Welt- und Lebensanschauungen im naunzehnten Jahrhundert

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Rudolf Steiner

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LIBRARY 



OP THE 



University of California. 



Oass 




Z)erla9 Siegftieö Ctonbac^; Berlin* 



' auf 1(00 3a^re deifti^er (EnttDicfelting* 



^anb XV. 
Dr. (Dlttiitii foettiettUiiiL 



2Itts 5em Potit)ort bcs PerfajfersI 



Sine ®ef(i§id^te bei religtSfen äJetoegung im 19. 3<ii&t» 
i^unbert ju fd^reiben, l^at nietnanb t)or mir unternommen. 
S)er ©egenftanb t[t 6t$ j[e^t nur in einzelnen SSerlen üBer 
^uUur^ unb Sirti^engefd^idQte erörtert morben, bie faft bnii^» 
meg mit ben Sorgöngen in btn Sünfgiger 3a|ren abfd^Iiegen. 

SSie man au^ bem Serlaufe meiner ^arfteEung erfel^en 
ttiirb, ftnb bie SBanblungen, tt^eld^e bie religiöfen 3(nf(i§auungen 
im 19. Scä^xf)nnbttt in ben größeren Sulturlänbem erfal^ren 
igaben, t)on nieit größerer ^ragmeite, aU bie, meldte im 
16. ^al^rl^unbert bie fog. 9leformation im ®efoIge l^atte. 
9ei ber religiöfen SSemeaung im 19. Igalgrl^unbert l^anbelt 
t» ftd^ nic^t mel^r um bloße lonfefftoneKe Streitigleiten inner« 
l^olb bed Sl^riftentumiS , fonbern um bie Slnerlennung ober 
92id^tanerlennung ber ©runblagen ber trabitioneQen Sleltgionen 
fiberl^aupt. ^iernad) bürfte ba^ 3ntereffe ju bemeffen fein, 
meld^e^ ba» oorliegenbe 99ud) ju beanfprud^en l^at 



2?üctfcl?au 

auf 

tOO 3al|n gti^gtt (fntwiibelimg. 



Bant XIV. 

9(tt- mb ,|«ttii9af«iiwnieii in «i»i(l)ttttii 3iil)t;mtnt 
Dt. Hvtiilf eteian. 



fttlh, 1900. 

iDttlaj Sieaftieb Etonboit. 



Hell- unli feben^onri^aunngett 

im 



Dr. KH)l«(f S«(i««r. 
S<ni6 L 



gnlin, 1900. 

Scrlag ©iegfricb Sron^ai^ 



327^/ 
S2 



üii'^tHAL 



M^ 



^of. Dr. §xnfl S*ae<&et 



wxbmet öiefcs Suc^ 



tu 



^erjltc^er Qoc^fc^ä^ung 



b^t Pcrfajfer» 



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176545 



^oxxebe. 

3n btefer ©dbrift xoixb ber Serfuc^ gemad^t^ bie Sni« 
toidelung ber SBeU:« unb SebeniSanfd^auungen bon ®oetl^e 
itnb ftant btiS }u S)arn)inunb ^aedel barjuftellen. Siefe 
@nin)tdelung fteQt fid§ ate ein gemaltiged SKngen be» menfd^« 
Itd^en ®eifted bar, ba» im anfange btd neunje^nten 3al^r» 
bunbertiS mit ber fül^nften @ntfaltung ber 2)enfib;aft bel^ufd 
fi5fungber grogen Sl&tf elfragen bt» 2)afeind Begann, nnb bad in 
ber Sertiefung ber natttrtt)i|[enfd)aftlicl^en Srienntniffe nnferer 
3eit eine vorläufige SSefriebignng fud)t. 

?!n atoei S3änbe jerfaQt biefe @d^rift. 2)er oorliegenbe 
bel^anbelt bie erften fünf Qfal^rjel^nte be« 3al^rl^unberti5, in 
benen bie ®eifter befh:ebt waxtn, an^ fi$ felbft J^eraud 
bie äBoBrl^eit ju Idolen. 9Ban lönnte btefen S^itabfd^nitt bie 
ibealiftifd^e $exiobe nennen. 2)er jmeite 99anb toixb 
bad S^italter ber 9taturn)iffenfd^aft, bie realiftifd^e 
^eriobe, gnnt ©egenftanbe l^aben. @ie trad^tet burd) SSer» 
niertung ber bebeutfamen Sfortfd^rüte, meldte bie 93eob« 
ad^tung ber 2^l^atfad^en in ben testen fünf S^^rjel^nten 
gemad^t ^ai, ben SBelträtfeln nal^e ju iommm. 

S)er SSerfaffer giebt fid^ ber $of[nung l^in, baB koegen 
feinet StrebeniS na(^ einer leidet fagttd^en, jo^nlären 3)ar^ 
fteKnngiStoeife, bie beut S3nd^e in nieiteften Reifen @ingang 
nerfd^offen foE, bie Senner ber SSeltanfc^aunngiSentmidelnng 
unfereiS abgelaufenen 3a§rl^unberti3 nid^t überfeigen merben, 
ba^ er mit aQer ©trenne ben in 99etradgt lommenben ^fragen 
na^gugelgen fudgte. @te merben finben^ bag Igier eine Steige 
neuer ©efidgtiSpunIte gewonnen morben ift, menn fie j. 8. 
bie 3)arfteIIung ber $antfd)en, ©oetJ^efd^eU/ ^id§tefd§en, 
^egelfdgen unb ©timerfdgen SBeltanfdgauung mit anberen 
gefdgid^tlidgen Slu^einanberfe^ungen be^felben (SegenftanbeiS 
üergleidgen. 



Sor aQen 2)ingen mürbe angeftrebt, [eber $erfonItd^Ieit 
bte ftd^ an bem Slufbau ber modernen SeUanfd^auung itß 
tettigt i^ot^ il^r ooIIeiS 9led§t ju teil nierben ju Iaf[en. 3<^ ftel^e 
mit meinen eigenen Slnfc^auungen in t)oIIem @in!Iange mit 
ben Srgcbniffen, ju benen ber größte Siaturforfd&er ber ©egen* 
mart, @rnft ^atdtl, gelangt ift. 3^ ]^abe auf biefen 
(Sinllang befonberiS in meiner „$]^ilofopl^ie ber f^reil^eit'' 
]^ingen)iefen, unb barf t» mir )ur @bre anrec&nen, ba% @rnft 
öaedtel, ber foeben in feinem ©ede ;,©ie SBetoätfcI". fein 
SIbeengebäube aKfeitig auiSgefül^rt l^ot, bie SBibmuna meinei^ 
Sn(i§ed angenommen §at. ^a& xoa^xt SSerft&nbntö biefer 
mobernen Seltanf(|auung mirb baburd§ mefentlici^ gefbrbert 
merben, ba% man fxd^ aud^ in bie entgegengefe^ten Seoanlen 
oorurteili^IoiS oertieft. ®o !ommt in biefem äSud^e ). S3. bie 
S![nfid)t ®d)eUingiS in einer 9rt jur ©prad^e, ber man, tt)ie 
id) glaube, nid^t einmal anmerlt, ba% ein entfd^iebener Seiner 
rebet. Um treue gefd^id^tUc^e (Srörterung, nid^t um einfetäge 
$riKf mar t» mir gu tl^un; unb id^ märbe mid^ gUdtlid^ 
fd^^en, menn ^unbige fänben, bag meine fd^arf auiSgepragte 
eigene SBettanfd^auung mir ben 93lidE für bie ®ebanlen 
Slnberer nid^t getrabt, fonbern gefd^ärft l^abe. 

Berlin, im gcbruar 1900. 



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äSenn bie %Qtiir ben ältenfd^en e&enfo bel^anbelte, tote 
aQe übrigett Sßefen; fo gäbe t% feitte äSeli- uitb Sebeitd« 
attfd^QUung. @r tüanbelte gufrieben tinb glüdEIid^ burd^iS 
Scbcit tote bie Slofe, oott ber ängeluiS ©ilefiuiS fagt: ;,®ie 
Slof* ifl ol^tt toarutnb; jie blül^el, loeil fie blül&el, fte (xi^i 
nid^t il^rer felbfl, frogt nid^l ob irtan fie fil^el.'' So fattn 
ber SKenfcl^ ttid^l fein. 6r tnufe nid^t ttur feitter felbft 
ödsten; er tnu^ aud^ ber Sßefett um fid^ l^er ödsten. @r 
tnufe pdf) felbfl itt ber SBelt gured^l finben, toenn er in il^r 
leben miS. @r fann bie gfüHe il^rer (Srfd^etnungen nt(^t 
einfad^ an fid^ oorübergiel^en loffen, benn biefe fteQen un« 
gärige fragen qlxl il^n; unb er fül^It fid^ ^altloiS, menn 
er leine Slntroort finbel. (5r tnufe burd^ fein J)anbeln 
felbft in ben ©ong ber Srfd^einungen eingreifen. 3)araud 
enlfpringen für tl^n weitere fragen: SBie fott er eingreifen? 
Unb enblid^ ift \iQi^ SebürfniS in il^n gelegt, gu roiffen, 
n)ad auiS feinetn 3uf^^tnenn)irlen mit ber übrigen äSelt 
entftelgt, weld^er fd^Iieglid^e @rfoIg fid^ oca^ feinem S^l^un 
ergiebt. 9(uiS biefen brei ©runbtrieben ber äKenfd^ennatur 
entfpringen aQe äSelt- unb SebeniSanfd^anungen ^ant l^at 
biefe triebe in feiner ;,ffritil ber reinen SSernunft" in bie 
brei Qfragen gelleibet: SBaiS lann id^ wiffen? SBaö fott id^ 
tl^un? äSaiS barf id§ l^offen? ©oetl^e l^ot i^nen 9(uiSbrud( 
gegeben in bem ®a^e: ^Slenne id^ mein SSerl^ältniS gu mir 
fettft unb gur Sfufeenmelt, fo l&eife' id^ö SBa^rl&eit." 

"^^i^ ber Slrt unb bem ®rabe il^rer geiftigen ^äl&ig- 
leiten beantworten fid§ bie äRenfd^en biefe gf^agen in ber 

@ teilt er, SBelt« unb SeBeneanf^auungen. 1 



— 2 — 

Derfd^iebenften SBeife. Unb ba bie Sdttmorten bit pd^ften 
@rgebmffe ber ©eifteiSluItur finb^ ba fie ba^ an&maä^tn, 
wobnx^ {td^ ber 3Renfd^ erft feinen maleren SBert geben 
n)ill, fo ift ed begretflid^, ba^ {te gu ben gen^oltigfien 
^ömpfen gefül^rt l^aben. 

Äein Sal^rl^unberi f)ai voo^l eine fold^e gfülle t)on 
9ntn)orten auf biefe fragen l^eroorgebtad^t xok baiS|enige, 
an beffen @nbe mir ftel^en. Sd^openl^auer ^at t» bedl^alb 
ba» pl^ilofopl^ifd^e genannt. Unb inSbefonbere ift ed baB 
btni\d^t ©eiftei^Ieben, bal^ an biefer ^Kulturarbeit ben 
jgeroorragenbften Anteil ^at Staunt einer ber 9Bege, bie 
gum 3tele gu führen fd^einen, blieb unbefd^ritten innerl^alb 
biefer j^nnbertjö^rigen @ntn)tdEeIung be0 beutfd^en ©eifted. 
®ie älteften religiöfen SSorftettungen traten in einen er» 
bitterten ffompf mit ben jüngften ©rgebniffen beS roiffen- 
fd^aftlid^en 3)enlen$. Slabtiale Slnfd^auungen erfd^ienen 
neben friebfertigen Sermittelungönerfud^en groifd^en btn ent» 
gegengefe^ten äReinungen. S)ie mutlofefte S^^^Mfud^t 
gegenüber ben legten Stagen l^at il^re SSertreter gefunben 
unb and) ber lü^nfte, ftolgefte Sbeenflug, für ben e0 lein 
unbeantworteteis Stätfel gu geben fd^eint. 

3Sie gmifd^en gn)ei SRarlfteinen liegt bie (SntmidCelung 
ber beutfd^en 9BeIt> unb Sebendanfd^auungen eingefd^Ioffen 
gmifd^en gmei litterarifd^en Srfd^einungeU; von benen bie 
eine mie ein ältorgengelctute bed neuen Sa^r^unbertd in 
badSal&rlSOO fällt: gfid&teö ^»eftimmung bei5 SKenfdöen/ 
unb bie anbere foeben aü SluiSlIang bedfelben auftritt: 
grnft ^aedtelS ^®ie SBelträtfeL ©emeinnerftänblid&e 
Stubien über moniftifd^e ^J^ilofopJöie." 3Ran lann fidf) 
launt einen größeren ©egenfa^ beulen, aU ber ift; roeld^er 
gmifc^en biefen beiben Sudlern l^errfd^t. ^aedEel baut eine 
SBelt» unb Sebendanfic^t aQein baburd^ auf, bai er fid^ 
in bie Singe unb äSorgänge ber Statur pertieft. Sie un« 
befangene Seobad^tung ber @rfd^einungen burd^ bie 
Sinne, il^re genaue Unterfud^ung ntit ben ^ilfdmitteln ber 
SSiffenfd^often, unb ba» logifd^e 3)enlen, n)eld^ed bie natür« 
lid^en S^fantmenbänge unb ©efe^e ber Vorgänge auffud^t, 



— 3 — 

finb i^m bie CueQe ber SSal^rl^ett. Sid)te giebt ^ivar ein 33ilb 
biefer änfid^t; aber nur, um gu a^igen, bag mit il^r für 
ba» l^öd^fte SebürfniiS bed menfd^Iid^en @eifte$ nid^td an« 
jufangcn ifl. Stu erflen Sud^ feiner ;,33cflimmunfl beö 
9Renfc^en'' d^oralteriftert er ba2 ^ilb ber %aturerfd^einungen, 
mie eg ftd^ ber benlenbcn Setradjlung ergiebl, in biefer 
SBeife: «gn j[ebem 9Romente il^rer S)auer ifl bic Satur ein 
Sufammenl^angenbed ®ange; in jebem Womente mni feber 
einzelne Seil berfelben fo fein, wie er ifl, rocil alle übrigen 
finb, wie fte finb; unb bu lönnlefl fein ©anbfßrndien non 
feiner @teQe nerrüden, obne baburd^, pielleid)t unftd^tbar 
für beine Slugen, burd^ aQe 3:eile bt» unermeglid^en ®an)en 
l^inburd^ tiwa» gu üeränbern. aber jcber äRoment biefer 
Sauer ift beflimml burd^ atte abgelaufenen aKomenle, unb 
mirb beflimmen aUe fünfligen äRomente; unb bu lannfl 
in btm gegenmörtigen feine« ©onbforng Sage anber« 
benfen, ah fie ifl, oi&ne ba^ bu genöligt mürbcfl, bie 
gange SSergangenl&eil inö Unbeflimmte l^inauf, unb bie 
gange 3«*Mnfl ins Unbeflimmle l^erab bir anberö " gu 
benfen.'' Sine fold^e SSorfleHung t)on ber 9ialur mac^l 
f)aedCeI gu ber feinigen. Sr fogl: ^®ie med^anifdfte ober 
moniflifd^e $^iIofopl^ie belgauptel, ba^ überall in ben (Sr» 
fc^einungen beö menfd)Iid^en SebenS, mic in benen ber 
übrigen 9?olur, fefle nnb unabänberlid^e ©efe^e mallen, 
bai überatt ein nolroenbiger urfad)Iid)er 3«fömmen]&ang, 
ein Äoufalneyuö ber ©rfd^einungen beflel^l, unb bofe bem» 
gemäg bie gange und erfennbare %alur ein ein]^eillid)ed 
©ange, ein ^äRonon" bilbel/ fjid&le flelll biefe »or- 
fleHung pon ber SBolur l^in, um gu geigen, bofe fie einem 
Sebürfniffe beö SSerflanbe« entfprid^t. aber er fd^reibl 
fein Sud^ nur, um biefen SSerflanb burd^ bie nodf) lieferen 
Sebürfniffe bt» menfd^Iid^en ©emüle« gu miberlegen. S)enn 
ber SJerflanb fül^re bai^in, ben SKenfd^en fclbfl mil aU 
feinem S^un unb öaffen fi(^ nur afe ein ron 9ialurfräften 
ergeugleö SBefen Dorguflellen. ^3d) felbfl mil ottem, roaS 
id^ mein nenne, bin ein ©lieb in biefer Seile ber flrengen 
*alumolmenbigfeil . . . Safe meine 3wflänbe nun eben 



— 4 — 

oon S3eiou§tfcin begleitet locrben, unb einige berfelben, — 
©ebanfen, ©ntfdöliefeungen unb berglcid^en — fogar nid^t« 
anbereS gu fein fd^einen, afe Seftimmungen eines fold^en 
Seroufetf einig , barf mid) in meinen Folgerungen nid^t irre 
machen. (SS ift bie %aturbeftimmung ber ^flan^e, fid^ 
regelmäßig auögubilben, bie bt& Zittt», fid^ gmedCmößig ju 
bewegen, bie beS SKenf^en, ju benlen." S)ieS atteS fagt 
ber Serftanb — ift SidE)teS SKeinung. aber eine innere 
Stimme meineiS ©emüteiS fagt mir: menn iä) bied ober 
icneS tl^ue, ^at eö nid^t eine äiaturlraft get^an, fonbern 
id^ f elbft; auö freier 6ntfd)Iie6ung. SBenn ober atteS, wa» in 
ber 9?atur gefd^iel^t, notmenbig gefdöiel&t, menn eg nur er* 
folgte meil tima^ anberei^ vorl^ergegongen ift, bann ift 
aud^ mein ^anbeln notmenbig gefd^e^en. 3dE) ^abe es 
nid^t befd^Io^en. @S ift burd^ Umftänbe bebingt; bie von 
meiner (Sntfd)Iiegung gan^ unabl^cingig finb. (SS ift 
lebiglidE) eine 5töufdE)ung, ber id^ mid^ l^ingebe, menn id^ 
mid^ für ben Uri&eber meiner §onbIungen l^alte. Qfid^te 
malt ba2 ääilb einer fold^en äJerftanbeSanfid^t greQ l^in, 
um eS red^t abfurb erfd)einen ^u laffen: ,;id^ l^anble ja 
überl^aupt nid^t, fonbern in mir l^anbelt bie %atur; mic^ 
iu eiroa^ anberem ju mad^en, als mo^u idE) burdE) bie 
Siatur beftimmt bin, bieS lonn td& mir nid£|t Dornel&men 
moQen, benn id^ mad^e mid^ gar nid^t, fonbern bie %atur 
mad^t mic^ felbft unb atteS, maS id^ roerbe." Unbefriebigt 
menbet ftd) f^id^it t)on einer fold^en äSeltanfd^auung ab. 
„%alt unb tot baftel^en, unb bem SBedEjfel ber SSegeben* 
l^eiten nur gufel^en, ein tröger Spiegel ber Dorüberfliel^enben 
©eftalten — biefeS ®afein ift mir unerträglich, id^ Der* 
fd^mäl^e unb Dermünfc^e eS/^ „SrodEen unb l^ergloS, aber 
unerfd^ßpflid& im ©rllären" nennt unfer 5ß6ilofop^ bie 
anfid^t bes »erftanbeS. Unb er erflärt biefe ^nftd^t felbft 
nur für ein Srugbilb. 3)enn mo^er miffen mir oon aU 
ben S)ingen unb SSorgängen ber %atur, bie in einer 
9eiit ber ftrengen %otmenblgIeit pfammen^ängen? 3)od^ 
nur baburd^, ba% mir fie oorfteQen, bai unfer Semugtfein 
fid^ Silber oon il^nen mad^t. Sd§ lann alfo nid^t f agen : eS 



giebt eine 9(ugenn)elt, fonbecn nur: ntetn Sewngtfein ^ai 
ä)ilber einer fold^en ^uitnwdt. ^uä^ int Sraume ^ait 
iä) Silber, benen nid^tö SBirlltd^ed entfprtd^t. SBarunt 
fönte nid^t bie gange ^ugennielt ein Stranm fein? ,;3lIIed 
SBiffen ift nur abbilbung, unb eö roirb in il^m immer 
etroag geforberl, baB bem Silbe enlfpredie." SBie lann 
man ba» eigene @ein anB 2)ingen unb Sorgöngen er* 
Hören, beren SStrlltd^Ieit burd^ nid^tö anbered verbürgt ift 
aU babntd^, ba% biefe« eigene ©ein fie norfteüt? ®er 
ba» äSefen beffen, mad mir Slugenmelt nennen, burd^fd)aut 
— fo meint gid^te — für ben fonn (üx9 biefer Stufeen- 
melt niemals bie SBaJ^rl^eit lommen. „$afl bu lein 
anbereiS Organ, fo roirfl bu pe nimmer finben." ^m 
eigenen Snnern be« äRenfd^en gloubt 8fid^te ein fold^e« 
Drgan etitbedt gu l&aben. &xnt Stimme biefeö Snncrn 
fagt jebem 3Renfd&en: l^anble im Sinne beiner Wi^^t. 
Siefe Stimme lann nid^t trügerifd^ fein wie bie Sluöfagcn 
ber finnlid^en SBelt. „®er Sfiebel ber SSerblenbung fällt 
oon meinem Sluge; id^ erl^alte ein neueiS Organ, unb eine 
neue SBelt gel^t in bemfelben mir auf." SBenn oDciS 
übrige Sd^ein unb SIenbmcrl ift: biefer mein SBitte gum 
|)anbeln, ber fid^ in meinem eigenen Snnern anlünbigt, 
mu6 bie SBal^rl^eit fein. $)ier flnbet gid^te einen feften 
$unft. „9Kein SBitte ftel^t allein ba, abgefonbert oon 
aDem, mag er nid^t fclbft ift, blos burd^ fid^ unb für fid^ 
felbft feine SBelt." So feft unb fidler glaubt 8fid^te in 
bcm SBillen bai^ ®afctn in feinem äÄittelpunlte crfafet ju 
l^aben, ba^ il^n ba» Semugtfein bavon ^n btm 9!(udfpru(|e 
bröngt: „3d^ l^ebe mein $aupt lül^n empor gu bem 
brol^enben gfelfengebirge, unb gu bem tobenben SBafferfturg 
unb gu ben Irod^cnben, in einem fjfeuermeer fdfimimmenben 
SBoIIen unb fage: ic^ bin emig unb tro^e eurer 3Rad^t? 
Sred^t aQe l^erab auf mid^, unb bu @rbe unb bu ^immel 
oermifd^t tu^ im milben Sumulte, unb il^r Elemente aQe 
fd^aumet unb tobet unb gerreibet im milben JSampfe ba» 
le^tc Sonnenftöubd^en beö Jförper«, ben id§ mein nenne, — 
mein SBille allein mit feinem fepten $lane foll lül^n unb 



— 6 — 

falt über btrt 2:rütntnern bt» ^diaU» \i)wtben. 3)enn 
iä) f)dbt meine Seflitntnunß ergriffen; unb Me tft bauember 
ate il^r; fie ift ewig, unb xd) bin eroig roie fie." Selben 
roir, roaS biefer jtunbgebung Pont anfange bt» ^a^x» 
l^unbertd (Srnft ^atdd für eine anbere am @nbe beiSfelben 
entgegenfe^t. ^^Surcl^ bie äSernunft aQein lönnen rotr ^ur 
roa^ren %aturs@rlenntnid unb ^ur Söfung ber StJelträtfel 
gelangen. 3)ie äSernunft ift ba» pd^fte ®ut bed äRenfd^en 
unb berienige Soraug; ber i^n allein non ben Spieren 
roefentlid^ unterfd^eibet. S)aiS ®emüt l^at mit ber Sr» 
lenntniiS ber SSal^rl^ett gar nici)ti3 gu tlgun. 9Bad 
mir ,,®emüt" nennen, ift eine perroidCelte SCl^ätigleit beö 
&t^xtn^, roeld^e fid^ aus ©efül^Ien ber Suft nnb UnluR, 
an» äSorfteüungen ber Su^^iQU^O ^^^ Slbneigung, au» 
®trebungen bt» äSegelgreniS unb gfliel^eniS gufammenfe^t. . . 
3)ie @rIenntniiS ber Sßal^rl^eit förbern aQe biefe ®emütd« 
3uftönbe unb ®emütiS«Seroegungen in leiner äSeife; im 
®egenteil ftoren fie oft bie allein ba^n befö^igte äSernunft 
unb fd^äbigen fie l^äufig in empfinblid^em ®rabe. %od^ 
lein SBeltrötfel ift burd^ bie ®e^irnfunItion bed ®emütiS 
gelöft; ober auä) nur geförbert roorben/' Unb über ben 
SBillen, in btm tjid^te ben ftern be§ ®afeinj8 gu er» 
greifen glaubt, öufeert fid^ ^aedtel: „SBit miffen id^i, bai 
jeber SßiQeniS-SlIt ebenfo burd) bie Organifation bt» 
rooQenben Snbioibuumd beftimmt unb ebenfo oon ben 
jeroeiligen Sebingungen ber umgebenben Sugeuroelt ab« 
gängig ift roie jebe anbere @eelent]^atigleit/' Sag er 
aber gerabe bort, roo pxä)tt nur S^rug unb Unftc^erl^eit, 
nur ein „trodfeneö unb l^erjlofe« Softem" erblidt, bie 
roal^te DueQe ber SBal^rl^eit finbet, fprid^t ^aedEel mit ben 
äSorten an»: „^it roal^re Offenbarung, b. 1^. bie roal^re 
DueQe oemünftiger @rIenntniiS, ift nur in ber 92atur gu 
ftnben. 2)er reiche @d6a^ roa^ren SßiffeniS, ber ben roert« 
ooQften S^eil ber menfd^lid^en Stultur barfteüt, ift einzig 
unb aQein ben Srfal^rungen entfprungen, roeld^e ber 
forfd^enbe Serftanb burd^ %atur«@r{enntnti^ geroonnen 
l^at, unb ben 9}ernunft«@(|lüffen; roeld^e er burd§ rid^tigeiS 



— 7 — 

S)enlen an» btti @rfa]^rungiS*9SorfieIIungen gegogen l^ot. 
3eber pernünftige äRenfd^ mit normalem ©el^irn unb 
normalen Sinnen fd^opft bei unbefangener Setrad^tung 
aui^ ber %atur biefe malere Cffenbarung/' @rnft ^aedel 
begeidinel in ber SSorrebe gu feiner ©d^rifl ,,®ie SBelt» 
rätfel'^ ate beren !ixd bie Seantmortung ber t$tage: 
,,9BeIcl^e @tufe in ber @rlenntnii$ ber Sßal^rl^eit l^aben mir 
am @nbe bt» nenngel^nten Sal^rl^unbertiS midlid^ erreicht?'' 
@r nimmt innerl^alb bt» ©eifteiSlebeniS am @nbe bt» ^afjit^ 
l^unbertS eine öl^nlid^e Stellung ein, mie fie fjfid^te inner* 
l^alb bedfelben am beginne eingenommen l^at« 3)ie auf 
3)arminS naturmiffenfd^aftlid^e gforfc^ungen begrünbete 
3)enlmeife bel^errfd^t l^eute bie ©eifter ebenfo mie im 9n« 
fang bed ^al^rl^unbertiS bie SorfteQungdmeife Stantö. 
^aedEel l^at bie legten B^olg^ungen aud 3)ant)ind Srgeb* 
niffen ebenfo gegogen mie gfid^te bit an» ben SorauiS« 
fe^ungen Jtantd. S3eibe 3)enler finb fid^ aud^ bemugt, ba^ 
fie in ben genannten Sd^riften bie reifften tJfrüd^te il^reig 
S)enlend gegeben l^aben t^id^te fd^reibt am 5. 92ooember 
1799 an feine ®attin: „^ä^ ^dbt bei ber SluiSarbeitung 
meiner ©d^rift einen tiefem SlidC in bie SReligion getl&an 
aü nod^ |e. Sei mir gel^t bie S3emegung bed bergend 
nur aud ooUIommener Jtlarl^eit l^eroor, t» lonnte nid^t 
fel^Ien, bai bie errungene ^larl^eit gugleid^ mein ^erg er- 
griff." Unb ^atäd bemerlt oon feiner änfd^auung in ber 
Sorrebe ber ,,8BeIträtfeI" : ,/S)xt\t naturp]&ilofop]&ifd()c 
©ebanlenarbeit erftredtt ftd^ jei^t über ein ooQed l^albed 
Sal^rl^unbert; unb iä) barf |e^t; in meinem 66. Sebeni^« 
jal^re, mol^l annel^men, bai fie reif im menfd^Iid^en 
^©inne ifi" 

9Ran barf alfo mol^I eine ©efd^id^te ber beutfd^en 
SBelt» unb SebeniSanfd)auungen im neungel^nten Sa^r* 
l^unbert old bie Sntmidtelung ber ©efid^tiSpunlte gfid^teiS gu 
ben|enigen ^aedteliS anfeilen. S)er fd^roffe ©egenfa^ ^er 
beiben 9(nfd§auungen meift uniS gugleid^ barauf l^in, in 
meldten ®ebieten bie ^aupttriebfebern biefer Sntmtcfelung 
gu fud^en finb. tixd^it betrad^tet bie %aturoorgänge ol^ 



— 8 — 

ein tidb, auf bem bie legten Sßal^rl^eiten nid^t gefud^t 
toerben bürfen. ^aedel ift ber Sfnftd^t; bai fte nur l^ter 
gefunben n>erben lönnen. S)iefer Untfc^mung in ber 
©d^ö^ung ber 9?Qtur«(£rIenntnijS witb begreifUd^^ menn 
man ben gegenmörtigen 3uftanb biefer @r!enntnid per« 
gleid^t mit bem, ber vot l^unbert Salären gel^errfd^t ^at 
gfür bie mid^tigften (Srfd^einungen, bie|enigen, meldte auf 
ba» ^ttf)älinx» bt» 9Renfd§en gur übrigen SESelt Sid^t 
merfcn, fanb bie äiaturmiffenfd^afl erft in unferem 3a^r* 
l^unbert bie äRittel unb äSege, um über fie SufÜctrung gu. 
geben. 9iur über bie eine biefer 8fragen roufele uor 
l^unbert Salären bie ^aturmiffenfd^aft mit il^ren SKetl^oben 
etmaS gu fagen^ über bie Stellung; meldte bie @rbe im 
äSeltenraume einnimmt. S)urd^ bie Seigren JtopernicuiS' 
unb Stppltt^, meiere bie Semegung unfered Planeten um 
bie ®onne feftfteOten unb bereu gefe^mctgigen Verlauf er« 
Härten, mar feit bem fed^djel^nten ^al^rl^unbert bie mittel« 
alterlic^e Überzeugung erfd^üttert, bai bie @rbe im äRittel« 
punite bt» SSeltaHd ftebe unb aOed, mad augerl^alb il^rer 
fid^ abfpielt, nur um iJ^retroillen ba fei. Um fo mel^r 
ia^itit man im 3)unleln, menn ed fid^ baxum l^anbelte, 
bie|enigen äSorgönge innerl^alb unfered ßrbenlebeuiS felbft 
p erllöreu; bie fid^ ben groben @xnbxüden ber ®inne ent« 
zielten. 3)ie Derbefferten milroflopifdEjen Unterfud^ungi^* 
meifen matten ed in biefem Sal^rl^unbert möglid^, ein leben« 
bigeiS Sßefen im beginne feiner @ntmidEelung genau gu beob« 
ad^ten. Skelid geologifd^e ^orfc^ungen gaben vox fteben 
Sal^rgel^nten einen naturgemäßen SSegriff, mie bie ©ebilbe 
ber @rboberfIäd^e aHmäl^lid^ entftanben ftnb. S)armind 
@ntbedhtngen um bie ältitte bed Sal^rl^unbertiS geigten bie 
93ermanbtfd)aft, in ber aQed ftel^t, mad auf ber @rbe lebt. 
äBaS auf fold)e Srt feftgefteQt ift, lägt ft(^ nid^t mel^r fo 
bel^anbelU; mie tSi^it bie 9?aturerlenntnid bel^anbelt l^at. 
®(^iller traf für feine ^üi ba» SKd^tige, menn er ben 
%aturforfc^ern unb ben ^^ilofopl^en gurief: ,,<$einbfd^aft 
fei gmifd^en euc^! %od^ lommt ba» SünbniiS gu frül^e; 
menn i^r im ®ud^en tud) trennt, mirb erft bie äSal^rl^eit 



— 9 — 

crlannl." ©citn bit 3iaturforfd§ung feiner Qtii ^aiit nur 
fidleren 33oben unter ben fjfügen, wenn fte ftd^ auf bie @r« 
flebniffe bcr Slfironontic flutte. Unb für bicfe gilt gen)i§ 
fein eigene^ Sßort: „^ijmai^ti mir nid^t fo vid von ^tbtU 
fleden unb Sonnen! Sft bie 92atur nur grog, meil fie 
)U gäl^Ien eud^ giebt? @uer ©egenftonb ift ber er^abenfte 
freilief) im 9taume; aber, e^i^eunbe, im Slaume mol^nt ba9 
©rl^abcne mä)i." ®er 9?alurforf(f)ung ber ©egenroort 
gegenüber, meldte auf ®runb ber S)arn)infd)en 9(nfd^auungen 
bem äKenfd^en bie notürlid^en ©efe^e feiner (Sntftel^ung 
geleiert Igat, mirb fid^ @d)illeri^ Sludfprud^ nid)t me^r auf« 
rcd)l erl^aüen laffen. 

9Bie menig in btn legten ^a^t^t^nUn be§ norigen 
Sal^rl^unberlö bie 9?alurforfd)er für bie SBelt» unb SebenS- 
anfdjauung gu leiften t)ermod)ten; ba» gel^t au0 ben @r« 
fal^rungen l^erDor, bie ©oetl^e mit il^nen mad^te, ate er 
anfing; fid^ mit ben (Srfd^etnungen ber %atur gu befd^äf* 
tigen. ©eine SSorftettungSart l^atte i^n gu einem SScrfa^ren 
gefül^tt, ba^ ©dritter in einem Sriefe an i^n am 23. Sluguft 
1794 mit ben SJorten d)aralterifiert: ;,S5on ber cinfad^en 
Drganifation fteigen Sie., Sd^ritt nor 6d)ritt, ju ber mel^r 
DermidEelten auf, um enblid) bie DermidCeltefte von aQen, 
ben 9Kenfd)en, genetifd^ au2 ben äKaterialien btß ganzen 
^aturgeböubeiS gu erbauen.'' @oetl^e betrad^tete ben äßen» 
fd^en nid)t aU ein SBefen, ba^ neben ben anbern 92atur- 
gefdtjßpfen einen befonberen Urfprung l^abe, fonbern er mar 
ber 9lnfid)t, bai biefelben %äfte unb ©efe^e, bie aQe 
anbern 2)inge hervorbringen; aud[) ben ältenfd^en gu erzeugen 
im ftanbe finb. 3n einer l^errlidtien SBeife l^at er baS in 
feinem SSud^e über SBinlelmann auiSgefprod^cn : „SBenn bie 
gefunbe Sßatur be^ 9Wenfd)en afe ein ©angeö mirlt, roenn 
er fid^ in ber SBelt aU in einem großen, fd£|önen, roürbigen 
unb merten ©angen fü^It, menn ba^ ]^armonifd)e Sel^agen 
il^m ein reined, freieiS (Sntgücfen gemalert; bann mürbe ba^ 
SeltaQ, menn eS ftd^ felbft empfinben lönnte, al& an fein 
3iel gelangt, aufjau^gen unb btn ©ipfel bt& eigenen 
SBerbenS unb SBefenö bemunbern." auf eine fold&e 



— 10 — 

Sluffaffung ^attt fd^on ^etbtt in feinen ;,3been gu einer 
$l^iIofop]^ie ber ©efd^id^te ber aRenfd^^eit/ bie er 1783 
aufjngeic^nen begann, ]^ingen)tefen. S3ir lefen in il^nen: 
;^Sont ®tein gum ^^\iaU, t)ont jhr^ftaQ gn ben äRetoHen, 
oon biefen %nx ^flonjenfcl^öpfung, pon ben $flangen )um 
Sier, pon biefem gunt äRenfd^en feigen wie bie gform ber 
Drganifalion "ttetgen, mit il&r aud^ bie triebe be§ ©cfd^ßpf« 
Dielartiger n)erben nnb ftd^ enbli(| aQe in ber ®eftalt bt» 
3Renfd&en, fofern biefe fie f äffen fonnte, pereinen.'' @oIci&e 
Sbeen gel^örten gu ben 3ßitteln, burd) bie ©oetl^e unb 
$erber gu einer ©efamtauffaffung ber äSelt gu lomnten 
fud^ten unb burd) bie fie ftd^ propl^etifd) auf ben ä3oben 
fteQteU; auf bem bie 9?aturn)tffenf(f)aft bed neungel^nten 
Sal^rl^unbertd Qtiaut ^ai, 3)ie 9SeItanfd)auung biefer 
beiben fprcd^en Softe mie biefe in |)erberi8 ^Sbeen" auö: 
^3)a« SRenfd^engcfd^Icd^t ift ber grofee 3wf<iinntenflu6 nie- 
berer organifd^er Kräfte. " ^^Unb fo lönnen wir annel^nten, 
ba^ ber äKenfd^ ein äßittelgefd^öpf unter ben Spieren, b. i. 
bie aufgearbeitete gform fei, in ber fid) bie 3^0^ <iKer 
Gattungen um i^n l^er int feinften Inbegriff famnteln.'' 
Sie %alurforfd)ung |ener S^age fud^te int ©egenfaft gu 
fold^en SSorfteQungen gerabe nac^ äRerhnalen, bie ben 
SRenfd^cn oon ben Stieren unterfd^eibcn. (Sin fold^cr Unter» 
fd)ieb foQte barin beftel^en, bag bie Siere gn)ifd)en ben 
bciben f^tnntetrifd^en ^ölften beö DberKefer« einen Ilcinen 
ftnod^en, ben !^xDx\ä^txHieftdnoä^tn l^aben, ber bie oberen 
®d)neibegä]^ne entl^ält, unb meld^er bei bem äßenfd^en nii^t 
Dorl^anben fein foQ, fo bai bei il^m ber Oberliefer ein 
eingigeS ®tüd[ bilbe. 5£)a» pertrug fid^ gmar mit ben Sin« 
fid^ten ber bamaligen %aturforfd^er, bie Sinne in ben ®aft 
gelleibet l^at: Wirten „^^Un mir fo oiele, aU perfd^iebene 
^formen im $ringip gefd^affen morben finb"; t» ftimmte 
aber nic^t gu ®oetl^ed unb ^erberd äBeltanfd^auung, nad^ 
meld^er bie Statur ben Stenfd^en nad^ benfelben ®efeften 
gefd^affen l^at mie bit anbem Organismen. Senn, menn 
bie gfonnen neben unb unabl^ängig oon einanber entftanben 
ftnb, bann lann jeber ein anberer Sauplan gu ®runbe 



• < 



— 11 — 

liefen. SSenn aber bte %atut aHmäl^Itc^ von bat tinja^tn 
Sonnen gu ben tnel^t gufatntnengefe^ten aufgeftiegen iH, 
bann muffen ftd^ bei ber gufammengefe^teften, bem SRenfd^en, 
biefelben @efe^e, nur pen^oQfotnntnet mieberfinben^ bie aitd§ 
bei ben anberen Seben>efen beobad^tet werben. Sedl^alb 
fM(f)tc ©ocll^e baB Sorl&anbenfein eincg 3wif^^KlieferInod^eni8 
üuä) beim äRenfd^en nQd))ua)eifen. Unb feine forgfdltigen 
anatomifti^en go^f^^ungen brod^ten il^n gur SntbedEung bed» 
felben. <$ür ©oetl^e mar biefe- (SntbedEung alfo aud bem 
Scbürfniffe enlfprungen, ben nalurgefe^Iid^en S^\ammtn» 
l^ang ber 3Renfd^en mit ben übrigen Sebemefen ju erlennen. 
S)ai5 gel^t auS ben SBorlen l^eroor, bie er im äiopcmber 
1784 an Knebel fd^reibt: „Sd^ l^abe mid^ entl^alien^ ba^ 
SlefuÜal, morauf fd^on §erber in feinen Sbeen bmtti, fd^on 
je^o — er meint, in ber Slbl^anblung, in ber er feine 6nt» 
bedtung mitt^eilt — merlen gu laffcn, bafe man nömlid^ 
ben Unterfd^ieb bt^ 9Renfd)en vom £ier in niditS einzelnem 
finben löntte/ ®o l^aben mir t& and) gu oerftel^en maii 
er an ^erber fd^reibt: „®& foQ 2)id^ aud) red)t l^ergltd^ 
freuen; benn c§ ift mie ber ©d^Iufeflein gum 2ßenfd)en, fel^Il 
md)t, ift aud^ bal aber mie! ... 3d) ^abe mir§ in Ser» 
binbung mit S)einem ©angen Qtba^i, mie fd^bn ed ba 
mirb.'' gfür bie %aturforfd^ung l^at biefe Snfc^auung txft 
^u^IeQ 1863 frud^tbar gemadbt in feinem berühmten @a^e: 
2)ie anatomifd^en Unterfd^iebe bt» ^nod^enbaueiS gmifd^en 
btm 3Renfd^en unb ben menfd^enäl^nlid^en Slffen ftnb nid^t 
fo grofe als biejenigen gmifd^en biefen SRenfd^enaffen unb 
ben meniger entmidEelten Slffenarten. S)ie 9}aturforfd^er gu 
®Dti^tß "^tii moQten einen foldtjen Unterfd^ieb burd^aud 
l^oben. ©oetl^e bellagt fid) am 13. fjfebruor 1785 in einem 
Sriefe an SKerdC: ^SSon Sömmering (einem ber bebeutenbftcn 
Slnatomen) l^abe id& einen fel^r leidsten ©rief. 6r miH miri^ 
%ax audreben. Ol^e!'' Unb am 11. SRai 1785 fd^reibt 
@bmmering felbft an 3fttxd: ^^©oetl^e miQ^ mie id^ an» 
feinem gefteigen Srief fel^e, pon feiner 3bee in Snfel^ung 
bei^ 3n>ifd^enInod^eniS nod| nid^t ab.'' Unb ber berül^mtefte 
3(natom oom @nbe bt» porigen S^^tl^unbertd; Q^ampex, 



— 12 — 



Wut entfd^teben ©oetl^ed Seobad^tung ato einen Srrtitm 
l^in. ®o meit mar bamate bie %aturforfd^ung baoon ent- 
fernt; aud ftd) l^eraud bemjenigen entgegengulommen, ber 
nad^ einer naturgemäßen SBeltanfd^auung ftrebte. 



tjfür bie eine ber Sf^agen, in bie Sant ba9 3tel ber 
SBelt» unb SebenSanfc^auung jufammengefagt l^at: ^SBod 
lonn id^ mi^tn?" ift innerl^alb ber (SntmidEelung bed neun« 
gel^nten ^al^rl^unbertiS im beutfd^en ®etftedleben ol^ne 3n)eifel 
bie Stoturmiffenfd^aft ba^ treibenbe @Iement bed gort- 
fd^ritted. ^atdtl burfte bal^er in bem äSortrage, ben er 
am 26. ^uguft 1898 auf bem vierten internationalen 
3ooIogenIongreg in Sambribge gel^alten l^at, fagen: „^m 
©d^Iujfe bt» neungel^nten Sa^r^unbertS bliden mir mit 
geredetem ®toIg auf bie gemaltigen unb unoergleid^Iid^en 
gortfd^ritte, mcld)e menfd^Iid^e SBiffenfd^aft nnb Jfultur 
möl^renb feined äSerlaufed gemad^t l^aben — aQen anberen 
Doran bie %aturmiffenfdE)aft. ^iefe S^l^atfad^e ftnbet 
il^ren d)aralteriftifd^en ^udbrudC barin, ba^ fd^on je^t in 
pielen ®d^riften unfer ^al^rl^unbert aliS „ba§ große'' be« 
jeid^net mirb ober aU ba^ S^italter ber äiaturmiffen* 
fd&aft.- 

9Bie ftel^t t& nun aber mil ben beiben anbern StJelt» 
anfi^auungSfragen: „^a» foQ id^ tl^un?'' unb „^a& barf 
ic^ l^offen?''. Sllejanbcr SiHe fagt in feinem bemerlenS« 
mertl^en ä3ud)e ^^SSon Sarmin ix» %ie^fd)e'': ;r8lud^ ba» 
äßenfd^enletien ift ein Steil bed %aturlebend; auä) bie menfd^« 
lid^en Slnfd^auungen über bad Seben bt» SKenfd^en unb 
feine Stellung gu feinen äßitmenfd^en muffen btm äSanbel 
unterliegen unb bied um fo mel^r, ald aUt», mad bid gur 
®egenmart über fie gebadet morben ift; mel^r einfeitigen 
gfoiberungen bed 3Renf(^en an fid^ felbft ate ber Seob:: 
ad^tung eined gegebenen Sl^atbeftanbed entfprungen ift.'' 
S)er ^anbel ber Slnfd^auungen fprid)t ftd^ l^eute in bem 
9tingen nad^ einer fojialen SSeltanfd^auung au». Slud^ 
auf biefem ®ebiete l^at bxt Katurmiffenfd^aft il^ren @influ§ 



— 13 — 

gelienb getnad^i &ß ftnb il^re praltifd^en (SrgeBniffe, toeld^e 
bcn tncnfd^Iid^cn ®e[xd)t^ixd^ crnjcitcrl unb bcm mcnfd^« 
lid^en ^anbeln neue SBege getüiefen l^aben. 3m 3^^^^^^^ 
beiS 2;eIegrQp]^en unb be§ S^elepl^ond mug ber 9Renfd^3^U 
unb Slaum in anberer SBeife in feine SebenSredjnung ein« 
fe^en afe in frül^eren Söl&r^unbcrtcn. 5)nrc^ ©ampfiraft 
unb (Sleltrigität {tnb und Döllig neue ^(ufgaben gefieQt 
n)orben. ©üterergeugung; ©üteroerteilung unb äSerle^r 
l^aben unter foIdEjen (Sinmirlungen il^re t^^i^tnen oeränberi 
Sluct) bie ntoberne Stibung lonnte pon il^nen nid^t unbe« 
einfüllt bleiben. S)er SKenfci) be» neungel^nten Sal^rl^unbertd, 
ber in wenigen ©tunben @ireden burd^migt, gu benen 
feine SSorfal^ren S£age gebraud)! l^aben, ber in SBien gebort 
toitb, voenti er in S3erlin in einen Slpparat hinein fprid^t, 
maä)i fid) anbere SSorfieQungen über bta ®ang ber äSelt« 
ereigniffe aU berjenige, ber foId^eS, nad) bem Silbungöinl^alt 
feiner S^il, für eüle SCräumeret ^älte erflären muffen, wenn 
man es i^m ofe ein gbeol ber 3«5t«wf^ l^ingeflettt ^ätle. 
2)ai$ Seben fieQt l^eute an btn äKenfd^en anbere Sin« 
forberungen ate an feinen Sinnen vox l^unbert ^df)xtn. (Ss 
ifl bal^cr begreiflidf), bai er aud^ f^c^ ^i^ Srage: SBaiS fott 
id) ll^un? anberö beanlroorlel aU jener. Sn ber gegen» 
roörligen Slntroort auf biefe fjrage liegt ber ^n^dli beffen, 
was man „fo^iale SBeltanfd^auung'' nennt. S)ie üermidCel» 
teren SSerl^ältniffe, bie in ben Sau unb in bai^ Seben beS 
fogialen ÄörperS burd^ bie grrungenfd^aftcn ber mobernen 
£ed)nil gelommen finb; ^aben bie 3Renfd^en nid^t nur 
bal^in gebrad^t, burd^ fojialreformatorifd^e SSeftrebungen 
biefem Körper ein neues ©epräge gu geben, fonbern ancS^ 
bie %atur beSfelben genauer ^u ftubieren. Sßal^renb $ant 
nur bie menfd^Iidje Vernunft ju fragen für nötig l^ielt, 
menn eS fid^ barum ^anbelte, bie fittlidjen Aufgaben feft« 
gufteQen, unterfud)i man ^tuit ben gefeQfd^aftlid^en Crga« 
niSmuS, menn man erlennen min, maS ber @inselne in il^m 
3U t^un l^at. ^roax ^ai fd^on SlriftoteleS ben ®a^ au&* 
gefprodjen: „5)er SRenfd^ ifl ein gefettfdtjaftlid^eS Seberoefen." 
S)od^ mar eS unferem Sal^r^unbert Dorbel^alten, biefen 



— 14 — 

@a^ in ben älttttelpunlt btt Setrad^tungen über ba^ 
mcnfd^Iidöc Scrl^altcn gu rüden. S)ic Ocfcttfd&aft ift frül^cr 
ba old bad 3nbtt)tbuum, ^ai Herbert Spencer (geb. 1820) 
gefagt; unb biefe ^nftd^t beeinflußt gegenn)ärtig aQe Säe* 
traci^tungen über baß menfctflid^e ©eiftedleben. 3)ie ®ogio» 
logie ober ©efettfcfjoflSroiffenfd^afl ift eine ber jüngfien 
SBiffenfd^aflen. ^\)xtn Segriff unb 9iamen ^ol in ber 
aWitte beö ZdS)x^nnbaiß ber frongöfifti^e S)enler a. ®omte 
gefd^affen. ®ie f^at fd^neQ äSurgel gefaßt bei benjenigen^ 
bie fxä^ mit bem Sludbaue einer SBelt» dnb Sebendauffaffung 
befd^aftigen. Sn ber nor lur^em erfdEjienenen ^ Einleitung 
in bie ^^ilofopl^ie" t)on SSill^elm Scrufalem wirb nur 
eine geitgemäfee Sfuffaffung oertreteU; wenn bel^auptet njirb: 
;r@iner fold^en Soziologie finb l^ol^e unb roid^tige aufgaben 
oorbel&alten. Sie roirb ju geigen l^aben, inwiefern baß 
Seelenleben btß eingelnen buri) baß fojiale Seben^ burd^ 
ben @efamtn)iHen beeinflußt wixb, unb eö bürfte fid^ 
l^erauiSftellen, bai bie§ in voexi l^öl^erem SWafee ber gall 
ift, alß man l^eute nod^ glaubt. 2)er fogiale t^^Itot in 
ber ©rlenntnißentroidtelung wirb ba in feiner SBirIfamfeit 
unb Sebeutung Zutage treten, unb man wixb finben, ba^ 
bie ^fgd^ologie unb bie SrfenntniStl^eorie nur mit Serüdt» 
fid&tigung biefeö Saltorö gu weiteren g^ortfd^ritten gelangen 
lonnen. Selbft für bie aeftl&etil, bie inbioibualiftifd^efte 
unter ben pl^ilofopl^ifd^en ©iSaipKnen, bürfte bk Sogiologic 
oiel neues ergeben, inbem baß ^ublilum, für meld^eS eine 
fünftlerifd^e Seiftung beftimmt ift, ben Äünftler oft un- 
bemufet bei feinem Sd^affen leitet nnb inbem baß äft^etifc^e 
Urteil btß (Singeinen ftarl oon ber Igerrfd^enben ©efd^madCd» 
rid^tung beeinflußt mirb. S)ag bie (St^il nur oom fogio« 
logifdjen Stanbpunit auß bearbeitet merben barf, bad ift 
l^eute fd)on faft allgemein anerlannt unb mirb mit btn 
Sortfd&ritten ber Soziologie immer Harer merben. — Unfere 
gange äBelt* unb Sebendanfd^auung mirb bann a\ß ein 
$robu{t ber fogialen (Sntmidelung erfd^einen, einer @nt« 
midCelung, beren bebeutenbfteö ßrgebniö bie Sd^affung 
felbftänbig benlenber unb freil^eitdbebürftiger $erfc>nlid)ieiten 



— 15 — 

ifl. 2)te ©ogiologie ber 3ulunft ift bemnad^ nic^t nur eine 
plgUofop^ifc^e 3Siffenfd)aft^ fonbern bürfte ftd^ fogor au6^ 
geftalten ^nr ©rnnblage aUtx ^l^ilofopl^ie.'' SSoQte man 
am @nbe bed vorigen Sal^r^unberld bie Stid^tung bed 
menfd^lid^en ^anbelniS beftimmen, bann gefd^al^ ba^ im 
Sinne ©ti^illerö; ber in feinen ^rSJriefen über bie äfi^elifd^e 
Sr^iel^ung bei8 9Kcnfd&en'' bie SReinung anöfprid^l: „^tbtt 
inbinibueüe SRenfdE), lann man fagen, trägt ber 9nlage 
unb Seftimmung nad^, einen reinen, ibealifd)en 3Renfcl^en 
in \i(f), mit beffen unreränberlid^er @in]^eit in aQen feinen 
abroed^felungen übereinjuftimmen, bie grofee Aufgabe feineö 
SafeiniS ift.'' Unb man jmeifelte nid^t, ba^ man bie 
©efeUfd^aft aHmäl^Iid^ in einen fold^en 3uftanb überfül^ren 
muffe, bai ber reine, ibealifd^e 9Dlenfd^ in i^r fid^ auS« 
leben fönne. 6d)iIIer fagt weiter: „3ft ber innere aRenfdö 
mit fid^ einig, fo roirb er aud^ bei ber l^od^flen Uniüerfali» 
fierung feinet betragend feine (Sigentümlid)leit retten, unb 
ber ®taai mirb blod ber Slui^Ieger feineiS fdEjönen ^nftinltiS, 
bie beutÜc^e fjformel feiner innern ©efefegcbung fein.'' Sfn 
biefe ^innere ©efefegebung* roanbte mon fid), menn eö fid^ 
um bie JgödEifte SebeniSfrage ^anbelte. 9Ran glaubte, man 
braud^e bloS fid^ in ba» eigene ©emüt ^u Derfenlen, um 
bie Sebürfniffe ber ^erfönlidjfeit gu crlennen. ®egen» 
märtig frogt man Rc^: roie ift bie „innere ©efe^gebung" 
als eine Srrungenfd^aft ber fogialen ^ulturentmidEelung ge« 
morben? SBenn l^eutc fid^ eine inbioibuolifttfd^e Sluffaffung 
beS menfd^Iid^cn ©eifteölcbeng ©eltung perfd^offt, fo 
miberfprtd^t bo^ ber l^iermii gegeidEineten ^auptlinie in ber 
äBeltanfd^auungSentmidEelung btS neun^el^nten ^al^rl^unbertd 
ebenforoenig mie gid£|teS fogiale Sbeen in feinem 1800 er- 
fd^ienenen „©efd^Ioffenen ^anbelsftaat" im ©egenfafe ftel^en 
gu ber inbiüibualiftifd^en Seben0anfid^t feiner 3^^« ®citn 
ber gegenwärtige Snbioibuali^muS fielet in ber freien 
@ingelperfönlid^leit einen St^puS 3Renfd^, ber ftd^ aümä^Iid^ 
aus ben unfreien Qn^tänbtn l^erauS entroidtelt, ber bie 
©efeQfd^aft gu feiner äSoraui^fe^ung i^at, meil er nur an§ 
ilgr entfte^en lann. @r unterfud^t bie ©efeQfd^aft unb 



— 16 — 

finbti, ba% fie il^rent SBefen nad^ ba^ freie Snbimbuum 
hervorbringt. Sfid^te aber fagt nid^t bie einzelne ^erfönlid^« 
leit ini^ Sluge, infofern fie fid^ auiS ber ^ulturentroidelung 
ergiebt, fonbern. er leitet bie 3?atur biefer ^erfonlid^Ieit 
aM ber SSernunft ob unb fud^t bann eine ^^omt be^ 
©efeüfd^aftölebeni^ auSgubenlen, bie feiner Secnunftibee 
am beften entfprid^t. @in SnbioibuQÜft oom @nbe unfere0 
Sol^rl^unbertS ift bieg, tro^bem er oon fo^iologifdien 
Sorauj^fe^ungen auiSgel^t; gid^te entmidelte eine fo^ialifiifd^e 
^iaai^ibet, obgleid^ er aQe ^flid^ten nur au^ bem 
inbioibueSen 3BiQen beiS Sin^elnen l^erleitete. 

9iaturn)iffenfd)aft, S^ed^nil unb Soziologie finb bie 
brei Sriebiröfte, roeldfje bie ©ntroidtelung ber SBelt» 
anfd^auungen im neungel^nten Sal^rl^unbert bebingen. 
S^antit foQ notürlid^ nid^t geleugnet mttben, ba^ im 
einzelnen aud^ anbere Sinflüffe in SetradE)t lommen. ®a0 
finb aber %ebenftrbmungen, bie in ben |)auptflug ^mar 
einmünben unb oon i^m aufgefogen merben, bie aber 
feine Slid^tung im mefentlic^en nidf)t oeränbern. Sie muffen 
ba berüdfittitigt merben, mo fte uniS begegnen. $ier foQte 
nur bie groge 9iidE)tungSlinie beiS gfortganged, bie mir gu 
verfolgen l^aben, oorgegeid^net unb ba& ^itl iniS 3(uge ge« 
fa§t werben. — 3" biefem ^xoedc mußten gleid^fam groei 
Duerfd^nitte burd^ bie 9BeItanfd^auungSentmid(eIung gelegt 
unb nadEigefe^en merben, burd) meldte ^auptmerlmale biefe 
Duerfd^nitte gelenngeidjnet finb. 



1 



j 



§11$ ^intttiUx Itimts im) ($0et^e$* 



3u gmei geiftigen Snftongen blidte am @nbe bt§ 
Dorigen ^a^x^unbtti» berjenige auf, ber gur Stlorl^eit über 
bie grogen Silagen ber 99eU« unb fiebeniSQnfd^auung lommen 
looQte: gu Stani unb ©oetl^e. @iner, ber am geioaltigflen 
naä) fold^er Stlorl^eit rang, ift ^o^ann ©ottlieb gid^te. 
SDte er Äantö ^Äritil ber praftifd^cn Semunft" lennen 
gelernt l^atte, fd^rieb er: „^^ lebe in einer neuen 
SBelt . • . 2)inge^ non benen iä) glaubte, fte Ibnnen mir 
nie bemiefen werben, g. 33. ber SJegriff ber abfoluten Qfrei« 
l^eit unb $flic^t {tnb mir bemiefen, unb iä) fül^Ie mid^ 
borum um fo frol^er. @i^ ift unbegreiflid^, meldte Std^tung 
für bie SRenfd^l^eit, meldte Jtraft un0 biefe ^l^ilofopl^ie giebt, 
meld^ ein Segen fte für ein 3^italter ift, in meld^em bie 
SRoral in il&ren Orunbfeftcn gerftßrt unb ber Segriff ber 
Sßfiiä^i in aQen SBörterbüd^ern burd^ftrid^en mar/ Unb ate 
er auf ®runblage ber ^antfd^en bie eigene Stnfd^auung in 
feiner „©runblage ber gefamten Sßiffenfd^aftdlel^re'' aufge« 
baut l^atte, ba fanbte er bai^ S3ud^ an ©oetl^e mit ben 
Sßorten : „^ä) betrad^te Sie, unb l^abe ®ie immer betrad^tet, 
ote ben SRepröfentanten ber reinften ©eiftigleit beiS ©efül^te 
auf ber gegentDörtig errungenen @tufe ber Humanität. 2ht 
Sie menbet mit Stecht fid^ bie ^l^ilofopl^ie. Sl^r ©efü^I 
ift berfelben $robier{lein/ 3n einem cU^nlid^en Serl^ältnid 
)tt beiben ©eiftern ftanb Sd^iller. Über JCant fd^reibt 
er am 28. Dftober 1^94: i,@d erfd^redtt mid^ gar nid^t, 
)u beulen, bag ba» Sefe^ ber Seränberung, vot meld^em 

steinet, fBelt« imb Sel&enSanfd^auun^en. 2 



— 18 — 

lein menfd^Iid^ei^ unb lein göttlid^ed Sßerl ®nabe ftnbet, 
aud^ bie gform ber ^anlfd^en $]^Uofop]^ie, fomie jebe anbete 
gerftören niirb; aber bie t$unbamente berfelben tottbm bied 
®ä)id\al nid^t gu fürditen l^oben, benn fo alt ba^ SRenfdben« 
gefd^Ied^t ift, unb fo lange ^^ eine SSernunft giebt, ^at 
man fie ftillfd^meigenb anerlannt unb im gangen bornac^ 
gel^anbelt/' ©oetl^ei^ Slnfd^auung fdiilbert Sd^iüer am 
23. aiugufl 1794 in einem Sriefe an biefen: „Sänge fd&on 
l^abe id^, obgleid^ auiS giemlid^er Sferne, bem ®ang Sl^re^ 
@eifte0 gugefel^en^ unb ben Sßeg^ ben @ie Dorgegeid^net 
l^abeU; mit immer erneuter Semunberung bemerlt. ®ie 
fud^en ba^ ^otmenbtge in ber %atur, aber @ie fud^en ei^ 
auf btm fd^merften Sßege, vox meld^em jebe fd^n)äd^ere ^aft 
fid^ mol^I Ritten mirb. ®te nel^men bie gange %atur gu» 
fammen, um über ba^ @ingelne Sid^t gu belommen; in ber 
SlEgeit il^rer @rfd^etnungiSarten fud^en Sie ben SrllörungiS« 
grunb für ba» 2inbit)ibuum auf . . . Sßoren @ie aU ein 
©ried^e, ja nur ald ein Italiener geboren morben, unb 
l)ätie fd^on oon ber Sßiege an eine auiSerlefene %atur unb 
eine ibealifierenbe jtunft @te umgeben, fo möre ^^x äSeg 
unenblid^ oerlürgt, oieQeid^t gang überflüffig gemad^t morben. 
@d^on in bie erfte Slnfd^auung ber 2)inge l^ätten Sie bann 
bie Sform beiS ^otmenbtgen aufgenommen, unb mit ^^itn 
erften @rfa^rungen l^cttte ftc^ ber groge Stil bei 3^nen ent* 
midtelt. 9iun ba Sie afe ein ®eutf(f)er geboren pnb, ba 
3l&r gricd&ifd^cr ©eift in biefe norbifdf)e Sd^öpfung ge- 
worfen mürbe, fo blieb S^nen leine anbere Sßal^I, aU ent« 
meber felbft gum norbifd^en Äünftler gu werben, ober ^^xa 
Imagination baiS, wa» i^x bie SBtrllid^Ieit oorent^ölt, 
burd^ %ad^]^i(fe ber S)enIIraft gu erfe^en, unb fo gleid^fam 
oon innen ^eraui^ unb auf einem rationalen ^ege ein 
©ried^enlanb gu gebären.'' 

Son ^ant unb ©oetlge mirb bal^er eine 3BeIt« 
anfd^auungj^gefd^id^te bt^ neungel^nten Sal^r^unbertd i^ren 
äuögang nel^men muffen. Um bie SBirfung beS erfteren 
auf fein S^italter gu oeranfd^aulid^en, feien nod) bie 9(uiS« 
fprüd^e groeier SKänner über il^n angefül^rt, bie auf ber 



— 19 — 

vollen S3Ubung0l^ö]^e tl^rer S^i fianben. 3ean $aul 
\ä)xxcb im ^a^xt 1788 an einen ^Jreunb: ;,ffaufen Sie fxä) 
untiS ^immete n)illen ^roei S3ü(f)er, ^antiS ©runblegung gu 
einer Jßctap^t)fil ber Sitten unb ffantS Äritil ber praf« 
tifdfien SSernunft. Äant ift fein Cid^t ber SBelt, fonbern 
ein ganges ftral^IenbcS ©onnenftiflem auf einmal.'' Unb 
SBill^elm oon ^umbolbt fagt: ^.Sant unternal^m unb 
»oHbrad&tc baS größte SBcrl, ba^ oicHcid^t je bie pl&ilo» 
fopl^ierenbe SSernunft einem einzelnen 9ßanne gu banlen l^at. 
. . . dreierlei bleibt^ menn man ben 9hi]^m, ben ^ant 
feiner Station, ben Siufeen, ben er bem fpelulatioen 3)enlen 
oerliel^en l^at, beftimmen vdxü, unoerlennbar gemig: @inigeiS, 
voa^ er zertrümmert l^at, mirb fxä) nie mteber erl^eben, 
(SinigeiS, mag er begrünbet l^at^ mirb nie mieber untergel^en, 
unb roaS baß SBi(f)tigfle ift, fo l&at er eine SReform geftiftet, 
mie bie gefamte Oefd^id^^^ t>^^ menfd^lid&en S)enfenS leine 
äl)nli(S)t aufroeifl." 

3ßan fielet, in Sani» %f)Qi fallen feine 3citgcnoffen eine 
erfd^ütternbeSBirfung innerl^alb ber SBeltanfdfiauungi^entmidte» 
lung. @r felbft aber l^ielt fiefür biefe ßntroidtelung fo roid^tig, 
ba% er il)re S3ebeutung berjenigen gleid^ fcfete, bie Äoper» 
niluS' ©ntbedtung ber ^lanctenberoegung für bie Siatur» 
erlenntniS l^atte. 

3Ran mu§ ben Slidf auf bie Duellen rid^ten, an^ betten 
bie ©ebilbeten beS oorigen ^a^if)ViXtbetiß il^re 2BeItanfd)auung 
l^olten, um bie SHeooIution gu begreifen, meldfie oon ber im 
Saläre 1781 erfdf)ienenen „ffritil ber reinen SSernunft" ÄantS 
ausging. S)ic mittelaltcrli(f)e 8[nfd)auungSn)eife, meldte bie 
pd^ften SBal&rl^eitcn nur ber göttlidEien Offenbarung oer» 
banfen gu lönnen glaubte unb ber menfd)Iid)en SSernunft 
nur bie ®abe gufd^rieb, biefe SBal^rl^eiten begreiflid^ gu 
finben, mar burd^ ®eScarteS (1596 — 1650) überrounben. 
Seine Slnfid^t mar, ba% man an allem gmeifcin muffe, xüaß 
man nid^t auS ber SSernunft l^erauS burd^ !lare unb benU 
lid^e aSegriffe einfel^en !önne. S)aS 9Kuftcr eines Haren unb 
beutlidien SegriffSgebäubeS bilbeten bie matl^ematifd)cn @r* 
fenntniffe. Unb nad^ bicfem 3Rufter fd^uf S)eScarteS eine 

2* 



— 20 — 

SSeltanfdiauung, für toeld^e bie SorfteQungen, ©Ott, iSttu 
l^eit be» menfd^Iid^en SßtQeud unb bie Unfterbltd^Ieit ber 
®eele abfolut getDtjfe Sßal^r&eit tnt^alttn. 2)urcl^ eine fold^e 
SSorfteEungi^art toor ber tnenfd)Iicl^en Sernunft bie Sföl^ig' 
leit juerlannt, burd^ eigene Jh:aft bie pd^ften SBelt- 
anfc^auungi^fragen ebenfo gu entfd^eiben, roie fte mit $ilfe 
ber SRatl^ematil über !^af^U unb ©rügenoerl^ältniffe urteilt. 
ffieScorteö xoax bei biefem Serfal&ren gu benfelben SBal^^» 
l^eiten gelommen^ bie aud^ ber religiöfen Überlieferung gu 
©runbe lagen: g" ®ott; Qfrril&cit unb Unfterblid^Ieit. 3« 
einem anbern Srgebniö gelangte ©pinoga (1632 — 1677), 
ate er bie ©ebanlenrid^tung ^ei^carteiS' meiter verfolgte, 
t^ür il^n mürbe ba^ gange Unioerfum ein einl^eitlid^eiS 
Softem, bcffcn einzelne ©lieber mit einanber cbenfo not» 
menbig unb gefe^mögig gufammenl^ängen mie bie einzelnen 
^Begriffe beiS matl^ematifd^en Sel^rgeböubej^. "äüt^ toa^ 
innerl^alb biefe« S^ftemS gefd^iel&t, ba^ gefd^iel&t mit eifer» 
ner %otn)enbigIeit. äSenn id^ meinen 9[rm aui^ftredte, fo ifl 
ba^ ebenfo notmenbig, mie eine ^öl^lung entftel^t, roenn ein 
Stein in lodtereö Srbreid^ föHt. ©Ott ift nur ber Inbegriff biefeö 
S^ftemö lalter, ftarrer SJotrocnbiglciten. Son einer Sfreil^eit 
bei$ 3BiQen0 lann innerl^alb bei^felben leine Stebe fein, 
©benforoenig oon einer Unflerblidf)!eit ber Seele, benn biefe 
ift ja leinSBefen für fid^, fonbern nur eine äufeerung be0 
aSgemeinen, gefe^mägigen Sßeltgefd^el^eni^. $atte SeiScarted 
geglaubt, geigen gu lönnen, ba^ bie pd^ften religiöfen 
©laubendmal^rl^eiten aud^ SSernunftmal^rl^eiten feien, fo l^atte 
Spinoga bie äBal^rl^eit aufgegeigt, gu ber bie SSernunft 
mirllid^ lommt, mcnn fie fid^ felbft überlaffen ift. 3n 
3)eutfd&lanb pt ©ottfrieb SBil^clm Seibnig (1646—1716) 
eine äSeltanf^auung begrünbet, bie aQerbingi^ nid^t in fo 
fd^roffem ©egenfa^ gu btm ©lauben^inl^alte ftanb, mie bie 
©pinogiftifd&e. 3taä^ feiner Slnftdfit beftel&t bie SEBelt nic^t 
aui^ einem eingigen SlÜroefen, fonbern an^ einer SSiell^eit 
felbftönbiger @ingelmefen, bie an§ ftd^ l^erauiS l^anbeln. 
S)iefe Sßefen finb einfad^ unb ungerftörbar, unb ber @in« 
Hang in il^rem ^anbeln ift ein« für aQemal oon einem 



— 21 — 

göttlid^en Urmefen vox^nbtHmmi. SRan ftelgt: t& tarn 
Seibni^ barauf an^ ba^ SBefentlid^e ber überlieferten 
®laubendlel^ren aud^ aü Srgebmffe ber reinen Sernunft 
l^ingufleDen. Unb auf biefer Saign fd^ritt bann Sl^riftian 
SJoIf weiter (1679 — 1754), beffen anfd^auungen im ©origen 
So^rl^unbert tonangebenb waren, unb gu benen fid^ aud^ 
ftant belannte, bi0 er dou anberer ®eite l^er in feinen 
Übergeugungen wanlenb gemad^t würbe. @iS giebt für biefe 
SBeltauffaffung gweierlei SBal^r^eiten. S)ie einen werben 
üM ber Seobad^tung ber £l^atfad)en gewonnen; bieanbern 
fielet bie Sernunft ein burd^ blogei^ %ad^benlen. 3" ^^^ 
le^teren gepren bie l^od^ften @rlenntniffe: ®oii, gfreil^eit 
unb Unfterblid^Ieit. 9Bie tief begrünbet im beutfd^en ©eiftej^» 
leben bed vorigen Sal^rl^unbertj^ SSoIfd 2)enlung0art war, 
ba0 }eigt nn^ nid^td beutlid^er al0 Seffingi^ Stellung inner« 
l^alb ber SBeltanf d^auungdentwidCeluug. @rfagtfein®(aubeniS« 
belenntnii^ in bie SBorte gufammen: „S)ie Slu0biIbung ge» 
offenbarter SSal^rl^eiten in SSernunftwal^rl^eiten ift fd^Ied^ter« 
bingiS notwenbig, wenn bem menfd^Iidien ®ef4|Ied^te bamit 
gel^olfen werben foQ.'' 9Ran l^at ba» ad^tjel^nte Sial^r« 
l^unbert ba» ber Stufflärung genannt. 2)ie ©eifter Seutfd^« 
lanbi^ Derftanben bie SufDärung im ®inne bed Seffing« 
fd^en Sudfprud^ed. Stani ^at bie Slufllörung erilört aü ben 
;,Sludgang bed SReufd^en au» feiner felbftuerfd^ulbeten Un« 
münbigleit" unb d» il^ren SSal^Ifprud^ begeid^net: ^$abe 
9Rut, bid^ beineiS eigenen Serftanbed gu bebienen." %un 
waren felbft fo l^eroorragenbe 2)enler wie Seffing burd^ 
bie Slufllörung nid^t weiter gelommen, ate ii9 gu 
einer DerfianbeiSmctgigen Umformung ber au0 bem 3u{l<inbe 
;rfeIBffa)erfd^uIbeter Unmünbigleit'' überlieferten ©laubend« 
klaren. @ie ftnb nid^t gu einer reinen Sernunftanftd^t Dor« 
gebrungen wie Spinoga. Stuf fold^e ©eifter mugte bie 
Seigre bed ©pinoga, aU fie in 3)eutfdglanb belannt würbe, 
einen tiefen SinbrudC ma^en. @r Igatte t» wirflidg unter» 
nommen, fidg feinet eigenen Serftanbed gu bebienen, war 
aber babei )u gau) anberen (Srienntniffen gelommen aU 
bie beutfdgen Stufllftrer. ®ein Sinflug mugte um fo be« 



— 22 — 

beutfamer fein, aU feine nad^ matJ^ematifd^er 9lrt feft ge« 
bauten (Schlußfolgerungen eine t)iel größere übergeugenbe 
Sttafi flauen, al» bie (eid^tgefdiürgten ©ebanlenletien SBoIfi^. 
SEBie biefe auf tiefere Oemüter roirlten, baoon erl^alten wir 
eine SSorfteQung aud ®oei^t^ „^lAinnq unb SBal^rl^eit^^ 
(Sr ergäl^It t>on bem Sinbrud, ben ^rofeffor SBinllerö im 
®eifte SBolfi^ gel^altene SSorlefungen in i^eip^ig auf il^n 
gentad^t l^aben: ^SReine^oQegia befud^te id^ anfangj^ emjig 
unb treulid^; bie ^l^ilofopl^ie moUte mid^ iebod^ leinei^megd 
aufllären. ^n ber Sogil lata ed mir munberlid^ vox, ba^ 
ic^ biejenigen ®ei{iei^operationen, bie id^ t)on ^ugenb auf 
mit ber größten äJequemlid^Ieit oerrid^tete, fo auiSeinanber 
^erreu; oerein^eln unb gleic^fam gerftoren foQte, um ben 
redeten ©ebrauc^ beiSfelben eingufel^en. SSon bem 2)inge, 
von ber SBelt, t)on ®ott glaubte iä) ungefäl^r fo oiel gu 
miffen al§ ber Seigrer felbft, unb e2 fd^ien mir an melgr 
aU einer ®teEe gewaltig }u l^apern.'' äSon feiner Sefd^äf« 
tigung mit ®pinogad @d^riften ergä^lt uuj^ bagegen ber 
2)id^ter: „^ä^ ergab mid) biefer Seitüre unb glaubte, inbem 
id^ mid^ felbft fd^aute, bie äSelt niemals fo beutlid^ erblidCt 
)u l^aben.'' SJlber nur äSenige oermod^ten, fid^ ber S)enlungi9« 
art ®pinogad f.o unbefangen l^ingugeben mie ©oetl^e. ^ei 
ben 3Reiftcn mußte er einen tiefen S^^i^fpott in bie SBelt» 
auffaffung bringen. Qfür fie ift ©oetl&ei^ Qfreunb 3^. §. 
Sacobi ein Slepröfentant. (Sr fal^ ein, bai bie fid^ felbft 
überlaffene äSernunft nid^t gu ben ©laubeni^lel^ren, fonbern 
)u ber Slnfid^t fül^re, gu ber ®pinoga gelommen ift, ba^ 
bie SBelt oon emigen, notmenbigen ©efe^en bel^errfd^t mirb. 
®o ftanb Socobi oor einer bebeutfamen (Sntfd^eibung : ent* 
meber mußte er feiner SSernunft oertrauen unb bie ©laubeniS« 
leieren fallen laffen; ober er mußte, um bie le^teren au 
bel^alten, ber Vernunft felbft bie 9Röglid^Ieit abfpred^en, )u 
ben pd^ften @infid^ten %n lommen. @r mcil^lte bai^ le^tere. 
@r bel^auptete, baß ber SRenfd^ in feinem innerften ©emiite 
eine unmittelbare ©emißl^eit l^abe, einen ftd^eren ©tauben, 
oermbge beffen er bie SBal^rl^eit ber SorfteQung einei^ per« 
fbnlid^en ©otteiS, ber greil^eit bt» Sßillend unb ber Un:: 



— 23 — 

fterblid^Ieii fül^Ie, fo bag biefe Überzeugung gau) unabl^ängig 
fei oon ben auf logifd^e gfolgerungen geflü^ten (Srleuntniffen 
ber SSernunft, bie fxä) gor nid^t auf biefe 3)inge begiel^en, 
fonbern nur auf bie öugeren %aiurt)orgönge. 9(uf biefe SBeife 
l^ai Sacobi ba» vernünftige SBiffen abgefegt, um ffir 
einen bie Sebürfniffe bed ^ergeni^ befriebigenben ® lau ben 
$la^ gu belontmen. ©oetl^e, ber Don biefer Snttl^ronung 
be0 SSiffeuj^ n)enig erbaut wat, fd^reibt an ben gfreunb: 
„®oti ^ai S)i(i^ utit ber äRetapl^^fil geftraft unb S)ir einen 
^al^I inö Sleifd^ gefefet, mid& mit ber $]&pfil gefegnet. 3d& 
^alte mid^ an bie ©otteiSoerel^rung bt§ Sltl^eiften ((Spinoja) , 
unb überlaffe (Sud) aUe», ma» i^x Steligion l^ei^t unb 
l^eigen mögt. 2)u l^ältft aufj^ ©lauben an ®ott; id^ 
aufiS @d^auen/ ^ie 9(uf!Iärung l^at gule^t bie @eifter 
vox bie 9Ba]^I gefteQt^ entmeber bie geoffenbarten fäafyc* 
Reiten burd^ bie SSernunftmal^rl^eiten im Spinogiftifd^en ®inne 
gu erfe^eU; ober bem oemunftgemägen Sßtffen felbfl ben 
^eg p erllären. 

Unb vor biefer äBal^I ftanb aud^ Stcaxt SBie er fid^ gu 
il^r fteQte unb über fie entfd^ieb^ ba» gel^t au0 ber Ilaren 
Sludfül^rung im SSormorte gur gmeiten Sluflage feiner 
„ftritil ber reinen Semunft'' l&eroor: ^©efeftt nun, bie 
3Rora( fe^e notmenbtg gfreil^eit (im ftrengften @inne) ate 
@igenfd^aft unfered ZBilleniS oorauiS, inbem fte praftifd^e 
in unferer SSernunft liegenbe ©runbfö^e anfül^rt, bie ol^ne 
Sorauj^fe^ung ber gfreil^eit fd^Ied^terbingiS unmöglid^ mören, 
bie fpetulatioe SSernunft aber ^ätit bemiefen, ba% bied ftd^ 
gor nid^t beulen laffe, fo mu| notmenbig jene SorauiS' 
fe^ung, nämlid^ bie moralifd^e berjenigen meid^en, beren 
©egenteil einen offenbaren Sßiberfprud^ entl^ölt, folglid^ gfrei« 
i^tii unb mit il^r Sittlid^Ieit bem %aturmed^aniiSmuiS 
ben $Ia^ einräumen. @o aber, ba iä) gur ÜRoral nid^is 
meiter braud)e, aU bai f^^eil^^t fid^ nur nid^t felbft miber« 
fpred^e unb fid) alfo bod^ menigfteuiS beulen laffe, ol^ne 
notig gu l^aben, fie meiter eingufel^en, bai fie alfo 
bem Xaturmed^aniSmui^ ebenberfelben ^anblung (in onberer 
Segiel^ung genommen) gar lein ^inbernid in ben SBeg lege; 



— 24 — 

fo ht^anpiei bit St^tt ber Sittlid^Ieit iJ^ren $la|^ toeU^ed 
ober mi)i ftattgefunben f^ättt, wtnn nid^t Jtritil uttiS auoor 
von unferer nnvtxmtibliä^tn Unmiffenl^eit in 9ln« 
fel^ung ber 2)inge an fid^ felbft itUf^ti, unb aQfi^, 
toad toir tJ^eoretifd^ erlennen lönnen, auf bloge @rfd^einungen 
eitigef(i^ränlt f^äiit. @ben biefe @rörterung bt^ pofttben 
9hi^eniS Irittfd^er ®ntnbfö|e ber reinen Semunft lägt ftd^ 
in Snfelgung bed 9egriff0 oon ®oii unb ber einfad^en 
Statur unferer Seele aeigen, bie id^ aber ber ftürje l^alber 
Dorbeigel^e. 3d^ lann alfo ®ott^ tSxeif^tit unb Unfterb» 
lid^Ieit )unt ®ebrau4 be^ notmenbigen ©ebraud^iS praN 
tifd^er Semunft nid^t einmal anueJ^meU; wenn id^ nid^t 
ber fpdCuIatiDen Semunft gugleid^ ilgre SInmagung über« 
fd|n)englid^er Sinftd^ten benel^nte. ... Sd^mugtealfo 
baiS IBiffen aufl^ebeu; um gum (Blauben $Ia^ }u 
belommen.'' ÜRan fielet, Sant fielet gegenüber Sßiffen unb 
(ilauben auf einem äl^nlid^en Soben mie Sacobi. 

S)er SBeg, auf bem er bal^tn gelangte, ift aQerbingiS 
ein anberer. @r mar biiS in fein fünfunbt)ier)igßeiS Sal^r 
gläubiger Snl^änger SBoIfi^. Son biefem ®Iauben l^atte 
il^n ba» Stubium be0 englifd^en $l^iIofopl^en Saoib 
^ume (1711—1776) abgebrad^t ©iefer ^atte allen @in- 
ßd^ten bt» menfd^Iic^en Serftanbed einen rabilalen S^^if^'^ 
entgegengefe^t. SBaiS fc^eint eine fid^erere SBal^rl^eit gu fein, 
ob bag iebe SBirlung eine Urfad^e l^aben muffe? ^ume 
erf(§ütterte bie Überjeugung non biefer ©emigl^eit. SBenn 
id^ einen Stein faSen fel^e unb nad^l^er eine 9u0l^5I^Iung 
im Srbboben ma^mel^me, fo nenne i(| biefe eine SBirlung 
be0 t^aSed. Stber meiner fd^opfe id^ bie ©emigl^eit, ba| 
Smifd^en Urfad^e unb SBirlung ein notmenbiger Sufammen» 
lang befleiße? 3d^ nel^me btn ^aU bt» ®teiniS mal^r unb 
nad|]^er bie SuiSl^ol^Iung. S)ag beibed mit einanber in Ser» 
binbuttg ftel^e, beule id^ l^inju, fagt $ume. S)ad S)enlett 
oerhtüpft bie SBal^mel^mungen, aber ni(§t, meil in biefen 
felbft etmai^ liegt, ma9 biefer Serlnüpfung entfpräd^e, fon« 
bem meil ftd^ ber Serfianb gemSIgnt l^at, bie S)inge in 
einen 3ufttmmen]^ang gu bringen. S)er SRenfd^ ift gemol^nt, 



— 25 — 

)u feigen, ba% ein 2)tng auf ein anbered ber 3^^ ^<^^ 
folgt. St fielet ani), ba% auf geroiffe Sorgeinge immer 
glei(i^e anbete folgen; er bilbetfid^ bie SorfteQung; ba^ e9 
fo fein muffe. @r mad^t ben elften Sorgang gur Urfad^e^ 
ben gmeiten gut SBirlung. S)er SRenfd^ ift anä) gemol^nt^ 
au feigen, ba^ auf einen ®ebanlen feineiS ®ei^t» eine 9e» 
megung feinem» Seibe0 folgt. @r erllärt: ber ®eift l^abe bie 
Seibcöbemegung bemirlt. ©enigcrool&nl&cit, nid^tö weiter 
liegt ben äudfagen über ben Sitf^^iiintenl^ang ber Sßelt» 
erfd^einungen gu ®runbe. SBirllid^Ieit l^aben nur bie eingelnea 
SSal^mel^mungen. 

3)urd^ biefe Sluj^fül^rungen ^umeiS ift Kant au0 bem 
©d^Iummer ermedt morben, in ben il^n, nad^ feinem eigenen 
Selenntniö, bie SBoIffd^c Sbecnrid^tung oerfe^t l&attc. SBie 
lann bie Scrnunft Urteile über ®ott, greil^cit unb Unfterb* 
lid^Ieit föSeU; menn il^re SluiSfagen über bie eiufad^ften Se« 
gebenl^eiten auf fold^ unftd^eren ®runblagen rul^en? 2)er 
9(nfturm, ben nun ^ant gegen ba^ oernünftige äSiffen unter« 
nehmen mugte, mar ein oiel meiter gel^enber ate berjenige 
Sacobiö. Siefer l^atte biefem SBiffen mcnigpenS bieSMög» 
Ii(§Ieit laffen lonnen, bie 9tatur in il^rem notmenbigen 3u* 
fammenl^ange gu begreifen. 3tnn ^ai Sani auf btm @e« 
biete ber %aturerlenntni0 eine mid^tige Sl^at mit feiner 
175Ö erfd^ienenen „SlQgemeinen %aturgefi^id^te unb Sl^eorie 
bed ^immete^^ ooQbrad^t. @r l^at gezeigt, ba% man ftd^ 
unfer gangei^ ^lanetenf^ftem aui^ einem ®a0ball entftanben 
beulen lönne, ber ftd^ um feine 9ld)fe bemegt. S)urd^ ftreng 
nottoenbige matl^ematifd^e unb pl^^filalifc^e Jtröfte l^aben 
fid^ innerhalb biefeiS SaEed ®onne unb Planeten oerbid^tet 
unb bie Semegungen angenommen, bie fie in ®tma%i^nt 
ber Seigren ftopernilui»' unb ^eppleri^ l^aben. ^ant l^atte 
alfo bie f^tud^tbarleit ber @pino}iftifc^en S)enlart, nad^ 
i9eld^er aUe^ mit ftrenger matl^ematifd^er ^otmenbigleit fid^ 
abfpielt, burd^ eine eigene groge Sntbedbtng auf einem 
fpegieQen ®ebiete ermiefen. ^ mar oon biefer f^ntd^tbar» 
(eit fo überzeugt, bai er in btm genannten SBerle )u bem 
Xutotfe fid^ oerfteigt: «®ebt mir SRaterie, unb id^ miE. 



— 26 — 

tnä) eine Sßett batan§ bauen." Unb bie unbebingte ®t» 
niigl^eit ber motJ^emotifd^en äBal^rl^eiten ftanb für il^n fo 
feft, ba% er in feinen ^^SSlnfangSgrünben ber Siaturroiffenfd^aft" 
bie Sel^Quptung anffteQt, eine eigentlid^e Sßiffenfd^oft fei 
nur eine fold^e^ in meld^er bie Slnmenbung ber SRat^ematil 
mofllidf) ift. ^äiit ^ume SRed^t, fo Ißnnte oon einer ©ewife« 
^exi ber matl^ematifdien unb naturn)iffenfcl)aft(icl^en Srlennt« 
niffe ni(f)t bie SRebe fein. ®enn bann roären biefe ©riennt» 
nijfe nic^ti^ aU 2)enlgen)0l^n]^eiten^ bie ftd^ ber 9Renfc^ an« 
geeignet ^ai, roeil er ben Sßeltenlauf in il^rem @inne fid^ 
l^at abfpielen feigen. 9lber t^ beftünbe nid^t bie geringfte 
@id^er]^eit barüber^ ba^ biefe 2)en!gen)o]^n]^eUen mit bcm 
gefe^mägigen S^f^^n^ntenl^ang ber S)inge etmaj^ ^u tl^un 
^aben. .f)ume ^iel^t aui$ feinen SSorauiSfe^ungen bie t^oU 
gerung: „^it @rfd^einungen n)ed^feln fortmäl^renb in ber 
Sßelt, unb einei^ folgt beut anbern in ununterbrod^ener 
gfolge; aber bie ©efe^e unb bie ^äfte, meldte baiS SSeltaQ 
ben)egen; ftnb uni^ ooQig oerborgen unb geigen fic^ in leiner 
mal^rnel^mbaren Sigenfd^aft ber Körper . . ." 'SMdi man 
<iIfo bie Sßeltanfd^auung ^vino^a^ in bie Seleud^tung ber 
C)untefd^en 9[nfid()t, fo mug man fagen: %ac^ bem bii^l^er 
toal^rgenommenen Serlauf ber 3BeItoorgange l^aben mir uni$ 
gemöl^nt; fie in einem notmenbigen, gefe^mägigen S^fammen* 
l^ange gu beulen; mir bürfen aber nid^t bel^aupten^ ba% 
biefer Sufammenl^ang mel^r ift ald eine bloge 2)enIgemol^n« 
•l^eit. Strafe ba^ ^n, bann möre t§ nur eine S^äufd^ung ber 
menfd^Iid^en SSernunft, ba% fie über baj^ SBefen ber ^e(t 
burd^i ftd^ felbft irgenb me(d)en 9(uffd^Iug geminnen lönne. 
Unb $ume lonnte nid^t miberfprod^en werben, menn er von 
ieber SSeltaufd^auung, bie aud ber reinen Vernunft ge« 
monnen ift^ fagt: ^Sßerft fie iuiS ^euer, benn fie iftntc^tiS 
<ite S^rug unb äSIenbmerl.'' 

S)iefe S^Ig^ung ^umeiS lonnte JCant unmöglid^ gu ber 
"feinigen mad^en. S)enn für il^n ftanb bie ©emigl^eit ber 
naturmiffenfd^aftlid^en unb matl^ematifd^en Srlenntniffe^ mie 
mir gefeiten l^oben^ unbebingt feft. @r moQte fid^ biefe 
48emi6iieit nid^t antaften laffen, lonnte fid^ aber bennod^ 



— 27 — 

ber (Stnftd^t nid^t entstellen, bog ^unte Sted^t f^aiit, wenn 
er fagte: Stile Srienntniffe über bie mirllid^en S)tnge ge« 
n)innen mir nur, inbem mix biefe beobod^ten unb auf 
®runb ber Beobachtung uniS ©ebanlen über il^ren Sufammen« 
l^ang bilben. Siegt in ben S)tngen ein gefe^mdgiger 3u* 
famntenl^ang, bann muffen wit il^n aud^ auj^ ben S)ingen 
l^erau^l^olen. Sßai^ wit aber auiS ben 2)ingen l^eraui^l^olen, 
booon n)iffen n)ir nid^t mel^r, ald bai t^ hi^ je^t fo ge« 
n)efen ift; wir roiffen aber nid^t, ob ein fold^er S^fammen» 
l^ang n)irllid^ fo mit beut Sßefen ber Singe oern)ad^fen ift, 
tai er ftdE) nid^t in |ebem ^tiipnnli änbtxn lann. SSenn 
n)ir uniS l^eute auf ®runb unferer Seobad^tungen eine äSelt« 
anfäiauung bilben, fo lönnen morgen @rfd^einungen ein«» 
treten, bie uniS ^u einer gang anberen jmingen. $oIen mir 
oHe unfere ©rienntniffe auö ben Singen, fo giebt e0 leine 
©emifel&eit. aber e» giebt eine ©emifel&eit, fagt ffant. 3)ie 
SRatl^ematil unb bie %atum)iffenfd^aft bemeifen t^. Son 
einer SBelt, bie auger uni^ aui^gebreitet liegt unb bie mir 
nur burd^ SSeobad^tung auf uniS einmirlen laffen, Ibnnte 
unfere Vernunft niemate bel^aupten, ba% tixoa^ in il^r gemig 
fei. SfolaKdÖ *o«n unfere SBelt nur eine fold^e fein, bie 
mir fclbft aufbauen: eine SBelt, bie innerl^alb unfereiJ 
©eifteiS liegt. 'SSa^ auger mir oorgel^t, mal^renb ein @tetn 
fctQt unb bie @rbe auiSl^öl^It, meig id^ nid^t. Siefer gange 
äSorgang fpielt ftd^ in mir ab. Unb er tann fid^ in mir 
nur fo abfpielen, mie t^ i^m bie @efe^e meineiS eigenen 
geiftigen OrganiSmuiS oorfd^reiben. Sie Sinrid^tung meineiS 
©eifteö forbert, ba^ jebe SBirlung eine Urfad^e ^aht unb 
ba^ gmeimal gmei oier fei. Unb gemäg biefer @inridE)tung 
baut fid^ ber @eift eine 9BeIt auf. SRöge nun bie auger 
un0 liegenbe SBelt mie immer gebaut fein, möge fie fogar 
^eute in leinem 3^9^ i>^^ geftrigen gleid^en; nnS lann ba& 
nid^t berül^ren, benn unfer ®eift fd^afft fid^ eine eigene 
SBelt nad^ feinen ©efe^en. @o lange ber menfd^lid^e @eift 
berfelbe ift, mirb er bei @raeugung feiner SBelt aud^ in 
gleid^er SBeife oerfal^ren. äßatl^ematil unb ^aturmiffenfd^aft 
entl^alten nid^t ®efe^e ber Slugenmelt, fonbern biejenigen 



— 28 — 

unfereiS Beifügen OrganiiStnui^. S)ei$l^alb ttaud^tn toir nur 
biefen ju erforfd^en, wenn mit ba» unbebingt SBal^re lennen 
lernen moUtn, „5£)ex äSerflanb fd^opft feine ®efe^e nid^t an^ 
ber Statur, fonbcyn fdbreibt fie biefer vox". 3n bicfcm @a|e 
fagt Stani feine Ubergeugung jufammen. S)er ®eift erzeugt 
aber feine Innenwelt nid^t ol^ne Stnfiog ober Sinbrudt von 
äugen. SBenn id^ eine rote tSaxbt empfinbe, fo ift ba^ 
„Stot" aSerbingiS ein S^ftanb, ein Sorgang in mir; aber 
id^ mui eine Seranlaffung l^aben, bag id^ ^rot'' empftnbe. 
(S9 giebt alfo ,r3)inge an fxd^*'. 9Bir wijfen |ebod^ oon 
iignen nid^tiS, a(0 bag e0 fte giebt. Wie», n>a» wix beob» 
achten, finb 2)inge in und. ^ant l^at alfo, um bie ®en)i6' 
l^eit ber ntatl^ematifd^en unb naturmiffenfd^aftlid^en SBalgr« 
Reiten )u retten, bie gange Seobad^tungi^melt in ben ntenfd^« 
lid^en ®eift l^ineingenotnnten. 2)amit l^at er aber aud^ 
aEerbingiS beut @rIenntniiSoennogen unüberfteiglid^e ©rengen 
gefe|t. 2)enn aQeiS, n)ai^ wit erlennen tonnen, begiel^t fid^ 
nid^t auf 2)inge auger uni^, fonbern auf Vorgänge in uni^, 
auf Srfd^einungen, mit er ftd^ auiSbrüdCt. Xun lonnen 
aber bie ®egenftänbe ber Igöd^ften Sernunftdfragen : ®ott 
gfreil^eit unb Ünfterblid^Ieit nientate in bie ^d^einung 
treten. SBir feigen S)inge in un0; ob bie auger und oon 
einem gottlid^en Sßefen l^errül^ren, lonnen mir nid^t miffen. 
Sßir lonnen unfere eigenen Seelenguftänbe mal^mel^men. 
SIber aud^ biefe ftnb nur @rfd^einungen. Ob l^inter il^nen 
eine freie, unfterblid^e Seele maltet, bleibt unferer (Sriennt* 
nid oerborgen. Über biefe „2)inge an fid^'' fagt unfere 
Sdenntnid gar nid^td an9. ®ie befümmt nid^td barüber, 
ob bie Sbeen oon il^nen mal^r ober falfd^ ftnb. SBenn mir 
nun oon einer anbern Seite l^er über biefe S)inge tima» 
oernel^men, fo liegt nid^td im äßege, il^re ^fteu) angu« 
nel^men. 9lur miffen lonnen mir nid^td über ^e. @d giebt 
nun einen S^O^ng )u biefen l^öd^ften SBal^rl^eiten. Unb 
bad ift bie Stimme ber $flid^t, bie in und laut unb beut» 
lid^ fprid^t: S)u follfi bied unb ba» i^nn. 2)iefer ^fote- 
gorif(§e Smperatio'' legt und eine Serbinblid^Ieit auf, ber 
mir und nid^t entgiel^en lonnen. Stber mie m&ttn mir im« 



\ 



— 29 — 

fianbe, einer fold^en Serbinbßd^teit nac^gulommen; toettn mir 
nid^t einen freien SBillen ^äüm? ^ir lonnen bie 8f* 
fd^affenl^eit unferer ®eele gmor nid^t erlennen, aber ton 
müjfen glauben, bag fte frei x% bamit fte il^rer inneren 
(Stimme ber ^flxä)i nad^Iommen lönne. 99ir l^aben fomit 
über bie gfreil^eit leine ßrlenntnidgemigl^eit mie über bie 
©egenftänbe ber äßat^ematil unb ber %aturn)iffenfcl)aft; 
aber mir l^aben bafür eine moralifd^e ©emigl^eit. S)ie 
Befolgung beiS lategorifd^en SmperatioiS fül^rt gur£ugenb. 
^urd^ bie £ugenb allein tann ber 9Renfd^ feine Seftimmnng 
erreid^en. @r mirb ber ©lüdEfeligleit miirbig. @r mu% 
alfo bie @lüdfeligleit aud^ erreid^en lonnen. 2)enn fünft 
möre feine Slugenb ol^ne 6inn unb Bebeutung. 2)amii aber 
ftd^ an bie £ugenb bie ®Iü(Ife(ig!eit Inüpfe, mui ein SBefen 
ba fein, ba^ biefe ©lüdtfeligleit gur Qfolge ber Sugenb 
mad^t. 2)aj$ lann nur ein inteQigeniej^, ben l^öd^ften SBert ber 
5)inge beftimmenbeiJ SEBefen, ®oii, fein. 3)urd& ba^ Sor» 
^anbenfein ber S^ugenb mirb uniS beren SSirlung, bie ®lüd» 
feßgleit, oerbürgi unb burd^ biefe mieber baS 2)afein @otte0. 
Unb meil ein ftnnlid^ei^ Sßefen, mie e0 ber äRenfd^ ift, bie 
ooEenbete ©lüdCfeligleit nid^t in biefer unDoQIommenen 
SBcll erreid^en lann, fo mufe fein ®afein über bieö ©innen» 
bafein l^inaui^reid^en, ba» l^eigt, bie @eele mug unfierbßc^ 
fein. SBorüber mir alfo nid^td miffen lonnen: ba» gaubert 
^ant au» bem moraIifd)en ©lauben an bie Stimme 
ber $flid^t ^eroor. 2)ie ^od^ad^tung oor bem ^fiid^tgefül^I 
mar ba», ma» itiva eine mirllid^e SSelt mieber anitxd)ieit, 
al» unter ^umeiS @influ§ bie S3eobad^tung0melt gur blogen 
Snneumclt l&erabfanl. 3n fd^önen ©orten lommt in feiner 
^ftritil ber praftifd&cn SSernuuft" biefe ^od^ad^tung gum 
kn»bxnd: „^flid^t! bn crl^abener, großer 9iame, ber bu 
nid^t0 Seliebted, xoa» (Sinfc^meid^ebtng bei fid) fül^rt, in 
bir faffeji, fonbern Untermerfung oerlangft*, ber bu „ein 
®efe^ auffteEft . . . oor bem aQe Neigungen Derftummen, 
menn fte gleid^ im ©el^eimen il^m entgegenmirlen ....'' 
2)ag bie Igod^ften Sßal^rl^eiten leine @rlenntni0ma]^r]^eiten, 
fonbern moraßfd^e feien, ba» Igielt Sani für feine Snt« 



— 30 — 

bedung. Sluf @inftc^ten in eine überflnnlid^e SBelt mu§ 
ber SRenfdf) oeraid^len; ouS feiner moraIif(f)en Sfatur ent« 
fpringt il&m ßrfa^ für bie SrIenntniS. Äein SBunbcr, ba% 
äani in ber unbebingten rüdl^altlofen Eingabe an bie 
$fli(f)t bie pd^fte Qforberung an ben SRenfd^en fielet. Sr» 
öffnete il)m bie $fli(f)t nid^l einen Slugblicf auS ber Sinnen» 
weit l&inauS; er wäxe fein gan^eö ßcben l&inburd^ in bicfe 
eingefd^loffen. 3Sa^ alfo and) bie ®innenn)elt verlangt: 
eö mufe gurüdtrcten hinter ben Slnforberungen ber ^flid&i. 
Unb bie @innenn)elt lann au^ ft(f) felbft l^erauj^ nid)t mit 
ber ^flid&t übereinflimmen. Sie will ba^ Slngenel^me, 
bie Suft. Sitten mnfe bie ^flid^l entgegentreten, bamit ber 
SKenfdf) feine SSeftimmung erfütte. SBad ber 3Renf(^ anS 
Suft üoDbringt, ifl nid^t tugenbl^aft; nur roaö er in ber 
felbftlofen Eingabe an bie ^fli(f)t üollfül^rt. Unterwerfe 
beine Scgierben ber $fli(f)t: ba2 ifl bie ftrcnge Aufgabe 
ber Jtantfd^en Sittenlehre. aSoHc ni(f)t§, roaS bid^ in beiner 
@elbftfu(^t befriebigt^ fonbern l^anble fo, ba% bie ®runb» 
föfec beineö .^anbelnS bie aller STOenfd^en werben Ißnncn. 
3n ber Eingabe an baö Sittengefefe erreid^t ber äBenfd^ 
feine SoHIontmenl^eit. ®er ©laube, ba^ biefeS Sittengefe^ 
in . crl^abcncr §öl)e über aHem anbern SEBeltgefd^el^en 
fd^roebt unb burd^ ein gottlid^eS SBefen in ber SBelt oer« 
roirllid)! wirb, baQ ift, nad) Äanti? Meinung, roal^re Sfteli* 
gion. Sie entfpringt aus ber 9RoraI. ®er äJienfc^ foH nid^t 
gut fein, weil er an einen ®ott glaubt, ber ba^ ©ute 
wiQ; er foQ gut einzig unb allein auS ^f{td)tgefü]^I fein; 
aber er foD an ®oit glauben, weil ^flid^t ol&ne ©Ott ftnn» 
los ift. ®aS ift „Sleligion innerhalb ber ©renken ber 
blofeen Sernunft" wie ffant fein Sud^ über religiofe SBelt» 
anfd^auung nannte. 

®te felbftlofe Eingabe an bie Stimme beS ©eifteS l^at 
Äant gur ©runblage ber STOoral gemad&t. Stuf bem (Ge- 
biete beS tugenbl^aften ^anbelnS oertragt fid) eine fold^e 
Eingabe nid^t mit berjenigen an bie ®innenwelt. @S giebt 
aber ein ^Jelb, auf btm ba^ ©innlid^e fo erl&ö^t ift, ba% 
cS wie ein unmittelbarer auSbrudt beö ©eiftigen erfd^cint. 



-- 31 — 

2)teiS ift ba» ©ebiet bed Sd^önen unb ber jfunft. 3m all« 
tägltd^en Seben tjerlangen mit baiS @innlid^e; toeil eiS unfer 
Segelten, unfcr fclbftfücl|tißc5 Sntcrcffc erregt. SBir trogen 
Verlangen nadE) bem^ toaiS uni^ Suft tnad^t. 3Str lönnen 
aber auä) ein felbftlofeiS Sntereffe an einem ©egenftanbe 
l^aben. 9ßir lönnen bemunbernb vor il^m ftel^en^ doQ t)on 
feiiger Suft unb biefe Suft fann gan} unabigängig t)on 
bem ®efife ber ©ad^e fein. Db id^ ein fd&öneig §au5, an 
btm iö^ Dorübergel^e, anä) befi^en möd^te^ ba& ^ai mit btm 
felbftlofen Sntereffc an feiner SdEjönl^eit nidE|ti5 gu ti^un. 
SBcnn idE| alleS SSegcl^ren au^ meinem ©efül^Ie aui8fdE|etbe, 
fo bleibt nod) tixoa^ gurüd; eine Suft^ bie fid) rein an ba^ 
fd^öne Sunftmerl Inüpft. (Sine fold^e Suft ift eine äftl^etifd^e. 
S)a0 @d^6ne unterfd^eibet fid) oon bem Slngenel^men unb 
btm ©Uten. S)ai5 Slngenei^me erregt mein Sntereffe, meil 
es meine Segierbe ermedtt; ba^ ®ute intcreffiert mid&, mcil 
eS burd^ mid^ Dermirllid^t merben foll. S)em Sd^önen fte^e 
id^ oi^ne irgenb ein foId^eS Sntereffe, ba^ mit meiner ?ßerfon 
gufammenl^ängt, gegenüber. äSoburd^ lann ba^ ©d^öne mein 
felbfllofeS aSol&Igef ollen on fid^ gicl^en? SRir fonn ein 
S)ing nur gefotten, menn e§ feine Seftimmung erfüllt, menn 
eg fo befd^offen ift, bo§ eS einem ^wtdt bient. 3d& muß olfo 
on bem Sd^ßnen einen S^ed mol^rnelömen. S)ie 3wed- 
mööigleit gefällt; bie 3n3cd(roibrigleit mißfällt. 9Do id^ ober 
on ber SESirllid^feit be« fd^ßnen ©egenftonbeS lein Sntereffe 
l^obe, fonbern bie bloße 9(nfdC|auung beiSfelben mid) be« 
friebigt, fo bxand)i ba& @d^ßne oud^ nid^t mirtlid) einem 
3n)ede gu bienen. S)er S^^^ ift Jni^ glcid^gültig, nur bie 
Smedmäfeigfeit oerlongc iä), ©eöl^olb nennt Äont ^fd^on" 
bo^jenige, moron mir S^Jedmöfeigleit rool^rnelömen, ol^ne 
bofe mir bobei on einen beftimmtcn 3"^^^ beulen. 

6S ift nid^t nur eine ©rllörung, eö ift oud^ eine JRcdit* 
fertigung ber %unft, bie ^ont bomit gegeben l^ot. 3ßon 
fielet boiS om beften, menn man fid^ oergegenmörtigt, mie 
er fid^ mit feinem ©efül&Ie gu feiner SBeltonfd^ouung ftellte. 
(Sr brüdt bog in tiefen fd^ßnen SBorten an^: „Qroex ®inge 



f Or THF 



V - - 




— 32 — 

erfüllen bai^ ®etnüt mit immer neuer unb ftdd ^unel^menber 
SSemunberung unb (Sl^rfurd^t: ber geftirnte ^immel über 
mir unb baS moralifdje ®efe^ in mir. S)er erfte Slnblid 
einer gal^IIofen SBeUenmenge Dernid^tet gleid^fam meine 
lEBid^tigleit; aU einciS animalifd^en ©efd^dpfed^ ba^ bie 
äRaterie, au9 ber ed morb, btm Planeten, einem blogen 
$un!t im SBeltaD^ mieber gurüdgeben mu^, naä^btm ed 
eine fur^e ^exi (man meife nid^t mie) mit Scbeni^fooft vtt» 
feigen mar. 2)er }meite erl^ebt bagegen meinen 3Sert, al& 
einer ^nteüigeng; unenblic^ burd^ meine (felbftbemugte nnb 
freie) ^crfönlid^feit^ in roeld^cr bo5 morolifc^c ®efe^ mir 
ein Don ber S^ieri^eit unb felbft Don ber gangen ©innen« 
melt unabl^ängigeiS Seben offenbart, menigfteniS fo Diel fic^ 
aud ber gmedmögigen ^eftimmung meineiS S)afeind 
burc^ biefed ®efe^ abnel^men lägt, meld)e nid^t auf bie 
Sebingungen unb ®rengen biefeS Sebenö eingefdiränft tft; 
fonbern ini^ Unenblid^e Qt^t" S)er ^nftler pflanzt nun 
biefe gmedmägige ^eftimmung, bie in SBirllic^Ieit nur 
im moralifdien SEBeltreid^e maltet, ber Sinnenmclt ein. S)a» 
burd) fte^t ba^ ^unftmerl gmifdien btm ®ebiet ber S3eo6« 
ad^tungdmelt, in ber bie emigen eisernen ®efe^e ber $ot« 
menbigleit j^^rrfd^en, bie ber menfd^Iid^e ®eift erft felbft in 
fie l^ineingelegt l^at, unb bemäteidie ber freien @ittltdgfeit, 
in ber $^id^tgebote als 9(uiSf(u6 einer meifen göttlidjen 
SBeltorbnung Stid^tung unb 3^^^ angeben. 3n>if<^^n ^^i^^ 
Steid^e l^inein tritt ber ^ünftler mit feinen SBerlen. @r ent* 
nimmt bem Sfteidi be« SBirllid^en feinen Stoff; ober er 
prägt biefen @toff gugleid) fo um, ba% er ber ^träger einer 
gmedmögigen «Harmonie ift, mie fie im 9teid)e ber gfreil^eit 
angetroffen wirb. S)er menfdjlic^e ®eift fül^It fic^ alfo un» 
befriebigt mit ben blogen 9leid)en ber SBirllidifeit, ba& 
Stant mit bem geftirnten ^immel unb ber gal^IIofen SBelten« 
menge meint, unb bem ber moralifd^en ®efe^mci6igleit. Sr 
fc^afft \\ä) beiSl^alb ein fd^öned Sleic^ bed ®d^einei9, ba» 
ftane %aturnotmenbig!eit mit freier Sn'^^'niäligleit oer« 
binbet. %un finbet man baS @d^öne nid^t nur in menfc^« 
liefen Siunftmerlen, fonbern auc^ in ber %atur. @d giebt 



— Sa- 
rin Saturfd^oncig neben btm ffiunftfc^önen. ©icfeiS Statut» 
fc^öne ift o^ne menfc^Iid^eiS 3utl^un ba. &^ fc^etnt alfo^ 
ote n)enn in ber SBirHtd^Ieit bod^ nid^t blog bie ftane^ 
gefe^mägige $ottt)enbigIeit; fonbern eine freie toeife £l^ätig« 
leit }u beobad^ten n)clre. S)ai^ ©d^öne ^mingt aber ^u einer 
fold^en Slnfd^auung boä) ntd)L S)enn eiS bietet ja bie 
3n)edmö6igleit, o^ne ba% man an einen mixtliä)tn Qwtd 
gu benlen l^ötte. Unb ei^ bietet nid^t blog "ßwedmä^iQ» 
S^önt», fonbern audCi '^rotdmä^'^&iliä^tS. 3Ran lann 
alfo annel^men, bai unter ber t^üQe ber StaturerfdjeinungeU; 
bie nad^ notmenbigen @efe^en ^ufammenl^öngen mit burd^ 
gufatt oud^ fold^c finb, in benen ber ntenfd^Iic^e ®eift eine 
Sinologie mit feinen eigenen £unftn)erlen mal^rnimmt. 3)a 
an einen n)irllid^en ^mtd nid^t gebadjt p njerben ixanä^i, 
fo genügt rine fold^e gleid^fam sufäüig oorl^anbene Qmed» 
incifeigleit für bie äftl^etifd^c 9iaturbetrod&tung. 

Slnberg wirb bit ^aä)t oüerbingiS, roenn mir SBefcn 
in ber Sfatur antreffen, bie ben ^voed nid^t blofe aMföBiQ/ 
fonbern mirÜid^ in fid^ tragen. Unb audCi fold^e giebt e&, 
naä^ ftantS SReinung. 6§ finb bie organifd^en SESefen. 
3u il^rer @rllärung reid^en bie notroenbigen, gefe^mögigen 
3ufammen]^önge, in benen fid^ @pinogad SSeltanfd^auung 
erfd^öpft unb bie $ant aU biejenigen bt^ menfd()Iid^en 
®riftei$ anfielet, nidjt an^. 2)enn ein ^OrganiiSmui^ ift 
rin %aturprobuIt; in toeld^em allei^ '^mtd unb mei^^tU 
feitig aud| äßittel, Urfad^e unb n)edbfelfeitig aud^ äSirlung 
ift". ®er DrganiiSmulS !onn alfo nid^t fo toie bie un» 
organifc^e %atur burd^ tm^t, eiserne @efe^e erllört merben. 
S)edl^alb meint ^ant, ber in feiner ;,9IQgemeinen %atur« 
gefd^id^te unb Stl^eorie beS ^immefe" fclbft ben SerfudEi 
unternommen ^ai, bie ^SSerfaffung unb ben med^anifd^en 
llrfprung bt^ ganzen SSeltgebäubeiS nad^ %en)tonfd^en 
®runbfä^en abgul^anbeln''; bai ein gleid^er SSerfud^ für 
bie organifd^en SBefen mißlingen muffe. 3n feiner ;,ÄritiI 
ber Urteitefoaft'' bti)a\ipiti er: „@^ ift nömlid) gan} gemißt 
ba% mir bie organifterten SBefen unb beren innere äßöglid^Irit 
nad^ bloß medjanifd^en ^ringipien ber %atur nidjt rinmal 

steinet, XBelt« unb SebenSonfd^autmgen. 8 



— 34 — 

^uretc^enb lennen lernen, Diel weniger uni^ erllären lonnen; 
unb itoax^o gemig/ bag man breift fagen lann, eis ift für 
ben ÜRenfd^en ungereimt, and) nur einen folc^en Stnfd^Iag 
au f äffen, ober gu l^offen,- ba% nod^ tiwa bereinft ein %en)ton 
aufftel^en lonne, ber aud^ nur bie Sr^eugung eine0 ®rad« 
^alm^ nadg %aturgefe^en, bie leine SIbfidgt georbnet ^ai, 
begreiflich mad^en merbe; fonbern man mug biefe ßin^d^t 
btm aKenfdgen fc^Ied^tlgin abfpredgen." SKit ber Stantfd^en 
$(nftc^t, bai ber menfc§Iic{)e ®eift bie ®efe^e, bie er in 
ber $atur Dorfinbet, felbft erft in fie l^ineinlege^ lä%t fid^ 
aud^ eine anbere SKeinung über ein ^medmägig geftalteteiS 
SBefen nid^t Dereinigen. 3)enn ber S^td beutet auf ben« 
jenigen l^in, ber il^n in bie äSefen gelegt l^at, auf ben 
intelligenten äSelturl^eber. Sonnte ber menfd^Iid^e ®eift ein 
gmedCmdgigeiS SBefen ebenfo erKären, mie ein blog natur« 
notmenbigeiS, bann mü^it er aud^ bie 3n)edgefe^e auiS ftd^ 
l^eraud in bie 2)inge l^ineinlegen. @r mü^it alfo ben 
S)ingen nid^t Uo% ®efe^e geben, bie für fie gelten, infomeit 
fte feine ^nnenmelt bebeuten; er mügte il^nen auä^ il^re 
eigene, oon i^m gänglid^ unabl^ängige Seftimmung oor« 
fd^reiben lönnen. @r mü^te alfo nid)t nur ein erlennenber, 
fonbern ein fdiaffenber ®cift fein; feine Sernunft mü^U 
mit bie gottlid^e bie 2)inge fd^affen. 

9Ber bit Strultur ber ^antfdjen äSeltauffaffung, wie 
fie l^ier flij^iert morben ift, fid& oergegenmärtigt, mirb bie 
aSirlung berfclbcn auf bie S^tgenoffen unb aui^ auf bie 
Sad^melt begreiflid^ pnbcn. ®enn fie toftet feine ber 88or» 
fteDungen, bie ftd^ im Saufe ber abenbUnbifd^en Stultur« 
entmidFelung bem menfd^Iid()en @emüte eingeprägt l^aben, 
axu Sie läßt btm religiofen ®etfte: ®ott, greil^eit unb 
Unfterblid^Ieit. @ie befriebigt ba» @r!enntntdbebürfnii$, inbem 
fie il^m ein @ebiet abgrenzt, innerl^alb beffen eS unbebingt 
gcmiffe SBal^rl^eiten gicbt. 3a, fie Wfet fogar bie SReinung 
gelten^ ba% bie menfc^Iid^e Sernunft ein Siedet l^abe, ft(^ 
aur ^rSctrung lebenbiger äSefen nic^t blog ber emigen, 
eisernen 9laturgefe^e, fonbern beß ^wtdbtQxi^» }u bebienen, 
ber auf eine abft^tlid^e Orbnung im SBeltmefen btntti. 



— 35 — 

Sber um toeld^en $reid f^ai ^ani aUtB biefeiS erreid^t! 
@r f)ai bit gan^e Statur in ben menfd^lid^en ®eift i^inetn« 
Derfe^t unb il^re ®efe^e gu foIdEjen biefeis ®etfted felbft 
gemad^t. @r ^ai bit l^öl^ere SBeltorbnung gan} auis ber 
Xatur tjertoiefen unb fte auf eine rein moralifd^e ®runblage 
gefteQt. @r ^ai amtfc^en ba^ unorganifc^e unb ba^ organifd^e 
Sleid^ eine fd^arfe ©renglinie gefegt; unb jened nad^ rein 
nted^anifd^eU; ftreng notn)enbigen ©efe^en, biefeiS nad^ 
^mtdüoÜtn Sbeen erllctrt. (Snblic^ l^at er baB 9leid^ bed 
@d^onen unb ber ^nft DöQig aui^ feinem Sufammenl^ange 
mü ber übrigen äBirllid^Ieit l^eraudgeriffen. S)enn bie 
SmedFmögigfeit, bie im ©djönen beobad^tet mirb; ^ai mit 
n)ir!Iid)en ^wtdtn nid^tiS ju tl^un. 9Bie ein fd^dner @egen« 
ftanb in ben SBeltgufammenl^ang l^ineinfommt, baB ift 
gleid^gültig ; eis genügt, ba^ er in und bie SorfteQung beis 
SmedCtnägigen erregt unb baburd^ unfer SBol^Igefallen erregt. 



2)en ©egenfa^ }u biefer ^antfd^en 9(uffaffung ber äSelt 
btibete in allen mefentlid^en S)ingen bie ©oeti^efdEje. Ungefäl^r 
um biefelbc 3cit, afo Äant feine ^Xfritif ber reinen Sernunft* 
erfdjeinen lieg, legte @oetl^e fein ®IaubeniSbe!enntnid in 
einem ^^mnuiS in $rofa ;,bic Statur'' nieber, in btm er 
ben äRenfdjen gan} in bie %atur J^ineinfteQle; unb fie, bie 
unabl^ängig tjon il^m maltenbe, ju il^rer eigenen unb feiner 
®efe^geberin augleid^ madjte. £ant nai^m bie gange %atur 
in ben menfd^Iid^en ®eift l^erein, ®otif)t fal^ alled äRenfd^Iid^e 
ate ein ®Iieb biefer %atur an; er fügte ben menfdjlic^en 
®eift ber natürlidjen äSeltorbnung ein. ;,%atur! 9Bir 
finb t)on il&r umgeben unb umfc^Iungen — unt)ermßgenb, 
au» x^t l^eraui^gu treten, unb unorrmögenb, tiefer in fte 
l^ineihgulommen. Ungebeten unb ungemarnt nimmt jte 
uniS in ben ^eislauf il^reiS ZanitS auf unb treibt ftd) 
mit uniS fort; biiS mir ermübet ftnb unb ii^rem 9(rme ent« 

fallen S)ie SRenfc^en finb attc in il^r, unb fic in 

allen .... SludE) baS Unnatürlid^fte ift %ator, aud^ bie 
plumpefte $]^ilifterei l^at etmaiS tjon ii^rem ®enie . . . 9Ran 

3* 



— 36 — 

ge^ord^t i^ren ©efe^en, aud^ toenn man il^nen toiberftrebt; 
man wxdt mit t^r, auc^ wenn man gegen fte mtrien 
mid . . . . @te ift aQeS. @ie belol^nt ftd^ felbft unb bt» 
ftraft ftd& felbft, erfreut iinb quält ftd& felbft .... Sic 
"^ai midE) l^ereingeftellt; fie mirb mid^ aud) ^erauisfül^ren. 
Sd^ vertraue mid^ ii^r. @ie mag mit mir fc^alten; fie 
mirb il^r äSerl nic^t l^affen. ^ä) fprad^ nid^t oon i^r; 
nein, xoa^ ma^x ift unb mad falfc^ ift, aQeiS l^at fte ge» 
fproc^en. aOeö ift i^re ©d&ulb, attcö ift i^r Serbienft.^ 
S)ad ift ber ©egenpol ber ^antfd^en 9BeItanf(^auung. Sei 
ffant ift bie %atur gana ®eift; bei @oet^e ift ber ©eifi 
gan} %atur. @d ift bemnad) nur gu uerftänblid^, menn 
©oeti^e in bem Sluffafee ^ßinmirfung ber neueren ^^ilofopl^ie" 
erjöl^It: „Sani^ Jtritil ber reinen Vernunft ... lag nöQig 
augerbalb meines Greifes. 2ld^ mo^nte jebod^ mand^em 
©efpräd^ barüber bei, unb mit einiger 3(ufmerlfamleit tonnte 
id) bemerlen, bai bie alte Hauptfrage fid) erneuere, mie 
Diel unfer Selbft unb mie t)iel bie Slugenmelt p unferm 
geiftigen S)afein beitrage? 3d^ ^^Be beibe niemals gefonbert, 
unb menn id^ nad^ meiner SBeife über ©egenftänbe pl^ilof opl^ierte, 
fo tl^at id) eS mit unbemugter $aiuetat unb glaubte mirllid^, 
id^ fäi^e meine SReinungen t)or äugen.'' 3n biefer auf- 
faffung ber Stellung ©oetl^eS }u ^ant bxand)i unS aud^ 
nic^t gu beirren, bai ber erftcre mandjeS günftige Urteil 
über ben ^önigSberger $l^iIofopl^en abgegeben l^at« 2)enn 
ii^m felbft märe biefer ©egenfa^ nur bann gang !Iar ge« 
morben, menn er fid^ auf ein genaues @tubium ^antS 
eingelaffen l^ätte. S)aS i^at er aber nic^t. 3n bem oben 
genannten Sluffa^ fagt er: „^tx Eingang mar eS^ ber 
mir gefiel; inS Sab^rintl^ felbft lonnte id^ mid^ nic^t magen; 
balb l^inberte mid^ bie S)i(^tungSgabe, balb ber SKenfd^en« 
oerftanb, unb id^ fül^Ite mid^ nirgenbS gebeffert." ©c^orf 
aber f^at er bod) einmal bm ©egenfa^ auSgefprod^en in 
einer ^ufgetd^nung, bie erft burd^ bie SSeimarifd^e ©oetl^e« 
SluSgabeauS bem ^adjlagoeröff entließt morben ift(äBeimarifd^e 
ausgäbe, 2. abteilung. »anb XI @. 377): S)er ®runb- 
irrtum ftams, meint ©oetl^e, beftünbe barin, ba% biefer 



— 87 — 

^ba& fuBteIttt)e @rIenntntöt)ennogen felBft ate Cbieli 6e« 
ixaäiiti unb beit $un!t^ wo fubjeüit) unb o6j[eIttt) aufammen« 
treffen; an><n^ fc^c^^ (^btt nid^i gana rid^tig fonberi''. ©oeil^e 
ifi eben ber Slnftc^t^ bai in bem fubjeltiöen menfd^Iid^en 
SrlenntnidDermogen md)i blo% ber ®eifi ate foIdEjer ftd^ 
auiSfpric{)i, fonbem ba^ bie %atur eiS felbft ift, bie ftdE) in 
bent SRenfc^en ein Crgan gefd^affen f^ai, burc^ ba» fte il^re 
®el^etniniffe offenbar werben Iä§i Si^ fprid^t gar nid^t 
ber SRenfdE) über bie %atur; fonbern bit Statut fprid^t im 
9Renfd)en über ftd^ felbfi S)aig ift ©oeil^ed Überaeugung. 
@o lonntc ©oetl^e fagen: ©obalb ber Streit über bit 
SBeltanftd^t Sant^ „ ^ur Sprad^e tarn, modjte td^ mid) gern 
auf biej[enige @eite [teilen; meldte bem 9ßenfd^en am meiften 
Sl^re mad^t; unb gab aQen gfreunben tjolllommen SeifaD, 
bie mit Stant bel^aupteten^ menngleid^ alle unfere Srlenntnid 
mit ber @rfal^rung angei^e^ fo entfpringe fte barum bod^ 
nid^t tbtn aQe au9 ber Srfa^rung." S)enn®oetl^e glaubte^ bag 
bie emigen ©efe^e^ nac^ benen bie %atur Derföi^rt; im 
menfd^Iidien ©eifte offenbar merben; aber für il^n maren 
fie beiSl^alb bod^ nid^t bie fnbjeltioen ©efe^e biefeiS ©eifted, 
fonbern bie objeltioen ber %aturorbnung felbfi 'S)t»^alb 
lonnte er aud) SdjiQer nid^t beiftimmen^ aU bittet, unter 
ftanti^ @influ6, eine fd^roffe Sd^eibemanb amifdjen bem Steid^e 
ber Statumotmenbigleit unb btm ber ^reil^eit aufrid^tete. 
Sr fprid)t ftd^ barüber au$ in bem 9(uffa^: ^»Sefanntfc^aft 
mit Sc^iKer": „^xt Stantifc^e $l^iIofopbie; meldie ba» 
Subjelt fo l^odE) eri^ebt, inbem fte t& einzuengen fd^eint; 
l^atte er mit f^reuben in fid^ aufgenommen; fte entmidelte 
ba& 9(u6erorbentIi(^e, xoaS bie %atur in fein JBefen gelegt, 
unb er; im l^öc^ften ©efül^I berf^reil^eit unb @elbftbeftimmung; 
mar unbanibar gegen bie groge ÜRutter; bie il^n gemi^ 
nid^t ftiefmütterlid^ be^anbelte. SInftatt Tte aü felbftcinbig; 
lebenbig; oom 3:iefften bid gum $öd()ften gefe^Iic^ i^eroor« 
bringenb gu btixadiittif na^m er fte oon Seite einiger 
empirifdgen menfd^Iidjen S^atürlidileiten." Unb in bem 
Üuffa^: ^ßtnniirlung ber neueren ^^ilofopl^ie" btuiti er 
ben ©egenfa^ }u Sd^ider mit ben äSorten an: „& prebigte 



— 38 — 

bad @t)angeliitm btx gfreil^eit; ic§ tooQte bie Sted^te ber 
*atur nid&t tjcriürat roiffcn." 3n ©dritter ficdtc eben etroaß 
Don ^anttfd^er SorfteQungiSart ; für (äoetl^e ift t» aber 
rid^tig^ toai^ er im $inbltd auf ®efpräc^e fagt, bie er mit 
Stantianern gefül^rt f^ai: ^@ie l^orten mic^ mol^I, lonnten 
mir aber ni^t» ermibern^ nod^ irgenb fdrberlidg fein. ÜRel^r 
(d& einmal begegnete e» mix, ba% einer ober ber anbere mit 
läd^elnber Sermunberung gugeftanb: e^ fei freilid^ ein 
9(nalDgon Stantfd^er SorfteKungi^art, aber ein feltfameiS." 
3n ber Jhtnft unb bem @d^dnen fal^ ®oetl^e nic^t ein 
au» bem mirllid^en Sufammenl^ange J^eram^geriffenei^ 9leic§^ 
fonbem eine l^ol^ere @tufe ber natürlidgen Qt^d^mä^xilüL 
Seim 3(nblide t)on lünftlerifd^en ©d^öpfungen, bie il^n be« 
fonberi^ intereffieren, fd^reibt er möl^renb feiner italienifd^en 
Steife bie äSorte nieber: ^Sie l^ol^en Stunftmerle finb gu« 
gleid^ ote bie l^ddgften %atunoerIe t)on 9Renfd^en nad^ 
maleren unb natürlid^en ©efe^en l^eroorgebrad^t morben. 
aOeiS aSimürlid^e, ßingebilbete fdOt aufammen; ba ifi 
Xotmenbigleit, ba ift ®ott.'' 93enn ber JHinftler im 
Sinne ber ©ried^en Derfäl^rt; nömlid^ ^^nad^ ben ©efe^en, 
nad^ meldten bie %atur felbft Derfdl^rt''; bann liegt in 
feinen SBerlen ba» ®dttlid^e, bais in ber Xatur felbft ju 
finben ift. t^ür ©oetl^e ift bie ffunft ^^eine SKanifeftation 
gel^eimer %aturgefetfe^^; wa» ber StünftUt fd^afft/ finb Xatur« 
wtdt auf einer l^ol^eren ®tufe ber SoIKommenl^eit. Stunft 
ift grortfe^ung unb menfd^Iid^er Sbfd^Iug ber %atur; benn 
;rinbem ber aienfdg auf ben ®ipfel ber %atur gefteOt ift^ 
fo fielet er fid^ mieber ate eine gan^e %atur an, bie in fic^ 
abermate einen ®ipfel l^erDorjubringen ^at "S^aiu fteigert 
er fid^, inbem er fidg mit allen SoDIommenl^eiten unb 
£ugenben burd^bringt; "SSa^l, Orbnung, Harmonie unb 9e« 
beutung aufruft unb fid^ enblidg bii» gur $robuItion btS 
Jtunfhoedi» erl^ebt". 2iJlt» x\i %atur, t)om unorganif d^en 
Stein bid au ben pd^ften Jtunftmerlen bei» ÜRenfd^en unb 
aQeiS in biefer %atur ift oon ben gleid^en ^.emigen, not« 
menbigen, bergeftalt gdttlid&en ©efe^en" bel^errfd^t, bai ^bit 



— 39 — 

®ottl^eit fettft baxan nid^tö änbern lonnte*. (3){dgtung nnb 
SBal^rl^eit. 16. »ud^.) 

9(te ©oetl^e itn Saläre 1811 3<ico6ii^ 'ßn^ ^t)on ben 
göttlichen S)ingen'' lad, ntad^te ed tl^tn ^rnid^t tDOl^I; toie !onnte 
mir ba^ S3ud^ einei^ fo ^er^Iid^ geliebten fjfreunbed miO' 
lommen fein, monn x^ bie Si^efe burd^gefül^rt feigen foQte, 
bit %atur verberge ®ott! 3Ru%it^ bei meiner reinen, tiefen, 
angeborenen unb geübten Slnfd^auungi^meife, bie mi(^ ©Ott 
in ber %atnr, bie %atur in ®ott ju feigen nnoerbrüc^« 
lid^ geleiert l^atte, fo ba% biefe SorfteUnngdart ben ©runb 
meiner ganzen @;ifien} mad^te, mugte nid)t ein fo feltfamer, 
einfeitig befd^rdnlter SuiSfprud^ mid^ bem ©eifte nad^ oon 
bem ebelften ÜRanne, beffen ^erj id^ oerel^renb liebte, ffir 
emig entfernen? ®od& id^ l^ing meinem fd^merjlid^en Ser« 
bxu^t nid^t nad^, id^ rettete mid^ vielmehr gu meinem alten 
Sf^I, nnb fanb in ®pinoaad Stl^il ouf mel^rere SBod^en 
meine täglid^e Unterl^altung, unb ba [xd) inbed meine 
S3ilbung gefteigert l^atte, marb id^ im fd^on 39e!annten 
gar mand^ed, ba^ fx^ neu unb anberd l^eroortl^ut, aud^ 
ganj eigen frifd^ auf mid^ einmirlte, ju meiner äSermunberung 
gema^r." 

S)ai$ Sleid) ber %otmenbigIeit im ©inne ©pinojad ift 
für Stant ein Steid^ innerer menfdglidger ©efe^mägigleit; ffir 
©oetl^e ift ei9 ba^ Unioerfum felbft, unb ber 9Renfd^ mit 
aQ feinem S)en!en, f^ül^Ien, SBoQen unb £^un ift ein ©lieb 
innerl^alb biefer Sttiit oon ^otmenbigleiten. Snnerl^alb 
biefed ^txä)t» giebt ed nur eine natürlid^e, nid^t aber eine 
moralifd^e ©efe^mdgigfeii „(&» leud^iet bie @onne über 
S3of' unb ®uit; unb bem SSerbred^er gUnjen, mie btm 
äSeften, ber ÜRonb unb bie ^ittnt*'. 9lud einer SBurael, an» 
ben emigen £rieb!räften ber $atur lägt ©oetl^e aKed ent« 
fpringen : bie unorganifd^en, bie organif4)en SBefenl^eiten, ben 
SKenfdgen mit allen @rgebniffen feineis ©eifted: feiner (St* 
fenniniiS, feiner @ittli4)leit, feiner Stunft. 

„fBad to&^ ein %o% ber nur t)on äugen ftiege, 
3m Stt^^ b<a ^U am gringer laufen liege! 



— 40 — 

^m jiemf I», bie ^e(t im Smtem )u (etoegen, 
^atwc in ftd^, ftd^ in ^aim ju liegen, 
So ba6, \oa^ in i^m lebt unb kuebt nnb ift, 
9Wc feine Äraft, nie feinen ®elft öermtöt." 

3n fold^e äSorte fafi;! ©oetl^e fein Selenntnid jufammen. 
®egen fallet; ber baS 9Bort gefprod^en ^at „^n9 innere 
bcr Äatur bringt fein crfd^affcner (Seift", rocnbct fid& Ooet^c 
mit ben fd^cirfften äSorten: 

w3«^ S^nere ber Sf^atur — " 

D, bu WWcr! — 

^3)ringt fein erfd^affnei ®etft." 

Wx^ nnb @)ef(^mtfter 

^ögt i^r an fold^el» ^ort 

92nr nid^t erinnern; 

SBir benfen: Ort für Ort 

@inb toix im gnnem. 

,,®(ü(ffeßg, n)em fte nur 

a)le änö're ©dftale toetf't" 

^ad l^ör id^ fed^jig Saläre n>ieber]^o(en, 

Unb flud^e brauf, aber toerftol^Ien ; 

@age mir taufenb taufenbmale: 

$lfled giebt fie reid^Itd^ unb gern; 

^atwc l^at n>eber ^em 

^oä^ ©d^ale, 

$llled ift fte mit einemmale; 

%>iä) prüfe bu nur aUermeift, 

Db bu ßern ober ©d^ale feift." 

3tn Sinne biefer feiner äSeltanfd^auung !onnte ®oetl^e 
an^ ben Unterfd^teb }n)ifd^en anorganifdjer unb organifd^er 
Xatur nid^t anerlennen, ben £ant in feiner „^iil ber 
Urteitelraft''. feftgefteQt l^atte. @ein ®ireben ging bal^in, 
bie belebten OrganiiSmen nad) ®efe^en gu erlldren, mie 
aud^ bie leblofe %atur erllört mirb. S)er tonangebenbe 
Sotaniler ber bamoligen ^txt, Sinne, f^ai über bie mannig« 
faltigen SIrten in ber ^flanjenmelt nic^ti^ anbereS gu fagen 
gemußt, ald e^ gebe folc^er Srten fo Diele, al9 „Derfc^iebene 
Sormen im ^ringip gefd)affen morbcn ftnb". SBcr eine 



— 41 — 

fold^e ÜReinung ^at, btt tann ftc^ nur Bemül^en; bie @igen« 
fd^aften ber einaelnen Sfonnen ju ftubieren, unb biefe 
forgföltig oon etnanber gu unierfd^eiben. ©oetl^e !onnte 
ftd^ ntü einer fold^en ^aturbetrad^tung nid^t einoerftanben 
erKoren. ;,2)ad, roaS Sinne mit ®en)alt auiSeinanber ju 
Italien fu(^te, mu^te; nad^ bem innerften Sebürfnid meined 
ffiefeniS; }ur Bereinigung anftreben/ Sr fudjte badlenige 
auf; xoaB allen ^fian^enarten gemetnfam ift. 9luf feiner 
Sleife in Statten wirb il^m biefeö gemeinfante Urbilb in 
allen ^fian^enformen immer Ilarer: ^2)ie Dielen ^flanaen, 
bie id^ fonft nur in dübeln unb köpfen, ja bie größte 
3eit bed Sal^reiS nur i^inter @Iadfenftern gu fe^en gemol^nt 
toar^ ftel^en l^ter froi^ unb frtft^ unter freiem $immel, unb 
inbem fie il^re Scflimmung erfüllen, werben fie um? btuU 
lid^er. 3m Slngejtd^t fo vielerlei neuen unb erneuten ®e« 
bilbeiS, fiel mir bie aÜe ®rtlle mieber ein, ob id^ nid^t 
unter biefer @(^ar bie Urpflan^e entbeden lönnte? Sine 
fold^e mug t^ benn bod) geben: moran mürbe id^ 
fonft erfcnnen, ba^ biefeS ober jeneiS ©ebilbe 
eine ^flanje fei, menn fie ni4)t alle nad^ einem 
JKufter gebilbet mären?'' ©in anbereö gWal brüdt er 
fidg über biefe Urpflange auiS: @ie ^^mirb baB munberlid^fte 
®efd^dpf oon ber 9BeIt, um meld^eiS mid^ bie %atur felbft 
beneiben joQ. äRit biefem 9ßobeQ unb bem @(^IüffeI bagu 
{ann man atebann nod^ ^flan^en iniS Unenblic^e erfinben, 
bie lonfequent fein muffen, ba^ l^eigt, bie, menn fte aud^ nid^t 
ejriftieren, bod^ e^ftieren lönnten, unb nid^t etma malerifd^e 
ober bid^terif(^e @d()atten unb @d()emen finb, fonbern eine 
innerlidje SBa^rl^eit unb %otmenbigIeit i^aben''. 9Bie Kant 
in feiner ;,%aturgefd^id()te unb £l^eorie bed ^immete'' aus» 
ruft ;,@ebt mir äRaterie; id^ miß tu^ eine 3SeIt batauB 
bauen'', meil er ben gefe^mägigen S^fammeni^ang biefer 
Seit einfielet, fo fagt l^ier ©oeti^e: mit $ilfe ber Urpflanae 



(dnne man e^fteng 
meil man ba& ®t 



äl^ige ^flanjen ind Unenblii^e erfinben, 
e^ ber @ntftel^ung unb bed äSerbeniS 
berfelben inne l^at. 9Sa$ Kant nur oon ber unorganifd^en 
Statur gelten laffen moQte, ba% man il^re (Srfd^einungen 



— 42 — 

ttad^ nottoenbigen Sefe^en Begreifen lann, bad bt^ntt 
(Sottet (utcg auf bie äßelt ber CrganiiSmen au9. Sr fügt 
in bem Sriefe^ in bem er $erber feine @ntbedfung ber 
Urp^ange mitteilt^ l^inau: ^.Sai^felbe ®efe^ tovtb fid^ auf 
aQeiS übrige Sebenbige anxoenben laffen''. Unb ®oetl^e ^at 
t» auc§ angemenbet. @eine emfigen @tubien über bie 
Xxtcmdi brad^ten il^n 1796 baiu, ;rUngefdgeut bel^aupten ju 
bürfen^ ba% aUt DoQIommenen organifd^en Naturen, 
worunter wit Sfifd^e, ^mpf^ihitn, Sogel^ Säugetiere unb 
<m ber @pi^e ber le^teren ben ÜRenfd^en fel^en^ alle 
nad^ einem Urbilbe geformt feien, baiS nur in feinen 
ieftänbigen Seilen mel^r ober n)eniger ^in« unb l^erneigt, 
unb fid^ no(^ täglid^ burd^ fjfortpflanjung auis« unb um« 
iilbet." ©oetl^e ftel^t alfo aud^ in ber %aturauffaffung im 
ooDften ®egenfa^ ju Staut. S)iefer nannte t» ein gemagted 
„flhtnitatt ber Semunft''; menn biefe e9 untemel^men 
moQte; ba& Sebenbige feiner Sntftel^ung nad^ ju erüdren. 
@r ^äü ba^ menfd^Iidge (SrlenntniiSoermdgen ju einer 
fold^en (SrIIctrung für ungeeignet. „(BB liegt ber äSernunft 
atnenblid^ oiel baran, ben Wed^anii^mud ber %atur in il^ren 
€r^ugungen nid^t faQen ju laffen unb in ber SrKärung 
terfelben nic^t oorbei ju gelten; meil ol^ne biefen leine 
@infid^t in bie %atur ber Singe erlangt merben lann. 
SBenn man uns gleid^ einräumt: ba% ein l^öd^fter Srd^itelt 
bie ^formen ber Statur^ fo mie fie oon jel^er ba finb; un- 
mittelbar gefd^affen, ober bie, fo ftd^ in il^rem iSaufe Ion« 
linuierlid^ nac^ eben bemfelben Wufler bilben, präbetermi« 
ntert l^abe, fo ift bod^ baburd^ unfere @rlenntnii$ ber Xatur 
nid^t im minbeften gefiirbert; meil mir jenei^ äßefeniS 
^anblungdart unb bie S^een beiSfelben, meldte 
bie ^injipien ber ÜRdglidgleit ber %aturmefen enthalten 
foQen, gar nid^t lennen, unb oon bemfelben al9 oon 
oben l^erab bie %atur nid^t erllAren lonnen''. $(uf 
folc^e Stantifc^e StuiSfül^rungen ermibert ©oetl^e: ^SBenn 
mir ja im Sittlid^eU; burd^ ®Iauben an ®ott, Sugenb 
unb Unfterblid^Ieit uniS in eine obere Stegion erl^eben unb 
«an ba& erfteäßefen ann&l^em foQen: fo bürft e9 mol^I im 



— 43 — 

SnteQeltueQen berfelbe gfaQ fein^ ba% mit uniS; burc§ ba» 
Stnfd^auen einer immer fc^affenben Statur, jur seifUgen 
Seilnal^me an il^ren $robuItionen mürbig machten, ^atte 
id^ bod^ erft unbemugt unb oui^ innerem £rieb auf jeneiS 
llrbilblic^e, £9Pifd^e raftlod gebrnngeU; mar ed mir fogar 
geglüdt, eine naturgemö§e S)arfteIIung aufaubauen, fo lonnte 
mid^ nunmel&r nid^tö meiter verl^inbern, ba9 Slbenteuer 
ber SSernunft, mie t» btt Wte com .Vdnigisberge felbft 
nennt, mutig ju beftel^en.'' 

Son ber ^ftritil ber Urteildiraft'' fagt ©oetl^e, ba% er 
il^r ;,eine l^od^ft frol^e Sebeni^epod^e fd^ulbig" fei. i,S)ie 
großen $auptgeban!en beiS äßerfö maren meinem bidl^erigen 
@dgaffen, £]^un unb 2)en!en gana analog. S)ajS innere 
Seben ber Stunft mie ber %atur, il^r beiberfeitiged äßirlen 
t)on innen l^eraud, mar in bem "Buä^t beutlid^ auiSgefprod^en". 
2ln6^ biefer 3(udfprud^ ®otif)t9 lann über feinen ®egenfa^ 
au Stant nid^t l^inmegtftufd^en. S)enn in btm Sluffa^, bem 
er entnommen ift, l^ei^t t& iu^lti^: ^Seibenfd^aftlid^ an- 
geregt, ging id^ auf meinen SBegen nur befto rafc^er fort, 
meil id^ felbft nid^t mugte, mol^in fie filierten, unb für ba», 
wa^ unb mie id^ mir'd augeeignet l^atte, bei ben Statt» 
tianern menig SnIIang fanb. Senn id^ fprad^ 
an», toa» in mir aufgeregt mar, nid^t aber toai^ 
id) gelefen l^atte.'' 

Sine ftreng einl^eitlid^e äSeltanfd^auung ift ®oetl^e 
eigen; er miK einen ©eßc^tdpunlt geminnen, oon btm aa» 
ba& ganae Unioerfum feine ®efe^mS^igIeit offenbart, ^.oom 
Siegelftein, ber bem ^a^ entftürat, bii^ aunt leud^tenben 
®eifteiSbIi^, ber bir aufgellt unb ben bu mitteilft''. S)enn 
«alle 9BirIungen, oon meld^er Wd fie feien, bie mir in ber 
Srfal^rung bemerlen, l^ängen auf bie ftetigfte SBeife au« 
fammen, gelten in einanber über''. «Sin 3t(gelftein Uft 
jtd^ oom ^ai^t loi^: mir nennen bied im gemeinen Sinne 
auf&IIig; er trifft bie S^vÜtxtt eineiS Sorübergel^enben, 
bod^ mo|l med^anifd^; aQein nid^t gana med^anifd^, er 
folgt ben ©efe^en ber @d^mere, unb fo mir!t er pl^9fifd^. 
Sie a^rriffenen £ebeni$gefct§e geben fogleid^ il^re gfunltion 



— 44 — 

auf; im Sugenblid toirlen Me Säfte d^entifd^, bie du 
mentoren @igenfc^afien treten j^eroor. Slllein bai^ geftorte 
organifd^e Seben toiberfe^t fidb eben fo fd^neQ unb fud^t 
fid^ l^eraufteQen ; inbeffen t]i baiS menfc^Iidie ®an^e mel^r 
ober meniger ben)u§tIoi$ unb pf^d^ifd) zerrüttet. S)ie ft(^ 
n)iebererlennenbe $erfon fü^It fi^ etl^ifd^ im tiefften ver- 
lebt; fie bellagt ii^re geftörte Sl^ötigieit; oon meldjer 3lrt 
fie aud) fei, aber ungern ergöbe ber äßenfd) fid^ in ©ebulb. 
Stelig ioiS i^ingegen mirb i^m leidet, icfen gfall einer 
l^öl^eren @d^idhtng ^u^ufd^reiben, il^n aU -i^emal^rung vor 
größerem Übel, ate Einleitung gu pi^erem ©uten angu» 
feigen. ®ie3 reid^t ^in ftlr ben Seibenben; aber ber ®e» 
nefenbe erl^ebt fid^ genial, vertraut ©oft unb fidg felbft 
unb fül^It fid^ gerettet, ergreift and^ mol^l baB SuföDige, 
menbet'iS ju feinem Sorteil, um einen emig frif(^en SebeniS* 
!reii$ }u beginnen.'' @o erläutert ©oetl^e an bem äSeifpiel 
eined faüenben ^xcQeVUtin» ben 3ufammenl^ang oKer Slrten 
uon Staturmtriungen; eine (SrÜärung in feinem ®inne märe 
eis, menn man auä) xf)xtn ftreng gefe^mägigen S^^ammtn» 
l^ang au^ einer SBur^el l^erleiten !önnte. 

9Bie ^mei geiftige Slntipoben ftei^en Staut unb ®oet^e 
am Anfang ber 3SeItonfd)auungi^entmideIung biefeis 3<i^t« 
l^unberti^. Unb grunbt)a:fd^ieben mar bie Slrt, mie jic^ 
biejenigen ju il^nen fteDten, bie fi^ ffir l^ödifte fjfragen 
intereffterten. Staut l^at feine 9BeItanfd^auung mit aQen 
äRittetn einer ftrengen @d)uIp]^ilofopl^ie aufQtbaui; ©oetl^e 
l^ot nait), fid^ feiner gefunben %atur überlaffenb, p^ilofopl^iert. 
Sedl^alb glaubte t^ic^te, mie oben ermäl^nt, ftd^ an ©oetl^e 
nur „aÜ ben Stepräfentanten ber reinften ®eiftig!eit bt» 
®efü]^Ii? auf ber gegenmärtig errungenen Stufe ber 
Humanität" menben ju lonnen, mäl^renb er oon Stani ber 
Slnfid^t ift; ba§ ;,!ein menfd^lid^er äSerftanb meiter aü ix» 
au ber ©renje vorbringen lönne, an ber ^ant, befonberi^ 
in feiner Stritil ber Urteitefoaft, geftanben/ 9Ser in bie 
in naioem ®emanbe gegebene SBeltanfd^auung ®oetf^t» 
einbringt, mirb in il^r aQerbingd eine fidlere ®runblage 
finben, bie auf !Iare Sbeen gebrad^t merben !ann. ®oti^t 



— 45 — 

felbft brad^te fid^ biefe ©runblage aber nic^t gum S3en)U§tfein. 
3)ei$^aI6 finbet feine SorfteüungiSari nur aOmcli^Iic^ @ingang 
in bie Sntmidelung ber äSeltanfd^auung ; unb im @ingang 
beiS ^a^t^nnbeti^ ift ei^ gunäd^ft ^anif mit btm fidi bie 
^eifter audeinanbergufe^en uerfuc^ten. 

®o grog aber au^ bie Sirlung roat, bie Don Aant 
<iui^ging : eis lonnie ben QtxiQtno\U^ nid^t verborgen bleiben, 
bai ein iiefereiS Srlenntnii^bebürfniiS burd^ il^n bod^ nid^t 
Jbefriebigt werben !ann. (Sin folc^eiS SrflörungSbebürfniiS 
bringt auf eine eini^eitlid^e S3ellanft(f)t, mit ba§ bei ©oeil^e 
ber SfaQ mar. S3ei ftant ftel^en bie eingelnen ®ebiete bei^ 
©afeinS unücrmitlelt neben einonber. SluiS biefem Orunbc 
tonnte t^ fidi ^id^te, tro^ feiner unbebingten SSere^rung 
itants nid^t uerbergen, bai „Sani bie äSal^rlgeit bIo§ an» 
gebeutet, aber roeber bargefteüt, nod^ beroiefen'' l^abe. ^S)iefer 
munberbare eingige 3ßann l^at entmeber ein 2)it)inationi9« 
vermögen ber äSa^r^eit, o^ne fid^ ii^rer @rünbe felbft 
bemugt gu fein, ober er l^at fein S^italter nid^t i^od^ genug 
gef(^ä^t, um fie i^m mitguteilen, ober er Igat ftd^ gefd^eut. bei 
feinem Seben bie übermenfdjlidie SSere^rung an fic^ gu 
reiben, bit x^m übet lurg ober lang nod^ gu teil werben 
mügte. %od^ l^at feiner i^n oerftanben, leiner wirb t^, ber 
nid^t auf feinem eigenen 93ege gu Sani^ Stefultaten lommen 
wirb, unb bann wirb bie äSelt erft ftaunen/ „9(ber id^ glaube 
tbenfo fieser gu wiffen, ba^ Äant fid^ ein foldEjci^ Softem 
.gebadet i^abe; bai aüe^, was er wirllid^ oortrögt, 39rud^« 
jiüdfe unb SRefuItate biefeS S^ftcmS finb, unb ba^ feine 
Sel^auptungen nur unter biefer SSoraudfe^ung ®inn unb 
3ufammen^ang l^aben/ S)enn wäre ba^ nid^t ber QaU, 
fo wotte er ;,bie Äritil ber reinen SSernunft ei^er für ba» 
®erl beö fonberbarften SwfoHS b^Iten, afe für baS einei^ 
Sopfej^". — 

^ud) anbere l^aben ba^ Unbefriebigenbe ber $antf4)en 
®ebanfenlreife eingefc^en. Sichten b er g, einer ber geift« 
ooQften unb gugleid^ unabi^ängigften £öpfe an^ ber gweiten 
^ölfte beiS vorigen ^a^vf^nnbtti», ber £ant fc^ä^te, lonnte 
^d^ bod^ nid^t oerfagen, gewid^tige (Sinwänbe gegen beffen 



— 46 — 

SSeltonf d^auung au machen. @r fagt einerfetiiS: ,,SSai» 
l^eigt mit ftantifd^em ®etfi benfen? 3d^ glaube, ed 
l^eigt, bie SerJ^äliniffe unfereiS SBefeniS, eiS fei nun wai^ t» 
tooüt, gegen bie Singe, bie mit auger un» nennen, 
auiSftnbig machen ; ba» ^txH, bie Serl^ältniffe be» ®ubj[eltit)en 
gegen baiS Obj|ettit>e beftimmen. ^iefei^ ift freilid^ immer 
ber Qwtd aüet grünblid^en %aturforfc^er gewefen, aOein 
bie gfrage ift, ob fie t» je fo mal^rl^aft pl^ilofopl^ifd^ an« 
gefangen l^aben, aU $err Stani. 9Ran l^at ba», toaS 
boä) fd^on fubjeltit) ift unb fein mug, für objeltit» gel^alten/ 
SnbrerfeitiS bemerlt Sid^tenberg aber: „SoOte e^ benn 
fp gang aui^gemad^t fein, ba^ unfere Sernunft von bem 
Überflnnlid^en gor nid^tiS n)iffen lönne? SoOte nid^t ber 
SRenfd^ feine gbeen t>on ®ott eben fo jwedEmägig weben 
lännen, mie bie Spinne il^r %e^ gum O^U^g^nfang? Ober 
mit anberen SBorten: SoOte ei^ nid^t SBefen geben, bie 
un^ megen unferer ^betn oon ®ott unb Unfterblid^Ieit 
eben fo bemunbern, wie wie bie Spinne unb ben ®eiben« 
murm?'' Slber man lonnte einen nod^ oiel gemid^tigeren @in« 
manb mad^en. SBenn t» rid^tig i^, ba| fid^ bie ®efe^e 
ber menfd^Iid^en Sernunft nur auf bie innere SBelt bt» 
®eifteiS bejiel^en, mie lommen mir baju, überl^auptoon Singen 
auger uni^gufpred^en? SBir müßten m\» bann bod^ ooDig 
in unfere ^nnenmelt einfpinnen. Sinen fold^en (Sinmanb 
maä)it ®ottIob (Srnft Sd^ulge in feiner 1792 anonym 
erfd^ienenen ®d^rift: ,,9(enefibemuiS". @r bel^auptet barin, 
bag alle unfere (Srienntniffe bloge SorfteOungen feien, 
unb ba% mir über unfere SorfteOungiSmelt in leiner Sßeife 
l^inauiSgel^en lönnen. 2)amit moren im ®runbe aud^ JcantiS 
moralifd^e SBal^rl^eiten miberlegt. 2)enn lägt fld^ nid^t 
einmal bie 9RogIid^Ieit beulen, über bie Snnenmelt l^inaud« 
gugel^en, fo lann uniS in eine unmöglid^ ju benlenbe SBelt 
an^ leine moralifd^e Stimme leiten. @o entmidEelte fid^ 
au^ Staute 9(nfid^t }unäd^ft ein neuer S^üfd an aller 
SSal^rl^eit, ber ShritiniiSmuiS mürbe tum SIeptigiiSmuiS. @iner 
ber lonfequenteften 9(n]^änger beiS ©leptijiiSmuiS ift Salomon 
SRaimon, ber feit 1790 tierfd^iebene Sd^riften oerf agte^ 



— 47 — 

bie unter betn Sinßug Stanili nnb Sd^uIjeiS fianbtn unb 
in benen er mit aller Sntfd^iebenl^eit bafür eintrat, ba^ 
Don bent 2)afein äußerer ©egenftänbe, wegen ber ganjen @in« 
rid^tung unfereiS SrlenntniiSnerntögen^, gor nid^t gefprod^en 
werben bürf e. Sin anberer ©d^üler ftanti^, SacobSigiiSntunb 
9ed, ging fogar fo weit gu bel^aupten, jCant l^abe in 
SBal^rl^eit felbft leine Singe auger unli angenontnten, unb ed 
berul^e nur auf einem 9RilDerftänbntiS, wenn man il^m eine 
folc^e SorfteDung jufd^reibe. 

(SineiS ift gewig: kani bot feinen 3^tgenoffen unsäl^Iige 
9lngriffiSpun{te ju S(uiSlegungen unb ium SBiberfpruc^e bar. 
®erabe burd^ feine Unllar^eiten unb SSiberfprüd^e würbe 
er ber Sater ber Ilaffifd^en beutfd^en SBeltanfd^auungen 
üid^it», Sd^eOingiS, ©(^openl^aueriS, ^egel, $erbarti9 unb 
@d^Ieiermad^eriS. Seine Unllarl^eiten würben für fte ^n 
neuen fS^a^tn. ®o fel^r er fid^ bemül^t l^atte, bad äSiffen 
einjufc^ränlen, um für ben ®Iauben $Ia^ gu erl^alten: 
ber menfd^Iid^e ®eift lann fid^, im wal^rften ®inne beiS 
SSorteiS, bod^ nur burd^ ba» SBiffen, burc^ bie @rlenntni6 
befriebigt erlldren. ®o lam e9 benn, bag ^antd %ad^foIger 
bie @rlenntnii9 wieber in il^re DoDen Sted^te einfe^en wollten ; 
ba% fte mit ilgr bie pd^ften geiftigen Sebürfniffe bei^ 
SRenfd^en erlebigen woOten. Qum gfortfe^er ftantd in 
biefer Stid^tung war Sol^ann ©ottlieb ^i^it wie ge« 
fd^affen. ®r, ber ba fagte: ^S)ie ßiebe ber ®iffenfd&aft 
unb ganj befonberd ber ®peIuIation, wenn fte ben äRenf^en 
einmal ergriffen l^at, nimmt il^n fo ein, ba^ er leinen 
anberen äSunfd^ übrig behält aU ben, fld^ in Stulpe mit 
i^r }u bef Saftigen/ Sinen Of<tnatiIer ber ^eltanfd^auung 
barf man t^id^te nennen. @r mug burd^ biefen feinen 
gfanatiiSmuiS begaubernb auf feine 3^itgenoffen unb feine 
Sd^üler gewirlt l^aben. $dren wir, wai^ einer ber 
le^teren, ^otbttQ, über il^n fagt: ;,®ein öffentlid^er SSortrag 
raufest ba^er wie ein ©ewitter, ba» ftd^ feined gfeueriS in 
einzelnen ©dalägen entlabet; er erl^ebt bie @eele, er wiQ 
nid^t blog gute, f onbern groge SRenfd^en ma^tn ; fein äuge 
ift ftrafenb, fein ®ang tro^ig, er will burd^ feine $l^ilofopl^ie 



— 48 — 

ben ®eift be& Qtiialiex» leiten; feine $l^antafte ift nid^i 
blül^enb, aber energifd^ unb möd^tig; feine Silber finb 
nid^t reigenb, aber lü^n unb gro§. @r bringt in bie 
innerften 2!iefen beiS ©egenfianbeiS unb fc^allet int 9teic^e 
ber Segriffe mit einer Unbefangenlgeit, meiere verrät, bai 
er in biefent unfid^tbaren Sanbe nid^t blo% rcol^ni, fonbern 
l^errfd^t/ S)ai? l^eroorfted^enbfteSKerfmal in 3fidE|teS $erfßnlid&- 
feit ift ber große, ernfte Stil in feiner SebenSauffaffung. 
S)ie pd)ften aRagftäbe legt er an aUt». @r fd)ilbert g- 89. 
ben SBeruf bed ©d^rif tfteHerS : ;,®ie 3bee mufe felber reben, 
nidbt ber ©c^riftfteHer. Stile SBiUIür beS legieren, feine 
ganje 3nbit)ibualität, feine il^m eigene 9(rt nnb Shtnft 
ntug erftorben fein in feinem SSortrage, bamit allein bie 
9(rt unb %unft feiner 3bee lebe, ba^ pc^fte Seben, meld^ei^ 
pe in biefer ©prad^e unb in biefem 3^*^oIler geminnen 
lann. ®o mie er frei ift von ber Verpflichtung bt» 
münblid^en Sel^rerd^ fid^ ber @mpfänglid^leit anberer 3U 
fügen, fo l^at er aud^ nid^t beffen @ntfd^ulbigung für ftd^. 
®r l^at feinen gefegten ßefer im 8luge, fonbern er fonftruiert 
feinen ßefer, unb giebt il^m ba» ©efefe, wie eS fein muffe." 
— «®a5 3BerI beö Sd^rififtcIIeng aber ift in fid& felbcr 
ein Sßerl für bie @migleit. 9Rögen lünftige ^dialtev einen 
l^ö^eren @d^mung nel^men in ber SBiffenfdiaft, bie er 
in feinem 23erle niebergelcgt l^at; er l^at nic^t nur bie 
SSiffenfd^aft, er l^at ben gan} beftimmten unb ooQenbeten 
©l^aralter eines '^exialitt^, in Segicl^ung auf bicfe SBiffenfd^aft 
in feinem SBerfe niebergelegt, unb biefer bel^ält fein Sntereffe, 
fo lange eö SRenfd^en auf ber SBelt geben mirb. Unab» 
l^ängig oon ber SBanbelbarleit, fprid^t fein Sud^ftabe in 
allen 3^ilctltern an alle SRenfd^en, roeld^e biefen 93uc^ftaben 
gu beleben oermögen, unb begeiftert, erl^ebt^ oerebeli 
biiS an ba» (Snbe ber 2:age/ @o fprid^t ein SRann, 
ber fid^ feineiS SerufeiS aU geiftiger ßenler feineiS ^tiiaÜetli 
beroufet ift, bem ed ooBer ßrnft mar, menn er — in ber 
Sorrebe feiner SBiffenfd^aftSle^re fagte — an meiner ^erfon 
liegt nid^td, aQed aber an ber SSal^r^eit, benn ^id^ bin 
ein $riefter ber SBa^rl^eit''. Son einem SRanne, ber fo 



— 49 — 

im Stetere ber „^dfytf^exi" lebte, Derfiel^en mir ed, ba^ er 
anbere nid^t blog gum SSerftel^en anleiten, fonbern gmingen 
rooHte. (Sr burfte einer feiner ©d^riften ben Sitel geben: 
;r®onnenIIarer S3eric^t an bali größere $ublihtm über 
ba^ eigentliche SBefen ber neueften $l^iIofop]^ie. (Sin 
Äerfudö, bie ßefer jum SSerfte^en ju groingen." 
@ine $erfönlid§leit, welche ber äSirllid^Ieit unb beren ^l^at* 
fachen nid^t gu bebiirfen glaubt, um btn fiebeni^meg gu 
ge^en, fonbern bie baiS 9uge unoermaubt auf bit ^been» 
toeü ridjtet, ift gfid^te. ®ering beult er t)on benjenigen, 
bie eine fold^ ibeale Stic^tung be& ®eifted nid^t oerftel^en. 
„Znbt^ man in bcmjenigen Umireife, ben bie gemöl^nlid^e 
€rfal^rung um uui^ gegogen, allgemeiner felbft beult unb 
rid^tiger urteilt, ate oieüeid^t ie, finb bie mel^rften DÖQig 
irre unb geblenbet, fobalb fte aud^ nur eine Spanne über 
^enfelben l^inaudgel^en foQen. 9Senn e» unmöglid^ ift, in 
biefen ben einmal aui^gelofd^ten gunlen beiS ^ö^eren @eniuiS 
toieber angufad^en, mug man fie rul^ig in jenem Greife 
bleiben, unb infofern fie in bemfelben nü^Iid^ unb un« 
entbel^rlid^ finb, il^nen i^ren SBert in unb für benfelben 
ungefd^mälert laffen. Slber menn fte barum nun felbft 
Derlangen, aüt» gu fid^ l^erabgugie^en, mogu fie fid| nid^t 
erl^eben lönnen, menn fie g. S3. forbern, bag aJlt2 ©ebrudte 
fid^ oi» ein Jtod^bud^, ober ate ein 9ted^enbud^, ober al§ 
ein 2)ienftreglement foQe gebraud^en laffen, unb aüe& oer« 
fdgreien, wa» fid^ nic^t fo braud^en lägt, fo l^aben fie felbft 
um ein grofeei? Unrecht. — SDa§ Sbeale in ber roirUid^cn 
SSelt fid^ nid^t barfteüen laffen, miffen mir anberen oieQeid^t 
fo gut, al^ fie, oieOeid^t beffer. 2Bir bel^aupten nur, ba^ 
nad) il^nen bie 9SirIItd^Ieit beurteilt, unb oon benen, bie 
bagu ^oft in fid^ fül^Ien, mobifigiert merben muffe. @efe^t, 
fie lönnten auc^ baoon fic^ nid^t übergeugen, fo oerlieren fie 
babei, nad^bem fie einmal finb, ma9 fie finb, fel^r menig; 
unb bie äRenfd^l^eit verliert nid^tiS babei. @i$ mirb baburd^ 
blog ba^ Hat, ba% nur auf fie nid^t im $Iane ber Ser« 
eblung ber äRenfdgl^eit gered^net ift. S)iefe mirb il^ren 
9Seg ol^ne 3n)eifel fortfe^en; über jene moDe bie gütige 

steinet, SBelt« nnh Sei^enSonfdlauungen. 4 



— 50 — 

Statur loalten, unb il^nen gu redetet S^tt Stegen nnb ©onnen« 
fd^ein, gutröglid^e %a]^rung unb ungefiörten Umlauf ber 
Säfte, unb batet — Ilugc ©ebanicn öcrleiJ^en!" S)tefe 
Sßorte fe^te er bem S)rud ber Sorlefungen DorauiS, in 
benen er ben S^nenfer ©tubenlen bie ^^Seftimmung be« 
©elel^rten'' auiSeinanberfe^te. 2iu» einer großen feelifd^en 
(Snergie l^crauS, bie ©id^erl^rit für bie Sriennlnii? ber 
SBelt unb für bad Seben giebt, ftnb S(nfd^auungen mie bie 
gfid^ted erwad^fen. Stüdftd^ti^Iofe SBorte l^atte biefer für 
alle, bie in ftd^ nid^t bie 5h:afi }u fold^er @id^erl^eit üer« 
fpürten. 3(IS Steinig olb öugerte, bai bie innere Stimme 
bed äRenfc^en bod) auc^ irren lönne, ttwxbtxi i^m f^id^te: 
^®ie fägen, ber ^ßl^ilofop^ foHe beulen, bafe er als Snbioibuum 
irren lönne, bai er al^ fold^er von anbern lernen lönne 
unb muffe. SBiffen Sie, meldte Stimmung Sie ba Be» 
fd^reiben : bie eined SKenfd^en, ber in feinem gangen öeben 
nod^ nie üon etmaiS übergeugt mar.'' 

SDiefer IraftDOÜen ^erfönlid^Ieit, bereu ä3UdC gang nad^ 
innen gerid^tet mar, miberftrebte tk, ba^ pd^fle, wa» ber 
SRenfd^ erreid^en lann, eine SBeltanfd^auung, anberdmo ate 
auc^ im Sinnern gu fud^en. „Sllle jCuItur foQ fein Übung 
aller Sh:äfte auf ben einen '^med ber oöHigen tJreifteit, 
b. i), ber DoQigen Unablgöngigleit dou allem, wa» nid^t 
mir fclbft, unfer reine« Selbft (Semunft, Sittengefcft) ifl^ 
benn nur bieö ift unfer . . ." So urteilt fjid^te in 
ben 1793 erfd^ienenen ;,99eitrctgen gur Seridjtigung ber 
Urteile be2 $ublilum0 über bie frangöftfd^e Steuolution''. 
Unb bie mertDoOfte ^aft im 9Kenfd^en, bie (Srienntnidiraft, 
foQte nid^t auf biefen einen Qmed bei üölligen Unab» 
l^öngigfeind Don aQem, maS nid^t mir felbft ftnb, gerid^tet 
fein? könnten mir benn überl^aupt j[e gu einem DÖÜigen 
Unabl^ängigfein lommen, menn mir in ber SBeltanfd^auung 
Don irgenb meld^em äßefen abl^ängig mören? SSenn ed burd^ 
ein fold^ed au^er und gelegene« SBefen audgemac^t mdre^ 
was bie %atur, mad unfere Seele, meldte« unfere $ßid^ten 
ftnb, unb mir bann l^interl^er dou einer folc^en fertigen 
Zil^atfad^e ans un« ein SBiffen oerfd^afften? Sinb mir unab« 



— 51 — 

l^ängig; bann mfiffen mir eS auä) in 93e}ug auf bie @r« 
lenntnid ber SBal^rl^eit fein, ^enn mir tina^ empfangen, 
bad oi^ne unfer S^ti^un entftanben ifi, bann finb mir tion 
biefem ab^ngig. S)ie l^öd^fte SESal^rl^eit lünnen mir alfo 
niddt empfangen. SBir muffen fie fd^affcn; fie mufe burd^ 
uniS entftel^en. "Sichte lann fomit an bie ®pi^e ber SBelt« 
anfd^auung nur tiroa^ fteQen, wa^ buxä) und erft fein 
2)afein erlangt SBenn mir t)on irgenb einem SDinge ber 
9lu§enmelt fagen: e^ ift, fo tl^un mir bied bt^i^alb, meil 
mir eiS mal^rnel^men. SBir miffen, ba% mir einem anbern 
SBefen ba» ®afein guerlennen. 8Bad biefeö anbere ®ing 
ift, ba» i^ängt nid^t t)on und ab. @eine Sefc^affenl^eit 
lönnen mir nur erlennen, menn mir unfer SBal^rnel^mungd« 
Dermögen barauf richten, äßir mürben niemals miffen, 
wa^ „tot'', ^^marm", „laü^' ift, menn mir eö nid^t burd& 
bie äßal^rnel^mung müßten. äSir lönnen %n biefen 99e- 
fd)affen]^eiten ber S)inge nid^ti? l^ingutl^un, nic^tiS t)on il^nen 
megnel^men. SBir fagen „fie finb''. 5!BaS fie finb[: 
ba^ fagen fie uni5. ©anj anberiS ift eS mit unferm eigenen 
2)afein. 3u fid^ fclbft fagl ber SReufd^ nid|t: „t2 ift% 
fonbern: „^ä) bin". S)amit l^al er aber nid^t blofe 
gefagt: bag er ift, fonbern aud^: maiS er ift, nctmlid^ ein 
„Sd^". Sffur ein anbereö SBefen Ißnnle oon mir fagen: 
„t§ ift". Sa, es mü^it fo fagen. ®enn felbft, menn 
biefeö anbere SBefen mid^ gefd^affen l^ätte, lönnte eS oon 
meinem 3)afein nid)t fogen: id^ bin. 2)er SluSfprud^: 
„idt) bin" oerliert allen ®inn, menn il^n baö SBefen, ba» 
Don feinem S)afein fprid^t, nid^t felbft ti^ut. @S giebt 
fomit nid^tS in ber SBelt, wa^ mid^ mit ;,ic^" anfpret^en 
lann als aQein mid^ felbft. S)iefe S(nerlennung meiner 
als eines „^ä)" mug bemnad^ meine ureigenfte ^^ai fein. 
Sein Sßefen auger mir lann barauf Sinflug Igaben. 

^ier fanb ^xä)ie etmaS, mo er ftd^ gan} unabl^öngig 
fal^ oon jeglicher fremben äSefenl^eit. @in ®ott lönnte 
mid) fd^affen; aber er mügte eS mir überlaffen, mid^ als 
ein „3^" anjuerfennen. 3Rein Sc^^cwuStfein gebe id^ mir 
felbft. 3n ifttn "^dbe id^ alfo nid^t ein SBiffen, ein 6r- 

4* 



— 52 - 

lenneH; ba^ idi empfangen J^dbe; fonbern ein fold^eiS, ba^ 
id^ felbft gemad^t l^abe. ®o ^ai fid^ Ofi^te einen feften 
$unltfür bie äSeltanfd^auung gefd^affen, eixoa^, wo ©emigl^eit 
ift aSJie ftel^t eg nun aber mit bent ® afein anberer 3Sefen? 
3c^ lege i^nen ein S)afein bei. Slber id^ f^abe ba^u nid^t 
ein gleid^eiS Sted^t, n)ie bei mir felbfi ®ie muffen 3u 
Steilen meineiS „^^*' roerben, menn id^ il^nen mit gleichem 
Siedete ein ®afein beilegen foH. Unb ba» werben fie, in* 
btm id^ fie mal^rne^me. 2)enn fobalb ba^ btt gfall ift, 
finb fie für mid^ ba. 3^ lann nur fagen: mein ©elbfl 
fü^It ,/rot", mein ©elbft empfinbct ^marm". Unb fo 
mal^r id^ mir felbft ein S)afein beilege; fo ma^r lann id^ 
bies anä) meinem ^ü^Un unb meinem @mpftnben beilegen. 
9Benn id^ mid^ alf o felbft red^t Derftel^e, fo lann id^ nur fagen : 
id^ bin unb id^ lege felbft aud^ einer Slugenmelt ein 2)afein bei. 
auf bicfe SBeife oerlor für tixd^te bie SBelt außer bem 
„^ä^" il^r felbftänbigeö SDafein; fie l^at nur ein il^r Dom 
3d& beigelegtes, ein alfo gu il^r l^ingugebid^teteS ©afein. 
3n feinem Streben, bem eigenen ©elbft bie pd^ftmoglid^e 
Unabl^öngigleit gu geben, i^at fjfid^te ber Slugenmelt jebe 
©elbftctnbigleit genommen, ^o nun eine fold^e felbftcinbige 
Stugenmelt nic^t oorl^anben gebadet mirb, ba ift e0 aud^ 
begrciflid^, ba% ba2 Sntereffe an bem SBiffen, an ber @r- 
lenntnis bicfer Slufeenmelt aufl^ört. S)amit ift ba» Sntereffe 
an bem eigentlichen SBiffen überl^aupt erlofd^en. S)enn bai§ 
^^ erfährt burd^ ein fold^ei^ SBiffen im Orunbe nic^t«, 
aU mag t2 felbft ^eroorbringt. ^n attem SBiffen l^ält 
baB menfd^Iid^e 3d^ gleid^fam nur 3ßonoIoge mit fid^ felbft. 
Q» Qt^t nidgt über fid| felbft l^inauS. SBoburc^ eS aber 
biei^ le^tere bod^ ooHbringt: bai^ ift bie lebenbige %^at 
äBenn ba2 ^i) ^anbelt, menn eiS in ber SBelt tiwa» doQ« 
bringt: bann ift t» nic^t mel^r monologifterenb mit fid^ 
allein. ®ann fKefecn feine §anblungen i^xnau» in bie 
®eli Sie erlangen ein felbftctnbigeS Safein. 3d^ DoH» 
bringe etmaiS; unb menn id^ ed DoQbrad^t l^abe, bann 
mirft eg fort, aud^ menn id^ mid^ an feiner SSirlung nid^t 
me^r beteilige. 9Sai§ id| meig, l^at ein S)afein nur burd^ 



— 53 — 

mi^; xoa^ id^ tf^nt, ift äSefianbieil einer von mir una6« 
l^öngigen moralifd^en 9SeItorbnung. SBad bebeutet 
aber aQe ®etDi§]^eit, bie toir an& bem eigenen 3<^ iit^tn, 
gegenüber biefer aOerpd^ften SBai^r^eit einer ntorolifd^en 
SSeltorbnung, bie bod^ unabl^ctngig von unS fein mu%, 
wtnn ba§ S)afein einen ®inn Qaben foQ? älled äSiffen 
ift bod^ nur etmad für bad eigene 3d^; biefe SBeltorbnung 
mug aber fein auger beut ^^. ®ie ntu§ fein, tro^bem 
xoit üon il^r nid^td miffen lönnen. SSir muffen fie alfo 
glauben. ®o lommt anä) t^id^te über ha» SBiffen l^inaud 
^u einem @Iauben. 98ie ber S:raum gegenüber ber 
äßirllid^Ieit, ift aüe^ SBiffen gegenüber bem @Iauben. 9lud^ 
ba2 eigene 3d^ ^ctt nur ein fold^ei^ Sraumbafein, menn t» 
fidi felbft blog betrad^tet. @jS mad^t fid^ ein S3ilb von 
fid^, ba& niditiS meiter gu fein brandet, aU ein üor« 
überfd^mebenbed Silb; allein bad $anbeln bleibt. SKit 
bebeutfamen ^Sorten fd^ilbert Sid^te biefed Sraumbafein 
ber SBelt in feiner „Seftimmung beg SKenfd^cn": „®0 
giebt überall lein ^anexnbt^, meber auger mir, nod^ in 
mir, fonbern nur einen unaufpriid&en SBcd^feL 3d) roeig 
überaD t)on feinem @ein, unb au^ nid^t von meinem 
eigenen. 6g ift fein ©ein. — 3d& felbft meig übcrl&aupt 
nid^t, unb bin nid^t. Silber finb: fie ftnb ba^ @in}ige, 
mos ba ift, unb fie miffen t)on fid}, nad^ SBcifc ber Silber; 

— Silber, bie oorüberfdjroeben, ol^ne ba^ etmaö fei, bem 
fte Dorüberfd^meben: bie burd^ Silber von Silbern jufammen« 
Rängen, Silber ol^ne etmad in il^nen abgebilbeteg, o^ne 
Sebeutung unb 3med(. 3d^ felbft bin einig biefer Silber; 
ja, idE| bin felbft bieg nidt)l, fonbern nur ein Derroorreneö 
Silb oon Silbern. — aUe ^Realität oermanbelt fid^ in 
einen munberbaren Sraum, ol^ne ein Ueben, oon meld^em 
getröumt mirb, unb ol^ne einen ®eift, ber ba tröumt; in 
einen Slraum, ber in einem Siraume von ftd^ jufammen« 
l^clngt. 2)ag S(nfd^auen ift ber S^raum; bag S)enfen, 

— bit DucHe allcö ©cing, unb aller SRealität, bie id& mir 
einbilbe, meines Seins, meiner ftraft, meiner S^Jedfe, — 
ift ber Sraum oon jenem Sraume". SBie anberS 



— 54 — 

erfd^etnt ti'i^it bie moralifd^e SBeltoibnung, bie SSelt beS 
@Iaubend: ^9Rein SBiQe foQ fd^Ied^tl^in burd^ ftd^ felbft, 
ol^ne alled feinen ^ndbiud fd^roöd^enbe äSerljeug^ in einer 
ilgm DÖQig gleid^artigen ®pl^ctre, ate Vernunft auf Vernunft; 
afe ©eifligei? auf ©eiftige«, roirlen; — in einer ©pl^äre, 
ber er jebod^ baS ®efe^ bed lüebeni^, ber S^l^atigleit, bed 
f^orilaufen^ nid^t gebe, fonbern bie t§ in [lä^ felbft l^abe; 
alfo auf fclbfttl&älige »ernunft. aber felbfttl^ätige »ernunft 
tft mUe. 'DaiS ©efe^ ber überftnnlid^en 9BeIt niöre fonad^ 
ein 2SilIe . . . 3ener erhabene SBiUe ge^t fonad^ nid^t 
abgefonberl Don ber übrigen Sernunftmelt feinen 8Beg für 
ftd^. @d ifi gn)ifd^en il^nt unb aOen enblid^en vernünftigen 
SBefen ein geiftigeiS 93anb, unb er felbft ift biefed geiftige 
93anb innerl^alb ber SSernunftmelt . . . . Sd^ Derl^üüe mein 
Sngefid^t vox bxx, unb lege bie ^anb auf )ben äRunb. 
S3ie bn für bid^ felbft bift, unb bir felbft erfd^eineft, lann 
id^ nie einfel^en, fo gemi^ id^ nie bu felbft werben lann. 
9tad^ taufenbntal taufenb burd^Iebten ©eiftenoelten wttbt 
td^ bid^ nod^ ebenfo wenig begreifen ate |e^t in biefer 
^üiie t>on 6rbe. — SBaS id^ begreife, wirb burd& mein 
hloit» begreifen gum (Snblic^en; unb biefed lägt aud^ 
burd^ unenblid^e Steigerung, unb Srp^ung fid^ nie iniS 
Unenblid^e umwanbdn. S)u bift Dom Snblid^en nid^t 
bem ®Tabe, fonbern ber Z^ai nad^ uerfd^ieben. @ie mad^en 
bid^ burd^ jene Steigerung nur }u einem größeren äRenfd^en, 
unb immer }u einem größeren; nie aber jum ©otte, gum 
Unenblid^en, ber leineiS SRaged fällig ift.'' 

äßeil baiS SSiffen ein S^raum, bit moralifd^e SSelt« 
Drbnung für f^id^te ba& eingig mal^rl^aft äSirllid^e ift, 
beiSl^alb fteDt er aud^ ba» Beben, burd^ ba» fid^ ber äRenfd^ 
in btn fittlid^en SBeltgufammen^ang l^ineinfteDt über baiS 
bloge @rlennen, bad Setrad^ten ber S)tnge. ^%id^td — 
fagt er — l^at unbebingten SBert unb SBebeutung, aU 
ba^ Seben ; allei^ übrige, SDenlen, SDid^ten unb SSiffen l^at 
nur SBert, infofern ei^ auf irgenb eine SSeife fid^ auf ba9 
Sebenbige bejiel^t, tion i^m audgel^t unb in baiSfeUe jurüdC« 
julaufen beabftd^tigt/ 



— 55 — 

S)er eif)i\d)t ®runbjug in tSx^it» $erfönltd^lett ift t», 
ber in feiner äSeltanfd^auung aOed audgelöfd^t ober in 
feiner Sebeutung l^erabgebrüdt ^ai, was nid^t auf bie 
moralifd^e äSefKmmung beiS 9Renfd^en l^inaui^läuft. @r 
vooUit bie größten, bie reinfien gforberungen für baB 
Seben auffteSen; unb babei moUit er burd^ lein Srfennen^ 
baS Dieüeid^t in biefen ^itUtt äSiberfprüd^e ntit ber natürlichen 
©efe^mägigleit ber SSelt entbeden lonnte, beirrt fein. ®oetl^e 
l^at gefagt: ;,S)er ^anbelnbe ift immer gemiffenlod; e» l^at 
niemanb ©emiffen ate ber Setrad^tenbe.'' S)amit meinte 
er, bag ber Setrad^tenbe aQed nad^ feinem maleren, mirllid^en 
SBerte abfd^ä^t unb jebed S)ing an feinem $Ia^e begreift 
unb gelten lägt. 2)er ^anbelnbe l^at ei^ t)or aüen Singen 
barauf abgefel^en, feine f^orberungen in SrfüQung ge^en 
)u feigen; ob er babei ben Singen Unred^t t^ut ober nii^t: 
ba» ift il^m gleid^. gfid^te mar ed oor allen Singest umiS 
^anbeln ju tl^un; er moQte fid^ aber babei oon ber Se« 
trad^tung nid^t ©emiffenloftgleit oormerfen laffen. SDed^alb 
beftritt er ben SBert ber Setrad^tung. 

Snö unmittelbare ßeben einzugreifen, mar fjic^tei^ fort- 
mäl^renbeiS Semül^en. 9Bo er glaubte, ba% feine äSorte 
bei anbern jur £l^at merben lönnten, ba fül^Ite er fidg 
am jufriebenften. Sind biefem Srang l^eraui^ ^ai er bie 
©d^riften ©erfaßt: „S^^ö^fötberung ber S)enffreil^eit oon 
ben gfürften Suropad, bie fie biiSl^er unterbrüdEten. $eIiopolii9, 
im legten ^a^xt ber alten gfinfternid 1792.'' «S3eitr&ge 
jur äSerid^tigung ber Urteile btS $ublilumi9 über bie 
frangöfifd^e Steoolution 1793." 3lud biefem Srang l^eraui^ 
l^at er feine l^inreigenben Sieben gel^alten: ^S)ie ®runbaüge 
bt^ gegenmcirtigen 'StiiaUet», bargefteDt in 93orIefungen, 
gel&alten ju »erlin im Saläre 1804—1805''; ^®te Sin- 
toeifung gum feiigen Seben ober auä^ bie Steligioni^Iel^re. 
3n Sorlefungen, gel^alten gu Serlin im Saläre 1806", 
unb enblid^ feine „9teben an bie beutfd^e Nation 1808", 
€in ffierl, in bem ftül^nl^eit bt» SenleniS, ebelfte Segeifterung 
unb 9Rut ber $crfönlid^leit in gleid^em SRage unfere S9e« 
lounberung l^erauiSforbem. 



— 56 — 

äSebingungiSlofe Eingabe an bie tnoralifd^e SBeltorbnung^ 
$anbeln au^ bent tiefften Sttn ber etl^ifd^en %aturanlage 
bt^ äRenfd^en l^eraud: bad ftnb bie iSotbttuncien, burd^ 
bie ba$ Seben äßert unb »ebeutung erl^äU. 2)iefe 3(nftd^t 
}iel^t ftd^ ate ©runbmotit) burd) alle biefe Steben unb 
Sd^riften l^inburd^. 3n ben .^©runbaügen be» gegenmärttgen 
Qüiaiitt»" roarf er biefem 3«italtcr in flamntenben SBorlcn 
feine ®elbftfud^t Dor. 3cber gel^e nur ben SBeg, ben il^nt feine 
nieberen Sriebe uorfd^reiben. Slber biefe Sriebe fül^ren ab 
Don bem großen ®angen, ba^ bit ntenfd^Ii(f|e ©emeinfd^aft 
aU ntoralifd^e Harmonie untfd^Iiegt. (Sin foId^eiS Qtitcdict 
muffe biejenigen, bie in feinem ®inne leben, bem Unter« 
gange entgegenfül^ren. ^ie ^flid^i moQte tSi^it in btn 
menfc^Iic^en ©emütern beleben. Unb aU 2)eutf(^Ianb burd^ 
bie grembl^errfd^gft baran mar, feine Selbftänbigfeit au 
verlieren, ba bot fx^ feinem lebenbürftigen Sinn bie fd^önfte 
©elegenl^eit, einzugreifen in ben ®ang ber @reigniffe. 
aRitten unter ben ^einbcn, im SBinter 1807—1808 5ielt 
er feine „{Reben an bie beutfd^e Sßation". 8Bie er in 3cna, 
ate er vox feinen ®tubenten anfing, feine äßeltanfd^auung 
gu entmidfeln, fagte, feine $erfon läme nid^t in Setrad^t^. 
fonbern allein bie SBal^r^eit, fo baä^it er aud^ je^t, wo er 
red^t gut roniit, ba% il^m in jebem Slugenblidf ber f^einb mit 
einer jCugel bas Sieben unmöglid^ mad^en lonne, burd^ ba^ 
er in feiner Nation bie Segeifterung medfen moHte, il^re 
Selbftönbigleit unb Unabl^öngigleit biefem gfeinbe gegen* 
über gu oerteibigen. „®a5 Oute ift Scgeifterung, Srl^ebung ; 
meine perfßnlid^c ©efal^r lommt gar nid^t in Snfc^Iag, 
fonbern fie fönnte oielme^r ^öd^ft oorteill^aft mirfen." 6r 
wieg bie 3)eutfc^en auf i^re eigene 9iatur l^in. Urfprüng« 
lid^ fei aUe^ an bicfer 9iatur: bie ©prad^e, bie 2)id^tung, 
bie SBiffenfdjaft. 3)ie ©eutfd^en fpredjen i^re urfprünglidtie 
@prad^e; fie ^aben nid^t mie bie mefteuropäifd^en SoIIer 
bie römifd^e @prad^e aufgenommen. 2)ie ^ptaä)t aber ift 
ber Un^btnd bed ©eifteiS. SSer bie an» feinem Stamm 
l^erau« entfprungene Urfpradfte fprid^t, bxüdi in biefer feine 
unabl^öngigfte geiftige Sßefenl^eit an^. SBer mie jene meft» 



— 57 — 

lid^en äSöIIer biefe Urfprad^e verloren unb eine frembe an« 
genommen l^at, ber f)ai auä^ bie Eigenart bt» ®etfteiS auf- 
gegeben. Unb man fel^e fld^ bie 2)td^iung bei betben 
SoIIerftämmen an. ^u^ bem tieften SoIIi^d^aralter j^eroud 
Hingt bie beni\ä)e $oe{te; in äugerlid^en Oformen fd^afft 
ber @eift ber mefttid^en S^ac^born. 3Rag bal^er beuifd^e 
ftunft aud^ jumeilen raul^ unb j^ori im StudbrudCe fein: fie 
ift eine J{unft ber tiefften ©eelenbebürfniffe; maQ bie meft« 
lid^e Jhtnft elegant unb gragiöd fein: fie entfpringt einer 
ou^erlid^en @d^ongeifterei. %id^t anberd bie SBiffenfd^aft. 
Seutfd^e $l^ilofop]^ie l^at Ofül^Iung mit ber SoUiSfeele; bie 
franjöfifd&e ift Eigentum einer geleierten Äafte, bie ben 3«» 
fammenl^ang mit bem äSoIIe verloren l^at. 3Bie lann ein 
93oQ, bai? eine ureigene Kultur l^at^ unterliegen einem 
fold^en, ba« fid^ eine frembe eingeimpft l^at? &§ lann nid^t 
unterliegen^ menn ei^ fid^ nur auf feine Urfprünglid^Ieit 
befinnt ,;@in SSoII, ba^ ba fällig ift, fei e§ aud^ nur in 
feinen l^öd^ften ®teQt)ertretern unb SCnfÜl^rern; ba^ ©efid^t 
aui^ ber ©eiftermelt, @elbftönbigleit feft iniS ^uge }u faffen, 
unb Don ber ßiebe bafür ergriffen gu werben, wie unfere 
älteften SSorfal^ren, ftegt gemig über ein foId^eiS, ba» nur 
gum SSerlgeuge frember ^errfc^fud^t unb gur Unterjod^ung 
felbftänbiger Söller gebrandet mirb, mie bie römifd^en ^eere; 
benn bie erfteren l^aben allei^ gu nerlieren, bie le^teren 
blog einigeiS gu geminnen.'' %ur ein @etft, bem bie pd)ften 
Siegionen ber Sbeenmelt gugänglid^ finb, lonnte eine fold^ 
gebanlentiefe Sl^aralteriftil feinei^ ^o\It§ liefern, unb nur 
eine ^erfönlid^Ieit, bie ba» SBertrauen in bie fiegenbe ^raft 
ber ^betn ^ai, lonnte biefe geiftigen SBaffen gu ben pl^^» 
fifc^en gefeüen, bie bamate gegen ben fremben Eroberer 
JEämpften. 



SSie ftant ba» SBiffen enttl^ront l^at, um für ben 
®Iauben $Ia^ gu belommen, fo l^at gfic^te baiS (Sriennen 
für mertloiS erllört, um für bad lebenbige $anbeln, für 
bie moralifd^e Zl^at freie Sal^n oor fid^ gu l^aben. @in 



— 58 — 

äl^nlid^ed J)ai auä) Schiller Derfud^t. %ur nal^m bei il)m 
bie SteOe, bie bei Stant ber ©laube, bei gfid^te bad ^an« 
beln beanfprud^te^ bie ®d^6n^eit ein. S)ie 99ebeutung 
Sd^iOerd für bie 9SeItanfd^auungiSentn)ideIung n)irb ge« 
loöl^nlid^ unterfd^ct^t. SBie ©oetl^e [xä) barüber gu bellagen 
^atit, ba% man if)n aliS ätaturforfd^er nid^t gelten laffen 
n)onte, roeil man einmal gemol^nt mar, il^n aU 2)id^ter gu 
nel^men, fo muffen bicjenigen, bie pc^ in ©d^iHerö pl^ilo» 
opl^ifd^e 3b«en Dertiefen, bebauern, ba6 er Don benen, bie 
td^ mit SBeltanfd^auungögefdöid^te bef äffen, fo wenig ge« 
mürbigt wirb, meil i^m fein gelb im SHeid^e ber Äunft 
angemiefen ift. 

Stfe eine bm^au^ felbftctnbige Senlerperfönlid^Ieil ftellt 
fid& ©dtiiHer feinem Stnreger Äant gegenüber. S)ie $ol^eit 
beiS moralifc^en ©laubend, }u ber Sani ben Stenfd^en gu 
erl^eben fnd^te, fd^äfete ber ®id^ter, ber in ben ^atönbern" 
«nb in ;,ÄabaIe unb ßiebe'' feiner 3«i^ ^in^n Spiegel il^rer 
äSerberbtl^eit üorgel^alten liai, mal^rlid^ nid^t gering. Stber 
er fagte fid^: follte eS burd&auö notmenbig fein, bai ber 
9Renfd^ nur im Kampfe gegen feine Steigung, gegen feine 
93egierben unb Slriebe fid^ gu ber ^öl^e bed lategorifd^en 
3mperatiui5 emporheben lann? Äant moHte j[a ber ftnn« 
lid^en %atur bed aßenfd^en nur ben ^ang ^um fieberen, 
gum Selbftfüd^tigen, ^nm Sinnlid^^Slngenel^men beilegen; 
unb nur, roer fid| emporfd^roingt über biefe fmnlidie Statur, 
mer fte ertötet unb bie rein geiftige Stimme ber ^flid^t in 
fid^ fpred^en lögt: ber lann tugenbl^aft fein. So l^at ^ant 
ben natürlid^en SRenfd^en erniebrigt, um ben moralifd^en 
um fo l^öl^er lieben ju lönnen. Sd^iDer fd^ien barin etmod 
btS 3Renfd[)en UnmürbigeiS ju liegen. Sollten benn bie 
triebe bt» SRenfd^en nid^t fo oerebelt merben lönnen, ba% 
fie an» fid^ felbft ^erauiS baS ^flid^tmctgige, ba» Sittlid^e 
tl^un? 2)ann brauchten fte, um ftttlid^ ju mirlen, nid^t unter« 
brüdCt au merben. Sd^iQer fteDte bedl^alb ber ftrengen 
ftantfd^en $fIid^tforberung feine Slnfid^t in bem folgenben 
Epigramm gegenüber: 



— 59 — 

&tcn bim^ id^ ben gremtben, bo4 tl^u id^ ed teiber mit 92eiguitg, 
Unb fo toxxcmi ed mi(!^ oft, bag t(| nic^t tugenbl^aft bin. 

(Sntfd^etbung. 

^a ift fein anbetet 9iat bu mugt ]nd^tn, fte 5U t>eta(i^ten, 
Unb mit ^f(|eu olSbonn tl^un, mie bie $fli(|t bit gebeut. 

©dritter fud^te biefe ^^öemiffen^ffrupel" auf feine ärl 
ju ISfen. Qwti Stiebe waHitn tl^atfäd^lidg im SRenfd^en: 
bcr finnlid^c Srieb unb bcr Sctnunfti^trieb. Überläfet ftc^ 
ber SKenfd^ bem pnnlid^cn Stieb, fo ift et ein Spielball 
feiner Scgicrben unb ßcibcnfd&aftcn, futg feinet Selbftfud^t. 
®iebt er ftd^ gang bem Sernunftdtrieb l^in, fo ift et ein 
®IIaoe il^rer ftrengen ©ebote, i^rer unerbittlid^en Sogil; 
il^ted lategotifd^en Smpetatioi^. @in SRenfc^, bet blog 
bem ftnnliäen Stiebe leben miD, mug bie äSetnunft in fid^ 
ium Sd^meigen bringen; ein folc^er, ber nur ber SBernunft 
bienen miK, mui bie ©innlid^Ieit ertöten. §ort ber erftere 
bod^ bit SScrnunft, fo unterwirft er fid& il&r nur unfrei« 
toiKig; ocrnimmt ber lefetere bie Stimme feiner Segierben, 
fo empfinbet er fic ate ßaft auf feinem Sugenbmege. ®ie 
pl^^ftfd^e unb bie geiftige %atur bed SRenfd^en fd^einen alfo 
in einem oerl^öngniiSooIIen Sn'i^fP^I^ i^ leben, ©iebt eS 
nid^t einen S^f^^^nb im 9Kenfc^en, in bem beibe Sriebe, ber 
finnlid^e unb ber geiftige, in Harmonie ftel^en? Sd^iüer be* 
antwortet bie fjrage mit „^a". 618 ift ber 3«ßönb, in 
bem ba» ©d^one gefd^affen unb genoffen mirb. SBer ein 
Äunftmerl fd^offt, ber folgt einem freien Naturtrieb. 6r 
tl^ut ed auiS Neigung. 9(ber t^ ftnb leine pi^^fifd^en Setben« 
fd^aften, bie il^n antreiben; t^ ift bie ^l^antafie, ber ®eift. 
@benfo ift t» mit bemjenigen, ber fid^ bem ®enuffe eined 
jtunftmeried l^ingiebt. &^ beftiebigt feinen ®eift jugleic^, 
inbem t§ auf feine Sinnlid^Ieit mirft. Seinen Segierben 
lann ber SRenfc^ nad^gel^en, o^ne bie pl^eren ®efe^e 
it» ®eiftei§ gu bead^ten; feine ^flid^t lann er erfüllen, 
ol^ne ftd^ um bie Sinnlid^Ieit gu lümmern; ein fd^öned 
ihtnflmerl mirlt auf fein SBol^IgefaDen, ol^ne feine SSegierbe 



— 60 — 

git ertoeden; unb ed verfemt il^n in eine geiftige äßelt, in ber 
er an§ Steigung uerroeiü. 3n biefem ^t^anbe ifi ber 
9Renfd^ toxt ba» Sänb, ba& bei feinen ^anblungen feiner 
Steigung folgt unb nid)t fragt, ob biefe ben SSernunft» 
gefe^en n)iberftrebt : „S)urd^ bit @d^ön^eit witb ber finn« 
lid^e 9Kenfd) . . . gunt 2)enfen geleitet; burc^ bie ®d^ön« 
l^eit n)irb ber geiftige äßenfd^ gur Waterie gurüdgefül^rt unb 
ber ®innenn)elt wiebergegeben/ (S^d^tgel^nter ^ief über 
äftl^etifd^e Srgiel^ung bed SKenfd^en.) ^2)ie l^ol^e f^reil^eit 
unb ©leid^mütigleit bed ©eifteiS, mit Shraft unb Stüftigleit 
DerbunbeU; ift bie Stimmung, in ber uniS ein ed^tei^ J{unft« 
roerl entlaffen foH, unb eö giebt leinen fid^ereren probier« 
ftein ber maleren äftl^etifd^en ©üte. f^inben mir un^ nad^ einem 
®enug biefer Wci gu irgenb einer befonberen @mpftnbungiS« 
meife ober ^anblungiSmeife üorgugiSmeife aufgelegt, ju einer 
anberen l^ingegen ungefd^idt unb Derbroffen, fo bient bie0 
}u einem untrüglid^en SSemeife, ba% mir leine rein äftl^e« 
tifd^e SBirlung erfal^ren l^aben, t» fei nun, ba^ ed an 
bem ©egenftanb ober an unfa*er SmpftnbungiSmeife ober 
(mie faft immer ber fjfall ift) an beiben }ugleidt) gelegen 
l^abe.'' (3meiunbgman}igfter Brief über ctfti^etifd^e Srjiel^ung.) 
SSeil ber äßenfd^ burd^ bie Sd^önl^eit meber ein ®IIat)e 
ber Sinnlid^Ieit ift, nod^ ber SSernunft, fonbern burd^ fte 
beibe jufammen in feiner (Seele mirfen, oergleid^t ®d^iller 
ben Srieb gur Sd^önl^eit bemjenigen btB ^nbeiS, ba» in 
feinem Spiel feinen ®eift nidjt SSernunftgefefeen unterwirft, 
fonbern i^n frei, feiner Neigung nad^, gebrandet. SeiSl^alb 
nennt er biefen Srieb gur ©dtjön^eit ©pieltrieb: ^^SRit bem 
Slngenelgmen, mit bem ®uten, mit bem SSoüIommenen ift 
t^ bem SRenfd^en nur Srnft; aber mit ber Sd^önl^eit 
fpielt er. f^reilid^ bürften mir und l^ier nid^t an bie Spiele 
erinnern, bie in bem mirllidEien Seben im @ange finb unb 
bie fid^ gemöl^nlid^ nur auf fel^r materielle ©egenfiänbe 
rid^ten; aber in bem mirllid)en Seben mürben mir aud^ bie 
Sc^önjeit oergebeni? fud&en, oon ber l^ier bie Siebe ift. ®ie 
mirllid^ tiorl^anbene Sd^onl^eit ift beiS mirllid) oorl^anbenen 
Spieltriebi^ mert; aber burd^ ba» Sbeal ber Sd^önl^eit,. 



— 61 — 

xüdcl^t^ bie SSernunft auffteQt, ift aud^ ein Sbeal bei? ®pitl- 
triebi? aufgegeben, bai? ber 9Renf(| in allen feinen Spielen 
im äuge ^aben foll.^ (26. »rief.) 3n ber (grfüHung biefeg 
ibealen Spieltriebi? finbet ber 9Renf(| bie SBirllid^Ieit ber 
fjfreii^eit. @r gel^ord^t nun nid^t mel^r ber SSernunft; 
unb er folgt nid^t ntefir ber finnlid^en Steigung. (Sr l^anbelt 
ün» Steigung fo, n^ie n)enn er an» Sernunft l^anbelte. „^et 
9RenfdE| foQ mit ber SdEjönl^eit nur fpielen, unb er foQ 
nur mit ber @d^önl^eit fpielen . . . S)enn um t» enb« 
lidb l^eraui?3ufagen, ber 9Renfd^ fpielt nur, mo er in DoQer 
Sebeutung bed 9Borted äKenfd^ ift, unb er ift nur ba 
gang SOtenfd^, mo er fpielt/ @dE|iIIer l^cttte aui) fagen 
Mnnen: 3nt Spiel ift ber 9Renfd^ frei; in ber ©rfüllung 
ber ^flid^t unb in ber Eingabe an bie Sinnlid^Ieit ift er 
unfrei. 9SiQ ber ÜRenfdE) nun anä) in feinem moralifd^en 
^anbeln in DoQer Sebeutung bed SSorted 9Renfd^ fein, ba» 
l^eigt, miU er frei fein, fo mug er gu feinen Sugenben 
baiSfelbe Serlgaltnid l^aben mie gur Sc^önl^eit. @r mn% 
"feine Neigungen gu Sugenben Derebeln; unb er mn^ fid^ mit 
feinen Sugenben f o burd^bringen, bag er, feiner gangen SBefenl^eit 
nad^, gar leinen anbern £rieb l^at, aU il^nen gu folgen. 
6in SRenfdEi, ber biefen SinHang gmifdEjcn Steigung unb Sßflid^t 
l^ergefteUt l^at, lann in |ebem ^ugenblid auf bie @üte feiner 
|)anblungen, mie auf tiwa» @elbftt)erftänblidE|eiS, red^nen. 
SRan lann Don biefem @efid^tdpunlte an» aud^ ba» 
gefeüfd^aftlid^e 3uf<intmenleben ber SOtenfd^en betrad^ten. 
S)cr SBcnfd^, ber feinen finnlid^en trieben folgt, ift felbft» 
ffid^tig. @r ginge ftetiS nur feinem eigenen äSol^lfein nad^, 
menn nic^t ber ®iaai ba» S^fotnmenfein burdE) SSernunft- 
gefe^e regelte. 2)er freie SRenfd^ DoQbringt aniS eigenem 
Eintriebe, roa» ber Staat Don btm felbftfüd^tigen SOtenfd^en 
forbern mn^. 3n einem 3ufammenfcin üon freien SDtenfd^en 
bebarf t» leiner SmangiSgefe^e. ^.Witten in bem furd^tbaren 
Steid^ ber Sh:ctfte unb mitten in bcm l^eiligen 9teid^ ber ®efe^e 
baut ber äftl^etifd^e S9ilbungdtrieb unoermerlt an einem britten, 
frol^lid^en SleidEie bt» Spiete, morin er bem SDtenfd^en bie 
gfeffeln aQer SSerffältniffe abnimmt unb il^n von aQem, ma» 



— 62 — 

3n)ang l^eifel, forool^I im ^l^iififdjcn toie im 9Roralif(f|cn cnt* 
binbel^ (27. Sricf.) „S)icfcg S»ci(f| crfircdt ft(| aufmärlö, big 
tDO bie Sernunft mit unbedingter 9{otmenbigIeit ]^errf(|t unb 
alle aßaterie aufprt; ed erftredt fi(| abtDörtiS, biiS mo ber 
Naturtrieb mit blinber Stdtigung maltet/ ®o betrachtet 
®c^iller ein moraIif(|ei$ 9teid^ ate 3beal, in bem bie tugenb« 
^afte ©eftnnung mit berfelben Seitfitigleit unb t^reil^eit walUt 
mie ber @efc^mad im Sfeic^e ht& @d^önen. @r maä^i ba& 
Seben im 9teid)e bei? Sd^önen ^um äßufter einer DoQIommenen, 
ben 9RenfdE)en in jeber SHc^tung befreienben ftttlid^en gefell- 
fcbaftli(f|en Grbnung. @r fd^Iiegt bie f(f)öne Slbl^anblung, in 
ber er biefeö fein Sbeal barfteDt, mit ber Srage, ob eine 
foldje Crbnung irgenbmo epftiere unb beantmortet fte bamit: 
„Sem SebürfniiS nad^ cjiftiert fie in jeber feingeftimmten 
©eele; in ber Sl^at möä^U man fie mol^l nur, mie bie]xeine 
Kird^e unb bie reine 9tepublil, in einigen menigen auiSer« 
lefenen Si^^^^n finben, mo nidEjt bit geiftlofe Nad^al^mung 
frember Sitten, fonbern eigene fdEjöne Natur baiS 99etragen 
ienit, mo ber SHenfc^ burdi bie oermidelteften SSerl^ältniffe 
mit lü^ner @infalt unb rul^iger Unfd^ulb gel^t unb meber 
nötig ^ai, frembe greil^eit gu fränfen, um bie feinige ju be- 
l^aupten, noc^ feineSßürbe meg^umerfen, um Slnmutgu geigen/' 
3n biefer 3ur Sd^önl^eit oerebelten Sugenb^aftigleit 
l^at ©deiner eine SSermittelung gmifdEien ber Sßeltanfd^auung 
^antS unb berjenigen ©oetl^eS gefunben. Sßie grog aud^ ber 
3auber mar, ben Äant auf Sd^iDer ausübte, ate biefer felbft 
baB Sbeal beö reinen HRenfc^entumS gegenüber ber mirHi(§ 
^errfdEienben moraßfd^en Drbnung ocrteibigte: ©deiner mürbe, 
afe er ©oetl&e näl^er lennen lernte, ein Semunberer oon 
beffen SBelt» unb SebenSbetrac^tung, unb fein ftetö nad^ 
reinfter ©ebanlenllar^eit brängenber Sinn lieg ij^m nid^t 
cl&er Stulpe, biß eS il&m gelungen mar, biefe ©oet^efd^e 
SßeiS^eit and) begrifflid^ ^u burd^bringen. Sie l^o^e 39e« 
friebigung, bie ©oetl^e an» feinen änfd^auungen über 
©dEjon^eit unb Äunft and) für feine SebeniSfül^rung gog, 
füi^rte ©dtiiüer mel^r unb mel^r gu ber SSorfteDungSart bc« 
crfteren l^inüber. afe er ©oetl^e für Überfenbung bcö 



— 63 — 

,^9ßtll^elm äReifter'' banli, iJ)ui er biei^ mit btn SBorten: 
„^i) lann Sinnen nid^t an^btüdtn, mit peinlt(| mir ba» 
©cfül^I oft ift, oon einem ^robult biefer Slrt in ba» 
pl^ilofopl^ifd^e SSefen l^inetnaufel^en. S)ort ift allein fo l^eiter, 
fo leBenbig, fo l^ormonifd^ aufgelöft unb fo menf(i^lic§ 
loa^r; l^ier aQeS fo ftrenge, fo rigib unb abfiralt, unb fo 
unnatürli(|, weil aOe %atur nur @t|nt^efti$ unb $]^ilofop]^ie 
älntit^eftd ift. 3mar barf ic§ mir ba^ Seugnid geben, in 
meinen @peIuIationen ber %atur fo treu geblieben ^u fein^ 
ate ftd) mit bem 99egriff ber Slnol^fid oerträgt ; ia oieüeic^t 
bin xä) i^r treuer geblieben aU unfere Kantianer für 
erlaubt unb für möglitfi l^ielten. Slber bennotfi fül^Ie 
id^ ni(f|t meniger lebl^aft ben unenblid^en Sbftanb gmifclen 
bem Seben unb bem 9töfonnement — unb lann mic^ ni(f|t 
entl^alten in einem fold^en melantfjolifc^en SlugenblidEe für 
einen HRangel in meiner %atur aui^^ulegen, roa& i(| in 
einer l^etteren Stunbe blo^ für eine natürlitfie @igenfd^aft 
ber ®ac§e anfeilen mui. @o oiel ift inbeiS gemi^, ber 
S)i(f|ter ift ber einzig roa^rc üRenfd^, unb ber befte ^j^ilofopl^ 
ift nur eine Sarilatur gegen il^n.'' ®iefeö Urteil ©d^iflerö 
lann ftc§ nur auf bie ^antf(|e ^^ilofopl^ie begiel^en, an ber 
®d)iner feine (Srfal^rungen Qtmaä^i ^at Sie entfernt ben 
HRenfd^en in oieler Sejie^ung oon ber Satur. Sie bringt 
biefer leinen ©lauben entgegen, fonbern lä^t ai& gültige 
SBal^rl^eit nur gelten, mad aud ber eigenen geiftigen Crga« 
nifation be^ SRenfd^en genommen ift. ^abnti) entbel^ten 
alle i^re Urteile jener frifd^en, in^altooüen garbigleit, bie 
aUed l^at, xoa» mir burtfi unmittelbare SlnfdEiauung ber 
natürlid^en äSorgänge unb Singe felbft geminnen. Sie 
bemegt fid^ in blutleeren, grauen, falten Slbftraltionen. Sie 
gicbt bie SBärme auf, bie mir an& ber unmittelbaren Se« 
rül^rung mit ben Singen geminnen unb taufd^t bafür bie 
ftälte il^rer abftraUen 39egriffe ein. Unb and^ im HRorali« 
fd^en geigt bie Stantfd^e 9BeltanfdE|auung biefelbe @egenfö^« 
lid^Ieit gegen bie 9latur. Ser rein oernünftige $fIidE|tbegriff 
fd^mebt i^r ate pd^fted oor. ^a» ber ättenfdEi liebt, mogu 
er Steigung l^at: aüt^ ba» Unmittelbar«%atürlid^e im 



— 64 — 

äRenf(|enn)efen mni biefem ^flid^tibeol untetdeorbnet toerben. 
Sogar ix» in bie 9legion bed (Sd^onen l^inein t^eriilgt Stani 
bcn Anteil, bcn bcr 3Rcnf(|, feinen urfprünglic^en Smpfin» 
bungen unb ©efül^Ien naö), ^aben mug. S)ai$ ®d^öne foQ 
ein ößHig „inlereffelofeö'' SBol^Igefallcn l^eröorrnfen. 
§oren mir, wie l&ingebcnb, wie „intercfficrt" Sd^iDer bem 
aScrIc, an htm er bie pd^fle Stufe bcjg Äünfrterif(|en be» 
njunbcrt, gegenübcrftei^l. 6r fagt über «SBill^elm SReifter": 
j,^i) tann ba^ ©efül^I, ba^ mii) beim ßefen biefer Sd^rift, 
unb swar in junel^menbent ®rabe, je xotiia idE) barin 
!omme; burdE)bringt unb befi^t, nid^t beffer aU burd^ eine 
füfee unb innige Sel^aglid^Icit, burd^ ein ©efül^I geifligcr 
unb leiblid^er ©efunbigeit auiSbrüdCen; unb id^ xooUit bafür 
bürgen, bag ed badj[enige bei aQen Sefern im ganzen fein 
mufe. — 3d^ erlläre mir biefeg SBol^Ifein öon ber burd^- 
göngig barin l^errfdEienben rul^igen ^lorl^eit, ©Icttte unb 
S)urdE|fid^tigIeit, bie aud^ nid^t bai^ ©eringfte aurüdCIägt, 
tva^ baQ ©ernüt unbefriebigt unb unruhig lögt, unb bit 
Semegung beiSfelben nid^t meiter treibt (d& nötig ift, nm 
ein frol^Iid^eö ßeben in ben SRenfd^en angufad^en unb ju 
erl^alten." @o fprid^t nid^t jemanb, ber an baö intereffe- 
lofe SBol^IgefaDen glaubt; fonbern ber bie Suft an bem 
©d^önen einer fold^en Serebelung für fällig l^ält, bai eS 
leine @rniebrigung bebeutet, fid^ biefer Suft DöQig l^ingugeben. 
S)aS Sntereffe foQ nid^t erlöfi^en, menn mir bem JSunftmerl 
gegenüberftel^en; mir foQen Dielmel^r imftanbe fein, unfer 
Sntereffe anä^ bem entgegenbringen gu lönnen, ma» S(udflu§ 
beig ©eifteS ift. Unb biefe Wrt bejg Sntereffeö für baöSd&öne foH 
ber „ma^re" 9Renfd^ aud^ ben moralifd^en SSorfteQungen 
gegenüber l^aben. 3n einem Briefe an ©oet^e fd^reibt 
Sd^iQer: „^^ ift mirllidE) ber SJemerhtng mert, ba% bie 
©d^laffl^eit über öft^etifd^e SDinge immer fid^ mit ber mora« 
lift^en @d^Iaff]^eit oerbunben ^eigt^ unb bai ba& reine, ftrenge 
Streben nad^ bem l^ol^en Sd^onen, bei ber l^öd^ften Sibera« 
litöt gegen aüt& wa^ Statur ift^ ben StigoriiSmui? im 
3»oraIifdE|en bei fid) fübren mirb/ 

S)ie Sntfrembung Don ber $atur empfanb Sd^iQer in 



— 65 — 

ter 9Beltanfd^auung, in ber gangen S^iituÜnx, inner« 
^ali beten er lebte, fo ftorl, ba^ er Jte gum ©egenftanbe 
einer S9etra(|tung in bem Sluffa^e ^.Über naioe unb fenti- 
tnentalifd^e ^iä^inriQ'' mad^te. @r oergleid^t bie :^eBeniS- 
anfid^t feiner 3^i^ wiW berjenigen ber ©ried^en unb fragt 
fid^: ,,9ßie tommi t^, ia^ xoxt, hit in allent; xoa^ ilaint 
i\i, Don ben Sllten fo unenblid^ xotxi übertroffen n^erben^ 
ber %atur in einem l^ö^eren ®rabe l^ulbigen, mit Snnig« 
leit an i^r l^angen unb felbft bie leblofe 2SeIt mit ber 
loörmflen Smpfinbung umf äffen lönnen?" Unb er beant- 
wortet biefe tJrage: „Salier lommt eö, weil bie SRatur Bei 
nM avi^ ber äßenfd^l^eit oerfd^munben ift unb mir fie nur 
aufeerl^alb bicfer, in ber unbefeciten SBelt, in il^rer SBal^r» 
j^eit mieber antreffen. 9?ic^t unfere größere 9?atur» 
mägigleit, gang im ©egenteil bie 9taturmibrigleit 
unferer Serl^ältniffe; '^VL^ünht unb Sitten treibt \m^ an, 
bem ermadEienben triebe nadEi äSal^rl^eit unb @impligität^ 
ber, mie bie moralifd^e Anlage, aui^ meld^er er flieget, un« 
befted^lid^ unb unaustilgbar in aOen menfd^IidEien ^ergen 
Hegt, in ber pl^^fifd^en SBelt eine Sefriebigung gu oer» 
fd^affen, bie in ber moralifd^en nid^t gu l^offcn ift. S)eS- 
megen ift ha^ ©efü^I, momit mir an ber 9!atur l^angen, 
bem ©efü^le fo nal^e t)ermanbt, momit mir ia^ entflol^ene 
?ßter ber ^nbl^eit unb ber finblid^cn Unfd^ulb beJEIagen. 
Unfere ftinbl^eit ift bie eingige unoerftümmelte %atur, bie 
mir in ber lultioierten 3ßenfdE|^eit nod^ antreffen, bal^er t^ 
lein SSunber ift, menn uniS lebe Sfugftapfe ber Statur auger 
unß auf unfere Äinbl^eit gurüdtfüJ^rt". S)a0 mar nun bei 
ben ©ried^en gang anberiS. ®ie lebten ein Seben inner« 
]^alb beiS %atürlid^en. Wit^, xoa^ fie tl^aten, lam an^ il^rem 
natörlid^en SSorfteüen, ^Vil^ltn unb Smpftnben l^eraui?. 
Sie maren innig oerbunben mit ber Statur. ®er moberne 
^enfd^ fül^It in feinem SBefen einen ©egenfaft gur Statur. 
Sa aber ber S)rang nadEi biefer Urmutter aVit& SDafeiniS 
bod^ nid^t auiSgetilgt merben lann, fo mirb er fid^ in ber 
moberncn Seele in eine ©e^nfud^t nad^ ber Statur, in ein 
Sud^en berfelben oermanbeln. ^er ©ried^e l^atte Statur; 

@t einer, XBelt« unb Sei&enSanfd^auunoen. 5 



— Ge- 
ber SRoberne fu(f|t %atur. „®o lange ber äRenfc^ nod^ 
reine, eiS oerflel^t ft(|; nic^i ro^e %atur x% wvdt er aU 
ungeteilte finnlidge (Sinl^ett unb ate ein l^armonierenbe^ 
®ange. @tnne unb SSernunft^ entpfangenbeiS unb felbft« 
t^ötige^ äiermögen, l^aben fid^ in il^rem ®efdgäfte nod^ nid^t 
getrennt, Diel weniger [teilen fte im äSiberfprud^ mit ein« 
an ber. Seine (Smp^nbungen ftnb ni(f|t bai^ formlofe Spiel 
beS Svi^o^^f feine @ebanlen ni(|t bai^ gel^altlofe Spiel ber 
SSorfteUungi^baft; aui^ bem @efe|f ber %otn)enbigIeit 
gelten jene, an^ ber 9BirIlid^Ieit gelten biefe l^eroor. 3ft 
ber 9Renfc§ in ben Stanb ber ^Uur getreten, unb l^at 
bie Kunft il^re ^anb an il^n gelegt, fo ifi jene finnlid^e 
Harmonie in il^m aufgehoben unb er lann nur nod^ aU 
moralifd^e ©inl^eit, b. i. aü nad^ ßinl^eit ftrebenb fid(^ 
äugern. S)ie Übereinftimmung gmifd^en feinem (Smpfinben 
unb S)enlen, bie in bem erften S^\tanbt mirllid^ ftatt« 
fanb, ejiftiert jefet blofe ibealifdi; fie ift nid^t me^r in 
il^m, fonbern auger il^m, old ein ©ebanle, ber erft reali« 
fiert werben foD, nid^t mel^r afeSl^atfad^c fcineg ßeben«.'' 
SDie (Srunbftimmung beiS gried^ifdEien ©eifteiS mar nait), 
bie beiS mobernen ifi fentimentalifdEi; bie SBeltanfd^ouung 
bed erften burfte bal^er realiftifd^ fein. Senn er l^atte bad 
©eiftige t)on btm %atürlid^en nod^ nidEjt getrennt; bie %atur 
fd^log für i^n ben ©eift nod^ mit ein. Überlieg er ftd^ 
ber %atur, fo gefd^al^ ti^ ber geifterfüllten %atur gegen« 
über. 3lnberd ber SRoberne. @r l^at ben ©eift oon ber 
%atur loiSgelöft, in ba^ graue Steid^ ber $(bftra!tion erl^oben. 
©öbe er fid^ feiner Statur l^in, fo tl^äte er ed ber geift« 
entblößten %atur gegenüber. Sei^l^alb mug fein ^öd^fteiS 
Streben bem Sbeal augemanbt fein; burd^ bai^ Streben 
nad^ biefem mirb er ©eift unb %atur mieber oerfbl^nen. 
Sn ©oetl^ei^ ©eiftei^art fanb nun Sd^iüer etmaiS ber 
gried^ifdEien Slrt SSermanbtei?. ©oetl^e glaubte, feine Sbeen unb 
©ebanlen mit 3(ugen gu feigen, meil er bie ÜBirllid^Ieit äü 
ungetrennte Sin^eit oon ©eift unb %atur empfanb. Sr 
l^atte fidEi, nadEi Sd^iOeri^ SReinung, tiwa» erl^alten^ gu btm 
ber fentimentalifd^e 9Renfd^ erft mieber lommt, menn er btn 



— 67 — 

©ipfel fcinejg ©trcbcniS crrcid^t. Unb einen fold^en ©ipfcl 
erflimml er eben in beut uon SdEjiDer bef(|ricbenen äftl^eti« 
fc^cn 3wftönb, in bem Sinnlid^Ieit nnb Scrnunft i^rcn 6in- 
JEIang gefunben l^aben. 

^iefe äSelt« unb SebeniSanfd^auung; bie in ©oetl^e auf 
naive äSeife uor^anben, nnb nai) ber Schiller auf allen 
Ummegen bt§ ^enlen^ firebte, l^at nid^t ba» SJebürfniiS 
naä) jener allgemein gültigen SBal^r^eit, bie in ber üRotl^eniatil 
il^r Sbeal erblidtt; fte ift befricbigt oon ber anberen SBal^r- 
^eil, bie Unferem ©cifte fi(| aui^ bem unmittelbaren SSer» 
feiere mit ber roirllid^en SBelt crgicBt. S)ie Srienntniffe, bie 
©oct^e an» ber Sctrad^tung ber ffiunftioerle in Stoßen 
fd)ßpfte, maren gcmife nid^t uon jener unbebingten Si(§er- 
§eit mie bie ©äfee ber ilRatl&cmatif. ®afür maren fte 
au(f| meniger abftralt. SIber ©oetl^e ftanb Dor i^nen mit 
ber Smpfinbung : ®a ift Sßotmenbigleit, ba ift @ott. 6ine 
SBal^rl&ett in bem Sinne, ba^ fie etmaö anbereö fei, afe 
badjenige, mag fid^ aud^ in bem DoQIommenen Sunftmerl 
offenbart, mar für ©oet^e nidEjt oorl^anben. SBa§ bie Äunft 
mit il^ren ted^nifd^en SRitteln: £on, iffiarmor, Sarbe, 
W)r)if)mnB n. f. m. Derlörpert, ba» ift bemfelben SBaJ^rJ^eitd* 
queQ entnommen, an» bem and^ ber $l^iIofopl^ fc^öpft, ber 
aOerbingiS nid^t bie unmittelbar anf(^auli(^en lißittel ber 
S)arfteIIung f)ai, fonbern bem einzig unb aQein ber ©ebanle^ 
bie 3bee felbft gur Verfügung ftel&t. „5ßoefie beutet auf 
bie ©el^eimniffe ber Sßatur unb fud^t jie burd^S Silb ju 
löfen. $]&ilofop]^ie beutet auf bie ©el^eimniffe ber SBer» 
nunft unb fud^t fie burd^ö SBort gu löfen", fagt ©oetl^e. 
aber bie äSernunft nnb bie %atur finb i^m gule^t eine un* 
trennbare @in^eit, benen biefelbe Sßal^rl^eit gu ©runbe liegt. 
@in SrIenntniiSftreben, ba», oon ben fingen lodgelöft, in 
einer abftralten 98elt lebt, gilt il^m nid^t aU ba» pc^fte. 
„'S)a» ^öd^fte märe, %n begreifen, ba^ aUe» gaftifd^e f(f|on 
Sl^eorie ift." 2)ie Släue bt» ^immete offenbart uns ba» 
©runbgefe^f ber garbenerfd^einungen. „^an fudEie nur nid^tS 
l^inter ben ^l^änomenen; fie felbft finb bie ßel^re." SDer 
$ft|d^oIoge ^einrotl^ be^eid^nete in feiner Slntl^ropologie 

6* 



— 68 — 

ba» SDenlen, burd^ ba^ ®otiJ)c gu feinen @tnfi(f|ten in bie 
naturgemäße S3ilbung ber ^flangen nnb Siere gelangte, 
afe ;,gegenftänbKd&eö ©enlen''. 6r meinte bamit, ba% fid^ 
bicfeiS ®enlen oon ben Oegenftänben ni(f|t fonbere; ba§ 
bie .Oegenftänbe, bie SlnfdEiauungcn in inniger S)urd^- 
bringung mit bem S)enlen ftel^en, bag ©oetl^ei^ Genien gu« 
gleidö ein Slnfri^aucn, fein Slnfd^auen gugleid^ ein SDenlen fei. 
Sdfiillcr ift ein feiner Seobad^ter unb ©d^ilberer biefer 
®eifteöart geworben. (5r fdEireibt über fle in einem ©riefe 
an ©oetl^e: „^^i BeobadEjtcnber Slidt, ber fo ftill unb rein 
auf ben S)ingen rul^t, feftt @ie nie in ©efal^r, auf ben 
Slbmeg gu geraten, in ben fomol^I bie ®peIuIation ate bie 
miniürlid^e unb Blog ftd^ felbft gel^ord^enbe SinbilbungS« 
Iraft pd^ fo leidet üerirrt. Sn Sl^rer rid^tigen Intuition 
liegt aOe^ unb meit DoQftctnbiger, roaS bie Slnal^fii^ mül^« 
fam fud^t, unb nur, meil eö afö ein ©angeiS in 3^nen 
liegt, ift 3^nen 3l^r eigener Sleid^tum oerborgen; benn 
leiber roiffen mir nur ba&, roa& mir fd^eiben. ©cifter Sl^rer 
2lrt miffen bal^er feiten, mie meit fie gebrungen fmb, unb 
mie menig Urfad^e fie l^aben, oon ber Sßl&ilofopl^ie gu borgen, 
bit nur oon il^nen lernen lann." 5ör bie ©oetl^efd^c unb 
@dE|iIIcr|dE|e SBeltanfd^auung ift SBal&rl^eit nid^t blofe inner* 
l^alb ber Sßiffenfd^aft Dorl^anben, fonbern aud^ innerl^alb 
ber Sunft. ©oetl^eö SReinung ift biefe: „3(^ benfc, SBiffen» 
fd^aft Ißnnte man bie Kenntnis be^ SBgemeinen nennen, 
baö abgegogene SBiffcn; Sunft bagegen märe SBiffenfd^aft 
gur Sl^at oermenbet; SBiffenfd^aft möre SBernunft, unb Äunft 
il^r äßed^anidmud, beiSl^alb man fie aud^ praltifd^e SSiffen* 
fdEiaft nennen lönnte. Unb fo märe benn enblidEi SBiffen* 
fc^aft ba§ S^eorcm, ffunft baö Problem.'' Sie SBed^fel- 
mirlung beö miffenfd^aftlid^en ©rlenneniS unb beö liinft- 
lerifd^en ©eftaltenö ber ßricnntniö fd^ilbert ©oetl&e: ^,63 
ift offenbar, ba% ein . . . Sünftler nur befto größer unb 
entfd^iebener merben muß, menn er gu feinem S^alente nod^ 
ein unterrid^teter Sotaniler ift, menn er oon ber SBurgel 
an ben @influg ber oerfd^iebenen Seile auf ba^ ©ebei^en 
unb ba^ Sßad^Stum ber $flange, il^re SJeftimmung unb 



— 69 — 

wcd^fclfciligcn SBirlungcn crlcnnt, tocnn er bic fucccfjiD« 
@nttotdlelung btt ä9Iäüer,ä9lumen, SJefrud^tung^gfrud^t unb bt» 
neuen SeimeiS einfielt unb fiberbenlt. @r n^irb atebann 
nt(f|t Blog bur(| bie 9Bal^I aud ben @rfdgetnungen feinen 
©efc^mad geigen, fonbern er roxtb uniS au(f| burd^ eine 
rid^tige S)arfieQung ber @igenf(^aften )uglei(f| in Sermun- 
berung fe^fen.'' @o waltet im lünftlerifd^en Srgeugen bie 
Sßal^rl^eit, benn' ber Sunftftil rul^t, nac§ biefer ^uffaffung/ 
auf ;,ben tiefflen ©runbfeflen ber ßrlennlniß, auf bem 
SBefen ber S)inge, infofern uns erlaubt ifl, eö in pdEil- 
baren unb greiflitfien ©eflaüen gu erlennen/ Sine tjolge biefer 
9(nfi(|t über bie ÜBal^r^eit unb i^re (Srlenntnii^ ift, ba^ 
man ber ^l^antafie i^ren 9(nteil beim 3uftanbeIommen 
bt§ äSiffeni^ augeftanb unb nid^t Blog in bem abftralten 
SSerfianb bad einzige @rlenntnii?t)ermögen fal^. S)ie Sor« 
fteHungen, bie ©oetige feinen Setrad^tungen über ^flanaen« 
unb Sierbilbung ^u ©runbe legte, maren nid^t graue, ab- 
ftralte ©ebanlen, fonbern auiS ber ^^antafie l^eraui? erzeugte 
finnIid^ = überfinnIidE|e Silber. 9iur baQ SJeobad^ten mit 
^l^antafie lann roirfli^ in baS SBcfen ber S)inge fül^ren, 
nid)t bie blutleere Slbftraltion: bieö ift ©octl^eig Über- 
zeugung. @r l^ebt e$ an ©alilei l^eroor, bai biefer beob» 
ad^tete afe ©enie, bem ;,ein Satt für taufenb gilt", 
inbem „er fid^ aui^ fdEimingenben ^rd^enlampen bie 
Seigre beiS $enbeld unb beS gallei? ber jförper tnt^ 
midEcItC. ®ie ^l^antafie fd^afft an bem einen SaBe 
ein inl^altDoOeiS ^ilb bed Sßefentlid^en in ben @r- 
fd^einungen; ber abftrai^ierenbe Serftanb lann nur an& 
ber Kombination^ SSergleidEjung unb ääeredEinung ber @r- 
fd^einungen eine aflgemeine Siegel il^reö SSerlaufeö ge» 
minnen. S)iefer ©laube ©oetl^eiS an bit ©rlenntniiSfäl^ig' 
leit ber ^l^antafie rul&t auf feiner gangctt SBeltauffaffung. 
SBer roie er baö Siaturmiricn in allem fielet, ber lann in 
bem geiftigen Snl^alt ber meufd^tid^en ^l^antafie anä) niä^t^ 
fel&en ate Siaturprobulte. 2)tc ^l^antafiebilber ftnb Siatur- 
probulte; unb ba fie bie 9?atur miebergegeben, lönnen fie 
nur bie Sßal^rl^eit entl^alten, benn fonft mürbe bie %atur 



— 70 — 

ft(| felbft mit biefen Slbbilbern belügen, bie fte t)on ft(^ 
fdgafft. %ur aRenfd^en mit $l^aiitafte lönnen bie pd^fte 
@tufe bei? (Stttnntn^ errei(|en. @ie nennt ©oetl^e bie 
„Umfaffenben" unb ^rStnfd&auenben'' im ©egenfa^ gu ben 
blog ^rSßipegierigen'', bie auf einer niebrigeren (Srienntntd« 
ftufe fielen bleiben. ;,S>ic SBifebegierigcn bebürfen eines 
rul^igen; uneigennü^figen 39lidfed, einer neugierigen Unrul^e, 
eined Ilaren SSerftanbei? . . .; fte oerorbeiten anö) nur im 
miffeufd^aftlitfien Sinne, maS fte uorfinbcn/ «®ic Sln- 
fd^auenben Der^alten fid) fdEjon probultit), unb ba& äSiffen, 
inbem t^ fxi) felbft fteigert, forbert, ol^ne eiS gu bemerlen, 
ba» 9(nfd^auen unb gel^t balgin über; unb fo felgr fidg anc!^ 
bie SBiffenben oor ber Imagination freudigen unb fegnen, 
fo muffen fte bodg, elge fie fidg oerfelgen, bie probultioe 
Sinbilbungölraft au ^ilfe rufen . . . 3)ie Umfaffen* 
ben, bie man in einem ftolgern @inne bie Srfdgaffenben 
nennen lönnte, oerlgalten fidg im pdgften ®inne probultio; 
inbem fte nömlidg oon Sbeen aui^ge^en, fpredgen fie bie 
@in]geit bed ©angen fdgon au$, unb t9 ift gemiffermagen 
nadglger bie ®adge ber %atur, ^dg in biefe^bee gu fügen/ 
SSer an eine foldge Srlenntnidart glaubt, htm lann ed 
nidgt beüommen, über bit (Singefdgränltl^eit ber menfdg« 
lidgen Srienntnii? in ftantfdger SBeife gu fpredgen. S)enn 
ba», meffen ber SRenfdg ate feine SBalgrl^eit bebarf, baiS 
erlebt er in feinem Innern. 2)er Stern ber %atur liegt 
im Snnern bt» 3Renfdgen. 3!)ie SSeltanfdgauung @ott^t» 
unb @dgiIleriS verlangt garnidgt oon ber Sßa^rlgeit, ba^ fte 
eine SBieberlgolung ber SBelterfdgeinungen in ber SorfteQung 
fei, ba^ alfo bie le^ftere im mörtlidgen Sinne mit etmod 
auger btm SRenfdgen übereinftimme. S)ad, tt>a9 im 
SRenfdgen erfdgeint, ift al» foldgei?, aU Sbeeüei?, ald geifti- 
ged (Sein, in leiner Stugenmelt oorl^anben; aber tS ift bad^ 
jenige, wa» aü ®ipfel alled SBerbeni? gule^ft erfdgeint. 2)ed' 
Igalb brandet für biefe SBeltanfdgauung bie SBal^rlgeit nidgt 
allen 3Renfdgen in ber gleidgen ®eftalt gu erfdgeinen. @ie 
lann in i^btm (Singelnen ein inbioibueDed ®epräge tragen. 
XSer bie SBalgrlgeit in ber Übereinftimmung mit einem 



— 71 — 

^ugeren fudjt, für ben giebt t» nur eine gfornt berfelben, 
unb er n^irb mit ftant nad^ berienigen „^Rttap^^fxl" fuc^en, 
bie allein „aU SBiffenfd|aft n)irb auftreten lönnen''. 9Ber in 
ber SBal^rl^eit bie f^ö^fit Sfni(|t aüt» Safeini^ fielet, bai^jenige, 
in bem ba» ^äBeltaü; n^enn t& fx^ felbft entpfinben Ibnnte, 
ate an fein Qitl gelangt, aufj[aud^)en unb ben ®ipfel bei^ 
eigenen SBerbeni^ unb SSefeni^ ben^unbem'' n^ürbe, berlann 
mit ©oetl^e fagen: ^.Jtenne id^ mein SSer^öItniiS ^u mir 
felbft unb %nx Sugenmelt, fo ^eig xä^^» SBal^rl^eit. Unb fo 
lann jeber feine eigene Sßal^r^eit l^aben, unb ed ift bod| 
immer bief eibige/' %id^t in bem, mai^ uniS bie Slugenmett 
liefert, liegt ba» SBefen bed @eind, fonbern in bem, ma9 
ber SRenfd^ in fid^ ergeugt, bl^ne ba% t» fd^on in ber 
Slugenmelt Dorl^anben ifi ©oetl^e menbet fid^ bal^er gegen 
bielenigen, bie burd^ Snftrumente unb obfeUioe SSerfud^e in 
ba» fogenannte ^Snnere ber Statur'' bringen mollen, benn 
;,ber 3»enf(f| an fxä) felbft, infofern er fid^ feiner gefunben 
€inne bebient, ift ber grüßte unb genauefte pl^^ftlalifd^e 
flpparat, ben ed geben lann, unb ba» ift eben ba^ größte 
llnl^eil ber neueren $1^9fil, ba^ man bie @;perimente gleid^« 
fam vom 9Renfd|en abgefonbert l^at, unb blog in bem, 
foa^ Iünftlid|e gnftrumente geigen, bie %atur erlennen, [a, 
mod fie leiften lann, baburd^ befd^ranlen unb bemeifen 
miO.'' Safür ^^e^t fa aber ber äRenfd^ fo l^od|, ba§ ftd^ 
ba» fonft UnbarfteQbare in il^m barfteQt. Sßai? ift benn 
«ine @aite unb aQe med^anifd^e Seilung berfelben gegen ba& 
£)l^r bed 9RufiIer8? 3a, man lann fagen, xoa» finb bie 
elementaren Srfd|einungen ber Statur felbft gegen ben 
Slenfdgen, ber fie alle bänbigen unb mobifigieren mug, um 
fie fid^ einigermaßen affimilieren gu lönnen''. 



— 72 — 

®cr innige SSunb, bcr burd^ ®oti^t, ©d^iHer unb il^re 
Seitgcnoffcn aroifd^cn Sichtung unb SBeltanfd^aunng ge» 
fd^loffen rourbc, ^at bcr legieren int anfange unfcreg Sal^r- 
^unbertiS baQ lebtofe ©epröge genommen, in ba0 fte lommen 
mufe, menn fte fi(| allein in bcr Siegion beö abftral^icrenben 
SSerftanbcö bcmcgl, ®iefer ©unb ^ai als fein Srgebnid 
ben ©lauben geheiligt, bai t^ ein perfönlidEieig, ein inbioi- 
bneUeö ßlement in ber SBeltanfd^auung giebt. ®er HRenfcfi 
ift bered^ligt, fttfi fein Serl^allniö gur SBelt feiner ©igen* 
art gemäfe a« ft^off^n. ®rin Sbeal Brauddt nid^t bai5 
ÄanlfdEie, einer ein für allemal abgefdEiloffenen tl^eorelifd^en 
Slnfd^auung nad^ bem 3Kufier ber äRati^emattl gu fein. 9htr 
auiS ber geiftigen Sltmofpidcire einer fold^en, bie menfd^lidEie 
Snbioibualitöt erl^ebenben Überzeugung lann eine äior« 
fleDung mie biejenige 3ean ^aulS geboren werben: 
„'^a» ^era bed ©eniei^, meld^em aOe anberen ©lang« unb 
^ilfßlräfte nur bienen, l^at unb giebt ein edEjteg ffienn- 
aeidfien, nämli(^ neue SBelt* unb ßebeniSanfdEiauung/ SBie 
lonnte eS ba^ ^enngeid^en bed pd^ft entmidelten HRenfdEien^ 
beiS ©enied, fein, eine neue 3SdU unb SebenSaufd^auung 
%n fd^affen, menn t§ nur eine malere, aUgemein gültige 
Sßeltanfd)auung gäbe, menn bie SBal^rl^eit nur eine ®e« 
ftalt l^ätte? ^tan ^anl ift auf feine Strt ein SSerteibiger 
ber @oetl&efdE|en Slnfid^t, ba^ bei aWenfd^ im Snnern bie 
pd^fte gorm be§ SDafeinS erlebt. @r fd^reibt an Sacobi: 
^@igentlid^ glauben mir bod^ nid^t bie göttlidEie t^rei- 
^eit, ©Ott, S^ugenb, fonbern mir fd^auen fie mirllid^ ate 
fc^on gegeben ober fic^ gebenb, unb biefed @d^auen 
ift eben ein SBiffen, unb ein l^öl^ereS, inbeö ba» SBiffen 
bed SSerftanbeS fic^ blog auf ein nieberei^ @d^auen begiel^t. 
üRan lönnte bie SScrnunft ba» Seroufetfein bt» aDeinigen 
^ofitioen nennen, bcnn alleg ^ofitioe ber Sinnlid^Ieit löft 
fidEi gule^t in ba0 ber ©eiftigleit auf, unb ber SSerftanb 
treibt fein SBefen emig blofe mit bem SRelatioen, ba^ an 
fid^ nid^tS ift, bal^er oor ©Ott ba» üßel^r ober üßinber 
unb alle SSergleid^ungSftufen megfaBen.'' 2)a0 SRedEit, bie 
SSal^rl^eit im Innern gu erleben unb bagu aUe @eelen« 



— 73 — 

iröfte^ mi)i Blog ben logtfd^en Serftanb in SJemegung 
fe^en gu büifen, xoxU ft(| 3eatt $aul burc§ nid^tiS rauben 
iaffen. „S)ad ^er^, bie lebenbige Sßuigel bed SRenfdgen^ 
foll mir bie £rani?fcenbentaIp]^ilDfop6ie nid^t aui? ber 
Sruft zeigen unb einen reinen Xrieb ber 3(|]^eit an bie 
©teöe fe^en; id^ laffe ntidg nid^t befreien von ber 9lb« 
l^ängigleit ber Siebe, um aDein burd^ ^odEimut feiig )u 
n)erben''. @o meift er bie n^eltfrembe ntoralifd^e Orbnung 
Santd unb iixi)M ^urüd „^(^ bleibe babei, bag eiS^ 
mit t)ier le^te, fo mer erfte Singe gebe: Sd^onl^ett, Sßal^r« 
l^eit/ ®ittlid^Ieit unb ®eligleit, unb bag bie (Stintl^efe 
baoon nid^t nur notn)enbig, fonbern auä^ fd^on gegeben 
fei, nur aber (unb barum ift fie eben eine) in unfag« 
barer geifiig::organifd^er ©inl^eit, ol^ne meldte mir an 
biefen oier (SDangeliften ober äSeltteilen gar lein SSer* 
fiänbnii^ unb leinen Übergang finben lönnen.'' 2)er nad^ 
äugerfler logifd^er Strenge oerfal^renbe SSerftanb mav in 
9ant unb t^id^te fo meit gelommen, bie felbftänbtge S9e« 
beutung beiS 9ßirIlidE)en, SebeniSDOÜen gu einem bloßen 
@dE|ein, gu einem Sraumbilb ^erabgufe^en. S)iefe Sln^ 
fdgauung mar für pl^antafieooDe HRenfd^en, bie baiS Seben 
um bie ®eftalten i^rer @inbilbungi$Iraft bereid^erten, un« 
erträglidEj. S)iefe äReufd^en cmpfanben bit SBirflid^Ieit, fie 
mar in il^rem Sßal^rnel^men, in i^rer Seele gegen« 
mörtig; unb fie foQten fx^ beren bloge Sraumigaftigleit be- 
meifen laffcn. ^Sie Scnftcr ber pl^ilofopl^ifd^cn 8lubi* 
torien ftnb %n ^o^, ate ba^ fie auf bie ©äffen btS 
mirllid^en SebeuiS eine 9(ui^ftd^t gemö^ren'', fagt ba^er 
3ean $aul. 

OidEjte ftrebte nad^ reinfler, l^öd^fter SSernunftmal^rl^eit. 
@r entfagte allem ÜBiffen, ba» nxö^i aud btxn eigenen 
Snnern entfpringt, meil nur au& biefem ©emigl^eit ent« 
fpringen lann. 2)ie (Segenj^ömung gu feiner SBelt« 
anfd^auung bilbet bie Stomantil. t^id^te lögt nur bie 
SBal^rl^eit gelten, nnb ba^ innere bt^ üßenfd^en nur info« 
fern, ate eö bie SBa^rl^cit offenbart; bie romantifd^e SBelt- 
anfd^auung lögt nur ba^ innere gelten, unb erffört aQed 



— 74 — 

für toal^rl^aft wtävoU, wa» an& biefem Snnern entfpringt. 
2)aiS 3d^ foQ burd^ ntd|tö äugerei? gefeffelt fein, mt», 
xoa» t^ fd^afft, ^at feine 39ered|tigung. 

9Ran barf Don ber 9lomantiI fagen, bai fte ben 
Sd^iQerf d^en Sa^f: /^S)er 9Renfd^ fpielt nur, mo er in 
ooUtt Sebeutung beS 3Sotit^ JRenfd^ ifi, unb er ift nur 
ba gana SRenfdE); n^o er fpielt^' Ix» ^n feinen öugerften 
^onfequengen verfolgte. @ie n^iU bie gange SSelt gu einem 
SReid^ bt» ftünftlerifd^en ntad^en. S)er t)oIIentn)idfelte 9Renfd^ 
Jennt leine anbere %orm ald bie ©efe^e, bie er mit frei 
moltenber (SinbilbungiSlraft ebenfo fd^afft mie ber Stünftler 
bieienigen, bie er feinem SBerle einprägt. @r erl^ebt fid^ 
über aUt», mai^ x\)n t)on äugen beftimmt, unb lebt gang 
an» ftd^ l^erauiS. Sie gange SBelt ift il^m nur ein Stoff 
für fein öftj^etifd^ei? Spiel 2)er Srnft bei? Slltagd« 
menfd^en ift il^m fremb. @r lann bie S)inge nid^t an ftd^ 
emft nel^men, benn fte finb i^m nid^t an fid^ mertDoD. 
€r ift ed oielmel^r felbft, ber i^nen einen SBert oerleil^t. 
S)ie Stimmung bed ®eiftei?, ber fid^ biefer feiner Sou« 
Derönttöt gegenüber ben Singen bemugt ift, nennen bie 
9tomantiIer bie ironifd^e. Jtarl SBil^elm gferbinanb 
Solger (1780—1819) l&at oon ber romantifdEien Sronic 
bie @rllctrung gegeben: ,,@i? mug ber ®eift bt» Stünftlerd 
aQe Slid^tungen in einem alled überfd|auenben Slidt gu- 
fammenf äffen, unb biefen über ätllem fd^mebenben, 
Stiles oernid^tenben Slidt nennen mir Sronie.'' 
Sriebrid^ Sd^legel (1772—1829), einer ber Stimm- 
fül^rer ber romantifd^en ®eiftei?rid^tung, fagt oon ber iro- 
nifd^en Stimmung, ba% fit „aütS überfielet unb fidg über 
aQei? Sebingte unenblidg erl^ebt, anä^ über eigene ftunft, 
Sugenb ober Genialität''. äBer in biefer Stimmung lebt, 
fül^lt fid^ burd^ nid^td gebunben; nid|ti? beftimmt il^m bie 
Stid^tung feinet Xl^uni?. Sr lann „nad^ belieben pl^ilo« 
fop^ifd^ ober pl^ilologifd^, Iritifd| ober poetifd|, l^iftorifd^ 
ober rl^etorifd^, antil ober mobem ftd^ ftimmen'^ Der 
irontfd^e ®eift läd^elt über eine Sal^rieeit, bie ftd^ oon bei; 
fiogil feffeln loffen miD; er l&d^elt aber aud^ über eine 



— 75 — 

etoige, ntoralifd^e SBeltorbnung. 3)enn nid^tiS fagt il^tn, 
toad er if^nn \oü, al» allein er felbft. ^a» i^m geföQt, 
foQ ber 3tont!er tl^un; benn feine ®ittUd^Ieit lann nur 
eine äftl^etifd&e fein. ®ie SRontantiler ftnb bie ßrben be§ 
3fi(|tefd^en ©ebanleni? Don ber (Singigleit bed 3<^* ^ber 
fle n^oQten biefed 3(| nic^t mit Semitnftibeen unb mit 
einem moralif(|en ®lauben erfüllen mie jener, fonbern 
beriefen fi(| vox allem auf bie freicfte, burd& nid^tiS gebun» 
bene Scelenftraft, auf bie ^l^antafie. S)aö ©enlen mürbe 
bei i^nen DÖIIig Don bem S)id^ten aufgefogen. 3iovali&, 
ber licbcnSmürbigfte ber SRomantilcr, fagt: „(B» ifl re(§t 
übel, ba% bie $oefie einen befonberen %amen l^at unb bie 
3)id^ter eine bcfonbere S^J^ft aui^mad^en. (SS ift gar 
nid^tS äJefonberej^. (S^ ift bie eigentümlidEie $anb- 
lungi^meife bt» menfdglid^en ®eiftei^. 3)id^tet unb 
tradEitet nid^t jeber SKenfd^ in icber SRinute?" SDaiS attein 
mit ftd^ befd^öftigte 3* fann m &er ^öd^ften SBal&r^eit 
Jommen: „e5 bünit bem SRenfd^cn, afo fei er in einem 
©efpräd^ begriffen unb irgenb ein unbclannteö geiftigeS 
SBefen Deranlaffe il^n auf eine munberbare SBeife gur (SnU 
midtelung ber eoibenteften ©ebanlen". 3nt ©runbe 
moQten bie Stomantiler nid^tiS anbered, aU xoa^ aud^ 
©oetl^e unb ®d^iQer gu i^rem SelenntniiS gemad^t l^aben: 
eine Slnftd^t über bcn 3Kenfd|en, bie biefen fo uoDIommen, 
fo frei mie möglidE) erfd^einen lögt. Slber biefe l^aben il^re 
Snfd^auungen an^ f eften , unerf dEjütterlid^en ©runblagen 
l^erauiS ermad^fen laffen. (Sd^iQer ift burd^ unabläffigeiS 
p^ilofopl^ifc^eiS Genien, ©oetl^e burdt} bie @rforfd^ung ber 
%atur in il^rer ©efe^fmägigleit gu einem freien Sebend« 
ftil aufgeftiegen. 

(Spider lannte bie Sragmeite ber äSernunftnotmenbig« 
leit, ald er Don bem maleren äRenfd^en verlangte, ba% er 
fid^ von xf^t befreien folle; unb ©oetl^e lonnte fid^ gum 
JtultuiS ber Sd^önl^eit belennen, benn für il^n maren bie 
l^ödlfien ftunftmer!e nad^ maleren, notmenbigen ©efe^fen ber 
%atur gebilbet. S)ie 9lomantiIer fprangen aber gleid|fam 
mit einem @a|fe in ba» Sanb ber öftl^etifd^en Sreil^eit 



— 76 — 

l^incin; ftc eroberten cS fid^ nid^t mill^f am, fonbern er^^ 
Horten Txd) bnxd) ÜRad^tfprüd^e gu feinem ä3eft^er. 3(ud^ 
©oetl^e Igat fein Sbeal ron $flid^t barin gefeiten, bai man 
„liebt, maS man fid^ felbft befiel^It"- 8lber er mar unab» ^ 

teffig bemül^t, nur im ©inne bet tiefftcn ©runblagen bci^ 
@riennenS ba» SBal^re gu fud^en. Unb auf biefem SBege 
ftrebte er aud^ nad^ ber maleren 5{unft. 



< 



pe Itlafftker htt Pelt- mh iebensaitfdiaimng. 



9Bie ein Sid^tbli^, ber innerl^aK ber 3BeItanfd^auungi^« 
cntioidelung erl^ellenb naä) xüdroäxtB unb oortpärtiS toirlt, 
erfd^cint ein Saft, bcn gfriebrid^ SBill^elnt Sofepl^ 
©d^clling (1775—1854) in feiner „Siaturplpilofopl&ie" 
ctu^gefprod^en l^at: ^^Über bie Statut pl^ilofopl^ieren l^eigt 
foriel old bie $atur fd^affen^'. SBooon ©oetl^e unb Sd^iQer 
burd^brungen n^aren: ba% bie probultioe $l^antafie il^ren 
Slnteil bei @rfd^affung ber 3BeItanfd§auung l^aben muffe, bem 
giebt biefer ®a^ einen monumentalen 9(ui^brudt. 9BaiS bie 
Statur und freimiQig giebt, menn mir fie beobad^ten, an« 
f d^auen, mal^rnel^men : bai^ entl^ält nid^t il^ren tief ften ®inn. 
liefen ®inn lann ber SRenfd^ nid^t von äugen aufnel^men. 
(St mufe il^n fd^affen. 

3u fold^em ©d^affen mar Sd^ellingd ®eift befonberd 
veranlagt. Sei il^m ftrebten aQe ©eiftedircifte nad^ ber 
$]^anta^e 6in. @r ift ein erfinberifd^er Jfopf ol^ne gleid^en. 
Slber feine @inbiIbungiSlraft bringt nic^t 33ilber l^eroor, 
mie bie lünfllerifd^e, fonbern Segriffe unb Sbeen. ®urd§ 
biefe feine ©eiftedart mar er ba^u berufen, bie ©ebanlen« 
gonge gfid^ted fortjufe^en. Siefer befag bie probultioe 
^l^antafie nid^t. @r mar mit feiner SBal^rl^eiti^forberung bii^ 
gum feelifd^en Zentrum be§ 9Renfc^en gelangt, ii» jum 
„3<^". SBenn biefeS ber Duellpunit fein foU für bie 
SSeltanfd^auung, fo mu§ berjenige, ber auf biefem ®tanb« 
punite ftel^t, aud^ in ber Sage fein, oom 3d^ aui^ gu inl^alt* 
oollen ©ebanlen über bie SBelt unb ba» Seben ju gelangen. 



— 78 — 

S)aiS lann nur mit ^ilfe ber @inbtÜ)ungi^!raft gefd^el^en. 
Sie ftanb ($id^te nid^t gu ©ebote. ^tS^alb blieb er im 
®runbe fein gangeS Seben lang bobei [teilen, auf bai^lgd^ 
l^ingubeuten unb gu fagen, mie t» einen ^n^aü an ®e« 
banlen gewinnen muffe; aber er mugte il^m felbft leinen 
fold^en gu geben. 9Bir erfel^en bied Ilar aui^ ben Sor« 
lefungen, bie er 1813 an ber berliner Unirerfität über 
,,9Biffenfd^aftöIe]^re" gel^alten ^ai (ätad^gelaffene SBerle. 
1. 99anb). @r forbert ba für benjenigen, ber )u einer 
SBeltanfd^auung lommen miQ „ein gang neueiS innerei^ 
Sinnei^merlgeug, burd^ meld^eiS eine neue SBelt gegeben 
mirb, bie für ben gemö^nlid^en äRenfd^en gar nid^t rorl^anben 
ift"". Slber fjfid^te lommt nid^t über biefe fjforberung einei» 
neuen ®innei^ ^inauiS. SBai^ ein folc^er Sinn mal^rnel^men 
foQ, bai^ entmidtelt er nid^t. Sd^elling fielet in ben ®t» 
banlen, bie il^m feine ^l^antafie vor bie Seele fteQt, bie 
(Srgebniffe biefeS l^öl^eren Sinnei^, ben er inteQeltueQe Sin« 
fd^auung nennt, ^^n, ber alfo in bem, mag ber ®eift 
über bie %atur auiSfagt, ein @rgeugnii^ fielet, bai^ ber ®eift 
fd^afft, mufete oor atten ®ingen bie fjtöge intereffieren: 
9Bie lann baB, roa& an» bem ®eifte ftammt, bod^ bie mirl« 
lid^e, in ber Statur maltenbe ®efe^mö§igleit fein? (Sr 
menbet fid^ mit fd^arfen 9(uiSbrüdten gegen biejenigen, meldte 
glauben, ba% mir unfere Sbeen ;,auf bie Statur nur über* 
tragen''/ benn „fie ^aben leine Sd^nung baoon, mad un^ 
bie %atur ift unb fein \oü, . . . benn mir moQen nid^t, 
bai bie Statur mit ben @efe$en unfereiS ®eifted gufäQig 
(ctma burd^ SSermittelung eines Sritten) gufammcntreffe, 
onbern, ba^ fie felbft notmenbig unb urfprünglid^ bie®e« 
e^e unferej^ ®eifteiS — nid^t nur audbrüde, fonbern felbft 
realifiere unb ba^ fie nur infofern Statur fei unb ^ainx 
i^eige, ate fte bied i^&ie ... Sie ^atur foD ber ftd^tbare 
®eifi, ber ®eift bie unftd^tbare Statur fein. $ier alfo, in 
ber abfoluten Sbentität bei^ ®eified i n und unb ber Statur 
auger uniS, mu§ fid^ bai^ Problem, mie eine Statur auger 
uns möglid^ fei, auflöfen\ «atur unb ®eift fmb alfo 
überl^aupt nic^t gmei rerfd^iebene SBefenl^eiten, fonbern eine 



— 79 — 

itnb biefelbe SSefenl^eit in gmei Derfd^iebenen ^oimtn. 2)if 
eigentlid^e SRetnung Sd^eQingi^ über biefe @in]^eit oon 
%atur unb ©eifi ift feiten richtig erfagt n)orben. 9Ran 
tnu§ ftd^ gang in feine SorfieQungi^ad rerfe^en, n)enn man 
bantnter nid^t eine £rit)ialität Dber eine ^bfurbitöt Der* 
ftel^en n)iU. ^ier foQ, nm biefe SorfteQungiSart gu oer» 
beullid^en, auf einen @a^ in feinem Snd^e „Üon berSBelt« 
feele'' l^ingemiefen merben, in bem er fid^ über bie %ator 
ber Sd^merlraft aui^fprid^t. Stiele feigen eine ©d^mierigleit 
in biefem Segriffe, meil er eine fogenannte ;,3Bir{ung in 
bie iJerne'' Dorauöfcftt. S)ie Sonne mirft angiel^enb auf 
bie ®rbe, tro^bem nid^td jmifd^en ©onne unb @rbe ift^ 
Toai^ biefe Slngiel^ung oermitteli. ÜRan mug fid^ beulen, 
bai bie Sonne burd^ ben 9taum l^inburd^ il^re SBirlungiS« 
fpl^äre auf Orie auSbel^nt, an benen fie nid^t ifi 3)ie« 
jenigen, bie in grobfinnlid^en äJorfteQungen leben, feigen in 
einem fold^en ©ebanlen eine Sd^mierigleit 23ie tonn ein 
Sörper ba mirlen, mo er nid^t ift? Sd^eQing feiert ben 
gangen ©ebanlenprogeg um. @r fagt: „(S^ ift fel^r mal^r^ 
bai ein jtörper nur ba mirlt, mo er ift, aber ed ift 
eben fo malgr, bag er nur ba ift, mo er mirlt/ 9Benn 
mir bie @onne burd^ bie Slngiel^ungi^haft auf unfere (Stbt 
mirlen feigen, fo folgt barauS, bag fie ftd^ in il^rem Sein 
biiS auf unfere @rbe erftredtt unb ba% mir lein fRtä^i l^aben^ 
ü^r 3)afein nur an ben Ort gu oerfe^en, an bem fte burd^ 
ii^re Sid^tbarleit mirlt. 5Die Sonne gel^t mit il^rem Sein 
über bie ®rengen i^inauiS^ innerl^alb bereu fte fidE)tbar ift; 
nur einen Seil il^reiS äßefenS fielet man; ber anbere giebi 
fid^ burd^ bie Slngiel^ung gu erlennen. So ungeföl^r muffen 
mir uni^ au^ ba§ Serl^öltnid beS ©eifteiS gur %atur benlen. 
S)er @eift ift nid^t nur ba, mo er malgrgenommen mirb, 
fonbern and) ba, wo er mal^rnimmt. Sein 3Befen erftredtt 
ftd^ bid an bie fernften Orte, an benen er nod^ ©egenftänbe 
beobad^ten lann. @r umfpannt unb burd^bringt bie gange 
il^m belannte %atur. SBenn er ba» ®efe^ eineiS öugeren 
SorgangeiS beult, fo bleibt biefer SSorgang nid^t äugen 
liegen, unb ber ©eift nimmt blog ein Spiegelbilb auf, fonbern 



— 80 — 

biefer ftrömt fein 3Befen in ben SSorgang l^inein ; er burd§« 
bringt ben SSorgang, unb n)enn er bann ba^ ®efe^ be^^ 
felBen finbet, fo fprid^t nid^t er eS in feinem abgefonberten 
®el^irnn)inlel au»; fonbern baB ®efe^ fprid^t fid^ felbft 
aus. 2)er ®eift ift bortigin gegangen, mo baiS ®efe^ n)irlt. 
^ätte er eiS nid^t bead^tet, fo "fyäitt e§ anä) Qtxoitti; aber 
e$ n)äre nid^t auSgefprodEjen n)orben. S)a ber @eift in ben 
Vorgang gleid^fam l^ineinlried^t, fo wirb ba^ ©efefe anä) nod^ 
aufeerbem, ba^ eö ©irlt, afe ^bet, ate Segriff auöge- 
prod^en. 9iur, wenn ber @eift auf bie 3iainx leine Slüdt- 
td^t nimmt, unb fid^ felbft anfc^aut, bann lommt ed il^m 
Dor, aü menn er abgefonbert oon ber %atur möre, mie e» 
bem 8luge oorlommt, ba^ bie Sonne innerl^alb einei^ gemiffen 
SlaumcS eingefdjloffen ift, menn baoon abgefel^en roirb, bai 
fie anä) ba ift, mo fie burd^ Stngiel^ung mirlt. Saffe idg 
alfo in meinem ©eifte bie Sbeen entftel^en, bie 9?aturgefefee 
auiSbrüden, fo ift ebenfo mal^r, mie bie eine 33e]^auptung : 
bai id) bie 3tainx fd^affe, bie anbere: ba^ fid^ in mir bie 
3taiüx felbft fd^afft. 

ätun giebt e» gmei 9RögIid§Ieiten, ba» eine SBefen, 
ba» ©eift unb 9iatur jugleid^ ift, gu befd^reiben. ®ie eine 
ift: id^ geige bie ^aturgefe^e auf, bie in 3BirIIid§Ieit tl^ätig 
finb. Ober id^ geige, mie ber ©eift t» mad)i, um gu 
biefen ©efe^en gu lommen. Scibe male leitet mid^ cineS 
unb baSfelbe. ^a» eine mal geigt mir bie ©efe^mägigleit, 
mie fie in ber $atur mirifam ift; bai^ anbere mal geigt 
mir ber ©eift, maS er beginnt, um fid§ biefelbe ©efeft- 
mägigleit oorgufteDen. 3n bem einen t^aQe treibe id^ 
Sßatur«, in bem anberen ©eifteömiffenfd^aft. SBie biefe beiben 
gufammengepren, befd^reibt Sd^eDing in angiel^enber SBeife: 
^S)ie notmenbige S^enbeng aller Siaturmiffenfd^aft ift, oon 
ber %atur aufiS ^nteQigente gu lommen. 3)ieiS unb nid^td 
anberei^ liegt bem S3eftreben gu ©runbe, in bie ^atur« 
erfd^einungen S^l^eorie gu bringen. S)ie pd^fte S$erooD' 
lommnung ber ^taturmiffenfd^aft märe bie ooQIommene SSer« 
geiftigung aDer %aturgefe^e gu ©efe^en bei^ Slnfd^aueniS 
unb bt» Senleni^. S)ie $]^änomene {ba» ÜRaterieQe) muffen 



— 81 — 

vöUiq rerfd^tDtnben uni) nur bie ®efe^e {ba^ fjformelle) 
bleiben. 3)aber lommt e», ba^, je mel^r in ber Statut 
felbft ba§ ©efe^mägige l^erDorbrid^t, befto me^t bie ^üDe 
rerfd^minbet; bie $]gänomene felbft geifiiger n^erben unb 
jule^t oöQig aufpren. S)ie optifd^en $]^änontene finb nid^tö 
^nbextS ate eine ©eontelrie, beren Sinien burd^ ba» Sid^t 
gcgogen werben, unb biefeS Sidjt felbft ift fd^on gmei» 
beutiger aRatcrialitöt. 3n ben (Srfd^einungen beS SRagne- 
ixBmu» Derfdgminbet fd^on aQe materieQe ®pur, unb ron 
ben $]^änomenen ber Sd^roerfroft, weld^e felbft Statur- 
forfd^er nur als unmittelbar geiftige ©inroirlung — SBirlung 
in bie Qfcrne — begreifen gu Ißnnen glaubten, bleibt nid^tiS 
jurüd aU i^x ©efefe, beffen SfuSfül^rung im ©rofeen ber 
SRed^aniiSmuiS ber ^immeL^bemegungen ift. S)ie roDenbete 
Zl^eorie ber Sf^atur mürbe bicjenige fein, Iraft meld^er bie 
ganje 9?atur fid^ in eine Sntelligeng auRöfte. S)ie toten 
unb bemugtlofen ^robulte ber Statur finb nur mißlungene 
S8erfuc6e ber 5ßatur, fid^ felbft ju refleftieren, bie fogenannte 
tote %atur aber überhaupt eine unreife SnteQigens, bal^er 
in il^ren $]&änomenen nod^ bemu§tlo0 fdgon ber intelligente 
Sl&arolter burd^blidt. ®aS l^ödlftc 3iel, fidt) felbft gang 
Dbjelt gu werben, erreid^t bit Siatur erft burt^ bie pd^fte 
unb leftte SlefleEion, meldfte nid^tiS anbereiS olS ber aRenfd^, 
ober aQgemeiner bas ift, wa» mir Vernunft nennen, burd^ 
meldte guerft bie %atur ooQftänbig in ftd§ felbft gurüdKel^rt, 
unb moburd^ offenbar mirb, ba^ bie %atur urfprünglid^ 
ibentifd^ ift mit bem, wa^ in un^ aU ^uteDigenteiS unb 
SemufeteS erlannt mirb.* 

3n ein lunftooIleiS 9{e^ oon ©ebanlen fpann @d^eDing 
bie Sl^atfad^en ber %atur ein, fo bai aQe il^re @rfd^einungen 
mie ein ibealer l&armonifdöer Crgonii^mui^ oor jeiner 
fd^offenben ^l&antafie ftanben. 6r mar befeelt oon bem 
©efül&l, ba^ bie Sbeen, bie in feiner ^l^antafte erfd^einen, 
aud^ bie roal&ren fd^opferifd^en Äröfte ber Sfiaturoorgönge 
feien, ©eiftige Äröfte liegen alfo ber 3tatm ju ©runbe; 
unb xoa» unferen 9(ugen aU tot unb lebloiS erfd^eint, ba^ 

©tetner, SSelt« unb Sei&enSanf(|auungen. 6 



— 82 — 

flammt urfprünglid^ aud ©etftigem. SSenn mit unferen 
®eift barauf rid^ten, bann legen mit bie Sbeen, ba^ ©eiftige 
ber 9iotur frei. @o finb für uns, im Sinne ©d^ellingö, 
bic Salurbingc Offenbarungen beS ©ciftcö, l^inter beren 
äußerer ©üUe er fid^ gleid^fam verbirgt. 3n unferm eigenen 
3nnern ^eigt er jid^ bann in feiner rid^tigen ©eftalt. SBir 
n)iffen baburdg, ma» ®eift ift unb lönnen bed^alb auc^ 
ben in ber Salur oerborgenen ®cift roieber finben. S)te 
Weif roie Sd^eHing bie 5ßalur alö ©eift in fiä) roieber 
erftel^en lögt, Igat etmaiS SSerwanbteiS mit berjenigen, bie ©oet^e 
bei bem rolllommenen Äüitftler anjutreffen glaubt. 5)iefer 
oerföl^rt, nad^ ©oetl&eS ÜReinung, bei bem §eroorbringen 
ber Äunftroerle mie bie 9iatur bei i^ren Sd^öpfungen. Sir 
hätten olfo in btm Schaffen beS ÄünftlerS benfelben Vor- 
gang Dor uniS, burd^ ben aud^ dUeQ baSjenige entftanben ift, 
mas in ber äußeren SJatur oor unS ouögebreitet liegt 
aSaS bit Statut unferen Slidfen entjiel&t, baB ftellt fid) unS 
in bem lünftlerifd^en ©d^affen ma^rnel^mbar bor. S)ie 
Sfiatur geigt unS nur bie fertigen 3Berfe; roie fie t^ gemad^t 
^ai, um fie fertig gu bringen : ba^ muffen mit anß biefen 
SBerfen erraten SBir l^aben bie ©efd^öpfe üor unö, ntd^t 
ben @d)öpfer. 93eim ffiünftler nel^men mir ®d)öpfung unb 
©efd^öpf gugleid) ma^r. @d^elltng miQ nun burc^ bie @r« 
jeugnijfe ber ^Äatur gu i^rem @d|affen burd^bringen ; er 
t)erfefet fid^ in bie fc^affenbe Statur l^inein unb lögt fie in 
feiner Seele fo entfielen, mie ber ffiünftler fein ^unft» 
roerl entfielen lägt. 3Bai5 finb alfo, ber SKeinung ©d^eHing^ 
nad§, bie ©ebanicn, bie feine 25JeItanfd^auung entl^ält? 6^ 
finb bie Sbeen bcS fdjaffenben Saturgeiftc«. SBa§ ben 
S)ingen üorangegangen ift unb fie gefd^affen ^ai, ba^ taudbt 
im eingelnen 3Renfdt)engeifte aU ©ebanle auf. S§ üerl^ält 
fid^ biefer ©ebanle gu feinem urfprüngltdien mirllid&en 
®afein fo, mte fid^ ba^ ©rinnerungSbilb an ein Srlebnii^ 
|u biefem SrlebniiS felbft vet^SLt So roirb bie menfrfilid^e 
ffiiffenfd^aft für Sd^eHing gu einem SrinnerungSbilbe an 
bie Dor ben SDingen fdiaffenben geiftigen SSorbilber. Sin 
göttlid^er ©eift l^at bie 3BeIt gefd^affen; er fd^afft gulefct 



— 83 — 

and) nod^ bie SRenfd^en; unt fid^ in il^ren (Seelen ebenfo 
mele äSerlgeuge ^u bilben, burd^ bie er fid| an fein ©d^affen 
erinnern lann. ©dbeüing \vL^\i ftd^ alfo, roenn er fid^ 
ber Setrad^tunn ber äBelterfd^einungen l^ingiebt, gar nid^t 
ate ©injetoefen. 6r erfd^eint fid| wie ein S^eil, ein 
©lieb ©otleS. 6r benft nid^l, fonbern @ott benit in 
il^nt. ®olt Befd^aut in il^m feine eigene fdEjöpferifd^e 
S^ätiglcit. 

3n btm §ert)orBringcn beS ShinftroerleS erblidÖ ©d^eüing 
eine SBeltfc^öpfung int Meinen; in ber benfcnben Selradi» 
tung ber S)inge eine (Erinnerung on bie SSeltfd^öpfung im 
großen. 3n ber 3Beltanfd^auung treten bie Sbeen felBft 
in unferem ©eifte auf, bie ben Singen p ©runbe liegen 
unb fie ]&eroorgebradE)t §aBen; roir loffen auß ber SBelt 
alleö roeg, roa§ bie Sinne über fie auSfagen, unb bel^alten 
nur basjenige, roaS ba^ reine ®enlen liefert. 3tn ©diaffen 
unb ©eniefeen beö ^unfiroerle^ tritt bie innige ®urd^- 
bringung ber 3bee mit beut, roaS ben Sinnen fic^ offen- 
bart, auf. 5ür ©dieffingS «nftd^t ftel^en alfo SRatur, Sunft 
unb SBeltanfd^auung (^^ilofopl^ie) einanber fo gegenüber, 
ba^ bie 9iatur bie fertigen, äugercn ßr^eugniffe barbietet, 
bie 3BeltanfdE)auung bie er^eugenben Sbeen, bie Äunft beibeö 
in l^armonifd^em 3ufoinntenn)irfen. ®ie fünjilcrifdöe S^l^cttig» 
feit ftel^t in ber SKittc groifd^en ber fdiaffenbcn Statut, bie 
l^eroorbringt, ol^ne von ben Sbeen ^u roiffen, auf ©runb 
beren fie fd^afft, unb beut benlenben ©eifte, ber biefe Sbeen 
rocife, ol^ne mit il&rer §ilfc anä) bie SDinge fdEjaffen gu 
lönnen. Sd^eHing brüdtt bie§ in bem Sa^e an^: ^S)ic 
ibealifd^e SBelt ber SJunft unb bie reelle ber Dbjelte finb 
alfo ^robulte einer unb berfelben Sl^ätigleit; bo§ 3^^* 
fammentreffen beiber (ber bemufeten unb bemufetlofen) ol&ne 
S3emu§tfein giebt bie roirflid^e, mit Semufetfein bie äft^e- 
tifd^e SBelt. 2)ie objeftioe SBelt ift nur bie urfprünglid^e, 
no(| beroufetlofe $oefie bt^ ©eifteö, ba^ allgemeine Drganon 
ber 5ßlöilofop]&ie — unb ber ®d)lu6ftein il^reö gangen ©e- 
mölbejg — bie ^^ilofopl^ie ber Sunft." 

®ie geiftigen Sl^ätigleiten bt2 SKenfd^cn: benicnbe Se« 

6* 



- 84 - 

trad^lung bcr SBcIt unb lünfllcrif d^cö ©d^affen, crfd^cincn 
@d^eDing nid^t nur ate inbioibueQe Serrid^tungen ber 
Singclpcrfönlid^Icit, fonbcrn, tocnn fic in il&rcr pd^ftcn 2c- 
beutung erfaßt merben, jugleid^ al§ 93erri(|tungen bt» Vit» 
loefenS, ®otted. 3n n)a]^r]gaft bitl^tirambifd^en Selben 
fd^ilbert @c^eQtng baiS ©efül^I, ba» in ber ®eele auflebt, 
wenn fte gemal^r wirb, ba§ il^r Seben nid^t blog ein inbi« 
DibueQe^, auf einen $unlt be» Unioerfumi^ befd^rönlteiS ift, 
fonbern, bag il^r £]^un ein göttIid^«aQgenteinei^ ifi. äSenn 
fie fagl: ic^ weife, id^ erlenne, fo l^eifet ba^, in l^öl^erem 
Sinne, ©oll erinnert fid^ an fein Sl&un vor beut ®afein 
ber Singe; unb wenn fie ein ^unflwerl l^erDorbringt, fo 
i^eifel ba^: @oll wieberl^oll im Keinen baiSfelBe, wai^ er 
bei ber @d§öpfung beS Stalurgangen int großen ooQbradit 
l^at. „2)ie ©eclc ifl alfo int üßenfd^en nid^l ba» ^rin^ip 
ber Snbioibualitäl, fonbern bai^, woburd^ er fid^ über aQe 
Selbfll^eil erl&cbl, woburc^ er ber Aufopferung feiner felbft, 
uneigennüftiger ßiebe, unb, xoa^ ba^ §öd^fte ift, ber Se» 
tradCjlnng unb SrlenntniS bt» äBefeni^ ber S)tnge, eben 
bamit ber Äunfl fällig wirb. Sie ift nid^t mclör mit ber 
äRaterie befd^öftigt, nod§ oerlel^rt fte unmittelbar mit il^r, 
fonbern nur mit bem ®etft, afe btm Seben ber ®inge. 
Slud^ im Sörper erfd^einenb, ift fie bennod^ frei oon bem 
Körper, beffcn SSewufelfein in i^r, in ben fd^önftcn Sil- 
bungen, nur wie ein leidster S^raum \ä)wtbi, oon btm fie 
nid^t geftört wirb. Sie ift feine Sigenfd^aft, lein Scr- 
mögcn, ober irgenb eiwa^ ber 3lrt inöbcfonbcre; fie weife 
nid^l, fonbern fie ift bie SBiffenfd^aft, fie ift nid^t 
gut, fonbern fie ift bie ®üte, fie ift nid^t fd^ön, 
wie ej? aud^ ber Äßrper fein lann, fonbern fie ift bie 
©diönl^cit felber." (Über ba» SSerpItnii^ bcr bilbenbcn 
Äünftc gur 3iatur.) 

@ine fold^e SSorftcQungdart Hingt an bie beutfd^c 
SR^fti! an, bie einen SRepräfentanten in Sacob Söl^mc 
(1575—1624) l^atte. Sd^eÖing genofe in W:ünä)en, wo er 
1806 — 1841 mit lurgcn Untcrbret^ungen war, ben an- 
legcnben Umgang mit tStan^ Scncbilt äJaabcr, beffcn 



— 85 — 

pl^Uofopl^ifc^e ^bttn fid^ gang in ber Stid^tung jener ölieren 
fiel^re bewegten. SDieö tft Me SSeranloffung, ba% er ftd^ 
felBft in biefe ®ebanlenn)elt einlebte; bie gan} auf bent 
Oefid^töpunlte ftanb, auf bent er fettfl mit feinem S)enlen 
angelangt mar. SBenn* man bie oben angefül^rten SSluö- 
fprüd^e aus ber JRebe „Über baS Serl^ältniö berbilbenbcn 
Äünfte gur Statur^ lieft, bie er 1807 in ber löniglid^en 
SBabemie ber SBiffenfd^aften in SRünd^en gel^alten l^at, fo 
mirb man erinnert an Sacob Söl^meS 8tnfd^auung: „2Benn 
bu bie S^iefe unb bie Sterne unb bie @rbe anfiel^eft, fo 
fiel^cft bu beinen ®ott, unb in bemfclben lebeft unb 
bift bu auä), unb berfelbe @ott regiert bid^ aud^ . . . . 
bu bift au» biefem ®ott gefdiaffen unb lebft in bemfelben; 
aud& ftcl^et atte beine aSiffenfd^aft in biefem @ott unb roenn 
bu ftirbeft, fo mirft bu in biefem ®ott begraben." 

3»it feinem fortfd^rcitenben ®cnlen mürbe für @(i)elling 
bie äBeItbetrad)tung gur @otteiSbelrad^tung ober ^l^eofopl^ie. 
SSoUftönbig ftanb er fdEion auf bem Soben einer fold^en 
©ottcSbetrad^tung, ate er 1809 feine „^ßl^ilofop^d^en 
Unterfu(i)ungcn über ba» SBefen ber menfd^Iid^en Sreil^eit 
unb bie bamit gufammenl^ängenben ©egcnfiänbe'' l^erauö» 
gab. ane SBeltcnfd^auunggfragcn rürften fid) il&m jc^t 
in ein neueö Sid^t. SEBenn aUe ®inge göttlid) ftnb: mie 
lommt es, ba^ eS SöfeS in ber aSelt giebt, ba ®ott 
boc^ nur bie ooHlommcnc @üte fein !ann? SEBenn bie 
Seele bcS aReufd^cn in @ott ift: mic lommt eS, ba% fie 
bodi il^re felbfifüd^tigen Sntereffen oerfolgt? Unb roenn 
®ott eö ift, ber in mir l^anbelt: mie fann id^, ber it^ alfo 
gar nid)t afe felbftönbigei^ SEBefen ^anbU, bcnnocf) frei 
genannt merben? 

S)urdö ®otteSbeirad^tung , ni(f)t mcl^r burd^ SEBelt- 
betrad^tung fudEit ©d^eüing biefe fragen gu bcantroorten. 
6s rocire ®ott ooDfommen unangcmeffen, mcnn er eine 
SBelt oon SEBefen fdEjaffen mürbe, bie er afe unfelbftänbige 
fortmöl^renb leiten unb lenlen müfete. SBoüIommen ift ®ott 
nur, menn er eine SEBelt fd&affen lann, bie il^m fclbft an 
SoEIommcnl^eit gang gicicf) ift. 6in ®ott, ber nur foldjeö 



— 86 — 

l^erDorBringen lann, ba» unooQIomtnener aU er felbft ift, 
btt ift felbfi unroQIommen. ®ott f)ai bal^er in ben aSenfd^en 
3Bcfcn gcfd^affcn^ bic nid^t feiner fjül&runfl bebürfen, fon« 
bern bie felbfl frei finb unb unabhängig wie er. 6in 
9Sefen, ba» an» einem anberen feinen Urfprung ^ai, brandet 
bt^^alb mä)i von biefem aud) abl^öngig ^u fein. S)enn 
ej8 ifi lein SBiberfprud^, bafe ber, roeldier ber ©ol^n eines 
SKenfc^en ift, felbfl SKcnfd) ift. 3Bte ba» Suge, ba» nur 
im ®angen bt» Organii^muiS möglid^ ift, nic^tiSbeftoroeniger 
ein unabl^clngiged @igenleben für fid) l^at, fo auc^ bie 
(äingelfeele, bie jroor in (Sott begriffen, aber beSl^alb bod^ 
nid^t burd^ il^n mtrifam ift gleid^ bem ®Iieb an einer 
SKafd^ine. ^®ott ift nid^t ein ®ott ber Soten, fonbern 
ber Sebenbigen. @i^ ift nid^t eingufel^en, mie ba» aQer« 
DOÜIommenfte SBefen aud^ an ber möglid^ rolllommenften 
9Raf(^ine feine Suft fönbe. 9Bie man au^ bie 3lrt unb 
tjolge ber SBefen an» ®oii ftd^ beulen möge, nie lann fie 
eine med^anifd^e fein, lein llo^t» Serotrien ober §inftellen, 
mobei ba» Seiüirltc nxd^i» für fid^ felbft ift; eben fo menig 
@manation, mobei ba» Sludflie|enbe baiSfelbe bliebe mit 
bentf moDon e§ aui^gefloffen, alfo nid^tiS ®igene§, @elbft» 
ftänbigeS. ®ie golge ber S)inge an» (Sott ift eine ©clbft- 
offenbarung ©otted. @ott aber lann nur fid§ offenbar 
merben in bem, maS i^m äl^nlid^ ift, in freien, aus ftd^ 
felbft l^anbelnben SBcfen; für bereu ©ein eö leinen ©runb 
giebt afe ®ott, bie aber fmb, fo mie ®ott ift.'' 2Bäre 
®ott ein ®ott beS S^oten unb aUe SSelterfd^einungen nur 
ein ÜRed^aniSmuS, beffen SSorgange auf il^n als il^ren ä3e« 
meger unb Urgrunb aurüd^ufül^ren mören, fo brandete man 
nur bie S^l^ätigleit ®otteS gu befc^reiben, unb man ^äüt 
aUeS innerl^alb ber 9BeIt begriffen. 3Ran lönnte auS ®ott 
l^erauS alle Singe unb il^re S^l^ätiglett oerftegen. SaS ift 
aber nid^t ber SaH 3)ie göttliche 9BeIt l^at ©elbftänbigieü. 
®ott l^at fie gefd^affen, aber fte l^at il^r eigenes Sßefen. ®o ift 
fte göttlich; aber baS ©öttlid^e erfd^eint innerl^alb einer SBefen« 
l^eit, bie oon ®ott unab^ngig ift, innerl^alb eines %id^tgott« 
lid^en. @omie baS Sid^t auS ber S)unlell^eit l^erauS geboren ift. 



— 87 — 

fD bie göttlid^e SBelt auiS betn ungoülid^en Safein. Unb 
aus bem Ungöttlid^en ftamtnt baiS Söfe, ftamtnt baiS Selbfl« 
füd^tige. @oü l^at alfo bie ©efamtl^eit ber SSefeit nid^t in 
feiner ©emalt; er lann i^nen baiS Sic^t geben; fie felbft 
aber taud^en aui^ ber bunllen Stacht empor. ®ie finb 
bie @ü]^ne biefer 3la(^t Unb n)ai^ an il^nen Sunlel« 
l^eit ift, über ba» ^ai ®ott leine mati^i. ®ie mfiffen ftd^ 
burd^ 9iad§t jum Sic^t emporarbeiten. S)aS ifl il&re grei» 
l^eit. äKan lann aud§ fagen, bie äßelt ift ©oitei^ Sd^öpfnng 
an» bem Ungöttlid^en l^erauS. "S^a» Ungöttlic^e ift alfo baiS 
@rfte unb ba» ©öttlid^e erft ba» Qweiit. 

3uerft l^at Sc^eQing bie ^btm in aDen S)ingen ge« 
fud)t, alfo il^r ®öttli(^e§. ^abvxd) ^ai ft(^ für il^n bie 
gange SSelt in eine Offenbarung ®otted Dermanbelt. @r 
mugte bann aber nom @öttlid^en gum Ungöttlid^en vox» 
fd^reitcn, um ba» UnooDlommcne, ba» Söfe, ba» ©cttft- 
füd^tige gu begreifen, ^ti^i mürbe ber gange 3Serbeprogeg 
ber 3BeU für il^n eine fortfd^reitenbe Überminbung be» Un» 
göttlid^en burd^ ba» ®bttlid^e. S)er eingelne SRenfct) nimmt 
an» llngöttli(t)em feinen Urfprung. @r arbeitet ftd) au§ 
biefem l^erau^ gur ®öttlid^leit burd^. 9lud^ im SSerlauf ber 
©efd^ic^te lönnen mir ben Sortgang oom Ungöttlid^en gum 
®öttlic^en beobad^ten. S)ad Ungöttlid^e mar urfprünglic^ 
ba» $errf(^enbe in ber SEBelt. Sni Altertum überließen fid& 
bie ^Renfd^en il^rer %atur. @ie l^anbelten naio an» ©elbft» 
fud^t. ^ie griec^ifd^e Kultur ftel^t auf biefem 33oben. @S 
mar bai^ Qtiialttt, ba ber 9Renfd^ im Sunbe mit ber %atur 
lebte, ober, mie ®d^iQer in bem 9luffa^ ;;Über naioe unb 
fentimentalifd)e S)id)tung'' ftd^ auSbrüdCte, Statur felbft mar, 
fie beiSl^alb Vod§ nid^t fu(^te. 3Rit bem Sl^riftentum vtt* 
fd^minbet biefer Unfd^ulbi^guftanb ber äRenfd^^eit. Sie bloge 
Mainz mirb ald ba» Ungbttlic^e angefe^en, ba» 9)öfe mirb 
bem ©ottlid^eU; bem @uten entgegengefe^t. (Si^xi^in» er« 
fd^eint, um bad Sid)t bt» ®öttlid^en innerl^alb ber %ac^t 
bei? Ungottlid^en erfd)einen gu laffen. ^it» ift ber SRoment, 
mo ;,bie (Srbe gum gmeitenmale müft unb leer mirb'', ber« 
jenige ^ber ®eburt be» l^öl^eren 2i^i» bt» ©eifted'', baiS 



— 88 — 

«Don Slnbeginn in ber 9BeIt mat, aber unbegriffen ron ber 
für ftc^ mirlenben gfinfternii^; unb in annod^ verfd^bffener 
unb eingefd^ränlter Offenbarung; unb itoax erfd^eint e§, 
um beut perfönlid^en unb geiftigen äJöfen entgegenzu- 
treten, ebenfaDi^ in perfönlid^er, menfd6Iid)er ®eftalt, unb 
ate ÜRittler, um ben Slapport ber @d^öpfung mit ®ott auf 
ber l^öd^ften @tufe mieber ^erjufteüen. S)enn nur $erfdn« 
lid^eiS lann $erfönli(i^ei9 l^eilen, unb ©ott mug äRenfd^ 
merben, bamii ber äRenfd^ mieber ^u ®ott Iomme^^ 

S)er ®pinogidmuiS ift eine SBeltanfd^auung, bie in ®ott 
im ®runb aüt» SBeltgefd^el^eni^ fud^t, unb anS biefem 
®runbe aQe Vorgänge nad^ endigen, Qotmenbigen ®efe^en 
ableitet, mie bie matl^ematifd)en SBal^rl^eiten aud ben ®runb« 
fä^en abgeleitet merben. Sine fold^e 3BeItanfdgauung ge» 
nügte Sd^eQing nid^t. SSie @pinoga glaubte aud^ er baran, 
bai alle 3Befen in ®ott feien; aber fie finb, nad^ feiner 
äReinung, nid^t burd^ ®ott aQein beftimmt, fonbern t^ ift 
ba» Ungfittlid^c in il^nen. Sr mirft @pinoga bie „ßeb* 
lofigleit feines Sgftemig, bie ®emiitIofigfcit ber gorm vox, 
bie ©ilrftigleit ber Segriffe unb 8lu«brüdte, ba» unerbittlid^ 
^erbe ber Scftimmungen, ba^ fid^ mit ber abftraltcn Se- 
tradt)tungSn)eifc oortrcfflid^ oerträgt". ©d^eHing finbet bal^er 
SpinogaS „med^anifdde Siaturanfid^t" gang folgerid^tig. 
Slber bie %atur geige leineSmegd biefe fjfolgerid^tigleit. 
;,S)ie ganje SRatur fagt uniJ, ba^ fie leinei^megS vermöge 
einer blofe geomctrifd^en Sotroenbigicit ba ift, eS ift nid^t 
lautere, reine Sernunft in il^r, fonbern $erfönlid^Ieit unb 
®eift, fonft "^äiie ber geometrifd^c SSerftanb, ber fo lange 
gel^errfdit l&at, fie längft burd^bringen unb fein 3boI att- 
gemeiner unb emiger 9iaturgefe^c mcl^r bemal&rl&titen muffen, 
ate t^ biiS je^t gefd^el^en ift, ba er vielmehr ba^ irrationale 
SerpitniS ber Siatur gu fic^ täglid^ mcl^r erlennen mn^." 
SBie ber ÜRenfd^ nic^t blofe Serftanb unb SScrnunft ift, 
onbern nod^ anbere SSermögen unb Reifte in ftdg vereinigt, 
foQ, im Sinne Sd^eDingiS, bieiS auc^ hei bem göttlid^en 
Urmefen ber Qfatt fein. Sin ®ott, ber lautere, reine Ver- 
nunft ift, erfd^eint mic perfonifigierte SWat^cmatil; ein ®ott 



— 89 — 

bagegen, ber bei feinem SBeltfd^affen ntd^t nad^ ber reineit 
Semunft oerfal^ren lann^ fbnbern fortocll^renb mit bem 
Ungöitlid^en ^u lämpfen ^ai, lann aü „ein qaxti per» 
fdnlid^eiS, lebenbiged SBefen angefefien merben''. @ein Seben 
l^at bie grämte Analogie mit bem menfd^lid)en. 9Bie btx 
SRenfd^ ha» UnvoVXommtrtt in ftc^ ^u überminben fud^t 
unb einem 3beal ber SoQIommenl^eit nad^ftrebt: fo mirb 
ein foldger ®ott; ate ein emig lämpfenber, DorgefteQt, beffen 
S^ätigleit bie fortfd^reitenbe Überminbung bed Ungöttlid^en 
ift. @pinogaiS ®ott Dergleidjt @d)eQing ben ^^ölteften 33ilbem 
ber ©ottl^eiten; bie, je meniger inbit)ibueQ«Iebenbige ^üQt 
an» il^nen fprad^en, befto gel^eimniiSooIIer erfc^ienen''. 
@d^eQing giebt feinem ®otte immer inbtDtbneQere 3üge. 
@r fd^ilbert il^n mie einen jRenfc^en, menn er fagt: „89e* 
benlen mir ba» ®d^redlid^e in ber 9{atur unb ©eiftermell 
nnb ba§ meit äßel^rere, ba& eine mol^lmollenbe $anb und 
gugubeden fd^eint, bann lönnen mir nid^t gmeifeln, ba^ bie 
©ottl^eit über einer 9BeIt ber @d§red(en tl^rone, unb ®ott 
nad^ btm, roa^ in il^m unb burd) il^n verborgen ift, nic^t 
im uneigentlid^en, fonbcrn im eigentlid^en Sinn ber ©d^red- 
lid^e, ber Öürd^terlid^e l^eifeen lönne". 

(Sinen fold^en ®ott lonnte @d^eUing nid^t mel^r fo be« 
trad^ten, mie ©pinoga feinen ®oii betra(f)tet ^at @in ©ott^ 
ber aüt» am ftd^ l^erauS nad^ SSernunftgefe^en beftimmt, 
lann aud^ mit ber SSernunft bvLxä)\^aui merben. @in per» 
fönlid^er ®oll, mie il^n ©t^etting in feiner fpöteren Qeit 
Dorfteüte; ift unbered^enbar. S)enn er l^anbelt nid^t nad^ 
►ber SSemunft allein. Sei einem Sled^encjempel Ißnnen mir 
bai^ (SrgebniiS burd^ bloged SDenfen porauiSbeftimmen; bei 
bem l^anbelnben äRenfc^en nid)t. Sei il^m muffen mir ab« 
märten, gu meld^er ^anblung er fid^ in einem gegebenen 
Slugenblidte enifd^Iiefecn mirb. ®ie (grfol^rung mn^ gu bem 
Sernunftmiffen l&ingutreten. S)ie reine SScrnunftroiffenfd^aft 
genügte bal^er ©d^eUing nid^t gur äSelt« ober @otteiS« 
anfc^auung. Wie» aM ber SSemunft gemonnene nennt er 
bal^er ein negatioeS 3Biffcn, baS burd^ ein pofitioeö ergöngt 
me
…[truncated]