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RUDOLF STEINER GES AMT AUS G AB E
Abteilung A: Schriften, I. Werke
Herausgegeben von der
Rudolf Steiner Nachlas s Verwaltung
Band G A 2
RUDOLF STEINER
Grundlinien einer Erkenntnistheorie
der Goetheschen Weltanschauung
mit besonderer Rucksicht auf Schiller
Zugleich eine Zugabe zu
Goethes «Naturwissenschaftlichen Schriften»
in Kurschners Deutscher National-Liter atur
2003
RUDOLF STEINER VERLAG
Erstmals erschienen 1886
Fur die 8. Auflage nach der Ausgabe letzter Hand von 1924
durchgesehen und herausgegeben von Taja Gut
Bibliographischer Nachweis bisheriger Ausgaben
Seite 174
Band GA 2
8., durchgesehene Auflage 2003
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner Nachlassverwaltung, Dornach
© I960 by Rudolf Steiner Nachlassverwaltung, Dornach
Satz: Rudolf Steiner Verlag / Bindung: Spinner, Ottersweier
Printed in Germany by Konkordia Druck, Buhl
ISBN 3-7274-0020-X
INHALT
Vorrede zur Neu-Auflage [1924] 7
Vorwort zur ersten Auflage [1886] 13
A. VORFRAGEN
1. Ausgangspunkt 15
2. Die Wissenschaft Goethes nach der Methode Schillers 23
3. Die Aufgabe unserer Wissenschaft 25
B. DIE ERFAHRUNG
4. Feststellung des Begriffes der Erfahrung 27
5. Hinweis auf den Inhalt der Erfahrung 30
6. Berichtigung einer irrigen Auffassung der Gesamt-
Erfahrung 36
7. Berufung auf die Erfahrung jedes einzelnen Lesers . 39
C. DAS DENKEN
8. Das Denken als hohere Erfahrung in der Erfahrung
9. Denken und BewuBtsein
10. Innere Natur des Denkens
D. DIE WISSENSCHAFT
1 1 . Denken und Wahrnehmung 62
12. Verstand und Vernunft 68
13. Das Erkennen 76
14. Der Grund der Dinge und das Erkennen 82
E. DAS NATUR-ERKENNEN
15. Die unorganische Natur. 86
16. Die organische Natur 95
43
49
54
F. DIE GEISTESWISSENSCHAFTEN
17. Einleitung: Geist und Natur 115
18. Psychologisches Erkennen 119
19. Die menschliche Freiheit 124
20. Optimismus und Pessimismus 129
G. ABSCHLUSS
2 1 . Erkennen und kunstlerisches Schaffen 131
Anmerkungen zur ersten Auflage 135
Anmerkungen zur Neu-Auflage 1924 137
Anhang
Zu dieser Ausgabe 147
Textg rundlagen 1 47
Textkorrekturen 149
Hinweise 152
Namenregister. 165
Sachregister. 167
Weitere Ausfiihrungen zum Thema
im Werk Rudolf Steiners 172
Bibliographischer Nachweis bisheriger Ausgaben . . . 174
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . . . 175
VORREDE ZUR NEU-AUFLAGE
Diese Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung
ist von mir in der Mitte der achtziger Jahre des vorigen Jahr-
hunderts niedergeschrieben worden. In meiner Seele lebten
damals zwei Gedankentatigkeiten. Die eine hatte sich auf
das Schaffen Goethes gerichtet und war bestrebt, die Welt-
und Lebensanschauung auszugestalten, die sich als die trei-
bende Kraft in diesem Schaffen offenbart. Das Voll- und
Reinmenschliche schien mir in allem zu walten, was Goethe
schaffend, betrachtend und lebend der Welt gegeben hat.
Nirgends schien mir in der neueren Zeit die innere Sicher-
heit, harmonische Geschlossenheit und der Wirklichkeits-
sinn im Verhaltnis zur Welt so sich darzustellen wie bei
Goethe. Aus diesem Gedanken muBte die Anerkennung der
Tatsache entspringen, daB auch die Art, wie Goethe im Er-
kennen sich verhielt, die aus dem Wesen des Menschen und
der Welt hervorgehende ist. — Auf der anderen Seite lebten
meine Gedanken in den philosophischen Anschauungen
liber das Wesen der Erkenntnis, die in dieser Zeit vorhanden
waren. In diesen Anschauungen drohte das Erkennen sich
in die eigene Wesenheit des Menschen einzuspinnen. Otto
Liebmann, der geistreiche Philosoph, hatte den Satz ausge-
sprochen: das BewuBtsein des Menschen konne sich selbst
nicht uberspringen. Es musse in sich bleiben. Was jenseits
der Welt, die es in sich selbst gestaltet, als die wahre Wirk-
lichkeit liegt, davon konne es nichts wis sen. In glanzvollen
Schriften hat Otto Liebmann diesen Gedanken fur die ver-
schiedensten Gebiete der menschlichen Erfahrungswelt
durchgefuhrt. Johannes Volkelt hatte seine gedankenvollen
Bucher iiber Kants Erkenntnistheorie und iiber «Erfahrung
und Denken» geschrieben. Er sah in der Welt, die dem
Menschen gegeben ist, nur einen Zusammenhang von Vor-
stellungen, die sich bilden im Verhaltnis des Menschen zu
einer an sich unbekannten Welt. Zwar gab er zu, daB im
Erleben des Denkens eine Notwendigkeit sich zeigt, wenn
dieses in die Vorstellungswelt eingreift. Man fiihle gewisser-
maBen eine Art DurchstoBen durch die Vorstellungswelt in
die Wirklichkeit hinuber, wenn das Denken sich betatigt.
Aber, was war damit gewonnen? Man konnte sich dadurch
berechtigt fiihlen, im Denken Urteile zu fallen, die etwas
uber die wirkliche Welt sagen; aber man steht mit solchen
Urteilen doch ganz im Innern des Menschen drinnen; vom
Wesen der Welt dringt nichts in diesen ein.
Eduard von Hartmann, dessen Philosophic mir sehr
wertvoll war, ohne daB ich deren Grundlagen und Ergeb-
nisse anerkennen konnte, stand in erkenntnistheoretischen
Fragen ganz auf dem Standpunkte, den dann Volkelt aus-
fuhrlich dargestellt hat.
Uberall war das Eingestandnis vorhanden, daB der
Mensch mit seinem Erkennen an gewisse Grenzen stoBe,
uber die er nicht hinaus in das Gebiet der wahren Wirklich-
keit dringen konne.
All dem gegeniiber stand bei mir die innerlich erlebte
und im Erleben erkannte Tatsache, daB der Mensch mit
seinem Denken, wenn er dies geniigend vertieft, in der
Weltwirklichkeit als einer geistigen drinnen lebt. Ich ver-
meinte diese Erkenntnis als eine solche zu besitzen, die mit
der gleichen inneren Klarheit im BewuBtsein stehen kann
wie das, was in mathematischer Erkenntnis sich offenbart.
Vor dieser Erkenntnis kann die Meinung nicht be-
stehen, daB es solche Erkenntnisgrenzen gabe, wie die ge-
kennzeichnete Gedankenrichtung sie glaubte festsetzen
zu miissen.
In all dies spielte bei mir hinein eine Gedankenneigung
zu der damals bluhenden Entwickelungstheorie. Sie hatte in
Haeckel Formen angenommen, in denen das selbstandige
Sein und Wirken des Geistigen keine Berucksichtigung fin-
den konnte. Das Spatere, Vollkommene sollte aus dem Frii-
heren, Unentwickelten im Zeitenlaufe hervorgegangen sein.
Mir leuchtete das in bezug auf die auBere sinnenfallige
Wirklichkeit ein. Doch kannte ich die vom Sinnenfalligen
unabhangige, in sich befestigte, selbstandige Geistigkeit zu
gut, um der auBeren sinnenfalligen Erscheinungswelt Recht
zu geben. Aber es war die Briicke zu schlagen von dieser
Welt zu der des Geistes. Im sinnenfallig gedachten Zeiten-
laufe scheint das menschlich Geistige sich aus dem voran-
gehenden Ungeistigen zu entwickeln.
Aber das Sinnenfallige, richtig erkannt, zeigt uberall, daB
es Offenbarung des Geistigen ist. Dieser richtigen Erkennt-
nis des Sinnenfalligen gegeniiber war mir klar, daB «Gren-
zen der Erkenntnis», wie sie damals festgestellt wurden, nur
der zugeben kann, der auf dieses Sinnenfallige stoBt und es
so behandelt, wie jemand eine vollgedruckte Seite dann be-
handeln wiirde, wenn er die Anschauung nur auf die Buch-
stabenformen richtete und ohne Ahnung vom Lesen sagte,
man konne nicht wissen, was hinter diesen Formen stecke.
So wurde mein Blick auf den Weg von der Sinnesbeob-
achtung zu dem Geistigen hingelenkt, das mir im inneren
erkennenden Erleben feststand. Ich suchte hinter den sin-
nenfalligen Erscheinungen nicht ungeistige Atomwelten,
sondern das Geistige, das sich scheinbar im Innern des Men-
schen offenbart, das aber in Wirklichkeit den Sinnendingen
und Sinnesvorgangen selbst angehort. Es entsteht durch das
Verhalten des erkennenden Menschen der Schein, als ob die
Gedanken der Dinge im Menschen seien, wahrend sie in
Wirklichkeit in den Dingen walten. Der Mensch hat notig,
sie in einem Schein-Erleben von den Dingen abzusondern;
im wahren Erkenntnis-Erleben gibt er sie den Dingen
wieder zuriick.
Die Entwickelung der Welt ist dann so zu verstehen, daB
das vorangehende Ungeistige, aus dem sich spater die Gei-
stigkeit des Menschen entfaltet, neben und auBer sich ein
Geistiges hat. Die spatere durchgeistigte Sinnlichkeit, in der
der Mensch erscheint, tritt dann dadurch auf, daB sich der
Geistesvorfahre des Menschen mit den unvollkommenen
ungeistigen Formen vereint, und, diese umbildend, dann in
sinnenfalliger Form auftritt.
Diese Ideengange fiihrten mich iiber die damaligen
Erkenntnistheoretiker, deren Scharfsinn und wissenschaft-
liches Verantwortungsgefiihl ich voll anerkannte, hinaus.
Sie fiihrten mich zu Goethe hin.
Ich muB heute zuruckdenken an mein damaliges inneres
Ringen. Ich habe es mir nicht leicht gemacht, iiber die Ge-
dankengange der damaligen Philosophien hinwegzukom-
men. Mein Leuchtstern war aber stets die ganz durch sich
selbst bewirkte Anerkennung der Tatsache, daB der Mensch
sich innerlich als vom Korper unabhangiger Geist, stehend
in einer rein geistigen Welt, schauen kann.
Vor meinen Arbeiten iiber Goethe s naturwissenschaftli-
che Schriften und vor dieser Erkenntnistheorie schrieb ich
einen kleinen Aufsatz iiber Atomismus, der nie gedruckt
worden ist. Er war in der angedeuteten Richtung gehalten.
Ich muB gedenken, welche Freude es mir machte, als Fried-
rich Theodor Vischer, dem ich den Aufsatz zuschickte, mir
einige zustimmende Worte schrieb.
Nun aber wurde mir an meinen Goethe-Studien klar, wie
meine Gedanken zu einem Anschauen vom Wesen der Er-
kenntnis fiihren, das in Goethes Schaffen und seiner Stellung
zur Welt iiberall hervortritt. Ich fand, daB meine Gesichts-
punkte mir eine Erkenntnistheorie ergaben, die die der
Goetheschen Weltanschauung ist.
Ich wurde in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhun-
derts durch Karl Julius Schrder, meinen Lehrer und vater-
lichen Freund, dem ich viel verdanke, empfohlen, die Ein-
leitungen zu Goethes naturwissenschaftlichen Schriften fur
die Kurschnersche «National-Literatur» zu schreiben und
die Herausgabe dieser Schriften zu besorgen. In dieser
Arbeit verfolgte ich das Erkenntnisleben Goethes auf alien
Gebieten, auf denen er tatig war. Immer klarer im einzelnen
wurde mir die Tatsache, daB mich meine eigene Anschau-
ung in eine Erkenntnistheorie der Goetheschen Welt-
anschauung hineinstellte. Und so schrieb ich denn diese
Erkenntnistheorie wahrend der genannten Arbeiten.
Indem ich sie heute wieder vor mich hinstelle, erscheint
sie mir auch als die erkenntnistheoretische Grundlegung
und Rechtfertigung von alle dem, was ich spater gesagt und
veroffentlicht habe. Sie spricht von einem Wesen des Erken-
nens, das den Weg freilegt von der sinnenfalligen Welt in
eine geistige hinein.
Es konnte sonderbar erscheinen, daB diese Jugendschrift,
die nahezu vierzig Jahre alt ist, heute wieder unverandert,
nur durch Anmerkungen erweitert, erscheint. Sie tragt in
der Art der Darstellung die Kennzeichen eines Denkens, das
sich in die Philosophic der Zeit vor vierzig Jahren eingelebt
hat. Ich wiirde, schriebe ich sie heute, manches anders sagen.
Aber ich wiirde als Wesen der Erkenntnis nichts anderes
angeben konnen. Aber, was ich heute schriebe, wiirde nicht
so treulich die Keime der von mir vertretenen geistgemaBen
Weltanschauung in sich tragen konnen. So keimhaft kann
man nur schreiben im Anfange eines Erkenntnislebens.
Deshalb darf vielleicht diese Jugendschrift gerade in der
unveranderten Form wieder erscheinen. Was in der Zeit
ihrer Abfassung an Erkenntnistheorien vorhanden war, hat
eine Fortsetzung in spateren Erkenntnistheorien gefunden.
Ich habe, was ich daruber zu sagen habe, in meinem Buche
«Die Ratsel der Philosophie» gesagt. Dies erscheint gleich-
zeitig in demselben Verlage in Neuauflage. - Was ich vor
Zeiten als Erkenntnistheorie der Goetheschen Welt-
anschauung in diesem Schriftchen skizziert habe, scheint
mir heute so notig zu sagen wie vor vierzig Jahren.
Goetheanum zu Dornach bei Basel
November 1923
Rudolf Steiner
VORWORT ZUR ERSTEN AUFLAGE
Als mir durch Herrn Prof. Kurschner der ehrenvolle Auftrag
wurde, die Herausgabe von Goethes naturwissenschaft-
lichen Schriften fur die Deutsche National-Literatur zu be-
sorgen, war ich mir der Schwierigkeiten sehr wohl bewuBt,
die mir bei einem solchen Unternehmen gegenuberstehen.
Ich muBte einer Ansicht, die sich fast allgemein festgesetzt
hat, entgegentreten.
Wahrend die Uberzeugung immer mehr an Verbreitung
gewinnt, daB Goethes Dichtungen die Grundlage unserer
ganzen Bildung sind, sehen selbst jene, die am weitesten in
der Anerkennung seiner wissenschaftlichen Bestrebungen
gehen, in diesen nicht mehr als Vorahnungen von Wahrhei-
ten, die im spateren Verlaufe der Wissenschaft ihre voile Be-
statigung gefunden haben. Seinem genialischen Blicke soil es
hier gelungen sein, Naturgesetzlichkeiten zu ahnen, die
dann unabhdngig von ihm von der strengen Wissenschaft
wieder gefunden wurden. Was man der ubrigen Tatigkeit
Goethes im vollsten MaBe zugesteht, daB sich jeder Gebil-
dete mit ihr auseinanderzusetzen hat, das wird bei seiner
wissenschaftlichen Ansicht abgelehnt. Man wird durchaus
nicht zugeben, daB man durch ein Eingehen auf des Dich-
ters wissenschaftliche Werke etwas gewinnen konne, was
die Wissenschaft nicht auch ohne ihn heute bieten wurde.
Als ich durch K. J. Schwer, meinen vielgeliebten Lehrer,
in die Weltansicht Goethes eingefuhrt wurde, hatte mein
Denken bereits eine Richtung genommen, die es mir mog-
lich machte, mich iiber die bloBen Einzelentdeckungen des
Dichters hinweg zur Hauptsache zu wenden: zu der Art,
wie Goethe eine solche Einzeltatsache dem Ganzen seiner
Naturauf fas sung einftigte, wie er sie verwertete, urn zu einer
Einsicht in den Zusammenhang der Naturwesen zu gelan-
gen oder wie er sich selbst (in dem Aufsatze «Anschauende
Urteilskraft» 1 ) so treffend ausdruckt, um an den Produk-
tionen der Natur geistig teilzunehmen. Ich erkannte bald,
daB jene Errungenschaften, die Goethe von der heutigen
Wissenschaft zugestanden werden, das Unwesentliche sind,
wahrend das Bedeutsame gerade ubersehen wird. Jene Ein-
zelentdeckungen waren wirklich auch ohne Goethes For-
schen gemacht worden; seiner groBartigen Naturauf fas sung
aber wird die Wissenschaft solange entbehren, als sie sie
nicht direkt von ihm selbst schopft. Damit war die Richtung
gegeben, die die Einleitungen zu meiner Ausgabe zu neh-
men haben. Sie mlissen zeigen, daB jede einzelne von
Goethe ausgesprochene Ansicht aus der Totalitat seines
Genius abzuleiten ist. 2
Die Prinzipien, nach denen dies zu geschehen hat, sind
der Gegenstand des vorliegenden Schriftchens. Es soil
zeigen, daB das, was wir als Goethes wissenschaftliche
Anschauungen hinstellen, auch einer selbstandigen Be-
grundung fahig ist.
Damit hatte ich alles gesagt, was mir den folgenden
Abhandlungen voranzuschicken notig schien. Es obliegt mir
nur noch eine angenehme Pflicht zu erfiillen, namlich Herrn
Prof. Kurschner, der in der auBerordentlich wohlwollenden
Weise, in der er meinen wissenschaftlichen Bemuhungen
stets entgegengekommen ist, auch diesem Schriftchen seine
Forderung freundlichst angedeihen lieB, meinen tiefgefiihl-
testen Dank auszusprechen.
Ende April 1886
Rudolf Steiner
A. VORFRAGEN
1. Ausgangspunkt
Wenn wir irgend eine der Hauptstromungen des geistigen
Lebens der Gegenwart nach riickwarts bis zu ihren Quellen
verfolgen, so treffen wir wohl stets auf einen der Geister
unserer klassischen Epoche. Goethe oder Schiller, Herder
oder Lessing haben einen Impuls gegeben; und davon ist
diese oder jene geistige Bewegung ausgegangen, die heute
noch fortdauert. Unsere ganze deutsche Bildung fuBt so
sehr auf unseren Klassikern, daB wohl mancher, der sich
vollkommen originell zu sein dunkt, nichts weiter voll-
bringt, als daB er ausspricht, was Goethe oder Schiller langst
angedeutet haben. Wir haben uns in die durch sie geschaffe-
ne Welt so hineingelebt, daB kaum irgend jemand auf unser
Verstandnis rechnen darf, der sich auBerhalb der von ihnen
vorgezeichneten Bahn bewegen wollte. Unsere Art, die
Welt und das Leben anzusehen, ist so sehr durch sie be-
stimmt, daB niemand unsere Teilnahme erregen kann, der
nicht Beruhrungspunkte mit dieser Welt sucht.
Nur von einem Zweig unserer geistigen Kultur miissen
wir gestehen, daB er einen solchen Beriihrungspunkt noch
nicht gefunden hat. Es istjener Zweig der Wissenschaft, der
uber das bloBe Sammeln von Beobachtungen, iiber die
Kenntnisnahme einzelner Erfahrungen hinausgeht, um eine
befriedigende Gesamtanschauung von Welt und Leben zu
liefern. Es ist das, was man gewohnlich Philosophic nennt.
Fiir sie scheint unsere klassische Zeit geradezu nicht vor-
handen zu sein. Sie sucht ihr Heil in einer kunstlichen Ab-
geschlossenheit und vornehmen Isolierung von allem iibri-
gen Geistesleben. Dieser Satz wird dadurch nicht widerlegt,
daB sich eine stattliche Anzahl alterer und neuerer Philoso-
phen und Naturforscher mit Goethe und Schiller auseinan-
dergesetzt hat. Denn diese haben ihren wissenschaftlichen
Standpunkt nicht dadurch gewonnen, daB sie die Keime in
den wissenschaftlichen Leistungen jener Geistesheroen zur
Entwicklung gebracht haben. Sie haben ihren wissenschaft-
lichen Standpunkt aufierhalb jener Weltanschauung, die
Schiller und Goethe vertreten haben, gewonnen und ihn
nachtrdglich mit derselben verglichen. Sie haben das auch
nicht in der Absicht getan, um aus den wissenschaftlichen
Ansichten der Klassiker etwas fur ihre Richtung zu gewin-
nen, sondern um dieselben zu priifen, ob sie vor dieser ihrer
eigenen Richtung bestehen konnen. Wir werden darauf
noch naher zuriickkommen. Vorerst mochten wir nur auf
die Folgen verweisen, die sich aus dieser Haltung gegemiber
der hochsten Entwicklungsstufe der Kultur der Neuzeit fur
das in Betracht kommende Wissenschaftsgebiet ergeben.
Ein groBer Teil des gebildeten Lesepublikums wird heu-
te eine literarisch-wissenschaftliche Arbeit sogleich unge-
lesen von sich weisen, wenn sie mit dem Anspruche auftritt,
eine philosophische zu sein. Kaum in irgend einer Zeit hat
sich die Philosophie eines geringeren MaBes von Beliebtheit
erfreut als gegenwartig. Sieht man von den Schriften Scho-
penhauers und Ed. v. Hartmanns ab, die Lebens- und Welt-
probleme von allgemeinstem Interesse behandeln und des-
halb weite Verbreitung gefunden haben, so wird man nicht
zu weit gehen, wenn man sagt: philosophische Arbeiten
werden heute nur von Fachphilosophen gelesen. Niemand
auBer diesen kummert sich darum. Der Gebildete, der nicht
Fachmann ist, hat das unbestimmte Gefiihl: «Diese Litera-
tur enthalt nichts, was einem meiner geistigen Bedurfnisse
entsprechen wiirde; die Dinge, die da abgehandelt werden,
gehen mich nichts an; sie hangen in keiner Weise mit dem
zusammen, was ich zur Befriedigung meines Geistes not-
wendig habe.» An diesem Mangel an Interesse fur alle
Philosophic kann nur der von uns angedeutete Umstand
die Schuld tragen, denn es steht jener Interesselosigkeit ein
stets wachsendes Bedurfnis nach einer befriedigenden Welt-
und Lebensanschauung gegeniiber. Was fiir so viele lange
Zeit ein voller Ersatz war: die religiosen Dogmen verlieren
immer mehr an uberzeugender Kraft. Der Drang nimmt im-
mer zu, das durch die Arbeit des Denkens zu erringen, was
man einst dem Offenbarungsglauben verdankte: Befriedi-
gung des Geistes. An Teilnahme der Gebildeten konnte es
daher nicht fehlen, wenn das in Rede stehende Wissen-
schaftsgebiet wirklich Hand in Hand ginge mit der ganzen
Kulturentwicklung, wenn seine Vertreter Stellung nehmen
wiirden zu den groBen Fragen, die die Menschheit bewegen.
Man muB sich dabei immer vor Augen halten, daB es sich
nie darum handeln kann, erst kunstlich ein geistiges Bedurf-
nis zu erzeugen, sondern allein darum, das bestehende auf-
zusuchen und ihm Befriedigung zu gewahren. Nicht das
Aufwerfen von Fragen ist die Aufgabe der Wissenschaft,
sondern das sorgfaltige Beobachten derselben, wenn sie von
der Menschennatur und der jeweiligen Kulturstufe gestellt
werden, und ihre Beantwortung. Unsere modernen Philo-
sophen stellen sich Aufgaben, die durchaus kein naturlicher
AusfluB der Bildungsstufe sind, auf der wir stehen und nach
deren Beantwortung daher niemand fragt. An jenen Fragen
aber, die unsere Bildung vermoge jenes Standortes, auf den
sie unsere Klassiker gehoben haben, stellen mufi, geht die
Wissenschaft voriiber. So haben wir eine Wissenschaft, nach
der niemand sucht und ein wissenschaftliches Bediirfnis;, das
von niemandem befriedigt wird.
Unsere zentrale Wissenschaft, jene Wissenschaft, die uns
die eigentlichen Weltratsel losen soil, darf keine Ausnahme
machen gegeniiber alien anderen Zweigen des Geistes-
lebens. Sie muB ihre Quellen dort suchen, wo sie die letzte-
ren gefunden haben. Sie muB sich mit unseren Klassikern
nicht nur auseinandersetzen; sie muB bei ihnen auch die
Keime zu ihrer Entwicklung suchen; es muB sie der gleiche
Zug wie unsere iibrige Kultur durchwehen. Das ist eine in
der Natur der Sache liegende Notwendigkeit. Ihr ist es auch
zuzuschreiben, daB die oben bereits benihrten Auseinan-
dersetzungen moderner Forscher mit den Klassikern statt-
gefunden haben. Sie zeigen aber nichts weiter, als daB man
ein dunkles Gefuhl hat von der UnStatthaftigkeit, iiber die
Uberzeugungen jener Geister einfach zur Tagesordnung
uberzugehen. Sie zeigen aber auch, daB man es zur wirk-
lichen Weiterentwicklung ihrer Ansichten nicht gebracht
hat. Dafur spricht die Art, wie man an Lessing, Herder,
Goethe, Schiller herangetreten ist. Bei aller Vortrefrlichkeit
vieler hierher gehoriger Schriften muB man doch fast von
allem, was iiber Goethes und Schillers wissenschaftliche Ar-
beiten geschrieben worden ist, sagen, daB es sich nicht orga-
nisch aus deren Anschauungen herausgebildet, sondern sich
in ein nachtragliches Verhaltnis zu denselben gesetzt hat.
Keine Tatsache kann das mehr erharten als die, daB die ent-
gegengesetztesten wissenschaftlichen Richtungen in Goethe
den Geist gesehen haben, der ihre Ansichten «voraus-
geahnt» hat. Weltanschauungen, die gar nichts miteinander
gemein haben, weisen mit scheinbar gleichem Recht auf
Goethe hin, wenn sie das Bediirfnis empfinden, ihren Stand-
punkt auf den Hohen der Menschheit anerkannt zu sehen.
Man kann sich keine scharferen Gegensatze denken als die
Lehre Hegels und Schopenhauers. Dieser nennt Hegel einen
Scharlatan, seine Philosophie seichten Wortkram, baren
Unsinn, barbarische Wortzusammenstellungen. Beide Man-
ner haben eigentlich gar nichts miteinander gemein als eine
unbegrenzte Verehrung fur Goethe und den Glauben, daB
der letztere sich zu ihrer Weltansicht bekannt habe.
Mit neueren wissenschaftlichen Richtungen ist es nicht
anders. Haeckel, der mit eiserner Konsequenz und in genia-
lischer Weise den Darwinismus ausgebaut hat, den wir als
den weitaus bedeutendsten Anhanger des englischen For-
schers ansehen mussen, sieht in der Goetheschen Ansicht
die seinige vorgebildet. Ein anderer Naturforscher der Ge-
genwart: K. F. W. Jessen schreibt von der Theorie Darwins:
«Das Aufsehen, welches diese fruher schon oft vorgebrachte
und von griindlicher Forschung ebenso oft widerlegte, jetzt
aber mit vielen Scheingrunden unterstutzte Theorie bei
manchen Spezialforschern und vielen Laien gefunden hat,
zeigt, wie wenig leider noch immer die Ergebnisse der Na-
turforschung von den Volkern erkannt und begriffen sind» 1 .
Von Goethe sagt derselbe Forscher, daB er sich «zu umfas-
senden Forschungen in der leblosen wie in der belebten
Natur aufgeschwungen» habe, indem er «in sinniger, tief-
dringender Naturbetrachtung das Grundgesetz aller Pflan-
zenbildung» 3 fand. Jeder der genannten Forscher weiB in
schier erdriickender Zahl Belege fur die Ubereinstimmung
seiner wissenschaftlichen Richtung mit den «sinnigen Beob-
achtungen Goethes» zu erbringen. Es muBte denn doch
wohl ein bedenkliches Licht auf die Einheitlichkeit Goethe-
schen Denkens werfen, wenn sich jeder dieser Standpunkte
mit Recht auf dasselbe berufen konnte. Der Grund dieser
Erscheinung liegt aber eben darinnen, daB doch keine dieser
Ansichten wirklich aus der Goetheschen Weltanschauung
herausgewachsen ist, sondern daB jede ihre Wurzeln auBer-
halb derselben hat. Er liegt darinnen, daB man zwar nach
auBerer Ubereinstimmung mit Einzelheiten, die, aus dem
ganzen Goetheschen Denken herausgerissen, ihren Sinn
verlieren, sucht, daB man aber diesem Ganzen selbst nicht
die inner e Gediegenheit zugestehen will, eine wissenschaft-
liche Richtung zu begninden. Goethes Ansichten waren nie
Ausgangspunkt wissenschaftlicher Untersuchungen, son-
dern stets nur Vergleichungsobjekt. Die sich mit ihm
beschaftigten, waren selten Schiller, die sich unbefangenen
Sinnes seinen Ideen hingaben, sondern zumeist Kritiker,
die iiber ihn zu Gericht saBen.
Man sagt eben, Goethe habe viel zu wenig wissenschaft-
lichen Sinn gehabt; er war ein um so schlechterer Philosoph,
als er besserer Dichter war. Deshalb ware es unmoglich,
einen wissenschaftlichen Standpunkt auf ihn zu stutzen.
Das ist eine vollstandige Verkennung der Natur Goethes.
Goethe war allerdings kein Philosoph im gewohnlichen Shi-
ne des Wortes; aber es darf nicht vergessen werden, daB die
wunderbare Harmonie seiner Personlichkeit Schiller zu
dem Ausspruche fuhrte: «Der Dichter ist der einzige wahre
Mensch». Das, was Schiller hier unter dem «wahren Men-
schen» versteht, das war Goethe. In seiner Personlichkeit
fehlte kein Element, das zur hochsten Auspragung des All-
gemein-Menschlichen gehort. Aber alle diese Elemente ver-
einigten sich in ihm zu einer Totalitat, die als solche wirksam
ist. So kommt es, daB seinen Ansichten iiber die Natur ein
tiefer philosophischer Sinn zugrunde liegt, wenngleich dieser
philosophische Sinn nicht in Form bestimmter wissen-
schaftlicher Satze zu seinem BewuBtsein kommt. Wer sich
in jene Totalitat vertieft, der wird, wenn er philosophische
Anlagen mitbringt, jenen philosophischen Sinn loslosen und
ihn als Goethesche Wissenschaft darlegen konnen. Er muB
aber von Goethe ausgehen und nicht mit einer fertigen
Ansicht an ihn herantreten. Goethes Geisteskrafte sind im-
mer in einer Weise wirksam, wie sie der strengsten Philo-
sophic gemaB ist, wenn er auch kein systematisches Ganze
derselben hinterlassen hat.
Goethes Weltansicht ist die denkbar vielseitigste. Sie geht
von einem Zentrum aus, das in der einheitlichen Natur des
Dichters gelegen ist, und kehrt immer jene Seite hervor, die
der Natur des betrachteten Gegenstandes entspricht. Die
Einheitlichkeit der Betatigung der Geisteskrafte liegt in der
Natur Goethes, die jeweilige Art dieser Betatigung wird
durch das betreffende Objekt bestimmt. Goethe entlehnt
die Betrachtungsweise der AuBenwelt und zwingt sie ihr
nicht auf. Nun ist aber das Denken vieler Menschen nur in
einer bestimmten Weise wirksam; es ist nur fur eine Gat-
tung von Objekten dienlich; es ist nicht wie das Goethesche
einheitlichy sondern einformig. Wir wollen uns genauer aus-
drucken: Es gibt Menschen, deren Ver stand vornehmlich
geeignet ist, rein mechanische Abhangigkeiten und Wirkun-
gen zu denken; sie stellen sich das ganze Universum als
einen Mechanismus vor. Andere haben einen Drang, das
geheimnisvolle, mystische Element der AuBenwelt uberall
wahrzunehmen; sie werden Anhanger des Mystizismus.
Aller Irrtum entsteht dadurch, daB eine solche Denkweise,
die ja fur eine Gattung von Objekten voile Geltung hat, fur
universell erklart wird. So erklart sich der Wider streit der
vielen Weltanschauungen. Tritt nun eine solche einseitige
Auffassung der Goetheschen gegeniiber, die unbeschrankt
ist, weil sie die Betrachtungsweise iiberhaupt nicht aus dem
Geiste des Betrachters, sondern aus der Natur des Betrach-
teten entnimmt, so ist es begreiflich, daB sie sich an jene Ge-
dankenelemente derselben anklammert, die ihr gemaB sind.
Goethes Weltansicht schlieBt eben in dem angedeuteten
Sinne viele Denkrichtungen in sich, wahrend sie von keiner
einseitigen Auffassung je durchdrungen werden kann.
Der philosophische Sinn, der ein wesentliches Element in
dem Organismus des Goetheschen Genius ist, hat auch fur
seine Dichtungen Bedeutung. Wenn es Goethe auch feme
lag, das, was dieser Sinn ihm vermittelte, in begrifflich klarer
Form sich vorzulegen, wie dies Schiller imstande war, so ist
es doch wie bei Schiller ein Faktor, der bei seinem kunstle-
rischen Schaffen mitwirkt. Goethes und Schillers dichteri-
sche Produktionen sind ohne ihre im Hintergrunde dersel-
ben stehende Weltanschauung nicht denkbar. Dabei kommt
es bei Schiller mehr auf seine wirklich ausgebildeten Grund-
satze, bei Goethe auf die Art seines Anschauens an. DaB aber
die groBten Dichter unserer Nation auf der Hone ihres
Schaffens jenes philosophischen Elementes nicht entraten
konnten, biirgt mehr als alles andere dafur, daB dasselbe in
der Entwicklungsgeschichte der Menschheit ein notwendi-
ges Glied ist. Gerade die Anlehnung an Goethe und Schiller
wird es ermoglichen, unsere zentrale Wissenschaft ihrer Ka-
thedereinsamkeit zu entreiBen und der ubrigen Kulturent-
wicklung einzuverleiben. Die wissenschaftlichen Uberzeu-
gungen unserer Klassiker hangen mit tausend Faden an ih-
ren ubrigen Bestrebungen, sie sind solche, welche von der
Kulturepoche, die sie geschaffen, gefordert werden.
2. Die Wissenschaft Goethes nach derMethode Schillers
Mit dem Bisherigen haben wir die Richtung bestimmt, die
die folgenden Untersuchungen nehmen werden. Sie sollen
eine Entwicklung dessen sein, was sich in Goethe als wissen-
schaftlicher Sinn geltend machte, eine Interpretation seiner
Art, die Welt zu betrachten.
Dagegen kann man einwenden, das sei nicht die Art, eine
Ansicht wissenschaftlich zu vertreten. Eine wissenschaftliche
Ansicht diirfe unter keinerlei Umstanden auf einer Autoritat,
sondern miisse stets auf Prinzipien beruhen. Wir wollen
diesen Einwand sogleich vorwegnehmen. Uns gilt nicht des-
halb eine in der Goetheschen Weltauf fas sung begnindete An-
sicht fur wahr, weil sie sich aus dieser ableiten laBt, sondern
weil wir glauben, die Goethesche Weltansicht auf haltbare
Grundsatze stutzen und sie als eine in sich begnindete vertre-
ten zu konnen. DaB wirunseren Ausgangspunkt von Goethe
nehmen, soil uns nicht hindern, es mit der Begriindung der
von uns vertretenen Ansichten ebenso ernst zu nehmen, wie
die Vertreter einer angeblich voraussetzungslosen Wissen-
schaft. Wir vertreten die Goethesche Weltansicht, aber wir
begriinden sie den Forderungen der Wissenschaft gemafi.
Fur den Weg, den solche Untersuchungen einzuschlagen
haben, hat Schiller die Richtung vorgezeichnet. Keiner hat
wie er die GroBe des Goetheschen Genius geschaut. In sei-
nen Briefen an Goethe hat er dem letzteren ein Spiegelbild
seines Wesens vorgehalten; in seinen Briefen iiber astheti-
sche Erziehung des Menschengeschlechtes leitet er das Ideal
des Kunstlers ab, wie er es an Goethe erkannt hat; und in
seinem Aufsatze iiber naive und sentimentalische Dichtung
schildert er das Wesen der echten Kunst, wie er es an der
Dichtung Goethes gewonnen hat. Damit ist zugleich
gerechtfertigt, warum wir unsere Ausfiihrungen als auf
Grundlage der Goethe-Schillerschen Weltanschauung er-
baut bezeichnen. Sie wollen das wissenschaftliche Denken
Goethes nach jener Methode betrachten, fur die Schiller das
Vorbild geliefert hat. Goethes Blick ist auf die Natur und
das Leben gerichtet; und die Betrachtungsweise, die er dabei
befolgt, soli der Vorwurf (der Inhalt) fur unsere Abhand-
lung sein; Schillers Blick ist auf Goethes Geist gerichtet; und
die Betrachtungsweise, die er dabei befolgt, soil das Ideal
unserer Methode sein.
In dieser Weise denken wir uns Goethes und Schillers
wissenschaftliche Bestrebungen fur die Gegenwart frucht-
bar gemacht.
Nach der ublichen wissenschaftlichen Bezeichnungs-
weise wird unsere Arbeit als Erkenntnistheorie aufgefaBt
werden mussen. Die Fragen, die sie behandelt, werden frei-
lich vielfach anderer Natur sein als die, die heute von dieser
Wissenschaft fast allgemein gestellt werden. Wir haben
gesehen, warum das so ist. Wo ahnliche Untersuchungen
heute auftreten, gehen sie fast durchgehends von Kant aus.
Man hat in wissenschaftlichen Kreisen durchaus ubersehen,
daB neben der von dem groBen Konigsberger Denker be-
grundeten Erkenntniswissenschaft noch eine andere Rich-
tung wenigstens der Moglichkeit nach gegeben ist, die nicht
minder einer sachlichen Vertiefung fahig ist als die Kant-
sche. Otto Liebmann hat am Anfange der sechziger Jahre
den Ausspruch getan: Es muB auf Kant zuruckgegangen
werden, wenn wir zu einer widerspruchslosen Weltansicht
kommen wollen. Das ist wohl die Veranlassung, daB wir
heute eine fast unubersehbare Kant-Literatur haben.
Aber auch dieser Weg wird der philosophischen Wissen-
schaft nicht aufhelfen. Sie wird erst wieder eine Rolle in dem
Kulturleben spielen, wenn sie statt des Zuriickgehens auf
Kant sich in die wissenschaftliche Auffassung Goethe s und
Schillers vertieft.
Und nun wollen wir an die Grundfragen einer diesen
Vorbemerkungen entsprechenden Erkenntniswissenschaft
herantreten.
3. Die Aufgabe unserer Wissenschaft
Von aller Wissenschaft gilt zuletzt das, was Goethe so be-
zeichnend mit den Worten ausspricht: «Die Theorie an und
fur sich ist nichts niitze, als insofern sie uns an den Zusam-
menhang der Erscheinungen glauben macht.» Stets bringen
wir durch die Wissenschaft getrennte Tatsachen der Erfah-
rung in einen Zusammenhang. Wir sehen in der unorgani-
schen Natur Ursachen und Wirkungen getrennt und suchen
nach deren Zusammenhang in den entsprechenden Wissen-
schaften. Wir nehmen in der organischen Welt Arten und
Gattungen von Organismen wahr und bemuhen uns, die
gegenseitigen Verhaltnisse derselben festzustellen. In der
Geschichte treten uns einzelne Kulturepochen der Mensch-
heit gegemiber; wir bemuhen uns, die innere Abhangigkeit
der einen Entwicklungsstufe von der andern zu erkennen.
So hat jede Wissenschaft in einem bestimmten Erschei-
nungsgebiete im Sinne des obigen Goetheschen Satzes zu
wirken.
Jede Wissenschaft hat ihr Gebiet, auf dem sie den Zu-
sammenhang der Erscheinungen sucht. Dann bleibt noch
immer ein groBer Gegensatz in unseren wissenschaftlichen
Bemuhungen bestehen: die durch die Wissenschaften ge-
wonnene ideelle Welt einerseits und die ihr zugrunde
liegenden Gegenstande andererseits. Es muB eine Wissen-
schaft geben, die auch hier die gegenseitigen Beziehungen
klarlegt. Die ideelle und reale Welt, der Gegensatz von Idee
und Wirklichkeit, sind die Aufgabe einer solchen Wissen-
schaft. Auch diese Gegensatze miissen in ihrer gegenseitigen
Beziehung erkannt werden.
Diese Beziehungen zu suchen, ist der Zweck der folgen-
den Ausfuhrungen. Die Tatsache der Wissenschaft einer-
seits und die Natur und Geschichte andererseits sind in ein
Verhaltnis zu bringen. Was fur eine Bedeutung hat die Spie-
gelung der AuBenwelt in dem menschlichen BewuBtsein,
welche Beziehung besteht zwischen unserem Denken liber
die Gegenstande der Wirklichkeit und den letzteren selbst?
B. DIE ERFAHRUNG
4. Feststellung des Begriffes der Erfahrung
Zwei Gebiete stehen also einander gegemiber, unser Den-
ken und die Gegenstande, mit denen sich dasselbe beschaf-
tigt. Man bezeichnet die letzteren, insofern sie unserer Be-
obachtung zuganglich sind, als den Inhalt der Erfahrung.
Ob es auBer unserem Beobachtungsfelde noch Gegenstande
des Denkens gibt und welcher Natur dieselben sind, wollen
wir vorlaufig ganz dahingestellt sein lassen. Unsere nachste
Aufgabe wird es sein, jedes von den zwei bezeichneten
Gebieten, Erfahrung und Denken, scharf zu umgrenzen.
Wir mussen erst die Erfahrung in bestimmter Zeichnung
vor uns haben und dann die Natur des Denkens erforschen.
Wir treten an die erste Aufgabe heran.
Was ist Erfahrung? Jedermann ist sich dessen bewuBt,
daB sein Denken im Konflikte mit der Wirklichkeit an-
gefacht wird. Die Gegenstande im Raume und in der Zeit
treten an uns heran; wir nehmen eine vielfach gegliederte,
hochst mannigfaltige AuBenwelt wahr und durchleben eine
mehr oder minder reichlich entwickelte Innenwelt. Die
erste Gestalt, in der uns das alles gegenubertritt, steht fertig
vor uns. Wir haben an ihrem Zustandekommen keinen An-
teil. Wie aus einem uns unbekannten Jenseits entspringend,
bietet sich zunachst die Wirklichkeit unserer sinnlichen und
geistigen Auffassung dar. Zunachst konnen wir nur unseren
Blick uber die uns gegenubertretende Mannigfaltigkeit
schweifen lassen.
Diese unsere erste Tatigkeit ist die sinnliche Auffassung
der Wirklichkeit. Was sich dieser darbietet, mussen wir fest-
halten. Denn nur das konnen wir reine Erfahrung nennen.
Wir fiihlen sogleich das Bediirfnis, die unendliche Man-
nigfaltigkeit von Gestalten, Kraften, Farben, Tonen usw.,
die vor uns auftritt, mit dem ordnenden Verstande zu
durchdringen. Wir sind bestrebt, die gegenseitigen Abhan-
gigkeiten aller uns entgegentretenden Einzelheiten aufzu-
klaren. Wenn uns ein Tier in einer bestimmten Gegend er-
scheint, so fragen wir nach dem Einfliisse der letzteren auf
das Leben des Tieres; wenn wir sehen, wie ein Stein ins Rol-
len kommt, so suchen wir nach anderen Ereignissen, mit
denen dieses zusammenhangt. Was aber auf solche Weise
zustande kommt, ist nicht mehr reine Erfahrung. Es hat
schon einen doppelten Ursprung: Erfahrung und Denken.
Reine Erfahrung ist die Form der Wirklichkeit, in der diese
uns erscheint, wenn wir ihr mit vollstdndiger Entdufierung
unseres Selbstes entgegentreten.
Auf diese Form der Wirklichkeit sind die Worte an-
wendbar, die Goethe in dem Aufsatze «Die Natur» aus-
gesprochen hat: «Wir sind von ihr umgeben und umschlun-
gen. Ungebeten und ungewarnt nimmt sie uns in den
Kreislauf ihres Tanzes auf.»
Bei den Gegenstanden der auBeren Sinne springt das so
in die Augen, daB es wohl kaum jemand leugnen wird. Ein
Korper tritt uns zunachst als eine Vielheit von Formen, Far-
ben, von Warme- und Lichteindriicken entgegen, die plotz-
lich vor uns sind, wie aus einem uns unbekannten Urquell
hervorgegangen.
Die psychologische Uberzeugung, daB die Sinnenwelt,
wie sie uns vorliegt, nichts an sich selbst ist, sondern bereits
ein Produkt der Wechselwirkung einer uns unbekannten
molekularen AuBenwelt und unseres Organismus, wider-
spricht unserer Behauptung nicht. Wenn es auch wirklich
wahr ware, daB Farbe, Warme usw. nichts weiter sind, als die
Art, wie unser Organismus von der AuBenwelt affiziert
wird, so liegt doch der ProzeB, der das Geschehen der
AuBenwelt in Farbe, Warme usw. umwandelt, ganzlich jen-
seits des Bewufitseins. Unser Organismus mag dabei welche
Rolle immer spielen: unserem Denken liegt als fertige, uns
aufgedrungene Wirklichkeitsform (Erfahrung) nicht das
molekulare Geschehen, sondern jene Farben, Tone usw. vor.
Nicht so klar liegt die Sache mit unserem Innenleben.
Eine genauere Erwagung wird aber hier jeden Zweifel
schwinden lassen, daB auch unsere inneren Zustande in der-
selben Form in den Horizont unseres BewuBtseins eintreten
wie die Dinge und Tatsachen der AuBenwelt. Ein Gefuhl
drangt sich mir ebenso auf wie ein Lichteindruck. DaB ich
es in nahere Beziehung zu meiner eigenen Personlichkeit
bringe, ist in dieser Hinsicht ohne Belang. Wir mussen noch
weiter gehen. Auch das Denken selbst erscheint uns zu-
nachst als Erfahrung s sache. Schon indem wir forschend an
unser Denken herantreten, setzen wir es uns gegemiber,
stellen wir uns seine erste Gestalt als von einem uns Un-
bekannten kommend vor.
Das kann nicht anders sein. Unser Denken ist, besonders
wenn man seine Form als individuelle Tatigkeit innerhalb
unseres BewuBtseins ins Auge faBt, Betrachtung, d. h. es
richtet den Blick nach auBen, auf ein Gegenuberstehendes.
Dabei bleibt es zunachst als Tatigkeit stehen. Es wiirde ins
Leere, ins Nichts blicken, wenn sich ihm nicht etwas gegen-
uberstellte.
Dieser Form des Gegeniibersteilens muB sich alles fiigen,
was Gegenstand unseres Wissens werden soil. Wir sind un-
vermogend, uns iiber diese Form zu erheben. Sollen wir an
dem Denken ein Mittel gewinnen, tiefer in die Welt einzu-
dringen, dann muB es selbst zuerst Erfahrung werden. Wir
miissen das Denken innerhalb der Erfahrungstatsachen
seihst als eine solche aufsuchen.
Nur so wird unsere Weltanschauung der inneren Ein-
heitlichkeit nicht entbehren. Sie wiirde es sogleich, wenn
wir ein fremdes Element in sie hineintragen wollten. Wir
treten der bloBen reinen Erfahrung gegeniiber und suchen
innerhalb ihrer selbst das Element, das iiber sich und iiber
die ubrige Wirklichkeit Licht verbreitet.
5. Hinweis auf den Inhalt der Erfahrung
Sehen wir uns nun die reine Erfahrung einmal an. Was ent-
halt sie, wie sie an unserem BewuBtsein voniberzieht, ohne
daB wir sie denkend bearbeiten? Sie ist bloBes Nebeneinan-
der im Raume und Nacheinander in der Zeit; ein Aggregat
aus lauter zusammenhanglosen Einzelheiten. Keiner der
Gegenstande, die da kommen und gehen, hat mit dem ande-
ren etwas zu tun. Auf dieser Stufe sind die Tatsachen, die
wir wahrnehmen, die wir innerlich durchleben, absolut
gleichgultig fureinander.
Die Welt ist da eine Mannigfaltigkeit von ganz gleich-
wertigen Dingen. Kein Ding, kein Ereignis darf den An-
spruch erheben, eine groBere Rolle in dem Getriebe der
Welt zu spielen als ein anderes Glied der Erfahrungswelt.
Soli uns klar werden, daB diese oder jene Tatsache groBere
Bedeutung hat als eine andere, so miissen wir die Dinge
nicht bloB beobachten, sondern schon in gedankliche Be-
ziehung setzen. Das rudimentare Organ eines Tieres, das
vielleicht nicht die geringste Bedeutung fur dessen organi-
sehe Funktionen hat, ist fur die Erfahrung ganz gleichwertig
mit dem wichtigsten Organe des Tierkorpers. Jene groBere
oder geringere Wichtigkeit wird uns eben erst klar, wenn
wir liber die Beziehungen der einzelnen Glieder der Beob-
achtung nachdenken, d. h. wenn wir die Erfahrung bear-
beiten.
Fur die Erfahrung ist die auf einer niedrigen Stufe der
Organisation stehende Schnecke gleichwertig mit dem
hochst entwickelten Tiere. Der Unterschied in der Voll-
kommenheit der Organisation erscheint uns erst, wenn wir
die gegebene Mannigfaltigkeit begrifflich erfassen und
durcharbeiten. Gleichwertig in dieser Hinsicht sind auch die
Kultur des Eskimo und jene des gebildeten Europaers;
Casars Bedeutung fur die geschichtliche Entwicklung der
Menschheit erscheint der blofien Erfahrung nicht groBer als
die eines seiner Soldaten. In der Literaturgeschichte ragt
Goethe nicht iiber Gottsched empor, wenn es sich um die
bloBe erfahrungsmaBige Tatsachlichkeit handelt.
Die Welt ist uns auf dieser Stufe der Betrachtung gedank-
lich eine vollkommen ebene Flache. Kein Teil dieser Flache
ragt iiber den anderen empor; keiner zeigt irgend einen
gedanklichen Unterschied von dem anderen. Erst wenn
der Funke des Gedankens in diese Flache einschlagt, treten
Erhohungen und Vertiefungen ein, erscheint das eine mehr
oder minder weit iiber das andere emporragend, formt sich
alles in bestimmter Weise, schlingen sich Faden von einem
Gebilde zum anderen; wird alles zu einer in sich vollkom-
menen Harmonic
Wir glauben durch unsere Beispiele wohl hinlanglich ge-
zeigt zu haben, was wir unter jener groBeren oder geringe-
ren Bedeutung der Wahrnehmungsgegenstande (hier gleich-
bedeutend genommen mit Dingen der Erfahrung) verste-
hen, was wir uns unter jenem Wissen denken, das erst ent-
steht, wenn wir diese Gegenstande im Zusammenhange be-
trachten. Damit glauben wir zugleich vor dem Einwande
gesichert zu sein, daB unsere Erfahrungswelt ja auch schon
unendliche Unter schiede in ihren Objekten zeigt, bevor das
Denken an sie herantritt. Eine rote Flache unterscheide sich
doch auch ohne Betatigung des Denkens von einer griinen.
Das ist richtig. Wer uns aber damit widerlegen wollte, hat
unsere Behauptung vollstandig miBverstanden. Das gerade
behaupten wir ja, daB es eine unendliche Menge von Einzel-
heiten ist, die uns in der Erfahrung geboten wird. Diese Ein-
zelheiten mussen naturlich voneinander verschieden sein,
sonst wiirden sie uns eben nicht als unendliche, zusammen-
hanglose Mannigfaltigkeit gegenubertreten. Von einer Un-
terschiedlosigkeit der wahrgenommenen Dinge ist gar nicht
die Rede, sondern von ihrer vollstandigen Beziehungslosig-
keit, von der unbedingten Bedeutungslosigkeit der einzel-
nen sinnenfalligen Tatsache fur das Ganze unseres Wirk-
lichkeitsbildes. Gerade weil wir diese unendliche qualitative
Verschiedenheit anerkennen, werden wir zu unseren Be-
hauptungen gedrangt.
Trate uns eine in sich geschlossene, harmonisch geglie-
derte Einheit gegemiber, so konnten wir doch nicht von
einer Gleichgultigkeit der einzelnen Glieder dieser Einheit
in bezug auf einander sprechen.
Wer unser oben gebrauchtes Gleichnis deswegen nicht
entsprechend fande, hatte es nicht beim eigentlichen Ver-
gleichungspunkte gefaBt. Es ware freilich falsch, wenn wir
die unendlich verschieden gestaltete Wahrnehmungswelt
mit der einformigen GleichmaBigkeit einer Ebene verglei-
chen wollten. Aber unsere Ebene soil durchaus nicht die
mannigfaltige Erscheinungswelt versinnlichen, sondern das
einheitliche Gesamtbild, das wir von dieser Welt haben, so-
lange das Denken nicht an sie herangetreten ist. Auf diesem
Gesamtbilde erscheint nach der Betatigung des Denkens
jede Einzelheit nicht so, wie sie die bloBen Sinne vermitteln,
sondern schon mit der Bedeutung, die sie fur das Ganze der
Wirklichkeit hat. Sie erscheint somit mit Eigenschaften, die
ihr in der Form der Erfahrung vollstandig fehlen.
Nach unserer Uberzeugung ist es Johannes Volkelt vor-
zuglich gelungen, das in scharfen Umrissen zu zeichnen,
was wir reine Erfahrung zu nennen berechtigt sind. Schon
vor fiinf Jahren in seinem Buche iiber «Kants Erkenntnis-
theorie» 4 ist sie vortrefflich charakterisiert und in seiner
neuesten Veroffentlichung: «Erfahrung und Denken» 5 hat
er die Sache dann weiter ausgefuhrt. Er hat das nun freilich
zur Unterstutzung einer Ansicht getan, die von der unsri-
gen grundverschieden ist und in einer wesentlich anderen
Absicht, als die unsere gegenwartig ist. Das kann uns aber
nicht hindern, seine vorziigliche Charakterisierung der rei-
nen Erfahrung hierher zu setzen. Sie schildert uns einfach
die Bilder, die in einem beschrankten Zeitabschnitte in
vollig zusammenhangloser Weise vor unserem BewuBtsein
voniberziehen. Volkelt sagt 6 : «Jetzt hat z. B. mein BewuBt-
sein die Vorstellung, heute fleiBig gearbeitet zu haben, zum
Inhalte; unmittelbar daran knupft sich der Vorstellungsin-
halt, mit gutem Gewissen spazieren gehen zu konnen; doch
plotzlich tritt das Wahrnehmungsbild der sich offnenden
Tiire und des hereintretenden Brieftragers ein; das Brief-
tragerbild erscheint bald handausstreckend, bald mund-
offnend, bald das Gegenteil tuend: zugleich verbinden sich
mit dem Wahrnehmungsinhalte des Mundoffnens allerhand
Gehorseindriicke, unter anderen auch einer, daB es drauBen
zu regnen anfange. Das Brieftragerbild verschwindet aus
meinem BewuBtsein, und die Vorstellungen, die nun eintre-
ten, haben der Reihe nach zu ihrem Inhalte: Ergreifen der
Schere, Offnen des Briefes, Vorwurf unleserlichen Schrei-
bens, Gesichtsbilder mannigfachster Schriftzeichen, man-
nigfache sich daran knupfende Phantasiebilder und Gedan-
ken; kaum ist diese Reihe vollendet, als wiederum die Vor-
stellung, fleiBig gearbeitet zu haben, und die mit MiBmut
begleitete Wahrnehmung des fortfahrenden Regens eintre-
ten; doch beide verschwinden aus meinem BewuBtsein, und
es taucht eine Vorstellung auf mit dem Inhalte, daB eine
wahrend des heutigen Arbeitens gelost geglaubte Schwie-
rigkeit nicht gelost sei; damit zugleich sind die Vorstel-
lungen: Willensfreiheit, empirische Notwendigkeit, Ver-
antwortlichkeit, Wert der Tugend, Unbegreiflichkeit usw.
eingetreten und verbinden sich miteinander in der ver-
schiedenartigsten, kompliziertesten Weise; und ahnlich
geht es weiter.»
Da haben wir fur einen gewissen, beschrankten Zeit-
abschnitt das geschildert, was wir wirklich erfahren, die-
jenige Form der Wirklichkeit, an der das Denken gar
keinen Anteil hat.
Man darf nun durchaus nicht glauben, daB man zu einem
anderen Resultate gekommen ware, wenn man statt dieser
alltaglichen Erfahrung etwa die geschildert hatte, die wir an
einem wissenschaftlichen Versuche oder an einem besonde-
ren Naturphanomen machen. Hier wie dort sind es einzelne
zusammenhanglose Bilder, die vor unserem BewuBtsein vor-
uberziehen. Erst das Denken stellt den Zusammenhang her.
Das Verdienst, in scharfen Konturen gezeigt zu haben,
was uns eigentlich die von allem Gedanklichen entbloBte
Erfahrung gibt, miissen wir auch dem Schriftchen: «Gehirn
und BewuBtsein» von Dr. Richard Wahle (Wien 1884) zu-
erkennen; nur mit der Einschrankung, daB, was Wahle als
unbedingt giiltige Eigenschaften der Erscheinungen der
AuBen- und Innenwelt hinstellt, nur von der ersten Stufe
der Weltbetrachtung gilt, die wir charakterisiert haben.
Wir wissen nach Wahle nur von einem Nebeneinander im
Raume und einem Nacheinander in der Zeit. Von einem
Verhaltnisse der neben- oder nacheinander bestehenden
Dinge kann nach ihm gar keine Rede sein. Es mag z. B.
immerhin irgendwo ein innerer Zusammenhang zwischen
dem warmen Sonnenstrahl und dem Erwarmen des Steines
bestehen; wir wissen nichts von einem ursachlichen Zusam-
menhange; uns wird allein klar, daB auf die erste Tatsache
die zweite folgt. Es mag auch irgendwo, in einer uns un-
zuganglichen Welt, ein innerer Zusammenhang zwischen
unserem Gehirnmechanismus und unserer geistigen Tatig-
keit bestehen; wir wissen nur, daB beides parallel verlaufen-
de Vorkommnisse sind; wir sind durchaus nicht berechtigt,
z. B. einen Kausalzusammenhang beider Erscheinungen
anzunehmen.
Wenn freilich Wahle diese Behauptung zugleich als
letzte Wahrheit der Wissenschaft hinstellt, so bestreiten
wir diese Ausdehnung derselben; sie gilt aber vollkommen
fur die erste Form, in der wir die Wirklichkeit gewahr
werden.
Nicht nur die Dinge der AuBen- und die Vorgange der
Innenwelt stehen auf dieser Stufe unseres Wissens zusam-
menhanglos da, sondern auch unsere eigene Personlichkeit
ist eine isolierte Einzelheit gegeniiber der ubrigen Welt. Wir
finden uns als eine der unzahligen Wahrnehmungen ohne
.Beziehung zu den Gegenstanden, die uns umgeben.
6. Berichtigung einer irrigen Auffassung der Gesamt-Erfabrung
Hier ist nun der Ort, auf ein seit Kant bestehendes Vorurteil
hinzuweisen, das sich bereits in gewissen Kreisen so einge-
lebt hat, daB es als Axiom gilt. Jeder, der es bezweifeln woll-
te, wiirde als ein Dilettant hingestellt, als ein Mensch, der
nicht uber die elementarsten Begriffe moderner Wis sen -
schaft hinausgekommen ist. Ich meine die Ansicht, als ob es
von vornherein feststunde, daB die gesamte Wahrneh-
mungswelt, diese unendliche Mannigfaltigkeit von Farben
und Formen, von Tonen und Warmedifferenzen usw.
nichts weiter sei als unsere subjektive Vorstellungswelt, die
nur Bestand habe, solange wir unsere Sinne den Einwirkun-
gen einer uns unbekannten Welt offen halten. Die ganze
Erscheinungswelt wird von dieser Ansicht fur eine Vorstel-
lung innerhalb unseres individuellen BewuBtseins erklart,
und auf Grundlage dieser Voraussetzung baut man weitere
Behauptungen iiber die Natur des Erkennens auf. Auch
Volkelt hat sich dieser Ansicht angeschlossen und seine in
bezug auf die wissenschaftliche Durchfuhrung meisterhafte
Erkenntnistheorie darauf gegrundet. Dennoch ist das keine
Grundwahrheit und am wenigsten dazu berufen, an der
Spitze der Erkenntniswissenschaft zu stehen.
Man miBverstehe uns nur ja nicht. Wir wollen nicht
gegen die physiologischen Errungenschaften der Gegenwart
einen gewiB ohnmachtigen Protest erheben. Was aber
physiologisch vollkommen gerechtfertigt ist, das ist deshalb
noch lange nicht berufen, an die Pforte der Erkenntnistheo-
rie gestellt zu werden. Es mag als eine unumstoBliche phy-
siologische Wahrheit gelten, daB erst durch die Mitwirkung
unseres Organismus der Komplex von Empfindungen und
Anschauungen entsteht, den wir Erfahrung nannten. Es
bleibt doch sicher, daB eine solche Erkenntnis erst das
Resultat vieler Erwagungen und Forschungen sein kann.
Dieses Charakteristikon, daB unsere Erscheinungswelt in
physiologischem Sinne subjektiver Natur ist, ist schon eine
gedankliche Bestimmung derselben; hat also ganz und gar
nichts zu tun mit ihrem ersten Auftreten. Es setzt schon die
Anwendung des Denkens auf die Erfahrung voraus. Es muB
ihm daher die Untersuchung des Zusammenhanges dieser
beiden Faktoren des Erkennens vorausgehen.
Man glaubt sich mit jener Ansicht erhaben iiber die vor-
kantsche «Naivitat», die die Dinge im Raume und in der
Zeh fiir Wirklichkeit hielt, wie es der naive Mensch, der
keine wissenschaftliche Bildung hat, heute noch tut.
Volkelt behauptet: «daB alle Akte, die darauf Anspruch
machen, ein objektives Erkennen zu sein, unabtrennbar an
das erkennende, individuelle BewuBtsein gebunden sind,
daB sie sich zunachst und unmittelbar nirgends anderswo
als im BewuBtsein des Individuums vollziehen und daB sie
iiber das Gebiet des Individuums hinauszugreifen und das
Gebiet des drauBenliegenden Wirklichen zu fassen oder zu
betreten vollig auBerstande sind» 7 .
Nun ist es aber doch fiir ein unbefangenes Denken ganz
unerfindlich, was die unmittelbar an uns herantretende
Form der Wirklichkeit (die Erfahrung) an sich trage, das uns
irgendwie berechtigen konnte, sie als bloBe Vorstellung zu
bezeichnen.
Schon die einfache Erwagung, daB der naive Mensch gar
nichts an den Dingen bemerkt, was inn auf diese Ansicht
bringen konnte, lehrt uns, daB in den Objekten selbst ein
zwingender Grund zu dieser Annahme nicht liegt. Was tragt
ein Baum, ein Tisch an sich, was mien dazu veranlassen
konnte, inn als bloBes Vorstellungsgebilde anzusehen? Zum
mindesten darf das also nicht wie eine selbstverstandliche
Wahrheit hingestellt werden.
Indem Volkelt das letztere tut, verwickelt er sich in einen
Widerspruch mit seinen eigenen Grundprinzipien. Nach
unserer Uberzeugung muBte er der von ihm erkannten
Wahrheit, daB die Erfahrung nichts enthalte als ein zusam-
menhangloses Chaos von Bildern ohne jegliche gedankliche
Bestimmung, untreu werden, um die subjektive Natur
derselben Erfahrung behaupten zu konnen. Er hatte sonst
einsehen miissen, daB das Subjekt des Erkennens, der Be-
trachter, ebenso beziehungslos innerhalb der Erfahrungs-
welt dasteht wie ein beliebiger anderer Gegenstand dersel-
ben. Legt man aber der wahrgenommenen Welt das Pradi-
kat subjektiv bei, so ist das ebenso eine gedankliche Bestim-
mung, wie wenn man den fallenden Stein fur die Ursache
des Eindruckes im Boden ansieht. Volkelt selbst will doch
aber keinerlei Zusammenhang der Erfahrung sdinge gelten
lassen. Da Hegt der Widerspruch seiner Anschauung, da
wurde er seinem Prinzipe, das er von der reinen Erfahrung
ausspricht, untreu. Er schlieBt sich dadurch in seine Indivi-
dualitat ein und ist nicht mehr imstande, aus derselben her-
auszukommen. Ja, er gibt das nicksichtslos zu. Es bleibt fur
ihn alles zweifelhaft, was iiber die abgerissenen Bilder der
Wahrnehmungen hinaus liegt. Zwar bemiiht sich, nach
seiner Ansicht, unser Denken von dieser Vorstellungswelt
aus auf eine objektive Wirklichkeit zu schlieBen; allein alles
Hinausgehen iiber dieselbe kann uns nicht zu wirklich ge-
wissen Wahrheiten fiihren. Alles Wissen, das wir durch das
Denken gewinnen, ist nach Volkelt vor dem Zweifel nicht
geschiitzt. Es kommt in keiner Weise an GewiBheit der
unmittelbaren Erfahrung gleich. Diese allein liefert ein nicht
zu bezweifelndes Wissen. Wir haben gesehen, was fur ein
mangelhaftes.
Doch das alles kommt nur daher, daB Volkelt der sinnen-
falligen Wirklichkeit (Erfahrung) eine Eigenschaft beilegt,
die ihr in keiner Weise zukommen kann, und dann auf
dieser Voraussetzung seine weiteren Annahmen aufbaut.
Wir muBten auf die Schrift von Volkelt besondere Riick-
sicht nehmen, weil sie die bedeutendste Leistung der Ge-
genwart auf diesem Gebiete ist, und auch deshalb, weil sie
als Typus fur alle erkenntnistheoretischen Bemuhungen gel-
ten kann, die der von uns auf Grundlage der Goetheschen
Weltanschauung vertretenen Richtung prinzipiell gegen-
uberstehen.
7. Berufung auf die Erfahrung jedes einzelnen Lesers
Wir wollen den Fehler vermeiden, dem unmittelbar Ge-
gebenen, der ersten Form des Auftretens der AuBen- und
Innenwelt, von vornherein eine Eigenschaft beizulegen und
so auf Grund einer Voraussetzung unsere Ausfuhrungen
zur Geltung zu bringen. Ja, wir bestimmen die Erfahrung
geradezu als dasjenige, an dem unser Denken gar keinen
Anteil hat. Von einem gedanklichen Irrtum kann also am
Anfange unserer Ausfuhrungen nicht die Rede sein.
Gerade darin besteht der Grundfehler vieler wissen-
schaftlicher Bestrebungen, namentlich der Gegenwart, daB
sie glauben die reine Erfahrung wiederzugeben, wahrend sie
nur die von ihnen selbst in dieselbe hineingelegten Begriffe
wieder herauslesen. Nun kann man uns ja einwenden, daB
auch wir der reinen Erfahrung eine Menge von Attributen
beigelegt haben. Wir bezeichneten sie als unendliche Man-
nigfaltigkeit, als ein Aggregat zusammenhangloser Einzel-
heiten usw. Sind das denn nicht auch gedankliche Bestim-
mungen? In dem Sinne, wie wir sie gebrauchten, gewiB
nicht. Wir haben uns dieser Begriffe nur bedient, um den
Blick des Lesers auf die gedankenfreie Wirklichkeit zu len-
ken. Wir wollen diese Begriffe der Erfahrung nicht beilegen;
wir bedienen uns ihrer nur, um die Aufmerksamkeit auf
jene Form der Wirklichkeit zu lenken, die jedes Begriffes
bar ist.
Alle wissenschaftlichen Untersuchungen mussen ja mit-
tels der Sprache vollfuhrt werden, und die kann wieder nur
Begriffe ausdrucken. Aber es ist doch etwas wesentlich
anderes, ob man gewisse Worte braucht, um diese oder jene
Eigenschaft einem Dinge direkt zuzusprechen oder ob man
sich ihrer nur bedient, um den Blick des Lesers oder Zuho-
rers auf einen Gegenstand zu lenken. Wenn wir uns eines
Vergleiches bedienen diirften, so wiirden wir etwa sagen:
Ein anderes ist es, wenn A zu B sagt: «Betrachte jenen Men-
schen im Kreise seiner Familie und du wirst ein wesentlich
anderes Urteil iiber ihn gewinnen, als wenn du ihn nur in
seiner Amtsgebarung kennen lernst»; ein anderes ist es,
wenn er sagt: «Jener Mensch ist ein vortrefrlicher Familien-
vater.» Im ersten Falle wird die Aufmerksamkeit des B in
einem gewissen Sinne gelenkt; er wird darauf hingewiesen,
eine Personlichkeit unter gewissen Umstanden zu beurtei-
len. Im zweiten Falle wird dieser Personlichkeit einfach eine
bestimmte Eigenschaft beigelegt, also eine Behauptung auf-
gestellt. So wie trier der erste Fall zum zweiten, so soil sich
unser Anfang in dieser Schrift zu dem ahnlicher Erschei-
nungen der Literatur verhalten. Wenn irgendwo durch die
notwendige Stilisierung oder um der Moglichkeit, sich aus-
zudriicken, willen die Sache scheinbar anders ist, so bemer-
ken wir trier ausdriicklich, daB unsere Ausfiihrungen nur
den hier auseinandergesetzten Sinn haben und weit entfernt
sind von dem Anspriiche, irgendwelche von den Dingen
selbst geltende Behauptung vorgebracht zu haben.
Wenn wir nun fur die erste Form, in der wir die Wirk-
lichkeit beobachten, einen Namen haben wollten, so glau-
ben wir wohl den der Sache am angemessensten in dem
Ausdrucke: Erscheinung fiir die Sinne zu finden. Wir verste-
hen da unter Sinn nicht bloB die auBeren Sinne, die Vermitt-
ler der AuBenwelt, sondern uberhaupt alle leiblichen und
geistigen Organe, die der Wahrnehmung der unmittelbaren
Tatsachen dienen. Es ist ja eine in der Psychologie ganz
gebrauchliche Benennung: inner er Sinn fur das Wahr-
nehmungsvermogen der inneren Erlebnisse.
Mit dem Worte Erscheinung aber wollen wir einfach ein
fiir uns wahrnehmbares Ding oder einen wahrnehmbaren
Vorgang bezeichnen, insofern dieselben im Raume oder in
der Zeit auftreten.
Wir miissen hier nun noch eine Frage anregen, die
uns zu dem zweiten Faktor, den wir behufs der Erkenntnis-
wissenschaft zu betrachten haben, fiihren soil, zu dem
Denken.
Ist die Art, wie uns die Erfahrung bisher bekannt gewor-
den ist, als etwas im Wesen der Sache Begrundetes anzu-
sehen? Ist sie eine Eigenschaft der Wirklichkeit?
Von der Beantwortung dieser Frage hangt sehr viel ab.
1st namlich diese Art eine wesentliche Eigenschaft der Er-
fahrungsdinge, etwas, was ihnen im wahrsten Sinne des
Wortes ihrer Natur nach zukommt, dann ist nicht abzu-
sehen, wie man iiberhaupt je diese Stufe des Erkennens
iiberschreiten soil. Man miiBte sich einfach darauf verlegen,
alles, was wir wahrnehmen, in zusammenhanglosen Noti-
zen aufzuzeichnen, und eine solche Notizensammlung ware
unsere Wissenschaft. Denn, was sollte alles Forschen nach
dem Zusammenhange der Dinge, wenn die, ihnen in der
Form der Erfahrung zukommende, vollstandige Isoliertheit
ihre wahre Eigenschaft ware?
Ganz anders verhielte es sich, wenn wir es in dieser Form
der Wirklichkeit nicht mit deren Wesen, sondern nur mit
ihrer ganz unwesentlichen AuBenseite zu tun hatten, wenn
wir nur eine Hiille von dem wahren Wesen der Welt vor
uns hatten, die uns das letztere verbirgt und uns auffordert,
weiter nach demselben zu forschen. Wir muBten dann
danach trachten, diese Hiille zu durchdringen. Wir muBten
von dieser ersten Form der Welt ausgehen, um uns ihrer
wahren (wesentlichen) Eigenschaften zu bemachtigen. Wir
muBten die Erscheinung fur die Sinne uberwinden, um dar-
aus eine hohere Erscheinungsform zu entwickeln. - Die
Antwort auf diese Frage ist in den folgenden Untersuchun-
gen gegeben.
C. DAS DENKEN
8. Das Denken als hdhere Erfahrung in der Erfahrung
Wir finden innerhalb des zusammenhanglosen Chaos der
Erfahrung, und zwar zunachst auch als Erfahrungstatsache,
ein Element, das uns liber die Zusammenhanglosigkeit
hinausfiihrt. Es ist das Denken. Das Denken nimmt schon
als eine Erfahrungstatsache innerhalb der Erfahrung eine
Ausnahmestellung ein.
Bei der ubrigen Erfahrungswelt komme ich, wenn ich bei
dem stehen bleibe, was meinen Sinnen unmittelbar vorliegt,
nicht iiber die Einzelheiten hinaus. Angenommen: Ich habe
eine Flussigkeit vor mir, die ich zum Sieden bringe. Dieselbe
ist erst ruhig, dann sehe ich Dampfblasen aufsteigen, sie
gerat in Bewegung, und endlich geht sie in Dampfform
iiber. Das sind die einzelnen aufeinanderfolgenden Wahr-
nehmungen. Ich mag die Sache drehen und wenden, wie ich
will: wenn ich dabei stehen bleibe, was mir die Sinne liefern,
so finde ich keinen Zusammenhang der Tatsachen. Beim
Denken ist das nicht der Fall. Wenn ich z. B. den Gedanken
der Ursache fasse, so fiihrt mich dieser durch seinen eigenen
Inhalt zu dem der Wirkung. Ich brauche die Gedanken nur
in jener Form festzuhalten, in der sie in unmittelbarer
Erfahrung auftreten, und sie erscheinen schon als gesetz-
maBige Bestimmungen.
Was bei der ubrigen Erfahrung erst anderswo hergeholt
werden muB, wenn es uberhaupt auf sie anwendbar ist, der
gesetzliche Zusammenhang, ist im Denken schon in seinem
allerersten Auftreten vorhanden. Bei der ubrigen Erfahrung
pragt sich nicht die ganze Sache schon in dem aus, was als
Erscheinung vor meinem BewuBtsein auftritt; beim Denken
geht die ganze Sache ohne Ruckstand in dem mir Gegebe-
nen auf. Dort muB ich erst die Hiille durchdringen, um auf
den Kern zu kommen, hier ist Hiille und Kern eine unge-
trennte Einheit. Es ist nur eine allgemein-menschliche Be-
fangenheit, wenn uns das Denken zuerst ganz analog der
iibrigen Erfahrung erscheint. Wir brauchen bei ihm bloB
diese unsere Befangenheit zu iiberwinden. Bei der iibrigen
Erfahrung miissen wir eine in der Sache liegende Schwierig-
keit losen.
Im Denken ist dasjenige, was wir bei der iibrigen Erfah-
rung suchen, selbst unmittelbare Erfahrung geworden.
Darin ist die Losung einer Schwierigkeit gegeben, die auf
andere Weise wohl kaum gelost werden wird. Bei der Erfah-
rung stehen zu bleiben, ist eine berechtigte wissenschaftliche
Forderung. Nicht weniger aber ist eine solche die Aufsu-
chung der inneren GesetzmaBigkeit der Erfahrung. Es mufi
also dieses Innere selbst an einer Stelle der Erfahrung als sol-
che auftreten. Die Erfahrung wird so mit Hilfe ihrer selbst
vertieft. Unsere Erkenntnistheorie erhebt die Forderung der
Erfahrung in der hochsten Form, sie weist jeden Versuch
zuriick, etwas von auBen in die Erfahrung hineinzutragen.
Die Bestimmungen des Denkens findet sie selbst innerhalb
der Erfahrung. Die Art, wie das Denken in die Erscheinung
eintritt, ist dieselbe wie bei der iibrigen Erfahrungswelt.
Das Prinzip der Erfahrung wird zumeist in seiner Trag-
weite und eigentlichen Bedeutung verkannt. In seiner
schroffsten Form ist es die Forderung, die Gegenstande der
Wirklichkeit in der ersten Form ihres Auftretens zu belassen
und sie nur so zu Objekten der Wissenschaft zu machen. Das
ist ein rein methodisches Prinzip. Es sagt iiber den Inhalt des-
sen, was erfahren wird, gar nichts aus. Wollte man behaup-
ten, daB nur die Wahrnehmungen der Sinne Gegenstand der
Wissenschaft sein konnen, wie das der Materialismus tut, so
diirfte man sich auf dieses Prinzip nicht stiitzen. Ob der In-
halt sinnlich oder ideell ist, dariiber fallt dieses Prinzip kein
Urteil. Soil es aber in einem bestimmten Falle in der erwahn-
ten schroffsten Form anwendbar sein, dann macht es aller-
dings eine Voraussetzung. Es fordert namlich, daB die Ge-
genstande, wie sie erfahren werden, schon eine Form haben,
die dem wissenschaftlichen Streben geniigt. Bei der Erfah-
rung der auBeren Sinne ist das, wie wir gesehen haben, nicht
der Fall. Es findet nur beim Denken statt.
Nur beim Denken kann das Prinzip der Erfahrung in
seiner extremsten Bedeutung angewendet werden.
Das schlieBt nicht aus, daB das Prinzip auch auf die ub-
rige Welt ausgedehnt wird. Es hat ja noch andere Formen
als seine extremste. Wenn wir einen Gegenstand behufs wis-
senschaftlicher Erklarung nicht so belassen konnen, wie er
unmittelbar wahrgenommen wird, so kann diese Erklarung
ja immerhin so geschehen, daB die Mittel, die sie bean-
sprucht, aus anderen Gebieten der Erfahrungswelt herbei-
gezogen werden. Da haben wir das Gebiet der «Erfahrung
uberhaupt» ja doch nicht uberschritten.
Eine im Sinne der Goetheschen Weltanschauung be-
grundete Erkenntnis wissenschaft legt das Hauptgewicht
darauf, daB sie dem Prinzipe der Erfahrung durchaus treu
bleibt. Niemand hat so wie Goethe die ausschlieBliche
Geltung dieses Prinzipes erkannt. Er vertrat das Prinzip
ganz so strenge, wie wir es oben gefordert haben. Alle hohe-
ren Ansichten iiber die Natur durften ihm als nichts denn
als Erfahrung erscheinen. Sie sollten «hohere Natur inner-
halb der Natur» 8 sein.
In dem Aufsatze: «Die Natur» sagt er, wir seien unver-
mogend aus der Natur herauszukommen. Wollen wir uns
also in diesem seinem Sinne liber dieselbe aufklaren, so
mils sen wir dazu innerhalb derselben die Mittel finden.
Wie konnte man aber eine Wissenschaft des Erkennens
auf das Erfahrungsprinzip griinden, wenn wir nicht an ir-
gend einem Punkte der Erfahrung selbst das Grundelement
aller Wissenschaftlichkeit, die ideelle GesetzmaBigkeit fan-
den. Wir brauchen dieses Element, wie wir gesehen haben,
nur aufzunehmen; wir brauchen uns nur in dasselbe zu
vertiefen. Denn es findet sich in der Erfahrung.
Tritt nun das Denken wirklich in einer Weise an uns her-
an, wird es unserer Individuality so bewuBt, daB wir mit
vollem Rechte die oben hervorgehobenen Merkmale fur
dasselbe in Anspruch nehmen durfen ? Jedermann, der seine
Aufmerksamkeit auf diesen Punkt richtet, wird finden, daB
ein wesentlicher Unterschied zwischen der Art besteht, wie
eine auBere Erscheinung der sinnenfalligen Wirklichkeit, ja
selbst wie ein anderer Vorgang unseres Geisteslebens be-
wuBt wird, und jener, wie wir unser eigenes Denken gewahr
werden. Im ersten Falle sind wir uns bestimmt bewuBt, daB
wir einem fertigen Dinge gegenubertreten; fertig namlich
insoweit, als es Erscheinung geworden ist, ohne daB wir
auf dieses Werden einen bestimmenden EinlluB ausgeiibt
haben. Anders ist das beim Denken. Das erscheint nur fur
den ersten Augenblick der ubrigen Erfahrung gleich. Wenn
wir irgend einen Gedanken fassen, so wissen wir, bei aller
Unmittelbarkeit, mit der er in unser BewuBtsein eintritt,
daB wir mit seiner Entstehungsweise innig verkmipft sind.
Wenn ich irgend einen Einfall habe, der mir ganz plotzlich
gekommen ist und dessen Auftreten daher in gewisser Hin-
sieht ganz dem eines auBeren Ereignisses gleichkommt, das
mir Augen und Ohren erst vermitteln miissen: so weiB ich
doch immerhin, daB das Feld, auf dem dieser Gedanke zur
Erscheinung kommt, mein BewuBtsein ist; ich weiB, daB
meine Tatigkeit erst in Anspruch genommen werden muB,
um den Einfall zur Tatsache werden zu lassen. Bei jedem
auBeren Objekt bin ich gewiB, daB es meinen Sinnen
zunachst nur seine AuBenseite zuwendet; beim Gedanken
weiB ich genau, daB das, was er mir zuwendet, zugleich sein
Alles ist, daB er als in sich vollendete Ganzheit in mein Be-
wuBtsein eintritt. Die auBeren Triebkrafte, die wir bei einem
Sinnenobjekte stets voraussetzen miissen, sind beim Gedan-
ken nicht vorhanden. Sie sind es ja, denen wir es zuschrei-
ben miissen, daB uns die Sinneserscheinung als etwas Fer-
tiges entgegentritt; ihnen miissen wir das Werden derselben
zurechnen. Beim Gedanken bin ich mir klar, daB jenes Wer-
den ohne meine Tatigkeit nicht moglich ist. Ich muB den
Gedanken durcharbeiten, muB seinen Inhalt nachschaffen,
muB ihn innerlich durchleben bis in seine kleinsten Teile,
wenn er uberhaupt irgendwelche Bedeutung fur mich
haben soil.
Wir haben bisher nun folgende Wahrheiten gewonnen.
Auf der ersten Stufe der Weltbetrachtung tritt uns die ge-
samte Wirklichkeit als zusammenhangloses Aggregat entge-
gen; das Denken ist innerhalb dieses Chaos eingeschlossen.
Durchwandern wir diese Mannigfaltigkeit, so finden wir ein
Glied in derselben, welches schon in dieser ersten Form des
Auftretens jenen Charakter hat, den die ubrigen erst gewin-
nen sollen. Dieses Glied ist das Denken. Was bei der ubri-
gen Erfahrung zu uberwinden ist, die Form des unmittel-
baren Auftretens, das gerade ist beim Denken festzuhalten.
Diesen in seiner urspriinglichen Gestalt zu belassenden
Faktor der Wirklichkeit finden wir in unserem BewuBtsein
und sind mit ihm dergestalt verbunden, dafi die Tdtigkeit
unseres Geistes zugleich die Erscheinung dieses Faktors ist.
Es ist eine und dieselbe Sache von zwei Seiten betrachtet.
Diese Sache ist der Gedankengehalt der Welt. Das eine Mai
erscheint er als Tdtigkeit unseres Bewufitseins, das andere
Mai als unmittelbare Erscheinung einer in sich vollendeten
Gesetzmdfiigkeit, ein in sich bestimmter ideeller Inhalt.
Wir werden alsbald sehen, welche Seite die groBere Wich-
tigkeit hat.
Deshalb nun, weil wir innerhalb des Gedankeninhaltes
stehen, denselben in alien seinen Bestandteilen durchdrin-
gen, sind wir imstande, dessen eigenste Natur wirklich zu
erkennen. Die Art, wie er an uns herantritt, ist eine Biirg-
schaft dafur, daB ihm die Eigenschaften, die wir ihm vorhin
beigelegt haben, wirklich zukommen. Er kann also gewiB
als Ausgangspunkt fur jede weitere Art der Weltbetrach-
tung dienen. Seinen wesentlichen Charakter konnen wir aus
ihm selbst entnehmen; wollen wir den der ubrigen Dinge
gewinnen, so mussen wir von ihm aus unsere Untersuchun-
gen beginnen. Wir wollen uns gleich deutlicher ausspre-
chen. Da wir nur im Denken eine wirkliche Gesetzmdfiig-
keit, eine ideelle Bestimmtheit erfahren, so mufi die Ge-
setzmdfiigkeit der ubrigen Welt, die wir nicht an dieser selbst
erfahren, auch schon im Denken eingeschlossen liegen. Mit
anderen Worten: Erscheinung fiir die Sinne und Denken
stehen einander in der Erfahrung gegenuber. Jene gibt uns
aber iiber ihr eigenes Wesen keinen AufschluB; dieses gibt
uns denselben zugleich iiber sich selbst und iiber das Wesen
jener Erscheinung fiir die Sinne.
9. Denken undBewufitsein
Nun aber scheint es, als ob wir hier das subjektivistische
Element, das wir doch so entschieden von unserer Erkennt-
nistheorie fernhalten wollten, selbst einflihrten. Wenn
schon nicht die iibrige Wahrnehmungswelt - konnte man
aus unseren Auseinandersetzungen herauslesen - so trage
doch der Gedanke, selbst nach unserer Ansicht, einen
subjektiven Charakter.
Dieser Einwand beruht auf einer Verwechslung des
Schauplatzes unserer Gedanken mit jenem Elemente, von
dem sie ihre inhaltlichen Bestimmungen, ihre innere Ge-
setzlichkeit erhalten. Wir produzieren einen Gedankenin-
halt durchaus nicht so, daB wir in dieser Produktion be-
stimmten, welche Verbindungen unsere Gedanken einzuge-
hen haben. Wir geben nur die Gelegenheitsursache her, daB
sich der Gedankeninhalt seiner eigenen Natur gemafl entfal-
ten kann. Wir fassen den Gedanken a und den Gedanken b
und geben denselben Gelegenheit, in eine gesetzmaBige
Verbindung einzugehen, indem wir sie miteinander in
Wechselwirkung bringen. Nicht unsere subjektive Organi-
sation ist es, die diesen Zusammenhang von a und b in einer
gewissen Weise bestimmt, sondern der Inhalt von a und b
selbst ist das allein Bestimmende. DaB sich a zu b gerade in
einer bestimmten Weise verhalt und nicht anders, darauf
haben wir nicht den mindesten EinfluB. Unser Geist voll-
zieht die Zusammensetzung der Gedankenmassen nur nach
Maflgabe ihres Inhaltes. Wir erfullen also im Denken das
Erfahrungsprinzip in seiner schroffsten Form.
Damit ist die Ansicht Kants und Schopenhauers und im
weiteren Sinne auch Fichtes widerlegt,, daB die Gesetze, die
wir behufs Erklarung der Welt annehmen, nur ein Resultat
unserer eigenen geistigen Organisation seien, daB wir sie
nur vermoge unserer geistigen Individuality in die Welt
hineinlegen.
Man konnte vom subjektivistischen Standpunkte aus
noch etwas einwenden. Wenn schon der gesetzliche Zusam-
menhang der Gedankenmassen von uns nicht nach MaB-
gabe unserer Organisation vollzogen wird, sondern von
ihrem Inhalt abhangt, so konnte doch eben dieser Inhalt ein
rein subjektives Produkt, eine bloBe Qualitat unseres Gei-
stes sein; so daB wir nur Elemente verbinden wiirden, die
wir erst selbst erzeugten. Dann ware unsere Gedankenwelt
nicht minder ein subjektiver Schein. Diesem Einwande ist
aber ganz leicht zu begegnen. Wir wiirden namlich, wenn er
begnindet ware, den Inhalt unseres Denkens nach Gesetzen
verkmipfen, von denen wir wahrhaftig nicht wiiBten, wo sie
herkommen. Wenn dieselben nicht aus unserer Subjektivitat
entspringen, was wir vorhin doch in Abrede stellten und
jetzt als abgetan betrachten konnen, was soil uns denn
Verkmipfungsgesetze fur einen Inhalt liefern, den wir
selbst erzeugen?
Unsere Gedankenwelt ist also eine vollig auf sich selbst
gebaute Wesenheit, eine in sich selbst geschlossene, in sich
vollkommene und vollendete Ganzheit. Wir sehen hier,
welche von den zwei Seiten der Gedankenwelt die wesent-
liche ist: die objektive ihres Inhaltes und nicht die subjektive
ihres Auftretens.
Am klarsten tritt diese Einsicht in die innere Gediegen-
heit und Vollkommenheit des Denkens in dem wissen-
schaftlichen Systeme Hegels auf. Keiner hat in dem Grade,
wie er, dem Denken eine so vollkommene Macht zugetraut,
daB es aus sich heraus eine Weltanschauung begrunden kon-
ne. Hegel hat ein absolutes Vertrauen auf das Denken, ja es
ist der einzige Wirklichkeitsfaktor, dem er im wahren Sinne
des Wortes vertraut. So richtig seine Ansicht im allgemeinen
auch ist, so ist es aber gerade er, der das Denken durch die
allzuschroffe Form, in der er es verteidigt, um alles Ansehen
gebracht hat. Die Art, wie er seine Ansicht vorgebracht hat,
ist schuld an der heillosen Verwirrung, die in unser «Den-
ken iiber das Denken» gekommen ist. Er hat die Bedeutung
des Gedankens, der Idee, so recht anschaulich machen wol-
len dadurch, daB er die Denknotwendigkeit zugleich als die
Notwendigkeit der Tatsachen bezeichnete. Damit hat er den
Irrtum hervorgerufen, daB die Bestimmungen des Denkens
nicht rein ideelle seien, sondern tatsachliche. Man faBte seine
Ansicht bald so auf, als ob er in der Welt der sinnenfalligen
Wirklichkeit selbst den Gedanken wie eine Sache gesucht
hatte. Er hat das wohl auch nie so ganz klargelegt. Es mufi
ebenfestgestellt werden, dafi das Feld des Gedankens einzig
das menschliche Bewufitsein ist. Dann muB gezeigt werden,
daB durch diesen Umstand die Gedankenwelt nichts an
Objektivitat einbuBt. Hegel kehrte nur die objektive Seite
des Gedankens hervor; die Mehrheit aber sieht, weil dies
leichter ist, nur die subjektive; und es diinkt ihr, daB jener
etwas rein Ideelles wie eine Sache behandelt, mystifiziert
habe. Selbst viele Gelehrte der Gegenwart sind von diesem
Irrtum nicht freizusprechen. Sie verdammen Hegel wegen
eines Mangels, den er nicht an sich hat, den man aber freilich
in ihn hineinlegen kann, weil er die betreffende Sache zu
wenig klargestellt hat.
Wir geben zu, daB hier fur unser Urteilsvermogen eine
Schwierigkeit vorliegt. Wir glauben aber, daB dieselbe fur
jedes energische Denken zu iiberwinden ist. Wir miissen uns
zweierlei vorstellen: einmal, daB wir die ideelle Welt tdtig zur
Erscheinung bringen, und zugleich, daB das, was wir tatig ins
Dasein rufen, auf seinen eigenen Gesetzen beruht. Wir sind
nun freilich gewohnt, uns eine Erscheinung so vorzustellen,
daB wir ihr nur passiv, beobachtend gegenuberzutreten
brauchten. Allein das ist kein unbedingtes Erfordernis. So
ungewohnt uns die Vorstellung sein mag, daB wir selbst ein
Objektives tatig zur Erscheinung bringen, daB wir mit
anderen Worten eine Erscheinung nicht bloB wahrnehmen,
sondern zugleich produzieren: sie ist keine unstatthafte.
Man braucht einfach die gewohnliche Meinung aufzuge-
ben, daB es so viele Gedankenwelten gibt als menschliche
Individuen. Diese Meinung ist ohnehin nichts weiter als ein
althergebrachtes Vorurteil. Sie wird uberall stillschweigend
vorausgesetzt, ohne BewuBtsein, daB eine andere zum min-
desten ebensogut moglich ist, und daB die Grunde der Giil-
tigkeit der einen oder der andern denn doch erst erwogen
werden miissen. Man denke sich an Stelle dieser Meinung
einmal die folgende gesetzt: es gibt uberhaupt nur einen
einzigen Gedankeninhalt und unser individuelles Denken
sei weiter nichts als ein Hineinarbeiten unseres Selbstes, un-
serer individuellen Personlichkeit in das Gedankenzentrum
der Welt. Ob diese Ansicht richtig ist oder nicht, das zu
untersuchen ist hier nicht der Ort; aber moglich ist sie und
wir haben erreicht, was wir wollten; namlich gezeigt, daB es
immerhin ganz gut angeht, die von uns als notwendig hin-
gestellte Objektivitat des Denkens auch anderweitig als
widerspruchslos erscheinen zu lassen.
In Anbetracht der Objektivitat laBt sich die Arbeit des
Denkers ganz gut mit der des Mechanikers vergleichen. Wie
dieser die Krafte der Natur in ein Wechselspiel bringt und da-
durch eine zweckmaBige Tatigkeit und KraftauBerung her-
beifiihrt, so laBt der Denker die Gedankenmassen in leben-
dige Wechselwirkung treten, und sie entwickeln sich zu den
Gedankensystemen, die unsere Wissenschaften ausmachen.
Durch nichts wird eine Anschauung besser beleuchtet als
durch die Aufdeckung der ihr entgegenstehenden Irrtumer.
Wir wollen hier diese von uns schon wiederholt mit Vorteil
angewendete Methode wieder anrufen.
Man glaubt gewohnlich, wir verbinden gewisse Begriffe
deshalb zu groBeren Komplexen, oder wir denken liber-
haupt in einer gewissen Weise deshalb, weil wir einen ge-
wissen inneren (logischen) Zwang verspuren, dies zu tun.
Auch Volkelt hat sich dieser Ansicht angeschlossen. Wie
stimmt sie aber zu der durchsichtigen Klarheit, mit der un-
sere ganze Gedankenwelt in unserem BewuBtsein gegen-
wartig ist? Wir kennen uberhaupt nichts in der Welt genau-
er als unsere Gedanken. Soli da nun ein gewisser Zusam-
menhang auf Grund eines inneren Zwanges hergestellt wer-
den, wo alles so klar ist? Was brauche ich den Zwang, wenn
ich die Natur des zu Verbindenden kenne, durch und durch
kenne, und mich also nach ihr richten kann. Alle unsere
Gedankenoperationen sind Vorgange, die sich vollziehen
auf Grund der Einsicht in die Wesenheiten der Gedanken
und nicht nach MaBgabe eines Zwanges. Ein solcher Zwang
wider spricht der Natur des Denkens.
Es konnte immerhin sein, daB es zwar im Wesen des
Denkens liege, in seine Erscheinung zugleich seinen Inhalt
einzupragen, daB wir den letzteren aber trotzdem vermoge
der Organisation unseres Geistes nicht unmittelbar wahr-
nehmen konnen. Das ist aber nicht der Fall. Die Art, wie der
Gedankeninhalt an uns herantritt, ist uns eine Biirgschaft
dafiir, daB wir trier das Wesen der Sache vor uns haben. Wir
sind uns ja bewuBt, daB wir jeden Vorgang innerhalb der
Gedankenwelt mit unserem Geiste begleiten. Man kann sich
doch nur denken, daB die Erscheinungsform von dem
Wesen der Sache bedingt ist. Wie sollten wir die Erschei-
nungsform nachschaffen, wenn wir das Wesen der Sache
nicht kennten. Man kann sich wohl denken, daB uns die Er-
scheinungsform als fertiges Ganze gegenubertritt und wir
dann den Kern derselben suchen. Man kann aber durchaus
nicht der Ansicht sein, daB man zur Hervorhringung der
Erscheinung mitwirkt, ohne dieses Hervorbringen von dem
Kerne heraus zu bewirken.
10. Inner e Natur des Denkens
Wir treten dem Denken noch um einen Schritt naher. Bisher
haben wir bloB die Stellung desselben zu der ubrigen Erfah-
rungswelt betrachtet. Wir sind zu der Ansicht gekommen,
daB es innerhalb derselben eine ganz bevorzugte Stellung
einnimmt, daB es eine zentrale Rolle spielt. Davon wollen
wir jetzt absehen. Wir wollen uns hier nur auf die innere
Natur des Denkens beschranken. Wir wollen den selbst-
eigenen Charakter der Gedankenwelt untersuchen, um zu
erfahren, wie ein Gedanke von dem andern abhangt; wie die
Gedanken zueinander stehen. Daraus erst werden sich uns
die Mittel ergeben, AufschluB iiber die Frage zu gewinnen:
was ist uberhaupt Erkennen} Oder mit anderen Worten:
Was heiBt es, sich Gedanken iiber die Wirklichkeit zu
machen; was heiBt es, sich durch Denken mit der Welt aus-
einandersetzen zu wollen?
Wir miissen uns da von jeder vorgefaBten Meinung frei
erhalten. Eine solche aber ware es, wenn wir voraussetzen
wollten, der Begriff (Gedanke) sei das Bild innerhalb unse-
res BewuBtseins, durch das wir AufschluB iiber einen au-
fierhalb desselben liegenden Gegenstand gewinnen. Von
dieser und ahnlichen Voraussetzungen ist an diesem Orte
nicht die Rede. Wir nehmen die Gedanken, wie wir sie vor-
finden. Ob sie zu irgend etwas anderem eine Beziehung
haben und was fur eine, das wollen wir eben untersuchen.
Wir diirfen es daher nicht hier als Ausgangspunkt hinstel-
len. Gerade die angedeutete Ansicht iiber das Verhaltnis
von Begriff und Gegenstand ist sehr haufig. Man definiert ja
oft den Begriff als das geistige Gegenbild eines auBerhalb
des Geistes liegenden Gegenstandes. Die Begriffe sollen die
Dinge abbilden, uns eine getreue Photographie derselben
vermitteln. Man denkt oft, wenn man vom Denken spricht,
uberhaupt nur an dieses vorausgesetzte Verhaltnis. Fast
nie trachtet man danach, das Reich der Gedanken innerhalb
seines eigenen Gebietes einmal zu durchwandern, um zu
sehen, was sich hier ergibt.
Wir wollen dieses Reich hier in der Weise untersuchen, als
ob es auBerhalb der Grenzen desselben uberhaupt nichts
mehr gabe, als ob das Denken alle Wirklichkeit ware. Wir
sehen fur einige Zeit von der ganzen ubrigen Welt ab.
DaB man das in den erkenntnistheoretischen Versuchen,
die sich auf Kant stutzen, unterlassen hat, ist verhangnisvoll
fur die Wissenschaft geworden. Diese Unterlassung hat den
AnstoB zu einer Richtung in dieser Wissenschaft gegeben,
die der unsrigen vollig entgegengesetzt ist. Diese Wissen-
schaftsrichtung kann ihrer ganzen Natur nach Goethe nie
begreifen. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes ungoethisch,
von einer Behauptung auszugehen, die man nicht in der Be-
obachtung vorfindet, sondern selbst in das Beobachtete hin-
einlegt. Das geschieht aber, wenn man die Ansicht an die
Spitze der Wissenschaft stellt: Zwischen Denken und Wirk-
lichkeit, Idee und Welt besteht das angedeutete Verhaltnis.
Im Sinne Goethes handelt man nur, wenn man sich in die
eigene Natur des Denkens selbst vertieft und dann zusieht,
welche Beziehung sich ergibt, wenn dann dieses seiner
Wesenheit nach erkannte Denken zu der Erfahrung in ein
Verhaltnis gebracht wird.
Goethe geht uberall den Weg der Erfahrung im streng-
sten Sinne. Er nimmt zuerst die Objekte, wie sie sind, sucht
mit volliger Fernhaltung aller subjektiven Meinung ihre
Natur zu durchdringen; dann stellt er die Bedingungen her,
unter denen die Objekte in Wechselwirkung treten konnen
und wartet ab, was sich hieraus ergibt. Goethe sucht der
Natur Gelegenheit zu geben, ihre GesetzmaBigkeit unter
besonders charakteristischen Umstanden, die er herbeifuhrt,
zur Geltung zu bringen, gleichsam ihre Gesetze selbst aus-
zusprechen.
Wie erscheint uns unser Denken/wr sich betrachtet? Es
ist eine Vielheit von Gedanken, die in der mannigfachsten
Weise miteinander verwoben und organisch verbunden
sind. Diese Vielheit macht aber, wenn wir sie nach alien Sei-
ten hinreichend durchdrungen haben, doch wieder nur eine
Einheit, eine Harmonie aus. Alle Glieder haben Bezug auf-
einander, sie sind fureinander da; das eine modifiziert das
andere, schrankt es ein usw. Sobald sich unser Geist zwei
entsprechende Gedanken vorstellt, merkt er alsogleich, daB
sie eigentlich in Eins miteinander verllieBen. Er findet uber-
all Zusammengehoriges in seinem Gedankenbereiche; dieser
Begriff schlieBt sich an jenen, ein dritter erlautert oder stiitzt
einen vierten usf. So z. B. finden wir in unserm BewuBtsein
den Gedankeninhalt «Organismus» vor; durchmustern wir
unsere Vorstellungswelt, so treffen wir auf einen zweiten:
«gesetzmaBige Entwicklung, Wachstum». Sogleich wird
klar, daB diese beiden Gedankeninhalte zusammengehoren,
daB sie bloB zwei Seiten eines und desselben Dinges vorstel-
len. So aber ist es mit unserm ganzen Gedankensystem. Alle
Einzelgedanken sind Teile eines groBen Ganzen, das wir
unsere Begriffswelt nennen.
Tritt irgend ein einzelner Gedanke im BewuBtsein auf,
so rune ich nicht eher, bis er mit meinem ubrigen Denken
in Einklang gebracht ist. Ein solcher Sonderbegriff, abseits
von meiner ubrigen geistigen Welt, ist mir ganz und gar
unertraglich. Ich bin mir eben dessen bewuBt, daB eine
innerlich begriindete Harmonie aller Gedanken besteht,
daB die Gedankenwelt eine einheitliche ist. Deshalb ist
uns jede solche Absonderung eine Unnaturlichkeit, eine
Unwahrheit.
Haben wir uns bis dahin durchgerungen, daB unsere
ganze Gedankenwelt den Charakter einer vollkommenen,
inneren Ubereinstimmung tragt, dann wird uns durch sie
jene Befriedigung, nach der unser Geist verlangt. Dannfuh-
len wir uns im Besitze der Wahrheit
Indem wir die Wahrheit in der durchgangigen Zusam-
menstimmung aller Begriffe, iiber die wir verfugen, sehen,
drangt sich die Frage auf: ja, hat denn das Denken, abge-
sehen von aller anschaulichen Wirklichkeit, von der sinnen-
falligen Erscheinungswelt auch einen Inhalt? Bleibt nicht
die vollstandige Leere, ein reines Phantasma zuriick, wenn
wir alien sinnlichen Inhalt beseitigt denken?
DaB das letztere der Fall sei, diirfte wohl eine weit ver-
breitete Meinung sein, so daB wir sie ein wenig naher be-
trachten miissen. Wie wir bereits oben bemerkten, denkt
man sich ja so vielfach das ganze Begriffs system nur als eine
Photographie der AuBenwelt. Man halt zwar daran fest, daB
sich unser Wissen in der Form des Denkens entwickelt; for-
dert aber von einer «streng objektiven Wissenschaft», daB
sie ihren Inhalt nur von auBen nehme. Die AuBenwelt mus-
se den Stoff liefern, welcher in unsere Begriffe einllieBt. 9
Ohne jene seien diese leere Schemen ohne alien Inhalt. Fiele
die AuBenwelt weg, so hatten Begriffe und Ideen keinen
Sinn mehr, denn sie sind um ihrer willen da. Man konnte
diese Ansicht die Verneinung des Begriffs nennen. Denn er
hat fur die Objektivitat dann gar keine Bedeutung mehr. Er
ist ein zu letzterer Hinzugekommenes. Die Welt stunde in
aller Vollkommenheit auch da, wenn es keine Begriffe gabe.
Denn sie bringen ja nichts Neues zu derselben hinzu. Sie
enthalten nichts, was ohne sie nicht da ware. Sie sind nur
da, weil sich das erkennende Subjekt ihrer bedienen will, um
in einer ihm angemessenen Form das zu haben, was ander-
weitig schon da ist. Sie sind fur dasselbe nur Vermittler eines
Inhaltes, der nichtbegrifflicher Natur ist. So die angezogene
Ansicht.
Wenn sie begnindet ware, muBte eine von den folgenden
drei Voraussetzungen richtig sein.
1. Die Begriffswelt stehe in einem solchen Verhaltnisse
zur AuBenwelt, daB sie nur den ganzen Inhalt derselben in
anderer Form wiedergibt. Hier ist unter AuBenwelt die Sin-
nenwelt verstanden. Wenn das der Fall ware, dann konnte
man wahrlich nicht einsehen, welche Notwendigkeit be-
stande, sich uberhaupt iiber die Sinnenwelt zu erheben.
Man hat ja das ganze Um und Auf des Erkennens schon mit
der letzteren gegeben.
2. Die Begriffswelt nehme nur einen Teil der «Erschei-
nung fur die Sinne» als ihren Inhalt auf. Man denke sich die
Sache etwa so. Wir machen eine Reihe von Beobachtungen.
Wir treffen da auf die verschiedensten Objekte. Wir bemer-
ken dabei, daB gewisse Merkmale, die wir an einem Gegen-
stande entdecken, schon einmal von uns beobachtet worden
sind. Es durchmustere unser Auge eine Reihe von Gegen-
standen A, B, C, D usw. A hatte die Merkmale p q a e;
B: Imb n; C: k h eg und D: p u a v. Da treffen wir bei D
wieder auf die Merkmale a und/?> die wir schon bei A ange-
troffen haben. Wir bezeichnen diese Merkmale als wesent-
liche. Und insoferne A und D die wesentlichen Merkmale
gleich haben, nennen wir sie gleichartig. So fassenwir^4 und
D dann zusammen, indem wir ihre wesentlichen Merkmale
im Denken festhalten. Da haben wir ein Denken, das sich
mit der Sinnenwelt nicht ganz deckt, auf das also die oben
genigte Uberrliissigkeit nicht anzuwenden und das doch
ebenso weit entfernt ist, Neues zu der Sinnenwelt hinzuzu-
bringen. Dagegen laBt sich vor allem sagen: um zu erken-
nen, welche Eigenschaften einem Dinge wesentlich sind,
dazu gehore schon eine gewisse Norm, die es uns moglich
macht, Wesentliches von Unwesentlichem zu unterschei-
den. Diese Norm kann in dem Objekte nicht liegen, denn
dieses enthalt ja das Wesentliche und Unwesentliche in
ungetrennter Einheit. Diese Norm musse also doch selbst-
eigener Inhalt unseres Denkens sein.
Dieser Einwand stoBt aber die Ansicht noch nicht ganz
um. Man kann namlich sagen: Das sei eben eine ungerecht-
fertigte Annahme, daB dies oderjenes wesentlicher oderun-
wesentlicher fur ein Ding sei. Das kummere uns auch nicht.
Es handle sich bloB darum, daB wir gewisse gleiche Eigen-
schaften bei mehreren Dingen antreffen und die letzteren
nennen wir dann gleichartig. Davon sei gar nicht die Rede,
daB diese gleichen Eigenschaften auch wesentlich seien. Die-
se Anschauung setzt aber etwas voraus, was durchaus nicht
zutrifft. Es ist in zwei Dingen gleicher Gattung gar nichts
wirklich Gemeinschaftlich es y wenn man hei der Sinnenerfah-
rung stehen bleibt. Ein Beispiel wird das klarlegen. Das ein-
fachste ist das beste, weil es sich am besten iiberschauen laBt.
Betrachten wir folgende zwei Dreiecke.
Was haben die wirklich gleich, wenn man bei der Sinnen-
erfahrung stehen bleibt? Gar nichts. Was sie gleich haben,
namlich das Gesetz, nach dem sie gebildet sind und welches
bewirkt, daB sie beide unter den Begriff «Dreieck» fallen,
das wird von uns erst gewonnen, wenn wir die Sinnenerfah-
rung Uberschreiten. Der Begriff Dreieck umfaBt alle Drei-
ecke. Wir kommen nicht durch die blofie Betrachtung alter
einzelnen Dreiecke zu ihm. Dieser Begriff bleibt immer
derselbe, so oft ich ihn auch vorstellen mag, wahrend es
mir wohl kaum gelingen wird, zweimal dasselbe «Dreieck»
anzuschauen. Das, wodurch das Einzeldreieck das vollbe-
stimmte «dieses» und kein anderes ist, hat mit dem Begriffe
gar nichts zu tun. Ein bestimmtes Dreieck ist dieses be-
stimmte nicht dadurch, daB es jenem Begriffe entspricht,
sondern durch Elemente, die ganz auBerhalb des Begriffes
liegen: Lange der Seiten, GroBe der Winkel, Lage usw. Es ist
aber doch ganz unstatthaft zu behaupten, daB der Inhalt des
Begriffes Dreieck aus der objektiven Sinnenwelt entlehnt
sei, wenn man sieht, daB dieser sein Inhalt uberhaupt in
keiner sinnenfalligen Erscheinung enthalten ist.
3. Es ist nun noch ein Drittes moglich. Der Begriff konn-
te ja der Vermittler fur das Erfassen von Wesenheiten sein,
die nicht sinnlich-wahrnehmbar sind, die aber doch einen
auf sich selbst beruhenden Charakter haben. Der letztere
ware dann der unhegriffliehe Inhalt der begrifflichen Form
unseres Denkens. Wer solche jenseits der Erfahrung beste-
hende Wesenheiten annimmt und uns die Moglichkeit eines
Wissens von denselben zuspricht, muB doch notwendig
auch in dem Begriffe den Dolmetsch dieses Wissens sehen.
Wir werden das Unzulangliche dieser Ansicht noch be-
sonders darlegen. Wir wollen hier nur darauf aufmerksam
machen, daB sie jedenfalls nicht gegen die Inhaklichkeit der
Begriffswelt spricht. Denn lagen die Gegenstande, liber die
gedacht wird, jenseits aller Erfahrung und jenseits des Den-
kens, dann muBte das letztere doch um so mehr innerhalb
seiner selbst den Inhalt haben, auf den es sich stlitzt. Es
konnte doch nicht tiber Gegenstande denken, von denen
innerhalb der Gedankenwelt keine Spur anzutreffen ware.
Jedenfalls ist also klar, daB das Denken kein inhaltsleeres
GefaB ist, sondern daB es rein fur sich selbst genommen
inhaltsvoll ist und daB sich sein Inhalt nicht mit dem einer
andern Erscheinungsform deckt. -
D. DIE WISSENSCHAFT
11. Denken und Wahrnehmung
Die Wissenschaft durchtrankt die wahrgenommene Wirk-
lichkeit mit den von unserm Denken erfaBten und durchge-
arbeiteten Begriffen. Sie erganzt und vertieft das passiv Auf-
genommene durch das, was unser Geist selbst durch seine
Tatigkeit aus dem Dunkel der bloBen Moglichkeit in das
Licht der Wirklichkeit emporgehoben hat. Das setzt voraus,
daB die Wahrnehmung der Erganzung durch den Geist
bedarf, daB sie uberhaupt kein Endgultiges, Letztes, Ab-
geschlossenes ist.
Es ist der Grundirrtum der modernen Wissenschaft, daB
sie die Wahrnehmung der Sinne schon fur etwas Abge-
schlossenes, Fertiges ansieht. Deshalb stellt sie sich die Auf-
gabe, dieses in sich vollendete Sein einfach zu photographie-
ren. Konsequent ist in dieser Hinsicht wohl nur der Positi-
vismus, der jedes Hinausgehen iiber die Wahrnehmung ein-
fach ablehnt. Doch sieht man heute fast in alien Wissen-
schaften das Bestreben, diesen Standpunkt als den richtigen
anzusehen. Im wahren Sinne des Wortes wiirde dieser For-
derung nur eine solche Wissenschaft genugen, welche ein-
fach die Dinge, wie sie nebeneinander im Raume vorhanden
sind, und die Ereignisse, wie sie zeitlich aufeinander folgen,
aufzahlt und beschreibt. Die Naturgeschichte alten Stiles
kommt dieser Forderung noch am nachsten. Die neuere
verlangt zwar dasselbe, stellt eine vollstandige Theorie der
Erfahrung auf, um sie - sogleich zu ubertreten, wenn sie den
ersten Schritt in der wirklichen Wissenschaft unternimmt.
Wir muBten uns unseres Denkens vollkommen ent-
auBern, wollten wir an der reinen Erfahrung festhalten. Man
setzt das Denken herab, wenn man ihm die Moglichkeit
entzieht, in sich selbst Wesenheiten wahrzimehmen, die den
Sinnen unzuganglich sind. Es muB in der Wirklichkeit auBer
den Sinnesqualitaten noch einen Faktor geben, der vom
Denken erfaBt wird. Das Denken ist ein Organ des Men-
schen, das bestimmt ist, Hoheres zu beobachten als die Sin-
ne bieten. Dem Denken ist jene Seite der Wirklichkeit zu-
gdnglich, von der ein blofies Sinnenwesen nie etwas erfahren
wiirde. Nicht die Sinnlichkeit wiederzukauen ist es da, son-
dern das zu durchdringen, was dieser verborgen ist. Die
Wahrnehmung der Sinne liefert nur eine Seite der Wirklich-
keit. Die andere Seite ist die denkende Erfassung der Welt.
Nun tritt uns aber im ersten Augenblick das Denken als
etwas der Wahrnehmung ganz Fremdes entgegen. Die
Wahrnehmung dringt von auBen auf uns ein; das Denken
arbeitet sich aus unserm Inneren heraus. Der Inhalt dieses
Denkens erscheint uns als innerlich vollkommener Organis-
mus; alles ist im strengsten Zusammenhange. Die einzelnen
Glieder des Gedankensystems bestimmen einander; jeder
einzelne Begriff hat zuletzt seine Wurzel in der Allheit
unseres Gedankengebaudes.
Auf den ersten Blick erscheint es, als ob die innere Wider-
spruchslosigkeit des Denkens, seine Selbstgenligsamkeit
jeden Ubergang zur Wahrnehmung unmoglich mache. Wa-
ren die Bestimmungen des Denkens solche, daB man ihnen
nur auf eine Art genligen konnte, dann ware es wirklich in
sich selbst abgeschlossen; wir konnten aus demselben nicht
heraus. Das ist aber nicht der Fall. Diese Bestimmungen sind
solche, daB ihnen nxa mannigfache Weise Geniige geschehen
kann. Nur darf dann dasjenige Element, welches diese Man-
nigfaltigkeit bewirkt, nicht selbst innerhalb des Denkens
gesucht werden. Nehmen wir die Gedankenbestimmung:
Die Erde zieht jeden Korper an, so werden wir alsbald be-
merken, daB der Gedanke die Moglichkeit offen laBt, in der
verschiedensten Weise erfullt zu werden. Das sind aber Ver-
schiedenheiten, die mit dem Denken nicht mehr erreichbar
sind. Da ist Platz fur ein anderes Element. Dieses Element ist
die Sinneswahrnehmung. Die Wahrnehmung bietet eine
solche Art der Spezialisierung der Gedankenbestimmungen,
die von den letzteren selbst offen gelassen ist.
Diese Spezialisierung ist es, in der uns die Welt gegen-
ubertritt, wenn wir uns bloB der Erfahrung bedienen.
Psychologisch ist das das Erste, was sachlich genommen
das Abgeleitete ist.
Bei aller wissenschaftlichen Bearbeitung der Wirklichkeit
ist der Vorgang dieser: Wir treten der konkreten Wahrneh-
mung gegeniiber. Sie steht wie ein Ratsel vor uns. In uns
macht sich der Drang geltend, ihr eigentliches Was, ihr We-
sen, das sie nicht selbst ausspricht, zu erforschen. Dieser
Drang ist nichts anderes als das Emporarbeiten eines Begrif-
fes aus dem Dunkel unseres BewuBtseins. Diesen Begriff
halten wir dann fest, wahrend die sinnenfallige Wahrneh-
mung mit diesem Denkprozesse parallel geht. Die stumme
Wahrnehmung spricht plotzlich eine uns verstandliche
Sprache; wir erkennen, daB der Begriff, den wir gefaBt
haben, jenes gesuchte Wesen der Wahrnehmung ist.
Was sich da vollzogen hat, ist ein Urteil. Es ist verschie-
den von jener Gestalt des Urteils, die zwei Begriffe verbin-
det, ohne auf die Wahrnehmung Rucksicht zu nehmen.
Wenn ich sage: die Freiheit ist die Bestimmung eines
Wesens aus sich selbst heraus, so habe ich auch ein Urteil
gefallt. Die Glieder dieses Urteils sind Begriffe, die ich nicht
in der Wahrnehmung gegeben habe. Auf solchen Urteilen
beruht die innere Einheitlichkeit unseres Denkens, die wir
im vorigen Kapitel behandelt haben.
Das Urteil, welches hier in Betracht kommt, hat zum
Subjekte eine Wahrnehmung, zum Pradikate einen Begriff.
Dieses bestimmte Tier, das ich vor mir habe, ist ein Hund.
In einem solchen Urteile wird eine Wahrnehmung in mein
Gedankensystem an einem bestimmten Orte eingefugt.
Nennen wir ein solches Urteil ein Wahrnehmungsurteil.
Durch das Wahrnehmungsurteil wird erkannt, dafi ein
bestimmter sinnenfalliger Gegenstand seiner Wesenheit nach
mit einem bestimmten Begriffe zusammenfallt.
Wollen wir also begreifen, was wir wahrnehmen, dann
muB die Wahrnehmung als bestimmter Begriff in uns vor-
gebildet sein. An einem Gegenstande, bei dem das nicht der
Fall ware, gingen wir, ohne daB er uns verstandlich ware,
voriiber.
DaB das so ist, dafur liefert wohl der Umstand den be-
sten Beweis, daB Personen, welche ein reicheres Geistes-
leben fuhren, auch viel tiefer in die Erfahrungswelt eindrin-
gen, als andere, bei denen das nicht der Fall ist. Vieles, was
an den letzteren spurlos voriiber geht, macht auf die erste-
ren einen tiefen Eindruck. (War' nicht das Auge sonnenhaft,
die Sonne konnt' es nie erblicken.) Ja aber, wird man sagen,
treten wir nicht im Leben unendlich vielen Dingen ent-
gegen, von denen wir uns bisher nicht den leisesten Begriff
gemacht haben; und bilden wir uns denn nicht an Ort und
Stelle sogleich Begriffe von ihnen? Ganz wohl. Aber ist
denn die Summe aller moglichen Begriffe mit der Summe
derer, die ich mir in meinem bisherigen Leben gebildet habe,
identisch? Ist mein Begriffssystem nicht entwicklungsfahig?
Kann ich im Angesichte einer mir unverstandlichen Wirk-
lichkeit nicht sogleich mein Denken in Wirksamkeit verset-
zen, auf daB es eben auch an Ort und Stelle den Begriff ent-
wickle, den ich einem Gegenstande entgegenzuhalten habe?
Es ist fur mien nur die Fahigkeit erforderlich, einen be-
stimmten Begriff aus dem Fond der Gedankenwelt hervor-
gehen zu lassen. Nicht darum handelt es sich, daB mir ein
bestimmter Gedanke im Laufe meines Lebens schon be-
wuBt war, sondern darum, daB er sich aus der Welt der mir
erreichbaren Gedanken ableiten laBt. Das ist ja fur seinen
Inhalt unwesentlich, wo und wann ich ihn erfasse. Ich ent-
nehme ja alle Bestimmungen des Gedankens aus der Gedan-
kenwelt. Von dem Sinnesobjekte flieBt in diesen Inhalt
ja doch nichts ein. Ich erkenne in dem Sinnesobjekt den
Gedanken, den ich aus meinem Inneren herausgeholt, nur
wieder. Dieses Objekt veranlaBt mich zwar in einem
bestimmten Augenblicke gerade diesen Gedankeninhalt aus
der Einheit aller moglichen Gedanken herauszutreiben, aber
es liefert mir keineswegs die Bausteine zu denselben. Die
muB ich aus mir selbst herausholen.
Wenn wir unser Denken wirken lassen, bekommt die
Wirklichkeit erst wahrhafte Bestimmungen. Sie, die vorher
stumm war, redet eine deutliche Sprache.
Unser Denken ist der Dolmetsch, der die Gebdrden der
Erfahrung deutet.
Man ist so gewohnt, die Welt der Begriffe fur eine leere,
inhaltslose anzusehen, und ihr die Wahrnehmung als das In-
haltsvolle, durch und durch Bestimmte gegemiberzustellen,
daB es fur den wahren Sachverhalt schwer sein wird, sich die
ihm gebuhrende Stellung zu erringen. Man ubersieht voll-
standig, daB die bloBe Anschauung das Leerste ist, was sich
nur denken laBt, und daB sie alien Inhalt erst aus dem Den-
ken erhalt. Das einzige Wahre an der Sache ist, daB sie den
immer fliissigen Gedanken in einer bestimmten Form fest-
halt, ohne daB wir notig haben, zu diesem Festhalten tatig
mitzuwirken. Wenn der eine, der ein reiches Seelenleben
hat, tausend Dinge sieht, die fur den geistig Armen eine
Null sind, so beweist das sonnenklar, daB der Inhalt der
Wirklichkeit nur das Spiegelbild des Inhaltes unseres Gei-
stes ist und daB wir von auBen nur die leere Form empfan-
gen. Freilich miissen wir die Kraft in uns haben, uns als die
Erzeuger dieses Inhaltes zu erkennen, sonst sehen wir ewig
nur das Spiegelbild, nie unseren Geist, der sich spiegelt.
Auch der sich in einem faktischen Spiegel sieht, muB sich
ja selbst als Personlichkeit erkennen, um sich im Bilde
wieder zu erkennen.
Alle Sinnenwahrnehmung lost sich, was das Wesen be-
trifft, zuletzt in ideellen Inhalt auf. Dann erst erscheint sie
uns als durchsichtig und klar. Die Wissenschaften sind
vielfach von dem BewuBtsein dieser Wahrheit nicht einmal
beruhrt. Man halt die Gedankenbestimmung fur Merkmale
der Gegenstande, wie Farbe, Geruch usw. So glaubt man,
die Bestimmung sei eine Eigenschaft aller Korper, daB sie in
dem Zustande der Bewegung oder Ruhe, in dem sie sich
befinden, so lange verharren, bis ein auBerer EinfluB densel-
ben andert. In dieser Form figuriert das Gesetz vom Behar-
rungsvermogen in der Naturlehre. Der wahre Tatbestand ist
aber ein ganz anderer. In meinem Begriffssystem besteht der
Gedanke Korper in vielen Modifikationen. Die eine ist der
Gedanke eines Dinges, das sich aus sich selbst heraus in
Ruhe oder Bewegung setzen kann, eine andere der Begriff
eines Korpers, der nur infolge auBeren Einflusses seinen
Zustand verandert. Letztere Korper bezeichne ich als unor-
ganische. Tritt mir dann ein bestimmter Korper entgegen,
der mir in der Wahrnehmung meine obige Begriffsbestim-
mung widerspiegelt, so bezeichne ich ihn als unorganisch
und verbinde mit ihm alle Bestimmungen, die aus dem
Begriffe des unorganischen Korpers folgen.
Die Uberzeugung sollte alle Wissenschaften durchdrin-
gen, daB ihr Inhalt lediglich Gedankeninhalt ist und daB
sie mit der Wahrnehmung in keiner anderen Verbindung
stehen, als daB sie im Wahrnehmung sobjekte eine beson-
dere Form des Begriffes sehen.
12. Ver stand und Vernunft
Unser Denken hat eine zweifache Aufgabe zu vollbringen:
erstens, Begriffe mit scharf umrissenen Konturen zu schaf-
fen; zweitens, die so geschaffenen Einzelbegriffe zu einem
einheitlichen Ganzen zusammenzufassen. Im ersten Falle
handelt es sich um die unterscheidende Tatigkeit, im zwei-
ten um die verbindende. Diese beiden geistigen Tendenzen
erfreuen sich in den Wissenschaften keineswegs der gleichen
Pllege. Der Scharfsinn, der bis zu den geringsten Kleinig-
keiten in seinen Unterscheidungen herabgeht, ist einer
bedeutend groBeren Zahl von Menschen gegeben als die
zusammenfassende Kraft des Denkens, die in die Tiefe der
Wesen dringt.
Lange Zeit hat man die Aufgabe der Wissenschaft iiber-
haupt nur in einer genauen Unterscheidung der Dinge ge-
sucht. Wir brauchen nur des Zustandes zu gedenken, in dem
Goethe die Naturgeschichte vorfand. Durch Linne war es
ihr zum Ideale geworden, genau die Unterschiede der ein-
zelnen Pflanzenindividuen zu suchen, um so die gering-
fiigigsten Merkmale benutzen zu konnen, neue Arten und
Unterarten aufzustellen. Zwei Tier- oder Pflanzenspezies,
die sich nur in hochst unwesentlichen Dingen unterschei-
den, wurden sogleich verschiedenen Arten zugerechnet.
Fand man an irgend einem Lebewesen, das man bisher
irgend einer Art zugerechnet, eine unerwartete Abweichung
von dem willkurlich aufgestellten Artcharakter, so dachte
man nicht nach: wie sich eine solche Abweichung aus
diesem Charakter selbst erklaren lasse, sondern man stellte
einfach eine neue Art auf.
Diese Unterscheidung ist die Sache des Verstandes. Er
hat nur zu trennen und die Begriffe in der Trennung festzu-
halten. Er ist eine notwendige Vorstufe jeder hoheren Wis-
senschaftlichkeit. Vor allem bedarf es ja festbestimmter, klar
umrissener Begriffe, ehe wir nach einer Harmonie derselben
suchen konnen. Aber wir diirfen bei der Trennung nicht
stehen bleiben. Fiir den Verstand sind Dinge getrennt, die in
einer harmonischen Einheit zu sehen, ein wesentliches Be-
diirfnis der Menschheit ist. Fiir den Verstand sind getrennt:
Ursache und Wirkung, Mechanismus und Organismus,
Freiheit und Notwendigkeit, Idee und Wirklichkeit, Geist
und Natur usw. usw. Alle diese Unterscheidungen sind
durch den Verstand herbeigefuhrt. Sie mussen herbeigefuhrt
werden, weil uns sonst die Welt als ein verschwommenes,
dunkles Chaos erschiene, das nur deshalb eine Einheit
bildete, weil es fiir uns vollig unbestimmt ware.
Der Verstand selbst ist nicht in der Lage iiber diese Tren-
nung hinauszukommen. Er halt die getrennten Glieder fest.
Dieses Hinauskommen ist Sache der Vernunft. Sie hat
die vom Verstande geschaffenen Begriffe ineinander iiber-
gehen zu lassen. Sie hat zu zeigen, daB das, was der Verstand
in strenger Trennung festhalt, eigentlich eine innerliche Ein-
heit ist. Die Trennung ist etwas kiinstlich Herbeigefiihrtes,
ein notwendiger Durchgangspunkt fur unser Erkennen,
nicht dessen AbschluB. Wer die Wirklichkeit bloB verstan-
desmaBig erfaBt, entfernt sich von ihr. Er setzt an ihre Stelle,
da sie in Wahrheit eine Einheit ist, eine klinstliche Vielheit,
eine Mannigfaltigkeit, die mit dem Wesen der Wirklichkeit
nichts zu tun hat.
Daher riihrt der Zwiespalt, in den die verstandesmaBig
betriebene Wissenschaft mit dem menschlichen Herzen
kommt. Viele Menschen, deren Denken nicht so ausgebildet
ist, daB sie es bis zu einer einheitlichen Weltansicht brin-
gen, die sie in voller begrifflicher Klarheit erfassen, sind
aber sehr wohl imstande, die innere Harmonie des Welt-
ganzen mit dem Gefuhle zu durchdringen. Ihnen gibt das
Herz, was dem wissenschaftlich Gebildeten die Vernunft
bietet.
Tritt an solche Menschen die Verstandesansicht der Welt
heran, so weisen sie mit Verachtung die unendliche Vielheit
zuriick und halten sich an die Einheit, die sie wohl nicht
erkennen, aber mehr oder minder lebhaft empfinden. Sie
sehen sehr wohl, daB der Verstand sich von der Natur
entfernt, daB er das geistige Band aus dem Auge verliert, das
die Teile der Wirklichkeit verbindet.
Die Vernunft fiihrt wieder zur Wirklichkeit zuriick. Die
Einheitlichkeit alles Seins, die friiher gefuhlt oder gar nur
dunkel geahnt wurde, wird von der Vernunft vollkommen
durchschaut. Die Verstandesansicht muB durch die Ver-
nunftansicht vertieft wer den. Wird die erste statt fur einen
notwendigen Durchgangspunkt fur Selbstzweck angesehen,
dann liefert sie nicht die Wirklichkeit, sondern ein Zerrbild
derselben.
Es macht bisweilen Schwierigkeiten, die durch den Ver-
stand geschaffenen Gedanken zu verbinden. Die Geschichte
der Wissenschaften liefert uns vielfache Beweise dafiir. Oft
sehen wir den Menschengeist ringen, von dem Verstande
geschaffene Differenzen zu iiberbrucken.
In der Vernunftansicht von der Welt gent der Mensch
in der letzteren in ungetrennter Einheit auf.
Kant hat auf den Unterschied von Verstand und Ver-
nunft bereits hingewiesen. Er bezeichnet die Vernunft als
das Vermogen, Ideen wahrzunehmen; wogegen der Ver-
stand darauf beschrankt ist, bloB die Welt in ihrer Getrennt-
heit, Vereinzelung zu schauen.
Die Vernunft ist nun in der Tat das Vermogen, Ideen
wahrzunehmen. Wir mussen hier den Unterschied zwi-
schen Begriff und Idee feststellen, den wir bisher auBer acht
gelassen haben. Fur unsere bisherigen Zwecke kam es nur
darauf an, jene Qualitaten des GedankenmaBigen, die sich
in Begriff und Idee darleben, zu finden. Begriff ist der Ein-
zelgedanke, wie er vom Verstande festgehalten wird. Bringe
ich eine Mehrheit von solchen Einzelgedanken in lebendi-
gen FluB, so daB sie ineinander ubergehen, sich verbinden,
so entstehen gedankenmaBige Gebilde, die nur fur die Ver-
nunft da sind, die der Verstand nicht erreichen kann. Fur die
Vernunft geben die Geschopfe des Verstandes ihre geson-
derten Existenzen auf und leben nur mehr als ein Teil einer
Totalitat weiter. Diese von der Vernunft geschaffenen
Gebilde sollen Ideen heiBen.
DaB die Idee eine Vielheit von Verstandesbegriffen auf
eine Einheit zunickfuhrt, das hat auch schon Kant aus-
gesprochen. Er hat jedoch die Gebilde, die durch die Ver-
nunft zur Erscheinung kommen, als bloBe Trugbilder hin-
gestellt, als Illusionen, die sich der Menschengeist ewig vor-
spiegelt, weil er ewig nach einer Einheit der Erfahrung strebt,
die ihm nirgend gegeben ist. Die Einheiten, die in den Ideen
geschaffen werden, beruhen nach Kant nicht auf objektiven
Verhaltnissen, sie tlieBen nicht aus der Sache selbst, sondern
sind bloB subjektive Normen, nach denen wir Ordnung in
unser Wissen bringen. Kant bezeichnet daher die Ideen
nicht als konstitutive Prinzipien, die fur die Sache maB-
gebend sein miiBten, sondern als regulative, die allein fur die
Systematik unseres Wissens Sinn und Bedeutung haben.
Sieht man aber auf die Art, wie die Ideen zustande kom-
men, so erweist sich diese Ansicht sogleich als irrtumlich. Es
ist zwar richtig, daB die subjektive Vernunft 10 das Bedurfnis
nach Einheit hat. Aber dieses Bedurfnis ist ohne alien Inhalt,
ein leeres Einheitsbestreben. Tritt ihm etwas entgegen, das
absolut jeder einheitlichen Natur entbehrt, so kann es diese
Einheit nicht selbst aus sich heraus erzeugen. Tritt ihm hin-
gegen eine Vielheit entgegen, die ein Zuruckfuhren auf eine
innere Harmonie gestattet, dann vollbringt sie dasselbe.
Eine solche Vielheit ist die vom Verstande geschaffene
Begriff s weit.
Die Vernunft setzt nicht eine bestimmte Einheit voraus,
sondern die leere Form der Einheitlichkeit, sie ist das Ver-
mogen, die Harmonie an das Tageslicht zu ziehen, wenn sie
im Objekte selbst liegt. Die Begriffe setzen sich in der Ver-
nunft selbst zu Ideen zusammen. Die Vernunft bringt die
hdhere Einheit der Verstandesbe griff e zum Vorschein, die
der Verstand in seinen Gebilden zwar hat, aber nicht zu
sehen vermag. DaB dies ubersehen wird, ist der Grund
vieler MiBverstandnisse iiber die Anwendung der Vernunft
in den Wissenschaften.
In geringem Grade hat jede Wissenschaft schon in den
Anfangen, ja das alltagliche Denken schon Vernunft notig.
Wenn wir in dem Urteile: jeder Korper ist schwer, den
Subjektsbegriff mit dem Pradikatsbegriff verbinden, so liegt
darinnen schon eine Vereinigung von zwei Begriffen, also
die einfachste Tatigkeit der Vernunft.
Die Einheit, welche die Vernunft zu ihrem Gegenstande
macht, ist vor allem Denken, vor allem Vernunftgebrauche
gewiB; nur ist sie verborgen, ist nur der Moglichkeit nach
vorhanden, nicht als faktische Erscheinung. Dann fiihrt der
Menschengeist die Trennung herbei, um im vernunftge-
maBen Vereinigen der getrennten Glieder die Wirklichkeit
vollstandig zu durchschauen.
Wer das nicht voraussetzt, muB entweder alle Gedan-
kenverbindung als eine Willkur des subjektiven Geistes an-
sehen, oder er muB annehmen, daB die Einheit hinter der
von uns erlebten Welt stehe und uns auf eine uns unbekann-
te Weise zwinge, die Mannigfaltigkeit auf eine Einheit zu-
ruckzufuhren. Dann verbinden wir Gedanken ohne Ein-
sicht in die wahren Griinde des Zusammenhanges, den wir
herstellen; dann ist die Wahrheit nicht von uns erkannt, son-
dern uns von auBen aufgedrangt. Alle Wissenschaft, welche
von dieser Voraussetzung ausgeht, mochten wir eine dog-
matische nennen. Wir werden noch darauf zuruckkommen.
Jede solche wissenschaftliche Ansicht wird auf Schwie-
rigkeiten stoBen, wenn sie Griinde angeben soil, warum wir
diese oder jene Gedankenverbindung vollziehen. Sie hat
sich namlich nach subjektiven Grunden der Zusammenf as-
sung von Objekten umzusehen, deren objektiver Zusam-
menhang uns verborgen bleibt. Warum vollziehe ich ein
Urteil, wenn die Sache, die die Zusammengehorigkeit von
Subjekt- und Pradikatbegriff fordert, mit dem Fallen des-
selben nichts zu tun hat?
Kant hat diese Frage zum Ausgangspunkte seiner kriti-
schen Arbeiten gemacht. Wir finden am Anfange seiner Kri-
tik der reinen Vernunft die Frage: wie sind synthetische Ur-
teile a priori moglich? d. h. wie ist es moglich, daB ich zwei
Begriffe (Subjekt, Pradikat) verbinde, wenn nicht der Inhalt
des einen schon in dem andern enthalten ist und wenn das
Urteil kein bloBes Erfahrungsurteil d. i. das Feststellen einer
einzigen Tatsache ist? Kant meint, solche Urteile seien nur
dann moglich, wenn Erfahrung nur unter der Vorausset-
zung ihrer Gultigkeit bestehen kann. Die Moglichkeit der
Erfahrung ist also fur uns maBgebend, um ein solches Urteil
zu vollziehen. Wenn ich mir sagen kann: nur dann, wenn
dieses oder jenes synthetische Urteil a priori wahr ist, ist
Erfahrung moglich, dann hat es Gultigkeit. Auf die Ideen
selbst aber ist das nicht anzuwenden. Diese haben nach
Kant nicht einmal diesen Grad von Objektivitat.
Kant findet, daB die Satze der Mathematik und der rei-
nen Naturwissenschaft solche giiltige synthetische Satze a
priori sind. Er nimmt da z. B. den Satz 7 + 5 = 12. In 7 und
5 ist die Summe 12 keineswegs enthalten, so schlieBt Kant.
Ich muB uber 7 und 5 hinausgehen und an meine Anschau-
ung appellieren, dann finde ich den Begriff 12. Meine An-
schauung macht es notwendig, daB 7 + 5 = 12 vorgestellt
wird. Meine Erfahrungsobjekte miissen aber durch das
Medium meiner Anschauung an mich herantreten, sich also
deren Gesetzen fugen. Wenn Erfahrung moglich sein soil,
miissen solche Satze richtig sein.
Vor einer objektiven Erwagung halt dieses ganze kiinst-
liche Gedankengebaude Kants nicht Stand. Es ist immog-
lich, daB ich im Subjektbegriffe gar keinen Anhaltspunkt
habe, der mich zum Pradikatbegriffe fiihrt. Denn beide
Begriffe sind von meinem Verstande gewonnen und das an
einer Sache, die in sich einheitlich ist. Man tausche sich hier
nicht. Die mathematische Einheit, welche der Zahl zugrun-
de liegt, ist nicht das Erste. Das Erste ist die GroBe, welche
eine so und so oftmalige Wiederholung der Einheit ist. Ich
muB eine GroBe voraussetzen, wenn ich von einer Einheit
spreche. Die Einheit ist ein Gebilde unseres Verstandes, das
er von einer Totalitat abtrennt, so wie er die Wirkung von
der Ursache, die Substanz von ihren Merkmalen scheidet
usw. Indem ich nun 7 + 5 denke, halte ich in Wahrheit 12
mathematische Einheiten im Gedanken fest, nur nicht auf
einmal, sondern in zwei Teilen. Denke ich die Gesamtheit
der mathematischen Einheiten auf einmal, so ist das ganz
dieselbe Sache. Und diese Identitat spreche ich in dem Ur-
teile 7 + 5 = 12 aus. Ebenso ist es mit dem geometrischen
Beispiele, das Kant anfuhrt. Eine begrenzte Gerade mit den
Endpunkten A und B ist eine untrennbare Einheit. Mein
Verstand kann sich zwei Begriffe davon bilden. Einmal
kann er die Gerade als Richtung annehmen und dann als
Weg zwischen den zwei Punkten A und B. Daraus flieBt das
Urteil: Die Gerade ist der klirzeste Weg zwischen zwei
Punkten.
Alles Urteilen, insofern die Glieder, die in das Urteil ein-
gehen, Begriffe sind, ist nichts weiter als eine Wiedervereini-
gung dessen, was der Verstand getrennt hat. Der Zusam-
menhang ergibt sich sofort, wenn man auf den Inhalt der
Verstandesbegriffe eingeht.
13. Das Erkennen
Die Wirklichkeit hat sich uns in zwei Gebiete auseinander-
gelegt: in die Erfahrung und in das Denken. Die Erfahrung
kommt in zweifacher Hinsicht in Betracht. Erstens insofern,
als die gesamte Wirklichkeit auBer dem Denken eine Er-
scheinungsform hat, die in der Erfahrungsform auftreten
muB. Zweitens insofern, als es in der Natur unseres Geistes
liegt, dessen Wesen ja in der Betrachtung besteht (also in
einer nach auBen gerichteten Tatigkeit), daB die zu beobach-
tenden Gegenstande in sein Gesichtsfeld einriicken, d. h.
wieder ihm erfahrung smaBig gegeben werden. Es kann nun
sein, daB diese Form des Gegebenen das Wesen der Sache
nicht in sich schlieBt, dann fordert die Sache selbst, daB sie
zuerst in der Wahrnehmung (Erfahrung) erscheine, um spa-
ter einer iiber die Wahrnehmung hinausgehenden Tatigkeit
unseres Geistes das Wesen zu zeigen. Eine andere Moglich-
keit ist die, daB in dem unmittelbar Gegebenen schon das
Wesen liege und daB es nur dem zweiten Umstande, daB
unserm Geiste alles als Erfahrung vor Augen treten muB,
zuzuschreiben ist, wenn wir dieses Wesen nicht sogleich
gewahr werden. Das letztere ist beim Denken, das erstere
bei der ubrigen Wirklichkeit der Fall. Beim Denken ist nur
erforderlich, daB wir unsere subjektive Befangenheit iiber-
winden um es in seinem Kerne zu begreifen. Was bei der
ubrigen Wirklichkeit in der objektiven Wahrnehmung sach-
lich begriindet liegt, daB die unmittelbare Form des Auftre-
tens uberwunden werden muB, um sie zu erklaren, das liegt
beim Denken nur in einer Eigentiimlichkeit unseres Geistes.
Dort ist es die Sache selbst, welche sich die Erfahrungsform
gibt, hier ist es die Organisation unseres Geistes. Dort
haben wir [noch] nicht die ganze Sache, wenn wir die
Erfahrung auffassen, hier haben wir sie.
Darinnen liegt der Dualismus begriindet, den die Wis-
senschaft, das denkende Erkennen, zu iiberwinden hat. Der
Mensch findet sich zwei Welten gegeniiber, deren Zusam-
menhang er herzustellen hat. Die eine ist die Erfahrung, von
der er weiB, daB sie nur die Halfte der Wirklichkeit enthalt;
die andere ist das Denken, das in sich vollendet ist, in das
jene auBere Erfahrung s wirklichkeit eintlieBen muB, wenn
eine befriedigende Weltansicht resultieren soil. Wenn die
Welt bloB von Sinnenwesen bewohnt ware, so bliebe ihr
Wesen (ihr ideeller Inhalt) stets im Verborgenen; die Ge-
setze wiirden zwar die Weltprozesse beherrschen, aber sie
kamen nicht zur Erscheinung. Soil das letztere sein, so muB
zwischen Erscheinungsform und Gesetz ein Wesen treten,
dem sowohl Organe gegeben sind, durch die es jene sinnen-
fallige, von den Gesetzen abhangige Wirklichkeitsform
wahrnimmt, als auch das Vermogen, die Gesetzlichkeit
selbst wahrzunehmen. Von der einen Seite muB an ein sol-
ches Wesen die Sinnenwelt, von der anderen das ideelle
Wesen derselben herantreten, und es muB in eigener Tatig-
keit diese beiden Wirklichkeitsfaktoren verbinden.
Hier sieht man wohl ganz klar, daB unser Geist nicht wie
ein Behalter der Ideenwelt anzusehen ist, der die Gedanken
in sich enthalt, sondern wie ein Organ, das dieselben wahr-
nimmt.
Er ist gerade so Organ des Auffassens wie Auge und
Ohr. Der Gedanke verhalt sich zu unserem Geiste nicht
anders wie das Licht zum Auge, der Ton zum Ohr. Es fallt
gewiB niemandem ein, die Farbe wie etwas anzusehen, das
sich dem Auge als Bleibendes einpragt, das gleichsam haften
bleibt an demselben. Beim Geiste ist diese Ansicht sogar die
vorherrschende. Im BewuBtsein soil sich von jedem Dinge
ein Gedanke bilden, der dann in demselben verbleibt, um
aus demselben je nach Bedarf hervorgeholt zu werden.
Man hat darauf eine eigene Theorie gegriindet, als wenn die
Gedanken, deren wir uns im Momente nicht bewuBt sind,
zwar in unserem Geiste aufbewahrt seien; nur liegen sie
unter der Schwelle des BewuBtseins.
Diese abenteuerlichen Ansichten zerflieBen sofort in
nichts, wenn man bedenkt, daB die Ideenwelt doch eine aus
sich heraus bestimmte ist. Was hat dieser durch sich selbst
bestimmte Inhalt mit der Vielheit der BewuBtseine zu tun?
Man wird doch nicht annehmen, daB er sich in unbestimm-
ter Vielheit so bestimmt, daB immer der eine Teilinhalt von
dem andern unabhangig ist! Die Sache liegt ja ganz klar. Der
Gedankeninhalt ist ein solcher, daB nur uberhaupt ein gei-
stiges Organ notwendig ist zu seiner Erscheinung, daB aber
die Zahl der mit diesem Organe begabten Wesen gleich-
gultig ist. Es konnen also unbestimmt viele geistbegabte In-
dividuen dem einen Gedankeninhalte gegemiberstehen. Der
Geist nimmt also den Gedankengehalt der Welt wahr, wie
ein Auffassungsorgan. Es gibt nur einen Gedankeninhalt
der Welt. Unser BewuBtsein ist nicht die Fahigkeit, Gedan-
ken zu erzeugen und aufzubewahren, wie man so vielfach
glaubt, sondern die Gedanken (Ideen) wahrzunehmen.
Goethe hat dies [so] vortrefflich mit den Worten aus-
gedriickt: «Die Idee ist ewig und einzig; daB wir auch den
Plural brauchen, ist nicht wohlgetan. Alles, was wir gewahr
werden und wovon wir reden konnen, sind nur Manifesta-
tionen der Idee; Begriffe sprechen wir aus, und insofern ist
die Idee selbst ein Begriff.»
Burger zweier Welten, der Sinnen- und der Gedanken-
welt, die eine von unten an inn herandringend, die andere
von oben leuchtend, bemachtigt sich der Mensch der Wis-
senschaft, durch die er beide in eine ungetrennte Einheit
verbindet. Von der einen Seite winkt uns die auBere Form,
von der andern das innere Wesen; wir miissen beide vereini-
gen. Damit hat sich unsere Erkenntnistheorie iiber jenen
Standpunkt erhoben, den ahnliche Untersuchungen zumeist
einnehmen und der nicht iiber Formalitaten hinauskommt.
Da sagt man: «Das Erkennen sei Bearbeitung der Er-
fahrung», ohne zu bestimmen, was in die letztere hinein-
gearbeitet wird; man bestimmt: «im Erkennen flieBe die
Wahrnehmung in das Denken ein oder das Denken dringe
vermoge eines inneren Zwanges von der Erfahrung zu dem
hinter derselben stehenden Wesen vor.» Das sind aber lauter
bloBe Formalitaten. Eine Erkenntniswissenschaft, welche
das Erkennen in seiner weltbedeutsamen Rolle erfassen will,
muB: erstens den idealen Zweck desselben angeben. Er be-
steht darinnen, der unabgeschlossenen Erfahrung durch das
Enthullen ihres Kernes ihren AbschluB zu geben. Sie muB,
zweitens, bestimmen, was dieser Kern, inhaltlich genom-
men, ist. Er ist Gedanke, Idee. Endlich, drittens, muB sie
zeigen, wie dieses Enthullen geschieht. Unser Kapitel: Den-
ken und Wahrnehmung gibt daniber AufschluB. Unsere
Erkenntnistheorie fuhrt zu dem positiven Ergebnis, daB das
Denken das Wesen der Welt ist und daB das individuelle
menschliche Denken die einzelne Erscheinungsform dieses
Wesens ist. Eine bloBe formale Erkenntniswissenschaft
kann das nicht, sie bleibt ewig unfruchtbar. Sie hat keine
Ansicht daniber, welche Beziehung das, was die Wissen-
schaft gewinnt, zum Weltwesen und Weltgetriebe hat. Und
doch muB sich ja gerade in der Erkenntnistheorie diese Be-
ziehung ergeben. Diese Wissenschaft muB uns doch zeigen,
wohin wir durch unser Erkennen kommen, wohin uns
jede andre Wissenschaft ftihrt.
Auf keinem anderen als auf dem Wege der Erkenntnis-
theorie kommt man zu der Ansicht, daB das Denken der
Kern der Welt ist. Denn sie zeigt uns den Zusammenhang
des Denkens mit der ubrigen Wirklichkeit. Woraus sollten
wir aber vom Denken gewahr werden, in welcher Bezie-
hung es zur Erfahrung steht, als aus der Wissenschaft, die
sich diese Beziehung zu untersuchen direkt zum Ziele setzt?
Und weiter, woher sollten wir von einem geistigen oder
sinnlichen Wesen wis sen, daB es die Urkraft der Welt ist,
wenn wir seine Beziehung zur Wirklichkeit nicht unter-
suchten? Handelt es sich also irgendwo darum, das Wesen
einer Sache zu finden, so besteht dieses Auffinden immer in
dem Zuruckgehen auf den Ideengehalt der Welt. Das Gebiet
dieses Gehaltes darf nicht uberschritten werden, wenn man
innerhalb der klaren Bestimmungen bleiben will, wenn man
nicht im Unbestimmten herumtappen will. Das Denken ist
eine Totalitat in sich, das sich selbst genug ist, das sich nicht
liber schreiten darf, ohne ins Leere zu kommen. Mit anderen
Worten: es darf nicht, um irgend etwas zu erklaren, zu Din-
gen seine Zuflucht nehmen, die es nicht in sich selbst findet.
Ein Ding, das nicht mit dem Denken zu umspannen ware,
ware ein Unding.. Alles geht zuletzt im Denken auf, alles
findet innerhalb desselben seine Stelle.
In bezug auf unser individuelles BewuBtsein ausge-
driickt, heiBt das: Wir miissen behufs wissenschaftlicher
Feststellungen streng innerhalb des uns im BewuBtsein Ge-
gebenen stehen bleiben, wir konnen dies nicht uberschrei-
ten. Wenn man nun wohl einsieht, daB wir unser BewuBt-
sein nicht iiberspringen konnen, ohne ins Wesenlose zu
kommen, nicht aber zugleich, daB das Wesen der Dinge
innerhalb unseres BewuBtseins in der Ideenwahrnehmung
anzutreffen ist, so entstehen jene Irrtiimer, die von einer
Grenze unserer Erkenntnis sprechen. Konnen wir tiber das
BewuBtsein nicht hinaus und ist das Wesen der Wirklichkeit
nicht innerhalb desselben, dann konnen wir zum Wesen
iiberhaupt nicht vordringen.
Unser Denken ist an das Diesseits gebunden und weiB
nichts vom Jenseits.
Unserer Ansicht gegeniiber ist diese Meinung nichts als
ein sich selbst miBverstehendes Denken. Eine Erkenntnis-
grenze ware nur moglich, wenn uns die auBere Erfahrung
an sich selbst die Erforschung ihres Wesens aufdrangte,
wenn sie die Fragen bestimmte, die in Ansehung ihrer zu
stellen sind. Das ist aber nicht der Fall. Dem Denken
entsteht das Bedurfnis, der Erfahrung, die es gewahr wird,
ihr Wesen entgegenzuhalten. Das Denken kann doch nur
die ganz bestimmte Tendenz haben, die ihm selbst eigene
Gesetzlichkeit auch in der ubrigen Welt zu sehen, nicht
aber irgend etwas, wovon es selbst nicht die geringste
Kunde hat.
Ein anderer Irrtum muB hier noch seine Berichtigung er-
fahren. Es ist der, als ob das Denken nicht hinreichend ware,
die Welt zu konstituieren, als ob zum Gedankeninhalt noch
etwas (Kraft, Wille usw.) hinzukommen miisse, um die
Welt zu ermoglichen.
Bei genauer Erwagung sieht man aber sofort, daB sich alle
solche Faktoren als nichts weiter ergeben, denn als Abstrak-
tionen aus der Wahrnehmungswelt, die selbst erst der Erkla-
rung durch das Denken harren. Jeder andere Bestandteil des
Weltwesens als das Denken machte sofort auch eine andere
Art von Auffassung, von Erkennen, notig als die gedankli-
che. Wir miiBten jenen anderen Bestandteil anders als durch
das Denken erreichen. Denn das Denken liefert denn doch
nur Gedanken. Schon dadurch aber, daB man den Anteil, den
jener zweite Bestandteil am Weltgetriebe hat, erklaren will
und sich dabei der Begriffe bedient, widerspricht man sich.
AuBerdem aber ist uns auBer der Sinneswahrnehmung und
dem Denken kein Drittes gegeben. Und wir konnen keinen
Teil von jener als Kern der Welt gelten lassen, weil alle ihre
Gliederbei naherer Betrachtung zeigen, daB sie als solche ihr
Wesen nicht enthalten. Das letztere kann daher einzig und
allein im Denken gesucht werden.
14. Der Grund der Dinge und das Erkennen
Kant hat insofern einen groBen Schritt in der Philosophic
vollbracht, als er den Menschen auf sich selbst gewiesen hat.
Er soil die Griinde der GewiBheit seiner Behauptungen aus
dem suchen, was ihm in seinem geistigen Vermogen gegeben
ist und nicht in von auBen aufgedrangten Wahrheiten. Wis-
senschaftliche Uberzeugung nur durch sich selbst, das ist die
Losung der Kantischen Philosophic Deshalb vorzuglich
nannte er sie eine kritische im Gegensatze zur dogmatischen,
welche fertige Behauptungen uberliefert erhalt und zu sol-
chen nachtraglich die Beweise sucht. Damit ist ein Gegensatz
zweier Wissenschaftsrichtungen gegeben; er ist aber von
Kant nicht in jener Scharfe gedacht worden, deren er fahig ist.
Fassen wir einmal streng ins Auge, wie eine Behauptung
der Wissenschaft zustande kommen kann. Sie verbindet
zwei Dinge: entweder einen Begriff mit einer Wahr-
nehmung oder zwei Begriffe. Von letzterer Art ist z. B. die
Behauptung: Keine Wirkung ohne Ursache. Es konnen nun
die sachlichen Griinde, warum die beiden Begriffe zusam-
menflieBen, jenseits dessen liegen, was sie selbst enthalten,
was mir daher auch allein gegeben ist. Ich mag dann noch
immerhin irgend welche formelle Griinde haben (Wider-
spruchslosigkeit, bestimmte Axiome), welche mich auf eine
bestimmte Gedankenverbindung leiten. Auf die Sache selbst
aber haben diese kernen EinfluB. Die Behauptung sttitzt sich
auf etwas, das ich sachlich nie erreichen kann. Es ist fur mich
daher eine wirkliche Einsicht in die Sache nicht moglich; ich
weiB nur als AuBenstehender von derselben. Hier ist das,
was die Behauptung ausdriickt, in einer mir unbekannten
Welt; die Behauptung allein in der meinigen. Dies ist der
Charakter des Dogmas. Es gibt ein zweifaches Dogma. Das
Dogma der Offenbarung und jenes der Erfahrung. Das
erstere uberliefert dem Menschen auf irgendwelche Weise
Wahrheiten iiber Dinge, die seinem Gesichtskreise entzogen
sind. Er hat keine Einsicht in die Welt, der die Behauptun-
gen entspringen. Er muB an die Wahrheit derselben glau-
ben, er kann an die Griinde nicht herankommen. Ganz
ahnlich verhalt es sich mit dem Dogma der Erfahrung. Ist
jemand der Ansicht, daB man bei der bloBen, reinen Er-
fahrung stehen bleiben soil und nur deren Veranderungen
beobachten kann, ohne zu den bewirkenden Kraften vorzu-
dringen, so stellt er ebenfalls iiber die Welt Behauptungen
auf, zu deren Grunden er keinen Zugang hat. Auch hier ist
die Wahrheit nicht durch Einsicht in die innere Wirksam-
keit der Sache gewonnen, sondern sie ist von einem der
Sache selbst AuBerlichen aufgedrangt. Beherrschte das
Dogma der Offenbarung die friihere Wissenschaft, so leidet
durch das Dogma der Erfahrung die heutige.
Unsere Ansicht hat gezeigt, daB jede Annahme von
einem Seinsgrunde, der auBerhalb der Idee liegt, ein Unding
ist. Der gesamte Seinsgrund hat sich in die Welt ausge-
gossen, er ist in sie aufgegangen. Im Denken zeigt er sich in
seiner vollendetsten Form, so wie er an und fur sich selbst
ist. Vollzieht daher das Denken eine Verbindung, fallt es ein
Urteil, so ist es der in dasselbe eingeflossene Inhalt des
Weltgrundes selbst, der verbunden wird. Im Denken sind
uns nicht Behauptungen gegeben iiber irgend einen jenseiti-
gen Weltengrund, sondern derselbe ist substantiell in dassel-
be eingeflossen. Wir haben eine unmittelbare Einsicht in die
sachlichen, nicht bloB in die formellen Griinde, warum sich
ein Urteil vollzieht. Nicht iiber irgend etwas Fremdes, son-
dern iiber seinen eigenen Inhalt bestimmt das Urteil. Unsere
Ansicht begriindet daher ein wahrhaftes Wissen. Unsere
Erkenntnistheorie ist wirklich kritisch. Unserer Ansicht ge-
maB darf nicht nur der Offenbarung gegeniiber nichts zuge-
lassen werden, wofiir nicht innerhalb des Denkens sachliche
Griinde da sind; sondern auch die Erfahrung muB innerhalb
des Denkens nicht nur nach der Seite ihrer Erscheinung,
sondern als Wirkendes erkannt werden. Durch unser Den-
ken erheben wir uns von der Anschauung der Wirklichkeit
als einem Produkte zu der als einem Produzierenden.
So tritt das Wesen eines Dinges nur dann zutage, wenn
dasselbe in Beziehung zum Menschen gebracht wird. Denn
nur im letzteren erscheint fur jedes Ding das Wesen. Das
begriindet einen Relativismus als Weltansicht, d. h. die
Denkrichtung, welche annimmt, daB wir alle Dinge in dem
Lichte sehen, das ihnen von Menschen selbst verliehen wird.
Diese Ansicht fiihrt auch den Namen Anthropomorphis-
mus. Sie hat viele Vertreter. Die Mehrzahl derselben aber
glaubt, daB wir uns durch diese Eigentiimlichkeit unseres
Erkennens von der Objektivitat, wie sie an und fur sich ist,
entfernen. Wir nehmen, so glauben sie, alles durch die Brille
der Subjektivitat wahr. Unsere Auffassung zeigt uns das ge-
rade Gegenteil davon. Wir miissen die Dinge durch diese
Brille betrachten, wenn wir zu ihrem Wesen kommen
wollen. Die Welt ist uns nicht allein so bekannt, wie sie uns
erscheint, sondern sie erscheint so, allerdings nur der den-
kenden Betrachtung, wie sie ist. Die Gestalt von der Wirk-
lichkeit, welche der Mensch in der Wissenschaft entwirft, ist
die letzte wahre Gestalt derselben.
Nunmehr obliegt es uns noch, die Art des Erkennens,
die wir als die richtige, d. h. zum Wesen der Wirklichkeit
fuhrende, erkannt haben, auf die einzelnen Wirklichkeits-
gebiete auszudehnen. Wir werden nun zeigen, wie in den
einzelnen Formen der Erfahrung deren Wesen zu suchen ist.
E. DAS NATUR-ERKENNEN
15. Die unorganische Natur
Als die einfachste Art von Naturwirksamkeit erscheint uns
jene, bei der ein Vorgang ganz das Ergebnis von Faktoren
ist, die einander auBerlich gegeniiberstehen. Da ist ein Er-
eignis oder eine Beziehung zwischen zwei Objekten nicht
bedingt von einem Wesen, das sich in den auBeren Erschei-
nungsformen darlebt, von einer Individuality, die ihre
inneren Fahigkeiten und ihren Charakter in einer Wirkung
nach auBen kundgibt. Sie sind allein dadurch hervorgerufen,
daB ein Ding in seinem Geschehen einen gewissen EinfUiB
auf das andere ausiibt, seine eigenen Zustande auf andere
iibertragt. Es erscheinen die Zustande des einen Dinges als
Folge jener des anderen. Das System von Wirksamkeiten,
die in dieser Weise erfolgen, daB immer eine Tatsache die
Folge von anderen ihr gleichartigen ist, nennt man un-
organische Natur.
Es hangt hier der Verlauf eines Vorganges oder das Cha-
rakteristische eines Verhaltnisses von auBeren Bedingungen
ab, die Tatsachen tragen Merkmale an sich, die das Resultat
jener Bedingungen sind. Andert sich die Art, in der diese
auBeren Faktoren zusammentreten, so andert sich naturlich
auch die Folge ihres Zusammenbestehens; es andert sich
das herbeigefuhrte Phanomen.
Wie ist nun diese Weise des Zusammenbestehens bei der
unorganischen Natur, so wie sie unmittelbar in das Feld un-
serer Beobachtungen eintritt? Sie tragt ganz jenen Charak-
ter, den wir oben als den der unmittelbaren Erfahrung
kennzeichneten. Wir haben es hier nur mit einem Spezialfall
jener «Erfahrung im allgemeinen» zu tun. Es kommt hier
auf die Verbindungen der sinnenfalligen Tatsachen an. Die-
se Verbindungen aber sind es gerade, die uns in der Erfah-
rung unklar, undurchsichtig erscheinen. Eine Tatsache a
tritt uns gegeniiber, gleichzeitig aber zahlreiche andere.
Wenn wir unseren Blick iiber die hier gebotene Mannigfal-
tigkeit schweifen lassen, sind wir vollig im unklaren, welche
von den anderen Tatsachen mit der in Rede stehenden a in
naherer, welche in entfernterer Beziehung stehen. Es kon-
nen solche da sein, ohne die das Ereignis gar nicht eintreten
kann; und wieder solche, die es nur modifizieren, ohne die
es also ganz wohl eintreten konnte, nur hatte es dann unter
anderen Nebenumstanden eine andere Gestalt.
Damit ist uns zugleich der Weg gewiesen, den das Erken-
nen auf diesem Felde zu nehmen hat. Genugt uns die Kombi-
nation der Tatsachen in der unmittelbaren Erfahrung nicht,
dann mussen wir zu einer anderen, unser Erklarungsbedurf-
nis befriedigenden fortschreiten. Wir haben Bedingungen zu
schaffen, auf daB uns ein Vorgang in durchsichtiger Klarheit
als die notwendige Folge dieser Bedingungen erscheine.
Wir erinnern uns, warum eigentlich das Denken in un-
mittelbarer Erfahrung bereits sein Wesen enthalt. Weil wir
innerhalb, nicht auBerhalb jenes Prozesses stehen, der aus
den einzelnen Gedankenelementen Gedankenverbindungen
schafft. Dadurch ist uns nicht allein der vollendete ProzeB,
das Bewirkte gegeben, sondern das Wirkende. Und darauf
kommt es an, daB wir in irgend einem Vorgange der AuBen-
welt, der uns gegenubertritt, zuerst die treibenden Gewalten
sehen, die ihn vom Mittelpunkte des Weltganzen heraus an
die Peripherie bringen. Die Undurchsichtigkeit und Unklar-
heit einer Erscheinung oder eines Verhaltnisses der Sinnen-
welt kann nur uberwunden werden, wenn wir ganz genau
ersehen, daB sie das Ergebnis einer bestimmten Tatsachen-
konstellation sind. Wir mtissen wissen, der Vorgang, den wir
jetzt sehen, entsteht durch das Zusammenwirken dieses und
jenes Elementes der Sinnenwelt. Dann muB eben die Weise
dieses Zusammenwirkens unserm Verstande vollkommen
durchdringlich sein. Das Verhaltnis, in das die Tatsachen
gebracht werden, muB ein ideelles, ein unserem Geiste ge-
maBes sein. Die Dinge werden sich natiirlich, in den Verhalt-
nissen, in die sie durch den Verstand gebracht werden,
ihrerNatur gemaB verhalten.
Wir sehen sogleich, was damit gewonnen wird. Blicke
ich aufs Geratewohl in die Sinnenwelt, so sehe ich Vorgan-
ge, die durch das Zusammenwirken so vieler Faktoren her-
vorgebracht sind, daB es mir unmoglich ist, unmittelbar zu
sehen, was eigentlich als Wirkendes hinter dieser Wirkung
steht. Ich sehe einen Vorgang und zugleich die Tatsachen a,
b, c und d. Wie soil ich da sogleich wissen, welche von die-
sen Tatsachen mehr, welche weniger an dem Vorgang betei-
ligt sind? Die Sache wird durchsichtig, wenn ich erst unter-
suche, welche von den vier Tatsachen unbedingt notwen-
dig sind, damit der ProzeB uberhaupt eintrete. Ich finde z. B.,
daB a und c unbedingt notig sind. Hernach finde ich, daB
ohne d der ProzeB zwar eintrete, aber mit erheblicher Ande-
rung, wogegen ich ersehe, daB b gar keine wesentliche Be-
deutung hat und auch durch anderes ersetzt werden konnte.
I.
jr.
cL
Im Vorstehenden soil /. die Gruppierung der Elemente fur
die bloBe Sinneswahrnehmung, IL die fur den Geist sym-
bolisch dargestellt werden. Der Geist gruppiert also die Tat-
sachen der unorganischen Welt so, daB er in einem Gesche-
hen oder einer Beziehung die Folge der Verhaltnisse derTat-
sachen erblickt. So bringt der Geist die Notwendigkeit in die
Zufalligkeit. Wir wollen das an einigen Beispielen klarlegen.
Wenn ich ein Dreiecke b c vor mir habe, so ersehe ich auf den
ersten Blick wohl nicht, daB die Summe der drei Winkel stets
einem gestreckten gleichkommt. Es wird dies sogleich klar,
b
wenn ich die Tatsachen in folgender Weise gruppiere. Aus
den nachstehenden Figuren ergibt sich wohl sogleich, daB die
Winkel a = a; b 3 = b sind. (A B und CD respektive A 3 B 3
und C 3 D 3 sind parallel).
Habe ich nun ein Dreieck vor mir und ziehe ich durch die
Spitze C eine parallele Gerade zur Grundlinie A B } so finde
ich, wenn ich Obiges anwende, in bezug auf die Winkel
a = a; b 3 = b. Da nun c sich selbst gleich ist, so sind notwen-
dig alle drei Dreieckswinkel zusammen einem gestreckten
Winkel gleich. Ich habe hier einen komplizierten Tat-
Sachenzusammenhang dadurch erklart, daB ich ihn auf
solche einfache Tatsachen zuruckfiihrte, durch die aus dem
Verhaltnisse, das dem Geiste gegeben ist, die entsprechende
Beziehung mit Notwendigkeit aus der Natur der gegebenen
Dinge folgt.
Ein anderes Beispiel ist folgendes: Ich werfe einen Stein in
waagerechter Richtung. Er beschreibt eine Bahn, die wir in
der Linie / V abgebildet haben. Wenn ich mir die treibenden
Krafte betrachte, die hier in Betracht kommen, so finde ich:
1) die StoBkraft, die ich ausgeiibt; 2) die Kraft, mit der die
Erde den Stein anzieht; 3) die Kraft des Luftwiderstandes.
Ich finde bei naherer Uberlegung, daB die beiden ersten
Krafte die wesentlichen, die Eigentumlichkeit der Bahn be-
wirkenden sind, wahrend die dritte nebensachlich ist. Wirk-
ten nur die beiden ersten, so beschriebe der Stein die Bahn
LL\ Die letztere finde ich, wenn ich von der dritten Kraft
ganz absehe und nur die beiden ersten in Zusammenhang
bringe. Das tatsdchlich auszufuhren, ist weder moglich noch
notig. Ich kann nicht alien Widerstand beseitigen. Ich brau-
che dafur aber nur das Wesen der beiden ersten Krafte ge-
danklich zu erfassen, sie dann in die notwendige Beziehung
ebenfalls nur gedanklich zu bringen; und es ergibt sich die
Bahn L U als jene, die notwendig erfolgen muBte, wenn nur
die zwei Krafte zusammenwirkten.
In dieser Weise lost der Geist alle Phdnomene der unorgani-
schen Natur in solche auf, wo ihm die Wirkung unmittelbar mit
Notwendigkeit aus dem Bewirkenden hervorzugehen scheint.
Bringt man dann, wenn man das Bewegungsgesetz des
Steines infolge der beiden ersten Krafte hat, noch die dritte
Kraft hinzu, so ergibt sich die Bahn / L Weitere Bedingun-
gen konnten die Sache noch mehr komplizieren. Jeder
zusammengesetzte Vorgang der Sinnenwelt erscheint als
ein Gewebe jener einfachen, vom Geiste durchdrungenen
Tatsachen und ist in dieselben auflosbar.
Ein solches Phanomen nun, bei dem der Charakter des
Vorganges unmittelbar aus der Natur der in Betracht kom-
menden Faktoren in durchsichtig klarer Weise folgt, nennen
wir ein Urphdnomen oder eine Grundtatsache.
Dieses Urphdnomen ist identisch mit dem objektiven Na-
turgesetz. Denn es ist in demselben nicht allein ausgespro-
chen, daB ein Vorgang unter bestimmten Verhaltnissen
erfolgt ist, sondern daB er erfolgen muBte. Man hat einge-
sehen, daB er bei der Natur dessen, was da in Betracht kam,
erfolgen muBte. Man fordert heute so allgemein den auBe-
ren Empirismus, da man glaubt, mit jeder Annahme, die das
empirisch Gegebene uberschreitet, tappe man im Unsichern
herum. Wir sehen, daB wir ganz innerhalb der Phanomene
stehen bleiben konnen und doch das Notwendige antreffen.
Die induktive Methode, die heute vielfach vertreten ist,
kann das nie. Sie geht im wesentlichen in folgender Weise
vor. Sie sieht ein Phanomen, das unter gegebenen Bedingun-
gen in einer bestimmten Weise erfolgt. Ein zweites Mai sieht
sie unter ahnlichen Bedingungen dasselbe Phanomen eintre-
ten. Daraus folgert sie, daB ein allgemeines Gesetz bestehe,
wonach dieses Ereignis eintreten miisse, und spricht dieses
Gesetz als solches aus. Eine solche Methode bleibt den Er-
scheinungen vollkommen auBerlich. Sie dringt nicht in die
Tiefe. Ihre Gesetze sind Verallgemeinerungen von einzelnen
Tatsachen. Sie muB immer erst von den einzelnen Tatsachen
die Bestatigung der Regel abwarten. Unsere Methode weiB,
daB ihre Gesetze einfach Tatsachen sind, die aus dem Wirr-
sal der Zufalligkeit herausgerissen und zu notwendigen ge-
macht sind. Wir wissen, daB, wenn die Faktoren a und b da
sind, notwendig eine bestimmte Wirkung eintreten muB.
Wir gehen nicht iiber die Erscheinungswelt hinaus. Der In-
halt der Wissenschaft, wie wir ihn denken, ist nichts weiter
als objektives Geschehen. Geandert ist nur die Form der
Zusammenstellung der Fakten. Aber durch diese ist man ge-
rade einen Schritt tiefer in die Objektivitat hineingedrungen,
als ihn die Erfahrung moglich macht. Wir stellen die Fakten
so zusammen, daB sie ihrer eigenen Natur und nur dieser
gemaB wirken und daB diese Wirkung nicht durch diese
oder jene Verhaltnisse modifiziert werde.
Wir legen den groBten Wert darauf, daB diese Ausfiih-
rungen uberall gerechtfertigt werden konnen, wo man in
den wirklichen Betrieb der Wissenschaft blickt. Es wider-
sprechen ihnen nur die irrtumlichen Ansichten, die man
iiber die Tragweite und die Natur der wissenschaftlichen
Satze hat. Wahrend sich viele unserer Zeitgenossen mit ih-
ren eigenen Theorien in Widerspruch versetzen, wenn sie
das Feld der praktischen Forschung betreten, lieBe sich die
Harmonie aller wahren Forschung mit unseren Auseinan-
dersetzungen in jedem einzelnen Falle leicht nachweisen.
Unsere Theorie fordert fur jedes Naturgesetz eine be-
stimmte Form. Es setzt einen Zusammenhang von Tat-
sachen voraus und stellt fest, daB, wenn derselbe irgendwo
in der Wirklichkeit eintrifft, ein bestimmter Vorgang statt-
haben muB.
Jedes Naturgesetz hat daher die Form: wenn dieses Fak-
tum mit jenem zusammenwirkt, so entsteht diese Erschei-
nung ... Es ware leicht nachzuweisen, daB alle Naturgesetze
wirklich diese Form haben: Wenn zwei Korper von unglei-
cher Temperatur aneinander grenzen, so flieBt so lange
Warme von dem warmeren in den kalteren, bis die Tempe-
ratur in beiden gleich ist. Wenn eine Fltissigkeit in zwei
GefaBen ist, die miteinander in Verbindung stehen, so stellt
sich das Niveau in beiden GefaBen gleich hoch. Wenn ein
Korper zwischen einer Lichtquelle und einem anderen Kor-
per steht, so wirft er auf denselben einen Schatten. Was in
Mathematik, Physik und Mechanik nicht bloBe Beschrei-
bung ist, das muB Urphdnomen sein.
Auf dem Gewahrwerden der Urphanomene beruht aller
Fortschritt der Wissenschaft. Wenn es gelingt, einen Vor-
gang aus den Verbindungen mit anderen herauszulosen und
ihn rein fur die Folge bestimmter Erfahrungsdemente zu
erklaren, ist man einen Schritt tiefer in das Weltgetriebe
eingedrungen.
Wir haben gesehen, daB sich das Urphanomen rein im
Gedanken ergibt, wenn man die in Betracht kommenden
Faktoren ihrem Wesen gemaB im Denken in Zusammen-
hang bringt. Man kann aber die notwendigen Bedingungen
auch kunstlich herstellen. Das geschieht beim wissenschaft-
lichen Versuche. Da haben wir das Eintreten gewisser Tat-
sachen in unserer Gewalt. Naturlich konnen wir nicht von
alien Nebenumstanden absehen. Aber es gibt ein Mittel,
doch iiber die letzteren hinwegzukommen. Man stellt ein
Phanomen in verschiedenen Modifikationen her. Man laBt
einmal die, einmal jene Nebenumstande wirken. Dann fin-
det man, daB sich ein Konstantes durch alle diese Modifika-
tionen hindurchzieht. Man muB das Wesentliche eben in
alien Kombinationen beibehalten. Man findet, daB in alien
diesen einzelnen Erfahrungen ein Tatsachenbestandteil der-
selbe bleibt. Dieser ist hdhere Erfahrung in der Erfahrung.
Er ist Grundtatsache oder Urphanomen.
Der Versuch soil uns versichern, daB nichts anderes
einen bestimmten Vorgang beeintluBt, als was wir in Rech-
nung bringen. Wir stellen gewisse Bedingungen zusammen,
deren Natur wir kennen, und warten ab, was daraus erfolgt.
Da haben wir das objektive Phanomen auf Grund subjekti-
ver Schopfung. Wir haben ein Objektive s, das zugleich
durch und durch subjektiv ist. Der Versuch ist daher der
wahre Vermittler von Subjekt und Objekt in der unorgani-
schen Naturwissenschaft.
Die Keime zu der von uns hier entwickelten Ansicht fin-
den sich in dem Briefwechsel Goethes mit Schiller. Die Briefe
Goethes und Schillers vom Anfange des Jahres 1798 befassen
sich damit. Sie bezeichnen diese Methode als rationellen Em-
pirismus, weil sie nichts als objektive Vorgange zum Inhalte
der Wissenschaft macht; diese objektiven Vorgange aber zu-
sammengehalten werden von einem Gewebe von Begriffen
(Gesetzen), das unser Geist in ihnen entdeckt. Die sinnenfal-
ligen Vorgange in einem nur dem Denken faBbaren Zusam-
menhange, das ist rationeller Empirismus. Halt man jene
Briefe zusammen mit Goethes Aufsatz: «Der Versuch als
Vermittler von Subjekt und Objekt», so wird man in der
obigen Theorie die konsequente Folge davon erblicken. 11
In der unorganischen Natur trifft also durchaus das all-
gemeine Verhaltnis, das wir zwischen Erfahrung und Wis-
senschaft festgestellt haben, zu. Die gewohnliche Erfahrung
ist nur die halbe Wirklichkeit. Fiir die Sinne ist nur diese
eine Halfte da. Die andere Halfte ist nur fiir unser geistiges
Auffassungsvermogen vorhanden. Der Geist erhebt die
Erfahrung von einer «Erscheinung fur die Sinne » zu seiner
eigenen. Wir haben gezeigt, wie es auf diesem Felde moglich
ist, sich vom Gewirkten zum Wirkenden zu erheben. Das
letztere findet der Geist, wenn er an das erstere herantritt.
Wissenschaftliche Befriedigung wird uns von einer An-
sicht erst dann, wenn sie uns in eine abgeschlossene Ganz-
heit einfuhrt. Nun zeigt sich aber die Sinnenwelt als unorga-
nische an keinem ihrer Punkte als abgeschlossen, nirgends
tritt ein individuelles Ganzes auf. Immer weist uns ein Vor-
gang auf einen andern, von dem er abhangt; dieser auf einen
dritten usw. Wo ist hier ein AbschluB? Die Sinnenwelt als
unorganische bringt es nicht zur Individuality. Nur in
ihrer Allheit ist sie abgeschlossen. Wir mussen daher stre-
ben, um ein Ganzes zu haben, die Gesamtheit des Unorga-
nischen als ein System zu begreifen. Ein solches System ist
der Kosmos.
Das durchdringende Verstandnis des Kosmos ist Ziel und
Ideal der unorganischen Naturwissenschaft. Jedes nicht bis
dahin vordringende wissenschaftliche Streben ist bloBe Vor-
bereitung; ein Glied des Ganzen, nicht das Ganze selbst. -
16. Die organische Natur
Lange Zeit hat die Wissenschaft vor dem Organischen halt-
gemacht. Sie hielt ihre Methoden nicht fiir ausreichend, das
Leben und seine Erscheinungen zu begreifen. Ja sie glaubte
uberhaupt, daB jede Gesetzlichkeit, wie eine solche in der
unorganischen Natur wirksam ist, hier aufhore. Was man in
der unorganischen Welt zugab, daB uns eine Erscheinung
begreiflich wird, wenn wir ihre naturlichen Vorbedingungen
kennen, leugnete man hier einfach. Man dachte sich den Or-
ganismus nach einem bestimmten Plane des Schopfers
zweckmafiig angelegt. Jedes Organ hatte seine Bestimmung
vorgezeichnet; alles Fragen konne sich hier nur darauf bezie-
hen: welches ist der Zweck dieses oder jenes Organes, wozu
ist das oder jenes da? Wandte man sich in der unorganischen
Welt an die Vorbedingungen einer Sache, so hielt man diese
fur die Tatsachen des Lebens ganz gleichgultig und legte den
Hauptwert auf die Bestimmung eines Dinges. Auch fragte
man bei den Prozessen, die das Leben begleiten, nicht so wie
bei den physikalischen Erscheinungen nach den naturlichen
Ursachen, sondern meinte sie einer besonderen Lebenskraft
zuschreiben zu mussen. Was sich da im Organismus bildet,
das dachte man sich als das Produkt dieser Kraft, die sich
einfach iiber die sonstigen Naturgesetze hinwegsetzt. Die
Wissenschaft wuBte eben bis zum Beginne unseres Jahrhun-
derts mit den Organismen nichts anzufangen. Sie war allein
auf das Gebiet der unorganischen Welt beschrankt.
Indem man so die GesetzmaBigkeit des Organischen
nicht in der Natur der Objekte suchte, sondern in dem Ge-
danken, den der Schopfer bei ihrer Bildung befolgt, schnitt
man sich auch alle Moglichkeit einer Erklarung ab. Wie soil
mir jener Gedanke kund werden? Ich bin doch auf das
beschrankt, was ich vor mir habe. Enthullt mir dieses selbst
innerhalb meines Denkens seine Gesetze nicht, dann hort
meine Wissenschaft eben auf. Von dem Erraten der Plane, die
ein auBerhalb stehendes Wesen hatte, kann im wissenschaft-
lichen Sinne nicht die Rede sein.
Am Ende des vorigen Jahrhunderts war die Ansicht
wohl allgemein noch die herrschende, daB es eine Wissen-
schaft als Erklarung der Lebenserscheinimgen in dem Sinne,
wie z. B, die Physik eine erklarende Wissenschaft ist, nicht
gebe. Kant hat sogar derselben eine philosophische Begrtin-
dung zu geben versucht. Er hielt namlich unseren Verstand
fur einen solchen, der nur von dem Besonderen auf das
Allgemeine gehen konne. Das Besondere, die Einzeldinge,
seien ihm gegeben und daraus abstrahiere er seine allgemei-
nen Gesetze. Diese Art des Denkens nennt Kant diskursiv
und halt sie fur die allein dem Menschen zukommende.
Daher gibt es nach seiner Ansicht nur von den Dingen eine
Wissenschaft, wo das Besondere an und fur sich genommen
ganz begrifflos ist und nur unter einen abstrakten Begriff
subsumiert wird. Bei den Organismen fand Kant diese Be-
dingung nicht erfullt. Hier verrat die einzelne Erscheinung
eine zweckmafiige, d. i. begriffsmafiige Einrichtung. Das
Besondere tragt Spuren des Begriff es an sich. Solche Wesen
aber zu begreifen fehlt uns, nach der Anschauung des
Konigsberger Philosophen, jede Anlage. Wir konnen nur da
verstehen, wo Begriff und Einzelding getrennt sind; jener
ein Allgemeines, dieses ein Besonderes darstellt. Es bleibt
uns also nichts tibrig als unseren Beobachtungen der Orga-
nismen die Idee der Zweckmafiigkeit zugrunde zu legen; die
Lebewesen zu behandeln, als ob ihren Erscheinungen
ein System von Absichten zugrunde liege. Kant also hat
die Unwissenschaftlichkeit hier gleichsam wissenschaftlich
begrlindet.
Goethe hat nun gegen solch unwissenschaftliches Geba-
ren entschieden protestiert. Er konnte nie einsehen, warum
unser Denken nicht auch ausreichen sollte, bei einem Orga-
ne eines Lebewesens zu fragen: woher entspringt es, statt
wozu dient es. Das lag in seiner Natur, die inn stets drangte,
jedes Wesen in seiner inneren Vollkommenheit zu erblik-
ken. Es schien ihm eine unwissenschaftliche Betrachtungs-
weise, welche sich nur urn die auBere ZweckmaBigkeit eines
Organes, d. h. um dessen Nutzen fur ein anderes kummert.
Was soil das mit der inneren Wesenheit eines Dinges zu tun
haben? Darauf kommt es ihm nie an, wozu etwas nutzt;
stets nur darauf, wie es sich entwickelt. Nicht als ab-
geschlossenes Ding will er ein Objekt betrachten, sondern
in seinem Werden, damit er erkenne, welchen Ursprunges
es ist. An Spinoza zog ihn besonders an, daB dieser die
auBerliche Zweckmafiigkeit der Organe und Organismen
nicht gelten lieB. Goethe forderte fur das Erkennen der
organischen Welt eine Methode, die genau in dem Sinne
wissenschaftlich ist, wie es die ist, die wir auf die unorgani-
sche Welt anwenden.
Zwar nicht in so genialer Weise wie bei ihm, aber nicht
minder dringend trat das Bedurfnis nach einer solchen Me-
thode in der Naturwissenschaft immer wieder auf. Heute
zweifelt wohl nur mehr ein sehr kleiner Bruchteil der For-
scher an der Moglichkeit derselben. Ob aber die Versuche,
die man hie und da gemacht, eine solche einzufuhren,
gegluckt sind, das ist allerdings eine andere Frage.
Man hat da vor allem einen groBen Irrtum begangen.
Man glaubte die Methode der unorganischen Wissenschaft
in das Organismenreich einfach herubernehmen zu sollen.
Man hielt die hier angewendete Methode uberhaupt fur die
einzig wissenschaftliche und dachte, wenn die Organik wis-
senschaftlich moglich sein soil, dann miisse sie es genau in
dem Sinne sein, in dem es die Physik z. B. ist. Die Moglich-
keit aber, daB vielleicht der Begriff der Wissenschaftlichkeit
ein viel weiterer sei als: «die Erklarung der Welt nach den
Gesetzen der physikalischen Welt», vergaB man. Auch
heute ist man bis zu dieser Erkenntnis noch nicht durch-
gedrungen. Statt zu untersuchen, worauf denn eigentlich die
Wissenschaftlichkeit der unorganischen Wissenschaften
beruht, und dann nach einer Methode zu suchen, die sich
unter Festhaltung der sich hieraus ergebenden Anforderun-
gen auf die Lebewelt anwenden laBt, erklart man einfach
die auf jener unteren Stufe des Daseins gewonnenen Ge-
setze fur universell.
Man sollte aber vor allem untersuchen, worauf das wis-
senschaftliche Denken uberhaupt beruht. Wir haben das in
unserer Abhandlung getan. Wir haben im vorigen Kapitel
auch erkannt, daB die unorganische Gesetzlichkeit nicht ein
einzig Dastehendes ist, sondern nur ein Spezialfall von aller
moglichen GesetzmaBigkeit uberhaupt. Die Methode der
Physik ist einfach ein besonderer Fall einer allgemeinen wis-
senschaftlichen Forschungsweise, wobei auf die Natur der
in Betracht kommenden Gegenstande, auf das Gebiet, dem
diese Wissenschaft dient, Rucksicht genommen ist. Wird
diese Methode auf das Organische ausgedehnt, dann loscht
man die spezifische Natur des letzteren aus. Statt das Orga-
nische seiner Natur gemaB zu erforschen, drangt man ihm
eine ihm fremde GesetzmaBigkeit auf. So aber, indem man
das Organische leugnet, wird man es nie erkennen. Ein sol-
ches wissenschaftliches Gebaren wiederholt einfach das,
was es auf einer niederen Stufe gewonnen, auf einer hohe-
ren; und wahrend es glaubt, die hohere Daseinsform unter
die anderweitig fertiggestellten Gesetze zu bringen, ent-
schlupft ihm diese Form unter seiner Bemuhung, weil es sie
in ihrer Eigentumlichkeit nicht festzuhalten und zu be-
handeln weiB.
Alles das kommt von der irrtumlichen Ansicht, die da
glaubt, die Methode einer Wissenschaft sei ein den Gegen-
standen derselben AuBerliches, nicht von diesen, sondern
von unserer Natur Bedingtes. Man glaubt, man miisse in
einer bestimmten Weise iiber die Objekte denken, und zwar
liber alle - iiber das ganze Universum - in gleicher Weise.
Man stellt Untersuchungen an, die da zeigen sollen: wir
konnten vermoge der Natur unseres Geistes nur induktiv,
nur deduktiv usw. denken.
Dabei ubersieht man aber, daB die Objekte die Betrach-
tungsweise, die wir ihnen da vindizieren wollen, vielleicht
gar nicht vertragen.
DaB der Vorwurf, den wir der organischen Naturwissen-
schaft unserer Tage machen: sie ubertrage auf die organische
Natur nicht das Prinzip wissenschaftlicher Betrachtungswei-
se uberhaupt, sondern das der unorganischen Natur, vollauf
berechtigt ist, lehrt uns ein Blick auf die Ansichten des
gewiB bedeutendsten der naturforschenden Theoretiker der
Gegenwart, Haeckels.
Wenn er von allem wissenschaftlichen Bestreben fordert,
daB «der ursdchliche Zusammenhang der Erscheinungen
uberall zur Geltung komme» 12 , wenn er sagt: «Wenn die
psychische Mechanik nicht so unendlich zusammengesetzt
ware, wenn wir imstande waren, auch die geschichtliche
Entwicklung der psychischen Funktionen vollstandig zu
ubersehen, so wiirden wir sie alle in eine mathematische
Seelenformel bringen konnen», so sieht man daraus deut-
lich, was er will: die gesamte Welt nach der Schablone der
physikalischen Methode behandeln.
Diese Forderung liegt aber auch dem Darwinismus nicht
in seiner urspriinglichen Gestalt, sondern in seiner heutigen
Deutung zugrunde. Wirhaben gesehen, daB in der unorgani-
schen Natur einen Vorgang erklaren heiBt: sein gesetzmafii-
ges Hervorgeben aus anderen sinnenfalligen Wirklichkeiten
zu zeigen, ihn von Gegenstanden, die wie er der sinnlichen
Welt angehoren, ableiten. Wie verwendet die heutige Orga-
nik aber das Prinzip der Anpassung und des Kampfes urns
Dasein, die beide als der Ausdruck eines Tatbestandes von
uns gewiB nicht angezweifelt werden sollen? Man glaubt ge-
radezu den Charakter einer bestimmten Art aus den auBeren
Verhaltnissen, in denen sie gelebt, ebenso ableiten zu kon-
nen, wie etwa die Erwarmung eines Korpers aus den auf-
fallenden Sonnenstrahlen. Man vergiBt vollstandig, daB man
jenen Charakter seinen inhaltsvollen Bestimmungen nach nie
als eine Folge dieser Verhaltnisse aufweisen kann. Die Ver-
haltnisse mogen einen bestimmenden EinlluB haben, eine
erzeugende Ursache sind sie nicht. Wir sind wohl imstande
zu sagen: Unter dem Eindrucke dieses oder jenes Tatbestan-
des muBte sich eine Art so entwickeln, daB sich dieses oder
jenes Organ besonders ausbildete; das Inhaltliche aber, das
Spezifisch-Organische laBt sich aus auBeren Verhaltnissen
nicht ableiten. Ein organisches Wesen hatte die wesentlichen
Eigenschaften a b c; nun ist es unter dem Einflusse bestimm-
ter auBerer Verhaltnisse zur Entwicklung gelangt. Daher
haben seine Eigenschaften die besondere Gestalt a' b 3 c' an-
genommen. Wenn wir diese Einllusse in Erwagung ziehen,
so werden wir begreifen, daB sich a in der Form von a ent-
wickelt hat, b in b\ c in c\ Aber die spezifische Natur des
a y b und c kann sich uns nimmermehr als Ergebnis auBerer
Verhaltnisse ergeben.
Man muB vor allem sein Denken darauf richten: woher
nehmen wir denn den Inhalt desjenigen Allgemeinen, als
dessen Spezialfall wir das einzelne organische Wesen an-
sehen? Wir wissen ganz gut, daB die Spezialisierung von der
Einwirkung von auBen kommt. Aber die spezialisierte Ge-
stalt selbst miissen wir aus einem inneren Prinzip ableiten.
DaB sich gerade diese besondere Form entwickelt hat,
dariiber gewinnen wir AufschluB, wenn wir die Umgebung
eines Wesens studieren. Nun aber ist diese besondere Form
doch an und fur sich etwas; wir erblicken sie mit ge wissen
Eigenschaften. Wir sehen, worauf es ankommt. Es tritt der
auBeren Erscheinung ein in sich gestalteter Inhalt gegen-
iiber, der uns das an die Hand gibt, was wir brauchen, um
jene Eigenschaften abzuleiten. In der unorganischen Natur
nehmen wir eine Tatsache wahr und suchen behufs ihrer
Erklarung eine zweite, eine dritte usw.; und das Ergebnis ist,
jene erste erscheint uns als die notwendige Folge der letz-
teren. In der organischen Welt ist es nicht so. Hier bedurfen
wir auBer den Tatsachen noch eines Faktors. Wir miissen
den Einwirkungen der auBeren Umstande etwas zugrunde
legen, das sich nicht passiv von jenen bestimmen laBt,
sondern sich aktiv aus sich selbst unter dem Einfllisse
jener bestimmt.
Was ist aber diese Grundlage? Es kann doch nichts sein als
das, was im Besonderen erscheint in der Form der Allgemein-
heit. Im Besonderen erscheint aber immer ein bestimmter
Organismus. Jene Grundlage ist daher ein Organismus in der
Form der Allgemeinheit. Ein allgemeines Bild des Organis-
mus das alle besonderen Formen desselben in sich begreift.
Wir wollen nach dem Vorgange Goethes diesen all-
gemeinen Organismus Typus nennen. Mag das Wort Typus
seiner sprachlichen Entwicklung nach was immer noch
bedeuten; wir gebrauchen es in diesem Goetheschen Sinne
und denken dabei nie etwas anderes als das Angegebene.
Dieser Typus ist in keinem Einzelorganismus in aller seiner
Vollkommenheit ausgebildet. Nur unser vernunftgemaBes
Denken ist imstande, sich desselben zu bemachtigen, indem
es inn als allgemeines Bild aus den Erscheinungen abzieht.
Der Typus ist somit die Idee des Organismus: die Tierheit
im Tiere, die allgemeine Pllanze in der speziellen.
Man darf sich unter diesem Typus nichts Festes vorstel-
len. Er hat ganz und gar nichts zu tun mit dem, was Agassiz,
Darwins bedeutendster Bekampf er, einen «verkorperten
Schopfungsgedanken Gottes» nannte. Der Typus ist etwas
durchaus Flussiges, aus dem sich alle besonderen Arten und
Gattungen, die man als Untertypen, spezialisierte Typen an-
sehen kann, ableiten lassen. Der Typus schlieBt die Deszen-
denztheorie nicht aus. Er wider spricht nicht der Tatsache,
daB sich die organischen Formen auseinander entwickeln.
Er ist nur der vernunftgemaBe Protest dagegen, daB die
organische Entwicklung rein in den nacheinander auftre-
tenden, tatsachlichen (sinnlich wahrnehmbaren) Formen
aufgeht. Er ist dasjenige, was dieser ganzen Entwicklung
zugrunde liegt. Er ist es, der den Zusammenhang in dieser
unendlichen Mannigfaltigkeit herstellt. Er ist das Innerliche
von dem, was wir als auBerliche Formen der Lebewesen
erfahren. Die Darwinsche Theorie setzt den Typus voraus.
Der Typus ist der wahre Urorganismus; je nachdem er
sich ideell spezialisiert: Urpflanze oder Urtier. Kein ein-
zelnes, sinnlich-wirkliches Lebewesen kann es sein. Was
Haeckel oder andere Naturalisten als Urform ansehen, ist
schon eine besondere Gestalt; ist eben die einfachste
Gestalt des Typus. DaB er zeitlich zuerst in einfachster
Form auftritt, bedingt nicht, daB die zeitlich-folgenden For-
men sich als Folge der zeitlich-vorangehenden ergeben. Alle
Formen ergeben sich als Folge des Typus, die erste wie die
letzte sind Erscheinungen desselben. Inn miissen wir einer
wahren Organik zugrunde legen und nicht einfach die ein-
zelnen Tier- und Pflanzenarten tfwseinander ableiten wollen.
Wie ein roter Faden zieht sich der Typus durch alle Ent-
wicklungsstufen der organischen Welt. Wir miissen ihn fest-
halten und dann mit ihm dieses groBe, verschiedengestaltige
Reich durchwandern. Dann wird es uns verstandlich. Sonst
zerfallt es uns wie die ganze ubrige Erfahrungswelt in eine
zusammenhanglose Menge von Einzelheiten. Ja selbst wenn
wir glauben, Spateres, Komplizierteres, Zusammengesetz-
teres auf eine ehemalige einfachere Form zuruckzufuhren
und in dem letzteren ein Urspriingliches zu haben, so
tauschen wir uns, denn wir haben nur Spezialform von
Spezialform abgeleitet.
Friedrich Theodor Vischer hat einmal in bezug auf die
Darwinsche Theorie die Ansicht ausgesprochen, daB sie
eine Revision unseres Zeitbegriffes notwendig mache. Wir
sind hier an einem Punkt angekommen, der uns ersichtlich
macht, in welchem Sinne eine solche Revision zu geschehen
hatte. Sie hatte zu zeigen, daB die Herleitung eines Spateren
aus einem Fruheren keine Erklarung ist, daB das Zeitiich-
Erste kein Prinzipiell-Erstes ist. Alle Ableitung hat aus
einem Prinzipiellen zu geschehen und hochstens ware zu
zeigen, welche Faktoren wirksam waren, daB sich die eine
Wesensart zeitlich vor der anderen entwickelt hat.
Der Typus spielt in der organischen Welt dieselbe Rolle
wie das Naturgesetz in der unorganischen. Wie dieses uns
die Moglichkeit an die Hand gibt, jedes einzelne Geschehen
als das Glied eines groBen Ganzen zu erkennen, so setztuns
der Typus in die Lage, den einzelnen Organismus als eine
besondere Form der Urgestalt anzusehen.
Wir haben bereits darauf hingedeutet, daB der Typus
keine abgeschlossene eingefrorene Begriffsform ist, sondern
daB er fliissig ist, daB er die mannigfaltigsten Gestaltungen
annehmen kann. Die Zahl dieser Gestaltungen ist eine un-
endliche, weil dasjenige, wodurch die Urform eine einzelne,
besondere ist, fur die Urform selbst keine Bedeutung hat. Es
ist gerade so, wie ein Naturgesetz unendlich viele einzelne
Erscheinungen regelt, weil die speziellen Bestimmungen,
die in dem einzelnen Falle auftreten, mit dem Gesetze nichts
zu tun haben.
Doch handelt es sich um etwas wesentlich anderes als in
der unorganischen Natur. Dort handelte es sich darum, zu
zeigen, daB eine bestimmte sinnenfallige Tatsache so und
nicht anders erfolgen kann, weil dieses oder jenes Naturge-
setz besteht. Jene Tatsache und das Gesetz stehen sich als
zwei getrennte Faktoren gegemiber, und es bedarf weiter
gar keiner geistigen Arbeit, als daB wir uns, wenn wir eines
Faktums ansichtig werden, des Gesetzes erinnern, das maB-
gebend ist. Bei einem Lebewesen und seinen Erscheinungen
ist das anders. Da handelt es sich darum, die einzelne Form,
die in unserer Erfahrung auftritt, aus dem Typus heraus, den
wir erfaBt haben mussen, zu entwickeln. Wir mussen einen
geistigen ProzeB wesentlich anderer Art vollziehen. Wir
durfen den Typus nicht als etwas Fertiges wie das Natur-
gesetz einfach der einzelnen Erscheinung gegenuberstellen.
DaB jeder Korper, wenn er durch keine nebensachlichen
Umstande gehindert wird, so zur Erde fallt, daB sich die in
den aufeinanderfolgenden Zeiten durchlaufenen Wege ver-
halten wie 1:3:5:7 usw., ist ein einmal fertiges, bestimmtes
Gesetz. Es ist ein Urphanomen, welches auftritt, wenn zwei
Massen (Erde, Korper auf derselben) in gegenseitige Bezie-
hung treten. Tritt nun ein spezieller Fall in das Feld unserer
Beobachtung ein, auf den dieses Gesetz Anwendung findet,
so brauchen wir nur die sinnlich beobachtbaren Tatsachen
in jener Beziehung zu betrachten, die das Gesetz an die
Hand gibt, und wir werden es bestatigt finden. Wir fuhren
den einzelnen Fall auf das Gesetz zuriick. Das Naturgesetz
spricht den Zusammenhang der in der Sinnenwelt getrenn-
ten Tatsachen aus; es bleibt aber als solches gegemiber der
einzelnen Erscheinung bestehen. Beim Typus miissen wir
aus der Urform jenen besonderen Fall, der uns vorliegt,
her aus entwickeln. Wir diirfen den Typus der einzelnen
Gestalt nicht gegemiberstellen, um zu sehen, wie er die
letztere regelt; wir miissen sie aus demselben hervorgehen
lassen. Das Gesetz beherrscht die Erscheinung als ein iiber
ihr Stehendes; der Typus flieBt in das einzelne Lebewesen
ein; er identifiziert sich mit ihm.
Eine Organik muB daher, wenn sie in dem Sinne Wissen-
schaft sein will, wie es die Mechanik oder die Physik ist, den
Typus als allgemeinste Form und dann auch in verschiede-
nen ideellen Sondergestalten zeigen. Die Mechanik ist ja
auch eine Zusammenstellung der verschiedenen Naturgeset-
ze, wobei die realen Bedingungen durchweg hypothetisch
angenommen sind. Nicht anders miiBte es in der Organik
sein. Auch hier miiBte man hypothetisch bestimmte For-
men, in denen sich der Typus ausbildet, annehmen, wenn
man eine rationelle Wissenschaft haben wollte. Man miiBte
dann zeigen, wie diese hypothetischen Gestaltungen stets
auf eine bestimmte, unserer Beobachtung vorliegende
Form gebracht werden konnen.
Wie wir im Unorganischen eine Erscheinung auf ein Ge-
setz zuriickfiihren, so entwickeln wir hier eine Spezialform
aus der Urform. Nicht durch auBerliche Gegeniiberstellung
von Allgemeinem und Besonderem kommt die organische
Wissenschaft zustande, sondern durch Entwicklung der
einen Form aus der andern.
Wie die Mechanik ein System von Naturgesetzen ist, so
soil die Organik eine Folge von Entwicklungsformen des
Typus sein. Nur daB wir dort die einzelnen Gesetze zusam-
menstellen und zu einem Ganzen ordnen, wahrend wir hier
die einzelnen Formen lebendig auseinander hervorgehen
lassen miissen.
Da ist ein Einwand moglich. Wenn die typische Form
etwas durchaus Flussiges ist, wie ist es da uberhaupt mog-
lich, eine Kette aneinandergereihter besonderer Typen als
den Inhalt einer Organik aufzustellen? Man kann sich wohl
vorstellen, daB man in jedem besonderen Falle, den man be-
obachtet, eine spezielle Form des Typus erkennt, aber man
kann doch zum Behufe der Wissenschaft nicht bloB solche
wirklich beobachtete Falle zusammentragen.
Man kann aber etwas anderes. Man kann den Typus
seine Reihe der Moglichkeiten durchlaufen lassen und dann
immer diese oder jene Form (hypothetisch) festhalten. So
erlangt man eine Reihe von gedanklich aus dem Typus ab-
geleiteten Formen als den Inhalt einer rationellen Organik.
Es ist eine Organik moglich, die ganz in dem strengsten
Sinne Wissenschaft ist wie die Mechanik. Ihre Methode ist
nur eine andere. Die Methode der Mechanik ist die bewei-
sende. Jeder Beweis stutzt sich auf eine gewisse Regel. Es
besteht immer eine bestimmte Voraussetzung (d. h. es sind
erfahrungsmogliche Bedingungen angegeben) und dann
wird bestimmt, was eintritt, wenn diese Voraussetzungen
statthaben. Wir begreifen dann eine einzelne Erscheinung
unter Zugrundelegung des Gesetzes. Wir denken so: unter
diesen Bedingungen tritt eine Erscheinung ein; die Bedin-
gungen sind da, deswegen mufi die Erscheinung eintreten.
Das ist unser GedankenprozeB, wenn wir an ein Ereignis
der unorganischen Welt herantreten, um es zu erklaren.
Das ist die beweisende Methode. Sie ist wissenschaftlich,
weil sie eine Erscheinung vollstandig mit dem Begriffe
durchtrankt, weil sich durch sie Wahrnehmung und Den-
ken decken.
Mit dieser beweisenden Methode konnen wir aber in der
Wissenschaft des Organischen nichts anfangen. Der Typus
bestimmt eben nicht, daB unter gewissen Bedingungen eine
bestimmte Erscheinung eintritt; er setzt nichts iiber ein Ver-
haltnis von Gliedern, die einander fremd, auBerlich gegen-
uberstehen, fest. Er bestimmt nur die GesetzmaBigkeit sei-
ner eigenen Teile. Er weist nicht wie das Naturgesetz iiber
sich hinaus. Es konnen die besonderen organischen Formen
also nur aus der allgemeinen Typus gestalt heraus entwickelt
werden, und die in der Erfahrung auftretenden organischen
Wesen mussen mit irgend einer solchen Ableitungsform des
Typus zusammenfallen. An die Stelle der beweisenden Me-
thode muB hier die entwickelnde treten. Nicht daB die au-
Beren Bedingungen in dieser Weise auf einander wirken und
daher ein bestimmtes Ergebnis haben, wird hier festgestellt,
sondern daB sich unter bestimmten auBeren Verhaltnissen
eine besondere Gestalt aus dem Typus herausgebildet hat.
Das ist der durchgreifende Unterschied zwischen unorgani-
scher und organischer Wissenschaft. Keiner Forschungs-
weise liegt er in so konsequenter Weise zugrunde wie der
Goetheschen. Niemand hat so wie Goethe erkannt, daB eine
organische Wissenschaft ohne alien dunklen Mystizismus,
ohne Teleologie, ohne Annahme besonderer Schopfungsge-
danken moglich sein muB. Keiner aber auch hat bestimmter
die Zumutung von sich gewiesen, mit den Methoden der
unorganischen Naturwissenschaft hier etwas anzufangen.
DerTypus ist, wie wir gesehen haben, eine vollere wissen-
schaftliche Form als das Urphanomen. Er setzt auch eine in-
tensivere Tatigkeit unseres Geistes voraus als jenes. Bei dem
Nachdenken iiber die Dinge der unorganischen Natur gibt
uns die Wahrnehmung der Sinne den Inhalt an die Hand. Es
ist unsere sinnliche Organisation, die uns hier schon das lie-
fert, was wir im Organischen nur durch den Geist empfan-
gen. Um SuB, Sauer, Warme, Kalte, Licht, Farbe usw. wahr-
zunehmen, braucht man nur gesunde Sinne. Wir haben da im
Denken zu dem Stoffe nur die Form zu finden. Im Typus
aber sind Inhalt und Form enge aneinander gebunden. Des-
halb bestimmt der Typus ja nicht rein formell wie das Gesetz
den Inhalt, sondern er durchdringt ihn lebendig, von innen
heraus, als seinen eigenen. An unseren Geist tritt die Auf-
gabe heran, zugleich mit dem Formellen produktiv an der
Erzeugung des Inhaltlichen teilzunehmen.
Man hat von jeher eine Denkungsart, welcher der Inhalt
mit dem Formellen in unmittelbarem Zusammenhange
erscheint, eine intuitive genannt.
Wiederholt tritt die Intuition als wissenschaftliches Prin-
zip auf. Der englische Philosoph Reid nennt eine Intuition,
daB wir aus der Wahrnehmung der auBeren Erscheinungen
(Sinneseindriicke) zugleich die Uberzeugung von dem Sein
derselben schopften. Jacobi vermeinte, in unserem Gefuhle
von Gott sei uns nicht nur dieses selbst, sondern zugleich
die Biirgschaft dafiir gegeben, daB Gott ist. Auch dieses
Urteil nennt man intuitiv. Das Charakteristische ist, wie
man sieht, immer, daB in dem Inhaltlichen stets mehr gege-
ben sein soil als dieses selbst, daB man von einer gedank-
lichen Bestimmung weiB, ohne Beweis, bloB durch unmit-
telbare Uberzeugung. Man glaubt, daB man die Gedanken-
bestimmungen Sein usw. von dem Wahrnehmungsstoffe
nicht beweisen zu miissen glaubt, sondern daB man sie in
ungetrennter Einheit mit dem Inhalte besitzt.
Das ist aber beim Typus wirklich der Fall. Daher kann er
kein Mittel des Beweises liefern, sondern bloB die Moglich-
keit an die Hand geben, jede besondere Form aus sich zu
entwickeln. Unser Geist muB demnach in dem Erfassen des
Typus viel intensiver wirken als beim Erfassen des Naturge-
setzes. Er muB mit der Form den Inhalt erzeugen. Er muB
eine Tatigkeit auf sich nehmen, die in der unorganischen
Naturwissenschaft die Sinne besorgen und die wir An-
schauung nennen. Auf dieser hoheren Stufe muB also der
Geist selbst anschauend sein. Unsere Urteilskraft muB den-
kend anschauen und anschauend denken. Wir haben es hier,
wie Goethe zum erstenmal auseinandergesetzt, mit einer
anschauenden Urteilskraft zu tun. Goethe hat hiermit im
menschlichen Geiste das als notwendige Auffassungsform
nachgewiesen, wovon Kant bewiesen haben wollte, daB es
dem Menschen seiner ganzen Anlage nach nicht zukomme.
Vertritt der Typus in der organischen Natur das Natur-
gesetz (Urphanomen) der unorganischen, so vertritt die
Intuition (anschauende Urteilskraft) die beweisende (reflek-
tierende) Urteilskraft. Wie man geglaubt hat, dieselben
Gesetze auf die organische Natur anwenden zu konnen,
die fur eine niedere Erkenntnisstufe maBgebend sind, so
vermeinte man auch, dieselbe Methode gelte hier wie dort.
Beides ist ein Irrtum.
Man hat die Intuition oft sehr geringschatzend in der
Wissenschaft behandelt. Man hat es ftir einen Mangel des
Goetheschen Geistes angesehen, daB er mit der Intuition
wissenschaftliche Wahrheiten erreichen wollte. Was auf in-
tuitivem Wege erreicht wird, halten viele zwar fur sehr
wichtig, wenn es sich um eine wissenschaftliche Entdeckung
handelt. Da, sagt man, fiihrt ein Einfall oft weiter als metho-
disch geschultes Denken. Denn man nennt es ja haufig
Intuition, wenn jemand durch Zufall ein Richtiges getrof-
fen, von dessen Wahrheit sich der Forscher erst auf Umwe-
gen iiberzeugt. Stets wird aber geleugnet, daB die Intuition
selbst ein Prinzip der Wissenschaft sein konne. Was der
Intuition beigefallen, miisse nachtraglich erst erwiesen
werden - so denkt man - wenn es wissenschaftlichen Wert
haben soil.
So hat man auch Goethes wissenschaftliche Errungen-
schaften fur geistreiche Einfalle gehalten, die erst nachher
durch die strenge Wissenschaft ihre Beglaubigung erhalten
haben.
Fur die organische Wissenschaft ist aber die Intuition die
richtige Methode. Aus unseren Ausfuhrungen geht, denken
wir, ganz deutlich hervor, daB Goethes Geist gerade des-
halb, weil er auf Intuition angelegt war, im Organischen den
rechten Weg gefunden hat. Die der Organik eigene Metho-
de fiel zusammen mit der Konstitution seines Geistes. Da-
durch wurde ihm nur um so klarer, inwiefern sie sich von
der unorganischen Naturwissenschaft unterscheidet. Das
eine wurde ihm am andern klar. Er zeichnete daher auch
mit scharfen Strichen das Wesen des Unorganischen.
Zu der geringschatzenden Art, mit der man die Intuition
behandelt, tragt nicht wenig bei, daB man ihren Errungen-
schaften nicht jenen Grad von Glaubwurdigkeit beilegen zu
konnen meint wie den der beweisenden Wissenschaften.
Man nennt oft allein, was man be wie sen hat, Wissen, alles
iibrige Glaube.
Man muB bedenken, daB die Intuition etwas ganz anderes
bedeutet innerhalb unserer wissenschaftlichen Richtung, die
davon uberzeugt ist, daB wir im Denken den Kern der Welt
wesenhaft erfassen, und jener, die den letzteren in ein uns un-
erforschbares Jenseits verlegt. Wer in der uns vorliegenden
Welt, soweit wir sie entweder erfahren oder mit unserem
Denken durchdringen, nichts weiter sieht als einen Abglanz,
ein Bild von einem Jenseitigen, einem Unbekannten, Wir-
kenden, das hinter dieser Hiille nicht nur fur den ersten Blick,
sondern aller wissenschaftlichen Forschung zum Trotz ver-
borgen bleibt, der kann allerdings nur in der beweisenden
Methode einen Ersatz fur die mangelnde Einsicht in das We-
sen der Dinge erblicken. Da er nicht bis zu der Ansicht durch-
dringt, daB eine Gedankenverbindung unmittelbar durch
den im Gedanken gegebenen wesenhaften Inhalt, also durch
die Sache selbst zustande kommt, so glaubt er sie nur dadurch
stutzen zu konnen, daB sie mit einigen Grunduberzeugungen
(Axiomen) im Einklange steht, die so einfach sind, daB sie
eines Beweises weder fahig sind, noch eines solchen bediir-
fen. Wird ihm dann eine wissenschaftliche Behauptung ohne
Beweis gegeben, ja eine solche, die ihrer ganzen Natur nach
die beweisende Methode ausschlieBt, dann erscheint sie ihm
als von auBen aufgedrangt; es tritt eine Wahrheit an ihn heran,
ohne daB er erkennt, welches die Griinde ihrer Giiltigkeit
sind. Er glaubt nicht ein Wissen, nicht eine Einsicht in die
Sache zu haben, er glaubt, er konne sich nur einem Glauben
hingeben, daB aufierhalb seines Denkvermogens irgend-
welche Griinde fur ihre Giiltigkeit bestehen.
Unsere Weltansicht ist der Gefahr nicht ausgesetzt, daB
sie die Grenzen der beweisenden Methode zugleich als die
Grenzen wissenschaftlicher Uberzeugung ansehen muB. Sie
hat uns zu der Ansicht gefuhrt, daB der Kern der Welt in
unser Denken einflieBt, daB wir nicht nur ilber das Wesen
der Welt denken, sondern daB das Denken ein Zusammen-
gehen mit dem Wesen der Wirklichkeit ist. Uns wird mit
der Intuition nicht eine Wahrheit von auBen aufgedrangt,
weil es fur unseren Standpunkt ein AuBen und Innen in
jener Weise, wie es die von uns eben gekennzeichnete, der
unserigen entgegengesetzte wissenschaftliche Richtung an-
nimmt, nicht gibt. Fur uns ist die Intuition ein unmittelbares
Innesein, ein Eindringen in die Wahrheit, die uns alles gibt,
was uberhaupt in Ansehung ihrer in Betracht kommt. Sie
geht ganz in dem auf, was uns in unserem intuitiven Urteile
gegeben ist. Das Charakteristische, auf das es beim Glauben
ankommt, daB uns nur die fertige Wahrheit gegeben ist und
nicht die Griinde, und daB uns der durchdringende Einblick
in die in Betracht kommende Sache abgeht, fehlt hier ganz-
lich. Die auf dem Wege der Intuition gewonnene Einsicht
ist gerade so wissenschaftlich wie die bewiesene.
Jeder Einzelorganismus ist die Ausgestaltung des Typus
in einer besonderen Form. Er ist eine Individuality, die sich
aus einem Zentrum heraus selbst regelt und bestimmt. Er ist
eine in sich geschlossene Ganzheit, was in der unorganischen
Natur erst der Kosmos ist.
Das Ideal der unorganischen Wissenschaft ist: die Totali-
tat aller Erscheinungen als einheitliches System zu erfassen,
damit wir jeder Einzelerscheinung mit dem BewuBtsein ge-
geniibertreten: wir erkennen sie als Glied des Kosmos. In der
organischen Wissenschaft muB dagegen Ideal sein, in dem
Typus und seinen Erscheinungsformen dasjenige in mog-
lichster Vollkommenheit zu haben, was wir in der Reihe der
Einzelwesen sich entwickeln sehen. Die Hindurchfuhrung
des Typus durch alle Erscheinungen ist hier das MaBgeben-
de. In der unorganischen Wissenschaft besteht das System, in
der Organik die Vergleichung (jeder einzelnen Form mit
dem Typus).
Die Spektralanalyse und die Vervollkommnung der
Astronomie dehnen die auf dem beschrankten Gebiete des
Irdischen gewonnenen Wahrheiten auf das Weltganze aus.
Damit nahern sie sich dem ersten Ideal. Das zweite wird
erfullt werden, wenn die von Goethe angewendete ver-
gleichende Methode in ihrer Tragweite erkannt wird.
F. DIE GEISTESWISSENSCHAFTEN
17. Einleitung: Geist undNatur
Das Gebiet des Naturerkennens haben wir erschopft. Die
Organik ist die hochste Form der Naturwissenschaft. Was
noch dariiber ist, sind die Geisteswissenschaften. Diese for-
dern ein wesentlich anderes Verhalten des Menschengeistes
zum Objekte als die Naturwissenschaften. Bei den letzteren
hatte der Geist eine universelle Rolle zu spielen. Es flel ihm
sozusagen die Aufgabe zu, den WeltprozeB selbst zum Ab-
schlusse zu bringen. Was ohne den Geist da war, war nur die
Halfte der Wirklichkeit, war unvollendet, in jedem Punkte
Stuckwerk. Der Geist hat da die innersten Triebfedern der
Wirklichkeit, die zwar auch ohne seine subjektive Einmi-
schung Geltung hatten, zum Erscheinungsdasein zu rufen.
Ware der Mensch ein bloBes Sinnenwesen, ohne geistige
Auffassung, so ware die unorganische Natur wohl nicht min-
der von Naturgesetzen abhangig, aber sie traten nie als solche
ins Dasein ein. Es gabe zwar Wesen, welche das Bewirkte (die
Sinnenwelt), nicht aber das Wirkende (die innere Gesetzlich-
keit) wahrnehmen. Es ist wirklich die echte, und zwar die
wahrste Gestalt der Natur, welche im Menschengeiste zur
Erscheinung kommt, wahrend fur ein bloBes Sinnenwesen
nur ihre AuBenseite da ist. Die Wissenschaft hat hier eine
weltbedeutsame Rolle. Sie ist der AbschluB des Schopfungs-
werkes. Es ist die Auseinandersetzung der Natur mit sich
selbst, die sich im BewuBtsein des Menschen abspielt. Das
Denken ist das letzte Glied in der Reihenfolge der Prozesse,
die die Natur bilden.
Nicht so ist es bei der Geisteswissenschaft. Hier hat es
unser BewuBtsein mit geistigem Inhalte selbst zu tun: mit
dem einzelnen Menschengeist, mit den Schopfungen der
Kultur, der Literatur, mit den aufeinanderfolgenden wissen-
schaftlichen Uberzeugungen, mit den Schopfungen der
Kunst. Geistiges wird durch den Geist erfaBt. Die Wirklich-
keit hat hier schon das Ideelle, die GesetzmaBigkeit in sich,
die sonst erst in der geistigen Auffassung hervortritt. Was bei
den Naturwissenschaften erst Produkt des Nachdenkens
liber die Gegenstande ist, das ist hier denselben eingeboren.
Die Wissenschaft spielt eine andere Rolle. Das Wesen ware
auch schon im Objekte ohne ihre Arbeit da. Es sind mensch-
liche Taten, Schopfungen, Ideen, mit denen wir es zu tun ha-
ben. Es ist eine Auseinandersetzung des Menschen mit sich
selbst und seinem Geschlechte. Die Wissenschaft hat hier
eine andere Sendung zu erfullen als der Natur gegenuber.
Wieder tritt diese Sendung zuerst als menschliches Be-
diirfnis auf. So wie die Notwendigkeit, zur Naturwirklich-
keit die Naturidee zu finden, zuerst als Bedurfnis unseres
Geistes auftritt, so ist auch die Aufgabe der Geisteswissen-
schaften zuerst als menschlicher Drang da. Wieder ist es nur
eine objektive Tatsache, die sich als subjektives Bedurfnis
kundgibt.
Der Mensch soil nicht wie das Wesen der unorganischen
Natur auf ein anderes Wesen nach auBeren Normen, nach
einer ihn beherrschenden Gesetzlichkeit wirken, er soil auch
nicht bloB die Einzelform eines allgemeinen Typus sein,
sondern er soil sich den Zweck, das Ziel seines Daseins,
seiner Tatigkeit selbst vorsetzen. Wenn seine Handlungen
die Ergebnisse von Gesetzen sind, so mussen diese Gesetze
solche sein, die er sich selbst gibt. Was er an sich selbst, was
er unter seinesgleichen, in Staat und Geschichte ist, das darf
er nicht durch auBerliche Bestimmung sein. Ermufi es durch
sich selbst sein. Wie er sich in das Gefiige der Welt einfiigt,
hangt von ihm ab. Er muB den Punkt finden, urn an dem
Getriebe der Welt teilzunehmen. Hier erhalten die Geistes-
wissenschaften ihre Aufgabe. Der Mensch muB die Geistes-
welt kennen, um nach dieser Erkenntnis seinen Anteil
an derselben zu bestimmen. Da entspringt die Sendung, die
Psychologie, Volkskunde und Geschichtswissenschaft zu
erfullen haben.
Das ist das Wesen der Natur, daB Gesetz und Tatigkeit
auseinanderfallen, diese von jenem beherrscht erscheint; das
hingegen ist das Wesen der Freiheit, daB beide zusammen-
fallen, daB sich das Wirkende in der Wirkung unmittelbar
darlebt und daB das Bewirkte sich selbst regelt.
Die Geisteswissenschaften sind im eminenten Sinne daher
Freiheitswissenschaften. Die Idee der Freiheit muB ihr Mit-
telpunkt, die sie beherrschende Idee sein. Deshalb stehen
Schillers asthetische Briefe so hoch, weil sie das Wesen der
Schonheit in der Idee der Freiheit finden wollen, weil die
Freiheit das Prinzip ist, das sie durchdringt.
Der Geist nimmt nur jene Stelle in der Allgemeinheit, im
Weltganzen ein, die er sich als individueller gibt. Wahrend
in der Organik stets das Allgemeine, die Typusidee im Auge
behalten werden muB, ist in den Geisteswissenschaften die
Idee der Personlichkeit festzuhalten. Nicht die Idee, wie sie
sich in der Allgemeinheit (Typus) darlebt, sondern wie sie
im Einzelwesen (Individuum) auftritt, ist es, worauf es
ankommt. Naturlich ist nicht die zufallige Einzelperson-
lichkeit, nicht diese oder jene Personlichkeit maBgebend,
sondern die Personlichkeit uberhaupt; aber diese nicht
aus sich heraus zu besonderen Gestalten sich entwickelnd
und erst so zum sinnenfalligen Dasein kommend, sondern
in sich selbst genug, in sich abgeschlossen, in sich ihre
Bestimmung findend.
Der Typus hat die Bestimmung, sich im Individuum erst
zu realisieren. Die Person hat diese, bereits als Ideelles wirk-
lich auf sich selbst ruhendes Dasein zu gewinnen. Es ist et-
was ganz anderes, wenn man von einer allgemeinen
Menschheit spricht, als von einer allgemeinen Naturgesetz-
lichkeit. Bei letzterer ist das Besondere durch das Allgemei-
ne bedingt; bei der Idee der Menschheit ist es die Allgemein-
heit durch das Besondere. Wenn es uns gelingt, der Ge-
schichte allgemeine Gesetze abzulauschen, so sind diese nur
insofern solche, als sie sich von den historischen Personlich-
keiten als Ziele, Ideale vorgesetzt wurden. Das ist der innere
Gegensatz von Natur und Geist. Die erste fordert eine Wis-
senschaft, welche von dem unmittelbar Gegebenen, als dem
Bedingten, zu dem im Geiste ErfaBbaren, als dem Bedin-
genden, aufsteigt; der letzte eine solche, welche von dem
Gegebenen, als dem Bedingenden, zu dem Bedingten fort-
schreitet. DaB das Besondere zugleich das Gesetzgebende
ist, charakterisiert die Geisteswissenschaften; daB dem
Allgemeinen diese Rolle zufallt, die Naturwissenschaften.
Was uns in der Naturwissenschaft nur als Durchgangs-
punkt wertvoll ist, das Besondere, das interessiert uns in den
Geisteswissenschaften allein. Was wir in jener suchen, das
Allgemeine, kommt hier nur insofern in Betracht, als es
uns liber das Besondere aufklart.
Es ware gegen den Geist der Wissenschaft, wenn man
der Natur gegemiber bei der Unmittelbarkeit des Besonde-
ren stehen bliebe. Geradezu geisttotend ware es aber auch,
wenn man z. B. die griechische Geschichte in einem allge-
meinen Begriffsschema umfassen wollte. Dort wiirde der an
der Erscheinung haftende Sinn keine Wissenschaft erringen;
hier wiirde der nach einer allgemeinen Schablone vorgehen-
de Geist alien Sinn fur das Individuelle verlieren.
18. Psychologisches Erkennen
Die erste Wissenschaft, in der es der Geist mit sich selbst zu
tun hat, ist die Psychologie. Der Geist steht sich betrachtend
selbst gegeniiber.
Fichte sprach dem Menschen nur insofern eine Existenz
zu, als er sie selbst in sich setzt. Mit andern Worten: die
menschliche Personlichkeit hat nur jene Merkmale, Eigen-
schaften, Fahigkeiten usw., die sie sich vermoge der Einsicht
in ihr Wesen selbst zuschreibt. Eine menschliche Fahigkeit,
von der der Mensch nichts wuBte, erkennte er nicht als die
seinige an, er legte sie einem ihm Fremden bei. Wenn Fichte
vermeinte, auf diese Wahrheit die ganze Wissenschaft des
Universums begrunden zu konnen, so war das ein Irrtum.
Sie ist dazu bestimmt, das oberste Prinzip der Psychologie
zu werden. Sie bestimmt die Methode derselben. Wenn der
Geist eine Eigenschaft nur insofern besitzt, als er sich sie
selbst beilegt, so ist die psychologische Methode das Ver-
tiefen des Geistes in seine eigene Tatigkeit. Selbsterfassung
ist also hier die Methode.
Es ist naturlich, daB wir hiermit die Psychologie nicht
darauf beschranken, eine Wissenschaft von den zufalligen
Eigenschaften irgend eines (dieses oder jenes) menschlichen
Individuums zu sein. Wir losen den Einzelgeist von seinen
zufalligen Beschrankungen, von seinen nebensachlichen
Merkmalen ab und suchen uns zu der Betrachtung des
menschlichen Individuums uberhaupt zu erheben.
Das ist ja nicht das MaBgebende, daB wir die ganz zufalli-
ge Einzelindividualitat betrachten, sondern daB wir uns iiber
das sich aus sich selbst bestimmende Individuum iiberhaupt
klar werden. Wer da sagen wollte, da hatten wir ja auch mit
nichts weiter als mit dem Typus der Menschheit zu tun, ver-
wechselt den Typus mit dem generalisierten Begriff. Dem
Typus ist es wesentlich, daB er als allgemeiner seinen Einzel-
formen gegenlibersteht. Nicht so dem Begriff des mensch-
lichen Individuums. Hier ist das Allgemeine unmittelbar im
Einzelwesen tatig, nur daB sich diese Tatigkeit in verschiede-
ner Weise auBert, je nach den Gegenstanden, auf die sie sich
richtet. Der Typus lebt sich in einzelnen Formen dar und tritt
in diesen mit der AuBenwelt in Wechselwirkung. Der Men-
schengeist hat nur eine Form. Hier aber bewegen jene Ge-
genstande sein Fiihlen, dort begeistert ihn dieses Ideal zu
Handlungen usw. Es ist nicht eine besondere Form des Men-
schengeistes; es ist immer der ganze, voile Mensch, mit dem
man es zu tun hat. Diesen muB man aus seiner Umgebung
loslosen, wenn man ihn erfassen will. Will man zum Typus
gelangen, dann muB man von der Einzelform zur Urform
aufsteigen; will man zum Geiste gelangen, muB man von den
AuBerungen, durch die er sich kundgibt, von den speziellen
Taten, die er vollbringt, absehen und ihn an und fur sich
betrachten. Man muB ihn belauschen, wie er Iiberhaupt
handelt, nicht wie er in dieser oder jener Lage gehandelt hat.
Im Typus muB man die allgemeine Form durch Verglei-
chung von den einzelnen loslosen; in der Psychologie muB
man die Einzelform bloB von ihrer Umgebung loslosen.
Es ist da nicht mehr so wie in der Organik, daB wir in
dem besonderen Wesen eine Gestaltung des Allgemeinen,
der Urform erkennen, sondern die Wahrnehmung des Be-
sonderen als diese Urform selbst. Nicht eine Ausgestaltung
ihrer Idee ist das menschliche Geisteswesen, sondern die
Ausgestaltung derselben. Wenn Jacobi glaubt, daB wir mit
der Wahrnehmung unseres Innern zugleich die Uberzeu-
gung davon gewinnen, daB demselben ein einheitliches We-
sen zugrunde liege (intuitive Selbsterfassung), so ist der Ge-
danke deswegen ein verfehlter, weil wir ja dieses einheitliche
Wesen selbst wahrnehmen. Was sonst Intuition ist, wird
hier Selbstbetrachtung. Das ist bei der hochsten Form des
Daseins sachlich auch notwendig. Das, was der Geist aus
den Erscheinungen herauslesen kann, ist die hochste Form
des Inhaltes, den er uberhaupt gewinnen kann. Reflektiert er
dann auf sich selbst, so muB er sich als die unmittelbare Ma-
nifestation dieser hochsten Form, als den Trager derselben
selbst erkennen. Was der Geist als Einheit in der vielgestal-
tigen Wirklichkeit findet, das muB er in seiner Einzelheit
als unmittelbares Dasein finden. Was er der Besonderheit
als Allgemeines gegenuberstellt, das muB er seinem Indivi-
duum als dessen Wesen selbst zuerkennen.
Man ersieht aus alledem, daB man eine wahrhafte Psy-
chologie nur gewinnen kann, wenn man auf die Beschaffen-
heit des Geistes als eines Tatigen eingeht. Man hat in unserer
Zeit an die Stelle dieser Methode eine andere setzen wollen,
welche die Erscheinungen, in denen sich der Geist darlebt,
nicht diesen selbst, zum Gegenstande der Psychologie
macht. Man glaubt die einzelnen AuBerungen desselben
ebenso in einen auBerlichen Zusammenhang bringen zu
konnen, wie das bei den unorganischen Naturtatsachen ge-
schieht. So will man eine «Seelenlehre ohne Seele» begriin-
den. Aus unseren Betrachtungen ergibt sich, daB man bei
dieser Methode gerade das aus dem Auge verliert, auf das es
ankommt. Man sollte den Geist von seinen AuBerungen
loslosen und auf ihn als den Produzenten derselben zuriick-
gehen. Man beschrankt sich auf die ersteren und vergiBt auf
den letzteren. Man hat sich eben auch hier zu jenem falschen
Standpunkt verleiten lassen, der die Methoden der Mecha-
nik, Physik usw. auf alle Wissenschaften anwenden will.
Die einheitliche Seele ist uns ebenso erfahrungsgemaB
gegeben, wie ihre einzelnen Handlungen. Jedermann ist sich
dessen bewuBt, daB sein Denken, Fuhlen und Wollen von
seinem «Ich» ausgeht. Jede Tatigkeit unserer Personlichkeit
ist mit diesem Zentrum unseres Wesens verbunden. Sieht
man bei einer Handlung von dieser Verbindung mit der
Personlichkeit ab, dann hort sie uberhaupt auf, eine Seelen-
erscheinung zu sein. Sie fallt entweder unter den Begriff der
unorganischen oder der organischen Natur. Liegen zwei
Kugeln auf dem Tische, und ich stoBe die eine an die andere,
so lost sich alles, wenn man von meiner Absicht und mei-
nem Wollen absieht, in physikalisches oder physiologisches
Geschehen auf. Bei alien Manifestationen des Geistes:
Denken, Fuhlen, Wollen, kommt es darauf an, sie in ihrer
Wesenheit als AuBerungen der Personlichkeit zu erkennen.
Darauf beruht die Psychologic
Der Mensch gehort aber nicht nur sich, er gehort auch
der Gesellschaft an. Was sich in ihm darlebt, ist nicht bloB
seine Individualitat, sondern zugleich jene des Volksverban-
des, dem er angehort. Was er vollbringt, geht ebenso wie aus
der seinen, zugleich aus der Vollkraft seines Volkes hervor.
Er erfiillt mit seiner Sendung einen Teil von der seiner
Volksgenossenschaft. Es kommt darauf an, daB sein Platz
innerhalb seines Volkes ein solcher ist, daB er die Macht
seiner Individualitat voll zur Geltung bringen kann. Das ist
nur moglich, wenn der Volksorganismus ein derartiger ist,
daB der einzelne den Ort finden kann, wo er seinen Hebel
anzusetzen vermag. Es darf nicht dem Zufall uberlassen
bleiben, ob er diesen Platz findet.
Die Weise zu erforschen, wie sich die Individualitat in-
nerhalb der Volksgemeinde darlebt, ist Sache der Volkskun-
de und der Staatswissenschaft. Die Volksindividualitat ist
der Gegenstand dieser Wissenschaft. Diese hat zu zeigen,
welche Form der staatliche Organismus anzunehmen hat,
wenn die Volksindividualitat in demselben zum Ausdrucke
kommen soil. Die Verfassung, die sich ein Volk gibt, muB
aus seinem innersten Wesen heraus entwickelt werden.
Auch hier sind nicht geringe Irrtumer im Umlauf. Man halt
die Staatswissenschaft nicht fur eine ErfahrungsWissen-
schaft. Man glaubt die Verfassung aller Volker nach einer
gewissen Schablone einrichten zu konnen.
Die Verfassung eines Volkes ist aber nichts anderes, als
sein individueller Charakter in festbestimmte Gesetzesfor-
men gebracht. Wer die Richtung vorzeichnen will, in der
sich eine bestimmte Tatigkeit eines Volkes zu bewegen hat,
darf diesem nichts AuBerliches aufdrangen: er muB einfach
aussprechen, was im Volkscharakter unbewuBt liegt. «Der
Verstandige reg
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