Drei Schritte der Anthroposophie (Kosmologie, Religion, Philosophie)

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUS G ABE 

SCHRIFTEN 



RUDOLF STEINER 



DREI SCHRITTE 
DER ANTHROPOSOPHIE: 
PHILOSOPHIE, KOSMOLOGIE, 

RELIGION 



Zehn Auto-Referate 
zum Franzdsischen Kurs am Goetheanum 
Dornach, 6. bis 15. September 1922 



1999 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlalSverwaltung 



1. Buchausgabe, unter dem Titel 
«Kosmologie, Religion und Philosophic 
Meditationsvorgange als geisteswissenschaftliche Erkenntnis, 
geschildert von Rudolf Steiner», IV. (vgl. S. 91) 
Dornach 1930 

2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1956 

unter dem Titel «Kosmologie, Religion und Philosophie» 

3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1979 

4., mit den Unterlagen neu verglichene Auflage 

unter dem Titel «Drei Schritte der 
Anthroposophie: Philosophic, Kosmologie, Religion» 
Gesamtausgabe Dornach 1999 



Erstveroffentlichung in der Wochenschrift 
«Das Goetheanum», 2. Jg. 1922, Nrn. 6—16 



Bibliographie-Nr. 25 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlalSverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1999 by Rudolf Steiner-NachlaEverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt 

ISBN 3-7274-0252-0 



INHALT 



I. Drei Schritte der Anthroposophie 7 

II. Seeleniibungen des Denkens, Fiihlens und Wollens 15 

III. Imaginative, inspirierte und intuitive 
Erkenntnismethoden 23 

IV. Erkenntnis- und Willensiibungen 31 

V. Schlaferlebnisse der Seele 39 

VI. Der Ubergang vom seelisch-geistigen Dasein in der 

Menschenentwickelung zum sinnlich-physischen . 47 

VII. Christus in seinem Zusammenhang 

mit der Menschheit 55 

VIII. Das Ereignis des Todes im Zusammenhang 

mit dem Christus 62 

IX. Das Schicksal des Ich-BewuEtseins im Zusammen- 
hang mit dem Christus-Problem 70 

X. Das Erleben des Willensteils der Seele .... 79 

Hinweise des Herausgebers 91 

Korrekturennachweis 93 

Personenregister 94 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . . . 95 



I 

DREI SCHRITTE 
DER ANTHROPOSOPHIE 

Es ist mir zur groften Befriedigung, diesen Vortragszyklus 
im Goetheanum abhalten zu konnen. Diese Institution 
soil der Pflege der spirituellen Wissenschaft dienen. Was 
hier spirituelle Wissenschaft genannt wird, sollte nicht 
verwechselt werden mit dem, was oftmals geradc in der 
Gegenwart als Okkultismus, Mystik usw. auftritt. Diese 
Bestrebungen lehnen sich entweder an alte, nicht mehr 
richtig verstandene spirituelle Traditionen an und geben 
in laienhafter Weise allerlei vermeintliche Erkenntnisse 
iiber ubersinnliche Welten; oder sie ahmen in aufterlicher 
Weise die gewohnten wissenschaftlichen Methoden nach, 
ohne Kenntnis davon, dafi Forschungswege, die muster- 
haft ausgebildet sind fur die Betrachtung der Sinnenwelt, 
niemals in die iibersinnlichen Welten fiihren konnen. 
Und was an Mystik auftritt, ist entweder auch blofie Er- 
neuerung alter Seelenerlebnisse, oder unklare, oft sehr 
phantastische und illusionare Selbstbetrachtung. 

Demgegeniiber stellt sich die Anschauungsart des 
Goetheanums als eine solche, die im vollen Sinne den 
gegenwartigen Gesichtspunkt der naturwissenschaftlichen 
Forschung bejaht und da anerkennt, wo er berechtigt ist. 
Dagegen strebt sie durch die streng geregelte Ausbildung 
des rein seelischen Anschauens, iiber die ubersinnliche 
Welt objektive, exakte Ergebnisse zu gewinnen. Sie lafit 
als solche Ergebnisse nur das gelten , was durch ein solches 
Anschauen der Seele gewonnen ist, bei der die seelisch- 
geistige Organisation ebenso exakt uberschaubar ist wie 



ein mathematisches Problem. Es kommt darauf an, dafl 
zunachst diese Organisation in wissenschaftlich einwand- 
freier Anschauung dasteht. Nennt man diese Organisa- 
tion «Geistesauge», so mufi man sagen: wie der Mathema- 
tiker seine Probleme vor sich hat, so der Geistesforscher 
sein eigenes «Geistesauge». Fur ihn wird also die wissen- 
schaftliche Methode 2uerst auf jene Vorbereitung gelenkt, 
die in seinen «Geist-Organen» liegt. Waltet in diesen Or- 
ganen «seine Wissenschaft», so kann er sich dann der- 
selben bedienen, und die ubersinnliche Welt liegt vor 
ihm. Der Forscher der Sinneswelt lenkt seine Wissenschaft 
nach aufien, nach den Ergebnissen. Der Forscher des 
Geistes betreibt Wissenschaft als Vorbereitung des 
Schauens. Beginnt das Schauen, dann mufi die Wissen- 
schaft bereits ihren vollen Beruf erfullt haben. Will 
man dann sein «Schauen» Hellsehen nennen, so ist es 
«exaktes Hellsehen». Wo die Wissenschaft des Sinn- 
lichen endet, da beginnt diejenige des Geistes. Der 
Geistesforscher mufi vor allem seine ganze Denkweise 
an der neueren Wissenschaft vom Sinnlichen herange- 
bildet haben. 

Daher ist es, dafi die heute getriebenen Wissenschaften 
in das Gebiet einmunden, das die spirituelle Wissenschaft 
im modernen Sinne eroffnet. Das geschieht nicht nur fur 
die einzelnen Gebiete der Naturwissenschaft und der Ge- 
schichte. Das geschieht auch zum Beispiel fiir die Medi- 
zin. Und es geschieht fur alle Gebiete des praktischen Le- 
bens, fiir die Kunst, die Moral und fiir das soziale Leben. 
Es geschieht auch fur die religiosen Erfahrungen. 

In diesen Vortragen sollen drei dieser Gebiete behan- 
delt und von ihnen gezeigt werden, wie sie in die moderne 



spirituelle Anschauung einmiinden: Philosophic, Kosmo- 
logie und Religion. 

Philosophie war einst die Vermittlerin der gesamten 
menschlichen Erkenntnis. In ihrem Logos erwarb sich der 
Mensch die Erkenntnis der einzelnen Gebiete der Welt- 
wirklichkeit. Die einzelnen Wissenschaften sind aus ihrer 
Substanz heraus geboren. Aber was ist von ihr selbst zu- 
rikkgeblieben? Eine Summe von mehr oder weniger ab- 
strakten Ideen, die ihr Dasein zu rechtfertigen haben 
gegeniiber den andern Wissenschaften, wahrend diese 
ihre Rechtfertigung in der Sinnesbeobachtung und in 
dem Experimente finden. Auf was beziehen sich die Ideen 
der Philosophie? Das ist heute eine Frage geworden. Man 
erlebt in diesen Ideen nicht mehr eine unmittelbare Wirk- 
lichkeit, daher ist man bestrebt, diese Wirklichkek theo- 
retisch zu begriinden. 

Und was noch mehr ist: Philosophie hat es schon in 
ihrem Namen, als Lie be zur Weisheit, dafi sie nicht blofi 
eine Verstandessache, sondern eine Sache der ganzen 
menschlichen Seele ist. Was man «lieben» kann, das ist 
eine solche Sache. Und Weisheit wurde einst als etwas 
Wirkliches empfunden; das ist bei den «Ideen», die blofi 
Vernunft und Verstand beschaftigen, nicht der Fall. Phi- 
losophie ist aus einer Menschheitssache, die in Seelen- 
warme einst erlebt worden ist, zu einem trockenen, kalten 
Wissen geworden. Und man fiihlt sich nicht mehr in einer 
Wirklichkeit darinnen, wenn man in der Tatigkeit des 
Philosophierens ist. 

Man hat im Mensch en selbst dasjenige verloren, was 
einstmals die Philosophie zu einem wirklichen Erlebnis 



machte. Die Sinneswissenschaft wird durch die Sinne ver- 
mittelt , und was der Verstand iiber die Beobachtungen der 
Sinne denkt, das ist Zusammenfassung des durch die Sinne 
vermittelten Inhaltes. Dieses Denken hat keinen eigenen 
Inhalt . Indem der Mensch in einer solchen Erkenntnis lebt , 
erkennt er sich selbst nur als physischen Korper. Philo- 
sophic war aber zuerst ein Seeleninhalt, der nicht mit 
dem physischen Korper erlebt wurde. Er wurde erlebt 
mit einem menschlichen Organismus, der nicht mit den 
Sinnen wahrgenommen werden kann. Es ist dies ein 
atherischer Korper, der dem physischen Korper zugrunde 
liegt, und der die ubersinnlichen Krafte enthalt, die dem 
physischen Korper Form und Leben geben. Der Mensch 
kann sich der Organisation dieses atherischen Korpers 
geradeso bedienen wie seines physischen. Dann aber 
bildet dieser atherische Korper Ideen von einem Uber- 
sinnlichen aus wie der physische Korper durch die Sinne 
Ideen von dem Sinnlichen. Die alten Philosophen ent- 
wickelten ihre Ideen durch den atherischen Korper. In- 
dem das Geistesleben der Menschheit diesen atherischen 
Korper fur die Erkenntnis verloren hat, hat es zugleich 
den Wirklichkeitscharakter der Philosophic verloren. Phi- 
losophic ist ein bloftes Ideengebaude geworden. Es mufi 
erst wieder die Erkenntnis des atherischen Menschen er- 
worben werden: dann wird auch Philosophic wieder einen 
Wirklichkeitscharakter gewinnen konnen. Das soil den 
ersten der Schritte kennzeichnen, die durch Anthroposo- 
phie getan werden sollen. 

Kosmologie hat einstmals dem Menschen gezeigt, wie 
er ein Glied der universellen Welt ist. Dazu war notwen- 



dig, daft nicht nur sein Korper, sondern auch seine Seele 
und sein Geist als Glieder des Kosmos angesehen werden 
konnten. Das war dadurch der Fall, dafi im Kosmos See- 
lisches und Geistiges geschaut wurden. In der neueren 
Zeir ist Kosmologie nur ein Uberbau dessen geworden, 
was die Naturwissenschaft durch Mathematik, Beobach- 
tung und Experiment erkennt. Was auf diese Weise er- 
forscht wird, das wird zu einem Bilde des kosmischen 
Werdens zusammengestellt. Aus diesem Bilde heraus 
kann man wohl den physischen Korper des Menschen 
verstehen. Es bleibt aber schon der atherische Korper un- 
verstandlich und in einem noch hoheren Sinne das See- 
lische und Geistige am Menschen. Der atherische Leib 
kann nur als ein Glied des Kosmos erkannt werden, wenn 
die atherische Wesenheit des Kosmos durchschaut wird. 
Aber dieses Atherische des Kosmos kann dem Menschen 
auch nur eine atherische Organisation geben. In der Seele 
aber ist Innenleben. Es mufi auch das Innenleben des 
Kosmos durchschaut werden. Eine Anschauung des 
Innenlebens des Kosmos war die alte Kosmologie. Durch 
diese Anschauung wurde auch die uber das Atherische 
hinausgehende seelische Wesenheit des Menschen in den 
Kosmos eihgeghedert. Aber dem modernen Geistesleben 
fehlt eine Anschauung von der Wirklichkeit des Seelen- 
Innen-Lebens. Wie dieses erlebt wird, so liegt in dem er- 
lebten Inhalte keine Garantie dafur, daft es uber Geburt 
und Tod hinaus ein Dasein hat. Was man heute von dem 
Seelischen weifi, kann in und mit dem physischen Korper 
durch das Keimesleben und die weitere Entwickelung in 
der Kindheit entstanden sein und kann mit dem Tode 
enden. In der alteren Menschenerkenntnis war fur das 



seelische Wesen des Menschen etwas enthalten, von dem 
das heute Gewufite nur ein Abglanz ist. Es war dies als 
die astralische Wesenheit des Menschen angesehen. Es 
war nicht das, was in Denken, Fuhlen und Wollen der 
Seele erlebt wird, sondern etwas, das seinen Abglanz in 
Denken, Fuhlen und Wollen hat. Man kann nun nicht 
das Denken, Fuhlen und Wollen in den Kosmos einge- 
gliedert denken. Denn diese leben nur in der physischen 
Wesenheit des Menschen. Dagegen kann die astralische 
Wesenheit als ein Glied des Kosmos aufgefafk werden. 
Denn diese tritt mit der Geburt in die physische Wesen- 
heit ein und tritt mit dem Tode aus dieser aus. Dasjenige, 
was sich wahrend des Lebens zwischen Geburt und Tod 
hinter Denken, Fuhlen und Wollen verbirgt - eben der 
astralische Leib -, ist die kosmische Wesenheit des Men- 
schen. 

Indem die moderne Erkenntnis die astralische Wesen- 
heit des Menschen verloren hat, ist ihr auch eine Kosmo- 
logie abhanden gekommen, die den Menschen umfassen 
konnte. Sie hat nur eine physische Kosmologie. In dieser 
aber sind nur die Grundlagen des physischen Menschen 
enthalten. Es ist notwendig, daft wieder eine Erkenntnis 
des astralischen Menschen erworben werde. Dann wird es 
auch wieder eine Kosmologie geben konnen, die den 
Menschen mit umfafk. 

Damit ist der zweite Schritt der Anthroposophie ge- 
kennzeichnet. 

Religion im urspriinglichen Sinne ist auf dasjenige Er- 
lebnis gebaut, durch das sich der Mensch sowohl unab- 
hangig weilS von seiner physischen und atherischen We- 



senheit, durch die er sein Dasein zwischen Geburt und 
Tod hat, wie auch von dem Kosmos, insofern dieser an 
einem solchen Dasein mitwirkt. Der Inhalt dieses Erleb- 
nisses bildet den eigentlichen Geistmenschen, dasjenige, 
worauf unser Wort «Ich» nur noch hindeutet. Dem Men- 
schen bedeutete einst dieses «Ich» etwas, das sich unab- 
hangig von aller Korperlichkeit und auch unabhangig 
von der astralischen Wesenheit wufite. Durch ein solches 
Erleben fiihlte sich der Mensch in einer Welt, von der 
diejenige nur ein Abbild ist, die ihm Korper und Seele 
gibt. Er fiihlte sich im Zusammenhange mit einer gott- 
lichen Welt, Die Erkenntnis von dieser Welt bleibt der 
sinnengemafien Beobachtung verborgen. Die Erkenntnis 
des atherischen und des astralischen Menschen fuhrt all- 
mahlich zu einer Anschauung dieser Welt hinuber. In der 
Sinnesanschauung mufi sich der Mensch getrennt fuh- 
len von der gottlichen Welt, der sein innerstes Wesen an- 
gehort. Durch die ubersinnliche Erkenntnis verbindet er 
sich wieder mit dieser Welt. Dadurch miindet ubersinn- 
liche Erkenntnis in Religion ein. 

Damit dies der Fall sein kann, mufi das wahre Wesen 
des «Ich» erschaut werden konnen. Das aber ist der mo- 
dernen Erkenntnis verlorengegangen. Selbst Philosophen 
sehen in dem «Ich» nur die Zusammenfassung der Seelen- 
erlebnisse. Die Idee, die sie dadurch von dem «Ich», dem 
Geistesmenschen, erhalten, wird aber durch jeden Schlaf 
widerlegt. Denn im Schlafe wird der Inhalt dieses «Ich» 
ausgeloscht. Ein Bewulksein, das nur ein solches Ich 
kennt, kann nicht erkenntnismafiig in Religion einmun- 
den. Denn es hat nichts, was dem Ausloschen des Schlafes 
widersteht. Aber eine Erkenntnis des wahren Ich ist dem 



modernen Geistesleben verlorengegangen. Damit aber 
auch die Moglichkeit, von dem Wissen aus zur Religion 
zu kommen. Es wird, was von Religion einstmals vor- 
handen war, aus der Tradition als etwas hingenommen, 
wozu menschliche Erkenntnis nicht mehr kommen kann. 
Religion wird auf diese Art Inhalt eines Glaubens, der 
aulterhalb der wissenschaftlichen Erlebnisse errungen 
werden soil. Wissen und Glaube werden zwei Erlebnis- 
weisen fur etwas, das einst eine Einheit war. 

Es muE erst wieder eine anschauliche Erkenntnis des 
wahren «Ich» entstehen, wenn Religion die rechte 
Stellung im Leben der Menschheit haben soil. Der 
Mensch wird von der modernen Wissenschaft nur hin- 
sichtlich seiner physischen Wesenheit als wahre Wirk- 
lichkeit verstanden. Er muls* im weiteren erkannt werden 
als atherischer, astralischer und Geistesmensch oder «Ich- 
mensch», dann wird Wissenschaft die Grundlage des 
religiosen Lebens werden. 

Damit ist der dritte Schritt der Anthroposophie ge- 
kennzeichnet. 

Es wird nun fur die folgenden Vortrage die Aufgabe 
sein, die Moglichkeit zu zeigen, dafi der atherische 
Mensch erkannt werden kann, das heilk, dafi der Pbilo- 
sophie eine Wirklichkek verliehen werden kann; es wird 
die weitere Aufgabe sein, die Erkenntnis des astralischen 
Menschen nachzuweisen, das heifit zu zeigen, daft eine 
Kosmologie moglich ist, die den Menschen mitumfaEt; 
und zuletzt wird noch die Aufgabe sich ergeben, zur Er- 
kenntnis des «wahren Ich» zu fuhren, um die Moglichkeit 
eines religiosen Lebens darzulegen, das auf einer Erkennt- 
nis -Grundlage ruht. 



II 

SEELENUBUNGEN DES DENKENS, 
FUHLENS UND WOLLENS 



Philosophic ist nicht in derselben Art entstanden, in der 
sie in der modernen Zeit weitergefuhrt wird. In dieser 
Art ist sie ein Zusammenhang von Ideen, die innerlich, 
in der Seele, nicht so erlebt werden, daft der seiner selbst 
bewufite Mensch sich in ihnen als in einer Wirklichkeit 
fiihlte. Daher kommt es, daft man nach alien moglichen 
theoretischen Mitteln sucht, durch die man beweisen will, 
wie sich der philosophische Inhalt doch auf eine Wirk- 
lichkeit beziehe. In dieser Art aber kommt man nur zu 
verschiedenen philosophischen Systemen, von denen man 
sagen kann, dafi sie alle eine gewisse relative Richtigkeit 
haben, denn es sind, im wesentlichen, die Griinde, mit 
denen man sie widerlegt, ebensoviel wert wie diejenigen, 
mit denen man sie beweisen will. 

Es handelt sich bei Anthroposophie darum, daft man 
nicht mit theoretischem Nachdenken der Wirklichkeit 
des philosophischen Inhaltes beikommen kann, sondern 
durch Ausbildung einer Erkenntnismethode, die auf der 
einen Seite ahnlich ist derjenigen, durch die in alten Zei- 
ten Philosophie gewonnen worden ist, und die auf der 
andern Seite so vollbewulk exakt ist wie die mathema- 
tische und naturwissenschaftliche Methode der neueren 
Zeit. 

Die alte Methode war eine halb unbewufke. Sie hatte 
gegenuber dem Bewulkseinszustand , in dem der mo- 
derne Mensch ist, wenn er wissenschaftlich denkt, etwas 
halb Traumhaftes. Sie lebte nicht in solchen Traumen, 



die durch sich selbst nicht unmittelbar ihren realen Inhalt 
verbiirgen, sondern in Wachtraumen, die eben durch 
diesen Inhalt auf Wirklichkeit wiesen. Solcher Seelen- 
inhalt hat aber auch nicht den abstrakten Charakter wie 
derjenige des gegenwartigen Vorstellens, sondern den 
der Bildhaftigkeit. 

Solch ein Seeleninhalt mufi wieder gewonnen werden; 
aber, gemaft dem modernen Entwickelungszustande der 
Menschhek, in voller Bewuikheit; gerade in derselben 
Bewulkseinsverfassung, wie sie im wissenschaftlichen 
Denken vorhanden ist. Die anthroposophische Forschung 
sucht das zu erreichen in einer ersten Stufe des iibersinn- 
lichen Erkennens, in dem imaginativen Bewulkseinszu- 
stande. Er wird erreicht durch ein meditatives Seelenver- 
fahren. Durch dieses wird die Totalkraft des Seelenlebens 
auf leicht uberschauliche Vorstellungen gelenkt und im 
Ruhen auf denselben festgehalten. Dadurch wird, wenn 
ein solches Verfahren durch geniigend lange Zeitepochen 
immer wiederholt wird, zuletzt bemerkt, wie die Seek 
in ihrem Erleben leibfrei wird. Man erkennt klar, daft 
alles Denken des gewohnlichen Bewufitseins Abglanz 
einer geistigen Tatigkeit ist, die als solche unbewulk 
bleibt, die aber dadurch bewufit wird, dafi sie den 
menschlichen physischen Organismus in ihren Verlauf 
einbezieht. Alles gewohnliche Denken ist ganz abhangig 
von der im physischen Organismus nachgeahmten uber- 
sinnlichen Geistestatigkeit. Dabei wird aber nur bewufit, 
was der physische Organismus bewufk werden lafit. 

Durch die Meditation kann die geistige Tatigkeit vom 
physischen Organismus losgerissen werden. Die Seele er- 
lebt dann auf ubersinnliche Art das Ubersinnliche . Es 



wird nicht mehr im physischen Organismus seelisch er- 
lebt, sondern im atherischen Organismus. Man hat ein 
Vorstellen mit Bildcharakter vor sich. 

Man hat in diesem Vorstellen Bilder der Krafte vor 
sich, die aus dem Ubersinnlichen heraus dem Organismus 
als seine Wachstumskrafte, auch als die Krafte zugrunde 
liegen, die im Regeln der Ernahrungsvorgange wirksam 
sind. Man hat es mit einer wirklichen Anschauung der 
Lebenskrafte zu tun. Es ist dies die Stufe der imagina- 
tiven Erkenntnis. Man lebt auf diese Art im atherischen 
menschlichen Organismus. Und man lebt mit dem ei- 
genen atherischen Organismus in dem atherischen Kos- 
mos. Es ist zwischen dem atherischen Organismus und 
dem atherischen Kosmos keine so scharfe Grenze in 
bezug auf Subjektives und Objektives wie bei dem phy- 
sischen Nachdenken iiber die Dinge der Welt. 

Mit dem Erleben in imaginativer Erkenntnis kann man 
die alte Philosophic als Wirklichkeitsinhalt nacherleben; 
man kann aber auch eine neue Philosophic konzipieren. 
Eine wirkliche Konzeption der Philosophic kann nur 
durch diese imaginative Erkenntnis zustande kommen. 
Ist diese Philosophic einmal da, dann kann sie aber von 
dem gewohnlichen Bewufksein erfalk und auch verstan- 
den werden. Denn sie spricht aus dem imaginativen Er- 
leben heraus in Formen, die aus der geistigen (athe- 
rischen) Wirklichkeit stammen, und deren Wirklichkeits- 
gehalt in der Aufnahme durch das gewohnliche Bewufk- 
sein nacherlebt werden kann. 

Fur die Kosmologie bedarf es einer hoheren Erkennt- 
nisbetatigung. Diese wird erworben, wenn die Medita- 



tion erweitert wird. Man bildet nicht nur das intensive 
Ruhen auf einem Seeleninhalt aus, sondern auch das voll- 
bewufite Beharren in einem inhaltlosen Seelenruhen, 
nachdem man einen meditativen Seeleninhalt aus dem 
Bewufitsein fortgeschafft hat. Man bringt es damit so weit, 
dafi in das inhaltlose Seelenleben der geistige Gehalt des 
Kosmos einflielk. Man erreicht die Stufe der inspirierten 
Erkenntnis. Man hat vor sich einen geistigen Kosmos, 
wie man vor den Sinnen den physischen Kosmos hat. 
Man gelangt dazu, in den Kraften des geistigen Kosmos 
dasjenige anzuschauen, was im Atmungsprozesse zwi- 
schen dem Menschen und dem Kosmos geistig vorgeht. 
In den Vorgangen dieses Atmungsprozesses und in den 
ubrigen rhythmischen Prozessen des Menschen findet 
man das physische Abbild dessen, was im Geistigen exi- 
stiert an dem astralischen Menschenorganismus. Man 
kommt zu der Anschauung, wie dieser astralische Orga- 
nismus aufterhalb des Erdenlebens im geistigen Kosmos 
seinen Bestand hat und wie er sich durch das Keimes- 
leben und die Geburt in den physischen Organismus 
einkleidet, um im Tode denselben wieder zu verlassen. 
Man kann durch diese Erkenntnis die Vererbung, die 
ein irdischer Vorgang ist, von dem unterscheiden, was 
sich der Mensch aus der geistigen Welt mit bringt. 

So gelangt man durch die inspirierte Erkenntnis zu 
einer Kosmologie, die den Menschen in bezug auf sein 
seelisches und geistiges Dasein umfassen kann. Die in- 
spirierten Erkenntnisse bilden sich im astralischen Orga- 
nismus aus. Man hat sie, indem man aufterhalb seines 
Korpers ein Dasein erlebt im Kosmos des Geistes. Sie 
spiegeln sich aber im Ather-Organismus, und in den Bil- 



dern, die sich da ergeben, kann man sie in die mensch- 
lkhe Sprache ubersetzen und mit dem Inhalte der Philo- 
sophic vereinigen. Man erhalt dadurch eine kosmische 
Philosophic 

Fur die religiose Erkenntnis ist ein Drittes notwendig. 
Man mufi in die Wesenheiten untertauchen, die sich im 
inspirierten Erkenntnisinhalte bildhaft offenbaren. Man 
erreicht dieses, wenn man zu der bisher charakterisierten 
Meditation Seeleniibungen des Willens hinzufugt. Man 
sucht, zum Beispiel, Vorgange, die in der physischen 
Welt einen bestimmten Verlauf haben, in umgekehrter 
Folge von riickwarts nach vorne vorzustellen. Dadurch 
reilk man durch einen Willensvorgang, den man im 
gewohnlichen Bewulksein nicht anwendet, das Seelen- 
leben los von dem kosmischen Aufieninhalte und ver- 
senkt die Seele in die Wesenheiten, die sich in der Inspi- 
ration offenbaren. Man gelangt zu der wahren Intuition, 
zu dem Zusammenleben mit Wesen einer geistigen Welt. 
Diese Erlebnisse der Intuition werden im atherischen und 
auch im physischen Menschen gespiegelt und ergeben in 
dieser Spiegelung den Inhalt des religiosen Bewufttseins. 

Man gelangt durch diese intuitive Erkenntnis dazu, 
die wahre Wesenheit des «Ich» zu schauen, die in Wirk- 
lichkeit in die Geisteswelt eingesenkt ist. Was im ge- 
wohnlichen Bewufksein von diesem Ich vorhanden ist, 
das ist nur ein ganz schwacher Abglanz seiner wahren 
Gestalt. Man erreicht durch Intuition die Moglichkeit, 
diesen schwachen Abglanz in Vereinigung zu fiihlen mit 
der gottlichen Urwelt, der er durch seine wahre Gestalt 
angehort. Man ist dadurch auch imstande, zu durch- 



schauen, wie der Geistmensch, das wahre «Ich>\ in der 
geistigen Welt seinen Bestand hat, wenn der Mensch in 
den Schlafzustand versenkt ist. In diesem Zustande brau- 
chen physischer und atherischer Organismus die rhyth- 
mischen Prozesse fur sich, zu ihrer Regeneration. In dem 
Wachzustande lebt in diesem Rhythmus und den in ihn 
eingegliederten physischen Stoffwechselprozessen das 
«Ich». Im Schlafzustande sind der Rhythmus des Men- 
schen und die Stoffwechselvorgange als physischer und 
atherischer Organismus in einem Leben fur sich; und der 
astralische Organismus und das «Ich» haben da ihren Be- 
stand in der Geisteswelt. In der inspirierten und intui- 
tiven Erkenntnis wird der Mensch bewufit in diese Welt 
versetzt. Er lebt in einem geistigen Kosmos, wie er durch 
seine Sinne in einem physischen Kosmos lebt. Er kann 
erkenntnismafiig von dem Inhalte des religiosen Bewulk- 
seins sprechen. Dieses kann er, weil sich das im Geistigen 
Erlebte im physischen und atherischen Menschenspiegelt 
und die Spiegelbilder in der Sprache ausgedriickt werden 
konnen. Sie haben dann in dieser Ausdrucksform einen 
Inhalt, der dem Menschengemute des gewohnlichen Be- 
wufkseins religios einleuchten kann. 

So wird durch die imaginative Erkenntnis die Philo- 
sophic, durch die Inspiration die Kosmologie, durch die 
Intuition das religiose Leben durchschaut. Zur Intuition 
fuhrt, aufier dem schon Charakterisierten, auch zum Bei- 
spiel die folgende Seeleniibung. Man versucht in das Le- 
ben, das sich sonst unbewufit von Lebensalter zu Lebens- 
alter beim Menschen entwickelt, so einzugreifen, dafi 
man bewufit sich Gewohnheiten aneignet, die man vor- 



her nicht gehabt hat, oder solche umwandelt, die man 
gehabt hat. Je groltere Anstrengungen zu einer soichen 
Umwandlung notig sind, desto besser ist es fur die Her- 
beifuhrung einer intuitiven Erkenntnis. Denn diese Ver- 
wandlungen bewirken eine Loslosung der Willenskrafte 
von dem physischen und atherischen Organismus. Man 
bindet den Willen an den astralischen Organismus und 
an die wahre Gestalt des «Ich» und versenkt diese beiden 
dadurch bewufit in die Geisteswelt. 

In der modernen geistigen Entwickelung der Mensch- 
heit hat sich erst das ausgebildet, was man abstraktes 
Denken nennen kann. Der Mensch fruherer Entwik- 
kelungsepochen hatte dieses Denken nicht. Es ist aber 
notwendig zur Entwickelung der menschlichen Freiheit. 
Denn es lost die Kraft des Denkens von der Bildform 
los. Man erreicht die Moglichkeit, durch den physischen 
Organismus zu denken. Ein solche s Denken wurzelt aber 
nicht in einer wirklichen Welt. Es ist nur in einer Schein- 
welt enthalten. In dieser Scheinwelt kann man die Na- 
turvorgange abbilden, ohne daft der Mensch in diese 
Bilder von sich aus etwas hineinlegt. Man gelangt zu ei- 
nem Abbilde der Natur, das als Abbild [nicht] wirklich 
sein kann, weil das Leben im denkerischen Abbild in sich 
selbst nicht Wirklichkeit, sondern nur Schein ist. In dieses 
Scheindenken konnen aber auch die moralischen Impulse 
so aufgenommen werden, da£ sie auf den Menschen 
keinen Zwang ausuben. Die moralischen Impulse selbst 
sind wirklich, weil sie aus der Geisteswelt stammen; die 
Art, wie sie der Mensch in seiner Scheinwelt erlebt, macht 
es ihm moglich, sich fre i n&ch ihnen zu bestimmen, oder 
nicht zu bestimmen. Sie selbst iiben weder durch 



seinen Kdrper, noch durch seine Seele auf ihn einen 
Zwang aus. 

So schreitet die Menschhek vorwarts, indem dasjenige 
Denken, das in alten Zeiten ganz an die unbewulke ima- 
ginierte, inspirierte und intuitive Erkenntnis gebunden 
war und in dem die Gedanken so geoffenbart wurden wie 
die Imagination, Inspiration und Intuition selbst, zum 
abstrakten Denken wird, das durch den physischen Or- 
ganismus ausgefuhrt wird. In diesem Denken, das ein 
Scheinleben hat, weil es geistige Substanz ist, in die phy- 
sische Welt versetzt, erlebt der Mensch die Moglichkeit, 
eine objektive Naturerkenntnis und seine moralische Frei- 
heit zu entwickeln. (Das Nahere dariiber findet man in 
meiner «Philosophie der Freiheit», in meinen Schriften 
«Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?», 
«Theosophie», «Geheimwissenschaft» usw.) Aber um wie- 
der zu einer Mensch -umfassenden Philosophie, Kosmo- 
logie und Religion zu kommen, ist notwendig, bewufet - 
also im Gegensatz zu dem alten traumhaften Hellsehen - 
in das Gebiet eines exakten Hellsehens in Imagination, 
Inspiration und Intuition einzutreten. Im Gebiete des 
abstrakten Vorstellungslebens erreicht der Mensch seine 
Vollbewufithek. Es obliegt ihm im weiteren Menschheks- 
fortschritt, die Vollbewulkheit in die Erfahrungen aus 
der geistigen Welt hineinzutragen. Darin mufi der wahre 
Menschheitsfortschritt in die Zukunft hinein bestehen. 



Ill 

IMAGINATIVE, INSPIRIERTE UND 
INTUITIVE ERKENNTNISMETHODE 



Beim Eintreten in die imaginative Erkenntnis nimmt das 
Innenleben des Menschen eine andere Form an, als die 
des gewohnlichen Bewufitseins ist. Und auch das Verhalt- 
nis des Menschen zur Welt andert sich. ~ Man hat diese 
Anderung durch das Konzentrieren aller Seelenkrafte auf 
einen leicht iiberschaulichen Vorstellungskomplex her- 
beigefiihrt. Leicht iiberschaulich mufi dieser sein, damit 
nichts von einem unbewufiten Vorgang in die Medita- 
tion hineinspielt. In dieser mufi alles nur innerhalb des 
Seelisch-Geistigen verlaufen. Wer ein mathematisches 
Problem durchdenkt, der kann ziemlich sicher sein, daft 
er dabei nur das Seelisch-Geistige engagiert. Unbewufite, 
gefuhls- oder willensbeeinflufite Vorstellungsreminiszen- 
zen werden da nicht hineinspielen. So mufi es im Medi- 
tieren sein. Nimmt man hierzu eine Vorstellung, die man 
aus der Erinnerung herausholt, so kann man gar nicht 
wissen, wieviel aus dem Korperlichen, Instinktiven, dem 
Unbewufk-Seelischen man zugleich in das Bewufitsein 
hereinholt und beim Ruhen auf der Vorstellung zur see- 
lischen Wirksamkeit bringt. - Es ist daher am besten, 
wenn man zum Meditationsinhalt etwas wahlt, von dem 
man sicher ist, dafi es der Seele ganz neu ist. Lafit man sich 
darinnen von einem erfahrenen Geistesforscher raten, 
so wird er vor allem darauf Riicksicht nehmen. Er wird 
einen Meditationsinhalt vorschlagen, der ganz einfach ist 
und den man ganz gewifi noch niemals gedacht haben 
kann. Es kommt dabei nicht darauf an, dafi der Inhalt 



einem schon erfahrenen oder iiberhaupt einem Tatbe- 
stande der Sinnenwelt entspricht. Man kann zu einer 
bildhaften Vorstellung greifen, die nichts Auflerliches ab- 
bildet, zum Beispiel «im Lichte lebt stromend Weisheit». 
Es kommt auf das Ruhen auf einem solchen Vorstellungs- 
komplex an. Bei diesem Ruhen verstarken sich die geistig- 
seelischen Krafte, wie sich die Muskelkrafte beim Ver- 
richten einer Arbeit verstarken. Auf einmal kann die Me- 
ditation kurz sein; sie mull aber durch lange Zeiten wie- 
derholt werden, wenn ein Erfolg eintreten soli. Je nach 
der Veranlagung kann dieser Erfolg bei der einen Per- 
sonlichkeit schon nach Wochen, bei der andern erst nach 
Jahren eintreten. Will jemand wirklicher Geistesforscher 
werden, so mufi er solche Ubungen in streng systemati- 
scher, intensiver Art machen. Zunachst wird durch ein 
Meditieren in der hier angedeuteten Art das erreicht wer- 
den, daft der Medkierende durch sein Innenleben eine 
Kontrolle von grofterer Sicherheit uber die Aussagen eines 
Geistesforschers hat als der gewohnliche gesunde Men- 
schenverstand. Doch reicht auch dieser, wenn er genug 
unbefangen und vorurteilslos ist, zu einer solchen Kon- 
trolle durchaus aus. 

Dem Meditieren mufi zu Hilfe kommen die Ubung in 
der Charakterstarke, inneren Wahrhaftigkeit, Ruhe des 
Seelenlebens, volliger Besonnenheit. Denn nur wenn die 
Seele von diesen Eigenschaften durchzogen ist, wird sie 
das, was im Meditieren als ein Vorgang sich bildet, der 
ganzen menschlichen Organisation allmahlich einpragen. 

Ist durch solches Uben der richtige Erfolg eingetreten, 
dann erlebt man sich im atherischen Organismus. Das 



Gedankenerlebnis erhalt eine neue Form. Man erlebt die 
Gedanken nicht nur in der abstrakten Form wie fruher, 
sondern so, daft man in ihnen Krafte fuhlt. Die vorher 
erfahrenen Gedanken konnen nur gedacht werden; sie 
haben keine Macht zu einer Aktivitat. Die Gedanken, die 
man jetzt erlebt, haben eine Macht wie die Wachstums- 
krafte, die den Menschen vom kleinen Kinde zum Er- 
wachsenen umbilden. Eben deshalb aber ist es not- 
wendig, daft die Meditation in rich tiger Art ausgefiihrt 
wird. Denn greifen in sie unterbewufite Krafte ein, ist sie 
nicht ein in voller Besonnenheit rein seelisch-geistig ver- 
laufender Akt, so werden Impulse entwickelt, die so 
wie die natiirlichen Wachstumskrafte in den eigenen 
menschlichen Organismus eingreifen. Das darf in keiner 
Art geschehen. Der eigene physische und atherische Or- 
ganismus mufi durch die Meditation voilig unberiihrt 
bleiben. Man kommt bei rich tiger Meditation dazu, mit 
dem neu entwickelten Gedanken-Krafte-Inhalt aufierhalb 
des eigenen physischen und atherischen Organismus zu 
leben. Man hat das Ather-Erleben; und der eigene Orga- 
nismus gelangt zu dem personlichen Erleben in ein Ver- 
haltnis einer relativen Objektivitat. Man schaut ihn an, 
und er strahlt in Gedankenform zuriick, was man im 
Ather erlebt. 

Gesund ist dieses Erleben, wenn man in den Zustand 
kommt, durch den man in voilig freier Willkur abwech- 
seln kann zwischen einem Dasein im Ather und einem 
solchen in seinem physischen Leibe. Liegt etwas vor, was 
einen in das Atherdasein hineinzwingt, dann ist der Zu- 
stand kein richtiger. Man mufi in sich und aufter sich nach 
voilig freier Orientierung sein konnen. 



Das erste Erlebnis, das man durch eine solche innere 
Arbeit sich erringen kann, ist die Anschauung des eigenen 
verflossenen Erdenlebenslaufes. Man schaut denselben, 
wie er durch die Wachstumskrafte von Kindheit auf ge- 
formt worden ist. Wie in Gedankengebilden, die zu 
Wachstumskraften verdichtet sind, schaut man ihn an. 
Man hat nicht etwa blofi die Erinnerungsbilder des eige- 
nen Lebens vor sich. Man hat Bilder von einem atheri- 
schen Tatsachenverlauf vor sich, der sich in der eigenen 
Wesenheit abgespielt hat, ohne daft er in das gewohnliche 
Bewulksein eingetreten ist. Was im Bewufitsein ist und in 
der Erinnerung lebt, das ist nur die abstrakte Begleit- 
erscheinung des realen Verlaufes. Es ist gewissermafien 
nur eine obere Welle, die in ihrer Formung ein Ergebnis 
des Tiefenvorganges ist. Man iiberschaut das Weben 
und Wirken des eigenen Atherorganismus im Zeitverlauf 
des Erdenlebens. 

In der Anschauung dieses Verlaufes offenbart sich das 
Wirken des atherischen Kosmos auf den Menschen. Was 
da gewirkt wird, das kann man als Inhalt der Philosophic 
erleben. Es ist Weisheit, aber nicht in der abstrakten Form 
des Begriffes, sondern als Form des Atherwirkens im 
Kosmos. 

Fur das gewohnliche Bewulksein ist nur das ganz kleine 
Kind, das noch nicht sprechen gelernt hat, in demselben 
Verhaltnis zum Kosmos wie der regelrecht Imaginierende. 
Aber dieses Kind hat noch nicht aus den allgemeinen 
Wachstums- (atherischen) Kraften die Gedankenkrafte 
abgesondert. Das geschieht erst im Sprechenlernen. Da 
sondern sich aus den vorher vorhandenen nur allgemeinen 
Wachstumskraften die abstrakten Gedankenkrafte ab. 



Der Mensch in seinem spateren Lebensverlaufe hat diese 
abstrakten Gedankenkrafte; aber sie sind nur am physi- 
schen Organismus; sie sind nicht in das Atherdasein auf- 
genommen. Der Mensch kann daher das Verhaltnis, das er 
zum Ather hat, sich nicht zum Bewulksein bringen. Der 
imaginierende Mensch lernt dieses. 

Das ganz kleine Kind ist ein unbewulker Philosoph; 
der imaginierende Philosoph ist wieder das kleine Kind, 
aber zum vollen Bewulksein erwacht. 

Durch die Inspirationsiibung wird zu den vorher ent- 
wickelten Fahigkeiten eine neue hinzugebracht, namlich 
Bilder, auf denen man in der Meditation geruht hat, wie- 
der aus dem Bewulksein fortzuschaffen. Es mufi ausdriick- 
lich betont werden, daft hier die Fahigkeit entwickelt 
werden muli, vorher willkurlich in der Meditation er- 
griffene Bilder fortzuschaffen, und zwar wieder in vollig 
freier Willkur. Das Fortschaffen von Vorstellungen, die 
nicht durch freie Willkur in das Bewulksein versetzt 
worden sind, geniigt nicht. Es ist eine groltere seelische 
Energie notwendig zum Fortschaffen von Bildern, die in 
der Meditation erworben sind, als zum Ausloschen von 
Vorstellungen, die in anderer Art in das Bewulksein ge- 
kommen sind. Und diese groltere Energie braucht man 
zum Fortschreiten in ubersinnlicher Erkenntnis. 

Man gelangt dazu, ein waches, aber ganz leeres Seelen- 
leben auf diese Art sich zu erringen. Man beharrt in 
wachem Bewulksein. Erlebt man diesen Zustand in volli- 
ger Besonnenheit, dann erfullt sich die Seele mit den gei- 
stigen Tatsachen, wie sie sich durch die Sinne mit den 
physisch-sinnlichen erfullt. Das ist der Zustand der Inspi- 



ration. Man erlebt sich mit einem Innenleben im Kosmos, 
wie man sich sonst mit einem solchen Innenleben in dem 
physischen Organismus erlebt. Aber man weifi, dafl man 
das kosmische Leben in sich erlebt, dafi die geistigen 
Dinge und Vorgange des Kosmos sich als eigenes inneres 
Seelenleben offenbaren. Es mufi nun die Moglichkeit ge- 
blieben sein, dieses innere Erleben des Kosmos stets mit 
dem Zustande des gewohnlichen Bewulkseins in freier 
Willkiir zu vertauschen. Dann kann man, was man in der 
Inspiration erlebt, stets auf etwas beziehen, was man im 
gewohnlichen Bewulksein erlebt. Man schaut in dem 
sinnlich wahrgenommenen Kosmos ein Abbild des gei- 
stig Erlebten. Der Vorgang lafk sich dem vergleichen, 
durch den man eine neue Erfahrung des Lebens mit 
einem Erinnerungsbilde vergleicht, das im Bewulksein 
auftaucht. Die geistige Anschauung, die man erlangt, 
ist wie die neue Erfahrung, und die sinnliche Anschau- 
ung des Kosmos ist wie das Erinnerungsbild. 

Die geistige Anschauung, die man in dieser Art von 
dem Kosmos erlangt, ist verschieden von der imagina- 
tiven. Bei dieser entstehen allgemeine Bilder eines athe- 
rischen Geschehens; bei der Inspiration ergeben sich Bil- 
der von geistigen Wesenheiten, die in diesem atherischen 
Geschehen walten. Was man als Sonne und Mond, als 
Planeten und Fixsterne in der physisch-sinnlichen Welt 
kennengelernt hat , findet man als kosmische Wesenheiten 
wieder. Und das eigene seelisch-geistige Erleben erscheint 
in den Kreis des Waltens dieser kosmischen Wesenswelt 
eingeschlossen. Der physische Organismus des Menschen 
wird jetzt erst verstandlich, denn zu seiner Form und 
seinem Leben wirkt nicht nur das, was die Sinne des Men- 



schen iiberschauen, sondern die Wesenheiten, die in den 
Tatsachen der Sinnenwelt schaffend waken. Alles, was so 
durch die Inspiration erlebt wird, bleibt dem gewohn- 
lichen Bewulksein vollig verschlossen. Es wiirde dem 
Menschen nur bewuflt sein, wenn er seinen Atmungs- 
prozefi so erlebte wie den Wahrnehmungsprozefi. Fur das 
gewohnliche Bewufitsein bleibt das kosmische Walten 
zwischen Mensch und Welt verborgen. Die Yoga-Philo- 
sophie sucht auf dem Wege zu einer Kosmologie zu kom- 
men, dafi sie den Atmungsprozefi in einen Wahrneh- 
mungsprozeft umwandelt. Das sollte der abendlandische 
Mensch der modernen Zeit nicht nachahmen. Er ist im 
Laufe der Menschheitsentwickelung in eine Organisation 
eingetreten, die solche Yoga-Ubungen bei ihm aus- 
schlieflt. Er wiirde durch dieselben sich nie ganz von sei- 
nem Organismus loslosen und dadurch der Forderung 
nicht geniigen, den physischen und den atherischen Or- 
ganismus unberiihrt zu lassen. Solche Ubungen entspra- 
chen einer abgelaufenen Epoche der Menschheitsentwik- 
kelung. Was aber durch sie erreicht wurde, mufi so errun- 
gen werden, wie dies soeben fur die inspirierte Erkenntnis 
beschrieben worden ist. Dadurch wird vollbewufk erlebt, 
was in abgelaufener Zeit von der Menschheit in wachen 
Traumen erlebt werden mufite. 

Ist der Philosoph ein vollbewufttes Kind, so muft der 
Kosmologe in vollbewufiter Art ein Mensch der Vorzeit 
werden, einer Zeit, in der der Geist des Kosmos noch 
durch natiirliche Fahigkeiten angeschaut werden konnte. 

In der Intuition wird durch die schon das letzte Mai ge- 
schilderte Willensubung der Mensch mit seinem Bewufit- 



sein ganz in die objektive Welt der kosmischen geistigen 
Wesenheiten hineinversetzt. Er erlangt einen Erlebnis- 
zustand, den nur die Urmenschheit auf Erden hatte. Diese 
war mit dem Innensein der kosmischen Umgebung so ver- 
bunden wie mit den Vorgangen des eigenen Korpers. 
Diese Vorgange waren nicht vollig im Unbewufiten wie bei 
dem neuzeitlichen Menschen. Sie spiegelten sich in der 
Seele. Der Mensch erlebte seelisch sein Wachstum, seinen 
Stoffwechsel wie in wachen Traumbildern. Und was er in 
solcher Art erlebte, das befahigte ihn, auch die Vorgange 
seiner kosmischen Umgebung traumhaft-fuhlend mit 
ihrem geistigen Innensein wahrzunehmen. Er hatte eine 
traumhafte Intuition, von der heute in besonders veran- 
lagten Menschen nur ein Nachklang vorhanden ist. Die 
Umwelt war fur das Bewufitsein des Urmenschen zugleich 
materiell und geistig. Was da halb traumhaft erlebt wor- 
den ist, war fur den Urmenschen die religiose Offenba- 
rung. Fur ihn war diese eine geradlinige Fortsetzung seines 
iibrigen Menschenlebens. Diese von der Urmenschheit 
traumhaft gewufken Erlebnisse in der Geisterwelt bleiben 
dem neuzeitlichen Menschen vollig unbewulk. Der iiber- 
sinnlich intuitiv Erkennende bringt sie sich zum vollen 
Bewufksein. Er wird dadurch auf eine neue Art in den 
Zustand der Urmenschheit zuriickversetzt, fur die das 
Weltbewufksein noch den religiosen Inhalt abgab. 

Wie der Philosoph zum vollbewufiten Kinde, der Kos- 
mologe zum vollbewufiten Menschen einer abgelaufenen 
mittleren Menschheitsepoche, so wird der im modernen 
Sinne religios Erkennende wieder ahnlich dem Urmen- 
schen, nur dafi er in seiner Seele die geistige Welt nicht 
wie dieser traumhaft, sondern vollbewulk erlebt. 



IV 

ERKENNTNIS- UND WILLENSUBUNGEN 



Fiir die Entwickelung des inspirierten Erkennens wurde 
gesagt, daft eine grundlegende Ubung ist, Bilder, die im 
Meditier en oder in der Folge des Meditationsvorganges im 
Bewufttsein entstanden sind, aus dem Bewulksein fort- 
zuschaffen. Diese Ubung ist aber zunachst eigentlich 
nur eine Voriibung fiir eine andere. Man gelangt durch 
dieses Fortschaffen dazu, den eigenen Lebenslauf so zu 
iiberschauen, wie das in der letzten Betrachtung darge- 
stellt worden ist. Man gelangt auch zu einer Anschauung 
des geistigen Kosmos, insofern sich dieser in einem athe- 
rischen Geschehen auslebt. Man erhalt, auf den Menschen 
projiziert, ein Bild des atherisch lebenden Kosmos. Man 
sieht, wie alles, was man zur Vererbung rechnen kann, 
von den physischen Organismen der Vorfahren auf die 
physischen Organismen der Nachkommen in einem fort- 
laufenden Geschehen iibergeht. Man schaut aber auch, 
wie sich fiir die Tatsachen des atherischen Organismus 
eine fortwahrend neue Wirkung des atherischen Kosmos 
einstellt. Diese Wirkung stellt sich der Vererbung entge- 
gen. Sie ist eine solche, die nur den individuellen Men- 
schen betrifft. In diese Dinge Einsicht zu haben, ist ganz 
besonders fur den Erzieher wichtig. 

Um weiterzukommen in iibersinnlicher Erkenntnis, ist 
notwendig, die Ubung des Fortschaffens der imaginativen 
Bilder immer mehr auszubilden. Man verstarkt dadurch 
die Seelenenergie fur dieses Fortschaffen. Denn zunachst 
erreicht man nur eine Uberschau iiber den Lebenslauf seit 
der Geburt. Man hat da zwar ein Seelisch-Geistiges des 



Menschen vor sich, aber ein solches, von dem man nicht 
sagen kann, daft es ein Dasein iiber das physische Leben 
des Menschen hinaus hat. 

In der Weiterfuhrung dieser Ubungen fur die Inspi- 
ration zeigt sich, daft die Kraft des Fortschaffens fur die 
imaginativen Bilder immer grofter wird. Sie wird dann im 
weiteren so groft, daft man auch das Totalbild des eigenen 
Lebenslaufes aus dem Bewufttsein fortschaffen kann. Man 
hat dann ein auch von dem Inhalte der eigenen physischen 
und atherischen Menschenwesenheit befreites Bewufttsein . 

In dieses in einem hoheren Grade leeres Bewufttsein 
tritt dann durch eine hohere Inspiration ein Bild von der 
seelisch-geistigen Wesenheit, so wie diese war, bevor der 
Mensch aus einer seelisch-geistigen Welt in die physische 
eingetreten ist und da sich mk dem Korper vereinigt hat, 
der durch Empfangnis und Keimesentwickelung entsteht. 
Man erhalt eine Anschauung davon, wie die astralische 
und Ich-Organisation sich einkleidet in eine atherische, 
die aus dem atherischen Kosmos stammt, und in eine phy- 
sische, die in der physischen Vererbungsfolge entsteht. 

Erst auf diese Art erhalt man die Erkenntnis von dem 
ewigen Wesenskern des Menschen, der sich wahrend des 
Erdendaseins in dem Abglanz des Vorstellens, Fuhlens 
und Wollens der Seele auslebt. Man erhalt aber auch da- 
durch die Idee von der wahren Natur des Vorstellens. 
Dieses ist namlich innerhalb des Erdendaseins gar nicht in 
seiner wahren Gestalt vorhanden. 

Man sehe sich einen menschlichen Leichnam an. Er hat 
die Form, die Ghederung des Menschen. Das Leben ist aus 
ihm geschwunden. Versteht man das Wesen des Leich- 
nams , so halt man ihn nicht fur etwas Ursprungliches . Man 



erkennt ihn als Rest des lebenden physischen Menschen. 
Die Krafte der aufleren Natur, denen der Leichnam iiber- 
liefert wird, konnen ihn wohl zerstoren; sie konnen ihn 
aber nicht aufbauen. - In ahnlicher Art erkennt man, auf 
einer hoheren Stufe der Anschauung, das menschliche 
Erden-Denken als den leichnamartigen Rest dessen, was 
das Denken als Lebendiges war, bevor der Mensch aus 
seinem Erleben in der geistig-seelischen Welt in das 
Erdendasein iibergetreten ist. Die Wesenheit des irdischen 
Denkens ist aus sich selbst ebensowenig begreiflich wie 
die Form des menschlichen Organismus aus den Kraf- 
ten, die im Leichnam waken. Man mufi das irdische Denken 
als ein totes erkennen, wenn man es recht erken- 
nen will. 

Ist man auf dem Wege zu einem solchen Erkennen, 
dann kann man auch die Wesenheit des irdischen Wol- 
lens durchschauen. Man erkennt dieses als einen in einer 
gewissen Art jiingeren Bestandteil der Seele. Was sich 
hinter dem Wollen verbirgt, steht zu dem Denken in 
einer solchen Beziehung, wie fur den physischen Orga- 
nismus das ganz junge Kind zu dem ersterbenden Greise. 
Nur ist es fur die Seele so, dafi Kindheit und Greisenalter, 
ja leichnamartiges Dasein, nicht nacheinander sich ent- 
wickeln, sondern nebeneinander bestehen. 

Man sieht aber aus dem Dargelegten gewisse Folgen 
fur eine Philosophie, die ihre Ideen nur aus dem Erleben 
des Erdendaseins heraus gestalten will. Sie erhalt zuihrem 
Inhalte nur tote oder wenigstens ersterbende Ideen. Ihre 
Obliegenheit kann daher nur sein, den toten Charakter 
der Gedankenwelt zu erkennen und von dem Toten auf 
ein vorher vorhanden gewesenes Lebendiges zu schliefien. 



Insofern man in der begrifflkh-beweisenden Methode des 
physischen Menschen bleibt, kann man gar nichts anderes 
wollen. Diese bloft intellektualistische Philosophic kann 
zu dem wahren Wesen der Seele daher nur auf eine in- 
direkte Art gelangen. Sie kann die Natur des mensch- 
lichen Denkens untersuchen und das Ersterbende dessel- 
ben erkennen. Dann kann sie indirekt beweisen, daft das 
Tote auf ein Lebendiges hindeutet wie der Leichnam auf 
einen lebenden Menschen. 

Zu einer wirklichen Anschauung des wahrhaft Seeli- 
schen kann nur die inspirierte Erkenntnis kommen. 
Durch die Seeleniibungen fur die Inspiration wird der 
Denk-Leichnam wieder in einem gewissen Sinne belebt. 
Man wird zwar nicht vollstandig zuriickversetzt in den 
Zustand vor dem Beginn des Erdendaseins; aber man be- 
lebt in sich ein wahres Bild dieses Zustandes, aus dessen 
Wesenheit man erkennen kann, daft es aus einem vor- 
irdischen Dasein in das Erdendasein hereingestrahlt wird. 

Durch die Ausbildung der Intuition in Willensiibun- 
gen ergibt sich, daft im Unterbewuftten das im Denken er- 
storbene vor-irdische Dasein wahrend des Erdendaseins 
wieder belebt wird. Durch diese Willensubungen wird 
der Mensch in einen Zustand versetzt, durch den eraufter- 
halb seines physischen und atherischen Organismus in die 
Welt des Geistigen eingeht. Er erhalt das Erlebnis des Da- 
seins nach Ablosung vom Korper. Damit ist ihm eine Vor- 
Anschauung von dem gegeben, was im Tode wirklich ein- 
tritt. Er kann aus dieser Anschauung heraus iiber die Fort- 
dauer des Seelisch-Geistigen nach dem Durchgange durch 
den Tod sprechen. 



Die rein intellektualistische Begriffsphilosophie kann 
zu einer Anerkennung der Seelenunsterblichkeit wieder 
nur auf indirektem Wege gelangen. Sie kann, wie sie im 
Denken etwas Leichnamartiges erkennt, in dem Wollen 
etwas Keimhaftes feststellen, etwas, das ein in sich be- 
stehendes Leben hat, welches iiber die Korperauflosung 
hinausweist, weil sich seine Wesenheit auch schon wah- 
rend des Erdendaseins als von diesem unabhangig zeigt. 
Auf diese Art, indem man nicht beim Denken stehen- 
bleibt, sondern das gesamte Seelenleben zum Selbst-Er- 
lebnis macht, kann man zu einer indirekten Anerkennung 
des ewigen menschlichen Wesenskernes gelangen. Man 
muli dazu seine Betrachtung nicht auf das Denken be- 
schranken, sondern das Wechselspiel des Denkens mit 
den andern Seelenkraften der philosophischen Beweis- 
methode unterwerfen. Man kommt damit aber doch nur 
zu einem Erleben des ewigen menschlichen Wesens- 
kernes, so wie er im Erdendasein ist, nicht zu einer An- 
schauung des Zustandes vom menschlichen Geistig-See- 
lischen vor und nach dem Erdendasein. In dieser Lage ist 
z. B. die Bergsonsche Philosophic, die auf einem um- 
fassenden Selbsterleben dessen fulk, was im Erdendasein 
ergriffen werden kann, die aber das Gebiet der wirklichen 
ubersinnlichen Erkenntnis doch nicht betreten will. 

Alle Philosophie, die blofi innerhalb des gewohn- 
lichen Bewufkseins stehenbleiben will, kann nur eine in- 
direkte Erkenntnis des wahren Wesens der Menschen- 
seele erlangen. 

Kosmologie in einer Art, dafi durch sie auch die ge- 
samte menschliche Wesenheit mitumfalk wird, kann nur 



durch die imaginative, inspirierte und intuitive Erkennt- 
nis erlangt werden. Innerhalb des gewdhnlichen Bewuftt- 
seins liegen ihr nur die Zeugnisse fur das ersterbende und 
keimhaft wiedererwachende menschliche Seelenleben 
vor. Aus diesem Tatbestand kann sie sich bei unbefan- 
gener Betrachtung Ideen bilden, die auf Kosmisches hin- 
deuten und ein solches erschlieften lassen. Allein diese 
Ideen sind eben doch nur dasjenige, was aus dem gei- 
stigen Kosmos in das Menschen-Innere hereinstrahlt und 
skh dazu auch noch innerhalb des Menschen in ver- 
anderter Form zeigt. Die Philosophic hatte in fruheren 
Zeiten zwar noch einen Teil, der als Kosmologie auf- 
trat. Allein der wirkliche Inhalt dieser Kosmologie waren 
sehr abstrakt gewordene Ideen, die sich traditionell aus 
alten Formen der Kosmologie erhalten hatten. Die 
Menschheit hatte diese Ideen ausgebildet, als noch eine 
alte traumhafte Imagination, Inspiration und Intuition 
vorhanden waren. Man entnahm diese Ideen der Tra- 
dition und faftte sie in das Gewebe des rein intellek- 
tuellen logischen oder dialektischen Beweisens. Man war 
sich dabei oft gar nicht bewuftt, daft man diese Ideen 
iiberkommen hatte. Man hielt sie fur selbsterzeugt. All- 
mahlich fand man, daft im neueren Geistesleben kein 
wirklicher innerer Lebenszusammenhang mit diesen 
Ideen vorhanden ist. Deshalb kam diese «rationelle 
Kosmologie» fast ganz in Miftkredit. Sie muftte das Feld 
raumen der aus den rein physisch-sinnlichen Natur- 
erkenntnissen aufgebauten physischen Kosmologie, die 
aber fur eine unbefangene Beobachtung den Menschen 
nicht mehr mitumfaftt. 

Eine wahre Kosmologie wird erst wieder entstehen 



konnen, wenn Imagination, inspirierte und intuitive Er- 
kenntnis gelten gelassen und ihre Ergebnisse fur die Er- 
kenntnis der Welt verwertet werden. 

Fur die Erkenntnis auf dem Religionsgebiete gilt in 
noch hoherem Grade dasjenige, was fur die Kosmologie 
gesagt werden mulke. Auf dem Religionsgebiete mussen 
Erkenntnisse erworben werden, die aus einem Erleben der 
geistigen Welt stammen. Ein Schlieften auf solche Erleb- 
nisse aus dem Inhalte des gewohnlichen Bewufkseins ist 
nicht moglich. In intellektuellen Begriffen kann der Reli- 
gionsinhalt nicht erschlossen, sondern nur verdeutlicht 
werden. Als man anfing, nach Gottesbeweisen zu suchen, 
war dieses Suchen selbst schon ein Beweis dafur, dafi 
man den lebendigen Zusammenhang mit der gottlichen 
Welt verloren hatte. Deshalb kann auch kein intellek- 
tualistischer Gottesbeweis in einer befriedigenden Weise 
gefuhrt werden. In traditionell iibernommenen Ideen, 
die nur durch die eigene Denkarbeit in ein System ge- 
bracht werden, mufl jede blofi auf das gewohnliche Be- 
wulksein bauende Theologie arbeiten. Friiher haben die 
Philosophen auch eine «rationelle Theologie» aus diesem 
gewohnlichen Bewufitsein heraus gewinnen wollen. 
Allein diese ist der auf traditionellen Ideen ruhenden 
Theologie gegeniiber in einem noch hoheren Grade als 
die «rationelle Kosmologie» deren Schicksal verfallen. 
Was aber aufgetaucht ist als unmittelbares «Gott-Er- 
leben», das bleibt in der Gefuhls- oder Willenswelt und 
vermeidet es sogar, zu irgendeiner begrifflich beweisen- 
den Methode iiberzugehen. Die Philosophic selbst ist 
darauf verfallen, in einer bloflen Religionsgeschichte be- 



standene und bestehende Religionsformen zu betrachten. 
Sie tut dieses aus der Ohnmacht heraus, durch das ge- 
wohnliche Bewufttsein zu Ideen iiber das zu kommen, 
was nur auflerhalb des physischen und atherischen Orga- 
nismus erlebt werden kann. 

Eine neue Erkenntnisgrundlage des religidsen Lebens 
kann nur gewonnen werden durch Anerkennung der ima- 
ginativen, inspirierten und intuitiven Erkenntnismetho- 
den und durch Verwertung von deren Ergebnissen fur 
dieses Leben. 



V 

SCHLAFERLEBNISSE DER SEELE 



Man spricht heute vom «Unbewufiten» oder «Unterbe- 
wulken», wenn man andeuten will, daft die Seelenerleb- 
nisse des gewohnlichen Bewufitseins - Wahrnehmen, 
Vorstellen, Fiihlen und Wollen - von einem Dasein ab- 
hangig sind, das von diesem Bewulksein nicht umfalk 
wird. Diejenige Erkenntnis, die sich nur auf diese Erleb- 
nisse stiitzen will, kann wohl durch logische Schlufifolge- 
rungen auf ein solches «Unterbewufaes» hinweisen; sie 
mull sich aber mit diesem Hinweis begniigen. Zu einer 
Charakteristik des Unbewulken kann sie nichts beitragen. 

Die in den vorangehenden Betrachtungen geschilderte 
imaginative, inspirierte und intuitive Erkenntnis vermag 
eine solche Charakteristik zu geben. Diesmal soli das ver- 
sucht werden fur die Seelenerlebmsse, welche der Mensch 
wahrend des Schlafes durchmacht. 

Die Schlaferlebnisse der Seele treten in das gewohn- 
liche Bewufitsein nicht ein, weil dieses auf der Grundlage 
der korperlichen Organisation entsteht. Wahrend des 
Schlafes ist aber das seelische Erleben ein auflerkorper- 
liches. Wenn die Seele beim Erwachen beginnt, mit Hilfe 
des Korpers vorzustellen, zu fiihlen, zu wollen, kniipft sie 
in ihrem Erinnern an diejenigen Erlebnisse an , die vor dem 
Einschlafen auf der Grundlage der korperlichen Organisa- 
tion sich abgespielt haben. Vor der Imagination, Inspira- 
tion, Intuition erst treten die Schlaferlebnisse auf. Sie 
stellen sich nicht wie in einer Erinnerung dar, sondern wie 
in einem seelischen Hinschauen auf sie. 

Ich werde nun zu schildern haben, was in diesem Hin- 



schauen sich offenbart. Weil dieses dem gewohnlichen Be- 
wufltsein eben verborgen ist, so mufi fur dasselbe, wenn es 
unvorbereitet an eine solche Schilderung herantritt, diese 
sich naturgemaft grotesk ausnehmen. Aber die vorange- 
henden Darstellungen haben ja gezeigt, daft eine solche 
Schilderung moglich, und wie sie aufzufassen ist. Ich wer- 
de daher , trotzdem iiber sie von der einen oder andern Seite 
sogar gespottet werden kann, sie einfach so geben, wie sie 
aus den gekennzeichneten Bewuikseinszustanden erfliefk. 

Zunachst im Einschlafen befindet sich der Mensch in 
einem innerlich unbestimmten, undifferenzierten Sein. 
Es wird da kein Unterschied erlebt zwischen dem eigenen 
Sein und dem Sein der Welt; auch nicht ein solcher zwi- 
schen einzelnen Dingen oder Wesenheiten. Der Mensch 
ist in einem allgemeinen, nebelhaften Dasein. In das ima- 
ginative Bewufttsein heraufgehoben, stellt sich dieses Er- 
leben als ein Sich-Erfuhlen dar, in dem das Erfiihlen der 
Welt mitenthalten ist. Der Mensch ist aus dem Sinnensein 
ausgetreten und noch nicht deutlich in eine andere Welt 
hineinversetzt. 

Es werden im weiteren nun Ausdriicke gebraucht wer- 
den miissen, wie «Fuhlen», «Sehnsucht» usw., die auch 
im gewohnlichen Leben auf ein Bewufites bezogen wer- 
den. Und doch soil durch sie hingewiesen werden auf Vor- 
gange, die fur das gewohnliche Seelenleben unbewuEt 
bleiben. Aber die Seele erlebt sie als reaie Tatsachen wah- 
rend des Schlafens. Man denke daran, wie im Alltagsleben 
z. B. Vreude im Bewulksein erlebt wird. Im Korperlichen 
spielt sich da eine Erweiterung der feinen Blutgefafie und 
anderes ab. Diese Erweiterung ist eine reale Tatsache. Im 
Bewufitsein wird bei ihrem Ablaufen Freude erlebt. So 



wird von der Seele wahrend des Schlafens Reales erlebt; im 
folgenden soil dieses durch die Ausdrikke geschildert wer- 
den, die auf das entsprechende Erleben des imaginativen, 
inspirierten und intuitiven Bewufitseins sich beziehen. 
Wenn z. B. von «Sehnsucht» gesprochen wird, so ist ein 
tatsachlicher Seelenvorgang gemeint, der imaginativ als 
Sehnsucht sich offenbart. Es werden also die unbewufken 
Seelenzustande und Seelenerlebnisse so geschildert wer- 
den, als ob sie bewufk waren. 

Gleichzeitig mit dem Erfiihlen des Unbestimmten, 
Undifferenzierten, stellt sich in der Seele eine Sehnsucht 
ein nach einem Ruhen in einem Geistig-Gottlichen. Die 
Menschenseele entwickelt diese Sehnsucht als die Gegen- 
kraft gegen das Verlorensein im Unbestimmten. Sie hat 
das Sinnensein verloren und begehrt nach einem Sein, das 
sie aus der geistigen Welt heraus tragt. 

In den soeben geschilderten Seelenzustand wirken die 
Traume hinein. Sie durchsetzen das Unbewufke mit halb- 
bewulken Erlebnissen. Die wahre Gestalt der Schlaferleb- 
nisse wird durch die gewohnlichen Traume nicht deut- 
licher, sondern noch undeutlicher. Auch fur das imagina- 
tive Bewulksein tritt diese Undeutlichkeit ein, wenn die- 
ses in seiner Reinheit durch unwillkurlich auftauchende 
Traume gestort wird. Die Wahrheit schaut man jenseits 
des wachen und auch jenseits des Traumeslebens durch 
diejenige Seelenverfassung, die im freien Willen durch 
die in den vorigen Darstellungen beschriebenen Seelen- 
iibungen herbeigefuhrt wird . 

Der nachste Zustand, den die Seele erlebt, ist wie ein 
Aufgeteiltsein ihres Selbstes in voneinander differenzierte 



innere Geschehnisse. Die Seele erlebt sich in dieser Schlaf- 
periode nicht als eine Einheit, sondern als eine innere 
Vielheit. Dieser Zustand ist ein von Angstlichkeit durch - 
setzter. Wenn er bewufit erlebt wiirde, ware er Seelen- 
angst. Das reale Gegenstiick von dieser Angstlichkeit er- 
lebt aber die Menschenseele in jeder Nacht. Es bleibt ihr 
nur unbewulk. 

Fiir den Menschen der Gegenwart tritt in diesem 
Augenblicke des Schlafzustandes die seelen-heilende Wir- 
kung dessen auf, was er im Wachzustande als seine Hin- 
gegebenheit an Christus erlebt. Vor dem Ereignisse von 
Golgatha war dies fur die Menschen anders. Sie bekamen 
von ihren Religionsbekenntnissen im Wachen die Mittel, 
die dann in den Schlafzustand hineinwirkten und die 
Arznei gegen die Angstlichkeit waren. Fiir den Menschen, 
der nach dem Ereignisse von Golgatha lebt, treten die 
religiosen Erlebnisse , die er in der Beschauung des Lebens 
und Sterbens und Wesens Christi hat, dafur ein. Er iiber- 
windet durch deren Hineinwirken in den Schlaf die Angst- 
lichkeit. Diese verhindert, solange sie vorhanden ist, die 
innere Anschauung dessen, was von der Seele im Schlafen 
so erlebt werden soli, wie der Korper im Wachen. Die 
Fuhrung Christi falk die innerliche Zersplitterung, die 
Vielheit in eine Einheit zusammen. Und die Seele kommt 
jetzt dazu, ein anderes Innensein zu haben als wahrend 
des Wachzustandes. Zu ihrer Aufienwelt gehoren jetzt 
auch der eigene physische und atherische Organismus. 
Dagegen erlebt sie in ihrem jetzigen Inneren eine Nach- 
bildung der Planetenbewegungen. Es tritt in der Seele an 
die Stelle des individuellen , durch den physischen und 
atherischen Organismus bedingten ein kosmisches Er- 



leben. Die Seele lebt aufterhalb des Korpers; und ihr 
Innenleben ist eine innere Nachbildung der Planeten- 
bewegung. Als eine solche erkennt die entsprechenden 
inneren Vorgange das inspirierte Bewulksein in der Art, 
wie dies in den vorigen Betrachtungen geschildert worden 
ist. Dieses Bewulksein erschaut auch, wie dasjenige, was 
die Seele durch das Planetenerlebnis hat, in seiner Nach- 
wirkung im wachen Bewulksein vorhanden ist. In dem 
Rhythmus der Atmung und der Blutzirkulation wirkt dies 
Planetenerlebnis wahrend des Wachens als Anreiz fort. 
Wahrend des Schlafes stehen physischer und atherischer 
Organismus unter der Nachwirkung des Planetenreizes, 
der im wachen Tagesleben in der geschilderten Art als 
Nachwirkung der vorigen Nacht in ihnen waltet. 

Parallel diesen Erlebnissen gehen andere. Die Seele er- 
lebt in dieser Sphare ihres Schlafdaseins ihre Verwandt- 
schaft mit alien Menschenseelen, mit denen sie jemals in 
einem Erdenleben in Beziehung gestanden hat. Was da 
vor der Seele steht, wird, intuitiv erfalk, zur Gewifiheit 
liber die wiederholten Erdenleben . Denn in der Verwandt- 
schaft mit Seelen enthiillen sich diese Erdenleben. Auch 
die Verbindung mit andern Geistwesen, die in der Welt 
leben, ohne je einen menschlichen Korper anzunehmen, 
wird Seelenerlebnis. 

Aber in diesem Stadium des Schlafes tritt auch ein Er- 
lebnis dessen auf , was gute und schlechte Neigungen, gute 
und schlechte Erlebnisse im Schicksalszusammenhange 
des Erdendaseins bedeuten. Was altere Weltanschau- 
ungen Karma genannt haben, steht vor der Seele. 

In das Tagesleben wirken alle diese Schlafereignisse so 
herein, daft sie das allgemeine Sich-Fuhlen, die Seelen- 



stimmung, das Sich-gliicklich- oder -unglucklich-Empfin- 
den mitbewirken. 

Im weiteren Verlaufe des Schlafes tritt zu dem ge- 
schilderten Zustande der Seele noch ein anderer. Diese 
erlebt in sich das Fixsterndasein im Abbilde. Wie im 
Wachzustande die Korperorgane, so werden jetzt Nach- 
bildungen der Fixsternkonstellationen erlebt. Das kos- 
mische Erleben der Seele erweitert sich. Sie ist jetzt Geist- 
wesen unter Geistwesen. Die Intuition erkennt in der Art, 
wie dies in den vorigen Betrachtungen geschildert worden 
ist, die Sonne und die anderen Fixsterne als die physischen 
Ausgestaltungen von Geistwesen. Was die Seele da erlebt, 
wirkt im Tagesleben nach als ihre religiose Anlage, ihr 
religioses Fiihlen und Wollen. Man mull in der Tat sagen, 
was in den Tiefen der Seele sich regt als religiose Sehn- 
sucht, ist fiir das Wachen die Nachwirkung des Sternen- 
erlebens wahrend des Schlafzustandes. 

Aber vor allem bedeutungsvoll ist, daft die Seele in 
diesem Zustande vor sich hat die Tatsachen der Geburt 
und des Todes. Sie erlebt sich als Geistwesen, das in einen 
physischen Leib durch Empfangnis und Keimesleben ein- 
zieht, und sie schaut (unbewufit) den Todesvorgang als 
einen Ubertritt in eine rein geistig-seelische Welt. Daft 
die Seele in ihrem Wachzustande nicht an die Realitat 
dessen glauben kann, was sich aufierlich den Sinnen als 
die Ereignisse der Geburt und des Todes darstellt, ist eben 
nicht blofi ein phantasievolles Ausgestalten einer Sehn- 
sucht, sondern das dumpf gefuhlte Nacherleben des im 
Schlafzustand vor der Seele Stehenden. 

Konnte der Mensch alles dasjenige, was vom Ein- 



schlafen bis zum Aufwachen unbewufe durchlebt wird, 
in seinem Bewulksein gegenwartig machen, so hatte er 
in dem ersten Erlebnis, in dem die Sinneserscheinungen 
in einem allgemeinen inneren Welterleben sich auflosen 
und in dem eine Art pantheistischen GottesbewuEtseins 
auftritt, einen Bewulkseinsinhalt, der seinen philosophi- 
schen Ideen das Erlebnis der Wirklichkeit gabe. Konnte 
er das Planeten- und Fixsternleben des Schlafes bewulk 
in sich tragen, so hatte er eine inhaitvolle Kosmologie. 
Und den Abschlufi konnte bilden das im Sternenerleben 
Auftauchende, das ein Erleben des Menschen als Geist 
unter Geistern ist. In der Tat wird der Mensch von dem 
Einschlafen an, durch wekere Schlafzustande hindurch, 
unbewulker Philosoph, Kosmologe und gottdurchseeltes 
Wesen. Imagination, Inspiration und Intuition heben aus 
der dunklen Tiefe des sonst nur im Schlafe Erlebten das 
heraus, was zeigt, welch ein Wesen der Mensch an sich 
ist, wie er ein Glied des Kosmos ist, wie er gottdurch- 
drungen wird. 

Das letztere tritt fur den Menschen im tiefsten Schlaf- 
zustande ein. Von da aus tritt die Seele wieder den Riick- 
weg in die Sinneswelt an. In dem Impuls, der zu diesem 
Riickweg fuhrt, erkennt das intuitive Bewulksein eine 
Wirkung derjenigen Wesenheiten, die als geistige ihr 
sinnliches Gegenbild im Monde haben. Es sind die geisti- 
gen Mondenwirkungen, die den Menschen in jedem Schlaf 
wieder zum Erdendasein zuriickrufen. Natiirlich sind 
diese Mondenwirkungen auch beim Neumond vorhanden. 
Aber es hat die Verwandlung dessen, was an dem Mon- 
denbilde in sinnlicher Sichtbarkeit sich wandelt, eine Be- 
deutung fur dasjenige, was Mondenwirkungen fur das 



Festhalten des Menschen im Erdendasein von der Geburr 
(Empfangnis) bis zum Tode sind. 

Nach dem tiefsten Schlafstadium kehrt der Mensch 
durch dieselben Zustande hindurch wieder zum Wach- 
dasein zuriick. Er macht vor dem Erwachen wieder das 
Erleben in dem allgemeinen Weltdasein mit der Gottes- 
sehnsucht durch, in das die Traume hineinspielen konnen. 



VI 

DER UBERGANG 
VOM SEELISCH-GEISTIGEN DASEIN 
IN DER MENSCHENENTWICKELUNG 
ZUM SINNLICH-PHYSISCHEN 

Es ist in den vorangehenden Betrachtungen gezeigt wor- 
den, wie durch die inspirierte und intuitive Erkenntnis 
eine Anschauung des ewigen geist-seelischen Wesens- 
kernes im Menschen erlangt werden kann. Dabei ist 
aufmerksam gemacht worden, wie das menschliche In- 
nenleben von Nachbildungen des kosmischen Gesche- 
hens erfullt wird. Wie der Mensch ein solches kosmisches 
Innenleben unbewufit wahrend des Schlafes erlebt, das 
ist in der letzten Betrachtung dargestellt worden. Die 
menschliche Innenwelt wird zur Aufienwelt, und umge- 
kehrt: die geistige Wesenheit der Aufienwelt wird zur 
Innenwelt. 

Wahrend des Schlafzustandes sind der physische und 
der atherische Organismus des Menschen eine Aultenwelt 
fur die seelisch-geistige Wesenheit. Sie bleiben in der Art 
vorhanden, wie sie immer wieder im Wachen das Werk- 
zeug des seelisch-geistigen Menschen werden konnen. 
In den Schlafzustand nimmt der Mensch den Wunsch 
nach diesen beiden Organismen mit hiniiber, Dieser 
Wunsch hangt - das wurde in der letzten Betrachtung 
gezeigt - mit denjenigen geistigen Kraften des Kosmos 
zusammen, die in den Erscheinungen des Mondes ihr sin- 
nenfalliges Abbild haben. Diesen Mondenkraften ist der 
Mensch nur durch seinen Zusammenhang mit dem Erden- 
wesen unterworfen. Es ergibt die Anschauung desjenigen 



Zustandes, in dem sich der Mensch in der rein geistigen 
Welt eine gewisse Zeit vor seiner Hinwendung zum Er- 
denleben befindet, daft er da den Einfliissen dieser Mon- 
denkrafte nicht unterworfen ist. 

In diesem Zustande erlebt er nicht einen physischen 
und atherischen Menschenorganismus als zu ihm gehdrig, 
wie das im Schlafzustande der Fall ist. Aber er erlebt doch 
in ganz anderer Art diese Organismen . Er erlebt in den kos- 
mischen Welten ihre Grundlagen. Er erlebt das Werden 
dieser Organismen aus dem geistigen Kosmos heraus. Er 
schaut einen geistigen Kosmos an. Dieser geistige Kosmos 
ist der geistige Teil des Keimes des physischen Erdenorga- 
nismus, den er kunftig tragen wird. Wenn man in diesem 
Zusammenhange von «Keim» spricht, so wird damit etwas 
bezeichnet, das in einer gewissen Beziehung sich ent- 
gegengesetzt zu dem verhalt, das im physischen Welt- 
zusammenhange so genannt wird. Da ist der «Keim» der 
kleine physische Anfang eines sich vergrofiernden Gebil- 
des. Das geistige Kraftgebilde, das der Mensch in seinem 
vorirdischen geistigen Dasein im Zusammenhange mit 
seinem Wesen erschaut, ist grof] und zieht sich immer 
mehr zusammen, um zuletzt mit dem physischen Keim- 
teil zu verwachsen. 

Man mufi sich zur Darstellung dieser Verhaltnisse der 
Ausdriicke «grofi» und «klein» bedienen. Aber es mufi 
dabei berucksichtigt werden, daft das Erleben in der gei- 
stigen Welt ein geistiges ist, und dafi fur dasselbe der 
Raum, in dem das physische Geschehen vor sich geht, 
nicht vorhanden ist. Die verwendeten Ausdriicke sind 
also eigentlich nur Verbildlichungen dessen, was geistig, 
rein qualitativ, unraumlich, erlebt wird. 



Im Erleben des kosmischen Gebildes, welches der 
geistige Keim seines kiinftigen physischen Organismus ist, 
ist der Mensch wahrend des vorirdischen Daseins. Und 
dieses geistige Gebilde wird als eine Einheit mit dem gan- 
zen geistigen Kosmos anschauend erlebt und offenbart 
sich zugleich als der kosmische Leib des eigenen Men- 
schenwesens. Der Mensch fuhlt den geistigen Kosmos als 
die Krafte seines eigenen Wesens. Sein ganzes Dasein be- 
steht darinnen, daft er sich in diesem Kosmos erlebt. Aber 
er erlebt nicht nur sich. Denn es trennt ihn dieses kos- 
mische Dasein nicht wie spater sein physischer Organis- 
mus von dem anderen Leben des Kosmos ab. Er ist die- 
sem Leben gegeniiber in einer Art Intuition. Das Leben 
anderer geistiger Wesen ist zugleich sein Leben. 

In dem tatigen Erleben des Geist-Keimes seines kiinf- 
tigen physischen Organismus hat der Mensch sein vor- 
irdisches Dasein. Er bereitet selbst diesen Organismus vor, 
indem er in der geistigen Welt mit anderen Geistwesen 
an dem Geist-Keim wirkt. Wie er wahrend des Erden- 
daseins durch seine Sinne eine physische Umwelt vor sich 
hat und in dieser tatig ist, so hat er im vorirdischen Da- 
sein seinen im Geiste sich erbildenden physischen Orga- 
nismus vor sich; und seine Tatigkeit besteht in der Teil- 
nahme an dessen Gestaltung, wie seine Tatigkeit in der 
physischen Welt in der Teilnahme an der Gestaltung der 
physischen Dinge in der Aufienwelt besteht. 

In dem Geist-Keim des physischen Menschenleibes, 
welchen der geistig-seelische Mensch in seinem vorirdi- 
schen Dasein anschauend erlebt, ist ein wahres Universum 
vorhanden, nicht minder mannigfaltig und vielgestaltig 
in sich, als die physische Umwelt der Sinne ist. Ja, die 



intuitive Erkenntnis darf sagen, daft dasjenige, was der 
Mensch, in dem physischen Menschenkorper zusammen- 
gezogen, als ihm unbewufite Welt an sich hat, ein solches 
Universum ist, mit dem sich an Grofkrtigkek die physische 
Welt gar nicht im entferntesten messen kann. 

Und dieses Universum erlebt auf geistige Art der 
Mensch in seinem vorirdischen Zustande, und er wirkt an 
ihm. Er erlebt es in seinem Werden, seiner Beweglichkek, 
aber erfullt von geistigen Wesenheiten. 

Er hat innerhalb dieser Welt ein Bewufksein. Mit den 
tatigen Kraften, die im Werden dieses Universums sich 
auswirken, sind seine eigenen verbunden. Die Zusammen- 
arbeit der geistigen Kosmoskrafte mit seinen eigenen er- 
fullt sein Bewufitsein. Der Schlafzustand ist in einem 
gewissen Sinne eine Nachbildung dieser Betatigung. Aber 
dieser verlauft so, daft der physische Organismus als ein 
abgeschlossenes Gebilde aufkr dem seelisch-geistigen 
Menschen vorhanden ist. Die sich betatigenden Krafte, die 
im vorirdischen Dasein den Inhalt des Bewufitseins bilden, 
fehlen der Anschauung. Deswegen verlauft der Zustand 
unbewulk. 

Im weiteren Verlaufe des vorirdischen Daseins wird 
das bewufite Mit-Erleben am Werden des zukiinftigen 
Erden- Organismus immer dumpfer. Es schwindet fur die 
Anschauung nicht vollig dahin; aber es dammert ab. Es 
ist, als ob der Mensch seine eigene kosmische Innenwelt 
immer mehr sich entfremdet fuhlte. Er lebt sich aus dieser 
Welt heraus. Was erst ein volliges Mit-Erleben mit den 
geistigen Wesenheiten des Kosmos war, stellt sich nun- 
mehr nur als eine Offenbarung dieser Wesen dar. Man 



kann sagen, vorher hatte der Mensch eine erlebte Intui- 
tion der Geisteswelt; jetzt verwandelt sich diese in eine 
erlebte Inspiration, bei der das Wesen von aufierhalb auf 
den Menschen, sich offenbarend, wirkt. 

Damit aber tritt im Innern des geistig-seelischen Men- 
schen ein Erleben auf, das sich mit dem «Entbehren» und 
der Entstehung der «Begierde nach dem Verlorenen» be- 
zeichnen lafit. Wenn man solche Ausdriicke gebraucht, 
so ist es, um durch ahnliche Verhaltnisse des physischen 
Erlebens das iibersinnliche zu verbildlichen. 

In einem solchen «Entbehren» und «Begehren» lebt die 
Menschenseele in einer spateren Zeit ihres vorirdischen Da- 
seins. Sie hat eine geistige Welt nicht mehr in der vollen 
Realitat des Mit-Erlebens, sondern als geoffenbarten Ab- 
glanz , gewissermafien mit geringerer Intensitat des Daseins 
im Bewufksein. 

Die Menschenseele wird jetzt reif zum Mit-Erleben der 
geistigen Mondenkrafte, die vorher aufterhalb ihres Da- 
seinsbereiches waren. Sie erhalt dadurch ein Sein, durch 
das sie sich als selbstandig absondert von den andern Geist- 
wesen, mit denen sie vorher gelebt hat. Man kann sagen: 
vorher war ihr Erleben geistdurchdrungen, gottdurch- 
drungen; nachher wird ein eigenes, seelisches Wesen ge- 
fuhlt; und der Kosmos wird als eine Aufienwelt emp- 
funden, wenn auch das Mit-Erleben mit dieser Offen- 
barung des Kosmos noch immer ein sehr intensives ist 
in den Anfangsstadien und sich erst allmahlich als ein 
dumpferes herausbildet. 

In diesem Erleben tritt also der Mensch aus dem als 
Wirklkhkeit empfundenen, geistdurchtrankten Dasein in 



ein solches, in dem ihm ein geoffenbarter Geist-Kosmos 
gegenubersteht. Das erste Stadium des Erlebens ist die 
Realitat desjenigen, was spater im Erdendasein als reli- 
giose Seelenanlage fur Vorstellung und Empfindung er- 
scheint. Das zweite ist die Realitat dessen, was, wenn es 
beschrieben wird, eine wahre Kosmologie ergibt. Denn es 
wird da die physische Menschenorganisation auch in ihrer 
kosmischen Keimanlage angeschaut, ohne die sie nicht 
verstandlich sein kann. 

In der Folgezek verliert der Mensch die Anschauung 
des Geist-Kosmos. Dieser verdunkelt sich vor dem «Gei- 
stesauge». Das Erleben des seelischen Inneren, das im 
Zusammenhange steht mit den geistigen Mondenkraften, 
wird dafur immer intensiver. Und die Menschenseele wird 
reif, dasjenige von aufien zu empfangen, was sie vorher 
im Innern erlebt hat. Die geistige Tatigkeit am Werden 
des physischen Organismus, die vorher der Mensch bewufit 
miterlebt hat, entfallt seinen Seelenorganen; sie geht iiber 
an die physische Tatigkeit, die sich in der Fortpflanzungs- 
entwickelung innerhalb des Erdendaseins vollzieht. Das 
von der Menschenseele vorher Miterlebte geht iiber auf 
diese Fortpflanzungsentwickelung, um in derselben als 
dirigierende Krafte zu wirken. Die Menschenseele hat jetzt 
fur einige Zeit in der geistigen Welt ein Dasein, in dem sie 
an der Bildung des physischen Menschenorganismus nicht 
mehr einen Anteil hat. 

In diesem Stadium wird sie reif, dasjenige, was in ihr 
«Entbehren» und «Begehren» ist, an dem Atherischen des 
Kosmos zu befriedigen. Sie zieht den kosmischen Ather 
an sich heran. Und sie bildet im Sinne der Anlagen, die 
ihr aus dem Mitarbeken an dem menschlichen Universum 



geblieben sind, ihren atherischen Organismus. So lebt 
sich der Mensch in seinen atherischen Organismus hinein, 
bevor ihn im Erdendasein sein physischer Organismus 
empfangt. 

Die im Bereich des Erdendaseins in der Folge der voll- 
zogenen Empfangnis auftretenden Vorgange haben, ab- 
gesondert von dem Verlauf der letzten Stadien des vor- 
irdischen Lebens der Menschenseele, die Bildung des phy- 
sischen Organismus bis zu der physischen Keimanlage ge- 
bracht. Mit dieser kann sich die Menschenseele, die mitt- 
lerweile sich ihren atherischen Organismus eingegliedert 
hat, vereinigen. Sie vereinigt sich mit derselben durch die 
Kraft des fortwirkenden «Begehrens»; und der Mensch 
tritt sein physisches Erdendasein an. 

Das Erleben der Menschenseele bei ihrer Eingliederung 
des atherischen Organismus in sich, gewissermaflen des 
Zuwachsens dieses Organismus aus dem Weltenather, ist 
ein erdfremdes Erleben; denn es wird ohne den physischen 
Organismus durchgemacht. Es hat aber diesen zum «be- 
gehrten» Objekt. Dasjenige, was im Erleben des ganz 
kleinen Kindes auftritt, ist eine unbewufke Erinnerung an 
dieses Erleben. Es ist aber eine tdtige Erinnerung, ein 
unbewulkes Arbeiten an dem physischen Organismus, der 
vorher seelische Innenwelt war und der jetzt als ein aufierer 
der Menschenseele gegeben ist. Die bildende Tatigkeit, 
welche der Mensch unbewufk an seinem eigenen Orga- 
nismus in dessen Wachstum vollzieht, ist die Erscheinung 
dieser tatigen Erinnerung. Was die Philosophie sucht und 
was sie nur durch ein vollbewulkes Imaginieren des ersten 
Kindheitserlebens als eine innere Realitat haben kann, 



das liegt in dieser tatigen, unbewuftten Erinnerung. Damit 
hangt das weltfremde und doch wieder der Welt geneigte 
Wesen des Philosophierens zusammen. 



VII 

CHRISTUS IN SEINEM 
ZUSAMMENHANG MIT DER MENSCHHEIT 



Wie das seelisch-geistige Dasein auf dem Gebiete der 
Menschenentwickclung in das sinnlich-physische iiber- 
geht, versuchte ich in der letzten Betrachtung zu schil- 
dern. Von dem Verstandnisse, das der Mensch diesem 
Ubergange entgegenbringt, hangt es ab, ob er ein dem 
gegenwartigen Bewulksein entsprechendes Verhaltnis ge- 
winnen kann zu dem Ereignis von Golgatha und seiner 
Beziehung zur Erdenentwickelung des Menschen. 

Erkennt man in seinem eigenen physisch-sinnlichen 
Wesen nicht, wie ein Geistig-Seelisches aus einer geistigen 
Erlebensform sich so gewandelt hat, daft es zur Erschei- 
nung in der physisch-sinnlichen Welt geworden ist, so 
mufi einem auch verschlossen bleiben, wie der Christus- 
geist aus Geisteswelten in dem Jesusmenschen innerhalb 
der physischen Welt erschienen ist. 

Es mufi aber immer wieder betont werden, daft nicht 
das schauende Erkennen selbst bei jedem Einzelnen in 
Betracht kommt, sondern das gemiitvolle Verstehen des 
durch das Schauen Erforschten. Das schauende Erkennen 
erringen sich Einzelne. Das begriindete Verstehen ist 
jedem moglich. 

Wer die Welten anerkennt, welche die Menschenseele 
im vorirdischen Dasein durchlebt, der lernt auch auf- 
blicken zu dem, der vor dem Geschehen des Mysteriums 
von Golgatha nur in diesem Dasein gelebt, als Christus, 
und der durch dieses Mysterium und seit dessen Gesche- 
hen sein Leben mit der Erdenmenschheit verbunden hat. 



Die Seelen der Erdenmenschheit haben diejenige Ver- 
fassung, in der sie heute leben, erst in einer allmahlichen 
Entwickelung erlangt. Das gewohnliche Bewufksein 
nimmt die Seelen verfassung, wie sie heute ist, und kon- 
struiert sich eine «Geschichte», in welcher die Sache so 
dargestellt wird, als ob die Menschen der grauen Vorzek 
fast ebenso gedacht, gewollt und gefuhlt hatten wie heute. 
Aber das ist nicht so. Es hat Zeiten gegeben im Erden- 
dasein der Menschheit, in denen diese Seelenverfassung 
ganz anders war als gegenwartig. Damals war nicht ein 
so schroffer Gegensatz zwischen Schlafen und Wachen. 
Einen Ubergang zwischen beiden bildet heute nur das 
Traumen. Aber dessen Inhalt hat etwas Triigerisches, 
Fragwiirdiges. Der Mensch der Vorzeit erlebte zwischen 
dem vollen Wachen und dem bewulklosen Schlafen einen 
Zwischenzustand, der bildhaft und sinnentriickt war, 
durch den aber ein wirkliches Geistiges sich offenbarte, wie 
durch die Sinneswahrnehmung ein wirkliches Physisches. 

In diesem Erleben durch Bilder, nicht durch Gedan- 
ken, hatte der Mensch der Vorzeit eine traumhafte Er- 
fahrung von seinem vorirdischen Dasein. Er erlebte sich 
selbst als vorirdisches Seelenwesen wie in einem Nach- 
klang des damals Durchgemachten. Aber er hatte dafur 
nicht das voile deutliche Ich-Erleben, das der Mensch 
der Gegenwart hat. Er empfand sich nicht in demselben 
Grade wie heute als ein «Ich». Dieses «Ich»-Erleben ist 
erst im Laufe der menschlichen Geistesentwickelung ein- 
getreten. 

Die entscheidende Entwickelungsepoche fur die Ent- 
wickelung des Ich-Erlebens der Menschheit ist diejenige, in 
die auch das Ereignis von Golgatha gefallen ist. 



In dieser Zeit wurde fur das gewohnliche Bewufltsein 
das seelische Erleben eines Nachklanges des vorirdischen 
Daseins immer dumpfer. Der Mensch wurde mit dem, 
was er von sich selbst wissen kann , immer mehr auf das 
beschrankt, was sich ihm von sich selbst als physisch- 
sinnliches Erden-Sein offenbart. 

Von diesem Zeitpunkt an bekam auch die Wahrneh- 
mung des Todes eine neue Bedeutung. Vorher wulke der 
Mensch in der angedeuteten Art von seinem ewigen We- 
senskerne. Er kannte denselben durch das Schauen des 
erwahnten Nachklanges so, dafi ihm klar war, dieser 
werde vom Tode nicht beriihrt. In dem welthistorischen 
Zeitabschnitt, in dem der Blick auf das physische Men- 
schenwesen beschrankt wurde, stellte sich der Tod als ein 
qualendes Ratsel vor die Seele hin. 

Dieses Ratsel wurde dem Menschen nicht durch die 
weitere Entwickelung blofi innerer Erkenntniskrafte ge- 
lost. Es wurde ihm gelost, indem das Ereignis von Golga- 
tha in die Erdenentwickelung eintrat. 

Auf den Boden des Erdendaseins ist der Christus aus 
denjenigen Welten herabgestiegen, in denen der Mensch 
sein vorirdisches Dasein verlebt. In der Vereinigung der 
Erlebnisse des wachen gewohnlichen Bewufitseins mit der 
Wesenheit und in dem Aufblick zu Christi Taten kann der 
Mensch seit dem Ereignis von Golgatha finden, was er 
vorher durch eine natiirliche Beschaffenheit seines Be- 
wufitseins gefunden hat. 

Die Initiierten der alten Mysterien haben zu ihren Be- 
kennern so gesprochen, dafi diese in den Wahrnehmun- 
gen iiber das vorirdische Dasein eine Gnadengabe des 



geistigen Sonnenwesens gesehen haben, das seinen Ab- 
glanz in der physischen Sonne hat. 

Die Initiierten, die zur Zeit des Mysteriums von Gol- 
gatha noch in einer Fortsetzung der alten Initiations- 
methoden lebten, sprachen zu denjenigen, die es horen 
wollten, davon, wie das Wesen, welches friiher den Men- 
schen aus den geistigen Welten den Nachklang des 
vorirdischen Daseins in das irdische mitgegeben hat, 
als der Christus heruntergestiegen ist in die physische 
Erdenwelt und in dem Menschen Jesus Korper ange- 
nommen hat. 

Von Seite derjenigen, die dadurch aus der Initiation 
das Rechte iiber das Mysterium von Golgatha wufiten, 
wurde in den ersten Zeiten der christlichen Entwickelung 
durchaus von dem Christuswesen als einem solchen ge- 
sprochen, das aus geistigen Welten in die irdische her- 
untergestiegen ist. Auf den Christus der uberirdischen 
Welt und auf seinen Weg zu den Erdenmenschen kam es 
den damaligen Lehrern der Menschheit vorziiglich an. 

Die Voraussetzung zu einer solchen Anschauung war, 
dafi man aus der alten Initiation noch so viel iiber die 
iibersinnlichen Welten wufite, um in Christus ein Wesen 
der geistigen Welt vor seinem Abstieg zur Erde zu schauen. 

Die Reste eines solchen Wissens dauerten etwa bis 
in das vierte nachchristliche Jahrhundert hinein. Dann 
dammerten sie in den menschlkhen Bewufitseinen ab. Das 
Ereignis von Golgatha wurde dadurch ein nur durch die 
Fortpflanzung der aulteren Geschichte gewufltes Ereignis. 
Die Initiationsprinzipien der alten Welt gingen der 
Auftenwelt verloren und pflanzten sich nur noch in Stat- 



ten fort, von denen die Menschen kaum etwas wulken. 
Erst jetzt, seit dem letzten Drittel des neunzehnten Jahr- 
hunderts, ist innerhalb der Menschheitsentwickelung wie- 
der ein Stadium erlangt, in dem die neue Initiation, die 
in den vorangehenden Darstellungen geschildert worden 
ist, zu einer Anschauung des Wesens Christi innerhalb 
der Geisteswelt fiihrt. 

Zur vollen Entfaltung des Ichbewuikseins, das inner- 
halb der Menschheitsentwickelung zutage treten sollte, 
war es notwendig, daft die initiierte Erkenntnis fur einige 
Jahrhunderte zuriicktrat und der Mensch sich zunachst 
auf die sinnliche und aufierlich-historische Welt verwie- 
sen sah, in der er das Ichbewulksein frei entfalten konnte. 

So wurde es der christlichen Gemeinschaft nur mog- 
lich, die Glaubigen auf die historische Tradition iiber das 
Mysterium von Golgatha zu verweisen, und dasjenige, 
was einmal durch Geisterkenntnis iiber dasselbe gewulk 
wurde, in Dogmen fiirden Glauben zu kleiden. Nicht um 
den Inhalt dieser Dogmen handelt es sich hier, sondern 
um die Art, wie er in der Seele erlebt wird, ob durch 
Glauben oder durch Wissen. 

Heute ist es wieder moglich, ein unmittelbares Wissen 
von dem Christus zu erlangen. Aber es stand die Gestalt 
Jesu durch Jahrhunderte vor dem gewohnlichen Be- 
wufitsein; und der Christus, der in ihm lebte, war ein 
Gegenstand des Glaubens geworden. Immer mehr aber 
verlor sich gerade in dem geistig fiihrenden Teil der 
Menschheit die Hinneigung zu den Glaubensdogmen; 
Jesus wurde immer mehr nur so gesehen, wie er sich aus 
der Geschichte heraus vor das gewohnliche Bewulksein 
hinstellt. Man verlor nach und nach ein Erleben des 



Christus. Und so ergab sich sogar ein moderner Zweig 
der Theologie, der sich eigentlich nur beschaftigt mit 
dem Menschen Jesus, und dem ein lebendiges Verhaltnis 
zu dem Christus fehlt. Aber ein blofler Jesusglaube ist 
eigentlich kein Christentum mehr. 

In dem Bewulksein von seinem vorirdischen Dasein 
hatte der Mensch der Vorzeit auch einen Halt fur ein 
rechtes Verhaltnis zu seinem Dasein nach dem Erdentode. 
Das, was ihm auf diese Art in der Vorzeit fiir das Ratsel 
des Todes ein naturliches Sich-Erleben gegeben hatte, 
das sollte ihm in der spateren Zeit in einer anderen Art 
durch seine Verbindung mit dem Christus gegeben wer- 
den. Dieser sollte ihn nach dem Paulusworte: «Nicht ich, 
sondern der Christus in mir», so durchdringen, dafi er 
ihm dadurch der Fuhrer durch die Todespforte werden 
konnte. Im gewohnlichen Bewulksein hatte der Mensch 
jetzt zwar etwas, was das voile Ich-Erleben zur Entfaltung 
bringen konnte, nicht aber etwas, was der Seele die Kraft 
geben konnte, an ihren lebendigen Durchgang durch die 
Todespforte erkennend heranzukommen. Denn das ge- 
wohnliche Bewulksein ist ein Ergebnis des physischen 
Leibes. Es kann also auch der Seele nur eine Kraft geben, 
die sie als mit dem Tode erloschend ansehen raul 

Denjenigen, die noch aus der alten Initiation heraus 
das alles erkennen konnten, erschien der menschliche 
physische Organismus krank. Denn sie mulken anneh- 
men, er konne nicht die Macht entfalten, ein so umfassen- 
des Bewulksein der Seele zu geben, dafi diese ihr voiles Da- 
sein erleben kann. Christus erschien als der Seelenarzt 
der Welt, als der Heiler, der Heiland. Und als solcher 



mufi er in seinem tiefbegriindeten Zusammenhang mit 
der Menschheit erkannt werden. 

Das Ereignis des Todes im Zusammenhang mit dem 
Christus soli den Gegenstand der nachsten Betrachtung 
bilden. 

Durch das Aufnehmen des Christuserlebens wird, was 
das alte Bewufksein, vertieft durch die Aussagen der In- 
itiierten, als Ewigkeitserlebnis dem Menschen gegeben 
hatte, zu einer Philosophic, die im Weltendasein mit dem 
gottlichen Vaterprinzip rechnen kann. Der Vater im 
Geiste kann wieder angesehen werden als das alles durch- 
dringende Seiende. Durch die Erkenntnis des Christus, 
der, ein Wesen der aufierirdischen Welt, in dem Men- 
schen Jesus irdischen Korper annahm, erlangt die Kos- 
mologie ihren christlichen Charakter. In den Geschehnis- 
sen der Menschheitsentwickelung wird der Christus mit- 
erkannt als das Wesen, dem ein Entscheidendes in dieser 
Entwickelung zugefallen ist. - Und durch das Wiederan- 
fachen der abgedammerten Erkenntnis von dem «ewigen 
Menschen» wird das menschliche Gemiit aus der bloften 
Sinneswelt, die das Ich-Bewulksein entwickelt, zu dem 
Geiste gelenkt, der mit dem Vatergott und dem Christus 
zusammen in einer erneuten Erkenntnisgrundlage der 
Religion von der Seele verstandnisvoll erlebt werden 
kann. 



VIII 

DAS EREIGNIS DES TODES IM 
ZUSAMMENHANG MIT DEM CHRISTUS 



Im Schlafzustande hort fur das gewohnliche Bewufksein 
das Sinnes-Erleben auf , und auch die seelische Betatigung 
in Denken, Rihlen und Wollen. Damit entfallt dem 
Menschen dasjenige, was er als sein «Selbst» zusammen- 
fafit. 

Durch die in den vorangehenden Betrachtungen cha- 
rakterisierten Seeleniibungen wird von einem hoheren Be- 
wufitsein zunachst das Denken erfalk. Man kann dieses 
Erfassen nicht bewirken, ohne das Denken zuerst ver- 
loren zu haben. Im Erfolg bewirkenden Meditieren erlebt 
man diesen Verlust des Denkens. Man fuhlt sich zwar 
innerlich als wesenhaft; es tritt ein unbestimmtes inneres 
Erleben ein; aber man kann sich zunachst nicht selbst mit 
einem so starken Sein erleben, daft man dieses Innensein 
in denkender Tatigkeit erfassen konnte. Diese Moglich- 
keit tritt erst nach und nach ein. Die innere Aktivitat 
wachst; und die Kraft des Denkens wird von einer andern 
Seite entziindet als im gewohnlichen Bewufksein. Man 
erlebt sich in diesem gewohnlichen Bewulksein immer nur 
in einem gegenwartigen Augenblicke. Indem durch die 
Seeleniibungen das Denken wieder entziindet wird, nach- 
dem man durch das Nicht-Denken hindurchgegangen 
und dadurch zum Imaginieren gekommen ist, erlebt man 
den Inhalt des ganzen Lebenslaufes von der Geburt bis 
zum jeweilig gegenwartigen Augenblicke als das eigene 
«Ich». Auch die Erinnerungen des gewohnlichen Bewuftt- 
seins sind Erlebnisse des gegenwartigen Augenblickes. Sie 



sind Bilder, die gegenwartig erlebt werden, und die durch 
ihren Inhalt auf Vergangenes nur hinweisen. 

Solche Erinnerung entfallt zuerst beim Eintritte des 
Imaginierens. Das Vergangene wird dann angeschaut, wie 
wenn es ein Gegenwartiges ware. Wie man in der Sinnes- 
wahrnehmung den Sinn nach den Dingen hinlenkt, die 
im Raume nebeneinander sind, so lenkt man die erwachte 
Aktivitat der Seele im Imaginieren nach den verschiede- 
nen Geschehnissen des eigenen Lebenslaufes hin. Man hat 
den zeklichen Verlauf als Einheit vor sich. Der Inhalt des 
Werdens tritt als ein augenblicklich Gegenwartiges auf. 

Aber man hat im hoheren Bewufitsein etwas anderes 
als die Erinnerungen des gewohnlichen Bewufitseins. Man 
hat die Tatigkeit des vorher diesem Bewufitsein unbe- 
kannten atherischen Organismus vor sich. Die Erinnerun- 
gen des gewohnlichen Bewulkseins sind nur Bilder dessen, 
was der Mensch durch seinen physischen Organismus mit 
der Auitenwelt erlebt hat. Das imaginative Bewufitsein 
aber erlebt die Tatigkeit, welche der atherische Organis- 
mus am physischen Organismus vollbracht hat. 

Das Auftauchen dieses Erlebens geschieht so, daft man 
das Gefuhl hat, es steigt aus den Seelentiefen etwas her- 
auf, das vorher in der eigenen Wesenheit zwar gesteckt 
hat, das aber nicht in das Bewufksein herauf seine Wellen 
getrieben hat. Alles dieses muli in voller Besonnenheit 
erlebt werden. Das ist der Fall, wenn das gewohnliche 
Bewufksein neben dem imaginativen vollkommen er- 
halten bleibt. Man rauE die Erlebnisse, die man an der 
Wechselwirkung zwischen atherischem und physischem 
Organismus macht, stets in Beziehung bringen konnen zu 



dem entsprechenden Erinnerungsleben des gewohnlichen 
Bewufitseins. Wer das nicht kann, hat es nicht mit einer 
Imagination zu tun, sondern mit einem visionaren Er- 
leben. 

In dem visionaren Erleben ist das Bewulksein nicht 
wie bei der Imagination mit einem neuen Inhalt erfullt, 
der zu dem alten hinzukommt, sondern es ist verwandelt; 
der alte Inhalt kann neben dem neuen nicht gegenwartig 
gemacht werden. Der Imaginierende hat seinen gewohn- 
lichen Menschen neben sich; der Visionar hat sich ganz in 
einen andern Menschen verwandelt. 

Wer die anthroposophische Forschung von aufien kri- 
tisiert, mufi das beachten. Es kommt immer wieder vor, 
dafi die imaginative Erkenntnis so beurteilt wird, als ob 
sie zu einem Visionaren fuhrte. Ein solches mufi gerade 
der wahre Geistesforscher im strengsten Sinne von sich 
weisen. Er setzt nicht an die Stelle des gewohnlichen Be- 
wufitseins ein visionares; sondern er gliedert dem gewohn- 
lichen das imaginative ein. Bei ihm waltet in jedem 
Augenblicke die voile Kontrolle des imaginativ Erlebten 
durch das gewohnliche Denken. Das visionare Vorstellen 
ist ein starkeres Hineinleben des «Ich» in den physischen 
Organismus, als das beim gewohnlichen Bewulksein der 
Fall ist. Das Imaginieren ist ein wirkliches Heraustreten 
aus dem physischen Organismus; und es bleibt daneben 
der gewohnliche Bestand der Seele in dem physischen Or- 
ganismus bewufit erhalten. Man wird bewufit in einem 
Teile der Seele, der vorher unbewufit war; aber der See- 
ienteil, der vorher im physischen Organismus bewufit war, 
bleibt in dem gleichen seelischen Erleben. Das Wechsel- 
verhaltnis zwischen dem Erleben des Imaginierten und 



demjenigen des gewohnlichen Bewulkseins ist ein ebenso 
besonnenes Erfahren der Seele wie das Hin- und Her- 
lenken der Seelentatigkeit von einer Vorstellung zur an- 
dern im gewohnlichen Bewufitsein. Beriicksichtigt man 
dieses, so wird man die imaginative Erkenntnis nicht so 
beurteilen, als ob sie etwas Visionares ware. Sie ist, im 
Gegenteil, dazu geeignet, alle Neigung zum Visionaren 
zu vertreiben. Aber der imaginativ Erkennende ist auch 
in der Lage, einzusehen, daft in den Visionen nicht kor- 
perfreie Erlebnisse gegeben sind, sondern solche, die in 
einem viel hoheren Grade vom Korper abhangig sind als 
die Sinneserlebnisse. Denn er kann den Charakter der 
Visionen mit dem der wirklich korperfreien Imagina- 
tionen vergleichen. Der Visionar steckt tiefer in seinen 
physischen Korperfunktionen darinnen als derjenige, 
der auf gewohnliche Art seine Sinneswahrnehmungen 
erlebt. 

Tritt die Imagination ein, dann wird das gewohnliche 
Denken als etwas erkannt, das keinen substantiellen Be- 
stand in sich hat. Als der substantielle Inhalt dieses ge- 
wohnlichen Denkens ergibt sich dasjenige, was man mit 
der Imagination in das Bewulksein einfuhrt. Das gewohn- 
liche Denken lafit sich in der Tat vergleichen mit einem 
Spiegelbild. Aber wahrend im gewohnlichen Bewulksein 
das Spiegelbild entsteht, ist das auf unbewufite Art le- 
bendig, was in der Imagination auftritt. Man imaginiert 
auch im gewohnlichen Seelenleben; aber unbewufit. Ima- 
ginierte man nicht, so dachte man nicht. Die bewufiten 
Gedanken des gewohnlichen Seelenlebens sind die von 
dem physischen Organismus reflektierten Spiegelbilder 
des unbewufiten Imaginierens. Und das Substantielle die- 



ses Imaginierens ist der atherische Organismus, der in 
der irdischen Lebensentwickelung des Menschen sich 
offenbart. 

Mit der Inspiration tritt ein neues Element in das Be- 
wulksein ein. Von dem eigenen menschlichen Lebenslauf 
mull, um zur Inspiration zu kommen, so abstrahiert wer- 
den, wie das in den vorigen Betrachtungen dargestellt 
worden ist. Aber die Kraft der Aktivitat, welche sich die 
Seele durch das Imaginieren errungen hat, bleibt dabei 
erhalten. Im Besitze dieser Kraft kann die Seele zu Vor- 
stellungen von demjenigen gelangen, was im Weltall dem 
atherischen Organismus ebenso zugrunde liegt, wie dieser 
dem physischen. 

Und damit wird die Seele vor ihre eigene ewige Wesen- 
heit gestellt. Im gewohnlichen Bewufitsein ist es so, daft 
die Seele, wenn sie vorstellend aktiv werden will, dies 
nur kann, indem sie den physischen Organismus ergreift. 
Sie taucht in denselben unter, und er reflektiert ihr in den 
Vorstellungsbildern dasjenige, was sie mit ihrem atheri- 
schen Organismus erlebt. Diesen selbst erlebt sie aber in 
seiner Tatigkeit nicht. Im imaginativen Bewufitsein wird 
dann dieser atherische Organismus selbst erlebt. Aber es 
geschieht dies dadurch, dafi die Seele mit ihrem Erleben 
zu dem astralen Organismus weiter zuriickgegangen ist. 
Solange die Seele bloft imaginiert, lebt sie im astralischen 
Organismus unbewulk, und der physische und atherische 
werden angeschaut; sobald die Seele in inspirierter Er- 
kenntnis ist, wird auch der astralische Organismus an- 
geschaut. Denn die Seele lebt jetzt in ihrem ewigen We- 
senskerne. Diesen anzuschauen, vermag die Seele durch 
das Fortschreiten zur intuitiven Erkenntnis. Durch diese 



lebt sie in der geistigen Welt, wie sie im gewohnlichen Da- 
sein in ihrem physischen Organismus lebt. 

Die Seele erkennt auf diese Art, wie physischer, athe- 
rischer und astralischer Organismus aus der geistigen Welt 
sich herausbilden. Aber sie kann auch das Fortwirken des 
Geistigen an der Organisation des Erdenwesens «Mensch» 
beobachten. Sie sieht, wie der geistige Wesenskern des 
Menschen in den physischen, atherischen und astra- 
lischen Organismus untertaucht. Dieses Untertauchen 
ist nicht etwa ein Hineinschlupfen eines Geistigen in ein 
Physisches, so daft das erstere dann das letztere bewohnte. 
Nein, es ist ein Verwandeln eines Teiles der Menschen- 
seele in die physische und atherische Organisation. Dieser 
Teil der Menschenseele verschwindet wahrend des Erden- 
lebens, indem er sich in den physischen und atherischen 
Organismus verwandelt. Es ist derjenige Teil der Seele, der 
von dem gewohnlichen Bewufksein in seinem Abglanz 
durch das Denken erlebt wird. Aber die Seele taucht auf 
einer andern Seite wieder auf. Es ist das der Fall mit dem- 
jenigen ihrer Teile, der im Erdendasein als Wollen erlebt 
wird. Das Wollen hat einen andern Charakter als das 
Denken. Im Wollen tragt der Mensch auch wahrend des 
gewohnlichen Wachlebens einen schlafenden Teil in sich. 
Das Gedachte steht klar vor der Seele. Der Mensch ist 
denkend wirklich ein vollerwachter. Das ist beim Wollen 
nicht der Fall. Der Wille wird durch den Gedanken 
angeregt. Soweit der Gedanke reicht, reicht auch das 
wache Bewulksein. Aber dann taucht der Willensakt 
unter in den menschlichen Organismus. Bewege ich durch 
den Willen meine Hand, so habe ich im gewohnlichen 
Bewulksein den veranlassenden Gedanken als Anfang 



und die Anschauung der Hand-Erhebung mit alien beglei- 
tenden gefuhlsmafiigen Seelenerlebnissen als Ende der 
Willenswirkung. Die Mitte bleibt unbewufk. Was aber 
in den Tiefen des Organismus vor sich geht, wenn ein 
Wollen im Menschen ablauft, das entzieht sich dem ge- 
wohnlichen Bewufttsein geradeso wie die Erlebnisse des 
Schlafes. Der Mensch hat immerfort auch im Wachen 
einen schlafenden Teil in sich. 

Dieser Teil ist dasjenige, in dem vom Geist-Seelischen 
wahrend des Erdendaseins das weiterlebt, was sich nicht in 
den physischen Organismus verwandelt. Man erschaut 
diese Verhaltnisse, wenn durch die in den vorigen Be- 
trachtungen geschilderten Willensiibungen die wahre In- 
tuition herbeigefiihrt worden ist. Dann erkennt man hin- 
ter dem Wollen den ewigen Teil der Menschenseele. Die- 
ser verwandelt sich in die Kopforganisation; er ver- 
schwindet in deren Form und Leben wahrend des Erden- 
lebens, und taucht auf der andern Seite wieder auf, um 
durch den Tod hindurchzugehen und wieder zur Mitar- 
beit an einem zukiinftigen physischen Erdenkorper und 
Erdenleben reif zu werden. Damit dringt diese Betrach- 
tung an das Ereignis des Todes im Menschenleben heran, 
das in der nachsten Betrachtung weiter geschildert werden 
soil. Denn man kommt durch die Anschauung, die ich 
heute entwkkelt habe, nur zu dem Fortleben des Wol- 
lens und zu einer Erkenntnis eines Seelenteiles aus der 
Vergangenheit, der sich in die menschliche Kopforganisa- 
tion verwandelt. Man kommt aber nicht zu dem Schick- 
sal des Ich-Bewufitseins. Dieses kann nur im Zusammen- 
hange mit dem Christusproblem behandelt werden. Da- 
her wird die entsprechende Betrachtung wieder zu einer 



Anschauung der Geheimnisse des Christentums zurikk- 
fuhren. 

Die gewdhnliche l&een-Philosophie verlauft in Ge- 
danken; aber man hat in diesen Gedanken kein Leben, 
keine Substanz. Man erhalt die Substanz, wenn einem 
in der Imagination der physische Organismus entfallt. 
Vorher waren eben die Gedanken der Philosophie nur 
Spiegelbilder in der geschilderten Art. Gestaltet mandiese 
zur Philosophie aus, so mufi man deren Unwirkliches 
empfinden, wenn man sich unbefangen in sie einlebt. 
Man empfindet dann ahnend den Moment, der hier cha- 
rakterisiert worden ist als der, in dem das erinnerte Den- 
ken ganz verschwindet. Augustinus und Descartes haben 
das empfunden, aber es sich ungeniigend als «Zweifeln» 
gedeutet. Es erhalt aber die Philosophie Leben, wenn 
die Einheit des Lebenslaufes substantiell in der Seele auf- 
taucht. Das hat Bergson empfunden und in seiner Idee 
der «Dauer» zum Ausdrucke gebracht. Aber er ist von 
diesem Punkte aus nicht weitergegangen. Wie es, aus 
diesen Verhaltnissen heraus, mit der Kosmologie und 
Religionserkenntnis steht, soli im weiteren betrachtet 
werden. 



IX 

DAS SCHICKSAL DES ICH-BEWUSSTSEINS IM 
ZUSAMMENHANG MIT DEM CHRISTUS-PROBLEM 



Das Seelenleben im Erdendasein vollzieht sich in den 
Tatsachen des Denkens, Fiihlens und Wollens. Im 
Denken erscheint ein Spiegelbild dessen, was der astra- 
lische Organismus und die Ich-Wesenheit innerhalb der 
physisch-sinnlichen Welt erleben. Ein anderes Erleben 
dieser hohern Glieder der Menschenwesenheit geschieht 
wahrend des Schlafzustandes. Aber dieses Erleben bleibt 
im Erdendasein unbewufit. Die Seele ist da in ihrem 
Innern zu schwach, um ihren eigenen Inhalt sich selbst 
vor das Bewufksein zu stellen. Sobald das schauende 
Bewufitsein diesen Inhalt erlebt, stellt er sich als ein rein 
geistig-seelischer dar. 

Mit dem Erwachen treten der astralische Organismus 
und die Ich-Wesenheit in den atherischen und phy- 
sischen Organismus ein. Durch das Denken werden die 
Sinneswahrnehmungen im atherischen Organismus er- 
lebt. Aber in diesem Erleben ist nicht die Welt wirksam, 
die den Menschen umgibt, sondern eine Nachbildung 
dieser Welt. In dieser Nachbildung offenbart sich die 
Summe der bildenden Krafte, die dem Erden-Lebens- 
lauf des Menschen zugrunde liegen. In jedem Lebens- 
augenblicke ist eine solche Nachbildung der Aufienwelt 
im Menschen vorhanden. Der Mensch erlebt diese 
Nachbildung durch das Denken nicht direkt, sondern 
es stellt sich deren Reflexion durch den physischen 
Organismus als Gedankeninhalt vor das gewohnliche 
Bewufitsein. 



Was hinter der reflektierenden Tatigkeit des Denkens 
im physischen Organismus vor sich geht, das kann durch 
das gewohnliche Bewufttsein nicht wahrgenommen wer- 
den, sondern nur das Ergebnis, welches die als Gedanken 
sich darstellenden reflektierten Bilder sind. Diese nicht 
wahrgenommenen Vorgange im physischen Organismus 
sind Tatigkeiten des atherischen und astralischen Orga- 
nismus und der Ich-Wesenheit. Der Mensch nimmt in 
seinen Gedanken dasjenige wahr, was er selbst als see- 
lisch-geistiges Wesen in seinem physischen Organismus 
bewirkt. 

Im atherischen Organismus lebt eine Nachbildung 
der aufieren Welt als eine innere Tatigkeit, die den phy- 
sischen Organismus erfullt. Im astralischen Organismus 
lebt ein Nachbild des vorirdischen Daseins; in der Ich- 
Wesenheit lebt der ewige Wesenskern des Menschen. 

Im atherischen Organismus ist die aufiere Welt im 
Menschen tatig. Im astralischen Organismus ist dasjenige 
nachwirkend tatig, was der Mensch im vorirdischen Da- 
sein erlebt hat. Diese Tatigkeit ist ihrem Wesen nach 
wahrend des Erdendaseins keine andere geworden, als sie 
wahrend des vorirdischen Daseins war. Sie war eine 
solche, die im geistig verwandelten physischen Organis- 
mus sich vollzog. Im Wachzustand ist sie eine ahnliche. 
Die innere Kopforganisation des Menschen ist in einem 
fortwahrenden Bestreben begriffen, aus dem physischen 
Zustande in einen geistigen umgewandelt zu werden. 
Aber diese Umwandlung tritt wahrend des Erdendaseins 
nur als Anlage auf. Die physische Organisation leistet 
Widerstand. In dem Augenblicke, in dem der astralische 



Organismus in seiner umwandelnden Tatigkeit an dem 
Punkte angekommen ist, an dem die innere physische 
Kopforganisation als physische zerfallen miifite, tritt der 
Schlafzustand ein. Dieser fuhrt der inneren Kopforga- 
nisation aus dem iibrigen physischen Organismus wieder 
die Krafte zu, durch die sie in der physischen Welt be- 
stehen kann. 

Diese Krafte liegen im atherischen Organismus. 
Dieser wird wahrend des Wachzustandes innerhalb der 
Kopforganisation immer undifferenzierter; wahrend des 
Schlafzustandes differenziert er sich innerlich zu be- 
stimmten Gestaltungen. In diesen Gestaltungen offen- 
baren sich die Krafte , die wahrend des Erdendaseins fur 
den physischen Organismus aufbauend wirken. 

In der Kopforganisation vollzieht sich also wahrend 
des Wachzustandes eine zweifache Tatigkeit: eine auf- 
bauende durch den atherischen Organismus und eine 
abbauende, das ist eine solche, welche die physische Or- 
ganisation zerstort. Diese Zerstorung wird durch den 
astralischen Organismus bewirkt. 

Durch diese astralische Tatigkeit hat der Mensch den 
Tod wahrend seines Erdendaseins dauernd in sich. Dieser 
Tod wird nur jeden Tag durch die ihm en tgegen wirken - 
den Krafte besiegt. Aber den fortwahrend sich voll- 
ziehenden Todeswirkungen verdankt man das gewohn- 
liche Bewufitsein. Denn in dem ersterbenden Leben der 
Kopforganisation liegt dasjenige, was geeignet wird, die 
Seelentatigkeit als Gedanken-Erleben zu reflektieren. 
Eine zum Leben drangende organisch-sprossende Tatig- 
keit kann kein Gedankenweben hervorbringen. Dazu ist 
eine nach dem Sterben hin tendierende notwendig. Die 



organisch-sprossende Tatigkeit dampft das Gedanken- 
weben zur Betaubung oder Bewufklosigkeit herab. 

Was sich im physischen Tode einmal mit dem ganzen 
menschlichen Organismus vollzieht, das begleitet das 
menschliche Dasein wahrend des Erdenlebens als eine 
Anlage, ja als ein sich fortwahrend bildender Anfang des 
Sterbens immer fort. Und diesem Ersterben in sich ver- 
dankt der Mensch sein gewohnliches Bewufitsein. Vor 
dieses Bewuiksein stellen sich der atherische und der 
physische Organismus hin wie undurchsichtige Wesen- 
heiten; der Mensch schaut nicht sie, sondern die Ge- 
dankenspiegelbilder, die sie ihm zuriickwerfen und die 
er in seiner Seele erlebt. Die physische und atherische 
Organisation verdecken ihm die astralische Organisation 
und die Ich-Wesenheit. Weil das Bewulksein der Seele 
durch die Reflexion des physischen Organismus im ge- 
wohnlichen Erdendasein erfullt ist, kann der Mensch 
seine atherische und astralische Organisation sowie seine 
Ich-Wesenheit nicht wahrnehmen. 

Mit dem Tode lost sich der physische Organismus von 
dem atherischen und astralischen und von der Ich- 
Wesenheit los. Der Mensch tragt nun seinen atherischen 
und astralischen Organismus sowie seine Ich-Wesenheit 
an sich. Durch das Wegfallen des physischen Organismus 
ist fur das Bewulkwerden der atherischen Organisation 
durch den Menschen kein Hindernis mehr da. Vor die 
Menschenseele tritt das Bild des eben verflossenen Erden- 
lebens. Denn dieses Bild ist nur der Ausdruck der gestal- 
tenden Bildekrafte, welche in ihrer Summe den atheri- 
schen Leib darstellen. 



Was so im atherischen Leib lebt, ist aus dem atheri- 
schen Wesen des Kosmos in den Menschen hinein- 
gewoben. Es kann sich nie ganz vom Kosmos ablosen. 
Es setzt sich das kosmisch-atherische Geschehen in die 
menschliche Organisation herein fort; und die inner- 
menschliche Fortsetzung ist der Atherorganismus. Daher 
kommt es, dafi in dem Momente, in dem nach dem Tode 
der Mensch in seiner atherischen Organisation sich be- 
wulk wird, dieses Bewufksein auch schon beginnt, sich in 
ein kosmisches Bewufitsein umzuwandeln. Der Mensch 
fuhlt den Weltenather geradeso wie seinen Atherorga- 
nismus als etwas, was in seiner eigenen Wesenheit ist. 
Das heifit aber in Wirklichkeit: der Atherleib lost sich 
nach ganz kurzer Zeit im Weltenather auf . Der Mensch 
behalt als sein Inneres, das wahrend des Erdendaseins an 
den physischen und atherischen Organismus gebunden 
war, seinen astralischen Organismus und seine Ich- 
Wesenheit zuriick. 

Die astralische Wesenheit ist nie ganz in den physi- 
schen Organismus eingegliedert. Die Kopforganisation 
stellt eine vollige Umwandlung dieses astralischen Orga- 
nismus und der Ich- Wesenheit dar. Aber in allem, was 
rhythmische Organisation des Menschen ist, in dem 
Atmungsvorgange, der Blutzirkulation und in den 
andern rhythmischen Prozessen leben die astralische Or- 
ganisation und die Ich -Wesenheit mit einer gewissen 
Selbstandigkeit fort. Deren Tatigkeiten werden durch 
diese Prozesse nicht so reflektiert wie durch die Kopf- 
organisation. Mit den rhythmischen Vorgangen vereini- 
gen sich die astralische Organisation und die Ich-Wesen- 
heit. Es entsteht da eine geistig-physische Wesenheit, die 



im gewohnlichen Bewufitsein als Gefuhlsleben zur Er- 
scheinung kommt. In dem Gefuhlsleben verbindet sich 
dasjenige, was der Mensch durch seine Gedanken mit 
der Sinneswelt zusammen erlebt, mit dem astralischen 
Organismus und der Ich-Wesenheit. 

Man mufi diese Verbindung in ihren Einzelheiten be- 
trachten. Man nehme an: der Mensch vollbringe etwas in 
der Sinnenwelt. Es bleibt fur sein Seelenleben nicht bei 
dem aufieren Geschehen. Er beurteilt die eigene Tat. 
Dieses Beurteilen geschieht aber nicht im Gedanken- 
leben allein, sondern der Impuls dazu kommt aus dem 
astralischen Organismus, der in der Vereinigung mit den 
rhythmischen Vorgangen sich auch im physischen Dasein 
offenbart. In das Gedankenleben, das in Reflexbildern 
verlauft, fiigt sich ein Abglanz des moralischen Urteilens 
ein. Dieser Abglanz erscheint innerhalb der reflektierten 
Gedankenwelt selbst mit dem Charakter der blofi reflek- 
tierten Gedankenwesenheit. Im astralisch-rhythmischen 
Organismus lebt er aber in seiner Wirklichkeit. Diese 
Wirklkhkeit tritt wahrend des Erdendaseins nicht in das 
gewohnliche Bewufitsein ein. Der Eintritt wird dadurch 
verhindert, dafi die physischen rhythmischen Prozesse 
starker gefuhlt werden als ihre geistigen Begleitprozesse. 
1st im Tode der physische Organismus abgeworfen, sind 
die physischen rhythmischen Prozesse nicht mehr im 
Menschen-Erleben da, dann tritt in das kosmische Be- 
wulksein die Anschauung von dem, was die Taten des 
Menschen vor der geistig-kosmischen Welt bedeuten. 
Dieses kosmische Bewufksein bildet sich aus, nachdem 
der atherische Organismus ausgeschieden ist. Der Mensch 
schaut sich in diesem Zustande selbst als moralische 



Gestaltung an, wie er sich im Erdendasein als physische 
Gestaltung angesehen hat. Er hat jetzt ein Inneres, das 
gestaltet ist von der moralischen Qualitat seiner Erden- 
betatigung. Er schaut seinen astrahschen Organismus 
an. Aber in diesen astralischen Organismus leuchtet die 
geistig-kosmische Welt hinein. Was sie zu den im Erden- 
dasein vollbrachten Menschentaten sagt, das steht als ein 
Tatsachenbild vor der Menschenseele. 

Der Mensch tritt mit dem Tode in eine Form des Er- 
lebens ein, in der er einen andern Rhythmus erlebt als 
im Erdendasein. Dieser Rhythmus erscheint wie in einer 
kosmischen Nachbildung der Erdenbetatigung. Und in 
dieses Nach-Erleben stromt fortwahrend das Leben des 
Geist-Kosmos herein wie im Erdenleben die Atemluft in 
die Lunge. In dem bewufken kosmischen Erleben er- 
scheint ein Rhythmus, von dem der physische ein Abbild 
ist. Durch den kosmischen Rhythmus gliedert sich, was 
durch den Menschen im Erdendasein geschieht, als eine 
Welt mit moralischen Qualitaten in eine amoralische 
Welt ein. Und der Mensch erlebt nach seinem Tode die- 
sen im Schofie des Kosmos sich ausbildenden moralischen 
Wesenskern eines kiinftigen Kosmos, der nkht nur wie 
der gegenwartige in einer rein naturlichen Ordnung sich 
ausleben wird, sondern in einer moralisch-naturlichen. 
Die Grundempfindung, welche die Seele durchzieht 
wahrend dieses Erlebens in einer werdenden kosmischen 
Welt, ist ihr durch die Frage gegeben: werde ich wiirdig 
sein, mich in einem kommenden Dasein in die mora- 
lisch-natiirliche Weltordnung einzugliedern. 

Ich habe die Welt der Erlebnisse, die in dieser Art der 
Mensch nach dem Tode durchmacht, in meinem Buche 



«Theosophie» die «Seelenwelt» genannt. Das durch die 
Inspiration auftretende Bewufttsein von dieser Welt gibt 
erst den Inhalt fur eine wahre Kosmologie, wie eine ima- 
ginative Erkenntnis des realen menschlichen Lebens- 
laufes den Inhalt ergibt fur eine wahre Philosophic 

Aus demjenigen kosmischen Bewufttsein heraus, in 
das die kosmische Nachwirkung der menschlichen Erden- 
taten hineinwirkt, konnen nicht die ausreichenden Im- 
pulse gewonnen werden, aus denen die Menschenseele 
im Geistigen den kommenden physischen Organismus 
vorbereiten kann. Dieser Organismus wiirde verdorben 
werden, wenn die Seele in der Seelenwelt verbleiben 
wiirde. Sie muft in eine Welt des Erlebens eintreten, in 
der die auftermenschlichen geistigen Impulse des Kosmos 
wirken. Ich habe diese Welt in dem genannten Buche 
das «Geisterland» genannt. 

Die alten Initiierten konnten aus ihrem durch die In- 
itiation erworbenen Wissen ihren Bekennern sagen: das 
geistige Wesen, das in der physischen Welt in der Sonne 
seinen Abglanz hat, werdet ihr nach dem Tode in der 
geistigen Welt finden. Es wird euch aus der Seelenwelt in 
das Geisterland fuhren. Ihr werdet durch seine Fiihrung ge- 
reinigt werden, so daft ihr im Geisterland fahig werdet, einen 
weltgemaften physischen Organismus vorzubereiten. 

Die Initiierten zur Zeit des Mysteriums von Golgatha 
und die der ersten christlichen Jahrhunderte muftten zu 
ihren Bekennern sagen: Der Grad des Ich-Bewufttseins, 
den ihr wahrend des Erdendaseins erlanget, wird durch 
sein eigenes Wesen auf Erden so hell, daft sein Gegenpol, 
der nach dem Tode auftritt, so dunkel ist, daft ihr den 



geistigen Sonnenfuhrer nicht sehen konntet. Deshalb ist 
das Sonnenwesen als Chrisms auf die Erde her abgestiegen 
und hat das Mysterium von Golgatha vollbracht. Durch- 
dringet ihr euch nun schon wahrend der Erdenzeit mit 
einem lebendigen Gefuhle eures Zusammenhanges mit 
dem Mysterium von Golgatha, so wird dessen Sinn dem 
Erdenleben eingegliedert und wirkt in der Menschen- 
wesenheit nach dem Tode fort. Ihr konnt dann den Chri- 
stusfuhrer durch diese Nachwirkung erkennen. - 

Vom vierten Jahrhundert an ist dieses alte initiierte 
Wissen innerhalb der Menschheitsentwickelung verloren- 
gegangen. Eine erneute christliche Religionserkenntnis 
muft auch das Wirken Christi fur die Menschheit bis in 
die Erlebnisse nach dem Tode hinaus aus der Inspiration 
wieder in die kosmologische Wissenschaft einfiihren. Wie 
das im Wollen verborgene Geschehen des menschlichen 
Erdendaseins bis nach dem Tode hinaus wirkt, das zu 
schildern bleibt nun die Aufgabe der nachsten Darstel- 
lung. 



X 

DAS ERLEBEN DES WILLENSTEILS 
DER SEELE 



Wenn das gewohnliche Bewufitsein den Willen in Tatig- 
keit versetzt, so ist ein Teil des astralischen Organismus 
besonders wirksam, der mit dem physischen Organismus 
in einer loseren Verbindung steht als derjenige, der dem 
Fiihlen entspricht. Und dieser dem Fiihlen entsprechende 
Teil des Astralorganismus ist schon loser mit dem physi- 
schen Organismus verbunden als der dem Denken ent- 
sprechende. Zuglekh liegt in dem Astralorganismus des 
Willens die wahre Wesenheit des «Ich». Wahrend dem 
Gefuhl ein Seelisch-Geistiges entspricht, das mit dem 
rhythmischen Teil des physischen Organismus fortwah- 
rend in tatiger Verbindung ist, durchdringt der Willens - 
teil der Seele den Stoffwechsel- Organismus und die 
Gliedmafien-Organisation zwar fortwahrend; aber er ist 
mit diesen Gliedern des Menschenwesens in einer tatigen 
Verbindung nur, wahrend sich ein Wollen vollzieht. 

Die Beziehung des denkenden Seelenteiles zur Kopf- 
organisation ist ein Hingegebensein des Geistig-See- 
lischen an das Physische. Die Beziehung der fiihlenden 
Seele an die rhythmische Organisation ist ein abwechseln- 
des Hingegebensein und Sich-wieder-Zuruckziehen. Der 
Willensteil aber steht zum Physischen in einer Beziehung, 
die er zunachst als ein unbewufites Seelisches erlebt. Es ist 
ein unbewulkes Begehren nach dem physischen und athe- 
rischen Geschehen. Dieser Willensteil geht durch seine 
eigene Wesenheit nicht in die physische Tatigkeit auf . Er 
halt sich von ihr zuriick und bleibt seelisch-geistig lebend. 



Nur wenn der denkende Seelenteil seine Tatigkeit in die 
Stoffwechsel- und Gliedmafien-Organisation hinein er- 
streckt, dann wird der Willensteil angeregt, sich an die 
physische und atherische Organisation hinzugeben und 
in ihr tatig zu sein. 

Dem denkenden Seelenteil liegt eine abbauende Ta- 
tigkeit des physischen Organismus zugrunde. Im Bilden 
von Gedanken erstreckt sich dieser Abbau nur auf die 
Kopforganisation. Wenn ein Willensmaftiges entstehen 
soli, so ergreift die abbauende Tatigkeit die Stoffwechsel- 
und die Gliedmaflen-Organisation. Die Gedankenkraft 
stromt in den Rumpf- und Gliedmafien- Organismus ein, 
in denen ihr eine abbauende Tatigkeit des physischen 
Organismus entspricht. Das regt den Willensteil der Seele 
an, dem Abbau einen Aufbau, der auflosenden orga- 
nischen Tatigkeit eine bildende, gestaltende entgegen- 
zusetzen. 

Tod und Leben kampfen so im Menschenwesen. Im 
Denken offenbart sich eine stets im Absterben begriffene 
organische Tatigkeit; im Wollen offenbart sich ein Leben- 
Weckendes, Leben-Erschaffendes. 

Bei denjenigen Seelenubungen, welche mit dem Ziele 
der ubersinnlichen Anschauung als Willensiibungen un- 
ternommen werden, tritt ein Erfolg nur ein, wenn sie zu 
einem innerlichen Schmerzerlebnis werden. Wer seinen 
Willen zu einer erhohten Energie bringt, bei dem stellt 
sich ein Leidgefiihl ein. In alteren Epochen der Mensch- 
heitsentwickelung wurde dieser Schmerz unmittelbar 
durch asketische Ubungen herbeigefiihrt. Durch diese 
wurde der Korper in einen Zustand versetzt, der es dem 
Seelischen schwer machte, sich an ihn hinzugeben. Da- 



durch wurde der Willensteil der Seele von dem Korper 
losgerissen und zum selbstandigen Erleben der geistigen 
Welt angeregt. 

Diese Art von Ubungen ist derjenigen Menschenorga- 
nisation, die im gegenwartigen Zeitpunkt der Erden- 
entwickelung erreicht ist, nicht mehr angemessen. Der 
menschliche Organismus ist jetzt so beschaffen, dafi man 
ihn als die Grundlage der Ich-Entwickelung stort, wenn 
man die alten Ubungen zur Askese anstellt. Man muft 
jetzt das Gegenteil machen. Die Seeleniibungen, die in 
der gegenwartigen Zeit notwendig sind, um den Willens- 
teil der Seele leibfrei zu machen, bildeten den Gegen- 
stand einer Charakteristik in den vorangehenden Dar- 
stellungen. Sie bringen die Erstarkung dieses Seelenteiles 
nicht von der Korperseite her zustande, sondern von der 
Seelenseite. Sie erkraften das Seelisch-Geistige im Men- 
schen und lassen das Physisch-Korperliche unberiihrt. 

Man kann schon vom gewohnlichen Bewufksein aus 
sehen, wie das Schmerzerlebnis mk der Entwickelung der 
seelischen Erfahrungen zusammenhangt. Jeder, der sich 
einiges an Erkenntnissen hoherer Art errungen hat, wird 
sagen: Fiir die gliicklichen, lustbringenden Einschlage in 
mein Leben bin ich dem Schicksal dankbar; meine in 
wahrer Wirklichkeit wurzelnden Lebens-Erkenntnisse 
verdanke ich aber meinen bitteren, meinen leidvollen 
Erlebnissen. 

Soil der Willensteil der Seele verstarkt werden, wie es 
zur Erlangung der intuitiven Erkenntnis notwendig ist, 
dann mufi zunachst das Begehren verstarkt werden, das 
im gewohnlichen Menschenleben durch den physischen 
Organismus sich auslebt. Es geschieht dieses durch die 



charakterisierten Ubungen. Wird dieses Begehren dann 
so, daft der physische Organismus in seinem Erdenbe- 
stande fur dasselbe keine Grundlage sein kann, dann geht 
das Erleben des Willensteiles der Seele in die geistige 
Welt iiber; und das intuitive Anschauen tritt ein. Es wird 
also fur dieses Anschauen der geistig-ewige Teil des See- 
lenlebens seiner selbst bewufk. Wie das im Korper 
lebende Bewufitsein diesen in sich erlebt, so erlebt das 
geistige Bewufitsein den Inhalt einer geistigen Welt. 

In dem Wechselgeschehen von Aufbau und Abbau der 
menschlichen Organisation, wie es sich in der denkenden, 
fuhlenden und wollenden Menschheitsorganisation 
offenbart, mull man den mehr oder weniger normalen 
menschlichen Lebenslauf des Erdendaseins sehen. Er ist in 
der Kindheit anders als beim erwachsenen Menschen. Ein 
Durchschauen, wie die abbauenden und aufbauenden 
Krafte in der Kindheit wirken und welche Wirkung auf 
sie durch die Erziehung und den Unterricht ausgeubt 
wird, ist die Aufgabe einer wahren Padagogik. Eine 
solche kann nur entstehen aus der im Obersinnlichen 
wurzelnden Erkenntnis der vollstandigen Menschennatur 
nach deren korperlichem, seelischem und geistigem We- 
sen. Eine Erkenntnis, die nur in den Grenzen des natur- 
wissenschaftlich Erreichbaren sich halt, kann nicht die 
Grundlage einer wahren Padagogik sein. 

In dem kranken Menschen ist der mehr oder weniger 
normale Verlauf des Wechselverhaltnisses zwischen auf- 
bauenden und abbauenden Kraften fur den ganzen Orga- 
nismus oder fur einzelne Organe gestort. Es iiberwiegt da 
entweder der Aufbau in einem wuchernden Leben, oder 



der Abbau in ertotenden Bildungen einzelner Organe 
oder Vorgange. Uberschauen, was da vorgeht, kann nur 
derjenige, welcher die to tale Menschenorganisation nach 
physischem, atherischem, astralischem Organismus und 
Ich-Wesenheit erkennt. Und die Mittel zur Heilung kon- 
nen auch nur durch eine solche Erkenntnis gefunden wer- 
den. Denn in den Reichen der auikren Welt sind mine- 
ralische und pflanzliche Wesen vorhanden, in denen man 
bei anschauender Erkenntnis Krafte erkennt, die einer be- 
stimmten Art von zu stark aufbauenden oder abbauenden 
Kraften im Organismus entgegenwirken. Ebenso kann 
ein solches Entgegenwirken in gewissen Verrichtungen des 
Organismus selbst gefunden werden, die fur den ge- 
sunden Zustand nicht ausgefuhrt oder angeregt werden. 
Eine wahre medizinische Erkenntnis, eine echte Patho- 
logie und Therapie konnen nur auf einer Geist, Seele und 
Leib umfassenden Menschen-Erkenntnis auferbaut sein, 
welche die Ergebnisse der Imagination, Inspiration und 
Intuition verwertet. Heute nennt man die Forderung 
nach einer solchen Medizin noch kindlich. Man tut dieses, 
weil man auf dem Gesichtspunkt einer blofien Sinnes- 
wissenschaft steht. Von diesem Standpunkt aus ist das 
ganz begreiflich, denn man ahnt von ihm aus nicht, wie- 
viel mehr man wissen mufl fur eine Erkenntnis des ganzen 
Menschen als fur diejenige des blofien Menschenkorpers. 
Man kann wirklkh sagen, daf] Anthroposophie die Ein- 
wande ihrer Gegner kennt und zu wurdigen versteht. 
Gerade deshalb aber weifl sie auch, wie schwer diese 
Gegner durch sie zu iiberzeugen sind. 

Der Willensteil der Seele erlebt dasjenige mit, was in 
dem Gefuhlsteil vor sich geht. Dieses Erleben vollzieht 



sich fur das gewohnliche Seelenleben unbewufk. Aber es 
geht in den Tiefen der Menschenorganisation als ein Tat- 
sachenzusammenhang vor sich. Da gestaltet sich das 
durch Gefiihi und Wille vollzogene Bewer ten der mensch - 
lichen Erdentatigkeit zu dem Streben urn, der minder- 
wertigen Tat eine wertvolle im weiteren Erleben ent- 
gegenzusetzen. Es wird die ganze moralische Qualitat des 
Menschen unbewuGt erlebt; und aus diesem Erleben 
formt sich eine Art geistig-seelischer Wesenheit, die wah- 
rend des Erdendaseins in der unbewuflten Region des 
Menschenwesens heranwachst. Sie stellt dasjenige dar, 
was sich als zu erreichendes Ziel aus dem Erdendasein 
ergibt, zu dem aber der Mensch in diesem nicht gelangen 
kann, weil der physische und atherische Organismus, die 
aus dem vorigen Erdenleben ihre bestimmte Gestaltung 
haben, dies nicht ermoglichen. Es lebt deshalb in dem 
Menschen durch diese geistig-seelische Wesenheit das 
Bestreben, einen andern physischen und atherischen 
Organismus zu bilden, durch den das moralische Ergebnis 
des Erdendaseins im weiteren Erleben umgestaltet wer- 
den kann. 

Die Bildung eines solchen physischen und atherischen 
Organismus kann nur bewirkt werden, indem der Mensch 
die gekennzeichnete geistig-seelische Wesenheit durch 
die Pforte des Todes in die ubersinnliche Welt tragt. 

Unmittelbar nach dem Tode hat der seelisch-geistige 
Mensch kurze Zeit den atherischen Organismus an sich. 
Da tritt in dem Bewuiksein nur eine Andeutung des im 
Erdenleben entstandenen, unbewuEten moralischen gei- 
stig-seelischen Wertwesens auf. Denn der Mensch ist 



da ganz in die Anschauung des atherischen Kosmos ver- 
sunken. In dem folgenden langeren Erlebniszustande 
(den ich in meiner «Theosophie» die Seelenwelt genannt 
habe) ist zwar ein deutliches Bewufitsein dieser morali- 
schen Wertwesenheit vorhanden, aber noch nicht die 
Kraft, das Wirken an dem Aufbau des Geistkeimes fur 
den folgenden physischen Erdenorganismus zubeginnen. 
Der Mensch hat da noch eine Tendenz , wegen seiner im 
Erdenleben erworbenen moralischen Qualitat nach die- 
sem zuriickzublicken. Nach einer gewissen Zeit kann der 
Mensch den Ubergang zu einem Erlebniszustande flnden, 
in dem diese Tendenz nicht mehr vorhanden ist. (Ich 
habe die Region, die der Mensch da durchlebt, in meiner 
«Theosophie» als das eigentliche Geistgebiet bezeichnet.) 
Vom Gesichtspunkte des ubersinnlichen Gedankeninhal- 
tes, den der Mensch - nach dem Tode - im kosmischen 
Bewulksein erringt, kann man sagen: der Mensch lebt 
eine Zeitlang nach dem Tode noch der Erde zugewandt, 
indem er sich mit den geistigen Kraften durchdringt, die 
in den physischen Mondenerscheinungen ihr sinnliches 
Abbild haben. Er hat sich zwar aufterlich von der Erde 
losgelost, hangt aber indirekt durch seinen geistig-seeli- 
schen Inhalt mit ihr zusammen. Mit den gekennzeichne- 
ten geistigen Mondenkraften durchdringt sich alles, was 
der Mensch wahrend des Erdendaseins an moralisch-gei- 
stiger Bewertung zu einem realen Wertwesen in seinem 
astralischen Organismus — oder wie oben gesagt ist: in der 
unbewulken Region des gefuhls- und willensgemafien 
Seelenlebens - ausgestaltet. Dieses moralisch-geistige 
Wertwesen hat eine inhaltlkhe Verwandtschaft mit den 
geistigen Mondenkraften. Und diese sind es, die den 



Menschen an der Erde festhalten. Zur Ausgestaltung des 
Geistkeimes fur den physischen Organismus des nachsten 
Erdenlebens mull er sich aber auch geistig-seelisch von der 
Erde trennen. Das kann er nur, wenn er sich auch aus dem 
Bereiche der Mondenkrafte lost. In diesem Bereiche mufi 
er das mit ihm verwandte moralische Wertwesen zu- 
rucklassen. Denn das Wirken fiir den kiinftigen phy- 
sischen Organismus im Zusammenhange mit den gei- 
stigen Wesen der ubersinnlichen Welt mufi unbeschwert 
durch jenes Wesen geschehen. 

Diese Loslosung aus dem Gebiet der geistigen Monden- 
krafte kann der Mensch nicht durch die ihm eigenen gei- 
stig-seelischen Krafte erreichen. Sie mufi sich aber doch 
vollziehen. 

Vor dem Mysterium von Golgatha war es so, dafi die 
Initiationswissenschaft den Menschen sagen konnte: In 
einem gewissen Zeitpunkte des nachirdischen Daseins 
mufi das menschliche Erleben der Mondensphare ent- 
zogen werden, das den Menschen im Bereich des Pla- 
netenlebens erhalt. Der Mensch kann dieses Entziehen 
nicht selbst bewirken. Da aber tritt das Wesen, dessen 
physischer Abglanz die Sonne ist, fiir ihn ein und fuhrt 
ihn in eine reine Geistsphare, in der es selbst, nicht aber 
die geistige Mondwesenheit wirksam ist. Der Mensch 
erlebt ein Sternendasein so, dafi er die geistigen Urbilder 
der Fixsternkonstellationen gewissermafien von der 
andern Seite, von der Peripherie des Kosmos aus schaut. 
Dieses Schauen ist, wenn sich ihm auch die Sterne offen- 
baren, doch ein unraumliches. Mit den Kraften, von 
denen der Mensch jetzt durchdrungen ist, erwachst ihm 



die Moglichkeit, den Geist-Keim des physischen Orga- 
nismus aus dem Kosmos heraus zu gestalten. Gottliches 
vollbringt in ihm Gottliches. 1st der Geist-Keim gereift, 
so beginnt der Herunterstieg zu einem erneuten Erden- 
dasein. Der Mensch trkt wieder in die Mondensphare 
ein. Er findet da die moralisch-geistige Wertwesenheit, 
die er beim Eintritt in das reine Sternendasein zuriickge- 
lassen hat; und er gliedert sie seinem seelisch-geistigen 
Wesen ein, um sie zur Grundlage seines schicksalgema- 
ften (kosmisch bestimmten) folgenden Erdenlebens zu 
machen. 

Die Initiationswissenschaft des Christentums ergibt 
etwas anderes. Im Aufnehmen der Kraft, welche fur die 
Seele aus dem anschauenden und tatigen Gefuhls-Mker- 
leben des irdischen Christuslebens und des Mysteriums 
von Golgatha erwachst, erringt der Mensch schon auf der 
Erde, nicht erst durch das Sonnen wesen nach dem Tode, 
die Fahigkeit, sich in einem bestimmten Zeitpunkte des 
nachirdischen Daseins dem Mondeneinflufi zu entziehen 
und in die reine Sternensphare einzutreten. Diese Fahig- 
keit ist das geistige, nach dem Tode erlebte Gegenbild 
der durch das Ich-Bewurksein im Erdenleben herbei- 
gefiihrten Freiheit. Der Mensch ubernimmt dann in der 
Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt sein in 
der Mondensphare zuriickgelassenes moralisch-geistiges 
Wertwesen als den Bildner seines Schicksals, das er 
dadurch wahrend des folgenden Erdendaseins in Freiheit 
erleben kann. Er tragt auch in Freiheit die irdische Nach- 
wirkung seines zwischen Tod und Geburt durchlebten 
gottdurchdrungenen Daseins als religioses Bewulksein 
in sich. 



Eine neuere Initiationswissenschaft kann das durch- 
schauen und die Wirksamkeit des Christus im mensch- 
lichen Dasein erkennen. Sie fiigt zu einer lebensvollen 
Philosophic und einer Kosmologie, die den Geist-Kosmos 
miterkennt, eine Religionserkenntnis, welche den Chri- 
stus als den Mittler eines erneuten religiosen Bewufitseins, 
als den Weltenfuhrer in der Freiheit, anerkennt. 

Skizzenhaft habe ich in diesen Darstellungen nur die 
mogliche Entstehung einer Philosophic, Kosmologie und 
Religionserkenntnis darstellen konnen. Es wiirde noch 
vieles zu sagen sein, wenn die Skizze zum farbigen Bilde 
werden sollte. 



Hinweise des Herausgebers 



Korrekturennachweis 



Personenregister 

Ubersicht iiber die 
Rudolf Steiner Gesamtausgabe 



HINWEISE DES HERAUSGEBERS 



Zu dieser Ausgabe 

Die hier vorliegende kleine Schrift beinhaltet zehn Autoreferate Rudolf 
Steiners, die urspninglich entstanden sind als Vorlagen fur die franzo- 
sische Ubersetzung seines Vortragskurses «Die Philosophic, Kosmologie 
und Religion in der Anthroposophie» (GA 215). Es war dies der soge- 
nannte «Franz6sische Kurs», im franzosischen Einladungstext angekiin- 
digt als «La Philosophic la Cosmologie et la Religion, comme parties 
de l'Anthroposophie», der vom 6. bis 15. September 1922 anlaSlich der 
«Semaine Francaise» am Goetheanum gehalten wurde. Die Ubersetzung 
ins Franzosische besorgte Jules Sauerwein (1880-1967), einer der pro- 
minentesten franzosischen Journalisten in der Zeit des Ersten bis zum 
Beginn des Zweiten Weltkrieges. Er lernte Rudolf Steiner 1906 in Wien 
kennen und iibersetzte verschiedene seiner Werke ins Franzosische. Die 
Vortrage des franzosischen Kurses wurden des Ubersetzens wegen ab- 
schnittweise gehalten und Rudolf Steiner kennzeichnete selbst an den 
betreffenden Stellen den Unterbruch (vgl. in GA 215). Aufierdem 
schrieb er fur den Ubersetzer von Tag zu Tag eine Zusammenfassung 
des jeweiligen Vortrages nieder. Kurz darauf erschienen diese zehn 
Autoreferate in der Wochenschrift «Das Goetheanum» (II. Jg. 1922/23, 
Nrn. 6-16). 

Textvorlagen: 

Die Handschriften der zehn Referate sind von Rudolf Steiner fur den 
Abdruck in der Wochenschrift «Das Goetheanum » teilweise uberarbei- 
tet worden. Der Vergleich beider erweist, daE auch die Fahnenabztige 
von ihm noch korrigiert worden sein miissen. Daher gilt der Druck in 
der Wochenschrift als Text letzter Hand. Dieser wurde fur die vorlie- 
gende Ausgabe genau verglichen mit den erhalten gebliebenen Hand- 
schriften der Referate I, II, IV, VI bis X (III und V sind nicht erhalten). 
Einige Korrekturen, die sich daraus ergeben haben, sind unten nach- 
gewiesen. 

Zum Titel des Bandes: 

In der Wochenschrift «Das Goetheanum» waren die Referate von Rudolf 
Steiner wie folgt betitelt: Das erste Referat mit «Eroffnungsvortrag zum 
Franzosischen Kurs im September 1922 am Goetheanum», dann «Zwei- 



ter Vortrag ...» usw. bis «Zehnter Vortrag ...». Der ersten Buchausgabe 
im Jahre 1930 gab Marie Steiner den Titel «Kosmologie, Religion und 
Philosophies obwohl Rudolf Steiner von der Philosophic ausgehend zur 
Kosmologie und dann zur Religion forrschreitet. Der Grund fur die von 
Marie Steiner vorgenommene Umstellung diirfte vermutlich darauf 
zuriickzufiihren sein, dal? Rudolf Steiner in seinen Erinnerungsaufsatzen 
«Das Goetheanum in seinen zehn Jahren» (innerhalb der Gesamtausgabe 
im Band «Der Goetheanumgedanke inmitten der Kulturkrisis der 
Gegenwart», GA 36) berichtet: «Im September 1922 durfte ich zehn 
Vortrage iiber <Kosmologie, Philosophic und Religion vom Gesichts- 
punkte der Anthroposophio halten.» 

Fiir die 4. Auflage 1999 wurde der Titel des Bandes in Anlehnung 
des von Rudolf Steiner gegebenen Titels des Kurses geandert in: «Drei 
Schritte der Anthroposophie: Philosophic, Kosmologie, Religion». 

Zu den Titeln der einzelnen Referate: 

Diese wurden ebenfalls von Marie Steiner fiir die erste Buchausgabe 
1930 gegeben. In der 2. Buchausgabe von 1956 waren die Titel der 
Referate IV, VII, VIII, IX und X geandert worden; in der 3. und der 
4. Auflage entsprechen sie jedoch wiederum denen der 1. Auflage. 



Hinweise zum Text 

Zu Seite: 

35 zum Beispiel die Bergsonsche Phibsophie: Henri Bergson (1859-1941). Vgl. 
auch Rudolf Steiner, «Die Ratsel der Philosophic in ihrer Geschichte als 
UmrilS dargestellt», GA 18. 

69 Augustinus, 354—430, Kirchenvater. Vgl. besonders seine «Bekenntnisse» 
(Confessiones). 

Rent Decartes (Renatus Cartesius), 1596-1650, franzosischer Philosoph. 



KORREKTUREN 
in der 4. Auflage 1999 gegeniiber der 3. Auflage 1979: 



Die Korrekturen beruhen encweder auf Druckfehler gegeniiber dem Text in der 
Zeitschrift «Das Goetheanum» (G) oder auf der Handschrift (H): 



Seite Zeile 



Alter Wortlaut 



Neuer Wortlaut 



19 


12 


v.u. 


Diese Erlebnisse 


Diese Erlebnisse der Intuition (G) 


21 


10 


v.u 


das als Abbild [nicht] 


[nicht] sinneemalSe Einfiigune 
des Herausgebers 


33 


15 


v.u. 


Man erkennt diese 


Man erkennt dieses (G) 


42 


14 


v.o. 


hereinwirkten 


hineinwirkten (G) 


45 


4 


v.o. 


in einem ailgemein 


in einem allgemeinen (G) 


56 


15 


v.u. 


wirklich Geistiges 


wtrklicbes Geistiges (G) 


57 


9 


v.u. 


seinem eigenen 


seinem ewigen (G) 


61 


4 


v.o. 


Betrachtungen 


Betrachtung (G) 


65 


7 


v.o. 


Neigungen 


Neigung (G) 


69 


7 


v.u. 


substantiiert 


substantiell (H) 


74 


15 


v.o. 


behalt sein Inneres 


behalt als sein Inneres (H) 


82 


12 


v.u. 


ausgeiibt werden 


ausgeiibt wird 

(Korrektur des Herausgebers) 


83 


9 


v.o. 


aufbauender Erkenntnis 


anschauender Erkenntnis (H) 



Einige den Sinn beriihrende aber nicht beriicksichtigte Abweichungen im Text 
der Handschriften gegeniiber demjenigen letzter Hand in der Zeitschrift «Das 
Goetheanum»: 

Seite 10, 12. Zeile v.u.: 

«Indem das Geistesleben der Menschheit diesen atherischen Korper fur die 
Erkenntnis verloren hat, hat es zugleich den Wirklichkeitscharakter der 
Philosophic verloren. » 

Die Handschrift lautet: 

«Indem das Geistesleben der Menschheit ... hat sie zugleich ...» 



Seite 18, 4. Zeile v.u.: 

«Die inspirierten Erkenntnisse bilden sich im astralischen Organismus aus.» 

Die Handschrift lautet: 

«Die inspirierten Erkenntnisse bilden sich zuerst im astralischen Organis- 
mus aus.» 

Seite 20, 8. Zeile v.u.: 

«So wird durch die imaginative Erkenntnis ... durchschaut.» 
Die Handschrift lautet: 

«So wird durch die imaginative Erkenntnis ... vermittelt.» 

Hello, Wiesberger 



PERSONEN REGISTER 



Augustinus 69 

Bergson, Henri 35, 69 

Descartes, Rene 69 

Steiner, Rudolf 
Erwdhnte Werke: 

- Die Philosophic der Freiheit (GA 4) 22 

- Theosophie (GA 9) 22, 77, 85 

- Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten? (GA 10) 22 

- Die Geheimwissenschaft im Umrifi (GA 13) 22