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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE OBER NATURWISSENSCHAFT
RUDOLF STEINER
Das Verhaltnis der verschiedenen
naturwissenschaftlichen Gebiete
zur Astronomie
Dritter naturwissenschaftlicher Kurs
Himmelskunde in Beziehung zum Menschen
und zur Menschenkunde
Achtzehn Vortrage, gehalten in Stuttgart
vom 1. bis 18. Januar 1921
1997
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH / SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlaftverwaltung
Die Hcrausgabe besorgten Gian Andrea Balaster,
Hendrik Knobel und Georg Unger
1. Auflage Dornach 1926
2., neu durchgesehene Auflage
Gesamtausgabe Dornach 1983
3. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1997
Bibliographie-Nr. 323
Zeichnungen im Text nach Zeichnungen in den Nachschriften,
ausgefuhrt von Leonore Uhlig, siehe Seite 341
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1997 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Druck: Greiserdruck, Rastatt / Bindung: Spinner GmbH, Ottersweier
Printed in Germany
ISBN 3-7274-3230-6
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedert
sich in die drei grofien Abteilungen: Schriften - Vortrage - Kiinstleri-
sches Werk (siehe die Obersicht am Schlufi des Bandes).
Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fur die
Mitglieder der Theosophischen, spacer Anthroposophischen Gesell-
schaft zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen hatte Rudolf
Steiner ursprunglich nicht gewollt> dafi sie schriftlich festgehalten wiir-
den, da sie von ihm als «miindliche, nicht zum Druck bestimmte Mit-
teilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige
und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden,
sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe
betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der
Stenographierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die
Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst korri-
gieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen sein
Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenommen
werden miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich
Fehlerhaftes findet.»
Ober das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur als
interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen
Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein
Lebensgang» (35. BCapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am Schlufi
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermafien auch
fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen begrenz-
ten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten Teilneh-
merkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtaus-
gabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser
Gesamtausgabe. Nahere Angaben zu den Textunterlagen finden sich
am Beginn der Hinweise.
INH ALT
ErsterVortrag, Stuttgart, l.Januar 1921
tjber den Titel des Kurses. Die Notwendigkeit der Umgliederung der ver-
schiedenen Wissenschaftsgebiete. Anschauung und Beweis. Die ma-
thematisch-mechanische Anschauungsweise der Astronomie seit Koper-
nikus und Galilei. Sie gilt nicht absolut, sondern ist aus dem Bediirfnis
der Menschheitsentwicklung entsprungen. Die moderne Menschheit
strebt nach leicht uberschaubaren und nach zwingenden Vorstellungen.
Kant, Du Bois-Reymond, Newton. Das gegenseitige Sich-nicht-Verstehen
des Mathematikers und Mediziners. Umstiilpung des Rohrenknochens
zum Schadelknochen. Goethe, Oken, Gegenbaur. Die heutige Mathema-
tik stellt sich nicht der Wirklichkeit. Das Fehlen der Grundlagen zu einer
Sozialwissenschaft. Notwendigkeit des Briickenschlags zwischen Astrono-
mie und Embryologie. Das Wesen der Zelle als Abbild des Kosmos. Eizel-
ie und Samenzelle. Der konkrete Sinn astronomischer Erkenntnis in der
Geisteswissenschaft und der abstrakte bei Du Bois-Reymond. Das Zusam-
menbringen von Embryologie und Astronomie ist Vorbedingung, um So-
zialwissenschaft und Naturwissenschaft zusammenzubringen.
Z weiter Vortrag, 2 , Januar 1921
Der fehlende Zusammenhang von Astronomie und Embryologie. Goe-
thes Ausspruch in «Spruchen in Prosa». Ober das methodische Vorgehen in
diesem Kurs. Die respektable Richtigkeit der Kalenderwissenschaft der
Chaldaer. Anschauung des Tycho de Brahe. Kopernikus und die Plane-
tenschleifen. Die Berechnungsmethode verlauft auch heute gemafi Tycho.
Das dritte kopernikanische Gesetz und seine heutige Eliminierung. Die
Unsicherheiten in der modernen Astronomie. Notwendigkeit, Astrono-
mie auf den Menschen zu griinden. Solarisches und Tellurisches im Jah-
reslauf. Seine Beziehung zum Gegensatz des Polarischen und Tropischen.
Beziehung zum dreigliedrigen Menschen. Lunarisches in Ebbe und Flut;
im Rhythmus der weiblichen Funktionen; im Auf- und Abfluten des
Phantasielebens. Solarisches und Tellurisches im Tageslauf. Goethe,
Schiller, Byron. Das Heimweh. Das Herausbilden des Menschen aus dem
ganzen Weltenall.
Dritter Vortrag, 3. Januar 1921
Das Problematische unserer Anschauungen vom Himmel. Ausspruch von
Ernst Mach. Uberwinden des Ungewissen dieser Anschauung durch Her-
einstellen des Menschen in den Kosmos. Die Erde der Geologen ist Ab-
straktion. Das Pflanzenreich als Augenoffnen der Erde nach dem Kosmos
bzw. als Augenschlieflen. In-die-Gestalt-Schieflen dcs Vegetativen durch
das Solarische, Zentrierung im Keim durch das Tellurische. Analoge Wir-
kungcn in den ersten Jahren des Kindes. Solarisches und Tellurisches wir-
ken im Tageslauf geistig-seelisch auf den Menschen, im Jahreslauf
leiblich-physisch. Beim Lunarischen entsprechen 28 Tage einem Tages-
lauf. Verwandtschaft mit dem Bilden einer Erinnerung. 28 Jahre entspre-
chen einem Jahreslauf. Die Vorstellungen Keplers. Seine 3 Gesetze.
Ableitung des Newtonschen Gravitationsgesetzes aus dem 3. Gesetz.
Das Lebendige in den Keplerschen Gesetzen. Ihre Verinnerlichung.
VierterVortrag, 4.Januar 1921
Ziel des Kurses: Briickenschlag von der Geisteswissenschaft zur gewohnli-
chen Denkweise. Die 3 Gesetze Keplers als geniale Induktionen. Die dar-
auf folgenden vorurteilsvollen Deduktionen. Die «regula philosophandi*
als Vorurteil. Welterklarungen aus Hypothesen. Newton, Kant, Laplace.
Die Nebularhypothese. Methodische Gesichtspunkte. Gegen die Nebu-
larhypothese lehnen sich auf Kometen und Meteoritenschwarme. Die
Wirklichkeit entzieht sich dem Begriff von Ellipsenbahnen um die Sonne.
Diese miissen nach Form und Lage veranderlich gedacht werden. Lebendige
Beweglkhkeit im Planetensystem. Die Folge der Storungen ware aber sei-
ne Erstarrung. Inkommensurabilitat der Umlaufszeiten macht es unbere-
chenbar. Peter Hille und das Oberbrettl. Die kosmischen Vorgange ent-
schwinden der Erkenntnis ins arithmetisch Unfaftbare - die embryonalen
treten aus dem geometrisch Unfafibaren in die faftbare Form hervor. An-
wendbarkeit der Mathemathik auf die Wirklichkeit als Problem. Die Re -
chengesetze (kommutatives, assoziatives, distributives) sind Postulate,
keine Axiome der Wirklichkeit. Vergleich mit dem Tragheitsprinzip.
FCnfter Vortrag, 5. Januar 1921
Erkenntnistheoretische Betrachtung zur Naturwissenschaft. Bedeutung
der Inkommensurabilitat: die Mathematik wird in einem gewissen Mo-
ment inkompetent. Dieser Moment in den Himmelserscheinungen und
in der Embryologie. Das biogenetische Grundgesetz und die Entwick-
lungsmechanik, Haeckel, Oscar Hertwig. Ohne Einbeziehung des Men-
schen als Ganzen sind die naturwissenschaftlichen Erkenntnisgrenzen
nicht zu iiberwinden. Bedeutung des Metamorphosegedankens, in der
Morphologie (Goethe) und im Funktionellen. Die Dreigliederung der
menschlichen Wesenheit und ihr dreifaches Verhaltnis zur Aufienwelt.
Der Gegensatz von Nervensinnesprozess und Stoffwechselprozefi, von
Vorstellen und Befruchtungsvorgang. Die rhythmischen Prozesse als mitt-
lere. Geordneter und ungeordneter Kosmos. Haupt: Astronomisches;
Stoffwechsel: Meteorologisches. Parallelitat von Erinnerungsbildung und
dem Prozefs der weiblichen Funktionen. Der Eikeim vor der Befruchtung:
Glied des Organismus; nach der Befruchtung: Glied des Kosmos. Duali-
tat im Menschen von Bildvorstellen und Realitatserleben als erkenntnis-
theoretische Frage. Das Jogasystem als alter Wcg zu cincr Losung. Die
biblische Schopfungsgeschichte und ihre embryologische Interpretation.
Notwendigkeit einer Selbstentwicklung des Menschen zur Oberbruckung
der Gegensatze zwischen Astronomie und Embryologie.
SechsterVortrag, 6. Januar 1921 114
Gesichtspunkt: Die Geistesentwicklung der Menschheit als Reagens auf
die Genesis der Himmelserscheinungen. Das 13. Jahrhundert als wichti-
ger Zeitpunkt in der Menschheitsentwicklung. Die Scholastik und der Ge-
gensatz von Realismus und Nominalismus. Heraufkommen des Gottesbe-
weises. Vincenz Knauer als spater Realist. Das 13. Jahrhundert als Mitte
zwischen zwei Eiszeiten. Die Entwicklung der menschlichen Verstandig-
keit. Die Geistesentwicklung von der urindischen bis zur gegenwartigen
Kultur. Zusammenhang mit Veranderungen der Erdenverhaltnisse seit
der letzten Eiszeit. Polarzone, gemafiigte Zone, tropische Zone in ihrer
Einwirkung auf die menschliche Organisation. Der Rhythmus in den Eis-
zeiten und in den kosmischen Vorgangen. Das platonische Jahr im Ver-
nal tnis zu den Atemziigen des Menschen. Die Verehrung der Gotter einst
und jetzt.
SiebenterVortrag, 7. Januar 1921 128
Bildung von wirklichkeitsgemafien und unwirklichkeitsgemajBen Begrif-
fen. Die Vorstellung der Oberschallgeschwindigkeit. Verschiedenheit des
Sinnes- und Vorstellungsle bens. Zunehmen des Sinneslebens seit der Eis-
zeit. Vorstellungsleben ist qualitativ gleich dem Traum; Sinnesleben ragt
herein von der Auficnwelt, enthalt das Selbstbewufitsein. Dieses schlagt
ein mit dem Aufwachen. Vergleich des Sehvorgangs mit dem Befruch-
tungsprozefi. Wirklichkeitserkenntnis benotigt noch andere Vorstellun-
gen als mathematische und phoronomische. Analyse der menschlichen
Organisation seit der letzten Eiszeit. Notwendigkeit eines nicht-
euklidischen Raumes. Bildungstendenzen bei Tier und Mensch in
Beziehung zur Sonne. Das empfindliche Instrument der Organisation
als Reagens fur Bewegungen im Himmelsraum. Starres euklidisches
und innerlich bewegliches Koordinatensystem, aber anders als bei
Minkowski. Gegensatz der Vertikalen bei Pflanze und Mensch.
AchterVortrag, 8. Januar 1921 145
Riickblick auf die bisherigen sieben Vortrage. Gesichtspunkt der Emanzi-
pation: In der heutigen Willenskultur des Sinneslebens hat der Mensch
einen inneren Fonds von Kraften gewonnen, wahrend sein Vorstellungs-
leben vor der Eiszeit (in der atlantischen Zeit) ganz von der Umwelt ab-
hangig war. Die Periode von hellerem und dunklerem Vorstellungsleben,
von Tag und Nacht emanzipiert. Vergleich mit dem von den Mondphasen
emanzipierten Rhythmus der weiblichen Funktionen; mit dem Gegensatz
von einjahriger und Dauer- Pflanze; mit der Entwicklung des Menschen-
wesens nach der Geschlechtsreife im Gegensatz zum Tier. - Inkommensu-
rabilitat der Umlaufzeiten halt das Planetensystem am Leben. Berechnun-
gen fuflen auf Gravitation, welche konsequenterweise kommensurable
Verhaltnisse ergeben miifite. Gegensatz von Planeten mit Gravitation
und Kometen mit Abstofiungskraften von der Sonne. Hegel uber Kome-
ten und gute Weinjahre. Kepler. Sein tiefer Ausspruch iiber die Fiille der
Kometen und dessen Bestatigung heute. Druck- und Saugkrafte im athe-
rischen Bereich. Warme als Wechsel von positiver und negativer Materie.
Anwendung auf den Planeten- und Kometenbereich. Die Aufgabe, den
Gegensatz des Planetensystems zum Bereich der Kometen zu vergleichen
mit dem Verhaltnis des Eikeims zur Samenzelle.
Neunter Vortrag, 9. Januar 1921
Kann man so entferntliegende Dinge wie die der Aufgabe im 8. Vortrag
vergleichen? Verwandtschaft mit den fafibar-unfafibaren Erscheinungen
in der Mathematik, arithmetisch bei der inkommensurablen Zahl, geome-
trisch bei den gelaufigen Kurven. Ellipse, Hyperbel, Cassinische Kurve,
Kreis als Kurven der Addition, Subtraktion, Multiplikation, Division. Die
4 Formen der Cassinischen Kurve. Die Zwei-Ast-Form notigt das konti-
nuierliche Vorstellen zum Verlassen des Raumes. Der Divisionskreis mit
aufierer Kriimmung tut dies in noch starkerem Mafi. Die Cassinische Kur-
ve als Ort konstanten Leuchtglanzes. Vergleich der Zwei-Ast-Form mit der
Beziehung zwischen Haupt und iibriger Organisation, zwischen den
Spektren mit Griin bzw. Pfirsichblut in der Mitte. Der unendlich feme
Punkt der Geraden. Solche qualitative Anwendung der Mathematik ist
nur eine Fortsetzung ihrer Anwendung uberhaupt. Anwendung auf das
Verhaltnis des chemischen Prozesses aufierhalb des Menschen und des Er-
nahrungsprozesses im Menschen. Die Ausbildung des kontinuierlichen
Vorstellens fehlt im Hochschulunterricht.
Zehnter Vortrag, 10. Januar 1921
Das Beispiel der Magnetnadel und seine Anwendung auf die menschliche
Organisation. Goethe, Oken, Gegenbaur und der Versuch der Metamor-
phose von Wirbel- in Schadelknochen. Umwendung der Rohrenknochen
in Schadelknochen als das wahre Prinzip der Metamorphose. Der bedeu-
tende Gegensatz von Radius und Sphare. Im Seelenleben zeigt er sich als
Gegensatz von Innengefuhl und Bewufitseinsweite beim Wahrnehmen
der aufieren Welt, einformiger Willenswelt und ausgedehnter Vorstel-
lungswelt; im Organismus als Gegensatz von Stoffwechselsystem und
Kopfsystem, der im rhythmischen System zu einer Resultierenden verei-
nigt ist. Derselbe Gegensatz im Embryonalleben. - Das menschliche Er-
kenntnisvermogen ist heute nur angepafit der mineralischen Welt. Bewir-
kung dieses Erkenntisvermogens heute - urspriingliche Konstituierung
der Erde selbst aus dem Kosmischen heraus. Scheinbare Unsicherheit der
geisteswissenschaftlichen Methode. - Variabilitat erster und zweiter Ord-
nung, z.B. bei der Cassinischen Kurve. Anwendung auf die Reflexion des
Lichtes. - Neben radialen mechanischen Kraften (Zentralkraften) miissen
rotierende, scherende, deformierende peripherische Krafte berucksichtigt
werden.
Elfter V ortrag, 1 1 . Januar 192 1
Der Gegensatz von Radius und Sphare in der Gestalt des Menschen und im
Kosmos. Menschliche Gestalt und Menschheitsentwicklung als Hilfen zur
richtigen Interpretation der Himmelserscheinungen. - Die Bewegungen
der Fixsterne. Bewegungen und Schleifenbiidungen bei den Planeten
Merkur, Venus, Mars, Jupiter, Saturn. Die Schleifen (Lemniskatenform)
in der menschlichen Organisation. Unterschied in der Lemniskatenform
bei Mensch und Tier. Anwendung der Mathematik auf die organischen
Formen durch das Prinzip der Variabilitat zweiter Ordnung. Gestaltfor-
men des menschlichen Organismus und Bewegungsformen der Planeten.
Das Planetensystem hangt zusammen mit der Gestalt des Menschen, die
Fixsternbewegung mit seiner seelisch-geistigen Entwicklung. Die Form
der Erdbewegung im Jahreslauf als Lemniskate, unabhangig von Sonne
und Planeten zu konstatieren. Planetenbahnen als Projektionen der Erd-
bewegung auf das Himmelsgewolbe.
ZwolfterV ortrag, 12. Januar 1921
Drei Gestaltungsprinzipien am Menschen: Sphare, Radius, Schleife.
Metamorphosen der Lemniskatenform im menschlichen Knochenbau.
Gegensatz von Haupt und Gliedmafien in ihren Entsprechungen zu den
ober- und untersonnigen Planeten in Oppositionsstellung bzw. Konjunk-
tionsstellung. Das Radial -Vertikale in der menschlichen Gestalt in seiner
Zuordnung zu der Bahn der Sonne. Die Riickgratslinie des Menschen und
des Tieres im Verhaltnis zur Sonnen- und Mondenbahn. Das Nachfolgen
der Erde bezuglich der Sonne und das Zusammenfallen ihrer Bahn. Vor-
behalt gegen das Marchen, dafi eine Revolution der Astronomie vorgetra-
gen werde. Es geht um Einordnung der menschlichen Gestalt in das Be-
wegungssystem der Gestirne. Die Schwierigkeiten des Zusammendenkens
der beobachteten und der errechneten Gestirnbahnen. Die Anschauung
der 3 Sonnen. Die Naturreiche: Stein, Pflanze, Tier, Mensch und ihre
ideale Mitte. Selenka.
DreizehnterVortrag, 13. Januar 1921
Das heliozentrische System des Aristarch von Samos. Es ist das System der
3. nachatlantischen Kultur. Das ptolemaische Weltsystem. Es ist auf den
4. Kulturzeitraum beschrankt. Unterschied der untersonnigen und ober-
sonnigen Planeten als Grundlage des ptolemaischen Systems. Beziehung
zur menschlichen Organisation unterhalb und oberhalb des Herzens. Die
Bedeutung des ptolemaischen Systems in der historischen Entwicklung
der Menschheit. Kepler und sein scheinbares Zuriickgehen auf das helio-
zentrische System der Agypter. Kennzeichnung des alten heliozentrischen
und des ptolemaischen Systems. Der Abstraktionsprozefl in der Newton-
schen Anschauung. Der Gegcnsatz von obersonnigen und untersonnigen
Planeten und der Gegensatz von Mensch-Tier und Pflanze-Mineral.
VierzehnterVortrag, 14. Januar 1921 250
Die bisher dargestellten Tatsachen weisen auf einen Zusammenhang der
Bewegungen der Himmelskorper mit der Gestaltung des Menschen und
der ubrigen Organismen. Notwendigkeit von Vorsicht beim Bestimmen
der Bewegungen der Himmelskorper. Beispiel des im Bilde herumlaufen-
den Pferdes. Betrachtungsweise des kopernikanischen und des ptolemai-
schen Systems. Die Mondsphare als Rotationsellipsoid und ihr Analogon
in der Beschaffenheit der Keimzelle. Der Gegensatz vom Mond als Licht-
bild und vom Drinnenstehen in der Substantiality der Mondsphare.
Konkretisierung der Gravitationsvorstellung. Erde und Mond zusammen
als eine Organisation. Die verschiedenen Substantialitaten der Himmels-
korper und ihr Ausdruck in der Gestaltung des menschlichen Organis-
mus. Das mathematische Problem der drei Korper: Sonne, Mond, Erde.
Das Zuruckhalten der menschlichen Bildung auf einer fruheren Stufe und
ihr kosmisches Korrelat in der Wirkung des Mondes. Der Pflanzen-
Mineralisierungsprozeft als Erden-Sonnenwirkung. Der ideelle Mittel-
punkt zwischen Mensch-Tier und Pflanze-Mineral in Zusammenhang mit
Sonne, Mond, Erde. Die Losung des Problems der drei Korper in jedem
einzelnen Menschen.
FOnfzehnterVortrag, 15. Januar 1921 266
Die inkommensurablen Zahlen weisen auf die Schwierigkeit, die Him-
melserscheinungen als uberschaubare Einheit zu fassen. Metamorphose
zwischen den Gliedern der menschlichen Organisation. Beispiel der Urn-
wendung von Rohren- in Schadelknochen. Radius und Sphare. Notwendig-
keit, dabei aus dem Raum herauszugehen. Zweiastige Cassinische Kurve,
Divisionskreis, Variabilitat zweiter Ordnung. Konstruktion des Gegen-
raumes. Milchstrafiensystem und Tierkreis als Beispiele. Das Ausloschen
der drei Dimensionen in der Anschauung und in der menschlichen Orga-
nisation. Zusammenhang von Sehvorgang und Nierenabsonderung. Der
Raum der unteren Planeten und der Gegenraum der oberen Planeten.
Punkte mit Krummung und Wirkungsfeld nach aufien bzw. nach innen.
Der gegenraumliche Punkt, der in die Weiten reicht und seine Fortset-
zung im Zentrum findet. Anwendung auf Mond und Sternenwelt. Ver-
gleich dieser kosmischen Verhaltnisse mit Nierenabsonderung und Augen-
organismus.
SechzehnterVortrag, 16. Januar 1921 285
Bemerkung zum Gang der Vortrage. Kritik an der vorschnellen Art,
Theorien aufzustellen. Die Forderung der Unterscheidung von relativen
und absoluten Bewegungen. Spharische und radiale Bewegungen und das
Dopplersche Prinzip. Das Kriterium dcr wirklichen Bewegung liegt in den
inncrcn Verhaltnissen des Bewegten. - Der cntwickeltc Mensch ist weitge-
hend vom Kosmos emanzipiert, nicht aber der Embryo. Dieser «vererbt>
die Weltenkrafte auf das spatere Leben. Horizontale und Vertikale: Der
Schlaf mufi horizontal erfolgen, die willkurliche Bewegung erfolgt beim
Menschen in vertikaler Lage. Gegensatz im Stoffwechsel bei beiden La-
gen. Die Ermudung. Hinweis auf die Sozialwissenschaft. Gegensatz von
Mensch und Tier. Sowohl die willkurliche Bewegung als auch der Tod sind
bei beiden etwas ganz Verschiedenes. - Erscheinungen durch Erscheinun-
gen definieren. Phanomenologie als Methode. Aufgaben fur das For-
schungsinstitut. Die Konstitution der Sonne. Die Prozesse verlaufen urn-
gekehrt im Vergleich zur Erde. Sonnenflecken. - Analytische Geometrie
im Zusammenhang mit synthetischer Geometrie betrachten ist ein sehr
guter Anfang zu einer qualitativen Mathematik.
SiebzehnterVortrag, 17. Januar 1921 302
Lemniskate in der Flache und als Rotations-Lemniskate. Veranderung des
Stoffwechsels im Schlafen und im Wachen als Reagens fur die Bewegun-
gen von Erde und Sonne. Wachstumsrichtungen von Pflanze und Mensch
als Verbindungslinien von Erde und Sonne, aber im umgekehrten Sinn.
Polaritat von Pflanze und Mensch, von Erde und Sonne; von Glicdmafien
und Kopf des Menschen. Die Bewegungen gegeneinander von Sonne und
Erde auf der Rotationslemniskate. Sonne und Erde im Verhaltnis zu den
anderen Planeten. Sie vertauschen gewissermafien ihren Platz. Gravita-
tion als das Prinzip des «Nachziehens». Die Lemniskatenbewegungen der
inneren und aufieren Planeten. Ihre Gegensatzlichkeit als radiaie und
spharische Bewegungen. - Es ist nicht darum zu tun, etwas auszuspre-
chen, was von vornherein mit dem Anerkannten nicht im Einklang steht.
Hinweis auf die in der Astronomie notigen Korrekturen: wahre Sonne,
Zwischen-Sonne, mittlere Sonne; Besselsche Gleichungen (Korrekturen).
Ablehnung der Forderung nach Einfachheit. - Physisch-sinnliche und
moralische Weltordnung und ihr Auseinanderfallen in der Neuzeit. Der
Gegensatz von mathematischer Astronomie und Astrologie. Zusammen-
setzung der Himmelsbewegungen aus den Richtungen im Menschen.
AchtzehnterVortrag, 18. Januar 1921 318
Erde und Sonne als driickende positive bzw. saugende negative Materie.
Erklarung fur die Gravitation. Die imaginaren Zahlen als Obergang zum
Astralischen. Sonnenentitat und Erdenentitat sind uberall im Menschen
zu verfolgen. Zerlegen der Sonnenwirksamkeit in verschiedene Kompo-
nenten. Das Aufsuchen der Totalitaten. Rose und Rosenstock. - Die Va-
riabilitat der lemniskatischen Himmelsbewegung. Starrheit und Veran-
derlichkeit im Planetensystem. Der Komet ist kein blofier Korper. Sein
Gegensatz zu den Planeten. Licht in Luft ist cine homogene, der Komet
eine inhomogene Begegnung ponderabler und imponderabler Materie.
Anregungen zum Experimentieren. Neue Versuchsanordnungen sind no-
tig, die alten ergeben, was in den Physikbiichern steht. Bemerkungen zu
Versuchen: Deformation eines Kinderballons; Ausbreitungslinien der Er-
warmung; das Spektrum im Goetheschen Sinne; warum das Hineininter-
pretieren von Lichtstrahlen in die Lichterscheinungen abzuweisen ist, He-
bung; peripherische und zentrale Krafte bei der Magnetnadel, bei Katho-
de und Anode. - Die Verwendung von Imagination, Inspiration, Intui-
tion in der naturwissenschaftlichen Forschung als Frage des seelischen Mu-
tes. Die Uberwindung des heutigen Denkens. - Das Sonnenspektrum als
Bild des Gegensatzes von Sonne und Erde. Die Weltentstehung nach der
Kant -Lap laceschen Theorie und ihr Mangel.
Hinweise
Zu dieser Ausgabe 339
Hinweise zum Text 342
Namenregister 374
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 375
LITERATUR-HINWEIS
Faksimile-Wiedergaben von samtlichen handschriftlichen
Aufzeichnungen Rudolf Steiners zum vorliegenden Kurs - insgesamt
114 Seiten - mit zahlreichen Skizzen und einer separat beigefiigten
Transkription (Lesehilfe) der Handschrift in der Schriftenreihe
BEITRAGE ZUR RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
Heft 104, Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1990
*
Verzeichnis von Biichern, Broschiiren und Zeitschriftenartikeln
in der Bibliothek Rudolf Steiners zu den Fachgebieten Astronomic
Physikalische Kosmologie, Mathematik, Relativitatstheorie u. a. in
BEITRAGE ZUR RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
Heft 114/115 «Rudolf Steiner und der mehrdimensionale Raum»
Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1995
ERSTER VORTRAG
Stuttgart, 1. Januar 1921
Meine lieben Freunde! Zu den Auseinandersetzungen, die ich hier
in den folgenden Tagen geben will, mochte ich heute eine Einlei-
tung sprechen. Schon aus dem Grunde mochte ich dieses tun, damit
Sie von vorneherein unterrichtet sind iiber die Absicht dieser Bespre-
chungen. Es soil nicht meine Aufgabe sein, irgendein engbegrenztes
Fach gerade in diesen Tagen abzuhandeln, sondern einige weitere
Gesichtspunkte mit einem ganz bestimmten Ziele in wissenschaft-
licher Beziehung zu geben. Ich mochte warnen davor, diesen so-
genannten «Kurs» als einen «astronomischen Kurs» zu bezeichnen.
Das soli er nicht sein. Sondern er soli gerade etwas behandeln, was in
dieser Zeit zu behandeln mir von ganz besonderer Wichtigkeit
scheint. Ich habe deshalb als Titel angegeben: «Das Verhaltnis der
verschiedenen naturwissenschaftlichen Gebiete zur Astronomic »
Und ich will heute namentlich auseinandersetzen, was ich mit dieser
Titelgebung eigentlich meine.
Es ist durchaus so, daft in verhaltnismafiig kurzer Zeit innerhalb
des sogenannten wissenschaftlichen Lebens, wenn es nicht zu einem
vollstandigen Verfall kommen soli, manches sich wird andern miis-
sen. Namentlich werden gewisse Wissenschaftsmassen, die man jetzt
unter gewissen Titeln zusammenfafit und die man unter diesen Ti-
teln vertreten lafit durch unsere gebrauchlichen Schulen, aus ihrem
Gefuge genommen werden mussen und nach anderen Riicksichten
einzuteilen sein, so daft gewissermafien eine weitgehende Umgrup-
pierung unserer wissenschaftlichen Gebiete wird stattfinden mussen.
Denn die Gruppierung, welche man jetzt hat, reicht eben durchaus
nicht aus, um zu einer wirklichkeitsgemaflen Weltanschauung zu
kommen. Auf der anderen Seite haftet so stark unser gegenwartiges
Leben an dieser Gliederung, daft eben einfach die Lehrkanzeln be-
setzt werden nach dieser traditionellen Gliederung. Man beschrankt
sich hochstens darauf, die bestehenden wissenschaftlich umgrenzten
Gebiete wiederum in Spezialgebiete zu zerlegen und fur die Spezial-
gebiete einzelne Fachleute, wie man sie nennt, zu suchen. Aber in
diesem ganzen Wissenschaftslebcn wird insofern cine Anderung ein-
treten mussen, als ganz anderc Katcgoricn werden crschcincn miis-
sen, und in diescn Kategorien wird man Verschiedenes, das heutc,
sagcn wir, in der Zoologie behandclt wird, meinetwillen in der
Physiologie behandelt wird, dann wiederum in der Erkenntnis-
thcoric behandclt wird, zusammengefafit finden in ein neu ent-
stehendes Wissenschaftsgebiet. Dagegen die alteren Wissenschafts-
gebiete, die stark mit Abstraktionen arbeiten, die werden verschwin-
den mussen. Es werden eben ganz neue wissenschaftliche Zusam-
menfassungen stattfinden mussen. Das wird zunachst Schwierig-
keiten begegnen nach der Richtung hin, dafi ja heute die Leute
dressiert werden auf die bestimmten wissenschaftlichen Kategorien
und nur sehr schwer eine Briicke finden zu dem, was sie notwendig
brauchen fur ein wirklichkeitsgemafies Zusammenfugen des wissen-
schaftlichen Stoffes.
Wenn ich mich schematisch ausdriicken soil, so mochte ich sa-
gen: Wir haben heute eine Astronomie, wir haben eine Physik,
wir haben eine Chemie, wir haben eine Philosophic, wir haben eine
Biologie, meinetwillen, wir haben eine Mathematik und so weiter.
Dadrinnen hat man Spezialgebiete geschaffen, mehr, mochte ich sa-
gen, aus dem Grunde, damit die einzelnen Fachleute nicht so viel zu
tun haben, um sich zurechtzufinden, auch damit sie nicht zuviel zu
tun haben, um all die einschlagige Lkeratur, die ja ins Unermefiliche
sich ausweitet, zu beherrschen. Aber es wird sich darum handeln,
dafi man neue Gebiete schafft, welche ganz anderes umfassen, ein
Gebiet, das vielleicht etwas von der Astronomie, etwas von der Bio-
logie und so weiter umfafit. Dazu wird naturlich ein Umgestalten
unscres ganzen Wissenschaftslebens unbedingt notwendig sein. Da
mufi gerade das, was wir Geisteswissenschaft nennen und was ja
etwas Universeiles sein will, nach dieser Richtung hin wirken. Sie
mufi es sich zur besonderen Aufgabe machen, nach dieser Richtung
hin zu wirken. Denn wir kommen einfach mit den alten Gliede-
rungen nicht mehr weiter. Unsere Hochschulen stehen heute so vor
der Welt, dafi sie eigentlich ganz lebensfremd sind. Sie bilden uns
Mathematiker, Physiologen, sie bilden uns Philosophen aus, aber
die haben alle eigentlich gar keinen besonderen Bezug zur Welt.
Die konnen alle nichts anderes, als gerade in ihren engbegrenzten
Gebieten arbeiten. Sie machen uns die Welt immer abstrakter und
abstrakter, immer wirklichkeitsunmoglicher und -unmoglicher. Und
diesem in der Zeitnotwendigkeit Liegenden mochte ich gerade in
diesen Vortragen Rechnung tragen. Ich mochte Ihnen zeigen, wie es
auf die Dauer unmoglich sein wird, bei den alten Gliederungen zu
bleiben. Und daher mochte ich zeigen, wie die verschiedensten
anderen Gebiete, die sich heute um Astro nomie nicht kummern,
gewisse Beziehungen haben zu einer ja raumlich universellen Er-
kenntnis, zur Astronomie, so daft einfach gewisse astronomische
Erkenntnisse in anderen Gebieten werden auftauchen miissen, da-
mit man diese anderen Gebiete in einer wirklichkeitsgemaften Weise
bezwingen lernt.
Also darum wird es sich handeln in diesen Vortragen, daft die
Briicke geschlagen wird von verschiedenen Wissenschaftsgebieten
hiniiber in das Gebiet des Astronomischen und daft in richtiger
Weise in den einzelnen Wissenschaftsgebieten das Astronomische
erscheine.
Damit ich nicht mifiverstanden werde, mochte ich noch eine
methodische Bemerkung dazu vorausschicken. Sehen Sie, die Art
und Weise des Darstellens in der Wissenschaft, die heute ublich ist,
die wird ja manche Anderung erfahren miissen aus dem Grunde,
weil sie eigentlich auch herausgeboren ist aus unserer heute zu iiber-
windenden wissenschaftlichen Struktur. Es ist heute ublich, daft, ge-
rade wenn auf irgendwelche Tatsachen hingewiesen wird, die dem
Menschen ferner liegen, weil er heute mit seinen Wissenschaften
eben gar nicht darauf kommt, oftmals gesagt wird: Das wird be-
hauptet, aber nicht bewiesen. - Es handelt sich allerdings darum,
daft man einfach bei der wissenschaftlichen Betatigung heute eben
in die Notwendigkeit versetzt wird, manches zunachst rein aus der
Anschauung heraus zu sagen, was man dann zu verifizieren hat, in-
dem man immer mehr und mehr Tatsachen herantragt, die die Veri-
fizierung leisten. Daft man also nicht voraussetzen kann, daft, sagen
wir, gleich im Beginne irgendeiner Betrachtung alles so erscheint,
dafi nicht irgendeiner einhaken konnte und sagen konnte: Es ist
nichts bewiesen. Es wird schon im Laufe der Zeit bewiesen, verifi-
ziert werden, aber es mufi manches zunachst aus der Anschauung
heraus einfach dargestellt werden, damit der betreffende Begriff,
die betreffende Idee geschaffen ist. Und so bitte ich Sie, diese Vor-
trage als ein Ganzes zu fassen, also fur manches, was in den ersten
Stunden so erscheinen wird, als ob es zunachst nur hingestellt
ware, die deutlichen Belege dann in den letzten Stunden zu suchen.
Da wird sich dann eben manches veriflzieren, was ich zunachst so
behandeln werde, dafi uberhaupt einmal Ideen und Begriffe vor-
handen sind.
Sehen Sie, dasjenige, was wir heute Astronomie nennen, ein-
schliefilkh des Gebietes der Astrophysik, das ist ja im Grunde ge-
nommen eine Schopfung der neueren Zeit erst. Vor der Zeit des
KopernikuSy des Galilei hat man liber astronomische Dinge wesent-
lich anders gedacht, als man heute denkt. Es ist heute sogar schon
aufierordentlich schwierig, auf die besondere Art hinzuweisen, wie
man astronomisch, ich will sagen, noch im 13., 14. Jahrhundert
gedacht hat, weil das dem Menschen von heute ganz und gar fremd
geworden ist. Wir leben nur mehr in den Vorstellungen - das ist ja
von einer gewissen Seite her sehr berechtigt -, welche seit der Gali-
lei-, Kepler-, Kopernikus-Zeit her geschaffen worden sind, und das
sind Vorstellungen, welche im Grunde die weiten Erscheinungen
des Weltenraumes, insofern sie fur Astronomie in Betracht kom-
men, in einer mathematisch-mechanischen Weise behandeln. Man
denkt iiber diese Erscheinungen mathematisch-mechanisch. Man
legt dasjenige zugrunde bei der Betrachtung dieser Erscheinungen,
was man aus einer abstrakten Wissenschaft der Mathematik oder
einer abstrakten Wissenschaft der Mechanik gewinnt. Man rechnet
mit Entfernungen, mit Bewegungen und mit Kraften, aber die qua-
litative Art der Betrachtung, welche eben noch im 13., 14. Jahr-
hundert durchaus vorhanden war, so dafi man unterschied Indivi-
dualitaten in den Sternen, dafi man unterschied eine Individualitat
des Jupiter, eine Individualitat des Saturn, die ist der heutigen
Menschheit ganz abhanden gekommen. Ich will jetzt mich nicht kri-
tisch ergehen iiber diese Dinge, sondern ich will nur darauf hin-
weisen, daft die mechanische und mathematische Behandlungsweise
die ausschliefiliche geworden ist fur dasjenige, was wir das astrono-
mische Gebiet nennen. Auch wenn wir, ohne daft wir Mathematik
oder Mechanik verstehen, uns in popularer Weise heute Kenntnisse
verschaffen iiber den Sternenhimmel, so geschieht es trotzdem,
wenn es auch in laienhafter Weise geschieht, nach rein raumlich-
zeitlichen Begriffen, also nach mathematisch-mechanischen Vorstel-
lungen. Und es besteht bei unseren Zeitgenossen, die iiber diese
Dinge glauben mafigebend urteilen zu konnen, gar kein Zweifel
dariiber, daft man nur so den Sternenhimmel betrachten konne, daft
alles andere etwas Dilettantisches sei.
Wenn man sich nun fragt, wie es denn eigentlich gekommen ist,
daft diese Betrachtung des Sternenhimmels heraufgezogen ist in
unsere Zivilisationsentwickelung, dann wird man bei denjenigen,
die die heutige wissenschaftliche Denkweise als etwas Absolutes be-
trachten, eine andere Antwort bekommen miissen, als wir sie geben
konnen. Derjenige, der die wissenschaftliche Entwickelung, wie sie
heute iiblich ist, als etwas absolut Gultiges betrachtet, wird sagen:
Nun ja, bei der friiheren Menschheit lagen eben noch nicht streng
wissenschaftlich ausgebildete Vorstellungen vor; zu denen hat man
sich erst durchgerungen. Und das, wozu man sich durchgerun-
gen hat, die mathematisch- mechanische Betrachtungsweise der
Himmelserscheinungen, das entspricht eben der Objektivitat, das ist
in der Wirklichkeit begriindet. - Mit andern Worten wird man sagen:
Die friiheren Leute haben etwas Subjektives in die Welterscheinun-
gen hereingebracht; die neuere Menschheit hat sich durchgearbeitet
zur streng wissenschaftlichen Erfassung desjenigen, was nun der
Wirklichkeit eigentlich entspricht.
Diese Antwort konnen wir nicht geben, sondern wir miissen uns
auf den Gesichtspunkt der Entwickelung der Menschheit stellen, die
im Laufe ihres Daseins verschiedene innere Krafte ins Bewufttsein
hereingebracht hat. Wir miissen uns sagen: Fur diejenige Art, die
Himmelserscheinungen anzuschauen, wie sie bestanden hat bei den
alten Babyloniern, den Agyptern, vielleicht auch bei den Indern,
fur diese war mafigebend eine bestimmte Art der Entwickelung
der menschlichen Seelenkrafte. - Diese Seelenkrafte der Menschheit
muflten dazumal entwickelt werden mit derselben inneren Notwen-
digkeit, mit der ein Kind zwischen dem zehnten und fiinfzehnten
Jahr gewisse Seelenkrafte entwickeln muE, wahrend es in einer
anderen Zeit andere Seelenkrafte entwickelt. Entsprechend kommt
die Menschheit in anderen Zeiten zu anderen Forschungen. - Dann
ist gekommen das ptolemaische Weltsystem. Es ging wiederum aus
anderen Seelenkraften hervor. Dann unser kopernikanisches Welt-
system. Es ging wiederum aus anderen Seelenkraften hervor. Die
entwickelten sich nicht deshalb, weil wir gerade jetzt als Menschheit
glucklich so geworden sind, da$ wir uns nun zur Objektivitat dutch -
gerungen haben, wahrend die anderen vorher alle Kinder waren,
sondern weil die Menschheit seit der Mitte des 1 5 . Jahrhunderts die
Entwickelung gerade der mathematisch-mechanischen Fahigkeiten
braucht, die fruher nicht da waren. Die Menschheit braucht fur sich
das Hervorholen dieser mathematisch-mechanischen Fahigkeiten,
und daher sieht die Menschheit heute die Himmelserscheinungen in
dem Bilde der mathematisch-mechanischen Fahigkeiten an. Und sie
wird sie einmal wieder anders anschauen, wenn sie zu ihrer eigenen
Entwickelung, zu ihrem eigenen Heil und Besten andere Krafte aus
den Tiefen der Seele hervorgeholt haben wird. Es hangt also von der
Menschheit ab, welche Gestalt die Weltanschauung annimmt, und
es kommt nicht darauf an, da# man mit Hochmut zuriickschauen
kann auf friihere Zeiten, wo die Menschen kindlich waren, um auf
die jetzige Zeit zu schauen, wo man sich endlich zur Objektivitat,
die nun fur alle Zukunft bleiben konne, durchgerungen hat.
Dasjenige, was ein besonderes Bediirfnis der neueren Mensch-
heit geworden ist und was dann abgefarbt hat auch auf das wissen-
schaftliche Bediirfnis, das ist, dafi man zwar darnach strebt, auf
der einen Seite moglichst leicht tiberschaubare Vorstellungen zu
haben - das sind die mathematischen -, auf der anderen Seite strebt
man aber darnach, Vorstellungen zu bekommen, bei denen man
moglichst stark sich einem inneren Zwang hingeben kann. Der
moderne Mensch wird sogleich unsicher und nervos, wenn er nicht
einen so starken inneren Zwang vorliegend hat, wie bei dem Urteil,
das dem pythagoreischen Lehrsatz zugrunde liegt, sondern wenn er
verspiirt: Er mufi selber entscheiden, es entscheidet fur ihn nicht die
aufgezeichnete Figur, sondern er mull selber entscheiden, mull Akti-
vitat der Seele entwickeln. Da wird er sogleich unsicher und nervos.
Da geht er nicht mit, der moderne Mensch. Da sagt er, das ist nicht
exakte Wissenschaft, da kommt Subjektivitat hinein. Der moderne
Mensch ist eigentlich furchtbar passiv. Er mochte, daft er liberall am
Gangelband ganz objektiver Verkettungen der Urteilsteile gefuhrt
wiirde. Diesem geniigt die Mathematik, wenigstens in den meisten
Teilen, und wo sie nicht geniigt, wo der Mensch in der neueren Zeit
eingegriffen hat mit seinem Urteil - ja, da ist es auch danach! Da
glaubt er zwar noch exakt zu sein, aber er gerat in die unglaublich-
sten Vorstellungen hinein. Also, in der Mathematik und Mechanik,
da glaubt sich der Mensch am Gangelband der sich selbst verbinden-
den Begriffe fortgezogen. Da ist er so, daft er Boden unter den Fii-
ften fiihlt. Und in dem Augenblick, wo er da heraustritt, will er
nicht mehr mit. Diese Uberschaubarkeit auf der einen Seite und die-
ser innere Zwang auf der anderen Seite, das ist das, was die moderne
Menschheit braucht zu ihrem Heil. Und aus dem heraus hat sie im
Grunde genommen auch die moderne Wissenschaft der Astronomie
in ihrer besonderen Gestalt gebildet als Weltbild. Ich sage jetzt
nkhts iiber die einzelnen Wahrheiten, sondern uber das Ganze als
Weltbild zunachst.
Nun ist das so in das Bewufttsein der Menschheit eingedrungen,
daft man iiberhaupt dazu gekommen ist, alles andere mehr oder
weniger als unwissenschaftlich zu betrachten, was nicht auf diese
Art behandelt werden kann. Daraus ging dann hervor so etwas wie
der Ausspruch Kants, der gesagt hat: In alien einzelnen Wissen-
schaftsgebieten ist nur so viel wirkliche Wissenschaft darinnen, als
Mathematik darin angetroffen werden kann. Also, man miifite ei-
gentlich das Rechnen in alle Wissenschaften hineintragen oder die
Geometrie hineintragen. Aber das scheitert ja daran, daft die ein-
fachsten mathematischen Vorstellungen wiederum feme liegen den-
jenigen Menschen, die zum Beispiel Medizin studieren. Mit denen
lafit sich heute aus unserer wissenschaftlichen Gliederung heraus
iiber einfache mathematische Vorstellungen gar nicht mehr reden.
Und so kommt es, daft auf der einen Seite als Ideal hingestellt wor-
den ist dasjenige, was man astronomische Erkenntnis nennt. Du
Bois-Reymond hat das in seiner Rede iiber die Grenzen des Naturer-
kennens formuliert, indem er sagte: Wir begreifen nur dasjenige in
der Natur und befriedigen nur mit dem unser Kausalitatsbedurfnis,
was uns astronomische Erkenntnis werden kann. - Also die Himmels-
erscheinungen ubersehen wir so, daft wir aufzeichnen die Himmels-
tafel mit den Sternen, daft wir rechnen mit dem, was uns als Mate-
rial gegeben ist. Wir konnen genau angeben: Da ist ein Stern, er iibt
eine Anziehungskraft auf andere Sterne aus. Wir beginnen zu rech-
nen, wir haben die einzelnen Dinge, die wir in unsere Rechnung
einbeziehen, anschaulich vor uns. Das ist dasjenige, was wir in die
Astronomie zunachst hineingetragen haben. Jetzt betrachten wir,
sagen wir, das Molekul. Wir haben darin, in dem Molekul, wenn es
kompliziert ist, allerlei Atome, die aufeinander Anziehungskraft
ausiiben, die umeinander sich bewegen. Wir haben ein kleines
Weltenall. Und wir betrachten dieses Molekul nach dem Muster, wie
wir sonst den Sternenhimmel betrachten. Wir nennen das «astrono-
mische Erkenntnis». Wir betrachten die Atome als kleine Weltkor-
per, das Molekul als ein kleines Weltsystem und sind befriedigt,
wenn uns das gelingt. Aber es ist ja der grofie Unterschied: Wenn
wir den Sternenhimmel anschauen, sind uns all die Einzelheiten
gegeben. Wir konnen hochstens fragen, ob wir sie richtig zusam-
menfassen, ob nicht etwas doch anders ist, als es zum Beispiel
Newton angegeben hat. Wir spinnen dariiber ein mathematisch-
mechanisches Netz. Das ist eigentlich hinzugefugt. Aber es befrie-
digt die modernen Menschheitsbedurfnisse in bezug auf das Wissen-
schaftliche. In die Atomen-Molekiile-Welt, da tragen wir dann das
System hinein, das wir erst ausgedacht haben, und denken die Mole-
kule und Atome hinzu. Da denken wir dasjenige dazu, was uns
sonst gegeben ist. Aber wir befriedigen unser sogenanntes Kausali-
tatsbedurfnis, indem wir sagen: Wenn sich das, was wir als kleinste
Teilc denken, so und so bewegt, ist das das Objektive fur das Licht,
fur den Schall, fur die Warme und so weiter. Wir tragen astronomi-
sche Erkenntnisse in alle Welterscheinungen hinein und befriedigen
so unser Kausalitatsbediirfnis. Du Bois-Reymond hat es geradezu
trocken ausgesprochen: Wo man das nicht kann, da gibt es iiber-
haupt keine wissenschaftliche Erklarung.
Sehen Sie, dem, was da geltend gemacht wird, muflte eigentlich
entsprechen, wenn man zum Beispiel zu einer rationellen Therapie
kommen wollte, also einsehen wollte die Wirksamkeit eines Heilmit-
tels, daft man in der Substanz dieses Heilmittels die Atome so verfol-
gen konnen miifite, wie man sonst den Mond, die Sonne, die Plane-
ten und die Fixsterne verfolgt. Es miifiten das alles kleine Weltsyste-
me werden konnen. Man mufite aus dem Errechnen heraus sagen
konnen, wie irgendein Mittel wirkt. Das ist ja allerdings fur manche
ein Ideal sogar gewesen vor nicht zu ferner Zeit. Jetzt hat man solche
Ideale ja aufgegeben. Aber es scheiterte nicht nur in bezug auf so
entlegene Gebiete wie etwa die rationelle Therapie, sondern fur viel
naherliegende schon einfach daran, dafi unsere Wissenschaften so
gegliedert sind, wie es heute ist. Sehen Sie, der heutige Mediziner
wird ja so gebildet, dafi er aufierordentlich wenig wirkliche Mathe-
matik innehaben kann. Also man kann mit ihm vielleicht von der
Notwendigkeit astronomischer Erkenntnisse reden, aber man kann
nichts anfangen mit ihm, wenn man davon spricht, mathematische
Vorstellungen in sein Gebiet einzugliedern. Daher mufite also das-
jenige, was wir aufier der Mathematik und Mechanik und Astrono-
mic haben, im strengen Sinne des Wortes heute als unwissenschaft-
lich bezeichnet werden. Das tut man natiirlich nicht. Man bezeich-
net auch diese anderen Wissenschaften als exakt, aber das ist ja wie-
derum nur eine Inkonsequenz. Aber charakteristisch fur die Gegen-
wart ist es, dafi man die Forderung, man solle alles nach dem Muster
der Astronomie verstehen, iiberhaupt aufstellen konnte.
Wie schwer es ist, heute mit den Leuten wirklich durchgreifend
tiber gewisse Dinge zu reden, mochte ich Ihnen durch ein Beispiel
anschaulich machen. Sie wissen ja, es hat eine grofie Rolle gespielt
in der modernen Biologie die Frage nach der Form der mensch-
lichen Schadelknochen. Ich habe ja auch im Zusammenhang unserer
anthroposophischen Vortrage iiber diese Sache vielfach gesprochen.
Die Form der menschlichen Schadelknochen: Goethe, Oken haben
groflartige Vorausnahmen gemacht in bezug auf diese Sache. Dann
hat klassische Untersuchungen dariiber angestellt die Schule des
Gegenbaur, Aber etwas, was ein tiefergehendes Erkenntnisbediirfnis
nach dieser Richtung befriedigen konnte, liegt im Grunde heute
nirgends vor. Man streitet sich herum, ob Goethe mehr oder weniger
Recht hatte, indem er sagte, die Schadelknochen seien umgewan-
delte Wirbelknochen, Knochen der Wirbelsaule, aber zu irgend-
einer durchgreifenden Ansicht iiber diese Sache kann man ja heute
aus einem ganz bestimmten Grunde heraus nicht kommen, weil
man da, wo man iiber diese Dinge redet, kaum verstanden werden
kann. Und wo man verstanden werden konnte, da redet man iiber
diese Dinge nicht, weil sie nicht interessieren. Sehen Sie, es ist heute
fast ein unmogliches Kollegium, das entstehen wiirde, wenn man ei-
nen richtigen heutigen Mediziner, einen richtigen heutigen Mathe-
matiker, das heifit einen solchen, der die hohere Mathematik be-
herrscht, und einen Menschen zusammenbrachte, der beides ziem-
lich gut verstiinde. Diese drei Menschen konnten sich heute kaum
verstandigen. Derjenige, der da in der Mitte safte, der beides ein
bilkhen verstiinde, der wiirde zur Not mit dem Mathematiker reden
konnen, auch mit dem Mediziner. Aber der Mathematiker und der
Mediziner wiirden sich iiber wichtige Probleme nicht verstandigen
konnen, weil, was der Mediziner dazu zu sagen hat, den Mathe-
matiker nicht interessiert, und was der Mathematiker zu sagen hat -
oder hatte, wenn es iiberhaupt zur Sprache kame -, das versteht der
Mediziner nicht, weil er nicht die notigen mathematischen Voraus-
setzungen hat. Das wird gerade anschaulich bei dem Problem, das
ich eben angefiihrt habe.
Man stellt sich heute eben vor: Wenn die Schadelknochen urn-
gewandelte Wirbelknochen sind, so raufi man in gerader Richtung
fortgehen konnen durch irgendeine raumlich vorstellbare Metamor-
phose von dem Wirbelknochen zu dem Schadelknochen. Die Vor-
stellung noch auszudehnen auf den Rohrenknochen, das gelingt aus
den angegebenen Untergrunden eben schon gar nicht. Der Mathe-
matiker wird sich heute nach seinen mathematischen Studien eine
Vorstellung machen konnen, was es eigentlich bedeutet, wenn ich
einen Handschuh umdrehe, wenn ich die Innenseite nach aufien
drehe. Man mufi sich eine gewisse mathematische Behandlung der
Tatsache denken, daft man das, was fruher nach aufien gekehrt war,
nach innen kehrt, und das, was fruher innen war, nach aufien. Ich
will das schematisch so aufzeichnen (Fig. 1): irgendein Gebilde, das
nach aufien hin zunachst weifi sei und nach innen rot. Dieses Ge-
bilde behandeln wir nach dem Muster des Handschuhumdrehens, so
dafi es also jetzt aufien rot wird und innen weifi ausgekleidet ist
2).
Fig. 1 Fig. 2
Aber jetzt gehen wir weiter. Stellen wir uns vor, daft das, was wir
da haben, mit inneren Kraften ausgestattet ist, daft also das sich
nicht so einfach umdrehen lafit wie ein Handschuh, der umgedreht
auch wie ein Handschuh ausschaut, sondern nehmen wir an, daft
das, was wir umdrehen, nach aufien mit andern Kraftespannungen
auftritt als nach innen. Dann werden wir erleben, daft durch die ein-
fache Umdrehung eine ganz andere Form herauskommt. Dann wird
das Gebilde eben so sein, bevor wir es umgedreht haben (Fig. 1).
Drehen wir es um, so kommen andere Krafte in Betracht beim Ro-
ten, andere beim Weiften, und die Folge ist vielleicht, daft durch die
blofie Umdrehung dieses Gebilde entsteht (Fig. 3, S.26). Es ist die
Moglichkeit, daft durch die blofte Umdrehung dieses Gebilde ent-
steht. Als das Rote nach innen gestulpt war, konnte es nicht seine
Kraft entwickeln. Jetzt kann es sie anders entwickeln, wenn es nach
auften gestiilpt wird. Und ebenso das Weifte. Es kann seine Kraft erst
nach innen gestiilpt entwickeln.
Es ist natiirlich durchaus denkbar, dafi man eine solche Sache
einer mathematischen Behandlung unterwirft. Aber man ist heute
ganz und gar abgeneigt, dasjenige, was man so in Begriffe bekom-
men kann, auf die Wirklichkeit anzuwenden. Denn in dem Augen-
blick, wo man lernt, dieses auf die Wirklichkeit anzuwenden,
kommt man dazu, in unseren Rohrenknochen, also im Oberarm-
knochen, im Ober- oder Unterschenkelknochen und Unterarmknochen
ein Gebilde zu sehen, das umgedreht zum Schadelknochen wird! Es
sei das hier nach innen bis zum Mark hin durch Rot charakterisiert,
nach aufien durch das Weifte (Fig. 4). Es wendet nach innen die-
jenige Struktur, diejenigen Krafteverhaltnisse, die wir untersuchen
konnen; nach aufien das, was wir sehen, wenn wir den Muskel ab-
ziehen vom Rohrenknochen. Denken Sie diesen Rohrenknochen
aber nach demselben Prinzip, das ich Ihnen angegeben habe, umge-
dreht und seine anderen Spannungsverhaltnisse geltend gemacht,
Fig. 4
dann konnen Sie ganz gut das bekommen (Fig. 5). Jetzt hat er inner-
lich dieses (weifi) und nach aufien macht sich dasjenige, was ich
durch Rot kennzeichnete, so geltend. So ist in der Tat das Verhaltnis
eines Schadelknochens zu einem Rohrenknochen. Und in der Mkte
drinnen stent der eigentliche Riickenknochen oder Wirbelknochen
der Rikkenmarksaule. Sie mussen einen Rohrenknochen umdrehen
wie einen Handschuh nach seinen in ihm wirkenden Kraften, dann
bekommen Sie den Schadelknochen heraus. Die Umwandlung des
Schadelknochens aus dem Rohrenknochen ist nur zu verstehen,
wenn Sie sich diese Umdrehung denken. Und Sie bekommen die
ganze Bedeutung davon, wenn Sie sich vorstellen, dafi das, was der
Rohrenknochen nach aufien wendet, beim Schadelknochen nach in-
nen gewendet ist, dafi der Schadelknochen einer Welt sich zu-
wendet, die im Inneren des Schadels liegt. Da ist eine Welt. Dahin
ist der Schadelknochen orientiert, so wie der Rohrenknochen nach
aufien orientiert ist, nach der aufieren Welt. Beim Knochensystem
kann man es besonders leicht anschaulich machen, Aber so ist der
ganze menschliche Organismus orientiert, dafi er zunachst eine
Schadelorganisation und auf der anderen Seite eine Gliedmafien-
organisation hat so, dafi die Schadelorganisation nach innen, die
Gliedmafienorganisation nach aufien orientiert ist. Der Schadel fafit
eine Welt nach innen, der Gliedmafienmensch fafit eine Welt nach
aufien, und zwischen beiden ist wie eine Art von Ausgleichsystem
dasjenige, was dem Rhythmus dient.
Nehmen Sie heute irgendeine Schrift in die Hand, die von
der Funktionentheorie handelt oder von der nichteuklidischen Geo-
metric, und sehen Sie sich an, was da fur eine Summe von allerlei
Erwagungen aufgewendet wird, um iiber die gewohnliche geometri-
sche Vorstellungsweise im dreigliederigen Raum hinauszukommen,
um das, was euklidische Geometrie ist, zu erweitern, so werden Sie
sehen, dafi da ein grofier Fleifi und grofier Scharfsinn aufgewendet
wird. Aber nun, sagen wir, sind Sie ein grofier mathematischer
Knopf geworden, der gut die Funktionentheorie kennt, der auch
alles versteht, was heute tiber nichteuklidische Geometrie verstan-
den werden kann. Nun mochte ich aber die Frage aufwerfen - ver-
zeihen Sie, es sieht etwas geringschatzig aus, wenn man in diese Tri-
vialitat hinein die Sache kleidet, aber ich mochte es doch tun gegen-
iiber vielem, was nach dieser Richtung hintendiert, und ich bitte die
Anwesenden, besonders geschulte Mathematiker, sich die Sache zu
uberlegen, ob es nicht so ist -, ich kann die Frage aufwerfen: Was
kaufe ich mir fur all dasjenige, was da rein mathematisch auser-
sonnen worden ist? Es interessiert einen gar nicht das Gebiet, wo es
vielleicht eine reale Anwendung findet. Wenn man alles das, was
man da ausersonnen hat iiber nichteuklidische Geometrie, auf den
Bau des menschlichen Organismus anwenden wiirde, dann wiirde
man in der Wirklichkeit stehen und ungeheuer Bedeutsames auf die
Wirklichkeit anwenden und nicht in wirklichkeitslosen Spekulatio-
nen sich ergehen. Wenn der Mathematiker entsprechend vorbereitet
wiirde, damit ihn auch die Wirklichkeit interessierte, damit ihn
interessierte, wie zum Beispiel das Herz ausschaut, so daft er eine
Vorstellung dariiber gewinnen kann, wie er durch mathematische
Operationen den Herzorganismus umdrehen kann und wie dadurch
die ganze menschliche Gestalt entstehen wiirde; wenn er eine Anlei-
tung dariiber bekame, so zu mathematisieren, dann wiirde dieses
Mathematisieren in der Wirklichkeit drinnenstehen. Dann wiirde
das nicht mehr moglich sein, daft man auf der einen Seite den
geschulten Mathematiker sitzen hat, den die anderen Dinge nicht
interessieren, die der Mediziner lernt, und auf der anderen Seite den
Mediziner, der nichts versteht davon, wie der Mathematiker Formen
umwandelt, metamorphosiert, aber im rein abstrakten Elemente.
Das ist dasjenige, iiber das wir hinauskommen miissen. Wenn
wir nicht iiber dieses hinauskommen, so versumpfen unsere Wissen-
schaften. Sie gliedern sich immer mehr und mehr. Die Leute ver-
stehen emander nicht mehr. Wie soli man denn die Wissenschaft
uberfuhren in sozialwissenschaftliche Betrachtungen, wie alles das,
was ich Ihnen zeigen werde in diesen Vortragen, fordert? Aber sie ist
nicht da, diese Wissenschaft, die iibergefiihrt werden konnte in eine
Sozialwissenschaft .
Nun, wir haben also auf der einen Seite die Astro no mie, die
immer mehr und mehr zu der mathematischen Vorstellungsweise
hintendiert, und die in ihrer jetzigen Gestalt dadurch grofi geworden
ist, daft sie eben rein mathematisch-mechanische Wissenschaft ist.
Wir haben aber auch einen anderen Pol zu dieser Astronomie, der
ohne diese Astronomie seiner Wirklichkeit gemafi iiberhaupt nicht
studiert werden kann unter den heutigen wissenschaftlichen Ver-
haltnissen. Aber es ist gar nicht moglich, eine Briicke zu bauen
zwischen der Astronomie und diesem anderen Pol unserer Wissen-
schaften. Dieser andere Pol ist namlich die Embryologie. Und nur
derjenige studiert die Wirklichkeit, der auf der einen Seite den
Sternenhimmel studiert und auf der anderen Seite die Entwickelung
namentlich des menschlichen Embryos studiert, Aber wie studiert
man nun in der heute iiblichen Weise den menschlichen Embryo?
Nun, man sagt: Der menschliche Embryo entsteht durch das Zusam-
menwirken von zwei Zellen, den Geschlechtszellen, der mannlichen
und der weiblichen Zelle. Diese Zellen entwickeln sich in dem
iibrigen Organismus so, da£ sie bis zu ihrer Zusammenwirkens-
moglichkeit eine gewisse Selbstandigkeit erreichen, dafi sie dann
einen gewissen Gegensatz darstellen, daft die eine Zelle in der an-
deren Zelle andere Entwickelungsmoglichkeiten hervorruft, als sie
vorher hat. Es bezieht sich das auf die weibliche Keimzelle. Davon
ausgehend studiert man die Zellenlehre iiberhaupt. Man fragt sich:
Was ist eine Zelle? - Sie wissen ja, ungefahr seit dem ersten Drittel
des 19Jahrhunderts baut man die Biologie eigentlich auf die Zellen-
lehre auf. Man sagt sich: Eine solche Zelle besteht aus einem mehr
oder weniger grofien oder kleinen Kugelchen von Substanz, die aus
Eiweiftverbindungen besteht. Sie hat in sich einen Kern, der etwas
andere Struktur aufweist, und um sich herum eine Membran, die
zum Abschliefien notwendig ist. Sie ist so der Baustein alles des-
jenigen, was als organisches Wesen entsteht. Solche Zellen sind ja
auch die Geschlechtszellen, nur in verschiedener Weise gestaltet
als weibliche und mannliche Zellen. Und aus solchen Zellen baut
sich ein jeder komplizierter Organismus auf.
Ja nun, was meint man eigentlich, wenn man sagt: Aus solchen
Zellen baut sich ein Organismus auf? Man meint: Das, was man
sonst an Substanzen in der iibrigen Natur hat, wird in diese Zellen
aufgenommen und es wirkt nun nicht mehr unmittelbar wie sonst
in der Natur. Wenn in diesen Zellen zum Beispiel Sauerstoff, Stick-
stoff oder Kohlenstoff enthalten ist, so wirkt dieser Kohlenstoff auf
irgendeine andere Substanz aufterhalb nicht so wie sonst, sondern
es ist diese unmittelbare Wirkung ihm entzogen. Er ist aufgenom-
men in den Organismus der Zelle und kann nur so wirken, wie er
eben in der Zelle wirken kann, er wirkt nicht unmittelbar, sondern
die Zelle wirkt und sie bedient sich seiner besonderen Eigenschaften,
indem sie ihn in einer gewissen Menge in sich eingegliedert hat. Was
wir zum Beispiel im Menschen haben als Metall, als Eisen, das wirkt
erst auf dem Umweg durch die Zelle. Die Zelle ist der Baustein.
Nun geht man also zuriick, indem man den Organismus studiert,
auf die Zelle. Und wenn man zunachst nur die sogenannte Haupt-
masse der Zelle betrachtet, aulter dem Kern, aufier der Membran, so
kann man in ihr zwei voneinander zu unterscheidende Teile nach-
weisen. Man hat einen dunnfliissigen, durchsichtigen Teil, und man
hat einen Teil, welcher eine Art Geriist bildet. So dafi man schema-
tisch gezeichnet eine Zelle etwa so darstellen kann, dafi man sagt,
man habe das Zellengeriist und dann dieses Zellengeriist gewisser-
mafien eingebettet in derjenigen Substanz, die nicht in dieser Weise
geformt ist wie das Zellengeriist selbst (Fig. 6). Also, die Zelle wiirde
Fig. 6
man sich aufgebaut zu denken haben aus einer dunnfliissig blei-
benden Masse, die nicht in sich Form annimmt, und aus ihrem Ge-
riiste, das in sich Form annimmt, das in der verschiedensten Weise
gestaltet ist. Das studiert man nun. Man bekommt es mehr oder
weniger fertig, so die Zelle studieren zu konnen: Gewisse Teile in
ihr sind farbbar, andere sind nicht farbbar. Dadurch bekommt man
durch Karmin oder Safranin oder so etwas, was man anwendet, um
die Zellen zu farben, eine iiberschaubare Gestalt der Zeile, so dafi
man also sich gewisse Vorstellungen bilden kann auch iiber das
innere Gefuge der Zelle. Und man studiert das. Man studiert, wie
sich dieses innere Gefuge andert, wahrend die weibliche Keimzelle
zum Beispiel befruchtet wird. Man verfolgt die einzelnen Stadien,
wie die Zelle sich in ihrer inneren Struktur andert, wie sie sich dann
teilt, wie sich der Teil, Zelle an Zelle, angliedert und aus der Zu-
sammenfugung eine kompliziert aufgebaute Gestalt entsteht. Das
studiert man. Aber es fallt einem nicht ein, sich zu fragen: Ja, wo-
mit hangt denn eigentlich dieses ganze Leben in der Zelle zusam-
men? Was liegt denn da eigentlich vor? - Es fallt einem nicht ein,
das zu fragen.
Was da vorliegt in der Zelle, das ist ja zunachst mehr abstrakt
so zu fassen: Ich habe die Zelle. Nehmen wir sie zunachst in ihrer
am hauflgsten vorkommenden Form, in der kugeligen Form. Diese
kugelige Form wird ja mitbedingt von der diinnflussigen Substanz.
Diese kugelige Form hat in sich eingeschlossen die Geriistform. Und
die kugelige Form, was ist sie? Die diinnflussige Masse ist noch ganz
sich selbst iiberlassen, sie folgt also denjenigen Impulsen, die um sie
herum sind. Was tut sie? Ja - sie bildet das Weltenall nach! Sie hat
deshalb ihre kugelige Form, weil sie den ganzen Kosmos, den wir
uns auch zunachst ideell als eine Kugelform, als eine Sphare vor-
stellen, weil sie den ganzen Kosmos in Kleinheit nachbildet. Jede
Zelle in ihrer Kugelform ist nichts anderes als eine Nachbildung der
Form des ganzen Kosmos. Und das Geriist darin, jede Linie, die da
im Geriist gezogen ist, ist abhangig von den Strukturverhaltnissen
des ganzen Kosmos. - Wenn ich mich jetzt zunachst abstrakt aus-
drikken soli: Nehmen Sie an, Sie haben die Weltensphare, ideell
begrenzt (Fig. 7). Darin meinetwillen haben Sie hier einen Planeten
und hier einen Planeten (a, ai). Die wirken so, dafi die Impulse,
mit denen sie aufeinander wirken, in dieser Linie liegen. Hier (m)
bildet sich, natiirlich schematisch gezeichnet, eine Zelle, sagen wir.
Ihre Umgrenzung bildet die Sphare nach. Hier innerhalb ihres Ge-
riistes (Fig. 8) hat sie ein Festes, welches von der Wirkung dieses
Planeten (a) auf diesen (ai) abhangt. Nehmen Sie an, hier ware
eine andere Planetenkonstellation, die so aufeinander wirkt (b, bi).
Hier ware wiederum ein anderer Planet (c), der keinen Gegensatz
hat. Der verrenkt diese ganze Sache, die sonst vielleicht rechtwin-
kelig stiinde. Es entsteht die Bildung etwas anders. Sie haben in der
Geriiststruktur eine Nachbildung der ganzen Verhaltnisse im Pla-
netensystem, tiberhaupt im Sternensystem. Sie konnen konkret hinein-
gehen in den Aufbau der Zelle, und Sie bekommen eine Erklarung
fiir diese konkrete Gestalt nur, wenn Sie in der Zelle sehen ein Ab-
bild des ganzen Kosmos.
Und nun nehmen Sie die weibliche Eizelle und stellen sich vor,
diese weibliche Eizelle hat die kosmischen Krafte zu einem gewissen
inneren Gleichgewicht gebracht. Diese Krafte haben Gerustform an-
genommen und sind in der Gerustform in einer gewissen Weise zur
Ruhe gekommen, gestiitzt durch den weiblichen Organismus. Nun
geschieht die Einwirkung der mannlichen Geschlechtszelle. Die hat
nicht den Makro kosmos in sich zur Ruhe gebracht, sondern sie wirkt
im Sinne irgendwelcher Spezialkraft. Sagen wir, es wirkt die mann-
liche Geschlechtszelle im Sinne gerade dieser Kraftlinie auf die
weiblichc Eizelle, die zur Ruhe gekommen ist, ein. Dann geschieht
durch diese Spezialwirkung eine Unterbrechung der Ruheverhalt-
nisse. Es wird gewissermafien die Zelle, die ein Abbild ist des ganzen
Makrokosmos, dazu veranlafit, ihre ganze mikrokosmische Gestalt
wiederum hineinzustellen in das Wechselspiel der Krafte. In der
weiblichen Eizelle ist zunachst in ruhiger Abbildung der ganze Ma-
krokosmos zur Ruhe gekommen. Durch die mannliche Geschlechts-
zelle wird die weibliche herausgerissen aus dieser Ruhe, wird wieder-
um in ein Spezialwirkungsgebiet hineingezogen, wird wiederum zur
Bewegung gebracht, wird wiederum herausgezogen aus der Ruhe.
Sie hat sich zur Nachbildung des Kosmos in die ruhige Form zusam-
mengezogen, aber diese Nachbildung wird hineingezogen in die
Bewegung durch die mannlichen Krafte, die Bewegungsnachbil-
dungen sind. Es werden die weiblichen Krafte, die Nachbildungen
der Gestalt des Kosmos und zur Ruhe gekommen sind, aus der
Ruhe, aus der Gleichgewichtslage gebracht.
Da bekommen Sie Anschauungen iiber die Form und Gestaltung
des Kleinsten, des Zellenhaften, von der Astro nomie aus. Und Sie
konnen gar nicht Embryologie studieren, ohne dafi Sie Astro nomie
studieren. Denn das, was Ihnen die Embryologie zeigt, ist nur der
andere Pol desjenigen, was Ihnen die Astronomie zeigt. Wir miissen
gewissermafien auf der einen Seite den Sternenhimmel verfolgen,
wie er aufeinanderfolgende Stadien zeigt, und wir miissen nachher
verfolgen, wie eine befruchtete Keimzelle sich entwickelt. Beides ge-
hort zusammen, denn das eine ist nur das Abbild des anderen.
Wenn Sie nkhts von Astronomie verstehen, werden Sie niemals die
Krafte verstehen, die im Embryo wirken. Und wenn Sie nichts von
Embryologie verstehen, so werden Sie niemals den Sinn verstehen
von den Wirkungen, die dem Astronomischen zugrunde liegen.
Denn diese Wirkungen zeigen sich im Kleinen in den Vorgangen
der Embryologie.
Es ist denkbar, dafi man aufbaut eine Wissenschaft, dafi man
rechnet auf der einen Seite, dafi man die astronomischen Vorgange
beschreibt, und auf der anderen Seite alles das beschreibt, was zu
ihnen gehort in der Embryologie, denn es ist ja nur die andere Seite.
Nun schauen Sie sich den heutigen Zustand an in den Wissen-
schaften. Da finden Sie: Die Embryologie wird als Embryologie stu-
diert. Es wiirde als Wahnsinn aufgefafit, wenn Sie einem heutigen
Embryologen zumuten wiirden, er miisse Astronomie studieren, um
die Erscheinungen seines Gebietes zu verstehen. Und doch ist es so.
Das ist das, was notwendig macht eine vollstandige Umgruppierung
der Wissenschaften. Man wird kein Embryo loge werden konnen,
wenn man nicht Astronomie studiert hat. Man wird nicht Menschen
ausbilden konnen, die blofi ihre Augen und ihre Teleskope auf die
Sterne richten. Denn so die Sterne zu studieren, hat ja keinen wei-
teren Sinn, wenn man nicht weifi, dafi aus der grofien Welt nun wirk-
lich die kleinste Welt hervorgebildet wird.
Aber das alles, was ganz konkret ist, hat sich ja in der Wissen-
schaft in aufierste Abstraktionen verwandelt. Denken Sie, es gibt
eine Wirklichkeit, wo man sagen kann: Man mufi nach astronomi-
scher Erkenntnis streben in der Zellenlehre, besonders in der Embry-
ologie. Wiirde also Du Bois-Reymond gesagt haben: Man mufi wirk-
lich konkret Astronomie wiederum so fur die Zellenlehre anwenden,
dann hatte er aus der Wirklichkeit geschopft. Er hat aber etwas ver-
langt, was keiner Wirklichkeit entspricht, was erdacht ist: Das Mole-
kiil; die Atome drinnen sollen astronomisch untersucht werden. Da
soil das astronomische Mathematisieren, das hinzugefugt wurde zur
Sternenwelt, wieder gesucht werden. Also, Sie sehen, auf der einen
Seite liegt die Wirklichkeit: Die Bewegung, die Kraftwirkung der
Sterne und die embryologische Entwickelung, worin nichts anderes
lebt, als was in der Sternenwelt lebt. Da liegt die Wirklichkeit. Da
miifite man sie suchen; auf der anderen Seite liegt die Abstraktion.
Da rechnet der Mathematiker und Mechaniker die Bewegungen und
Kraftwirkungen der Himmelskorper aus und erfindet die molekulare
Struktur, auf die er seine astronomischen Erkenntnisse anwendet.
Da hat er sich entfernt vom Leben, da lebt er in reinen Abstrak-
tionen drinnen.
Das ist dasjenige, was wir doch so betrachten sollen, dafi wir uns
ein bifichen erinnern, wie wir mit voller Bewufitheit wiederum dazu
kommen miissen, etwas zu erneuern, was ja in friiheren Zeiten tat-
sachlich in einem gewissen Sinne vorhanden war. Gehen wir zuriick
zu den agyptischen Mysterien, so finden wir da in den agyptischen
Mysterien astronomische Beobachtungen, so wie man sie damals ge-
macht hat. Aber aus diesen Beobachtungen hat man nicht nur be-
rechnet, wann wiederum eine Sonnenfinsternis und eine Mond-
finsternis sein wird, sondern was in der sozialen Entwickelung zu ge-
schehen hat. Man hat sich nach dem, was man am Himmel gesehen
hat, gerichtet in dem, was man den Leuten sagte, was sie tun
miifken, was in der sozialen Entwickelung eingetreten ist. Man hat
also Soziologie und Astronomie als eines behandelt. Wir miissen
auch wiederum lernen, wenn auch jetzt in anderer Weise als die
Agypter, wir miissen lernen dasjenige, was im sozialen Leben ge-
schieht, anzuknupfen an die Erscheinungen des grofien Weltenalls.
Wir verstehen ja nicht, was sich in der Mitte des 15 Jahrhunderts
vollzogen hat, wenn wir nicht ankniipfen konnen an die Erscheinun-
gen des Weltenalls, an dasjenige, was dazumal erschienen ist. Es re-
det einer wie ein Blinder von der Farbe, wenn er von den Umwand-
lungen in der zivilisierten Welt in der Mitte des 15. Jahrhunderts
spricht und dieses nicht beriicksichtigt. Geisteswissenschaft ist davon
schon ein Ansatz. Aber wir konnen nicht dazu kommen, dieses
komplizierte Gebiet der Soziologie, der Sozialwissenschaft mit dem
Gebiet der Naturbetrachtung zusammenzubringen, wenn wir es
nicht auf dem Umwege tun, dafi wir zuerst Astronomie mit Embryo-
logie zusammenbringen, die embryo logischen Tatsachen ankniipfen
an die astronomischen Erscheinungen.
Das ist das, was ich heute als Einleitung geben wollte und was
morgen fortgesetzt werden soil.
ZWEITER VORTRAG
Stuttgart, 2. Januar 1921
Ich habe gestern zwei nach unseren gegenwartigen Anschauungen
zunachst scheinbar weit auseinanderliegende Wissenschaftszweige in
einer Art von Verbindung gezeigt. Ich versuchte namlich zu zeigen,
daft die Wissenschaft der Astronomie uns gewisse Erkenntnisse ge-
ben soli, welche verwertet werden mussen in einem ganz anderen
Wissenschaftszweige, von dem man heute eine solche Betrachtung,
die sich auf astro nomische Tatsachen bezieht, ganzlich ausschlielk;
daft, mit anderen Worten, die Astronomie verbunden werden muft
mit der Embryologie; daft man die Erscheinungen der Entwickelung
der Zelle, insbesondere der Geschlechtszelle, nicht verstehen kann,
ohne zu Hilfe zu rufen die scheinbar von der Embryologie so ent-
fernt liegenden Tatsachen der Astronomie.
Ich habe darauf hingewiesen, wie eine wirkliche Umgruppierung
innerhalb unseres wissenschaftlichen Lebens wird eintreten mussen,
weil man heute ja vor der Tatsache steht, daft einfach der Mensch,
der einen gewissen Bildungsgang durchmacht, sich nur hineinfindet
in die heutigen abgezirkelten Wissenschaftskategorien und dann
nicht die Moglichkeit hat, dasjenige, was nur so behandelt wird in
abgezirkelten Wissenschaftskategorien, anzuwenden auf Gebiete,
die der Sache nach naheliegen, die er aber eigentlich nur nach Ge-
sichtspunkten kennenlernt, nach denen sie nicht ihr voiles Antlitz
zeigen. Wenn es einfach, wie im Verlauf dieser Vortrage sich zeigen
wird, wahr ist, daft wir die aufeinanderfolgenden Stadien der em-
bryonalen Entwickelung des Menschen nur verstehen konnen, wenn
wir ihr Gegenbild verstehen, die Erscheinungen des Himmels; wenn
das wahr ist - und es wird sich eben zeigen, daft das wahr ist -,
dann konnen wir nicht Embryologie treiben, ohne Astronomie zu
treiben. Und wir konnen auf der anderen Seite nicht Astronomie
treiben, ohne gewisse Ausblicke zu schaffen in die embryologi-
schen Tatsachen. Wir studieren mit der Astronomie ja dann etwas,
was eigentlich seine bedeutsamste Wirkung zeigt bei der Ent-
wickelung des menschlichen Embryos. Und wie sollen wir uns
denn iiber Sinn und Verniinftigkeit der astronomischen Tatsachen
aufklaren, wenn wir dasjenige, worin sie gerade diesen Sinn und
diese Verniinftigkeit zeigen, in gar keinen Zusammenhang mit
ihnen bringen?
Sie sehen, wieviel heute notwendig ist, um zu einer verniinf-
tigen Weltanschauung zu kommen heraus aus dem Chaos, in dem
wir gerade im wissenschaftlichen Leben drinnen stecken. Wenn man
aber nur dasjenige nimmt, was heute gang und gabe ist, so wird
es einem aufierordentlich schwer, zunachst auch nur in einem all-
gemeinen Gedanken so etwas zu fassen, wie ich gestern charakteri-
siert habe. Denn es hat eben die Zeitentwickelung mit sich gebracht,
daft man die astronomischen Tatsachen nur mit Mathematik und
Mechanik erfafit und daft man die embryologischen Tatsachen in
einer solchen Weise registriert, daft man bei ihnen ganzlich absieht
von alledem, was mathematisch-mechanisch ist, oder hochstens,
wenn man das Mathematisch-Mechanische in irgendeine Beziehung
zu ihnen bringt, dies in einer ganz aufierlichen Weise tut, ohne dar-
auf Rucksicht zu nehmen, wo der Ursprung desjenigen ist, was sich
auch als Mathematisch-Mechanisches ausdriicken konnte in der em-
bryologischen Entwickelung.
Nun braucht man nur auf ein Diktum hinzuweisen, das Goethe
aus einer gewissen Empfindung, Erkenntnisempfindung mochte ich
es nennen, heraus gesprochen hat, das aber im Grunde doch auf
etwas aufterordentlich Bedeutsames hinweist. Sie konnen dariiber
nachlesen in Goethes «Spruchen in Prosa» und in dem Kommentare,
den ich dazugefugt habe in der Ausgabe in der «Deutschen National-
Litteratur», wo ich iiber diese Stelle ausfiihrlich spreche. Goethe
sagt da, daft man die Naturerscheinungen so abgesondert vom Men-
schen betrachtet, daft man immer mehr und mehr bestrebt ist, die
Naturerscheinungen nur so zu betrachten, daft man auf den Men-
schen gar keine Rucksicht nimmt. Er glaubte dagegen, daft die Na-
turerscheinungen ihre wahre Bedeutung erst dann zeigen, wenn
man sie durchwegs im Zusammenhang mit dem Menschen, mit der
ganzen menschlichen Organisation ins Auge faftt. Damit hat Goethe
hingewiesen auf eine Forschungsart, die heute im Grunde genom-
men verpont ist. Man mochte heute zur Objektivitat dadurch kom-
men, daft man iiber die Natur ganz in Absonderung vom Menschen
forscht. Nun zeigt sich ja das ganz besonders bei solchen Wissen-
schaftszweigen, wie die Astronomie einer ist. Da nimmt man ja
heute schon gar nicht mehr irgendwie Rucksicht auf den Menschen.
Man ist im Gegenteil stolz darauf geworden, daft die scheinbar ob-
jektiven Tatsachen das Resultat zutage gefordert haben, daft der
Mensch nur solch ein Staubpunkt ist auf der zum Planeten zusam-
mengeschmolzenen Erde, welche sich im Raume, zunachst um die
Sonne, dann mit der Sonne oder sonst im Raume bewegt; daft man
keine Rucksicht zu nehmen braucht auf diesen Staubpunkt, der da
auf der Erde herumwandelt; daft man nur Rucksicht zu nehmen
braucht auf das, was auftermenschlich ist, wenn man vor alien Din-
gen die grofien Himmelserscheinungen ins Auge faftt. Nur fragt es
sich, ob denn wirklich auf eine solche Weise reale Resultate zu ge-
winnen sind.
Ich mochte noch einmal aufmerksam darauf machen, wie der
Gang der Betrachtung gerade in diesen Vortragen sein muft: Das-
jenige, was Sie als Beweise empfinden werden, wird sich erst im Lau-
fe der Vortrage ergeben. Es muft manches heute aus der Anschauung
herausgeholt werden, um zunachst gewisse Begriffe zu bilden. Wir
werden zunachst gewisse Begriffe bilden miissen, die wir erst haben
miissen, und dann werden wir zum Verifizieren dieser Begriffe
schreken konnen.
Woher konnen wir denn iiberhaupt etwas Reales iiber die Him-
melserscheinungen gewinnen? Diese Frage muft uns vor alien Din-
gen beschaftigen. Konnen wir durch die blofie Mathematik, die wir
anwenden auf die Himmelserscheinungen, iiber dieselben irgend
etwas gewinnen? Der Gang der menschlichen Erkenntnisentwicke-
lung kann schon enthiillen - wenn man nicht gerade auf dem Hoch-
mutsstandpunkt steht, daft wir es heute «ganz herrlkh weit ge-
bracht» haben und alles iibrige, was vorher gelegen hat, kindisch
war -, wie die Gesichtspunkte sich verschieben konnen.
Sehen Sie, man kommt von gewissen Ausgangspunkten aus zu
einer groften Verehrung desjenigen, was fur die Himmelsbeobach-
tung geleistet haben zum Beispiel die alten Chaldaer. Die alten
Chaldaer haben aufierordentlich genaue Beobachtungen iiber den
Zusammenhang der menschlichen Zeitrechnung mit den Himmels-
erscheinungen gehabt. Sie haben eine aufierordentlich bedeutsame
Kalenderwissenschaft gehabt. Und vieles, was heute uns wie eine
selbstverstandliche Handhabung der Wissenschaft erscheint, fiihrt
eigentlich in seinen Anfangen auf die Chaldaer zuriick. Und den-
noch waren die Chaldaer zufrieden damit, sich das mathematische
Bild des Himmels so vorzustellen, daft die Erde eine Art von flacher
Scheibe ware, iiber die sich hiniibergewolbt hat die halbe Hohl-
kugel des Himmelsgewdlbes, an der die Fixsterne angeheftet waren,
gegeniiber welcher sich die Planeten bewegt haben - zu den Plane-
ten haben sie auch die Sonne gerechnet. Sie haben ihre Rechnungen
angestellt, indem sie dieses Bild zugrunde gelegt haben, und sie
haben in hohem Mafte richtige Berechnungen gemacht trotz der
Zugrundelegung dieses Bildes, das selbstverstandlich die heutige
Wissenschaft als einen Grundirrtum, als etwas Kindliches bezeich-
nen kann.
Die Wissenschaft, oder besser gesagt die Wissenschaftsrichtung,
ist dann fortgeschritten. Wir konnen auf eine Etappe hinweisen, in
welcher man sich vorgestellt hat, daft die Erde zwar stillsteht, daft
aber Venus und Merkur sich um die Sonne bewegen, daft also gewis-
sermafien die Sonne den Mittelpunkt abgibt fur die Bewegung von
Venus und Merkur, die anderen Planeten, Mars, Jupiter und Saturn,
sich aber noch um die Erde bewegen, nicht um die Sonne, der Fix-
sternhimmel wiederum sich um die Erde bewegt.
Wir finden dann, wie fortgeschritten wird dazu, daft man nun
auch um die Sonne sich herumbewegen lieft den Mars, den Jupiter,
den Saturn, daft man aber immer noch die Erde stille stehen lieft
und nun die Sonne mit den sich um sie herumbewegenden Planeten
um die Erde herum sich bewegen lieft und den Sternenhimmel da-
zu. Im Grunde genommen war das noch die Ansicht des Tycho de
Brake, wahrend sein Zeitgenosse Kopernikus dann die andere Auf-
fassung geltend gemacht hat, daft die Sonne als stillstehend anzu-
sehen ware, die Erde zu den Planeten hinzuzurechnen sei und sich
mit den Planeten urn die Sonne herumbewege. Hart aneinander
stolen in der Zeit des Kopernikus eine Anschauung, die schon im
alten Agypten da war, von der stillstehenden Erde, von den um die
Sonne sich bewegenden anderen Planeten, die noch Tycho de Brahe
vertrat, und die Anschauung des Kopernikus, die radikal brach mit
dem Annehmen des Koordinatenmittelpunktes im Mittelpunkt der
Erde, die den Koordinatenmittelpunkt einfach in den Mittelpunkt
der Sonne verlegte. Denn im Grunde genommen war das ganze Um-
andern des Kopernikus nichts anderes als dieses, daft der Koordina-
tenmittelpunkt verlegt worden ist von dem Mittelpunkt der Erde
in den Mittelpunkt der Sonne.
Welches war denn eigentlich die Frage des Kopernikus? - Die
Frage des Kopernikus war: Wie kommt man dazu, diese kompliziert
erscheinende Planetenbewegung - denn so erscheint sie von der Erde
aus beobachtet - auf einfachere Linien zuruckzufuhren? Wenn man
von der Erde aus die Planeten betrachtet, mufi man allerlei Schlei-
fenlinien ihren Bewegungen zugrunde legen, etwa solche Linien
Fig.l
(Fig. 1). Wenn man also den Mittelpunkt der Erde als Koordinaten-
mittelpunkt ansieht, hat man notig, auteordentlich komplizierte
Bewegungskurven den Planeten zugrunde zu legen. Kopernikus
sagte sich etwa: Ich verlege einmal zunachst probeweise den Mittel-
punkt des ganzen Koordinatensystems in den Mittelpunkt der Son-
ne, dann reduzieren sich die komplizierten Planeten bewegungs-
Kurven auf einfache Kreisbewegungen oder, wie spater gesagt wor-
den ist, auf Ellipsenbewegungen. Es war das Ganze nur ein Kon-
struieren eines Weltensystems mit dem Zwecke, die Planetenbahnen
in moglichst einfachen Kurven darstellen zu konnen.
Nun, heute liegt ja eine sehr merkwiirdige Tatsache vor. Dieses
kopernikanische System, das lafit natiirlich, wenn man es anwendet
als rein mathematisches System, die Berechnungen, die man
braucht, ebensogut auf die Wirklichkeit anwenden wie irgendein
anderes friiheres. Man kann mit dem alten chaldaischen, mit dem
agyptischen, mit dem tychonischen, mit dem kopernikanischen
System Mond- und Sonnenfinsternisse berechnen. Man kann also
die aufieren auf Mechanik, auf Mathematik beruhenden Vorgange
am Himmel voraussagen. Das eine System eignet sich dazu ebenso-
gut wie das andere. Es kommt nur darauf an, daft man gewisser-
mafien mit dem kopernikanischen System die einfachsten Vorstel-
lungen verbinden kann. Nur liegt das Eigentiimliche vor, daft ei-
gentlich in der praktischen Astronomie nicht mit dem kopernika-
nischen System gerechnet wird. Kurioserweise wendet man, um die
Dinge herauszubekommen, die man zum Beispiel in der Kalender-
wissenschaft braucht, das tychonische System an! So daft man eigent-
lich heute folgendes hat: Man rechnet nach dem tychonischen Sy-
stem, richtig ist das kopernikanische System. Aber gerade daraus
zeigt sich ja, wie wenig ganz Prinzipielles, wie wenig Wesenhaftes
eigentlich bei diesen Darstellungen in rein mathematischen Linien
und mit der Zugrundelegung mechanischer Krafte in Betracht
gezogen wird.
Nun liegt noch etwas anderes, sehr Merkwurdiges vor, das ich
heute zunachst nur andeuten will, damit wir, mochte ich sagen,
iiber das Ziel unserer Vortrage uns verstandigen, iiber das ich schon
in den nachsten Vortragen sprechen will. Es liegt das Merkwiirdige
vor, daft nun Kopernikus aus seinen Erwagungen heraus drei Haupt-
satze seinem Weltensystem zugrunde legt. Der eine Hauptsatz ist
der, daft sich die Erde in 24 Stunden um die eigene Nord-Siid-Achse
dreht. Das zweite Prinzip, das Kopernikus seinem Himmelsbilde
zugrunde legt, ist dieses, daft die Erde sich um die Sonne her-
um bewegt, daft also eine Revolution der Erde um die Sonne
vorhanden ist, daft dabei natiirlich sich die Erde auch in einer
gewissen Weise dreht. Diese Drehung geschieht aber nicht um
die Nord-Siid-Achse der Erde, die immer nach dem Nordpol
hinweist, sondern um die Ekliptikachse, die ja einen Winkel bil-
det mit der eigentlichen Erdachse. So daft also gewissermaften
die Erde eine Drehung erfahrt wahrend eines vierundzwanzig-
stiindigen Tages um ihre Nord-Siid-Achse, und dann, indem sie
ungefahr 365 solcher Drehungen im Jahre ausfuhrt, kommt noch
dazu eine andere Drehung, eine Jahresdrehung, wenn wir ab-
sehen von der Bewegung um die Sonne. Nicht wahr, wenn sie
sich immer so umdreht und sich noch einmaJ um die Sonne dreht,
ist das so, wie sich der Mond um die Erde dreht, der dieselbe
Flache uns immer zuwendet. Das tut die Erde auch, indem sie
sich um die Sonne dreht, aber nicht um dieselbe Achse, um
die sie sich dreht, indem sie die tagliche Achsendrehung ausfuhrt.
Sie dreht sich also gewissermaften in diesem Jahrestag, der zu
den Tagen hinzukommt, die nur 24 Stunden lang sind, um eine
andere Achse.
Das dritte Prinzip, das Kopernikus geltend macht, ist dieses, daft
nun nicht nur eine solche Drehung zustande kommt der Erde um
die Nord-Siid-Achse und eine zweite um die Ekliptikachse, sondern
daft noch eine dritte Drehung stattfindet, welche sich darstellt als
eine rucklaufige Bewegung der Nord-Sud-Achse um die Ekliptik-
achse selber. Dadurch wird in einem gewissen Sinne die Drehung
um die Ekliptikachse wiederum aufgehoben. Dadurch weist die Erd-
achse stets auf den Nordpol (den Polarstern) hin. Wahrend sie sonst,
indem sie um die Sonne herumgeht, eigentlich einen Kreis bezie-
hungsweise eine Ellipse beschreiben miifite um den Ekliptikpol,
weist sie durch ihre eigene Drehung, die im entgegengesetzten
Sinne erfolgt - jedesmal, wenn die Erde ein Stuck weiter riickt, dreht
sich die Erdachse zurtick -, immerfort auf den Nordpol hin. Koper-
nikus hat dieses dritte Prinzip angenommen, daft das Hinweisen auf
den Nordpol dadurch geschieht, daft die Erdachse selber durch eine
Drehung in sich, eine Art Inklination, fortwahrend die andere Dre-
hung aufhebt. So daft diese eigentlich im Laufe des Jahres nichts be-
deutet, indem sie fortwahrend aufgehoben wird.
In der neueren Astronomie, die auf Kopernikus aufgebaut hat,
ist das Eigentiimliche eingetreten, daft man die zwei ersten Haupt-
satze gelten laftt und den dritten ignoriert und sich liber dieses Igno-
rieren des dritten Satzes in einer Art, kh mochte sagen, mit leichter
Hand hinwegsetzt, indem man sagt: Die Sterne sind so weit weg,
daft eben die Erdachse, auch wenn sie immerfort parallel bleibt,
nach demselben Punkte immer zeigt. - So daft man also sagt: Die
Nord-Sud-Erdachse bleibt bei dieser Drehung um die Sonne immer
zu sich parallel. - Das hat Kopernikus nicht angenommen, sondern
er hat eine fortwahrende Drehung der Erdachse angenommen. Man
steht also nicht auf dem Standpunkte des kopernikanischen Systems,
sondern man hat, weil es einem bequem war, die zwei ersten Haupt-
satze des Kopernikus genommen, den dritten weggelassen und sich
in das Geflunker verloren, daft man das nicht anzunehmen brauche,
daft die Erdachse sich bewegen miiftte, um nach demselben Punkte
zu zeigen, sondern der Punkt sei so weit weg, daft, wenn die Achse
sich auch vorwartsschiebt, sie doch auf denselben Punkt zeigt. Jeder
wird einsehen, daft das einfach ein Geflunker ist. So daft wir also
heute ein kopernikanisches System haben, das eigentlich ein ganz
wichtiges Element weglafit.
Fig. 2
Man stellt die Geschichte der modernen Astronomie-Entwicke-
lung durchaus so dar, daft kein Mensch diese Tatsache bemerkt, daft
man eine wichtige Sache weglaftt. Nur dadurch aber ist man iiber-
haupt imstande, noch immer die Geschichte so schon zu zeichnen,
daft man sagt: Hier die Sonne, die Erde geht herum in einer Ellipse,
in deren einem Brennpunkt die Sonne steht (Fig. 2).
Und nun ist man ja nicht mehr in der Lage gewesen, bei dem
kopernikanischen Ausgangspunkt stehen zu bleiben, daft die Sonne
stillstehe. Man gibt der Sonne eine Bewegung, aber man bleibt da-
bei, daft die Sonne fortriickt mit der ganzen Ellipse, daft irgend
etwas entsteht, immer neue Ellipsen (Fig. 3). Man fugt einfach, in-
dem man gendtigt ist, die Sonnenbewegung einzufiihren, zu dem,
was man schon hat, ein Neues hinzu, und man bekommt dann auch
eben eine mathematische Beschreibung heraus, die ja aller dings
bequem ist, bei der man aber nach den Wirklichkeits-Moglich-
keiten, nach den Wirklichkeiten wenig fragt. Wir werden sehen,
daft man nach dieser Methode nur nach der Stellung der Sterne,
der scheinbaren Stellung der Sterne, bestimmen kann, wie die Erde
sich bewegt, und daft es eine grofte Bedeutung hat, ob man eine Be-
wegung, die man notwendig annehmen mufi, namlich die Inklina-
tion der Erdachse, die fortwahrend die jahrliche Drehung aufhebt,
annimmt oder nicht. Denn man bekommt ja doch resultierende
Bewegungen heraus, indem man sie zusammensetzt aus den ein-
zelnen Bewegungen. Laftt man eine weg, so ist es schon zusammen
nicht mehr richtig. Daher ist die ganze Theorie in Frage gestellt,
ob nun gesagt werden kann, daft die Erde sich in einer Ellipse um
die Sonne dreht.
Sie sehen einfach aus dieser historischen Tatsache, daft heute in
der scheinbar sichersten, weil mathematischsten Wissenschaft, in der
Astronomie, brennende Fragen vorliegen, brennende Fragen, die
sich einfach aus der Geschichte ergeben. Und daraus entsteht dann
Fig. 3
die Frage: Ja, wodurch lebt man denn in einer solchen Unsicherheit
gegenuber dem, was eigentlich astronomische Wissenschaft ist? Und
da mufi man weiter fragen, mufi die Frage nach einer anderen Rich-
tung lenken: Kommt man denn iiberhaupt durch eine blofi mathe-
matische Betrachtung zu irgendeiner realen Sicherheit? Bedenken
Sie doch nur, daft, indem man mathematisch betrachtet, man die
Betrachtung heraushebt aus jeder aufieren Realitat. Das Mathema-
tische ist etwas, was aus unserem Innern aufsteigt. Man hebt sich
heraus aus jeder aufieren Realitat. Daher ist es schon von vorne-
herein zu fassen, daft, wenn man nun mit einer Betrachtungsweise,
die sich heraushebt aus jeder Realitat, an die auftere Realitat heran-
tritt, man unter Umstanden tatsachlich nur zu etwas Relativem
kommen kann.
Ich will im voraus blofie Erwagungen hinstellen. Wir werden
schon hinkommen zur Wirklichkeit. Es handelt sich darum, dafi
vielleicht das vorliegt, dafi man, indem man blofi mathematisch be-
trachtet und seine Betrachtung nicht geniigend mit Wirklichkeit
durchdringt, gar nicht geniigend energisch Wirklichkeit in der Be-
trachtung drinnen hat, um an die Erscheinungen der Auflenwelt
richtig herantreten zu konnen. Das fordert dann auf, eventuell doch
naher die Himmelserscheinungen an den Menschen heranzuziehen
und sie nicht nur ganz abgesondert vom Menschen zu betrachten. Es
war ja nur ein Spezialfall dieses Heranziehens an den Menschen,
wenn ich sagte: Man mufi dasjenige, was draufien am gestirnten
Himmel vor sich geht, in seinem Abdruck in den embryonalen Tat-
sachen sehen. Aber betrachten wir die Sache zunachst etwas ober-
flachlicher. Fragen wir, ob wir vielleicht einen anderen Weg als den-
jenigen finden, der blofi auf das Mathematische losgeht in bezug auf
die Himmelserscheinungen.
Da konnen wir in der Tat die Himmelserscheinungen in ihrem
Zusammenhang mit dem irdischen Leben zunachst qualitativ an den
Menschen etwas naher heranbringen. Wir wollen heute nicht ver-
schmahen, scheinbar elementare Betrachtungen zugrunde zu legen,
weil diese elementaren Betrachtungen gerade ausgeschlossen werden
von demjenigen, was man heute der Astronomie zugrunde legt.
Wollen wir einmal uns fragen: Wie nehmen sich denn die Dinge
aus, die auch hineinspielen in das astronomische Betrachten, wenn
wir das menschliche Leben auf der Erde ins Auge fassen? Da konnen
wir in der Tat die aufteren Erscheinungen um den Menschen herum
aus drei verschiedenen Gesichtspunkten heraus betrachten. Wir
konnen sie betrachten von dem Gesichtspunkte, den ich nennen
mochte den des solarischen Lebens, des Sonnenlebens, den des
lunarischen Lebens und den des terrestrischen, des tellurischen
Lebens.
Betrachten wir zunachst ganz popular, eben elementar, wie sich
diese drei Gebiete um den Menschen und am Menschen abspielen.
Da zeigt sich uns ganz klar, dafi etwas auf der Erde in einer durch-
greifenden Abhangigkeit ist vom Sonnenleben; vom Sonnenleben,
innerhalb dessen wir dann auch jenen Teil suchen werden, der Be-
wegung oder Ruhe und so weiter der Sonne ist. Wollen wir aber zu-
nachst vom Quantitativen absehen und heute einmal auf das Quali-
tative sehen, wollen wir einmal versuchen, uns klarzumachen, wie
zum Beispiel die Vegetation irgendeines Erdengebietes von dem
solarischen Leben abhangt. Da brauchen wir ja in bezug auf die Ve-
getation nur dasjenige, was allbekannt ist, uns vor Augen zu rufen,
den Unterschied der Vegetationsverhaltnisse im Fruhling, Sommer,
Herbst und Winter, und wir werden sagen konnen: Wir sehen in der
Vegetation selber eigentlich den Abdruck des solarischen Lebens.
Die Erde off net sich auf einem bestimmten Gebiet demjenigen, was
aufier ihr am Himmelsraum ist, und dieses Offnen zeigt sich uns
in der Entfaltung des vegetativen Lebens. Verschlierk sie sich wieder-
um dem solarischen Leben, so tritt die Vegetation zuruck.
Wir finden aber eine gewisse Wechselwirkung zwischen dem
blofi Tellurischen und dem Solarischen. Fassen wir nur einmal ins
Auge, welcher Unterschied besteht gerade innerhalb des solarischen
Lebens, wenn das tellurische Leben ein anderes wird. Wir miissen
elementare Tatsachen zusammentragen. Sie werden dann sehen, wie
uns dies weiterfuhrt. Nehmen wir einmal Agypten und Peru als zwei
Gebiete in der tropischen Zone, Agypten als Tiefebene, Peru als
Hochebene. Nun, vergleichen Sie die Vegetation, dann werden Sie
sehen, wie das Tellurische, also einfach die Entfernung vom Mittel-
punkt der Erde, hineinspielt in das solarische Leben. Sie brauchen
also nur die Vegetation iiber die Erde hin zu verfolgen und die Erde
nicht blofi als Mineralisches zu betrachten, sondern das Pflanzliche
dazu zu rechnen zur Erde, so haben Sie im Bilde der Vegetation
einen Anhaltspunkt, um iiber die Beziehungen des Irdischen zum
Himmlischen Anschauungen zu bekommen. Ganz besonders be-
kommen wir sie aber, wenn wir auf das Menschliche Riicksicht
nehmen.
Da haben wir zunachst zwei Gegensatze auf der Erde: das Pola-
rische und das Tropische. Die Wirkung dieses Gegensatzes zeigt sich
ja deutlich im menschlichen Leben. Nicht wahr, das polarische Le-
ben bringt im Menschen einen gewissen geistig-apathischen Zustand
hervor. Der schroffe Gegensatz, ein langer Winter und langer Som-
mer, die fast Tag- und Nacht-Bedeutung haben, bringt im Menschen
eine gewisse Apathie hervor, so dars man sagen kann, da lebt der
Mensch in einem Weltmilieu drinnen, das ihn apathisch macht. In
der tropischen Gegend lebt der Mensch auch in einem Weltmilieu
drinnen, das ihn apathisch macht. Aber der Apathie der polarischen
Gegenden liegt eine auftere sparliche Vegetation zugrunde, die auf
eigentumliche Weise auch da, wo sie sich entfaltet, mager, sparlich
ist. Der tropischen Apathie des Menschen liegt zugrunde eine rei-
che, iippige Vegetation. Und aus diesem Ganzen der Umgebung
kann man sagen: Die Apathie, die den Menschen befallt in polari-
schen Gegenden, ist eine andere Apathie als diejenige, die den Men-
schen befallt in tropischen Gegenden. Apathisch wird er in beiden
Gegenden, aber die Apathie ergibt sich gewissermafien aus verschie-
denen Untergriinden. In der gemafligten Zone ist ein Ausgleich vor-
handen. Da entwickeln sich, mochte ich sagen, in einem gewissen
Gleichgewicht die menschlichen Fahigkeiten.
Nun wird niemand daran zweifeln, dafi das etwas zu tun hat mit
dem solarischen Leben. Aber wie ist der Zusammenhang mit dem
solarischen Leben? Sehen Sie, wenn man - wie gesagt, ich will zuerst
einiges durch Anschauen entwickeln, damit wir zu Begriffen kom-
men -, wenn man den Dingen zugrunde geht, findet man, dafi das
polarische Leben auf den Menschen so wirkt, daft das Sonnenleben
zunachst stark sich da auslebt. Die Erde entringt sich da dem Sonnen-
leben, sie laftt ihre Wirkungen nicht von unten herauf in die Vegeta-
tion schiefien. Der Mensch ist dem eigentlichen Sonnenleben
ausgesetzt - Sie miissen nur das Sonnenleben nicht bloft in der Warme
suchen und daft er das ist, bezeugt das Aussehen der Vegetation.
Wir haben also ein Uberwiegen des solarischen Einflusses in der
polarischen Zone. Welches Leben iiberwiegt in der tropischen Zone?
Dort iiberwiegt das tellurische Leben, das Erdenleben. Das schiefit
in die Vegetation hinein. Das macht die Vegetation iippig, reich.
Das benimmt dem Menschen auch das Gleichmaft seiner Fahigkei-
ten, aber es kommt von einer anderen Seite her im Norden wie im
Siiden. Also, in polarischen Gegenden unterdriickt das Sonnenlicht
seine innere Entfaltung; in den tropischen Gegenden unterdriickt
dasjenige, was von der Erde aufschieftt, seine inneren Fahigkeiten.
Und wir sehen einen gewissen Gegensatz, den Gegensatz, der sich
zeigt in einem Uberwiegen des solarischen Lebens um den Pol her-
um; in einem Uberwiegen des tellurischen Lebens in den tropischen
Gegenden, in der Aquatornahe.
Und wenn wir dann hinschauen auf den Menschen und die
menschliche Gestalt ins Auge fassen, dann werden wir uns sagen:
Dasjenige, was - bitte nehmen Sie zunachst nur als Paradoxic das
hin, wenn ich jetzt die menschliche Gestalt in einem gewissen Sinne
ernst nehme - in der aufteren Gestalt nachbildet den Weltenraum,
die Kugel, die Spharengestalt des Weltenraumes - das menschliche
Haupt -, das ist auch wahrend des Lebens in der polarischen Zone
zunachst, ist dem Auflerirdischen ausgesetzt. Dasjenige, was Stoff-
wechselsystem im Zusammenhang mit den Gliedmaften ist, das ist
in der tropischen Zone dem irdischen Leben ausgesetzt. Wir kom-
men so zu einer besonderen Beziehung des menschlichen Hauptes
zum aufierirdischen Leben und des menschlichen Stoffwechselsy-
stems zusammen mit dem Gliedmaftensystem zum irdischen Leben.
Wir sehen also, daft der Mensch so im Weltenall drinnensteht, daft
er mit seinem Haupt, der Nerven-Sinnesorganisation, mehr der
aufierirdischen Umwelt zugeordnet ist, mit der Stoffwechselorgani-
sation mehr dem irdischen Leben, und wir werden in der gemafiig-
ten Zone eine Art fortwahrenden Ausgleichs zu suchen haben zwi-
schen dem Kopfsystem und dem Stoffwechselsystem. Wir werden in
der gemafiigten Zone vorzugsweise das rhythmische System im Men-
schen in Ausbildung begriffen haben.
Jetzt sehen Sie, daft ein gewisser Zusammenhang zwischen dieser
Dreigliederung des Menschen - Nerven-Sinnessystem, rhythmisches
System, Stoffwechselsystem - und der Aufienwelt vorhanden ist. Sie
sehen, daft das Kopfsystem mehr der ganzen Umwelt zugeordnet ist,
daft das rhythmische System der Ausgleich zwischen der Umwelt
und der irdischen Welt ist und das Stoffwechselsystem zugeordnet
ist der irdischen Welt.
Nun haben wir zugleich den anderen Hinweis aufzunehmen, der
uns das solarische Leben in einer anderen Beziehung auf den Men-
schen zeigt. Nicht wahr, dasjenige, was wir jetzt betrachtet haben,
diesen Zusammenhang des menschlichen Lebens mit dem solari-
schen Leben, das konnen wir ja schliefilich nur beziehen auf das-
jenige, was sich zwischen dem irdischen und aufierirdischen Leben
im Jahreslauf abspielt. Aber im Tageslauf haben wir es ja im Grunde
genommen mit einer Art Wiederholung oder etwas Ahnlichem zu
tun wie im Jahreslauf. Der Jahreslauf wird bestimmt durch die Be-
ziehung der Sonne zur Erde, der Tageslauf aber auch. Wenn wir ein-
fach mathematisch-astronomisch sprechen, so reden wir beim Tages-
lauf von der Umdrehung der Erde um ihre Achse, beim Jahreslauf
von der Revolution der Erde um die Sonne. Aber wir beschranken
uns dann beim Ausgangspunkt auf sehr einfache Tatsachen. Wir
haben aber keine Berechtigung zu sagen, daft wir da wirklich aus-
gehen von etwas, das ein hinreichender Boden ist fur eine Betrach-
tungsweise und uns hinreichende Unterlagen dafiir gibt. Fassen wir
beim Jahreslauf einmal alles das ins Auge, was wir jetzt gesehen
haben. Ich will noch nicht sagen: Umdrehung der Erde um die
Sonne, sondern daft der Jahreslauf , die Wechseltatsache des Jahres-
laufes zusammenhangen muft mit der Dreigliederung des Menschen
und daft, indem dieser Jahreslauf durch die irdischen Verhaltnisse
in einer verschiedenen Weise sich ausbildet im Tropischen, im Ge-
mafiigten, im Polarischen, sich daran zeigt, wie dieser Jahreslauf mit
der ganzen Bildung des Menschen, mit den Verhaltnissen der drei
Glieder des dreigliedrigen Menschen, etwas zu tun hat. Wenn wir
das in Betracht Ziehen konnen, dann bekommen wir eine breitere
Basis und konnen vielleicht auf etwas ganz anderes kommen, als
wenn wir einseitig bio ft die Winkel abmessen, die die eine Fern-
rohrrichtung bildet mit der anderen. Es handelt sich darum, breitere
Grundlagen zu gewinnen, um die Tatsachen beurteilen zu konnen.
Und wenn wir vom Tageslauf sprechen, dann sprechen wir im
Sinne der Astro no mie von der Umdrehung der Erde um ihre Achse.
Nun zeigt sich da ailer dings zunachst etwas anderes. Es zeigt sich
eine weitgehende Unabhangigkeit des Menschen von diesem Tages-
lauf. Die Abhangigkeit der Menschheit vom Jahreslauf, namentlich
von dem, was zusammenhangt mit dem Jahreslauf, die Bildung der
Menschengestalt in den verschiedensten Gegenden der Erde, das
zeigt uns eine sehr weitgehende Abhangigkeit des Menschen vom
solarischen Leben, von den Veranderungen, die auf der Erde auf-
treten infolge des solarischen Lebens. Der Tageslauf zeigt das weni-
ger. Wir konnen aller dings sagen: Es tritt auch in bezug auf den
Tageslauf gar manches Inter essante zutage, aber es ist verhaltnis-
maflig nicht sehr bedeutend im Zusammenhang des menschlichen
Gesamtlebens.
GewiB, es ist ein grofier Unterschied schon bei einzelnen mensch-
lichen Personlichkeiten vorhanden. Goethe, der ja schliefilich schon
in einer gewissen Beziehung fur das Menschliche als eine Art Nor-
malmensch, als eine Art Normalwesen angesehen werden kann, er
fiihlte sich am giinstigsten zur Produktion aufgelegt am Morgen,
Schiller mehr in der Nacht. Das weist darauf hin, dafi dieser Tages-
lauf auf gewisse feinere Dinge in der menschlichen Natur dennoch
einen gewissen Einflufi hat. Und derjenige, der fur solche Dinge
einen Sinn hat, wird ja die Tatsache bestatigen, dafi ihm viele Men-
schen im Leben begegnet sind, die ihm anvertraut haben, dafi die
eigentlich bedeutsamen Gedanken, die sie gehabt haben, in der
Dammerung ausgebriitet worden sind, also auch gewissermalkn in
der gemafiigten Zeit des Tageslaufes, nicht um die Mittagsstunde,
nicht um die Mitternachtsstunde, sondern in der gemafiigten Zeit
des Tageslaufes. Das ist aber doch sicher, dafi der Mensch in einer
gewissen Weise unabhangig ist von dem Tageslauf der Sonne. Wir
werden auf die Bedeutung dieser Unabhangigkeit noch einzugehen
und zu zeigen haben, worin dennoch eine Abhangigkeit besteht.
Nun, ein zweites Element ist aber das lunarische Leben, das
Leben, das zusammenhangt mit dem Monde. Es mag sein, dafi un-
endlich vieles, was in dieser Beziehung gesagt worden ist im Laufe
der Menschheitsentwickelung, heute sich nur als Phantasterei her-
ausstellt. Aber in irgendeiner Weise sehen wir ja, dafi das irdische
Leben als solches in den Erscheinungen der Ebbe und Flut ganz
zweifellos mit der Mondenbewegung etwas zu tun hat. Aber auch
das darf doch nicht iibersehen werden, dafi schliefilich die weib-
lichen Funktionen, wenn sie auch zeitlich nicht mit den Mondpha-
sen zusammenfallen, so doch ihrer Lange und dem Verlauf nach mit
den Mondphasen zusammenfallen, dafi also dasjenige, was mit der
menschlichen Entwickelung etwas Wesentliches zu tun hat, in bezug
auf die Zeitlange mit den Mondphasen zusammenhangend sich
zeigt. Und man kann sagen: Es ist aus dem allgemeinen Natur-
lauf dieser Gang der weiblichen Funktionen herausgehoben, aber
er ist doch ein treues Abbild geblieben. Er vollzieht sich in der-
selben Zeit.
Ebensowenig darf iibersehen werden - nur stellt man iiber diese
Dinge keineswegs verniinftige, exakte Beobachtungen an, wenn
man von vorneherein solche Dinge ablehnt -, es darf nicht iiber-
sehen werden, dafi das Phantasieleben des Menschen tatsachlich
aufierordentlich viel zu tun hat mit den Mondphasen. Und wer ei-
nen Kalender fuhren wurde iiber das Auf- und Abfluten seines Phan-
tasielebens, der wiirde eben bemerken, wieviel das zu tun hat mit
dem Gang der Mondesphasen. Das aber, dafi auf gewisse unter-
geordnete Organe das Mondenleben, das lunarische Leben einen
Einflufi hat, das mufi eben an der Erscheinung des Nachtwandelns
studiert werden. Und da konnen interessante Erscheinungen stu-
diert werden, die uberdeckt sind durch das normale Menschen-
leben, die aber in den Tiefen der menschlichen Natur vorhanden
sind und die in ihrer Gesamthek darauf hinweisen, daft das luna-
rische Leben ebenso zusammenhangt mit dem rhythmischen System
des Menschen, wie das solare Leben mit dem Nerven-Sinnessystem
des Menschen zusammenhangt.
Jetzt haben Sie schon eine Kreuzung. Wir haben gesehen, wie
skh das solare Leben im Zusammenhang mit der Erde so entwickelt,
daft fur die gemaftigte Zone schon auf das rhythmische System ge-
wirkt wird. Nun tritt, sich kreuzend mit dieser Wirkung, das lunari-
sche Leben als direkt beeinflussend das rhythmische System auf.
Und wenn wir auf das eigentliche tellurische Leben sehen, dann
darf doch nicht aufter acht gelassen werden, daft der Einfluft des Tel-
lurischen auf den Menschen sich zwar in einer Region vollzieht, die
gewohnlich nicht beobachtet wird, daft aber der Einfluft auf diese
Region durchaus vorhanden ist. Ich bitte Sie, doch nur einmal Ihr
Augenmerk zu lenken auf eine solche Erscheinung wie zum Beispiel
das Heimweh. Man kann iiber das Heimweh gering denken. Gewift,
man kann es aus sogenannten seelischen Gewohnheiten und der-
gleichen erklaren. Aber ich bitte Sie doch zu berucksichtigen, daft
durchaus im Gefolge des sogenannten Heimwehs auftreten konnen
physiologische Erscheinungen. Bis zum Siechtum des Menschen
kann das Heimweh fiihren. In asthmatischen Erscheinungen kann es
sich ausleben. Und wenn man den Komplex der Erscheinungen des
Heimwehs mit seinen Folgen, eben mit den asthmatischen Erschei-
nungen und allgemeinem Siechtum, eine Art von Auszehrung, stu-
diert, dann kommt man auch dazu einzusehen, daft schliefilich das
Heimweh als Gesamtgefuhl auf einer Veranderung des Stoffwechsels
beruht, auf einer Veranderung des Stoffwechselsy stems; daft dieses
Heimweh nur der Bewufttseinsreflex ist von Veranderungen im
Stoffwechsel und daft diese Veranderungen lediglich herriihren von
der Veranderung desjenigen, was in uns vorgeht, wenn wir von
einem Ort mit seinen tellurischen Einfliissen von unten auf an
einen anderen Ort mit seinen tellurischen Einfliissen von unten auf
versetzt werden. Bitte nehmen Sie das zusammen mit anderen Din-
gen, die einem ja gewohnlich keine wissenschaftliche Betrachtung ab-
notigen, aber leider eben nicht.
Goethe, so sagte ich schon, fuhlte sich besonders angeregt zum
Dichten, zum Niederschreiben seiner Sachen am Morgen. Brauchte
er aber eine Anregung, so nahm er diejenige Anregung, welche
ihrer Natur nach am wenigsten unmittelbar in den Stoffwechsel ein-
greift, sondern ihn nur vom rhythmischen System aus irritiert, das ist
der Wein. Goethe regte sich mit Wein an. Er war in dieser Bezie-
hung iiberhaupt eben ein Sonnenmensch. Er lieft auf sich nament-
lich die Einflusse des solarischen Lebens wirken. Bei Schiller oder
Byron war das umgekehrt. Schiller dichtete am liebsten, wenn die
Sonne untergegangen war, wenn also das solare Leben wenig mehr
tatig war, und er regte sich an mit etwas, was griindlich in den Stoff-
wechsel eingreift, mit warmem Punsch. Das ist etwas anderes als die
Wirkung, die Goethe vom Wein hatte. Das ist eine Einwirkung auf
das gesamte Stoffwechselsystem. Durch den Stoffwechsel wirkt die
Erde auf den Menschen. So dafi man sagen kann, Schiller ist im
wesentlichen ein tellurischer Mensch gewesen. Die tellurischen Men-
schen wirken auch mehr durch das Emotionelle, das Willenhafte,
die solarischen Menschen mehr durch das Ruhige, Kontemplative.
Goethe wurde ja auch immer mehr und mehr fur diejenigen Men-
schen, die das Solarische nicht mogen, die nur das Tellurische, das-
jenige, was an der Erde haftet, mogen, «der kalte Kunstgreis», wie
man ihn in Weimar nannte, «der kalte Kunstgreis mit dem Doppel-
kinn». Das war ein Name, der Goethe in Weimar im 19. Jahrhun-
dert immer wiederum gegeben worden ist.
Nun mochte ich Sie noch auf etwas anderes aufmerksam machen.
Bedenken Sie einmal, nachdem wir beobachtet haben dieses Hinein-
gestelltsein des Menschen in den Weltenzusammenhang: Erde, Son-
ne, Mond - die Sonne mehr wirkend auf das Nerven-Sinnessystem;
der Mond mehr wirkend auf das rhythmische System; die Erde, da-
durch, daft sie dem Menschen ihre Stoffe zur Nahrung gibt, also die
Stoffe direkt in ihm wirksam macht, wirkt auf das Stoffwechsel-
system, wirkt tellurisch. Wir sehen im Menschen etwas, wo wir viel-
leicht Anhaltspunkte finden konnen, uns das Aufiermenschliche,
das Himmlische zu erklaren auf breiterer Grundlage als durch die
blofie Winkelstellung des Fernrohres und dergleichen. Insbesondere
finden wir solche Anhaltspunkte, wenn wir noch weitergehen, wenn
wir nun die auftermenschliche Natur betrachten, aber auch so be-
trachten, daft wir in ihr mehr sehen als bloft eine Registratur der auf-
einandcrfolgenden Tatsachen. Betrachten Sie das Metamorphosen-
leben der Insekten. Es ist im Jahreslauf durchaus etwas, was das
auftere solare Leben widerspiegelt. Ich mochte sagen: Beim Men-
schen miissen wir forschend mehr nach innen gehen, um Solarisches,
Lunarisches und Tellurisches in ihm zu verfolgen. Beim Insekten-
leben in seinen Metamorphosen sehen wir direkt den Jahreslauf in
den aufeinanderfolgenden Gestalten, die das Insekt annimmt, zum
Ausdruck kommen. So daft wir uns sagen konnen, wir miissen viel-
leicht nicht nur quantitativ vorgehen, sondern wir miissen auch auf
das Qualitative sehen, das sich uns in solchen Erscheinungen aus-
driickt. Warum immer bloft fragen: Wie sieht im Objektiv darinnen
irgendeine Erscheinung da drauften aus? - Warum nicht fragen: Wie
reagiert nicht bloft das Objektiv des Fernrohres, sondern das Insekt?
Wie reagiert die menschliche Natur? Wie wird uns dadurch etwas
verraten tiber den Gang der Himmelserscheinungen? Und wir miis-
sen uns zuletzt fragen: Werden wir da nicht auf breitere Grund-
lagen gefiihrt, so daft es uns nicht passieren kann, daft wir theore-
tisch, wenn wir philosophisch das Weltenbild erklaren wollen, Ko-
pernikaner sind und wiederum fur Kalender oder sonstwie rechnend
das tychonische Weltbild zugrunde legen, was heute praktisch die
Astronomie noch macht; oder daft wir zwar Kopernikaner sind, aber
das Wichtigste bei Kopernikus, namlich seinen dritten Hauptsatz,
einfach weglassen? Konnen wir vielleicht nicht die Unsicherheiten,
die heute geradezu die astronomischen Grundfragen zu brennenden
machen, dadurch uberwinden, daft wir auf breiterer Grundlage ar-
beiten, daft wir auch auf diesem Gebiet aus dem Quantitativen in das
Qualitative hineinarbeiten?
Ich habe gestern versucht hinzuweisen zunachst auf den Zusam-
menhang der Himmelserscheinungen mit den embryonalen Erschei-
nungen, heute mit dem fertigen Menschen. Da haben Sie einen
Hinweis auf eine notwendige Umgruppierung des wissenschaftli-
chen Lebens. Aber nehmen Sie eines, was ich im Laufe der heutigen
Betrachtung auch erwiihnt habe. Ich habe Sie hingewiesen auf Zu-
sammenhange des menschlichen Stoffwechselsystems mit dem irdi-
schen Leben. Wir haben im Menschen das Wahrnehmungsvermogen
durch das Nerven-Sinnessystem vermittelt, das irgendwie zusam-
menhangt mit dem solarischen, dem Himmelsleben iiberhaupt; wir
haben das rhythmische System zusammenhangend mit dem, was
zwischen Himmel und Erde ist; wir haben das Stoffwechselsystem
zusammenhangend mit dem, was mit der eigentlichen Erde zusam-
menhangt, so dafi wir, wenn wir auf den eigentlichen Stoffwechsel-
menschen sehen wurden, wir vielleicht dadrinnen nun wiederum na-
her kommen konnten der eigentlichen Wesenheit des Tellurischen.
Was tun wir denn heute, wenn wir dem Tellurischen naher kommen
wollen? Wir benehmen uns wie Geologen. Wir untersuchen die
Dinge von der Aufienseite. Aber sie haben doch auch eine Innen-
seite! Zeigen sie die vielleicht erst, wenn sie durch den Menschen
gehen, in der wahren Gestalt?
Es ist heute ein Ideal geworden, das Verhaltnis der Stoffe zuein-
ander abgesondert vom Menschen zu betrachten und dabei zu blei-
ben, im chemischen Laboratorium die gegenseitige Wirkung der
Stoffe zu betrachten durch Hantierungen, um hinter das Wesen der
Stoffe zu kommen. Wenn es aber so ware, dafi die Stoffe erst ihre
Wesenheit enthiillen in der menschlichen Natur, dann miifiten wir
Chemie so treiben, dafi wir bis zur menschlichen Natur herangehen.
So wurden wir einen Zusammenhang zu konstruieren haben zwi-
schen wirklicher Chemie und den Stoffvorgangen im Menschen, so
wie wir einen Zusammenhang sehen zwischen Astronomie und Em-
bryo logie, zwischen Astronomie und der menschlichen Gesamt-
gestalt, der dreigliedrigen menschlichen Wesenheit. Sie sehen, die
Dinge wirken ineinander. Wir kommen erst in wirkliches Leben hin-
ein, wenn wir diese Dinge ineinandergehend betrachten.
Aber auf der anderen Seite werden wir ja wiederum den Zusam-
menhang zu sehen haben, da die Erde im Weltenraum sich befin-
det, zwischen dem, was tellurisch ist, und den astronomischen Vor-
gangen. Jetzt haben wir einen Zusammenhang zwischen der Astro-
nomie und den Stoffen der Erde, einen Zusammenhang zwischen
der Erde und dem, was menschlicher Stoffwechsel ist und wiederum
einen direkten Einflufl der solarischen, himmlischen Vorgange auf
den Menschen selber. Im Menschen also gleichsam haben wir ein
Zusammentreffen desjenigen, was aus dem Himmel kommt, sowohl
direkt wie auf dem Umweg durch die Stoffe der Erde. Die Stoffe der
Erde wirken auf den menschlichen Stoffwechsel. Und auf den Men-
schen als solchen wirken wiederum direkt die Himmelseinflusse.
Es begegnen sich im Menschen also die direkten Einfliisse, die wir
dem solaren Leben verdanken, mit denjenigen Einfliissen, die indi-
rekt durch die Erde durchgehen, also eine Veranderung erfahren
haben durch die Erde. So dafi wir sagen konnen: Das Innere des
Menschen wird uns auch physisch-anatomisch erklarbar werden als
Zusammenwirken direkter aufierirdischer Einfliisse mit solchen
aufierirdischen Einfliissen, die durch die Erdenwirkungen durch -
gegangen sind und wiederum ineinanderstromen in dem Menschen
Sie sehen, wie sich uns, indem wir den Menschen in seiner Tota-
litat betrachten, die gesamte Welt zusammenschliefit und wie es
notwendig ist, um zu einer Menschenbetrachtung zu kommen, die-
sen Zusammenschlufi ins Auge zu fassen. Was hat daher die Spezia-
lisierung in der Wissenschaft getan? Sie hat uns abgefiihrt von der
Realitat. Sie hat uns in lauter abstrakte Gebiete hineingebracht.
Und wir haben gezeigt, wie sich die Astronomie, trotzdem sie als
(Fig. 4).
Fig. 4
/
sichere Wissenschaft gilt, nur zu helfen weifi, indem sie bei der
Kalenderrechnung etwas anderes vertritt als in der Theorie; wie sie
kopernikanisch ist, aber bei Kopernikus das Wichtigste weglafit;
daft also iiberall Unsicherheit eintritt und dafi in dem, was man da
zutage fordert, nicht das enthalten ist, um was es sich handeln mufi:
das Herausbilden des Menschen aus dem gesamten Weltenall.
DRITTER VORTRAG
Stuttgart, 3. Januar 1921
Ich habe Sie auf der einen Seite darauf aufmerksam gemacht, wie
problematisch es ist, die Himmelserscheinungen nur zusammen-
zufassen unter rein geometrisch-mathematischen Gesichtspunkten.
Dafi dies problematisch ist, das sieht man ja auf den verschiedensten
Seiten heute schon ein. Und es wird eigentlich nur noch zuriick-
gebliebene Geister geben, welche in einem solchen Weltenbilde,
wie es das kopernikanisch-galileische ist, die Wiedergabe einer Wirk-
lichkeit sehen. Dagegen haufen sich die Stimmen immer mehr und
mehr, die die ganze Art des Zusammenfassens der Himmelserschei-
nungen unter solchen Gesichtspunkten ja praktisch und nutzlich
linden fur Berechnungen, die aber betonen, dafi das Ganze doch
eben nur eine bestimmte Art der Zusammenfassung ist, die auch
anders sein konnte. Und auch solche Personlichkeiten gibt es ja
jetzt, welche, wie etwa Ernst Mach, sagen: Im Grunde genommen
kann man das kopernikanische Weltensystem ebenso vertreten wie
das ptolemaische. Man konnte sich auch ein drittes ausdenken. Man
habe es da eben nur mit einer praktischen Art der Zusammenfassung
desjenigen, was man beobachten kann, zu tun. Man miisse sich die-
ser ganzen Welt in einer freieren Weise der Auffassung gegeniiber-
stellen. - Sie sehen also, das Problematische der noch vor kurzem
wie Abbilder der Wirklichkeit geschilderten Himmelskarten wird in
weitesten Kreisen eigentlich heute ziemlich zugegeben. Dagegen
kann ein Ausweg aus dem Problematischen und Ungewissen, das
sich da darbietet, nur gefunden werden durch solche Betrachtungen,
wie wir sie gestern wenigstens zunachst in skizzenhafter Weise ange-
stellt haben, durch Betrachtungen, welche den Menschen nicht her-
ausnehmen aus dem ganzen kosmischen Zusammenhang, sondern
ihn hineinstellen in diesen Zusammenhang, so daft man gewisser-
mafien an den Vorgangen im Menschen selber sieht, wie diese Vor-
gange zusammenhangen mit solarischen Erscheinungen, mit luna-
rischen Erscheinungen, mit terrestrischen Erscheinungen, um von
da aus dann - also von dem, was im Menschen vorgeht - den Weg
zu finden zu demjenigen, was in einer gewissen Beziehung als Ur-
sachen solcher inneren Vorgange im Menschen draufien im Kosmos
geschieht.
Natiirlich kann ein solcher Weg nur von dem Gesichtspunkte
geisteswissenschaftlicher Betrachtung beschritten werden. Und Sie
werden sehen, daft wir, gerade wenn wir die Astronomie zu den ver-
schiedensten Lebensgebieten in Beziehung bringen wollen, finden
werden, wie wir immer mehr und mehr in eigentlich geisteswissen-
schaftliche Betrachtungen durch das Astronomische selbst hinein-
getrieben werden. Bedenken Sie, daft zunachst dasjenige, was von
den Himmelserscheinungen sichtbar ist, was wahrnehmbar ist unse-
ren Sinnen, auch unseren bewaffneten Sinnen, sich darstellt als das-
jenige, was gewissermaften schon aufierhalb des Menschen als Offen-
barung dieser Himmelserscheinungen sich geltend macht. Der
Mensch halt gewissermaften dasjenige, was an ihn herantritt, mit sei-
nen Sinnen auf und vergegenwartigt es sich durch sein Bewufitsein
in seinem Weltbilde. Aber diese Impulse, die da von alien Seiten
auf uns zustromen, die machen ja gewifi nicht vor unseren Sinnen
Halt. Und dasjenige, was vorgeht, ohne daft der Mensch es aufhalt
durch seine Sinne und es sich zum Bewufitsein bringt, was da lebt
in dem, was uns gewissermaften von alien Seiten zustromt von den
Himmelswirkungen, das mufi aufgesucht werden in unserem Orga-
nismus, der ja alles in einer gewissen Weise wiedergeben mufi, aller-
dings in unbewufiten, unterbewufiten Vorgangen, die erst auf kom-
pliziertere Art heraufgeholt werden mussen ins Bewufitsein.
Wir wollen nun dasjenige, was wir gestern begonnen haben,
nach einer gewissen Richtung hin fortsetzen. Es ist ja nur eine Ab-
straktion unserer irdischen Welt, was der Geologe oder Mineraloge
betrachtet. Denn dasjenige, was der Geologe, der Mineraloge schil-
dert von der Erde, das, so konnte man sagen, gibt es ja gar nicht.
Das ist nur herausgeschnitten aus einer viel grofteren, umfassenderen
Wirklichkeit. So wahr als unsere Erde besteht aus den Mineralien
und so wahr sie sich in der mineralischen Sphare entwickelt hat,
so wahr also Krafte in ihr vorhanden sind, die die Mineralien aus
ihf heraustreiben, so wahr gehort zur Erde auch dasjenige, was in
den Pflanzen, den Tieren, was in den physischen Menschen lebt.
Und wir betrachten die Erde nur in ihrer Ganzheit, wenn wir nicht
einfach hinwegheben dasjenige, was in Pflanzen, Tieren und Men-
schen lebt, und nur das Abstraktum «mineralische Erde» ins Auge
fassen, sondern wenn wir die Erde so betrachten, daft wir sie in
ihrer Totalitat uns vor das Bewufttsein bringen. Das heiftt, daft eben
zu ihr dann gehoren alle diejenigen Wesenheiten und Wesenhaftig-
keiten, die aus ihr emporgetrieben werden.
Nun nehmen Sie von dem, was zu dieser totalen Erde gehort,
zunachst das Pflanzenreich. Wir wollen es heranziehen, um dann
den Ubergang zu flnden zu dem, was uns im Menschen entgegen-
tritt. Wahrend das mineralische Reich in einer gewissen Weise, aller-
dings nur bis zu einem gewissen Grade, sozusagen ein innerlich
selbstandig-irdisches Dasein fuhrt, nur in einer solchen Beziehung
zum aufierirdischen Kosmos steht, die sich etwa auftert in der Ver-
wandlung des Wassers im Winter in Eis und dergleichen, steht das
Pflanzenreich mit der irdischen Umgebung, mit alledem, was auf
die Erde hereindringt aus dem Kosmos, in einer viel innigeren Be-
ziehung. Dutch das Pflanzenreich offnet sich gewissermaften das
Erdensein dem Kosmos. Und in denjenigen Gebieten, wo in einer
gewissen Jahreszeit eine besonders intensive Wechselwirkung statt-
findet zwischen der Erde und der Sonne, schlieftt sich bei den Pflan-
zen das Pflanzenleben auf. Es schlieftt sich auf, indem eine Wechsel-
wirkung eben eintritt zwischen der Erde und dem Kosmos. Wir
mussen so etwas, was uns gewissermaften nicht blofi quantitativ, son-
dern qualitativ hineinfiihrt in das astronomische Feld, durchaus be-
achten. Wir mussen von diesen Dingen ebenso Vorstellungen ge-
winnen, wie sie der heutige Astronom gewinnt von Winkelbezie-
hungen, von Parallaxen und so weiter. Wir mussen zum Beispiel uns
sagen: Es ist gewissermaften die Pflanzendecke eines Erdgebietes
eine Art Sinnesorgan fur dasjenige, was herein sich offenbart aus
dem Kosmos. Es ist, wenn eine besondere Wechselwirkung statt-
findet zwischen einem Teil der Erdoberflache und dem Kosmos,
gewissermaften so, wie wenn der Mensch nach aufienhin aufschlieftt
die Augen, weil er einen Sinneseindruck bekommt. Und im ande-
ren Falle, wenn die Wechselwirkung weniger intensiv ist zwischen
der Erde und dem Kosmos, ist das Zuriicktreten der Vegetation, das
Sich-Verschlieften der Vegetation etwas wie ein Augenschlieften
gegeniiber dem Kosmos. Es ist mehr als ein blofier Vergleich, wenn
man davon spricht, daft ein Territorium durch die Vegetation die
Augen offnet nach dem Kosmos im Fruhling und im Sommer, daft
es die Augen schliefit im Herbst und Winter. Und da man durch
Augenoffnen und Augenschlieften sich in einer gewissen Weise ver-
standigt mit der aufteren Welt, so mufi auch so etwas gesucht werden
wie Aufschliisse iiber den Kosmos in dem terrestrischen Augenauf-
schliefien und Augenzuschliefien durch die Vegetation.
Fassen wir das Ganze etwas genauer noch ins Auge. Sehen wir
uns an, welch ein Unterschied besteht zwischen der Vegetation auf
einem Erdgebiet, das gewissermaften der lebendigsten Wechselwir-
kung ausgesetzt ist, sagen wir, mit dem solaren Leben, und wenden
wir dann die Aufmerksamkeit der Vegetation zu, wenn dieses Ge-
biet nicht ausgesetzt ist dem solaren Leben. Der Winter unterbricht
ja naturlich nicht das vegetative Leben der Erde. Es ist ja ganz natur-
lich, daft das vegetative Leben durch den Winter fortdauert. Aber es
auftert sich in einer anderen Weise als indem es ausgesetzt ist der
intensiven Wirkung der Sonnenstrahlen, also sagen wir des Kosmos.
Dieses vegetative Leben schiefit unter der Einwirkung des Solari-
schen in die Gestalt. Das Blatt bildet sich aus, es kompliziert sich,
die Brine bildet sich aus. Tritt dasjenige ein, was man nennen
konnte das Augenverschlieften gegeniiber dem Kosmos, dann geht
das vegetative Leben in sich, in den Keim hinein. Es entzieht sich
der Aufienwelt, es schiefit nicht in die Gestalt; kh mochte sagen,
es zieht sich in den Punkt zusammen, es zentriert sich. Da haben wir
einen Gegensatz, den wir geradezu als eine Gesetzmafiigkeit an-
sprechen konnen. Wir konnen sagen: Die Wechselwirkung zwischen
dem irdischen und solarischen Leben stellt sich fur die Vegetation
so dar, daft das vegetative Leben unter dem Einfluft des Solarischen
in die Gestalt schiefit, unter dem Einfluft des irdischen Lebens in
den Punkt sich zusammenschlieftt, zum Keim wird. Sie sehen: Etwas
Ausbreitendes - etwas sich Zentrierendes liegt darin. Wir ergreifen
die Raumesverhaltnisse unmittelbar aus dem QuaJitativcn heraus.
Das ist es, was wir uns fur die Bildung gewisser Ideen angewohnen
mussen, wenn wir zu fruchtbaren Anschauungen auf diesem Gebiet
kommen wollen.
Und gehen wir nun vom Pflanzenleben hinuber auf den Men-
schen. Es ist ja naturlich, dafi dasjenige, was sich in bezug auf die
Pflanzen aufiert, auch im Menschen sich aufiert. Aber wie aufiert es
sich? Wir kdnnen am Menschen selbst dasjenige, was wir da im
Pflanzenleben aufierlich wahrnehmen, was wir gewissermafien,
wenn wir auf das Qualitative hinschauen, vor unsern Augen haben,
wir konnen das im Menschen im Grunde genommen nur in dem er-
sten Kindesalter verfolgen. Verfolgen wir einmal, so wie wir das
jetzt fur die Pflanze getan haben, die Wechselwirkung zwischen
dem solaren und dem terrestrischen Leben fur den Menschen in den
Kindesjahren. Das Kind schliefit sich ja schon durch die Sinne den
Eindriicken der aufieren Welt auf. Das ist im wesentlichen ein Sich-
Aufschliefien dem solarischen Leben. Sie brauchen nur ein wenig
sich die Dinge zurechtzuriicken, so werden Sie sehen, dafi das, was
da an unsere Sinne herandringt, im wesentlichen zusammenhangt
mit dem, was bewirkt wird durch das Kosmische im Terrestrischen.
Sie konnen auf den speziellen Fall des Lichtes reflektieren, dafi,
wenn sich im Tag-Nacht-Wechsel Licht und Finsternis ablosen, auf
unsere Augen bei Tag Eindrizcke gemacht werden, bei Nacht keine
Eindrucke gemacht werden. Sie konnen aber das auch auf andere
Wahrnehmungen, wenn es da auch schwieriger klar zu machen ist,
anwenden. Sie konnen sich sagen: Da ist eine gewisse Wirkung des
Wechselverhaltnisses zwischen dem Solarischen und Irdischen, das
sich im Menschen so aufiert, dafi es seelisch bei ihm auftritt. Der
Mensch hat seelische Wirkungen durch dasjenige, was da zunachst
im Tageszeitenwechsel auftritt. Dasjenige gewissermafien, was die
Sonne iiber die Erde bringt, aufiert sich zunachst im Seelischen des
Menschen.
Wenn wir aber das Wachstum des Kindes, namentlich bis zum
siebenten Jahr hin, bis zum Zahnwechsel, verfolgen und wenn wir
auf die Einzelheiten eingehen, dann finden wir, wie in der Tat jedes
Jahr, besonders in den ersten Jahren der kindlichen Entwickelung -
es wird immer weniger, je alter das Kind wird - deutlich wahrnehm-
bar ist, dafl dasjenige, was als Jahreszeitenwechsel besteht, geradeso
wie fur das Hervorsprieften und Zuriickziehen der Vegetation auch
fiir das menschliche Wachstum eine Bedeutung hat. Wenn wir uns
schematisch darstellen wollen, wie das eigentlich ist, wenn wir zum
Beispiel studieren sorgfaltig aber auch vernunftig den Entwicke-
lungsgang des menschlichen Gehirns in den ersten Jahren, eben von
Jahr zu Jahr, so werden wir foigendes finden, schematisch gezeich-
net: Wir haben gewissermafien den menschlichen Schadel mit sei-
nem Gehirninhalt (Figur). Er bildet sich um, und man kann ver-
folgen, wie er sich umbildet dutch dasjenige, was da im Lauf des
Jahreswechsels geschieht. Dasjenige, was bauend, gestaltend wirkt
auf das menschliche Haupt, was gewissermaflen von aufien auf das
menschliche Haupt wirkt leiblich-physisch, das finden wir in einem
innigen Zusammenhang mit den Kraften, die im Wechselspiel sich
geltend machen zwischen der Erde und der Sonne im Jahreslauf .
Im Tageslauf finden wir dasjenige, was durch die Sinne nach
innen geht, sich unabhangig macht vom Wachstum, was seelisch-
geistig im Menschen wirkt. Wir sehen gewissermaften, wie dasjenige,
was durch die Sonne geschieht mit dem Menschen im Tageslauf,
eine innerliche Wirkung hat, die sich emanzipiert von dem Auteen
und seelisch-geistig wird - dasjenige, was das Kind lernt, was es sich
aneignet durch Beobachtung, was also vorgcht mit dem Seelisch-
Geistigen; wir sehen, wie dann in wesentlich anderem Tempo,
von einer wesentlich anderen Seite her das Gehirn sich ausbildet,
sich gliedert, wachst. Das ist die andere Wirkung. Das ist die Jahres-
wirkung des Solaren. Wir wollen jetzt gar noch nicht davon spre-
chen, welche Verandemngen zwischen Sonne und Erde im Welten-
all draufien vorgehen, wir wollen lediglich die Aufterungen, die an
gewisse Verandemngen im solarisch-irdischen Leben gekniipft sind,
im Menschen selbst betrachten. Wir betrachten den Tag und wir fin-
den das seelisch-geistige Leben des Menschen mit dem Sonnengang
zusammenhangend; wir betrachten die Jahreszekenwechsel und wir
finden das Wachstumsleben des Menschen, das Physisch-Leibliche,
mit dem Sonnengang zusammenhangend. Wir werden uns sagen:
Dasjenige, was als Verandemngen zwischen Erde und Sonne in 24
Stunden geschieht, das hat gewisse Wirkungen im Seelisch-Geisti-
gen des Menschen; dasjenige, was zwischen Erde und Sonne im
Jahreslauf geschieht, das hat gewisse Wirkungen im Leiblich-Physi-
schen des Menschen. Wir werden diese Wirkungen mit anderen in
Zusammenhang bringen mussen, um von da aus aufzusteigen zu
einem Weltenbilde, das nun nicht triigen kann, weil es uns unter-
richtet tiber Vorgange, die nun reale Vorgange an uns selbst sind,
die nicht abhangen von irgendwelchen illusionaren Sinnesein-
driicken oder dergleichen.
Sie sehen, wir mussen uns ganz allmahlich nahern demjenigen,
was eine sichere Grundlage geben kann fur ein auch astronomisches
Weltenbild. Wir konnen aber nur von dem ausgehen, was uns am
Menschen selbst erscheint. So daft wir sagen konnen: Der Tag, er ist
irgend etwas im Zusammenhang des Menschen mit dem Weltenall,
was sich seelisch-geistig aufiert; das Jahr, es ist irgend etwas im Zu-
sammenhang des Menschen mit dem Weltenall, was sich physisch-
leiblich aurlert in Wachstumserscheinungen und so weker.
Betrachten wir jetzt einen anderen Komplex von Tatsachen. Ich
habe schon gestern darauf hingewiesen, Mit demjenigen, was zu-
sammenhangt mit der menschlichen Fortpflanzung mussen wir ver-
binden gewisse Vorstellungen, die sich auch auf das kosmische
Leben beziehen. Wir haben gestern darauf hingewiesen, dafi es sich
ja in auffalliger Weise im weiblichen Organismus zeigt, wo mit dem
Geschlechtsleben zusammenhangende monatliche Funktionen zwar
nicht zusammenfallen mit den Mondesphasen, aber in ihrem zeit-
lich-rhythmischen Verlauf ein Abbild davon sind. Der Vorgang reifk
sich gewissermafien aus dem Kosmos heraus, aber er ahmt in seinem
Verlauf die Vorgange des Mondes noch nach. Wir haben da einen
Hinweis auf innere Vorgange im menschlichen Organismus, die wir
nur studieren konnen, wenn wir uns, ich mochte sagen, alltaglichere
Erscheinungen vor Augen fiihren, die uns diese weiter abliegenden
Erscheinungen verstandlich machen konnen. Und da verweise ich
Sie darauf, daft es ja in unserem Seelenleben etwas gibt, was die Vor-
gange, auf die ich hier anspiele, eigentlich im Kleinen abbildet. Wir
haben ein gewisses aufteres Erlebnis, bei dem wir mit unseren Sin-
nen, mit unserem Verstand beschaftigt sind, vielleicht auch mit
unserem Gefiihl und so weiter. Wir behalten eine Erinnerung von
diesem Erlebnis zuriick. Diese Erinnerung, dieses Zuriickbehalten,
sie fiihren ja dazu, dafl das Bild dieses Erlebnisses spater wiederum
auftreten kann. Und derjenige, der nun nicht aus phantastischen
Theorien heraus, sondern aus gesunder, aber das Intensive beriick-
sichtigender Beobachtung auf die Dinge sieht, der wird sich sagen
miissen, dafi an allem, was als Erinnerung in uns auftaucht, unsere
leiblich-physische Organisation beteiligt ist. Gewifi, der Prozefi des
Erinnerns selbst ist ein Seelisches, aber wir brauchen die innerliche
Widerlage des Physisch-Leiblichen, damit sie zustande komme. Es
ist bei dem, was in der Erinnerung sich abspielt, durchaus ein Zu-
sammenwirken mit leiblichen Vorgangen, die nur von der aufieren
Wissenschaft heute noch nicht geniigend erforscht sind. Vergleicht
man nun dasjenige, was im weiblichen Organismus - allerdings auch
im mannlichen Organismus, wo es nur sich mehr zuriickzieht, wo es
mehr im atherischen Organismus zu beobachten ist, was ja gewohn-
lich nicht geschieht -, vergleicht man dasjenige, was im weiblichen
Organismus mit der monatlichen Periode geschieht, mit dem, was
im gewohnlichen Erleben bei einer Erinnerung geschieht, so wird
man zwar einen Unterschied flnden, aber man wird, wenn man mit
gesunden Seelenaugen den Vorgang ins Bewufitsein sich hinein-
schafft, doch nicht anders sagen konnen, als daft dasjenige, was in
der Erinnerung sich abspielt, dieses auf seelenhafte Art auftretende
Geschehen im physischen Organismus, etwas ahnlich ist demjenigen,
was mit den monatlichen Funktionen des Frauenorganismus vor-
geht, nur im Kleinen, mehr ins Seelische gezogen, weniger in den
Leib hineingeprefit. Und von da aus werden Sie die Moglichkeit fin-
den, sich zu sagen: Indem der Mensch sich herausindividualisiert aus
dem Kosmos, entwickelt er die Fahigkeit des Sich-Erinnerns. Indem
der Mensch aber noch drinnensteht im Kosmos, indem er mehr seine
unterbewufiten Funktionen entwickelt, bildet sich etwas wie ein Er-
leben mit dem Kosmos, also mit etwas, was mit den Mondenvorgan-
gen zusammenhangt, was bleibt so wie ein Erlebnis, das wir haben
und das spater in inneren Bildungsvorgangen wie eine mehr in den
Leib hereingedriickte, organisch gewordene Erinnerung auftritt.
Auf eine andere Weise kommt man nicht zu Vorstellungen iiber
diese Dinge als dadurch, daft man vom Einfacheren zum Kompli-
zierteren, zum Zusammengesetzten vorgeht. Geradeso wie nicht zu-
sammenzufallen braucht eine Erinnerung mit einem neuen Erlebnis
in der Aufienwelt, braucht dasjenige, was dann gesetzmafiig wie
eine Erinnerung an einen fruheren kosmischen Zusammenhang der
menschlichen Organisation mit den Mondesphasen im weiblichen
Organismus auftritt, nicht zeitlich zusammenzuf alien mit diesen
Mondesphasen, aber es hangt ebenso wesenhaft im Grunde genom-
men das wiederkehrende ehemalige Erlebnis mit den Mondesphasen
zusammen. Sie sehen, wir kommen da dahin, daft wir im mensch-
lichen Organismus mehr nach der geistig-seelischen Seite hin etwas
finden, was sich ausnimmt wie Wirkungen, aber jetzt in die Zeit
hineingesetzte Wirkungen desjenigen, was vom Monde aus ge-
schieht. Ungefahr 28 Tage umfaftt der Vorgang, um den es sich hier
handelt.
Nehmen Sie jetzt das Folgende: Wir haben hier erstens, wenn wir
die Tagessonnenwirkung betrachten, ein innerlich Geistig-Seeli-
sches; wenn wir die Jahressonnenwirkung betrachten, dann haben
wir ein aufierlich dem Leiblich-Physischen angehoriges Wachstums-
verhaltnis. Also sagen wir fur das solare Leben:
1. Geistig-Seelisches: Tag
2 . Physisch-Leibliches : Jahr
Und jetzt kommen wir zu den lunarischen Wirkungen, zu dem
Mondenleben. Dasjenige, was ich Ihnen eben davon geschildert ha-
be als das erste, das ist ja ein Geistig-Seelisches. Es hat sich nur
sehr tief in den Leib hineingedrikkt. Es ist wirklich im feineren
Sinne physiologisch kein Unterschied zwischen dem, was im Leibe
beim Auftreten einer Erinnerung vor sich geht in bezug auf das Er-
lebnis, auf das die Erinnerung zurikkgeht, und demjenigen, was
bei der monatlichen Frauenperiode im Leibe vor sich geht in Bezie-
hung auf dasjenige, was einmal der weibliche Organismus mit den
Mondesphasen zusammen erlebt hat. Nur dafi das eine eben ein
starkeres, ein intensiveres, ein intensiver in den Leib hineingedriick-
tes geistig-seelisches Erlebnis ist. Also fur das lunare Leben:
1. Geistig-Seelisch: 28-Tage-Wirkung
Suchen wir jetzt die entsprechenden leiblich-physischen Erschei-
nungen. Was miifite sich dann herausstellen? Sie konnen es deduk-
tiv selber finden. Wir werden zweitens haben die physisch-leib-
lichen Erscheinungen, die miissen eine 28-Jahre-Wirkung sein. Wie
hier (oben) ein Tag einem Jahr entspricht, so miissen wir hier 28
Jahre haben.
2. Physisch-Leiblich: 28-Jahre-Wirkung
Sie brauchen sich nur daran erinnern, daft 28 Jahre die Zeit ist bis
zu unserem vollen innerlichen Auswachsen. Da horen wir eigentlich
erst auf, in der aufsteigenden Wachstumsentwickelung zu sein.
Gerade so, wie die Sonne von aufien auf uns wirkt in ihremjahr,
in einer Jahreswirkung, um dasjenige von aufien an uns zu voll-
bringen, was entspricht der Tageswirkung im inneren Geistig-Seeli-
schen, so arbeitet irgend etwas im Kosmos draufien in einer 28-jah-
rigen Periode, um uns voll zu organisieren von aufien, wie innerlich
organisiert wird geistig-seelisch die menschlkhe Frauennatur gewis-
sermaften in einem 28-tagigen Tageslauf - bei der Frauennatur ist das
nur mehr zu beobachten als beim Manne, wo der entsprechende
Tageslauf sich mehr ins Atherische zuriickzieht. So daft Sie sagen
konnen: Wie das Tagessonnenleben zum Jahressonnenleben sich
verhalt in bezug auf den Menschen, so verhalt sich das 28-tagige
Mondenleben zum 28-jahrigen Mondenleben in bezug auf den gan-
zen Menschen - sonst ist es mehr in bezug auf das menschlkhe
Haupt.
Da sehen Sie, wie wir den Menschen hineinstellen, richtig hin-
einstellen in den ganzen Kosmos, wie wir wirklich aufhoren, von
Sonne und Mond nur so zu sprechen, als ob wir hier auf der Erde
in Isolierung stiinden und drauften nur unsere Augen oder unsere
Fernrohre sehen wiirden Sonne und Mond. Wir reden von Sonne
und Mond als von etwas, was innig verbunden ist mit unserem Le-
ben, und die Verbindung selbst, wir nehmen sie wahr in der beson-
deren Konfiguration unseres Lebens auch in der Zeit. Ehe man nicht
den Menschen wiederum hineinstellen wird in dasjenige, was Sonne
und Mond tun, eher wird man nicht eine feste Grundlage fur
wahrhaftige astronomische Anschauungen entwickelt haben. Sie
sehen, es raufi geisteswissenschaftlich aufgebaut werden eine neue
astronomische Wissenschaft. Sie mufi hervorgeholt werden aus einer
intimeren Kenntnis des Menschen selber. Wir werden erst einen
Sinn verbinden konnen mit demjenigen, was die aufiere Astronomie
sagt, wenn wir in die Lage kommen, aus dem Menschen heraus
unsere Vorbedingungen zu nehmen, um dann mit diesen Vorbedin-
gungen zu verfolgen dasjenige, was die auftere Astronomie in sche-
matischer Weise sagt. Und wir werden auch Wesentliches in dieser
aufieren Astronomie dadurch korrigieren konnen.
Aber was folgt denn eigentlich aus alledem? Es folgt daraus, daft
wirklich in diesen Vorgangen, zunachst gleichgiiltig, was hinter ih-
nen steckt, ein universelles Leben sich aufiert. Mag - wir werden
spater noch daruber sprechen - die tagliche Erdrotation, die jahr-
liche Erdrevolution hinter dem stehen, was ich hier als solarisches
Leben in bezug auf das Geistig-Seelische fur den Tag, das Physisch-
Leibliche fur das Jahr bezeichnet habe; mogen diejenigen Bewegun-
gen des Mondes, die heute schon die Astronomie verzeichnet, oder
moge anderes dahinterstehen: Das Ganze konnen wir nicht so ver-
folgen, dafi wir nur das bekannte Schulbild aufstellen, sondern wir
miissen das als ein kontinuierliches, fortdauerndes Leben, ein uni-
verselles Leben auffassen, was sich da aufiert, wo wir nichr einfach so
Schema neben Schema hinsrellen konnen.
Wir wollen jetzt von einem anderen Zipfel, mochte ich sagen,
die Sache anfassen. Wir wollen einmal die Sache anfassen von jenem
Zipfel, der sich darbietet in der astronomischen Auffassung einer
Personlichkeit, die noch viel von Alterem hatte. Auf die alteren Vor-
stellungen wollen wir ja nicht zuriick. Wir wollen durchaus aus
neuen Vorstellungen heraus arbeiten. Aber diese Personlichkeit
hatte noch viel von alten, Qualitatives in sich enthaltenden Vorstel-
lungen. Ich meine Kepler. Die Astronomie ist ja in der neueren Zeit
immer quantitativer und quantitativer geworden und man wiirde
sich einer Tauschung hingeben, wenn man die Astrophysik etwa als
das Eintreten des Qualitativen in die Astronomie ansehen wiirde.
Auch da ist die Betrachtung eine quantitative. Aber hinter Kepler
lag noch etwas von dem Bewufitsein eines universellen Lebens. In
ihm war noch ein Bewufitsein davon, dafi in demjenigen, was sich
aufiert fur die gewohnliche astronomische Beobachtung, schliefilich
etwas liegt wie die Gebarde eines sich aufiernden Lebens.
Nicht wahr, wenn wir einen Menschen vor uns haben und wir
sehen, wie er einen Arm bewegt, wie er eine Hand bewegt, so wer-
den wir nicht blofi den Mechanismus berechnen, sondern wir werden
die Bewegung auffassen als die aufiere Offenbarung eines inner-
lichen geistig-seelischen Vorganges. Wir werden dasjenige, was sonst
blofi raumlich-mathematisch angeschaut werden kann, auffassen als
eine gebardenhafte, gestenhafte Aufierung. Je weiter man nun zu-
riickgeht in den astronomischen Anschauungen der Menschen, desto
mehr findet man, dafi ein Bewufitsein vorhanden war, dafi in den
Bildern, die man sich machte von dem Gang der Sonne oder dem
Gang der Sterne, nicht etwas blofi von passiver Bildhaftigkeit war,
sondern dafi das Gesten waren. Es ist zum Beispiel in alteren Zeiten
durchaus diese Empfindung zu verspiiren von dem Gestenhaften
der Weltkorperbewegungen. Sehen Sie, wenn meine Hand dutch
die Luft fahrt, so werde ich nicht blofi ihre Bahn berechnen, sondern
ich werde in dieser Bahn einen seelischen Ausdruck sehen. So sah
der altere Beobachter in der Bahn des Mondes einen seelischen Aus-
druck fur etwas. Er sah in alien Bewegungen der Himmelskorper
seelische Ausdriicke fur etwas. Er stellte sich gewissermafien das so
vor - nicht wahr, wenn ich hier einen Schirm halten konnte, so dafi
man nur meine Hand sehen wiirde, so wiirde meine Hand eine un-
erklarliche Bewegung machen, denn ich stehe hinter dem Schirm,
man sieht nicht mich, sondern nur die Hand. So gewissermafien
stellte man sich in alteren Zeiten vor, daft das, was da als Mond-
bewegung geschieht, nur der aufiere Ausdruck eines Endgliedes ist
und dafi dahintersteht dasjenige, was eigentlich agiert. Daher sprach
man auch in alteren Zeiten nicht von einem einzelnen Himmels-
korper, von den Planeten, sondern von den Spharen, von demjeni-
gen, was dazugehorte zu den Himmelskorpern - den Spharen. Man
unterschied also die Mondsphare, die Merkursphare, die Venus-
sphare, die Sonnensphare, die Marssphare, die Jupitersphare, die
Saturnsphare und die achte Sphare, die der Fixsternhimmel war.
Man unterschied diese acht Spharen, und man sah in ihnen das-
jenige, was sich so darstellt in aurseren Gebarden, dafi eine bestimm-
te Sphare sich so gebardet, dafi man sie jetzt hier, jetzt da aufleuch-
ten sieht. Das Reale war zum Beispiel die Sphare des Mondes, und
der Mond, der war nicht eine abgeschlossene Wesenheit, sondern
nur die Gebarde. Da, wo er erscheint, da macht diese Sphare eine
bestimmte Gebarde. Ich erwahne das nur, um Sie hinzuweisen auf
das Lebendige dieser Anschauung.
Aber gerade Kepler hatte noch etwas in seinem ganzen Bewufit-
sein von diesem universellen Leben im Raum, und nur das befahigte
ihn wohl, seine drei beruhmten Gesetze aufzustellen. Diese drei be-
ruhmten Keplerschen Gesetze, sie sind ja fur die heutige Astronomie
durchaus nur etwas Quantitatives, etwas, was man betrachtet nach
dem Muster rein raumlich-zeitlicher Anschauungen. Fur einen Men-
schen, der noch aus solchem Vorstellungsleben heraus arbeitete wie
Kepler, war das nicht der Fall. Vergegenwartigen wir uns einmal
diese drei Keplerschen Gesetze. Sie heifien ja:
Das erste: Die Planeten bewegen sich in Ellipsen um ihren
Zentralkorper, und in einem der Brennpunkte dieser
Ellipsen steht der Zentralkorper.
Das zweite: Die Radienvektoren eines Planeten beschreiben in
gleichen Zeiten gleiche Sektoren, gleiche Flachen.
Das dritte: Fur verschiedene Planeten verhalten sich die Qua-
drate der Umlaufzeiten wie die Kuben der grofien
Halbachsen.
Nun, wie gesagt, fur eine heutige rein quantitative Betrachtung
sind das auch nur Quantitaten. Fur so jemand, wie Kepler war,
lag noch einfach in dem Aussprechen des Elliptischen etwas, was bei
ihm, indem er an die Kurve dachte, eine grbfiere Lebendigkeit dar-
stellte als der Kreis. Wenn irgend etwas sich elliptisch bewegt, ist es
lebendiger, als wenn es sich nur kreisfdrmig bewegt, denn es mufi
innerliche Impulse anwenden, um den Radius zu verandern. Wenn
sich etwas nur im Kreis bewegt, so braucht es nichts zu tun, um den
Radius zu verandern. Es mufi ein intensiveres inneres Leben an-
wenden, wenn der Radiusvektor fortwahrend geandert werden mufi.
Also einfach in dem Aussprechen des Satzes «die Planeten bewegen
sich in Ellipsen um ihren Zentralkorper, und der Zentralkorper ist
nicht im Mittelpunkte, sondern in einem Brennpunkte der Ellipse»,
lag ein Zugestandnis, dafi man es zu tun habe mit einem Leben-
digeren, als wenn man es zu tun hatte mit etwas, was sich im Kreise
bewegt.
Und weiter: «Die Radienvektoren beschreiben in gleichen Zeiten
gleiche Sektoren. » Wir haben da den Ubergang von der Linie zur
Flache. Bitte, beachten Sie das! Indem uns zuerst blofi die Ellipse
beschrieben wird, stehen wir in der Linie, in der Kurve. Indem wir
hingefuhrt werden zu dem Weg, den der Radiusvektor beschreibt,
werden wir in die Flache gefuhrt. Es wird eine wesentlich intensivere
Beziehung enthullt fur die Planetenbewegung. Wenn so der Planet
dahinrollt, wenn ich mich so ausdrucken darf, so druckt er etwas
aus, was nicht nur in ihm liegt, sondern er zieht gewissermaften
seinen Schweif nach sich. Die ganze Flache, die der Radiusvektor
beschreibt, die gehort geistig dazu. Und man mufi weiter charak-
terisieren, namlich, dafi sie in gleichen Zeiten einen gleichen Flachen-
inhalt hat, mull ihren Charakter hervorheben, wenn man das cha-
rakterisieren will, was mit dem Planeten geschieht.
Und erst das dritte Gesetz, das sich ja allerdings erstreckt auf das
Leben, wie es sich abspielt zwischen verschiedenen Planeten, das
bringt eine sehr komplizierte Gliederung zur Darstellung. «Die
Quadrate der Umlauf zeiten verhalten sich wie die Kuben der grofien
Halbachsen» - der mittleren Entfernungen vom Zentralkorper.
Sehen Sie, dieses Gesetz, das enthalt eigentlich sehr viel, wenn man
es noch so, wie es Kepler getan hat, lebendig auffafit. Newton hat
dann das ganze Gesetz getotet. Das hat er auf eine aufierordentlich
einfache Weise gemacht. Nehmen Sie einmal das dritte Keplersche
Gesetz. Sie konnen es aufschreiben:
t 2 t 2 2
t\ : t\ = r\ : r\ » °der anders geschrieben: : — = t\ : ^2 •
Nun schreiben Sie das einmal in etwas anderer Form. Schreiben
Sie das so:
# ■ — ■ - *
r\ r\ t\ ' t\
Ich kann es natiirlich auch umgekehrt aussprechen.
Was haben wir auf der linken Seite der Gleichung, hier in der
letzten Proportion? Nichts anderes als dasjenige, was ausdriickt die
eine Halfte des Newtonschen Gesetzes, und auf der anderen Seite
die andere Halfte, die Krafte des Newtonschen Gesetzes. Sie brau-
chen nur das Keplersche Gesetz anders zu schreiben und das, was
herauskommt, auszusprechen, so konnen Sie sagen: «Die Anzie-
hungskrafte verhalten sich umgekehrt wie die Quadrate der Entfer-
nungen. » Da haben Sie das ganze Newtonsche Gravitationsgesetz
aus dem Keplerschen Gesetz deduziert: Die Gravitationskrafte, die
Anziehungskrafte zwischen den Planeten, den Himmelskorpern,
verhalten sich umgekehrt wie die Quadrate der Entfernungen. Es ist
nichts anderes als die Totung des dritten Keplerschen Gesetzes. Es
ist im Prinzip ganz genau dasselbe.
Aber nehmen Sie jetzt die Sache lebendig. Setzen Sie nicht vor
sich hin das tote Produkt «Anziehungskraft»: «Die Anziehungskrafte
nehmen ab mit den Quadraten der Entfernungen», sondern das, was
lebendig in der Keplerschen Form drinnensteckt. Da haben Sie die
Quadrate der Zeiten drin. Fiillen Sie das caput mortuum der New-
tonschen Anziehungskrafte, was bloft aufterlich angeschaut ist, aus
mit dem, was Quadrat der Zeit ist, und Sie erfullen auf einmal
den Begriff der Anziehungskraft, der bei Newton wirklich ein Leich-
nam von einer Vorstellung ist, mit einem innerlichen Leben. Denn
das, was mit der Zeit zu tun hat, ist innerliches Leben. Und Sie
haben nicht einmal die Zeit im einfachen Verlauf vor sich. Sie haben
die Zeit im Quadrat! Wir werden erst noch darauf zuriickkommen
miissen, was fur einen Sinn es hat, von der Zeit im Quadrat zu spre-
chen. Aber jetzt konnen Sie sich vergegenwartigen: Sie sprechen von
der Zeit im Quadrat, also Sie sprechen von etwas Innerlichem. Denn
die Zeit ist auch beim Menschen dasjenige, was eigentlich den inner-
lichen Seelenablauf darstellt. Nun handelt es sich wirklich darum,
daft man durch diesen toten Begriff der Newtonschen Anziehungs-
kraft durchblickt auf dasjenige, was plotzlich ins Zentrum schieftt
und die Zeit hineinbringt und damit innerliches Leben hinein-
bringt.
Nun aber betrachten wir die Sache einmal von einem anderen
Gesichtspunkte aus. Beachten Sie, daft das so ist, daft sich ja diese
erste Formel auch auf die Erde bezieht im Keplerschen Sinn. Dann
beschreibt die Erde nicht nur eine Ellipse, sondern Sie, indem Sie
auf der Erde sich beflnden, beschreiben die Ellipse mit. Und das-
jenige, was aufterlich vorgeht, ist im inneren Vorgang in Ihnen drin-
nen. Sie miissen also davon reden, daft das, was ich gesagt habe,
daft es Kepler noch hatte, dieses lebendige Hervorgehen der Ellipse
aus dem Kreis, einem innerlichen Vorgang entspricht in Ihrem eige-
nen Inneren. Und indem Sie in der Linie sich bewegen, die so ver-
lauft, daft in gleichen Zeiten der Radiusvektor den gleichen Sektor
beschreibt, sind Sie es ja fortwahrend, der sich auf den Zentralkorper
bezieht, zur eigenen Sonne in Beziehung setzt. Sie beschreiben ja
mit der Kurve in der Zeit eine solche Strecke , dafi Sie fortwahrend in
Beziehung zur Sonne sind. Wenn ich mich etwas anthropomorphisch
ausdriicken darf, mufite ich sagen: Sie mussen fortwahrend acht-
geben, daft Sie nicht ausrutschen, daft Sie nicht zu schnell sich be-
wegen, daft Ihr Radiusvektor keine zu grofie Flache beschreibt. Er
mufi fortwahrend im richtigen Verhaltnis zur Sonne sein, der aufiere
Punkt, der sich in der Ellipse bewegt. Da (erstes Gesetz) haben Sie
die Bewegung, die Sie selber machen, absolut linienhaft im Raum
charakterisiert. Im zweiten Gesetz haben Sie das Verhaltnis zur
Sonne charakterisiert. Und gehen wir iiber auf das dritte Gesetz,
dann haben Sie als inneres Erlebnis das Verhaltnis zu den iibrigen
Planeten und Ihre Beziehung zu diesen Planeten. Diese lebendige
Beziehung ist einfach in dem dritten Keplerschen Gesetz ausge-
driickt. Wir mussen also nicht nur im Menschen suchen die Vor-
gange, die uns dann wiederum hinausfuhren in den Kosmos, son-
dern wenn wir nur richtig interpretieren dasjenige, was uns mathe-
matisch versinnbildlicht die kosmischen Vorgange, dann konnen wir
auch, weil ja der Mensch die Mathematik da miterlebt, weil er selbst
drinnensteht in der lebendigen Mathematik, wiederum darauf kom-
men, daft wir das aufierlich Quantitative verinnerlichen mussen.
Davon wollen wir morgen weiter reden.
VIERTER VORTRAG
Stuttgart, 4. Januar 1921
Wiirde ich die Aufgabe haben, das Darzustellende nach den Metho-
den der Geisteswisscnschaft selber darzustellen, so miifite ich natur-
lich von anderen Voraussetzungen ausgehen und wiirde gewisser-
mafien zu dem Ziele, dem wir zusteuern wollen, auch schneller
kommen konnen. Aber eine solche Auseinandersetzung wiirde Ih-
nen nicht die Absicht gerade dieser Vortrage erfiillen konnen. Denn
in diesen Vortragen soil es sich darum handeln, eine Briicke zu
schlagen zu demjenigen, was die gewohnte wissenschaftliche Denk-
weise ist, wenn ich auch gerade fur diese Darstellungen Kapitel aus-
gesucht habe, bei denen diese Briicke deshalb schwer zu schlagen
ist, weil die gewohnte Denkweise sehr weit von einem wirklichkeits-
gemafien Standpunkte abliegt. Aber wenn auch der unwirklichkeits-
gemafie Standpunkt bekampft werden raufi, so wird gerade in die-
sem Bekampfen ersichtlich sein, wie man herauskommt aus dem
Unbefriedigenden der modernen Theorien und hineinkommt in
eine wirklichkeitsgemafie Erfassung der in Frage kommenden Tat-
sachen. Ich mochte heute deshalb ankniipfen an die Art, wie sich die
Vorstellungen iiber die Himmelserscheinungen im Laufe der neue-
ren Zeit gebildet haben.
Wir miissen ja beim Bilden dieser Vorstellungen zweierlei unter-
scheiden: Erstens, dafi diese Vorstellungen hergeleitet sind von
Beobachtungen, von Beobachtungen der Himmelserscheinungen,
und dafi dann theoretische Erwagungen geknupft worden sind an
diese Beobachtungen. Manchmal wurden ja sehr weit ausgesponnene
Theorien geknupft an verhaltnismafiig sehr wenige Beobachtungen.
Das ist das eine, dafi von Beobachtungen ausgegangen worden ist
und man dadurch zu bestimmten Vorstellungen gekommen ist. Das
andere ist aber, dafi man dann, indem man zu bestimmten Vorstel-
lungen gekommen ist, diese Vorstellungen weiter zu Hypothesen
ausgebildet hat. Und in diesem Ausbilden zu Hypothesen, die dann
landen bei der Aufstellung eines ganz bestimmten Weltbildes, wal-
tet zumeist eine aufierordentliche Willkiir deshalb, weil in dem Aus-
bauen der Theorien sich durchaus dasjenige geltend macht, was als
Vorurteil bei der einen oder anderen Personlichkeit vorhanden ist,
die solche Theorien ausbaut.
Ich will Sie da zunachst auf etwas aufmerksam machen, was Ih-
nen vielleicht anfanglich paradox erscheinen konnte, was aber im-
merhin, wenn es prazise ins Auge gefafit wird, im weiteren Verlauf
des Forschens sich durchaus fruchtbar erweisen raufi. Sehen Sie, in
dem ganzen neueren Denken der Naturwissenschaft herrscht ja das-
jenige, was man nennen konnte, und ubrigens auch genannt hat, die
regula philosophandi. Sie besteht darin, dafi man sagt: Was man in
irgendeinem bestimmten Gebiete der Realitat auf bestimmte Ur-
sachen zurikkgefuhrt hat, das mull auch in anderen Gebieten des
Daseins, der Realitat, auf dieselbe Ursache zuruckgefiihrt werden.
Man geht, indem man eine solche regula philosophandi aufstellt,
gewohnlich von etwas sehr Einleuchtendem, etwas Selbstverstand-
lichem aus. So, wenn man etwa sagt, wie das die Newtonianer im-
mer tun: Der AtmungsprozefS muft dieselben Ursachen beim Tier
und beim Menschen haben. Das Entziinden eines Spanes muft die-
selbe Ursache haben, ob es in Europa oder in Amerika erfolgt. - Bis
hierher bleiben die Dinge durchaus in der Sphare der Selbstver-
standlichkeit. Dann wird aber ein gewisser Sprung gemacht, den
man aber nicht merkt, sondern als etwas Selbstverstandliches an-
nimmt. Das charakterisiert sich uns, wenn wir etwas sehen, was eben
gerade bei solchen Personlichkeiten, die mit dieser Denkweise be-
haftet sind, angeschlossen wird. Da wird gesagt: Wenn eine Kerze
leuchtend wird und wenn die Sonne leuchtet, so mufi dem Leuchten
der Kerze und dem Leuchten der Sonne dieselbe Ursache zugrunde
liegen. Wenn ein Stein zur Erde fallt und wenn der Mond um die
Erde kreist, so mufi der Bewegung des Steines und der Bewegung des
Mondes dieselbe Ursache zugrunde liegen. - Man schlielk an eine
solche Auseinandersetzung dann auch noch etwas anderes an: Man
kame zu keinen Erklarungen in der Astronomie, wenn das nicht der
Fall ware, denn man kann Erklarungen eben nur von dem Irdischen
gewinnen. Wenn also nicht im weiten Himmelsraum dieselbe Kausa-
litat herrschen wiirde wie auf der Erde, konnte man nicht zu einer
Theorie kommen.
Aber bitte berikksichtigen Sie, daft das, was hier als regula philo-
sophandi ausgesprochen wird, doch nichts weiter ist als ein Vor-
urteil. Denn wer biirgt denn irgendwie in der Welt dafiir, daft nun
wirklich die Ursachen des Leuchtens einer Kerze und die Ursachen
des Leuchtens der Sonne dieselben sind? Oder daft beim Fallen des
Steines oder beim Fallen des beriihmten Apfels vom Baume, durch
den Newton zu seiner Theorie gekommen ist, dieselben Ursachen
zugrunde liegen wie den Bewegungen der Weltenkorper? Das war ja
etwas, worauf man erst kommen mufite. Das ist durchaus nur ein
Vorurteil. Und solche Vorurteile flieften durchaus iiberall da ein, wo
man zuerst induktiv gewisse theoretische Erwagungen, gewisse Bild-
vorstellungen ankniipft an Beobachtungen und wo man dann ein-
fach blindwiitig ins Deduzieren hineinkommt und Weltensysteme
durch dieses Deduzieren konstruiert.
Dasjenige, was ich Ihnen hier so abstrakt charakterisiere, ist aber
historische Tatsache geworden. Denn sehen Sie, es ist eine konti-
nuierliche Entwickelung zu verfolgen in demjenigen, was aus we-
nigen Beobachtungen gezogen haben die grofien Geister am Aus-
gang der neueren Zeit, Kopernikus, Kepler, Galilei. Insbesondere
bei Kepler wird man sagen miissen, daft in dem dritten, gestern an-
gefiihrten Gesetz etwas ganz Aufierordentliches liegt in bezug auf
die Analyse der Tatsachen, die ihm ailein vorliegen konnten. Es ist
eine ungeheure geistige Spannkraft, die da in Tatigkeit versetzt wur-
de bei Kepler, wenn er aus dem Wenigen, was ihm vorlag, dieses,
sagen wir, «Gesetz» - besser ware zu sagen: diese begriffliche Zusam-
menfassung - iiber die Welterscheinungen gefunden hat. Aber
dann setzt eine Entwickelung ein, die iiber Newton geht und die
nicht eigentlich ausgeht von wirklichen Beobachtungen, sondern die
im Grunde genommen schon von dem Theoretischen ausgeht und
die allerlei Kraft- und Massenbegriffe konstruiert, die wir einfach
weglassen miissen, wenn wir bei der Realitat bleiben wollen. Und
dann setzt sich das fort. Und es erscheint, ich mochte sagen, auf
einem gewissen Hohepunkt durchaus mit Scharfsinn, mit Genialitat
erfafit da, wo es zu einer genetischen Erklarung fiihrt fur das Welt-
system, wie bei Laplace, wovon Sie sich iiberzeugen konnen, wenn
Sie durchlesen sein beriihmtes Buch «Exposition du systeme du
monde» oder bei Kant in seiner «Naturgeschichte und Theorie des
Himmels». Und in alledem, was dann in der Entwickelung weiter
gefolgt ist, sehen wir, wie versucht wird aus dem heraus, was man
sich als Vorstellungen machte uber den Zusammenhang der Him-
melsbewegungen, riickschliefiend auch die Entstehung dieses Welt-
systems zu erklaren, aus der Nebularhypothese heraus und so weiter.
Das mufi durchaus berucksichtigt werden, daft hier im histori-
schen Gang der Entwickelung etwas liegt, was sich zusammensetzt
aus Induktionen, die allerdings gerade in diesem Gebiet in genialer
Weise gemacht worden sind, und aus nachfolgenden Deduktionen,
in denen aber durchaus mitgenommen ist dasjenige, was die betref-
fenden Personlichkeiten gerade als in ihrer Vorliebe liegend an-
gesehen haben. So dafi man sagen kann: Insofern irgend jemand
materialistisch dachte, war es fur ihn ganz selbstverstandlich, in den
deduktiven Begriff hinein materialistische Vorstellungen zu mi-
schen. Denn da sprachen nicht mehr die Tatsachen. Da konnte man
jetzt ausgehen von demjenigen, was sich erst durch die Deduktion
als eine Theorie ergeben hatte. Und so kann man sagen: Es bildete
sich zum Beispiel durchaus induktiv die Vorstellung aus, die man
jetzt zusammenfassen mulke in den Begriff: Zentralkorper Sonne,
die Planeten in Ellipsen umgehend nach einem bestimmten Gesetz,
die Radienvektoren beschreiben in gleichen Zeiten gleiche Sek-
toren. - Und indem man den Blick auf die einzelnen Planeten des
Sonnensystems lenkte, konnte man wiederum zusammenfassen das
gegenseitige Verhaltnis durch das dritte Keplersche Gesetz: Fur ver-
schiedene Planeten verhalten sich die Quadrate der Umlaufzeiten
wie die Kuben der mittleren Entfernungen von der Sonne. - Das er-
gab ein gewisses Bild. Die Frage war aber nicht entschieden, ob die-
ses Bild nun eine vollige Deckung in sich enthielt mit der Realitat,
sondern es war eine Abstraktion, die herausgenommen war aus der
Realitat. Wie sich dieses Bild zur Totalitat des Realen verhalt, das
war damit ja nicht gegeben. Aber aus diesem Bilde heraus, durchaus
nicht aus der Realitat, sondern aus diesem Bilde heraus deduzierte
man alles das, was dann im Grunde eine genetische Astronomic ge-
worden ist. Das ist dasjenige, was durchaus ins Auge gefafit werden
mufi. Und der Mensch der Gegenwart wird von Kindheit auf so
unterrichtet, als ob das, was seit einigen Jahrhunderten deduziert
worden ist, irgend welchen Realitaten entsprechen wiirde.
Wir wollen daher, durchaus ankniipfend an das wirklich Wissen-
schaftliche, so gut es irgend geht, absehen von alledem, was in die-
sem Entwickelungsgang drinnen ist an rein Hypothetisch-Theoreti-
schem, und wollen an die Vorstellungen ankniipfen, die skh nur so-
weit von der Realitat wegbegeben, daft man in ihnen noch die Bezie-
hung zur Realitat spater wird entdecken konnen. Das wird also in
der ganzen heutigen Darstellung meine Aufgabe sein, daft ich mich
nur so lange bewege in der Richtung, in der sich das neuere Denken
auf diesen Gebieten bewegt hat, daft ich, um eben gerade im Wis-
senschaftlichen drinnen stehenzubleiben, mitgehen werde bis zu der
Gestalt der Begriffe, die dann, wenn man sie als Begriffe nimmt,
noch gestatten, den Weg in die Realitat wiederum zuriickzufinden.
Ich will mich also nicht so weit von der Realitat entfernen, daft die
Begriffe so grob werden, daft man Nebularhypothesen aus ihnen de-
duzieren kann.
Wollen wir in dieser Weise heute in unserer Betrachtung verfah-
ren, dann konnen wir sagen: Wenn wir diese neuere Begriffsbildung
auf dem uns interessierenden Felde verfolgen, so haben wir zuerst
einen Begriff zu bilden, der sich nun wirklich induktiv gerade dem
Kepler ergeben hat, der dann auch weiter ausgebildet worden ist
und den man zunachst ins Auge zu fassen hat. Ich bemerke noch
einmal ausdriicklich, ich will in diesen Begriffen nur so weit gehen,
daft selbst wenn dieser Begriff, so wie er konzipiert ist, falsch sein
sollte, er sich nur so wenig von der Realitat entfernt hat, daft man in
ihm das Falsche eliminieren und auf das Richtige wird zurikkfuhren
konnen. Es handelt sich darum, daft wir einen gewissen Takt ent-
wickeln fur dasjenige, was noch wittert die Realitat in den Begriffen,
die man ausbildet. Anders kann man namlich nicht vorgehen, wenn
man eine Briicke schlagen will zwischen dem, was wirklichkeits-
gemaft ist, und der in die neueren Theorien so eingesponnenen Wis-
senschaftlichkeit.
Da ist zunachst ein Begriff, auf den wir eingehen miissen: Die
Planeten haben exzentrische Bahnen, beschreiben Ellipsen. Das ist
etwas, was wir zunachst vertreten konnen: Die Planeten haben ex-
zentrische Bahnen und beschreiben Ellipsen; in einem Brennpunkt
steht die Sonne, und zwar beschreiben sie diese Ellipsen eben nach
dem Gesetz , dafi die Radienvektoren in gleichen Zeiten gleiche Sek-
toren beschreiben.
Ein zweites Wichtiges ist es, dafi wir festhalten an der Vorstel-
lung, daft fur jeden Planeten eine eigene Bahnebene vorhanden ist.
Wenn also auch im allgemeinen die Planeten, ich mochte sagen,
in der Nachbarschaft ihre Umdrehungen vollfuhren, so ist doch fur
jeden Planeten eine bestimmte eigene Bahnebene vorhanden, wel-
che geneigt ist gegen die Ebene des Sonnenaquators. Also einfach,
wenn das die Ebene des Sonnenaquators charakterisieren wurde
(Figur), so wurde eine Bahnebene eines Planeten so sein, und nicht
in irgendeiner Weise zusammenfallen etwa mit der Ebene des Son-
nenaquators.
Das sind zwei sehr wichtige, bedeutsame Vorstellungen, die man
sich aus den Beobachtungen heraus bilden mui Und sogleich, in-
dem man sich diese Vorstellungen bildet, mull man Rikksicht neh-
men auf etwas, was gegen diese Vorstellungen, so mochte ich sagen,
im wirklichen Weltenbilde sich auflehnt. Wenn man namlich ver-
sucht, einfach unser Sonnensystem in seiner Totalitat zusammen-
zudenken und man wiirde dabei nur diese zwei Vorstellungen zu-
grunde legen: Die Planeten bewegen sich in exzentrischen Bahnen
und die Bahnebenen sind in verschiedenen Graden gegen die Ebene
des Sonnenaquators gcacigt -, so wurde man, indem man dieses als
Gesetz ausdehnen wollte, nicht mehr in irgendeiner Weise zurecht-
kommen in dem Augenblick, wo man die Kometenbewegungen ins
Auge fassen wollte. So bald man diese ins Auge fafk, reicht man
nicht mehr aus, man kommt nicht zurecht. Und die Folgen mogen
Sie lieber durch historische Tatsachen einsehen als durch theore-
tische Erwagungen.
Aus den Vorstellungen heraus, dafi annahernd in der Ebene des
Sonnenaquators die Bahnebenen der Planeten liegen, dafi die Bah-
nen exzentrische Ellipsen sind, aus dieser Vorstellung heraus haben
ja Kant, Laplace und ihre Nachfolger eben die Nebularhypothese
gebildet. Nun verfolgen Sie einmal dasjenige, was da zutage ge-
treten ist. Es ist zur Not - auch nur zur Not, ubrigens - eine Art
Entstehungsgeschichte des Sonnensystems darstellbar. Aber das-
jenige, was da als Weltensystem herauskonstruiert worden ist, das
enthalt eigentlich niemals eine irgendwie befriedigende Erklarung
iiber den Anteil, den die Kometenkorper dabei haben. Die fallen
immer aus der Theorie heraus. Dieses Herausfallen aus den Theo-
rien, wie man sie auf dem historischen Wege gewinnt, ist nichts
anderes als ein Beweis der Auflehnung des kometarischen Lebens
gegen das, was nicht aus der Totalitat, sondern nur aus einem Teil
der Totalitat heraus als Begriff konstruiert worden ist. Dann miissen
wir ja uns klar sein dariiber, daft die Kometen in ihren Bahnen ja
vielfach wiederum zusammenfallen mit andern Korpern, die auch
in unser System hereinspielen und die eben gerade durch ihre Eigen-
schaft als Begleiter der Kometen ein Ratsel abgeben. Das sind die
Meteoritenschwarme, die sehr haufig, wahrscheinlich immer, in ih-
ren Bahnen zusammenfallen mit den Kometenbahnen. Wir sehen
also da etwas hereinspielen in die Totalitat unseres Systems, was uns
dazu fiihrt, daft wir uns sagen: Es hat sich allmahlich aus der Be-
trachtung der Totalitat unseres Systems eine Summe von Vorstellun-
gen gebildet, mit denen man nicht bewaltigen kann dasjenige, was
uns nun, durch dieses System sehr unregelmafiig, fast willkiirlich
durchgehend, die Kometen und Meteoritenschwarme darstellen.
Diese entziehen sich durchaus demjenigen, was man noch umfassen
kann mit den abstrakten Vorstellungen, die man gewonnen hat. Ich
miifite Ihnen eine lange historische Auseinandersetzung geben,
wenn ich im einzelnen darstellen wollte, wie Schwierigkeiten immer
im Konkreten vorliegen, wenn aus astronomischen Theorien heraus
die Forscher, oder besser gesagt, die Denker, auf die Kometen und
Meteoritenschwarme kommen. Aber ich will ja iiberall nur auf die
Richtungen hinweisen, in denen das Gesunde gesucht werden kann.
Wir kommen zu diesem Gesunden, wenn wir noch etwas anderes
beriicksichtigen.
Sehen Sie, jetzt wollen wir einmal versuchen aus Begriffen, die
nun real geblieben sind, das heifit, noch einen Rest von Realitat in
sich haben, wiederum ein bifichen zuriickzuwandern. Das mufi man
ja uberhaupt immer tun in bezug auf die aufiere Welt, damit man
sich nicht zu stark mit seinen Begriffen von der Realitat entfernt.
Es ist ja menschlicher Hang, das zu tun. Man mufi immer wiederum
zurikk. Es ist schon etwas aufierordentlich Gefahrliches, wenn man
den Begriff gebildet hat: Die Planeten bewegen sich in Ellipsen, und
nun anfangt, auf diesen Begriff eine Theorie aufzubauen. Es ist viel
besser, wenn man, nachdem man einen solchen Begriff gebildet hat,
wiederum zuriickkehrt zur Realitat, um nun zu probieren, ob man
diesen Begriff nicht korrigieren oder wenigstens modifizieren mufi.
Das ist das allerwichtigste. Im astronomischen Denken zeigt es sich
so ganz klar. Im biologischen und namen tlkh im medizinischen
Denken wird dieser Fehler so stark gemacht, dafi man das Richtige
uberhaupt schon nicht mehr macht, dafi man niemals Riicksicht
nimmt darauf, wie notwendig es ist, sofort wenn man einen Begriff
gebildet hat, wiederum zuriickzuwandern zur Realitat, um zu se-
hen, ob man ihn nicht modifizieren mufi.
Also die Planeten bewegen sich in Ellipsen, aber diese Ellipsen
sind veranderlich, sie sind manchmal mehr Kreis, manchmal mehr
Ellipse. Das finden wir wiederum, wenn wir nun wieder mit dem
Ellipsenbegriff zur Realitat zuruckgehen. Im Lauf der Zeit wird eine
Ellipse mehr ausgebaucht, wird mehr zu einem Kreis, dann wieder-
urn mehr zu einer Ellipse. Also es umfafit gar nicht die totale Wirk-
lichkeit, wenn ich sage: Die Planeten bewegen sich in Ellipsen,
sondern ich raufi den Begriff modifizieren. Ich mufi sagen: Die Pla-
neten bewegen sich in Bahnen, die fortwahrend dagegen kampfen,
ein Kreis zu werden oder eine Ellipse zu bleiben. Wenn ich die
Linie nun ziehe (Ellipse), mufi ich eigentlich, um dem Begriff gerecht
zu werden, die Linie aus Kautschuk oder wenigstens beweglich bil-
den, ich miifite sie in sich fortwahrend verandern. Denn wenn ich
mir einmal die Ellipse ausgebildet habe, die fur eine Umgehung des
Planeten da ist, so pafit sie schon wieder nicht auf die nachste Umge-
hung und noch weniger auf die folgende. Also die Geschichte ist
nicht so, dafi, wenn ich iibergehe von der Realitat in die Starrheit
des Begriffes, ich noch in der Realitat bleiben kann. Das ist das eine.
Das andere ist: Wir haben gesagt, die Ebenen der Planetenbah-
nen sind geneigt gegen die Ebene des Sonnenaquators. Weil die
Planeten an den Schnittpunkten nach oben oder nach unten gehen,
sagt man, sie bilden Knoten. Diese sind aber auch nicht feste Punkte.
Es sind die Linien, die solche Knoten verbinden (Figur S. 80, KKi)
beweglich, ebenso die Neigungen der Ebenen zueinander. Also
auch diese Neigungen, wenn wir sie aussprechen in Begriffszusam-
menfassungen, bringen uns wiederum zum starren Begriff, den wir
gleich modifizieren miissen an der Wirklichkeit. Denn wenn einmal
eine Bahn in einer bestimmten Weise geneigt ist, ein andermal wie-
der anders geneigt ist, modifiziert sich dadurch alles dasjenige, was
man zunachst als Begriff herausbringt. Gewifi, man kann jetzt an-
fangen, wenn man an einen solchen Punkt gekommen ist, bequem
zu werden und kann sagen: Ganz gewifi, in der Wirklichkeit sind
Storungen vorhanden, die Wirklichkeit wird mit unseren Begriffen
nur approximativ umfafit. - Und dann kann man bequem fort-
schwimmen in den Theorien. Dann schwimmt man aber so weit,
dafi, sobald man phantastischerweise aus den Theorien Bilder zu
konstruieren versucht, die der Wirklichkeit entsprechen sollen, diese
der Wirklichkeit nicht entsprechen.
Das ist ja natiirlich leicht zuzugeben, dafi zusammenhangen mufi
irgendwie mit dem Leben des ganzen Planetensystems oder, sagen
wir, mit der Wirksamkeit im ganzen Planetensystem dieses Veran-
derliche der exzentrischen Bahnen, der Neigungen der Bahnebenen.
Das mull mit der ganzen Wirksamkeit irgendwie zusammenhangen,
mull dazugehoren. Das ist ja ganz selbstverstandlich. Aber wenn
man nun von da aus wiederum den Begriff sich bildet, das heifit,
wenn man sich sagt: Nun ja, ich will also mein Denken so weit in
Bewegung bringen, dafi ich mir die Ellipse fortwahrend ausbau-
chend und zusammenziehend denke, die Bahnebene auf- und ab-
steigend, sich drehend denke, dann kann man von da ausgehend
sich wiederum ein Planetensystem konstruieren als Wirklichkeit. -
Schon. Aber wenn Sie den Begriff zu Ende denken, dann bekom-
men Sie gerade bei konsequentem Denken ein Planetensystem, das
nicht bestehen kann. Durch die Summierung der Storungen, die
entstehen, besonders auch durch die Veranderlichkeit der Knoten,
wurde das Planetensystem fortwahrend seinem Tode entgegengehen,
seiner Starrheit. Dann aber tritt das ein, was Philosophen immer be-
tont haben: Wenn man ein solches System sich ausmalt, so hat ja die
Wirklichkeit nun wirklich Zeit genug gehabt, bis zum Endpunkte
zu kommen. Es ist kein Grund vorhanden, warum das nicht wahr
sein sollte. Wir hatten es zu tun mit erfiillter Unendlichkeit, und es
mufite die Starrheit schon da sein. Wir kommen da in ein Gebiet
hinein, das sollte uns klar sein, welches schon scheinbar so dasteht,
dafi das Denken stillestehen bleibt. Denn gerade indem ich mein
Denken bis zum letzten Punkt verfolge, kriege ich ein Weltsystem
heraus, das ruhig und starr ist. Es ist aber nicht das wirkliche, was
ich vor mir habe.
Nun kommt man aber noch auf etwas anderes, und das ist das-
jenige, was wir ganz besonders beriicksichtigen miissen. Man kommt
darauf, indem man diese Dinge weiter verfolgt - besonders bei
Laplace konnen Sie es verfolgen, ich will nur die Erscheinungen
immer angeben -, dafi deshalb dieses Weltsystem unter dem Ein-
flusse der Storungen durch die Veranderlichkeit der Knoten und so
weiter nicht zur Starrheit gekommen ist, weil die Verhaltniszahlen
der Umlaufzeiten der Planeten nicht kommensurabel sind, weil sie
inkommensurable Groflen sind, Zahlen mit unendlich vielen Dezi-
malen. Also kommen wir dazu, uns zu sagen: Wenn wir vergleichen
die Umlaufzeiten der Planeten im Sinne des dritten Keplerschen
Gesetzes, dann sind die Verhaltnisse dieser Umlaufzeiten nicht
angebbar durch ganze Zahlen, auch nicht durch endliche Bruche,
sondern nur durch inkommensurable Zahlen, durch Zahlen, die
nicht irgendwie aufgehen. Deshalb ist sich die heutige Astronomie
auch klar dariiber, daft diesem Umstande der Inkommensurabilitat
der Verhaltnisse zwischen den Umlaufzeiten auch im dritten Kepler-
schen Gesetz das Planetensystem seine weitere Beweglichkeit ver-
dankt, sonst miiftte es langst zum Stillstand gekommen sein.
Aber jetzt halten wir uns das ganz genau vor Augen. Wir kom-
men zuletzt dazu, festhalten zu mussen dasjenige, was wir an Begrif-
fen iiber das Planetensystem ausgebildet haben, in Zahlen, die sich
iiberhaupt nicht mehr fassen lassen. Das ist etwas aufierordentlich
Bedeutsames. Durch die Notwendigkeit des wissenschaftlichen Ent-
wickelungsganges selber kommen wir also dazu, iiber das Planeten-
system mathematisch so zu denken, daft dieses Mathematische nicht
mehr kommensurabel ist. Und wo Inkommensurabilitat eintritt, da
stehen wir doch gerade an dem Ort, in jenem Moment, wo wir doch
landen mussen in der mathematischen Entwickelung bei einer kom-
mensurablen Zahl. Wir lassen die inkommensurable Zahl stehen,
schreiben den Dezimalbruch hin, aber nur bis zu einer gewissen
Stelle. Irgendwo verlassen wir das, was wir da treiben, wenn wir zum
Inkommensurablen kommen. Die Mathematiker unter Ihnen mo-
gen sich das klar machen. Sie werden sehen, daft da etwas vorliegt
bei der inkommensurablen Zahl, wo ich sage: Ich mathematisiere bis
hierher und muft dann sagen: Hier geht es nicht weiter. - Ich kann
es nicht anders sagen - verzeihen Sie, wenn ich fur ein Ernstes einen
etwas komischen Vergleich gebrauche -, als daft mich dieses Stehen-
bleibenmussen in der Mathematik sehr erinnert an eine Szene, die
ich in Berlin einmal mitgemacht habe. Es kam damals auf die Mode
der Uberbrettl durch einige Manner, und ein solcher Mann war Peter
Hille. Er hatte auch ein Uberbrettl gegriindet und wollte dort seine
Gedichte vorlesen. Er war sehr liebenswiirdig, er war in seinem In-
nern durchaus Theosoph, aber er ist etwas im Bohemienleben aufge-
gangen. Ich kam einmal zu einer Darstellung, wo er seine eigene
Dichtung vortrug im Uberbrettl. Diese Dichtung war so weit gedie-
hen, dafi einzelne Zeilen fertig waren, und so las er die Dichtung vor:
«Es kam die Sonne . . . und so weiter» - die erste Zeile.
«Der Mond ging auf . . . und so weiter» - das war die zweite Zeile.
Bei jeder Zeile sagte er: und so weiter, und dergleichen! Das war
eine Vorlesung, die ich einmal mitgemacht habe. Es war im Grunde
aufierordentlich anregend. Jeder konnte die Zeile erganzen, wie er
wollte. Das ist bei den inkommensurablen Zahlen zwar nicht der
Fall. Aber es ist doch so etwas, sobald man in die Inkommensurabi-
litat hineinkommt, darl man den weiteren Prozefs nur andeuten
kann. Man kann nur sagen: In der Richtung geht es nun weiter. Es
ist nichts gegeben, wodurch man eine Vorstellung sich macht, was
da noch alles fur Zahlen kommen. Das ist wichtig, daft wir gerade
auf dem Gebiet der astronomischen Betrachtung in die Inkommen-
surabilitat hineingefuhrt werden, daft wir also gar nicht anders
konnen, als mit der Astronomie an die Grenze des Mathematisierens
zu kommen, daft einfach einmal uns die Wirklichkeit durchgeht. Es
geht uns die Wirklichkeit dutch, anders konnen wir nicht sagen. Es
entfallt uns die Wirklichkeit.
Ja, was bedeutet das aber? Wir wenden das, was unsere sicherste
Wissenschaft ist, die Mathematik, an auf die Himmelserscheinun-
gen, aber diese Himmelserscheinungen beugen sich nicht dieser
sichersten Wissenschaft, sie entschlupfen uns an einem Punkte.
Gerade da, wo es ihnen ans Leben geht, da schliipfen sie hinein in
das Gebiet der Inkommensurabilitat. So darl wir also da die Erschei-
nung haben, daft das Ergreifen der Wirklichkeit an einem bestimm-
ten Punkte aufhort und die Wirklichkeit in Chaos hineingeht. Wir
konnen nicht von vorneherein sagen: Was macht denn nun eigent-
lich diese Wirklichkeit, die wir da mathematisierend verfolgen, wo
sie ins Inkommensurable hineinschlupft? - Sie macht da drinnen
ganz gewifi etwas, was mit ihrer Lebensfahigkeit zusammenhangt.
Wir miissen also heraus aus demjenigen, was wir mathematisch be-
herrschen, wenn wir in die astronomische Wirklichkeit hineinwollen.
Das zeigt einfach der Kalkul selber, das zeigt die Entwickelung der
Wissenschaft selber . Auf solche Punkte mufi man hinarbeiten, wenn
man wirklichkeitsgemaft Geist entfalten will.
Und jetzt mochte ich Ihnen den anderen Pol der Sache hin-
stellen. Sehen Sie, wenn Sie es physiologisch verfolgen, da konnen
Sie ausgehen von irgendeinem Punkt der embryonalen Entwicke-
lung, sei es der der Entwickelung des menschlichen Embryos im
dritten, im zweiten Monat, sei es eines andern Lebewesens. Sie kon-
nen sie zuriickverfolgen und Sie konnen dann, soweit das mit den
heutigen Hilfsmitteln der Wissenschaft moglich ist - es ist ja in
sehr, sehr eingeschranktem Mafie moglich, wie die, die sich damit
befafit haben, wissen werden -, Sie konnen, soweit einigermafien
gultige Vorstellungen dariiber gemacht worden sind, sehen: Es wird
eben zuriickgegangen bis zu einem bestimmten Punkte, zu dem
Punkte - und viel weiter kommt man nicht zurikk - der Ablosung
der Eizelle, der unbefruchteten Eizelle. Stellen Sie sich vor, wie wek
Sie da zuruckgehen konnen. Sie mtissen aber, wenn Sie noch weiter
zuriickgehen wollen, in das Unbestimmte des ganzen mutterlichen
Organismus zuruckgehen. Das heilk, Sie kommen da im Zuriick-
gehen in eine Art Chaos hinein. Das konnen Sie gar nicht vermei-
den, und dafi man das nicht kann, zeigt Ihnen wieder der Gang der
wissenschaftlichen Entwickelung. Ich bitte Sie, verfolgen Sie doch
nur dasjenige, was da als wissenschaftliche Hypothese aufgetreten ist
in der Panspermie und ahnlichen Dingen, wo dariiber spekuliert
worden ist, ob aus den Kraf ten des ganzen Organismus, was mehr
Darwins Ansicht ist, sich vorbildet der einzelne Eikeim, oder ob sich
dieser Eikeim mehr abgesondert in den blofien Sexualorganen ent-
wickelt und so weiter. Sie werden sehen, wenn Sie den Gang der
wissenschaftlichen Entwickelung auf diesem Gebiet verfolgen, dafi
da zutage getreten ist eine reiche Fiille von Phantasie sogar, wie es
sich verhalt mit dem, was da der Genesis zugrunde liegt, wenn man
sie nach riickwarts verfolgt im Hervorgehen des Eikeimes aus dem
mutterlichen Organismus. Da kommen Sie ins vollig Unbestimmte
hinein. Heute ist iiberhaupt kaum mehr da in der aufieren Wissen-
schaft iiber diese Sache als Spekulationen iiber den Zusammenhang
des Eikeimes mit dem mutterlichen Organismus.
Dann aber tritt dieser Eikeim in einem bestimmten Punkte sehr
determiniert auf in etwas, das Sie wenigstens annahernd ganz gut
fassen konnen mathematisierend, wenn auch nur geometrisierend.
Sie konnen Zeichnungen machen von einem bestimmten Punkte an.
Solche Zeichnungen sind in der Embryologie ja auch vorhanden.
Den Eikeim, die Zelle konnen Sie zeichnen, konnen die Entwicke-
lung verfolgen, real verfolgen mehr oder weniger. So kann man an-
fangen etwas darzustellen, was Geometrie- ahnlich ist, was man in
Formen bringen kann. Man verfolgt hier eine Realitat. Sie ist in
einer gewissen Weise umgekehrt demjenigen, was wir in der Astro-
nomie gesehen haben. Da verfolgen wir erkennend eine Realitat und
wir kommen in die inkommensurable Zahl hinein. Die ganze Sache
entschliipft uns in das Chaos durch den Erkenntnisprozefi selber; in
der Embryologie schliipfen wir aus dem Chaos heraus. In einem
gewissen Punkte konnen wir dasjenige, was aus dem Chaos hervor-
geht, erfassen mit gewissen Formen, die der Geometrieform ahnlich
sind. Gewissermaften konnen wir sagen: Mathematisierend kommen
wir ins Chaos hinein durch die Astronomie im Erkenntnisprozefi;
und im bloften Beobachten in der Embryologie haben wir gar nichts
vor uns als ein Chaos, es wird ein Chaos, wenn die Beobachtung
nicht mehr moglich ist. Da kommen wir aus dem Chaos heraus und
kommen ins Geometrisieren hinein. Und es ist daher ein Ideal ge-
wisser Biologen und ein sehr berechtigtes Ideal sogar, dasjenige, was
sich darstellt in der Embryologie, in einer geometrisierenden Weise
zu fassen. Die Figuren nicht nur als naturalistische Abbildungen
des werdenden Embryos hinzumalen, sondern sie aus einer inneren
Gesetzmafiigkeit, die ahnlich ist der Gesetzmafiigkeit geometrischer
Figuren, zu konstruieren, das ist ein berechtigtes Ideal.
Nun, da konnen wir also sagen: Indem wir die Wirklichkeit
beobachtend verfolgen, kommen wir aus etwas heraus, was zunachst
unserem Erkennen ebenso wenig nahe liegt wie dasjenige, was da (in
der Astronomie) die inkommensurable Zahl ist. Wir haben gewisser-
mafien unser Erkennen nach der einen Seite gefuhrt bis dahin, wo
wir mit der Mathematik nicht mehr mitkommen; und wir haben
unser Erkennen an einem bestimmten Punkte angefangen in der
Embryologie, wo wir erst einsetzen konnen mit etwas, was ein Geo-
metrie-Ahnliches ist. Bitte, denken Sie den Gedanken zu Ende. Sie
konnen es, weil er ja ein methodologischer Gedanke ist, das heifit,
seine Wirklichkeit in uns liegt.
Wenn wir mit dem Rechnen bei der inkommensurablen Zahl an-
kommen, das heiftt an einem bestimmten Punkte, wo wir das Reale
nicht mehf hereinbringen in die Zahl, die wir abschliefiend dar-
stellen konnen, dann mufi unser Nachforschen dariiber beginnen -
und das ist dasjenige, wozu wir uns im nachsten Vortrag wenden
werden -, ob es nicht auch mit den geometrischen Gebilden so ist
wie mit den arithmetischen Gebilden, den analytischen Gebilden.
Das analytische Gebilde fuhrt zur inkommensurablen Zahl. Setzen
wir zunachst einmal die Frage hin: Wie bilden die geometrischen
Formen die Himmelsbewegungen ab? Fuhrt uns nicht vielleicht
dieses Abbilden an einen bestimmten Punkt ahnlich dem, wohin
uns die Analysis fuhrt, indem wir in die inkommensurable Zahl
hinein mussen? Kommen wir nicht vielleicht, indem wir die Welten-
korper, die Planeten verfolgen, an einer Grenze an, wo wir sagen
mussen: Jetzt konnen wir nicht mehr in geometrischen Formen dar-
stellen, jetzt ist das nicht mehr mit geometrischen Formen zu um-
fassen? Gerade so, wie wir das Gebiet der fafibaren Zahl verlassen
mussen, kann es sein, dafl wir das Gebiet desjenigen verlassen
mussen, wo wir in die geometrischen - auch arithmetischen, alge-
braischen, analytischen - Formen, in Spiralen und so weiter, die Wirk-
lichkeit mit der Zeichnung einfassen konnen. Da kommen wir ins
Inkommensurable auch geometrisch hinein. Und so ist immerhin
der folgende Tatbestand merkwurdig. Sehen Sie, Analysis kann man
noch nicht viel anwenden in der Embryologie, aber die Geometrie
erscheint schon sehr spukend da, wo wir anfangen, aus dem Chaos
heraus die embryologischen Tatsachen zu entwickeln. Da erscheint
an diesem Ende nicht so sehr das zahlenmafiig Inkommensurable,
sondern das, was sich herausarbeitet aus dem formenhaft Inkom-
mensurablen in die kommensurable Form hinein.
Wir haben jetzt an zwei Polen die Wirklichkeit zu erfassen ver-
sucht: da, wo uns der Erkenntnisprozefi hinausfuhrt aus der Analysis
in das Inkommensurable hinein; da, wo uns das Beobachten hin-
fuhrt aus dem Chaos zu einem Erfassen der Wirklichkeit in immer
kommensurableren und kommensurableren Formen. Das sind die
Dinge, die man sich unbedingt zunachst einmal mit volliger Klar-
heit vor die Seele fuhren mull, wenn man iiberhaupt eine wirklich-
keitsgemafie Betrachtung anknupfen will an dasjenige, was heute in
der aufieren Wissenschaft vorliegt.
Daran mochte ich nun eine methodologische Betrachtung an-
knupfen, damit wir morgen mehr in Realeres hineinkommen kon-
nen. Ich will anknupfen an das Folgende. Sehen Sie, alles was wir bis
jetzt dargestellt haben, hat ja in einer gewissen Weise zur Voraus-
setzung gehabt, daft man sich immerzu als Mathematiker an die Er-
scheinungen der Welt heranbegeben hat. Dann hat sich herausge-
stellt, daft an einem Punkt der Mathematiker an eine Grenze
kommt, eine Grenze, an die er auch in der formalen Mathematik
kommt. Nun liegt namlich unserer Denkweise etwas zugrunde, was
vielleicht am allerwenigsten bemerkt wird, weil es sozusagen in die
Maske der Selbstverstandlichkeit fortdauernd sich hulk und wir das
Problem nicht eigentlich an seiner richtigen Ecke anfassen. Das be-
zieht sich auf das Problem des Anwendens der Mathematik iiber-
haupt auf die Wirklichkeit. Wie gehen wir dann da eigentlich vor?
Wir bilden die Mathematik aus als eine formale Wissenschaft, und
dann - sie erscheint uns absolut gewifi in ihren Folgerungen - wen-
den wir die Mathematik auf die Realitat an und denken nicht daran,
dafi wir sie eigentlich im Grunde unter gewissen Voraussetzungen
anwenden. Nun ist heute durchaus auch schon eine Basis dafur ge-
schaffen, einzusehen, wie sehr wir die Mathematik eigentlich nur
unter gewissen Voraussetzungen anwenden auf die aufiere Wirklich-
keit. Das stellt sich heraus, wenn man die Mathematik nun iiber ge-
wisse Grenzen hinaus erweitern will. Da geht man davon aus, dafi
man auch gewisse Gesetze, die man eigentlich nun nicht, wie ich es
vorhin dargestellt habe bei der Zusammenfassung der Keplerschen
Gesetze, an der aufieren Wirklichkeit gewinnt, sondern an dem ma-
thematischen Prozefi selbst, daft man gewisse Gesetze ausbildet, die
eigentlich nichts anderes sind als induktive Gesetze, an dem Mathe-
matischen ausgebildet. Die verwendet man dann deduktiv, indem
man auch da nun weitergeht und weit ausgesponnene mathemati-
sche Theorien darauf baut.
Solche Gesetze sind ja diejenigen, denen heute jeder, der sich
mit Mathematik befaftt, begegnet. Es ist schon in Dor nacher Vortr a-
gen von unserem Freund Bliimel auf diesen Gang der mathemati-
schen Untersuchungen bedeutsam hingewiesen worden. Eines der
Gesetze, um die es sich handelt, ist zunachst dasjenige, das man
das kommutative Gesetz nennt. Das kann ja ausgesprochen werden
damit, daft man sagt: Es ist selbstverstandlich
a + b = b + a oder
a • b - b . a .
Es ist eine Selbstverstandlichkeit, solange man innerhalb reeller
Zahlen bleibt. Aber es ist eben nur ein induktives Gesetz, aus der
Handhabung der Rechnungspostulate mit reellen Zahlen abgeleitet.
Das zweite Gesetz ist das assoziative Gesetz. Es wiirde sich etwa
so aussprechen lassen:
(a + b) + c = a + (b + c) .
Wiederum ein Gesetz, das eben einfach abgeleitet ist aus der Hand-
habung der Rechnungspostulate mit reellen Zahlen.
Das dritte Gesetz ist das sogenannte distributive Gesetz. Es liefte
sich aussprechen etwa in der Form, daft man sagt:
a - (b + c) = ab + ac .
Wiederum ein Gesetz, das eben einfach induktiv gewonnen ist
an der Handhabung der Rechnungspostulate mit reellen Zahlen.
Das vierte Gesetz ist dasjenige, das man etwa so aussprechen
mufi: Es kann ein Produkt nur gleich Null werden, wenn einer der
Faktoren gleich Null ist. - Dieses Gesetz ist aber wiederum nur ein
induktives Gesetz, aus der Handhabung der Rechnungspostulate
mit reellen Zahlen abgeleitet. Wir haben also diese vier Gesetze:
Das kommutative Gesetz, das assoziative Gesetz, das distributive
Gesetz und dieses Gesetz vom Nullwerden des Produktes. Diese Ge-
setze werden nun heute in der formalen Mathematik zugrunde gelegt,
und es wird weiter mit ihnen verfahren. Man kommt da zu aufter-
ordentHch interessanten Dingen, das ist gar nicht abzuleugnen.
Aber die Frage ist nun diese: Diese Gesetze gel ten, solange man
im Gebiet der reellen Zahlen und ihrer Postulate bleibt. Aber es
ist dabei nie eine Rikksicht darauf genommen, ob die Wirklichkeit
dem entspricht. Wir konnen sagen, innerhalb unserer formalen Er-
fahrungsarten gilt a + b = b + a, aber gilt das auch innerhalb der
Wirklichkeit? Es ist gar kein Grund aufzuflnden, warum das nun
innerhalb der aufteren Wirklichkeit gelten soil. Wir konnten ja sehr
gut einmal iiberrascht werden damit, dafi wir nicht zurecht kom-
men, wenn wir sagen wollten, bei einem Prozefi der Wirklichkeit
ware a + b = b + a . Aber die Sache hat eine andere Seite. Wir haben
in uns das Hangen an dieser Gesetzmarsigkeit und mit dieser Gesetz-
maftigkeit gehen wir daher an die Wirklichkeit heran; aus unserer
Beobachtung fallt heraus, was dieser Gesetzmafiigkek nicht ent-
spricht. Das ist die andere Seite. Mit anderen Worten: Wir stellen
Postulate auf , die wir auf die Wirklichkeit anwenden und halten sie
fur Axiome der Wirklichkeit selber. Wir durften nur sagen: Ich be-
trachte ein gewisses Gebiet der Wirklichkeit und schaue nach, wie
weit ich komme mit dem Satz a + b = b + a . Mehr darf ich nicht
sagen. Denn indem ich mit diesem Satz an die Wirklichkeit heran-
trete, wird sich alles finden, was dem entspricht. Und dasjenige
stofie ich mit den Ellbogen beiseite, was dem nicht entspricht. Diese
Gewohnheit haben wir auch auf anderen Gebieten. Wir sagen zum
Beispiel in der elementaren Physik: Die Korper haben ein Behar-
rungsvermogen, eine Tragheit, und wir definieren dann, die Trag-
heit bestiinde darin, dafi die Korper ohne bestimmten Anstofi den
Ort nicht verlassen, an dem sie sind, oder darl sie ihre Bewegung
nicht andern. Aber das ist kein Axiom, sondern ein Postulat. Ich
diirfte nur sagen: Ich nenne einen Korper, bei dem ich finde, dal5 er
seinen Bewegungszustand nicht andert, trage, und ich untersuche
nun in der Wirklichkeit, was diesem Postulat entspricht. - Also,
indem ich mir gewisse Begriffe bilde, bilde ich mir eigentlich nur
Richtlinien, um die Wirklichkeit in einer gewissen Weise mit diesen
Begriffen zu durchsetzen, und ich muf] mir den Weg offen halten,
andere Tatsachen mit anderen Begriffen zu durchsetzen. Ich denke
eben die vier Grundgesetze der Zahlenlehre nur dann richtig, wenn
ich sie ansehe als etwas, was mir Richtung gibt; als etwas, was mkh
befahigt, in regulativer Weise einzudringen in die Wirklichkeit.
Aber ich befinde mich auf falschem Wege, wenn ich die Mathema-
tik als konstitutiv fur die Wirklichkeit annehme. Denn da wird mir
die Wirklichkeit durchaus widersprechen in gewissen Gebieten. Und
ein solcher Widerspruch ist der, von dem ich gesprochen habe, wo
die Inkommensurabilitat bei der Betrachtung der Himmelserschei-
nungen eintritt.
FUNFTER VORTRAG
Stuttgart, 5. Januar 1921
Es ist notwendig fur den weiteren Fortgang unserer Betrachtungen,
dafi ich heute gewissermafien etwas episodisch einschiebe. Wir wer-
den uns dann in bezug auf unsere eigentliche Aufgabe leichter ver-
standigen konnen. Ich mochte heute also eine allgemeinere Betrach-
tung iiber das Erkenntnistheoretische der Naturwissenschaft, aller-
dings von einem besonderen Gesichtspunkte aus, einschieben. Wir
kniipfen insofern an das Gestrige an, als wir uns noch einmal ver-
gegenwartigen, zu welchen Resultaten wir gestern, wenigstens vor-
laufig, gekommen sind. Die Verifizierung dieser Resultate wird sich
allerdings ja auch erst im Laufe der Vortrage ergeben konnen.
Wir haben gesehen aus der Betrachtung der Himmelserschei-
nungen, insofern diese Himmelserscheinungen ausgedruckt werden
von unserer Astronomie in geometrischen Formen oder auch zahlen-
mafiig verfolgt werden, dafi man gefiihrt wird zu inkommensurablen
Grofien. Das heifit, wie wir gestern auseinandergesetzt haben, dars es
einen gewissen Moment in unserem Erkenntnisprozef] gibt, wenn
wir diesen Erkenntnisprozefi auf die Himmelserscheinungen an-
wenden, wo wir gewissermaften stille stehen miissen, wo wir auf-
horen miissen, die mathematischen Betrachtungen fur kompetent
zu erklaren. Wir konnen einfach von einem bestimmten Punkte
an nicht mehr fortfahren, Linien zu zeichnen, um Bewegungen
von Himmelskorpern zu verfolgen, wir konnen auch nicht mehr
fortfahren, die Analysis anzuwenden, sondern konnen nur sagen:
Bis zu einem gewissen Punkte fiihren uns Analysis und geome-
trische Betrachtungsweise, aber von diesem Punkte an geht es
nicht weiter. Daraus werden wir, allerdings zunachst auch wieder
proviso risch, eine wichtige Folgerung ziehen miissen: dafi wir
dann, wenn wir dasjenige mathematisch betrachten, was wir se-
hen, sei es mit dem unbewaffneten oder mit dem bewaffneten
Auge, es nicht in irgendwelche geometrische Figuren oder mathe-
matische Formeln hineinbringen konnen. Wir umfassen also nicht
die Totalitat der Erscheinungen mit Algebra, Analysis oder Geo-
metric
Bedenken Sie, was sich daraus fur Bedeutsames ergibt. Es ergibt
sich, daft, wenn wir den Anspruch erheben, die Totalitat der Him-
melserscheinungen zu betrachten, wir darauf verzichten miissen,
dies so zu tun, dafi wir sagen: Die Sonne bewegt sich so, dafi wir
diese Bewegung in einer Linie nachzeichnen konnen; der Mond be-
wegt sich so, dafi wir diese Bewegung in einer Linie nachzeichnen
konnen. Also gerade auf dasjenige, was wir fortwahrend als unseren
sehnlichsten Wunsch empfinden, miissen wir im Grunde, wenn wir
uns der Totalitat der Erscheinungen gegeniiberstellen, eigentlich
verzichten. Es ist dies um so bedeutsamer, als ja heute in dem Au-
genblick, wo man sagt: Es geniigt das kopernikanische Weltsystem
so wenig als das ptolemaische -, jeder antwortet: Also zeichnen wir ein
anderes auf. - Und wir werden erst im Verlauf dieser Vortrage sehen,
was an die Stelle des Zeichnens gesetzt werden mufi, wenn man die
Totalitat der Erscheinungen wirklich ins Auge fassen will.
Ich mufi zuerst dieses Negative vor Sie hinstellen, bevor wir in das
Positive hineinkommen konnen, weil es aufierordentlich wichtig ist,
hier zu ganz klaren Begriffen vorzuschreiten. Auf der anderen Seite
haben wir gestern gesehen, wie aus unbestimmten, chaotischen Re-
gionen heraufsteigt dasjenige, was wir dann von einem bestimmten
Punkte an bildhaft, also auch in einem gewissen Sinne geometrisch,
erfassen konnen, namlich dasjenige, was uns durch die Embryologie
entgegentritt. Man mochte sagen: Wenn man im Erkenntnispro-
zefi - ich habe es auch gestern ausgesprochen - die Himmelserschei-
nungen verfolgt, so kommt man in diesem Erkenntnisprozefi an
einen Punkt, wo man sich sagen mufi, die Welt ist anders, als man
mit diesem Erkenntnisprozefi sie zunachst auffassen mochte; wenn
man die embryologischen Erscheinungen betrachtet, so mufi man
sagen, man mufi irgend etwas voraussetzen, das vorangeht jener
Wirklichkeit, die wir noch umfassen konnen.
Nun trat ja aufier anderen Dingen, ich will die Dinge nur ganz
grob kennzeichnen, in der embryologischen Betrachtungsweise ein
Zweifaches zutage in der neueren Zeit. Auf der einen Seite waren
die Menschen noch stramme Anhanger des biogenetischen Grund-
gesetzes, welches ja besagt, daft die individuelle Entwickelung des
Keimes eine Art verkurzter Stammesentwickelung ist. Diese Men-
schen wollten also gewissermaften kausal zuruckfiihren die Keimes -
entwickelung auf die Stammesentwickelung. Dagegen traten dann
andere auf, welche von einer solchen Herleitung des Individuell-
Keimhaften aus der Stammesentwickelung nichts wissen wollten
und davon sprachen, daft man sich an die unmittelbar in den Er-
scheinungen des Embryonalen vorhandenen Krafte halten musse;
welche, mit anderen Worten, von einer Art Entwickelungsmechanik
sprachen. Man kann eigentlich sagen: Aus der strammen biogeneti-
schen Schule Haeckels ist Oscar Hertwig hervorgegangen, der dann
ganz ubergegangen ist zur Anerkennung der Entwickelungsmecha-
nik. Da man das Mechanische wenigstens Mathematik-ahnlich fas-
sen mufi, wenn man auch nicht zu einer genauen Mathematik
kommt, so tritt uns da auch historisch entgegen - und auf die
Dinge, wie sie sich historisch entwickelt haben, wollen wir ja hin-
weisen wie zuerst etwas anderes vorausgesetzt wird und dann ein-
gesetzt wird mit einer Mechanik-Mathematik-ahnlichen Betrach-
tungsweise.
Diese Dinge liegen zunachst, mochte ich sagen, mehr erkenntnis-
theoretisch vor. Auf der einen Seite werden wir im Erkenntnis-
prozefi an eine Grenze getrieben, wo wir nicht mehr weiterkommen
mit der Betrachtungsweise, die wir zunachst als die uns beliebte
haben; auf der anderen Seite kommen wir in der Beobachtung des
Embryonalen nur dann zu irgendeiner Moglichkeit, die Sache in der
gewohnlichen Weise zu fassen, wenn wir Voraussetzungen machen,
die wir zunachst liegen lassen; wenn wir uns also sagen: Im Gebiete
des Wirklichen ist etwas, was wir zunachst liegen lassen im Unbe-
stimmten, und an einem bestimmten Punkte fangen wir an, das
Beobachtbare wenigstens in Formen und Verhaltnissen anzuschau-
en, die Mathematik- und Mechanik-ahnlich sind.
Diese Dinge machen es eben notwendig, daft wir heute eine Art
allgemeiner Betrachtung einschieben. Ich habe schon darauf auf-
merksam gemacht, daft die naturwissenschaftliche Betrachtung heu-
te im Grunde genommen nach dem Ideal strebt, die auftere Natur
moglichst unabhangig vom Menschen zu betrachten, die einzelnen
Erscheinungen gewissermaften in der Objektivitat zu fixieren und
den Menschen auszuschalten. Wir werden sehen, daft gerade durch
diese Betrachtungsweise, die den Menschen ausschaltet, es unmog-
lich ist, liber solche Schranken hinauszukommen, wie wir sie jetzt
nach zwei Seiten hin haben bemerken konnen. Und das hangt damit
zusammen, daft der Metamorphosengedanke, den ja Goethe, ele-
mentar zuerst, umfassend dargestellt hat, eigentlich noch recht we-
nig verfolgt worden ist. Er ist allerdings in bezug auf das Morpholo-
gische bis zu einem gewissen Grade verfolgt worden, allein auch da
hat sich uns ja schon gezeigt, wie die Morphologie von heute aus
dem Grunde zu keinem Ziel kommen kann, weil zum Beispiel die
Formkonstruktion eines Rohrenknochens im Vergleich mit einem
Schadelknochen nicht in der richtigen Weise angeschaut werden
kann. Dazu miiftte man ja vorschreiten zu Betrachtungen, welche
uns dazu fuhren, das eine Mai das Innere, die innere Flache des
Knochens beim Rohrenknochen zum Beispiel zu verfolgen, und
dann dieser inneren Flache parallel zu stellen gerade die auftere Fla-
che des Schadelknochens, so daft man es da zu tun hat mit einer Um-
wendung, wie wenn man einen Handschuh umwendet, und zu glei-
cher Zeit mit einer Formanderung, also Anderung der Flachen-
Spannungsverhaltnisse beim Umwenden, beim Kehren des Innern
nach dem Aufteren. Erst wenn man die Metamorphose in dieser ja
fur manche kompliziert ausschauenden Weise verfolgt, kommt man
in diesen Betrachtungen an ein Ziel.
Aber wenn man herauskommt aus dem Morphologischen und
mehr in das Funktionelle hineinkommt, dann sind erst ganz wenige
Ansatze dazu vorhanden in dem heutigen menschlichen Vorstellen,
den Metamorphosengedanken weiter zu verfolgen. Es wird unerlaft-
lich sein, diese Metamorphosengedanken auch auf das Funktionelle
des Organismus auszudehnen. Der Anfang ist gemacht an der Stel-
le, wo ich in meinem Buche «Von Seelenratseln» wenigstens zu-
nachst skizzenhaft angegeben habe die Anschauung von der Drei-
gliederung der menschlichen Wesenhek, insofern diese menschliche
Wesenheit als eine Summe und als ein Ineinanderwirken von Funk-
tionen aufgefalk wild. Ich habe wenigstens skizzenhaft ausgefuhrt,
wie wir zu unterscheiden habcn am Menschen zunachst jene Funk-
tionen, jene Vorgange, Prozesse, die wir auffassen konnen als die
Nerven-Sinnesprozesse; wie wir dann als verhaltnismafiig selbstan-
dige Prozesse aufzufassen haben alle rhythmischen Prozesse im
menschlichen Organismus; und wiederum als selbstandige Prozesse
aufzufassen haben die Stoffwechselprozesse. Und ich habe aufmerk-
sam gemacht darauf, daft diese drei Prozeftformen eigentlich das
Funktionelle am Menschen erschopfen. Was sonst Funktionelles am
menschlichen Organismus vorkommt, sind eigentlich Unterarten
dieser drei Prozesse.
Nun aber handelt es sich darum, daft man alles dasjenige, was im
Organischen vorkommt, so aufzufassen hat, daft dasjenige, was
scheinbar neben dem anderen steht, doch wiederum durch eine
Metamorphose mit diesem anderen zu verbinden ist. Man ist heute
abgeneigt, makroskopisch zu betrachten, allein in einer gewissen
Weise muft man wiederum zum Makroskopischen zuriickkommen,
sonst wird man eben aus dem Mangel an jeder synthetischen Lebens-
betrachtung uberall zu Problemen kommen, die nicht an sich un-
moglich zu losen sind, sondern durch unsere methodologischen Vor-
urteile unlosbar werden.
Wenn wir den Menschen nach dieser Dreigliederung betrachten,
so haben wir zunachst in dieser Dreigliederung gegeben eine drei-
fache Art, wie der Mensch mit der Aufienwelt in irgendeinem Ver-
haltnis steht. In den Nerven-Sinnes vorgangen haben wir eine Art,
wie der Mensch mit der Aufienwelt in einem Verhaltnis steht; in
alien rhythmischen Vorgangen haben wir eine andere Art. Die
rhythmischen Vorgange sind durchaus so, daft sie nicht isoliert im
Menschen betrachtet werden konnen, liegt ja doch den rhythmi-
schen Vorgangen d
…[truncated]