Die Sendung Michaels

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Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE VOR MITGLIEDERN 
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GE SELLS C HAFT 



RUDOLF STEINER 



Die Sendung Michaels 

Die Off enbarung 
der eigentlichen Geheimnisse des Menschenwesens 

Zwolf Vortrage, gehalten in Dornach 
vom 21. November bis 15.Dezember 1919 



1994 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH /SCHWEIZ 



Nach einer vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschrift 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgte Hella Wiesberger 



1. Auflage in dieser Zusammenstellung 
Gesamtausgabe Dornach 1962 

2., durchgesehene Auflage 
Gesamtausgabe Dornach 1977 

3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1983 

4. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1994 



Einzelausgaben und Veroffentlichungen in 
Zeitschriften siehe Seite 247f. 



Bibliographie-Nr. 194 

Einbandgestaltung von Assja Turgenieff 
Zeichnungen im Text nach Tafelzeichnungen Rudolf Steiners, 
ausgefiihrt von Leonore Uhlig und Assja Turgenieff (siehe auch Seite 247) 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafsverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1994 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt 

ISBN 3-7274-1940-7 



Xu den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedert 
sich in die drei grofien Abteilungen: Schriften - Vortrage - Kiinst- 
lerisches Werk (siehe die Ubersicht am Schlufi des Bandes). 

Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fiir 
Mitglieder derTheosophischen, spater Anthroposophischen Gesell- 
schaft zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen hatte 
Rudolf Steiner urspriinglich nicht gewollt, dafi sie schriftlich fest- 
gehalten wiirden, da sie von ihm als «mundliche, nicht zum Druck 
bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend 
unvollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und 
verbreitet wurden, sah er sich veranlalk, das Nachschreiben zu 
regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr 
oblag die Bestimmung der Stenographierenden, die Verwaltung der 
Nachschriften und die fiir die Herausgabe notwendige Durchsicht 
der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen 
Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, mufS gegeniiber 
alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt berucksichtigt 
werden: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, dafi 
in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes 
findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst 
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen 6f- 
fentlichen Schriften auftert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbio- 
graphie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). DerentsprechendeWort- 
laut ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte 
gilt gleichermaften auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, 
welche sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geistes- 
wissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemaft 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt 
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil 
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere 
Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Erster Vortrag, Dornach, 2 1 . November 1919 

Die Michael-Macht und die Michael-Sendung in der Kultur der Ge- 
genwart. Der Gegensatz in der Entwickelung von Haupt und iibri- 
gem Organismus. Die Bedeutung der Dreizahl und der Zweizahl in 
bezug auf Welt- und Menschenverstandnis. Die Abschaffung der 
Trichotomie auf dem Konzil von Konstantinopel 869. Der Christus- 
Impuls als Gleichgewichtsimpuls zwischen Luziferischem und Ahri- 
manischem. 

Zweiter Vortrag, 22. November 1919 

Riicklaufige Entwickelung des Hauptes, aufsteigende Entwickelung 
des ubrigen Organismus. Offenbarungen in vorchristlicher Zeit: 
durch das Haupt als Offenbarungen des Tages (Luzifer), durch den 
ubrigen Organismus als Offenbarungen der Nacht (Jahve). Michael 
als Antlitz Jahves und seine Umwandlung von einem Nachtgeist zu 
einemTaggeist. Michaels Auf gabe in derVergangenheit'und Zukunft: 
Die Fleischwerdung des Wortes, die Geistwerdung des Fleisches. 

Dritter Vortrag, 23. November 1919 

Luziferische und ahrimanische Wirkungen im Physischen und See- 
lischen im Zusammenhang mit der Entwickelung von Haupt und 
iibrigem Organismus. Michaelisches Denken als geistige Auffassung 
von Mensch und Welt, zum Beispiel durch den wahren Entwicke- 
lungsbegrif f : es gibt nicht nur aufsteigende, sondern auch abstei- 
gende Entwickelung; zum Beispiel gibt es auch in der Kunst in Wirk- 
lichkeit kein nur einseitig Schones, sondern den Kampf des Schonen 
mit dem Hafilichen. 

Vierter Vortrag, 28. November 1919 

Das Mysterium von Golgatha als Schwerpunkt der Erdenentwicke- 
lung. Seine Vorbereitung durch das griechische Denken als dem 
letzten Auslaufer der alten Mysterienkultur. Die mittelalterliche 
Scholastik als Fortsetzung griechischen Denkens und als Mittel zum 
Begreifen des Mysteriums von Golgatha. Die Vorbereitungszeit fur 
eine neue Mysterienkultur seit dem 15. Jahrhundert. Die notwendige 
Durchdringung der Herzorganisation mit dem Christus-Impuls, um 
den Gleichgewichtszustand zu schaffen zwischen dem die Kopf- 
organisation durchdringenden Luziferischen und dem in der Glied- 
mafienorganisation wirkenden Ahrimanischen. 



Funfter Vortrag, 29. November 1919 

Die Verschiedenheit der menschlichen Seelenverfassung in den ein- 
zelnen Epochen der Menschheitsentwickelung. Das Problem von 
Naturnotwendigkeit und Freiheit. Die Entwickelung des Gottes- 
begriffes vom 4. bis ins 16. Jahrhundert. Die Michael -Tat und der 
Michael-Einflufi als Gegenpol zum ahrimanischen Einflufi. Notwen- 
digkeit des Christus-Impulses. 

Sechster Vortrag, 30. November 1919 

Das verschiedenartigeDarinnenstehen desMenschen als Kopfmensch 
und als ubriger Mensch in der nacnatlantischen Entwickelung. Die 
alte Jogakultur (LuftseelenprozeS) und der neue Jogawille (Licht- 
seelenprozefi). Die Erringung eines neuen Wissens von der Pra- 
existenz als Michael-Kultur der Zukunf t. 

Siebenter Vortrag, 6. Dezember 1919 

Kopf-, Brust-, Gliedmafiensystem und ihr Zusammenhang mit Den- 
ken, Fiihlen und Wollen. Das Hineinverweben der elementarischen 
Welt in das Schicksalsmafiige des Menschen durch die rhythmische 
Wiederkehr von Erlebnissen in der Gefuhlssphare. Die Wechsel- 
wirkung der im Gliedmafiensystem sich abspielenden Ereignisse mit 
der geistigen Umgebung; ihr Zuriickschwingen in den nachsten 
Erdenleben. Die Bedeutung dieses periodischen Zuriickkehrens der 
Ereignisse fur die Padagogik. Moderne Geschichtsbetrachtung und 
das Mysterium von Golgatha. Absteigende Erdenentwickelung und 
zukunf tige Menschheitsentwickelung. 

Achter Vortrag, 7. Dezember 1919 

Die Kulturentwickelung seit dem 15. Jahrhundert. Der Mensch und 
die Umwelt. Der Erinnerungsvorgang als Auseinandersetzung des 
Menschen mit dem ganzen Universum. Das Nichtubereinstimmen 
des Menschen mit den Naturreichen und sein Nichtenthaltensem im 
heutigen naturwissenschaftlichen Erkennen. Die Unbrauchbarkeit 
des naturwissenschaftlichen Denkens fiir den sozialen Neuaufbau. 



Neunter Vortrag, 1 2. Dezember 1919 

DerDornacherBau. DerDualismus im Leben und in der Philosophic, 
an dessen Stelle die Trinitat Luzifer-Christus-Ahriman gesetzt wer- 
den mufi. Das Prinzip der Metamorphose im Zusammenhang mit 
Evolution und Devolution am Beispiel der Saulengestaltung im 
Dornacher Bau, 



Zehnter Vortrag, 1 3 . Dezember 1919 175 

Baustile als Ausdruck der Menschheitsentwickelung: Griechischer 
Tempel, gotischer Dom, Gralstempel, Dornacher Bau. 

Elfter Vortrag, 14. Dezember 1919 192 

Degeneration und Untergang unserer Kultur. Der Ausbruch des 
Weltkrieges von 1914. Das Aufheben der Zeit durch Riickwarts- 



denken und -empfinden als Vorbereitung fur das Hineinkommen in 
die geistige Welt. Die Natur von Denken und Wollen im Zusammen- 
hang mit Notwendigkeit und Freiheit. Das Hereinspielen geistiger 
Krafte in die physische Welt im Zusammenhang mit den Absterbe- 
kraften des Hauptes, den Vitalkraften des ubrigen Organismus. Das 
Hereinwirken der iibersinnlichen Krafte Goethes in unsere heutige 
Erdenkultur in drei Perioden. 

Zwolfter Vortrag, 1 5 . Dezember 1919 216 

Das heutige chaotische Ineinanderwirken von Geist, Staat und Wirt- 
schaft. Der Ursprung des Geistes-, Rechts- und Wirtschaftslebens in 
den alten Mysterien des Lichtes, des Raumes, der Erde. Erste Ansatze 
zu einem freien Geistes- und Rechtsleben in Mitteleuropa bei Goethe 
und Wilhelm von Humboldt. Das Hineinmunden der Stromung des 
Geisteslebens in den Abgrund der Luge (Ahriman), des Rechtslebens 
in den Abgrund der Selbstsucht (Luzifer), des Wirtschaftslebens in 
Kulturkrankheit und -tod (Asuras). ZurRettung vor demZugrunde- 
gehen der europaisch-amerikanischen Kultur der Gegenwart ist not- 
wendig dieHinwendungzurDreigliederung des sozialen Organismus. 



anhang 



Einleitung zum Vortrag vom 28. November 1919 239 

Schlufiworte zum Vortrag vom 30. November 1919 .... 240 

Einleitung zum Vortrag vom 7. Dezember 1919 241 

Hinweise 

Zu dieser Ausgabe 247 

Hinweise zum Text 248 

Namenregister 259 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 261 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 263 



Die Wiedergaben der Originalwandtafelzeichnungen 
Rudolf Steiners zu den Vortragen in diesem Band 
(vgl. die Randvermerke und den Text am Beginn der Hinweise) 
sind innerhalb der Gesamtausgabe erschienen in der Reihe 
« Rudolf Steiner - Wandtafelzeichnungen zum Vortragswerk» 

Band II 



ERSTER VORTRAG 



Dornach, 21. November 1919 



Ich mochte in diesen Tagen etwas sprechen iiber die Art und Weise, wie 
wir Menschen der Gegenwart in der Lage sind, uns zu stellen zu der- 
jenigen geistigen Macht, von der wir sagen konnen, daft sie als die 
Macht des Michael eingreif t in das geistige und damit auch in das iibrige 
Geschehen der Erde. Es wird notwendig sein, dafi wir dasjenige, was 
dabei in Betracht kommt, heute einmal vorbereiten. Denn es sind ver- 
schiedene Gesichtspunkte notwendig, welche die menschliche Verstan- 
digkeit befahigen, die verschiedenen Eingriffe der eben bezeichneten 
Macht aus den Symptomen, die wir ja immer in unserer Umgebung 
bemerken, wirklich wiederzugeben. Wir mussen ja festhalten, dafi wir, 
wenn wir ernsthaft von der geistigen Welt sprechen wollen, immer 
blicken konnen auf dasjenige, was sich als Offenbarungen der geistigen 
Machte hier in der physischen Welt zeigt. Man sucht gewissermafien 
durch den Schleier der physischen Welt durchzudringen zu demjenigen, 
was in der geistigen Welt wirksam ist. Das, was in der physischen Welt 
vorhanden ist, kann ja beobachtet werden von jedem Menschen; das, 
was in der geistigen Welt wirksam ist, dient dann dazu, die Ratsel, 
welche die physische Welt gibt, aus der geistigen Welt heraus zu losen. 
Man mull nur die Ratsel des physischen Lebens in der richtigen Weise 
empfinden. Es handelt sich gerade bei diesen wichtigen Dingen darum, 
dafi manches, was gerade in der Zeit, die diesen Vortragen voran- 
gegangen ist, von mir hier gesagt worden ist, in vollem Ernste aufgefafit 
werde. Man kann nun einmal nicht verbinden die personlichsten Auf- 
f assungen der Welt mit einem wirklichen Verstandnisse desjenigen, was 
durchgreifend nicht nur die ganze Menschheit, sondern geradezu die 
Welt angeht. Man mufi sich frei machen von den blofi personlichen 
Interessen. Man wird ja dasjenige, was die Personlichkeit in der Welt 
zu tun hat und was sie von sich als ihren Wert zu begreifen hat, gerade 
am besten dann einsehen, wenn man sich von dem Personlichen im 
engeren Sinne frei gemacht hat. 

Nun wissen Sie, dafi unserer Entwickelung, die wir als unsere Erden- 



entwickelung aufzufassen haben, vorangeht eine andere Entwickelung, 
dafi wir also in einer vollen kosmischen Entwickelung drinnenstehen. 
Sie wissen aber erstens, dafi diese Entwickelung weiterschreitet, dafi 
diese Entwickelung an einem Punkt angelangt ist, iiber den sie hinaus- 
gehen wird zu weiteren, fortgeschritteneren Stufen. Sie wissen aber 
auch zweitens, dafi wir es zu tun haben, wenn wir die Welt als solche 
betrachten, nicht nur mit denjenigen Wesen, die uns zunachst im ir- 
dischen Felde entgegentreten, also im mineralischen, im pflanzlichen, 
im tierischen Reiche, im menschlichen Reiche, sondern dafi wir es zu 
tun haben mit Wesen, die diesen Reichen iibergeordnet sind, und die 
wir zusammengefafit haben als die Wesen der hoheren Hierarchien. 
Wir miissen immer, wenn wir von der vollen Entwickelung sprechen, 
auch auf diese Wesen der hoheren Hierarchien Rucksicht nehmen. 

Diese Wesen machen ja ihrerseits auch eine Entwickelung durch, die 
wir verstehen konnen, wenn wir Analogien finden zu unserer eigenen 
menschlichen Entwickelung und zu derjenigen, die sonst in den ver- 
schiedenen Reichen der Erde vorhanden ist. Ich bitte Sie, nur das Fol- 
gende einmal zu berucksichtigen. Sie wissen, wir Menschen sind durch- 
gedrungen durch eine Saturn-, Sonnen-, Mondenentwickelung und sind 
auf unserer Erde angekommen, so dafi wir, wenn wir unsere kosmische 
Entwickelung ins Auge fassen, davon sprechen konnen, dafi wir als 
Menschen, wie wir uns nun in der Erdenumgebung fuhlen, auf der vier- 
ten Stuf e unserer Entwickelung angelangt sind. 

Betrachten wir einmal die unmittelbar uber unserer Menschenstufe 
stehenden Wesen, die wir als die Angeloi bezeichnen. Wir konnen, wenn 
wir blofi die Analogie gel tend machen, sagen: Diese Wesenheiten, wenn 
sie auch ganz andere Formen haben als die Form des Menschendaseins 
ist und zunachst fur physische Menschensinne unsichtbar sind, sie haben 
die Entwickelungsstufe des Jupiter. 

Gehen wir dann zu den Archangeloi, so haben sie die Entwickelungs- 
stufe, welche die Menschheit auf der Venus erlangt haben wird. Und 
gehen wir zu den Archai, zu den Zeitgeistern, also zu denjenigen Wesen- 
heiten, die ganz besonders hereinragen in unsere irdische Entwickelung, 
so stehen diese bereits in der Vulkanentwickelung. 

Nun entsteht die bedeutsame Frage: Es gibt ja nun auch die nachst- 



hdherstehende Klasse von Wesenheiten, welche der Hierarchie der so- 
genannten Formgeister angehort. Wenn wir uns fragen, auf welcher 
Stufe stehen diese Formgeister, dann miissen wir uns sagen: Sie sind 
bereits hinausgeriickt iiber dasjenige, was wir Menschen zunachst als 
unsere Zukunftsentwickelung, als die Vulkanentwickelung erblicken. 
Sie sind also auf einer Stufe angelangt, von der wir sagen miissen: Wenn 
wir unsere, fur unsere Betrachtungen zunachst hinreichenden Stufen 
als sieben Stufen bezeichnen, so sind diese Wesenheiten, die wir die 
Formgeister nennen, auf der achten Stufe angelangt. Wir konnen also 
sagen: Wir Menschen stehen auf der vierten Stufe der Entwickelung, 
nehmen wir die achte Stufe, so finden wir da die Formgeister. 

Nun konnen wir aber nicht uns etwa diese Stufenfolge der Ent- 
wickelung nebeneinander denken, sondern wir miissen uns denken, dafi 
das alles durcheinandergeschoben ist. So wie etwa der Luftkreis, der 
die Erde umgibt und durchdringt, so ist auch diese achte Entwicke- 
lungssphare, welcher die Formgeister angehoren, so, dafi sie durchdringt 
die Sphare, in der wir uns zunachst als Menschen befinden. Wir wollen 
zunachst diese zwei Stufen der Entwickelung streng ins Auge fassen. 

Wir wollen uns sagen: Wir Menschen als solche, wir befinden uns in 
einer Sphare, welche eine vierte Stufe der Entwickelung erlangt hat. 
Nun befinden wir uns aber aufierdem, wenn wir zunachst von allem 
iibrigen absehen, in dem Reiche, das die Formgeister um uns und durch 
uns als das ihrige zu betrachten haben. Nehmen wir nun konkret den 
Menschen in seiner Entwickelung. Wir haben ja ofter die Entwickelung 
dieses Menschen in seiner Gliederung unterschieden. Wir haben unter- 
schieden die Hauptesentwickelung von der iibrigen Entwickelung des 
Menschen. Wir teilen die iibrige Entwickelung wiederum in zwei Glie- 
der, in die Brustentwickelung und in die Gliedmafienentwickelung. 
Davon wollen wir jetzt zunachst absehen. Wir wollen uns nur auf den 
Standpunkt stellen, dafi wir im Menschen haben alles dasjenige, was 
zur Hauptesentwickelung gehort, und alles dasjenige, was dem iibrigen 
Menschen zuerteilt ist. 

Nun denken Sie sich einmal bildlich die Sache so (es wird gezeichnet), Tafel 1* 
daiS Sie sich etwa eine Meeresoberflache denken, den Menschen wie im 
Meere watend, im Meere sich vorwarts bewegend, so dafi nur sein Kopf 



Zu den Tafelzeichnungen siehe S. 247. 



13 



herausragt, dann wiirden Sie durch dieses Bild — es ist selbstverstandlich 
ein Bild — die Lage des gegenwartigen Menschen haben. Alles dasjenige, 
worinnen der Kopf wurzelt, wiirden wir zu der vierten Stuf e der Ent- 
wickelung zu rechnen haben, und dasjenige, worinnen der Mensch 
watet, worinnen er sich zwar gehend, oder wir konnen sagen, schwim- 
mend vorwarts bewegt, wiirden wir zu bezeichnen haben als die achte 
Stufe der Entwickelung. Denn es ist das Eigentiimliche, dafi der Mensch 
in einer gewissen Weise entwachsen ist mit seinem Haupt demjenigen 
Elemente, in dem die Geister der Form ihr eigentumliches Wesen ent- 
falten. Der Mensch ist gewissermafien emanzipiert mit Bezug auf seine 
Hauptesbildung von demjenigen, was durchimpragniert wird von den 
Wesen der Geister der Form. 



Tafel 1 



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8. frufe: Qeiirei-det- Form 
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Nur dadurch, dafi man dieses grundlich versteht, kann man wirk- 
lich zu einer Auffassung des Menschen kommen. Denn nur dadurch 
wird man die besondere Stellung, die der Mensch in der Welt hat, in der 
richtigen Weise erfassen. Man wird namlich nur dadurch richtig er- 
fassen, dafi der Mensch, insofern er einen gewissen schopferischen Ein- 



f luft auf sich zu verspiiren hat von seiten der Geister der Form, diesen 
schopferischen Einflufi nicht verspiirt unmittelbar durch die Fahig- 
keiten seines Hauptes, sondern verspiirt durch dasjenige, was von sei- 
nem iibrigen Organismus als Wirkung auf das Haupt ausgeiibt wird. 
Sie wissen ja, wir atmen, und das Atmen steht mit unserem Blutkreislauf 
im Zusammenhange, wenn wir aufterlich physiologisch sprechen. Das 
Blut wird aber auch in das Haupt getrieben. Dadurch ist das Haupt in 
einem organischen, in einem lebensvollen Zusammenhange mit dem 
iibrigen Organismus. Es wird genahrt, es wird belebt von dem iibrigen 
Organismus. 

Sie mussen zwei Dinge genau unterscheiden. Das eine ist, dafi das 
Haupt in unmittelbarem Zusammenhange steht mit der Aufienwelt. 
Wenn Sie eine Sache sehen, so nehmen Sie diese Sache durch Ihre Augen 
wahr. Da ist ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen der Aufien- 
welt und Ihrem Haupte. Wenn Sie aber das Leben Ihres Hauptes be- 
trachten, wie es unterhalten wird durch den Atmungs- und Blutkreis- 
laufprozefi, dann haben Sie heraufschiefiend das Blut von dem iibrigen 
Organismus in das Haupt, und Sie konnen sagen, da haben Sie keinen 
unmittelbaren Zusammenhang Ihres Hauptes mit der Umgebung, son- 
dern einen mittelbaren. 

Sie mussen natiirlich nicht pedantisch unterscheiden, indem Sie 
sagen, nun ja, die Atemluft wird ja durch den Mund eingezogen, also 
gehort die Atmung auch zum Haupte. Ich habe deshalb gesagt, das ist 
nur ein Bild. Organisch gehort dasjenige, was durch den Mund ein- 
gezogen wird, nicht eigentlich zum Haupte, sondern es gehort zu dem 
iibrigen Organismus. 

Wenn Sie einmal diese Grundbegriffe, die wir jetzt aufgenommen 
haben, zunachst ins Auge fassen wollen, wenn Sie f esthalten wollen an 
der Idee, dafi wir drinnenstehen in zwei Spharen, in derjenigen Sphare, 
in die wir gebracht sind dadurch, dafi wir Saturn-, Sonnen-, Monden- 
entwickelung durchgemacht haben und innerhalb der Erdenentwicke- 
lung stehen, dafi wir also auf der vierten Stufe unserer Entwickelung 
stehen, wenn Sie ferner in Betracht ziehen, dafi wir aufierdem drinnen- 
stehen in einem Leben, in einer Sphare, welche so angehort den Form- 
geistern wie uns die Erde angehort, welche aber unsere Erde durch- 



dringt und nur unser Haupt ausschiiefit, so dafi wir mit unserem ganzen 
iibrigen Organismus, mit alldem, was nicht Sinnesauf fassung ist, stehen 
in dieser achten Sphare: wenn Sie dies ins Auge fassen, so haben Sie eine 
gewisse Grundlage geschaffen fiir das Folgende. 

Doch ich will noch durch andere Begriffe eine gewisse Grundlage 
schaffen. Wenn wir unser Leben unter solchen Einfliissen betrachten 
wollen, so konnen wir es nicht anders betrachten, als indem wir ins 
Auge fassen diejenigen an dem Weltengeschehen mitwirkenden Wesen- 
heiten, die wir ofter schon erwahnt haben: die luziferischen und die 
ahrimanischen Wesenheiten. Fassen wir zunachst nur einmal, ich mochte 
sagen, das Alleraufierlichste an diesen Wesen, an den luziferischen und 
ahrimanischen Wesenheiten ins Auge. Sie bewohnen ebenso wie wir 
Menschen die Spharen, in denen wir eben drinnenstehen. Wenn wir ihr 
Aufierlichstes ins Auge fassen, so konnen wir sagen: Alle luziferischen 
Wesenheiten konnen wir uns vorstellen als Inhaber derjenigen Krafte, 
die wir als Menschen dann verspiiren, wenn wir phantastisch werden 
wollen, wenn wir einseitig uns der Phantasie hingeben, wenn wir ein- 
seitig uns der Schwarmerei hingeben, wenn wir - urn mich bildlich aus- 
zudriicken - mit unserem Wesen iiber unseren Kopf hinaus wollen. 
Wenn wir als Mensch mit unserem Wesen iiber unseren Kopf hinaus 
wollen, so sind das Krafte, welche in unserer Menschenorganisation 
eine gewisse Rolle spielen, die aber die universellen Krafte derjenigen 
Wesen sind, die wir luziferische Wesen nennen. Denken Sie sich Wesen, 
ganz geformt aus dem, was in uns iiber unseren Kopf hinausstreben 
will, so haben Sie die luziferischen, die mit unserer Menschenwelt in 
einer gewissen Beziehung stehen. Denken Sie sich umgekehrt alles das- 
jenige, was uns auf die Erde driickt, alles dasjenige, was uns zu niich- 
ternen PhiHstern macht, was uns dazu bringt, materialistische Ge- 
sinnungen zu entwickeln, was uns durchdringt mit dem, was wir nennen 
konnen trockenen Verstand und so weiter, so haben Sie die ahrimani- 
schen Machte. 

Man kann alles dasjenige, was ich jetzt eben mehr seelisch gesagt 
habe, auch mehr leiblich ausdriicken. Man kann sagen: Der Mensch ist 
eigentlich immer in einer Art Mittelpunktslage zwischen dem, was sein 
Blut mit ihm will, und dem, was seine Knochen mit ihm wollen. Die 



Knochen wollen uns fortwahrend zum Erstarren bringen, die Knochen 
wollen uns mit anderen Worten auch leiblich ahrimanisch machen, 
verharten. Das Blut mochte uns iiber uns selbst hinaustreiben. Patho- 
logist gesprochen: Das Blut kann fiebrig werden, dann wird der 
Mensch auch organisch in die Phantasterei hineingetrieben; die Kno- 
chen konnen ihr Wesen ausdehnen iiber den iibrigen Organismus, dann 
verknochert der Mensch, er wird sklerotisch, wie es fast jeder Mensch 
im Alter bis zu einem gewissen Grade wird. Dann tragt er das totende 
Element in seinem Organismus in sich: Das ist das Ahrimanische. Man 
kann sagen: Alles dasjenige, was im Blute liegt, hat die Hinneigung zum 
Luziferischen, alles dasjenige, was in den Knochen liegt, hat die Hin- 
neigung zum Ahrimanischen, und der Mensch ist die Gleichgewichts- 
lage zwischen beiden, so wie er die Gleichgewichtslage sein mufi in see- 
lischer Beziehung zwischen der Schwarmerei und der niichternen Phi- 
listrositat. 

Wir konnen aber auch in einer gewissen Weise tiefer diese beiden 
Wesenheiten charakterisieren. Wir konnen einmal uns die luziferischen 
Wesenheiten anschauen, was sie gewissermafien im kosmischen Dasein 
fur Interessen haben. Und da findet man, dafi die luziferischen Wesen- 
heiten vor alien Dingen das Interesse haben im Kosmos, die Welt, 
namentlich die Menschenwelt, abtriinnig zu machen von denjenigen 
geistigen Wesenheiten, die wir als die eigentlichen menschenschopfe- 
rischen Wesenheiten auffassen miissen. Die luziferischen Wesenheiten 
mochten nichts anderes, als die Welt, man konnte sagen, von den gott- 
lichen Wesenheiten abtriinnig machen. Nicht so sehr, dafi luziferische 
Wesenheiten in erster Linie die Absicht hatten, sich selber die Welt an- 
zueignen. Sie werden aus Verschiedenem, was ich schon gesagt habe 
iiber die luziferischen Wesenheiten, entnehmen konnen, dafi das nicht 
die Hauptsache ist bei den luziferischen Wesenheiten, sondern die 
Hauptsache ist: von dem, was der Mensch empfinden kann als seine 
eigentlichen gottlichen Wesenheiten, abtriinnig zu machen die Welt, 
frei zu machen die Welt davon. 

Die ahrimanischen Wesenheiten haben eine andere Absicht. Sie haben 
die entschiedene Absicht, namentlich das Menschenreich, aber damit 
die iibrige Erde, in ihre Machtsphare zu bekommen, von sich abhangig 



zu machen, namentlich zunachst die Menschen als solche zu beherr- 
schen. Wahrend also die luziferischen Wesenheiten darauf hinarbeiten 
zunachst und immer hingearbeitet haben, die Menschen abtriinnig zu 
machen von dem, was die Menschheit als ihr Gottliches empfinden 
kann, haben die ahrimanischen Wesenheiten die Tendenz, die Mensch- 
heit und alles, was dazu gehort, in ihre Machtsphare allmahlich ein- 
zubeziehen. 

So ist eigentlich in unserem Kosmos, in den wir hineinverwoben sind 
als Menschen, ein Kampf vorhanden zwischen den fortwahrend nach 
Freiheit, nach universeller Freiheit strebenden luziferischen Wesen- 
heiten, und den nach einer immerwahrenden Macht und Kraft streben- 
den ahrimanischen Wesenheiten. Dieser Kampf, in dem wir drinnen- 
stehen, durchdringt alles. Das bitte ich Sie als die zweite fur unsere 
weitere Betrachtung wichtige Idee festzuhalten. Die Welt, in der wir 
drinnenstehen, ist durchdrungen von luziferischen und ahrimanischen 
Wesenheiten, und es besteht dieser gewaltige Gegensatz zwischen der 
befreienden Tendenz der luziferischen Wesenheiten und der nach Macht 
strebenden Tendenz der ahrimanischen Wesenheiten. 

Wenn Sie diese ganze Sache ins Auge fassen, dann werden Sie sich 
sagen: Verstehen kann ich die Welt eigentlich nur, wenn ich sie mit 
Bezug auf die Dreizahl ins Auge fasse. Denn wir haben auf der einen 
Seite alles dasjenige, was luziferisch ist, auf der anderen Seite alles das- 
jenige, was ahrimanisch ist, mitten hineingestellt den Menschen, der als 
ein Drittes, wie im Gleichgewichtszustande zwischen beiden, sein Gott- 
liches empfinden mufi. Nur dadurch kommt man mit dem Weltver- 
Tafel 2 standnis zurecht, dafi man diese Dreiheit zugrunde legt, dafi man sich 
klar dariiber ist: Es ist dieses menschliche Leben wie ein Waagebalken 
(siehe Zeichnung S. 19). Hier das Hypomochlion, da eine Waagschale, 
das Luziferische, das aber in Wirklichkeit hinaufzieht. Auf der anderen 
Seite das Ahrimanische, das in Wirklichkeit hinunterzieht. Den Waage- 
balken im Gleichgewicht zu erhalten, das ist das Wesen des Menschen. 
Es haben diejenigen, die eingeweiht waren in solche Geheimnisse, immer 
betont in der geistigen Menschheitsentwickelung, dafi man das Welten- 
dasein, in das der Mensch hineingestellt ist, nur im Sinne der Dreizahl 
verstehen kann, dafi man nicht verstehen kann die Welt, wenn man sie 



gewissermafien auffassen will in ihrer Grundstruktur im Sinne der an- 
deren Zahlen als im Sinne der Dreizahl. So dafi wir sagen durfen, in 
unserer Sprache sprechend: Wir haben es zu tun im Weltendasein mit 
dem Luziferischen, das die eine Waagschale, dem Ahrimanischen, das 
die andere Waagschale darstellt, und dem Gleichgewichtszustande, der 
uns darstellt den Christus-Impuls. 



f/z/ft//'/''/' Tafel 2 



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cihi-itn. tuzif. 



Nun konnen Sie sich denken, dafi es durchaus im Interesse der ahri- 
manischen und der luziferischen Machte liegt, dieses Geheimnis der 
Dreizahl zu verhiillen. Denn die richtigeDurchdringung dieses Geheim- 
nisses der Dreizahl befahigt ja die Menschheit, den Gleichgewichts- 
zustand zwischen ahrimanischen und luziferischen Machten herzu- 
stellen. Das heifit auf der einen Seite, alle Tendenz nach Freiheit, das 
Luziferische, zu bemitzen zu einem gedeihlichen Weltenziele, auf der 
anderen Seite das gleiche zu tun mit dem Ahrimanischen. Des Men- 
schen normalster Geisteszustand besteht darin, in der richtigen Weise 
sich hineinzuversetzen in diese Trinitat der Welt, in diese Struktur der 
Welt, insofern ihr die Dreizahl zugrunde liegt. 

Es bestand nun und besteht - wir werden die Quellen dieses Be- 
stehens schon noch genauer morgen und iibermorgen zu besprechen 
haben - einmal in dem, was auf das menschliche Geistes- und Kultur- 
leben Einflufi hat, eine starke Tendenz, den Menschen zu verwirren in 
bezug auf diese Bedeutung der Dreizahl. Eine starke Tendenz besteht, 
den Menschen mit Bezug auf diese, wir durfen sagen, heilige Dreizahl 
zu verwirren. Und wir konnen in der neueren Menschheitskultur sehr 
deutlich sehen, wie fast ganz zugedeckt wird diese Gliederung nach der 



Dreizahl durch eine Gliederung nach der Zweizahl. Bedenken Sie nur 
einmal, dafi man ja sogar, um den Goetheschen «Faust» richtig zu ver- 
stehen, wie ich das ofter hier auseinandergesetzt habe, wissen mufi, dafi 
bis in dieses gewaltige Weltengedicht hinein die Verwirrung mit Bezug 
auf diese Dreizahl spielt. Hatte Goethe zu seiner Zeit schon ganz durch- 
schauen konnen, wie es sich eigentlich mit diesen Dingen verhalt, dann 
hatte er nicht blofi dargestellt als den Gegner des Faust, als denjenigen, 
der Faust herabzieht, die mephistophelische Macht, sondern er hatte 
dieser mephistophelischen Macht, von der wir ja wissen, dafi sie iden- 
tisch ist mit der ahrimanischen Macht, gegeniibergestellt die luzif erische 
Macht, und es wiirden Luzifer und Mephistopheles als zwei Parteien im 
«Faust» auftreten. Das habe ich ja schon wiederholt hier ausgefiihrt. 
Man kann auch, wenn man die Goethesche Mephistopheles-Figur stu- 
diert, genau sehen, wie Goethe uberall durcheinandergebracht hat in 
der Charakteristik des Mephistopheles das luziferische und das ahri- 
manische Element. Die Figur des Mephistopheles ist bei Goethe ge- 
wissermafien aus zwei Elementen gemischt. Es ist keine einheitliche 
Gestalt. Es ist bunt durcheinandergeworfen das luziferische und das 
ahrimanische Element. Ich habe das in meinem kleinen Buchelchen 
«Goethes Geistesart» ausfiihrlicher auseinandergesetzt. 

Diese Verwirrung, die also bis in den Goetheschen «Faust» hinein- 
spielt, ist durchaus darauf begriindet, dafi nach einer gewissen Richtung 
hin - in alterer Zeit war es anders - in der neueren Menschheitsentwik- 
kelung sich der Wahn geltend gemacht hat, an die Stelle der Dreizahl, 
wenn man auf die Weltstruktur sieht, die Zweizahl zu setzen: das gute 
Prinzip auf der einen Seite, das bose Prinzip auf der anderen Seite, 
Gott und den Teufel. 

Denken Sie nur, dafi wir also festzustellen haben: Will jemand sach- 
gemafi in die Weltenstruktur hineinblicken, dann mufi er die Dreizahl 
anerkennen, mufi anerkennen, dafi sich gegenuberstehen das luziferi- 
sche und das ahrimanische Element, und dafi das Gottliche besteht in 
dem Gleichgewichthalten zwischen beiden. Dem haben wir gegeniiber- 
zustellen den Irrwahn, der eingezogen ist in die Geistesentwickelung 
der Menschheit mit der Zweiheit, mit Gott und dem Teufel, mit den 
geistig-gottlichen Machten oben und den teuflischen Machten unten. 



Es ist so, wie wenn man den Menschen gewissermafien hinausbringen, 
hinausquetschen wiirde aus der Gleichgewichtslage, wenn man ihm ver- 
hehlt, dafi das eigentliche Heil des Weltenverstandnisses in dem rich- 
tigen Auffassen der Dreizahl besteht, und wenn man ihm vormacht, 
daS irgendwie die Weltenstruktur bedingt sei durch eine Zweizahl. 
Dennoch ist bestes menschliches Streben diesem Irrtum verfallen. 

Will man auf diesen Punkt eingehen, dann mufi man das gar sehr 
ohne alles Vorurteil tun, dann mufi man wirklich einmal sich hinaus- 
versetzen in eine vorurteilslose Sphare. Dann mufi man gar sehr unter- 
scheiden zwischen den Sachen und den Namen. Dann mufi man sich 
nicht verfiihren lassen zu der Meinung: dadurch, dafi man einer Wesen- 
heit einen bestimmten Namen gibt, sei diese Wesenheit auch schon in 
der richtigen Weise vom Menschen empfunden. 

Fassen wir einmal den Begriff derjenigen Wesenheiten, die der 
Mensch als seine gottlichen Wesenheiten empfinden soil, dann miissen 
wir uns sagen: Der Mensch kann richtig diese Wesenheiten nur empfin- 
den, wenn er sie sich denkt als das Gleichgewicht bewirkend zwischen 
dem luziferischen und dem ahrimanischen Prinzip. Er kann dasjenige, 
was er als sein Gottliches empfinden soil, niemals als Richtiges empfin- 
den, wenn er auf diese Dreigliederung nicht eingeht. Betrachten Sie von 
diesem Gesichtspunkte aus einmal eine Dichtung wie «Das verlorene 
Paradies» von Milton, oder betrachten Sie eine Dichtung wie Klop- 
stocks Messiade, die unter dem Einflusse des «Verlorenen Paradieses» 
von Milton entstanden ist. Da haben Sie im Grunde nichts von einem 
wirklichen Verstandnis einer dreigliedrigen Weltstruktur, da haben Sie 
einen Kampf zwischen vermeintlich Gutem und vermeintlich Bosem, 
den Kampf zwischen dem Himmel und der Holle. Da haben Sie so recht 
in die menschliche Geistesentwickelung den Irrwahn der Zweiheit hin- 
eingetragen. Da haben Sie dasjenige, was vielfach im popularen Be- 
wufitsein wurzelt als der wahnvolle Gegensatz zwischen Himmel und 
Holle, in zwei neuere Weltgedichte hineingetragen. 

Es niitzt nichts, wenn Milton oder Klopstock die Wesen des Him- 
mels als gottliche Wesen bezeichnen. Gottliche Wesen, wie sie der 
Mensch empfinden soil, waren sie nur, wenn zugrunde lage die drei- 
gliedrige Struktur des Weltendaseins. Dann wiirde man sagen konnen: 



Da findet ein Kampf statt zwischen dem guten Prinzip und dem bosen 
Prinzip. So aber, wie die Sache Hegt, wird eine Zweiheit angenommen, 
dem einen Glied dieser Zweiheit das Gute beigelegt, Namen gefunden, 
die den Wesen beigelegt werden, die eigentlich vom Gottlichen her- 
genommen sind, und auf die andere Seite das teuflische, das antigott- 
liche Element gestellt. Was ist damit eigentlich in Wirklichkeit getan? 
Damit ist in Wirklichkeit nichts Geringeres getan, als dafi das wirklich 
Gottliche aus dem Bewufitsein herausgeriickt ist, und dafi das Luzi- 
ferische mit dem gottlichen Namen belegt wird, dafi wir in Wahrheit 
vorliegen haben einen Kampf zwischen Luzif er und Ahriman, und dafi 
nur dem Ahriman luziferische Eigenschaften beigelegt werden, und 
dem Reiche des Luzifer werden die gottlichen Eigenschaften beigelegt. 

Sie sehen, von welch ungeheurer Tragweite eine solche Betrachtung 
eigentlich ist. Wahrend die Menschen glauben, mit einer solchen Gegen- 
uberstellung, wie man sie findet in Miltons « Verlorenem Paradies» oder 
in Klopstocks «Messias», habe man es zu tun mit den gottlichen und 
den hollischen Elementen, hat man es in Wahrheit zu tun mit dem 
luziferischen und dem ahrimanischen Elemente. Vom wirklich gott- 
lichen Elemente liegt kein Bewufitsein vor, dagegen werden dem luzi- 
ferischen Elemente die gottlichen Namen beigelegt. 

Nun sind Miltons «Verlorenes Paradies» und Klopstocks «Messias» 
eben nur die Geistesschopfungen, die herausragen aus dem neueren 
Bewufitsein der Menschheit. Denn dasjenige, was sich in diesen Dich- 
tungen auslebt, ist allgemeines Bewufitsein der Menschheit. Es ist ja ein- 
gezogen in dieses neuere Bewufitsein der Menschheit der Irrwahn der 
Zweizahl, und es ist hintangehalten worden die Wahrheit von der Drei- 
zahl. Tiefstes, das die Menschheit in der neueren Zeit hervorgebracht 
hat, zu dem sie von einem gewissen Gesichtspunkte aus mit Recht hin- 
schaut als zu den grofiten Hervorbringungen der neueren Zeit, ist eine 
Kulturmaja, ist eine grofie Tauschung und entsprungen aus der grofien 
Tauschung der neueren Menschheit. Das alles, was in diesem Irrwahn 
wirkt, das ist im Grunde genommen Schopfung der ahrimanischen Ein- 
fliisse, jener Einfliisse, die sich einstmals konzentrieren werden in der In- 
karnation des Ahriman, von der ich Ihnen schon gesprochen habe. Denn 
dieser Irrwahn, in dem wir drinnenstehen, ist nichts anderes als das Er- 



gebnis jener falschen Weltbetrachtung, die fur die Menschen der neueren 
Kultur, der neueren Zivilisation iiberall hervorspriefit aus der Welt, 
indem sie entgegensetzen Himmel und Holle. Der Himmel wird als 
Gottliches angesehen, so wie sie ihn schildern, und die Holle wird als 
das Teuflische angesehen, wahrend in Wahrheit man es zu tun hat auf 
der einen Seite mit dem himmlisch genannten Luziferischen und auf der 
anderen Seite mit dem hollisch genannten Ahrimanischen. 

Wir mussen nur bedenken, welche Interessen da in der neueren 
Geistesgeschichte walten. Sogar die Dreigliederung des menschlichen 
Organismus oder des Menschenwesens im Ganzen ist ja in einer gewis- 
sen Beziehung, wie ich es Ihnen ofters erwahnt habe, fur die abend- 
landische Zivilisation durch das achte okumenische Konzil von Kon- 
stantinopel im Jahre 869 aus der Welt geschafft worden. Es ist zum 
Dogma erhoben, daft der Christ nicht zu glauben habe an eine drei- 
gliedrige Menschenwesenheit, sondern nur an eine zweigliedrige Men- 
schenwesenheit. An Leib, Seele und Geist zu glauben gilt als verpont, 
und die mittelalterlichen Theologen und Philosophen, die noch viel 
wuftten von der Wahrheit, die hatten eine grofie Miihe, sich um diese 
Wahrheit herumzudrucken, denn die sogenannte Trichotomie, die Glie- 
derung des Menschen in Leib, Seele und Geist, war fur ketzerisch erklart 
worden. Sie mufiten die Zweiheit lehren: der Mensch bestehe aus Leib 
und Seele, nicht aus Leib, Seele und Geist. Und das ist ja dasjenige, 
wovon gewisse Wesen, wovon gewisse Menschen gut wissen, was es fur 
eine ungeheure Bedeutung hat fur das menschliche Geistesleben, die 
Zweigliederung an die Stelle der Dreigliederung zu setzen. 

Auf solche Tiefen mufi hingeblickt werden, wenn man richtig ver- 
stehen will, warum in der Novembernummer der «Stimmen der Zeit» 
von dem Jesuitenpater Zimmermann darauf hingewiesen wird, daft 
eines der neueren Dekrete des heiligen Offiziums von Rom den Katho- 
liken bei Strafe, nicht die Absolution in der Beichte zu erlangen, ver- 
bietet, theosophische Schriften zu lesen oder zu haben oder sich an 
irgend etwas Theosophischem zu beteiligen. Das interpretiert der Je- 
suitenpater Zimmermann in den «Stimmen der Zeit», die friiher «Stim- 
men aus Maria-Laach» geheiften haben, so, daft es vor alien Dingen 
anzuwenden sei auf meine Anthroposophie, daft also vor alien Dingen 



darauf gesehen werden miisse, dafi diejenigen Katholiken, welche als 
echte Katholiken von Rom angesehen werden wollen, sich nicht zu 
beschaftigen haben mit anthroposophischer Literatur. Als einer der 
Hauptgriinde wurde da angefuhrt, dafi unterschieden werde die 
menschliche Wesenheit in Leib, Seele und Geist, dafi also ein Ketze- 
risches gelehrt werde gegeniiber dem Rechtglaubigen, das darin bestehe, 
den Menschen zu unterscheiden in Leib und Seele. 

Ich habe Ihnen ja auch erwahnt, dafi diese Unterscheidung in Leib 
und Seele, ohne dafi sie es wissen, auf die modernen Philosophen ttber- 
gegangen ist, die glauben, vorurteilslose, voraussetzungslose Wissen- 
schaft zu betreiben, die glauben, wirklich zu beobachten, um dadurch 
zu der Einsicht zu kommen, dafi der Mensch bestehe aus Leib und Seele. 
In Wahrheit befolgen auch sie nur dasjenige, was durch jenes Dogma 
in die neuere Geistesentwickelung hineingekommen ist. Was heute als 
Wissenschaft angesehen wird, ist im Grunde genommen ganz abhangig 
von solchen Dingen, wie sie im Laufe der neueren Menschheitsentwik- 
kelung in die Welt hineinversetzt worden sind. Glauben Sie nicht, dafi 
Sie durch irgendwelche guten Worte, die Sie oftmals meinen, Leuten 
geben zu mussen, welche aus solchen Ecken heraus Anthroposophie 
verketzern, diese Leute bekehren konnen, oder dafi Sie sie zu einem ge- 
wissen Wohlwollen bekehren konnen gegeniiber der Anthroposophie. 
Anthroposophie mufi sich durch sich selbst in der Welt Eingang ver- 
schaff en, nicht durch die Protektion irgendwelcher, und waren sie auch 
als noch so christlich angesehene Machte. Durch innere Kraft allein 
kann Anthroposophie dasjenige erreichen, was sie in der Welt erreichen 
soil. 

Bedenken Sie, der Christus-Impuls ist nur zu begreifen, wenn man 
ihn als den Gleichgewichtsimpuls ansieht zwischen dem Ahrimani- 
schen und dem Luziferischen, wenn man ihn in die Trinitat richtig 
hineinzustellen weifi. Was mufi man tun — so kann man die Frage auf- 
werfen -, wenn man die Menschen irrefuhren will iiber den eigent- 
lichen Christus-Impuls? Man mufi die Menschen ablenken von der 
wahren Weltengliederung nach der Dreizahl und mufi sie hinfuhren zu 
dem Irrwahn der Zweizahl, die nur da ihre Berechtigung hat, wo es sich 
um das Offenbare handelt, nicht da, wo es sich darum handelt, auch 



hinter dasjenige zu kommen, was hinter dem Offenbaren stent, was in 
der Sphare des Wahren liegt. 

Wir miissen uns klar sein dariiber, dafi wir in solchen Dmgen durch- 
aus iiber blofie Namen hinauskommen miissen. Dadurch, dafi man 
irgend etwas Christus nennt, hat man den Christus nicht getroffen. 
Und man kann verhindern, dafi der Christus getroffen werde mit dem 
Christus-Namen, wenn man an die Stelle der Dreizahl die Zweizahl 
stellt. Wollte irgend jemand den Menschen sicher davon abbringen, 
einen richtigen Begriff von dem Christus zu erringen, dann hatte er nur 
notig, an die Stelle der Dreizahl die Zweizahl zu setzen. Und soil dann 
auf den Christus-Impuls in einem wahrhaftigen Sinne wiederum hin- 
gedeutet werden, dann ist es notwendig, dafi der Zweizahl die Dreizahl 
entgegengesetzt werde. Man braucht nicht auch ein Ketzererklarer zu 
werden neben Ketzererklarern. Sie brauchen von heute ab nicht Miltons 
«Verlorenes Paradies» oder Klopstocks «Messias» fiir verdammte Teu- 
felsschriften zu erklaren, Sie konnen sich an der Schonheit und Grofie 
selbstverstandlich weiter erfreuen. Aber Sie sollen sich klarwerden dar- 
iiber, dafi in solchen Schrif ten, insofern sie die Bliiten gerade der popu- 
laren neueren Menschheitszivilisation sind, von Christus iiberhaupt 
nicht die Rede ist, sondern dafi solche Schriften hervorgehen aus dem 
Irrwahn, dafi man alles dasjenige, was nicht der Menschheitsentwicke- 
lung zugehort, auf der einen Seite nach dem Teuflischen hin rechnen 
darf, und dafi man auf der anderen Seite das Gottliche bekommt. Nein, 
man bekommt blofi das Luziferische. Und schreibt man dann ein «Ver- 
lorenes Paradies», dann beschreibt man in Wirklichkeit die Austreibung 
der Menschen aus dem Reiche des Luzifer in das Reich des Ahriman, 
und man schildert die Sehnsucht der Menschen nicht nach dem Gott- 
lichen, man schildert die Sehnsucht der Menschen nach dem verlorenen 
Paradiese, das heifit aber nach dem Reiche des Luzifer. Schone Be- 
schreibungen der menschlichen Sehnsucht nach dem luziferischen 
Reiche mogen Sie sehen in Miltons «Verlorenem Paradies», mogen Sie 
sehen in Klopstocks «Messias»; aber eben das sollen Sie darinnen sehen, 
denn das sind sie. 

Gar sehr sind gewisse Vorstellungen, die in die neuere Menschheit 
eingezogen sind, zu revidieren. Wir stehen heute, indem wir im Ernste 



uns anschicken, anthroposophisch zu denken und zu empfinden, nicht 
vor kleinen Entscheidungen, wir stehen vor groflen Entscheidungen. 
Wir stehen davor, ein Wort, das Nietzsche oftmals gebraucht hat, sehr 
ernst zu nehmen. Das Wort von der Umwertung gewisser Werte, es 
mufi sehr, sehr ernst genommen werden. Die Menschheitsleistungen der 
neueren Zeit mussen gar sehr umgewertet werden. 

Man braucht deshalb durchaus nicht auch ein Ketzerverdammer zu 
werden. Wir fuhren fortwahrend Szenen aus dem Goetheschen «Faust» 
auf, und ich habe Jahrzehnte dem Studium Goethes gewidmet. Aber 
aus meiner kleinen Schrift «Goethes Geistesart» konnen Sie entnehmen, 
dafi mich das nicht blind gemacht hat gegen die falsche Charakteristik, 
die in der Goetheschen Mephistopheles-Figur lebt. Es ware durchaus 
philistros, zu sagen : Goethes Mephistopheles ist f alsch, also weg damit. 
Da wiirde man es ja machen wie gewisse Ketzerrichter. In diese Lage 
diirfen wir uns als moderne Menschen nicht bringen. Aber wir diirfen 
uns auch nicht in bequemer Weise bei dem befriedigen, was den brei- 
testen Menschenmassen aus dem neueren Geistesleben wie in Fleisch 
und Blut iibergegangen ist. Ungeheuer viel wird die Menschheit lernen 
mussen. In bezug auf vieles wird sie Umwertungen vornehmen mussen. 

Alles das hangt zusammen mit der Sendung des Michael gegeniiber 
denjenigen Wesen der hoheren Hierarchien, mit denen er wiederum in 
Verbindung steht. Und wie wir dazu kommen konnen, diejenigen Im- 
pulse, die von der Michael- Wesenheit in unser irdisches Menschen- 
dasein hereinstrahlen, zu verstehen, davon wollen wir dann morgen 
und iibermorgen sprechen. 



ZWEITER VORTRAG 



Dornach, 22. November 1919 



Ich habe Ihnen gestern von jenem Irrtum gesprochen, der eingezogen 
ist in unser neuzeitliches Geistesleben und der heute noch von wenigen 
Menschen eigentlich in der richtigen Weise bemerkt wird. Sie haben 
wohl aus diesen Auseinandersetzungen herausgefiihlt, daft wir gerade 
mit dem Hinweis auf diesen Irrtum an einer sehr wichtigen Stelle 
geisteswissenschaftlicher Betrachtungen stehen. Es wird durchaus not- 
wendig sein fur eine gedeihliche Entwickelung des geistigen Lebens der 
Menschheit, daft in diesem Punkte klar gesehen werde. Ich habe Sie 
hingewiesen auf solche Kulturerzeugnisse, die wie Miltons «Verlorenes 
Paradies* oder Klopstocks «Messias» so recht herausgeboren sind aus 
dem allgemeinen popularen Denken der letzten Jahrhunderte. Ich habe 
Sie aber auch darauf hingewiesen, wie gerade an diesen, in bezug auf 
das Kunstlerische, in bezug auf das allgemein Geistige hervorragenden 
Kulturerzeugnissen, bemerkbar ist, vor welchen Gefahren das mensch- 
liche Seelenleben stent, wenn nicht durchschaut wird, wie unmoglich 
der Mensch zu einem wahren, fur ihn notwendigen Gottesbegriff und 
damit auch Christus-Begrif f kommen kann, wenn er sich nur vorstellt, 
daft die Weltstruktur, das Geistige inbegriffen, im Sinnbilde einer 
Zweiheit zu begreifen ist. Gerade indem man gewissermaften nur die 
Zweiheit unterschied, auf der einen Seite das Gute, auf der anderen 
Seite das Bose, verfiel man in den Fehler, zum Bosen alles hinzu- 
zurechnen, was wir bezeichnen muftten im Laufe der Zeit als das Luzi- 
ferische und als das Ahrimanische. Nur hat man nicht erkannt, daft 
man zusammengeworfen hat zwei Weltelemente in eines. Dadurch ist 
es gekommen, daft man auf der anderen Seite nach dem Guten hin in 
der Tat die luziferischen Elemente geschoben hat, daft man mit anderen 
Worten glaubte, Gottliches zu verehren, Gottliches zu erkennen, daft 
man vom Gottlichen mit Namen sprach, aber doch das luziferische 
Element in dieses Gottliche hineinmischte. Dadurch aber wird es auch 
unserer Zeit so schwer, zu einem reinen Begriff des Gottlichen und zu 
einem reinen Begriff des Christus-Impulses in der Menschheits- und 



Weltenentwickelung zu kommen. Wir sind gewohnt worden, aus der 
Kultur der Jahrhunderte heraus, wegen der Anerkennung dieser Zwei- 
heit auf der einen Seite zu sprechen von dem Seelischen, auf der an- 
deren Seite zu sprechen von dem Leiblichen oder Korperlichen. Und 
wir haben den Zusammenhang verloren zwischen jenen Vorstellungen, 
die uns das Seelisch-Geistige vermitteln, und denjenigen Vorstellungen, 
die uns das Leibliche vermitteln. Wir sprechen heute, und am meisten 
tut das unsere Schulpsychologie, wenn wir vom Denken, vom Wollen, 
vom Gemiite, vom Fiihlen sprechen, kaum von etwas anderem als von 
Wortklangen. Wir kommen zu keinen wirklichen inneren inhaltsvollen 
Vorstellungen von diesem seelischen Elemente. Und wir sprechen auf 
der anderen Seite von einem entgeistigten Materiellen, von einem see- 
lenlosen Materiellen, und wir klopf en gleichsam auf dieses aufiere harte, 
steinhafte, seelenlose Materielle und konnen keine Briicke bauen von 
ihm zum Seelischen hiniiber. 

In zwei Elemente auseinandergefallen ist uns das Geistige, das iiber- 
all, und das Leibliche, das zu gleicher Zeit ein Geistiges ist. Mit bloflen 
Theorien kommt man zu einer solchen Briicke zwischen dem Leib- 
lichen und Geistigen nicht. Und da man nicht dazu kommt, hat vor 
alien Dingen unser ganzes wissenschaftliches Denken diesen Charakter 
eines Zwiespaltes zwischen Leiblichem und Geistigem oder Seelischem 
angenommen. Man mochte sagen: Auf der einen Seite sind die ver- 
schiedenen Glaubensbekenntnisse dahinein verfallen, auf ein Geistiges 
hinzuweisen, ohne in der Lage zu sein, darzulegen, wie dieses Geistige 
unmittelbar eingreift ins Leiblich-Korperliche, wie es schopferisch 
tatig ist an dem Leiblich-Korperlichen, auf der anderen Seite aber 
betrachtet heute ein seelenloses Wissen, eine seelenlose Naturanschau- 
ung das Korperliche so, dafi sie nirgends durch die leiblichen Vorgange 
hindurchschauen kann auf das in diesen leiblichen Vorgangen waltende 
Geistig-Seelische. Wer von diesem Gesichtspunkte aus die naturwissen- 
schaftliche Anschauung, wie sie sich entwickelt hat im Laufe des 19. 
Jahrhunderts und in das 20. Jahrhundert herein, uberblickt, der wird 
sich sagen mussen: Alles dasjenige, was uns da auftritt, erscheint wie 
eine Folge dessen, was eben charakterisiert worden ist. Wir mussen aber 
vor alien Dingen das Richtige, das uns jetzt schon folgen kann aus 



mannigfachen Voraussetzungen, die wir ja hier auch hinlanglich be- 
sprochen haben, hinzusetzen, bevor wir den Irrwahn, der heute das 
Richtige zudeckt, voll einsehen konnen. Man spricht heute vom Men- 
schen wie von einer einheitlichen Wesenheit, gleichgiiltig, ob man vom 
Seelischen spricht oder ob man vom Leiblichen spricht. Man spricht 
vom Seelischen als einer einheitlichen Wesenheit, man spricht vom 
Leiblichen als einer einheitlichen Wesenheit. Und dennoch, Sie werden 
aus unseren Betrachtungen gesehen haben, dafi im Menschenwesen vor 
alien Dingen der Ihnen schon angedeutete grofie Gegensatz waltet 
zwischen all dem, was Hauptes- oder Kopfbildung ist, und all dem 
- wir wollen es jetzt nicht weiter gliedern, Sie wissen, es kann auch 
weiter gegHedert werden, aber wir wollen es jetzt in eins zusammen- 
fassen -, was der Mensch an sich tragt aufier seiner Hauptes- oder 
Kopfesbildung. (Es wurde der rechte Teil der Zeichnung, siehe S. 30, Tafel 3 
skizziert.) Man fragt nach der Entwickelung des Menschen. Man mufi 
in ganz anderer Art fragen nach der Entwickelung des Menschen in 
bezug auf seine Hauptesbildung, Kopfbildung, und nach der Entwicke- 
lung des Menschen in bezug auf die iibrige Leibesbildung. 

Wenn wir die Kopfbildung des Menschen - fassen wir sie zunachst 
ganz korperlich auf — ins Auge fassen, insofern diese Kopfbildung den 
Organismus enthalt fur das sinnliche Wahrnehmen oder fur das Den- 
ken oder Vorstellen, dann miissen wir allerdings weit zuriickblicken 
in die kosmische Entwickelung des Menschen. Dann miissen wir uns 
sagen: Dasjenige, was heute seinen Ausdruck findet in der mensch- 
lichen Hauptesbildung, das hat sich nach und nach entwickelt und um- 
geformt. Es hat sich hindurchentwickelt durch die alte Saturnbildung, 
durch die alte Sonnenbildung, durch die alte Mondenbildung und ist 
dann weiterentwickelt worden wahrend der Erdenzeit. Aber so ist es 
nicht mit dem, was die andere Leiblichkeit des Menschen ist. Es ware 
ganz falsch, eine einheitliche Entwickelungsgeschichte zu suchen fur 
den ganzen Menschen. Wir konnen sagen (es wird weitergezeichnet) : Tafel 3 
Die Hauptesbildung, die weist zuriick auf die vorhergehenden plane- 
tarischen Stufen unserer Erdenbildung: Mondenbildung, Sonnenbil- 
dung, Saturnbildung. Dasjenige, was zuletzt seinen unmittelbaren Ab- 
schlufi gefunden hat in dem menschlichen Haupte, das geht auf eine 



weite Entwickelung zuriick. Wenn wir aber dazufiigen alles ubrige, was 
zum Menschen gehort, so diirfen wir nicht zuriickgehen bis zu der 
Saturnbildung, sondern wir miissen sagen: Dasjenige, was der Mensch 
an sich tragt aufier seinem Haupte, das konnen wir hochstens, insoweit 
es die Brustbildung ist, zuriickverfolgen bis in die planetarische Mon- 
denzeit (Zeichnung: senkrechter Trennungsstrich), dasjenige, was die 
Gliedmafien sind, ist erst wahrend der Erdenformation an den Men- 
schen herangekommen. 




Wir betrachten den Menschen nur dann richtig, wenn wir etwa das 
Folgende vergleichsweise sagen. Aber bitte, fassen Sie das vergleichs- 
weise auf. Sie konnen sich sehr leicht hypothetisch vorstellen: durch 
irgendwelche organischen Verhaltnisse im Kosmos, durch irgendwelche 
Anpassungsverhaltnisse, verbunden mit inneren Wachstumsverhalt- 
nissen, wiirde der Mensch irgendwelche neue Gliedmafien ansetzen. 
Sie wiirden dann nicht zuriickverfolgen die ganze Menschengestalt bis 
zur fruheren Entwickelung, sondern Sie wiirden sagen: Der Mensch, 
insofern er sich entwickelt hat, mufi zuriickverfolgt werden; aber in 
einem gewissen Zeitpunkte hat sich erst dieses oder jenes Glied an- 
gesetzt. Dafi wir versucht sind, nicht so zu denken mit Bezug auf das 
Haupt und den ubrigen Menschen, das riihrt nur davon her, weil, rein 
in bezug auf die aufiere Raumesgrofie, der ubrige Mensch grower ist als 



sein Haupt. Die Wahrheit ist doch diese, daft die Hauptesbildung am 
weitesten zuriickgeht und daft die andere Bildung erst spatere Ansatze 
darstellt. Spricht man iiberhaupt von einem Zusammenhang des Men- 
schen mit der Tierwelt in bezug auf die Entwickelung, dann kann man 
nur sagen: Dasjenige, was im menschlichen Haupte ist, das geht zuriick 
auf eine friihere Tierbildung. Das menschliche Haupt ist umgewandelte 
Tiergestalt, sehr stark umgewandelte Tiergestalt. 

Der Mensch hat aufierlich, allerdings in ganz anderen physikalischen 
Verhaltnissen, eine Tierbildung gehabt, als es noch gar keine Tiere gab. 
Die Tiere haben sich spater zum Menschen hinzugebildet. Dasjenige 
aber, was im Menschen Tierbildung gehabt hat, das ist heute mensch- 
liches Haupt, menschlicher Kopf geworden. Und dasjenige, was an den 
Kopf angesetzt ist als der iibrige Organismus, das ist erst gleichzeitig 
mit der Entwickelung der Tiere an den Kopf angesetzt worden, das hat 
also nichts zu tun mit einer wirklichen Tierabstammung. So daft wir 
eigentlich sagen mussen: Das zunachst scheinbar edelste Glied des Men- 
schen, sein Kopf, weist uns zuriick auf die Tierheit; in bezug auf das hat 
der Mensch selbst friiher eine Art Tiergestalt gehabt. Dasjenige aber, 
was wir sonst an uns tragen, das haben wir neben der Entwickelung der 
Tiere als gewissermafien organischen Ansatz zum Kopfe in der kos- 
mischen Entwickelung hinzu erhalten. 

Nun ist das Haupt in einem gewissen Sinne unser Denkorgan ge- 
worden. Unser Denkorgan ist also gerade dasjenige geworden, welches 
Tierabstammung hat, wenn wir so sagen diirfen. Nur hat es allerdings 
eine sonderbare Tierabstammung. Wenn Sie heute ein menschliches 
Haupt nehmen, so werden Sie ihm anatomisch vielleicht nicht gleich 
das ansehen, was zuriickweist auf Tiergestalt. Genauer angesehen wer- 
den Sie aber doch erkennen, wenn Sie nur richtig zu deuten verstehen 
die Form der Organe des Hauptes, wie sie umgestaltete Organe der 
Tierheit sind. 

Nun, wenn wir dieses ins Auge fassen, mussen wir allerdings zu- 
gleich erwahnen, daft die Umgestaltung aus der Tierheit heraus fiir das 
menschliche Haupt dadurch zustande gekommen ist, daft in dieses 
Haupt bereits eingezogen ist eine riickwarts gerichtete Entwickelung. 
Dasjenige, was voll lebendigen Lebens war in friiheren Stadien der Ent- 



wickelung, ist im menschlichen Haupte bereits auf dem Wege des Ab- 
sterbens, ist im menschlichen Haupte in einer riickwarts gerichteten 
Entwickelung. Ich habe einmal gesagt: Wiirden wir als Menschen nur 
Haupt sein, so konnten wir eigentlich niemals leben, so miifiten wir im 
Grunde fortwahrend sterben, denn der organische Zusammenhang des 
menschlichen Hauptes durch die Kraf te des Hauptes selbst ist nicht ein 
Lebensvorgang, sondern ein Sterbensvorgang. Das, was im Haupte ist, 
wird fortwahrend neu belebt vom iibrigen Organismus aus. Dafi das 
Haupt auch teilnimmt am allgemeinen Leben des Organismus, das ver- 
dankt es dem iibrigen Leben des Organismus. Wiirde sich das Haupt 
nur denjenigen Kraf ten uberlassen konnen, fiir die es organisiert ist, 
den sinnlichen Wahrnehmungskraf ten und den Vorstellungskraf ten, so 
wiirde das Haupt fortwahrend absterben. Das Haupt hat fortwahrend 
die Tendenz zu sterben, es mufi fortwahrend belebt werden. Und wenn 
wir denken, wenn wir sinnlich wahrnehmen, so geht in unserem Haupte, 
in unserem Nervensystem iiberhaupt und seiner Verbindung mit den 
Sinnesorganen, nicht ein aufsteigender, dem Wachstum oder derglei- 
chen angemessener Lebensprozefi vor sich, denn da wiirden wir nur 
schlafen konnen, in tiefen Schlaf versunken sein, da wiirden wir nie- 
mals hell denken konnen- Nur dadurch, dafi fortwahrend der Tod 
durch unser Haupt zieht, dafi eine fortwahrende Riickentwickelung 
da ist, dafi die organischen Prozesse fortwahrend zuruckgenommen 
werden, dadurch greift in unserem Haupte das Denken und das sinn- 
liche Wahrnehmen Platz. 

Wer in materialistischer Weise aus Gehirnprozessen das Denken 
oder das Sinneswahrnehmen erklaren will, der weifi eben gar nicht, 
welche Vorgange im Haupte vor sich gehen, der glaubt, da gehen 
solche Prozesse vor sich, die sich mit dem organischen Wachstum oder 
dergleichen vergleichen lassen. Das ist nicht der Fall. Dasjenige, was 
parallel geht dem Sinneswahrnehmen und dem Vorstellen, das sind 
Absterbeprozesse, das sind Abtrageprozesse, Zerstorungsprozesse. Das 
Organische, das Materielle mufi erst abgetragen, mufi erst zerstort wer- 
den, dann erhebt sich iiber dem organischen Zerstorungsprozefi der 
Denkprozefi. 

Diese Dinge werden heute von der Menschheit so aufgefafit, dafi 



man versucht, ihre Natur aufierlich zu erschliefien. Der Mensch denkt, 
der Mensch nimmt sinnlich wahr, was aber da parallel in seinem Orga- 
nismus vorgeht, davon weifi er nichts, das bleibt ihm ganz im Unbewufi- 
ten sitzen. Nur durch diejenigen Vorgange, die ich geschildert habe in 
meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?», 
kann man allmahlich aufsteigen zu einer solchen Erkenntnis, die nicht 
blofi in dem lebt, was man fast nur mit seiner Wortbedeutung das See- 
lische nennt: im Sinneswahrnehmen und im Denken. Bei einer Ent- 
wickelung, die die Seele durchmacht in dieser Art, kann sie auf der 
einen Seite sich dem Denken, dem Sinneswahrnehmen hingeben und 
gleichzeitig wahrnehmen, was da im Gehirn geschieht. Da nimmt man 
nicht dasjenige wahr, was man sonst etwa als Wachstumsprozefi emp- 
findet, da nimmt man wahr einen Abbauprozefi, der stets wiederum 
ausgeglichen werden mull vom iibrigen Organismus aus. 

Das ist die tragische Begleiterseheinung einer wirklichen Erkenntnis 
unserer Hauptestatigkeit. Der hellsichtige Mensch kann sich nicht er- 
freuen etwa an einem Aufbluhen der organischen Prozesse des Hauptes, 
wenn er denkt, wenn er sinnlich wahrnimmt, sondern er mull sich 
bekanntmachen mit einem Zerstorungsprozefi. Er mull sich aber auch 
bekanntmachen damit, dafi der materialistisch Gesinnte annimmt, 
solche Prozesse spielen sich im menschlichen Haupte ab, welche gerade 
ausgeschlossen sind, wenn der Mensch denkt oder wenn der Mensch 
sinnlich wahrnimmt. Gerade das Gegenteii von dem, was wirklich 
wahr ist, mull der Materialismus fiir sich annehmen. 

Also wir haben es beim menschlichen Haupte zu tun mit einer Ent- 
wickelung zwar aus der Tierheit heraus, aber jetzt schon mit einer rttck- 
laufigen Entwickelung, mit einem Abbauprozefl. In auf steigender Ent- 
wickelung ist unser anderer menschlicher Organismus. Von diesem 
anderen menschlichen Organismus diirfen wir nicht etwa glauben, dafi 
er nun keinen Anteil hat an dem Seelisch-Geistigen und seinem Erleben 
im Menschen. Fortwahrend wird nicht nur das Blut aus dem iibrigen 
Organismus heraufgesendet in das Haupt, sondern fortwahrend steigen 
auch auf in das Blut jene seelisch-geistigen Gedankengebilde, aus denen 
die Welt gewoben ist, aus denen auch unser Organismus gewoben ist. 
Diese seelisch-geistigen Gedankengebilde, die nimmt der Mensch heute 



in seinem normalen Zustande noch nicht wahr, aber es ist das Zeitalter 
eingetreten, in dem der Mensch begmnen mufi, dasj enige wahrzunehmen, 
was aus seinem eigenen Wesen aufsteigt an Gedankengebilden. Sie wis- 
sen ja, wir schlafen nicht blofi vom Einschlafen bis zum Aufwachen, 
mit einem Teil unseres Wesens schlafen wir den ganzen Tag uber. Wir 
sind eigentlich nur wach in bezug auf unser Denken, Vorstellen und 
Sinneswahrnehmen. Wir traumen in bezug auf unser Gefiihlsleben, wir 
schlafen vollig in bezug auf unser Willensleben. Denn von dem, was 
wir wollen, wissen wir ja nur die Gedanken, die Ideen, nicht den Vor- 
gang des Willens. Was der Wille eigentlich macht, das vollzieht sich fiir 
unser Bewufitsein so unbewufit wie das Schlafesleben vom Einschlafen 
bis zum Aufwachen. Aber wenn wir fragen: Auf welchen Wegen kann 
allein das Wissen von dem wirklich Gottlichen an den Menschen heran- 
kommen? - dann konnen wir nicht verweisen auf den Weg durch das 
Haupt, auf den Weg durch die Sinneswahrnehmung und durch das 
Denken, sondern dann konnen wir nur verweisen auf den Weg, der 
durchgeht durch unseren ubrigen Organismus. Und das grofie, gewal- 
tige Geheimnis liegt vor, dafi der Mensch sein Haupt entwickelt hat in 
einer langen Entwickelungsreihe, dafi dann hinzugekommen ist das- 
jenige, was sein ubriger Organismus ist, dafi das Haupt bereits eine 
riicklaufige Entwickelung angetreten hat, dafi aber dasjenige, was der 
Mensch als sein Gottliches empfinden kann, durch den ubrigen Orga- 
nismus zu ihm sprechen mufi, nicht durch das Haupt. Denn das ist 
wichtig, dafi man sich klar ist dariiber: Durch das Haupt sprachen zu 
Menschen zunachst nur die luziferischen Wesenheiten. Und wir konnen 
sagen: Dem Menschen wurde zu seinem Haupte hinzu erschaffen der 
iibrige Organismus, damit zu ihm sprechen konnen seine Gotter. Am 
Ausgangspunkt der Bibel steht nicht: Und Gott sandte dem Menschen 
den Lichtstrahl und er ward eine lebendige Seele — sondern: Gott blies 
dem Menschen den lebendigen Odem ein und er ward eine lebendige 
Seele. — Hier wird richtig erkannt, dafi durch eine Nicht-Hauptes- 
tatigkeit zu dem Menschen der gottliche Impuls kam. 

Daraus wird es Ihnen aber auch verstandlich sein, dafi zunachst 
dieser gottliche Impuls zum Menschen nur kommen konnte in einer Art 
unbewufiten Hellsehens, oder wenigstens durch ein Verstandnis des- 



jenigen, was durch unbewufites Hellsehen gegeben wurde. Wenn Sie 
von unserer Bibel das Alte Testament ansehen, so werden Sie es finden 
mussen - wir wissen das ja von anderen Betrachtungen aus - als ein 
Ergebnis eines unbewufken Hellsehens. Dessen waren sich auch die- 
jenigen bewufit, die Mithilfe geleistet haben beim Zustandekommen des 
Alten Testaments. Ich kann Ihnen heute hier nicht das Zustande- 
kommen des Alten Testaments schildern, aber ich mochte Sie doch hin- 
weisen darauf , in wie vielen Betrachtungen wir iiber solche Dinge uns 
ergangen haben, wie Sie bei den Lehrern des alten hebraischen Volkes 
durchaus das Bewufitsein iiberall finden, dafi ihr Gott zu ihnen ge- 
sprochen hat nicht durch die unmittelbaren Sinneswahrnehmungen, 
nicht durch das gewohnliche Denken, nicht durch alles dasjenige also, 
wofiir das Haupt der Vermittler ist, sondern dafi ihr Gott zu ihnen 
gesprochen hat durch Traume - worunter sie nicht gewohnliche Trau- 
me, sondern von Wirklichkeit durchtrankte Traume verstanden — , was 
da Gott zu ihnen gesprochen hat durch solche hellseherischen Momente 
wie zu Moses aus dem Dornbusch und ahnlichem. Und wenn man die 
Eingeweihten dieser alten Zeit gefragt hat, wie sie sich vorstellen, dalS 
die gottlichen Rufe zu ihnen kommen, dann haben sie gesagt: Zu uns 
spricht der Herr, dessen Name unaussprechlich ist, aber er spricht durch 
sein Antlitz zu uns. - Und das Antlitz ihres Gottes nannten sie den 
Michael, jene geistige Macht, die wir zu der Hierarchie der Archangeloi 
rechnen. Ihren Gott empfanden sie als den unbekannt hinter den Er- 
scheinungen auch des Hellsehers bleibenden. Wenn der Hellseher aber 
sich durch die innere Verfassung seiner Seele zu seinem Gotte erhob, 
so sprach zu ihm Michael. Aber dieser Michael sprach nur dann, wenn 
die Menschen sich versetzen konnten in einen anderen Zustand, als der 
gewohnliche Bewufitseinszustand war, wenn die Menschen sich ver- 
setzen konnten in einen Zustand einer gewissen Helisichtigkeit, durch 
den dasjenige ins Bewufitsein hereintrat, was sonst nur am Menschen 
schafft und lebt entweder vom Einschlafen bis zum Aufwachen, oder 
aber durch den unterbewufit bleibenden Willen, der eigentlich auch 
schlaft, auch dann, wenn wir tagwachend sind. 

Und so nannte man in der alten hebraischen Geheimlehre die Jahve- 
Offenbarung die Offenbarung der Nacht und empfand die Jahve- 



Offenbarung durch die Michael-Offenbarung als die Offenbarung der 
Nacht. Man sah auf der einen Seite hinein in die Welt nach dem, was 
sie einem geben konnte durch die Sinneswahrnehmung und durch das 
menschliche verstandige Denken, und sagte sich: Auf diesem Wege kom- 
men Erkenntnisse, kommt ein Wissen an den Menschen heran, das zu- 
nachst das Gottliche nicht enthalt. Wenn aber der Mensch aus diesem 
Bewufitseinszustand heraus sich zu einem anderen Bewufitseinszustand 
entwickelt, dann spricht zu ihm Gottes Angesicht, der Michael, und 
offenbart ihm die eigentlichen Geheimnisse, die mit dem Menschen- 
wesen zusammenhangen, offenbart ihm dasjenige, was ihm eine Briicke 
baut zwischen dem Menschen und jenen Machten, die nicht wahr- 
genommen werden konnen in der aufieren Sinneswelt, die nicht erdacht 
werden konnen mit dem an das Gehirn gebundenen Verstand. 

So mufi man sagen: Es lebten die Menschen in den vorchristlichen 
Zeiten so, dafi sie hinschauen konnten auf der einen Seite auf die 
Sinneserkenntnis - die war da als Richtschnur fur die Erdenverrich- 
tungen - und hinschauten auf der anderen Seite nach jener Erkenntnis, 
die der Mensch nur haben wiirde - er hat sie nicht gehabt - fur das 
gewohnliche Bewufitsein, wenn dieses Bewufksein wach bliebe, wahrend 
es schlaft zwischen dem Einschlafen und Aufwachen. Der Mensch ist 
in der Umgebung von geistigen Wesenheiten - das wufite man -, wenn 
er wacht. Und diese geistigen Wesenheiten sind nicht seine schopfe- 
rischen Wesenheiten - so dachte man im Alten Testament in der Zeit, 
aus der das Alte Testament stammt -, diese Wesenheiten sind die luzi- 
ferischen Wesenheiten. Die Wesenheiten, die als die schopferisch- 
gottlichen gegeniiber der Menschheit empfunden wurden, die wirkten 
an dem Menschenwesen vom Einschlafen bis zum Aufwachen, oder an 
denjenigen Teilen des Menschenwesens, die auch wahrend des Tag- 
wachens schlafen. Den Regierer der Nacht, so nannte man in der Zeit, 
aus der das Alte Testament stammt, den Gott Jahve, und den Diener 
des Regierers der Nacht, so nannte man, wie man sagte, das Antlitz 
Jahves, den Michael. Und an den Michael dachte man, wenn man all 
die prophetischen Eingebungen meinte, durch die man mehr begriff als 
dasjenige, was durch die Erkenntnis der Sinneswelt kommen wiirde. 

Und welches Bewufitsein steckt denn hinter all dem? Hinter all dem 



steckt das Bewufitsein, das herausgewachsen ist aus jener Seinssphare, 
in welcher die den Jahve mit umschliefienden Machte wesen, wahrend 
die menschliche Hauptesbildung umgeben ist von luziferischer Wesen- 
heit. Es war ein Geheimnis, das man durch alle alten Tempel trug, und 
mit dem man der Wahrheit wirklich recht nahestand, dafi, indem aus 
dem Organismus des Menschen herausragt das menschliche Haupt, der 
Mensch sich durch sein Haupt zugewendet hat den luziferischen Wesen- 
heiten. Man wufite gewissermafien, indem das Haupt aus dem mensch- 
lichen Organismus herausragt, ragt Luzifer aus dem menschlichen Or- 
ganismus heraus. Diejenige Macht, welche das menschliche Haupt aus 
der Tierheit heraus zu seiner jetzigen Gestalt gefiihrt hat, ist eine luzi- 
ferische Macht. Und diejenige Macht, die der Mensch als gottliche 
empfinden soli, die mufi aus dem Nachtzustand des ubrigen Organis- 
mus in das menschliche Haupt heraufstromen. So lag dasjenige, was 
der Mensch wissen konnte in den vorchristlichen Zeiten. 

Dann schlug ein in die Erdenentwickelung das Mysterium von Gol- 
gatha. Und wir wissen ja, dafi das Mysterium von Golgatha bedeutet 
eine Vereinigung eines uberirdischen Wesens mit der menschlichen 
Erdenentwickelung durch den Leib des Jesus von Nazareth, eine solche 
Vereinigung, dafi durch den Tod auf Golgatha diese Wesenheit, die wir 
die Christus-Wesenheit nennen, sich verbunden hat mit der mensch- 
lichen Erdenwesenheit. Was ist dadurch in der Erdenentwickelung ge- 
schehen? Ja, dadurch hat die Erdenentwickelung eigentlich erst ihren 
Sinn bekommen. Dann hatte die Erde nicht ihren Sinn, wenn der 
Mensch auf dieser Erde sich entwickeln wiirde, dastehen wiirde mit 
seinen Sinnen und mit seinem an das Haupt gebundenen Verstande, die 
zunachst einen luziferischen Ursprung haben, die aufiere Erdenwelt, 
die auf die Erde stromende Lichteswelt der Sonne und der Sterne wahr- 
nehmen wiirde, aber im Schlafeszustand verharren muftte, um das 
Gottliche wahrzunehmen. Nimmermehr wiirde dadurch die Erde ihren 
Sinn bekommen, denn der wachende Mensch gehort mit der Erde zu- 
sammen. Der schlafende Mensch ist sich seines Zusammenhanges mit 
dem Erdensein zunachst nicht bewufit. Dadurch, dafi die Christus- 
Wesenheit gewohnt hat in einem Menschenleib, der durch den Tod 
gegangen ist, dadurch hat sich innerhalb der Erdenentwickelung etwas 



wie ein Ruck vollzogen. Alles in dieser Erdenentwickelung hat einen 
neuen Sinn bekommen. Die Moglichkeit hat sich zunachst heraus- 
gebildet, dafi der Mensch nach und nach fahig werde, seine schopfe- 
rischen gottlichen Machte auch wahrend des Tages, wahrend des ge- 
wohnlichen Wachens, das heiik im gewohnlichen Bewufitseinszustande, 
zu erkennen. Dariiber herrscht heute nur noch Irrtum aus dem Grunde, 
weil die seit dem Mysterium von Golgatha verf lossene Zeit noch nicht 
hingereicht hat, den Menschen dazu zu fiihren, auch im Tagwachen nun 
hineinzuschauen in diejenige Welt, in die hineinschauen konnten die 
Propheten des Alten Testamentes in den Zeiten, die sie empfanden als 
durchdrungen von Of fenbarungen ihres Regierers der Nacht, des Jahve, 
und seines Antlitzes, des Michael. Es bedurfte einer Durchgangszeit. 
Aber mit dem Ablauf des 19. Jahrhunderts - die ganze orientalische 
Weisheit weist hin, aber von einem vollig anderen Gesichtspunkte, auf 
die Wichtigkeit dieses Ablauf es des 19. Jahrhunderts - ist die Zeit ein- 
getreten, wo die Menschen erkennen mtissen, daft etwas erfiillt ist, was 
friiher nicht erfiillt war, wo die Menschen erkennen miissen: Jetzt ist 
in ihnen die Fahigkeit latent, jetzt ist in ihnen die Fahigkeit zum Auf- 
wecken reif, durch die Tagesoffenbarung hindurch zu sehen dasjenige, 
was friiher nur in der Nachtoffenbarung durch Michael vermittelt 
worden ist. 

Dem aber mufite noch ein grofier Irrtum vorangehen, gewisser- 
mafien eine Erkenntnisnacht vorangehen. Ich habe ja ofters gesagt, dafi 
ich durchaus nicht iibereinstimme mit denjenigen, die immer sagen, 
unsere Zeit ist eine Obergangsepoche. Ich weifi ganz gut, jede Zeit ist 
eine Ubergangsepoche. Aber bei solchen formal abstrakten Bestim- 
mungen will ich nicht stehenbleiben, denn es kommt darauf an, dafi 
man angebe, worinnen der Obergang einer bestimmten Zeit besteht. 
Der Ubergang in unserer Zeit besteht darinnen, dafi die Menschen er- 
kennen sollen: Durch die Tagerkenntnis hindurch mufi kommen das- 
jenige, was friiher nur Nachterkenntnis war. Mit anderen Worten: 
Michael war der Offenbarer durch die Nacht und soil werden in unserer 
Zeit der Offenbarer wahrend des Tages. Michael soli werden aus einem 
Nachtgeist ein Taggeist. Fur ihn bedeutet das Mysterium von Golgatha 
die Umwandlung aus einem Nachtgeist in einen Taggeist. 



Aber dieser Erkenntnis, die sich schneller als wir heute glauben, 
Bahn brechen sollte unter den Menschen, dieser Erkenntnis mufite ein 
noch grofierer Irrtum vorangehen, der grolkdenkbare Irrtum, der 
eigentlich in der Menschheitsentwickelung moglich war, trotzdem man 
ihn heute noch in vielen Kreisen als eine besonders wichtige und wesent- 
liche Wahrheit ansieht. Vollig verhiillt hat sich der neueren Menschheit 
der Ursprung des menschlichen Hauptes, vollig verhiillt hat sich die mit 
dem menschlichen Haupte verbundene luziferische Geistigkeit. Der 
Mensch wurde, wie ich sagte, auch leiblich als eine Einheit genommen. 
Man f ragte nach seiner Abstammung, und es wurde einem zur Antwort 
gegeben, der Mensch stamme von der Tierheit ab, wahrend in Wahrheit 
nur dasjenige, was am Menschen das Luziferische ist, von der Tierheit 
abstammt. Dasjenige aber, durch das fruher gesprochen haben zu ihm 
aus seinem Schlafeszustande heraus seine gottlichen Schopfer, das ist 
erst entstanden — nachdem nebenher die Tiere entstanden sind - als 
Ansatz des menschlichen Hauptes. Man hat alles am Menschen zu- 
sammengeworfen und spricht von der Abstammung des Menschen von 
der Tierheit. Das ist etwas wie eine Erkenntnisstraf e, die in die Mensch- 
heit hereingekommen ist, wobei ich das Wort «Strafe» in einem etwas 
umgedeuteten Sinne meine. 

Woher kann denn eigentlich dieseTendenz stammen, dafi der Mensch 
die Dichtung erfand, er stamme von der Tierheit ab, wahrend der 
wahre Vorgang der ist, den wir zunachst hingestellt haben beziiglich 
der Abstammung des Hauptes und des ubrigen Organismus. Was hat 
dem Menschen eingegeben die Dichtung: der ganze Mensch stamme 
von der Tierheit ab? 

Sehen Sie, in der Zwischenzeit, die zwischen dem Mysterium von 
Golgatha und unseren Tagen verf lossen ist, und die in gewissem Sinne 
eine Vorbereitung war fur das Verstandnis des Mysteriums von Gol- 
gatha, in dieser Zeit, in der zuriickgetreten ist die alte heidnische Weis- 
heit, durch die man ja zunachst auch das Christentum erfassen wollte, 
und in der noch nicht vollig reif war die neue Geist-Erkenntnis, in 
dieser Zeit stahl sich allmahlich in die Menschheitsentwickelung herein 
das ahrimanische Element. Und indem man nicht erkannte das luzi- 
ferische Element in dem menschlichen Haupte, konnte man auch nicht 



erkennen das ahrimanische Element, mit dem das Gottliche im Kampfe 
liegt, in der ubrigen menschlichen Organisation. Und so entstand denn 
die rein ahrimanische Dichtung, der Mensch stamme ab aus der Tier- 
reihe. 

Dafi der Mensch von der Tierreihe abstamme, ist eine ahrimanische 
Eingebung. Diese Wissenschaft hat rein ahrimanischen Charakter. Der 
Verdunkelung jener Weisheit, welche uns darauf hinweist, wie im 
menschlichen Haupte luziferische Bildung ist, verdankt man den Irr- 
wahn, der Mensch stamme ab von der Tierreihe. Indem man das eine 
in bezug auf die Abstammung des menschlichen Hauptes nicht mehr in 
der richtigen Weise durchschauen konnte, lernte man auch das andere 
nicht in der richtigen Weise durchschauen. Und so schlich sich herein 
in das menschliche Anschauen die Meinung von der Verwandtheit des 
Menschen als ganzen Wesens mit der Tierheit. Und so schlich sich in 
die Auffassung des menschlichen Wesens dasjenige auch ein, was im 
Grunde genommen in der neueren Zivilisationsentwickelung eine ganze 
Weltanschauung durchdrungen hat: das menschliche Haupt wurde zum 
Edelsten gemacht, das andere ihm entgegengestellt, so wie man ent- 
gegenstellt Gutes und Boses in der Welt, den Himmel und die Holle, 
eine Zweiheit statt der Dreiheit. In Wahrheit hatte man wissen sollen, 
daf5 der Mensch zunachst dasjenige, was er durch sein Haupt in der 
Welt erringt, zwar der Weisheit der Welt verdankt, aber der luziferi- 
schen Weisheit, und dafi diese luziferische Weisheit erst nach und nach 
durchdrungen werden mufi von anderen Elementen. 

Diejenige geistige Macht, welche - nachdem die Menschheitsentwik- 
kelung durchgegangen war durch Saturn-, Sonnen- und Mondenent- 
wickelung und die Erdenentwickelung begonnen hatte - das luziferi- 
sche Wesen in die menschliche Hauptesbildung einorganisiert hat, das 
ist die Michael-Macht. «Und er stiefi seine gegnerischen Geister her- 
unter auf die Erde», das heifit: Durch dieses Herunterwerfen der dem 
Michael gegnerischen luziferischen Geister wurde der Mensch zunachst 
durchdrungen mit seiner Vernunft, mit dem, was dem menschlichen 
Haupte entspriefit. 

So ist es Michael, der seine Gegner dem Menschen gesandt hat, damit 
der Mensch durch die Aufnahme dieses gegnerischen, dieses luziferi- 



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schen Elementes zunachst seine Vernunft erhalten hat. Dann trat in 
der Menschheitsentwickelung das Mysterium von Golgatha ein. Die 
Christus-Wesenheit ging durch den Tod des Jesus von Nazareth. Die 
Christus-Wesenheit verband sich mit der Menschheitsentwickelung. 

Die Vorbereitungszeit ist verflossen. Michael selber hat in iibersinn- 
lichen Welten an den Ergebnissen des Mysteriums von Golgatha teil- 
genommen. Michael hat seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts 
eine ganz besondere Stellung innerhalb der Menschheitsentwickelung. 
Das erste, was eintreten mufi durch eine richtige Erkenntnis dieser Stel- 
lung des Menschen zu dem Michael, mufi sein, dafi man hineinsieht in 
solche Geheimnisse, wie wir sie zum Beispiel mit Bezug auf das mensch- 
liche Haupt und den ubrigen menschlichen Organismus heute ver- 
suchen hinzustellen. 

Das Wesentliche mufi sein, dafi den Menschen klar werde: Weil sie 
nicht erkannt haben den wirklichen Ursprung des menschlichen Haup- 
tes, konnten sie nur in einen Irrwahn verfallen mit Bezug auf den Ur- 
sprung des ganzen Menschen. Weil sie sich nicht vorstellen wollten, dafi 
die luziferische Bildung zunachst Platz gegriffen hat im menschlichen 
Haupte, verfielen die Menschen in den Wahn, dafi dasjenige, was mit 
dem menschlichen Haupte zusammenhangt, zuruckzufuhren sei auf 
gleichen Ursprung mit dem ganzen ubrigen Menschen. Diese Geheim- 
nisse mufi die Menschheit durchschauen. Die Menschheit mufi zu der 
Moglichkeit kommen, kiihn und tapfer sich gegeniiberzustellen der 
Erkenntnis, dafi sie an sich von innen aus durch das Ergreifen neuer 
gottlicher Geheimnisse etwas zu verbessern habe an alledem, was ihr 
gegeben werden kann durch die blofie Einsicht des Hauptes, durch die 
blofie menschliche irdische Weisheit oder Gescheitheit. Und zuerst mufi 
Korrektur geiibt werden konnen an dem gro&en Irrtum, der der Um- 
kehr hat vorausgehen miissen, an dem Irrtum, der da liegt in der mate- 
rialistischen Ausdeutung der Entwickelungslehre von dem Ursprung 
des ganzen Menschen aus der Tierreihe heraus. 

Nur das wird der Weg sein, um wiederum zur Moglichkeit zu kom- 
men, uberhaupt in diesem Menschen, wie er vor uns steht, nicht auf der 
einen Seite ein blofi Geistig-Seelisches, das nur in einem Leibe wohnt, 
zu sehen, und auf der anderen Seite ein seelenloses Leibliches, sondern 



zu schauen das Konkret-Geistige, das da arbeitet, wenn auch in einer 
luziferischen Weise, an dem menschlichen Haupte, das Konkret- 
Gottlich-Geistige, das an dem ganzen Menschen arbeitet, das einen 
Gegner allerdings bekommt in der aufier dem Haupte befindlichen 
Organisation in der ahrimanischen Natur. 

In Imaginationen gesprochen, konnen wir zuriickweisen darauf, 
wie das Luziferische dem Menschen einverleibt worden ist durch den 
Michael-Impuls; durch dasjenige, was der Michael geworden ist, mufi 
ihm nun wiederum das Ahrimanische genommen werden. Vor unserer 
aufieren Wissenschaft steht heute unserem Bewulksein gegeniiber der 
Mensch so, als ware das die Wahrheit, was wir durch Anatomie, Phy- 
siologie und so weiter erkennen, oder was wir in der aufieren Sinnes- 
beobachtung an dem Menschen vor uns haben. Wir miissen fahig wer- 
den, den Menschen so anzusehen, dafi wir in jeder seiner Fibern das 
Geistige, das konkret-geistige Wesen mit dem Leiblichen schauen. Wir 
miissen uns bewufit sein: Im lebendigen Menschen rinnendes Blut ist 
nicht dasjenige, was wir abtropfen lassen, sondern dieses im lebendigen 
Menschen rinnende Blut ist durchgeistigt in einer besonderen Art. Aber 
wir miissen den Geist kennenlernen, der durch das Blut pulst. Wir miis- 
sen den Geist kennenlernen, der durch das Nervensystem dann pulsiert, 
wenn das Nervensystem gerade in einer Absterbephase ist und so weiter. 
Wir miissen in alien einzelnen LebensauiSerungen das geistige Element 
mit sehen konnen. 

Michael ist der Geist der Starke. Er raufi befahigen, indem er in die 
Menschheitsentwickelung einzieht, nicht die abstrakte Geistigkeit auf 
der einen Seite zu haben, und auf der anderen die Materialitat, die wir 
beklopfen, die wir durchschneiden, und von der wir keine Ahnung 
haben, dafi sie im Grunde genommen nur eine aufiere Offenbarungs- 
form auch des Geistigen ist, Michael mufi uns durchdringen als die 
starke Kraft, die das Materielle durchschauen kann, indem sie im 
Materiellen zu gleicher Zeit das Geistige sieht, indem im Materiellen 
iiberall der Geist gesehen wird. Auf eine alte Stufe des Menschheits- 
bewufitseins wurde hingewiesen, da wurde gesagt: Es lebte in dieser 
alten Zeit das Wort in geistiger Weise, aber das Wort ist Fleisch ge- 
worden und hat unter uns gewohnet - so driickt es der Evangelist aus. 



Es hat sich vereinigt mit dem Fleische das Wort, und die Michael- 
Offenbarung ist dem vorangegangen. Das alles sind Vorgange im 
menschlichen Bewufitsein, auf die da hingedeutet wird. Der umgekehrte 
Prozefi mufi beginnen, dieser umgekehrte Prozefi, der darinnen besteht, 
dafi man zu dem Worte des Evangelisten ein anderes hinzuzufiigen hat. 
In unserem Bewufitsein mufi die Kraft sich ansetzen, zu sehen, wie der 
Mensch aufnimmt dasjenige, was aus geistigen Welten durch den 
Christus-Impuls sich mit der Erde vereinigt hat und mit der Mensch- 
heit sich verbinden mufi, damit die Menschheit nicht mit der Erde 
zugleich zugrunde gehe. Gesehen mufi werden, wie der Mensch nicht 
nur in sein Haupt herein, sondern in seinen ganzen Menschen auf- 
nimmt das Geistige, wie er sich ganz durchdringt mit dem Geistigen. 
Dazu kann nur der Christus-Impuls helfen. Dazu mufi aber auch die 
Interpretation des Christus-Impulses durch den Michael-Impuls helfen. 
Dann wird hinzugefiigt werden konnen zu den Worten des Evange- 
listen: Und die Zeit mufi kommen, da das Fleisch wiederum zum Worte 
wird und lernet im Reich des Wortes zu wohnen. 

Es ist nicht eine Erfindung irgendeines spateren Hinzuschreibers, 
wenn am Schlufi der Evangelien steht, dafi manches ausgelassen ist. Mit 
diesem ist zugleich hingewiesen auf dasjenige, was erst nach und nach 
sich der Menschheit enthiillen kann. Der versteht die Evangelien 
schlecht, der sie so betrachtet, als ob sie zu bleiben haben, wie sie sind, 
und nicht angetastet werden diirfen. Sie miissen ausgelegt werden nach 
dem Worte des Christus Jesus, das sagte ich immer zu Ihnen: Ich bin bei 
euch alle Tage bis ans Ende der Erdenzeiten. - Das heifit aber: Ich habe 
mich euch nicht nur geoffenbart in den Tagen, in denen die Evangelien 
geschrieben sind, ich werde durch meinen Taggeist Michael herein- 
sprechen zu euch immerdar, wenn ihr den Weg zu mir sucht. Ihr werdet 
hinzufiigen diirfen durch die fortlaufende Christus-Offenbarung zu 
den Evangelien, was zwar nicht im Evangelium des ersten Jahrtausends, 
wohl aber im Evangelium des zweiten Jahrtausends gewufit werden 
kann, und zu dem immer Neues hinzugefiigt werden kann in den fol- 
genden Jahrtausenden. - Denn so wahr es ist, was in dem Evangelium 
steht: Im Urbeginne war das Wort, und das Wort ist Fleisch geworden 
und hat unter uns gewohnet - ebenso wahr ist es, dafi wir hinzufiigen 



miissen der Offenbarung: und das Menschenfleisch mufi wiederum 
durchgeistigt werden, damit es fahig werde, im Reiche des Wortes zu 
wohnen, urn zu schauen die gottlichen Geheimnisse. - Die Fleisch- 
werdung des Wortes ist die erste Michael-Offenbarung, die Geist- 
werdung des Fleisches mufi die zweite Michael-Offenbarung sein. 



DRITTER VORTRAG 



Dornach, 23. November 1919 



Vorgestern habe ich hier davon gesprochen, wie wir als Mitglieder der 
Menschheit zunachst einmal in einer Sphare leben, die wir bezeichnen 
konnen als unsere vierte Entwickelungssphare. Wir wissen, dafi die 
Erdenentwickelung so vor sich gegangen ist, dafi dasjenige, was jetzt 
Erdenentwickelimg ist, sich nach und nach herausgestaltet hat aus der 
Saturnentwickelung, dafi daraus die Sonnenentwickelung geworden ist, 
daraus die Mondenentwickelung, daraus die Erdenentwickelung. Wenn 
wir nun diese vier aufeinanderfolgenden Gestaltungen des Erden- 
planeten, zu dem selbstverstandlich die Menschheit als solche gehort, 
ins Auge fassen, so diirfen wir auf den Menschen nur sehen, insofern der 
Mensch ein Haupteswesen ist. Wir miissen uns aber auch klar sein 
dariiber, dafi, indem wir so sprechen, fur uns alles, was wir als Haupt 
des Menschen bezeichnen, der symbolische Ausdruck ist fur dasjenige, 
was dem menschlichen Sinneswahrnehmen angehort, was der mensch- 
lichen Intelligenz angehort, und was wiederum ins soziale Leben iiber- 
fliefit durch die menschliche Sinneswahrnehmung, durch die mensch- 
liche Intelligenz. Auch alles das, was der Mensch in seiner Entwicke- 
lung durchmacht dadurch, dafi er Sinneswahrnehmungswesen ist, da- 
durch dafi er ein intelligentes Wesen ist, alles das miissen wir umf assen. 
So dafi gewissermafien, wenn ich sage «der Mensch als Haupteswesen », 
dies bildlich gesprochen ist fur all das andere, was ich eben erwahnt 
habe. 

Wir sprechen leichten Herzens davon, dafi wir als physische Men- 
schen im Luftkreis drinnen sind. Wir miissen auch einsehen, dafi dieser 
Luftkreis zu uns selber gehort. Denn, nicht wahr, diejenige Luft, die 
eben jetzt in uns ist, war vor kurzer Zeit noch aufier uns. Wir sind als 
Menschen aufierhalb dieses Luftkreises gar nicht denkbar. Aber wir 
haben uns sogar gewohnt als moderne Menschheit zu glauben, es ware 
auch friiher so gewesen - was gar nicht der Fall ist -, von diesen Dingen 
wie der Luft und dergleichen nur in der modernen Art zu sprechen. Wir 
f inden es heute schon absonderlich, wenn wir davon sprechen, dafi wir, 



ebenso wie wir in der Luft wandeln, in einer Sphare wandeln, welche 
gewissermafien die Bedingungen dazu enthalt, dafi wir Sinneswesen, 
dafi wir intelligente Wesen sind, kurz, dafi wir alles das an uns haben, 
was in dem eben erwahnten Sinne symbolisch ausgedriickt werden 
kann dadurch, dafi wir Haupteswesen sind. Nun aber habe ich Ihnen 
gesagt, dafi dieses eben nur die eine Sphare ist, in der wir sind. Wir 
befinden uns jedoch in verschiedenen Spharen und wollen jetzt zu einer 
menschheitlich praktischen Sphare vorschreiten und alles das ins Auge 
f assen, worin wir dadurch leben, dafi unserer Erde drei Entwickelungs- 
stadien vorangegangen sind und wir in dem vierten sind. Das alles wol- 
len wir durch diese Kreisflache charakterisiert sein lassen, in der wir 
darinnen leben gewissermafien als in unserer vierten Entwickelungs- 

Tafel 4 sphare (die innere Kreisflache wird gezeichnet: orange). Aufierdem le- 
ben wir in einer anderen Entwickelungssphare dadurch, dafi diese Ent- 
wickelungssphare so zu den geistigen Wesenheiten, die unsere Schopfer 
sind, gehort, wie diese vierte Entwickelungssphare zu uns gehort. Sehen 
wir jetzt zunachst einmal von uns Menschen ab, sehen wir auf die- 
jenigen Wesen, die wir immer genannt haben in der Reihenfolge der 
iiber uns stehenden Hierarchien die Geister der Form, die Geister alles 
schopferischen Formwesens, so miissen wir so sprechen, dafi wir die 
Sphare, die wir diesen unseren schopferisch gottlichen Geistern zu- 
schreiben, als Menschen erst erreichen, wenn die Erde noch drei weitere 
Entwickelungsstadien, die Sie in meiner «Geheimwissenschaft im Um- 
rifi» als Jupiterstadium, Venusstadium, Vulkanstadium bezeichnet 
finden, durchschritten hat und beim achten Stadium angekommen ist. 
Da also, wo wir Menschen stehen werden nach der Vulkanentwicke- 
lung, stehen diese schopferischen Geister. Da ist ihre Sphare, die zu 
ihnen so gehort, wie die vierte Sphare zu uns. Aber diese zwei Spharen 
miissen wir uns ineinandergeschoben, einander durchdringend denken. 

Tafel 4 (Uber die erste Kreisflache wird eine grofiere gezeichnet: gelb.) 
Wenn ich also die andere Sphare, die ich jetzt genannt habe, als die 
achte bezeichne, so leben wir eben nicht blofi in der vierten, sondern 
auch in dieser achten Sphare, dadurch, dafi mit uns zusammen unsere 
gottlichen Schopfer in dieser Sphare leben. 

Wenn Sie nun diese achte Sphare ins Auge fassen, dann leben dar- 




Tafel 4 



innen aber nicht nur unsere gottlichen Schopfergeister, sondern dar- 
innen leben aufierdem die ahrimanischen Wesenheiten. So dafi dadurch, 
dafi wir in der Umgebung der achten Sphare leben, wir zusammen mit 
unseren von uns als unsere gottlichen Machte empfundenen Geistern 
leben, aber auch mit den ahrimanischen Wesenheiten. In der vierten 
Sphare leben mit uns, genau gesprochen, die luziferischen Geister. So 
also stent es gewissermafien mit der Verteilung dieser geistigen Wesen- 
heiten. Wir konnen auf diese geistigen Wesenheiten nunmehr eingehen, 
wenn wir erf assen dasjenige, was mit den entsprechenden Umgebungen 
dieser Spharen von uns selbst in Verbindung steht. 

Da offenbart sich dem Schauen der Initiationswissenschaf t zunachst, 
dafi dadurch, dafi wir in der vierten Sphare unserer Entwickelung leben, 
wir, wie gesagt, wahrnehmende und intelligente Wesen sind. Aber wir 
diirfen nie vergessen, dafi eben in diese Intelligenz, wobei wir immer 
die Sinneswahrnehmungen mit der Intelligenz zugleich bezeichnen 
wollen, hereinspielt die luziferische Macht. Diese luziferische Macht ist 
eigentlich innig verbunden mit der besonderen Art von Intelligenz, die 
heute noch der Mensch wesentlich als seine eigentliche, ihm zukom- 
mende Intelligenz ansieht, mit der er am liebsten als seiner Intelligenz 
wirtschaftet. Und dennoch, diese Intelligenz ist dem Menschen nur 
dadurch zugeteilt worden, dafi jene hohere Wesenheit, von der ich als 
der Michael-Wesenheit gesprochen habe, luziferische Geister herab- 



gestofien hat in die Sphare der Menschen, in die vierte Sphare der Men- 
schen, und dadurch in den Menschen der intelligente Impuls eigentlich 
hineingekommen ist. 

Sie konnen fiihlen, was dieser intelligente Impuls in der Menschheit 
bedeutet, wenn Sie das unpersonliche Element der noch gegenwartigen 
menschlichen Intelligenz ins Auge fassen. Nicht wahr, wir Menschen 
haben viele personliche Interessen. Wir begegnen einander mit unseren 
personlichen Interessen, und in bezug auf unsere personlichen Interes- 
sen sind wir eben individualisiert. Aber diese Individualisierung macht 
Halt vor der Intelligenz. In bezug auf die Intelligenz, in bezug auf die 
Logik haben wir, alle Menschen, das Gleiche und rechnen mit diesem 
Gleichen. Dieses Gleiche hatten wir nicht, wenn nicht der luziferische 
Einflufi, durch Michael vermittelt, auf die Menschheit ausgeubt wor- 
den ware. 

Wir verstehen uns in dieser einfachen Weise nur dadurch, daft wir 
eine gemeinsame Intelligenz haben, nur dadurch, dafi die gemeinsame 
Intelligenz eben von der luziferischen Geistigkeit herriihrt. Nun, diese 
luziferische Geistigkeit, sie ist entstanden dadurch, dafi Michael die 
Menschen sozusagen durchdrungen, influenziert hat mit der luziferi- 
schen Wesenheit. Diese luziferischen Einfliisse, sie haben sich in der 
menschlichen Geschichtsentwickelung weiter ausgestaltet. Neben ihnen 
hat sich manches andere im Menschen entwickelt. Aber heute noch 
immer wird diese luziferische Geistigkeit, die wir unsere Intelligenz 
nennen, als das den Menschen eigentlich Auszeichnende in weitesten 
Kreisen empfunden. 

Sie miissen, um sich vielleicht die Sache noch klarer zu machen, 
einmal Ihre Seelenblicke richten auf etwas anderes, was uns Menschen 
auch sogar fiber die ganze Erde hin zusammenfiihren kann, wenn es 
einmal iiber die ganze Erde hin sich verbreitet. Das ist der Christus- 
Impuls. Aber der Christus-Impuls ist etwas anderes als der Intelligenz- 
Impuls. Der Intelligenz-Impuls hat etwas Zwingendes. Sie konnen 
nicht die Intelligenz der Menschheit zu Ihrer personlichen Angelegen- 
heit machen. Sie konnen nicht plotzlich sich entschliefien, irgend etwas, 
was durch Intelligenz zu entscheiden ist, personlich zu entscheiden, 
ohne dafi Sie eben herausf alien aus dem sozialen Leben der Menschheit 



als wahnsinnig. Aber Sie konnen auf der anderen Seite auch wiederum 
kein anderes Verhaltnis zu dem Christus-Impuls gewinnen, als ein per- 
sonliches. Es kann niemand im Grunde genommen dem anderen hinein- 
sprechen in das Verhaltnis, in das der andere sich zu Christus versetzen 
will. Das ist eine personliche Angelegenheit letzten Endes. Aber da- 
durch, daft der Christus durch das Mysterium von Golgatha gegangen 
ist und mit der Erdenentwickelung sich verbunden hat, ist es so, dafi, 
wenn ganz unabhangig voneinander noch so viele Menschen den 
Christus-Impuls zu ihrem personlichen machen, so wird er ganz von 
selber der gleiche. Das heifit: die Menschen werden zusammengefuhrt 
durch etwas, was jeder fiir sich macht, nicht zwangsweise, wie durch 
die Intelligenz, sondern dadurch, dafi eben durch den Christus-Impuls 
selber sich das Verhaltnis in jedem Menschen zu dem Christus so bildet, 
dafi es bei jedem Menschen, indem es sich in der richtigen Weise bildet, 
dasselbe ist. Das ist der Unterschied zwischen dem Intelligenz-Impuls 
und dem Christus-Impuls. Der Christus-Impuls kann iiber die ganze 
Menschheit hin gleich sein und ist doch fiir jeden einzelnen eine person- 
liche Angelegenheit. Die Intelligenz ist nicht eine personliche An- 
gelegenheit. 

Nun, wo hinein ist denn der Christus-Impuls gef alien? Das konnen 
wir uns beantworten nach Andeutungen, die ich schon gegeben habe. 
Wir wissen, die Kopfentwickelung ist schon eine riickschreitende, eine 
rucklaufige. In bezug auf sein Haupt ist der Mensch gewissermaften in 
einem fortwahrenden Absterben drinnen. So dafi wir also auf die kos- 
mische Tatsache hinweisen konnen: Michael hat die luziferischen 
Scharen in das Reich der Menschheit heruntergestofien. Die luziferi- 
schen Scharen haben so zu ihrem Wohnsitz das menschliche Haupt 
bekommen, aber das menschliche Haupt im absterbenden Charakter. 

Hier begannen sie, diese luziferischen Scharen, fortdauernd gegen 
das Absterben des menschlichen Hauptes anzukampfen. Und hier be- 
riihren wir ein zwar altbekanntes, in den verschiedensten Formen be- 
kanntes, aber der neueren Menschheit fast ganz verhiilltes Geheimnis 
der Menschennatur. Der Mensch tragt, wenn man seine gottliche Ent- 
wickelung ins Auge fafit, in seinem Haupt eine absterbende Entwicke- 
lung, ein fortwahrendes Ersterben. Aber diesem fortwahrenden Er- 



sterben geht ein Anfachen des Lebens von seiten Luzifers parallel. 
Fortwahrend will Luzifer unser Haupt zu einem so lebendigen machen, 
wie unser iibriger Organismus ein lebendiger ist. Dadurch wiirde, wenn 
man auf das Organische sieht, Luzifer abtriinnig machen die Mensch- 
heitsentwickelung von ihrer gottlichen Richtung, wenn es ihm gelange, 
tatsachlich das menschliche Haupt so zu beleben, wie der iibrige Orga- 
nismus des Menschen belebt ist. 

Aber dagegen eben mufi die gottliche Richtung der menschlichen 
Entwickelung sich wenden. Denn der Mensch mufi verbunden bleiben 
mit der Erdenentwickelung, damit er mit der folgenden Erdenentwik- 
kelung durch die Jupiter-, Venus- und Vulkanentwickelung weiter- 
gehen konne. Der Mensch wiirde diesen Weg, der ihm vorgezeichnet 
ist, nicht gehen, sondern er wiirde einem Kosmos einverleibt werden, 
der durch und durch intelligent ware, wenn Luzifer sein Ziel erreichen 
wiirde. 

Ich mochte sagen, physiologisch gesprochen ist es eben so, dafi Luzi- 
fer fortwahrend in uns so tatig ist, dafi er uns die Lebenskrafte, die das 
Haupt des Menschen durchdringen wollen, heraufsendet aus unserem 
ubrigen Organismus. Seelisch gesprochen, will Luzifer fortwahrend 
unserem Intelligenzinhalte, der ja nur Gedanken umschliefk, Bilder 
umschliefit, einen substantiellen Inhalt geben. Luzifer hat fortwahrend 
die Tendenz - ich spreche dasselbe, was ich vorhin physisch gesprochen 
habe, jetzt seelisch -, Luzifer hat fortwahrend die Tendenz, wenn wir 
formen, im Geiste ein Bild formen, irgend etwas, was meinetwillen 
kiinstlerische Gestaltung ist, dem einen wirklichen substantiellen Gehalt 
zu geben, also unsere Gedankeninhalte, unsere Vorstellungsinhalte zu 
durchdringen mit der gewohnlichen irdischen Wirklichkeit. Dadurch 
wiirde er dasjenige erreichen, daft wir als Menschen verliefien die andere 
Wirklichkeit und in eine Gedankenwirklichkeit uberfliegen wiirden, 
die dann eine Realitat ware, nicht blofie Gedanken ware. Diese Ten- 
denz ist fortwahrend mit unserem Menschenwesen verbunden, dafi 
unsere Phantasien Wirklichkeiten werden sollen, und die grofitdenk- 
baren Anstrengungen werden gemacht, damit die menschlichen Phan- 
tasien Wirklichkeiten werden konnen. 

Nun hangt aber alles dasjenige, was es in der Menschheit gibt an 



inneren Krankheitsursachen, mit dieser luziferischen Tendenz zusam- 
men. Das Durchschauen der Arbeit Luzifers in dieser Beziehung, des 
Hineinpressens von Vitalitatskraften in die absterbenden Krafte des 
menschlichen Hauptes, das bedeutet in Wahrheit letzten Endes die 
Diagnose samtlicher innerer Krankheiten. Und naturwissenschaftlich- 
medizinische Entwickelung mufi dahin gehen, auf dieses luziferische 
Element zuletzt die Erkenntnis aufzubauen. Dies, einen solchen Ein- 
schlag zu geben, gehort zu den Tendenzen des in unsere menschliche 
Entwickelung hereinbrechenden Michael-Einflusses. 

Umgekehrt ist der ahrimanische Einflufi da. Er macht sich zunachst 
geltend aus der achten Sphare heraus, aus der geschaffen ist unser 
iibriger Organismus - aufier dem Haupte -, der ist voller Vitalitat, er 
ist durch seine eigene Organisation fiir die Vitalitat geschaffen. Da 
hinein wirken nun die ahrimanischen Machte. Die sind umgekehrt 
bestrebt, in die Vitalitatskrafte des iibrigen Organismus hineinzusen- 
den die Todeskrafte, die eigentlich der gottlichen Entwickelung nach 
in das Haupt gehoren. So dafi wir aus der achten Sphare heraus die 
Krafte des Todes in dieser Weise durch den Umweg des Ahriman ver- 
mittelt erhalten. Das ist wiederum physisch gesprochen. 

Seelisch gesprochen miifite ich mich so ausdriicken: Es wirkt alles 
dasjenige, was aus dieser achten Sphare hereinwirkt, auf den mensch- 
lichen Willen, nicht auf die Intelligenz. Aber dem menschlichen Willen 
liegt der Wunsch zugrunde; in dem Willen steckt immer etwas vom 
Wiinschen. Dasjenige, was als Wunschnatur zugrunde liegt dem Wollen, 
in das versucht fortwahrend Ahriman hineinzubringen das personliche 
Element des Menschen. Und dadurch, dafi in der Wunschnatur das per- 
sonliche Element des Menschen verborgen liegt, dadurch ist unsere 
menschliche Seelen-Willenstatigkeit eben ein Abdruck unseres Ent- 
gegengehens dem Tode. Statt dafi wir uns von den gottlichen Idealen 
durchdringen lassen, diese hineindringen lassen in unser Wiinschen und 
dadurch in unseren Willen, wird etwas Personliches in unser Wiinschen, 
in unsern Willen hineingebracht. 

So sind wir wirklich in dem Gleichgewichtszustande zwischen dem 
luziferischen und dem ahrimanischen Elemente. Das luziferisch-ahri- 
manische Element iiberliefert uns Krankheit und Tod im Physischen, 



im Seelischen entwickelt es uns all dasjenige, was als Tauschung auftritt 
dadurch, dafi wir das eine oder das andere, was nur der Gedankenwelt, 
Vorstellungswelt, Phantasiewelt angehort, als eine Wirklichkeit an- 
sehen. In bezug auf das geistige Element ferner dringt gerade die Be- 
gierde des Egoismus auf diesem Wege in unser Menschenwesen ein. 

Nun, so sehen wir verbunden mit der Menschennatur diese Dualitat 
Luzifer-Ahriman. Und wie sich die moderne zivilisierte Menschheit 
iiber diese Dualitat tauscht, tauschen kann, das habe ich Ihnen an 
Miltons «Verlorenem Paradies», an Klopstocks «Messias» und an 
Goethes «Faust» erlautert. Nun handelt es sich darum, dafi wir als 
Menschheit in der Erdenentwickelung an einem Punkt angelangt sind, 
der sich dadurch charakterisieren lafit, dafi wir gewissermafien die 
Mitte der Erdenentwickelung schon iiberschritten haben. Nicht wahr, 
Tafel 5 die Sache ist so (es wird gezeichnet) : Die Erdenentwickelung war zu- 
nachst eine ansteigende, erreichte einen Hohepunkt, ist seit jener Zeit 
eine absteigende. Aus gewissen Griinden, die wir heute nicht zu erortern 
brauchen, war eine Art von gleichbleibendem Niveau bis in die grie- 
chisch-lateinische Zeit, bis in das 15. Jahrhundert herein. Seit jener Zeit 
ist aber die Erdenmenschheitsentwickelung eine wirklich absteigende. 



Tafel 5 "" '"' "" '0"< >„, 



Die physische Erdenentwickelung ist schon viel langer eine abstei- 
gende. Schon in der Zeit, die unserer letzten Eiszeit vorangegangen ist, 
also vor der atlantischen Katastrophe, begann die absteigende Erden- 
entwickelung in physischer Beziehung. Das ist etwas, was man heute 
nicht als Anthroposoph den Leuten zu sagen braucht, das ist etwas, was 
die Geologie bereits weifi, wie ich ofter erwahnt habe, dafi, indem wir 
heute iiber die Erdschollen hiniiberschreiten, an zahlreichen Erden- 
stellen wir bereits die absteigende Erdenrinde zu iiberschreiten haben. 
Sie brauchen nur in besseren Geologien die Beschreibungen der Erden- 



entwickelung nachzulesen, so werden Sie das auch heute schon als das 
Ergebnis der physischen Wissenschaft konstatieren konnen, dafi die 
Erde auf der absteigenden Stuf e ihrer Entwickelung ist. Aber auch das- 
jenige, was in uns Menschen west, das ist auch in absteigender Ent- 
wickelung. Wir haben nicht mehr zu rechnen darauf als Menschen, dafi 
uns aus unserer Leibesentwickelung herauf noch irgendein Aufschwung 
kommt. Wir miissen den Aufschwung ergreifen dadurch, dafi wir auf 
den Menschen hinschauen lernen in dem, wodurch er aus der Erden- 
entwickelung hinaus zu den folgenden Gestalten der Erdenentwicke- 
lung fiihrt. Wir miissen lernen auf den Zukunftsmenschen schauen. Das 
heifit michaelisch denken. Ich will Ihnen genauer charakterisieren, was 
michaelisch denken heifit. 

Wenn Sie heute Ihrem Nebenmenschen gegeniibertreten, so treten 
Sie ihm eigentlich mit einem ganz materialistischen Bewufitsein gegen- 
iiber. Sie sagen sich, wenn Sie dieses auch nicht laut, nicht einmal im 
Gedanken sagen, aber Sie sagen es sich eigentlich in den intimeren Griin- 
den Ihres Bewufitseins: Das ist ein Mensch aus Fleisch und Blut, das ist 
ein Mensch aus Erdenstoffen. Sie sagen sich das auch beim Tiere, Sie 
sagen sich das auch bei der Pflanze. Aber das, was Sie sich da Mensch, 
Tier, Pflanze gegeniiber sagen, sagen Sie sich mit Recht nur dem Mine- 
ral gegeniiber, nur der mineralischen Wesenheit 
gegeniiber. Fassen wir gleich den extremsten 
Fall, den Menschen, auf. Nehmen wir, so wie er 
durch die aufiere Erscheinung formiert ist, den 
Menschen zunachst in bezug auf seine aufiere 
Gestalt. (Es wird gezeichnet) : Das, was er so als Tafel 5 
seine auftere Gestalt ist, das sehen Sie gar nicht 
in Wirklichkeit, dem treten Sie gar nicht mit 
Ihrem physischen Wahrnehmungsvermogen ent- 
gegen, sondern das ist ausgefiillt, sogar zu mehr 
als neunzig Prozent, mit Fliissigkeit, mit Was- 
ser. Und das, was da als Mineralisches ausfiillt 
die Gestalt, das sehen Sie mit Ihren physischen 
Augen. Was der Mensch von der aufieren mine- 
ralischen Welt mit sich vereinigt, das sehen Sie. 




Den Menschen, der das vereinigt, den sehen Sie nicht. Sie reden nur 
rich tig, wenn Sie sich sagen: Dasjenige, was da vor mir stent, das sind 
die Stoffpartikelchen, die die menschliche Geistgestalt in sich auf- 
speichert, das macht mir das Unsichtbare, was da vor mir stent, sicht- 
bar. - Der Mensch ist unsichtbar, richtig unsichtbar. Sie alle sind hier, 
wie Sie hier sitzen, unsichtbar fur physische Sinne. Nur sitzen so und so 
viele Gestalten da, die haben durch eine gewisse innere Anziehungskraf t 
Stoffpartikelchen so angesammelt (es wird gezeichnet) : Die sieht man, 
diese Stoffpartikelchen. Man sieht nur Mineralisches. Die wirklichen 
Menschen, die hier sitzen, sind unsichtbar, sind ubersinnlich. Dafi man 



Wir sprechen von ahrimanischen Wesenheiten und von luzif erischen 
Wesenheiten, wir sprechen von den Wesenheiten der Hierarchie der 
Angeloi, Archangeloi, Archai und so weiter. Das sind unsichtbare We- 
senheiten. Wir lernen sie erkennen an ihren Wirkungen. Wir haben viele 
von diesen Wirkungen besprochen, auch jetzt in diesen Tagen wieder- 
um. Wir lernen diese Wesenheiten erkennen aus dem, was sie tun. Ja, ist 
es denn mit den Menschen anders? Wir lernen den Menschen, der un- 
sichtbar ist, hier in der physischen Welt dadurch kennen, dafi er mine- 
ralische Partikelchen in einer menschenahnlichen Form so anordnet, so 
iibereinanderlagert. Das ist aber nur eine Tatigkeit, eine Wirkung des 
Menschenwesens. Dafi wir auf eine andere Weise uns die Wirkungen 
von Ahriman und Luzifer, die Wirkungen von Angeloi, Archangeloi, 
Archai und so weiter klarmachen miissen, das heifit eben nur, diese 
Wesenheiten auf eine andere Art kennenlernen. Aber in bezug darauf, 
dafi diese Wesenheiten ubersinnlich sind, unterscheiden sie sich von uns 



5 




sich mit vollem Bewufitsein in jedem Augenblick 
seines wachen Lebens so etwas sagt, das macht 
die michaelische Denkweise aus, dafi man auf- 
hort, den Menschen anzuschauen als dieses Kon- 
glomerat von mineralischen Partikelchen, die 
er nur in einer gewissen Weise anordnet. Die 
Tiere tun es auch, die Pf lanzen tun es auch, nur 
die Mineralien tun es nicht. Dafi man sich des- 
sen bewufit wird: Wir wandeln unter unsicht- 
baren Menschen - das heifit michaelisch denken. 



gar nicht, wenn wir nur mit Vernunft an das herangehen, was Men- 
schenwesen ist. 

Sehen Sie, das ist michaelisch denken: einzusehen, dafi wir uns im 
Wesen ja gar nicht unterscheiden von den libersinnlichen Wesenheiten. 
Die Menschheit konnte ohne dieses Bewufitsein auskommen, als ihr 
noch die Minerale etwas gaben. Aber seit die mineralische Welt in ab- 
steigender Entwickelung ist, ist der Mensch angewiesen, hineinzuwach- 
sen in eine geistige Auffassung seiner selbst und der Welt. Dafi wir die 
innere Kraft finden konnen, dafi wir wirklich nicht mit dem Bewufit- 
sein durch die Welt zu gehen brauchen, diese regelmafiige Stof fpartikel- 
chen-Anhaufung sei der Mensch, sondern der Mensch sei ein iibersinn- 
liches Wesen, diese Stoffpartikelchen deuteten uns nur hin mit einer 
Gebarde der aufleren mineralischen Welt: da ist ein Mensch - die Kraft, 
solches Bewufttsein zu entwickeln, die kann der Mensch haben seit den 
siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts, die kann er in hoherem Mafie 
haben. Und nur wegen der ahrimanischen Einfliisse, wie ich sie charak- 
terisiert habe vor acht Tagen hier, wehrt der Mensch dieses innere Be- 
wufltsein zuriick, will er an dieses innere Bewufksein nicht herantreten. 
Eins hangt mit dem anderen zusammen im Menschenleben. Und so wie 
wir unter dem Irrwahn herumgehen, der Mensch sei ein sinnliches 
Wesen, nicht ein iibersinnliches Wesen, so gehen wir unter anderen Irr- 
wahnen herum. Wir sprechen von Entwickelung und denken immer, 
nun, das geht so hintereinander vorwarts, immer weiter und weiter. Sie 
wissen, das war nicht moglich, eine solche Entwickelung kunstlerisch zu 
gestalten an unserem Bau. Als ich die Kapitale ausgestaltete, da mufite 
ich das erste, zweite, dritte Kapital in aufsteigender Entwickelung 
zeigen, das vierte steht in der Mitte, das fiinfte steht in absteigender 
Entwickelung, das sechste ist wieder einfacher, das siebente am ein- 
fachsten wieder. Da mufite ich zu der aufsteigenden Entwickelung die 
absteigende Entwickelung hinzufugen. 

Die haben wir tatsachlich in unserem Haupte. Wahrend unser iibriger 
Organismus noch in einer aufsteigenden Entwickelung ist, befindet sich 
unser Haupt bereits in absteigender Entwickelung. Dann, wenn man 
glaubt, Entwickelung lage nur im Aufsteigen vor, dann entfernt man 
sich von der wahren Wirklichkeit, dann redet man so, wie Haeckel 



unter gewissem Irrwahn-Einflufi geredet hat: erst einf ache Wesen, dann 
Weiterentwickelung, wieder kompliziertere Wesen und so weiter ins 
Unendliche fort, immer komplizierter, immer vollkommener. Das ist 
Unsinn. Jede Entwickelung, die vorwartsschreitet, tritt auch wiederum 
den Ruckweg an. Alles Aufsteigen wird gefolgt von einem Absteigen, 
und alles Aufsteigen tragt schon die Anlage zum Absteigen in sich. Das 
gehort zu den verfanglichsten Tauschungen der neueren Menschheit, 
dafi dieser neueren Menschheit abhandengekommen ist der Zusammen- 
hang zwischen Evolution und Devolution, Entwickelung und wieder- 
um rucklauf igem Werden. Denn wo auf steigende Entwickelung ist, da 
mul5 sich die Anlage zu riicklaufiger Entwickelung ergeben. Dann geht 
in dem Momente, wo eine aufsteigende Entwickelung anfangt riick- 
laufig zu werden, das Physische in die geistige Entwickelung hinein. 
Denn sobald das Physische beginnt rucklaufig zu werden, ist fiir eine 
geistige Entwickelung Platz. In unserem Haupte ist fiir eine geistige 
Entwickelung Platz, weil eine physisch riicklaufige Entwickelung da 
ist. Wir werden aber nicht friiher das Menschen wesen und damit die 
iibrige Welt durchschauen, bevor wir in die Lage kommen, die Dinge 
im rechten Lichte zu sehen, also unsere Intelligenz wirklich in den Zu- 
sammenhang mit der luziferischen Entwickelung zu bringen, so wie ich 
es dargestellt habe. Denn dann werden wir diese Dinge in der richtigen 
Weise bewerten und werden wissen, dafi unsere Intelligenz einen Ein- 
schlag braucht, wenn sie tatsachlich den Menschen an sein Ziel bringen 
soli. Es mufi Luzifer verhindert werden durch das Christus-Prinzip, 
den Menschen abtriinnig zu machen von seiner ihm vorbestimmten 
gottlichen Richtung. 

Ich sagte schon, eins hangt mit dem anderen zusammen. Sehen Sie, 
der Mensch ist unter dem Einflusse desselben Irrwahns, der den gott- 
lichen Machten gewisse luziferische Eigenschaften beigelegt hat, heute 
geneigt, einseitig in der Darstellung des Schonen zum Beispiel ein Ideal 
zu sehen. Gewifi, man kann das Schone als solches darstellen. Aber man 
mufi sich bewufit sein: Wiirde man sich nur an das Schone hingeben als 
Mensch, dann wiirde man in sich kultivieren diejenigen Krafte, die in 
das luziferische Fahrwasser hineinfiihren. Denn in der wirklichen Welt 
ist ebensowenig wie die einseitige Entwickelung - zu der die riicklaufige 



gehort, zu der Evolution die Devolution - einseitig vorhanden das blofte 
Schone. Das blofte Schone, verwendet von Luzifer, um die Menschen 
zu fesseln, zu blenden, wiirde gerade die Menschheit frei machen von 
der Erdenentwickelung und sie nicht mit der Erdenentwickelung zu- 
sammenhalten. In der Wirklichkeit haben wir, so wie mit einem In- 
einanderspiel von Evolution und Devolution, es zu tun mit einem 
Ineinanderspielen, und zwar einem harten Kampf e der Schonheit gegen 
die Hafilichkeit. Und wollen wir Kunst wirklich fassen, so diirfen wir 
niemals vergessen, daft das letzte Kiinstlerische in der Welt das Inein- 
anderspielen, das Im-Kampfe-Zeigen des Schonen mit dem Haftlichen 
sein mufi. Denn allein dadurch, daft wir hinblicken auf den Gleich- 
gewichtszustand zwischen dem Schonen und dem Haftlichen, stehen 
wir in der Wirklichkeit darinnen, nicht einseitig in einer nicht zu uns 
gehorigen Wirklichkeit, die aber mit uns erstrebt wird in der luziferi- 
schen, in der ahrimanischen Wirklichkeit. Es ist sehr notwendig, daft 
solche Ideen, wie ich sie eben geaufiert habe, in die menschliche Kultur- 
entwickelung einziehen. In Griechenland - Sie wissen, mit welchem 
Enthusiasmus ich von dieser Stelle aus oftmals iiber die griechische Bil- 
dung gesprochen habe -, da konnte man sich einseitig der Schonheit 
widmen, denn da war noch nicht die Menschheit von der absteigenden 
Erdenentwickelung ergriffen, wenigstens nicht im Griechenvolke. Seit 
jener Zeit aber darf der Mensch den Luxus sich nicht mehr gonnen, 
etwa bloft das Schone zu kultivieren. Das wiirde Flucht aus der Wirk- 
lichkeit sein. Er mufi sich kiihn und tapfer gegeniiberstellen dem realen 
Kampfe zwischen Schonem und Haftlichem. Er mufi die Dissonanzen 
im Kampfesspiel mit den Konsonanzen in der Welt empfinden konnen, 
mitfiihlen, miterleben konnen. 

Dadurch kommt Starke in die Menschheitsentwickelung, und von 
dieser Starke kommt auch die Moglichkeit, jene innere Bewufttseins- 
verf assung zu haben, die uns nun wirklich iiber die Tauschung hinweg- 
hebt, der Mensch bestehe ja in seinem wahren Wesen in den ubereinan- 
dergetiirmten Stoffen, mineralischen Stoffpartikelchen, die er nur in 
sich zusammengezogen hat. Heute konnte man eigentlich schon phy- 
sisch sagen, daft der Mensch wahrhaftig in seiner Wesenheit gar nicht 
das Kennzeichen tragt fur die mineralische Natur, die aufterlich phy- 



sische Natur. Das aufiere Mineral ist schwer. Aber dasjenige, was uns 
zum Beispiel befahigt, Seelisches zu entwickeln - ich sage jetzt nicht 
das Intelligente — , das ist nicht an die Schwere gebunden, sondern an 
das Gegenteil der Schwere, an dasjenige, was man den Auftrieb der 
Fliissigkeit nennt. Ich habe es Ihnen ja dargestellt bei anderen Gelegen- 
heiten, wie unser Gehirn im Gehirnwasser schwimmt. Wenn es da nicht 
schwimmen wiirde, so wiirden die darin liegenden Blutaderchen er- 
driickt. Als Archimedes einmal im Bade war, da fand er, dafi er leichter 
wiirde, und war so erfreut, dafi er damals sein Heureka rief . Sie haben 
ja das alles in der Physik gelernt. Wir leben also nicht vom Herunter- 
gezogenwerden seelisch, sondern wir leben vom Hinauf gezogenwerden. 
Nicht dadurch, dafi unser Gehirn schwer ist, sondern dafi unser Gehirn 
durch sein Schwimmen in der Gehirnfliissigkeit leichter ist, dadurch 
leben wir eigentlich seelisch. Wir leben durch dasjenige, was uns von 
der Erde wegzieht. Das kann man heute sogar schon physisch sagen. 

Worauf ich aber hindeuten wollte in diesen drei Tagen, das war und 
ist, dafi wir gegeniiber dem modernen Leben brauchen eine Seelenver- 
fassung, die sich wirklich in jedem Momente des tagwachen Lebens 
bewufit ist des Ubersinnlichen in der unmittelbaren Umgebung, die sich 
nicht der Tauschung hingibt, die Menschen sehe man fur wirklich an, 
weil man sie sieht und die Geister sieht man nicht fiir wirklich an, weil 
man sie nicht sieht. Man sieht in Wahrheit die Menschen auch nicht. 
Gerade das ist die Tauschung, da!5 man glaubt, man sahe sie. Wir unter- 
scheiden uns gar nicht von den Wesen der hoheren Hierarchies Zu ler- 
nen, die Gleichartigkeit aufzufassen zwischen den Wesen der hoheren 
Hierarchien und uns selbst, sogar den Tieren und den Pflanzen, das ist 
die Aufgabe, die der modernen Menschheit gestellt ist. 

Wir reden davon, daft durch das Mysterium von Golgatha der 
Christus-Impuls in die Erdenentwickelung, zunachst in die Mensch- 
heitsentwickelung eingezogen ist, mit ihr nun verbunden ist. Die Leute 
sagen, sie sehen ihn nicht. Ja, sie konnen ihn solange nicht sehen, solange 
sie sich iiber den Menschen selber tauschen, solange sie etwas ganz an- 
deres als den Menschen anschauen, als der Mensch wirklich ist. In dem 
Augenblicke, wo das nicht eine Theorie ist, sondern lebendig empfun- 
dene Wirklichkeit der Seele ist, die uns befahigt, in dem Menschen ein 



Ubersinnliches zu sehen, in dem Augenblicke erziehen wir in uns die 
Fahigkeit, den Christus-Impuls mitten unter uns iiberall wahrzuneh- 
men, aus unserer Oberzeugung heraus iiberall sagen zu konnen: Sucht 
ihn nicht durch aufiere Gebarde, er ist iiberall unter euch. - Aber die 
Menschheit mufke auch die Bescheidenheit und Demut entwickeln, 
daran zu glauben, daft zu dem Heranerziehen eines solchen Bewuflt- 
seins, das im Menschen von vornherein iiberall ein ubersinnliches Wesen 
sieht, wirklich etwas gehort. Wenn man sich es theoretisch sagen kann, 
so ist damit eben noch nichts getan. Erst wenn man wirklich nicht 
glaubt, es empf indungsgemafi als eine Absurditat ansieht, daft dasjenige, 
was einem da begegnet, der wirkliche Mensch ist, erst dann ist man in 
der Seelenverfassung drinnen, die ich eigentlich meine. 

Wenn Sie imstande war en, da hinauszugehen auf den Bauplatz, um 
so viel zusammenzuraf fen von allerlei Dingen, die da liegen, dafi Sie das 
durch geschickte Handhabung so vor sich hinhalten konnten, daft der, 
der Ihnen begegnet, nichts von Ihnen sehen wiirde, sondern Ziegel- 
trummer, Holztrummer und so weiter: Sie wiirden nicht sagen, diese 
Ziegeltriimmer und Holztrummer, die in einer gewissen Form angeord- 
net sind, die seien der Mensch. Aber etwas anderes machen Sie mit den 
mineralischen Stoffen auch nicht, die Sie in einer gewissen Anordnung 
Ihren Mitmenschen entgegentragen. Sie sagen doch, diese mineralischen 
Stoffe, weil Ihre physischen Augen sie sehen, das sei der Mensch. In 
Wahrheit ist das nur die Gebarde, die auf den wahren Menschen hin- 
deutet. 

Wenn wir zuriickblicken in vorchristliche Zeiten, dann werden wir 
finden, dafi sichtbarlich, ich mochte sagen, Gottes Boten auf die Erde 
herabkamen und sich dem Menschen offenbarten, dem Menschen sich 
begreiflich machten. Der grofite auf die Erde herabkommende Gottes- 
bote, der Christus, war auch zu gleicher Zeit derjenige, der am letzten 
ohne des Menschen Zutun in dem grofiten Erdenereignis sich offenbaren 
konnte. Jetzt leben wir in der Zeit der Michael-Offenbarung. Die ist 
ebenso da wie die anderen Offenbarungen. Aber sie drangt sich dem 
Menschen nicht mehr auf, weil der Mensch in seine Freiheitsentwicke- 
lung eingetreten ist. Wir mussen der Offenbarung des Michael entgegen- 
kommen, wir miissen uns vorbereiten, so da£ er in uns die starksten 



Krafte hereinsendet, dafi wir des Obersinnlichen in der unmittelbaren 
Erdenumgebung uns bewuflt sind. Verkennen Sie nicht, was in dieser 
Michael-Offenbarung, wenn die Menschen sich durch Freiheit ihr 
nahern wiirden, fur die Menschen der Gegenwart und der nachsten 
Zukunft gegeben ware. Verkennen Sie nicht, dafi heute die Menschen 
aus den Oberresten alter Bewufitseinszustande nach Losung der sozialen 
Frage streben. Alles dasjenige, was aus alten Bewufitseinszustanden der 
Menschheit hat gelost werden konnen, das ist gelost. Die Erde ist im 
absteigenden Aste ihrer Entwickelung. Mit jenem Nachdenken, das vom 
Alten heraufgekommen ist, werden die Forderungen, die heute auf- 
tauchen, nicht gelost. Die werden allein gelost bei einer Menschheit mit 
einer neuen Seelenverfassung. Die Aufgabe, die wir haben, die ist diese: 
dazu zu wirken, daf$ diese neue Seelenverfassung unter die Menschen 
kommt. Wir sehen es heute, ich mochte sagen, als etwas, was wie ein 
furchtbarer Alp auf unsere Seele driickt, dafi die Menschen nicht her- 
aus konnen aus den Vorstellungen, die jahrtausendelang gepflegt wor- 
den sind. Wir sehen heute, wie fast automatisch ablaufen die Ergebnisse 
dieser jahrtausendealten Vorstellungen, die schon alles Inhalts entklei- 
det worden sind und im Grunde genommen nur mehr die Worthulsen 
enthalten. Es wird geredet alliiberall unter uns von menschlichen Idea- 
len. Dasjenige, was wirklich in diesen Idealen steckt, ist nichts, es sind 
nur Wortklange, denn die Menschheit braucht eine neue Seelenverfas- 
sung. Es erklang einmal ein Ruf in die Menschheit herein, den wir in 
unsere Sprache iibersetzen: Andert den Sinn, denn die Zeit ist nahe her- 
beigekommen! — Aber dazumal konnten die Menschen noch aus den 
alten Seelenverfassungen heraus den Sinn andern. Jetzt ist diese Mog- 
lichkeit abgelaufen, jetzt mufi, wenn das erfiillt werden soli, was da- 
zumal verlangt worden ist, es aus einer neuen Seelenverfassung heraus 
erfiillt werden. Michael hat die Jahve-Oberlieferung, den Jahve-Einflufi 
den Menschen vermittelt. Seit dem Ende der siebziger Jahre des vorigen 
Jahrhunderts ist er daran, wenn wir ihm nur entgegengehen, das Ver- 
standnis fiir den Christus-Impuls im wahren Sinne des Wortes zu ver- 
mitteln. Aber wir miissen ihm entgegengehen. Und wir gehen ihm ent- 
gegen, wenn wir zweierlei erfiillen. 

In bezug auf unsere eigene Seelenverfassung konnen wir uns sagen: 



Wir miissen von einem gewissen Irrtum zuriickkommen. Ich mochte Sie 
nicht allzu sehr belasten mit engen Abstraktionen, philosophischen 
Weltanschauungen, aber auf das mufi ich Sie doch aufmerksam machen, 
weil es em Symptom fiir die neuere Menschheitsentwickelung ist, dafi 
in der Morgenrote der neueren Zeit zum Beispiel ein solcher Philosoph 
wie Cartesius gelebt hat. Er hat noch etwas gewulk von dem Geistigen, 
das zum Beispiel durch das absterbende menschliche Nervensystem 
spiel t. Aber er hat zu gleicher Zeit den Satz ausgesprochen: Ich denke, 
also bin ich. - Das ist das Gegenteil von der Wahrheit. Indem wir 
denken, sind wir nicht, denn im Denken haben wir nur das Bild des 
Wirklichen. Wir hatten vom Denken nichts, wenn wir mit dem Denken 
in der Wirklichkeit darinnen steckten, wenn das Denken nicht blolS ein 
Spiegelbild ware. Wir miissen uns bewufit werden des Spiegelcharakters 
unserer Vorstellungswelt, des Spiegelcharakters unserer Gedankenwelt. 
In dem Augenblicke, wo wir uns dieses Spiegelcharakters bewulk wer- 
den, werden wir appellieren an einen anderen Quell der Wirklichkeit 
in uns. Von diesem will uns Michael sprechen. Das heilk, wir miissen 
versuchen, unsere Gedankenwelt in ihrem Spiegel ungscharakter zu er- 
kennen, dann werden wir der luziferischen Entwickelung entgegen- 
arbeiten. Denn die hat alles Interesse daran, Substanz hineinzugiefSen, 
und den triigerischen Schein vorzuspiegeln, als ob Substanz in unserem 
Denken ware. Es ist nicht Substanz, es ist blofi Bild darinnen. Wir wer- 
den die Substanz aus etwas anderem holen, aus tieferen Schichten un- 
seres Bewufkseins. Das ist das eine. Wir brauchen nur das Bewufksein, 
dafi unsere Gedanken uns schwach machen, dann werden wir an die 
Starke des Michael appellieren, denn der soil der Geist sein, der uns auf 
dasjenige in uns weist, was starker ist in uns als der Gedanke, wahrend 
wir gelernt haben durch die neuere Zivilisation, vorzugsweise auf den 
Gedanken zu sehen und dadurch schwache Menschen geworden sind, 
weil wir den Gedanken selbst fiir etwas Wirkliches gehalten haben. 
Wenn wir auch noch so von der blofien abstrakten Intelligenz uns weg- 
wenden, wir tun es nur zum Scheine, wir sind unter der furchtbaren 
Sklavenknute der Intelligenz als moderne Menschen und senden nicht 
aus den tieferen Schichten unseres Wesens hinein in die Gedanken 
selber dasjenige, was drinnen sein soil. 



Das zweite ist, dafi wir in unsere Wiinsche und damit in unseren Wil- 
len dasjenige hineinbringen, was lediglich aus einer solchen Realitat 
foigt, die wir als iibersinnliche erkennen miissen. Das habe ich ja des 
ofteren hier erwahnt, dafi sich das nicht vollig Ernstnehmen des iiber- 
sinnlichen Charakters des Mysteriums von Golgatha bitter geracht hat. 
Ich habe Sie aufmerksam gemacht auf solch eine Anschauung, wie zum 
Beispiel die des liberalen Theologen Adolf Harnack. Solche liberalen 
Theologen gibt es viele, die ruhig eingestehen: Aus historischen Doku- 
menten heraus ist kein Beweis fiir die Realitat des Mysteriums von Gol- 
gatha zu finden. Ja, in derselben Art historisch zu beweisen, wie zu 
beweisen ist das Dasein des Casar oder das Dasein des Napoleon, in der- 
selben Art historisch zu beweisen ist das Dasein des Christus Jesus nicht. 
Warum? Weil in dem Mysterium von Golgatha ein Ereignis hingestellt 
werden sollte vor die Menschen, zu dem die Menschheit nur einen uber- 
sinnlichen Zugang haben soil. Sie sollte gar keinen sinnlichen Zugang 
haben. Damit die Menschheit gerade durch das Mysterium von Golga- 
tha lerne, zum Ubersinnlichen sich zu erheben, deshalb sollte es keinen 
sinnlichen, keinen aufierlich sinnlich historischen Beweis geben. 

Damit aber ist uns auf zweierlei hingedeutet, dem wir entgegen- 
gehen miissen. Zuerst erkennen in der unmittelbaren Sinneswelt, also 
in der Menschen-, Tier- und Pflanzenwelt das Obersinnliche, das ist 
der Michaels- Weg. Und seine Fortsetzung: in dieser Welt, die wir so 
selber als eine iibersinnliche erkennen, den Christus-Impuls darinnen 
zu finden. 

Indem ich Ihnen dieses schildere, schildere ich Ihnen zu gleicher Zeit 
die tiefsten Impulse der sozialen Frage. Denn der abstrakte Volker- 
bund, er wird das internationale Problem nicht losen. Mit diesen Ab- 
straktionen bringt man die Menschen iiber die Erde hin nicht zusam- 
men. Aber die Geister, die die Menschen ins Obersinnliche fiihren, und 
von denen wir in diesen Tagen gesprochen haben, die werden die Men- 
schen zusammenbringen. 

Aufterlich geht heute die Menschheit schweren Kampfen entgegen. 
Und es wird gegenuber diesen schweren Kampfen, an deren Anfang wir 
erst stehen - ich habe das of tmals hier erwahnt - und die die alten Im- 
pulse der Erdenentwickelung ad absurdum fiihren, keine politischen, 



okonomischen oder geistigen Heilmittel geben, die aus der Apotheke 
der alten geschichtlichen Entwickelung heraus genommen sind. Aus 
dem, was von alten Zeiten kommt, stammen die Fermente, welche zu- 
nachst Europa an den Anfang seines Abgrundes gestellt haben, welche 
Asien und Amerika gegeneinander bringen werden, welche vorbereiten 
werden einen Kampf iiber die ganze Erde hin. Entgegenwirken kann 
diesem ad-absurdum-Fiihren der menschlichen Entwickelung einzig 
und allein dasjenige, was die Menschen auf den Weg zum Geistigen hin 
fiihrt: der Michaels -Weg, der seine Fortsetzung in dem Christus-Weg 
findet. 



VIERTER VORTRAG 



Dornach, 28. November 1919 

Im Anschlusse an manches, das ich in den Vortragen der vorigen Woche 
hier vorgebracht habe, mochte ich heute gerade etwas Vorbereitendes 
sagen, das dann morgen und iibermorgen weiter ausgebaut werden soil. 
Es wird sich darum handeln, Ihnen mancherlei auf eine andere Art, als 
das bisher geschehen ist, ins Gedachtnis zuriickzurufen, mancherlei von 
dem, was wir brauchen werden, urn unser ja bereits angeschlagenes 
Thema weiter zu verfolgen. 

Wenn wir uns klarmachen, wie der Verlauf der Erdenentwickelung 
war, so konnen wir dies am besten dadurch, dafi wir immer, ich mochte 
sagen, die Ereignisse auf den Schwerpunkt der Erdenentwickelung hin 
betrachten, anordnen. Denn durch diese Anordnung kommt eine ge- 
wisse Struktur in all dasjenige hinein, in dem der Mensch durch die Ent- 
wickelung der Menschheit in seiner eigenen Entwickelung darinnen- 
steht. Dieser Schwerpunkt ist ja, wie Sie wissen, das Mysterium von 
Golgatha, durch das alle iibrige Erdenentwickelung erst ihren Sinn, 
ihren wahren inneren Gehalt erhalten hat. 

Wenn wir zuriickgehen in der Entwickelung der abendlandischen 
Menschheit, die ja den Impuls des Mysteriums von Golgatha wie einen 
Einschlag herein empfangen hat aus dem Orient, so miissen wir uns 
sagen: Etwa im 5. Jahrhundert vor dem Eintritte dieses Mysteriums 
von Golgatha beginnt, und zwar aus der griechischen Kultur heraus, 
eine Art von Vorbereitung fur dieses Mysterium von Golgatha. Wir 
konnen sagen, es ist ein gewisser einheitlicher Zug in dem griechischen 
Denken, Empfinden und Wollen durch etwa viereinhalb Jahrhunderte 
vor dem Eintritte des Mysteriums von Golgatha. Und dieser einheit- 
liche Zug leitet sich ein durch die Gestalt des Sokrates, setzt sich dann 
fort in aller griechischen Kultur, eigentlich auch im Kiinstlerischen ist 
derselbe Zug bemerklich, er setzt sich fort in der gewaltigen, iiber- 
ragenden Personlichkeit des Plato und bekommt dann einen mehr, ich 
mochte sagen, gelehrt aussehenden Charakter in Aristoteles. 

Sie wissen ja aus den verschiedenen Darstellungen, die ich gegeben 



habe, da£ das Mittelalter, namentlich in der Zeit nach Augustinus, 
besonders bermiht war, die Anleitung, die man bekommen konnte aus 
der Denkweise des Aristoteles heraus, zu beniitzen, urn alles das zu ver- 
stehen, was sich an das Mysterium von Golgatha, seine Vorbereitung 
und seinen Nachklang, anschliefit. Dadurch ist gerade das griechische 
Denken so wichtig geworden, auch fiir die christliche Entwickelung 
des Abendlandes bis zum Ende des Mittelalters, dafi eigentlich griechi- 
sches Denken dazu beniitzt worden ist, urn zu durchdringen den Gehalt 
des Mysteriums von Golgatha. Wir tun gut, wenn wir uns klarmachen, 
was da eigentlich in diesen letzten Jahrhunderten vor dem Einschlag 
des Mysteriums von Golgatha in Griechenland geschehen ist. 

Das, was da sich abgespielt hat im Denken, Empfinden, Wollen des 
griechischen Menschen, ist eigentlich der letzte Ausklang einer heute 
nicht mehr gewiirdigten Urkultur der Menschheit. Mit unseren ge- 
schichtlichen Betrachtungen konnen wir ja diese Dinge wahrhaftig 
nicht in ihrem rechten Lichte sehen, denn unsere geschichtlichen Be- 
trachtungen gehen nicht bis zu jenen Zeiten zuriick, in denen eine uber 
die damals zivilisierte Erde hin sich erstreckende Mysterienkultur alles 
menschliche Wollen und Empfinden im Grunde durchdrungen hat. Wir 
miissen schon in die Jahrtausende, in welche die Geschichte nicht mehr 
reicht, zuruckgehen, mit den Methoden zuriickgehen, die Sie ja wenig- 
stens andeutungsweise finden in meinem Buche «Die Geheimwissen- 
schaft im Umrifi», um zu schauen, welcher Art diese menschliche Ur- 
kultur war. Sie hatte ihren Quell in den alten Mysterien, in jenen alten 
Mysterien, zu denen von grofien fuhrenden Personlichkeiten zugelassen 
wurden diejenigen Menschen, die man objektiv zur unmittelbaren Ein- 
weihung geeignet finden mulke. Durch solche Eingeweihte wiederum 
stromte dasjenige, dessen diese Eingeweihten als Erkenntnis teilhaftig 
geworden waren in den Mysterien, zu den anderen Menschen hinaus. 
Und man kann im Grunde genommen die ganze alte Kultur nicht ver- 
stehen, wenn man nicht den Mutterboden der Mysterienkultur ins Auge 
fafit. Bei Aschylos sieht man, wenn man nur will, diesen Mutterboden 
der Mysterien noch ganz deutlich. In Platos Philosophic kann man ihn 
auch verspiiren. Aber dasjenige, was eigentlich die Menschheit durch 
Mysterien an Offenbarungen iiber das Gottliche erhalten hat, das ist 



geschichtlich verloren gegangen. Das ist nur im primitivsten noch in 
dem enthalten, was geschichtlich nachweisbare Kultur geworden ist. 
Nun, was da eigentlich geschehen ist, das kann eben am besten dadurch 
beurteilt werden, dafi man sich klarmacht, was denn eigentlich in der 
nachsokratischen Zeit des Griechentums noch zuriickgeblieben ist von 
jener Urmysterienkultur, in der auch das Griechentum wurzelt. Es ist 
zuriickgeblieben eine gewisse Art des Denkens, eine gewisse Art des 
Vorstellens. 

Sie wissen ja, in der aufieren Geschichte wird erzahlt, wie Sokrates 
die Dialektik begriindet hat, wie er eigentlich der grofie Lehrmeister 
des Denkens war, jenes Denkens, das dann Aristoteles mehr wissen- 
schaftlich denkend ausgebildet hat. Aber dies, was so griechische Den- 
kungs- und Vorstellungsweise war, das ist eigentlich nur der letzte Aus- 
klang der Mysterienkultur, denn die Mysterienkultur war eine sehr 
inhaltsvolle. Man hat in die Gesamtanschauung des Menschen geistige 
Tatsachen, die grundlegende Ursachen fur unsere Weltordnung sind, 
erkenntnismafiig aufgenommen. Die Inhalte, die gewaltigen, grofien 
Inhalte sind allmahlich verglommen. Aber die Art des Denkens, welche 
die Mysterienschiiler ausgebildet haben, die Vorstellungsart, die Kon- 
figuration des Denkens, die ist geblieben, und die ist eigentlich historisch 
geworden, historisch geworden zunachst im griechischen Denken, dann 
wiederum im mittelalterlichen Denken, im Denken der christlichen 
Theologen, die ja sich im wesentlichen fur ihre Theologie angeeignet 
haben dieses griechische Denken, um aus der Denkschulung heraus mit 
den Gedankenformen, mit den Ideen und Begriffen, die im Grunde eine 
Fortsetzung des griechischen Denkens waren, das zu begreifen, was 
durch das Mysterium von Golgatha in die Welt gef lossen ist. Was mit- 
telalterliche Philosophic, sogenannte Scholastik ist, ist durchaus ein 
Zusammenflufi der geistigen Wahrheiten des Mysteriums von Golgatha 
mit griechischem Denken. Die Ausarbeitung, die gedankenmafiige 
Durcharbeitung der Golgatha-Mysterien, die ist durchaus - wenn ich 
mich des trivialen Ausdrucks bedienen darf - mit dem Handwerkszeug 
des griechischen Denkens, der griechischen Dialektik gemacht worden. 
Bis zum Mysterium von Golgatha verfliefien ungef ahr von dem Verlust 
des Inhaltes der Mysterien, von dem Auftreten des blofi Formalen, des 



blofl Gedankenmafiigen der alten Mysterien viereinhalb Jahrhunderte. 
Wir konnen approximativ sagen: viereinhalb Jahrhunderte. So dafi wir 
also uns vorzustellen haben: In einer vorgeschichtlichen Zeit breitet sich 
iiber die damals zivilisierte Erde die Mysterienkultur aus. Die wird 
gleichsam so weiterentwickelt, dafi nur ein Destillat zuriickbleibt, die 
griechische Dialektik, das griechische Denken. Dann tritt das Myste- 
rium von Golgatha ein. Das wird zunachst im Abendlande begriffen 
mit dieser griechischen Dialektik. Wer sich ganz einleben will etwa in 
die noch durchaus Theologie tragende Wissenschaft, sagen wir, selbst 
erst des 10., 11., 12., 13., 14. Jahrhunderts, der mufi anders sein Denken 
einrichten, als heute die Menschheit aus der naturwissenschaftlichen 
Vorstellungsart heraus gewohnt ist. Diejenigen Menschen, die heute 
gewohnlich liber die Scholastik urteilen, konnen ihr nicht gerecht wer- 
den, weil sie alle im Grunde nur naturwissenschaftlich geschult sind, 
und die Scholastik eine andere Gedankenschulung voraussetzt, als die 
heutige naturwissenschaftliche Schulung ist. 

Nun leben wir heute in einem Zeitpunkte, in dem wiederum vier- 
einhalb Jahrhunderte verflossen sind, seit diese andere Denkweise, die 
naturwissenschaftliche Denkweise die Menschheit ergriffen hat. Um 
die Mitte des 14. Jahrhunderts beginnt das. Da fangen im Abendlande 
die Menschen an, so zu denken, wie wir es dann schon bis zu einem ge- 
wissen Grade hell ausgebildet finden bei Galilei etwa oder bei Giordano 
Bruno. Das wird dann heraufgetragen bis in unsere Zeiten. Ja, das ist 
scheinbar dieselbe Logik wie die griechische Logik, und dennoch eine 
ganz, ganz andere Logik. Das ist eine Logik, die ebenso abgelesen ist 
allmahlich an den Naturvorgangen, wie abgelesen war die griechische 
Logik an dem, was die Mysterienschuler, was die Mysten schauten in 
den Mysterien. 

Und jetzt wollen wir uns einmal den Unterschied klarmachen, der 
da besteht zwischen den viereinhalb Jahrhunderten vor dem Auf treten 
des Mysteriums von Golgatha in der damals ja fast einzig zivilisierten 
Welt, der griechischen, und unseren viereinhalb Jahrhunderten, in 
denen die Menschheit erzogen wurde durch die naturwissenschaftliche 
Schulung. Am besten kann ich Ihnen dieses graphisch darstellen. (Es Tafel 6 
wird zu zeichnen begonnen:) 



Denken Sie sich einmal die Mysterienkultur wie eine Art Chimbo- 
razo der menschlichen Geisteskultur in sehr alter Zeit (weifi). Diese 
Mysterienkultur wird dann in Griechenland - ich will das der Farbe 
nach beschreiben - Logik, bis zu dem Mysterium von Golgatha (roter 



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Linienstrich bis zum ersten roten senkrechten Strich). Das wird dann 
im Mittelalter fortgesetzt durch die Scholastik (weifie Linie bis zum 
zweiten roten senkrechten Strich). Da (obere rote Klammer) haben 
wir diesen letzten Auslaufer, diesen Ausklang der alten Mysterienkultur 
durch viereinhalb Jahrhunderte (iiber die rote Klammer wird 
geschrieben: 4 V2 Jh.). Und nun, seit dem 15. Jahrhundert, beginnt 
eine neue Art der Vorstellungsweise, wir konnten sie die Galileische 
nennen. Wir sind ungefahr so weit entfernt von dem Ausgangspunkte 
(kleiner roter Kreis und dritter roter senkrechter Strich), wie die Zeit 
betrug, die man gebraucht hat von dem Auftreten dieser griechischen 
Denkweise bis zu dem Mysterium von Golgatha (untere rote Klammer 
vor dem ersten roten senkrechten Strich). Aber wahrend das ein 
Ausklang ist (weilSer Bogen unter der unteren roten Klammer), 
gewissermaften eine Abendrote, haben wir es zu tun mit einem 
Vorklang (weifier Bogen zwischen dem zweiten und dritten roten 
Strich und 4 V2 Jh.), mit etwas, was herauf sich entwickeln mufi, was 
wir hinaufbringen miissen zu einer gewissen Hohe. Die griechische 
Kultur stand an einem Ende. Wir stehen an einem Anfange. 



Vollstandig verstehen werden wir diese Zusammenstellung eines 
Endes und eines Anfanges nur, wenn wir geisteswissenschaf tlich einmal 
auf die Entwickelung der Menschheit von einem gewissen Gesichts- 
punkte aus eingehen. 

Ich habe Ihnen ja fruher schon einmal ausgefuhrt und bin wieder- 
holt darauf zuriickgekommen, dafi in der Gegenwart nicht umsonst jene 
Selbsterkenntnis der Menschheit versucht wird, die geliefert werden 
soil durch die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft. Denn 
die weitaus grofite Mehrzahl der Menschheit steht ja vor einer bedeu- 
tungsvollen Zukunftsmoglichkeit. Sehen Sie, es ist da notwendig, daft 
man ernst nehme die Tatsache, dafi die sich fortentwickelnde Mensch- 
heit der Geschichte ein sich fortentwickelnder Organismus ist. Wie 
beim einzelnen Organismus die Geschlechtsreife eintritt, und auch 
spater epochale Obergange da sind, so sind schon einmal auch in der 
Geschichte der Menschheit epochale Obergange da. Heute setzen die 
Menschen noch der Lehre von den wiederholten Erdenleben immer 
wieder und wieder den Einwand entgegen: ja, die Menschen erinnern 
sich nicht daran, die Menschen erinnern sich nicht an ihr friiheres 
Erdenleben. 

Wer die Entwickelungsgeschichte der Menschheit, wie ich gerade 
andeutete, als einen Organismus auffafit, der sollte sich nicht wundern 
- wenn er diese Entwickelungsgeschichte wirklich sachgemafi ins Auge 
fafit dafi die Menschen sich heute nicht an ihre fruheren Erdenleben 
im gewohnlichen Erkennen erinnern. Denn ich frage Sie: An was er- 
innert sich der Mensch im gewohnlichen Leben denn eigentlich? An 
dasjenige, was er zuerst gedacht hat. "Was er nicht gedacht hat, an das 
erinnert er sich ja nicht. Denken Sie, wie viele Ereignisse im Tage von 
Ihnen unbeachtet bleiben. Sie erinnern sich nicht daran, weil Sie sie 
nicht gedacht haben, trotzdem sie sich vielleicht in Ihrer Umgebung 
zugetragen haben. Sie konnen sich nur an dasjenige erinnern, was Sie 
gedacht haben. 

Nun ist die Entwickelung der Menschheit in den fruheren Jahrhun- 
derten und Jahrtausenden nicht so gewesen, dafi die Menschen sach- 
gemafi sich wirklich das Wesen des Menschen klargemacht haben. Es 
gibt zwar seit dem griechischen Denken wie eine Sehnsucht das «Er- 



kenne dich selbst», aber dieses «Erkenne dich selbst» soil erst erfiillt 
werden durch wirkliche Geisteserkenntnis. Erst dadurch, daiS die Men- 
schen einmal ein Leben anwenden - wozu die Menschheit erst in unserer 
Zeit reif geworden ist - um in Gedanken zu erf assen das eigene Selbst, 
erst dadurch wird fur das nachste Erdenleben vorbereitet das Erinnern. 
Denn man mufi zuerst nachgedacht haben iiber dasjenige, woran man 
sich erinnern soil. Nur diejenigen, die in friiheren Zeiten durch die Ein- 
weihung, die ja nicht immer in Mysterien erworben sein mufi, wirklich 
sachgemafi hinschauen konnten auf das eigene Selbst, die konnen in der 
Gegenwart - und die Menschen sind ja nicht so selten, die es konnen - 
wirklich zuriickblicken auf friihere Erdenleben. Aber die Sache liegt 
doch so, dafi die Menschen auch in bezug auf ihre rein korperliche Ent- 
wickelung eine Umwandlung durchmachen. Diese Dinge lassen sich 
nicht physiologisch aufierlich, aber geisteswissenschaftlich beobachten. 
Die Menschheit ist heute nicht so, wie sie vor zwei Jahrtausenden war 
mit Bezug auf ihre korperliche Konstitution, und sie wird nach zwei 
Jahrtausenden wiederum nicht so sein wie heute. Ober diese Sache habe 
ich ja ofter gesprochen. Die Menschen leben in eine Zeit, in eine Zu- 
kunftszeit hinein, in der - wenn ich mich banal ausdriicken mochte - 
die Gehirne anders konstruiert sein werden, als die Gehirne heute beim 
Menschen konstruiert sind in aufierer Beziehung. Das Gehirn wird die 
MogHchkeit der Riickerinnerung an friihere Erdenleben haben. Aber 
diejenigen, die heute nicht vorgesorgt haben werden durch Nachdenken 
iiber das eigene Selbst, die werden diese Fahigkeit, die doch in ihnen 
mechanisch sein wird, nur wie eine innere Nervositat - um den heutigen 
Ausdruck zu gebrauchen -, wie einen inneren Mangel empfinden. Sie 
werden nicht finden, was ihnen fehlt, weil die Menschheit mittlerweile 
mit Bezug auf ihre Korperlichkeit reif wird, zuriickzuschauen auf ihre 
friiheren Erdenleben. Aber wenn sie nicht vorbereitet hat diese Rtick- 
schau, so kann sie nicht zuruckschauen. Dann empfindet sie die Fahig- 
keit nur als einen Mangel. Deshalb liegt es im richtigen Erkennen der 
gegenwartigen Umwandlungskrafte der Menschheit selbst, dafi durch 
anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft die Menschen zur 
Selbsterkenntnis gebracht werden. Nun kann man, und heute will ich 
das zunachst andeuten, nun kann man auch heute schon darauf hin- 



weisen, wie das besondere Erlebnis sein wird, das den Menschen nahe- 
legen wird, mit den f riiheren Erdenleben zu rechnen. 

Heute leben wir noch in einem Zeitalter, wo jene Empfindungs- 
nuancen eigentlich bei wenigen Menschen, aber doch schon bei wenigen 
Menschen angedeutet sind, die immer mehr und mehr vorhanden sein 
werden. Heute werden diese Empfindungsnuancen noch nicht recht 
beachtet. Ich will sie Ihnen schildern in der Weise, wie sie einmal auf- 
treten werden. Die Menschen werden hineingeboren werden in die Welt 
und werden sich sagen: Ja, ich werde, indem ich mit den anderen Men- 
schen zusammenlebe, entweder bewufit oder unbewuftt erzogen fur ein 
gewisses Denken. Es steigen mir Gedanken auf. Ich werde in eine ge- 
wisse Art des Vorstellens hineingeboren und erzogen. Aber zu gleicher 
Zeit sehe ich mir die aufiere Umgebung an: mein Denken, mein Vor- 
stellen palk nicht recht zur aufieren umgebenden Welt. - Diese Empf in- 
dungsnuance ist heute schon bei einzelnen Menschen vorhanden. Sie 
miissen denken in einer Richtung, die ihnen so erscheint, als ob die 
aufiere Natur etwas ganz anderes sagte, als ob die auftere Natur etwas 
ganz anderes verlangte von ihnen. Wo einmal solche Menschen auf- 
getreten sind, die diese Diskrepanz gefuhlt haben zwischen dem, was sie 
denken miissen, und dem, was die aufiere Natur sagt, da hat man sie 
ausgelacht. Hegel zum Beispiel ist ein klassisches Beispiel dafur. Er hat 
gewisse Gedanken - nicht alle Hegelschen Gedanken sind ja toricht - 
iiber die Natur geaufiert, sie systematisch zusammengestellt. Dann sind 
die Spiefier gekommen und haben gesagt: Ja, das sind deine Ideen iiber 
die Natur. Aber schaue dir einmal diesen oder jenen Vorgang in der 
Natur an, das ist ja nicht so. Da sagte Hegel: Um so schlimmer fur die 
Natur. 

Das erscheint natiirlich ganz paradox, und dennoch, es liegt subjek- 
tiv durchaus Begriindetes in dieser Empfindung darinnen. Es ist durch- 
aus moglich, dafi man ganz unbefangen sich auf der einen Seite dem 
eingeborenen Denken iiberlafit und sich sagt, es miifite eigentlich die 
Natur anders sich formen, wenn sie wirklich diesem Denken entspre- 
chen wiirde. Dann kommt man allerdings nach einiger Zeit darauf , sich 
auch an das zu gewohnen, was der Natur abgelauscht ist. Da merken 
die meisten Menschen dann nicht, dafi sie eigentlich dann, wenn sie 



herangereift sind, das zu beobachten, was der Natur abgelauscht ist, im 
Grunde genommen etwas wie eine Doppelseele in sich haben, wirklich 
etwas wie zwei "wahrheiten. Diejenigen, die das schon richtig bemerken, 
konnen sehr darunter leiden, weil dadurch in die Seele eine Diskrepanz 
hineingebracht wird. Aber das, was ich Ihnen jetzt schildere, was heute 
bei wenigen Menschen, aber bei diesen schon vorhanden ist, obwohl sie 
es oftmals nicht sehen, das wird immer mehr und mehr iiberhand- 
nehmen. Die Menschen werden immer mehr und mehr sich sagen: Ja, so 
wie ich geboren bin, so zwingt mich eigentlich mein Kopf dazu, iiber die 
Natur mir ein Bild zu machen. Es stimmt eigentlich nicht recht mit der 
Natur. Dann lebe ich mich in das Leben hinein, und im Laufe der Zeit 
eigne ich mir auch dasjenige an, was die Natur sagt. Dann mu6 ich 
einen Ausweg schaffen. 

Diese zwiespaltigen Empfindungen werden unsere Seelen ganz be- 
sonders haben, wenn sie wiederum auf die Erde zuruckkommen wer- 
den. Da wird namlich deutlich auftreten eine Art innerer Gedanken- 
und Empfindungsquell, durch den man sich sagen wird: Ja, du empfin- 
dest, wie die "Welt eigentlich sein sollte, aber sie ist nicht so, sie ist 
anders. - Dann wiederum wird man sich in diese "Welt hineinleben, man 
wird eine zweite Art von Gesetzmafiigkeit kennenlernen und wird 
einen Ausgleich suchen mussen. Worauf wird das beruhen? 

Nehmen Sie an (es wird zu zeichnen begonnen), der Mensch geht 
durch die Geburt ins physische Dasein, Er bringt sich mit dasjenige, was 



Tafel 7 

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t'tttf" "'V*'"" 



in seinem Denken und Empfinden das Ergebnis seines frtiheren Erden- 
lebens ist. Wahrend er mit diesem Erdenleben nicht vereint war, hat 
sich tatsachlich das aufiere Erdenleben in einer gewissen Weise ver- 
andert. Er empfindet eine Diskrepanz zwischen dem Denken, dessen 
Wirkungen er mitbringt aus dem frtiheren Erdenleben, das nicht mehr 
stimmt zu dem, wie die Dinge geworden sind in der Zeit, in der er ab- 



wesend war von der Erde. Und nun lebt er sich allmahlich in sein neues 
Leben hinein und nimmt keineswegs in sein Bewufitsein dasjenige voll- 
standig auf, was von ihm aus der Umgebung abgelauscht werden kann. 
Er nimmt es nur, ich mochte sagen, wie durch Schleier auf. Er ver- 
arbeitet es ja erst nach dem Tode, dann tragt er es in das nachste Leben 
wiederum hinein. Immer wird der Mensch in dieser Zweiheit seines 
Seelenlebens drinnenstehen. Immer wird der Mensch gewahr werden: 
Du bringst dir etwas mit, dem gegeniiber die Welt neu ist, in die du als 
physischer Mensch durch die Geburt hineingewachsen bist. Aber durch 
deinen physischen Menschen nimmst du jetzt in dieser Welt etwas auf, 
was nicht gleich vollstandig in deine Seele dringt, was du erst nach dem 
Tode wiederum zu verarbeiten hast. 

In diese Art, das Leben zu empfinden, miifke der gegenwartige 
Mensch sehr intensiv eigentlich sich hineinleben. Denn nur dadurch, 
dafi man sich in so etwas hineinlebt, wird man gewahr die Krafte, die 
eigentlich durch unser Dasein pulsen, und die einem sonst ganz ent- 
gehen. Und wir sind eingesponnen in sie. Aber wenn wir nicht ver- 
suchen, sie mit dem Bewufitsein zu durchdringen, bleiben sie im Unter- 
bewufiten und machen uns bis zu einem gewissen Grade seelisch krank. 
Dieses Auseinanderf alien wird der Mensch immer mehr wahrnehmen: 
das Auseinanderfallen desjenigen, was ihm aus dem vorigen Lebenslauf 
bleibt, und desjenigen, was sich in diesem Lebenslauf fur den nachsten 
Lebenslauf vorbereitet. Und weil der Mensch diese Zweiheit immer 
mehr empfinden wird, wird er eine innerliche Vermittlung brauchen, 
eine wirkliche innerliche Vermittlung. Und die grofie Frage wird immer 
brennender werden: Wie kommt der Mensch zu dieser inner lichen 
Vermittlung? Dieser Frage gegeniiber konnen wir nur eine Antwort 
finden, wenn wir das Folgende iiberlegen. 

Ich habe Ihnen ofters ausgefuhrt: Wir sind als Menschen im gewohn- 
lichen Leben zwischen Aufwachen und Einschlafen eigentlich nur voll- 
standig wach fiir unser Vorstellungsleben. (Im folgenden wird der Tafel 7 
obere Teil des Schemas auf Seite 74 an die Tafel geschrieben.) Das Vor- 
stellungsleben, das bedeutet vollstandig wachen. Nicht vollstandig 
wachen tun wir, auch wenn wir sonst wachen, mit Bezug auf unser 
Gefiihlsleben. Unsere Gefiihle sind namlich, auch wenn wir fiir unsere 



Vorstellungen und Gedanken voll wach sind, innerhalb unseres Be- 
wufkseins von keiner anderen Daseinsstufe als sonst die Traume. Wer 
untersuchen kann in diesem Felde, der weifi es durch unmittelbare An- 
schauung, dafi in unserem Bewufitsein die Gefuhle nicht lebendiger 
sind, nur lafit die Vorstellung, durch die wir die Gefuhle reprasentiert 
haben, das anders erscheinen. Aber das Gefiihlsleben als solches kommt 
aus den Untergriinden des Bewufitseins so herauf , dafi das, was da her- 
aufwogt, gleich ist einem Traumen. Und der Wille in seinem eigent- 
lichen Leben bedeutet fur uns etwas, was in uns schlaft, auch wenn wir 
sonst wachen. In bezug auf den Willen schlafen wir. So daiS wir also 
diese drei Bewufitseinszustande auch wachend in uns tragen. Wir gehen 
herum bei Tag wachend in unserem Vorstellungsleben, tauschen uns, 
daft wir auch im Willen wach sind, weil wir von dem, was unser Wille 
vollbringt, Vorstellungen haben. Aber was der Wille erlebt, das geht 
nicht in unser Bewufttsein herauf, sondern nur das Vorstellungsbild. 
Wir traumen unsere Gefuhle, wir verbringen schlafend unsere Wol- 
lungen. Aber wenn man durch die imaginative Erkenntnis heraufholt 
dasjenige, was sonst in den Gefiihlen traumt, es zu vollstandiger, klarer 
Welterkenntnis bringt, dann merkt man: Nicht nur in unseren Vor- 
stellungen und Gedanken ist Weisheit, wenn ich das jetzt so nennen 
darf - wir konnen es technisch so nennen, wenn es auch bei vielen 
Menschen Unweisheit ist -, Weisheit ist in unseren Gedanken, Weisheit 
ist aber auch in unseren Gefiihlen, und Weisheit ist auch in unserem 
Willen. (Dabei wurde «Weisheit» an die Taf el geschrieben.) 

7 VorjfeUungf tebei'i: VQlUtandc'cj wcjchan : Weishetf 
Gefuhle; traumen : " 

Wilfe : Khlqfen * " 

Wir konnen mit Bezug auf das heutige Menschendasein eigentlich nur 
klar sprechen iiber dasjenige, was in unserem Vorstellungsleben ist. Was 
in der Gefiihlswelt lebt, dariiber hat die Menschheit heute im allgemei- 
nen kaum andere Ideen als iiber das Traumleben, und dennoch ist Weis- 
heit darinnen. 



Am ehesten ist es ja fur denjenigen moglich, der ernsthaftig die 
Obungen auf die eigene Seele anwendet, die in meinem Buche «Wie 
erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» beschrieben sind, 
kennenzulernen ein gewisses inneres Seelenwogen, das gewissermafien 
traumhaft verlauft, fiir die meisten Menschen nur traumhaft verlauft, 
nicht viel mehr Regelmafiigkeit hat als das gewohnliche Traumen. Aber 
so viel Ordnung kann verhaltnismafiig bald hereingebracht werden in 
dieses innere Erleben, dafi man merkt: Zwar dieselbe Logik herrscht 
nicht in diesem innerlichen Erleben - manchmal herrscht eine sehr 
groteske Logik, und die verschiedensten Gedankenfetzen ordnen sich 
zusammen, spielen sich traumhaft ab, es herrscht manchmal eine merk- 
wiirdige Logik darinnen -, aber dafi darinnen sich doch etwas abspielt, 
das kann, wie gesagt, als eine erste innere Erfahrung, die noch sehr 
primitiv ist, derjenige erkennen, der nur ein wenig auf das eigene See- 
lenleben das anwendet, was in meinem Buche «Wie erlangt man Er- 
kenntnisse der hoheren Welten?» geschildert ist. Da taucht ja, wenn der 
Mensch hinuntertaucht in dieses Gewoge wacher Traume, in der Tat 
eine neue Realitat auf gegenuber der gewohnlichen Realitat des aufieren 
Lebens. Dann kann der Mensch verhaltnismafiig bald bemerken, dafi 
da eine neue Realitat auftaucht. Er kann auch verhaltnismafiig bald 
bemerken, dalS in diesem Ganzen auch Weisheit darinnen ist, aber eine 
Weisheit, die er nicht fassen kann, fiir die er sich nicht reif genug f iihlt, 
um sie ins Bewufitsein voll hereinzubringen. Es entschliipft ihm immer 
wieder, und er weifi nicht, was das soil. Und so merkt denn der Mensch, 
kann es wenigstens merken, dafi Weisheit nicht nur durchflutet die 
Oberschichte seines Bewufitseins, das ihn durchdringt im gewohnlichen 
wachen Tagesleben, sondern dafi darunter eine andere Schichte seines 
Bewufitseins liegt, die ihm nur unlogisch erscheint, weil er sie selber so 
nennt, weil er ihre Weisheit noch nicht erfassen kann. Man kann sagen: 
In dem Augenblicke, wo man sich vollstandig das imaginative Er- 
kennen angeeignet hat, da horen diese wachen Traume auf, so grotesk 
zu sein, wie sie im gewohnlichen Leben erscheinen, dann durchdringen 
sie sich mit einer Weisheit, die nur hinweist auf einen anderen Realitats- 
gehalt, auf eine andere Welt als die Sinneswelt ist, die wir mit der ge- 
wohnlichen Weisheit iiberschauen. 



Im gewohnlichen Leben wogt herauf in unser alltagliches Bewulk- 
sein aus dieser Unterschichte des Bewufitseins nur die Gefiihlswelt. Und 
aus einer tieferen Schichte, die noch darunterliegt, wogt herauf die 
Willenswelt, die aber auch von Weisheit durchzogen, die durchaus auch 
von Weisheit durchzogen ist. Mit dieser Weisheit sind wir auch ver- 
bunden, nur bekommen wir sie erst recht nicht in unser gewohnliches 
Bewufitsein herauf. So dafi wir sagen konnen: Wir sind eigentHch als 
Menschen beherrscht von drei Bewufitseinsschichten. Das erste ist unser 
Vorstellungsbewufitsein, in dem wir alleTage drinnen leben. Das zweite 
ist ein Imaginationsbewufitsein. Und das dritte ist ein inspiriertes Be- 
wulksein, das aber sehr tief unten bleibt, das zwar in uns wirkt, richtig 
wirkt, aber dessen Eigenart wir nicht im gewohnlichen Leben erkennen. 
(Es wurde an die Tafel geschrieben:) 



Wenn nur einigermafien unsere Gegenwartsphilosophie nicht so be- 
griffsstutzig ware, wie sie ist, so wiirde dieser Gegenwartsphilosophie 
sehr stark auffallen - ich sage nicht demjenigen, der mit dieser Philo- 
sophic nichts zu tun hat, aber Philosophen sollten so etwas begreifen 
konnen, sie tun es aber heute nicht -, es sollte aber dieser Gegenwarts- 
philosophie sehr stark auffallen, in ganz anderer Intensitat noch auf- 
fallen, was fiir ein grofier Unterschied ist zwischen dem, was man an 
Wahrheiten rein auf Grundlage der aufieren Naturbeobachtung be- 
merkt, und demjenigen, was man in den Wissenschaften findet, zum 
Beispiel aus Mathematik und Geometrie heraus, mit denen man ja be- 
strebt ist, die aufiere Natur zu verstehen. 

Man kann mit einem gewissen Recht sagen: Fiir die Wahrheiten, die 
sich der Mensch aneignet durch aufiere Beobachtung - es ist ja das so oft 
wiederholt worden in der Philosophiegeschichte, dafi es eigentlich fiir 



1 7 



X. f Vorjfel/vfigsbewiy/Jtsefn 




11. '', Jmaginafionjbeww(Jt5ein 




den Philosophen selber iiberfliissig sein sollte, diese Dinge besonders 
scharf auseinanderzusetzen - fiir das, was aufterlich zu beobachten ist, 
konnen wir niemals eigentlich von einer Sicherheit sprechen. Kant oder 
Hume haben ja das ganz besonders deutlich ausgefiihrt, indem sie gro- 
tesk sogar behauptet haben: Wir beobachten zwar, dafi die Sonne auf- 
geht, aber wir haben aus dem Beobachten heraus nicht ein Recht zu be- 
haupten, dafi die Sonne nun morgen auch aufgehen wird. Wir schliefien 
nur daraus, daft bis jetzt die Sonne immer aufgegangen ist, dafi sie auch 
morgen aufgehen wird. - So ist es mit den Wahrheiten, die wir aufier- 
lich aus der Beobachtung entlehnen. Aber so ist es zum Beispiel nicht 
mit den mathematischen Wahrheiten. Haben wir sie einmal begriffen, 
dann wissen wir, die gelten auch fiir alle Zukunft. Wer da weifi, aus Tafel 6 
inneren Griinden beweisen kann, dafi das Quadrat iiber der Hypotenuse 
gleich ist der Summe der Quadrate iiber den beiden Katheten, der weift, 
dafi niemals einer ein rechtwinkliges Dreieck wird zeichnen konnen, 
fiir welches das nicht gilt. 

Mit diesen mathematischen Wahrheiten ist es anders als mit den 
Wahrheiten, die man aus den aufieren Beobachtungen kennt. Diese Tat- 
sache weift man, aber man ist nicht in der Lage, mit den Mitteln des 
heutigen Forschens den Grund einzusehen. Der Grund liegt darinnen, 
dafi die mathematischen Wahrheiten tief aus dem Inneren des Menschen 
herauskommen, dafi die mathematische Wahrheit im dritten Bewufit- 
sein, hier in der unteren Schichte des Bewufitseins entspringt, und ohne 
dafi der Mensch etwas davon ahnt, in sein oberstes Bewufttsein herauf- 
schiefit,wo er sie dann innerlich sieht. Die mathematischen Wahrheiten 
haben wir daher, dafi wir uns selbst mathematisch in der Welt verhal- 
ten. Wir gehen, stehen und so weiter, wir beschreiben da Linien. Durch 
dieses Willensverhaltnis zur Aufienwelt bekommen wir eigentlich die 
innere Anschauung von der Mathematik. Die Mathematik entsteht 
da unten im dritten Bewufitsein (siehe Schema S. 78) und schiefit her- Tafel 7 
auf. 

Wir haben also im Grunde genommen, wenn auch in diesem Fall der 
Ursprung dem gewohnlichen Bewufksein nicht vorliegt, wenigstens 
von einem Teile dieses unterschichtigen Bewufitseins sehr klare Vor- 
stellungen. Die mathematischen, die geometrischen Vorstellungen, die 



kommen uns da herauf. Traumhaft, verworren wird nur die mittlere 
Schichte. Die mittlere Schichte, die hat etwas von. traumhaft Verwor- 
renem. Da oben im Oberstubchen, da, wo das gewohnliche Tagwachen 
im Vorstellungsleben stattfindet, da sind wir wieder klar. Und dann ist 
in uns das klar, was da heraufspielt aus der dritten Schichte des Be- 
wufitseins. Was dazwischen ist, das erreicht die meisten Menschen nur 
wie ein verworrenes Wachtraumen. Das ist sehr bedeutsam, dafi wir 
diese Tatsache uns klarmachen. Denn mit diesem Bewufitsein waren 
insbesondere die Griechen in diesen viereinhalb Jahrhunderten ver- 
bunden. Dieses Bewufksein I haben sie aufgenommen, dasjenige, was 
ihnen als Rest der Mysterienkultur zuriickgeblieben ist. Und das ist ein 
rein luziferisches Element, ein rein luziferisches Element. Ich habe es 
Ihnen neulich beschrieben. Es ist die intellektualistische Kultur. In 
unserem Kopfe ist es sehr klar. Er ist von Weisheit durchdrungen, von 
einer allgemein giiltigen Weisheit. Aber das ist ein luziferisches Element 
Tafel 7 in uns. (Es wird «luziferisch» an die Taf el geschrieben.) Und wiederum, 
was da unten ist, was die heutigen Wissenschafter so sehr lieben, Kant 
schon sehr geliebt hat, so dafi er gesagt hat: Es ist nur so viel Wissen- 
schaft der Natur gegeniiber vorhanden, als Mathematik drinnen ist -, 
das ist rein ahrimanisches Element, das da durch unser Menschenwesen 
heraufkommt. Das ist ahrimanisches Element. (Es wird «ahrimanisch» 
an die Tafel geschrieben. Das Schema ist nun vollstandig.) 



Tafel 7 



Gefv/hfe; trfiuwen : » 



Wflfe: 



Khjqfen * 



HI'""-"'/''**-'-'- '.'./// </.'////// ,'S.ttfHf IS <t ft Hff./,./.i, fff t/**ttJtU. f f//f !*•/*■/■* S.*ti(/!£UU*t, 



1L. \ Jmaginatfonsbewujjtjcin 




Es geniigt nicht, dafi wir von irgend etwas wissen, dafi es richtig ist. 
Wir wissen, dafi die Dinge, die wir intellektuell durch unseren Kopf 
begreifen, richtig sind, aber es ist eine Gabe des luziferischen Elementes. 
Und wir wissen, dafi die Mathematik richtig ist, aber diese machtige 
Richtigkeit der Mathematik, die verdanken wir dem Ahriman, der in 
uns sitzt. Und das unsicherste Element ist in der Mitte. Das sind schein- 
bar unlogisch wogende Traume. 

Ich will Ihnen noch ein anderes Kennzeichen anfiihren, damit Sie 
die ganze Wichtigkeit dieser Sache begreifen. Im Grunde genommen 
riihrt all das mathematische Durchdringen der Welt, wie es aufgekom- 
men ist durch Galilei, Giordano Bruno, aus dieser tieferen Schichte des 
Bewufitseins her. Viereinhalb Jahrhunderte sind verflossen, seit wir uns 
das aneignen, viereinhalb Jahrhunderte, seit wir dieses ahrimanische 
Element bemuht sind in unser menschliches Denken und Empfinden 
einzufiihren. Wahrend in die hellste Klarheit des Bewufitseins hinein- 
schien der letzte Nachklang der Mysterienkultur im griechischen Den- 
ken, ist in den untersten, dunkelsten Schichten unseres Bewufitseins erst 
der Aufgang desjenigen, was seinen Chimborazo erst in der Zukunft 
erringen soli. Das mufi da herauf . 

Wir Menschen stehen mit unserem Seelenleben wirklich so, dafi die- 
ses Seelenleben wie ein Waagebalken ist, der das Gleichgewicht zunachst 
suchen mufi zwischen dem luziferischen Element auf der einen Seite, 
dem ahrimanischen Element auf der anderen Seite. Nur dafi das luzi- 



f Tafel 6 



fa A, 

/ 'r ', 



ferische Element in unserem hellen Kopfe liegt, das ahrimanische Ele- 
ment unten liegt in der Weisheit, die unseren Willen durchzieht. 
Dazwischen miissen wir das Gleichgewicht suchen in etwas, was eigent- 
lich zunachst uns nicht als von etwas durchzogen erscheint. 



Wie kommt Weisheit in diesen mittleren Teil des Menschen hinein? 
So wie der Mensch zunachst in der Welt stent, wird er seinem Kopfe 
nach von Luzifer gehalten, wird er seiner Stoffwechsel- Weisheit nach, 
der Gliedmafien- Weisheit nach von Ahriman gehalten. Aber dem Her- 
zen nach - denn dasjenige, was da als der mittlere Zustand des Bewufit- 
seins geschildert ist, das ist ebenso abhangig von unserer Herzorganisa- 
tion mit dem menschlichenRhythmus, lesen Sie dariiber nach in meinem 
Buche « Von Seelenratseln», wie unsere Intellektualitat mit dem Kopfe 
zusammenhangt — , in diese Sphare unseres Daseins mufi nach und nach 
eine ebenso grofie Ordnung hineinkommen, wie sie in die Kopfweisheit 
durch die Kopflogik hineingekommen ist, wie sie in alles dasjenige, was 
wir auf ahrimanische Weise wissen, durch die Mathematik, Geometrie, 
iiberhaupt durch diese aufierlich rationelle Naturbeobachtung kommt. 
Wodurch kommt in diesen mittleren Teil unseres Menschenwesens die 
innere Logik, die innere Weisheit, Orientierungsfahigkeit hinein? Durch 
den Christus-Impuls, durch dasjenige, was in die Erdenkultur ilber- 
gegangen ist durch das Mysterium von Golgatha. 

Es gibt eine geisteswissenschaftliche Anatomie, die uns zeigt, was 
Kopfkultur ist, die uns zeigt, was Stof fwechselkultur ist, die uns auch 
zeigt, was diejenige Organisations sphare ist, die zwischen beiden dar- 
innenliegt, und was diese braucht. Es gehort zu unserem Menschen- 
wesen die Durchdringung mit dem Christus-Impuls. 

So daft wir uns sagen konnen: Nehmen wir einen Augenblick hypo- 
thetisch an, das Mysterium von Golgatha ware nicht in die Erden- 
entwickelung hereingekommen, dann wiirde der Mensch die Kopf- 
weisheit auch haben. Er wiirde auch dasjenige haben, was seit dem 
15. Jahrhunderte heraufgekommen ist. Aber er wiirde mit Bezug auf 
seine Mittelpunktswesenheit leer und ode sein. Er wiirde immer mehr 
und mehr blofi den Zwiespalt empfinden zwischen den beiden an- 
gefuhrten inneren Spharen. Er wiirde nicht den Gleichgewichtszustand 
herbeifiihren konnen. Diesen Gleichgewichtszustand konnen wir nur 
herbeifuhren dadurch, dafi wir uns immer mehr und mehr durchdringen 
mit dem Christus-Impuls, der den Gleichgewichtszustand hervorruft 
zwischen dem luziferischen und dem ahrimanischen Elemente. 

Daraus ersehen Sie, dafi wir sagen konnen: In diesen vorchristlichen 



viereinhalb Jahrhunderten ist dem Menschen beschert worden wie eine 
Vorbereitung zum Mysterium von Golgatha der letzte Auslaufer der 
alten Mysterienkultur, der sich festgesetzt hat wie eine Kopfeserinne- 
rung an diese alte Mysterienkultur. Und in der neueren Zeit, durch 
viereinhalb Jahrhunderte, ist durch das Menschenwesen gegangen die 
Vorbereitung fur eine neue Geistesrichtung, fur eine neue Art von 
Mysterienkultur. Aber dafi diese beiden auch in der geschichtlichen 
Entwickelung der Menschheit verbunden werden konnen, dazu mufite 
das Mysterium von Golgatha objektiv in die Menschheitsentwickelung 
hineingestellt werden. Von aufien betrachtet verlauft die Menschheits- 
entwickelung so, dafi das Mysterium von Golgatha als eine objek- 
tive Tatsache hineingestellt wird. Innerlich aber verlauft die Mensch- 
heitsentwickelung so, dafi die Menschen mittlerweile heranwachsen, 
bis sie vom 15. Jahrhundert ab jenen neuen Einschlag bekommen, 
den ich Ihnen eben charakterisiert habe als einen Ahriman-Ein- 
schlag, und durch den sie erst recht empfinden werden: sie brauchen 
die Moglichkeit, eine Briicke zu bauen zwischen dem einen und dem 
anderen. 

So konnen wir innerlich den dreigliedrigen Menschen begreif en. Und 
wir werden ihn noch genauer begreifen, wenn wir mit dem, was ich 
Ihnen heute gesagt habe, etwas verbinden, was ich schon wiederholt 
erwahnt habe. Dem alten Griechen mit seinen letzten Resten aus der 
alten Mysterienkultur ware es gar nicht moglich gewesen - aufier dafi 
es aufgetreten ist bei einigen Entarteten, aber auch nicht in dem Grade, 
wie in unserer Zeit — , es ware ihm gar nicht moglich gewesen, atheistisch 
zu sein. Der Atheismus ist im Grunde genommen erst ein neueres Ge- 
bilde, wenigstens in seinen radikalen Ausgestaltungen. Denn der Grie- 
che, der wirklich Dialektik innehatte, der fiihlte noch im Denken, sogar 
im inhaltslosen Denken das Walten des Gottlichen. 

Wenn man dies weifi und dann auf das Auftreten des Atheismus 
sieht, auf die vollige Leugnung des Gottlichen, dann kommt man dar- 
auf, worauf eigentlich dieser Atheismus beruht. Atheisten - man braucht 
natiirlich geisteswissenschaftliche Methoden, um das zu erkennen — , 
Atheisten sind nur diejenigen Menschen, bei denen - es kann ja das 
in sehr feinen Strukturverhaltnissen sein, aber es ist so — etwas nicht 



in der Ordnung ist organisch. Der Atheismus ist in Wirklichkeit eine 
Krankheit. 

Das ist dasjenige, was wir zuerst festhalten mussen: Der Atheismus 
ist eine Krankheit. Denn wenn unser Organismus vollstandig gesund 
ist, so kann er in seinen einzelnen Gliederungen nicht anders zusam- 
menwirken, als dafi wir unseren Ursprung aus dem Gottlichen - ex deo 
nascimur — selber empfinden. 

Das zweite ist allerdings etwas anderes. Der Mensch kann das Gott- 
liche empfinden, aber keine Moglichkeit haben, den Christus zu emp- 
finden. Man macht in dieser Beziehung heute nicht sehr feine Unter- 
schiede. Man begniigt sich heute zu sehr mit Worten, auch auf anderen 
Gebieten. Wenn man namlich heute den eigentlichen geistigen Gehalt 
recht vieler abendlandischer Menschen priift und sich nicht nach den 
Worten richtet — sie sagen, sie glauben an eine Freiheit des Willens und 
so weiter -, zeigt es sich, wie die ganze Konfiguration des Denkens 
widerspricht diesem, was sie damit ausdriicken. Nur im Zusammenhang 
der Kultur sind sie gewohnt worden, von Christus zu sprechen, von 
Freiheit und so weiter. In Wirklichkeit ist eine grofie Anzahl unter uns 
lebender Menschen nichts weiter als Tiirken; denn ihr Glaubensinhalt 
ist genau derselbe fatalistische - wenn auch dieser Fatalismus oftmals 
als Naturnotwendigkeit geschildert ist -, wie der Glaubensinhalt der 
Mohammedaner ist. Der Mohammedanismus ist viel verbreiteter, als 
man denkt. Wenn man eben nicht auf die Worte geht, sondern auf den 
geistig-seelischen Inhalt, dann sind manche Christen eigentlich Tiirken, 
viele Christen sind Tiirken. Und so nennen sich die Leute auch Christen, 
wenn sie auch nicht den Ubergang finden konnen zwischen dem Gott, 
den sie empfinden und dem Christus. 

Ich brauche Sie nur hinzuweisen auf das klassische Beispiel eines 
modernen Theologen, Adolf Harnack, der das «Wesen des Christen- 
tums» schrieb. Bitte, machen Sie die Probe, streichen Sie im «Wesen des 
Christentums» uberall den Christus-Namen aus und schreiben Sie blofi 
den Gottes-Namen hin, es andert gar nichts an dem Inhalt dieses Buches. 
Es besteht gar keine Notwendigkeit, dafi der Mann das, was er aussagt, 
von dem Christus aussagt. Er braucht es nur auszusagen von dem all- 
gemeinen, von dem der Welt zugrunde liegenden Vater-Gotte. Es ist 



gar keine Notigung, dafi er dasjenige, was er aussagt, auf den Christus 
bezieht. Wo er etwas beweist, ist es aufierlich und innerlich unwahr, 
indem er eben aus den Evangelien die einzelnen Mitteilungen entlehnt; 
aber in der Art, wie er sie verarbeitet, ist keine Veranlassung, sie an den 
Christus anzulehnen. Man mufi die Moglichkeit gewinnen, den Christus 
nicht so aufzufassen, dafi man ihn identifiziert mit dem Vater-Gotte. 
Das konnen schon ganz besonders sehr viele neuere evangelische Theo- 
logen nicht mehr: einen Unterschied machen zwischen dem allgemeinen 
Gottes-Begriff und dem Christus-Begriff. Christus nicht zu finden im 
Leben ist etwas anderes, als Gott nicht zu finden, den Vater-Gott nam- 
lich. Dafi es sich hier nicht darum handelt, irgendwie die Gottlichkeit 
des Christus zu bezweifeln, wissen Sie. Es handelt sich nur darum, dafi 
man innerhalb der Sphare des Gottlichen genau unterscheiden mufi 
zwischen dem Vater-Gott und dem Christus-Gott. Aber das driickt 
sich auch aus in dem Seelenleben des Menschen. Gott-Vater nicht zu 
finden, ist eine Krankheit; den Christus nicht zu finden, ist ein Ungliick. 
Denn mit dem Christus ist der Mensch so verbunden, dafi er innerlich 
darauf angewiesen ist. Aber er ist angewiesen auf etwas, das als ein 
historisches Ereignis sich abgespielt hat. Er mufi im aufieren Leben hier 
auf der Erde einen Zusammenhang finden mit dem Christus. Findet er 
ihn nicht, so ist das ein Ungliick. Es ist eine Krankheit, Atheist zu sein, 
den Vater-Gott nicht zu finden. Es ist ein Ungliick, den Sohnes-Gott 
nicht zu finden, den Christus. 

Und was ist das, den Geist nicht zu finden? Nicht die Moglichkeit 
zu haben, die eigene Geistigkeit zu erfassen, um den Zusammenhang 
der eigenen Geistigkeit mit der Geistigkeit der Welt zu finden, das ist 
eine Schwachgeistigkeit; ein seelischer Schwachsinn ist es, den Geist 
nicht anzuerkennen. 

An diese drei Mangel der menschlichen Seelenverfassung bitte ich 
Sie, sich noch einmal zu erinnern - dann werden wir in der richtigen 
Weise in dieser Betrachtung morgen fortfahren konnen — , sich zu er- 
innern an dasjenige, was ich Ihnen heute von einem anderen Gesichts- 
punkte aus wieder iiber die drei Bewufitseine gesagt habe, und sich zu 
erinnern daran: Atheist zu sein, den Gott, aus dem wir geboren sind 
- den wir finden miissen bei einer vollstandig gesunden Organisation — 



nicht zu finden, ist eine Krankheit, und den Christus nicht zu finden, 
ist ein Ungliick, den Geist nicht zu finden, ist ein seelischer Schwach- 
sinn. 

In dieser Weise unterscheiden sich auch die Wege des Menschen zur 
Trinitat voneinander. Und das wird fiir die Menschheit immer mehr 
und mehr notwendig, auf diese konkreten Dinge des Seelenlebens ein- 
zugehen, nicht immer in allgemeinen, verschwommenen, nebulosen 
Dingen stecken zu bleiben. Und zu dieser Nebulositat hat man heute 
eine ganz besondere Neigung. Zu ersetzen diese Neigung durch die 
Neigung, ins Konkrete des Seelenlebens wiederum einzutreten, das ist 
eine wesentliche Aufgabe der Zeit. 



FONFTER VORTRAG 



Dornach, 29. November 1919 



Der Mensch kann nur dadurch ein wirkliches, seine Seele tragendes 
Bewufitsein erlangen, daft er aufnimmt wenigstens die wichtigsten, die 
wesentlichsten Gesetze der menschlichen Entwickelung. Dasjenige, was 
sich zugetragen hat im Lauf der menschlichen Entwickelung, das miis- 
sen wir erkennen, in unser Seelenleben hereinbringen. So ist einmal die 
Aufgabe des gegenwartigen Menschen. Nun handelt es sich darum, daft 
man - ich bemerkte das schon in diesen Tagen - vollig ernst nehme, daft 
die Entwickelung der Menschheit selbst eine Art lebendige, eine Art 
Wesensentwickelung ist. Wie in dem einzelnen menschlichen Indivi- 
duum gesetzmaftiges Wachstum ist, so in der Entwickelung des ganzen 
Menschengeschlechtes. Und da in der Gegenwart einmal der Zeitpunkt 
ist, wo gewisse Dinge ins Bewufttsein herauf miissen und der Mensch ja 
in den wiederholten Erdenleben teilgenommen hat an den verschiede- 
nen Gestaltungen der Menschheitsentwickelungsgeschichte, so ist auch 
notwendig, daft man Verstandnis entwickele fiir die Verschiedenheiten 
der menschlichen Seelenstimmungen in den einzelnen Epochen der 
Menschheitsentwickelung. Ich habe schon ofter gesagt: Dasjenige, was 
wir heute Geschichte nennen, das ist eigentlich eine Fable convenue aus 
dem Grunde, weil bei dieser abstrakten Aufzahlung von Ereignissen 
und bei diesem Suchen nach Ursache und Wirkung im aufterlichsten 
Sinne gegeniiber den geschichtlichen Hergangen gar nicht Rucksicht 
genommen wird auf die Umwandlungen, auf die Metamorphosen des 
menschlichen Seelenlebens selber. Wenn man von diesem Gesichts- 
punkte aus Proben macht, so konnte man sich schon uberzeugen, wie 
vorurteilsvoll es ist, wenn man glaubt, daft ungefahr so wie die Seelen 
der Menschen jetzt gestimmt sind, sie bis in jene Zeiten waren, in die 
noch die ersten Dokumente der Geschichte zuriickreichen. Das ist nicht 
der Fall. Menschen, auch einfachste, primitivste Menschen des 9., 10. 
nachchristlichen Jahrhunderts, sie waren ganz anders in der Seele ge- 
stimmt als die Menschen nach der Mitte des 15. Jahrhunderts. Man 
kann das verfolgen bis in die Niederungen des Menschengeschlechtes 



hinein, kann es auch auf den Hohen verfolgen. Versuchen Sie zum Bei- 
spiel einmal, sich eine Kenntms zu verschaffen des merkwiirdigen Wer- 
kes von Dante iiber die «Monarchie». Wenn Sie so etwas lesen, aber 
nicht lesen wie eine Kuriositat, sondern lesen mit einem gewissen kultur- 
historischen Spiirsinn, dann wird Ihnen auffallen, wie in einem solchen 
Buche eines Reprasentanten seiner Zeit Dinge drinnenstehen, die un- 
moglich aus der Seele eines Gegenwartsmenschen heraus gesprochen 
sein konnten. Ich will nur eines erwahnen. 

Dante versucht in diesem Buche, das in seinem Sinne eine ernsthafte 
Abhandlung iiber die Rechtsgrundlage, iiber die politische Grundlage 
der Monarchic sein soil, darzulegen, dafi die Romer das vorziiglichste 
Volk der Erde waren. Er versucht darzulegen, dafi es ein Urrecht der 
Romer war, den ganzen Erdball, soweit er dazumal in Frage kam, zu 
erobern. Er versucht darzulegen, dafi diese Eroberung des ganzen Erd- 
balles durch die Romer ein grofieres Recht sei als etwa das Selbstandig- 
keitsrecht einzelner kleiner Volkerschaften, denn Gott habe es so ge- 
wollt, dafi die Romer iiber einzelne kleine Volkerschaften herrschten, 
zum Wohle dieser einzelnen kleinen Volkerschaften. Viele Beweise 
ganz aus dem Geiste seiner Zeit heraus bringt Dante vor fur diese Be- 
rechtigung des Romertums, den Erdkreis zu beherrschen. Einer dieser 
Beweise ist auch der folgende. Er sagt: Die Romer stammen doch ab 
von Aneas. Aneas hat dreimal geheiratet. Zuerst die Creusa. Dadurch 
aber, durch diese Heirat, habe er sich als der Stammvater das Recht 
erworben, Asien zu beherrschen. Zweitens habe er geheiratet die Dido. 
Dadurch habe er sich als Urvater der Romer das Recht erworben, 
Afrika zu beherrschen. Dann habe er geheiratet die Lavinia. Damit 
habe er sich das Recht erworben - das heifit fur die Romer Europa 
zu beherrschen. Herman Grimm, der diese Sache einmal besprochen 
hat, macht dazu die, ich glaube nicht unzutreffende Bemerkung: Ein 
reines Gluck, dafi dazumal Amerika und Australien noch nicht ent- 
deckt waren! 

Aber diese Schlufifolgerung war fur einen erleuchteten Geist der 
Dante-Zeit, ja fur den hervorragendsten Geist der Dante-Zeit etwas 
ganz selbstverstandliches. So etwas war dazumal eine juristische Dar- 
legung. Nun bitte ich Sie, sich vorzustellen, dafi bei irgendeinem 



Juristen der Gegenwart eine solche Schlufifolgerung auftrate. Sie kon- 
nen sich es nicht vorstellen. Ebensowenig konnen Sie sich vorstellen, 
dafi die Denkweise in bezug auf andere Griinde, die Dante vorbringt, 
aus der Seelenverfassung eines Gegenwartsmenschen herauskame. 

So ergibt eine ganz naheliegende Tatsache, wie man hinsehen mufi 
auf die Umwandlung der Seelenverfassungen der Menschen. Diese 
Dinge nicht zu verstehen, das ging in einer gewissen Weise an bis in 
unsere Zeit herein. Das geht in unserer Zeit nicht mehr an und wird 
insbesondere nicht gegen die Zukunft hin fur die Menschheit angehen, 
aus dem einfachen Grunde, weil die Menschheit bis in unsere Zeiten 
herein oder wenigstens bis zum Ende des 1 8. Jahrhunderts - seit der 
Franzosischen Revolution ist es schon allmahlich anders geworden, aber 
es blieben immer alte Reste der betreffenden Seelenverfassungen zu- 
riick -, weil die Menschheit bis in unsere Zeit herein - also mit der Ein- 
schrankung, die ich eben gemacht habe — gewisse Instinkte hatte. Und 
aus diesen Instinkten her aus konnte sie ein Bewufksein entwickeln, das 
seelentragend war. So wie aber der sich fortwandelnde Organismus der 
Menschheit nunmehr geworden ist, sind diese Instinkte nicht mehr da, 
und der Mensch mufi sich in bewufker Weise erwerben den Zusammen- 
hang mit der ganzen Menschheit. Das ist ja schliefilich die ganze Be- 
deutung, die tiefere Bedeutung der sozialen Frage in der Gegenwart. 
Dasjenige, was die Leute parteimafiig vielfach sagen, ist nur eine For- 
mulierung obenhin. Dasjenige, was eigentlich in den Untergriinden der 
Menschenseelen wogt, das spricht sich [nicht] aus in solchen Formeln. 
Aber das, was wogt, das ist eben, dafi.die Menschheit fuhlt, man miisse 
bewufit den Zusammenhang des einzelnen mit der ganzen Menschheit 
erringen, das heifit, einen sozialen Impuls sich aneignen. 

Nun kann man das nicht, ohne dafi man das Gesetz der Entwicke- 
lung wirklich ins Auge fafit. Tun wir das noch einmal, nachdem wir es 
fur andere Fragen schon wiederholt getan haben. Nehmen wir zum 
Beispiel die Zeit vom 4. nachchristlichen Jahrhundert bis etwa ins 
16. nachchristliche Jahrhundert herein. Da finden wir, wie das Chri- 
stentum im zivilisierten Europa sich ausbreitet. Wir finden dieser Aus- 
breitung jenen Charakter aufgepragt, von dem ich gestern und ofter 
gesprochen habe. Wir finden, dafi in dieser Zeit noch alle Sorgfalt dar- 



auf verwendet wird, durch menschliche Vorstellungen und menschliche 
Begriffe, wie sie vom Griechentum ubermittelt worden sind, die Ge- 
heimnisse von Golgatha zu verstehen. Dann beginnt aber eine veran- 
derte Form der Entwickelung. Wir wissen, da<5 sie eigentlich schon 
friiher einsetzt, um die Mitte des 15. Jahrhunderts. Sichtbar, deutlich 
wird sie erst etwa im 16. Jahrhundert. Dann beginnt das naturwissen- 
schaftlich orientierte Denken zuerst die obere Menschheit zu ergreifen, 
aber sich immer weiter und weiter auszudehnen. 

Nun fassen wir einmal dieses naturwissenschaftlich orientierte Den- 
ken einer bestimmten Eigenschaft nach ins Auge. Es gibt viele solche 
Eigenschaften, die man erwahnen kann fiir das naturwissenschaftlich 
orientierte Denken, aber wir wollen heute wiederum eine besonders 
hervorheben. Das ist diese, dafi, wenn man so recht handfester neuerer 
Denker im heutigen Sinne ist, man nicht zurechtkommt mit der Frage: 
Naturnotwendigkeit und menschliche Freiheit. Immer mehr drangte 
das Naturdenken der neueren Zeit dahin, den Menschen als ein Glied 
der iibrigen Natur zu denken, die man auffafit als einen Strom von fest 
einander bedingenden Ursachen und Wirkungen. Gewifi sind ja viele 
Menschen auch heute da, die sich klar dariiber sind, dafi Freiheit, das 
Erlebnis der Freiheit, eine Tatsache des menschlichen Bewufitseins ist. 
Aber dies hindert nicht, dafi, wenn man sich so recht hineinfindet in die 
besondere Konfiguration des Naturdenkens, man da nicht zurecht- 
kommt. Denkt man so, wie die heutige Naturwissenschaft das will, iiber 
die Wesenheit des Menschen, so kann man eben mit diesem Denken 
nicht vereinigen das Denken iiber die menschliche Freiheit. Manche 
machen sich es leicht mit der menschlichen Freiheit, mit dem mensch- 
lichen Verantwortlichkeitsgefuhl. Ich kannte einen Strafrechtslehrer, 
der begann seine Vorlesungen iiber das Straf recht jedesmal damit, dafi 
er sagte: Meine Herren, ich habe Ihnen Straf recht vorzutragen. Das 
beginnen wir damit, dafi wir als Axiom annehmen, es gabe eine mensch- 
liche Freiheit und Verantwortlichkeit. Denn gabe es keine Freiheit und 
keine Verantwortlichkeit, so konnte es kein Strafrecht geben. Nun gibt 
es aber ein Strafrecht, denn ich mufi es Ihnen vortragen, also gibt es 
auch eine Verantwortlichkeit und Freiheit. — Diese Argumentation ist 
etwas einfach, aber sie ist doch auch hinweisend darauf , wie schwer die 



Menschen heute noch zurechtkommen, wenn sie fragen sollen: Wie ver- 
einigt Naturnotwendigkeit sich mit Freiheit? Das heifit aber mit an- 
deren Worten nichts anderes als : Immer mehr und mehr ist der Menscli 
durch die Entwickelung der letzten Jahrliunderte gezwungen worden, 
eine gewisse Allmacht der Naturnotwendigkeit zu denken. Man sagt 
es sich nicht mit diesen Worten, aber dennoch, es wird gedacht eine 
gewisse Allmacht der Naturnotwendigkeit. Was ist diese Allmacht der 
Naturnotwendigkeit? 

Wir werden uns am besten verstehen, wenn ich Sie an etwas erinnere, 
das ich schon ofters erwahnt habe. Die heutigen Denker glauben, sie 
handeln - oder denken vielmehr - vorurteilslos, blofi wissenschaftlich 
forschend, wenn sie behaupten, der Mensch bestiinde aus Leib und 
Seele. Nicht wahr, bis zu dem angeblich grofien, eigentlich nur von 
seines Verlegers Gnaden grofien Philosophen Wilhelm Wundt behaup- 
ten die Leute, wenn man unbefangen denkt, so miisse man den Men- 
schen gliedern in Leib und Seele, wenn iiberhaupt noch die Seele gelten 
gelassen wird. Und nur schiichtern wagt sich der Versuch der Wahrheit 
hervor, den Menschen zu gliedern in Leib, Seele und Geist. Die Philo- 
sophen, die heute glauben, vorurteilslos den Menschen in Leib und Seele 
zu gliedern, die wissen eben nicht, dafi ihre Gliederung nur das Ergeb- 
nis eines historischen Vorganges ist, der seinen Ausgangspunkt ge- 
nommen hat vom achten allgemeinen Konzil von Konstantinopel, wo 
die katholische Kirche den Geist abgeschafft hat, indem es zum Dogma 
erhoben worden ist, dafi fortan der richtig glaubige Christ nur zu den- 
ken habe, der Mensch bestiinde aus Leib und Seele, und die Seele habe 
auch einige geistige Eigenschaften. Das war Kirchengebot. Das lehren 
heute noch die Philosophen und wissen nicht, dafi sie blofi dem Kirchen- 
gebote folgen, sie glauben vorurteilslose Wissenschaft zu treiben. So 
steht es tatsachlich heute um manches, was man «vorurteilslose Wissen- 
schaft» nennt. 

So ahnlich ist es auch mit der Naturnotwendigkeit. Diese ganze Ent- 
wickelung vom 4. Jahrhundert bis ins 16. Jahrhundert, die kristallisierte 
immer mehr einen ganz besonderen Gottesbegriff heraus. Wenn man 
auf die Feinheiten der geistigen Entwickelung dieser Jahrhunderte ein- 
geht, so kommt man darauf, dafi immer mehr und mehr ein ganz be- 



stimmter Gottesbegriff aus dem menschlichen Denken herausgearbeitet 
wurde, der Gottesbegriff, der eigentlich gipfelt in dem Diktum: Gott, 
der Allmachtige. Es wissen die wenigsten Menschen, dafi es zum Bei- 
spiel fiir den Menschen vor dem 4. nachchristlichen Jahrhundert keinen 
rechten Sinn gehabt hatte, von Gott dem Allmachtigen zu sprechen. 
Wir treiben keine Katechismus-Wahrheiten; da steht natiirlich drinnen: 
Gott ist allmachtig, allweise und allgiitig und so weiter. Das alles sind 
Dinge, die mit den Wirklichkeiten nichts zu tun haben. Vor dem 4. Jahr- 
hundert wurde niemand, der verstandig war in diesen Dingen, der mit 
diesen Dingen wirklich mitgegangen ist, daran gedacht haben, die All- 
macht als eine Grundeigenschaft des gottlichen Wesens zu betrachten, 
sondern da war noch die Nachwirkung der griechischen Begrif fe. Und 
wenn man an das gottliche Wesen gedacht hat, so wiirde man in erster 

Tafel 8 Linie nicht gesagt haben (an die Tafel schreibend:) Gott, der Allmach- 
tige, sondern: Gott, der Allweise. 

Die Weisheit war dasjenige, was man zunachst als die Grundeigen- 
schaft dem gottlichen Wesen beigelegt hat. Und der Begriff der All- 
machtigkeit, er ist erst vom 4. Jahrhundert an allmahlich eingedrungen 
in die Idee von dem gottlichen Wesen. Das entwickelt sich weiter. Der 
Personlichkeitsbegriff wird fallen gelassen, und iibertragen wird das 
Pradikat auf die blofie, immer mehr und mehr sogar mechanisch vor- 
gestellte Naturordnung. Und der Begriff der neueren Naturnotwendig- 
keit, dieser Allmacht der Natur, ist nichts anderes als das Ergebnis der 

Tafel 8 Entwickelung des Gottesbegriff es vom (an dieTafel schreibend:) 4. Jahr- 
hundert bis ins 16. Jahrhundert. Nur dafi abgeworfen wurden die Per- 
sonlichkeitseigenschaften, und dafi herubergenommen wurde in die 
Struktur des Naturdenkens dasjenige, was dazumal fiir den Gottes- 
begriff genommen worden ist. 

Die echten Naturwissenschafter von heute wurden sich natiirlich 
kraftig wehren, wenn man ihnen so etwas sagt. Geradeso wie manche 
Philosophen glauben, vorurteilslos iiber den Menschen zu denken, in- 
dent sie ihn nur aus Leib und Seele bestehen lassen, wahrend sie inWahr- 
heit nur befolgen das achte allgemeine okumenische Konzil von Kon- 
stantinopel von 869, geradeso wie diese Philosophen abhangig sind von 
einer historischen Stromung, so sind sie alle — die Haeckelianer, die 



Darwinisten, alle, alle bis zu den Physikern mit ihrer Naturordnung - 
nichts anderes als Abhangige derjenigen theologischen Richtung, die 
sich ausgebildet hat in der Zeit von Augustinus bis Calvin. Diese Dinge 
rmissen durchschaut werden. Denn das ist das Eigentiimliche einer jeden 
Evolutionsstromung, dafi sie eine gewisse Evolution in sich schliefit, 
aber auch eine Involution oder Devolution. Und wahrend sich ent- 
wickelte der Begriff «Gott der Allmachtige», war die Unterstromung 
in den unterbewufiten Spharen des menschlichen Seelenlebens vorhan- 
den, die dann die tonangebende Oberstromung wurde: die Naturnot- 
wendigkeit (siehe Zeichnung, rot). Und seit dem 16. Jahrhundert ist 
wiederum eine neuerliche Unterstromung da, die gerade in unserer 
Zeit sich vorbereitet, Oberstromung zu werden (s. Zeichnung, weifi). 



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Das ist es, was wir als das Charakteristikon des Michael-Zeitalters 
anfiihren miissen, dafi dasjenige, was sich vorbereitet hat in Form einer 
Unterstromung der Naturnotwendigkeit, von jetzt ab werden mufi eine 
Oberstromung. Aber es mufi verstanden werden der innere Geist der 
Erdenentwickelung, wenn man iiberhaupt zu irgendeinem moglichen 
Begriffe kommen will von dem, was sich eigentlich da vorbereitet. 

Ich habe Sie neulich einmal darauf aufmerksam gemacht, dafi eigent- 
lich das, was von selbst geht in der irdischen Entwickelung und nament- 
lich in der Menschheitsentwickelung, sich in absteigender Linie bewegt. 
Die Erdenmenschheit und die Erdenentwickelung selbst ist eigentlich 
in der Dekadenz. Ich habe Sie darauf aufmerksam gemacht, dafi das ja 
sogar heute schon eine geologische Wahrheit ist, dafi ernsthaft zu 
nehmende Geologen zugeben, die Erdkruste sei bereits in einem Ver- 
fallsprozesse. Aber insbesondere ist in einem Verfallsprozesse durch die 



Krafte, die eigentlich sinnlich-irdisch sind, die Menschheit selbst. Und 
der Menschheitsprozefi mufi so weitergehen, daft die Menschheit auf- 
nimmt geistige Impulse, die gegen die Dekadenz arbeiten. Daher mu£ 
bewufkes Geistesleben in die Menschheit eintreten. Wir mussen uns klar 
sein dariiber: den Hohepunkt der Erdenentwickelung, den haben wir 
bereits iiberschritten. Damit die Erdenentwickelung weitergehen kann, 
mufi Geistiges immer klarer und deutlicher aufgenommen werden. 

Das scheint zunachst wie eine abstrakte Tatsache. Fiir den Geistes- 
forscher ist das gar nicht eine abstrakte Tatsache. Sie wissen ja wohl, 
dafi wir die Entwickelung desjenigen, was dann Erde geworden ist, ver- 
folgen durch ein Saturn-, Sonnen- und Mondenstadium bis herein ins 
Erdenstadium. Diese Entwickelung konnen wir auch dadurch charak- 
terisieren, dafi wir sagen, im Grunde genommen ist, wenn wir von der 
heutigen Menschheit sprechen, dasjenige, was sich von dieser Mensch- 
heit durch Saturn-, Sonnen- und Mondenperiode entwickelt hat, Vor- 
bereitung, Vorstadium gewesen. Auf der Erde selbst hat der Mensch 
eigentlich erst, als er sein Ich angenommen hat, die Menschenwesenheit 
in Wirklichkeit erreicht und wird in diese Wesenheit weiteres hinein- 
giefien durch die folgenden Entwickelungsstadien der Erde. 

Nun wissen Sie ja, dafi auf derselben Entwickelungsstufe, wenn auch 
in ganz anderen Formen, bei ganz anderem aufierem Ansehen, die 
sogenannten Archai, die heutigen Geister der Personlichkeit oder Zeit- 
geister, im Saturnstadium waren, in derselben Entwickelungsstufe, aber 
mit anderem Ansehen, wie heute der Mensch. So dafi ich das in meinen 
Buchern ausgedriickt habe dadurch, dafi ich sagte: Was wir heute als 
Archai, als Geister der Personlichkeit ansehen, das war wahrend der 
Saturnzeit Mensch, die Archangeloi waren wahrend der Sonnenzeit 
Mensch, die Angeloi wahrend der Mondenzeit Mensch. Wahrend der 
Erdenzeit sind wir Menschen, 

Nun haben wir uns ja naturlich immer vorbereitend mitentwickelt. 
Wenn wir nur zuriickgehen bis zum Mondenstadium, so mussen wir 
sagen: da sind die Angeloi Menschen gewesen; nicht so aussehende Men- 
schen wie wir, denn das alte Mondenstadium hat ganz andere Verhalt- 
nisse gehabt. Aber aufier diesen Mondenmenschen, den Angeloi, ent- 
wickelten auch wir uns schon in einem Vorstadium dort, in dem Vor- 



stadium der Erdenentwickelung, in sehr weit vorgeschrittenem Stadium, 
so dafi wir dort eigentlich schon in Betracht kamen fiir die Angeloi. 
Namentlich als die Mondenentwickelung bereits im Abstiege war, 
kamen wir dort zuweilen in recht lastiger Weise fiir die Angeloi in 
Betracht. Geradeso aber geht es uns mit der absteigenden Erdenentwik- 
kelung. Seit die Erdenentwickelung im Abstiege ist, kommen andere 
Wesenheiten nach. Das ist ein bedeutsames, ein wichtiges Ergebnis 
geisteswissenschaftlicher Forschung, das sehr, sehr ernst zu nehmen ist, 
dafi wir bereits in dieses Stadium der Erdenentwickelung eingetreten 
sind, wo sich Wesen geltend machen, die auf dem Jupiter — das ist das 
nachste Stadium der Erdenentwickelung — aufgeriickt sein werden zu 
zwar anderen Menschenformen, aber doch zu Formen, die sich mit dem 
Menschenwesen vergleichen lassen. Wir werden ja andere Wesen sein 
auf dem Jupiter. Aber diese gewissermafien Jupitermenschen sind jetzt 
schon da, wie wir auf dem Monde waren. Sie sind da, natiirlich nicht 
aufierlich sichtbar; aber ich habe ja neulich zu Ihnen gesprochen, was 
das bedeutet, aufierlich sichtbar zu sein, und dafi der Mensch auch ein 
ubersinnliches Wesen ist. tJbersinnlich sind diese Wesenheiten gar sehr 
da. 

Ich betone noch einmal: Das ist eine aufierordentlich ernste Wahr- 
heit, dafi sich geltend machen gewisse Wesenheiten, welche tatsachlich 
um die Menschheit herum sind. Immer mehr und mehr machen sie sich 
geltend seit der Mitte des 15. Jahrhunderts. Diese Wesenheiten haben 
zunachst vorzugsweise ausgebildet den Impuls einer Kraft, die sehr 
ahnlich ist der menschlichen Willenskraft, jener Willenskraft, von der 
ich Ihnen gestern gesagt habe, wie sie unten ist in tieferen Schichten des 
menschlichen Bewufitseins. Mit dem, was da dem gewohnlichen heu- 
tigen Bewufksein unbewufit bleibt, mit dem verwandt sind diese un- 
sichtbaren Wesenheiten, die sich aber schon sehr stark geltend machen 
in der Entwickelung der heutigen Menschheit. 

Fiir den, der die Geistesforschung konkret ernst nimmt, ist das ein 
Problem von gewaltiger Grofie. Mir trat dieses Problem besonders stark 
entgegen - und ich habe es dazumal zu verschiedenen unserer Freunde 
in der einen oder in der anderen Form ausgesprochen -, mir trat dieses 
Problem besonders stark entgegen, ich mochte sagen, f ordernd entgegen, 



als im Jahre 1914 diese Kriegskatastrophe ausbrach. Da mufke man 
sich fragen: Wie stiirmte uber die europaische Menschheit herein ein 
Ereignis, das etwa so auszumessen nach seinen Verursachungen, wie 
man das gewohnt ist gegeniiber friiheren geschichtlichen Ereignissen, 
tatsachlich unmoglich ist? Wer da weifi, dafi bei den entscheidenden 
Dingen doch im Jahre 1914 kaum mehr als dreifiig bis vierzig Men- 
schen in Europa beteiligt waren, und wer da weifi, in welcher Seelen- 
verfassung die meisten dieser Menschen waren, fur den kommt das 
eigentlich bedeutsame Problem herauf : Denn die meisten dieser Men- 
schen, so sonderbar das heute klingt, die meisten dieser Menschen 
waren von getriibtem Bewufitsein, von verdunkeltem Bewufltsein. 
Oberhaupt hat sich in den letzten Jahren ungeheuer viel zugetragen 
von der Art, das verursacht ist von getriibtem menschlichem Bewufit- 
sein. An den entscheidenden Stellen des Jahres 1914 sehen wir uberall, 
wie geradezu aus Bewuikseinsverdusterung heraus Ende Juli und An- 
f ang August die wichtigsten Entschliisse gefafit wurden, und wiederum 
durch diese Jahre hindurch bis in unsere Gegenwart herein. Das ist ein 
Problem, furchtbar in seiner Art. Untersucht man es geisteswissen- 
schaftlich, dann findet man, dalS diese verdunkelten Bewufitseine die 
Tore waren, durch die gerade diese Willenswesen von dem Bewufitsein 
dieser Menschen Besitz ergriffen haben, von dem umdunkelten, um- 
florten Bewufitsein dieser Menschen Besitz ergriffen haben und gewirkt 
haben mit ihrem Bewufksein. Und diese Wesen, die da Besitz ergriffen 
haben, die noch untermenschliche Wesen sind, was fur Wesenheiten 
sind sie wiederum? Diese Frage miissen wir uns einmal ganz ernsthaftig 
vorlegen: Was sind das eigentlich fur Wesenheiten? 

Nun, wir haben gefragt nach dem Ursprung der menschlichen Intel- 
ligenz, nach dem Ursprung des menschlichen intelligenten Verhaltens, 
das, einfach gesprochen, zu seinem Werkzeug unsere Kopforganisation 
hat. Und wir haben gesehen, dafi diese intelligente Verfassung unserer 
Seele herriihrt von jener Tat Michaels, des Erzengels, die man gewohn- 
lich symbolisch darstellt als den Sturz, das Herabwerfen des Drachens. 
Das ist eigentlich ein sehr triviales Symbolum. Denn wenn man sich 
richtig vorstelit Michael mit dem Drachen, so hat man sich vorzustel- 
len: das Michael- Wesen - und der Drache ist eigentlich alles das, was 



einzieht in unsere sogenannte Vernunft, in unsere Intelligenz. Nicht in 
eine Holle stiirzt Michael seine gegnerischen Scharen, sondern in die 
menschlichen Kopfe hinein. (Es wird gezeichnet.) Da lebt dieser luzi- 



ferische Impuls weiter. Ich habe Ihnen ja charakterisiert die mensch- 
liche Intelligenz als einen eigentlich luziferischen Impuls. Wir konnen 
also sagen: Blicken wir zuriick im Erdenwerden, so finden wir die 
Michael-Tat, und an diese Michael-Tat ist gebunden die Erleuchtung 
des Menschen mit seiner Vernunft. 

Was jetzt eintritt, die untermenschlichen Wesenheiten, die in ihretn 
Hauptcharakter einen Impuls haben, der sehr stark ubereinstimmt mit 
dem menschlichen Willen, mit der menschlichen Willenskraft, die kom- 
men gewissermafien von unten herauf, wahrend jene von Michael ge- 
stiirzten Scharen oder Krafte von oben kamen. Und wahrend diese 
Besitz ergriffen von dem menschlichen Vorstellungsvermogen, ergreifen 
jene Besitz von der menschlichen Willenskraft, vereinigen sich mit ihr 
und sind Wesen, die aus dem Reich des Ahriman erzeugt werden. 




Tafel 9 




Tafel 9 



Ahrimanische Einflusse waren es, die durch diese umdunkelten Be- 
wufitseine wirkten. Ja, so lange man nicht wird diese Krafte ebenso 
behandeln als objektiv in der Welt vorhandene Krafte wie dasjenige, 
was man heme Magnetismus, Elektrizitat und so weiter nennt, so- 
lange wird man keine Einsicht gewinnen in diejenige Natur, die nach 
Goethes Dichtung, Goethes Prosahymnus auch den Menschen mit um- 
fafit. Denn die Natur, die sich die heutige Naturforschung vorstellt, in 
der ist der Mensch nicht drinnen, sondern nur das menschliche physische 
Gehause. 

Diese Wesenheiten, die also ebenso einen Aufstieg ahrimanischen 
Wesens vorstellen, wie das, was im Beginne des Erdenwerdens das Her- 
abfallen des luziferischen Wesens ist, diese Wesen, die ebenso eine 
Influenzierung der menschlichen Willenskraft darstellen, wie die an- 
deren Wesen eine Influenzierung der luziferischen Vorstellungskraft, 
diese Wesenheiten mussen wir in ihrer Ankunft innerhalb der Mensch- 
heitsentwickelung erkehnen. Wir mussen uns klar sein, dafi diese Wesen 
ankommen und dafi wir rechnen mussen mit einer Naturauffassung, 
die zunachst sich allerdings nur auf den Menschen erstreckt. Denn das 
Tierreich wird erst spater in der Erdenzeit einbezogen, auf das Tier 
haben sie noch keinen Einflufi. Das Menschengeschlecht aber wird man 
nicht verstehen, ohne dafi man auf diese Wesen Riicksicht nehmen wird. 
Und diese Wesen, die, ich mochte sagen, von hinten geschoben werden 
- denn hinter ihnen steht eigentlich das Ahrimanische, das ihnen ihre 
starke Willenskraft gibt, das ihnen eingiefit ihre Richtungskrafte und 
so weiter diese Wesenheiten, die fur sich untermenschliche Wesen- 
heiten sind, sind aber in ihrer Masse beherrscht von hoheren ahrimani- 
schen Geistern und haben dadurch etwas in sich, was weit hinausgeht 
iiber ihre eigene Natur und Wesenheit. Dadurch zeigen sie in ihrem Auf- 
treten etwas, was sogar, wenn es den Menschen gefangen nimmt, starker 
wirkt, wesentlich starker als dasjenige, woriiber der schwache Mensch, 
wenn er es nicht durch den Geist starkt, heute Herr sein kann. Worauf 
geht diese Schar aus? Sehen Sie, so wie die Scharen, die Michael herab- 
gestofien hat, diese luziferischen Scharen, ausgegangen sind auf mensch- 
liche Erleuchtung, auf menschliche Durchverniinftigung, so gehen diese 
Scharen aus auf eine gewisse Durchdringung des menschlichen Willens. 



Und was wollen sie? Sie wiihlen gewissermaften in der tiefsten Schichte 
des Bewufitseins, wo der Mensch heute auch noch wachend schlaft. Der 
Mensch merkt nicht, wie sie in sein Seelenwesen, wie auch in sein Lei- 
beswesen hereinkommen. Da aber ziehen sie mit ihren Anziehungs- 
kraften an alledem, was luziferisch geblieben ist, was nicht durch- 
christet geworden ist. Das konnen sie auch erreichen, dessen konnen sie 
sich bemachtigen. 

Diese Dinge sind sehr aktuell! Ich habe schon eine Erscheinung er- 
wahnt, die ganz im hoheren Sinne kuhurhistorisch bedeutsam ist. Wir 
lesen ja heute sogenannte Rechtfertigungsschriften. Alle moglichen 
Leute, von Theobald Betbmann angefangen bis zu Jagow, alles, alles 
schreibt; Clemenceau und Wilson werden ja spater auch drankommen, 
sie werden auch schreiben: alles schreibt. Nun, man braucht nur Ein- 
zelnes herauszugreifen, zum Beispiel die zwei dicken Bande von Tirpitz 
und von Ludendorff . Es ist hochst interessant fur einen Menschen, der 
denkt, der denkt mit dem Geiste seiner Zeit, die Art und Weise zu ver- 
folgen, in der solche Menschen wie Tirpitz und Ludendorff schreiben. 
Inhaltlich sind sie sehr voneinander verschieden, denn sie konnten ein- 
ander nicht leiden, sie hatten ganz verschiedene Ansichten. Aber von 
den Ansichten wollen wir hier nicht reden, sondern von der Geistes- 
konfiguration wollen wir reden. Die Biicher sind ja im heutigen Deutsch 
geschrieben, wenigstens annahernd im heutigen Deutsch geschrieben, 
aber die Gedankenformen, die sind tatsachlich - man raulS Verstandnis 
haben fur so etwas, sonst bemerkt man es nicht, sonst versetzt man ein 
solches Buch, weil die Jahreszahl 1919 drauf steht, in die Gegenwart — 
in den Vorstellungsarten so geschrieben, dafi man sich fragt: Ja, was ist 
denn das eigentlich fur eine Formung des Denkens? Ich habe mir diese 
Frage ganz ernsthaftig vorgelegt, gerade die beiden genannten Biicher 
daraufhin untersucht, denn es ist eine vollstandige Unwahrheit, reale 
Unwahrheit, dafi diese Biicher deutsch geschrieben sind. Aufierlich sind 
sie deutsch geschrieben, aber eigentlich ist es nur eineUbersetzung, denn 
die Gedankenformen sind diejenigen der Casarenzeit. Ganz genau die- 
selbe Art des Denkens, wie sie bei Casar vorhanden war, ist bei diesen 
Leuten vorhanden. 

Gerade dann, wenn man sic
…[truncated]