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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE vor mitgliedern
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER
Wie kann die Menschheit den Christus
wiederf inden ?
Das dreifache Schattendasein unserer Zeit
und das neue Christus-Licht
Acht Vortrage, gehalten in Dornach und Basel
vom 22.Dezember 1918 bis 1. Januar 1919
1995
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Mitschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung
Die Herausgabe besorgten R. Friedenthai und J. Waeger
1. Auflage Dornach 1938
2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1968
erweitert um die Vortrage vom
22., 31. Dezember 1918 und 1. Januar 1919
3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1979
4. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1995
Uber fruhere Einzelveroffentlichungen aus diesem
Band siehe zu Beginn der Hinweise
Bibliographie-Nr. 187
Zeichnungen im Text nach Zeichnungen in den Nachschriften,
ausgefuhrt von Assja Turgenieff
Einbandzeichen von Rudolf Steiner, Schrift von Benedikt Marzahn
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1968 by Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Konkordia Druck, Buhl
ISBN 3-7274-1870-2
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk Rudolf Steiners
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedert sich
in die drei groBen Abteilungen: Schriften —Vortrage - Kiinstlerisches Werk
(siehe die Ubersicht am SchluB des Bandes).
Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fiiir die
Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft
zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen hatte Rudolf Steiner
urspriinglich nicht gewollt, daB sie schriftlich festgehalten wiirden, da sie
von ihm als «mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» ge-
dacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte
Hdrernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich veran-
laBt, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie
Steiner- von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographierenden,
die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Herausgabe notwendi-
ge Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz
wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, muB gegen-
iiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt wer-
den: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, daB in den von
mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur als
interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen
Schriften auBert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein
Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wordaut ist am SchluB
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermaBen auch
fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen begrenz-
ten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmer-
kreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867—1948) wurde gemaB ihren
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe
begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Gesamt-
ausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den Text-
unterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Erster Vortrag, Basel, 22. December 1918 9
Die Geburt des Christus in der menschlichen Seele. Weihnachten
und Ostern als Pole des Menschenlebens : Geburt und Tod. Weih-
nachten: Erinnerung an den Geistesursprung. Das Mysterium des
Kindes. Der Gleichheitsgedanke. Luziferische Erbschaften rmissen
in den Dienst des Christus gestellt werden. Uberwindung der
Selbstsucht durch Liebe, des Scheines durch Wahrheit, des Krank-
machenden durch die neue christliche Offenbarung.
Zweiter Vortrag, Dornach, 24. Dezember 1918 28
Das Hereintreten des Christentums in den Lauf der Erdenent-
wickelung. Christus zwischen dem Luziferischen und dem Ahri-
manischen. Der Salomonische Tempel als Gegensatz zum werden-
den Christentum. Die Geburt des Christentums in der alten jiidi-
schen Seele, dem griechischen Geist und dem romischen Leibe.
Zuriickbleibende Schatten alter Weltenimpulse.
Dritter Vortrag, Dornach, 25. Dezember 1918 42
Innere Wesensimpulse des Menschen zu seinem Lebenslauf. Gleich-
heit, Freiheit und Bruderlichkeit. Das Ersterbende im Menschen
gegen die Lebensmitte hin und das Lebendigmachende des Chri-
stus-Impulses. Die Hiillen des Christentums und sein lebendiges
Ich. Die gnostische Weisheit. Reste der jiidischen Bilderweisheit
in der Gnosis, ihre Durchdringung mit der Denkkraft.
Vierter Vortrag, Dornach, 27. Dezember 1918 65
Die Entwickelung des Christentums aus dem Mysterienwesen der
vorchristlichen Zeit. Fiir das Christentum vorbereitende Grade
der agyptisch-chaldaischen Einweihung. Prinzip der alten Initia-
tion: von der Menschenerkenntnis zur Welterkenntnis. Ihre vier er-
sten Stufen : Die Tore des Menschen, der Selbsterkenntnis und des
Todes, der Christophor. Wandlung im Einweihungsprinzip. Die
neue Initiation geht von der Welterkenntnis zuriick zur Menschen-
erkenntnis durch das Tor der Formen, des Lebens und des Be-
wuBtseins,
Funfter Vortrag, Dornach, 28. Dezember 1918 92
Der Wandel in der menschlichen Seelenverfassung. Menschliches
Vorstellungsleben als Spiegelbild. Polarische Erscheinungen : Die
Anschauungen der Kirchen und die der Geheimgesellschaften;
Auslaufer davon : der religiose Glaube und die Begriffe der moder-
nen Wissenschaft. Dem Spalten des menschlichen Willens- und Vor-
stellungswesens liegt der Impuls der Freiheit zugrunde. In dem
neuen Geistesleben ofFenbaren sich statt der Geister der Form die
Geister der Personlichkeit. Umwandlung alles ubersinnlichen Er-
kennens. An die Stelle antiquierter BegrifFe und esoterischer For-
men mu6 das innerliche Leben treten.
Sechster Vortrag, Dornach, 29. December 1918 112
Der Zusammenhang mit dem Christus schwindet, es bleibt der
menschliche Jesus; zuletzt verliert die Evangelienkritik auch ihn.
Der Weg zu dem Christus Jesus muB von einer Wissenschaft ge-
gangen werden, die mit moderner Naturanschauung rechnet, aber
selbst iibersinnliche Methoden sucht. Initiationen unter unmittel-
barer geistiger Fiihrung; Beispiel: Brunetto Latini. Notwendige
Vorstufe der gegenwartigen Initiation: die Metamorphosen des Le-
bens zu verstehen. BewuBtes Heraustreten des Geistig-Seelischen
aus dem Physisch-Leiblichen durch ein inneres Erlebnis.
Siebenter Vortrag, Dornach, 31 . Dezember 1918 139
Silvesterempfindung : Unser Leben im Zusammenhang mit dem
Weltganzen. Der Sinnesmensch bewegt sich siebenmal langsamer,
der Gedankenmensch siebenmal schneller als die Natur. Geistes-
wissenschaft: OfFenbarung der Geister der Personlichkeit. Das
Zukunftsbild der Menschheit in den Augen eines klar denkenden,
ehrlichen Menschen, der ohne Geistes wissenschaft urteilt: Worte
Walther Rathenaus. - Die Geister der Personlichkeit sind dabei,
sich aus bloBen Zeitgeistern zu Schopfern zu entwickeln.
Achter Vortrag, Dornach, 1 . Januar 1919 164
Neujahrsausblick. Kardinal Newmans Forderung einer neuen
OfFenbarung. Der Aufstieg der Geister der Personlichkeit, gegen
den sich ahrimanische Damonen im UnterbewuBten der Seelen
auf lehnen. BewuBtsein von den wiederholten Erdenleben als Gabe
der Geister der Personlichkeit. Seelenzustand derer, die die Kriegs-
katastrophen herbeigefiihrt haben. Spaltung der Personlichkeit.
Beispiel : Ludendorff. Das zergliedernde Denken der Naturwissen-
schaft, das gestaltende Denken der Geisteswissenschaft. Perspek-
tiven der Zukunft. Psychologische Leser- und Biicheranalysen des
Nicolai Rubakin und ihre statistische Auswertung als Beispiel fur
das Wirken objektiv waltender, unbewuBt wirkender Intelligenz,
die die subjektive Intelligenz ausschaltet.
Notizbucheintragungen 190
Hinweise
Zu dieser Ausgabe 195
Hinweise zum Text 196
Namenregister 201
Rudolf Steiner liber die Vortragsnachschriften 203
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 205
ERSTER VORTRAG
Basel, 22. Dezember 1918
Gleich zwei machtigen Geistessaulen hat das christliche Weltempfin-
den die beiden Jahresfeste, das Weihnachts- und das Osterfest, in den
Jahreslauf hineingestellt, der da sein soli ein Symbolum fiir den
menschlichen Lebenslauf. Und man darf sagen, in dem Weihnachts-
gedanken und in dem Ostergedanken stehen vor der menschlichen
Seele jene beiden Geistessaulen, auf denen verzeichnet sind die beiden
groBen Geheimnisse physischen menschlichen Daseins, auf welche der
Mensch in einer ganz andern Art hinblicken muB als auf andere Er-
eignisse seines physischen Lebenslaufes. GewiB, es ragt in diesen phy-
sischen Lebenslauf - durch Sinnesbetrachtung, dutch Verstandes-
urteil, durch Gefiihl und Willensinhalt - Ubersinnliches herein. Aber
dieses Ubersinnliche ist sonst ein unmittelbar sich als Ubersinnliches
Ankundendes, so wie etwa die christliche Weltempfindung es ver-
sinnlichen will durch das Pfingstfest. Mit dem Weihnachtsgedanken
aber und mit dem Ostergedanken ist hingewiesen auf jene beiden in
dem physischen Lebenslauf sich vollziehenden Ereignisse, die durch-
aus ihrem auBeren Anscheine nach physische Ereignisse sind, die aber
entgegen alien andern physischen Ereignissen sich, so wie sie sind,
nicht unmittelbar als physische Ereignisse ankunden. Man kann mit
Naturanschauung das physische Leben des Menschen uberblicken,
und man kann mit Naturanschauung die AuBenseite dieses physischen
Lebens, die auBere Offenbarung des Geistigen sinnlich schauen. Man
kann aber niemals sinnlich schauen, man kann auch nicht die AuBen-
seite, die auBere Offenbarung der zwei Grenzerlebnisse des mensch-
lichen Lebenslaufes sinnlich schauen, ohne daB man durch das sinn-
liche Schauen selber auf das gewaltige Ratselhafte, auf das Geheimnis-
volle dieser beiden Ereignisse hingewiesen wird. Es sind die Ereig-
nisse von Geburt und Tod. Und im Leben des Christus Jesus - und
an sie erinnernd im Weihnachts- und im Ostergedanken - stehen vor
der menschlichen Seele diese beiden Ereignisse des menschlichen phy-
sischen Lebens vor dem christlichen Gemute da.
Im Weihnachtsgedanken und im Ostergedanken will die mensch-
liche Seele hinblicken auf die beiden groBen Geheimnisse. Und so wie
sie hinblickt, findet sie aus der Betrachtung lichtvolle Starkung fur
den Gedanken, kraftvollen Inhalt fiir das menschliche Wollen, Auf-
richtung des ganzen Menschen, aus welcher Lage heraus er auch
immer diese Aufrichtung braucht. So wie sie dastehen, diese beiden
Geistsaulen, der Weihnachtsgedanke und der Ostergedanke, so haben
sie einen Ewigkeitswert.
Das menschliche Vorstellungsvermogen hat sich aber vielfach im
Laufe seiner Entwickelung in verschiedener Art genahert dem groBen
Weihnachtsgedanken und dem groBen Ostergedanken. Wahrend in
den ersten Zeiten der christlichen Entwickelung, da die Wirkung des
Ereignisses von Golgatha erschiitternd in viele Gemiiter eingezogen
ist, die Menschen allmahlich sich hingefunden haben zu der Anschau-
ung des auf Golgatha sterbenden Erlosers, wahrend sie in dem am
Kreuze hangenden Cruzifixus in den ersten Jahrhunderten des Chri-
stentums den Erlosungsgedanken empfunden haben und sich da all-
mahlich ausgestaltet hat die groBe, gewaltige Imagination des sterben-
den Christus am Kreuze, hat das christliche Empfinden, insbesondere
als die neuere Zeit begonnen hat, sich mehr anpassend an den in der
Menschheitsentwickelung herauf kommenden Materialismus, sich hin-
gewendet zu dem Bilde des kindhaften, in die Welt tretenden, des
geborenwerdenden Jesus.
Nun kann man ja allerdings sagen, daB man mit einer feineren Emp-
findung in der Art, wie in den verflossenen Jahrhunderten das christ-
liche Gemiit Europas sich hingewendet hat zur Weihnachtskrippe,
etwas darin finden kann von materialistischem Christentum. Das Be-
diirfnis - es ist nicht in einem schlimmen Sinne gemeint, wenn ich
das sage -, gewissermaBen zu kosen mit dem Heben Jesulein, das ist
ein triviales Bediirfnis geworden im Lauf der Jahrhunderte. Und man-
ches heute noch als schon, oder wie manche Leute sagen, als herzig
empfundene Lied auf das liebe Jesulein will uns den ernst gewor-
denen Zeiten gegeniiber heute doch zu wenig ernst anmuten.
Aber der Ostergedanke und der Weihnachtsgedanke, sie sind ewige
Saulen, ewige Denksaulen des menschlichen Gemutes. Und man kann
wohl sagen, daB in unserer Zeit neuer Geistesoffenbarungen auch
neues Licht sich ergieBen wird iiber den Weihnachtsgedanken, daB
der Weihnachtsgedanke in einer grandiosen Weise allmahlich in neuer
Gestalt empfunden werden wird. Und an uns wird es sein, zu ver-
nehmen aus dem Weltengeschehen heraus den Ruf nach Erneuerung
mancher alten Vorstellungswelt, den Ruf nach neuer Offenbarung des
Geistes. An uns wird es sein, zu verstehen, wie ein neuer Weihnachts-
gedanke zur Starkung und Aufrichtung der menschlichen Seele sich
herausarbeitet aus diesem Weltengeschehen.
Die Geburt und der Tod des Menschen, man mag sie noch so sehr
zergliedern, noch so sehr anschauen, sie stellen sich dar als Ereignisse,
die unmittelbar auf dem physischen Plane sich abspielen, und in denen
Geistiges so waltet, daB niemand, der ernsthaft die Dinge betrachtet,
sagen sollte, diese zwei Ereignisse, diese Erdenereignisse des mensch-
lichen Lebens seien nicht so, daB sie unmittelbar als physische Ereig-
nisse zeigten, indem sie sich am Menschen abspielen, wie der Mensch
Burger einer geistigen Welt ist. Keiner Naturanschauung kann es je
gelingen, innerhalb dessen, was Sinne schauen konnen, was der Ver-
stand begreifen kann, in Geburt und Tod etwas anderes zu finden als
ein solches, in dem sich unmittelbar im Physischen das Eingreifen des
Geistigen zeigt. So, in solcher Art treten nur diese beiden Ereignisse
an das menschliche Gemut heran. Und auch fur das Weihnachtsereig-
nis, fur das Geburtsereignis wird das menschlich-christliche Germit
immer tiefer und tiefer empfinden miissen den Mysteriencharakter
dieses Ereignisses.
Man kann sagen, nur selten haben Menschen sich aufgeschwungen,
im rechten Sinne zum Mysteriencharakter der Geburt hin ihren Blick
zu wenden. Selten, aber dann in wunderbar tief in die menschliche
Seele hereinsprechenden Vorstellungen. So in jener Vorstellung, die
sich ankniipft an den schweizerischen Geisteshelden des 15. Jahrhun-
derts, an Nikolaus von der Fliie. Von ihm wird erzahlt - und er hat es
selbst von sich erzahlt -, daB er vor seiner Geburt, bevor er physische
Luft auBen atmen konnte, geschaut hat sein eigenes menschliches
Bild, das er leibhaftig an sich tragen werde, nachdem seine Geburt
wird eingetreten sein und sein Leben verlaufen wird. Und geschaut
hat er vor seiner Geburt seinen Taufakt mit denjenigen Personen,
welche anwesend bei diesem Taufakte und bei seinen ersten Erlebnis-
sen war en. Mit Ausnahme einer einzigen alteren Personlichkeit, die
dabei war, die er nicht wiedererkannte, hat er die andern erkannt, weil
er sie schon gesehen hatte, bevor er das Licht der Welt erblickt hat.
Man nehme diese Erzahlung auf, wie man sie aufnehmen will, aber
man wird nicht umhin konnen, in ihr einen bedeutsamen Hinweis auf
das Geburtsmysterium des Menschen zu sehen, welches so groBartig
symbolisiert in dem Weihnachtsgedanken vor der Weltgeschichte da-
steht. Man wird hingewiesen finden in der Erzahlung des Nikolaus von
der Flue, daB sich etwas mit dem Eintritt in das physische Leben ver-
bindet, was nur durch eine sehr, sehr diinne Wand verborgen ist der
gewohnlichen menschlichen Anschauung des Alltags, durch eine
diinne Wand, die durchbrochen werden kann, wenn ein solches kar-
misches Verhaltnis vorhanden ist, wie es bei Nikolaus von der Flue
vorhanden war. Noch da und dort tritt uns solch ergreifender Hin-
weis auf das Geburts-Weihnachtsmysterium entgegen. Aber man kann
sagen : Wenig ist sich die Menschheit noch bewuBt geworden, wie in
den beiden Grenzsaulen des menschlichen Lebens Geburt und Tod
unmittelbar in der physischen Welt dastehen als zwei schon in ihrer
physischen Erscheinung sich offenbarende geistige Ereignisse, die nie-
mals sich abspielen konnen innerhalb des bloBen Naturablaufes, son-
dern in denen ein unmittelbares Eingreifen gottlich-geistiger Gewal-
ten da ist, welches sich dadurch ankiindigt, daB eben durch ihre phy-
sische Erscheinung diese beiden Grenzerlebnlsse des menschlichen
physischen Daseinslaufes Geheimnisse bleiben miissen.
Sie lenkt uns nun hin, die neue christliche Offenbarung, diesen
menschlichen Lebenslauf so zu betrachten, wie ihn, man darf wohl
sagen, der Christus im 20. Jahrhundert von den Menschen betrachtet
haben will. Wir gedenken heute, wo wir uns versenken wollen in den
Weihnachtsgedanken, eines dem Christus Jesus in den Mund gelegten
Ausspruches, welcher uns so recht hinweisen kann zu dem Weih-
nachtsgedanken. Der Ausspruch heiBt: «Und so ihr nicht werdet wie
die Kindlein, so konnet ihr nicht eintreten in die Reiche der Himmel.»
«Und so ihr nicht werdet wie die Kindlein... » es ist wahrhaft nicht
eine Aufforderung dazu, alien Mysteriencharakter abzustreifen von
dem Weihnachtsgedanken, und den Weihnachtsgedanken herunter-
zuziehen in die Trivialitat des lieben Jesulein, wie viele Volks- und
ahnliche Lieder, aber weniger Volks- als Kunstlieder, im Laufe der
materialistischen Entwickelung des Christentums getan haben. Gerade
dieser Ausspruch: «So ihr nicht werdet wie die Kindlein, so konnet
ihr nicht eintreten in die Reiche der Himmel», er laBt uns aufschauen
zu gewaltigen Impulsen, die durch die Menschheitsentwickelung wal-
len. Und in unserer heutigen Zeit, wo durch die Weltereignisse wahr-
haftig nicht ein AnlaB gegeben ist, in triviale Weihnachtsgedanken
zu verfallen, wo durch das menschliche Herz so Schmerzvolles zieht,
wo dieses menschliche Herz zuriickschauen muB auf Millionen von
Menschen, die den Tod gefunden haben in den letzten Jahren, hin-
schauen muB auf unzahlige Menschen, die hungern, in dieser Zeit ge-
ziemt es sich wahrlich nicht anders, als hinzuschauen auf die mach-
tigen, den Menschen treibenden weltgeschichtlichen Gedanken, auf
die man hingelenkt werden kann durch das Wort: «So ihr nicht wer-
det wie die Kindlein . . .» und das man erganzen kann durch das andere :
«Und so ihr nicht euer Leben verbringet in dem Lichte dieses Ge-
dankens, so konnet ihr nicht eintreten in die Reiche der Himmel.»
Indem der Mensch als Kind in die Welt eintritt, kommt er unmittel-
bar aus der geistigen Welt heraus. Denn das, was sich im physischen
Leben vollzieht, die Erzeugung und das Wachstum seines physischen
Leibes, das ist die Umkleidung desjenigen Ereignisses, das nicht an-
ders bezeichnet werden kann als so, daB man sagt: Des Menschen
tiefste Wesenheit geht heraus aus der geistigen Welt. Der Mensch wird
aus dem Geiste heraus in den Leib hineingeboren. Und wenn der
Rosenkreuzer sagt : Ex deo nascimur - so meint er den Menschen, in-
sofem er in der physischen Welt auftritt. Denn dasjenige, was den
Menschen zunachst umhullt, was ihn zum physischen Ganzen hier auf
dem Erdenrund macht, das ist dasjenige, was mit dem Worte Ex deo
nascimur getroffen wird. Sieht man auf das Zentrum des Menschen,
auf das eigentliche innere Mittelpunktswesen, dann muB man sagen:
Der Mensch wandert aus dem Geiste heraus in diese physische Welt
herein. - Durch dasjenige, was sich in der physischen Welt abspielt,
dem er zugeschaut hat aus den geistigen Landen vor seiner Empfang-
nis oder seiner Geburt, wird er umkleidet mit seinem physischen
Leibe, um in diesem physischen Leibe Dinge zu erleben, die eben nur
im physischen Leibe erlebt werden konnen. Aber der Mensch kommt
in seinem Mittelpunktswesen aus der geistigen Welt heraus. Und er
ist so, daft er in den ersten Jahren seines physischen Daseins - fur
denjenigen, der die Dinge anschauen will so, wie sie sind in der Welt,
der nicht geblendet ist durch Illusionen des Materialismus -, er ist so,
dieser Mensch, daB er ankundigt noch in den ersten Jahren, wie er
aus dem Geiste heraus gekommen ist. Dasjenige, was man am Kinde
erlebt, stellt sich fur den wirklich Einsichtigen so dar, daB man in ihm
empfinden kann die Nachwirkung der Erlebnisse in der geistigen Welt.
Auf dieses Geheimnis wollen solche Erzahlungen hinweisen wie die-
jenige, die ankmipft an den Namen des Nikolaus von der Flue. Eine
Trivialanschauung, die stark beeinfluBt ist von materialistischer Den-
kungsart, die spricht in ihrer Einfalt, daB der Mensch nach und nach
im Leben sein Ich entwickelt von der Geburt bis zum Tode hin, daB
dieses Ich immer machtiger und immer starker wird, immer deutlicher
hervortritt. Es ist eine einfaltige Denkungsart. Denn sieht man hin
auf das wahre Ich des Menschen, auf dasjenige, was zur physischen
Umkleidung mit der Geburt des Menschen aus der geistigen Welt her-
aus kommt, dann spricht man uber diese ganze physische Entwicke-
lung des Menschen anders. Dann weiB man namlich, daB das wahre
Ich des Menschen nach und nach, indem er physisch heranwachst,
in den physischen Leib hinein gerade verschwindet, daB es immer
weniger und weniger deutlich wird, und daB dasjenige, was sich
entwickelt hier in der physischen Welt zwischen Geburt und Tod,
nur ein Spiegelbild geistiger Ereignisse ist, ein totes Spiegelbild eines
hoheren Lebens. Das ist die richtige Ausdrucksweise, daB man sagt:
In den Leib hinein verschwindet nach und nach die ganze Fiille des
menschlichen Wesens ; sie wird immer unsichtbarer und unsichtbarer.
Der Mensch lebt sein physisches Leben hier auf der Erde, indem er
sich nach und nach an den Leib verliert, um sich im Tode im Geiste
wiederzufinden. - So spricht derjenige, der die Verhaltnisse kennt.
Derjenige aber, der die Verhaltnisse nicht kennt, spricht so, daB er
sagt: Das Kind ist unvollkommen, und nach und nach entwickelt sich
das Ich zu immer groBerer und groBerer Vollkommenheit, es wachst
heraus aus den unbestimmten Untergriinden des menschlichen Da-
seins. - Die Erkenntnis desjenigen, was der Geistessucher schaut, muB
anders sprechen gerade auf diesem Gebiete, als da spricht das in auBere
Illusionen verstrickte sinnliche BewuBtsein unserer heute noch immer
materialistisch empfindenden Zeit.
Und so tritt dann der Mensch als Geisteswesen in die Welt ein. Sein
Leibeswesen ist, indem er Kind ist, noch unbestimmt; es hat noch
wenig in Anspruch genommen das Geistige, das wie hereinschlaft in das
physische Dasein, das aber nur deshalb uns so wenig inhaltsvoll er-
scheint, weil wir es ebensowenig im gewohnlichen physischen Leben
wahrnehmen, wie wir das schlafende Ich und den schlafenden Astral-
leib wahrnehmen, wenn sie vom physischen und Atherleib getrennt
sind. Deshalb aber ist ein Wesen nicht unvollkommener, weil wir es
nicht sehen. Das muB der Mensch mit seinem physischen Leibe er-
kaufen, daB er sich immer mehr und mehr eingrabt in den physischen
Leib, um durch dieses Eingraben Fahigkeiten zu bekommen, die nur
auf diese Weise erlangt werden konnen, daB sich das Geist-Seelen-
wesen des Menschen eine Zeitlang an das physische Dasein im physi-
schen Leibe verliert. DaB wir uns an diesen unseren Geistursprung
immerdar erinnern, daB wir erstarken in dem Gedanken: Wir sind
aus dem Geiste herausgewandert in die physische Welt -, dazu steht
der Weihnachtsgedanke wie eine machtige Lichtsaule da innerhalb der
christlichen Weltempfindung. Dieser Gedanke als Weihnachtsgedanke
muB immer mehr und mehr erkraftet werden in der zukunftigen
geistigen Entwickelung der Menschheit. Dann wird dieser Weih-
nachtsgedanke fur diese Menschheit wieder stark werden, dann wer-
den die Menschen wiederum dem Weihnachtsfeste so entgegenleben
konnen, daB sie Kraft fur das physische Dasein schopfen aus diesem
Weihnachtsgedanken, der sie in rechtem Sinne an ihren Geistes-
ursprung erinnern kann. So kraftvoll wie dieser Weihnachtsgedanke
dann empfunden werden wird, so wird er heute noch wenig von den
Menschen gefuhlt; denn es ist eine merkwurdige, aber durchaus in
den Gesetzen des geistigen Daseins begriindete Tatsache, daB das-
jenige, was in der Welt Menschen vorwartsbringend, Menschen for-
dernd auftritt, nicht gleich in seiner letzten Gestalt auftritt, daB es
gewissermaBen zuerst tumultuarisch, wie von unrechtmaBigen Gei-
stern der Weltentwickelung vorweggenommen, vor den Menschen
tritt. Wir verstehen die geschichtliche Entwickelung der Menschheit
nur in rechtem Sinne, wenn wir wissen, daB Wahrheiten nicht nur so
genommen werden miissen, wie sie manchmal in die Weltgeschichte
eintreten, sondern daB bei Wahrheiten hingeschaut werden muB auf
die rechte Zeit, in der sie im rechten Lichte in die Menschheitsent-
wickelung eintreten konnen.
Unter den mancherlei Gedanken, die in die neuere Menschheits-
entwickelung - ganz gewiB angeregt durch den Christus-Impuls, aber
in einer zunachst verfriihten Gestalt - hereingetreten sind, ist der tief
christliche, aber einer immer weitergehenden Vertiefung fahige Ge-
danke der Gleichheit der Menschheit vor der Welt und vor Gott, der
Gleichheit aller Menschen. Aber man darf diesen Gedanken nicht in
solcher Allgemeinheit hinstellen vor das Menschengemut, wie ihn, als
er zuerst tumultuarisch in die Menschheitsentwickelung eingetreten
ist, die Franzdsische Revolution hingestellt hat. Man muB sich bewuBt
sein, daB dieses Menschenleben von der Geburt bis zum Tode in Ent-
wickelung ist, und daB die Hauptimpulse auf dieses Menschenleben
verteilt sind. Fassen wir den Menschen ins geistige Auge, wie er in
das sinnliche Dasein eintritt: er tritt voll ein in dieses sinnliche Da-
sein, durchimpulsiert von dem Impuls der Gleichheit des Menschen-
wesens aller Menschen. Und man empfindet das kindliche Dasein am
allerintensivsten, wenn man hinblickt auf das Kind, das durchdrungen
ist in seiner Wesenheit von dem Gedanken der Gleichheit aller Men-
schen. Noch nichts, was die Menschen in Ungleichheit bringt, noch
nichts, was die Menschen so organisiert, daB sie sich als verschieden
von andern Menschen fiihlen, noch nichts von alldem tritt im kind-
lichen Dasein zunachst auf. Alles das wird dem Menschen erst gegeben
im Laufe seines physischen Menschenlebens. Ungleichheit erzeugt das
physische Dasein; aus dem Geiste heraus wandert der Mensch gleich
vor der Welt und vor Gott und vor andern Menschen. So verkiindet
das Mysterium des Kindes.
Und an dieses Mysterium des Kindes schlieBt sich an der Weih-
nachtsgedanke, der in neuer christlicher Offenbarung seine Vertiefung
finden wird. Denn diese neue christliche Offenbarung wird rechnen
mit der neuen Trinitat: dem Menschen, wie er die Menschheit un-
mittelbar reprasentiert, dem Ahrimanischen und dem Luziferischen.
Und indem man erkennen wird, wie der Mensch hineingestellt ist in
das Weltendasein als in den Gleichgewichtszustand zwischen dem
Ahrimanischen und dem Luziferischen, wird man verstehen, was die-
ser Mensch auch im auBeren physischen Dasein in Wirklichkek ist.
Vor alien Dingen muB Verstandnis fallen, christliches Verstandnis
fallen auf eine gewisse Seite dieses menschlichen Lebens. Laut wird
es verkiinden der christliche Gedanke in der Zukunft, was sich bei
einzelnen Geistern seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, ich mochte
sagen, in stammelnder Erkenntnis, wenn auch durchaus deutlich,
schon angekundigt hat. Wenn man erfaBt, was eine Tatsache ist,
daB das Kind mit Gleichheitsgedanken in die Welt hereintritt, daB
aber sparer im Menschen, wie heraus aus dem Geborenwerden, Un-
gleichheitskrafte sich entwickeln, die scheinbar nicht von dieser Erde
sind, so tritt damit gerade gegenuber dem Gleichheitsgedanken ein
neues gewaltiges Mysterium an den Menschen heran. Dieses Myste-
rium zu durchschauen und durch das Durchschauen dieses Myste-
riums eine richtige Anschauung iiber den Menschen zu erlangen, das
wird zu wichtigen und notwendigen Bedurfnissen in der zukiinftigen
menschlichen Seelenentwickelung von der Gegenwart ab gehoren.
Die Frage steht bange vor dem Menschen : Ja, die Menschen werden
verschieden, wenn sie es auch noch nicht in der Kindheit sind, durch
etwas, was scheinbar mit ihnen geboren ist, was im Blute liegt, durch
ihre verschiedenen Begabungen und Fahigkeiten.
Die Frage der Begabungen und Fahigkeiten, welche so viele Un-
gleichheiten unter den Menschen bewirken, sie tritt an den Menschen
heran im Zusammenhang mit dem Weihnachtsgedanken. Und das
Weihnachtsfest der Zukunft, es wird in ernster Weise den Menschen
immerzu gemahnen an den Ursprung seiner ihn iiber die Erde hin
differenzierenden Begabungen, Fahigkeiten, Talente, vielleicht sogar
genialen Fahigkeiten. Er wird nach diesem Ursprung fragen miissen.
Und das richtige Gleichgewicht innerhalb des physischen Daseins wird
er nur erlangen, wenn er in der rechten Art auf den Ursprung seiner
ihn von den andern Menschen unterscheidenden Fahigkeiten hin-
weisen kann. Das Weihnachtslicht oder die Weihnachtslichter miissen
der sich entwickelnden Menschheit AufschluB geben iiber diese Fahig-
keiten, miissen die groBe Frage losen : Besteht Ungerechtigkeit inner-
halb der Weltenordnung fur den einzelnen personlichen Menschen
zwischen Geburt und Tod? Wie ist es mit den Fahigkeiten, mit der
Begabung ?
Nun, manches wird anders werden in der menschlichen Anschau-
ung, wenn die Menschen mit dem neuen christlichen Empfinden
durchdrungen sein werden. Verstehen wird man vor alien Dingen,
warum die alttestamentliche Geheimanschauung eine besondere An-
sicht hatte iiber das Prophetentum. Was waren sie im Alten Testa-
ment, die auftretenden Propheten? Sie waren von Jahve geheiligte
Personlichkeiten; sie waren diejenigen Personlichkeiten, die in recht-
maBiger Weise besondere Geistesgaben, die iiber die Menge hervor-
ragten, gebrauchen durften. Jahve muBte erst heiligen diejenigen
Fahigkeiten, welche dem Menschen wie durch das Blut eingeboren
sind. Und wir wis sen, Jahve wirkt auf den Menschen vom Einschla-
fen bis zum Aufwachen. Wir wis sen, Jahve wirkt nicht herein in das
bewuBte Leben. Jeder wirkliche Bekenner des Alten Testamentes
sagte sich in seinem Gemiite: Dasjenige, was die Menschen unter-
scheidet hinsichtlich ihrer Fahigkeiten und Begabungen, was sich in
den Prophetennaturen sogar zu genialer Hohe erhebt, es ist zwar mit
dem Menschen geboren, aber der Mensch wendet es nicht zum Guten
an, wenn er nicht einschlafend untersinken kann in jene Welt, in der
Jahve seine Seelenimpulse lenkt und dasjenige, was physische Be-
gabung, an dem Leibe hangende Begabungen sind, von der geistigen
Welt aus umwandelt. - Auf ein tiefstes Geheimnis des alttestament-
lichen Anschauens weisen wir dabei hin. Die alttestamentliche An-
schauung, auch die Anschauung iiber das Prophetentum, sie muB
dahingehen. Neue Anschauungen miissen zum Heile der Menschheit
in die weltgeschichtliche Entwickelung eintreten. Dasjenige, wovon
die alten Hebraer glaubten, daB es geheiligt werde durch Jahve im
bewuBtlosen Schlafzustand, das muB in der neueren Zeit der Mensch
fahig werden zu heiligen, wahrend er wach ist, bei vollem BewuBt-
sein. Das aber kann er nur, wenn er weiB, daB auf der einen Seite
alles dasjenige, was natiirliche Begabungen, Fahigkeiten, Talente,
Genies vielleicht sind, luziferische Gaben sind, die luziferisch in der
Welt wirken, solange sie nicht geheiligt und durchdrungen werden
von alldem, was als Christus-Impuls in die Welt eintreten kann. Ein
ungeheuer bedeutungsvolles Mysterium der neueren Menschheits-
entwickelung beriihrt man, wenn man den Keim des neuen Weih-
nachtsgedankens erfaBt und hinweist darauf, daB der Christus ver-
standen und empfunden werden muB von den Menschen so, daB die
Menschen nun als neutestamentliche Menschen vor dem Christus ste-
hen und sagen : Ich habe zu der Gleichheitspratention, zu der Gleich-
heitsaspiration des Kindes hinzubekommen die verschiedenen Fahig-
keiten und Begabungen und Talente. Sie fuhren aber auf die Dauer
nur zum Guten, zum Heile des Menschen, wenn diese Begabungen,
diese Talente, diese Fahigkeiten gestellt werden in den Dienst des
Christus Jesus, wenn der Mensch anstrebt, sein ganzes Wesen zu
durchchristen, damit Luzifer entrissen werden die menschlichen Be-
gabungen, Talente, Genies.
Das durchchristete Gemut entreiBt Luzifer dasjenige, was sonst
luziferisch im physischen Dasein des Menschen wirkt. Das muB als
starker Gedanke hindurchgehen durch die kiinftige Entwickelung der
menschlichen Seele. Das ist der neue Weihnachtsgedanke, die neue
Verkundigung von der Wirksamkeit des Christus in unserer Seele zur
Umwandlung des Luziferischen, das in uns nicht hineinkommt, in-
sofern wir herauswandern aus dem Geiste, sondern das wir in uns
dadurch finden, daB wir mit einem blutdurchdrungenen physischen
Leib umkleidet werden, der uns aus der Vererbung heraus die Fahig-
keiten gibt. Innerhalb der luziferischen Stromung, innerhalb desjeni-
gen, was in der physischen Vererbungsstromung wirkt, treten diese
Eigenschaften auf, aber gewonnen, erobert wollen sie sein wahrend
des physischen Lebens von dem, was der Mensch nun nicht durch
Jahve-Inspirationen im Schlafe, sondern in vollem BewuBtsein, durch
Ausniitzung seiner Erlebnisse an dem Christus-Impuls empfinden
kann. Wende dich hin, o Christ, zu dem Weihnachtsgedanken - so
redet das neue Christentum - und bringe dar auf dem Altare, der zu
Weihnacht aufgerichtet wird, alles dasjenige, was du an Menschen-
difTerenzierung empfangst aus dem Blute heraus, und heilige deine
Fahigkeiten, heilige deine Begabungen, heilige selbst dein Genie, in-
dent du es beleuchtet siehst von dem Lichte, das von dem Weih-
nachtsbaum ausgeht.
In neuen Worten muB sprechen die neue Geistverkiindung, und
wir miissen nicht stumpf und gehorlos sein gegenuber dem, was in
unserer von Ernst durchdrungenen Zeit an neuen OfTenbar ungen des
Geistes zu uns spricht. Dann, wenn wir so empfinden, dann leben
wir auch mit jener Kraft, mit der heute der Mensch leben soil, um die
groBen Aufgaben zu losen, die der Menschheit gerade in unserem
Zeitalter gestellt sein werden. Empfunden werden muB die ganze
Schwere des Weihnachtsgedankens : In unserem Zeitalter muB in das
voile wache BewuBtsein hereintreten das, was der Christus zu den
Menschen sagen wollte, als er die Worte sprach: «So ihr nicht werdet
wie die Kindlein, so konnet ihr nicht eintreten in die Reiche der Him-
mel.» Der Gleichheitsgedanke, den das Kind offenbart, wenn wir es
in richtigem Sinne anschauen, der wird nicht Liigen gestraft durch
diese Worte; denn das Kind, an des sen Geburt wir uns in der Weih-
nachtsnacht erinnern, verkiindet - den Menschen in ihrer Entwicke-
lung durch die Weltgeschichte immer neue Gedanken offenbarend -
klar und deutlich, daB in das Licht des Christus, der durchseelt hat
dieses Kind, geruckt werden muB dasjenige, was wir an uns differen-
zierenden Begabungen tragen, daB auf dem Altare dieses Kindes dar-
gebracht werden muB dasjenige, was diese verschiedenen Begabungen
aus uns Menschen machen.
Fragen konnen Sie nun, angeregt durch den Ernst des Weihnachts-
gedankens: Wie erfahre ich den Christus-Impuls in meiner eigenen
Seele? - Oh, der Gedanke, er liegt in dem Menschen oftmals schwer!
Nun, nicht in einem Augenblick, nicht so, daB man sagen kann,
unmittelbar, sturmisch pflanzt sich das in unsere Seele ein, was wir
als den Christus-Impuls bezeichnen konnen. Und zu verschiedenen
Zeiten pflanzt es sich verschieden ein. Heute hat der Mensch durch
sein voiles, klares, waches BewuBtsein aufzunehmen solche Welten-
gedanken, wie sie stammelnd mitzuteilen versucht werden durch die
anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, zu der wir uns be-
kennen. So wie diese Gedanken sich ihm ankiindigen, wenn er sie
recht versteht, konnen sie das Vertrauen in ihm erwecken, daB auf
den Fliigeln dieser Gedanken die neue OfFenbarung, das heiBt der neue
Christus-Impuls unserer Zeit, wir klich in ihn einzieht. Und er wird ihn
verspiiren, wenn er nur darauf aufmerksam sein will, dieser Mensch !
Versuchen Sie es, so wie es hier gemeint ist, recht lebendig im heu-
tigen zeitgemaBen Sinne, die Geistgedanken der Weltenlenkung in
sich aufzunehmen; versuchen Sie sie aufzunehmen nicht bloB wie eine
Lehre, nicht bloB wie eine Theorie, versuchen Sie sie aufzunehmen
so, daB sie diese Ihre Seele im tiefsten Inneren bewegen, erwarmen,
durchleuchten und durchstromen, daB Sie sie lebendig tragen. Ver-
suchen Sie, diese Gedanken in solcher Starke zu empflnden, daB sie
Ihnen sind wie etwas, was wie durch den Leib in Ihre Seele eintritt
und den Leib verandert. Versuchen Sie, alle Abstraktionen, alles
Theoretische von diesen Gedanken abzustreifen. Versuchen Sie, dar-
auf zu kommen, daB diese Gedanken solche sind, welche eine wirk-
liche Speise der Seele sind, versuchen Sie, darauf zu kommen, daB
durch diese Gedanken nicht bloB Gedanken in Ihre Seele einziehen,
sondern daB geistiges Leben, das herauskommt aus der geistigen Welt,
durch diese Gedanken in unsere Seele einzieht. Machen Sie sich intim
innerlichst eins mit diesen Gedanken, und Sie werden ein Dreifaches
bemerken. Sie werden bemerken, daB diese Gedanken allmahlich et-
was in Ihnen selber austilgen, was insbesondere in unserer Zeit des
BewuBtseinsseelenzeitalters so deutlich in die Menschenseelen herein-
zieht: daB diese Gedanken, mogen sie sonst wie immer lauten, aus-
tilgen im Menschen die Selbstsucht ! Wenn Sie zu bemerken anfangen :
diese Gedanken toten den Egoismus, lahmen die Selbstsucht -, dann,
meine lieben Freunde, haben Sie verspiirt das Durchchristete der
anthroposophisch orientierten geisteswissenschaftlichen Gedanken.
Und wenn Sie zweitens verspiiren, daB in dem Augenblick, wo irgend-
wie in der Welt an Sie herantritt die Unwahrhaftigkeit, entweder in-
dem Sie selber versucht werden, es mit der Wahrheit nicht genau zu
nehmen, oder von anderer Seite Ihnen die Unwahrhaftigkeit entgegen-
tritt, wenn Sie ver spiiren, daB in dem Augenblicke, wo die Unwahr-
haftigkeit in Ihre Lebenssphare hereintritt, warnend oder auf die
Wahrheit hinweisend, ein Impuls dasteht neben Ihnen, der die Un-
wahrheit nicht in Ihr Leben hereintreten lassen will, der Sie immerzu
mahnend auffordert, mit der Wahrheit es zu halten: dann verspiiren
Sie wiederum gegeniiber dem zum Scheme heute so vielfach neigen-
den Leben den lebendigen Christus-Impuls. Der Mensch wird nicht
leicht gegeniiber den anthroposophisch orientierten Geistgedanken
liigen konnen oder keine Empfindung haben fiir den Schein und die
Unwahrheit. Ein Wegweiser zum Wahrheitsempfinden, von allem
iibrigen Verstandnis abgesehen, er kann von Ihnen gefiihlt werden in
den Gedanken der neuen christlichen Offenbarung. Wenn Sie es da-
hin bringen, nicht bloB theoretisches Verstandnis zu suchen fiir die
Geisteswissenschaft, wie man es fiir eine andere Wissenschaft sucht,
sondem wenn Sie es dahin bringen, daB die Gedanken so in Sie ein-
dringen, daB Sie fiihlen : Es ist so, indem diese Gedanken mit meiner
Seele intim werden, wie wenn sich eine zur Wahrheit mahnende Ge-
wissensmacht neben mich hinstellte, dann haben Sie den Christus-Im-
puls in der zweiten Art gefunden. Und wenn Sie drittens auch noch
fiihlen, daB ausstromt von diesen Gedanken etwas bis in den Leib
hinein, aber insbesondere in der Seele Wirkendes, Krankheit Uber-
windendes, den Menschen Gesundmachendes, Frischmachendes, wenn
Sie verspiiren die verjiingende, erfrischende, krankheitsfeindliche Kraft
dieser Gedanken: dann haben Sie den dritten Teil des Christus-Im-
pulses dieser Gedanken empfunden. Denn das ist es, wonach die
Menschheit mit der neuen Weisheit, mit dem neuen Geiste strebt : aus
dem Geiste selber heraus die Moglichkeit zu flnden, Selbstsucht zu
iiberwinden, den Schein des Lebens zu iiberwinden; Selbstsucht dutch
Liebe, den Schein des Lebens durch die Wahrheit, das Krankmachende
durch die gesunden Gedanken, die uns unmittelbar in Einklang ver-
setzen mit den Harmonien des Weltenalls, weil sie aus den Harmonien
des Weltenalls stammen.
Nicht alles von dem Gesagten kann heute schon erreicht werden,
denn der Mensch tragt ein altes Erbgut in sich herum. Und nur un-
verstandig ist es, wenn zum Beispiel solche geistige Hinterstuben-
politiken wie die Christian Science den Gedanken des Gesundmachen-
den des Geistes zur Karikatur verzerren. Aber wenn auch der Ge-
danke wegen des alten Erbgutes heute noch nicht machtig genug sein
kann, um vielleicht dasjenige, was der Mensch durch ihn wiinscht,
selbstsuchtig wiinscht, zu erreichen, er ist ein Gesundendes. In diesen
Dingen denkt man nur immer verkehrt. Es kann Ihnen jemand sagen,
der die Dinge versteht: Dich machen gewisse Gedanken gesund -,
der Betreffende wird dann in einem bestimmten Zeitpunkt von dieser
oder jener Krankheit befallen. - Ja, daB wir heute noch nicht von
alien Krankheiten genesen konnen durch bloBen GedankeneinfluB,
das ist eine alte Erbschaft. Aber vermochten Sie zu sagen, welche
Krankheit Sie bekommen hatten, wenn Sie diese Gedanken nicht ge-
habt hatten? Vermochten Sie zu sagen, daB Ihr Leben in ebensolcher
Gesundheit verlaufen ware, wenn Sie die Gedanken nicht gehabt hat-
ten? Vermogen Sie zu sagen bei einem Menschen, der sich anthropo-
sophisch orientierter Geisteswissenschaft zugewendet hat und funf-
undvierzig Jahre alt geworden ist : Nun ist er mit fiinfundvierzig Jah-
ren gestorben - wenn Sie nicht den Beweis liefern konnen, daB er
ohne diese Gedanken mit zweiundvierzig, mit vierzig Jahren gestor-
ben ware? Der Mensch denkt immer von der verkehrten Seite, wenn
er sich so diesen Gedanken nahert. Der Mensch sieht auf dasjenige
hin, was ihm nicht gegeben werden kann, vermoge seines Karma; er
sieht nicht auf dasjenige hin, was ihm gegeben wird vermoge seines
Karma. Aber wenn Sie trotz allem, was in der auBeren physischen
Welt widerspricht, hinblicken durch die Kraft inneren Vertrauens,
das Sie durch intimere Bekanntschaft mit den Gedanken der Geistes-
wissenschaft gewinnen, dann verspiiren Sie auch das Gesundende, das
bis in den physischen Leib hinein Gesundende, Erfrischende, Ver-
jiingende als das dritte Element, als das Element, das der Christus
als Heiland mit seinen immer dauernden OfTenbarungen in die mensch-
liche Seele hineinbringt.
Wir wollten uns vertiefen, meine lieben Freunde, in den Weihnachts-
gedanken, der so nahe zusammenhangt mit dem Mysterium der Men-
schengeburt. Dasjenige, was uns heute aus dem Geiste geoffenbart
wird als die Fortfiihrung des Weihnachtsgedankens, mit einigen Stri-
chen wollten wir es vor unsere Seele fuhren. Fiihlen konnen wir, daB
es ein Starkendes ist, daB es ein Tragendes im Leben ist. Fiihlen kon-
nen wir, daB es uns hineinstellt in die Impulse der Weltenentwicke-
lung, was auch kommen mag, so daB wir uns eins fiihlen konnen mit
diesen gottlichen Impulsen der Weltenentwickelung, daB wir sie ver-
stehen konnen, daB wir Kraft schopfen konnen fur unseren Willen
aus diesem Verstehen, Licht schopfen konnen fiir unser Vorstellungs-
leben aus diesem Verstehen. Der Mensch ist in Entwickelung ; un-
recht ware es, diese Entwickelung zu leugnen. Recht ist es allein, mit
dieser Entwickelung zu gehen. - Der Christus hat auch gesagt: «Ich
bin bei euch alle Tage bis ans Ende des Erdenlaufes.» Das ist nicht
eine Phrase, das ist eine Wahrheit. Der Christus hat sich nicht nur
geoffenbart durch die Evangelien, der Christus ist bei uns, der Chri-
stus offenbart sich fortwahrend. Ohren sollen wir haben, hinzuhoren
auf dasjenige, was er in neuen Zeiten immer neu offenbart. Schwach
kann es uns machen, wenn wir keinen Glauben haben an diese neuen
OfTenbarungen; stark wird es uns aber machen, wenn wir ihn haben.
Stark wird es uns machen, wenn wir den Glauben haben an diese
neuen Offenbarungen, und tonten sie auch aus den scheinbar wider-
sprechenden Schmerzen und dem Ungliick des Lebens heraus. Mit
unserer eigenen Seele gehen wir durch wiederholte Erdenleben, in
denen sich unser Schicksal vollzieht. Zu diesem Gedanken selber, der
das Geistige hinter dem auBeren physischen Leben verspiiren laBt,
kommen wir nur, wenn wir im rechten christlichen Sinne die sich
fortsetzenden Offenbarungen in uns aufnehmen. Der Christ, der rechte
Christ soil im Sinne unserer Zeit dann, wenn er die Lichter des Weih-
nachtsbaumes vor sich hat, mit den starkenden Gedanken beginnen,
die heute aus der neuen WeltenofTenbarung ihm kommen konnen zur
Erkraftung seines Willens, zur Durchleuchtung seines Vorstellungs-
lebens. Und er soil sich erfiihlen so, daB er mit der Kraft und mit dem
Lichte dieses Gedankens sich nahern kann im christlichen Jahre dem
andern Gedanken, der an das Mysterium des Todes mahnt: dem
Ostergedanken, der das Enderlebnis des menschlichen irdischen Da-
seins als ein Geistiges vor unsere Seele hinstellt. Den Christus werden
wir immer mehr und mehr empfinden, wenn wir vermogen, unser
eigenes Dasein mit seinem Dasein in das rechte Verhaltnis zu setzen.
Der an das Christentum ankniipfende mittelalterliche Rosenkreuzer
sagte : Ex Deo nascimur, In Christo morimur, Per Spiritum Sanctum
reviviscimus. - Aus dem Gottlichen sind wir geboren, indem wir uns
als Menschen hier auf dem Erdenrund betrachten. In dem Christus
sterben wir. In dem Heiligen Geiste werden wir wiederum auferweckt
werden. - Doch das bezieht sich auf unser Leben, auf unser mensch-
Hches Leben. Blicken wir von unserem Leben auf das Leben des
Christus hin, so haben wir das, was in unserem Leben als Spiegelbild
sich darstellt : Aus dem Gottlichen sind wir geboren, in dem Christus
sterben wir, durch den Heiligen Geist werden wir wieder auferweckt
werden. - Wir konnen es als die Wahrheit des als unser erster Bruder
unter uns lebenden Christus so aussprechen, daB wir es nun als von
ihm ausstrahlende, in unserer menschlichen Wesenheit gespiegelte
Christus- Wahrheit empfinden: Aus dem Geiste ward Er gezeugt - wie
es im Lukas-Evangelium stent, in dem Symbolum der herabsteigen-
den Taube dargestellt wird aus dem Geiste ward Er gezeugt, in
dem Menschenleibe starb Er, in dem Gottlichen wird Er wieder er-
stehen.
Die Wahrheiten, die ewige sind, nehmen wir nur im rechten Sinne
wahr, wenn wir sie in ihrer gegenwartigen Spiegelung sehen, nicht
nur verabsolutiert, verabstrahiert in einer Form. Und wenn wir uns
fuhlen als Mensch nicht nur im abstrakten Sinne, sondern als Mensch
so recht darinstehend in einer Zeit, in der es unsere Pflicht ist, aus der
Zeit heraus zu handeln und zu denken, dann werden wir den Christus,
der bei uns ist alle Tage bis ans Ende des Erdenlaufes, zu vernehmen
versuchen in seiner gegenwartigen Sprache, wie er uns uber den Weih-
nachtsgedanken belehrt, erleuchtet, mit dem Weihnachtsgedanken
durchkraftet. Dann werden wir diesen Christus in seiner neuen Sprache
in uns aufnehmen wollen, denn verwandt muB der Christus uns wer-
den. Dann konnen wir die rechte Christus- Aufgabe auf dem Erden-
runde und nach dem Tode durch uns selber erfullen. Der Mensch
jedes Zeitalters muB in seiner Art den Christus in sich aufnehmen.
Die Menschen empfanden das, wenn sie im rechten Sinne hinblickten
auf die beiden groBen starken Geistsaulen, auf den Weihnachtsgedan-
ken und den Ostergedanken. So hat der tiefsinnige deutsche Mystiker,
der schlesische Angelus, Angelus Silesius, hinblickend auf den Weih-
nachtsgedanken, gesagt :
Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren
Und nicht in dir, du bleibst noch ewiglich verloren.
Und hinblickend auf den Ostergedanken :
Das Kreuz zu Golgatha kann dich nicht von dem Bo sen,
Wo es nicht auch in dir wird aufgericht't, erlosen.
Wahrhaftig, der Christus muB in uns leben, da wir Menschen nicht
im absoluten Sinne, sondern Menschen einer bestimmten Zeit sind.
Der Christus muB in uns geboren werden so, wie seine Worte durch
unser Zeitalter tonen. Den Christus miissen wir versuchen, in uns zu
gebaren, zu unserer Starkung, zu unserer Durchleuchtung, so wie er
jetzt bei uns geblieben ist, wie er bei den Menschen bleiben will durch
alle Zeiten bis ans Ende der Erdentage, wie er jetzt in unserer Seele
geboren werden will. Wenn wir also versuchen, in unserer eigenen
Seele die Geburt des Christus zu erleben am heutigen Tage, wie sie
hereinleuchtet und hereinkraftet in unsere Seele als das ewige Iicht
und die ewige Kraft in die Zeit, dann sehen wir in richtiger Weise
auf die historische Geburt des Christus in Bethlehem und auf ihr Ab-
bild in unserer eigenen Seele hin.
Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren
Und nicht in dir, du bleibst noch ewiglich verloren.
So wie er es uns heute in die Seele legt, hinzublicken auf diese seine
Geburt, seine Geburt im Menschengeschehen, seine Geburt in unserer
eigenen Seele, so vertiefen wir uns recht in den Weihnachtsgedanken.
Und dann blicken wir hin auf jene Weihenacht, die wir aufgehen
fuhlen sollten fur eine neue Erkraftung und Erleuchtung der Men-
schen auf mancherlei Ubel und Schrnerzen hin, die in der Gegenwart
sie durchbebt haben und sie noch durchbeben werden.
«Mein Reich », so sagt der Christus, «ist nicht von dieser Welt.»
Ein Wort, das uns auffordert, wenn wir auf seine Geburt im rechten
Sinne hinblicken, in unserer eigenen Seele zu finden den Weg nach
jenem Reiche, wo Er ist, uns zu erkraften, wo Er ist, uns zu erleuch-
ten, wenn es finster und kraftlos werden will, aus den Impulsen, die
aus jener Welt sind, von der Er selber sprach, von der immerdar sein
Erscheinen in der Weihenacht kiinden will. «Mein Reich ist nicht
von dieser Welt.» Aber Er hat dieses Reich in diese Welt gebracht,
so daB wir aus diesem Reiche immer Kraft, Trost, Zuversicht und
Hoffhung in alien Lebenslagen werden finden konnen, wenn wir nur
zu Ihm kommen wollen, seine Worte beherzigend, solche Worte wie
diese : «Wenn ihr nicht werdet wie die Kindlein, werdet ihr nicht ein-
treten in die Reiche der Himmel.»
ZWEITER VORTRAG
Dornach, 24. Dezember 1918
Die unsere Zeit erfiillende Stimmung ist vielleicht nicht dazu angetan,
gegenwartig bei vielen Menschen jene innere Vertiefung herbei-
zufiihren, von der Legenden und Sagen sprechen, indem sie auf jene
Nachtereihe hindeuten, die auf die Weihenacht folgt und in welcher das
dazu vorbereitete Gemiit durchleben kann etwas von der geistigen
Welt. Sie kennen eine solche sehr ergreifende Legende aus den Dar-
stellungen, die auch hier gepflogen worden sind: diejenige von Olaf
Asteson. Und vieles Ahnliche weist auf die Weihnachtszeit in einer so
eindringlichen Weise hin.
Allein nicht nur fiir den intimeren Beobachter des menschlichen
Gemiites, sondern auch fiir den, der heute im AuBeren die allgemeine
Zeitstimmung ins Auge faBt, ist es klar, daB Weihnachtsstimmung,
Weihnachtsimpuls erst wiederum gesucht werden muB von den Men-
schen. Dasjenige, was lebt in der Weihnachtserinnerung, in dem Weih-
nachtsgedanken, es muB in einer neuen Art die Menschenseele wieder
ergreifen. Sehen wir doch einmal, um eben nach dem weiteren Um-
kreise der heutigen religiosen geistigen Stimmung hinzuschauen, wie
wenig in der gegenwartigen Zeit auch nur die Neigung vorhanden
ist, den Christus als solchen ins Auge zu fassen, ins Seelenauge herein-
zunehmen.
Wenn Sie in den Worten derjenigen, die heute glauben, von dem
Christus zu reden, wenn Sie in ihren Reden nach den unterscheidenden
Merkmalen zwischen dem Christus und dem Vatergott suchen, werden
Sie kaum einen andern als einen Namensunterschied finden. Wahrend
allerdings bei manchen Glaubigen der Christus heute noch im Mittel-
punkte des religiosen Bekenntnisses steht und daneben alles iibrige
Gottliche sozusagen an Glanz entschwindet, sahen wir schon seit
langem herauf kommen eine Theologie, welche im Grunde den Chri-
stus verloren hat, welche von einem Gotte im allgemeinen spricht,
auch wenn sie von dem Christus spricht. Das Besondere, das Eigen-
tumliche, von dem gesprochen werden muB, wenn das menschliche
Herz zu Christus aufschaut, das will erst wiederum gefunden werden.
Und vielleicht ist gerade heute die wiirdigste Feier des Weihnachtsfestes
die, einmal sich so recht in die Seele zu schreiben, wie die Menschheit
den Christus wieder finden kann. Da muB allerdings vielleicht man-
cherlei aus der Entwickelungsgeschichte der Menschheit auch in Be-
tracht gezogen werden, in geisteswissenschaftlichem Sinne in Betracht
gezogen werden, wenn der Impuls recht wieder erweckt werden soil,
der die Menschenseelen zum Christus hinfiihrt.
Das Weihnachtsfest kann uns ja rricht nur erinnern, wie es das soil,
an das Hereintreten des Jesus in das Erdendasein, sondern es kann
uns auch erinnern gewissermafien an die Geburt des Christentums
selbst, an dies Hereintreten des Christentums in den Lauf der Erden-
entwickelung. Und so sei denn heute zunachst unser geistiger Blick
auf die Weihenacht, mochte ich sagen, des Christentums selbst hin-
gelenkt, auf das Hereintreten, auf das Geborenwerden des Christen-
tums innerhalb des Erdenbereiches. Die auBeren Tatsachen sind ja
allgemein bekannt, aber sie sollten vertieft werden.
Inmitten der Bekenner des Alten Testamentes trat das Christentum
in die Welt. Es trat in die Welt mit der Personlichkeit des Christus
Jesus. Wir blicken auf die Erscheinungen, die sich abgespielt haben
innerhalb der Bekennerschaft des Alten Testamentes, als das Christen-
tum geboren worden ist. Wir sehen, wie diese Bekennerschaft auBer-
lich in zwei voneinander geschiedenen Stromungen lebt: in der
Pharisaerstromung und Sadduzaerstromung. Im Grunde ist es not-
wendig, alle diese Dinge von der Gegenwart ab wiederum in einem
neuen Lichte anzusehen. Wenn wir uns vor die Seele fuhren die Art,
wie wir den allgemeinen Weg anschauen, den der einzelne Mensch
macht, und den Weg, den die Menschheit, den eigentlich das ganze
Erdendasein macht, so wird uns dieser Weg immer deutlicher dadurch
werden, daB wir ihn als einen Gleichgewichtszustand auffassen zwi-
schen dem Luziferischen und Ahrimanischen. Aber im Grunde ist das
nur die Benennung, die wir gebrauchen. Ein BewuBtsein von dem
Tatsachenbestand des Luziferischen, des Ahrimanischen und des
Gleichgewichtszustandes dazwischen war bei den tieferen Naturen
der Menschheit immer vorhanden. Und im Grunde genommen ist das
pharisaische Element innerhalb der althebraischen Entwickelung, mit
seinem Gegensatz zum sadduzaischen Element, nichts anderes als der
Gegensatz des Ahrimanischen und Luziferischen. In die Gleich-
gewichtsstromung ist hineingestellt der Jesus, der eintritt in das
auBere Erdendasein. Er tritt ein in dieses auBere Erdendasein an der-
jenigen Statte, deren innerste Charakteristik doch bis zu dem Myste-
rium von Golgatha dadurch gegeben war, daB an dieser Statte auf-
gerichtet war der Salomonische Tempel. In einem gewissen Sinne
versteht man das gauze Wesen des Salomonischen Tempels nur, wenn
man diesen Tempel zugleich im Gegensatz auffassen kann zum wer-
denden, zum geborenwerdenden Christentum. Bekannt ist, wie rasch
nach dem Entstehen des Christentums der Salomonische Tempel fur
das auBere Weltendasein zerstort worden ist. An derjenigen Statte, von
der ausgestromt ist die Geistigkeit des Christentums, sollte fortan das
auBere Denkmal der alten Entwickelung, aus der hervorgegangen ist
diese Geistigkeit des Christentums, nicht mehr vorhanden sein. Ein
Gegensatz ist zwischen dem Wesen des Salomonischen Tempels und
dem Wesen des Christentums. Der Salomonische Tempel faBte zu-
sammen in wunderbaren, groBartigen, zum Teil gigantischen Sym-
bolen dasjenige, was die Weltanschauung des Alten Testamentes in
sich geschlossen hat. Der Salomonische Tempel ist ein Bild gewesen
des ganzen Weltenalls, soweit es in seiner GesetzmaBigkeit, in seiner
inneren Struktur, in seinem Durchwalltsein von gottlich-geistigen
Wesenheiten vorgestellt werden konnte durch die Weltanschauung des
Alten Testamentes. Dieser Salomonische Tempel ist aber doch ein
Bild des Weltenalls, welches in einer gewissen Beziehung nach einer
Richtung auBergewohnlich einseitig ist. Der Salomonische Tempel
ist namlich ein Raumbild des Weltenalls, ein Bild, das raumliche Ver-
haltnisse, raumliche Gestalten zu Hilfe nimmt, wenn die Geheimnisse
dieses Weltenalls ausgedriickt werden sollen. Aber dasjenige, was
an Symbolismus am Salomonischen Tempel war, belebte sich fur die
Anschauung derjenigen, die dieses Anblickes teilhaftig wurden aus
dem Geiste des Alten Testamentes heraus.
Sehen wir auf der einen Seite, im pharisaischen Judentum und im
sadduzaischen Judentum, die VerauBerlichung desjenigen, was durch
das Alte Testament der Menschheit gegeben war, so sehen wir auf der
andern Seite in der Symbolik des Salomonischen Tempels die dem
alttestamentlichen Leben mdgliche Verinnerlichung dieses Lebens.
Man mochte sagen : Dasjenige, was eingeflossen war in die ganze alt-
testamentiiche OfTenbarung, es auBerte sich nach diesen zwei Seiten,
nach der Seite, die auBerlich, exoterisch gegeben war im pharisaischen
und sadduzaischen Judentum, nach der andern Seite esoterisch durch
dasjenige, was gegeben war in den geheimnisvollen Symbolen des
Salomonischen Tempels. Und aus dieser Exoterik und Esoterik sproB
heraus dasjenige, was dann zum Christentum wurde.
Unbekannt zunachst der groBen Welt in derjenigen Zeit, in der es
geboren wurde, war dieses Christentum fur diejenige "Welt, innerhalb
welcher die damalige Geistigkeit der Menschheit lebte : innerhalb der
griechischen Welt. Innerhalb des sich immer mehr und mehr aus-
breitenden romischen Weltreiches, in dessen Bereich sogar das My-
sterium von Golgatha durch Jesu Geburt sich vorbereitete, wuBte
man nicht, welch Gewichtiges sich abgespielt hatte inmitten des jii-
dischen Volkes. Man wuBte nichts von dem Wichtigsten, das sich vor-
bereitete als der Sinn der Erde. Dennoch, wenn auch die Menschheit
der damaligen Zeit auBerlich voriibergehen lieB dieses groBartigste
Ereignis der Erdenentwickelung, innerlich war mit aller damals in
Betracht kommenden Welt das werdende Christentum verbunden.
Aber wie verbunden? Der Sinn dessen, was die Weihenacht birgt,
er enthullt sich doch erst im Ostergedanken. Und der Ostergedanke,
der den Weihnachtsgedanken eigentlich vertieft, was ist denn sein
Bedeutsames? Das Bedeutsame des Ostergedankens ist der Hinblick
auf den Menschheitserloser, der gekreuzigt stirbt : das Kreuz mit dem
toten Gotte. Aus der Menschheit heraus ist die Absicht, ist die Tat
entstanden, den unter ihr erscheinenden Gott zu toten. Es sollte die
ganze GroBe, die ganze Gewalt dieses Gedankens sich wiederum in die
Seelen der Menschen hineindriicken. Der Hinblick auf die Tat, durch
die der auf der Erde erschienene Gott durch die Menschen getotet
worden ist, diesen Gedanken sollte man sich ubersetzen in die Sprache,
durch die er verstanden werden kann ! Versuchen wir das wenigstens
von einem Gesichtspunkte aus.
Wenn wir hinblicken auf das Mysterium von Golgatha - Sie wissen es
aus meinem Buche «Das Christentum als mystische Tatsache» -, so ist
dieses Mysterium von Golgatha wie ein groBer weltgeschichtlicher Zu-
sammenfluB desjenigen, was in alten Mysterien dargestellt wor den ist.
Das j enige,was in alten Mysterien als Opferhandlung, als Initiationshand-
lung stattfand, was in den Tempeln, man mochte sagen, mit einer einge-
schrankten Geltung stattfand, wurde hinausgestellt auf den groBen Plan
der Weltgeschichte, spielte sich ab im Umfang des ganzen Erdendaseins.
GewissermaBen wurde die Initiation derMenschheit selbstherausgeholt
aus den Tempeln und hingestellt vor die ganze Erden- Weltgeschichte.
Nun muB man sich fragen: Was dachte sich denn eigentlich der
alte Mensch, der teilnehmen durfte an den Weihehandlungen der
Mysterien, in jener Zeit, als die Mysterien noch ihre wirkliche, alte
Bedeutung hatten? Der Mensch war vermoge seines Vorbereitungs-
unterrichtes fur die Mysterien sich vollig klar dariiber, daB dasjenige,
was zunachst in der auBeren Sinneswelt sich ausbreitet, was auch der
menschliche Verstand begreifen kann, eine bloBe Phanomenenwelt sei,
eine Welt des auBeren Sinnenscheines, daB dasjenige, was der Mensch
zunachst in seinem Umkreis erlebtin seiner Wachezeit zwischenGeburt
und Tod, nur die auBere Anschauung, Erscheinungsoffenbarung der
inneren Wesenheit sei und daB diese innere Wesenheit aber sich im all-
gemeinen Leben des Menschen verbirgt. Aber in den Mysterienweihe-
handlungen, da suchte der Mensch gewissermaBen aus den Tiefen des
Seins heraus dasjenige, was ihm als Wesen zustromte, was sich heraus-
holen, herausschalen lieB aus dem bloBen Phanomenalen, aus dem bloBen
Scheindasein als das Wesentliche, als das wahrhaft Wirkliche. Der alte
Teilnehmer an den Mysterien, er war jederzeit geneigt, sich zu sagen:
Wenn ich so durch die Welt schreite, mir anschaue die auBere Natur : das
ist Schein. Wenn ich dieses oder jenes in der Welt erlebe : das ist Schein.
Wenn ich dieses oder jenes fur diese Welt arbeite: das ist Schein. Wenn
ich aber in dem Tempel teilnehmen darf an der heiligen Mysterienhand-
lung, so geschieht etwas, was Wahrheit ist, was nicht Schein ist. Es wird
gleichsam etwas herausgezogen aus dem Scheindasein der Welt, wel-
ches umgesetzt wird in eine sakramentale Handlung, und diese sakra-
mentale Handlung enthalt gerade die Wahrheit gegeniiber dem Schein.
Man muB sich den ganzen Unterschied zwischen dieser Mysterien-
anschauung und der Anschauung, die zum Beispiel heute im materia-
listischen Zeitalter herrscht, klarmachen, wenn man in aller Scharfe
gerade auf das Wesen dieser Mysterienanschauung hinweisen will.
Man muB sich klarmachen, daB alles dasjenige, was der Mensch heute
im materialistischen Zeitalter Wirklichkeit nennt, von dieser Myste-
rienanschauung als Schein erklart worden ist, wahrend zum Beispiel
die sakramentale Handlung, der Initiationsritus, der verrichtet wurde
und der heute den meisten Menschen als Phantastik gilt, den Mysterien-
kennern als das einzig Wirkliche gait, das ihnen im Leben entgegen-
treten konne. Daher wurde auch solche Mysterienhandlung nicht be-
liebig verrichtet, sondern zu gewissen Zeiten, wenn man der Ansicht
war, daB durch die Erscheinungen des auBeren Lebens etwas durch-
dringen konnte von dem wahren Wesen, welches man dann gleichsam
auffangen konnte durch die sakramentalen Handlungen im Myste-
rium. Es ist oftmals hingewiesen worden darauf, daB eine wichtige
sakramentale Handlung in den Mysterien darin bestand, daB gezeigt
wurde die Opferung des Gottes, das Sterben des Gottes und das
Wiederauferstehen des Gottes nach drei Tagen. In dieser Mysterien-
handlung war darauf hingewiesen, wie dem tieferen Durchdringer
der auBeren Welt - wenn er in sie sieht - der Tod in dieser auBeren
Welt verraten kann das wahre Wesen dieser Welt, wie gesucht werden
muB jenseits des Todes dasjenige, was wahrhaft Wirklichkeit ist.
Aber all das, was so aus der Mysterienstimmung heraus in die
Menschenseele kommen konnte, denken wir es uns zusammengefaBt
im Beginne unserer christlichen Zeitrechnung als Ausdruck des
Wichtigsten in den Welterscheinungen. Jemand, der im Beginne die-
ser christlichen Zeitrechnung mit dem Gange unserer Erdenentwicke-
lung vollstandig hatte fiihlen konnen, er hatte sich sagen konnen : Es
war in alten Zeiten die Moglichkeit fur die Menschen vorhanden, in
atavistischer Weihewissenschaft etwas von dem Gottlich-Geistigen
zu erfahren. Diese Zeit ist vorbei. Uberblickt man die Erdenentwkke-
lung, so kann man sagen : In alten Zeiten, da offenbarte sich den Men-
schen aus dieser Erdenentwickelung heraus etwas von der gottlich-
geistigen Welt. Doch die Zeit ist eingetreten, wo nichts mehr heraus-
geholt werden kann aus dem Welteninhalt fur dasjenige, was den
Menschen hinfuhrt zum Gottlich-Geistigen. Die Welt hat verloren
ihr gottlich-geistiges Leben. - So wiirde eine solche Seele gesagt haben.
Auf was muB man blicken, wenn man diesen Sinn der Entwickelung
der Erdenmenschheit ins Auge faBte? Wo ist dasjenige, was in der
Zeit der Entstehung des Christentums wirklicher Erdensinn ist? Wo
ist dasjenige, was ausspricht, was im Innersten gewollt wird in dieser
Zeit? Zu Golgatha auf dem Kreuz: der Tod ist es! Das was friiher
aus der Erdenentwickelung hervorquoll, was zum Heile der Menschen
war, es ist selber gestorben. In dem Hinblicke auf den toten Gott ist
der wirklich tiefer in das Weltenwesen eindringenden Seele der
Erdenimpuls, der tiefste Erdenimpuls selber gegeben zur Zeit der
Entstehung des Christentums.
Und so empfunden, stellt sich erst die ganze GroBe desjenigen dar,
auf das es in diesem Zusammenhange ankommt. Das alte Welten-
wissen, die alte Weltanschauung war zusammengefiossen in dem Salo-
monischen Tempel; aber diese alte Weltanschauung barg nichts mehr
von dem, was sie groB gemacht hatte. Ein Neues muBte in die Welt-
entwickelung hereintreten. Und so flieBen in der Zeitentwickelung
unmittelbar zusammen der Niederbruch des Salomonischen Tempels
und der Aufgang, die Geburt des Christentums - der Salomonische
Tempel : ein symbolisches Raumesbild des Welteninhaltes ; das Christen-
tum, zusammengefaBt als Zeiterscheinung : ein neues Weltenbild. Beim
Christentum ist nicht die Hauptsache irgend etwas, was als Raumes-
bild auftreten kann wie beim Salomonischen Tempel; beim Christen-
tum ist das Wesentliche, daB man versteht: Die Erdenentwickelung
ging bis zum Mysterium von Golgatha ; das Mysterium von Golgatha
hat eingegriffen, dann geht es durch den in die Menschheit sich aus-
gieBenden Christus in dieser oder jener Weise weiter. - Das Christen-
tum versteht nur derjenige, der es auffaBt durch Bilder, die in der
Zeit ablaufen. Der tiefere Inhalt des Christentums laBt sich nicht im
entferntesten vergleichen mit dem, was in Raumesbildern auftritt,
auch nicht in den gigantischen, groBartigen Raumesbildern des Salo-
monischen Tempels. Doch der Salomonische Tempel, wie auch das-
jenige, was das Innerliche des pharisaischen, des sadduzaischen Lebens
war, enthielten die Seele des damaligen WeltenbewuBtseins. Wer nach
der Seele des WeltenbewuGtseins vor zweitausend Jahren sucht, der
findet zu jener Zeit diese Seele im alttestamentlichen Judentum. In
diese Seele ward gesenkt der Keim des Christentums, ein neuer Keim
gewissermaBen aus alldem, was im Raume ausdriickbar war: das-
jenige, was nur in der Zeit ausdriickbar ist. Das Werden, hingestellt
nach dem Sein: das ist die innere Beziehung des geborenwerdenden
Christentums zu dem Seelischen der damaligen Welt, zu dem Juden-
tum, das dasteht im Salomonischen Tempel, der aber in der Welten-
folge zusammenbricht. In die Seele, die im alten Judentum gegeben
war, wurde das Christentum hineingeboren.
Den Geist hat dieses Christentum aufgesucht im Griechentum. Wie
im Judentum das Christentum die Seele aufgesucht hat, so hat es im
Griechentum den Geist aufgesucht. Die Evangelien selber sind, so
wie sie der Welt iiberliefert worden sind - abgesehen von demjenigen,
was nicht iiberliefert worden ist -, so wie sie hinausgezogen sind in die
Welt, im wesentlichen durch griechischen Geist gegangen. Die Ge-
danken, durch welche die Welt das Christentum denken konnte, sie
sind griechische Geistesweisheit. Die ersten Verteidigungsschriften
der Kirchenvater - in griechischer Sprache sind sie erschienen. So wie
das Christentum hineingeboren ist in die Seele, die im Judentum ge-
geben war fur die damalige Menschheit, so ist dieses Christentum
hineingeboren in den Geist, der fur die damalige Menschheit gegeben
war durch das Griechentum.
Das Romertum aber gab den Leib. Das Romertum war im wesent-
lichen fur die damalige Zeit dasjenige, was die auBere Organisation,
den Reichsgedanken verwirklichen konnte. Judentum war Seele,
Griechentum war Geist, Romertum war Leib - Leib natiirlich in dem
Sinne, wie die soziale Struktur der Menschheit Leib ist. Romertum ist
im wesentlichen Gestaltung der auBeren Neigungen, Einrichtungen,
und die Gedanken iiber die auBeren Einrichtungen leben in auBeren
Einrichtungen: Leibliches in geschichtlichem Sein, Leibliches in
geschichtlichem Werden. Wie das Christentum in die Seele des Juden-
tums, in den Geist des Griechentums hineingeboren worden ist, so
ist es in den Leib des Romischen Reiches hineingeboren worden.
Oberflachliche Naturen finden sogar, daB alles dasjenige, was das
Christentum birgt, sich erklaren lieBe aus Judentum, Griechentum
und Romertum. Nun ja, wie materialistische Naturforscher finden, daB
alles dasjenige, was im Menschen ist, von seinen Eltern, GroBeltern
und so weiter abstammt, und nicht bedenken, daB die Seele aus gei-
stigen Reichen kommt und sich nur den Leityals Kleid umlegt, so
sind solche oberflachliche Naturen geneigt, zu sagen, das Christentum
ist nur in demjenigen bestehend, was es sich eigentlich umgelegt hat.
Das Wesentliche des Christentums tritt naturlich mit dem Christus
Jesus selbst in die Welt, aber hineingeboren wird dieses Christentum
in die Judenseele, in den Griechengeist und in den Leib des romischen
Imperiums, des Romischen Reiches. Das ist gewissermaBen, ange-
schaut durch den Weihnachtsgedanken, die Geburt des Christentums
selber.
Wichtig ist es, diesen Gedanken nicht bloB als einen auBeren theo-
retischen zu nehmen, sondern ihn wirklich zum Weihnachtsgedanken
zu vertiefen, gewissermaBen lernen hinzuschauen, was dieser Ge-
danke eigentlich fur eine Tragkraft haben kann mit Bezug auf den
neu geborenwerdenden Geist, der mit den Geistern der Personlich-
keit, wie ich neulich hier angefuhrt habe, in das Weltenwerden herein-
tritt. Das, was im Weltenwerden sich einpflanzen will dem Geschehen,
das hat zunachst sich durchzuringen durch dasjenige, was vom Alten
bleibt. Das ist ja das Geheimnis des Weltenwerdens, daB gewisser-
maBen eine normal fortgehende Entwickelung da ist, und ein luzi-
ferisches und ahrimanisches Zuriickbleibendes, das modifiziert, stort,
aber auch in einer gewissen Weise das fortschreitende Weltenwerden
tragt. Ich habe ofter darauf aufmerksam gemacht: Man kann dieses
Ahrimanisch-Luziferische nicht einfach fliehen, man muB es ruhig
ins Auge fas sen, man muB sich bewuBt ihm entgegenstellen, aber
man soli nur nicht unbewuBt diese Dinge einfach uber sich ergehen
lassen. Von den Weltenimpulsen bleiben gewissermaBen Schatten
zuruck, die weiter wirken, wenn das Neue schon da ist, die aber in
ihrem luziferischen oder ahrimanischen Charakter durchschaut werden
miissen. Es muB dieses Ahrimanisch-Luziferische weiter mit der Ent-
wickelung gehen, aber es darf nicht verabsolutiert werden, es muB
in seinem luziferischen und ahrimanischen Charakter durchschaut
werden. Es ist zuriickgeblieben Schattenhaftes vom Salomonischen
Tempel, zuriickgeblieben Schattenhaftes vom Griechentum, zuriick-
geblieben Schattenhaftes vom Romischen Reich. Vor zweitausend
Jahren nahezu war es selbstverstandlich, daB aus diesen dreien - aus
Seele, Geist und Leib - herausgeboren wurde das Christentum. Aber
Seele, Geist und Leib konnten nicht gleich verschwinden. Sie blieben
in einer gewissen Weise nachwirkend. Heute ist die Zeit, wo dieser
Tatbestand durchschaut werden muB, wo durchschaut werden muB
das vollige Einzigartige des Christus-Impulses selbst.
Ein Schatten ist zuriickgeblieben auch von dem wesenhaftesten
Extrakt des esoterischen Alten Testamentes, von dem Geheimnisse
des Salomonischen Tempels, ein Schatten ist zuriickgeblieben von dem
Griechentum, und ein Schatten ist zuriickgeblieben vom Romischen
Reich. Man muB lernen, die Schatten zu unterscheiden von dem Lichte.
Das wird die Aufgabe der Menschheit von der Gegenwart an in die
nachste Zukunft sein: die Schatten und das Licht in der richtigen
Weise auseinanderzuhalten.
Wir sehen den Schatten des Romischen Reiches im romischen
Katholizismus heute. Dieser Schatten ist nicht das Christentum, es ist
der Schatten des alten Romischen Reiches, in das hinein das Christen-
tum geboren werden muBte, in des sen Formen noch immer fortlebt
dasjenige, was dazumal als Struktur des Christentums sich heraus-
bilden muBte. Aber wir miissen lernen, die Menschheit muB lernen
unterscheiden den Schatten des alten Romischen Reiches von dem
Christentum. In der Konstitution der katholischen Kirche hat man
nicht dasjenige, was die Essenz des Christentums ist, das hat man
iiberhaupt nicht in der Konstitution der christlichen Kirchen. In der
Konstitution dieser christlichen Kirchen lebt das, was gelebt hat in
dem Romischen Reiche von Romulus bis zum Kaiser Augustus, was
sich da ausgebildet hat. Die Tauschung entsteht nur dadurch, daB in
diesen Leib hineingeboren worden ist das Christentum.
Auch der Salomonische Tempel ist in dieser Richtung wie ein Schat-
ten zuriickgeblieben. Dasjenige, was die Geheimnisse des Salomoni-
schen Tempels waren, ist mit einigen Ausnahmen fast restlos auf-
gegangen in all die maurerischen und andern Geheimgesellschaften
der jetzigen Zeit. Wie die romische Kirche dei Schatten des alten
Romischen Reiches ist, so ist, mogen sie auch anderes behaupten
wollen - sogar wenn sie Judentum ausschlieBen - dasjenige, was
durch diese Gesellschaften fortlebt, der Schatten des alten Judentums,
der Schatten des esoterischen Jehovadienstes. Wiederum muB unter-
schieden werden der Schatten von dem Lichte, wie unterschieden
werden muB der Schatten, der ausgedriickt ist in dem fortwirkenden
Lateinerreich in der katholischen Kirche, in den Kirchen iiberhaupt,
von dem Lichte. Wie unterschieden werden muB der Schatten von dem
Licht, das im Christentum leuchtet, so muB unterschieden werden
dasjenige, in das hinein als Seele geboren werden muBte das Christen-
tum, das aber als Schatten fortwirkt in denjenigen Gesellschaften, die
in ihren Untergriinden Symbolik haben, an die salomonische erin-
nernde Symbolik.
Diese Dinge miissen erkannt werden. Diese Dinge miissen recht
angeschaut werden, diese Dinge miissen in unserer Zeit aber beleuchtet
werden mit den neuen OrTenbamngen, von denen wir in diesen Tagen
gesprochen haben.
Der Schatten des griechischen Geistes, in den hineingeboren
werden muBte das Christentum, das ist nun - trotz aller Schonheit des
Griechentums, trotz alles asthetischen und sonstigen bedeutsamen
Inhaltes des Griechentums, trotz des Wirksamen, das das Griechen-
tum fur uns hat -, das ist die moderne Weltanschauung der gebildeten
Welt, die es dazu gebracht hat, daB diese furchtbare Katastrophe iiber
die Menschheit hereingebrochen ist. Als das Griechentum gelebt hat
mit seiner Weltanschauung, da war das etwas anderes. Ein jegliches
ist das Rechte zu seiner Zeit. Wird es absolut genommen, wird es
antiquiert weitergetragen, dann wird es der Schatten seiner selbst,
und der Schatten, er ist nicht das Licht, er kann in das Gegenteil des
Wesens umschlagen. Aristotelismus zeigt noch etwas von alter griechi-
scher GroBe, Aristotelismus in neuem Gewande ist Materialismus. Das-
jenige, in was das Christentum hineingeboren worden ist, das ist jiidische
Seele, griechischer Geist, romischer Leib; die drei aber haben ihre
Schatten zuriickgelassen. Der Ruf geht wie ein Engelsposaunenklang
durch unsere Zeit, diese Tatbestande in ihrem wahren Wesen zu
durchschauen, durch die Schatten hindurch auf das Licht zu schauen.
Wahrhaftig, wer heute sich in die Zeit versenkt, wer unbefangen,
ohne Vorurteil dasjenige aufnimmt, was aufgenommen wer den kann,
was aber eingelaufen ist in diese furchtbaren, schmerzlichen Tatsachen
der letzten Jahre, der kann nicht umhin, doch vielleicht den Blick
2u richten darauf, ob nicht irgendein Licht gesucht werden musse,
das anders leuchte in den Finsternissen der Erde als diejenigen Lichter,
an welche die Menschen vielfach heute als an die einzigen Lichter
nur noch glauben wollen. Den guten Willen, ihn sollte man suchen,
um den Weg durch die Schatten zum Lichte hin zu finden. Denn die
Schatten werden sich sehr geltend machen. Die Schatten werden sich
geltend machen durch jene Menschen, die fur sich selber vielleicht
wenig gelitten haben unter den groBen Leiden der Menschheit in der
Gegenwart und die keine oder nur geringe Teilnahme haben fur das
ungeheuer Schmerzvolle, das die Welt durchzuckt und das fur sich
ein Beweis ist, wie viele von den Gedanken, die heraufgekommen
sind, Schiffbruch zu leiden bestimmt waren. Wer versucht, mit tie-
ferem Verstandnis dasjenige zu iiberschauen, was heute wahrhaftig
nicht schwer ist zu sehen, wer den guten Willen hat, vorurteilslos die
Blicke hinzuwenden auf das, was heute unter Menschen geschieht, der
wird den Impuls zum Suchen des Lichtes empfangen. Und man sollte
auf diesen inneren Antrieb in der Menschenseele heute einigen Wert
legen, man sollte nicht hinhoren auf diejenigen, die - je nach dem
Platze, auf den sie gestellt sind - nur irgendeinen alten Schatten ver-
teidigen wollen, sondern hinhoren auf sein Eigenes, das deutlich
genug sprechen muB, wenn man es nur nicht iibertonen will durch
das, was aus den auBeren Schattenbehauptungen heraustont.
Man wird sich schon heute iiberzeugen konnen — wenn man hin-
blickt, teilnahms-, mitleidsvoll hinblickt auf dasjenige, was geschehen
ist, was geschieht, was geschehen wird -, man wird schon sehen, daB
eine merkwiirdige, das rechte Menschliche verzerrende Gestalt vor
den Menschen steht, eine Gestalt, welche an sich tragt jene Gewander,
die aus den Schatten gewoben sind, eine Gestalt, welche in sich ver-
einigt in Gedanken, Empfindungen, in Gefiihlen und in Willens-
impulsen dasjenige, was die Menschheit auf eine schiefe Bahn ge-
bracht hat und geeignet ist, welter auf eine schiefe Bahn zu bringen.
Im Innersten dessen, was auBen geschieht, leben die drei charakteri-
sierten Schattengedanken.
Wer aber sich geeignet macht, den Blick hinzuwenden auf diese
Gestalt, deren Gewand aus den Schatten gewoben ist, der bereitet
sich auch in der richtigen Weise vor, nach anderem hinzuschauen :
hinzuschauen nach jenem Baume, der in der Finsternis doch heute
schon leuchten kann mit seinen Lichtern, nach jenem Baume, den man
anschaut, wenn man sich nicht beirren laBt durch das dreifache
Schattendasein, sich nicht beirren laBt von antiquierter Symbolik,
von antiquiertem Kirchentum, von antiquierter materialistischer
Wissenschaft, sondern reinen Herzens hinschaut auf dasjenige, was
leuchten will in der Finsternis als ein wirklicher Weihnachtsbaum,
unter dem da liegt das durch das Weihnachtslicht neu beleuchtete
Christus-Jesuskind. Das mochte Geisteswissenschaft, anthroposo-
phisch orientiert, letzten Endes tun: das Weihnachtslicht suchen,
damit das Jesuskind, das in die Welt eingetreten ist, um etst zu wirken
und dann verstanden zu werden, allmahlich verstanden werden konne.
In bescheidener Weise beleuchten das GroBte der Ereignisse im
Erdendasein, das mochte innerhalb der religidsen Menschheits-
stromungen anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft. Man
wird nicht verstehen dieses Licht, das diese Geisteswissenschaft an-
erkennen will als ihr Weihnachtslicht, wenn man nicht den Willen hat,
das dreifache Schattendasein unserer Zeit wirklich zu durchschauen.
Ernst sind die Zeiten. Und wer nicht den guten Willen hat, die Zeiten
ernst zu nehmen, der wird vielleicht in dieser Inkarnation noch nicht
hinschauen konnen auf dasjenige, was fur jeden Menschen, der guten
Willens ist, in dieser Zeit wahrhaftig da sein sollte zum Heilen fur so
viele Wunden, die sonst der Menschheit noch geschlagen werden
miiBten. Hinschauen miiBte der Mensch, der heute guten Willens ist,
auf dasjenige, was erscheinen kann, indem das Weihnachtslicht
anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft entziindet wird.
Das Licht ist wahrhaftig klein, und derjenige, der sich zu dem Lichte
bekennt, der bleibt bescheiden. Er will nicht dieses Licht als etwas
Besonderes der Welt anpreisen, denn er weiB, daB es heute noch klein
und unbedeutend brennen kann, daB viele Menschen und viele Ge-
nerational werden kommen miissen, damit dasjenige, was heute noch
schwach brennt, starker brennen kann. Aber wenn auch das Licht
schwach brennt, es leuchtet hin auf etwas, das nicht schwach wirkt
innerhalb der Menschen-Erdenentwickelung, sondern das stark wirkt
als der Menschenentwickelung tiefster Sinn; es leuchtet hin auf das-
jenige, was wir nennen konnen: Geburt des Christentums, Weihenacht
des Christentums. Moge man neben dem Ostersinn der anthroposo-
phisch orientierten Geisteswissenschaft vor alien Dingen diesen ihren
Weihnachtssinn verstehen; mogen in dieser Gesinnung recht viele
Seelen erwarten konnen die Vertiefung der Nachtereihe, die da folgen
soli auf die Weihenacht : dann werden diese Seelen empfinden konnen,
wie gegenwartig schon durch die Welt der Ruf geht, hinzublicken auf
die Erscheinung des Jesus, der da auf Erden jenen Zeitpunkt er-
wartet, in dem er den Tod finden sollte, um in seinem Geistleben nach
dem Tode der Menschheit und der Erdenentwickelung einen neuen
Sinn zu geben.
Fuhlen wir etwas von dieser Weihenachtsstimmung, die gerade
aus der Geisteswissenschaft in unsere Seele einziehen soil ! Indem ich
vor Ihnen die Empfindung zum Ausdruck bringen mochte als einen
innerlichsten seelischen Weihe-WeihnachtsgruB, daB in Ihnen recht
viel sei von dieser Weihestimmung, welche die neue Christus-Offen-
barung zu empfangen guten Willens ist, mochte ich in diesem Augen-
blick diese Weihenacht festlich beginnen, indem ich voraussetze, daB
Sie mit jenem Ernste sie beginnen, von dem ich in meinen heutigen
Worten sprechen wollte, mit jenem Ernste, der aber der gegenwartigen
Weltenlage angemessen ist. Aus diesem Ernste heraus, meine lieben
Freunde, von ganzem Herzen : Eine heilige, feierliche Weihenacht !
DRITTER VORTRAG
Dornach, 25. Dezember 1918
Als ich am letzten Sonntag einige Andeutungen machte iiber die Er-
neuerung des Weihnachtsgedankens, da sprach ich davon, wie der
Mensch - ich meinte den wirklichen inneren Menschen, der sich,
herauskommend aus der geistigen Welt, verbindet mit dem, was ihm
ubergeben wird aus der Vererbungsstromung heraus -, wie dieser
Mensch beim Eintritt in das Dasein, das er verlebt zwischen der Ge-
burt und dem Tod, hereinkommt mit einem gewissen Impulse der
Gleichheit. Ich sagte, man konne, verstandig beobachtend, dieses
Geltendmachen des Gleichheitsimpulses beim Kinde bemerken: das
Kind kennt noch nicht die Differenzierungen, die innerhalb der
Menschheit in der sozialen Struktur auftreten durch die Verhaltnisse,
in die das Karma den Menschen einfuhrt. Ich sagte dann: Klar und
unbefangen besehen, stellten sich gewisse Fahigkeiten, Begabungen,
selbst das Genie so dar, daB wir die Krafte, die in diesen Fahigkeiten,
Begabungen, selbst im Genie leben, vielfach zuzuschreiben haben den
Impulsen, die in der Vererbungslinie, Vererbungsstromung auf den
Menschen wirken und daB man solche Impulse zunachst, wie sie rein
im Naturlauf der Vererbungsstromung auftreten, als luziferische
Impulse anzusprechen habe, daB in unserer gegenwartigen Zeit-
epoche diese Impulse nur dann von dem Menschen in der rechten
Weise in die soziale Struktur hereingestellt werden, wenn er sie an-
sieht als luziferische Impulse und wenn er dazu erzogen wird, das
Luziferische abzustreifen, gewissermaBen darzubringen am Altar des
Christus dasjenige, was die Natur ihm ubermittelt hat, es umzuwan-
deln, zu metamorphosieren.
Zwei Gesichtspunkte halten wir also auseinander. Den einen Ge-
sichtspunkt : was zu tun ist mit den durch die Blutsverhaltnisse, durch
die Geburtsverhaltnisse auftretenden Differenzierungen der Mensch-
heit. Und den andern : daB der eigentliche Wesenskern des Menschen
beim Anfang des irdischen Lebens wesentlich den Impuls der Gleich-
heit in sich tragt. Damit ist hingewiesen darauf, daB der Mensch
nur richtig betrachtet wird, wenn er in seinem ganzen Lebenslauf
betrachtet wird, wenn die zeitliche Entwickelung zwischen Geburt
und Tod wirklich ins Auge gefaBt wird. Wir haben gerade hier in
einer andern Beziehung hingewiesen darauf, wie Entwickelungs-
motive sich verandern im Laufe des Lebens zwischen Geburt und
Tod. Und in anderer Weise finden Sie hingewiesen auf diese Ent-
wickelungsmotive in meinem Aufsatz, den ich in der letzten Nummer
des «Reiches» geschrieben habe iiber das Ahrimanische und Luziferi-
sche im menschlichen Leben. Da ist darauf hingewiesen, wie das
Luziferische in der ersten Lebenshalfte eine gewisse Rolle spielt, das
Ahrimanische in der zweiten Lebenshalfte, wie diese Impulse des
Ahriman und Luzifer durch das ganze Leben hindurch wirken, aber
in verschiedener Art.
Neben der Idee der Gleichheit haben sich in der neueren Zeit an-
dere Ideen, wie ich dazumal am Sonntag sagte, in tumultuarischer
Weise vorgedrangt, gewissermaBen vorausnehmend die ruhige Ent-
wickelung der Zukunft, zunachst in der Idee vorausnehmend das-
jenige, was langsam in der Menschheitsentwickelung sich ausleben
muB, wenn es zum Heile und nicht zum Unheil gereichen soil. Es
haben sich andere Ideen neben die Idee der Gleichheit hingestellt;
aber auch diese andern Ideen kann man hinsichtlich ihrer Bedeutung
fur das Leben nur dann richtig verstehen und wiirdigen, wenn man
sie in den Zeitenlauf des menschlichen physischen Daseins richtig
hineinstellt.
Neben der Idee der Gleichheit tont gewissermaBen durch die mo-
derne Welt die Idee der Freiheit. Ich habe iiber die Idee der Freiheit
vor einiger Zeit zu Ihnen in Anlehnung an die Neuauflage meiner
« Philosophic der Freiheit » gesprochen. Wir sind also in der Lage,
die ganze Wichtigkeit und Tragweite dieser Idee der Freiheit im Zu-
sammenhang mit dem innersten Wesenskern des Menschen zu wiir-
digen. Vielleicht wissen aber auch einige von Ihnen, daB ofters durch
Fragen da und dort notwendig geworden ist, auf das ganz Besondere
der Freiheitsauffassung hinzuweisen, wie sie in meiner « Philosophic
der Freiheit » herrscht. Ich habe immer notig gehabt, einen Gesichts-
punkt mit Bezug auf die Freiheitsidee besonders hervorzuheben,
namlich den, daB die ganze neuere Zeit, die verschiedenen philo-
sophischen Anschauungen iiber die Freiheit eigentlich den Fehler
gemacht haben - wenn man es Fehler nennen will -, die Frage so zu
stellen: 1st der Mensch frei oder unfrei? Kann man dem Menschen
freien Willen zuschreiben oder darf man ihm nur zuschreiben, daB
er in einer wie absoluten Naturnotwendigkeit drinnensteht und auch
aus dieser Notwendigkeit heraus seine Handlungen, seine Willensent-
schliisse vollfuhrt? - Die Fragestellung ist unrichtig. Es gibt kein
solches Entweder-Oder. Man kann nicht sagen, der Mensch ist
entweder frei oder unfrei, sondern er ist begrirTen in der Entwickelung
von der Unfreiheit zur Freiheit. Und die Art und Weise, wie Sie auf-
gefaBt finden den Freiheitsimpuls in meiner « Philosophic der Frei-
heit », zeigt Ihnen, daB der Mensch immer freier und freier wird, daB
er sich herauswindet aus der Notwendigkeit und immer mehr und
mehr in ihm die Impulse wachsen, die ihm moglich machen, ein freies
Wesen innerhalb der sonstigen Weltenordnung zu sein.
So hat denn der Impuls der Gleichheit seine Kulmination beim
Geborenwerden - wenn auch nicht im BewuBtsein, da das noch nicht
so entwickelt da schon leben kann dann fallt er ab. Der Impuls der
Gleichheit hat also eine absteigende Entwickelung. Schematisch
konnen wir das so zeichnen :
lod
Bei der Geburt ist eine Kulmination der Gleichheitsidee da, und die
Gleichheit bewegt sich in einer absteigenden Kurve. Umgekehrt ist
es nun bei der Freiheitsidee. Die Freiheit bewegt sich in einer auf-
steigenden Kurve und hat ihre Kulmination im Tode. Ich will damit
nicht sagen, daB der Mensch, indem er durch die Pforte des Todes
geht, den hochsten Gipfel eines freitatigen Wesens erreicht. Aber re-
lativ, mit Bezug auf das Menschenleben entwickelt der Mensch den
Impuls der Freiheit gegen den Moment des Todes hin immer mehr und
mehr, und relativ hat er sich am meisten die Moglichkeit, ein freies
Wesen zu sein, in dem Augenblick erworben, wo er durch des Todes
Pforte in die geistige Welt eintritt. Wahrend er also, indem er durch
die Geburt in das physische Dasein eintritt, aus der geistigen Welt
heraustragt die Gleichheit, die dann absteigt in der Entwickelung des
physischen Lebenslaufes, entwickelt er gerade im physischen Lebens-
laufe den Freiheitsimpuls und steigt mit dem ihm im physischen
Lebenslauf erreichbaren HochstmaB des Freiheitsimpulses durch die
Pforte des Todes in die geistige Welt hinein.
Sie sehen daraus wiederum, wie einseitig oftmals das Menschen-
wesen betrachtet wird. Man bezieht nicht die Zeit in dieses Menschen-
wesen ein. Man redet vom Menschen im allgemeinen, in abstracto,
weil man heute nicht geneigt ist, auf Wirklichkeiten einzugehen. Aber
der Mensch ist nicht ein stehenbleibendes Wesen, er ist ein Wesen im
Werden. Und je mehr er wird, je mehr er sich selbst in die Moglich-
keit versetzt, zu werden, desto mehr erfiillt er gewissermaBen hier im
physischen Lebenslaufe schon seine wirkliche Aufgabe. Diejenigen
Menschen, die starr bleiben, die abgeneigt sind, eine Entwickelung
durchzumachen, entwickeln wenig von dem, was eigentlich ihre
irdische Mission ist. Was Sie gestern waren, sind Sie heute nicht mehr,
und was Sie heute sind, werden Sie morgen nicht mehr sein. Es sind
das allerdings kleine Nuancen. Wohl dem, bei dem es uberhaupt
Nuancen sind, denn das Stehenbleiben ist ahrimanisch. Nuancen soil-
ten da sein. Es sollte wenigstens gewissermaBen im Leben des Men-
schen kein Tag vor sich gehen, ohne daB er wenigstens einen Ge-
danken in sich aufnimmt, der ein wenig sein Wesen andert; der ein
wenig ihn in die Moglichkeit versetzt, ein werdendes Wesen, nicht
bloB ein seiendes Wesen zu sein. Und so kann man den Menschen
wirklich nur betrachten seiner eigentlichen Natur nach, wenn man
nun nicht sagt im absoluten Sinn: Der Mensch hat in der Welt die
Pretention auf Freiheit, Gleichheit -, sondern wenn man weiB, wie der
Impuls der Gleichheit seine Kulmination erlangt im Lebensbeginn,
wie der Impuls der Freiheit seine Kulmination erlangt am Lebens-
ende. Man schaut erst dann in dieses Komplizierte des menschlichen
Werdens auch im Lebenslauf hier auf der Erde hinein, wenn man
solche Dinge in Betracht zieht, wenn man nicht abstrakt einfach hin-
sieht auf den ganzen Menschen und sagt : Er hat Anspruch, verwirk-
licht zu sehen in der sozialen Struktur Freiheit, Gleichheit und so
weiter. - Das sind die Dinge, die durch Geisteswissenschaft wiederum
dem menschlichen Gemut nahekommen miissen, die auBer acht ge-
lassen worden sind von der nach Abstraktion und dadurch nach Ma-
terialismus hinstrebenden neueren Entwickelung.
Nun der dritte der Impulse: die Bruderlichkeit. Ihr ist eigen, daB
sie die Kulmination in einem gewissen Sinne in der Mitte des Lebens
hat. Ihre Kurve steigt an (siehe Zeichnung Seite 44) und fallt wieder-
um. Man kann allerdings dafur die Sache nur so aussprechen, daB man
sagt : In der Mitte des Lebens, wenn der Mensch in seinem labilsten,
das heiBt schwankenden Zustand ist mit Bezug auf das Verhaltnis des
Seelischen zum Leiblichen, da hat der Mensch die starkste Ver-
anlagung, die Bruderlichkeit zu entwickeln. Er entwickelt sie nicht
immer, aber er hat Veranlagung dazu. Es sind sozusagen fur die Ent-
wickelung der Bruderlichkeit die starksten Vorbedingungen gegeben
in der Lebensmitte.
So verteilen sich diese drei Impulse iiber das ganze menschliche
Leben hin. In der Zeit, der wir entgegenleben, wird es notwendig fur
das Verstandnis des Menschen und dann selbstverstandlich auch fur
die sogenannte Selbsterkenntnis des Menschen, daB so etwas beriick-
sichtigt werde. Man wird nicht zu richtigen Ideen iiber das Zusammen-
leben der Menschen kommen konnen, wenn man nicht wissen wird,
wie sich die Impulse auf den Lebenslauf des Menschen verteilen. Man
wird gewissermaBen nicht konkret leben konnen, wenn man diese
Erkenntnis sich nicht wird erwerben wollen; denn man wird nicht
wissen, wie konkret ein junger Mensch zu einem alten, ein alterer zu
einem in mittleren Lebensjahren stehenden Menschen steht, wenn
man nicht die besondere Konfiguration dieser inneren Impulse des
menschlichen Wesens ins Auge faBt.
Fas sen Sie aber das, was wir jetzt auseinandergesetzt haben, zu-
sammen mit Betrachtungen, die wir ff iiher hier angestellt haben iiber
das allmahliche Jiingerwerden des ganzen Menschengeschlechtes.
Erinnern Sie sich, wie ich auseinandergesetzt habe, daB die eigentiim-
liche Abhangigkeit, welche der Mensch vom Korperlichen mit Bezug
auf die seelische Entwickelung heute nur in seinen allerjiingsten Le-
bensjahren hat, gefiihlt wurde, erlebt wurde in alten Zeiten - wir
sprechen jetzt nur von nachatlantischen Zeiten - bis ins hohe Alter
hinauf. Bis in die Fiinfzigerjahre hinauf war der Mensch, sagte ich,
in der urindischen Kultur so abhangig von seiner physischen, so-
genannten physischen Entwickelung, wie er es heute nur in den
jiingsten Jahren ist. Der Mensch ist in den ersten Lebensjahren ab-
hangig von seiner physischen Entwickelung. Wir wissen, was fur
einen Einschnitt in der physischen Entwickelung der Zahnwechsel
bildet, dann wiederum die Geschlechtsreife und so weiter. In den
ersten Entwickelungsjahren sehen wir einen deutlichen Parallelismus
zwischen seelischer und korperlicher Entwickelung. Das hort dann
auf, das schwindet dann. Und ich habe darauf aufmerksam gemacht,
wie das in alteren Kulturepochen der nachatlantischen Zeit nicht der
Fall war. Jene Moglichkeit, zu naturgegebener Weisheit zu kommen
einfach dadurch, daB man Mensch war, zu jener hohen Weisheit zu
kommen, die man verehrte bei den alten Indern, die man noch ver-
ehren konnte bei den alten Persern und so weiter, jene Moglichkeit
war dadurch gegeben, daB die Sache nicht so war wie jetzt, wo der
Mensch in den Zwanziger jahren ein fertiges Wesen wkd, wo er nicht
mehr abhangig bleibt von seiner physischen Organisation. Die phy-
sische Organisation gibt ihm dann nichts mehr. Das war nicht der
Fall in alten Zeiten, sagte ich. Da gab die physische Organisation
selbst die Weisheit den Menschen in die Seelen herein bis in die
Fiinfzigerjahre hinauf. Da war man in der zweiten Lebenshalfte auch
ohne besondere okkulte Entwickelung in die Moglichkeit versetzt,
auf elementare Art aus der korperlichen Entwickelung die Krafte
herauszusaugen, um zu einer gewissen Weisheit und Willensent-
wickelung zu kommen. Ich habe Sie aufmerksam gemacht, was das
bedeutete fiir die alten indischen oder fiir die persischen Zeiten, selbst
noch fur die agyptisch-chaldaischen Zeiten, wo dann, wenn man jung
war, ein Knabe oder Madchen oder Jiingling oder Jungfrau war, man
hingewiesen werden konnte darauf: Wenn du alt wirst, hast du zu
erwarten, daB einfach durch das Altwerden hereinbricht in dein
Menschenleben dasjenige, was dir beschert ist dadurch, daB du eben
eine Entwickelung durchmachst bis zum Tode hin. - Auch das war
gegeben, daB man mit Ehrfurcht zum Alter hinaufsah, weil man sich
sagte: Es wirkt mit dem Alter etwas herein in das Leben, was man
noch nicht wissen kann, nicht wollen kann, wenn man noch ein junger
Mensch ist. - Das gab dem ganzen sozialen Leben eine gewisse Struk-
tur, die eigentlich erst aufhorte, als das wahrend der griechisch-latei-
nischen Zeit zuriickging bis in die mittleren Lebensjahre des Men-
schen. Bis in die Fiinfziger jahre war in der urindischen Kultur der
Mensch entwickelungsfahig. Dann verjiingte sich der Mensch, also
ging das Alter des Menschengeschlechtes, das heiBt, diese Entwik-
kelungsfahigkeit zuriick bis zum Ende der Vierzigerjahre wahrend der
urpersischen Zeit, und nur noch zwischen dem funfunddreiBigsten
bis zweiundvierzigsten Jahre wirkte sie wahrend der agyptisch-
chaldaischen Zeit. Wahrend der griechisch-lateinischen Zeit war der
Mensch nur entwickelungsfahig zwischen dem achtundzwanzigsten
und funfunddreiBigsten Jahre. In der Zeit, als das Mysterium von
Golgatha geschah, war der Mensch entwickelungsfahig eben bis zum
dreiunddreiBigsten Jahre. Das ist das Wunderbare, das man in der Ent-
wickelungsgeschichte der Menschheit entdeckt: daB das Alter des
durch den Tod auf Golgatha gehenden Christus Jesus zusammenfallt
mit jenem Alter, bis zu dem die Menschheit dazumal zuriickgegangen
war. Und dann haben wir noch darauf hingewiesen, wie die Mensch-
heit immer junger und junger wird, das heiBt, bis zu einer immer ge-
ringeren Anzahl von Jahren entwickelungsfahig bleibt, wie es etwas
Besonderes bedeutet, wenn der Mensch heute gerade im charakte-
ristischen Jahre, in dem die Menschheit heute steht - im siebenund-
zwanzigsten Jahre sagte ich Ihnen -, eintritt in das offentliche Leben
und nichts anderes mitbekommen hat als dasjenige, was von auBen
bis zum siebenundzwanzigsten Jahre aufgenommen wurde. Ich fiihrte
an, wie Lloyd George gerade in dieser Beziehung der representative
Mensch unserer Zeit ist, weil er mit siebenundzwanzig Jahren in das
offentliche Leben eingetreten ist. Ungeheuer vieles folgt daraus. Sie
konnen das in der Biographie von Lloyd George nachlesen. Diese
Dinge machen aber moglich, die Verhaltnisse der Welt von innen
heraus zu durchschauen.
Nun, was ist Ihnen aber die Hauptsache, wenn Sie diesen Gesichts-
punkt, den wir da fur das Immer-Jiingerwerden des Menschen-
geschlechtes ins Auge gefaBt haben, verbinden mit den Gesichts-
punkten, die wir gerade in diesen Tagen im Zusammenhang mit dem
Weihnachtsgedanken uns vor die Seele gefuhrt haben? Das ist das
Charakteristische fiir unsere Gegenwartsentwickelung nach dem My-
sterium von Golgatha, daB wir eigentlich durch das, was dem Men-
schen von Natur zugeteilt ist, aus unserem Organismus heraus nichts
gewinnen konnen von den DreiBiger jahren an. Wiirde nicht das
Mysterium von Golgatha eingetreten sein, wir wiirden gewisser-
maBen von unseren DreiBigerjahren an hier auf der Erde herumgehen
und wiirden uns dann sagen : Eigentlich leben wir ja nur richtig bis so
zum zweiunddreiBigsten, dreiunddreiBigsten Jahre hochstens. Da
gibt uns unser Organismus die Moglichkeit des Lebens. Dann konn-
ten wir ebensogut sterben. Denn durch den Naturlauf, durch die
elementarischen Naturereignisse konnen wir nichts mehr durch die
Impulse unseres Organismus fiir unsere seelische Entwickelung ge-
winnen. - Das wiirden wir sagen rmissen, wenn das Mysterium von
Golgatha nicht eingetreten ware. Voll miiBte die Erde sein, wenn
dieses Mysterium von Golgatha nicht eingetreten ware, von den
Klagen der Menschen, die dahingingen, daB die Menschen sagten:
Was habe ich eigentlich von meinem Leben vom dreiunddreiBigsten
Lebensjahre an! Bis dahin ist es moglich, daB mir mein Organismus
etwas gibt. Von da ab konnte ich ebensogut tot sein, ich gehe eigent-
lich als ein lebendiger Leichnam hier auf der Erde herum. - Das wiir-
den viele Menschen empfinden, daB sie wie ein lebendiger Leichnam
auf der Erde herumgehen wiirden, wenn dieses Mysterium von Gol-
gatha nicht eingetteten ware. Aber dieses Mysterium von Golgatha
soil eben audi noch fruchtbar gemacht werden. Wir sollen nicht bloB
unbewuBt, wie es fur die Menschen der Fall ist, in uns den Impuls
von Golgatha aufnehmen, sondern wir sollen inn bewuBt aufnehmen.
Wir sollen bewuBt ihn so aufnehmen, daB wir gewissermaBen durch
den Impuls von Golgatha jugendfrisch bleiben bis in das Alter hinein.
Und er kann uns gesund und jugendfrisch erhalten, wenn wir ihn
in der richtigen Weise bewuBt aufnehmen. Und wir werden uns
dann auch dieses Erfrischenden des Mysteriums von Golgatha fur
unser Leben bewuBt werden. Und das ist wichtig, meine lieben
Freunde !
Sie sehen also, dieses Mysterium von Golgatha kann als etwas sehr,
sehr Lebendiges innerhalb unseres irdischen Lebenslaufes aufgefaBt
werden. Ich sagte vorhin, die Menschen sind am meisten veranlagt
in der Lebensmitte, so um das dreiunddreiBigste Jahr herum, fur die
Briiderlichkeit. Aber sie bilden nicht immer diese Briiderlichkeit aus.
Hier haben Sie den Grund in dem, was ich eben gesagt habe. Die-
jenigen, die die Briiderlichkeit nicht ausbilden, bei denen es etwas
mangelt an der Briiderlichkeit, die sind eben zu wenig durchchristet.
Weil der Mensch gewissermaBen in der Lebensmitte erstirbt durch die
Krafte des Naturlaufes, kann er sowohl den Impuls, den Instinkt der
Briiderlichkeit wie namentlich den Impuls der Freiheit, den die Men-
schen heute so wenig aufnehmen, nicht ordentlich entwickeln, wenn
er nicht lebendig macht in sich Gedanken, die unmittelbar von dem
Christus-Impuls herkommen. Daher ist der Christus-Impuls unmittel-
bar, indem wir zu ihm uns hinwenden, die Anfeuerung zur Briider-
lichkeit. In dem MaBe, in dem man empfindet die Notwendigkeit der
Briiderlichkeit, durchchristet man sich. Aber der Mensch wiirde allein
wahrend des Restes der Erdenzeit - in kiinftigen Entwickelungen
wird es anders sein - nicht dahin kommen, die ganze Starke des Frei-
heitsimpulses zu entwickeln. Da tritt dasjenige in unsere Erdenent-
wickelung als Menschen ein, was beim Tode des Christus Jesus aus-
geflossen ist und sich mit der Erdenentwickelung der Menschheit
vereinigt hat. Daher ist Christus im wesentlichen auch der Fiihrer der
heutigen Menschheit zur Freiheit. Wir werden in Christo frei, wenn
wir den Christus-Impuls so verstehen, daB wir ganz darauf ein-
zugehen wis sen, daB der Christus eigentlich nicht alter werden konnte
im physischen Leib, oder nicht langer leben konnte im physischen
Leibe als bis zum dreiunddreiBigsten Jahre hin. Nehmen wir hypo-
thetisch an, er hatte langer gelebt, so wiirde er in einem physischen
Menschenleibe in die Zeit hineingelebt haben, wo dieser physische
Leib eigentlich nach der gegenwartigen Erdenentwickelung zum Er-
sterben bestimmt ist. Da wiirde er die Ersterbekrafte gerade als der
Christus aufgenommen haben. Ware er vierzig Jahre alt geworden, so
hatte er im Leibe erlebt die Ersterbekrafte. Die konnte er nicht er-
leben wollen. Er konnte nur dasjenige erleben wollen, was noch die
erfrischenden Krafte des Menschen sind. Bis dahin wirkt er, bis zum
dreiunddreiBigsten Jahre, bis zur Lebensmitte, regt als der Christus
die Briiderlichkeit an, iibergibt dann dasjenige, was in des Menschen
Kraft liegen soil, indem er ausflieBen laBt in die Entwickelung der
Menschen den Geist, dem Heiligen Geiste. Durch diesen Heiligen
Geist, diesen gesundenden Geist entwickelt sich der Mensch gegen
sein Lebensende hin zur Freiheit. So gliedert sich der Christus-
Impuls ein in dieses konkrete menschliche Leben.
Solch eine innerliche Durchdringung des Menschenwesens mit
dem Christus-Prinzip, das ist es, was als ein neuer Weihnachtsgedanke
aufgenommen werden muB vom Menschenwissen. Wissen muB man,
wie der Mensch mit der Gleichheit aus der geistigen Welt heraus-
kommt. Das ist etwas, was ihm mitgegeben wird, was gewissermaBen
aus dem Vatergott ist. Dann kann aber die Kulmination der Briider-
lichkeit in der richtigen Weise nur durch des Sohnes Hilfe und durch
den mit dem Geist vereinigten Christus die Entwickelung zum Frei-
heitsimpuls gegen den Tod hin in die Menschheitsentwkkelung ein-
treten.
Dieses Mitwirken des Christus-Impulses in der konkreten Mensch-
heitsausgestaltung, das ist dasjenige, was von jetzt ab in das BewuBt-
sein der Seelen aufgenommen werden muB. Das allein wird richtig
heilsam sein, wenn die Forderungen der Menschen immer drangender
und brennender werden in bezug darauf, wie man gestalten soil die
soziale Struktur. Aber in dieser sozialen Struktur leben Kinder, junge,
mittlere und alte Leute, und eine soziale Struktur, die alle umfaBt,
wird man nur finden konnen, wenn man weiB, daB Mensch nicht
einfach gleich Mensch ist. Das funfjahrige Kind ist Mensch, der
zwanzigjahrige Jungling, die zwanzigjahrige Jungfrau ist Mensch,
der vierzigjahrige Mensch ist Mensch, alles ist Mensch. Aber dieses
chaotische Durcheinanderwerfen, das bringt es nicht zu einer solchen
Erkenntnis des Menschen, wie sie notwendig ist, um die Forderungen
der Zukunft, der Gegenwart auch, zu erfiillen. Das chaotische Durch-
einanderwerfen bringt es hochstens dazu, daB man meint : Mensch ist
Mensch, also muB er mit zwanzig Jahren ungefahr ins Parlament ge-
wahlt werden. - Diese Dinge sind zerstorend far die wirkliche so-
ziale Struktur. Sie beruhen darauf, daB der Mensch in der Gegenwart
nicht eintreten will in die Menschenbeobachtung und das daraus
hervorgehende MenschheksbewuBtsein, welches den Menschen kon-
kret so nimmt, wie er ist. Aber konkret genommen ist die Abstraktion
Mensch, Mensch, Mensch, gar nicht vorhanden, sondern es ist immer
ein konkreter Mensch eines bestimmten Lebensalters mit bestimmten
Impulsen. Menschenerkenntnis muB erworben werden; aber sie muB
erworben werden, werin man die Entwickelung desjenigen, was als
Wesenskern im Menschen von der Geburt bis zum Tode lebt, ins
Auge faBt. Das ist etwas, was auftreten muB! Und man wird wahr-
scheinlich nur geneigt sein, solche Dinge aufzunehmen in das Mensch-
heksbewuBtsein, wenn man wiederum in der Lage ist, Riickblicke
auf die Menschheitsentwickelung zu machen.
Gestern habe ich Sie hingewiesen auf etwas, was in die Mensch-
heitsentwickelung eingetreten ist mit dem Christentum, indem das
Christentum gewissermaBen herausgeboren ist aus der judischen Seele,
aus dem griechischen Geist, aus dem romischen Leib. Das sind ge-
wissermaBen die Hiillen des Christentums geworden. Aber im Christen-
tum ist das lebendige Ich darinnen, und das kann wiederum abge-
sondert betrachtet werden, indem man zuruckblickt auf diese Geburt
des Christentums. Fur die auBere Geschichtsschreibung ist diese
Geburt des Christentums ziemlich chaotisch geworden. Dasjenige,
was heute gewohnlich - sei es von katholischer, sei es von protestan-
tischer Seite - geschrieben wird iiber die ersten Jahrhunderte des
Christentums, ist eine ziemlich chaotische Weisheit. Manches, was
gelebt hat in den ersten Jahrhunderten des Christentums, ist iiber-
haupt gerade fur die Theologen der Gegenwart seiner eigentlichen
Wesenheit nach entweder ganz vergessen oder zu einem Horror,
konnte man sagen, geworden. Denn lesen Sie nur nach, in welche
sonderbaren Konvulsionen des Intellektuellen, Konvulsionen, daB
die Leute fast schon, mochte ich sagen, bis zu einer Art intellektueller
Epilepsie kommen, wenn sie charakterisieren sollen dasjenige, was
in den ersten Jahrhunderten des Christentums als Gnosis gelebt hat.
Das ist schon so eine Art Teufel, so etwas Damonisches, etwas, das
man nur ja nicht ordentlich hereinlassen soil in das menschliche Leben,
diese Gnosis ! Und wenn nun gar solch ein Theologe oder sonstiger
offizieller Vertreter dieses oder jenes Bekenntnisses die Anthroposo-
phie anschuldigen kann, daB sie etwas gemein hatte mit der Gnosis,
dann glaubt er schon, das Allerschlimmste gesagt zu haben.
Nun, alldem Hegt aber zugrunde, daB in den ersten Jahrhunderten
der Entwickelung des Christentums diese Gnosis in der Tat viel be-
deutsamer in das geistige Leben der europaischen Menschheit ein-
grifF, soweit sie dazumal fur die Zivilisation in Betracht kam, als man
heute glaubt. Man hat auf der einen Seite gar keine Vorstellung davon,
was diese Gnosis eigentlich war, und hat auf der andern Seite, ich
mochte sagen, eine geheimnisvolle Furcht. Es ist diese Gnosis fur die
meisten gegenwartigen offiziellen Vertreter dieses oder jenes Reli-
gionsbekenntnisses etwas Horribles. Man kann sie aber nun wirklich
betrachten ohne besondere Sympathie und Antipathie, rein als etwas
Tatsachliches. Dann muB man die Sache wohl geisteswissenschaftlich
studieren, weil die auBere Geschichte nicht viel bietet. Die kirchliche
Entwickelung des Abendlandes hat dafiir gesorgt, daB eigentlich alle
historischen Denkmaler dieser Gnosis mit Stumpf und Stiel ziemlich
ausgerottet wurden. Es ist nur weniges, wie Sie wissen, und was nur
ein unklares Bild von der Gnosis wiedergibt, wie die «Pistis Sophia »
und dergleichen, iibriggeblieben. Sonst weiB man aus der Gnosis nur
die Satze, die von den Kirchenvatern widerlegt werden. Also im
Grunde genommen kennt man die Gnosis nur aus der Schriftstellerei
der Gegner; wahrend das, was auBerlich historisch eine Vorstellung
von ihr geben konnte, ziemlich mit Stumpf und Stiel ausgerottet
worden ist.
Nun wiirde aber ein verstandiges Betrachten der theologischen
Entwickelung des Abendlandes - nur findet ein solches verstandiges
Betrachten in der Regel nicht statt - die Menschen auch auf diesem
Punkte nachdenklicher machen. Man wiirde zum Beispiel, wenn man
verstandig die Entwickelung der christlichen Dogmatik betrachtete,
darauf kommen, daB diese christliche Dogmatik doch noch in etwas
anderem wurzeln musse als in irgendeiner bloBen Willkiir oder der-
gleichen. Im Grunde wurzeln diese Dogmen alle in der Gnosis. Nur
ist das Lebendige der Gnosis abgestreift worden und die abstrakten
Gedanken und Begriffshiilsen sind geblieben, so daB man in den Dog-
men diesen lebendigen Ursprung nicht mehr erkennt. Dieser lebendige
Ursprung liegt aber eigentlich in der Gnosis. Wenn Sie die Gnosis,
soweit sie geisteswissenschaftlich studiert werden kann, wirklich ver-
folgen, dann wirft das einem auch ein gewisses Iicht auf die wenigen
Dinge, die historisch iibriggelassen worden sind von den Gegnern der
Gnosis. Und dann sagen Sie sich wahrscheinlich : Diese Gnosis weist
hin auf die ganz ausgebreitete, sehr konkrete atavistische Hellseher-
weltanschauung der alten Zeiten, die in ihren Resten noch ziemlich
vorhanden war in der Zeit des ersten nachatlantischen Kulturzeit-
raumes, im zweiten schon weniger; dann, als im dritten die letzten
Reste des alten Hellsehertums iiber die Welt verloren worden sind,
sind sie eben in der Gnosis in einem wunderbaren Begriffssystem, das
aber ganz auBerordentlich bildlich ist, zutage getreten. Wer von
diesem Punkte aus die Gnosis ansieht, wer in der Lage ist, auch nur
historisch zuriickzugehen zu den sparlkhen Resten, die dann in der
heidnischen Gnosis reichlicher als in der christlichen Literatur zutage
gefordert werden konnen, der findet, daB in dieser Gnosis tatsachlich
wunderbare Weisheitsschatze schon da waren, eine Weisheit, die sich
auf eine Welt bezog, von der die Menschen gegenwartig iiberhaupt
nichts wissen wollen. So daB es gar nicht zu verwundern ist, daB selbst
gutmeinende Menschen mit der alten Gnosis nicht viel anzufangen
wissen, etwa solche Menschen wie der Professor Jeremias in Leipzig,
der ja willig ware, auf die Dinge einzugehen; aber er kann keine
Vorstellung erwerben, auf was sich eigentlich diese alten Begriffe be-
ziehen, auf was es sich bezieht, wenn da gesprochen wird von einem
geistigen Wesen Jaldabaoth, das in einem gewissen Hochmut sich
aufgeworfen hatte zum Herrn der Welt, dann von seiner Mutter
zurechtgewiesen worden ware und so weiter. Solche machtigen Bilder
strahlen herein selbst aus dem historisch Auf bewahrten, solche mach-
tige Bilder wie dieses, wo wirklich Jaldabaoth sagt : Ich bin Vatergott,
uber mir ist niemand. - Und die Mutter erwidert: Luge nicht, iiber
dir ist der Vater von allem, der erste Mensch und des Menschen Sohn.
- Da rief - so wird weiter erzahlt - Jaldabaoth seine sechs Mitarbeiter,
und sie sprachen: LaBt uns den Menschen machen nach unserem
Bilde.
Da haben Sie einen merkwiirdigen Dialog zwischen Jaldabaoth
und seiner Mutter, und dann das Heranrufen der sechs andern Mit-
arbeiter, die zu dem EntschluB kommen: LaBt uns den Menschen
machen nach unserem Bilde. - Aber solche Bilder, solche Imagina-
tionen, die eigentlich ganz anschaulich sind, sie waren zahlreich und
umfangreich vorhanden in dem, was als Gnosis herrschte. Man hat
im Alten Testament eigentlich nur Reste: diejenigen Reste, die die
jiidische Oberlieferung behalten hat, von einer umfangreichen Bilder-
weisheit, die in der alten Gnosis enthalten war, vorzugsweise im
Oriente lebte, deren Strahlen aber heriiberwirkten ins Abendland,
und die eigentlich erst im 3., 4. Jahrhundert fur das Abendland mehr
oder weniger verglommen sind, dann noch nachgewirkt haben bei
den Waldensern und Katharern, aber doch verglommen sind.
Wie es ausgeschaut hat in den ersten christlichen Jahrhunderten in
den Seelen der Menschen, in denen nicht etwa bloB die Vorstellungen
lebten, die heute bei den Katholiken leben, sondern in denen durchaus
Nachklange dieser machtigen Bilderwelt der Gnosis lebendig waren,
davon machen sich die heutigen Menschen nicht viele Begriffe. Es
sieht ungeheuer anders aus, wenn man zuriickschaut in das, was in den
Seelen der ersten Jahrhunderte innerhalb der europaischen zivilisierten
Lander lebte, ungeheuer anders, als wenn man in die Bucher hinein-
sieht, welche die kirchlichen und weltlichen Theologen und sonstigen
Gelehrten iiber diese ersten Jahrhunderte schrieben. Denn fat diese
Biicher fallt all das fort, was lebendig war in solchen machtigen, ge-
waltigen Bildern, die sich, wie gesagt, auf eine Welt bezogen, von der
sich die heutigen Menschen keine Vorstellung machen. Daher weiB
ein im Sinne der heutigen Bildung ausgebildeter Mensch nichts an-
zufangen mit diesen Begriffen, die da zu ihm hemberkommen. Den
Jaldabaoth, dessen Mutter, die sechs Mitarbeiter, andere Dinge, die
auftreten: er weiB sie auf nichts anzuwenden. Sie sind Worte, sind
Worthiilsen ; er weiB nicht, worauf sie sich beziehen. Und noch weniger
weiB er, wie die Menschen einmal dazu gekommen sind, solche Vor-
stellungen sich zu bilden. Daher kann der moderne Mensch nicht
anders als sich sagen: Nun, die alten Orientalen haben eine starke
Phantasie gehabt, die haben das alles phantastisch ausgebildet! -
Man ist immer nur sehr verwundert dariiber, daB diese Herren gar
keine Ahnung davon haben, wie eigentlich der elementarisch lebende
Mensch wenig Phantasie hat, wie diese Phantasie zum Beispiel bei
den Bauern eine ungeheuer geringe Rolle spielt. In dieser Beziehung
haben a\ich die Mythenforscher Ungeheures geleistet. Sie haben nam-
lich ausgedacht, wie die einfachen Leute die ziehenden Wolken, die
vom Winde getriebenen Wolken phantastisch zu alien moglichen We-
sen umgestaltet haben und so weiter. Die Leute haben keine Ahnung
davon, wie eigentlich die Menschen, denen sie das zuschreiben, in
ihrer Seele beschaffen sind, daB diese so weit wie nur irgend moglich
entfernt sind, in solcher Weise poetisch das auszugestalten. Die
Phantasie herrscht nur in den Kreisen der Mythologen, der Gelehrten,
die so etwas ausdenken. Das ist wirkliche Phantasie.
Das, was die Leute sich so ausgedacht haben als den Ursprung der
Mythologie und so weiter, ist eben bloBer Irrtum. Und es wissen die
Menschen heute nicht, auf was eigentlich sich die Worte, die Begriffe
beziehen, von denen da gesprochen wurde. Gewisse, ich mochte
sagen, deutliche Hinweise, wie die Dinge gemeint sind, konnen daher
auch gar nicht mehr richtig bervicksichtigt werden. Plato hat die Leute
noch sehr genau darauf aufmerksam gemacht, daB der Mensch, indem
er hier im physischen Leibe lebt, sich an etwas erinnert, was er vor
diesem physischen Leben in der geistigen Welt erlebt hat. Aber mit
diesem platonischen Gedachtniswissen wissen die heutigen Philo-
sophen nichts anzufangen. Das sei auch so etwas, was Plato phan-
tasiert habe - wahrend Plato eben noch wuBte, daB die griechische
Seele schon so veranlagt war, aber nur die letzten Reste dieser Ver-
anlagung noch hatte, etwas in sich zu entwickeln, was vor der Geburt
in der geistigen Welt erlebt war. Wer zwischen Geburt und Tod nur
wahrnimmt im physischen Leibe und die Wahrnehmung mit dem
heutigen Verstande verarbeitet, der kann keinen verniinftigen Sinn
verbinden mit den Betrachtungen, die gar nicht gefaBt worden sind
im physischen Leibe zwischen Geburt und Tod, sondern die gefaBt
worden sind zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, die da durch-
lebt worden sind, bevor man geboren wurde. Da waren die Menschen
in einer Welt, in der sie reden konnten von Jaldabaoth, der sich in
Hochmut auflehnt, den seine Mutter ermahnt, der die sechs Mit-
arbeiter herbeiholt. Das ist fur den Menschen zwischen Tod und
neuer Geburt eine solche Wahrheit, wie hier fur den in den Leib ein-
gebannten Menschen Pflanzen, Tiere, Mineralien und andere Men-
schen die Welt sind, von der er redet. Und die Gnosis enthielt das-
jenige, was bei der Geburt mitgebracht wurde in die physische Welt
herein. Und bis zu einem gewissen Grade war es den Menschen mog-
lich bis zum agyptisch-chaldaischen Zeitraum hin, also bis in das
8. Jahrhundert der vorchristlichen Zeitrechnung, vieles mitzubringen
aus der Zeit, die zwischen Tod und neuer Geburt durchlebt wurde.
Was da mitgebracht wurde und in BegrifFe, in Ideen gekleidet wurde,
das ist Gnosis. Das lebte dann fort im griechisch-lateinischen Zeit-
raum, wo es nicht mehr unmittelbar wahrgenommen wurde, wo es
als ein Erbgut in Ideen noch vorhanden war, wo nur auserlesene
Geister den Ursprung wuBten, wie Plato, in einem geringen Grade
auch Aristoteks, Sokrates wuBte auch davon, Sokrates biiBte in Wirk-
lichkeit gerade dieses Wissen mit dem Tode. Da muB man den Ur-
sprung der Gnosis suchen.
Nun, wie ist es eigentlich mit diesem vierten nachatlantischen, dem
griechisch-lateinischen Zeitraume? Sehen Sie, nur sparlich konnte
man die Erinnerung an vorgeburtliche Zeit noch in das Leben herein
mitnehmen. Aber man nahm doch, und zwar in der griechischen Zeit
noch deutHch, etwas mit von dem, was man da durchlebte vor der
Geburt. Die Menschen sind heute ungeheuer stolz auf ihre Denkkraft,
aber sie konnen eigentlich mit dieser Denkkraft furchtbar wenig be-
greifen. Die heutige Denkkraft ist namlich ein Gegenstand, auf den
man nicht besonders stolz sein kann, denn es wird sehr wenig damit
begriffen. Die Denkkraft, die zum Beispiel die Griechen entwickelten,
war anderer Natur. Die war so, daB, indem man durch die Geburt
durchging, die Bilder der Erlebnisse vor der Geburt gewissermaBen
verlorengingen ; aber jene Denkkraft blieb noch, die man vor der
Geburt brauchte, um mit diesen Bildern einen verniinftigen Sinn zu
verbinden. Das ist das Eigentiimliche bei dem griechischen Denken,
daB es namlich ganz verschieden ist von unserem sogenannten norma-
len Denken. Denn dieses griechische Denken ist das, was man lernen
kann an dem Verarbeiten der Imaginationen, die man gehabt hat vor
der Geburt. An die Imaginationen vor der Geburt erinnerte man sich
wenig, aber das Wesentliche, was da blieb, war der Scharfsinn, den
man brauchte vor der Geburt, um sich zurechtzufinden in der Welt,
iiber die man sich Imaginationen machte. Und das ist gerade die Ent-
wickelung des vierten nachatlantischen Zeitraumes, der, wie Sie wis-
sen, bis in das 15. nachchristliche Jahrhundert hereinging, das ist
gerade das Wesentliche, daB diese Denkkraft abnimmt. Und jetzt im
funften Zeitraum miissen wir sie aus der Erdenkultur heraus wieder
entwickeln. Wir miissen sie langsam, stammelnd aus der naturwissen-
schaftlichen Weltanschauung heraus entwickeln. Wir sind heute im An-
fang davon. Wahrend des vierten nachatlantischen Zeitraumes, also
von 747 v.Chr. an, dann bis 1413 - dazwischen liegt das Ereignis von
Golgatha -, ist eine fortwahrende Abnahme der Denkkraft. Dann
erst wiederum steigt langsam die Denkkraft an und wird bis ins
3. Jahrtausend wiederum eine anstandige Hohe haben. Auf die heutige
Denkkraft braucht die Menschheit nicht besonders stolz zu sein. Also
die Denkkraft geht herunter. Die allerdings noch verhaltnismaBig
hoch entwickelte Denkkraft-Erbschaft hatte noch die Gedanken, mit
denen man die gnostischen Bilder ordnete und durchdrang. Sie hatte
nicht mehr in derselben Scharfe, wie zum Beispiel die Agypter oder
Babylonier, die Bilder, aber sie hatte noch die Denkkraft; diese nahm
dann allmahlich ab. Das ist das eigentiimliche Zusammenwirken in
den ersten christlichen Jahrhunderten.
Das Mysterium von Golgatha bricht herein, es wird das Christen-
tum geboren. Die abnehmende Denkkraft, die im Orient noch sehr
lebendig ist, aber auch nach Griechenland heriibergreift, sucht dieses
Ereignis zu verstehen. Die Romer haben wenig Verstandnis dafiir.
Diese Denkkraft aber sucht gewissermaBen das Ereignis von Gol-
gatha zu begreifen vom Standpunkt des Denkens vor der Geburt,
vom Standpunkt des Denkens in der geistigen Welt drinnen. Aber
jetzt tritt etwas Eigentiimliches ein: Dieses gnostische Denken, das
steht nun auch dem Mysterium von Golgatha gegeniiber. Sehen Sie
sich die gnostischen Lehren iiber das Mysterium von Golgatha an,
jene Lehren, die so horribel sind fur den heutigen, namentlich christ-
lichen Theologen: da wird vieles aus den alten atavistischen Lehren
oder aus solchen Lehren, die eben mit dieser Denkkraft durchsetzt
sind, viel GroBes und Gewaltiges iiber den Christus gesagt, das heute
ketzerisch, furchtbar ketzerisch ist. Langsam und allmahlich nimmt
diese Fahigkeit der gnostischen Denkkraft ab. Wir sehen sie noch bei
Manes im 3. Jahrhundert, und wir sehen sie noch ubergehen auf die Ka-
tharer - lauter ketzerische Leute im katholischen Sinne -: da ist eine
groBe, gewaltige, grandiose Auffassung des Mysteriums von Golgatha.
Das schmilzt merkwiirdigerweise zusammen in den ersten Jahrhunder-
ten, und man beschrankt sich darauf, moglichst wenig Denkscharfsinn
auf das Mysterium von Golgatha und sein Verstandnis zu verwenden.
Und diese zwei Dinge liegen im Kampfe: auf der einen Seite die
gnostische Lehre, mit einem machtigen spirituellen Denken das Myste-
rium von Golgatha begreifen wollend s und dann das andere, rechnend
mit dem, was kommen soil, rechnend mit der nicht mehr vorhandenen
Denkkraft, mit dem unscharfsinnigen Denken - daher moglichst ab-
strakt, so wenig wie moglich gebend, um das Mysterium von Golgatha
zu verstehen. Es schrumpft das Geheimnis von Golgatha als kos-
misches Geheimnis fast in die paar Satze zusammen, die den Anfang
des Johannes-Evangeliums Widen : vom Logos und seinem Eintritt in
die Welt und seinem Schicksal in der Welt - moglichst wenig Begriffe,
denn es soil gerechnet werden mit dem, was abfallende Denkkraft ist.
Und so sehen wir, wie die gnostische Auffassung des Christentums
verglimmt, wie auf kommt eine andere Auffassung des Christentums,
die wenig, moglichst wenige Begriffe geltend machen will. Aber
naturlich geht eines in das andere uber. Solche Begriffe wie das
Trinitatsdogma oder andere Dogmen werden heriibergenommen aus
gnostischen Anschauungen und eben hier verabstrahiert, in Begriffs-
hiilsen gebracht. Aber das eigentlich Lebendige ist das, daB imKampfe
liegt eine ungeheuer geniale gnostische Auffassung des Mysteriums
von Golgatha und jene andere, die mit moglichst wenig Begriffen
arbeitet, die damit rechnet, wie die Leute sein werden bis zum 15. Jahr-
hundert hin und wie die alte, vererbte scharfsinnige Denkkraft immer
weiter herunterkommt und eben primitiv wieder erworben werden
muB an der Betrachtung der Naturobjekte in der Naturwissenschaft.
Sie konnen es studieren von Etappe zu Etappe, Sie konnen es studieren
selbst in einem inneren Seelenkampfe, wenn Sie hinschauen auf Augu-
stinus, der in seiner Jugend bekannt wird mit dem gnostischen Mani-
chaertum, aber das nicht verdauen kann und dann sich zur sogenann-
ten Einfachheit wendet, primitive BegrifFe bildet. Die Begriffe werden
immer primitiver und primitiver. Nur geht bei Augustinus schon der
erste Morgenstrahl desjenigen auf, was nun wiederum erworben wer-
den muB: die Erkenntnis vom Menschen aus, vom konkreten Men-
schen aus. In den alten gnostischen Zeiten hat man versucht, von der
Welt auszugehen und zum Menschen hinzugehen. Nunmehr muB
vom Menschen ausgegangen werden und durch Menschenerkenntnis
wiederum Welterkenntnis erworben werden. Vom Menschen zum
Kosmos wird man kiinftig gehen miissen ; in alten Zeiten ist man vom
Kosmos zum Menschen gegangen. Ich habe das vor einiger Zeit hier
auseinandergesetzt, habe versucht diesen ersten Morgenstrahl im
Menschen zu fassen. Sie finden das zum Beispiel in den Bekenntnissen
des Augustinus, aber es ist durchaus noch chaotisch. Die Haupt-
sache, worauf es ankommt, ist, daB immer unfahiger und unfahiger
die Menschheit sich erweist, aufzunehmen dasjenige, was aus den
geistigen Welten hereinstrahlt, was in Form einer imaginativen Weis-
heit bei den Alten vorhanden war, was in der Gnosis wirkte, von der
dann zuriickblieb scharfsinnige Denkkraft, die noch bei den Griechen
vorhanden war. So daB in der griechischen Weisheit vieles, wenn es
auch in abstrakte Begriffe gebannt ist, so wirkt, daB man noch ge-
wissermaBen die Ideen hatte, die eigentlich etwas verstehen konnen
von der geistigen Welt. Das hort dann auf, man kann nichts mehr ver-
stehen von der geistigen Welt mit den Ideen, die eben verglimmen.
Es ist das merkwurdig im Griechentum, daB der heutige Mensch
sehr leicht bei den griechischen Ideen das Gefuhl haben kann : sie sind
eigentlich auf etwas ganz anderes anwendbar, als worauf sie an-
gewendet werden. Die Griechen haben noch die Ideen, aber nicht
mehr die Imaginationen. Besonders bei Aristoteles ist das so unend-
lich auffallig. Es ist sehr merkwurdig: Sie wissen, es gibt ganze
Bibliotheken iiber Aristoteles. Alles bei Aristoteles wird so oder so
ausgelegt, die Leute streiten sich selbst dariiber, ob Aristoteles ein
wiederholtes Erdenleben oder die Praexistenz angenommen habe.
Das riihrt alles davon her, weil seine Worte so oder so ausgelegt wer-
den konnen, weil Aristoteles mit einem Begriffssystem arbeitete, das
auf eine ubersinnliche Welt anwendbar 1st, aber keine Anschauung
mehr von ihr hatte. Plato hatte noch viel mehr Verstandnis dafiir,
kann daher sein Begriffssystem in jenem Sinne mehr ausarbeiten; aber
Aristoteles ist schon in abstrakten Begriffen befangen und kann daher
nicht mehr hinblicken auf dasjenige, worauf sich die Gedankenformen
beziehen, die er ausbildet. Das ist das Eigentiimliche, daB in den ersten
Jahrhunderten im Kampfe liegt eine Auffassung des Mysteriums von
Golgatha, die dieses Mysterium von Golgatha beleuchtet mit dem
Lichte der ubersinnlichen Welt, und daB dann die Notwendigkeit sich
herausbildet, die zum Fanatismus wird, dieses zuriickzuweisen. Nicht
alle durchschauen diese Dinge, aber manche. Die sie durchschauten,
behandelten sie nicht ehrlich. Zum Fanatismus fuhrte eine primitive
Auffassung des Mysteriums von Golgatha, eine Auffassung, die wiitig
darauf aus war, nur wenige Begriffe zu verwenden.
So sehen wir, daB gewissermaBen immer mehr und mehr heraus-
geworfen wird aus der christlichen Weltanschauung, iiberhaupt aus
der Weltanschauung herausgeworfen wird das ubersinnliche Denken,
das verglimmt, das auf hort. Wir konnen von Jahrhundert zu Jahr-
hundert, mochte ich sagen, verfolgen, wie den Leuten vorliegt das
Mysterium von Golgatha als ein ungeheuer Bedeutsames, das in die
Erdenentwickelung eingreift, wie ihnen aber entschwindet die Mog-
lichkeit, mit irgendwelchen Begriffssystemen dieses Mysterium von
Golgatha zu begreifen, oder iiberhaupt die Welt kosmisch zu be-
greifen. Sehen Sie auf das Werk aus dem 9. Jahrhundert, «Die Ein-
teilung der Natur » von Scotus Eriugena.Da ist nocti viel vorhanden an
Bildern, wenn sie auch verabstrahiert sind, diese Bilder eines Welten-
werdens. Vier Etappen eines Weltenwerdens fuhrt Scotus Erigena
sehr schon an, aber iiberall ungemigende Begriffe. Man sieht, er ist
nicht imstande, das Netz seiner Begriffe auszuspannen und verstand-
lich, plausibel zu machen dasjenige, was er eigentlich zusammenfassen
will. Uberall reiBen, mochte ich sagen, die Faden der Begriffe ab. Das
ist sehr interessant, wie sich dieses von Jahrhundert zu Jahrhundert
mehr zeigt, wie endlich ein Tiefstand im Spinnen von Begriffsfaden
im 15. Jahrhundert eintritt. Da beginnt dann wiederum ein Aufstieg,
der aber im Allerelementarsten steckenbleibt. Das ist interessant. Auf
der einen Seite ist das Mysterium von Golgatha da, das man eigentlich
hat, auf das man sich hinwendet mit dem Gemiit, von dem man aber
erklart: es ist nicht zu verstehen. Es wird allmahlich iiberhaupt die
Empfindung Platz greifen, daB es nicht zu verstehen ist. Auf der
andern Seite kommt die Beobachtung der Natur herauf; gerade in
dem Zeitalter kommt sie herauf, wo die Begriffe schwinden. Die Be-
obachtung der Natur tritt ein in das Leben, aber es sind keine Be-
griffe da, um die Naturerscheinungen, die in die Beobachtung des
Lebens eintreten, wirklich zu fas sen.
Das ist das Gemeinsame dieses Zeitalters in der Wende des vier-
ten zum funften nachatlantischen Zeitraum in der Mitte des Mittel-
alters, daB man weder in der auf keimenden Naturbeobachtung, noch
in dem Geoffenbarten der Heilswahrheiten gemigende Begriffe hat,
geniigende Begriffe anwenden kann. Sehen Sie, wie die damals wir-
kende Scholastik in diesem Falle ist: Sie hat auf der einen Seite die
religiose Offenbarung, aber sie kann keine Begriffe aus der Zeit-
bildung heraus gewinnen, um diese religiose Offenbarung zu ver-
arbeiten. Anwenden muB diese Scholastik den Aristotelismus ; der
muB erneuert werden. Man greift zuriick zum Griechentum, zu Ari-
stoteles, um diese BegrifFe zu haben, um damit die religiosen OfFen-
barungen zu durchdringen. Und mit dem griechischen Verstande ver-
arbeitet man die religiosen OfFenbarungen, weil die Zeitbildung, wenn
ich mich des paradoxen Ausdruckes bedienen soil, keinen Verstand
hat. Und gerade diejenigen, die am ehrlichsten wirken in dieser Zeit,
die Scholastiker, die bedienen sich nicht des Zeitverstandes, weil er
nicht da ist in jener Zeit, weil er nicht zur Zeitkultur gehort. Sie neh-
men sowohl zur Naturerklarung - das ist das Wesentliche im 10., 11.,
12., 13., 14., 15. Jahrhundert, daB gerade die ehrlichsten der Schola-
stiker dies zur Naturerklarung nehmen - und ebenso zur Ausgestal-
tung religioser Offenbarungen alte aristotelische BegrifFe. Dann erst
kommt, wie aus grauer Geistestiefe herauf, wiederum bis heute noch
nicht sehr weit entwickelt, ein selbstandiges Denken : das kopernika-
nische, galileische Denken, das sich weiter ausbilden muB, um sich
nun wiederum zu erheben in ubersinnliche Regionen.
So kann man in die Seele, gewissermaBen in das Ich des Christen-
tums hineinblicken, das sich nur umhullt hat mit der jiidischen Seele,
dem griechischen Geist, dem romischen Leib. Aber dieses Christen-
tum selbst muBte seinem Ich nach Rechnung tragen dem Verglimmen
des iibersinnlichen Verstandnisses und daher gewissermaBen zu-
sammenschrumpfen lassen die umfassende gnostische Weisheit, man
kann schon sagen, zu dem wenigen, was den Anfang des Johannes-
Evangeliums bildet. Denn im wesentlichen besteht die Entwickelung
des Christentums in dem Sieg der Johannes-Evangeliumworte iiber
die Gnosis. Dann ist natiirlich alles in Fanatismus iibergegangen und
die Gnosis ist mit Stumpf und Stiel ausgerottet worden.
Das sind auch Dinge, die zu der Geburt des Christentums gehoren.
Das ist etwas, was man beriicksichtigen muB, wenn man so recht den
Impuls in sich aufnehmen will fur das neu sich entwickeln miissende
MenschheitsbewuBtsein, fur den neuen Weihnachtsgedanken. Wir
miissen wiederum zu einer Art von Erkenntnis kommen, die sich auf
das Ubersinnliche bezieht. Dazu miissen wir das in das Menschen-
wesen hereinwirkende Ubersinnliche durchschauen, damit wir es er-
weitern konnen in das Kosmische hinaus. Wir miissen Anthropo-
sophie, Menschenweisheit erringen, die kosmisches Empfinden wie-
derum erzeugen kann. Und das ist der Weg. In alten Zeiten konnte
der Mensch die Welt uberschauen, indem er durch die Geburt mit den
Erinnerungen an die Erlebnisse ins Dasein hereintrat, die er vor der
Geburt gehabt hat. Da war ihm diese Welt, die ein Abbild ist der
Geisteswelt, eine Antwort auf Fragen, die er mitgebracht hat durch
die Geburt ins Dasein. Jetzt steht der Mensch dieser Welt gegeniiber,
bringt nichts mit, muB mit so primitiven BegrifFen arbeiten wie
denen, mit welchen etwa die heutige Naturanschauung arbeitet. Aber
er muB sich wiederum hinaufarbeiten, er muB jetzt vom Menschen
ausgehen, um vom Menschen zum Kosmos aufzusteigen. Im Men-
schen muB die Erkenntnis des Kosmos geboren werden. Dies ist auch
etwas vom Weihnachtsgedanken, wie er sich in der Gegenwart aus-
bilden soli, damit er in die Zukunft hinein fruchtbar werden kann.
VIERTER VORTRAG
Dornach, 27.Dezember 1918
Vorgestern ist hier versucht worden, hinzuweisen auf die Impulse,
aus denen sich das Christentum herausentwickelt hat. Wir konnten
sehen, wie das eigentliche Ich des Christentums, das Zentrale des
Christentums sich gewissermaBen verleiblicht hat - man kann das
natiirlich nicht gut sagen, aber vergleichsweise kann man es sagen -
in drei Elementen: in der althebraischen Seele, in dem griechischen
Geist, in dem romischen Leib. Nun wollen wir, um die Anwendung
pflegen zu konnen, um von der Anwendung des christlichen Ge-
dankens auf die unmittelbare Gegenwart sprechen zu konnen, diese
Betrachtung zunachst noch etwas fortsetzen, wollen gewissermaBen
iiber dieses Innere, dieses Zentrale des Christentums heute noch
einige Einblicke zu gewinnen versuchen.
Wenn man auf die Entwickelung des Christentums eingehen will,
so kann man es nicht anders - und Sie sehen das schon aus meinem
Buche «Das Christentum als mystische Tatsache» -, als indem man
auch zeigt, inwiefern sich das Christentum aus dem Mysterienwesen
der vorchristlichen Zeit heraus entwickelt hat. Es ist heute im all-
gemeinen nicht leicht, iiber das Mysterienwesen zu sprechen aus dem
Grunde, weil im Entwickelung sgange der Menschheit - durch not-
wendige GesetzmaBigkeit ist dies bedingt - gerade der Zeitpunkt, die
Epoche, besser gesagt, eingetreten ist, in gewissem Sinne stecken wir
noch drinnen, in der das Mysterienwesen zuriickgegangen ist, in der es
nicht mehr jene Rolle spielen kann, die es zum Beispiele gespielt hat in
der Zeit, in der sich das Christentum, so wie aus anderem, so auch aus
dem Mysterienwesen heraus entwickelt hat. DaB das Mysterienwesen
in unserer Zeit zuriickgegangen ist, hat seine gute Begriindung, und
wir werden gerade in Anlehnung an das heute und in den nachsten
Tagen zu Besprechende auf diese Begriindung eingehen und auch sehen
konnen, in welcher Weise dieses Mysterienwesen neu zu begriinden ist.
Dasjenige, was in alten Zeiten - ich spreche also zunachst von vor-
christlichen Zeiten, sagen wir zunachst von der vorchristlichen grie-
chischen und der vorchristlichen agyptisch-chaldaischen Zeit was
in diesen alten Zeiten die Menschen zu dem Mysterienwesen ge-
trieben hat, das ist der Umstand, daB sie durch ihre damalige Welt-
anschauung gezwungen waren, die Uberzeugung in sich aufzu-
nehmen : die Welt, die ringsherum sich um sie ausbreitet, ist nicht un-
mittelbar die wahre Welt; man muB Mittel und Wege suchen, um in
die wahte Welt als Mensch einzudringen. Eine starke Empfindung
von einer gewissen Tatsache war den Menschen jenet alten Zeiten
eigen, die sich iiberhaupt irgendwelche Ratsel der Erkenntnis vor-
legten. Die Tatsache war diesen Menschen bekannt, daB - wie man
sich auch mit auBeren Anschauungen bemuhen mag, in das Wesen
der Welt einzudringen - man in dieses Wesen der Welt durch auBere
Anschauung nicht eindringen konne. Man muB, um das ganze Ge-
wicht dieser Erkenntnis jener alten Zeiten sich vor die Seele zu
riicken, sogar beriicksichtigen, daB wir von Zeiten sprechen, in denen
die weitaus groBte Anzahl der Menschen sogar noch eine voile auBere
Anschauung hatte von geistigen elementaren Tatsachen. Es war nicht
so fur diese Menschen, wie es heute fur die groBe Mehrzahl der Men-
schen ist, daB sie nur die Impression der auBeren Sinne wahrnahmen;
sie nahmen noch geistig Wesenhaftes wahr, diese Leute, gewisser-
maBen durch die Naturerscheinungen hindurch. Sie nahmen auch
Wirkungen wahr, die sich durchaus nicht erschopften in dem, was
wir heute Naturvorgange nennen. Dennoch, trotzdem diese Leute von
der OfFenbarung von elementarischen Geistern iiberhaupt in der
Natur sprachen, waren sie doch tief davon durchdrungen, daB diese
Anschauungen der auBeren Welt - und seien sie noch so hellseherisch-
zum wahren Wesen dieser Welt nicht fuhren konnen, daB dieses
wahre Wesen der Welt auf besonderem Wege gesucht werden musse.
Diese besonderen Wege sind dann schon zusammengefaBt in der
griechischen Weltanschauung in dem Worte «Erkenne dich selbst».
Sucht man nach der eigentlichen Bedeutung dieses Wortes «Er-
kenne dich selbst», so wird man etwa das Folgende finden. Man wird
jSnden, daB die Kraft dieses Wortes hervorgegangen ist aus der Ein-
sicht, daB, wie weit man auch die AuBenwelt iiberblicken mag, wie
weit man auch eindringen mag in die AuBenwelt, man nicht nur nicht
das Wesen dieser AuBenwelt selbst findet, sondern man findet auch
nicht das Wesen des Menschen. Einfach mit Worten der heutigen
Weltanschauung ausgesprochen, konnte man sagen: Diese Leute
waren davon iiberzeugt, Naturanschauung kann keine Aufklarung
geben iiber das Wesen des Menschen. Dagegen waren sie auf der
andern Seite davon iiberzeugt, daB dieses Wesen des Menschen zu-
sammenhangt mit der ganzen in der Welt ausgebreiteten Natur, daB
also, wenn es dem Menschen gelingt, in sein eigenes Wesen einzu-
dringen, er imstande ware, durch die Erkenntnis seines eigenen
Wesens auch iiber diese Welt etwas Wesenhaftes zu wissen. Aus der
Welt, davon waren sie iiberzeugt, konnen sie zunachst nicht iiber
dieses Wesen der Welt sich auf klaren. Aber aus dem Wesen des Men-
schen, der ja ein Glied dieser Welt ist, konnen sie, wenn sie es er-
kennen konnen, auch iiber das Wesen der Welt Aufklarung gewinnen.
Daher: Erkenne dich selbst, um die Welt zu erkennen. - Das war ge-
wissermaBen der Impuls. Und das war der Impuls, der zugrunde lag,
nun, sagen wir der agyptisch-chaldaischen Einweihung. - Alle Ein-
weihung geht iiber Stufen - man ist gewohnt geworden, sie Grade zu
nennen geht iiber Stufen, iiber Grade hinauf. Nun bezeichnet man
die erste Stufe, den ersten Grad der agyptisch-chaldaischen Ein-
weihung, mit einem Worte: der Einzuweihende habe zunachst zu
gehen durch das «Tor des Menschen ». Das war gewissermaBen die
erste Stufe : der Durchgang durch das Tor des Menschen. Das heiBt,
der Mensch selber sollte zum Tore der Erkenntnis gemacht werden.
Der Mensch sollte erkannt werden, weil, wenn man an diesem Ein-
gangstor in die Welt am Menschen selbst das Wesen des Menschen
erkennt, man auch in das Wesen der Welt auf dem Umweg durch den
Menschen eindringen kann. Daher ist « Erkenne dich selbst » gleich-
bedeutend mit Eintreten in das Weltenwesen durch das Tor des
Menschen.
Nun habe ich heute nicht vor, in vielen Einzelheiten iiber diese
verschiedenen Stufen der Einweihung zu sprechen, sondern mochte
dasjenige hervorheben, was wesentlich ist zur Erfassung des Christen-
tums. Betrachten Sie also dasjenige, was ich nunmehr sagen werde,
nicht als eine erschopfende Darstellung des Wesens der Einweihungs-
grade, sondern betrachten Sie es als ausgesprochen, um einzelne
charakteristische Eigenschaften dieser Einweihungsgrade der agyp-
tisch-chaldaischen Einweihung hervorzuheben, die besonders vor-
bereitend wirken konnten und wit klich vorbereitend wirkten auf die
Entwickelung des Wesens des Christentums.
Dasjenige, was der Einzuweihende am Tore des Menschen er-
kennen sollte, das war also das Wesen des Menschen selbst. Das war
etwas, was er nicht finden konnte - wie weit und wie genau er sich
auch umschaute - in dem, was ihm die auBere Welt zeigte. Man war in
den Mysterien sich klar dariiber, daB in der Menschennatur etwas
zuriickgeblieben war von den Geheimnissen des Daseins, die man in
dieser Menschennatur mit Menschenmitteln finden konnte, die man
aber nicht finden kann, wenn man den Blick auf die AuBenwelt
richtet. Davon waren diese Menschen uberzeugt. Richtet man den
Blick auf die AuBenwelt, so findet man allerdings zunachst die um
den Menschen herum sich ausbreitende irdische Naturwesenheit.
Allein diese irdische Naturwesenheit ist gewissermaBen nur eine Art
von Schleier, von Hiille, insofern sie der Mensch erkennt. Und auch
dasjenige, was heute etwa schon die Naturwissenschaft zu sagen hat
iiber diese auBere Natur, wie sie sich darbietet, ist durch seine eigene
Wesenheit so, daB es durchaus nicht iiber sich selbst aufklart. Dann
konnte der Mensch den Blick richten - und in jenen alten Zeiten tat
man das viel intensiver, als man das heute tut - aufwarts von der
auBeren Natur, die er hier auf der Erde in seiner Umgebung erblickt,
auf die Sternenwelt. Da sah er mancherlei, von dem er in jenen alten
Zeiten gut wuBte - ein Wissen, das fur die auBere Welt heute ver-
lorengegangen ist -, daB der Mensch ebenso damit in Verbindung
steht, wie er mit dem Pflanzen-, mit dem Tierreich und dem minera-
lischen Reiche hier auf der Erde in Verbindung steht. Man wuBte,
daB der Mensch, ebenso wie er aus den Reichen der Natur auf der
Erde herausgeboren ist, mit irgend etwas in sich auch aus dem auBer-
tellurischen, dem auBerirdischen Kosmos herausgeboren ist. Aller-
dings, das, was den Menschen mit diesem auBertellurischen, auBer-
irdischen Kosmos vereint, das stellte sich fur die Erkenntnis ein,
wenn der Mensch durch das Tor des Menschen ging. In sich trug der
Mensch gewissermaBen die Uberreste eines Zusammenhanges, aus
denen er sich losgelost hatte beim Ubergang der Mondennatur zur
Erdennatur. Er trug in sich die Uberreste seines Zusammenhanges
mit dem auBerirdischen Kosmos. Der Mensch wurde also zum Tore
des Menschen gefuhrt; er sollte da den Menschen selbst kennen-
lernen. Er lernte dasjenige, was er nur auBerlich anstarren konnte,
namendich in der Sternenwelt, in sich selbst kennen.
Er lernte in sich selbst kennen, wie er als eigentlicher Mensch nicht
nur eingegliedert ist in einen irdischen Leib, der aus den Reichen der
Erdennatur zusammengesetzt ist, sondern er lernte auch kennen, wie
in sein ganzes menschliches Wesen eingeflossen ist dasjenige, was von
der gesamten auBerirdischen Sternenwelt ausgeht. Der Mensch ent-
deckte durch seine Selbsterkenntnis, konnte man sagen, die Natur des
Sternenhimmels. Er lernte kennen, wie er von Stufe zu Stufe herab-
gestiegen ist, gewissermaBen von Himmel zu Himmel herabgestiegen
ist, bevor er auf der Erde angelangt ist und in einem irdischen Leibe
verkorpert wurde. Und er sollte beim Tore des Menschen diese Stu-
fen - ihrer acht wurden gewohnlich auf gefuhrt - wieder hinaufsteigen.
Er sollte gewissermaBen wahrend seiner Einweihung den Riickweg
antreten durch diejenigen Stufen hindurch, durch die er herab-
gestiegen ist, bis er hier in einem physischen Leibe geboren worden ist.
Solch eine Erkenntnis kann nicht erworben werden - ich spreche
jetzt immer von vorchristlicher Mysterienerkenntnis -, ohne daB das
ganze Wesen des Menschen ergriffen wird. Die Vorbereitung, die
der Einzuweihende in jenen Zeiten durchzumachen hatte, von ihr
macht sich der heutige Mensch nicht gern einen Begriff - ich wahle
meine Worte so, daB sie moglichst genau die Tatsache ausdriicken -,
weil er durch diese BegrifTe irritiert wird. Der Mensch mochte heute
womoglich auch die Einweihung durchmachen wie etwas, was man
so gelegentlich mitnimmt auf seinen Lebensweg, was man so nebenher
absolviert. Er mochte sich informieren - wie man das heute nennt -
iiber das, was zu den Erkenntnissen fiihrt; er mochte jedenfalls, der
heutige Mensch, nicht gern das erleben, was jene alten Leute, die
die Einweihung suchten, erleben muBten. In seiner ganzen mensch-
lichen Wesenheit von der Vorbereitung zur Erkenntnis ergriffen wer-
den, ein anderer Mensch werden, das mochte er nicht gern. Diese
Leute aber muBten sich dazu entschlieBen, ein anderer Mensch zu
werden. Die Beschreibungen, die Sie sehr haufig iiber dieses alte
Mysterienwesen jfinden, geben Ihnen nur einen unklaren Begriff, denn
diese Beschreibungen sind meistens so gehalten, daB man die Vor-
stellung bekommt, es waren diese alten Einweihungen auch so neben-
her an den Menschen voriibergegangen wie etwa die sogenannten
Einweihungen der modernen Freimaurerei. Das ist aber nicht der
FalL Man hat es auch da, wo alte Einweihungen nachgeahmt werden
in der Gegenwart, nur zu tun mit allerlei Nachbildungen desjenigen,
was in jenen alten Zeiten wirklich durchlebt worden ist, mit Nach-
bildungen, die wirklich so nebenher, wie es der moderne Mensch
wiinscht, im Leben absolviert werden konnen. Dasjenige aber, was
fur den alten Menschen wesentliche Vorbereitung war, das war, daB
er durchzumachen hatte jenen inneren Seelenzustand, der sich nur
mit einem Worte dadurch bezeichnen laBt, daB man sagt: er muBte
durchgefuhrt werden in starkstem MaBe durch jene Furcht, welche
der Mensch immer empfindet, wenn er wahrhaftig und wirklich vor
ein ihm ganzlich Unbekanntes gefuhrt wird mit vollem BewuBtsein.
Das war gerade das Wesentliche bei den alten Einweihungen, daB die
Menschen wirklich am intensivsten die Empfindung in sich aufzu-
nehmen hatten: sie stehen vor etwas, wovor sie nicht stehen konnen
irgendwie im auBeren Leben.
Mit all den Seelenkraften, mit denen man im auBeren Leben auch
heute noch wirtschaftet, laBt sich diese Seelenverfassung nicht er-
reichen. Mit den Seelenkraften, die der Mensch heute gern handhabt,
mit denen kann man essen und trinken, mit denen kann man sich in
der Weise sozial bewegen, wie man das heute tut unter den heute
ublichen Menschenklassen, mit denen kann man Handel treiben,
Biirokratismus treiben, ja mit denen kann man Professor werden,
Naturwissenschaft treiben, all das, aber man kann mit diesen Fahig-
keiten nichts Wirkliches erkennen. Die Seelenverfassung, mit der
man - halten Sie das fest, daB ich immer in jenem alten Sinne spreche -
in jenen alten Zeiten erkennen wollte, ist eine wesentlich andere. Sie
durfte nichts gemein haben mit den Seelenkraften, die fur das auBere
Leben dienlich sind, die muBten sozusagen aus ganz andern Regionen
des Menschen hergenommen werden. Diese Regionen sind immer im
Menschen vorhanden, aber der Mensch hat eine heillose Furcht, sie
irgendwie zu handhaben. Geradezu voll absichtlich wurde jene Region
in Tatigkeit versetzt bei dem Einzuweihenden, die gerade der mo-
derne Mensch, der gewohnliche profane Mensch auch in der damaligen
Zeit, in sich selber mied, zu der er nicht seine Zunucht nehmen
wollte, iiber die er sich gern Illusionen macht, sich gern betauben
laBt. Daher wird das auBerlich - was aber mehr innerlich verstanden
werden sollte - geschildert als das Erregen einer Reihe von Furcht-
zustanden, die allerdings durchgemacht werden muBten, weil in der
Seele des Menschen nur das zur beabsichtigten Erkenntnis hingeleitet
werden kann, was in solcher Region liegt, vor der sich der Mensch
im gewohnlichen auBeren Leben fiirchtet. Erst aus dieser Seelen-
stimmung heraus, die wacker durchgemacht wurde, die nun wirklich
erlebt wurde, wo der Mensch in seiner Seele nichts fuhlte als Furcht
vor irgend etwas, was eben das Unbekannte war - denn er sollte erst
durch diese Furcht zur Erkenntnis hingefuhrt werden erst aus die-
sem Seelenzustand heraus wurde er dann hingefuhrt vor dasjenige,
was ich eben charakterisiert habe als das Heruntersteigen des Men-
schen durch die Regionen der Himmel oder der geistigen Welt, wo er
die acht Stufen wiederum hinaufgeleitet wurde, die naturlich heute
nur nachgemacht werden, nur nachgemacht werden konnen nach den
Gepflogenheiten unserer Zeit. Aber der Mensch wurde damals in
dieses Erlebnis tatsachlich eingefuhrt.
Fur uns ist besonders wichtig das Ergebnis, das sich fur den Men-
schen dann herausstellte, wenn er an dieses Tor des Menschen hin-
gefiihrt worden ist. Der Mensch horte auf, nachdem er begrirTen hatte
den ganzen Sinn seines Hingestelltseins vor das Tor des Menschen,
sich als das Tier - verzeihen Sie den Ausdruck - auf zwei Beinen zu
betrachten, das eine Zusammenfassung der ubrigen Naturreiche hier
auf dieser Erde ist. Er fing an, sich als ein Burger der ganzen Welt zu
betrachten, er fing an, sich zu den Himmeln zugehorig zu betrachten,
die man sehen kann, und auch zu denen, die man nicht sehen kann. Er
fing an, sich eins zu fuhlen mit dem ganzen Kosmos, sich wirklich als
Mikrokosmos zu fuhlen, nicht bloB als eine kleine Erde, sondern als
eine kleine Welt sich zu fuhlen. Er fuhlte seinen Zusammenhang mit
Planeten und Fixsternen, fuhlte sich also herausgeboren aus dem
Weltenall. GewissermaBen konnte man sagen, er fuhlte, wie sein
Wesen nicht endet bei den Fingerspitzen, den Ohrenspitzen, Zehen-
spitzen, sondern wie sein Wesen sich fortsetzt iiber diese seine von der
Erde her genommene Leiblichkeit durch die unendlichen Raume, und
durch diese unendlichen Raume noch hindurch in die Geistigkeit
hinein. Das war das Ergebnis.
Versuchen Sie nicht, dieses Ergebnis allzusehr in einen abstrakten
Begriff zu verwandeln, denn von diesem abstrakten Begriff haben Sie
wirklich nicht viel. Zu sagen, der Mensch ist ein Mikrokosmos, eine
kleine Welt, und da nur den abstrakten Gedanken zu haben, das ist
nicht sehr viel; das ist eigentlich bloB eine Illusion, bloB eine Tau-
schung. Denn dasjenige, um was es sich bei diesen alten Mysterien
handelte, war das unmittelbare Erlebnis. Wirklich hatte der Ein-
zuweihende erlebt beim Tor des Menschen, wie er verwandt ist mit
Merkur, Mars, mit der Sonne, mit dem Jupiter, mit dem Monde.
Wirklich hatte er erlebt, daB jene Hieroglyphen, die im Weltenraume
stehen und die von der Sonne durchlaufen werden - scheinbar, wie
wir heute selbstverstandlich sagen -, die Bilder des Tierkreises mit
seiner eigenen Existenz etwas zu tun haben. Erst dieses konkrete
Wissen, das auf Erlebnis beruhte, machte dasjenige aus, was ich jetzt
als Ergebnis bezeichne. Nicht hat man dasselbe, wenn man diese
Dinge heute iibersetzt in abstrakte Begriffe. Wenn man heute die
alten Erlebnisse in den abstrakten Begriff iibersetzt : dieser Stern hat
diesen EinfluB, jener Stern hat jenen EinfluB und so weiter, so sind
das eben abstrakte Begriffe. Fur jene alten Zeiten handelte es sich um
das unmittelbare Erlebnis, um das wirkliche Hinaufsteigen durch die
verschiedenen Stufen, durch die der Mensch vorgeburtlich herunter-
gestiegen ist. Erst dann, wenn der Mensch dieses lebendige BewuBt-
sein hatte, wenn er aus dem Erlebnis wuBte, daB er ein Mikrokosmos
ist, erst dann fuhlte man ihn reif, eine zweite Stufe, einen zweiten
Grad aufzusteigen, der damals der eigentliche Grad der Selbst-
erkenntnis war. Da konnte der Mensch erleben, was er selbst ist.
Dasjenige also, was ich vorhin charakterisiert habe als das Wesen,
das auch das Wesen der Welt ist, war aber fur den Menschen der
damaligen Zeit nur im Menschen selbst zu finden; daher muBte man,
wollte man im Weltenall EinlaB finden, durch das Tor des Menschen
gehen. Innerhalb dieses zweiten Grades kam gewissermaBen alles in
Bewegung, was im ersten Grade wie ein erlebtes Wissen erfahren
worden war. Dieses In-Bewegung-Kommen - es ist heute sogar
noch schwierig, eine Vorstellung zu geben von diesem In-Bewegung-
Kommen von Erlebnissen. Man lernte im zweiten Grade nicht nur
kennen, wie man zugeteilt ist dem Makrokosmos, sondern man wurde
eingesponnen in die ganze Bewegung des Makrokosmos. Man ging
gewissermaBen mit der Sonne durch den Tierkreis, man lernte kennen
dadurch, daB man mit der Sonne durch den Tierkreis ging, auch den
ganzen Weg, welchen irgendein auBerer Eindruck auf den Menschen
selber macht. Der Mensch kennt, wenn er der AuBenwelt mit dem ge-
wohnlichen Erkenntnisvermogen gegeniibersteht, nur den Anfang
eines sehr ausfiihrlichen Prozesses. Sie sehen eine Farbe, machen sich
die Vorstellung der Farbe, behalten vielleicht diese Vorstellung im
Gedachtnis, in der Erinnerung, aber weiter geht es nicht. Das sind
drei Stufen. Wenn man das als etwas Vollendetes betrachten wiirde,
so ware das gerade so, wie wenn man den Tageslauf, der zwolf
Stunden mit der Sonne hat, nur drei Stunden lang betrachten wollte.
Denn alles dasjenige, was der Mensch als eine Impression von auBen
aufnimmt, was er eigentlich hochstens bis zu der Gedachtnisvorstel-
lung verfolgt, das macht in ihm von der Gedachtnisvorstellung an
einen weiteren ProzeB durch, durch wekere neun Stufen. Der Mensch
wird sich selbst ein Bewegliches, wird innerlich gewissermaBen durch-
zogen von einem lebendigen sich drehenden Rade, wie die Sonne ihr
Himmelsrad beschreibt - scheinbar, im heutigen Begriffe gesprochen.
So lernte der Mensch sich selbst kennen. Er lernte aber damit auch die
Geheimnisse der groBen Welt kennen. Lernte er im ersten Grade
kennen, wie er drinnensteht in der Welt, so lernte er im zweiten
Grade kennen, wie er sich bewegt innerhalb der Welt.
Ohne diese Erkenntnisse als Lebenserkenntnisse ist nicht dasjenige
zu erreichen, was jeder in den dritten Grad, in die dritte Stufe Ein-
zuweihende in den alten Zeiten wirklich durchzumachen hatte. Wir
leben eben in einer Epoche, in der es dem Menschen naturlich ist,
alles Dreigliedrige, wenn ich im Mysteriensinne sprechen soil, iiber-
haupt zu leugnen, iiberhaupt aus dem menschlichen BewuBtsein alles
Dreigliedrige auszuloschen. Denn der Mensch, ob er es nun zugibt
oder nicht, pocht heute eigentlich auf die ganze Welt als in Raum und
Zeit beschlossen. Sie konnen selbst bei sehr nachdenklichen Menschen
finden, wie sie die ganze Welt in Raum und Zeit beschlossen nnden.
Sie brauchen zum Beispiel nur zu denken, wie in der Epoche des
19. Jahrhunderts, in welcher der Materialismus, der theoretische
Materialismus, seine Hochblute getrieben hat, der Unsterblichkeits-
gedanke des Menschen gefaBt worden ist. Sehr gescheite Leute in der
Mitte, in der zweiten Halfte des 19. Jahrhunderts, haben immer wieder
betont: Wenn die Seele des Menschen im Tode den Menschen ver-
lassen wiirde, so konnte ja zuletzt kein Platz sein; die Welt muBte so
angefullt sein mit Seelen, daB kein Platz sein konnte fur diese See-
len. - Das haben sehr gescheite Leute gesagt, weil sie tatsachlich
damit gerechnet haben, daB die Seele des Menschen nach dem Tode
irgendwie untergebracht sein muBte in einer Weise, die sich mit
Raumesvorstellungen charakterisieren laBt. Oder ein anderes Beispiel :
Es gab, soil sogar noch geben eine Theosophische Gesellschaft, in der
allerlei Dinge gelehrt worden sind iiber die hoheren Glieder der
Menschennatur. Ich will nicht sagen, daB die erleuchteten Fiihrer in
denselben Fehler verfallen sind, aber ein groBer Teil der Anhanger
hat sich recht raumlich den Astralleib vorgestellt: so wie eine aller-
dings recht diinne, aber doch wie eine raumliche Wolke; und diese
Anhanger haben viel dariiber nachspekuliert, wie sie sich nun das
vorzustellen haben, wenn der Mensch schlaft, und jene Wolke raum-
lich aus ihm herausgeht, wo sie sich raumlich nun irgendwo aufhalt.
Es war sehr schwierig, einer groBen Anzahl von Anhangern bei-
zubringen, daB solche raumlichen Vorstellungen unangemessen sind
dem Geistigen.
Das wird eben dem heutigen Menschen ungeheuer schwierig, sich
vorzustellen, daB von einem gewissen Punkte des Erkenntnisweges
aus der Mensch nicht nur in andere Raumesteile und in andere Zeiten
kommt, sondern aus Zek und Raum herauskommt, daB erst dann
eigentlich das wirkliche Ubersinnliche beginnt, wenn man nicht nur
die Sinneseindriicke und ihre zeitlichen Prozesse verlaBt, sondern
Raum und Zeit selbst, wenn man in ganz andere Daseinsbedingungen
eintritt als in die Daseinsbedingungen, die Raum und Zeit um-
schlieBen. Und wenn Sie sich viellekht, indem ich dieses ausspreche,
auf sich selbst besinnen, so werden Sie unter Umstanden in Ihrem
eigenen Inneren Schwierigkeiten finden, wenn Sie sich fragen: Wie
soli ich das nun machen, um aus Raum und Zeit mit meiner Vor-
stellung hinauszugehen? - Und dennoch, das war im wesentlichen die
wirkliche Errungenschaft des wirklichen Durchmachens der zwei
ersten Grade. Wurde man in dem Zeitalter des Materialismus noch
ein deutliches BewuBtsein gehabt haben von diesen drittgradigen
Geheimnissen, so wiirde nicht etwas - jetzt spreche ich nicht iiber das
auBere Experimentelle, aber iiber die zugrunde gelegte Theorie -,
was als Theorie so grotesk ist wie der Spiritismus, Verbreitung ge-
funden haben. Wer Geister sucht, indem er sie so wie feine Korper
in den Raum hereinbringen will, der hat gar keine Ahnung davon,
daB, indem er so verfahrt, er schon geistlos verfahrt, das heiBt, eine
Welt aufsucht, die keine Geister enthalt, sondern eben etwas anderes
als Geister. Wiirde der Spiritismus eine Ahnung haben, wie, um
Geister zu finden, man aus Zeit und Raum herausgehen muB, so
wiirde er nicht zu dieser grotesken Vorstellung kommen, daB man
raumliche Arrangements treffen kann, durch die sich Geister in
irgendeiner Weise so ankiindigen, wie sich auBere Raumeswirkungen
im ZeitprozeB abspielen.
Nun kurz, das war es, was eben gerade erworben werden sollte
durch die zwei ersten Stufen bis zum dritten Grade hin : die Moglich-
keit, aus Zeit und Raum herauszukommen. Dazu bereitete allerdings
vor das wirkliche Hindurchschreiten durch das Tor des Menschen
und dann durch den zweiten Grad.
Diese dritte Stufe, dieser dritte Grad wurde mit einem Worte be-
zeichnet, das man etwa in deutscher Sprache so ausdriicken kann:
Der Einzuweihende ging durch das «Tor des Todes». Das heiBt, er
wuBte sich jetzt wirklich auBerhalb des Raumes, in dem sich das leib-
liche Menschenleben zwischen Geburt und Tod abspielt, und auBer-
halb der Zeit, in welchef dieses Menschenleben verlauft. Er wuBte
sich, jenseits von Zeit und Raum, im Dauemden zu bewegen. Er
lernte erkennen dasjenige, was schon in die Sinneswelt hereinragt,
wie ich ofter jetzt betont habe, aber mit dem, womit es in die Sinnes-
welt hereinragt, nicht innerhalb dieser Sinnenwelt begriffen werden
kann, weil es schon Geistiges enthalt. Er lernte sich befassen mit dem
Tode, mit alldem, was mit dem Tode zusammenhangt. Das war im
wesentlichen der Inhalt dieses dritten Grades. Wie man auch die je
nach den verschiedenen Volkern verschieden gearteten Mysterien-
riten anschauen mag, wie sie sich auch darstellen mogen, iiberall lag
zugrunde die Beschaftigung mit dem Tode. Uberall muBte der Aus-
gangspunkt genommen werden fur den dritten Grad von alldem, was
erlebt werden kann - wenn ich den paradoxen Ausdruck, weil ich
keinen besseren jetzt habe, gebrauchen muB -, wenn man den Tod,
der sonst den Menschen aus dem Leibe herausfuhrt, erlebbar macht
schon innerhalb des Leibeslebens. Das war dann zugleich verbunden
mit der Moglichkeit, nun wirklich den Menschen, so wie er dasteht
zwischen Geburt und Tod, als etwas zu betrachten, das auBerhalb der
Wesenheit ist, die man jetzt im dritten Grade erreicht hatte. Man
wuBte jetzt einen Begriff zu verbinden mit dem Worte: auBerhalb
seines Leibes zu sein, wobei dieses « auBerhalb » eben dann nicht
raumlich aufgefaBt worden ist, sondern uberraumlich aufzufassen war.
Also man wuBte damit einen erlebbaren Begriff zu verbinden. Da
war es auch, wo die Menschen ablegten den Glauben an die gewohn-
liche profane Religion, die die Religion ihres Volkes war. Da legten
die Menschen vor alien Dingen ab am Tore des Todes die Vor-
stellung: Du stehst hier auf der Erde, deine Gotter oder dein Gott
sind irgendwo auBer dir. - Da wuBte sich der Mensch einig mit seinem
Gotte, da unterschied sich der Mensch nicht mehr von seinem Gotte,
da wuBte er sich mit ihm vollig verbunden. Es war im wesentlichen
erlebte Unsterblichkeit, die dieser dritte Grad dem Menschen brachte.
Es war erlebte Unsterblichkeit dadurch, daB der Mensch dasjenige,
was sterblich an ihm ist, verlassen konnte, daB er sich trennen konnte
von demjenigen, was an ihm sterblich ist.
Aber vergessen wir nicht iiber diesem Ergebnis den ganzen Weg.
Der ganze Weg bestand darin, daB der Mensch sich selbst erkennen
gelernt hat. Jetzt war der Mensch nicht mehr in sich selbst, jetzt war
er in der AuBenwelt. Er hatte das mit in die AuBenwelt hinein-
getragen, was er durch das Eindringen in sich selbst kennengelernt
hat. Das ist das Wesentliche dieser vorchristlichen Einweihung, daB
der Mensch in sich selbst ging, urn in sich selbst etwas zu finden, was
er dann mitnahm in die AuBenwelt und was ihm in der AuBenwelt,
indem er sich von sich selbst getrennt hat, erst in der richtigen Weise
aufleuchtete, so daB er sich dann mit dem Wesen der AuBenwelt ver-
bunden fiihlte. Er ging in sich, um aus sich herauszugehen. Er ging
in sich, weil er in sich etwas finden konnte von dem Wesen der Welt,
was er nur in sich finden konnte, was er drauBen nicht hatte finden
konnen, was er aber nur drauBen wirklich erleben konnte. Er ging
durch das Tor des Menschen und durch das Tor der Selbsterkenntnis
und des Todes, um in diejenige Welt einzutreten, die allerdings auBer
ihm ist. Die gewohnliche Naturwelt ist auch auBer uns. Aber der
Mensch war sich klar dariiber, daB er das, was er suchte, nur finden
konnte, wenn er in sich selber hineinging.
Dann, nachdem der Mensch den auBerordentlich schwierigen drit-
ten Grad durchgemacht hatte, war er ohne weiteres reif fur den vier-
ten Grad. Und man kann sagen : Einfach dadurch, daB er eine Zeitlang
praktiziert hatte, zu leben im dritten Grade, war er reif fur den vierten
Grad in einer Weise, wie man es vom heutigen Menschen sehr schwer
behaupten konnte. Denn der heutige Mensch wird - das Hegt einfach
in der Zeitepoche - nicht eigentlich reif innerhalb des dritten Grades.
Er kommt anders nicht leicht aus der Raumes- und Zeitenvorstellung
heraus als durch gewisse Kraftvorstellungen, die aber gesucht werden
miissen auf andern Wegen - dariiber werde ich in den nachsten Tagen
sprechen als sie in alten Zeiten verfolgt wurden. Mit dem, was der
Mensch aus sich heraus nun in die AuBenwelt hineingetragen hatte,
wurde er zum BewuBtsein dieses vierten Grades erhoben, und er
wurde das, was man in spateren Sprachen iibertragen und ubersetzen
konnte mit den Worten: ein «Christophor», ein Christus-Trager. Das
war im Grunde genommen das Ziel dieser Mysterieneinweihung : den
Menschen zum Christus-Trager zu machen. Naturlich wurden nur
einige Auserlesene solche Christus-Trager. Sie konnten auch nur
Christus-Trager werden dadurch, daB sie erst im Menschen suchten,
was sich in der ganzen AuBenwelt nicht finden lieB, da6 sie dann mit
dem im Menschen Gesuchten in die AuBenwelt gingen und sich dann
vereinigten mit ihrem Gotte. Sie wurden so zum Christus-Trager. Sie
wuBten, sie haben in der Struktur des Weltenalls sich vereinigt mit
demjenigen - das ist jetzt nicht historisch, sondern vorweggenommen
gesprochen -, was im Johannes-Evangelium der Logos oder das Wort
genannt wird; sie haben sich vereinigt mit dem, woraus alle Dinge
gemacht sind und ohne welches nichts von dem gemacht ist, was ge-
macht worden ist. So war das Christus-Geheimnis in diesen alten
Zeiten gewissermaBen durch einen Abgrund vom Menschen ge-
trennt, und es war gebunden daran, daB der Mensch diesen Abgrund
uberstieg, daB er wirklich durch die Selbsterkenntnis in die Lage sich
versetzte, aus sich herauszukommen und sich mit seinem Gotte zu
vereinigen, ein Trager semes Gottes zu werden.
Nehmen wir nun einmal, urn uns in dieser Betrachtung weiter-
zuhelfen, hypothetisch an, es ware auf der Erde das Mysterium von
Golgatha nicht geschehen, die Erdenentwickelung ware bis zum heu-
tigen Tage verflossen, ohne daB das Mysterium von Golgatha ge-
schehen ware. Nur indem man solche Kontrahypothesen macht, kann
man die Bedeutung einer solchen Sache wie die des Mysteriurns von
Golgatha wirklich ins Auge fassen. Also nehmen wir an, das Myste-
rium von Golgatha hatte sich bis zum heutigen Tage nicht vollzogen.
Was ware fur dasjenige, was da durch die Mysterien in alten Zeiten
am Menschen beobachtet worden ist, eingetreten?
Der heutige Mensch konnte dann das vernehmen, was der grie-
chische apollinische Spruch, was die griechische apollinische Devise
war: «Erkenne dich selbst.» Er konnte gewissermaBen nachleben
wollen diesem Worte «Erkenne dich selbst», konnte versuchen, da
schlieBlich die Traditionen sich erhalten haben, dieselben Ein-
weihungswege durchzumachen, die meinetwillen die agyptisch-chal-
daische Konigseinweihung gegeben hat, konnte also versuchen, durch
die vier Stufen so aufzusteigen, wie in der damaligen vorchristlichen
Zeit aufgestiegen worden ist, urn ein Christophor zu werden. Da
wiirde der Mensch aber eine ganz bestimmte Erfahrung machen. Er
konnte dann, wenn er befolgt diese Devise «Erkenne dich selbst»,
wenn er versucht, in sich hineinzugehen auch durch jene Furcht-
zustande hindurch, die damals durchgemacht worden sind, dann
durch das nachtragliche Erleben der Veranderungen, durch das nach-
traglich In-Bewegung-Versetzen desjenigen, was erst im Ruhe-
zustand durchgemacht worden ist, die Erfahrung machen, daB er nun
nichts findet, daB er nun nicht das Wesen des Menschen in sich findet.
Das ist schon das Bedeutungsvolle ! GewiB, die Devise «Erkenne
dich selbst», gilt auch fur den heutigen Menschen, aber diese Selbst-
erkenntnis fiihrt ihn nicht mehr zur Welterkenntnis. Dasjenige, was
der Mensch in der alten Seelenverfassung noch in sich gefunden hat
als mit dem Wesen der Welt zusammenhangend, was er nicht finden
konnte in der auBeren Welt, was er eben auf dem Wege der Selbst-
erkenntnis suchen muBte, um es dann als Welterkenntnis zu haben,
jenes innere menschliche Wesenszentrum, das er dann mitnehmen
konnte in die AuBenwelt, um zum Christophor zu werden, das findet
der Mensch heute nicht in sich, das ist nicht mehr da. Das ist wichtig,
daB man das ins Auge faBt ! Die Menschen mit den heutigen torichten
Begriffen, die durch die sogenannte Wissenschaft kultiviert werden,
haben die Meinung : Mensch ist Mensch. Der heutige Englander oder
Franzose oder Deutsche ist Mensch, so wie es der alte Agypter war.
Das ist aber ein Unsinn vor der wirklichen Erkenntnis, ein wirklicher
Unsinn. Denn der alte Agypter, indem er in sich selber einkehrte nach
den Regeln der Initiation, fand etwas in sich, was der heutige Mensch
in sich nicht finden kann, weil es verschwunden ist, weil es weg ist.
Das ist entglitten dem Menschen, verlorengegangen dem Menschen,
was selbst noch in der vorchristlichen und zum Teil noch in der nach-
christlichen griechischen Seelenverfassung gefunden werden konnte.
Das ist verlorengegangen, ist aus der Menschenwesenheit heraus ver-
schwunden. Die menschliche Organisation ist heute eine andere, als
sie in alten Zeken war.
Wenn wir die Sache anders aussprechen, so konnen wir so sagen:
Der Mensch fand, wenn auch dunkel, wenn auch nicht in voll-
bewuBten BegrifFen, in jenen alten Zeiten, indem er in sich hineinging,
doch sein Ich. Das widerspricht nicht dem, daB man sagt, daB das
Ich in einer gewissen Weise durch das Christentum erst geboren wor-
den ist. Deshalb sage ich: Wenn auch dunkel, wenn auch nicht in
vollbewuBten BegrifFen, der Mensch fand doch sein Ich. Es war als
aktives BewuBtsein erst durch das Christentum geboren worden, aber
der Mensch fand sein Ich. Denn von diesem Ich, von diesem wirk-
lichen, wahren Ich ist im Menschen der damaligen Zeit etwas zuriick-
geblieben, nachdem er geboren worden ist. Sie werden sagen: Soli
nun jetzt etwa der Mensch heute nicht sein Ich finden? - Nein, er
findet es auch nicht : das wirkliche Ich macht einen Stillstand, indem
wir geboren werden. Dasjenige, was wir erleben als unser Ich, ist nur
ein Spiegelbild des Ich. Das ist nur etwas, was das vorgeburtliche Ich
in uns abspiegelt. Wir erleben in der Tat nur ein Spiegelbild des Ich,
etwas vom wirklichen Ich erleben wir nur ganz indirekt. Das, wovon
die Psychologen, die sogenannten Seelenforscher als vom Ich reden,
ist nur ein Spiegelbild; das verhalt sich zum wirklichen Ich so, wie das
Bild, das Sie von sich im Spiegel sehen, sich zu Ihnen verhalt. Aber
dieses wirkliche Ich, das wahrend der Zeit des atavistischen Hell-
sehens und bis in die christlichen Zeiten herein gefunden werden
konnte, ist heute nicht in dem Menschen, der auf seine eigene Wesen-
heit - insofern die eigene Wesenheit verbunden ist mit dem Leibe -
hinschaut. Nur indirekt erlebt der Mensch etwas von seinem Ich,
dann, wenn er mit andern Menschen in Beziehung tritt und sich das
Karma abspielt.
Wenn wir einem andern Menschen gegeniibertreten und sich etwas
abspielt zwischen uns und dem andern Menschen, was zu unserem
Karma gehort, da tritt etwas von dem Impulse des wahren Ich in uns
herein. Aber das, was wir in uns Ich nennen, was wir mit dem Worte
bezeichnen, das ist nur ein Spiegelbild. Und gerade dadurch wird der
Mensch reif gemacht wahrend unseres funften nachatlantischen Kul-
turzeitraumes, das Ich im sechsten Zeitraum in einer neuen Gestalt zu
erleben, daB er gewissermaBen durch den funften Zeitraum dieses
Ich nur als Spiegelbild erlebt. Das ist gerade das Charakteristische des
Zeitalters der BewuBtseinsseele, daB der Mensch sein Ich nur als
Spiegelbild erhalt, damit er in das Zeitalter des Geistselbstes hinein-
lebt und das Ich anders gestaltet, in neuer Gestalt wieder erleben
kann. Nur wird er es anders erleben, als er es heute gerne mochte!
Heute mochte der Mensch sein Ich, das er nur als Spiegelbild erlebt,
alles eher nennen als das, was sich ihm im zukiinftigen sechsten nach-
atlantischen Zeitraum als solches prasentieren wird. Jene mystischen
Anwandlungen, wie sie heute die Menschen noch haben: durch
Hineinbriiten in ihr Inneres das wahre Ich zu finden - das sie sogar
das gottliche Ich nennen! — , solche Anwandlungen werden die Men-
schen in der Zukunft seltener haben. Aber gewohnen werden sie sich
rmissen, dieses Ich nur in der AuBenwelt zu sehen. Das Sonderbare
wird eintreten, daB jeder andere, der uns begegnet und der etwas mit
uns zu tun hat, mehr mit unserem Ich zu tun haben wird als dasjenige,
was da in der Haut eingeschlossen ist. So steuert der Mensch auf das
soziale Zeitalter zu, daB er sich in Zukunft sagen wird: Mein Selbst
ist bei all denen, die mir da drauBen begegnen; am wenigsten ist es
da drinnen. Ich bekomme, indem ich als physischer Mensch zwischen
Geburt und Tod lebe, mein Selbst von allem Moglichen, nur nicht
von dem, was da in meiner Haut eingeschlossen ist.
Dieses, was so paradox erscheint, es bereitet sich heute indirekt
vor dadurch, daB die Menschen ein wenig empfinden lernen, wie sie
in dem, was sie ihr Ich nennen, in diesem Spiegelbild drinnen eigent-
lich furchtbar wenig sind. Ich habe neulich einmal davon gesprochen,
wie man dadurch auf die Wahrheit kommen kann, daB man sich seine
Biographic, aber sachlich, vor Augen fiihrt und sich fragt, was man
eigentlich dem und jenem Menschen verdankt von seiner Geburt ab.
Man wird sich allmahlich so langsam auflosen in die Einflusse, die
von andern kommen; man wird auBerordentlich wenig finden in dem,
was man als sein eigentliches Ich zu betrachten hat, das, wie gesagt,
doch nur ein Spiegelbild ist. Etwas grotesk gesprochen, kann man
sagen: In jenen Zeiten, in denen das Mysterium von Golgatha sich
abgespielt hat, ist der Mensch ausgehohlt worden, ist er hohl gewor-
den. Das ist das Bedeutsame, daB man erkennen lernt das Mysterium
von Golgatha als Impuls, indem man es in seiner Wechselbeziehung
zu diesem Hohlwerden des Menschen betrachtet. Der Mensch muB,
/
/
linke Seite: rot rechte Seite
auBere Kteise: rot
Mittelpunkte: blau
von oben hinein sich senkend: violett
wenn er von der Wirklichkeit spricht, sich klar sein, daB der Platz
irgendwie ausgefiillt sein muB, den er friiher noch hat finden konnen,
sagen wir, in den agyptisch-chaldaischen Konigsmysterien. Der wurde
damals noch etwas ausgefiillt von dem wirklichen Ich, das heute halt-
macht, wenn der Mensch geboren wird, oder wenigstens in den ersten
Kindheitsjahren haltmacht, es scheint noch etwas herein in die ersten
Kindheitsjahre. Und diesen Plate, ihn nahm der Christus-Impuls ein.
Da sehen Sie den wahren Vorgang. Sie konnen sich sagen: Hier
(siehe Zeichnung, links) die Menschen vor dem Mysterium von Gol-
gatha, hier (Mitte) das Mysterium von Golgatha, (rechts) die Men-
schen nach dem Mysterium von Golgatha.
Die Menschen vor dem Mysterium von Golgatha hatten etwas in
sich, das, wie gesagt, durch die Einweihung gefunden wurde (rot).
Die Menschen nach dem Mysterium von Golgatha haben dieses nicht
mehr in sich (blau), sie sind gewissermaBen da ausgehohlt, und der
Christus-Impuls senkt sich herein (violett) und nimmt den leeren Platz
ein. Der Christus-Impuls soil also nicht aufgefaBt werden wie eine
Lehre bloB, wie eine Theorie, sondern er muB hinsichtlich seiner
Tatsachlichkeit aufgefaBt werden. Und jeder, der die Moglichkeit
dieses Hinabsenkens im Sinne der alten Mysterieninitiation wirklich
versteht, der versteht erst die Bedeutung des Mysteriums von Gol-
gatha seiner innerlichen Wahrheit nach. Denn heute konnte, so wie
das in der alten agyptischen Konigseinweihung der Fall war, der
Mensch nicht ohne weiteres ein Christophor werden; er wird aber ein
Christophor unter alien Umstanden, indem gewissermaBen in den
Hohlraum, der in ihm ist, der Christus sich hineinsenkt.
Also in dem Bedeutungsloswerden der alten Mysterienprinzipien
zeigt sich die groBe Bedeutung des Christus-Mysteriums, von dem
ich gesagt habe - Sie konnen das in meinem Buche «Das Christentum
als mystische Tatsache» nachlesen -: Dasjenige, was friiher in den
Tiefen der Mysterien erlebt worden ist, was den Menschen zum
Christophor gemacht hat, ist hinausgestellt worden in den groBen
Plan der Weltgeschichte und vollzieht sich als eine auBere Tatsache.
Das ist Tatsache. Daraus werden Sie aber auch ersehen, daB das Ein-
weihungsprinzip selber seit jenen alten Zeiten eine Anderung er-
fahren muBte, eine Wandlung durchmachen muBte, denn dasjenige,
was sich die alten Mysterien als das im Menschen zu Suchende vor-
gesetzt haben, das kann heute nicht gefunden werden.
Man tue sich nur ja nicht gar so viel darauf zugute, daB die heutige
Naturwissenschaft den heutigen Englander, Franzosen, Deutschen
ebenso betrachtet, wie sie, wenn sie konnte, den alten Agypter be-
trachten wiirde. Sie betrachtet gar nicht das am Menschen, was sein
Wesentliches ist. SchlieBlich hat sich sogar das AuBere etwas ver-
andert seit jenen alten Zeiten, aber das, was das Wesentliche ist, was
sich verandert hat, das muB man so schildern, wie wir es heute getan
haben. In dieser Schilderung sehen Sie aber zugleich die Notwendig-
keit, daB das Initiationsprinzip sich andert. Was soil denn heute der
Mensch suchen, wenn er nur das alte «Erkenne dich selbst» im alten
Sinne befolgen will? Was wiirde er erreichen, wenn er alle Beschrei-
bungen der Einweihungszeremonien und Einweihungsvorgange des
alten Agypten kennen und auf sich anwenden wiirde? Er wiirde nicht
mehr das finden, was man innerhalb der alten Mysterien gefunden
hat. Und dasjenige, was man im vierten Grad geworden ist, das wiirde
er unbewuBt vollziehen, er kann es aber nicht verstehen. Der Mensch
kann, auch wenn er alle Einweihungszeremonien durchmacht, wenn
er die Wege geht, die damals bis zum Christophor gefuhrt haben, dem
Christus auf diese Weise nicht verstandnisvoll entgegentreten. Der
alte Mensch konnte das, wenn er eingeweiht wurde: er wurde wirk-
lich zum Christophor. Das ist eben eingetreten im Laufe der Ent-
wickelung der Erde, daB der Mensch die Moglichkeit verloren hat,
in sich selber jene Wesenheit zu suchen, die dann zum Licht der Welt-
wesenheit wurde. Heute findet der Mensch einen Hohlraum in sich,
wenn er auf dieselbe Weise sucht.
Aber im Weltengang ist es auch nicht bedeutungslos, wenn man
etwas verliert : Man wird dadurch ein anderer. Man tragt - wenn ich
das weiter ausdehne, was ich eben besprochen habe - sich als Mensch
durch die Welt mit jenem Hohlraum. Das gibt einem aber wiederum
besondere Fahigkeiten. Und so wahr es ist, daB gewisse alte Fahig-
keiten verlorengegangen sind, so wahr ist es aber auch, daB gerade
durch den Verlust jener Fahigkeiten neue erworben worden sind, die
nun wiederum so ausgebildet werden konnen wie die alten Fahig-
keiten im alten Sinne. Das heiBt mit andern Worten: Der Weg, der
gemacht worden ist durch das Tor des Menschen bis zum Tor des
Todes, der muB heute in anderer Weise gemacht werden. Das hangt
zusammen mit dem, was ich gesagt habe: Die Geister der Person-
lichkeit nehmen einen neuen Charakter an. Mit diesem neuen Charak-
ter der Geister der Personlichkeit hangt im wesentlichen zusammen
die neue Initiation.
Es wurde gewissermaBen zuerst eine Pause gemacht in der Mensch-
heitsentwickelung mit der Initiation. Im 19. Jahrhundert namentlich
war der Mensch weit von ihr weggeriickt. Erst mit dem Ende des
19. Jahrhunderts kam wiederum die Moglichkeit des Nahegenickt-
werdens der wirklichen lebendigen Initiation. Und diese wirkliche
lebendige Initiation bereitet sich vor, aber sie wird in einer ganz
andern Weise verlaufen, als jene friihere verlaufen ist, die ich heute -
um Ihnen eine Vorbereitung zu geben zum tieferen Verstandnis des
Christentums - von einem gewissen Gesichtspunkte aus geschildert
habe. Dasjenige, was damals ganz vergeblich war: in der sich aus-
breitenden auBeren Welt irgend etwas Wesenhaftes zu suchen, das
wird gerade dadurch moglich, daB wir innerlich so hohl werden. Und
das wird immer mehr eintreten und ist bis zu einem gewissen Grade
heute schon moglich und kann heute schon erreicht werden durch
solche Erkenntniswege, die geschildert werden in «Wie erlangt man
Erkenntnisse der hoheren Welten?». Dasjenige, was heute zu er-
langen moglich ist, das ist, in einer gewissen Weise mit denselben
Seelenfahigkeiten, wenn man sie nur richtig anwendet, mit denen man
in die auBere Welt hineinsieht, tiefer in diese auBere Welt hinein-
zuschauen. Die Naturwissenschaft tut das nicht, sie will nur bis zu
Geset2en vordringen, sogenannten Naturgesetzen. Diese Natur-
gesetze sind ja Abstraktionen. Und wenn Sie sich ein biBchen bekannt-
machen mit der gebrauchlichen Literatur, die den naturwissenschaft-
lichen Begriffen so ein Philosophenmantelchen umhangt - ich konnte
auch sagen, ein Philosophenhutchen aufsetzt -, dann werden Sie
sehen, daB diese Leute, die da heute uber diese Dinge reden, nicht
wissen, wie sie uber die Beziehungen der Naturgesetze zu der Realitat,
zu der Wirklichkeit denken sollen. Da kommt man bis zu den Natur-
gesetzen, aber die bleiben abstrakte BegrifFe, abstrakte Ideen. Solch
eine Personlichkeit wie Goethe sucht iiber die Naturgesetze hinaus-
zudringen. Und das ist das Bemerkenswerte an Goethe und an dem
Goetheanismus, das, was so wenig verstanden wird: Goethe suchte
iiber die Naturgesetze hinauszudringen zu der Naturgestaltung, zu
den Formen. Daher begriindete er gerade eine Morphologie im hohe-
ren Sinne, eine spirituelle Morphologie. Er versuchte nicht das fest-
zuhalten, was die auBeren Sinne geben, sondern das Sich-Formende,
dasjenige, was die auBeren Sinne nicht geben, was sich aber versteckt
in den Formen. So daB wir heute wirklich von etwas Parallelem
sprechen konnen zum Tor des Menschen : Wir konnen sprechen vom
«Tor der Naturformen». Ich mochte sagen, die Morgenrote war
schon gegeben, aber in einer etwas noch dunklen Art, als aus der
chaotisch mittelalterlichen Mystik heraus solch ein Mann wie Jakob
Bohme, wenn auch in seiner Sprache, von den sieben Naturformen
sprach. Aber es ist eben nicht sehr deutlich und nicht sehr umfassend
bei Jakob Bohme. Dasjenige aber, wozu die moderne Initiation immer
mehr kommen muB, das sind diese Formen, die sich in den auBeren
Sinnesformen als iiber das Raumlich-Zeitliche hinausgehend zeigen.
Ich habe ofters aufmerksam gemacht auf jenes beriihmte Gesprach
zwischen Goethe und Schiller, als beide von einem Vortrag des Natur-
forschers Batsch herauskamen. Da sagte Schiller zu Goethe, daB das
eine sehr zerstiickelte Art ware, die Welt zu betrachten, die Batsch
sich geleistet habe. Nun, so zerstiickelt wie die heutigen Naturforscher
das tun, war das damals noch lange nicht, aber Schiller empfand das
doch als sehr trocken. Und Goethe sagte, man konne wohl auch eine
andere Naturbetrachtung anwenden. Und er zeichnete seine Pflanzen-
metamorphose, die Urpflanze, mit ein paar charakteristischen Strichen.
Da sagte Schiller, der das nicht erfassen konnte : Das ist keine Erfah-
rung - er meinte, nichts was in der auBeren Welt ist das ist eine
Idee. - Schiller blieb bei der Abstraktion. Goethe sagte darauf : Wenn
das eine Idee ist, kann es mir recht sein, dann sehe ich meine Ideen mit
Augen. - Er meinte, fur ihn ist das nicht eine Idee, die man sich nur
innerlich bildet, sondern fur ihn ist das, was er da aufzeichnete, ob-
wohl es nicht wie etwa Farben mit Augen gesehen werden kann,
doch da. Das ist wirkliche Gestaltung, iibersinnliche Gestaltung in
den Sinnen. Goethe hat das gewiB nicht sehr weit ausgebildet. Ich
habe Ihnen in Betrachtungen, die wir angestellt haben, gesagt: In
gerader Fortsetzung von dieser Goetheschen Pflanzen- und Tierwelt-
metamorphose, die Goethe nur in elementarer Weise ausgebildet hat,
Hegt die wahre Durchdringung der wiederholten Erdenleben. Goethe
betrachtet das farbige Bliitenblatt als umgewandeltes Pflanzenblatt ;
er betrachtet den Schadelknochen als umgewandelten Ruckenwirbel-
knochen. Es war ein Anfang. Wenn man nach derselben Betrach-
tungsweise ihn fortsetzt, kommt man nur bis zu den Formen, aber
eben bis an das Tor der Naturformen, kommt zu imaginativer Ein-
sicht in diese Naturformen. Und da kommt man dazu, wirklich nicht
bloB auf die Schadelknochen hinzusehen, die umgewandelte Wirbel-
knochen sind, sondern auf den ganzen menschlichen Schadel. Man
kommt darauf, daB dieser ganze menschliche Kopf die umgewandelte
Menschengestalt ist aus dem vorherigen Leben, nur kopflos gedacht.
Das, was Sie heute an sich tragen auBer dem Kopf, der iibrige Korper,
geht naturlich seiner Materie nach in die Erde uber; aber das Uber-
sinnliche der Formen, das geht durch das Leben zwischen Tod und
neuer Geburt, und das ist Kopf der nachsten Inkarnation. Da haben
wir die Metamorphose in ihrer hochsten Ausbildung beim Menschen.
Sie diirfen nur auf den Schein nichts geben. Sie konnen naturlich
sagen : Wir senken den Menschen in die Erde ein oder wir verbrennen
ihn, wie soil sich denn da der Korper umwandeln zum Kopf ? - Nun,
das ist eben das Rechnen mit dem Scheine im heutigen Sinn. Da
miissen Sie schon, wenn Sie diesen Schein kultivieren wollen, bei
denen bleiben, die aufmerksam machen auf die Sbakespeare-Ste\\e y wo
Hamlet aus Verzweiflung sagt, daB irgendwo in einem beliebigen
Staube der irdische Menschenstaub vorhanden sei von Julius Casar,
vielleicht in irgendeinem Hunde seien die Uberreste, die Atome, die
einstmals den romischen Casar gebildet haben.
Nun, diese Leute gehen eben nicht dem Wege nach, den zum Bei-
spiel auch der physische Organismus nimmt, gleichgultig ob er in die
Erde gelegt oder verbrannt wird. Da findet schon diese Metamor-
phose statt. Es ist so, daft nur das Haupt, der Kopf abglimmt, von
der Erde verschwindet, denn er geht ins Weltenall hinaus; dasjenige
aber, was fur die jetzige Inkarnation Ihr Leib ist, auBer dem Kopfe,
das verwandelt sich, und Sie finden es als Kopf - Sie konnen dem gar
nicht entkommen - in Ihrer nachsten Inkarnation. An Materie brau-
chen Sie gar nicht zu denken. Sie haben auch jetzt nicht dieselbe
Materie, die Sie vor sieben Jahren in sich getragen haben. Sie brauchen
nur an die sich verwandelnde, an die verwandelte Form zu denken.
Es ist ebenso eine erste Stufe, wie das Tor des Menschen im alten
Sinne eine erste Stufe war: es ist das Tor der Formen. Und indem
man lebendig erfaBt hat dieses Tor der Formen, kann man eintreten in
das «Tor des Lebens», wo man es nicht mehr mit Formen zu tun hat,
sondern mit Lebensstufen, mit Lebenselementen. Das wiirde dem-
jenigen entsprechen, was ich vorhin bei der alten agyptischen Konigs-
einweihung charakterisiert habe als den zweiten Grad. Und das Dritte
ist gleichbedeutend mit dem Eintreten in das Tor des Todes: es ist
die Initiation in die verschiedenen BewuBtseine. Der Mensch kennt
ja zwischen Geburt und Tod nur das eine BewuBtsein; doch dieses
ist nur eines unter zunachst sieben. Aber mit diesen verschiedenen
BewuBtseinen muB man rechnen, wenn man die Welt uberhaupt ver-
stehen will.
Bedenken Sie doch nur, daB Sie die Skizze haben von diesen drei
aufeinanderfolgenden Dingen in meiner «Geheimwissenschaft im Um-
riB». Ich habe sie fur die Weltentwickelung gegeben. Sie haben da die
verschiedenen BewuBtseinsformen Saturn, Sonne, Mond, Erde und
so weiter, die sieben BewuBtseinsformen. Der Mensch geht in jeder
dieser Stufen, von denen eine die Erde ist, durch ein BewuBtsein hm-
durch. Er absolviert sieben verschiedene BewuBtseinsstufen, auf jeder
dieser BewuBtseinsstufen, also Saturn, Sonne und so weiter, sieben
Lebensstufen und in jeder Lebensstufe sieben Stufen der Form. Das,
was wir beschreiben in unseren Kulturstufen als altindische, alt-
persische, agyptisch-chaldaische, griechisch-lateinische Stufe, unsere
jetzige, das sind audi Formen. Da leben wir im Tor der Formen. Das
entspricht dem Tor des Menschen, wenn wir von diesen Kultur-
formen sprechen, und wir konnen uns aus der Welt der Formen heraus
Vorstellungen bilden iiber diese Kulturen, die aufeinanderfolgen. Es
sind sieben in jeder Lebensstufe. Wenn wir aber von Lebensstufen
sprechen, sprechen wir von den sieben aufeinanderfolgenden Stufen,
wovon zum Beispiel unsere nachatlantische Zeit eine ist, mit der
urpersischen, urindischen und so weiter zusammen bis zur siebenten.
Wir stehen jetzt in der fiinften Lebensstufe, das ist dann eine Lebens-
stufe, die atlantische auch eine, die lemurische auch eine Lebensstufe.
Und diese sieben Lebensstufen sind da, damit der Mensch das Be-
wuBtsein, das er heute hat, erlangen konnte. Dieses BewuBtsein aber
ist herausentwickelt aus dem alten MondenbewuBtsein, dieses aus dem
alten SonnenbewuBtsein. Aus jeder dieser Planetenverkorperungen
nimmt der Mensch eine solche BewuBtseinsform an. Seine zunachst
vollkommenste wird er wahrend der Vulkanentwickelung erlangen.
Da sehen Sie, wie durch die drei aufeinanderfolgenden Geheim-
nisse der Grade der Mensch einen Uberblick bekommt iiber den Kos-
mos. Und dann kann er aus dieser Welterkenntnis heraus wiederum
Menschenerkenntnis gewinnen. Aus dieser Welterkenntnis heraus ge-
winnt man nun die Moglichkeit, dem Mysterium von Golgatha auch
Verstandnis entgegenzubringen.
Wir haben erst heute einige Skizzen, mochte ich sagen, in bezug auf
dieses Verstandnis in uns aufgenommen. Aber wir haben doch immer-
hin begreifen konnen, warum zum Beispiel das Mysterium von Gol-
gatha in die vierte nachatlantische Kulturform der fiinften Lebens-
periode, der nachatlantischen Lebensperiode, hineinfallt, warum es
auf der Erde sich zugetragen hat. Wenn Sie in dem letzten Leipziger
Zyklus nachlesen, werden Sie sehen, wie sich vorbereitet hat auf dieset
Erde dieses Mysterium von Golgatha. Aber alles dasjenige, was zum
Verstandnis dieses Mysteriums von Golgatha notwendig ist, das er-
gibt sich aus den Prinzipien der neuen Initiation heraus. So daB die
alte Initiation eben im wesentlichen von der Menschenerkenntnis zur
Welterkenntnis ging, die neue von der Welterkenntnis zuriickgeht zur
Menschenerkenntnis,
Aber das ist vom Initiations standpunkt aus charakterisiert. Da
stehen Sie gewissermaBen auf der einen Seite; auf der andern Seite
zeigt sich Ihnen das Spiegelbild davon. Sie miissen, um diese Welt-
erkenntnis zu erlangen, eben von einer neuen Menschenerkenntnis
erst ausgehen. Und von dieser habe ich neulich gesprochen. Von die-
ser muB man vollig anders sprechen fur die alte und wiederum fur die
neue Zeit. Die alte Zeit kam durch ihre Menschenerkenntnis zu einem
Ergebnis, das eben Welterkenntnis war. Theoretisch gesprochen,
konnte man sagen: Der Mensch machte etwas als LebensprozeB
durch, und dann, wenn er fertig war, war das Welterkenntnis ; er ging
dadurch in seinem BewuBtsein von der Welterkenntnis aus und konnte
dann wiederum auf den Menschen zuriickschlieBen. Heute, wenn Sie
von dieser Welterkenntnis durch Form, Leben und BewuBtsein aus-
gehen, erlangen Sie eigentlich dadurch - sehen Sie es in meiner
«Geheimwissenschaft» an - im wesentlichen Menschenerkenntnis. Es
verschwindet eigentlich alles librige in der Naturerkenntnis : der
Mensch wird einem verstandlich. Und ebenso wird einem, wie ich
Ihnen gezeigt habe, der Mensch erst verstandlich als dreigliedriges
Wesen - als Sinnes-Nervenwesen, als rhythmisches Wesen, als Stoff-
wechselwesen - dadurch, daB man diese Welterkenntnis erwirbt. Und
von dem Menschen aus kann man dann wiederum zur Welterkenntnis
iibergehen.
Das sind keine Widerspriiche. Solches werden Sie auf Schritt und
Tritt finden, wenn Sie in die Wahrheitswelt eintreten wollen. Wollen
Sie eine Dogmatik, dann konnen Sie nach solchen Widerspnichen
nicht gehen, denn sie sind Ihnen unbequem. Wenn Sie eine Dogmatik
wollen, konnen Sie diese da oder dort finden, aber diese Dogmatik
wird niemals Verstandnis der Wirklichkeit geben, sondern nur etwas,
worauf Sie schworen konnen, wenn Sie wollen. Wollen Sie die Wirk-
lichkeit erkennen, so mussen Sie sich eben klar sein, daB diese Wirk-
lichkeit von verschiedenen Seiten aus dargestellt werden muB. Dem
Leben nach muBte der alte Mensch von der Welt zum Menschen
gehen, der neue Mensch vom Menschen zur Welt; der Erkenntnis
nach ging der alte Mensch vom Menschen zur Welt, der neue Mensch
von der Welt zum Menschen. Das ist dasjenige, was notwendig ist.
Das ist wiederum fur den modernen Menschen etwas Unbequemes,
aber ein jegliches muB heute den Durchgang gewinnen durch das, was
das Schwanken ist, durch jene Unsicherheit ! Bedenken Sie nur, in
dem zweiten Grade der agyptischen Konigseinweihung kam der
Mensch in das Schwanken hinein, in die Drehung. Heute muB der
Mensch, wenn er wirklich durch die Formen hineinstrebt in das Leben,
sich in jene Moglichkeit versetzen lassen, wo er sich sagt: Und wenn
ich mir noch so scheme BegrifFe durch dieses oder jenes hergebrachte
Bekenntnis geben lasse, diese BegrifFe mogen alle recht schon sein,
aber ich komme doch durch sie nicht an die Wirklichkeit heran, wenn
ich nicht auch den entgegengesetzten BegrifF mir hinstellen kann.
Ich habe Sie darauf aufmerksam gemacht, daB das Mysterium von
Golgatha selbst notwendig macht, die beiden entgegengesetzten Be-
grifFe zu haben, indem Sie sich sagen: Ganz gewiB war es eine
schlechte Tat, wenn Menschen den Gott, der in einem Menschen ver-
ktirpert ist, morden. Aber ganz gewiB war diese Tat der Ausgangs-
punkt des Christentums. Denn, ware der Mord auf Golgatha nicht
geschehen, so gabe es das Christentum seiner Realitat nach nicht.
Dieses Paradoxon einer iibersinnlichen Tatsache gegeniiber kann ein
Musterbeispiel sein fur manche Paradoxa, mit denen Sie sich abfinden
mussen, wenn Sie wirklich hinuberkommen wollen in das Begreifen
der iibersinnlichen Welt, denn ohne das laBt sich nicht hiniiberkom-
men. Friiher brauchte man die Furcht, heute braucht man das tlber-
schreiten jenes Abgrundes, der dem Menschen vorkommt wie das
Stehen ohne einen Schwerpunkt im Weltenall. Aber durch das muB
durchgegangen werden, damit nicht mehr auf BegrifFe geschworen
wird, sondern damit BegrifFe als etwas angesehen werden, was die
Dinge von verschiedenen Seiten beleuchtet, wie die Bilder, die man
von einem Baum aufnimmt, der von verschiedenen Seiten beleuchtet
wird. Der Dogmatiker - der Naturforscher und der Theologe -, sie
glauben, mit irgendwelchen Dogmen die ganze Realitat zu erfassen.
Der in der Wirklichkeit Stehende weiB, daB jede Aussage solcher Art
sich vergleichen laBt mit einer Photographie, die von einer Seite auf-
genommen ist und die nur einen Aspekt der Wirklichkeit gibt; daB
man mindestens den entgegengesetzten Aspekt noch haben muB, um
durch das Zusammenschauen der beiden Aspekte sich der Wirklich-
keit des Gegenstandes zu nahern. Davon dann morgen weiter.
FUNFTER VORTRAG
Dornach, 28. December 1918
In den Betrachtungen dieser Tage wollte ich vor alien Dingen klar-
machen, daB fiir den, der mit geisteswissenschaftlicher Gesinnung
genauer auf die Entwickelung der Menschheit hinschaut, auch in
historischer Zeit - denn im wesentlichen haben wir in diesen Tagen
historische Zeiten betrachtet die Tatsache sich enthiillt, daB die
ganze menschliche Seelenverfassung, die Auffassungsweise, die Welt-
anschauung, die Handlungsimpulse, alles, was zur menschlichen
Seelenverfassung gehort, sich wandelt, so umwandelt, daB eine
Ahnung von dieser Umwandlung in der auBeren Wis sens chaft gar
nicht entstehen kann, die eben durchaus auf diesem Gebiete nur mit
unzulanglichen Mitteln arbeitet. Wir haben gestern versucht zu zei-
gen, wie namentlich das, was man das Zentrum des menschlichen
Seelenlebens nennen kann, das eigentliche Ich-BewuBtsein, vor einer
intimeren Betrachtung sich ganz anders zeigt in alteren Zeiten als in
neueren Zeiten, in unserer Gegenwart. Und ich habe versucht, diesen
Unterschied dadurch zu charakterisieren, daB ich sagte: Fiir altere
Zeiten, namentlich also fiir vorchristliche Zeiten, haben wir es mit
einem SelbstbewuBtsein beim Menschen zu tun, welches noch reale
Elemente in sich enthalt, Wirklichkeitselemente, wahrend in diesem
unserem Zeitraum, der im wesentlichen die Entwickelung der Be-
wuBtseinsseele darstellt, wir es bei dem, was der Mensch bewuBt sein
Ich nennt, nur zu tun haben mit einem Spiegelbilde des wahren Ich.
In ofFentlichen Vortragen habe ich auf dieselben Tatsachen dadurch
hingewiesen, daB ich sagte : Der Mensch kommt heute, insbesondere
wenn er Philosoph sein will, nicht auf die Wahrheit, weil er beirrt ist
durch einen philosophischen Satz, der eine groBe und heute schon
verhangnisvoll werdende Rolle in der Weltbetrachtung spielt, durch
den Satz : Ich denke, also bin ich. - Wahr ist nicht dieser Augustinisch-
Descartische Satz, sondern wahr ist fur den heutigen Menschen der
Satz: Ich denke, also bin ich nicht! - Dasjenige, was vor alien Dingen
dem heutigen Menschen zum BewuBtsein kommen muB, das ist, daB
er in dem, was er zusammenfaBt mit dem Worte «Ich» oder «Ich
bin», in dem, was er im BewuBtsein halt, wenn er auf sich selbst
innerlich seelisch blicken will, nur ein Spiegelbild hat, ein Spiegelbild,
das auch in sich schlieBt alle unsere unmittelbar mit unserem Ich zu-
sammenhangenden, von unserem Ich zu bearbeitenden BegrirTe. So
daB wir in unserem Seelenleben als gegenwartige Menschen nicht
mehr irgendwie etwas Wirkliches tragen - das spielt nur herein; ich
habe gestern angefiihrt, wodurch es hereinspielt -, sondern in uns
das Spiegelbild unserer wahren Wesenheit tragen. Diese Tatsache
kann sich nur zeigen, wenn man auf die Initiationswissenschaft ein-
geht, wenn man den Unterschied ins Auge faBt, wie man auf den
Wegen iibersinnlicher Schulung in die ubersinnliche Welt eindringen
konnte in alten Zeiten, wie man einzudringen hat in dieser unserer
Zeit, und daB die Wege in die iibersinnlichen Welten ganz andere
werden, indem wir uns von der Gegenwart aus in die Zukunft be-
wegen, als sie in alten Zeiten waren. Das wollte ich gestern vor alien
Dingen klarmachen.
Nun habe ich vor einiger Zeit auf die objektive Tatsache hin-
gewiesen, die diesem ganzen Werden zugrunde Hegt, hingewiesen dar-
auf, daB innerhalb der Menschheitsentwickelung, wenn man sich
fragte: Welche Impulse, welche Krafte sind im Werden der Erde
tatig? - verfolgt werden konnten diejenigen gottlich-geistigen Wesen-
heiten - man konnte ebensogut von irgend etwas anderem her die
Bezeichnung wahlen -, welche die Bibel die Schopfer, Elohim nennt.
Wir nennen sie die Geister der Form. Aber ich habe von den ver-
schiedensten Gesichtspunkten aus darauf hingewiesen, daB diese Gei-
ster der Form - wenn man den Ausdruck brauchen darf, trotzdem er
etwas trivial klingt - ihre Rolle bis zu einem gewissen Grade fur die
wichtigsten Angelegenheiten der Menschhek eigentlich ausgespielt
haben, und daB andere geistige Wesenheiten eintreten in die Rolle der
Schopfer.
Wer geniigende Empfindung haben kann fur diese der iibersinn-
lichen Forschung zugangliche Tatsache, daB gewissermaBen die alt-
verehrten Gotter oder der Gott abgelost werden miissen fur das
menschliche BewuBtsein durch andere Impulse, der wird sich sagen:
Mancherlei hat sich gewiB zugetragen innerhalb der Menschheits-
entwickelung auch in historischen Zeiten. Eine solche innere Um-
wandlung des ganzen menschlichen BewuBtseins, wie die ist, in der
wir stehen und die sich immer mehr und mehr zeigen wird, die war
in historischen Zeiten gewiB noch nicht da. Sie wissen, ich bin ab-
geneigt, mitzumachen die immer wiederholte Phrase: Wir leben in
einer Ubergangszeit. - Denn ich habe Ihnen oft gesagt, jedermann
kann in jeder Zeit sagen, wir leben in einer Ubergangszeit, und kann,
wenn er Geschmack dafiir hat, den Ubergang, den er meint, als den
allerwichtigsten der Weltentwickelung betrachten. Das ist hier nicht
gemeint, wenn ich so sprach, wie ich gesprochen habe. Jede Zeit ist
wirklich eine Ubergangszeit, es kommt nur darauf an, was ubergeht,
was in einer Umwandlung begriffen ist. Fur andere Gesichtspunkte
mogen andere Umwandlungen bedeutungsvoller sein, fur das innere
Seelenleben des Menschen ist die Umwandlung, auf die ich hier hin-
deute, gegen die nachste Zukunft zu die bedeutungsschwerste in histo-
rischen Zeiten.
Nun wollen wir sie heute von einem etwas andern Gesichtspunkte
aus noch betrachten, als wir das gestern und in den verflossenen
Tagen getan haben. Wenn wir die Seelenverfassung des alten Grie-
chentums, des alten Agyptertums, der alten chaldaischen Zeit ge-
nauer ins Auge fassen, dann zeigt sich, daB diese Seelenverfassung vor
alien Dingen nicht eine solche Zweigliederung zeigte wie die Seelen-
verfassung des heutigen Menschen. Man kann vielleicht besser sagen:
eine Zweigliederung ist heute im Menschen in Vorbereitung, aber sie
ist stark in Vorbereitung und driickt sich auch auBerlich in objektiven
Tatsachen aus. Dasjenige, was friiher sozusagen mehr zusammen-
geriihrte Seelenkrafte waren, was in der menschlichen Seele mehr als
Einheit wirkte, das hat sich gespalten, namentlich seit dem 15. Jahr-
hundert. Fur den genauen Betrachter der Menschheitsentwickelung
ist das ganz klar. Das Vorstellungs- und das Willensleben waren in
friiheren Zeiten viel enger miteinander verbunden als heute, und sie
werden sich immer mehr und mehr spalte
…[truncated]