Der Orient im Lichte des Okzidents (Die Kinder des Luzifer und die Brüder Christi)

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE VOR MITGLIEDERN 
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



RUDOLF STEINER 



Der Orient im Lichte des Okzidents 
Die Kinder des Luzif er und die Briider Christi 

Ein Zyklus von neun Vortragen 
gehalten in Miinchen vom 23. bis 31. August 1909 
mit einer Betrachtung zur Goethe-Feier 
am 28. August 1909 



1982 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach einer vom Vortragenden durchgesehenen Nachschrift 
herausgegeben von dcr Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgtcn Edwin Frobose und Caroline Wispier 



1. Auflage (Zyklus 9), Berlin 1910 

2. Auflage. Abdruck in der Monatszeitschrift 
«Die Drei», 1. Jg., Heft 1 bis 10. 
Vom Vortragenden bearbeitet, mit einer 
Vorbemerkung und Anmerkungen versehen 
Stuttgart 1921/22 

3. Auflage, Dornach 1942 

4. Auflage, erweitert um eine Betrachtung 
zur Goethe-Feier am 28. August 1909 

Gesamtausgabe Dornach I960 

5. Auflage (photomechanischer Nachdruck) 

Gesamtausgabe Dornach .1982 



Bibliographie-Nr. 113 

Einbandzeichnung von Assja Turgenieff 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach /Schweiz 
© 1982 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach /Schweiz 
Printed in Switzerland by Zbinden Druck und Verlag AG, Basel 

ISBN 3-7274-1130-9 



INHALT 



Vorbemerkung von Rudolf Steiner zur Veroffentlichung des Zyklus 
in der Monatsschrift «Die Drei» 



Erster Vortrag, Miinchen, 23. August 1909 

Die Mission der Geist-Erkenntnis im Lichte des Okzidents. Riickblick auf 
sieben Jahre geisteswissenschaftlicher Arbeit. Zur Auffiiihning des Dramas 
«Die Kinder des Luzifer» von Eduard Schure. 



Zweiter Vortrag, 24. August 1909 

Geisteswissenschaftliche Forschung und das Begreifen ihrer Ergebnisse 
durch die Vernunft. Wege zur Ausbildung geistiger Wahrnehmungsorga- 
ne. Der viergliedrige Mensch. Schlafen und Wachen. Konzentration und 
Meditation. Die ersten Stufen der hoheren Entwicklung: Lauterung, Er- 
leuchtung (Begegnung mit dem Huter der Schwelle), Durchgehen durch 
die elementarische Welt, Schauen der Sonne um Mitternacht. 



Dritter Vortrag, 25. August 1909 

Eigentumlichkeiten der drei Weltenr physische Welt, Seelenwelt, Geist- 
welt. Das Wesen des Gewissens: Erinnyen und Eumeniden. Planetarische 
Entwicklungsvorgange der Erde im Zusammenhang mit der Entwicklung 
geistiger Wesen. Sinneswelt und Seelenleben. Das Christus-Ereignis. 

Vierter Vortrag, 26. August 1909 

Die Existenz hoherer geistiger Wesen, die keinen Abdruck in der Sinnes- 
oder Seelenwelt haben. Das Wirken der Saturn-, Sonnen- und Monden- 
geister in der Entwicklung der Erde. Der Nachklang davon in der Lehre 
des Pherekydes von Syros (Kronos, Zeus, Chthon). Westliche und ostliche 
Denkweise. Der Begriff der Geschichte. Indra. Jehova. Christus. 

FOnfter Vortrag, 27. August 1909 

Die Entwicklungswege der nordlichen und der sudlichen Volkerstromun- 
gen der nachatlantischen Menschheit: der Weg zu den oberen Gottern in 
der Durchdringung des Sinnenschleiers und der Weg zu den unteren 
Gottern im Durchdringen der seelischen Innenwelt. Ihre getrennte Ent- 



wicklung und Wiederbegegnung in der griechischen Kultur. - Die Vorbe- 
reitung des physischcn Leibes fur den Christus dutch Zarathustra. Das zu- 
kiinftige Verstehen der Christus- Wesenheit durch das Licht des Luzifer. 



SechsterVortrag, 28. August 1909 

Die Einheit der beiden Geistesstromungen in der urindischen Kultur. 
Zwei Arten des griechischen Mysterienwesens: apollinisch und dionysisch. 
Das Christus-Ereignis. Der umgekehrte Weg des Luzifer aus dem mensch- 
lichen Innern in den kosmischen Umkreis. Die Rosenkreuzermysterien. 
Christussubstanz und Luzifererkenntnis. 



SiebenterVortrag, 29. August 1909 

Veranderungen der Menschenorganisation in der nachatlantischen Zeit. 
Wandlungen des Verhaltnisses zwischen Atherleib und physischem Leib 
im Zusammenhang mit dem Sich-Oberkreuzen der Wege des Christus 
und Luzifers. Ober Feuer und Luft. Der Verfall der Mysterien. Die 
Odipus- und die Judas-Sage. 

A chterVortrag, 30. August 1909 

Der «Sonnenweg» und der «luziferische Weg». Der Gang der sieben nach- 
atlantischen Kulturepochen. Die Einheit der beiden Geisteswege in In- 
dien. Ihre Zweiteilung in der urpersischen Kultur. Ihre Differenzierung in 
der dritten Epoche in nordliche (chaldaische) und siidliche (agyptische) 
Stromung. Die Mission des hebraischen Volkes. Die «Kinder> des Luzifer 
und die «Brudei> Christi. Die Siebenzahl und die Zwolf. 



NeunterVortrag, 31. August 1909 

Die Geheimnisse der Zahl. Die Siebenzahl und die Zwolf. Zeit und 
Raum. Planeten und Tierkreis. Gut und Bose. Die Christussubstanz und 
die Bodhisattva-Weisheit. Jesus von Nazareth und der Christus. Skythia- 
nos, Gautama Buddha, Zarathustra, Manes. Das Einfliefien der 
Bodhisattva-Weisheit in die europaischen Mysterien des Rosenkreuzes. 
Die Josaphat-Legende. 

Goethe feier, 28. August 1909, vormittags 

Der Geburtstag von Hegel und der Geburtstag von Goethe. - Rezitation 
von Goethegedichten durch Marie von Sivers (Steiner). - Charakteristische 
Lebensmomente und Begegnungen Goethes: der Siebenjiihrige; Todes- 
nahe und Inspiration; Begegnung mit Herder; Freundschaft mit Schiller. 



Der Prosa-Hymnus an die Natur. Das «Marchen». Die rosenkreuzerische 
Substanz in dem Fragment «Die Geheimnisse» im Zusammenhang mit 
der siidlichen und nordlichen Volkerstromung. 

Entwurf Rudolf Steiners fur die Einladung zu dem Zykius (Faksimile) 215 

Hinweise 217 

Cbersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 227 



VORB EMERKUNG VON RUDOLF STEINER 



zur VerofFentlichung des Zyklus in der Monaiszeitschrift 

«Die Drei» 



Diese Vortrage habe idi im August 1909 in Miindien gehalten. Sie 
schlossen sich an die Vorfiihrung des Dramas «Die Kinder des Luzif er» 
von Edouard Sdiure* an. Insbesondere der erste Vortrag ist in seiner 
Haltung bestimmt von diesem Zusammenhange. Wer die von mir ver- 
tretene anthroposophisdie Geisteswissensdiaft ins Auge fafit, kann 
wissen, dafi meine Ausdrucksart etwas anders ist, wenn sie ganz allein 
aus den Grundimpulsen dieser Geisteswissensdiaft heraus nacii For- 
mung sucht. Dodi braucht wirkliche Geist-Erkenntnis nidit einseitig 
dogmatisdi zu werden. Sie kann die Faden nadi den verschiedensten 
verwandten Ansdiauungen hin ziehen. Sie kann, was sie sagen will, 
von den verschiedensten Gesichtspunkten her sagen und glaubt gerade 
dadurch fruchtbar wirken zu konnen. Dogmatiker aller Schattierungen 
mogen darin Widerspriiche finden. Sie zeigen damit nur, dafi ihre Ge- 
danken dem Leben recht feme stehen. In diesem konnten sie eben das 
finden, was sie Widerspriiche nennen. Geisteswissensdiaft kann ihnen 
zuliebe nicht, um ihre Widerspriiche zu vermeiden, lebensfremd werden. 



ERSTER VORTRAG 



Munchen, 23. August 1909 



Wer die Menschengeschichte ein wenig kennt, wird ja audi, ohne dafi 
man gerade viel Esoterik zu Hilfe nimmt, wissen, dafi das Wort und 
die Idee «Geschidite» vieles einschliefit, insbesondere dann, wenn man 
versudit, die Idee der Geschichte nicht blofi als etwas zu nehmen, was 
betraditet sein will, sondern was wie alle Dinge des geistigen Lebens 
eben erlebt sein will. Das Leben aber fordert auf alien Gebieten Ler- 
nen; und das Lernen wiederum fordert auf alien Gebieten Geduld. 
Man konnte - und das mag sich insbesondere auf unser Beispiel be- 
ziehen - das Wort Geduld durch ein anderes iibersetzen; man konnte 
es iibersetzen durch das andere «Wartenk6nnen». Es ist nun versucht 
worden, die Lebensregel, die in den soeben ausgesprochenen Worten 
liegt, gerade auf das anzuwenden, was wir gestern vollbringen durften. 

Wir treten mit unserer deutsdien geisteswissenschaftlichen Stromung 
in die Vollendung des siebenten Jahres unserer Arbeit. Vor sieben Jah- 
ren habe ich in Berlin einen Vortrag vor einem Kreise von Menschen 
gehalten, welche eine ganze Reihe anderer Vortrage von mir gehort 
hatten. Er war gewissermafien dazumal als eine Zugabe zu einem an- 
deren Vortragszyklus verabreicht worden. Das ist also jetzt mehr, 
etwas wenig mehr als sieben Jahre her. Es handelte sich dazumal darum, 
eine Oberleitung der Empfindungen und geistigen Interessen, die aus 
einem, wenn audi geisteswissenschaftlichen, doch anders genannten 
Wirken hervorgingen, eine Oberleitung zu finden in die geisteswissen- 
schaftliche Stromung hinein. Und es gab dazumal die innere Moglich- 
keit, eine gute Oberleitung zu finden. Der Vortrag, von dem ich da 
spreche, betitelte sich: «Die Kinder des Luzifer». Dazumal war ein 
Publikum anwesend, das allgemein die Gesichtspunkte in literarischer 
Beziehung hinnahm; es war audi der Ausgangspunkt genommen wor- 
den von dem Werke, dessen Auffiihrung wir gestern erleben durften, 
von Schures Drama «Die Kinder des Luzifer». Dazumal also fingen 
wir an, sozusagen zu reden ttber die «Kinder des Luzifer», und im 



«Geheimen»* - und zwar in dem Sinne ist das Wort «im Geheimen* 
hier gemeint, wie man vom geheimen Wesen spricht in der Geistes- 
wissenschaft - im Geheimen war dazumal audi schon der Gedanke im 
Hintergrunde, dafi es einmal gelingen konne, gerade dieses Werk des 
modernen Geisteslebens in buhnenmafiiger Form vor die Augen einer 
Anzahl von Zuschauern treten zu lassen. Es lag der Gedanke zugrunde, 
dafi das Geistesleben eine grofie Einheit und Harmonie ist und dafi es 
dem Menschen obliegt, innerhalb des Geisteslebens einer gegebenen 
Zek die schonsten Bliiten zu erkennen und zu beachten. Es lag der Ge- 
danke zugrunde, dafi das moderne Geistesleben in einer gewissen Be- 
ziehung ein Chaos sei. Aber wie aus dem Chaos heraus im Grunde 
genommen doch die Welt erwachsen ist, so wird audi eine Art Kosmos 
des Geisteslebens fur die Zukunft nur dadurch erbluhen konnen, dafi 
wir uns die Miihe geben, aus dem Chaos des modernen Geisteslebens 
heraus die besten Bliiten zu nehmen. Es lag der Gedanke zugrunde, dafi 
es falsch ware, etwas anderes als gerade ein modernes, aus dem vollen 
Geistesleben der Gegenwart heraus geschopf tes Kunstwerk von diesem 
Gesichtspunkte aus zu behandeln. Man konnte naturlich im Laufe 
der Jahrhunderte oder sagen wir selbst Jahrtausende manches andere 
Kunstwerk finden, modernisieren und heute vor einPublikumbringen; 
aber jede Zeitenseele hat ihre Eigentumlichkeit; und dasjenige, was die 
Zeitenseele selbst zu schaffen in der Lage ist, das mufi, wenn es nur das 
Redite ist, audi mit der grofiten Warme und mit der besten Intimitat 
wiederum zu dieser Zeitenseele sprechen. Wenn das Geistesleben seine 
schonsten Bliiten tragen soli, so wird es zu seiner Mission gehoren, den 
Menschen nicht nur Dogmen beizubringen, nicht nur Lehren zu ver- 
kiindigen, sondern in einer gewissen Beziehung die Augen zu offnen. 

* Die Anwendung des Wortes «geheim» hat der Anthroposophie manchen Vorwurf 
zugezogen. Hier hat man einen der Falle, wo in ganz begreiflicher Art dies Wort 
gebraucht wird. Es geschieht audi in anderen. Niemals aber in dem Sinn einer soldi 
unsinnigen «Geheimtuerei», wie manche Gegner den Leuten glauben madien wol- 
len. Es konnte ja sogar gesdiehen, dafi, als idi ein Budi «Geheimwissenschafl> be- 
titelte, gesagt wurde: es konne keine geheime Wissensdiaft geben. Das ist naturlich 
ebenso selbstverstandlich, wie es keine natiirlidie, wohl aber eine Naturwissenschaft 
geben kann. Wenn idi eine «Geheimwissensdiaft» veroffentliche, so werde idi doch 
nicht wollen, dafi, was sie sagt, geheim bleibe. 



Es ist im allgemeinen nicht schwierig etwas anzuerkennen, was durdi 
Jahrhunderte oder audi vielleidit nur durch Jahrzehnte bereits sich 
Geltung verschafft hat, aber das hier zur Geltung gebrachte Geistes- 
leben soli etwas sein, was die urspriinglichsten, elementarsten Krafte in 
der Menschenseele wachruft; und zu den elementarsten Kraften in der 
Menschenseele gehort die Anfeuerung des offenen Blickes fvir alles das- 
jenige, was um uns herum durch die Sonne des Geisteslebens erweckt 
wird an Bliiten und Friichten unserer gegenwartigen Geisteskultur. 
Eine Augenaufschliefierin mochte unsere Bewegung sein. 

Wenn man aber die Idee und den Begriff der Geschichte lebendig 
erfafit, so gehort, wie schon angedeutet, noch etwas anderes dazu: Ge- 
duld oder sagen wir Wartenkdnnen. Die Oberstiirzung, die Ungeduld, 
sie hindert so manches, was als Frucht reifen soli im Leben; und es ware 
geradezu toricht gewesen, vor sieben Jahren an mehr zu denken als an 
ein leises Hinweisen auf dasjenige, was sich spater realisieren sollte. 
Was alles verhinderte, dazumal etwa sogleich an die Ausfiihrung des 
vorschwebenden Planes einer buhnenmafiigen Verkorperung dieses 
Geisteswerkes zu gehen! Es ist nur notig eine einzige Tatsache anzufiih- 
ren und Sie werden verstehen, was verhinderte dazumal an die Aus- 
fiihrung zu gehen. Derjenige, welcher ins Geistesleben hineinsieht, 
weifi, dafi es darin gewisse grofie Gesetze gibt. Das war audi einer der- 
jenigen grofien Satze, die gestern im Drama selbst Ihnen erklungen 
haben: Das Geistesleben hat seine Gesetze, die nicht iibertreten werden 
diirfen, die beachtet werden miissen. - Und eines der grofiten Gesetze 
des Geisteslebens, dessen Nichtbeachtungen besonders bei einer solchen 
Bewegung, wie die unsrige es ist, immer schwer sich rachen wird, ist 
dasjenige, was uns vorgezeichnet wird da, wo uns die hoheren geistigen 
Wesenheiten im Naturwirken selbst die Art ihrer Arbeit veranschau- 
lichen. 

Sehen Sie sich einmal die Art dieses Naturwirkens an; beachten Sie 
die Natur in ihrem Schaffen; und Sie werden sehen, in der Natur ist 
immer die Moglichkeit vorhanden, dafi aus dem Geschaffenen unzah- 
lige Mifierfolge hervorgehen. Sehen Sie sich das Meer an mit seinen 
unzahligen Keimen, die in dasselbe versenkt werden, und beachten Sie, 
wie viele von diesen Keimen als Lebewesen hervorsprielSen. Fragen Sie 



sich, ob die schaffenden Wesenheiten der Natur sich jemals die Frage 
aufwerfen: Sollen wir trauern iiber die Mifierfolge, die wir haben, 
wenn wir soundsoviele Ansatze nehmen und sehen, dafi die Friichte 
des SchafFens unter der Hand ersterben? Einzig und allein durch die 
Betrachtung dieses grofien Gesetzes im Geistesleben gelingt audi in die- 
sem dasjenige, was gelingen soli, wie es in der Natur gelingt, dafi das 
Leben spriefit und sprofit, weil sich die Geister, die der Natur zugrunde 
liegen, niemals betriiben iiber ihre Mifierfolge. Einzig und allein aus 
diesem Grunde gelingt das Werk, das in der Natur, das heifit in dem 
Produkte des hoheren Geisteslebens auszufiihren ist. Der Erfolg als 
soldier ist kein Mafistab fur das Rechte und Wahre. Das mufi ein 
geisteswissenschaftliches Gesetz sein. Dieses Gesetz mufite innerhalb 
unserer Bewegung beaditet werden. 

Es soli dies wahrhaftig nicht etwas anderes als eine Art Riickblick 
auf die Tatsachen sein, und zugleich dieser Riickblick in Zusammen- 
hang gebracht werden mit einigen innerlich mit unserem ganzen Vor- 
tragszyklus zusammenhangenden Ideen, Gesetzen und Tatsachen. Es 
sind seit dem Vortrage, den ich erwahnt habe, wie ich Ihnen gesagt 
habe, ungefahr sieben Jahre verflossen, und wir konnten zu unserer 
grofiten Befriedigung gestern sehen die Auffiihrung der «Kinder des 
Luzifer» vor einem vollen Hause. Es sind iiber sechshundert Freunde 
versammelt gewesen, urn sich gestern «Die Kinder des Luzifer» anzu- 
horen. Wieviele waren unter diesen Zuhorern, die sich jenen Vortrag, 
den ersten Keim zur Arbeit, angehort haben? Eine einzige Dame war 
darunter unter den gestrigen Zuhorern, die sich jenen Vortrag dazumal 
angehort hatte und die vorher noch nicht in unseren Reihen war. Der 
Vortrag war fur die damaligen Verhaltnisse audi nicht schlecht besucht. 
All die anderen Menschen haben sich unserer Bewegung nicht ange- 
schlossen. Aber das ist das grofie Gesetz des Wirkens in der geistigen 
Welt, dafi die verlorengegangenen Keime sich umwandeln und Auf- 
erstehungen erleben.Und an unserem Beispiele diirfen wir dieses Gesetz 
bestatigt finden. Sie sehen, daft es nicht unrichtig ist, das Wort und die 
Idee des Geschehens in Zusammenhang zu bringen mit den Worten 
Geduld und Wartenkonnen. Warten konnen, bis diejenigen Verhaltnisse 
eintreten, welche es moglich machen, aus dem Schofie der Zeit heraus 



dasjenige zu holen, was wir haben reifen lassen. Alle menschliche Arbeit 
vermag nichts, ohne dafi gleidizeitig die Geduld und das Warten- 
konnen neben ihr einherschreiten, ohne dafi Reifen, Reifwerden eine 
gewisse Rolle spielen. 

Es ist damit aber doch im kleinen ein Beweis gegeben, dafi gewisse 
Dinge notwendig sind, wenn im Kulturleben etwas reifen soil. Es ware 
natiirlich eine vollstandig verhangnisvolle Idee gewesen, in irgendeiner 
gewohnlidienTheaterauffiihrung «Die Kinder desLuzifer» zu bringen. 
Denn was gehort dazu, um das Ganze zur Einheit zu machen? Die 
Hauptsadie, das diirfen wir nicht vergessen, sind nicht diejenigen, die 
darstellen, nicht diejenigen, die die Dinge machen; die Hauptsadie ist 
audi nicht die Arbeit, die getan wird, sind weder die Vorbereitungen 
noch die Fertigstellungen. Wenn das Werk entsprungen ist aus des 
Dichters Seele, dann ist die erste Tat getan. Was dann geschieht als 
Vermittlerweg, das gehort zu demjenigen, wo von ich eben jetzt sagte: 
die Darstellung und die Arbeit der Darstellung und alles ubrige, die 
sind nicht die Hauptsadie; die sind vollig Nebensadie in einer ge- 
wissen Beziehung. Die Hauptsadie sind die Zuhorer und Zuschauer. 
Und die Hauptsadie ist, dafi durdi die Seelen und durdi die Herzen 
der Zuschauer ein gemeinsdiaftliches Leben geht; ein Leben, das diese 
Herzen fahig macht, jene geheimnisvollen Stromungen, die von dem 
Werke ausgehen, nicht nur zu empfinden, sondern in Gemeinschaft, in 
innerer Harmonie zu empfinden. Wir reden innerhalb unserer Be- 
wegung, als von unserem ersten Grundsatze, von der Begriindung eines 
Kernes von Menschheit, in dem Menschenliebe und Briiderlichkeit lebt. 
O diese Menschenliebe und Briiderlichkeit, sie ist eine zarte, wenn audi 
sehr wichtige Pflanze. Und sie bluht nur, wo Seelen in Harmonie mit- 
einander zusammenklingen; das heifit, wo gemeinsdiaftliches Geistes- 
leben in gemeinsamer Art durch die Seelen zittert. Das war gestern 
vorhanden. Unsere Bewegung soil ein Instrument sein, unsere Seelen 
in dieser Weise zu harten, zu befestigen und zugleich aufzuschliefien, 
so dafi wir gemeinsam in Harmonie einstromen lassen konnen ein 
Geistiges, das einstromen soil. Ein gemeinsamer Hauch soil durch die 
Seelen gehen konnen. Dann wird die Frucht der Briiderlichkeit, die 
Frucht der geistigen Harmonie unter den Menschen reifen konnen. 



Und nun vergleichen Sie mit demjenigen, was gestern vor Sie hin- 
getreten ist, eine andere Theaterauffiihrung, und fragen Sie sidi, ob es 
moglidi ist in dem Chaos unseres Geisteslebens, dafi eine gemeinsame 
Empfindung herunterstromt von derBuhne und Widerhall, Echo findet 
in den Herzen der Mensdien. Das ist erst das eigentliche Kunstwerk, 
das sich in unseren Herzen abspielt. Wenn das Kunstwerk entsprungen 
ist der Seele des Dichters, dann geht es eben seinen Weg; und worauf 
es ankommt, ist erst voll erf iilit, wenn es widerklingt in soundsovielen 
Herzen und Seelen; und da erst kommt dann die zweite der Haupt- 
sachen, um die es sidi dabei handelt. 

Nur aus dem Grunde, um ein wenig darauf hinzuweisen, wie unsere 
Bewegung ein Instrument werden kann in der Menschheitskultur, sind 
diese Worte gesagt worden. Die Menschen werden sich in unserer Zeit 
niemals zusammenfinden zu einer Gesellschaft von Harmonie und 
Liebe und Eintracht, wenn Harmonie und Liebe und Eintradit Worte 
bleiben. Es gibt nur eines, was den Boden abgeben kann, in dem reifen 
mufi unser erster Grundsatz der allgemeinen Briiderlichkeit und der 
allgemeinen Liebe: und das ist die gemeinschaftliche Arbeit. Das, was 
damit gesagt wird, es kann ja immer nur realisiert werden an einzelnen 
Beispielen. Wenn aber diese einzelnen Beispiele weiterwirken, wenn sie 
beachtet werden, dann werden sie hinausdringen nidit nur in unser 
Geistesleben, sondern in unser ganzes gegenwartiges Leben und werden 
es erfullen. Es wird wahrhaft menschlicher Geist einziehen in die 
menschlidie Arbeit und damit in den menschlichen Fortschritt. Und 
Geisteswissenschaft wird erweisen, dafi sie das Praktischste ist, was es 
im Leben als ein Ferment geben kann. Sie kann, wenn man ihr nur 
Gelegenheit dazu gibt, einen jeglichen Zweig unseres Lebens in der 
praktischsten Weise durchdringen und beleben. Unsere Gegenwart ist 
im allgemeinen dazu reif in dem Sinne, dafi sie auf jedem ihrer Gebiete 
die Notwendigkek des geisteswissenschaftlichen Eingreifens erweist. 
Uberall sehen wir, dafi die Gegenwart fordert von uns: Geistes-Er- 
kenntnis soli einstromen in unser Leben. Das Verstandnis der Mensch- 
heit, das schleicht aber erst langsam hinter dem menschlichen Bediirf- 
nisse nach. Unsere Arbeit mag daher noch lange eine Pionierarbeit sein, 
eine Arbeit fur die Zukunft. Aber sie kann warten, sie wird sidi nicht 



aufdrangen, sie hat viel Geduld. Sie wird da eingreifen, wo man sie 
verlangt, wo man sie haben will. Sie mufl freilich in Geduld erst ihre 
Arbeit tun, damit man nidit spater einmal etwas verlangt in der Welt, 
was noch gar nicht da ist. Oh, es werden in gar nicht ferner Zukunft 
viele Gebiete des mensdilidien Lebens sein, auf denen man lechzen 
wird nach dieser Arbeit. Audi solche Gebiete des mensdilidien Lebens 
wird es geben, die heute diese Arbeit verachten als die wiisteste Trau- 
merei, als die schlimmste Phantastik. Man wird nach ihr verlangen, 
verlangen an Orten, von denen man es sich heute gar nicht versieht, an 
denen man sie heute wie ein Traumgebilde zur Tur hinaus verweist. 
Aber sie wird vorlaufig in Geduld ihre Arbeit tun. Sie ist audi nicht 
bis zu dem Grade unpraktisch, dafl sie miflversteht unsere Gegenwart. 
Sie will praktisch sein, Praxis iiben da, wo es sich wirklich darum han- 
delt, im einzelnen mit jedem Finger zuzugreifen. Wer konnte nicht 
sehen, dafi uns die Welt des gegenwartigen Geistes- und Kulturlebens 
noch vielfach die Tur verschliefit, dajS sie uns nicht haben will, dafi sie 
sagt, wenn wir mit unserer Praxis kommen: Bleibt, wo ihr seid, ihr 
Traumer, ihr traumt von allerlei ubersinnlichen Welten, von einem 
Geiste, den es gar nicht gibt. Eure Praxis konnen wir nicht brauchen! - 
Wer konnte befangen genug sein, das nicht ganz klar zu sehen? Ist es 
da nicht natiirlich, dafi man zunachst den Versuch macht, praktisch zu 
sein da, wo die Welt des Schemes wirkt, auf dem Boden, der die Welt 
blofi bedeutet? Wenn man sich nur klar dariiber ist, dafi man in der 
richtigen Weise in der Welt des Schemes ein Bild gibt der wirklichen 
Welt, so mag durch diese Welt des Schemes, des schonen Schemes, des 
kiinstlerischen Schemes, jene Welt, durch welche Gotter sicher zu uns 
sprechen, so mag durch diese Welt die erste Anregung gegeben werden. 
Weil in der Kunst, wenn sie im echten Sinne aufgefafit wird, wahr- 
haftig Gotter zu uns sprechen, werden wir durch die Kunst am sicher- 
sten das Tor finden, um mit unserer Praxis in die sogenannten prak- 
tischen Zweige des Lebens allmahlich hineinzudringen. Arbeit ist der 
Boden, auf dem erspriefien kann unser erster Grundsatz: briiderliches 
Zusammenleben, briiderliches Zusammenwirken. Wird im angedeuteten 
Sinne gearbeitet, so lafit sich auspriifen im sdionsten Sinne des Wortes, 
ob es unter Menschen moglich ist, Eintracht, Harmonie und Briider- 



lichkeit zu kultivieren.Dem, was dann wie in einemBilde vor das Auge 
tritt wie in der gestrigen Auffiihrung, geht mancherlei voran; und 
wenn es fertig ist, so madit sich der Beschauer manchmal nicht das 
richtige Bild davon, was dem vorangeht. Dasjenige, was in unserem 
Falle vorangegangen ist, darf mit Fug und Redit ein Arbeiten im Sinne 
des ersten geisteswissenschaftlichen Grundsatzes der Eintracht und 
Bruderlichkeit, ein Zusammenarbeiten und Zusammenwirken genannt 
werden. 

Dasjenige, was uns bei der vorbereitenden Arbeit vorschwebte, das 
war Freiheit der Menschenseele in der Einheit des Wirkens, in der Har- 
monie des Wirkens. Vielleidit lafit sich nicht alles gleich auf einen 
Schlag erreichen; aber dasjenige, was uns vorschwebte, das war, dafi 
wir eine Einheit zustandebringen konnten, ohne dafi irgend jemand 
notig hatte, sich in eineMaschinerie hineinzubegeben, innerhalb wekher 
das Kommandowort ertont und dann dieses und jenes gemacht wird 
und dergleichen. Wenigstens schwebte es uns als Idee vor, und es ist 
gewifi in vielen Punkten erreicht worden, dafi ein jeder der Mitarbei- 
tenden das Gefiihl hatte, dafi er seine Sadie vertritt. Und damit bin ich 
an demPunkte, wo, weil es doch sozusagen zum wahren geistigenLeben 
gehort, ein paar besondere Worte ausgesprochen werden sollen. Nicht 
so sehr aus dem Grunde, urn iiber dieses eine Beispiel freier geistiger 
Arbeit zu sprechen, sondern um eben dariiber zu sprechen als ein Bei- 
spiel fur das, was Grundsatz, was Richtschnur und Idee eines geistigen 
Zusammenlebens sein konnen. Es hat sich fiir uns gezeigt, dafi es mbg- 
lich ist, die Krafte innerhalb der Menschenseelen zu entbinden, die ent- 
bunden werden konnen, wenn eine spirituelle Idee durch die Herzen, 
durch die Seelen geht, und wenn die Seelen so weit reif sind, dafi ein 
jeder der Mitwirkenden sich an seinem Platze fiihlt. Mit tiefster Be- 
friedigung darf es gesagt werden, dafi diejenigen Mitglieder unserer 
Bewegung, welche zusammengewirkt haben, um die gestrige Auffiih- 
rung zustande zu bringen, nicht nur mit Hingebung - ich sage es mit 
vollem Bewufitsein -, sondern vor alien Dingen mit innerstem Ver- 
standnis fiir dieSache gearbeitet haben; und so konnte es denn kommen, 
nicht nur die Darsteller der einzelnen Gestalten des Dramas zusammen- 
zufiigen zum Ganzen, das Ihnen gestern entgegengetreten ist, sondern 



audi imstande zu sein, durch die nicht nur hingebungsvolle, sondern 
verstandnisvolle Arbeit unserer malenden kiinstlerisdien Mitglieder 
ein Ganzes zu schaffen. Es ware unmoglich, im einzelnen Ihnen alles 
anzuf iihren, was notwendig war an Arbeit dieses oder jenes Mitgliedes. 
Wenn aber von dem ersten bis zum letzten Kostiim etwas Ganzes wer- 
den soil, etwas werden soil, was nun nidit nur sozusagen immer aus- 
driickt das einzelne, das durdi den einzelnen Darsteller zur Geltung 
kommt, sondern was ein Gesamtbild gibt, dann ist es notwendig, dafi 
audi diesen Teil der Arbeit eine gemeinsame Idee beseelt, und idi darf 
mit Befriedigung sagen, dafi dieses unser verehrtes Mitglied, das die 
ungeheuer sdiwierige Arbeit ubernommen hat, im Sinne der Gesamt- 
auffuhrung unsere Kostume herzustellen, dafi dieses unser Mitglied 
gearbeitet hat mit dem allertiefsten Verstandnisse. Es war - und idi 
sage das mit vollem Bewufitsein - darinnen eine aufierordenthche Ge- 
nialitat in der Art, wie das einzelne in die Gesamtheit hineingestellt 
worden ist. So dafi, wenn idi dabei ein personliches Gefuhl ausdriicken 
darf, mich gestern im tiefsten Innern wirklich eine weite Dankbarkeit 
beseelte gegeniiber all denen, die in so verstandnisvoller Arbeit, jeder 
an seinem Platze, mitgewirkt hatten, eine Dankbarkeit, die sich gegen- 
iiber jedem einzelnen gerne audi heute ausdriicken modite, eine Dank- 
barkeit, die audi nodi eine andere Seite hat, jene Seite, die dieses Dank- 
gefuhl wiederum hinaufstromen lafit zu dem allgemeinen Urquell 
unseres spirituellen Lebens, aus dem doch alles dasjenige, was wir Men- 
sdien vermogen, inWahrheit entspringt.Und nur, weil dieses spirituelle 
Leben tatig war, konnten wir diesen sdiwadien Versudi machen, ein 
soldies Kunstwerk auf die Buhne zu bringen. 

Aber man konnte dabei audi Erfahrungen und Erlebnisse sammeln. 
Derjenige, der auf mandien Gebieten dabei gearbeitet hat, der durfte 
sidi erfreuen daran, wie das spirituelle Leben in einer gewissen Be- 
ziehung eine sieghafte Kraft hat. Das gibt Vertrauen, das gibt festen 
Glauben an die Zukunft unserer Bewegung. Wir diirfen vielleidit den 
Glauben fiir das Grofie, den Glauben fiir das Umfassende unserer Be- 
wegung aus dem Apercu uber das einzelne sdiopfen. Es war zum Bei- 
spiel im hodisten Grade befriedigend zu sehen, wie in den letzten zehn 
Tagen die spirituelle Kraft des Kunstwerkes, das wir auf fuhrten, nidit 



nur wirkte auf die Mitwirkenden, die dabei beteiligt waren, wie es 
wirkte auf die Arbeiter, die im Theater mit Hammer und Zange arbei- 
teten, wie die gerne und willig mitarbeiteten bis zum letzten Theater- 
arbeiter hinunter. Das ist etwas, was audi zum Kunstwerke gehort, 
wenn der Blick sidi erweitert von einem eng umgrenzten Rahmen da- 
hin, wo das Kunstwerk wiederum wirken soil durch sein spirituelles 
Leben und seine spirituelle Kraft wie eine Sonne auf das gesamte Kultur- 
leben. Das gibt Kraft und gibt Mut. Das gibt uns aber audi einen Hin- 
blick und einen Hinweis auf die sozialeSendungderGeisteswissenschaft. 
Ja, diese hat eine soziale Sendung, sie hat eine Mission fur die gesamte 
Menschheitskultur und die gesamte Menschheitswohlfahrt. Oh, es sind 
viele Seelen in unserer Zeit, die den Glauben haben, nur durch mate- 
rielle Mittel und durch materielle Mafinahmen konnten Menschen- 
wohlfahrt und Menschenheil in unser zerkliiftetes Leben wieder kom- 
men, und die den Glauben und das Vertrauen verloren haben zu der 
siegreichen Kraft der Spiritualitat. Die Praxis aber lehrt, dajS der Geist 
die Kraft hat, geheime Freuden, geheime hingebungsvolle Lust in der 
Menschenseele zu entbinden; sie lehrt uns, dafi, wenn wir immer mehr 
und mehr imstande sein werden, das Brot des geistigen Lebens unserer 
Gegenwart zu reichen, die Menschenseelen da sein werden, die sehn- 
suchtsvoll dieses Brot verzehren wollen. Spiritualitat hat eine sieghafte 
Kraft. 

Ein solches Apercu, das durch zehn Tage gemacht werden kann, ein 
solches Apercu kann doch schon lehrreich sein. Es kann uns den Glau- 
ben geben zu dem, was wir wollen alsBekenner derGeisteswissenschaft; 
und es kann uns den Mut geben, ohne Unterlafi weiterzuarbeiten an 
dem Werke, das uns vorschwebt. Es darf der Geisteswissenschafter die- 
sen off enen Blick fur das Leben haben, auf dafi er von dem Leben lerne. 
Denn nur dadurch, dafi wir auf jeden Schritt unseres Lebens als Ler- 
nende zuriickblicken, konnen wirFortschritte machen.So wie wir sieben 
Jahre warten konnten auf dieses Ideal, so werden wir auf anderes, auf 
vieles, was durch unsere Bewegung geschehen soil, warten konnen bis 
es herangereift ist im Schofie der Zeit. Wir werden im Glauben warten 
konnen. Denn wir haben, wenn wir Geisteswissenschaft im Sinne der 
Gegenwart richtig verstehen, den Zentralpunkt dessen, was man den 



Glauben im hodisten Sinne nennt; wir haben diesen Zentralpunkt 
immer vor unser Antlitz hingestellt; wir haben den einen festen Punkt 
immer vor unser Auge hingestellt, der uns gestern entgegengetreten ist 
durch das Symbolum des Kreuzes. 

Wir wissen, was das Kreuz fur die menschliche Seele bedeutet. Und 
wir haben uns im Laufe der Jahre bemiiht, dasjenige was uns zufliefit, 
als eine Gabe aus den spirituellen Welten zu betrachten. Wir haben uns 
bemiiht, diese geisteswissenschaftliche Inhaltlichkeit zu einem Instru- 
mente zu machen, um diesen Mittelpunkt des Menschheitsfortschrittes 
immer besser und besser zu verstehen, um den Christus und das Kreuz 
zu begreifen. Wenn wir erkennen die Wirklichkeit des Christus-Prin- 
zipes, dann verstehen wir, dafi dieses Christus-Prinzip eine Kraft ist, 
eine lebendige Kraft, die seit dem Beginn unserer Zeitrechnung mit dem 
Menschenleben auf der Erde verbunden ist, als sidi in dem Leibe des 
Jesus von Nazareth dieses Christus-Prinzip mit einem Menschen ver- 
bunden hat. Seitdem ist es bei uns Menschen, wirkt unter uns und wir 
konnen teilhaftig werden seines Wirkens, wenn wir uns bemiihen, alle 
diejenigen Mittel, die uns zur Verfugung stehen, anzuwenden, um die- 
ses Christus-Prinzip zu begreifen; so zu begreifen, dafi wir es zum 
Leben unserer eigenen Seele machen. Dann aber, wenn wir dieses Chri- 
stus-Prinzip so verstehen, dafi wir wissen, es ist in der Menschheit, es 
ist da, wir konnen hin zu ihm, wir konnen Lebenswasser aus dieser 
Quelle schopfen, dann haben wir jenen Glauben, der warten kann, 
warten auf alles, was im Schofie der Zeit reifen soli, was reifen wird, 
wenn wir Geduld haben. Reifen wird fur uns aus dem Schofie des Ver- 
ganglichen, wenn wir innerhalb dieses Verganglichen das Christus- 
Prinzip erfassen, das Unvergangliche, das Ewige, das Unsterbliche. Aus 
dem Zeitenschofie wird das Oberzeitliche fiir uns Menschen geboren. 
Wenn wir auf diesem festen Stiitzpunkte stehen, dann haben wir aus- 
gehend von ihm nicht einen blinden, dann haben wir einen von Wahr- 
heit und von Erkenntnis durchdrungenen Glauben und sagen uns: Es 
wird, was werden soil; und nichts hindert uns, unsere besten Krafte 
einzusetzen fiir das, wovon wir glauben, dafi es werden soil. Der Glaube 
auf der einen Seite, er ist das, was die echte Frucht des Kreuzes ist; er 
ist das, was uns immer zuruft: Blicke auf deine Mifierfolge, sie sind 



scheinbarer Tod deines Schaffens! Blicke von deinen Mifierfolgen auf 
das Kreuz und erinnere didi, dafi am Kreuze war der Quell ewigen 
Lebens, der den Zeitentod besiegt nicht nur fur sich, sondern fur alle 
Menschen. Und aus zwei Vorstellungen entspriefit uns grofiter Lebens- 
mut. Wir miissen sie nur in der richtigen Weise fassen. Oh, es ist zu- 
weilen von gutmeinenden Menschen gegen die hier gemeinte Geistes- 
wissenschaft eingewendet worden, dafi mancher, der zu ihr kommt, 
weil er dieses oder jenes aufnimmt scheinbar auf blofie Autoritat hin, 
sich schwach mache, dafi er Kraft verliere. Der aber, der eine solche 
Behauptung tut, verwechselt das Scheinbare mit dem Wahren. Die hier 
gemeinte Geisteswissenschaft schwacht nicht die Menschen, sie ist eine 
Kraft, in der die Starke lebt. Was kann die Frische, das Spriefiende 
und Sprossende einer freien grofien Natur und Naturluft dazu, wenn 
ein geschwachter Organismus in diese frische, frohe Luft kommt und 
sie nicht vertragen kann? Wird er noch mehr geschwacht, ist es Schuld der 
frischen, frohen Lebensluft? Soil sie anders sein oder soli vielmehr der 
Mensch sich dazu reif machen, die frische, frohe Lebensluft zu vertragen? 
Geist-Erkenntnis will sein eine gesunde Luft des Geistes. Kein Wunder, 
dafi zuweilen aus der krankhaften Luft unseres Geisteslebens, wie es in 
der Gegenwart ist, ein geschwachter Organismus sich kraftlos und 
schwach fiihlt im Beginne seiner geisteswissenschaftlichen Laufbahn. 
Geduld und Mut, die uns aus dem wirklich verstandenen Christus- 
Prinzip spriefien, sie sind die echten wahren Friichte des einen Teiles 
des hier gemeinten Geisteslebens. Aber eines gehort noch dazu. Mut, 
Ausdauer, Glauben allein geniigen doch nicht; eines gehort dazu und 
wird immer mehr und mehr, je weiter wir der Zukunft entgegenschrei- 
ten, dazu gehoren. 

Das ist: wir miissen die Moglichkeit haben, wenn wir eine Idee als 
die richtige erkannt haben, durch nichts uns beirren lassen an der Rich- 
tigkeit dieser Idee. Wir konnen uns tausendmal sagen, sie lafit sich jetzt 
nicht realisieren, wir miissen in Geduld und Ausdauer warten, bis die 
Verwirklichung moglich ist. Wenn wir glauben, dafi es im Fortgange 
des Menschenlebens die Christus-Kraft ist, die alles reifen lafit aus dem 
Schofie der Zeiten im rechten Augenblidke, so miissen wir dessen un- 
geachtet ein Urteil iiber die Richtigkeit, iiber die unbezweifelbare Rich- 



tigkeit unseres geistigen Inhaltes haben. Konnen wir auf den Erfolg 
warten, so werden wir immer weniger genotigt sein, blofi zu warten, 
wenn es sich darum handelt, das Richtige, das Wahre, das Weise aucii 
als Wahres, Weises, als Riditiges einzusehen. Nur das Kreuz ist es, das 
dem riditigen Verstandnis Lebensmut und Lebensglauben gibt; der 
Stern aber ist es, der Stern, den einstmals Luzifer, derLichttrager, inne- 
hatte, der aber diesem verlorengegangen und an das Christus-Prinzip 
iibergegangen ist, der Stern, der uns in jedem Augenblicke erleuditen 
kann, wenn wir uns ihm hingeben, iiber dieRichtigkeit, iiber dasUnbe- 
zweifelbare unseres geistigen Inhaltes. Das ist der andere Kraftpunkt, 
auf dem wir fest stehen miissen. Wir miissen uns eine Erkenntnis an- 
eignen konnen, die in dieTiefen desLebens geht, die hinter die aufieren, 
materiellen Erscheinungen geht, die da hineinleuchtet, wo Licht ist, 
audi dann, wenn es fur das menschliche Auge, wenn es fur den mensch- 
lidien Verstand, wenn es fur die aufiere Wahrnehmung finster wird. 
Es war notwendig fiir die menschliche Entwickelung, dafi das Christus- 
Ereignis eintrat im Laufe des Menschheitsfortschrittes, und wir werden 
in den nachsten Tagen darauf hinzuweisen haben, wie notwendig es 
war. Es war notwendig, was in so tiefsinniger Weise im Johannes- 
Evangelium angedeutet ist, es war notwendig, daft diese Finsternis eine 
Zeitlang iiber die Menschheit kam. Hineingeleuchtet hat in diese Fin- 
sternis das, was wir das Christus-Prinzip, den Christus nennen. Es ist 
in Wirklichkeit so, wie es im Johannes-Evangelium beschrieben ist. 
Aber alles Leben schreitet vor, alles Leben geht weiter. Eine wunder- 
bare, herrliche Sage der Menschheit spricht davon, dafi dem Luzifer, 
als er vom Himmel auf die Erde heruntersturzte, ein Edelstein aus 
seiner Krone fiel. Aus diesem Edelstein - so sagt uns die Sage - wurde 
jenes Gefafi, in welchem der Christus Jesus mit seinen Jungern das 
Abendmahl genommen hat; jenes Gefafi, in dem aufgefangen worden 
ist das Blut Christi, das vom Kreuze flofi; jenes Gefafi, das von Engeln 
in die westliche Welt gebracht worden ist und in der westlichen Welt 
von denen aufgenommen wird, welche zum wahren Verstandnis des 
Christus-Prinzips vordringen wollen. Es wurde aus dem Stem, der 
entfiel der Krone Luzifers, der heilige Gral. 

Was ist der heilige Gral? Sie alle wissen, dafi der Mensch, so wie er 



heute ist, viergliedrig ist, den physischen, atherischen, astralischen Leib 
und das Ich hat, dafi dieses Ich im Verlaufe des menschlichen Fort- 
sdirittes entgegenschreiten mufi einer immer mehr und mehr es erfiil- 
lenden Vollkommenheit, dafi es immer hoher und hoher steigen mufi. 
Luzifer, dem im Orient herrschenden, gefallenen, ihm entfiel der Edel- 
stein aus der Krone; jener Edelstein ist in gewisser Beziehung nichts 
anderes als die voile Kraft des mensdilichen Ichs. Dieses menschliche 
Ich mufi erst in der Finsternis vorbereitet werden, um in einer neuen 
wiirdigenArt den Stern Luzifers innerhalb des Christus-Lichtes erglan- 
zen zu sehen. Dieses Ich mufite sich hinauferziehen an dem Christus- 
Prinzipe,heranreifen zu dem Edelstein, der nun nicht mehr dem Luzifer 
gehort, der seiner Krone entf alien ist; das heifit, es mufite heranreifen 
durch Weisheit, um wieder die Fahigkeit zu haben, das Licht, das uns 
nicht von aufien zufliefit, das uns dann scheint, wenn wir selbst das 
Notige dazu tun konnen, zu ertragen.So ist geisteswissenschaftliche Ar- 
beit die Arbeit am menschlichen Ich, um es zum Gefafi zu machen, das 
wiederum fahig ist, das Licht zu empfangen, das da ist, wo heute fur 
die aufieren Augen, fiir den aufieren menschlichen Verstand Finsternis 
und Nacht ist. Eine alte Sage sagt, dafi die Nacbt die ursprungliche 
Herrscherin war. Diese Nacht ist aber wieder da; sie ist in allem, was 
heute von Finsternis erfiillt ist. Erfiillen wir uns aber selbst mit jenem 
Lichte, das uns aufgehen kann, wenn wir begreifen den Stern, den der 
Lichttrager, der andere Geist, Luzifer verloren hat; dann wird uns jene 
Nacht zum Tage. Die Augen horen auf zu schauen, wenn das aufiere 
Licht die Gegenstande nicht beleuchtet; der Verstand versagt, wenn es 
sich darum handelt, hinter die aufiere Natur der Dinge zu dringen; der 
Stern, der uns wird, wenn die zugleich klare und gutgesinnteForschung 
spricht, der erleuchtet uns das, was nur scheinbar Nacht ist, macht es 
uns zum Tage. Das aber ist es audi, was uns alle ertotenden und lah- 
menden Zweifel nimmt. Dann kommt fiir uns der Augenblick, wo wir 
Lebensmut und Glaubenskraft haben, um in Geduld zu warten; wo wir 
aber audi jene Sicherheit haben, die uns wird, wenn durchleuchtet ist 
die Welt unseres Geistes von jenem Lichte, das uns sagt: Es gibt keine 
Berechtigung des Zweifels im Absoluten. Konnen wir auf der einen 
Seite warten, haben wir die Kraft, unsere Intentionen reifen zu lassen, 



und haben wir auf der anderen Seite die absolute innere Sicherheit vom 
Bestande des Ewigen, des Unverganglichen, von dem Bestande des die 
Verstandesfinsternis durchleuchtenden Lichtes, dann haben wir die bei- 
den Krafte, die uns vorwartsbringen, dann haben wir begriffen, dafi es 
Mission ist fur die Zukunft, zwei Welten zu vereinen, dann verstehen 
wir, was es heifit: vor unserer Seele und vor unserem Geiste stehen die 
Zeichen zweier Welten, in Liebe sich vereinend. Dann begreifen wir 
Christi Kreuz und den im Christus-Licht erglanzenden Stern Luzif ers. 

Das darf als etwas angefiihrt werden, was in einer gewissen Be- 
ziehung die Mission des geisteswissenschaftlichenLebens fiir die Zukunft 
ist: auf der einen Seite uns zu geben Sicherheit und Kraft, zu stehen auf 
einem festen Grunde spirituellen Lebens, empfanglich zu werden fiir 
die neugeborene Leuchte des ehemaligen Lichttragers, und auf der an- 
deren Seite uns zu stiitzen auf den anderen Stiitzpunkt des festen Glau- 
bens und der festen Zuversicht, daft das, was geschehen soil durdi die 
Krafte, die in der Welt liegen, geschehen wird. Nur durdi diese zwie- 
fadie Sicherheit werden wir wirken konnen, was wir wirken sollen in 
der Welt; nur durch diese zwiefache Sicherheit wird es uns gelingen, 
Geist-Erkenntnis ins Leben uberzufuhren, 

Daher miissen wir uns klar daruber sein, dafi wir nicht nur die Auf- 
gabe haben, den Stern zu begreifen wie er geleuchtet hat durch das 
Menschenwerden, bis dem Luzif er aus der Krone entf alien ist der Edel- 
stein, sondern wir miissen begreifen, dafi wir das aufnehmen miissen, 
was aus diesem Edelsteine geworden ist, den heiligen Gral, dafi wir 
verstehen miissen das Kreuz im Stern; dafi wir verstehen miissen das, 
was als lichtvolle Weisheit geleuchtet hat in Urweltzeiten, was wir im 
tiefsten verehren als Weisheit der vorchristlichen Zeiten, zu denen wir 
wahrhaftig in voller Hingebung aufblicken, und dafi wir dem hinzu- 
fiigen miissen das, was die Welt hat werden konnen durch die Mission 
des Kreuzes. Nicht das Geringste soli uns entf alien von der vorchrist- 
lichen Weisheit, nicht das Geringste soli uns entfallen von dem Lichte 
des Orientes. Wir blicken zum Phosphoros, zum Lidittrager; ja, wir er- 
kennen diesen ehemaligen Lichttrager als die Wesenheit, die uns erst 
verstandlichmachenkanndie ganze tiefe innereBedeutungdesChristus; 
aber wir sehen neben Phosphoros Christophoros, den Christustrager, 



und versuchen die geisteswissenschaftlidie Mission zu verstehen, dafi sie 
nur erfuilt werden kann, wenn wirklich die Zeichen dieser beiden 
Welten «in Liebe sich vereinen». Verstehen wir diese Mission so, dann 
wird uns der Stern der Leiter sein zur Sidierheit eines lichtvollen geisti- 
gen Lebens, dann wird uns der Christus der Leiter sein zu der inneren 
Warme unserer Seele im Glauben und Vertrauen, dafi da gesdiehen 
wird, was man nennen kann: Geburt des Ewigen aus dem Zeitlichen. 
Erinnern wir uns stets des Prinzipes: dafi wenn, was wir wollen, das 
Rechte ist, uns nichts beirren kann darinnen, zu warten, bis uns die 
Friidite reifen.Stehen wir fest in dem Aufblicke zum Stern, denLuzifer 
verloren hat, auf der einen Seite, zum Kreuze des Christus auf der an- 
deren Seite, dann werden wir innerlich und lebendig die Mission der 
Geist-Erkenntnis durdidringen, dann werden wir immer mehr und 
mehr in uns befestigen die Sidierheit, dafi das Licht, das aus dieser 
Geist-Erkenntnis leuchtet, ein wahres Sternenlicht ist. Dann aber audi 
werden wir immer mehr und mehr den Glauben und das Vertrauen 
haben, dafi reifen werden die Friichte dieser Erkenntnis; dann wird uns 
nichts zaghaft machen; dann werden wir in Geduld und Ausdauer alle 
Mifierfolge hinnehmen konnen. Wir werden, zuriickblickend auf ein 
Kleines, was wir zunachst erreicht haben, uns sagen: Wir werden nach 
und nach einen kleinen Keim durch unsere Bewegung in der Menschheit 
sdiafTen, so dafi das Licht des Orients sein Widerleuchten finden kann, 
sein machtiges, verstandnisvolles Widerleuchten in dem Christus-Prin- 
zipe des Abendlandes. Dann werden wir audi erkennen, dafi es ein 
Licht des Okzidents gibt, das scheint, um das, was aus dem Orient 
stammt, nodi liditvoller zu machen als es durch seine eigene Kraft ist. 
Lichtvoll wird eine Sache durch die Lichtquelle, von der sie beleuchtet 
wird. Daher sage niemand, dafi irgendeine Verfalschung orientalischer 
Weisheit eintritt, wenn das Licht des Okzidents auf diese orientalische 
Weisheit scheint. Es wird scheinen das, was schon, grofi und erhaben ist. 
Es wird am schonsten, grofiten und erhabensten scheinen, wenn es mit 
dem edelsten Lichte erleuchtet wird. Wenn uns diese Idee, die wir 
ahnend in unsere Seele aufnehmen, erfuilt, dann werden wir an Klei- 
nem gefiihls- und empfindungsmafiig Grofieres lernen konnen; dann 
werden wir daran lernen, uns zu sagen: Wir stehen fest in unseren 



Wahrheiten,und wir warten geduldig auf dieRealisierung dieserWahr- 
heiten; wir haben die Kraft, nicht zu wanken in dein, was aus dem 
Lichte auf der einen Seite kommt; wir haben aber audi die Kraft, zu 
warten, und wenn es nodi so lange dauern sollte, bis das, was wir als 
Keim legen wollen in der Zeiten Schofi, die Friichte reifen lassen wird. 

Wir konnten warten, bis wir an die uns so am Herzen liegende Auf- 
gabe herantreten konnten, «Die Kinder des Luzifer» verkorpert vor 
menschliche Augen hinzustellen. Die Geisteswissenschaft hat nach alien 
Richtungen, auf alien Gebieten des Lebens ihre grofien Auf gaben. Sind 
wir heute schon sicher durcli jenes Licht, das diese Aufgaben in sich 
schliefit, wenn wir den einen Stutzpunkt f est unter uns haben, so sind 
wir auf der anderen Seite audi sidier im Glauben und Vertrauen, dafi 
die kleinsten und die grofiten Aufgaben, wenn wir uns ihnen hingeben, 
erfiillt werden miissen. 

Und so bauen wir auf das Licht, das von der Geist-Erkenntnis aus- 
geht; und so bauen wir auf die Warme, die von ihr ausgeht, und die 
uns erfiillt, die uns mit Glauben und Zuversicht in unserer Mission er- 
fullen kann. Und wirken im rechten Sinne und wahrer Art weiter 
unter den beiden Zeichen des Sterns und des Kreuzes, den «Zeichen 
zweier Welten in Liebe sich vereinend*, wirken von Zeitpunkt zu Zeit- 
punkt, wirken in festem Glauben daran, dafi, wenn wir im Laufe der 
Zeiten unsere Aufgabe richtig erf assen, wir wirken fur das, wofur der 
Mensch wirken soil, fur die Ewigkeit. Denn fur menschliches Wirken 
ist die Ewigkeit die Geburt desjenigen, das in den Zeiten reift. 



2 WE ITER VORTRAG 



Miinchen, 24. August 1909 



Es wird sich in diesemZyklus vonVortragen besonders darum handeln, 
die Weisheit der orientalisdien Welt, das heifit die uralten Weistiimer 
der Menschheit iiberhaupt, so zu betraditen, dafi auf sie jenes Licht 
fallt, das angeziindet werden kann an der Erkenntnis des Christus- 
Impulses und an der Erkenntnis all dessen, was sich im Laufe der Jahr- 
hunderte in der westlichen Welt als Weisheit aus diesem Christus- 
Impulse heraus nadi und nadi entwickelt hat. Wenn Geisteswissen- 
schaft etwas Lebendiges sein soil, so kann sie nidit darin bestehen, dafi 
bereits in der Menschheit vorhandene Anschauungen und Meinungen 
iiber die hoheren Weiten aus der Geschichte genommen und dann ge- 
lehrt werden; sondern es mufi sich darum handeln, dafi alles dasjenige, 
was wir in der Gegenwart erfahren konnen iiber das Wesen der hohe- 
ren Weiten, der Gegenstand unserer Betrachtung werde*. Menschen, 
welche in der Lage sind, den Blick hinaufzuwenden in die geistigen 
Weiten und in diesen so zu schauen, wie sonst derMensch mit sinnlichen 
Augen in der aufieren Welt schaut, wie er mit seinem Verstande die 
aufiere Welt begreifl, die hat es ja nicht nur in den alten Zeiten ge- 
geben, die gibt es zu alien Zeiten der Menschheitsentwickelung, die 
gibt es auch heute; und zu keiner Zeit ist die Menschheit darauf ange- 
wiesen, blofi geschichtlich iiberlieferte Wahrheiten zu lehren und zu 
betrachten; ebensowenig ist die Menschheit darauf angewiesen, diese 
Lehren iiber die hoheren Weiten von irgendeinem besonderen physi- 
schen Orte her zu empfangen. Uberall in der Welt kann der Quell 
hoherer Weisheit und hoherer Erkenntnis fliefien. Ebensowenig als es 
vernunftig ware, wenn wir in unseren Schulen etwa heute eine Mathe- 

* Man sieht, dafi von mir die Geisteswissensdiaft niemals als eine Entlehnung ge- 
sdiiditlich uberlieferter Anschauungen genommen, sondern als eine unmittelbar gegen- 
wdrtig zu erringende Erkenntnis dargestellt worden ist. Dafi die Terminologie alterer 
Zeiten zuweilen gebraucht wird, hat seinen Grund darin, -weil die neuere Zeit, der 
geisteswissensdiaftlicbes Erkennen fernliegt, eine solche Terminologie nicht hat und 
man noch immer leichter durch die alte als durch eine frei erfundene verstanden wird. 



matik oder eine Geographie lehren wiirden, die wir alten Schriften, 
welche in der Vorzeit verfafk sind, entnehmen wiirden, ebensowenig 
1st es vernunftig, in bezug auf die grofien Weistiimer der ubersinnlichen 
Welten das blofi Geschichtliche, das blofi Historische, das Vorzeitlidie 
zu betraditen. Es wird deshalb unsere Aufgabe sein, in diesem Vor- 
tragszyklus an die Dinge der hoheren Welten, an die Wesenheiten der 
ubersinnlichen Reiche selbst heranzutreten, Bekanntes und weniger Be- 
kanntes und ganz Unbekanntes vor unsere Seele treten zu lassen von 
demjenigen, wie es da aussieht in den hoheren Welten und dann uns zu 
fragen: Was haben die Menschen in alteren Zeiten, die Menschen der 
Vorzeit iiber diese Dinge zu sagen gehabt? Mit anderen Worten: west- 
lidie Weisheit wollen wir vor unsere Seele treten lassen und dann die 
Frage uns stellen: Wie stimmt dasjenige, was wir als westlidie Weisheit 
erkennen konnen, mit demjenigen zusammen, was uns als ostliche Weis- 
heit bekannt werden kann? Dasjenige, um was es sich handelt, ist, dafi 
Weistiimer der ubersinnlichen Welten von jedem Menschen, wenn sie 
ihm erzahlt werden, durch die Vernunft eingesehen werden konnen. 
Das ist von mir oft betont worden: zum Einsehen, zum Begreifen der 
Tatsachen der hoheren Welten gehort nur unbef angene Verniinftigkeit. 
Wenn diese unbefangene Verniinftigkeit audi in der Gegenwart eine 
sehr seltene Fahigkeit ist, sie ist vorhanden; und derjenige, der sie tiben 
will, kann alles das einsehen, was erzahlt wird iiber die Forschungs- 
ergebnisse der sogenannten hellseherischenWissenschaft. Gewonnen wer- 
den, erforscht werden konnen allerdings diese Tatsachen der hoheren 
Welten nur durch die sogenannte hellseherische Forschung, nur durch 
das Hinaufsteigen in diese hoheren Welten durch Menschen, die sich 
dazu vorbereiten. Da in diesen hoheren Welten Wesenheiten wohnen, 
welche man im Verhaltnis zu uns Menschen geistige nennen kann, so ist 
die Erforschung der hoheren Welten nach einer Richtung ein Umgang 
des Hellsehenden oder des Eingeweihten mit diesen geistigen Wesen- 
heiten. Erforscht werden also kann dasjenige, was in den hoheren 
Welten ist, nur dann, wenn der hellseherische Mensch* die Stufen hin- 
auf steigt, die ihn bis zum Verkehr mit einer geistigen Welt bringen. 

* Mit «hellseherisch» ist hier, *wie man sieht, nidit der gewohnlidi sogenannte 
traumhaft-pathologisdie Zustand gemeint, sondern eine in voller Besonnenheit zu 



Vieles uber diese Dinge ist ja fur Sie alle in diesem oder jenem Vor- 
tragszyklus schon gesagt worden; das Wesentliche wollen wir uns heute 
einmal vor die Seele fiihren. Dasjenige, was zuerst notwendig ist fiir 
den hellseherisch werdenden Menschen, vim hinaufzudringen in die 
hoheren Welten, das ist nichts Geringeres, als die Fahigkeit, zu schauen, 
zu erkennen, zu erleben ohne die Hilfe der aufieren Sinne, also ohne 
die Hilfe derjenigen Werkzeuge, welche in unserem Leib als Augen, als 
Ohren und so weiter hineingebaut sind,aber audi ohne dasjenige Werk- 
zeug, weldies im besonderen unserem Intellekt, unserem Verstande 
dient. Ebensowenig wie man die iibersinnlichen Welten erschauen kann 
mit den physischen Augen, wie man in ihnen horen kann mit den physi- 
schen Ohren, ebensowenig kann man von ihnen etwas erkennen durch 
den Verstand, insofern er gebunden ist an das Instrument des physi- 
schen Gehirns. Frei werden also mufi der Mensch von jener Tatigkeit, 
die er ausiibt, wahrend er sich bedient seiner physischen Sinne und 
seines physischen Gehirns. 

Nun wissen Sie alle schon, dafi es im normalen Menschenleben einen 
Zustand gibt, in dem der Mensch aufierhalb der Instrumente seines 
physischen Leibes ist; es ist der Zustand des Schlafens. Wir wissen da, 
dafi von den vier Gliedern der Menschennatur, vom physischen Leib, 
Atherleib, astralischen Leib und dem Ich die zwei letzten Glieder, das 
Ich und der astralische Leib, sich eine gewisse Selbstandigkeit erringen*. 
Wahrend desTagwachens sind innig miteinander verbunden: physischer 
Leib, Atherleib, astralischer Leib und Ich. Wahrend des Schlafens sind 
diese vier Glieder so getrennt, dafi auf der einen Seite im Bette liegen- 
geblieben ist der physische Leib mit dem Atherleib, auf der anderen 
Seite aber frei in einer anderen Welt leben der astralische Leib und das 
Ich. So ist also der Mensch im normalen Verlaufe seines Lebens inner- 
halb vierundzwanzig Stunden jedesmal in einem Zustande, wo er die 

erreidiende Erkenntnis, in der die Seele in einer Verfassung ist, weldie ganz der- 
jenigen des mathematischen Vorstellens entspridit. Sie ist gerade das Gegenteil des 
Traumhaft-Pathologischen. 

* Diese Ausdriicke werden hier nur so gebraucht, wie sie in meinen Biichem er- 
klart werden. Sie konnen naturlich nicht von einem Gesichtspunkte aus kritisiert 
werden, der mit ihnen ganz andere Vorstellungen (etwa die einer Trivial-Mystik) 
verbindet, wie das so haufig gesdbieht. 



Instrumente, die in seinen physischen Leib hineingebaut sind, nicht an 
sidi hat; aber er mufi in einer gewissen Weise diese Befreiung vom 
physisdien Leibe bezahlen mit der Bewufitseinsfinsternis; er sieht wah- 
rend des Schlafzustandes nichts in der Welt um sidi herum, in welcher 
er dann ist. 

Nun konnen diejenigen Organe, die der Mensch dann braucht, wenn 
er in die geistige Welt schauen will, in welcher er wahrend der Nadit 
mit seinem Idi und astralischen Leibe ist, naturlich nur in den astra- 
lisdien Leib hineingebaut werden, beziehungsweise in das Idi. Und es 
ist der Unterschied zwischen dem sogenannten normalen Menschen von 
heute und dem hellseherischen Forscher kein anderer als der, dafi abends, 
wenn das Ich und der astralische Leib sidi aus dem physischen Leib 
und Atherleib herausheben, beim normalen Menschen der astrale Leib 
und das Ich in gewisser Beziehung ungegliedert sind, ohne Organe zum 
Schauen; beim hellseherischen Forscher sind in diesem astralischen Leib, 
beziehungsweise in dem Ich, ebensolche Organe wenn audi anderer Art 
ausgebildet, wie es fur den physischen Leib die Augen und Ohren sind. 
Es ist daher die erste Aufgabe, die sich derjenige stellen mufi, welcher 
hellseherischer Forscher werden will, diese, dafi er alles dasjenige tut, 
was in seinen vorerst ungegliederten astralischen Leib, beziehungsweise 
in sein Ich, geistige Augen, geistige Ohren und so weiter hineinbaut. 

Das ist aber nodi nicht das einzige, was notwendig ist. Nehmen wir 
einmal an, jemand hatte es dahin gebradit, durch diejenigen Mittel, die 
wir nachher audi kurz erwahnen wollen, seinen astralischen Leib und 
sein Ich mit geistigen Augen und geistigen Ohren und so weiter auszu- 
statten, er wiirde dann einen anderen astralischen Leib haben als der 
normale Mensch; er wiirde einen gegliederten, einen organisierten 
Astralleib haben. Er wiirde aber noch nichts sehen konnen in der geisti- 
gen Welt; wenigstens wiirde er gewisse Stufen des Sehens nicht er- 
reichen konnen. Dazu ist noch etwas anderes notwendig. Wenn unter 
heutigen Verhaltnissen der Mensch zur Hellsichtigkeit, zur bewufiten 
Hellsichtigkeit wirklich hinaufsteigen will, so ist es notwendig, dafi 
nicht nur die geistigen Augen und die geistigen Ohren ausgebildet sind 
in seinem astralischen Leib, sondern dafi audi alles dasjenige, was also 
plastisch ausgebildet ist in diesem astralischen Leib, sich abdriickt in 



dem atherischen Leib, wie sidi ein Petsdiaft abdriickt im Siegellack. Die 
eigentliche bewufiteHellsichtigkeit, sie beginnt dann, wenn dieOrgane, 
also die geistigen Augen, die geistigen Ohren und so weiter, die im astra- 
lisdien Leibe ausgebildet werden, sich eindriicken dem atherischen Leib. 

So mufi also der atherische Leib dem astralisdien Leibe und dem Ich 
helfen, wenn Hellsichtigkeit entstehen soil, das heifit es mussen zu- 
sammenarbeiten all die Glieder der Menschennatur die man hat, das 
Ich, der astralische Leib, der Atherleib, mit einziger Ausnahme des 
physischen Leibes, dem aber trotzdem nach Erleben der Ubersinnlichen 
Welt die Auf gabe obliegt, diese Erkenntnis in vollen Einklang zu brin- 
gen mit der durch ihn erworbenen sinnlich-verniinftigen Erkenntnis. 

Nun gibt es fur den Atherleib ein grofieres Hindernis mitzuarbeiten 
als fur den astralisdien Leib. Der astralische Leib und das Ich sind ja im 
Laufe von vierundzwanzig Stunden beim Menschen immer einmal - 
man mochte sagen in der glucklichen Lage, frei zu sein von dem physi- 
schen Leib. So lange sie vom Morgen, wo der Mensdi aufwacht, bis zum 
Abend, wo der Mensch einschlaft, im physischen Leib stecken, so lange 
sind der astralische Leib und das Ich gebunden an die Krafte dieses 
physischen Leibes; und diese Krafte hindern den astralisdien Leib und 
das Ich, ihre eigenen Organe auszubilden. Der astralische Leib und das 
Ich sind feine geistig-seelische Wesenheiten; sie folgen sozusagen durch 
ihre eigene Elastizitat den Kraften des physischen Leibes und nehmen 
seine Form an. Daher haben sie fur den normalen Menschen audi in 
der Nacht noch diese Krafte des physischen Leibes in sich als Nach- 
wirkungen; und man kann nur,wie wir horen werden, durch besondere 
Mafiregeln freimachen den astralisdien Leib und das Ich von der Nach- 
wirkung des physischen Leibes, so dafi dieser astralische Leib seine 
eigene Form, das heifit seine geistigen Augen, seine geistigen Ohren und 
so weiter ausbilden kann. Aber man ist wenigstens in der glucklichen 
Lage, im Laufe von vierundzwanzig Stunden den astralisdien Leib frei 
zu haben; man hat die Moglichkeit also, ohne weiteres auf diesen 
astralisdien Leib so zu wirken, dafi er dann nidit in der Nacht der 
Elastizitat des physischen Leibes weiter folgt, sondern dafi er seiner 
eigenen Elastizitat folgt. 

Die vorbereitenden Ubungen, die der hellseherische Forscher vor- 



nimmt, bestehen im wesentlichen darin, dafi er wahrend des Tag- 
wachens soldie geistigen Verriditungen macht, die so auf seinen astra- 
lisdien Leib und auf sein Ich wirken, dafi sie dann, wenn sie beim 
Einschlafen herausgehen aus dem physischen Leib und dem Atherleib, 
unter der Nachwirkung stehen dessen, was der Mensch zur besonderen 
Vorbereitung fur die hellseherische Forschung getan hat. 

Nehmen wir also die zwei Falle an: den gewohnlichen Mensdien wie 
er im normalen Leben steht, der vom Morgen bis zum Abend sich 
den Eindrucken der Aufienwelt hingibt, sidi demjenigen hingibt, was 
auf aufiere Sinne und Verstand wirkt. Er schlaft am Abend ein, sein 
astralisdier Leib geht keraus aus dem physischen Leib. Dieser astralische 
Leib ist dann ganz hingegeben demjenigen, was wahrend des Tages 
erlebt worden ist; er folgt der Elastizitat des physischen Leibes, nicht 
seiner eigenen. Etwas anderes ist es aber, wenn der Mensch durch Me- 
ditation, Konzentration unddurch andereObungen,welchezumBehufe 
der hoheren Erkenntnis gemacht werden, wahrend seines Tageslebens 
starke Wirkungen auf seine Seele, das heifit auf seinen astralen Leib 
und Ich erlebt, wenn er also gewisse Zeiten hat, die er sich aussondert 
vom gewohnlichen Tagesleben, in denen er etwas ganz anderes tut als 
im gewohnlichen Tagesleben; wenn er sich in besonderen Zeiten nicht 
hingibt demjenigen, was ihm die aufiere Welt fiir die Sinne, fiir den 
Verstand sagen kann, sondern wenn er sich hingibt demjenigen, was 
eine Kunde und ein Ergebnis der geistigen Welten ist. Wenn er also in 
Meditation, Konzentration und anderen Ubungen einen, wenn auch 
noch so kurzen Teil des tagwachen Lebens hinbringt, dann wirkt das 
auf seine Seele so, dafi der astralische Leib in der Nacht, wenn er aus 
dem physischen Leibe heraustritt, die Wirkungen dieser Meditation, 
Konzentration und so weitererfahrtunddadurch anderen Elastizitaten 
folgt als jenen des physischen Leibes. Die Methoden zur Erlangung der 
hellseherischen Forschung bestehen daher darin, dafi die Lehrer dieser 
Forschung all das Wissen anwenden, das ausprobiert worden ist seit 
Jahrtausenden des Menschenlebens an Ubungen, an Meditationen und 
Konzentrationen, die wahrend des Tageslebens vorgenommen werden 
miissen, damit sie dann ihre Nachwirkungen im Nachtleben haben so, 
dafi der astralische Leib sich umorganisiert. 



Das ist die grofie Verantwortung, die derjenige iibernimmt, der 
iiberhaupt solciie Obungen seinen Mkmenschen verabreidit. Soldie 
Ubungen sind nicht aus dem Blauen herausgeholt, soldie Obungen sind 
das Ergebnis exakter geistiger Arbeit. Dasjenige, was diese Ubungen 
vorschreiben, von dem weifi man, dafi es auf die Seele so wirkt, dafi 
wenn diese Seele abends beim Einschlafen heraustritt aus dem physi- 
sclien Leibj sie in der riditigen Art sidi ihre geistigen Augen, ihre 
geistigen Ohren, ihr geistiges Denken ausbildet. Wenn etwas Falsdies 
gemacht wird, falsche Obungen gemaciit werden, dann wirkt das 
naturlich audi; dann bleiben nidit etwa die Wirkungen aus, aber dann 
werden widersinnige - wenn wir einen Ausdruck der sinnlichen Welt 
gebraudien wollen -, widernatiirlidie Formen hineingebaut in den 
astralischen Leib. Was heifit das: widernatiirlidie Formen werden hin- 
eingebaut in den astralischen Leib? Es werden Formen hineingebaut, 
die dem grofien Weltenganzen widersprechen. Es ware dann gerade so 
auf diesem Gebiete, wie wenn in unseren physischen Leib Organe hin- 
eingebaut waren, die nicht in der riditigen Weise die aufieren Tone 
horen, das aufiere Licht sehen konnen, die nicht stimmen wiirden zu 
der aufieren Welt. Durch unrichtige Meditation und Konzentration 
wiirde also der Mensch in bezug auf seinen astralischen Leib und in 
bezug auf sein Ich in Widerspruch versetzt zur Welt, und er miifite 
dann, statt dafi er Organe erhalt, durch welche hineinleuchten kann 
allmahlich diese geistige Welt, zerschellen durch die Einfliisse der gei- 
stigen Welt, er miifite diese Einfliisse der geistigen Welt nicht als etwas 
ihn Forderndes, als etwas ihn Bereicherndes erleben, sondern als etwas 
sein Denken Hemmendes. 

Ich bitte Sie, weil wir diesen Begriff in den nachsten Tagen sehr 
notwendig haben werden, darauf zu achten, dafi wir hier an einem 
Punkte stehen, wo uns klar werden kann, dafi etwas, das in der Aufien- 
welt draufien ist — und wir reden jetzt von der geistigen Aufienwelt 
im hochsten Mafie fordernd sein kann f iir den Menschen und wiederum 
im hochsten Mafie hemmend sein kann fur ihn, je nadidem er seine 
eigene Wesenheit diesem Aufieren entgegenbringt. Denken wir uns ein- 
mal, ein Mensch mit einem nicht richtig ausgebildeten astralischen Leibe 
setzt sich der geistigen Umwelt aus. Diese wirkt auf ihn. Wahrend, 



wenn er die richtigen Organe ausgebildet hatte, diese geistige Umwelt 
in ihn einfliefien wiirde, ihn bereichern wiirde mit den Weltgeheim- 
nissen, wird diese selbe Aufienwelt ihn seelisch verkiimmern, wenn 
er seine Organe schlecht ausgebildet hat. Es ist dieselbe Aufienwelt, die 
einmal den Menschen in die hochsten Hohen hinauftragt, das andere 
Mai ihn hemmt, dieselbe Aufienwelt, von der der Mensch einmal 
sagen wird, sie ist eine gottliche, f orderliche Welt, wenn er selber in sich 
das Richtige tragt; und von der er sagen wird, sie ist eine Welt der 
Hindernisse, wenn er selbst in sich ein nicht richtig ausgebildetes Inneres 
hat. In diesen Worten liegt viel von dem Schlussel zum Verstandnis 
des Guten, Fruchtbaren, und des Bpsen, des Zerstorenden in der Welt. 
Und Sie konnen daraus einsehen, dafi die Wirkung, die irgendwelche 
Wesenheiten der Umwelt auf uns haben, nicht mafigebend ist fiir das 
Wesen dieser Welt selber. Wie wir uns der Aufienwelt gegeniiberstellen, 
so wird das eine Mai dieselbe Wesenheit forderlich oder hemmend 
sein, dieselbe Wesenheit Gott oder Teufel sein konnen fiir unsere 
seelische Organisation. Das bitte ich durchaus zu berucksichtigen; denn 
wir werden es fiir mancherlei in den nachsten Tagen brauchen. 

Wir haben uns damit vor die Seele gestellt, wie die Vorbereitung zur 
hellseherischen Forschung ist in bezug auf den astralischen Leib und 
das Ich. Und wir haben hervorheben miissen, dafi wir Menschen in 
einer gewissen Beziehung in einer glucklichen Lage sind, weil wir wenig- 
stens zu einer gewissen Zeit wahrend vierundzwanzig Stunden den f ei- 
nen astralischen Leib und das Ich aufier dem physischen Leib und dem 
Atherleib haben. Den Atherleib aber haben wir audi in der Nacht 
nicht aufier dem physischen Leib; er bleibt da mit dem physischen Leib 
verbunden. Wir wissen ja aus den mancherlei Vortragen, die nun seit 
Jahren hier gehalten werden, dafi nur im Tode jener Augenblick ein- 
tritt, wo der physische Menschenleib fiir sich bleibt und der Atherleib 
mit dem astralischen Leibe und dem Ich sich aus dem physischen Leibe 
heraushebt. Wir brauchen heute nicht zu erwahnen, welchen Weg diese 
drei Glieder der Menschennatur nachher zwischen dem Tode und einer 
neuen Geburt durchmachen; wir wollen uns nur klar vor die Seele 
stellen, dafi mit dem Tode der Augenblick gegeben ist, wo der Mensch 
frei ist von dem physischen Leibe und von alledem, was in diesen 



physisdien Leib hineingebaut ist, frei ist also von den physisdien 
Sinnesorganen, frei ist von dem Gehirn, dem Instrument des physisdi 
wirkenden Verstandes. Da sind beisammen in der ihnen gemafien Art 
Idi und astralischer Leib und atherischer Leib; da konnen sie zusam- 
menwirken. Daher tritt audi in bezug auf das vorhergehende Leben 
von dem Moment des Todes an, wenn auch zunachst nur fur kurze 
Zeit ein wirklidies Hellsehen ein. Es ist das ofter erwahnt worden in 
diesen Vortragen. 2u einem solchen Zusammenwirken, wie das nur im 
Momente des Todes normalerweise der Fall sein kann, zu einem sol- 
chen Zusammenwirken mufi die Moglichkeit dem Ich, dem astralischen 
Leibe und dem Atherleibe gegeben werden, um vollstandige Hellsich- 
tigkeit herbeizufuhren. Der Atherleib mufi also aus jenem Zustand 
befreit werden konnen, in den er hineingebannt ist wahrend des nor- 
malen Lebens; er mufi ebenso in der Lage sein, seine Elastizitat zu 
gebrauchen, unabhangig zu werden von der Elastizitat des physisdien 
Leibes, wie das der astralische Leib in der Nacht ist. Dazu sind in ge- 
wisser Beziehung hohere, intensivere, anstrengendere Ubungen not- 
wendig. Auf alles das kann ja in den nachsten Tagen mit einigem noch 
hingedeutet werden in den entsprechenden Zusammenhangen; heute 
aber wollen wir uns klarmachen, dafi dies notwendig ist. Es geniigt 
noch nicht, wenn der Mensch jene vorbereitenden Ubungen gemacht 
hat, die nachwirken in seinen astralischen Leib hinein, um die geistigen 
Augen und Ohren auszubilden, sondern es sind auch Ubungen not- 
wendig, die dem Atherleibe Selbstandigkeit und Freiheit geben von 
dem physisdien Leibe. Heute aber wollen wir uns in einer gewissen 
Beziehung das Resultat vor Augen fiihren, das dann eintreten mufi. Sie 
konnen dies im Grunde genommen schon entnehmen aus demjenigen, 
was gesagt worden ist. 

Wir konnen sagen, normalerweise ist nur im Augenblick des Todes 
die Moglichkeit gegeben, dafi frei vom physisdien Leib Ich und astraler 
Leib und Atherleib zusammenwirken. Fur die hellseherische Forschung 
mufi also etwas eintreten, das sich vergleichen lafit einzig und allein mit 
demjenigen, was sonst fur den Menschen im Augenblicke des Todes 
eintritt, das heifit der Mensch mufi, wenn er in bewufitem Sinne hell- 
seherisch werden will, zu einer Entwickelungsstufe in seinem Leben 



kommen, wo er von seinem physischen Leib und dem Gebraudie der 
Glieder des physischen Leibes ebenso unabhangig ist, wie er unabhan- 
gig von ihnen ist im Momente des Todes. 

Wir fragen uns: durch was kann denn - wir wollen die Frage heute 
in abstracto beantworten, in den nachsten Tagen wird es in concreto 
geschehen - der Mensch eine solche Unabhangigkeit erlangen von dem 
physischen Leibe, durch was kann er sich in einen Zustand versetzen, 
der dem Momente des physischen Sterbens in bezug auf die Erkenntnis 
ahnlich wird? Einzig und allein dadurch kann er sich in einen solchen 
Zustand versetzen, dafi er gewisse Empfindungen und Empfindungs- 
nuancen ausbildet, welche die Seele so ergreifen, dafi in einer gewissen 
Beziehung diese Empfindungen und Empfindungsnuancen durch ihre 
Kraft den atherischen Leib packen und ihn herausheben aus dem 
physischen Leibe. Es miissen also so starke Empfindungsimpulse, Ge- 
dankenimpulse und Wiliensimpulse in der Seele wirken, dafieine inner- 
liche Kraft da ist, welche den Atherleib frei macht vom physischen 
Leibe fur gewisse Augenblicke. Nicht aber durch aufiere physische 
Mafinahmen kann so etwas in unserem Zeitraume der Menschheits- 
entwickelung herbeigefiihrt werden. Derjenige, der glauben wiirde, 
dafi man solche Dinge durch physische Mafinahmen herbeif iihren kann, 
der wiirde sich eben einer gewaltigen Tauschung hingeben. Er wiirde in 
die geistigen Welten hinein wollen und dennoch bei den Hantierungen, 
bei den Tatsachen der physischen Welt bleiben wollen, das heifit er 
ware noch nicht gekommen bis zu einem wirklichen Glauben an die 
Kraft der geistigen Welten. Es miissen lediglich innere Vorgange sein, 
Vorgange des starken, des energischen Seelenlebens, die diesen Zustand 
herbeifuhren*. Und wenn wir im Abstrakten bleiben, so konnen wir 
heute vorlaufig sagen: das Wesentlichste zur Herbeif iihrung eines sol- 
chen Zustandes besteht darin, dafi der Mensch eine Umwandlung, 
gleichsam eine Umstiilpung seiner Interessensphare erlebt. Fur das ge- 

* Es mufi bei diesen Schilderungen viberall darauf geaditet werden, dafi mit ihnen 
nur seelische Vorgange gemeint sind, die mit einem Ubergehen in Pathologisdi-Orga- 
nisches so wenig zu tun haben wie die mathematisdien Formulierungen, und die 
trotzdem nidit blofi formaler Natur sind wie die letzteren, sondern denen eine gei- 
stige Realitat entspricht. Zur gewohnlidien Hellseherei verhalten sie sich wie das 
Positive zu dem Negativen. 



wohnliche Leben ist der Mensch ausgestattet mit gewissen Interessen. 
Sie wissen, dafi diese Interessen vom Morgen bis zum Abend spielen. 
Der Mensch - und er hat damit ganz recht, denn er mufi in dieser Welt 
leben - interessiert sich fur dasjenige, was auf seine Augen, seine Ohren, 
auf seinen physischen Verstand, auf seine physischen Empfindungen 
und so weiter wirkt; er interessiert sich fur dasjenige, was in der 
Aufienwelt ihm entgegentritt; er hat fur das eine mehr, fur das andere 
weniger Interesse; er widmet dem einen mehr, dem anderen weniger 
Aufmerksamkeit; das ist so natiirlich. Und in diesen auf- und ab- 
wogenden Interessen, die ihn fesseln mit gewissen Anziehungskraften 
an den Teppich der Auflenwelt, lebt der Mensch, lebt ja wahrhaftig 
ganz allein die weitaus grofite Mehrzahl der gegenwartigen Menschen. 

Es gibt nur eine Moglichkeit, dafi der Mensch unbeschadet der Frische 
und Lebendigkeit dieser aufieren Interessen doch Momente im Leben 
herbeifiihrt, in denen diese aufieren Interessen gar nicht wirken; in 
denen ihm, wenn man radikal die Sache ausdriicken will, die ganze 
aufiere Sinneswelt absolut gleichgiiltig wird; in denen er alle Interessen- 
krafte, die ihn an dieses oder jenes in der sinnlichen Welt fesseln, ab- 
totet. Falsch ware es, wenn der Mensch sich nicht aufsparen wiirde 
diese Abtotung der Interessen fur die Aufienwelt f iir gewisse Feiertags- 
augenblicke des Lebens, sondern diese Abtotung auf das ganze Leben 
ausdehnen wiirde. Ein soldier Mensch wiirde unfahig werden, mit- 
zuarbeiten an der Aufienwelt; wir sind aber berufen, in unserem Leben 
an der Aufienwelt und an ihrer Arbeit mitzuwirken. Wir miissen es uns 
daher fur Feiertagsaugenblicke aufbewahren und aufsparen, alle aufie- 
ren Interessen fur die Umwelt in uns ersterben zu lassen, und wir 
miissen uns sozusagen diese zwiefache Natur erobern, dafi wir auf der 
einen Seite in der Lage sind, lebendig und frisch an allem teilzunehmen, 
was da draufien an Freude und Schmerz, an Lust und Unlust, an 
bliihendem, sprossendem und an ersterbendem Leben sich abwickelt, 
und dafi wir dazu die andern Interessen fugen. Die Frische und Ur- 
sprunglichkeit des Interesses fiir die Aufienwelt miissen wir uns fur 
unser Erdenleben wach erhalten; wir diirfen nicht Fremdlinge werden 
auf der Erde, denn dadurch wiirden wir nur aus dem Egoismus heraus 
handeln und wiirden unsere Krafte rauben dem Schauplatz, dem sie 



gewidmet sein sollen innerhalb unserer gegenwartigen Entwickelung. 
Aber wir miissen auf der anderen Seite, damit wir hinaufsteigen kon- 
nen in die hoheren Welten, uns die andere Seite der Natur ausbilden, 
die darin besteht, dafi wir in Feiertagsaugenblicken des Lebens die 
Interessen fiir die Aufienwelt ertoten, ersterben lassen. Und wenn wir 
Geduld und Ausdauer, wenn wir Energie und Kraft haben, solange als 
es unser Karma fordert, uns zu iiben in diesem Abtdten der Interessen 
fiir die Umwelt, wenn wir uns geniigend darin iiben, so wird zuletzt 
durch diese Abtotung des Interesses an der Aufienwelt eine starke, 
energische Kraft in unserem Innern frei. Was wir auf solche Art in der 
Aufienwelt ertoten, lebt im hoheren Mafie in der Innenwelt auf. Wir 
erfahren eine ganz neue Art des Lebens, wir machen jenen Moment 
durch, wo wir uns sagen konnen: das ist ja nur ein Teil des gesamten 
Lebens, was wir sehen konnen durch die Augen und horen durch die 
Ohren. Es gibt ein vollig anderes Leben, ein Leben in der geistigen 
Welt; eine Auferstehung in der geistigen Welt, ein Hinausschreiten 
iiber dasjenige, was man sonst das Leben nennt, ein Hinausschreiten, so 
dafi nicht der Tod eintritt, sondern ein hoheres Leben resultiert. 

Wenn dann diese rein geistige Kraft in unserem Innern stark genug 
geworden ist, dann konnen wir die Momente nach und nach erleben, 
wo wir Herrscher und Herr werden iiber unseren Atherleib, wo dieser 
Atherleib nicht diejenige Form annimmt, die ihm die Spannkrafte von 
Lunge und Leber aufnotigen, sondern jene Form, die wir ihm auf- 
notigen von oben herunter durch unseren astralischen Leib. Dann 
pragen wir unserem Atherleib die Form ein, die wir zuerst durch Me- 
ditation und Konzentration und so weiter dem Astralleib eingepragt 
haben; dann driicken wir die plastische Form des astralischen Leibes 
im Atherleib ab, und wir steigen auf von der Vorbereitung zur Er- 
leuchtung, zu der nachsten Stufe der hellseherischen Forschung. Die 
erste Stufe, durch welche wir unseren astralen Leib umwandeln so, dafi 
er Organe erhalt, sie nennt man auch die Reinigung oder Lauterung aus 
dem Grunde, weil dieser astralische Leib gereinigt wird von den Kraf- 
ten der Aufienwelt, und inneren Kraften sich fiigt. Diejenige Stufe 
aber, auf welcher es diesem astralischen Leib gelingt, seine Form ein- 
zupragen dem Atherleib, diese Stufe ist damit verkntipft, dafi es um 



uns herum geistig hell wird, dafi die geistige Welt urn uns herum 
ofFenbar wird, dafi die Erleuchtung eintritt. 

Dasjenige, was ich Ihnen eben beschrieben habe, ist verkniipft mit 
gewissen Erfahrungen, die der Mensdi durchmacht, und die typisdi 
sind, die bei jedem dieselben sind, und die jeder, der den Weg durdi- 
madit, erfahrt in dem Momente, wo er dazu reif ist, und wo er die 
notige Aufmerksamkeit auf gewisse iiber dem Sinnlichen hinausliegende 
Dinge und Vorgange wendet. Die erste Erfahrung, die eintritt durch 
die Organisation des astralischen Leibes, die also eintritt als Wirkung 
von Meditation, Konzentration und so weiter, konnte man ausdriicken 
als ein Gef iihls-, als ein Empfindungserlebnis, als ein Erlebnis, das man, 
wenn man es beschreiben will, am besten benennen konnte wie eine in 
sidi verlaufende vollbewufite Spaltung unserer ganzen Personlichkeit*. 
Man sagt sidi in diesem Augenblicke, wo man das erlebt: Jetzt bist du 
eigentlich etwas geworden wie zwei Personlichkeiten; du gleichst 
gleidisam einem Sdiwerte, das in seiner Sdieide steckt. Vorher hast du 
dich vergleichen konnen mit einem Sdiwerte, das nicht in seiner Sdieide 
steckt, sondern das mit seiner Sdieide in eins gearbeitet ist, aus einem 
Stuck besteht; du hast dich gefuhlt als eine Einheit mit deinem physi- 
sdien Leibe zusammen; jetzt aber ist es so, wie wenn du zwar in deinem 
physischen Leib drinnensteckest wie das Sdiwert in der Sdieide, aber 
doch ein Wesen seiest, das sidi als etwas fiihlt aufler der Sdieide des 
physischen Leibes, in der es steckt. - Man fiihlt sidi zwar in seinem 
physischen Leibe, aber nicht mit ihm verwadisen, nidit aus einem Stuck 
mit ihm bestehend. Dieses innerliche Freiwerden, dieses innerlich sich 
Fiihlen als zweite Personlichkeit, die aus der ersten herausgeschritten 
ist, das ist das grofie Erlebnis auf dem Wege zur hellseherischen An- 
schauung der Welt. Es mufi also betont werden, dafi dieses erste Erleb- 
nis ein Empfindungs-, ein Gefiihlserlebnis ist. Man mufi fiihlen dieses 

* Man mufi, was hier als «Spaltung der Personlichkeit* gekennzeidinet wird, 
streng unterscheiden von dem, was von solciien Denkern, die damit Pathologisdies - 
oder Traumhaftes - im Auge haben, mit diesem Ausdrucke oder audi mit «Doppel- 
I<h» gemeint ist. Die hier charakterisierte Spaltung wird in voller Besonnenheit nur 
im Seelisclien vollzogen, wird so vollig durchschaut, dafi ein klarbewufites Drinnen- 
stehen in dem gewohnlidien Idi in gar keiner "Weise beeintraditigt wird. Dieses «Idi» 
verliert dabei nidits von seiner inneren Festigkeit und Geschlossenheit. 



in seiner alten Personlichkeit-Darinnenstecken und doch wiederum frei 
und beweglich sich in ihr fiihlen. Naturlich ist das nur ein Vergleicii, 
vom Schwerte und seiner Scheide. Denn das Schwert fiihlt sich doch 
nach alien Seiten beengt durch die Wande seiner Scheide; der Mensch 
aber, der diese Empfindung hat, hat ein hohes Gefiihl innerlicher Be- 
weglichkeit, gleichsam wie wenn er an alien Punkten die Grenzen 
seines physischen Leibes durchbrechen konnte, heraus konnte, Ausfalle 
machen konnte durch die Haut seines physischen Leibes, geistige Ftihl- 
horner ausstrecken konnte in eine Welt hinein, die ihm zwar noch 
dunkel ist, die ihm aber fuhlbar wird und im Finstern - man mochte 
sagen - tastbar, erkennbar wird. Das ist das erste grofie Erlebnis, das 
der Mensch hat. 

Das zweite besteht darin, dafi nun die zweite Personlichkeit, die in 
der ersten darinnen steckt, nach und nach die Fahigkeit erlangt, wirk- 
lich aus dieser ersten Personlichkeit seelisch-geistig herauszutreten. Die- 
ses Erlebnis, das driickt sich schon dadurch aus, dafi der Mensch nun- 
mehr die Erfahrung, wenn audi zuweilen oft fur kurze Zeit, macht, 
als ob er sich selbst sehen wiirde, als ob er sich gleichsam wie seinen 
eigenen Doppelganger vor sich hatte. Diese zweite Erfahrung aller- 
dings hat eine viel grofiere Tragweite als die erste. Denn mit dieser 
zweiten Erfahrung ist etwas verkniipft, was - man mochte sagen - nur 
sehr schwer zu ertragen ist fur den Menschen. Man mufi bedenken, 
im normalen Leben steckt der Mensch in seinem physischen Leibe dar- 
innen. Dasjenige, was darinnen steckt, ist Astralleib und Ich, und das- 
jenige, was so als Astralleib und als Ich im physischen Leib darinnen 
steckt, das pafit sich den Kraften des physischen Leibes an; es schmiegt 
sich sozusagen hinein. Es nimmt an die Form der Leber, die Form des 
Herzens, die Form des physischen Gehirns und so weiter. Und so ist es 
audi mit dem Atherleib, solange er im physischen Leibe darinnen 
steckt. Er nimmt an die Form des physischen Gehirns, die Form des 
Herzens und so weiter. Man bedenke, was mit den Ausdriicken Gehirn, 
Herz und so weiter gesagt ist, was das fur wunderbare, in sich voll- 
endete Werkzeuge und Organe sind, was fur wunderbare, in sich 
vollendete Schopfungen. Man frage sich einmal, was alle mensdiliche 
Kunst, was alles mensdiliche Schaff en bedeutet gegeniiber jenem Schaf- 



fen, gegeniiber jener Kunst und Tedinik, die notwendig sind, um soldi 
ein Wunderwerkzeug wie das Herz, das Gehirn und so welter auf- 
zubauen. Was vermag der Mensch auf dem gegenwartigen Standpunkt 
seiner Entwickelung an Kunst, an Technik gegeniiber jener Gotterkunst 
und Gottertechnik, die unseren physischen Leib auferbaut haben, und 
die uns daher audi in Schutz nehmen, solange wir drinnenstecken im 
physischen Leib. Wir sind also mit dem physischen Leibe im Tages- 
leben Gotterschopfung hingegeben. Unser Atherleib, unser Astralleib 
sind hineingepafit in Formen, weldie die Gotter geschaffen haben. 
Werden wir nun frei und selbstandig, dann liegt die Sadie anders. 
Dann machen wir uns zu gleicher Zeit frei von dem Wunderwerkzeuge 
der Gotterschopfung. Wir verlassen also nicht etwa den physischen 
Leib als etwas, worauf wir als auf ein Unvollkommenes herabschauen 
diirfen, sondern als den Tempel, den die Gotter fur uns gebaut haben, 
in dem wir sonst wohnen wahrend unseres tagwadien Lebens. Wie 
sind wir dann? 

Nehmen wir einmal an, wir konnten diesen physischen Leib in irgend- 
einem Momente ohne weitere Vorbereitung verlassen; irgendein Zau- 
berkiinstler wiirde uns dazu verhelfen, diesen physischen Leib zu ver- 
lassen, so dafi er allein bleibt, dafi der Atherleib mitgeht mit dem 
astralischen Leibe, dafi wir also in gewisser Beziehung durch ein Erleb- 
nis hindurchgehen, das sich vergleidien lafit dem Momente des Todes. 
Nehmen wir an, wir konnten das ohne die Vorbereitung, von der 
wir gesprochen: was sind wir dann, wenn wir da draufien sind, wenn 
wir uns selbst gegentiberstehen? Da sind wir dasjenige, was wir im 
Laufe der Weltenentwickelung von Leben zu Leben geworden sind. 
Solange wir vom Morgen bis zum Abend im physischen Leibe stecken, 
korrigiert die gottliche Schopfung des Tempels unseres physischen 
Leibes dasjenige, was wir uns selbst anorganisiert haben von Verkor- 
perung zu Verkorperung im Laufe unseres Erdenlebens; jetzt aber, 
wo wir heraustreten, haben unser astralischer Leib und unser Atherleib 
dasjenige, was sie sich erworben haben von Leben zu Leben ohne 
Korrektur; jetzt sehen sie so aus, wie sie aussehen miissen nach dem, 
was sie selbst aus sich gemacht haben. Wenn der Mensch in einem soldi 
unvorbereiteten Zustand heraustritt aus seinem physischen Leibe, dann 



ist er nicht etwa ein Wesen von einer hdheren, edleren, reineren Form 
als diejenige war, die er gehabt hat im physisdien Leib, sondern ein 
Wesen mit all den Unvollkommenheiten, die er sich auf sein Karma 
geladen hat. Das alles bleibt unsiditbar, solange der Leibestempel un- 
seren Atherleib und astralischen Leib und unser Ich aufnimmt. Es wird 
sichtbar in dem Augenblick, wo wir mit den hoheren Gliedern unserer 
Wesenheit heraustreten aus dem physisdien Leibe. Da stehen, wenn 
wir nun zu gleicher Zeit hellsichtig werden, vor unserem Auge all die 
Neigungen und Leidenschaften, die wir noch haben aus dem, was wir 
in friiheren Erdenleben gewesen sind. Man nehme einmal an, dafi man 
im Laufe der kunftigen Erdenzeit noch viele durchmachen werde; da 
wird man dieses oder jenes tun, dieses oder jenes vollbringen. Zu man- 
cherlei von demjenigen, was man vollbringen wird, Hegen schon die 
Neigungen, die Triebe und Leidenschaften jetzt vor ; man hat sie heraus- 
gebildet durch Verkorperungen in der friiheren Zeit. Alles, was der 
Mensch fahig ist, an diesen oder jenen Dingen in der Welt zu voll- 
bringen, alles das, dessen er sich schuldig gemacht hat gegen diesen oder 
jenen Menschen - was er gegen diesen oder jenen Menschen in der 
Zukunft abzutragen hat -, alles das ist in diesem Astralleib und Ather- 
leib verkorpert, wenn er heraustritt aus dem physisdien Leib. Wir 
treten uns selber gleichsam seelisch-geistig nackt entgegen, wenn wir 
beim Heraustreten zugleich hellsichtig sind; das heifit wir stehen uns 
so vor dem geistigen Auge, dafi wir jetzt wissen, urn wieviel wir 
schlechter sind, als das sein wiirde, wenn wir jene Vollkommenheit er- 
reicht hatten, welche die Gotter hatten, damit sie schaffen konnten den 
Wunderbau unseres physisdien Leibes. Wir sehen in diesem Augenblick, 
wie tief wir unter jener Vollkommenheit stehen, die uns vorschweben 
mufi als unser kunftiges Entwickelungsideal. Wir wissen in diesem 
Augenblick, wie tief wir unter die Welt der Vollkommenheit herunter- 
gestiegen sind. 

Das ist das Erlebnis, das verbunden ist mit der Erleuchtung; das ist 
das Erlebnis, das man die Begegnung mit dem Hiiter der Schwelle 
nennt. Dasjenige, was wirklich ist, das wird dadurch nicht mehr und 
nicht weniger wirklich, dafi wir es sehen oder nicht sehen. Die Gestalt, 
die wir da sehen in diesem Augenblick, der eben geschildert worden ist, 



ist sonst audi da, ist sonst durchaus audi in uns steckend; aber weil wir 
nocli nidit aus uns herausgetreten sind, weil wir uns nidit gegeniiber- 
stehen, sondern weil wir drinnen stecken, sehen wir sie nidit. Im ge- 
wohnlichen Leben ist dasjenige, was wir in dem Augenblicke, wo wir 
hellseherisdi aus uns heraustreten, sehen, der Htiter der Schwelle. Er 
behtitet uns vor jenem Erlebnis, das wir erst ertragen lernen mussen. 
Wir mussen erst jene starke Kraft in uns haben, die uns befahigt, uns 
zu sagen: Es liegt eine Welt der Zukunft vor uns, und wir sehen ohne 
Sdirecken und Grauen auf dasjenige, was wir geworden sind, denn wir 
wissen ganz gewifi, dafi wir alles das wiederum ausgleichen konnen. - 
Die Fahigkeit, die wir haben mussen, um diesen Moment zu erleben, 
ohne dafi wir von ihm niedergedriickt werden, diese Fahigkeit mussen 
wir uns wahrend der Vorbereitung zur hellseherisdien Forsdiung an- 
eignen. Diese Vorbereitung besteht darin - wiederum sagen wir es 
heute im Abstrakten, wir werden auf das Konkrete nodi einzugehen 
haben dafi wir insbesondere die aktiven, die positiven Eigensdiaften 
unserer Seele stark und energisch machen, dafi wir unseren Mut, unser 
Freiheitsgefuhl, unsere Liebe, unsere Energie desDenkens, unsere Ener- 
gie des klarsichtigen Intellekts so steigern, als wir sie nur steigern 
konnen, so dafi wir nicht als schwadie, sondern als starke Menschen 
heraustreten aus unseremphysischenLeibe. Wenn aber von demjenigen, 
was man im gewohnlichen Leben als Angst und Furcht kennt, zu viel 
im Menschen vorhanden ist, so wird er nicht ohne Bedruckung dieses 
Erlebnis iiberstehen konnen. 

So also sieht man, dafi es gewisse Bedingungen gibt, um hinein- 
zuschauen in die geistigen Welten, die in einer gewissen Beziehung ja 
das Hochste, was zu denken ist fur das Leben der gegenwartigen 
Menschheitsentwickelung, in Aussicht stellen, und die gleichzeitig not- 
wendig machen, dafi der Mensch eine vollstandige Umformung und 
Umstulpung seines Wesens fiir die Feieraugenblicke sich erringt. Die 
grofite Wohltat in unserer heutigen Zeit wird demjenigen, welcher, 
bevor er zu diesem Erlebnis vorschreitet, sich beschreiben lafit, was die- 
jenigen, die erlebt haben in den hoheren Welten, geschaut haben; was 
dann, wenn es erzahlt wird, zu begreifen, zu verstehen ist, ohne dafi 
man selbst in diese Welten hineinsieht. Geforscht werden kann nur, 



wenn man selbst hineinsieht. Dadurdi aber, dafi man sich immer mehr 
und mehr anstrengt mit dem Verstand das zu begreifen, was der hell- 
seherische Forscher sagt, gelangt man immer mehr und mehr dazu, sich 
zu sagen: Wenn ich alles das betrachte, was das Leben bringt, mufi ich 
sagen, das Ergebnis iibersinnlicher Forsdiung ist doch ganz verniinftig. 
Wenn man sich bemiiht, in dieser Weise zuerst einen Oberblick sich zu 
verschaffen, wenn man zuerst Begreifender werden will und dann 
Hellseher, dann hat man in bezug auf die heutige Menschheitsstuf e das 
Richtige getan. Erst mufi man Geisteswissenschaft grundlich kennen- 
lernen. Tut man das, dann geben die grofien, die umfassenden, die 
starkenden und mutspornenden und erfrischenden Ideen und Gedan- 
ken dieser Wissenschaft der Seele nicht nur etwa Theorie, sie geben der 
Seele Empfindungs-, Willens- und Denkeigenschaften, so dafi sie sich 
stahlt. Dann, wenn die Seele solches durchgemacht hat, wird der Mo- 
ment der Begegnung mit dem Hiker der Schwelle zu etwas anderem, 
als was er sonst geworden ware. In ganz anderer Weise werden Angst 
und Besorgniszustande iiberwunden, wenn man vorher durch das Er- 
fassen der Erzahlungen der hoheren Welten hindurchgegangen ist, als 
wenn dies nicht gesdiehen ist. 

Dann aber, wenn der Mensch dieses Erlebnis gehabt hat, dafi er sich 
selbst gegeniibergetreten ist, dafi er also dem Hiiter der Schwelle be- 
gegnet ist, dann beginnt fur ihn die Welt eine ganz andere zu werden; 
dann erfahren in einer gewissen Beziehung alle Dinge der Welt eine 
neue Gestalt. Und es ist das Urteil berechtigt, das etwa so sagt: Bisher 
habe ich gekannt, was Feuer ist; aber das war nur eine Tauschung; 
denn was ich bisher Feuer genannt habe, das verhalt sich zu seiner 
Wirklichkeit, zu dem, was ich jetzt als Feuer kenne, etwa so, wie wenn 
ich die Eindriicke, welche die Rader eines Wagens machen auf der 
Strafie, fur die einzige Wirklichkeit halten und nicht mir sagen wollte: 
da mufi ein Wagen dariiber gef ahren sein, in dem ein Mensch gesessen 
hat. Von diesen Furchen sage ich aus, dafi sie die Zeichen, der aufiere 
Ausdruck sind fur den Wagen, der dariiber gefahren ist und in dem 
ein Mensch gesessen hat. Wenn er voriibergef ahren ist, sehe ich nichts 
von ihm; er aber ist der Grund der Furchen, er ist das Wesentliche. Und 
derjenige, der da glauben wiirde, die Furchen, welche die Rader hinter- 



lassen haben, seien etwas in sich Abgeschlossenes, etwas Wesentliches, 
der wiirde den aufieren Eindruck fiir die Sache selbst halten. - So ist 
das, was wir im aufieren Leben als das aufleuchtende Feuer sehen, im 
Verhaltnis zu seiner Wirklichkeit, zu der geistigen Wesenheit, die da- 
hintersteht, wie die Furchen in der Strafie zu dem Menschen, der im 
Wagen gesessen hat, welcher iiber die Strafie dahingefahren ist. In dem 
Feuer haben wir nur einen aufieren Ausdruck. Hinter demjenigen, was 
das Auge als Feuer sieht und was wir als Warme empfinden, ist erst die 
wahre geistige Wesenheit, die im aufieren Feuer nur den aufieren Aus- 
druck hat. Hinter demjenigen, was wir als Luft einatmen, hinter dem- 
jenigen, was als Licht ins Auge dringt, was als Ton in unserem Ohre 
ist, hinter dem liegen die wirkenden gottlich-geistigen Wesenheiten, 
welche nur gleichsam ihr aufieres Kleid im Feuer, im Wasser, in dem- 
jenigen haben, was uns in den verschiedenen Reichen der Welt umgibt. 

In der sogenannten Geheimlehre, in der Mysterienlehre, nennt man 
dieses Erlebnis, das man in dieser Art hat, das Durchgehen durch die 
elementaren Welten. Wahrend man sich vorher dem Glauben hingege- 
ben hat, daft dasjenige, was man als Feuer erkennt, eine Wirklichkeit 
ist, erfahrt man nun, dafi hinter dem Feuer lebendige Wesenheiten 
stehen. Man macht sozusagen Bekanntschaft, mehr oder weniger in- 
time Bekanntschaft mit dem Feuer als etwas ganz anderem als dem, 
wie es sich in der Sinnenwelt darstellt; man macht Bekanntschaft mit 
den Feuerwesen, mit demjenigen, was als Seele hinter dem Feuer steht. 
Wie unsere Seele hinter unserem Leibe steht, so steht hinter dem Feuer, 
das mit den aufieren Sinnen wahrnehmbar ist, die Seele und der Geist 
des Feuers. Man dringt in ein geistiges Reich ein, wenn man die Seele und 
den Geist des Feuers erlebt; und dieses Erleben, das sich sagt: das auflere 
Feuer ist keine Wahrheit, es ist blofier Schein, ist blofies Kleid, ich bin 
jetzt unter den Feuergottern, wie ich vorher unter den Menschen in der 
physischen Welt war - dieses Erleben heifk Leben im Element des 
Feuers, wenn man im geheimwissenschaftlichen Sinne spricht. Ebenso 
ist es mit dem, was wir einatmen. In dem Augenblicke, wo uns das- 
jenige, was wir als aufiere Luft einatmen, nur das Kleid wird fiir 
dahinterliegende lebendige Wesenheiten, leben wir in dem Elemente 
der Luft. 



Und so kann der Mensch, wenn er die Begegnung mit dem Hiker 
der Schwelle hinter sich hat, auf steigen zu dem Erleben der Wesenheiten 
in den sogenannten Elementen, im Element des Feuers, des Wassers, 
der Luft, der Erde. Diese vier Arten von Geistern, die in den Elemen- 
ten leben, gibt es, und der Mensch, der diese Stufe erreicht hat, die 
soeben beschrieben worden ist, verkehrt mit den geistigen Wesenheiten 
der Elemente. Er lebt in den Elementen, er durchlebt Erde, Wasser, 
Luft und Feuer. Dasjenige also, was man im gewohnlichen Leben mit 
diesen Worten bezeichnet, das ist nur das aufiere Kleid, der aufiere 
Ausdruck von dahinterstehenden geistigen Wesenheiten. Es leben also 
gewisse gottlich-geistige Wesenheiten in demjenigen, was uns entgegen- 
tritt als feste Materie oder Erde - im geisteswissenschaftlichen Sinne 
gesprochen - als fliissige Materie oder Wasser - im geisteswissenschaft- 
lichen Sinne gesprochen — , als ausdehnbare Materie oder Luft und als 
warme, feurige Materie oder Feuer. Das aber sind noch nicht die hoch- 
sten geistigen Wesenheiten, sondern wenn wir uns durchgerungen 
haben durch das Erleben der Elementenwelt, dann steigen wir auf zu 
denjenigen Wesenheiten, welche die schaffenden Wesenheiten fur jene 
Geister sind, die in den Elementen leben. Und nun nehme man folgen- 
des: Wenn man seine Umgebung betrachtet, die physische Umgebung, 
sieht man: sie besteht aus demjenigen, was die vier aufieren Glieder 
sind der eigentlichen Elementarwelt. Ob man Pflanzen oder Tiere oder 
Steine auf dem physischen Plane sieht, man kann sagen: sie bestehen 
entweder aus dem Festen, das heilk Erdigen - geheimwissenschaftlich 
gesprochen - oder aus dem Flussigen, das heilk aus dem Wasser - ge- 
heimwissenschaftlich gesprochen -, aus Gasartigem oder der Luft und 
aus dem Feurigen, dem Warmehaften. Daraus sind die Dinge zusam- 
mengesetzt, die in der Steinwelt, Pflanzenwelt, in der Tier- und Men- 
schenwelt physisch vorhanden sind. Und als schopferische Krafte, als 
befruchtende Krafte stehen hinter demjenigen, was physisch ist, die- 
jenigen Krafte, die uns von der Sonne zum grofiten Teil zustromen. 
Die Sonne, sie ruft ja aus der Erde hervor das spriefiende, sprossende 
Leben. Die Sonne also sendet diejenigen Krafte, im physischen Sinne 
zunachst, zur Erde, die es moglich machen, dafi auf der Erde gesehen 
wird mit physischen Sinnen dasjenige, was im Feuer, in der Luft, im 



Wasser und in der Erde lebt. Wir sehen physisch die Sonne, weil sie 
physisch Licht verbreitet. Das physisdie Licht wird durch die physische 
Materie aufgehalten. Der Mensch sieht die Sonne vom Aufgange bis 
zum Niedergange, und er sieht die Sonne nicht, wenn die physisdie 
Erdenmaterie sie zudeckt; vom Untergange bis zum Aufgange sieht er 
sie nicht. Solche Finsternis, wie sie im physischen Leben herrscht vom 
Niedergange der Sonne bis zum Aufgange derselben, solche Finsternis 
gibt es in der geistigen Welt nicht. In dem Augenblicke, wo der Hell- 
seher dasjenige errungen hat was beschrieben worden ist, in dem Augen- 
blicke, wo er hinter dem Feuer die Geister des Feuers, hinter der Luft 
die Geister der Luft, hinter dem Wasser die Geister des Wassers und 
hinter der Erde die Geister der Erde erblickt, in diesem Augenblick 
sieht er hinter diesen geistigen Wesenheiten deren hoheren Herrscher, 
deren hoheren Lenker, dasjenige, was sich verhalt zu diesen Elementar- 
wesenheiten, wie sich verhalt die erwarmende und beleuchtende, die 
wohltatige Sonne zu dem spriefienden und sprossenden physischen Le- 
ben auf unserer Erde. Das heifit, der Hellseher ringt sich durch von der 
Betrachtung der Elementarwesenheiten zu der Betrachtung der hoheren 
geistigen Wesenheiten, die im geistigen Reiche etwa sind, was sich im 
physischen Reiche sinnbildlich vergleichen lafit mit der Sonne im Ver- 
haltnis zur Erde. Der Mensch sieht dann hinter den Elementenwesen 
eine hohe geistige Welt: die geistige Sonne. Wenn fur den Hellseher 
dasjenige, was sonst Finsternis ist, Licht wird, wenn er die Erleuchtung 
erlangt, dann, dann dringt er vor, wie das physische Auge zur Sonne 
vordringt, zur geistigen Sonne, das heifit zu den geistigen Wesenheiten. 
Und wann dringt er vor zu diesen hoheren geistigen Wesenheiten? 
Dann dringt er vor, wenn gleichsam fur die Menschen die geistige 
Finsternis am hochsten ist. Der Mensch lebt, wenn er sonst frei ist in 
bezug auf seinen Astralleib und auf sein Ich, also vom Momente des 
Einschlafens bis zu dem des Aufwachens, er lebt, indem ihn Finsternis 
umgibt, weil er die geistige Welt, die ihn dann umgibt, nicht sieht. 
Diese Finsternis nimmt allmahlich zu, erreicht einen Hohepunkt und 
nimmt wiederum ab bis zum Morgen, wo er aufwacht. Sie erlangt 
sozusagen einen hochsten Grad. Man kann diesen hochsten Grad gei- 
stiger Verfinsterung vergleichen mit demjenigen im aufieren Leben, 



was man die Mitternachtsstunde nennt. Wie in dieser normalerweise 
die aufiere physische Finsternis am starksten ist, wie sie bis dahin 
zunachst zunimmt und nachher abnimmt, so gibt es in bezug auf die 
geistige Finsternis einen hochsten Grad, eine Mitternacht. Auf einer 
gewissen Stufe des Hellsehens ist es so, dafi man wahrend der Zeit, 
wahrend welcher fur den ungeistig-erkennenden Mensdien die geistige 
Finsternis aufsteigt, die Elementargeister sieht; wiederum so beim Ab- 
fluten der Finsternis. Hat man nur eine niedere Stufe des Hellsehens 
erreidit, so ist es so, dafi man zuerst sozusagen gewisse Elementargeister 
erlebt, dafi aber gerade dann, wenn man den hochsten geistigen Mo- 
ment erleben will, die Mitternachtsstunde, dafi dann noch eine Ver- 
finsterung eintritt, und erst dann wiederum eine Erhellung eintritt. 
Wenn man aber eine bestimmte Stufe des Hellsehens erreicht hat, dann 
wird, was man Mitternachtsstunde nennen kann, um so heller. In dieser 
Zeit* erlebt man das Anschauen derjenigen geistigen Wesenheiten, die 
in bezug auf die Elementengeister sind wie die Sonne zur physischen 
Erde; man erlebt die hoheren, schopferischen, die Sonnenwesenheiten, 
es tritt jener Moment ein, den man technisch nennt das Schauen der 
Sonne um Mitternacht. 

So sind die Stufen, welche heute wie zu jeder Zeit von demjenigen 
durchlebt werden miissen, der zur hellseherischen Forschung sich hin- 
aufschwingen will, der hinter den Schleier, welcher in den irdischen 
Elementen die wahre Welt iiberzieht, hindurchblicken will. Diese 
Stufen, die nun beschrieben worden sind, das Sich-Freifiihlen in bezug 
auf seine zweite Personlichkeit wie das Schwert in der Scheide, dieses 
sich aufierhalb des physischen Leibes Fiihlen, wie wenn man das Schwert 
herausgezogen habe aus der Scheide; das Begegnen mit dem Hiiter der 
Schwelle; das Erleben der Elementenwesenheiten, das heifit das Erleben 
jenes grofien Momentes, wo die Feuer-, Luft-, Wasser- und Erden- 
Wesenheiten werden zu Wesenheiten, unter denen man wandelt, mit 
denen man nun verkehrt wie im gewohnlichen Leben mit den Men- 
sdien; und dann das Erleben jenes Momentes, wo man das Urwesen 

* Man mufi sich dariiber klar sein, dafi mit dieser «Mitternachtsstunde» nicht ein 
mit dem aufieren Zeitverlauf zusammenfallender Augenblick, sondern ein innerer 
Zustand gemeint ist. 



dieser Elementarwesenheiten erlebt, das sind die Stufen, die zu jeder 
Zeit durchgemacht werden konnten, die audi heute nodi durchgemadit 
werden konnen, das sind — in anderer Weise ist dies ofter schon be- 
schrieben worden, denn in mandierlei Art kann man sie beschreiben, 
und es bleibt immer nur eine unvollkommene Besdireibung! - die 
Stufen, die in die geistigen Welten hinauffiihren. Wir mufiten sie uns 
vor die Seele fiihren, um zu sehen, was der Mensch zu jeder Zeit selber 
tun mufi, um die geistigen Wesenheiten zu erkennen. Und wir werden 
nunmehr uns weiter vor die Seele zu fiihren haben, was nun der 
Mensch in diesen geistigen Welten erlebt; wir werden uns vor die Seele 
zu fiihren haben einiges von den konkreten Verrichtungen, die der 
Mensch vorzunehmen hat, um den Geistwesenheiten zu begegnen. 
Und wenn wir die Sache uns vor die Seele gefuhrt haben in der Art, 
wie es durch die westliche Einweihung erreicht werden kann, dann 
werden wir das, was wir also gewonnen haben aus der Sache selbst her- 
aus, vergleichen mit dem, was an orientalischer Uberlieferung, an 
uralter Weisheit an die Menschheit erging. Das ist dasjenige, was man 
verstehen kann als das Fallenlassen des Christus-Lichtes auf die Weis- 
heit der vorchristlichen Zeit. 



DRITTER VORTRAG 



Miinchen, 25. August 1909 



Wir haben uns vor die Seele geftihrt, wohin derjenige dringt, welcher 
die Methoden der mensdilichen Entwickelung in die iibersinnlichen 
Welten hinein auf sich anwendet. Wir haben dabei aufmerksam ge- 
madit, daft es erne gewisse Stufe der Entwickelung gibt, durch welche 
dem Menschen das, was sonst in der aufieren Welt uns entgegentritt 
als Warme, als Luft, als Wasser und so weiter, anf angt zu leben und 
durdigeistigt zu sein. Wir haben gesagt, dafi man das nennen kann das 
Sichhineinleben in die Welt der Elementengeister. Ich bitte diejenigen, 
die sich seit langerer Zeit mit Geisteswissenschaft befassen, jedes Wort, 
das gesagt wird, recht auf die Waagschale zu legen und zu beriicksich- 
tigen, dafi die Worte gebraucht werden nicht annahernd, sondern ganz 
genau. Ich sagte nicht Elementargeister, sondern ich sagte Elementen- 
geister; und es ist immer nur die Rede von demjenigen, das gerade an 
der betreff enden Stelle genannt wird. 

Es wird nun heute unsere Aufgabe sein, uns mit einigen Eigentiim- 
lichkeiten bekanntzumachen, die sich dem Betrachter der hoheren Wel- 
ten bieten. Da ist vor alien Dingen darauf aufmerksam zu machen, dafi 
sich beim Aufstieg ins Ubersinnliche zu unserer gewohnlichen Welt, die 
wir mit unseren Sinnesorganen erleben, andere Welten, von denen zu- 
nachst zwei genannt sein sollen, hinzugesellen, Welten, die hinter denen 
stehen, die man mit den Sinnen wahrnehmen und mit dem Verstande 
begreif en kann. Es sollen einige hervorragende Charaktereigentumlich- 
keiten genannt werden, welche hinweisen konnen auf die Unterschiede 
unserer gewohnlichen Welt und den beiden nachsthoheren. Die nachste 
Welt, die sich hinter unserer Welt verbirgt, nennt man ja, wie Sie alle 
wissen, die astralische Welt, und diejenige, die noch tiefer verborgen 
ist hinter dieser, bezeichnen wir gewohnlich nach unserem Sprach- 
gebrauch als die geistige Welt. Man konnte auch die astralische Welt 
das Seelenland oder die Seelenwelt und die andere als das Geisterland 
oder die geistige Welt bezeichnen. Wollen wir einen der vielen Unter- 



sdiiede angeben, der uns zunachst einmal widitig sein wird fur unsere 
folgenden Betrachtungen, so konnen wir sagen: In unserer physischen 
Welt herrsdit als eines der umfassendsten Gesetze dasjenige des Ent- 
stehens und Vergehens. Uberall finden wir in unserer physischen Welt 
den Wechsel von Geburt und Tod, von Entstehen und Vergehen, Be- 
trachten Sie, wo Sie wollen, unsere physische Welt, gerade bei ihren 
hochsten Wesenheiten finden Sie das Charakteristische, dafi sie geboren 
werden und sterben innerhalb der physischen Welt. Eine scheinbare 
Dauer innerhalb der physischen Welt gaukelt dem Menschen hochstens 
dasjenige vor, was den niedrigen Naturreichen angehort: das tote Stein- 
reich. Aber auch das ist nur scheinbar. Wttrde man die Betrachtung der 
Gesteinswelt iiber lange Zeiten ausdehnen, so sahe man, dafi sich auch 
da das Gesetz des Entstehens und Vergehens geltend macht. 

Fiir den Betrachter nun der astralischen Welt drangt sich vor alien 
Dingen das auf , dafi - ebenso hervorragend wie fiir die physische Welt 
das Entstehen und Vergehen - fiir diese astralische Welt die Verwand- 
lungsfahigkeit ist, die Metamorphose. Und hier verknupft sich das, 
was jetzt zu sagen ist, mit einem Hinweis, der schon gestern gegeben 
worden ist und der uns in der mannigfaltigsten Weise immer konkreter 
beschaftigen wird. In der astralischen Welt haben wir es zu tun mit 
beweglichenGebilden, mitGebilden, die sich ineinander so umwandeln, 
dafi sie bald das eine, bald das andere sein konnen. Schon der uns ja aus 
dem Astralischen zunachstliegende menschliche astralische Leib, der wie 
eine Art von Aura - dem Hellseher sichtbar - wolkig umwallt und 
umwogt den physischen Leib, hat die Eigentiimlichkeit einer fortwah- 
renden Verwandlungsfahigkeit. Fast in jedem Augenblick ist das, was 
als eine astralisch-aurische Wolke den Menschen einhullt und durch- 
dringt, anders, je nachdem der Mensch in sich hohere oder niedrigere 
Triebe entwickelt, wildere, sturmischere oder ruhigere Leidenschaften 
in sich erlebt, diese oder jene Gedanken hegt. Je nachdem er diese oder 
jeneWillensimpulse hat, zeigen sich in dieser aurisch-astralischen Wolke 
die mannigfaltigsten Gebilde und Einschliisse; und da der Mensch in 
seinem Seelenleben fortwahrend diese oder jene Gedanken aufsteigen 
und abwogen lafit, so kann man diese Wolke in jedem Augenblick in 
bezug auf Farbe und Form als etwas anderes abbilden, wenn auch ein 



gewisser Grundcharakter, sagen wir eine gewisse Grundfarbe in der 
astralischen Aura eines jeden Menschen erhalten bleibt, die seinem mehr 
oder weniger dauernden Charakterzug entspridit. So haben wir schon 
in dem astralischen Leib des Menschen das sich Verwandelnde darinnen. 
Gestern ist darauf auf merksam gemacht worden, dafi dieselben Wesen- 
heiten, die dem Menschen zunachst entgegentreten, wenn er das astra- 
lische Gebiet als ein Erschaubares erlebt, dann, wenn er in die Erleuch- 
tung vorriickt und ihm das Astralische erkennbar wird, ihm entgegen- 
treten konnen, je nach seiner eigenen Vorbereitung, als gute und als 
bose. So stark ist die Verwandlungsfahigkeit dessen, was fur das 
Schauen nicht heruntersteigt bis zum physischen Plan, sondern bleibt 
in denRegionen der hoher en Welten und nur bis zum astralischen Plane 
heruntersteigt, sich verwandeln kann von dem Guten in das Bose, von 
dem Lichten in das Finstere. Also wir haben Metamorphose, Verwand- 
lungsfahigkeit als Charakteristikum in dieser Welt. 

In der eigentlich geistigen Welt tritt uns eine, wenn audi nur relative 
Dauer entgegen, ein Bleiben. Daher mufi zum Beispiel des Menschen 
innerste Wesenheit, wenn sie sich erhalten will, wenn sie dauern will 
von einer Inkarnation zur anderen, durchgehen durch die geistigeWelt, 
weil nur diese Welt die Eigentumlichkeit der, wenn audi nicht ewigen, 
so doch in gewisser Beziehung relativen Dauer hat, 

Entstehen und Vergehen ist also hauptsachlichste Eigentumlichkeit 
der physischen Welt; Verwandlung von einer Form in die andere ist 
eine Eigentumlichkeit der astralischen Welt; Dauer ist eine Eigentum- 
lichkeit der geistigen Welt. Zunachst mussen wir uns klar sein, dafi die 
Materialien zum Aufbau des Menschen aus diesen Welten entnommen 
sind, dafi der Mensch aus diesen Welten herausgebaut ist. Die physische 
Welt liegt ihm zunachst vor; in die anderen Welten arbeitet er sich 
durch die sogenannte Einweihung oder Initiation, das heifit durch die 
Vorbereitung und Entwickelung zum ubersinnlichen Schauen hinauf. 
Da lernt er erst das kennen, was sich ihm entzieht in der gewohnlichen 
Welt, was aber ebenso vorhanden ist wie diese gewohnliche Welt. 

Nun mussen wir uns bekannt machen mit noch etwas anderem. Wir 
haben gesagt, dafi uns zum Beispiel im Element des Feuers oder der 
Warme auf einer gewissenStufe der Entwickelung Lebendiges entgegen- 



tritt, etwas das Feuer Durdilebendes, oder in bezug auf die Luft etwas 
die Luft Durdilebendes. Fur das gewohnliche Leben ist nun die Sadie 
so, dafi jedesmal, wenn eine aufiere Umhiillung, ein aufieres Kleid, ein 
Ausdruck auftritt fiir irgendeine Wesenheit, diese selbst fur den Men- 
schen sidi in eine hohere Welt zuriickzieht. Der Mensch lernt in der 
physischen Welt das physische Feuer kennen. Weil er das physische 
Feuer, den Ausdruck gewisser geistiger Wesenheiten, die im Feuer wal- 
ten, in der physischen Welt kennenlernt, so mufi er, um diese Wesen- 
heiten selbst kennenzulernen, von der physischen zu hoheren Welten 
aufsteigen. Niemals findet man in derselben Welt diejenigen Wesen- 
heiten, bei denen der Ursprung und Urquell einer Erscheinung fiir eine 
andere Welt ist. Dasjenige, was Ursache und Urquell des Feuers zum 
Beispiel ist, kann man erst finden, wenn man von der physischen Welt 
zur nachsthoheren aufsteigt, weil die betreffenden Wesenheiten in die 
niedere Welt hinuntersenden ihren Ausdruck und ihre Wesenheit selbst 
zuriidkbehalten in der hoheren Welt. Das gilt nun nicht nur fiir die Er- 
scheinungen,die uns sozusagen auf dem aufierenTeppich der physischen 
Welt entgegentreten. Die Geister des Feuers, die Geister der Luft, des 
Wassers, der Erde, sie verhiillen sich fiir die physische Welt und sind 
in den hoheren Welten, weil sie ihre Ausdriicke in die physische hin- 
untersenden. Das gilt aber nicht nur fiir dasjenige, was uns entgegentritt 
aufier uns, sondern fiir alles dasjenige, was in uns selber zunachst in 
der physischen Welt lebt. In dieser leben ja fiir uns nicht nur die Er- 
scheinungen der Aufienwelt, nicht nur die buntfarbige und tonreiche, 
die gerudierfullte, geschmackerfiillte Welt, sondern da leben zunachst 
fiir uns audi unsere Gefiihle, unsere Empfindungen und Gedanken. 
Alles, was der Mensch hier in dieser Verkorperung, in der Inkarnation 
ist, lebt in der physischen Welt, was es auch immer ist. Dessen mttssen 
wir uns klar sein. So dafi also auch jedes Gefiihl, das wir zwischen der 
Geburt und dem Tode erleben, jeder Gedanke, den wir fassen, jede 
Idee und so weiter eine Erscheinung der physischen Welt ist. Und eben- 
so wie hinter den aufieren Erscheinungen, den Farben,T6nen,Geriichen 
und so weiter, oder wie wir sagen in der Geisteswissenschaft, dem 
Feuer, der Luft, demWasser und so weiter gottlich-geistige Wesenheiten 
dahinter stehen, ebenso leben gottlich-geistige Wesenheiten hinter unse- 



renEmpfindungen, unseren Gef iihlen, unserer ganzen Seelenwelt. Unsere 
ganze Seelenwelt hat gottlich-geistige Wesenheiten hinter sich. Und 
das, was wir gewohnlich als unser Ich, als unser Selbst erleben inner- 
halb der physischen Welt, das ist noch nidit unser wahres Selbst, das ist 
noch nicht dasjenige, was wir unser hoheres Selbst nennen. Unser hohe- 
res Selbst steht in einer ubersinnlichen Welt, es lebt hinter unseren Ge- 
fiihlen und Empfindungen. Daher wird im wahren Sinne dieses hohere 
Selbst erst erlebt durch die Entwickelung in die ubersinnlichen Welten 
hinauf . Da zeigt es sich noch in ganz anderer Gestalt als in der physi- 
schen Welt. 

An einem besonderen Beispiele mochte ich Ihnen anfvihren, wie sich 
dieses in der physischen Welt lebende Selbst des Menschen verhalt zu 
seinem hoheren Selbst, und zwar mochte ich es Ihnen anfuhren fiir 
unsere heutigen Verhaltnisse,denn derjenige, der in die geistigen Welten 
hinemschaut, weifi, dafi sich diese Dinge im Laufe der Zeiten andern. 
Derjenige, der zum Beispiel einem anderen Menschen ein Unrecht zu- 
gefiigt hat, der kann in sich selber das erleben, was man Gewissensbisse 
nennt. Man kommt da auf jene eigentumlichen Seelenerlebnisse, die 
man gewohnlich zusammenfafit unter dem Wort Gewissen. Sie wissen 
alle, dafi man im gewohnlichen Leben mit diesem Worte Gewissen 
bezeichnet eine Art innerer Stimme, welche den Menschen treibt, von 
ihm begangenes Unrecht wieder gutzumachen. Die meisten Menschen 
werden in ihrem ganzen Leben wenig dazu kommen, dariiber nachzu- 
denken, was das Wesen dieses Gewissens ist; sie bleiben eben dabei 
stehen, sich zu sagen: Gewissen ist etwas, das man fiihlt. Ein inneres 
Gefiihl hat man, dafi man begangenes Unrecht wieder gutmachen mufi; 
es qualt einen in der Seele, wenn man solches Unrecht nicht gutgemacht 
hat. Das Gewissen ist zunachst fiir den Menschen in der physischen 
Welt ein inneres Erlebnis, einSeelenerlebnis.FragenSie nun denGeistes- 
forscher, wie es sich damit verhalt, dann mufi dieser f olgende Beobach- 
tung anstellen: er mufi den Betreff enden, der ein Unrecht begangen hat, 
beobachten in bezug auf sein Leben in der astralischen Welt. Derjenige 
nun, der fiir sich selbst innerlich Gewissensbisse erlebt, der ist fiir den 
Geistesforscher umringt von merkwiirdigen astralen Gestalten, die 
sonst nicht da sind, wenn nicht Gewissensbisse in der Seele leben. Alles 



das, was sozusagen im Gewissen rumort und von der Seele, die in der 
physischen Welt lebt, nur gefiihlt wird, das zeigt sich der geistigen Be- 
obachtung wie gewisse Gestalten, die den Mensdien umschwirren, die 
in seiner Umwelt leben. Und wenn wir uns fragen: Wie zeigt sich fiir 
die Geistesforschung das Entstehen dieser Gestalten, dann bietet sich 
f olgendes : Nehmen wir an, jemand hat soldi ein Unrecht begangen, dann 
bilden sich aus den Gedanken, die das Unrecht herbeigefuhrt haben, 
andere Gedankenformen, die Metamorphosen der ersten sind. Alles 
das, was der Mensch denkt, empfindet und f unit, lebt ja in seiner astra- 
lischenAura als eine Form, als eine Gedanken- oder Empfindungs- oder 
Gefiihlsform. Man kann einen Gedanken, der - sagen wir klar ist, in 
einer scharf umrissenen Gedankenform, wie umschwebend den Men- 
sdien, abbilden; ebenso einen wilden, einen wiisten Gedanken, diese 
oder jene Leidenschaft durch verworrene Formen. Das sind alles Ge- 
stalten, die den Menschen umgeben. Wahrend nun der Mensch ein Un- 
recht begeht an einem anderen, denkt und empfindet er dies oder jenes. 
Diese Gedanken- oder Empfindungsf ormen treten dann aus ihm heraus, 
sind in der Umgebung; aber sie bieiben nicht blofi Gedankenformen, 
das ist das Wesentliche und Wichtige. Sie bieiben nicht etwas, was sich 
vom Menschen abgesondert hat, sondern sie finden Nahrung aus ge- 
wissen Welten. Es brausen gleichsam, wie der Wind in einen Hohl- 
raum, der sich ihm darbietet, hineinbraust, in diese Gedankenformen, 
die ausgeschieden werden durch die Gewissensbisse, gewisse Wesen- 
heiten aus ganz bestimmten Welten - wir werden dariiber nodi spre- 
chen - hinein, und die eigenen Gedankenformen des Menschen sind 
dann ausgefullt mit einer Wesenssubstanz aus diesen Welten. Der Mensch 
hat Veranlassung gegeben durch seine Gedankenformen dazu, dafi in 
seiner Umgebung nun andere Wesenheiten leben. Diese Wesenheiten 
sind in Wahrheit das Qualende der Gewissensbisse. Waren sie nicht da, 
so qualten die Gewissensbisse nicht. Erst in demMoment,wo der Mensch 
unbewufit diese Wesenheiten fiihlt, beginnt dasNagende undZehrende 
des schlechten Gewissens. 

Sie konnen nun an diesem Beispiele sehen, dafi fiir die geistige Be- 
obachtung eine ganz andere Realitat vorliegt als fiir die nicht geistige. 
Fiir die letztere ist das Gewissen nur ein inneres Erlebnis; fiir die 



geistige Beobachtung ist das Gewissen eine Summe von Wesenheiten, 
die den Menschen umgibt, eine geistig-astralische Realitat um ihn her- 
um.Warum nun sieht derMensdi diejenigen Wesenheiten, die ich Ihnen 
eben beschrieben habe - die dadurch entstehen, dafi sich gewisse geistige 
Wesenheiten mit seinen eigenen Gedanken umhiillen wie mit Hauten, 
wie mit Balgen -, im gewohnlichen Leben nicht? Gerade aus demselben 
Grunde, warum er zum Beispiel Geister des Feuers nicht sieht. Er sieht 
in der physischen Welt das physische Feuer; hinter dem physischen 
Feuer verbirgt sich das, was geistig ist im Feuer; und er mufi erst durch 
das Feuer hindurchschauen in hohere Welten hinauf , wenn er das Geistige 
im Feuer sehen wilLEbenso mufi derMensch geistig durch das Gewissen 
durchschauen, wenn er Geister des Gewissens kennenlernen will, wenn 
er Bekanntschaft machen will mit den qualenden, auf dem astralischen 
Plane zunachst lebenden Wesenheiten, die auf diejenige Weise entstan- 
den sind, die ich Ihnen beschrieben habe. 

Nun konnten diejenigen, welche Tatsachen, die in den verschieden- 
sten Vortragen und Vortragszyklen erwahnt worden sind, zusammen- 
halten, hier einen Schlufi Ziehen, den ich nun gleich selber Ziehen will. 
Sie wissen ja, dafi das menschliche Seelenleben sich im Laufe langer 
Zeitraume geandert hat. Alle kennen Sie diese Tatsache aus meinen 
verschiedensten Vortragen. Sie wissen, dafi wenn wir heute dasjenige, 
was wir menschlidies Bewufitsein nennen, beschreiben, etwas anderes 
herauskommt als das Bewufitsein, sagen wir, zum Beispiel bei den 
alten Indern in der ersten Kulturepoche der nachatlantischen Zeit; dafi 
anders war dieses Bewufitsein namentlich in der atlantischen Zeit. Sie 
wissen alle, dafi das menschliche Bewufitsein sich von einem dumpfen, 
urspriinglichen Hellsehen hindurchentwickelt hat zum heutigen klaren, 
tagwachen Bewufitsein fur die physische Welt. Je weiter wir zuriick- 
gehen in der Entwickelung, desto mehr finden wir, dafi die Menschen 
ein urspriingliches Hellsehen, ein gewisses primitives Hellsehen hatten. 
Wir brauchen gar nicht weit zuruckzugehen, verhaltnismafiig nur 
wenige Jahrtausende, da finden wir noch zahlreiche Volker, welche 
nicht etwa blofi das physische Feuer sahen, sondern imstande waren, 
durch dieses physische Feuer hindurch zu den Elementengeistern des 
Feuers zu schauen. Das hat sich nach und nach entwickelt im mensch- 



lichen Bewufitsein, dafi gleichsam eine hohere Welt sich zuriickgezogen 
hat vor dem Mensdien, und dieser beschrankt worden ist auf die phy- 
sische Welt. Das gilt aber eben nicht blofi fur die aufiere Welt, fiir den 
Teppich der Sinnenwelt, der urn uns herum ausgebreitet ist, sondern 
audi fiir das im Physischen sich offenbarende menschliche Seelenleben. 
Nun konnen Sie den Schlufi ziehen: Wenn du uns eine solche Erschei- 
nung nennst, wie das Gewissen es ist, und behauptest, dafi der heutige 
Geistesforscher fiir das, was man das Gewissen nennt, um denMensdien 
herum astralisch-geistige Gestalten erlebt, so mufiten ja die Vorf ahren 
der heutigen Menschen diese astralisch-geistigen Gestalten gesehen 
haben; sie waren ja hellseherisch, mufiten also audi das gesehen haben, 
was heute der Geistesforscher erbildet. - Nun, ebenso wie das Feuer die 
Geister des Feuers verdeckt, ebenso verdeckt das menschliche Gewissen 
- diese innere Stimme, wie wir sie nennen - zunachst die Welt, die ich 
eben beschrieben habe, die Welt der qualenden und nagenden Ge- 
wissensgeister. Also miifite in der Vorzeit gesehen worden sein von den 
Menschen dasjenige, was ich eben beschrieben habe als eine astralische 
Erscheinung. Aber die Bedingung dazu ware gewesen, dafi die Men- 
schen dazumal noch nicht das innerliche Gewissen gehabt hatten, dafi 
das noch nicht entwickelt gewesen ware, dafi also dasjenige, was wir 
heute die Seelenerscheinung des Gewissens nennen, einmal bei unseren 
Vorfahren nicht da gewesen ware, dafi dafiir aber unsere Vorfahren 
gesehen hatten, was heute nur der Geistesforscher in der astralischen 
Umhullung erblickt, wahrend heute fiir die Menschen, da sie die innere 
Stimme des Gewissens empfinden, durch diese innere Stimme verdeckt 
werden die aufieren Geister - sagen wir des Gewissens. 

Ich habe absichtlich dieses Beispiel angefiihrt, weii an ihm die Be- 
kraftigung der Sadie wie mit Handen zu greifen ist. Man kann ganz 
genau auf den Zeitpunkt hinweisen, aufierlich historisch hinweisen, in 
dem der Ubergang stattgefunden hat von dem Schauen der aufieren 
Gewissensgeister durch die Menschen zu der Erweckung der inneren 
Stimme des Gewissens. Sie brauchen namlich nur einmal denkerisch sich 
zu betrachten die Orestie des Ascbylos und brauchen diese zu verglei- 
chen mit demselben StofFe bei dem nur kurze Zeit danach lebenden 
griechischen Tragiker Euripides. Da haben Sie bei einem Ubergang im 



Verlauf von wenigen Jahrzehnten von Aschylos bis Euripides herauf 
die Erfullung und Bestatigung dessen, was ich Ihnen erzahlt habe. 
Sehen Sie sidi den Orest des Aschylos an; fiihren Sie sich vor die Seele, 
was da ungefahr geschieht! Agamemnon kehrt heim nach dem Kriege. 
Er wird ermordet von seinem ehebrecherischen Weibe. Der Sohn Orest, 
der abwesend ist, kommt heim und nimmt Rache an der Mutter. Er 
nimmt Rache f iir den Tod des Vaters, weil sogar die Stimme eines der 
verehrten Gotter selbst ihn zu dieser Sache auffordert; er nimmt Rache 
im Einklang sogar mit dem damaligen Volksgefuhl. Das Volk sagt 
eben, es ist richtig, dafi er so gehandelt hat, er hat nur etwas Gerechtes 
ausgefiihrt. Er aber, er sieht als eine Folge des Muttermordes an sich 
herankommen die Erinnyen, die Rachegottinnen. Nichts anderes sind 
die Erinnyen, die Rachegottinnen derMythologie, als die bildliche Aus- 
gestaltung dessen, was ich Ihnen eben beschrieben habe als Tatsache der 
geistigen Beobachtung. Und versuchen Sie jetzt zu priifen in diesem 
alteren Drama, ob da irgend etwas vorkommt, was Sie bezeichnen kon- 
nen mit dem modernen Wort Gewissen; nicht einmal ein Wort ist in 
der alteren Zeit vorhanden fur das, was wir mit dem Namen Gewissen 
bezeichnen, und zwar, wie die Forscher beweisen konnen, in keiner 
Sprache des Altertums ist ein Wort dafur vorhanden. Vergleichen Sie 
jetzt aber dieselbe Sache bei demjenigen Dichter, der denselben Stoff 
um einige Jahrzehnte spater behandelt hat, bei Euripides. Da haben 
Sie nichts mehr von den Furien, von den Erinnyen; da haben Sie schon 
den Menschen, der die innere Stimme des Gewissens vernimmt. In der 
Zwischenzeit - das lafit sich mit Handen greifen — geschieht die Ent- 
wickelung des Gewissens. Vorher war im wesentlichen im Verlaufe der 
Menschheitsentwickelung die hellseherische Beobachtung so stark, dafi 
die Menschen die Empfindung nach einer begangenen schlechten Tat 
ganz anders hatten als spater. Was empfand ein Mensch der alteren 
Zeit, wenn er eine schlechte Tat begangen hatte? Das hellseherische 
Auge war noch geweckt; er sah das, was ich beschrieben habe, in seiner 
Umgebung - in Griechenland nannte man es die Erinnyen. Und was 
entstand jetzt in seinem Inneren fur eine Empfindung, da er dieses Ge- 
sicht der Erinnyen fortwahrend vor sich hatte? Es entstand eine Emp- 
findung, die ganz entsprechend den Eigentiimlichkeiten der astralischen 



Welt war, die Empfindung: umzuwandeln, zu metamorphosieren die 
Gestalten, die er da um sich herum hatte. In der astralischen Welt 
herrscht Verwandlungsfahigkeit. Wenn der Mensdi ausgeloscht hat die 
schlechte Tat, sie in eine gute verwandelt hat, dann verwandeln sich 
die Erinnyen der Mythologie in die wohlwollenden Eumeniden. Hier 
haben Sie Verwandlungsfahigkeit. Da war es also etwas, was der 
Mensdi so erlebte, dafi er sich sagte: Ich habe eine schlechte Tat began- 
gen; furchtbar ist dasjenige, was sichtbar ist in der astralisdien Welt; 
das mufi umgewandelt werden; ich mufi dasjenige tun, was die Meta- 
morphose herbeifiihrt. Es war eine Korrespondenz des menschlichen 
Handelns mit demjenigen, was in der Umgebung war. Von dem, was 
innere Stimme des Gewissens ist, war nodi nidits da. 

Alles in der Welt, audi das innere Seelenleben, entwickelt sich. So 
hat sich audi das entwickelt, was wir Gewissen nennen. Und derjenige 
wiirde fehlgehen, der etwa Jahrtausende zuruckgehen wiirde und das, 
was heute in derSeele lebt als eine selbstverstandlicheErscheinung, audi 
in den alteren Zeiten suchen wiirde. Und sogar das ist der Fall, dafi sich 
auf dem betreffendenGebiete, wo das geschehen soil, dieDinge ziemlich 
rasch andern. Wie die Pflanze von Blatt zu Blatt wachst und dann wie 
im Sprunge zur Bliite ubergeht, so ist es in der geistigen Entwickelung. 
Das torichte Wort, die Natur madie keine Sprunge, ist Unwahrheit; 
die Natur macht fortwahrend Sprunge. An den entscheidenden Punk- 
ten geschehen fortwahrend die Sprunge. Wie vom griinen Laubblatt 
zur Bliite ein Sprung in der Pflanze ist, so konnen wir im geistigen 
Leben audi solche Sprunge beobachten: durch Jahrhunderte, durch 
Jahrtausende hindurch entwickeln sich die Dinge langsam und allmah- 
lich; dann aber geht es so rasch wie es mit dem Gewissen gegangen ist 
hier in der Zeit, die hineinf allt in das f iinfte Jahrhundert vor Christus, 
so dafi ein friiherer Tragiker nodi nichts hineinmischt in sein Drama 
vom Gewissen, wahrend der einige Jahrzehnte nach ihm kommende es 
hineinmischt zum ersten Male und dann audi ein Wort hat fur das, was 
wir heute als Gewissen bezeichnen. Damit ist nun wiederum verknupft, 
dafi gerade die hellseherische Beobachtung der Gewissensgeister, der 
Erinnyen, fur den Menschen versdiwindet. Diese geistigen Wesenheiten 
sind solche, dafi sich vor sie hinstellt unser inneres Erlebnis des Ge- 



wissens, wie sidi vor die Geister des Feuers der aufiere Ausdruck des 
Feuers hinstellt. 

So sieht man, dafi man sozusagen nach zwei Riditungen hin bis an 
ein Ufer des Erlebens kommt in der physischen Welt. Die eine der Ridi- 
tungen ist die: wenn wir den Teppich der Sinnenwelt betrachten urn 
uns herum und die Ersdieinungen der Farben- und Formenwelt drau- 
fien, da kommen wir an die Grenze, an welcher, wir konnen sagen, die 
aufieren Geister wesen. Aber audi, wenn wir in unser Inneres hinein- 
gehen, wenn wir die Ersdieinungen des Gewissens, des Gedachtnisses, 
des Gefuhls- und Willens-, des Gedankenlebens betraditen, da miissen 
wir audi in diesen Ersdieinungen zunachst etwas ganz ahnliches Inner- 
lidies betraditen, so wie wir Feuer, Luft, Wasser, Erde betrachten. Diese 
Dinge stellen sich hin und verdecken das, was geistig hinter ihnen ist. 
Als das Gewissen sich geltend machte wie eine Stimme in der mensch- 
lichen Seele, wie ein inneres Erlebnis in der physischen Welt, da stellte 
es sich vor die Welt der Erinnyen, der Furien hin und verdeckte sie fur 
die menschliche Beobachtung. Erst dann, wenn man das geschichtliche 
Leben der Menschheit von diesem innerlichen Gesichtspunkte aus be- 
trachtet, wird es erklarlich. Nichts verstehen die Menschen von dem- 
jenigen, was geschehen ist, wenn sie nicht an der Hand der geistigen 
Tatsachen dasWerden, die Entwickelung betrachten konnen. Wir haben 
also geistige Wesenheiten sozusagen, die hinter dem Rot und Blau, 
hinter dem Ton, hinter dem aufieren Geruch und so weiter sind, die 
draufien in der Welt leben, die uns umgeben, und die wie durch einen 
Schleier verhullt werden durch dasjenige, was wir sehen und horen und 
durch denVerstand begreifen.Wir haben aber audi solche Wesenheiten, 
die hinter dem liegen, was wir Seelen- und Gemiitsleben nennen. Da 
ist nun die Frage berechtigt: wie verhalten sich diese zwei geistigen 
Reiche zuemander? 

Wenn wir das verstehen wollen, miissen wir uns wiederum einiges 
von dem vor die Seele fuhren, was Ihnen ja bekannt ist. Sie wissen alle, 
dafi die Gliederung der menschlichen Natur in vier Glieder, in den 
physischen Leib, Atherleib, astralischen Leib und das Ich zerfallt, und 
dafi diese Viergliedrigkeit der menschlichen Natur zuruckzufuhren ist 
auf die ganze Entstehung, auf das ganze Werden des Menschen. Wir 



wissen, dafi der Mensch, wenn wir ihn als Ganzes betraditen, seinen 
Anfang nicht erst auf derErde genommen hat, sondern dafi dieserErde 
andere Verkorperungen vorangegangen sind. Wir blicken zuriick von 
der Erde auf eine vorhergehende Verkorperung derselben, die wir den 
alten Mond nennen; wir blicken weiter zuriick auf eine noch friihere 
Verkorperung der Erde, auf die alte Sonne, und noch weiter zuriick auf 
den alten Saturn. Wir sagen: bevor unsere Erde entstanden ist, gab es 
in der Welt eine uralte planetarische Gestaltung, die wir den alten 
Saturn nennen. Dazumal entstand auf diesem die allererste Anlage 
unseres heutigen physischen Korpers; auf der alten Sonne kam hinzu 
der Atherleib und auf dem alten Monde der astralisdie Leib. Erst auf 
der Erde gliederte sich dieser vorher dreigliederigen Menschennatur ein 
das Ich, so dafi wir den Keim zu unserem physischen Leib dem alten 
Saturn, den Keim zu unserem Atherleib der alten Sonne, den Keim zu 
unserem astralischen Leibe dem alten Monde und den Keim zu unserem 
Ich der Erde verdanken. Nun wissen wir aber auch schon aus verschie- 
denen Vortragen, dafi diese Entwickelung keineswegs so einfach vor 
sich gegangen ist, dafi etwa zuerst einfach der Saturn dagewesen ware, 
dieser sich dann verwandelt hatte in die Sonne, aus dieser der Mond 
entstanden ware und aus diesem die Erde, sondern wir wissen, dafi 
diese Entwickelung einen viel komplizierteren Charakter tragt. Wenn 
wir uns zunachst sagen: es war der Saturn da, der hat sich in die alte 
Sonne verwandelt und diese in den Mond - wenn wir dabei zunachst 
bleiben, weil es annahernd richtig ist fur unsere Verh'altnisse -, so diir- 
fen wir nicht dabei bleiben bei der Mondentwickelung selber, die unse- 
rer Erde unmittelbar vorangegangen ist. Sie sind darauf aufmerksam 
gemacht worden von mir, dafi zur Zeit der Mondentwickelung eintrat 
eine Trennung zwischen der Erde und der Sonne - die Erde war da- 
mals Mond -, also mit anderen Worten zwischen Mond und Sonne. 
Wahrend wir reden von Saturn und Sonne als ungeteilten Korpern, 
mussen wir von der Mondentwickelung sagen: es tritt der eine Korper 
auseinander in zwei Korper, so dafi damals vorhanden war eine Zeit- 
lang der alte Mond und gleichzeitig die alte Sonne. Dann verbanden 
sich beide wieder, gingen durch einen Zwischenzustand hindurch und 
traten als Erdenentwickelung wiederum auf. Und wahrend der fruhe- 



sten Erdenentwickeiung, da waren vereint die Substanzen und Wesen- 
heiten, die heute in der Sonne und im Monde sind, mit der Erde selber; 
erst in einer spateren Zeit trennte sidi das, was heute in der Sonne lebt, 
von der Erde ab. Es blieb zuerst die Erde zuriick mit dem heutigen 
Monde. In einer spateren Zeit spaltete sich der Mond von der Erde ab, 
und die Erde blieb zwischen der Sonne und dem Monde zuriick. Diese 
drei Korper also waren zuerst eins; Sonne und Mond haben sidi erst 
spater aus der Erde herausgebildet. 

Nun fragen wir uns: Was ist der Sinn dieser Trennung im geistigen 
Leben? Wir wollen absehen von der ersten Trennung in der alten 
Mondenzeit und wollen nur jene Trennungen betrachten, die wahrend 
der eigentlichen Erdenentwickeiung stattgefunden haben. Gerade so 
wie auf unserer Erde gewisse Wesenheiten ihre Entwickelung finden, 
gerade so finden auf der Sonne und durch den Mond andere Wesen- 
heiten ihre Entwickelung. Wesenheiten, welche ihr Fortkommen nicht 
auf der Erde hatten finden konnen, weil sie eine andere Entwickelungs- 
stufe hatten als der Mensch, die trennten sich mit der Sonne von der 
Erde ab; sie sind sozusagen nicht mit der Erdenentwickeiung weiter- 
gegangen, sondern mufiten auf einem Schauplatz abseits von der Erde, 
eben auf der Sonne ihre Entwickelung fortsetzen, so dafi wir also in 
dem Zeitpunkt der Sonnentrennung von der Erde die Tatsache vor- 
liegen haben, daft der Mensch auf der Erde zuriickgelassen wird als ein 
Wesen, welches die Bedingungen der Erdenentwickeiung brauchte zu 
seiner eigenen Entwickelung. Andere Wesenheiten aber, welche nicht 
auf der Erde sich weiterentwickeln konnten, die trennten sich die Sub- 
stanzen, die sie brauchten, ab und bildeten sich den Sonnenwohnplatz. 
Sie wirkten dann von der Sonne aus auf die Erde ein. Denn wie die 
physischen Sonnenstrahlen auf die Erde fallen und die Erde erleuchten 
und erwarmen, so strahlen die Taten, die Wirkungen der Geister der 
Sonne auf unsere Erde herab. Die physischen Sonnenstrahlen sind nur 
der aufiere korperhafte Ausdruck der Taten der geistigen Sonnenwesen. 
Das war der Sinn der Sonnentrennung. 

Was war denn nun der Sinn der Mondentrennung? Wenn die Sonne 
mit der Erde verbunden geblieben ware, dann hatten die Wesen, die 
spater auf der Sonne wohnten, ihr gutes Fortkommen finden konnen, 



der Mensdi aber nimmermehr. Der Mensch hatte nicht Sdiritt halten 
kSnnen mit dem Entwickelungstempo der Sonnenwesen; er hatte sich 
viel sdineller entwickeln miissen, wenn nidit die Sonnenwesen aus der 
Erde hinausgegangen waren und von aufien schwacher gewirkt hatten. 
Dadurdi also ist das Entwickelungstempo auf der Erde verlangsamt 
worden, dafi die Sonne sich abgetrennt hat. Aber es war nodi nicht das 
demMenschenwesen angemessene Entwickelungstempo; es war zu lang- 
sam. Der Mensch ware verhartet, mumifiziert, wenn der Mond, der ja 
damals nodi mit der Erde verbunden war, mit ihr verbunden geblieben 
ware. Es wurde sidi der Mensch entwickelt haben nicht als eine Wesen- 
heit wie er heute ist, der aus dem aufieren physischen Leib und dem 
inneren Geist-Seelenleben besteht, sondern der Mensch wiirde sich ver- 
hartet, mumifiziert haben. Es lag dadurch, dafi der Mond mit der Erde 
verbunden war, in dieser die Tendenz, den Menschen und die Erde so- 
zusagen zu verharten, zu vertrocknen, zu verholzen. Die Erde ware 
nach und nach ein Weltenkorper geworden, aus dem heraus sich wie 
tote Mumien die Gestalten des Menschen gebildet hatten. Es mufite der 
Mond getremit werden von der Erde. Dadurch ist die Moglichkeit ge- 
geben worden, gerade das richtige Tempo der Entwickelung einzu- 
halten. Was zu langsam war, konnte beschleunigt werden. So wurde 
der Mensch, was seinem Wesen entspricht; wahrend er zu einem aufie- 
ren Leben und zu einer aufieren Regsamkeit, die er nicht hatte ver- 
tragen konnen, angeregt worden ware durch das Verbleiben der Sonne 
bei der Erde. Wenn der Mond bei der Erde verblieben ware, so ware 
der Mensch gar nicht angeregt worden, er ware vertrocknet, es ware 
ihm genommen worden die Moglichkeit sich zu beleben. Die Anregung, 
die der Mensch durch das Sonnenleben erhalten hat, war eine aufiere. 
Die Sonne hatte gewirkt anregend auf alles menschliche Leben, aller- 
dings in einem zu schnellen Tempo. So wie die Sonne anregend wirkt 
auf das Leben der Blumen des Feldes von aufien, so ware der Mensch, 
wenn die Sonne verbunden geblieben ware mit der Erde, angeregt wor- 
den zu allem Fiihlen, Denken und Wollen von aufien, aber in so schnel- 
ler Weise, dafi er sozusagen verbrannt ware in dem physischen und 
geistigen Sonnenfeuer. Aber die Anregerin, die von aufien wirkt, war 
hinausgegangen, war ferngeriickt und daher in ihrer Wirkung abge- 



schwacht worden. Sie war aber zunachst durch dasjenige, was die Erde 
in sich selber an verhartenden Tendenzen hatte, zu sdiwach, und es 
mufite ein Teil dieser verhartenden Tendenzen in Form des Mondes 
herausgeholt werden. Dadurch kam in die Erdenentwickelung und in 
den Menschen ein neues, belebendes Prinzip hinein, und dieses wirkte 
in genau entgegengesetzter Weise anregend als die Sonne. Wahrend die 
Sonnenanregung von aufien wirkt, wirkt das, was jetzt eintritt, von 
innen belebend. Alles dasjenige, was Seelenleben in der physischen Welt 
ist, so wie es auf der Erde erlebt wird, konnte nur dadurch sich ent- 
wickeln, dafi der Mensch vor dieser Verhartung, vor dieser Mumifizie- 
rung gerettet worden ist durch das Hinausgehen des Mondes. Alles 
innere Leben, alle innere Regsamkeit, alles dasjenige, was beschrieben 
werden kann als Gefiihle, Empfindungen, als Gewissen und Gedanken, 
alle diese Lebensquellen des Innern, sie machten sich von innen heraus 
geltend durch die Abtrennung des Mondes von der Erde; sie waren 
sonst versiegt in der menschlichen Natur, sie waren untatig geblieben. 

Fragen Sie also denjenigen, der mit geistigem Blick unseren Kosmos 
durchmifit: Woher kommt die Fahigkeit, dafi wir irgend etwas Aufier- 
liches wahrnehmen, irgend etwas schauen oder sehen, dafi der Mensch 
zum Schauen angeregt wird? Sie miissen sich sagen: Von dem, was 
physisch oder geistig in der Sonne vorhanden ist. Fragen Sie aber: Wo- 
her kommen die Griinde des inneren Erlebens, die Griinde des Denkens, 
die Griinde des Fuhlens, die Griinde zum Beispiel fur das Gewissen 
und so weiter? Dann miissen Sie dankbar hinaufblicken zum Mond 
und sich sagen: Dank den Wesenheiten, die hinweggenommen haben 
seine Substanzen aus der Erdensubstanz. Die Mondensubstanzen in der 
Erde hatten die innere Regsamkeit des Seelenlebens verhindert. 

Wir miissen aber nicht nur in dem Menschen allein fur die Welt- 
entwickelung die Griinde suchen, sondern in gewisser Weise auch bei 
den geistigen Wesenheiten, die den hoheren Welten angehoren. Es war 
nicht blofi gut f ur den Menschen, dafi die Sonne und der Mond sich von 
ihm abgespalten haben, sondern es war auch gut fur diejenigen Wesen- 
heiten, die dazumal mit dem Menschen in ihrer Entwickelung verbun- 
den waren. Geistige Wesenheiten trennten sich mit der Sonne von der 
Erde und machten die Sonne zu ihrem Wohnplatz. Wie der Mensch sich 



nicht hatte entwickeln konnen, wenn die Sonne mit derErde verbunden 
geblieben ware, so wenig hatten sidi diese Wesenheiten auf der Erde 
entwickeln konnen, wenn sich nicht die Trennung vollzogen hatte. Sie 
konnten sich nur entwickeln dadurch, dafl sie in die Sonne hinein die 
Substanzen zogen, die vorher mit der Erde vereinigt waren. Da konn- 
ten sie abseits von den verhartenden Substanzen der Erde ihre Ent- 
wickelungsbedingungen finden. So blicken wir hinauf zu den Wesen- 
heiten, die sich in der Sonne entwickeln und sagen: Da oben wohnen 
diejenigen Wesenheiten, die geradeso ihre Sonne zur Entwickelung 
brauchten wie wir die Erde zu der unsrigen. Sie hatten sozusagen zu- 
grunde gehen mussen, wenn sie mit der Erde verbunden geblieben 
waren. So aber, nachdem alles so eingetreten ist, wie gesagt, konnten 
diese geistigen Wesenheiten die Moglichkeit finden, ihre wohltatigen 
Wirkungen hinunterzuschicken auf die Erde, das heifit sich selbst dazu 
entwickeln, denWesen derErde von aufien in der entsprechendenWeise 
zu helfen. Die Sonnengeister waren keine Heifer der Erde, wenn sie 
auf dieser geblieben waren. Erst nach der Trennung der Sonne von der 
Erde haben nach und nach die dort befindlichen Wesenheiten die Stuf en 
erlangt, auf denen sie Heifer der Erde werden konnten. Wenn der 
Geistesforscher in seiner Beobachtung hinausblickt in das Licht und auf 
die Dinge der Aufienwelt, so kann er sich auf bestimmter Stufe seiner 
Entwickelung sagen: Hinter dem, was mir da als Farbe oder Ton 
physisch entgegentritt, sind die Wesenheiten, die wir als Sonnenwesen- 
heiten betrachten konnen. So aber wie uns dieSonnenwesenheiten heute 
in der geistigen Betrachtung entgegentreten, so sind sie erst einmal ge- 
worden. Nach diesem Werden erscheinen sie uns als die hohen, als die 
oberen Geistwesen, als diejenigen, die uns entgegentreten, wenn wir 
hinausblicken aus der Sinneswelt. 

Und jetzt fragen wir uns: Wer hat denn bewirkt, dafi die andere 
Entwickelungsmoglichkeit eintrat, jene, die die Anregung von innen 
gab, die dem Menschen das Verharten vertrieb? Da mufiten Wesen- 
heiten da sein, welche im geeigneten Zekpunkt aus der Erdensubstanz 
die Mondensubstanz heraushoben. Wenn wir uns also, ich mochte sagen 
popular, vielleicht sogar trivial ausdriicken wollen, so konnen wir 
sagen: Es mufiten geistige Wesenheiten da sein, die sich in einem ge- 



wissen Zeitpunkt der Erdenentwickelung folgendes sagten: Wir haben 
jetzt verfolgt die Entwickelung der Erde, die Erde, erst vorhanden als 
ein Wesen im Weltraum, das da bestand aus Sonne, Mond und Erde. 
Drei waren da vereinigt in einem. - Dann haben sie gesehen, dafi es 
andere Wesenheiten gibt, welche nicht ihr Fortkommen finden konnten, 
wenn sie mit der Erde verbunden blieben. Sie haben gesehen, wie die 
Sonnengeister die Sonne abtrennen, wie sie hinausgehen aus der Erde 
und auf einem anderen Schauplatz ihr Fortkommen finden. Dann 
haben sie gesehen, dafi der Mensch nun verharten, verholzen wiirde, 
und dafi doch nicht das wiirde aus dem Menschen, was werden sollte 
aus ihm. Daher haben sie sich gesagt: Wir diirfen es nicht bei dem, was 
die Sonnengeister getan haben, bewenden lassen,wir miissen noch etwas 
anderes tun, wir miissen jetzt die Erde vor der Verhartung schiitzen. - 
Jetzt griffen sie ein und trennten den Mond aus der Erde heraus. Das 
war eine Tat von Wesenheiten, die in einer gewissen Beziehung hoher 
waren als die Sonnengeister. Letztere mufiten sich, als die Sonne noch 
mit der Erde eins war, sagen: Wir finden keine Entwickelungsmoglich- 
keit mehr auf der Erde, wir brauchen einen anderen Schauplatz. - Diese 
anderen Wesenheiten aber konnten sich sagen: Wir werden unser Fort- 
kommen auch auf der Erde finden. - Sie liefien die Sonnengeister mit 
der Sonne herausgehen und blieben selbst mit der Erde verbunden. Da- 
durch aber, dafi sie mit der Erde verbunden blieben, bot sich ihnen die 
Moglichkeit, in einem gewissen Zeitpunkt dadurch Retter der Mensch- 
heitsentwickelung zu werden, dafi sie den Mond aus der Erde heraus- 
zogen. In einer gewissen Weise waren das also hohere Wesenheiten als 
die Sonnengeister. Sie konnten ruhig sagen: Lassen wir die Verhartung 
der Erde iiber uns kommen, gehen wir nicht mit den Sonnengeistern, 
bewahren wir uns aber dafiir auf, eine Tat zu tun, welche die Sonnen- 
geister nicht tun konnen, namlich den Mond herauszuziehen aus der 
Erde. - Es gab also Wesenheiten, welche eine Tat begehen konnten, die 
zwar eine verhaltnismafiig schlechtere Substanz aus der Erde heraus- 
gesondert hat, wahrend sich die Sonnengeister die edlere Substanz ge- 
nommen haben, welche aber dadurch, dafi sie Ziigler und Beherrscher 
eines Schlechteren wurden, ihre starkere Macht bewiesen. Denn nicht 
der ist der Starkere, der die Guten beherrscht und vielleicht ein wenig 



besser madit, sondern der ist der Starkere, dem es gelingt die Bosen in 
Gute umzuwandeln. 

So sehen wir also, dafi nach derSonnentrennung geistigeWesenheiten 
in die Erdenentwickelung eingreifen, denen eine hohe, eine bedeutsame 
Tat aufgespart war. Diese Wesenheiten stehen ebenso hinter den Er- 
scheinungen unseres Seelenlebens, wie die Geister der Sonne hinter den 
Ersdieinungen unserer aufieren Beobachtung stehen. Blicken Sie durdi 
Ihre Augen, horen Sie durch Ihre Ohren, begreifen Sie durch Ihren 
Verstand die aufieren Dinge, da konnen Sie sagen: Hinter all dem, was 
ich sehe, hore, begreife mit dem Verstand, liegen jene Wesenheiten, die 
ihre eigentliche Wohnstatte auf der Sonne haben, die in der Sonne 
leben, die sich damals abgesondert haben, als die Sonne sich trennte von 
der Erde. - Blickt man aber zuriick in das eigene Innere, Iafit man den 
Blick fallen auf dasjenige, was man Denken, Fiihlen und Wollen, Emp- 
finden, Gewissen nennt, so sieht man das Innenleben, das moglich ge- 
worden ist dadurch, dafi gewisse geistige Wesenheiten sich aufgespart 
hatten und dann den Mond von der Erde herausgetrennt haben. Sie 
haben in ihrem Reich alles das, was hinter denErscheinungen des Seelen- 
lebens liegt. Und ebenso wahr wie es ist, dafi, wenn der Geistesforscher 
hinter das physische Feuer sieht und dessen Geister wahrnimmt, er da 
in Wahrheit einen Geist sieht, der auf der Sonne seinen eigentlichen 
Schauplatz hat, so sieht er, wenn er hinter das Gewissen schaut, die 
Gewissensgeister, die zu denen gehoren, welche die Mondsubstanz her- 
ausgeholt haben aus der Erde. Von dorther kommen die geistigen 
Wesenheiten, welche sich wie in eine Haut hineinbegeben in die Ge- 
dankenformen, die an eine schlechte Tat sich kniipf en. Mogen sie sonst 
viel oder wenig wert sein, die Geister, die den Menschen als Gewissens- 
wesenheiten umschweben, sie kommen aus dem Mondenreich und sie 
gehoren einem Geistgebiet an, das in gewisser Beziehung ein machtige- 
res ist, ein ubergeordneteres gegeniiber dem Sonnenreich. 

Aus der ganzen Art der Darstellung, die ich Ihnen heute gegeben 
habe, konnen Sie ermessen, dafi tatsachlich diese Wesenheiten, die hinter 
unseren seelischen Ersdieinungen stehen, einem Reiche angehoren, das 
iibergeordnet ist dem geistigen Reiche, welches hinter der aufieren Maja 
steht. Eine zweifache Maja haben wir: die aufiere Maja der Sinnenwelt 



und die innere Maja des Seelenlebens. Hinter der ersteren stehen die- 
jenigen geistigen Wesenheiten, die ihren Mittelpunkt in der Sonne 
haben, hinter der Maja unseres Innenlebens stehen die anderen, die 
einem machtigeren, einem umfassenderen Reich angehoren. Derjenige, 
welcher geistig diese Dinge iibersieht, der kann wissen, dafi die geistigen 
Wesenheiten, die hinter der aufieren Sinneswelt stehen, von einer ganz 
anderen Seite herkommen als die geistigen Wesenheiten, die hinter den 
Gefuhlen und Empfindungen, hinter dem Gewissen sind. Diese Wesen- 
heiten, die dem Gewissen zum Beispiel entsprechen, sie nennt die grie- 
chische Mythologie die Erinnyen. Und sehen Sie sich einmal diese My- 
thologie an, wie wahr sie ist, wenn sie sagt: der Orestes hort von den 
Gottern, die da herrschen, dafi er eine gute Tat begangen habe, aber 
andere Wesenheiten, eben die Erinnyen, kommen an ihn heran, und 
die Mythologie hat die Empfindung: das sind altere Wesenheiten als 
diejenigen, die dem Zeusreiche angehoren; die machen sich geltend als 
die radienden selbst da, wo die aufieren Gotter des Sonnenreiches, 
des Zeusreiches, die Tat erlauben und gestatten. So treten dem Men- 
schen gegeniiber Wesenheiten eines alteren Geistergeschlechtes, die 
gleichsam korrigierend eingreifen in das, was er, geleitet und gelenkt 
von den Wesenheiten, die sich mit der Sonne abgetrennt haben, unter- 
nimmt. Hier sehen wir ein wunderbares Beispiel, wie uns die Mytholo- 
gie und die Weisheitsanschauungen der alten Volker wiedergeben das- 
jenige, was die geistige Beobachtung heute in anderer Art erkennen 
kann. 

Nehmen Sie das alles zusammen, was ich Ihnen heute gesagt habe - 
wir werden es in den nadisten Vortragen noch weiter ausfuhren -, und 
Sie werden mancherlei Fragen finden, die sich Ihnen selber wie Ge- 
wissensfragen an die besprochene Sadie kniipfen. Manches wird Ihnen 
heute unaufgeklart sein dadurch, dafi wir in einer gewissen Weise die 
Wesen, die da eingegriffen haben bei der Mondentrennung, als mach- 
tiger betrachtet haben als die Wesenheiten des Sonnenreiches; das wird 
sich aufklaren, denn Sie werden sehen, wie relativ die Dinge in den 
hoheren Welten sind. Eines aber bitte ich Sie halb wie eine Frage heute 
hinzunehmen. Wir haben gesehen, dafi die Erde verhartet, verholzt 
ware, wenn nicht die Mondentrennung stattgefunden hatte; dafi das 



Seelenleben dadurch seine innere Regsamkeit erhalten hat, dafi gewisse 
machtige Wesenheiten den Mond herausgeworfen haben aus der Erde. 

Solche Dinge der Entwidkelung geschehen nidit auf einmal, solche 
Dinge gesdiehen nach und nach. Audi die wohltatigen Wirkungen, die 
von der Sonne ausgehen, sie machten sidinidit etwa auf einmal geltend, 
sie waren nidit plotzlich da in ihrer Fiille, sondern nach und nach 
machten sie sich geltend. Und nun bitte ich Sie zu beriicksichtigen, dafi 
in einem Zeitpunkt der Erdenentwickelung eine geistige Wesenheit, die 
vorher mit der Sonne in Verbindung war, die wir als das Christus- 
Wesen bezeichnen, in der Zeit des Lebens des Jesus von Nazareth von 
der Sonne auf die Erde herabgestiegen ist und sidi mit der Erde ver- 
einigt hat. Die Christus- Wesenheit dringt ein in den Leib des Jesus von 
Nazareth. Hier haben wir eine ganz eigenartige Erscheinung vor uns. 
Diese Erscheinung diirf en Sie nicht - und der nachste Vortrag wird das 
klar machen - in denselben Zusammenhang stellen, in den wir alles 
andere gestellt haben, von dem wir heute gesprochen haben. Wir haben 
gesagt: nach der Abtrennung der Sonne von der Erde hatte sich die 
Erde verhartet, wenn nicht der Mond aus ihr herausgeworfen worden 
ware; die Menschenwesen hatten sich mumifiziert. - Das gilt fur eine 
weite Summe des Erdenlebens, aber es gilt nicht fur das gesamte Erden- 
leben. Trotz aller Sonnen- und Mondentrennung ware in der Erde 
etwas dem Tode Verfallendes geblieben, wenn nicht das Christus- 
Ereignis eingetreten ware. War die Abtrennung des Mondes die Er- 
moglichung des inneren Seelenlebens, so kam die Anregung - die neuer- 
liche Anregung dieses inneren Seelenlebens - jetzt wiederum von der 
Sonne durch den von dieser herabsteigenden Christus. Was der Christus 
auf die Erde gebracht hat, das ware, wenn der Christus nicht gekom- 
men ware, seelisch totes Produkt, geistige Mumie geblieben. 

Was stellt sich dem Geistesforscher dar, wenn er auf die Zeit blickt, 
die dem Christus-Ereignis vorangegangen ist? Etwas hochst Eigentiim- 
liches stellt sich ihm dar. Wenn das Geistesauge zuriickblickt in alte 
Zeiten, dann verschwindet die aufiere Erdengestalt, wie sie sich den 
physischen Sinnen darbietet, die ja nur Maja ist, und es stellt sich an 
Stelle dessen etwas dar, was man vergleichen konnte mit der Form des 
Menschen, aber nur mit dieser, mit der Gestalt des Menschen. Fur den 



geistigen Blick verwandelt sich die Erde - ich sage ausdriicklich die 
Erde - aus der aufieren Majagestalt in die Erdengestalt des Mensdien, 
der in Kreuzesform die Arme ausgebreitet hat, der allerdings in dieser 
Gestalt dann mannlich-weiblich ist. Der Geistesforscher sieht die Erde 
der Zeit, bevor Christus herabgestiegen war, in Kreuzesform, und zwar 
wie einen Mensdien. Wir werden da an das wunderbare Wort des Plato 
erinnert, der es aus den Mysterien heraus gebildet hat, dafi die Welten- 
seele am Kreuze des Weltenleibes gekreuzigt ist. Das ist nichts anderes 
als die Wiedergabe der Erscheinung, die sich dem geistigen Blick dar- 
bietet. Der Christus am Kreuz starb; und dadurch ging die Erde von 
der blofien Form ins Leben iiber. Fur die Zeit vor Christus stellt sich 
dem geistigen Blick die Erde als blofie Form dar; fiir die nachchristliche 
Zeit stellt sich die Erde dar als von dem Christus-Prinzip neu belebt. 
Damals also, als das Christus-Prinzip in die Erde eingetreten ist, ist 
etwas ahnliches geschehen wie bei der Mondentrennung; es ist in etwas, 
was sonst Form geblieben ware, Leben hineingetreten. Auf das Christus- 
Ereignis wiesen - richtig betrachtet - alle alten Zeiten hin. Wie der 
heutige Mensch zuriickweist auf den Christus als auf ein Wesen, das 
in einem bestimmten Zeitpunkt eingetreten ist in die Menschheits- 
entwickelung, so wiesen die Eingeweihten der vorchristlichen Zeit 
immer darauf hin, dafi der Christus kommen werde; und sie zeigten 
das, was auf den Christus hinwies, was gleichsam den Christus vorher- 
verkiindete. Nichts hat den Christus mehr vorherverkiindet als jene 
gewaltige Erscheinung, die sich dem geistigen Blick unter gewissen Be- 
dingungen darbot, fiir den die Erde in ihrer physischen Form ver- 
schwand und das Geistesauge hinblickte auf die Weltenseele gekreuzigt 
am Weltenleibe. In grauer indischer Vorzeit haben die Weisen erzahlt, 
dafi in dem Augenblicke, wenn ihnen der hellseherische Blick aufging, 
sie dann fanden tief, tief unter den Bergen der Erde, nahe dem Mittel- 
punkte der Erde, ein Kreuz, darauf einen mannlich-weiblichen Men- 
sdien hangend, eingezeichnet auf der rechten Seite das Symbolum der 
Sonne, auf der linken Seite das Symbolum des Mondes, auf dem iibrigen 
Leib die Lander und einzelnen Meeres- und Landesgestaltungen der 
Erde. Das war eine hellseherische Vision, welche die alten Weisen In- 
diens gehabt haben von jener Gestalt, die da wartete auf unsere Erde, 



um belebt zu werden von dem Christus-Prinzip. Und diese alten Wei- 
sen Indiens haben damit, dafi sie hingewiesen haben auf die wichtigste 
prophetische Voranzeige des Christus-Ereignisses, bewiesen, dafi, wo 
sie tiefer schauten, sie sagen konnten: Der Christus wird kommen, denn 
das, was auf ihn hinweist, ist da. - Deshalb ist die alteste Weisheit da, 
wo sie in die hochsten Regionen hinaufsteigt, Prophetie; sie blickt auf 
etwas, was da kommen wird in der Zukunft. Alles das, was in der Zu- 
kunft ist, ist Wirkung der Gegenwart. Was aber als geistig Bedeutsames 
geschieht in der Zukunft, kann so sein Dasein bereits fur den geistigen 
Blick in der Gegenwart andeuten. Das Christus-Ereignis wurde nicht 
etwa in aufierlich abstrakter Weise, es wurde fiir den geistigen Blick 
angedeutet dadurch, dafi fiir das Leben des Christus, das sidi in einem 
bestimmten Zeitpunkt mit dem Leben der Erde verband, sich vorher 
die Form, die Gestalt der Weltenseele am Kreuze des Weltenleibes 
darbot. Die Weisheit aller Zeiten zeigt sich in innerer Harmonie, wenn 
man die Dinge bis zum Grund betrachtet. So werden wir, von dem 
Besprochenen ausgehend, die Weisheiten der verschiedenen Zeiten be- 
trachten miissen und streben, das Licht auf sie fallen zu lassen, durch 
das sie in ihrer wahren Gestalt erscheinen konnen. 



VIERTER VORTRAG 



Miinchen, 26. August 1909 



Es ist in den beiden vorhergehenden Vortragen dieses Zyklus betont 
worden, dafi die ubersinnliche Anschauung hinter den Einzelheiten des 
Sinnenteppichs, der vor uns ausgebreitet ist, die geistigen Wesenheiten 
zu schauen vermag, dafi sidi also von einer bestimmten Stufe der gei- 
stigen Entwickelung an oder sagen wir der Initiation, der Einweihung 
an dasjenige, was man im gewohnlichen Leben nennt feurige, luft- 
formige, fliissige Korper und so weiter, verwandelt in Lebendiges, 
Regsames, in Geistiges. Und gestern haben wir nodi im besonderen 
erwahnt, dafi audi hinter den Erscheinungen und Tatsachen unseres 
eigenen Seelenlebens, insofern sidi dieses in der physischen Welt ab- 
spielt, geistige Wesenheiten verborgen sind. Sie konnen sidi nun die 
Frage vorlegen: Ist denn die Sadie so, dafi das ubersinnliche Bewufitsein 
da, wo die gewohnliche Sinnesansdiauung, sagen wir Warme, Farbe 
und dergleichen wahrnimmt, geistige Wesenheiten sieht, so dafi wir 
dann die Welt in zwei Formen vor uns hatten, einmal als aufiere 
Sinneswelt und ein anderes Mai als geistige Welt? Und wiederum in 
bezug auf das Innere: Ist die Sadie so, dafi wir in unserem Seelenleben 
Empfindungen, Gef iihle, Gewissenstatsachen, Gedankentatsachen haben 
und dahinter stehend geistige Wesenheiten? Oder ist es anders? Das 
heifit: Deckt sich vielleidit nidit vollstandig die geistige Welt in ihrem 
aufieren Ausdruck mit der Sinneswelt? - Wir konnten die Frage audi 
so stellen: Finden wir alle moglichen geistigen Wesenheiten, wenn wir 
ausgehen von dem, was der aufiere Ausdruck in der physischen Welt ist, 
oder gibt es nodi andere geistige Wesenheiten, die gar keinen Ausdruck 
haben in der physischen Welt? Diese Frage konnten wir aufwerfen, 
und sie beantwortet sich nun in der folgenden Weise fur das iibersinn- 
liche Bewufitsein: Zwar ist das so, dafi fur jede aufiere Wahrnehmung 
hinter ihr eine geistige Wesenheit oder audi geistige Tatsache steht, dafi 
aber fur das ubersinnliche Bewufitsein bei seinem Aufsteigen in die 
hoheren Welten es audi geistige Wesenheiten und Tatsachen gibt, die 



keinen Ausdruck in der physisdien Welt haben. Also, es gibt nodi 
andere Erfahrungen f iir den Eingeweihten, als nur solche, die ihre Pro- 
jektion, ihr Sdiattenbild herunterwerfen in die physisdie Welt. Und 
ebenso gibt es geistige Wesenheiten und Tatsachen, die nicht in unser 
Seelenleben hinein ihren Schatten werfen, die also keinen Ausdruck 
in Gewissenstatsachen, in Gedankentatsadien, in GefUhlen und Emp- 
findungen und so weiter finden. Wollen wir das, was da gesagt worden 
ist, zusammenfa$send ausdriicken, so konnen wir sagen: Die geistige 
Welt stellt sich fiir das hohere Bewufitsein als eine weit reichere Welt 
dar, als ihr aufierer Ausdruck in der physisdien Welt ist. - Das ist ja 
wahrscheinlich fiir die meisten von Ihnen keine sonderlidi verwunder- 
liche Tatsadie, aber sie mufi doch einmal klar vor die Seele geruckt 
werden. Es mufi klar sein, dafi es nidit nur verhiillte geistige Erschei- 
nungen und Wesenheiten gibt, wie etwa das Feuer die dahinterstehen- 
den Elementengeister des Feuers verhiillt, sondern dafi es audi ver- 
borgene geistige Wesenheiten und Tatsachen gibt. Und zwischen denen 
miissen wir untersdieiden, wenn wir jetzt fortfahren wollen in unserer 
Betrachtung und einiges nodi genauer vor unsere Seele riicken wollen, 
was schon gestern beriihrt worden ist. 

Wir haben gestern darauf hingewiesen, dafi es allerdings geistige 
Wesenheiten gibt, die dem entspredien, was man Gewissen nennt. So 
gibt es fiir alle inneren Tatsachen geistige Wesenheiten. Und am Schlufi 
des gestrigen Vortrages konnte ich nodi bemerken, wie die griechische 
Mythe eine klare Einsicht darin hatte, dafi diejenigen geistigen Wesen- 
heiten, die sich so offenbaren, gleichsam als die Beleber und Erreger 
unseres inneren Seelenlebens bildlich in den Erinnyen dargestellt wer- 
den, und dafi diese einem alteren Gotter- oder Geistergeschlechte an- 
gehoren als diejenigen, die hinter den aufieren Sinneserscheinungen uns 
entgegentreten. Daher sagten diejenigen, die von den Erinnyen spra- 
chen, dafi sie einem alteren Gottergeschlecht angehoren als die Volks- 
gotter der Griechen, welche die Rache des Orest fiir richtig befunden 
haben. Aus einer hoheren Einsicht gleichsam wurden die Erinnyen 
abgeschickt, um das zu korrigieren, was die Volksgotter, die nichts 
anderes waren als mythische Ausdriicke fiir Wesenheiten hinter der 
Sinneswelt, fiir richtig bef anden. Damit haben wir auf eine sehr wich- 



tige Tatsadie der gesamten Mensdiheits- und Weltevolution hingewie- 
sen, und diese Tatsadie mufi uns heute etwas intimer beschaftigen. 

Werfen Sie nodi einmal einen Blick zuriick auf all das, was der 
Entwickelung unserer Erde vorangegangen ist. Sie wissen, unsere Erde 
war, bevor sie Erde geworden ist, alter Saturn, alte Sonne und alter 
Mond. Diejenigen von Ihnen, welche friiher Auseinandersetzungen 
iiber diesen Gegenstand verfolgt haben, werden sidi sagen:Beialledem, 
was im Verlauf unserer Erdenentwickelung in den vier Reidien, im 
Mensdienreidi, im Tierreidi, im Pflanzen- und Mineralreidi geschieht, 
ist geradezu ein Heer von geistigen Wesenheiten im Spiel, und diese 
stehen auf den versdiiedensten Stufen ihrer Entwickelung. Diejenigen 
Wesenheiten, weldie von der Sonne ihre wohltatigen Wirkungen her- 
untersenden, stehen auf einer gewissen Stufe der Entwickelung, und 
hinter der Erdenentwickelung stehen andere Wesenheiten, die den 
Mond zur rechten Zeit herausgetrennt haben. Alle diese Wesenheiten 
greifen irgendwo ein ins Gefiige der Erdenentwickelung, ins Geftige 
der Reidie, die zur Erdenentwickelung gehoren, so dafi das, was hinter 
den Erscheinungen, die uns umgeben, steht, ein reich gegliedertes Gei- 
stiges ist. Nun konnen Sie sidi leicht denken, dafi es ja ebenso reich 
gegliederte geistige Reidie gegeben hat wahrend der alten Saturn-, 
wahrend der Sonnen-, wahrend der Mondenentwickelung. Alle diese 
Reidie darf man nicht etwa in der Weise verstehen wollen, dafi man 
Namen erfindet, die nun fiir die eine oder die andere Wesenheit immer 
gelten sollen. Die Namen, die man gebrauchen kann, sind zumeist nicht 
Namen, die Individualitaten bezeichnen, sondern Namen, die gleich- 
sam Wiirden oder Amter bezeichnen. Wenn man also einen Namen 
nennt fiir eine Wesenheit, die wahrend der Sonnenzeit gewirkt hat, so 
kann man denselben Namen nicht mehr gebrauchen, wenn man diese 
Wesenheit bezeichnen will in bezug auf ihr Erdenwirken, denn da 
ist sie weiter fortgesdiritten. Sie sehen, dafi man sehr genau spre- 
dien mufi, wenn man die Wirklichkeit in den geistigen Gebieten treffen 
will. 

So gingen unserer Erdenentwickelung nicht nur voran drei Ver- 
korperungen dieser unserer Erdenkugel, sondern drei geistige Welten, 
drei machtige Weltenreidie. Und diese drei machtigen Weltenreiche 



unterscheiden sich sehr wesentlich voneinander, wenn man sie mit Uber- 
sinnlichem Bewufitsein untersucht. Wenn man die alte Saturn-, die alte 
Sonnen- und die alte Mondenentwickelung untersucht, so stellt sich 
etwas dar, was sich eigentlich gar nicht vergleichen lafit mit alledem, 
was wir imstande sind auf unserer Erde mit Namen zu belegen. Wir 
kbnnen da nur vergleichsweise sprechen. 

Sie erinnern sich, wie von mir gesagt worden ist, dafi die alte Saturn- 
entwickelung im wesentlichen Warmeentwickelung, Feuerentwickelung 
war; dafi auf der Sonne sich die Warme zur Luft verdichtet hat, auf 
dem alten Monde die Luft zum Wasser und auf der Erde erst die «Erde» 
zum Vorschein kommt. "Wenn Sie aber das, was Sie heute mit dem 
Begriff e Feuer oder Warme verbinden, unmittelbar anwenden wollten 
auf die Warme- oder Feuerentwickelung des alten Saturn, so gabe das 
nicht eine ganz richtige Vorstellung, denn jenes Saturnfeuer unter- 
scheidet sich wesentlich von unserem Erdenfeuer. Sie konnen dieses 
Saturnfeuer gar nicht vergleichen mit dem Feuer, das Sie erhalten, 
wenn Sie Holz anziinden, oder mit jenem Feuer, das Sie gebrauchen, 
wenn Sie Metail schmelzen und dergleichen, sondern es gibt nur ein 
einziges, womit sich einigermafien das alte Saturnfeuer heute verglei- 
chen lafit, und das ist jenes Feuer, das als Warme Ihr eigenes Blut 
durchstromt. In diesem, man konnte sagen lebendigen Feuer, in dieser 
Warme, das zu gleicher Zeit das Belebende in Ihnen ist, haben Sie 
etwas, was Sie vergleichen konnen mit der Substanz, aus der der alte 
Saturn einzig und allein bestanden hat, wahrend das, was heute physi- 
sches Feuer ist, schon ein Abkommling, ein spates Produkt ist des alten 
Saturnfeuers, und dieseForm, wie Sie sie draufien in demRaume sehen 
mit physischen Augen, eigentlich erst auf der Erde entstanden ist. Nur 
noch unsere Blutwarme erinnert uns physisch an das, was wahrend der 
physischen Entwickelungszeit auf dem alten Saturn vorhanden war. 
So also sehen Sie, dafi es nur weniges gibt, das sich innerhalb unserer 
heutigen Erfahrung vergleichen lafit mit den Eigenschaft en, die in diesen 
f riiheren Entwickelungszustanden vorhanden gewesen sind, so dafi wir 
drei sehr von unserem heutigen Erdenzustand verschiedene Vorf ahren- 
zustande vorfinden: den alten Saturnzustand, den alten Sonnenzustand, 
den alten Mondenzustand. 



Nun miissen Sie sidi aber klar clamber sein, dafi im Grunde genom- 
men in unserer Erdenentwickelung alles das wiederum in einer gewissen 
Weise enthalten ist, was wahrend des alten Saturn-, des Sonnen- und 
des Mondenzustandes vorhanden war; es hat sidi nur verandert. Es 
steckt gewissermafien dasjenige, was im alten Saturn zuerst als Keim 
veranlagt war und sich durch Sonne und Mond weiter entwickelt hat, 
in unserer Erdenentwickelung drinnen, und wir sehen alles das, was 
durch diese drei aufeinanderfolgenden Zustande sich entwickelt hat, 
zwar verandert innerhalb unserer Erdenentwickelung, aber wir konnen 
aus den veranderten Zustanden immer angeben, was von den friiheren 
Entwickelungszustanden zugrunde liegt. Es ist gleichsam der alte Sa- 
turn, die alte Sonne, der alte Mond in unsere Erde hineingeheimnifit. 

Nun wollen wir uns ein wenig genauer damit beschaftigen, wie diese 
Dinge in unsere Erdenentwickelung hineingeheimnifit sind. Wenn Sie 
sich das vor die Seele riicken, was in den vorhergehenden Vortragen 
gesagt worden ist, so konnen Sie sich sagen, dafi die Erde mit Sonne und 
Mond zusammen einmal ein Korper war. Damals war in dieser Erde 
darinnen alles an geistigen Wesenheiten, an physischen Substanzen, 
was vorhanden war wahrend der alten Saturn-, der alten Sonnen- und 
der alten Mondenzeit, aber audi alles, was von geistigen Wesenheiten 
tatig war wahrend dieser Zeiten. Das wohnte im Beginne der Erden- 
zeit in der Erde zusammen. So dafi wir diesen Beginn der Erdenzeit so 
kennzeichnen konnen: die Erde beginnt damit, dafi sie in sich auf- 
genommen hat drei vorhergehende Entwickelungszustande mit all den 
Entwickelungsstufen der geistigen Wesenheiten, die vorangegangen 
sind. Das alles lebte in unserer Erde darinnen. Wenn Sie sich aber vor- 
stellen, dafi diese Wesenheiten verschiedene Entwickelungsstufen haben, 
so miissen Sie sich sagen: Es mufi also jemand, der diese Erde betrachtet, 
unterscheiden konnen zwischen diesen drei verschiedenen geistigen 
Wesenheiten und Substanzen; er mufi sich fur den Beginn der Erden- 
entwickelung sagen konnen: Hier ist etwas, das konnte nur entstehen 
dadurch, dafi eimal die Saturnentwickelung unserer Erdenentwickelung 
voranging, hier ist etwas, das konnte nur entstehen dadurch, dafi ein- 
mal die Sonnenentwickelung voranging, und hier etwas, das konnte 
nur entstehen dadurch, dafi einmal die Mondenentwickelung unserer 



Erdenentwickelung voranging. - So dafi also unserer Erdenentwicke- 
lung drei Zustande vorangingen, die sidi im Beginne der Erden- 
entwickelung in diesem Erdenkorper wiederfinden. 

Die Tatsache, die ich Ihnen eben jetzt vor das geistige Auge geriickt 
habe, die stand den Menschen, die in einem alten instinktiven Bewufit- 
sein einen Zusammenhang hatten mit den Geheimnissen der geistigen 
"Welt, immer vor Augen. Und wenn die Dreizahl als eine charakteristi- 
sdie Zahl fiir hohere Welten besonders genannt wird, so stand den- 
jenigen, die das Konkrete, nicht das Abstrakte, die die Sache, nicht die 
Begriffe im Auge haben, immer vor der Seele die Tatsache, dafi unsere 
Erde in sich enthielt wie in ihrem Schofi, was vom alten Saturn, von 
der alten Sonne, von dem alten Monde herkam. Das ist die sogenannte 
hohere, die vorirdische Dreiheit, Zuruckgeblickt haben auf uralte Zei- 
ten, wo alles Irdische noch geistig war, die alten Eingeweihten, und 
haben gesagt: Demjenigen, was erst auf der Erde fest geworden ist, 
gingen andere elementare Zustande voran. Als die Erde sich noch nicht 
als vierter hinzugesellt hatte den drei vorhergehenden Zustanden, da 
gingen voran diese drei Zustande: das Vorirdische, dem alles Irdische 
sein Dasein verdankt. Eine Dreiheit, die wir in den uns gelaufigen 
Ausdriicken mit Saturn, Sonne und Mond bezeichnen, geht unserer 
Erde voran. Und wie ist es jetzt mit unserer Erdenentwickelung? Diese 
Dreiheit hat sich weiter entwickelt, eben zu unserer Erde selber. Spricht 
man also von der sogenannten hoheren Dreiheit, so meint man im 
Konkreten die drei vorirdischen Zustande; spricht man von der Vier- 
heit, so meint man diese drei Zustande, wie sie sich allmahlich verandert 
haben so, dafi sie die Erde selbst noch aufnehmen konnten. Deshalb 
empfanden alle die Menschen, die mit den Tatsachen der geistigen 
Welt durch ein instinktives BewuJStsein in Verbindung standen, das 
Geheimnis des Erdenwerdens in dem Verhaltnis von der Drei zur Vier; 
sie sagten sich: Unsere Erde ist die vierte Verkorperung unserer Welten- 
entwickelung; sie hat, indem sie die vierte Verkorperung ist, auf- 
genommen die drei friiheren Verkorperungen, die sich hinentwickelt 
haben bis zu ihrem Erdenzustand, aber drei davon mufiten zu immer 
hoheren Stufen schon in der vorirdischen Zeit sich entwickeln. - So 
blickte man von dem, was die Vier geworden ist, zur Drei hinauf mit 



heiliger Scheu und sagte: Die Drei - Saturn, Sonne und Mond - liegen 
zugrunde der Vier, die unsere Erdenentwickelung ausdriickt. Es ist 
selbstverstandlich, dafi die Ausdriicke Saturn, Sonne und Mond meine 
heutigen sind fiir andere des instinktiven Bewufitseins. 

Wenn wir nun diese unsere Erdenentwickelung selbst verfolgen, 
dann konnen wir uns fragen: Wie beteiligen sicii denn die einzelnen 
geistigen Wesenheiten an deren weiterem Fortgang? Dieser Fortgang 
besteht darin, dafi sich die Sonne von der Erde losloste, und dann der 
Mond. Bei diesen Vorgangen sind geistige Wesenheiten beteiligt; die 
leiten diese Vorgange. Geistige Wesenheiten ziehen die Sonne von der 
Erde heraus, und ebensoldie ziehen den Mond aus der Erde heraus. 
Wie beteiligen sich denn die einzelnen geistigen Wesenheiten des alten 
Saturn, die der alten Sonne, die des alten Mondenreiches an den ver- 
schiedenen Vorgangen? Sie stehen ja auf verschiedenen Entwickelungs- 
stufen; sie werden sich also in verschiedener Weise daran beteiligen. 
Da haben wir zunachst eine Gruppe von geistigen Wesenheiten - das 
sind diejenigen, die vorzugsweise wahrend der alten Sonnenentwicke- 
lung eine gewisse Entwickelung durchgemacht haben, eine Entwickelung, 
die fiir sie so wichtig war wie fiir den Menschen die Erdenentwickelung 
ist -, Wesenheiten also, welche eine solche Entwickelung durchgemacht 
haben, daf$ geradezu die alte Sonne ausersehen war, ihnen den Schau- 
platz zu bieten fiir sie, die gleichsam angepafit sind der alten Sonne, 
die zusammengehoren mit ihr. Das sind diejenigen Wesenheiten, die 
audi wahrend der Erdenentwickelung die Sonne aus der Erde heraus- 
geholt haben, weil sie schon wahrend der alten Sonne so weit waren, 
dafi sie damals so mit dieser verbunden waren wie die Menschheit jetzt 
mit der Erde verbunden ist. Sie sind so weit, dafi sie die Sonne brau- 
chen zu ihrem weiteren Fortkommen. Mit der Abtrennung der Sonne 
gingen audi die Sonnengeister von der Erde heraus, urn von aufien auf 
unsere Erde hereinzuwirken. Nun blieben bei der Erde noch, da die 
Sonnengeister weggegangen waren, die Saturngeister und die Monden- 
geister. Von diesen zwei Gruppen von geistigen Wesenheiten sind es 
nun die Saturngeister, welche so weit waren in ihrer Entwickelung, dafi 
sie leiten und lenken konnten das Hinaustreten des Mondes aus un- 
serer Erde. Diese Geister waren dadurdi reif fiir diese Tat, dafi sie in 



einer gewissen Beziehung vorangegangen waren in ihrer Reife den 
Sonnengeistern, dafi sie sdion wahrend der Saturnzeit durchgemadit 
haben das, was die Sonnengeister wahrend der Sonnenzeit durch- 
gemacht haben. Daher waren sie fahig, den Mond herauszutreiben aus 
der Erde und die innere Entwickelung des Menschen anzuregen, den 
Menschen, der sonst verhartet, mumifiziert ware, yon innen heraus zu 
beleben. So kann man sagen: Es haben die Tat der Sonnentrennung die 
Sonnengeister, die Tat der Mondentrennung die Saturngeister bewirkt. - 
Die Sonne ist kosmisches Symbolum fur die Tat der Sonnengeister, der 
Mond ist kosmisches Symbolum fur die Tat der Saturngeister. Was 
bleibt der Erde selber? Was eigentlich alte Mondengeister waren, die 
bleiben der Erde selber. 

Fur die nachsten Tage wird es nutzlich sein, einen ganz bestimmten 
Moment der Erdenentwickelung ins Auge zu fassen. Ich meine den, wo 
eben gerade der Mond aus der Erde herausgegangen war. Da war die 
Erde zuriickgeblieben. Die Sonne war sdion friiher fortgegangen. Die 
Erde ist jetzt in einem ganz bestimmten Zustand, sie ist dazumal nodi 
nicht so wie heute. Ware die Erde bei der Mondentrennung schon so 
gewesen wie sie heute ist, dann ware der ganze Geschichtsverlauf nicht 
notwendig gewesen. Die Erde war also nicht so; sie war im Verhaltnis 
zu ihrem heutigen Zustand, wo sie bedeckt ist mit einem heutigen mine- 
ralischen, mit einem heutigen pflanzlichen, mk einem tierischen und 
physisch-menschlichen Reiche, in einem unvollkommenen Zustand. 
Alles das war noch nicht klar hervorgetreten. Es waren noch nicht die 
einzelnen Kontinente voneinander geschieden. Alles war in einem, 
man konnte sagen, Wirrwarr. Das spatere mufite sich erst entwickeln. 
Sie wurden vergebens suchen, wenn Sie mit iibersinnlichem Schauen den 
Entwickelungsverlauf uberblickten, beim damaligenErdenzustand etwa 
eine Pflanzendecke und Mineralien wie die heutigen; vergebens wurden 
Sie suchen solche tierische und menschliche Gestalten, wie die heutigen 
sind. Wodurch hat sich denn das alles erst gebildet? Dadurch, dafi von 
aufien Sonne und Mond gewirkt haben. Die waren ja dazu hinaus- 
gegangen, dafi sie von auswarts auf die Erde wirken konnten. Hervor- 
gezaubert hat unsere Erde dasjenige, was durch Hereinwirken von 
Sonne und Mond hat entstehen konnen: alles das, was wir heute um 



uns herum auf der Erde sehen. So miissen wir also eine unvollkommene, 
chaotische Erde uns vor die Seele riicken, wenn wir sprechen von dem 
Zeitpunkte, wo der Mond hinausgegangen war, und miissen sagen: 
Nach und nadi bedeckte sich die Erde mit denjenigen Gebilden, die wir 
heute urn uns wahrnehmen, mit der Pflanzendecke, mit den verschiede- 
nen Tiergruppen, den Menschenrassen im heutigen physischen Sinne. - 
Das alles spriefit und sprofit durcli die Einwirkung der Wesenheiten, 
die von der Sonne und dem Monde her wirken. Von denjenigen Wesen- 
heiten, die von der Sonne her wirken, sind namentlich die aufieren 
Gestaltungen hervorgerufen, die Gestaltungen der Miner alien, der 
Pflanzen, der Tiere und der physischen Menschen; von den Wesen- 
heiten, die vom Monde her wirken, wird insbesondere das seelische 
Leben angeregt in den Tieren und Menschen. So also schaffen von aufien 
her diese Wesenheiten an unserer Erdenentwickelung. Das, was ich 
Ihnen jetzt dargestellt habe, ist ungefahr in ganz wenigen Worten das 
Bild, welches die Erdenentwickelung charakterisiert von der sogenann- 
ten lemurischen Zeit an bis in die atlantische hinein. Erst wahrend der 
atlantischen Zeit stellt sich ganz langsam und allmahlich das Bild der 
Erde so, wie wir es jetzt erblicken in unserer Umgebung. So miissen wir 
unterscheiden sozusagen im Laufe der Erdenentwickelung seit der 
Mondentrennung zwischen einer chaotischen und einer geordneten 
Erde, einer Erde, welche die Wirkungen der geistigen Wesenheiten ihrer 
Umgebung bereits erfahren hat. 

Das alles, was ich gesagt habe, ist das Ergebnis, das man nicht zu 
holen braucht aus dieser oder jener historisch uberlief erten Lehre. Neh- 
men Sie an, durch irgendein Ereignis ware alles das verlorengegangen, 
was die Eingeweihten des, sagen wir alten, ehrwurdigen Indiens ge- 
schafTen haben; es waren verlorengegangen die Erkenntnisse der per- 
sischen Magier, die Erkenntnisse der Chaldaer, der agyptischen Ein- 
geweihten, die Erkenntnisse der Mysterien Griechenlands, nehmen Sie 
an, alles bis auf unsere Tage ware an aufieren Dokumenten verloren- 
gegangen, wir hatten kein Schriftstiick, das uns mitteilte, was jemals 
gelehrt worden ist iiber die geistigen Grundlagen unserer Erdenent- 
wickelung! Nicht verlorengegangen ware uns die Moglichkeit, heute 
selber das iibersinnliche Bewufitsein zu entwickeln. So kann alles, was 



jetzt erzahlt worden ist, gefunden werden ohne irgendein historisches 
Dokument durch iibersinnliche Forsdiung. Wir haben also damit etwas 
vor uns, was im heutigen Entwickelungsmoment geradeso aus dem 
Urspriinglichen heraus gelernt werden kann, wie etwa die Mathematik 
aus dem Urspriinglichen heraus gelernt werden kann. 

Jetzt versuchen wir einmal, nachdem wir sozusagen ein kleines Ka- 
pitel der umfassenden Geisteswissenschaft vor uns hingestellt haben, 
irgendwo anzukniipfen, um zu sehen, wie das, was wir heute konstatie- 
ren konnen durdi die iibersinnliche Forsdiung, gelebt hat in vergange- 
nen Zeiten. Gewifi, es konnte auch eine andere Methode eingeschlagen 
werden, aber fiir diesen Zyklus ist einmal als Methode in Aussicht ge- 
nommen, dafi wir dasjenige, was wir ohne historische Urkunden finden 
konnen, vergleichen mit dem, was uns durch diese oder jene Urkunde 
uberliefert ist. Da wollen wir nidit einmal besonders weit zuriickgehen, 
wir wollen zuriickgehen zu einer historischen Personlichkeit, welche 
gelebt hat in verhaltnismafiig alten Zeiten der griechischen Geistes- 
entwickelung, zu jener Personlichkeit, von der aufierlich-geschichtlich 
sehr wenig, nicht einmal die Jahreszahl ihres Lebens so recht bekannt- 
geworden ist. Wir wollen zuriickgehen zu jener Personlichkeit, die den 
anderen griechischen Weisen in gewisser Beziehung vorangegangen ist, 
zu Pherekydes von Syros. Der hat gelebt in der Zeit der griechischen 
Geistesentwickelung, die man die Zeit der sieben Weisen nennt, die 
also vorangeht all dem, was sonst aus der griechischen Philosophic ge- 
schichtlich mitgeteilt wird. Es wird nur weniges aufierlich in der Ge- 
schichte von diesem Pherekydes von Syros erzahlt. Es ist aber geniigend 
interessant, einmal an das heranzutreten, was von ihm erzahlt wird. 
Er wird unter anderem auch genannt als Lehrer des Pythagoras. Auf 
ihn sind zuruckzufuhren viele der Lehren, die Sie bei Heraklit, bei 
Plato, bei spateren Weisen finden. Er gehorte der alteren Zeit der grie- 
chischen Entwickelung an, von der man sagt, dafi sie sieben Weise hatte, 
wie man sagt, dafi die alten Inder sieben Rishis hatten. Zur Zeit dieser 
sieben Weisen Griechenlands hat Pherekydes von Syros gelebt. Von 
ihm wird nun erzahlt, dafi er gelehrt habe, dafi unserer ganzen Ent- 
wickelung drei Prinzipien zugrunde liegen, und diese drei Prinzipien 
nennt er den Zeus, den Chronos und die Chthon. Was sind das fiir drei 



Bezeidinungen? Wenn man genauer priift, was mit diesen drei Bezeich- 
nungen gemeint ist, so 1st es das folgende: Erstens werden Sie ohne 
weiteres wissen, dafi ja Chronos nur eine andere Bezeidimmg fiir den 
alten Saturn ist; das ist ein und dasselbe. So haben wir in dem einen 
Prinzip bei Pherekydes von Syros in dem Chronos diejenige Summe 
von gottlich-geistigen Wesenheiten, die wir zum Reiche des Saturn 
rechnen. Alles dasjenige, was wir zum Reiche des alten Saturn rechnen, 
alles, was dann wieder in der Erdenentwickehmg gewirkt hat als We- 
sen, die imstande waren den Mond herauszutrennen, die haben wir in 
Chronos-Saturn. Und weiter, Zeus! Zeus ist ein Wort, ein Name, der 
schwankend ist, wenn er gebraucht wird in alteren Zeiten. Man ge- 
braucht ihn fiir geistige Individualitaten auf den verschiedensten Stufen 
der Entwickelung. Diejenigen aber, die im alteren Griechenland etwas 
gewufit haben von Einweihung, die haben in Zeus gesehen den ihnen 
erkennbaren Anfuhrer der Sonnengeister. Zeus ist dasjenige, was lebt 
in den Wirkungen, die von der Sonne auf die Erde ausgeiibt werden. 
So haben wir das zweite Reidi, das Reidi der Sonnengeister als das 
Zeusreich von Pherekydes von Syros bezeichnet. Chthon, was ist das? 
Das ist nun nidits anderes als eine Bezeichnung fiir jenen Zustand 
unserer Erde, in dem diese war in dem Augenblicke, als sidi der Mond 
losgetrennt hatte, namlich in einer Art chaotischem Zustande, wo noch 
nicht die Pflanzen, noch nicht die Tier- und Menschenrassengestalten 
die Erde bedeckten. Und nun finden Sie ein merkwiirdiges Wort bei 
Pherekydes von Syros; er sagte: Es liegen also diese drei Prinzipien, 
Zeus, Chronos und Chthon unserer Erdenentwickehmg zugrunde. Das, 
was die Erde geworden ist, ist sie erst geworden durch das Zusammen- 
wirken dieser drei Prinzipien, jener heiligen urspriinglichen Dreiheit, 
die heriibergekommen ist von vorirdischen Zustanden. -Die kennt also 
audi dieser alte griechische Weise und das bezeichnet er mit den ihm 
gelaufigen drei Namen. Nun erzahlt er, wie das weitergegangen ist. Es 
war aber in alten Zeiten nicht iiblich, dafi man solche Dinge mit solch 
trockenen, brutalen Begriffen bezeichnete wie heute, sondern da ge- 
braudite man farbige Vorstellungen fiir das, was man im Geiste 
erschaut und erkennt. Und da sagte Pherekydes von Syros: Chthon 
wurde zur Gaa, zur Erde, zu dem, was man heute Erde nennt, dadurch, 



dafi ihr Zeus das Ehrengesdienk iiberreidit hatte und sie dadurdi mit 
dem Gewande iiberzogen wurde. - Ein wunderschones Wort f iir die- 
jenige Entwickelung, die idi Ihnen eben in wenigen Worten zusammen- 
gefafit habe. Die Erde stand allein; draufien waren Sonne und Mond, 
die geistigen Reidie des Zeus und des Chronos. Da fing die ja zuerst 
hinausgegangene Sonne an, auf die Erde zu wirken. Es war wie eine 
Befruditung der Erde in ihrem chaotisdien Zustande; also, um mit dem 
alten griechischen Weisen zu sprechen: es war wie eine Befruchtung der 
Chthon durch den Zeus. Heruntergesendet wurden im Physischen die 
Sonnenwarme und das Sonnenlicht, heruntergesendet wurden in der 
Sonnenwarme und in dem Sonnenlicht die wohltatigen Wirkungen des 
Zeusreichs, das alles befruchtete. Da wurde der Erde gegeben das Ehren- 
gesdienk. Die Erde bedeckte sidi mit dem Gewande, und das Gewand 
ist nun nidits anderes als der Teppidi von Pflanzen- und Tiergestalten 
und Gestalten der physischen Menschen, mit denen sich jetzt die Erde 
umspannte. Die Chthon wurde zur Gaa dadurch, dafi ihr Zeus das 
Ehrengesdienk bescherte und sie sich dadurch mit dem Gewande 
iiberzog. 

So sehen wir in merkwiirdigen bildlichen Ausdriicken, in einer scho- 
nen Sprache wiederum dasjenige, was heute das ubersinnliche Bewufit- 
sein finden kann, in der Zeit, als die sieben Weisen Griechenlands lebten, 
als Pherekydes von Syros wirkte, von dem kaum viel mehr als das 
Aufierliche erhalten ist, das ich Ihnen jetzt erzahlt habe. Derjenige 
aber, der diese Dinge, die bei diesem Weisen vorkommen, mit jenem 
Lichte beleuchtet, das uns heute die ubersinnliche Forschung geben 
kann, der wird sich sagen: Man konnte so etwas nicht so treffend aus- 
driicken, dafi es durch die heutige ubersinnliche Forschung bestatigt 
wird, wenn man nicht selber von alien diesen Dingen etwas gewufit 
hatte. - Und wenn wir uns nun weiter fragen: Woher ruhrte das Wissen 
des Pherekydes von Syros? -so kommen wir darauf, dafi er sich erfreuen 
konnte einer sogenannten phonizischen Einweihung. Wir sehen also in 
ihm einen Menschen, welcher in den Tempeln des alten phonizischen 
Landes eingeweiht worden ist, und welcher das, was er sagen durfte, 
aus diesen phonizischen Tempeln nach Griechenland herubergebracht 
und da gelehrt hat. So ist aus dem Orient heriibergeflossen mancherlei 



von dem, was dort im Einklang mit der iibrigen orientalischen Weisheit 
vorhanden war. 

Ich wollte Ihnen damit nur ein Beispiel geben, und wir konnten viele 
solche Beispiele anfuhren, wie wir das, was heute ohne alle historisdie 
Tradition gefunden werden kann, wenn wir es riditig zu lesen ver- 
stehen, bei den alten Weisen wiederfinden. Wir sind hiermit nicht weit 
zuriickgegangen in der Mensdiheitsgeschichte. Man kann an vielem 
sehen, dafi man die Lehren, die heute als urspriingliche gefunden wer- 
den konnen, in entsprechender Weise in alten Zeiten, wenn man nur 
die Ausdriicke zu entziffern vermag, finden kann. Dennoch diirfen Sie 
nidit verkennen, dafi es ein ganz f alsdies Prinzip ware, wenn wir eine 
Beleuchtung der orientalisdien Weisheit durdi dasjenige, was audi 
heute in der westlidien Welt gewonnen werden kann, damit erschopft 
glaubten, dafi wir einfadi sagten: Das oder jenes finden wir im Orient 
fur die Weltenentwickelung als Meinung; und so sprechen wir heute. - 
Das finden wir aber in derselben Weise audi bei Pherekydes von Syros 
meinetwegen, das finden wir audi in der agyptischen Zeit, in der chal- 
daischen Magierzeit, in der altindischen Zeit. Man konnte dann, wenn 
man dieses fiir das einzig Mogliche hielte, sagen: Also finden wir heute 
eine Weisheit, die in den verschiedensten Formen alluberall, wo die 
Menschen nadi Weisheit gestrebt haben, vorhanden war: Eine und die- 
selbe Weisheit alluberall! - Nicht das geringste kann gegen diese Be- 
hauptung in ihrer abstrakten Form eingewendet werden, denn die 
Tatsadie steht einfadi so; aber das mufi gesagt werden, dafi dieses nur 
ein Teil der Wahrheit ist. So wie die Entwickelung der Pflanze nicht 
darin besteht, dafi die Pflanze von ihrem untersten Wurzelpunkte aus 
bis zur Frucht immer dieselben Organe hervorbringt, sondern her- 
vorbringt die griinen Pflanzenblatter, die farbigen Bliitenblatter, die 
Staubgef afie, den Stempel und so weiter, so wie die Pflanze also ver- 
andert die Gestalt ihrer Hervorbringungen:, sie zu immer Hoherem 
und Hoherem treibt, so ist es audi mit dem Fortschritt des Mensdien- 
lebens auf der Erde. Wenn es ganz riditig ist, dafi sozusagen in den 
verschiedensten Formen dieselben Weistiimer immer wieder erscheinen, 
so gibt es doch eine Entwickelung dieser Weistiimer; und es ist einfadi 
nicht riditig, dafi etwa schon in der altindischen Zeit dasselbe dagewesen 



ware, was heute da ist. Geradesowenig ware das riditig, wiedas andere, 
dafi an der Pflanze dasselbe ist, wenn die Bliite aufgebaut ist, wie in 
dem - meinetwillen sagen wir - Wurzelpunkt. Es ist sozusagen dieselbe 
Kraft darinnen; aber diese kann man nur in ihrer Realitat erkennen, 
wenn man die wirkliche Entwickelung verfolgt, so dafi man einen 
Fortschritt erkennt in den Geheimnissen, weldie der Menschheitsent- 
wickelung zugrunde liegen. Dasjenige, was in der ersten Zeit nach der 
grofien atlantischen Katastrophe gelehrt worden ist auf der Erde, kann 
heute noch gelehrt werden; was Pherekydes von Syros gelehrt hat, 
kann heute noch gelehrt werden; aber die Erdenentwickelung ist fur 
den Menschen audi bereichert worden, sie hat neue Einschlage be- 
kommen. 

Wir haben gestern auf den wichtigen Zeitpunkt des christlichen Ein- 
schlags fiir die Menschheitsentwickelung hingewiesen. Damit ist etwas 
gekommen, womit sich nichts Ahnliches vergleichen lafit, etwas, was 
ganz einzig dasteht in der Erdenentwickelung. Es ist mir schon zu 
Ohren gekommen, dafi jemand gesagt hat: Ja, es ware doch eine Un- 
gerechtigkeit innerhalb der Menschheitsentwickelung, wenn soundso- 
viele Jahrtausende vor dem Erscheinen des Christus dem Menschen 
nicht die voile Weisheit hatte mitgeteilt werden konnen. Wie kamen 
denn die Menschen der vorchristlichen Zek dazu, dafi ihnen etwas vor- 
enthalten werden konnte? Wir miissen aus der allgemeinen Weltgerech- 
tigkeit heraus annehmen - so sagen manche — dafi sich zwar die For- 
men der Wahrheit andern, dafi aber nicht neue Wahrheiten zu den 
alten hinzukommen, sonst miifite man behaupten, dafi fiir die Men- 
schen, die aufbewahrt geblieben sind in ihrem Leben fiir die nachchrist- 
liche Zeit, etwas Hoheres zubereitet worden ware als fiir die vor- 
christlichen Menschen. - Wenn es nicht wirklich zuweilen ausgesprochen 
wiirde, so brauchte das hier gar nicht erwahnt zu werden, denn man 
kann verstehen, dafi diese Sache ausgesprochen wird sonst irgendwo, 
nur nicht unter geisteswissenschaftlich Strebenden. Warum nicht? Nun, 
weil ja die Menschen, die in der nachchristlichen Zeit verkorpert sind, 
dieselben sind wie diejenigen, die vorher gelebt haben; well die Men- 
schen durch die wiederholten Verkorperungen durchgehen und das- 
jenige, was sie vor dem Erscheinen des Christus auf Erden noch nicht 



haben lernen konnen, eben berufen sind, nachher zu lernen. Derjenige, 
der glaubt, dafi der Mensch sidi immer und immer wieder verkorpert, 
damit ihm nur dasselbe aufgetischt werde, der glaubt nicht im Ernste, 
nidit seinem Gef iihle und dem ganzen Seelenleben nach an die Wieder- 
verkorperung; denn im Ernste an sie glauben, heifit ihr Ziel, ihren Sinn 
einsehen, heifit einsehen, dafi es nicht vergeblich ist, immer wieder und 
wieder zu kommen, sondern dafi dies geschieht, damit man immer 
Neues erf ahren konne auf der Erde. Ist dies aber so, dann mufi dieser 
Erde immer neues und neues Leben zufliefien; man mu& auf der Erde 
Neues sehen, wenn man wieder auf ihr ankommt. Es ist eine Abstrak- 
tion zu sagen: Dieselben Weistiimer kehren in den verschiedenen Welt- 
anschauungen immer wieder. - Es ist aber das Konkrete, das Wahre, 
dafi sich die Weistiimer entwickeln, dafi sie immer hohere und hohere 
Gestaltungen annehmen, bis dann das erscheinen wird auf der Erde, 
was reif ist, in einen anderen Zustand iiberzugehen, wie Saturn-, Son- 
nen-, Mondzustand in den Erdenzustand iibergegangen sind. Keine 
blofie Wiederholung, ein wirklicher Fortschritt! Das ist das, um was 
es sich handelt. 

Und da liegt audi, was den Unterschied zwischen ostlicher und west- 
licher Denkungsweise ausmacht. Die westliche Denkungsweise kann 
sich der ganzen Aufgabe und Mission des Westens nach niemals trennen 
von einer wirkiich konkreten geschichtlichen Auffassung unserer Er- 
denentwickelung. Und geschichtliche Auffassung ist nur diejenige, die 
Fortschritt sieht, nicht Wiederholung des Gleichen. Der Begriff der Ge- 
schichte ist der, der erst durch den Westen.eingetreten ist in die Mensch- 
heitsentwickelung. Man hat da erst gelernt, wirkiich die Dinge ge- 
schichtlich aufzufassen, nicht blofi eine Wiederholung des Gleichen zu 
sehen. Und wenn irgendwo unter uns irgend jemand auftritt, der nicht 
ganz durchdrungen ist von dem Begriffe des geschichtlichen Fortschrit- 
tes, und dann sich hingibt in einem besonderen Mafie orientalischer 
Denkungsweise, derenWahrheit damit nicht im geringsten angezweifelt 
wird, von der alles unterschrieben wird, trotzdem gesagt wird, dafi 
die geschichtliche Auffassung hinzukommen mufi, dann stellt sich leicht 
ein, dafi ihm der Begriff der Geschichte abhanden kommt und dafi f iir 
ihn eine merkwiirdige Frage entstehen kann: Wozu eigentlich diese 



ewige Wiederholung des Gleichen? Das war zum Beispiel die Frage, die 
Schopenhauer aufgestellt hat, dem der Begriff der Geschichte im eigent- 
lidien Sinne gemangelt hat, und der innerhalb unseres Geisteslebens 
einer derer war, die viel fur die auflere Exoterik aufgenommen haben 
aus dem orientalischen Leben. Dadurch, dafi irgendeine hohere Wahr- 
heit aufgestellt wird, wird die niedrigere Wahrheit in keinerlei Weise 
angetastet; es wird zu allem Ja gesagt, was von dem unhistorischen 
Standpunkte aus behauptet wird; es wird nur eine niedere Denkweise 
in ein hoheres Reich heraufgehoben, das heifit, es wird beleuchtet in 
unserem Falle die orientalische Denkungsweise mit dem Lichte des 
Westens*. 

Dasjenige, was idi Ihnen jetzt in abstracto gesagt habe, das mochte 
ich Ihnen durch ein Beispiel belegen. Sie haben aus dem Gesagten schon 
herausfiihlen konnen, dafi wir die Ergebnisse der ubersinnlichen For- 
schung der Gegenwart in andrer Form in alten Zeiten finden, wenn wir 
sie suchen. Licht werfen auf die Vorzeit konnen wir nur dann, wenn 
wir dieses Licht eben aus der Gegenwart nehmen. Wir kniipfen dabei 
nochmals an, sagen wir, an eine ganz bestimmte geistige Personlichkeit, 
geistige Individuality. Spater werden wir aus diesem Gebiete ver- 
schiedene Einzelheiten noch zu besprechen haben, heute soli nur noch 
eines herausgehoben werden. Wenn Sie zuriickgehen in die Zeit, in der 
man in den Veden niedergelegt hat dasjenige, was in einer gewissen 
Beziehung als Nachklang vorhanden war der hohen, hehren Rishiweis- 
heit, so finden Sie unter mancherlei Benennungen fiir die gottlichen 
Wesenheiten die Benennung des Indra. Wenn ich Ihnen vom Gesichts- 
punkte der ubersinnlichen Forschung der Gegenwart aus auf die Frage 
antworten soil: Was ist das fiir ein Wesen, zu dem man in der Vedenzeit 
Indra gesagt hat? - so tue ich es am besten, indem ich Ihnen wiederum 
charakterisiere, wie sich ein heutiger Mensch durch ubersinnliche For- 
schung eine Anschauung von dieser Wesenheit, die wirklich vorhanden 
ist, verschaffen kann. 

* Diese Darstelhmg, die an sidi etwas weitsdiweifig ersdieint, reditfertigt sich 
wohl dadurdi, dafi sie gegen die in mystischen Weltanscfaauungen oft auftretende 
Behauptung gerichtet werden mufi, dafi im Grunde die verschiedenen aufeinander- 
folgenden Religionen und so weiter nur die Umgestaltungen Einer Urweisheit seien. 



Wir haben ja hervorgehoben, dafi hinter allem, was uns aufierlidi in 
der Welt umgibt, hinter dem Feuer, der Luft, dem Wasser, der Erde 
geistige Wesenheiten sind. Wenn wir das, was Feuer oder Luft ist, auf 
uns wirken lassen, zunachst auf unsere Sinne, so haben wir den aufieren 
Ausdruck f iir geistige Wesenheiten, die hinter dem Feuer oder der Luft 
stehen. Wir konnen fur das, was wir im gewohnlichen Leben physisdi 
wahrnehmen, dasjenige suchen, was dahintersteht, indem wir uns durch 
iibersinnliches Sdiauen erheben von der physisdien Welt zur seelisdien. 
Da finden wir fur das, was sidi aufierlidi in der Luft ausdriickt, viele 
Wesenheiten; das heifit, es arbeiten viele geistige Wesenheiten zusam- 
men in unserer geistigen Umgebung, um dasjenige zustande zu bringen, 
was sich uns aufierlidi in den physisdien Lufterscheinungen ausdriickt. 
Fragen wir uns: Wie stellt sich das geistige Reich hinter der Luft dar, 
wenn wir es in der seelischen Welt betrachten? Die Antwort ist: Wir 
kommen zu einer Anzahl von geistigen Wesenheiten, die nicht bis zur 
physisdien Welt heruntersteigen, die sich in dieser durch die Luft aus- 
driicken und die uns in der Seelenwelt als Individualitaten entgegen- 
treten. Und die machtigste dieser Wesenheiten ist eine ganz bestimmte. 
Die finden wir noch heute; die ist diejenige, welche im alten Indien mit 
dem Worte Indra benannt worden ist. Sie ist zu gleicher Zeit diejenige, 
die beteiligt ist an der ganzen Einrichtung unseres Atmungsprozesses. 
Dafi wir iiberhaupt so atmende Wesenheiten geworden sind, wie wir es 
sind, das verdanken wir der Tatigkeit dieser Wesenheit. Zu dieser 
Wesenheit kann man bestandig emporblicken und sagen: «Dir, o Indra, 
verdanke ich die Moglichkeit, ein solches Atmungswerkzeug zu haben, 
wie wir es als Menschen haben. » - Aber die Tatigkeiten wiederum 
soldier Wesenheiten beschranken sich nicht nur auf eines, sie sind ver- 
zweigt. Dieser selben Wesenheit verdankt der Mensch noch mandies 
andere. Darum kann er sagen: «Dir, Gott Indra, dem ich verdanke die 
Moglichkeit so zu atmen, Dir kann ich audi verdanken die Kraft, die 
zum Beispiel durch meine Muskeln stromen soil, wenn ich meine Feinde 
im Kriege besiegen soll.» So kann er zu diesem Indra beten um Kraft, 
seine Feinde zu besiegen; denn es ist sozusagen die Funktion dieser 
selben Wesenheit iibertragen. Dieser selben Wesenheit, fiir die wir gar 
keinen Namen brauchen, wenn wir nur wissen, dafi sie da ist, ist es 



audi zuzuschreiben, dafi der Blitz durch die Wolken zuckt, und der 
Donner rollt, und dafi die segnenden Wirkungen entstehen, welche die 
Gewittererscheinungen begleiten, Audi fiir diese Erscheinungen kann 
man sozusagen die Gebete hinaufschicken, wenn man iiberhaupt an 
solches Beten zu den Gottern denkt. 

So sehen wir, dafi in der Seelenwelt eine gewisse Wesenheit vorhanden 
ist, die einf ach in der alten vedisdien Zeit mit dem Namen Indra bezeich- 
net worden ist. Indra ist fiir uns ebenso da wie fiir die damalige Zeit. 

Und jetzt kommt das andere. Nehmen Sie diese Wesenheit des 
Indra, nehmen Sie sie so, wie sie der alte indische Eingeweihte wirklich 
gesehen hat, wenn er das geistige Auge nach der Seelenwelt hingerichtet 
hat, nehmen Sie das und fragen Sie jetzt: Sieht der heutige Eingeweihte 
diesen Indra in derselben Weise? - so miissen wir antworten: Er sieht 
alles dasjenige, was man damals gesehen hat an diesem Indra, alles das, 
aber er sieht noch etwas anderes an diesem Indra. -Wenn Sie einenMen- 
schen ansehen in seinem vierzigstenLebensjahre, der Fritz Miiller heifit, 
so konnen Sie sich sagen: Das ist derselbe Mensch, den ich vor dreifiig 
Jahren als Zehnjahrigen gesehen habe, der sdion damals so geheifien 
hat; aber er ist in einer gewissen Weise etwas anderes geworden. - 
Und Sie werden eine schlechte Beschreibung von diesem Fritz Miiller 
geben in seinem vierzigsten Jahre, wenn Sie jemandem sagen, wie er 
ausgesehen hat in seinem zehnten Jahre. Sie sagen da ganz Richtiges 
uber den Fritz Miiller, was Sie in diesem Falle sagen, aber er hat wah- 
rend der dreifiig Jahre eine Entwickelung durchgemacht, und Sie miis- 
sen das bedenken, wenn Sie uber seinen jetzigen Zustand reden. Meinen 
Sie nun, dafi zwar die Menschen auf der Erde in ihren einzelnen Leben 
und audi von Leben zu Leben sich fortwahrend entwickeln, und dafi es 
just den Geisteswesen so gehen sollte, dafi sie heute noch auf demselben 
Standpunkt stehen wie damals, als im alten Indien das schauende Be- 
wufitsein zu ihnen emporgerichtet worden ist? Sollen die Gotter blofi 
diejenigen sein, die durch Tausende von Jahren dasselbe sind? Das sind 
sie eben nicht. Wir konnen fuglich sagen, dafi Indra sich entwickelt hat 
seit jener Zeit, wo hinaufgesehen haben zu ihm die Hellseher des alten 
Indiens. Was ist denn nun mit ihm geschehen? Wie stellt sich uns seine 
Entwickelung dar? 



Wenn wir das sdiauende Bewufttsein zuruckrichten auf die Gestalt 
des alten Indra, wie stellt sidi uns diese Gestalt dar? Da zeigt sich 
folgendes: Es gibt einen gewissen Zeitpunkt in der Entwickelung, da 
sieht man etwas Merkwiirdiges in bezug auf diesen Indra. Um es recht 
anschaulich vor uns zu haben, wiederholen wir: wir riditen also das 
sdiauende Bewufitsein in der Seelenwelt nach dem alten indischen Gotte 
Indra und verfolgen ihn durdi die Jahrtausende herauf . Da finden wir 
einen Zeitpunkt, wo es so erscheint, als wenn von einem ganz anderen 
geistigen Wesen Lichtstrahlen hinfielen auf den Indra; und durch dieses 
Lidit, das auf den Indra fallt, wird dieser selbst beleudbtet; er wird 
dadurch zu einer hoheren Stuf e seiner Entwickelung emporgehoben. Es 
ist gerade so, wie wenn Sie in einem bestimmten Lebensalter Ihrer 
Entwickelung etwas Wichtiges lernen, wodurch Sie ein ganz anderer 
Mensch werden. So gesdiah es eines Tages fur den Indra: es fiel von 
einer anderen geistigen Wesenheit das Geisteslicht auf diesen Indra, 
und seit jener Zeit strahlt dasjenige von dem Indra auf uns, was audi 
schon im alten Indra da war, aber bereichert nodi durch das Geistes- 
licht einer anderen Wesenheit. Auf den Moment in der geschichtlichen 
Entwickelung der Menschheit, wo das geschehen ist, was ich jetzt be- 
schrieben habe, auf den konnen wir genau hinweisen. Der Gott Indra 
ist da in der Seelenwelt in der Zeit, in der fur die Erdenentwickelung 
noch nicht der Christus wahrnehmbar ist, wo aber doch schon das Licht, 
das von dem Christus ausgeht, auf den Indra fallt. Das Licht, das 
geistige Licht, das von dem Christus ausgeht, fallt erst spater auf den 
Indra. Und es kann jemand, der die Fahigkeit dazu hat, hinschauen 
zu dem Indra und er wird sagen: Dieser Indra offenbart mir jetzt 
etwas anderes, als er friiher geoffenbart hat, denn f riiher strahlte nicht 
von ihm das Christus-Licht zuriick. - Derjenige, der dazu berufen ist, 
das der Menschheit zu verkundigen, der sagt: Da gab es den alten 
Indra, uns inter essiert das, was er friiher war; jetzt aber interessiert 
uns audi das, was er uns zuruckstrahlt, was von ihm jetzt zu uns her- 
strahlt. - So wie der Mond das Sonnenlicht zuriickwirft, so wirft seit 
jenem Zeitpunkt der Indra nicht sein eigenes Licht in die geistige Er- 
denentwickelung herein, sondern strahlt zuriick das Christus-Licht. 
Dieses Licht, das selbst noch nicht auf die Erde fallt, das erst von Indra 



zuriickgestrahlt wird, das also den Christus nicht direkt erkennen lafit, 
sondern so, wie wir das Sonnenlicht, wenn es vom Mond herstrahlt, 
erkennen, war dasjenige, was verkiindete der Moses seinem Volke; und 
er nannte das Christus-Licht, das so zuriickgestrahlt ist wie das Sonnen- 
lidit von dem Monde, Jahve oder Jehova. Und hier haben Sie das, 
was ich ofter in den Vortragen iiber das Johannes-Evangelium in einer 
anderen Form betont habe: Der Christus verkiindigt sich vor, und 
Jahve oder Jehova ist der Name fur das von einer alten Gottheit 
zunachst zuriickgestrahlte, reflektierte Christus-Licht, der prophetisch 
vorherverkiindete Christus. 

So ist es, wie wenn im Laufe der Erdenentwickelung der alte Indra 
aufgenommen worden ware von dem Christus-Licht, und nun dieses 
Christus-Licht von sich auf die Erde zuriickstrahlte. Damit, dafi er 
beriihrt worden ist von diesem Christus-Licht, hat der Gott Indra 
selber eine Entwickelung durchgemacht. Er ist naturlich nicht zum Je- 
hova geworden. Sie diirfen nicht sagen: Jehova ist Indra. Aber Sie 
werden es begreif lich finden, dafi ebenso wie sich Indra in Blitz und 
Donner offenbarte, ebenso Jahve oder Jehova sich darinnen offen- 
barte, weil zuriickgestrahlt werden kann nur nach Mafigabe der riick- 
strahlenden Wesenheit. Daher offenbarte sich Jahve in Blitz und Don- 
ner. Hier haben Sie ein Beispiel davon, dafi sich sozusagen die geistige 
Entwickelung in ihrer Welt vollzieht wie die menschliche in der ihrigen, 
und wie sich nicht der
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