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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER
Der Tod
als Lebenswandlung
Sieben Vortrage, gehalten in verschiedenen Stadten
zwischen dem 29. November 1917 und 16. Oktober 1918
1996
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgten R. Friedenthal und J. Waeger
1. Auflage in dieser Zusammenstellung
Gesamtausgabe Dornach 1969
2., durchgesehene Auflage
Gesamtausgabe Dornach 1976
3., neu durchgesehene Auflage
Gesamtausgabe Dornach 1986
4. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1996
Einzelausgaben und Abdrucke in Zeitschriften
siehe zu Beginn der Hinweise
Bibliographie-Nr. 182
Zeichen auf dem Einband nach einem Entwurf Rudolf Steiners
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1969 by Rudolf Steiner-Nachlaftverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-1820-6
Tu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) glie-
dert sich in die drei grofien Abteilungen: Schriften - Vortrage -
Kiinstlerisches Werk (siehe die Ubersicht am Schluft des Bandes).
Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fur
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen
Gesellschaft zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen
hatte Rudolf Steiner urspriinglich nicht gewollt, daft sie schriftlich
festgehalten wiirden, da sie von ihm als «miindliche, nicht zum
Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber
zunehmend unvollstandige und fehlerhafte Horernachschriften
angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich veranlafit, das
Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie
Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographie-
renden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Heraus-
gabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst
korrigieren konnte, mu(S gegeniiber alien Vortragsveroffent-
lichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben
nur hingenommen werden mussen, daft in den von mir nicht
nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen 6f-
fentlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbst-
biographie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende
Wortlaut ist am Schluft dieses Bandes wiedergegeben. Das dort
Gesagte gilt gleichermafien auch fur die Kurse zu einzelnen Fach-
gebieten, welche sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen
der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Ge-
samtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Be-
standteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich
nahere Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Die drei Reiche der Toten. Das Leben zwischen Tod und neuer
Geburt
Das Mysterium von Golgatha. Die Bedeutung der Naturwissenschaften
in unserer Zeit. Theologie als Hindernis fur das Begreifen des Christus.
Einwirken der Toten und des Christus auf das menschliche Schicksal.
Das Wiedererscheinen des Christus im Atherischen.
Bern, 29. November 1917
Der Tod als Lebenswandlung
Die Beziehungen zu den Toten. Einwirkung Toter in Blut und Nerven-
system. Prinzip der Umkehrung im Verkehr mit Toten. Einschlafen und
Aufwachen. Verbindung des Gefiihlslebens mit Vorstellungen. Das
Verhaltnis der Lebenden zu den jungeren und alteren Verstorbenen :
Mitgefuhls-Schmerz und egoistischer Schmerz. Totenfeiern fur Jung- und
Alt verstor bene. Geschichtliches, soziales, ethisches Leben abhangig vom
Verkehr zwischen Lebenden und Toten.
Nurnberg, 10. Februar 1918
Mensch und Welt
Wirkung der Geisteswissenschaft auf Vorstellen, Fiihlen und Wollen.
Naturwissenschaftliche Vorstellungen im Sozialen zerstorerisch. Mensch
als Mikrokosmos im Makrokosmos. Laboratorium soil Altar werden.
Ungeschick durch Einseitigkeit. Intellekt bewirkt Instinktlosigkeit. In-
stinkt mufi spiritualisiert werden. Wahrnehmung des Geistes durch
«Herstellung eines anderen Tempos». Schule sollte fur das ganze Leben
Impulse geben. «Weltenschulmeister» Wilson.
Heidenheim, 29. April 1918
Zeichen der Zeit. Osten, Westen, Mitteleuropa
Ursprung des Wortes «Gott». Erdenleib, Erdenseele, physische Kultur,
geistige Kultur. Die Kirchen. Was ist es, was gemeinhin als «Gott» ver-
ehrt wird? Der Osten und die neue Geistigkeit. Leninismus als bitterste
Ironie. Tagore, Aufgabe Mitteleuropas zwischen Orient und Anglo-
Amerikanismus.
Ulm, 30. April 1918
Das Sich-Aufbaumen der Menschen gegen den Geist
Beziehungen zwischen Lebenden und Toten. Einschlafen und Auf-
wachen. Die Toten als Berater der Lebenden. Lloyd George, Matthias
Erzberger. Goethes Entwicklung. Faust und Wagner. Mephisto, Luzifer
und Ahriman. Die Psychoanalyse. Otto Weininger. Max Dessoir. Oscar
Hertwig. Gibbon. Treitschke. Begabtenprufungen.
Hamburg, 30. Juni 1918 104
Was tut der Engel in unserem Astralleib?
Das Wirken der Hierarchien im Menschen. Ziele kiinftiger Menschheit:
Briiderlichkeit, Religionsfreiheit, Einsicht in die geistige Natur der Welt.
Luzifers und Ahrimans Gegenwirkungen: Sexualinstinkte, krankma-
chende Wirkungen von Heilmitteln, Miftbrauch der Technik.
Zurich, 9. Oktober 1918 138
Wie finde ich den Christus?
Atheismus Krankheit, Leugnung des Christus Ungliick, Leugnung des
Geistes Idiotismus. Das Mysterium von Golgatha und die Wissenschaft.
Harnack. Die Menschheitssituation zur Zeit des Mysteriums von Gol-
gatha. Das Jahr 333. Entstehung der Evangelien durch atavistisches Hell-
sehen. Tertullian. Das Jahr 666. Justinian. Akademie von Gondishapur.
Mohammed. Konzil von Konstantinopel von 869. Angelus Silesius. Jo-
hannes Miiller. Sprache als Gebarde. Wilson und Herman Grimm.
Zurich, 16. Oktober 1918 161
Hinweise 191
Personenregister 201
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 203
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 205
DIE DREI RE IC HE DER TOTEN
DAS LEBEN ZWISCHEN TOD UND NEUER GEBURT
Bern, 29. November 1917
Ich kniipfe an an Betrachtungen, die ich hier angestellt habe in
einem vorigen Vortrage, gewissermaften urn fortzusetzen diese Be-
trachtungen, die in der Linie desjenigen liegen, wovon ich iiberzeugt
sein mufi, daft sie gerade jetzt unter uns besprochen werden mussen,
Denn geradeso wie ich die Meinung haben mu(S, daft jetzt in den
offentlichen Vortragen, die von anthroposophischer Seite gehalten
werden, ganz bestimmte, durch die Zeichen unserer schweren Zeit
herausgeforderte Dinge gesagt werden mussen, zu den Ohren der
Menschen dringen mussen, so bin ich auch notwendigerweise der
Anschauung, daft unter uns selbst ganz bestimmte geisteswissen-
schaftliche Wahrheiten jetzt besprochen werden mussen.
In einem vorigen Vortrage hat es sich namlich darum gehandelt,
zu sprechen iiber das Hereinleben der durch die Pforte des Todes
gegangenen Seelen in das Erdenleben. Wir haben Betrachtungen an-
gestellt iiber die Art und Weise, wie die Impulse der sogenannten
Toten fortwirken in demjenigen, was hier auf Erden durch Men-
schen vollbracht wird, wie Zusammenhange geschaffen werden zwi-
schen den Kraften der sogenannten Toten und der Lebendigen. Und
wir wollen heute einiges, das innig zu diesem Thema gehort, hinzu-
fiigen.
Vor alien Dingen ist es notwendig, sich klarzumachen, daft dieses
Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt von uns zwar in
gewissem Sinne nur mit Bildern dargestellt werden kann, die ent-
nommen sind dem Sinnlichen, dem physischen Erdenleben, den
Vorstellungen, die wir uns innerhalb dieses physischen Erdenlebens
bilden, daft aber das Leben im Bereiche der Toten doch eben ein sol-
ches ist, daft es sich nur sehr schwer fassen laftt mit den Begriffen
und Vorstellungen, die wir uns im Erdenwerden bilden. Man muft
daher versuchen, von verschiedenen Seiten her sich diesem Leben zu
nahern.
Ein Versuch, mochte ich sagen, ist einmal gemacht worden un-
mittelbar vor dem Ausbruch dieser Weltkatastrophe in jenem Wie-
ner Zyklus, wo ich iiber das Leben zwischen dem Tod und einer
neuen Geburt im Zusammenhange mit den inneren Kraften der See-
le gesprochen habe. Heute mochte ich vor alien Dingen darauf auf-
merksam machen, daft ein Gebiet, das dem Menschen im Erden-
leben in einer gewissen Beziehung die Hauptsache ist und die
Hauptsache sein mu8, daft ein gewisses Gebiet aus den Erfahrungen,
aus den Erlebnissen der durch die Todespforte gegangenen Seelen
ausgeschlossen ist.
Denken Sie nur, wieviel wir haben als Erdenmenschen durch
Vorstellungen, die uns zukommen aus der mineralischen und aus
der pflanzlichen Welt. Wir mussen zu diesen Vorstellungen aus der
mineralischen und pflanzlichen Welt auch alles dasjenige hinzu-
zahlen, was uns aus dem Himmelsraume an Vorstellungen, an Ein-
driicken, an Wahrnehmungen zukommt: der bestirnte Himmel
iiber uns, die Sonne, der Mond, indem sie uns physische Bilder als
Wahrnehmungen ermoglichen wahrend unseres Erdenlebens, geho-
ren durchaus zu dem, was ich jetzt zur mineralischen Natur rechne.
Diese mineralische und im wesentlichen- ich sage: im wesentlichen-
auch die pflanzliche Natur als Natur sind ausgeschlossen von dem,
was wahrgenommen wird in der Zeit zwischen dem Tod und einer
neuen Geburt. Dasjenige, was nach dieser Richtung hin als beson-
ders charakteristisch hervorgehoben werden kann mit Bezug auf die
Erlebnisse der sogenannten Toten, das ist, daft, wenn wir der mine-
ralischen oder der pflanzlichen Natur gegemiberstehen, wir Men-
schen hier auf der Erde ein ganz bestimmtes Bewufttsein haben. Wir
haben ja bei anderer Gelegenheit davon gesprochen, daft es eine Illu-
sion ist, von der Schmerzlosigkeit oder Lustlosigkeit des minerali-
schen und des pflanzlichen Reiches zu sprechen. Durch dasjenige
aber, was wir Menschen mit unseren Handlungen ausfiihren, machen
wir Eindriicke auf das mineralische Reich und auch auf das pflanz-
liche Reich, von denen wir mit einem gewissen Recht sagen konnen,
daft sie ohne solche Eindriicke, ohne solche Wirkungen bleiben,
welche Schmerz oder Lust, Leid oder Freude verbreiten. Wir wissen,
wenn wir als Menschen einen Stein zerschlagen, daft da gewisse
Elementarwesen allerdings solche Lust, solches Leid empfinden, aber
in unser gewohnliches, alltagliches Bewufttsein kommt das nicht; so
daft man also innerhalb des Erlebens des gewohnlichen Erdenmen-
schen davon sprechen kann, daft er das Gefiihl haben muft: Wenn
er Steine zerklopft, wenn er irgendeine Verrichtung unternimmt
innerhalb desjenigen, was mineralischer und im wesentlichen auch
pflanzlicher Natur ist, so bereitet es seiner Umgebung weder Lust
noch Schmerz.
Das aber gibt es gar nicht in dem Reiche, das der Mensch betritt,
wenn er durch die Pforte des Todes gegangen ist. Dariiber muft man
sich vor alien Dingen klar sein, daft das Geringste, was dort der
Mensch vollbringt - wir miissen uns eben der Worte unserer Erden-
sprache bedienen -, etwa wenn er nur anriihrt irgend etwas, so ist
das verbunden in diesem geistigen Reiche entweder mit Lust oder
Leid, und ruft auch hervor irgendwie Sympathie oder Antipathic
Also Sie miissen sich dieses Reich der Toten so vorstellen, daft,
wo Sie es nur gewissermaften beriihren, Sie eine solche Beruhrung
gar nicht ausfiihren konnen, ohne daft dasjenige, was Sie beriihren,
fur sich Lust und Leid empfindet, aber auch irgendwelche Sympa-
thien oder Antipathien entwickelt. Angedeutet ist das schon in mei-
ner «Theosophie», wo von dem Seelenreiche gesprochen ist, und wo
die wichtigsten Krafte dieses Seelenreiches eben in den Kraften der
Sympathie und Antipathie gesucht werden. Aber man muft solche
Dinge in seine lebendigen Vorstellungen aufnehmen. Man muft, in-
dem man sich bewuftt wird des Zusammenwirkens gewissermaften
des Totenreiches und des Reiches der sogenannten Lebendigen, man
muft sich auch bewuftt sein, wie man sich vorzustellen hat, daft der
Tote gewissermaften in seinem Reiche schaltet und waltet. Er schal-
tet so, daft er sich gewissermaften immer bewuftt sein muft: er ruft
Sympathie oder Antipathie hervor, Leid oder Freude, alles, was er
tut, bringt, wenn ich so sagen darf, diese Resonanz hervor, diese
lebendige Empfindung. Etwas, was man in dem Sinne unseres pflanz-
lichen und tierischen Reiches unempfindlich nennen konnte, gibt es
jenseits der Pforte des Todes gar nicht.
Das ist gewissermaften die Charakteristik des alleruntersten Rei-
ches, in das der Mensch eintritt, wenn er durch die Pforte des Todes
gegangen ist; wie er, wenn er hier durch die Pforte der Geburt das
physische Reich betritt, in das unterste Gebiet, in das Mineralreich
eintritt, so tritt er dort, indem er das geistige Reich beriihrt, in ein
Reich allgemeiner Empfindungsfahigkeit, in ein Reich der walten-
den Sympathie und Antipathic Innerhalb dieses Reiches entfaltet er
seine Krafte; innerhalb dieses Reiches wirkt er. Wenn wir uns vor-
stellen, er handelt dort, so miissen wir uns zugleich vorstellen: von
diesen Handlungen gehen aus fortwahrende empfindungtragende
Krafte, Sympathien und Antipathien tragende Krafte.
Was bedeuten im gesamten Zusammenhange des Weltenalls diese
empfindungtragenden Krafte? Sehen Sie, da kommt man auf ein
Kapitel, welches eigentlich wirklich nur durch geistige Wissenschaft
fur das physische Erdenleben gelost werden kann, ein Kapitel, des-
sen Wichtigkeit gleich von Ihnen eingesehen werden wird, wenn Sie
die ganze Tragweite uberdenken. Vieles tritt gerade in der gegenwar-
tigen Zeit so auf, daft der Mensch, der immer mehr und mehr nur
dasjenige gelten lassen will fur eine Welterklarung, was er innerhalb
der physischen Welt findet, verzichtet auf eine Erklarung, daft er
absieht von einer Erklarung.
So etwas, wo in der neueren Zeit abgesehen worden ist von einer
Erklarung, ist das Prinzip der Entwickelung fur die mit uns die Erde
bewohnenden tierischen Wesen. Ich brauche Sie nur darauf auf-
merksam zu machen, was alles in der neueren Zeit aufgetreten ist,
um das, was man Entwickelungslehre nennt, zu stiitzen. Mit einem
gewissen Recht spricht man so heute von der Entwickelung der tie-
rischen Welt, daft man annimmt, diese tierische Welt habe sich aus
unvollkommeneren Wesen zu vollkommeneren heraufentwickelt.
Besser wiirde man sagen: Sie habe sich von undifferenzierten Wesen
zu immer differenzierteren und differenzierteren entwickelt, bis
herauf zur menschlichen Natur, insofern der Mensch ein physisches
Wesen ist. Diese Entwickelungslehre ist zum groften Teil auch schon
in das populare Bewufttsein der Menschheit eingegangen, sie ist in
einem gewissen Sinne sogar schon ein Bestandteil der weltlichen
Religion der Menschheit geworden, und die Religionen, die Konfes-
sionen selbst bemuhen sich ja, mit dieser Entwickelungslehre zu
rechnen. Sie haben, wenigstens in ihren wichtigeren Vertretern, nicht
mehr den Mut, den sie noch vor kurzer Zeit gehabt haben: gegen
diese Entwickelungslehre aufzutreten. Sie haben sie gewissermafien
akzeptiert und finden sich damit ab.
Nun aber, wenn man fragt: Was wirkt denn da eigentlich in der
Entwickelung der tierischen Wesen, wenn sich solche tierischen
Wesen von unvollkommenen an zu vollkommeneren entwickeln,
was wirkt iiberhaupt in all dem, was man in der tierischen Welt
beobachten kann, nicht nur in der Entwickelung, sondern iiber-
haupt in dem Dasein der tierischen Welt? So sonderbar es dem heu-
tigen Menschen noch klingt: Dasjenige, was einem entgegentritt,
wenn man wirklich durch das schauende Bewufksein eintritt in das
Reich, das von den Toten bewohnt wird, dasjenige, was in der tieri-
schen Welt beherrschend wirkt durch einen grofien Teil dieser tieri-
schen Welt hindurch, das sind Krafte, die von den Toten ausgehen.
Der Mensch ist berufen, im Kosmos Mitbeherrscher der Impulse zu
sein. - Im mineralischen Reiche hat er nur dasjenige zu tun, was er
durch seine Technik verfertigt an Maschinen und dergleichen nach
den Gesetzen des mineralischen Reiches, im pflanzlichen Reich mit
dem, was er als Gartner, als Pflanzer zuchtet. Mit diesen Reichen hat
er also hochstens in zweiter Linie zu tun in der Zeit, die er zubringt
zwischen der Geburt und dem Tode. Mit demjenigen Reiche aber,
das hier auf der Erde im tierischen Dasein sich spiegelt, hat er zu
tun, indem ihm nach dem Tode sofort Krafte erwachsen, indem er
sofort in ein Gebiet von Kraften eintritt, welche dieses tierische
Reich beherrschen. Da arbeitet er darinnen. Das ist gewissermafien
ebenso fur ihn die Basis, die Grundlage seines Wirkens, wie fur uns
die mineralische Welt ist; das ist der Grund und Boden, auf dem
man dort steht.
Es erhebt sich, wie sich fur uns wahrend unseres Daseins in der
physischen Welt das Pflanzenreich erhebt auf Grundlage des mine-
ralischen Reiches, auf der Grundlage dieses Reiches von waltenden
Sympathien und Antipathien, die sich dann fortsetzen in das Leben
des irdischen Tierreiches hinein, ein zweites Reich, welches nun
nicht so wirkt im Toten, dafi er bloft Lust und Leid empfindet, dafi
er blofi von Empfindungen getragene Impulse aussendet, die sich
dann fortsetzen, die dann wirken, sondern dieses zweite Reich, das
sich da erhebt, das wirkt im wesentlichen zusammen mit dem, was
man nennen konnte Erstarkung und Ablahmung der dem Toten
nach dem Tode eignenden Willenskrafte. Sie mussen, wenn Sie sich
iiber diese Willenskrafte richtig unterrichten wollen, etwas nachle-
sen in dem genannten Wiener Zyklus, wo ich charakterisiert habe,
wie der Wille, der der Menschenseele eignet zwischen dem Tod und
einer neuen Geburt, nicht genau so ist wie das, was wir hier im phy-
sischen Leben Wille nennen; aber wir konnen immerhin vom Wil-
len sprechen, obwohl der Wille dort ganz anders, namentlich von
Gefuhlselementen und noch von einem anderen Elemente durch-
setzt ist, das es hier auf Erden gar nicht gibt. Aber dieser Wille, der
ist nach dem Tode fiir die Menschenseelen in einem fortwahrenden
Aufundabfluten begriffen. Wenn man mit einem Toten verkehrt, so
erlebt man sein Seelenleben so, dafi einem in einem Augenblicke
entgegentritt: Er fuhlt sich verstarkt in seinen Willensimpulsen, er
fuhlt sich in sich selbst starker; in einem anderen Augenblicke lahmt
sich der Wille etwas ab, schlaft gewissermafien ein. So flutet zwi-
schen Starkerwerden und Schwacherwerden dieser Wille dahin.
Und dieses Fluten zwischen Starkerwerden und Schwacherwerden
des Willens, das ist ein grower Teil, ein wichtiger, wesentlicher Teil
im Leben des Toten.
Dieses Starker- und Schwacherwerden des Willens, das sind aber
Impulse, welche nun nicht etwa bloft in die Basis des Totenreiches
hineinfluten, sondern welche hineinfluten in das Menschenreich
hier auf Erden, zwar nicht in die Gedanken des gewohnlichen Be-
wufkseins, wohl aber in alles dasjenige, was die Menschen hier - ich
werde das morgen sogar im offentlichen Vortrage zu besprechen ha-
ben - selbst erleben als Willensimpulse, aber auch als Gefuhlsimpulse.
Das ist ja das Eigentiimliche, daft der Mensch klar in seinem ge-
wohnlichen Bewufksein als physischer Erdenmensch eigentlich nur
seine Sinneswahrnehmung und seine Gedanken erlebt. Waches Be-
wufitsein ist nur in bezug auf dieses Wahrnehmen und Denken vor-
handen; Gefiihle werden eigentlich nur getraumt, und der Wille
wird iiberhaupt verschlafen. Niemand weifi so, wie er von seinen
Gedanken weifi, was sich vollzieht, wenn er nur eine Hand aufhebt,
wenn der Wille also in seine Leiblichkeit hineinspielt. Auch das
Waken des Gefiihls, obwohl es etwas heller im Bewulksein anwe-
send ist als das Waken des Willens, ist dunkel, ist nicht heller als das-
jenige, was wir im Traume als Bilder vor uns haben. Leidenschaften,
Affekte, Gefiihle, sie werden in Wahrheit nur getraumt, sie werden
nicht in der Helligkeit des Bewufkseins in den Vorstellungen und in
den Sinneswahrnehmungen gelebt, erfahren; und der Wille schon
gar nicht. In diesem, was da als Schlaf, als Traum in das alltagliche
Leben hineinspielt, in dem lebt mit der Tote. Er lebt mit Seelen, die
auf der Erde im physischen Leibe verkorpert sind, in ihnen lebt er
gerade so, wie wir innerhalb der Pflanzenwelt leben, nur dafi wir
mit der Pflanzenwelt nicht innig verbunden sind, der Tote aber mit
unseren Gefuhlen, Affekten, mit unseren Willensimpulsen innig
verbunden ist; er lebt fort in alledem.
Das ist sein zweites Reich. Und wahrend wir hier unsere Gefiihle,
unsere Empfindungen im Menschenleben entfalten, lebt in diesem
Leben seelenhaftig der Tote mit fort, und zwar so, daft gerade jenes
Fluten, das ich beschrieben habe als Starker- und Schwacherwerden
des Willens, als Verstarkung und Ablahmung des Willens des Toten,
in einer gewissen Beziehung eins ist mit dem, was auf Erden hier als
Gefiihle und Willensimpulse der sogenannten Lebendigen ertraumt
und erschlafen wird.
Sie sehen daraus, wie wenig eigentlich das Reich der Toten von
unserem Erdenreiche wirklich getrennt ist, wie innige Verbindung
zwischen diesen Reichen ist. Wie gesagt, unter normalen Verhaknis-
sen wird der Tote nichts zu tun haben - mit den Ausnahmen, die ich
nachher besprechen werde - mit dem mineralischen und pflanzli-
chen Reiche; wohl aber hat er zu tun mit dem, was im tierischen
Reiche vorgeht. Das ist gewissermaften der Boden, auf dem er steht.
Er hat aber zu tun mit dem, was im menschlichen Gefiihls- und Wil-
lensreiche vor sich geht. In diesem Reiche sind wir von den Toten
durchaus nicht getrennt. Aber die Sache ist so: Man kann, wenn
man durch die Pforte des Todes geht, indem man diese Verstarkun-
gen und Schwachungen des Willens erlebt, leben mit den sogenann-
ten Lebendigen im physischen Leibe; aber nicht mit alien, nicht mit
irgendeinem. Sondern da ist das bestimmte Gesetz, daft man leben
kann nur mit denjenigen, mit denen man irgendwie karmisch ver-
kniipft ist. Also ein karmisch ganz Fremder, der hier lebt, ist fur ei-
nen Toten nicht wahrnehmbar, gar nicht vorhanden. Die Welt, die
der Tote erlebt, die umgrenzt sich durch das Karma, das sich hier im
Leben angesponnen hat. Nur ist diese Welt nicht beschrankt auf die-
jenigen Seelen, die hier auf Erden sind, sondern sie dehnt sich aus
auch iiber diejenigen Seelen, die selbst schon durch die Pforte des
Todes gegangen sind.
Dieses zweite Reich umfaftt also alle Verbindungen, welche der
Mensch karmisch eingegangen ist mit denjenigen, die noch auf Er-
den sind, und mit denjenigen Seelen, die gleich ihm selber durch die
Pforte des Todes gegangen sind. Es erhebt sich also auf einem Reich,
das den Toten gemeinsam ist, auf einem Reiche des tierischen Da-
seins, wobei wir uns nicht so sehr irdische Tiere vorzustellen haben.
Ich habe ausdrucklich gesagt, diese irdischen Tiere spiegeln dasjeni-
ge, was in der geistigen Welt vorhanden ist, die Gattungsseele des
Tieres. In bezug auf die Toten mussen wir mehr an das Geistige des
Tierischen denken, auf diesem gemeinsamen Boden erhebt sich
dann in ganz anderem Sinne, als das hier in unserem Erdenreich der
Fall ist, fur jeden Toten ein individuelles karmisches Reich; denn der
eine hat diese, der andere jene Verbindung geschlossen. Denn nur
dasjenige ist da vom Menschenreich, womit karmische Verbindun-
gen geschlossen sind.
Und noch ein anderes Gesetz herrscht da, welches uns zeigt, wie
eigentlich dieses zweite Reich sich aufbaut. Zunachst ist dasjenige,
was in diesem Reiche auf den Toten so wirkt, daft es seine Willens-
krafte verstarkt oder sie ablahmt, zunachst auf einen Kreis be-
schrankt, der im wesentlichen durch das letzte Erdenleben oder so-
gar vielleicht nur durch Teile des letzten Erdenlebens gebildet wird.
Diejenigen, die ihm besonders nahegestanden haben, diejenigen, mit
denen der durch die Pforte des Todes Gegangene besonders eng ver-
bunden war, die sind es, mit denen er besonders intensiv lebt. Und
erst allmahlich dehnt sich dieser Kreis aus iiber diejenigen, mit de-
nen er im weiteren karmische Verbindungen eingegangen ist.
Und das alles dauert keineswegs fur jeden dieselbe Zeit, sondern
fur manchen kiirzer, fur manchen langer. Man kann kaum aus dem
irdischen Verlauf des Lebens ersehen, wie sich das nach dem Tode
macht. Manche Personlichkeiten, manche Seelen treten auf, ohne
daft man es erwartet, im Bereiche des Toten, weil man aus dem phy-
sischen Leben sehr leicht falsche Schlusse ziehen kann. Aber das ist
ein Grundgesetz: daft sich der Kreis allmahlich erweitert. Und das
ganze Einleben in diesen Kreis, das geschieht eben so, wie ich es in
jenem Vortragszyklus, der da handelt von dem Leben zwischen dem
Tod und einer neuen Geburt, geschildert habe; was in diesem, was
ich da geschildert habe, eintritt in dieses Leben des Toten, das ist eben
dieses sich ausbreitende Leben der Willensimpulse, die jetzt ganz ge-
nau so im Toten sind, wie die Vorstellungen im Lebendigen, durch
die der Tote weift, durch die der Tote sein Bewufttsein hat. Es ist au-
fterordentlich schwierig, dem Erdenmenschen klarzumachen, daft
der Tote im wesentlichen durch den Willen weift, wahrend der Er-
denmensch im wesentlichen durch die Vorstellung weift. Das macht
selbstverstandlich auch die Verstandigung mit dem Toten schwierig.
Das erweitert sich, kann man sagen, das Reich, in das sich der To-
te als in das zweite Reich einlebt, immer mehr und mehr. Spater -
aber dieses «spater» ist immer relativ, bei dem einen tritt es friiher,
bei dem anderen tritt es spater ein - kommen dann zu den unmittel-
baren karmischen Verbindungen die mittelbaren hinzu.
Das meine ich so: Wenn ein Toter eine gewisse Zeit in dem Rei-
che zwischen dem Tod und einer neuen Geburt zugebracht hat, so
hat sich der Kreis seiner Erlebnisse erweitert und erstreckt sich iiber
diejenigen Seelen - seien sie auf der Erde, seien sie dniben -, mit de-
nen er in unmittelbar karmische Verbindung getreten ist. Nun aber
haben diese Seelen wiederum karmische Verbindungen ihrerseits,
die nicht zugleich karmische Verbindungen des Toten, den ich mei-
ne, sind. Also ich will so sagen: Die Personlichkeit A hat eine kar-
mische Verbindung mit der Personlichkeit B, aber nicht mit der Per-
sonlichkeit C. Da sieht man, wie der Tote seine Erlebnisse iiber die
Personlichkeit B ausdehnt, wie er mit der lebt in der geschilderten
Weise. Spater kommt dann dazu, da£ der B ein Vermittler wird zu
dem C. Der A hat keine Beziehung zu dem C, aber er bekommt eine
Beziehung mittelbar dadurch, daft der B eine karmische Verbindung
zu dem C hat. Dadurch aber erweitert sich dieses zweite Reich zwar
langsam, aber allmahlich iiber ein sehr, sehr grofies Feld. Man wird
gewissermafien immer reicher und reicher an solchem inneren Erle-
ben, an solchen Erlebnissen, die Verstarkung und Schwachung des
Willens sind, die uns einleben miissen in das Reich der toten, oder
lebendigen Seelen, wenn wir selber durch die Pforte des Todes
gegangen sind.
Und ein wesentlicher Teil des Lebens zwischen Tod und neuer
Geburt besteht eben gerade darinnen, daft wir als Seelen - wenn ich
mich trivial ausdriicken darf - immer weitere und weitere Bekannt-
schaften machen. Wie wir hier im Erdendasein unsere Erfahrungen
erweitern zwischen der Geburt und dem Tode, wie wir hier immer
mehr und mehr die Welt um uns herum kennenlernen, so machen
wir dort immer mehr und mehr Erlebnisse durch, welche sich dar-
auf beziehen, daft man das Dasein anderer Seelen so empfindet, daft
man weift: Durch irgend etwas in diesen Seelen erfahrt man selber
eine Willensstarkung, durch anderes eine Willensschwachung. Ein
wesentlicher Teil des Erlebens besteht dort darinnen.
Sie konnen daraus entnehmen, was das eigentlich fur das Gesamt-
dasein, fiir das gesamte kosmische Dasein bedeutet. Es bedeutet, daft
nicht nur dieses verwaschene Einheitsband zwischen der ganzen
Menschheit besteht, von dem die Pantheisten und die phantasti-
schen Mystiker schwarmen und traumen, sondern daft tatsachlich in
einer gewissen Beziehung zwischen dem Tod und einer neuen Ge-
burt spirituelle Bekanntschaften zwischen einem groften Teil der
Menschheit iiber die Erde hin geschlossen werden. Wir stehen,
wenn wir auf das blicken, was wir zwischen dem Tod und einer neu-
en Geburt erleben, den Erdenmenschen wirklich nicht allzuferne.
Es ist nicht ein abstraktes, sondern ein wirklich konkretes Band.
Wie hier dann auf der Erde das Tierreich als ein drittes Reich sich
aufstellt liber das mineralische und iiber das pflanziiche Reich, so
driiben als ein drittes Reich das Reich gewisser Hierarchien, das wir
erblicken als ein Reich von solchen Wesenheiten, die niemals irdi-
sche Verkorperung erfahren, mit denen wir aber in Beziehungen tre-
ten zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Dieses Reich der
Hierarchien, das ist driiben zugleich dasjenige, was uns zwischen
dem Tod und einer neuen Geburt die voile Intensitat unseres Ich-
Erlebens gibt. Durch die zwei ersten Reiche erleben wir das andere;
uns selbst erleben wir durch die Hierarchien. Und damit ist auch
schon gesagt, daft der Mensch als geistiges Wesen sich innerhalb der
Hierarchien driiben erlebt als Sohn, als Kind der Hierarchien. Er
weifi sich mit den anderen menschlichen Seelen verbunden, wie ich
es geschildert habe, er weifi sich aber auch zu gleicher Zeit als Kind
der Hierarchien. Wie er sich hier als Zusammenflufi der aufieren na-
turlichen Krafte des umgebenden Kosmos fiihlen mufi, wenn er sich
erkennt im Kosmos, so fiihlt er sich driiben, ich mochte sagen, orga-
nisiert aus dem Zusammenwirken der verschiedenen Hierarchien als
geistiges Wesen.
Wir blicken hier, wenn wir uns als Menschen betrachten - das
braucht uns ja nicht zum Hochmut zu fiihren -, auf die sogenannten
niederen Reiche und sehen uns hier als Menschen gewissermaften an
die Spitze dieser Naturreiche gestellt. Wir gehen durch die Pforte
des Todes und finden uns driiben als das unterste der Hierarchienrei-
che, aber als den Zusammenfluft - nur daft der Zusammenfluft von
oben heruntergeht, so wie er hier von unten hinaufgeht - der Impul-
se der Hierarchien. Wie hier unser Ich eingesenkt ist in unsere Leib-
lichkeit, so daft es ein Extrakt ist der iibrigen Natur, so ist dort unse-
re Geistigkeit eingesenkt in die Hierarchien, ein Extrakt der Hierar-
chien, in dasjenige, von dem man sagen kann : Es ist dort unsere Gei-
stigkeit, wie hier unsere Leiblichkeit dasjenige ist, in das wir uns ein-
kleiden, wenn wir durch die Pforte der Geburt treten.
Also das imaginative Erkennen kann sich schon Vorstellungen
machen iiber den Grundrifi des Lebens zwischen dem Tod und einer
neuen Geburt. Es ware auch fur den Menschen aufierordentlich
traurig, wenn er sich solche Vorstellungen gar nicht bilden konnte.
Derm denken Sie doch nur, daft wir mit unserem Gefiihls- und Wil-
lensleben gar nicht getrennt sind von dem Reiche der Toten. Dasje-
nige, was sich unserem Anblicke entzieht, das ist nur aus unserer
Vorstellung und aus unseren Sinneswahrnehmungen entschwun-
den. Es wird einen Riesenfortschritt in der Entwickelung des Men-
schengeschlechtes auf der Erde bedeuten, fur den Teil des Erdenle-
benslaufes, den dieses Menschengeschlecht noch zu durchleben hat,
wenn die Menschen das Bewufksein hier in sich aufnehmen werden:
In ihren Gefuhlsimpulsen, in ihren Willensimpulsen sind sie mit den
Toten eines! - Der Tod kann uns iiberhaupt nur den physischen
Anblick der Toten rauben. Aber wir konnen nichts fiihlen, ohne
daft in der Sphare, in der wir fiihlen, die Toten anwesend sind,
nichts wollen, ohne daft in der Sphare, in der wir wollen, die Toten
ebenfalls anwesend sind.
Von Ausnahmen habe ich vorhin gesprochen in bezug auf das mi-
neralische und pflanzliche Reich. Solche Ausnahmen gelten insbe-
sondere fur unsere Periode, fur unsere Zeitperiode. Fur altere Zeit-
perioden haben sie nicht gegolten, aber davon brauchen wir jetzt
nicht zu sprechen. In unserer Zeit, in der sich eine gewisse materiali-
stische Gesinnung notwendigerweise iiber die Erde hin ausbreitet,
versaumen es die Menschen sehr leicht, sich spirituelle Vorstellun-
gen anzueignen wahrend ihres Erdenlebens. Und ich habe sogar ge-
stern im offentlichen Vortrage darauf aufmerksam gemacht, wie der
Mensch, wenn er es versaumt, sich spirituelle Vorstellungen wah-
rend seines Erdenlebens anzueignen, sich hereinbannt in das Erden-
leben, gewissermaften nicht heraus kann aus diesem Erdenleben,
und dadurch zu einem zerstorenden Zentrum wird. Vieles von dem,
was an zerstorenden Kraften wirkt innerhalb der Erdensphare,
kommt von solchen in diese Erdensphare gebannten Toten. Man
mu(5 eher Mitleid haben mit solchen Menschenseelen, als irgendein
kritisches Urteil fallen. Denn nach dem Tode ist das Erlebnis nicht
besonders leicht, innerhalb eines Reiches bleiben zu miissen, das
dem Toten eigentlich nicht angemessen ist. Und dieses Reich ist
eben dann in diesem Falle das mineralische und pflanzliche Reich,
auch dasjenige mineralische Reich, das die Tiere in sich tragen, das
der Mensch selber in sich tragt. Denn diese Wesen sind ja von dem
mineralischen Reiche durchdrungen. Fur solche, die keine spirituel-
len Vorstellungen in sich aufgenommen haben, liegt namlich die Sa-
che so, daft sie zuriickschrecken nach dem Tode vor diesem Erleben,
das uberall Empfindungen hervorruft: Sie konnen nicht hinein in
das Reich, das da waltet in der tierischen Geistigkeit und im
Menschlichen; sie konnen nur hinein in dasjenige, was minerali-
scher Natur, was pflanzlicher Natur ist. Ich kann nicht ausmalen,
um was es sich da handelt; denn erstens hat die Sprache fur das keine
Worte, zweitens aber kann man sich nur langsam und allmahlich
dem nahern, was da eigentlich zugrunde liegt, weil dieses Nahern
wirklich zunachst etwas Schreckhaftes hat.
Man darf sich nun nicht etwa vorstellen, dafi solche Toten dann
ganz enthoben sind dem Leben, das ich vorhin beschrieben habe;
aber sie nahern sich diesem Leben nur mit einer gewissen Scheu, mit
einer gewissen Furcht, und stiirzen immer wieder und wiederum
zuriick in das pflanzliche und mineralische Reich, weil sie sich vor-
zugsweise nur Vorstellungen gebildet haben, die fur das letztere
Reich, fur das Reich des Toten, fur das Reich des physischen Mecha-
nismus eine gewisse Bedeutung haben.
Was ich in der Hauptsache heute als meine Aufgabe ansehe, das
ist, durch solche Vorstellungen wiederum das Bewufksein hervorzu-
rufen, wie die Toten mitwirken an dem, was Menschenentwicke-
lung ist. Man mochte eigentlich heute solche Dinge auch schon in
offentlichen Vortragen verkiindigen; man kann es nur nicht, weil
die Menschen sich auf solche Vorstellungen doch eigentlich noch
nicht einlassen, wenn sie nicht einiges schon durchgemacht haben
von dem, was in unseren Zweigen mitgeteilt worden ist. Indem man
aber das Leben so schildert zwischen dem Tod und einer neuen Ge-
burt, und indem man namentlich seinen Zusammenhang schildert
mit dem Erdenleben, geniigt man, oder man konnte besser sagen, er-
fiillt man die Forderungen gerade unseres Zeitalters. Denn unser
Zeitalter hat die alten instinktiven Vorstellungen seit verhaltnisma-
fiig langer Zeit abgeworfen, die vom Reiche der Toten handeln, und
es mufi unsere Menschheit neue Vorstellungen aufnehmen. Sie mufi
aus den Abstraktionen iiber die hoheren Welten herauskommen
und nicht blofi im allgemeinen von Geistigkeit sprechen, sondern
sie mufi dahin kommen, wirklich einzusehen, was als Geistigkeit
wirkt. Sie mufi sich klar sein daruber, dafi die Toten nicht verstor-
ben sind, sondern im geschichtlichen Werdeprozefi der Menschheit
weiterleben, weiterwirken, dafi die Krafte, die geistig um uns herum
sind, auf der einen Seite die Krafte der hoheren Hierarchien sind,
aber eben auch die Krafte der Toten sind. Die grofite Illusion, der
sich die Menschheit der Zukunft hingeben konnte, ware die, wenn
man glauben wollte, dafi dasjenige, was die Menschen als soziales Le-
ben unter sich, als Zusammenleben hier auf der Erde mit ihrem Fuh-
len, mit ihrem Willen entwickeln, dafi das mit Ausschlufi der Toten
geschahe, blofi mit irdischen Einrichtungen. Es kann gar nicht
durch die blofien irdischen Einrichtungen geschehen, weil eben
schon in dem Gefiihl und im Willen die Toten mitwirken.
Nun handelt es sich aber darum: Wie wird es moglich sein, unter
den Impulsen der neueren Zeit das Bewufitsein von dieser Art Zu-
sammensein mit der geistigen Welt in der rechten Art zu entwik-
keln? Die Entwickelung der Menschheit geht ja so, dafi mit seinem
gewohnlichen Bewufitsein hier im physischen Leib der Mensch ei-
genthch immer mehr und mehr aus der geistigen Welt sich heraus-
stellt. Nun ist zu dem Ziele, dafi der Mensch wiederum alsphysischer
Mensch den richtigen Eintritt in die geistige Welt finde, innerhalb
der Erdenentwickelung das Mysterium von Golgatha geschehen.
Dieses Mysterium von Golgatha, das ist nicht nur dieses einmali-
ge und als solches Einmaliges das grofite Ereignis der Erdenent-
wickelung, sondern es ist ein fortwirkendes Ereignis, es ist ein fort-
wirkender Impuls. Und die Menschheit mufi etwas dazu tun, um
diesen Impuls in der rechten Weise fortwirken zu lassen. Ich habe es
seit langer Zeit immer wieder und wiederum betont, wie mit dem
Impuls von Golgatha gerade die Aufgabe unserer Geisteswissen-
schaft zusammenhange, wie Geisteswissenschaft in einer gewissen
Weise da sein mufi, um diesen Impuls von Golgatha in der richtigen
Weise fur unser Zeitalter und fur die nachste Zukunft zu verstehen.
Dessen konnen Sie sicher sein: Als irdische Wissenschaft, die zu glei-
cher Zeit weltliche Religion bildend sein wird, wird die Naturwissen-
schaft immer grofieren und grofteren Einflufl gewinnen. Solche Tor-
heiten wie der Vorwurf, der zum Beispiel mir gemacht wird, dafi ich
den Naturwissenschaften auch in ihrer radikalen Entwickelung un-
freundlich gegeniiberstehe, die gehoren zu den allerantiquiertesten
Vorurteilen in der Denkweise; denn derjenige, der den Lauf der Er-
denentwickelung versteht, weift, dafi die Naturwissenschaften nicht
widerlegt werden konnen, da$ sie im Gegenteil immer weiter und
weiter sich ausbreiten werden. Und dasjenige, was als eine Art von
religiosem Glauben liber die Welt von Naturwissenschaft gezogen
wird, das ist nicht irgendwie anzuhalten, das kommt; das kommt auf
der einen Seite sicher, und kommt zum Segen der Menschheit. Und
es wird gar nicht lange dauern, vielleicht nur einige Jahrzehnte, dann
werden sich keinerlei Konfessionen mehr wehren konnen dagegen,
dafi an den einfachsten primitivsten Menschen ein solches Bewufk-
sein von dem reinen Naturdasein herankommt, wie es eben die
Naturwissenschaft pflegt. Das ist auf der einen Seite schon sicher.
Aber auf der anderen Seite ist etwas anderes sicher. Das ist sicher
auf der anderen Seite, daft, indem diese rein naturwissenschaftliche
Weltanschauung die Gemiiter ergreifen wird, das Geistige selbst
durch diese Naturwissenschaft immer weniger und weniger wird ge-
pflegt werden konnen. Das Geistige muE von einer anderen Seite
her - wenn auch ebenso streng wissenschaftlich - geholt werden,
wie die Naturwissenschaft das natiirliche Dasein von der einen Seite
her erkennt; denn die Erkenntnis des natiirlichen Daseins wird im-
mer mehr und mehr notwendig sein fur die Erfullung derjenigen
Aufgaben, die der Mensch in der Zukunft zwischen der Geburt und
dem Tode zu erfiillen hat. Von einer anderen Seite wird ihm kom-
men miissen dasjenige, was ihn in die geistige Welt erhebt.
Ein Grundimpuls nun fiir die weitesten Kreise hat sich auch
schon in der bisherigen Gestalt des Begreifens des Mysteriums von
Golgatha angekiindigt, und insbesondere zeigt es sich in unserer
Zeit. Man kann heute schon sagen: Die intensivsten Feinde eines Be-
greifens des Christus-Impulses sind die Pfarrer der verschiedenen
Konfessionen -, so sonderbar das klingt; aber was den Christus-
Impuls den Menschen am fernsten bringt, das ist die Art wie die
Pfarrer der verschiedenen Konfessionen und die Theologen diesen
Christus-Impuls vertreten. Denn von einem Verstandnis desjenigen,
um was es sich bei diesem Christus-Impuls eigentlich handelt, sind
die Konfessionen eigentlich heute schon recht, recht weit entfernt.
Nun habe ich heute nicht die Absicht, alle wesentlichen Dinge in
bezug auf den Christus-Impuls zu sagen. Dariiber haben wir ja im
Laufe der Zeit mancherlei zusammengetragen und werden das auch
noch tun. Aber eines mochte ich hervorheben, was insbesondere in
der heutigen Zeit mit Bezug auf den Christus-Impuls ganz besonders
stark hervortritt. Das ist, daft die Menschen doch schon einsehen
miissen, daft der Christus-Impuls im allerallerintensivsten Sinne an-
ders behandelt werden mufi als andere geschichtliche Impulse. Sie se-
hen das auch ein, die Leute, aber sie schlieften fortwahrend irgend-
welche Kompromisse. Sie machen Halbheiten, sie haben nicht den
Mut zu Ganzheiten. Dasjenige, was man iiber den Christus-Impuls
einsehen miiftte, ist, daft es unmoglich ist, nach den Methoden der
gewohnlichen Geschichte iiberhaupt irgend etwas iiber den Chri-
stus-Impuls zu sagen. Bedeutende Theologen sagen, davon, daft die
Evangelien echt seien im gewohnlichen historischen Sinn, konne
gar nicht die Rede sein; dasjenige, was angefiihrt werden kann als hi-
storischer, als geschichtlicher Beweis, daft der Christus gelebt hat,
das kann man auf eine Quartseite zusammenschreiben, sagen die be-
riihmten Theologen. Also beruhmte Theologen der Gegenwart ge-
ben heute schon zu : Auf die Evangelien kann man sich nicht verlas-
sen, wenn man sie als Geschichtsquellen nur behandeln will. Es ist
auf keine Weise der Beweis zu liefern, daft sie historische Tatsachen
darstellen. - Das ist selbstverstandlich heute festzuhalten. Aber das-
jenige, was man zur historischen Bekraftigung beibringen kann, so
wie historische Dokumente da sind mit Bezug auf andere Person-
lichkeiten der Weltgeschichte, das - sagen beruhmte Theologen -
konne man auf eine Quartseite schreiben. Das Bedeutungsvolle da-
bei ist nur, daft das, was auf dieser Quartseite steht, auch nicht wahr
ist im gewohnlichen historischen Sinn.
Dieses Gestandnis wird sich die Menschheit machen mussen: dafi
es historische Griinde, wie es etwa fur Sokrates oder fur Cdsar gibt,
fiir das Dasein des Christus Jesus auf der Erde nicht gibt, sondern
daft dieses Dasein geistig begriffen werden mufi. Das ist gerade das
Wesentliche an der Sache. Die Menschheit sollte in dem Mysterium
von Golgatha etwas bekommen, woran sie entweder, wenn sie sich
nur verlassen will auf physische Zeugnisse, irre werden mu£, in be-
zug auf das sie durch physische Zeugnisse nichts hat, oder dafi sie auf
geistige Weise es erfassen mufi.
In bezug auf alles iibrige ist es der Menschheit freigestellt, nach hi-
storischen Zeugnissen zu suchen, mit Bezug auf das Mysterium von
Golgatha werden dem Menschen historische Zeugnisse im allerin-
tensivsten Sinne niemals etwas niitzen, sondern die Menschheit soll-
te gezwungen sein, dieses wichtige Ereignis der Erde nicht auf phy-
sisch-historische Weise zu begreifen, sondern da einsetzen zu miis-
sen mit einem geistigen Verstandnisse. Wer nicht will das Mysteri-
um von Golgatha ohne historische Dokumente durch geistiges Ver-
standnis unserer Erdentwickelung begreifen, der soil es nicht begrei-
fen. Das ist der Wille, man kann schon sagen, der Wille der Gotter.
Die Menschheit soli mit Bezug auf die wichtigste Erdenangelegen-
heit gezwungen sein zur Spiritualitat. Sie kann nur das Mysterium
von Golgatha begreifen - sonst ist es immer historisch widerlegbar -,
wenn sie sich zum geistigen Erfassen der Welt erhebt.
Nur Geisteswissenschaft als solche kann von der Realitat des My-
steriums von Golgatha sprechen. Man kann sagen: Alles iibrige ist
antiquiert. Lesen Sie das immerhin bemerkenswerte Buch eines
Theologen, der alle Jesus-Theorien der neueren Zeit von Lessing bis
Wrede entwickelt, so werden Sie finden, daft eine solche Darstellung
den Beweis liefert, dafi eigentlich die Historie iiberwunden sein muft
auf diesem Gebiet, dafi eine Neuerfassung eintreten muE. Und
diese Neuerfassung kann nur auf geisteswissenschaftlichem Wege
gefunden werden.
Verstehen wir das, meine lieben Freunde, und in unserer Zeit ist
eben derjenige Zeitpunkt gekommen, wo die Menschen das Fort-
wirken des Mysteriums von Golgatha nur auf geistige Weise werden
erfahren konnen. Daher habe ich auch von dem geistig-atherischen
Wiedererscheinen des Christus im 20. Jahrhundert gesprochen, und
es im ersten Mysterium dargestellt. Aber das wird ein geistiges
Erlebnis sein, wenn auch ein geistig-hellseherisches Erlebnis, ein
geistiges Erlebnis.
So hangt innig zusammen das Mysterium von Golgatha mit der
notwendigen Erhebung der Menschheit zur Spiritualitat von unse-
rer Zeit an. Ebenso wie sich erheben mufi von unserer Zeit an die
Menschheit zu einer gewissen Spiritualitat, ebenso wahr ist es, daft
sie begreifen mu8 von unserer Zeit an, daft das Mysterium von Gol-
gatha fernerhin nur erfaftt werden kann in Spiritualitat, daft das
Christentum im wesentlichen eine spirituelle Fortsetzung, nicht ei-
ne historische Fortsetzung, im aufteren Sinne historische Forschung
oder historische Uberlieferung erfahren mufi. Es handelt sich aber
nur darum, daft nun wiederum nicht das, was ich eben gesagt habe,
im abstrakten Sinne aufgefaftt werde, daft man nicht glaubt, mit den
paar Begriffen vom Erfassen der Bedeutung des Mysteriums von
Golgatha, wie man sie sehr haufig sich macht, habe man schon alles
getan. Nein, man muft an diese Dinge in voller Konkretheit heran-
treten; man muft nicht nur Vorstellungen iiber den Christus und
sein Wirken sich bilden, sondern man muft in einer gewissen Weise
das Reich Christi in unserem Erdenreiche finden konnen. Christus
ist in das Erdenreich eingezogen, und man muft sein Gebiet finden
konnen.
Naturwissenschaft, wenn sie sich gerade zur hochsten Vollkom-
menheit entwickelt, sie wird ein Bild der Welt geben, wie es auch
ohne die Zuhilfenahme des Mysteriums von Golgatha zustande
kommen konnte; Naturwissenschaft aus sich selbst heraus wird nie-
mals wahrend der Erdenentwickelung so weit kommen, daft der
Physiker oder der Biologe von dem Mysterium von Golgatha aus
seinen Voraussetzungen heraus sprechen wird. Aber alle Wissen-
schaft wird nach und nach, insofern sie von dem handelt, was vor-
geht um uns herum von der Geburt bis zum Tode, immer mehr und
mehr Naturwissenschaft werden. Neben ihr wird die Geisteswissen-
schaft aus dem geistigen Reiche zu schopfen haben.
Nun handelt es sich aber darum: Wie ist nicht nur eine Wissen-
schaft, sondern ein Drinnenstehen in dem geistigen Reiche zu fin-
den, so daft wir nicht nur Natur finden ? Denn in einer Natur wer-
den wir niemals den Christus-Impuls finden. Wie ist das Sich-hinein-
Stellen in das geistige Reich zu suchen, nicht nur das Wissen davon ?
Nun, Sie erkennen schon aus dem, was ich gesagt habe, dafi zu dem
Bewufksein, das wirklich in der modernen und namentlich in der
zukiinftigen Menschheit ein blofies natiirliches Bewufksein werden
wird, ein Bewufksein von Naturtatsachen, dafi da ein anderes Be-
wufksein hinzutreten mull. Ein ganz anderes Bewufksein mufi noch
hinzutreten. Fur dieses Bewufksein wird gewissermafien die Not-
wendigkeit der Erfassung des Mysteriums von Golgatha als einer
spirituellen Tatsache nur die hochste Spitze sein. Aber dasjenige,
was notwendig ist gegeniiber dem Mysterium von Golgatha, die Sa-
che als eine spirituelle zu durchschauen, das wird auch auf das iibrige
Leben ausgedehnt werden miissen. Das heifk aber nicfits anderes, als
daft eintreten mufi in das menschliche Bewufksein, aufier der reinen
natiirlichen Betrachtung, eine ganz andere Betrachtung der Dinge.
Und diese Betrachtung der Dinge, die wird kommen und mufi
kommen dadurch, dafi der Mensch lernt, ebenso mit Bewufksein zu
schauen in die Welt, wie er durch seine Sinneswahrnehmungen in
die Sinneswelt schaut, auf seinen Schicksalsverlauf im Grofien und
im Kleinen. Was meine ich damit? Heute gibt der Mensch noch we-
nig acht auf seinen Schicksalsverlauf. Aber betrachten Sie extreme
Falle. Ich will Ihnen einen Fall erzahlen, der uns fiihren kann zu
dem, was ich eigentlich meine - ein Fall aus Tausenden. Man konnte
Tausende solcher Falle erzahlen, ungezahlte Tausende.
Ein Mann geht von seinem Hause einen Spazierweg entlang, den
er oft gegangen ist. Er fiihrt ihn einen Berghang hinauf zu einem
Felsplateau, von dem aus er eine sehr scheme Aussicht hat. Diese
Aussicht hat er oft aufgesucht; es ist sozusagen sein gewohnlicher
Spaziergang. Wahrend er eines Tages diesen Spaziergang machte, da
kommt ihm wie aus dem Nichts heraus der Gedanke: Aufpassen,
achtgeben! - Und er hort im Geiste - nicht durch eine Halluzina-
tion, sondern im Geiste - eine Stimme sagen: Warum gehst du die-
sen Weg? Kannst du nicht einmal von deinem Vergnugen absehen? -
Das hort er im Geiste. Das macht ihn bedenklich; er tritt etwas zur
Seite, denkt nach eine Weile -, da saust ein machtiger Felsblock
herab, gerade an die Stelle, die er betreten haben miifite, wenn er
nicht beiseite getreten ware, und der ihn ganz gewifi erschlagen
hatte.
Nun bitte ich Sie, sich die Frage einmal vorzulegen, was da
schicksalsmafiig spielt. Es spielt doch etwas. Der Mann lebt nun wei-
ter. Vieler Menschen Leben auf dieser Erde hangt mit seinem Leben
zusammen. Das alles ware anders geworden, wenn der Felsblock
diesen Menschen erschlagen hatte. Da vollzieht sich etwas. Versu-
chen Sie, dieses Etwas nach Naturgesetzen zu erklaren, so kommen
Sie naturlich nicht zu dem, was das Schicksalsgemafte daran ist. Na-
tiirlich konnen Sie durch Naturgesetze erklaren, warum der Fels-
block sich losgelost hat, und warum der Mensch erschlagen worden
ist, nachdem der Felsblock schon einmal heruntergefallen ist und so
weiter. Aber in alledem, was sich auf naturgemafie Weise da iiber-
haupt reden lafk iiber die Sache, ist das Schicksalsgemafte gar nicht
irgendwie drinnen, das hat gar nichts damit zu tun.
Ich habe Ihnen einen extremen Fall damit erzahlt. Aber, meine
lieben Freunde, aus solchen Dingen setzt sich unser ganzes Leben
zusammen, insofern unser Leben Schicksalswesen ist. Nur daft der
Mensch nicht darauf achtet, dafi der Mensch nicht achtgibt; er gibt
auf diese Dinge nicht so acht, wie er auf das acht gibt, was ihm durch
seine Sinne als naturliche Tatsachen iibermittelt wird. Von Tag zu
Tag, von Stunde zu Stunde, von Augenblick zu Augenblick gehen
Dinge vor, die nur in einem extremen Fall geschildert worden sind
mit dem, was ich eben angegeben habe. Denken Sie doch nur ein-
mal, wie oft Sie - diese Dinge mufi man eben im Kleinen auch be-
trachten - weggehen wollen von zu Hause: Sie werden aufgehalten
eine halbe Stunde. Solche und ahnliche Dinge kommen tausendfach
im Leben vor. Sie sehen nur, was dann geschieht, wenn Sie die halbe
Stunde aufgehalten worden sind; Sie erwagen gar nicht, was ganz
anderes geschehen ware, wenn Sie vor einer halben Stunde weg-
gegangen waren!
So greift ein ganz anderes Reich in unser Leben wirklich fortwah-
rend herein, das Reich des Schicksalsgemaften, das der heutige
Mensch noch gar nicht beachtet, weil er eigentlich nur den Blick auf
dasjenige richtet, was eben geschieht, und nicht darauf, was fortwah-
rend aus seinem Leben ferngehalten wird. Sie konnen ja gar nicht
wissen, ob Sie nicht jetzt vor drei Stunden etwas hatten unterneh-
men konnen, was von Ihnen abgehalten worden ist, wodurch Sie
jetzt gar nicht mehr hier sitzen wiirden, vielleicht gar nicht mehr le-
ben wiirden. Sie sehen immer nur dasjenige, wozu schon geistige Im-
pulse in der mannigfaltigen Weise notig waren, damit es eingetreten
ist. Sie setzen zumeist nicht voraus mit dem gewohnlichen Bewuftt-
sein, daft dasjenige, was Sie tun im Leben, ein Ergebnis ist von mit-
wirkenden geistigen Impulsen. Werden Sie auf das aufmerksam, be-
greifen Sie, daft es ein Reich des Schicksalsgemaften so gibt, wie es
ein Reich des Naturlichen gibt, dann werden Sie dieses Reich des
Schicksalsgemaften keineswegs armer an Inhalt finden als das Reich
des Naturlichen. Aber in diesem Reich des Schicksalsmaftigen, das
nur, ich mochte sagen, in besonderen Ausschnitten, wenn extreme
Falle eintreten, wie der, den ich Ihnen erzahlt habe, klipp und klar
vor des Menschen Verstand hintritt, in dieses Reich des Schicksals-
maftigen wirkt das herein, was ich vorhin geschildert habe. Da wir-
ken herein in die Gefuhle, in die Willensimpulse, durch die das
Schicksalsmaftige zieht, die Impulse der Toten. Und wenn auch der-
jenige Mensch, der so etwas sagt, heute noch von den «ganz Geschei-
ten» als ein aberglaubischer Tor betrachtet wird, so ist es doch wahr,
daft mit eben derselben Exaktheit, wie man heute ein Naturgesetz
ausspricht, man aussprechen kann, daft jenem Mann, dem eine Stim-
me zugesprochen hat, der oder jener Tote diese Stimme zugespro-
chen hat auf den Befehl wiederum von irgendwelchen Hierarchien,
und daft fortwahrend, vom Morgen bis zum Abend und insbesonde-
re vom Abend bis zum Morgen, wahrend unseres Schlafens, in uns
hineinwirken die Impulse der Toten, und die Impulse der geistigen
Hierarchien, die das Schicksalsmaftige wirken.
Nun mache ich Sie aber auf eines aufmerksam. Sie werden schon
etwas gehort haben iiber den sokratischen Damon, iiber den Damon
des Sokrates: wie Sokrates, der weise Grieche, davon gesprochen
hat, daft alles, was er tut, unter der Einwirkung eines Damons stent.
Ich habe iiber diesen sokratischen Damon in meiner kleinen Schrift
«Die geistige Fiihrung des Menschen und der Menschheit» gespro-
chen. In meiner neuen Schrift «Von Seelenratseln», wo das zweite
Kapitel iiber das gelehrte Individuum Dessoir handelt, kann man se-
hen, wie Dessoir auch solche Dinge behandelt; ich habe auf dieses
Damonium des Sokrates hingewiesen. Es ist Sokrates nur zum Be-
wufttsein gekommen, was bei alien Menschen gewirkt hat. Bis zum
Mysterium von Golgatha waren es gewisse Wesenheiten, die rich-
tunggebend waren fur dasjenige, was die Toten ins Menschenleben
hereinwirkten. Diese Wesenheiten haben ihre Kraft verloren in der
Zeit des Mysteriums von Golgatha, und an ihre Stelle ist der Chri-
stus-Impuls getreten. Und jetzt haben Sie den Christus-Impuls mit
dem Schicksalsmaftigen des Menschen geisteswissenschaftlich ver-
bunden. In unsere Willens- und in unsere Gefuhlssphare wirken so,
wie ich es geschildert habe, die Krafte, die Impulse der Toten herein.
Die Toten wirken; aber sie erleben auch Willensstarkungen und
Willensschwachungen. Und dieses ganze Reich ist ein Erdenreich, es
ist ebenso wie das natiirliche Reich ein Erdenreich. Aber derjenige
Impuls, der seit dem Mysterium von Golgatha lebt, der ist seit dem
Mysterium von Golgatha der Christus-Impuls. Christus ist die diri-
gierende Macht in diesem Reiche, das ich Ihnen geschildert habe.
Man wird also nicht nur eine Wissenschaft von dem Mysterium von
Golgatha begriinden, sondern man wird in der Zukunft wissen miis-
sen: unsere Welt durchdringt, ebenso wie die Welt der natiirlichen
Tatsachen, ein Reich des Schicksalsmaftigen als der andere Pol. Die-
ses Reich des Schicksalsmaftigen wird heute noch wenig beachtet.
Man wird es ebenso beachten miissen wie das Reich des Natiirli-
chen, Aber man wird dann zu gleicher Zeit wissen, daft man in die-
sem Reich des Schicksalsgemaften mit den Toten in Verbindung ist,
man wird wissen, daft in diesem Reiche, das wir mit den Toten
gemeinsam haben, zugleich das Reich Christi enthalten ist, daft
Christus durch das Mysterium von Golgatha auf die Erde herunter-
gestiegen ist zu seiner Wirksamkeit, um mit uns Menschen auf
Erden das wiederum gemeinsam zu haben, das wir mit den Toten,
insofern die Toten im Erdenbereich wirken - ich meine jetzt
nicht den Ausnahmefall, sondern den Normalfall -, gemeinsam
haben.
Wenn dies nicht blofi eine abstrakte Wahrheit, nicht blofi eine
Begriffswahrheit sein wird, so eine Sonntagswahrheit, an die man
sich ofter einmal erinnert, weil einem einfallt, dafi eben so etwas
wahr ist, sondern wenn der Mensch in diesem Reich des Schicksals
so bewulk wandeln wird, wie er im Reich der Sinneswahrnehmun-
gen bewufk wandelt, wenn er gewissermaften so, wie er durch die
Welt geht und es mit seinen Augen macht, auch in dieses Reich des
Schicksals sich einverwoben fiihlt, und in diesem Reich des Schick-
sals die Krafte des Christus mit den Kraften der Toten immer zu-
sammen fiihlt, dann, meine lieben Freunde, wird die Menschheit
sich ein wirkliches, ein konkretes, ein empfindungsgemaftes Leben
mit den Toten schon entwickeln. Man wird, wenn man selber dies
oder jenes fiihlt, wenn man selber dies oder jenes bewirkt, erleben,
wie man mit den lieben Dahingegangenen darinnen zusammen ist.
Das Leben wird unendlich bereichert werden.
Jetzt vergessen wir vielleicht in dem Sinne, wie wir das so nen-
nen, unsere Toten nicht; wir halten ihr Andenken. Aber ein intensi-
ves Leben - und das wird erst das wahre Leben sein, weil eben sonst
das Leben verschlafen wird, insofern es schicksalsmafiig ist -, ein in-
tensives Leben wird die Menschheit ergreifen, und das wird schon
dazu fuhren, daft man nicht nur das Andenken der Toten halten
wird, sondern daft man wissen wird: Wenn du das tust, wenn du die-
sen Gang tust, wenn du das unternimmst, wenn dir das gelingt: es
wirkt dieser oder jener Tote mit. - Es werden die Bande mit den To-
ten nicht aufgelost, sie verbleiben. Diese Bereicherung des Lebens
steht der Menschheit in Aussicht fur die Erdenzukunft. Und wenn
wir jetzt den funften nachatlantischen Zeitraum haben, so wirkt die-
ser fiinfte nachatlantische Zeitraum im wesentlichen zu der Erzie-
hung der Menschheit nach der eben angekiindigten Richtung hin,
und den sechsten nachatlantischen Zeitraum wird die Menschheit
gar nicht iiberleben konnen, wenn sie sich nicht anschickt, diese
Dinge in der richtigen Weise zu fuhlen: die Wirklichkeit des Schick-
salsmaftigen aufzunehmen in das Bewufksein, wie jetzt die Mensch-
heit nur die Wirklichkeit des Naturgemafien aufnimmt.
Den Zusammenhang des Mysteriums von Golgatha mit dem To-
desproblem konkret einzusehen, das ist es, worauf ich heute hinwei-
sen wollte. Das ist auch etwas, was innig zusammenhangt mit dem,
was jetzt der Menschheit zum Bewufitsein kommen mufi. Denn un-
ter dem Mancherlei, das der Menschheit fehlt, ist gerade das, daft die
Menschen verloren haben die Moglichkeit, in ihren Gefuhls- und
Willensimpulsen noch die wahren Realitaten zu erleben. In die gro-
ften Illusionen wiegen sich die Menschen allmahlich ein : daft sie das
Erdenleben nach irdischen Gesetzen formen konnen, die groftte Il-
lusion, der sich die Menschen hingeben konnen. Eine grofte Illusion,
die ihr Extrem, ihr radikales Extrem findet zum Beispiel in dem rei-
nen materialistischen Sozialismus, der natiirlich niemals zulassen
wird, daft, wenn wir Menschen das geringste untereinander machen,
die Toten mitwirken, sondern der alles nach okonomischen, das
heiftt, nach rein physischen Gesetzen ordnet. Das ist das eine Ex-
trem. Auf der anderen Seite das Extrem, von dem jetzt alle mogli-
chen sogenannten Idealisten traumen: Uber die ganze Welt hin, von
allem Spirituellen absehend, rein programmatische, inner- und zwi-
schenstaatliche Organisationen zu schaffen, durch welche vermeint-
lich die Kriege abgeschafft werden sollen. Die Menschen werden
sich davon uberzeugen, wenn sie in eine solche Illusion sich einle-
ben, daft sie gerade damit dasjenige, was sie abschaffen wollen, nicht
abschaffen, sondern vielmehr heraufbeschworen, was sie abschaffen
wollen. Es ist ein guter Wille in diesen Dingen. Es ist dasjenige, was
aus dem materialistischen Zeitbewufitsein, ich mochte sagen, als ei-
ne politische Spitze des ganzen Erdenwesens hervorgehen mufi, was
aber genau zu dem Gegenteil von dem fiihren wird, was man damit
eigentlich bezwecken will. Dasjenige, um was es sich handelt, das
ist, dafi liber die Erde sich verbreiten muli das Verstandnis des
Schicksalsgemafien, dafi dieses Verstandnis des Schicksalsgemaften
auch die Gesetzgebungen, die politischen Organisationen ergreifen
mufi, denn die bilden ja die Grundlage fur die Struktur der sozialen
Verhaltnisse. Dasjenige, was nicht mitgehen will mit dieser geistigen
Entwickelung der Menschheit, das wird einfach in Auflosung hin-
eingehen, das wird nur abbauen, nur abtragen. Deshalb hangt es in-
nig zusammen mit dem, was die Zeichen der Zeit heute bedeuten.
Wir brauchen hier nicht irgendwelche, urn es grob zu sagen, politi-
schen Dinge zu treiben; das werden wir natiirlich nicht. Aber die
Zeitforderungen, die miissen gerade von denjenigen gesehen wer-
den, welche ihren Blick richten wollen auf die geistige Entwickelung
der Menschheit. Und verstanden mufi werden: Auf dem Wege, auf
dem heute fast iiberall gewandelt wird, ist der Christus nur zu verlie-
ren; gewonnen werden kann er als einzig wirklich berechtigter K6-
nig und Herr der Erde nur durch die Erhebung der Menschheit zur
Spiritualitat. Dessen konnen Sie sicher sein: Wenn der Christus
nicht so gesucht wird, wie ihn die einzelnen Konfessionen heute su-
chen - die sich ja nun wirklich in der letzten Zeit in merkwiirdiger
Art iiberall in alle moglichen Kompromisse iiber eine Christus-
Auffassung hineingefunden haben, die den Christus auch als
Schlachtengott zu feiern wissen da und dort -, sondern wenn der
Christus gesucht wird da, wo er in seiner Realitat zu finden ist, in-
dem die Menschen das Reich des Schicksalsgemaften als eine Wirk-
lichkeit verstehen werden, den Christus so finden werden, wie wir
es heute angedeutet haben, dann wird jene zwischenstaatliche Orga-
nisation geschaffen werden, die da bedeutet die Ausbreitung des
wirklichen Christentums iiber das Erdenrund.
Dafi man diesem Ziele nicht sehr nahe ist, das konnen Sie ja erse-
hen, wenn Sie eine kleine Reflexion anstellen. Denken Sie einmal,
Sie wiirden all den Leuten, die jetzt davon sprechen, wie sie den
Frieden iiber die Welt herstellen wollen, die alle diese Programme
vorbringen - wer redet nicht davon! -, Sie wiirden diesen Leuten
entgegenstellen das Programm, den Christus der Menschheit zu-
ganglich zu machen; dann wiirde Friede, dauernder Friede kommen,
soweit er auf der Erde iiberhaupt moglich ist. Stellen Sie sich vor,
was die verschiedenen Vereinigungen, die von dem ganz «guten Wil-
len» ausgehen, sagen wiirden, wenn man ihnen dieses vorlegen wiir-
de! Wir haben es sogar erlebt, daft von dem Stellvertreter Christi auf
Erden ein Friedensprogramm ausgegangen ist. Aber sehr viel wer-
den Sie da vom Christus nicht drinnen gelesen haben!
Diese Dinge, ich weift es, man nimmt sie gar nicht einmal ernst
genug in der Gegenwart. Aber wenn sie nicht ernst genommen wer-
den, wird die Menschheit auch keinen heilsamen Weg einschlagen
konnen. Geradeso wie es eine Notwendigkeit ist, daft das Mysteri-
um von Golgatha auf spirituelle Art begriffen wird, so ist es eine
Notwendigkeit, daft die Menschen die Zeichen der Zeit so verste-
hen, daft sie in Geisteswissenschaft wirklich etwas sehen, ohne wel-
ches auch die auftere soziale Gestaltung der Zukunft nicht mehr aus-
kommen kann. Selbst im offentlichen Vortrage morgen werde ich
solche Dinge zu beriihren haben, wenn auch auf eine andere Art.
Das ist dasjenige, was ich als eine zweite Betrachtung zu der vori-
gen hinzufugen mochte, die wir damals angestellt haben iiber das
Zusammenleben der sogenannten Toten mit den Lebenden.
Und nun mochte ich wohl die mir unsympathische Bemerkung,
die ich in anderen Zweigen gemacht habe, auch hier zum Schluft ma-
chen. Den meisten der heben Freunde ist sie ja wohl bekannt, und
nur um der Vollstandigkeit willen muft ich sie machen. Ich weift
nicht, ob Sie wissen, daft die unglaublichsten verleumderischen Din-
ge, die so sich anhoren, daft man sogar verwundert ist dariiber, wie
irgendeine Scheuftlichkeit in den Impulsen von Gemiitern auf sol-
che Dinge verfallen konnen, daft diese Dinge herumgehen in der
Welt, und daft geisteswissenschaftliche Bewegung geschiitzt werden
muft gegen diese - man kann schon sagen - ruchlosen Verleumdun-
gen. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, daft fur die nachste Zeit,
unbeschadet dessen, daft alles geschehen soli fur die gesuchte esoteri-
sche Entwickelung unserer Freunde, das, was an Privatbesprechun-
gen im gewohnlichen Sinne war, nicht mehr stattfinden kann. Denn
gerade aus diesen Privatbesprechungen werden diese Verleumdun-
gen zusammengestellt. Das eine also ist das, was ich notwendiger-
weise unsere Freunde bitten muft, einzusehen, daft zunachst solche
private Besprechungen nicht stattfinden konnen. Aber das ware un-
vollstandig, wenn Sie nur das sagen wiirden; sondern dazu gehort
die notwendige andere Erganzung: daft, wer will - selbstverstand-
lich, nur wer will! -, alles was jemals in solchen Privatbesprechun-
gen gesagt und geschehen ist, ruckhaltlos erzahlen kann. Nichts gibt
es, wenn man die Wahrheit sagt, was irgendwie verborgen zu wer-
den braucht innerhalb unserer Bewegung.
Zu diesen zwei Maftnahmen bin ich gezwungen. Lassen Sie mir
etwas Zeit; es werden andere Mittel und Wege gefunden, daft jeder
zu seinem geisteswissenschaftlichen Rechte kommt. Aber geistes-
wissenschaftliche Bewegung darf nicht durch solche, mit ihr gar
nichts zu tun habende Dinge aufgehalten werden. Und daher miis-
sen gerade diejenigen, die treu und ehrlich unserer Bewegung anhan-
gen, verstehen, daft diese Besprechungen im gewdhnlichen Sinne
nicht mehr stattfinden konnen, und daft auf der anderen Seite ich ei-
nen jeden jeglichen Versprechens entbinde. Jeder kann dasjenige,
was er selber will - niemand mull, selbstverstandlich von mir aus
iiberall mitteilen, denn es gibt nichts, was nicht gesagt werden durf-
te, wenn man es der Wirklichkeit, der Wahrheit gemaft erzahlt. Da-
mit aber das festgestellt ist, mussen diese zwei Verfugungen getrof-
fen werden. Es tut mir sehr leid, daft ich diese Mitteilungen machen
mufi; aber ich weift, daft gerade diejenigen unserer Freunde, die am
besten stehen zu unserer Bewegung, die Notwendigkeit davon vollig
einsehen, und daft sie gerade darin vollstandig mitfiihlen werden.
Jetzt brauchen wir uns ja nur des Ernstes der Lage, in der wir in
unserer Zeit sind, bewuftt zu sein. Und daher ist gerade fur mich ein
solches Zusammensein jetzt immer, ich mochte sagen, ein besonders
wichtiges, ernstes Ereignis; und ganz besonders jetzt in dieser kata-
strophalen Zeit mochte ich, daft wir uns ganz ehrlich und echt
durchdringen mit dem Bewufttsein der Notwendigkeit des Zusam-
menhaltens in bezug auf unseren anthroposophischen Satz des Zu-
sammenhaltens im Geiste. Wenn wir auch zeitweilig eben nicht
raumlich uns finden konnen, wir bleiben im Geiste zusammen. In
dem sehe ich den besten Gruft, den ich Ihnen entbiete, da wir wieder
zusammen waren und vielleicht eben einige Zeit wiederum nur im
Geiste zusammensein konnen.
DER TOD ALS LEBENSW ANDLUN G
Nurnberg, 10. Februar 1918
In den Betrachtungen, die wir anstellen auf dem Gebiete unserer
Geisteswissenschaft, liegt manches, das wir im alltaglichen Leben
vielleicht nicht ganz unmittelbar anwenden konnen, von dem wir
uns vielleicht sagen, dafi es dem alltaglichen Leben feme liegt. Aber
das ist nur scheinbar. Dasjenige, was wir iiber die Geheimnisse der
geistigen Welt in unser Wissen aufnehmen, das hat immer, zu jeder
Stunde, in jedem Augenblicke, eine starke und tiefe Bedeutung fur
unsere Seele. Und was uns personlich ferner zu liegen scheint, das ist
manchmal gerade sehr nahe dem, was unsere Seele in ihrem Inner-
sten braucht. Bei der physisch-sinnlichen Welt, da kommt es darauf
an, dafi wir uns mit ihr bekannt machen, um ihren Inhalt kennenzu-
lernen. Bei der geistigen Welt kommt es im wesentlichen darauf an,
dafi wir dasjenige, was sie uns an Gedanken, an Vorstellungen gibt,
selber durchdenken, selber vorstellen; dann arbeiten in unserer Seele
manchmal ganz unbewulk diese Gedanken. Und dasjenige, woran
die Seele dann arbeitet, kann uns scheinbar recht feme liegen;
es wird gerade dem Hoheren in unserer Seele in Wirklichkeit recht
naheliegen konnen.
Und so wollen wir denn heute uns beschaftigen mit einer Be-
trachtung, die wir von gewissen Gesichtspunkten aus ofter schon
angestellt haben, die wir aber heute wiederum von einem anderen
Gesichtspunkte aus anstellen werden. Wir wollen uns beschaftigen
mit dem, was uns, was dem Menschen iiberhaupt im physischen Le-
ben scheinbar so feme steht, mit dem Leben, das da verfliefit zwi-
schen dem Tode und einer neuen Geburt. Und ich mochte gerade
heute einiges, das wir ja, nachdem wir durch mancherlei gut vorbe-
reitet sind, in richtiger Weise verstehen konnen, in schlichter Weise
einfach erzahlen, so wie es sich der Geistesforschung ergibt. Einse-
hen, verstehen kann man die Dinge, wenn man sie immer wieder
und wiederum von neuem durchdenkt; durch ihre eigene Kraft ma-
chen sie sich in der Seele verstandlich. Und derjenige, der sie nicht
versteht, der sollte eigentlich zunachst iiberzeugt sein davon, daft er
sie noch nicht oft genug in seiner Seele durchdacht hat. Erforscht
werden miissen sie durch Geisteswissenschaft, verstanden werden
sie, wenn man sie oft und oft wiederum in der Seele durchnimmt.
Sie werden sich dann namentlich bekraftigen an den Tatsachen, die
uns im Leben entgegentreten, wenn wir dieses Leben nur genau be-
trachten, sie werden sich an den Tatsachen des Lebens erharten.
Zunachst mochte ich sagen - was ja aus verschiedenen unserer
Zyklen und aus sonstigen Betrachtungen hervorgeht -, daft eine
Schwierigkeit vorliegt, wenn wir das Leben zwischen dem Tod und
einer neuen Geburt betrachten, eine Schwierigkeit, die darin be-
steht, daft dieses Leben ganz, ganz anders ist als dasjenige, was man
sich hier innerhalb der physischen Welt durch die Organe des physi-
schen Leibes vorstellen kann. Man mufi sich bekanntmachen mit
ganz, ganz anderen Vorstellungen.
Wenn wir hier auf dem physischen Plan in ein Verhaltnis kom-
men zu den Dingen, die in unserer Umgebung sind, so wissen wir,
daft nur ein kleiner Teil dieser Wesen, die uns in der physischen
Welt umgeben, zu unserem eigenen Handeln, zu unseren eigenen
Willensaufterungen sich so verhalt, daft wir sagen konnen: Unsere
eigenen Willensaufterungen machen dem, was in unserer Umgebung
ist, Lust oder Leid. - Wir konnen das beziiglich desjenigen Teiles
unserer physischen Umgebung sagen, den wir zum Reiche der Tie-
re, zum Reiche der Menschen zahlen. Dagegen sind wir zunachst -
wir wissen, daft das etwas anderes ist, wenn wir die Sache geistig be-
trachten, aber darauf kommt es jetzt nicht an - mit vollem Rechte
davon iiberzeugt, daft die ganze mineralische Natur einschlieftlich
alles dessen, was in Luft und Wasser ist, und auch im wesentlichen
die pflanzliche Natur, unempfanglich sind fiir dasjenige, was wir
Lust und Leid nennen, wenn Handlungen von uns selber ausgehen.
In der Umgebung, in welcher der sogenannte Tote ist, ist das
nicht so. In dieser Umgebung, in der der sogenannte Tote ist, da ist
alles, was zu dieser Umgebung gehort, so, daft, was auch der Tote
tut, es in der Umgebung entweder Lust oder Leid erweckt. Der Tote
kann iiberhaupt gar nichts tun, er kann gar nicht, wenn ich mich
bildlich ausdriicken will, seine Glieder riihren, ohne daft in dieser
Umgebung Lust oder Leid durch das, was er tut, erweckt wird.
Da muE man sich nur richtig hineinversetzen. Man mufi aufneh-
men diesen Gedanken, daft das Leben zwischen dem Tode und einer
neuen Geburt eben so beschaffen ist, daft alles in der Umgebung die-
ses Echo hervorruft, alles, was wir tun; daft wir in der ganzen Zeit
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt immer davor stehen,
daft wir nichts tun konnen, daft wir, wie gesagt, bildlich gesprochen,
nicht einmal uns riihren konnen, ohne Lust oder Leid in unserer
Umgebung hervorzurufen. Denn dasjenige, was wir hier auf dem
physischen Plane als Mineralreich in unserer Umgebung haben, das
gibt es nicht fiir den Toten. Ebenso gibt es nicht unser gewohnliches
Pflanzenreich. Diese Reiche sind, wie Sie aus meiner «Theosophie»
entnehmen konnen, in ganz anderer Form da vorhanden. So, wie sie
hier sind, gewissermaften als fiihllose Reiche, sind sie nicht in der
geistigen Welt vorhanden. Das erste Reich von denjenigen, die hier
auf dem physischen Plane sind, das fiir den Toten eine gewisse Be-
deutung hat dadurch, daft man es vergleichen kann mit dem, was der
Tote in seiner Umgebung hat, ist das Tierreich. Nur naturlich nicht
die einzelnen Tiere, die hier auf dem physischen Plane sind, sondern
die ganze Umgebung ist so, daft sie wirkt, wie die Tiere wirken. Die
ganze Umgebung reagiert so, daft Lust oder Leid von dem ausgeht,
was man tut. Nun, wir hier auf dem physischen Plane, wir stehen
auf mineralischem Boden; der Tote steht auf einem Boden, lebt in ei-
ner Umgebung, die wir in diesem Sinne tierisch nennen konnen. Er
lebt also von vorneherein um zwei Reiche hoher. Das ganze Leben
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt besteht in bezug auf
seine alleraufterste Betatigung in dem Kennenlernen [des Tierreichs];
nicht so, wie wir hier das Tierreich kennenlernen - wir lernen es ja
nur auften, von der Auftenseite kennen das ganze Leben zwischen
dem Tode und einer neuen Geburt besteht darin, daft man die tieri-
sche Welt als solche genauer und immer genauer kennenlernt. Denn
in diesem Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt muft
man vorbereiten alle diejenigen Krafte, die aus dem Kosmos herein
unseren eigenen Leib durchorganisieren, wovon wir hier in der phy-
sischen Welt gar nichts wissen. Wie unser Leib bis in seine kleinsten
Teile aus dem Kosmos heraus gebildet wird, das weift man zwischen
dem Tode und einer neuen Geburt. Denn man bereitet gewisserma-
ften als die Summe alles Tierischen diesen physischen Leib vor. Man
baut ihn selber auf.
Um diese Vorstellung genauer zu haben, mufi man sich allerdings
bekanntmachen mit einem Begriff, mit einer Idee, die der heutigen
Menschheit ziemlich feme liegt. Die heutige Menschheit ist zwar da-
von iiberzeugt, daft, wenn eine Magnetnadel die Nord-Sudrichtung
zeigt, also mit dem einen Ende nach Norden, mit dem anderen nach
Suden zeigt, dies nicht aus der Magnetnadel selber heraus kommt,
sondern daft die Erde als Ganzes ein kosmischer Magnet ist, dessen
eine Spitze nach dem Siiden, die andere nach dem Norden zielt, und
man wiirde es als Torheit betrachten, wenn jemand behaupten woll-
te, nur durch Krafte, die in der Magnetnadel selber liegen, wiirde
diese Richtung hervorgebracht. Bei dem aber, was sich als Keim im
tierischen oder menschlichen Wesen entwickelt, lehnt heute die gan-
ze Wissenschaft und alles Denken die kosmische Einwirkung ab.
Was man bei der Magnetnadel als Torheit bezeichnen wiirde, nimmt
man dann an, wenn sich, sagen wir, im Huhn das Ei bildet. Aber
wenn sich im Huhn das Ei bildet, ist tatsachlich der ganze Kosmos
daran beteiligt; hier auf der Erde geschehen nur die Anregungen da-
zu. Alles das, was sich im Ei bildet, ist ein Abdruck der kosmischen
Krafte, und das Huhn selber - so ist es auch beim Menschen - ist nur
eine Statte, in der der Kosmos, das ganze Weltensystem das ausbil-
det. Damit muft man sich bekanntmachen. Und an diesem ganzen
Kraftesystem, das da den Kosmos durchzieht, arbeitet der Mensch
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt in Gemeinschaft mit
hoheren Wesenheiten, mit Wesenheiten hoherer Hierarchien, eben
mit. Man arbeitet immer zwischen dem Tode und einer neuen
Geburt; man ist nicht unbeschaftigt, da arbeitet man im Geistigen.
Das erste Reich, mit dem man sich bekanntmacht, ist das tieri-
sche. Und daft man es richtig macht, das hangt im wesentlichen mit
folgendem zusammen: Versucht man etwas falsch zu machen, so
muft man gleich wahrnehmen den Schmerz, das Leid der Umge-
bung; macht man etwas richtig, nimmt man wahr Lust der Umge-
bung, Freude der Umgebung. Auf diese Weise arbeitet man sich
durch, indem man Lust und Freude erzeugt; arbeitet sich so durch,
daft man zuletzt das Seelische in solcher Art hat, daft es herabsteigen
kann und zusammenstimmt mit dem, was auf der Erde als physi-
scher Leib leben wird. Nie konnte das Seelische heruntersteigen,
wenn es nicht selber gearbeitet hatte an der physischen Form.
Das tierische Reich also ist dasjenige, mit dem man zuerst Be-
kanntschaft macht. Das nachste Reich ist das, was man hier als Men-
schenreich hat. Mineralisches und pflanzliches Reich bleiben zu-
nachst weg. Beim Menschenreich ist es allerdings so, daft der Tote in
einer gewissen Weise - man konnte sagen: mit Bezug auf die ge-
wohnten Begriffe, die man hier hat - beschrankt ist in seiner Men-
schenbekanntschaft. Er kann namlich zwischen dem Tode und einer
neuen Geburt - gleich nach dem Tode beginnt das oder bald nach-
her - eigentlich nur Beziehungen, Verhaltnisse ankniipfen mit den-
jenigen Menschenseelen, gleichgiiltig, ob sie hier auf der Erde, oder
ob sie auch schon driiben sind, mit denen er schon irgendwie auf der
Erde in der letzten oder in friiheren Inkarnationen karmisch ver-
bunden war. Die anderen Seelen gehen an ihm voriiber, die nimmt
er nicht wahr. Das Tierische nimmt er als ein Ganzes wahr; von den
Menschenseelen nur diejenigen - immer genauer und genauer wird
man mit ihnen bekannt -, mit denen er in karmische Beziehung ge-
treten ist hier auf der Erde. Das ist nicht eine sehr kleine Anzahl von
Menschen, das dtirfen Sie nicht glauben, denn es sind viele Erdenle-
ben fur die einzelnen Menschen schon verflossen. Man hat in jedem
Erdenleben eine ganze Menge karmischer Beziehungen angekniipft;
aus denen ist das Netz gesponnen, das dann driiben sich ausbreitet
liber unsere Bekanntschaft. Aufter dem Kreise bleiben nur die Men-
schen, mit denen man nie Bekanntschaft gemacht hat. Daraus sehen
Sie ein, was wichtig ist ins Auge zu fassen: Daft das Erdenleben im
ganzen Weltenall fur den Menschen seine allerintensivste Bedeutung
hat. Wiirde das Erdenleben nicht durchlebt werden, so wiirden wir
zu den Menschenseelen auch in der geistigen Welt keine Beziehun-
gen ankniipfen konnen. Die Beziehungen werden hier auf der Erde
karmisch angekniipft, setzen sich dann fort zwischen dem Tode und
einer neuen Geburt. Man kann sehen, wenn man in der Lage ist, in
diese Welt hineinzuschauen, wie nach und nach der sogenannte To-
te immer mehr und mehr Verbindungen ankniipft, die alle Verbin-
dungen sind, die sich ergeben aus dem, was er karmisch hier auf der
Erde angekniipft hat.
Wenn man sagen kann, daft mit dem ersten Reiche, mit dem der
sogenannte Tote in Beriihrung kommt, mit dem tierischen Reiche,
es so ist, daft er alles, was er tut, wenn er sich nur riihrt, in Lust oder
Leid umsetzt in seiner Umgebung, so kann man in bezug auf alles
das, was im menschlichen Reiche erlebt wird, sagen, daft der Tote
noch viel inniger in Zusammenhang steht mit den Menschen im See-
lenhaften. Da ist er selber drinnen. Eine Seele, mit der der Tote be-
kannt wird, lernt der Tote eben so kennen, als ob er selber in dieser
Seele drinnen ware. Nach dem Tode wird man mit einer Seele so be-
kannt, wie hier mit dem eigenen Finger oder mit dem Kopfe oder
mit dem Ohr: man fuhlt sich darinnen. Es ist ein viel intimerer Zu-
sammenhang, als er hier auf der Erde sein kann. Und dieses sind die
beiden Grunderlebnisse fur das Zusammensein mit Menschenseelen
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt: daft man entweder
drinnen ist in den Seelen oder drauften. Man ist auch bei denen, die
man kennt, abwechselnd drinnen oder drauften. Das Ihnen-
Begegnen, diesen Seelen, das besteht immer darinnen, daft man sich
mit ihnen eins fuhlt, daft man in ihnen drinnen ist. Das Drauftensein
bedeutet, daft man sie nicht beachtet. So wie man hier etwas an-
schaut: da nimmt man es wahr; wenn man wegschaut, da nimmt
man es nicht mehr wahr. Dort ist man mit Bezug auf die Menschen-
seelen drinnen, wenn man imstande ist, die Aufmerksamkeit darauf
zu wenden; man ist drauften, wenn man das nicht kann.
In dem, was ich Ihnen jetzt auseinandersetzte, haben Sie, ich
mochte sagen, die Grundstruktur fur das Zusammensein der Seele
mit anderen Seelen fur die Zeit zwischen dem Tode und einer neuen
Geburt. In einer ahnlichen Weise drinnen oder drauften ist dann der
Mensch zwischen dem Tode und einer neuen Geburt mit Bezug auf
die Wesen der anderen Hierarchien, Angeloi, Archangeloi und so
weiter. Nur, je hoher ein Reich ist, desto mehr fiihlt sich nach dem
Tode der Mensch mit diesem Reiche verbunden, fiihlt sich davon ge-
tragen; er fiihlt es machtig ihn tragend. Also die Archangeloi tragen
den Menschen machtiger als die Angeloi, die Archai wieder mach-
tiger als die Archangeloi und so weiter.
Nun, im Erkennen der geistigen Welt als solcher sehen ja heute
noch die Menschen gewisse Schwierigkeiten. Diese Schwierigkeiten,
die werden sich verhaltnismaftig losen, wenn die Menschen sich nur
ein biftchen mehr bekanntmachen werden mit den Geheimnissen
der geistigen Welt. Aber es ist ja ein Zweifaches, das man nennen
kann das Sich-Bekanntmachen mit der geistigen Welt. Das eine ist
ein solches Bekanntmachen, daft man die vollig hinreichende Sicher-
heit gewinnt von dem Ewigen in der eigenen Menschennatur. Dieses
Wissen, daft in der menschlichen Natur ein Wesenskern liegt, der
ewig ist, der durch Tode und Geburten geht, dieses Wissen, so
fremd es der heutigen Menschheit ist, das ist verhaltnismaftig leicht
zu erlangen, und es wird wirklich, wenn jemand nur Geduld genug
hat, erlangt auf dem Wege, der da in meinem Buche «Wie erlangt
man Erkenntnisse der hoheren Welten?» und in anderen beschrie-
ben ist. Es wird auf diesem Wege erlangt. Das ist das eine Erkennen.
Das andere ist das, was man nennen kann unmittelbarer Verkehr
mit den Wesen der geistigen Welt, konkreter unmittelbarer Ver-
kehr, aus dem wir heute herausgreifen wollen den Verkehr, den
man haben kann von hier aus zu den sogenannten Toten hiniiber.
Das ist etwas, was durchaus moglich ist, was aber eben groftere
Schwierigkeiten bietet als das zuerst Charakterisierte. Das Erstcha-
rakterisierte ist etwas, was leicht zu erringen ist; das andere, wirklich
mit einzelnen Toten zu verkehren, das ist zwar durchaus moglich,
es ist aber schwierig zu erringen, weil es Achtsamkeit erfordert von
dem, der diesen Verkehr sucht. Es ist notwendig zu diesem besonde-
ren Verkehr, daft der Mensch sich wirklich in eine gewisse Zucht
nehmen kann. Denn es gibt ein sehr bedeutsames Gesetz fiir den
Verkehr mit der geistigen Welt. Das kann man so aussprechen, daft
man sagt : Dasjenige, was gerade fiir den Menschen hier mehr niedri-
ge Triebe sind, das ist von der anderen Seite, von der geistigen Seite
angesehen, hoheres Leben, und es kann daher sehr leicht sein, wenn
der Mensch sich nicht ordentlich in der Zucht hat, daft er durch den
unmittelbaren Verkehr mit den sogenannten Toten niedere Triebe
erregt fiihlt. Wenn wir nur mit der geistigen Welt im allgemeinen
zusammenkommen, wenn wir uns Erkenntnisse verschaffen iiber
unsere eigene Unsterblichkeit und es da zu tun haben mit dem
Seelisch-Geistigen, da kann nicht die Rede davon sein, daft da ir-
gendwie etwas Unlauteres hineinkommen kann. Wenn wir es aber
zu tun haben mit einzelnen konkreten Toten, dann ist immer eine
Beziehung des einzelnen Toten - so sonderbar es klingt - zu unse-
rem Blut- und Nervensystem. In die Triebe, die im Blut- und Ner-
vensystem sich ausleben, lebt sich der Tote hinein; das kann niedere
Triebe anregen. Gefahrvoll kann es naturlich nur fur den sein, der
nicht seine Natur durch Zucht gelautert hat. Das muft einmal be-
tont werden, denn das ist der Grund, warum das Alte Testament ge-
radezu den Menschen verbietet, mit den Toten zu verkehren; nicht
weil es sundhaft ware, wenn es in der richtigen Weise geschieht.
Man muft von den Methoden des modernen Spiritismus naturlich
absehen. Wenn es geistig geschieht, ist es nicht sundhaft, aber wenn
der Mensch nicht diesen Verkehr mit reinen, durchseelten Gedan-
ken pflegt, fiihrt es sehr leicht dazu, daft der Mensch, wie gesagt, nie-
dere Leidenschaften aufstacheln kann. Nicht die Toten stacheln sie
auf, aber das Element, in dem die Toten leben. Bedenken Sie:
Was wir hier als tierisch empfinden, ist das Grundelement, in dem
die Toten leben. Das Reich, in dem die Toten leben, das kann
sehr leicht, indem es in uns hereinschlagt, umschlagen; es kann in
uns niedrig werden, was dort eigentlich ein Hoheres ist. Das ist
sehr wichtig, daft wir das ins Auge fassen. Das kann man durchaus
sagen, wenn iiber den Verkehr der sogenannten Lebenden mit
den sogenannten Toten gesprochen wird, weil es eine okkulte
Tatsache ist.
Aber gerade wenn man iiber diesen Verkehr spricht, da kann man
die geistige Welt so recht charakterisieren, wie sie ist. Denn gerade
bei dem, was da erlebt wird, zeigt sich, wie ganz anders die geistige
Welt ist als hier die physische Welt.
Nun will ich Ihnen zuerst etwas sagen, was vielleicht fiir den
Menschen, solange er nicht vollstandig seine Hellsichtigkeit ausge-
bildet hat, scheinbar bedeutungslos ist, aber es liegt uns nahe, wenn
wir es durchdenken, da es iibergeht zu Dingen, die dem Leben na-
herstehen. Wenn der, dessen Hellsichtigkeit durchgebildet ist, mit
Toten verkehrt, dann muft er in einer solchen Weise mit ihnen ver-
kehren, daft man aus diesem Verkehr sieht, warum es den Menschen
so ferne liegt, von den Toten etwas zu wissen, ich meine, durch un-
mittelbare Wahrnehmung etwas zu wissen. So sonderbar, so grotesk
es klingt: die ganze Art des Verkehrs, an die wir gewohnt sind hier
in der physischen Welt, die mufi sich geradezu umkehren, wenn ein
Verkehr angekniipft wird zwischen hier und dem Toten. Hier,
wenn wir mit einem Menschen sprechen, wenn wir von physischem
Leibe zu physischem Leibe sprechen, da reden wir; wenn wir reden,
wissen wir: Wir reden, die Worte kommen aus uns. Wenn er uns
antwortet, oder Menschen zu uns reden, so wissen wir: Von ihnen
kommen die Worte. Dieses ganze Verhaltnis dreht sich vollstandig
um, wenn wir mit einem Toten verkehren, reden - man kann schon
sagen: reden, denn es kann ein Reden sein -. Die Sache dreht sich
um, so daft, wenn wir einen Toten fragen oder zu ihm etwas sagen,
wir dann das, was wir sagen, aus ihm heraus vernehmen; so nimmt
man es wahr. Also er inspiriert zu unserer Seele heriiber das, was wir
ihn fragen, was wir ihm sagen. Und wenn er uns antwortet oder zu
uns etwas sagt, dann kommt das aus unserer eigenen Seele heraus.
Das ist etwas, was fiir den Menschen ganz ungewohnt ist hier in der
physischen Welt. Er ist gewohnt, daft, was er sagt, aus seinem Wesen
heraus kommt. Fiir den Verkehr mit den Toten muft man sich ange-
wohnen, von ihnen das zu horen, was man selber sagt, und aus der
eigenen Seele heraus zu vernehmen, was sie antworten.
Wenn man die Sache erzahlt, so ist sie in dieser Abstraktheit, in
der man sie erzahlt, natiirlich leicht zu fassen; aber wirklich sich dar-
an gewohnen, ganz umgekehrt den Verkehr eingenchtet zu haben,
als man es hier auf dem physischen Plane gewohnt ist, das ist trotz-
dem ungeheuer schwierig. Und wirklich, so sonderbar es klingt:
darauf, daft der Mensch ganz ungewohnt ist, diese Umkehrung zu
machen, beruht es vielfach, dafi man die Toten, die immer da sind,
die immer in unserer Umgebung sind, nicht wahrnimmt. Man
denkt: Wenn etwas aus unserer Seele dringt, so kommt es von uns.
Und irgendwie intim darauf zu achten, ob uns aus der Geistumge-
bung etwas inspiriert, wovon wir sagen konnten, das kommt von
uns selber, das liegt uns ganz feme. Man will es gerne ankniipfen an
das, was man eben gewohnt ist vom physischen Plane. Kommt ei-
nem etwas aus der Umgebung, so schreibt man es einem Fremden
zu. Das ist der grofke Irrtum, dem man sich hingeben kann.
Nun, damit habe ich Ihnen iiber den Verkehr der sogenannten
Lebenden mit den sogenannten Toten eine der Eigentumlichkeiten
hervorgehoben. Wenn Sie sich aus diesem Beispiel nur das eine klar-
machen wollten, dafi die Dinge geradezu umgekehrt sind in der gei-
stigen Welt, dafi man sich vollstandig wenden mufi, so haben Sie ei-
nen wichtigen Begriff, den man fortwahrend braucht, wenn man
eindringen will in die geistige Welt, einen Begriff, den einzeln, im
Konkreten anzuwenden, aufierordentlich schwierig ist. Es ist zum
Beispiel notwendig, auch um hier die physische Welt gut zu verste-
hen, welche im Grunde genommen iiberall durchdrungen ist von
dem Geistigen, dafi man diesen Begriff von einer vollstandigen Um-
kehrung hat. Und weil ihn die heutige Wissenschaft gar nicht hat,
und weil ihn das populare Bewufksein gar nicht hat, deshalb ver-
steht man auch die physische Welt nicht geistig. Man erfahrt dieses
gerade dann, wenn sich Menschen recht viele Miihe geben, die Welt
zu verstehen. Man mufi manchmal von solchen Dingen geradezu ab-
sehen. Ich habe vor Jahren, ankniipfend an gewisse Goethesche Vor-
stellungen, iiber den aufieren menschlichen physischen Organismus
gesprochen vor einer grofien Anzahl von unseren Freunden bei ei-
ner Generalversammlung in Berlin, wo ich versuchte, einmal klar-
zumachen, wie der Kopf in seiner physischen Form nur verstanden
werden kann, wenn man ihn als vollige Umdrehung des iibrigen Or-
ganismus versteht. Davon hat niemand etwas verstanden: daft ein
Knochen, den wir im Arm haben, wie ein Handschuh gewendet
werden mufke, um einen Kopfknochen daraus zu bekommen. Das
ist schwierig, aber man kann nicht Anatomie kennen, ohne sich die-
se Vorstellungen zu bilden. Das habe ich nur nebenbei erwahnt.
Man versteht leichter das andere, was ich Ihnen heute gesagt habe
uber den Verkehr mit den Toten.
Sehen Sie, was ich jetzt auseinandergesetzt habe, das findet fort-
wahrend statt. Sie alle, wie Sie hier sitzen, Sie verkehren fortwah-
rend mit Toten, nur wissen es die Menschen im gewohnlichen Le-
ben nicht, weil es sich im Unterbewuftten vollzieht. Das hellsichtige
Bewufttsein, das zaubert nichts Neues hervor; es hebt nur dasjenige,
was vorhanden ist in der geistigen Welt, eben zum Bewufksein
herauf. Sie alle verkehren fortwahrend mit Toten.
Nun wollen wir ein wenig kennenlernen, wie sich im einzelnen
der gewohnliche Verkehr mit den Toten abspielt. Sie konnen fra-
gen, wenn irgendein Toter hingegangen ist, wenn man selber zu-
riickgeblieben ist: Wie komme ich dem Toten nahe, so daft er mich
in sich erlebt? - Das ist ja das, was ich vorhin erortert habe. Wie
kommt mir der Tote wieder nahe, daft ich in ihm leben kann? Diese
Frage konnen Sie aufwerfen. Richtig beantworten kann man diese
Frage nicht, wenn man die bloften, hier auf dem physischen Plan ge-
wohnten Begriffe ins Auge faftt. Hier auf dem physischen Plan ent-
wickeln wir unser gewohnliches Bewufttsein nur vom Aufwachen
bis zum Einschlafen. Aber fur den gesamten Menschen ist der
andere Teil des Bewufttseins, der dumpf bleibt, abgelahmt bleibt
im gewohnlichen Leben zwischen Einschlafen und Aufwachen,
ebenso wichtig wie der zwischen Aufwachen und Einschlafen. Der
Mensch ist eigentlich nicht im wirklichen Sinne unbewuftt, wenn
er schlaft, sondern das Bewufttsein ist nur so dumpf, daft er gewohn-
lich nichts davon wahrnimmt. Es ist dumpf, aber man muft diesen
ganzen Menschen nehmen, den wachenden und den schlafenden,
wenn man die Beziehungen des Menschen zur geistigen Welt ins
Auge faftt.
Denken Sie an Ihre eigene Biographic Sie betrachten ja den Le-
benslauf immer mit den entsprechenden Unterbrechungen. Sie be-
schreiben nur das, was vom Aufwachen bis zum Einschlafen vor-
geht; dann ist das Leben unterbrochen: Wachen - schlafen; wachen -
schlafen. Aber wahrend Sie schlafen, sind Sie auch da, und wenn
man den ganzen Menschen betrachtet, so mufi man den Wachzu-
stand und den Schlafzustand ins Auge fassen. Und man muE nun,
wenn man den Verkehr des Menschen mit der geistigen Welt ins
Auge faftt, wirklich noch ein Drittes ins Auge fassen. Denn aufter
Wachen und Schlafen gibt es ein Drittes, das fiir den Verkehr mit
der geistigen Welt wichtiger ist als das blofte Wachen und Schlafen,
namlich das Aufwachen und das Einschlafen. Dieses Aufwachen
und Einschlafen, es dauert immer nur einen Augenblick und gleich
kommt man in einen anderen Zustand. Aber wenn ein Mensch sich
Empfindsamkeit entwickelt fur diesen Moment des Aufwachens
und Einschlafens, dann geben gerade diese Augenblicke des Aufwa-
chens und Einschlafens die groftten Aufschliisse iiber die geistige
Welt.
Beim Aufwachen ist es ja so: Sie wissen, auf dem Lande drauften -
jetzt verschwinden diese Dinge auch auf dem Lande allmahlich -,
aber als wir alteren Leute jung waren, da haben die Leute auf dem
Lande gesagt: Wenn man aufwacht, dann soil man nicht gleich zum
beleuchteten Fenster schauen, sondern noch ein wenig im Dunkeln
zubringen. - Die Leute auf dem Lande wuftten vom Verkehre mit
der geistigen Welt. Sie wuftten noch davon, und sie wollten nicht
diesen Moment des Aufwachens so haben, daft sie nun gleich ins voi-
le Tageslicht kommen, sondern sie wollten gesammelt bleiben, um
etwas zu behalten von dem, was so kolossal durch die menschliche
Seele zieht im Augenblicke des Aufwachens. Das stort uns, daft wir
gleich ins voile Tagesleben hineinkommen. In der Stadt ist es ja
uberhaupt kaum zu machen; da stort uns nicht nur das voile Tages-
leben, wenn wir aufwachen, sondern schon der Larm der Strafte, das
Schellen der Trambahn und so weiter. Das ganze Kulturleben geht
darauf hinaus, dem Menschen womoglich den Verkehr mit der gei-
stigen Welt zu verleiden. Damit ist nichts gesagt gegen das auftere
materielle Kulturleben, aber die Tatsache muft man sich vor Augen
halten.
Bei dem Einschlafen ist es so, daft wieder im Moment des Ein-
schlafens in kolossaler Weise die geistige Welt an uns herantritt, aber
wir schlafen gleich ein, wir verlieren das Bewufttsein von dem, was
uns durch die Seele gezogen ist. In gewissen Fallen konnen aber Aus-
nahmen eintreten. Nun sind eben die Momente des Aufwachens
und des Einschlafens die bedeutsamsten fur den Verkehr mit den so-
genannten Toten, auch sonst mit den geistigen Wesen der hoheren
Welt. - Um das zu verstehen, was ich in bezug darauf zu sagen habe,
ist es allerdings notwendig, daft Sie eine Vorstellung sich aneignen,
die man hier auf den physischen Plan nicht recht anwenden kann
und daher eigentlich nicht hat. Es ist die Vorstellung: Was zeitlich
voriibergegangen ist, ist eigentlich geistig nicht voriibergegangen,
sondern ist noch da. Das ist eine Vorstellung, die man im physi-
schen Leben nur in bezug auf den Raum hat. Wenn Sie vor einem
Baume stehen und dann weggehen, spater zuriickschauen, so ver-
schwindet er nicht; er ist noch da. So ist es mit der Zeit in der geisti-
gen Welt. Wenn Sie jetzt etwas erleben, so ist es weg fur das physi-
sche Bewufttsein; geistig angesehen ist es nicht weg. Sie konnen dar-
auf zuriickschauen wie zum Baume. Es ist sehr merkwiirdig, daft
Richard Wagner, wie seine Worte zeigen: Zum Raum wird hier die
Zeit - von dieser Sache gewuftt hat. Das ist ein Geheimnis, daft ei-
gentlich im Geistigen es Entfernungen gibt, die hier auf dem physi-
schen Plan nicht zum Ausdruck kommen. Voriibersein eines Ereig-
nisses bedeutet nur: Es ist weiter von uns. Das bitte ich Sie fur den
Fall, den wir jetzt betrachten, besonders ins Auge zu fassen. Denn
fur den Erdenbewohner im physischen Leibe ist es so, daft im Mo-
ment des Aufwachens der Moment des Einschlafens vorbei ist;
wenn wir in der geistigen Welt sind, stehen wir, wenn wir aufwa-
chen, nur ein biftchen weiter weg vom Moment des Einschlafens.
Nun, das mufi man ins Auge fassen. Wir stehen einem Toten gegen-
iiber - wie gesagt, wir tun es fortwahrend, es bleibt nur gewohnlich
im Unterbewuftten -, wenn wir einschlafen; wenn wir aufwachen,
stehen wir einem Toten gegeniiber. Das sind fur das physische Be-
wufttsein zwei verschiedene Momente. Fur das geistige Bewufttsein
ist nur das eine etwas weiter weg von dem anderen als das unmittel-
bar Daranstoftende. Das bitte ich Sie bei dem, was ich jetzt erortern
werde, ins Auge zu fassen, sonst werden Sie es vielleicht nicht so
ohne weiteres durchdringen konnen.
Aufwachen und Einschlafen, sagte ich, sind fiir den Verkehr mit
den Toten ganz besonders wichtig. Es gibt gar nicht im Menschenle-
ben Augenblicke des Einschlafens und Aufwachens, ohne daft man
mit den Toten in Beziehung tritt. Nun ist der Moment des Einschla-
fens in bezug auf den Verkehr mit den Toten besonders giinstig da-
fur, daft wir uns an den Toten wenden. Wenn wir den Toten etwas
fragen wollen, und wir konnen die Frage in unserer Seele hegen und
sie erhalten bis zum Moment des Einschlafens, so daft wir unsere
Fragen, unsere Anrede, oder das, was wir mitteilen wollen, bis zum
Moment des Einschlafens halten: da ist das der giinstigste Moment,
da bringen wir unsere Fragen am besten an den Toten heran, da ist
dieses am leichtesten. Es ist sonst auch vorhanden, aber hier ist es
am leichtesten. Wenn wir also den Toten vorlesen, so kommen wir
schon an die Toten heran, aber ich meine: Unmittelbarer Verkehr
ist am giinstigsten mit Bezug auf das, was wir an den Toten richten,
wenn wir das, was wir zu sagen haben, im Momente des Einschla-
fens sagen. Dagegen fiir das, was der Tote uns mitzuteilen hat, ist der
Moment des Aufwachens das Giinstigste. Und wiederum ist es so,
daft es fiir niemanden so ist, daft er nicht vom Moment des Aufwa-
chens, wenn er es wissen konnte, zahlreiche Botschaften von Toten
hereinbringt. Wir reden eigentlich fortwahrend mit den Toten in
dem Unbewuftten unserer Seele. Beim Einschlafen stellen wir Fra-
gen an die Toten. Wir sagen ihnen das, was wir ihnen zu sagen ha-
ben in den Tiefen unserer Seele. Beim Aufwachen reden die Toten
mit uns. Da geben sie uns die Antworten. Nur miissen wir eben die-
se Vorstellung haben, daft das nur zwei verschiedene Punkte sind,
und daft im hoheren Sinne, was nacheinander ist, eigentlich gleich-
zeitig ist, wie zwei Orte im physischen Plan gleichzeitig sind. Nun
ist fiir den Verkehr mit den Toten das eine giinstiger, das andere
ungiinstiger.
Man kann sich schon die Frage vorhalten: Was begiinstigt unse-
ren Verkehr mit den Toten ? Nun, meine lieben Freunde, aus densel-
ben Motiven heraus, aus denen man zumeist mit den Lebenden re-
det, kann man mit den Toten nicht gut verkehren. Das horen sie
nicht, das vernehmen sie nicht. Also, wenn man aus derselben Stim-
mung heraus, wie man bei Five o'clock-Teas oder bei Kaffeegesell-
schaften miteinander redet, auch mit den Toten plaudern wollte, so
wiirde man das nicht konnen. Das, was moglich macht, daft wir Fra-
gen an die Toten stellen, daft wir den Toten etwas mitteilen, das ist
das Verbinden des Gefuhlslebens mit den Vorstellungen. Nehmen
Sie an, irgend jemand ist durch die Pforte des Todes gegangen. Sie
wollen, daft Ihr Unterbewufttes am Abend dem Toten etwas mit-
teilt. Sie brauchen es nicht im Bewufttsein mitzuteilen. Sie konnen
das am ganzen Tage vorbereiten. Wenn Sie um die zwolfte Stunde
mittags es vorbereiten und am Abend um zehn Uhr schlafen gehen,
es geht zum Toten hiniiber beim Einschlafen. Aber die Frage mufi
in einer bestimmten Weise gestellt sein; nicht bloft gedankenmaftig,
vorstellungsgemaft, sondern im Gefuhl und im Willen miissen Sie
die Fragen richten an den Toten. So miissen Sie sie richten, daft Sie
ein herzliches, ein seelisches Interesseverhaltnis zum Toten ent-
wickeln. Sie miissen sich erinnern, wo Sie sich besonders zu dem
Toten hier in Liebe gewendet haben, und in einer solch lieben Stim-
mung an den Toten sich wenden. Nicht also abstrakt, sondern mit
Anteil, mit Warme miissen Sie sich an den Toten wenden. Dann
kann sich das so in der Seele fortsetzen, daft es am Abend bis zum
Einschlafen, ohne daft Sie es wissen, zur Frage an den Toten wird.
Oder Sie versuchen, rege zu machen in Ihrer Seele, was das besonde-
re Interesse fur den Toten war. Oder namentlich gut ist das Folgen-
de: Sie denken dariiber nach, wie Sie mit dem Toten hier gelebt ha-
ben. Sie vergegenwartigen sich konkrete Momente, wo Sie mit ihm
zusammen gelebt haben, und fragen sich dann: Was hat mich von
dem Toten besonders interessiert ? Was hat mich gefangengenom-
men? Wo habe ich wirklich einen Eindruck gehabt, wo habe ich da-
mals gesagt: Es ist mir lieb, daft er es sagt, er hat mich gefordert, es
war mir wert; ich habe tiefes Interesse genommen an dem, was er ge-
sagt hat. - Wenn Sie sich solche Momente vergegenwartigen, wo Sie
stark verbunden waren mit dem Toten, wo Sie namentlich starkes
Interesse genommen haben, und wenn Sie das so wenden, als ob Sie
mit dem Toten reden wollten, als ob Sie ihm etwas sagen wollten -
wenn Sie das Gefuhl rein entwickeln, und aus dem Interesse, das Sie
genommen haben, diese Frage entwickeln, so bleibt diese Frage in
der Seek, und abends beim Einschlafen wandert die Frage oder die
Mitteilung hinuber an den Toten. Da kann dann das gewohnliche
Bewufitsein in der Regel nicht viel davon wissen, weil man hinter-
her einschlaft, aber es bleibt doch sehr haufig in den Traumen das
vorhanden, was da hiniibergegangen ist. Und weitaus die meisten
Traume, wenn sie auch inhaltlich nicht zutreffend sind, die meisten
Traume, die wir gerade von Toten haben, die deuten wir nur falsch.
Wir deuten sie wie Botschaften von Toten, aber sie sind nichts ande-
res als das Nachklingen der Fragen oder Mitteilungen, die wir zu
den Toten hin gerichtet haben. Wir sollen nicht glauben, die Toten
sagen uns etwas, wenn wir traumen, sondern wir sollen in den Trau-
men etwas sehen, was von unserer eigenen Seele weggeht, und was
also hin zu den Toten geht. Der Traum ist der Nachklang dessen.
Wiirden wir soweit entwickelt sein, daft wir unsere Frage oder Mit-
teilung an den Toten im Moment des Einschlafens wahrnehmen
konnten, dann wiirde es uns so erscheinen, als ob der Tote sprechen
wiirde. Daher erscheint uns auch der Nachklang im Traum, als ob es
eine Botschaft von ihm ware; es ist aber aus uns heraus. Man ver-
steht das nur, wenn man das hellseherische Verhaltnis zum Toten
versteht. Gerade wenn der Tote scheinbar zu uns spricht, ist es das,
was wir zu ihm sagen; das kann man nicht wissen, wenn man nicht
lernt zu vergleichen.
Also der Moment des Aufwachens ist so, daft der Tote besonders
gut an uns herankommt. Es kommt sehr viel an jeden Menschen
von Toten heran im Moment des Aufwachens. Nicht wahr, es ist
iiberhaupt vieles von dem, was wir im Leben unternehmen, eigent-
lich von den Toten oder auch von Wesenheiten der hoheren Hierar-
chien inspiriert; wir schreiben es nur uns zu als aus unserer eigenen
Seele herauskommend. Was die Toten sagen, kommt aus unserer
Seele heraus. Das Tagesleben kommt heran, der Moment des Auf-
wachens geht voriiber, und wir sind selten geneigt, die intimen Din-
ge, die aus unserer Seele aufsteigen, zu beobachten. Und wenn wir
sie beobachten, sind wir eitel genug dazu, alles, was aus unserer Seele
herauskommt, uns selbst zuzuschreiben. Aber in alledem lebt - viel
mehr, als was aus unserer Seele kommt - dasjenige, was unsere hin-
gegangenen Toten zu sagen haben. Denn das, was die Toten zu uns
sagen, steigt scheinbar aus unserer eigenen Seele herauf. Wiirden die
Menschen iiberhaupt wissen, wie das Leben wirklich ist, dann wtir-
de sich aus diesem Wissen ein ganz besonderes pietatvolles Empfin-
den entwickeln gegeniiber der geistigen Welt, in der wir fortwah-
rend sind und in der unsere Toten sind. Und wir wiirden wissen bei
vielem, was wir tun, daft eigentlich die Toten in uns wirken. Das
mufi sich in der Geisteswissenschaft nicht als aufterlich theoretisches
Wissen entwickeln, sondern als etwas, was als innerliches Leben die
Seele immer mehr durchziehen wird. Das mul? sich entwickeln, die-
ses Wissen, daft rings um uns herum wie die Luft, die wir atmen, ei-
ne geistige Welt ist, und daft die Toten um uns sind, daft wir nur
nicht geeignet sind, sie wahrzunehmen. Diese Toten sprechen zu
unserem Inneren, aber unser Inneres, das deuten wir unrichtig aus.
Wiirden wir es richtig deuten, so wiirden wir gerade durch die
Wahrnehmung unseres Inneren uns verbunden wissen mit den
Seelen, die die sogenannten Toten sind.
Nun ist ein grofter Unterschied zwischen den Toten, je nachdem
eine Seele durch die Pforte des Todes verhaltnismaftig friih geht oder
in spateren Jahren. Ob junge Kinder dahinsterben, die uns gerne ge-
habt haben, oder ob uns als jiingeren Leuten altere dahinsterben, ist
ein grofter Unterschied. Wenn man nach den Erfahrungen mit der
geistigen Welt diesen Unterschied charakterisieren will, so konnte
man es etwa in der folgenden Weise tun. Wenn junge Kinder dahin-
sterben, so ist das Geheimnis des Zusammenseins mit den Kindern,
die gestorben sind, dadurch auszusprechen, daft man sagt: Geistig
betrachtet verliert man eigentlich diese Kinder nicht. Sie bleiben gei-
stig da. Kinder, die friih im Leben sterben, sind eigentlich wirklich
in hohem Grade immer geistig unmittelbar da. - Wir werden gleich
naher auf die Sache noch eingehen. Ich mochte als Meditationssatz
vor Ihre Seelen hinstellen, den man weiter durchdenken kann, daft
Kinder, wenn sie uns hinsterben, fur uns nicht verloren sind; wir
verlieren sie nicht, sie bleiben geistig immer da. Und bei alteren Leu-
ten, die hinsterben, kann man das Umgekehrte sagen. Da kann man
sagen: Sie verlieren uns nicht. Kinder verlieren wir nicht und altere
Leute verlieren uns nicht. Altere Leute, wenn sie hinsterben, haben
namlich eine grofte Anziehungskraft zu der geistigen Welt, aber sie
haben dadurch auch die Macht, so hineinzuwirken in die physische
Welt, daft sie an uns leichter herankommen. Sie entfernen sich zwar
viel mehr als die Kinder, die bei uns bleiben, von der physischen
Welt, aber sie sind mit hoheren Wahrnehmungsfahigkeiten ausge-
stattet als die Leute, die junger sterben. Sie behalten uns. Wenn man
mit verschiedenen Seelen in der geistigen Welt bekannt wird, ob
sie jung oder alt gestorben sind: die alter Gestorbenen, die leben
dadurch, daft sie die Kraft haben, in Erdenseelen leichter einzudrin-
gen, die verlieren die Erdenseelen nicht; und die Kinder, die verlie-
ren wir nicht, die bleiben mehr oder weniger in der Sphare des
Erdenmenschen.
Das kann man auch noch an etwas anderem charakterisieren.
Sehen Sie, auch fur das, was der Mensch so mit seiner Seele auf dem
gewohnlichen physischen Plane erlebt, hat er ja nicht eigentlich
immer die ganz tiefen Empfindungen. Wenn uns Menschen hin-
sterben, so haben wir Trauer; Schmerz empfinden wir dariiber. Ich
habe oftmals gesagt, gerade wenn uns selber gute Freunde aus der
Gesellschaft gestorben sind: Anthroposophisch orientierte Geistes-
wissenschaft hat nicht die Aufgabe, in schaler Weise die Leute iiber
den Schmerz zu trosten, ihnen den Schmerz auszureden. Schmerz
ist berechtigt, man soil stark werden, ihn zu tragen, aber man soli
ihn sich nicht ausreden lassen. Aber man unterscheidet mit Bezug
auf den Schmerz nicht danach, ob man diesen Schmerz iiber den
Hingang jung Verstorbener oder den Hingang alterer Menschen hat.
Und dennoch, geistig angesehen ist da ein grofter, grofter Unter-
schied. Man kann sagen: Derjenige, der hier als Hinterbliebener ist,
hat mit Bezug auf Kinder, die ihm hinweggestorben sind, seien es
seine eigenen oder solche, die er sonst geliebt hat, er hat, wenn ich es
technisch sozusagen ausdriicken darf, einen gewissen Mitgefuhls-
schmerz. - Kinder bleiben eigentlich bei uns, und dadurch, daft wir
mit ihnen verbunden waren, bleiben sie uns so nahe, iibertragen sie
ihren Schmerz auf unsere Seelen, und wir fiihlen ihren Schmerz, daft
sie noch gerne da waren. Dadurch wird ihnen der Schmerz leichter,
daft wir ihn mittragen. Eigentlich fiihlt das Kind in uns. Es ist gut,
wenn es mit uns fiihlen kann, dadurch wird ihm sein Schmerz er-
leichtert. Dagegen kann man den Schmerz, den wir empfinden,
wenn altere Menschen dahinsterben, seien es die Eltern oder auch
Freunde, einen egoistischen Schmerz nennen. Der alter Gestorbene,
der verliert uns nicht, er hat daher auch nicht das Gefiihl, das der
jung Verstorbene hat. Er behalt uns, er verliert uns nicht. Wir hier
im Leibe, wir haben das Gefiihl, daft wir ihn verloren haben; daher
geht der Schmerz nur uns an. Es ist ein egoistischer Schmerz. Wir
fiihlen nicht sein Gefiihl wie bei den Kindern, sondern fiihlen den
Schmerz fur uns.
Man kann wirklich diese zwei Arten des Schmerzes sehr genau
unterscheiden : Egoistischer Schmerz alteren Leuten gegeniiber, Mit-
gefiihlsschmerz fiir jungere Leute. Das Kind lebt in uns weiter, und
wir fiihlen eigentlich, was das Kind fuhlt. So richtig mit unserer
eigenen Seele traurig sind wir nur den alteren Dahingestorbenen
gegeniiber. Dies ist nicht bedeutungslos.
Nun, gerade an solch einer Sache kann man so recht sehen, daft
das Wissen von der geistigen Welt doch eine grofte Bedeutung hat.
Denn sehen Sie: Nach diesem kann sich in gewissem Sinne der To-
tenkultus schon einrichten. Dem Kinde gegeniiber, das uns hinge-
storben ist, wird das ganz Individuelle im Totenkultus nicht ganz
angebracht sein, sondern dem Kinde gegeniiber, weil das ja ohnedies
in uns weiterlebt und bei uns bleibt, ist es gut, wenn man das An-
denken so belebt, daft es mehr ins Allgemeine geht, daft man dem
mit uns lebenden Kinde etwas Allgemeines gibt. Daher ist zum Bei-
spiel bei dem Totenkultus fiir Kinder das Zeremoniell bei der Lei-
chenfeier vorzuziehen gegeniiber einer besonderen Leichenrede. Ich
mochte sagen, auf die beiden Konfessionen, katholische und prote-
stantische, verteilt sich da je nachdem das Bessere. Der Katholizis-
mus hat nicht die eigentliche Leichenrede, sondern ein Trauerzere-
moniell, einen Ritus. Das ist etwas Allgemeines, das ist fiir alle
gleich. Dasjenige nun, was fiir alle gleich sein kann, ist besonders fiir
Kinder gut; wenn wir das Andenken iiberhaupt so einrichten kon-
nen, daft es fiir alle gleich sein kann. Fur den alter Gestorbenen ist
das Individuelle bedeutsamer. Bei den alter Gestorbenen wird das
beste Trauerzeremoniell das sein, wenn wir geradezu sein Leben be-
trachten. Das Protestantische, die besondere Leichenrede, die sich
auf das Leben des Toten bezieht, wird grofte Bedeutung haben fiir
den Hingestorbenen; da wiirde der katholische Ritus weniger Be-
deutung haben. Aber auch sonst im Andenken an den Toten: Fiir
das Kind ist es am besten, man versetzt sich in eine Stimmung, wo
man verbunden ist mit dem Kinde; dann versucht man Gedanken an
das Kind zu richten, die dann zu ihm hinziehen werden beim Ein-
schlafen. Diese Gedanken konnen mehr allgemein gehalten sein, al-
so zum Beispiel Dinge, die mehr oder weniger an alle Toten gerich-
tet werden konnen. Bei Alteren, da ist es schon notwendig, daft man
im Andenken an diesen speziellen Menschen sich richtet, daft man
also individuell an diesen speziellen Menschen sich richtet und nach-
denkt iiber dasjenige, was ihm nahegelegen hat, was man mit ihm
gemeinschaftlich durchlebt hat. Namentlich ist es von grower Be-
deutung bei einem alteren Menschen, um mit ihm in den richtigen
Verkehr zu kommen, sich sein Wesen zu vergegenwartigen, sein
Wesen in einem selbst lebendig zu machen. Also nicht bloft, daft
man sich erinnert an das, was er einem gesagt hat und wofiir man be-
sonderes Gefiihl hatte, sondern was er als Individuality war, was er
wert war fiir die Welt: das in sich rege zu machen, das wird einen be-
fahigen, zu einem alteren Verstorbenen in Beziehung zu kommen
und das richtige Andenken zu haben. Sie sehen also: Fiir die Pietat,
die wir entwickeln, hat es Bedeutung, zu wissen, wie man sich
verhalten muft zu jiingeren und alteren Verstorbenen.
Bedenken Sie, wie sehr es fiir die Gegenwart immerhin in Be-
tracht kommt, wo so viele Leute in jiingeren Jahren sterben, sich sa-
gen zu konnen: Sie sind eigentlich in einem hohen Grade immer da,
sie sind nicht verloren fiir die Welt. - Ich habe das zu Ihnen auch
hier schon von anderen Gesichtspunkten aus gesagt, aber man muft
im Geistigen die Dinge von verschiedenen Gesichtspunkten aus be-
trachten. Und bringt man es zuwege, Bewufttsein zu haben von der
geistigen Welt, dann wird aus dieser unendlichen Traurigkeit der
Gegenwart wohl das eine in geistiger Beziehung sich entwickeln
konnen, daft, weil die Toten dageblieben sind, sofern es junge Leute
sind, durch diese Gemeinschaft mit den Toten ein reges geistiges Le-
ben entstehen kann. Das wird entstehen, wenn der Materialismus
nicht so stark seine Kraft entfalten kann, daft Ahriman die Fange
ausstrecken und iiber alle Menschenkraft siegen kann.
Das, was ich Ihnen heute gesagt habe, ist eben von der Art, daft
gewift mancher hier sich sagen kann auf dem physischen Plan: Ja, es
liegt mir fern; ich mochte lieber etwas haben, was man morgens und
abends machen kann, um in das richtige Verhaltnis zur geistigen
Welt zu kommen. - Man denkt dann aber nicht ganz richtig. Der
geistigen Welt gegeniiber kommt es wirkhch darauf an, daft man
iiberhaupt iiber sie Gedanken entwickelt. Und wenn einem auch
scheinbar die Toten fern stehen und einem das eigene Leben nahe
liegt: daft wir gerade solche Gedanken, wie sie heute entwickelt
worden sind, durch unsere Seelen ziehen lassen, daft wir etwas, was
dem unmittelbaren aufteren Leben scheinbar fremd gegeniibersteht,
durchdenken, das ist etwas, was unsere Seelen hoher bringt, was un-
seren Seelen geistige Kraft und geistige Nahrung gibt. Denn nicht
das, was einem scheinbar naheliegt, bringt einen in die geistige Welt
hinein, sondern das, was aus der geistigen Welt zuerst heraus-
kommt. Daher scheuen Sie es nicht, solche Gedanken gerade immer
durchzudenken, diese Gedanken in der Seele ofter leben zu lassen.
Denn es gibt nichts Wichtigeres fur das Leben, auch sogar fur das
materielle Leben, als durchgreifende Uberzeugungen von dem Zu-
sammensein mit dem Geistigen haben zu konnen. Hatten die Men-
schen der neueren Zeit den Zusammenhang mit dem Geistigen nicht
so sehr verloren, so waren diese schwierigen Zeiten in der Gegen-
wart nicht gekommen. Diesen tieferen Zusammenhang sehen nur
die wenigsten Menschen heute ein; in der Zukunft wird er schon
eingesehen werden. Heute glaubt man: Wenn der Mensch durch die
Pforte des Todes gegangen ist, hort seine Tatigkeit in bezug auf die
physische Welt auf. Nein, sie hort nicht auf. Ein fortwahrender re-
ger Verkehr findet statt zwischen den sogenannten Toten und den
sogenannten Lebenden. Und wir konnen sagen: Diejenigen, die
durch die Pforte des Todes gegangen sind, sie haben nicht aufgehort,
da zu sein, nur unsere Augen haben aufgehort, sie zu sehen; sie aber
sind da. Unsere Gedanken, unsere Gefuhle, unsere Willensimpulse,
sie stehen mit ihnen in Verbindung. Denn gerade auch fur die Toten
gilt das Evangelienwort : «Suchet sie nicht in aufteren Gebarden, das
Reich des Geistes ist mitten unter euch.»
So soli man auch nicht die Toten suchen durch irgendwelche Au-
fterlichkeiten, sondern man soli nur sich recht bewuftt werden, daft
sie fortwahrend da sind. Alles geschichtliche, alles soziale, alles ethi-
sche Leben geht durch das Zusammenwirken der sogenannten Le-
benden mit den sogenannten Toten vor sich, und der Mensch kann
eine besondere Starkung seines ganzen Wesens dadurch erleben, daft
er sich immer mehr und mehr durchdringt nicht nur mit dem Be-
wufttsein, das ihm kommt, wenn er einen sicheren Stand hier in der
physischen Welt hat, sondern auch sich durchdringt mit dem Be-
wufttsein, das ihm kommt, wenn er sich aus rechtem innerem Sinne
heraus gegenuber den lieben Dahingegangenen zu sagen vermag:
Die Toten, sie sind mitten unter uns. - Denn dieses gehort auch zu
einem rechten Wissen, zu einer rechten Erkenntnis von der geisti-
gen Welt, die sich aus verschiedenen Stiicken zusammensetzt. Man
kann sagen: von der geistigen Welt wissen wir im rechten Sinne,
wenn die Art, wie wir denken, wie wir sprechen iiber diese geistige
Welt, aus dieser geistigen Welt selbst heraus ist.
Der Satz: Die Toten sind mitten unter uns - er ist selbst eine Be-
kraftigung der geistigen Welt, und nur die geistige Welt kann uns
ein wahres Bewufttsein davon hervorrufen, daft die Toten mitten
unter uns sind.
MENSCH UND WELT
Heidenheim, 29. April 1918
Heute wollen wir einiges von dem betrachten, was ich nennen
mochte das Verhaltnis, das sich herausbilden kann zwischen der ein-
zelnen menschlichen Seele und dem, was wir unter anthroposo-
phisch orientierter Geisteswissenschaft meinen. Man betrachtet heu-
te da, wo man von dieser Geisteswissenschaft hort, vielfach noch
nicht genugend durchgreifend, wie anders dieses Verhaltnis der
Menschenseele zur Geisteswissenschaft sein soil als das Verhaltnis ir-
gendeines anderen Wissens, irgendeiner anderen Erkenntnis zu die-
ser Menschenseele. Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, ist
allerdings so geartet, daft sie zu ganz anderem in der Menschenseele
spricht als irgendein anderes Wissen. Durch irgendein anderes Wis-
sen lernt man dieses oder jenes kennen; man erfahrt etwas iiber das
eine oder iiber das andere in der Welt; man weift dann mehr, als man
vorher gewuftt hat. In einer solchen Art steht Geisteswissenschaft
nicht zur menschlichen Seele, daft sie nur ubermitteln wiirde etwas,
was man nachher weift. Geisteswissenschaft appelliert an viel tiefere
Impulse der menschlichen Seele, als an das blofte Wissen, als an das
blofte Denken. Geisteswissenschaft ergreift, oder will wenigstens
das tiefste Wesen in uns ergreifen, das, aus geistigen Welten kom-
mend, in unser menschliches Erdenwesen mit der Geburt einzieht
und das dieses menschliche Erdenwesen dann im Tode verlaftt, um
in die geistigen Welten zu anderen Aufgaben hiniiberzuwandern.
Geisteswissenschaft wird man nur dann in ihrer vollen Bedeutung
fur die Menschenseele erfassen konnen, wenn man dieses ihr wirkli-
ches Verhaltnis zur aufteren Welt und zum menschlichen Leben
auch ganz gefiihlsmaftig ins Auge faftt,
Man betrachtet den Menschen durchaus nicht vollstandig, wenn
man sich nicht klarmacht: Das, was in mir als Mensch lebt, was in
mir als Mensch sich dadurch ausbildet, daft ich einen physischen
Leib angenommen habe durch die Geburt, was mich im Laufe mei-
nes Lebens begleitet, indem ich zuerst als Kind unerfahren, unge-
schickt bin, dann immer erfahrener, immer geschickter werde, das,
was sich als Schicksal in mir abspielt, alles das, was in meinem Leibe
und in meinem Leben vorhanden ist, es ist eigentlich die Umwand-
lung eines geistig-seelischen Wesens, welches im Geistig-Seelischen
gelebt hat, bevor der Mensch empfangen oder geboren worden ist.
Und an dieses Geistig-Seelische, welches im Leibe wohnt, wendet
sich eigentlich das, was als Geisteswissenschaft gemeint ist.
Nun konnte man vielleicht glauben, es sei nicht notig, dafi der
Mensch sich beschaftigt mit diesem seinem geistig-seelischen Wesen,
weil ja dieses geistig-seelische Wesen schon in der Welt seinen Weg
finden werde. Aber das ist nicht der Fall. Das, was in uns geistig-
seelisch ist, das ergreift uns und steckt in uns, das hulk sich gewisser-
mafien zum Teil in unseren Leib, zum Teil in unsere Fahigkeiten,
zum Teil in unser Schicksal ein. Und man konnte sagen: Gerade in
dem gegenwartigen Entwickelungszyklus der Menschheit, in dem
die Menschheit jetzt angekommen ist und in deren Sinn sie sich im-
mer weiter gegen die Zukunft hin entwickeln wird, gerade im Sinne
dieser Gegenwart und der Zukunft liegt es, dafi der Mensch das, was
sich so in ihn einlebt als geistiges Prinzip seines Leibes, als geistiges
Prinzip seines Lebenslaufes und seiner Fahigkeiten, als geistiges
Prinzip seines Schicksals, gewissermafien erlost. Dem Geiste ent-
kommen wir nicht. Der Geist lebt einmal in uns. Wir konnen ihn
unberiicksichtigt lassen, dann lebt er trotzdem in uns. Wir konnen
den faulsten, den bequemsten, den lassigsten Menschen ansehen, der
niemals in seinem Leben sich Miihe gegeben hat, irgend etwas, was
als religiose oder geistige Anlagen in seinem Gemiite liegt, zur selb-
standigen Ausbildung zu bringen, der gewissermafien ganz stumpf
geblieben ist, wir konnen ihn ansehen: geistlos ist er nicht. Als geist-
los von den Menschen zu sprechen, ist nur ein unrichtiges Wort. Es
gibt keine geistlosen Menschen; es gibt auch nicht die Moglichkeit,
im Leben geistlos zu sein. Denn das Geistige und das Seelische ist
unsere Mitgabe, indem wir aus den geistigen Welten in die physische
Welt eintreten; es ist uns zugeteilt nach Maftgabe desjenigen, was
wir durchgemacht haben, bevor wir zu diesem jetzigen Erdenleben
heruntergestiegen sind. Wir konnen nicht geistlos sein, aber wir
konnen den Geist in uns unberucksichtigt lassen. Wir konnen uns
gewissermaften gegen ihn versiindigen, wir konnen ihn nicht erlo-
sen wollen. Wir konnen wollen, dafi er nur in uns hineinschliipft, in
uns sich verhiillt: dann ist er in uns vorhanden, aber wir haben ihn
nicht in uns befreit, wir haben ihn nicht erlost.
Auch so miissen wir lernen, allmahlich auf das Leben der Men-
schen hinzuschauen. Und unsere Lebensauffassung wird eine ganz
andere werden, und sie mufi im Laufe der Zeit eine ganz andere wer-
den. Wir konnen im Leben Menschen finden, die stumpf, gemutlos
geworden sind. Wir werden nicht sagen, sie seien geistlos, aber wir
werden sagen: Sie haben die Sunde begangen, den Geist zu begraben
wahrend ihres Lebens, den Geist in seiner Verzauberung zu lassen,
den Geist ins Fleisch, in den blofi aufteren Lebensgang hineinschliip-
fen zu lassen, den Geist im Schicksal verkommen zu lassen. Wenn
wir geboren werden, konnen wir nur dadurch Menschen werden,
dafi die geistig-seelische Individuality heruntersteigt aus geistig-
seelischen Welten. Und indem das Kind in seiner ersten Organisa-
tion auftritt, ist es ein noch unvollkommenes Bild der geistigen Indi-
vidualist. Die liegt in ihm. Die kann man unberucksichtigt lassen,
oder man kann sie entzaubern, oder nach und nach aus dem Fleisch
herausholen, aus dem Lebensgang herausholen, aus dem Schicksal
herausholen. Das aber ist des Menschen Aufgabe und wird in der
Zukunft immer mehr und mehr des Menschen Aufgabe werden, daft
er den Geist nicht verkommen lafk. Ertoten konnen wir den Geist
nicht, aber verkommen lassen konnen wir den Geist, indem wir ihn
zwingen, einen anderen Weg zu gehen als den, den er geht, wenn
wir ihn herausholen.
Wenn wir von einem Tage an uns bemiihen, etwas iiber die geisti-
gen Welten zu erfahren, etwas iiber die geistigen Welten zu empfin-
den: wir holen es eigentlich aus uns selbst. Das andere ist nur eine
Anregung. Wir holen es aus uns selbst. Was Sie sich jemals iiber Gei-
steswissenschaft gesagt haben, Sie haben es aus sich selbst geholt,
denn es steckt in Ihrem tiefsten Inneren drinnen, und es will heraus.
Und es ist dazu bestimmt, herauszukommen, und es ist eine Versiin-
digung gegen die Weltenordnung, den Geist im bloften Fleische
drinnen zu lassen, denn da geht er Irrwege; da iiberlassen wir ihn ei-
nem Schicksal, das er nicht einschlagen soli. Wir befreien den Geist,
indem wir ihn herausholen aus dem Fleische. Und indem wir uns
bewuftt durchdringen mit dem Geiste, erlosen wir dasjenige, was
erlost sein will, aus dem Untergrund des Daseins heraus. Das wird
man immer mehr und mehr einsehen. Man wird immer mehr einse-
hen, wie der Materialismus nicht darin besteht, daft er einfach eine
[andere] Theorie nicht heraufkommen laftt, oder daft er eine falsche
Theorie heraufkommen laftt, sondern wie der Materialismus darin
besteht, daft er dasjenige, was ins Wissen, in die Empfindung der
Menschenseele einziehen will, herunterstromen laftt in die grobe
Materie und in der groben Materie wuchern laftt. Das ist dasjenige,
woriiber sich die Menschheit in der nachsten Zukunft zu entschei-
den hat: ob sie den Geist in der Materie wird wuchern lassen wollen-
dadurch wird der Geist zur Miftbildung, dadurch kommt er in dia-
bolischen, in teuflischen, in ahrimanischen Wahn hinein -, oder ob
die Menschheit den Geist wird verwandeln wollen in Gedanken, in
Gefuhle, in Willensimpulse: dann wird der Geist unter den Men-
schen leben und das erreichen, was er erreichen will, indem er durch
die Menschen in das Leben der Erde einziehen will. Denn der Geist
will das ja: durch die Menschen in das Leben der Erde einziehen.
Wir sollen ihn nicht zuriickhalten. Und jedesmal, wenn wir uns
wehren gegen das Kennenlernen des Geistes, halten wir ihn zuruck:
er muft gewissermaften hinuntertauchen in die Materie, muft die
Materie schlechter machen als sie ist. Denn der Geist hat seine zuge-
teilte Aufgabe: er soil durch die menschheitliche seelische Entwicke-
lung ins Erdenleben eintreten; da wirkt er dann segensreich. Wird
er in die Materie zuriickgestoften, dann wirkt er in der Materie ver-
heerend, dann wirkt er schlimm.
Nehmen Sie das als das Wesen geisteswissenschaftlicher Erkennt-
nis, dann werden Sie sehen, daft dies mit unserem Menschenleben
viel zu tun hat. Geisteswissenschaft will nicht eine Theorie sein wie
andere Theorien, sondern sie will gerade dem Menschen die Moglich-
keit geben, den Geist, der in der Menschennatur verzaubert ist, zu
erlosen, zu befreien, das in der Welt zu wirken, was gewirkt werden
will von den geistigen Welten aus. Das ist allerdings auch der
Grund, warum viele Menschen Geisteswissenschaft heute noch sehr
energisch zuriickweisen. Andere Wissenschaft nehmen die Leute
gerne an, denn diese andere Wissenschaft schmeichelt dem Stolz, der
Eitelkeit der Menschen, aber sie macht nicht den Anspruch an die
Menschen, etwas Reales zu sein, sondern sie macht bloft den An-
spruch, Gedanken zu geben, den Verstand auszubilden, vielleicht
auch einige niitzliche Moralbegriffe den Menschen beizubringen; sie
macht nicht den Anspruch, an des Menschen Kern heranzukom-
men, selbst geholt zu sein aus Welten, in denen dem Geiste eine Auf-
gabe zuerteilt ist. Ich mochte sagen: Durch die Geisteswissenschaft
wird es erst ernst mit dem menschlichen Wissen, und davor scheuen
die Menschen zuriick. Sie mochten auch die Geisteswissenschaft nur
als etwas haben, was so oben platschert an der Oberflache des Da-
seins. Daft es an des Menschen Kern und Wesenheit herangeht, da-
vor furchten sich die Menschen. Deshalb wollen sie die Geisteswis-
senschaft nicht annehmen. Wiirden sie die Geisteswissenschaft an-
nehmen, dann wiirde es mit manchem im sozialen Leben, im ge-
schichtlichen Leben in der allernachsten Zukunft anders werden
miissen, dann wiirden die Menschen im alleralltaglichsten Leben an-
ders denken miissen. Und darauf kommt es an. Daher ist es auch so,
daft man die andere Wissenschaft aufnehmen kann, aber man bleibt
derselbe das ganze Leben hindurch, man wird nur reicher an Wis-
sen. Geisteswissenschaft soil man nicht aufnehmen, ohne daft sie ei-
nen umwandelt, und man kann sie nicht aufnehmen, ohne dafi sie
einen umwandelt. Sie macht einen langsam und allmahlich zu einem
anderen Menschen. Man mufi Geduld haben, aber sie macht einen
zu einem anderen Menschen, denn sie appelliert an ganz andere
Menschheitsaufgaben, und sie appelliert an ganz anderes in der
menschlichen Natur.
Sehen wir uns doch einmal diese Menschennatur an, sehen wir,
wie mannigfaltig dieses menschliche Leben ist. In drei Stromungen
lebt sich der Mensch dar: als vorstellender Mensch, als fiihlender
Mensch und als wollender Mensch. Im Vorstellen, Fiihlen und Wol-
len erschopft sich eigentlich dasjenige, was wir darleben konnen.
Nun, alle drei Impulse der menschlichen Seele, Vorstellen, Fiihlen
und Wollen, stehen in einem ganz bestimmten Verhaknis zu dem,
was eigentlich Geisteswissenschaft in der menschlichen Seele, in
dem Kern der menschlichen Seele angreifen will.
Nehmen wir zuerst das Vorstellen. Das Vorstellen wird ja gewifi
durch die gewohnliche Wissenschaft und durch dasjenige, was heute
von dieser gewohnlichen Wissenschaft immer mehr in die Kinderer-
ziehung hineingeht und daher fur die ganze Entwickelung des
Menschheitsgeschickes, auch fur das praktische Leben so bedeu-
tungsvoll ist, weil es das Kind durchdringen soil, das Vorstellen wird
durch die gewohnliche Wissenschaft [nicht] bildsam. Es ist noch
nicht lange her, ein paar Jahrhunderte, daft das in eminentester Art
so ist, daher bemerken es heute die Menschen nicht. Aber es wird
nicht lange dauern, dann wird das, was ich jetzt sage, in geradezu
umfassender Weise bemerkt werden konnen. Man kann naturwis-
senschaftliche Begriffe, wie sie heute gerade den jiingsten Menschen,
den Kindern beigebracht werden, sein ganzes Leben lang aufneh-
men, ohne dafi man durch dieses Aufnehmen so vieler Begriffe im
Sinne der heutigen Wissenschaft anders zu werden braucht in bezug
auf sein Vorstellen. Man bleibt derselbe. Ja man bleibt nicht nur der-
selbe, sondern es ist gar nicht zu leugnen, daft man durch die ge-
wohnlichen wissenschaftlichen Begriffe, die immer mehr und mehr
in die allgemeine Bildung ubergehen, sogar in intellektueller Bezie-
hung immer beschrankter wird. Der Geist, insofern er ein denken-
der ist, verliert die Beweglichkeit, sich hineinzufinden in die Lebens-
verhaltnisse, die viel komplizierter sind als das, was der Mensch
durch das gewohnliche Wissen aufnehmen kann.
Sehen Sie, es geht einem tief ins Herz, wenn man einige Moglich-
keiten hat, heute in das Leben hineinzusehen. Wer ganz an die Be-
griffe gewohnt worden ist, welche die Naturwissenschaften heute
geben konnen, der wird immer unfahiger und unfahiger, die lebens-
vollen sozialen Zusammenhange und sozialen Anforderungen zu be-
greifen. Er wird geradezu abgedrangt von dem wirklichen Leben.
Und ich habe daher in diesen Tagen auch hier und sonst an verschie-
denen Orten gesagt : Machen Sie Parlamente und Staatsvertretungen
aus lauter Leuten, die gelehrt sind im Sinne der heutigen Weltan-
schauung. Sie werden sehen, was diese Gelehrten beschliefien, die
naturwissenschaftlich denken! Das ist ganz sicher geeignet, die Men-
schen in Grund und Boden hinein zu verderben in bezug auf soziale
Einrichtungen, denn auf diesem Gebiete des sozialen Lebens kann
von naturwissenschaftlichen Begriffen aus nur unfruchtbar gedacht
werden. - So ist es in vieler, vieler Beziehung. Man verliert eine ge-
wisse Beweglichkeit des Geistes durch dieses blofi intellektuelle Wis-
sen. Das wird anders, sobald man sich auf die Begriffe der Geistes-
wissenschaft einlafk. Versuchen Sie sich dies einmal klarzumachen,
wie anders Sie Ihren Geist stimmen mussen, wenn Sie das begreifen
wollen, was in der Geisteswissenschaft geboten wird, und wenn Sie
begreifen wollen das, was in der aufieren Welt heute an Bildung ge-
boten wird. Gewift, Geisteswissenschaft findet soviel Widerstande,
weil es mehr Beweglichkeit, mehr Fliissigkeit des Geistes erfordert,
sich in sie hineinzufinden. In dem, was heute die popular gebildete
Literatur gibt - oder gar ihre Ableger, die durch die Kanale in die
Journalistik einfliefien, wo dann die Leute so in ihren Sonntagsblatt-
chen die Bildung aufnehmen -, in dem konnen sich die Menschen
aufierordentlich leicht bewegen. Und wenn sie gar in die heutigen
Vortrage gehen, wo den Leuten in Augen und Mund hineinge-
schmiert wird dasjenige, was man ihnen noch - damit sie gar nicht
zu denken brauchen - in alien moglichen Lichtbildern vorfuhrt, so
dafi sie selber nicht zu denken brauchen, nicht den Geist in Bewe-
gung zu setzen brauchen, so finden Sie in alledem nichts, was den
Geist als denkenden, als vorstellenden frei macht. Die Unbefangen-
heit geht ihm verloren. Engherzig wird der Geist und beschrankt.
Unsere intellektuelle Bildung ist der Weg zur geistigen Beschrankt-
heit. Gewift, unsere intellektuelle Bildung hat grofiartige Fortschrit-
te gemacht auf naturwissenschaftlich-technischen Gebieten, aber sie
ist der Weg zur Beschranktheit, sie engt das Denken, das Vorstellen
ein. Und man mufi an etwas ganz anderes im Vorstellen appellieren,
wenn man Geisteswissenschaft verstehen will. Wenn die Leute da-
her heute an Geisteswissenschaft herankommen, so furchten sie
schon den ersten Schritt! Wenn sie nur ein paar Seiten gelesen ha-
ben, sagen manche: Da verliere ich mich ja, da komme ich nicht
weiter, das geht in die Phantastik hinein! - Das geht gar nicht in die
Phantastik hinein, sondern der Betreffende hat nur die Moglichkeit
verloren, seine Gedanken wirklich frei zu bekommen, mit seinen
Gedanken in die Wirklichkeit einzutauchen, wenn sie nicht die
auftere Sinnenwelt am Gangelbande fiihrt.
Das ist das eine, daft Geisteswissenschaft an diejenige Kraft in der
Menschennatur appelliert, die uns die Beschranktheit nimmt, die
unser Denken, unser Vorstellungsleben in die Fahigkeit versetzt,
nicht nur wenig, sondern vieles zu begreifen. Es ist wirklich sehr
ernst gemeint gewesen, wenn ich in diesen Tagen im offentlichen
Vortrag in Stuttgart gesagt habe: Dem Geistesforscher ist es einerlei,
ob einer Materialist oder Spiritualist ist; darauf kommt es nicht an,
das ist nebensachlich. Worauf es ankommt, das ist, geniigend Gei-
steskraft zu entwickeln, um richtig vorwartszuschreiten. Wer diese
Kraft hat, diese Geisteskraft, der mag Materialist sein, er findet in
der Materie und ihren Vorgangen den Geist, wenn er nur konse-
quent ist. Und derjenige, der Spiritualist ist, bleibt auch nicht dabei
stehen, zu sagen: Geist und Geist und Geist . . .! sondern er taucht
unter in das materielle Leben, in das praktische Leben auch, er laftt
sein Denken bis in die Handgriffe fruchtbar werden. Vielseitigkeit,
wie es das heutige Leben verlangt - und das Leben der Zukunft wird
es noch mehr tun -, Vielseitigkeit ist dasjenige, was zunachst aus der
Geisteswissenschaft den Menschen wird. Und das braucht die
Menschheit, die der Zukunft entgegenwirkt. Wer das Leben heute
kennt und sich die katastrophalen Ereignisse, die um uns herum
sind, anschaut, der weift, daft zu den tieferen Ursachen der heutigen
Katastrophe das gehort, daft die Menschen einseitig geworden sind,
trotz aller hohen wissenschaftlichen Bildung, daft ihnen die Mog-
lichkeit fehlt, vielseitig in die Dinge einzudringen. Es fehlt ihnen die
Beweglichkeit des Geistes, um unterzutauchen in die Wirklichkeit.
Vielseitigkeit, das ist dasjenige, was durch Geisteswissenschaft ge-
wonnen wird fur das Vorstellen.
Auch fur das Fiihlen wird etwas gewonnen durch die Geisteswis-
senschaft. Denn derjenige, der so denken will, wie Geisteswissen-
schaft es notwendig macht, der sich an diese viel beweglichere Welt
gewohnen mufi, der macht etwas, was sonst nur [verborgen] im
Menschen lebt, frei, so daft es aus dem Menschen heraus sich entfal-
tet. In unserem Fiihlen, wie wir es mitgebracht haben in unsere Ge-
burt, lebt der Weltenrhythmus. Mehr als man glaubt, lebt der ganze
Weltenrhythmus in uns. Das laftt sich sogar zahlenmaftig nachwei-
sen, nur wissen die wenigsten Menschen etwas von diesen Geheim-
nissen des Daseins. Scheuen Sie es nicht, mit mir diese Betrachtun-
gen anzustellen, wie der ganze Weltenrhythmus lebt in unserem ei-
genen Organismus, in dem, was in uns vorgeht. Sie wissen: Der Son-
nenaufgang riickt jedes Jahr ein Stuckchen weiter. Wenn wir zu-
riickgehen in alte Zeiten, war der sogenannte Friihlingspunkt der
Sonne im Stier; dann kam er in den Widder, aber in dem Widder je-
des Jahr weitemickend; jetzt ist er in den Fischen. Die Sonne geht
nicht jedes Jahr am 21. Marz an demselben Punkte auf; dadurch
kommt sie ja die ganze Kreisbahn herum. Und nach 25920 Jahren
ungefahr geht die Sonne ganz herum, scheinbar naturlich, be-
schreibt die ganze Ellipse. Wenn sie heute in einem bestimmten
Punkt der Fische aufgeht, kommt sie in 25920 Jahren wieder dahin
zuriick. Das Kuriose ist : Wenn Sie diese ungefahr 25 920 Jahre be-
trachten als das grofte Weltenjahr, wie es die alten Griechen betrach-
tet haben, und Sie suchen nun einen Tag dieses Weltenjahres, so
miissen Sie durch 365 dividieren. Was ist dann ein Tag dieses groften
Weltenjahres? Das sind ungefahr 70 bis 71 Jahre. Das ist namlich im
Durchschnitt ein Menschenleben, wenn der Mensch alt wird. Wenn
Sie sich das Menschenleben, wie es hier auf der Erde zugebracht
wird, als einen Tag denken, und das ganze platonische Jahr nehmen,
so ist das 365 mal so viel. Das braucht die Sonne, um einmal in der
Welt ihren Umgang zu machen: 365 Tage, von denen der Mensch
einen in einem Erdenleben durchlebt. Es ist ein schoner Rhythmus,
aber dieser Rhythmus geht viel weiter. Bedenken Sie, daft wir in ei-
ner Minute ungefahr 18 Atemziige machen. Diese 18 Atemziige,
multipliziert mit 60, geben die Atemziige einer Stunde; dieses multi-
pliziert mit 24 gibt die Atemziige in einem Tag und einer Nacht.
Wenn Sie 18 mal 60 mal 24 rechnen, so bekommen Sie heraus:
25 920. Das heiftt, Sie machen soviel Atemziige in einem Tage, als
die Sonne [Erdenjahre] braucht, um durch ihr eigenes Jahr durchzu-
gehen. Derselbe Rhythmus ist in Ihrem Atmen innerlich, der aufter-
lich im Gang der Sonne ist. Und wiederum ist das Merkwiirdige: Da
bringen Sie einen Tag zu, indem Sie in einem Tag 25920 mal atmen.
Nehmen Sie einen Tag so, daft Sie ihn behandeln wie einen Atem-
zug: er ist in gewissem Sinne ein Atemzug, so ein Tag, denn mor-
gens atmet unser Leib und unser Atherleib unser Ich und den Astral-
leib ein, und am Abend beim Einschlafen atmen wir unser Ich und
den Astralleib aus; ein Einatmen und Ausatmen ist das. Wie oft ma-
chen wir das in einem Sonnentage, in ungefahr 70 bis 71 Jahren?
Wir machen dieses Atmen, das heiftt das Leben in einem Tage -
rechnen Sie es aus - fast genau 25920 mal. Soviel Tage leben wir
namlich in 71 Jahren. Der einzelne Atemzug verhalt sich also zu den
Atemziigen des ganzen vierundzwanzigstundigen Tages wie das
Vorriicken des Friihlingspunktes in einem Jahr zu dem Vorriicken
der Sonne durch 25920 Jahre. Das einzelne menschliche Erdenleben
ist im Verhaltnis zum groften Sonnenjahr von 25 920 wie ein Tag,
ein Tag unseres Lebens, ein vierundzwanzigstiindiger Tag ist ebenso
viele Male in unserem 71 Jahre wahrenden Leben drinnen wie ein
Jahr im Sonnenumlauf. Denken Sie sich, was das eigentlich bedeu-
tet, daft wir so in dem wunderbaren Rhythmus des sonnendurch-
glanzten Kosmos drinnenstehen, daft unser Leben, insofern es
inneres Menschenleben ist, rein rechnerisch ausdriickt die grofte
Spharenmusik des Kosmos!
Fangt der Mensch an, sich in diese Dinge gefuhlsmaftig zu vertie-
fen, dann empfindet er sich erst als Mikrokosmos gegenuber dem
Makrokosmos. Dann empfindet er erst, wie diese ganze grofte un-
endliche Gotteswelt ihr Abbild geschaffen hat in seiner Menschen-
natur. Das ist aber eben etwas zum Empfinden, zum Fiihlen. Dieses
Empfinden, dieses Fiihlen, dieses Sich-Fuhlen im Universum, dieses
Sich-Fuhlen in der ganzen Geistigkeit der Welt, das ist etwas, was
uns zuletzt aus der Geisteswissenschaft kommt! Wir schlieften uns
auf gegenuber der Welt, wahrend wir uns sonst in unserem engbe-
grenzten Ich abschlieften. Wir sind ein Gottesbild, aber wir wissen
es sonst nicht; wir fangen an, uns zu fiihlen als das Gottesweltenbild,
als der Mikrokosmos im Makrokosmos. Wir lernen uns fuhlend er-
kennen. Das geht stiickweise, langsam. Ich mochte sagen: So wie
wir diese langsame Folge der Tage durchlaufen durch unser Leben,
so bringt uns das Fiihlen mit der Geisteswissenschaft dieses Welten-
gefiihl hervor. Aber es mufi sich der Mensch erwerben dieses Wel-
tengefiihl. Denn dieses Weltengefiihl wird ihn wiederum inspirieren
zu den groften Aufgaben, die die Menschheit in der Zukunft hat. So
sonderbar es heute noch klingt : Nicht fiinfzig Jahre werden verge-
hen, und die Menschen werden keine Fabriken mehr bauen, keinen
Acker mehr bebauen konnen nach den Anforderungen, die kom-
men werden iiber die Menschheit, wenn sie nicht dieses Gefiihl ha-
ben! Diese Katastrophe, in der wir gegenwartig stehen, ist nur der
Ausdruck der Sackgasse, in welche die Menschheit hineingekom-
men ist. Die Welt ist schon weiter, und die Menschen sind mit ihren
Gedanken und Gefiihlen noch nicht weit genug gekommen; daher
reichen die Gedanken und Empfindungen nicht aus, um diese Welt
wirklich zu durchdringen und die Menschheitsarbeit harmonisch
zusammenstimmend zu machen. Die Menschheit wird verurteilt
sein, immer mehr und mehr die Disharmonie im sozialen Zusam-
menleben zu entwickeln, und immer mehr und mehr Kriegsstoff
iiber die Welt auszusaen, wenn sie sich nicht hineinfinden wird in
den Zusammenklang mit dem Kosmos in dem Fiihlen, um dieses
hineinzutragen in alles, was man tut, auch in das Alleralltaglichste.
Es hangt deshalb Geisteswissenschaft schon zusammen mit dem,
was unmittelbar eingreifen mufi in den Gang der alleraufiersten Kul-
tur, oder es wird die Menschheit aus der Sackgasse nicht herauskom-
men. Man wird keine Fabriken, keine Schulen halten konnen in der
Zukunft, wenn man nicht entwickeln wird Begriffe aus den grofien
Aufgaben des Universums heraus. Aufgaben waren es schon heute,
aber die Menschen haben sie nicht beriicksichtigt; daher ist diese Ka-
tastrophe gekommen. Die tieferen Ursachen liegen schon in dem
eben Ausgesprochenen. Diese Gotteszeichen, die sich aufiern in die-
sen katastrophalen Ereignissen, die miissen von der Menschheit be-
riicksichtigt werden. Die Menschen miissen lernen, in ein bewufkes
Verhaltnis zum Kosmos sich zu setzen, weil es anders nicht mehr
gehen wird.
Lassen Sie mich Ihnen ein Beispiel angeben, das heute noch viele
als toricht ansehen werden, manche als wahnsinnig verketzern wer-
den: Man hat gewifi grofie Fortschritte gemacht, sagen wir auf dem
Gebiete der Chemie, aber man hat sie gemacht ohne ein solches
Weltgefuhl, wie ich es eben zum Ausdruck gebracht habe. Man wird
in der Zukunft dieses Weltgefuhl hinzuentwickeln miissen: der La-
boratoriumstisch wird zum Altar werden miissen. Der Naturdienst,
den man entwickelt, selbst im chemischen Experiment, wird sich
bewufk sein miissen, dafi das grofk Weltengesetz iiber den Labora-
toriumstisch lauft, wenn man irgendeinen Stoff mit einem anderen
lost, um den Niederschlag zu bekommen oder dergleichen. In dem
ganzen Universum wird man sich drinnen fuhlen miissen, dann
wird man anders zu Werke gehen, und dann wird noch ganz anderes
gefunden werden, als was die Leute heute gefunden haben, was grofi
ist, aber nicht die rechte Frucht wird tragen konnen, weil es ohne
Ehrfurcht gefunden wird, ohne das Gefiihl, das sich durchdringt mit
der Harmonie des Universums. Wieviel Leute haben abstrahiert das,
was man Spharenmusik bei Pythagoras genannt hat! Hier haben Sie
ein Gefiihl von der Spharenmusik im Erleben des Rhythmus,
der durch das Weltenall geht. Nichts Abstraktes hat man sich
darunter vorzustellen, sondern etwas, was in das lebendige Gefiihl
hineingeht (siehe Hinweis).
Wissen Sie, was kommen wurde, wenn diese Weitherzigkeit der
Seele im Fuhlen nicht eintreten wiirde? Wir haben gerade gesagt:
Beweglichkeit des Denkens, Vielseitigkeit des Denkens und Vorstel-
lens, das ist das eine, was fur das Denken, fur das Vorstellen eintritt.
Fur das Fuhlen soil eintreten Weitherzigkeit, Sinn fur Aufgeschlos-
sensein gegeniiber der Welt. Das Gegenteil - Sie konnen es schon
herankommen sehen, wenn Sie nur mit ein wenig Mut die Welt be-
trachten - ist das Banausentum, die Philistrositat. Was hat denn die
grofie, fur viele materialistisch Denkende «gesegnete» Kultur der
neueren Zeit herauf gebracht dem Menschen? Auf dem Grund der
Seele ruht das Banausentum, die Philistrositat. Philistrositat und Ba-
nausentum, sie werden nur besiegt werden durch jene Aufgeschlos-
senheit, jene Weitherzigkeit der Seele, die sich fiihlt als Mikrokos-
mos im Makrokosmos drinnen, die Ehrfurcht haben kann vor allem
dem, was als Gottlich-Geistiges die Welt durchschwebt und durch-
pulst. So wie die Beschranktheit, die intellektuelle Beschranktheit
im Vorstellungsleben durch die Geisteswissenschaft besiegt werden
mufi, so muft das Banausentum und die Philistrositat durch die
Geisteswissenschaft auf dem Gebiete des Fiihlens besiegt werden.
Und ein drittes bietet sich uns dar, wenn wir auf das Wollen se-
hen. Die Sachen sind ja vielfach mit Bezug auf das Wollen im An-
fang. Nur der Psychologe, der Seelenkenner sieht, was sich vorberei-
tet, aber es wird schon kommen! Freilich, die Menschen glauben
heute vielfach ein anderes, aber wer den tieferen Gang der Mensch-
heitsentwickelung zu durchschauen vermag, der merkt schon, daft
nichts so verbreitet ist im allgemeinen Menschenleben auf dem Ge-
biete des Wollens - in der neueren Zeit viel mehr als in alteren Zei-
ten - als die Ungeschicklichkeit. Die Ungeschicklichkeit ist etwas,
was gegen die Zukunft hin zu einem furchtbaren Ubel der Mensch-
heitsentwickelung auszuarten droht. Ich meine, heute schon merkt
man es ganz klar: Die Menschen werden heute angeleitet, in einsei-
tiger Weise das oder jenes zu tun. Sollen sie sich anschicken, etwas
zu tun, was sie nicht den Handgriffen nach gelernt haben, sie finden
sich nicht hinein. Wie wenige Menschen sind heute imstande - ge-
stagen Sie schon, daft ich solche Dinge erwahne -, wenn es notig ist
in besonderen Lagen, sich einmal einen Hosenknopf anzunahen.
Wenig Menschen sind imstande, irgend etwas anderes, was nicht ge-
rade mit dem, was sie im engsten Sinne gelernt haben, zusammen-
hangt, auszufiihren. Das ist etwas, was nicht iiber die Menschheit
kommen darf. Die Menschen wiirden verkummern lassen dasjenige,
was als geistiges Erbgut in ihnen war, als sie heruntergestiegen sind
aus der geistigen Welt durch die Geburt zum Dasein, wenn sie so
einseitig wiirden, wie es die «gesegnete» Kultur vielfach verlangt.
Wer nur die Sache theoretisch ansieht, der sieht die Zusammenhan-
ge nicht. Wer aber Geisteswissenschaft wirklich lebensvoll sich an-
eignet, der ist ein innerer Feind der Einseitigkeit; denn Geisteswis-
senschaft bringt in der Menschenseele eine Stimmung hervor, die
auch da zur Vielseitigkeit geht. Sie werden - wenn Sie nicht bloft
mit dem Kopfe Geisteswissenschaft aufnehmen, sondern wenn Sie
sich so in Geisteswissenschaft hineinversetzen, daft diese Geisteswis-
senschaft in Ihrer Seele pulsiert wie das Blut im Leibe -, Sie werden
sicherlich auch eine gewisse Versatilitat im Anpassen an die Umge-
bung gewinnen. Sie werden die Moglichkeit gewinnen, Dinge zu
tun, die Sie sonst zu tun einfach nicht geschickt sind. Die Geschick-
lichkeit im Wollen bildet sich aus, der Mensch wird anpassungsfahig
an die Umgebung. Freilich konnen Sie sagen, wenn Sie dies sagen
wollen: An den Anthroposophen, die da in der Gesellschaft verei-
nigt sind, da merken wir allerdings nicht gerade, daft sie furchtbar
geschickter geworden sind, daft sie lebenstiichtiger geworden sind. -
Das sagen viele. Nicht ich sage es, aber es wird gesagt. Ja, das ruhrt
von etwas anderem her. So weit ist die Sache noch nicht gekommen,
daft den Menschen das anthroposophische Leben in den Seelen so
pulsiert, wie das Blut im Leibe pulsiert, sondern die Unart, alles nur
in den Verstand, in den Intellekt hereinzunehmen, das ist von auften
hereingetragen worden. Auch Geisteswissenschaft wird fur viele nur
eine Theorie; es wird nur etwas, was sie denken, aber das ist nicht
ihr Wesen. Wenn Sie Geisteswissenschaft nur denken, so ist es
gleichgiiltig, ob Sie ein geisteswissenschaftliches Buch oder ein
Kochbuch lesen. Da wird vielleicht ein Kochbuch noch niitzlicher
sein. Geisteswissenschaft mull so ernst werden, daft sie wirklich den
ganzen Menschen in seiner ganzen Seele ergreift. Dann geht sie iiber
in die Glieder, dann werden die Glieder beweglich, der Mensch wird
tauglicher zum Leben. Da handelt es sich allerdings darum, daft man
eine innere Uberzeugungskraft an den Sachen gewinnt, daft man
sich mit der aufteren Uberzeugung nicht begniigt, sondern eine
innere Uberzeugung gewinnt.
Wer Geisteswissenschaft in ihrem inneren Lebenswerte kennt,
der weift, daft sie allerdings geeignet ist, wenn sie lebensfrisch und le-
bensvoll aufgenommen wird, auch das physische Leben des Men-
schen zu verlangern. Es konnen natiirlich Leute kommen und kon-
nen sagen: Nun, da ist einer, der ist doch nur fiinfundvierzig Jahre
alt geworden, oder gar siebenundzwanzig Jahre alt geworden! - Ja,
stellen Sie doch die Gegenfrage : Wie alt ware der Mensch geworden,
der mit der Geisteswissenschaft fiinfundvierzig Jahre alt wurde,
wenn er diese nicht aufgenommen hatte in den Zwanzigerjahren?
Stellen Sie doch die Gegenfrage! Die aufteren Beweisarten, die gelten
nicht fur diese inneren Dinge. Statistik und dergleichen, das hat kei-
nen Wert, wenn man das Innere beriicksichtigen will. Statistik hat
im aufteren Leben ihren groften Wert, aber auch da beschrankt sie
sich auf das Auftere und ergreift gar nicht dasjenige, was Lebensprin-
zip ist. Das konnen Sie ganz einfach sehen: es ist vollstandig gerecht-
fertigt, daft man die Versicherungsgesellschaften nach Statistik und
Arithmetik einrichtet; die richten sich ein danach, wie groft die vor-
aussichtliche Lebensdauer eines Menschen ist, und danach versi-
chern sie die Menschen. Aber es wird Ihnen doch nicht einfallen,
daft Sie dann zu sterben haben, wenn nach der Wahrscheinlichkeits-
rechnung Ihr Todesjahr fur die Versicherungsgesellschaft eintritt!
Also fur die Wirklichkeit betrachten Sie das doch nicht als maftge-
bend, was fur das auftere Leben tatsachlich das Maftgebende ist. Al-
les das, was Statistik, Wahrscheinlichkeitsrechnungen fur das auftere
Leben an gutem Wert besitzen, das hort auf, eine Bedeutung zu ha-
ben, wenn der Uberzeugungswert fur das Geistige beginnt. Den
werden Sie aber nur gewinnen, wenn Sie Geisteswissenschaft selber
als lebendiges Lebenselixier aufnehmen. Dann wird es aber zum Le-
benselixier so, daft der Mensch sich hineinpaftt in die Verhaltnisse.
Dann wird ein Umgekehrtes stattfinden. Ich war einmal unge-
mein betriibt - man kann ja sagen: das ist ein sonderbarer Mensch,
dariiber betriibt zu sein! -, als ich einmal in einem Hause mitaft und
der Hausherr auf einer Waage sich immer genau abwiegen muftte,
wieviel Fleisch, wieviel Gemiise er zu essen hatte. Er muftte sich alle
einzelnen Speisen abwiegen! Bedenken Sie, wie fur die Menschheit
eine Instinktunsicherheit kommen wiirde, wenn jeder bei jeder
Mahlzeit seinen Reis und seinen Kohl abwiegen wollte. Diese In-
stinktunsicherheit wiirde durch rein intellektuelle Wissenschaft
kommen, denn die kann nur das Auftere statistisch aufzeigen. Aber
es handelt sich nicht darum, daft wir den Instinkt verlieren - und
durch intellektuelle Bildung verlieren wir ihn -, sondern daft wir
ihn spiritualisieren; daft wir so sicher werden, wie der Instinkt sonst
ist, aber der geistige.
Das ist das, was ich als besonders bedeutsam zu charakterisieren
habe, indem ich auf das Wollen Riicksicht nehme. In das Wollen
hinein schleicht sich die Geisteswissenschaft, bereitet es zu, so daft
der Mensch geschickt wird fiir die Umgebung, indem er gar nicht
bemerkt, wie er eigentlich hineinwachst in das, was in seiner Umge-
bung ist. Indem er mit dem Geiste zusammenwachst, wachst er in
die Umwelt hinein.
Sehen Sie, man muft den Geist erleben lernen. Das tut man aber
durch Geisteswissenschaft. Und die Menschheit wird es immer
mehr und mehr notig haben gegen die Zukunft hin, den Geist zu
erleben.
Denn, wie erlebt der Mensch das, was ihm mitgegeben ist durch
die Empfangnis oder Geburt? Stellen Sie sich vor: In einiger Entfer-
nung von Ihnen wird eine Kanone losgeschossen. Sie horen den
Knall. Das Licht sehen Sie etwas friiher. Aber denken Sie sich nun
einmal, die Sache ware so: Sie stiinden neben der Kanone, und Sie
wiirden durch irgendein Ereignis gerade so schnell losgeschossen
wie der Schall. Sie flogen mit dem Schall durch die Luft, ebenso
schnell wie der Schall geht: dann wiirden Sie den Schall nicht horen;
in dem Augenblick horen Sie auf, den Schall zu horen, wo Sie sich
mit Schallgeschwindigkeit weiterbewegen. Das ist der Grund, wa-
rum der Mensch den Geist nicht bemerkt, weil er mit derselben
Schnelligkeit, wie der Geist wirkt, sich bewegt von der Geburt bis
zum Tode. In dem Augenblick, wo Sie geisteswissenschaftliche
Wahrheiten aufnehmen, versetzen Sie sich in eine andere Geschwin-
digkeit als der Korper. Daher fangen Sie an, die Welt in einem ande-
ren Lichte wahrzunehmen. So wie Sie den Schall wahrnehmen, weil
Sie nicht die gleiche Geschwindigkeit haben, so nehmen Sie den
Geist im Lebenslaufe dadurch wahr, daft Sie sich in ein anderes Tem-
po bringen, innere Ruhe herstellen, wie Sie es lesen konnen in mei-
nem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?».
Nicht mitleben mit dem Korper, sondern ein anderes Tempo
herstellen! Aber das ist etwas, was die Menschheit sich iiberhaupt
aneignen mufi, was von ungeheurer Bedeutung ist.
Die Menschen beriicksichtigen heute gar nicht, wie es eigentlich
in friiheren Zeiten war. Geschichte ist ja wirklich eine Art Fable
convenue, aber das soil uns heute nicht beschaftigen. Man war in
friiheren Zeiten anders erzogen. Man nahm bei der friiheren Erzie-
hung doch viel mehr Rucksicht auf das Leben des Gemiites. Dieses
rein intellektuelle Leben, das ist eigentlich erst in den letzten vier bis
fiinf Jahrhunderten heraufgekommen. Dabei wird nicht beriicksich-
tigt, daft der Mensch ein mehrteiliges Wesen ist. Der Intellekt ist
sehr bildungsfahig beim Menschen; er kann sich entwickeln, aber er
ist leider nicht das ganze Menschenleben hindurch entwickelungsfa-
hig, und insbesondere in unserem heutigen Zeitenzyklus nicht. Er
ist an das Haupt des Menschen gebunden, und das Haupt bleibt nur
entwickelungsfahig hochstens bis zum achtundzwanzigsten Lebens-
jahr. Der Mensch hat notig, dreimal so lange sein Leben auf der Erde
zu fristen, als sein Haupt entwickelungsfahig ist. Gewifi, wir sind in
unserer Jugend intellektuell entwickelungsfahig, aber wir bleiben es
nur bis ungefahr zum achtundzwanzigsten Jahr. Unser iibriger Or-
ganismus bleibt das ganze iibrige Leben hindurch entwickelungsfa-
hig; er verlangt auch das ganze Leben hindurch von uns etwas. Das,
was man heute den Menschen gibt, ist nur Kopfwissen, ist kein Her-
zenswissen. Ich nenne Herzenswissen dasjenige, was zum ganzen
Organismus spricht, Kopfwissen dasjenige, was nur intellektuell ist
und nur zum Kopfe spricht. Nun mufi der Kopf mit dem Herzen in
einer fortwahrenden Wechselbeziehung auch moralisch, auch see-
lisch stehen. Das kann heute nicht stattfinden, weil wir unseren Kin-
dern so wenig fur das Herz, sozusagen fur den ganzen iibrigen Orga-
nismus geben, und nur etwas fur den Kopf geben. Der Mensch wird
funfunddreifiig Jahre alt. Jetzt hat er hochstens ein Kopfwissen;
wenn es hoch kommt, hat er die Erinnerung an das Kopfwissen, das
er aufnimmt. Er erinnert sich rein intellektuell an das, was er sich
angeeignet hat. Aber fragen Sie, ob der heutige Unterricht in der La-
ge ist, das zu erreichen, daft man sich spater im Leben nicht nur ge-
dachtnismafiig an das erinnert, was man gelernt hat, sondern daft
man sich mit dem Gefiihl liebevoll zuriickversetzt in dasjenige, was
man in der Jugend aufgenommen hat; daft man wirklich noch etwas
hat von dem, was einem da beigebracht worden ist, so daft man es
neu auffrischen kann. Das muft aber das Ideal werden der Geistes-
wissenschaft in der Erziehung, daft man sich nicht nur zurikkerin-
nert. Nun, heute tut man nicht einmal das. Man hat sein Examen ge-
macht und vergiftt dann, was man geochst hat. Aber nehmen wir
den Fall, die Leute erinnern sich zuriick: Ist denn das, was die Men-
schen durch die Schule gehabt haben, ein Paradies, in das man sich
gern zuriickversetzt? Versetzen Sie sich so zuriick, daft Sie sagen: In-
dem ich zuriickdenke, strahlt mir der Lebensmorgen herein, und in-
dem ich jetzt alter geworden bin, verwandelt sich das durch das Alt-
werden in mir in ein Neues; es ist mir eben so angeeignet worden,
daft ich es umwandeln kann, ich erinnere mich nicht nur daran, ich
wandele es um, es wird mir neu.
Lebensvoll wird der Seeleninhalt der Menschen werden, wenn die
geisteswissenschaftlichen Grundsatze unsere ganze Erziehung, unse-
re ganze Geisteskultur erneuern. Und immer seltener und seltener
werden dann die Wirkungen des friihen Alterns in der Menschheit
werden. Wer die Menschheitsentwickelung verfolgt, der weift: So
alt sind vor dem 15. Jahrhundert die altesten Leute nicht gewesen,
wie heute die jiingsten Leute schon alt sind. Die Greisenhaftigkeit
nimmt in verheerendem Mafte zu. Dieser Greisenhaftigkeit ist nur
dadurch zu steuern, daft eben diese Stimmung eintritt, daft wir in
der Jugend das bekommen, was man im Alter umwandeln kann,
was uns neu werden kann; woran wir uns nicht nur erinnern, son-
dern was wir umwandeln, weil wir wie an ein Paradies zuriickden-
ken. Das wird Geisteswissenschaft als ein wirkliches Lebenselixier
auch hineinbringen in das unmittelbare Leben. Die Schule wird zu
etwas ganz anderem werden. Die Schule wird zu etwas werden, wo
man sich bewuftt ist: Man hat da fur das ganze Leben des Menschen
zu sorgen. Denn dasjenige, was dem Kinde geboten wird, es kommt
in einer ganz anderen Weise im Alter heraus. Dem Kinde werden ge-
wisse Dinge geboten in der Form, sagen wir, daft es lernt, mit Be-
wunderung, mit Ehrfurcht zu etwas aufzusehen. Das tritt im Alter
wieder auf. Das bleibt in der mittleren Zeit mehr zuriickgezogen, im
Alter trkt es auf, indem es uns die Macht gibt, auf Kinder gut zu wir-
ken. Oder wie ich einmal in einem offentlichen Vortrag gesagt habe:
Wer nicht in der Kindheit gelernt hat, die Hande zu falten, kann im
Alter nicht segnen. Das innere Gefiihl, das mit dem Falten der Han-
de zusammenhangt, es tritt in uns wie verwandelt im spateren Alter
wieder auf in der Fahigkeit, zu segnen. Wir wissen heute gar nicht,
wenn wir nur der heutigen Bildung folgen, was wir dem Kinde gera-
de fur das spatere Alter, in dem Alter vom siebenten bis vierzehnten
Jahre und noch fruher, und gar erst iiber das vierzehnte Jahr hinaus
geben mit dem, was der heutigen Jugend geboten wird. Das ist das
furchtbar Ernste, denn da wird der Grund gelegt zu all der Groft-
mannssucht, die heute in die Jugend verpflanzt wird, zu all dem
Dunkel und Vorurteil, als ob man schon irgendwie einen «Stand-
punkt» haben konnte! Man hort es heute von den jiingsten Leuten:
Das ist aber nicht mein Standpunkt. - Jeder hat einen Standpunkt.
Es geht natiirlich nicht, daft man mit zwanzig Jahren einen Stand-
punkt haben kann. Dieses Bewufttsein wird heute gerade nicht
gefdrdert.
Das alles sind Dinge, die man damit umfassen kann, daft man
sagt: Was im Menschen lebt, wird wiederum an die Wirklichkeit
herangebracht werden. Die Wirklichkeit wird in ein gesundes Ver-
haltnis zur menschlichen Seele gesetzt. Das ist dasjenige, was das Ide-
al der Geisteswissenschaft mit Bezug auf das Verhaltnis der mensch-
lichen Seele zur Wirklichkeit werden muft. Gerade auf dem groften
Plan des Lebens reden heute die Leute ohne alle Beziehung zur
Wirklichkeit. Wer versteht, was in der menschlichen Seele an Bezie-
hung zur Wirklichkeit leben muft, der kann rein durch die Form,
die das heutige Denken hat, manchmal Qualen ausstehen. Das Kind
steht dann, wenn der Lehrer so denkt, diese Qualen unbewuftt aus.
Ein Beispiel: Ein sehr beruhmter Literaturprofessor hielt eine An-
trittsvorlesung, bei der ich anwesend war. Er fing an : Wir konnen
dieses fragen, wir konnen jenes fragen. - Er stellte eine Reihe von
Fragen, die alle im Laufe des Semesters beantwortet werden sollten,
auf; dann sagte er: Meine Herren! Ich habe Sie in einen Wald von
Fragezeichen gefiihrt. - Ich muftte den Wald von lauter Fragezei-
chen mir vorstellen! Denken Sie, was das Bildhafte, das reale Vor-
stellen eines Menschen ist, der, ohne das Bild sich vor die Seele zu
malen, vor einem Wald von Fragezeichen stent! Das ist etwas, was
man unterschatzt. Das, was eben angestrebt werden mufi, ist ein
lebensvolles Verhaltnis zur Wirklichkeit.
Jiingst hat ein Staatsmann die Worte gesagt: Unser Verhaltnis zur
benachbarten Monarchic ist der Punkt, der in unserem ganzen zu-
kiinftigen Leben zur politischen Richtung werden mui - Also stel-
len Sie sich vor: Das Verhaltnis des einen Landes zum anderen Lan-
de ist ein Punkt, und der Punkt wird zur Richtung. Man kann nicht
unwirklicher denken! Stellen Sie sich aber vor, was fur eine Konfi-
guration das ganze Seelenleben hat, das so feme der Wirklichkeit
steht, um solche Begriffshiilsen auszudrechseln! Aber ein solches
Seelenleben steht auch dem aufteren sozialen Leben ebenso fern, es
taucht nicht unter in das soziale Leben. Was es ausdenkt, das wird
nicht wirklich. Das ist in der Geisteswissenschaft unmoglich, daft
man so unwirklich denkt wie die Begriffshiilsen, zu denen man es
allmahlich in der neueren Zeit gebracht hat. Die Gegenwart ist so
diinkelhaft, daft sie sich denkt, ganz besonders praktisch geworden
zu sein. Sie ist aber nur schulmeisterlich geworden, lebensfremd ge-
worden. Und ein kiinftiges Zeitalter wird unser Zeitalter dadurch
charakterisieren, daft doch merkwiirdigerweise auf so viele Men-
schen hochst imponierend der Weltenschulmeister wirkte: Wood-
row Wilson, der auch nicht mit einem diinnen Faden in seinem
Denken mit der Wirklichkeit zusammenhangt, sondern bei dem alle
Worte der Unwirklichkeit entsprechen. Sie werden aber bewundert
von denen, die nur ein wenig gehindert werden dadurch, daft sie mit
ihm im Kriege sind. Aber gerade unter den Angehorigen der Mittel-
machte gibt es heute viele, die Woodrow Wilson bewundern! Das
wird in der Zukunft ganz besonders schwer zu begreifen sein, wie
politische Programme, ohne Beziehung zur Wirklichkeit, gefunden
werden, in denen die tollen Ideen von Weltenvertragen und Frie-
densvertragen unter Volkern und so weiter festgelegt werden. Wenn
man das hatte so leicht machen konnen! Die Abstraktlinge seit den
Stoikern denken ja an diese Dinge! Was als Wilsonsche Ideen heute
auftaucht: fur den, der die Sachen weift, war dieses da, seitdem iiber-
haupt Menschen da sind. Ein gesundes Denken sagt sich natiirlich:
Weil das immer da war und nicht realisiert werden konnte, ist es un-
gesund! Das heutige Denken ist der Wirklichkeit fremd geworden,
deshalb hat es auch seine Freude an solch unwirklichen Gedanken.
Die Dinge hangen schon zusammen mit den tiefsten Lebens-
prinzipien und Lebensimpulsen. Und daft heute soviel Verwirrung
herrscht, daft soviel Chaos herrscht, das riihrt davon her, daft die
Menschheit zu einem Denken gekommen ist, von dem sie zwar
glaubt, es meistere die Lebenspraxis, das aber im Grunde genommen
ganz feme der wahren Wirklichkeit ist. Ein Zusammenschluft mit
der wahren Wirklichkeit in einem energischen Denken, was so Star-
ke Krafte entwickelt, daft es in die Wirklichkeit eindringen kann,
das ist dasjenige, was der Menschheit von der Geisteswissenschaft
kommen rauft als Ideal. Dazu miissen wir aber beim Kleinen anfan-
gen. Wir miissen beim Kinde schon den Sinn entwickeln nicht fur
den abstrakten Begriff, aber fur das Reale, das Vorstellbare; wir miis-
sen nur selber erst damit den Zusammenhang haben. Derjenige, der
dem Kinde beibringen will die Idee der Unsterblichkeit im Bilde von
dem Schmetterling, der aus der Puppe kommt, der aber selber nicht
an diese Unsterblichkeit glaubt, der bringt auch dem Kinde nichts
bei. Wer aber auf dem Gebiete der Geisteswissenschaft steht, der
weift, daft der Schmetterling das wirkliche, von dem Weltengeist ge-
schaffene Bild der Unsterblichkeit ist. Wir glauben selber an dieses
Bild, und wir wahlen nichts anderes als das, woran wir selber glau-
ben, weil wir es wissen, oder uns bestreben, es zu wissen. Dadurch
suchen wir unterzutauchen in die Wirklichkeit, suchen den Egois-
mus zu iiberwinden, der im Denken noch etwas Abstraktes haben
will. Wir suchen einzudringen in den Geist der Wirklichkeit, und
dadurch werden wir die Wege finden, die der neueren Menschheit
notwendig sind, und um so mehr notwendig sind, weil sie am mei-
sten verlassen worden sind von denjenigen, die sich gerade die prak-
tischen Menschen nennen. Sie sind nicht die Praktiker, sondern die-
jenigen, die verarmt sind, und durch Brutalitat ihre Verarmung der
Menschheit aufdrangen. Hilfe wird in dieser schwierigen Lage nur
kommen, wenn die Menschheit den Geist sucht und durch den
Geist die Wirklichkeit.
Das wollte kh heute zu Ihnen sprechen als etwas, was wir uns als
Empfindung aneignen mussen liber das Verhaltnis der menschlichen
Seek zur Welt, wie es sich ergibt als Grundstimmung der Seele aus
der Geisteswissenschaft heraus. Und wichtiger als die einzelnen gei-
steswissenschaftlichen Wahrheiten ist diese Grundstimmung, mit
der wir dann durchs Leben gehen, wenn sie in uns entziindet
worden ist durch die Geisteswissenschaft.
ZEICHEN DER ZEIT
OSTEN, WESTEN, MITTELEUROPA
Ulm, 30. April 1918
Die Freunde unserer geistigen Bewegung, die hier in Ulm sind, ha-
ben sich vor einiger Zeit zusammengefunden, um die Gedanken, die
Bestrebungen, die Impulse dieser unserer geistigen Bewegung auch
hier zu pflegen. Wir sind hier, Freunde von auswarts, mit unseren
Ulmer Freunden heute vereinigt, um dieses Ereignisses gemeinsam
zu gedenken, das eben darin besteht, daft sich auch in dieser Stadt
Ulm Freunde unserer Bewegung zusammengetan haben. Zusam-
mengetan haben in ernster Zeit, in schwerer Zeit, in einer Zeit, die
durch bedeutsame Zeichen zu den Menschheitsgemutern spricht.
Und da darf es bei dieser Gelegenheit heute wohl geschehen, daft wir
grofierer Zusammenhange gedenken, geistiger Zusammenhange der
Menschheitsentwickelung, in die sich fur unsere Zeit und fur die
nachste Zukunft unsere geistige Bewegung hineinstellen wird. Ich
mdchte sagen: Einmal wollen wir den Blick hinwenden von dem,
was mit den allernachsten der Menschheitsinteressen auch im Geisti-
gen zusammenhangt, auf das Umfassende, jenes Umfassende, mit
dem unsere Bewegung zusammenhangt.
Wir wissen ja, diejenigen Personlichkeiten der Gegenwart, die
sich im Zeichen unserer geistigen Impulse zusammenschliefien, miis-
sen in ihren Seelen, in ihren Herzen tief fuhlen, daft sie etwas suchen
wollen, was ihnen eine andere geistige Bewegung, eine andere geisti-
ge Bestrebung in der Gegenwart nicht geben kann und was zusam-
menhangt gerade mit dem, was auf seelischem Gebiete der Mensch
in unserer Zeit und in der nachsten Zukunft suchen mu!5, wenn er
in vollem Sinne des Wortes sich seiner Menschheit bewuftt werden
will. In diesem Suchen, gerade so, wie es sich ausspricht in unserer
Bewegung, finden wir viele Gegner. Und gerade diejenigen sind un-
sere Gegner, welche glauben, von diesem oder jenem Gesichtspunk-
te aus die wahren Giiter der Menschheitsentwickelung schiitzen zu
miissen, schiitzen zu miissen vor einer, wie sie meinen, solchen Ab-
irrung des menschlichen Geistes, wie sie in unserer Bewegung gege-
ben ist. So glauben gerade viele religios gestimmte oder scheinbar re-
ligios gestimmte Menschen der Gegenwart, dafi unsere Bewegung
geeignet sei, hinwegzufiihren von dem, was sie brauchen zur wirk-
lichen religiosen Vertiefung.
Nun konnte man allerdings schon in einem etwas oberflachK-
chen, aber doch nicht minder treffenden Urteil manchem, der so
spricht, entgegnen: Hat es zum Beispiel die Vertretung auch der
christlichen Idee im Laufe der letzten Jahrhunderte verstanden, die
Menschheit auf eine Hohe zu bringen, welche die gegenwartige
furchtbare Katastrophe, ich will nicht einmal sagen: aus der Welt
schaffen, sondern auch nur hatte mildern konnen? - Das hat sie
nicht vermocht ! Aber diejenigen Menschen, die niemals aus den Er-
eignissen lernen wollen, die lernen auch daraus nichts, daft sich in ih-
rem Sinne das religiose Leben seit Jahrhunderten, ja Jahrtausenden
entfaltet hat, und jetzt iiber die ganze Erde hin trotzdem, trotz die-
ses religiosen Lebens diese Katastrophe hat ausbrechen konnen.
Aber wenn das auch naheliegt, so zu fragen, so wollen wir unsere
Gedanken doch nicht gerade in dieser Richtung bewegen. Wir wol-
len einmal einleitend heute eine andere Frage aufwerfen, die viel-
leicht recht wenig beriicksichtigt wird, die aber doch mit recht,
recht tiefen Dingen der Gegenwart zusammenhangt.
Wissen Sie, welches Wort seinem Ursprung, seiner Entstehung
nach den gegenwartigen Gelehrten, den philologischen Gelehrten
am allerunbekanntesten ist? Wissen Sie, bei welchem Wort Sie am
allermeisten finden, selbst in den gelehrtesten Werken, wenn Sie
sich Rat holen, dafi man nicht sagen kann, wo es herkommt, was es
eigentlich heifit, was es bedeutet? - Das Wort, nach dessen sprachli-
chem und geistigem Ursprung Sie am meisten vergeblich suchen
werden in den gelehrten Hilfsmitteln, das ist das Wort «Gott». Kei-
ne Wissenschaft vermag Ihnen heute Auskunft zu geben iiber den
sprachlichen und geistigen Ursprung des Wortes Gott, Das ist doch
eine eigentumliche Tatsache. Denn diese Tatsache weist nicht bloft
auf Aufierlichkeiten hin, nicht auf etwas, was in dieser oder jener
Tatsachenreihe ist, sondern es weist hin auf etwas, was ganz tief, tief
mit dem Menschengemiite zusammenhangt. Die Menschen glauben
alle, etwas zu sagen, wenn sie von dem Gottlichen, wenn sie von ih-
rer Hinwendung zu Gott sprechen. Und sie wissen mit alien Mitteln
der gegenwartigen Gelehrsamkeit nicht einmal den Ursprung des
Wortes Gott irgendwie anzugeben. Es weist dies darauf hin, daft
weitaus die meisten Menschen in der Gegenwart, die heute auf reli-
giosen oder sonstigen geistigen Gebieten sprechen, in Wahrheit gar
nicht wissen, wovon sie reden. Wenn man nur tief genug eingehen
wiirde darauf, was damit eigentlich gesagt ist, daft die Menschen
nicht wissen, wovon sie reden, wenn sie glauben, von dem zu reden,
was am allerinnersten mit dem menschlichen Seelenstreben zusam-
menhangt! Das fuhlen, wenn auch nicht klar bewuftt, so doch in-
stinktiv diejenigen, welche sich gedrangt fuhlen, aus den verschiede-
nen geistigen Wirrnissen der Gegenwart heraus zu unseren geistigen
Impulsen zu kommen. Daft diese geistigen Impulse, die gerade aus
der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft kommen,
zusammenhangen mit den dringendsten Bediirfnissen unserer Zeit,
das ist von mir immer wieder und wiederum betont worden in den
Zeiten, in denen sich das gegenwartige schwere Gewitter seit langem
eigentlich zusammengezogen hat.
Ich darf da erinnern an einen Satz, den ich ofter ausgesprochen
habe, wie diejenigen Freunde wissen, die unserer Bewegung nun
schon seit Jahren folgen. Ich habe es ofter ausgesprochen, daft im
Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte die Erde mit ihren ver-
schiedenen Volkern in kommerzieller, in industrieller, in bankmafti-
ger Beziehung und so weiter eine Einheit geworden ist. Ich habe dar-
auf hingewiesen, wie die modernen Verkehrsmittel und das, was
durch die modernen Verkehrsmittel bis vor kurzem iiber die ganze
Erde hingerollt ist, iiber die ganze Erde hin eben eine Einheit des
Wirtschaftlichen, des aufteren wirtschaftlichen Lebens ausgegossen
hat, eine Einheit, wenn wir so sagen diirfen, des physischen Erdenle-
bens. Wir hatten eine Einheit des physischen Erdenlebens. Ein
Scheck, der in New York ausgestellt wurde, konnte in Tokio oder
in Berlin oder wo immer eingelost werden. Zu dieser Tatsache habe
ich immer die Forderung hinzugefugt in den Jahren, die diesem
Kriege vorangegangen sind: Nicht nur der menschliche Leib
braucht eine Seele, sondern ein jeglicher Leib braucht eine Seele,
kann nicht ohne Seele leben. Was als physischer Leib in kommer-
zieller, industrieller, in sonstiger Beziehung iiber die Erde hin wie
ein physischer Leib eben sich ausgebreitet hat, das bedarf einer Seele,
einer solchen Seele, die die Moglichkeit bietet, daft iiber die Erde hin
die Menschen sich so, wie sie sich kommerziell, so, wie sie sich geld-
lich verstehen, sich auch geistig verstehen. Dem Erdenleib eine
Erdenseele zu geben, das ist etwas, was ich ofter als erstrebenswert
ausgesprochen habe.
Nun, so etwas bildet sich ja gewift nicht in einem Tage, so etwas
braucht Zeit, und das, was ich hier ausspreche, will nicht eine Kritik
der Zeit, sondern nur eine Charakteristik sein; es soli in den Men-
schenseelen anfachen das, was Impulse des Handelns, des Denkens,
des Empfindens, des Wollens sein sollen. Es soli nicht anklagen, son-
dern es soil aussprechen, was geschehen soil. Daher ist es nicht in
Form eines Vorwurfes gemeint, [wenn gesagt wurde] daft die Men-
schen es versaumt haben in den letzten Jahrzehnten, in denen sich
besonders intensiv der gemeinsame Erdenleib herausgebildet hat,
diesem Erdenleibe eine gemeinsame Erdenseele zu bilden. Diese Er-
denseele kann ja nur gefunden werden, wenn man das dem Men-
schen zum Verstandnis bringt, was in geistiger Beziehung den Men-
schen so gemeinsam ist wie in physischer Beziehung die Sonne, und
was durch die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft in
der Menschheit verbreitet werden soil.
Das ist aber bis jetzt versaumt worden. Und in dieser gegenwarti-
gen katastrophalen Zeit erleben wir es in der furchtbarsten Weise,
wie es noch nie geschehen ist innerhalb der Entwicklungsgeschichte
der Menschheit, die mit Dokumenten verfolgt werden kann, daft
sich die Menschheit in eine Sackgasse versetzt sieht, in eine wirkli-
che Sackgasse. Und im Ernste wird sie aus dieser Sackgasse nur her-
auskommen, wenn sie sich entschlieftt, zu dem, was physische Kul-
tur ist, auf die die Menschheit so stolz ist, wirklich die geistige Kul-
tur der Erdenseele fur unsere Zeit und fur die nachste Zukunft, die
zu dieser physischen Kultur gehort, hinzuzufiigen.
Man mag sich gegen diese Bestrebungen, eine neue Geistigkeit der
Erde zu geben, stemmen, so viel man will, die Wahrheit wird sich
unter alien Umstanden geltend machen miissen. Die Menschheit
lebt jetzt in einer furchtbaren Katastrophe drinnen. Wird die
Menschheit sich nicht dazu entschlieften, die hier gemeinte neue
Geistigkeit wirklich sich einzufiigen, dann werden in immer neuen
Perioden, vielleicht in
…[truncated]