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LIBRARY
OP THE
University of California.
Oass
Z)erla9 Siegftieö Ctonbac^; Berlin*
' auf 1(00 3a^re deifti^er (EnttDicfelting*
^anb XV.
Dr. (Dlttiitii foettiettUiiiL
2Itts 5em Potit)ort bcs PerfajfersI
Sine ®ef(i§id^te bei religtSfen äJetoegung im 19. 3<ii&t»
i^unbert ju fd^reiben, l^at nietnanb t)or mir unternommen.
S)er ©egenftanb t[t 6t$ j[e^t nur in einzelnen SSerlen üBer
^uUur^ unb Sirti^engefd^idQte erörtert morben, bie faft bnii^»
meg mit ben Sorgöngen in btn Sünfgiger 3a|ren abfd^Iiegen.
SSie man au^ bem Serlaufe meiner ^arfteEung erfel^en
ttiirb, ftnb bie SBanblungen, tt^eld^e bie religiöfen 3(nf(i§auungen
im 19. Scä^xf)nnbttt in ben größeren Sulturlänbem erfal^ren
igaben, t)on nieit größerer ^ragmeite, aU bie, meldte im
16. ^al^rl^unbert bie fog. 9leformation im ®efoIge l^atte.
9ei ber religiöfen SSemeaung im 19. Igalgrl^unbert l^anbelt
t» ftd^ nic^t mel^r um bloße lonfefftoneKe Streitigleiten inner«
l^olb bed Sl^riftentumiS , fonbern um bie Slnerlennung ober
92id^tanerlennung ber ©runblagen ber trabitioneQen Sleltgionen
fiberl^aupt. ^iernad) bürfte ba^ 3ntereffe ju bemeffen fein,
meld^e^ ba» oorliegenbe 99ud) ju beanfprud^en l^at
2?üctfcl?au
auf
tOO 3al|n gti^gtt (fntwiibelimg.
Bant XIV.
9(tt- mb ,|«ttii9af«iiwnieii in «i»i(l)ttttii 3iil)t;mtnt
Dt. Hvtiilf eteian.
fttlh, 1900.
iDttlaj Sieaftieb Etonboit.
Hell- unli feben^onri^aunngett
im
Dr. KH)l«(f S«(i««r.
S<ni6 L
gnlin, 1900.
Scrlag ©iegfricb Sron^ai^
327^/
S2
üii'^tHAL
M^
^of. Dr. §xnfl S*ae<&et
wxbmet öiefcs Suc^
tu
^erjltc^er Qoc^fc^ä^ung
b^t Pcrfajfer»
.#
176545
^oxxebe.
3n btefer ©dbrift xoixb ber Serfuc^ gemad^t^ bie Sni«
toidelung ber SBeU:« unb SebeniSanfd^auungen bon ®oetl^e
itnb ftant btiS }u S)arn)inunb ^aedel barjuftellen. Siefe
@nin)tdelung fteQt fid§ ate ein gemaltiged SKngen be» menfd^«
Itd^en ®eifted bar, ba» im anfange btd neunje^nten 3al^r»
bunbertiS mit ber fül^nften @ntfaltung ber 2)enfib;aft bel^ufd
fi5fungber grogen Sl&tf elfragen bt» 2)afeind Begann, nnb bad in
ber Sertiefung ber natttrtt)i|[enfd)aftlicl^en Srienntniffe nnferer
3eit eine vorläufige SSefriebignng fud)t.
?!n atoei S3änbe jerfaQt biefe @d^rift. 2)er oorliegenbe
bel^anbelt bie erften fünf Qfal^rjel^nte be« 3al^rl^unberti5, in
benen bie ®eifter befh:ebt waxtn, an^ fi$ felbft J^eraud
bie äBoBrl^eit ju Idolen. 9Ban lönnte btefen S^itabfd^nitt bie
ibealiftifd^e $exiobe nennen. 2)er jmeite 99anb toixb
bad S^italter ber 9taturn)iffenfd^aft, bie realiftifd^e
^eriobe, gnnt ©egenftanbe l^aben. @ie trad^tet burd) SSer»
niertung ber bebeutfamen Sfortfd^rüte, meldte bie 93eob«
ad^tung ber 2^l^atfad^en in ben testen fünf S^^rjel^nten
gemad^t ^ai, ben SBelträtfeln nal^e ju iommm.
S)er SSerfaffer giebt fid^ ber $of[nung l^in, baB koegen
feinet StrebeniS na(^ einer leidet fagttd^en, jo^nlären 3)ar^
fteKnngiStoeife, bie beut S3nd^e in nieiteften Reifen @ingang
nerfd^offen foE, bie Senner ber SSeltanfc^aunngiSentmidelnng
unfereiS abgelaufenen 3a§rl^unberti3 nid^t überfeigen merben,
ba^ er mit aQer ©trenne ben in 99etradgt lommenben ^fragen
na^gugelgen fudgte. @te merben finben^ bag Igier eine Steige
neuer ©efidgtiSpunIte gewonnen morben ift, menn fie j. 8.
bie 3)arfteIIung ber $antfd)en, ©oetJ^efd^eU/ ^id§tefd§en,
^egelfdgen unb ©timerfdgen SBeltanfdgauung mit anberen
gefdgid^tlidgen Slu^einanberfe^ungen be^felben (SegenftanbeiS
üergleidgen.
Sor aQen 2)ingen mürbe angeftrebt, [eber $erfonItd^Ieit
bte ftd^ an bem Slufbau ber modernen SeUanfd^auung itß
tettigt i^ot^ il^r ooIIeiS 9led§t ju teil nierben ju Iaf[en. 3<^ ftel^e
mit meinen eigenen Slnfc^auungen in t)oIIem @in!Iange mit
ben Srgcbniffen, ju benen ber größte Siaturforfd&er ber ©egen*
mart, @rnft ^atdtl, gelangt ift. 3^ ]^abe auf biefen
(Sinllang befonberiS in meiner „$]^ilofopl^ie ber f^reil^eit''
]^ingen)iefen, unb barf t» mir )ur @bre anrec&nen, ba% @rnft
öaedtel, ber foeben in feinem ©ede ;,©ie SBetoätfcI". fein
SIbeengebäube aKfeitig auiSgefül^rt l^ot, bie SBibmuna meinei^
Sn(i§ed angenommen §at. ^a& xoa^xt SSerft&nbntö biefer
mobernen Seltanf(|auung mirb baburd§ mefentlici^ gefbrbert
merben, ba% man fxd^ aud^ in bie entgegengefe^ten Seoanlen
oorurteili^IoiS oertieft. ®o !ommt in biefem äSud^e ). S3. bie
S![nfid)t ®d)eUingiS in einer 9rt jur ©prad^e, ber man, tt)ie
id) glaube, nid^t einmal anmerlt, ba% ein entfd^iebener Seiner
rebet. Um treue gefd^id^tUc^e (Srörterung, nid^t um einfetäge
$riKf mar t» mir gu tl^un; unb id^ märbe mid^ gUdtlid^
fd^^en, menn ^unbige fänben, bag meine fd^arf auiSgepragte
eigene SBettanfd^auung mir ben 93lidE für bie ®ebanlen
Slnberer nid^t getrabt, fonbern gefd^ärft l^abe.
Berlin, im gcbruar 1900.
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äSenn bie %Qtiir ben ältenfd^en e&enfo bel^anbelte, tote
aQe übrigett Sßefen; fo gäbe t% feitte äSeli- uitb Sebeitd«
attfd^QUung. @r tüanbelte gufrieben tinb glüdEIid^ burd^iS
Scbcit tote bie Slofe, oott ber ängeluiS ©ilefiuiS fagt: ;,®ie
Slof* ifl ol^tt toarutnb; jie blül^el, loeil fie blül&el, fte (xi^i
nid^t il^rer felbfl, frogt nid^l ob irtan fie fil^el.'' So fattn
ber SKenfcl^ ttid^l fein. 6r tnufe nid^t ttur feitter felbft
ödsten; er tnu^ aud^ ber Sßefett um fid^ l^er ödsten. @r
tnufe pdf) felbfl itt ber SBelt gured^l finben, toenn er in il^r
leben miS. @r fann bie gfüHe il^rer (Srfd^etnungen nt(^t
einfad^ an fid^ oorübergiel^en loffen, benn biefe fteQen un«
gärige fragen qlxl il^n; unb er fül^It fid^ ^altloiS, menn
er leine Slntroort finbel. (5r tnufe burd^ fein J)anbeln
felbft in ben ©ong ber Srfd^einungen eingreifen. 3)araud
enlfpringen für tl^n weitere fragen: SBie fott er eingreifen?
Unb enblid^ ift \iQi^ SebürfniS in il^n gelegt, gu roiffen,
n)ad auiS feinetn 3uf^^tnenn)irlen mit ber übrigen äSelt
entftelgt, weld^er fd^Iieglid^e @rfoIg fid^ oca^ feinem S^l^un
ergiebt. 9(uiS biefen brei ©runbtrieben ber äKenfd^ennatur
entfpringen aQe äSelt- unb SebeniSanfd^anungen ^ant l^at
biefe triebe in feiner ;,ffritil ber reinen SSernunft" in bie
brei Qfragen gelleibet: SBaiS lann id^ wiffen? SBaö fott id^
tl^un? äSaiS barf id§ l^offen? ©oetl^e l^ot i^nen 9(uiSbrud(
gegeben in bem ®a^e: ^Slenne id^ mein SSerl^ältniS gu mir
fettft unb gur Sfufeenmelt, fo l&eife' id^ö SBa^rl&eit."
"^^i^ ber Slrt unb bem ®rabe il^rer geiftigen ^äl&ig-
leiten beantworten fid§ bie äRenfd^en biefe gf^agen in ber
@ teilt er, SBelt« unb SeBeneanf^auungen. 1
— 2 —
Derfd^iebenften SBeife. Unb ba bie Sdttmorten bit pd^ften
@rgebmffe ber ©eifteiSluItur finb^ ba fie ba^ an&maä^tn,
wobnx^ {td^ ber 3Renfd^ erft feinen maleren SBert geben
n)ill, fo ift ed begretflid^, ba^ {te gu ben gen^oltigfien
^ömpfen gefül^rt l^aben.
Äein Sal^rl^unberi f)ai voo^l eine fold^e gfülle t)on
9ntn)orten auf biefe fragen l^eroorgebtad^t xok baiS|enige,
an beffen @nbe mir ftel^en. Sd^openl^auer ^at t» bedl^alb
ba» pl^ilofopl^ifd^e genannt. Unb inSbefonbere ift ed baB
btni\d^t ©eiftei^Ieben, bal^ an biefer ^Kulturarbeit ben
jgeroorragenbften Anteil ^at Staunt einer ber 9Bege, bie
gum 3tele gu führen fd^einen, blieb unbefd^ritten innerl^alb
biefer j^nnbertjö^rigen @ntn)tdEeIung be0 beutfd^en ©eifted.
®ie älteften religiöfen SSorftettungen traten in einen er»
bitterten ffompf mit ben jüngften ©rgebniffen beS roiffen-
fd^aftlid^en 3)enlen$. Slabtiale Slnfd^auungen erfd^ienen
neben friebfertigen Sermittelungönerfud^en groifd^en btn ent»
gegengefe^ten äReinungen. S)ie mutlofefte S^^^Mfud^t
gegenüber ben legten Stagen l^at il^re SSertreter gefunben
unb and) ber lü^nfte, ftolgefte Sbeenflug, für ben e0 lein
unbeantworteteis Stätfel gu geben fd^eint.
3Sie gmifd^en gn)ei SRarlfteinen liegt bie (SntmidCelung
ber beutfd^en 9BeIt> unb Sebendanfd^auungen eingefd^Ioffen
gmifd^en gmei litterarifd^en Srfd^einungeU; von benen bie
eine mie ein ältorgengelctute bed neuen Sa^r^unbertd in
badSal&rlSOO fällt: gfid&teö ^»eftimmung bei5 SKenfdöen/
unb bie anbere foeben aü SluiSlIang bedfelben auftritt:
grnft ^aedtelS ^®ie SBelträtfeL ©emeinnerftänblid&e
Stubien über moniftifd^e ^J^ilofopJöie." 3Ran lann fidf)
launt einen größeren ©egenfa^ beulen, aU ber ift; roeld^er
gmifc^en biefen beiben Sudlern l^errfd^t. ^aedEel baut eine
SBelt» unb Sebendanfic^t aQein baburd^ auf, bai er fid^
in bie Singe unb äSorgänge ber Statur pertieft. Sie un«
befangene Seobad^tung ber @rfd^einungen burd^ bie
Sinne, il^re genaue Unterfud^ung ntit ben ^ilfdmitteln ber
SSiffenfd^often, unb ba» logifd^e 3)enlen, n)eld^ed bie natür«
lid^en S^fantmenbänge unb ©efe^e ber Vorgänge auffud^t,
— 3 —
finb i^m bie CueQe ber SSal^rl^ett. Sid)te giebt ^ivar ein 33ilb
biefer änfid^t; aber nur, um gu a^igen, bag mit il^r für
ba» l^öd^fte SebürfniiS bed menfd^Iid^en @eifte$ nid^td an«
jufangcn ifl. Stu erflen Sud^ feiner ;,33cflimmunfl beö
9Renfc^en'' d^oralteriftert er ba2 ^ilb ber %aturerfd^einungen,
mie eg ftd^ ber benlenbcn Setradjlung ergiebl, in biefer
SBeife: «gn j[ebem 9Romente il^rer S)auer ifl bic Satur ein
Sufammenl^angenbed ®ange; in jebem Womente mni feber
einzelne Seil berfelben fo fein, wie er ifl, rocil alle übrigen
finb, wie fte finb; unb bu lönnlefl fein ©anbfßrndien non
feiner @teQe nerrüden, obne baburd^, pielleid)t unftd^tbar
für beine Slugen, burd^ aQe 3:eile bt» unermeglid^en ®an)en
l^inburd^ tiwa» gu üeränbern. aber jcber äRoment biefer
Sauer ift beflimml burd^ atte abgelaufenen aKomenle, unb
mirb beflimmen aUe fünfligen äRomente; unb bu lannfl
in btm gegenmörtigen feine« ©onbforng Sage anber«
benfen, ah fie ifl, oi&ne ba^ bu genöligt mürbcfl, bie
gange SSergangenl&eil inö Unbeflimmte l^inauf, unb bie
gange 3«*Mnfl ins Unbeflimmle l^erab bir anberö " gu
benfen.'' Sine fold^e SSorfleHung t)on ber 9ialur mac^l
f)aedCeI gu ber feinigen. Sr fogl: ^®ie med^anifdfte ober
moniflifd^e $^iIofopl^ie belgauptel, ba^ überall in ben (Sr»
fc^einungen beö menfd)Iid^en SebenS, mic in benen ber
übrigen 9?olur, fefle nnb unabänberlid^e ©efe^e mallen,
bai überatt ein nolroenbiger urfad)Iid)er 3«fömmen]&ang,
ein Äoufalneyuö ber ©rfd^einungen beflel^l, unb bofe bem»
gemäg bie gange und erfennbare %alur ein ein]^eillid)ed
©ange, ein ^äRonon" bilbel/ fjid&le flelll biefe »or-
fleHung pon ber SBolur l^in, um gu geigen, bofe fie einem
Sebürfniffe beö SSerflanbe« entfprid^t. aber er fd^reibl
fein Sud^ nur, um biefen SSerflanb burd^ bie nodf) lieferen
Sebürfniffe bt» menfd^Iid^en ©emüle« gu miberlegen. S)enn
ber SJerflanb fül^re bai^in, ben SKenfd^en fclbfl mil aU
feinem S^un unb öaffen fi(^ nur afe ein ron 9ialurfräften
ergeugleö SBefen Dorguflellen. ^3d) felbfl mil ottem, roaS
id^ mein nenne, bin ein ©lieb in biefer Seile ber flrengen
*alumolmenbigfeil . . . Safe meine 3wflänbe nun eben
— 4 —
oon S3eiou§tfcin begleitet locrben, unb einige berfelben, —
©ebanfen, ©ntfdöliefeungen unb berglcid^en — fogar nid^t«
anbereS gu fein fd^einen, afe Seftimmungen eines fold^en
Seroufetf einig , barf mid) in meinen Folgerungen nid^t irre
machen. (SS ift bie %aturbeftimmung ber ^flan^e, fid^
regelmäßig auögubilben, bie bt& Zittt», fid^ gmedCmößig ju
bewegen, bie beS SKenf^en, ju benlen." S)ieS atteS fagt
ber Serftanb — ift SidE)teS SKeinung. aber eine innere
Stimme meineiS ©emüteiS fagt mir: menn iä) bied ober
icneS tl^ue, ^at eö nid^t eine äiaturlraft get^an, fonbern
id^ f elbft; auö freier 6ntfd)Iie6ung. SBenn ober atteS, wa» in
ber 9?atur gefd^iel^t, notmenbig gefdöiel&t, menn eg nur er*
folgte meil tima^ anberei^ vorl^ergegongen ift, bann ift
aud^ mein ^anbeln notmenbig gefd^e^en. 3dE) ^abe es
nid^t befd^Io^en. @S ift burd^ Umftänbe bebingt; bie von
meiner (Sntfd)Iiegung gan^ unabl^cingig finb. (SS ift
lebiglidE) eine 5töufdE)ung, ber id^ mid^ l^ingebe, menn id^
mid^ für ben Uri&eber meiner §onbIungen l^alte. Qfid^te
malt ba2 ääilb einer fold^en äJerftanbeSanfid^t greQ l^in,
um eS red^t abfurb erfd)einen ^u laffen: ,;id^ l^anble ja
überl^aupt nid^t, fonbern in mir l^anbelt bie %atur; mic^
iu eiroa^ anberem ju mad^en, als mo^u idE) burdE) bie
Siatur beftimmt bin, bieS lonn td& mir nid£|t Dornel&men
moQen, benn id^ mad^e mid^ gar nid^t, fonbern bie %atur
mad^t mic^ felbft unb atteS, maS id^ roerbe." Unbefriebigt
menbet ftd) f^id^it t)on einer fold^en äSeltanfd^auung ab.
„%alt unb tot baftel^en, unb bem SBedEjfel ber SSegeben*
l^eiten nur gufel^en, ein tröger Spiegel ber Dorüberfliel^enben
©eftalten — biefeS ®afein ift mir unerträglich, id^ Der*
fd^mäl^e unb Dermünfc^e eS/^ „SrodEen unb l^ergloS, aber
unerfd^ßpflid& im ©rllären" nennt unfer 5ß6ilofop^ bie
anfid^t bes »erftanbeS. Unb er erflärt biefe ^nftd^t felbft
nur für ein Srugbilb. 3)enn mo^er miffen mir oon aU
ben S)ingen unb SSorgängen ber %atur, bie in einer
9eiit ber ftrengen %otmenblgIeit pfammen^ängen? 3)od^
nur baburd^, ba% mir fie oorfteQen, bai unfer Semugtfein
fid^ Silber oon il^nen mad^t. Sd§ lann alfo nid^t f agen : eS
giebt eine 9(ugenn)elt, fonbecn nur: ntetn Sewngtfein ^ai
ä)ilber einer fold^en ^uitnwdt. ^uä^ int Sraume ^ait
iä) Silber, benen nid^tö SBirlltd^ed entfprtd^t. SBarunt
fönte nid^t bie gange ^ugennielt ein Stranm fein? ,;3lIIed
SBiffen ift nur abbilbung, unb eö roirb in il^m immer
etroag geforberl, baB bem Silbe enlfpredie." SBie lann
man ba» eigene @ein anB 2)ingen unb Sorgöngen er*
Hören, beren SStrlltd^Ieit burd^ nid^tö anbered verbürgt ift
aU babntd^, ba% biefe« eigene ©ein fie norfteüt? ®er
ba» äSefen beffen, mad mir Slugenmelt nennen, burd^fd)aut
— fo meint gid^te — für ben fonn (üx9 biefer Stufeen-
melt niemals bie SBaJ^rl^eit lommen. „$afl bu lein
anbereiS Organ, fo roirfl bu pe nimmer finben." ^m
eigenen Snnern be« äRenfd^en gloubt 8fid^te ein fold^e«
Drgan etitbedt gu l&aben. &xnt Stimme biefeö Snncrn
fagt jebem 3Renfd&en: l^anble im Sinne beiner Wi^^t.
Siefe Stimme lann nid^t trügerifd^ fein wie bie Sluöfagcn
ber finnlid^en SBelt. „®er Sfiebel ber SSerblenbung fällt
oon meinem Sluge; id^ erl^alte ein neueiS Organ, unb eine
neue SBelt gel^t in bemfelben mir auf." SBenn oDciS
übrige Sd^ein unb SIenbmcrl ift: biefer mein SBitte gum
|)anbeln, ber fid^ in meinem eigenen Snnern anlünbigt,
mu6 bie SBal^rl^eit fein. $)ier flnbet gid^te einen feften
$unft. „9Kein SBitte ftel^t allein ba, abgefonbert oon
aDem, mag er nid^t fclbft ift, blos burd^ fid^ unb für fid^
felbft feine SBelt." So feft unb fidler glaubt 8fid^te in
bcm SBillen bai^ ®afctn in feinem äÄittelpunlte crfafet ju
l^aben, ba^ il^n ba» Semugtfein bavon ^n btm 9!(udfpru(|e
bröngt: „3d^ l^ebe mein $aupt lül^n empor gu bem
brol^enben gfelfengebirge, unb gu bem tobenben SBafferfturg
unb gu ben Irod^cnben, in einem fjfeuermeer fdfimimmenben
SBoIIen unb fage: ic^ bin emig unb tro^e eurer 3Rad^t?
Sred^t aQe l^erab auf mid^, unb bu @rbe unb bu ^immel
oermifd^t tu^ im milben Sumulte, unb il^r Elemente aQe
fd^aumet unb tobet unb gerreibet im milben JSampfe ba»
le^tc Sonnenftöubd^en beö Jförper«, ben id§ mein nenne, —
mein SBille allein mit feinem fepten $lane foll lül^n unb
— 6 —
falt über btrt 2:rütntnern bt» ^diaU» \i)wtben. 3)enn
iä) f)dbt meine Seflitntnunß ergriffen; unb Me tft bauember
ate il^r; fie ift ewig, unb xd) bin eroig roie fie." Selben
roir, roaS biefer jtunbgebung Pont anfange bt» ^a^x»
l^unbertd (Srnft ^atdd für eine anbere am @nbe beiSfelben
entgegenfe^t. ^^Surcl^ bie äSernunft aQein lönnen rotr ^ur
roa^ren %aturs@rlenntnid unb ^ur Söfung ber StJelträtfel
gelangen. 3)ie äSernunft ift ba» pd^fte ®ut bed äRenfd^en
unb berienige Soraug; ber i^n allein non ben Spieren
roefentlid^ unterfd^eibet. S)aiS ®emüt l^at mit ber Sr»
lenntniiS ber SSal^rl^ett gar nici)ti3 gu tlgun. 9Bad
mir ,,®emüt" nennen, ift eine perroidCelte SCl^ätigleit beö
&t^xtn^, roeld^e fid^ aus ©efül^Ien ber Suft nnb UnluR,
an» äSorfteüungen ber Su^^iQU^O ^^^ Slbneigung, au»
®trebungen bt» äSegelgreniS unb gfliel^eniS gufammenfe^t. . .
3)ie @rIenntniiS ber Sßal^rl^eit förbern aQe biefe ®emütd«
3uftönbe unb ®emütiS«Seroegungen in leiner äSeife; im
®egenteil ftoren fie oft bie allein ba^n befö^igte äSernunft
unb fd^äbigen fie l^äufig in empfinblid^em ®rabe. %od^
lein SBeltrötfel ift burd^ bie ®e^irnfunItion bed ®emütiS
gelöft; ober auä) nur geförbert roorben/' Unb über ben
SBillen, in btm tjid^te ben ftern be§ ®afeinj8 gu er»
greifen glaubt, öufeert fid^ ^aedtel: „SBit miffen id^i, bai
jeber SßiQeniS-SlIt ebenfo burd) bie Organifation bt»
rooQenben Snbioibuumd beftimmt unb ebenfo oon ben
jeroeiligen Sebingungen ber umgebenben Sugeuroelt ab«
gängig ift roie jebe anbere @eelent]^atigleit/' Sag er
aber gerabe bort, roo pxä)tt nur S^rug unb Unftc^erl^eit,
nur ein „trodfeneö unb l^erjlofe« Softem" erblidt, bie
roal^te DueQe ber SBal^rl^eit finbet, fprid^t ^aedEel mit ben
äSorten an»: „^it roal^re Offenbarung, b. 1^. bie roal^re
DueQe oemünftiger @rIenntniiS, ift nur in ber 92atur gu
ftnben. 2)er reiche @d6a^ roa^ren SßiffeniS, ber ben roert«
ooQften S^eil ber menfd^lid^en Stultur barfteüt, ift einzig
unb aQein ben Srfal^rungen entfprungen, roeld^e ber
forfd^enbe Serftanb burd^ %atur«@r{enntnti^ geroonnen
l^at, unb ben 9}ernunft«@(|lüffen; roeld^e er burd§ rid^tigeiS
— 7 —
S)enlen an» btti @rfa]^rungiS*9SorfieIIungen gegogen l^ot.
3eber pernünftige äRenfd^ mit normalem ©el^irn unb
normalen Sinnen fd^opft bei unbefangener Setrad^tung
aui^ ber %atur biefe malere Cffenbarung/' @rnft ^aedel
begeidinel in ber SSorrebe gu feiner ©d^rifl ,,®ie SBelt»
rätfel'^ ate beren !ixd bie Seantmortung ber t$tage:
,,9BeIcl^e @tufe in ber @rlenntnii$ ber Sßal^rl^eit l^aben mir
am @nbe bt» nenngel^nten Sal^rl^unbertiS midlid^ erreicht?''
@r nimmt innerl^alb bt» ©eifteiSlebeniS am @nbe bt» ^afjit^
l^unbertS eine öl^nlid^e Stellung ein, mie fie fjfid^te inner*
l^alb bedfelben am beginne eingenommen l^at« 3)ie auf
3)arminS naturmiffenfd^aftlid^e gforfc^ungen begrünbete
3)enlmeife bel^errfd^t l^eute bie ©eifter ebenfo mie im 9n«
fang bed ^al^rl^unbertiS bie SorfteQungdmeife Stantö.
^aedEel l^at bie legten B^olg^ungen aud 3)ant)ind Srgeb*
niffen ebenfo gegogen mie gfid^te bit an» ben SorauiS«
fe^ungen Jtantd. S3eibe 3)enler finb fid^ aud^ bemugt, ba^
fie in ben genannten Sd^riften bie reifften tJfrüd^te il^reig
S)enlend gegeben l^aben t^id^te fd^reibt am 5. 92ooember
1799 an feine ®attin: „^ä^ ^dbt bei ber SluiSarbeitung
meiner ©d^rift einen tiefem SlidC in bie SReligion getl&an
aü nod^ |e. Sei mir gel^t bie S3emegung bed bergend
nur aud ooUIommener Jtlarl^eit l^eroor, t» lonnte nid^t
fel^Ien, bai bie errungene ^larl^eit gugleid^ mein ^erg er-
griff." Unb ^atäd bemerlt oon feiner änfd^auung in ber
Sorrebe ber ,,8BeIträtfeI" : ,/S)xt\t naturp]&ilofop]&ifd()c
©ebanlenarbeit erftredtt ftd^ jei^t über ein ooQed l^albed
Sal^rl^unbert; unb iä) barf |e^t; in meinem 66. Sebeni^«
jal^re, mol^l annel^men, bai fie reif im menfd^Iid^en
^©inne ifi"
9Ran barf alfo mol^I eine ©efd^id^te ber beutfd^en
SBelt» unb SebeniSanfd)auungen im neungel^nten Sa^r*
l^unbert old bie Sntmidtelung ber ©efid^tiSpunlte gfid^teiS gu
ben|enigen ^aedteliS anfeilen. S)er fd^roffe ©egenfa^ ^er
beiben 9(nfd§auungen meift uniS gugleid^ barauf l^in, in
meldten ®ebieten bie ^aupttriebfebern biefer Sntmtcfelung
gu fud^en finb. tixd^it betrad^tet bie %aturoorgänge ol^
— 8 —
ein tidb, auf bem bie legten Sßal^rl^eiten nid^t gefud^t
toerben bürfen. ^aedel ift ber Sfnftd^t; bai fte nur l^ter
gefunben n>erben lönnen. S)iefer Untfc^mung in ber
©d^ö^ung ber 9?Qtur«(£rIenntnijS witb begreifUd^^ menn
man ben gegenmörtigen 3uftanb biefer @r!enntnid per«
gleid^t mit bem, ber vot l^unbert Salären gel^errfd^t ^at
gfür bie mid^tigften (Srfd^einungen, bie|enigen, meldte auf
ba» ^ttf)älinx» bt» 9Renfd§en gur übrigen SESelt Sid^t
merfcn, fanb bie äiaturmiffenfd^afl erft in unferem 3a^r*
l^unbert bie äRittel unb äSege, um über fie SufÜctrung gu.
geben. 9iur über bie eine biefer 8fragen roufele uor
l^unbert Salären bie ^aturmiffenfd^aft mit il^ren SKetl^oben
etmaS gu fagen^ über bie Stellung; meldte bie @rbe im
äSeltenraume einnimmt. S)urd^ bie Seigren JtopernicuiS'
unb Stppltt^, meiere bie Semegung unfered Planeten um
bie ®onne feftfteOten unb bereu gefe^mctgigen Verlauf er«
Härten, mar feit bem fed^djel^nten ^al^rl^unbert bie mittel«
alterlic^e Überzeugung erfd^üttert, bai bie @rbe im äRittel«
punite bt» SSeltaHd ftebe unb aOed, mad augerl^alb il^rer
fid^ abfpielt, nur um iJ^retroillen ba fei. Um fo mel^r
ia^itit man im 3)unleln, menn ed fid^ baxum l^anbelte,
bie|enigen äSorgönge innerl^alb unfered ßrbenlebeuiS felbft
p erllöreu; bie fid^ ben groben @xnbxüden ber ®inne ent«
zielten. 3)ie Derbefferten milroflopifdEjen Unterfud^ungi^*
meifen matten ed in biefem Sal^rl^unbert möglid^, ein leben«
bigeiS Sßefen im beginne feiner @ntmidEelung genau gu beob«
ad^ten. Skelid geologifd^e ^orfc^ungen gaben vox fteben
Sal^rgel^nten einen naturgemäßen SSegriff, mie bie ©ebilbe
ber @rboberfIäd^e aHmäl^lid^ entftanben ftnb. S)armind
@ntbedhtngen um bie ältitte bed Sal^rl^unbertiS geigten bie
93ermanbtfd)aft, in ber aQed ftel^t, mad auf ber @rbe lebt.
äBaS auf fold)e Srt feftgefteQt ift, lägt ft(^ nid^t mel^r fo
bel^anbelU; mie tSi^it bie 9?aturerlenntnid bel^anbelt l^at.
®(^iller traf für feine ^üi ba» SKd^tige, menn er ben
%aturforfc^ern unb ben ^^ilofopl^en gurief: ,,<$einbfd^aft
fei gmifd^en euc^! %od^ lommt ba» SünbniiS gu frül^e;
menn i^r im ®ud^en tud) trennt, mirb erft bie äSal^rl^eit
— 9 —
crlannl." ©citn bit 3iaturforfd§ung feiner Qtii ^aiit nur
fidleren 33oben unter ben fjfügen, wenn fte ftd^ auf bie @r«
flebniffe bcr Slfironontic flutte. Unb für bicfe gilt gen)i§
fein eigene^ Sßort: „^ijmai^ti mir nid^t fo vid von ^tbtU
fleden unb Sonnen! Sft bie 92atur nur grog, meil fie
)U gäl^Ien eud^ giebt? @uer ©egenftonb ift ber er^abenfte
freilief) im 9taume; aber, e^i^eunbe, im Slaume mol^nt ba9
©rl^abcne mä)i." ®er 9?alurforf(f)ung ber ©egenroort
gegenüber, meldte auf ®runb ber S)arn)infd)en 9(nfd^auungen
bem äKenfd^en bie notürlid^en ©efe^e feiner (Sntftel^ung
geleiert Igat, mirb fid^ @d)illeri^ Sludfprud^ nid)t me^r auf«
rcd)l erl^aüen laffen.
9Bie menig in btn legten ^a^t^t^nUn be§ norigen
Sal^rl^unberlö bie 9?alurforfd)er für bie SBelt» unb SebenS-
anfdjauung gu leiften t)ermod)ten; ba» gel^t au0 ben @r«
fal^rungen l^erDor, bie ©oetl^e mit il^nen mad^te, ate er
anfing; fid^ mit ben (Srfd^etnungen ber %atur gu befd^äf*
tigen. ©eine SSorftettungSart l^atte i^n gu einem SScrfa^ren
gefül^tt, ba^ ©dritter in einem Sriefe an i^n am 23. Sluguft
1794 mit ben SJorten d)aralterifiert: ;,S5on ber cinfad^en
Drganifation fteigen Sie., Sd^ritt nor 6d)ritt, ju ber mel^r
DermidEelten auf, um enblid) bie DermidCeltefte von aQen,
ben 9Kenfd)en, genetifd^ au2 ben äKaterialien btß ganzen
^aturgeböubeiS gu erbauen.'' @oetl^e betrad^tete ben äßen»
fd^en nid)t aU ein SBefen, ba^ neben ben anbern 92atur-
gefdtjßpfen einen befonberen Urfprung l^abe, fonbern er mar
ber 9lnfid)t, bai biefelben %äfte unb ©efe^e, bie aQe
anbern 2)inge hervorbringen; aud[) ben ältenfd^en gu erzeugen
im ftanbe finb. 3n einer l^errlidtien SBeife l^at er baS in
feinem SSud^e über SBinlelmann auiSgefprod^cn : „SBenn bie
gefunbe Sßatur be^ 9Wenfd)en afe ein ©angeö mirlt, roenn
er fid^ in ber SBelt aU in einem großen, fd£|önen, roürbigen
unb merten ©angen fü^It, menn ba^ ]^armonifd)e Sel^agen
il^m ein reined, freieiS (Sntgücfen gemalert; bann mürbe ba^
SeltaQ, menn eS ftd^ felbft empfinben lönnte, al& an fein
3iel gelangt, aufjau^gen unb btn ©ipfel bt& eigenen
SBerbenS unb SBefenö bemunbern." auf eine fold&e
— 10 —
Sluffaffung ^attt fd^on ^etbtt in feinen ;,3been gu einer
$l^iIofop]^ie ber ©efd^id^te ber aRenfd^^eit/ bie er 1783
aufjngeic^nen begann, ]^ingen)tefen. S3ir lefen in il^nen:
;^Sont ®tein gum ^^\iaU, t)ont jhr^ftaQ gn ben äRetoHen,
oon biefen %nx ^flonjenfcl^öpfung, pon ben $flangen )um
Sier, pon biefem gunt äRenfd^en feigen wie bie gform ber
Drganifalion "ttetgen, mit il&r aud^ bie triebe be§ ©cfd^ßpf«
Dielartiger n)erben nnb ftd^ enbli(| aQe in ber ®eftalt bt»
3Renfd&en, fofern biefe fie f äffen fonnte, pereinen.'' @oIci&e
Sbeen gel^örten gu ben 3ßitteln, burd) bie ©oetl^e unb
$erber gu einer ©efamtauffaffung ber äSelt gu lomnten
fud^ten unb burd) bie fie ftd^ propl^etifd) auf ben ä3oben
fteQteU; auf bem bie 9?aturn)tffenf(f)aft bed neungel^nten
Sal^rl^unbertd Qtiaut ^ai, 3)ie 9SeItanfd)auung biefer
beiben fprcd^en Softe mie biefe in |)erberi8 ^Sbeen" auö:
^3)a« SRenfd^engcfd^Icd^t ift ber grofee 3wf<iinntenflu6 nie-
berer organifd^er Kräfte. " ^^Unb fo lönnen wir annel^nten,
ba^ ber äKenfd^ ein äßittelgefd^öpf unter ben Spieren, b. i.
bie aufgearbeitete gform fei, in ber fid) bie 3^0^ <iKer
Gattungen um i^n l^er int feinften Inbegriff famnteln.''
Sie %alurforfd)ung |ener S^age fud^te int ©egenfaft gu
fold^en SSorfteQungen gerabe nac^ äRerhnalen, bie ben
SRenfd^cn oon ben Stieren unterfd^eibcn. (Sin fold^cr Unter»
fd)ieb foQte barin beftel^en, bag bie Siere gn)ifd)en ben
bciben f^tnntetrifd^en ^ölften beö DberKefer« einen Ilcinen
ftnod^en, ben !^xDx\ä^txHieftdnoä^tn l^aben, ber bie oberen
®d)neibegä]^ne entl^ält, unb meld^er bei bem äßenfd^en nii^t
Dorl^anben fein foQ, fo bai bei il^m ber Oberliefer ein
eingigeS ®tüd[ bilbe. 5£)a» pertrug fid^ gmar mit ben Sin«
fid^ten ber bamaligen %aturforfd^er, bie Sinne in ben ®aft
gelleibet l^at: Wirten „^^Un mir fo oiele, aU perfd^iebene
^formen im $ringip gefd^affen morben finb"; t» ftimmte
aber nic^t gu ®oetl^ed unb ^erberd äBeltanfd^auung, nad^
meld^er bie Statur ben Stenfd^en nad^ benfelben ®efeften
gefd^affen l^at mie bit anbem Organismen. Senn, menn
bie gfonnen neben unb unabl^ängig oon einanber entftanben
ftnb, bann lann jeber ein anberer Sauplan gu ®runbe
• <
— 11 —
liefen. SSenn aber bte %atut aHmäl^Itc^ von bat tinja^tn
Sonnen gu ben tnel^t gufatntnengefe^ten aufgeftiegen iH,
bann muffen ftd^ bei ber gufammengefe^teften, bem SRenfd^en,
biefelben @efe^e, nur pen^oQfotnntnet mieberfinben^ bie aitd§
bei ben anberen Seben>efen beobad^tet werben. Sedl^alb
fM(f)tc ©ocll^e baB Sorl&anbenfein eincg 3wif^^KlieferInod^eni8
üuä) beim äRenfd^en nQd))ua)eifen. Unb feine forgfdltigen
anatomifti^en go^f^^ungen brod^ten il^n gur SntbedEung bed»
felben. <$ür ©oetl^e mar biefe- (SntbedEung alfo aud bem
Scbürfniffe enlfprungen, ben nalurgefe^Iid^en S^\ammtn»
l^ang ber 3Renfd^en mit ben übrigen Sebemefen ju erlennen.
S)ai5 gel^t auS ben SBorlen l^eroor, bie er im äiopcmber
1784 an Knebel fd^reibt: „Sd^ l^abe mid^ entl^alien^ ba^
SlefuÜal, morauf fd^on §erber in feinen Sbeen bmtti, fd^on
je^o — er meint, in ber Slbl^anblung, in ber er feine 6nt»
bedtung mitt^eilt — merlen gu laffcn, bafe man nömlid^
ben Unterfd^ieb bt^ 9Renfd)en vom £ier in niditS einzelnem
finben löntte/ ®o l^aben mir t& and) gu oerftel^en maii
er an ^erber fd^reibt: „®& foQ 2)id^ aud) red)t l^ergltd^
freuen; benn c§ ift mie ber ©d^Iufeflein gum 2ßenfd)en, fel^Il
md)t, ift aud^ bal aber mie! ... 3d) ^abe mir§ in Ser»
binbung mit S)einem ©angen Qtba^i, mie fd^bn ed ba
mirb.'' gfür bie %aturforfd^ung l^at biefe Snfc^auung txft
^u^IeQ 1863 frud^tbar gemadbt in feinem berühmten @a^e:
2)ie anatomifd^en Unterfd^iebe bt» ^nod^enbaueiS gmifd^en
btm 3Renfd^en unb ben menfd^enäl^nlid^en Slffen ftnb nid^t
fo grofe als biejenigen gmifd^en biefen SRenfd^enaffen unb
ben meniger entmidEelten Slffenarten. S)ie 9}aturforfd^er gu
®Dti^tß "^tii moQten einen foldtjen Unterfd^ieb burd^aud
l^oben. ©oetl^e bellagt fid) am 13. fjfebruor 1785 in einem
Sriefe an SKerdC: ^SSon Sömmering (einem ber bebeutenbftcn
Slnatomen) l^abe id& einen fel^r leidsten ©rief. 6r miH miri^
%ax audreben. Ol^e!'' Unb am 11. SRai 1785 fd^reibt
@bmmering felbft an 3fttxd: ^^©oetl^e miQ^ mie id^ an»
feinem gefteigen Srief fel^e, pon feiner 3bee in Snfel^ung
bei^ 3n>ifd^enInod^eniS nod| nid^t ab.'' Unb ber berül^mtefte
3(natom oom @nbe bt» porigen S^^tl^unbertd; Q^ampex,
— 12 —
Wut entfd^teben ©oetl^ed Seobad^tung ato einen Srrtitm
l^in. ®o meit mar bamate bie %aturforfd^ung baoon ent-
fernt; aud ftd) l^eraud bemjenigen entgegengulommen, ber
nad^ einer naturgemäßen SBeltanfd^auung ftrebte.
tjfür bie eine ber Sf^agen, in bie Sant ba9 3tel ber
SBelt» unb SebenSanfc^auung jufammengefagt l^at: ^SBod
lonn id^ mi^tn?" ift innerl^alb ber (SntmidEelung bed neun«
gel^nten ^al^rl^unbertiS im beutfd^en ®etftedleben ol^ne 3n)eifel
bie Stoturmiffenfd^aft ba^ treibenbe @Iement bed gort-
fd^ritted. ^atdtl burfte bal^er in bem äSortrage, ben er
am 26. ^uguft 1898 auf bem vierten internationalen
3ooIogenIongreg in Sambribge gel^alten l^at, fagen: „^m
©d^Iujfe bt» neungel^nten Sa^r^unbertS bliden mir mit
geredetem ®toIg auf bie gemaltigen unb unoergleid^Iid^en
gortfd^ritte, mcld)e menfd^Iid^e SBiffenfd^aft nnb Jfultur
möl^renb feined äSerlaufed gemad^t l^aben — aQen anberen
Doran bie %aturmiffenfdE)aft. ^iefe S^l^atfad^e ftnbet
il^ren d)aralteriftifd^en ^udbrudC barin, ba^ fd^on je^t in
pielen ®d^riften unfer ^al^rl^unbert aliS „ba§ große'' be«
jeid^net mirb ober aU ba^ S^italter ber äiaturmiffen*
fd&aft.-
9Bie ftel^t t& nun aber mil ben beiben anbern StJelt»
anfi^auungSfragen: „^a» foQ id^ tl^un?'' unb „^a& barf
ic^ l^offen?''. Sllejanbcr SiHe fagt in feinem bemerlenS«
mertl^en ä3ud)e ^^SSon Sarmin ix» %ie^fd)e'': ;r8lud^ ba»
äßenfd^enletien ift ein Steil bed %aturlebend; auä) bie menfd^«
lid^en Slnfd^auungen über bad Seben bt» SKenfd^en unb
feine Stellung gu feinen äßitmenfd^en muffen btm äSanbel
unterliegen unb bied um fo mel^r, ald aUt», mad bid gur
®egenmart über fie gebadet morben ift; mel^r einfeitigen
gfoiberungen bed 3Renf(^en an fid^ felbft ate ber Seob::
ad^tung eined gegebenen Sl^atbeftanbed entfprungen ift.''
S)er ^anbel ber Slnfd^auungen fprid)t ftd^ l^eute in bem
9tingen nad^ einer fojialen SSeltanfd^auung au». Slud^
auf biefem ®ebiete l^at bxt Katurmiffenfd^aft il^ren @influ§
— 13 —
gelienb getnad^i &ß ftnb il^re praltifd^en (SrgeBniffe, toeld^e
bcn tncnfd^Iid^cn ®e[xd)t^ixd^ crnjcitcrl unb bcm mcnfd^«
lid^en ^anbeln neue SBege getüiefen l^aben. 3m 3^^^^^^^
beiS 2;eIegrQp]^en unb be§ S^elepl^ond mug ber 9Renfd^3^U
unb Slaum in anberer SBeife in feine SebenSredjnung ein«
fe^en afe in frül^eren Söl&r^unbcrtcn. 5)nrc^ ©ampfiraft
unb (Sleltrigität {tnb und Döllig neue ^(ufgaben gefieQt
n)orben. ©üterergeugung; ©üteroerteilung unb äSerle^r
l^aben unter foIdEjen (Sinmirlungen il^re t^^i^tnen oeränberi
Sluct) bie ntoberne Stibung lonnte pon il^nen nid^t unbe«
einfüllt bleiben. S)er SKenfci) be» neungel^nten Sal^rl^unbertd,
ber in wenigen ©tunben @ireden burd^migt, gu benen
feine SSorfal^ren S£age gebraud)! l^aben, ber in SBien gebort
toitb, voenti er in S3erlin in einen Slpparat hinein fprid^t,
maä)i fid) anbere SSorfieQungen über bta ®ang ber äSelt«
ereigniffe aU berjenige, ber foId^eS, nad) bem Silbungöinl^alt
feiner S^il, für eüle SCräumeret ^älte erflären muffen, wenn
man es i^m ofe ein gbeol ber 3«5t«wf^ l^ingeflettt ^ätle.
2)ai$ Seben fieQt l^eute an btn äKenfd^en anbere Sin«
forberungen ate an feinen Sinnen vox l^unbert ^df)xtn. (Ss
ifl bal^cr begreiflidf), bai er aud^ f^c^ ^i^ Srage: SBaiS fott
id) ll^un? anberö beanlroorlel aU jener. Sn ber gegen»
roörligen Slntroort auf biefe fjrage liegt ber ^n^dli beffen,
was man „fo^iale SBeltanfd^auung'' nennt. S)ie üermidCel»
teren SSerl^ältniffe, bie in ben Sau unb in bai^ Seben beS
fogialen ÄörperS burd^ bie grrungenfd^aftcn ber mobernen
£ed)nil gelommen finb; ^aben bie 3Renfd^en nid^t nur
bal^in gebrad^t, burd^ fojialreformatorifd^e SSeftrebungen
biefem Körper ein neues ©epräge gu geben, fonbern ancS^
bie %atur beSfelben genauer ^u ftubieren. Sßal^renb $ant
nur bie menfd^Iidje Vernunft ju fragen für nötig l^ielt,
menn eS fid^ barum ^anbelte, bie fittlidjen Aufgaben feft«
gufteQen, unterfud)i man ^tuit ben gefeQfd^aftlid^en Crga«
niSmuS, menn man erlennen min, maS ber @inselne in il^m
3U t^un l^at. ^roax ^ai fd^on SlriftoteleS ben ®a^ au&*
gefprodjen: „5)er SRenfd^ ifl ein gefettfdtjaftlid^eS Seberoefen."
S)od^ mar eS unferem Sal^r^unbert Dorbel^alten, biefen
— 14 —
@a^ in ben älttttelpunlt btt Setrad^tungen über ba^
mcnfd^Iidöc Scrl^altcn gu rüden. S)ic Ocfcttfd&aft ift frül^cr
ba old bad 3nbtt)tbuum, ^ai Herbert Spencer (geb. 1820)
gefagt; unb biefe ^nftd^t beeinflußt gegenn)ärtig aQe Säe*
traci^tungen über baß menfctflid^e ©eiftedleben. 3)ie ®ogio»
logie ober ©efettfcfjoflSroiffenfd^afl ift eine ber jüngfien
SBiffenfd^aflen. ^\)xtn Segriff unb 9iamen ^ol in ber
aWitte beö ZdS)x^nnbaiß ber frongöfifti^e S)enler a. ®omte
gefd^affen. ®ie f^at fd^neQ äSurgel gefaßt bei benjenigen^
bie fxä^ mit bem Sludbaue einer SBelt» dnb Sebendauffaffung
befd^aftigen. Sn ber nor lur^em erfdEjienenen ^ Einleitung
in bie ^^ilofopl^ie" t)on SSill^elm Scrufalem wirb nur
eine geitgemäfee Sfuffaffung oertreteU; wenn bel^auptet njirb:
;r@iner fold^en Soziologie finb l^ol^e unb roid^tige aufgaben
oorbel&alten. Sie roirb ju geigen l^aben, inwiefern baß
Seelenleben btß eingelnen buri) baß fojiale Seben^ burd^
ben @efamtn)iHen beeinflußt wixb, unb eö bürfte fid^
l^erauiSftellen, bai bie§ in voexi l^öl^erem SWafee ber gall
ift, alß man l^eute nod^ glaubt. 2)er fogiale t^^Itot in
ber ©rlenntnißentroidtelung wirb ba in feiner SBirIfamfeit
unb Sebeutung Zutage treten, unb man wixb finben, ba^
bie ^fgd^ologie unb bie SrfenntniStl^eorie nur mit Serüdt»
fid&tigung biefeö Saltorö gu weiteren g^ortfd^ritten gelangen
lonnen. Selbft für bie aeftl&etil, bie inbioibualiftifd^efte
unter ben pl^ilofopl^ifd^en ©iSaipKnen, bürfte bk Sogiologic
oiel neues ergeben, inbem baß ^ublilum, für meld^eS eine
fünftlerifd^e Seiftung beftimmt ift, ben Äünftler oft un-
bemufet bei feinem Sd^affen leitet nnb inbem baß äft^etifc^e
Urteil btß (Singeinen ftarl oon ber Igerrfd^enben ©efd^madCd»
rid^tung beeinflußt mirb. S)ag bie (St^il nur oom fogio«
logifdjen Stanbpunit auß bearbeitet merben barf, bad ift
l^eute fd)on faft allgemein anerlannt unb mirb mit btn
Sortfd&ritten ber Soziologie immer Harer merben. — Unfere
gange äBelt* unb Sebendanfd^auung mirb bann a\ß ein
$robu{t ber fogialen (Sntmidelung erfd^einen, einer @nt«
midCelung, beren bebeutenbfteö ßrgebniö bie Sd^affung
felbftänbig benlenber unb freil^eitdbebürftiger $erfc>nlid)ieiten
— 15 —
ifl. 2)te ©ogiologie ber 3ulunft ift bemnad^ nic^t nur eine
plgUofop^ifc^e 3Siffenfd)aft^ fonbern bürfte ftd^ fogor au6^
geftalten ^nr ©rnnblage aUtx ^l^ilofopl^ie.'' SSoQte man
am @nbe bed vorigen Sal^r^unberld bie Stid^tung bed
menfd^lid^en ^anbelniS beftimmen, bann gefd^al^ ba^ im
Sinne ©ti^illerö; ber in feinen ^rSJriefen über bie äfi^elifd^e
Sr^iel^ung bei8 9Kcnfd&en'' bie SReinung anöfprid^l: „^tbtt
inbinibueüe SRenfdE), lann man fagen, trägt ber 9nlage
unb Seftimmung nad^, einen reinen, ibealifd)en 3Renfcl^en
in \i(f), mit beffen unreränberlid^er @in]^eit in aQen feinen
abroed^felungen übereinjuftimmen, bie grofee Aufgabe feineö
SafeiniS ift.'' Unb man jmeifelte nid^t, ba^ man bie
©efeUfd^aft aHmäl^Iid^ in einen fold^en 3uftanb überfül^ren
muffe, bai ber reine, ibealifd^e 9Dlenfd^ in i^r fid^ auS«
leben fönne. 6d)iIIer fagt weiter: „3ft ber innere aRenfdö
mit fid^ einig, fo roirb er aud^ bei ber l^od^flen Uniüerfali»
fierung feinet betragend feine (Sigentümlid)leit retten, unb
ber ®taai mirb blod ber Slui^Ieger feineiS fdEjönen ^nftinltiS,
bie beutÜc^e fjformel feiner innern ©efefegcbung fein.'' Sfn
biefe ^innere ©efefegebung* roanbte mon fid), menn eö fid^
um bie JgödEifte SebeniSfrage ^anbelte. 9Ran glaubte, man
braud^e bloS fid^ in ba» eigene ©emüt ^u Derfenlen, um
bie Sebürfniffe ber ^erfönlidjfeit gu crlennen. ®egen»
märtig frogt man Rc^: roie ift bie „innere ©efe^gebung"
als eine Srrungenfd^aft ber fogialen ^ulturentmidEelung ge«
morben? SBenn l^eutc fid^ eine inbioibuolifttfd^e Sluffaffung
beS menfd^Iid^cn ©eifteölcbeng ©eltung perfd^offt, fo
miberfprtd^t bo^ ber l^iermii gegeidEineten ^auptlinie in ber
äBeltanfd^auungSentmidEelung btS neun^el^nten ^al^rl^unbertd
ebenforoenig mie gid£|teS fogiale Sbeen in feinem 1800 er-
fd^ienenen „©efd^Ioffenen ^anbelsftaat" im ©egenfafe ftel^en
gu ber inbiüibualiftifd^en Seben0anfid^t feiner 3^^« ®citn
ber gegenwärtige Snbioibuali^muS fielet in ber freien
@ingelperfönlid^leit einen St^puS 3Renfd^, ber ftd^ aümä^Iid^
aus ben unfreien Qn^tänbtn l^erauS entroidtelt, ber bie
©efeQfd^aft gu feiner äSoraui^fe^ung i^at, meil er nur an§
ilgr entfte^en lann. @r unterfud^t bie ©efeQfd^aft unb
— 16 —
finbti, ba% fie il^rent SBefen nad^ ba^ freie Snbimbuum
hervorbringt. Sfid^te aber fagt nid^t bie einzelne ^erfönlid^«
leit ini^ Sluge, infofern fie fid^ auiS ber ^ulturentroidelung
ergiebt, fonbern. er leitet bie 3?atur biefer ^erfonlid^Ieit
aM ber SSernunft ob unb fud^t bann eine ^^omt be^
©efeüfd^aftölebeni^ auSgubenlen, bie feiner Secnunftibee
am beften entfprid^t. @in SnbioibuQÜft oom @nbe unfere0
Sol^rl^unbertS ift bieg, tro^bem er oon fo^iologifdien
Sorauj^fe^ungen auiSgel^t; gid^te entmidelte eine fo^ialifiifd^e
^iaai^ibet, obgleid^ er aQe ^flid^ten nur au^ bem
inbioibueSen 3BiQen beiS Sin^elnen l^erleitete.
9iaturn)iffenfd)aft, S^ed^nil unb Soziologie finb bie
brei Sriebiröfte, roeldfje bie ©ntroidtelung ber SBelt»
anfd^auungen im neungel^nten Sal^rl^unbert bebingen.
S^antit foQ notürlid^ nid^t geleugnet mttben, ba^ im
einzelnen aud^ anbere Sinflüffe in SetradE)t lommen. ®a0
finb aber %ebenftrbmungen, bie in ben |)auptflug ^mar
einmünben unb oon i^m aufgefogen merben, bie aber
feine Slid^tung im mefentlic^en nidf)t oeränbern. Sie muffen
ba berüdfittitigt merben, mo fte uniS begegnen. $ier foQte
nur bie groge 9iidE)tungSlinie beiS gfortganged, bie mir gu
verfolgen l^aben, oorgegeid^net unb ba& ^itl iniS 3(uge ge«
fa§t werben. — 3" biefem ^xoedc mußten gleid^fam groei
Duerfd^nitte burd^ bie 9BeItanfd^auungSentmid(eIung gelegt
unb nadEigefe^en merben, burd) meldte ^auptmerlmale biefe
Duerfd^nitte gelenngeidjnet finb.
1
j
§11$ ^intttiUx Itimts im) ($0et^e$*
3u gmei geiftigen Snftongen blidte am @nbe bt§
Dorigen ^a^x^unbtti» berjenige auf, ber gur Stlorl^eit über
bie grogen Silagen ber 99eU« unb fiebeniSQnfd^auung lommen
looQte: gu Stani unb ©oetl^e. @iner, ber am geioaltigflen
naä) fold^er Stlorl^eit rang, ift ^o^ann ©ottlieb gid^te.
SDte er Äantö ^Äritil ber praftifd^cn Semunft" lennen
gelernt l^atte, fd^rieb er: „^^ lebe in einer neuen
SBelt . • . 2)inge^ non benen iä) glaubte, fte Ibnnen mir
nie bemiefen werben, g. 33. ber SJegriff ber abfoluten Qfrei«
l^eit unb $flic^t {tnb mir bemiefen, unb iä) fül^Ie mid^
borum um fo frol^er. @i^ ift unbegreiflid^, meldte Std^tung
für bie SRenfd^l^eit, meldte Jtraft un0 biefe ^l^ilofopl^ie giebt,
meld^ ein Segen fte für ein 3^italter ift, in meld^em bie
SRoral in il&ren Orunbfeftcn gerftßrt unb ber Segriff ber
Sßfiiä^i in aQen SBörterbüd^ern burd^ftrid^en mar/ Unb ate
er auf ®runblage ber ^antfd^en bie eigene Stnfd^auung in
feiner „©runblage ber gefamten Sßiffenfd^aftdlel^re'' aufge«
baut l^atte, ba fanbte er bai^ S3ud^ an ©oetl^e mit ben
Sßorten : „^ä) betrad^te Sie, unb l^abe ®ie immer betrad^tet,
ote ben SRepröfentanten ber reinften ©eiftigleit beiS ©efül^te
auf ber gegentDörtig errungenen @tufe ber Humanität. 2ht
Sie menbet mit Stecht fid^ bie ^l^ilofopl^ie. Sl^r ©efü^I
ift berfelben $robier{lein/ 3n einem cU^nlid^en Serl^ältnid
)tt beiben ©eiftern ftanb Sd^iller. Über JCant fd^reibt
er am 28. Dftober 1^94: i,@d erfd^redtt mid^ gar nid^t,
)u beulen, bag ba» Sefe^ ber Seränberung, vot meld^em
steinet, fBelt« imb Sel&enSanfd^auun^en. 2
— 18 —
lein menfd^Iid^ei^ unb lein göttlid^ed Sßerl ®nabe ftnbet,
aud^ bie gform ber ^anlfd^en $]^Uofop]^ie, fomie jebe anbete
gerftören niirb; aber bie t$unbamente berfelben tottbm bied
®ä)id\al nid^t gu fürditen l^oben, benn fo alt ba^ SRenfdben«
gefd^Ied^t ift, unb fo lange ^^ eine SSernunft giebt, ^at
man fie ftillfd^meigenb anerlannt unb im gangen bornac^
gel^anbelt/' ©oetl^ei^ Slnfd^auung fdiilbert Sd^iüer am
23. aiugufl 1794 in einem Sriefe an biefen: „Sänge fd&on
l^abe id^, obgleid^ auiS giemlid^er Sferne, bem ®ang Sl^re^
@eifte0 gugefel^en^ unb ben Sßeg^ ben @ie Dorgegeid^net
l^abeU; mit immer erneuter Semunberung bemerlt. ®ie
fud^en ba^ ^otmenbtge in ber %atur, aber @ie fud^en ei^
auf btm fd^merften Sßege, vox meld^em jebe fd^n)äd^ere ^aft
fid^ mol^I Ritten mirb. ®te nel^men bie gange %atur gu»
fammen, um über ba^ @ingelne Sid^t gu belommen; in ber
SlEgeit il^rer @rfd^etnungiSarten fud^en Sie ben SrllörungiS«
grunb für ba» 2inbit)ibuum auf . . . Sßoren @ie aU ein
©ried^e, ja nur ald ein Italiener geboren morben, unb
l)ätie fd^on oon ber Sßiege an eine auiSerlefene %atur unb
eine ibealifierenbe jtunft @te umgeben, fo möre ^^x äSeg
unenblid^ oerlürgt, oieQeid^t gang überflüffig gemad^t morben.
@d^on in bie erfte Slnfd^auung ber 2)inge l^ätten Sie bann
bie Sform beiS ^otmenbtgen aufgenommen, unb mit ^^itn
erften @rfa^rungen l^cttte ftc^ ber groge Stil bei 3^nen ent*
midtelt. 9iun ba Sie afe ein ®eutf(f)er geboren pnb, ba
3l&r gricd&ifd^cr ©eift in biefe norbifdf)e Sd^öpfung ge-
worfen mürbe, fo blieb S^nen leine anbere Sßal^I, aU ent«
meber felbft gum norbifd^en Äünftler gu werben, ober ^^xa
Imagination baiS, wa» i^x bie SBtrllid^Ieit oorent^ölt,
burd^ %ad^]^i(fe ber S)enIIraft gu erfe^en, unb fo gleid^fam
oon innen ^eraui^ unb auf einem rationalen ^ege ein
©ried^enlanb gu gebären.''
Son ^ant unb ©oetlge mirb bal^er eine 3BeIt«
anfd^auungj^gefd^id^te bt^ neungel^nten Sal^r^unbertd i^ren
äuögang nel^men muffen. Um bie SBirfung beS erfteren
auf fein S^italter gu oeranfd^aulid^en, feien nod) bie 9(uiS«
fprüd^e groeier SKänner über il^n angefül^rt, bie auf ber
— 19 —
vollen S3Ubung0l^ö]^e tl^rer S^i fianben. 3ean $aul
\ä)xxcb im ^a^xt 1788 an einen ^Jreunb: ;,ffaufen Sie fxä)
untiS ^immete n)illen ^roei S3ü(f)er, ^antiS ©runblegung gu
einer Jßctap^t)fil ber Sitten unb ffantS Äritil ber praf«
tifdfien SSernunft. Äant ift fein Cid^t ber SBelt, fonbern
ein ganges ftral^IenbcS ©onnenftiflem auf einmal.'' Unb
SBill^elm oon ^umbolbt fagt: ^.Sant unternal^m unb
»oHbrad&tc baS größte SBcrl, ba^ oicHcid^t je bie pl&ilo»
fopl^ierenbe SSernunft einem einzelnen 9ßanne gu banlen l^at.
. . . dreierlei bleibt^ menn man ben 9hi]^m, ben ^ant
feiner Station, ben Siufeen, ben er bem fpelulatioen 3)enlen
oerliel^en l^at, beftimmen vdxü, unoerlennbar gemig: @inigeiS,
voa^ er zertrümmert l^at, mirb fxä) nie mteber erl^eben,
(SinigeiS, mag er begrünbet l^at^ mirb nie mieber untergel^en,
unb roaS baß SBi(f)tigfle ift, fo l&at er eine SReform geftiftet,
mie bie gefamte Oefd^id^^^ t>^^ menfd^lid&en S)enfenS leine
äl)nli(S)t aufroeifl."
3ßan fielet, in Sani» %f)Qi fallen feine 3citgcnoffen eine
erfd^ütternbeSBirfung innerl^alb ber SBeltanfdfiauungi^entmidte»
lung. @r felbft aber l^ielt fiefür biefe ßntroidtelung fo roid^tig,
ba% er il)re S3ebeutung berjenigen gleid^ fcfete, bie Äoper»
niluS' ©ntbedtung ber ^lanctenberoegung für bie Siatur»
erlenntniS l^atte.
3Ran mu§ ben Slidf auf bie Duellen rid^ten, an^ betten
bie ©ebilbeten beS oorigen ^a^if)ViXtbetiß il^re 2BeItanfd)auung
l^olten, um bie SHeooIution gu begreifen, meldfie oon ber im
Saläre 1781 erfdf)ienenen „ffritil ber reinen SSernunft" ÄantS
ausging. S)ic mittelaltcrli(f)e 8[nfd)auungSn)eife, meldte bie
pd^ften SBal&rl^eitcn nur ber göttlidEien Offenbarung oer»
banfen gu lönnen glaubte unb ber menfd)Iid)en SSernunft
nur bie ®abe gufd^rieb, biefe SBal^rl^eiten begreiflid^ gu
finben, mar burd^ ®eScarteS (1596 — 1650) überrounben.
Seine Slnfid^t mar, ba% man an allem gmeifcin muffe, xüaß
man nid^t auS ber SSernunft l^erauS burd^ !lare unb benU
lid^e aSegriffe einfel^en !önne. S)aS 9Kuftcr eines Haren unb
beutlidien SegriffSgebäubeS bilbeten bie matl^ematifd)cn @r*
fenntniffe. Unb nad^ bicfem 3Rufter fd^uf S)eScarteS eine
2*
— 20 —
SSeltanfdiauung, für toeld^e bie SorfteQungen, ©Ott, iSttu
l^eit be» menfd^Iid^en SßtQeud unb bie Unfterbltd^Ieit ber
®eele abfolut getDtjfe Sßal^r&eit tnt^alttn. 2)urcl^ eine fold^e
SSorfteEungi^art toor ber tnenfd)Iicl^en Sernunft bie Sföl^ig'
leit juerlannt, burd^ eigene Jh:aft bie pd^ften SBelt-
anfc^auungi^fragen ebenfo gu entfd^eiben, roie fte mit $ilfe
ber SRatl^ematil über !^af^U unb ©rügenoerl^ältniffe urteilt.
ffieScorteö xoax bei biefem Serfal&ren gu benfelben SBal^^»
l^eiten gelommen^ bie aud^ ber religiöfen Überlieferung gu
©runbe lagen: g" ®ott; Qfrril&cit unb Unfterblid^Ieit. 3«
einem anbern Srgebniö gelangte ©pinoga (1632 — 1677),
ate er bie ©ebanlenrid^tung ^ei^carteiS' meiter verfolgte,
t^ür il^n mürbe ba^ gange Unioerfum ein einl^eitlid^eiS
Softem, bcffcn einzelne ©lieber mit einanber cbenfo not»
menbig unb gefe^mögig gufammenl^ängen mie bie einzelnen
^Begriffe beiS matl^ematifd^en Sel^rgeböubej^. "äüt^ toa^
innerl^alb biefe« S^ftemS gefd^iel&t, ba^ gefd^iel&t mit eifer»
ner %otn)enbigIeit. äSenn id^ meinen 9[rm aui^ftredte, fo ifl
ba^ ebenfo notmenbig, mie eine ^öl^lung entftel^t, roenn ein
Stein in lodtereö Srbreid^ föHt. ©Ott ift nur ber Inbegriff biefeö
S^ftemö lalter, ftarrer SJotrocnbiglciten. Son einer Sfreil^eit
bei$ 3BiQen0 lann innerl^alb bei^felben leine Stebe fein,
©benforoenig oon einer Unflerblidf)!eit ber Seele, benn biefe
ift ja leinSBefen für fid^, fonbern nur eine äufeerung be0
aSgemeinen, gefe^mägigen Sßeltgefd^el^eni^. $atte SeiScarted
geglaubt, geigen gu lönnen, ba^ bie pd^ften religiöfen
©laubendmal^rl^eiten aud^ SSernunftmal^rl^eiten feien, fo l^atte
Spinoga bie äBal^rl^eit aufgegeigt, gu ber bie SSernunft
mirllid^ lommt, mcnn fie fid^ felbft überlaffen ift. 3n
3)eutfd&lanb pt ©ottfrieb SBil^clm Seibnig (1646—1716)
eine äSeltanf^auung begrünbet, bie aQerbingi^ nid^t in fo
fd^roffem ©egenfa^ gu btm ©lauben^inl^alte ftanb, mie bie
©pinogiftifd&e. 3taä^ feiner Slnftdfit beftel&t bie SEBelt nic^t
aui^ einem eingigen SlÜroefen, fonbern an^ einer SSiell^eit
felbftönbiger @ingelmefen, bie an§ ftd^ l^erauiS l^anbeln.
S)iefe Sßefen finb einfad^ unb ungerftörbar, unb ber @in«
Hang in il^rem ^anbeln ift ein« für aQemal oon einem
— 21 —
göttlid^en Urmefen vox^nbtHmmi. SRan ftelgt: t& tarn
Seibni^ barauf an^ ba^ SBefentlid^e ber überlieferten
®laubendlel^ren aud^ aü Srgebmffe ber reinen Sernunft
l^ingufleDen. Unb auf biefer Saign fd^ritt bann Sl^riftian
SJoIf weiter (1679 — 1754), beffen anfd^auungen im ©origen
So^rl^unbert tonangebenb waren, unb gu benen fid^ aud^
ftant belannte, bi0 er dou anberer ®eite l^er in feinen
Übergeugungen wanlenb gemad^t würbe. @iS giebt für biefe
SBeltauffaffung gweierlei SBal^r^eiten. S)ie einen werben
üM ber Seobad^tung ber £l^atfad)en gewonnen; bieanbern
fielet bie Sernunft ein burd^ blogei^ %ad^benlen. 3" ^^^
le^teren gepren bie l^od^ften @rlenntniffe: ®oii, gfreil^eit
unb Unfterblid^Ieit. 9Bie tief begrünbet im beutfd^en ©eiftej^»
leben bed vorigen Sal^rl^unbertj^ SSoIfd 2)enlung0art war,
ba0 }eigt nn^ nid^td beutlid^er al0 Seffingi^ Stellung inner«
l^alb ber SBeltanf d^auungdentwidCeluug. @rfagtfein®(aubeniS«
belenntnii^ in bie SBorte gufammen: „S)ie Slu0biIbung ge»
offenbarter SSal^rl^eiten in SSernunftwal^rl^eiten ift fd^Ied^ter«
bingiS notwenbig, wenn bem menfd^Iidien ®ef4|Ied^te bamit
gel^olfen werben foQ.'' 9Ran l^at ba» ad^tjel^nte Sial^r«
l^unbert ba» ber Stufflärung genannt. 2)ie ©eifter Seutfd^«
lanbi^ Derftanben bie SufDärung im ®inne bed Seffing«
fd^en Sudfprud^ed. Stani ^at bie Slufllörung erilört aü ben
;,Sludgang bed SReufd^en au» feiner felbftuerfd^ulbeten Un«
münbigleit" unb d» il^ren SSal^Ifprud^ begeid^net: ^$abe
9Rut, bid^ beineiS eigenen Serftanbed gu bebienen." %un
waren felbft fo l^eroorragenbe 2)enler wie Seffing burd^
bie Slufllörung nid^t weiter gelommen, ate ii9 gu
einer DerfianbeiSmctgigen Umformung ber au0 bem 3u{l<inbe
;rfeIBffa)erfd^uIbeter Unmünbigleit'' überlieferten ©laubend«
klaren. @ie ftnb nid^t gu einer reinen Sernunftanftd^t Dor«
gebrungen wie Spinoga. Stuf fold^e ©eifter mugte bie
Seigre bed ©pinoga, aU fie in 3)eutfdglanb belannt würbe,
einen tiefen SinbrudC ma^en. @r Igatte t» wirflidg unter»
nommen, fidg feinet eigenen Serftanbed gu bebienen, war
aber babei )u gau) anberen (Srienntniffen gelommen aU
bie beutfdgen Stufllftrer. ®ein Sinflug mugte um fo be«
— 22 —
beutfamer fein, aU feine nad^ matJ^ematifd^er 9lrt feft ge«
bauten (Schlußfolgerungen eine t)iel größere übergeugenbe
Sttafi flauen, al» bie (eid^tgefdiürgten ©ebanlenletien SBoIfi^.
SEBie biefe auf tiefere Oemüter roirlten, baoon erl^alten wir
eine SSorfteQung aud ®oei^t^ „^lAinnq unb SBal^rl^eit^^
(Sr ergäl^It t>on bem Sinbrud, ben ^rofeffor SBinllerö im
®eifte SBolfi^ gel^altene SSorlefungen in i^eip^ig auf il^n
gentad^t l^aben: ^SReine^oQegia befud^te id^ anfangj^ emjig
unb treulid^; bie ^l^ilofopl^ie moUte mid^ iebod^ leinei^megd
aufllären. ^n ber Sogil lata ed mir munberlid^ vox, ba^
ic^ biejenigen ®ei{iei^operationen, bie id^ t)on ^ugenb auf
mit ber größten äJequemlid^Ieit oerrid^tete, fo auiSeinanber
^erreu; oerein^eln unb gleic^fam gerftoren foQte, um ben
redeten ©ebrauc^ beiSfelben eingufel^en. SSon bem 2)inge,
von ber SBelt, t)on ®ott glaubte iä) ungefäl^r fo oiel gu
miffen al§ ber Seigrer felbft, unb e2 fd^ien mir an melgr
aU einer ®teEe gewaltig }u l^apern.'' äSon feiner Sefd^äf«
tigung mit ®pinogad @d^riften ergä^lt uuj^ bagegen ber
2)id^ter: „^ä^ ergab mid) biefer Seitüre unb glaubte, inbem
id^ mid^ felbft fd^aute, bie äSelt niemals fo beutlid^ erblidCt
)u l^aben.'' SJlber nur äSenige oermod^ten, fid^ ber S)enlungi9«
art ®pinogad f.o unbefangen l^ingugeben mie ©oetl^e. ^ei
ben 3Reiftcn mußte er einen tiefen S^^i^fpott in bie SBelt»
auffaffung bringen. Qfür fie ift ©oetl&ei^ Qfreunb 3^. §.
Sacobi ein Slepröfentant. (Sr fal^ ein, bai bie fid^ felbft
überlaffene äSernunft nid^t gu ben ©laubeni^lel^ren, fonbern
)u ber Slnfid^t fül^re, gu ber ®pinoga gelommen ift, ba^
bie SBelt oon emigen, notmenbigen ©efe^en bel^errfd^t mirb.
®o ftanb Socobi oor einer bebeutfamen (Sntfd^eibung : ent*
meber mußte er feiner SSernunft oertrauen unb bie ©laubeniS«
leieren fallen laffen; ober er mußte, um bie le^teren au
bel^alten, ber Vernunft felbft bie 9Röglid^Ieit abfpred^en, )u
ben pd^ften @infid^ten %n lommen. @r mcil^lte bai^ le^tere.
@r bel^auptete, baß ber SRenfd^ in feinem innerften ©emiite
eine unmittelbare ©emißl^eit l^abe, einen ftd^eren ©tauben,
oermbge beffen er bie SBal^rl^eit ber SorfteQung einei^ per«
fbnlid^en ©otteiS, ber greil^eit bt» Sßillend unb ber Un::
— 23 —
fterblid^Ieii fül^Ie, fo bag biefe Überzeugung gau) unabl^ängig
fei oon ben auf logifd^e gfolgerungen geflü^ten (Srleuntniffen
ber SSernunft, bie fxä) gor nid^t auf biefe 3)inge begiel^en,
fonbern nur auf bie öugeren %aiurt)orgönge. 9(uf biefe SBeife
l^ai Sacobi ba» vernünftige SBiffen abgefegt, um ffir
einen bie Sebürfniffe bed ^ergeni^ befriebigenben ® lau ben
$la^ gu belontmen. ©oetl^e, ber Don biefer Snttl^ronung
be0 SSiffeuj^ n)enig erbaut wat, fd^reibt an ben gfreunb:
„®oti ^ai S)i(i^ utit ber äRetapl^^fil geftraft unb S)ir einen
^al^I inö Sleifd^ gefefet, mid& mit ber $]&pfil gefegnet. 3d&
^alte mid^ an bie ©otteiSoerel^rung bt§ Sltl^eiften ((Spinoja) ,
unb überlaffe (Sud) aUe», ma» i^x Steligion l^ei^t unb
l^eigen mögt. 2)u l^ältft aufj^ ©lauben an ®ott; id^
aufiS @d^auen/ ^ie 9(uf!Iärung l^at gule^t bie @eifter
vox bie 9Ba]^I gefteQt^ entmeber bie geoffenbarten fäafyc*
Reiten burd^ bie SSernunftmal^rl^eiten im Spinogiftifd^en ®inne
gu erfe^eU; ober bem oemunftgemägen Sßtffen felbfl ben
^eg p erllären.
Unb vor biefer äBal^I ftanb aud^ Stcaxt SBie er fid^ gu
il^r fteQte unb über fie entfd^ieb^ ba» gel^t au0 ber Ilaren
Sludfül^rung im SSormorte gur gmeiten Sluflage feiner
„ftritil ber reinen Semunft'' l&eroor: ^©efeftt nun, bie
3Rora( fe^e notmenbtg gfreil^eit (im ftrengften @inne) ate
@igenfd^aft unfered ZBilleniS oorauiS, inbem fte praftifd^e
in unferer SSernunft liegenbe ©runbfö^e anfül^rt, bie ol^ne
Sorauj^fe^ung ber gfreil^eit fd^Ied^terbingiS unmöglid^ mören,
bie fpetulatioe SSernunft aber ^ätit bemiefen, ba% bied ftd^
gor nid^t beulen laffe, fo mu| notmenbig jene SorauiS'
fe^ung, nämlid^ bie moralifd^e berjenigen meid^en, beren
©egenteil einen offenbaren Sßiberfprud^ entl^ölt, folglid^ gfrei«
i^tii unb mit il^r Sittlid^Ieit bem %aturmed^aniiSmuiS
ben $Ia^ einräumen. @o aber, ba iä) gur ÜRoral nid^is
meiter braud)e, aU bai f^^eil^^t fid^ nur nid^t felbft miber«
fpred^e unb fid) alfo bod^ menigfteuiS beulen laffe, ol^ne
notig gu l^aben, fie meiter eingufel^en, bai fie alfo
bem Xaturmed^aniSmui^ ebenberfelben ^anblung (in onberer
Segiel^ung genommen) gar lein ^inbernid in ben SBeg lege;
— 24 —
fo ht^anpiei bit St^tt ber Sittlid^Ieit iJ^ren $la|^ toeU^ed
ober mi)i ftattgefunben f^ättt, wtnn nid^t Jtritil uttiS auoor
von unferer nnvtxmtibliä^tn Unmiffenl^eit in 9ln«
fel^ung ber 2)inge an fid^ felbft itUf^ti, unb aQfi^,
toad toir tJ^eoretifd^ erlennen lönnen, auf bloge @rfd^einungen
eitigef(i^ränlt f^äiit. @ben biefe @rörterung bt^ pofttben
9hi^eniS Irittfd^er ®ntnbfö|e ber reinen Semunft lägt ftd^
in Snfelgung bed 9egriff0 oon ®oii unb ber einfad^en
Statur unferer Seele aeigen, bie id^ aber ber ftürje l^alber
Dorbeigel^e. 3d^ lann alfo ®ott^ tSxeif^tit unb Unfterb»
lid^Ieit )unt ®ebrau4 be^ notmenbigen ©ebraud^iS praN
tifd^er Semunft nid^t einmal anueJ^meU; wenn id^ nid^t
ber fpdCuIatiDen Semunft gugleid^ ilgre SInmagung über«
fd|n)englid^er Sinftd^ten benel^nte. ... Sd^mugtealfo
baiS IBiffen aufl^ebeu; um gum (Blauben $Ia^ }u
belommen.'' ÜRan fielet, Sant fielet gegenüber Sßiffen unb
(ilauben auf einem äl^nlid^en Soben mie Sacobi.
S)er SBeg, auf bem er bal^tn gelangte, ift aQerbingiS
ein anberer. @r mar biiS in fein fünfunbt)ier)igßeiS Sal^r
gläubiger Snl^änger SBoIfi^. Son biefem ®Iauben l^atte
il^n ba» Stubium be0 englifd^en $l^iIofopl^en Saoib
^ume (1711—1776) abgebrad^t ©iefer ^atte allen @in-
ßd^ten bt» menfd^Iic^en Serftanbed einen rabilalen S^^if^'^
entgegengefe^t. SBaiS fc^eint eine fid^erere SBal^rl^eit gu fein,
ob bag iebe SBirlung eine Urfad^e l^aben muffe? ^ume
erf(§ütterte bie Überjeugung non biefer ©emigl^eit. SBenn
id^ einen Stein faSen fel^e unb nad^l^er eine 9u0l^5I^Iung
im Srbboben ma^mel^me, fo nenne i(| biefe eine SBirlung
be0 t^aSed. Stber meiner fd^opfe id^ bie ©emigl^eit, ba|
Smifd^en Urfad^e unb SBirlung ein notmenbiger Sufammen»
lang befleiße? 3d^ nel^me btn ^aU bt» ®teiniS mal^r unb
nad|]^er bie SuiSl^ol^Iung. S)ag beibed mit einanber in Ser»
binbuttg ftel^e, beule id^ l^inju, fagt $ume. S)ad S)enlett
oerhtüpft bie SBal^mel^mungen, aber ni(§t, meil in biefen
felbft etmai^ liegt, ma9 biefer Serlnüpfung entfpräd^e, fon«
bem meil ftd^ ber Serfianb gemSIgnt l^at, bie S)inge in
einen 3ufttmmen]^ang gu bringen. S)er SRenfd^ ift gemol^nt,
— 25 —
)u feigen, ba% ein 2)tng auf ein anbered ber 3^^ ^<^^
folgt. St fielet ani), ba% auf geroiffe Sorgeinge immer
glei(i^e anbete folgen; er bilbetfid^ bie SorfteQung; ba^ e9
fo fein muffe. @r mad^t ben elften Sorgang gur Urfad^e^
ben gmeiten gut SBirlung. S)er SRenfd^ ift anä) gemol^nt^
au feigen, ba^ auf einen ®ebanlen feineiS ®ei^t» eine 9e»
megung feinem» Seibe0 folgt. @r erllärt: ber ®eift l^abe bie
Seibcöbemegung bemirlt. ©enigcrool&nl&cit, nid^tö weiter
liegt ben äudfagen über ben Sitf^^iiintenl^ang ber Sßelt»
erfd^einungen gu ®runbe. SBirllid^Ieit l^aben nur bie eingelnea
SSal^mel^mungen.
3)urd^ biefe Sluj^fül^rungen ^umeiS ift Kant au0 bem
©d^Iummer ermedt morben, in ben il^n, nad^ feinem eigenen
Selenntniö, bie SBoIffd^c Sbecnrid^tung oerfe^t l&attc. SBie
lann bie Scrnunft Urteile über ®ott, greil^cit unb Unfterb*
lid^Ieit föSeU; menn il^re SluiSfagen über bie eiufad^ften Se«
gebenl^eiten auf fold^ unftd^eren ®runblagen rul^en? 2)er
9(nfturm, ben nun ^ant gegen ba^ oernünftige äSiffen unter«
nehmen mugte, mar ein oiel meiter gel^enber ate berjenige
Sacobiö. Siefer l^atte biefem SBiffen mcnigpenS bieSMög»
Ii(§Ieit laffen lonnen, bie 9tatur in il^rem notmenbigen 3u*
fammenl^ange gu begreifen. 3tnn ^ai Sani auf btm @e«
biete ber %aturerlenntni0 eine mid^tige Sl^at mit feiner
175Ö erfd^ienenen „SlQgemeinen %aturgefi^id^te unb Sl^eorie
bed ^immete^^ ooQbrad^t. @r l^at gezeigt, ba% man ftd^
unfer gangei^ ^lanetenf^ftem aui^ einem ®a0ball entftanben
beulen lönne, ber ftd^ um feine 9ld)fe bemegt. S)urd^ ftreng
nottoenbige matl^ematifd^e unb pl^^filalifc^e Jtröfte l^aben
fid^ innerhalb biefeiS SaEed ®onne unb Planeten oerbid^tet
unb bie Semegungen angenommen, bie fie in ®tma%i^nt
ber Seigren ftopernilui»' unb ^eppleri^ l^aben. ^ant l^atte
alfo bie f^tud^tbarleit ber @pino}iftifc^en S)enlart, nad^
i9eld^er aUe^ mit ftrenger matl^ematifd^er ^otmenbigleit fid^
abfpielt, burd^ eine eigene groge Sntbedbtng auf einem
fpegieQen ®ebiete ermiefen. ^ mar oon biefer f^ntd^tbar»
(eit fo überzeugt, bai er in btm genannten SBerle )u bem
Xutotfe fid^ oerfteigt: «®ebt mir SRaterie, unb id^ miE.
— 26 —
tnä) eine Sßett batan§ bauen." Unb bie unbebingte ®t»
niigl^eit ber motJ^emotifd^en äBal^rl^eiten ftanb für il^n fo
feft, ba% er in feinen ^^SSlnfangSgrünben ber Siaturroiffenfd^aft"
bie Sel^Quptung anffteQt, eine eigentlid^e Sßiffenfd^oft fei
nur eine fold^e^ in meld^er bie Slnmenbung ber SRat^ematil
mofllidf) ift. ^äiit ^ume SRed^t, fo Ißnnte oon einer ©ewife«
^exi ber matl^ematifdien unb naturn)iffenfcl)aft(icl^en Srlennt«
niffe ni(f)t bie SRebe fein. ®enn bann roären biefe ©riennt»
nijfe nic^ti^ aU 2)enlgen)0l^n]^eiten^ bie ftd^ ber 9Renfc^ an«
geeignet ^ai, roeil er ben Sßeltenlauf in il^rem @inne fid^
l^at abfpielen feigen. 9lber t^ beftünbe nid^t bie geringfte
@id^er]^eit barüber^ ba^ biefe 2)en!gen)o]^n]^eUen mit bcm
gefe^mägigen S^f^^n^ntenl^ang ber S)inge etmaj^ ^u tl^un
^aben. .f)ume ^iel^t aui$ feinen SSorauiSfe^ungen bie t^oU
gerung: „^it @rfd^einungen n)ed^feln fortmäl^renb in ber
Sßelt, unb einei^ folgt beut anbern in ununterbrod^ener
gfolge; aber bie ©efe^e unb bie ^äfte, meldte baiS SSeltaQ
ben)egen; ftnb uni^ ooQig oerborgen unb geigen fic^ in leiner
mal^rnel^mbaren Sigenfd^aft ber Körper . . ." 'SMdi man
<iIfo bie Sßeltanfd^auung ^vino^a^ in bie Seleud^tung ber
C)untefd^en 9[nfid()t, fo mug man fagen: %ac^ bem bii^l^er
toal^rgenommenen Serlauf ber 3BeItoorgange l^aben mir uni$
gemöl^nt; fie in einem notmenbigen, gefe^mägigen S^fammen*
l^ange gu beulen; mir bürfen aber nid^t bel^aupten^ ba%
biefer Sufammenl^ang mel^r ift ald eine bloge 2)enIgemol^n«
•l^eit. Strafe ba^ ^n, bann möre t§ nur eine S^äufd^ung ber
menfd^Iid^en SSernunft, ba% fie über baj^ SBefen ber ^e(t
burd^i ftd^ felbft irgenb me(d)en 9(uffd^Iug geminnen lönne.
Unb $ume lonnte nid^t miberfprod^en werben, menn er von
ieber SSeltaufd^auung, bie aud ber reinen Vernunft ge«
monnen ift^ fagt: ^Sßerft fie iuiS ^euer, benn fie iftntc^tiS
<ite S^rug unb äSIenbmerl.''
S)iefe S^Ig^ung ^umeiS lonnte JCant unmöglid^ gu ber
"feinigen mad^en. S)enn für il^n ftanb bie ©emigl^eit ber
naturmiffenfd^aftlid^en unb matl^ematifd^en Srlenntniffe^ mie
mir gefeiten l^oben^ unbebingt feft. @r moQte fid^ biefe
48emi6iieit nid^t antaften laffen, lonnte fid^ aber bennod^
— 27 —
ber (Stnftd^t nid^t entstellen, bog ^unte Sted^t f^aiit, wenn
er fagte: Stile Srienntniffe über bie mirllid^en S)tnge ge«
n)innen mir nur, inbem mix biefe beobod^ten unb auf
®runb ber Beobachtung uniS ©ebanlen über il^ren Sufammen«
l^ang bilben. Siegt in ben S)tngen ein gefe^mdgiger 3u*
famntenl^ang, bann muffen wit il^n aud^ auj^ ben S)ingen
l^erau^l^olen. Sßai^ wit aber auiS ben 2)ingen l^eraui^l^olen,
booon n)iffen n)ir nid^t mel^r, ald bai t^ hi^ je^t fo ge«
n)efen ift; wir roiffen aber nid^t, ob ein fold^er S^fammen»
l^ang n)irllid^ fo mit beut Sßefen ber Singe oern)ad^fen ift,
tai er ftdE) nid^t in |ebem ^tiipnnli änbtxn lann. SSenn
n)ir uniS l^eute auf ®runb unferer Seobad^tungen eine äSelt«
anfäiauung bilben, fo lönnen morgen @rfd^einungen ein«»
treten, bie uniS ^u einer gang anberen jmingen. $oIen mir
oHe unfere ©rienntniffe auö ben Singen, fo giebt e0 leine
©emifel&eit. aber e» giebt eine ©emifel&eit, fagt ffant. 3)ie
SRatl^ematil unb bie %atum)iffenfd^aft bemeifen t^. Son
einer SBelt, bie auger uni^ aui^gebreitet liegt unb bie mir
nur burd^ SSeobad^tung auf uniS einmirlen laffen, Ibnnte
unfere Vernunft niemate bel^aupten, ba% tixoa^ in il^r gemig
fei. SfolaKdÖ *o«n unfere SBelt nur eine fold^e fein, bie
mir fclbft aufbauen: eine SBelt, bie innerl^alb unfereiJ
©eifteiS liegt. 'SSa^ auger mir oorgel^t, mal^renb ein @tetn
fctQt unb bie @rbe auiSl^öl^It, meig id^ nid^t. Siefer gange
äSorgang fpielt ftd^ in mir ab. Unb er tann fid^ in mir
nur fo abfpielen, mie t^ i^m bie @efe^e meineiS eigenen
geiftigen OrganiSmuiS oorfd^reiben. Sie Sinrid^tung meineiS
©eifteö forbert, ba^ jebe SBirlung eine Urfad^e ^aht unb
ba^ gmeimal gmei oier fei. Unb gemäg biefer @inridE)tung
baut fid^ ber @eift eine 9BeIt auf. SRöge nun bie auger
un0 liegenbe SBelt mie immer gebaut fein, möge fie fogar
^eute in leinem 3^9^ i>^^ geftrigen gleid^en; nnS lann ba&
nid^t berül^ren, benn unfer ®eift fd^afft fid^ eine eigene
SBelt nad^ feinen ©efe^en. @o lange ber menfd^lid^e @eift
berfelbe ift, mirb er bei @raeugung feiner SBelt aud^ in
gleid^er SBeife oerfal^ren. äßatl^ematil unb ^aturmiffenfd^aft
entl^alten nid^t ®efe^e ber Slugenmelt, fonbern biejenigen
— 28 —
unfereiS Beifügen OrganiiStnui^. S)ei$l^alb ttaud^tn toir nur
biefen ju erforfd^en, wenn mit ba» unbebingt SBal^re lennen
lernen moUtn, „5£)ex äSerflanb fd^opft feine ®efe^e nid^t an^
ber Statur, fonbcyn fdbreibt fie biefer vox". 3n bicfcm @a|e
fagt Stani feine Ubergeugung jufammen. S)er ®eift erzeugt
aber feine Innenwelt nid^t ol^ne Stnfiog ober Sinbrudt von
äugen. SBenn id^ eine rote tSaxbt empfinbe, fo ift ba^
„Stot" aSerbingiS ein S^ftanb, ein Sorgang in mir; aber
id^ mui eine Seranlaffung l^aben, bag id^ ^rot'' empftnbe.
(S9 giebt alfo ,r3)inge an fxd^*'. 9Bir wijfen |ebod^ oon
iignen nid^tiS, a(0 bag e0 fte giebt. Wie», n>a» wix beob»
achten, finb 2)inge in und. ^ant l^at alfo, um bie ®en)i6'
l^eit ber ntatl^ematifd^en unb naturmiffenfd^aftlid^en SBalgr«
Reiten )u retten, bie gange Seobad^tungi^melt in ben ntenfd^«
lid^en ®eift l^ineingenotnnten. 2)amit l^at er aber aud^
aEerbingiS beut @rIenntniiSoennogen unüberfteiglid^e ©rengen
gefe|t. 2)enn aQeiS, n)ai^ wit erlennen tonnen, begiel^t fid^
nid^t auf 2)inge auger uni^, fonbern auf Vorgänge in uni^,
auf Srfd^einungen, mit er ftd^ auiSbrüdCt. Xun lonnen
aber bie ®egenftänbe ber Igöd^ften Sernunftdfragen : ®ott
gfreil^eit unb Ünfterblid^Ieit nientate in bie ^d^einung
treten. SBir feigen S)inge in un0; ob bie auger und oon
einem gottlid^en Sßefen l^errül^ren, lonnen mir nid^t miffen.
Sßir lonnen unfere eigenen Seelenguftänbe mal^mel^men.
SIber aud^ biefe ftnb nur @rfd^einungen. Ob l^inter il^nen
eine freie, unfterblid^e Seele maltet, bleibt unferer (Sriennt*
nid oerborgen. Über biefe „2)inge an fid^'' fagt unfere
Sdenntnid gar nid^td an9. ®ie befümmt nid^td barüber,
ob bie Sbeen oon il^nen mal^r ober falfd^ ftnb. SBenn mir
nun oon einer anbern Seite l^er über biefe S)inge tima»
oernel^men, fo liegt nid^td im äßege, il^re ^fteu) angu«
nel^men. 9lur miffen lonnen mir nid^td über ^e. @d giebt
nun einen S^O^ng )u biefen l^öd^ften SBal^rl^eiten. Unb
bad ift bie Stimme ber $flid^t, bie in und laut unb beut»
lid^ fprid^t: S)u follfi bied unb ba» i^nn. 2)iefer ^fote-
gorif(§e Smperatio'' legt und eine Serbinblid^Ieit auf, ber
mir und nid^t entgiel^en lonnen. Stber mie m&ttn mir im«
\
— 29 —
fianbe, einer fold^en Serbinbßd^teit nac^gulommen; toettn mir
nid^t einen freien SBillen ^äüm? ^ir lonnen bie 8f*
fd^affenl^eit unferer ®eele gmor nid^t erlennen, aber ton
müjfen glauben, bag fte frei x% bamit fte il^rer inneren
(Stimme ber ^flxä)i nad^Iommen lönne. 99ir l^aben fomit
über bie gfreil^eit leine ßrlenntnidgemigl^eit mie über bie
©egenftänbe ber äßat^ematil unb ber %aturn)iffenfcl)aft;
aber mir l^aben bafür eine moralifd^e ©emigl^eit. S)ie
Befolgung beiS lategorifd^en SmperatioiS fül^rt gur£ugenb.
^urd^ bie £ugenb allein tann ber 9Renfd^ feine Seftimmnng
erreid^en. @r mirb ber ©lüdEfeligleit miirbig. @r mu%
alfo bie @lüdfeligleit aud^ erreid^en lonnen. 2)enn fünft
möre feine Slugenb ol^ne 6inn unb Bebeutung. 2)amii aber
ftd^ an bie £ugenb bie ®Iü(Ife(ig!eit Inüpfe, mui ein SBefen
ba fein, ba^ biefe ©lüdtfeligleit gur Qfolge ber Sugenb
mad^t. 2)aj$ lann nur ein inteQigeniej^, ben l^öd^ften SBert ber
5)inge beftimmenbeiJ SEBefen, ®oii, fein. 3)urd& ba^ Sor»
^anbenfein ber S^ugenb mirb uniS beren SSirlung, bie ®lüd»
feßgleit, oerbürgi unb burd^ biefe mieber baS 2)afein @otte0.
Unb meil ein ftnnlid^ei^ Sßefen, mie e0 ber äRenfd^ ift, bie
ooEenbete ©lüdCfeligleit nid^t in biefer unDoQIommenen
SBcll erreid^en lann, fo mufe fein ®afein über bieö ©innen»
bafein l^inaui^reid^en, ba» l^eigt, bie @eele mug unfierbßc^
fein. SBorüber mir alfo nid^td miffen lonnen: ba» gaubert
^ant au» bem moraIifd)en ©lauben an bie Stimme
ber $flid^t ^eroor. 2)ie ^od^ad^tung oor bem ^fiid^tgefül^I
mar ba», ma» itiva eine mirllid^e SSelt mieber anitxd)ieit,
al» unter ^umeiS @influ§ bie S3eobad^tung0melt gur blogen
Snneumclt l&erabfanl. 3n fd^önen ©orten lommt in feiner
^ftritil ber praftifd&cn SSernuuft" biefe ^od^ad^tung gum
kn»bxnd: „^flid^t! bn crl^abener, großer 9iame, ber bu
nid^t0 Seliebted, xoa» (Sinfc^meid^ebtng bei fid) fül^rt, in
bir faffeji, fonbern Untermerfung oerlangft*, ber bu „ein
®efe^ auffteEft . . . oor bem aQe Neigungen Derftummen,
menn fte gleid^ im ©el^eimen il^m entgegenmirlen ....''
2)ag bie Igod^ften Sßal^rl^eiten leine @rlenntni0ma]^r]^eiten,
fonbern moraßfd^e feien, ba» Igielt Sani für feine Snt«
— 30 —
bedung. Sluf @inftc^ten in eine überflnnlid^e SBelt mu§
ber SRenfdf) oeraid^len; ouS feiner moraIif(f)en Sfatur ent«
fpringt il&m ßrfa^ für bie SrIenntniS. Äein SBunbcr, ba%
äani in ber unbebingten rüdl^altlofen Eingabe an bie
$fli(f)t bie pd^fte Qforberung an ben SRenfd^en fielet. Sr»
öffnete il)m bie $fli(f)t nid^l einen Slugblicf auS ber Sinnen»
weit l&inauS; er wäxe fein gan^eö ßcben l&inburd^ in bicfe
eingefd^loffen. 3Sa^ alfo and) bie ®innenn)elt verlangt:
eö mufe gurüdtrcten hinter ben Slnforberungen ber ^flid&i.
Unb bie @innenn)elt lann au^ ft(f) felbft l^erauj^ nid)t mit
ber ^flid&t übereinflimmen. Sie will ba^ Slngenel^me,
bie Suft. Sitten mnfe bie ^flid^l entgegentreten, bamit ber
SKenfdf) feine SSeftimmung erfütte. SBad ber 3Renf(^ anS
Suft üoDbringt, ifl nid^t tugenbl^aft; nur roaö er in ber
felbftlofen Eingabe an bie ^fli(f)t üollfül^rt. Unterwerfe
beine Scgierben ber $fli(f)t: ba2 ifl bie ftrcnge Aufgabe
ber Jtantfd^en Sittenlehre. aSoHc ni(f)t§, roaS bid^ in beiner
@elbftfu(^t befriebigt^ fonbern l^anble fo, ba% bie ®runb»
föfec beineö .^anbelnS bie aller STOenfd^en werben Ißnncn.
3n ber Eingabe an baö Sittengefefe erreid^t ber äBenfd^
feine SoHIontmenl^eit. ®er ©laube, ba^ biefeS Sittengefe^
in . crl^abcncr §öl)e über aHem anbern SEBeltgefd^el^en
fd^roebt unb burd^ ein gottlid^eS SBefen in ber SBelt oer«
roirllid)! wirb, baQ ift, nad) Äanti? Meinung, roal^re Sfteli*
gion. Sie entfpringt aus ber 9RoraI. ®er äJienfc^ foH nid^t
gut fein, weil er an einen ®ott glaubt, ber ba^ ©ute
wiQ; er foQ gut einzig unb allein auS ^f{td)tgefü]^I fein;
aber er foD an ®oit glauben, weil ^flid^t ol&ne ©Ott ftnn»
los ift. ®aS ift „Sleligion innerhalb ber ©renken ber
blofeen Sernunft" wie ffant fein Sud^ über religiofe SBelt»
anfd^auung nannte.
®te felbftlofe Eingabe an bie Stimme beS ©eifteS l^at
Äant gur ©runblage ber STOoral gemad&t. Stuf bem (Ge-
biete beS tugenbl^aften ^anbelnS oertragt fid) eine fold^e
Eingabe nid^t mit berjenigen an bie ®innenwelt. @S giebt
aber ein ^Jelb, auf btm ba^ ©innlid^e fo erl&ö^t ift, ba%
cS wie ein unmittelbarer auSbrudt beö ©eiftigen erfd^cint.
-- 31 —
2)teiS ift ba» ©ebiet bed Sd^önen unb ber jfunft. 3m all«
tägltd^en Seben tjerlangen mit baiS @innlid^e; toeil eiS unfer
Segelten, unfcr fclbftfücl|tißc5 Sntcrcffc erregt. SBir trogen
Verlangen nadE) bem^ toaiS uni^ Suft tnad^t. 3Str lönnen
aber auä) ein felbftlofeiS Sntereffe an einem ©egenftanbe
l^aben. 9ßir lönnen bemunbernb vor il^m ftel^en^ doQ t)on
feiiger Suft unb biefe Suft fann gan} unabigängig t)on
bem ®efife ber ©ad^e fein. Db id^ ein fd&öneig §au5, an
btm iö^ Dorübergel^e, anä) befi^en möd^te^ ba& ^ai mit btm
felbftlofen Sntereffc an feiner SdEjönl^eit nidE|ti5 gu ti^un.
SBcnn idE| alleS SSegcl^ren au^ meinem ©efül^Ie aui8fdE|etbe,
fo bleibt nod) tixoa^ gurüd; eine Suft^ bie fid) rein an ba^
fd^öne Sunftmerl Inüpft. (Sine fold^e Suft ift eine äftl^etifd^e.
S)a0 @d^6ne unterfd^eibet fid) oon bem Slngenel^men unb
btm ©Uten. S)ai5 Slngenei^me erregt mein Sntereffe, meil
es meine Segierbe ermedtt; ba^ ®ute intcreffiert mid&, mcil
eS burd^ mid^ Dermirllid^t merben foll. S)em Sd^önen fte^e
id^ oi^ne irgenb ein foId^eS Sntereffe, ba^ mit meiner ?ßerfon
gufammenl^ängt, gegenüber. äSoburd^ lann ba^ ©d^öne mein
felbfllofeS aSol&Igef ollen on fid^ gicl^en? SRir fonn ein
S)ing nur gefotten, menn e§ feine Seftimmung erfüllt, menn
eg fo befd^offen ift, bo§ eS einem ^wtdt bient. 3d& muß olfo
on bem Sd^ßnen einen S^ed mol^rnelömen. S)ie 3wed-
mööigleit gefällt; bie 3n3cd(roibrigleit mißfällt. 9Do id^ ober
on ber SESirllid^feit be« fd^ßnen ©egenftonbeS lein Sntereffe
l^obe, fonbern bie bloße 9(nfdC|auung beiSfelben mid) be«
friebigt, fo bxand)i ba& @d^ßne oud^ nid^t mirtlid) einem
3n)ede gu bienen. S)er S^^^ ift Jni^ glcid^gültig, nur bie
Smedmäfeigfeit oerlongc iä), ©eöl^olb nennt Äont ^fd^on"
bo^jenige, moron mir S^Jedmöfeigleit rool^rnelömen, ol^ne
bofe mir bobei on einen beftimmtcn 3"^^^ beulen.
6S ift nid^t nur eine ©rllörung, eö ift oud^ eine JRcdit*
fertigung ber %unft, bie ^ont bomit gegeben l^ot. 3ßon
fielet boiS om beften, menn man fid^ oergegenmörtigt, mie
er fid^ mit feinem ©efül&Ie gu feiner SBeltonfd^ouung ftellte.
(Sr brüdt bog in tiefen fd^ßnen SBorten an^: „Qroex ®inge
f Or THF
V - -
— 32 —
erfüllen bai^ ®etnüt mit immer neuer unb ftdd ^unel^menber
SSemunberung unb (Sl^rfurd^t: ber geftirnte ^immel über
mir unb baS moralifdje ®efe^ in mir. S)er erfte Slnblid
einer gal^IIofen SBeUenmenge Dernid^tet gleid^fam meine
lEBid^tigleit; aU einciS animalifd^en ©efd^dpfed^ ba^ bie
äRaterie, au9 ber ed morb, btm Planeten, einem blogen
$un!t im SBeltaD^ mieber gurüdgeben mu^, naä^btm ed
eine fur^e ^exi (man meife nid^t mie) mit Scbeni^fooft vtt»
feigen mar. 2)er }meite erl^ebt bagegen meinen 3Sert, al&
einer ^nteüigeng; unenblic^ burd^ meine (felbftbemugte nnb
freie) ^crfönlid^feit^ in roeld^cr bo5 morolifc^c ®efe^ mir
ein Don ber S^ieri^eit unb felbft Don ber gangen ©innen«
melt unabl^ängigeiS Seben offenbart, menigfteniS fo Diel fic^
aud ber gmedmögigen ^eftimmung meineiS S)afeind
burc^ biefed ®efe^ abnel^men lägt, meld)e nid^t auf bie
Sebingungen unb ®rengen biefeS Sebenö eingefdiränft tft;
fonbern ini^ Unenblid^e Qt^t" S)er ^nftler pflanzt nun
biefe gmedmägige ^eftimmung, bie in SBirllic^Ieit nur
im moralifdien SEBeltreid^e maltet, ber Sinnenmclt ein. S)a»
burd) fte^t ba^ ^unftmerl gmifdien btm ®ebiet ber S3eo6«
ad^tungdmelt, in ber bie emigen eisernen ®efe^e ber $ot«
menbigleit j^^rrfd^en, bie ber menfd^Iid^e ®eift erft felbft in
fie l^ineingelegt l^at, unb bemäteidie ber freien @ittltdgfeit,
in ber $^id^tgebote als 9(uiSf(u6 einer meifen göttlidjen
SBeltorbnung Stid^tung unb 3^^^ angeben. 3n>if<^^n ^^i^^
Steid^e l^inein tritt ber ^ünftler mit feinen SBerlen. @r ent*
nimmt bem Sfteidi be« SBirllid^en feinen Stoff; ober er
prägt biefen @toff gugleid) fo um, ba% er ber ^träger einer
gmedmögigen «Harmonie ift, mie fie im 9teid)e ber gfreil^eit
angetroffen wirb. S)er menfdjlic^e ®eift fül^It fic^ alfo un»
befriebigt mit ben blogen 9leid)en ber SBirllidifeit, ba&
Stant mit bem geftirnten ^immel unb ber gal^IIofen SBelten«
menge meint, unb bem ber moralifd^en ®efe^mci6igleit. Sr
fc^afft \\ä) beiSl^alb ein fd^öned Sleic^ bed ®d^einei9, ba»
ftane %aturnotmenbig!eit mit freier Sn'^^'niäligleit oer«
binbet. %un finbet man baS @d^öne nid^t nur in menfc^«
liefen Siunftmerlen, fonbern auc^ in ber %atur. @d giebt
— Sa-
rin Saturfd^oncig neben btm ffiunftfc^önen. ©icfeiS Statut»
fc^öne ift o^ne menfc^Iid^eiS 3utl^un ba. &^ fc^etnt alfo^
ote n)enn in ber SBirHtd^Ieit bod^ nid^t blog bie ftane^
gefe^mägige $ottt)enbigIeit; fonbern eine freie toeife £l^ätig«
leit }u beobad^ten n)clre. S)ai^ ©d^öne ^mingt aber ^u einer
fold^en Slnfd^auung boä) ntd)L S)enn eiS bietet ja bie
3n)edmö6igleit, o^ne ba% man an einen mixtliä)tn Qwtd
gu benlen l^ötte. Unb ei^ bietet nid^t blog "ßwedmä^iQ»
S^önt», fonbern audCi '^rotdmä^'^&iliä^tS. 3Ran lann
alfo annel^men, bai unter ber t^üQe ber StaturerfdjeinungeU;
bie nad^ notmenbigen @efe^en ^ufammenl^öngen mit burd^
gufatt oud^ fold^c finb, in benen ber ntenfd^Iic^e ®eift eine
Sinologie mit feinen eigenen £unftn)erlen mal^rnimmt. 3)a
an einen n)irllid^en ^mtd nid^t gebadjt p njerben ixanä^i,
fo genügt rine fold^e gleid^fam sufäüig oorl^anbene Qmed»
incifeigleit für bie äftl^etifd^c 9iaturbetrod&tung.
Slnberg wirb bit ^aä)t oüerbingiS, roenn mir SBefcn
in ber Sfatur antreffen, bie ben ^voed nid^t blofe aMföBiQ/
fonbern mirÜid^ in fid^ tragen. Unb audCi fold^e giebt e&,
naä^ ftantS SReinung. 6§ finb bie organifd^en SESefen.
3u il^rer @rllärung reid^en bie notroenbigen, gefe^mögigen
3ufammen]^önge, in benen fid^ @pinogad SSeltanfd^auung
erfd^öpft unb bie $ant aU biejenigen bt^ menfd()Iid^en
®riftei$ anfielet, nidjt an^. 2)enn ein ^OrganiiSmui^ ift
rin %aturprobuIt; in toeld^em allei^ '^mtd unb mei^^tU
feitig aud| äßittel, Urfad^e unb n)edbfelfeitig aud^ äSirlung
ift". ®er DrganiiSmulS !onn alfo nid^t fo toie bie un»
organifc^e %atur burd^ tm^t, eiserne @efe^e erllört merben.
S)edl^alb meint ^ant, ber in feiner ;,9IQgemeinen %atur«
gefd^id^te unb Stl^eorie beS ^immefe" fclbft ben SerfudEi
unternommen ^ai, bie ^SSerfaffung unb ben med^anifd^en
llrfprung bt^ ganzen SSeltgebäubeiS nad^ %en)tonfd^en
®runbfä^en abgul^anbeln''; bai ein gleid^er SSerfud^ für
bie organifd^en SBefen mißlingen muffe. 3n feiner ;,ÄritiI
ber Urteitefoaft'' bti)a\ipiti er: „@^ ift nömlid) gan} gemißt
ba% mir bie organifterten SBefen unb beren innere äßöglid^Irit
nad^ bloß medjanifd^en ^ringipien ber %atur nidjt rinmal
steinet, XBelt« unb SebenSonfd^autmgen. 8
— 34 —
^uretc^enb lennen lernen, Diel weniger uni^ erllären lonnen;
unb itoax^o gemig/ bag man breift fagen lann, eis ift für
ben ÜRenfd^en ungereimt, and) nur einen folc^en Stnfd^Iag
au f äffen, ober gu l^offen,- ba% nod^ tiwa bereinft ein %en)ton
aufftel^en lonne, ber aud^ nur bie Sr^eugung eine0 ®rad«
^alm^ nadg %aturgefe^en, bie leine SIbfidgt georbnet ^ai,
begreiflich mad^en merbe; fonbern man mug biefe ßin^d^t
btm aKenfdgen fc^Ied^tlgin abfpredgen." SKit ber Stantfd^en
$(nftc^t, bai ber menfc§Iic{)e ®eift bie ®efe^e, bie er in
ber $atur Dorfinbet, felbft erft in fie l^ineinlege^ lä%t fid^
aud^ eine anbere SKeinung über ein ^medmägig geftalteteiS
SBefen nid^t Dereinigen. 3)enn ber S^td beutet auf ben«
jenigen l^in, ber il^n in bie äSefen gelegt l^at, auf ben
intelligenten äSelturl^eber. Sonnte ber menfd^Iid^e ®eift ein
gmedCmdgigeiS SBefen ebenfo erKären, mie ein blog natur«
notmenbigeiS, bann mü^it er aud^ bie 3n)edgefe^e auiS ftd^
l^eraud in bie 2)inge l^ineinlegen. @r mü^it alfo ben
S)ingen nid^t Uo% ®efe^e geben, bie für fie gelten, infomeit
fte feine ^nnenmelt bebeuten; er mügte il^nen auä^ il^re
eigene, oon i^m gänglid^ unabl^ängige Seftimmung oor«
fd^reiben lönnen. @r mü^te alfo nid)t nur ein erlennenber,
fonbern ein fdiaffenber ®cift fein; feine Sernunft mü^U
mit bie gottlid^e bie 2)inge fd^affen.
9Ber bit Strultur ber ^antfdjen äSeltauffaffung, wie
fie l^ier flij^iert morben ift, fid& oergegenmärtigt, mirb bie
aSirlung berfclbcn auf bie S^tgenoffen unb aui^ auf bie
Sad^melt begreiflid^ pnbcn. ®enn fie toftet feine ber 88or»
fteDungen, bie ftd^ im Saufe ber abenbUnbifd^en Stultur«
entmidFelung bem menfd^Iid()en @emüte eingeprägt l^aben,
axu Sie läßt btm religiofen ®etfte: ®ott, greil^eit unb
Unfterblid^Ieit. @ie befriebigt ba» @r!enntntdbebürfnii$, inbem
fie il^m ein @ebiet abgrenzt, innerl^alb beffen eS unbebingt
gcmiffe SBal^rl^eiten gicbt. 3a, fie Wfet fogar bie SReinung
gelten^ ba% bie menfc^Iid^e Sernunft ein Siedet l^abe, ft(^
aur ^rSctrung lebenbiger äSefen nic^t blog ber emigen,
eisernen 9laturgefe^e, fonbern beß ^wtdbtQxi^» }u bebienen,
ber auf eine abft^tlid^e Orbnung im SBeltmefen btntti.
— 35 —
Sber um toeld^en $reid f^ai ^ani aUtB biefeiS erreid^t!
@r f)ai bit gan^e Statur in ben menfd^lid^en ®eift i^inetn«
Derfe^t unb il^re ®efe^e gu foIdEjen biefeis ®etfted felbft
gemad^t. @r ^ai bit l^öl^ere SBeltorbnung gan} auis ber
Xatur tjertoiefen unb fte auf eine rein moralifd^e ®runblage
gefteQt. @r ^ai amtfc^en ba^ unorganifc^e unb ba^ organifd^e
Sleid^ eine fd^arfe ©renglinie gefegt; unb jened nad^ rein
nted^anifd^eU; ftreng notn)enbigen ©efe^en, biefeiS nad^
^mtdüoÜtn Sbeen erllctrt. (Snblic^ l^at er baB 9leid^ bed
@d^onen unb ber ^nft DöQig aui^ feinem Sufammenl^ange
mü ber übrigen äBirllid^Ieit l^eraudgeriffen. S)enn bie
SmedFmögigfeit, bie im ©djönen beobad^tet mirb; ^ai mit
n)ir!Iid)en ^wtdtn nid^tiS ju tl^un. 9Bie ein fd^dner @egen«
ftanb in ben SBeltgufammenl^ang l^ineinfommt, baB ift
gleid^gültig ; eis genügt, ba^ er in und bie SorfteQung beis
SmedCtnägigen erregt unb baburd^ unfer SBol^Igefallen erregt.
2)en ©egenfa^ }u biefer ^antfd^en 9(uffaffung ber äSelt
btibete in allen mefentlid^en S)ingen bie ©oeti^efdEje. Ungefäl^r
um biefelbc 3cit, afo Äant feine ^Xfritif ber reinen Sernunft*
erfdjeinen lieg, legte @oetl^e fein ®IaubeniSbe!enntnid in
einem ^^mnuiS in $rofa ;,bic Statur'' nieber, in btm er
ben äRenfdjen gan} in bie %atur J^ineinfteQle; unb fie, bie
unabl^ängig tjon il^m maltenbe, ju il^rer eigenen unb feiner
®efe^geberin augleid^ madjte. £ant nai^m bie gange %atur
in ben menfd^Iid^en ®eift l^erein, ®otif)t fal^ alled äRenfd^Iid^e
ate ein ®Iieb biefer %atur an; er fügte ben menfdjlic^en
®eift ber natürlidjen äSeltorbnung ein. ;,%atur! 9Bir
finb t)on il&r umgeben unb umfc^Iungen — unt)ermßgenb,
au» x^t l^eraui^gu treten, unb unorrmögenb, tiefer in fte
l^ineihgulommen. Ungebeten unb ungemarnt nimmt jte
uniS in ben ^eislauf il^reiS ZanitS auf unb treibt ftd)
mit uniS fort; biiS mir ermübet ftnb unb ii^rem 9(rme ent«
fallen S)ie SRenfc^en finb attc in il^r, unb fic in
allen .... SludE) baS Unnatürlid^fte ift %ator, aud^ bie
plumpefte $]^ilifterei l^at etmaiS tjon ii^rem ®enie . . . 9Ran
3*
— 36 —
ge^ord^t i^ren ©efe^en, aud^ toenn man il^nen toiberftrebt;
man wxdt mit t^r, auc^ wenn man gegen fte mtrien
mid . . . . @te ift aQeS. @ie belol^nt ftd^ felbft unb bt»
ftraft ftd& felbft, erfreut iinb quält ftd& felbft .... Sic
"^ai midE) l^ereingeftellt; fie mirb mid^ aud) ^erauisfül^ren.
Sd^ vertraue mid^ ii^r. @ie mag mit mir fc^alten; fie
mirb il^r äSerl nic^t l^affen. ^ä) fprad^ nid^t oon i^r;
nein, xoa^ ma^x ift unb mad falfc^ ift, aQeiS l^at fte ge»
fproc^en. aOeö ift i^re ©d&ulb, attcö ift i^r Serbienft.^
S)ad ift ber ©egenpol ber ^antfd^en 9BeItanf(^auung. Sei
ffant ift bie %atur gana ®eift; bei @oet^e ift ber ©eifi
gan} %atur. @d ift bemnad) nur gu uerftänblid^, menn
©oeti^e in bem Sluffafee ^ßinmirfung ber neueren ^^ilofopl^ie"
erjöl^It: „Sani^ Jtritil ber reinen Vernunft ... lag nöQig
augerbalb meines Greifes. 2ld^ mo^nte jebod^ mand^em
©efpräd^ barüber bei, unb mit einiger 3(ufmerlfamleit tonnte
id) bemerlen, bai bie alte Hauptfrage fid) erneuere, mie
Diel unfer Selbft unb mie t)iel bie Slugenmelt p unferm
geiftigen S)afein beitrage? 3d^ ^^Be beibe niemals gefonbert,
unb menn id^ nad^ meiner SBeife über ©egenftänbe pl^ilof opl^ierte,
fo tl^at id) eS mit unbemugter $aiuetat unb glaubte mirllid^,
id^ fäi^e meine SReinungen t)or äugen.'' 3n biefer auf-
faffung ber Stellung ©oetl^eS }u ^ant bxand)i unS aud^
nic^t gu beirren, bai ber erftcre mandjeS günftige Urteil
über ben ^önigSberger $l^iIofopl^en abgegeben l^at« 2)enn
ii^m felbft märe biefer ©egenfa^ nur bann gang !Iar ge«
morben, menn er fid^ auf ein genaues @tubium ^antS
eingelaffen l^ätte. S)aS i^at er aber nic^t. 3n bem oben
genannten Sluffa^ fagt er: „^tx Eingang mar eS^ ber
mir gefiel; inS Sab^rintl^ felbft lonnte id^ mid^ nic^t magen;
balb l^inberte mid^ bie S)i(^tungSgabe, balb ber SKenfd^en«
oerftanb, unb id^ fül^Ite mid^ nirgenbS gebeffert." ©c^orf
aber f^at er bod) einmal bm ©egenfa^ auSgefprod^en in
einer ^ufgetd^nung, bie erft burd^ bie SSeimarifd^e ©oetl^e«
SluSgabeauS bem ^adjlagoeröff entließt morben ift(äBeimarifd^e
ausgäbe, 2. abteilung. »anb XI @. 377): S)er ®runb-
irrtum ftams, meint ©oetl^e, beftünbe barin, ba% biefer
— 87 —
^ba& fuBteIttt)e @rIenntntöt)ennogen felBft ate Cbieli 6e«
ixaäiiti unb beit $un!t^ wo fubjeüit) unb o6j[eIttt) aufammen«
treffen; an><n^ fc^c^^ (^btt nid^i gana rid^tig fonberi''. ©oeil^e
ifi eben ber Slnftc^t^ bai in bem fubjeltiöen menfd^Iid^en
SrlenntnidDermogen md)i blo% ber ®eifi ate foIdEjer ftd^
auiSfpric{)i, fonbem ba^ bie %atur eiS felbft ift, bie ftdE) in
bent SRenfc^en ein Crgan gefd^affen f^ai, burc^ ba» fte il^re
®el^etniniffe offenbar werben Iä§i Si^ fprid^t gar nid^t
ber SRenfdE) über bie %atur; fonbern bit Statut fprid^t im
9Renfd)en über ftd^ felbfi S)aig ift ©oeil^ed Überaeugung.
@o lonntc ©oetl^e fagen: ©obalb ber Streit über bit
SBeltanftd^t Sant^ „ ^ur Sprad^e tarn, modjte td^ mid) gern
auf biej[enige @eite [teilen; meldte bem 9ßenfd^en am meiften
Sl^re mad^t; unb gab aQen gfreunben tjolllommen SeifaD,
bie mit Stant bel^aupteten^ menngleid^ alle unfere Srlenntnid
mit ber @rfal^rung angei^e^ fo entfpringe fte barum bod^
nid^t tbtn aQe au9 ber Srfa^rung." S)enn®oetl^e glaubte^ bag
bie emigen ©efe^e^ nac^ benen bie %atur Derföi^rt; im
menfd^Iidien ©eifte offenbar merben; aber für il^n maren
fie beiSl^alb bod^ nid^t bie fnbjeltioen ©efe^e biefeiS ©eifted,
fonbern bie objeltioen ber %aturorbnung felbfi 'S)t»^alb
lonnte er aud) SdjiQer nid^t beiftimmen^ aU bittet, unter
ftanti^ @influ6, eine fd^roffe Sd^eibemanb amifdjen bem Steid^e
ber Statumotmenbigleit unb btm ber ^reil^eit aufrid^tete.
Sr fprid)t ftd^ barüber au$ in bem 9(uffa^: ^»Sefanntfc^aft
mit Sc^iKer": „^xt Stantifc^e $l^iIofopbie; meldie ba»
Subjelt fo l^odE) eri^ebt, inbem fte t& einzuengen fd^eint;
l^atte er mit f^reuben in fid^ aufgenommen; fte entmidelte
ba& 9(u6erorbentIi(^e, xoaS bie %atur in fein JBefen gelegt,
unb er; im l^öc^ften ©efül^I berf^reil^eit unb @elbftbeftimmung;
mar unbanibar gegen bie groge ÜRutter; bie il^n gemi^
nid^t ftiefmütterlid^ be^anbelte. SInftatt Tte aü felbftcinbig;
lebenbig; oom 3:iefften bid gum $öd()ften gefe^Iic^ i^eroor«
bringenb gu btixadiittif na^m er fte oon Seite einiger
empirifdgen menfd^Iidjen S^atürlidileiten." Unb in bem
Üuffa^: ^ßtnniirlung ber neueren ^^ilofopl^ie" btuiti er
ben ©egenfa^ }u Sd^ider mit ben äSorten an: „& prebigte
— 38 —
bad @t)angeliitm btx gfreil^eit; ic§ tooQte bie Sted^te ber
*atur nid&t tjcriürat roiffcn." 3n ©dritter ficdtc eben etroaß
Don ^anttfd^er SorfteQungiSart ; für (äoetl^e ift t» aber
rid^tig^ toai^ er im $inbltd auf ®efpräc^e fagt, bie er mit
Stantianern gefül^rt f^ai: ^@ie l^orten mic^ mol^I, lonnten
mir aber ni^t» ermibern^ nod^ irgenb fdrberlidg fein. ÜRel^r
(d& einmal begegnete e» mix, ba% einer ober ber anbere mit
läd^elnber Sermunberung gugeftanb: e^ fei freilid^ ein
9(nalDgon Stantfd^er SorfteKungi^art, aber ein feltfameiS."
3n ber Jhtnft unb bem @d^dnen fal^ ®oetl^e nic^t ein
au» bem mirllid^en Sufammenl^ange J^eram^geriffenei^ 9leic§^
fonbem eine l^ol^ere @tufe ber natürlidgen Qt^d^mä^xilüL
Seim 3(nblide t)on lünftlerifd^en ©d^öpfungen, bie il^n be«
fonberi^ intereffieren, fd^reibt er möl^renb feiner italienifd^en
Steife bie äSorte nieber: ^Sie l^ol^en Stunftmerle finb gu«
gleid^ ote bie l^ddgften %atunoerIe t)on 9Renfd^en nad^
maleren unb natürlid^en ©efe^en l^eroorgebrad^t morben.
aOeiS aSimürlid^e, ßingebilbete fdOt aufammen; ba ifi
Xotmenbigleit, ba ift ®ott.'' 93enn ber JHinftler im
Sinne ber ©ried^en Derfäl^rt; nömlid^ ^^nad^ ben ©efe^en,
nad^ meldten bie %atur felbft Derfdl^rt''; bann liegt in
feinen SBerlen ba» ®dttlid^e, bais in ber Xatur felbft ju
finben ift. t^ür ©oetl^e ift bie ffunft ^^eine SKanifeftation
gel^eimer %aturgefetfe^^; wa» ber StünftUt fd^afft/ finb Xatur«
wtdt auf einer l^ol^eren ®tufe ber SoIKommenl^eit. Stunft
ift grortfe^ung unb menfd^Iid^er Sbfd^Iug ber %atur; benn
;rinbem ber aienfdg auf ben ®ipfel ber %atur gefteOt ift^
fo fielet er fid^ mieber ate eine gan^e %atur an, bie in fic^
abermate einen ®ipfel l^erDorjubringen ^at "S^aiu fteigert
er fid^, inbem er fidg mit allen SoDIommenl^eiten unb
£ugenben burd^bringt; "SSa^l, Orbnung, Harmonie unb 9e«
beutung aufruft unb fid^ enblidg bii» gur $robuItion btS
Jtunfhoedi» erl^ebt". 2iJlt» x\i %atur, t)om unorganif d^en
Stein bid au ben pd^ften Jtunftmerlen bei» ÜRenfd^en unb
aQeiS in biefer %atur ift oon ben gleid^en ^.emigen, not«
menbigen, bergeftalt gdttlid&en ©efe^en" bel^errfd^t, bai ^bit
— 39 —
®ottl^eit fettft baxan nid^tö änbern lonnte*. (3){dgtung nnb
SBal^rl^eit. 16. »ud^.)
9(te ©oetl^e itn Saläre 1811 3<ico6ii^ 'ßn^ ^t)on ben
göttlichen S)ingen'' lad, ntad^te ed tl^tn ^rnid^t tDOl^I; toie !onnte
mir ba^ S3ud^ einei^ fo ^er^Iid^ geliebten fjfreunbed miO'
lommen fein, monn x^ bie Si^efe burd^gefül^rt feigen foQte,
bit %atur verberge ®ott! 3Ru%it^ bei meiner reinen, tiefen,
angeborenen unb geübten Slnfd^auungi^meife, bie mi(^ ©Ott
in ber %atnr, bie %atur in ®ott ju feigen nnoerbrüc^«
lid^ geleiert l^atte, fo ba% biefe SorfteUnngdart ben ©runb
meiner ganzen @;ifien} mad^te, mugte nid)t ein fo feltfamer,
einfeitig befd^rdnlter SuiSfprud^ mid^ bem ©eifte nad^ oon
bem ebelften ÜRanne, beffen ^erj id^ oerel^renb liebte, ffir
emig entfernen? ®od& id^ l^ing meinem fd^merjlid^en Ser«
bxu^t nid^t nad^, id^ rettete mid^ vielmehr gu meinem alten
Sf^I, nnb fanb in ®pinoaad Stl^il ouf mel^rere SBod^en
meine täglid^e Unterl^altung, unb ba [xd) inbed meine
S3ilbung gefteigert l^atte, marb id^ im fd^on 39e!annten
gar mand^ed, ba^ fx^ neu unb anberd l^eroortl^ut, aud^
ganj eigen frifd^ auf mid^ einmirlte, ju meiner äSermunberung
gema^r."
S)ai$ Sleid) ber %otmenbigIeit im ©inne ©pinojad ift
für Stant ein Steid^ innerer menfdglidger ©efe^mägigleit; ffir
©oetl^e ift ei9 ba^ Unioerfum felbft, unb ber 9Renfd^ mit
aQ feinem S)en!en, f^ül^Ien, SBoQen unb £^un ift ein ©lieb
innerl^alb biefer Sttiit oon ^otmenbigleiten. Snnerl^alb
biefed ^txä)t» giebt ed nur eine natürlid^e, nid^t aber eine
moralifd^e ©efe^mdgigfeii „(&» leud^iet bie @onne über
S3of' unb ®uit; unb bem SSerbred^er gUnjen, mie btm
äSeften, ber ÜRonb unb bie ^ittnt*'. 9lud einer SBurael, an»
ben emigen £rieb!räften ber $atur lägt ©oetl^e aKed ent«
fpringen : bie unorganifd^en, bie organif4)en SBefenl^eiten, ben
SKenfdgen mit allen @rgebniffen feineis ©eifted: feiner (St*
fenniniiS, feiner @ittli4)leit, feiner Stunft.
„fBad to&^ ein %o% ber nur t)on äugen ftiege,
3m Stt^^ b<a ^U am gringer laufen liege!
— 40 —
^m jiemf I», bie ^e(t im Smtem )u (etoegen,
^atwc in ftd^, ftd^ in ^aim ju liegen,
So ba6, \oa^ in i^m lebt unb kuebt nnb ift,
9Wc feine Äraft, nie feinen ®elft öermtöt."
3n fold^e äSorte fafi;! ©oetl^e fein Selenntnid jufammen.
®egen fallet; ber baS 9Bort gefprod^en ^at „^n9 innere
bcr Äatur bringt fein crfd^affcner (Seift", rocnbct fid& Ooet^c
mit ben fd^cirfften äSorten:
w3«^ S^nere ber Sf^atur — "
D, bu WWcr! —
^3)ringt fein erfd^affnei ®etft."
Wx^ nnb @)ef(^mtfter
^ögt i^r an fold^el» ^ort
92nr nid^t erinnern;
SBir benfen: Ort für Ort
@inb toix im gnnem.
,,®(ü(ffeßg, n)em fte nur
a)le änö're ©dftale toetf't"
^ad l^ör id^ fed^jig Saläre n>ieber]^o(en,
Unb flud^e brauf, aber toerftol^Ien ;
@age mir taufenb taufenbmale:
$lfled giebt fie reid^Itd^ unb gern;
^atwc l^at n>eber ^em
^oä^ ©d^ale,
$llled ift fte mit einemmale;
%>iä) prüfe bu nur aUermeift,
Db bu ßern ober ©d^ale feift."
3tn Sinne biefer feiner äSeltanfd^auung !onnte ®oetl^e
an^ ben Unterfd^teb }n)ifd^en anorganifdjer unb organifd^er
Xatur nid^t anerlennen, ben £ant in feiner „^iil ber
Urteitelraft''. feftgefteQt l^atte. @ein ®ireben ging bal^in,
bie belebten OrganiiSmen nad) ®efe^en gu erlldren, mie
aud^ bie leblofe %atur erllört mirb. S)er tonangebenbe
Sotaniler ber bamoligen ^txt, Sinne, f^ai über bie mannig«
faltigen SIrten in ber ^flanjenmelt nic^ti^ anbereS gu fagen
gemußt, ald e^ gebe folc^er Srten fo Diele, al9 „Derfc^iebene
Sormen im ^ringip gefd)affen morbcn ftnb". SBcr eine
— 41 —
fold^e ÜReinung ^at, btt tann ftc^ nur Bemül^en; bie @igen«
fd^aften ber einaelnen Sfonnen ju ftubieren, unb biefe
forgföltig oon etnanber gu unierfd^eiben. ©oetl^e !onnte
ftd^ ntü einer fold^en ^aturbetrad^tung nid^t einoerftanben
erKoren. ;,2)ad, roaS Sinne mit ®en)alt auiSeinanber ju
Italien fu(^te, mu^te; nad^ bem innerften Sebürfnid meined
ffiefeniS; }ur Bereinigung anftreben/ Sr fudjte badlenige
auf; xoaB allen ^fian^enarten gemetnfam ift. 9luf feiner
Sleife in Statten wirb il^m biefeö gemeinfante Urbilb in
allen ^fian^enformen immer Ilarer: ^2)ie Dielen ^flanaen,
bie id^ fonft nur in dübeln unb köpfen, ja bie größte
3eit bed Sal^reiS nur i^inter @Iadfenftern gu fe^en gemol^nt
toar^ ftel^en l^ter froi^ unb frtft^ unter freiem $immel, unb
inbem fie il^re Scflimmung erfüllen, werben fie um? btuU
lid^er. 3m Slngejtd^t fo vielerlei neuen unb erneuten ®e«
bilbeiS, fiel mir bie aÜe ®rtlle mieber ein, ob id^ nid^t
unter biefer @(^ar bie Urpflan^e entbeden lönnte? Sine
fold^e mug t^ benn bod) geben: moran mürbe id^
fonft erfcnnen, ba^ biefeS ober jeneiS ©ebilbe
eine ^flanje fei, menn fie ni4)t alle nad^ einem
JKufter gebilbet mären?'' ©in anbereö gWal brüdt er
fidg über biefe Urpflange auiS: @ie ^^mirb baB munberlid^fte
®efd^dpf oon ber 9BeIt, um meld^eiS mid^ bie %atur felbft
beneiben joQ. äRit biefem 9ßobeQ unb bem @(^IüffeI bagu
{ann man atebann nod^ ^flan^en iniS Unenblic^e erfinben,
bie lonfequent fein muffen, ba^ l^eigt, bie, menn fte aud^ nid^t
ejriftieren, bod^ e^ftieren lönnten, unb nid^t etma malerifd^e
ober bid^terif(^e @d()atten unb @d()emen finb, fonbern eine
innerlidje SBa^rl^eit unb %otmenbigIeit i^aben''. 9Bie Kant
in feiner ;,%aturgefd^id()te unb £l^eorie bed ^immete'' aus»
ruft ;,@ebt mir äRaterie; id^ miß tu^ eine 3SeIt batauB
bauen'', meil er ben gefe^mägigen S^fammeni^ang biefer
Seit einfielet, fo fagt l^ier ©oeti^e: mit $ilfe ber Urpflanae
(dnne man e^fteng
meil man ba& ®t
äl^ige ^flanjen ind Unenblii^e erfinben,
e^ ber @ntftel^ung unb bed äSerbeniS
berfelben inne l^at. 9Sa$ Kant nur oon ber unorganifd^en
Statur gelten laffen moQte, ba% man il^re (Srfd^einungen
— 42 —
ttad^ nottoenbigen Sefe^en Begreifen lann, bad bt^ntt
(Sottet (utcg auf bie äßelt ber CrganiiSmen au9. Sr fügt
in bem Sriefe^ in bem er $erber feine @ntbedfung ber
Urp^ange mitteilt^ l^inau: ^.Sai^felbe ®efe^ tovtb fid^ auf
aQeiS übrige Sebenbige anxoenben laffen''. Unb ®oetl^e ^at
t» auc§ angemenbet. @eine emfigen @tubien über bie
Xxtcmdi brad^ten il^n 1796 baiu, ;rUngefdgeut bel^aupten ju
bürfen^ ba% aUt DoQIommenen organifd^en Naturen,
worunter wit Sfifd^e, ^mpf^ihitn, Sogel^ Säugetiere unb
<m ber @pi^e ber le^teren ben ÜRenfd^en fel^en^ alle
nad^ einem Urbilbe geformt feien, baiS nur in feinen
ieftänbigen Seilen mel^r ober n)eniger ^in« unb l^erneigt,
unb fid^ no(^ täglid^ burd^ fjfortpflanjung auis« unb um«
iilbet." ©oetl^e ftel^t alfo aud^ in ber %aturauffaffung im
ooDften ®egenfa^ ju Staut. S)iefer nannte t» ein gemagted
„flhtnitatt ber Semunft''; menn biefe e9 untemel^men
moQte; ba& Sebenbige feiner Sntftel^ung nad^ ju erüdren.
@r ^äü ba^ menfd^Iidge (SrlenntniiSoermdgen ju einer
fold^en (SrIIctrung für ungeeignet. „(BB liegt ber äSernunft
atnenblid^ oiel baran, ben Wed^anii^mud ber %atur in il^ren
€r^ugungen nid^t faQen ju laffen unb in ber SrKärung
terfelben nic^t oorbei ju gelten; meil ol^ne biefen leine
@infid^t in bie %atur ber Singe erlangt merben lann.
SBenn man uns gleid^ einräumt: ba% ein l^öd^fter Srd^itelt
bie ^formen ber Statur^ fo mie fie oon jel^er ba finb; un-
mittelbar gefd^affen, ober bie, fo ftd^ in il^rem iSaufe Ion«
linuierlid^ nac^ eben bemfelben Wufler bilben, präbetermi«
ntert l^abe, fo ift bod^ baburd^ unfere @rlenntnii$ ber Xatur
nid^t im minbeften gefiirbert; meil mir jenei^ äßefeniS
^anblungdart unb bie S^een beiSfelben, meldte
bie ^injipien ber ÜRdglidgleit ber %aturmefen enthalten
foQen, gar nid^t lennen, unb oon bemfelben al9 oon
oben l^erab bie %atur nid^t erllAren lonnen''. $(uf
folc^e Stantifc^e StuiSfül^rungen ermibert ©oetl^e: ^SBenn
mir ja im Sittlid^eU; burd^ ®Iauben an ®ott, Sugenb
unb Unfterblid^Ieit uniS in eine obere Stegion erl^eben unb
«an ba& erfteäßefen ann&l^em foQen: fo bürft e9 mol^I im
— 43 —
SnteQeltueQen berfelbe gfaQ fein^ ba% mit uniS; burc§ ba»
Stnfd^auen einer immer fc^affenben Statur, jur seifUgen
Seilnal^me an il^ren $robuItionen mürbig machten, ^atte
id^ bod^ erft unbemugt unb oui^ innerem £rieb auf jeneiS
llrbilblic^e, £9Pifd^e raftlod gebrnngeU; mar ed mir fogar
geglüdt, eine naturgemö§e S)arfteIIung aufaubauen, fo lonnte
mid^ nunmel&r nid^tö meiter verl^inbern, ba9 Slbenteuer
ber SSernunft, mie t» btt Wte com .Vdnigisberge felbft
nennt, mutig ju beftel^en.''
Son ber ^ftritil ber Urteildiraft'' fagt ©oetl^e, ba% er
il^r ;,eine l^od^ft frol^e Sebeni^epod^e fd^ulbig" fei. i,S)ie
großen $auptgeban!en beiS äßerfö maren meinem bidl^erigen
@dgaffen, £]^un unb 2)en!en gana analog. S)ajS innere
Seben ber Stunft mie ber %atur, il^r beiberfeitiged äßirlen
t)on innen l^eraud, mar in bem "Buä^t beutlid^ auiSgefprod^en".
2ln6^ biefer 3(udfprud^ ®otif)t9 lann über feinen ®egenfa^
au Stant nid^t l^inmegtftufd^en. S)enn in btm Sluffa^, bem
er entnommen ift, l^ei^t t& iu^lti^: ^Seibenfd^aftlid^ an-
geregt, ging id^ auf meinen SBegen nur befto rafc^er fort,
meil id^ felbft nid^t mugte, mol^in fie filierten, unb für ba»,
wa^ unb mie id^ mir'd augeeignet l^atte, bei ben Statt»
tianern menig SnIIang fanb. Senn id^ fprad^
an», toa» in mir aufgeregt mar, nid^t aber toai^
id) gelefen l^atte.''
Sine ftreng einl^eitlid^e äSeltanfd^auung ift ®oetl^e
eigen; er miK einen ©eßc^tdpunlt geminnen, oon btm aa»
ba& ganae Unioerfum feine ®efe^mS^igIeit offenbart, ^.oom
Siegelftein, ber bem ^a^ entftürat, bii^ aunt leud^tenben
®eifteiSbIi^, ber bir aufgellt unb ben bu mitteilft''. S)enn
«alle 9BirIungen, oon meld^er Wd fie feien, bie mir in ber
Srfal^rung bemerlen, l^ängen auf bie ftetigfte SBeife au«
fammen, gelten in einanber über''. «Sin 3t(gelftein Uft
jtd^ oom ^ai^t loi^: mir nennen bied im gemeinen Sinne
auf&IIig; er trifft bie S^vÜtxtt eineiS Sorübergel^enben,
bod^ mo|l med^anifd^; aQein nid^t gana med^anifd^, er
folgt ben ©efe^en ber @d^mere, unb fo mir!t er pl^9fifd^.
Sie a^rriffenen £ebeni$gefct§e geben fogleid^ il^re gfunltion
— 44 —
auf; im Sugenblid toirlen Me Säfte d^entifd^, bie du
mentoren @igenfc^afien treten j^eroor. Slllein bai^ geftorte
organifd^e Seben toiberfe^t fidb eben fo fd^neQ unb fud^t
fid^ l^eraufteQen ; inbeffen t]i baiS menfc^Iidie ®an^e mel^r
ober meniger ben)u§tIoi$ unb pf^d^ifd) zerrüttet. S)ie ft(^
n)iebererlennenbe $erfon fü^It fi^ etl^ifd^ im tiefften ver-
lebt; fie bellagt ii^re geftörte Sl^ötigieit; oon meldjer 3lrt
fie aud) fei, aber ungern ergöbe ber äßenfd) fid^ in ©ebulb.
Stelig ioiS i^ingegen mirb i^m leidet, icfen gfall einer
l^öl^eren @d^idhtng ^u^ufd^reiben, il^n aU -i^emal^rung vor
größerem Übel, ate Einleitung gu pi^erem ©uten angu»
feigen. ®ie3 reid^t ^in ftlr ben Seibenben; aber ber ®e»
nefenbe erl^ebt fid^ genial, vertraut ©oft unb fidg felbft
unb fül^It fid^ gerettet, ergreift and^ mol^l baB SuföDige,
menbet'iS ju feinem Sorteil, um einen emig frif(^en SebeniS*
!reii$ }u beginnen.'' @o erläutert ©oetl^e an bem äSeifpiel
eined faüenben ^xcQeVUtin» ben 3ufammenl^ang oKer Slrten
uon Staturmtriungen; eine (SrÜärung in feinem ®inne märe
eis, menn man auä) xf)xtn ftreng gefe^mägigen S^^ammtn»
l^ang au^ einer SBur^el l^erleiten !önnte.
9Bie ^mei geiftige Slntipoben ftei^en Staut unb ®oet^e
am Anfang ber 3SeItonfd)auungi^entmideIung biefeis 3<i^t«
l^unberti^. Unb grunbt)a:fd^ieben mar bie Slrt, mie jic^
biejenigen ju il^nen fteDten, bie fi^ ffir l^ödifte fjfragen
intereffterten. Staut l^at feine 9BeItanfd^auung mit aQen
äRittetn einer ftrengen @d)uIp]^ilofopl^ie aufQtbaui; ©oetl^e
l^ot nait), fid^ feiner gefunben %atur überlaffenb, p^ilofopl^iert.
Sedl^alb glaubte t^ic^te, mie oben ermäl^nt, ftd^ an ©oetl^e
nur „aÜ ben Stepräfentanten ber reinften ®eiftig!eit bt»
®efü]^Ii? auf ber gegenmärtig errungenen Stufe ber
Humanität" menben ju lonnen, mäl^renb er oon Stani ber
Slnfid^t ift; ba§ ;,!ein menfd^lid^er äSerftanb meiter aü ix»
au ber ©renje vorbringen lönne, an ber ^ant, befonberi^
in feiner Stritil ber Urteitefoaft, geftanben/ 9Ser in bie
in naioem ®emanbe gegebene SBeltanfd^auung ®oetf^t»
einbringt, mirb in il^r aQerbingd eine fidlere ®runblage
finben, bie auf !Iare Sbeen gebrad^t merben !ann. ®oti^t
— 45 —
felbft brad^te fid^ biefe ©runblage aber nic^t gum S3en)U§tfein.
3)ei$^aI6 finbet feine SorfteüungiSari nur aOmcli^Iic^ @ingang
in bie Sntmidelung ber äSeltanfd^auung ; unb im @ingang
beiS ^a^t^nnbeti^ ift ei^ gunäd^ft ^anif mit btm fidi bie
^eifter audeinanbergufe^en uerfuc^ten.
®o grog aber au^ bie Sirlung roat, bie Don Aant
<iui^ging : eis lonnie ben QtxiQtno\U^ nid^t verborgen bleiben,
bai ein iiefereiS Srlenntnii^bebürfniiS burd^ il^n bod^ nid^t
Jbefriebigt werben !ann. (Sin folc^eiS SrflörungSbebürfniiS
bringt auf eine eini^eitlid^e S3ellanft(f)t, mit ba§ bei ©oeil^e
ber SfaQ mar. S3ei ftant ftel^en bie eingelnen ®ebiete bei^
©afeinS unücrmitlelt neben einonber. SluiS biefem Orunbc
tonnte t^ fidi ^id^te, tro^ feiner unbebingten SSere^rung
itants nid^t uerbergen, bai „Sani bie äSal^rlgeit bIo§ an»
gebeutet, aber roeber bargefteüt, nod^ beroiefen'' l^abe. ^S)iefer
munberbare eingige 3ßann l^at entmeber ein 2)it)inationi9«
vermögen ber äSa^r^eit, o^ne fid^ ii^rer @rünbe felbft
bemugt gu fein, ober er l^at fein S^italter nid^t i^od^ genug
gef(^ä^t, um fie i^m mitguteilen, ober er Igat ftd^ gefd^eut. bei
feinem Seben bie übermenfdjlidie SSere^rung an fic^ gu
reiben, bit x^m übet lurg ober lang nod^ gu teil werben
mügte. %od^ l^at feiner i^n oerftanben, leiner wirb t^, ber
nid^t auf feinem eigenen 93ege gu Sani^ Stefultaten lommen
wirb, unb bann wirb bie äSelt erft ftaunen/ „9(ber id^ glaube
tbenfo fieser gu wiffen, ba^ Äant fid^ ein foldEjci^ Softem
.gebadet i^abe; bai aüe^, was er wirllid^ oortrögt, 39rud^«
jiüdfe unb SRefuItate biefeS S^ftcmS finb, unb ba^ feine
Sel^auptungen nur unter biefer SSoraudfe^ung ®inn unb
3ufammen^ang l^aben/ S)enn wäre ba^ nid^t ber QaU,
fo wotte er ;,bie Äritil ber reinen SSernunft ei^er für ba»
®erl beö fonberbarften SwfoHS b^Iten, afe für baS einei^
Sopfej^". —
^ud) anbere l^aben ba^ Unbefriebigenbe ber $antf4)en
®ebanfenlreife eingefc^en. Sichten b er g, einer ber geift«
ooQften unb gugleid^ unabi^ängigften £öpfe an^ ber gweiten
^ölfte beiS vorigen ^a^vf^nnbtti», ber £ant fc^ä^te, lonnte
^d^ bod^ nid^t oerfagen, gewid^tige (Sinwänbe gegen beffen
— 46 —
SSeltonf d^auung au machen. @r fagt einerfetiiS: ,,SSai»
l^eigt mit ftantifd^em ®etfi benfen? 3d^ glaube, ed
l^eigt, bie SerJ^äliniffe unfereiS SBefeniS, eiS fei nun wai^ t»
tooüt, gegen bie Singe, bie mit auger un» nennen,
auiSftnbig machen ; ba» ^txH, bie Serl^ältniffe be» ®ubj[eltit)en
gegen baiS Obj|ettit>e beftimmen. ^iefei^ ift freilid^ immer
ber Qwtd aüet grünblid^en %aturforfc^er gewefen, aOein
bie gfrage ift, ob fie t» je fo mal^rl^aft pl^ilofopl^ifd^ an«
gefangen l^aben, aU $err Stani. 9Ran l^at ba», toaS
boä) fd^on fubjeltit) ift unb fein mug, für objeltit» gel^alten/
SnbrerfeitiS bemerlt Sid^tenberg aber: „SoOte e^ benn
fp gang aui^gemad^t fein, ba^ unfere Sernunft von bem
Überflnnlid^en gor nid^tiS n)iffen lönne? SoOte nid^t ber
SRenfd^ feine gbeen t>on ®ott eben fo jwedEmägig weben
lännen, mie bie Spinne il^r %e^ gum O^U^g^nfang? Ober
mit anberen SBorten: SoOte ei^ nid^t SBefen geben, bie
un^ megen unferer ^betn oon ®ott unb Unfterblid^Ieit
eben fo bemunbern, wie wie bie Spinne unb ben ®eiben«
murm?'' Slber man lonnte einen nod^ oiel gemid^tigeren @in«
manb mad^en. SBenn t» rid^tig i^, ba| fid^ bie ®efe^e
ber menfd^Iid^en Sernunft nur auf bie innere SBelt bt»
®eifteiS bejiel^en, mie lommen mir baju, überl^auptoon Singen
auger uni^gufpred^en? SBir müßten m\» bann bod^ ooDig
in unfere ^nnenmelt einfpinnen. Sinen fold^en (Sinmanb
maä)it ®ottIob (Srnft Sd^ulge in feiner 1792 anonym
erfd^ienenen ®d^rift: ,,9(enefibemuiS". @r bel^auptet barin,
bag alle unfere (Srienntniffe bloge SorfteOungen feien,
unb ba% mir über unfere SorfteOungiSmelt in leiner Sßeife
l^inauiSgel^en lönnen. 2)amit moren im ®runbe aud^ JcantiS
moralifd^e SBal^rl^eiten miberlegt. 2)enn lägt fld^ nid^t
einmal bie 9RogIid^Ieit beulen, über bie Snnenmelt l^inaud«
gugel^en, fo lann uniS in eine unmöglid^ ju benlenbe SBelt
an^ leine moralifd^e Stimme leiten. @o entmidEelte fid^
au^ Staute 9(nfid^t }unäd^ft ein neuer S^üfd an aller
SSal^rl^eit, ber ShritiniiSmuiS mürbe tum SIeptigiiSmuiS. @iner
ber lonfequenteften 9(n]^änger beiS ©leptijiiSmuiS ift Salomon
SRaimon, ber feit 1790 tierfd^iebene Sd^riften oerf agte^
— 47 —
bie unter betn Sinßug Stanili nnb Sd^uIjeiS fianbtn unb
in benen er mit aller Sntfd^iebenl^eit bafür eintrat, ba^
Don bent 2)afein äußerer ©egenftänbe, wegen ber ganjen @in«
rid^tung unfereiS SrlenntniiSnerntögen^, gor nid^t gefprod^en
werben bürf e. Sin anberer ©d^üler ftanti^, SacobSigiiSntunb
9ed, ging fogar fo weit gu bel^aupten, jCant l^abe in
SBal^rl^eit felbft leine Singe auger unli angenontnten, unb ed
berul^e nur auf einem 9RilDerftänbntiS, wenn man il^m eine
folc^e SorfteDung jufd^reibe.
(SineiS ift gewig: kani bot feinen 3^tgenoffen unsäl^Iige
9lngriffiSpun{te ju S(uiSlegungen unb ium SBiberfpruc^e bar.
®erabe burd^ feine Unllar^eiten unb SSiberfprüd^e würbe
er ber Sater ber Ilaffifd^en beutfd^en SBeltanfd^auungen
üid^it», Sd^eOingiS, ©(^openl^aueriS, ^egel, $erbarti9 unb
@d^Ieiermad^eriS. Seine Unllarl^eiten würben für fte ^n
neuen fS^a^tn. ®o fel^r er fid^ bemül^t l^atte, bad äSiffen
einjufc^ränlen, um für ben ®Iauben $Ia^ gu erl^alten:
ber menfd^Iid^e ®eift lann fid^, im wal^rften ®inne beiS
SSorteiS, bod^ nur burd^ ba» SBiffen, burc^ bie @rlenntni6
befriebigt erlldren. ®o lam e9 benn, bag ^antd %ad^foIger
bie @rlenntnii9 wieber in il^re DoDen Sted^te einfe^en wollten ;
ba% fte mit ilgr bie pd^ften geiftigen Sebürfniffe bei^
SRenfd^en erlebigen woOten. Qum gfortfe^er ftantd in
biefer Stid^tung war Sol^ann ©ottlieb ^i^it wie ge«
fd^affen. ®r, ber ba fagte: ^S)ie ßiebe ber ®iffenfd&aft
unb ganj befonberd ber ®peIuIation, wenn fte ben äRenf^en
einmal ergriffen l^at, nimmt il^n fo ein, ba^ er leinen
anberen äSunfd^ übrig behält aU ben, fld^ in Stulpe mit
i^r }u bef Saftigen/ Sinen Of<tnatiIer ber ^eltanfd^auung
barf man t^id^te nennen. @r mug burd^ biefen feinen
gfanatiiSmuiS begaubernb auf feine 3^itgenoffen unb feine
Sd^üler gewirlt l^aben. $dren wir, wai^ einer ber
le^teren, ^otbttQ, über il^n fagt: ;,®ein öffentlid^er SSortrag
raufest ba^er wie ein ©ewitter, ba» ftd^ feined gfeueriS in
einzelnen ©dalägen entlabet; er erl^ebt bie @eele, er wiQ
nid^t blog gute, f onbern groge SRenfd^en ma^tn ; fein äuge
ift ftrafenb, fein ®ang tro^ig, er will burd^ feine $l^ilofopl^ie
— 48 —
ben ®eift be& Qtiialiex» leiten; feine $l^antafte ift nid^i
blül^enb, aber energifd^ unb möd^tig; feine Silber finb
nid^t reigenb, aber lü^n unb gro§. @r bringt in bie
innerften 2!iefen beiS ©egenfianbeiS unb fc^allet int 9teic^e
ber Segriffe mit einer Unbefangenlgeit, meiere verrät, bai
er in biefent unfid^tbaren Sanbe nid^t blo% rcol^ni, fonbern
l^errfd^t/ S)ai? l^eroorfted^enbfteSKerfmal in 3fidE|teS $erfßnlid&-
feit ift ber große, ernfte Stil in feiner SebenSauffaffung.
S)ie pd)ften aRagftäbe legt er an aUt». @r fd)ilbert g- 89.
ben SBeruf bed ©d^rif tfteHerS : ;,®ie 3bee mufe felber reben,
nidbt ber ©c^riftfteHer. Stile SBiUIür beS legieren, feine
ganje 3nbit)ibualität, feine il^m eigene 9(rt nnb Shtnft
ntug erftorben fein in feinem SSortrage, bamit allein bie
9(rt unb %unft feiner 3bee lebe, ba^ pc^fte Seben, meld^ei^
pe in biefer ©prad^e unb in biefem 3^*^oIler geminnen
lann. ®o mie er frei ift von ber Verpflichtung bt»
münblid^en Sel^rerd^ fid^ ber @mpfänglid^leit anberer 3U
fügen, fo l^at er aud^ nid^t beffen @ntfd^ulbigung für ftd^.
®r l^at feinen gefegten ßefer im 8luge, fonbern er fonftruiert
feinen ßefer, unb giebt il^m ba» ©efefe, wie eS fein muffe."
— «®a5 3BerI beö Sd^rififtcIIeng aber ift in fid& felbcr
ein Sßerl für bie @migleit. 9Rögen lünftige ^dialtev einen
l^ö^eren @d^mung nel^men in ber SBiffenfdiaft, bie er
in feinem 23erle niebergelcgt l^at; er l^at nic^t nur bie
SSiffenfd^aft, er l^at ben gan} beftimmten unb ooQenbeten
©l^aralter eines '^exialitt^, in Segicl^ung auf bicfe SBiffenfd^aft
in feinem SBerfe niebergelegt, unb biefer bel^ält fein Sntereffe,
fo lange eö SRenfd^en auf ber SBelt geben mirb. Unab»
l^ängig oon ber SBanbelbarleit, fprid^t fein Sud^ftabe in
allen 3^ilctltern an alle SRenfd^en, roeld^e biefen 93uc^ftaben
gu beleben oermögen, unb begeiftert, erl^ebt^ oerebeli
biiS an ba» (Snbe ber 2:age/ @o fprid^t ein SRann,
ber fid^ feineiS SerufeiS aU geiftiger ßenler feineiS ^tiiaÜetli
beroufet ift, bem ed ooBer ßrnft mar, menn er — in ber
Sorrebe feiner SBiffenfd^aftSle^re fagte — an meiner ^erfon
liegt nid^td, aQed aber an ber SSal^r^eit, benn ^id^ bin
ein $riefter ber SBa^rl^eit''. Son einem SRanne, ber fo
— 49 —
im Stetere ber „^dfytf^exi" lebte, Derfiel^en mir ed, ba^ er
anbere nid^t blog gum SSerftel^en anleiten, fonbern gmingen
rooHte. (Sr burfte einer feiner ©d^riften ben Sitel geben:
;r®onnenIIarer S3eric^t an bali größere $ublihtm über
ba^ eigentliche SBefen ber neueften $l^iIofop]^ie. (Sin
Äerfudö, bie ßefer jum SSerfte^en ju groingen."
@ine $erfönlid§leit, welche ber äSirllid^Ieit unb beren ^l^at*
fachen nid^t gu bebiirfen glaubt, um btn fiebeni^meg gu
ge^en, fonbern bie baiS 9uge unoermaubt auf bit ^been»
toeü ridjtet, ift gfid^te. ®ering beult er t)on benjenigen,
bie eine fold^ ibeale Stic^tung be& ®eifted nid^t oerftel^en.
„Znbt^ man in bcmjenigen Umireife, ben bie gemöl^nlid^e
€rfal^rung um uui^ gegogen, allgemeiner felbft beult unb
rid^tiger urteilt, ate oieüeid^t ie, finb bie mel^rften DÖQig
irre unb geblenbet, fobalb fte aud^ nur eine Spanne über
^enfelben l^inaudgel^en foQen. 9Senn e» unmöglid^ ift, in
biefen ben einmal aui^gelofd^ten gunlen beiS ^ö^eren @eniuiS
toieber angufad^en, mug man fie rul^ig in jenem Greife
bleiben, unb infofern fie in bemfelben nü^Iid^ unb un«
entbel^rlid^ finb, il^nen i^ren SBert in unb für benfelben
ungefd^mälert laffen. Slber menn fte barum nun felbft
Derlangen, aüt» gu fid^ l^erabgugie^en, mogu fie fid| nid^t
erl^eben lönnen, menn fie g. S3. forbern, bag aJlt2 ©ebrudte
fid^ oi» ein Jtod^bud^, ober ate ein 9ted^enbud^, ober al§
ein 2)ienftreglement foQe gebraud^en laffen, unb aüe& oer«
fdgreien, wa» fid^ nic^t fo braud^en lägt, fo l^aben fie felbft
um ein grofeei? Unrecht. — SDa§ Sbeale in ber roirUid^cn
SSelt fid^ nid^t barfteüen laffen, miffen mir anberen oieQeid^t
fo gut, al^ fie, oieOeid^t beffer. 2Bir bel^aupten nur, ba^
nad) il^nen bie 9SirIItd^Ieit beurteilt, unb oon benen, bie
bagu ^oft in fid^ fül^Ien, mobifigiert merben muffe. @efe^t,
fie lönnten auc^ baoon fic^ nid^t übergeugen, fo oerlieren fie
babei, nad^bem fie einmal finb, ma9 fie finb, fel^r menig;
unb bie äRenfd^l^eit verliert nid^tiS babei. @i$ mirb baburd^
blog ba^ Hat, ba% nur auf fie nid^t im $Iane ber Ser«
eblung ber äRenfdgl^eit gered^net ift. S)iefe mirb il^ren
9Seg ol^ne 3n)eifel fortfe^en; über jene moDe bie gütige
steinet, SBelt« nnh Sei^enSonfdlauungen. 4
— 50 —
Statur loalten, unb il^nen gu redetet S^tt Stegen nnb ©onnen«
fd^ein, gutröglid^e %a]^rung unb ungefiörten Umlauf ber
Säfte, unb batet — Ilugc ©ebanicn öcrleiJ^en!" S)tefe
Sßorte fe^te er bem S)rud ber Sorlefungen DorauiS, in
benen er ben S^nenfer ©tubenlen bie ^^Seftimmung be«
©elel^rten'' auiSeinanberfe^te. 2iu» einer großen feelifd^en
(Snergie l^crauS, bie ©id^erl^rit für bie Sriennlnii? ber
SBelt unb für bad Seben giebt, ftnb S(nfd^auungen mie bie
gfid^ted erwad^fen. Stüdftd^ti^Iofe SBorte l^atte biefer für
alle, bie in ftd^ nid^t bie 5h:afi }u fold^er @id^erl^eit üer«
fpürten. 3(IS Steinig olb öugerte, bai bie innere Stimme
bed äRenfc^en bod) auc^ irren lönne, ttwxbtxi i^m f^id^te:
^®ie fägen, ber ^ßl^ilofop^ foHe beulen, bafe er als Snbioibuum
irren lönne, bai er al^ fold^er von anbern lernen lönne
unb muffe. SBiffen Sie, meldte Stimmung Sie ba Be»
fd^reiben : bie eined SKenfd^en, ber in feinem gangen öeben
nod^ nie üon etmaiS übergeugt mar.''
SDiefer IraftDOÜen ^erfönlid^Ieit, bereu ä3UdC gang nad^
innen gerid^tet mar, miberftrebte tk, ba^ pd^fle, wa» ber
SRenfd^ erreid^en lann, eine SBeltanfd^auung, anberdmo ate
auc^ im Sinnern gu fud^en. „Sllle jCuItur foQ fein Übung
aller Sh:äfte auf ben einen '^med ber oöHigen tJreifteit,
b. i), ber DoQigen Unablgöngigleit dou allem, wa» nid^t
mir fclbft, unfer reine« Selbft (Semunft, Sittengefcft) ifl^
benn nur bieö ift unfer . . ." So urteilt fjid^te in
ben 1793 erfd^ienenen ;,99eitrctgen gur Seridjtigung ber
Urteile be2 $ublilum0 über bie frangöftfd^e Steuolution''.
Unb bie mertDoOfte ^aft im 9Kenfd^en, bie (Srienntnidiraft,
foQte nid^t auf biefen einen Qmed bei üölligen Unab»
l^öngigfeind Don aQem, maS nid^t mir felbft ftnb, gerid^tet
fein? könnten mir benn überl^aupt j[e gu einem DÖÜigen
Unabl^ängigfein lommen, menn mir in ber SBeltanfd^auung
Don irgenb meld^em äßefen abl^ängig mören? SSenn ed burd^
ein fold^ed au^er und gelegene« SBefen audgemac^t mdre^
was bie %atur, mad unfere Seele, meldte« unfere $ßid^ten
ftnb, unb mir bann l^interl^er dou einer folc^en fertigen
Zil^atfad^e ans un« ein SBiffen oerfd^afften? Sinb mir unab«
— 51 —
l^ängig; bann mfiffen mir eS auä) in 93e}ug auf bie @r«
lenntnid ber SBal^rl^eit fein, ^enn mir tina^ empfangen,
bad oi^ne unfer S^ti^un entftanben ifi, bann finb mir tion
biefem ab^ngig. S)ie l^öd^fte SESal^rl^eit lünnen mir alfo
niddt empfangen. SBir muffen fie fd^affcn; fie mufe burd^
uniS entftel^en. "Sichte lann fomit an bie ®pi^e ber SBelt«
anfd^auung nur tiroa^ fteQen, wa^ buxä) und erft fein
2)afein erlangt SBenn mir t)on irgenb einem SDinge ber
9lu§enmelt fagen: e^ ift, fo tl^un mir bied bt^i^alb, meil
mir eiS mal^rnel^men. SBir miffen, ba% mir einem anbern
SBefen ba» ®afein guerlennen. 8Bad biefeö anbere ®ing
ift, ba» i^ängt nid^t t)on und ab. @eine Sefc^affenl^eit
lönnen mir nur erlennen, menn mir unfer SBal^rnel^mungd«
Dermögen barauf richten, äßir mürben niemals miffen,
wa^ „tot'', ^^marm", „laü^' ift, menn mir eö nid^t burd&
bie äßal^rnel^mung müßten. äSir lönnen %n biefen 99e-
fd)affen]^eiten ber S)inge nid^ti? l^ingutl^un, nic^tiS t)on il^nen
megnel^men. SBir fagen „fie finb''. 5!BaS fie finb[:
ba^ fagen fie uni5. ©anj anberiS ift eS mit unferm eigenen
2)afein. 3u fid^ fclbft fagl ber SReufd^ nid|t: „t2 ift%
fonbern: „^ä) bin". S)amit l^al er aber nid^t blofe
gefagt: bag er ift, fonbern aud^: maiS er ift, nctmlid^ ein
„Sd^". Sffur ein anbereö SBefen Ißnnle oon mir fagen:
„t§ ift". Sa, es mü^it fo fagen. ®enn felbft, menn
biefeö anbere SBefen mid^ gefd^affen l^ätte, lönnte eS oon
meinem 3)afein nid)t fogen: id^ bin. 2)er SluSfprud^:
„idt) bin" oerliert allen ®inn, menn il^n baö SBefen, ba»
Don feinem S)afein fprid^t, nid^t felbft ti^ut. @S giebt
fomit nid^tS in ber SBelt, wa^ mid^ mit ;,ic^" anfpret^en
lann als aQein mid^ felbft. S)iefe S(nerlennung meiner
als eines „^ä)" mug bemnad^ meine ureigenfte ^^ai fein.
Sein Sßefen auger mir lann barauf Sinflug Igaben.
^ier fanb ^xä)ie etmaS, mo er ftd^ gan} unabl^öngig
fal^ oon jeglicher fremben äSefenl^eit. @in ®ott lönnte
mid) fd^affen; aber er mügte eS mir überlaffen, mid^ als
ein „3^" anjuerfennen. 3Rein Sc^^cwuStfein gebe id^ mir
felbft. 3n ifttn "^dbe id^ alfo nid^t ein SBiffen, ein 6r-
4*
— 52 -
lenneH; ba^ idi empfangen J^dbe; fonbern ein fold^eiS, ba^
id^ felbft gemad^t l^abe. ®o ^ai fid^ Ofi^te einen feften
$unltfür bie äSeltanfd^auung gefd^affen, eixoa^, wo ©emigl^eit
ift aSJie ftel^t eg nun aber mit bent ® afein anberer 3Sefen?
3c^ lege i^nen ein S)afein bei. Slber id^ f^abe ba^u nid^t
ein gleid^eiS Sted^t, n)ie bei mir felbfi ®ie muffen 3u
Steilen meineiS „^^*' roerben, menn id^ il^nen mit gleichem
Siedete ein ®afein beilegen foH. Unb ba» werben fie, in*
btm id^ fie mal^rne^me. 2)enn fobalb ba^ btt gfall ift,
finb fie für mid^ ba. 3^ lann nur fagen: mein ©elbfl
fü^It ,/rot", mein ©elbft empfinbct ^marm". Unb fo
mal^r id^ mir felbft ein S)afein beilege; fo ma^r lann id^
bies anä) meinem ^ü^Un unb meinem @mpftnben beilegen.
9Benn id^ mid^ alf o felbft red^t Derftel^e, fo lann id^ nur fagen :
id^ bin unb id^ lege felbft aud^ einer Slugenmelt ein 2)afein bei.
auf bicfe SBeife oerlor für tixd^te bie SBelt außer bem
„^ä^" il^r felbftänbigeö SDafein; fie l^at nur ein il^r Dom
3d& beigelegtes, ein alfo gu il^r l^ingugebid^teteS ©afein.
3n feinem Streben, bem eigenen ©elbft bie pd^ftmoglid^e
Unabl^öngigleit gu geben, i^at fjfid^te ber Slugenmelt jebe
©elbftctnbigleit genommen, ^o nun eine fold^e felbftcinbige
Stugenmelt nic^t oorl^anben gebadet mirb, ba ift e0 aud^
begrciflid^, ba% ba2 Sntereffe an bem SBiffen, an ber @r-
lenntnis bicfer Slufeenmelt aufl^ört. S)amit ift ba» Sntereffe
an bem eigentlichen SBiffen überl^aupt erlofd^en. S)enn bai§
^^ erfährt burd^ ein fold^ei^ SBiffen im Orunbe nic^t«,
aU mag t2 felbft ^eroorbringt. ^n attem SBiffen l^ält
baB menfd^Iid^e 3d^ gleid^fam nur 3ßonoIoge mit fid^ felbft.
Q» Qt^t nidgt über fid| felbft l^inauS. SBoburc^ eS aber
biei^ le^tere bod^ ooHbringt: bai^ ift bie lebenbige %^at
äBenn ba2 ^i) ^anbelt, menn eiS in ber SBelt tiwa» doQ«
bringt: bann ift t» nic^t mel^r monologifterenb mit fid^
allein. ®ann fKefecn feine §anblungen i^xnau» in bie
®eli Sie erlangen ein felbftctnbigeS Safein. 3d^ DoH»
bringe etmaiS; unb menn id^ ed DoQbrad^t l^abe, bann
mirft eg fort, aud^ menn id^ mid^ an feiner SSirlung nid^t
me^r beteilige. 9Sai§ id| meig, l^at ein S)afein nur burd^
— 53 —
mi^; xoa^ id^ tf^nt, ift äSefianbieil einer von mir una6«
l^öngigen moralifd^en 9SeItorbnung. SBad bebeutet
aber aQe ®etDi§]^eit, bie toir an& bem eigenen 3<^ iit^tn,
gegenüber biefer aOerpd^ften SBai^r^eit einer ntorolifd^en
SSeltorbnung, bie bod^ unabl^ctngig von unS fein mu%,
wtnn ba§ S)afein einen ®inn Qaben foQ? älled äSiffen
ift bod^ nur etmad für bad eigene 3d^; biefe SBeltorbnung
mug aber fein auger beut ^^. ®ie ntu§ fein, tro^bem
xoit üon il^r nid^td miffen lönnen. SSir muffen fie alfo
glauben. ®o lommt anä) t^id^te über ha» SBiffen l^inaud
^u einem @Iauben. 98ie ber S:raum gegenüber ber
äßirllid^Ieit, ift aüe^ SBiffen gegenüber bem @Iauben. 9lud^
ba2 eigene 3d^ ^ctt nur ein fold^ei^ Sraumbafein, menn t»
fidi felbft blog betrad^tet. @jS mad^t fid^ ein S3ilb von
fid^, ba& niditiS meiter gu fein brandet, aU ein üor«
überfd^mebenbed Silb; allein bad $anbeln bleibt. SKit
bebeutfamen ^Sorten fd^ilbert Sid^te biefed Sraumbafein
ber SBelt in feiner „Seftimmung beg SKenfd^cn": „®0
giebt überall lein ^anexnbt^, meber auger mir, nod^ in
mir, fonbern nur einen unaufpriid&en SBcd^feL 3d) roeig
überaD t)on feinem @ein, unb au^ nid^t von meinem
eigenen. 6g ift fein ©ein. — 3d& felbft meig übcrl&aupt
nid^t, unb bin nid^t. Silber finb: fie ftnb ba^ @in}ige,
mos ba ift, unb fie miffen t)on fid}, nad^ SBcifc ber Silber;
— Silber, bie oorüberfdjroeben, ol^ne ba^ etmaö fei, bem
fte Dorüberfd^meben: bie burd^ Silber von Silbern jufammen«
Rängen, Silber ol^ne etmad in il^nen abgebilbeteg, o^ne
Sebeutung unb 3med(. 3d^ felbft bin einig biefer Silber;
ja, idE| bin felbft bieg nidt)l, fonbern nur ein Derroorreneö
Silb oon Silbern. — aUe ^Realität oermanbelt fid^ in
einen munberbaren Sraum, ol^ne ein Ueben, oon meld^em
getröumt mirb, unb ol^ne einen ®eift, ber ba tröumt; in
einen Slraum, ber in einem Siraume von ftd^ jufammen«
l^clngt. 2)ag S(nfd^auen ift ber S^raum; bag S)enfen,
— bit DucHe allcö ©cing, unb aller SRealität, bie id& mir
einbilbe, meines Seins, meiner ftraft, meiner S^Jedfe, —
ift ber Sraum oon jenem Sraume". SBie anberS
— 54 —
erfd^etnt ti'i^it bie moralifd^e SBeltoibnung, bie SSelt beS
@Iaubend: ^9Rein SBiQe foQ fd^Ied^tl^in burd^ ftd^ felbft,
ol^ne alled feinen ^ndbiud fd^roöd^enbe äSerljeug^ in einer
ilgm DÖQig gleid^artigen ®pl^ctre, ate Vernunft auf Vernunft;
afe ©eifligei? auf ©eiftige«, roirlen; — in einer ©pl^äre,
ber er jebod^ baS ®efe^ bed lüebeni^, ber S^l^atigleit, bed
f^orilaufen^ nid^t gebe, fonbern bie t§ in [lä^ felbft l^abe;
alfo auf fclbfttl&älige »ernunft. aber felbfttl^ätige »ernunft
tft mUe. 'DaiS ©efe^ ber überftnnlid^en 9BeIt niöre fonad^
ein 2SilIe . . . 3ener erhabene SBiUe ge^t fonad^ nid^t
abgefonberl Don ber übrigen Sernunftmelt feinen 8Beg für
ftd^. @d ifi gn)ifd^en il^nt unb aOen enblid^en vernünftigen
SBefen ein geiftigeiS 93anb, unb er felbft ift biefed geiftige
93anb innerl^alb ber SSernunftmelt . . . . Sd^ Derl^üüe mein
Sngefid^t vox bxx, unb lege bie ^anb auf )ben äRunb.
S3ie bn für bid^ felbft bift, unb bir felbft erfd^eineft, lann
id^ nie einfel^en, fo gemi^ id^ nie bu felbft werben lann.
9tad^ taufenbntal taufenb burd^Iebten ©eiftenoelten wttbt
td^ bid^ nod^ ebenfo wenig begreifen ate |e^t in biefer
^üiie t>on 6rbe. — SBaS id^ begreife, wirb burd& mein
hloit» begreifen gum (Snblic^en; unb biefed lägt aud^
burd^ unenblid^e Steigerung, unb Srp^ung fid^ nie iniS
Unenblid^e umwanbdn. S)u bift Dom Snblid^en nid^t
bem ®Tabe, fonbern ber Z^ai nad^ uerfd^ieben. @ie mad^en
bid^ burd^ jene Steigerung nur }u einem größeren äRenfd^en,
unb immer }u einem größeren; nie aber jum ©otte, gum
Unenblid^en, ber leineiS SRaged fällig ift.''
äßeil baiS SSiffen ein S^raum, bit moralifd^e SSelt«
Drbnung für f^id^te ba& eingig mal^rl^aft äSirllid^e ift,
beiSl^alb fteDt er aud^ ba» Beben, burd^ ba» fid^ ber äRenfd^
in btn fittlid^en SBeltgufammen^ang l^ineinfteDt über baiS
bloge @rlennen, bad Setrad^ten ber S)tnge. ^%id^td —
fagt er — l^at unbebingten SBert unb SBebeutung, aU
ba^ Seben ; allei^ übrige, SDenlen, SDid^ten unb SSiffen l^at
nur SBert, infofern ei^ auf irgenb eine SSeife fid^ auf ba9
Sebenbige bejiel^t, tion i^m audgel^t unb in baiSfeUe jurüdC«
julaufen beabftd^tigt/
— 55 —
S)er eif)i\d)t ®runbjug in tSx^it» $erfönltd^lett ift t»,
ber in feiner äSeltanfd^auung aOed audgelöfd^t ober in
feiner Sebeutung l^erabgebrüdt ^ai, was nid^t auf bie
moralifd^e äSefKmmung beiS 9Renfd^en l^inaui^läuft. @r
vooUit bie größten, bie reinfien gforberungen für baB
Seben auffteSen; unb babei moUit er burd^ lein Srfennen^
baS Dieüeid^t in biefen ^itUtt äSiberfprüd^e ntit ber natürlichen
©efe^mägigleit ber SSelt entbeden lonnte, beirrt fein. ®oetl^e
l^at gefagt: ;,S)er ^anbelnbe ift immer gemiffenlod; e» l^at
niemanb ©emiffen ate ber Setrad^tenbe.'' S)amit meinte
er, bag ber Setrad^tenbe aQed nad^ feinem maleren, mirllid^en
SBerte abfd^ä^t unb jebed S)ing an feinem $Ia^e begreift
unb gelten lägt. 2)er ^anbelnbe l^at ei^ t)or aüen Singen
barauf abgefel^en, feine f^orberungen in SrfüQung ge^en
)u feigen; ob er babei ben Singen Unred^t t^ut ober nii^t:
ba» ift il^m gleid^. gfid^te mar ed oor allen Singest umiS
^anbeln ju tl^un; er moQte fid^ aber babei oon ber Se«
trad^tung nid^t ©emiffenloftgleit oormerfen laffen. SDed^alb
beftritt er ben SBert ber Setrad^tung.
Snö unmittelbare ßeben einzugreifen, mar fjic^tei^ fort-
mäl^renbeiS Semül^en. 9Bo er glaubte, ba% feine äSorte
bei anbern jur £l^at merben lönnten, ba fül^Ite er fidg
am jufriebenften. Sind biefem Srang l^eraui^ ^ai er bie
©d^riften ©erfaßt: „S^^ö^fötberung ber S)enffreil^eit oon
ben gfürften Suropad, bie fie biiSl^er unterbrüdEten. $eIiopolii9,
im legten ^a^xt ber alten gfinfternid 1792.'' «S3eitr&ge
jur äSerid^tigung ber Urteile btS $ublilumi9 über bie
frangöfifd^e Steoolution 1793." 3lud biefem Srang l^eraui^
l^at er feine l^inreigenben Sieben gel^alten: ^S)ie ®runbaüge
bt^ gegenmcirtigen 'StiiaUet», bargefteDt in 93orIefungen,
gel&alten ju »erlin im Saläre 1804—1805''; ^®te Sin-
toeifung gum feiigen Seben ober auä^ bie Steligioni^Iel^re.
3n Sorlefungen, gel^alten gu Serlin im Saläre 1806",
unb enblid^ feine „9teben an bie beutfd^e Nation 1808",
€in ffierl, in bem ftül^nl^eit bt» SenleniS, ebelfte Segeifterung
unb 9Rut ber $crfönlid^leit in gleid^em SRage unfere S9e«
lounberung l^erauiSforbem.
— 56 —
äSebingungiSlofe Eingabe an bie tnoralifd^e SBeltorbnung^
$anbeln au^ bent tiefften Sttn ber etl^ifd^en %aturanlage
bt^ äRenfd^en l^eraud: bad ftnb bie iSotbttuncien, burd^
bie ba$ Seben äßert unb »ebeutung erl^äU. 2)iefe 3(nftd^t
}iel^t ftd^ ate ©runbmotit) burd) alle biefe Steben unb
Sd^riften l^inburd^. 3n ben .^©runbaügen be» gegenmärttgen
Qüiaiitt»" roarf er biefem 3«italtcr in flamntenben SBorlcn
feine ®elbftfud^t Dor. 3cber gel^e nur ben SBeg, ben il^nt feine
nieberen Sriebe uorfd^reiben. Slber biefe Sriebe fül^ren ab
Don bem großen ®angen, ba^ bit ntenfd^Ii(f|e ©emeinfd^aft
aU ntoralifd^e Harmonie untfd^Iiegt. (Sin foId^eiS Qtitcdict
muffe biejenigen, bie in feinem ®inne leben, bem Unter«
gange entgegenfül^ren. ^ie ^flid^i moQte tSi^it in btn
menfc^Iic^en ©emütern beleben. Unb aU 2)eutf(^Ianb burd^
bie grembl^errfd^gft baran mar, feine Selbftänbigfeit au
verlieren, ba bot fx^ feinem lebenbürftigen Sinn bie fd^önfte
©elegenl^eit, einzugreifen in ben ®ang ber @reigniffe.
aRitten unter ben ^einbcn, im SBinter 1807—1808 5ielt
er feine „{Reben an bie beutfd^e Sßation". 8Bie er in 3cna,
ate er vox feinen ®tubenten anfing, feine äßeltanfd^auung
gu entmidfeln, fagte, feine $erfon läme nid^t in Setrad^t^.
fonbern allein bie SBal^r^eit, fo baä^it er aud^ je^t, wo er
red^t gut roniit, ba% il^m in jebem Slugenblidf ber f^einb mit
einer jCugel bas Sieben unmöglid^ mad^en lonne, burd^ ba^
er in feiner Nation bie Segeifterung medfen moHte, il^re
Selbftönbigleit unb Unabl^öngigleit biefem gfeinbe gegen*
über gu oerteibigen. „®a5 Oute ift Scgeifterung, Srl^ebung ;
meine perfßnlid^c ©efal^r lommt gar nid^t in Snfc^Iag,
fonbern fie fönnte oielme^r ^öd^ft oorteill^aft mirfen." 6r
wieg bie 3)eutfc^en auf i^re eigene 9iatur l^in. Urfprüng«
lid^ fei aUe^ an bicfer 9iatur: bie ©prad^e, bie 2)id^tung,
bie SBiffenfdjaft. 3)ie ©eutfd^en fpredjen i^re urfprünglidtie
@prad^e; fie ^aben nid^t mie bie mefteuropäifd^en SoIIer
bie römifd^e @prad^e aufgenommen. 2)ie ^ptaä)t aber ift
ber Un^btnd bed ©eifteiS. SSer bie an» feinem Stamm
l^erau« entfprungene Urfpradfte fprid^t, bxüdi in biefer feine
unabl^öngigfte geiftige Sßefenl^eit an^. SBer mie jene meft»
— 57 —
lid^en äSöIIer biefe Urfprad^e verloren unb eine frembe an«
genommen l^at, ber f)ai auä^ bie Eigenart bt» ®etfteiS auf-
gegeben. Unb man fel^e fld^ bie 2)td^iung bei betben
SoIIerftämmen an. ^u^ bem tieften SoIIi^d^aralter j^eroud
Hingt bie beni\ä)e $oe{te; in äugerlid^en Oformen fd^afft
ber @eift ber mefttid^en S^ac^born. 3Rag bal^er beuifd^e
ftunft aud^ jumeilen raul^ unb j^ori im StudbrudCe fein: fie
ift eine J{unft ber tiefften ©eelenbebürfniffe; maQ bie meft«
lid^e Jhtnft elegant unb gragiöd fein: fie entfpringt einer
ou^erlid^en @d^ongeifterei. %id^t anberd bie SBiffenfd^aft.
Seutfd^e $l^ilofop]^ie l^at Ofül^Iung mit ber SoUiSfeele; bie
franjöfifd&e ift Eigentum einer geleierten Äafte, bie ben 3«»
fammenl^ang mit bem äSoIIe verloren l^at. 3Bie lann ein
93oQ, bai? eine ureigene Kultur l^at^ unterliegen einem
fold^en, ba« fid^ eine frembe eingeimpft l^at? &§ lann nid^t
unterliegen^ menn ei^ fid^ nur auf feine Urfprünglid^Ieit
befinnt ,;@in SSoII, ba^ ba fällig ift, fei e§ aud^ nur in
feinen l^öd^ften ®teQt)ertretern unb SCnfÜl^rern; ba^ ©efid^t
aui^ ber ©eiftermelt, @elbftönbigleit feft iniS ^uge }u faffen,
unb Don ber ßiebe bafür ergriffen gu werben, wie unfere
älteften SSorfal^ren, ftegt gemig über ein foId^eiS, ba» nur
gum SSerlgeuge frember ^errfc^fud^t unb gur Unterjod^ung
felbftänbiger Söller gebrandet mirb, mie bie römifd^en ^eere;
benn bie erfteren l^aben allei^ gu nerlieren, bie le^teren
blog einigeiS gu geminnen.'' %ur ein @etft, bem bie pd)ften
Siegionen ber Sbeenmelt gugänglid^ finb, lonnte eine fold^
gebanlentiefe Sl^aralteriftil feinei^ ^o\It§ liefern, unb nur
eine ^erfönlid^Ieit, bie ba» SBertrauen in bie fiegenbe ^raft
ber ^betn ^ai, lonnte biefe geiftigen SBaffen gu ben pl^^»
fifc^en gefeüen, bie bamate gegen ben fremben Eroberer
JEämpften.
SSie ftant ba» SBiffen enttl^ront l^at, um für ben
®Iauben $Ia^ gu belommen, fo l^at gfic^te baiS (Sriennen
für mertloiS erllört, um für bad lebenbige $anbeln, für
bie moralifd^e Zl^at freie Sal^n oor fid^ gu l^aben. @in
— 58 —
äl^nlid^ed J)ai auä) Schiller Derfud^t. %ur nal^m bei il)m
bie SteOe, bie bei Stant ber ©laube, bei gfid^te bad ^an«
beln beanfprud^te^ bie ®d^6n^eit ein. S)ie 99ebeutung
Sd^iOerd für bie 9SeItanfd^auungiSentn)ideIung n)irb ge«
loöl^nlid^ unterfd^ct^t. SBie ©oetl^e [xä) barüber gu bellagen
^atit, ba% man if)n aliS ätaturforfd^er nid^t gelten laffen
n)onte, roeil man einmal gemol^nt mar, il^n aU 2)id^ter gu
nel^men, fo muffen bicjenigen, bie pc^ in ©d^iHerö pl^ilo»
opl^ifd^e 3b«en Dertiefen, bebauern, ba6 er Don benen, bie
td^ mit SBeltanfd^auungögefdöid^te bef äffen, fo wenig ge«
mürbigt wirb, meil i^m fein gelb im SHeid^e ber Äunft
angemiefen ift.
Stfe eine bm^au^ felbftctnbige Senlerperfönlid^Ieil ftellt
fid& ©dtiiHer feinem Stnreger Äant gegenüber. S)ie $ol^eit
beiS moralifc^en ©laubend, }u ber Sani ben Stenfd^en gu
erl^eben fnd^te, fd^äfete ber ®id^ter, ber in ben ^atönbern"
«nb in ;,ÄabaIe unb ßiebe'' feiner 3«i^ ^in^n Spiegel il^rer
äSerberbtl^eit üorgel^alten liai, mal^rlid^ nid^t gering. Stber
er fagte fid^: follte eS burd&auö notmenbig fein, bai ber
9Renfd^ nur im Kampfe gegen feine Steigung, gegen feine
93egierben unb Slriebe fid^ gu ber ^öl^e bed lategorifd^en
3mperatiui5 emporheben lann? Äant moHte j[a ber ftnn«
lid^en %atur bed aßenfd^en nur ben ^ang ^um fieberen,
gum Selbftfüd^tigen, ^nm Sinnlid^^Slngenel^men beilegen;
unb nur, roer fid| emporfd^roingt über biefe fmnlidie Statur,
mer fte ertötet unb bie rein geiftige Stimme ber ^flid^t in
fid^ fpred^en lögt: ber lann tugenbl^aft fein. So l^at ^ant
ben natürlid^en SRenfd^en erniebrigt, um ben moralifd^en
um fo l^öl^er lieben ju lönnen. Sd^iDer fd^ien barin etmod
btS 3Renfd[)en UnmürbigeiS ju liegen. Sollten benn bie
triebe bt» SRenfd^en nid^t fo oerebelt merben lönnen, ba%
fie an» fid^ felbft ^erauiS baS ^flid^tmctgige, ba» Sittlid^e
tl^un? 2)ann brauchten fte, um ftttlid^ ju mirlen, nid^t unter«
brüdCt au merben. Sd^iQer fteDte bedl^alb ber ftrengen
ftantfd^en $fIid^tforberung feine Slnfid^t in bem folgenben
Epigramm gegenüber:
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&tcn bim^ id^ ben gremtben, bo4 tl^u id^ ed teiber mit 92eiguitg,
Unb fo toxxcmi ed mi(!^ oft, bag t(| nic^t tugenbl^aft bin.
(Sntfd^etbung.
^a ift fein anbetet 9iat bu mugt ]nd^tn, fte 5U t>eta(i^ten,
Unb mit ^f(|eu olSbonn tl^un, mie bie $fli(|t bit gebeut.
©dritter fud^te biefe ^^öemiffen^ffrupel" auf feine ärl
ju ISfen. Qwti Stiebe waHitn tl^atfäd^lidg im SRenfd^en:
bcr finnlid^c Srieb unb bcr Sctnunfti^trieb. Überläfet ftc^
ber SKenfd^ bem pnnlid^cn Stieb, fo ift et ein Spielball
feiner Scgicrben unb ßcibcnfd&aftcn, futg feinet Selbftfud^t.
®iebt er ftd^ gang bem Sernunftdtrieb l^in, fo ift et ein
®IIaoe il^rer ftrengen ©ebote, i^rer unerbittlid^en Sogil;
il^ted lategotifd^en Smpetatioi^. @in SRenfc^, bet blog
bem ftnnliäen Stiebe leben miD, mug bie äSetnunft in fid^
ium Sd^meigen bringen; ein folc^er, ber nur ber SBernunft
bienen miK, mui bie ©innlid^Ieit ertöten. §ort ber erftere
bod^ bit SScrnunft, fo unterwirft er fid& il&r nur unfrei«
toiKig; ocrnimmt ber lefetere bie Stimme feiner Segierben,
fo empfinbet er fic ate ßaft auf feinem Sugenbmege. ®ie
pl^^ftfd^e unb bie geiftige %atur bed SRenfd^en fd^einen alfo
in einem oerl^öngniiSooIIen Sn'i^fP^I^ i^ leben, ©iebt eS
nid^t einen S^f^^^nb im 9Kenfc^en, in bem beibe Sriebe, ber
finnlid^e unb ber geiftige, in Harmonie ftel^en? Sd^iüer be*
antwortet bie fjrage mit „^a". 618 ift ber 3«ßönb, in
bem ba» ©d^one gefd^affen unb genoffen mirb. SBer ein
Äunftmerl fd^offt, ber folgt einem freien Naturtrieb. 6r
tl^ut ed auiS Neigung. 9(ber t^ ftnb leine pi^^fifd^en Setben«
fd^aften, bie il^n antreiben; t^ ift bie ^l^antafie, ber ®eift.
@benfo ift t» mit bemjenigen, ber fid^ bem ®enuffe eined
jtunftmeried l^ingiebt. &^ beftiebigt feinen ®eift jugleic^,
inbem t§ auf feine Sinnlid^Ieit mirft. Seinen Segierben
lann ber SRenfc^ nad^gel^en, o^ne bie pl^eren ®efe^e
it» ®eiftei§ gu bead^ten; feine ^flid^t lann er erfüllen,
ol^ne ftd^ um bie Sinnlid^Ieit gu lümmern; ein fd^öned
ihtnflmerl mirlt auf fein SBol^IgefaDen, ol^ne feine SSegierbe
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git ertoeden; unb ed verfemt il^n in eine geiftige äßelt, in ber
er an§ Steigung uerroeiü. 3n biefem ^t^anbe ifi ber
9Renfd^ toxt ba» Sänb, ba& bei feinen ^anblungen feiner
Steigung folgt unb nid)t fragt, ob biefe ben SSernunft»
gefe^en n)iberftrebt : „S)urd^ bit @d^ön^eit witb ber finn«
lid^e 9Kenfd) . . . gunt 2)enfen geleitet; burc^ bie ®d^ön«
l^eit n)irb ber geiftige äßenfd^ gur Waterie gurüdgefül^rt unb
ber ®innenn)elt wiebergegeben/ (S^d^tgel^nter ^ief über
äftl^etifd^e Srgiel^ung bed SKenfd^en.) ^2)ie l^ol^e f^reil^eit
unb ©leid^mütigleit bed ©eifteiS, mit Shraft unb Stüftigleit
DerbunbeU; ift bie Stimmung, in ber uniS ein ed^tei^ J{unft«
roerl entlaffen foH, unb eö giebt leinen fid^ereren probier«
ftein ber maleren äftl^etifd^en ©üte. f^inben mir un^ nad^ einem
®enug biefer Wci gu irgenb einer befonberen @mpftnbungiS«
meife ober ^anblungiSmeife üorgugiSmeife aufgelegt, ju einer
anberen l^ingegen ungefd^idt unb Derbroffen, fo bient bie0
}u einem untrüglid^en SSemeife, ba% mir leine rein äftl^e«
tifd^e SBirlung erfal^ren l^aben, t» fei nun, ba^ ed an
bem ©egenftanb ober an unfa*er SmpftnbungiSmeife ober
(mie faft immer ber fjfall ift) an beiben }ugleidt) gelegen
l^abe.'' (3meiunbgman}igfter Brief über ctfti^etifd^e Srjiel^ung.)
SSeil ber äßenfd^ burd^ bie Sd^önl^eit meber ein ®IIat)e
ber Sinnlid^Ieit ift, nod^ ber SSernunft, fonbern burd^ fte
beibe jufammen in feiner (Seele mirfen, oergleid^t ®d^iller
ben Srieb gur Sd^önl^eit bemjenigen btB ^nbeiS, ba» in
feinem Spiel feinen ®eift nidjt SSernunftgefefeen unterwirft,
fonbern i^n frei, feiner Neigung nad^, gebrandet. SeiSl^alb
nennt er biefen Srieb gur ©dtjön^eit ©pieltrieb: ^^SRit bem
Slngenelgmen, mit bem ®uten, mit bem SSoüIommenen ift
t^ bem SRenfd^en nur Srnft; aber mit ber Sd^önl^eit
fpielt er. f^reilid^ bürften mir und l^ier nid^t an bie Spiele
erinnern, bie in bem mirllidEien Seben im @ange finb unb
bie fid^ gemöl^nlid^ nur auf fel^r materielle ©egenfiänbe
rid^ten; aber in bem mirllid)en Seben mürben mir aud^ bie
Sc^önjeit oergebeni? fud&en, oon ber l^ier bie Siebe ift. ®ie
mirllid^ tiorl^anbene Sd^onl^eit ift beiS mirllid) oorl^anbenen
Spieltriebi^ mert; aber burd^ ba» Sbeal ber Sd^önl^eit,.
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xüdcl^t^ bie SSernunft auffteQt, ift aud^ ein Sbeal bei? ®pitl-
triebi? aufgegeben, bai? ber 9Renf(| in allen feinen Spielen
im äuge ^aben foll.^ (26. »rief.) 3n ber (grfüHung biefeg
ibealen Spieltriebi? finbet ber 9Renf(| bie SBirllid^Ieit ber
fjfreii^eit. @r gel^ord^t nun nid^t mel^r ber SSernunft;
unb er folgt nid^t ntefir ber finnlid^en Steigung. (Sr l^anbelt
ün» Steigung fo, n^ie n)enn er an» Sernunft l^anbelte. „^et
9RenfdE| foQ mit ber SdEjönl^eit nur fpielen, unb er foQ
nur mit ber @d^önl^eit fpielen . . . S)enn um t» enb«
lidb l^eraui?3ufagen, ber 9Renfd^ fpielt nur, mo er in DoQer
Sebeutung bed 9Borted äKenfd^ ift, unb er ift nur ba
gang SOtenfd^, mo er fpielt/ @dE|iIIer l^cttte aui) fagen
Mnnen: 3nt Spiel ift ber 9Renfd^ frei; in ber ©rfüllung
ber ^flid^t unb in ber Eingabe an bie Sinnlid^Ieit ift er
unfrei. 9SiQ ber ÜRenfdE) nun anä) in feinem moralifd^en
^anbeln in DoQer Sebeutung bed SSorted 9Renfd^ fein, ba»
l^eigt, miU er frei fein, fo mug er gu feinen Sugenben
baiSfelbe Serlgaltnid l^aben mie gur Sc^önl^eit. @r mn%
"feine Neigungen gu Sugenben Derebeln; unb er mn^ fid^ mit
feinen Sugenben f o burd^bringen, bag er, feiner gangen SBefenl^eit
nad^, gar leinen anbern £rieb l^at, aU il^nen gu folgen.
6in SRenfdEi, ber biefen SinHang gmifdEjcn Steigung unb Sßflid^t
l^ergefteUt l^at, lann in |ebem ^ugenblid auf bie @üte feiner
|)anblungen, mie auf tiwa» @elbftt)erftänblidE|eiS, red^nen.
SRan lann Don biefem @efid^tdpunlte an» aud^ ba»
gefeüfd^aftlid^e 3uf<intmenleben ber SOtenfd^en betrad^ten.
S)cr SBcnfd^, ber feinen finnlid^en trieben folgt, ift felbft»
ffid^tig. @r ginge ftetiS nur feinem eigenen äSol^lfein nad^,
menn nic^t ber ®iaai ba» S^fotnmenfein burdE) SSernunft-
gefe^e regelte. 2)er freie SRenfd^ DoQbringt aniS eigenem
Eintriebe, roa» ber Staat Don btm felbftfüd^tigen SOtenfd^en
forbern mn^. 3n einem 3ufammenfcin üon freien SDtenfd^en
bebarf t» leiner SmangiSgefe^e. ^.Witten in bem furd^tbaren
Steid^ ber Sh:ctfte unb mitten in bcm l^eiligen 9teid^ ber ®efe^e
baut ber äftl^etifd^e S9ilbungdtrieb unoermerlt an einem britten,
frol^lid^en SleidEie bt» Spiete, morin er bem SDtenfd^en bie
gfeffeln aQer SSerffältniffe abnimmt unb il^n von aQem, ma»
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3n)ang l^eifel, forool^I im ^l^iififdjcn toie im 9Roralif(f|cn cnt*
binbel^ (27. Sricf.) „S)icfcg S»ci(f| crfircdt ft(| aufmärlö, big
tDO bie Sernunft mit unbedingter 9{otmenbigIeit ]^errf(|t unb
alle aßaterie aufprt; ed erftredt fi(| abtDörtiS, biiS mo ber
Naturtrieb mit blinber Stdtigung maltet/ ®o betrachtet
®c^iller ein moraIif(|ei$ 9teid^ ate 3beal, in bem bie tugenb«
^afte ©eftnnung mit berfelben Seitfitigleit unb t^reil^eit walUt
mie ber @efc^mad im Sfeic^e ht& @d^önen. @r maä^i ba&
Seben im 9teid)e bei? Sd^önen ^um äßufter einer DoQIommenen,
ben 9RenfdE)en in jeber SHc^tung befreienben ftttlid^en gefell-
fcbaftli(f|en Grbnung. @r fd^Iiegt bie f(f)öne Slbl^anblung, in
ber er biefeö fein Sbeal barfteDt, mit ber Srage, ob eine
foldje Crbnung irgenbmo epftiere unb beantmortet fte bamit:
„Sem SebürfniiS nad^ cjiftiert fie in jeber feingeftimmten
©eele; in ber Sl^at möä^U man fie mol^l nur, mie bie]xeine
Kird^e unb bie reine 9tepublil, in einigen menigen auiSer«
lefenen Si^^^^n finben, mo nidEjt bit geiftlofe Nad^al^mung
frember Sitten, fonbern eigene fdEjöne Natur baiS 99etragen
ienit, mo ber SHenfc^ burdi bie oermidelteften SSerl^ältniffe
mit lü^ner @infalt unb rul^iger Unfd^ulb gel^t unb meber
nötig ^ai, frembe greil^eit gu fränfen, um bie feinige ju be-
l^aupten, noc^ feineSßürbe meg^umerfen, um Slnmutgu geigen/'
3n biefer 3ur Sd^önl^eit oerebelten Sugenb^aftigleit
l^at ©deiner eine SSermittelung gmifdEien ber Sßeltanfd^auung
^antS unb berjenigen ©oetl^eS gefunben. Sßie grog aud^ ber
3auber mar, ben Äant auf Sd^iDer ausübte, ate biefer felbft
baB Sbeal beö reinen HRenfc^entumS gegenüber ber mirHi(§
^errfdEienben moraßfd^en Drbnung ocrteibigte: ©deiner mürbe,
afe er ©oetl&e näl^er lennen lernte, ein Semunberer oon
beffen SBelt» unb SebenSbetrac^tung, unb fein ftetö nad^
reinfter ©ebanlenllar^eit brängenber Sinn lieg ij^m nid^t
cl&er Stulpe, biß eS il&m gelungen mar, biefe ©oet^efd^e
SßeiS^eit and) begrifflid^ ^u burd^bringen. Sie l^o^e 39e«
friebigung, bie ©oetl^e an» feinen änfd^auungen über
©dEjon^eit unb Äunft and) für feine SebeniSfül^rung gog,
füi^rte ©dtiiüer mel^r unb mel^r gu ber SSorfteDungSart bc«
crfteren l^inüber. afe er ©oetl^e für Überfenbung bcö
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,^9ßtll^elm äReifter'' banli, iJ)ui er biei^ mit btn SBorten:
„^i) lann Sinnen nid^t an^btüdtn, mit peinlt(| mir ba»
©cfül^I oft ift, oon einem ^robult biefer Slrt in ba»
pl^ilofopl^ifd^e SSefen l^inetnaufel^en. S)ort ift allein fo l^eiter,
fo leBenbig, fo l^ormonifd^ aufgelöft unb fo menf(i^lic§
loa^r; l^ier aQeS fo ftrenge, fo rigib unb abfiralt, unb fo
unnatürli(|, weil aOe %atur nur @t|nt^efti$ unb $]^ilofop]^ie
älntit^eftd ift. 3mar barf ic§ mir ba^ Seugnid geben, in
meinen @peIuIationen ber %atur fo treu geblieben ^u fein^
ate ftd) mit bem 99egriff ber Slnol^fid oerträgt ; ia oieüeic^t
bin xä) i^r treuer geblieben aU unfere Kantianer für
erlaubt unb für möglitfi l^ielten. Slber bennotfi fül^Ie
id^ ni(f|t meniger lebl^aft ben unenblid^en Sbftanb gmifclen
bem Seben unb bem 9töfonnement — unb lann mic^ ni(f|t
entl^alten in einem fold^en melantfjolifc^en SlugenblidEe für
einen HRangel in meiner %atur aui^^ulegen, roa& i(| in
einer l^etteren Stunbe blo^ für eine natürlitfie @igenfd^aft
ber ®ac§e anfeilen mui. @o oiel ift inbeiS gemi^, ber
S)i(f|ter ift ber einzig roa^rc üRenfd^, unb ber befte ^j^ilofopl^
ift nur eine Sarilatur gegen il^n.'' ®iefeö Urteil ©d^iflerö
lann ftc§ nur auf bie ^antf(|e ^^ilofopl^ie begiel^en, an ber
®d)iner feine (Srfal^rungen Qtmaä^i ^at Sie entfernt ben
HRenfd^en in oieler Sejie^ung oon ber Satur. Sie bringt
biefer leinen ©lauben entgegen, fonbern lä^t ai& gültige
SBal^rl^eit nur gelten, mad aud ber eigenen geiftigen Crga«
nifation be^ SRenfd^en genommen ift. ^abnti) entbel^ten
alle i^re Urteile jener frifd^en, in^altooüen garbigleit, bie
aUed l^at, xoa» mir burtfi unmittelbare SlnfdEiauung ber
natürlid^en äSorgänge unb Singe felbft geminnen. Sie
bemegt fid^ in blutleeren, grauen, falten Slbftraltionen. Sie
gicbt bie SBärme auf, bie mir an& ber unmittelbaren Se«
rül^rung mit ben Singen geminnen unb taufd^t bafür bie
ftälte il^rer abftraUen 39egriffe ein. Unb and^ im HRorali«
fd^en geigt bie Stantfd^e 9BeltanfdE|auung biefelbe @egenfö^«
lid^Ieit gegen bie 9latur. Ser rein oernünftige $fIidE|tbegriff
fd^mebt i^r ate pd^fted oor. ^a» ber ättenfdEi liebt, mogu
er Steigung l^at: aüt^ ba» Unmittelbar«%atürlid^e im
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äRenf(|enn)efen mni biefem ^flid^tibeol untetdeorbnet toerben.
Sogar ix» in bie 9legion bed (Sd^onen l^inein t^eriilgt Stani
bcn Anteil, bcn bcr 3Rcnf(|, feinen urfprünglic^en Smpfin»
bungen unb ©efül^Ien naö), ^aben mug. S)ai$ ®d^öne foQ
ein ößHig „inlereffelofeö'' SBol^Igefallcn l^eröorrnfen.
§oren mir, wie l&ingebcnb, wie „intercfficrt" Sd^iDer bem
aScrIc, an htm er bie pd^fle Stufe bcjg Äünfrterif(|en be»
njunbcrt, gegenübcrftei^l. 6r fagt über «SBill^elm SReifter":
j,^i) tann ba^ ©efül^I, ba^ mii) beim ßefen biefer Sd^rift,
unb swar in junel^menbent ®rabe, je xotiia idE) barin
!omme; burdE)bringt unb befi^t, nid^t beffer aU burd^ eine
füfee unb innige Sel^aglid^Icit, burd^ ein ©efül^I geifligcr
unb leiblid^er ©efunbigeit auiSbrüdCen; unb id^ xooUit bafür
bürgen, bag ed badj[enige bei aQen Sefern im ganzen fein
mufe. — 3d^ erlläre mir biefeg SBol^Ifein öon ber burd^-
göngig barin l^errfdEienben rul^igen ^lorl^eit, ©Icttte unb
S)urdE|fid^tigIeit, bie aud^ nid^t bai^ ©eringfte aurüdCIägt,
tva^ baQ ©ernüt unbefriebigt unb unruhig lögt, unb bit
Semegung beiSfelben nid^t meiter treibt (d& nötig ift, nm
ein frol^Iid^eö ßeben in ben SRenfd^en angufad^en unb ju
erl^alten." @o fprid^t nid^t jemanb, ber an baö intereffe-
lofe SBol^IgefaDen glaubt; fonbern ber bie Suft an bem
©d^önen einer fold^en Serebelung für fällig l^ält, bai eS
leine @rniebrigung bebeutet, fid^ biefer Suft DöQig l^ingugeben.
S)aS Sntereffe foQ nid^t erlöfi^en, menn mir bem JSunftmerl
gegenüberftel^en; mir foQen Dielmel^r imftanbe fein, unfer
Sntereffe anä^ bem entgegenbringen gu lönnen, ma» S(udflu§
beig ©eifteS ift. Unb biefe Wrt bejg Sntereffeö für baöSd&öne foH
ber „ma^re" 9Renfd^ aud^ ben moralifd^en SSorfteQungen
gegenüber l^aben. 3n einem Briefe an ©oet^e fd^reibt
Sd^iQer: „^^ ift mirllidE) ber SJemerhtng mert, ba% bie
©d^laffl^eit über öft^etifd^e SDinge immer fid^ mit ber mora«
lift^en @d^Iaff]^eit oerbunben ^eigt^ unb bai ba& reine, ftrenge
Streben nad^ bem l^ol^en Sd^onen, bei ber l^öd^ften Sibera«
litöt gegen aüt& wa^ Statur ift^ ben StigoriiSmui? im
3»oraIifdE|en bei fid) fübren mirb/
S)ie Sntfrembung Don ber $atur empfanb Sd^iQer in
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ter 9Beltanfd^auung, in ber gangen S^iituÜnx, inner«
^ali beten er lebte, fo ftorl, ba^ er Jte gum ©egenftanbe
einer S9etra(|tung in bem Sluffa^e ^.Über naioe unb fenti-
tnentalifd^e ^iä^inriQ'' mad^te. @r oergleid^t bie :^eBeniS-
anfid^t feiner 3^i^ wiW berjenigen ber ©ried^en unb fragt
fid^: ,,9ßie tommi t^, ia^ xoxt, hit in allent; xoa^ ilaint
i\i, Don ben Sllten fo unenblid^ xotxi übertroffen n^erben^
ber %atur in einem l^ö^eren ®rabe l^ulbigen, mit Snnig«
leit an i^r l^angen unb felbft bie leblofe 2SeIt mit ber
loörmflen Smpfinbung umf äffen lönnen?" Unb er beant-
wortet biefe tJrage: „Salier lommt eö, weil bie SRatur Bei
nM avi^ ber äßenfd^l^eit oerfd^munben ift unb mir fie nur
aufeerl^alb bicfer, in ber unbefeciten SBelt, in il^rer SBal^r»
j^eit mieber antreffen. 9?ic^t unfere größere 9?atur»
mägigleit, gang im ©egenteil bie 9taturmibrigleit
unferer Serl^ältniffe; '^VL^ünht unb Sitten treibt \m^ an,
bem ermadEienben triebe nadEi äSal^rl^eit unb @impligität^
ber, mie bie moralifd^e Anlage, aui^ meld^er er flieget, un«
befted^lid^ unb unaustilgbar in aOen menfd^IidEien ^ergen
Hegt, in ber pl^^fifd^en SBelt eine Sefriebigung gu oer»
fd^affen, bie in ber moralifd^en nid^t gu l^offcn ift. S)eS-
megen ift ha^ ©efü^I, momit mir an ber 9!atur l^angen,
bem ©efü^le fo nal^e t)ermanbt, momit mir ia^ entflol^ene
?ßter ber ^nbl^eit unb ber finblid^cn Unfd^ulb beJEIagen.
Unfere ftinbl^eit ift bie eingige unoerftümmelte %atur, bie
mir in ber lultioierten 3ßenfdE|^eit nod^ antreffen, bal^er t^
lein SSunber ift, menn uniS lebe Sfugftapfe ber Statur auger
unß auf unfere Äinbl^eit gurüdtfüJ^rt". S)a0 mar nun bei
ben ©ried^en gang anberiS. ®ie lebten ein Seben inner«
]^alb beiS %atürlid^en. Wit^, xoa^ fie tl^aten, lam an^ il^rem
natörlid^en SSorfteüen, ^Vil^ltn unb Smpftnben l^eraui?.
Sie maren innig oerbunben mit ber Statur. ®er moberne
^enfd^ fül^It in feinem SBefen einen ©egenfaft gur Statur.
Sa aber ber S)rang nadEi biefer Urmutter aVit& SDafeiniS
bod^ nid^t auiSgetilgt merben lann, fo mirb er fid^ in ber
moberncn Seele in eine ©e^nfud^t nad^ ber Statur, in ein
Sud^en berfelben oermanbeln. ^er ©ried^e l^atte Statur;
@t einer, XBelt« unb Sei&enSanfd^auunoen. 5
— Ge-
ber SRoberne fu(f|t %atur. „®o lange ber äRenfc^ nod^
reine, eiS oerflel^t ft(|; nic^i ro^e %atur x% wvdt er aU
ungeteilte finnlidge (Sinl^ett unb ate ein l^armonierenbe^
®ange. @tnne unb SSernunft^ entpfangenbeiS unb felbft«
t^ötige^ äiermögen, l^aben fid^ in il^rem ®efdgäfte nod^ nid^t
getrennt, Diel weniger [teilen fte im äSiberfprud^ mit ein«
an ber. Seine (Smp^nbungen ftnb ni(f|t bai^ formlofe Spiel
beS Svi^o^^f feine @ebanlen ni(|t bai^ gel^altlofe Spiel ber
SSorfteUungi^baft; aui^ bem @efe|f ber %otn)enbigIeit
gelten jene, an^ ber 9BirIlid^Ieit gelten biefe l^eroor. 3ft
ber 9Renfc§ in ben Stanb ber ^Uur getreten, unb l^at
bie Kunft il^re ^anb an il^n gelegt, fo ifi jene finnlid^e
Harmonie in il^m aufgehoben unb er lann nur nod^ aU
moralifd^e ©inl^eit, b. i. aü nad^ ßinl^eit ftrebenb fid(^
äugern. S)ie Übereinftimmung gmifd^en feinem (Smpfinben
unb S)enlen, bie in bem erften S^\tanbt mirllid^ ftatt«
fanb, ejiftiert jefet blofe ibealifdi; fie ift nid^t me^r in
il^m, fonbern auger il^m, old ein ©ebanle, ber erft reali«
fiert werben foD, nid^t mel^r afeSl^atfad^c fcineg ßeben«.''
SDie (Srunbftimmung beiS gried^ifdEien ©eifteiS mar nait),
bie beiS mobernen ifi fentimentalifdEi; bie SBeltanfd^ouung
bed erften burfte bal^er realiftifd^ fein. Senn er l^atte bad
©eiftige t)on btm %atürlid^en nod^ nidEjt getrennt; bie %atur
fd^log für i^n ben ©eift nod^ mit ein. Überlieg er ftd^
ber %atur, fo gefd^al^ ti^ ber geifterfüllten %atur gegen«
über. 3lnberd ber SRoberne. @r l^at ben ©eift oon ber
%atur loiSgelöft, in ba^ graue Steid^ ber $(bftra!tion erl^oben.
©öbe er fid^ feiner Statur l^in, fo tl^äte er ed ber geift«
entblößten %atur gegenüber. Sei^l^alb mug fein ^öd^fteiS
Streben bem Sbeal augemanbt fein; burd^ bai^ Streben
nad^ biefem mirb er ©eift unb %atur mieber oerfbl^nen.
Sn ©oetl^ei^ ©eiftei^art fanb nun Sd^iüer etmaiS ber
gried^ifdEien Slrt SSermanbtei?. ©oetl^e glaubte, feine Sbeen unb
©ebanlen mit 3(ugen gu feigen, meil er bie ÜBirllid^Ieit äü
ungetrennte Sin^eit oon ©eift unb %atur empfanb. Sr
l^atte fidEi, nadEi Sd^iOeri^ SReinung, tiwa» erl^alten^ gu btm
ber fentimentalifd^e 9Renfd^ erft mieber lommt, menn er btn
— 67 —
©ipfel fcinejg ©trcbcniS crrcid^t. Unb einen fold^en ©ipfcl
erflimml er eben in beut uon SdEjiDer bef(|ricbenen äftl^eti«
fc^cn 3wftönb, in bem Sinnlid^Ieit nnb Scrnunft i^rcn 6in-
JEIang gefunben l^aben.
^iefe äSelt« unb SebeniSanfd^auung; bie in ©oetl^e auf
naive äSeife uor^anben, nnb nai) ber Schiller auf allen
Ummegen bt§ ^enlen^ firebte, l^at nid^t ba» SJebürfniiS
naä) jener allgemein gültigen SBal^r^eit, bie in ber üRotl^eniatil
il^r Sbeal erblidtt; fte ift befricbigt oon ber anberen SBal^r-
^eil, bie Unferem ©cifte fi(| aui^ bem unmittelbaren SSer»
feiere mit ber roirllid^en SBelt crgicBt. S)ie Srienntniffe, bie
©oct^e an» ber Sctrad^tung ber ffiunftioerle in Stoßen
fd)ßpfte, maren gcmife nid^t uon jener unbebingten Si(§er-
§eit mie bie ©äfee ber ilRatl&cmatif. ®afür maren fte
au(f| meniger abftralt. SIber ©oetl^e ftanb Dor i^nen mit
ber Smpfinbung : ®a ift Sßotmenbigleit, ba ift @ott. 6ine
SBal^rl&ett in bem Sinne, ba^ fie etmaö anbereö fei, afe
badjenige, mag fid^ aud^ in bem DoQIommenen Sunftmerl
offenbart, mar für ©oet^e nidEjt oorl^anben. SBa§ bie Äunft
mit il^ren ted^nifd^en SRitteln: £on, iffiarmor, Sarbe,
W)r)if)mnB n. f. m. Derlörpert, ba» ift bemfelben SBaJ^rJ^eitd*
queQ entnommen, an» bem and^ ber $l^iIofopl^ fc^öpft, ber
aOerbingiS nid^t bie unmittelbar anf(^auli(^en lißittel ber
S)arfteIIung f)ai, fonbern bem einzig unb aQein ber ©ebanle^
bie 3bee felbft gur Verfügung ftel&t. „5ßoefie beutet auf
bie ©el^eimniffe ber Sßatur unb fud^t jie burd^S Silb ju
löfen. $]&ilofop]^ie beutet auf bie ©el^eimniffe ber SBer»
nunft unb fud^t fie burd^ö SBort gu löfen", fagt ©oetl^e.
aber bie äSernunft nnb bie %atur finb i^m gule^t eine un*
trennbare @in^eit, benen biefelbe Sßal^rl^eit gu ©runbe liegt.
@in SrIenntniiSftreben, ba», oon ben fingen lodgelöft, in
einer abftralten 98elt lebt, gilt il^m nid^t aU ba» pc^fte.
„'S)a» ^öd^fte märe, %n begreifen, ba^ aUe» gaftifd^e f(f|on
Sl^eorie ift." 2)ie Släue bt» ^immete offenbart uns ba»
©runbgefe^f ber garbenerfd^einungen. „^an fudEie nur nid^tS
l^inter ben ^l^änomenen; fie felbft finb bie ßel^re." SDer
$ft|d^oIoge ^einrotl^ be^eid^nete in feiner Slntl^ropologie
6*
— 68 —
ba» SDenlen, burd^ ba^ ®otiJ)c gu feinen @tnfi(f|ten in bie
naturgemäße S3ilbung ber ^flangen nnb Siere gelangte,
afe ;,gegenftänbKd&eö ©enlen''. 6r meinte bamit, ba% fid^
bicfeiS ®enlen oon ben Oegenftänben ni(f|t fonbere; ba§
bie .Oegenftänbe, bie SlnfdEiauungcn in inniger S)urd^-
bringung mit bem S)enlen ftel^en, bag ©oetl^ei^ Genien gu«
gleidö ein Slnfri^aucn, fein Slnfd^auen gugleid^ ein SDenlen fei.
Sdfiillcr ift ein feiner Seobad^ter unb ©d^ilberer biefer
®eifteöart geworben. (5r fdEireibt über fle in einem ©riefe
an ©oetl^e: „^^i BeobadEjtcnber Slidt, ber fo ftill unb rein
auf ben S)ingen rul^t, feftt @ie nie in ©efal^r, auf ben
Slbmeg gu geraten, in ben fomol^I bie ®peIuIation ate bie
miniürlid^e unb Blog ftd^ felbft gel^ord^enbe SinbilbungS«
Iraft pd^ fo leidet üerirrt. Sn Sl^rer rid^tigen Intuition
liegt aOe^ unb meit DoQftctnbiger, roaS bie Slnal^fii^ mül^«
fam fud^t, unb nur, meil eö afö ein ©angeiS in 3^nen
liegt, ift 3^nen 3l^r eigener Sleid^tum oerborgen; benn
leiber roiffen mir nur ba&, roa& mir fd^eiben. ©cifter Sl^rer
2lrt miffen bal^er feiten, mie meit fie gebrungen fmb, unb
mie menig Urfad^e fie l^aben, oon ber Sßl&ilofopl^ie gu borgen,
bit nur oon il^nen lernen lann." 5ör bie ©oetl^efd^c unb
@dE|iIIcr|dE|e SBeltanfd^auung ift SBal&rl^eit nid^t blofe inner*
l^alb ber Sßiffenfd^aft Dorl^anben, fonbern aud^ innerl^alb
ber Sunft. ©oetl^eö SReinung ift biefe: „3(^ benfc, SBiffen»
fd^aft Ißnnte man bie Kenntnis be^ SBgemeinen nennen,
baö abgegogene SBiffcn; Sunft bagegen märe SBiffenfd^aft
gur Sl^at oermenbet; SBiffenfd^aft möre SBernunft, unb Äunft
il^r äßed^anidmud, beiSl^alb man fie aud^ praltifd^e SSiffen*
fdEiaft nennen lönnte. Unb fo märe benn enblidEi SBiffen*
fc^aft ba§ S^eorcm, ffunft baö Problem.'' Sie SBed^fel-
mirlung beö miffenfd^aftlid^en ©rlenneniS unb beö liinft-
lerifd^en ©eftaltenö ber ßricnntniö fd^ilbert ©oetl&e: ^,63
ift offenbar, ba% ein . . . Sünftler nur befto größer unb
entfd^iebener merben muß, menn er gu feinem S^alente nod^
ein unterrid^teter Sotaniler ift, menn er oon ber SBurgel
an ben @influg ber oerfd^iebenen Seile auf ba^ ©ebei^en
unb ba^ Sßad^Stum ber $flange, il^re SJeftimmung unb
— 69 —
wcd^fclfciligcn SBirlungcn crlcnnt, tocnn er bic fucccfjiD«
@nttotdlelung btt ä9Iäüer,ä9lumen, SJefrud^tung^gfrud^t unb bt»
neuen SeimeiS einfielt unb fiberbenlt. @r n^irb atebann
nt(f|t Blog bur(| bie 9Bal^I aud ben @rfdgetnungen feinen
©efc^mad geigen, fonbern er roxtb uniS au(f| burd^ eine
rid^tige S)arfieQung ber @igenf(^aften )uglei(f| in Sermun-
berung fe^fen.'' @o waltet im lünftlerifd^en Srgeugen bie
Sßal^rl^eit, benn' ber Sunftftil rul^t, nac§ biefer ^uffaffung/
auf ;,ben tiefflen ©runbfeflen ber ßrlennlniß, auf bem
SBefen ber S)inge, infofern uns erlaubt ifl, eö in pdEil-
baren unb greiflitfien ©eflaüen gu erlennen/ Sine tjolge biefer
9(nfi(|t über bie ÜBal^r^eit unb i^re (Srlenntnii^ ift, ba^
man ber ^l^antafie i^ren 9(nteil beim 3uftanbeIommen
bt§ äSiffeni^ augeftanb unb nid^t Blog in bem abftralten
SSerfianb bad einzige @rlenntnii?t)ermögen fal^. S)ie Sor«
fteHungen, bie ©oetige feinen Setrad^tungen über ^flanaen«
unb Sierbilbung ^u ©runbe legte, maren nid^t graue, ab-
ftralte ©ebanlen, fonbern auiS ber ^^antafie l^eraui? erzeugte
finnIid^ = überfinnIidE|e Silber. 9iur baQ SJeobad^ten mit
^l^antafie lann roirfli^ in baS SBcfen ber S)inge fül^ren,
nid)t bie blutleere Slbftraltion: bieö ift ©octl^eig Über-
zeugung. @r l^ebt e$ an ©alilei l^eroor, bai biefer beob»
ad^tete afe ©enie, bem ;,ein Satt für taufenb gilt",
inbem „er fid^ aui^ fdEimingenben ^rd^enlampen bie
Seigre beiS $enbeld unb beS gallei? ber jförper tnt^
midEcItC. ®ie ^l^antafie fd^afft an bem einen SaBe
ein inl^altDoOeiS ^ilb bed Sßefentlid^en in ben @r-
fd^einungen; ber abftrai^ierenbe Serftanb lann nur an&
ber Kombination^ SSergleidEjung unb ääeredEinung ber @r-
fd^einungen eine aflgemeine Siegel il^reö SSerlaufeö ge»
minnen. S)iefer ©laube ©oetl^eiS an bit ©rlenntniiSfäl^ig'
leit ber ^l^antafie rul&t auf feiner gangctt SBeltauffaffung.
SBer roie er baö Siaturmiricn in allem fielet, ber lann in
bem geiftigen Snl^alt ber meufd^tid^en ^l^antafie anä) niä^t^
fel&en ate Siaturprobulte. 2)tc ^l^antafiebilber ftnb Siatur-
probulte; unb ba fie bie 9?atur miebergegeben, lönnen fie
nur bie Sßal^rl^eit entl^alten, benn fonft mürbe bie %atur
— 70 —
ft(| felbft mit biefen Slbbilbern belügen, bie fte t)on ft(^
fdgafft. %ur aRenfd^en mit $l^aiitafte lönnen bie pd^fte
@tufe bei? (Stttnntn^ errei(|en. @ie nennt ©oetl^e bie
„Umfaffenben" unb ^rStnfd&auenben'' im ©egenfa^ gu ben
blog ^rSßipegierigen'', bie auf einer niebrigeren (Srienntntd«
ftufe fielen bleiben. ;,S>ic SBifebegierigcn bebürfen eines
rul^igen; uneigennü^figen 39lidfed, einer neugierigen Unrul^e,
eined Ilaren SSerftanbei? . . .; fte oerorbeiten anö) nur im
miffeufd^aftlitfien Sinne, maS fte uorfinbcn/ «®ic Sln-
fd^auenben Der^alten fid) fdEjon probultit), unb ba& äSiffen,
inbem t^ fxi) felbft fteigert, forbert, ol^ne eiS gu bemerlen,
ba» 9(nfd^auen unb gel^t balgin über; unb fo felgr fidg anc!^
bie SBiffenben oor ber Imagination freudigen unb fegnen,
fo muffen fte bodg, elge fie fidg oerfelgen, bie probultioe
Sinbilbungölraft au ^ilfe rufen . . . 3)ie Umfaffen*
ben, bie man in einem ftolgern @inne bie Srfdgaffenben
nennen lönnte, oerlgalten fidg im pdgften ®inne probultio;
inbem fte nömlidg oon Sbeen aui^ge^en, fpredgen fie bie
@in]geit bed ©angen fdgon au$, unb t9 ift gemiffermagen
nadglger bie ®adge ber %atur, ^dg in biefe^bee gu fügen/
SSer an eine foldge Srlenntnidart glaubt, htm lann ed
nidgt beüommen, über bit (Singefdgränltl^eit ber menfdg«
lidgen Srienntnii? in ftantfdger SBeife gu fpredgen. S)enn
ba», meffen ber SRenfdg ate feine SBalgrl^eit bebarf, baiS
erlebt er in feinem Innern. 2)er Stern ber %atur liegt
im Snnern bt» 3Renfdgen. 3!)ie SSeltanfdgauung @ott^t»
unb @dgiIleriS verlangt garnidgt oon ber Sßa^rlgeit, ba^ fte
eine SBieberlgolung ber SBelterfdgeinungen in ber SorfteQung
fei, ba^ alfo bie le^ftere im mörtlidgen Sinne mit etmod
auger btm SRenfdgen übereinftimme. S)ad, tt>a9 im
SRenfdgen erfdgeint, ift al» foldgei?, aU Sbeeüei?, ald geifti-
ged (Sein, in leiner Stugenmelt oorl^anben; aber tS ift bad^
jenige, wa» aü ®ipfel alled SBerbeni? gule^ft erfdgeint. 2)ed'
Igalb brandet für biefe SBeltanfdgauung bie SBal^rlgeit nidgt
allen 3Renfdgen in ber gleidgen ®eftalt gu erfdgeinen. @ie
lann in i^btm (Singelnen ein inbioibueDed ®epräge tragen.
XSer bie SBalgrlgeit in ber Übereinftimmung mit einem
— 71 —
^ugeren fudjt, für ben giebt t» nur eine gfornt berfelben,
unb er n^irb mit ftant nad^ berienigen „^Rttap^^fxl" fuc^en,
bie allein „aU SBiffenfd|aft n)irb auftreten lönnen''. 9Ber in
ber SBal^rl^eit bie f^ö^fit Sfni(|t aüt» Safeini^ fielet, bai^jenige,
in bem ba» ^äBeltaü; n^enn t& fx^ felbft entpfinben Ibnnte,
ate an fein Qitl gelangt, aufj[aud^)en unb ben ®ipfel bei^
eigenen SBerbeni^ unb SSefeni^ ben^unbem'' n^ürbe, berlann
mit ©oetl^e fagen: ^.Jtenne id^ mein SSer^öItniiS ^u mir
felbft unb %nx Sugenmelt, fo ^eig xä^^» SBal^rl^eit. Unb fo
lann jeber feine eigene Sßal^r^eit l^aben, unb ed ift bod|
immer bief eibige/' %id^t in bem, mai^ uniS bie Slugenmett
liefert, liegt ba» SBefen bed @eind, fonbern in bem, ma9
ber SRenfd^ in fid^ ergeugt, bl^ne ba% t» fd^on in ber
Slugenmelt Dorl^anben ifi ©oetl^e menbet fid^ bal^er gegen
bielenigen, bie burd^ Snftrumente unb obfeUioe SSerfud^e in
ba» fogenannte ^Snnere ber Statur'' bringen mollen, benn
;,ber 3»enf(f| an fxä) felbft, infofern er fid^ feiner gefunben
€inne bebient, ift ber grüßte unb genauefte pl^^ftlalifd^e
flpparat, ben ed geben lann, unb ba» ift eben ba^ größte
llnl^eil ber neueren $1^9fil, ba^ man bie @;perimente gleid^«
fam vom 9Renfd|en abgefonbert l^at, unb blog in bem,
foa^ Iünftlid|e gnftrumente geigen, bie %atur erlennen, [a,
mod fie leiften lann, baburd^ befd^ranlen unb bemeifen
miO.'' Safür ^^e^t fa aber ber äRenfd^ fo l^od|, ba§ ftd^
ba» fonft UnbarfteQbare in il^m barfteQt. Sßai? ift benn
«ine @aite unb aQe med^anifd^e Seilung berfelben gegen ba&
£)l^r bed 9RufiIer8? 3a, man lann fagen, xoa» finb bie
elementaren Srfd|einungen ber Statur felbft gegen ben
Slenfdgen, ber fie alle bänbigen unb mobifigieren mug, um
fie fid^ einigermaßen affimilieren gu lönnen''.
— 72 —
®cr innige SSunb, bcr burd^ ®oti^t, ©d^iHer unb il^re
Seitgcnoffcn aroifd^cn Sichtung unb SBeltanfd^aunng ge»
fd^loffen rourbc, ^at bcr legieren int anfange unfcreg Sal^r-
^unbertiS baQ lebtofe ©epröge genommen, in ba0 fte lommen
mufe, menn fte fi(| allein in bcr Siegion beö abftral^icrenben
SSerftanbcö bcmcgl, ®iefer ©unb ^ai als fein Srgebnid
ben ©lauben geheiligt, bai t^ ein perfönlidEieig, ein inbioi-
bneUeö ßlement in ber SBeltanfd^auung giebt. ®er HRenfcfi
ift bered^ligt, fttfi fein Serl^allniö gur SBelt feiner ©igen*
art gemäfe a« ft^off^n. ®rin Sbeal Brauddt nid^t bai5
ÄanlfdEie, einer ein für allemal abgefdEiloffenen tl^eorelifd^en
Slnfd^auung nad^ bem 3Kufier ber äRati^emattl gu fein. 9htr
auiS ber geiftigen Sltmofpidcire einer fold^en, bie menfd^lidEie
Snbioibualitöt erl^ebenben Überzeugung lann eine äior«
fleDung mie biejenige 3ean ^aulS geboren werben:
„'^a» ^era bed ©eniei^, meld^em aOe anberen ©lang« unb
^ilfßlräfte nur bienen, l^at unb giebt ein edEjteg ffienn-
aeidfien, nämli(^ neue SBelt* unb ßebeniSanfdEiauung/ SBie
lonnte eS ba^ ^enngeid^en bed pd^ft entmidelten HRenfdEien^
beiS ©enied, fein, eine neue 3SdU unb SebenSaufd^auung
%n fd^affen, menn t§ nur eine malere, aUgemein gültige
Sßeltanfd)auung gäbe, menn bie SBal^rl^eit nur eine ®e«
ftalt l^ätte? ^tan ^anl ift auf feine Strt ein SSerteibiger
ber @oetl&efdE|en Slnfid^t, ba^ bei aWenfd^ im Snnern bie
pd^fte gorm be§ SDafeinS erlebt. @r fd^reibt an Sacobi:
^@igentlid^ glauben mir bod^ nid^t bie göttlidEie t^rei-
^eit, ©Ott, S^ugenb, fonbern mir fd^auen fie mirllid^ ate
fc^on gegeben ober fic^ gebenb, unb biefed @d^auen
ift eben ein SBiffen, unb ein l^öl^ereS, inbeö ba» SBiffen
bed SSerftanbeS fic^ blog auf ein nieberei^ @d^auen begiel^t.
üRan lönnte bie SScrnunft ba» Seroufetfein bt» aDeinigen
^ofitioen nennen, bcnn alleg ^ofitioe ber Sinnlid^Ieit löft
fidEi gule^t in ba0 ber ©eiftigleit auf, unb ber SSerftanb
treibt fein SBefen emig blofe mit bem SRelatioen, ba^ an
fid^ nid^tS ift, bal^er oor ©Ott ba» üßel^r ober üßinber
unb alle SSergleid^ungSftufen megfaBen.'' 2)a0 SRedEit, bie
SSal^rl^eit im Innern gu erleben unb bagu aUe @eelen«
— 73 —
iröfte^ mi)i Blog ben logtfd^en Serftanb in SJemegung
fe^en gu büifen, xoxU ft(| 3eatt $aul burc§ nid^tiS rauben
iaffen. „S)ad ^er^, bie lebenbige Sßuigel bed SRenfdgen^
foll mir bie £rani?fcenbentaIp]^ilDfop6ie nid^t aui? ber
Sruft zeigen unb einen reinen Xrieb ber 3(|]^eit an bie
©teöe fe^en; id^ laffe ntidg nid^t befreien von ber 9lb«
l^ängigleit ber Siebe, um aDein burd^ ^odEimut feiig )u
n)erben''. @o meift er bie n^eltfrembe ntoralifd^e Orbnung
Santd unb iixi)M ^urüd „^(^ bleibe babei, bag eiS^
mit t)ier le^te, fo mer erfte Singe gebe: Sd^onl^ett, Sßal^r«
l^eit/ ®ittlid^Ieit unb ®eligleit, unb bag bie (Stintl^efe
baoon nid^t nur notn)enbig, fonbern auä^ fd^on gegeben
fei, nur aber (unb barum ift fie eben eine) in unfag«
barer geifiig::organifd^er ©inl^eit, ol^ne meldte mir an
biefen oier (SDangeliften ober äSeltteilen gar lein SSer*
fiänbnii^ unb leinen Übergang finben lönnen.'' 2)er nad^
äugerfler logifd^er Strenge oerfal^renbe SSerftanb mav in
9ant unb t^id^te fo meit gelommen, bie felbftänbtge S9e«
beutung beiS 9ßirIlidE)en, SebeniSDOÜen gu einem bloßen
@dE|ein, gu einem Sraumbilb ^erabgufe^en. S)iefe Sln^
fdgauung mar für pl^antafieooDe HRenfd^en, bie baiS Seben
um bie ®eftalten i^rer @inbilbungi$Iraft bereid^erten, un«
erträglidEj. S)iefe äReufd^en cmpfanben bit SBirflid^Ieit, fie
mar in il^rem Sßal^rnel^men, in i^rer Seele gegen«
mörtig; unb fie foQten fx^ beren bloge Sraumigaftigleit be-
meifen laffcn. ^Sie Scnftcr ber pl^ilofopl^ifd^cn 8lubi*
torien ftnb %n ^o^, ate ba^ fie auf bie ©äffen btS
mirllid^en SebeuiS eine 9(ui^ftd^t gemö^ren'', fagt ba^er
3ean $aul.
OidEjte ftrebte nad^ reinfler, l^öd^fter SSernunftmal^rl^eit.
@r entfagte allem ÜBiffen, ba» nxö^i aud btxn eigenen
Snnern entfpringt, meil nur au& biefem ©emigl^eit ent«
fpringen lann. 2)ie (Segenj^ömung gu feiner SBelt«
anfd^auung bilbet bie Stomantil. t^id^te lögt nur bie
SBal^rl^eit gelten, nnb ba^ innere bt^ üßenfd^en nur info«
fern, ate eö bie SBa^rl^cit offenbart; bie romantifd^e SBelt-
anfd^auung lögt nur ba^ innere gelten, unb erffört aQed
— 74 —
für toal^rl^aft wtävoU, wa» an& biefem Snnern entfpringt.
2)aiS 3d^ foQ burd^ ntd|tö äugerei? gefeffelt fein, mt»,
xoa» t^ fd^afft, ^at feine 39ered|tigung.
9Ran barf Don ber 9lomantiI fagen, bai fte ben
Sd^iQerf d^en Sa^f: /^S)er 9Renfd^ fpielt nur, mo er in
ooUtt Sebeutung beS 3Sotit^ JRenfd^ ifi, unb er ift nur
ba gana SRenfdE); n^o er fpielt^' Ix» ^n feinen öugerften
^onfequengen verfolgte. @ie n^iU bie gange SSelt gu einem
SReid^ bt» ftünftlerifd^en ntad^en. S)er t)oIIentn)idfelte 9Renfd^
Jennt leine anbere %orm ald bie ©efe^e, bie er mit frei
moltenber (SinbilbungiSlraft ebenfo fd^afft mie ber Stünftler
bieienigen, bie er feinem SBerle einprägt. @r erl^ebt fid^
über aUt», mai^ x\)n t)on äugen beftimmt, unb lebt gang
an» ftd^ l^erauiS. Sie gange SBelt ift il^m nur ein Stoff
für fein öftj^etifd^ei? Spiel 2)er Srnft bei? Slltagd«
menfd^en ift il^m fremb. @r lann bie S)inge nid^t an ftd^
emft nel^men, benn fte finb i^m nid^t an fid^ mertDoD.
€r ift ed oielmel^r felbft, ber i^nen einen SBert oerleil^t.
S)ie Stimmung bed ®eiftei?, ber fid^ biefer feiner Sou«
Derönttöt gegenüber ben Singen bemugt ift, nennen bie
9tomantiIer bie ironifd^e. Jtarl SBil^elm gferbinanb
Solger (1780—1819) l&at oon ber romantifdEien Sronic
bie @rllctrung gegeben: ,,@i? mug ber ®eift bt» Stünftlerd
aQe Slid^tungen in einem alled überfd|auenben Slidt gu-
fammenf äffen, unb biefen über ätllem fd^mebenben,
Stiles oernid^tenben Slidt nennen mir Sronie.''
Sriebrid^ Sd^legel (1772—1829), einer ber Stimm-
fül^rer ber romantifd^en ®eiftei?rid^tung, fagt oon ber iro-
nifd^en Stimmung, ba% fit „aütS überfielet unb fidg über
aQei? Sebingte unenblidg erl^ebt, anä^ über eigene ftunft,
Sugenb ober Genialität''. äBer in biefer Stimmung lebt,
fül^lt fid^ burd^ nid^td gebunben; nid|ti? beftimmt il^m bie
Stid^tung feinet Xl^uni?. Sr lann „nad^ belieben pl^ilo«
fop^ifd^ ober pl^ilologifd^, Iritifd| ober poetifd|, l^iftorifd^
ober rl^etorifd^, antil ober mobem ftd^ ftimmen'^ Der
irontfd^e ®eift läd^elt über eine Sal^rieeit, bie ftd^ oon bei;
fiogil feffeln loffen miD; er l&d^elt aber aud^ über eine
— 75 —
etoige, ntoralifd^e SBeltorbnung. 3)enn nid^tiS fagt il^tn,
toad er if^nn \oü, al» allein er felbft. ^a» i^m geföQt,
foQ ber 3tont!er tl^un; benn feine ®ittUd^Ieit lann nur
eine äftl^etifd&e fein. ®ie SRontantiler ftnb bie ßrben be§
3fi(|tefd^en ©ebanleni? Don ber (Singigleit bed 3<^* ^ber
fle n^oQten biefed 3(| nic^t mit Semitnftibeen unb mit
einem moralif(|en ®lauben erfüllen mie jener, fonbern
beriefen fi(| vox allem auf bie freicfte, burd& nid^tiS gebun»
bene Scelenftraft, auf bie ^l^antafie. S)aö ©enlen mürbe
bei i^nen DÖIIig Don bem S)id^ten aufgefogen. 3iovali&,
ber licbcnSmürbigfte ber SRomantilcr, fagt: „(B» ifl re(§t
übel, ba% bie $oefie einen befonberen %amen l^at unb bie
3)id^ter eine bcfonbere S^J^ft aui^mad^en. (SS ift gar
nid^tS äJefonberej^. (S^ ift bie eigentümlidEie $anb-
lungi^meife bt» menfdglid^en ®eiftei^. 3)id^tet unb
tradEitet nid^t jeber SKenfd^ in icber SRinute?" SDaiS attein
mit ftd^ befd^öftigte 3* fann m &er ^öd^ften SBal&r^eit
Jommen: „e5 bünit bem SRenfd^cn, afo fei er in einem
©efpräd^ begriffen unb irgenb ein unbclannteö geiftigeS
SBefen Deranlaffe il^n auf eine munberbare SBeife gur (SnU
midtelung ber eoibenteften ©ebanlen". 3nt ©runbe
moQten bie Stomantiler nid^tiS anbered, aU xoa^ aud^
©oetl^e unb ®d^iQer gu i^rem SelenntniiS gemad^t l^aben:
eine Slnftd^t über bcn 3Kenfd|en, bie biefen fo uoDIommen,
fo frei mie möglidE) erfd^einen lögt. Slber biefe l^aben il^re
Snfd^auungen an^ f eften , unerf dEjütterlid^en ©runblagen
l^erauiS ermad^fen laffen. (Sd^iQer ift burd^ unabläffigeiS
p^ilofopl^ifc^eiS Genien, ©oetl^e burdt} bie @rforfd^ung ber
%atur in il^rer ©efe^fmägigleit gu einem freien Sebend«
ftil aufgeftiegen.
(Spider lannte bie Sragmeite ber äSernunftnotmenbig«
leit, ald er Don bem maleren äRenfd^en verlangte, ba% er
fid^ von xf^t befreien folle; unb ©oetl^e lonnte fid^ gum
JtultuiS ber Sd^önl^eit belennen, benn für il^n maren bie
l^ödlfien ftunftmer!e nad^ maleren, notmenbigen ©efe^fen ber
%atur gebilbet. S)ie 9lomantiIer fprangen aber gleid|fam
mit einem @a|fe in ba» Sanb ber öftl^etifd^en Sreil^eit
— 76 —
l^incin; ftc eroberten cS fid^ nid^t mill^f am, fonbern er^^
Horten Txd) bnxd) ÜRad^tfprüd^e gu feinem ä3eft^er. 3(ud^
©oetl^e Igat fein Sbeal ron $flid^t barin gefeiten, bai man
„liebt, maS man fid^ felbft befiel^It"- 8lber er mar unab» ^
teffig bemül^t, nur im ©inne bet tiefftcn ©runblagen bci^
@riennenS ba» SBal^re gu fud^en. Unb auf biefem SBege
ftrebte er aud^ nad^ ber maleren 5{unft.
<
pe Itlafftker htt Pelt- mh iebensaitfdiaimng.
9Bie ein Sid^tbli^, ber innerl^aK ber 3BeItanfd^auungi^«
cntioidelung erl^ellenb naä) xüdroäxtB unb oortpärtiS toirlt,
erfd^cint ein Saft, bcn gfriebrid^ SBill^elnt Sofepl^
©d^clling (1775—1854) in feiner „Siaturplpilofopl&ie"
ctu^gefprod^en l^at: ^^Über bie Statut pl^ilofopl^ieren l^eigt
foriel old bie $atur fd^affen^'. SBooon ©oetl^e unb Sd^iQer
burd^brungen n^aren: ba% bie probultioe $l^antafie il^ren
Slnteil bei @rfd^affung ber 3BeItanfd§auung l^aben muffe, bem
giebt biefer ®a^ einen monumentalen 9(ui^brudt. 9BaiS bie
Statur und freimiQig giebt, menn mir fie beobad^ten, an«
f d^auen, mal^rnel^men : bai^ entl^ält nid^t il^ren tief ften ®inn.
liefen ®inn lann ber SRenfd^ nid^t von äugen aufnel^men.
(St mufe il^n fd^affen.
3u fold^em ©d^affen mar Sd^ellingd ®eift befonberd
veranlagt. Sei il^m ftrebten aQe ©eiftedircifte nad^ ber
$]^anta^e 6in. @r ift ein erfinberifd^er Jfopf ol^ne gleid^en.
Slber feine @inbiIbungiSlraft bringt nic^t 33ilber l^eroor,
mie bie lünfllerifd^e, fonbern Segriffe unb Sbeen. ®urd§
biefe feine ©eiftedart mar er ba^u berufen, bie ©ebanlen«
gonge gfid^ted fortjufe^en. Siefer befag bie probultioe
^l^antafie nid^t. @r mar mit feiner SBal^rl^eiti^forberung bii^
gum feelifd^en Zentrum be§ 9Renfc^en gelangt, ii» jum
„3<^". SBenn biefeS ber Duellpunit fein foU für bie
SSeltanfd^auung, fo mu§ berjenige, ber auf biefem ®tanb«
punite ftel^t, aud^ in ber Sage fein, oom 3d^ aui^ gu inl^alt*
oollen ©ebanlen über bie SBelt unb ba» Seben ju gelangen.
— 78 —
S)aiS lann nur mit ^ilfe ber @inbtÜ)ungi^!raft gefd^el^en.
Sie ftanb ($id^te nid^t gu ©ebote. ^tS^alb blieb er im
®runbe fein gangeS Seben lang bobei [teilen, auf bai^lgd^
l^ingubeuten unb gu fagen, mie t» einen ^n^aü an ®e«
banlen gewinnen muffe; aber er mugte il^m felbft leinen
fold^en gu geben. 9Bir erfel^en bied Ilar aui^ ben Sor«
lefungen, bie er 1813 an ber berliner Unirerfität über
,,9Biffenfd^aftöIe]^re" gel^alten ^ai (ätad^gelaffene SBerle.
1. 99anb). @r forbert ba für benjenigen, ber )u einer
SBeltanfd^auung lommen miQ „ein gang neueiS innerei^
Sinnei^merlgeug, burd^ meld^eiS eine neue SBelt gegeben
mirb, bie für ben gemö^nlid^en äRenfd^en gar nid^t rorl^anben
ift"". Slber fjfid^te lommt nid^t über biefe fjforberung einei»
neuen ®innei^ ^inauiS. SBai^ ein folc^er Sinn mal^rnel^men
foQ, bai^ entmidtelt er nid^t. Sd^elling fielet in ben ®t»
banlen, bie il^m feine ^l^antafie vor bie Seele fteQt, bie
(Srgebniffe biefeS l^öl^eren Sinnei^, ben er inteQeltueQe Sin«
fd^auung nennt, ^^n, ber alfo in bem, mag ber ®eift
über bie %atur auiSfagt, ein @rgeugnii^ fielet, bai^ ber ®eift
fd^afft, mufete oor atten ®ingen bie fjtöge intereffieren:
9Bie lann baB, roa& an» bem ®eifte ftammt, bod^ bie mirl«
lid^e, in ber Statur maltenbe ®efe^mö§igleit fein? (Sr
menbet fid^ mit fd^arfen 9(uiSbrüdten gegen biejenigen, meldte
glauben, ba% mir unfere Sbeen ;,auf bie Statur nur über*
tragen''/ benn „fie ^aben leine Sd^nung baoon, mad un^
bie %atur ift unb fein \oü, . . . benn mir moQen nid^t,
bai bie Statur mit ben @efe$en unfereiS ®eifted gufäQig
(ctma burd^ SSermittelung eines Sritten) gufammcntreffe,
onbern, ba^ fie felbft notmenbig unb urfprünglid^ bie®e«
e^e unferej^ ®eifteiS — nid^t nur audbrüde, fonbern felbft
realifiere unb ba^ fie nur infofern Statur fei unb ^ainx
i^eige, ate fte bied i^&ie ... Sie ^atur foD ber ftd^tbare
®eifi, ber ®eift bie unftd^tbare Statur fein. $ier alfo, in
ber abfoluten Sbentität bei^ ®eified i n und unb ber Statur
auger uniS, mu§ fid^ bai^ Problem, mie eine Statur auger
uns möglid^ fei, auflöfen\ «atur unb ®eift fmb alfo
überl^aupt nic^t gmei rerfd^iebene SBefenl^eiten, fonbern eine
— 79 —
itnb biefelbe SSefenl^eit in gmei Derfd^iebenen ^oimtn. 2)if
eigentlid^e SRetnung Sd^eQingi^ über biefe @in]^eit oon
%atur unb ©eifi ift feiten richtig erfagt n)orben. 9Ran
tnu§ ftd^ gang in feine SorfieQungi^ad rerfe^en, n)enn man
bantnter nid^t eine £rit)ialität Dber eine ^bfurbitöt Der*
ftel^en n)iU. ^ier foQ, nm biefe SorfteQungiSart gu oer»
beullid^en, auf einen @a^ in feinem Snd^e „Üon berSBelt«
feele'' l^ingemiefen merben, in bem er fid^ über bie %ator
ber Sd^merlraft aui^fprid^t. Stiele feigen eine ©d^mierigleit
in biefem Segriffe, meil er eine fogenannte ;,3Bir{ung in
bie iJerne'' Dorauöfcftt. S)ie Sonne mirft angiel^enb auf
bie ®rbe, tro^bem nid^td jmifd^en ©onne unb @rbe ift^
Toai^ biefe Slngiel^ung oermitteli. ÜRan mug fid^ beulen,
bai bie Sonne burd^ ben 9taum l^inburd^ il^re SBirlungiS«
fpl^äre auf Orie auSbel^nt, an benen fie nid^t ifi 3)ie«
jenigen, bie in grobfinnlid^en äJorfteQungen leben, feigen in
einem fold^en ©ebanlen eine Sd^mierigleit 23ie tonn ein
Sörper ba mirlen, mo er nid^t ift? Sd^eQing feiert ben
gangen ©ebanlenprogeg um. @r fagt: „(S^ ift fel^r mal^r^
bai ein jtörper nur ba mirlt, mo er ift, aber ed ift
eben fo malgr, bag er nur ba ift, mo er mirlt/ 9Benn
mir bie @onne burd^ bie Slngiel^ungi^haft auf unfere (Stbt
mirlen feigen, fo folgt barauS, bag fie ftd^ in il^rem Sein
biiS auf unfere @rbe erftredtt unb ba% mir lein fRtä^i l^aben^
ü^r 3)afein nur an ben Ort gu oerfe^en, an bem fte burd^
ii^re Sid^tbarleit mirlt. 5Die Sonne gel^t mit il^rem Sein
über bie ®rengen i^inauiS^ innerl^alb bereu fte fidE)tbar ift;
nur einen Seil il^reiS äßefenS fielet man; ber anbere giebi
fid^ burd^ bie Slngiel^ung gu erlennen. So ungeföl^r muffen
mir uni^ au^ ba§ Serl^öltnid beS ©eifteiS gur %atur benlen.
S)er @eift ift nid^t nur ba, mo er malgrgenommen mirb,
fonbern and) ba, wo er mal^rnimmt. Sein 3Befen erftredtt
ftd^ bid an bie fernften Orte, an benen er nod^ ©egenftänbe
beobad^ten lann. @r umfpannt unb burd^bringt bie gange
il^m belannte %atur. SBenn er ba» ®efe^ eineiS öugeren
SorgangeiS beult, fo bleibt biefer SSorgang nid^t äugen
liegen, unb ber ©eift nimmt blog ein Spiegelbilb auf, fonbern
— 80 —
biefer ftrömt fein 3Befen in ben SSorgang l^inein ; er burd§«
bringt ben SSorgang, unb n)enn er bann ba^ ®efe^ be^^
felBen finbet, fo fprid^t nid^t er eS in feinem abgefonberten
®el^irnn)inlel au»; fonbern baB ®efe^ fprid^t fid^ felbft
aus. 2)er ®eift ift bortigin gegangen, mo baiS ®efe^ n)irlt.
^ätte er eiS nid^t bead^tet, fo "fyäitt e§ anä) Qtxoitti; aber
e$ n)äre nid^t auSgefprodEjen n)orben. S)a ber @eift in ben
Vorgang gleid^fam l^ineinlried^t, fo wirb ba^ ©efefe anä) nod^
aufeerbem, ba^ eö ©irlt, afe ^bet, ate Segriff auöge-
prod^en. 9iur, wenn ber @eift auf bie 3iainx leine Slüdt-
td^t nimmt, unb fid^ felbft anfc^aut, bann lommt ed il^m
Dor, aü menn er abgefonbert oon ber %atur möre, mie e»
bem 8luge oorlommt, ba^ bie Sonne innerl^alb einei^ gemiffen
SlaumcS eingefdjloffen ift, menn baoon abgefel^en roirb, bai
fie anä) ba ift, mo fie burd^ Stngiel^ung mirlt. Saffe idg
alfo in meinem ©eifte bie Sbeen entftel^en, bie 9?aturgefefee
auiSbrüden, fo ift ebenfo mal^r, mie bie eine 33e]^auptung :
bai id) bie 3tainx fd^affe, bie anbere: ba^ fid^ in mir bie
3taiüx felbft fd^afft.
ätun giebt e» gmei 9RögIid§Ieiten, ba» eine SBefen,
ba» ©eift unb 9iatur jugleid^ ift, gu befd^reiben. ®ie eine
ift: id^ geige bie ^aturgefe^e auf, bie in 3BirIIid§Ieit tl^ätig
finb. Ober id^ geige, mie ber ©eift t» mad)i, um gu
biefen ©efe^en gu lommen. Scibe male leitet mid^ cineS
unb baSfelbe. ^a» eine mal geigt mir bie ©efe^mägigleit,
mie fie in ber $atur mirifam ift; bai^ anbere mal geigt
mir ber ©eift, maS er beginnt, um fid§ biefelbe ©efeft-
mägigleit oorgufteDen. 3n bem einen t^aQe treibe id^
Sßatur«, in bem anberen ©eifteömiffenfd^aft. SBie biefe beiben
gufammengepren, befd^reibt Sd^eDing in angiel^enber SBeife:
^S)ie notmenbige S^enbeng aller Siaturmiffenfd^aft ift, oon
ber %atur aufiS ^nteQigente gu lommen. 3)ieiS unb nid^td
anberei^ liegt bem S3eftreben gu ©runbe, in bie ^atur«
erfd^einungen S^l^eorie gu bringen. S)ie pd^fte S$erooD'
lommnung ber ^taturmiffenfd^aft märe bie ooQIommene SSer«
geiftigung aDer %aturgefe^e gu ©efe^en bei^ Slnfd^aueniS
unb bt» Senleni^. S)ie $]^änomene {ba» ÜRaterieQe) muffen
— 81 —
vöUiq rerfd^tDtnben uni) nur bie ®efe^e {ba^ fjformelle)
bleiben. 3)aber lommt e», ba^, je mel^r in ber Statut
felbft ba§ ©efe^mägige l^erDorbrid^t, befto me^t bie ^üDe
rerfd^minbet; bie $]gänomene felbft geifiiger n^erben unb
jule^t oöQig aufpren. S)ie optifd^en $]^änontene finb nid^tö
^nbextS ate eine ©eontelrie, beren Sinien burd^ ba» Sid^t
gcgogen werben, unb biefeS Sidjt felbft ift fd^on gmei»
beutiger aRatcrialitöt. 3n ben (Srfd^einungen beS SRagne-
ixBmu» Derfdgminbet fd^on aQe materieQe ®pur, unb ron
ben $]^änomenen ber Sd^roerfroft, weld^e felbft Statur-
forfd^er nur als unmittelbar geiftige ©inroirlung — SBirlung
in bie Qfcrne — begreifen gu Ißnnen glaubten, bleibt nid^tiS
jurüd aU i^x ©efefe, beffen SfuSfül^rung im ©rofeen ber
SRed^aniiSmuiS ber ^immeL^bemegungen ift. S)ie roDenbete
Zl^eorie ber Sf^atur mürbe bicjenige fein, Iraft meld^er bie
ganje 9?atur fid^ in eine Sntelligeng auRöfte. S)ie toten
unb bemugtlofen ^robulte ber Statur finb nur mißlungene
S8erfuc6e ber 5ßatur, fid^ felbft ju refleftieren, bie fogenannte
tote %atur aber überhaupt eine unreife SnteQigens, bal^er
in il^ren $]&änomenen nod^ bemu§tlo0 fdgon ber intelligente
Sl&arolter burd^blidt. ®aS l^ödlftc 3iel, fidt) felbft gang
Dbjelt gu werben, erreid^t bit Siatur erft burt^ bie pd^fte
unb leftte SlefleEion, meldfte nid^tiS anbereiS olS ber aRenfd^,
ober aQgemeiner bas ift, wa» mir Vernunft nennen, burd^
meldte guerft bie %atur ooQftänbig in ftd§ felbft gurüdKel^rt,
unb moburd^ offenbar mirb, ba^ bie %atur urfprünglid^
ibentifd^ ift mit bem, wa^ in un^ aU ^uteDigenteiS unb
SemufeteS erlannt mirb.*
3n ein lunftooIleiS 9{e^ oon ©ebanlen fpann @d^eDing
bie Sl^atfad^en ber %atur ein, fo bai aQe il^re @rfd^einungen
mie ein ibealer l&armonifdöer Crgonii^mui^ oor jeiner
fd^offenben ^l&antafie ftanben. 6r mar befeelt oon bem
©efül&l, ba^ bie Sbeen, bie in feiner ^l^antafte erfd^einen,
aud^ bie roal&ren fd^opferifd^en Äröfte ber Sfiaturoorgönge
feien, ©eiftige Äröfte liegen alfo ber 3tatm ju ©runbe;
unb xoa» unferen 9(ugen aU tot unb lebloiS erfd^eint, ba^
©tetner, SSelt« unb Sei&enSanf(|auungen. 6
— 82 —
flammt urfprünglid^ aud ©etftigem. SSenn mit unferen
®eift barauf rid^ten, bann legen mit bie Sbeen, ba^ ©eiftige
ber 9iotur frei. @o finb für uns, im Sinne ©d^ellingö,
bic Salurbingc Offenbarungen beS ©ciftcö, l^inter beren
äußerer ©üUe er fid^ gleid^fam verbirgt. 3n unferm eigenen
3nnern ^eigt er jid^ bann in feiner rid^tigen ©eftalt. SBir
n)iffen baburdg, ma» ®eift ift unb lönnen bed^alb auc^
ben in ber Salur oerborgenen ®cift roieber finben. S)te
Weif roie Sd^eHing bie 5ßalur alö ©eift in fiä) roieber
erftel^en lögt, Igat etmaiS SSerwanbteiS mit berjenigen, bie ©oet^e
bei bem rolllommenen Äüitftler anjutreffen glaubt. 5)iefer
oerföl^rt, nad^ ©oetl&eS ÜReinung, bei bem §eroorbringen
ber Äunftroerle mie bie 9iatur bei i^ren Sd^öpfungen. Sir
hätten olfo in btm Schaffen beS ÄünftlerS benfelben Vor-
gang Dor uniS, burd^ ben aud^ dUeQ baSjenige entftanben ift,
mas in ber äußeren SJatur oor unS ouögebreitet liegt
aSaS bit Statut unferen Slidfen entjiel&t, baB ftellt fid) unS
in bem lünftlerifd^en ©d^affen ma^rnel^mbar bor. S)ie
Sfiatur geigt unS nur bie fertigen 3Berfe; roie fie t^ gemad^t
^ai, um fie fertig gu bringen : ba^ muffen mit anß biefen
SBerfen erraten SBir l^aben bie ©efd^öpfe üor unö, ntd^t
ben @d)öpfer. 93eim ffiünftler nel^men mir ®d)öpfung unb
©efd^öpf gugleid) ma^r. @d^elltng miQ nun burc^ bie @r«
jeugnijfe ber ^Äatur gu i^rem @d|affen burd^bringen ; er
t)erfefet fid^ in bie fc^affenbe Statur l^inein unb lögt fie in
feiner Seele fo entfielen, mie ber ffiünftler fein ^unft»
roerl entfielen lägt. 3Bai5 finb alfo, ber SKeinung ©d^eHing^
nad§, bie ©ebanicn, bie feine 25JeItanfd^auung entl^ält? 6^
finb bie Sbeen bcS fdjaffenben Saturgeiftc«. SBa§ ben
S)ingen üorangegangen ift unb fie gefd^affen ^ai, ba^ taudbt
im eingelnen 3Renfdt)engeifte aU ©ebanle auf. S§ üerl^ält
fid^ biefer ©ebanle gu feinem urfprüngltdien mirllid&en
®afein fo, mte fid^ ba^ ©rinnerungSbilb an ein Srlebnii^
|u biefem SrlebniiS felbft vet^SLt So roirb bie menfrfilid^e
ffiiffenfd^aft für Sd^eHing gu einem SrinnerungSbilbe an
bie Dor ben SDingen fdiaffenben geiftigen SSorbilber. Sin
göttlid^er ©eift l^at bie 3BeIt gefd^affen; er fd^afft gulefct
— 83 —
and) nod^ bie SRenfd^en; unt fid^ in il^ren (Seelen ebenfo
mele äSerlgeuge ^u bilben, burd^ bie er fid| an fein ©d^affen
erinnern lann. ©dbeüing \vL^\i ftd^ alfo, roenn er fid^
ber Setrad^tunn ber äBelterfd^einungen l^ingiebt, gar nid^t
ate ©injetoefen. 6r erfd^eint fid| wie ein S^eil, ein
©lieb ©otleS. 6r benft nid^l, fonbern @ott benit in
il^nt. ®olt Befd^aut in il^m feine eigene fdEjöpferifd^e
S^ätiglcit.
3n btm §ert)orBringcn beS ShinftroerleS erblidÖ ©d^eüing
eine SBeltfc^öpfung int Meinen; in ber benfcnben Selradi»
tung ber S)inge eine (Erinnerung on bie SSeltfd^öpfung im
großen. 3n ber 3Beltanfd^auung treten bie Sbeen felBft
in unferem ©eifte auf, bie ben Singen p ©runbe liegen
unb fie ]&eroorgebradE)t §aBen; roir loffen auß ber SBelt
alleö roeg, roa§ bie Sinne über fie auSfagen, unb bel^alten
nur basjenige, roaS ba^ reine ®enlen liefert. 3tn ©diaffen
unb ©eniefeen beö ^unfiroerle^ tritt bie innige ®urd^-
bringung ber 3bee mit beut, roaS ben Sinnen fic^ offen-
bart, auf. 5ür ©dieffingS «nftd^t ftel^en alfo SRatur, Sunft
unb SBeltanfd^auung (^^ilofopl^ie) einanber fo gegenüber,
ba^ bie 9iatur bie fertigen, äugercn ßr^eugniffe barbietet,
bie 3BeltanfdE)auung bie er^eugenben Sbeen, bie Äunft beibeö
in l^armonifd^em 3ufoinntenn)irfen. ®ie fünjilcrifdöe S^l^cttig»
feit ftel^t in ber SKittc groifd^en ber fdiaffenbcn Statut, bie
l^eroorbringt, ol^ne von ben Sbeen ^u roiffen, auf ©runb
beren fie fd^afft, unb beut benlenben ©eifte, ber biefe Sbeen
rocife, ol^ne mit il&rer §ilfc anä) bie SDinge fdEjaffen gu
lönnen. Sd^eHing brüdtt bie§ in bem Sa^e an^: ^S)ic
ibealifd^e SBelt ber SJunft unb bie reelle ber Dbjelte finb
alfo ^robulte einer unb berfelben Sl^ätigleit; bo§ 3^^*
fammentreffen beiber (ber bemufeten unb bemufetlofen) ol&ne
S3emu§tfein giebt bie roirflid^e, mit Semufetfein bie äft^e-
tifd^e SBelt. 2)ie objeftioe SBelt ift nur bie urfprünglid^e,
no(| beroufetlofe $oefie bt^ ©eifteö, ba^ allgemeine Drganon
ber 5ßlöilofop]&ie — unb ber ®d)lu6ftein il^reö gangen ©e-
mölbejg — bie ^^ilofopl^ie ber Sunft."
®ie geiftigen Sl^ätigleiten bt2 SKenfd^cn: benicnbe Se«
6*
- 84 -
trad^lung bcr SBcIt unb lünfllcrif d^cö ©d^affen, crfd^cincn
@d^eDing nid^t nur ate inbioibueQe Serrid^tungen ber
Singclpcrfönlid^Icit, fonbcrn, tocnn fic in il&rcr pd^ftcn 2c-
beutung erfaßt merben, jugleid^ al§ 93erri(|tungen bt» Vit»
loefenS, ®otted. 3n n)a]^r]gaft bitl^tirambifd^en Selben
fd^ilbert @c^eQtng baiS ©efül^I, ba» in ber ®eele auflebt,
wenn fte gemal^r wirb, ba§ il^r Seben nid^t blog ein inbi«
DibueQe^, auf einen $unlt be» Unioerfumi^ befd^rönlteiS ift,
fonbern, bag il^r £]^un ein göttIid^«aQgenteinei^ ifi. äSenn
fie fagl: ic^ weife, id^ erlenne, fo l^eifet ba^, in l^öl^erem
Sinne, ©oll erinnert fid^ an fein Sl&un vor beut ®afein
ber Singe; unb wenn fie ein ^unflwerl l^erDorbringt, fo
i^eifel ba^: @oll wieberl^oll im Keinen baiSfelBe, wai^ er
bei ber @d§öpfung beS Stalurgangen int großen ooQbradit
l^at. „2)ie ©eclc ifl alfo int üßenfd^en nid^l ba» ^rin^ip
ber Snbioibualitäl, fonbern bai^, woburd^ er fid^ über aQe
Selbfll^eil erl&cbl, woburc^ er ber Aufopferung feiner felbft,
uneigennüftiger ßiebe, unb, xoa^ ba^ §öd^fte ift, ber Se»
tradCjlnng unb SrlenntniS bt» äBefeni^ ber S)tnge, eben
bamit ber Äunfl fällig wirb. Sie ift nid^t mclör mit ber
äRaterie befd^öftigt, nod§ oerlel^rt fte unmittelbar mit il^r,
fonbern nur mit bem ®etft, afe btm Seben ber ®inge.
Slud^ im Sörper erfd^einenb, ift fie bennod^ frei oon bem
Körper, beffcn SSewufelfein in i^r, in ben fd^önftcn Sil-
bungen, nur wie ein leidster S^raum \ä)wtbi, oon btm fie
nid^t geftört wirb. Sie ift feine Sigenfd^aft, lein Scr-
mögcn, ober irgenb eiwa^ ber 3lrt inöbcfonbcre; fie weife
nid^l, fonbern fie ift bie SBiffenfd^aft, fie ift nid^t
gut, fonbern fie ift bie ®üte, fie ift nid^t fd^ön,
wie ej? aud^ ber Äßrper fein lann, fonbern fie ift bie
©diönl^cit felber." (Über ba» SSerpItnii^ bcr bilbenbcn
Äünftc gur 3iatur.)
@ine fold^e SSorftcQungdart Hingt an bie beutfd^c
SR^fti! an, bie einen SRepräfentanten in Sacob Söl^mc
(1575—1624) l^atte. Sd^eÖing genofe in W:ünä)en, wo er
1806 — 1841 mit lurgcn Untcrbret^ungen war, ben an-
legcnben Umgang mit tStan^ Scncbilt äJaabcr, beffcn
— 85 —
pl^Uofopl^ifc^e ^bttn fid^ gang in ber Stid^tung jener ölieren
fiel^re bewegten. SDieö tft Me SSeranloffung, ba% er ftd^
felBft in biefe ®ebanlenn)elt einlebte; bie gan} auf bent
Oefid^töpunlte ftanb, auf bent er fettfl mit feinem S)enlen
angelangt mar. SBenn* man bie oben angefül^rten SSluö-
fprüd^e aus ber JRebe „Über baS Serl^ältniö berbilbenbcn
Äünfte gur Statur^ lieft, bie er 1807 in ber löniglid^en
SBabemie ber SBiffenfd^aften in SRünd^en gel^alten l^at, fo
mirb man erinnert an Sacob Söl^meS 8tnfd^auung: „2Benn
bu bie S^iefe unb bie Sterne unb bie @rbe anfiel^eft, fo
fiel^cft bu beinen ®ott, unb in bemfclben lebeft unb
bift bu auä), unb berfelbe @ott regiert bid^ aud^ . . . .
bu bift au» biefem ®ott gefdiaffen unb lebft in bemfelben;
aud& ftcl^et atte beine aSiffenfd^aft in biefem @ott unb roenn
bu ftirbeft, fo mirft bu in biefem ®ott begraben."
3»it feinem fortfd^rcitenben ®cnlen mürbe für @(i)elling
bie äBeItbetrad)tung gur @otteiSbelrad^tung ober ^l^eofopl^ie.
SSoUftönbig ftanb er fdEion auf bem Soben einer fold^en
©ottcSbetrad^tung, ate er 1809 feine „^ßl^ilofop^d^en
Unterfu(i)ungcn über ba» SBefen ber menfd^Iid^en Sreil^eit
unb bie bamit gufammenl^ängenben ©egcnfiänbe'' l^erauö»
gab. ane SBeltcnfd^auunggfragcn rürften fid) il&m jc^t
in ein neueö Sid^t. SEBenn aUe ®inge göttlid) ftnb: mie
lommt es, ba^ eS SöfeS in ber aSelt giebt, ba ®ott
boc^ nur bie ooHlommcnc @üte fein !ann? SEBenn bie
Seele bcS aReufd^cn in @ott ift: mic lommt eS, ba% fie
bodi il^re felbfifüd^tigen Sntereffen oerfolgt? Unb roenn
®ott eö ift, ber in mir l^anbelt: mie fann id^, ber it^ alfo
gar nid)t afe felbftönbigei^ SEBefen ^anbU, bcnnocf) frei
genannt merben?
S)urdö ®otteSbeirad^tung , ni(f)t mcl^r burd^ SEBelt-
betrad^tung fudEit ©d^eüing biefe fragen gu bcantroorten.
6s rocire ®ott ooDfommen unangcmeffen, mcnn er eine
SBelt oon SEBefen fdEjaffen mürbe, bie er afe unfelbftänbige
fortmöl^renb leiten unb lenlen müfete. SBoüIommen ift ®ott
nur, menn er eine SEBelt fd&affen lann, bie il^m fclbft an
SoEIommcnl^eit gang gicicf) ift. 6in ®ott, ber nur foldjeö
— 86 —
l^erDorBringen lann, ba» unooQIomtnener aU er felbft ift,
btt ift felbfi unroQIommen. ®ott f)ai bal^er in ben aSenfd^en
3Bcfcn gcfd^affcn^ bic nid^t feiner fjül&runfl bebürfen, fon«
bern bie felbfl frei finb unb unabhängig wie er. 6in
9Sefen, ba» an» einem anberen feinen Urfprung ^ai, brandet
bt^^alb mä)i von biefem aud) abl^öngig ^u fein. S)enn
ej8 ifi lein SBiberfprud^, bafe ber, roeldier ber ©ol^n eines
SKenfc^en ift, felbfl SKcnfd) ift. 3Bte ba» Suge, ba» nur
im ®angen bt» Organii^muiS möglid^ ift, nic^tiSbeftoroeniger
ein unabl^clngiged @igenleben für fid) l^at, fo auc^ bie
(äingelfeele, bie jroor in (Sott begriffen, aber beSl^alb bod^
nid^t burd^ il^n mtrifam ift gleid^ bem ®Iieb an einer
SKafd^ine. ^®ott ift nid^t ein ®ott ber Soten, fonbern
ber Sebenbigen. @i^ ift nid^t eingufel^en, mie ba» aQer«
DOÜIommenfte SBefen aud^ an ber möglid^ rolllommenften
9Raf(^ine feine Suft fönbe. 9Bie man au^ bie 3lrt unb
tjolge ber SBefen an» ®oii ftd^ beulen möge, nie lann fie
eine med^anifd^e fein, lein llo^t» Serotrien ober §inftellen,
mobei ba» Seiüirltc nxd^i» für fid^ felbft ift; eben fo menig
@manation, mobei ba» Sludflie|enbe baiSfelbe bliebe mit
bentf moDon e§ aui^gefloffen, alfo nid^tiS ®igene§, @elbft»
ftänbigeS. ®ie golge ber S)inge an» (Sott ift eine ©clbft-
offenbarung ©otted. @ott aber lann nur fid§ offenbar
merben in bem, maS i^m äl^nlid^ ift, in freien, aus ftd^
felbft l^anbelnben SBcfen; für bereu ©ein eö leinen ©runb
giebt afe ®ott, bie aber fmb, fo mie ®ott ift.'' 2Bäre
®ott ein ®ott beS S^oten unb aUe SSelterfd^einungen nur
ein ÜRed^aniSmuS, beffen SSorgange auf il^n als il^ren ä3e«
meger unb Urgrunb aurüd^ufül^ren mören, fo brandete man
nur bie S^l^ätigleit ®otteS gu befc^reiben, unb man ^äüt
aUeS innerl^alb ber 9BeIt begriffen. 3Ran lönnte auS ®ott
l^erauS alle Singe unb il^re S^l^ätiglett oerftegen. SaS ift
aber nid^t ber SaH 3)ie göttliche 9BeIt l^at ©elbftänbigieü.
®ott l^at fie gefd^affen, aber fte l^at il^r eigenes Sßefen. ®o ift
fte göttlich; aber baS ©öttlid^e erfd^eint innerl^alb einer SBefen«
l^eit, bie oon ®ott unab^ngig ift, innerl^alb eines %id^tgott«
lid^en. @omie baS Sid^t auS ber S)unlell^eit l^erauS geboren ift.
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fD bie göttlid^e SBelt auiS betn ungoülid^en Safein. Unb
aus bem Ungöttlid^en ftamtnt baiS Söfe, ftamtnt baiS Selbfl«
füd^tige. @oü l^at alfo bie ©efamtl^eit ber SSefeit nid^t in
feiner ©emalt; er lann i^nen baiS Sic^t geben; fie felbft
aber taud^en aui^ ber bunllen Stacht empor. ®ie finb
bie @ü]^ne biefer 3la(^t Unb n)ai^ an il^nen Sunlel«
l^eit ift, über ba» ^ai ®ott leine mati^i. ®ie mfiffen ftd^
burd^ 9iad§t jum Sic^t emporarbeiten. S)aS ifl il&re grei»
l^eit. äKan lann aud§ fagen, bie äßelt ift ©oitei^ Sd^öpfnng
an» bem Ungöttlid^en l^erauS. "S^a» Ungöttlic^e ift alfo baiS
@rfte unb ba» ©öttlid^e erft ba» Qweiit.
3uerft l^at Sc^eQing bie ^btm in aDen S)ingen ge«
fud)t, alfo il^r ®öttli(^e§. ^abvxd) ^ai ft(^ für il^n bie
gange SSelt in eine Offenbarung ®otted Dermanbelt. @r
mugte bann aber nom @öttlid^en gum Ungöttlid^en vox»
fd^reitcn, um ba» UnooDlommcne, ba» Söfe, ba» ©cttft-
füd^tige gu begreifen, ^ti^i mürbe ber gange 3Serbeprogeg
ber 3BeU für il^n eine fortfd^reitenbe Überminbung be» Un»
göttlid^en burd^ ba» ®bttlid^e. S)er eingelne SRenfct) nimmt
an» llngöttli(t)em feinen Urfprung. @r arbeitet ftd) au§
biefem l^erau^ gur ®öttlid^leit burd^. 9lud^ im SSerlauf ber
©efd^ic^te lönnen mir ben Sortgang oom Ungöttlid^en gum
®öttlic^en beobad^ten. S)ad Ungöttlid^e mar urfprünglic^
ba» $errf(^enbe in ber SEBelt. Sni Altertum überließen fid&
bie ^Renfd^en il^rer %atur. @ie l^anbelten naio an» ©elbft»
fud^t. ^ie griec^ifd^e Kultur ftel^t auf biefem 33oben. @S
mar bai^ Qtiialttt, ba ber 9Renfd^ im Sunbe mit ber %atur
lebte, ober, mie ®d^iQer in bem 9luffa^ ;;Über naioe unb
fentimentalifd)e S)id)tung'' ftd^ auSbrüdCte, Statur felbft mar,
fie beiSl^alb Vod§ nid^t fu(^te. 3Rit bem Sl^riftentum vtt*
fd^minbet biefer Unfd^ulbi^guftanb ber äRenfd^^eit. Sie bloge
Mainz mirb ald ba» Ungbttlic^e angefe^en, ba» 9)öfe mirb
bem ©ottlid^eU; bem @uten entgegengefe^t. (Si^xi^in» er«
fd^eint, um bad Sid)t bt» ®öttlid^en innerl^alb ber %ac^t
bei? Ungottlid^en erfd)einen gu laffen. ^it» ift ber SRoment,
mo ;,bie (Srbe gum gmeitenmale müft unb leer mirb'', ber«
jenige ^ber ®eburt be» l^öl^eren 2i^i» bt» ©eifted'', baiS
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«Don Slnbeginn in ber 9BeIt mat, aber unbegriffen ron ber
für ftc^ mirlenben gfinfternii^; unb in annod^ verfd^bffener
unb eingefd^ränlter Offenbarung; unb itoax erfd^eint e§,
um beut perfönlid^en unb geiftigen äJöfen entgegenzu-
treten, ebenfaDi^ in perfönlid^er, menfd6Iid)er ®eftalt, unb
ate ÜRittler, um ben Slapport ber @d^öpfung mit ®ott auf
ber l^öd^ften @tufe mieber ^erjufteüen. S)enn nur $erfdn«
lid^eiS lann $erfönli(i^ei9 l^eilen, unb ©ott mug äRenfd^
merben, bamii ber äRenfd^ mieber ^u ®ott Iomme^^
S)er ®pinogidmuiS ift eine SBeltanfd^auung, bie in ®ott
im ®runb aüt» SBeltgefd^el^eni^ fud^t, unb anS biefem
®runbe aQe Vorgänge nad^ endigen, Qotmenbigen ®efe^en
ableitet, mie bie matl^ematifd)en SBal^rl^eiten aud ben ®runb«
fä^en abgeleitet merben. Sine fold^e 3BeItanfdgauung ge»
nügte Sd^eQing nid^t. SSie @pinoga glaubte aud^ er baran,
bai alle 3Befen in ®ott feien; aber fie finb, nad^ feiner
äReinung, nid^t burd^ ®ott aQein beftimmt, fonbern t^ ift
ba» Ungfittlid^c in il^nen. Sr mirft @pinoga bie „ßeb*
lofigleit feines Sgftemig, bie ®emiitIofigfcit ber gorm vox,
bie ©ilrftigleit ber Segriffe unb 8lu«brüdte, ba» unerbittlid^
^erbe ber Scftimmungen, ba^ fid^ mit ber abftraltcn Se-
tradt)tungSn)eifc oortrcfflid^ oerträgt". ©d^eHing finbet bal^er
SpinogaS „med^anifdde Siaturanfid^t" gang folgerid^tig.
Slber bie %atur geige leineSmegd biefe fjfolgerid^tigleit.
;,S)ie ganje SRatur fagt uniJ, ba^ fie leinei^megS vermöge
einer blofe geomctrifd^en Sotroenbigicit ba ift, eS ift nid^t
lautere, reine Sernunft in il^r, fonbern $erfönlid^Ieit unb
®eift, fonft "^äiie ber geometrifd^c SSerftanb, ber fo lange
gel^errfdit l&at, fie längft burd^bringen unb fein 3boI att-
gemeiner unb emiger 9iaturgefe^c mcl^r bemal&rl&titen muffen,
ate t^ biiS je^t gefd^el^en ift, ba er vielmehr ba^ irrationale
SerpitniS ber Siatur gu fic^ täglid^ mcl^r erlennen mn^."
SBie ber ÜRenfd^ nic^t blofe Serftanb unb SScrnunft ift,
onbern nod^ anbere SSermögen unb Reifte in ftdg vereinigt,
foQ, im Sinne Sd^eDingiS, bieiS auc^ hei bem göttlid^en
Urmefen ber Qfatt fein. Sin ®ott, ber lautere, reine Ver-
nunft ift, erfd^eint mic perfonifigierte SWat^cmatil; ein ®ott
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bagegen, ber bei feinem SBeltfd^affen ntd^t nad^ ber reineit
Semunft oerfal^ren lann^ fbnbern fortocll^renb mit bem
Ungöitlid^en ^u lämpfen ^ai, lann aü „ein qaxti per»
fdnlid^eiS, lebenbiged SBefen angefefien merben''. @ein Seben
l^at bie grämte Analogie mit bem menfd^lid)en. 9Bie btx
SRenfd^ ha» UnvoVXommtrtt in ftc^ ^u überminben fud^t
unb einem 3beal ber SoQIommenl^eit nad^ftrebt: fo mirb
ein foldger ®ott; ate ein emig lämpfenber, DorgefteQt, beffen
S^ätigleit bie fortfd^reitenbe Überminbung bed Ungöttlid^en
ift. @pinogaiS ®ott Dergleidjt @d)eQing ben ^^ölteften 33ilbem
ber ©ottl^eiten; bie, je meniger inbit)ibueQ«Iebenbige ^üQt
an» il^nen fprad^en, befto gel^eimniiSooIIer erfc^ienen''.
@d^eQing giebt feinem ®otte immer inbtDtbneQere 3üge.
@r fd^ilbert il^n mie einen jRenfc^en, menn er fagt: „89e*
benlen mir ba» ®d^redlid^e in ber 9{atur unb ©eiftermell
nnb ba§ meit äßel^rere, ba& eine mol^lmollenbe $anb und
gugubeden fd^eint, bann lönnen mir nid^t gmeifeln, ba^ bie
©ottl^eit über einer 9BeIt ber @d§red(en tl^rone, unb ®ott
nad^ btm, roa^ in il^m unb burd) il^n verborgen ift, nic^t
im uneigentlid^en, fonbcrn im eigentlid^en Sinn ber ©d^red-
lid^e, ber Öürd^terlid^e l^eifeen lönne".
(Sinen fold^en ®ott lonnte @d^eUing nid^t mel^r fo be«
trad^ten, mie ©pinoga feinen ®oii betra(f)tet ^at @in ©ott^
ber aüt» am ftd^ l^erauS nad^ SSernunftgefe^en beftimmt,
lann aud^ mit ber SSernunft bvLxä)\^aui merben. @in per»
fönlid^er ®oll, mie il^n ©t^etting in feiner fpöteren Qeit
Dorfteüte; ift unbered^enbar. S)enn er l^anbelt nid^t nad^
►ber SSemunft allein. Sei einem Sled^encjempel Ißnnen mir
bai^ (SrgebniiS burd^ bloged SDenfen porauiSbeftimmen; bei
bem l^anbelnben äRenfc^en nid)t. Sei il^m muffen mir ab«
märten, gu meld^er ^anblung er fid^ in einem gegebenen
Slugenblidte enifd^Iiefecn mirb. ®ie (grfol^rung mn^ gu bem
Sernunftmiffen l&ingutreten. S)ie reine SScrnunftroiffenfd^aft
genügte bal^er ©d^eUing nid^t gur äSelt« ober @otteiS«
anfc^auung. Wie» aM ber SSemunft gemonnene nennt er
bal^er ein negatioeS 3Biffcn, baS burd^ ein pofitioeö ergöngt
me
…[truncated]