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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER GES AMTAUSGABE
Geistige Wesen und ihre Wirkungen
Band I Die spirituellen Hintergriinde der aufieren Welt
Der Sturz der Geister der Finsternis
Vierzehn Vortrage, Dornach 29. September bis 28. Oktober 1917
GA-Nr. 177
Band II Individuelle Geistwesen und ihr Wirken in der Seele
des Menschen
Neun Vortrage, Zurich 6. und 13. November, Dornach 10. bis 25.
November, St. Gallen 15. und 16. November 1917
GA-Nr. 178
Band III Geschichtliche Notwendigkeit und Freiheit
Schicksalseinwirkungen aus der Welt der Toten
Acht Vortrage, Dornach 2. bis 22. Dezember 1917
GA-Nr. 179
Band IV Mysterienwahrheiten und Weihnachtsimpulse
Alte Mythen und ihre Bedeutung
Sechzehn Vortrage, Basel 23. Dezember 1917, Dornach 24.
Dezember 1917 bis 17. Januar 1918
GA-Nr. 180
RUDOLF STEINER
Die spirituellen Hintergriinde
der aufieren Welt
Der Sturz der Geister der Finsternis
Vierzehn Vortrage, gehalten in Dornach
vom 29. September bis 28. Oktober 1917
1999
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH / SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgte H. von Wartburg
1. Auflage in dieser Zusammenstelhmg
Gesamtausgabe Dornach 1966
2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1968
3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1977
4. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1985
5., neu durchgesehene Auflage
Gesamtausgabe Dornach 1999
Friihere Teilausgabe:
Dornach 29. September - 13. Oktober 1917:
«Die spirituellen Hmtergrunde der aufieren Welt»
als Band I der Reihe «Geistige Wesen und ihre
Wirkungen», Dornach 1933, 1941
Dornach 14. - 28. Oktober 1917:
«Der Sturz der Geister der Finsternis»
als Band II der Reihe «Geistige Wesen und ihre
Wirkungen», Dornach 1935
Bibliographie-Nr. 177
Zeichen auf dem Einband nach einem Entwurf Rudolf Steiners,
Schrift von Assja Turgenieff und Leonore Uhlig
Zeichnungen im Text nach den Unterlagcn der Stenografin,
ausgefuhrt von Assja Turgenieff, Hedwig Frey und Leonore Uhlig
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1999 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Konkordia Druck, Rastatt
SBN 3-7274-1771-4
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) glie-
dert sich in die drei grofien Abteilungen: Schriften — Vortrage -
Kiinstlerisches Werk (siehe die Ubersicht am Schlufi des Bandes).
Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fur
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen
Gesellschaft zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen
hatte Rudolf Steiner urspriinglich nicht gewollt, dafi sie schriftlich
festgehalten wiirden, da sie von ihm als «mundliche, nicht zum
Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber
zunehmend unvollstandige und fehlerhafte Horernachschriften an-
gefertigt und verbreitet wurden, sah er sich veranlalk, das Nach-
schreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-
von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographierenden, die
Verwaltung der Nachschriften und die fiir die Herausgabe not-
wendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel
nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigieren
konnte, mu£ gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen sein
Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenom-
men werden miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen
offentlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbst-
biographie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende
Wortlaut ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort
Gesagte gilt gleichermafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fach-
gebieten, welche sich an einen begrenzten, mit den Grundiagen der
Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe begonnen. Der vorhegende Band bildet einen Bestandteil
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere
Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Erster Vortrag, Dornach, 29. September 1917
Verstandnis fur die Ereignisse in Rufiland durch Geisteswissen-
schaft. Das Hereinwirken der metaphysischen Welt in das Zeit-
geschehen. Das Versagen Suchomlinows als Zeiterscheinung. Die
Friedensnote des Papstes. Der Zusammenhang zwischen der mate-
rialistischen Gesinnung der Menschen und den zerstorerischen
Kraften.
Zweiter Vortrag, 30. September 1917
Die Diskrepanz zwischen der intellektuellen und der moralischen
Entwicklung der Menschheit. Die menschliche Organisation in
Schlaf- und Wachzustand. Das Hereintragen von Weisheitsimpul-
sen ohne Moralitat vom Schlafzustand ins irdische Leben. Der
spirituell-soziale Impuls in den Werken von Johann Valentin
Andreae. Das Jiingerwerden der Menschheit - Lloyd George als
charakreristischer Reprasentant der Gegenwart.
Dritter Vortrag, 1. Oktober 1917
Das Wirklichkeitsfremde heutiger Denkgewohnheiten. Das Chri-
stus-Wort: «Mein Reich ist nicht von dieser Welt». Das Streben
nach irdischer Vollkommenheit als materialistische Illusion -
Woodrow Wilson als «Weltenheiland». Die richtige Haltung ge-
geniiber der Verkiindigung geisteswissenschaftlicher Wahrheiten -
Abirrungen von dieser Haltung. Zwei notwendig gewordene Ma£-
nahmen in bezug auf private esoterische Unterweisungen.
Vierter Vortrag, 6. Oktober 1917
Die Elementargeister der Geburt und des Todes. Ihr Wirken im
Dienste der Gotter und der Ubergang der Herrschaft tiber sie in die
Hand der Menschen - ein ahnlicher Vorgang in der alten Atlantis.
Die notwendige Umwandlung von Tugenden in Untugenden, von
aufbauenden in zerstdrerische Krafte. Das instinktive Erahnen die-
ser Tatsache durch Ricarda Huch. Eine Tendenz der Gegenwart:
Einnehmen eines Standpunktes statt Ringen um Erkenntnis der
Wahrheit.
Funfter Vortrag, 7. Oktober 1917
Anderungen im Erleben der Umwelt von der Griechenzeit zur
Gegenwart. Das Absterben der Erde und das Verdorren der Leiber
- Spiegelung dieser Tatsachen im geologischen Werk von Eduard
Sue$ und in der Psychologie von Franz Brentano. Die Trennung
unseres Innenwesens von der Korperlichkeit. Die Predestinations-
lehre von Augustin und Calvin. Die Eugenetik als Nachklang atlan-
tischer Brauche. Die Psychopathologie als Zeiterscheinung. Die
«Abschaffung des Geistes» durch Medikamente.
Sechster Vortrag, 8. Oktober 1917
Die uns umgebende lebendige Gedankenwelt und die toten Gedan-
ken in uns. Das Haupt als Erbstiick der alten Erdverkorperungen,
der iibrige Leib als Erscheinung kosmischer Hierarchien, verdichtet
durch die luziferische Verfiihrung. Spirituelle Verbundenheit mit
der Umwelt und Traumdeutung in der vierten nachatlantischen
Zeit. Notwendigkeit inspirierter Gedanken iiber das Soziale. Be-
wufitsein davon bei Jakob Bohme und Saint-Martin. Die Wichtig-
keit intuitiv-prophetischer Fahigkeiten fur den Lehrerberuf.
Siebenter Vortrag, 12. Oktober 1917
«Gewichtslosigkeit» iiblicher historischer Darstellungen. Luther als
«Angeh6riger» der vierten Kulturepoche im Aufgang der funften.
Die Erweckung des Bewulkseins durch die Tauschung in der Ver-
gangenheit. Die Notwendigkeit zur Uberwindung der Tauschung
in der Zukunft. Die verinnerlichte Feuerprobe im heutigen Initia-
tionsweg. Die Bedeutung des Karma-Gedankens fur die Erziehung.
Die Schadlichkeit zu friiher Verstandesbildung. Vom richtigen
Verhalten gegeniiber Andersdenkenden. Die Verinnerlichung der
Beziehung zwischen Erzieher und Zogling.
Achter Vortrag, 13. Oktober 1917
Das Streben der Gegenwart nach einheitlichen, einfachen Begriffen.
Das Ungeniigen solcher Begriffe gegeniiber der Wirklichkeit. Der
unrichtige Vergleich zwischen Organismus und Staat bei Rudolf
Kjellen und Albert Schaffle. Das soziale Leben der ganzen Erde als
Organismus. Die Widerlegung abstrakter Theorien durch die Wirk-
lichkeit. Der Blick des Westens auf die Vergangenheit. Der Wilso-
nismus. Das Brechen mit der Vergangenheit im Osten. Die Ab-
straktheit theosophischer Ideale und die Notwendigkeit konkreten
Wissens.
Neunter Vortrag, 14. Oktober 1917
158
Der Kampf zwischen dem Erzengel Michael und den ahrimani-
schen Machten von 1841 bis zum Herbst 1879. Der Sturz der Gei-
ster der Finsternis und seine Folge: personliches Ergreifen der
materialistischen Impulse durch die Menschen - ein Ausspruch
Henri Lichtenbergers als Symptom dafiir. Bazillenkrankheiten und
Mondeinflusse als Folgen ahnlicher Kampfe in friiheren Erdperi-
oden. Beispiele ahrimanischer Denkweise in der heutigen Wissen-
schaft. Der Einflufi der geistigen Welt auf die Handlungen heutiger
Menschen. Die Spiegelung geistiger Ereignisse im irdischen Ge-
schehen. Solowiew und die Erkenntnis des russischen Volksgeistes.
Zehnter Vortrag, 20. Oktober 1917 174
Wirklichkeitsfremdheit vieler Ideale. Verbreitung bestimmter Ge-
danken im 18. Jahrhundert und ihre spatere Auswirkung. «Drei-
zehnlinden» von Wilhelm Weber. Vorurteil, Unwissenheit und
Furcht als Forderer der ahrimanischen Machte. Die Erfassung des
Vergangenen durch die heutige Naturwissenschaft und die Not-
wendigkeit, zum Erkennen des Zukiinftigen zu kommen. Die An-
schauungen von James Dewar als Beispiel des Versagens heutiger
Vorstellungsart. Das Wirken ahrimanischer Wesen in den monisti-
schen Theorien. Notwendigkeit zur Durchdringung materieller
Wissenschaft mit spirituellem Denken. Die notwendige Umwand-
lung der Erziehung. Die Bedeutung froher Kindheitserinnerungen
fur das Leben als Erwachsener.
Elfter Vortrag, 21. Oktober 1917 193
Verinnerlichung der menschlichen Seelennatur - Veraufierlichung
der Wissenschaftskultur. Neue Impulse in der Erziehungskunst als
Mittel gegen die Verahrimanisierung des Innenlebens. Das Verhalt-
nis von Tier und Mensch zu Sonnen- und Mondenstromungen.
Sinnige Erzahlungen aus Tier- und Pflanzenwelt als padagogische
Notwendigkeit - Ansatze dazu in Brehms «Tierleben». Verarmung
der Begriffe durch das Spezialistentum. Beispiel einer wirklichen
Verbindung zwischen geisteswissenschaftlichen Betrachtungsim-
pulsen und einem Spezialgebietr das Buch uber den Gesamtarbeits-
vertrag von Roman Boos. Ein wertvoller Aufsatz von ihm in der
Zeitschrift «Wissen und Leben». Leeres Begriffsspiel in einem an-
deren Aufsatz des gleichen Hefts.
Zwolfter Vortrag, 26. Oktober 1917 212
Die Herabsto&ung der Geister der Finsternis als Ursache der ge-
genwartigen Ereignisse. Die Aufgabe der Geister des Lichts in frii-
heren Erdepochen: Forderung der Blutsbande; die der finsteren
Machte: Befreiung des Menschen von diesen Banden - Umkehrung
dieser Verhaltnisse im 19. Jahrhundert. Die Abstammungslehre
Darwins als Vergangenheitsimpuls; die Metamorphosenlehre Goe-
thes als Zukunftskraft. Die Verbindung des Menschen mit der Erde
durch die Vererbung - sein Losreiften von der Erde durch Vergei-
stigung. Die Indianisierung der in Amerika wohnenden Europaer
und die Uberwindung dieser Tendenz.
Dreizehnter Vortrag, 27. Oktober 1917 229
Die Intentionen der Geister der Finsternis: hochste Entwicklung
des menschlichen Scharfsinns und Beschrankung der Beziehung
zum Geiste auf spiritistische Methoden. Durch den Sieg Michaels
moglich: die reine Verbindung des Menschen mit dem Geiste -
Gegenwirkung der finsteren Machte. Vorgange des 19. Jahrhun-
derts als Auswirkung der Kampfe im Geistgebiet. Die Erklarung
von Goethes «Faust» durch Oswald Marbach. Woodrow Wilson
als «Weltschulmeister». Goethes Geistesstreben ausgedriickt in ei-
nem Gedicht von Marbach.
Vierzehnter Vortrag, 28. Oktober 1917 248
Das Wirken von Angeloi und Archangeloi in der Geschichte und
im menschlichen Organismus. Das Aufhoren der physischen Fort-
pflanzung im 6. oder 7. Jahrtausend. Die Bestrebungen der Geister
der Finsternis in bezug auf das Jiingerwerden der Menschheit. Fritz
Mauthner und der Darwinismus. Diskrepanz zwischen Gedanken-
leben und Willensleben. Die Auswirkung dieser Diskrepanz in der
modernen Sozialdemokrarie. Das geringe Alter der Geschichtswis-
senschaft und die Notwendigkeit ihrer Befruchtung durch Anthro-
posophie. Das Bienenbuch von Maeterlinck. Illusionares Reden
von Demokratie. Francis Delaisi iiber Demokratie und Finanzwelt.
Alexander Millerand und Raymond Poincare als Beispiele fur die
Beeinflussung politischen Handelns durch finanzielle Riicksichten.
Hinweise
Zu dieser Ausgabe 273
Hinweise zum Text 275
Personenregister 288
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 291
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 293
ERSTER VORTRAG
Dornach, 29. September 1917
Meine lieben Freunde! Sie werden mir glauben, dafi es mir eine tiefe
Befriedigung ist, wieder einige Zeit hier unter Ihnen sein zu konnen,
an derjenigen Stelle, wo wir ein sichtbares Zeichen unseres Wollens,
unseres Strebens aufrichten diirfen, desjenigen Strebens, dem wir
uns im Studium und in der Ausiibung der Geisteswissenschaft im-
mer mehr und mehr nahern wollen,
Wir werden uns ja, da dieses geisteswissenschaftliche Streben mit
dem Innersten, Innerlichsten des Menschen zusammenhangt, von
Zeit zu Zeit immer wieder die Frage stellen, welches denn eigentlich
der Grundcharakter unseres Wollens ist. Und man mochte sagen, in
der Gegenwart ergibt sich aus den Zeitverhaltnissen heraus, aus die-
sen traurigen Zeitverhaltnissen heraus, eine deutliche negative Ant-
wort auf die Frage nach dem Grundcharakter unseres Wollens, un-
seres Strebens. Wir sehen jetzt seit schon mehr als drei Jahren iiber
die Welt hin sich verbreiten etwas, was ja zunachst nicht genauer
charakterisiert zu werden braucht. Denn wir fiihlen, wir empfinden
es alle und wir diirfen sagen: Was jetzt durch die Welt geht, ist der
Ausdruck, ist die Folge des Entgegengesetzten von demjenigen, dem
unser Wollen und sein aufierliches Zeichen, dieser Bau, gewidmet
ist. - Wenn man versucht, sich immer wieder klarzumachen, bei
welcher geistigen Entwickelungsstromung wir sehen mdchten, dafi
sie von der Menschheit aufgenommen werde, so miissen wir sagen:
Es ist die entgegengesetzte von derjenigen, welche zu den furcht-
baren, tragischen Ereignissen der letzten Jahre gefiihrt hat. - Das
diirfen wir uns immer wieder und wiederum klarmachen dann,
wenn wir mit voller Seele Anteil nehmen an dem, was jetzt die Welt
durchflutet, an dem, was jetzt die Welt durchtobt. Wir diirfen uns
sagen: Diese Jahre erscheinen uns so, als ob die Zeit wie elastisch
auseinandergezogen ware, als ob dasjenige, an das wir uns erinnern
als vor diesem Weltgetobe vorhanden, als ob das nicht Jahre, als ob
es Jahrhunderte hinter uns lage.
Es wird ja auch in der Gegenwart viele Menschen geben, wie es
zu alien Zeiten solche gegeben hat, die in einer gewissen Beziehung
die Zeitereignisse verschlafen, die nicht vollstandig wach sind
gegeniiber diesen Zeitereignissen. Allein solche, die wachen, die
werden, wenn sie jetzt zuriickblicken auf das, was durch ihre Seele
gezogen ist, was Eindmck hervorgerufen hat in diesen Seelen vor
vier, fiinf Jahren, so empfinden, wie man etwa empfindet, wenn man
ein altes Buch, ein altes Kunstwerk, das vor Jahrhunderten entstan-
den ist, auf seine Seele wirken lafit. Wie in die Entfernung geriickt,
in eine weite zeitliche Entfernung geriickt, so sind die Ereignisse, die
vor diesem Weltgetobe an uns herangetreten sind.
Wer freilich vor dem Entstehen dieser Ereignisse, jetzt im gei-
steswissenschaftlichen Sinne, wachend in die Welt hineingesehen
hat, der konnte bemerken, was da eigentlich heransturmt. Und
viele unserer Freunde werden sich - ich darf darauf immer wieder
aufmerksam machen -, viele unserer Freunde werden sich erinnern
an eine, ich darf schon sagen stereotyp gegebene Antwort auf Fra-
gen, die immer wieder nach offentlichen Vortragen da und dort
aufgetaucht sind. Eine Frage ist ja immer wieder gekommen, wie
Sie wissen; es ist diese, dafi man gesagt hat: Wie vertragt sich mit
der durch die Statistik nachgewiesenen Zunahme der Menschheits-
bevolkerung die Lehre von den wiederholten Erdenleben? Die
Menschheitsbevolkerung uber die Erde hin nimmt so rasch zu.
Wie ist damit vereinbar die durch die Geisteswissenschaft festge-
stellte Tatsache, dafi es immer wieder dieselben Seelen sind? - Und
immer wieder mufite ich antworten: Es scheint aufterlich ja durch
die Statistik ganz richtig festgestellt zu sein, dafS die Bevolkerung
der Erde zunimmt, allein man betrachtet nicht geniigend lange
Zeitraume, wie es notig ware, um zu einer solchen Frage wirklich
Stellung zu bekommen, man betrachtet viel zu kurze Zeitraume. -
Und dann sagte ich immer, es konne eine Zeit vielleicht gar nicht
so feme liegen, wo die Menschen mit Grauen erfahren werden,
dafi es auch eine Abnahme der Bevolkerung gibt. - Seit dem Be-
ginn des Jahrhunderts mulke diese Antwort immer wieder auf sol-
che Fragen gegeben werden.
Es ist schon einmal so in der Geisteswissenschaft: Man kann
nicht klipp und klar auf manche Fragen antworten, weil unsere
Zeitgenossenschaft noch nicht so weit ist, die Wahrheiten im rich-
tigen Stile aufzunehmen. Man mufi manches andeuten. Wenn Sie
nachlesen in den Vortragen, die nicht lange vor dem Ausbruch
dieser furchtbaren Weltkatastrophe in Wien gehalten worden sind,
so werden Sie dort die Stelle finden von dem sozialen Karzinom,
von der sozialen Krebskrankheit, welche an der Menschheitsent-
wickelung frifit. Angedeutet werden sollte durch solche und viele
ahnliche Dinge, was der Menschheitsentwickelung bevorsteht, und
aufgefordert werden sollte durch solche Dinge zum Nachdenken.
Denn dieses Nachdenken, das ist es, was uns einzig und allein in
wirklichem Sinne wach machen kann. Und waches Leben, wir
brauchen es, und die Menschheit braucht es. Und wenn Geistes-
wissenschaft ihre Aufgabe erfullen will, so ist vor alien Dingen
notig, dafi sie die Anregerin wird zu vollem Wachsein. Denn wis-
sen allein von den Dingen, die sich in der Sinnenwelt abspielen,
und von den Gesetzen, die der Verstand durchschauen kann als in
der Sinneswelt vorhanden, das heifit denn doch in einem hoheren
Sinne schlafen. Vollstandig wach ist die Menschheit nur dann,
wenn sie auch Begriffe, Ideen entwickeln kann von jener geistigen
Welt, die ja ebenso um uns herum ist wie Luft und Wasser, wie
die Sterne, wie die Sonne und der Mond. Und so wie man schlaft,
wenn man nur ganz hingegeben ist dem inneren Leibesprozeft in
der Nacht und keine Ahnung hat von dem, was ringsherum in der
aufieren korperlichen Welt vorhanden ist, so schlaft man auch,
wenn man nur der aufieren Sinneswelt hingegeben ist und der
Verstandeswelt und den Verstandesgesetzen, die in der aufieren
Sinneswelt walten, und keine Ahnung hat von dem, was um einen
herum ist als geistige Welt.
Es ist merkwurdig, dafi gerade in den letzten Jahrhunderten - und
am argsten um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert - die Mensch-
heit auf ihren geistigen Fortschritt, auf ihre wissenschaftlichen Er-
rungenschaften so sehr pochte und dafi im Grunde genommen nie-
mals das unbewufke, instinktive Leben so ausgebreitet war wie in
dieser Zeit, dafi immer mehr und mehr gegen die Gegenwart herauf
das instinktiv Unbewufite die Menschen ergriffen hat. Das Nicht-
Sehen dessen, was geistig um uns herum ist, das Nicht-Rechnen mit
diesem Geistigen, das ist ja im letzten Grunde die Ursache dieses
furchtbaren Weltenkampfes. Und man kann nicht sagen, daft die
Menschheit durch die Jahre, die sich, wie ich angedeutet habe, wie
Jahrhunderte verlangern fur den, der sie wachend durchlebt, man
kann nicht sagen, daft die Menschheit schon hinreichend viel gelernt
hat von dem, was in so furchtbarer Weise sich abgespielt hat. Man
konnte leider sogar das Gegenteil davon sagen.
Was ist denn das eigentlich Charakteristische, das einem jetzt tag-
lich, stiindlich auffallen kann, wenn man verfolgt, was heute Men-
schen denken - besser gesagt, vorgeben zu denken, vorgeben zu
wollen -, was ist denn das eigentlich Charakteristische? Das eigent-
lich Charakteristische ist, daft im Grunde genommen iiber die Welt
hin niemand weifi, was er will, dafi niemand darauf kommt, daft das-
jenige, was man berechtigterweise wollen konnte - gleichgiiltig, wie
es sich in den einzelnen Kopfen der einzelnen Volker ausmalt -, viel
besser erreicht wurde, wenn man die furchtbaren, blutigen Ereig-
nisse wegliefie, daft diese furchtbaren, blutigen Ereignisse sich ab-
spielen und dafi sie eigentlich unnotig sind, unnotig sind zu dem,
was gewollt wird.
Allerdings, es walten in diesen Ereignissen geheimnisvolle Zu-
sammenhange. Aber wenn Sie manches nehmen, was, allerdings
auch nur andeutungs weise, im Laufe der Jahre gerade in unseren gei-
steswissenschaftlichen Vortragen gesagt worden ist, so werden Sie
doch finden, dafi auch in bezug auf dasjenige, das sich als Aller-
bedeutungsvollstes hereingestellt hat in die Ereignisse der letzten
Jahre, manches recht klar angedeutet worden ist. Wenn Sie nur neh-
men, was auch innerhalb dieser Raume, namentlich in den letzten
Jahren, entwickelt worden ist iiber den Charakter des russischen
Volkes und iiber den Gegensatz dieses russischen Volkes zu den
west- und mitteleuropaischen Volkern, dann werden Sie darauf-
kommen, daft Sie nichts anderes brauchen, als was hier gesagt wor-
den ist, zum Verstandnisse desjenigen Ereignisses, das scheinbar so
suirmisch in der letzten Zeit eingeschlagen hat, zum Verstandnisse
dessen, was man gewohnlich die Russische Revolution jetzt nennt,
dieses Ereignisses, das hereingebrochen ist wie eine Vergeltung, aber
eine innerlich durchaus absolut verstandliche karmische Vergeltung,
wobei man dieses Wort als Terminus technicus und gar nicht im
moralischen Sinne zu nehmen hat.
Es wird nicht nur die russische, es wird die europaische, wird die
Menschheit der ganzen Welt lange, lange nachzudenken haben tiber
die Ereignisse, die sich im Osten Europas viel geheimnisvoller jetzt
abspielen, als man eigentlich denkt. Denn was Jahrhunderte lang
sich vorbereitet hat, das ist da an die Oberflache getreten. Und das
Neue, das sich gestalten will, es zeigt heute noch ein ganz anderes
Gesicht als dasjenige, das sich entwickeln will, das sich herausgestal-
ten will. Spatere Geschlechter werden noch die Moglichkeit haben,
den Unterschied zwischen Maja und Wirklichkeit anschaulich zu
machen an dem, was sich in den nachsten Jahrzehnten im Osten von
Europa gestalten wird. Denn die gegenwartigen Geschlechter neh-
men die Maja eben nicht als Maja hin, sondern als eine Wirklichkeit.
Sie nehmen das, was jetzt geschieht, hin als etwas, was schon dasje-
nige ist, was es werden will. Das ist nicht so. Da will etwas ganz
anderes an die Oberflache.
Und schlecht sind die Westvolker geriistet zu verstehen, was da an
die Oberflache will. Warum sind sie so schlecht geriistet? So sonder-
bar dies aussieht fur den Menschen, nicht fur Sie, aber fur den
Normalmenschen der Gegenwart - Sie sind ja alle dadurch, dafi Sie
zur Anthroposophie gehoren, nicht Normalmenschen der Gegen-
wart — , so sonderbar das fur den Normalmenschen aussieht, mehr,
unendlich viel mehr als irgendeine andere Zeit erfordert diese gegen-
wartige Zeit von den Menschen gerade dasjenige, was diese Men-
schen am allerwenigsten haben wollen: geisteswissenschaftliches
Verstandnis. So sonderbar es fur den Normalmenschen der Gegen-
wart eben klingt: Ordnung wird aus dem Chaos der Gegenwart
nicht, bevor eine geniigend grofie Anzahl von Menschen sich beque-
men wird, die geisteswissenschaftlichen Wahrheiten anzuerkennen.
Das wird das weltgeschichtliche Karma sein.
Lassen Sie die Menschen reden, die da glauben, wir haben jetzt
einen Krieg, wie friihere Kriege waren, und wir werden nachstens
Frieden schliefien, wie friihere Frieden geschlossen worden sind;
lassen Sie das die Menschen glauben. Das sind die Menschen, die die
Maja lieben, das sind die Menschen, die die Wahrheit nicht von der
Tauschung unterscheiden. Lassen Sie diese Menschen selbst einen
Scheinfrieden vielleicht irgendwie schliefien: Ordnung wird aus die-
sem Chaos, das jetzt die Welt durchzieht, nur dann, wenn die Mor-
genrote einer geisteswissenschaftlichen Auffassung die Menschen
ergreift. Und wenn Sie etwa in Ihrem Herzen empfinden sollten:
Dann wird lange nicht Ordnung werden, dann wird es noch lange
dauern - weil Sie vielleicht des Glaubens sind, die Menschen werden
sich lange nicht bequemen, eine geisteswissenschaftliche Morgen-
rote heraufkommen zu lassen dann werden Sie Recht haben.
Dann glauben Sie aber nur auch, dafi lange keine Ordnung werden
wird aus diesem Chaos heraus, denn sie wird nicht friiher werden,
als bis eine geisteswissenschaftliche Auffassung die menschlichen
Herzen durchdringt. Alles andere wird Schein sein, alles andere
wird scheinbare Ruhe sein, unter der immer neue und neue Feuer-
flammen sich entziinden werden, denn Ordnung wird aus diesem
Chaos erst entstehen, wenn man begreifen wird, woraus dieses
Chaos entstanden ist.
Es ist entstanden aus ungeistiger Erfassung der Wirklichkeit -
ja, aus ungeistiger Erfassung der Wirklichkeit. Die geistige Welt
ignoriert man nicht ungestraft. Man kann glauben, dafi man die gei-
stige Welt ungestraft ignorieren kann, man kann glauben, dafi man
sich in der Welt Begriffen, Vorstellungen hingeben kann, die blofi
aus der Sinneswelt entnommen sind, man kann das glauben, und das
ist ja der allgemeine Glaube der heutigen Menschheit. Aber wahr ist
es nicht. Nein! Der irrigste Glaube, den jemals die Menschheit
hat hegen konnen, das ist der - wenn ich mich trivial ausdriicken
darf -, dafi die Geister es sich gefallen lassen, ignoriert zu werden.
Fassen Sie es meinetwillen auf als einen Egoismus, als eine Selbst-
sucht der Geister, aber in der geistigen Welt gilt eine andere Termi-
nologie als hier in der sinnlich-physischen Welt. Also fassen Sie es
meinetwillen auf als einen Egoismus der Geister, aber die Geister
rachen sich, wenn sie ignoriert werden hier. Es ist ein Gesetz, es ist
eine eherne Notwendigkeit: Die Geister rachen sich. Und unter den
mancheriei Charakteristiken, die man geben kann fur die Gegen-
wart, ist auch diese richtig, daft man sagen kann: Die Rache der
Geister dafiir, daft man sie so lange ignoriert hat, das ist das gegen-
wartige Menschheitschaos.
Erinnern Sie sich, wie oft ich hier und an andern Orten gesagt
habe: Es ist ein geheimnisvoller Zusammenhang zwischen dem, was
menschliches Bewufitsein ist, und den zerstorerischen Kraften des
Weltenalls, gerade den Untergangskraften des Weltenalls. Ja, dieser
geheimnisvolle Zusammenhang zwischen den zerstorerischen Kraf-
ten des Weltenalls und dem Bewufitsein, der besteht; er besteht so,
daft das eine als Ersatz fur das andere auf der einen Seite dienen kann
oder auf der andern Seite dienen mufi in der folgenden Art.
Nehmen wir einmal an, ein Zeitalter ware dagewesen, sagen
wir in den letzten zwanzig oder dreifiig Jahren des 19. Jahrhun-
derts, in dem die Menschheit so nach Geistigem gestrebt hatte,
wie sie in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten des 19. Jahrhun-
derts nur nach materiellem Wissen und nach materiellen Taten
gestrebt hat. Nehmen wir an, am Ende dieses 19. Jahrhunderts
hatten die Menschen nach spirituellem Erleben, nach spirituellem
Wissen, nach spirituellen Taten gestrebt. Was ware das gewesen?
Was ware es gewesen, wenn die Menschen gesucht hatten, die
geistige Welt zu erkennen und aus der geistigen Welt heraus der
physischen Welt einen Charakter, eine Grundlage zu geben, statt
daft in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts die Men-
schen nur instinktiv immer mehr und mehr nach demjenigen
Wissen gejagt haben, welches zuletzt in der Ausgestaltung der
Mordwerkzeuge seine grofiten Triumphe feierte und welches in
der menschlichen Bereicherung mit rein materiellen Giitern auf-
ging? Was ware geschehen, wenn die Menschheit gestrebt hatte,
spirituelles Wissen, spirituelle Impulse fur das soziale Wirken zu
gewinnen? Es ware eine Abschlagszahlung gewesen fur zerstore-
rische Krafte! Die Menschen waren wacher gewesen, statt daft
sie die letzten Jahrzehnte des 1 9. Jahrhunderts verschlaf en haben.
Die Menschen waren wacher gewesen, und die ersten Jahrzehnte
des 20. Jahrhunderts hatten nicht die Zerstorung zu bringen
brauchen, wenn das Bewufksein starker gewesen ware. Das spi-
rituelle Bewulksein mulS eben starker sein als das rein sinnlich-
materielle Bewufksein. Ware das spirituelle Bewufitsein starker
gewesen in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts, so
hatten nicht die zerstdrerischen Krafte einzugreifen brauchen in
den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts.
Am intensivsten, am eindringlichsten - erkenntnistheoretisch -,
aber, man mdchte sagen auch am grausamsten gewahrt man das,
wenn man Bekanntschaft macht mit manchen Toten, die in die gei-
stige Welt eingezogen sind, sei es in den letzten Jahrzehnten des 19.
Jahrhunderts, sei es in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts.
Viele Seelen waren darunter, die hier auf diesem Erdenrund inner-
halb des Hastens und Treibens und Strebens im Materiellen keine
Gelegenheit gehabt haben, ihr Bewufitsein zu erwecken mit spiri-
tuellen Impulsen. Viele sind durch die Pforte des Todes gegangen,
ohne auch nur eine Ahnung zu bekommen von Begriffen, von
Ideen, die spirituelle Impulse andeuten. Ware hier auf der Erde, be-
vor diese Seelen durch die Pforte des Todes gegangen sind, fur sie
die Moglichkeit gewesen, Spirituelles in ihre Vorstellungen, in ihre
Begriffe aufzunehmen, sie hatten das mit durch die Pforte des Todes
getragen. Das ware ihnen ein Gut gewesen, das sie brauchen nach
dem Tode. Sie haben es nicht haben konnen.
Wer die Geistesgeschichte, die sogenannte Geistesgeschichte der
letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts und der ersten Jahrzehnte
des 20. Jahrhunderts kennt, der weifi, dafi man nicht einmal mehr
das Wort Geist anzuwenden gewufk hat auf das Richtige: Man hat es
auf alles Mogliche angewendet, nur nicht auf dasjenige, was wirklich
Geist ist. So haben die Seelen keine Moglichkeit gehabt, den Geist
hier zu kennen. Sie miissen die Abschlagszahlung nehmen. Sie lech-
zen jetzt, da sie durch die Pforte des Todes eingetreten sind in die
geistige Welt, sie lechzen - ja, wonach lechzen sie, diese Seelen, die
hier im Materialismus lebten, wonach lechzen sie? Nach zerstoreri-
schen Kraften in der physischen Welt lechzen sie! Denn das ist die
Abschlagszahlung.
Diese Dinge lassen sich nicht mit bequemen Begriffen abtun. Will
man auf diesem Gebiet die Realitaten kennenlernen, dann mufi man
sich eine Empfindung fiir dasjenige verschaffen, was in den agyp-
tischen Mysterien die eherne Notwendigkeit genannt worden ist. So
furchtbar es ist, so sehr notwendig war es, dafi Zerstorung Platz griff,
da sich die durch die Pforte des Todes Gegangenen sehnten nach zer-
storerischen Kraften, in denen sie leben konnen, nachdem sie hier die
Abschlagszahlung durch spirituelle Impulse nicht haben erhalten
konnen.
Es wird nicht friiher Ordnung aus dem Chaos, bevor die
Menschheit sich entschliefit, solch ernste Wahrheiten wirklich
durch ihre Seele ziehen zu lassen und auch solch ernste Wahrheiten
in die Ideen einfliefien zu lassen, die heute politisch durch die Welt
ziehen. Und wenn diese Wahrheiten pessimistisch klingen und Sie
sich denken: Wie weit ist die Menschheit noch weg von all dem, was
jetzt als gefordert bedeutet worden ist -, dann haben Sie recht. Aber
lassen Sie aus diesem Ihrem berechtigten Pessimismus die innere
Aufforderung folgen, die wache Aufforderung, da, wo Sie konnen,
an jeglicher Stelle des Lebens, an die Sie gestellt sind, den Versuch zu
machen, Seelen zu erwecken nach der Richtung, nach der die Gei-
steswissenschaft ihre Impulse senden kann. Man kann es freilich
heute noch nicht viel, aber man mufi wirklich das ehrliche, aufrich-
tige Bestreben haben, in der Art, wie es eben der eine oder der ande-
re verstehen kann, aufmerksam zu machen auf dieses Konkrete, das
darin besteht, dafi die neuere Zeit Sehnsuchten in den Toten hervor-
gerufen hat, denen jetzt entgegengekommen wird mit dem, was wir
Lebenden hier auf dem physischen Plan mit Schaudern erfahren.
Wenn man bedenkt, wie bequem manche es sich machen, die fiir
ihre Mitmenschen in der einen oder in der andern Richtung ausma-
len, wie es in der Gegend aussieht, in die der Mensch eintritt, wenn
er durch die Pforte des Todes gegangen ist, wenn man die salbungs-
vollen Kanzelreden verfolgt - und jetzt folgen den Beispielen der
Kanzelmenschen sogar schon die Politiker - mit ihren bequemen
Vorstellungen iiber die geistige Welt, dann mufi man ja einen leben-
digen Begriff bekommen, wie weit die bequeme Eitelei gerade fuh-
render Gegenwartsmenschen von der Wirklichkeit entfernt ist.
Wenn man die Reden solcher fiihrenden Menschen - die aber in
ihrem Leben sich gerade dadurch auszeichnen, dafi sie so weit wie
mdglich vom Fuhren entfernt sind und dafi sie von alien moglichen
ihnen unbewufken Kraften geleitet werden, nur nicht gerade von
den richtigen -, wenn man diese Reden vergleicht mit dem, was der
Gegenwart notwendig ist, dann sieht man, wie ernst, wie unendlich
ernst die Zeit ist.
An unsere physische Welt grenzt ja unmittelbar eine andere, eine
iibersinnliche. Niemals war das Hereinwirken dieser an unsere phy-
sische Welt angrenzenden metaphysischen Welt so intensiv wie in
dieser Zeit. Nur merken es die Menschen nicht; sie merken es noch
nicht einmal, wenn es furchtbar, schauerlich wird, wenn es einem
die Seele umdreht. Es gehen heute Worte durch die Welt von so
intensiv aufklarendem Charakter, dafi eigentlich unzahlige Men-
schen stutzig werden miifiten. Sie werden es in der Regel nicht,
wenigstens lassen sie sich nichts davon anmerken, dafi sie es tun.
Einige Freunde werden sich erinnern, dafi ich im Laufe der letz-
ten drei Jahre ofter auf eines aufmerksam gemacht habe, dafi, wenn
man einmal in der Zukunft - gegenwartige Kritiker taten das leider
nicht, obwohl man es ganz gut konnte - die Geschichte dieses soge-
nannten Krieges schreibt, man nicht die gleiche Methode wird ein-
schlagen konnen, durch die jenes Marchen, jene Legende, wie soil
man es nennen, zustandegekommen ist, die man gegenwartig als
Geschichte bezeichnet. Zustandegekommen ist dasjenige, was da ist,
dadurch, daft gelehrte Herren - so nennt es die Welt - monate-, jah-
relang, jahrzehntelang sich in die Bibliotheken gesetzt haben, diplo-
matische Dokumente studiert haben, um Geschichte zu schreiben.
Es wird die Zeit kommen mussen, wo von dieser Geschichte, die auf
solche Weise zustandegekommen ist, der grofke Teil Makulatur sein
wird. Aber man wird die Geschichte der letzten Jahre gar nicht nach
derselben Methode schreiben konnen, wenn man nicht geradezu
verriickt ist. Denn diejenigen Dinge, die zu diesem Chaos gefuhrt
haben, die werden sich nicht ergeben fur jene Menschen, die bisher
Geschichte geschrieben haben, sondern fur solche Menschen, die
eine lebhafte Empfindung dafur haben, was es heifit, wenn einmal
ein bedauernswerter Mensch der Gegenwart vor das Gericht gestellt
wird und vor die Welt hinschleudern muft das traurige Wort als
Zusammenfassung seines Zustandes: Da geschah dies, da geschah
das, und in diesem Augenblick verlor ich den Verstand! - Suchom-
linow, der bedauernswerte Mensch, hat diese Worte selbst gestan-
den: Da verlor ich den Verstand.
Es haben mehr Leute in derselben Zeit den Verstand verloren,
nicht er allein. Und was sind das fur Augenblicke im Weltenlaufe,
die nur angedeutet werden konnen dadurch, dafi Menschen gestehen
mussen, sie haben den Verstand verloren, was sind das fiir Augen-
blicke im Weltenlaufe? Das sind Augenblicke, wo Ahrirnan mit sei-
nen Scharen den Zugang findet zum Menschengeschlechte und zum
Menschengeschehen. Wenn der Mensch wacht iiber sein Bewufit-
sein, wenn dieses Bewufitsein in keiner Weise getriibt und herab-
gelahmt ist, dann konnen weder Ahrirnan noch Luzifer an dieses
Bewufitsein heran. Wenn es aber herabgedampft ist, wenn man notig
hat, fiir dieses Bewufksein die Formel zu gebrauchen: Ich habe den
Verstand verloren -, da betritt in diesem Moment Ahrirnan mit sei-
nen Scharen das Weltengeschehen. Da geschehen Dinge, die nicht in
diplomatische Dokumente geschrieben werden, in welche - das sei
nur in Parenthese angefuhrt - in den letzten Jahrzehnten in der
ganzen Welt wirklich recht wenig Verminftiges hineingeschrieben
worden ist. Aber abgesehen davon, was geschehen ist in unserer Zeit
und was zu diesem Chaos gefiihrt hat, das sind ja nicht Menschen-
taten allein, das sind vor alien Dingen Taten ahrimanischer Wesen-
heiten, die den Zugang versuchen durch Herabdampfung des Be-
wufitseins der Menschen. Ich weifi, dafi hier manche sitzen, die
genau wissen, daft sie bald, nachdem die jetzige Weltkatastrophe
hereingebrochen ist, von mir als Erklarung den Hinweis bekommen
haben, dafi, wenn man einmal dariiber wird reden wollen, was diese
Katastrophe herbeigefuhrt hat, man nicht wird reden diirfen aus
Dokumenten heraus, sondern da£ man wird notig haben, diesen
Weltenereignissen gegeniiber auf solche Tatsachen hinzuweisen,
durch die Geistig-Ahrimanisches den Zugang fand zum Menschen-
geschehen.
Notwendig ist es nur, dafi man diese Dinge mit dem gehorigen
Ernst nimmt, dafi man sich nicht bloft formelhaft abstrakt, sondern
wirklich konkret darauf einlaik, diese Dinge als Realitaten zu neh-
men. Mogen die Menschen, die von solchen Dingen nichts wissen,
heute noch so sehr dariiber spotten, dafi gesagt wird: Ahriman fand
den Zugang zu der Menschheitsentwickelung. - Wenn sich diese
Menschen heute lustig machen iiber diejenigen, die so sprechen, wird
aber die Weltgeschichte hohnlachen denjenigen, die sich heute
dariiber lustig machen!
Man kann nicht sagen, dafi das, was an der Oberflache schwimmt,
Urteile, Vorstellungen und Begriffe, in den letzten Jahren eine be-
sondere Reife zeigt, wahrhaftig nicht! Man wurde nicht einmal ver-
standen, wenn man da oder dort vor anderthalb Jahren darauf hin-
deutete, dafi etwas kommen konnte, was man sehr wachend beob-
achten sollte, was man nicht so einfach obenhin nehmen sollte.
Wenn man dann das eine oder andere Konkrete anfuhrte, wodurch
man die Menschenseelen hinweisen wollte auf das, was da kommen
wurde: niemals wurde geniigend wache Geistigkeit entwickelt, um
den Hinweis in der rechten Weise aufzunehmen. Nun ist es da. Und
man sieht, es wird nicht als etwas genommen, das in einem gewissen
Boden tief, tief Wurzeln schlagt, sondern wie etwas, was man - nun
ja, weil es in so und so viel Zeilen diese und jene Satze hat - nach so
und so viel Zeilen mit so und so viel Satzen beurteilt, weil eben die
Menschheit heute gar nicht darauf aus ist zu sehen, worin solche
Satze wurzeln, sondern weil man die Dinge einfach hinnimmt.
Sie verstehen wahrscheinlich, was ich meine. Sie verstehen, dafi
ich mit dem, was ich seit anderthalb Jahren immer deutlicher herauf-
kommen sah, die romische Papstnote meine. Ich habe viel Umschau
gehalten, ob ich irgendwo ein Urteil fande, das sich eigentlich an-
schliefien mufite an diese Papstnote, eine Frage, die notwendiger-
weise in den Menschenseelen aufdammern mufite. Bedenken wir
nur, da£ seit dem 16. Jahrhundert - wir haben ja dariiber ofter ge-
sprochen - dasjenige heraufdammert, was man heute Staat nennt,
Gewifi, jene merkwurdigen Menschen, die man heute an manchen
Stellen der Welt Historiker nennt, die reden von den Staaten wie von
etwas, was, ich weifi nicht wie lange, schon bestanden hat. Doch
diese Historiker wissen wenig von der wirklichen Geschichte. Was
heute im Staate lebt, ist nicht alter als vier- bis funfhundert Jahre.
Was vorher war, war etwas ganz anderes. Und es ist wichtig, dies zu
wissen, dies sich wirklich klarzumachen. Das Sacerdotale, dasjenige,
was in Rom lebt, ist wahrhaftig alter als die modernen Staaten und
hatte zu seiner Zeit seine gute Berechtigung und hat manches in der
Welt gewirkt. Ich habe gesucht, ob man etwa die Frage sich vorlegt:
Was bedeutet es denn eigentlich fur diese modernen Gebilde, die seit
vier bis funf Jahrhunderten entstanden sind, dafi sie nicht die Mog-
lichkeit finden, aus sich heraus zur Ordnung zu kommen, dafi sie zu
dem alten Sacerdotalen zuriickblicken wie zu etwas, iiber das man so
diskutiert, wie da und dort heute diskutiert wird?
Ich mochte wissen, ob jemand, der vor der Frage steht, ob er
Schlittschuhlaufen soil, wenn das Eis nur ein Millimeter dick ist, ob
sich der die Frage bejaht! Denn diejenigen Begriffe, welche die Men-
schen heute haben, um so etwas zu beurteilen, wenn Sacerdotales in
das moderne Leben heute Impulse hereinwirft, die sind zu dem, um
was es sich handelt, wie eine Eisschicht, die ein Millimeter dick ist, zu
dem Wasser, das darunter ist. Und was die Menschen heute schrei-
ben und reden, das gleicht dem Schlittschuhlaufer auf einer Eis-
schicht, die nicht dicker als ein Millimeter ist, weil kein Mensch Ver-
standnis sucht fur die Dinge, die sich abspielen, weil kein Mensch
Verstandnis dafiir sucht, dafi es doch nicht darauf ankommt, ein
Dokument in die Hand zu nehmen, um zu verfolgen, was da fur
Satze stehen, sondern dafi es vor alien Dingen darauf ankommt zu
wissen, wie es etwas ganz anderes bedeutet, wenn der eine oder der
andere Satz von da- oder von dorther kommt.
Uberall Hegt heute die Notwendigkeit vor zu ermahnen, ernst zu
ermahnen, nach Griindlichkeit zu suchen, zu suchen danach, wie die
Dinge zusammenhangen, zu suchen nach den Wirklichkeiten und
nicht nach dem aufieren Schein. Was verschlagt es denn, wenn sich
wirklich heute einmal ein Mensch das Gestandnis macht: Nun ja, da
liegen Dinge vor. Ich verstehe sie noch nicht; ich will daher noch
nicht dreinreden. - Es ist ja heute gar nicht zu verwundern bei dem
unglaublich oberflachlichen Stand der allgemeinen Bildung, dafi die
Menschen alles verstehen konnen, iiber alles ein Urteil haben kon-
nen. Aber das Gestandnis, dafi man iiber so etwas nicht urteilen
kann, sondern vielleicht erst sich die Grundlagen schaffen mufi, um
zu einem Urteil zu kommen, das wird den heutigen Menschen so
schwer. Ja, es fallt ihnen kaum ein, dafi es notig ist, sich erst Grund-
lagen zu einem Urteil zu schaffen.
Unendlich vieles hangt gerade fur die nachste Zeit ab von einem
wirklichen Verstandnis der treibenden Krafte, hangt ab davon, dafi
man wisse: Das Chaos wird wahrhaftig nicht kleiner, wenn es -
lassen Sie uns die Hypothese gebrauchen - dem Sacerdotalen gelin-
gen sollte, eine Scheinordnung auch nur anzugeben. Das Irrtumlich-
ste, dem man sich hingeben kann, das ist, wenn heute jemand sagen
wiirde: Ach, gleichgiiltig, woher der Friede kommt, wenn er auch
von dem Papst kommt! - Das Bedeutungsvolle ist, dafi es ja unter
Umstanden naturlich nicht schaden konnte, wenn ein Friede von
dem Papst kame, selbstverstandlich nicht; aber es handelt sich dann
darum, in welchem Sinne ihn diejenigen auffassen, die mittun.
Immer wieder mufi man sich klar vor die Seele stellen, wie diese
unsere Zeit uns geradezu auffordert, stundlich, mimitlich auff ordert:
Werde wach! - Allein Geisteswissenschaft, anthroposophisch orien-
tierte Geisteswissenschaft, wird heute nur derjenige verstehen, der in
der Lage ist zu begreifen, daft die Menschheit vor einem Entweder-
Oder steht: Entweder der Geist wird begriffen oder das Chaos bleibt.
Ein iiberkleistertes Chaos wiirde nicht besser sein als das heutige blu-
tige. Wenn wir nichts anderes haben in den nachsten Jahren als wieder
und wieder Materialismus und vielleicht einen erhohten Materialis-
mus, wenn es etwa dazu kommen sollte, dafi auf der Grundlage des-
sen, was jetzt in den letzten drei Jahren geworden ist und wovon sich
die schlafende Menschheit noch keine Rechenschaft gibt, wenn auf
dieser Grundlage ein neues Wettrennen nach materiellen Gutern
entstehen sollte, wie es manche herbeisehnen als ein Ergebnis des
Friedens, dann wurden die Seelen wiederum durch die Todespforte
gehen und das Lechzen haben nach Zerstorung hier. Die Zerstorung
wiirde nicht aufhoren.
Einzig und allein einen Begriff sich verschaffen, eine Empfin-
dung, einen inneren Impuls sich verschaffen von der Notwendigkeit
der Spiritualisierung: dann wird man in dem Mafie, in welchem man
sich das verschafft, weiterkommen. Wer die Zeit ein wenig verstehen
will und diese Zeit an so ernsten Wahrheiten mifit, wie wir sie schon
oft und heute wiederum durch unsere Seelen haben Ziehen lassen,
der mufi doch eine einigermafien geniigende Empfindung erhalten
von all dem Furchtbaren, von all dem trostlos Trivialen und Ober-
flachlichen, was jetzt in der Welt geschrieben und gesagt wird.
Denken Sie sich eine Schar von Kindern, sie zerbrechen ihren
Eltern Topfe, Teller, Glaser, alles. Man sieht sie an und denkt nach,
wie da Einhalt gebieten, da die Kinder immer wieder nach der Kii-
che und nach der Speisekammer und iiberallhin laufen, wo es noch
etwas Zerbrechbares gibt. Endlich kommt man darauf, wie man dem
Einhalt gebieten kann. Eine Anzahl von Menschen, die da zuschau-
en, die sogar die Erzieher der Kinder sein wollen, kommen darauf:
Sie sorgen dafiir, dafi alles Zerbrechliche geholt und zerschlagen
wird, bis gar nichts mehr da ist. Dann wird nichts mehr zerbrochen,
dann ist es mit dem Zerbrechen zu Ende! - Ich weifi nicht, wie viele
Menschen es geben wird, die nicht solche Erzieher fur Toren halten
wurden. Da wiirde man das ja wohl einsehen. Wenn aber weise sich
dunkende Menschen durch die Welt tonen: Man mufi so lange blu-
tige Kriege fiihren, bis der Friede da ist, man mu$ erst alles kaputt-
machen, damit iiber die Erde hin kein Kaputtmachen mehr moglich
ist -, dann sieht man das fur Weisheit an. So lange morden, als es nur
geht, um das Morden abzuschaffen, um das Morden zu bekampfen,
das ist Weisheit!
Fiir den, der noch ein Funkchen Logik empfinden kann, ist das
nicht mehr Weisheit, als wenn der Erzieher einer Kinderschar sagt:
Damit nur ja nichts mehr zerbrochen wird, lasse ich schnell alles
noch herbeischaffen, damit das letzte Snick auch noch zerbrochen
wird, und dann wird wohl nichts mehr zerbrochen werden. -
Warum nennen die Leute das letztere Torheit, das erstere Zukunfts-
politik? Weil der Menschen Gedanken heute da aufhoren, wo sie
gerade am intensivsten werden sollten: wo sich diese Gedanken auf
die grofien Schicksalsfragen beziehen.
Davon wollen wir dann morgen weiter sprechen und einige
ernste, spirituelle Wahrheiten miteinander behandeln.
ZWEITER VORTRAG
Dornach, 30. September 1917
Heute mochte ich einiges mehr zur Vorbereitung fiir das Bild geben,
das ich dann morgen in einem umfassenderen Sinne zum Abschlufi
bringen werde.
Die Gegenwart ist eine Zeit - Sie werden es wiederum aus dem
Inhalt der gestrigen Betrachtungen gefiih.lt haben -, von der man
sagen kann, dafi sich viel wird andern miissen im Denken, im Fiih-
len, im Wollen der Menschen. Die Seelenrichtungen werden andere
werden miissen. Gerade mit Bezug auf das innerste Seelenleben
werden alte, vererbte, anerzogene Gewohnheiten schwinden miis-
sen, und eine neue Form des Denkens und Fiihlens wird auftreten
miissen. Das wird die Zeit fordern. Ich denke, es kann auf jeden
einen bedeutsamen und tief in die Seele gehenden Eindruck machen,
wenn er die Wahrheit, die gestern besprochen worden ist, auf seine
Seele wirken liifit, die Wahrheit, trivial gesprochen, von der Aus-
tauschbarkeit zerstorender Vorgange hier auf dem physischen Plan
und der Spiritualisierung der Menschheit. Denn bedenken wir nur
einmal, dafi wir unter dem Eindruck einer solchen Wahrheit geno-
tigt sind, uns mit den Toten, mit den Hinweggegangenen als eine,
sagen wir soziale Einheit zu fiihlen. Man kann gewifi mit tiefem
Schmerze empfinden, was hier auf dem physischen Plane geschieht,
und man soil es; aber man darf auf der andern Seite nicht vergessen,
daft die Seelen, die nicht zu den wenigen gehoren, die in den letzten
Jahrzehnten spirituelles Leben aufgenommen haben, diirsten nach
zerstorenden Vorgangen hier auf dem physischen Plan, weil sie aus
diesen zerstorenden Vorgangen Krafte fiir das geistig-seelische Le-
ben nach dem Tode schopfen. Und wir bekommen daraus die prak-
tische Aufforderung, alles, was an uns ist, zu tun, um das einzige,
was in der Zukunft von der Menschheit die zerstorenden Krafte
wird hinwegnehmen konnen - das spirituelle Leben -, zu fordern.
Wir miissen es uns nur ganz klarmachen, dafi fiir vergangene Zeiten
es anders war, dafi da noch nicht in solchem Ausmafie gait, dafi jedes
materialistische Zeitalter ein Zeitalter der Kriege, der Verwiistungen
hervorrufen mufi. Aber in der Zukunft wird es so sein.
Die Menschheit leidet ja unter vielen von alters her gekommenen
Illusionen. Diese Illusionen waren bisher nicht so schlimm, wie sie
in der kiinftigen Entwickelung der Menschheit sein werden. Nun
kann man ja im allgemeinen sagen, dafi die Seelen der zeitgenossi-
schen Menschcn noch recht sehr schlafen und vieles von dem nicht
bemerken, was sich in unserer Gegenwart so gewaltig andert. Aber
manchmal kommt dies oder jenes doch instinktiv durch. Mancher
empfindet dann die grofien Ratsel der Gegenwart. Nur sind viele
noch nicht veranlagt dazu, sie in aller Tiefe, mit aller Energie zu
empfinden.
Ein solches Ratsel wird jetzt unter dem Eindrucke der stiirmi-
schen, zerstorerischen Ereignisse von einigen Menschen bemerkt.
Aber in vieler Beziehung sind diese Menschen hilflos, sich Antwort
zu geben auf solche Ratsel. Das Ratsel, das ich meine, ist die in der
Menschheitsentwickelung vorhandene Diskrepanz zwischen der in-
tellektuellen Entwickelung und der moralischen Entwickelung.
Zum ersten Mai ist dieses ja auch in der neueren Zeit, der Zeit der
materialistischen Vorstellungen, wiederum gerade den Darwinisten
aufgegangen; auch Haeckel hat eine ahnliche, dahingehende Bemer-
kung in seinen «Weltratseln» gemacht. Aber jetzt wahrend dieser
Kriegszeit merkt man immer mehr und mehr, wie diese Disharmo-
nie zwischen dem intellektuellen und dem moralischen Leben der
Menschheit in ihrer Entwickelung fur gewisse Seelen ein Ratsel
wird. Die Leute sagen sich mit Recht: Welche ungeheuren Fort-
schritte hat das intellektuelle, das Verstandesleben gemacht, dasjeni-
ge Leben, welches heute viele Menschen wissenschaftliches Leben
nennen, worauf sie die heutige materialistische Weltanschauung
bauen, welche ungeheuren Fortschritte hat der Verstand des Men-
schen gemacht, die Durchdringung der Naturgesetze; die Beherr-
schung der Naturgesetze, um allerlei Instrumente - in der neueren
Zeit insbesondere Mordinstrumente - zu bauen! Uber anderes wer-
den die Menschen noch aus dieser ihrer Wissenschaft heraus nach-
denken; sie werden zum Beispiel analysieren, woraus die Nahrungs-
mittel bestehen und werden chemische Nahrungsmittel fabrizieren,
ohne Ahnung davon, dafi chemische Nahrungsmittel nicht in dem-
selben Sinne Nahrungsmittel sind wie diejenigen, welche die Natur
liefert, trotzdem sie aus demselben Stoff bestehen konnen.
Die intellektualistische, die, wenn wir so sagen wollen wissen-
schaftliche Entwickelung ist in aufsteigender Linie verlaufen. Nicht
in demselben Mafie hat sich das Moralische der Menschen entwik-
kelt. Wie hatte die gegenwartige Weltkatastrophe hereinbrechen
konnen, wie hatte sie verlaufen konnen in der Weise, wie sie heute
verlauft, wenn die moralische Entwickelung der Menschen in glei-
chem Mafie fortgeschritten ware wie die intellektuelle! Ja man kann
sagen: Gerade dadurch, dafi die moralische Entwickelung der Men-
schen nicht fortgeschritten ist, hat die intellektuelle Entwickelung
eine gewisse unmoralische Signatur angenommen, ist geradezu in
vieler Beziehung zu einem Zerstorerischen fortgeschritten. - Das
bemerken heute schon viele Menschen, dafi eine Diskrepanz, eine
Disharmonie vorhanden ist zwischen der moralischen und der intel-
lektuellen Entwickelung der Menschen. Nur fordert es die heutige
Zeit nicht, daft solche Fragen, wenn sie der wirklichen Evolution der
Menschheit niitzen sollen, tief genug angefafit werden, dafi sie da
angefafit werden, wo man wirklich sieht: Der heutige Mensch kann
sich ja iiber die tieferen Untergriinde des menschHchen Denkens
und Handelns gar nicht unterrichten, weil ihm sich alles vermischt,
was im Menschen getrennt und ganz verschiedenen Gebieten des
Weltenalls zugeordnet ist.
Die heutige Wissenschaft hat den Menschen vor sich - physischer
Leib, Bildekrafte- oder Atherleib, astralischer Leib, Ich -, aber das
alles durcheinandergemischt. Die Wissenschaft unterscheidet das
nicht. Aber wie kann es denn zu einer Wissenschaft, die ausreichend
ist, um die Dinge zu begreifen, iiberhaupt kommen, wenn man alles
durcheinandermischt, da doch diese verschiedenen Glieder der
Menschennatur ganz verschiedenen Gebieten des Weltenalls zu-
geteilt sind, mit ganz verschiedenen Spharen des Weltenalls zusam-
menhangen? Mit unserem physischen Leib und unseren Bildekraf-
ten sind wir hier in der physischen Welt; mit unserem astralischen
Leib und unserem Ich gehen wir jede Nacht in eine ganz andere
Welt hinein, in eine Welt, die zunachst aufierordentlich wenig zu
tun hat mit der Welt, in der wir das Tagwachen zubringen. Die bei-
den Welten wirken eigentlich nur dadurch zusammen, dafi sie eben
in der menschlichen Natur zusammenkommen.
Und dann bedenken Sie, urn wieviel jiinger das menschliche Ich
und der menschliche astralische Leib sind als der physische Leib und
der Atherleib! Die erste Anlage zu unserem physischen Leib, wir
haben sie erhalten wahrend der alten Saturnzeit. Sie hat vier Stadien
durchgemacht: durch die Saturn-, Sonnen-, Monden-, Erdenzeit bis
zur heutigen Erdenentwickelung. Drei Stadien hat der Atherleib,
zwei Stadien hat der Astralleib durchgemacht. Das Ich ist erst
wahrend der Erdenzeit dazugekommen, das ist jung; das gehort also
einem ganz andern kosmischen Zeitalter an. Nun ist aber der Appa-
rat fur unsere Intellektualitat, dasjenige, was als Werkzeug dient
unserer Intellektualitat, innig zusammenhangend mit unserem phy-
sischen Leib. Nur dadurch, daft unser physischer Leib eine so um-
fassende Entwickelung durch die Saturn-, Sonnen-, Monden-, Er-
denzeit durchgemacht hat, nur dadurch ist er dieses vollkommene
Instrument geworden, welches wir erkennen in der Nervenentwik-
kelung, in der Gehirnentwickelung, in der Blutentwickelung. Dieses
vollkommene Instrument beniitzen wir, wenn wir intellektualistisch
tatig sind.
Nun habe ich einmal gerade hier an diesem Orte angedeutet, wie
ja der Mensch viel komplizierter ist, als man eigentlich denkt. Wenn
wir so sagen: «physischer Leib» - so ist das wiederum nicht ein Ein-
faches. Dieser physische Leib tragt namlich in sich die vom Saturn
heriibergebrachten Anlagen. Dann kam der Atherleib dazu. Aber
dieser Atherleib hat sich wiederum ein Glied im physischen Leib
errichtet, der Astralleib wieder ein Glied im physischen Leib, das Ich
wieder ein Glied im physischen Leib. So dafi dieser physische Leib
eigentlich fur sich viergliedrig ist: Ein Teil des physischen Leibes ist
sich selber zugeordnet, ein Teil dem atherischen Leib, ein Teil dem
Astralleib, ein Teil dem Ich. Sehen wir einmal ab vom Atherleib, der
ja wiederum dreiteilig ist, weil ein Glied des Atherleibes sich selbst
zugeteilt ist, ein Glied dem Astralleib, ein Glied dem Ich, bleiben wir
beim physischen Leib. Da zeigt sich uns, dafi in der Nacht, wenn wir
schlafen, dasjenige im physischen Leibe, was sich selbst zugeteilt ist,
selbstverstandlich sein Leben fortsetzt; das, was dem Atherleib zuge-
teilt ist, kann auch sein Leben fortsetzen, denn der Atherleib ist beim
physischen Leib dabei. Aber wie ist es denn in der Nacht bei dem-
jenigen Teil des physischen Leibes, der dem astralischen Leib zu-
geteilt ist, der darauf hinorganisiert ist, dafi der astralische Leib hin-
aus will - der astralische Leib ist ja heraufien in der Nacht und wie
ist es bei demjenigen Teile, der dem Ich zugeteilt ist? Das Ich ist auch
heraufien. Diese zwei Glieder - nennen wir sie astral-physischen
Leib und das andere Ich-physischen Leib -, diese zwei Glieder sind
in der Nacht von dem, was sie eigentlich durchorganisiert, verlassen.
Wir sind ja mit unserem Ich und mit unserem Astralleib heraus aus
dem, wozu sie im physischen Leib gehoren. Wir lassen also eigent-
lich im Bette etwas zuriickliegen, solange wir da zwischen Geburt
und Tod leben, das unversorgt bleibt, unversorgt von demjenigen
Teil, dem es zugeordnet ist. Das mufi anders wirken im Schlaf e, als es
wahrend des Tageslebens wirkt; das konnen Sie ja einsehen. Denn
wahrend des Tageslebens wird es durchstromt und durchgluht vom
astralischen Leib und vom Ich, wahrend der Nacht, wahrend des
Schlafes nicht. Heute fragt der Mensch nicht, wie das ist, weil, wie
gesagt, ihm alles durcheinanderschwimmt und durcheinander-
gemischt ist, weil er nicht unterscheidet diese voneinander sehr deut-
lich zu unterscheidenden Glieder seiner Leiblichkeit.
Dasjenige im menschlichen physischen Leib, das man das Astral-
Physische nennen konnte, das wirkt wahrend des Schlafens in der
Nacht mit Kraften, die sehr ahnlich sind den Kraften des Merkur,
den Merkurialkraften, den Kraften, die das Merkur fliissig machen
und so weiter. Dagegen das, was im physischen Leib zugeteilt ist
dem Ich, das wirkt wahrend des Schlafens wie Salz, so dafi der
Mensch eigentlich wahrend des Schlafens durchwogt ist von Salz
und Merkur. Solche Dinge haben die emstzunehmenden Alchi-
misten vor dem 14. Jahrhundert noch gewufit. Nachher erst ist die
alchimistische Sektiererei gekommen und auch die Biicher, die man
heute gewohnlich liest. Nachgewirkt haben allerdings solche Er-
kenntnisse bei Jakob Bohme, der von Salz, Merkur, Schwefel
spricht.
Das sind gewisse Geheimnisse der Menschennatur. Und dasjeni-
ge, wovon wir eben gesprochen haben, konnten wir so bezeichnen,
dafi wir sagen: Wir sehen hinunter, wenn wir schlafen, auf einen
merkurial-salzig gewordenen Leib. Dafi der Leib merkurialisch
wird, das hat sehr bedeutsame Folgen, von denen wir vielleicht im
Laufe dieser Wochen sprechen werden. Dafi der Leib salzig wird,
ich meine, das ware gar nicht einmal so schwierig fur den Menschen
selbst zu bemerken, wenn er des Morgens aufsteht.
Was bedeutet das aber? Gewissermafien in das, was salzig, also
mineralisch geworden ist, was in dem Menschen eingeschlossen
ist, und in dasjenige, was merkurialisch ist, was wiederum in dem
Menschen wie Belebendes ihn durchstromt - denn das Merkuria-
lische ist in Wirklichkeit ein Belebendes -, in das fahrt beim
Aufwachen hinein das Ich und der astralische Leib, welche wah-
rend des Nachtschlafes in der geistigen Welt gewesen sind. Es
treffen also Dinge zusammen, die wahrend des Nachtschlafes
nicht beieinander sind. In diesem Aufeinanderwirken gibt es die
Moglichkeit, das herauszutragen, was man sich in der geistigen
Welt aneignet. Merkur, Salz haben geruht; jetzt kommt Ich und
astralischer Leib hinein, durchdringen sie mit dem, was sie erlebt
haben in der geistigen Welt. Dadurch wird das Instrument des
physischen Leibes, das seit dem Saturn sich entwickelt hat, sogar
noch bereichert. Haben wir auf der einen Seite im physischen
Leibe ein Instrument, dessen wir uns ja bedienen bei unserer
intellektuellen Tatigkeit, das so altehrwiirdig und gut ausgebildet
ist, weil es so lange Zeitraume der Entwickelung hinter sich hat,
so kann aufierdem durch den Vorgang, den ich Ihnen eben be-
schrieben habe, ein Einflufi aus der geistigen Welt in der Gegen-
wart hinzutreten. Daher kommt es, daft die Menschen heute auf
das Werkzeug der Intellektualitat aus der geistigen Welt heraus
wirken konnen und daft die Intellektualitat so bedeutsam sein
kann in der Gegenwart.
Aber die Welt, in der wir sind vom Einschlafen bis zum Aufwa-
chen, sie hat eine bestimmte Eigentumlichkeit: sie hat nichts in sich
von moralischen Gesetzen. So sonderbar Ihnen das scheinen kann,
vom Einschlafen bis zum Aufwachen sind Sie in einer Welt, die
nichts von moralischen Gesetzen in sich hat. Es ist eine Welt, wel-
che, man konnte auch sagen, noch nicht moralisch ist. Heraus brin-
gen wir, wenn wir aufwachen, aus dieser Welt zwar Impulse, die
dann den physischen Leib, den Atherleib ergreifen konnen nach der
Richtung der Intellektualitat, die ihn aber nicht ergreifen konnen
aus dieser geistigen Welt heraus in der Richtung der Moralitat. Das
ist ganz ausgeschlossen, denn in der Welt, in der wir vom Einschla-
fen bis zum Aufwachen sind, gibt es keine moralischen Gesetze.
Diejenigen Menschen, die da glauben, dafi es gescheiter ware, wenn
die Gotter die Sache so angeordnet hatten, dafi der Mensch nicht auf
dem physischen Plan zu leben brauchte, diese Menschen irren gar
sehr, denn der Mensch konnte dann nie moralisch werden. Das
Moralische eignet sich der Mensch namlich gerade durch sein Leben
hier auf dem physischen Plane an. Moralisch konnen die Menschen
nur auf dem physischen Plan werden. Also wir tragen aus der geisti-
gen Welt wohl Weisheit hinein in den physischen Leib, wir tragen
aber nicht Moralitat hinein.
Das ist ein sehr Wichtiges, Bedeutsames, das uns nun aufklart
dariiber, warum die Menschen in bezug auf das Moralische zu-
ruckgeblieben sein mussen, wahrend die Gotter sehr gut vor-
gesorgt haben fur die Intellektualitat der Menschen, die sie den
Menschen nicht nur zugeleitet haben durch das Werkzeug von
Saturn-, Sonnen-, Monden- und Erdenzeit, sondern fur die sie
ihnen auch noch Zehrgelder geben, indem sie sie in der Welt mit
Weisheit durchdringen, in die der Mensch eingeht wahrend des
Schlafens. Ahnliche Zustande, wo man wahrend des Schlafens mit
einer moralischen Welt in Zusammenhang kommt, werden wir erst
in spateren Zeitraumen, in der zweiten Halfte der Venusentwicke-
lung erleben. Das ist eine Tatsache, die uns zeigt, von welch
unendlicher Bedeutung es ist, darauf zu sehen, dafi unser soziales
Leben von Moralitat durchdrungen werde.
Diese Dinge sind es, an welche die gegenwartige Menschheit
nicht heran will. Die Ratsel werden zuweilen empfunden, wie ich
Ihnen sagte; aber an die tieferen Griinde wollen die Menschen nicht
heran, weil ihnen das unbequem ist, weil sie den Menschen nehmen
wollen so, wie er dasteht, und nicht bedenken, dafi dieses Menschen-
wesen Zusammenhange in sich schliefit, die in die Welten des Kos-
mos hinausgehen, liber den Raum und iiber die Zeit hinaus, und dafi
der Mensch gar nicht erklarlich ist in seinem gewohnlichen Sich-
Ausleben, wenn man diese Zusammenhange nicht berucksichtigt.
Das ist die grofiartige, gewaltige Tatsache, dafi uns der Schlaf wohl
fur die Intellektualitat, ja sogar fur das Genie niitzt - denn auch das
Genie bringt aus dem Schlafe das mit, womit es seinen merkurialen
Bestandteil und seinen Salzbestandteil durchdringt, und darauf be-
ruht sogar die Ausbildung des Genies -, dafi aber fur die Moralitat
nur gesorgt werden kann, indem der Mensch nach und nach hier auf
dem physischen Plan sich durchdringt mit dem, was eben Moralitat
darstellt.
Der Mittelpunkt des moralischen Lebens ist doch fur die Erden-
menschheit der Christus-Impuls. Daher ist es von solcher Bedeu-
tung - ich habe das ofter von andern Gesichtspunkten aus hervor-
gehoben -, dafi der Mensch gerade hier auf dem physischen Plan mit
dem Christus-Impuls zusammenkommt. Das ist etwas, was erfafit
werden raufi von den verschiedensten Gesichtspunkten aus. Daher
wird es begreiflich erscheinen, dafi, wenn jemand noch so sehr durch
Instinkt Weisheitsimpulse hat - denn im Schlafe teilen sich Weis-
heitsimpulse mit -, so dafi er die kompliziertesten Maschinen erfin-
den kann, teilnehmen kann an dem wissenschaftlich-technischen
Fortschritt, dafi dies gar nicht mit der Moralitat zusammenzuhangen
braucht, weil die Moralitat eigentlich in einer ganz andern Sphare
liegt.
Solche Dinge sind heute den Menschen unbequem zu erfahren
und unbequem zu wissen. Und dennoch nriissen sie bekannt wer-
den, wenn wir aus dem Chaos, in das die Welt geraten ist, heraus-
kommen wollen. Und es ist aufierordentlich ernst mit diesen Wahr-
heiten. Es geht die Entwickelung der Menschheit nicht weiter, wenn
diese Wahrheiten nicht Fufi fassen im Erdenleben, denn die Gotter
haben die Menschen nicht zu Automaten machen wollen, urn gewis-
sermafien automatisch auf sie zu wirken, sondern sie haben sie zu
freien Wesen machen wollen, die erkennen konnen, wodurch sie
vorwartsgebracht werden. Der Einwand: Warum greifen die Gotter
nicht ein? - gilt nicht. Ansatze miissen gemacht werden; aber wenn
ein solcher Ansatz zur spirituellen Erkenntnis einmal nicht gliickt,
so darf kein falscher Schlufi daraus gezogen werden, sondern die
Spaterkommenden miissen daraus um so mehr den Impuls fassen, in
dem Sinne zu wirken, der solchem Ansatz fur spirituelle Weiter-
entwickelung entgegenkommt.
Ich habe mich in der letzten Zeit viel mit einem bedeutsamen An-
satz beschaftigen miissen, der gemacht worden ist und der dazumal
nicht in umfanglicher Art gegliickt ist. Es war, als ich fur die Zeit-
schrift «Das Reich» den ersten Teil meines Aufsatzes - der aber
weiter fortgesetzt werden wird - iiber «Die Chymische Hochzeit
des Christian Rosenkreutz anno 1459» geschrieben habe. Diese
«Chymische Hochzeit des Christian Rosenkreutz anno 1459» ist
geschrieben im Anfang des 17. Jahrhunderts. 1603 haben sie schon
Leute zu lesen bekommen; 1616 ist sie erschienen. Johann Valentin
Andreae hiefi der Verfasser, aber Andreae hat auch andere Schriften
geschrieben: die sogenannte «Fama fraternitatis» und die «Confes-
sio» - merkwiirdige Schriften, iiber welche die Leute alle moglichen
gereimten, aber meistens ungereimten Meinungen geaufiert haben.
Ich will heute nichts anderes iiber diese Schriften andeuten, als dafi
sie, trotzdem sie zunachst den Eindruck von Satiren machen kon-
nen, doch einen grofien Impuls hatten, den Impuls, zu vertiefen die
Naturerkenntnis im Geistigen - man konnte sagen: die Geist-
Erkenntnis der Natur - bis zu jenem Punkt, wo man durch eine
tiefere Erfassung der Naturgesetze auch die Gesetze des sozialen
Menschenlebens entdeckt, die Gesetze des menschlichen Zusam-
menlebens findet.
Auf diesem Gebiete wird es ja den Menschen ganz besonders
schwer, die Maja, die Tauschung, von der Wirklichkeit zu unter-
scheiden. Diejenigen Motive, die wir uns bei unserem Handeln oft-
mals zuschreiben oder die uns andere zuschreiben, sind ja nicht die
wahren. Das schmerzt den Menschen, dafi es so ist, aber - ich habe
ja das ofter auseinandergesetzt - es sind nicht die wahren. Und die-
jenigen Positionen im aufieren sozialen Leben, die die Menschen
einnehmen, sind auch nicht die wahren. Der innere Mensch ist doch
in den meisten Fallen ein ganz anderer als der aufiere Mensch im
sozialen Dasein und als er sich vor sich selbst erscheint. Wie stark
glauben die Menschen, wenn sie dies oder jenes tun, sie handeln aus
diesem oder jenem Motiv heraus! Mancher meint, recht selbstlose
Motive zu haben, wahrend seine wirklichen Motive nichts anderes
als brutalste Selbstsucht sind. Aber das weifi er nicht, weil man iiber
sich selber und iiber seine sozialen Zusammenhange in der Maja
lebt. Und iiber die Wirklichkeit kann man sich auch auf diesem
Gebiete nur aufklaren, wenn man tiefer in der Wesen Zusammen-
hange hineinsieht.
Unter anderem war auch Johann Valentin Andreae einer, der tie-
fer hineinsehen wollte in diese Zusammenhange. Hineinzuschauen
in die Wirklichkeit, uber die Maja hinaus: darauf kam es unter ande-
rem auch Johann Valentin Andreae an. Aber er war natiirlich kein
solcher Trivialling, der da glaubte, das konne man mit all den Tira-
den machen, mit denen die heutigen tiefen Padagogen und derglei-
chen die Welt reformieren wollen, sondern er war sich klar dariiber,
da£ man zuerst tiefere Blicke hineintun muE in die Zusammenhange
der Natur, um in der Natur den Geist zu finden. Dann findet man
auch die Faden, durch die der Mensch wirklich mit dem Geistigen
zusammenhangt. Dann kann man aber auch erst wissen, welche
wirklichen sozialen Gesetze man braucht. Man kann nicht iiber so-
ziale Zusammenhange nachdenken, wenn man ein naturforscherisch
denkender Mensch im heutigen Sinne ist, weil man da die Natur an
der Oberflache und das soziale Leben an der Oberflache hat. Johann
Valentin Andreae suchte die Natur in den Tiefen und das soziale
Leben in den Tiefen. Da kommen sie erst zusammen. In Wirklich-
keit ist es so: Wenn Sie sich die Grenze zwischen der Maja und der
Wirklichkeit denken, so haben Sie auf der einen Seite ein Guckloch
fur die Natur und auf der andern Seite ein Guckloch fur das soziale
Aber dahin werden die Menschen nicht kommen; sie werden da-
bei stehenbleiben, einige Naturgesetze an der Oberflache zu beob-
achten, und werden dann alles mogliche aus ihrem Empfinden, aus
ihrer Oberflachlichkeit heraus iiber das soziale Leben reden. Da
wird man aber kein Erkenner des Zusammenhanges, wie es bei
Johann Valentin Andreae angestrebt wurde; da wird man hochstens
- verzeihen Sie, man raufi manchmal die Dinge beim rechten Namen
nennen -, da wird man hochstens ein Woodrow Wilson; da bleiben
die Dinge ohne Zusammenhang. Johann Valentin Andreae wollte
den Zusammenhang. Dieses Streben durchpulst solche Werke wie
seine «Fama fraternitatis», seine «Confessio fraternitatis». Es war
eine Adresse an die Staatsoberhaupter, an die Staatsmanner seiner
Zeit, es war ein Versuch, eine soziale Ordnung zu begriinden,
die dem wahren, nicht dem Majawesen entsprechen sollte. 1614
erschien die «Fama fraternitatis», 1615 die «Confessio», 1616 die
schon 1603 geschriebene «Chymische Hochzeit Christiani Rosen-
creutz». 1618 kam der Dreifiigjahrige Krieg, der durch seine Ver-
haltnisse hinwegfegend war fur Edelstes, das angestrebt war durch
die «Fama fraternitatis», durch die «Confessio».
Wir leben heute in einem Zeitalter, in dem ein Jahr Krieg durch
sein Zerstorerisches reichlich so viel bedeutet wie dazumal zehn Jah-
re. Wir haben schon reichlich einen Dreifiigjahrigen Krieg, an dem
Maftstab der damaligen Zeit gemessen, hinter uns. Dies, meine lie-
ben Freunde, versuchen Sie zu erfassen als einen Gedanken, der Sie
hineinfuhren kann in das Wollen und Streben, das in einer ahnlichen
Weise im 1 7. Jahrhundert auf getreten ist, aber durch die Tatsachen
des Dreifiigjahrigen Krieges unterbrochen worden ist. Und ich sagte
schon: Wenn solche Dinge als Ansatz da sind, muft man sich spater
nicht abhalten lassen, sondern im Gegenteil sich zu umso starkerer
Tatigkeit anspornen lassen, damit ein folgender Versuch nicht wie-
derum mifigliickt. Aber dazu ist es notwendig, das Leben wirklich
kennenzulernen.
Nun will ich diese Betrachtungen ankniipfen an Betrachtungen,
die ich im vorigen Jahr und im Beginne dieses Jahres hier gepflogen
habe. Ich habe Sie aufmerksam gemacht auf einen merkwiirdigen
Verlauf des gesamten Menschenlebens, der gesamten Menschheits-
evolution. Ich habe Sie aufmerksam darauf gemacht, dafi, wahrend
der einzelne Mensch, der individuelle Mensch, an Jahren zunimmt,
also 1, 2, 3, 4, spater 30, 35, 40 und so weiter Jahre alt wird, es bei der
Menschheit als Gesamtheit umgekehrt ist. Die Menschheit als Ge-
samtheit war erst alt und wird immer jiinger und jiinger. Wenn wir
in der Zeit zuriickgehen - wir brauchen fur diese Betrachtungen nur
bis zur Grenze zwischen dem atlantischen Leben und dem nach-
atlantischen Leben, bis zur atlantischen Katastrophe zuriickzu-
gehen -, da kommen wir zuerst in die altindische, in die urindische
Epoche zuriick. Da waren die Verhaltnisse im aufieren Leben ganz
anders; da war die Menschheit als Ganzes so, dafi sie entwickelungs-
fahig blieb bis iiber die Funfzigerjahre hinaus. Wir sind heute nur in
den Kindheits jahren bis zu einem bestimmten Jugendjahre so ent-
wickelungsfahig, dafi die korperliche Entwickelung zusammen-
hangt mit der seelisch-geistigen. Wenn wir Kind sind und dann her-
anwachsen als Jiingling oder Jungfrau, da geht die physische Ent-
wickelung der seelisch-geistigen Entwickelung parallel. Dann hort
das aber auf. - So ging es nun fort, dafi also in der altindischen Zeit
die Menschen in der seelisch-geistigen Entwickelung abhangig blie-
ben von ihrer korperlichen Entwickelung bis in die Funfzigerjahre
hinauf. Man entwickelte sich immer hinauf so wie ein Kind, und
das war erst dann abgeschlossen, wenn man ein Greis war. Daher
gab es dazumal jenes unbedingte, demutvolle Hinaufsehen zu alten
Menschen.
Dann kam die urpersische Zeit. Da waren die Menschen nicht
mehr so hoch hinauf entwickelungsfahig, sondern nur bis in die
Vierziger- und Fiinfzigerjahre, anfangs der Fiinfzigerjahre; dann in
der agyptisch-chaldaischen Zeit nur bis in die Vierzigerjahre. Dann
kam die griechisch-lateinische Entwickelung; da blieben die Men-
schen nur bis zum 35. Jahre entwickelungsfahig. Und dann kam die
Zeit - Sie wissen ja, die griechisch-lateinische Zeit beginnt im 8.
Jahrhundert vor dem Mysterium von Golgatha -, in welcher die
Menschheit nur bis zum 33. Jahre entwickelungsfahig blieb. Das
war die Zeit, in der das Mysterium von Golgatha stattfand. Die
Menschheit begegnete sich in ihrem Alter mit dem Alter, in dem der
Christus durch das Mysterium von Golgatha ging.
Aber dann wurde die Menschheit immer jiinger und jiinger.
Nachdem beim Aufgange des fiinften nachatlantischen Zeitraumes,
im 15. Jahrhundert, die Menschheit nur noch bis 28 Jahre entwicke-
lungsfahig war und dann stehenblieb, sind wir heute bereits dahin-
gekommen, dafi die Menschen, durch die Natur sich selbst iiberlas-
sen, uberhaupt nur 27 Jahre alt werden. Wahrend in alten Zeiten die
Menschen bis ins hohe Alter hinauf von selber entwickelungsfahig
blieben, mufi heute ein Mensch seine Entwickelung, die von selber
kommt, die an seine Korperlichkeit gebunden ist, mit 27 Jahren ab-
schliefien, wenn er nicht einen inneren, seelischen Impuls spirituell
aufnimmt und von innen sich weitertreibt. Diejenigen, bei denen das
nicht der Fall ist, die sich nicht von innen weitertreiben, die nicht
Spirituelles aufnehmen, die bleiben heute 27 Jahre alt, und wenn sie
100 Jahre alt werden. Das heifit, sie tragen die Charakteristiken, die
Merkmale des Siebenundzwanzigjahrigen an sich. Daher haben wir
heute, weil die Menschen es ablehnen, innerliche, spirituelle Impulse
zu suchen, eine Kultur, ein soziales Leben, das siebenundzwanzig-
jahrig ist. Wir wachsen nicht hinaus im aufieren sozialen Leben iiber
das Siebenundzwanzigjahrige. Das Siebenundzwanzigjahrige be-
herrscht die Menschheit. Wenn es noch so weitergeht, wird die
Menschheit bis 26, 25, 24 Jahre herabkommen, im sechsten nach-
atlantischen Zeitalter nur bis zum 21. Jahre und spater bis zum
14. Jahre.
In alle diese Dinge mufi hineingeschaut werden, und alle diese
Dinge miissen nicht pessimistisch aufgenommen werden, sondern
so, dafi sie in uns den Impuls bilden, zum spirituellen Leben zu ge-
hen und das, was uns die Natur nicht mehr geben kann, von innen
heraus zu suchen.
Das zeigt von einer andern Seite, wie notwendig spirituelle Im-
pulse in der Kultur sind. Die charakteristischsten Menschen, die
fiihrenden Menschen der Gegenwart sind heute solche, die nicht
iiber das 27. Jahr hinauswachsen. Sie sind tonangebend. Was ware
denn ganz besonders tonangebend? Nun, sagen wir, wenn heute ein
Mensch mit einem regen Leben geboren wiirde und nicht viel Tra-
ditionelles, sondern gerade das, was die Natur hergibt, ohne viel
Einflusse von aufien in sich aufnehmen wiirde, dann wiirde er so-
zusagen das, was von selber kommt, so recht charakteristisch in sich
tragen. Bei vielen farbt und nuanciert das die Erziehung. Aber neh-
men wir einen ganz charakteristischen Menschen, der so recht nur
die Merkmale der Gegenwart an sich triige, der vielleicht in arm-
lichen Verhaltnissen geboren ware und nicht eine Erziehung auf-
nehmen wiirde, die viel auf Tradition baut, sondern der nur das auf
sich wirken hefie, was gerade aus den Verhaltnissen in ihn hineinflie-
fien kann: Da wiirde er aufwachsen, wiirde zunachst recht rege wer-
den, weil das der heutigen Zeit angemessen ist, dafi man bis zum 7.,
14., 21. Jahre rege wird, und wiirde vielleicht ein sehr energischer
Mensch werden bis zum 21. Jahre hin. Aber wenn er nicht spirituell
sich entwickeln kann, wenn er so ein recht reprasentativer Mensch
der Gegenwart ist, dann wird er gerade mit 27 Jahren stehenbleiben.
Wiirde er ein ganz reprasentativer Mensch fur die Gegenwart sein,
dann wiirde etwa das folgende geschehen miissen: Er wiirde mit die-
sen 27 Jahren einen markanten Einschnitt in sein Leben machen,
einen so markanten Einschnitt, dafi gewissermafien die Verhaltnisse,
in die er sich mit 27 Jahren bringt, ihn dann nicht mehr weiterkom-
men lassen, weil er sich engagiert fur das Leben. Das wiirde unter
den heutigen Verhaltnissen etwa dadurch eintreten konnen, dafi ein
solcher Mensch, nachdem er eine Art Selfmademan mit grower
Energie, mit alien moglichen Impulsen, welche die Zeit von selber
hergibt, geworden ist, just mit 27 Jahren in ein Parlament gewahlt
wiirde. Wenn man in ein Parlament gewahlt wird, so hat man sich
engagiert, dann kann man nicht mehr von gewissen Dingen zuriick,
dann bleibt man so - das kommt gerade von dieser Entwickelung
der heutigen Zeit -, dann ist man so recht reprasentativ fur diese
Entwickelung der heutigen Zeit. Und da das Parlament das Ideal der
gegenwartigen Zeit ist, so wiirde das gerade ein markanter Ein-
schnitt sein konnen fur einen Menschen, der alles ablehnt, was in die
Zukunft hineinwachsen soil, der so ganz hineingewachsen ist in die
aufieren Verhaltnisse, der mit einem Worte siebenundzwanzigjahrig
bleibt. Ein solcher Mensch wiirde also mit 27 Jahren als ein starker,
kraftiger Mensch, der die Impulse der Zeit an sich tragt, ins Parla-
ment eintreten. Nach einiger Zeit wiirde er sogar als Minister aus
dem Parlament hervorgehen. Man kommt dann weiter; man wird
ein tonangebender Mensch der Gegenwart. Aber man wird ein
Mensch nur der Gegenwart, ein charakteristischer siebenundzwan-
zigjahriger Mensch.
Es gibt einen solchen Menschen. Es gibt einen Menschen, der so
in Verhaltnisse hineingeboren ist, dafi er nur dasjenige aufgenom-
men hat, was ihm die Verhaltnisse selbst hergaben, nichts Traditio-
nelles, der ein starker, kraftiger Mensch geworden ist aus diesen
Verhaltnissen heraus, ein Mensch, der durch dick und diinn geht fur
dasjenige, was man in den ersten 27 Jahren seines Lebens aufnimmt,
und der gerade mit 27 Jahren ins Parlament gewahlt wurde, sogar im
Parlament unbequem wurde zunachst als einer, der Opposition
machte, dann aber rasch weiter aufgestiegen ist und gewissermafien
zu einer Art Drehungsachse der Gegenwart geworden ist: das ist
Lloyd George. Es gibt keinen charakteristischeren Menschen fur die
gegenwartige Zeit als Lloyd George. Und die einfache Tatsache, dafi
dieser «Aussichselbstmann» just auf die Woche hin in seinem 27.
Lebensjahr sich engagierte fur das Leben, indem er ins Parlament
gewahlt wurde, und dann auch sein ganzer Lebensgang, das weist
darauf hin, wie er reprasentativ, charakteristisch fur das Leben der
Gegenwart ist, fur jenes Leben der Gegenwart, mit dem gebrochen
werden muE und an dessen Stelle im 27. Lebensjahre die spirituellen
Impulse hatten treten miissen.
So blickt man hinein, wenn man das Leben innerlich durchschau-
en kann, erblickt in denjenigen Tatsachen, welche die andern Men-
schen verschlafen, die wichtigsten Ereignisse der Gegenwart. Fur
den, der die Zusammenhange kennt, bedeutet das etwas ungeheuer
Bedeutsames, dafi ein solcher Selfmademan gerade mit 27 Jahren ins
Parlament hineingewahlt worden ist und sich da engagiert hat.
Das sind Tatsachen, die die Menschen allmahlich beobachten und
beachten miissen, aus denen sie kennenlernen miissen die tieferen
Zusammenhange, die im Leben vorhanden sind und an denen die
Menschen heute so gern vorbei mochten, weil sie unbequem sind.
Unbequem, weil die Menschen ihre Leidenschaften, ihre Emotio-
nen, die sie sich selbst in der aufieren Welt ausbilden, lieber instink-
tiv ausleben, als dafi sie zur Erkenntnis greifen, weil sie von diesen
Emotionen aus die Welt ausleben wollen und nicht aus sich selber
heraus.
Davon wollen wir dann morgen weiter reden.
DRITTER VORTRAG
Dornach, 1. Oktober 1917
Ich werde versuchen, in der Reihe von Vortragen, die ich nun halten
werde, Ihnen etwas Zusammenhangendes zu geben, das Ihnen die
Moglichkeit bieten soil, die Gegenwart und die nachste Zukunft
wenigstens von einigen Gesichtspunkten aus zu verstehen. Ich wer-
de aber in manchem weiter ausholen miissen. Daher wird schon be-
riicksichtigt werden miissen, dafi ich eine Art roten Faden, wie man
sagt, durch diese Vortrage ziehen lasse und dafi das Einzelne im
Zusammenhange mit dem Ganzen wird genommen werden miissen.
Ich werde nach den verschiedensten Seiten hin weiter ausholen,
Bausteine herbeitragen, manchmal scheinbar entfernt liegende Bau-
steine, die Sie aber brauchen zum Verstandnis der Gegenwart.
Eines raufi jetzt in dieser Zeit - und mit dieser Zeit verstehe ich
eigentlich einen grofieren Zeitraum, der sich nach Jahrzehnten zu-
riick und nach Jahrzehnten vorwarts ausdehnt - ganz besonders be-
riicksichtigt werden. Es miissen Wahrheiten ausgesprochen werden,
welche in vieler Beziehung im schroffen Gegensatz stehen zu dem-
jenigen, was die Menschheit in der Gegenwart nicht nur glaubt, son-
dern mehr oder weniger fiir selbstverstandlich halt, so dafi sich die
Lage zwischen der Geisteswissenschaft und der heute in der Welt
gebrauchlichen Meinung etwa in der folgenden Art stellen wird:
Geisteswissenschaft wird dies oder jenes zu sagen haben; in der Welt
hat man aber nicht nur eine abweichende, sondern eine in vieler
Beziehung geradezu entgegengesetzte Meinung von dem, was Gei-
steswissenschaft als Wahrheit zu verkiinden hat. Dadurch ist es ja
selbstverstandlich, dafi die Menschen die geisteswissenschaftlichen
Wahrheiten als etwas empfangen, das ihnen unglaublich, das ihnen
verdreht, das ihnen toricht erscheint.
Aber man mufi schon sagen: Wenn auch zu andern Zeiten die
Wahrheit, die da verkiindet werden mufite, um Zukiinfte einzu-
leiten, sich unterschied von den landlaufigen Meinungen, welche die
Menschen damals hatten, wenn auch zu alien Zeiten ein gewisser
Unterschied war zwischen der fortschreitenden Wahrheit und der
landes- oder weltiiblichen Meinung - so grofi, so einschneidend, wie
er gerade in unserer Zeit sein mufi, war dieser Unterschied eigentlich
in vergangenen Zeiten wohl niemals. Vielleicht gilt das weniger im
absoluten Sinn, aber in diesem relativen Sinne gilt es, daft die Men-
schen heute innerlich ungeheuer intolerant sind und daher weniger
Meinungen, die von den ihrigen abweichen, vertragen.
Also das subjektive Gefiihl des Phantastischen gegeniiber den
neu auftauchenden Meinungen werden die Menschen der Gegen-
wart viel mehr haben in der nachsten Zukunft, als es auf diesem
Gebiete in friiheren Zeiten der Fall war. Dennoch, die Verhaltnisse
liegen so, dafi Wahrheiten, die man bis zu unserer Gegenwart stren-
ge behiitet hat in engen Kreisen, iiber welche man jenen, denen man
sie mitteilte, strengstes Schweigen auferlegte gegeniiber alien, denen
man sie nicht mitteilen konnte, solche Wahrheiten miissen in un-
serer Zeit immer mehr und mehr offentlich gemacht werden, ganz
gleichgiiltig, wie die allgemeine Meinung und ihre Trager diesen
Wahrheiten entgegenkommen, ganz gleichgiiltig, was Kir Vorurteile
und was fur Gegenstromungen diese Wahrheiten hervorrufen.
Warum das so ist, davon werden wir auch im Laufe dieser Vortra-
ge noch zu sprechen haben. Auf einige Eigentumlichkeiten im Auf-
nehmen von Wahrheiten seitens der Gegenwartsmenschen und der
nachsten Zukunftsmenschen werde ich zunachst hinzuweisen haben.
In mancher Beziehung sind diese Menschen der Gegenwart, trotz-
dem sie glauben, daft sie iiber die Illusionen der vergangenen Zeit,
iiber den Aberglauben der vergangenen Zeit ungeheuer weit hinaus
waren, durch und durch illusionar, neigen mehr, als das zu andern
Zeiten der Fall war, dazu, sich iiber gewisse wesentliche und wichtige
Dinge der Weltenordnung Illusionen hinzugeben, und zwar in einem
solchen Grade, dafi diese Illusionen weltbeherrschende, volkerbe-
herrschende, erdenbeherrschende Machte werden. Das ist sehr wich-
tig, denn in dem ganzen Chaos der Gegenwart walten - und deswe-
gen ist es ja ein Chaos - gerade Illusionen, illusionare Vorstellungen.
Wir wollen gleich auf eine, ich mochte sagen, Grundillusion, auf
eine prinzipielle Illusion der Gegenwart hinweisen, auf eine Illusion,
die innig zusammenhangt mit den materialistischen Zeittendenzen,
mit der Neigung der Menschen zum Materialismus. Diese Illusion
charakterisiert sich darin, dafi die Menschen immer mehr geneigt
werden, sich eine ganz f alsche Ansicht zu bilden iiber das, was wir im
Zusammenhange der geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse den
physischen Plan nennen. Und immer weniger wird ein Wort des
Neuen Testamentes, das in dieser Beziehung grundlegend ist, ver-
standen, immer weniger wird das Wort verstanden: «Mein Reich ist
nicht von dieser Welt.» Miftverstanden wird dieses Wort insofern in
der Gegenwart, als gerade die aufierlich tonangebenden Personlich-
keiten, die fiihrenden Individualitaten der Gegenwart sich der Illu-
sion hingeben, dafi in jeder Beziehung ihr Reich von dieser Welt wer-
den miisse, ihr Reich Platz greifen miisse auf dem physischen Plane.
Was meine ich damit? Wer real zu sehen vermag, wer die Wirk-
lichkeit zu durchschauen vermag, der weifi, dafi die Welt des phy-
sischen Planes niemals eine Vollkommenheit haben kann. Wer aber
materialistisch denkt, der gibt sich der Illusion hin, dafi auf dem
physischen Plan etwas Vollkommenes erreicht werden miisse. Da-
her entspringen dann alle die Illusionen, von denen eine ganz beson-
ders charakteristisch ist: die sozialistische Illusion der Gegenwart.
Illusionen machen sich ja jetzt geradezu die Menschen aller Mei-
nungsnuancen, aller Parteischattierungen - auch die Menschen von
liberaler Weltanschauung, liberaler Lebensauffassung haben sich
eine gewisse Einrichtung des physischen Planes konstruiert und
haben gedacht, wenn sie diese Einrichtung verwirklichen konnen,
dann wird das Paradies auf Erden sein. Die Sozialisten wieder den-
ken nach gar nichts anderem hin, als wie man die Welt dieses phy-
sischen Planes einrichten solle, damit alles auf diesem physischen
Plane hier gut sei, damit jeder ein besonders behagliches Dasein, wie
man sich es vorstellt, habe, jeder in der gleichen Weise und so weiter.
Und wenn solche Menschen anfangen, sich die Zukunftsgestaltung
des physischen Planes auszumalen, dann ist das immer eine sehr
scheme, paradiesische Welt. Versuchen Sie nur einmal, die Plane
derjenigen, die sich heute zu den verschiedensten sozialistischen
Parteien rechnen, nach dieser Richtung hin zu prufen!
Aber nicht nur auf dieser Seite finden Sie solche Anschauungen
und Meinungen, sondern auch bei andern. Nehmen Sie die Padago-
gen. Selbstverstandlich ist heute jeder padagogische Agitator oder
Schriftsteller davon iiberzeugt, er miisse ein solches Erziehungs-
system, solche Erziehungsprinzipien begriinden, die die besten
sind, die man sich nur denken kann, und die auch im absoluten Sinn
die allerbesten sind, iiber die hinaus man sich nicht bessere
denken kann.
Es ist dieses ein Streben, gegen das sich aufzulehnen doch den
Menschen geradezu wie eine Narrheit erscheinen mui Denn so, wie
die Dinge heute liegen, konnen ja kaum die Menschen etwas anderes
sagen als: Wer nicht will, dafi in der Welt alles aufs beste eingerichtet
wird, der mufi ganz bosartigen Charakters sein. - Man kann es be-
greifen, dafi die Menschen so denken mussen. Aber, wenn nicht
Bosartigkeit es ist, die verhindert, so zu denken, sondern die klare,
echte Anschauung der Wirklichkeit, wenn diese echte Anschauung
der Wirklichkeit uns sagt: es ist einfach eine Illusion zu glauben, dafi
man solche Grade von Vollkommenheiten auf dem physischen Plan
erreichen kann -, wenn es ebenso ein Gesetz ware, dafi es auf dem
physischen Plan niemals vollkommen zugehen kann, wie es ein
Gesetz ist, dafi die drei Winkel eines Dreiecks eben 1 80 Grad sind,
dann mufi man halt einer solchen Wahrheit kiihn und ohne Feigheit
ins Gesicht schauen.
Das ist es, was aus durchaus materialistischen Voraussetzungen
heraus als solche Illusionen auftritt. Wenn auch heute viele Men-
schen sagen, sie glauben an eine geistige Welt - es bleibt Wort; bei
vielen Menschen bleibt es ein blofies Wort, ein leerer Schall. In den
Empfindungen, in den Gefuhlen, in den unterbewulken Impulsen
der Menschen sitzt doch etwas anderes, sitzt die Neigung, materia-
listisch zu denken. Diese Neigung, die verfiihrt die Menschen dazu
— wenn sie auch sich vormachen, an etwas anderes zu glauben — ,
eigentlich doch nur an den physischen Plan zu glauben. Ja, wer nur
an den physischen Plan glaubt, wer nicht glaubt, etwas anderes noch
zu haben in seiner Umgebung als den physischen Plan, der kann ja
gar nicht anders, als anzuerkennen als einziges Ideal, alles auf dem
physischen Plan so herbeizufuhren, dafi aus diesem physischen Plan
ein Paradies wird, sonst ware ja iiberhaupt die ganze Welt ein Un-
sinn. Fiir den Materialisten gibt es gar keine andere Moglichkeit,
wenn er nicht die Welt fiir Unsinn halten will, als sich der Illusion
hinzugeben, dafi es zwar jetzt noch recht unvollkommen zugeht auf
dem physischen Plan, aber dafi man doch Zustande herbeifiihren
konne, welche dieser Unvollkommenheit ein Ende machen und die
Vollkommenheit an ihre Stelle setzen.
Alles, was auf diesem Gebiete sich heute geltend macht - sei es im
allgemeinen, iiber das sich alle moglichen politischen, sozialen und
sonstige Agitatoren in Worten ergehen, sei es im einzelnen, sagen
wir auf dem Gebiete des Erziehungswesens oder auf andern Gebie-
ten -, alles das beruht auf Ulusionen. Und diese Illusionen beruhen
ihrerseits wieder darauf, dafi die Menschen keine Einsicht haben in
die Beziehungen des physischen Planes zu den andern Weltenspha-
ren, dafi die Menschen gar keine Moglichkeit haben, sich eine Vor-
stellung dariiber zu bilden, warum der Christus Jesus die Worte
gebraucht hat: «Mein Reich ist nicht von dieser Welt», warum der
Christus Jesus nicht hier auf dem physischen Plan das Reich der
Vollkommenheit verwirklichen wollte. Man wird nirgends aus den
Evangelien den Nachweis fiihren konnen, dafi der Christus dieses
Reich der aufieren physischen Welt in ein Reich der Vollkommen-
heit umgestalten wollte. Dieser Illusion hat sich der Christus selbst-
verstandlich nicht hingegeben. Aber er hat dieses Nicht-herbeifuh-
ren-Wollen eines Paradieses auf dem physischen Plan dadurch kor-
rigiert, dafi er den Leuten etwas geben wollte, das nicht von dieser
Welt ist: ein Durchdringen der Seele mit den Impulsen, die immerzu
in der Welt leben, die aber eben nicht von dieser Welt, das heifit
nicht von dem physischen Plan sind.
In weitestem Umkreise beherrschen solche Illusionen heute die
Menschheit. Das aber fuhrt ungesunde Verhaltnisse herbei; denn
diese Illusionen konnen, da die Menschen freie Wesen sind, selbst-
verstandlich von den Menschen gefafit werden. Auf den mehr ma-
teriellen Gebieten wiirden sich solche Illusionen sofort als Illu-
sionen zeigen. Diejenigen Toren, welche theoretisch auf materiellen
Gebieten solche Dinge erfinden, die zeigen sich sogleich in ihrer il-
lusionaren Natur. Auf dem grofien Gebiete des sozialen, des politi-
schen Zusammenlebens, da zeigt sich das nicht sogleich.
Ich habe schon ofter erzahlt: Als ich ein junger Dachs war, so
zweiundzwanzig, dreiundzwanzig Jahre, da kam ein Hochschul-
kollege zu mir, mit rotem Kopf, furchtbar enthusiasmiert, und
erklarte, er hatte eine wichtige, eine geradezu epochemachende
Erfindung gemacht. Nun, sagte ich, das ist ja schon; was willst du
nun eigentlich damit? - Ja, sagte er, ich muE nun gleich zu Ratin-
ger gehen - das war namlich an der Hochschule der Professor fur
Maschinenbau - und mufi dem Ratinger die Sache vortragen! -
Und gesagt, getan: er lief davon. Ratinger hatte aber nicht gleich
Zeit, und so kam er noch einmal zuriick. Er wurde fur spater be-
stellt. Da sagte ich: Vielleicht kannst du mir nun in der Zwischen-
zeit erzahlen - wir haben ja ein bifichen Zeit -, was du fur eine
Erfindung gemacht hast. - Es war eine ganz geistreiche Sache. Er
hatte namlich eine Dampfmaschine erfunden, bei der man nur an-
fangs ganz wenig Kohlen brauchte, um zu heizen; dann brauchte
man nicht weiter Kohlen nachzulegen, sondern dann ist ein Me-
chanismus dagewesen, welcher die Sache fortwahrend in Tatigkeit
erhalten hat. Man brauchte nur einen einmaligen AnstoE zu geben.
Nun, das war naturlich etwas Epochemachendes. Sie werden blofi
verwundert sein, warum das heute noch nicht da ist! Ich liefi mir
die ganze Sache erklaren und sagte ihm dann: Weifit du, das ist
sehr geistreich; aber wenn man das Ganze iiberschaut, so ist es
nicht anders, als wenn du einen Eisenbahnwagen dadurch in
Bewegung versetzen willst, dafi du hineinsteigst und drinnen an-
schiebst, fortwahrend drinnen anschiebst. Wenn einer draufien
stent und anschiebt, so kann er selbstverstandlich den Wagen wei-
terbringen; wenn er aber drinnen steht, so kann er bei derselben
Krafterzeugung den Wagen nicht um einen Millimeter vorwarts-
bringen. - Darauf beruhte aber die ganze Sache.
Es kann etwas aufierordentlich logisch, aufierordentlich geistreich
sein, mit Anwendung aller moglichen technischen Prinzipien aufge-
baut sein, und es kann doch ein Unsinn, ein unwirklich Gedachtes
sein. Und es kommt nicht darauf an, dafi man blofi geistreich denkt,
daiK man bloft logisch denkt, sondern darauf kommt es an, dafi man
wirklichkeitsgemafi denkt. - Er ist dann gar nicht mehr zu Ratinger
gegangen.
Nun, auf materiellem Gebiete, auf mechanistischem Gebiete,
kommt solch eine Sache sehr bald heraus. Aber auf sozialem, auf po-
litischem Gebiete, iiberhaupt auf dem Gebiete, das man im weitesten
Umfang das Gebiet der Weltbegliickung nennen konnte, da kommt
das nicht sobald heraus. Da kann man schon ganz ahnliche Dinge in
die Welt setzen; die Menschen werden dadurch verblendet und
glauben daran. Aber das Ganze beruht doch nur darauf, dafi man im
Wagen steht und drinnen anschiebt. Es wird einmal eine Zukunft
kommen, wo man einen gewissen Grundcharakter der Gegenwarts-
ordnung vielleicht sogar nach einem Namen benennen wird, weil
dieser Name charakteristisch sein wird fur ein innerlich durch und
durch illusionares Denken, unwirkliches Denken. Und man wird
ganz gewifi in der Zukunft einmal sprechen von dem Wilsonianis-
mus im Beginne des 20. Jahrhunderts, denn dieser Wilsonianismus,
das ist auf politischem Gebiete ganz genau dasselbe, was der Mann
hatte, der den Wagen im Innern des Wagens anschieben wollte.
Alle jene Begriffe, die als Grundbegriffe den Wilsonianismus be-
herrschen, die heute so viel Eindruck machen, sind durch und durch
unwirkliche Begriffe, abgesehen davon, dafi sie auch aus andern
Griinden noch auf die Menschen heute einen grofien EinfluiR aus-
iiben. Sie iiben namlich schon aus dem Grunde einen ungeheuren
Einflufi aus, weil sie ja nicht verwirklicht werden konnen. Wiirde
man an die Verwirklichung gehen, so wiirde sich sehr bald zeigen,
dafi sie Nullitaten sind. Aber die Menschen konnen sich vorstellen,
dafi man so etwas verwirklichen konnte. Wenn man namlich den
Wilsonianismus verwirklichen konnte, dann hatte man uber die gan-
ze Welt ein grofies Weltenphilisterium verwirklicht. Denn Woo-
drow Wilson verdiente eigentlich, zu dem Weltenheiland des all-
gemeinen Philisteriums ernannt zu werden. Es wiirde zwar in einer
von Wilson geordneten Welt den Philistern nicht gutgehen, und sie
kann ja auch nicht verwirklicht werden, aber die Philister stellen
sich es wenigstens vor: Wenn der Wilsonianismus die Welt ergreifen
wiirde, dann wiirde es uns ganz besonders so gehen, wie wir es uns
nach unserem Ideal wtinschen.
Die Zukunft wird einmal erzahlen: Im Beginn des 20. Jahrhun-
derts entstand das sonderbare Ideal: Wie kann man die Welt zum
vollkommensten Abbild des Spieftbiirgertums machen? Und man
wird den Wilsonianismus analysieren, urn diese Spiefiburgerillu-
sionen als ein Charakteristikon vom Beginne des 20. Jahrhunderts
hinzustellen.
Sie sehen, es gibt nicht nur kleine, sondern auch grofle Beispiele
fur das illusionare Denken der Gegenwart. Und es sind heute nicht
weltverlorene Sekten, sondern es sind sehr weit ausgebreitete Glau-
bensgemeinschaften, die sich solchen unrealen Gedankengangen,
solchen Illusionen hingeben, wie die angedeuteten es sind.
Aber wichtige, einschneidende, wirkliche Wahrheiten miissen
heute der Welt verkiindet werden. Und die werden wenig iiberein-
stimmen mit dem, was aus den eben bezeichneten Griinden heraus
die Anlage hat, allgemeine Meinung zu werden nach den bisher
iiblichen Vorbedingungen. Es miissen andere Vorbedingungen zum
Verstandnis der Wahrheit geschaffen werden. Die Wahrheiten, die
auftauchen miissen, haben ja fur die weitesten Kreise heute etwas
Abstofiendes; sie sind unbequem, recht unbequem. Und die Wahr-
heiten, die man liebt, sind heute bequem, sind begehrt, nach den
Anlagen, die die Menschen heute schon einmal haben.
Einige von den unbequemen Wahrheiten werden wir eben im
Laufe dieser Vortrage kennenlernen miissen. Vor alien Dingen wer-
den die Wahrheiten, welche die Welt braucht, welche man verkiin-
digen mufi aus einer gewissen hoheren Verantwortlichkeit heraus,
sich nicht allein auf den physischen Plan beziehen diirfen, denn sie
werden gerade geeignet sein miissen, die Illusionen, die man sich mit
Bezug auf den physischen Plan macht, zu durchkreuzen, die Wirk-
lichkeit an die Stelle der Einbildung zu setzen. Denn am eingebildet-
sten, am phantastischsten sind heute diejenigen Menschen, die sich
fur wenig oder fur gar nicht phantastisch halten. Man macht da ja
sonderbare Entdeckungen.
Da ist mir neuhch eine Art Lexikon geschickt worden, worin
Schriftstellernamen verzeichnet werden. Es sollen alle diejenigen
Schriftstellernamen verzeichnet werden, deren Trager etwas in sich
haben, was Judentum ist, was im Sinne der Verwirklichung des Ju-
daismus in der Welt, des Judentums wirkt. Unter diesen Schriftstel-
lern bin ich auch angefiihrt, und zwar bin ich aus dem Grunde ange-
fiihrt, weil ich viele Ahnlichkeiten hatte - nach der Ansicht des Ver-
fassers jenes Literaten-Lexikons - mit Ignaz von Loyola, der gerade
wegen seines Judaismus den Jesuitismus begriindet habe, und weil
ich aufierdem herstamme aus einer Grenzgegend zwischen Deut-
schen und Slawen - wo ich zufallig geboren bin, trotzdem ich gar
nicht dort herstamme - und weil das, dafi ich dort herstamme - ich
weifi nicht, aus welchen Griinden darauf hindeute, dafi ich jiidi-
scher Abstammung sei. Uber diese Sache habe ich mich nicht beson-
ders verwundert, denn heute erscheinen noch verwunderlichere
Sachen, nicht wahr? Aber unter diesen Menschen, die da als Forde-
rer des Judaismus aufgefuhrt werden, befindet sich auch Hermann
Bahr - ich habe darin so geblattert -, der nun so durch und durch
Oberosterreicher ist, dafi es wahrhaftig ganz unmoglich ist, darauf
zu kommen, ihn irgendwie mit judischem Blute oder so etwas in
Zusammenhang zu bringen. Trotzdem wird in diesem Literaten-
Lexikon ein bekannter Literarhistoriker zitiert als Quelle dafur, dafi
Hermann Bahr doch etwas Judisches unbedingt habe.
Nun, als mir einmal vorgeworfen wurde - diese Dinge sind ja
nicht neu -, dafi ich jiidisch sei, da liefi ich meinen Taufschein foto-
grafieren. Hermann Bahr mufke auch solche Experimente machen,
weil ihm von einem Literarhistoriker vorgeworfen worden ist, dafi
er Jude sei. Er wollte eben die Wahrheit an die Stelle setzen. Und da
sagte der betreffende Literarhistoriker: Na, aber es kann ja der
Grofivater Jude gewesen sein. - Aber es lafit sich schlechterdings
nichts in der Ahnenschaft von Hermann Bahr nachweisen, was nicht
absolut uroberosterreichisch-deutsch ist; es lafit sich durchaus
nichts nachweisen. Das war naturlich fatal fur jenen Literarhistori-
ker, aber von seiner Meinung liefi er sich deshalb nicht abbringen.
Und dieses, dafi er sich nicht von seiner Meinung abbringen liefi,
richtete er auf folgende Weise ein. Er sagte: Und wenn Hermann
Bahr durch zwolf Generationen hinauf mir die Taufscheine vorlegt,
dafi er nicht einen Tropfen jiidischen Blutes von irgendeiner Seite
bekommen haben kann, dann wiirde ich notigenfalls an die Reinkar-
nation glauben. - Also, Sie sehen: Die Griinde, an die Reinkarnation
zu glauben, liegen bei diesem sehr verbreiteten und sehr beriihmten
Literarhistoriker auf einem sonderbaren Feld.
Es ist heute zuweilen schon schwierig, dasjenige, was bertihmte
Menschen aussprechen, iiberhaupt noch ernst zu nehmen. Schade ist
natiirlich dabei nur, daft es so aufierordentlich schwierig wird, die
Menschen in breiteren Kreisen von diesen Dingen zu iiberzeugen.
Denn es liegt den Leuten doch gewissermaften in den Gewohn-
heiten, an Autoritaten zu glauben, trotzdem selbstverstandlich die
Menschen der Gegenwart gar nicht autoritatsglaubig sind! Aber das
ist ja nur ihre Meinung. Wir haben iiber diese Meinung, die die
Menschen von sich selber haben, gestern auch einiges sagen konnen.
Dieser zuweilen in den Grundinstinkten von der Wahrheit abir-
renden Gegenwart wird es aufierordentlich schwer werden, gerade
diejenigen Wahrheiten auf zunehmen, welche das unmittelbar an den
physischen Plan anstoftende Grenzgebiet beruhren. Denn was da als
das an den physischen Plan unmittelbar anstofiende Grenzgebiet
gelten mufi, das erfordert, daft man bei der Charakteristik in einer
gewissen Weise an eine gesunde, an eine unverdorbene Gemiitsver-
fassung derjenigen appellieren mufi, die dariiber horen. Und das
wird gegeniiber der Verkiindigung derjenigen Wahrheiten, die not-
wendigerweise verkiindet werden miissen, die allergrofken, die
denkbar groftten Schwierigkeiten machen. Nicht etwa bloft das An-
schauen dieser Wahrheiten, sondern schon das Sich-Bekanntmachen
mit diesen Wahrheiten hat eine Bedeutung fur die ganze Seelenver-
fassung des Menschen.
Was man an aufterem Wissen iiber den physischen Plan auf-
nimmt, das hat eine gewisse Wirkung, sagen wir auf den mensch-
lichen Kopf. Aber diejenigen Wahrheiten, die in die Tiefe gehen -
auch wenn sie nur bis zu jener Tiefe gehen, wo sie das Grenzgebiet
betreff en -, diese Wahrheiten beruhren den ganzen Menschen, nicht
blofi den Kopf, sondern den ganzen Menschen. Und man mufi dann
fur die Verkiindigung solcher Wahrheiten rechnen auf ein unver-
dorbenes, gesundes Gemiit.
Nun, fiir viele Lebensverhaltnisse ist aber ein unverdorbenes, ge-
sundes Gemiit in der Gegenwart gar nicht so sehr verbreitet. Im Ge-
genteil, ein ungesundes, verdorbenes Gemiit ist heute durchaus keine
Seltenheit. Und so kommt es, da£ in der Aufnahme der Wahrheiten
sich sehr stark die Art und Weise geltend macht, wie das instinktive
Leben, wie das Triebleben, wie die ganze Seelenverfassung, die Ge-
miitsverfassung der Menschen ist, die diese Wahrheiten aufnehmen
wollen. Menschen mit verdorbenen Instinkten, die keinen Willen
haben, ihre Lebensverhaltnisse in eine gewisse Zucht zu nehmen,
werden sehr schnell die Neigung haben, gerade wenn es sich darum
handelt, Wahrheiten iiber das Grenzgebiet aufzunehmen, diesen
Wahrheiten gegeniiber eine Stellung einzunehmen, die ganz von
niedriger Gesinnung erfullt ist. Das kann sehr leicht passieren. Wenn
Menschen kein gesundes Interesse haben fiir die objektiven Welten-
vorgange, wenn Menschen vor alien Dingen nur ein Interesse haben
fiir das, was mit ihnen selber zusammenhangt, so verdirbt das oft-
mals schon das Gemiit so sehr, dafi gerade den okkulten Wahrheiten
und namentlich denen des Grenzgebietes nicht entsprechende
Instinkte entgegengebracht werden.
Fiir die Wahrheiten des physischen Planes, fiir alles das, was sich
auf den physischen Plan bezieht, worin es die Menschen in der Ge-
genwart so weit gebracht haben, fiir alles das sorgt ja schon, ich
mochte sagen, die aufiere Natur, da£ bei den Menschen nicht viel
Verdorbenheit auftreten kann. Da sind die Menschen eingezwangt in
dasjenige, was ihnen die aufiere Natur aufdrangt, da konnen sie ihre
Instinkte nur wenig geltend machen, da mussen sie folgen der aufie-
ren Natur. Schreitet man vom physischen Plan weiter in das Grenz-
gebiet hinein, dann hat man dieses Gangelband nicht mehr, dann
mufi man in eine andere Fiihrung hineinkommen, in eine andere in-
nere Sicherheit des Seelenlebens. Das kann man aber nur, wenn man
mit unverdorbenem Gemiite den physischen Plan verlafit, sonst wird
man im Grenzgebiet ziigellos. Man ist nicht mehr von der aufieren
Natur geziigelt, man ist nicht mehr von den sozialen, hergebrachten
Vorurteilen geziigelt, man wird ziigellos. Man fuhlt sich auf einmal
frei und kann die Freiheit nicht ertragen. In der Welt des physischen
Planes ist zum Beispiel vieles, das die Menschen verhindert zu liigen.
Wenn einer urn sechs Uhr abends behauptet, die Sonne sei eben auf-
gegangen, so wird ihn die Natur sehr bald korrigieren. Und so ist es
ja mit sehr vielen Dingen, die sich auf den aufieren, physischen Plan
beziehen. Wenn jemand von Dingen der hoheren Welten, und seien
sie eben auch nur diejenigen des Grenzgebietes, allerlei Unsinn be-
hauptet, so wird er nicht sogleich durch die auftere Welt korrigiert.
Daran liegt es aber, dafi die Menschen, indem sie gewissermafien
der Zucht enteilen, die der physische Plan auf sie ausiibt, ziigellos
werden konnen.
Das ist eine der grofien Schwierigkeiten, welche die Mitteilungen
von Wahrheiten iiber die geistige Welt heraufbringen konnen. Dem
mufi immer entgegengesetzt werden, dafi aber diese Mitteilung von
Wahrheiten iiber die geistige Welt eben einfach notwendig ist. Man
darf nicht vergessen, dafi die Wahrheiten iiber die geistige Welt nicht
in derselben Gemiitsverfassung von der Seele aufgenommen werden
konnen wie die Wahrheiten iiber die au&ere physische Welt. Die
Wahrheiten iiber die geistige Welt konnen wir nur in die Seele auf-
nehmen, wenn wir unseren atherischen und astralischen Leib in uns
etwas lockern; sonst wird man nur Worte horen. Man mufi schon
eine solche Seelenverfassung - und es ist ja fur die Erscheinungen
des subjektiven Seelenlebens eben nur eine Seelenverfassung — , man
mufi schon etwas den atherischen und astralischen Leib lockern,
wenn man richtig verstehen soil, was sich auf die geistige Welt be-
zieht. Diese Lockerung, die mull nur ein Mittel sein, um eben die
Wahrheiten der geistigen Welt zu verstehen. Sie darf nicht zu einem
Selbstzweck ausarten. Wenn sie zu einem Selbstzweck ausartet,
dann kann es sehr schlimm sein.
Denken Sie nur einmal - ich will einen extremen Fall anfiih-
ren -, jemand wiirde einem geisteswissenschaftlichen Vortrag zu-
horen, aber nicht, wie es richtig ware, um Einblick in die geistigen
Welten zu gewinnen, sondern weil er das fur ganz besonders my-
stisch halt. Er wiirde also zuhoren, indem er gleichsam sich durch-
fluten liefie von dem, was gesagt wird, weil das den Atherleib und
den astralischen Leib etwas herauslockert. Man kann es ja erleben,
dafi gerade bei geisteswissenschaftlichen Vortragen, manchmal auch
bei pseudo-geisteswissenschaftlichen Vortragen, Leute in einer
schlafrigen Ekstase zuhoren wollen, sich eigentlich gar nicht beson-
ders fur den Inhalt interessieren, sondern mehr fur das Wollust-
gefuhl, das durch das Heraustreten des Atherleibes und des astra-
lischen Leibes bewirkt wird, und so hingegeben warm zuhoren. Fur
andere Lebensverhaltnisse kann dieses Hingegeben-warm-Zuhoren
sehr gut sein; fur die Eroffnung des Verstandnisses gewisser geisti-
ger Dinge ist es nichts nutz.
Das mu$ man richtig verstehen. Jemand, der mit dem richtigen
Verstandnis geisteswissenschaftliche Wahrheiten aufnimmt, das
heifit im Konkreten den Linien folgt, mit welchen die Begriffe ge-
zeichnet werden, um das Verstandnis der geistigen Welt zu eroffnen,
gerade dem wird seine Menschheit dadurch erhoht, der erfahrt Din-
ge, die uberhaupt gegenwartig gewufit werden miissen zum Heil und
zur Fortentwickelung der Menschheit. Wer die Dinge im rechten
Sinne aufnimmt, der wird auch erfahren, dafi seine Instinkte, seine
Triebe veredelt, erhoht werden, dafi er schon durch das blofie Anho-
ren geisteswissenschaftlicher Wahrheiten eine Entwickelung zum
Guten durchmacht. Wer keinen Willen hat, geisteswissenschaftliche
Wahrheiten in diesem Sinne aufzunehmen, wer vielleicht aus irgend-
einem rein personlichen Interesse diese geisteswissenschaftlichen
Wahrheiten aufnimmt, weil er, sagen wir, auch zu einer Gesellschaft
gehdren will und keine andere gerade gefunden hat, die fur ihn besser
taugen wiirde als die anthroposophische, wer uberhaupt zunachst
personliche Interessen hereintragt in diese Gesellschaft, der wird fin-
den konnen, dafi die geisteswissenschaftlichen Wahrheiten zunachst
niedere Instinkte, vielleicht die allerniedrigsten Instinkte aufsta-
cheln. Es ist daher nicht verwunderlich, dafi Menschen, die eigentlich
nicht dazugehoren, aber eine solche Sache sich anhoren, sich gerade
in ihren niedrigsten Instinkten aufgestachelt fiihlen. Das lafit sich in
der Gegenwart aus dem Grunde nicht vermeiden, weil die Dinge
eben offentlich werden sollen und man nicht Grenzen Ziehen kann.
Da lafit sich das Richtige nur finden dadurch, dafi iiber ihr waches
Urteil diejenigen scharf mit sich selbst zu Gerichte gehen, welche aus
innerer Berechtigung eben dazugehoren, welche aus innerer Berech-
tigung an einer solchen Bewegung teilnehmen. Wer uberhaupt vor
oder nach seinem Austritt aus der Gesellschaft irgendwie nur per-
sonliche Interessen geltend macht, der zeigt ja damit nur, dafi er
niemals die Eignung gehabt hat, dieser Gesellschaft anzugehoren.
Und persdnliche Interessen sind ja, dachte ich, nicht so schwierig
von objektiven Erkenntnisinteressen zu unterscheiden.
Aber verwunderlich ist es nicht, dafi bei den von der offentlichen
Entwickelung geforderten Verhaltnissen eben immer wieder und
wiederum das auftritt, dafi aus den Instinkten der niederen Natur
heraus dieses oder jenes zutage tritt. Man mufi mit klarem Bewufit-
sein, mit vollstandig klarem Bewufitsein auf die Gefahren hinschau-
en, welche sich ergeben konnen, und man mufi trachten, diesen
Gefahren zu steuern. Wer sich zu den Gefahren in der richtigen
Weise verhalt, der steuert ihnen gewifi schon. Insbesondere in der
gegenwartigen Zeit - das gehort auch zu dem Chaotischen der Ge-
genwart - werden Abirrungen auf diesem Gebiete gar nicht so sehr
zu den Seltenheiten gehoren. Die gegenwartigen tragischen Ereig-
nisse spannen die Krafte einer Anzahl von Menschen ungeheuer
stark an; und Menschen, die vor dem Ausbruch dieses Krieges nicht
gewohnt waren, aus allgemeinerem, nicht blofi aus personlichem
Interesse zu arbeiten, schwer zu arbeiten, haben das in den letzten
drei Jahren wirklich iiber die verschiedenen Lander hin gelernt, das
ist wahr. Viele Menschen haben arbeiten gelernt, haben auch gelernt,
allgemeine Interessen zu haben.
Wer in der richtigen Weise zu unserer Bewegung gehort, hat ja
von vornherein allgemeine Interessen. Dessen ungeachtet gibt ge-
rade die gegenwartige Zeit ungeheuer viel Gelegenheit zu einem
gewissen Outsider-Faulenzertum. Es gibt gegenwartig gerade durch
die Konstellation dieses Krieges Menschen, die nun wiederum gar
nichts Rechtes zu tun haben. Wenn sie innerhalb unserer Bewegung
sind, so spiiren sie das auch. Vor dem Kriege, da gab es viele Vor-
tragsreisen; da konnten sich so ganze Schiippel von Menschen zu-
sammentun und konnten von einem Vortrag zum andern reisen.
Wenn es auch an au£eren Interessen fehlte, so gab es Sensationen
genug, und wenn sie nicht von aufien kamen, so verschaffte man sich
diese Sensationen. Das ist jetzt schwierig. Das geht jetzt nicht. Den
Weg aber zu nutzlichen Betatigungen, den haben manche Menschen
nicht gefunden. So ist es insbesondere jetzt der Fall, dafi ein Out-
sider-Faulenzertum sich auch innerhalb unserer Kreise hat finden
konnen, das sich die Zeit jetzt mit allerlei Gegnerschaften vertreibt.
Weil man es nicht mehr mit Sensationen zu tun haben kann im Rei-
sen von Vortragszyklus zu Vortragszyklus, verschafft man sich an-
dere Unterhaltungen. Das ist nur bezeichnend fur die Art und Weise
des Interesses, mit dem man von Vortragszyklus zu Vortragszyklus
gereist ist.
Derjenige, dessen innerer Verpflichtung es entspricht, heute in
allem Ernst und in aller Wiirde vor der Welt geisteswissenschaftliche
Wahrheiten zu vertreten, der weifi: Wenn er vor einem Auditorium
von hundert Menschen spricht, so sind mehr als funfzig darunter,
die moglicherweise Gegner werden konnen. Das ist Gesetz; das ist
einmal so. Es sind immer mehr als funfzig Prozent, die, wenn sie
nicht Gegner werden, dieses aus dem einen oder andern Grund nicht
werden, aber nicht aus festem Sich-zur-Sache-Halten. Aus Griin-
den, die wir schon angefuhrt haben, die wir des weiteren noch an-
fiihren werden, ist die Sache eben so. Uber Gegnerschaften ist daher
der Vertreter geisteswissenschaftlicher Wahrheiten im Prinzip
durchaus nicht verwundert. Und viel interessanter, als sich mit den
Dingen zu befassen, die da von Gegnern oftmals vorgebracht wer-
den, wovon diese Gegner selbst am allerbesten wissen, dafi sie nicht
wahr sind - denn sie wissen es ja selbstverstandlich ganz gut, dafi die
Dinge nicht wahr sind -, viel niitzlicher ist es, sich mit den Griinden,
aus denen diese Gegnerschaften entstanden sind, zu befassen.
Da wird man auf mancherlei Merkwiirdiges stolen. Man wird
dann die Neigung verlieren, auf dasjenige einzugehen, auf das solche
Gegner gerne mochten, dafi man eingeht. Man wird dann auf die
wahren Griinde dieser Gegnerschaften kommen. Das ist manchmal
wiederum unbequemer, als auf das einzugehen, was einem die Leute
vorreden. Denken Sie an die Jahre, in denen hier vorgetragen word en
ist, wie immer wieder und wiederum von dem einen oder von dem
andern Gesichtspunkt aus auf dasselbe hingewiesen werden mufite,
auf das auch heute hingewiesen wurde. Es wird ja immer auf diese
Dinge hingewiesen, Aber notwendig ist, diese Dinge wirklich mit
tiefstem Ernst und tiefster Wurde zu betrachten, sie so zu betrach-
ten, wie es angemessen ist einer geisteswissenschaftlichen Bewegung.
Glauben Sie mir, ich habe Wichtigeres zu tun, wenn ich unter
voller Verantwortung diese geisteswissenschaftliche Bewegung fuh-
ren soli, als mich darum zu bekiimmern, ob da oder dort sich drei,
vier, meinetwillen auch mehr Menschen zusammensetzen und alien
moglichen Klatsch fabrizieren. Ich habe Wichtigeres zu tun und
habe niemals die Neigung, auf diese Dinge einzugehen. Nur wird
gerade dies leider so wenig, ach so wenig verstanden! Denn mehr als
man glaubt, ist auch innerhalb dieser Gesellschaft nicht das natur-
wissenschaftliche Interesse ausgebildet fur solche Dinge, sondern
das Sensationsinteresse. Naturwissenschaftlich ist es ja interessant,
neben den nutzlichen Pflanzen auch Giftpflanzen zu studieren, aber
man muf? eben den richtigen Gesichtspunkt dafiir finden. Von dem
Ernst und von der Gewichtigkeit desjenigen, was die anthroposo-
phisch orientierte Geisteswissenschaft sein soli, haben ja doch noch
- verzeihen Sie, dafi ich das ausspreche ~ die wenigsten, die sich auch
zu dieser Geisteswissenschaft bekennen, eine wirkliche Ahnung.
Wurde der rechte Ernst und die richtige Einsicht in die Gewichtig-
keit vorhanden sein, so wurde man sich in vieler Beziehung zu
allem, was da waltet, ganz anders stellen, als man sich stellt. Ich sage
damit selbstverstandlich nicht, dafi man sein Interesse davon ab-
wenden soil. Das Gegenteil sage ich: Man soil sein Interesse nicht
abwenden von denjenigen Erscheinungen, die mit dem Willen der
Vernichtung dieser geisteswissenschaftlichen Bewegung auftreten.
Aber man mufi die Moglichkeit finden, sich in der rechten Weise
dazu zu stellen.
Es kann jemand zum Beispiel auftreten und eine ganze Menge
schreiben uber Widerspriiche, die ich verbrochen haben soli in mei-
nen verschiedenen Schriften und iiber allerlei andere Dinge. Man
konnte heute zwar daran erinnern, dafi Luther eine ganze Menge,
nicht ein paar Dutzend, sondern Hunderte und Hunderte von Wi-
derspriichen nachgewiesen worden sind. Er hat darauf nur geant-
wortet: Die Esel reden von Widerspriichen in meinen Schriften.
Wenn sie sich nur einmal die Miihe gaben, eines von den Dingen, das
den andern zu widersprechen scheint, begreifen zu wollen! - Man
konnte auf solche Dinge zum Beispiel hinweisen. Man hat es aber
nicht notig. Denn da, wo heute von Widerspruch gesprochen wird,
da liegt ja nicht das Interesse vor, solche Widerspriiche zu suchen
oder aufzudecken, sondern anderes. Da hat zum Beispiel ein Mann
eine Schrift fur den Philosophisch-Anthroposophischen Verlag an-
geboten. Diese Schrift konnte im Philosophisch-Anthroposophi-
schen Verlag nicht gebraucht werden; sie mufite zuriickgewiesen
werden. Wahrend dieser Mann fruher einem auf alien Wegen und
Stegen nachlief, wurde er von diesem Moment an ein Gegner. Der
wirkliche Grund liegt nicht im Bemerken von Widerspriichen. Wur-
de der wirkliche Grund darin liegen, so wiirde man so sprechen, wie
Luther gesprochen hat. Aber man kann nicht einmal so sprechen,
denn der Betreffende wird nur erkannt, wenn man weifi, dafi er Gift
und Galle in sich hat, weil der Philosophisch-Anthroposophische
Verlag nun einmal nicht in der Lage war, sein Buch zu verlegen. Das
ist der wirkliche Grund. Die Griinde liegen eben auf ganz anderem
Gebiete, als sie so geltend gemacht werden. Wer daher einfach den
Leuten zuhort und sich erzahlen lafit, was die Leute einem vorreden,
der wird recht wenig Moglichkeit haben, auf die Wahrheiten zu
kommen, vielleicht ebenso wenig Moglichkeiten wie jener Literar-
historiker, der notigenfalls, um an den Judaismus Hermann Bahrs
glauben zu konnen - aber nur aus diesem Grunde -, zur Reinkarna-
tion sich bekehren wiirde, wenn ihm durch zwolf Generationen
lauter christliche Taufscheine von den Vorfahren Hermann Bahrs
nachgewiesen wiirden.
In unserer Zeit wird viel von dem Mut unserer Zeitgenossen
gesprochen. Geltend zu machen diejenigen Wahrheiten, die der
Menschheit notwendig sind, in dem Sinne, wie das heute charakteri-
siert worden ist, dazu wird ein ganz anderer Mut noch gehoren, ein
innerer Mut. Und an der Stelle, wo dieser Mut in der Seele sitzen
soil, da sitzt heme eine aus Bequemlichkeit herkommende Feigheit,
die ungeheuer weite Kreise ergriffen hat. Diese Feigheit ist in vieler
Beziehung der Grund, warum es der anthroposophisch orientierten
Geisteswissenschaft so sehr schwer wird, ihre Wege zu gehen. Sie
wird ihrcn Weg gehen. Aber man soil nicht fatalistisch sein, man soil
nicht glauben, dafi ohne das Hinzutun der Menschen diese Wege die
richtigen sein konnen. Man wird sich daran gewohnen miissen -
noch in ganz anderem Sinne, als man sich schon gewohnt hat -, dafi
ich selbst manches werde weniger nachsichtig behandeln miissen,
als es bisher geschehen ist. Schreiben Sie das nicht einer Anderung
meines Willens zu, sondern suchen Sie die Griinde dafiir in den Ver-
haltnissen.
So miissen Sie verstehen, dafi ich die geisteswissenschaftliche Be-
wegung, die ich zu vertreten habe vor der Welt da oder dort, nicht
darf - verzeihen Sie den Ausdruck - versauen lassen in beliebiger
Weise. Das darf ich nicht. Da sprechen hohere Pflichten, als man-
cher ahnt. Ich kann mich nicht einlassen darauf, welche Sensation
dieser oder jener Zirkel oder diese oder jene Koterie gerade
wiinscht. Es sind viele allgemeine und wesentlichere Interessen und
Impulse, die in Betracht kommen, als die rein personlichen Ambi-
tionen, die in dieser oder jener Koterie walten. Man mufi schon in
einer gewissen Weise absehen konnen von dem rein Personlichen,
das die Menschen heute fast ausschliefilich interessiert, wenn man in
der richtigen Weise die rechten geisteswissenschaftlichen Ansichten
vertreten will.
Und so raufi ich denn natiirlich heute am Schlusse auch hier das-
jenige sagen, was ich jetzt an all den Orten gesagt habe, an denen ich
vorgetragen habe: Neben den hingebungsvollen, genau den Ernst
unserer Sache abwagenden zahlreichen Mitgliedern unserer anthro-
posophisch orientierten Geisteswissenschaft finden sich auch solche
immer wieder, die nicht hereingehoren, die sich so verhalten, wie es
eigentlich unmoglich ware, wenn nur dasjenige, was hereingehorte,
immer in der Gesellschaft gewesen ware. Und immer wieder treten
innerhalb solcher Mitgliederkreise Dinge auf, die so fern wie mog-
lich von dem sind, was eigentlich gewollt wird. Manchmal treten
heute Dinge auf, die gegenuber dem, was gewollt wird, sich eigent-
lich so verhalten, dafi sie nur durch die absoluteste Verriicktheit mit
dem zusammenzubringen sind, was gewollt wird.
In Kreisen, urn die man sich nicht kiimmern kann, weil wahrhaf-
tig die Interessen grofiere sind, als sich urn die Ambitionen solcher
Kreise zu kiimmern, in solchen Kreisen werden Dinge geredet - und
die Menschen fangen an, solche Dinge zu glauben -, die nun wahr-
haftig mit dem, was gewollt wird, so viel zu tun haben wie ein Mist-
kafer mit einer Pendeluhr. Man kann gar nicht begreifen, wie die
Dinge zusammenkommen. Trotzdem werden sie aus einer wiisten,
aus untergeordneten Instinkten kommenden Phantasie den Leuten
aufgebunden. So ist es, trotzdem diejenigen Menschen, die sie auf-
binden, ganz genau wissen, dafi kein wahres Wort daran ist. Natur-
wissenschaftlich sind solche Dinge schon erklarlich, aber man mufi
auch die richtigen Konsequenzen ziehen. Und die miissen zunachst
darin bestehen, dafi ich mich zwei Mafiregeln fiige. Wenn jemand
die eine Mafiregel erzahlen wird ohne die andere, so wird er etwas
Unwahres sagen. Diese beiden Mafiregeln habe ich iiberall, wo ich in
den letzten Monaten vorgetragen habe, verkiindigt:
Ich werde im allgemeinen alle Privatgesprache, die mit einzelnen
Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft gehalten worden
sind, nicht mehr halten, werde keine Privatgesprache mehr halten,
denn alien solchen Privatgesprachen haben sich die liigenhaftesten
Berichte angekniipft. Da ich Wichtigeres zu tun habe, als im ein-
zelnen derlei Dinge zu widerlegen, die auf einer wusten Phantasie
beruhen, da ich wirklich Wichtigeres zu tun habe, so habe ich kein
anderes Mittel, als alle Privatgesprache einzustellen. Dafur, dafi die
einzelnen, die wirklich esoterischen Eifer haben, vorwartskommen
konnen, werde ich nach einiger Zeit auf andere Weise sorgen. Nie-
mand soil an seiner esoterischen Entwickelung dadurch gehindert
werden. Aber samtliche Privatgesprache miissen im allgemeinen
aufhoren, ausfallen. Das ist die eine Majftregel. Wenden Sie sich nicht
an mich, wie es in einzelnen Zweigen geschehen ist, wo die Leute
sagten, das sei doch eine harte Maftregel. Nein, wenden Sie sich
nicht an mich, wenden Sie sich an diejenigen, welche diese Maftregel
verschuldet haben.
Das zweite ist, daft ich jeden, der jemals ein privates Gesprach mit
mir gehabt hat, soweit er es selber will, von der Verpflichtung ent-
binde, iiber dieses Privatgesprach nicht zu reden. Jeder kann jedes
erzahlen, was er will, was seinen eigenen Interessen gemaft ist, iiber
das, was jemals in solchen Privatgesprachen vorgekommen oder ge-
sagt worden ist, soweit er will, soweit er selber will. Ich hindere
niemanden, daft er alles restlos der Wahrheit gemaft erzahlt, was
jemals mit mir in privaten Gesprachen besprochen worden ist.
Diese zwei Dinge gehoren zusammen. Die eine Maftregel gilt
nicht ohne die andere. Und, wie gesagt, wenn Sie diese Maftregeln
hart finden, dann wenden Sie sich an diejenigen, die sie verschuldet
haben. Ohne daft ich in diesen Dingen von jetzt an weniger nach-
sichtig sein werde, als es bisher gewesen ist, horen die Dinge, um die
es sich handelt, nicht auf. Wie gesagt, ich werde auf andere Weise
dafur sorgen, daft niemand in seiner esoterischen Entwickelung
geschadigt wird. Es werden sich Mittel und Wege dafur finden. Aber
die gegenwartige Menschheit ist nicht dazu angetan, daft eine solche
Wissenschaft sich begriinden kann, ohne daft Auswuchse geschehen
und ohne daft miftverstandliche Auffassungen dieser Auswuchse
immerfort wieder Platz greifen. Daher miissen solche Maftregeln
ergriffen werden.
Wer es ernst und wiirdig mit unserer geisteswissenschaftlichen
Entwickelung meint, der wird dasjenige, was ich jetzt eben gesagt
habe als die beiden Maftregeln, mehr oder weniger sogar selbstver-
standlich finden nach dem, was vorgefallen ist. Er wird vielleicht
nicht verstehen, daft so etwas selbstverstandlich werden konnte,
aber diese beiden Maftregeln wird er heute selbstverstandlich finden.
In der Zukunft wird alles in voller Offentlichkeit vor sich gehen.
Denn nichts hat die Offentlichkeit zu scheuen! Und das ist gerade
das Schmahliche der Sache, daft - wahrend die Wahrheit von alien
restlos erzahlt werden kann, ohne daft der geringste Makel an un-
serer Bewegung sein wiirde -, daft man sich heftet an dasjenige, was
in der Vergangenheit, weil es an friihere Usancen ankniipfte, eben
mitgepflogen worden ist: mit den einzelnen zu sprechen. Hatte das
Sprechen mit den einzelnen nicht zur Luge geftihrt, so waren diese
Mafiregeln nicht notwendig geworden. Aber alles, was jemals mit
irgendeinem Mitglied gesprochen worden ist, darf der Wahrheit
gemafi restlos erzahlt werden. Durch die Wahrheit - erzahlen Sie sie,
so viel Sie wollen -, durch die Wahrheit wird unsere Bewegung nur
gewinnen. Sie kann selbstverstandlich auch nicht in Realitat ver-
lieren durch die Liigen, die liber sie aufgebracht werden; aber auch
dem Scheine nach darf sie nicht einmal verlieren, weil es wichtig fur
die Menschheit ist, dafi in ernster und wiirdiger Art dasjenige ver-
treten wird, was gegenwartig aus den geisteswissenschaftlichen
Untergninden heraus vor die Menschheit gebracht werden soil.
Also ich wiederhole noch einmal: Ohne dafi der ernst esoterisch
Strebende dadurch etwas verlieren soil, werde ich die Privatbespre-
chungen mit den Mitgliedern einstellen im allgemeinen. Dasjenige,
was in privaten Besprechungen war, kann jeder, soweit er selber will,
alles iiberall restlos der Wahrheit gemafi erzahlen. Ich entbinde einen
jeden von irgendeiner wie immer gearteten Schweigepflicht, aber
auch nur, wenn er selber es will, seinetwillen; meinetwillen braucht er
es nicht. Und ich habe nichts dagegen, dafi gerade diese Mafiregeln als
Charakteristikon unserer Bewegung moglichst weithin erzahlt wer-
den, damit die Welt einsehen lernt, wie verrucht diejenigen Dinge
sind, die oftmals gerade unserer Gesellschaft angehangt werden.
Am nachsten Freitag, meine lieben Freunde, werde ich einen Vor-
trag uber Kiinstlerisches halten, in der Art, wie die Vortrage, die ich
im vorigen Jahre gehalten habe. Ich kann heute das Thema noch
nicht angeben. Freitag um 7 Uhr werden wir uns also zu einem
kunstgeschichtlichen Vortrag hier finden; Sonnabend um 7 Uhr
werden wir dann die geisteswissenschaftlichen Betrachtungen fort-
setzen und Sonntag um 4 Uhr wiederum weitermachen. Dem wer-
den naturlich auch die durch die eifrigen Bemuhungen von Fraulein
Waller und anderen Damen ermoglichten kiinstlerischen Dar-
bietungen vorangehen.
VIERTER VORTRAG
Dornach, 6. Oktober 1917
Ich sagte in den vorangegangenen Betrachtungen, dafi es der Mensch-
heit von unserer Zeit an notwendig wird, gewisse Wahrheiten iiber
spirituelle Hintergriinde der auEeren Welt kennenzulernen. Werden
sich die Menschen nicht dazu herbeilassen, diese Wahrheiten, man
mochte sagen gutwillig entgegenzunehmen, so werden sie eben
durch die Gewalt der furchterlichen Ereignisse im Laufe der Zeiten
gezwungen werden, aus diesen Ereignissen selbst zu lernen.
Nun kann die Frage entstehen: Warum wird es denn von der Ge-
genwart ab der Menschheit notwendig, sich mit solchen zum Teil
erschiitternden Wahrheiten bekanntzumachen, da ja diese Wahrhei-
ten selbstverstandlich seit alten Zeiten bestanden haben und die
Menschheit in ihrem weiteren Umkreise davor behutet worden ist,
diese Wahrheiten entgegenzunehmen? In den Mysterien wurden ja
viele solche Wahrheiten in der Ihnen bekannten Art sorgsam behii-
tet, weil die Menschen im weiteren Umkreise nicht dem Erschiit-
ternden dieser Wahrheiten ausgesetzt werden konnten. Nun haben
wir ja oftmals gesagt: Die Furcht vor den grofien Wahrheiten ist es,
die die Menschen heute davon abhalt, sie entgegenzunehmen. - Die-
jenigen, die in der Gegenwart diese Furcht haben - und die sind sehr
zahlreich -, konnten natiirlich sagen: Warum soil denn die Mensch-
heit nicht weiter gewissermafien in einer Art von Schlafzustand
erhalten werden gegeniiber diesen Wahrheiten? Warum soli denn
gerade diese im Lauf der letzten Zeit so nervos gewordene Mensch-
heit den grofien, erschiitternden Wahrheiten ausgesetzt werden?
Wir wollen uns gerade mit dieser Frage ein wenig befassen, wol-
len zunachst einmal das Augenmerk darauf lenken, wie es denn
kommt, dafi von jetzt ab die Menschheit aus der geistigen Welt her-
aus gewissermafien anders behandelt werden mu8 als im bisherigen
Verlauf der nachatlantischen Zeit.
Ich habe in den vorangehenden Betrachtungen schon gesprochen
von dem Grenzgebiet, von derjenigen geistigen Welt namlich, die
unmittelbar angrenzt an unsere physisch-sinnliche Welt. Diese
geistige Welt, die ist es hauptsachlich, von welcher der Menschheit
Kenntnis werden mull in der allernachsten Zeit. Nun, sobald man
die Gebiete einer geistigen Welt betritt, sieht es ja da anders aus als
hier in der physisch-sinnlichen Welt. Man macht Bekanntschaft mit
gewissen Wesenheiten, vor alien Dingen mit Wesenheiten, deren
Anblick der schwachen Menschheit entzogen wird - ich meine jenen
Anblick auch, der in Erkenntnissen, in Begriffen vermittelt wird.
Warum wurde denn der Blick der Menschen in der nachatlantischen
Zeit auch von dieser nachsten Welt bis her abgelenkt?
Das ist aus dem Grunde, weil schon in diesem Grenzlande, jen-
seits dessen dann die andern hoheren geistigen Welten liegen, sich
Wesen finden, welche bisher nur unter gewissen Bedingungen
eigentlich den Menschen bekanntgemacht werden durften - Wesen,
welche eine bestimmte Aufgabe haben im gesamten Weltenall, wel-
che namentlich bei der Entwickelung des Menschen selber eine
Aufgabe haben. Es gibt da die verschiedensten Grenzwesenheiten.
Ich will heute von einer Klasse dieser Wesenheiten zu Ihnen spre-
chen, und zwar von derjenigen Klasse, welche im Weltenzusammen-
hange ihre Aufgabe hat bei der Geburt und bei dem Tode des Men-
schen. Man soil nur ja nicht glauben, daft Geburt und Tod des Men-
schen das sind, als was sie sich der aufieren sinnlichen Beobachtung
darstellen. Wenn der Mensch hereintritt aus der geistigen Welt in
diese physische Welt und wenn er wiederum heraustritt aus dieser
physischen Welt in die geistige Welt, dann wirken bei diesen Vor-
gangen geistige Wesenheiten mit. Nennen wir sie heute, um Namen
zu haben, die Elementargeister der Geburt und des Todes. Es war
wirklich so, dafi diejenigen Personlichkeiten, die bisher in die Myste-
rien eingeweiht waren, es als ihre strengste Aufgabe betrachtet ha-
ben, in weiterem Umkreise den Menschen gerade von diesen Ele-
mentarwesen der Geburt und des Todes nicht zu sprechen. Denn
spricht man von ihnen, von der ganzen Art und Weise, wie diese
Elementargeister der Geburt und des Todes leben, dann spricht man
von einem Gebiete, das dem Menschen, so wie er sich nun einmal
geistig-seelisch entwickelt hat bisher in der nachatlantischen Zeit,
doch vorkommt wie gliihende Kohle. Man konnte auch einen andern
Vergleich wahlen. Lernt der Mensch genauer und mit vollem Be-
wufitsein das Wesen dieser Elementargeister der Geburt und des
Todes kennen, so lernt er eigentlich Krafte kennen in diesen Wesen,
die dem Leben hier auf dem physischen Plan feindlich sind. Schon
das mufi fur eine einigermafien normal empfindende Seele eine er-
schiitternde Wahrheit sein, wenn sie hort, dafi die die Weltengeschik-
ke lenkenden gottlich-geistigen Wesenheiten, um Geburt und Tod
des Menschen in der physischen Welt zustandezubringen, sich
solcher Elementargeister bedienen miissen, die eigentlich feindlich
gesinnt sind allem, was hier auf dem physischen Plan der Mensch als
sein Wohlergehen, als seine Wohlfahrt sucht und begehrt. Wtirde
nur alles das bewirkt werden, was der Mensch gerne mag: dafi es ihm
hier bequem gehe auf dem physischen Plan, da$ er gesund wachen
und schlafen, gesund seine Arbeit verrichten kann, wiirde es nur
Wesen geben, die diesem bequemen Verlauf des Lebens vorstehen,
so wiirden Geburt und Tod nicht zustandekommen konnen. Die
Gotter brauchen schon einmal, um Geburt und Tod zustandezu-
bringen, solche Wesenheiten, die eigentlich in ihrer ganzen Gesin-
nung und ihrer ganzen Weltauffassung einen Drang haben, dasjenige
zu zerstoren, zu verwiisten, was dem Menschen seine Wohlfahrt hier
auf dem physischen Plan bewirkt.
Man mufi sich schon mit der Idee bekanntmachen, dafi die Welt
nicht so eingerichtet ist, wie sie die Menschen gern haben mochten,
sondern dafi es in der Welt das gibt, was in den agyptischen Myste-
rien die eherne Notwendigkeit genannt wurde. Und zu dieser eher-
nen Notwendigkeit gehort es, dafi die Gotter sich solcher, dem phy-
sischen Weltengange feindlicher Wesenheiten bedienen, damit Ge-
burt und Tod des Menschen zustandekommen konnen. Da blicken
wir hin auf eine Welt, die unmittelbar an die unsere angrenzt, die
auch taglich, stiindlich mit der unsrigen zu tun hat, denn auf der Erde
geschehen taglich, stiindlich die Vorgange der Geburt und des
Todes. Und in dem Augenblick, wo der Mensch die Schwelle iiber-
schreitet zu dieser Welt, da kommt er in eine Regsamkeit, in ein Le-
ben von Wesen hinein, die zerstorerisch fur das gewohnliche physi-
sche Leben des Menschen in ihrem ganzen Gebaren, in ihrem Begeh-
ren und in ihrer Weltanschauung sind. Hatte man bisher aufierhalb
der Mysterien die Menschen im weitesten Umfange bekanntgemacht
damit, dafi es solche Wesenheiten gibt, hatte man dem Menschen
Begriffe beigebracht von diesen Wesenheiten, es wiirde ganz gewifi
das folgende geschehen sein. Die Menschen, die durchaus nicht zu-
rechtkommen mit ihren Instinkten und ihren Trieben, mit ihren
Leidenschaften, die wiirden, wenn sie gewufit hatten: fortwahrend
sind um uns zerstorerische Wesenheiten -, die wiirden sich der Kraf-
te dieser zerstorerischen Wesenheiten bedient haben - nun nicht wie
die Gotter sich ihrer bedienen bei Geburt und Tod, sondern inner-
halb des physischen Lebens. Wenn die Menschen Lust gehabt hatten,
auf diesem oder jenem Gebiete zerstorerisch zu wirken, ware ihnen
reichlich Gelegenheit geboten gewesen, diese Wesenheiten zu ihren
Dienern zu nehmen, denn man kann leicht diese Wesenheiten zu
seinen Dienern nehmen. Damit das gewohnliche Leben bewahrt
bleibt vor den zerstorerischen Wesen der Elementargeister der Ge-
burt und des Todes, wurde geschwiegen von dieser Weisheit.
Nun ist die Frage: Soli denn nicht vielleicht auch weiter davon
geschwiegen werden? - Das geht nicht, das geht aus gewissen Griin-
den nicht. Es geht aus einem Grunde nicht, der mit einem grofien,
bedeutsamen Weltengesetz zusammenhangt. Besser als durch eine
allgemeine Formel kann ich Ihnen dieses Weltengesetz durch seine
konkrete Erscheinungsform in unserer Zeit und in der nachsten
Zukunft klarmachen. Sie wissen: Seit gar nicht langer Zeit sind in die
Menschheitsentwickelung immer mehr und mehr Kulturimpulse
hereingezogen, die fruher nicht da waren, die aber gerade fur die
Kultur der Gegenwart charakteristisch sind. Versuchen Sie nur ein-
mal, sich in Gedanken zuriickzuversetzen in Zeiten, die verhaltnis-
mafiig noch gar nicht weit hinter uns liegen. Da werden Sie Zeiten
finden, in denen noch keine Dampflokomotiven gefahren sind,
Zeiten, in denen man noch nicht sich der Elektrizitat bedient hat wie
in unserer Zeit, Zeiten, in denen hochstens Denker wie Leonardo da
Vinci im Gedanken und im Experiment sich Vorstellungen gemacht
haben, wie man durch menschliche Instrumente in die Luft fliegen
kann. Das alles ist in verhaltnismaftig kurzer Zeit realisiert worden.
Bedenken Sie, wieviel heute abhangt von der Verwendung des
Dampfes, von der Verwendung der Elektrizitat, von der Verwen-
dung jener Luftdichtigkeitsverteilung, die zu der Luftschiffahrt ge-
fiihrt hat oder zu jener Statik, die zum Fliegerwesen gefuhrt hat.
Denken wir einmal an all das, was da in der letzten Zeit in die
Menschheitsentwickelung eingezogen ist. Denken Sie an so zersto-
rerische Krafte wie das Dynamit und so weiter, und Sie werden sich
leicht ausmalen konnen, nach der Schnelligkeit, mit der das alles ge-
gangen ist, daft fur die Zukunft noch ganz andere fabelhafte Dinge
nach dieser Richtung von der Menschheit erstrebt werden. Sie wer-
den sich leicht ein Bild davon machen konnen, daft es nicht dem
Ideal der Menschheit fur die nachste Zukunft entspricht, daft die
Goethes immer haufiger werden, dagegen entspricht es dem Ideal,
daft die Edisons immer haufiger werden. Das ist nun schon einmal
das Ideal der gegenwartigen Menschheit.
Nun glaubt ja allerdings der Gegenwartsmensch, daft sich das alles
- Telegraph, Telephon, Dampfkraftverwendung und so weiter -
ohne das Mittun von geistigen Wesenheiten vollzieht. Das ist aber
nicht der Fall. Die Fortentwickelung der Menschheitskultur, auch
wenn der Mensch nichts davon weift, geschieht auch unter dem Mit-
tun von Elementargeistern. Und es ist nicht etwa - wie es sich die
moderne materialistische Menschheit vorstellt - bloft das, was der
Mensch als Gedanke von seinem Gehirn ausgeschwitzt hat, was ihn
dazu gefuhrt hat, Telefon und Telegraf zu konstruieren, Dampfma-
schinen iiber die Erde zu treiben und iiber den Acker, sondern all
das, was der Mensch in dieser Weise tut, steht unter dem Einfluft von
elementargeistigen Wesenheiten. Die wirken und helfen uberall mit.
Auf diesem Gebiete fuhrt der Mensch nicht allein, sondern er wird
gefuhrt. In den Laboratorien, in den Werkstatten, namentlich uberall
da, wo erfinderischer Geist waltet, da sind die Inspiratoren gewisse
elementargeistige Wesenheiten.
Nun sind diejenigen Elementargeister, welche seit dem 18. Jahr-
hundert unserer Kultur die Impulse geben, von derselben Art wie
die, welcher sich die Gotter bedienen, um Geburt und Tod herbei-
zufuhren. Das ist eines der Geheimnisse, mit denen sich der Mensch
in der Gegenwart bekanntmachen mufi. Und das weltgeschichtliche
Gesetz, wie ich es genannt habe, besteht darin, dafi die Entwicke-
lung so vor sich geht, dafi immer auf einem gewissen Gebiete von
elementargeistigen Wesenheiten zuerst die Gotter herrschend sind,
und nachher kommen die Menschen selbst in dieses Gebiet hinein
und bedienen sich dieser elementargeistigen Wesenheiten. Wahrend
also in alteren Zeiten die Elementargeister der Geburt und des
Todes im wesentlichen Diener der gottlich-geistigen Weltenlenker
waren, werden von unserer Zeit an - es ist ja schon einige Zeit her,
dafi das im Gange ist - diese Elementargeister der Geburt und des
Todes die Diener von Technik, Industrie, von kommerziellem Men-
schenwesen. Das ist wichtig, dafi wir diese erschutternde Wahrheit
in aller Starke und Intensitat auf unsere Seele wirken lassen.
Da spielt sich etwas ab, von der Zeit der funften nachatlantischen
Kulturperiode an, in der wir drinnenstehen, was ahnlich ist einer
Sache, auf die ich ofter aufmerksam gemacht habe, die sich wahrend
der atlantischen Zeit abspielte; nur spielte sie sich damals wahrend
der vierten atlantischen Kulturperiode ab. Damals namlich, in der
atlantischen Zeit, bedienten sich die gottlich-geistigen Wesen, wel-
che die Menschheitsentwickelung lenkten, bis zur vierten atlanti-
schen Kulturepoche gewisser Elementarwesen. Dieser Elementar-
wesen mulken sie sich bedienen, weil damals nicht nur so wie jetzt
Geburt und Tod gelenkt werden mulken, sondern weil damals, ich
mochte sagen der Erde naher, etwas anderes noch gelenkt werden
mufite. Erinnern Sie sich an manche Schilderungen, die ich in bezug
auf die atlantische Zeit gegeben habe, wie da der Mensch noch be-
weglich war in seinem ganzen materiellen Wesen, wie er durch die
Seele grofi wachsen konnte und ein Zwerg bleiben konnte, wie sich
das Aufiere richtete nach dem Seelenwesen. Erinnern Sie sich an das
alles. Wahrend heute nach aufien hin der Dienst, den gewisse
Elementarwesen bei Geburt und Tod den gottlich-geistigen Wesen
leisten, deutlich sichtbar ist, war es dazumal so, dafi auch durch das
menschliche Leben hindurch, wenn sich so das Aufiere dem Inneren
konform gestaltete, gewisse Elementarwesenheiten den Gottern
dienten. Als nun die atlantische Zeit in ihre vierte Kulturperiode
getreten war, da wurden gewissermafien die Menschen wieder Herr-
scher iiber diese selben Elementarwesenheiten, welche die Gotter
friiher gebraucht haben zum Wachstum und zur physiognomischen
Ausgestaltung der Menschen im grofien. Die Menschen wurden
Herrscher iiber gewisse Gotterkrafte, und sie bedienten sich dieser
Gotterkrafte. Die Folge davon war, da$ von einem gewissen Zeit-
punkt der atlantischen Zeit ab - so in der Mitte der atlantischen Zeit
etwa - es im Begehren des einzelnen Menschen liegen konnte, seine
Mitmenschen dadurch zu schadigen, da£ er ihnen allerlei anschuf:
dafi er sie wahrend des Wachstums in der Zwerghaftigkeit hielt oder
zu Riesen machte, dafi er den physischen Organismus sich so ent-
wickeln lieft, dafi der Betreffende ein gescheiter Mensch oder ein
Idiot wurde. Das ergab in der Mitte der atlantischen Zeit etwas, was
eine furchtbare Macht in den Handen der Menschen war. Und Sie
wissen, ich habe darauf aufmerksam gemacht, es wurde dieses Ge-
heimnis nicht gehutet. Aber das liegt nicht daran, dafi etwa durch
eine Schlechtigkeit dieses Geheimnis nicht gehutet worden ist, son-
dern es mufke eben nach einem gewissen welthistorischen Gesetz
dasjenige, was vorher blofie Gotterarbeit war, Menschenarbeit wer-
den. Das alles aber hat innerhalb der atlantischen Zeit zu jenem gro-
fien Unfug gefiihrt - zu alien mdglichen Gewalttatigkeiten hat das
gefuhrt; Sie brauchen sich jetzt nur zu erinnern an das, was ja in der
atlantischen Zeit eintrat und was hier 6fter geschildert worden
ist -, zu jenem Unfug, der notwendig machte, die ganze atlantische
Kultur im Verlaufe der letzten vier beziehungsweise drei atlanti-
schen Kulturperioden dem Untergang entgegenzufuhren. Und von
der Atlantis her ist unsere Kultur so gerettet worden, so heriiber-
gebracht worden, wie das ofter dargestellt worden ist.
In einer ahnlichen Weise wird Gotterdienst der Menschheit tiber-
wiesen von unserer funften nachatlantischen Zeit ab fur die drei be-
ziehungsweise zwei letzten Kulturperioden der nachatlantischen
Kultur der funften Erdenentwickelungswelt. Wir stehen erst am
Anfange jener Tatigkeit der Technik, der Industrie, des Kommer-
ziums, in die hinein die Elementargeister der Geburt und des Todes
ihre Wirkung treiben. Das wird immer starker und starker werden,
das wird immer einschneidender sein. Davor kann man die Mensch-
heit nicht behuten, denn die Kultur mufi fortschreiten. Und die
Kultur unseres Zeitalters und der Zukunft mufi eine solche sein, dafi
die Elementargeister der Geburt und des Todes, wahrend sie bis zu
einem gewissen Zeitpunkt, bisher eben nur beim physischen Ent-
stehen und Vergehen des Menschen gewirkt haben unter der Direk-
tion der Gotter, dafi diese Elementargeister mit denselben Kraften,
mit denen sie bei Geburt und Tod wirken, innerhalb von Technik,
Industrie, Kommerzium und so weiter wirken. Damit ist aber etwas
ganz Bestimmtes verkmipft.
Ich habe Ihnen ja geschildert, diese Elementargeister sind solche,
die eigentlich der Wohlfahrt der Menschheit feindlich, zerstorerisch
gesinnt sind. Also fassen wir die Sache nur im richtigen Sinne auf,
geben wir uns, wenn wir sie im richtigen Sinne auffassen, keiner Tau-
schung hin iiber das Bedeutsame, tief Einschneidende, das da eigent-
lich vorliegt. Die Kultur mufi vorwartsschreiten im technischen,
industriellen und kommerziellen Sinne. Aber die Kultur, die auf
diese Weise vorwartsschreitet, kann ihrem Wesen nach nicht zur
Wohlfahrt der Menschen auf dem physischen Plane dienen, sondern
sie kann ihrem Wesen nach nur etwas Zerstorerisches fur diese
Wohlfahrt in sich schliefien.
Solch eine Wahrheit ist unbequem fur diejenigen Menschen, wel-
che nicht mude werden, immer in Deklamationen zu verfallen, wenn
sie iiber die grofien, gewaltigen Fortschritte der Kultur reden, weil
sie Abstraktlinge sind und nichts wissen vom auf- und absteigenden
Gang der Menschheitsentwickelung. Und geradeso wie das, was ich
Ihnen angedeutet habe in bezug auf die atlantische Zeit, zum Unter-
gang der atlantischen Zeit fuhrte, damit eine andere Menschheit
kommen konnte, so enthalt dasjenige, was sich jetzt inauguriert als
kaufmannische, industrielle, technische Kultur, die Elemente, wel-
che zum Untergang der fiinften Erdperiode fiihren. Und nur derje-
nige sieht klar, nur der sieht die Dinge, wie sie sind, der sich gesteht:
Damit beginnen wir an dem zu arbeiten, was die Katastrophe her-
beifuhren mufL
Das ist das Sich-Hineinversetzen in die ehernen Notwendigkei-
ten. Menschliche Bequemlichkeit konnte sagen: Also fahre ich nicht
auf einer elektrischen Bahn -, konnte eventuell noch so weit gehen,
obwohl so weit sich nicht einmal die Mitglieder der Anthroposophi-
schen Gesellschaft versteigen werden, nicht Eisenbahnen zu be-
steigen und so weiter. Aber das alles ware Unsinn, ware richtiger
Unsinn. Denn es handelt sich nicht daram, irgend etwas zu meiden,
sondern sich Klarheit, Einsicht in die ehernen Notwendigkeiten des
Menschheitsganges zu verschaffen. Die Kultur kann nicht in einer
stetig aufsteigenden Linie verlaufen, sondern sie kann nur in immer
wieder auf- und absteigenden Wogen verlaufen.
Aber etwas anderes kann eintreten, etwas, wovon allerdings die
Menschheit der Gegenwart auch noch nicht viel wissen will, aber
worin eben gerade dasjenige besteht, womit sich die Menschheit der
Gegenwart bekanntmachen mufi: Einsicht, klares Hineinschauen in
das, was eben notwendig ist - das ist es, was sich iiber die Menschen-
gemiiter ausbreiten mufi. Dazu wird aber notwendig sein vieles, was
die Gemutsverfassung, die Weltanschauungsverfassung der Seelen
wesentlich andert. Mit inneren Impulsen wird sich die Menschheit
durchdringen miissen, die man heme noch gern abweist, weghaben
will vom behaglichen Leben. Solche Begriffe, solche inneren Im-
pulse, die man gern weghaben will vom behaglichen Leben, konnen
ja viele angefuhrt werden. Lassen Sie mich nur ein Beispiel dafur
anfiihren.
Der Mensch der Gegenwart, gerade wenn er ein recht guter
Mensch sein will, ein Mensch, der nichts fur sich will, sondern im-
mer nur selbstlos fur andere will, der strebt selbstverstandlich nach
gewissen Tugenden. Das sind auch eherne Notwendigkeiten. Nun
wird hier selbstverstandlich nicht etwa gegen das Streben nach der
Tugend gesprochen, aber die Menschen streben eben nicht blofi
nach der Tugend. Nach der Tugend streben ist ja schon ganz gut,
aber die Menschen streben nicht blofi nach der Tugend; und fur die
Gegenwart ist die Sache noch meistens so, dafi das eigentliche Stre-
ben nach der Tugend den Menschen ziemlich einerlei ist, wenn man
auf die tieferen Untergrunde, auf die unterbewufiten Untergriinde
des Gemutes eingeht. Viel wichtiger ist den Menschen das Gefuhl,
tugendhaft zu sein, sich so recht hineinzuleben in die Stimmung: Ich
bin ein selbstloser Mensch, wie tue ich alles nicht um meinetwillen!
Ich bin ein vollkommener Mensch, ein wohlwollender Mensch, ich
bin ein Mensch, der an keine Autoritat glaubt. - Nachher rennt er
allerdings alien moglichen Autoritaten nach. Aber sich gewisser-
mafien so recht wohlig zu ergehen in dem Bewufitsein, man habe
diese oder jene Tugend, das ist fur die Menschen heute unendlich
wichtiger, als die Tugend wirklich eigentlich zu haben. Die Wollust,
sich mit der Tugend ausgestattet zu wissen, das ist es, worauf es den
Menschen viel mehr ankommt, als diese Tugend zu tiben.
Das halt dann die Menschen ab von gewissen Geheimnissen, die
mit den Tugenden zusammenhangen. Von diesen Geheimnissen
wollen die Menschen instinktiv nicht viel wissen, insbesondere dann
nicht, wenn sie so recht aus dieser eben geschilderten Wollust heraus
Idealisten der Gegenwart sind. Alle moglichen Ideale werden ja
heute gesellschaftsmafiig vertreten. Man macht Programme und so
weiter, stellt Gesellschaftsprinzipien auf, dafi man dies oder jenes
erstrebt. Alle diese Dinge, die man da erstrebt, mogen recht schon
sein. Aber mit dem abstrakten Schonfinden ist es nicht getan. Die
Menschen mussen lernen, wirklichkeitsgemafi zu denken. Und da
kann man auch mit Bezug auf die Tugendhaftigkeit einmal auf das
Wirklichkeitsgema£e aufmerksam machen. Vollkommenheit,
Wohlwollen, schone Tugenden, Recht: das alles ist etwas Schones
fur das aufiere menschliche Zusammenleben. Aber wenn jemand
sagt: Wir streben programmafiig diese oder jene Vollkommenheit
an, diese oder jene Richtung des Wohlwollens an, wir versuchen
dieses oder jenes Recht zu realisieren -, so sagt er das in der Regel
mit der Idee, dafi dies etwas Absolutes ist und dafi dies nun als etwas
Absolutes realisiert werden konne. Nun ja, warum sollte das denn
nicht auch schon sein - sagt der Mensch der Gegenwart -, immer
vollkommener und vollkommener zu werden! - Und was konnte es
denn Idealeres geben, als sich zum Programm zu machen, immer
vollkommener und vollkommener zu werden! Aber mit dem Gesetz
der Wirklichkeit stimmt das nicht. Es ist ja richtig und gut, immer
vollkommener zu werden oder wenigstens werden zu wollen, aber
wenn man konkret nach einer bestimmten Richtung der Vollkom-
menheit strebt, so schlagt nach einiger Zeit dieses Vollkommen-
heitsstreben urn und wird zur Unvollkommenheitswirklichkeit. Das
Vollkommenheitsstreben wird nach einiger Zeit durch Umschlag
zur Schwache. Wohlwollen wird nach einiger Zeit zum vorurteils-
vollen Verhalten. Und realisieren Sie, welches Recht Sie wollen, es
kann noch so gut sein: im Laufe der Zeit wird es zum Unrecht. Es
gibt nichts Absolutes auf dieser Welt. Das ist die Realitat. Man
strebe irgendein Gutes an - durch den Gang der Welt wird es ein
Schlechtes. Daher mufi immer neu und neu gestrebt werden, in
immer neuen Gestaltungen gestrebt werden. Das ist es, worauf es
ankommt. In bezug auf solches Streben der Menschen besteht eine
Oszillation, ein Hin- und Herpendeln. Und nichts ist der Mensch-
heit schadlicher als der Glaube an absolute Ideale, weil die dem
realen Gang der Weltenentwickelung widersprechen,
Man gebraucht gerne, wenn man so etwas darlegen will, nicht um
etwas zu beweisen, sondern nur um es zu veranschaulichen, gewisse
Begriffe. In gewisser Beziehung konnen naturwissenschaftliche Be-
griffe symbolisch auch geistige Begriffe veranschaulichen. Denken
Sie sich: Wir haben hier ein Pendel befestigt (es wird gezeichnet).
Nicht wahr, wenn dieses Pendel hier herausgeht, so dafi es hier ist -
nach der einen Seite ausschlagend -, und man lafit es dann herunter-
fallen, so kommt es hier in seine Gleichgewichtslage. Es macht
diesen Weg durch.
\ \
'< \
'>,
'/
'*
i.
Vollkommenheit
■OC i ""'/,/ : Wohlwollen
Warum macht das Pendel diesen Weg durch? Weil die Schwerkraft
auf das Pendel wirkt - so sagt man. Es fallt herunter, aber wenn es da
unten angekommen ist, da bleibt es nicht stehen. Es hat durch das
Herunterfallen ein gewisses Beharrungsvermogen in sich aufgenom-
men, und es schlagt dadurch gerade nach der entgegengesetzten
Richtung aus. Dann fallt es wieder herunter. Das heifit, wahrend das
Pendel diesen Weg durchmacht, nimmt es so viel Kraft auf durch
das Herunterfallen, dafi es durch diese seine eigene Kraft nach der
andern Seite hin ausschlagt, geradeso hoch wie es vorher war. Um
nachtraglich dies oder jenes zu verdeutlichen, braucht man solch
einen Vergleich. Man kann sagen: Irgendeine Tugend - Vollkom-
menheit, Wohlwollen - macht ganz richtig diesen Weg, aber schlagt
dann nach der andern Seite aus. Vollkommenheit wird Schwache,
Wohlwollen wird vorurteilsvolle Afterliebe, Recht wird Unrecht
im Verlaufe der Entwickelung.
Mit solchen Begriffen will sich die Menschheit heute nicht gern
tragen. Denn denken Sie doch nur einmal, wenn man dem biederen
Spiefibiirger der Gegenwart, der seinen Verein griindet auf gewisse
Ideale hin, klarmachen wollte: Mit dem, was du jetzt als Ideal auf-
stellst, wirst du, wenn du es dem Gang der Entwickelung einfiigst,
nach verhaltnismafiig gar nicht so langer Zeit das Gegenteil bewir-
ken -, ja, der wiirde glauben, man ware nicht nur kein Idealist, son-
dern ein richtiger Teufel. Denn wie soil das Streben nach Vollkom-
menheit nicht immer weiter ins Vollkommene hinsteuern und Recht
nicht immer weiter und weiter Recht bleiben! An die Stelle der ein-
seitigen, abstrakten Begriffe die Begriffe der Wirklichkeit zu setzen,
das wird der gegenwartigen Menschheit ganz besonders schwer. Das
mufi aber die gegenwartige Menschheit lernen, sonst wird sie nicht
weiterkommen. Und so mufi sie sich auch damit bekanntmachen,
dafi die Kulturentwickelung selber das Hantieren mit den Elemen-
targeistern der Geburt und des Todes nach und nach notwendig
macht. Und damit mufi die Menschheit die Einfugung eines zersto-
rerischen Elementes in die Menschheitsentwickelung kennenlernen.
An einzelnen Stellen kommen instinktiv auf diese Dinge auch
solche Menschen, die es ablehnen, sich in weiterem Umfang mit der
Geisteswissenschaft bekanntzumachen, die ja das einzige Mittel ist,
zu diesen Dingen die rechte Stellung zu finden. Was bedeutet derm
eigentlich dasjenige, was ich Ihnen jetzt gesagt habe? Es sind natiir-
lich Sendboten des Ahriman, diese Elementargeister der Geburt und
des Todes. Die Gotter miissen sich, aus der ehernen Notwendigkeit
der Weltenentwickelung heraus, der Sendboten des Ahriman bedie-
nen, um Geburt und Tod zu regeln. Sie lassen fur ihre Taten die
Krafte dieser Sendboten nicht herein auf den physischen Plan. Aber
in der absteigenden Kulturentwickelung, von der funften nachatlan-
tischen Periode ab, mufi wiederum, damit die Katastrophe kommen
kann, gerade in die Kulturentwickelung das hereinkommen. Der
Mensch selbst mufi mit diesen Kraften hantieren. Sendboten des
Ahriman also sind notwendig, ehern notwendig, um jene Zersto-
rung hervorzurufen, die der nachste Kulturfortschritt sein wird. Das
ist eine furchtbare Wahrheit, aber es ist so. Und es hilft gegeniiber
dieser Wahrheit nichts anderes, als sich mit ihr bekanntzumachen,
klar in sie hineinzuschauen. Wir werden schon weiter davon spre-
chen. Sie werden schon sehen, was alles die richtige Stellung zu
diesen Wahrheiten erfordert.
Instinktiv, sage ich, kommen manche Menschen darauf, da$ so
etwas notwendig ist. Instinktiv ist zum Beispiel darauf gekommen
eine Personlichkeit, die manches gute Buch in der Gegenwart ge-
schrieben hat - allerdings kein Buch, das irgendwie an Geisteswis-
senschaft ernsthaft anklingt -, ich meine Ricarda Huch. Und ganz
bemerkenswert ist wegen des Instinktes, nicht wegen der Einsicht,
aber wegen des Instinktes, der in diesem Buch waltet, das neueste
Buch iiber «Luthers Glaube». Wenn Sie die ersten Kapitel dieses
Buches lesen, so finden Sie darin einen merkwiirdigen Schrei -
konnte man sagen -, den Schrei danach, daft die Menschheit wieder-
um etwas kennenlernen miifite, was eigentlich seit Luthers Zeiten,
bis zu welchen noch atavistisches Hellsehen auf diesem Gebiete
gereicht hat, der Menschheit verlorengegangen ist. Ricarda Huch
sagt, daft eigentlich das Notwendigste fur die gegenwartige Mensch-
heit sei, den Teufel kennenzulernen. Sie betrachtet es nicht als so
notwendig, sich mit Gott bekanntzumachen; als viel notwendiger
betrachtet sie es fur die gegenwartige Menschheit, sich mit dem
Teufel bekanntzumachen.
Warum das notwendig ist, weifi natiirlich Ricarda Huch nicht.
Aber instinktiv fiih.lt sie, dafi es notwendig ist. Daher dieser eindring-
liche Schrei nach der Erkenntnis des Teufels in den ersten Kapiteln
dieses Buches, der sehr symptomatisch, bedeutsam ist fur die Gegen-
wart. Sie denkt sich: Mit Gott werden die Menschen schon wieder
bekanntwerden, wenn sie nur wissen, dafi der Teufel um sie herum
umgeht. - Natiirlich, solche Menschen, die doch nicht an die Geistes-
wissenschaft heran wollen, die finden dann immer, suchen immer
Entschuldigungsgrunde fur so etwas. Dafi der Teufel als reales Wesen
wiederum von den Menschen erkannt werden soil, das fiihlt Ricarda
Huch; aber sie entschuldigt es gleich damit, dafi das doch selbstver-
standlich nicht so ist, dafi man sich vorstellen soli, daft er mit Schwanz
und Hornern auf der Strafie herumlaufe. - Nun, er lauft schon her-
um! «Den Teufel merkt das Volkchen nie, und wenn er es auch schon
am Kragen hatte.» Der Abstraktling der Gegenwart braucht eben
gleich eine Entschuldigung, wenn er auch instinktiv das, was drin-
gend notwendig ist, einsieht. Aber ein guter, ein richtiger Instinkt fur
die Gegenwart liegt diesem Schrei nach dem Teufel zugrunde. Die
Menschen sollen nicht einfach blind, schlafend hineinwachsen in das-
jenige, was eine eherne Notwendigkeit fur die nachste Zeit von ihnen
verlangt: sich im Laboratorium, in der Werkstatte, in der Bank, uber-
all mit den Sendlingen des Teufels zu tun zu machen. Das miissen die
Menschen zum Kulturfortschritt tun; aber kennen miissen sie den
Teufel, wissen miissen sie, dafi in dem Augenblicke, wo sie, sagen wir,
die Stahlkammern aufschliefien, in der Kraft des Schliissels die Kraft
des Teufels steckt. Das ahnt instinktiv Ricarda Huch. Das miissen die
Menschen wissen, denn allein das Wissen fiihrt in der richtigen Weise
in die Zukunft hinein. Und schon das ist von ungeheuer grower Be-
deutung, dafi sich Menschen finden, die instinktiv die Notwendigkeit
betonen, dafi die Menschen nicht schlafend an dem immer machtiger
werdenden Teufel vorbeigehen.
Vielleicht ist auch das charakteristisch - das sage ich nur in Par-
enthese: Im Paradiese war es ja auch eine Frau, welche die Funktio-
nen des Teufels instinktiv hereingefiihrt hat in dieses Paradies. Es ist,
wie ich glaube, in der aufieren Kultur ja kein besonderes Renommee
fur die Manner, dafi sie diesen Aberglauben noch weit abweisen und
es vorlaufig wiederum der Frau iiberlassen haben; es ist vielleicht
charakteristisch, dafi Ricarda Huch als Frau nach dem Teufel ruft,
wie einstmals die Eva im Paradies den Teufel hereingelassen hat.
Doch das sage ich nur in Parenthese.
Aber dieser Teufel ist schon dasjenige Wesen, das der Trager der
Kultur der Zukunft sein wird und sein mufi. Es ist eine herbe, aber
eine wichtige Wahrheit. Diese Wahrheit hangt innig zusammen
damit, dafi sich in diesen Kulturgang in die Zukunft hinein zerstore-
rische Krafte mischen mussen. Insbesondere - und davon werde ich
morgen reden - mussen sich zerstorerische Krafte, wenn die Sache
nicht in weiser Art geleitet wird, in alles Erziehungswesen, nament-
lich in die Kindererziehung mischen. Aber auch in das ganze soziale
Zusammenleben der Menschen werden sich immer mehr und mehr
wegen der allgemeinen Kultur, wegen der Usancen, wegen der Emo-
tionen der Menschen zerstorende Krafte mischen, Krafte, welche
vor alien Dingen die Verhaltnisse unter den Menschen selber immer
mehr zerstoren werden.
Streben soli der Mensch danach, das Wort Christi zu realisieren:
«Wo zwei in meinem Namen vereint sind, bin ich mitten unter ih-
nen.» Aber die technische, die kommerzielle Kultur macht nicht
dieses zur Wahrheit, sondern das andere: Wo zwei oder mehrere in
meinem Namen sich zanken und streiten und bekampfen wollen, da
bin ich mitten unter ihnen. - Und das wird immer mehr in das
soziale Menschenleben hineinkommen. Das fiihrt aber dazu, dafi
iiberhaupt die Schwierigkeit besteht, heute in die Menschheit
verbindende Wahrheiten hineinzufuhren.
Und machen wir uns jetzt zum Schlusse wenigstens vorlaufig
klar - wir werden morgen und iibermorgen iiber die Dinge weiter
reden -, wie die Gemiitsverfassung der Menschen in bezug auf das
Entgegennehmen von Wahrheiten iiberhaupt ist. Der Mensch
nimmt heute nicht gern Wahrheiten entgegen, weil er gar nicht
glaubt, dafi Wahrheiten etwas sein konnten, was unmittelbar aus der
geistigen Welt hereintritt und an die Menschen herankommt. Der
Mensch der Gegenwart glaubt, Wahrheit kann nur etwas sein, was
absolut auf seinem Grund und Boden wachst. Wenn man heute so in
den Zwanzigerjahren ist, dann hat man seinen Standpunkt, dann
braucht man nicht erst von der Wahrheit iiberzeugt zu werden, dann
braucht einem die Wahrheit nicht erst geoffenbart zu werden, dann
hat man seinen Standpunkt. Und es kann jemand kommen, der mit
all seinem Eifer urn die Wahrheit gerungen hat - der vierundzwan-
zigjahrige Dachs, der eben die Universitat absolviert und vielleicht
noch Vorlesungen gehort hat iiber die Philosophic, der hat seinen
Standpunkt, iiber den er dann diskutiert mit dem andern, der mit
allem Eifer um die Wahrheit gerungen hat. Heute hat jeder seinen
Standpunkt, und jeder glaubt, dafi auch auf dem unvorbereiteten
Boden die absolute, allein sichere Wahrheit wachst. Die Menschen
sind nicht geneigt, Wahrheiten entgegenzunehmen, sondern sie
ernennen sich zum Besitzer der Wahrheit. Das ist ja das Charakteri-
stikon der Gegenwart.
Auch dariiber hat Ricarda Huch ein sehr schones Wort gespro-
chen. Sie hat darauf aufmerksam gemacht, wie unserer jetzigen
Weltauffassung - oder wie man es nennen will -, die tiberall im
Chauvinismus schwimmt, vorangegangen ist bei den aufgeklarten
Europaern der Nietzscheanismus, der iiber alle Vaterlander und
iiber alien Chauvinismus weit erhaben war. Die Menschen sind
Anhanger Nietzsches geworden. Wie viele sind Anhanger Nietz-
sches geworden! Nietzsche hat das Ideal der «blonden Bestie» auf-
gestellt. Verstanden haben die Menschen wenig davon. Aber Ricar-
da Huch sagt: Ein jeder, der nicht einmal die Anlage hat, ein respek-
tables Meerschweinchen zu werden, hat sich eingebildet, selber nun
die «blonde Bestie» zu sein im Sinne Nietzsches. - Ja, das ist namlich
heute der Standpunkt des Spiefibiirgertums. Man hat wirklich nicht
die Anlage, ein respektables Meerschweinchen zu sein, aber wenn
irgendwo ein noch so hohes Ideal aufgestellt wird, da ist man es!
Man ist es einfach, weil man findet, man ist es, ohne dafi man irgend
etwas dazu tut, weil man ja nicht anstrebt, sich zu entwickeln, weil
man es nicht ertragt, erst etwas zu werden^ weil man nur etwas sein
will. Das aber zerspaltet die Menschen in Menschheitsatome. Ein
jeder hat seinen Standpunkt. Keiner kann mehr den andern ver-
stehen.
Da sehen Sie - gerade in dieser Stimmung, dafi keiner mehr den
andern verstehen kann - das Walten der zerstorerischen Krafte in
der menschlichen Gesellschaftsordnung selber. Das treibt die Men-
schen auseinander. Es war schon der Teufel, der den Menschen die
Versuchung eingegeben hat, als Nietzsche- Anhanger selber «blonde
Bestien» zu sein. Sie sind es nicht geworden. Aber wenn die Men-
schen auch keine «blonden Bestien» im Sinne Nietzsches geworden
sind - es ist doch schon etwas geworden aus diesen die Sozialitat
zerstorenden Impulsen des 19. Jahrhunderts in diesem 20. Jahr-
hundert. Das wollen wir dann morgen weiter besprechen.
FUNFTER VORTRAG
Dornach, 7. Oktober 1917
Vor dem Vortrag spracb Rudolf Steiner einleitend Gedenkworte fiir die verstor-
benen Mitglieder Heinrich Mitscher und Olga von Sivers. Diese Gedenkworte
sind abgedruckt in «Unsere Toten», GA 261.
Es ist bedingt durch die geistige Konstitution der Gegenwart, daE wir
uns bekanntmachen mit, wie Sie ja schon gesehen haben, schwer-
wiegenden Einsichten und mit schwerwiegenden Wahrheiten der
geistigen Welt. Denn ich mufite ja betonen: Mit solchen Einsichten,
wie sie die Menschheit nach den Gegenwartsgewohnheiten bequem
findet, reicht man fiir die Zukunft nicht aus. Aber man raufi die Griin-
de kennen, warum man nicht ausreicht. Nur dann kann man in vol-
lem Ernst und in voller Wiirde sich verbinden mit diesen Impulsen,
die fiir die Entwickelung der Menschheit nun einmal in der Gegen-
wart gegeben werden miissen. Das, was ich heute sagen will, wird
vielleicht am besten verstandlich sein, wenn ich den Ausgangspunkt
nehme von der Tatsache, dafi innerhalb der vierten nachatlantischen
Kulturperiode, die, wie Sie wissen, im 8. Jahrhundert vor dem Myste-
rium von Golgatha begonnen hat und im 15. Jahrhundert nach dem
Mysterium von Golgatha zu Ende gegangen ist, im wesentlichen der
Mensch zu der Umwelt, zu der Aufienwelt in ganz anderem Verhalt-
nis stand, als er jetzt in der ftinften nachatlantischen Kulturperiode
stehen mufi. Ich habe ja oftmals betont: Man mufi die Entwickelung
der Menschheit ernstnehmen. Die Seelen andern sich viel mehr, als
man glaubt, und es ist nur eine bequeme Gegenwartsvorstellung,
wenn man der Meinung ist: In den Seelen der Menschen war alles
so beschaffen - meinetwillen zur Griechenzeit - wie heute. Aber ich
will von dieser Seelenbeschaffenheit heute nur ins Auge fassen das
Verhaltnis der Seelen zur umliegenden Welt.
Da wird der Bequemling sagen: Die Griechen, die Romer haben
die Sinnenwelt urn sich herum wahrgenommen, wir nehmen auch
die Sinnenwelt um uns herum wahr; also ist kein so betrachtlicher
Unterschied vorhanden. - Aber ein solcher betrachtlicher Unter-
schied ist da. Man kann geradezu sagen: Der heutige Mensch, der
erst im Anfang der fiinften nachatlantischen Kulturperiode steht,
nimmt diese Umwelt, auch die sinnliche Umwelt, ganz anders wahr
als zum Beispiel der Grieche. Farben sah der Grieche auch, Tone
horte der Grieche auch, aber er sah durch die Farben noch geistige
Wesenheken. Er dachte nicht blofi geistige Wesenheiten, es kiin-
deten sich ihm durch das, was die Farbe war, noch geistige Wesen-
heiten an.
Ich habe versucht, gerade diese Eigentumlichkeit der griechi-
schen Anschauung wie einen roten Faden durchzuspinnen durch
meine Darstellungen in «Die Ratsel der Philosophies Der neuzeit-
liche Mensch denkt Gedanken. Der Grieche dachte nicht in dem
Mafie wie der neuzeitliche Mensch Gedanken, denn er sah Gedan-
ken. Sie kamen ihm entgegen aus dem, was er in der Umwelt wahr-
nahm. Die Umwelt selber war nicht blofi blau und rot, sondern das
Blaue und das Rote sagten ihm die Gedanken, die er dann dachte.
Das gibt ein intimes Verhaltnis zur Umwelt. Das gibt auch noch ein
Gefiihl, ein intensives Gefuhl davon, dafi man mit der Umwelt als
mit etwas Geistigem in Zusammenhang steht. Und das hangt wie-
derum zusammen mit der ganzen Art und Weise, wie die mensch-
liche Konstitution im allgemeinen in diesem vierten nachatlanti-
schen Zeitraum war.
Wir miissen ja unterscheiden in unserer Erdenentwickelung - Sie
wissen das aus der allgemeinen Darstellung der «Geheimwissen-
schaft im Umri$» - grofie Perioden: erste, zweite Zeit, lemurische
Zeit, atlantische Zeit, unsere Zeit, die nachatlantische, und zwei dar-
auf folgende. Man kann sagen, wahrend der atlantischen Zeit ist
sowohl die Erde wie auch der Mensch innerhalb der Erdenentwik-
kelung in der Mitte angelangt gewesen. Bis dahin war alles, man
mochte sagen, Wachstumsentwickelung. In einer gewissen Bezie-
hung ist das seit der atlantischen Zeit nicht mehr der Fall. Es ist
schon bei der Erde nicht mehr der Fall. Wenn wir heute iiber die
Erdschollen gehen - ich habe das ofter schon angedeutet -, dann
gehen wir iiber etwas Sich-Zerbrockelndes, iiber etwas, was sich
gegenuber dem Wachstumsverhaltnis der Vorzeit nicht wie ein
Fortwachsendes verhalt, sondern wie ein Abbrockelndes. Die Erde
war viel mehr ein wachsender, sprossender Organismus vor der at-
lantischen Zeit, bis zur Mitte der atlantischen Zeit. Dann fing sie an,
ich mochte sagen, Risse und Spriinge zu bekommen, und dann erst
entstanden diese mit Rissen und Spriingen versehenen Gesteinsarten
der Gegenwart. Das weifi heute nicht nur die Geisteswissenschaft.
Daft unsere Gegenwartserde eine reifiende, zerspringende ist, eine
solche, die ihrer Auflosung entgegengeht, das finden Sie von der
aufieren Wissenschaft schon dargestellt in dem grofien, bedeutungs-
vollen Werk von Suefi, «Das Antlitz der Erde.» Diese einschneiden-
de Schrift von Suefi fafit in grofien Linien zusammen, was aus der
gegenwartigen Beschaffenheit der Gesteine, der Felsarten, der ver-
schiedenen Formationen auf und in der Erde, der organischen
Wesen innerhalb des Erdenseins, iiber den Bau der Erde nach aufien
hin, also gewissermafien iiber das Antlitz der Erde, zu sagen ist. Und
wie gesagt, ganz nur von den Tatsachen der aufieren Wissenschaft
ausgehend, kommt Suefi zu der Erkenntnis, daft wir es jetzt mit
einer verendenden, mit einer zerbrockelnden Welt zu tun haben.
So ist es aber auch mit alien Geschopfen, insofern sie als physi-
sche Geschopfe diese Erde bewohnen. Sie sind in absteigender Ent-
wickehmg, und sie sind es im Grunde genommen seit der Mitte der
atlantischen Zeit. Nur geht alles in einer gewissen Wellenbewegung
innerhalb der Entwickelung vor sich. Man kann sagen: In der vierten
nachatlantischen Periode, in der griechisch-lateinischen Zeit, war
gewissermafien eine Art Wiederholung desjenigen da, was in der
atlantischen Zeit war, so dafi man bis zum Griechentum hin noch
nicht am Menschen in so entschiedener Weise bemerken konnte,
dafi er in absteigender Entwickelung ist. Das Griechentum - das
habe ich ofter betont - hat noch die Eigentiimlichkeit, dafi das See-
lische in einer volligen Harmonie mit dem Leiblichen steht. Die
Harmonie war naturlich am grofiten in der Mitte der atlantischen
Zeit. Aber im Griechentum wiederholt sich diese Harmonie. Von
der gesamtmenschlichen Konstitution, die der Grieche hatte, haben
wir ja bei verschiedenen Gelegenheiten, namentlich bei der Charak-
terisierung der griechischen Kunst, gesprochen, von der wir wissen,
dafi sie aus ganz andern Impulsen hervorgegangen ist als die Kunst
spaterer Volker. Der Grieche fuhlte zum Beispiel in sich noch das
Atherisch-Formhafte, Gestalthafte des Menschen, brauchte nicht
wie der heutige Mensch Modelle, weil er in sich die Form fiihlte. So
dafi man sagen kann: Bis in die Griechenzeit hinein war in gewisser
Beziehung das MenschKch-Leibliche durch die unmittelbar raum-
liche AufSenwelt bedingt und gehalten. Es war ein intimes Verhaltnis
zwischen dem Menschen und seiner raumlichen Umgebung. Das ist
mit dem Beginn der funften nachatlantischen Zeit anders. So son-
derbar es Ihnen klingen wird, es ist doch wahr: Wir sind eigentlich
heute gar nicht mehr auf der Welt, um fur unsere eigene Organi-
sation zu sorgen. Wir verkorpern uns zwar noch, aber das hat nicht
mehr den Sinn, fur die eigene Organisation zu sorgen, denn diese
eigene Organisation war in einer aufsteigenden Entwickelung bis in
die Mitte der atlantischen Zeit oder bis zum Griechentum. Da waren
die Korper der Menschen so vollkommen, wie sie wahrend der Er-
denzeit sein konnen. Eine hohere Vollkommenheitsstufe als Kor-
perlichkeit wird die Menschheit erst wiederum wahrend der Jupiter-
epoche erfahren. Wir sind eigentlich dazu da, um einer abklingenden
Entwickelung nunmehr anzugehoren, um uns so zu verkorpern, dafi
wir allerlei erleben, erfahren dadurch, dafi wir in absterbenden, in
immer mehr und mehr abbrockelnden, verdorrenden Leibern sind.
Die Ausdriicke sind naturlich sehr radikal. Aber das, was wir seelen-
haft entwickeln, was wir innerlich sind, das geht nicht mehr in dem-
selben Mafie wie fruher in die aufiere Leiblichkeit iiber. Das aber
wird mancherlei Veranderungen bedingen in der Entwickelung.
Im Marz dieses Jahres ist in Zurich ein sehr bedeutender Mensch
gestorben: Franz Brentano. Sie werden einen Nachruf fur Franz
Brentano in meinem demnachst erscheinenden Buche «Von Seelen-
ratseln» finden. Das Buch wird in drei Teile und einen Anhang zer-
fallen: in dem ersten werde ich die Beziehung erortern zwischen
Anthropologic und Anthroposophie; im zweiten Teil werde ich an
einem Beispiel zeigen, wie die gegenwartige sogenannte Gelehrsam-
keit der Anthroposophie entgegenkommt, an dem Beispiel des Indi-
viduums Dessoir; unci im dritten werde ich zeigen, wie ein feiner
Geist wie Franz Brentano zwar in den Fesseln der gegenwartigen
Wissenschaft gehalten worden ist, aber so nahe wie moglich an An-
throposophie mit seiner Psychologie herankommt. Dazu werde ich
dann einen Anhang geben, der manches von dem kurz bringt, was
jetzt unter den gegenwartigen Verhaltnissen eigentlich nur kurz ge-
bracht werden kann, was aber vielleicht sogar Gegenstand mehrerer
Bucher sein konnte. Ich habe es in einzelnen, kurzen Kapiteln in die-
ser neueren Schrift zusammengefafit, weil eben die Verhaltnisse in
unserer immer schwerer und schwerer werdenden Zeit einem nicht
gestatten, dafi es in langerer Weise ausgefuhrt wird. Man hat schon
bei manchem, was in dieser Art fur die Gegenwart geschrieben wird,
das Gefiihl, man schreibe in gewisser Beziehung etwas Testamenta-
risches. Wer das ganze Gewicht der gegenwartigen Ereignisse in sich
verspiirt, der wird solches schon nachfuhlen konnen.
Franz Brentano hat unter dem vielen, das er aus feinsinnigem
Geiste heraus gesprochen hat, auch eine Abhandlung geschrieben
iiber das Genie. Das Eigentiimliche dieser Abhandlung liegt darin,
dafi Brentano eigentlich den Begriff des Genies hinwegdiskutiert,
dafi er iiberall zeigt, wie das Genie nicht andere Seelenqualitaten und
Seelenimpulse hat als andere Menschen auch, wie das Gedachtnis
beim Genie, die Kombinationsfahigkeit nur beweglicher, umfassen-
der ist und so weiter. Franz Brentano zeichnet einen Begriff des
Genies, der sich sehr unterscheidet von dem Begriff, den man sehr
haufig hat. Aber dieser Begriff vom Genie, den man gewohnlich hat,
der enthalt ja, wie die begriffsbequemen Schablonen der Gegenwart
uberhaupt, ohnedies viel Nebuloses. Man kann im allgemeinen
sagen: Wie Brentano das Genie charakterisiert, so stimmt das nicht
mit dem, was das Genie bisher war, aber es stimmt mit dem, was das
Genie werden wird! In dem Sinne, wie das Genie bisher bestanden
hat, wird es nicht in die Zukunft hinein sich fortpflanzen. Denn
worauf beruhten die Genies der Vergangenheit? Sie beruhten darauf,
daft eben die Seelen noch die Gewalt hatten, aus der Vererbung her-
aus oder durch die Erziehungskrafte Impulse in die Korperlichkeit
hineinzusenden, so dafi aus dem Korperlichen heraus die Intuitio-
nen, die Inspirationen, die Imaginationen des Genies in unbewuftter
Art kamen. Mit der aufsteigenden Korperlichkeit war geniale Kraft
vorhanden. Mit der abbrockelnden Korperlichkeit der Zukunf t wird
das nicht der Fall sein. Wo etwas dem Genie Ahnliches in der Zu-
kunft auftreten wird, wird es darauf beruhen, daft die betreffenden
Seelen, die man ja auch dann genial nennen mag, eben tiefer hinein-
sehen in das Leben der geistigen Umgebung, daft also nicht aus dem
unbewuftten Korperlichen die Impulse heraufsteigen, sondern daft
die Betreffenden tiefer hineinsehen in die geistige Welt. Gerade an so
etwas wie der Umwandelung des Genies sehen wir den tiefen Ein-
schnitt, der da ist zwischen dem, was Entwickelung in der Vorzeit
war und was Entwickelung in der Zukunft sein wird. Man mochte
sagen: Aus der Korperlichkeit kam das Genie der Vorzeit, aus dem
Hineinschauen der Seele in die Geistigkeit wird das kommen, was an
die Stelle des Genies in der Zukunft treten wird. Das fiihlt nun solch
ein Geist, der mit der Entwickelung der Gegenwart empfindet, wie
Brentano, geradeso wie Sueft der Erde es abgesehen hat, daft sie in
einer Art Ersterben ist.
Aber worauf beruht denn das Ganze? Es beruht darauf, daft eben
das Verhaltnis des Menschen zu seiner Umwelt gegeniiber friiher ein
anderes geworden ist. Die raumliche Umwelt spricht heute nicht
mehr zum Menschen, so wie sie gesprochen hat, als sein Korper,
sagen wir, frisch war. Sie gibt nicht mehr mit ihrem Raumlichen
auch das Geistige her. Farben sprechen nicht mehr als geisterfullte
Elemente, Tone tonen nicht mehr als geisterfullte Elemente; sie
tonen als Materialien. Dasjenige, was im Menschen ist, ist innerli-
cher geworden. Das ist ein merkwurdiger Satz, nicht wahr, daft man
sagen muft: Der oberflachliche Mensch der Gegenwart ist eigentlich
innerlicher geworden. Aber er ist innerlicher geworden. Es ist das
schon das Eigentiimliche, daft man dem Oberflachling der Gegen-
wart gegeniiber sagen kann: Er ist deshalb so oberflachlich, weil er,
so wie er in der Verkorperung da ist, gar nicht vordringen kann zu
seinem eigentlichen Innenwesen. Er wird gar nicht aufmerksam auf
sein eigentliches Innenwesen, er entwickelt nicht die Kraft, sich
selbst zu kennen, er kommt nicht darauf, was er eigentlich ist.
So sieht derjenige, der geistig die Welt anschaut, gar manche
Menschen herumgehen, die eigentlich gar nicht sie selbst sind. Das
ist wieder radikal gesprochen. Es sind wandelnde Leiber, und die
Seele ist nicht ganz darinnen. Warum? Ja, weil diese Seele eben nicht
mehr die Aufgabe hat, ganz den Korper zu durchdringen, der schon
abbrockelt, sondern weil sie die Aufgabe hat, sich vorzubereiten fur
das, was auf dem Jupiter vorgehen wird. Unsere Seele ist schon eine
fur die Zukunft Vorbereitungen treffende.
Und in diese Situation mufi man sich nur hinein-erkennen und
hinein-wissen. Wir sind ganz dazu veranlagt, dafi ein umfassendes
Wesen zu uns spricht: «Mein Reich ist nicht von dieser Welt.» Nur
werden sich die Menschen zum Verstandnis dieser Wahrheit nur
langsam und allmahlich entschliefien. Wir sind wirklich, trotz der
aufieren Oberflachlichkeit, immer weniger und weniger von dieser
Welt, was man aber nicht verwechseln darf mit etwas anderem.
Wenn man jetzt glauben wiirde, man kann nun herumgehen, wie die
Anhanger Nietzsches, die sich «blonde Bestien» genannt haben, und
kann sagen: Wir sind eben in der geistigen Welt, wir gehoren nicht
der physischen Welt an -, so mixfite erwidert werden: Ja, dasjenige,
wovon du selber weifit von dir, das gehort schon der physischen
Welt an; das andere ist ein Okkultes, ein Verborgenes. - Aber wir
haben doch die Aufgabe, mit aller Einsicht, mit aller innerlichen
Starke dieses in uns befindliche Wesenhafte gewahr zu werden, das
nicht mehr ganz in dem Korper aufgehen kann, das nicht mehr ganz
den Korper durchdringen kann. Wir haben uns zu fiihlen als die
Kandidaten der Jupiterzeit. Aber das geschieht langsam und allmah-
lich. Die Menschen verbleiben vorderhand noch in dem, was ihnen
die Umwelt gibt, das heifit, sie verbleiben in dem, was unter ihnen
ist. Aber mit jeder Inkarnation Ziehen wir uns eigentlich mehr aus
der Korperlichkeit heraus und schweben mehr iiber der Kdrperlich-
keit driiber.
Wenn das nicht so ware, so wiirde es ohnedies um die Fortent-
wickelung der Menschheit schlimm stehen. Wenn der Mensch ganz
darauf angewiesen bliebe, das nur zu sein, was die Griechen waren,
dann wiirde es schlecht stehen um die Menschheitsentwickelung.
Derm, so sonderbar das heute klingt, eine gewissenhafte okkulte
Forschung, die versucht, die Entwickelungsgesetze des Menschen-
geschlechts zu durchdringen, die zeigt uns eine vielleicht zunachst
bestiirzend wirkende Wahrheit, zeigt uns, dafi in gar nicht so ferner
Zeit, vielleicht schon im 7. Jahrtausend, samtliche Erdenfrauen
unfruchtbar werden. So weit geht es mit der Vertrocknung, mit der
Zerbrockelung der Leiber: Im 7. Jahrtausend werden die Erdenfrau-
en unfruchtbar! Denken Sie sich, wenn nun die Beziehungen bleiben
sollten, die sich nur zwischen dem Menschlich-Seelischen und den
menschlichen physischen Leibern ausleben konnen, dann konnten
ja nachher die Menschen uberhaupt sich nichts mehr zu tun machen
auf der Erde. Es werden noch nicht alle Erdenperioden abgelaufen
sein, wenn die Menschenfrauen keine Kinder mehr bekommen kon-
nen. Da mufi denn der Mensch ein anderes Verhaltnis finden zu dem
Erdendasein. Die letzten Epochen der Erdenentwickelung werden
den Menschen in die Notwendigkeit versetzen, uberhaupt auf eine
physische Leiblichkeit zu verzichten und dennoch auf der Erde
anwesend zu sein. Das Dasein ist eben doch geheimnisvoller, als
man nach den plumpen naturwissenschaftlichen Begriffen der Ge-
genwart gern annehmen mochte.
Auch diese Sache ist instinktiv gefiihlt, empfunden worden in der
Abend- und in der Morgendammerung des vierten beziehungsweise
fiinften nachatlantischen Zeitalters. Manche Leute haben da Dinge
gesagt, die schon zusammenhangen mit der Entwickelung dieses
unseres Zeitalters. Aber sie konnten nicht richtig verstanden wer-
den; sie haben sich oftmals selbst nicht richtig verstanden. Denken
Sie doch einmal an solche grausam erscheinende Lehren wie die des
Augustinus, sogar die des Calvin: dafi von vornherein der eine Teil
der Menschen bestimmt ware zum Seligwerden, die andern zum
Verdammtwerden, die einen zum Guten, die andern zum Bosen.
Solche Lehren hat es gegeben. Sie erscheinen grausam. Und den-
noch: fur eine richtige Einsicht erscheinen diese Lehren nicht ganz
unrichtig, wie uberhaupt manches, was unrichtig erscheint, eine ge-
wisse relative Richtigkeit hat. Was im Zeitalter des Augustinus und
den nachfolgenden Jahrhunderten iiber den Menschen gewufit
werden konnte, bezieht sich eigentlich gar nicht richtig auf die
Menschenseelen und auf den Menschengeist - Sie wissen ja, der
Menschengeist wurde sogar auf dem Konzil in Konstantinopel
abgeschafft -, sondern es bezieht sich auf den auf der Erde herum-
wandelnden Menschen. Ich will versuchen, moglichst deutlich zu
sprechen iiber das, worauf es ankommt.
Es kann Ihnen ein Mensch begegnen und ein anderer, und im
Sinne der Augustinischen Lehre konnte man sagen: Der ist zum
Guten, der ist zum Bosen bestimmt, aber nur seine aufiere Korper-
lichkeit, nicht die Individualitat! - Uber die wirkliche Individualitat
hat das Augustinische Zeitalter uberhaupt nicht gesprochen. Wenn
man nun eine Anzahl von Menschen vor sich hat, so kann man sagen
— aber das hat erst einen Sinn von der neueren Zeit an, bei den Grie-
chen hatte es keinen Sinn gehabt -: Da sind die Menschenseelen; die
sind naturlich die Schmiede ihres eigenen Schicksals. Da gibt es kei-
ne Pradestinationsimpulse. Aber die wohnen in Leibern, die zum
Guten oder zum Bosen bestimmt sind. - Und immer weniger wer-
den in der Erdenentwickelung die Menschen in der Lage sein, ihre
Seelenentwickelung ganz parallel der Leibesentwickelung zu neh-
men. Warum sollte es nicht sein konnen, dafi eine Individualitat sich
verleiblicht in einem Korper, der nach seiner ganzen Konstitution
zum Bosen bestimmt ist? Der Mensch kann ja trotzdem drinnen
gut sein, weil die Individualitat nicht mehr in einem intimen
Zusammenhang mit der Korperlichkeit ist. Das ist wieder keine
bequeme Wahrheit, aber eine Wahrheit, mit der man sich bekannt-
machen mu£.
Kurz, die Verinnerlichung des Menschen nimmt immer mehr und
mehr zu. Immer mehr mussen wir Riicksicht nehmen bei dem, was
fur den Menschen in Betracht kommt, dafi sich der Mensch zuriick-
zieht von der aufieren Leiblichkeit in den letzten Epochen der Er-
denentwickelung. Die Menschen konnen sich aber nur langsam und
allmahlich - wie ich schon ofter betonte - durch die Gewalt der Tat-
sachen an diese Dinge gewohnen. Aber die Tatsachen werden die
Erkenntnis dieser Dinge aufdrangen. Wenn man heute die Menschen
betrachtet nach dem, wie sie au&erlich sind, hat man ein Bild. Wenn
man die Menschen nach dem betrachtet, was sie nicht unmittelbar
aufierlich sind, hat man das andere Bild. Diese Bilder stimmen heute
schon nicht miteinander tiberein und werden immer weniger mitein-
ander iibereinstimmen. Dem Menschen von heute ist es daher schon
durchaus notwendig, sich nicht blofi auf das zu verlassen, was die
aufiere Welt hergibt, wenn er sich Begriffe bilden will, sondern sich
Begriffe zu bilden nach Mafigabe desjenigen, was nur aus dem Geiste
auf den Menschen wirken kann.
Insbesondere werden solche Begriffe fur die Zukunft in all dem
notwendig sein, was Politik und Sozialistik ist und so weiter, und
namentlich auch im Erziehungswesen. Die Begriffe, die die Umge-
bung hergibt, die nicht aus dem Spirituellen kommen, reichen nicht
mehr aus fur das, was der Mensch braucht. Daher die ungenugenden
politischen und sozialistischen Theorien der Gegenwart. Die Men-
schen wollen da nur nach dem urteilen, was in der Umgebung ist,
wollen sich nicht inspirieren lassen von etwas Geistigem. Daher sind
diese Theorien und auch die politischen Programme so ungenugend.
Wir leben nicht mehr in der Zeit, wo man solche Programme
machen kann, wie Woodrow Wilson sie jetzt macht, sondern unsere
Zeit erfordert, dafi aus andern Tiefen heraus Weltenprogramme
gemacht werden. Der Geist mufi schon Beistand leisten, wenn
heute Weltenprogramme gemacht werden.
Aber die Menschen sind noch nicht dazu gelangt, die innere
Wahrheit all dessen, was ich Ihnen jetzt auseinandergesetzt habe,
wirklich zu ihrem Bewufitsein zu bringen. Sie tapsen nach. Sie sind
langst Menschen der fiinften nachatlantischen Periode geworden
und wollen immer noch urteilen wie die Menschen der vierten nach-
atlantischen Periode. Ja, damals in der Griechenzeit war das richtig,
war das etwas Grofies, etwas Harmonisches. Heute zu urteilen wie
ein Grieche, ist ein Unding, weil dem Griechen eben die Umgebung
alles gegeben hat, was er gebraucht hat. Heute gibt es diese Umge-
bung nicht mehr. Zunachst macht sich in vielen Beziehungen, ich
mochte sagen, ein gewisser Hafi fuhlbar, eine Abneigung - was nur
eine andere Seite der Furcht ist - vor dem innerlichen Betrachten des
Menschen. Man will beim Aufierlichen stehenbleiben. Und so treten
Reminiszenzen auf, die eben nur Reminiszenzen sind, wo sich die
Menschen nicht voll in ihrer Gewalt haben.
Eine sehr interessante Erscheinung, die ich Sie nur bitte, ganz ge-
horig ins Auge zu fassen, ist diese: Nehmen Sie einmal an, wir hatten
es hier zu tun mit einer Anzahl von Kopfen, die vielleicht eine Ver-
sammlung bilden - erleuchtete Versammlungen gibt es ja heute
iiberall. Ja, das eigentliche Geistige hat sich schon gelost, das ist
eigentlich nicht mehr so recht bei den Kopfen der Menschen, das ist
verinnerlicht. Selbst wenn Oberflachlinge bei einer Versaramlung
sind, so sind eigentlich die andern, die richtigen, die eigentlich geisti-
gen Kopfe, verborgen da; aber jene, die dasitzen, wissen nichts da-
von. So kann es sein, dafi Versammlungen sind oder auch einzelne
Menschen, in denen, wie in einem Uhrraderwerk, alte Ideen ablau-
fen: In den sichtbaren, in den physischen Kopfen, da rumort es drin
von alten Ideen, da rollen alte Ideen ab. Von dem, was zeitgemafi ist,
von dem wissen diese Menschen nichts. Diese automatisch wirken-
den Gehirne konnen allerlei nachklingen lassen. Das ist interessant,
dafi gerade solche Dinge zuweilen auftreten.
Da hat es einen Kongrefi gegeben, der im Jahre 1912 in London
stattgefunden hat tiber eine ganz neue Wissenschaft: Eugenetik.
Man hat ja gewohnlich hochtrabende Namen gerade fur das, was an
sich am diimmsten ist. Die Ideen dieser Eugenetik, die gingen
eigentlich aus den Gehirnen, nicht aus den Seelen der Menschen her-
vor. Was will diese Eugenetik? Sie will Einrichtungen treffen, so dafi
kiinftighin nur ein gesundes menschliches Geschlecht gezeugt wird,
dafi nicht minderwertige Individuen gezeugt werden; sie will nach
und nach durch die Verbindung von Nationalokonomie und An-
thropologic Gesetze finden, urn Manner und Frauen durch Gesetze
so zusammenzubringen, dafi ein moglichst starkes Geschlecht zu-
standekommt.
Ja, iiber diese Dinge fangt man schon an durchaus nachzudenken.
Das Ideal dieses Kongresses, dem der Sohn Darwins vorgesessen hat,
bestand darin, verschiedene Gesellschaftsklassen daraufhin zu unter-
suchen, wie groft der Schadel ist bei den Reichen, wie grofi der Scha-
del ist bei den Armen, die weniger lernen konnen, wie gro£ die Emp-
findungsfahigkeit bei den Reichen, wie gro£ die Empfindungsfahig-
keit bei den Armen ist, wie stark der Widerstand ist, den die Reichen
der Ermiidung entgegenbringen konnen, wie stark der Widerstand
ist, den die Armen der Ermiidung entgegenbringen konnen und der-
gleichen mehr. Und nun versucht man, auf diese Weise Ansichten zu
gewinnen iiber die menschliche Korperlichkeit, die vielleicht einmal
in der Zukunft dazu fiihren konnen, da£ man genau aufstellt: so mufi
er aussehen, so mufi sie aussehen, wenn es einen richtigen Zukunfts-
menschen geben soil; solch einen Grad von Ermudungsfahigkeit
mufi er haben, solch einen Grad von Ermudungsfahigkeit muE sie
haben, solch eine Schadelgrofie bei ihm, dazu eine passende Schadel-
grofie bei ihr und so weiter.
Das ist ein Rumoren, ein naturliches Rumoren in den von den
Seelen leer gewordenen Gehirnen, ein Rumoren derjenigen Ideen,
die eine Realitat in der atlantischen Zeit hatten. Da war es wirklich
so, dafi es gewisse Gesetze gab, durch welche die Menschen Grofie,
Wachstum und alles mogliche durch Kreuzen, Uberkreuzen und
dergleichen bewirken konnten. Das war dazumal eine Art von Wis-
senschaft, eine ausgebreitete Wissenschaft, die - wie ich Ihnen ge-
stern wieder angedeutet habe - gerade im atlantischen Zeitalter so
sehr mifibraucht worden ist. Diese Wissenschaft, die aus der Ver-
wandtschaft der Korperlichkeit heraus arbeitete, wufite: Wenn man
solch einen Mann mit solch einer Frau - und Mann und Frau waren
in der damaligen Zeit wesentlich verschiedener als heute - zusam-
menbringt, entsteht ein solches Wesen, und dann kann man wieder-
um, so wie es heute der Pflanzer macht, variieren. Die Mysterien
haben dann aus diesem Sich-Kreuzen, aus diesem Zusammenbrin-
gen des Verwandten und Verschiedenen Ordnung gemacht; sie ha-
ben Gruppen gebildet und der Menschheit entzogen, was ihr entzo-
gen werden mufke. Es entstand aber wirklich schwarzest-magischer
Unfug durch das, was da im atlantischen Zeitalter getrieben worden
ist, und Ordnung ist erst dadurch eingetreten, dafi man Klassen ge-
bildet hat, dafi man diese Dinge den Menschen entzogen hat. Und
auf diese Weise sind die Nationen entstanden, die heutigen Rassen
entstanden. Das hat mitgewirkt bei der Bildung der heutigen Rassen.
Und auch die Nationenfrage rumort wieder im gegenwartigen Zeit-
alter als Nachklang der seelenlosen Gehirne aus der atlantischen
Zeit. Wieviel spricht man heute von Nationenfragen. Aber es spricht
nur die Korperlichkeit. Die zuriickgezogene Geistigkeit gehort heu-
te schon einer ganz andern Welt an. Das ist die Diskrepanz zwischen
der Wirklichkeit und all den Deklamationen, die sich heute auf das
sogenannte Nationalprinzip beziehen. Das kann niemals deshalb zu
einem Heil fuhren, sondern mufi immer und immer wieder in das
Chaos hineinfuhren, wenn man die Politik auf die Nationenfragen
stellen will, die nicht mehr Fragen der Gegenwart sind, weil die See-
le ganz andern Ordnungen und ganz andern Zusammenhangen an-
gehort, als diejenigen sind, die sich im leiblichen Wesen ausdriicken.
Das sind alles Dinge, die gewufit werden miissen, die aber nur durch
die Geisteswissenschaft gewufit werden konnen. Dieses Rumoren in
den von den Seelen leer gewordenen Gehirnen, das ist die Ursache
davon, dafi in der heutigen Zeit solche Bestrebungen auftauchen, die
den Menschen nach gewissen Gesetzen gestalten wollen.
Und noch in etwas anderem spricht sich solch ein Rumoren ver-
brauchter Ideen aus, die wohl noch in den vertrocknenden Gehirnen
wirken konnen, aber nicht mehr aus der Seele kommen. Die Seele
mufi erkraftet werden, so dafi die Geisteswissenschaft in sie dringen
kann. Dann wird wiederum aus der Individuality der Menschen
gesprochen. Sie haben ja gewifi auch schon Bekanntschaft gemacht
mit all dem Zeug, das heute nach der Richtung erscheint, dafi die
verschiedensten Menschen vom Standpunkt der Psychopathologie
erklart werden. Eigentlich darf heute einer nur ein gutes Gedicht
schreiben, dann kommt sofort der Arzt und erklart, welche Krank-
heit er hat. So haben wir ja die verschiedensten Abhandlungen: Vik-
tor Scheffel vom psychiatrischen Standpunkt, Nietzsche vom
psychiatrischen Standpunkt, Goethe vom psychiatrischen Stand-
punkt, Conrad Ferdinand Meyer vom psychiatrischen Standpunkt.
Man kann es all diesen Schriften, wenn man zwischen den Zeilen
lesen will, anfiihlen, daft eigentlich ihre Autoren gesagt haben:
Schade, daft er nicht zur rechten Zeit kuriert worden ist. Ware er zur
rechten Zeit kuriert worden, dann hatte er nicht solche Dinge
geschrieben wie zum Beispiel Conrad Ferdinand Meyer, die nur aus
dem Kranksein heraus geschrieben werden. - Das ist aber etwas
durchaus in diesem Sinne Zeitgemafies, daft eben nicht geachtet wird
auf die Verinnerlichung des Menschen, die manchmal gerade bei
solchen Menschen wie Conrad Ferdinand Meyer so wirken muft,
daft ihr aufteres Korperliches diese oder jene Krankheitserscheinung
aufweisen muft, damit das Innerliche, unabhangig vom Korper-
lichen, kunstlerisch zu hochster Geistigkeit kommen kann.
Diese Dinge werden hier nicht in dem Sinne besprochen, um Stel-
lung dagegen zu nehmen. Vom rein medizinischen Standpunkt aus
sind die Sachen selbstverstandlich richtig; es ist gar nichts dagegen
einzuwenden. Vom rein medizinischen Standpunkt aus kann man ja
auch noch etwas anderes machen, was auch gemacht worden ist:
Man kann die Evangelien durchnehmen und kann aus verschiedenen
Dingen in den Evangelien zeigen, wie durch den Zusammenfluft
ganz besonderer Krankheitsursachen dieses merkwiirdige Individu-
um Christus Jesus entstanden ist. Solch ein Buch ist auch geschrie-
ben worden und kann von jedem gelesen werden: «Jesus Christus
vom Standpunkte des Psychiaters. » Es gibt also auch ein Buch, wo
gezeigt wird, daft all das, was von der Person Jesu ausgeht, nur da-
durch von ihr ausgehen konnte, daft eben diese Person so und so
krank war.
Alle diese Dinge mufi man verstehen, mul5 man durchdringen,
wenn man sich mit Verstandnis in die gegenwartige Entwickelung
hineinstellen will. Ich werde in diesem Zusammenhang insbesonde-
re auch noch das Erziehungsproblem gerade besprechen, um Ihnen
zu zeigen, wie die Gegenwart das heranwachsende Kind nicht mehr
so betrachten darf, als wiirde man nur auf das zu sehen haben, was
sich aufSerlich heute ausleben kann. Da wiirde man ja manchmal
daneben vorbeierziehen an dem, was sich gerade in das Innerlichste
heute zuriickzieht. Weil man auf solche Dinge nicht achtet, gibt es
heute so wenig Menschenkenntnis und so viel Philisterei. In gewis-
ser Beziehung ist ja das Philistertum der Gegensatz einer wirklichen
Menschenkenntnis, denn der Philister mag gern irgendwie das
Bild eines Normalmenschen vor seiner Seele haben. Was davon
abweicht, ist eben unnormal. Aber mit solchem Grundsatz kommt
man zu keinem Verstehen der Umwelt, vor alien Dingen nicht zu
einem Verstehen des Menschen. Es gehort schon zu den Dingen, die
gepflegt werden sollten innerhalb einer solchen Gesellschaft, wie es
die Anthroposophische ist, dafi man Menschenverstandnis lernt, um
eingehen zu konnen auf die Individuality des Menschen; denn die
einzelnen Individualitaten sind viel verschiedener als man denkt,
weil dadurch, dafi der Mensch nicht mehr ganz zusammenstimmt in
seinem Seelischen mit seinem aufierlich Leiblichen, ja wirklich der
Mensch heute etwas Kompliziertes ist.
Aber damit ist natiirlich anderes im Gefolge, das allerdings heute
seiner Natur nach nur mit plumpen Handen angefafk wird, aber wo-
von man hoffen kann, da$ Geisteswissenschaft es dazu bringt, dafi
die Menschen es nicht mehr mit so plumpen Handen anfassen. Den-
ken Sie nur einmal, dafi, wenn wir ins Griechentum zuriickgehen,
man mochte sagen, der voile Leib ja von der vollen Menschenseele
ausgefiillt wird, dafi das eine sich mit dem andern vollstandig deckt
und dafi das heute nicht mehr der Fall ist. Es bleiben die Leiber bis zu
einem gewissen Grade leer. Ich will nicht im abtraglichen Sinne von
den leeren Kopfen sprechen; die bleiben leer, das ist einmal so in der
Entwickelung. Aber leer bleibt in Wirklichkeit nichts in der Welt. Es
bleibt etwas nur leer von einem gewissen Etwas, das in anderer Zeit
zur Ausfiillung bestimmt war. Ganz leer bleibt eigentlich nichts.
Und indem der Mensch immer mehr und mehr seine Seele von dem
Leiblichen zuriickzieht, wird dieses Leibliche immer mehr und mehr
der Gefahr ausgesetzt, von anderem angefiillt zu werden. Und wenn
sich die Seelen nicht dazu bequemen wollen, Impulse aufzunehmen,
die nur aus dem spirituellen Wissen kommen konnen, dann wird der
Leib angefiillt von damonischen Gewalten. Diesem Schicksal geht
die Menschheit entgegen, dafi die Leiber angefiillt werden konnen
von damonischen Gewalten, von ahrimanisch-damonischen Gewal-
ten. Denken Sie, dafi zu dem, was ich gestern iiber die Zukunftsent-
wickehmg gesagt habe, hinzukommt, dafi man in der Zukunft Men-
schen wird erleben konnen: sie sind der Hans Kunz aufierlich im
biirgerlichen Leben, weil die sozialen Zusammenhange es so erge-
ben, aber der Leib ist so weit leer, dafi ein starkes ahrimanisches
Wesen drinnen wohnen kann. Man wird begegnen konnen ahrima-
nisch-damonischen Wesenheiten. Der Mensch wird nur scheinbar
der Mensch sein, der er ist. Die Individualitat, die ist sehr, sehr inner-
lich, und aufierlich tritt einem ein ganz anderes Bild entgegen.
So kompliziert wird in der Zukunft das Leben. Man kann schon
sagen: Es wird in der Zukunft Verhaltnisse geben, bei denen man
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