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RUDOLF STEINER GESAMTAUSG ABE
VORTRAGE
VORTRAGE UBER NATURWISSENSCHAFT
RUDOLF STEINER
Die vierte Dimension
Mathematik und Wirklichkeit
Horernotizen von Vortragen iiber den
mehrdimensionalen Raum und von
Fragenbeantwortungen zu mathematischen Themen
Sechs zusammenhangende Vortrage,
gehalten in Berlin vom 24. Marz bis 7. Juni 1905.
Zwei Einzelvortrage in Berlin
vom 7. November 1905 und 22. Oktober 1908.
Fragenbeantwortungen von 1904 bis 1922
1995
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH / SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
und Horernotizen, herausgegeben
von der Rudolf Steiner-Nachlaftverwaltung
Die Herausgabe besorgte Renatus Ziegler
unter Mitarbeit von Ulla Trapp
1. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1995
Nachweis friiherer Veroffentlichungen
siehe zu Beginn der Hinweise S. 228f.
Bibliographie-Nr. 324a
Figuren im Text von Renatus Ziegler nach Skizzen in den Nachschriften
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1995 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Satz: Rudolf Steiner Verlag / Bindung: Spinner GmbH, Ottersweier
Printed in Germany by Konkordia Druck, Buhl/Baden
ISBN 3-7274-3245-4
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) glie-
dert sich in die drei grofien Abteilungen: Schriften - Vortrage -
Kiinstlerisches Werk (siehe die Ubersicht am Schlufi des Bandes).
Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fur
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen
Gesellschaft zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen
hatte Rudolf Steiner urspriinglich nicht gewollt, daft sie schriftlich
festgehalten wiirden, da sie von ihm als «miindliche, nicht zum
Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber
zunehmend unvollstandige und fehlerhafte Horernachschriften
angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich veranlafit, das
Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie
Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographie-
renden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Heraus-
gabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst
korrigieren konnte, mufi gegenuber alien Vortragsveroffentli-
chungen sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur
hingenommen werden mussen, dafi in den von mir nicht nachge-
sehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen
dffentlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbst-
biographie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende
Wortlaut ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort
Gesagte gilt gleichermafien auch fur die Kurse zu einzelnen Fach-
gebieten, welche sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen
der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Ge-
samtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Be-
standteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich
nahere Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
I
VORTRAGE UBER DIE VIERTE DIMENSION
Erster Vortrag, Berlin, 24. Marz 1905 13
Denkweise des Mathematikers und Wirklichkeit. Dimensionen des
Raumes. Ubergang von niederen zu hdheren Dimensionen durch
Bewegung. Spiegelsymmetrie. Verhaltnis von Aufienwelt und In-
nenempfindung. Analogie zur Kriimmung einer Strecke zum Kreis.
Ubergang zur Wirklichkeit. Vergleich mit Petschaft und Siegellack.
Vierte Dimension als Denkmoglichkeit und Wirklichkeit. Oskar
Simony und die Belebung der Raumvorstellung.
Zweiter Vortrag, Berlin, 31. Marz 1905 25
Betrachtungen zum vierdimensionalen Raum im Anschlufi an Hin-
ton. Symmetrie-Verhalten. Verschlingungen des Raumes als reale,
mit Kraften ausgestattete Naturprozesse. Mond-Erden-Bewegung
um Sonne als Beispiel. - Aufbau der Dimensionen. Mensch als vier-
dimensionales Wesen; in friiheren Entwicklungszustanden war er
dreidimensional. Astralwelt. Punkt und Umkreis; Gegensatz von
Hchtausstrahlendem Punkt und Dunkelheit hereinschickender
Sphare. Wiirfel und sein Gegenteil. Strahlungsvermogen als zusatz-
liche Dimension. Anwendung auf Quadrat und Wiirfel.
Dritter Vortrag, Berlin, 17. Mai 1905 34
Beschaftigung mit vierdimensionalem Raum als Vorbereitung fur
das Erfassen der astralen Welt sowie fur das hohere Dasein iiber-
haupt. Charakteristische Eigenschaften der astralen Welt: Zahlen
und Raumgebilde miissen symmetrisch-spiegelbildlich gelesen wer-
den, ebenso die Zeitverhaltnisse. Auch das Moralische erscheint in
einer Art Umkehrung oder Spiegelbild. Das Peripherische ist das
Zentrale. - Menschliches Leben als Stauung zweier Zeitstrome: aus
der Vergangenheit und aus der Zukunft. Schwelle als astrales Pan-
oramaerlebnis zukiinftiger Entwicklung mit der Frage: Willst du da
hinein? Im Kamaloka erscheint die ungelauterte Tiernatur des Men-
schen. Hier liegt der tiefere Sinn der Seelenwanderungslehre. -
Physisches und mentales Quadrat. Physisches Quadrat als Stauung
zweier Paare entgegengesetzter Stromungen. Physischer und men-
taler Wurfel. Positive und negative Dimensionen. Astralwelt ist
vierdimensional. Tier als Stauung der entgegengesetzten Stromun-
gen von Pflanze und Mensch.
Fragenbeantwortung 49
Sechs entgegengesetzte Stromungen im Raum. Jede Achsenrichtung
tragt zwei Stromungen entgegengesetzter Art.
Vierter Vortrag, Berlin, 24. Mai 1905 50
Ubung zur zweidimensionalen Darstellung dreidimensionaler Ge-
bilde im Anschlufi an Hinton. Abwicklung und farbige Darstellung
der drei Dimensionen des Wiirfels. Darstellung der dritten Dimen-
sion in der Ebene durch Bewegung eines zweifarbigen Quadrates
durch eine dritte Farbe. Ubertragung dieses Vorgehens auf die
Darstellung eines vierdimensionalen Gebildes, des Tessaraktes.
Abwicklung des Wiirfels und Abwicklung des Tessaraktes im Ver-
gleich. - Alchemistisches Geheimnis und wirkliche Anschauung des
vierdimensionalen Raumes. Meditative Vergegenwartigung von
Merkurius, Sulfur. Astrale Materie.
Funfter Vortrag, Berlin, 31. Mai 1905 63
Die Abklappung (Abwicklung) des Wiirfels fiihrt zu einer neuen
Analogie fur die dreidimensionale Darstellung eines vierdimensio-
nalen Wiirfels (Tessarakt). Analogie als methodisches Mittel zur
Erarbeitung einer Vorstellung iiber vierdimensionale Gebilde. Hal-
bierung der Flachen eines Oktaeders ergibt ein Tetraeder. Beim
Wurfel geht das nicht. - Geometrische Eigenschaften des Rhom-
bendodekaeders im Vergleich mit Wurfel und Tetraeder/Oktaeder.
Wurfel als Gegensatz zum dreidimensionalen Raum. - Begrenzung
von zwei- und dreidimensionalen Figuren durch gekrummte Gebil-
de: gekrummtes Quadrat und geknimmter Wurfel. Gewohnlicher
Wurfel als Verflachung eines gekriimmten Wiirfels. Umgekehrt
kann durch Kriimmung eines dreidimensionalen Gebildes ein vier-
dimensionales Gebilde erzeugt werden.
Sechster Vortrag, Berlin, 7. Juni 1905 75
Projektion des Wurfels in ein Sechseck. Projektion des Tessaraktes
in ein Rhombendodekaeder. Achsen des Wurfels und Achsen des
Rhombendodekaeders. - Hohlengleichnis von Plato als Bild fur das
Verhaltnis von vierdimensionaler Wirklichkeit und dreidimensiona-
lem Raum. Bewegung und Zeit als Ausdruck und Erscheinung der
Lebendigkeit, der vierten Dimension. Ebene Begrenzung bei Kri-
stallen und kugelig-spharische Begrenzungen bei Lebewesen. Ver-
nichtung der vierten Dimension eines lebendigen Wesens fiihrt zum
dreidimensionalen starren Abbild. Fiinfte Dimension als Resultat
einer Begegnung vierdimensionaler Wesen; sie erscheint im Dreidi-
mensionalen als Empfindung. Selbstbewufksein ist die Projektion
der sechsten Dimension in die dreidimensionale physische Welt. -
Das Erlebnis von Moses am Sinai als Beispiel fur ein wirkliches
vierdimensionales Wesen mit zwei gewohnlichen Dimensionen so-
wie zwei hoheren Dimensionen Zeit und Empfindung. Entwick-
lung von geistigen Fahigkeiten durch intensive Auseinandersetzung
mit den dargestellten Analogien.
DER VIERDIMENSIONALE RAUM
Berlin, 7. November 1905 90
Erzeugung von Dimensionen durch Bewegung. Ubergang eines
Kreises in eine Gerade. Bedeutung der neueren synthetischen pro-
jektiven Geometrie fur eine sachgemafie Raumanschauung. Der
Raum ist in sich geschlossen. Verschlingung von geschlossenen Pa-
pierbandern als Beispiel fur die Verschlingung von Dimensionen. In
Wirklichkeit sind die Bewegungen von Mond und Erde um die
Sonne ebenso verschlungen. Verlebendigung der Raumanschauung.
- Abwicklung des Wurfels in die Ebene und des Tessaraktes in den
dreidimensionalen Raum. Projektion des Wurfels in ein Sechseck
und des Tessaraktes in ein Rhombendodekaeder. Ubergang zur
Wirklichkeit. Zeit, Bewegung, Entwicklung als Ausdruck der vier-
ten Dimension (Pflanze). Wird die Zeit selbst lebendig, so entsteht
Empfindung als Ausdruck der fiinften Dimension (Tier). Der
Mensch ist ein sechsdimensionales Wesen.
UBER DEN MEHRDIMENSIONALEN RAUM
Berlin, 22. Oktober 1908 100
Ein Mathematiker kann nur die Moglichkeit eines mehrdimensio-
nalen Raumes erortern. Die drei Dimensionen Lange, Breite, Hohe
des Wiirfels. Was ist eine Flache? Rechnerischer Ubergang zu ho-
heren Dimensionen fiihrt nicht zur Wirklichkeit. Zahlenmafiige
Erfassung des Raumes fiihrt zu Verwirrungen. Beispiel der Unend-
lichkeit. Zahlen haben keine Beziehung zum Raum, verhalten sich
neutral zu ihm. Das wiederholte Verschwinden und Auftauchen
von etwas Beobachtbarem ist ein Hinweis fur die Existenz einer
vierten Dimension. Widerlegung eines materialistischen Einwandes.
Abwicklung der Grenzen von Quadrat und Wiirfel. Abwicklung
der acht Grenzwiirfel des Tessaraktes.
II
FRAGENBEANTWORTUNGEN 1904 - 1922
Inhaltsiibersicht 113
Fragenbeantwortungen 119
Hinweise
Zu dieser Ausgabe 225
Textgrundlagen 226
Nachweis friiherer Veroffentlichungen 228
Hinweise zu den Vortragen 230
Hinweise zu den Fragenbeantwortungen 254
Bibliographic 289
Namenregister 299
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 301
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . . . 303
I
VORTRAGE UBER DIE
VIERTE DIMENSION
ERSTER VORTRAG
Berlin, 24. Marz 1905
Wenn Sie enttauscht sein sollten iiber das, was Sie jetzt horen
werden, will ich vorausschicken, daft ich heute ganz elementare
Dinge [iiber die vierte Dimension] besprechen will. Wer tiefer
eindringen will in diese Frage, miifke mit den hdheren Begriffen
der Mathematik genau bekannt sein. Ich mochte Ihnen einige ganz
elementare und allgemeine Begriffe geben. Man muE unterschei-
den zwischen der Mdglichkeit zu denken in einem vierdimensio-
nalen Raum und der Wirklichkeit. Wer imstande ist, dort Beob-
achtungen zu machen, hat es mit einer Wirklichkeit zu tun, die
weit hinausreicht iiber das, was wir als das Sinnlich-Wirkliche
kennen. Man mufi Gedankenumformungen machen, wenn man
sich hierher begibt. Sie miissen die Dinge ein wenig in die Mathe-
matik hineinspielen lassen, sich hineinfinden in die Denkweise des
Mathematikers.
Man mufi sich klarwerden, daft der Mathematiker keinen
Schritt tut, ohne sich Rechenschaft zu geben von dem, was in
seinen Schluftfolgerungen eintrifft. Wir miissen aber auch gewahr
werden, wenn wir uns mit Mathematik beschaftigen, daft selbst
der Mathematiker keinen Schritt [in die Wirklichkeit] vordringen
kann, daft er keine Schluftfolgerungen machen kann, [die iiber das
bloft Denkmogliche hinausreichen]. Zunachst handelt es sich um
einfache Dinge, die aber schon komplizierter werden, wenn man
zum Begriff der vierten Dimension kommen will. Wir miissen uns
klar dariiber werden, was wir unter Dimensionen verstehen. Am
besten macht man es sich klar, wenn man die verschiedenen
Raumgebilde auf ihre Dimensionality hin priift. Sie fuhren zu
Betrachtungen, welche erst im 19. Jahrhundert von groften Mathe-
matikern wie Bolyai, Gauft und Riemann in Angriff genommen
worden sind. 1
Die einfachste Raumgrofte ist der Punkt. Er hat gar keine Aus-
dehnung; er mufi gedacht werden. Er ist die Fixierung einer Aus-
dehnung im Raume. Er hat keine Dimension. Die erste Dimension
ist die Linie. Die gerade Linie hat eine Dimension, die Lange.
Wenn wir die Linie, die keine Dicke hat, selbst bewegen, treten
wir aus der einen Dimension heraus, und die Linie wird zur Fla-
che. Diese hat zwei Dimensionen, eine Lange und eine Breite.
Wenn wir die Flache bewegen, so treten wir aus diesen zwei
Dimensionen heraus, und wir erhalten den Korper. Er hat drei
Dimensionen: Hohe, Breite, Tiefe (Figur 1).
Figur 1
Wenn Sie den Korper selbst bewegen, wenn man [zum Beispiel]
einen Wiirfel im Raume herumfuhrt, werden Sie wiederum nur
einen Raumkorper bekommen. Sie konnen den [dreidimensiona-
len] Raum nicht aus sich heraus bewegen.
Figur 2
3
Wir miissen uns noch ein paar anderen Begriffen zuwenden.
Wenn Sie eine gerade Linie betrachten, hat sie zwei Grenzen, zwei
Endpunkte A und B (Figur 2).
Stellen wir uns vor, daft A und B sich beriihren sollen. Wenn sie
sich beriihren sollen, miissen wir aber die Gerade krummen. Was
geschieht? Sie konnen unmoglich in der [eindimensionalen] Gera-
den drinnenbleiben, wenn Sie A und B zusammenfallen lassen
wollen. Um die Punkte A und B zu verbinden, miissen wir aus der
Geraden selbst heraustreten, miissen wir also aus der ersten Di-
mension heraus und iibergehen in die zweite Dimension, die Fla-
che. Auf diese Weise entsteht aus der Geraden [eine geschlossene
Kurve, das heifit im einfachsten Falle] ein Kreis, indem ihre End-
punkte zur Deckung gebracht werden (Figur 3).
A 3
Figur 3
Es ist also notwendig, aus der ersten Dimension herauszugehen,
man kann nicht in ihr drinnenbleiben. Nur so entsteht der Kreis.
Sie konnen dieselbe Operation mit einer [rechteckig begrenzten]
Flache machen. Dies geht aber nur, wenn Sie nicht in den zwei
Dimensionen drinnenbleiben. Sie miissen in die dritte Dimension
hineingehen und bekommen dann aus der Flache eine Rohre,
einen Zylinder. Diese Operation geschieht auf ganz entsprechende
Weise wie vorher, wo wir zwei Punkte zur Deckung brachten und
dabei aus der ersten Dimension herausgegangen sind. Wir miissen
hier [bei der Flache], um zwei Grenzen der Flache zur Deckung
zu bringen, in die dritte Dimension hiniibergehen (Figur 4).
1st es denkbar, daft mit einem Raumgebilde, das schon selbst
drei Dimensionen hat, eine ahnliche Operation ausgefuhrt werden
konnte? Wenn Sie zwei kongruente Wiirfel haben, konnen Sie den
einen in den anderen schieben. [Denken Sie sich nun zwei kongru-
ente Wiirfel als Begrenzungen eines dreidimensionalen prismati-
schen Korpers.] Wenn Sie versuchen, den einen Wiirfel, der auf
einer Seite rot [und auf der gegeniiberliegenden Seite blau] gefarbt
ist, zur Deckung zu bringen mit dem anderen Wiirfel, der sonst
[geometrisch] ganz gleich ist, aber bei dem die rote und blaue
Farbe vertauscht sind, dann konnen Sie die Deckung nicht anders
herbeifiihren, als indem Sie den Wiirfel drehen (Figur 5).
Figur 5
Betrachten wir ein anderes Raumgebilde. Nehmen Sie den Hand-
schuh der linken Hand, so ist es Ihnen unmoglich, den Handschuh
der linken Hand iiber die rechte Hand zu ziehen. Wenn Sie aber die
beiden [spiegelsymmetrischen] Handschuhe zusammengehend be-
trachten wie die gerade Linie mit den Endpunkten A und B, so
haben Sie etwas Zusammengehoriges. Es handelt sich dann um ein
einziges Gebilde, mit einer Grenze [das heilk mit einer Spiegelebe-
ne] in der Mitte. Ganz ahnlich ist es auch mit den zwei symmetri-
schen Halften der menschlichen Aufienhaut. 2
Wie konnen wir nun zwei [spiegeljsymmetrische dreidimensio-
nale Gebilde zur Deckung bringen? Nur wenn wir iiber die dritte
Dimension hinausgehen, wie friiher iiber die erste und zweite. Wir
konnen den rechten oder linken Handschuh auch iiber die linke
beziehungsweise rechte Hand stiilpen, wenn wir durch den vierdi-
mensionalen Raum gehen. 3
[Beim Aufbau der dritten Dimension (Tiefendimension) des
Anschauungsraumes] bringen wir das Bild des rechten Auges zur
Deckung mit dem des linken, stiilpen es dariiber. 4
Wir betrachten nun ein Beispiel von Zollner. 5 Wir haben hier
einen Kreis und aufterhalb desselben einen Punkt P. Wie konnen
wir den Punkt P [in den Kreis] hineinbringen, ohne den Kreis zu
durchkreuzen? Dies geht nicht, wenn wir innerhalb der Ebene
bleiben. So wie man aus der zweiten Dimension in die dritte hin-
iibergehen nurft beim Ubergang vom Quadrat zum Wiirfel, so
miissen wir auch hier aus der zweiten Dimension hinausgehen. Bei
einer Kugel gibt es ebenfalls keine Moglichkeit [in das Innere]
hineinzugehen, ohne [die Kugeloberflache zu durchstofien oder]
iiber die dritte Dimension hinauszugehen. 6
Figur 6
P
Das sind Denkmoglichkeiten, die aber eine praktische Bedeu-
tung haben fur die Erkenntnislehre, [insbesondere fur das Pro-
blem der Objektivitat des Wahrnehmungsinhaltes]. Wenn wir uns
klarmachen, wie man eigentlich wahrnimmt, werden wir zu fol-
gender Anschauung kommen. Fragen wir uns zunachst: Wie er-
langen wir durch die Sinne Kenntnisse von den Korpern? Wir
sehen eine Farbe. Ohne Augen wiirden wir sie nicht wahrnehmen.
Der Physiker sagt dann: Da draufien im Raum ist nicht das, was
man Farbe nennt, sondern rein raumliche Bewegungsformen; die
dringen durch unser Auge, werden vom Sehnerv aufgefangen, zum
Gehirn fortgesetzt, und dort entsteht zum Beispiel das Rot. Man
kann sich nun fragen: Ist das Rot auch vorhanden, wenn keine
Empfindung da ist?
Das Rot konnte ohne Auge nicht wahrgenommen werden.
Glockenlauten konnte ohne Ohr nicht wahrgenommen werden.
Alle unsere Empfindungen hangen davon ab, dafi Bewegungsfor-
men umgewandelt werden durch unseren physisch-seelischen
Apparat. Die Sache wird aber noch komplizierter, wenn wir uns
fragen: Wo ist denn nun eigentlich das Rot, diese eigentiimliche
Qualitat? Ist es am Korper? Ist es ein Schwingungsvorgang? Drau-
ften ist ein Bewegungsvorgang, und der setzt sich fort bis ins Auge
hinein, bis ins Gehirn selbst. Uberall sind Schwingungs- [und
Nervenjvorgange, nirgends ist Rot. Auch wenn Sie das Auge un-
tersuchen, Sie wiirden nirgends Rot finden. Draufien ist es
nicht, aber auch nicht im Gehirn. Nur dann haben wir Rot, wenn
wir uns selbst als Subjekt diesen Bewegungsvorgangen entgegen-
stellen. Haben wir also uberhaupt keine Moglichkeit, davon zu
reden, wie das Rot dem Auge, wie Cis dem Ohr entgegenkommt?
Die Frage ist, was ist diese innere [Vorstellung], wo entsteht sie?
In der philosophischen Literatur des 19. Jahrhunderts werden Sie
finden, dafi diese Frage alles durchzieht. Vor allem Schopenhauer 7
hat die folgende Definition aufgestellt: Die Welt ist unsere Vorstel-
lung. - Was bleibt dann aber noch fur den aufieren Korper? [So wie
eine Farbvorstellung durch Bewegungen «erzeugt» werden kann, so
kann auch] Bewegung in unserem Innern entstehen durch etwas,
was im Grunde nicht bewegt ist. Betrachten wir dazu zwolf Mo-
mentaufnahmen einer [sich bewegenden] Pferdefigur auf [der In-
nenseite] einer [Zylinder-JFlache, [die mit zwolf feinen Schlitzen in
den Zwischenraumen versehen ist. Wenn wir seitlich auf den sich
drehenden Zyiinder blicken,] dann werden wir den Eindruck ha-
ben, daft es immer dasselbe Pferd bleibt, und dafi es nur die Fufie
bewegt. 8 Also kann auch [der Eindruck von] Bewegung durch un-
sere [Leibes-Organisation] entstehen, wenn etwas sich [in Wirk-
lichkeit] uberhaupt nicht bewegt. So kommen wir zu einer vollstan-
digen Auflosung von dem, was wir Bewegung nennen.
Was ist dann aber Materie? Ziehen Sie von der Materie ab Far-
benglanz, Bewegung [Gestalt und so weiter, also das durch die
sinnliche Wahrnehmung Vermittelte], dann bleibt nichts iibrig.
Wenn wir schon die [durch Auftenweltvorgange im individuellen
Bewufttsein hervorgerufenen sekundaren, das heiftt «subjektiven»]
Empfindungen [Farbe, Ton, Warme, Geschmack, Geruch] in un-
serem Innern zu suchen haben, so miissen wir auch [die primaren,
das heiftt «objektiven» Empfindungen, Gestalt und Bewegung,] in
unser Inneres versetzen, und damit verschwindet die Auftenwelt
vollstandig. Daraus ergeben sich aber grofte Schwierigkeiten [fiir
die Erkenntnislehre]. 9
Nehmen wir an, alles ware drauften, wie kommen dann die
Eigenschaften des Gegenstandes drauften in uns hinein? Wo ist
nun der Punkt [wo das Auftere in das Innere iibergeht]? Wenn wir
alle [sinnlichen Wahrnehmungsinhalte] abziehen, so gibt es kein
Drauften mehr. Auf diese Weise versetzt sich die Erkenntnistheo-
rie in die Lage von Munchhausen, der sich am eigenen Haarschopf
frei in die Hohe ziehen will. 10 Nur dann aber, wenn wir anneh-
men, daft es ein Drauften gibt, nur dann konnen wir zu [einer
Erklarung der] Empfindungen drinnen kommen. Wie kann etwas
von auften in unser Inneres hereinkommen und als unsere Vorstel-
lung auftreten?
Wir miissen die Frage noch anders aufwerfen. Wir betrachten
zuerst einige Analogien. Sie werden keine Moglichkeit haben, eine
Beziehung [zwischen Auftenwelt und Innenempfindung] zu fin-
den, wenn Sie nicht zu folgendem greifen. Wir kehren zuriick zur
Betrachtung der geraden Linie mit den Endpunkten A und B. Wir
miissen iiber die erste Dimension hinausgehen, die Linie kriim-
men, um die Endpunkte zur Deckung zu bringen (Figur 7).
Denken Sie sich nun den linken Endpunkt A [dieser geraden
Linie] mit dem rechten Endpunkt B so zusammengebracht, daft sie
sich unten beriihren, so daft wir imstande sind, [iiber die zusam-
menfallenden Endpunkte hinweg] zum Ausgangspunkt zuriickzu-
kehren. Wenn die Linie klein ist, ist auch der entsprechende Kreis
klein. Wenn ich die [zunachst gegebene] Linie zum Kreise mache
und dann immer groftere Linien zu Kreisen mache, dann riickt der
Punkt, in welchem sich die Endpunkte treffen, immer weiter von
der [ursprunglichen] Linie ab und geht in unendliche Entfernung.
A" A' A 3 3 1 B"
•i
Figur 7
der [urspriinglichen] Linie ab und geht in unendliche Entfernung.
Erst in der unendlichen Entfernung haben [die grower werdenden]
Kreislinien ihren Endpunkt. Die Kriimmung wird dabei eine im-
mer schwachere, und schlieftlich werden wir unmoglich mit dem
gewohnlichen Auge die Kreislinie von der Geraden unterscheiden
konnen (Figur 8).
Ganz entsprechend erscheint uns auch die Erde als ein gerades
[flaches] Snick, wenn wir auf ihr gehen, obgleich sie rund ist.
Wenn wir uns denken, daft die beiden Halften der geraden Linie
bis in die Unendlichkeit ausgedehnt werden, fallt der Kreis wirk-
lich mit der Geraden zusammen. 11 Dabei kann die gerade Linie als
Kreis aufgefafk werden, dessen Durchmesser unendlich ist. Jetzt
konnen wir uns allerdings vorstellen, dafi, wenn wir [die gerade
Linie durchlaufen und dabei] in der Linie drinbleiben, wir von der
anderen Seite aus der Unendlichkeit [wieder] zuruckkommen.
Dabei miissen wir aber durch die Unendlichkeit hindurchgehen.
F\ C 3
Denken Sie sich nun statt einer [geometrischen] Linie etwas, was
eine Wirklichkeit ist, was sich verbindet mit einer Wirklichkeit.
Stellen wir uns vor, dafi mit dem Fortschreiten des Punktes C [auf
der Kreisperipherie] eine Abkuhlung eintritt, dafi der Punkt immer
kalter und kalter wird, je mehr er sich [von seinem Ausgangsort]
entfernt (Figur 9). Lassen wir den Punkt zunachst innerhalb der
Kreislinie, und, indem er immer kalter wird, die untere Grenze A,
B erreichen. Wenn er auf der anderen Seite zuriickkehrt, nimmt die
Temperatur wieder zu. Es tritt also auf dem Riickweg der zu dem
Hinweg entgegengesetzte Zustand ein. Die Erwarmung nimmt zu,
bis die Temperatur bei C wieder erreicht ist, von welcher wir aus-
gegangen sind. Wie ausgedehnt auch der Kreis sei, es ist immer
derselbe Vorgang: ein Abfliefien der Warme und ein Heranfliefien
derselben. Denken wir uns das auch bei der [unendlich ausgedehn-
ten geraden] Linie: Indem sich die Temperatur [auf der einen Seite
immer mehr] verliert, kann sie auf der anderen Seite steigen. Wir
haben hier einen Zustand, der sich auf einer Seite verliert, wahrend
er sich auf der anderen Seite wieder aufbaut.
So bringen wir Leben und Bewegung hinein in die Welt und
nahern uns dem, was wir in einem hoheren Sinne «Begreifen der
Welt» nennen konnen. Wir haben hier zwei Zustande, die sich
bedingen, die voneinander abhangig sind. Fur alles aber, was Sie
[sinnlich] beobachten konnen, hat der Vorgang, der, sagen wir,
nach rechts verlauft, nichts zu tun mit dem, der von links zuriick-
kommt, und doch bedingen sie sich gegenseitig. 12
Wir vergleichen nun den Korper der Aufienwelt mit dem Ab-
kiihlungszustand und im Gegensatz dazu unsere Innenempfin-
dung mit dem Erwarmungszustand. [Obwohl Aufienwelt und
Innenempfindung nichts unmittelbar sinnlich Wahrnehmbares
gemeinsam haben,] stehen sie in einem Verhaltnis zueinander,
bedingen sich gegenseitig [in analoger Weise, wie sich die oben
geschilderten Prozesse bedingen]. Daraus ergibt sich ein Zusam-
menhang der Aufienwelt [mit unserer Innenwelt], den wir un-
terstiitzen konnen durch ein Bild: [durch das Verhaltnis von] Pet-
schaft und Siegellack. Das Petschaft lalk einen genauen Abdruck,
eine genaue Wiedergabe des Siegels im Siegellack zuriick, ohne
da$ das Petschaft im Siegellack zuriickbleibt [und ohne da£ etwas
Materielles vom Petschaft in den Siegellack iibergeht]. Im Siegel-
lack bleibt also eine getreue Wiedergabe des Siegels zuriick. Ganz
entsprechend ist es auch beim Zusammenhang von Aufienwelt
und Innenempfindungen. Nur das Wesentliche [iibertragt sich].
Die eine Zustand[sform] bedingt die andere, wobei aber nichts
[Materielles] iibergeht. 13
Wenn wir uns vorstellen, da£ es sich so verhalt mit [dem Zusam-
menhang zwischen der] Aufienwelt und unseren Eindriicken, kom-
men wir zu folgendem. [Geometrische] Spiegelbilder im Raume
verhalten sich so wie Handschuhe von der linken und der rechten
Hand. [Um diese unmittelbar und kontinuierlich miteinander in
Beziehung zu setzen,] miissen wir eine neue Dimension des Raumes
zu Hilfe nehmen. [Nun verhalten sich Aufienwelt und Innenein-
druck analog wie geometrische Spiegelbilder, konnen f olglich eben-
so nur durch eine weitere Dimension unmittelbar miteinander in
Verbindung gebracht werden.] Um nun eine Beziehung herzustel-
len zwischen Auftenwelt und Inneneindrucken, miissen wir also
durch eine vierte Dimension gehen, miissen wir in einem dritten
Element sein. Nur dort konnen wir das Gemeinschaftliche [von
Auftenwelt und Inneneindrucken] suchen, wo wir [mit ihnen] eins
sind. [Man kann sich diese Spiegelbilder wie] schwimmend in einem
Meere [vorstellen], innerhalb welchem wir die Spiegelbilder zur
Deckung bringen konnen. Und so kommen wir [zunachst rein ge-
danklich] zu etwas, was iiber den dreidimensionalen Raum hinweg-
geht und doch eine Wirklichkeit hat. Wir miissen also unsere Raum-
vorstellungen ins Leben bringen, sie beleben.
Oskar Simony 14 hat versucht, diese belebten Raumgebilde mit
Modellen darzustellen. [Wie wir gesehen haben, kommt man] von
der Betrachtung des Nulldimensionalen [schrittweise] zur Mog-
lichkeit, sich den vierdimensionalen Raum vorzustellen. [Anhand
der Betrachtung spiegelsymmetrischer Korper, das heifit mit Hilfe
der] Symmetrieverhaltnisse, konnen wir diesen Raum zuerst [am
leichtesten] erkennen. [Ein anderes Mittel, die Besonderheiten des
empirischen dreidimensionalen Raumes im Verhaltnis zum vier-
dimensionalen Raum zu studieren, bieten die Verknotungen von
Kurven und Bandern.] Was versteht man unter Symmetrieverhalt-
nissen? Dadurch, daft wir Raumgebilde miteinander verschlingen,
rufen wir bestimmte Komplikationen herbei. [Diese Komplikatio-
nen sind Besonderheiten des dreidimensionalen Raumes; sie kom-
men in vierdimensionalen Raumen nicht vor. 15 ]
Lassen Sie uns ein paar praktische Denkiibungen machen.
Wenn wir einen Bandring in der Mitte durchschneiden, erhalten
wir zwei solche Ringe. Zerschneiden wir nun entsprechend ein
Band, dessen Enden um 180° verdreht und dann verklebt worden
sind, so erhalten wir einen einzigen verdrehten Ring, der nicht
zerfallt. Verdrehen wir die Band-Enden um 360° vor dem Zusam-
menkleben, so ergeben sich beim Zerschneiden zwei ineinander
verschlungene Ringe. Verdrehen wir schliefSlich die Band-Enden
um 720°, so ergibt sich durch denselben Prozefi ein Knoten. 16
Wer nachdenkt iiber Naturvorgange, weift, dafi solche Windun-
gen in der Natur vorkommen; [in der Wirklichkeit sind] solche
verschlungenen Raumgebilde mit Kraften versehen. Nehmen Sie
etwa die Bewegung der Erde um die Sonne, und dann die Bewe-
gung des Mondes um die Erde. Man sagt, der Mond beschreibe
um die Erde einen Kreis, doch [wenn man genauer hinsieht] ist es
eine Linie, die wieder [um einen Kreis, den Bahnkreis der Erde,]
herumgeschlungen ist, also eine Schraubenlinie um eine Kreislinie.
Und dann haben wir die Sonne, die so schnell durch den Welten-
raum eilt, daft der Mond noch um sie eine [zusatzliche] Schrau-
benbewegung macht. Es sind also sehr komplizierte Kraftelinien,
die sich im Raume erstrecken. Wir mussen uns vergegenwartigen,
daft wir es mit komplizierten Raumbegriffen zu tun haben, die wir
nur dann begreifen, wenn wir sie nicht starr werden lassen, wenn
wir sie flussig haben.
Vergegenwartigen wir uns das Gesagte noch einmal: Das Null-
dimensionale ist der Punkt, das Eindimensionale ist die Linie, das
Zweidimensionale die Flache und das Dreidimensionale der Kor-
per, Wie verhalten sich diese Raumbegriffe zueinander?
Denken Sie sich, Sie waren ein Wesen, welches iiberhaupt nur
langs einer geraden Linie sich bewegen kann. Wie miiftten die
Raumvorstellungen von solchen Wesen geartet sein, die selber nur
eindimensional sind? Sie wiirden die Eindimensionalitat bei sich
nicht wahrnehmen, sondern nur Punkte sich vorstellen. Denn es
gibt in der geraden Linie, wenn wir in ihr etwas zeichnen wollen,
nur Punkte. Ein zweidimensionales Wesen konnte Linien antreffen,
also eindimensionale Wesen unterscheiden. Ein dreidimensionales
Wesen, etwa der Wiirfel, wiirde die zweidimensionalen Wesen
wahrnehmen. Der Mensch nun kann drei Dimensionen wahrneh-
men. Wenn wir richtig folgern, mussen wir uns sagen: Wie ein ein-
dimensionales Wesen nur Punkte wahrnehmen kann, wie ein zwei-
dimensionales Wesen nur eine Dimension, und ein dreidimensiona-
les Wesen nur zwei Dimensionen wahrnehmen kann, so kann ein
Wesen, das drei Dimensionen wahrnimmt, nur ein vierdimensiona-
les Wesen sein. Dadurch, daft ein Mensch auftere Wesen nach drei
Dimensionen abgrenzen kann, mit Raumen aus drei Dimensionen
[umgehen kann], mufi er vierdimensional sein. 17 Und ebenso wie ein
Wiirfel nur zwei Dimensionen wahrnehmen kann und nicht seine
dritte, so ist es wahr, daft der Mensch die vierte Dimension, in der
er lebt, nicht wahrnehmen kann.
ZWEITER VORTRAG
Berlin, 31. Marz 1905
Heute will ich einiges Elementare iiber die Vorstellung des mehr-
dimensionalen Raumes besprechen [unter anderem in Anschlufi an
den] geistvollen Hinton. 18
Sie erinnern sich, wie wir [das letzte Mai] von der Betrachtung
der nullten Dimension bis zur Vorstellung des mehrdimensionalen
Raumes kamen. Ich will die Vorstellungen, wie wir vom zwei-
zum dreidimensionalen Raum kommen konnen, kurz noch einmal
wiederholen.
Was haben wir unter einem Symmetric- Verhalten zu verstehen?
Wie bringe ich eine rote und eine blaue [ebene Figur, die Spiegel-
bilder voneinander sind,] zur Deckung?
Figur 10
Das kann ich bei zwei Kreishalften relativ leicht, indem ich den
roten [Halb-]Kreis in den blauen hineinschiebe (Figur 10).
Bei der folgenden [spiegel]symmetrischen Figur gelingt dies
nicht so leicht (Figur 11). Ich kann den roten und den blauen Teil
[innerhalb der Ebene] nicht zur Deckung bringen, auf welche
Weise auch immer ich das Rote in das Blaue hineinzuschieben
versuche.
I
Figur 11
Aber es gibt ein Mittel [dies trotzdem zu erreichen]: Wenn man
aus der Tafel, das heifit aus der zweiten Dimension heraustritt
[und die dritte Dimension zu Hilfe nimmt, mit anderen Worten,
wenn man] die blaue Figur auf die rote legt [indem man sie durch
den Raum um die Spiegelachse dreht].
Genauso verhalt es sich mit einem Paar Handschuhen: Ich kann
den einen mit dem anderen nicht zur Deckung bringen, ohne daft
ich aus dem [dreidimensionalen] Raum heraustrete. Man mufi
durch die vierte Dimension gehen.
Ich habe das letzte Mai gesagt, daft man [die Beziehungen im]
Raum flussig machen mufi [wenn man sich eine Vorstellung von
der vierten Dimension erarbeiten will], um dadurch ahnliche Ver-
haltnisse zuwege zu bringen, wie man sie hat, wenn man von der
zweiten in die dritte Dimension ubergeht. In der letzten Stunde
haben wir aus Papierstreifen Raumgebilde erzeugt, die sich inein-
ander verschlingen. Solche Verschlingungen rufen bestimmte
Komplikationen herbei. Das ist keine Spielerei, sondern in der
Natur kommen fortwahrend solche Verschlingungen vor. Wer
nachdenkt iiber Naturprozesse, weifi, daft solche Verschlingungen
wirklich in der Natur vorkommen. Materielle Korper bewegen
sich in solchen verschlungenen Raumgebilden. Diese Bewegungen
sind mit Kraften ausgestattet, so dafi die Krafte sich ebenfalls ge-
geneinander verschlingen. Nehmen Sie die Bewegung der Erde um
die Sonne und dann die Bewegung des Mondes um die Erde. Der
Mond durchlauft einen Kreis, der um den Bahnkreis der Erde um
die Sonne herumgeschlungen ist. Er beschreibt also eine Schrau-
benlinie um eine Kreislinie. Wegen der Bewegung der Sonne
macht der Mond um diese eine weitere Schraubenlinie. Es ergeben
sich also sehr komplizierte Kraftelinien, die sich durch den ganzen
Raum erstrecken.
Die Himmelskorper verhalten sich so zueinander wie die ver-
schlungenen Papierstreifen [von Simony, die wir das letzte Mai
betrachtet haben]. Wir miissen uns vergegenwartigen, daft wir es
mit komplizierten Raumbegriffen zu tun haben, die wir nur dann
begreifen, wenn wir sie nicht starr werden lassen. Wenn wir den
Raum [in seinem Wesen] begreifen wollen, [miissen wir ihn zwar
zunachst starr auffassen, ihn dann aber] wieder vollstandig fliissig
machen, [Man mufi wie] bis zur Null [gehen]; darinnen ist der
[lebendige] Punkt [zu finden].
Wir vergegenwartigen uns noch einmal [den Aufbau der Di-
mensionen]. Der Punkt ist nulldimensional, die Linie eindimen-
sional, die Flache zweidimensional und der Korper dreidimensio-
nal. So hat der Wiirfel die drei Dimensionen: Hohe, Breite und
Tiefe. Wie verhalten sich nun die Raumgebilde [verschiedener
Dimensionen] zueinander? Denken Sie sich, Sie seien eine gerade
Linie, Sie hatten nur eine Dimension, Sie konnten sich nur langs
einer geraden Linie bewegen. Falls es solche Wesen gabe, wie
miilke die Raumvorstellung solcher Wesen geartet sein? Solche
Wesen wiirden die Eindimensionalitat bei sich nicht wahrnehmen,
sondern sie wiirden sich nur Punkte vorstellen konnen iiberall, wo
sie auch hinkamen. Denn es gibt in der geraden Linie, wenn wir
etwas in ihr zeichnen wollen, nur Punkte. Ein zweidimensionales
Wesen wiirde nur Linien antreffen, wiirde also nur eindimensio-
nale Wesen wahrnehmen. [Ein dreidimensionales Wesen wie] der
Wiirfel wiirde zweidimensionale Wesen wahrnehmen, konnte aber
nicht seine [eigenen] drei Dimensionen wahrnehmen.
Der Mensch nun kann seine drei Dimensionen wahrnehmen.
Wenn wir richtig folgern, miissen wir uns sagen: Wie ein eindi-
mensionales Wesen nur Punkte wahrnehmen kann, ein zweidi-
mensionales Wesen nur Geraden und ein dreidimensionales Wesen
nur Flachen, so muft ein Wesen, das drei Dimensionen wahr-
nimmt, selbst ein vierdimensionales Wesen sein. Dadurch, daft der
Mensch auftere Wesen nach drei Dimensionen abgrenzen kann,
mit Raumen aus drei Dimensionen [umgehen kann], muft er vier-
dimensional sein. Und ebenso, wie ein Wiirfel nur zwei Dimensio-
nen wahrnehmen kann und nicht seine dritte, so ist klar, daft der
Mensch die vierte Dimension, in der er lebt, nicht wahrnehmen
kann. Damit haben wir gezeigt, [daft der Mensch ein vierdimen-
sionales Wesen sein muft]. Wir schwimmen im Meere [der vierten
Dimension, wie Eis in Wasser].
Wir kehren noch einmal zur Betrachtung der Spiegelbilder zu-
ruck (Figur 11). Diese senkrechte Linie stellt den Querschnitt ei-
nes Spiegels dar. Der Spiegel wirft ein Spiegelbild [der Figur auf
der linken Seite] zuriick. Der Spiegelungsprozeft weist iiber die
zwei Dimensionen hinaus in die dritte Dimension. [Um den un-
mittelbaren und kontinuierlichen Zusammenhang des Spiegelbil-
des mit dem Original zu verstehen, miissen wir zu] den zwei
Dimensionen eine dritte hinzunehmen.
Figur 12
[Nun betrachten wir das Verhaltnis von Auftenraum und In-
nenvorstellung.] Der Wiirfel hier aufter mir [erscheint als] eine
Vorstellung in mir (Figur 12). Die Vorstellung [des Wiirfels] ver-
halt sich zum Wiirfel wie ein Spiegelbild zum Original. Unser
Sinnesapparat [entwirft vom Wiirfel ein Vorstellungsbild. Will
man dieses mit dem Originalwiirfel] zur Deckung bringen, so muft
man durch die vierte Dimension hindurchgehen. Genauso wie
[beim kontinuierlichen Vollzug des zweidimensionalen] Spiegel-
prozesses zur dritten Dimension iibergegangen werden mufi, muE
unser Sinnesapparat, wenn er imstande sein soli, einen [direkten]
Zusammenhang [zwischen Vorstellungsbild und aulSerem Gegen-
stand] herzustellen, vierdimensional sein. 19
Wenn Sie nur [zweidimensional] vorstellen wiirden, so wiirden
Sie [nur] ein Traumbild vor sich haben, aber keine Ahnung davon
haben, daft draufien ein Gegenstand ist. Unser Vorstellen ist ein
direktes Stulpen unseres Vorstellungsvermogens iiber [die aufteren
Gegenstande vermittels des] vierdimensionalen Raumes.
Der Mensch war im Astralzustand [wahrend friiherer Stadien
der Menschheitsevolution] nur ein Traumer, er hatte nur solche
aufsteigenden Traumbilder. 20 Er ist dann iibergegangen vom
Astralreich zum physischen Raum. Damit haben wir den Uber-
gang vom astralen zum [physisch-]materiellen Wesen mathema-
tisch definiert. Bevor dieser Ubergang geschah, war der astrale
Mensch ein dreidimensionales Wesen und konnte deshalb nicht
seine [zweidimensionalen] Vorstellungen auf die objektive [dreidi-
mensionale physisch-materielle] Welt ausdehnen. Aber als er
[selbst] physischf-materiell] geworden ist, hat er noch die vierte
Dimension hinzubekommen [und konnte demzufolge auch drei-
dimensional erleben].
Durch die eigentumliche Einrichtung unseres Sinnesapparates
sind wir imstande, unsere Vorstellungen mit den aufieren Gegen-
standen zur Deckung zu bringen. Indem wir unsere Vorstellungen
auf auftere Dinge beziehen, gehen wir durch den vierdimensionalen
Raum durch, stulpen die Vorstellung iiber den aufteren Gegenstand.
Wie wiirden sich die Dinge ausnehmen, wenn wir von der an-
deren Seite aus schauen konnten, wenn wir in die Dinge hineintre-
ten und sie von dort aus sehen konnten? Um das zu konnen,
miilken wir durch die vierte Dimension hindurch.
Die Astralwelt selbst ist nicht eine Welt von vier Dimensionen.
Aber die astrale Welt zusammen mit ihrer Spiegelung in der phy-
sischen Welt ist vierdimensional. Wer imstande ist, die astrale
Welt und die physische Welt zugleich zu tiberschauen, der lebt im
vierdimensionalen Raum, Das Verhaltnis unserer physischen Welt
zur astralen ist ein vierdimensionales.
Man muft begreif en lernen den Unterschied zwischen Punkt und
Sphare. fin der Wirklichkeit] ware dieser Punkt nicht passiv, son-
dern ein nach alien Seiten Licht ausstrahlender Punkt (Figur 13).
Figur 13
Welches ware nun das Gegenteil eines solchen Punktes? Ge-
nauso wie es einen Gegensatz zu einer Linie gibt, die von links
nach rechts geht, namlich eine Linie, die von rechts nach links
geht, so gibt es auch einen Gegensatz zum [Licht ausstrahlenden]
Punkt. Wir stellen uns eine riesige, in Wirklichkeit unendlich gro-
fie, Kugel vor, die von alien Seiten, aber jetzt nach innen, Dunkel-
heit verbreitet, Dunkelheit hereinschickt (Figur 14). Diese Kugel
ist das Gegenteil des [Licht ausstrahlenden] Punktes.
Das sind zwei wirkliche Gegensatze: Der Licht ausstrahlende
Punkt und der unendliche Raum, der nicht ein neutrales dunkles
Gebilde ist, sondern der von alien Seiten her den Raum mit Dun-
kelheit iiberflutet. [Als Gegensatz ergibt sich so] eine Quelle der
Dunkelheit und eine Quelle des Lichts. Wir wissen, daft eine ge-
rade Linie, die sich in die Unendlichkeit verliert, von der anderen
Seite nach demselben Punkt zunickkehrt. Ebenso ist es bei einem
Punkte, der nach alien Seiten Licht ausstrahlt. Dieses Licht kommt
[aus der Unendlichkeit] als sein Gegenteil, als Dunkelheit zuriick.
Nun betrachten wir den umgekehrten Fall. Nehmen Sie den
Punkt als Quelle der Dunkelheit. Als Gegensatz ergibt sich ein
Raum, der von alien Seiten Helle hereinstrahlt.
So wie dies neulich [im vorangehenden Vortrag] durchgenom-
men wurde, so verhalt es sich mit dem Punkt; er verliert sich nicht
[in der Unendlichkeit, er kommt von der anderen Seite wieder
zuriick] (Figur 15).
Figur 15
[Ganz entsprechend verliert sich ein Punkt, wenn er sich aus-
dehnt oder hinausstrahlt, nicht im Unendlichen; er kommt als
Sphare aus dem Unendlichen zuriick.] Die Sphare, das Kugelfor-
mige, ist das Gegenteil des Punktes. Im Punkte lebt der Raum.
Der Punkt ist das Gegenteil des Raumes.
Was ist [das Gegenteil] eines Wiirfels? Nichts anderes als der
ganze unendliche Raum, abgerechnet das Stuck, das hier [durch
den Wiirfel] herausgeschnitten ist. So da$ wir uns den [totalen]
Wurfel als unendlichen Raum vorstellen miissen plus sein Gegen-
teil. Ohne Polaritaten kommen wir nicht aus, wenn wir uns die
Welt kraftvoll dynamisch vorstellen [wollen], [Erst so] haben wir
die Dinge in ihrem Leben.
Wurde sich der Okkultist den Wiirfel rot vorstellen, so wiirde
der [iibrige] Raum griin sein, denn Rot ist die Gegenfarbe von
Griin. Der Okkultist hat nicht nur einfach Vorstellungen fur sich
selbst, er hat lebendige Vorstellungen, keine abstrakten, toten
Vorstellungen. Der Okkultist muE aus sich heraus in die Dinge
hineinkommen. Unsere Vorstellungen sind tot, wahrend die Dinge
in der Welt lebendig sind. Wir leben mit unseren abstrakten Vor-
stellungen nicht in den Dingen selber. So miissen wir uns zum
Licht ausstrahlenden Stern den unendlichen Raum in der entspre-
chenden Erganzungsfarbe hinzu vorstellen. Wenn man solche
Ubungen macht, kann man sein Denken schulen, bekommt man
Vertrauen, wie man sich Dimensionen vorstellen kann.
Sie wissen, dafS das Quadrat eine zweidimensionale Raumgrofte
ist. Ein Quadrat, zusammengesetzt aus vier rot- und blauschattier-
ten Teilquadraten, ist eine Flache, die in verschiedene Richtungen
verschieden strahlt (Figur 16). Die Fahigkeit, in verschiedene
Richtungen verschieden zu strahlen, ist eine dreidimensionale Fa-
higkeit. Wir haben hier also die drei Dimensionen Lange, Breite
und Strahlungsvermogen.
Figur 16
Was wir hier mit der Flache machten, denken wir uns auch fur
den Wiirfel ausgefuhrt. Ebenso wie das obige Quadrat aus vier
Teilquadraten aufgebaut war, denken wir uns den Wiirfel aus acht
Teilwiirfeln aufgebaut (Figur 17). Daraus ergeben sich zunachst
die drei Dimensionen Hohe, Breite und Tiefe. Innerhalb jedes
[Teil-]Wiirfels ware dann zu unterscheiden ein bestimmtes Licht-
ausstrahlungsvermogen. Daraus ergibt sich zusatzlich zur Hohe,
Breite und Tiefe eine weitere Dimension: das Strahlungsvermogen.
Sie konnen sich ein Quadrat aus vier Teilquadraten zusammen-
gefiigt denken, einen Wiirfel aus acht verschiedenen Teilwiirfeln.
Und nun denken Sie sich einen Korper, der nicht Wiirfel ist, son-
dern der eine vierte Dimension hat. Wir haben uns die Moglich-
keit geschaffen, dies zu verstehen durch das Strahlungsvermogen.
Hat jeder [der acht Teil wiirfel] ein verschiedenes Strahlungsver-
mogen, so mufi ich, wenn ich bloft den einen Wiirfel habe, der ein
Strahlungsvermogen nur nach einer Seite hat, wenn ich den Wiirfel
erhalten will, der nach alien Seiten strahlt, iiberall zu dem links-
stehenden einen anderen noch hinzufugen, ihn mit einem ent-
gegengesetzten verdoppeln, ich muft ihn aus 16 Wiirfeln zusam-
mensetzen. 21
Nachste Stunde werden wir die Moglichkeit bekommen, wie
wir uns einen mehrdimensionalen Raum denken konnen.
DRITTER VORTRAG
Berlin, 17. Mai 1905
Meine lieben Freunde, ich werde heute mit dem schwierigen Ka-
pitel fortfahren, das durchzunehmen wir unternommen haben.
Dabei wird es notwendig sein, einmal auf die verschiedenen Dinge
Bezug zu nehmen, die ich in den letzten [beiden] Vortragen schon
erwahnt habe. Dann mochte ich heute auch die Grundlinien, die
Grundbegriffe schaffen, um uns in einer letzten und zweitletzten
Stunde anhand der Modelle von Herrn Schouten 22 [die genaueren
geometrischen Verhaltnisse sowie] die interessanten praktischen
Gesichtspunkte der Theosophie, vollig zu eigen zu machen. .
Sie wissen, wir haben den vierdimensionalen Raum seiner
Moglichkeit nach aus dem Grunde uns vorzustellen versucht, da-
mit wir uns wenigstens eine Art von Begriff schaffen konnen iiber
das sogenannte astrale Gebiet sowie iiber die hoheren Gebiete, das
hohere Dasein uberhaupt. Ich habe schon angedeutet, dafi das
Betreten des astralen Raumes, der astralen Welt, fur den Geheim-
schiiler zunachst etwas ungeheuer Verwirrendes hat. Derjenige,
welcher sich nicht naher mit diesen Dingen beschaftigt hat, wel-
cher sich bis dahin nicht einmal theoretisch damit befafit hat, der
nicht einmal theoretisch Theosophie studiert hat, dem wird es
aufierordentlich schwer, sich uberhaupt eine Vorstellung von der
ganz verschiedenen Natur der Dinge und Wesenheiten zu machen,
die uns entgegentreten in der sogenannten astralen Welt. Lassen
Sie uns noch einmal mit ein paar Strichen hinweisen darauf, wie
grofi diese Verschiedenheit ist.
Als einfachstes habe ich erwahnt, daft wir jede Zahl lernen
mussen symmetrisch zu lesen. Der Geheimschuler, der nur ge-
wohnt ist, die Zahlen so zu lesen, wie man sie hier in der physi-
schen Welt liest, wird sich durch das Labyrinth des Astralischen
nicht durchfinden konnen. Wenn Sie im Astralen eine Zahl haben,
zum Beispiel 467, so mussen Sie lesen: 764. Sie mussen sich daran
gewohnen, ein jedes Ding symmetrisch zu lesen, symmetrisch
[spiegelbildlich] anzusehen. Das ist die Grundbedingung. Das ist
noch leicht, solange wir bei Raumgebilden oder Zahlen sind.
Schwieriger wird die Sache, wenn wir zu Zeitverhaltnissen kom-
men. Wenn wir zu Zeitverhaltnissen kommen, so wird die Sache
im Astralischen auch symmetrisch und zwar so, daft uns das Spa-
tere zuerst und das Friihere spater erscheint. Also wenn Sie astra-
lische Vorgange beobachten, so miissen Sie auch von riickwarts
nach vorwarts, von hinten nach vorn lesen konnen. Diese Dinge
kann man nur andeuten, weil sie manchmal ganz grotesk erschei-
nen dem, der nie eine Vorstellung davon hatte. Im Astralen ist
zuerst der Sohn da und dann der Vater, da ist zuerst das Ei da und
dann das Huhn. Im Physischen ist das anders. Im Physischen wird
zuerst geboren und dann ist das Geborensein ein Hervorgehen
eines Neuen aus einem Alten. Im Astralischen ist das umgekehrt.
Dort geht das Alte aus dem Neuen hervor. Im Astralischen ver-
schlingt fur die Erscheinung dasjenige, was vaterlicher oder miit-
terlicher Natur ist, dasjenige, was sohnlicher oder tochterlicher
Natur ist.
Im Griechischen haben Sie eine hubsche Allegoric Die drei
Gotter Uranos, Kronos und Zeus stellen symbolisch die drei
Welten dar. Uranos stellt uns die himmlische Welt dar: Devachan;
Kronos stellt uns das Astralische dar; Zeus das Physische. Von
Kronos wird uns gesagt, daft er seine Kinder aufzehrte. 23 Im
Astralen wird also nicht geboren, sondern verzehrt.
Ganz kompliziert wird die Sache aber dann, wenn wir das
Moralische auf dem astralischen Plan aufsuchen. Das erscheint
auch in einer Art von Umkehrung oder Spiegelbild. Und deshalb
konnen Sie sich auch denken, wie anders die Dinge erscheinen, als
wenn wir uns die Dinge so auslegen, wie wir es gewohnt sind, sie
im Physischen auszulegen. Da sehen wir im Astralischen zum
Beispiel, daft ein wildes Tier an uns herankommt. Das ist nicht so
aufzufassen wie im Physischen. Das wilde Tier wiirgt uns. Das ist
die Erscheinung, die derjenige hat, welcher gewohnt ist, die Sache
so zu lesen wie die aufieren Vorgange. Das wilde Tier ist aber in
Wahrheit etwas, was in uns selbst vorhanden ist, was in unserem
eigenen Astralleib lebt und was uns wiirgt. Das, was als Wiirger an
Sie herantritt, ist etwas, was in Ihrem eigenen Verlangen wurzelt.
So konnen Sie erleben, dafi, wenn Sie einen Rachegedanken haben,
dieser Rachegedanke Ihnen als Wiirgeengel, der von aufien an Sie
herantritt, erscheint und Sie belastigt.
In Wahrheit strahlt [im Astralen] alles von uns aus. Wir miissen
alles, was wir im Astralen an uns herankommen sehen, als von uns
ausstrahlend betrachten (Figur 18). Von der Sphare, von alien
Seiten kommt es heran, gleichsam wie von dem unendlichen Raum
dringt es in uns hinein. In Wahrheit ist es aber nichts anderes als
das, was unser eigener Astralkorper nach aufien schickt.
Wir lesen das Astralische erst richtig, [finden erst dann] die
Wahrheit, wenn wir imstande sind, das Peripherische in das Zen-
trum zu bringen, das Peripherische als das Zentrale zu betrachten
und zu deuten. Das Astralische scheint von alien Seiten auf Sie
zuzukommen. Das ist so zu denken: In Wahrheit ist es etwas, was
nach alien Seiten hin von Ihnen selbst ausstrahlt.
Ich mochte Sie hier gleich mit einem Begriffe bekannt machen,
der sehr wichtig ist bei der okkulten Schulung. Er spukt in den
verschiedensten Werken iiber okkulte Forschung herum, wird
aber wenig richtig verstanden. Derjenige, der bis zu einer gewissen
Stufe der okkulten Entwicklung gelangt ist, muE lernen, alles, was
in ihm noch karmisch veranlagt ist, Freude, Lust, Schmerz und so
weiter, in der astralischen Aufienwelt zu sehen. Wenn Sie im rich-
tigen Sinne theosophisch denken, werden Sie sich daniber klar
sein, dafi das au£ere Leben, unser Leib, im gegenwartigen Zeitalter
weiter nichts ist als ein Ergebnis, ein Durchschnitt von zwei Stro-
mungen, die von entgegengesetzten Richtungen kommen und in-
einandergehen.
Denken Sie sich einmal eine Stromung von der Vergangenheit
her und eine Stromung, die von der Zukunft herankommt, dann
haben Sie zwei ineinandergehende, eigentlich in jedem Punkt sich
durchkreuzende Stromungen (Figur 19). Denken Sie sich eine rote
Stromung nach der [einen] Richtung und eine blaue Stromung
nach der [anderen] Richtung. Und nun denken Sie sich in diesem
Durchschnitt zum Beispiel vier verschiedene Punkte. [Dann haben
wir in jedem dieser vier Punkte] ein Zusammenwirken dieser ro-
ten und blauen Stromungen. [Das ist ein Bild fur das Zusammen-
wirken von] vier aufeinanderfolgenden Inkarnationen, wo in jeder
Inkarnation uns etwas von der einen [und etwas von der anderen]
Seite entgegenkommt. Da konnen Sie sich immer sagen, da ist eine
Stromung, die Ihnen entgegenkommt und eine Stromung, die
Sie mitbringen. Der Mensch fliefk zusammen aus diesen beiden
Stromungen.
■O
Figur 19
Sie bekommen eine Vorstellung davon, wenn Sie sich die Sache
so denken. Heute sitzen Sie hier mit verschiedenen Erlebnissen,
morgen werden Sie zur selben Stunde eine andere Summe von
Ereignissen um sich haben. Denken Sie sich einmal die Ereignisse,
die Sie bis morgen haben werden, waren schon alle da. Es ware
dann dasselbe Erlebnis, wie wenn Sie in ein Panorama blicken
wiirden. Es ware so, wie wenn Sie diesen Ereignissen entgegengin-
gen, wie wenn diese Ereignisse Ihnen raumlich entgegenkommen.
Stellen Sie sich also vor, der Strom, der von der Zukunft gegen Sie
herankommt, bringe Ihnen diese Ereignisse entgegen, dann haben
Sie in diesem Strom [enthalten] die Ereignisse zwischen heute und
morgen. Sie lassen sich von der Vergangenheit die Ihnen entgegen-
stromende Zukunft zutragen.
In jedem Zeitabschnitt ist Ihr Leben ein Durchschnitt von zwei
Stromungen, von denen die eine von der Zukunft nach der Gegen-
wart geht und die andere von der Gegenwart nach der Zukunft.
Wo sich die Stromungen treffen, tritt eine Stauung ein. Alles, was
der Mensch noch vor sich hat, muft er als astralische Erscheinung
vor sich auftauchen sehen. Dieses ist etwas, was eine unglaublich
eindriickliche Sprache spricht.
Denken Sie sich, daft der Geheimschuler [an den Punkt seiner
Entwicklung kommt, wo er] hineinblicken soil in die astrale Welt,
wo ihm die Sinne aufgeschlossen werden, so daft er das, was er
noch bis zum Ablaufe der jetzigen Periode zu erleben haben
wiirde, als auftere Erscheinung in der astralen Welt rings um sich
auftauchen sehen wiirde. Das ist ein Anblick, der von ganz ein-
dringlicher Art fur jeden Menschen ist. Wir miissen also sagen, es
ist eine wichtige Stufe im Verlauf der okkulten Schulung, daft dem
Menschen als astralisches Panorama, als astralische Erscheinung,
dasjenige entgegentritt, was er noch bis zur Mitte der sechsten
Wurzelrasse - denn bis dahin gehen unsere Inkarnationen - zu
erleben hat. Es erschlieftt sich ihm der Weg. Kein Geheimschuler
wird es anders [erleben], als daft er als auftere Erscheinung das
entgegentreten sieht, was er in der naheren Zukunft bis zur sech-
sten Wurzelrasse [noch] vor sich hat.
Wenn der Schuler bis zur Schwelle vorgeschritten ist, dann tritt
an ihn die Frage heran: Willst Du dieses alles in der denkbar kiir-
zesten Zeit durchleben? Denn darum handelt es sich fiir den-
jenigen, der die Einweihung empfangen will. Wenn Sie sich das
iiberlegen, so haben Sie Ihr eigenes zukiinftiges Leben in einem
Moment als aufteres Panorama vor sich. Das ist wiederum das-
jenige, was uns die Anschauung des Astralischen charakterisiert.
Dies ist fiir den einen Menschen so, daft er sich sagt: Nein, da gehe
ich nicht hinein. Fiir den anderen dagegen ist es so, daft er sich
sagt: Ich muft hinein. Diesen Punkt der Entwickelung nennt man
die «Schwelle», die Entscheidung, und die Erscheinung, die man
da hat, sich selbst mit allem, was man noch zu erfahren und zu
erleben hat, die nennt man den «Hiiter der Schwelle». Der Hiker
der Schwelle ist also nichts anderes als unser eigenes kiinftiges
Leben. Wir selbst sind es. Unser eigenes zukunftiges Leben liegt
hinter der Schwelle.
Wiederum eine Eigentumlichkeit der astralischen Erschei-
nungswelt sehen Sie darin, daft derjenige, dem durch irgendein
Ereignis - und es gibt solche Ereignisse im Leben - die astralische
Welt plotzlich geoffnet wird, zunachst vor etwas Unverstandli-
chem stehen mufi. Das ist ein furchtbarer Anblick, der nicht ver-
wirrender gedacht werden kann fur alle diejenigen Menschen, auf
welche, unvorbereitet, durch irgendein Ereignis plotzlich die
astrale Welt hereinbricht. Es ist daher im eminentesten Sinne gut,
das zu wissen, was wir jetzt besprochen haben, damit man im
Falle des Hereinbrechens der astralen Welt weift, was man zu tun
hat. Es kann ein pathologisches Ereignis sein, eine Lockerung
zwischen dem physischen Leib und dem Atherleib oder zwischen
dem Atherleib und dem Astralleib. Durch solche Ereignisse kann
der Mensch in die Lage versetzt sein, unvermutet in die astrale
Welt zu kommen, in das astrale Leben einen Einblick zu tun. Ist
das der Fall, dann kommt er und erzahlt, daft er diese oder jene
Erscheinung sieht. Er sieht es und versteht es nicht zu lesen, weil
er nicht weift, daft er symmetrisch zu lesen hat, daft er jedes wilde
Tier, das an ihn herankommt, aufzufassen hat als die Spiegelung
von dem, was in ihm selbst liegt. In der Tat, die astralischen Krafte
und Leidenschaften des Menschen erscheinen im Kamaloka in den
mannigfaltigsten Formen der tierischen Welt.
Es ist kein besonders schoner Anblick, wenn man im Kamaloka
die Menschen sieht, welche eben erst entkorpert worden sind. In
diesem Augenblick haben sie noch alle ihre Leidenschaften, Trie-
be, Wunsche und Begierden an sich. Solch ein Mensch im Kama-
loka hat zwar seinen physischen Korper nicht mehr und auch
keinen Atherkorper mehr, aber in seinem Astralkorper hat er noch
alles dasjenige, was ihn mit der physischen Welt verbunden hat,
was nur durch den physischen Korper befriedigt werden kann.
Denken Sie sich einmal einen gewohnlichen Durchschnittsbiirger
der Gegenwart, der in seinem vergangenen Leben nichts besonde-
res geworden ist und sich auch keine Miihe gegeben hat, etwas zu
erreichen, der nie viel getan hat zu seiner religiosen Entwickelung,
der die Religion vielleicht nicht theoretisch, aber praktisch, das
heiftt in der Empfindung und Gesinnung iiber Bord geworfen hat.
Sie ist dann bei ihm kein lebendiges Element. Was enthalt dann
sein Astralkorper? Es sind nur Dinge, die befriedigt werden kon-
nen durch den physischen Organismus. Er verlangt zum Beispiel
nach Gaumengenuft. Der Gaumen miiftte dafur aber da sein, damit
diese Begierde befriedigt werden kann. Oder der Mensch verlangt
nach anderen Freuden, die nur dadurch, daft er seinen physischen
Korper in Bewegung setzt, befriedigt werden konnen. Nehmen Sie
an, er hatte eine solche Begierde, aber der Korper ware weg. Dann
lebt das alles in seinem Astralkorper. Das ist die Lage, in welcher
der Mensch ist, wenn er ohne eine astralische Reinigung und Lau-
terung hingestorben ist. Er hat noch die Begierde nach dem Gau-
mengenuft und den anderen Dingen, aber nicht die Moglichkeit,
sie zu befriedigen. Dadurch entsteht das, was das Qualende, das
Furchtbare des Kamaloka-Lebens ist. Deshalb mufi die Begierde
im Kamaloka abgelegt werden, wenn der Mensch ohne astrale
Lauterung stirbt. Erst wenn dieser astralische Leib so weit ist, daft
er es gelernt hat, daft er seine Begierden und Wiinsche nicht mehr
befriedigen kann, daft er sie sich abgewohnen muft, dann ist er
befreit.
[In der Astralwelt nehmen] die Triebe und Leidenschaften tie-
rische Gestalten an. Solange der Mensch im physischen Korper
verkorpert ist, so lange richtet sich sein Astralleib in der Gestalt
etwas nach diesem physischen Leib. Wenn aber der auftere Leib
weg ist, dann kommen die Triebe, Begierden und Leidenschaften,
so wie sie in ihrer tierischen [Natur] sind, in ihrer eigenen Gestalt
zur Geltung, zum Durchbruch. So ist also der Mensch in der
Astralwelt ein Abbild seiner Triebe und Leidenschaften.
Weil sich diese Astralwesen anderer Korper bedienen konnen,
deshalb ist es gefahrlich, Medien in Trance kommen zu lassen,
wenn nicht ein Hellseher dabei ist, der Boses abwenden kann.
Der Lowe ist in der physischen Welt ein plastischer Ausdruck
bestimmter Leidenschaften, der Tiger ist ein Ausdruck von ande-
ren Leidenschaften, die Katze wieder von anderen. Es ist interes-
sant zu sehen, wie jedes Tier der plastische Ausdruck einer Lei-
denschaft, eines Triebes ist.
Im Astralischen, im Kamaloka, ist also der Mensch durch seine
Leidenschaften annahernd ahnlich [der Tier-Natur]. Daher
kommt das Miftverstandnis, das man den agyptischen und indi-
schen Priestern und Weisheitslehrern entgegengebracht hat in be-
zug auf die Lehre von der Seelenwanderung. Ihr sollt so leben, daft
ihr nicht im Tiere verkorpert werdet, sagt diese Lehre. Niemals
spricht diese Lehre aber vom physischen Leben, sondern von dem
hoheren Leben und das, was sie wollte, war nichts anderes, als die
Menschen auf der Erde zu einem solchen Leben zu bewegen, daft
sie nach dem Tode im Kamaloka nicht ihre tierische Gestalt aus-
bilden mussen. Wer das Charakteristische einer Katze ausbildet,
erscheint im Kamaloka als Katze. Daft man auch im Kamaloka als
Mensch erscheint, das ist der Sinn der Vorschriften der Lehre von
der Seelenwanderung. Die wahren Lehren haben die Gelehrten
nicht verstanden, sie haben nur eine absurde Vorstellung davon.
So haben wir gesehen, daft wir es zu tun haben, wenn wir den
Astralraum betreten, auf jedem Gebiet - auf dem Gebiete der
Zahl, der Zeit und auf dem Gebiete des moralischen Lebens - mit
einem vollstandigen Spiegelbild dessen, was wir hier im Physi-
schen gewohnheitsmaftig eigentlich denken und tun. Wir mussen
uns daran gewohnen, symmetrisch zu lesen, denn wir mussen das
konnen, wenn wir den Astralraum betreten.
Sich gewohnen, symmetrisch zu lesen, kann der Mensch am
leichtesten, wenn er anknupft an solche elementare mathematische
Vorstellungen, wie wir sie im verflossenen Vortrag angedeutet
haben, und wie wir sie in den folgenden Auseinandersetzungen
immer mehr und mehr kennenlernen werden. Ich mochte zu-
nachst eine ganz einfache Vorstellung nehmen, namlich anknupfen
an die Vorstellung eines Quadrates. Stellen Sie sich einmal ein
Quadrat vor, wie Sie gewohnt sind, es zu sehen (Figur 20). Ich
werde das Quadrat so zeichnen, daft die vier Seiten desselben in
vier verschiedenen Farben gezeichnet sind.
Figur 20
Dies ist der physische Anblick des Quadrates. Nun mochte ich
Ihnen zunachst den Devachan- Anblick des Quadrates an die Tafel
zeichnen. Ganz genau kann man es nicht, ich mochte damit aber
doch annahernd eine Vorstellung geben, wie im Mentalen ein
Quadrat aussehen wurde. Das mentale Gegenbild [eines Quadra-
tes] ist annahernd wie ein Kreuz (Figur 21).
Figur 21
Wir haben es in der Hauptsache mit zwei aufeinander senkrecht
stehenden, sich schneidenden Achsen zu tun. Zwei Linien, die
durch einander durchlaufen, dann haben Sie es auch. Das physi-
sche Gegenbild entsteht dadurch, daft auf jede dieser Achsen senk-
rechte Linien gezogen werden. Das physische Gegenbild eines
mentalen Quadrates konnen Sie sich am besten vorstellen als Stau-
ung [zweier sich gegenseitig durchkreuzender Stromungen]. Den-
ken wir uns diese aufeinander senkrecht stehenden Achsenlinien
als Stromungen, als Krafte, die vom Schnittpunkt aus nach auften
wirken, und auf diese Stromungen, nur jetzt in der Richtung von
aufien nach innen, Gegenstromungen (Figur 22). Dann kommt ein
Quadrat in die physische Welt dadurch hinein, daft man sich diese
beiden Arten von Stromungen oder Kraften - die eine von innen,
die andere von aufien her - als sich gegeneinander stauend vor-
stellt. Die Kraftestromungen werden also durch Stauungen be-
grenzt.
Figur 22
Damit habe ich ein Bild gegeben, wie sich liberhaupt alles
Mentale verhalt zum Physischen. Ebenso konnen Sie sich fur jedes
physische Ding das mentale Gegenbild konstruieren. Das Quadrat
hier ist nur ein allereinfachstes Beispiel.
Konnten Sie fur ein jegliches Ding im Physischen ebenso sich
ein Korrelat konstruieren, das sich zu dem Physischen so verhalt
wie zwei aufeinander senkrecht stehende Linien sich zu einem
Quadrat verhalten, dann wiirden Sie fur ein jegliches physisches
Ding das Devachan- oder Mentalbild erhalten. Mit anderen Sachen
ist es natiirlich viel komplizierter.
Denken Sie sich jetzt einmal statt des Quadrates einen WiirfeL
Der Wiirfel ist dem Quadrat sehr ahnlich. Der Wiirfel ist ein
Korper, der von sechs Quadraten begrenzt ist. Diese sechs Qua-
drate, die den Wiirfel begrenzen, hat Herr Schouten extra ge-
macht. Denken Sie sich nun einmal statt der vier begrenzenden
Linien, wie sie beim Quadrate vorhanden sind, sechs begrenzende
Flachen. Denken Sie sich, da£ wir statt der senkrechten Linien als
Stauung senkrechte Flachen hatten, und nehmen Sie noch ferner
an, da$ Sie nicht zwei, sondern drei aufeinander [senkrecht] ste-
hende Achsen haben, dann begrenzen Sie den Wiirfel. Nun kon-
nen Sie sich wohl auch vorstellen, wie das mentale Korrelat des
Wiirfels ist. Sie haben wiederum zwei Dinge, die sich gegenseitig
fordern. Der Wiirfel hat drei aufeinander senkrecht stehende Ach-
sen und drei Flachenrichtungen; [wir miissen in diesen] drei
Flachen[richtungen] Stauungswirkungen denken (Figur 23). Die
drei Achsenfrichtungen] und die sechs Flachen, wie vorher [beim
Quadrat] die zwei Achsenfrichtungen] und vier Linien, konnen
wir uns nicht [in einem anderen Verhaltnis] vorstellen, als indem
wir an einen gewissen Gegensatz denken.
Figur 23
Jeder, der etwas nachdenkt, wird sich hier sagen miissen, dafi
wir uns dies nicht vorstellen konnen, ohne einen gewissen Begriff
des Gegensatzes zu bilden, namlich den Gegensatz des Wirkens
und einer Stauung, eines Gegenwirkens. Den Begriff des Gegen-
satzes miissen Sie hier hineinlegen. Hier ist die Sache noch einfach.
Dadurch, daft wir uns an geometrischen Begriffen heranranken,
werden wir es dahin bringen, uns die mentalen Gegenbilder auch
komplizierterer Dinge sachgemafi zu konstruieren. Dann werden
wir den Weg finden und einigermafien zu hoherer Erkenntnis
gelangen. Sie konnen sich aber jetzt schon denken, welche kolos-
sale Kompliziertheit sich ergibt, wenn Sie sich einen anderen
Korper denken und Sie sich sein mentales Gegenbild aufsuchen.
Da kommen viele komplizierte Dinge zum Vorschein. Und wenn
Sie sich noch einen Menschen denken wiirden und sein mentales
Gegenbild mit alien raumlichen Formen und seinem Wirken, so
konnen Sie sich denken, welches komplizierte mentale Gebilde
dieses gibt. Nur annahernd konnte ich in meinem Buche «Theo-
sophie» ein Bild davon geben, wie mentale Gegenbilder ungefahr
aussehen.
Wir haben drei Ausdehnungen, drei Achsen beim Wiirfel. Auf
jeder Achse haben wir beiderseits die entsprechenden senkrechten
Ebenen. Sie miissen also jetzt sich klar sein dariiber, daft der Ge-
gensatz, von dem ich gesprochen habe, so aufzufassen ist, daft Sie
sich jede Flache des Wiirfels denken als entstanden so ahnlich, wie
ich fruher das menschliche Leben beschrieben habe, entstanden als
ein Durchschnitt zweier Stromungen. Sie konnen sich vorstellen,
daft vom Mittelpunkt ausgehen Stromungen. Sie denken sich den
Raum in der einen Achsenrichtung, vom Mittelpunkt aus nach
auften stromend, und in der anderen Richtung, von der Unend-
lichkeit her, entgegenstromend eine andere Stromung. Und dies
[stellen Sie sich vor] in zwei Farben stromend, die eine rot, die
andere blau. In dem Momente, wo sie zusammentreffen, werden
sie in eine Flache stromen, wird eine Flache entstehen, so daft wir
also die Flache des Wiirfels annehmen konnen als das Zusammen-
treffen zweier entgegengesetzter Stromungen in einer Flache. Das
gibt eine lebendige Vorstellung von dem, was ein Wiirfel ist.
Der Wiirfel ist also ein Durchschnitt dreier aufeinander wirken-
der Stromungen. Wenn Sie sich das zusammendenken, so haben
Sie es nicht mit drei, sondern mit sechs Richtungen zu tun, mit
vorwarts-riickwarts, oben-unten, rechts-links. So haben Sie sechs
Richtungen. Und tatsachlich ist das auch der Fall. Sodann kompli-
ziert sich die Sache noch dadurch, daft Sie zwei Arten von Stro-
mungen haben: Die eine in der Richtung von einem Punkt ausge-
hend, die andere aus der Unendlichkeit entgegenkommend. Dies
wird Ihnen einen Gesichtspunkt geben zu dem, was die praktische
Verwertung der hoheren, theoretischen Theosophie ist. Ich habe
jede Richtung des Raumes aufzufassen als zwei entgegengesetzte
Stromungen. Und wenn Sie sich dann einen physischen Korper
vorstellen, dann haben Sie in diesem physischen Korper das Er-
gebnis dieser zwei ineinanderlaufenden Stromungen.
Bezeichnen wir nun diese sechs Stromungen, diese sechs Rich-
tungen, mit sechs Buchstaben ^, c, d, e, f. Wenn Sie sich diese
sechs Richtungen oder Stromungen vorstellen konnten - das nach-
ste Mai werden wir dazu kommen, diese Vorstellungen bilden zu
konnen -, und Sie wiirden davon die erste und letzte, a und /,
wegdenken, getilgt denken, dann blieben Ihnen vier iibrig. Und
das bitte ich Sie nun zu beriicksichtigen: Diese vier, die ubrigblei-
ben, sind die vier, die Sie wahrnehmen konnen, wenn Sie die astra-
lische Welt allein sehen.
Ich habe versucht, Ihnen eine Vorstellung zu geben von den
drei [gewohnlichen Dimensionen] und von drei [weiteren] Dimen-
sioned die sich eigentlich entgegengesetzt dazu verhalten. Da-
durch, dafi diese Dimensionen sich entgegengesetzt zueinander
verhalten und durch ihr Entgegenwirken ein Resultat ergeben,
entstehen die physischen Korper. Denken Sie sich aber vom Phy-
sischen etwas [eine Dimension] weg und auf der anderen Seite von
dem Mentalen etwas [eine Dimension] weg, so bleiben uns vier
Dimensionen iibrig. Diese stellen dann die zwischen der physi-
schen und mentalen Welt existierende astrale Welt dar.
Die Weltbetrachtung des Theosophen ist tatsachlich eine sol-
che, dafi sie mit einer Geometrie im hoheren Sinne zu arbeiten
notwendig hat, welche iiber die gewohnliche Geometrie hinaus-
geht. Der gewohnliche Geometer beschreibt den Wiirfel als von
sechs Quadraten begrenzt. Wir mussen den Wiirfel auffassen als
ein Ergebnis von sechs ineinanderlaufenden Stromungen, also als
Ergebnis einer Bewegung und ihrer Umkehrung, eines Zusam-
menwirkens entgegengesetzter Krafte.
Ich mochte Ihnen noch an der groften Natur draufien einen sol-
chen Begriff zeigen, wo wirklich ein Gegensatz stattgefunden hat,
der vor den Augen des Menschen ein tiefes Geheimnis des Werdens
der Welt enthalt. Goethe spricht in dem «Marchen von der Schlange
und der Lilie» von dem «offenbaren Geheimnis», und das ist eines
der wahrsten und kliigsten Worte, die iiberhaupt zu pragen sind. 24
Es ist wahr, es gibt in der Natur Geheimnisse, die mit Handen zu
greifen sind, aber von den Menschen nicht gesehen werden. Mit
Umkehrungsprozessen haben wir es in der Natur vielfach zu tun.
Einen solchen Umkehrungsprozeft mochte ich Ihnen vorfuhren.
Vergleichen wir einmal den Menschen mit der Pflanze. Der
Mensch mit der Pflanze verglichen ergibt folgendes. Was ich jetzt
sage, ist keine Spielerei, wenn es auch zunachst so aussieht wie
eine Spielerei. Es ist etwas, was auf ein tiefes Mysterium hinweist.
Was hat die Pflanze im Boden? Die Wurzel. Und nach oben ent-
wickelt sie Stengel, Blatter, Bliite und Frucht. Das Haupt der
Pflanze, die Wurzel, steckt in der Erde, und die Organe der Fort-
pflanzung entwickelt sie nach oben, der Sonne entgegen, was wir
die keusche Art der Fortpflanzung nennen konnen. Denken Sie
sich die ganze Pflanze umgekehrt, die Wurzel zum Haupte des
Menschen gemacht. Dann haben Sie im Menschen, der das Haupt
oben hat, und dessen Fortpflanzungsorgane unten liegen, die
umgekehrte Pflanze. Und das Tier steht mitten darinnen, als Stau-
ung. Wenn Sie die Pflanze umkehren, bekommen sie den Men-
schen. Mit drei Strichen zeichnen dies deshalb die Okkultisten
aller Zeiten (Figur 24).
Figur 24
Einen [Strich] als Symbolum der Pflanze, einen als [Symbolum]
des Menschen, und einen entgegengesetzten als das [Symbolum]
des Tieres - drei Striche, die zusammen das Kreuz bilden. Das
Tier hat die Querlage, es durchkreuzt also das, was wir mit der
Pflanze gemeinsam haben.
Sie wissen, wir sprechen von einer Allseele, von der Plato sagt,
sie ist an den Weltenleib gekreuzigt, sie ist an das Kreuz des
Weltenleibes gefesselt. 25 Stellen Sie sich die Weltenseele als Pflan-
ze, Tier und Mensch vor, so haben Sie das Kreuz. Indem die Welt-
seele in diesen drei Reichen lebt, lebt sie gefesselt an dieses Kreuz.
Dadurch werden Sie den Begriff der Stauung erweitert finden. Sie
werden ihn durch etwas erweitert finden in der Natur. Zwei sich
erganzende, auseinanderlaufende, [aber] ineinandergreifende Stro-
mungen bilden Pflanze und Mensch, die Stauung dabei ist das
Tier. So stellt sich das Tier tatsachlich hinein zwischen eine Auf-
warts- und eine Abwartsstromung. So stellt sich das Kamaloka
[Astralsphare] hinein zwischen Devachan und die physische Welt.
So stellt sich tatsachlich zwischen diese beiden Welten, die sich
symmetrisch zueinander verhalten, zwischen Devachan und die
physische Welt, etwas hinein, das dazwischen wirkt, das nach
beiden Seiten wirkt wie eine Stauungsflache. Der auftere Ausdruck
dieser Kamaloka-Welt ist die tierische Welt.
Diejenigen, die schon Organe haben fur diese Welt, die mit
Kraft ergriffen werden mufS, werden erkennen, was wir in den
drei Reichen, in ihrer gegenseitigen Beziehung zueinander zu se-
hen haben. Wenn Sie das Tierreich als hervorgegangen aus einer
Stauung auffassen, wenn Sie die drei Reiche als gegenseitige Stau-
ung auffassen, dann werden Sie die Stellung finden, welche das
Pflanzenreich zu dem Tierreich und das Tierreich zu dem Men-
schenreich hat. Das Tier steht senkrecht zu den beiden anderen
Richtungen, und die anderen sind zwei sich erganzende, ineinan-
dergehende Stromungen. Das [jeweils] niederere Reich dient dem
hoheren als Nahrungsmittel. Das ist etwas, was einen kleinen
Lichtblick auf die ganz andere Art der Verwandtschaft zwischen
Mensch und Pflanze und zwischen Tier und Mensch gestattet.
Wer sich vom Tiere nahrt, macht sich daher mit einer Stauung
verwandt.
Das wirkliche Wirken besteht in der Begegnung entgegenge-
setzter Stromungen. Das ist ein Anfang zu einer Gedankenreihe,
die Sie vielleicht spater noch in einer merkwiirdigen Weise ganz
anders auftreten sehen werden.
Wir haben also gesehen: Das Quadrat entsteht dadurch, daft
zwei Achsen durch Linien geschnitten werden. Der Wiirfel ent-
steht dadurch, dafi drei Achsen durch Flachen geschnitten werden.
Konnen Sie sich nun denken, daft vier Achsen durch etwas ge-
schnitten werden? Der Wiirfel ist die Grenze desjenigen Raumge-
bildes, das entsteht, wenn vier Achsen geschnitten werden.
Das Quadrat begrenzt den dreidimensionalen Wiirfel. Wir wer-
den das nachste Mai sehen, wessen Grenze der Wiirfel selber ist.
Der Wiirfel begrenzt ein vierdimensionales Gebilde.
Fragenbeantwortung
[Was bedeutet es, sich] sechs Stromungen zu denken, von denen man sich je
zwei getilgt vorstellen mufi, und so weiter?
Die sechs Stromungen miissen gedacht werden als zweimal drei
Stromungen: drei von innen heraus wirkend gemafi den drei Ach-
senrichtungen, und die anderen drei als diesen von der Unendlich-
keit her entgegenstromend. Fur jede Achsenrichtung ergeben sich
so zwei Arten, eine von innen nach aufien gehend, die andere
dieser entgegengesetzt von auften kommend nach innen. Setzen
wir fur die beiden Kategorien positiv und negativ, plus und minus,
so haben wir:
+ a -a
+ b - b
+ c - c
Und davon [miissen wir, um zum astralen Raum zu kommen,]
eine ganze Richtung, [zum Beispiel die] Innen- und AuEenstro-
mung, getilgt denken, also zum Beispiel +a und -a.
VIERTER VORTRAG
Berlin, 24. Mai 1905
Ich versuchte neulich, schematisch Ihnen eine Vorstellung vom
vierdimensionalen Raum zu geben. Es wiirde dies aber sehr
schwer sein, wenn wir nicht in einer Art von Analogie uns ein Bild
von dem vierdimensionalen Raum zu machen in der Lage waren.
Wenn es sich darum handelte, unsere Aufgabe zu charakterisieren,
so wiirde es dies sein: ein vierdimensionales Gebilde aufzuzeigen
hier im dreidimensionalen Raum. Zunachst stent uns ja nur der
dreidimensionale Raum zur Verfiigung. Wollen wir sozusagen
etwas, was uns unbekannt ist, ankniipfen an etwas Bekanntes, so
mussen wir uns, ebenso wie wir uns ein Dreidimensionales ins
Zweidimensionale abgebildet haben, ein Vierdimensionales her-
einholen in die dritte Dimension. Nun mochte ich an der Methode
des Herrn Hinton 26 moglichst popular zeigen, wie der vierdimen-
sionale Raum innerhalb der drei Dimensionen abzubilden ist. Ich
mochte also zeigen, wie diese Aufgabe gelost werden kann.
Zunachst lassen Sie mich davon ausgehen, wie man den dreidi-
mensionalen Raum in den zweidimensionalen Raum hineinbringt.
Unsere Tafel hier ist ein zweidimensionaler Raum. Wiirden wir
zur Hohe und Breite eine Tiefe hinzunehmen, so hatten wir den
dreidimensionalen Raum zusammen. Nun wollen wir versuchen,
uns ein dreidimensionales Gebilde anschaulich auf der Tafel abzu-
bilden.
Der Wiirfel ist ein dreidimensionales Gebilde, weil er aus
Hohe, Breite und Tiefe besteht. Versuchen wir, ihn in den zwei-
dimensionalen Raum zu bringen, also auf die Ebene. Wenn Sie den
ganzen Wiirfel nehmen und ihn abrollen, oder besser abwickeln,
so konnen Sie das auf folgende Art machen. Die Seiten, die sechs
Quadrate, die wir im dreidimensionalen Raum haben, konnen wir
einmal ausbreiten in einer Ebene (Figur 25). So konnte ich mir also
die Begrenzungsflachen des Wiirfels auf der Ebene ausgebreitet
denken in einer Kreuzesfigur.
Figur 25
Es sind sechs Quadrate, die sich wieder zum Wiirfel erganzen,
wenn ich sie wieder zuriickklappe, - so also, dafi Quadrat 1 und
3, 2 und 4, und ebenso 5 und 6 einander gegeniiberstehend sind.
So haben wir ein dreidimensionales Gebilde einfach hineingelegt
in die Ebene.
Das ist eine Methode, die wir so nicht unmittelbar gebrauchen
konnen, um die vierte Dimension in den dreidimensionalen Raum
zu zeichnen. Dafur miissen wir eine andere Analogie suchen. Wir
miissen da Farben zu Hilfe nehmen. Dazu werde ich die sechs
Quadrate ihren Seiten nach mit verschiedenen Farben bezeichnen.
Die einander [im Wiirfel] gegenuberliegenden Quadrate, wenn sie
aufgeklappt sind, sollen gleiche Farben haben. Ich werde die
Quadrate 1 und 3 so zeichnen, dafi die einen Seiten rot [punktierte
Linien] und die anderen blau [durchgezogene Linien] sind. Nun
werde ich mal diese Quadrate so erganzen, dafi ich Blau fur die
ganze horizontale Richtung beibehalte (Figur 26). Ich werde also
alle diejenigen Seiten, die in diesen Quadraten vertikal sind, rot
zeichnen, und alle horizontalen blau machen.
Wenn Sie sich diese zwei Quadrate 1 und 3 ansehen, so haben
Sie die zwei Dimensionen, die die Quadrate haben, in zwei Far-
ben, Rot und Blau, ausgedriickt. So wiirde also hier fur uns [an der
senkrechten Tafel, wo das Quadrat 2 an der Tafel «klebt»] Rot die
Hohe und Blau die Tiefe bedeuten.
Halten wir nun das fest, daft wir iiberall, wo die Hohe auftritt,
Rot anwenden, und dort, wo die Tiefe auftritt, Blau; und dann
wollen wir fur die dritte Dimension, die Breite, Griin [gestrichelte
Linie] nehmen. Nun wollen wir uns in dieser Weise den auseinan-
dergeklappten Wiirfel erganzen. Das Quadrat 5 hat Seiten, welche
blau und griin sind, also mufi das Quadrat 6 ebenso aussehen.
Nun bleiben noch die Quadrate 2 und 4 iibrig, und wenn Sie sich
die aufgeklappt denken, so ergibt sich, daft die Seiten rot und griin
sein werden.
Nun sehen Sie, wenn Sie sich das einmal vergegenwartigen, so
haben wir die drei Dimensionen in drei Farben verwandelt. Fur
Hohe, Breite, Tiefe sagen wir jetzt Rot [punktiert], Griin [gestri-
chelt], Blau [durchgezogen], Wir nennen an Stelle der drei Raum-
dimensionen die drei Farben, die uns also dafiir Bilder sein sollen.
Wenn Sie sich den ganzen Wiirfel aufgeklappt denken, so konnen
Sie sich zu zwei Dimensionen die dritte in der Weise erklaren, als
hatten Sie so zum Beispiel das blau-rote Quadrat [etwa von links
nach rechts in Figur 26] durch Griin durchmarschieren lassen. Wir
wollen sagen, Rot und Blau seien durch Griin hindurchgegangen.
Das Durchmarschieren durch Grim, das Verschwinden in der drit-
ten Farbendimension, wollen wir bezeichnen als den Durchgang
durch die dritte Dimension. Denken Sie sich also, der griine Nebel
farbe dabei das rot-blaue Quadrat, so werden beide Seiten - rot
wie blau - gefarbt erscheinen. Blau wird ein Blaugriin und Rot
eine triibe Schattierung annehmen, und erst dort, wo das Griin
aufhort, werden beide wieder in ihrer eigenen Farbe erscheinen.
Dasselbe konnte ich mit den Quadraten 2 und 4 machen. Ich liefte
also das rot-grime Quadrat sich durch einen Raum bewegen, der
blau ist, und dasselbe konnen Sie dann mit den beiden anderen
Quadraten 5 und 6 vornehmen, wo das blau-griine Quadrat das
Rot passieren miifke. Ein jedes Quadrat lassen Sie auf diese Art
auf der einen Seite verschwinden, in eine andere Farbe untertau-
chen. Es nimmt durch diese dritte Farbe selbst eine andere Far-
bung an, bis es auf der anderen Seite wieder in seiner Urspriing-
lichkeit heraustritt.
Wir haben so eine sinnbildliche Darstellung unseres Wurfels
durch drei aufeinander senkrecht stehende Farben. Wir haben
durch drei Farben einfach die drei Richtungen dargestellt, mit
denen wir es hier zu tun haben. Wenn wir uns vorstellen wollen,
welche Veranderung die drei Paare der Quadrate erlitten haben, so
konnen wir es dadurch, dafi einmal die Quadrate durchgehen
durch das Griin, das zweite Mai gehen sie durch das Rot, und das
dritte Mai durch das Blau durch.
Nun denken Sie sich statt dieser [gefarbten] Linien einmal
selbst Quadrate und fur den blofien Raum auch iiberall selbst
Quadrate. Dann kann ich die ganze Figur noch anders zeichnen
(Figur 27). Wir zeichnen uns das Durchgangsquadrat blau, und die
beiden, welche durchgehen - vor und nach dem Durchgang -,
zeichnen wir oben und unten daneben, also hier rot-grim. [In
einem zweiten Schritt] nehme ich das rote Quadrat als dasjenige,
welches die blau-griinen Quadrate durch sich hindurchgehen lafit.
Und [in einem dritten Schritt] haben wir hier das griine Quadrat.
Durch das griine Quadrat gehen die zwei entsprechenden anderen
Farben durch, also Rot und Blau.
Sie sehen, jetzt habe ich Ihnen hier eine andere Form der Aus-
breitung gezeigt mit neun nebeneinanderliegenden Quadraten,
wovon aber nur sechs [Begrenzungen] am Wiirfel selbst sind,
namlich die oben und unten in der Figur gezeichneten Quadrate
(Figur 27). Die anderen drei [mittleren] Quadrate sind Durch-
gangsquadrate, die nichts anderes bezeichnen, als das Verschwin-
den der einzelnen Farben in einer dritten [Farbe]. [Fur die Durch-
gangsbewegung haben wir] also immer zwei Dimensionen zusam-
menzunehmen, weil jedes dieser Quadrate [in der oberen und
unteren Reihe] aus zwei Farben zusammengesetzt ist und in der
Farbe verschwindet, die es nicht selbst enthalt. Damit diese Qua-
drate [jeweils wieder] auf der anderen Seite erscheinen, lassen wir
sie also in der dritten Farbe verschwinden. Rot und Blau ver-
schwinden durch Griin, Rot und Griin haben kein Blau, ver-
schwinden also durch Blau [und Griin und Blau verschwinden
durch Rot].
Figur 27
So also, sehen Sie, haben wir hier die Moglichkeit, unseren
Wiirfel durch Quadrate aus zwei Farbendimensionen zusammen-
zusetzen, die durch die dritte Farbendimension hindurchgehen. 27
Nun liegt es nahe, da(5 wir uns statt der Quadrate Wurfel vor-
stellen und setzen dabei die Wurfel aus drei Farbendimensionen
zusammen - ebenso wie wir das Quadrat aus zweierlei gefarbten
Linien zusammengesetzt haben -, so da$ wir drei Farben haben,
nach den drei Dimensionen des Raumes. Wollen wir nun dasselbe
machen, was wir beim Quadrat gemacht haben, so mussen wir
eine vierte Farbe hinzunehmen. Dadurch werden wir den Wurfel
ebenso verschwinden lassen [konnen], naturlich nur durch eine
Farbe, die er nicht selbst hat. - Statt der drei Durchgangsquadrate
haben wir nun einfach vier Durchgangswiirfel aus vier Farben:
Blau, Weifi, Griin und Rot. Also statt des Durchgangsquadrates
haben wir den Durchgangswiirfel. Herr Schouten hat nun in sei-
nen Modellen diese farbigen Wurfel hergestellt. 28
Nun mussen wir, wie wir hier ein Quadrat durch ein anderes
gehen liefien, das nicht seine Farbe hat, so mussen wir jetzt einen
Wiirfel durch einen anderen durchgehen lassen, der seine Farbe
nicht hat. Wir lassen also den werft-rot-griinen Wiirfel durch einen
blauen hindurchgehen. Er wird auf der einen Seite in die vierte
Farbe untertauchen und auf der anderen Seite wieder in seinen
[urspriinglichen] Farben erscheinen (Figur 28.1).
4-
S 3
y
U
3
u
3
Figur 28
So haben wir hier eine [Farben-JDimension, die von zwei
Wiirfeln begrenzt wird, die drei farbige Flachen haben. In dersel-
ben Weise mussen wir nun durch den weifien Wiirfel den griin-
blau-roten Wiirfel durchgehen lassen (Figur 28.2), ebenso dann
den blau-weifi-roten Wiirfel durch das Griin (Figur 28.3). Bei der
letzten Figur (Figur 28.4) haben wir einen blau-griin-weiften
Wiirfel, der durch eine rote Dimension durchgehen mu6, das
heifk, in einer Farbe verschwinden mufi, die er nicht selbst hat, urn
nachher wieder in seinen ureigenen Farben auf der anderen Seite
zu erscheinen.
Diese vier Wiirfel verhalten sich genauso wie vorhin unsere drei
Quadrate. Wenn Sie sich nun klarmachen, da$ wir sechs Quadrate
brauchen, damit ein Wiirfel begrenzt wird, so haben wir acht
Wiirfel notig, 29 um ein analoges vierdimensionales Gebilde, den
Tessarakt, zu begrenzen. 30 Wie wir dort drei Hilfsquadrate be-
kommen haben, die nur das Verschwinden durch die andere Di-
mension bedeuten, so bekommen wir hier im ganzen zwolf Wiir-
fel, welche sich zueinander so verhalten, wie diese neun Figuren in
der Ebene sich verhalten. Dann haben wir dasselbe mit dem
Wiirfel getan, was wir friiher mit den Quadraten taten, und indem
wir jedesmal eine neue Farbe wahlten, trat eine neue Dimension
zu den andern hinzu. So denken wir uns also, wir stellen farben-
bildlich einen Korper dar, der vier Dimensionen hat dadurch, daft
wir nach vier Richtungen hin vier verschiedene Farben haben,
wobei jeder [einzelne] Wiirfel drei Farben hat und durch die vierte
[Farbe] hindurchgeht.
Der Sinn, den dieses Ersetzen der Dimensionen durch die Far-
ben hat, besteht darin, daft wir, solange wir bei den [drei] Dimen-
sionen bleiben, die drei Dimensionen nicht in die [zweidimensio-
nale] Ebene bringen konnen. Nehmen wir aber dafiir drei Farben,
so konnen wir es tun. Ebenso machen wir es mit vier Dimensio-
nen, wenn wir sie durch [vier] Farben im dreidimensionalen Raum
zur bildlichen Darstellung bringen wollen. Das ist zunachst eine
Art, wie ich Sie auf die doch sonst komplizierten Dinge hinleiten
mochte, und wie sie Hinton in seinem Problem [der dreidimensio-
nalen Darstellung vierdimensionaler Gebilde] gebraucht hat.
Ich mochte nun noch einmal den Wiirfel in der Ebene ausbrei-
ten, ihn nochmals in die Ebene umlegen. Das will ich an die Tafel
zeichnen. Sehen Sie zunachst von dem untersten Quadrat [der
Figur 25] ab, und denken Sie sich, daft Sie nur zweidimensional
sehen konnten, also nur das sehen konnten, was in der Flache der
Tafel ausgebreitet ist. Wenn wir fiinf Quadrate so zusammenge-
fiigt haben, wie in diesem Falle, daft sie so gelagert sind, daft das
eine Quadrat in die Mitte hineinkommt, so bleibt diese innere
Flache unsichtbar (Figur 29). Sie konnen von alien Seiten herum-
gehen. Sie konnen Quadrat 5, da Sie nur in zwei Dimensionen
sehen konnen, nicht erblicken.
Figur 29
Nun wollen wir einmal dieselbe Sache, die wir hier mit fiinf von
den sechs Seitenquadraten des Wiirfels angestellt haben, mit sieben
von den acht Grenzwiirfeln machen, die den Tessarakt bilden,
wenn wir unser vierdimensionales Gebilde in den Raum ausbrei-
ten. Ich will die sieben Wiirfel analog legen, wie ich es mit den
Flachen des Wiirfels auf der Tafel tat; nur haben wir jetzt Wiirfel,
wo wir vorher Quadrate hatten. Nun haben wir hier die entspre-
chende Raumfigur, ganz analog geformt. Damit haben wir dassel-
be fur den dreidimensionalen Raum, was wir vorher fur die zwei-
dimensionale Flache hatten. Wie vorher ein Quadrat, so ist jetzt
der siebente Wiirfel vollstandig von alien Seiten verdeckt, den ein
Wesen, das [blofi] die Fahigkeit zum dreidimensionalen Schauen
hat, niemals wird sehen konnen (Figur 30). Konnten wir diese
Figuren so zusammenklappen wie die sechs abgewickelten Qua-
drate des Wiirfels, so konnten wir aus der dritten in die vierte
Dimension iibergehen. Wir haben gezeigt, wie man sich davon
durch Farben-Ubergange eine Vorstellung bilden kann. 31
Damit haben wir wenigstens gezeigt, wie man sich, trotzdem
die Menschen nur drei Dimensionen wahrnehmen konnen, doch
einen vierdimensionalen Raum vorstellen kann. Nun konnten Sie
sich noch fragen, wie man von dem wirklichen vierdimensionalen
Raum eine mdgliche Vorstellung gewinnen kann. Und da mochte
ich Sie hinweisen auf etwas, das man das eigentliche «alchemisti-
sche Geheimnis» nennt. Denn die wirkliche Anschauung des vier-
dimensionalen Raumes hangt in gewisser Weise mit dem zusam-
men, was die Alchemisten «Verwandlung» nannten.
[Erste Textvariante:] Derjenige, welcher eine wirkliche Anschau-
ung von dem vierdimensionalen Raum sich erwerben will, mufi
ganz bestimmte Anschauungsiibungen machen. Diese bestehen
darin, daft er sich zunachst eine ganz klare Anschauung, eine ver-
tiefte Anschauung, nicht Vorstellung, bildet von dem, was man
Wasser nennt. Eine solche Anschauung von dem Wasser ist nicht
so leicht zu kriegen. Man mufi lange meditieren und sich sehr
genau in die Natur des Wassers vertiefen, man mufi sozusagen
hineinkriechen in die Natur des Wassers. Das zweite ist, daft man
sich eine Anschauung verschafft von der Natur des Lichtes. Das
Licht ist etwas, was der Mensch zwar kennt, aber nur so kennt,
wie er es von Aufien empfangt. Nun kommt der Mensch dadurch,
daft er meditiert, dazu, das innere Gegenbild des aufteren Lichtes
zu bekommen, zu wissen, wodurch und woher das Licht entsteht,
so daft er dadurch selbst so etwas wie Licht hervorbringen, erzeu-
gen kann. Diese Fahigkeit, Licht hervorbringen, erzeugen zu kon-
nen, eignet sich der Yogi [Geheimschuler] an durch Meditation.
Das kann derjenige, welcher reine Begriffe wirklich meditativ in
seiner Seele anwesend zu haben vermag, der reine Begriffe wirk-
lich meditativ auf seine Seele wirken laftt, der sinnlichkeitsfrei
denken kann. Dann entspringt dem Begriffe das Licht. Dann geht
ihm die ganze Umwelt auf als flutendes Licht. Der Geheimschuler
mufi nun gleichsam chemisch verbinden die Anschauung, die er
sich von Wasser gebildet hat, mit der Anschauung des Lichtes.
Das vom Licht ganz durchdrungene Wasser ist ein Korper, der
von den Alchemisten genannt wird Merkurius. Wasser plus Licht
heifit in der Sprache der Alchemisten Merkurius. Dieses alchemi-
stische Merkur ist aber nicht das gewohnliche Quecksilber. Sie
werden die Sache nicht in dieser Form [iiberliefert] erhalten haben.
Man mull erst in sich die Fahigkeit erwecken, aus dem [Umgehen
mit den reinen] Begriffen selbst das Licht zu erzeugen. Merkurius
ist diese Vermischung [des Lichtes] mit der Anschauung des Was-
sers, diese lichtdurchdrungene Wasserkraft, in deren Besitz man
sich dann versetzt. Das ist das eine Element der astralischen Welt.
Das zweite [Element] entsteht dadurch, daft man sich, ebenso
wie man vom Wasser sich eine Anschauung gebildet hat, man sich
von der Luft eine Anschauung bildet, daft wir also die Kraft der
Luft durch einen geistigen Vorgang heraussaugen. Wenn Sie [auf
der anderen Seite Ihr] Gefuhl in sich in gewisser Weise konzen-
trieren, so erzeugen, so entziinden Sie durch das Gefuhl das Feuer.
[Wenn Sie die Kraft der Luft gleichsam chemisch verbinden mit
dem durch Gefuhl erzeugten Feuer, so] bekommen Sie «Feuer-
luft». Sie wissen, daft in Goethes «Faust» von Feuerluft gespro-
chen wird. 32 Das ist etwas, wo das Innere des Menschen mitarbei-
ten mufi. Also das eine Element wird [aus einem gegebenen Ele-
ment, der Luft,] herausgesogen, das andere [das Feuer oder die
Warme] wird von Ihnen selbst erzeugt. Diese Luft plus Feuer
nannten die Alchemisten Schwefel, Sulfur, leuchtende Feuerluft.
Wenn Sie nun diese leuchtende Feuerluft in einem waftrigen
Elemente haben, dann haben Sie in Wahrheit jene [astrale] Mate-
rie, von der es in der Bibel heiftt: und der Geist Gottes schwebte,
oder briitete, iiber den «Wassern». 33
[Das dritte Element entsteht, wenn] man der Erde die Kraft
entzieht und das dann verbindet mit den [geistigen Kraften im]
«Schall»; dann hat man das, was [hier] Geist Gottes genannt wird.
Daher wird es auch «Donner» genannt. [Wirkender] Geist Gottes
ist Donner, ist Erde plus Schall. Der Geist Gottes [schwebt also
liber der] astralen Materie.
Jene «Wasser» sind nicht gewohnliche Wasser, sondern was
man eigentlich astrale Materie nennt. Diese besteht aus vier Arten
von Kraften: Wasser, Luft, Licht und Feuer. Die Anordnung die-
ser vier Krafte stellt sich der astralischen Anschauung als die vier
Dimensionen des astralen Raumes dar. So sind sie in der Wirklich-
keit. Es sieht im Astralen eben ganz anders aus als in unserer Welt.
Manches, was als astral aufgefafk wird, ist nur eine Projektion des
Astralen in den physischen Raum.
Sie sehen, dasjenige, was astral ist, ist halb subjektiv [das heilk
dem Subjekt passiv gegeben], halb Wasser und Luft, denn Licht
und Gefiihl [Feuer] sind objektiv, [das heiftt vom Subjekt tatig zur
Erscheinung gebracht]. Nur einen Teil von dem, was astral ist,
kann man aufien [als dem Subjekt gegeben] finden, aus der Um-
welt gewinnen. Den anderen Teil mufi man subjektiv [durch eige-
ne Tatigkeit] dazubringen. Aus Begriffs- und Gefuhlskraften ge-
winnt man [aus dem Gegebenen] durch [tatige] Objektivierung
das andere. Im Astralen haben wir also Subjektiv-Objektives.
Im Devachan gibt es gar keine [fur das Subjekt blofi gegebene]
Objektivitat mehr. Man wurde dort ein vollig subjektives Element
haben.
Wir haben eben da etwas, was der Mensch erst [aus sich heraus]
erzeugen muE, wenn wir vom astralen Raum sprechen. So ist alles,
was wir hier tun, das Symbolische, [nur] eine sinnbildliche Dar-
stellung fur die hoheren Welten, fur die devachanische Welt, die in
der Art wirklich sind, wie ich es Ihnen in diesen Andeutungen
auseinandergesetzt habe. Es ist das, was in diesen hoheren Welten
liegt, nur dadurch zu erreichen, dafi man in sich selbst neue An-
schauungsmoglichkeiten entwickelt. Der Mensch mufi selbst etwas
dazu tun.
[Zweite Textvariante (Vegelahn):] Derjenige, welcher eine wirk-
liche Anschauung des vierdimensionalen Raumes sich erwerben
will, mufi ganz bestimmte Anschauungsiibungen machen. Er bil-
det sich zunachst eine ganz klare, vertiefte Anschauung vom
Wasser. Eine solche Anschauung ist nicht so ohne weiteres zu
bekommen, man mull sich sehr genau in die Natur des Wassers
vertiefen; man mufi sozusagen hineinkriechen in das Wasser. Das
zweite ist, daft man sich eine Anschauung von der Natur des Lich-
tes verschafft; das Licht ist etwas, was der Mensch zwar kennt,
aber nur so, dafi er es von auften empfangt; durch das Meditieren
kann er das innere Gegenbild des Lichtes bekommen, wissen,
woher Licht entsteht, und daher selbst Licht hervorbringen. Das
kann derjenige, der reine Begriffe wirklich meditativ auf seine
Seele wirken la$t, der ein sinnlichkeitsfreies Denken hat. Dann
geht ihm die ganze Umwelt als flutendes Licht auf, und nun mufi
er gleichsam chemisch die Vorstellung, die er sich vom Wasser
gebildet hat, mit der des Lichtes verbinden. Dieses von Licht ganz
durchdrungene Wasser ist ein Korper, der von den Alchemisten
«Merkurius» genannt wurde. Das alchemistische Merkur ist aber
nicht das gewohnliche Quecksilber. Erst nurft man in sich die
Fahigkeit erwecken, aus dem Begriff des Lichtes Merkurius zu
erzeugen. Merkurius, lichtdurchdrungene Wasserkraft, ist dasjeni-
ge, in dessen Besitz man sich dann versetzt. Das ist das eine Ele-
ment der astralen Welt.
Das zweite entsteht dadurch, daft Sie sich ebenso eine anschau-
liche Vorstellung von der Luft machen, dann die Kraft der Luft
durch einen geistigen Vorgang heraussaugen, sie mit dem Gefuhl
in sich verbinden, und Sie entziinden so den Begriff «Warme»,
«Feuer», dann bekommen Sie «Feuerluft». Also das eine Element
wird herausgesogen, das andere wird von Ihnen selbst erzeugt.
Dieses - Luft und Feuer - nannten die Alchemisten «Schwefel»,
Sulfur, leuchtende Feuerluft. I'm waftrigen Elemente, da haben Sie
in Wahrheit jene Materie, von der es heifk: «und der Geist Gottes
schwebte iiber den Wassern».
Das dritte Element ist «Geist-Gott», das ist «Erde» verbunden
mit «Schall». Das ist eben was entsteht, wenn man der Erde die
Krafte entzieht und mit dem Schall verbindet. Jene «Wasser» sind
nicht gewohnliche Wasser, sondern was man eigentlich astrale
Materie nennt. Diese besteht aus vier Arten von Kraften: Wasser,
Luft, Licht und Feuer. Und das stellt sich dar als die vier Dimen-
sionen des astralen Raumes.
Sie sehen, dasjenige, was astral ist, ist halb subjektiv; nur einen
Teil dessen, was astral ist, kann man aus der Umwelt gewinnen;
aus Begriffs- und Gefuhlskraften gewinnt man durch Objektivie-
rung das andere. Im Devachan wiirde man ein vollig subjektives
Element haben; dort gibt es keine Objektivitat. So ist alles, was
wir hier tun, das Symbolische, eine sinnbildliche Darstellung fiir
die devachanische Welt. Alles, was in den hoheren Welten liegt, ist
nur dadurch zu erreichen, daft Sie neue Anschauungen in sich
selbst entwickeln. Der Mensch raufi selbst etwas dazu tun.
FUNFTER VORTRAG
Berlin, 31. Mai 1905
Wir haben das letzte Mai versucht, uns eine Vorstellung eines vier-
dimensionalen Raumgebildes zu verschaffen. Um es uns zu veran-
schaulichen, haben wir es auf ein dreidimensionales reduziert.
Zunachst sind wir davon ausgegangen, ein dreidimensionales
Raumgebilde in ein zweidimensionales zu verwandeln. Wir setz-
ten statt der Dimensionen Farben ein. Wir haben die Vorstellung
so ausgebildet, daft ein Wurfel langs der drei Dimensionen in drei
Farben erschien. Dann legten wir die Grenzen eines Wurfels auf
die Ebene hin, das ergab uns sechs Quadrate in verschiedenen
Farben. Durch die Verschiedenheit der Farben der einzelnen Sei-
ten ergaben sich uns die drei verschiedenen Dimensionen im zwei-
dimensionalen Raum. Wir hatten dreierlei Farben, und damit hat-
ten wir die drei Dimensionen reprasentiert.
Wir haben uns dann vorgestellt, daft wir ein Wurfelquadrat in
die dritte Dimension hiniiberleiten so, wie wenn wir es durch
einen farbigen Nebel hiniiberleiteten und es auf der anderen Seite
wieder erscheint. Wir stellten uns dabei vor, daft wir Durchgangs-
Quadrate haben, so daft durch diese Quadrate die Wiirfelquadrate
sich hindurchbewegen und sich dadurch [mit der Farbe des
Durchgangs-Quadrates] tingieren. So haben wir versucht, uns den
[dreidimensionalen] Wurfel [vermoge einer zweidimensionalen
Farbendarstellung] vorzustellen. [Fur die eindimensionale Darstel-
lung der] Flachen haben wir also zwei Grenzfarben und [fur die
zweidimensionale Darstellung des] Wurfels drei Farben. [Um ein
vierdimensionales Raumgebilde im dreidimensionalen Raum ab-
zubilden, mussen wir] dann eine vierte Grenzfarbe hinzunehmen.
Nun mussen wir uns in der gleichen Weise vorstellen, daft ein
Wurfel, der, analog wie unser Quadrat, zwei verschiedene Farben
hat als Grenzseiten, drei verschiedene Farben hat in seinen Grenz-
flachen. Und schlieftlich bewegt sich jeder Wurfel durch einen
anderen Wurfel, der die entsprechende vierte Farbe hat. Dabei
lassen wir ihn also verschwinden in der vierten Farbendimension.
Wir lassen also nach der Analogie von Hinton die jeweiligen
Grenz-Wiirfel durch die neue [vierte] Farbe hindurchgehen, die
dann auf der anderen Seite wieder erscheinen, auftauchen in ihrer
[urspriinglichen] eigenen Farbe.
Nun will ich Ihnen eine andere Analogie geben und zunachst
die drei Dimensionen wieder auf zwei reduzieren, so daft wir [an-
schliefiend] imstande sein werden, vier Dimensionen auf drei zu
reduzieren. Dazu miissen wir uns das folgende vorstellen. Der
Wurfel kann an seinen Grenzflachen zusammengesetzt werden aus
seinen sechs Grenz-Quadraten; statt aber nun, wie neulich, die
Ausbreitung hintereinander [zusammenhangend] vorzunehmen,
wird sie jetzt auf eine andere Weise geschehen. Ich werde auch
diese Figur hinzeichnen (Figur 31). Sie sehen, wir'haben jetzt auf
diese Weise den Wurfel ausgebreitet in zwei Systeme, deren jedes
in der Ebene liegt und aus je drei Quadraten besteht. Nun miissen
wir uns klar werden dariiber, wie diese verschiedenen Gebiete lie-
gen werden, wenn wir den Wurfel wirklich zusammensetzen. Ich
bitte Sie, sich das folgende klar zu machen. Wenn ich nun den
Wurfel aus diesen sechs Quadraten wieder zusammensetzen will,
so mufi ich die beiden Abteilungen so ubereinanderlegen, dafi
Quadrat 6 iiber Quadrat 5 zu liegen kommt. Wenn auf diese
Weise Quadrat 5 unten zu liegen kommt, mufi ich die Quadrate 1
und 2 hochklappen, die Quadrate 3 und 4 dagegen nach unten
hinunterklappen (Figur 32). Dabei bekommen wir also gewisse
korrespondierende Linien, die sich gegenseitig decken. Die in der
Figur mit gleicher Farbe [hier in gleicher Strichqualitat und in
gleicher Strichzahl] markierten Linien werden zusammenfallen.
Das, was hier in der Ebene, im zweidimensionalen Raum, liegt,
fallt in gewisser Weise zusammen, wenn ich in den dreidimensio-
nalen Raum iibergehe.
Das Quadrat besteht aus vier Seiten, der Wiirfel aus sechs
Quadraten, und das vierdimensionale Gebiet muftte dann aus acht
Wiirfeln bestehen. 29 Dieses vierdimensionale Gebiet nennen wir
[nach Hinton] Tessarakt. Nun handelt es sich darum, dafi diese
acht Wiirfel nicht wiederum einfach zu einem Wiirfel zusammen-
gesetzt werden diirfen, sondern da$ immer einer [dieser acht
Wiirfel] in entsprechender Weise durch die vierte Dimension
durchgehen miilke.
Will ich nun dasselbe mit dem Tessarakt machen, was ich eben
mit dem Wiirfel getan habe, so muE ich dasselbe Gesetz einhalten.
Es handelt sich darum, Analogien zu finden des Dreidimensiona-
len zum Zweidimensionalen und dann des Vierdimensionalen zum
Dreidimensionalen. Wie ich nun hier zwei Systeme von [je drei]
Quadraten erhielt, so ergibt sich beim Tessarakt dasselbe mit
[zwei Systemen von je vier] Wiirfeln, wenn ich ein vierdimen-
sionales Tessarakt in den dreidimensionalen Raum abfalte. Das
System von acht Wiirfeln ist sehr geistreich ausgedacht. Dieses
Gebilde wird dann so aussehen (Figur 33).
Dabei sind jedesmal diese vier Wiirfel im dreidimensionalen
Raum genau so zu nehmen, wie diese Quadrate im zweidimensio-
nalen Raum. Sie miissen sich nur genau anschauen, was ich hier
gemacht habe. Bei dem Abklappen des Wiirfels in den zweidimen-
sionalen Raum ergab sich ein System von sechs Quadraten; bei der
entsprechenden Prozedur am Tessarakt erhalten wir ein System
von acht Wiirfeln (Figur 34). Wir haben die Betrachtung fur den
dreidimensionalen Raum auf den vierdimensionalen Raum iiber-
gefuhrt. [Dem Hochklappen und Zusammenfugen der Quadrate
im dreidimensionalen Raum entspricht das Hochklappen und
Zusammenfugen der Wiirfel im vierdimensionalen Raum.] Bei
dem abgeklappten Wiirfel ergaben sich [in der zweidimensionalen
Ebene] verschiedene korrespondierende Linien, die sich beim spa-
teren Wiederhochklappen deckten. Ein gleiches findet statt mit
den Flachen unserer einzelnen Wiirfel des Tessaraktes. [Beim ab-
geklappten Tessarakt im dreidimensionalen Raum ergeben sich bei
den entsprechenden Wiirfeln korrespondierende Flachen.] Es
wiirde also etwa beim Tessarakt die obere horizontale Flache des
Wiirfels 1 - durch Beobachtung [Vermittlung] der vierten Dimen-
sion - mit der vorderen Flache des Wiirfels 5 zusammenfallen.
In gleicher Weise fallt die rechte Flache des Wiirfels 1 mit dem
vorderen Quadrat des Wiirfels 4, und ebenso das linke Quadrat
des Wiirfels 1 mit dem vorderen Quadrat des Wiirfels 3 [sowie das
untere Quadrat des Wiirfels 1 mit dem vorderen Quadrat des
Wiirfels 6] zusammen. [Ganz Entsprechendes gilt fur die iibrigen
Wurfelflachen.] Es bleibt iibrig der von den sechs anderen einge-
schlossene Wiirfel 7. 34
Sie sehen, daft es sich hier wieder darum handelt, Analogien zu
finden zwischen der dritten und vierten Dimension. Ebenso wie
ein von vier Quadraten eingeschlossenes fiinftes Quadrat - wie
wir dies an der entsprechenden Figur des vorigen Vortrages gese-
hen haben (Figur 29) - dem nur zweidimensional schauenden
Wesen unsichtbar bleibt, so ist dies hier mit dem siebenten Wiirfel
der Fall: er bleibt dem dreidimensionalen Auge verborgen. Diesem
siebenten Wiirfel entspricht beim Tessarakt ein achter Wiirfel, der,
da wir hier einen vierdimensionalen Korper haben, als Gegenstiick
zum siebenten in der vierten Dimension liegt.
Es laufen alle Analogien darauf hinaus, uns vorzubereiten auf
die vierte Dimension. Es zwingt uns nichts, [innerhalb der blofien
Raumesanschauung] zu den gewdhnlichen Dimensionen die ande-
ren Dimensionen [hinzuzufiigen]. Im AnschluE an Hinton konn-
ten wir uns auch hier Farben hinzudenken und uns Wiirfel so
zusammengefiigt denken, dafi die entsprechenden Farben zusam-
menkommen. Es ist auf eine andere Weise [als durch solche Ana-
logien] kaum moglich, eine Anleitung zu geben, wie man sich ein
vierdimensionales Gebilde zu denken hat.
Nun mochte ich noch auf eine andere Weise [der Darstellung
vierdimensionaler Korper im dreidimensionalen Raum] zu spre-
chen kommen, die Ihnen vielleicht auch noch die Moglichkeit
geben wird, das besser einzusehen, um was es sich hier eigentlich
handelt. Dieses hier ist ein Oktaeder, das von acht Dreiecken be-
grenzt ist, wobei die Seitenflachen in stumpfen Winkeln aneinan-
derstofien (Figur 35).
T
Figur 35
Wenn Sie sich dieses Gebilde hier vorstellen, so bitte ich Sie,
mit mir in Gedanken folgende Prozedur vorzunehmen. Sie sehen,
hier ist immer eine Flache von einer anderen geschnitten. Hier
zum Beispiel in AB stolen zwei Seitenflachen zusammen, und hier
in EB stolen zwei zusammen. Der ganze Unterschied zwischen
Oktaeder und Wiirfel liegt im Schnittwinkel der Seitenflachen.
Wenn sich Flachen so wie beim Wiirfel [rechtwinklig] schneiden,
so entsteht ein Wiirfel. Wenn sie sich aber so schneiden wie hier
[stumpf], so entsteht ein Oktaeder. Es handelt sich darum, dafi wir
Flachen unter den verschiedensten Winkeln sich schneiden lassen,
dann bekommen wir die verschiedensten Raumgebilde. 35
Figur 36
Denken Sie sich nun, wir konnten hier dieselben Flachen des
Oktaeders auch in anderer Weise zum Schneiden bringen. Denken
Sie sich diese Flache hier, zum Beispiel AEB, nach alien Seiten
fortgesetzt, und diese untere hier, BCF, auch (Figur 36). Dann
ebenso die riickwarts liegenden ADF und EDC. So miissen sich
dann diese Flachen ebenfalls schneiden, und zwar schneiden sie
sich hier doppelt symmetrisch. Wenn Sie diese Flachen in dieser
Weise verlangern, so fallen [vier der urspriinglichen Grenzflachen]
fort: ABF y EBC und nach riickwarts EAD und DCF. Von acht
Flachen bleiben also vier ubrig. Und die vier, die dann bleiben, die
geben dieses Tetraeder, das man auch die Halfte eines Oktaeders
nennt. Es ist deshalb die Halfte eines Oktaeders, weil es die Halfte
der Flachen des Oktaeders zum Schnitt bringt. Es ist also nicht so,
daft man das Oktaeder in der Mitte zerschneidet. [Bringt man die
iibrigen vier Flachen des Oktaeders zum Schnitt, so entsteht eben-
falls ein Tetraeder, das mit dem ersten Tetraeder zusammen genau
das Oktaeder als gemeinsames Schnittgebilde besitzt.] In der Ste-
reometric [geometrischen Kristallographie] bezeichnet man nicht
das als die Halfte, was halbiert wird, sondern das, was durch die
Halbierung der [Anzahl der] Flachen entsteht. Beim Oktaeder ist
das ganz leicht vorzustellen. 36
Wenn Sie sich den Wiirfel in derselben Weise halbiert denken,
wenn Sie sich also hier eine Flache mit der entsprechenden andern
sich schneiden lassen, so bekommen Sie immer wieder einen
Wiirfel. Die Halfte eines Wiirfels ist wieder ein Wiirfel. Daraus
mochte ich einen wichtigen Schluft ziehen, will aber dazu noch
vorher etwas anderes zu Hilfe nehmen. 37
Hier habe ich einen Rhombenzwolfflachner [Rhombendodeka-
eder] (Figur 37). Sie sehen, daft die Flachen unter gewissen Win-
keln aneinandergrenzen. Es ist nun hier zu gleicher Zeit ein Sy-
stem von vier Drahten zu sehen, welche ich Achsendrahte nennen
mochte, und die zueinander gegenlaufig sind, [das heiftt gewisse
einander gegeniiberliegende Ecken des Rhombendodekaeders mit-
einander verbinden, also Diagonalen sind]. Diese Drahte stellen
nun in einer ahnlichen Weise ein System von Achsen dar, wie Sie
es sich vorstellten, daft am Wiirfel ein System von Achsen ist. 38
Den Wiirfel bekommt man, wenn man bei einem System von
drei aufeinander senkrecht stehenden Achsen dadurch Schnittfla-
chen hervorbringt, daft in jeder dieser Achsen Stauungen eintreten.
Figur 37
Lafit man die Achsen unter anderen Winkeln sich schneiden, so
bekommt man ein anderes Raumgebilde. Das Rhombendodeka-
eder hat Achsen, die sich unter anderen als rechten Winkeln
schneiden. 39
Der Wiirfel gibt halbiert [wieder] sich selbst. Dies trifft aber
nur beim Wiirfel zu. Das Rhombendodekaeder, in seinen halben
Flachen zum Schnitt gebracht, gibt ebenfalls ein anderes Raum-
gebilde. 40
Figur 38
Nehmen wir nun das Verhaltnis des Oktaeders zum Tetraeder.
Und zwar will ich Ihnen sagen, was da gemeint ist. Das tritt klar
hervor, wenn wir allmahlich das Oktaeder in das Tetraeder iiber-
gehen lassen. Nehmen wir zu diesem Zwecke ein Tetraeder, dem
wir, wie an einer Spitze angedeutet, die Ecken abschneiden (Figur
38). Setzen wir dies fort, bis die Schnittflachen sich an den Kanten
des Tetraeders begegnen; dann bleibt iibrig das angedeutete Okta-
eder. So bekommen wir aus einem Raumgebilde, das durch vier
Flachen begrenzt ist, ein achtseitiges Gebilde, wenn wir unter
entsprechenden Winkeln die Ecken abschneiden.
Figur 39
Dasselbe, was ich hier mit dem Tetraeder gemacht habe, konnen
Sie wiederum nicht mit dem Wiirfel machen. 41 Der Wiirfel hat ganz
besondere Eigenschaften, namlich, daft er das Gegenstiick ist zum
dreidimensionalen Raum. Denken Sie sich den gesamten Welten-
raum so gegliedert, daft er drei aufeinander senkrecht stehende
Achsen hat. Wenn Sie zu diesen drei Achsen senkrecht stehende
Flachen haben, so bekommen Sie unter alien Umstanden einen
Wiirfel (Figur 39). Man sagt deshalb, wenn man mit dem Wiirfel den
theoretischen Wiirfel bezeichnen will, der Wiirfel sei iiberhaupt das
Gegenstiick zum dreidimensionalen Raum. So wie das Tetraeder
das Gegenstiick ist zum Oktaeder, wenn ich die Seiten des Okta-
eders zu bestimmten Schnitten bringe, so ist der einzelne Wiirfel das
Gegenstiick zum ganzen Raum. 42 Wenn Sie sich den ganzen Raum
als positiv denken, so ist der Wiirfel negativ. Der Wiirfel ist zum
ganzen Raum polar. Der Raum hat im physischen Wiirfel sein ihm
eigentlich korrespondierendes Gebilde.
Nehmen Sie einmal jetzt an, ich wiirde den [dreidimensionalen]
Raum nicht durch zweidimensionale Ebenen begrenzen, sondern
ich wiirde ihn so begrenzen, daft ich ihn durch sechs Kugeln be-
grenzen lasse [also durch dreidimensionale Gebilde].
Ich begrenze zunachst den zweidimensionalen Raum dadurch,
daft ich vier ineinandergehende Kreise [also zweidimensionale
Gebilde] habe. Sie konnen sich nun vorstellen, daft diese vier
Kreise immer grower und grower werden [indem der Radius immer
langer wird und der Mittelpunkt sich immer weiter entfernt]; dann
werden sie mit der Zeit alle in eine gerade Linie iibergehen (Figur
40). Sie bekommen dann vier sich schneidende Geraden, und statt
der vier Kreise ein Quadrat.
Figur 40
Denken Sie sich nun statt der Kreise Kugeln, und zwar sechs,
so daft sie eine Art von Maulbeere bilden (Figur 41). Wenn Sie sich
mit den Kugeln dasselbe denken wie mit den Kreisen, daft sie
immer groftere Durchmesser bekommen, so werden diese sechs
Kugeln zuletzt ebenso die Begrenzungsflachen eines Wiirfels wer-
den, wie die vier Kreise zu Begrenzungslinien eines Quadrates
wurden.
Der Wiirfel ist jetzt dadurch entstanden, daft wir sechs Kugeln
hatten, die flach geworden sind. Es ist also der Wiirfel nichts an-
deres als der Spezialfall fur sechs ineinandergreifende Kugeln -
ebenso wie das Quadrat nichts anderes ist als der Spezialfall fur
vier ineinandergreifende Kreise.
Wenn Sie sich klar sind, daft Sie sich diese sechs Kugeln so
vorzustellen haben, dafi sie, in die Ebene gebracht, unseren friihe-
ren Quadraten entsprechen, wenn Sie sich ein absolut rundes
Gebilde ubergehend denken in ein gerades, so bekommen Sie die
einfachste Raumform. Der Wiirfel kann vorgestellt werden als die
Verflachung von sechs ineinandergeschobenen Kugeln.
Sie konnen von einem Punkt eines Kreises sagen, dafi er durch
die zweite Dimension hindurchgehen mu$, wenn er zu einem
anderen [Punkt des Kreises] kommen will. Haben Sie aber den
Kreis so groft werden lassen, da$ er eine gerade Linie bildet, dann
kann jeder Punkt des Kreises zu jedem anderen Punkt des Kreises
kommen durch die erste Dimension.
Wir betrachten ein Quadrat begrenzt von Gebilden, welches
jedes zwei Dimensionen hat. Solange jedes von den vier Grenz-
gebilden ein Kreis ist, ist es also zweidimensional. Jedes Grenz-
gebilde, wenn es eine Gerade geworden ist, ist eindimensional.
Jede Grenzflache eines Wiirfels ist aus einem dreidimensionalen
Gebilde so entstanden, daft jeder der sechs Grenzkugeln eine Di-
mension weggenommen wurde. Eine solche Grenzflache ist also
dadurch entstanden, da£ [bei ihr] die dritte Dimension auf zwei
reduziert, sozusagen zuriickgebogen worden ist. Sie hat also eine
Dimension eingebuftt. So ist die zweite Dimension entstanden
durch Einbiiftung der Tief en-Dimension. Man konnte also jede
Raumesdimension in ihrer Entstehung so vorstellen, daft sie eine
entsprechende hohere eingebiiftt hat.
Wie wir ein dreidimensionales Gebilde mit zweidimensionalen
Grenzen erhalten, wenn wir dreidimensionale Grenzgebilde auf
zweidimensionale reduzieren, so miissen Sie daraus schlieften, daft
wir, wenn wir den dreidimensionalen Raum betrachten, wir eine
jede Richtung als verflacht uns zu denken haben, und zwar ver-
flacht aus einem unendlichen Kreis; so daft Sie, wenn Sie in der
einen Richtung fortschreiten konnten, Sie aus der anderen zuriick-
kommen wiirden. So ist eine jede [gewdhnliche] Raumdimension
dadurch entstanden, daft sie die entsprechende andere [Dimen-
sion] verloren hat. In unserem dreidimensionalen Raum steckt ein
dreiachsiges System. Es sind drei aufeinander senkrecht stehende
Achsen, welche die entsprechenden anderen Dimensionen einge-
biiftt haben und dadurch flach geworden sind.
Sie bekommen also den dreidimensionalen Raum, wenn Sie eine
jede [der drei] Achsen-Richtungen geradebiegen. Wenn man um-
gekehrt vorgeht, so konnte jeder Raumteil wieder in sich ge-
krummt werden. Dann wiirde [folgende Gedankenreihe] entste-
hen: Krummen Sie das eindimensionale Gebilde, so bekommen Sie
ein zweidimensionales; durch Krummen des zweidimensionalen
Gebildes bekommen Sie ein dreidimensionales. Krummen Sie end-
lich ein dreidimensionales Gebilde, so bekommen Sie ein vierdi-
mensionales Gebilde, so daft das Vierdimensionale auch vorgestellt
werden kann als ein in sich gekrummtes Dreidimensionales. 43
Und damit komme ich von dem Toten zum Lebendigen. Durch
dieses Krummen konnen Sie den Ubergang vom Toten zum Le-
bendigen finden. Der vierdimensionale Raum ist [beim Ubergang
ins Dreidimensionale] so spezialisiert, daft er flach geworden ist.
Der Tod ist [fur das menschliche Bewufttsein] nichts anderes als
das Biegen des Dreidimensionalen in das Vierdimensionale. [Fur
den physischen Leib fur sich genommen ist es umgekehrt: Der
Tod ist eine Verflachung des Vierdimensionalen in das Dreidimen-
sionale.]
SECHSTER VORTRAG
Berlin, 7. Juni 1905
Ich mochte heute moglichst die Vortrage iiber die vierte Raumdi-
mension zum AbschlufS bringen, obwohl ich heute noch eingehen-
der ein kompliziertes System vorfuhren mochte. Ich miifite nach
Hinton Ihnen noch viele Modelle anfiihren; ich kann Sie deshalb
nur auf die drei ausfiihrlichen und geistvollen Biicher verweisen. 44
Wer nicht den Willen hat, sich durch Analogien in der Weise ein
Bild zu machen, wie wir es in den vergangenen Vortragen gehort
haben, kann sich natiirlich keine Vorstellung vom vierdimensiona-
len Raum machen. Es handelt sich urn eine neue Art der Gedan-
kenbildung.
Ich will Ihnen eine wirkliche Abbildung [Parallelprojektion]
des Tessaraktes verschaffen. Sie wissen, wir hatten im zweidimen-
sionalen Raum das Quadrat, das von vier Seiten begrenzt ist. Dies
ist der dreidimensionale Wiirfel, der durch sechs Quadrate be-
grenzt ist (Figur 42).
Im vierdimensionalen Raum haben wir das Tessarakt. Ein Tes-
sarakt ist von acht Wurfeln begrenzt. Die Projektion eines Tessar-
aktes [in den dreidimensionalen Raum] besteht folglich aus acht
ineinandergeschobenen Wurfeln. Wir haben gesehen, wie im drei-
dimensionalen Raum die [entsprechenden acht] Wiirfel miteinan-
der verschlungen werden konnen. Heute will ich Ihnen eine [an-
dere] Art Projektion des Tessaraktes machen. 45
Sie konnen sich vorstellen, daft der Wiirfel, wenn er gegen das
Licht gehalten wird, einen Schatten auf die Tafel wirft. Diese seine
Schattenfigur konnen wir mit Kreide festhalten (Figur 43). Sie
sehen, es kommt dabei ein Sechseck heraus. Nun denken Sie sich
einmal diesen Wiirfel durchsichtig, so wiirden Sie zu beachten
haben, daft in der sechseckigen Figur die drei vorderen Wiirfelsei-
ten und die drei hinteren Wiirfelseiten in dieselbe Flache hinein-
fallen.
Damit wir nun eine Projektion bekommen konnen, die wir auf
das Tessarakt anwenden konnen, bitte ich Sie sich zu denken, daft
der Wiirfel so vor Ihnen steht, daft der vordere Punkt A den hin-
teren Punkt C zudeckt. Das alles wiirde Ihnen, wenn Sie sich die
dritte Dimension fortdenken, wieder einen sechseckigen Schatten
geben. Ich will Ihnen dafiir die Figur hinzeichnen (Figur 44).
Figur 44
Den Wiirfel so gedacht, wiirden Sie hier die drei vorderen Fla-
chen sehen; die anderen Flachen wiirden dahinter liegen. Die Fla-
chen des Wiirfels erscheinen Ihnen dabei verkiirzt und die Winkel
nicht mehr als rechte. So sehen Sie den Wiirfel so abgebildet, daft
er fur den Flachenanblick ein regulares Sechseck ergibt. So haben
wir im zweidimensionalen Raum eine Abbildung eines dreidimen-
sionalen Wiirfels bekommen. Da durch die Projektion die Kanten
verkiirzt und die Winkel verandert werden, miissen wir uns also
die [Projektion der] sechs Grenz-Quadrate des Wiirfels als ver-
schobene Quadrate, als Rhomben vorstellen. 46
Dieselbe Geschichte, die ich mit einem dreidimensionalen
Wiirfel machte, den ich in die Ebene hineinprojizierte, diese Pro-
zedur wollen wir mit einem vierdimensionalen Raumgebilde ma-
chen, das wir also in den dreidimensionalen Raum hineinlegen
miissen. Wir miissen also das aus acht Wiirfeln zusammengesetzte
Gebilde, das Tessarakt, [durch Parallelprojektion] in die dritte
Dimension hineinbringen. Wir haben bei dem Wiirfel drei sichtba-
re und drei unsichtbare Kanten bekommen, die alle in den Raum
hineingehen und in Wirklichkeit nicht in der [Projektionsjflache
drinnenliegen. Denken Sie sich nun einen Wiirfel so verschoben,
da$ daraus ein Rhombenwiirfel wird. 47 Nehmen Sie acht dieser
Gebilde, so haben Sie die Moglichkeit, die acht [Grenz-]Wiirfel
des Tessaraktes so zusammenzulegen, dafi sie zusammengescho-
ben [die] acht [doppelt iiberdeckten] Rhomben- Wiirfel dieses
Raumgebildes [des Rhombendodekaeders] ergeben (Figur 45).
Figur 45
Nun haben Sie hier eine Achse mehr [als beim dreidimensiona-
len Wiirfel]. Ein vierdimensionales Raumgebilde hat dementspre-
chend naturlich vier Achsen. Wenn wir es uns also zusammen-
schieben, so bleiben immer noch vier Achsen iibrig. Es stecken
dabei in dieser Projektion acht [zusammengeschobene] Wiirfel, die
sich darin als Rhombenwiirfel darstellen. Das Rhombendodeka-
eder ist ein [symmetrisches] Abbild oder Schattenbild des Tessar-
aktes im dreidimensionalen Raum. 48
Wir sind [zu diesen Beziehungen] durch eine Analogie gekom-
men, die aber vollstandig stimmt: ebenso wie wir eine Projektion
des Wiirfels in die Flache bekommen haben, ebenso kann man
tatsachlich das Tessarakt im dreidimensionalen Raum durch eine
Projektion darstellen. Sie verhalt sich ebenso wie das Schattenbild
des Wiirfels zum Wiirfel selbst. Ich glaube, das ist ganz gut zu
verstehen.
Nun mochte ich gleich an das groftartigste Bild ankniipfen, das
je dafiir gegeben worden ist, namlich an Plato und Schopenhauer
und das Gleichnis mit der Hohle. 49
Plato sagt: Man denke sich einmal in einer Hohle Menschen
sitzen, und zwar sind sie alle so gefesselt, dafi sie den Kopf nicht
drehen und nur nach der gegeniiberliegenden Wand schauen kon-
nen. Hinter ihnen befinden sich Menschen, die die verschiedensten
Gegenstande voriibertragen. Diese Menschen und diese Gegen-
stande sind dreidimensional. Alle diese [gefesselten] Menschen
starren also auf die Wand und sehen nur das, was als Schattenbild
[von den Gegenstanden] auf die Wand geworfen wird. So wiirden
Sie alles, was hier im Zimmer ist, nur als Schatten an der gegen-
iiberliegenden Wand als zweidimensionale Bilder wieder sehen.
Nun sagt Plato: So ist es iiberhaupt in der Welt. In Wahrheit
sitzen die Menschen in der Hohle. Nun sind die Menschen selbst
und alles iibrige vierdimensional; aber was die Menschen davon
sehen, sind nur Bilder im dreidimensionalen Raum. 50
So stellen sich alle Dinge dar, die wir iiberhaupt sehen. Gemafi
Plato sind wir darauf angewiesen, nicht die wirklichen Dinge,
sondern die dreidimensionalen Schattenbilder zu sehen. Meine
Hand sehe ich nur als Schattenbild, sie ist in Wahrheit vierdimen-
sional, und alles, was die Menschen davon sehen, ist ebenso das
Abbild davon, wie das, was ich Ihnen eben als Abbild des Tessar-
aktes gezeigt habe. So suchte Plato schon damals klarzumachen,
daft die Korper, die wir kennen, eigentlich vierdimensional sind,
und daft wir von ihnen nur Schattenbilder im dreidimensionalen
Raum sehen. Und das ist nicht ganz willkurlich. Dafiir will ich
Ihnen gleich die Griinde anfiihren.
Von vornherein kann naturlich jeder sagen, das sei eine blofte
Spekulation. Wie konnen wir uns iiberhaupt eine Vorstellung davon
machen, daft diese Dinge, die dort an der Wand erscheinen, eine
Realitat haben? Denken Sie sich einmal, Sie sitzen hier in einer
Reihe, und Sie sitzen ganz starr. Denken Sie sich jetzt aber, daft die
Dinge sich plotzlich anfangen zu bewegen. Sie werden unmoglich
sich sagen konnen, daft die Bilder auf der Wand sich bewegen kon-
nen, ohne daft aus der zweiten Dimension herausgegangen wird.
Wenn sich dort etwas bewegt, so deutet das darauf hin, daft aufter-
halb der Wand, an dem wirklichen Objekt, etwas geschehen sein
muft, damit es sich iiberhaupt bewegt. Das sagen Sie sich. [Wenn
man sich vorstellt, daft] die Objekte im dreidimensionalen Raum
nebeneinander vorbeigehen konnen, ware dies mit ihren zweidi-
mensionalen Schattenbildern nicht moglich, falls man sich dieselben
substantial, das heiftt undurchdringlich denkt. Wenn sich jene Bil-
der, substantiell gedacht, nebeneinander vorbei bewegen wollten, so
miiftten sie aus der zweiten Dimension hinausgehen.
Solange alles in Ruhe ist auf der Wand, habe ich keine Veranlas-
sung, auf irgendein Geschehen aufterhalb der Wand, aufterhalb des
Raumes der zweidimensionalen Schattenbilder, zu schlieften. Im
Augenblick aber, wo die Geschichte anfangt sich zu bewegen, muft
ich untersuchen, woher die Bewegung kommt. Und Sie sagen sich,
daft die Veranderung nur von einer Bewegung aufterhalb der Wand
herstammen kann, nur kommen kann aus der Bewegung innerhalb
einer dritten Dimension. Die Veranderung hat uns also gesagt, daft
es aufter einer zweiten noch eine dritte Dimension gibt.
Was bloftes Bild ist, hat auch eine gewisse Realitat, besitzt ganz
bestimmte Eigenschaften, unterscheidet sich aber wesentlich von
dem wirklichen Gegenstande. Sie werden nicht ableugnen konnen,
daft auch das Spiegelbild ein bloftes Bild ist. Sie sehen im Spiegel
sich, und Sie sind aufterdem auch noch da. 1st nun [nicht noch] ein
drittes [das heiftt ein wirksames Wesen] da, so konnten Sie tat-
sachlich nicht wissen, was Sie sind. Aber das Spiegelbild macht
dieselben Bewegungen, die das Original macht; das Bild ist abhan-
gig von dem wirklichen Gegenstande, dem Wesen; es hat selbst
keine Fahigkeit [sich zu bewegen]. Es kann also unterschieden
werden zwischen Bild und Wesen dadurch, daft nur ein Wesen aus
sich selbst heraus Bewegung, Veranderung zustande bringen kann.
Von den Schattenbildern auf der Wand werde ich gewahr, daft sie
sich selbst nicht bewegen konnen, sie also keine Wesen sein kon-
nen. Ich muft aus ihnen herausgehen, wenn ich zu den Wesen
kommen will.
Wenden Sie das nun auf die Welt iiberhaupt an. Die Welt ist
dreidimensional. Nehmen Sie diese dreidimensionale Welt einmal
fur sich, so wie sie ist; fassen Sie sie in Gedanken ganz [fur sich
selbst], und Sie werden finden, daft sie starr bleibt. Sie bleibt noch
dreidimensional, auch wenn Sie die Welt in einem bestimmten
Zeitpunkte sich plotzlich eingefroren denken. Es gibt aber nicht in
zwei Zeitpunkten ein und dieselbe Welt. Die Welt ist in den auf-
einanderfolgenden Zeitpunkten durchaus verschieden. Denken Sie
sich, daft diese Zeitpunkte fortfielen, so daft das bleibt, was da ist.
Ohne die Zeit geschahe gar keine Veranderung mit der Welt. Die
Welt bliebe eine dreidimensionale auch dann, wenn sie gar keine
Veranderung durchmachte. Die Bilder auf der Wand bleiben auch
zweidimensional. Aber die Veranderung deutet auf eine dritte Di-
mension hin. Daft sich die Welt fortwahrend andert, und daft sie
auch ohne Veranderung dreidimensional bleibt, deutet darauf hin,
daft wir die Veranderung in einer vierten Dimension suchen miis-
sen. Den Grund, die Ursache der Veranderung, die Tatigkeit
miissen wir aufterhalb der dritten Dimension suchen, und damit
haben Sie die vierte der Dimensionen zunachst einmal erschlossen.
Damit haben Sie aber auch die Rechtfertigung fur das Bild Platos.
So fassen wir die ganze dreidimensionale Welt auf als die Schatten-
projektion einer vierdimensionalen Welt. Es fragt sich nur, wie
wir diese vierte Dimension [in Wirklichkeit] zu nehmen haben.
Sehen Sie, wir haben die eine Vorstellung uns natiirlich klar zu
machen, daft es unmoglich ist, daft die vierte Dimension [unmittel-
bar] in die dritte hineinfallt. Das geht nicht. Die vierte Dimension
kann nicht in die dritte hineinf alien. Ich mochte Ihnen einmal jetzt
zeigen, wie man sozusagen dariiber einen Begriff bekommen kann,
wie man iiber die dritte Dimension hinauskommt. Wenn Sie sich
einmal vorstellen, daft wir einen Kreis haben - ich habe schon
letzthin eine ahnliche Vorstellung wachzurufen versucht 51 - wenn
Sie sich diesen Kreis immer grower und grower werdend denken,
so wird ein Snick dieses Kreises immer flacher und flacher, und
dadurch, daft der Durchmesser des Kreises zuletzt ganz groft wird,
geht der Kreis endlich iiber in eine gerade Linie. Die Linie hat eine
Dimension, der Kreis aber hat zwei Dimensionen. Wie bekommen
Sie nun wieder aus einer Dimension eine zweite? Durch Kriim-
mung einer geraden Linie erhalten Sie wieder einen Kreis.
Wenn Sie sich nun die Kreisflache in den Raum hineingekrummt
denken, so bekommen Sie erst mal eine Schale, und wenn Sie dies
noch weiter machen, eine Kugel. So bekommt eine Linie durch
Krummung eine zweite Dimension und eine Flache durch Kriim-
mung eine dritte Dimension. Wenn Sie nun einen Wiirfel noch
krummen konnten, so miiftte er in die vierte Dimension hineinge-
kriimmt werden, und Sie hatten das [spharische] Tessarakt. 52
Die Kugel konnen Sie auffassen als ein gekriimmtes zweidimen-
sionales Raumgebilde. Die Kugel, die in der Natur auftritt, ist die
Zelle, das kleinste Lebewesen. Die Zelle begrenzt sich kugelig. Das
ist der Unterschied zwischen dem Lebendigen und dem Leblosen.
Das Mineral tritt als Kristall immer von ebenen Flachen begrenzt
auf; das Leben ist begrenzt von kugeligen Flachen, aufgebaut aus
Zellen. Das heiftt, so wie ein Kristall aufgebaut ist aus geradegebo-
genen Kugeln, das heiftt Ebenen, so ist das Leben aufgebaut aus
Zellen, also aus zusammengekrummten Kugeln. Der Unterschied
zwischen Lebendigem und Totem liegt in der Art und Weise der
Begrenzung. Das Oktaeder ist begrenzt von acht Dreiecken.
Wenn wir uns die acht Seiten aus Kugeln zusammengesetzt den-
ken, so wiirden wir ein achtgliedriges Lebendiges erhalten.
Wenn Sie gleichsam das dreidimensionale Gebilde, den Wiirfel,
nochmals kriimmen, so bekommen Sie ein vierdimensionales Ge-
bilde, das spharische Tessarakt. Kriimmen Sie aber den ganzen
Raum, so erhalten Sie etwas, was sich zum dreidimensionalen
Raum so verhalt, wie sich die Kugel zur Ebene verhalt. 53
Wie nun der Wiirfel als dreidimensionales Gebilde von Ebenen
begrenzt ist, so ist iiberhaupt jeder Kristall von Ebenen begrenzt.
Das Wesentliche eines Kristalles ist die Zusammenfiigung aus [fla-
chen] Grenz-Ebenen. Das Wesentliche des Lebendigen ist die Zu-
sammenfiigung aus gekriimmten Flachen, aus Zellen. Die Zusam-
menfiigung eines noch Hoheren wiirde ein solches Gebilde sein,
dessen einzelne Grenzen vierdimensional sein wiirden. Ein dreidi-
mensionales Gebilde ist begrenzt von zweidimensionalen Gebil-
den. Ein vierdimensionales Wesen, das heiftt ein lebendiges We-
sen, ist begrenzt von dreidimensionalen Wesen, von Kugeln und
Zellen. Ein fiinfdimensionales Wesen ist selbst begrenzt von vier-
dimensionalen Wesen, von spharischen Tessarakten. Daraus sehen
Sie, daft wir aufsteigen miissen von dreidimensionalen zu vierdi-
mensionalen, und dann zu funfdimensionalen Wesen.
Wir miissen uns nur fragen: Was muft eintreten bei einem
Wesen, das vierdimensional ist? 54 Es mufi dabei innerhalb der drit-
ten Dimension eine Veranderung eintreten. Mit anderen Worten:
Hangen Sie hier an die Wand Bilder, so sind diese zweidimensio-
nal, sie bleiben im allgemeinen starr. Haben Sie aber Bilder, die
sich in der zweiten Dimension bewegen, verandern, so miissen Sie
schlieften, daft die Ursache dieser Bewegung nur aufterhalb der
Wandflache liegen kann, daft also die dritte Raumdimension die
Veranderung angibt. Finden Sie Veranderungen innerhalb der
dritten Raumesdimension selbst, so miissen Sie schlieften, daft eine
vierte Dimension zugrunde liegt, und damit kommen wir zu den
Wesen, die eine Veranderung innerhalb ihrer drei Raumdimensio-
nen durchmachen.
Es ist nicht wahr, daft wir eine Pflanze ganz erkannt haben,
wenn wir sie nur in ihren drei Dimensionen erkannt haben. Eine
Pflanze verandert sich fortwahrend, und diese Veranderung ist ein
wesentliches, ein hoheres Merkmal derselben. Der Wurfel bleibt;
er andert seine Form nur, wenn Sie ihn zerschiagen. Ein Pflanze
andert ihre Form selbst, das heifk, es gibt etwas, was die Ursache
dieser Veranderung ist und was aufterhalb der dritten Dimension
liegt und Ausdruck der vierten Dimension ist. Was ist das?
Sehen Sie, wenn Sie diesen Wurfel jetzt haben und ihn abzeich-
nen, so wiirden Sie sich vergeblich bemuhen, wenn Sie ihn in ver-
schiedenen Momenten anders zeichnen wollten; er wird immer
derselbe bleiben. Wenn Sie die Pflanze abzeichnen, und Sie ver-
gleichen nach drei Wochen das Bild mit Ihrem Modell, so hat es
sich verandert. Diese Analogie stimmt also vollstandig. Alles Le-
bende weist auf ein Hoheres hin, worin es sein wahres Wesen hat,
und der Ausdruck fur dieses Hohere ist die Zeit. Die Zeit ist der
symptomatische Ausdruck, die Erscheinung der Lebendigkeit
[aufgefalk als vierte Dimension] in den drei Dimensionen des
physischen Raumes. Mit anderen Worten: Alle Wesen, fur die die
Zeit eine innere Bedeutung hat, sind Abbilder von vierdimensio-
nalen Wesen. Dieser Wurfel ist nach drei oder sechs Jahren immer
noch derselbe. Der Lilienkeim andert sich. Denn fur ihn hat die
Zeit eine reale Bedeutung. Daher ist das, was wir in der Lilie se-
hen, nur die dreidimensionale Abbildung des vierdimensionalen
Lilienwesens. Die Zeit ist also ein Abbild, eine Projektion der
vierten Dimension, der organischen Lebendigkeit, in die drei
Raumdimensionen der physischen Welt.
Um sich klarzumachen, wie sich eine folgende Dimension zu
der vorhergehenden verhalt, bitte ich Sie, sich dieses zu denken:
Der Wurfel hat drei Dimensionen; wenn Sie sich die dritte verge-
genwartigen, so mussen Sie sich sagen, dafi sie auf der zweiten
senkrecht steht und die zweite senkrecht auf der ersten steht. Die
drei Dimensionen zeichnen sich dadurch aus, dafi sie senkrecht
aufeinander stehen. Wir konnen uns aber noch eine andere Vor-
stellung machen, wie die dritte Dimension aus der folgenden [vier-
ten Dimension] entsteht. Denken Sie sich, Sie wiirden den Wurfel
verandern, indem Sie die Grenzflachen farbig machen und diese
Farben dann [in bestimmter Weise, wie bei Hinton] verandern.
Eine solche Veranderung laftt sich in der Tat durchfuhren, und sie
entspricht ganz genau der Veranderung, die ein dreidimensionales
Wesen erleidet, wenn es in die vierte Dimension hiniibergeht, sich
durch die Zeit entwickelt. Wenn Sie ein vierdimensionales Wesen
in irgendeinem Punkte durchschneiden, so heiftt das, daft Sie ihm
die vierte Dimension nehmen, sie vernichten. Wenn Sie das bei
einer Pflanze tun, so machen Sie ganz genau dasselbe, als wenn Sie
von der Pflanze einen Abdruck machen, einen Gipsabguft. Das
haben Sie dadurch festgehalten, daft Sie die vierte Dimension, die
Zeit, vernichteten. Dann bekommen Sie ein dreidimensionales
Gebilde. Wenn bei irgendeinem dreidimensionalen Wesen die
vierte Dimension, die Zeit, eine wesentliche Bedeutung hat, so
handelt es sich um ein lebendiges Wesen.
Nun kommen wir in die fiinfte Dimension hinein. Da konnen
Sie sich sagen, Sie miissen wiederum eine Grenze haben, die senk-
recht auf der vierten Dimension steht. Von der vierten Dimension
haben wir gesehen, daft sie in ahnlicher Beziehung zur dritten
Dimension steht, wie die dritte zur zweiten. Von der funften kann
man sich nicht gleich ein solches Bild machen. Aber eine ungefah-
re Vorstellung konnen Sie sich wieder durch eine Analogie schaf-
fen. Wie entsteht iiberhaupt eine Dimension? Wenn Sie einfach
eine Linie ziehen, wird niemals eine weitere Dimension entstehen,
wenn Sie die Linie nur in einer Richtung fortschieben wiirden.
Erst durch die Vorstellung, daft Sie zwei einander entgegenkom-
mende Krafterichtungen haben, die sich dann in einem Punkte
stauen, erst durch den Ausdruck der Stauung haben Sie eine neue
Dimension. Wir miissen also die neue Dimension als eine neue
Stauungslinie [zweier Kraftestromungen] auffassen konnen, und
uns die eine Dimension das eine Mai von rechts, das andere Mai
von links kommend denken, als positiv und negativ. Ich fasse also
eine Dimension [als in sich] polaren [Kraftestrom] auf, so daft sie
eine positive und eine negative Dimensionfskomponente] hat, und
die Neutralisation [dieser polaren Kraftekomponenten], das ist die
neue Dimension.
Von da ausgehend wollen wir uns eine Vorstellung von der
fiinften Dimension schaffen. Da werden wir uns vorzustellen ha-
ben, dafi die vierte Dimension, die wir als Zeit ausgedriickt gefun-
den haben, sich in positiver und negativer Weise verhalt. Nehmen
Sie nun zwei Wesen, fur die die Zeit eine Bedeutung hat, und
denken Sie sich zwei solche Wesen miteinander in Kollision gera-
ten. Dann mufi etwas als Ergebnis erscheinen, ahnlich wie wir
friiher von einer Stauung von [entgegengesetzten] Kraften geredet
haben; und was da als Resultat auftritt, wenn zwei vierdimensio-
nale Wesen miteinander in Beziehung treten, das ist ihre funfte
Dimension. Diese funfte Dimension ergibt sich als Resultat, als
Folge eines Austausches [einer Neutralisation polarer Kraftewir-
kungen], indem zwei Lebewesen durch ihr gegenseitiges Aufein-
anderwirken etwas hervorbringen, was sie nicht auEen [in den drei
gewohnlichen Raumdimensionen miteinander gemeinsam] haben,
auch nicht in [der vierten Dimension,] der Zeit, gemeinsam haben,
sondern vollig aufierhalb dieser [bisher besprochenen Dimensio-
nen oder] Grenzen haben. Das ist das, was wir Mitgefiihl [oder
Empfindung] nennen, wodurch ein Wesen von dem andern weift,
also die Erkenntnis des [seelisch-geistigen] Innern eines anderen
Wesens. Niemals konnte ein Wesen von dem anderen Wesen et-
was wissen aufterhalb der Zeit [und des Raumes], wenn Sie nicht
noch eine hohere, funfte Dimension hinzufugten, [also in die Welt
der] Empfindung [eintraten]. Natiirlich ist hier die Empfindung
nur als Projektion, als Ausdruck [der fiinften Dimension] in der
physischen Welt [zu verstehen].
Die sechste Dimension in derselben Weise zu entwickeln, wur-
de zu schwer werden, daher will ich sie nur angeben. [V ersuchten
wir so fortzuschreiten, so wiirde sich als Ausdruck der sechsten
Dimension etwas entwickeln lassen, das,] in die dreidimensionale
physische Welt hereingelegt, Selbstbewulksein ist.
Der Mensch ist als dreidimensionales Wesen ein solches, das
mit den anderen dreidimensionalen Wesen seine Bildlichkeit ge-
meinschaftlich hat. Die Pflanze hat dazu noch die vierte Dimen-
sion. Aus diesem Grunde werden Sie auch niemals das letzte
[eigentliche] Wesen der Pflanze innerhalb der drei Dimensionen
des Raumes finden, sondern Sie miilken von der Pflanze aufstei-
gen zu einer vierten Raumdimension [zur Astralsphare]. Wollten
Sie aber gar ein Wesen begreifen, das Empfindung hat, so mufiten
Sie zur funften Dimension [zum unteren Devachan, zur Rupa-
Sphare] aufsteigen; und wollten Sie ein Wesen begreifen, das
Selbstbewufksein hat, einen Menschen, so miilken Sie bis zur
sechsten Dimension [zum oberen Devachan, zur Arupa-Sphare]
aufsteigen. So ist der Mensch, wie er gegenwartig vor uns stent, in
der Tat ein sechsdimensionales Wesen. Dasjenige, was hier Emp-
findung oder Mitgefuhl, beziehungsweise Selbstbewulksein ge-
nannt wird, ist eine Projektion der funften, beziehungsweise sech-
sten Dimension in den gewohnlichen dreidimensionalen Raum. In
diese geistigen Spharen ragt der Mensch, wenn auch in der Haupt-
sache unbewulk, hinein; erst dort kann er tatsachlich in dem letzt-
angedeuteten Sinne erlebt werden. Dieses sechsdimensionale We-
sen kann nur dadurch zu einer Vorstellung selbst der hoheren
Welten kommen, wenn es versucht, sich des eigentlich Charakte-
ristischen der niederen Dimensionen zu entledigen.
Nur andeuten kann ich Ihnen den Grund, warum der Mensch
die Welt fur nur dreidimensional halt, weil er namlich in seiner
Vorstellung eben darauf angelegt ist, in der Welt nur ein Spiegel-
bild von Hoherem zu sehen. Vor einem Spiegel sehen Sie auch nur
ein Spiegelbild von sich selbst. So sind in der Tat die drei Dimen-
sionen unseres physischen Raumes Spiegelungen, materielle Ab-
bilder von drei hoheren, ursachlich schopferischen Dimensionen.
Unsere materielle Welt hat demnach ihr polares [geistiges] Gegen-
bild in der Gruppe der drei nachsthoheren Dimensionen, also in
denen der vierten, funften und sechsten Dimension. Und in ahn-
lichem Sinne verhalten sich auch die jenseits dieser Gruppe von
Dimensionen liegenden, nur zu ahnenden geistigen Welten, polar
zu denen der vierten bis sechsten Dimension.
Wenn Sie Wasser haben, und Sie lassen das Wasser gefrieren, so
ist in beiden Fallen dieselbe Substanz da; in der Form aber unter-
scheiden sie sich ganz wesentlich. Einen ahnlichen Prozefi konnen
Sie sich fur die drei hoheren Dimensionen des Menschen vorstel-
len. Wenn Sie sich den Menschen als blofi geistiges Wesen denken,
dann miissen Sie sich denken, daft er nur die drei hoheren Dimen-
sionen - Selbstbewulksein, Gefiihl und Zeit - hat, imd diese drei
Dimensionen spiegeln sich in der physischen Welt in deren drei
gewohnlichen Dimensionen.
Der Yogi [Geheimschtiler] mufi, wenn er zu einer Erkenntnis
der hoheren Welten aufrucken will, die Spiegelbilder nach und
nach durch die Wirklichkeit ersetzen. Wenn er zum Beispiel eine
Pflanze betrachtet, so muft er sich daran gewohnen, eben die ho-
heren Dimensionen allmahlich anstelle der niederen zu setzen.
Betrachtet er eine Pflanze, und ist er imstande, bei einer Pflanze
von einer Raumdimension abzusehen, von einer Raumdimension
zu abstrahieren, und sich dafiir zunachst einmal eine entsprechen-
de der hoheren Dimensionen vorzustellen, also die Zeit, dann er-
halt er tatsachlich eine Vorstellung davon, was ein zweidimensio-
nales, in Bewegung begriffenes Wesen ist. Damit dieses Wesen
nicht nur ein blofies Bild ist, sondern etwas, was einer Wirklich-
keit entspricht, mufi der Yogi noch folgendes machen. Wenn er
namlich von der dritten Dimension absieht und die vierte hinzu-
fiigt, so wiirde er nur etwas Imaginares erhalten. Durch folgende
Hilfsvorstellung [kann man sich aber weiterhelfen]: Wenn wir uns
von einem lebenden Wesen eine kinematographische Darstellung
machen, so nehmen wir den urspriinglich dreidimensionalen Vor-
gangen die dritte Dimension weg, fiigen aber durch die Szenenfol-
ge der Bilder die [Dimension der] Zeit hinzu. Wenn wir dann zu
dieser [bewegten] Vorstellung noch die Empfindung hinzufiigen,
so vollziehen wir eine ahnliche Prozedur, wie ich sie Ihnen friiher
als Abknimmen eines dreidimensionalen Gebildes in die vierte
Dimension hinein beschrieben habe. Durch diesen ProzeE bekom-
men Sie dann ein vierdimensionales Gebilde, jetzt aber ein solches,
das zwei von unseren Raumdimensionen hat, aber aufterdem noch
zwei hohere, namlich Zeit und Empfindung. Solche Wesen gibt es
in der Tat, und diese Wesen - und damit komme ich zu einem
realen Schluft der ganzen Betrachtung -, diese Wesen mochte ich
Ihnen nennen.
Denken Sie sich zwei Raumdimensionen, also eine Flache, und
diese Flache begabt mit Bewegung. Nun denken Sie sich abgebo-
gen als Empfindung ein empfindendes Wesen, das dann eine zwei-
dimensionale Flache vor sich herschiebt. Ein solches Wesen mufi
anders wirken und sich sehr unterscheiden von einem dreidimen-
sionalen Wesen unseres Raumes. Dieses Flachenwesen, das wir
uns auf diese Weise konstruiert haben, ist nach einer Richtung
unabgeschlossen, vollig offen, es bietet Ihnen einen zweidimensio-
nalen Anblick; Sie konnen nicht um es herum, es kommt auf Sie
zu. Das ist ein Leuchtwesen, und das Leuchtwesen ist nichts an-
deres als die Unabgeschlossenheit nach einer Richtung.
Durch ein solches Wesen lernen die Eingeweihten dann andere
Wesen kennen, die sie beschreiben als die gottlichen Boten, die
ihnen in Feuerflammen nahen. Die Beschreibung vom Sinai, als
dem Moses die zehn Gebote gegeben worden sind, 55 heifk nichts
anderes, als da$ sich ihm in der Tat ein Wesen nahern konnte, das
fur ihn wahrnehmbar diese Abmessungen hatte. Es wirkte auf ihn
wie ein Mensch, dem man die dritte Raumdimension fortgenom-
men hatte, es wirkte in der Empfindung und in der Zeit.
Diese abstrakten Bilder in den religiosen Urkunden sind nicht
nur aufiere Sinnbilder, sondern gewaltige Wirklichkeiten, die der
Mensch kennenlernen kann, wenn er das sich anzueignen imstande
ist, was wir durch Analogien uns klarzumachen versuchten. Je
mehr Sie sich solchen Betrachtungen von Analogien fleiftig und
energisch hingeben, emsig sich hineinvertiefen, desto mehr wirken
Sie wirklich auf Ihren Geist, und um so mehr wirken diese [Be-
trachtungen] in uns und losen hohere Fahigkeiten aus. [Dies ist
etwa der Fall bei der Auseinandersetzung mit] der Analogie des
Verhaltnisses des Wiirfels zum Sechseck und des Tessarakts zum
Rhombendodekaeder. Letzteres stellt eine Projektion des Tessar-
aktes in die dreidimensionale physische Welt dar. Wenn Sie sich
diese Figuren als fur sich lebend veranschaulichen, wenn Sie aus
der Projektion des Wiirfels - dem Sechseck - den Wiirfel heraus-
wachsen lassen, und ebenso aus der Projektion des Tessaraktes
[dem Rhombendodekaeder] den Tessarakt selbst enstehen lassen,
dann schaffen Sie sich dadurch in Ihrem niederen Mentalkorper
die Moglichkeit und die Fahigkeit, das aufzufassen, was ich Ihnen
eben als Gebilde beschrieben habe. Und wenn Sie, mit anderen
Worten, nicht nur mir gefolgt sind, sondern diese Prozedur leben-
dig durchgemacht haben, wie der Yogi beim wachen Bewulksein,
dann werden Sie merken, daft Ihnen in Ihren Traumen so etwas
auftreten wird, das in Wirklichkeit ein vierdimensionales Gebilde
ist, und dann ist es nicht mehr weit, es heriiberzuholen in das
wache Bewufttsein, und Sie konnen dann bei jedem vierdimensio-
nalen Wesen die vierte Dimension sehen.
'»
Die astrale Sphare ist die vierte Dimension.
Devachan bis Rupa ist die fiinfte Dimension.
Devachan bis Arupa ist die sechste Dimension. 56
Diese drei Welten, die physische, astralische und himmlische
[devachanische], umschliefien sechs Dimensionen. Die noch hohe-
ren Welten verhalten sich vollstandig polar zu diesen.
Mineral
Pflanze
Tier
Mensch
Arupa
Selbst-
bewufitsein
Rupa
Empfindung
Selbst-
bewufitsein
Astralplan
Leben
Empfindung
Selbst-
bewufitsein
Physischer
Form
Leben
Empfindung
Selbst-
Plan
bewufitsein
Form
Leben
Form
Empfindung
Leben
Form
DER VIERDIMENSIONALE RAUM
Berlin, 7. November 1905
Unser gewohnlicher Raum hat drei Dimensionen: Lange, Breite
und Hohe. Eine Linie ist in einer Dimension ausgedehnt, sie hat
nur Lange. Die Tafel ist eine Flache, hat also zwei Dimensionen:
Lange und Breite. Ein Korper dehnt sich nach drei Dimensionen
aus. Wie entsteht nun ein Korper aus drei Dimensionen?
Stellen Sie sich ein Gebilde vor, das gar keine Dimensionalitat
hat, das ist der Punkt. Er hat null Dimensionen. Wenn ein Punkt
sich bewegt und eine Richtung einhalt, so entsteht eine gerade
Linie, ein eindimensionales Gebilde. Wenn Sie sich die Linie wei-
terbewegt denken, so entsteht eine Flache mit Lange und Breite.
Wenn Sie schliefilich die Flache sich bewegt denken, so beschreibt
sie ein dreidimensionales Gebilde. Auf diesselbe Weise konnen
wir aber nicht mehr aus dem dreidimensionalen Korper [durch
Bewegung] ein vierdimensionales Gebilde, eine vierte Dimension
erzeugen. Wir mussen versuchen, uns bildlich vorzustellen, wie
wir zum Begriff einer vierten Dimension kommen konnen. [Ge-
wisse] Mathematiker [und Naturwissenschaftler] haben sich ver-
sucht gefuhlt, die geistige Welt mit unserer sinnlichen Welt in
Einklang zu bringen [, indem sie die geistige Welt in einen vier-
dimensionalen Raum hineinversetzten], so zum Beispiel Zollner. 57
Figur 46
Denken Sie sich einen Kreis. Er ist nach alien Seiten hin in der
Ebene geschlossen. Wenn jemand verlangt, daft eine Miinze von
aufkrhalb des Kreises in den Kreis hineinkommen soli, miissen
wir die Kreislinie iiberschreiten (Figur 46). Falls Sie aber die
Kreislinie nicht beriihren wollen, so miissen Sie die Miinze [in den
Raum] heben und dann hineinlegen. Sie miissen dabei notwendi-
gerweise aus der zweiten in die dritte Dimension gehen. Falls wir
eine Miinze in einen Wiirfel [oder in eine Kugel] hineinzaubern
wollten, so miifken wir [aus der dritten Dimension heraus und]
durch die vierte Dimension hindurchgehen. 58
Als ich in diesem Leben zu erfassen anfing, was der Raum
eigentlich ist, war es, als ich anfing, neuere [synthetische projekti-
ve] Geometrie zu studieren. Da begriff ich, was es fur eine Bedeu-
tung hat, wenn man von einem Kreise in eine Linie ubergeht (Fi-
gur 47). Im intimsten Denken der Seele eroffnet sich die Welt. 59
\ /
Figur 47
Denken wir uns nun einen Kreis. Wenn wir die Kreislinie ver-
folgen, konnen wir auf ihr herum gehen und zu dem urspriingli-
chen Punkte zuriickkehren. Denken wir uns nun den Kreis immer
grofier und grower werdend [wobei wir eine Tangentenlinie fest-
halten]. Dabei mufi er zuletzt in eine gerade Linie ubergehen, da
er sich immer mehr verflacht. [Wenn ich die sich vergrofiernden
Kreise durchlaufe, so gehe ich immer auf der einen Seite] hinunter
[und komme dann auf der anderen Seite wieder] herauf und zu-
nick zum Ausgangspunkt. [Bewege ich mich schlieftlich auf der
geraden Linie etwa nach rechts bis ins Unendliche, so] mull ich
von der anderen [linken] Seite von der Unendlichkeit wieder zu-
riickkehren, da die gerade Linie sich [beziiglich der Anordnung
ihrer Punkte] wie ein Kreis verhalt. Daraus sehen wir, daft der
Raum keinen Abschlufi hat [im selben Sinne, wie die gerade Linie
keinen Abschluft hat, das heifit, die Anordnung ihrer Punkte ist
dieselbe wie bei einem in sich geschlossenen Kreis. Entsprechend
mufi man sich den unendlich ausgedehnten Raum als in sich ge-
schlossen denken, so wie die Oberflache einer Kugel in sich ge-
schlossen ist]. Damit haben Sie den unendlichen Raum dargestellt
[im Sinne] eines Kreises, [oder] einer Kugel. Dieser Begriff fuhrt
uns dazu, den Raum vorzustellen in seiner Wirklichkeit. 60
Wenn ich mir nun vorstelle, dafi ich nicht einfach wesenlos [ins
Unendliche] fortgehe, um dann [unverandert von der anderen Sei-
te] zuriickzukehren, sondern mir denke, ich habe hier ein aus-
strahlendes Licht, so wird dieses [von einem ruhenden Punkt auf
der Linie aus gesehen] immer schwacher, indem ich [mit dem
Licht] fortgehe, und immer starker, wenn ich [aus dem Unend-
lichen mit dem Licht wieder] zunickkehre. Und denken wir, daft
dieses Licht nicht nur positiv wirkt, sondern, indem es hier sich
[wieder] nahert von der anderen Seite, desto starker leuchtet, so
haben Sie [hier die Qualitaten] positiv und negativ.
Bei alien Naturwirkungen finden Sie diese zwei Pole, die nichts
anderes darstellen, als die entgegengesetzten Wirkungen des Rau-
mes. Daraus bekommen Sie den Begriff, daft der Raum etwas
Kraftvolles ist, und daft die Krafte, die darin wirken, nichts ande-
res sind als der Ausflufi der Kraft selbst. Dann werden wir nicht
zweifeln konnen, daft sich innerhalb unseres dreidimensionalen
Raumes eine Kraft finden konnte, die von innen wirkt. Sie werden
sich klar werden, daft alles, was im Raume auftritt, auf wirklichen
Verhaltnissen im Raume beruht.
Denken wir zwei Dimensionen miteinander verschlungen, dann
hatten wir diese zwei in Beziehung gebracht. Wenn Sie zwei [ge-
schlossene] Ringe miteinander verschlingen wollen, miissen Sie
den einen aufdroseln, um den anderen hineinzubringen. Ich werde
mir nun aber die innere Mannigfaltigkeit des Raumes bezeugen,
indem ich dieses Gebilde [ein rechteckiges Papierband] zweimal
um sich selbst verschlinge [das heifit, das eine Ende festhalte und
das andere Ende um 360° verdrehe und dann die beiden Enden
zusammenhalte]. Ich hefte das Papierband fest mit Stecknadeln
zusammen und zerschneide es in der Mitte. Jetzt hangt das eine
Band ganz fest in dem anderen drinnen. Vorher war es nur ein
Band. Ich habe also hier durch blo£e Bandverschlingungen inner-
halb der drei Dimensionen dasselbe erzeugt, was ich sonst [nur]
durch Hinausgehen in die [vierte] Dimension erreichen kann. 61
So etwas ist keine Spielerei, sondern Wirklichkeit. Wenn wir
hier die Sonne haben, und hier die Erdbahn um die Sonne, und
hier die Mondbahn um die Erde (Figur 48), so mussen wir uns
vorstellen, dafi sich die Erde um die Sonne bewegt und deshalb die
Mondbahn und die Erdbahn genauso verschlungen sind [wie un-
sere zwei Papierbander], Nun hat sich der Mond [im Laufe der
Erdenentwicklung] von der Erde abgezweigt. Das ist eine innere
Abzweigung, die auf dieselbe Art vor sich gegangen ist [wie die
Verschlingung unserer zwei Papierbander zustande gekommen
ist]. [Durch eine soiche Betrachtungsweise] wird der Raum in sich
lebendig.
Figur 48
Betrachten Sie nun ein Quadrat. Denken Sie es sich so [durch
den Raum] bewegt, daft es einen Wurfel bildet. Dann muE es in
sich selbst vorwartsschreiten.
Ein Wurfel ist aus sechs Quadraten zusammengesetzt, sie bil-
den zusammen die Oberflache des Wiirfels. Um den Wurfel [in
iibersichtlicher Weise] zusammenzufiigen, lege ich die sechs Qua-
drate zunachst nebeneinander [in eine Ebene] (Figur 49). Ich krie-
ge den Wiirfel wieder, wenn ich diese Quadrate aufstiilpe. Das
sechste mul? ich dann oben drauf legen, indem ich durch die dritte
Dimension hindurchgehe. Dadurch habe ich nun den Wiirfel aus-
einandergelegt in zwei Dimensionen. Ich habe verwandelt ein
dreidimensionales Gebilde durch Auseinanderlegen in ein zwei-
dimensionales.
Figur 49
Denken Sie sich nun, daft die Grenzen eines Wiirfels Quadrate
sind. Habe ich hier einen dreidimensionalen Wiirfel, so ist er be-
grenzt von zweidimensionalen Quadraten. Nehmen wir einmal
blofi ein einziges Quadrat. Es ist zweidimensional und wird be-
grenzt von vier eindimensionalen Linien. Ich kann die vier Linien
in eine einzige Dimension ausbreiten (Figur 50). Was in der einen
Dimension erscheint, werde ich nun rot [ausgezogene Linie] ma-
len und die andere Dimension blau [punktierte Linie] streichen.
Jetzt kann ich, statt Lange und Breite zu sagen, von der roten und
der blauen Dimension sprechen.
Figur 50
Aus sechs Quadraten kann ich den Wiirfel wieder zusammen-
setzen. Ich gehe also jetzt iiber von der Zahl vier [der Anzahl der
Seitenlinien des Quadrates] zur Zahl sechs [der Anzahl der Seiten-
flachen des Wiirfels]. Gehe ich noch einen Schritt weiter, so kom-
me ich von der Zahl sechs [der Anzahl der Seitenflachen des
Wiirfels] zur Zahl acht [der Anzahl «Seitenwiirfel» eines vierdi-
mensionalen Gebildes]. Ich ordne nun die acht Wurfel so an, da£
dadurch im dreidimensionalen Raume das entsprechende Gebilde
entsteht zu dem fruher [aus sechs Quadraten aufgebauten Gebil-
de] in der zweidimensionalen Flache (Figur 51).
Denken Sie sich, ich wiirde imstande sein, dieses Gebilde so
umzustulpen, daft ich es richtig aufdrehe und so zusammenfiige,
daft ich mit dem achten Wurfel das ganze Gebilde zudecke, dann
kriege ich aus den acht Wiirfeln ein vierdimensionales Gebilde in
einem vierdimensionalen Raum. Dieses Gebilde heifk [nach Hin-
ton] das Tessarakt. Es hat als sein Grenzgebilde acht Wurfel, ganz
entsprechend wie der gewohnliche Wurfel als sein Grenzgebilde
sechs Quadrate hat. Das [vierdimensionale] Tessarakt ist also von
[acht] dreidimensionalen Wiirfeln begrenzt.
Denken Sie sich ein Wesen, das nur in zwei Dimensionen sehen
kann, und dieses Wesen wiirde nun die auseinandergelegten Qua-
drate anschauen, es wiirde nur die Quadrate 1, 2, 3, 4 und 6 sehen,
nie aber das schraffierte Quadrat 5 in der Mitte (Figur 52). Ganz
entsprechend geht es Ihnen mit dem vierdimensionalen Gebilde.
[Da Sie nur dreidimensionale Objekte sehen konnen, so] konnen
Sie den verborgenen Wiirfel in der Mitte nicht sehen.
3
2
IP
wm
Figur 52
Denken Sie sich nun den Wiirfel so auf die Tafel gezeichnet [so
dal$ als Umrifi ein regelmaftges Sechseck entsteht]. Das andere ist
hinten verborgen. Dies ist eine Art Schattenbild, eine Projektion
des Wiirfels in den zweidimensionalen Raum (Figur 53). Dieses
zweidimensionale Schattenbild eines dreidimensionalen Wiirfels
besteht aus Rhomben, aus schiefen Vierecken [Parallelogramme].
Denken Sie sich den Wiirfel aus Draht hergestellt, so wiirden Sie
auch die hinteren Rhomben- Vierecke sehen konnen. Sie haben
hier also in der Projektion sechs ineinandergeschobene Rhomben-
Vierecke. Auf diese Weise konnen Sie den ganzen Wiirfel hinein-
werfen in den zweidimensionalen Raum.
Figur 53
Denken Sie sich nun unser Tessarakt gebildet im vierdimensio-
nalen Raum. Wenn Sie dieses Gebilde in den dreidimensionalen
Raum hineinwerfen, so miissen Sie vier [sich gegenseitig nicht
durchdringende rhombisch] verschobene schiefe Wiirfel [Parallel-
epipede] kriegen. Einer dieser rhombisch verschobenen Wiirfel
miifite so gezeichnet werden (Figur 54).
Acht solche verschobenen Rhomben-Wiirfel mii£ten [aber] in-
einandergesteckt werden, damit man im dreidimensionalen Raum
[ein vollstandiges] dreidimensionales Bild des vierdimensionalen
Tessaraktes erhalt. Damit konnen wir also das [vollstandige] drei-
dimensionale Schattenbild eines solchen Tessaraktes darstellen mit
Hilfe von acht [geeignet] ineinander geschobenen Rhomben-Wiir-
feln. [Als Raumgebilde ergibt sich dabei ein Rhombendodekaeder
mit vier Raumdiagonalen (Figur 55). So wie bei der Rhomben-
Darstellung des Wiirfels je drei unmittelbar benachtbarte Rhom-
ben gegenseitig verschoben ineinander zu liegen kommen, man
also von den sechs Wiirfelflachen nur drei in der Projektion sieht,
so erscheinen auch bei der Rhombendodekaeder-Darstellung des
Tessaraktes nur vier sich nicht gegenseitig durchdringende Rhom-
ben-Wiirfel als Projektionen der acht Grenz-Wiirfel, da je vier der
unmittelbar benachbarten Rhomben-Wiirfel die iibrigen vier voll-
kommen iiberdecken. 62 ]
Figur 55
Den dreidimensionalen Schatten eines vierdimensionalen Kor-
pers konnen wir also konstruieren, wenn auch nicht das Tessarakt
selbst. Im selben Sinne sind wir der Schatten von vierdimensiona-
len Wesen. So muE der Mensch, wenn er vom Physischen zum
Astralen steigt, sein Vorstellungsvermogen ausbilden. Denken wir
uns ein zweidimensionales Wesen, das sich [intensiv und wieder-
holt] bemiiht, ein solches [dreidimensionales] Schattenbild recht
lebhaft vorzustellen. Wenn es sich dann dem Traum iiberlafk, so
quellen dann (...).
Wenn Sie sich aufbauen im Geiste das Verhaltnis der dritten zur
vierten Dimension, so arbeiten in Ihnen die Krafte, die Sie in den
[wirklichen, nicht den mathematischen] vierdimensionalen Raum
hineinschauen lassen.
Wir werden immer ohnmachtig sein in der hoheren Welt, wenn
wir uns nicht hier [in der Welt des gewohnlichen Bewulkseins] die
Fahigkeiten [des Sehens in der hoheren Welt] erwerben werden. So
wie der Mensch im Mutterleib die Augen zum Sehen in der phy-
sisch-sinnlichen Welt ausbildet, so muE der Mensch im Mutterleib
der Erde [iibersinnliche] Organe ausbilden, dann wird er in der
hoheren Welt [als Sehender] geboren. Die Ausbildung der Augen
im Mutterleib ist ein [erhellendes] Beispiel [fur diesen Prozefi].
Der Wiirfel miifke aus den Dimensionen Lange, Breite und Hohe
aufgebaut werden. Das Tessarakt miifke ich aufbauen aus den Di-
mensionen Lange, Breite, Hohe und einer vierten Dimension.
Indem die Pflanze wachst, durchbricht sie den dreidimensiona-
len Raum. Jedes Wesen, das in der Zeit lebt, durchbricht die drei
[gewohnlichen] Dimensionen. Die Zeit ist die vierte Dimension.
Sie steckt unsichtbar in den drei Dimensionen des gewohnlichen
Raumes darinnen. Sie konnen sie aber nur durch hellseherische
Kraft wahrnehmen.
Ein bewegter Punkt erzeugt eine Linie; bewegt sich eine Linie,
so entsteht eine Flache; und bewegt sich ein Flache, so ensteht der
dreidimensionale Korper. Lassen wir nun den dreidimensionalen
Raum sich bewegen, so haben wir Wachstum [und Entwicklung].
Sie haben dadurch den vierdimensionalen Raum, die Zeit [hinein-
projiziert in den dreidimensionalen Raum als Bewegung, Wachs-
tum, Entwicklung].
[Die geometrische Betrachtung zum Aufbau der drei gewohn-
lichen Dimensionen] finden Sie fortgesetzt im wirklichen Leben.
Die Zeit stent senkrecht auf den drei Dimensionen, sie ist die vier-
te, sie wachst. Wenn Sie die Zeit in sich lebendig machen, entsteht
die Empfindung. Vermehren Sie die Zeit in sich, bewegen Sie sie
in sich selbst, so haben Sie das empfindende Tierwesen, das in
Wahrheit fiinf Dimensionen hat. Das Menschenwesen hat in
Wahrheit sechs Dimensionen.
Wir haben vier Dimensionen im Atherbereich [Astralplan], fiinf
Dimensionen im Astralbereich [unteres Devachan] und sechs Di-
mensionen im [oberen] Devachan.
So quellen Ihnen die [geistigen] Mannigfaltigkeiten auf. Das
Devachan als Schatten in den Astralraum geworfen, gibt uns den
Astralkorper, der Astralraum als Schatten in den Atherraum ge-
worfen, gibt uns den Atherkorper, und so weiter.
Die Zeit geht nach einer Seite, das ist das Absterben der Natur,
und nach der anderen ist es das Wiederaufleben. Die zwei Punkte,
wo sie ineinander iibergehen, das sind Geburt und Tod.
Die Zukunft kommt uns fortwahrend entgegen. Wenn das Le-
ben bloft nach einer Richtung ginge, wiirde nie etwas Neues ent-
stehen. Der Mensch hat auch Genie - das ist seine Zukunft, seine
Intuitionen, die ihm entgegenstromen. Die verarbeitete Vergan-
genheit ist [der von der anderen Seite herkommende Strom; sie
bestimmt] das Wesen [, wie es bisher geworden ist].
UBER DEN MEHRDIMENSIONALEN RAUM
Berlin, 22. Oktober 1908
Der Gegenstand, der uns heute beschaftigen soil, wird uns man-
cherlei Schwierigkeiten machen. Betrachten Sie den Vortrag als
eine Episode; er wird ja auf Wunsch gehalten. Wenn man den
Gegenstand nur formal in seiner Tiefe erfassen will, so sind einige
mathematische Vorkenntnisse notig. Wenn man ihn aber in seiner
Realitat erfassen will, so mufi man schon sehr tief eindringen in
den Okkultismus. Wir konnen also heute nur sehr oberflachlich
davon reden, nur eine Anregung geben fur diesen oder jenen.
Es ist sehr schwierig, uberhaupt liber die Mehrdimensionalitat
zu sprechen, weil man sich, wenn man in der Vorstellung sich eine
Anschauung von dem machen will, was mehr als drei Dimensio-
nen sind, sich da in abstrakten Gebieten zu ergehen hat, und da
miissen die Begriffe sehr prazise und streng gefafk werden, sonst
kommt man ins Bodenlose. Und dahin sind ja auch viele Freunde
und Feinde gekommen.
Der Begriff des mehrdimensionalen Raumes ist ja der Mathe-
matikerwelt gar nicht so fremd, als man gewohnlich glaubt. 63 Es
gibt in Mathematikerkreisen schon ein Rechnen mit einer mehrdi-
mensionalen Rechnungsart. Naturlich kann der Mathematiker nur
in einem sehr begrenzten Sinn von diesem Raum sprechen, er kann
nur die Moglichkeit erortern. Ob er wirklich ist, kann nur der
feststellen, der in einen mehrdimensionalen Raum hineinschauen
kann. Hier haben wir es schon mit lauter Begriffen zu tun, die,
wenn man sie nur genau fafit, wirklich uns Klarheit verschafffen
iiber den Raumbegriff.
Was ist der Raum? Man sagt gewohnlich: Um mich herum ist
Raum, ich gehe im Raum herum - und so weiter. Wer eine deut-
lichere Vorstellung haben will, der mufi schon auf einige Abstrak-
tionen eingehen. Wir nennen den Raum, in dem wir uns bewegen,
dreidimensional. Er hat eine Ausdehnung nach Hohe und Tiefe,
nach rechts und links, nach vorne und hinten, er hat Lange, Breite
und Hohe. Wenn wir Korper betrachten, so sind diese Korper fur
uns in diesem dreidimensionalen Raum ausgedehnt, sie haben fur
uns eine gewisse Lange, eine gewisse Breite und Hohe.
Wir miissen uns aber mit den Einzelheiten des Raumbegriffes
beschaftigen, wenn wir zu einem genaueren Begriff kommen wol-
len. Sehen wir auf den einfachsten Korper, den Wurfel. Er zeigt
uns am deutlichsten, was Lange, Breite und Hohe sind. Wir finden
eine Grundflache des Wiirfels, die in der Lange und Breite sich
gleich ist. Bewegen wir die Grundflache in die Hohe, gerade so
weit, wie die Grundflache breit und lang ist, so bekommen Sie den
Wurfel, der also ein dreidimensionales Gebilde ist. An dem Wurfel
konnen wir am klarsten uns unterrichten iiber die Einzelheiten
eines dreidimensionalen Gebildes. Wir untersuchen die Grenzen
des Wiirfels. Diese werden iiberall gebildet von Flachen, die von
gleich langen Seiten begrenzt werden. Sechs solcher Flachen sind
vorhanden.
Was ist eine Flache? Schon hier wird der straucheln, der nicht
zu ganz scharfen Abstraktionen fahig ist. Man kann zum Beispiel
die Grenzen nicht von einem Wachswiirfel als feine Wachsschicht
abschneiden. Man bekame dann ja immer noch eine Schicht von
gewisser Dicke, erhielte also einen Korper. Auf diese Weise kom-
men wir nie zur Grenze des Wiirfels. Die wirkliche Grenze hat
nur Lange und Breite, keine Hohe. Die Dicke ist gestrichen. Wir
kommen also zu dem formelhaften Satze: Die Flache ist die Gren-
ze [eines dreidimensionalen Gebildes], bei der eine Dimension
fortfallt.
Was ist nun die Grenze der Flache, zum Beispiel des Quadrats?
Hier miissen wir wieder die aufierste Abstraktion nehmen. [Die
Grenze einer Flache] ist eine Linie, die nur eine Dimension, die
Lange, hat. Die Breite ist gestrichen. Was ist die Grenze der Linie?
Es ist der Punkt, er hat gar keine Dimension. Man bekommt also
jedesmal die Grenze eines Gebildes, indem man eine Dimension
fortlafk.
Also konnte man sich sagen, und das ist auch der Gedanken-
gang, den viele Mathematiker gegangen sind, besonders auch Rie-
mann, 64 der hier das Gediegenste geleistet hat: Wir nehmen den
Punkt, der gar keine, die Linie, die eine, die Flache, die zwei, den
Korper, der drei Dimensionen hat. Nun fragten sich die Mathema-
tiker: Konnte es nicht so sein, dafi man rein formal sagen konnte,
man kann noch eine vierte Dimension hinzufiigen? Dann miifke
der [dreidimensionale] Korper die Grenze des vierdimensionalen
Gebildes sein, wie die Flache die Grenze des Korpers, die Linie
die Grenze der Flache und der Punkt die Grenze der Linie ist.
Natiirlich kommt der Mathematiker dann noch weiter zu fiinf-,
sechs- und siebendimensionalen Gebilden und so weiter. Wir ha-
ben [sogar beliebige] «-dimensionale Gebilde [wo n eine positive
ganze Zahl ist].
Nun kommt schon eine Unklarheit in die Sache, wenn wir sa-
gen: Der Punkt hat gar keine, die Linie hat eine, die Flache zwei,
der Korper drei Dimensionen. Wir konnen nun einen solchen
Korper, zum Beispiel einen Wiirfel, aus Wachs, Silber, Gold und
so weiter machen. Sie sind der Materie nach verschieden. Wir
machen sie gleich grofi, dann nehmen sie alle den selben Raum ein.
Lassen Sie nun alle Materie fort, so bleibt nur ein bestimmter
Raumteil, der das Raumbild des Korpers ist, iibrig. Diese Raum-
teile sind [alle untereinander] gleich, aus welchem Stoff der Wiirfel
auch bestand. Diese Raumteile haben auch Lange, Breite und
Hohe. Wir konnen uns nun diese Wiirfel unendlich ausgedehnt
denken und kommen so zu einem unendlich ausgedehnten drei-
dimensionalen Raum. Der [materielle] Korper ist ja nur ein Teil
davon.
Es fragt sich nun, ob wir ohne weiteres solche begrifflichen
Erwagungen, die wir, vom Raume ausgehend, machen, ausdehnen
konnen auf hohere Wirklichkeiten. Der Mathematiker rechnet bei
diesen Erwagungen eigentlich nur, und zwar mit Zahlen. Nun
fragt es sich, ob man das iiberhaupt darf. Ich will Ihnen zeigen,
eine wie groEe Verwirrung schon entstehen kann, wenn man mit
den Raumgroften zahlenmafiig rechnet. Warum? Ich brauche Ih-
nen nur eines zu sagen: Denken Sie sich, Sie haben hier eine qua-
dratische Figur. Ich kann diese Figur, diese Flache, nach beiden
Seiten immer breiter machen und komme so zu einer Flache, die
sich unbegrenzt zwischen zwei Linien ausdehnt (Figur 56).
Figur 56 ' ' 1 1 ' 1
Diese Flache ist doch unendlich grofi, ist also °°. Jetzt denken
Sie sich jemand, der hore, der Flachenraum zwischen diesen bei-
den Linien ist unendlich [grofi]. Da denkt er sich naturlich die
Unendlichkeit. Sprechen Sie nun zu ihm von der Unendlichkeit,
so kann er sich unter Umstanden ganz falsche Vorstellungen da-
von bilden. Denken Sie sich, ich nehme jetzt noch unten [zu jedem
Quadrat je eines dazu, also eine weitere Quadratreihe von] unend-
lich vielen Quadraten, so erhalte ich eine [andere] Unendlichkeit,
die genau doppelt so grofi ist, wie die erstere (Figur 57). Es ergibt
sich also <*> = 2 * °«.
Auf dieselbe Weise konnte ich bekommen: «> = 3 • «>.
Sie konnen iiberhaupt, wenn Sie mit Zahlen rechnen, ebensogut
die Unendlichkeit benutzen wie eine Endlichkeit. So wahr [es ist,
daft] der Raum schon im ersten Falle unendlich war, ebenso wahr
ist es, dafi er nachher 2 • ©o, 3 • °° und so weiter ist. Wir rechnen
hier also zahlenmaftig.
Figur 57 _J I I I I I I
Wir sehen, der [sich an die zahlenmafiige Erfassung anschlie-
lSende] Begriff der Unendlichkeit des Raumes gibt uns gar keine
Moglichkeit, hier tiefer [in die hoheren Wirklichkeiten] ein-
zudringen. Zahlen haben eigentlich gar keine Beziehung zum Rau-
me, verhalten sich ganz neutral zu ihm, wie Erbsen oder irgend-
welche anderen Gegenstande. Sie wissen ja nun, dafi sich durch
Rechnen an der Realitat nichts andert. Hat jemand drei Erbsen, so
kann er daran durch die Multiplikation nichts andern, wenn er
auch richtig rechnet. [Die Rechnung] 3-3 = 9 gibt noch* keine
neun Erbsen. Eine blofte Uberlegung andert hier nichts, und
Rechnen ist eine blofie Uberlegung. Ebenso wie die drei Erbsen
zuriickbleiben, [man in Wirklichkeit keine neun Erbsen erzeugt,]
wenn auch richtig multipliziert wird, so mufi der dreidimensionale
Raum ebenso zuriickbleiben, wenn der Mathematiker auch rech-
net: zwei-, drei-, vier-, fiinfdimensionaler Raum. Sie werden fiih-
len, dafi eine solche mathematische Uberlegung etwas sehr Beste-
chendes hat. Diese Uberlegung beweist aber nur, daft der Mathe-
matiker zwar mit einem solchen mehrdimensionalen Raum rech-
nen konnte; [ob es aber einen mehrdimensionalen Raum tatsach-
lich gibt, das heifk,] iiber die Giiltigkeit eines solchen Begriffes
[fur die Wirklichkeit] kann er nichts ausmachen. Das wollen wir
uns hier in aller Strenge klarmachen.
Jetzt wollen wir noch einige andere Uberlegungen ins Auge
fassen, die von Mathematikerseite sehr scharfsinnig, konnte man
sagen, gemacht worden sind. Wir Menschen denken, horen, fuhlen
und so weiter im dreidimensionalen Raum. Denken wir uns ein-
mal, daft es Wesen gabe, die nur im zweidimensionalen Raum
wahrnehmen konnten, die so organisiert waren, daft sie immer nur
in der Flache bleiben miissen, daft sie nicht aus der zweiten Di-
mension herauskommen konnten. Solche Wesen sind durchaus
denkbar: sie konnen sich nur nach rechts und links [und nach
hinten und vorne] bewegen [und wahrnehmen] und haben keine
Ahnung davon, was oben und unten sich befindet. 65
Nun konnte es dem Menschen in seinem dreidimensionalen
Raum auch so gehen. Er konnte nur fur die drei Dimensionen
organisiert sein, so daft er die vierte Dimension nur nicht wahr-
nehmen konnte, die aber fur ihn sich ebenso hinzu ergibt, wie fur
die anderen die dritte sich hinzu ergibt. Nun sagen die Mathema-
tiker, das ist durchaus denkmoglich, den Menschen als solches
Wesen zu denken. Nun konnte man aber wieder sagen, das ist nun
auch nur so eine Auslegung. Man konnte das gewifi sagen. Aber
hier muE man doch wieder etwas genauer zu Werke gehen. So
einfach wie im ersten Falle [mit der zahlenmafiigen Erfassung der
Unendlichkeit des Raumes] liegt die Sache hier doch nicht. Ich
gebe absichtlich heute nur ganz einfache Erorterungen.
Es ist mit dieser Schlufifolgerung nicht so, wie mit der ersten
rein formalen [rechnerischen] Erwagung. Wir kommen hier zu
einem Punkte, wo wir einhaken konnen. Es ist richtig, dafi es ein
Wesen geben kann, das nur wahrriehmen kann, was in der Flache
sich bewegt, das keine Ahnung hat, dafi es oben oder unten noch
etwas gibt. Nun denken Sie sich einmal folgendes: Denken Sie
sich, innerhalb der Flache wird fur das Wesen ein Punkt sichtbar,
der naturlich wahrnehmbar ist, weil er in der Flache sich befindet.
Bewegt der Punkt sich nur in der Flache, so bleibt er sichtbar,
bewegt er sich aber aus der Flache heraus, so wird er unsichtbar.
Er ware verschwunden fur das Flachenwesen. Denken wir nun,
der Punkt tauchte nachher wieder auf, werde also wieder sichtbar,
verschwande dann wieder und so weiter. Verfolgen kann das
Wesen den [aus der Flache herausgehenden] Punkt nicht, aber
sagen kann sich das Wesen: der Punkt ist inzwischen irgendwo
gewesen, wo ich nicht hinschauen kann. Das Flachenwesen konnte
nun ein zweifaches tun. Versetzen wir uns einmal in die Seele
dieses Flachenwesens. Es konnte einmal sagen: Es gibt eine dritte
Dimension, in die der Gegenstand untergetaucht ist, dann ist er
nachher wieder aufgetaucht. - Oder es konnte auch sagen: Das
sind ganz dumme Wesen, die von einer dritten Dimension spre-
chen, der Gegenstand ist [in jedem Falle] immer verschwunden,
untergegangen und [jedesmal] wieder neu entstanden. - Man miifi-
te dann doch sagen: Das Wesen siindigt gegen den Verstand.
Wenn es also nicht ein fortwahrendes Verschwinden und Neuent-
stehen annehmen will, muE sich das Wesen doch sagen: Der Ge-
genstand ist irgendwo untergetaucht, verschwunden, wo ich nicht
hineinschauen kann.
Ein Komet, wenn er verschwindet, geht durch den vierdimen-
sionalen Raum. 66
Wir sehen hier, was wir zu der mathematischen Betrachtung
hinzufiigen miissen. Es miiftte sich im Felde unserer Beobachtun-
gen etwas finden, was immer auftaucht und wieder verschwindet.
Dazu braucht man gar nicht hellsehend zu sein. Ware das Flachen-
wesen hellsehend, so brauchte es ja nicht [bloft] zu schlieften, es
wiiftte ja aus der Erfahrung, daft es eine dritte Dimension gibt.
Ebenso ist es fur den Menschen. Solange er nicht hellsehend ist,
miiftte er sich sagen: Ich bleibe in den drei Dimensionen; sobald
ich aber etwas beobachte, das von Zeit zu Zeit verschwindet und
wieder auftaucht, so bin ich berechtigt zu sagen: hier gibt es eine
vierte Dimension.
Alles, was bisher gesagt worden ist, ist so unangreifbar wie nur
irgend moglich. Und die Bestatigung ist so einfach, daft es dem
Menschen in seinem heutigen verblendeten Zustande gar nicht
einfallen wird, das zuzugeben. Die Antwort auf die Frage: Gibt es
so etwas, was immer verschwindet und wieder auftaucht? - ist so
leicht. Denken Sie einmal, es taucht eine Freude in Ihnen auf, und
dann verschwindet sie wieder. Es ist unmoglich, daft irgend je-
mand, der nicht hellsehend ist, sie noch wahrnehmen wird. Nun
taucht dieselbe Empfindung durch irgendein Ereignis wieder auf.
Nun konnten Sie, genau wie das Flachenwesen, sich in verschiede-
ner Weise verhalten. Entweder [Sie sagen sich,] die Empfindung
ist verschwunden irgendwohin, wo ich sie nicht verfolgen kann,
oder aber [Sie vertreten die Ansicht, daft] die Empfindung vergeht
und immer wieder neu entsteht.
Es ist nun aber einmal wahr: jeder ins Unbewuftte hinge-
schwundene Gedanke ist ein Beweis dafur, daft etwas verschwin-
det und [dann] wieder auftaucht. Gegen alles dies ist hochstens
folgendes einzuwenden. Wenn Sie sich bemiihen, gegen einen sol-
chen Ihnen schon plausiblen Gedanken alles einzuwenden, was
von einer materialistischen Anschauung eingewendet werden
konnte, so tun Sie ganz recht. Ich will hier einmal den allerspitz-
findigsten Einwand machen, alle anderen [Einwande] sind sehr
leicht zu widerlegen. Man sagt sich zum Beispiel: alles wird auf
rein materialistische Weise erklart. Nun will ich Ihnen zeigen, daft
ganz gut innerhalb der materiellen Vorgange etwas verschwinden
kann, was nachher wieder auftaucht. Stellen Sie sich einmal vor,
irgendein Dampfkolben wirkt, stoftt immer nach derselben Rich-
tung hin. Er ist als fortschreitender Kolben wahrnehmbar, solange
die Kraft wirkt. Nehmen wir nun an, ich setze entgegen einen
ganz gleichen, [aber] entgegengesetzt wirkenden Kolben. Dann
hebt sich die Bewegung auf, es tritt Stillstand ein. Hier verschwin-
det also tatsachlich die Bewegung.
Ganz entsprechend konnte man hier sagen: Fur mich ist die
Empfindung von Freude nichts anderes, als daft sich etwa im
Gehirn Molekiile bewegen. Solange diese Bewegung stattfindet,
empfinde ich diese Freude. Nehmen wir nun an, irgend etwas
anderes bewirkt im Gehirn eine entgegengesetzte Bewegung der
Molekiile, so verschwindet die Freude. Nicht wahr, es konnte je-
mand, der nicht sehr weit ginge mit seinen Erwagungen, hierin
schon einen ganz bedeutungsvollen Einwand [gegen unsere obigen
Uberlegungen] finden. Aber sehen wir uns einmal an, wie es mit
diesem Einwand eigentlich steht. Also genau wie eine [Kolben-]
Bewegung durch die entgegengesetzte [Kolbenbewegung] ver-
schwindet, so soil die [der] Empfindung [zugrundeliegende Mole-
kiilbewegung] durch die entgegengesetzte [Molekiilbewegung]
ausgeloscht werden. Was geschieht nun, wenn eine Bewegung des
Kolbens die andere ausloscht? Dann verschwinden eben beide
Bewegungen. Die zweite Bewegung verschwindet auch sofort. Die
zweite Bewegung kann die erste gar nicht ausloschen, ohne dafi sie
sich [dabei] selbst ausloscht. [Es resultiert ein totaler Stillstand,
keinerlei Bewegung bleibt iibrig.] Ja, dann kann aber niemals eine
[neue] Empfindung die [schon vorhandene] Empfindung auslo-
schen [ohne selbst zugrunde zu gehen]. Also konnte niemals ir-
gendeine Empfindung, die in meinem Bewulksein ist, eine ande-
re ausloschen [ohne dabei sich selbst auszuloschen]. Es ist also
eine ganz falsche Annahme, daft [iiberhaupt] eine Empfindung
eine andere ausloschen konnte. [Wenn das namlich der Fall ware,
bliebe keine Empfindung ubrig, es trate ein total empfindungs-
loser Zustand ein.]
Jetzt konnte hochstens noch gesagt werden, daft die erste Emp-
findung durch die zweite ins Unterbewufttsein gedrangt wird.
Aber dann gibt man eben zu, daft etwas besteht, was sich unserer
[unmittelbaren] Beobachtung entzieht.
Wir haben heute gar nicht Riicksicht genommen auf irgendwel-
che hellseherische Beobachtungen, sondern nur von rein mathe-
matischen Vorstellungen gesprochen. Da wir nun die Moglichkeit
einer solchen vierdimensionalen Welt zugegeben haben, so fragen
wir uns: Gibt es eine Moglichkeit, so etwas [Vierdimensionales] zu
beobachten, ohne daft man hellsehend ist? - Ja, wir miissen dazu
aber eine Art Projektion zu Hilfe nehmen. Wenn Sie ein Flachen-
stiick haben, so konnen Sie es so drehen, daft das Schattenbild zur
Linie wird. Ebenso konnen Sie von einer Linie als Schattenbild
einen Punkt bekommen. Fur einen [dreidimensionalen] Korper ist
das Schattenbild eine [zweidimensionale] Flache. Ebenso kann
man sagen: Also ist es durchaus naturlich, wenn wir uns klar dar-
iiber sind, daft es eine vierte Dimension gibt, daft wir sagen: [Drei-
dimensionale] Korper sind Schattenbilder vierdimensionaler Ge-
bilde.
Figur 58
Hier sind wir [nun wieder] auf rein geometrische Weise zur
Vorstellung [eines vierdimensionalen Raumes] gekommen. [Mit
Hilfe der Geometrie] ist dies aber auch noch auf andere Weise
moglich. Denken Sie sich ein Quadrat, das ja zwei Dimensionen
hat. Denken Sie sich die vier [es begrenzenden] Linien nebenein-
andergelegt [, das heiftt abgewickelt], so haben Sie [die Grenzge-
bilde] eines zweidimensionalen Gebildes in eine Dimension aus-
einandergelegt (Figur 58). Gehen wir weiter. Denken Sie, wir ha-
ben eine Linie. Gehen wir ebenso vor wie bei dem Quadrat, so
konnen wir Sie auch auseinanderlegen, und zwar in zwei Punkte
[und haben damit die Grenzen eines eindimensionalen Gebildes in
null Dimensionen auseinandergelegt]. Einen Wiirfel konnen Sie
sich auch auseinanderlegen, und zwar in sechs Quadrate (Figur
59). Da haben wir also den Wiirfel hinsichtlich seiner Grenzen in
Flachen auseinandergelegt, so daft wir sagen konnen: Eine Linie
wird in zwei Punkte, eine Flache in vier Linien, ein Wiirfel in
sechs Flachen auseinandergelegt. Wir haben hier die Zahlenfolge
zwei, vier, sechs.
Figur 59
Jetzt nehmen wir acht Wiirfel. Genau wie [die obigen Abwick-
lungen jedesmal aus] auseinandergelegten Grenzen bestehen, so
bilden hier die acht Wiirfel das Grenzgebilde des vierdimensiona-
len Korpers (Figur 60). Die [Abwicklung dieser] Grenzen bildet
ein Doppelkreuz, das, konnen wir sagen, die Grenzen des regel-
mafiigen [vierdimensionalen] Korpers angibt. [Dieser Korper, ein
vierdimensionaler Wiirfel, wird nach Hinton Tessarakt genannt.]
Figur 60
Wir konnen uns also eine Vorstellung bilden von den Grenzen
dieses Korpers, des Tessarakts. Wir haben hier dieselbe Vorstel-
lung von dem vierdimensionalen Korper, wie das zweidimensio-
nale Wesen sie haben konnte von einem Wiirfel, zum Beispiel
durch Auseinanderlegen [das heifit Abwicklung] der Grenzen.
II
FRAGENBE ANTWORTUNGEN
1904 - 1922
INHALT
Berlin, 1. November 1904 119
Ankundigung von Vortragen iiber die vierte Dimension.
Stuttgart, 2. September 1906 120
Okkulte Schulung ist Arbeit am Astralleib und Atherleib. Astral-
welt ist vierdimensional. Das Lebendige zeigt durch Wachstum
seine vierte Dimension. Vergleich mit dem zur geraden Linie sich
offnenden Kreis. Astralraum ist in sich geschlossen.
Nurnberg, 28. Juni 1908 122
Der astrale Raum ist im Gegensatz zum physischen Raum nicht
begrenzt. Er verhalt sich wie eine in sich geschlossene (projektive)
Gerade. Veranschaulichung durch einen zur geraden Linie sich
weitenden Kreis.
Diisseldorf, 21. April 1909 124
Der Raum, okkult gedacht. Die Hierarchien und die Trinitat in
ihrem Verhaltnis zum Raum. - Die Zeit als ein Ergebnis des Zu-
sammenwirkens niederer und hoherer Wesen. - Der Raum ist selbst
fur die Hierarchien etwas Geschaffenes. Der Raum ist ein Erzeug-
nis der Trinitat.
Diisseldorf, 22. April 1909 .126
Umgang mit geometrischen Grundbegriffen weckt hellseherische
Fahigkeiten. In sich geschlossene (projektive) Gerade als Beispiel
fur astrale Verhaltnisse.
Berlin, 2. November 1910 127
Pflanze, Tier und Mensch als vier-, funf- bzw. sechsdimensionale
Wesen.
Basel, 1. Oktober 1911 128
Licht hat Innerlichkeit als vierte Dimension.
Miinchen, 25. November 1912 129
Frage nach der Wirklichkeit hoherer Dimensionen. Mathematiker
kann sich theoretisch Vorstellungen dariiber bilden. Die hohere
Wirklichkeit ist tatsachlich mehrdimensional. Man rmifite aber eine
bessere Mathematik haben, urn dem gerecht zu werden. Wichtig
sind Dinge aus dem Grenzgebiet der Mathematik. Projektive Gera-
de als Beispiel. Mathematik soli jedoch nicht iiberschatzt werden.
Berlin, 13. Februar 1913 132
Okkulte Bedeutung des Goldenen Schnittes.
Berlin, 27. November 1913 133
Im Leben nach dem Tode kommt man in ganz andere Raum- und
Zeitverhaltnisse. Dort gehort die Geschwindigkeit, und nicht die
Zeit, zum Gebiet des inneren Erlebens. Zeit ist abhangig von inne-
ren Entwicklungsvorgangen.
Stuttgart, 1919 135
Schriftliche Fragenbeantwortung liber Mathematik.
Stuttgart, 7. Marz 1920 136
Lichtgeschwindigkeit und Lichtausbreitung. Mechanische Mefi-
methoden nicht auf Licht anwendbar. Lichtausbreitung verliert sich
nicht ins Unendliche, sondern unterliegt einem Elastizitatsgesetz.
Probleme der Einsteinschen Relativitatstheorie vom Gesichtspunkt
der Geisteswissenschaft. - Die Zeit ist nicht real in der Mechanik,
sie ist eine Abstraktion; real ist nur die Geschwindigkeit. Diskus-
sion der Geschwindigkeitsformel. Lebensdauer und Grofte eines
Organismus sind nicht relativ oder willkiirlich. Der Relativitats-
theorie mufi eine Absolutitatstheorie von Totalsystemen entgegen-
gesetzt werden.
Stuttgart, 7. Marz 1920 146
Die nach Einsteins Theorie in einer Masse gespeicherte Energie
kann technisch verwertet werden, wenn sie gezahmt werden kann.
Die Einsteinsche Formel E = mc 2 ist eine Art potentielle Energie.
Problem der Verabsolutierung rechnerischer Vorgehensweisen.
Immanente Zeit eines Totalsystems.
Stuttgart, 11. Marz 1920 149
Positive und negative Zahlen als Realitat: ponderable und impon-
derable Materie. Symbolisierung des Farbenspektrums. Positive
Zahlen: physische Wirklichkeit; negative Zahlen: aufierraumliche,
atherische Wirklichkeit; imaginare Zahlen: astraler Bereich; iiber-
imaginare Zahlen: wahre Entitat des Ich. Nullteiler miissen mitein-
bezogen werden. Mensch als Gleichgewichtszustand zwischen
Ubersinnlichem und Untersinnlichem. Zahlensysteme auf ge-
kriimmten Flachen. Der Begriff des Nur-Rechnungsmafiigen in der
Mathematik. Negative und imaginare Zahlen miissen auch ohne
Hilfe der Geometrie vorstellbar sein.
Stuttgart, 11. Marz 1920 157
Geometrisch-mathematische Gebiete sind Zwischenzustande von
Urbild und Abbild. Innerlich bewegliche Auffassung der Geome-
trie: fliefiende Geometrie. Hohere Dimensionen. Mensch als Abbild
der geistigen Welt. Farbperspektive. Erweiterung der fliefSenden
Geometrie durch einen Intensitatsfaktor mit Hilfe von Farben. Ste-
reoskopisches Sehen als gleichgewichtiges Zusammenwirken von
linkem und rechtem Auge. Lebendiges Sehen als dynamische Mitte
von asymmetrischen Organen.
Dornach, 30. Marz 1920 164
Phanomenologie als Systematisierung von Phanomenen. Verhaltnis
von Axiom und geometrischen Zusammenhangen vergleichbar mit
Verhaltnis von Urphanomen und abgeleiteten Phanomenen. Kla-
rung des Erfahrungsbegriffs notwendig. Entdeckung der nicht-
euklidischen Geometrie macht deutlich, daft auch mathematische
Satze einer empirischen Verifizierung an der Wirklichkeit bediirfen
wie phanomenologische Urteile.
Dornach, 31. Marz 1920 167
Erweiterungen der Mathematik. Wirkliche Phanomenologie befalk
sich mit dem Wesen. Mechanistischer Beherrschungstrieb schaltet
das Wesen aus. Das Vorherrschen des Beherrschungstriebes fuhrte
zu vielen technischen Errungenschaften, auf Kosten eines echten
Erkenntnisfortschrittes im Sinne der Menschenerkenntnis. Goethes
Farbenlehre. Eine Erweiterung der Betrachtungsweise erfordert
auch eine Erweiterung des mathematischen Gebietes. Der Ather ist
nicht materiell zu denken. Man mufi bei den mathematischen For-
meln, wenn man in das Athergebiet hineinkommt, negative Grofien
einsetzen. Will man iiber das Lebensgebiet hinaus, so mull man
imaginare Grofien einsetzen. Dies konnte aus der gegenwartigen
Misere der blofi technisch beherrschten Natur herausfiihren.
Dornach, 15. Oktober 1920 177
Drittes kopernikanisches Gesetz wurde zu unrecht vernachlassigt.
Sonne bewegt sich in Wirklichkeit auf einer fortschreitenden
Schraubenlinie. Die Erde und die iibrigen Planeten laufen ihr nach.
Naturwissenschaft mufi den Menschen miteinbeziehen. Sonst wird
sie nicht wirklichkeitsgemaft. Durch die Relativitatstheorie kommt
man in Abstraktionen. Raum und Zeit sind Abstraktionen, mir die
Geschwindigkeit ist real. - Drittes kopernikanisches Gesetz und
Besselsche Korrekturen. Mathematisches Denken ohne Wirklich-
keitssinn fuhrt ins Irreale. In der Mengenlehre wird die Zahl selbst
aufgelost. Dadurch schwimmt man in Abstraktionen. - Oswald
Spengler und «Der Untergang des Abendlandes». Mutvoll und
wirklichkeitsgemafi aufgebaute Begriffe und Konsequenzen, die
aber nicht zusammenpassen. Bei Hermann Keyserling gibt es nur
ausgeprefite Worthiilsen.
Stuttgart, 15. Januar 1921 190
Studium der Phanomene als Fundament anthroposophischer Er-
weiterungen. Mathematische Formeln miissen an der Wirklichkeit
verifiziert werden. Warmelehre. Einsteins Theorie fufit auf Gedan-
kenexperimenten. Positive und negative Vorzeichen fur leitende
und strahlende Warme. Dazu mufi die radiale und periphere Wir-
kungsrichtung kommen. Die anthroposophische Einstellung geht
nicht den Phanomenen voran, sondern ergibt sich sachgemafi aus
diesen. Wir brauchen in Zukunft eine Steigerung der wahren Wis-
senschaftlichkeit.
Dornach, 7. April 1921 193
In der Mathematik werden die Dimensionen des Raumes gleich
behandelt, sie sind vertauschbar. Unterscheidung von Unbegrenzt-
heit und Unendlichkeit notwendig (Riemann). Begriffsbildungen
der Metageometrie (nichteuklidische Geometrie), Gauft. Mathema-
tischer Raum ist abstrakt: das gilt sowohl fur den euklidischen
Raum wie fur Riemannsche oder andere Geometrie. Die Raum-
aufassung von Kant wurde durch die Mathematik erschuttert. In
den Ableitungen der modernen Metageometrie liegt ein Zirkel. -
Man mull fur einen wirklichkeitsgemafien Raumbegriff von der
menschlichen Erfahrung ausgehen. Erarbeitung der Tiefendimen-
sion. Nicht vertauschbar mit irgendeiner anderen Dimension. Ima-
gination fuhrt zu zweidimensionalem, Inspiration zu eindimensio-
nalem Vorstellen. Im realen Raum sind die Dimensionen nicht ver-
tauschbar; es gibt verschiedene Intensitaten in den verschiedenen
Richtungen. Der starre Raum ist abstrahiert aus dem realen Raum.
Relativitatstheorie ist logisch, aber wirklichkeitsfremd.
Dornach, 26. August 1921 203
Kurze Skizze der Ergebnisse geisteswissenschaftlicher Forschungen
beziiglich der spiralformigen Erden-Sonnen-Bewegung. Die Kon-
klusionen der meisten Weltsysteme sind einseitig. Sie erfolgen aus
einem ganz bestimmten Gesichtspunkt. Die Sonne bewegt sich in
einer spiralformigen Bahn, und die Erde lauft hinter ihr her. In
Wahrheit dreht sich blofi die Blickrichtung Erde-Sonne. Alle iibri-
gen Bewegungen sind viel komplizierter. Dritte kopernikanische
Bewegung und ihre Vernachlassigung.
Den Haag, 12. April 1922 207
Abstrakte Fortsetzung des Koordinatenachsensystems fuhrt auf
vier-, fiinf- und schliefilich «-dimensionale Raume. Hinton und der
Tessarakt. Der Zeit als vierte Dimension liegt eine abstrakte Raum-
auffassung zugrunde. Die vierte Dimension hebt eigentlich die dritte
auf, und es bleiben nur zwei Dimensionen iibrig. Ebenso kommt
man mit der funften Dimension zuriick zur ersten Dimension: die
vierte und funfte Dimension heben die dritte und zweite Dimension
auf. - Fur die Erklarung der Form der Bliite mufi man den Koordi-
natenanfangspunkt in der unendlichen Sphare nehmen und zentripe-
tal nach innen gehen. Man erhalt gleitende und schabende Bewegun-
gen, wenn man ins Atherische kommt. - Hyperbel als Beispiel.
Durch die synthetische Geometrie kommt man allmahlich zu einer
konkreten und wirklichkeitsgemafien Behandlung des Raumes.
Die Einsteinsche Relativitatstheorie ist fur den dreidimensionalen
Anschauungsraum absolut richtig und dort nicht widerlegbar. Erst
beim Ubergang in das atherische Gebiet sieht die Sache anders aus.
Der Atherleib lebt im Totalraum. Beim inneren Anschauen kommt
man zu Absolutitaten. Bei der Relativitatstheorie wird alles vom
Zuschauerstandpunkt aus beurteilt. Hier ist sie nicht zu widerlegen.
Erst wenn man ins Geistige kommt, hort die Giiltigkeit der Rela-
tivitatstheorie auf, denn dort hort auch die Grenze zwischen Ob-
jekt und Subjekt auf.
Fiir die Erkenntnis des physischen Leibes als Raumleib und des
Bildekrafteleibes als Zeitleib mufi man die Begriffe von Raum und
Zeit auseinanderhalten. Meist wird die Zeit nur in Raumgrofien
gemessen. Das ist nicht der Fall beim wirklichen Zeiterleben, das
beim imaginativen Schauen auftritt. In einem bestimmten Zeitpunkt
des Menschenlebens hat das Seelenleben einen zeitlichen Quer-
schnitt; darin liegt die ganze irdische Vergangenheit des Menschen.
Perspektive, die vom Seelenleben abhangt. Spater und Friiher han-
gen in organischer Weise, nicht in aufSerlicher Weise wie beim
Raumesverhaltnis, zusammen. Gefaltete Hande in der Jugend wer-
den zu segnenden Handen im Alter. Der Zeitorganismus erschliefk
sich erst vollstandig in der Imagination; man kann aber eine Vor-
stellung davon gewinnen, wenn man im Seelenleben zeitliche Ab-
laufe studiert. - Ostwald sagt: organische Prozesse sind nicht um-
kehrbar wie die mechanischen. Beim Menschen ist das Zeitliche
tatsachlich ein Reales, wahrend beim Mechanismus das Zeitliche
nur eine Funktion des Raumes ist.
Die reale Zeit ist nicht eine vierte Dimension wie beim Einstein-
schen Kontinuum. Die Zeitwelt ist eigentlich eine Zeitebenenwelt,
ist zweidimensional. Analogon in der projektiven Geometrie:
Grenzebene des dreidimensionalen Raumes. Diese spielt in das hin-
iiber, was in der imaginativen Welt Anschauung wird, Anderes
Analogon fiir die imaginative Welt: Farbperspektive. - Zwei Di-
mensionen werden real in der imaginativen Welt, eine in der inspi-
rierten; die intuitive ist punktual. Dies kann aber nicht zuriick auf
den euklidischen Raum bezogen werden.
Dornach, 29. Dezember 1922 221
Mathematik als Erzeugnis des menschlichen Geistes. Es ist schwie-
rig, mit ihr die Wirklichkeit abzufangen. Ubergang einer Kugel in
eine projektive Ebene. Konkrete Aufgabenstellung fiir Mathemati-
ker, um aus mathematischen Vorstellungen heraus die Wirklichkeit
abzufangen: Mathematische Erfassung des Tast- und Sehraumes
durch die Aufstellung von Differentialgleichungen, die nach der
Lagrangeschen Methode integriert werden miissen. Fiir Tast- und
Sehraum erhalten die Variablen positive bzw. negative Vorzeichen.
Die Differenz der Integrale ist nahezu Null. Durch weitere Berech-
nungen ergeben sich die akustischen Gleichungen. Man mufi lernen,
mit dem Rechnen in der konkreten Wirklichkeit zu bleiben.
FRAGENBEANTWORTUNG
Berlin, 1. November 1904
Herr Schouten stellt einige Fragen iiber die vierte Dimension.
Ich habe vor, iiber die vierte Dimension einen Vortrag zu hal-
ten und mochte dann in Ankniipfung an die Ausfuhrungen des
Herrn Schouten auch hier versuchen, eine Anschauung dieser
vierten Dimension herbeizufuhren. Es wird besser sein, wenn
ich dann ankniipfend an das unmittelbare Experiment iiber die
vierte Dimension spreche. 1
FRAGENBE ANTWORTUNG
Stuttgart, 2. September 1906
Frage iiber die Arbeit des Ich.
Es gibt eine Arbeit am Astralleib, am Atherleib und am physi-
schen Leib. Am Astralleib arbeitet jeder Mensch; alle sittliche
Erziehung ist Arbeit am Astralleib. Selbst wenn der Mensch mit
seiner Einweihung, mit der okkulten Schulung beginnt, hat er
noch viel an seinem Astralleib zu arbeiten. Was bei der Einwei-
hung beginnt, ist ein starkeres Arbeiten am Atherleib [durch die
Pflege des] asthetischen Genusses und der Religion. Bewulk arbei-
tet der Eingeweihte am Atherleib.
Das Astralbewufitsein ist vierdimensional in einer gewissen
Beziehung. Um sich eine annahernde Vorstellung davon zu ma-
chen, sei folgendes gesagt: Was tot ist, hat die Tendenz, in seinen
drei Dimensionen zu bleiben. Dasjenige, was lebt, geht fortwah-
rend iiber die drei Dimensionen hinaus. Das Wachsende hat in
seinen drei Dimensionen durch seine Bewegung die vierte darin-
nen. Bewegt sich etwas im Kreis [und wird der Kreis dabei immer
grofier], so kommt man endlich doch zu einer geraden Linie (Fi-
gur 61). Wir wiirden aber mit [der Bewegung entlang] dieser Linie
nicht mehr zu unserem Ausgangspunkt zuriickkommen [konnen],
weil unser Raum dreidimensional ist. Auf dem Astralraum, da
kommt man dann zuriick, weil der Astralraum von alien Seiten
geschlossen ist. Es gibt keine Moglichkeit, dort ins Unendliche zu
gehen. 2
Der physische Raum ist fur die vierte Dimension offen. Hohe
und Breite sind zwei Dimensionen, die dritte Dimension ist das
Herausheben und Hereinbringen in die vierte [Dimension]. 3 Eine
andere Geometrie herrscht auf dem Astralraum.
Figur 61
Figur 62
FRAGENBEANTWORTUNG
Niirnberg, 28. Juni 1908
Frage: Da die Zeit einen Anfang genommen, liegt die Annahme nahe, da(S der
Raum auch begrenzt ist. Wie verhalt es sich damit?
Das ist eine sehr schwere Frage, weil bei den meisten Menschen
heute die Elemente, die zum Verstandnis dieser Beantwortung
notig sind, nicht entwickelt sein konnen. Es ist zu sagen, daft man
die Antwort einfach als Mitteilung nehmen mufi; es wird schon
die Zeit kommen, wo der Mensch das ganz verstehen wird. Der
Raum der physischen Welt mit seinen drei Dimensionen, ist, wenn
er von dem Menschen [bloft] gedacht wird, ein sehr illusorischer
Begriff. Man denkt sich ja gewohnlich, daft der Raum irgendwie
mit Brettern verschlagen, begrenzt sein miilke, oder, dafi man ihn
ins Unendliche gehend denken mufi.
Diese zwei Begriffe [die Unendlichkeit und die Endlichkeit
oder Begrenztheit des Raumes] hat Kant aufgestellt und hat ge-
zeigt, dafi man etwas fur und etwas wider diese zwei Begriffe
vorbringen kann. 4
Man kann aber nicht so einfach urteilen. Da ja alles Materielle
im Raume ist, und alles Materielle eine Verdichtung im Geiste ist,
so wird schon klar, dafi man liber den Raum nur Klarheit haben
kann, wenn man von der gewohnlichen physischen Welt ins
Astrale aufriickt.
Damit ist etwas sehr Sonderbares verbunden, was unsere Ma-
thematiker, die keine Hellseher sind, schon geahnt haben. Nam-
lich: denken wir uns eine Gerade im Raum, so erscheint es, als
wurde diese Gerade, wenn man sie in unserem Raume zieht, nach
beiden Richtungen hin, nach jeder der beiden Richtungen hin ins
Unendliche gehen. Sobald man diese Linie ins Astrale verfolgt, so
wiirde man sehen, dafi sie im Astralen gekrummt ist, und daft man,
wenn man nach der einen Seite hin fortlauft, auf der anderen wie-
der zuriickkommt, so wie wenn man einen Kreis durchlauft. 5
Wenn man den Kreis immer grofter macht, so wird die Zeit, die
man zum Durchlaufen braucht, die zum Durchlaufen notig ist,
immer grofter werden; endlich wird ein Snick des Kreises schon
nahekommen einer Geraden, wenn man einen solchen Riesenkreis
durchlaufen wollte. Und so findet man, daft es doch ein sehr
Geringes ist von der sehr flachen Kreislinie bis zur Geraden.
Im physischen Plan ist es unmoglich, wieder zuruckzukom-
men; im Astralischen wiirde man auf der anderen Seite wirklich
wieder zuriickkommen, weil namlich der Raum, insofern er in
seinen Richtungen im Physischen gerade ist, im Astralen ge-
kriimmt ist, und man hat also mit ganz anderen Raumverhaltnis-
sen es zu tun, wenn man ins Astralische kommt. 6
Es erweist sich so, daft man sagen kann: Es ist der Raum also
nicht das illusorische Gebilde, sondern er ist eine in sich geschlos-
sene Sphare. 7 Und das, was dem Menschen erscheint als der phy-
sische Raum, ist nur eine Art (...) und ein Abdruck fiir den in sich
geschlossenen Raum.
So kann man also nicht sagen, daft der Raum irgendwo mit
Brettern verschlagen ist, sondern: der Raum ist in sich geschlossen;
denn man kommt immer wieder zum Ausgangspunkt zuriick.
FRAGENBEANTWORTUNG
Diisseldorf, 21. April 1909
Frage: Hat man sich die geistigen Hierarchien mit dem Begriff der Raumlich-
keit vorzustellen, da doch bei ihnen von Herrschaftsgebieten gesprochen
wird?
Vom Menschen konnen wir sagen, es lebt sich die Wesenheit die-
ses Menschen innerhalb des Raumes aus. Den Raum selber mufi
man sich aber, okkult gedacht, auch als etwas schaffend Erzeugtes
vorstellen. Diese Erschaffung liegt vor den Arbeiten und Wirkun-
gen der hochsten Hierarchien; wir werden den Raum also voraus-
setzen diirfen. Nicht raumlich vorstellen aber diirfen wir uns die
hochste Trinitat, denn der Raum ist auch ihr Erzeugnis. Die [gei-
stigen] Wesenheiten haben wir uns aber ohne den Raum vorzu-
stellen; der Raum ist etwas Geschaffenes. Aber die Wirkungen der
Hierarchien in unserer Welt sind raumlich begrenzt, wie die des
Menschen. Das, was innerhalb des Raumes sich bewegt, sind die
anderen Hierarchien.
Frage: 1st die Zeit anwendbar auf geistige Vorgange?
Gewifi; aber die hochsten geistigen Vorgange beim Menschen fiih-
ren zu dem Begriff, dafi sie zeitlos verlaufen. Die Tatigkeiten der
Hierarchien sind zeitlos. - Von Zeit-Entstehen ist schwer zu re-
den: in dem Worte «entstehen» ist schon der Begriff der Zeit ent-
halten; man mulke eher sagen: das Wesen der Zeit - und daruber
ist nicht so leicht zu sprechen. Es gabe keine Zeit, wenn alle
Wesen auf gleicher Entwickelungsstufe stehen wiirden. Durch das
Zusammenwirken einer Summe niederer und einer Summe hohe-
rer Wesen entsteht Zeit. Im Zeitlosen sind verschiedene Entwicke-
lungsgrade moglich; durch ihr Zusammenspiel wird Zeit moglich.
Frage: Was ist der Raum?
Man mufi sich die Trinitat vorstellen ohne den Raum, de
…[truncated]