Erlebens  des  gewohnlichen  Erdenmen- 
schen  davon  sprechen  kann,  daft  er  das  Gefiihl  haben  muft:  Wenn 
er  Steine  zerklopft,  wenn  er  irgendeine  Verrichtung  unternimmt 
innerhalb  desjenigen,  was  mineralischer  und  im  wesentlichen  auch 
pflanzlicher  Natur  ist,  so  bereitet  es  seiner  Umgebung  weder  Lust 
noch  Schmerz. 

Das  aber  gibt  es  gar  nicht  in  dem  Reiche,  das  der  Mensch  betritt, 
wenn  er  durch  die  Pforte  des  Todes  gegangen  ist.  Dariiber  muft  man 
sich  vor  alien  Dingen  klar  sein,  daft  das  Geringste,  was  dort  der 
Mensch  vollbringt  -  wir  miissen  uns  eben  der  Worte  unserer  Erden- 
sprache  bedienen  -,  etwa  wenn  er  nur  anriihrt  irgend  etwas,  so  ist 
das  verbunden  in  diesem  geistigen  Reiche  entweder  mit  Lust  oder 
Leid,  und  ruft  auch  hervor  irgendwie  Sympathie  oder  Antipathic 

Also  Sie  miissen  sich  dieses  Reich  der  Toten  so  vorstellen,  daft, 
wo  Sie  es  nur  gewissermaften  beriihren,  Sie  eine  solche  Beruhrung 
gar  nicht  ausfiihren  konnen,  ohne  daft  dasjenige,  was  Sie  beriihren, 
fur  sich  Lust  und  Leid  empfindet,  aber  auch  irgendwelche  Sympa- 
thien  oder  Antipathien  entwickelt.  Angedeutet  ist  das  schon  in  mei- 
ner  «Theosophie»,  wo  von  dem  Seelenreiche  gesprochen  ist,  und  wo 
die  wichtigsten  Krafte  dieses  Seelenreiches  eben  in  den  Kraften  der 
Sympathie  und  Antipathie  gesucht  werden.  Aber  man  muft  solche 
Dinge  in  seine  lebendigen  Vorstellungen  aufnehmen.  Man  muft,  in- 
dem  man  sich  bewuftt  wird  des  Zusammenwirkens  gewissermaften 
des  Totenreiches  und  des  Reiches  der  sogenannten  Lebendigen,  man 
muft  sich  auch  bewuftt  sein,  wie  man  sich  vorzustellen  hat,  daft  der 
Tote  gewissermaften  in  seinem  Reiche  schaltet  und  waltet.  Er  schal- 
tet  so,  daft  er  sich  gewissermaften  immer  bewuftt  sein  muft:  er  ruft 
Sympathie  oder  Antipathie  hervor,  Leid  oder  Freude,  alles,  was  er 
tut,  bringt,  wenn  ich  so  sagen  darf,  diese  Resonanz  hervor,  diese 
lebendige  Empfindung.  Etwas,  was  man  in  dem  Sinne  unseres  pflanz- 
lichen  und  tierischen  Reiches  unempfindlich  nennen  konnte,  gibt  es 
jenseits  der  Pforte  des  Todes  gar  nicht. 


Das  ist  gewissermaften  die  Charakteristik  des  alleruntersten  Rei- 
ches,  in  das  der  Mensch  eintritt,  wenn  er  durch  die  Pforte  des  Todes 
gegangen  ist;  wie  er,  wenn  er  hier  durch  die  Pforte  der  Geburt  das 
physische  Reich  betritt,  in  das  unterste  Gebiet,  in  das  Mineralreich 
eintritt,  so  tritt  er  dort,  indem  er  das  geistige  Reich  beriihrt,  in  ein 
Reich  allgemeiner  Empfindungsfahigkeit,  in  ein  Reich  der  walten- 
den  Sympathie  und  Antipathic  Innerhalb  dieses  Reiches  entfaltet  er 
seine  Krafte;  innerhalb  dieses  Reiches  wirkt  er.  Wenn  wir  uns  vor- 
stellen,  er  handelt  dort,  so  miissen  wir  uns  zugleich  vorstellen:  von 
diesen  Handlungen  gehen  aus  fortwahrende  empfindungtragende 
Krafte,  Sympathien  und  Antipathien  tragende  Krafte. 

Was  bedeuten  im  gesamten  Zusammenhange  des  Weltenalls  diese 
empfindungtragenden  Krafte?  Sehen  Sie,  da  kommt  man  auf  ein 
Kapitel,  welches  eigentlich  wirklich  nur  durch  geistige  Wissenschaft 
fur  das  physische  Erdenleben  gelost  werden  kann,  ein  Kapitel,  des- 
sen  Wichtigkeit  gleich  von  Ihnen  eingesehen  werden  wird,  wenn  Sie 
die  ganze  Tragweite  uberdenken.  Vieles  tritt  gerade  in  der  gegenwar- 
tigen  Zeit  so  auf,  daft  der  Mensch,  der  immer  mehr  und  mehr  nur 
dasjenige  gelten  lassen  will  fur  eine  Welterklarung,  was  er  innerhalb 
der  physischen  Welt  findet,  verzichtet  auf  eine  Erklarung,  daft  er 
absieht  von  einer  Erklarung. 

So  etwas,  wo  in  der  neueren  Zeit  abgesehen  worden  ist  von  einer 
Erklarung,  ist  das  Prinzip  der  Entwickelung  fur  die  mit  uns  die  Erde 
bewohnenden  tierischen  Wesen.  Ich  brauche  Sie  nur  darauf  auf- 
merksam  zu  machen,  was  alles  in  der  neueren  Zeit  aufgetreten  ist, 
um  das,  was  man  Entwickelungslehre  nennt,  zu  stiitzen.  Mit  einem 
gewissen  Recht  spricht  man  so  heute  von  der  Entwickelung  der  tie- 
rischen Welt,  daft  man  annimmt,  diese  tierische  Welt  habe  sich  aus 
unvollkommeneren  Wesen  zu  vollkommeneren  heraufentwickelt. 
Besser  wiirde  man  sagen:  Sie  habe  sich  von  undifferenzierten  Wesen 
zu  immer  differenzierteren  und  differenzierteren  entwickelt,  bis 
herauf  zur  menschlichen  Natur,  insofern  der  Mensch  ein  physisches 
Wesen  ist.  Diese  Entwickelungslehre  ist  zum  groften  Teil  auch  schon 
in  das  populare  Bewufttsein  der  Menschheit  eingegangen,  sie  ist  in 
einem  gewissen  Sinne  sogar  schon  ein  Bestandteil  der  weltlichen 


Religion  der  Menschheit  geworden,  und  die  Religionen,  die  Konfes- 
sionen  selbst  bemuhen  sich  ja,  mit  dieser  Entwickelungslehre  zu 
rechnen.  Sie  haben,  wenigstens  in  ihren  wichtigeren  Vertretern,  nicht 
mehr  den  Mut,  den  sie  noch  vor  kurzer  Zeit  gehabt  haben:  gegen 
diese  Entwickelungslehre  aufzutreten.  Sie  haben  sie  gewissermafien 
akzeptiert  und  finden  sich  damit  ab. 

Nun  aber,  wenn  man  fragt:  Was  wirkt  denn  da  eigentlich  in  der 
Entwickelung  der  tierischen  Wesen,  wenn  sich  solche  tierischen 
Wesen  von  unvollkommenen  an  zu  vollkommeneren  entwickeln, 
was  wirkt  iiberhaupt  in  all  dem,  was  man  in  der  tierischen  Welt 
beobachten  kann,  nicht  nur  in  der  Entwickelung,  sondern  iiber- 
haupt in  dem  Dasein  der  tierischen  Welt?  So  sonderbar  es  dem  heu- 
tigen  Menschen  noch  klingt:  Dasjenige,  was  einem  entgegentritt, 
wenn  man  wirklich  durch  das  schauende  Bewufksein  eintritt  in  das 
Reich,  das  von  den  Toten  bewohnt  wird,  dasjenige,  was  in  der  tieri- 
schen Welt  beherrschend  wirkt  durch  einen  grofien  Teil  dieser  tieri- 
schen Welt  hindurch,  das  sind  Krafte,  die  von  den  Toten  ausgehen. 
Der  Mensch  ist  berufen,  im  Kosmos  Mitbeherrscher  der  Impulse  zu 
sein.  -  Im  mineralischen  Reiche  hat  er  nur  dasjenige  zu  tun,  was  er 
durch  seine  Technik  verfertigt  an  Maschinen  und  dergleichen  nach 
den  Gesetzen  des  mineralischen  Reiches,  im  pflanzlichen  Reich  mit 
dem,  was  er  als  Gartner,  als  Pflanzer  zuchtet.  Mit  diesen  Reichen  hat 
er  also  hochstens  in  zweiter  Linie  zu  tun  in  der  Zeit,  die  er  zubringt 
zwischen  der  Geburt  und  dem  Tode.  Mit  demjenigen  Reiche  aber, 
das  hier  auf  der  Erde  im  tierischen  Dasein  sich  spiegelt,  hat  er  zu 
tun,  indem  ihm  nach  dem  Tode  sofort  Krafte  erwachsen,  indem  er 
sofort  in  ein  Gebiet  von  Kraften  eintritt,  welche  dieses  tierische 
Reich  beherrschen.  Da  arbeitet  er  darinnen.  Das  ist  gewissermafien 
ebenso  fur  ihn  die  Basis,  die  Grundlage  seines  Wirkens,  wie  fur  uns 
die  mineralische  Welt  ist;  das  ist  der  Grund  und  Boden,  auf  dem 
man  dort  steht. 

Es  erhebt  sich,  wie  sich  fur  uns  wahrend  unseres  Daseins  in  der 
physischen  Welt  das  Pflanzenreich  erhebt  auf  Grundlage  des  mine- 
ralischen Reiches,  auf  der  Grundlage  dieses  Reiches  von  waltenden 
Sympathien  und  Antipathien,  die  sich  dann  fortsetzen  in  das  Leben 


des  irdischen  Tierreiches  hinein,  ein  zweites  Reich,  welches  nun 
nicht  so  wirkt  im  Toten,  dafi  er  bloft  Lust  und  Leid  empfindet,  dafi 
er  blofi  von  Empfindungen  getragene  Impulse  aussendet,  die  sich 
dann  fortsetzen,  die  dann  wirken,  sondern  dieses  zweite  Reich,  das 
sich  da  erhebt,  das  wirkt  im  wesentlichen  zusammen  mit  dem,  was 
man  nennen  konnte  Erstarkung  und  Ablahmung  der  dem  Toten 
nach  dem  Tode  eignenden  Willenskrafte.  Sie  mussen,  wenn  Sie  sich 
iiber  diese  Willenskrafte  richtig  unterrichten  wollen,  etwas  nachle- 
sen  in  dem  genannten  Wiener  Zyklus,  wo  ich  charakterisiert  habe, 
wie  der  Wille,  der  der  Menschenseele  eignet  zwischen  dem  Tod  und 
einer  neuen  Geburt,  nicht  genau  so  ist  wie  das,  was  wir  hier  im  phy- 
sischen  Leben  Wille  nennen;  aber  wir  konnen  immerhin  vom  Wil- 
len  sprechen,  obwohl  der  Wille  dort  ganz  anders,  namentlich  von 
Gefuhlselementen  und  noch  von  einem  anderen  Elemente  durch- 
setzt  ist,  das  es  hier  auf  Erden  gar  nicht  gibt.  Aber  dieser  Wille,  der 
ist  nach  dem  Tode  fiir  die  Menschenseelen  in  einem  fortwahrenden 
Aufundabfluten  begriffen.  Wenn  man  mit  einem  Toten  verkehrt,  so 
erlebt  man  sein  Seelenleben  so,  dafi  einem  in  einem  Augenblicke 
entgegentritt:  Er  fuhlt  sich  verstarkt  in  seinen  Willensimpulsen,  er 
fuhlt  sich  in  sich  selbst  starker;  in  einem  anderen  Augenblicke  lahmt 
sich  der  Wille  etwas  ab,  schlaft  gewissermafien  ein.  So  flutet  zwi- 
schen Starkerwerden  und  Schwacherwerden  dieser  Wille  dahin. 
Und  dieses  Fluten  zwischen  Starkerwerden  und  Schwacherwerden 
des  Willens,  das  ist  ein  grower  Teil,  ein  wichtiger,  wesentlicher  Teil 
im  Leben  des  Toten. 

Dieses  Starker-  und  Schwacherwerden  des  Willens,  das  sind  aber 
Impulse,  welche  nun  nicht  etwa  bloft  in  die  Basis  des  Totenreiches 
hineinfluten,  sondern  welche  hineinfluten  in  das  Menschenreich 
hier  auf  Erden,  zwar  nicht  in  die  Gedanken  des  gewohnlichen  Be- 
wufkseins,  wohl  aber  in  alles  dasjenige,  was  die  Menschen  hier  -  ich 
werde  das  morgen  sogar  im  offentlichen  Vortrage  zu  besprechen  ha- 
ben  -  selbst  erleben  als  Willensimpulse,  aber  auch  als  Gefuhlsimpulse. 

Das  ist  ja  das  Eigentiimliche,  daft  der  Mensch  klar  in  seinem  ge- 
wohnlichen Bewufksein  als  physischer  Erdenmensch  eigentlich  nur 
seine  Sinneswahrnehmung  und  seine  Gedanken  erlebt.  Waches  Be- 


wufitsein  ist  nur  in  bezug  auf  dieses  Wahrnehmen  und  Denken  vor- 
handen;  Gefiihle  werden  eigentlich  nur  getraumt,  und  der  Wille 
wird  iiberhaupt  verschlafen.  Niemand  weifi  so,  wie  er  von  seinen 
Gedanken  weifi,  was  sich  vollzieht,  wenn  er  nur  eine  Hand  aufhebt, 
wenn  der  Wille  also  in  seine  Leiblichkeit  hineinspielt.  Auch  das 
Waken  des  Gefiihls,  obwohl  es  etwas  heller  im  Bewulksein  anwe- 
send  ist  als  das  Waken  des  Willens,  ist  dunkel,  ist  nicht  heller  als  das- 
jenige,  was  wir  im  Traume  als  Bilder  vor  uns  haben.  Leidenschaften, 
Affekte,  Gefiihle,  sie  werden  in  Wahrheit  nur  getraumt,  sie  werden 
nicht  in  der  Helligkeit  des  Bewufkseins  in  den  Vorstellungen  und  in 
den  Sinneswahrnehmungen  gelebt,  erfahren;  und  der  Wille  schon 
gar  nicht.  In  diesem,  was  da  als  Schlaf,  als  Traum  in  das  alltagliche 
Leben  hineinspielt,  in  dem  lebt  mit  der  Tote.  Er  lebt  mit  Seelen,  die 
auf  der  Erde  im  physischen  Leibe  verkorpert  sind,  in  ihnen  lebt  er 
gerade  so,  wie  wir  innerhalb  der  Pflanzenwelt  leben,  nur  dafi  wir 
mit  der  Pflanzenwelt  nicht  innig  verbunden  sind,  der  Tote  aber  mit 
unseren  Gefuhlen,  Affekten,  mit  unseren  Willensimpulsen  innig 
verbunden  ist;  er  lebt  fort  in  alledem. 

Das  ist  sein  zweites  Reich.  Und  wahrend  wir  hier  unsere  Gefiihle, 
unsere  Empfindungen  im  Menschenleben  entfalten,  lebt  in  diesem 
Leben  seelenhaftig  der  Tote  mit  fort,  und  zwar  so,  daft  gerade  jenes 
Fluten,  das  ich  beschrieben  habe  als  Starker-  und  Schwacherwerden 
des  Willens,  als  Verstarkung  und  Ablahmung  des  Willens  des  Toten, 
in  einer  gewissen  Beziehung  eins  ist  mit  dem,  was  auf  Erden  hier  als 
Gefiihle  und  Willensimpulse  der  sogenannten  Lebendigen  ertraumt 
und  erschlafen  wird. 

Sie  sehen  daraus,  wie  wenig  eigentlich  das  Reich  der  Toten  von 
unserem  Erdenreiche  wirklich  getrennt  ist,  wie  innige  Verbindung 
zwischen  diesen  Reichen  ist.  Wie  gesagt,  unter  normalen  Verhaknis- 
sen  wird  der  Tote  nichts  zu  tun  haben  -  mit  den  Ausnahmen,  die  ich 
nachher  besprechen  werde  -  mit  dem  mineralischen  und  pflanzli- 
chen  Reiche;  wohl  aber  hat  er  zu  tun  mit  dem,  was  im  tierischen 
Reiche  vorgeht.  Das  ist  gewissermaften  der  Boden,  auf  dem  er  steht. 
Er  hat  aber  zu  tun  mit  dem,  was  im  menschlichen  Gefiihls-  und  Wil- 
lensreiche  vor  sich  geht.  In  diesem  Reiche  sind  wir  von  den  Toten 


durchaus  nicht  getrennt.  Aber  die  Sache  ist  so:  Man  kann,  wenn 
man  durch  die  Pforte  des  Todes  geht,  indem  man  diese  Verstarkun- 
gen  und  Schwachungen  des  Willens  erlebt,  leben  mit  den  sogenann- 
ten  Lebendigen  im  physischen  Leibe;  aber  nicht  mit  alien,  nicht  mit 
irgendeinem.  Sondern  da  ist  das  bestimmte  Gesetz,  daft  man  leben 
kann  nur  mit  denjenigen,  mit  denen  man  irgendwie  karmisch  ver- 
kniipft  ist.  Also  ein  karmisch  ganz  Fremder,  der  hier  lebt,  ist  fur  ei- 
nen  Toten  nicht  wahrnehmbar,  gar  nicht  vorhanden.  Die  Welt,  die 
der  Tote  erlebt,  die  umgrenzt  sich  durch  das  Karma,  das  sich  hier  im 
Leben  angesponnen  hat.  Nur  ist  diese  Welt  nicht  beschrankt  auf  die- 
jenigen  Seelen,  die  hier  auf  Erden  sind,  sondern  sie  dehnt  sich  aus 
auch  iiber  diejenigen  Seelen,  die  selbst  schon  durch  die  Pforte  des 
Todes  gegangen  sind. 

Dieses  zweite  Reich  umfaftt  also  alle  Verbindungen,  welche  der 
Mensch  karmisch  eingegangen  ist  mit  denjenigen,  die  noch  auf  Er- 
den sind,  und  mit  denjenigen  Seelen,  die  gleich  ihm  selber  durch  die 
Pforte  des  Todes  gegangen  sind.  Es  erhebt  sich  also  auf  einem  Reich, 
das  den  Toten  gemeinsam  ist,  auf  einem  Reiche  des  tierischen  Da- 
seins,  wobei  wir  uns  nicht  so  sehr  irdische  Tiere  vorzustellen  haben. 
Ich  habe  ausdrucklich  gesagt,  diese  irdischen  Tiere  spiegeln  dasjeni- 
ge,  was  in  der  geistigen  Welt  vorhanden  ist,  die  Gattungsseele  des 
Tieres.  In  bezug  auf  die  Toten  mussen  wir  mehr  an  das  Geistige  des 
Tierischen  denken,  auf  diesem  gemeinsamen  Boden  erhebt  sich 
dann  in  ganz  anderem  Sinne,  als  das  hier  in  unserem  Erdenreich  der 
Fall  ist,  fur  jeden  Toten  ein  individuelles  karmisches  Reich;  denn  der 
eine  hat  diese,  der  andere  jene  Verbindung  geschlossen.  Denn  nur 
dasjenige  ist  da  vom  Menschenreich,  womit  karmische  Verbindun- 
gen geschlossen  sind. 

Und  noch  ein  anderes  Gesetz  herrscht  da,  welches  uns  zeigt,  wie 
eigentlich  dieses  zweite  Reich  sich  aufbaut.  Zunachst  ist  dasjenige, 
was  in  diesem  Reiche  auf  den  Toten  so  wirkt,  daft  es  seine  Willens- 
krafte  verstarkt  oder  sie  ablahmt,  zunachst  auf  einen  Kreis  be- 
schrankt, der  im  wesentlichen  durch  das  letzte  Erdenleben  oder  so- 
gar  vielleicht  nur  durch  Teile  des  letzten  Erdenlebens  gebildet  wird. 
Diejenigen,  die  ihm  besonders  nahegestanden  haben,  diejenigen,  mit 


denen  der  durch  die  Pforte  des  Todes  Gegangene  besonders  eng  ver- 
bunden  war,  die  sind  es,  mit  denen  er  besonders  intensiv  lebt.  Und 
erst  allmahlich  dehnt  sich  dieser  Kreis  aus  iiber  diejenigen,  mit  de- 
nen er  im  weiteren  karmische  Verbindungen  eingegangen  ist. 

Und  das  alles  dauert  keineswegs  fur  jeden  dieselbe  Zeit,  sondern 
fur  manchen  kiirzer,  fur  manchen  langer.  Man  kann  kaum  aus  dem 
irdischen  Verlauf  des  Lebens  ersehen,  wie  sich  das  nach  dem  Tode 
macht.  Manche  Personlichkeiten,  manche  Seelen  treten  auf,  ohne 
daft  man  es  erwartet,  im  Bereiche  des  Toten,  weil  man  aus  dem  phy- 
sischen  Leben  sehr  leicht  falsche  Schlusse  ziehen  kann.  Aber  das  ist 
ein  Grundgesetz:  daft  sich  der  Kreis  allmahlich  erweitert.  Und  das 
ganze  Einleben  in  diesen  Kreis,  das  geschieht  eben  so,  wie  ich  es  in 
jenem  Vortragszyklus,  der  da  handelt  von  dem  Leben  zwischen  dem 
Tod  und  einer  neuen  Geburt,  geschildert  habe;  was  in  diesem,  was 
ich  da  geschildert  habe,  eintritt  in  dieses  Leben  des  Toten,  das  ist  eben 
dieses  sich  ausbreitende  Leben  der  Willensimpulse,  die  jetzt  ganz  ge- 
nau  so  im  Toten  sind,  wie  die  Vorstellungen  im  Lebendigen,  durch 
die  der  Tote  weift,  durch  die  der  Tote  sein  Bewufttsein  hat.  Es  ist  au- 
fterordentlich  schwierig,  dem  Erdenmenschen  klarzumachen,  daft 
der  Tote  im  wesentlichen  durch  den  Willen  weift,  wahrend  der  Er- 
denmensch  im  wesentlichen  durch  die  Vorstellung  weift.  Das  macht 
selbstverstandlich  auch  die  Verstandigung  mit  dem  Toten  schwierig. 

Das  erweitert  sich,  kann  man  sagen,  das  Reich,  in  das  sich  der  To- 
te als  in  das  zweite  Reich  einlebt,  immer  mehr  und  mehr.  Spater  - 
aber  dieses  «spater»  ist  immer  relativ,  bei  dem  einen  tritt  es  friiher, 
bei  dem  anderen  tritt  es  spater  ein  -  kommen  dann  zu  den  unmittel- 
baren  karmischen  Verbindungen  die  mittelbaren  hinzu. 

Das  meine  ich  so:  Wenn  ein  Toter  eine  gewisse  Zeit  in  dem  Rei- 
che  zwischen  dem  Tod  und  einer  neuen  Geburt  zugebracht  hat,  so 
hat  sich  der  Kreis  seiner  Erlebnisse  erweitert  und  erstreckt  sich  iiber 
diejenigen  Seelen  -  seien  sie  auf  der  Erde,  seien  sie  dniben  -,  mit  de- 
nen er  in  unmittelbar  karmische  Verbindung  getreten  ist.  Nun  aber 
haben  diese  Seelen  wiederum  karmische  Verbindungen  ihrerseits, 
die  nicht  zugleich  karmische  Verbindungen  des  Toten,  den  ich  mei- 
ne, sind.  Also  ich  will  so  sagen:  Die  Personlichkeit  A  hat  eine  kar- 


mische  Verbindung  mit  der  Personlichkeit  B,  aber  nicht  mit  der  Per- 
sonlichkeit C.  Da  sieht  man,  wie  der  Tote  seine  Erlebnisse  iiber  die 
Personlichkeit  B  ausdehnt,  wie  er  mit  der  lebt  in  der  geschilderten 
Weise.  Spater  kommt  dann  dazu,  da£  der  B  ein  Vermittler  wird  zu 
dem  C.  Der  A  hat  keine  Beziehung  zu  dem  C,  aber  er  bekommt  eine 
Beziehung  mittelbar  dadurch,  daft  der  B  eine  karmische  Verbindung 
zu  dem  C  hat.  Dadurch  aber  erweitert  sich  dieses  zweite  Reich  zwar 
langsam,  aber  allmahlich  iiber  ein  sehr,  sehr  grofies  Feld.  Man  wird 
gewissermafien  immer  reicher  und  reicher  an  solchem  inneren  Erle- 
ben,  an  solchen  Erlebnissen,  die  Verstarkung  und  Schwachung  des 
Willens  sind,  die  uns  einleben  miissen  in  das  Reich  der  toten,  oder 
lebendigen  Seelen,  wenn  wir  selber  durch  die  Pforte  des  Todes 
gegangen  sind. 

Und  ein  wesentlicher  Teil  des  Lebens  zwischen  Tod  und  neuer 
Geburt  besteht  eben  gerade  darinnen,  daft  wir  als  Seelen  -  wenn  ich 
mich  trivial  ausdriicken  darf  -  immer  weitere  und  weitere  Bekannt- 
schaften  machen.  Wie  wir  hier  im  Erdendasein  unsere  Erfahrungen 
erweitern  zwischen  der  Geburt  und  dem  Tode,  wie  wir  hier  immer 
mehr  und  mehr  die  Welt  um  uns  herum  kennenlernen,  so  machen 
wir  dort  immer  mehr  und  mehr  Erlebnisse  durch,  welche  sich  dar- 
auf  beziehen,  daft  man  das  Dasein  anderer  Seelen  so  empfindet,  daft 
man  weift:  Durch  irgend  etwas  in  diesen  Seelen  erfahrt  man  selber 
eine  Willensstarkung,  durch  anderes  eine  Willensschwachung.  Ein 
wesentlicher  Teil  des  Erlebens  besteht  dort  darinnen. 

Sie  konnen  daraus  entnehmen,  was  das  eigentlich  fur  das  Gesamt- 
dasein,  fiir  das  gesamte  kosmische  Dasein  bedeutet.  Es  bedeutet,  daft 
nicht  nur  dieses  verwaschene  Einheitsband  zwischen  der  ganzen 
Menschheit  besteht,  von  dem  die  Pantheisten  und  die  phantasti- 
schen  Mystiker  schwarmen  und  traumen,  sondern  daft  tatsachlich  in 
einer  gewissen  Beziehung  zwischen  dem  Tod  und  einer  neuen  Ge- 
burt spirituelle  Bekanntschaften  zwischen  einem  groften  Teil  der 
Menschheit  iiber  die  Erde  hin  geschlossen  werden.  Wir  stehen, 
wenn  wir  auf  das  blicken,  was  wir  zwischen  dem  Tod  und  einer  neu- 
en Geburt  erleben,  den  Erdenmenschen  wirklich  nicht  allzuferne. 
Es  ist  nicht  ein  abstraktes,  sondern  ein  wirklich  konkretes  Band. 


Wie  hier  dann  auf  der  Erde  das  Tierreich  als  ein  drittes  Reich  sich 
aufstellt  liber  das  mineralische  und  iiber  das  pflanziiche  Reich,  so 
driiben  als  ein  drittes  Reich  das  Reich  gewisser  Hierarchien,  das  wir 
erblicken  als  ein  Reich  von  solchen  Wesenheiten,  die  niemals  irdi- 
sche  Verkorperung  erfahren,  mit  denen  wir  aber  in  Beziehungen  tre- 
ten  zwischen  dem  Tod  und  einer  neuen  Geburt.  Dieses  Reich  der 
Hierarchien,  das  ist  driiben  zugleich  dasjenige,  was  uns  zwischen 
dem  Tod  und  einer  neuen  Geburt  die  voile  Intensitat  unseres  Ich- 
Erlebens  gibt.  Durch  die  zwei  ersten  Reiche  erleben  wir  das  andere; 
uns  selbst  erleben  wir  durch  die  Hierarchien.  Und  damit  ist  auch 
schon  gesagt,  daft  der  Mensch  als  geistiges  Wesen  sich  innerhalb  der 
Hierarchien  driiben  erlebt  als  Sohn,  als  Kind  der  Hierarchien.  Er 
weifi  sich  mit  den  anderen  menschlichen  Seelen  verbunden,  wie  ich 
es  geschildert  habe,  er  weifi  sich  aber  auch  zu  gleicher  Zeit  als  Kind 
der  Hierarchien.  Wie  er  sich  hier  als  Zusammenflufi  der  aufieren  na- 
turlichen  Krafte  des  umgebenden  Kosmos  fiihlen  mufi,  wenn  er  sich 
erkennt  im  Kosmos,  so  fiihlt  er  sich  driiben,  ich  mochte  sagen,  orga- 
nisiert  aus  dem  Zusammenwirken  der  verschiedenen  Hierarchien  als 
geistiges  Wesen. 

Wir  blicken  hier,  wenn  wir  uns  als  Menschen  betrachten  -  das 
braucht  uns  ja  nicht  zum  Hochmut  zu  fiihren  -,  auf  die  sogenannten 
niederen  Reiche  und  sehen  uns  hier  als  Menschen  gewissermaften  an 
die  Spitze  dieser  Naturreiche  gestellt.  Wir  gehen  durch  die  Pforte 
des  Todes  und  finden  uns  driiben  als  das  unterste  der  Hierarchienrei- 
che,  aber  als  den  Zusammenfluft  -  nur  daft  der  Zusammenfluft  von 
oben  heruntergeht,  so  wie  er  hier  von  unten  hinaufgeht  -  der  Impul- 
se der  Hierarchien.  Wie  hier  unser  Ich  eingesenkt  ist  in  unsere  Leib- 
lichkeit,  so  daft  es  ein  Extrakt  ist  der  iibrigen  Natur,  so  ist  dort  unse- 
re Geistigkeit  eingesenkt  in  die  Hierarchien,  ein  Extrakt  der  Hierar- 
chien, in  dasjenige,  von  dem  man  sagen  kann :  Es  ist  dort  unsere  Gei- 
stigkeit, wie  hier  unsere  Leiblichkeit  dasjenige  ist,  in  das  wir  uns  ein- 
kleiden,  wenn  wir  durch  die  Pforte  der  Geburt  treten. 

Also  das  imaginative  Erkennen  kann  sich  schon  Vorstellungen 
machen  iiber  den  Grundrifi  des  Lebens  zwischen  dem  Tod  und  einer 
neuen  Geburt.  Es  ware  auch  fur  den  Menschen  aufierordentlich 


traurig,  wenn  er  sich  solche  Vorstellungen  gar  nicht  bilden  konnte. 
Derm  denken  Sie  doch  nur,  daft  wir  mit  unserem  Gefiihls-  und  Wil- 
lensleben  gar  nicht  getrennt  sind  von  dem  Reiche  der  Toten.  Dasje- 
nige,  was  sich  unserem  Anblicke  entzieht,  das  ist  nur  aus  unserer 
Vorstellung  und  aus  unseren  Sinneswahrnehmungen  entschwun- 
den.  Es  wird  einen  Riesenfortschritt  in  der  Entwickelung  des  Men- 
schengeschlechtes  auf  der  Erde  bedeuten,  fur  den  Teil  des  Erdenle- 
benslaufes,  den  dieses  Menschengeschlecht  noch  zu  durchleben  hat, 
wenn  die  Menschen  das  Bewufksein  hier  in  sich  aufnehmen  werden: 
In  ihren  Gefuhlsimpulsen,  in  ihren  Willensimpulsen  sind  sie  mit  den 
Toten  eines!  -  Der  Tod  kann  uns  iiberhaupt  nur  den  physischen 
Anblick  der  Toten  rauben.  Aber  wir  konnen  nichts  fiihlen,  ohne 
daft  in  der  Sphare,  in  der  wir  fiihlen,  die  Toten  anwesend  sind, 
nichts  wollen,  ohne  daft  in  der  Sphare,  in  der  wir  wollen,  die  Toten 
ebenfalls  anwesend  sind. 

Von  Ausnahmen  habe  ich  vorhin  gesprochen  in  bezug  auf  das  mi- 
neralische  und  pflanzliche  Reich.  Solche  Ausnahmen  gelten  insbe- 
sondere  fur  unsere  Periode,  fur  unsere  Zeitperiode.  Fur  altere  Zeit- 
perioden  haben  sie  nicht  gegolten,  aber  davon  brauchen  wir  jetzt 
nicht  zu  sprechen.  In  unserer  Zeit,  in  der  sich  eine  gewisse  materiali- 
stische  Gesinnung  notwendigerweise  iiber  die  Erde  hin  ausbreitet, 
versaumen  es  die  Menschen  sehr  leicht,  sich  spirituelle  Vorstellun- 
gen anzueignen  wahrend  ihres  Erdenlebens.  Und  ich  habe  sogar  ge- 
stern  im  offentlichen  Vortrage  darauf  aufmerksam  gemacht,  wie  der 
Mensch,  wenn  er  es  versaumt,  sich  spirituelle  Vorstellungen  wah- 
rend seines  Erdenlebens  anzueignen,  sich  hereinbannt  in  das  Erden- 
leben,  gewissermaften  nicht  heraus  kann  aus  diesem  Erdenleben, 
und  dadurch  zu  einem  zerstorenden  Zentrum  wird.  Vieles  von  dem, 
was  an  zerstorenden  Kraften  wirkt  innerhalb  der  Erdensphare, 
kommt  von  solchen  in  diese  Erdensphare  gebannten  Toten.  Man 
mu(5  eher  Mitleid  haben  mit  solchen  Menschenseelen,  als  irgendein 
kritisches  Urteil  fallen.  Denn  nach  dem  Tode  ist  das  Erlebnis  nicht 
besonders  leicht,  innerhalb  eines  Reiches  bleiben  zu  miissen,  das 
dem  Toten  eigentlich  nicht  angemessen  ist.  Und  dieses  Reich  ist 
eben  dann  in  diesem  Falle  das  mineralische  und  pflanzliche  Reich, 


auch  dasjenige  mineralische  Reich,  das  die  Tiere  in  sich  tragen,  das 
der  Mensch  selber  in  sich  tragt.  Denn  diese  Wesen  sind  ja  von  dem 
mineralischen  Reiche  durchdrungen.  Fur  solche,  die  keine  spirituel- 
len  Vorstellungen  in  sich  aufgenommen  haben,  liegt  namlich  die  Sa- 
che  so,  daft  sie  zuriickschrecken  nach  dem  Tode  vor  diesem  Erleben, 
das  uberall  Empfindungen  hervorruft:  Sie  konnen  nicht  hinein  in 
das  Reich,  das  da  waltet  in  der  tierischen  Geistigkeit  und  im 
Menschlichen;  sie  konnen  nur  hinein  in  dasjenige,  was  minerali- 
scher  Natur,  was  pflanzlicher  Natur  ist.  Ich  kann  nicht  ausmalen, 
um  was  es  sich  da  handelt;  denn  erstens  hat  die  Sprache  fur  das  keine 
Worte,  zweitens  aber  kann  man  sich  nur  langsam  und  allmahlich 
dem  nahern,  was  da  eigentlich  zugrunde  liegt,  weil  dieses  Nahern 
wirklich  zunachst  etwas  Schreckhaftes  hat. 

Man  darf  sich  nun  nicht  etwa  vorstellen,  dafi  solche  Toten  dann 
ganz  enthoben  sind  dem  Leben,  das  ich  vorhin  beschrieben  habe; 
aber  sie  nahern  sich  diesem  Leben  nur  mit  einer  gewissen  Scheu,  mit 
einer  gewissen  Furcht,  und  stiirzen  immer  wieder  und  wiederum 
zuriick  in  das  pflanzliche  und  mineralische  Reich,  weil  sie  sich  vor- 
zugsweise  nur  Vorstellungen  gebildet  haben,  die  fur  das  letztere 
Reich,  fur  das  Reich  des  Toten,  fur  das  Reich  des  physischen  Mecha- 
nismus  eine  gewisse  Bedeutung  haben. 

Was  ich  in  der  Hauptsache  heute  als  meine  Aufgabe  ansehe,  das 
ist,  durch  solche  Vorstellungen  wiederum  das  Bewufksein  hervorzu- 
rufen,  wie  die  Toten  mitwirken  an  dem,  was  Menschenentwicke- 
lung  ist.  Man  mochte  eigentlich  heute  solche  Dinge  auch  schon  in 
offentlichen  Vortragen  verkiindigen;  man  kann  es  nur  nicht,  weil 
die  Menschen  sich  auf  solche  Vorstellungen  doch  eigentlich  noch 
nicht  einlassen,  wenn  sie  nicht  einiges  schon  durchgemacht  haben 
von  dem,  was  in  unseren  Zweigen  mitgeteilt  worden  ist.  Indem  man 
aber  das  Leben  so  schildert  zwischen  dem  Tod  und  einer  neuen  Ge- 
burt,  und  indem  man  namentlich  seinen  Zusammenhang  schildert 
mit  dem  Erdenleben,  geniigt  man,  oder  man  konnte  besser  sagen,  er- 
fiillt  man  die  Forderungen  gerade  unseres  Zeitalters.  Denn  unser 
Zeitalter  hat  die  alten  instinktiven  Vorstellungen  seit  verhaltnisma- 
fiig  langer  Zeit  abgeworfen,  die  vom  Reiche  der  Toten  handeln,  und 


es  mufi  unsere  Menschheit  neue  Vorstellungen  aufnehmen.  Sie  mufi 
aus  den  Abstraktionen  iiber  die  hoheren  Welten  herauskommen 
und  nicht  blofi  im  allgemeinen  von  Geistigkeit  sprechen,  sondern 
sie  mufi  dahin  kommen,  wirklich  einzusehen,  was  als  Geistigkeit 
wirkt.  Sie  mufi  sich  klar  sein  daruber,  dafi  die  Toten  nicht  verstor- 
ben  sind,  sondern  im  geschichtlichen  Werdeprozefi  der  Menschheit 
weiterleben,  weiterwirken,  dafi  die  Krafte,  die  geistig  um  uns  herum 
sind,  auf  der  einen  Seite  die  Krafte  der  hoheren  Hierarchien  sind, 
aber  eben  auch  die  Krafte  der  Toten  sind.  Die  grofite  Illusion,  der 
sich  die  Menschheit  der  Zukunft  hingeben  konnte,  ware  die,  wenn 
man  glauben  wollte,  dafi  dasjenige,  was  die  Menschen  als  soziales  Le- 
ben  unter  sich,  als  Zusammenleben  hier  auf  der  Erde  mit  ihrem  Fuh- 
len,  mit  ihrem  Willen  entwickeln,  dafi  das  mit  Ausschlufi  der  Toten 
geschahe,  blofi  mit  irdischen  Einrichtungen.  Es  kann  gar  nicht 
durch  die  blofien  irdischen  Einrichtungen  geschehen,  weil  eben 
schon  in  dem  Gefiihl  und  im  Willen  die  Toten  mitwirken. 

Nun  handelt  es  sich  aber  darum:  Wie  wird  es  moglich  sein,  unter 
den  Impulsen  der  neueren  Zeit  das  Bewufitsein  von  dieser  Art  Zu- 
sammensein  mit  der  geistigen  Welt  in  der  rechten  Art  zu  entwik- 
keln?  Die  Entwickelung  der  Menschheit  geht  ja  so,  dafi  mit  seinem 
gewohnlichen  Bewufitsein  hier  im  physischen  Leib  der  Mensch  ei- 
genthch  immer  mehr  und  mehr  aus  der  geistigen  Welt  sich  heraus- 
stellt.  Nun  ist  zu  dem  Ziele,  dafi  der  Mensch  wiederum  alsphysischer 
Mensch  den  richtigen  Eintritt  in  die  geistige  Welt  finde,  innerhalb 
der  Erdenentwickelung  das  Mysterium  von  Golgatha  geschehen. 

Dieses  Mysterium  von  Golgatha,  das  ist  nicht  nur  dieses  einmali- 
ge  und  als  solches  Einmaliges  das  grofite  Ereignis  der  Erdenent- 
wickelung, sondern  es  ist  ein  fortwirkendes  Ereignis,  es  ist  ein  fort- 
wirkender  Impuls.  Und  die  Menschheit  mufi  etwas  dazu  tun,  um 
diesen  Impuls  in  der  rechten  Weise  fortwirken  zu  lassen.  Ich  habe  es 
seit  langer  Zeit  immer  wieder  und  wiederum  betont,  wie  mit  dem 
Impuls  von  Golgatha  gerade  die  Aufgabe  unserer  Geisteswissen- 
schaft  zusammenhange,  wie  Geisteswissenschaft  in  einer  gewissen 
Weise  da  sein  mufi,  um  diesen  Impuls  von  Golgatha  in  der  richtigen 
Weise  fur  unser  Zeitalter  und  fur  die  nachste  Zukunft  zu  verstehen. 


Dessen  konnen  Sie  sicher  sein:  Als  irdische  Wissenschaft,  die  zu  glei- 
cher  Zeit  weltliche  Religion  bildend  sein  wird,  wird  die  Naturwissen- 
schaft  immer  grofieren  und  grofteren  Einflufl  gewinnen.  Solche  Tor- 
heiten  wie  der  Vorwurf,  der  zum  Beispiel  mir  gemacht  wird,  dafi  ich 
den  Naturwissenschaften  auch  in  ihrer  radikalen  Entwickelung  un- 
freundlich  gegeniiberstehe,  die  gehoren  zu  den  allerantiquiertesten 
Vorurteilen  in  der  Denkweise;  denn  derjenige,  der  den  Lauf  der  Er- 
denentwickelung  versteht,  weift,  dafi  die  Naturwissenschaften  nicht 
widerlegt  werden  konnen,  da$  sie  im  Gegenteil  immer  weiter  und 
weiter  sich  ausbreiten  werden.  Und  dasjenige,  was  als  eine  Art  von 
religiosem  Glauben  liber  die  Welt  von  Naturwissenschaft  gezogen 
wird,  das  ist  nicht  irgendwie  anzuhalten,  das  kommt;  das  kommt  auf 
der  einen  Seite  sicher,  und  kommt  zum  Segen  der  Menschheit.  Und 
es  wird  gar  nicht  lange  dauern,  vielleicht  nur  einige  Jahrzehnte,  dann 
werden  sich  keinerlei  Konfessionen  mehr  wehren  konnen  dagegen, 
dafi  an  den  einfachsten  primitivsten  Menschen  ein  solches  Bewufk- 
sein  von  dem  reinen  Naturdasein  herankommt,  wie  es  eben  die 
Naturwissenschaft  pflegt.  Das  ist  auf  der  einen  Seite  schon  sicher. 

Aber  auf  der  anderen  Seite  ist  etwas  anderes  sicher.  Das  ist  sicher 
auf  der  anderen  Seite,  daft,  indem  diese  rein  naturwissenschaftliche 
Weltanschauung  die  Gemiiter  ergreifen  wird,  das  Geistige  selbst 
durch  diese  Naturwissenschaft  immer  weniger  und  weniger  wird  ge- 
pflegt  werden  konnen.  Das  Geistige  muE  von  einer  anderen  Seite 
her  -  wenn  auch  ebenso  streng  wissenschaftlich  -  geholt  werden, 
wie  die  Naturwissenschaft  das  natiirliche  Dasein  von  der  einen  Seite 
her  erkennt;  denn  die  Erkenntnis  des  natiirlichen  Daseins  wird  im- 
mer mehr  und  mehr  notwendig  sein  fur  die  Erfullung  derjenigen 
Aufgaben,  die  der  Mensch  in  der  Zukunft  zwischen  der  Geburt  und 
dem  Tode  zu  erfiillen  hat.  Von  einer  anderen  Seite  wird  ihm  kom- 
men  miissen  dasjenige,  was  ihn  in  die  geistige  Welt  erhebt. 

Ein  Grundimpuls  nun  fiir  die  weitesten  Kreise  hat  sich  auch 
schon  in  der  bisherigen  Gestalt  des  Begreifens  des  Mysteriums  von 
Golgatha  angekiindigt,  und  insbesondere  zeigt  es  sich  in  unserer 
Zeit.  Man  kann  heute  schon  sagen:  Die  intensivsten  Feinde  eines  Be- 
greifens des  Christus-Impulses  sind  die  Pfarrer  der  verschiedenen 


Konfessionen  -,  so  sonderbar  das  klingt;  aber  was  den  Christus- 
Impuls  den  Menschen  am  fernsten  bringt,  das  ist  die  Art  wie  die 
Pfarrer  der  verschiedenen  Konfessionen  und  die  Theologen  diesen 
Christus-Impuls  vertreten.  Denn  von  einem  Verstandnis  desjenigen, 
um  was  es  sich  bei  diesem  Christus-Impuls  eigentlich  handelt,  sind 
die  Konfessionen  eigentlich  heute  schon  recht,  recht  weit  entfernt. 

Nun  habe  ich  heute  nicht  die  Absicht,  alle  wesentlichen  Dinge  in 
bezug  auf  den  Christus-Impuls  zu  sagen.  Dariiber  haben  wir  ja  im 
Laufe  der  Zeit  mancherlei  zusammengetragen  und  werden  das  auch 
noch  tun.  Aber  eines  mochte  ich  hervorheben,  was  insbesondere  in 
der  heutigen  Zeit  mit  Bezug  auf  den  Christus-Impuls  ganz  besonders 
stark  hervortritt.  Das  ist,  daft  die  Menschen  doch  schon  einsehen 
miissen,  daft  der  Christus-Impuls  im  allerallerintensivsten  Sinne  an- 
ders  behandelt  werden  mufi  als  andere  geschichtliche  Impulse.  Sie  se- 
hen  das  auch  ein,  die  Leute,  aber  sie  schlieften  fortwahrend  irgend- 
welche  Kompromisse.  Sie  machen  Halbheiten,  sie  haben  nicht  den 
Mut  zu  Ganzheiten.  Dasjenige,  was  man  iiber  den  Christus-Impuls 
einsehen  miiftte,  ist,  daft  es  unmoglich  ist,  nach  den  Methoden  der 
gewohnlichen  Geschichte  iiberhaupt  irgend  etwas  iiber  den  Chri- 
stus-Impuls zu  sagen.  Bedeutende  Theologen  sagen,  davon,  daft  die 
Evangelien  echt  seien  im  gewohnlichen  historischen  Sinn,  konne 
gar  nicht  die  Rede  sein;  dasjenige,  was  angefiihrt  werden  kann  als  hi- 
storischer,  als  geschichtlicher  Beweis,  daft  der  Christus  gelebt  hat, 
das  kann  man  auf  eine  Quartseite  zusammenschreiben,  sagen  die  be- 
riihmten  Theologen.  Also  beruhmte  Theologen  der  Gegenwart  ge- 
ben  heute  schon  zu :  Auf  die  Evangelien  kann  man  sich  nicht  verlas- 
sen,  wenn  man  sie  als  Geschichtsquellen  nur  behandeln  will.  Es  ist 
auf  keine  Weise  der  Beweis  zu  liefern,  daft  sie  historische  Tatsachen 
darstellen.  -  Das  ist  selbstverstandlich  heute  festzuhalten.  Aber  das- 
jenige, was  man  zur  historischen  Bekraftigung  beibringen  kann,  so 
wie  historische  Dokumente  da  sind  mit  Bezug  auf  andere  Person- 
lichkeiten  der  Weltgeschichte,  das  -  sagen  beruhmte  Theologen  - 
konne  man  auf  eine  Quartseite  schreiben.  Das  Bedeutungsvolle  da- 
bei  ist  nur,  daft  das,  was  auf  dieser  Quartseite  steht,  auch  nicht  wahr 
ist  im  gewohnlichen  historischen  Sinn. 


Dieses  Gestandnis  wird  sich  die  Menschheit  machen  mussen:  dafi 
es  historische  Griinde,  wie  es  etwa  fur  Sokrates  oder  fur  Cdsar  gibt, 
fiir  das  Dasein  des  Christus  Jesus  auf  der  Erde  nicht  gibt,  sondern 
daft  dieses  Dasein  geistig  begriffen  werden  mufi.  Das  ist  gerade  das 
Wesentliche  an  der  Sache.  Die  Menschheit  sollte  in  dem  Mysterium 
von  Golgatha  etwas  bekommen,  woran  sie  entweder,  wenn  sie  sich 
nur  verlassen  will  auf  physische  Zeugnisse,  irre  werden  mu£,  in  be- 
zug  auf  das  sie  durch  physische  Zeugnisse  nichts  hat,  oder  dafi  sie  auf 
geistige  Weise  es  erfassen  mufi. 

In  bezug  auf  alles  iibrige  ist  es  der  Menschheit  freigestellt,  nach  hi- 
storischen  Zeugnissen  zu  suchen,  mit  Bezug  auf  das  Mysterium  von 
Golgatha  werden  dem  Menschen  historische  Zeugnisse  im  allerin- 
tensivsten  Sinne  niemals  etwas  niitzen,  sondern  die  Menschheit  soll- 
te gezwungen  sein,  dieses  wichtige  Ereignis  der  Erde  nicht  auf  phy- 
sisch-historische  Weise  zu  begreifen,  sondern  da  einsetzen  zu  miis- 
sen  mit  einem  geistigen  Verstandnisse.  Wer  nicht  will  das  Mysteri- 
um von  Golgatha  ohne  historische  Dokumente  durch  geistiges  Ver- 
standnis  unserer  Erdentwickelung  begreifen,  der  soil  es  nicht  begrei- 
fen. Das  ist  der  Wille,  man  kann  schon  sagen,  der  Wille  der  Gotter. 
Die  Menschheit  soli  mit  Bezug  auf  die  wichtigste  Erdenangelegen- 
heit  gezwungen  sein  zur  Spiritualitat.  Sie  kann  nur  das  Mysterium 
von  Golgatha  begreifen  -  sonst  ist  es  immer  historisch  widerlegbar  -, 
wenn  sie  sich  zum  geistigen  Erfassen  der  Welt  erhebt. 

Nur  Geisteswissenschaft  als  solche  kann  von  der  Realitat  des  My- 
steriums  von  Golgatha  sprechen.  Man  kann  sagen:  Alles  iibrige  ist 
antiquiert.  Lesen  Sie  das  immerhin  bemerkenswerte  Buch  eines 
Theologen,  der  alle  Jesus-Theorien  der  neueren  Zeit  von  Lessing  bis 
Wrede  entwickelt,  so  werden  Sie  finden,  daft  eine  solche  Darstellung 
den  Beweis  liefert,  dafi  eigentlich  die  Historie  iiberwunden  sein  muft 
auf  diesem  Gebiet,  dafi  eine  Neuerfassung  eintreten  muE.  Und 
diese  Neuerfassung  kann  nur  auf  geisteswissenschaftlichem  Wege 
gefunden  werden. 

Verstehen  wir  das,  meine  lieben  Freunde,  und  in  unserer  Zeit  ist 
eben  derjenige  Zeitpunkt  gekommen,  wo  die  Menschen  das  Fort- 
wirken  des  Mysteriums  von  Golgatha  nur  auf  geistige  Weise  werden 


erfahren  konnen.  Daher  habe  ich  auch  von  dem  geistig-atherischen 
Wiedererscheinen  des  Christus  im  20.  Jahrhundert  gesprochen,  und 
es  im  ersten  Mysterium  dargestellt.  Aber  das  wird  ein  geistiges 
Erlebnis  sein,  wenn  auch  ein  geistig-hellseherisches  Erlebnis,  ein 
geistiges  Erlebnis. 

So  hangt  innig  zusammen  das  Mysterium  von  Golgatha  mit  der 
notwendigen  Erhebung  der  Menschheit  zur  Spiritualitat  von  unse- 
rer  Zeit  an.  Ebenso  wie  sich  erheben  mufi  von  unserer  Zeit  an  die 
Menschheit  zu  einer  gewissen  Spiritualitat,  ebenso  wahr  ist  es,  daft 
sie  begreifen  mu8  von  unserer  Zeit  an,  daft  das  Mysterium  von  Gol- 
gatha fernerhin  nur  erfaftt  werden  kann  in  Spiritualitat,  daft  das 
Christentum  im  wesentlichen  eine  spirituelle  Fortsetzung,  nicht  ei- 
ne  historische  Fortsetzung,  im  aufteren  Sinne  historische  Forschung 
oder  historische  Uberlieferung  erfahren  mufi.  Es  handelt  sich  aber 
nur  darum,  daft  nun  wiederum  nicht  das,  was  ich  eben  gesagt  habe, 
im  abstrakten  Sinne  aufgefaftt  werde,  daft  man  nicht  glaubt,  mit  den 
paar  Begriffen  vom  Erfassen  der  Bedeutung  des  Mysteriums  von 
Golgatha,  wie  man  sie  sehr  haufig  sich  macht,  habe  man  schon  alles 
getan.  Nein,  man  muft  an  diese  Dinge  in  voller  Konkretheit  heran- 
treten;  man  muft  nicht  nur  Vorstellungen  iiber  den  Christus  und 
sein  Wirken  sich  bilden,  sondern  man  muft  in  einer  gewissen  Weise 
das  Reich  Christi  in  unserem  Erdenreiche  finden  konnen.  Christus 
ist  in  das  Erdenreich  eingezogen,  und  man  muft  sein  Gebiet  finden 
konnen. 

Naturwissenschaft,  wenn  sie  sich  gerade  zur  hochsten  Vollkom- 
menheit  entwickelt,  sie  wird  ein  Bild  der  Welt  geben,  wie  es  auch 
ohne  die  Zuhilfenahme  des  Mysteriums  von  Golgatha  zustande 
kommen  konnte;  Naturwissenschaft  aus  sich  selbst  heraus  wird  nie- 
mals  wahrend  der  Erdenentwickelung  so  weit  kommen,  daft  der 
Physiker  oder  der  Biologe  von  dem  Mysterium  von  Golgatha  aus 
seinen  Voraussetzungen  heraus  sprechen  wird.  Aber  alle  Wissen- 
schaft  wird  nach  und  nach,  insofern  sie  von  dem  handelt,  was  vor- 
geht  um  uns  herum  von  der  Geburt  bis  zum  Tode,  immer  mehr  und 
mehr  Naturwissenschaft  werden.  Neben  ihr  wird  die  Geisteswissen- 
schaft  aus  dem  geistigen  Reiche  zu  schopfen  haben. 


Nun  handelt  es  sich  aber  darum:  Wie  ist  nicht  nur  eine  Wissen- 
schaft,  sondern  ein  Drinnenstehen  in  dem  geistigen  Reiche  zu  fin- 
den,  so  daft  wir  nicht  nur  Natur  finden  ?  Denn  in  einer  Natur  wer- 
den  wir  niemals  den  Christus-Impuls  finden.  Wie  ist  das  Sich-hinein- 
Stellen  in  das  geistige  Reich  zu  suchen,  nicht  nur  das  Wissen  davon  ? 
Nun,  Sie  erkennen  schon  aus  dem,  was  ich  gesagt  habe,  dafi  zu  dem 
Bewufksein,  das  wirklich  in  der  modernen  und  namentlich  in  der 
zukiinftigen  Menschheit  ein  blofies  natiirliches  Bewufksein  werden 
wird,  ein  Bewufksein  von  Naturtatsachen,  dafi  da  ein  anderes  Be- 
wufksein hinzutreten  mull.  Ein  ganz  anderes  Bewufksein  mufi  noch 
hinzutreten.  Fur  dieses  Bewufksein  wird  gewissermafien  die  Not- 
wendigkeit  der  Erfassung  des  Mysteriums  von  Golgatha  als  einer 
spirituellen  Tatsache  nur  die  hochste  Spitze  sein.  Aber  dasjenige, 
was  notwendig  ist  gegeniiber  dem  Mysterium  von  Golgatha,  die  Sa- 
che  als  eine  spirituelle  zu  durchschauen,  das  wird  auch  auf  das  iibrige 
Leben  ausgedehnt  werden  miissen.  Das  heifk  aber  nicfits  anderes,  als 
daft  eintreten  mufi  in  das  menschliche  Bewufksein,  aufier  der  reinen 
natiirlichen  Betrachtung,  eine  ganz  andere  Betrachtung  der  Dinge. 

Und  diese  Betrachtung  der  Dinge,  die  wird  kommen  und  mufi 
kommen  dadurch,  dafi  der  Mensch  lernt,  ebenso  mit  Bewufksein  zu 
schauen  in  die  Welt,  wie  er  durch  seine  Sinneswahrnehmungen  in 
die  Sinneswelt  schaut,  auf  seinen  Schicksalsverlauf  im  Grofien  und 
im  Kleinen.  Was  meine  ich  damit?  Heute  gibt  der  Mensch  noch  we- 
nig  acht  auf  seinen  Schicksalsverlauf.  Aber  betrachten  Sie  extreme 
Falle.  Ich  will  Ihnen  einen  Fall  erzahlen,  der  uns  fiihren  kann  zu 
dem,  was  ich  eigentlich  meine  -  ein  Fall  aus  Tausenden.  Man  konnte 
Tausende  solcher  Falle  erzahlen,  ungezahlte  Tausende. 

Ein  Mann  geht  von  seinem  Hause  einen  Spazierweg  entlang,  den 
er  oft  gegangen  ist.  Er  fiihrt  ihn  einen  Berghang  hinauf  zu  einem 
Felsplateau,  von  dem  aus  er  eine  sehr  scheme  Aussicht  hat.  Diese 
Aussicht  hat  er  oft  aufgesucht;  es  ist  sozusagen  sein  gewohnlicher 
Spaziergang.  Wahrend  er  eines  Tages  diesen  Spaziergang  machte,  da 
kommt  ihm  wie  aus  dem  Nichts  heraus  der  Gedanke:  Aufpassen, 
achtgeben!  -  Und  er  hort  im  Geiste  -  nicht  durch  eine  Halluzina- 
tion,  sondern  im  Geiste  -  eine  Stimme  sagen:  Warum  gehst  du  die- 


sen  Weg?  Kannst  du  nicht  einmal  von  deinem  Vergnugen  absehen?  - 
Das  hort  er  im  Geiste.  Das  macht  ihn  bedenklich;  er  tritt  etwas  zur 
Seite,  denkt  nach  eine  Weile  -,  da  saust  ein  machtiger  Felsblock 
herab,  gerade  an  die  Stelle,  die  er  betreten  haben  miifite,  wenn  er 
nicht  beiseite  getreten  ware,  und  der  ihn  ganz  gewifi  erschlagen 
hatte. 

Nun  bitte  ich  Sie,  sich  die  Frage  einmal  vorzulegen,  was  da 
schicksalsmafiig  spielt.  Es  spielt  doch  etwas.  Der  Mann  lebt  nun  wei- 
ter.  Vieler  Menschen  Leben  auf  dieser  Erde  hangt  mit  seinem  Leben 
zusammen.  Das  alles  ware  anders  geworden,  wenn  der  Felsblock 
diesen  Menschen  erschlagen  hatte.  Da  vollzieht  sich  etwas.  Versu- 
chen  Sie,  dieses  Etwas  nach  Naturgesetzen  zu  erklaren,  so  kommen 
Sie  naturlich  nicht  zu  dem,  was  das  Schicksalsgemafte  daran  ist.  Na- 
tiirlich  konnen  Sie  durch  Naturgesetze  erklaren,  warum  der  Fels- 
block sich  losgelost  hat,  und  warum  der  Mensch  erschlagen  worden 
ist,  nachdem  der  Felsblock  schon  einmal  heruntergefallen  ist  und  so 
weiter.  Aber  in  alledem,  was  sich  auf  naturgemafie  Weise  da  iiber- 
haupt  reden  lafk  iiber  die  Sache,  ist  das  Schicksalsgemafte  gar  nicht 
irgendwie  drinnen,  das  hat  gar  nichts  damit  zu  tun. 

Ich  habe  Ihnen  einen  extremen  Fall  damit  erzahlt.  Aber,  meine 
lieben  Freunde,  aus  solchen  Dingen  setzt  sich  unser  ganzes  Leben 
zusammen,  insofern  unser  Leben  Schicksalswesen  ist.  Nur  daft  der 
Mensch  nicht  darauf  achtet,  dafi  der  Mensch  nicht  achtgibt;  er  gibt 
auf  diese  Dinge  nicht  so  acht,  wie  er  auf  das  acht  gibt,  was  ihm  durch 
seine  Sinne  als  naturliche  Tatsachen  iibermittelt  wird.  Von  Tag  zu 
Tag,  von  Stunde  zu  Stunde,  von  Augenblick  zu  Augenblick  gehen 
Dinge  vor,  die  nur  in  einem  extremen  Fall  geschildert  worden  sind 
mit  dem,  was  ich  eben  angegeben  habe.  Denken  Sie  doch  nur  ein- 
mal, wie  oft  Sie  -  diese  Dinge  mufi  man  eben  im  Kleinen  auch  be- 
trachten  -  weggehen  wollen  von  zu  Hause:  Sie  werden  aufgehalten 
eine  halbe  Stunde.  Solche  und  ahnliche  Dinge  kommen  tausendfach 
im  Leben  vor.  Sie  sehen  nur,  was  dann  geschieht,  wenn  Sie  die  halbe 
Stunde  aufgehalten  worden  sind;  Sie  erwagen  gar  nicht,  was  ganz 
anderes  geschehen  ware,  wenn  Sie  vor  einer  halben  Stunde  weg- 
gegangen  waren! 


So  greift  ein  ganz  anderes  Reich  in  unser  Leben  wirklich  fortwah- 
rend  herein,  das  Reich  des  Schicksalsgemaften,  das  der  heutige 
Mensch  noch  gar  nicht  beachtet,  weil  er  eigentlich  nur  den  Blick  auf 
dasjenige  richtet,  was  eben  geschieht,  und  nicht  darauf,  was  fortwah- 
rend  aus  seinem  Leben  ferngehalten  wird.  Sie  konnen  ja  gar  nicht 
wissen,  ob  Sie  nicht  jetzt  vor  drei  Stunden  etwas  hatten  unterneh- 
men  konnen,  was  von  Ihnen  abgehalten  worden  ist,  wodurch  Sie 
jetzt  gar  nicht  mehr  hier  sitzen  wiirden,  vielleicht  gar  nicht  mehr  le- 
ben wiirden.  Sie  sehen  immer  nur  dasjenige,  wozu  schon  geistige  Im- 
pulse in  der  mannigfaltigen  Weise  notig  waren,  damit  es  eingetreten 
ist.  Sie  setzen  zumeist  nicht  voraus  mit  dem  gewohnlichen  Bewuftt- 
sein,  daft  dasjenige,  was  Sie  tun  im  Leben,  ein  Ergebnis  ist  von  mit- 
wirkenden  geistigen  Impulsen.  Werden  Sie  auf  das  aufmerksam,  be- 
greifen  Sie,  daft  es  ein  Reich  des  Schicksalsgemaften  so  gibt,  wie  es 
ein  Reich  des  Naturlichen  gibt,  dann  werden  Sie  dieses  Reich  des 
Schicksalsgemaften  keineswegs  armer  an  Inhalt  finden  als  das  Reich 
des  Naturlichen.  Aber  in  diesem  Reich  des  Schicksalsmaftigen,  das 
nur,  ich  mochte  sagen,  in  besonderen  Ausschnitten,  wenn  extreme 
Falle  eintreten,  wie  der,  den  ich  Ihnen  erzahlt  habe,  klipp  und  klar 
vor  des  Menschen  Verstand  hintritt,  in  dieses  Reich  des  Schicksals- 
maftigen wirkt  das  herein,  was  ich  vorhin  geschildert  habe.  Da  wir- 
ken  herein  in  die  Gefuhle,  in  die  Willensimpulse,  durch  die  das 
Schicksalsmaftige  zieht,  die  Impulse  der  Toten.  Und  wenn  auch  der- 
jenige  Mensch,  der  so  etwas  sagt,  heute  noch  von  den  «ganz  Geschei- 
ten»  als  ein  aberglaubischer  Tor  betrachtet  wird,  so  ist  es  doch  wahr, 
daft  mit  eben  derselben  Exaktheit,  wie  man  heute  ein  Naturgesetz 
ausspricht,  man  aussprechen  kann,  daft  jenem  Mann,  dem  eine  Stim- 
me  zugesprochen  hat,  der  oder  jener  Tote  diese  Stimme  zugespro- 
chen  hat  auf  den  Befehl  wiederum  von  irgendwelchen  Hierarchien, 
und  daft  fortwahrend,  vom  Morgen  bis  zum  Abend  und  insbesonde- 
re  vom  Abend  bis  zum  Morgen,  wahrend  unseres  Schlafens,  in  uns 
hineinwirken  die  Impulse  der  Toten,  und  die  Impulse  der  geistigen 
Hierarchien,  die  das  Schicksalsmaftige  wirken. 

Nun  mache  ich  Sie  aber  auf  eines  aufmerksam.  Sie  werden  schon 
etwas  gehort  haben  iiber  den  sokratischen  Damon,  iiber  den  Damon 


des  Sokrates:  wie  Sokrates,  der  weise  Grieche,  davon  gesprochen 
hat,  daft  alles,  was  er  tut,  unter  der  Einwirkung  eines  Damons  stent. 
Ich  habe  iiber  diesen  sokratischen  Damon  in  meiner  kleinen  Schrift 
«Die  geistige  Fiihrung  des  Menschen  und  der  Menschheit»  gespro- 
chen. In  meiner  neuen  Schrift  «Von  Seelenratseln»,  wo  das  zweite 
Kapitel  iiber  das  gelehrte  Individuum  Dessoir  handelt,  kann  man  se- 
hen,  wie  Dessoir  auch  solche  Dinge  behandelt;  ich  habe  auf  dieses 
Damonium  des  Sokrates  hingewiesen.  Es  ist  Sokrates  nur  zum  Be- 
wufttsein  gekommen,  was  bei  alien  Menschen  gewirkt  hat.  Bis  zum 
Mysterium  von  Golgatha  waren  es  gewisse  Wesenheiten,  die  rich- 
tunggebend  waren  fur  dasjenige,  was  die  Toten  ins  Menschenleben 
hereinwirkten.  Diese  Wesenheiten  haben  ihre  Kraft  verloren  in  der 
Zeit  des  Mysteriums  von  Golgatha,  und  an  ihre  Stelle  ist  der  Chri- 
stus-Impuls  getreten.  Und  jetzt  haben  Sie  den  Christus-Impuls  mit 
dem  Schicksalsmaftigen  des  Menschen  geisteswissenschaftlich  ver- 
bunden.  In  unsere  Willens-  und  in  unsere  Gefuhlssphare  wirken  so, 
wie  ich  es  geschildert  habe,  die  Krafte,  die  Impulse  der  Toten  herein. 
Die  Toten  wirken;  aber  sie  erleben  auch  Willensstarkungen  und 
Willensschwachungen.  Und  dieses  ganze  Reich  ist  ein  Erdenreich,  es 
ist  ebenso  wie  das  natiirliche  Reich  ein  Erdenreich.  Aber  derjenige 
Impuls,  der  seit  dem  Mysterium  von  Golgatha  lebt,  der  ist  seit  dem 
Mysterium  von  Golgatha  der  Christus-Impuls.  Christus  ist  die  diri- 
gierende  Macht  in  diesem  Reiche,  das  ich  Ihnen  geschildert  habe. 
Man  wird  also  nicht  nur  eine  Wissenschaft  von  dem  Mysterium  von 
Golgatha  begriinden,  sondern  man  wird  in  der  Zukunft  wissen  miis- 
sen:  unsere  Welt  durchdringt,  ebenso  wie  die  Welt  der  natiirlichen 
Tatsachen,  ein  Reich  des  Schicksalsmaftigen  als  der  andere  Pol.  Die- 
ses Reich  des  Schicksalsmaftigen  wird  heute  noch  wenig  beachtet. 
Man  wird  es  ebenso  beachten  miissen  wie  das  Reich  des  Natiirli- 
chen, Aber  man  wird  dann  zu  gleicher  Zeit  wissen,  daft  man  in  die- 
sem Reich  des  Schicksalsgemaften  mit  den  Toten  in  Verbindung  ist, 
man  wird  wissen,  daft  in  diesem  Reiche,  das  wir  mit  den  Toten 
gemeinsam  haben,  zugleich  das  Reich  Christi  enthalten  ist,  daft 
Christus  durch  das  Mysterium  von  Golgatha  auf  die  Erde  herunter- 
gestiegen  ist  zu  seiner  Wirksamkeit,  um  mit  uns  Menschen  auf 


Erden  das  wiederum  gemeinsam  zu  haben,  das  wir  mit  den  Toten, 
insofern  die  Toten  im  Erdenbereich  wirken  -  ich  meine  jetzt 
nicht  den  Ausnahmefall,  sondern  den  Normalfall  -,  gemeinsam 
haben. 

Wenn  dies  nicht  blofi  eine  abstrakte  Wahrheit,  nicht  blofi  eine 
Begriffswahrheit  sein  wird,  so  eine  Sonntagswahrheit,  an  die  man 
sich  ofter  einmal  erinnert,  weil  einem  einfallt,  dafi  eben  so  etwas 
wahr  ist,  sondern  wenn  der  Mensch  in  diesem  Reich  des  Schicksals 
so  bewulk  wandeln  wird,  wie  er  im  Reich  der  Sinneswahrnehmun- 
gen  bewufk  wandelt,  wenn  er  gewissermaften  so,  wie  er  durch  die 
Welt  geht  und  es  mit  seinen  Augen  macht,  auch  in  dieses  Reich  des 
Schicksals  sich  einverwoben  fiihlt,  und  in  diesem  Reich  des  Schick- 
sals die  Krafte  des  Christus  mit  den  Kraften  der  Toten  immer  zu- 
sammen  fiihlt,  dann,  meine  lieben  Freunde,  wird  die  Menschheit 
sich  ein  wirkliches,  ein  konkretes,  ein  empfindungsgemaftes  Leben 
mit  den  Toten  schon  entwickeln.  Man  wird,  wenn  man  selber  dies 
oder  jenes  fiihlt,  wenn  man  selber  dies  oder  jenes  bewirkt,  erleben, 
wie  man  mit  den  lieben  Dahingegangenen  darinnen  zusammen  ist. 
Das  Leben  wird  unendlich  bereichert  werden. 

Jetzt  vergessen  wir  vielleicht  in  dem  Sinne,  wie  wir  das  so  nen- 
nen,  unsere  Toten  nicht;  wir  halten  ihr  Andenken.  Aber  ein  intensi- 
ves  Leben  -  und  das  wird  erst  das  wahre  Leben  sein,  weil  eben  sonst 
das  Leben  verschlafen  wird,  insofern  es  schicksalsmafiig  ist  -,  ein  in- 
tensives  Leben  wird  die  Menschheit  ergreifen,  und  das  wird  schon 
dazu  fuhren,  daft  man  nicht  nur  das  Andenken  der  Toten  halten 
wird,  sondern  daft  man  wissen  wird:  Wenn  du  das  tust,  wenn  du  die- 
sen  Gang  tust,  wenn  du  das  unternimmst,  wenn  dir  das  gelingt:  es 
wirkt  dieser  oder  jener  Tote  mit.  -  Es  werden  die  Bande  mit  den  To- 
ten nicht  aufgelost,  sie  verbleiben.  Diese  Bereicherung  des  Lebens 
steht  der  Menschheit  in  Aussicht  fur  die  Erdenzukunft.  Und  wenn 
wir  jetzt  den  funften  nachatlantischen  Zeitraum  haben,  so  wirkt  die- 
ser fiinfte  nachatlantische  Zeitraum  im  wesentlichen  zu  der  Erzie- 
hung  der  Menschheit  nach  der  eben  angekiindigten  Richtung  hin, 
und  den  sechsten  nachatlantischen  Zeitraum  wird  die  Menschheit 
gar  nicht  iiberleben  konnen,  wenn  sie  sich  nicht  anschickt,  diese 


Dinge  in  der  richtigen  Weise  zu  fuhlen:  die  Wirklichkeit  des  Schick- 
salsmaftigen  aufzunehmen  in  das  Bewufksein,  wie  jetzt  die  Mensch- 
heit  nur  die  Wirklichkeit  des  Naturgemafien  aufnimmt. 

Den  Zusammenhang  des  Mysteriums  von  Golgatha  mit  dem  To- 
desproblem  konkret  einzusehen,  das  ist  es,  worauf  ich  heute  hinwei- 
sen  wollte.  Das  ist  auch  etwas,  was  innig  zusammenhangt  mit  dem, 
was  jetzt  der  Menschheit  zum  Bewufitsein  kommen  mufi.  Denn  un- 
ter  dem  Mancherlei,  das  der  Menschheit  fehlt,  ist  gerade  das,  daft  die 
Menschen  verloren  haben  die  Moglichkeit,  in  ihren  Gefuhls-  und 
Willensimpulsen  noch  die  wahren  Realitaten  zu  erleben.  In  die  gro- 
ften  Illusionen  wiegen  sich  die  Menschen  allmahlich  ein :  daft  sie  das 
Erdenleben  nach  irdischen  Gesetzen  formen  konnen,  die  groftte  Il- 
lusion, der  sich  die  Menschen  hingeben  konnen.  Eine  grofte  Illusion, 
die  ihr  Extrem,  ihr  radikales  Extrem  findet  zum  Beispiel  in  dem  rei- 
nen  materialistischen  Sozialismus,  der  natiirlich  niemals  zulassen 
wird,  daft,  wenn  wir  Menschen  das  geringste  untereinander  machen, 
die  Toten  mitwirken,  sondern  der  alles  nach  okonomischen,  das 
heiftt,  nach  rein  physischen  Gesetzen  ordnet.  Das  ist  das  eine  Ex- 
trem. Auf  der  anderen  Seite  das  Extrem,  von  dem  jetzt  alle  mogli- 
chen  sogenannten  Idealisten  traumen:  Uber  die  ganze  Welt  hin,  von 
allem  Spirituellen  absehend,  rein  programmatische,  inner-  und  zwi- 
schenstaatliche  Organisationen  zu  schaffen,  durch  welche  vermeint- 
lich  die  Kriege  abgeschafft  werden  sollen.  Die  Menschen  werden 
sich  davon  uberzeugen,  wenn  sie  in  eine  solche  Illusion  sich  einle- 
ben,  daft  sie  gerade  damit  dasjenige,  was  sie  abschaffen  wollen,  nicht 
abschaffen,  sondern  vielmehr  heraufbeschworen,  was  sie  abschaffen 
wollen.  Es  ist  ein  guter  Wille  in  diesen  Dingen.  Es  ist  dasjenige,  was 
aus  dem  materialistischen  Zeitbewufitsein,  ich  mochte  sagen,  als  ei- 
ne politische  Spitze  des  ganzen  Erdenwesens  hervorgehen  mufi,  was 
aber  genau  zu  dem  Gegenteil  von  dem  fiihren  wird,  was  man  damit 
eigentlich  bezwecken  will.  Dasjenige,  um  was  es  sich  handelt,  das 
ist,  dafi  liber  die  Erde  sich  verbreiten  muli  das  Verstandnis  des 
Schicksalsgemafien,  dafi  dieses  Verstandnis  des  Schicksalsgemaften 
auch  die  Gesetzgebungen,  die  politischen  Organisationen  ergreifen 
mufi,  denn  die  bilden  ja  die  Grundlage  fur  die  Struktur  der  sozialen 


Verhaltnisse.  Dasjenige,  was  nicht  mitgehen  will  mit  dieser  geistigen 
Entwickelung  der  Menschheit,  das  wird  einfach  in  Auflosung  hin- 
eingehen,  das  wird  nur  abbauen,  nur  abtragen.  Deshalb  hangt  es  in- 
nig  zusammen  mit  dem,  was  die  Zeichen  der  Zeit  heute  bedeuten. 
Wir  brauchen  hier  nicht  irgendwelche,  urn  es  grob  zu  sagen,  politi- 
schen  Dinge  zu  treiben;  das  werden  wir  natiirlich  nicht.  Aber  die 
Zeitforderungen,  die  miissen  gerade  von  denjenigen  gesehen  wer- 
den, welche  ihren  Blick  richten  wollen  auf  die  geistige  Entwickelung 
der  Menschheit.  Und  verstanden  mufi  werden:  Auf  dem  Wege,  auf 
dem  heute  fast  iiberall  gewandelt  wird,  ist  der  Christus  nur  zu  verlie- 
ren;  gewonnen  werden  kann  er  als  einzig  wirklich  berechtigter  K6- 
nig  und  Herr  der  Erde  nur  durch  die  Erhebung  der  Menschheit  zur 
Spiritualitat.  Dessen  konnen  Sie  sicher  sein:  Wenn  der  Christus 
nicht  so  gesucht  wird,  wie  ihn  die  einzelnen  Konfessionen  heute  su- 
chen  -  die  sich  ja  nun  wirklich  in  der  letzten  Zeit  in  merkwiirdiger 
Art  iiberall  in  alle  moglichen  Kompromisse  iiber  eine  Christus- 
Auffassung  hineingefunden  haben,  die  den  Christus  auch  als 
Schlachtengott  zu  feiern  wissen  da  und  dort  -,  sondern  wenn  der 
Christus  gesucht  wird  da,  wo  er  in  seiner  Realitat  zu  finden  ist,  in- 
dem  die  Menschen  das  Reich  des  Schicksalsgemaften  als  eine  Wirk- 
lichkeit  verstehen  werden,  den  Christus  so  finden  werden,  wie  wir 
es  heute  angedeutet  haben,  dann  wird  jene  zwischenstaatliche  Orga- 
nisation geschaffen  werden,  die  da  bedeutet  die  Ausbreitung  des 
wirklichen  Christentums  iiber  das  Erdenrund. 

Dafi  man  diesem  Ziele  nicht  sehr  nahe  ist,  das  konnen  Sie  ja  erse- 
hen,  wenn  Sie  eine  kleine  Reflexion  anstellen.  Denken  Sie  einmal, 
Sie  wiirden  all  den  Leuten,  die  jetzt  davon  sprechen,  wie  sie  den 
Frieden  iiber  die  Welt  herstellen  wollen,  die  alle  diese  Programme 
vorbringen  -  wer  redet  nicht  davon!  -,  Sie  wiirden  diesen  Leuten 
entgegenstellen  das  Programm,  den  Christus  der  Menschheit  zu- 
ganglich  zu  machen;  dann  wiirde  Friede,  dauernder  Friede  kommen, 
soweit  er  auf  der  Erde  iiberhaupt  moglich  ist.  Stellen  Sie  sich  vor, 
was  die  verschiedenen  Vereinigungen,  die  von  dem  ganz  «guten  Wil- 
len»  ausgehen,  sagen  wiirden,  wenn  man  ihnen  dieses  vorlegen  wiir- 
de! Wir  haben  es  sogar  erlebt,  daft  von  dem  Stellvertreter  Christi  auf 


Erden  ein  Friedensprogramm  ausgegangen  ist.  Aber  sehr  viel  wer- 
den  Sie  da  vom  Christus  nicht  drinnen  gelesen  haben! 

Diese  Dinge,  ich  weift  es,  man  nimmt  sie  gar  nicht  einmal  ernst 
genug  in  der  Gegenwart.  Aber  wenn  sie  nicht  ernst  genommen  wer- 
den,  wird  die  Menschheit  auch  keinen  heilsamen  Weg  einschlagen 
konnen.  Geradeso  wie  es  eine  Notwendigkeit  ist,  daft  das  Mysteri- 
um  von  Golgatha  auf  spirituelle  Art  begriffen  wird,  so  ist  es  eine 
Notwendigkeit,  daft  die  Menschen  die  Zeichen  der  Zeit  so  verste- 
hen,  daft  sie  in  Geisteswissenschaft  wirklich  etwas  sehen,  ohne  wel- 
ches auch  die  auftere  soziale  Gestaltung  der  Zukunft  nicht  mehr  aus- 
kommen  kann.  Selbst  im  offentlichen  Vortrage  morgen  werde  ich 
solche  Dinge  zu  beriihren  haben,  wenn  auch  auf  eine  andere  Art. 

Das  ist  dasjenige,  was  ich  als  eine  zweite  Betrachtung  zu  der  vori- 
gen  hinzufugen  mochte,  die  wir  damals  angestellt  haben  iiber  das 
Zusammenleben  der  sogenannten  Toten  mit  den  Lebenden. 

Und  nun  mochte  ich  wohl  die  mir  unsympathische  Bemerkung, 
die  ich  in  anderen  Zweigen  gemacht  habe,  auch  hier  zum  Schluft  ma- 
chen.  Den  meisten  der  heben  Freunde  ist  sie  ja  wohl  bekannt,  und 
nur  um  der  Vollstandigkeit  willen  muft  ich  sie  machen.  Ich  weift 
nicht,  ob  Sie  wissen,  daft  die  unglaublichsten  verleumderischen  Din- 
ge, die  so  sich  anhoren,  daft  man  sogar  verwundert  ist  dariiber,  wie 
irgendeine  Scheuftlichkeit  in  den  Impulsen  von  Gemiitern  auf  sol- 
che Dinge  verfallen  konnen,  daft  diese  Dinge  herumgehen  in  der 
Welt,  und  daft  geisteswissenschaftliche  Bewegung  geschiitzt  werden 
muft  gegen  diese  -  man  kann  schon  sagen  -  ruchlosen  Verleumdun- 
gen.  Daraus  ergibt  sich  die  Notwendigkeit,  daft  fur  die  nachste  Zeit, 
unbeschadet  dessen,  daft  alles  geschehen  soli  fur  die  gesuchte  esoteri- 
sche  Entwickelung  unserer  Freunde,  das,  was  an  Privatbesprechun- 
gen  im  gewohnlichen  Sinne  war,  nicht  mehr  stattfinden  kann.  Denn 
gerade  aus  diesen  Privatbesprechungen  werden  diese  Verleumdun- 
gen  zusammengestellt.  Das  eine  also  ist  das,  was  ich  notwendiger- 
weise  unsere  Freunde  bitten  muft,  einzusehen,  daft  zunachst  solche 
private  Besprechungen  nicht  stattfinden  konnen.  Aber  das  ware  un- 
vollstandig,  wenn  Sie  nur  das  sagen  wiirden;  sondern  dazu  gehort 
die  notwendige  andere  Erganzung:  daft,  wer  will  -  selbstverstand- 


lich,  nur  wer  will!  -,  alles  was  jemals  in  solchen  Privatbesprechun- 
gen  gesagt  und  geschehen  ist,  ruckhaltlos  erzahlen  kann.  Nichts  gibt 
es,  wenn  man  die  Wahrheit  sagt,  was  irgendwie  verborgen  zu  wer- 
den  braucht  innerhalb  unserer  Bewegung. 

Zu  diesen  zwei  Maftnahmen  bin  ich  gezwungen.  Lassen  Sie  mir 
etwas  Zeit;  es  werden  andere  Mittel  und  Wege  gefunden,  daft  jeder 
zu  seinem  geisteswissenschaftlichen  Rechte  kommt.  Aber  geistes- 
wissenschaftliche  Bewegung  darf  nicht  durch  solche,  mit  ihr  gar 
nichts  zu  tun  habende  Dinge  aufgehalten  werden.  Und  daher  miis- 
sen  gerade  diejenigen,  die  treu  und  ehrlich  unserer  Bewegung  anhan- 
gen,  verstehen,  daft  diese  Besprechungen  im  gewdhnlichen  Sinne 
nicht  mehr  stattfinden  konnen,  und  daft  auf  der  anderen  Seite  ich  ei- 
nen  jeden  jeglichen  Versprechens  entbinde.  Jeder  kann  dasjenige, 
was  er  selber  will  -  niemand  mull,  selbstverstandlich  von  mir  aus 
iiberall  mitteilen,  denn  es  gibt  nichts,  was  nicht  gesagt  werden  durf- 
te,  wenn  man  es  der  Wirklichkeit,  der  Wahrheit  gemaft  erzahlt.  Da- 
mit  aber  das  festgestellt  ist,  mussen  diese  zwei  Verfugungen  getrof- 
fen  werden.  Es  tut  mir  sehr  leid,  daft  ich  diese  Mitteilungen  machen 
mufi;  aber  ich  weift,  daft  gerade  diejenigen  unserer  Freunde,  die  am 
besten  stehen  zu  unserer  Bewegung,  die  Notwendigkeit  davon  vollig 
einsehen,  und  daft  sie  gerade  darin  vollstandig  mitfiihlen  werden. 

Jetzt  brauchen  wir  uns  ja  nur  des  Ernstes  der  Lage,  in  der  wir  in 
unserer  Zeit  sind,  bewuftt  zu  sein.  Und  daher  ist  gerade  fur  mich  ein 
solches  Zusammensein  jetzt  immer,  ich  mochte  sagen,  ein  besonders 
wichtiges,  ernstes  Ereignis;  und  ganz  besonders  jetzt  in  dieser  kata- 
strophalen  Zeit  mochte  ich,  daft  wir  uns  ganz  ehrlich  und  echt 
durchdringen  mit  dem  Bewufttsein  der  Notwendigkeit  des  Zusam- 
menhaltens  in  bezug  auf  unseren  anthroposophischen  Satz  des  Zu- 
sammenhaltens  im  Geiste.  Wenn  wir  auch  zeitweilig  eben  nicht 
raumlich  uns  finden  konnen,  wir  bleiben  im  Geiste  zusammen.  In 
dem  sehe  ich  den  besten  Gruft,  den  ich  Ihnen  entbiete,  da  wir  wieder 
zusammen  waren  und  vielleicht  eben  einige  Zeit  wiederum  nur  im 
Geiste  zusammensein  konnen. 


DER  TOD  ALS  LEBENSW ANDLUN G 


Nurnberg,  10.  Februar  1918 


In  den  Betrachtungen,  die  wir  anstellen  auf  dem  Gebiete  unserer 
Geisteswissenschaft,  liegt  manches,  das  wir  im  alltaglichen  Leben 
vielleicht  nicht  ganz  unmittelbar  anwenden  konnen,  von  dem  wir 
uns  vielleicht  sagen,  dafi  es  dem  alltaglichen  Leben  feme  liegt.  Aber 
das  ist  nur  scheinbar.  Dasjenige,  was  wir  iiber  die  Geheimnisse  der 
geistigen  Welt  in  unser  Wissen  aufnehmen,  das  hat  immer,  zu  jeder 
Stunde,  in  jedem  Augenblicke,  eine  starke  und  tiefe  Bedeutung  fur 
unsere  Seele.  Und  was  uns  personlich  ferner  zu  liegen  scheint,  das  ist 
manchmal  gerade  sehr  nahe  dem,  was  unsere  Seele  in  ihrem  Inner- 
sten  braucht.  Bei  der  physisch-sinnlichen  Welt,  da  kommt  es  darauf 
an,  dafi  wir  uns  mit  ihr  bekannt  machen,  um  ihren  Inhalt  kennenzu- 
lernen.  Bei  der  geistigen  Welt  kommt  es  im  wesentlichen  darauf  an, 
dafi  wir  dasjenige,  was  sie  uns  an  Gedanken,  an  Vorstellungen  gibt, 
selber  durchdenken,  selber  vorstellen;  dann  arbeiten  in  unserer  Seele 
manchmal  ganz  unbewulk  diese  Gedanken.  Und  dasjenige,  woran 
die  Seele  dann  arbeitet,  kann  uns  scheinbar  recht  feme  liegen; 
es  wird  gerade  dem  Hoheren  in  unserer  Seele  in  Wirklichkeit  recht 
naheliegen  konnen. 

Und  so  wollen  wir  denn  heute  uns  beschaftigen  mit  einer  Be- 
trachtung,  die  wir  von  gewissen  Gesichtspunkten  aus  ofter  schon 
angestellt  haben,  die  wir  aber  heute  wiederum  von  einem  anderen 
Gesichtspunkte  aus  anstellen  werden.  Wir  wollen  uns  beschaftigen 
mit  dem,  was  uns,  was  dem  Menschen  iiberhaupt  im  physischen  Le- 
ben scheinbar  so  feme  steht,  mit  dem  Leben,  das  da  verfliefit  zwi- 
schen  dem  Tode  und  einer  neuen  Geburt.  Und  ich  mochte  gerade 
heute  einiges,  das  wir  ja,  nachdem  wir  durch  mancherlei  gut  vorbe- 
reitet  sind,  in  richtiger  Weise  verstehen  konnen,  in  schlichter  Weise 
einfach  erzahlen,  so  wie  es  sich  der  Geistesforschung  ergibt.  Einse- 
hen,  verstehen  kann  man  die  Dinge,  wenn  man  sie  immer  wieder 
und  wiederum  von  neuem  durchdenkt;  durch  ihre  eigene  Kraft  ma- 
chen sie  sich  in  der  Seele  verstandlich.  Und  derjenige,  der  sie  nicht 


versteht,  der  sollte  eigentlich  zunachst  iiberzeugt  sein  davon,  daft  er 
sie  noch  nicht  oft  genug  in  seiner  Seele  durchdacht  hat.  Erforscht 
werden  miissen  sie  durch  Geisteswissenschaft,  verstanden  werden 
sie,  wenn  man  sie  oft  und  oft  wiederum  in  der  Seele  durchnimmt. 
Sie  werden  sich  dann  namentlich  bekraftigen  an  den  Tatsachen,  die 
uns  im  Leben  entgegentreten,  wenn  wir  dieses  Leben  nur  genau  be- 
trachten,  sie  werden  sich  an  den  Tatsachen  des  Lebens  erharten. 

Zunachst  mochte  ich  sagen  -  was  ja  aus  verschiedenen  unserer 
Zyklen  und  aus  sonstigen  Betrachtungen  hervorgeht  -,  daft  eine 
Schwierigkeit  vorliegt,  wenn  wir  das  Leben  zwischen  dem  Tod  und 
einer  neuen  Geburt  betrachten,  eine  Schwierigkeit,  die  darin  be- 
steht,  daft  dieses  Leben  ganz,  ganz  anders  ist  als  dasjenige,  was  man 
sich  hier  innerhalb  der  physischen  Welt  durch  die  Organe  des  physi- 
schen  Leibes  vorstellen  kann.  Man  mufi  sich  bekanntmachen  mit 
ganz,  ganz  anderen  Vorstellungen. 

Wenn  wir  hier  auf  dem  physischen  Plan  in  ein  Verhaltnis  kom- 
men  zu  den  Dingen,  die  in  unserer  Umgebung  sind,  so  wissen  wir, 
daft  nur  ein  kleiner  Teil  dieser  Wesen,  die  uns  in  der  physischen 
Welt  umgeben,  zu  unserem  eigenen  Handeln,  zu  unseren  eigenen 
Willensaufterungen  sich  so  verhalt,  daft  wir  sagen  konnen:  Unsere 
eigenen  Willensaufterungen  machen  dem,  was  in  unserer  Umgebung 
ist,  Lust  oder  Leid.  -  Wir  konnen  das  beziiglich  desjenigen  Teiles 
unserer  physischen  Umgebung  sagen,  den  wir  zum  Reiche  der  Tie- 
re,  zum  Reiche  der  Menschen  zahlen.  Dagegen  sind  wir  zunachst  - 
wir  wissen,  daft  das  etwas  anderes  ist,  wenn  wir  die  Sache  geistig  be- 
trachten, aber  darauf  kommt  es  jetzt  nicht  an  -  mit  vollem  Rechte 
davon  iiberzeugt,  daft  die  ganze  mineralische  Natur  einschlieftlich 
alles  dessen,  was  in  Luft  und  Wasser  ist,  und  auch  im  wesentlichen 
die  pflanzliche  Natur,  unempfanglich  sind  fiir  dasjenige,  was  wir 
Lust  und  Leid  nennen,  wenn  Handlungen  von  uns  selber  ausgehen. 

In  der  Umgebung,  in  welcher  der  sogenannte  Tote  ist,  ist  das 
nicht  so.  In  dieser  Umgebung,  in  der  der  sogenannte  Tote  ist,  da  ist 
alles,  was  zu  dieser  Umgebung  gehort,  so,  daft,  was  auch  der  Tote 
tut,  es  in  der  Umgebung  entweder  Lust  oder  Leid  erweckt.  Der  Tote 
kann  iiberhaupt  gar  nichts  tun,  er  kann  gar  nicht,  wenn  ich  mich 


bildlich  ausdriicken  will,  seine  Glieder  riihren,  ohne  daft  in  dieser 
Umgebung  Lust  oder  Leid  durch  das,  was  er  tut,  erweckt  wird. 

Da  muE  man  sich  nur  richtig  hineinversetzen.  Man  mufi  aufneh- 
men  diesen  Gedanken,  daft  das  Leben  zwischen  dem  Tode  und  einer 
neuen  Geburt  eben  so  beschaffen  ist,  daft  alles  in  der  Umgebung  die- 
ses Echo  hervorruft,  alles,  was  wir  tun;  daft  wir  in  der  ganzen  Zeit 
zwischen  dem  Tode  und  einer  neuen  Geburt  immer  davor  stehen, 
daft  wir  nichts  tun  konnen,  daft  wir,  wie  gesagt,  bildlich  gesprochen, 
nicht  einmal  uns  riihren  konnen,  ohne  Lust  oder  Leid  in  unserer 
Umgebung  hervorzurufen.  Denn  dasjenige,  was  wir  hier  auf  dem 
physischen  Plane  als  Mineralreich  in  unserer  Umgebung  haben,  das 
gibt  es  nicht  fiir  den  Toten.  Ebenso  gibt  es  nicht  unser  gewohnliches 
Pflanzenreich.  Diese  Reiche  sind,  wie  Sie  aus  meiner  «Theosophie» 
entnehmen  konnen,  in  ganz  anderer  Form  da  vorhanden.  So,  wie  sie 
hier  sind,  gewissermaften  als  fiihllose  Reiche,  sind  sie  nicht  in  der 
geistigen  Welt  vorhanden.  Das  erste  Reich  von  denjenigen,  die  hier 
auf  dem  physischen  Plane  sind,  das  fiir  den  Toten  eine  gewisse  Be- 
deutung  hat  dadurch,  daft  man  es  vergleichen  kann  mit  dem,  was  der 
Tote  in  seiner  Umgebung  hat,  ist  das  Tierreich.  Nur  naturlich  nicht 
die  einzelnen  Tiere,  die  hier  auf  dem  physischen  Plane  sind,  sondern 
die  ganze  Umgebung  ist  so,  daft  sie  wirkt,  wie  die  Tiere  wirken.  Die 
ganze  Umgebung  reagiert  so,  daft  Lust  oder  Leid  von  dem  ausgeht, 
was  man  tut.  Nun,  wir  hier  auf  dem  physischen  Plane,  wir  stehen 
auf  mineralischem  Boden;  der  Tote  steht  auf  einem  Boden,  lebt  in  ei- 
ner Umgebung,  die  wir  in  diesem  Sinne  tierisch  nennen  konnen.  Er 
lebt  also  von  vorneherein  um  zwei  Reiche  hoher.  Das  ganze  Leben 
zwischen  dem  Tode  und  einer  neuen  Geburt  besteht  in  bezug  auf 
seine  alleraufterste  Betatigung  in  dem  Kennenlernen  [des  Tierreichs]; 
nicht  so,  wie  wir  hier  das  Tierreich  kennenlernen  -  wir  lernen  es  ja 
nur  auften,  von  der  Auftenseite  kennen  das  ganze  Leben  zwischen 
dem  Tode  und  einer  neuen  Geburt  besteht  darin,  daft  man  die  tieri- 
sche  Welt  als  solche  genauer  und  immer  genauer  kennenlernt.  Denn 
in  diesem  Leben  zwischen  dem  Tode  und  einer  neuen  Geburt  muft 
man  vorbereiten  alle  diejenigen  Krafte,  die  aus  dem  Kosmos  herein 
unseren  eigenen  Leib  durchorganisieren,  wovon  wir  hier  in  der  phy- 


sischen  Welt  gar  nichts  wissen.  Wie  unser  Leib  bis  in  seine  kleinsten 
Teile  aus  dem  Kosmos  heraus  gebildet  wird,  das  weift  man  zwischen 
dem  Tode  und  einer  neuen  Geburt.  Denn  man  bereitet  gewisserma- 
ften  als  die  Summe  alles  Tierischen  diesen  physischen  Leib  vor.  Man 
baut  ihn  selber  auf. 

Um  diese  Vorstellung  genauer  zu  haben,  mufi  man  sich  allerdings 
bekanntmachen  mit  einem  Begriff,  mit  einer  Idee,  die  der  heutigen 
Menschheit  ziemlich  feme  liegt.  Die  heutige  Menschheit  ist  zwar  da- 
von  iiberzeugt,  daft,  wenn  eine  Magnetnadel  die  Nord-Sudrichtung 
zeigt,  also  mit  dem  einen  Ende  nach  Norden,  mit  dem  anderen  nach 
Suden  zeigt,  dies  nicht  aus  der  Magnetnadel  selber  heraus  kommt, 
sondern  daft  die  Erde  als  Ganzes  ein  kosmischer  Magnet  ist,  dessen 
eine  Spitze  nach  dem  Siiden,  die  andere  nach  dem  Norden  zielt,  und 
man  wiirde  es  als  Torheit  betrachten,  wenn  jemand  behaupten  woll- 
te,  nur  durch  Krafte,  die  in  der  Magnetnadel  selber  liegen,  wiirde 
diese  Richtung  hervorgebracht.  Bei  dem  aber,  was  sich  als  Keim  im 
tierischen  oder  menschlichen  Wesen  entwickelt,  lehnt  heute  die  gan- 
ze  Wissenschaft  und  alles  Denken  die  kosmische  Einwirkung  ab. 
Was  man  bei  der  Magnetnadel  als  Torheit  bezeichnen  wiirde,  nimmt 
man  dann  an,  wenn  sich,  sagen  wir,  im  Huhn  das  Ei  bildet.  Aber 
wenn  sich  im  Huhn  das  Ei  bildet,  ist  tatsachlich  der  ganze  Kosmos 
daran  beteiligt;  hier  auf  der  Erde  geschehen  nur  die  Anregungen  da- 
zu.  Alles  das,  was  sich  im  Ei  bildet,  ist  ein  Abdruck  der  kosmischen 
Krafte,  und  das  Huhn  selber  -  so  ist  es  auch  beim  Menschen  -  ist  nur 
eine  Statte,  in  der  der  Kosmos,  das  ganze  Weltensystem  das  ausbil- 
det.  Damit  muft  man  sich  bekanntmachen.  Und  an  diesem  ganzen 
Kraftesystem,  das  da  den  Kosmos  durchzieht,  arbeitet  der  Mensch 
zwischen  dem  Tode  und  einer  neuen  Geburt  in  Gemeinschaft  mit 
hoheren  Wesenheiten,  mit  Wesenheiten  hoherer  Hierarchien,  eben 
mit.  Man  arbeitet  immer  zwischen  dem  Tode  und  einer  neuen 
Geburt;  man  ist  nicht  unbeschaftigt,  da  arbeitet  man  im  Geistigen. 

Das  erste  Reich,  mit  dem  man  sich  bekanntmacht,  ist  das  tieri- 
sche.  Und  daft  man  es  richtig  macht,  das  hangt  im  wesentlichen  mit 
folgendem  zusammen:  Versucht  man  etwas  falsch  zu  machen,  so 
muft  man  gleich  wahrnehmen  den  Schmerz,  das  Leid  der  Umge- 


bung;  macht  man  etwas  richtig,  nimmt  man  wahr  Lust  der  Umge- 
bung,  Freude  der  Umgebung.  Auf  diese  Weise  arbeitet  man  sich 
durch,  indem  man  Lust  und  Freude  erzeugt;  arbeitet  sich  so  durch, 
daft  man  zuletzt  das  Seelische  in  solcher  Art  hat,  daft  es  herabsteigen 
kann  und  zusammenstimmt  mit  dem,  was  auf  der  Erde  als  physi- 
scher  Leib  leben  wird.  Nie  konnte  das  Seelische  heruntersteigen, 
wenn  es  nicht  selber  gearbeitet  hatte  an  der  physischen  Form. 

Das  tierische  Reich  also  ist  dasjenige,  mit  dem  man  zuerst  Be- 
kanntschaft  macht.  Das  nachste  Reich  ist  das,  was  man  hier  als  Men- 
schenreich  hat.  Mineralisches  und  pflanzliches  Reich  bleiben  zu- 
nachst  weg.  Beim  Menschenreich  ist  es  allerdings  so,  daft  der  Tote  in 
einer  gewissen  Weise  -  man  konnte  sagen:  mit  Bezug  auf  die  ge- 
wohnten  Begriffe,  die  man  hier  hat  -  beschrankt  ist  in  seiner  Men- 
schenbekanntschaft.  Er  kann  namlich  zwischen  dem  Tode  und  einer 
neuen  Geburt  -  gleich  nach  dem  Tode  beginnt  das  oder  bald  nach- 
her  -  eigentlich  nur  Beziehungen,  Verhaltnisse  ankniipfen  mit  den- 
jenigen  Menschenseelen,  gleichgiiltig,  ob  sie  hier  auf  der  Erde,  oder 
ob  sie  auch  schon  driiben  sind,  mit  denen  er  schon  irgendwie  auf  der 
Erde  in  der  letzten  oder  in  friiheren  Inkarnationen  karmisch  ver- 
bunden  war.  Die  anderen  Seelen  gehen  an  ihm  voriiber,  die  nimmt 
er  nicht  wahr.  Das  Tierische  nimmt  er  als  ein  Ganzes  wahr;  von  den 
Menschenseelen  nur  diejenigen  -  immer  genauer  und  genauer  wird 
man  mit  ihnen  bekannt  -,  mit  denen  er  in  karmische  Beziehung  ge- 
treten  ist  hier  auf  der  Erde.  Das  ist  nicht  eine  sehr  kleine  Anzahl  von 
Menschen,  das  dtirfen  Sie  nicht  glauben,  denn  es  sind  viele  Erdenle- 
ben  fur  die  einzelnen  Menschen  schon  verflossen.  Man  hat  in  jedem 
Erdenleben  eine  ganze  Menge  karmischer  Beziehungen  angekniipft; 
aus  denen  ist  das  Netz  gesponnen,  das  dann  driiben  sich  ausbreitet 
liber  unsere  Bekanntschaft.  Aufter  dem  Kreise  bleiben  nur  die  Men- 
schen, mit  denen  man  nie  Bekanntschaft  gemacht  hat.  Daraus  sehen 
Sie  ein,  was  wichtig  ist  ins  Auge  zu  fassen:  Daft  das  Erdenleben  im 
ganzen  Weltenall  fur  den  Menschen  seine  allerintensivste  Bedeutung 
hat.  Wiirde  das  Erdenleben  nicht  durchlebt  werden,  so  wiirden  wir 
zu  den  Menschenseelen  auch  in  der  geistigen  Welt  keine  Beziehun- 
gen ankniipfen  konnen.  Die  Beziehungen  werden  hier  auf  der  Erde 


karmisch  angekniipft,  setzen  sich  dann  fort  zwischen  dem  Tode  und 
einer  neuen  Geburt.  Man  kann  sehen,  wenn  man  in  der  Lage  ist,  in 
diese  Welt  hineinzuschauen,  wie  nach  und  nach  der  sogenannte  To- 
te immer  mehr  und  mehr  Verbindungen  ankniipft,  die  alle  Verbin- 
dungen  sind,  die  sich  ergeben  aus  dem,  was  er  karmisch  hier  auf  der 
Erde  angekniipft  hat. 

Wenn  man  sagen  kann,  daft  mit  dem  ersten  Reiche,  mit  dem  der 
sogenannte  Tote  in  Beriihrung  kommt,  mit  dem  tierischen  Reiche, 
es  so  ist,  daft  er  alles,  was  er  tut,  wenn  er  sich  nur  riihrt,  in  Lust  oder 
Leid  umsetzt  in  seiner  Umgebung,  so  kann  man  in  bezug  auf  alles 
das,  was  im  menschlichen  Reiche  erlebt  wird,  sagen,  daft  der  Tote 
noch  viel  inniger  in  Zusammenhang  steht  mit  den  Menschen  im  See- 
lenhaften.  Da  ist  er  selber  drinnen.  Eine  Seele,  mit  der  der  Tote  be- 
kannt  wird,  lernt  der  Tote  eben  so  kennen,  als  ob  er  selber  in  dieser 
Seele  drinnen  ware.  Nach  dem  Tode  wird  man  mit  einer  Seele  so  be- 
kannt,  wie  hier  mit  dem  eigenen  Finger  oder  mit  dem  Kopfe  oder 
mit  dem  Ohr:  man  fuhlt  sich  darinnen.  Es  ist  ein  viel  intimerer  Zu- 
sammenhang, als  er  hier  auf  der  Erde  sein  kann.  Und  dieses  sind  die 
beiden  Grunderlebnisse  fur  das  Zusammensein  mit  Menschenseelen 
zwischen  dem  Tode  und  einer  neuen  Geburt:  daft  man  entweder 
drinnen  ist  in  den  Seelen  oder  drauften.  Man  ist  auch  bei  denen,  die 
man  kennt,  abwechselnd  drinnen  oder  drauften.  Das  Ihnen- 
Begegnen,  diesen  Seelen,  das  besteht  immer  darinnen,  daft  man  sich 
mit  ihnen  eins  fuhlt,  daft  man  in  ihnen  drinnen  ist.  Das  Drauftensein 
bedeutet,  daft  man  sie  nicht  beachtet.  So  wie  man  hier  etwas  an- 
schaut:  da  nimmt  man  es  wahr;  wenn  man  wegschaut,  da  nimmt 
man  es  nicht  mehr  wahr.  Dort  ist  man  mit  Bezug  auf  die  Menschen- 
seelen drinnen,  wenn  man  imstande  ist,  die  Aufmerksamkeit  darauf 
zu  wenden;  man  ist  drauften,  wenn  man  das  nicht  kann. 

In  dem,  was  ich  Ihnen  jetzt  auseinandersetzte,  haben  Sie,  ich 
mochte  sagen,  die  Grundstruktur  fur  das  Zusammensein  der  Seele 
mit  anderen  Seelen  fur  die  Zeit  zwischen  dem  Tode  und  einer  neuen 
Geburt.  In  einer  ahnlichen  Weise  drinnen  oder  drauften  ist  dann  der 
Mensch  zwischen  dem  Tode  und  einer  neuen  Geburt  mit  Bezug  auf 
die  Wesen  der  anderen  Hierarchien,  Angeloi,  Archangeloi  und  so 


weiter.  Nur,  je  hoher  ein  Reich  ist,  desto  mehr  fiihlt  sich  nach  dem 
Tode  der  Mensch  mit  diesem  Reiche  verbunden,  fiihlt  sich  davon  ge- 
tragen;  er  fiihlt  es  machtig  ihn  tragend.  Also  die  Archangeloi  tragen 
den  Menschen  machtiger  als  die  Angeloi,  die  Archai  wieder  mach- 
tiger  als  die  Archangeloi  und  so  weiter. 

Nun,  im  Erkennen  der  geistigen  Welt  als  solcher  sehen  ja  heute 
noch  die  Menschen  gewisse  Schwierigkeiten.  Diese  Schwierigkeiten, 
die  werden  sich  verhaltnismaftig  losen,  wenn  die  Menschen  sich  nur 
ein  biftchen  mehr  bekanntmachen  werden  mit  den  Geheimnissen 
der  geistigen  Welt.  Aber  es  ist  ja  ein  Zweifaches,  das  man  nennen 
kann  das  Sich-Bekanntmachen  mit  der  geistigen  Welt.  Das  eine  ist 
ein  solches  Bekanntmachen,  daft  man  die  vollig  hinreichende  Sicher- 
heit  gewinnt  von  dem  Ewigen  in  der  eigenen  Menschennatur.  Dieses 
Wissen,  daft  in  der  menschlichen  Natur  ein  Wesenskern  liegt,  der 
ewig  ist,  der  durch  Tode  und  Geburten  geht,  dieses  Wissen,  so 
fremd  es  der  heutigen  Menschheit  ist,  das  ist  verhaltnismaftig  leicht 
zu  erlangen,  und  es  wird  wirklich,  wenn  jemand  nur  Geduld  genug 
hat,  erlangt  auf  dem  Wege,  der  da  in  meinem  Buche  «Wie  erlangt 
man  Erkenntnisse  der  hoheren  Welten?»  und  in  anderen  beschrie- 
ben  ist.  Es  wird  auf  diesem  Wege  erlangt.  Das  ist  das  eine  Erkennen. 

Das  andere  ist  das,  was  man  nennen  kann  unmittelbarer  Verkehr 
mit  den  Wesen  der  geistigen  Welt,  konkreter  unmittelbarer  Ver- 
kehr, aus  dem  wir  heute  herausgreifen  wollen  den  Verkehr,  den 
man  haben  kann  von  hier  aus  zu  den  sogenannten  Toten  hiniiber. 
Das  ist  etwas,  was  durchaus  moglich  ist,  was  aber  eben  groftere 
Schwierigkeiten  bietet  als  das  zuerst  Charakterisierte.  Das  Erstcha- 
rakterisierte  ist  etwas,  was  leicht  zu  erringen  ist;  das  andere,  wirklich 
mit  einzelnen  Toten  zu  verkehren,  das  ist  zwar  durchaus  moglich, 
es  ist  aber  schwierig  zu  erringen,  weil  es  Achtsamkeit  erfordert  von 
dem,  der  diesen  Verkehr  sucht.  Es  ist  notwendig  zu  diesem  besonde- 
ren  Verkehr,  daft  der  Mensch  sich  wirklich  in  eine  gewisse  Zucht 
nehmen  kann.  Denn  es  gibt  ein  sehr  bedeutsames  Gesetz  fiir  den 
Verkehr  mit  der  geistigen  Welt.  Das  kann  man  so  aussprechen,  daft 
man  sagt :  Dasjenige,  was  gerade  fiir  den  Menschen  hier  mehr  niedri- 
ge  Triebe  sind,  das  ist  von  der  anderen  Seite,  von  der  geistigen  Seite 


angesehen,  hoheres  Leben,  und  es  kann  daher  sehr  leicht  sein,  wenn 
der  Mensch  sich  nicht  ordentlich  in  der  Zucht  hat,  daft  er  durch  den 
unmittelbaren  Verkehr  mit  den  sogenannten  Toten  niedere  Triebe 
erregt  fiihlt.  Wenn  wir  nur  mit  der  geistigen  Welt  im  allgemeinen 
zusammenkommen,  wenn  wir  uns  Erkenntnisse  verschaffen  iiber 
unsere  eigene  Unsterblichkeit  und  es  da  zu  tun  haben  mit  dem 
Seelisch-Geistigen,  da  kann  nicht  die  Rede  davon  sein,  daft  da  ir- 
gendwie  etwas  Unlauteres  hineinkommen  kann.  Wenn  wir  es  aber 
zu  tun  haben  mit  einzelnen  konkreten  Toten,  dann  ist  immer  eine 
Beziehung  des  einzelnen  Toten  -  so  sonderbar  es  klingt  -  zu  unse- 
rem  Blut-  und  Nervensystem.  In  die  Triebe,  die  im  Blut-  und  Ner- 
vensystem  sich  ausleben,  lebt  sich  der  Tote  hinein;  das  kann  niedere 
Triebe  anregen.  Gefahrvoll  kann  es  naturlich  nur  fur  den  sein,  der 
nicht  seine  Natur  durch  Zucht  gelautert  hat.  Das  muft  einmal  be- 
tont  werden,  denn  das  ist  der  Grund,  warum  das  Alte  Testament  ge- 
radezu  den  Menschen  verbietet,  mit  den  Toten  zu  verkehren;  nicht 
weil  es  sundhaft  ware,  wenn  es  in  der  richtigen  Weise  geschieht. 
Man  muft  von  den  Methoden  des  modernen  Spiritismus  naturlich 
absehen.  Wenn  es  geistig  geschieht,  ist  es  nicht  sundhaft,  aber  wenn 
der  Mensch  nicht  diesen  Verkehr  mit  reinen,  durchseelten  Gedan- 
ken  pflegt,  fiihrt  es  sehr  leicht  dazu,  daft  der  Mensch,  wie  gesagt,  nie- 
dere Leidenschaften  aufstacheln  kann.  Nicht  die  Toten  stacheln  sie 
auf,  aber  das  Element,  in  dem  die  Toten  leben.  Bedenken  Sie: 
Was  wir  hier  als  tierisch  empfinden,  ist  das  Grundelement,  in  dem 
die  Toten  leben.  Das  Reich,  in  dem  die  Toten  leben,  das  kann 
sehr  leicht,  indem  es  in  uns  hereinschlagt,  umschlagen;  es  kann  in 
uns  niedrig  werden,  was  dort  eigentlich  ein  Hoheres  ist.  Das  ist 
sehr  wichtig,  daft  wir  das  ins  Auge  fassen.  Das  kann  man  durchaus 
sagen,  wenn  iiber  den  Verkehr  der  sogenannten  Lebenden  mit 
den  sogenannten  Toten  gesprochen  wird,  weil  es  eine  okkulte 
Tatsache  ist. 

Aber  gerade  wenn  man  iiber  diesen  Verkehr  spricht,  da  kann  man 
die  geistige  Welt  so  recht  charakterisieren,  wie  sie  ist.  Denn  gerade 
bei  dem,  was  da  erlebt  wird,  zeigt  sich,  wie  ganz  anders  die  geistige 
Welt  ist  als  hier  die  physische  Welt. 


Nun  will  ich  Ihnen  zuerst  etwas  sagen,  was  vielleicht  fiir  den 
Menschen,  solange  er  nicht  vollstandig  seine  Hellsichtigkeit  ausge- 
bildet  hat,  scheinbar  bedeutungslos  ist,  aber  es  liegt  uns  nahe,  wenn 
wir  es  durchdenken,  da  es  iibergeht  zu  Dingen,  die  dem  Leben  na- 
herstehen.  Wenn  der,  dessen  Hellsichtigkeit  durchgebildet  ist,  mit 
Toten  verkehrt,  dann  muft  er  in  einer  solchen  Weise  mit  ihnen  ver- 
kehren,  daft  man  aus  diesem  Verkehr  sieht,  warum  es  den  Menschen 
so  ferne  liegt,  von  den  Toten  etwas  zu  wissen,  ich  meine,  durch  un- 
mittelbare  Wahrnehmung  etwas  zu  wissen.  So  sonderbar,  so  grotesk 
es  klingt:  die  ganze  Art  des  Verkehrs,  an  die  wir  gewohnt  sind  hier 
in  der  physischen  Welt,  die  mufi  sich  geradezu  umkehren,  wenn  ein 
Verkehr  angekniipft  wird  zwischen  hier  und  dem  Toten.  Hier, 
wenn  wir  mit  einem  Menschen  sprechen,  wenn  wir  von  physischem 
Leibe  zu  physischem  Leibe  sprechen,  da  reden  wir;  wenn  wir  reden, 
wissen  wir:  Wir  reden,  die  Worte  kommen  aus  uns.  Wenn  er  uns 
antwortet,  oder  Menschen  zu  uns  reden,  so  wissen  wir:  Von  ihnen 
kommen  die  Worte.  Dieses  ganze  Verhaltnis  dreht  sich  vollstandig 
um,  wenn  wir  mit  einem  Toten  verkehren,  reden  -  man  kann  schon 
sagen:  reden,  denn  es  kann  ein  Reden  sein  -.  Die  Sache  dreht  sich 
um,  so  daft,  wenn  wir  einen  Toten  fragen  oder  zu  ihm  etwas  sagen, 
wir  dann  das,  was  wir  sagen,  aus  ihm  heraus  vernehmen;  so  nimmt 
man  es  wahr.  Also  er  inspiriert  zu  unserer  Seele  heriiber  das,  was  wir 
ihn  fragen,  was  wir  ihm  sagen.  Und  wenn  er  uns  antwortet  oder  zu 
uns  etwas  sagt,  dann  kommt  das  aus  unserer  eigenen  Seele  heraus. 
Das  ist  etwas,  was  fiir  den  Menschen  ganz  ungewohnt  ist  hier  in  der 
physischen  Welt.  Er  ist  gewohnt,  daft,  was  er  sagt,  aus  seinem  Wesen 
heraus  kommt.  Fiir  den  Verkehr  mit  den  Toten  muft  man  sich  ange- 
wohnen,  von  ihnen  das  zu  horen,  was  man  selber  sagt,  und  aus  der 
eigenen  Seele  heraus  zu  vernehmen,  was  sie  antworten. 

Wenn  man  die  Sache  erzahlt,  so  ist  sie  in  dieser  Abstraktheit,  in 
der  man  sie  erzahlt,  natiirlich  leicht  zu  fassen;  aber  wirklich  sich  dar- 
an  gewohnen,  ganz  umgekehrt  den  Verkehr  eingenchtet  zu  haben, 
als  man  es  hier  auf  dem  physischen  Plane  gewohnt  ist,  das  ist  trotz- 
dem  ungeheuer  schwierig.  Und  wirklich,  so  sonderbar  es  klingt: 
darauf,  daft  der  Mensch  ganz  ungewohnt  ist,  diese  Umkehrung  zu 


machen,  beruht  es  vielfach,  dafi  man  die  Toten,  die  immer  da  sind, 
die  immer  in  unserer  Umgebung  sind,  nicht  wahrnimmt.  Man 
denkt:  Wenn  etwas  aus  unserer  Seele  dringt,  so  kommt  es  von  uns. 
Und  irgendwie  intim  darauf  zu  achten,  ob  uns  aus  der  Geistumge- 
bung  etwas  inspiriert,  wovon  wir  sagen  konnten,  das  kommt  von 
uns  selber,  das  liegt  uns  ganz  feme.  Man  will  es  gerne  ankniipfen  an 
das,  was  man  eben  gewohnt  ist  vom  physischen  Plane.  Kommt  ei- 
nem  etwas  aus  der  Umgebung,  so  schreibt  man  es  einem  Fremden 
zu.  Das  ist  der  grofke  Irrtum,  dem  man  sich  hingeben  kann. 

Nun,  damit  habe  ich  Ihnen  iiber  den  Verkehr  der  sogenannten 
Lebenden  mit  den  sogenannten  Toten  eine  der  Eigentumlichkeiten 
hervorgehoben.  Wenn  Sie  sich  aus  diesem  Beispiel  nur  das  eine  klar- 
machen  wollten,  dafi  die  Dinge  geradezu  umgekehrt  sind  in  der  gei- 
stigen  Welt,  dafi  man  sich  vollstandig  wenden  mufi,  so  haben  Sie  ei- 
nen  wichtigen  Begriff,  den  man  fortwahrend  braucht,  wenn  man 
eindringen  will  in  die  geistige  Welt,  einen  Begriff,  den  einzeln,  im 
Konkreten  anzuwenden,  aufierordentlich  schwierig  ist.  Es  ist  zum 
Beispiel  notwendig,  auch  um  hier  die  physische  Welt  gut  zu  verste- 
hen,  welche  im  Grunde  genommen  iiberall  durchdrungen  ist  von 
dem  Geistigen,  dafi  man  diesen  Begriff  von  einer  vollstandigen  Um- 
kehrung  hat.  Und  weil  ihn  die  heutige  Wissenschaft  gar  nicht  hat, 
und  weil  ihn  das  populare  Bewufksein  gar  nicht  hat,  deshalb  ver- 
steht  man  auch  die  physische  Welt  nicht  geistig.  Man  erfahrt  dieses 
gerade  dann,  wenn  sich  Menschen  recht  viele  Miihe  geben,  die  Welt 
zu  verstehen.  Man  mufi  manchmal  von  solchen  Dingen  geradezu  ab- 
sehen.  Ich  habe  vor  Jahren,  ankniipfend  an  gewisse  Goethesche  Vor- 
stellungen,  iiber  den  aufieren  menschlichen  physischen  Organismus 
gesprochen  vor  einer  grofien  Anzahl  von  unseren  Freunden  bei  ei- 
ner Generalversammlung  in  Berlin,  wo  ich  versuchte,  einmal  klar- 
zumachen,  wie  der  Kopf  in  seiner  physischen  Form  nur  verstanden 
werden  kann,  wenn  man  ihn  als  vollige  Umdrehung  des  iibrigen  Or- 
ganismus versteht.  Davon  hat  niemand  etwas  verstanden:  daft  ein 
Knochen,  den  wir  im  Arm  haben,  wie  ein  Handschuh  gewendet 
werden  mufke,  um  einen  Kopfknochen  daraus  zu  bekommen.  Das 
ist  schwierig,  aber  man  kann  nicht  Anatomie  kennen,  ohne  sich  die- 


se  Vorstellungen  zu  bilden.  Das  habe  ich  nur  nebenbei  erwahnt. 
Man  versteht  leichter  das  andere,  was  ich  Ihnen  heute  gesagt  habe 
uber  den  Verkehr  mit  den  Toten. 

Sehen  Sie,  was  ich  jetzt  auseinandergesetzt  habe,  das  findet  fort- 
wahrend  statt.  Sie  alle,  wie  Sie  hier  sitzen,  Sie  verkehren  fortwah- 
rend  mit  Toten,  nur  wissen  es  die  Menschen  im  gewohnlichen  Le- 
ben  nicht,  weil  es  sich  im  Unterbewuftten  vollzieht.  Das  hellsichtige 
Bewufttsein,  das  zaubert  nichts  Neues  hervor;  es  hebt  nur  dasjenige, 
was  vorhanden  ist  in  der  geistigen  Welt,  eben  zum  Bewufksein 
herauf.  Sie  alle  verkehren  fortwahrend  mit  Toten. 

Nun  wollen  wir  ein  wenig  kennenlernen,  wie  sich  im  einzelnen 
der  gewohnliche  Verkehr  mit  den  Toten  abspielt.  Sie  konnen  fra- 
gen,  wenn  irgendein  Toter  hingegangen  ist,  wenn  man  selber  zu- 
riickgeblieben  ist:  Wie  komme  ich  dem  Toten  nahe,  so  daft  er  mich 
in  sich  erlebt?  -  Das  ist  ja  das,  was  ich  vorhin  erortert  habe.  Wie 
kommt  mir  der  Tote  wieder  nahe,  daft  ich  in  ihm  leben  kann?  Diese 
Frage  konnen  Sie  aufwerfen.  Richtig  beantworten  kann  man  diese 
Frage  nicht,  wenn  man  die  bloften,  hier  auf  dem  physischen  Plan  ge- 
wohnten  Begriffe  ins  Auge  faftt.  Hier  auf  dem  physischen  Plan  ent- 
wickeln  wir  unser  gewohnliches  Bewufttsein  nur  vom  Aufwachen 
bis  zum  Einschlafen.  Aber  fur  den  gesamten  Menschen  ist  der 
andere  Teil  des  Bewufttseins,  der  dumpf  bleibt,  abgelahmt  bleibt 
im  gewohnlichen  Leben  zwischen  Einschlafen  und  Aufwachen, 
ebenso  wichtig  wie  der  zwischen  Aufwachen  und  Einschlafen.  Der 
Mensch  ist  eigentlich  nicht  im  wirklichen  Sinne  unbewuftt,  wenn 
er  schlaft,  sondern  das  Bewufttsein  ist  nur  so  dumpf,  daft  er  gewohn- 
lich  nichts  davon  wahrnimmt.  Es  ist  dumpf,  aber  man  muft  diesen 
ganzen  Menschen  nehmen,  den  wachenden  und  den  schlafenden, 
wenn  man  die  Beziehungen  des  Menschen  zur  geistigen  Welt  ins 
Auge  faftt. 

Denken  Sie  an  Ihre  eigene  Biographic  Sie  betrachten  ja  den  Le- 
benslauf  immer  mit  den  entsprechenden  Unterbrechungen.  Sie  be- 
schreiben  nur  das,  was  vom  Aufwachen  bis  zum  Einschlafen  vor- 
geht;  dann  ist  das  Leben  unterbrochen:  Wachen  -  schlafen;  wachen  - 
schlafen.  Aber  wahrend  Sie  schlafen,  sind  Sie  auch  da,  und  wenn 


man  den  ganzen  Menschen  betrachtet,  so  mufi  man  den  Wachzu- 
stand  und  den  Schlafzustand  ins  Auge  fassen.  Und  man  muE  nun, 
wenn  man  den  Verkehr  des  Menschen  mit  der  geistigen  Welt  ins 
Auge  faftt,  wirklich  noch  ein  Drittes  ins  Auge  fassen.  Denn  aufter 
Wachen  und  Schlafen  gibt  es  ein  Drittes,  das  fiir  den  Verkehr  mit 
der  geistigen  Welt  wichtiger  ist  als  das  blofte  Wachen  und  Schlafen, 
namlich  das  Aufwachen  und  das  Einschlafen.  Dieses  Aufwachen 
und  Einschlafen,  es  dauert  immer  nur  einen  Augenblick  und  gleich 
kommt  man  in  einen  anderen  Zustand.  Aber  wenn  ein  Mensch  sich 
Empfindsamkeit  entwickelt  fur  diesen  Moment  des  Aufwachens 
und  Einschlafens,  dann  geben  gerade  diese  Augenblicke  des  Aufwa- 
chens und  Einschlafens  die  groftten  Aufschliisse  iiber  die  geistige 
Welt. 

Beim  Aufwachen  ist  es  ja  so:  Sie  wissen,  auf  dem  Lande  drauften  - 
jetzt  verschwinden  diese  Dinge  auch  auf  dem  Lande  allmahlich  -, 
aber  als  wir  alteren  Leute  jung  waren,  da  haben  die  Leute  auf  dem 
Lande  gesagt:  Wenn  man  aufwacht,  dann  soil  man  nicht  gleich  zum 
beleuchteten  Fenster  schauen,  sondern  noch  ein  wenig  im  Dunkeln 
zubringen.  -  Die  Leute  auf  dem  Lande  wuftten  vom  Verkehre  mit 
der  geistigen  Welt.  Sie  wuftten  noch  davon,  und  sie  wollten  nicht 
diesen  Moment  des  Aufwachens  so  haben,  daft  sie  nun  gleich  ins  voi- 
le Tageslicht  kommen,  sondern  sie  wollten  gesammelt  bleiben,  um 
etwas  zu  behalten  von  dem,  was  so  kolossal  durch  die  menschliche 
Seele  zieht  im  Augenblicke  des  Aufwachens.  Das  stort  uns,  daft  wir 
gleich  ins  voile  Tagesleben  hineinkommen.  In  der  Stadt  ist  es  ja 
uberhaupt  kaum  zu  machen;  da  stort  uns  nicht  nur  das  voile  Tages- 
leben, wenn  wir  aufwachen,  sondern  schon  der  Larm  der  Strafte,  das 
Schellen  der  Trambahn  und  so  weiter.  Das  ganze  Kulturleben  geht 
darauf  hinaus,  dem  Menschen  womoglich  den  Verkehr  mit  der  gei- 
stigen Welt  zu  verleiden.  Damit  ist  nichts  gesagt  gegen  das  auftere 
materielle  Kulturleben,  aber  die  Tatsache  muft  man  sich  vor  Augen 
halten. 

Bei  dem  Einschlafen  ist  es  so,  daft  wieder  im  Moment  des  Ein- 
schlafens in  kolossaler  Weise  die  geistige  Welt  an  uns  herantritt,  aber 
wir  schlafen  gleich  ein,  wir  verlieren  das  Bewufttsein  von  dem,  was 


uns  durch  die  Seele  gezogen  ist.  In  gewissen  Fallen  konnen  aber  Aus- 
nahmen  eintreten.  Nun  sind  eben  die  Momente  des  Aufwachens 
und  des  Einschlafens  die  bedeutsamsten  fur  den  Verkehr  mit  den  so- 
genannten  Toten,  auch  sonst  mit  den  geistigen  Wesen  der  hoheren 
Welt.  -  Um  das  zu  verstehen,  was  ich  in  bezug  darauf  zu  sagen  habe, 
ist  es  allerdings  notwendig,  daft  Sie  eine  Vorstellung  sich  aneignen, 
die  man  hier  auf  den  physischen  Plan  nicht  recht  anwenden  kann 
und  daher  eigentlich  nicht  hat.  Es  ist  die  Vorstellung:  Was  zeitlich 
voriibergegangen  ist,  ist  eigentlich  geistig  nicht  voriibergegangen, 
sondern  ist  noch  da.  Das  ist  eine  Vorstellung,  die  man  im  physi- 
schen Leben  nur  in  bezug  auf  den  Raum  hat.  Wenn  Sie  vor  einem 
Baume  stehen  und  dann  weggehen,  spater  zuriickschauen,  so  ver- 
schwindet  er  nicht;  er  ist  noch  da.  So  ist  es  mit  der  Zeit  in  der  geisti- 
gen Welt.  Wenn  Sie  jetzt  etwas  erleben,  so  ist  es  weg  fur  das  physi- 
sche  Bewufttsein;  geistig  angesehen  ist  es  nicht  weg.  Sie  konnen  dar- 
auf zuriickschauen  wie  zum  Baume.  Es  ist  sehr  merkwiirdig,  daft 
Richard  Wagner,  wie  seine  Worte  zeigen:  Zum  Raum  wird  hier  die 
Zeit  -  von  dieser  Sache  gewuftt  hat.  Das  ist  ein  Geheimnis,  daft  ei- 
gentlich im  Geistigen  es  Entfernungen  gibt,  die  hier  auf  dem  physi- 
schen Plan  nicht  zum  Ausdruck  kommen.  Voriibersein  eines  Ereig- 
nisses  bedeutet  nur:  Es  ist  weiter  von  uns.  Das  bitte  ich  Sie  fur  den 
Fall,  den  wir  jetzt  betrachten,  besonders  ins  Auge  zu  fassen.  Denn 
fur  den  Erdenbewohner  im  physischen  Leibe  ist  es  so,  daft  im  Mo- 
ment des  Aufwachens  der  Moment  des  Einschlafens  vorbei  ist; 
wenn  wir  in  der  geistigen  Welt  sind,  stehen  wir,  wenn  wir  aufwa- 
chen,  nur  ein  biftchen  weiter  weg  vom  Moment  des  Einschlafens. 
Nun,  das  mufi  man  ins  Auge  fassen.  Wir  stehen  einem  Toten  gegen- 
iiber  -  wie  gesagt,  wir  tun  es  fortwahrend,  es  bleibt  nur  gewohnlich 
im  Unterbewuftten  -,  wenn  wir  einschlafen;  wenn  wir  aufwachen, 
stehen  wir  einem  Toten  gegeniiber.  Das  sind  fur  das  physische  Be- 
wufttsein zwei  verschiedene  Momente.  Fur  das  geistige  Bewufttsein 
ist  nur  das  eine  etwas  weiter  weg  von  dem  anderen  als  das  unmittel- 
bar  Daranstoftende.  Das  bitte  ich  Sie  bei  dem,  was  ich  jetzt  erortern 
werde,  ins  Auge  zu  fassen,  sonst  werden  Sie  es  vielleicht  nicht  so 
ohne  weiteres  durchdringen  konnen. 


Aufwachen  und  Einschlafen,  sagte  ich,  sind  fiir  den  Verkehr  mit 
den  Toten  ganz  besonders  wichtig.  Es  gibt  gar  nicht  im  Menschenle- 
ben  Augenblicke  des  Einschlafens  und  Aufwachens,  ohne  daft  man 
mit  den  Toten  in  Beziehung  tritt.  Nun  ist  der  Moment  des  Einschla- 
fens in  bezug  auf  den  Verkehr  mit  den  Toten  besonders  giinstig  da- 
fur,  daft  wir  uns  an  den  Toten  wenden.  Wenn  wir  den  Toten  etwas 
fragen  wollen,  und  wir  konnen  die  Frage  in  unserer  Seele  hegen  und 
sie  erhalten  bis  zum  Moment  des  Einschlafens,  so  daft  wir  unsere 
Fragen,  unsere  Anrede,  oder  das,  was  wir  mitteilen  wollen,  bis  zum 
Moment  des  Einschlafens  halten:  da  ist  das  der  giinstigste  Moment, 
da  bringen  wir  unsere  Fragen  am  besten  an  den  Toten  heran,  da  ist 
dieses  am  leichtesten.  Es  ist  sonst  auch  vorhanden,  aber  hier  ist  es 
am  leichtesten.  Wenn  wir  also  den  Toten  vorlesen,  so  kommen  wir 
schon  an  die  Toten  heran,  aber  ich  meine:  Unmittelbarer  Verkehr 
ist  am  giinstigsten  mit  Bezug  auf  das,  was  wir  an  den  Toten  richten, 
wenn  wir  das,  was  wir  zu  sagen  haben,  im  Momente  des  Einschla- 
fens sagen.  Dagegen  fiir  das,  was  der  Tote  uns  mitzuteilen  hat,  ist  der 
Moment  des  Aufwachens  das  Giinstigste.  Und  wiederum  ist  es  so, 
daft  es  fiir  niemanden  so  ist,  daft  er  nicht  vom  Moment  des  Aufwa- 
chens, wenn  er  es  wissen  konnte,  zahlreiche  Botschaften  von  Toten 
hereinbringt.  Wir  reden  eigentlich  fortwahrend  mit  den  Toten  in 
dem  Unbewuftten  unserer  Seele.  Beim  Einschlafen  stellen  wir  Fra- 
gen an  die  Toten.  Wir  sagen  ihnen  das,  was  wir  ihnen  zu  sagen  ha- 
ben in  den  Tiefen  unserer  Seele.  Beim  Aufwachen  reden  die  Toten 
mit  uns.  Da  geben  sie  uns  die  Antworten.  Nur  miissen  wir  eben  die- 
se  Vorstellung  haben,  daft  das  nur  zwei  verschiedene  Punkte  sind, 
und  daft  im  hoheren  Sinne,  was  nacheinander  ist,  eigentlich  gleich- 
zeitig  ist,  wie  zwei  Orte  im  physischen  Plan  gleichzeitig  sind.  Nun 
ist  fiir  den  Verkehr  mit  den  Toten  das  eine  giinstiger,  das  andere 
ungiinstiger. 

Man  kann  sich  schon  die  Frage  vorhalten:  Was  begiinstigt  unse- 
ren  Verkehr  mit  den  Toten  ?  Nun,  meine  lieben  Freunde,  aus  densel- 
ben  Motiven  heraus,  aus  denen  man  zumeist  mit  den  Lebenden  re- 
det,  kann  man  mit  den  Toten  nicht  gut  verkehren.  Das  horen  sie 
nicht,  das  vernehmen  sie  nicht.  Also,  wenn  man  aus  derselben  Stim- 


mung  heraus,  wie  man  bei  Five  o'clock-Teas  oder  bei  Kaffeegesell- 
schaften  miteinander  redet,  auch  mit  den  Toten  plaudern  wollte,  so 
wiirde  man  das  nicht  konnen.  Das,  was  moglich  macht,  daft  wir  Fra- 
gen  an  die  Toten  stellen,  daft  wir  den  Toten  etwas  mitteilen,  das  ist 
das  Verbinden  des  Gefuhlslebens  mit  den  Vorstellungen.  Nehmen 
Sie  an,  irgend  jemand  ist  durch  die  Pforte  des  Todes  gegangen.  Sie 
wollen,  daft  Ihr  Unterbewufttes  am  Abend  dem  Toten  etwas  mit- 
teilt.  Sie  brauchen  es  nicht  im  Bewufttsein  mitzuteilen.  Sie  konnen 
das  am  ganzen  Tage  vorbereiten.  Wenn  Sie  um  die  zwolfte  Stunde 
mittags  es  vorbereiten  und  am  Abend  um  zehn  Uhr  schlafen  gehen, 
es  geht  zum  Toten  hiniiber  beim  Einschlafen.  Aber  die  Frage  mufi 
in  einer  bestimmten  Weise  gestellt  sein;  nicht  bloft  gedankenmaftig, 
vorstellungsgemaft,  sondern  im  Gefuhl  und  im  Willen  miissen  Sie 
die  Fragen  richten  an  den  Toten.  So  miissen  Sie  sie  richten,  daft  Sie 
ein  herzliches,  ein  seelisches  Interesseverhaltnis  zum  Toten  ent- 
wickeln.  Sie  miissen  sich  erinnern,  wo  Sie  sich  besonders  zu  dem 
Toten  hier  in  Liebe  gewendet  haben,  und  in  einer  solch  lieben  Stim- 
mung  an  den  Toten  sich  wenden.  Nicht  also  abstrakt,  sondern  mit 
Anteil,  mit  Warme  miissen  Sie  sich  an  den  Toten  wenden.  Dann 
kann  sich  das  so  in  der  Seele  fortsetzen,  daft  es  am  Abend  bis  zum 
Einschlafen,  ohne  daft  Sie  es  wissen,  zur  Frage  an  den  Toten  wird. 
Oder  Sie  versuchen,  rege  zu  machen  in  Ihrer  Seele,  was  das  besonde- 
re  Interesse  fur  den  Toten  war.  Oder  namentlich  gut  ist  das  Folgen- 
de:  Sie  denken  dariiber  nach,  wie  Sie  mit  dem  Toten  hier  gelebt  ha- 
ben. Sie  vergegenwartigen  sich  konkrete  Momente,  wo  Sie  mit  ihm 
zusammen  gelebt  haben,  und  fragen  sich  dann:  Was  hat  mich  von 
dem  Toten  besonders  interessiert  ?  Was  hat  mich  gefangengenom- 
men?  Wo  habe  ich  wirklich  einen  Eindruck  gehabt,  wo  habe  ich  da- 
mals  gesagt:  Es  ist  mir  lieb,  daft  er  es  sagt,  er  hat  mich  gefordert,  es 
war  mir  wert;  ich  habe  tiefes  Interesse  genommen  an  dem,  was  er  ge- 
sagt hat.  -  Wenn  Sie  sich  solche  Momente  vergegenwartigen,  wo  Sie 
stark  verbunden  waren  mit  dem  Toten,  wo  Sie  namentlich  starkes 
Interesse  genommen  haben,  und  wenn  Sie  das  so  wenden,  als  ob  Sie 
mit  dem  Toten  reden  wollten,  als  ob  Sie  ihm  etwas  sagen  wollten  - 
wenn  Sie  das  Gefuhl  rein  entwickeln,  und  aus  dem  Interesse,  das  Sie 


genommen  haben,  diese  Frage  entwickeln,  so  bleibt  diese  Frage  in 
der  Seek,  und  abends  beim  Einschlafen  wandert  die  Frage  oder  die 
Mitteilung  hinuber  an  den  Toten.  Da  kann  dann  das  gewohnliche 
Bewufitsein  in  der  Regel  nicht  viel  davon  wissen,  weil  man  hinter- 
her  einschlaft,  aber  es  bleibt  doch  sehr  haufig  in  den  Traumen  das 
vorhanden,  was  da  hiniibergegangen  ist.  Und  weitaus  die  meisten 
Traume,  wenn  sie  auch  inhaltlich  nicht  zutreffend  sind,  die  meisten 
Traume,  die  wir  gerade  von  Toten  haben,  die  deuten  wir  nur  falsch. 
Wir  deuten  sie  wie  Botschaften  von  Toten,  aber  sie  sind  nichts  ande- 
res  als  das  Nachklingen  der  Fragen  oder  Mitteilungen,  die  wir  zu 
den  Toten  hin  gerichtet  haben.  Wir  sollen  nicht  glauben,  die  Toten 
sagen  uns  etwas,  wenn  wir  traumen,  sondern  wir  sollen  in  den  Trau- 
men etwas  sehen,  was  von  unserer  eigenen  Seele  weggeht,  und  was 
also  hin  zu  den  Toten  geht.  Der  Traum  ist  der  Nachklang  dessen. 
Wiirden  wir  soweit  entwickelt  sein,  daft  wir  unsere  Frage  oder  Mit- 
teilung an  den  Toten  im  Moment  des  Einschlafens  wahrnehmen 
konnten,  dann  wiirde  es  uns  so  erscheinen,  als  ob  der  Tote  sprechen 
wiirde.  Daher  erscheint  uns  auch  der  Nachklang  im  Traum,  als  ob  es 
eine  Botschaft  von  ihm  ware;  es  ist  aber  aus  uns  heraus.  Man  ver- 
steht  das  nur,  wenn  man  das  hellseherische  Verhaltnis  zum  Toten 
versteht.  Gerade  wenn  der  Tote  scheinbar  zu  uns  spricht,  ist  es  das, 
was  wir  zu  ihm  sagen;  das  kann  man  nicht  wissen,  wenn  man  nicht 
lernt  zu  vergleichen. 

Also  der  Moment  des  Aufwachens  ist  so,  daft  der  Tote  besonders 
gut  an  uns  herankommt.  Es  kommt  sehr  viel  an  jeden  Menschen 
von  Toten  heran  im  Moment  des  Aufwachens.  Nicht  wahr,  es  ist 
iiberhaupt  vieles  von  dem,  was  wir  im  Leben  unternehmen,  eigent- 
lich  von  den  Toten  oder  auch  von  Wesenheiten  der  hoheren  Hierar- 
chien  inspiriert;  wir  schreiben  es  nur  uns  zu  als  aus  unserer  eigenen 
Seele  herauskommend.  Was  die  Toten  sagen,  kommt  aus  unserer 
Seele  heraus.  Das  Tagesleben  kommt  heran,  der  Moment  des  Auf- 
wachens geht  voriiber,  und  wir  sind  selten  geneigt,  die  intimen  Din- 
ge,  die  aus  unserer  Seele  aufsteigen,  zu  beobachten.  Und  wenn  wir 
sie  beobachten,  sind  wir  eitel  genug  dazu,  alles,  was  aus  unserer  Seele 
herauskommt,  uns  selbst  zuzuschreiben.  Aber  in  alledem  lebt  -  viel 


mehr,  als  was  aus  unserer  Seele  kommt  -  dasjenige,  was  unsere  hin- 
gegangenen  Toten  zu  sagen  haben.  Denn  das,  was  die  Toten  zu  uns 
sagen,  steigt  scheinbar  aus  unserer  eigenen  Seele  herauf.  Wiirden  die 
Menschen  iiberhaupt  wissen,  wie  das  Leben  wirklich  ist,  dann  wtir- 
de  sich  aus  diesem  Wissen  ein  ganz  besonderes  pietatvolles  Empfin- 
den  entwickeln  gegeniiber  der  geistigen  Welt,  in  der  wir  fortwah- 
rend  sind  und  in  der  unsere  Toten  sind.  Und  wir  wiirden  wissen  bei 
vielem,  was  wir  tun,  daft  eigentlich  die  Toten  in  uns  wirken.  Das 
mufi  sich  in  der  Geisteswissenschaft  nicht  als  aufterlich  theoretisches 
Wissen  entwickeln,  sondern  als  etwas,  was  als  innerliches  Leben  die 
Seele  immer  mehr  durchziehen  wird.  Das  mul?  sich  entwickeln,  die- 
ses Wissen,  daft  rings  um  uns  herum  wie  die  Luft,  die  wir  atmen,  ei- 
ne  geistige  Welt  ist,  und  daft  die  Toten  um  uns  sind,  daft  wir  nur 
nicht  geeignet  sind,  sie  wahrzunehmen.  Diese  Toten  sprechen  zu 
unserem  Inneren,  aber  unser  Inneres,  das  deuten  wir  unrichtig  aus. 
Wiirden  wir  es  richtig  deuten,  so  wiirden  wir  gerade  durch  die 
Wahrnehmung  unseres  Inneren  uns  verbunden  wissen  mit  den 
Seelen,  die  die  sogenannten  Toten  sind. 

Nun  ist  ein  grofter  Unterschied  zwischen  den  Toten,  je  nachdem 
eine  Seele  durch  die  Pforte  des  Todes  verhaltnismaftig  friih  geht  oder 
in  spateren  Jahren.  Ob  junge  Kinder  dahinsterben,  die  uns  gerne  ge- 
habt  haben,  oder  ob  uns  als  jiingeren  Leuten  altere  dahinsterben,  ist 
ein  grofter  Unterschied.  Wenn  man  nach  den  Erfahrungen  mit  der 
geistigen  Welt  diesen  Unterschied  charakterisieren  will,  so  konnte 
man  es  etwa  in  der  folgenden  Weise  tun.  Wenn  junge  Kinder  dahin- 
sterben, so  ist  das  Geheimnis  des  Zusammenseins  mit  den  Kindern, 
die  gestorben  sind,  dadurch  auszusprechen,  daft  man  sagt:  Geistig 
betrachtet  verliert  man  eigentlich  diese  Kinder  nicht.  Sie  bleiben  gei- 
stig da.  Kinder,  die  friih  im  Leben  sterben,  sind  eigentlich  wirklich 
in  hohem  Grade  immer  geistig  unmittelbar  da.  -  Wir  werden  gleich 
naher  auf  die  Sache  noch  eingehen.  Ich  mochte  als  Meditationssatz 
vor  Ihre  Seelen  hinstellen,  den  man  weiter  durchdenken  kann,  daft 
Kinder,  wenn  sie  uns  hinsterben,  fur  uns  nicht  verloren  sind;  wir 
verlieren  sie  nicht,  sie  bleiben  geistig  immer  da.  Und  bei  alteren  Leu- 
ten, die  hinsterben,  kann  man  das  Umgekehrte  sagen.  Da  kann  man 


sagen:  Sie  verlieren  uns  nicht.  Kinder  verlieren  wir  nicht  und  altere 
Leute  verlieren  uns  nicht.  Altere  Leute,  wenn  sie  hinsterben,  haben 
namlich  eine  grofte  Anziehungskraft  zu  der  geistigen  Welt,  aber  sie 
haben  dadurch  auch  die  Macht,  so  hineinzuwirken  in  die  physische 
Welt,  daft  sie  an  uns  leichter  herankommen.  Sie  entfernen  sich  zwar 
viel  mehr  als  die  Kinder,  die  bei  uns  bleiben,  von  der  physischen 
Welt,  aber  sie  sind  mit  hoheren  Wahrnehmungsfahigkeiten  ausge- 
stattet  als  die  Leute,  die  junger  sterben.  Sie  behalten  uns.  Wenn  man 
mit  verschiedenen  Seelen  in  der  geistigen  Welt  bekannt  wird,  ob 
sie  jung  oder  alt  gestorben  sind:  die  alter  Gestorbenen,  die  leben 
dadurch,  daft  sie  die  Kraft  haben,  in  Erdenseelen  leichter  einzudrin- 
gen,  die  verlieren  die  Erdenseelen  nicht;  und  die  Kinder,  die  verlie- 
ren wir  nicht,  die  bleiben  mehr  oder  weniger  in  der  Sphare  des 
Erdenmenschen. 

Das  kann  man  auch  noch  an  etwas  anderem  charakterisieren. 
Sehen  Sie,  auch  fur  das,  was  der  Mensch  so  mit  seiner  Seele  auf  dem 
gewohnlichen  physischen  Plane  erlebt,  hat  er  ja  nicht  eigentlich 
immer  die  ganz  tiefen  Empfindungen.  Wenn  uns  Menschen  hin- 
sterben, so  haben  wir  Trauer;  Schmerz  empfinden  wir  dariiber.  Ich 
habe  oftmals  gesagt,  gerade  wenn  uns  selber  gute  Freunde  aus  der 
Gesellschaft  gestorben  sind:  Anthroposophisch  orientierte  Geistes- 
wissenschaft  hat  nicht  die  Aufgabe,  in  schaler  Weise  die  Leute  iiber 
den  Schmerz  zu  trosten,  ihnen  den  Schmerz  auszureden.  Schmerz 
ist  berechtigt,  man  soil  stark  werden,  ihn  zu  tragen,  aber  man  soli 
ihn  sich  nicht  ausreden  lassen.  Aber  man  unterscheidet  mit  Bezug 
auf  den  Schmerz  nicht  danach,  ob  man  diesen  Schmerz  iiber  den 
Hingang  jung  Verstorbener  oder  den  Hingang  alterer  Menschen  hat. 
Und  dennoch,  geistig  angesehen  ist  da  ein  grofter,  grofter  Unter- 
schied.  Man  kann  sagen:  Derjenige,  der  hier  als  Hinterbliebener  ist, 
hat  mit  Bezug  auf  Kinder,  die  ihm  hinweggestorben  sind,  seien  es 
seine  eigenen  oder  solche,  die  er  sonst  geliebt  hat,  er  hat,  wenn  ich  es 
technisch  sozusagen  ausdriicken  darf,  einen  gewissen  Mitgefuhls- 
schmerz.  -  Kinder  bleiben  eigentlich  bei  uns,  und  dadurch,  daft  wir 
mit  ihnen  verbunden  waren,  bleiben  sie  uns  so  nahe,  iibertragen  sie 
ihren  Schmerz  auf  unsere  Seelen,  und  wir  fiihlen  ihren  Schmerz,  daft 


sie  noch  gerne  da  waren.  Dadurch  wird  ihnen  der  Schmerz  leichter, 
daft  wir  ihn  mittragen.  Eigentlich  fiihlt  das  Kind  in  uns.  Es  ist  gut, 
wenn  es  mit  uns  fiihlen  kann,  dadurch  wird  ihm  sein  Schmerz  er- 
leichtert.  Dagegen  kann  man  den  Schmerz,  den  wir  empfinden, 
wenn  altere  Menschen  dahinsterben,  seien  es  die  Eltern  oder  auch 
Freunde,  einen  egoistischen  Schmerz  nennen.  Der  alter  Gestorbene, 
der  verliert  uns  nicht,  er  hat  daher  auch  nicht  das  Gefiihl,  das  der 
jung  Verstorbene  hat.  Er  behalt  uns,  er  verliert  uns  nicht.  Wir  hier 
im  Leibe,  wir  haben  das  Gefiihl,  daft  wir  ihn  verloren  haben;  daher 
geht  der  Schmerz  nur  uns  an.  Es  ist  ein  egoistischer  Schmerz.  Wir 
fiihlen  nicht  sein  Gefiihl  wie  bei  den  Kindern,  sondern  fiihlen  den 
Schmerz  fur  uns. 

Man  kann  wirklich  diese  zwei  Arten  des  Schmerzes  sehr  genau 
unterscheiden :  Egoistischer  Schmerz  alteren  Leuten  gegeniiber,  Mit- 
gefiihlsschmerz  fiir  jungere  Leute.  Das  Kind  lebt  in  uns  weiter,  und 
wir  fiihlen  eigentlich,  was  das  Kind  fuhlt.  So  richtig  mit  unserer 
eigenen  Seele  traurig  sind  wir  nur  den  alteren  Dahingestorbenen 
gegeniiber.  Dies  ist  nicht  bedeutungslos. 

Nun,  gerade  an  solch  einer  Sache  kann  man  so  recht  sehen,  daft 
das  Wissen  von  der  geistigen  Welt  doch  eine  grofte  Bedeutung  hat. 
Denn  sehen  Sie:  Nach  diesem  kann  sich  in  gewissem  Sinne  der  To- 
tenkultus  schon  einrichten.  Dem  Kinde  gegeniiber,  das  uns  hinge- 
storben  ist,  wird  das  ganz  Individuelle  im  Totenkultus  nicht  ganz 
angebracht  sein,  sondern  dem  Kinde  gegeniiber,  weil  das  ja  ohnedies 
in  uns  weiterlebt  und  bei  uns  bleibt,  ist  es  gut,  wenn  man  das  An- 
denken  so  belebt,  daft  es  mehr  ins  Allgemeine  geht,  daft  man  dem 
mit  uns  lebenden  Kinde  etwas  Allgemeines  gibt.  Daher  ist  zum  Bei- 
spiel  bei  dem  Totenkultus  fiir  Kinder  das  Zeremoniell  bei  der  Lei- 
chenfeier  vorzuziehen  gegeniiber  einer  besonderen  Leichenrede.  Ich 
mochte  sagen,  auf  die  beiden  Konfessionen,  katholische  und  prote- 
stantische,  verteilt  sich  da  je  nachdem  das  Bessere.  Der  Katholizis- 
mus  hat  nicht  die  eigentliche  Leichenrede,  sondern  ein  Trauerzere- 
moniell,  einen  Ritus.  Das  ist  etwas  Allgemeines,  das  ist  fiir  alle 
gleich.  Dasjenige  nun,  was  fiir  alle  gleich  sein  kann,  ist  besonders  fiir 
Kinder  gut;  wenn  wir  das  Andenken  iiberhaupt  so  einrichten  kon- 


nen,  daft  es  fiir  alle  gleich  sein  kann.  Fur  den  alter  Gestorbenen  ist 
das  Individuelle  bedeutsamer.  Bei  den  alter  Gestorbenen  wird  das 
beste  Trauerzeremoniell  das  sein,  wenn  wir  geradezu  sein  Leben  be- 
trachten.  Das  Protestantische,  die  besondere  Leichenrede,  die  sich 
auf  das  Leben  des  Toten  bezieht,  wird  grofte  Bedeutung  haben  fiir 
den  Hingestorbenen;  da  wiirde  der  katholische  Ritus  weniger  Be- 
deutung haben.  Aber  auch  sonst  im  Andenken  an  den  Toten:  Fiir 
das  Kind  ist  es  am  besten,  man  versetzt  sich  in  eine  Stimmung,  wo 
man  verbunden  ist  mit  dem  Kinde;  dann  versucht  man  Gedanken  an 
das  Kind  zu  richten,  die  dann  zu  ihm  hinziehen  werden  beim  Ein- 
schlafen.  Diese  Gedanken  konnen  mehr  allgemein  gehalten  sein,  al- 
so zum  Beispiel  Dinge,  die  mehr  oder  weniger  an  alle  Toten  gerich- 
tet  werden  konnen.  Bei  Alteren,  da  ist  es  schon  notwendig,  daft  man 
im  Andenken  an  diesen  speziellen  Menschen  sich  richtet,  daft  man 
also  individuell  an  diesen  speziellen  Menschen  sich  richtet  und  nach- 
denkt  iiber  dasjenige,  was  ihm  nahegelegen  hat,  was  man  mit  ihm 
gemeinschaftlich  durchlebt  hat.  Namentlich  ist  es  von  grower  Be- 
deutung bei  einem  alteren  Menschen,  um  mit  ihm  in  den  richtigen 
Verkehr  zu  kommen,  sich  sein  Wesen  zu  vergegenwartigen,  sein 
Wesen  in  einem  selbst  lebendig  zu  machen.  Also  nicht  bloft,  daft 
man  sich  erinnert  an  das,  was  er  einem  gesagt  hat  und  wofiir  man  be- 
sonderes  Gefiihl  hatte,  sondern  was  er  als  Individuality  war,  was  er 
wert  war  fiir  die  Welt:  das  in  sich  rege  zu  machen,  das  wird  einen  be- 
fahigen,  zu  einem  alteren  Verstorbenen  in  Beziehung  zu  kommen 
und  das  richtige  Andenken  zu  haben.  Sie  sehen  also:  Fiir  die  Pietat, 
die  wir  entwickeln,  hat  es  Bedeutung,  zu  wissen,  wie  man  sich 
verhalten  muft  zu  jiingeren  und  alteren  Verstorbenen. 

Bedenken  Sie,  wie  sehr  es  fiir  die  Gegenwart  immerhin  in  Be- 
tracht  kommt,  wo  so  viele  Leute  in  jiingeren  Jahren  sterben,  sich  sa- 
gen  zu  konnen:  Sie  sind  eigentlich  in  einem  hohen  Grade  immer  da, 
sie  sind  nicht  verloren  fiir  die  Welt.  -  Ich  habe  das  zu  Ihnen  auch 
hier  schon  von  anderen  Gesichtspunkten  aus  gesagt,  aber  man  muft 
im  Geistigen  die  Dinge  von  verschiedenen  Gesichtspunkten  aus  be- 
trachten.  Und  bringt  man  es  zuwege,  Bewufttsein  zu  haben  von  der 
geistigen  Welt,  dann  wird  aus  dieser  unendlichen  Traurigkeit  der 


Gegenwart  wohl  das  eine  in  geistiger  Beziehung  sich  entwickeln 
konnen,  daft,  weil  die  Toten  dageblieben  sind,  sofern  es  junge  Leute 
sind,  durch  diese  Gemeinschaft  mit  den  Toten  ein  reges  geistiges  Le- 
ben  entstehen  kann.  Das  wird  entstehen,  wenn  der  Materialismus 
nicht  so  stark  seine  Kraft  entfalten  kann,  daft  Ahriman  die  Fange 
ausstrecken  und  iiber  alle  Menschenkraft  siegen  kann. 

Das,  was  ich  Ihnen  heute  gesagt  habe,  ist  eben  von  der  Art,  daft 
gewift  mancher  hier  sich  sagen  kann  auf  dem  physischen  Plan:  Ja,  es 
liegt  mir  fern;  ich  mochte  lieber  etwas  haben,  was  man  morgens  und 
abends  machen  kann,  um  in  das  richtige  Verhaltnis  zur  geistigen 
Welt  zu  kommen.  -  Man  denkt  dann  aber  nicht  ganz  richtig.  Der 
geistigen  Welt  gegeniiber  kommt  es  wirkhch  darauf  an,  daft  man 
iiberhaupt  iiber  sie  Gedanken  entwickelt.  Und  wenn  einem  auch 
scheinbar  die  Toten  fern  stehen  und  einem  das  eigene  Leben  nahe 
liegt:  daft  wir  gerade  solche  Gedanken,  wie  sie  heute  entwickelt 
worden  sind,  durch  unsere  Seelen  ziehen  lassen,  daft  wir  etwas,  was 
dem  unmittelbaren  aufteren  Leben  scheinbar  fremd  gegeniibersteht, 
durchdenken,  das  ist  etwas,  was  unsere  Seelen  hoher  bringt,  was  un- 
seren  Seelen  geistige  Kraft  und  geistige  Nahrung  gibt.  Denn  nicht 
das,  was  einem  scheinbar  naheliegt,  bringt  einen  in  die  geistige  Welt 
hinein,  sondern  das,  was  aus  der  geistigen  Welt  zuerst  heraus- 
kommt.  Daher  scheuen  Sie  es  nicht,  solche  Gedanken  gerade  immer 
durchzudenken,  diese  Gedanken  in  der  Seele  ofter  leben  zu  lassen. 
Denn  es  gibt  nichts  Wichtigeres  fur  das  Leben,  auch  sogar  fur  das 
materielle  Leben,  als  durchgreifende  Uberzeugungen  von  dem  Zu- 
sammensein  mit  dem  Geistigen  haben  zu  konnen.  Hatten  die  Men- 
schen  der  neueren  Zeit  den  Zusammenhang  mit  dem  Geistigen  nicht 
so  sehr  verloren,  so  waren  diese  schwierigen  Zeiten  in  der  Gegen- 
wart nicht  gekommen.  Diesen  tieferen  Zusammenhang  sehen  nur 
die  wenigsten  Menschen  heute  ein;  in  der  Zukunft  wird  er  schon 
eingesehen  werden.  Heute  glaubt  man:  Wenn  der  Mensch  durch  die 
Pforte  des  Todes  gegangen  ist,  hort  seine  Tatigkeit  in  bezug  auf  die 
physische  Welt  auf.  Nein,  sie  hort  nicht  auf.  Ein  fortwahrender  re- 
ger  Verkehr  findet  statt  zwischen  den  sogenannten  Toten  und  den 
sogenannten  Lebenden.  Und  wir  konnen  sagen:  Diejenigen,  die 


durch  die  Pforte  des  Todes  gegangen  sind,  sie  haben  nicht  aufgehort, 
da  zu  sein,  nur  unsere  Augen  haben  aufgehort,  sie  zu  sehen;  sie  aber 
sind  da.  Unsere  Gedanken,  unsere  Gefuhle,  unsere  Willensimpulse, 
sie  stehen  mit  ihnen  in  Verbindung.  Denn  gerade  auch  fur  die  Toten 
gilt  das  Evangelienwort :  «Suchet  sie  nicht  in  aufteren  Gebarden,  das 
Reich  des  Geistes  ist  mitten  unter  euch.» 

So  soli  man  auch  nicht  die  Toten  suchen  durch  irgendwelche  Au- 
fterlichkeiten,  sondern  man  soli  nur  sich  recht  bewuftt  werden,  daft 
sie  fortwahrend  da  sind.  Alles  geschichtliche,  alles  soziale,  alles  ethi- 
sche  Leben  geht  durch  das  Zusammenwirken  der  sogenannten  Le- 
benden  mit  den  sogenannten  Toten  vor  sich,  und  der  Mensch  kann 
eine  besondere  Starkung  seines  ganzen  Wesens  dadurch  erleben,  daft 
er  sich  immer  mehr  und  mehr  durchdringt  nicht  nur  mit  dem  Be- 
wufttsein,  das  ihm  kommt,  wenn  er  einen  sicheren  Stand  hier  in  der 
physischen  Welt  hat,  sondern  auch  sich  durchdringt  mit  dem  Be- 
wufttsein,  das  ihm  kommt,  wenn  er  sich  aus  rechtem  innerem  Sinne 
heraus  gegenuber  den  lieben  Dahingegangenen  zu  sagen  vermag: 
Die  Toten,  sie  sind  mitten  unter  uns.  -  Denn  dieses  gehort  auch  zu 
einem  rechten  Wissen,  zu  einer  rechten  Erkenntnis  von  der  geisti- 
gen  Welt,  die  sich  aus  verschiedenen  Stiicken  zusammensetzt.  Man 
kann  sagen:  von  der  geistigen  Welt  wissen  wir  im  rechten  Sinne, 
wenn  die  Art,  wie  wir  denken,  wie  wir  sprechen  iiber  diese  geistige 
Welt,  aus  dieser  geistigen  Welt  selbst  heraus  ist. 

Der  Satz:  Die  Toten  sind  mitten  unter  uns  -  er  ist  selbst  eine  Be- 
kraftigung  der  geistigen  Welt,  und  nur  die  geistige  Welt  kann  uns 
ein  wahres  Bewufttsein  davon  hervorrufen,  daft  die  Toten  mitten 
unter  uns  sind. 


MENSCH  UND  WELT 


Heidenheim,  29.  April  1918 


Heute  wollen  wir  einiges  von  dem  betrachten,  was  ich  nennen 
mochte  das  Verhaltnis,  das  sich  herausbilden  kann  zwischen  der  ein- 
zelnen  menschlichen  Seele  und  dem,  was  wir  unter  anthroposo- 
phisch  orientierter  Geisteswissenschaft  meinen.  Man  betrachtet  heu- 
te da,  wo  man  von  dieser  Geisteswissenschaft  hort,  vielfach  noch 
nicht  genugend  durchgreifend,  wie  anders  dieses  Verhaltnis  der 
Menschenseele  zur  Geisteswissenschaft  sein  soil  als  das  Verhaltnis  ir- 
gendeines  anderen  Wissens,  irgendeiner  anderen  Erkenntnis  zu  die- 
ser Menschenseele.  Geisteswissenschaft,  wie  sie  hier  gemeint  ist,  ist 
allerdings  so  geartet,  daft  sie  zu  ganz  anderem  in  der  Menschenseele 
spricht  als  irgendein  anderes  Wissen.  Durch  irgendein  anderes  Wis- 
sen  lernt  man  dieses  oder  jenes  kennen;  man  erfahrt  etwas  iiber  das 
eine  oder  iiber  das  andere  in  der  Welt;  man  weift  dann  mehr,  als  man 
vorher  gewuftt  hat.  In  einer  solchen  Art  steht  Geisteswissenschaft 
nicht  zur  menschlichen  Seele,  daft  sie  nur  ubermitteln  wiirde  etwas, 
was  man  nachher  weift.  Geisteswissenschaft  appelliert  an  viel  tiefere 
Impulse  der  menschlichen  Seele,  als  an  das  blofte  Wissen,  als  an  das 
blofte  Denken.  Geisteswissenschaft  ergreift,  oder  will  wenigstens 
das  tiefste  Wesen  in  uns  ergreifen,  das,  aus  geistigen  Welten  kom- 
mend,  in  unser  menschliches  Erdenwesen  mit  der  Geburt  einzieht 
und  das  dieses  menschliche  Erdenwesen  dann  im  Tode  verlaftt,  um 
in  die  geistigen  Welten  zu  anderen  Aufgaben  hiniiberzuwandern. 
Geisteswissenschaft  wird  man  nur  dann  in  ihrer  vollen  Bedeutung 
fur  die  Menschenseele  erfassen  konnen,  wenn  man  dieses  ihr  wirkli- 
ches  Verhaltnis  zur  aufteren  Welt  und  zum  menschlichen  Leben 
auch  ganz  gefiihlsmaftig  ins  Auge  faftt, 

Man  betrachtet  den  Menschen  durchaus  nicht  vollstandig,  wenn 
man  sich  nicht  klarmacht:  Das,  was  in  mir  als  Mensch  lebt,  was  in 
mir  als  Mensch  sich  dadurch  ausbildet,  daft  ich  einen  physischen 
Leib  angenommen  habe  durch  die  Geburt,  was  mich  im  Laufe  mei- 
nes  Lebens  begleitet,  indem  ich  zuerst  als  Kind  unerfahren,  unge- 


schickt  bin,  dann  immer  erfahrener,  immer  geschickter  werde,  das, 
was  sich  als  Schicksal  in  mir  abspielt,  alles  das,  was  in  meinem  Leibe 
und  in  meinem  Leben  vorhanden  ist,  es  ist  eigentlich  die  Umwand- 
lung  eines  geistig-seelischen  Wesens,  welches  im  Geistig-Seelischen 
gelebt  hat,  bevor  der  Mensch  empfangen  oder  geboren  worden  ist. 
Und  an  dieses  Geistig-Seelische,  welches  im  Leibe  wohnt,  wendet 
sich  eigentlich  das,  was  als  Geisteswissenschaft  gemeint  ist. 

Nun  konnte  man  vielleicht  glauben,  es  sei  nicht  notig,  dafi  der 
Mensch  sich  beschaftigt  mit  diesem  seinem  geistig-seelischen  Wesen, 
weil  ja  dieses  geistig-seelische  Wesen  schon  in  der  Welt  seinen  Weg 
finden  werde.  Aber  das  ist  nicht  der  Fall.  Das,  was  in  uns  geistig- 
seelisch  ist,  das  ergreift  uns  und  steckt  in  uns,  das  hulk  sich  gewisser- 
mafien  zum  Teil  in  unseren  Leib,  zum  Teil  in  unsere  Fahigkeiten, 
zum  Teil  in  unser  Schicksal  ein.  Und  man  konnte  sagen:  Gerade  in 
dem  gegenwartigen  Entwickelungszyklus  der  Menschheit,  in  dem 
die  Menschheit  jetzt  angekommen  ist  und  in  deren  Sinn  sie  sich  im- 
mer weiter  gegen  die  Zukunft  hin  entwickeln  wird,  gerade  im  Sinne 
dieser  Gegenwart  und  der  Zukunft  liegt  es,  dafi  der  Mensch  das,  was 
sich  so  in  ihn  einlebt  als  geistiges  Prinzip  seines  Leibes,  als  geistiges 
Prinzip  seines  Lebenslaufes  und  seiner  Fahigkeiten,  als  geistiges 
Prinzip  seines  Schicksals,  gewissermafien  erlost.  Dem  Geiste  ent- 
kommen  wir  nicht.  Der  Geist  lebt  einmal  in  uns.  Wir  konnen  ihn 
unberiicksichtigt  lassen,  dann  lebt  er  trotzdem  in  uns.  Wir  konnen 
den  faulsten,  den  bequemsten,  den  lassigsten  Menschen  ansehen,  der 
niemals  in  seinem  Leben  sich  Miihe  gegeben  hat,  irgend  etwas,  was 
als  religiose  oder  geistige  Anlagen  in  seinem  Gemiite  liegt,  zur  selb- 
standigen  Ausbildung  zu  bringen,  der  gewissermafien  ganz  stumpf 
geblieben  ist,  wir  konnen  ihn  ansehen:  geistlos  ist  er  nicht.  Als  geist- 
los  von  den  Menschen  zu  sprechen,  ist  nur  ein  unrichtiges  Wort.  Es 
gibt  keine  geistlosen  Menschen;  es  gibt  auch  nicht  die  Moglichkeit, 
im  Leben  geistlos  zu  sein.  Denn  das  Geistige  und  das  Seelische  ist 
unsere  Mitgabe,  indem  wir  aus  den  geistigen  Welten  in  die  physische 
Welt  eintreten;  es  ist  uns  zugeteilt  nach  Maftgabe  desjenigen,  was 
wir  durchgemacht  haben,  bevor  wir  zu  diesem  jetzigen  Erdenleben 
heruntergestiegen  sind.  Wir  konnen  nicht  geistlos  sein,  aber  wir 


konnen  den  Geist  in  uns  unberucksichtigt  lassen.  Wir  konnen  uns 
gewissermaften  gegen  ihn  versiindigen,  wir  konnen  ihn  nicht  erlo- 
sen  wollen.  Wir  konnen  wollen,  dafi  er  nur  in  uns  hineinschliipft,  in 
uns  sich  verhiillt:  dann  ist  er  in  uns  vorhanden,  aber  wir  haben  ihn 
nicht  in  uns  befreit,  wir  haben  ihn  nicht  erlost. 

Auch  so  miissen  wir  lernen,  allmahlich  auf  das  Leben  der  Men- 
schen  hinzuschauen.  Und  unsere  Lebensauffassung  wird  eine  ganz 
andere  werden,  und  sie  mufi  im  Laufe  der  Zeit  eine  ganz  andere  wer- 
den.  Wir  konnen  im  Leben  Menschen  finden,  die  stumpf,  gemutlos 
geworden  sind.  Wir  werden  nicht  sagen,  sie  seien  geistlos,  aber  wir 
werden  sagen:  Sie  haben  die  Sunde  begangen,  den  Geist  zu  begraben 
wahrend  ihres  Lebens,  den  Geist  in  seiner  Verzauberung  zu  lassen, 
den  Geist  ins  Fleisch,  in  den  blofi  aufteren  Lebensgang  hineinschliip- 
fen  zu  lassen,  den  Geist  im  Schicksal  verkommen  zu  lassen.  Wenn 
wir  geboren  werden,  konnen  wir  nur  dadurch  Menschen  werden, 
dafi  die  geistig-seelische  Individuality  heruntersteigt  aus  geistig- 
seelischen  Welten.  Und  indem  das  Kind  in  seiner  ersten  Organisa- 
tion auftritt,  ist  es  ein  noch  unvollkommenes  Bild  der  geistigen  Indi- 
vidualist. Die  liegt  in  ihm.  Die  kann  man  unberucksichtigt  lassen, 
oder  man  kann  sie  entzaubern,  oder  nach  und  nach  aus  dem  Fleisch 
herausholen,  aus  dem  Lebensgang  herausholen,  aus  dem  Schicksal 
herausholen.  Das  aber  ist  des  Menschen  Aufgabe  und  wird  in  der 
Zukunft  immer  mehr  und  mehr  des  Menschen  Aufgabe  werden,  daft 
er  den  Geist  nicht  verkommen  lafk.  Ertoten  konnen  wir  den  Geist 
nicht,  aber  verkommen  lassen  konnen  wir  den  Geist,  indem  wir  ihn 
zwingen,  einen  anderen  Weg  zu  gehen  als  den,  den  er  geht,  wenn 
wir  ihn  herausholen. 

Wenn  wir  von  einem  Tage  an  uns  bemiihen,  etwas  iiber  die  geisti- 
gen Welten  zu  erfahren,  etwas  iiber  die  geistigen  Welten  zu  empfin- 
den:  wir  holen  es  eigentlich  aus  uns  selbst.  Das  andere  ist  nur  eine 
Anregung.  Wir  holen  es  aus  uns  selbst.  Was  Sie  sich  jemals  iiber  Gei- 
steswissenschaft  gesagt  haben,  Sie  haben  es  aus  sich  selbst  geholt, 
denn  es  steckt  in  Ihrem  tiefsten  Inneren  drinnen,  und  es  will  heraus. 
Und  es  ist  dazu  bestimmt,  herauszukommen,  und  es  ist  eine  Versiin- 
digung  gegen  die  Weltenordnung,  den  Geist  im  bloften  Fleische 


drinnen  zu  lassen,  denn  da  geht  er  Irrwege;  da  iiberlassen  wir  ihn  ei- 
nem  Schicksal,  das  er  nicht  einschlagen  soli.  Wir  befreien  den  Geist, 
indem  wir  ihn  herausholen  aus  dem  Fleische.  Und  indem  wir  uns 
bewuftt  durchdringen  mit  dem  Geiste,  erlosen  wir  dasjenige,  was 
erlost  sein  will,  aus  dem  Untergrund  des  Daseins  heraus.  Das  wird 
man  immer  mehr  und  mehr  einsehen.  Man  wird  immer  mehr  einse- 
hen,  wie  der  Materialismus  nicht  darin  besteht,  daft  er  einfach  eine 
[andere]  Theorie  nicht  heraufkommen  laftt,  oder  daft  er  eine  falsche 
Theorie  heraufkommen  laftt,  sondern  wie  der  Materialismus  darin 
besteht,  daft  er  dasjenige,  was  ins  Wissen,  in  die  Empfindung  der 
Menschenseele  einziehen  will,  herunterstromen  laftt  in  die  grobe 
Materie  und  in  der  groben  Materie  wuchern  laftt.  Das  ist  dasjenige, 
woriiber  sich  die  Menschheit  in  der  nachsten  Zukunft  zu  entschei- 
den  hat:  ob  sie  den  Geist  in  der  Materie  wird  wuchern  lassen  wollen- 
dadurch  wird  der  Geist  zur  Miftbildung,  dadurch  kommt  er  in  dia- 
bolischen,  in  teuflischen,  in  ahrimanischen  Wahn  hinein  -,  oder  ob 
die  Menschheit  den  Geist  wird  verwandeln  wollen  in  Gedanken,  in 
Gefuhle,  in  Willensimpulse:  dann  wird  der  Geist  unter  den  Men- 
schen  leben  und  das  erreichen,  was  er  erreichen  will,  indem  er  durch 
die  Menschen  in  das  Leben  der  Erde  einziehen  will.  Denn  der  Geist 
will  das  ja:  durch  die  Menschen  in  das  Leben  der  Erde  einziehen. 
Wir  sollen  ihn  nicht  zuriickhalten.  Und  jedesmal,  wenn  wir  uns 
wehren  gegen  das  Kennenlernen  des  Geistes,  halten  wir  ihn  zuruck: 
er  muft  gewissermaften  hinuntertauchen  in  die  Materie,  muft  die 
Materie  schlechter  machen  als  sie  ist.  Denn  der  Geist  hat  seine  zuge- 
teilte  Aufgabe:  er  soil  durch  die  menschheitliche  seelische  Entwicke- 
lung  ins  Erdenleben  eintreten;  da  wirkt  er  dann  segensreich.  Wird 
er  in  die  Materie  zuriickgestoften,  dann  wirkt  er  in  der  Materie  ver- 
heerend,  dann  wirkt  er  schlimm. 

Nehmen  Sie  das  als  das  Wesen  geisteswissenschaftlicher  Erkennt- 
nis,  dann  werden  Sie  sehen,  daft  dies  mit  unserem  Menschenleben 
viel  zu  tun  hat.  Geisteswissenschaft  will  nicht  eine  Theorie  sein  wie 
andere  Theorien,  sondern  sie  will  gerade  dem  Menschen  die  Moglich- 
keit  geben,  den  Geist,  der  in  der  Menschennatur  verzaubert  ist,  zu 
erlosen,  zu  befreien,  das  in  der  Welt  zu  wirken,  was  gewirkt  werden 


will  von  den  geistigen  Welten  aus.  Das  ist  allerdings  auch  der 
Grund,  warum  viele  Menschen  Geisteswissenschaft  heute  noch  sehr 
energisch  zuriickweisen.  Andere  Wissenschaft  nehmen  die  Leute 
gerne  an,  denn  diese  andere  Wissenschaft  schmeichelt  dem  Stolz,  der 
Eitelkeit  der  Menschen,  aber  sie  macht  nicht  den  Anspruch  an  die 
Menschen,  etwas  Reales  zu  sein,  sondern  sie  macht  bloft  den  An- 
spruch, Gedanken  zu  geben,  den  Verstand  auszubilden,  vielleicht 
auch  einige  niitzliche  Moralbegriffe  den  Menschen  beizubringen;  sie 
macht  nicht  den  Anspruch,  an  des  Menschen  Kern  heranzukom- 
men,  selbst  geholt  zu  sein  aus  Welten,  in  denen  dem  Geiste  eine  Auf- 
gabe  zuerteilt  ist.  Ich  mochte  sagen:  Durch  die  Geisteswissenschaft 
wird  es  erst  ernst  mit  dem  menschlichen  Wissen,  und  davor  scheuen 
die  Menschen  zuriick.  Sie  mochten  auch  die  Geisteswissenschaft  nur 
als  etwas  haben,  was  so  oben  platschert  an  der  Oberflache  des  Da- 
seins.  Daft  es  an  des  Menschen  Kern  und  Wesenheit  herangeht,  da- 
vor furchten  sich  die  Menschen.  Deshalb  wollen  sie  die  Geisteswis- 
senschaft nicht  annehmen.  Wiirden  sie  die  Geisteswissenschaft  an- 
nehmen,  dann  wiirde  es  mit  manchem  im  sozialen  Leben,  im  ge- 
schichtlichen  Leben  in  der  allernachsten  Zukunft  anders  werden 
miissen,  dann  wiirden  die  Menschen  im  alleralltaglichsten  Leben  an- 
ders denken  miissen.  Und  darauf  kommt  es  an.  Daher  ist  es  auch  so, 
daft  man  die  andere  Wissenschaft  aufnehmen  kann,  aber  man  bleibt 
derselbe  das  ganze  Leben  hindurch,  man  wird  nur  reicher  an  Wis- 
sen. Geisteswissenschaft  soil  man  nicht  aufnehmen,  ohne  daft  sie  ei- 
nen  umwandelt,  und  man  kann  sie  nicht  aufnehmen,  ohne  dafi  sie 
einen  umwandelt.  Sie  macht  einen  langsam  und  allmahlich  zu  einem 
anderen  Menschen.  Man  mufi  Geduld  haben,  aber  sie  macht  einen 
zu  einem  anderen  Menschen,  denn  sie  appelliert  an  ganz  andere 
Menschheitsaufgaben,  und  sie  appelliert  an  ganz  anderes  in  der 
menschlichen  Natur. 

Sehen  wir  uns  doch  einmal  diese  Menschennatur  an,  sehen  wir, 
wie  mannigfaltig  dieses  menschliche  Leben  ist.  In  drei  Stromungen 
lebt  sich  der  Mensch  dar:  als  vorstellender  Mensch,  als  fiihlender 
Mensch  und  als  wollender  Mensch.  Im  Vorstellen,  Fiihlen  und  Wol- 
len erschopft  sich  eigentlich  dasjenige,  was  wir  darleben  konnen. 


Nun,  alle  drei  Impulse  der  menschlichen  Seele,  Vorstellen,  Fiihlen 
und  Wollen,  stehen  in  einem  ganz  bestimmten  Verhaknis  zu  dem, 
was  eigentlich  Geisteswissenschaft  in  der  menschlichen  Seele,  in 
dem  Kern  der  menschlichen  Seele  angreifen  will. 

Nehmen  wir  zuerst  das  Vorstellen.  Das  Vorstellen  wird  ja  gewifi 
durch  die  gewohnliche  Wissenschaft  und  durch  dasjenige,  was  heute 
von  dieser  gewohnlichen  Wissenschaft  immer  mehr  in  die  Kinderer- 
ziehung  hineingeht  und  daher  fur  die  ganze  Entwickelung  des 
Menschheitsgeschickes,  auch  fur  das  praktische  Leben  so  bedeu- 
tungsvoll  ist,  weil  es  das  Kind  durchdringen  soil,  das  Vorstellen  wird 
durch  die  gewohnliche  Wissenschaft  [nicht]  bildsam.  Es  ist  noch 
nicht  lange  her,  ein  paar  Jahrhunderte,  daft  das  in  eminentester  Art 
so  ist,  daher  bemerken  es  heute  die  Menschen  nicht.  Aber  es  wird 
nicht  lange  dauern,  dann  wird  das,  was  ich  jetzt  sage,  in  geradezu 
umfassender  Weise  bemerkt  werden  konnen.  Man  kann  naturwis- 
senschaftliche  Begriffe,  wie  sie  heute  gerade  den  jiingsten  Menschen, 
den  Kindern  beigebracht  werden,  sein  ganzes  Leben  lang  aufneh- 
men,  ohne  dafi  man  durch  dieses  Aufnehmen  so  vieler  Begriffe  im 
Sinne  der  heutigen  Wissenschaft  anders  zu  werden  braucht  in  bezug 
auf  sein  Vorstellen.  Man  bleibt  derselbe.  Ja  man  bleibt  nicht  nur  der- 
selbe,  sondern  es  ist  gar  nicht  zu  leugnen,  daft  man  durch  die  ge- 
wohnlichen wissenschaftlichen  Begriffe,  die  immer  mehr  und  mehr 
in  die  allgemeine  Bildung  ubergehen,  sogar  in  intellektueller  Bezie- 
hung  immer  beschrankter  wird.  Der  Geist,  insofern  er  ein  denken- 
der  ist,  verliert  die  Beweglichkeit,  sich  hineinzufinden  in  die  Lebens- 
verhaltnisse,  die  viel  komplizierter  sind  als  das,  was  der  Mensch 
durch  das  gewohnliche  Wissen  aufnehmen  kann. 

Sehen  Sie,  es  geht  einem  tief  ins  Herz,  wenn  man  einige  Moglich- 
keiten  hat,  heute  in  das  Leben  hineinzusehen.  Wer  ganz  an  die  Be- 
griffe gewohnt  worden  ist,  welche  die  Naturwissenschaften  heute 
geben  konnen,  der  wird  immer  unfahiger  und  unfahiger,  die  lebens- 
vollen  sozialen  Zusammenhange  und  sozialen  Anforderungen  zu  be- 
greifen.  Er  wird  geradezu  abgedrangt  von  dem  wirklichen  Leben. 
Und  ich  habe  daher  in  diesen  Tagen  auch  hier  und  sonst  an  verschie- 
denen  Orten  gesagt :  Machen  Sie  Parlamente  und  Staatsvertretungen 


aus  lauter  Leuten,  die  gelehrt  sind  im  Sinne  der  heutigen  Weltan- 
schauung. Sie  werden  sehen,  was  diese  Gelehrten  beschliefien,  die 
naturwissenschaftlich  denken!  Das  ist  ganz  sicher  geeignet,  die  Men- 
schen  in  Grund  und  Boden  hinein  zu  verderben  in  bezug  auf  soziale 
Einrichtungen,  denn  auf  diesem  Gebiete  des  sozialen  Lebens  kann 
von  naturwissenschaftlichen  Begriffen  aus  nur  unfruchtbar  gedacht 
werden.  -  So  ist  es  in  vieler,  vieler  Beziehung.  Man  verliert  eine  ge- 
wisse  Beweglichkeit  des  Geistes  durch  dieses  blofi  intellektuelle  Wis- 
sen.  Das  wird  anders,  sobald  man  sich  auf  die  Begriffe  der  Geistes- 
wissenschaft  einlafk.  Versuchen  Sie  sich  dies  einmal  klarzumachen, 
wie  anders  Sie  Ihren  Geist  stimmen  mussen,  wenn  Sie  das  begreifen 
wollen,  was  in  der  Geisteswissenschaft  geboten  wird,  und  wenn  Sie 
begreifen  wollen  das,  was  in  der  aufieren  Welt  heute  an  Bildung  ge- 
boten wird.  Gewift,  Geisteswissenschaft  findet  soviel  Widerstande, 
weil  es  mehr  Beweglichkeit,  mehr  Fliissigkeit  des  Geistes  erfordert, 
sich  in  sie  hineinzufinden.  In  dem,  was  heute  die  popular  gebildete 
Literatur  gibt  -  oder  gar  ihre  Ableger,  die  durch  die  Kanale  in  die 
Journalistik  einfliefien,  wo  dann  die  Leute  so  in  ihren  Sonntagsblatt- 
chen  die  Bildung  aufnehmen  -,  in  dem  konnen  sich  die  Menschen 
aufierordentlich  leicht  bewegen.  Und  wenn  sie  gar  in  die  heutigen 
Vortrage  gehen,  wo  den  Leuten  in  Augen  und  Mund  hineinge- 
schmiert  wird  dasjenige,  was  man  ihnen  noch  -  damit  sie  gar  nicht 
zu  denken  brauchen  -  in  alien  moglichen  Lichtbildern  vorfuhrt,  so 
dafi  sie  selber  nicht  zu  denken  brauchen,  nicht  den  Geist  in  Bewe- 
gung  zu  setzen  brauchen,  so  finden  Sie  in  alledem  nichts,  was  den 
Geist  als  denkenden,  als  vorstellenden  frei  macht.  Die  Unbefangen- 
heit  geht  ihm  verloren.  Engherzig  wird  der  Geist  und  beschrankt. 
Unsere  intellektuelle  Bildung  ist  der  Weg  zur  geistigen  Beschrankt- 
heit.  Gewift,  unsere  intellektuelle  Bildung  hat  grofiartige  Fortschrit- 
te  gemacht  auf  naturwissenschaftlich-technischen  Gebieten,  aber  sie 
ist  der  Weg  zur  Beschranktheit,  sie  engt  das  Denken,  das  Vorstellen 
ein.  Und  man  mufi  an  etwas  ganz  anderes  im  Vorstellen  appellieren, 
wenn  man  Geisteswissenschaft  verstehen  will.  Wenn  die  Leute  da- 
her  heute  an  Geisteswissenschaft  herankommen,  so  furchten  sie 
schon  den  ersten  Schritt!  Wenn  sie  nur  ein  paar  Seiten  gelesen  ha- 


ben,  sagen  manche:  Da  verliere  ich  mich  ja,  da  komme  ich  nicht 
weiter,  das  geht  in  die  Phantastik  hinein!  -  Das  geht  gar  nicht  in  die 
Phantastik  hinein,  sondern  der  Betreffende  hat  nur  die  Moglichkeit 
verloren,  seine  Gedanken  wirklich  frei  zu  bekommen,  mit  seinen 
Gedanken  in  die  Wirklichkeit  einzutauchen,  wenn  sie  nicht  die 
auftere  Sinnenwelt  am  Gangelbande  fiihrt. 

Das  ist  das  eine,  daft  Geisteswissenschaft  an  diejenige  Kraft  in  der 
Menschennatur  appelliert,  die  uns  die  Beschranktheit  nimmt,  die 
unser  Denken,  unser  Vorstellungsleben  in  die  Fahigkeit  versetzt, 
nicht  nur  wenig,  sondern  vieles  zu  begreifen.  Es  ist  wirklich  sehr 
ernst  gemeint  gewesen,  wenn  ich  in  diesen  Tagen  im  offentlichen 
Vortrag  in  Stuttgart  gesagt  habe:  Dem  Geistesforscher  ist  es  einerlei, 
ob  einer  Materialist  oder  Spiritualist  ist;  darauf  kommt  es  nicht  an, 
das  ist  nebensachlich.  Worauf  es  ankommt,  das  ist,  geniigend  Gei- 
steskraft  zu  entwickeln,  um  richtig  vorwartszuschreiten.  Wer  diese 
Kraft  hat,  diese  Geisteskraft,  der  mag  Materialist  sein,  er  findet  in 
der  Materie  und  ihren  Vorgangen  den  Geist,  wenn  er  nur  konse- 
quent  ist.  Und  derjenige,  der  Spiritualist  ist,  bleibt  auch  nicht  dabei 
stehen,  zu  sagen:  Geist  und  Geist  und  Geist  . . .!  sondern  er  taucht 
unter  in  das  materielle  Leben,  in  das  praktische  Leben  auch,  er  laftt 
sein  Denken  bis  in  die  Handgriffe  fruchtbar  werden.  Vielseitigkeit, 
wie  es  das  heutige  Leben  verlangt  -  und  das  Leben  der  Zukunft  wird 
es  noch  mehr  tun  -,  Vielseitigkeit  ist  dasjenige,  was  zunachst  aus  der 
Geisteswissenschaft  den  Menschen  wird.  Und  das  braucht  die 
Menschheit,  die  der  Zukunft  entgegenwirkt.  Wer  das  Leben  heute 
kennt  und  sich  die  katastrophalen  Ereignisse,  die  um  uns  herum 
sind,  anschaut,  der  weift,  daft  zu  den  tieferen  Ursachen  der  heutigen 
Katastrophe  das  gehort,  daft  die  Menschen  einseitig  geworden  sind, 
trotz  aller  hohen  wissenschaftlichen  Bildung,  daft  ihnen  die  Mog- 
lichkeit fehlt,  vielseitig  in  die  Dinge  einzudringen.  Es  fehlt  ihnen  die 
Beweglichkeit  des  Geistes,  um  unterzutauchen  in  die  Wirklichkeit. 
Vielseitigkeit,  das  ist  dasjenige,  was  durch  Geisteswissenschaft  ge- 
wonnen  wird  fur  das  Vorstellen. 

Auch  fur  das  Fiihlen  wird  etwas  gewonnen  durch  die  Geisteswis- 
senschaft. Denn  derjenige,  der  so  denken  will,  wie  Geisteswissen- 


schaft  es  notwendig  macht,  der  sich  an  diese  viel  beweglichere  Welt 
gewohnen  mufi,  der  macht  etwas,  was  sonst  nur  [verborgen]  im 
Menschen  lebt,  frei,  so  daft  es  aus  dem  Menschen  heraus  sich  entfal- 
tet.  In  unserem  Fiihlen,  wie  wir  es  mitgebracht  haben  in  unsere  Ge- 
burt,  lebt  der  Weltenrhythmus.  Mehr  als  man  glaubt,  lebt  der  ganze 
Weltenrhythmus  in  uns.  Das  laftt  sich  sogar  zahlenmaftig  nachwei- 
sen,  nur  wissen  die  wenigsten  Menschen  etwas  von  diesen  Geheim- 
nissen  des  Daseins.  Scheuen  Sie  es  nicht,  mit  mir  diese  Betrachtun- 
gen  anzustellen,  wie  der  ganze  Weltenrhythmus  lebt  in  unserem  ei- 
genen  Organismus,  in  dem,  was  in  uns  vorgeht.  Sie  wissen:  Der  Son- 
nenaufgang  riickt  jedes  Jahr  ein  Stuckchen  weiter.  Wenn  wir  zu- 
riickgehen  in  alte  Zeiten,  war  der  sogenannte  Friihlingspunkt  der 
Sonne  im  Stier;  dann  kam  er  in  den  Widder,  aber  in  dem  Widder  je- 
des Jahr  weitemickend;  jetzt  ist  er  in  den  Fischen.  Die  Sonne  geht 
nicht  jedes  Jahr  am  21.  Marz  an  demselben  Punkte  auf;  dadurch 
kommt  sie  ja  die  ganze  Kreisbahn  herum.  Und  nach  25920  Jahren 
ungefahr  geht  die  Sonne  ganz  herum,  scheinbar  naturlich,  be- 
schreibt  die  ganze  Ellipse.  Wenn  sie  heute  in  einem  bestimmten 
Punkt  der  Fische  aufgeht,  kommt  sie  in  25920  Jahren  wieder  dahin 
zuriick.  Das  Kuriose  ist :  Wenn  Sie  diese  ungefahr  25  920  Jahre  be- 
trachten  als  das  grofte  Weltenjahr,  wie  es  die  alten  Griechen  betrach- 
tet  haben,  und  Sie  suchen  nun  einen  Tag  dieses  Weltenjahres,  so 
miissen  Sie  durch  365  dividieren.  Was  ist  dann  ein  Tag  dieses  groften 
Weltenjahres?  Das  sind  ungefahr  70  bis  71  Jahre.  Das  ist  namlich  im 
Durchschnitt  ein  Menschenleben,  wenn  der  Mensch  alt  wird.  Wenn 
Sie  sich  das  Menschenleben,  wie  es  hier  auf  der  Erde  zugebracht 
wird,  als  einen  Tag  denken,  und  das  ganze  platonische  Jahr  nehmen, 
so  ist  das  365  mal  so  viel.  Das  braucht  die  Sonne,  um  einmal  in  der 
Welt  ihren  Umgang  zu  machen:  365  Tage,  von  denen  der  Mensch 
einen  in  einem  Erdenleben  durchlebt.  Es  ist  ein  schoner  Rhythmus, 
aber  dieser  Rhythmus  geht  viel  weiter.  Bedenken  Sie,  daft  wir  in  ei- 
ner  Minute  ungefahr  18  Atemziige  machen.  Diese  18  Atemziige, 
multipliziert  mit  60,  geben  die  Atemziige  einer  Stunde;  dieses  multi- 
pliziert  mit  24  gibt  die  Atemziige  in  einem  Tag  und  einer  Nacht. 
Wenn  Sie  18  mal  60  mal  24  rechnen,  so  bekommen  Sie  heraus: 


25  920.  Das  heiftt,  Sie  machen  soviel  Atemziige  in  einem  Tage,  als 
die  Sonne  [Erdenjahre]  braucht,  um  durch  ihr  eigenes  Jahr  durchzu- 
gehen.  Derselbe  Rhythmus  ist  in  Ihrem  Atmen  innerlich,  der  aufter- 
lich  im  Gang  der  Sonne  ist.  Und  wiederum  ist  das  Merkwiirdige:  Da 
bringen  Sie  einen  Tag  zu,  indem  Sie  in  einem  Tag  25920  mal  atmen. 
Nehmen  Sie  einen  Tag  so,  daft  Sie  ihn  behandeln  wie  einen  Atem- 
zug:  er  ist  in  gewissem  Sinne  ein  Atemzug,  so  ein  Tag,  denn  mor- 
gens  atmet  unser  Leib  und  unser  Atherleib  unser  Ich  und  den  Astral- 
leib  ein,  und  am  Abend  beim  Einschlafen  atmen  wir  unser  Ich  und 
den  Astralleib  aus;  ein  Einatmen  und  Ausatmen  ist  das.  Wie  oft  ma- 
chen wir  das  in  einem  Sonnentage,  in  ungefahr  70  bis  71  Jahren? 
Wir  machen  dieses  Atmen,  das  heiftt  das  Leben  in  einem  Tage  - 
rechnen  Sie  es  aus  -  fast  genau  25920  mal.  Soviel  Tage  leben  wir 
namlich  in  71  Jahren.  Der  einzelne  Atemzug  verhalt  sich  also  zu  den 
Atemziigen  des  ganzen  vierundzwanzigstundigen  Tages  wie  das 
Vorriicken  des  Friihlingspunktes  in  einem  Jahr  zu  dem  Vorriicken 
der  Sonne  durch  25920  Jahre.  Das  einzelne  menschliche  Erdenleben 
ist  im  Verhaltnis  zum  groften  Sonnenjahr  von  25  920  wie  ein  Tag, 
ein  Tag  unseres  Lebens,  ein  vierundzwanzigstiindiger  Tag  ist  ebenso 
viele  Male  in  unserem  71  Jahre  wahrenden  Leben  drinnen  wie  ein 
Jahr  im  Sonnenumlauf.  Denken  Sie  sich,  was  das  eigentlich  bedeu- 
tet,  daft  wir  so  in  dem  wunderbaren  Rhythmus  des  sonnendurch- 
glanzten  Kosmos  drinnenstehen,  daft  unser  Leben,  insofern  es 
inneres  Menschenleben  ist,  rein  rechnerisch  ausdriickt  die  grofte 
Spharenmusik  des  Kosmos! 

Fangt  der  Mensch  an,  sich  in  diese  Dinge  gefuhlsmaftig  zu  vertie- 
fen,  dann  empfindet  er  sich  erst  als  Mikrokosmos  gegenuber  dem 
Makrokosmos.  Dann  empfindet  er  erst,  wie  diese  ganze  grofte  un- 
endliche  Gotteswelt  ihr  Abbild  geschaffen  hat  in  seiner  Menschen- 
natur.  Das  ist  aber  eben  etwas  zum  Empfinden,  zum  Fiihlen.  Dieses 
Empfinden,  dieses  Fiihlen,  dieses  Sich-Fuhlen  im  Universum,  dieses 
Sich-Fuhlen  in  der  ganzen  Geistigkeit  der  Welt,  das  ist  etwas,  was 
uns  zuletzt  aus  der  Geisteswissenschaft  kommt!  Wir  schlieften  uns 
auf  gegenuber  der  Welt,  wahrend  wir  uns  sonst  in  unserem  engbe- 
grenzten  Ich  abschlieften.  Wir  sind  ein  Gottesbild,  aber  wir  wissen 


es  sonst  nicht;  wir  fangen  an,  uns  zu  fiihlen  als  das  Gottesweltenbild, 
als  der  Mikrokosmos  im  Makrokosmos.  Wir  lernen  uns  fuhlend  er- 
kennen.  Das  geht  stiickweise,  langsam.  Ich  mochte  sagen:  So  wie 
wir  diese  langsame  Folge  der  Tage  durchlaufen  durch  unser  Leben, 
so  bringt  uns  das  Fiihlen  mit  der  Geisteswissenschaft  dieses  Welten- 
gefiihl  hervor.  Aber  es  mufi  sich  der  Mensch  erwerben  dieses  Wel- 
tengefiihl.  Denn  dieses  Weltengefiihl  wird  ihn  wiederum  inspirieren 
zu  den  groften  Aufgaben,  die  die  Menschheit  in  der  Zukunft  hat.  So 
sonderbar  es  heute  noch  klingt :  Nicht  fiinfzig  Jahre  werden  verge- 
hen,  und  die  Menschen  werden  keine  Fabriken  mehr  bauen,  keinen 
Acker  mehr  bebauen  konnen  nach  den  Anforderungen,  die  kom- 
men  werden  iiber  die  Menschheit,  wenn  sie  nicht  dieses  Gefiihl  ha- 
ben!  Diese  Katastrophe,  in  der  wir  gegenwartig  stehen,  ist  nur  der 
Ausdruck  der  Sackgasse,  in  welche  die  Menschheit  hineingekom- 
men  ist.  Die  Welt  ist  schon  weiter,  und  die  Menschen  sind  mit  ihren 
Gedanken  und  Gefiihlen  noch  nicht  weit  genug  gekommen;  daher 
reichen  die  Gedanken  und  Empfindungen  nicht  aus,  um  diese  Welt 
wirklich  zu  durchdringen  und  die  Menschheitsarbeit  harmonisch 
zusammenstimmend  zu  machen.  Die  Menschheit  wird  verurteilt 
sein,  immer  mehr  und  mehr  die  Disharmonie  im  sozialen  Zusam- 
menleben  zu  entwickeln,  und  immer  mehr  und  mehr  Kriegsstoff 
iiber  die  Welt  auszusaen,  wenn  sie  sich  nicht  hineinfinden  wird  in 
den  Zusammenklang  mit  dem  Kosmos  in  dem  Fiihlen,  um  dieses 
hineinzutragen  in  alles,  was  man  tut,  auch  in  das  Alleralltaglichste. 
Es  hangt  deshalb  Geisteswissenschaft  schon  zusammen  mit  dem, 
was  unmittelbar  eingreifen  mufi  in  den  Gang  der  alleraufiersten  Kul- 
tur,  oder  es  wird  die  Menschheit  aus  der  Sackgasse  nicht  herauskom- 
men.  Man  wird  keine  Fabriken,  keine  Schulen  halten  konnen  in  der 
Zukunft,  wenn  man  nicht  entwickeln  wird  Begriffe  aus  den  grofien 
Aufgaben  des  Universums  heraus.  Aufgaben  waren  es  schon  heute, 
aber  die  Menschen  haben  sie  nicht  beriicksichtigt;  daher  ist  diese  Ka- 
tastrophe gekommen.  Die  tieferen  Ursachen  liegen  schon  in  dem 
eben  Ausgesprochenen.  Diese  Gotteszeichen,  die  sich  aufiern  in  die- 
sen  katastrophalen  Ereignissen,  die  miissen  von  der  Menschheit  be- 
riicksichtigt werden.  Die  Menschen  miissen  lernen,  in  ein  bewufkes 


Verhaltnis  zum  Kosmos  sich  zu  setzen,  weil  es  anders  nicht  mehr 
gehen  wird. 

Lassen  Sie  mich  Ihnen  ein  Beispiel  angeben,  das  heute  noch  viele 
als  toricht  ansehen  werden,  manche  als  wahnsinnig  verketzern  wer- 
den:  Man  hat  gewifi  grofie  Fortschritte  gemacht,  sagen  wir  auf  dem 
Gebiete  der  Chemie,  aber  man  hat  sie  gemacht  ohne  ein  solches 
Weltgefuhl,  wie  ich  es  eben  zum  Ausdruck  gebracht  habe.  Man  wird 
in  der  Zukunft  dieses  Weltgefuhl  hinzuentwickeln  miissen:  der  La- 
boratoriumstisch  wird  zum  Altar  werden  miissen.  Der  Naturdienst, 
den  man  entwickelt,  selbst  im  chemischen  Experiment,  wird  sich 
bewufk  sein  miissen,  dafi  das  grofk  Weltengesetz  iiber  den  Labora- 
toriumstisch  lauft,  wenn  man  irgendeinen  Stoff  mit  einem  anderen 
lost,  um  den  Niederschlag  zu  bekommen  oder  dergleichen.  In  dem 
ganzen  Universum  wird  man  sich  drinnen  fuhlen  miissen,  dann 
wird  man  anders  zu  Werke  gehen,  und  dann  wird  noch  ganz  anderes 
gefunden  werden,  als  was  die  Leute  heute  gefunden  haben,  was  grofi 
ist,  aber  nicht  die  rechte  Frucht  wird  tragen  konnen,  weil  es  ohne 
Ehrfurcht  gefunden  wird,  ohne  das  Gefiihl,  das  sich  durchdringt  mit 
der  Harmonie  des  Universums.  Wieviel  Leute  haben  abstrahiert  das, 
was  man  Spharenmusik  bei  Pythagoras  genannt  hat!  Hier  haben  Sie 
ein  Gefiihl  von  der  Spharenmusik  im  Erleben  des  Rhythmus, 
der  durch  das  Weltenall  geht.  Nichts  Abstraktes  hat  man  sich 
darunter  vorzustellen,  sondern  etwas,  was  in  das  lebendige  Gefiihl 
hineingeht  (siehe  Hinweis). 

Wissen  Sie,  was  kommen  wurde,  wenn  diese  Weitherzigkeit  der 
Seele  im  Fuhlen  nicht  eintreten  wiirde?  Wir  haben  gerade  gesagt: 
Beweglichkeit  des  Denkens,  Vielseitigkeit  des  Denkens  und  Vorstel- 
lens,  das  ist  das  eine,  was  fur  das  Denken,  fur  das  Vorstellen  eintritt. 
Fur  das  Fuhlen  soil  eintreten  Weitherzigkeit,  Sinn  fur  Aufgeschlos- 
sensein  gegeniiber  der  Welt.  Das  Gegenteil  -  Sie  konnen  es  schon 
herankommen  sehen,  wenn  Sie  nur  mit  ein  wenig  Mut  die  Welt  be- 
trachten  -  ist  das  Banausentum,  die  Philistrositat.  Was  hat  denn  die 
grofie,  fur  viele  materialistisch  Denkende  «gesegnete»  Kultur  der 
neueren  Zeit  herauf gebracht  dem  Menschen?  Auf  dem  Grund  der 
Seele  ruht  das  Banausentum,  die  Philistrositat.  Philistrositat  und  Ba- 


nausentum,  sie  werden  nur  besiegt  werden  durch  jene  Aufgeschlos- 
senheit,  jene  Weitherzigkeit  der  Seele,  die  sich  fiihlt  als  Mikrokos- 
mos  im  Makrokosmos  drinnen,  die  Ehrfurcht  haben  kann  vor  allem 
dem,  was  als  Gottlich-Geistiges  die  Welt  durchschwebt  und  durch- 
pulst.  So  wie  die  Beschranktheit,  die  intellektuelle  Beschranktheit 
im  Vorstellungsleben  durch  die  Geisteswissenschaft  besiegt  werden 
mufi,  so  muft  das  Banausentum  und  die  Philistrositat  durch  die 
Geisteswissenschaft  auf  dem  Gebiete  des  Fiihlens  besiegt  werden. 

Und  ein  drittes  bietet  sich  uns  dar,  wenn  wir  auf  das  Wollen  se- 
hen.  Die  Sachen  sind  ja  vielfach  mit  Bezug  auf  das  Wollen  im  An- 
fang.  Nur  der  Psychologe,  der  Seelenkenner  sieht,  was  sich  vorberei- 
tet,  aber  es  wird  schon  kommen!  Freilich,  die  Menschen  glauben 
heute  vielfach  ein  anderes,  aber  wer  den  tieferen  Gang  der  Mensch- 
heitsentwickelung  zu  durchschauen  vermag,  der  merkt  schon,  daft 
nichts  so  verbreitet  ist  im  allgemeinen  Menschenleben  auf  dem  Ge- 
biete des  Wollens  -  in  der  neueren  Zeit  viel  mehr  als  in  alteren  Zei- 
ten  -  als  die  Ungeschicklichkeit.  Die  Ungeschicklichkeit  ist  etwas, 
was  gegen  die  Zukunft  hin  zu  einem  furchtbaren  Ubel  der  Mensch- 
heitsentwickelung  auszuarten  droht.  Ich  meine,  heute  schon  merkt 
man  es  ganz  klar:  Die  Menschen  werden  heute  angeleitet,  in  einsei- 
tiger  Weise  das  oder  jenes  zu  tun.  Sollen  sie  sich  anschicken,  etwas 
zu  tun,  was  sie  nicht  den  Handgriffen  nach  gelernt  haben,  sie  finden 
sich  nicht  hinein.  Wie  wenige  Menschen  sind  heute  imstande  -  ge- 
stagen Sie  schon,  daft  ich  solche  Dinge  erwahne  -,  wenn  es  notig  ist 
in  besonderen  Lagen,  sich  einmal  einen  Hosenknopf  anzunahen. 
Wenig  Menschen  sind  imstande,  irgend  etwas  anderes,  was  nicht  ge- 
rade  mit  dem,  was  sie  im  engsten  Sinne  gelernt  haben,  zusammen- 
hangt,  auszufiihren.  Das  ist  etwas,  was  nicht  iiber  die  Menschheit 
kommen  darf.  Die  Menschen  wiirden  verkummern  lassen  dasjenige, 
was  als  geistiges  Erbgut  in  ihnen  war,  als  sie  heruntergestiegen  sind 
aus  der  geistigen  Welt  durch  die  Geburt  zum  Dasein,  wenn  sie  so 
einseitig  wiirden,  wie  es  die  «gesegnete»  Kultur  vielfach  verlangt. 
Wer  nur  die  Sache  theoretisch  ansieht,  der  sieht  die  Zusammenhan- 
ge  nicht.  Wer  aber  Geisteswissenschaft  wirklich  lebensvoll  sich  an- 
eignet,  der  ist  ein  innerer  Feind  der  Einseitigkeit;  denn  Geisteswis- 


senschaft  bringt  in  der  Menschenseele  eine  Stimmung  hervor,  die 
auch  da  zur  Vielseitigkeit  geht.  Sie  werden  -  wenn  Sie  nicht  bloft 
mit  dem  Kopfe  Geisteswissenschaft  aufnehmen,  sondern  wenn  Sie 
sich  so  in  Geisteswissenschaft  hineinversetzen,  daft  diese  Geisteswis- 
senschaft in  Ihrer  Seele  pulsiert  wie  das  Blut  im  Leibe  -,  Sie  werden 
sicherlich  auch  eine  gewisse  Versatilitat  im  Anpassen  an  die  Umge- 
bung  gewinnen.  Sie  werden  die  Moglichkeit  gewinnen,  Dinge  zu 
tun,  die  Sie  sonst  zu  tun  einfach  nicht  geschickt  sind.  Die  Geschick- 
lichkeit  im  Wollen  bildet  sich  aus,  der  Mensch  wird  anpassungsfahig 
an  die  Umgebung.  Freilich  konnen  Sie  sagen,  wenn  Sie  dies  sagen 
wollen:  An  den  Anthroposophen,  die  da  in  der  Gesellschaft  verei- 
nigt  sind,  da  merken  wir  allerdings  nicht  gerade,  daft  sie  furchtbar 
geschickter  geworden  sind,  daft  sie  lebenstiichtiger  geworden  sind.  - 
Das  sagen  viele.  Nicht  ich  sage  es,  aber  es  wird  gesagt.  Ja,  das  ruhrt 
von  etwas  anderem  her.  So  weit  ist  die  Sache  noch  nicht  gekommen, 
daft  den  Menschen  das  anthroposophische  Leben  in  den  Seelen  so 
pulsiert,  wie  das  Blut  im  Leibe  pulsiert,  sondern  die  Unart,  alles  nur 
in  den  Verstand,  in  den  Intellekt  hereinzunehmen,  das  ist  von  auften 
hereingetragen  worden.  Auch  Geisteswissenschaft  wird  fur  viele  nur 
eine  Theorie;  es  wird  nur  etwas,  was  sie  denken,  aber  das  ist  nicht 
ihr  Wesen.  Wenn  Sie  Geisteswissenschaft  nur  denken,  so  ist  es 
gleichgiiltig,  ob  Sie  ein  geisteswissenschaftliches  Buch  oder  ein 
Kochbuch  lesen.  Da  wird  vielleicht  ein  Kochbuch  noch  niitzlicher 
sein.  Geisteswissenschaft  mull  so  ernst  werden,  daft  sie  wirklich  den 
ganzen  Menschen  in  seiner  ganzen  Seele  ergreift.  Dann  geht  sie  iiber 
in  die  Glieder,  dann  werden  die  Glieder  beweglich,  der  Mensch  wird 
tauglicher  zum  Leben.  Da  handelt  es  sich  allerdings  darum,  daft  man 
eine  innere  Uberzeugungskraft  an  den  Sachen  gewinnt,  daft  man 
sich  mit  der  aufteren  Uberzeugung  nicht  begniigt,  sondern  eine 
innere  Uberzeugung  gewinnt. 

Wer  Geisteswissenschaft  in  ihrem  inneren  Lebenswerte  kennt, 
der  weift,  daft  sie  allerdings  geeignet  ist,  wenn  sie  lebensfrisch  und  le- 
bensvoll  aufgenommen  wird,  auch  das  physische  Leben  des  Men- 
schen zu  verlangern.  Es  konnen  natiirlich  Leute  kommen  und  kon- 
nen sagen:  Nun,  da  ist  einer,  der  ist  doch  nur  fiinfundvierzig  Jahre 


alt  geworden,  oder  gar  siebenundzwanzig  Jahre  alt  geworden!  -  Ja, 
stellen  Sie  doch  die  Gegenfrage :  Wie  alt  ware  der  Mensch  geworden, 
der  mit  der  Geisteswissenschaft  fiinfundvierzig  Jahre  alt  wurde, 
wenn  er  diese  nicht  aufgenommen  hatte  in  den  Zwanzigerjahren? 
Stellen  Sie  doch  die  Gegenfrage!  Die  aufteren  Beweisarten,  die  gelten 
nicht  fur  diese  inneren  Dinge.  Statistik  und  dergleichen,  das  hat  kei- 
nen  Wert,  wenn  man  das  Innere  beriicksichtigen  will.  Statistik  hat 
im  aufteren  Leben  ihren  groften  Wert,  aber  auch  da  beschrankt  sie 
sich  auf  das  Auftere  und  ergreift  gar  nicht  dasjenige,  was  Lebensprin- 
zip  ist.  Das  konnen  Sie  ganz  einfach  sehen:  es  ist  vollstandig  gerecht- 
fertigt,  daft  man  die  Versicherungsgesellschaften  nach  Statistik  und 
Arithmetik  einrichtet;  die  richten  sich  ein  danach,  wie  groft  die  vor- 
aussichtliche  Lebensdauer  eines  Menschen  ist,  und  danach  versi- 
chern  sie  die  Menschen.  Aber  es  wird  Ihnen  doch  nicht  einfallen, 
daft  Sie  dann  zu  sterben  haben,  wenn  nach  der  Wahrscheinlichkeits- 
rechnung  Ihr  Todesjahr  fur  die  Versicherungsgesellschaft  eintritt! 
Also  fur  die  Wirklichkeit  betrachten  Sie  das  doch  nicht  als  maftge- 
bend,  was  fur  das  auftere  Leben  tatsachlich  das  Maftgebende  ist.  Al- 
les  das,  was  Statistik,  Wahrscheinlichkeitsrechnungen  fur  das  auftere 
Leben  an  gutem  Wert  besitzen,  das  hort  auf,  eine  Bedeutung  zu  ha- 
ben, wenn  der  Uberzeugungswert  fur  das  Geistige  beginnt.  Den 
werden  Sie  aber  nur  gewinnen,  wenn  Sie  Geisteswissenschaft  selber 
als  lebendiges  Lebenselixier  aufnehmen.  Dann  wird  es  aber  zum  Le- 
benselixier  so,  daft  der  Mensch  sich  hineinpaftt  in  die  Verhaltnisse. 

Dann  wird  ein  Umgekehrtes  stattfinden.  Ich  war  einmal  unge- 
mein  betriibt  -  man  kann  ja  sagen:  das  ist  ein  sonderbarer  Mensch, 
dariiber  betriibt  zu  sein!  -,  als  ich  einmal  in  einem  Hause  mitaft  und 
der  Hausherr  auf  einer  Waage  sich  immer  genau  abwiegen  muftte, 
wieviel  Fleisch,  wieviel  Gemiise  er  zu  essen  hatte.  Er  muftte  sich  alle 
einzelnen  Speisen  abwiegen!  Bedenken  Sie,  wie  fur  die  Menschheit 
eine  Instinktunsicherheit  kommen  wiirde,  wenn  jeder  bei  jeder 
Mahlzeit  seinen  Reis  und  seinen  Kohl  abwiegen  wollte.  Diese  In- 
stinktunsicherheit wiirde  durch  rein  intellektuelle  Wissenschaft 
kommen,  denn  die  kann  nur  das  Auftere  statistisch  aufzeigen.  Aber 
es  handelt  sich  nicht  darum,  daft  wir  den  Instinkt  verlieren  -  und 


durch  intellektuelle  Bildung  verlieren  wir  ihn  -,  sondern  daft  wir 
ihn  spiritualisieren;  daft  wir  so  sicher  werden,  wie  der  Instinkt  sonst 
ist,  aber  der  geistige. 

Das  ist  das,  was  ich  als  besonders  bedeutsam  zu  charakterisieren 
habe,  indem  ich  auf  das  Wollen  Riicksicht  nehme.  In  das  Wollen 
hinein  schleicht  sich  die  Geisteswissenschaft,  bereitet  es  zu,  so  daft 
der  Mensch  geschickt  wird  fiir  die  Umgebung,  indem  er  gar  nicht 
bemerkt,  wie  er  eigentlich  hineinwachst  in  das,  was  in  seiner  Umge- 
bung ist.  Indem  er  mit  dem  Geiste  zusammenwachst,  wachst  er  in 
die  Umwelt  hinein. 

Sehen  Sie,  man  muft  den  Geist  erleben  lernen.  Das  tut  man  aber 
durch  Geisteswissenschaft.  Und  die  Menschheit  wird  es  immer 
mehr  und  mehr  notig  haben  gegen  die  Zukunft  hin,  den  Geist  zu 
erleben. 

Denn,  wie  erlebt  der  Mensch  das,  was  ihm  mitgegeben  ist  durch 
die  Empfangnis  oder  Geburt?  Stellen  Sie  sich  vor:  In  einiger  Entfer- 
nung  von  Ihnen  wird  eine  Kanone  losgeschossen.  Sie  horen  den 
Knall.  Das  Licht  sehen  Sie  etwas  friiher.  Aber  denken  Sie  sich  nun 
einmal,  die  Sache  ware  so:  Sie  stiinden  neben  der  Kanone,  und  Sie 
wiirden  durch  irgendein  Ereignis  gerade  so  schnell  losgeschossen 
wie  der  Schall.  Sie  flogen  mit  dem  Schall  durch  die  Luft,  ebenso 
schnell  wie  der  Schall  geht:  dann  wiirden  Sie  den  Schall  nicht  horen; 
in  dem  Augenblick  horen  Sie  auf,  den  Schall  zu  horen,  wo  Sie  sich 
mit  Schallgeschwindigkeit  weiterbewegen.  Das  ist  der  Grund,  wa- 
rum  der  Mensch  den  Geist  nicht  bemerkt,  weil  er  mit  derselben 
Schnelligkeit,  wie  der  Geist  wirkt,  sich  bewegt  von  der  Geburt  bis 
zum  Tode.  In  dem  Augenblick,  wo  Sie  geisteswissenschaftliche 
Wahrheiten  aufnehmen,  versetzen  Sie  sich  in  eine  andere  Geschwin- 
digkeit  als  der  Korper.  Daher  fangen  Sie  an,  die  Welt  in  einem  ande- 
ren  Lichte  wahrzunehmen.  So  wie  Sie  den  Schall  wahrnehmen,  weil 
Sie  nicht  die  gleiche  Geschwindigkeit  haben,  so  nehmen  Sie  den 
Geist  im  Lebenslaufe  dadurch  wahr,  daft  Sie  sich  in  ein  anderes  Tem- 
po bringen,  innere  Ruhe  herstellen,  wie  Sie  es  lesen  konnen  in  mei- 
nem  Buche  «Wie  erlangt  man  Erkenntnisse  der  hoheren  Welten?». 
Nicht  mitleben  mit  dem  Korper,  sondern  ein  anderes  Tempo 


herstellen!  Aber  das  ist  etwas,  was  die  Menschheit  sich  iiberhaupt 
aneignen  mufi,  was  von  ungeheurer  Bedeutung  ist. 

Die  Menschen  beriicksichtigen  heute  gar  nicht,  wie  es  eigentlich 
in  friiheren  Zeiten  war.  Geschichte  ist  ja  wirklich  eine  Art  Fable 
convenue,  aber  das  soil  uns  heute  nicht  beschaftigen.  Man  war  in 
friiheren  Zeiten  anders  erzogen.  Man  nahm  bei  der  friiheren  Erzie- 
hung  doch  viel  mehr  Rucksicht  auf  das  Leben  des  Gemiites.  Dieses 
rein  intellektuelle  Leben,  das  ist  eigentlich  erst  in  den  letzten  vier  bis 
fiinf  Jahrhunderten  heraufgekommen.  Dabei  wird  nicht  beriicksich- 
tigt,  daft  der  Mensch  ein  mehrteiliges  Wesen  ist.  Der  Intellekt  ist 
sehr  bildungsfahig  beim  Menschen;  er  kann  sich  entwickeln,  aber  er 
ist  leider  nicht  das  ganze  Menschenleben  hindurch  entwickelungsfa- 
hig,  und  insbesondere  in  unserem  heutigen  Zeitenzyklus  nicht.  Er 
ist  an  das  Haupt  des  Menschen  gebunden,  und  das  Haupt  bleibt  nur 
entwickelungsfahig  hochstens  bis  zum  achtundzwanzigsten  Lebens- 
jahr.  Der  Mensch  hat  notig,  dreimal  so  lange  sein  Leben  auf  der  Erde 
zu  fristen,  als  sein  Haupt  entwickelungsfahig  ist.  Gewifi,  wir  sind  in 
unserer  Jugend  intellektuell  entwickelungsfahig,  aber  wir  bleiben  es 
nur  bis  ungefahr  zum  achtundzwanzigsten  Jahr.  Unser  iibriger  Or- 
ganismus  bleibt  das  ganze  iibrige  Leben  hindurch  entwickelungsfa- 
hig; er  verlangt  auch  das  ganze  Leben  hindurch  von  uns  etwas.  Das, 
was  man  heute  den  Menschen  gibt,  ist  nur  Kopfwissen,  ist  kein  Her- 
zenswissen.  Ich  nenne  Herzenswissen  dasjenige,  was  zum  ganzen 
Organismus  spricht,  Kopfwissen  dasjenige,  was  nur  intellektuell  ist 
und  nur  zum  Kopfe  spricht.  Nun  mufi  der  Kopf  mit  dem  Herzen  in 
einer  fortwahrenden  Wechselbeziehung  auch  moralisch,  auch  see- 
lisch  stehen.  Das  kann  heute  nicht  stattfinden,  weil  wir  unseren  Kin- 
dern  so  wenig  fur  das  Herz,  sozusagen  fur  den  ganzen  iibrigen  Orga- 
nismus geben,  und  nur  etwas  fur  den  Kopf  geben.  Der  Mensch  wird 
funfunddreifiig  Jahre  alt.  Jetzt  hat  er  hochstens  ein  Kopfwissen; 
wenn  es  hoch  kommt,  hat  er  die  Erinnerung  an  das  Kopfwissen,  das 
er  aufnimmt.  Er  erinnert  sich  rein  intellektuell  an  das,  was  er  sich 
angeeignet  hat.  Aber  fragen  Sie,  ob  der  heutige  Unterricht  in  der  La- 
ge  ist,  das  zu  erreichen,  daft  man  sich  spater  im  Leben  nicht  nur  ge- 
dachtnismafiig  an  das  erinnert,  was  man  gelernt  hat,  sondern  daft 


man  sich  mit  dem  Gefiihl  liebevoll  zuriickversetzt  in  dasjenige,  was 
man  in  der  Jugend  aufgenommen  hat;  daft  man  wirklich  noch  etwas 
hat  von  dem,  was  einem  da  beigebracht  worden  ist,  so  daft  man  es 
neu  auffrischen  kann.  Das  muft  aber  das  Ideal  werden  der  Geistes- 
wissenschaft  in  der  Erziehung,  daft  man  sich  nicht  nur  zurikkerin- 
nert.  Nun,  heute  tut  man  nicht  einmal  das.  Man  hat  sein  Examen  ge- 
macht  und  vergiftt  dann,  was  man  geochst  hat.  Aber  nehmen  wir 
den  Fall,  die  Leute  erinnern  sich  zuriick:  Ist  denn  das,  was  die  Men- 
schen  durch  die  Schule  gehabt  haben,  ein  Paradies,  in  das  man  sich 
gern  zuriickversetzt?  Versetzen  Sie  sich  so  zuriick,  daft  Sie  sagen:  In- 
dem  ich  zuriickdenke,  strahlt  mir  der  Lebensmorgen  herein,  und  in- 
dem  ich  jetzt  alter  geworden  bin,  verwandelt  sich  das  durch  das  Alt- 
werden  in  mir  in  ein  Neues;  es  ist  mir  eben  so  angeeignet  worden, 
daft  ich  es  umwandeln  kann,  ich  erinnere  mich  nicht  nur  daran,  ich 
wandele  es  um,  es  wird  mir  neu. 

Lebensvoll  wird  der  Seeleninhalt  der  Menschen  werden,  wenn  die 
geisteswissenschaftlichen  Grundsatze  unsere  ganze  Erziehung,  unse- 
re  ganze  Geisteskultur  erneuern.  Und  immer  seltener  und  seltener 
werden  dann  die  Wirkungen  des  friihen  Alterns  in  der  Menschheit 
werden.  Wer  die  Menschheitsentwickelung  verfolgt,  der  weift:  So 
alt  sind  vor  dem  15.  Jahrhundert  die  altesten  Leute  nicht  gewesen, 
wie  heute  die  jiingsten  Leute  schon  alt  sind.  Die  Greisenhaftigkeit 
nimmt  in  verheerendem  Mafte  zu.  Dieser  Greisenhaftigkeit  ist  nur 
dadurch  zu  steuern,  daft  eben  diese  Stimmung  eintritt,  daft  wir  in 
der  Jugend  das  bekommen,  was  man  im  Alter  umwandeln  kann, 
was  uns  neu  werden  kann;  woran  wir  uns  nicht  nur  erinnern,  son- 
dern  was  wir  umwandeln,  weil  wir  wie  an  ein  Paradies  zuriickden- 
ken.  Das  wird  Geisteswissenschaft  als  ein  wirkliches  Lebenselixier 
auch  hineinbringen  in  das  unmittelbare  Leben.  Die  Schule  wird  zu 
etwas  ganz  anderem  werden.  Die  Schule  wird  zu  etwas  werden,  wo 
man  sich  bewuftt  ist:  Man  hat  da  fur  das  ganze  Leben  des  Menschen 
zu  sorgen.  Denn  dasjenige,  was  dem  Kinde  geboten  wird,  es  kommt 
in  einer  ganz  anderen  Weise  im  Alter  heraus.  Dem  Kinde  werden  ge- 
wisse  Dinge  geboten  in  der  Form,  sagen  wir,  daft  es  lernt,  mit  Be- 
wunderung,  mit  Ehrfurcht  zu  etwas  aufzusehen.  Das  tritt  im  Alter 


wieder  auf.  Das  bleibt  in  der  mittleren  Zeit  mehr  zuriickgezogen,  im 
Alter  trkt  es  auf,  indem  es  uns  die  Macht  gibt,  auf  Kinder  gut  zu  wir- 
ken.  Oder  wie  ich  einmal  in  einem  offentlichen  Vortrag  gesagt  habe: 
Wer  nicht  in  der  Kindheit  gelernt  hat,  die  Hande  zu  falten,  kann  im 
Alter  nicht  segnen.  Das  innere  Gefiihl,  das  mit  dem  Falten  der  Han- 
de zusammenhangt,  es  tritt  in  uns  wie  verwandelt  im  spateren  Alter 
wieder  auf  in  der  Fahigkeit,  zu  segnen.  Wir  wissen  heute  gar  nicht, 
wenn  wir  nur  der  heutigen  Bildung  folgen,  was  wir  dem  Kinde  gera- 
de  fur  das  spatere  Alter,  in  dem  Alter  vom  siebenten  bis  vierzehnten 
Jahre  und  noch  fruher,  und  gar  erst  iiber  das  vierzehnte  Jahr  hinaus 
geben  mit  dem,  was  der  heutigen  Jugend  geboten  wird.  Das  ist  das 
furchtbar  Ernste,  denn  da  wird  der  Grund  gelegt  zu  all  der  Groft- 
mannssucht,  die  heute  in  die  Jugend  verpflanzt  wird,  zu  all  dem 
Dunkel  und  Vorurteil,  als  ob  man  schon  irgendwie  einen  «Stand- 
punkt»  haben  konnte!  Man  hort  es  heute  von  den  jiingsten  Leuten: 
Das  ist  aber  nicht  mein  Standpunkt.  -  Jeder  hat  einen  Standpunkt. 
Es  geht  natiirlich  nicht,  daft  man  mit  zwanzig  Jahren  einen  Stand- 
punkt haben  kann.  Dieses  Bewufttsein  wird  heute  gerade  nicht 
gefdrdert. 

Das  alles  sind  Dinge,  die  man  damit  umfassen  kann,  daft  man 
sagt:  Was  im  Menschen  lebt,  wird  wiederum  an  die  Wirklichkeit 
herangebracht  werden.  Die  Wirklichkeit  wird  in  ein  gesundes  Ver- 
haltnis  zur  menschlichen  Seele  gesetzt.  Das  ist  dasjenige,  was  das  Ide- 
al der  Geisteswissenschaft  mit  Bezug  auf  das  Verhaltnis  der  mensch- 
lichen Seele  zur  Wirklichkeit  werden  muft.  Gerade  auf  dem  groften 
Plan  des  Lebens  reden  heute  die  Leute  ohne  alle  Beziehung  zur 
Wirklichkeit.  Wer  versteht,  was  in  der  menschlichen  Seele  an  Bezie- 
hung zur  Wirklichkeit  leben  muft,  der  kann  rein  durch  die  Form, 
die  das  heutige  Denken  hat,  manchmal  Qualen  ausstehen.  Das  Kind 
steht  dann,  wenn  der  Lehrer  so  denkt,  diese  Qualen  unbewuftt  aus. 
Ein  Beispiel:  Ein  sehr  beruhmter  Literaturprofessor  hielt  eine  An- 
trittsvorlesung,  bei  der  ich  anwesend  war.  Er  fing  an :  Wir  konnen 
dieses  fragen,  wir  konnen  jenes  fragen.  -  Er  stellte  eine  Reihe  von 
Fragen,  die  alle  im  Laufe  des  Semesters  beantwortet  werden  sollten, 
auf;  dann  sagte  er:  Meine  Herren!  Ich  habe  Sie  in  einen  Wald  von 


Fragezeichen  gefiihrt.  -  Ich  muftte  den  Wald  von  lauter  Fragezei- 
chen  mir  vorstellen!  Denken  Sie,  was  das  Bildhafte,  das  reale  Vor- 
stellen  eines  Menschen  ist,  der,  ohne  das  Bild  sich  vor  die  Seele  zu 
malen,  vor  einem  Wald  von  Fragezeichen  stent!  Das  ist  etwas,  was 
man  unterschatzt.  Das,  was  eben  angestrebt  werden  mufi,  ist  ein 
lebensvolles  Verhaltnis  zur  Wirklichkeit. 

Jiingst  hat  ein  Staatsmann  die  Worte  gesagt:  Unser  Verhaltnis  zur 
benachbarten  Monarchic  ist  der  Punkt,  der  in  unserem  ganzen  zu- 
kiinftigen  Leben  zur  politischen  Richtung  werden  mui  -  Also  stel- 
len  Sie  sich  vor:  Das  Verhaltnis  des  einen  Landes  zum  anderen  Lan- 
de  ist  ein  Punkt,  und  der  Punkt  wird  zur  Richtung.  Man  kann  nicht 
unwirklicher  denken!  Stellen  Sie  sich  aber  vor,  was  fur  eine  Konfi- 
guration  das  ganze  Seelenleben  hat,  das  so  feme  der  Wirklichkeit 
steht,  um  solche  Begriffshiilsen  auszudrechseln!  Aber  ein  solches 
Seelenleben  steht  auch  dem  aufteren  sozialen  Leben  ebenso  fern,  es 
taucht  nicht  unter  in  das  soziale  Leben.  Was  es  ausdenkt,  das  wird 
nicht  wirklich.  Das  ist  in  der  Geisteswissenschaft  unmoglich,  daft 
man  so  unwirklich  denkt  wie  die  Begriffshiilsen,  zu  denen  man  es 
allmahlich  in  der  neueren  Zeit  gebracht  hat.  Die  Gegenwart  ist  so 
diinkelhaft,  daft  sie  sich  denkt,  ganz  besonders  praktisch  geworden 
zu  sein.  Sie  ist  aber  nur  schulmeisterlich  geworden,  lebensfremd  ge- 
worden. Und  ein  kiinftiges  Zeitalter  wird  unser  Zeitalter  dadurch 
charakterisieren,  daft  doch  merkwiirdigerweise  auf  so  viele  Men- 
schen hochst  imponierend  der  Weltenschulmeister  wirkte:  Wood- 
row  Wilson,  der  auch  nicht  mit  einem  diinnen  Faden  in  seinem 
Denken  mit  der  Wirklichkeit  zusammenhangt,  sondern  bei  dem  alle 
Worte  der  Unwirklichkeit  entsprechen.  Sie  werden  aber  bewundert 
von  denen,  die  nur  ein  wenig  gehindert  werden  dadurch,  daft  sie  mit 
ihm  im  Kriege  sind.  Aber  gerade  unter  den  Angehorigen  der  Mittel- 
machte  gibt  es  heute  viele,  die  Woodrow  Wilson  bewundern!  Das 
wird  in  der  Zukunft  ganz  besonders  schwer  zu  begreifen  sein,  wie 
politische  Programme,  ohne  Beziehung  zur  Wirklichkeit,  gefunden 
werden,  in  denen  die  tollen  Ideen  von  Weltenvertragen  und  Frie- 
densvertragen  unter  Volkern  und  so  weiter  festgelegt  werden.  Wenn 
man  das  hatte  so  leicht  machen  konnen!  Die  Abstraktlinge  seit  den 


Stoikern  denken  ja  an  diese  Dinge!  Was  als  Wilsonsche  Ideen  heute 
auftaucht:  fur  den,  der  die  Sachen  weift,  war  dieses  da,  seitdem  iiber- 
haupt  Menschen  da  sind.  Ein  gesundes  Denken  sagt  sich  natiirlich: 
Weil  das  immer  da  war  und  nicht  realisiert  werden  konnte,  ist  es  un- 
gesund!  Das  heutige  Denken  ist  der  Wirklichkeit  fremd  geworden, 
deshalb  hat  es  auch  seine  Freude  an  solch  unwirklichen  Gedanken. 

Die  Dinge  hangen  schon  zusammen  mit  den  tiefsten  Lebens- 
prinzipien  und  Lebensimpulsen.  Und  daft  heute  soviel  Verwirrung 
herrscht,  daft  soviel  Chaos  herrscht,  das  riihrt  davon  her,  daft  die 
Menschheit  zu  einem  Denken  gekommen  ist,  von  dem  sie  zwar 
glaubt,  es  meistere  die  Lebenspraxis,  das  aber  im  Grunde  genommen 
ganz  feme  der  wahren  Wirklichkeit  ist.  Ein  Zusammenschluft  mit 
der  wahren  Wirklichkeit  in  einem  energischen  Denken,  was  so  Star- 
ke Krafte  entwickelt,  daft  es  in  die  Wirklichkeit  eindringen  kann, 
das  ist  dasjenige,  was  der  Menschheit  von  der  Geisteswissenschaft 
kommen  rauft  als  Ideal.  Dazu  miissen  wir  aber  beim  Kleinen  anfan- 
gen.  Wir  miissen  beim  Kinde  schon  den  Sinn  entwickeln  nicht  fur 
den  abstrakten  Begriff,  aber  fur  das  Reale,  das  Vorstellbare;  wir  miis- 
sen nur  selber  erst  damit  den  Zusammenhang  haben.  Derjenige,  der 
dem  Kinde  beibringen  will  die  Idee  der  Unsterblichkeit  im  Bilde  von 
dem  Schmetterling,  der  aus  der  Puppe  kommt,  der  aber  selber  nicht 
an  diese  Unsterblichkeit  glaubt,  der  bringt  auch  dem  Kinde  nichts 
bei.  Wer  aber  auf  dem  Gebiete  der  Geisteswissenschaft  steht,  der 
weift,  daft  der  Schmetterling  das  wirkliche,  von  dem  Weltengeist  ge- 
schaffene  Bild  der  Unsterblichkeit  ist.  Wir  glauben  selber  an  dieses 
Bild,  und  wir  wahlen  nichts  anderes  als  das,  woran  wir  selber  glau- 
ben, weil  wir  es  wissen,  oder  uns  bestreben,  es  zu  wissen.  Dadurch 
suchen  wir  unterzutauchen  in  die  Wirklichkeit,  suchen  den  Egois- 
mus  zu  iiberwinden,  der  im  Denken  noch  etwas  Abstraktes  haben 
will.  Wir  suchen  einzudringen  in  den  Geist  der  Wirklichkeit,  und 
dadurch  werden  wir  die  Wege  finden,  die  der  neueren  Menschheit 
notwendig  sind,  und  um  so  mehr  notwendig  sind,  weil  sie  am  mei- 
sten  verlassen  worden  sind  von  denjenigen,  die  sich  gerade  die  prak- 
tischen  Menschen  nennen.  Sie  sind  nicht  die  Praktiker,  sondern  die- 
jenigen,  die  verarmt  sind,  und  durch  Brutalitat  ihre  Verarmung  der 


Menschheit  aufdrangen.  Hilfe  wird  in  dieser  schwierigen  Lage  nur 
kommen,  wenn  die  Menschheit  den  Geist  sucht  und  durch  den 
Geist  die  Wirklichkeit. 

Das  wollte  kh  heute  zu  Ihnen  sprechen  als  etwas,  was  wir  uns  als 
Empfindung  aneignen  mussen  liber  das  Verhaltnis  der  menschlichen 
Seek  zur  Welt,  wie  es  sich  ergibt  als  Grundstimmung  der  Seele  aus 
der  Geisteswissenschaft  heraus.  Und  wichtiger  als  die  einzelnen  gei- 
steswissenschaftlichen  Wahrheiten  ist  diese  Grundstimmung,  mit 
der  wir  dann  durchs  Leben  gehen,  wenn  sie  in  uns  entziindet 
worden  ist  durch  die  Geisteswissenschaft. 


ZEICHEN  DER  ZEIT 
OSTEN,  WESTEN,  MITTELEUROPA 


Ulm,  30.  April  1918 


Die  Freunde  unserer  geistigen  Bewegung,  die  hier  in  Ulm  sind,  ha- 
ben  sich  vor  einiger  Zeit  zusammengefunden,  um  die  Gedanken,  die 
Bestrebungen,  die  Impulse  dieser  unserer  geistigen  Bewegung  auch 
hier  zu  pflegen.  Wir  sind  hier,  Freunde  von  auswarts,  mit  unseren 
Ulmer  Freunden  heute  vereinigt,  um  dieses  Ereignisses  gemeinsam 
zu  gedenken,  das  eben  darin  besteht,  daft  sich  auch  in  dieser  Stadt 
Ulm  Freunde  unserer  Bewegung  zusammengetan  haben.  Zusam- 
mengetan  haben  in  ernster  Zeit,  in  schwerer  Zeit,  in  einer  Zeit,  die 
durch  bedeutsame  Zeichen  zu  den  Menschheitsgemutern  spricht. 
Und  da  darf  es  bei  dieser  Gelegenheit  heute  wohl  geschehen,  daft  wir 
grofierer  Zusammenhange  gedenken,  geistiger  Zusammenhange  der 
Menschheitsentwickelung,  in  die  sich  fur  unsere  Zeit  und  fur  die 
nachste  Zukunft  unsere  geistige  Bewegung  hineinstellen  wird.  Ich 
mdchte  sagen:  Einmal  wollen  wir  den  Blick  hinwenden  von  dem, 
was  mit  den  allernachsten  der  Menschheitsinteressen  auch  im  Geisti- 
gen zusammenhangt,  auf  das  Umfassende,  jenes  Umfassende,  mit 
dem  unsere  Bewegung  zusammenhangt. 

Wir  wissen  ja,  diejenigen  Personlichkeiten  der  Gegenwart,  die 
sich  im  Zeichen  unserer  geistigen  Impulse  zusammenschliefien,  miis- 
sen  in  ihren  Seelen,  in  ihren  Herzen  tief  fuhlen,  daft  sie  etwas  suchen 
wollen,  was  ihnen  eine  andere  geistige  Bewegung,  eine  andere  geisti- 
ge Bestrebung  in  der  Gegenwart  nicht  geben  kann  und  was  zusam- 
menhangt gerade  mit  dem,  was  auf  seelischem  Gebiete  der  Mensch 
in  unserer  Zeit  und  in  der  nachsten  Zukunft  suchen  mu!5,  wenn  er 
in  vollem  Sinne  des  Wortes  sich  seiner  Menschheit  bewuftt  werden 
will.  In  diesem  Suchen,  gerade  so,  wie  es  sich  ausspricht  in  unserer 
Bewegung,  finden  wir  viele  Gegner.  Und  gerade  diejenigen  sind  un- 
sere Gegner,  welche  glauben,  von  diesem  oder  jenem  Gesichtspunk- 
te  aus  die  wahren  Giiter  der  Menschheitsentwickelung  schiitzen  zu 
miissen,  schiitzen  zu  miissen  vor  einer,  wie  sie  meinen,  solchen  Ab- 


irrung  des  menschlichen  Geistes,  wie  sie  in  unserer  Bewegung  gege- 
ben  ist.  So  glauben  gerade  viele  religios  gestimmte  oder  scheinbar  re- 
ligios gestimmte  Menschen  der  Gegenwart,  dafi  unsere  Bewegung 
geeignet  sei,  hinwegzufiihren  von  dem,  was  sie  brauchen  zur  wirk- 
lichen  religiosen  Vertiefung. 

Nun  konnte  man  allerdings  schon  in  einem  etwas  oberflachK- 
chen,  aber  doch  nicht  minder  treffenden  Urteil  manchem,  der  so 
spricht,  entgegnen:  Hat  es  zum  Beispiel  die  Vertretung  auch  der 
christlichen  Idee  im  Laufe  der  letzten  Jahrhunderte  verstanden,  die 
Menschheit  auf  eine  Hohe  zu  bringen,  welche  die  gegenwartige 
furchtbare  Katastrophe,  ich  will  nicht  einmal  sagen:  aus  der  Welt 
schaffen,  sondern  auch  nur  hatte  mildern  konnen?  -  Das  hat  sie 
nicht  vermocht !  Aber  diejenigen  Menschen,  die  niemals  aus  den  Er- 
eignissen  lernen  wollen,  die  lernen  auch  daraus  nichts,  daft  sich  in  ih- 
rem  Sinne  das  religiose  Leben  seit  Jahrhunderten,  ja  Jahrtausenden 
entfaltet  hat,  und  jetzt  iiber  die  ganze  Erde  hin  trotzdem,  trotz  die- 
ses religiosen  Lebens  diese  Katastrophe  hat  ausbrechen  konnen. 
Aber  wenn  das  auch  naheliegt,  so  zu  fragen,  so  wollen  wir  unsere 
Gedanken  doch  nicht  gerade  in  dieser  Richtung  bewegen.  Wir  wol- 
len einmal  einleitend  heute  eine  andere  Frage  aufwerfen,  die  viel- 
leicht  recht  wenig  beriicksichtigt  wird,  die  aber  doch  mit  recht, 
recht  tiefen  Dingen  der  Gegenwart  zusammenhangt. 

Wissen  Sie,  welches  Wort  seinem  Ursprung,  seiner  Entstehung 
nach  den  gegenwartigen  Gelehrten,  den  philologischen  Gelehrten 
am  allerunbekanntesten  ist?  Wissen  Sie,  bei  welchem  Wort  Sie  am 
allermeisten  finden,  selbst  in  den  gelehrtesten  Werken,  wenn  Sie 
sich  Rat  holen,  dafi  man  nicht  sagen  kann,  wo  es  herkommt,  was  es 
eigentlich  heifit,  was  es  bedeutet?  -  Das  Wort,  nach  dessen  sprachli- 
chem  und  geistigem  Ursprung  Sie  am  meisten  vergeblich  suchen 
werden  in  den  gelehrten  Hilfsmitteln,  das  ist  das  Wort  «Gott».  Kei- 
ne  Wissenschaft  vermag  Ihnen  heute  Auskunft  zu  geben  iiber  den 
sprachlichen  und  geistigen  Ursprung  des  Wortes  Gott,  Das  ist  doch 
eine  eigentumliche  Tatsache.  Denn  diese  Tatsache  weist  nicht  bloft 
auf  Aufierlichkeiten  hin,  nicht  auf  etwas,  was  in  dieser  oder  jener 
Tatsachenreihe  ist,  sondern  es  weist  hin  auf  etwas,  was  ganz  tief,  tief 


mit  dem  Menschengemiite  zusammenhangt.  Die  Menschen  glauben 
alle,  etwas  zu  sagen,  wenn  sie  von  dem  Gottlichen,  wenn  sie  von  ih- 
rer  Hinwendung  zu  Gott  sprechen.  Und  sie  wissen  mit  alien  Mitteln 
der  gegenwartigen  Gelehrsamkeit  nicht  einmal  den  Ursprung  des 
Wortes  Gott  irgendwie  anzugeben.  Es  weist  dies  darauf  hin,  daft 
weitaus  die  meisten  Menschen  in  der  Gegenwart,  die  heute  auf  reli- 
giosen  oder  sonstigen  geistigen  Gebieten  sprechen,  in  Wahrheit  gar 
nicht  wissen,  wovon  sie  reden.  Wenn  man  nur  tief  genug  eingehen 
wiirde  darauf,  was  damit  eigentlich  gesagt  ist,  daft  die  Menschen 
nicht  wissen,  wovon  sie  reden,  wenn  sie  glauben,  von  dem  zu  reden, 
was  am  allerinnersten  mit  dem  menschlichen  Seelenstreben  zusam- 
menhangt! Das  fuhlen,  wenn  auch  nicht  klar  bewuftt,  so  doch  in- 
stinktiv  diejenigen,  welche  sich  gedrangt  fuhlen,  aus  den  verschiede- 
nen  geistigen  Wirrnissen  der  Gegenwart  heraus  zu  unseren  geistigen 
Impulsen  zu  kommen.  Daft  diese  geistigen  Impulse,  die  gerade  aus 
der  anthroposophisch  orientierten  Geisteswissenschaft  kommen, 
zusammenhangen  mit  den  dringendsten  Bediirfnissen  unserer  Zeit, 
das  ist  von  mir  immer  wieder  und  wiederum  betont  worden  in  den 
Zeiten,  in  denen  sich  das  gegenwartige  schwere  Gewitter  seit  langem 
eigentlich  zusammengezogen  hat. 

Ich  darf  da  erinnern  an  einen  Satz,  den  ich  ofter  ausgesprochen 
habe,  wie  diejenigen  Freunde  wissen,  die  unserer  Bewegung  nun 
schon  seit  Jahren  folgen.  Ich  habe  es  ofter  ausgesprochen,  daft  im 
Laufe  der  letzten  drei  bis  vier  Jahrhunderte  die  Erde  mit  ihren  ver- 
schiedenen  Volkern  in  kommerzieller,  in  industrieller,  in  bankmafti- 
ger  Beziehung  und  so  weiter  eine  Einheit  geworden  ist.  Ich  habe  dar- 
auf hingewiesen,  wie  die  modernen  Verkehrsmittel  und  das,  was 
durch  die  modernen  Verkehrsmittel  bis  vor  kurzem  iiber  die  ganze 
Erde  hingerollt  ist,  iiber  die  ganze  Erde  hin  eben  eine  Einheit  des 
Wirtschaftlichen,  des  aufteren  wirtschaftlichen  Lebens  ausgegossen 
hat,  eine  Einheit,  wenn  wir  so  sagen  diirfen,  des  physischen  Erdenle- 
bens.  Wir  hatten  eine  Einheit  des  physischen  Erdenlebens.  Ein 
Scheck,  der  in  New  York  ausgestellt  wurde,  konnte  in  Tokio  oder 
in  Berlin  oder  wo  immer  eingelost  werden.  Zu  dieser  Tatsache  habe 
ich  immer  die  Forderung  hinzugefugt  in  den  Jahren,  die  diesem 


Kriege  vorangegangen  sind:  Nicht  nur  der  menschliche  Leib 
braucht  eine  Seele,  sondern  ein  jeglicher  Leib  braucht  eine  Seele, 
kann  nicht  ohne  Seele  leben.  Was  als  physischer  Leib  in  kommer- 
zieller,  industrieller,  in  sonstiger  Beziehung  iiber  die  Erde  hin  wie 
ein  physischer  Leib  eben  sich  ausgebreitet  hat,  das  bedarf  einer  Seele, 
einer  solchen  Seele,  die  die  Moglichkeit  bietet,  daft  iiber  die  Erde  hin 
die  Menschen  sich  so,  wie  sie  sich  kommerziell,  so,  wie  sie  sich  geld- 
lich  verstehen,  sich  auch  geistig  verstehen.  Dem  Erdenleib  eine 
Erdenseele  zu  geben,  das  ist  etwas,  was  ich  ofter  als  erstrebenswert 
ausgesprochen  habe. 

Nun,  so  etwas  bildet  sich  ja  gewift  nicht  in  einem  Tage,  so  etwas 
braucht  Zeit,  und  das,  was  ich  hier  ausspreche,  will  nicht  eine  Kritik 
der  Zeit,  sondern  nur  eine  Charakteristik  sein;  es  soli  in  den  Men- 
schenseelen  anfachen  das,  was  Impulse  des  Handelns,  des  Denkens, 
des  Empfindens,  des  Wollens  sein  sollen.  Es  soli  nicht  anklagen,  son- 
dern es  soil  aussprechen,  was  geschehen  soil.  Daher  ist  es  nicht  in 
Form  eines  Vorwurfes  gemeint,  [wenn  gesagt  wurde]  daft  die  Men- 
schen es  versaumt  haben  in  den  letzten  Jahrzehnten,  in  denen  sich 
besonders  intensiv  der  gemeinsame  Erdenleib  herausgebildet  hat, 
diesem  Erdenleibe  eine  gemeinsame  Erdenseele  zu  bilden.  Diese  Er- 
denseele kann  ja  nur  gefunden  werden,  wenn  man  das  dem  Men- 
schen zum  Verstandnis  bringt,  was  in  geistiger  Beziehung  den  Men- 
schen so  gemeinsam  ist  wie  in  physischer  Beziehung  die  Sonne,  und 
was  durch  die  anthroposophisch  orientierte  Geisteswissenschaft  in 
der  Menschheit  verbreitet  werden  soil. 

Das  ist  aber  bis  jetzt  versaumt  worden.  Und  in  dieser  gegenwarti- 
gen  katastrophalen  Zeit  erleben  wir  es  in  der  furchtbarsten  Weise, 
wie  es  noch  nie  geschehen  ist  innerhalb  der  Entwicklungsgeschichte 
der  Menschheit,  die  mit  Dokumenten  verfolgt  werden  kann,  daft 
sich  die  Menschheit  in  eine  Sackgasse  versetzt  sieht,  in  eine  wirkli- 
che  Sackgasse.  Und  im  Ernste  wird  sie  aus  dieser  Sackgasse  nur  her- 
auskommen,  wenn  sie  sich  entschlieftt,  zu  dem,  was  physische  Kul- 
tur  ist,  auf  die  die  Menschheit  so  stolz  ist,  wirklich  die  geistige  Kul- 
tur  der  Erdenseele  fur  unsere  Zeit  und  fur  die  nachste  Zukunft,  die 
zu  dieser  physischen  Kultur  gehort,  hinzuzufiigen. 


Man  mag  sich  gegen  diese  Bestrebungen,  eine  neue  Geistigkeit  der 
Erde  zu  geben,  stemmen,  so  viel  man  will,  die  Wahrheit  wird  sich 
unter  alien  Umstanden  geltend  machen  miissen.  Die  Menschheit 
lebt  jetzt  in  einer  furchtbaren  Katastrophe  drinnen.  Wird  die 
Menschheit  sich  nicht  dazu  entschlieften,  die  hier  gemeinte  neue 
Geistigkeit  wirklich  sich  einzufiigen,  dann  werden  in  immer  neuen 
Perioden,  vielleicht  in  
…[truncated]