Die Weihnachtstagung zur Begründung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft 1923/1924

Rudolf Steiner Archive

Steiner

Rudolf Steiner

Document text

RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 



SCHRIFTEN UND VORTRAGE 
ZUR GESCHICHTE DER ANTHROPOSOPHISCHEN BEWEGUNG 
UND DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



RUDOLF STEINER 



DAS LEBENDIGE WESEN DER ANTHROPOSOPHIE 

UND SEINE PFLEGE 

Bisher erschienene Bande der Schriften und Vortrage zur Geschichte 
der anthroposophischen Bewegung und der Anthroposophischen Gesellschaft 



Probleme des Zusammenlebens in der Anthroposophischen Gesellschaft. Zur 
Dornacher Krise vom Sommer 1915. 7 Vortrage, Dornach 10. bis 16. September, 
2 Ansprachen, Dornach 21. und 22. August 1915, Dokumentation(Bibl.-Nr. 253) 

Die okkulte Bewegung im 19. Jahrhundert und ihre Beziehung zur Weltkultur. 
13 Vortrage, Dornach 10. Oktober bis 7. November 1915 (Bibl.-Nr. 254) 

Anthroposophische Gemeinschaftsbildung. 10 Vortrage, Stuttgart und Dornach, 
Januar bis Marz 1923 (Bibl.-Nr. 257) 

Die Geschichte und die Bedingungen der anthroposophischen Bewegung im Ver- 
h'dltnis zur Anthroposophischen Gesellschaft. Eine Anregung zur Selbstbesinnung. 
8 Vortrage, Dornach 10. bis 17. Juni 1923 (Bibl.-Nr. 258) 

Das Schicksalsjahr 1923 in der Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft. 
Vom Goetheanumbrand zur Weihnachtstagung. Ansprachen, Versammlungen 
und Dokumente, Januar bis Dezember 1923 (Bibl.-Nr. 259) 

Die Weihnachtstagung zur BegrUndung der Allgemeinen Anthroposophischen 
Gesellschaft 1923/24. Grundsteinlegung, Vortrage und Ansprachen, Statutenbe- 
ratung, Jahresausklang und Jahreswende 1923/24 (Bibl.-Nr. 260) 

Die Konstitution der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft und der Freien 
Hochschule fur Geisteswissenschaft - Der Wiederaufbau des Goetheanum. Ge- 
sammelte Aufsatze, Aufzeichnungen und Ansprachen, Dokumente, Januar 1924 
bis Marz 1925 (Bibl.-Nr. 260a) 

Unsere Toten. Ansprachen, Gedenkworte und Meditationsspriiche 1906 bis 1924 

(Bibl.-Nr. 261) 

Rudolf Steiner / Marie Steiner-von Sivers: Briefwechsel und Dokumente 1901 bis 
1925 (Bibl.-Nr. 262) 



Rudolf Steiner / Edith Mary on: Briefwechsel. Brief e - Spriicbe - Widmungen 1912 
bis 1924 (Bibl.-Nr. 263/1) 



RUDOLF STEINER 



Die Weihnachtstagung 
zur Begriindung der Allgemeinen 
Anthroposophischen Gesellschaft 

1923/1924 



Grundsteinlegung 
Vortrage und Ansprachen 
Statutenberatung 
Dornach, 24. Dezember 1923 bis 1. Januar 1924 

Mit einem Vorwort: 
Jahresausklang und Jahreswende 1923/1924 
und einem Nachwort herausgegeben von Marie Steiner 



1994 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Teilnehmer-Nachschriften 

herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 
auf Grundlage der 1944 von Marie Steiner herausgegebenen Erstausgabe 

Die Durchsicht der 4. Auflage besorgten Hella Wiesberger 
und Michel Schweizer 



1. Auflage, Dornach 1944 

2., unveranderte Auflage, Dornach 1957 

3., neu durchgesehene Auflage 
Gesamtausgabe Dornach 1963 

4., neu durchgesehene und erganzte Auflage 
Gesamtausgabe Dornach 1985 

5., erganzte Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1994 



Nachweis weiterer Veroffentlichungen zu Beginn der Hinweise 



Bibliographie-Nr. 260 

Einbandzeichen von Rudolf Steiner, Schrift von Benedikt Marzahn 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1985 by Rudolf Steiner-Nachlafrverwaltung, Dornach/Schweiz 
Satz: Kooperative Diirnau, Durnau 
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt 

ISBN 3-7274-2602-0 



ZUR NEUAUSGABE 1985 



Die Vortrage, Ansprachen und Besprechungsvoten Rudolf Steiners bei der 
Weihnachtstagung zur Begriindung der Allgemeinen Anthroposophischen 
Gesellschaft 1923/24 wurden von Marie Sterner erstmals einundzwanzig 
Jahre spater im Druck zuganglich gemacht. Fiir diese erste Ausgabe besorg- 
te sie die Durchsicht der Texte und schrieb die einleitenden und abschlie- 
fienden Worte. Fiir die vorliegende Neuausgabe innerhalb der «Rudolf 
Steiner Gesamtausgabe» ist die urspriingliche Form der Herausgabe Marie 
Steiners beibehalten worden. Soweit sich aus der Uberpriifung der 
Texte anhand der vorliegenden Unterlagen Anderungen ergaben, sind diese 
in den Hinweisen nachgewiesen. Als Erganzung wurde dieser Neuausgabe 
eine Beilage hinzugefugt mit den nach Rudolf Steiners Handschrift wieder- 
gegebenen Textdokumenten und den Aufschriften und Zeichnungen auf 
den Wandtafeln wahrend der Veranstaltungen. 

Die Tagung war nur fiir Mitglieder der Anthroposophischen Gesell- 
schaft zuganglich. Diese Tatsache bestimmte den Duktus der Ausfiihrun- 
gen von Rudolf Steiner, besonders in den Vortragen. «Ich durfte in inter- 
nen Kreisen in einer Art iiber Dinge sprechen, die ich fiir die offentliche 
Darstellung, wenn sie fiir sie von Anfang an bestimmt gewesen waren, 
hatte anders gestalten miissen». («Mein Lebensgang») 

Die auf stenographischen Mitschriften beruhenden Texte waren ur- 
spriinglich nicht fiir den Druck bestimmt und konnten von Rudolf Steiner 
selbst auch nicht durchgesehen werden. Obwohl sie als weitgehend wort- 
lich angesehen werden diirf en, mufi doch, wie bei alien Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk, auch hier sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: 
«Es wird eben nur hingenommen werden mussen, daft in den von mir 
nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet. Ein Urteil iiber den 
Inbalt eines solchen Privatdmckes wird ja allerdings nur demjenigen zuge- 
standen werden konnen, der kennt, was als Urteils-Voraussetzung ange- 
nommen wird. Und das ist fiir die allermeisten dieser Drucke mindestens 
die anthroposophische Erkenntnis des Menschen, des Kosmos, insofern 
sein Wesen in der Anthroposophie dargestellt wird, und dessen, was als 
<anthroposophische Geschichte> in den Mitteilungen aus der Geist-Welt 
sich findet». («Mein Lebensgang») 



INHALT 



Jahresausklang und Jahreswende 1923/1924 

Vorwort von Marie Steiner zur ersten Auflage 1944 ... 13 
Das Jahr 1922 als Hohepunkt des Wirkens Dr. Steiners auf die Offent- 
lichkeit und als Beginn inszenierter Storaktionen. Der Brand des Goethe- 
anums. Dr. Steiner betont kraftvoll die Aufgaben der Anthroposophi- 
schen Gesellschaft. Konstituierung der Allgemeinen Anthroposophischen 
Gesellschaft. Die Weihnachtstagung, verbunden mit unendlicher Tragik. 
Was es fur Dr. Steiner bedeutete, Karma auf sich zu nehmen. Die schwere 
Erkrankung Dr. Steiners zu Jahresbeginn 1924 und seine Vortrage bis 
zum 28. September 1924. 

Ansprache Rudolf Steiners zur Eurythmie-Darbietung, Dornacb, 23. 
Dezember 1923: Eurythmie als die Kunst, welche ganz urspriinglich aus 
Anthroposophie hervorgegangen ist. Kunst fliefit in die Menschheitsent- 
wicklung nur ein, wenn sie Krafte iibersinnlicher Art hat, bei materialisti- 
scher Denkrichtung kann Kunst nicht gedeihen. - Die Zusammenhange 
von Imagination, Inspiration und Intuition zu Eurythmie sowie zu Rezita- 
tion und Deklamation. 

Aufruf Rudolf Steiners bei- der Generalversammlung der Anthroposo- 
phischen Gesellschaft in der Schweiz, Dornach, 22. April 1923: Der Anthro- 
posophischen Gesellschaft eine Aufgabe geben, vor der die Menschen 
Respekt haben konnen. 

Das Programm der Weihnachtstagung 28 

Eroffnung der Weihnachtstagung durch Rudolf Steiner 

24. Dezember 1923, 10 Uhr vormittags 30 

Die Bedeutung, dafi Goetheanum und Anthroposophische Gesellschaft 
ihren Mittelpunkt auf schweizerischem Boden haben. Dank an Albert 
Steffen fur seinen Vortrag. 

Rudolf Steiners Eroffnungsvortrag. Statutenverlesung 

24. Dezember 1923, 11 Uhr 15 vormittags 32 

Die Triimmer des Goetheanums sind ein Symptom fur die Weltverhalt- 
nisse. Die anthroposophische Bewegung als Verbindung zu den Urquellen 



des Menschlichen in der geistigen Welt und die Anthroposophische Gesell- 
schaft als Hulle der anthroposophischen Bewegung. Lehren der Erfahrun- 
gen aus zehn Jahren. Beweggriinde fiir den Entschlufi, den Vorsitz zu iiber- 
nehmen. Die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft, deren Statu- 
ten, ihr Wirken in voller Offentlichkeit, die Freigabe der Manuskript- 
drucke und deren moralischer Schutz. Das unverschleierte Eintreten fiir 
die anthroposophische Bewegung anhand von Beispielen der Eurythmie, 
Rezitation und Deklamation sowie medizinischer Therapeutik. - Verle- 
sen der Statuten, dazu jeweils erlauternde Worte. Rudolf Steiner schlagt 
die Vorstandsmitglieder vor. 

Grundsteinlegung der Allgemeinen Anthroposophischen 

Gesellschaft durch Rudolf Steiner 

25. Dezember 1923, 10 Uhr vormittags 60 

Die ideell-geistige Grundsteinlegung mit dem wichtigsten Forschungser- 
gebnis der letzten Jahre in Spruchform zur Erneuerung des alten Mysterien- 
wortes «Erkenne dich selbst». Der Weihnachts-Wahrspruch, seine harmo- 
nisierende Menschenerkenntnis. Aufruf, zum Fortschritt der Welt eine 
wahre Vereinigung von Menschen fiir Anthroposophia zu griinden. 

Grundungsversammlung der Allgemeinen Anthroposophi- 
schen Gesellschaft 

25. Dezember 1923, 11 Uhr 15 vormittags 70 

Berichte von Vertretern der Landesgesellschaften. 

Sitzung des Vorstandes und der Generalsekretare der Lander- 
gesellschaften mit ihren Sekretaren 

25. Dezember 1923, 2 Uhr 30 nachmittags 76 

Fragenbeantwortung zu den Themen Mitgliederaufnahme, Klassen, Wahl 

der Generalsekretare, Verbreitung anthroposophischer Auffassung in der 
offentlichen Meinung. 

Fortsetzung der Grundungsversammlung 

26. Dezember 1923, 10 Uhr vormittags 91 

Die Verbindung der Anthroposophischen Gesellschaft mit der vollen 
Offentlichkeit bei tiefster Esoterik. Der Grundsteinspruch mit Erlaute- 
rungen Rudolf Steiners. Berichte der Generalsekretare. Verlesen der 
Statuten. Zum Ablauf der Tagung. 



Fortsetzung der Griindungsversammlung 

27. Dezember 1923, 10 Uhr vormittags 104 

Der Grundsteinspruch mit Erlauterungen Rudolf Steiners. Generaldebat- 
te: Beitrage zur Zeitschrift «Das Goetheanum». Aufgaben des Zentralvor- 
standes. Das Verhaltnis der Anthroposophischen Gesellschaft in der 
Schweiz zum Zweig am Goetheanum. Die Klassen und die Sektionen. 
Spezialdebatte zu den Paragraphen 1 bis 3. 



Fortsetzung der Grundungsversammlung 

28. Dezember 1923, 10 Uhr vormittags 135 

Grundsteinspruch mit Erlauterungen Rudolf Steiners. Spezialdebatte zu 
den Paragraphen 4 und 5 (hierzu Vorschlage Rudolf Steiners bezuglich 
der Leiter der Sektionen), sowie zu den Paragraphen 6 bis 14. Hinzu- 
fugung des Paragraphen 15 betreffend Grundungsvorstand und Fragenbe- 
antwortung hierzu. Erganzung des Paragraphen 2. Annahme der Statuten 
in dritter Lesung. 



Ausfuhrungen Rudolf Steiners 

bei der Sitzung des Schweizerischen Schulvereins 

28. Dezember 1923, nachmittags 165 

Die gegenwartigen sozialen Verhaltnisse machen es unmoglich, eine gro- 
fie Anzahl von Waldorfschulen zu finanzieren. Die Notwendigkeit, gera- 
de in der Schweiz eine wirklich freie Schule als Musterschule zu griinden. 
Die finanzielle Grundlage fur eine freie Schule in der Schweiz. 

Sitzung des Vorstandes der Allgemeinen Anthroposophischen 
Gesellschaft, der Generalsekretare der Landergesellschaften mit 
ihren Sekretaren und der schweizerischen Zweige 

29. Dezember 1923, 8 Uhr 30 vormittags 169 

Die schweizerische Anthroposophische Gesellschaft und ihr Verhaltnis 

zum Zweig am Goetheanum und zur Allgemeinen Anthroposophischen 
Gesellschaft. Der an die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft zu 
zahlende Normal-Beitrag je Mitglied. Ausfuhrungen von Sekretaren der 
Lander zum Mitgliedsbeitrag. Erinnerungen von Rudolf und Marie 
Steiner an jhre Arbeit in Berlin. 



Fortsetzung der Grundungsversammlung 

29. Dezember 1923 } 10 Ubr vormittags 183 

Grundsteinspruch mit Erlauterungen Rudolf Steiners. Beitrage Delegier- 
ter zu den Themen Gegnerschaft und Freie Anthroposophische Gesell- 
schaft in Deutschland. 

Fortsetzung der Grundungsversammlung 

30. Dezember 1923, 10 Ubr vormittags 193 

Grundsteinspruch und Weihnachts-Wahrspruch. Beitrage der Delegier- 
ten zu den Themen Jugendbewegung, Arbeit in England, freie Schule im 
Haag. Probleme der Gesellschaft beziiglich Nachwuchs und beziiglich 
offentliches Auftreten. Zum Inhalt der fur das Nachrichtenblatt be- 
stimmten Beitrage. Die Gegnerschaft in Holland. Die finanzielle Lage der 
Waldorfschulen. Eurythmie-Tatigkeit in Nordamerika. 

Fortsetzung der Grundungsversammlung 

31. Dezember 1923, 10 Ubr vormittags 207 

Grundsteinspruch und Weihnachts-Wahrspruch. Der Widerstand einzel- 

ner Wissenschaftsgebiete gegen geisteswissenschaftliche Anschauungen. 
Die Notwendigkeit, alle wissenschaftlichen Gebiete in einer Weltan- 
schauung zu verbinden. Von der Anthroposophischen Gesellschaft mufi 
der Impuls ausgehen, den Abgrund zwischen Kunst und Wissenschaft zu 
uberbriicken. Erfolge anthroposophischer Forschung. Es ist dringend 
geboten, mit der anthroposophischen Forschung den Anschlufi an die 
gegenwartige Zivilisation zu finden. 

Vortrag von Rudolf Steiner: 

Der kiinftige Baugedanke von Dornach 

31. Dezember 1923, vormittags 214 

Der Wiederaufbau des Goetheanums, die finanziellen Belange, die kiinfti- 
ge Gestaltung: Beton als neues Baumaterial. Die Schwierigkeit, mit Beton 
kunstlerischen Stil zu erreichen. Der Grundrifi wird eine Kombination 
von Rundbau und Eckenbau sein. Die Sale und Raume und deren Anord- 
nung im Neubau. Der obere Abschlufi wird aus Flachen zusammenge- 
setzt werden. Veranderungen in der anthroposophischen Bewegung seit 
dem Bau des ersten Goetheanums bedingen neue Anforderungen an den 
neuen Goetheanumbau. - Zu den Paragraphen 5 und 7 der Statuten. 



Freie Aussprache der schweizerischen Delegierten unter dem 

Vorsitz Rudolf Steiners 

31. Dezember 1923, 2 Uhr 30 nachmittags 224 

Vorsitz und Verwaltung der schweizerischen Landesgesellschaft. Die Ver- 
tretung ihrer Zweige in den Delegiertenversammlungen. Zur Orientie- 
rung iiber die Weihnachtstagung in Offentlichkeit und Gesellschaft. 
Hoflichkeit als ungeschriebener Statutenparagraph. 

Vortrag von Rudolf Steiner: 

Der Neid der Gotter - der Neid der Menschen (Riickblick auf 
den Brand des Goetheanums in der Silvesternacht 1922/1923) 

31. Dezember 1923, 8 Uhr 30 abends 239 

Der Ephesus-Brand und das aus der Antike uberlieferte Wort vom Neid 
der Gotter. Die Mysterien als Statten der Begegnung und des Verstehens 
zwischen Menschen und den «guten G6ttern». Der Neid luziferisch-ahri- 
manischer Gotter. Die Tat von Golgatha durch den Gott, der der hochsten 
Liebe fahig ist. Was Angelegenheit von Gottern und Menschen war, wird 
im Zeitalter der Freiheit Angelegenheit des physischen Menschenlebens. 
Die Anspruchslosigkeit, mit der sich Gotterweisheit im Mittelalter im Irdi- 
schen darstellt. Die Unterweisung eines Rosenkreuzer-Meisters an einen 
Schiiler: das Verhaltnis des physischen, Ather- und Astralleibes zur Erde; 
ihre eigentliche Zugehorigkeit zu den Hierarchien; das besondere Verhalt- 
nis des Menschen zur Warme. Die «Sprache» der neuen geistigen Offenba- 
rung in den Formen und Bildinhalten des Goetheanums. Die Statue der 
Gottin in Ephesus - die Statue des Menschheitsreprasentanten im Goethe- 
anum. Der Brand des Goetheanums und der Neid der Menschen. Verwand- 
lung des Schmerzes in Treue und Tatkraft in bezug auf die geistigen Impulse 
des Goetheanums. 

Fortsetzung der Grundungsversammlung 

1. Januar 1924, 10 Uhr vormittags 253 

Grundsteinspruch. Beitrage Delegierter zur Gegnerfrage, Biicher. 

Vortrag von Rudolf Steiner: 

Zum Wiederaufbau des Goetheanums 

1. Januar 1924, vormittags 257 

Zur Gestaltung der Portale, Fenster, Pfeiler, Saulen und zum Dach im 
Neubau des Goetheanums. Die innere und aufiere Gestaltung als organi- 
scher Bau. Beitrage Delegierter zur Finanzierung des Neubaues. Fragen- 
beantwortung zum Normal-Mitgliedsbeitrag. 



Vortrag und Abschiedsworte von Rudolf Steiner: 

Das richtige Hineinkommen in die geistige Welt. Die uns 

auferlegte Verantwortung 

1. Januar 1924, abends 270 

Blick auf das Zukunftsziel anthroposophischen Strebens: zu verhindern, 
dafi die Menschheit den historisch auferlegten Schwelleniibertritt ver- 
wirkt durch den Mifibrauch des Ideenvermogens ausschlieftlich fiir die 
materielle Welt. Die Aufgabe Dornachs als dem Ort, an dem offen von 
den geistigen Realitaten gesprochen werden mufi. Die notwendige Kom- 
promifilosigkeit und Wahrhaftigkeit in bezug auf den anthroposophi- 
schen Impuls in den verschiedenen Zweigen der Lebenspraxis. Von der 
Hoffnung, die sich mit der Weihnachtstagung verbindet. Grundsteinspruch 
und Weihnachts-Wahrspruch. 

Dankesworte aus dem Mitgliederkreise und abschliefiende 

Worte Rudolf Steiners 285 

Nachwort von Marie Steiner zur ersten Auflage 1944 .... 288 

Die Arbeit Dr. Steiners nach der Tagung, seine Vortrage, Biicher und 
Aufsatze zur Fortsetzung dessen, was in der Weihnachtstagung initiiert 
worden ist. 



ANHANG 

Schlufivotum Rudolf Steiners 

31. Dezember 1923, vormittags 290 

Rudolf Steiners Begriifiungsworte beim «Rout» 

1. Januar 1924, 4 Uhr 30 nacbmittags 294 

Hinweise: Zu dieser Ausgabe 297 

Hinweise zum Text 299 

Sonderhinweis zu den Spruchen 309 

Personenregister mit biographischen Angaben 311 

Ubersicht uber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 325 



Beilage: Handschriften und Wandtafelzeichnungen 



JAHRESAUSKLANG UND JAHRESWENDE 



1923/1924 

Vorwort von Marie Steiner zur 1. Auflage 1944 



In dem zu Weihnachten erschienenen Buche «Rudolf Steiner und 
die Zivilisationsaufgaben der Anthroposophie» wurde versucht, an- 
hand des Wortes und der geisteswissenschaftlichen Tatigkeit Rudolf 
Steiners ein Bild zu geben von der ungeheuren Energie und dem 
selbstlosen Opfermut, mit denen er versucht hat, der Menschheit 
den geistigen Einschlag zu geben, dessen sie so sehr in dieser Zeiten- 
wende bedurfte. Der Hohepunkt seiner Wirkung auf die Offentlich- 
keit war das Jahr 1922 gewesen, als die Wolff sche Konzertagentur in 
Berlin sich um die Organisation der Vortrage Dr. Steiners in 
Deutschland beworben hatte und die grofiten Sale der Stadte nicht 
mehr reichten, um das herbeistrdmende Publikum zu fassen. In Ber- 
lin hatte sogar die Kothenerstra^e, die zum Philharmoniesaal fuhrte, 
polizeilich abgesperrt werden mussen, weil der Andrang ein zu gro- 
wer war. Mit ihren Kofferchen standen die Leute aus der Umgebung 
vor der Sperre und konnten nicht hinein. Dieser sichtbare aufiere 
Erfolg entfachte den Vernichtungswillen der Gegner. Damals arbei- 
tete man in den Kreisen, die sich die Alldeutschen nannten, skrupel- 
los mit den Mitteln von inszenierten Tumulten, Uberfallen aus dem 
Hinterhalt, ja mit Mord und Totschlag, wie es der Fall von Erzber- 
ger, Rathenau und manche andere beweisen. Um einer wachsenden, 
den eigenen Absichten gefahrlich scheinenden geistigen Bewegung 
den Garaus zu machen, verbanden sich die sonst sich gegenseitig be- 
fehdenden Parteien. Alldeutsche, Katholiken, protestantische Pasto- 
ren, Kommunisten und Vertreter der Wissenschaft waren in diesem 
Bestreben einig. Und die finanzmachtigen und pressegewaltigen ju- 
dischen Kreise taten alles, um durch Hetzartikel den Vernichtungs- 
willen der Feinde zu stiitzen und zu schuren. So war es denn nicht 
schwer, Radauszenen zu inszenieren. Diese spielten sich besonders 
tumultuarisch ab anla^lich der Vortrage Dr. Steiners in Munchen 
und Elberfeld. Die Wolffsche Agentur meinte iiber geniigend orga- 



nisatorische Hilfskrafte zu verfiigen, urn die Vortragsveranstaltun- 
gen, an denen sie finanziell interessiert war, um so energischer 
durchzufiihren. Sie meinte, die Moglichkeit zu haben, das Terrain 
genau zu sondieren und dann gemigend Vorbeugungsmafinahmen 
treffen zu konnen fur etwaige Storungen. Doch ihre Untersuchun- 
gen nach dieser Richtung fuhrten dazu, erklaren zu miissen, die 
feindliche Organisation ware so stark, dafi sie leider nicht in der 
Lage sei, Garantien geben zu konnen fur die Sicherheit des Vortra- 
genden und fur die Moglichkeit, die Veranstaltung durchzutragen; 
nun mtifken sie selbst davon abraten. So wurde die offentliche Vor- 
tragstatigkeit Dr. Steiners im Augenblicke ihrer wirksamsten Entfal- 
tung durch Gewaltmittel unterbunden. Als Propagandaredner trat, 
kummerlich und unbedeutend genug, aber um so gewissenloser, der 
General G. von G. auf, dessen Hafi durch privaten Familienzwist 
und daraus entstandene personliche Rankiine noch gesteigert war. 
Die Hetzkampagne der weithin organisierten Gegnerschaft fallt 
hauptsachlich in das Jahr 1922, an dessen Ende der Brand des 
Goetheanums stent, und in das Jahr 1923. 

Um so kraftvoller versuchte Dr. Steiner, der Anthroposophischen 
Gesellschaft ihre Kultur- und Menschheitsaufgabe vor Augen zu stel- 
len und sie moralisch zu ertuchtigen. Sie sollte das Instrument wer- 
den, durch welches, trotz gewaltiger Bemiihungen der Wider sacher- 
machte, die geistige Erneuerung der Menschheit versucht werden 
mulke. Anhand seiner Worte und Taten ist dieses geschildert in dem 
Buche «Rudolf Steiner und die Zivilisationsaufgaben der Anthropo- 
sophie» und wird erhartet durch die im Zusammenhange damit ste- 
henden und als Einzelbroschuren herausgegebenen Ansprachen aus 
dem Jahre 1923. Die in jenem Buche berichteten Ereignisse fiihren 
bis zu dem Punkte, wo - fufiend auf dem Fundament der neube- 
griindeten Landesgruppen - die Neukonstituierung der Anthropo- 
sophischen Gesellschaft als Allgemeine Anthroposophische Gesell- 
schaft mit Sitz in Dornach vorgenommen werden konnte. Vorher 
mufiten noch die alten Bande, die uns an Berlin als Zentrum des frii- 
heren Wirkens kniipften, gelost werden. Dies war schicksalsmafSig 
meine Aufgabe. 



Gegen Ende des nun verloschenden Jahres 1923 war in Deutsch- 
land der Tiefpunkt der Inflation eingetreten. Eine Billion Reichs- 
mark war ihrem damaligen Werte nach gleich einer Mark der Vor- 
kriegszeit. Diese Sturzflut in immer schneller sich steigerndem 
Tempo mitzumachen, forderte seit 1920 eine Verausgabung von 
Nervenkraft, die den Menschen ganz rmirbe machte, der einen ge- 
schaftlichen Betrieb zu leiten hatte und, neben den materiellen, 
doch vor allem geistige Giiter verwaltete. Denn die behordlichen 
Verordnungen, denen man sich anpassen mufke, wechselten fort- 
wahrend, entsprechend den aufteren Geschehnissen, und das Studi- 
um dieser Dinge verschlang Zeit und Kraft. Wenn man die Last der 
Vertretung der Belange anderer Menschen ubernommen und fur de- 
ren Mietzins und Steuern (aufier den iiblichen noch jeweils Kriegs-, 
Wehr-, Ruhr- und Opfersteuern jeglicher Art) zu sorgen hatte, so 
ertrank man beim Rechnen in der Anhaufung von Nullen - und der 
nachste Tag zeigte schon wieder ein anderes Bild als der vorangegan- 
gene. Die fur einen Mahnbrief verbrauchte Briefmarke hatte nach 
kurzer Zeit weit grofieren Wert als die zu begleichende Rechnung. 
Es fehlte nicht an humoristischen Begebenheiten, durch deren 
Erzahlung man die Last der erdriickenden Verhaltnisse sich mit 
Galgenhumor zu erleichtern suchte. So zum Beispiel passierte es 
in der Zeit, als man «blofi» noch mit Hunderttausenden multi- 
plizierte, einem lieben, alten Mitgliede, zu sagen: «Ach Gott, wenn 
man siebzigtausend Jahre alt geworden ist, dann kann man sich 
in solchen Rechnungen nicht mehr auskennen!» Und die Ber- 
liner Strafienjungen prahlten einander an: «Was? Du sagst, jener 
Stern ist vierhundert Billionen Meilen entfernt von dem da? Na, 
was sind schon Billionen? Gar nischt!» - Auf die Soliditat der 
Moral der heranwachsenden Generation mufke solches Schwin- 
den von Wertbegriffen einen entschieden abbauenden EinflulS 
haben. 

Vieles wurde in Deutschland nun abgebaut! Auch wir konnten 
unsern Wohnsitz in Berlin nicht langer aufrecht erhalten. Und der 
Philosophisch-Anthroposophische Verlag mufite, um weiterbeste- 
hen zu konnen, nach Dornach iibergefuhrt werden. Sogar Fraulein 



Johanna Miicke, die zahnervige Berlinerin, sah keinen andern Aus- 
weg mehr. Sie war in ihrer Verlassenheit der Verzweiflung nahe. 
Wir: immer auf Reisen oder in gehetztester Arbeit in Dornach; sie: 
ohne Antwort auf dringende Briefe und oft vor Entscheidungen ge- 
stellt, die sie nicht glaubte allein verantworten zu konnen. Dr. Stei- 
ner war bis aufs aufterste iiberlastet und mufke nun die Weihnachts- 
tagung vorbereiten, alle Schritte unternehmen fur die internationale 
Verstandigung und Neukonstituierung der Gesellschaft. Es mufite 
aber Fraulein Miicke endlich geholfen werden. Die Sorge um sie und 
den Weiterbestand des Verlags machten die Arbeitsteilung notwen- 
dig: meine Pflicht war es, nach Berlin zu eilen und unsere Arbeits- 
statte dort aufzulosen. 

So reiste ich denn nach Schlufi der hollandischen Tagung direkt 
nach Berlin. Die Wohnung war inzwischen gekiindigt worden. Nun 
gait es noch, aus der Bibliothek Dr. Steiners das zu retten, was man 
gern fur die Zukunft erhalten hatte, seine Papiere zu sichten, das 
Wichtige herauszuholen aus den Bergen angehaufter alter Briefe und 
wertlos gewordener Manuskripte, Zeitschriften und ahnlichem. Vor 
jeder Vortragsreise Dr. Steiners war die letzte Nacht einer solchen 
Beschaftigung gewidmet gewesen, bei der mehrere Korbe mit zerris- 
senen Papieren angefiillt wurden - und doch war so unendlich viel 
noch da, woran das gleiche Zerstorungswerk in grofierem Mafistabe 
vollzogen werden mufke. Es wurde zur Abendbeschaftigung mehre- 
rer Wochen. Daran beteiligte sich aufier Fraulein Miicke auch noch 
Fraulein Vreede, die nach Berlin gekommen war und helfen wollte. 
Was man zu bewahren wiinschte, wurde nach Stuttgart geschickt. 
Fur den Verlag mufite die Erlaubnis zur Uberfiihrung nach Dorn- 
ach besorgt und die Verladung bewerkstelligt werden, entsprechend 
den Grenz- und Zollvorschriften. Den Auftrag, uns dabei behilflich 
zu sein, erteilte Dr. Steiner Herrn Dr. Wachsmuth, der aus Stuttgart 
nach Berlin kam, um die vollgepackten Kisten in Augenschein zu 
nehmen und die Expedition iiber die Grenze in Gang zu bringen. Es 
war nur ein kurzer Besuch. Ihre Berliner Eindriicke haben nach 
ihrer Riickkehr unsere beiden Gaste Dr. Steiner ziemlich drama- 
tisch geschildert. 



Wir fiihrten unsere Arbeit zu Ende. Als sie erledigt war, blieb nur 
noch die Sorge fur die Unterbringung der Gemalde und Bilder, fur 
die Verteilung der Mobel in dem Zweigraum von Berlin, dem Eu- 
rythmeum von Stuttgart und unserer Wohnung in der Landhaus- 
strafte. Noch ein letztes Wort zu den Freunden ... und es erfolgte 
der Abschied von der alten Wirkensstatte, mit der wir einundzwan- 
zig Jahre verbunden gewesen waren. Fiinfhundert Bucherkisten und 
die dazugehorigen Schranke und Regale wurden in die Schweiz ver- 
frachtet. Noch muftte Fraulein Miicke, die den Packern personlich 
das Beispiel hatte geben miissen, wie man die Sache mit Verve 
macht, eine Zeitlang in Berlin verbleiben; aber sie war wenigstens 
der groftten Sorge enthoben und hatte das trostende Gefiihl, den 
Verlag gerettet zu haben. Ihrer vorbildlichen Treue ist es zu danken, 
daft er in Dornach hat wieder aufbliihen konnen. 

So kehrte ich nach Dornach erst kurz vor der Weihnachtstagung 
zuriick, nachdem die ganze Liquidierungsarbeit in Berlin vollzogen 
war. Es war ja selbstverstandlich, daft dieser Teil der Arbeit mir zu- 
gefallen war. Die alte Form hatte aufgelost werden miissen, bevor 
der Aufbau der neu zu konstituierenden Gesellschaft in Dornach, 
mit den dem Wachsen der Bewegung und ihren neuen kulturellen 
Aufgaben entsprechenden Arbeitsgebieten, seine eigene Form er- 
hielt. Abbau ist immer mit Wehmut verbunden, auch wenn die 
Freude an den bevorstehenden padagogischen und kunstlerischen 
Aufgaben dadurch nicht eine geringere ist. Und es war der Abbau 
einer unendlich bedeutsamen Vergangenheit, in welcher die Gewahr 
fur weitere fruchtbare Entfaltung verankert lag. 

Erstaunt war ich, als Dr. Steiner, wahrend des ersten einfiihren- 
den Vortrags bei der Eroffnung der Weihnachtstagung, tief einprag- 
sam das Bild der Trummer des Goetheanums vor unsere Seele hin- 
stellte und in dieses Bild auch den Verlag hineinbezog. Denn die 
vollgepackten Kisten hatten ja nur den aufteren Schein von Triim- 
mern gegeben, und es war durch dieses Bild bei den Zuhorern eine 
unzutreffende Vorstellung entstanden. Als ich hernach Dr. Steiner 
darauf aufmerksam machte und fragte, wie er das gemeint habe, er- 
wies es sich, daft er durch einen Bericht den Eindruck erhalten hatte, 



es sei wahrend der Geldentwertung zu vieles verschleudert worden. 
Doch als nach einigen Monaten Fraulein Miicke ihm ihre Kontobii- 
cher personlich vorlegen konnte, sagte er erfreut: «Aber das gibt ja 
ein ganz anderes Bild, es ist ja alles in Ordnung.» Und begluck- 
wiinschte sie zu der Rettung des Verlages aus jenen komplizierten 
Verhaltnissen. 

Eine Schilderung der Weihnachtstagung zu geben, ist wohl eine 
der schwersten Aufgaben, die man sich stellen kann. Kaum ist es un- 
serer beschrankten Einsicht moglich, zu iiberschauen, was als impul- 
sierende Kraft hinter ihr stent. Es ist der machtigste Versuch eines 
Menschenerziehers gewesen, seine Zeitgenossen iiber das eigene 
kleine Selbst hinauszuheben, sie zum bewulken Wollen wachzuru- 
fen, Werkzeug der weisen Weltenlenkung werden zu diirfen. Doch 
ist diese Weihnachtstagung zugleich mit einer unendlichen Tragik 
verbunden. Denn man kann nicht anders als sagen: Wir waren wohl 
berufen, aber nicht auserwahlt. Wir sind dem Ruf nicht gewachsen 
gewesen. Die weitere Entwicklung hat es gezeigt. 

Zunachst war jeder, der diese Tagung mitgemacht hat, iiber sich 
selbst wie hinausgehoben, in seinem Innersten durchwarmt und zu- 
gleich erschuttert. Aber ein Schicksal waltete iiber dem Ganzen, das 
in andern Daseinsspharen hat ausgetragen werden miissen. Der Aus- 
gang hat gezeigt, was es fur Dr. Steiner bedeutet hat, unser Karma 
auf sich zu nehmen. 

Darin liegt die tiefe Esoterik, die mit jener Opfertat verbunden 
ist. Nicht in der Deutung, die man gewohnlich dem Worte «esoteri- 
scher Vorstand» gibt. Die tiefste Esoterik konnte darin bestehen, 
bisher divergierende fruhere geistige Stromungen in einigen ihrer 
Reprasentanten jetzt zum harmonischen Ausgleich zu bringen. Das 
ware eine esoterische Aufgabe gewesen, die im Zusammenwirken 
mit Dr. Steiner durch seine iiberragende Einsicht, Kraft und Liebe- 
fahigkeit hatte gelost werden konnen. Aber unser menschliches und 
Gesellschaftskarma entlud sich auf ihn - und zwar unmittelbar nach 
Abschlufi der Weihnachtstagung. Denn am letzten jener Tage, dem 
1. Januar 1924, erkrankte er schwer und ganz plotzlich. Es war wie 



ein Schwerthieb, der sein Leben traf bei jener geselligen Zusammen- 
kunft, die verbunden war mit einer Teebewirtung und dazugehori- 
gen Zutaten, auf dem Programm als «Rout» verzeichnet. Trotzdem 
ist er bis zum 28. September, dem Tage, da er zum letzten Male zu 
uns sprach, unausgesetzt und bis zum Ubermafi tatig gewesen. Seine 
schwindenden physischen Krafte wurden von geistigem Feuer ge- 
nahrt und getragen und wuchsen iiber sich selbst hinaus. Zuletzt 
aber, nach den ubermenschlichen Leistungen des Septembermonats, 
verzehrte die Macht dieser inneren Flamme auch ihn. 

In diesem tragischen Lichte steht die Weihnachtstagung fur den, 
der die Moglichkeit hat, die Geschehnisse zu iiberschauen. Von der 
Schwere und dem Leide dieses Geschehens haben wir nicht das 
Recht, unsere Gedanken abzuwenden. Denn aus dem Leide kommt 
die Erkenntnis - aus dem Schmerze wird sie geboren. Und dieser 
Schmerz mufi uns dazu fiihren, mit um so starkerem Wollen unsere 
Aufgaben zu erfassen. 

Viel konnen wir lernen aus den damals gepflogenen Verhandlun- 
gen, die uns im Stenogramm erhalten sind. Wenn wir sie Tag fur 
Tag durchnehmen, so wie sie gehalten wurden, ergibt sich daraus 
ein Bild dessen, was uns noch unklar hat bleiben miissen, weil die 
Uberfulle der Arbeit und des Ansturms von Wiinschen von seiten 
der heranstromenden Mitglieder die augenblickliche Realisierung al- 
les in Aussicht Genommenen nicht gleich ermoglichte. Mit der Zeit 
hatte das, was zunachst in allgemeinen Linien durch Dr. Steiner als 
Zukunftsintentionen skizziert worden ist, noch klarere Umrisse er- 
halten, und die allmahliche Verwirklichung jener Absichten hatte 
die voile Uberschau ermoglicht. Dazu bedurfte es einer Spanne Zeit. 
Zuerst mufke die spirituelle Grundlage vertieft und erhartet werden. 
Dies geschah durch den Zyklus «Mysterienstatten des Mittelalters. 
Rosenkreuzertum und modernes Einweihungsprinzip» und durch 
den Vortragszyklus «Anthroposophie», der zeitlich bis zur Abhal- 
tung der ersten Klassenstunde fiihrte. Doch durfte auch die Reiseta- 
tigkeit nicht abgebrochen werden; sie fiihrte Dr. Steiner aufter in 
deutschsprachige und ostliche Gebiete bis nach Frankreich, Holland 
und England. Uberall war der Ansturm auf die Krafte Dr. Steiners 



ein ungeheurer. Im September ware es so weit gewesen, dafi er mit 
der zweiten Klasse hatte beginnen konnen, wenn nicht der Andrang 
der nach Dornach herbeistromenden Mitglieder ein so aufterordent- 
lich starker gewesen ware, daft dem Rechnung getragen und auf die 
geistigen Bedurfnisse und Aufnahme-Moglichkeiten der Neuange- 
kommenen hatte Riicksicht genommen werden miissen. Neben den 
vier taglichen Vortragskursen waren damals so viele personliche 
Wiinsche zu befriedigen, daft des Lehrers und Gebers totale physi- 
sche Erschopfung unvermeidlich wurde. Dr. Steiner mufke auf das 
weitere Wirken innerhalb der Mitgliederschaft nach dem 28. Sep- 
tember verzichten. Er war nun auf den zum Krankenzimmer umge- 
wandelten Atelier-Raum angewiesen, mufke, soweit es die Reisen 
anbetraf, uns bitten, ihn zu vertreten, und schrieb nun vom Kran- 
kenlager aus die weiteren Briefe an die Mitglieder und die Aufsatze 
liber seinen Lebensgang. 

Unsere Aufgabe ist es nun, anhand der Ansprachen und Vortrage 
Rudolf Steiners, die uns im Stenogramm erhalten sind, die Weih- 
nachtstagung selbst sprechen zu lassen. Was die Funktionare oder 
einzelne Mitglieder gesprochen haben, wiirde, falls es vorhanden ist, 
nur eine Uberlastung dieses Buches bedeuten. Was sie gefragt haben, 
geht aus der Beantwortung der Fragen hervor. Das Ganze der Ver- 
handlungen ist fur uns ein Schulungsweg in Dingen der Versamm- 
lungsfuhrung und der Behandlung gesellschaftlicher Probleme. 
Aber getaucht ist dies alles in die Atmosphare hochster Geistigkeit, 
dargebracht wie ein Bitt- und Dankopfer den hoheren Machten. Es 
herrscht das Bestreben vor, die Dinge dieser Welt praktisch und 
sinngemafi zu vollziehen, aber sie dem Willen einer weisen Welten- 
lenkung unterzuordnen. Das Alltagliche wird dadurch in die Sphare 
der geistigen Zielsetzung und der hoheren Notwendigkeit gehoben. 

Aus alien Landesgesellschaften waren die Mitglieder in grower 
Zahl zusammengestromt. Nicht nur die Nebensale des Vortragsrau- 
mes in der alten Schreinerei mufiten mit dem grofien Saal verbunden 
werden, es mufiten auch Wande abgetragen werden zum weiten 
Vorraum hin, der sonst als Werkstatt diente, bei Veranstaltungen 
auch als Garderoberaum. Drauj&en ragten in der damals ganz schnee- 



bedeckten Landschaft die sparlichen Uberreste des verbrannten 
Goetheanum-Baues. 

Den bereits am 23. Dezember eingetroffenen und ihre Quartiere 
beziehenden Gasten wurde nachmittags 4 Uhr 30 eine Eurythmie- 
Auffuhrung geboten. Schon in den die Gaste begriiftenden und die 
Darbietung einleitenden Worten Dr. Steiners wurden einige der 
Grundmotive angetont, die durch die Vortragsthemen der Tagung 
hindurchziehen sollten. Am Abend fand der letzte der Vortrage 
statt, die in dem vorweihnachtlichen Zyklus «Mysteriengestaltun- 
gen» erhalten sind. Die eigentliche Eroffnung der Tagung erfolgte 
am Morgen des 24. Dezember. Es sei nun zunachst die anlaftlich 
der Eurythmie-Darbietung des 23. Dezember gehaltene begriiftende 
Ansprache wiedergegeben. 



Ansprache zur Eurythmie-Darbietung 
am Sonntagy 23. Dezember 1923 

Meine lieben Freunde! 

Da ja heute vor allem unsere auswartigen Gaste, sofern sie schon 
angekommen sind, bei dieser eroffnenden Eurythmie-Vorstellung 
anwesend sind, so habe ich nicht notig, im besonderen zu sprechen 
uber das Wesen der Eurythmie. Es ist ja unseren Freunden bekannt 
aus den Darstellungen, die in unseren Gesamtschriften jetzt schon 
erschienen sind. Dagegen mochte ich nun gerade mit Riicksicht dar- 
auf, daft wir wiederum einmal zu einer anthroposophischen Unter- 
nehmung beieinander sind, auch diese Eurythmievorstellung mit 
ein paar Worten einleiten. 

In der Eurythmie haben wir ja zunachst diejenige Kunst, welche 
aus anthroposophischem Boden ganz urspriinglich hervorgegangen 
ist. Nun war es ja immer so in der Welt, daft eine jede kunstlerische 
Betatigung, die etwas Neues in die Zivilisation hineinbrachte, her- 
vorging aus ubersinnlichem Menschheitsstreben. Man kann hin- 



schauen auf Architektur, auf Plastik, auf Malerei, auf das Musikali- 
sche, auf das Dichterische, uberall wird man zunachst finden, daft 
die Impulse, die einem entgegentreten im aufteren Verlauf der kiinst- 
lerischen Menschheitsentwickelung, doch in irgendeiner Weise zu- 
riickgehen auf okkulte, iibersinnliche Grundlagen, Grundlagen, die 
wir geradezu im Mysterienwesen zu suchen haben. Die Kunst kann 
eben nur in die Menschheitsentwickelung hineinflieften, wenn sie 
Krafte, Impulse iibersinnlicher Art in sich hat. Und die Anschauun- 
gen, die man in der Gegenwart iiber die Kunst hat, sie sind ja im 
wesentlichen zusammenhangend mit der ganzen materialistischen 
Denkrichtung, die Europa und Amerika ergriffen hat seit dem 15. 
Jahrhundert. Aber wenn auch eine gewisse Art von wissenschaftli- 
cher Erkenntnis in diesem Materialismus gedeihen kann, Kiinstleri- 
sches, wirklich Kiinstlerisches kann da drinnen nicht gedeihen. Wirk- 
lich Kiinstlerisches kann nur hervorgehen aus spirituellem Leben. 

Und deshalb darf man es als etwas, ich mochte sagen, Selbstver- 
standliches ansehen, dafi auch eine besondere Kunstrichtung hervor- 
ging aus dem spirituellen Leben der anthroposophischen Bewegung. 
Man muS sich ja dariiber klar sein, dafi das Kunstlerische durch die 
Vermittlung des Menschen herausgeboren werden mufi aus dem 
Ubersinnlichen. Geht man von dem Ubersinnlichen abwarts bis zu 
der aufteren sinnlichen Erscheinung, so hat man oben, mochte ich 
sagen, da, wo der Mensch zusammenflieftt mit dem Ubersinnlichen, 
die Intuition. Wenn der Mensch schon selbstandig dem Ubersinnli- 
chen gegeniibersteht, es vernimmt, es sich offenbaren lassen kann, 
dann hat man es zu tun mit der Inspiration. Und wenn der Mensch 
das Inspirierte so intensiv mit seiner eigenen Wesenheit verkniipfen 
kann, daft er es zu gestalten in der Lage ist, dann tritt die Imagina- 
tion ein. 

In der Sprache haben wir etwas, was allerdings im aufteren Bilde 
auftritt, aber in diesem aufieren Bilde der Inspiration aufierordentlich 
ahnlich ist. Wir konnen schon sagen: Was wir eigentlich in der Seele 
tragen, wenn wir sprechen, ist der Intuition ahnlich; und was sich 
uns auf die Zunge, in den Gaumen, durch die Zahne auf die Lippen 
legt, indem wir sprechen, das ist das sinnliche Bild der Inspiration. 



Aber woher riihrt dasjenige, was wir da von unserem inneren 
Seelenleben nach auswarts drangen in der Sprache? Es riihrt her von 
unserer beweglichen Korpergestaltung, ich konnte auch sagen, von 
unserer Korpergestaltung in Beweglichkeit. Die Bewegungsmoglich- 
keit sowohl der Beine wie der Arme und Hande, der Finger, sie ist 
es, in denen der Mensch als ganz kleines Kind zunachst sein Verhalt- 
nis zur Aufienwelt fiihlt. Das erste Erlebnis, das ins Bewulksein der 
Seele hereindringen kann, ist dasjenige, was wir in der physischen 
Bewegung der Arme, der Hande, der Beine haben. Die anderen Be- 
wegungen sind mehr mit dem Menschen zusammenhangend; aber 
gerade diejenigen Glieder, die der Mensch sozusagen von sich ab in 
die Weite streckt, die geben ihm Weltgefuhl. Und ebenso wie der 
Mensch sein Bein ausstreckt zum Gehen oder Springen, wie er seine 
Arme zum Greifen, seine Finger zum Fuhlen ausstreckt, so stromt, 
was er da erlebt, wiederum zuriick. Und beim Zuriickstromen er- 
greift es Zunge, Gaumen, Kehlkopf und so weiter und wird zur 
Sprache. 

Und so ist der Mensch in seinem Organismus der bewegte Aus- 
druck des ganzen Menschen. Und indem man anfangt, dies zu ver- 
stehen, empfindet man, wie das, was in der Sprache mehr der Inspi- 
ration ahnlich ist, heruntergehen kann in die Imagination. Wir kon- 
nen das, was ja ein Geschenk ist an unsere Gliedmafien, an Zunge, 
Kehlkopf, Gaumen und so weiter wieder zuruckholen, konnen es 
zuriickstromen lassen, konnen in der folgenden Weise fragen: Wel- 
che Art von Gefiihlen, welche Art von Empfindungen stromt im 
Organismus nach auswarts, so daft es ein A gibt? Wir werden immer 
finden: Ein A entsteht durch etwas, was in dieser oder jener Weise 
in der Luft sich ausdriickt durch eine besondere Bewegung unserer 
Sprachorgane oder in Augenachsen sich ausdriickt, die sich kreuzen, 
und so weiter.'''' Und wir werden dann dasjenige, was auf diese Weise 
herausgestromt ist und zum Laut, zum Sprachelemente geworden 
ist, wiederum zuriicksenden konnen in den ganzen Menschen, in 
den Gliedmaften-Menschen, und werden fur das, was die Sprache 
der Inspiration ahnlich macht, etwas bekommen, was anzuschauen 
ist, was gestaltet ist, was der Imagination ahnlich ist. 



Siehe Hinweis. 



23 



Und so ist eigentlich die Eurythmie dadurch zustande gekommen, 
dalS dasjenige, was unbewufit im Menschen wirkt, damit seine Bewe- 
gungsmoglichkeit zur Sprache wird, nun wiederum zuriickgeholt 
wird aus der Sprache in die Bewegungsmoglichkeit. Und so wird ein 
inspiratives Element zu einem imaginativen Element gemacht. 

Deshalb ist es schon mit dem Verstandnis der Eurythmie ver- 
kniipft, dafi man geradezu durch sie darauf kommt, wie zusammen- 
hangen Intuition, Inspiration, Imagination. Man hat ja naturlich da 
nur die Bilder, aber die Bilder sprechen klar. 

Nehmen Sie einmal, meine lieben Freunde, das Gedicht - das Ge- 
dicht, wie es bloft in der Seele lebt. Wenn der Mensch sich ganz in- 
nerlich identifiziert mit dem Gedichte, wenn er es, sagen wir, so 
sehr in sich aufgenommen hat, so stark in sich aufgenommen hat, 
dafi er gar nicht mehr die Worte gebraucht, sondern die Empfindun- 
gen hat und diese Empfindungen in der Seele erleben kann: er lebt in 
der Intuition. Nehmen wir an, er kommt jetzt dazu, das Gedicht zu 
rezitieren oder zu deklamieren. Er versucht, in dem Vokalklang, in 
der Harmonie, in dem Rhythmus, in den konsonantischen Bewe- 
gungen, im Tempo, Takt und so weiter, er versucht also, in der 
Sprache rezitatorisch oder deklamatorisch das zum Ausdruck zu 
bringen, was in der Empfindung liegt: Inspiration ist, was so erlebt 
wird. Aus dem rein Seelischen, wo es im Nervensystem lokalisiert 
ist, wird durch das Inspirationselement die Sache hinuntergedrangt 
in Kehlkopf, Gaumen und so weiter. 

Jetzt lassen wir es hinuntersinken in die menschlichen Glied- 
mafien, so daft der Mensch in seiner eigenen bewegten Gestal- 
tenbildung das zum Ausdrucke bringt, was Sprache ist, dann 
haben wir im eurythmisierten Gedicht das dritte Element: die 
Imagination. 

Sie haben, ich mochte sagen, im Bild des Hinuntersteigens der 
Weltentwickelung bis zum Menschen jene Skala, die der Mensch 
wiederum zuriickmachen mufi: von der Imagination durch die 
Inspiration zur Intuition. In dem eurythmisierten Gedichte haben 
Sie Imagination, in der Rezitation und Deklamation Inspiration im 
Bilde, und in dem nur innerlich erlebten Gedicht, bei dem man nicht 



den Mund aufmacht, sondern es nur innerlich erlebt, sich selbst 
damit identifiziert, eins wird mit ihm, Intuition. 

Und so haben Sie in der Tat, wenn Sie ein eurythmisiertes Ge- 
dicht vor sich haben, das Sie innerlich erleben, das rezitiert wird, die 
drei Stufen - allerdings in einem aufSerlichen Bilde - vor sich. Wir 
haben es hier in der Eurythmie mit einem kunstlerischen Element 
zu tun, das ganz aus innerer Notwendigkeit aus der anthroposophi- 
schen Bewegung hervorgehen mufite. Es handelt sich darum, sich 
zum Bewufttsein zu bringen, was es fur eine Bewandtnis damit hat, 
Erkenntnis zu gewinnen zum Aufsteigen von der Imagination zur 
Inspiration, zur Intuition. - 

Bis hierher wurde nachgeschrieben. Nach einigen auf das Pro- 
gramm bezuglichen Worten erfolgte die eurythmische Darbietung. 

Am 24. Dezember wurde die Weihnachtstagung er off net, deren 
Programm wir hier einfugen [siehe Seiten 28/29]. Ihr waren im Lau- 
fe des Jahres einige Generalversammlungen der Anthroposophi- 
schen Gesellschaft in der Schweiz vorangegangen, bei denen iiber 
die demnachst zu losenden Probleme gesprochen worden war; be- 
sonders lebhaft war dies der Fall wahrend der Delegiertenversamm- 
lung der Schweizer Zweige vom 8. Dezember 1923, aber auch schon 
vorbereitend bei den Versammlungen vom 22. April und 10. Juni. 
Bei der am 17. Juni stattgefundenen Generalversammlung des Ver- 
eins des Goetheanum waren bereits viele Vertreter der auslandi- 
schen Gruppen anwesend. In grower Zahl stromten sie heran zur 
internationalen Delegiertenversammlung, die vom 20. bis 22. Juli 
dauerte, den Fragen des Wiederaufbaus des Goetheanums gewidmet 
war und seine finanzielle Fundierung sichern wollte. 

Dr. Steiner willigte ein, bei diesen Beratungen anwesend zu sein, 
nicht aber den Vorsitz dabei zu fiihren. Doch wurde er mehrmals 
gebeten, sich zu aufiern. Er betonte vor allem die Notwendigkeit 
der moralischen Fundierung. In « Aufbaugedanken und Gesinnungs- 
bildung» finden wir manche der damals von ihm gehaltenen Anspra- 



chen. Im Protokoll der Versammlung vom 22. April finden wir 
unter andern die folgende Aufterung: 

«Ich will nur mit ein paar Worten, nicht einmal ausdrikklich, 
sondern nur der Empfindung nach ankmipfen an dasjenige, was heu- 
te schon gesagt worden ist. 

Von der kiirzlich stattgefundenen Versammlung in Stuttgart und 
der heutigen hier - und ich hoffe, daft in andern Landern solche 
nachfolgen werden - mochte man erwarten, daft sie in einer gewis- 
sen positiven Weise ablaufen, so daft wirklich aus dem Willen der 
Versammlung ein Positives hervorgeht. Es wurde darauf hingewie- 
sen, wie die Gesellschaft organisiert ist. Nun muft man gerade sagen, 
daft ja die Anthroposophische Gesellschaft sich dadurch auszeichnet, 
daft sie nicht organisiert ist - in keiner Weise -, ja, daft der groftte 
Teil der Mitgliedschaft von einem auch nur menschlichen Organisie- 
ren bisher nichts hat wissen wollen. Dies ging ja in einem gewissen 
Grade bis zu einem bestimmten Zeitpunkt. Aber angesichts der heu- 
tigen Verhaltnisse ist es unmoglich, daft das also weitergehe. Es ist 
notwendig, daft wirklich so etwas auftritt, von dem es gelten kann, 
daft wenigstens fur den groftten Teil der Mitgliedschaft die Angele- 
genheiten der Gesellschaft als solche auch positiv von den Mitglie- 
dern vertreten werden, mit Interesse verfolgt werden zunachst. 

Als ich jiingst gefragt wurde, was ich selbst von dieser Versamm- 
lung erwarte, da muftte ich darauf hinweisen, wie es eben notwendig 
ist, daft die Anthroposophische Gesellschaft sich eine wirkliche Auf- 
gabe setzt, so daft sie als Gesellschaft da ist, daft sie also etwas Beson- 
deres noch ist neben der anthroposophischen Bewegung, also von 
Gesellschafts wegen sich eine Aufgabe setzt. Denn solange diese 
Aufgabe nicht da ist, werden die Verhaltnisse, von denen heute ge- 
sprochen worden ist, niemals anders werden; im Gegenteil, sie wer- 
den sich immer mehr und mehr verschlimmern. Die Organisation 
der Gegnerschaft ist vorhanden, ist eine Realitat; die Anthroposo- 
phische Gesellschaft ist aber fur den groftten Teil der Mitgliedschaft 
durchaus keine Realitat, weil eigentlich keine positive Aufgabe, die 
aus einer positiven Willensentschlieftung hervorgehen konnte, da 



ist. Aus diesem Grunde wurden die Verhandlungen in Stuttgart und 
diese hier gehalten. In Stuttgart suchte man - weil sich die Delegier- 
tenversammlung nicht entschlieften konnte, der Gesellschaft eine 
solche Aufgabe zu setzen - gewissermaften zu dem Auskunftsmittel 
zu greifen, die Mitgliedschaft dahin zu fiihren, daft sie sich in 
zwei Mitgliedschaften fur die Anthroposophische Gesellschaft in 
Deutschland trenne, damit man hoffen konne, daft aus dem gegen- 
seitigen Verhaltnis dieser beiden Gesellschaften nun dasjenige nach 
und nach sich entwickele, was aus der Delegiertenversammlung 
nicht hervorgegangen ist. Die heutige Versammlung sollte das gro- 
fte, scheme Ziel haben, ein Beispiel dafiir zu geben, wie man der 
Anthroposophischen Gesellschaft als solcher eine positive wirksame 
Aufgabe setzen kann, die den Menschen drauften auch Respekt ein- 
floftt. Also es kann heute etwas Groftes hier geschehen, wenn nicht 
bloft dem zugehort wird, was einzelne Personlichkeiten in so scho- 
ner Weise ausfiihren, wie das heute geschehen ist, sondern wenn in 
der Tat aus der Gesellschaft selbst, aus dem Ganzen der Gesellschaft, 
ein gemeinsames Wollen hervorgeht. Sonst wird diese Versammlung 
eben auch resultatlos, ergebnislos verlaufen. 

Ich bitte Sie, meine lieben Freunde, gehen Sie heute nicht ergeb- 
nislos auseinander, sondern kommen Sie dazu, der Anthroposophi- 
schen Gesellschaft als solcher eine Aufgabe zu setzen, vor der die 
Menschen einen gewissen Respekt haben konnen.» 

Die Eroffnung der Weihnachtstagung zur Begrundungsversamm- 
lung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft fand am 
24. Dezember um 10 Uhr morgens statt. Dr. Steiner begriiftte die 
Anwesenden und sprach die einleitenden Worte zu dem Vortrag 
von Herrn Albert Steffen: «Aus der Schicksalsgeschichte des 
Goetheanums». 



Grundungs-Versammlung der Internationalen Anthro- 





Montag 
24. Dez. 1923 


Dienstag 
25. Dez. 1923 


Mittwoch 
26 Dez. 1923 


Donnerstag 
27. Dez. 1923 


Vormittags 
1000 


Vortrag von Albert 

C,,(T, n . 

oierren : 

„Ausder8chicksals- 
geschichte des 
Goetheanums" 


Grundsteinlegung 

der internationalen 
Anthroposophisdien 
Gesellschaft durch 

Dr. Rudolf Steiner 


Mitglieder- 
Versammlung. 

Thema : 
Die zukiinftige Arbeit 
der Internationalen 
Anthroposophisdien 
Gesellschaft und der 
Landergesellsdiaften 


Anthroposophie und 

Natur-Erkenntnis 

Dr. Guenther 
Wadismuth : 

„Erdenantlitz und 
Menschheits- 

oOlllunocLI 


1116 


Eroffnungsvortrag 
von 

Dr. Rudolf Steiner 


Griindungs- 
Versammlung der 

Internationalen 
Anthroposophisdien 
Gesellschaft 






Nachmittags 

430 

600 


Paradeis-Spiel 

Paradeis-Spiel 
(WiederKolt) 


v_.nrist-vjeDurr-opiel 


Lurytnmie 


L>rei l\onigs-opiel 


Abends 
800 


! . Vortrag : 
Dr. Rudolf Steiner 


2. Vortrag : 
Dr. Rudolf Steiner 


3. Vortrag: 
Dr. Rudolf Steiner 


4. Vortrag : 
Dr. Rudolf Steiner 


Vortragscyclus: „Die Weltgeschichte in anthroposophischer Beleuchtung 


Wir weisen darauf hin, dass gerade die beiden ersten Tage der Veranstaltung die allerwichtig- 
sten sind. In seinem Eroffnungsvortrag am Montag, 24. Dez., wird Herr Dr. Steiner die Richtlinien fur 
die Weihnachts-Tagung und fur die zukfrnftige Arbeit geben. Am Dienstag, 25. Dez., soli in der Grund- 
steinlegung durch Dr. Rudolf Steiner die Internationale Anthroposophische Gesellschaft ihre Weihe 
erhalten. In der anschliessenden Grundungsversammlung am Dienstag, 25. Dez. werden die General- 
sekretare bzw. Vorstande der verschiedenen Landergesellschaften uber den Werdegang und die vollzogene 
Grundung in ihrem eigenen Lande berichten, woraufhin die Begriindung der Internationalen Anthropo- 
sophisdien Gesellschaft erfolgen soil. 

Diejenigen Freunde, die an der Gestaltung der Tagung aktiv teilnehmen wollen, werden also 
gebeten, schon spatestens Sonntag, 23. Dez. in Dornach einzutreffen. Wir bitten die Generalsekretare, 
bzw. Vorstande, dies in ihren Landern genugend bekanntzugeben. 



[Das Programm wurde mit dem gleichen Wortlaut abgedruckt in «Das Goetheanum», 
3. Jg., Nr. 19, 16. Dezember 1923] 



posophischen Gesellschaft, Dorndch,Weihnachten 1923 



Frwltag 
28. Dez. 1923 


SamaUg 
29. Dez. 1923 


Sonntag 
30. Dez. 1923 


Montag 
31. Daz. 1923 


Oienstag 
1. Januar 1924 


Anthroposophie 
und 
Kunst 

Jan Stuten : 

„0ie Musik und die 
geistige Weft" 


Versammlung der 
Anthroposophisdien 

Uesellscnaft. 
Einleitendes Referat: 
Louis Werbeck: 
Zur Gegnersdiaft 

der AfittiroDOSODnie. 

Referate una 
Diskussion uber 
Probleme der Ge- 
sellsdiaft, Padago- 
gik etc. 


Anthroposophie 
und 

Religion 

Dr. Karl Sdiubert : 

..Anthroposophie, 
ein Fiihrer zu 
Ohristus" 


Versammlung der 
Anthroposophischen 
vjesellscnaft : 

Referate und Dis- 
kussion, Medizin, 
Forsdiung etc. 


Versammlung der 
Anthroposophischen 
vjesellscnan : 

Referate und Dis- 
kussion, Anthropo- 
sophisdie Literatur, 
Zeitsdiriften etc. 


Eurythmie 


Christ-Geburt-Spiel 


Eurythmie 


Drei Konigs-Spiel 


Rout 


Vortrag: 
Dr. Rudolf Steincr 


6. Vortrag : 
Dr. Rudolf Steiner 


7. Vortrag : 
Dr. Rudolf Steiner 


8. Vortrag : 
Dr. Rudolf Steiner 


o. Vortrag : 
Dr. Rudolf Steiner 


und ale Grundlage der Erkenntnis des Menschengeistes" 




Wegen Unterbringungsfragen, soweit dies nicht schon geregelt ist, wende man sich an 
Frl. Dr. Vreede, Dornach bei Basel (Schweiz), Haus Friedwart, 1. Stock. Alle Korrespondenz, welche die 
Weihnachtstagung betrifft, bitten wir zu richten an: Das Secretariat der Anthroposophisdien Gesellschaft, 
Dornach bei Basel (Schweiz), Haus Friedwart, 1. Stock. 

Fur samtliche Vortrage wird ein Beitrag von Fr. 15 - erhoben werden. Fur Eurhythmie und Weih- 
nachtsspiele sind Einzelkarten zu ldsen. 

Da die Weihnachtstagung ausschliesslich fur Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft 
ist, werden die Freunde gebeten, ihre Mitgliedskarten mitzubringen. 

FUR DIE ANTHROPOSOPHISCHE GESELLSCHAFT 
IN DER SCHWEIZ: 

Albert Steffen. Dr. Guenther Wachsmuth. 



29 



EROFFNUNG DER WEIHNACHTSTAGUNG 



durch Rudolf Steiner 
am 24. Dezember, 10 Uhr vormittags 

Meine lieben Freunde! 

Ich darf Ihnen ankiindigen, daft unsere Weihnachtstagung zur Be- 
griindung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft hier- 
mit eroffnet ist. Wir werden, wie Sie es ja durchaus fiihlen werden 
als das Richtige, in der Zukunft immer der herzlichen Meinung sein, 
daft es fur die Entwickelung der Anthroposophischen Gesellschaft 
etwas bedeuten wird, daft sie hier auf schweizerischem Boden ihren 
Mittelpunkt und ihre Statte in der Weise findet, wie das ja in den 
Statuten, die ich vorschlagen werde, zum Ausdruck kommen wird. 

Die Gesellschaft wird keinen irgendwie nationalen Charakter tra- 
gen, aber wir werden uns bewuftt bleiben, daft wir von seiten unse- 
rer lieben schweizerischen Freunde als eine Art von ideellen Gasten 
hier aufgenommen sind, und wir werden das in aller Zukunft in ent- 
sprechender Weise zu respektieren wissen. Es ist ofter durch mich, 
teils privat, teils aber auch in verschiedenen offentlichen Aussprii- 
chen gegeniiber unseren Freunden die Bedeutung der Tatsache ins 
Licht gesetzt worden, daft wir eben gerade auf schweizerischem Bo- 
den mit unserem Goetheanum und mit demjenigen, was Anthropo- 
sophische Gesellschaft sein will, hier Platz gefaftt haben. Das, meine 
lieben Freunde, begriindet es auch hinlanglich, daft das erste Wort 
wahrend unserer Weihnachtstagung unser lieber Freund Albert Stef- 
fen hat. Er wird hier sprechen selbstverstandlich als Mitglied und 
Mitbegriinder dieser Anthroposophischen Gesellschaft. Aber dasje- 
nige, was wir insbesondere dadurch fiihlen, daft das Goetheanum als 
Mittelpunkt der Anthroposophischen Gesellschaft hier auf Schwei- 
zer Boden steht, wird dadurch sinnbildlich zum Ausdruck kommen, 
daft ich jetzt mir erlaube, Herrn Albert Steffen, unseren lieben, ver- 
ehrten Freund, den ausgezeichneten Dichter, dessen Sein in unserer 
Mitte wir uns als ein so hohes Gluck anzurechnen haben, zu bitten, 
hier das erste Wort in dieser unserer Versammlung zu ergreifen. 



Der Vortrag Albert Steffens: «Aus der Schicksalsgeschichte des 
Goetheanums» ist im Nachrichtenblatt der Allgemeinen Anthropo- 
sophischen Gesellschaft 1924, Nr. 2, 3 und 6, abgedruckt. 

Dr. Steiner: 

Mein lieber Herr Steffen! 

Sie haben durch Ihre so warmen, von so schoner Liebe durch- 
drungenen Worte einen herrlichen Auftakt zu unserer Versamm- 
lung hier gegeben, und es hatte uns wohl kein schonerer Auftakt 
werden konnen, als gerade dasjenige, was Sie aus einem so warmen 
anthroposophischen Herzen heraus hier zu uns sprachen. Ich bin 
iiberzeugt davon, dafi die lieben Worte, die Sie ausgesprochen 
haben, hinuberglanzen werden iiber unsere Versammlungen und 
Zusammenkunfte wie ein leuchtender Stern, und da$ wir alle Ihnen 
innigen Dank wissen werden, mit dem Gefiihl im Herzen durch die- 
se unsere Versammlungszeit hindurch, fur dasjenige, was Sie am er- 
sten Morgen hier zu uns gesprochen haben. Wir konnen ja iiber- 
zeugt sein: immer konnten wir uns warmgebettet fuhlen innerhalb 
des herrlichen Schweizerlandes, wenn diese echt schweizerische Ge- 
sinnung - denn als solche ist sie als Grundton auch in Ihren Worten 
enthalten -, wenn diese echt schweizerische Gesinnung uns immer 
als eine so schone Atmosphare wie in dieser Stunde umfacheln 
wiirde. Und ich weifi, dafi ich aus aller Herzen heraus spreche, wenn 
ich jetzt am Ausgangspunkt unserer Verhandlungen Ihnen, lieber 
Freund Steffen, den allerherzlichsten Dank dafiir ausspreche, da£ 
Sie in einer so wundervollen Weise den Auftakt gegeben haben fur 
dasjenige, was nun in den nachsten Tagen geschehen soli. Haben Sie 
herzlichen Dank! Ich glaube, dieser Dank kommt aus den Herzen 
aller hier Versammelten heraus. 



RUDOLF STEINERS EROFFNUNGSVORTRAG 



vom 24. Dezember 1923, 11 Uhr 15 vormittags 

Meine lieben Freunde! 

Wir beginnen unsere Weihnachtstagung zur Begriindung der An- 
throposophischen Gesellschaft in einer neuen Form im Anblicke 
eines scharfen Kontrastes. Wir haben Sie einladen miissen, meine lie- 
ben Freunde, zum Besuche eines Trummerhaufens. Der Blick, den 
Sie auf unserer Statte zuerst wiederum entfalten konnten, als Sie den 
Dornacher Goetheanumhiigel bestiegen, fiel auf den Trummerhau- 
fen des vor einem Jahre zugrunde gegangenen Goetheanums. Und 
im wahrsten Sinne des Wortes ist ja dieser Anblick das so tief zum 
Herzen sprechende Symbolum fur die au$ere Offenbarung nicht 
nur unseres Arbeitens, unseres Strebens hier und in die Welt hinaus 
auf anthroposophischem Boden, sondern es ist dieser Blick auf einen 
Trummerhaufen vielfach heute symptomatisch fur die Weltverhalt- 
nisse iiberhaupt. 

Wir hatten in den letzten Tagen, wiederum in einem engeren 
Kreise, zunachst auf eine Art Trummerhaufen zu sehen. Und auch 
dieser Trummerhaufen sollte ja in einem ahnlichen Sinne von unse- 
ren lieben Freunden angeschaut werden, wie der Trummerhaufen 
des uns im Laufe von zehn Jahren so teuer und lieb gewordenen 
Goetheanums. Meine lieben Freunde, vielleicht darf doch gesagt 
werden, dafi ein grower Teil derjenigen Impulse, welche nunmehr 
im Laufe von zwanzig Jahren als anthroposophische Impulse durch 
die Welt gegangen sind, in jenen ja vielleicht allzu vielen Biichern 
lag, die im Philosophisch-Anthroposophischen Verlag zu Berlin zu- 
nachst vor die Welt getreten sind. Sie werden begreifen, da ja eine 
wirklich zwanzigjahrige Arbeit verknupft ist mit dem, was sich un- 
ter dem Titel zusammenfaik «Philosophisch-Anthroposophischer 
Verlag», dafi auch etwas von den Herzen derer, die mittatig waren 
bei der Begriindung und Fortfuhrung dieses Philosophisch-Anthro- 
posophischen Verlages, daran beteiligt ist. Und geradeso wie beim 
Goetheanum stehen wir in bezug auf das Auftere mit diesem Philo- 



sophisch-Anthroposophischen Verlag vor einem Triimmerhaufen. 
In diesem Falle ist das nur deshalb der Fall, weil innerhalb der 
furchtbaren wirtschaftlichen Verhaltnisse, die auf dem Gebiete herr- 
schen, wo dieser Philosophisch-Anthroposophische Verlag bisher 
war, unter den in ganz aufterordentlichem Mafie iiber alle Moglich- 
keiten hinauswachsenden Steuerverhaltnissen, durch alles das die 
Wogen der Zeitereignisse - man kann das in allerwortlichstem Sinne 
sagen -, die Wogen der Zeitereignisse iiber diesem Verlag zusam- 
mengeschlagen sind. 

Nun hat sich Frau Dr. Steiner in den letzten Wochen damit zu 
beschaftigen gehabt, dasjenige, was in diesem Philosophisch-An- 
throposophischen Verlag verankert ist, bereit zu machen zur Reise 
hierher ans Goetheanum nach Dornach. Und Sie sehen bereits hier 
unten zwischen dem Heizhaus und dem Architektenburo [Glashaus] 
einen kleinen Bau entstehen, der in der Zukunft diesen Philoso- 
phisch-Anthroposophischen Verlag, das herik seine Biicherbestande, 
bergen soil. Auch da haben wir einen Teil dessen, wovon wir in au- 
fterlicher Weise zunachst sprechen miissen als von einem Triimmer- 
haufen. 

Und konnen wir denn anders, meine lieben Freunde, als das, was 
diese Triimmerhaufen hervorgebracht hat, in Zusammenhang brin- 
gen mit den heutigen Zeitereignissen? Das steht schon vor uns zu- 
nachst wie ein bedriickendes Bild. Und man mochte sagen: Jene 
Flammen, die in der Neujahrsnacht vor einem Jahre hier vor unse- 
rem physischen Auge furchtbar und so zerschneidend vor unserem 
Seelenauge hinaufgebrannt haben in Himmelshohen, diese Flam- 
men, wir sehen sie im Geiste im Grunde genommen doch iiber 
vielem, was wir gebaut haben in den letzten zwanzig Jahren. 

Das ist zunachst ein Bild, das sich vor unsere Seelen hinstellt. 
Aber ich mufi schon sagen: Vielleicht kann einem bei nichts ande- 
rem in der Gegenwart so unmittelbar entgegentreten die Wahrheit 
von der alten orientalischen Anschauung, dafi das Aufiere Maja, Illu- 
sion ist. Und wir werden die rechte Stimmung finden, meine lieben 
Freunde, fur diese Weihnachtstagung, wenn wir regsam machen 
konnen in unserem Herzen die Empfindung, da$ der Triimmerhau- 



fen, vor dem wir stehen, Maja, Illusion ist, dafi vieles von dem, das 
uns unmittelbar hier umgibt, Maja, Illusion ist. 

Denken wir uns zunachst heraus aus unserer unmittelbarsten 
Situation. Wir mufken Sie einladen in diesen Holzverschlag. Wir 
mufiten ihn provisorisch in zwei Tagen auffiihren, weil uns erst da 
klar werden konnte, welche Fiille unserer Freunde erscheinen wer- 
de in diesen Tagen. Wir mufiten diesen provisorischen Holzver- 
schlag nebenan aufrichten. Und ich kann ja nicht anstehen zu sagen: 
Diese aufiere Umhullung unserer Versammlung stellt sich ja auch 
nicht anders dar als das Heim mitten in einem Trummerhaufen, als 
armliches, furchtbar armliches Heim. Die Introduktion hat ja ge- 
stern damit begonnen, dafi unsere Freunde in dem, was wir ihnen 
hier bieten konnten, furchtbar gefroren haben. Aber auch diesen 
Frost, der aus vielem hervorgehen konnte, was Sie hier trifft, meine 
lieben Freunde, wollen wir hinzurechnen zu dem, was Maja, was Il- 
lusion ist. Und je mehr wir uns hineinfinden konnen in diese Stim- 
mung, dafi das Aufiere, was uns hier umgibt, Maja, Illusion ist, desto 
besser werden wir jene tatkraftige Stimmung entwickeln, die wir fur 
die nachsten Tage hier brauchen, jene Stimmung, die in keiner Wei- 
se negativ sein kann, jene Stimmung, die in jeder Einzelheit durch- 
aus positiv sein mufi. Und ich mochte sagen: Jetzt, ein Jahr nachdem 
die Feuerflammen hier aus unserer Kuppel des Goetheanums her- 
ausgeschlagen haben, jetzt darf uns dasjenige erscheinen, was im 
Geistigen in den zwanzig Jahren des Bestehens der anthroposophi- 
schen Bewegung gebaut worden ist, nun nicht wie verzehrende 
Flammen, sondern es kann wie aufbauende Flammen vor unseren 
Herzen, vor unseren Seelenaugen stehen. Denn iiberall kann uns aus 
dem, was der geistige Inhalt der anthroposophischen Bewegung ist, 
Warme anmuten, Warme, die imstande sein kann, unzahlige Samen, 
die fur das Geistesleben der Zukunft gerade der Boden von Dornach 
und was zu ihm gehort, birgt, zu beleben. Und unzahlige Samen der 
Zukunft konnen durch diese Warme, die uns hier umgeben kann, 
ihre Reife zu entfalten beginnen, so daft sie einmal als Vollfruchte 
durch dasjenige, was wir fur sie tun wollen, vor der Welt stehen 
konnen. 



Denn heute mehr als je konnen wir dessen eingedenk sein, dafi 
eine solche geistige Bewegung, wie diejenige ist, die wir mit dem Na- 
men der anthroposophischen umschlieften, keine aus irdischer Will- 
kiir heraus geborene ist. Und damit mochte ich gleich im Anfange 
unserer Tagung beginnen, darauf aufmerksam zu machen, dafi es 
eben das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts war, wo auf der einen 
Seite die Wogen des Materialismus hoch gingen, und wo in diese 
Wogen des Materialismus hineinschlug von der anderen Seite der 
Welt eine grofiartige Offenbarung: die Offenbarung eines Geistigen, 
die derjenige, der eine empfangliche Gemutsauffassung hat, empfan- 
gen kann von Machten des Geisteslebens. Eroffnet hat sich die 
Offenbarung eines Geistigen fur die Menschheit. Und nicht aus 
irdischer Willkiir, sondern aus der Befolgung des Rufes, der aus der 
geistigen Welt heraus erklungen hat, nicht aus irdischer Willkiir, 
sondern im Anblick der grofiartigen Bilder, die aus der geistigen Welt 
heraus sich als die neuzeitlichen Offenbarungen ergaben fur das Gei- 
stesleben der Menschheit, daraus ist der Impuls fur die anthroposo- 
phische Bewegung erflossen. Diese anthroposophische Bewegung ist 
nicht ein Erdendienst, diese anthroposophische Bewegung ist in ih- 
rer Ganzheit mit all ihren Einzelheiten ein Gotter-, ein Gottes- 
dienst. Und die richtige Stimmung fur sie treffen wir, wenn wir sie 
ansehen in ihrer Ganze als einen solchen Gottesdienst. Und als ei- 
nen solchen wollen wir sie in unsere Herzen aufnehmen im Beginne 
dieser unserer Tagung, wollen in unsere Herzen tief einschreiben, 
dafi diese anthroposophische Bewegung die Seele eines jeden Einzel- 
nen, der sich ihr widmet, verbinden mochte mit den Urquellen alles 
Menschlichen in der geistigen Welt, daft diese anthroposophische 
Bewegung den Menschen hinfiihren mochte zu jener letzten, fur ihn 
vorlaufig in der Menschheitsentwickelung der Erde befriedigenden 
Erleuchtung, die sich iiber die begonnene Offenbarung kleiden kann 
in die Worte: Ja, das bin ich als Mensch, als gottgewollter Mensch 
auf Erden, als gottgewollter Mensch im Weltenall. 

Ankniipfen wollen wir heute an dasjenige, woran wir so sehr 
gern angekniipft hatten schon 1913. Da wollen wir den Faden wie- 
derum aufnehmen, meine lieben Freunde, und wollen als obersten 



Grundsatz in unsere Seelen einschreiben fiir die anthroposophische 
Bewegung, die ihre Hiille haben soil in der Anthroposophischen 
Gesellschaft, daft alles in ihr geistgewollt ist, daft sie sein will eine 
Erfullung desjenigen, was die Zeichen der Zeit mit leuchtenden 
Lettern zu den Herzen der Menschen sprechen. 

Nur wenn wir in dieser Art die anthroposophische Bewegung in 
uns selbst zu unserer tiefsten Herzensangelegenheit machen kon- 
nen, wird die Anthroposophische Gesellschaft bestehen. Wenn wir 
das nicht konnen, wird sie nicht bestehen. Denn das wichtigste von 
allem, was hier getan werden soil in diesen Tagen, ist zu tun in Ihrer 
aller Herzen, meine lieben Freunde. Was wir sagen und horen, wir 
werden es nur in der rechten Weise zum Ausgangspunkt fiir die Ent- 
wickelung der anthroposophischen Sache machen, wenn unser 
Herzblut dafiir zu schlagen fahig ist. Und aus diesem Grunde eigent- 
lich, meine lieben Freunde, haben wir Sie hierher gerufen, um im 
echten anthroposophischen Sinne eine Harmonie von Herzen her- 
vorzurufen. Und wir geben uns der Hoffnung hin, daft gerade dieser 
Appell in der rechten Weise verstanden werden konne. 

Meine lieben Freunde, erinnern Sie sich nur, wie die anthroposo- 
phische Bewegung begonnen hat. In der mannigfaltigsten Weise 
wirkte in ihr dasjenige, was geistige Offenbarung sein sollte fiir das 
herankommende 20. Jahrhundert, und gegeniiber vielem Negati- 
ven darf ja doch wohl das Positive in starker Weise hier zum Aus- 
drucke kommen, daft die mannigfaltigen Gestaltungen des geistigen 
Lebens, die durch dies oder jenes in der aufteren Gesellschaft in inne- 
re Kreise geflossen sind, wirklich die Herzen unserer lieben anthro- 
posophischen Freunde getroffen haben. Und wir konnten ja dann 
auch in einem bestimmten Zeitpunkte aufnicken dazu, in den 
Mysteriendichtungen zu zeigen, wie Menschlich-Intimes, mensch- 
liche Herzens- und Seelenangelegenheiten gekniipft sind an die gro- 
ften kosmischen Ereignisse und an die groften historischen Ereignis- 
se der Menschheitsentwickelung. Und ich glaube doch, daft man- 
ches von dem, was diesen Zusammenhang der einzelnen mensch- 
lichen Seele mit dem seelisch-geistig-gottlichen Wirken im Kosmos 
betrifft, unseren Freunden wahrend der lieben, teuren vier bis fiinf 



Jahre, in denen in Miinchen die Mysterien aufgefiihrt worden sind, 
durch die Seele gezogen ist. 

Dann kam ja dasjenige, was Sie in seinen verheerenden Wirkun- 
gen alle kennen: der sogenannte Weltkrieg. Alle Bemiihungen gin- 
gen dahin, in jener schwierigen Zeit die anthroposophische Sache so 
zu fiihren, dafi sie durch alle Hindernisse und Hemmnisse, die sich 
ja notwendigerweise wahrend dieses Weltkrieges ergeben mufiten, 
hindurchfahren konnte. 

Nun kann ja nicht geleugnet werden, daft manches, was aus der 
Notwendigkeit der Zeitverhaltnisse getan worden ist, mifrverstan- 
den worden ist auch in den Kreisen unserer anthroposophischen 
Freunde. Uber jene Stimmungen, welche die Menschheit so zerkluf- 
tet haben in alle moglichen Menschengruppen im letzten Jahrzehnt, 
uber die Stimmungen, die dieser Weltkrieg heraufgebracht hat, es 
wird ja erst in der Zukunft in entsprechender Weise von einer gro- 
fieren Anzahl von Menschen ein Urteil zu gewinnen sein. Heute 
beurteilt man ja das Ungeheuerliche, das gerade als die Folge dieses 
Weltkrieges unter uns alien lebt, noch durchaus nicht in der richti- 
gen Art. Und so darf man schon sagen: In einer gewissen Weise ist 
schon die Anthroposophische Gesellschaft - nicht die Bewegung - 
zerkluftet aus dem Weltkriege hervorgegangen. 

Und dann ist mancherlei gekommen - schon unser lieber Freund 
Herr Steffen hat darauf hingedeutet -, was in nicht minder mifiver- 
standlicher Weise hereingestellt worden ist in unsere Anthroposo- 
phische Gesellschaft. Doch ich mochte heute im wesentlichen nur 
von dem Positiven sprechen. Ich mochte darauf aufmerksam ma- 
chen, dafi, wenn diese Versammlung in der rechten Weise verlauft, 
wenn diese Versammlung sich so recht bewulk wird, wie Geistig- 
Esoterisches die Grundlage all unseres Wirkens und Wesens sein 
mufi, jene geistigen Samen, die iiberall da sind, erwarmt von Ihrer 
Stimmung und Ihrem Enthusiasmus, dann werden aufgehen kon- 
nen. Und wir wollen heute eben auf der einen Seite die Stimmung 
haben, die in ihrem wahren Ernste das zu nehmen versteht: Das Au- 
fiere ist Maja, Illusion; aus der Maja und Illusion keimt auf, zum 
Entziicken - nicht fur unsere Schwache, aber zum Entziicken fur 



unsere Kraft, fur den Willen, den wir entfalten wollen - dasjenige, 
was unsichtbar unter uns leben kann, das, was in zahlreichen Samen 
unsichtbar unter uns leben kann. Bereiten Sie, meine lieben Freun- 
de, Ihre Seelen, dafi diese Seelen aufnehmen diese Samen; denn Ihre 
Seelen sind der rechte Grund und Boden zu dem Keimen, zu dem 
Enfalten, zu dem Entwickeln dieser Geistessamen. Und die sind die 
Wahrheit. Die glanzen doch heraus wie mit Sonnenschein, der alles 
Trummerhafte iiberstrahlt, auf das unser aufterer Blick fallt. Lassen 
wir die tiefste Aufforderung des Anthroposophischen, iiberhaupt 
alles Spirituellen gerade heute hineinglanzen in unsere Seelen: auften 
Maja und Illusion, im Innern voll sich entfaltende Wahrheit, voll 
sich entfaltendes Gottes- und Geistesleben. Anthroposophie soil 
leben dasjenige, was in ihr als Wahrheit erkannt wird. 

Und wo leben wir die Lehre von der Maja und von dem Lichte 
der Wahrheit? Leben wir sie vor alien Dingen wahrend dieser unse- 
rer Weihnachtstagung, und lassen wir uns wahrend dieser unserer 
Weihnachtstagung das Aufleuchten des Weltenlichtes vor den nur 
die Armut ihres Herzens in sich tragenden Hirten wie den die Weis- 
heit aller Welt in sich tragenden koniglichen Magiern, lassen wir uns 
dieses auflammende Weihnachtslicht, Weihnachtsweltenlicht zum 
Sinnbilde fur das werden, was durch unsere eigenen Herzen und 
Seelen geschehen soil! 

Dasjenige, was iiber diese Worte hinaus noch zu sagen ist, werde 
ich ja morgen bei der sogenannten Grundsteinlegung der Anthropo- 
sophischen Gesellschaft zu sagen haben. Jetzt aber mochte ich, meine 
lieben Freunde, dies zu Ihnen sprechen: Ich mochte sagen, dafi mir 
tief zur Seele gegangen ist in den letzten Wochen die Frage: Was soli 
nun eigentlich gerade bei dieser Weihnachtstagung zum Aus gangs - 
punkte genommen werden, und was lehren die Erfahrungen der 
zehn Jahre, seit denen die Anthroposophische Gesellschaft besteht? 

Und aus alledem, meine lieben Freunde, erstand fur mich eine 
Fragenalternative. Ich hatte ja aus guten Grunden im Jahre 1912, 
1913 gesagt, dafi die Anthroposophische Gesellschaft als solche sich 
nunmehr selber leiten miisse, sich nunmehr selber fuhren musse, 
und daft ich mich auf den Platz des Beratenden, des nicht unmittel- 



bar in die Handlungen Eingreifenden zuriickziehen miisse. Nun, 
heute stehen die Dinge so, dafi in den letzten Wochen nach schwe- 
rem innerem Uberwinden eben in mir die Erkenntnis aufgestiegen 
ist: Es wiirde mir unmoglich sein, die anthroposophische Bewegung 
innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft weiterzufiihren, 
wenn diese Weihnachtstagung nicht zustimmen wiirde darin, daft 
ich nun wiederum selber in aller Form die Leitung, beziehungsweise 
den Vorsitz der hier in Dornach am Goetheanum zu begriindenden 
Anthroposophischen Gesellschaft ubernehme. 

Es ist ja wahrend einer Stuttgarter Tagung gerade fur mich notig 
geworden, jenen schweren Entschluft zu fassen, den Rat zu geben, 
die Gesellschaft in Deutschland in zwei Gesellschaften zu teilen: in 
die Fortsetzung der alten Gesellschaft und in die Begriindung der- 
jenigen Gesellschaft, in der vorzugsweise die Jugend vertreten sein 
sollte: der Freien Anthroposophischen Gesellschaft. 

Ich sage Ihnen, meine lieben Freunde, es war dazumal ein schwe- 
rer Entschluft, diesen Rat zu geben. Es war das aus dem Grunde ein 
schwerer Entschluft, weil im Grunde genommen ein solcher Rat 
alien Grundfesten der Anthroposophischen Gesellschaft wider- 
sprach. Denn, wenn nicht diese, welche Vereinigung von Menschen 
hier in der irdischen Welt sollte ein Statte sein dafiir, daft die Jugend, 
die heutige Jugend, sich voll darinnen geborgen fuhlt! Es war eine 
Anomalie. Und es war vielleicht eins der bedeutsamsten Symptome, 
die dann einflossen in den Entschluft, Ihnen hier zu sagen, daft ich 
die anthroposophische Bewegung in der Anthroposophischen Ge- 
sellschaft nur weiterfuhren kann, wenn ich selber in der Anthropo- 
sophischen Gesellschaft, die hier neu begrundet werden soil, den 
Vorsitz iibernehmen kann. Es ist ja so, daft mit der Jahrhundertwen- 
de tief, tief im Innern des geistigen Geschehens etwas vorgegangen 
ist, etwas, was sich in seinen Wirkungen zeigt in den aufteren Ereig- 
nissen, unter denen die Menschen auf Erden stehen. 

Einer der groftten Umschwunge ist auf geistigem Gebiet gesche- 
hen. Er hat sich vorbereitet Ende der siebziger Jahre, er ist zu seiner 
Kulmination gekommen gerade mit der Jahrhundertwende. Alte in- 
dische Weisheit hat auf ihn hingedeutet als das Ende des Kali Yuga. 



Viel, viel, meine lieben Freunde, ist damit gesagt. Und wenn ich in 
der letzten Zeit in mannigfaltiger Weise jungen Freunden in alien 
mir zuganglichen Landern der Welt entgegengetreten bin - immer 
wieder und wieder -, mute ich mir sagen: Das, was in diesen ju- 
gendlichen Herzen schlagt, was in einer so schonen und oftmals 
auch so unbestimmten Weise entgegenlodert geistiger Betatigung, 
das ist der aufiere Ausdruck fur dasjenige, was im tiefsten Inneren 
des geistigen Weltenwebens im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts 
bis zum 20. Jahrhundert hin sich vollzogen hat. Und, meine lieben 
Freunde, es soil dies nichts Negatives sein, es ist fur mich etwas Posi- 
tives, was ich nun sagen will: Oftmals, wenn ich gerade der Jugend 
entgegengetreten bin, wie sie nun wiederum gestrebt hat, sich zu 
diesem oder jenem zu vereinigen, da pafite immer wiederum nicht 
die Form der Vereinigung zu dem, was eigentlich gewollt war. Da 
standen immer wiederum und wiederum diese oder jene Bedingun- 
gen, wie man sein miisse oder was man tun miisse, wenn man einer 
solchen Vereinigung angehoren soil. 

Sehen Sie, das alles zog sich zusammen zu der Empfindung, daft 
ja der Grundmangel der Theosophischen Gesellschaft, aus der die 
Anthroposophische herausgewachsen ist, in der Formulierung ihrer 
drei Grundsatze bestand. Da mufite man sich zu etwas bekennen. 
Und die Art und Weise, wie man schon Aufnahmeformulare unter- 
schreiben mufite, so dafi es das Ansehen hatte, man miisse sich zu 
etwas dogmatisch bekennen, das ist etwas, was absolut nicht mehr 
in die Grundverfassung der Menschenseelen in unserer Zeit herein- 
pafk. Die Menschenseele von heute ist der Empfindung nach fremd 
gegeniiber aller Dogmatik und ist im Grunde genommen fremd ge- 
genuber allem sektiererischen Wesen. Und nicht zu leugnen ist, daft 
es schwierig ist, gerade dieses sektiererische Wesen innerhalb der 
Anthroposophischen Gesellschaft abzustreifen. Aber es mufi abge- 
streift werden. Und es darf auch kein Faserchen davon in der Zukunft 
in der neuen, zu griindenden Anthroposophischen Gesellschaft drin- 
nen sein. Die mufi eine wirkliche Weltgesellschaft sein. Bei der mufi 
derjenige, der sich ihr anschliefk, das Gefiihl haben: Ja, da finde 
ich dasjenige, was mich bewegt. Da mufi der Alte die Empfindung 



haben: Da finde ich etwas, was ich Zeit meines Lebens angestrebt 
habe im Verein mit anderen Menschen. Da muf5 der jugendliche 
Mensch die Empfindung haben: Da finde ich etwas, was meiner Ju- 
gend entgegenkommt. - Denn gern hatte ich schon dazumal, als die 
Freie Anthroposophische Gesellschaft begriindet worden ist, man- 
chem jungen Freunde geantwortet auf die Frage: Was ist die Auf- 
nahmebedingung fur die Freie Anthroposophische Gesellschaft? -, 
gern hatte ich schon dazumal geantwortet, was ich jetzt zur Ant- 
wort geben mochte: Nichts anderes ist die Bedingung, als in dem 
Sinne wirklich jung zu sein, in dem man jung ist, wenn alle Impulse 
der Gegenwart diese jugendlichen Seelen erftillen. 

Und wie ist man im richtigen Sinne, meine lieben Freunde, alt in 
der Anthroposophischen Gesellschaft? Wenn man ein Herz hat 
dafur, was fur jung und alt als Weltenjugendhaftes heute aus geisti- 
gen Untergriinden in die Menschheit hineinsprudelt, erneuernd alle 
unsere Lebensgebiete. 

Ich deute Ihnen nur stimmungsgemafi an, was mich dazu bewo- 
gen hat, nunmehr diese Aufgabe zu ubernehmen, der Anthroposo- 
phischen Gesellschaft selber vorzustehen. Diese Anthroposophische 
Gesellschaft - solches geschieht ja oftmals - hat schon mancherlei 
Bezeichnungen gefunden. So zum Beispiel hat sie die Bezeichnung 
gefunden: «Internationale Anthroposophische Gesellschaft». Nun, 
meine lieben Freunde, sie soil nicht eine Internationale, sie soil nicht 
eine nationale Gesellschaft sein, und ich mochte hier die herzliche 
Bitte aussprechen, das Wort « Internationale Gesellschaft» niemals 
zu gebrauchen, sondern nur davon zu sprechen, daft es eine «Allge- 
meine Anthroposophische Gesellschaft» gibt, die ihren Mittelpunkt 
haben will hier am Goetheanum in Dornach. 

Und Sie werden sehen, die Statuten sind in einer Weise abgefafk, 
dafi alles VerwaltungsmafSige, alles, was jemals durch sich selber 
Veranlassung geben konnte, in Biirokratie umzuschlagen, aus diesen 
Statuten heraufien ist. Diese Statuten sind auf das rein Menschliche 
eingestellt. Sie sind nicht eingestellt auf Prinzipien, sie sind nicht 
eingestellt auf Dogmen, sondern in diesen Statuten ist etwas gesagt, 
was rein an das Tatsachliche und Menschliche anknupft, meine lie- 



ben Freunde. In diesen Statuten ist gesagt: Hier in Dornach besteht 
das Goetheanum. Dieses Goetheanum ist in einer gewissen Weise 
geleitet. In diesem Goetheanum versucht man zu leisten diese und 
jene Arbeit. In diesem Goetheanum versucht man die Menschheits- 
entwickelung in dieser oder jener Weise zu fordern. Wie weit das 
Wort «richtig» oder «unrichtig» nun darauf anzuwenden ist, dariiber 
darf in Statuten, die wirklich im modernen Sinne gehalten sind, 
nichts stehen. Allein die Tatsache steht da, dafi es ein Goetheanum 
gibt, da£ mit diesem Goetheanum Menschen verbunden sind, die 
dies oder jenes in diesem Goetheanum tun und glauben, dafi sie mit 
diesem Tun die Menschheitsentwickelung fordern. 

Von demjenigen, der sich dieser Gesellschaft anschliefSen will, 
wird kein Prinzip gefordert; kein Glaubensbekenntnis, keine wis- 
senschaftliche Uberzeugung, keine kiinstlerische Intention wird ir- 
gendwie dogmatisch hingestellt, sondern lediglich das gefordert, dafi 
er sich heimisch darinnen fiihlt, verbunden zu sein mit dem, was am 
Goetheanum geschieht. 

Gerade bei dieser Gestaltung der Statuten ist versucht worden, 
von allem Prinzipiellen herauszuheben dasjenige, was hier begriin- 
det werden soli, und es auf das reinst Menschliche zu stellen. Schau- 
en Sie sich daher die Menschen an, die Ihnen die Vorschlage machen 
fur die Begriindungen, die hier gepflogen werden sollen in den nach- 
sten Tagen, ob Sie zu Ihnen Vertrauen haben konnen oder nicht. 
Und erklaren Sie bei dieser Griindungsversammlung, dafi Sie einver- 
standen sind mit dem, was in Dornach vollzogen werden will: dann 
haben Sie ein Tatsachliches erklart; dann haben Sie sich in keiner 
Weise gebunden, dann haben Sie ein Tatsachliches aus Ihrer Empfin- 
dung heraus erklart. Und dann wird sich alles andere finden. Ja, es 
wird sich finden. Dann wird man nicht notig haben, von vornherein 
auch von Dornach aus ein Heer von Vertrauensleuten zu designie- 
ren oder zu ernennen, sondern dann wird die Anthroposophische 
Gesellschaft dasjenige sein, auf das ich ofter hingedeutet habe, als ich 
zu meiner groften Befriedigung anwesend sein durfte bei der Griin- 
dung der einzelnen Landergesellschaften. Dann wird die Anthropo- 
sophische Gesellschaft das sein, was auf der Grundlage dessen, was 



sich in diesen Landergesellschaften gebildet hat, als Selbstandiges 
entstehen kann. Dann aber auch werden diese Landergesellschaften 
wirklich autonom sein. Dann wird jede Gruppe, die sich in dieser 
Anthroposophischen Gesellschaft bildet, wirklich autonom sein. 

Damit wir aber auf diesen menschlichen Standpunkt kommen, 
meine lieben Freunde, miissen wir uns klar sein dariiber, dafi wir 
heute gerade mit einer Gesellschaft, welche auf geistigen Grundla- 
gen in der Art gebaut ist, wie ich es dargelegt habe, auf zwei Schwie- 
rigkeiten stofien. Diese Schwierigkeiten miissen wir hier iiberwin- 
den, so daft sie in der Zukunft nicht mehr da sein werden, wie sie in 
der Vergangenheit der Anthroposophischen Gesellschaft da waren. 

Die eine Schwierigkeit ist diese: Das Zeitbewufksein in der Ge- 
genwart - jeder, der dieses Zeitbewufksein richtig versteht, wird 
dem zustimmen, wie ich glaube - fordert fur alles, was geschieht, die 
voile Offentlichkeit. Und eine auf festen Grundlagen gebaute Ge- 
sellschaft darf vor alien Dingen nicht gegen diese Zeitforderung ver- 
stofien. Es kann einem ja ganz gut besser gefallen, fur das oder jenes 
auch in der aufieren Form das Geheimnis in Anspruch zu nehmen. 
Aber gerade eine Gesellschaft, die in solcher Weise auf eine Wahr- 
heitsgrundlage gebaut ist wie diese, wird jedesmal, wenn sie dieses 
Geheimnis fur sich im Ernste in Anspruch nimmt, mit dem Zeit- 
bewulksein in Widerspruch kommen, und es werden die ernstesten 
Hindernisse fur den Fortgang der Gesellschaft entstehen. Daher 
konnen wir heute eben gar nicht anders, meine lieben Freunde, als 
fur die zu griindende Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft 
die voile Offentlichkeit in Anspruch nehmen. 

Sie mull, wie ich bereits ausgefiihrt habe in einem der allerersten 
Aufsatze, die in «Luzifer-Gnosis» erschienen sind, als Anthroposo- 
phische Gesellschaft so dastehen vor der Welt, wie irgendeine ande- 
re Gesellschaft, die meinetwillen zu naturforscherischen oder ahnli- 
chen Zwecken begriindet wird. Unterscheiden von all diesen ande- 
ren Gesellschaften mufi sie sich nur durch dasjenige, was als Inhalt 
durch ihre Adern lauft. In der Form, wie sich die Menschen zusam- 
menfinden, kann ein Unterschied gegeniiber anderen Gesellschaften 
in der Zukunft nicht mehr bestehen. Malen Sie sich nur aus, was wir 



alles hinwegs chaff en, wenn wir von vornherein erklaren, daft wir 
fiir die Anthroposophische Gesellschaft die voile Offentlichkeit 
gelten lassen. 

Wir miissen uns durchaus auf den Boden der Wirklichkeit stellen, 
das heiftt auf den Boden des gegenwartigen Zeitbewufttseins. Das 
aber bedingt, meine lieben Freunde, daft in der Zukunft in bezug auf 
unsere Zyklen ganz andere Usancen eintreten, als sie in der Vergan- 
genheit iiblich waren. Die Geschichte dieser Zyklen ist ja ein tragi - 
sches Kapitel innerhalb der Entwickelung unserer Anthroposophi- 
schen Gesellschaft. Diese Zyklen sind zunachst erschienen, indem 
man geglaubt hat, man konne sie in einem gewissen Kreise erhalten; 
sie sind erschienen fiir die Angehorigen der Anthroposophischen 
Gesellschaft. Heute sind sie langst in solcher Lage, daft die Gegner 
mit Bezug auf die auftere Kundgebung iiber die Dinge nun viel mehr 
sich fiir unsere Zyklen interessieren als die Angehorigen der Gesell- 
schaft selber. Nicht innerlich, Sie miissen mich nicht miftverstehen, 
nicht innerlich. Innerlich beschaftigen sich schon die Angehorigen 
unserer Gesellschaft mit diesen Zyklen. Aber das bleibt eben nur in- 
nerlich, das bleibt eben Egoismus, wenn auch schoner gesellschaftli- 
cher Egoismus. Das Interesse, das seine Wogen hinausschlagt in die 
Welt, das Interesse, das die Gesellschaft abstempelt gegemiber der 
Welt, dieses Interesse bringen heute die Gegner den Zyklen entge- 
gen. Und wir erleben es, daft ein Zyklus heute erscheint - und in 
drei Wochen zitiert ist in der schlimmsten gegnerischen Schrift. Wir 
stecken die Augen in den Sand und glauben, weil es fiir uns finster 
ist, ist es auch drauften in der Welt finster - wenn wir die alte 
Gepflogenheit mit den Zyklen weitertreiben. 

Daher erstand fiir mich, ich mochte sagen, schon seit Jahren die 
Frage: Was ist mit den Zyklen eigentlich zu machen? Und heute ist 
keine andere Moglichkeit, als die Grenzwand, die man bisher phy- 
sisch ziehen wollte und die iiberall durchschlagen worden ist, diese 
Grenzwand moralisch zu ziehen. 

Das habe ich versucht, im Statutenentwurf zu tun. Die Zyklen sol- 
len nun in der Zukunft alle ausnahmslos offentlich verkauft werden, 
gerade so wie andere Biicher. Aber, meine lieben Freunde, denken 



Sie sich, es gabe irgendwo ein Buch iiber die Integration partieller 
Differentialgleichungen. Das Buch ist fur eine grofte Anzahl von 
Menschen aufterordentlich esoterisch, und vielleicht gehe ich gar 
nicht fehl, wenn der esoterische Kreis, der sich fruchtbringend be- 
schaftigen kann mit der Integration partieller Differentialgleichun- 
gen oder linearer Differentialgleichungen, auch jetzt innerhalb die- 
ser zwei Sale ein aufterordentlich kleiner ist. Man kann namlich die- 
sen esoterischen Kreis fur die Integration linearer oder partieller Dif- 
ferentialgleichungen sehr klein ziehen, aber man kann dieses Buch 
an alle verkaufen. Wenn aber dann einer kommt, der nicht nur 
nichts von partiellen Differentialgleichungen versteht, sondern der 
iiberhaupt nicht differenzieren und integrieren kann, der vielleicht 
nicht einmal von den Logarithmen etwas anderes weift, als daft ein 
Logarithmenbuch das ist, was einmal einem seiner Sonne gehort hat - 
als Vater hat er nichts von Logarithmen gewuftt, aber die Sonne 
muftten lernen, was Logarithmen sind -, da hat er in das Logarith- 
menbuch hineingeschaut und hat da eine Zahl nach der anderen ge- 
sehen und nichts davon verstanden. Nun haben ihm die Sohne ge- 
sagt, das seien die Hausnummern von alien Stadten der Welt. Der 
Vater hat dann gemeint: Nun ja, das ist sehr vorteilhaft, daft man 
solche Sachen lernt, man weift dann gleich, wenn man nach Paris 
kommt, welches die Hausnummer von dem oder jenem Hause ist. 

Sie sehen, es ist unschadlich, wenn derjenige, der von einer Sache 
nichts versteht, iiber diese Sache urteilt, denn man sagt: Das ist ein 
Dilettant, das ist ein Laie. - Und das Leben selber zieht die Grenze 
in bezug auf die Urteilsfahigkeit und Nichturteilsfahigkeit. 

Daher kann auch wenigstens der Versuch gemacht werden, inner- 
halb unserer anthroposophischen Erkenntnisse die Grenze nun 
nicht weiter auf physische, sondern auf moralische Weise zu ziehen. 
Wir verkaufen die Zyklen an alle, die sie haben wollen, erklaren 
aber von vorneherein, wer uns so kompetent erscheint fur die Beur- 
teilung dieser Zyklen, daft wir auf sein Urteil etwas geben; jeder an- 
dere ist den Zyklen gegeniiber Laie. Und wir erklaren, daft wir uns 
in der Zukunft iiberhaupt nicht mehr einlassen auf das Urteil, das 
von einem Laien iiber die Zyklen gefallt wird. Das ist der einzige 



moralische Schutz, den wir finden konnen. Wir werden es dahin 
bringen, wenn wir ihn nur richtig durchfiihren, daft unsere Dinge 
ebenso aufgefaftt werden wie die Biicher iiber die Integration partiel- 
ler Differentialgleichungen, so daft die Leute allmahlich einsehen 
werden, daft es ebenso absurd ist, wenn irgendeiner, auch wenn er in 
anderen Dingen noch so gelehrt ist, iiber einen Zyklus urteilt, wie es 
absurd ist, wenn einer, der nicht einmal die Logarithmen kennt, ein 
Urteil abgibt und sagt: Das ist ja lauter Unsinn, was in diesem Buche 
iiber partielle Differentialgleichungen stent! - Dahin miissen wir es 
bringen, daft auch der Unterschied zwischen dem Laien und dem 
Sachverstandigen in der richtigen Weise gezogen werden kann. 

Ein weiteres, meine lieben Freunde, was uns grofte Schwierigkei- 
ten bereitet, ist dieses, daft nicht iiberall in durchgreifender Art die 
Impulsivitat der anthroposophischen Bewegung in der richtigen 
Weise eingeschatzt wird. Man kann einfach da oder dort Urteile ho- 
ren, die ganz und gar die anthroposophische Bewegung dadurch ver- 
leugnen, daft sie sie in Parallele bringen mit dem, was durch sie fur 
die Menschheitsentwickelung abgelost werden soil. Mir ist es erst in 
den letzten Tagen wiederum passiert, daft mir jemand gesagt hat: 
Wenn man vor diese oder jene Leute dasjenige hintragt, was die 
Anthroposophie gibt, da nehmen es sogar die starksten Praktiker 
an; man darf ihnen nur nicht von Anthroposophie und Dreigliede- 
rung sprechen, man muft diese verleugnen. - Sehen Sie, das ist etwas, 
was von vielen gepflogen worden ist seit vielen Jahren. Das ist das 
Falscheste, was wir tun konnen. Wir miissen iiberall unter dem Zei- 
chen der vollen Wahrheit, auf welchem Gebiete es auch ist, als Ver- 
treter des anthroposophischen Wesens in der Welt auftreten, und 
wir miissen uns bewuftt werden, daft, insofern wir das nicht kon- 
nen, wir eben eigentlich die anthroposophische Bewegung nicht for- 
dern konnen. Alles verschleierte Eintreten fur die Anthroposophi- 
sche Bewegung fiihrt doch zuletzt zu keinem Heil. 

Natiirlich ist in solchen Dingen alles individuell. Es kann nicht 
alles in eine Schablone eingefaftt werden, aber was ich eigentlich 
meine, ist dieses. Ich will es an mehreren Beispielen klar machen, 
was ich meine. 



Da ist die Eurythmie. Die Eurythmie wird so, wie ich es ja auch 
gestern im Beginne der Eurythmie-Vorstellung gesagt habe, wirklich 
aus den tiefsten Untergriinden des anthroposophischen Wesens her- 
aus geholt und gepflegt. Und dessen mufi man sich bewufit sein, daft 
mit der Eurythmie, so unvollkommen sie heute noch sein mag, et- 
was in die Welt hineingestellt wird, was ein ganz Urspriingliches ist, 
ein Primares, und was in keiner Weise verglichen werden darf mit ir- 
gend etwas anderem, was scheinbar ahnlich heute in der Welt auf- 
tritt. Diesen Enthusiasmus mussen wir fur unsere Sache aufbringen, 
dafi wir die aufierlichen oberflachlichen Vergleichsmoglichkeiten 
ausschliefien. Ich weift, wie ein solcher Satz mifiverstanden werden 
kann, aber ich spreche ihn dennoch hier im Kreise von Ihnen, meine 
lieben Freunde, aus; denn er driickt eine der Grundbedingungen fur 
das Gedeihen der anthroposophischen Bewegung in der Anthropo- 
sophischen Gesellschaft aus. 

Ebenso habe ich zum Beispiel in der letzten Zeit viel Blut schwit- 
zen mussen, mochte ich sagen - es ist naturlich symbolisch gemeint -, 
uber allerlei Diskussionen iiber jene Form des Rezitierens und De- 
klamierens, wie sie in unserer Gesellschaft durch Frau Dr. Steiner 
ausgebildet worden ist. Ebenso wie die Eurythmie, ist der Grund- 
nerv dieses Deklamierens und Rezitierens derjenige, der aus anthro- 
posophischer Grundlage heraus geholt und gepflegt ist, und auf die- 
sen Grundnerv muE man sich einstellen. Den mufi man erkennen 
und nicht glauben, daft wenn man da oder dort irgendeinen Fetzen 
von dem, was nun gut oder sogar besser in anderen ahnlichen For- 
mationen da ist, hineinfiihrt, so kame etwas Besseres heraus. Dieses 
Urspriinglichen, dieses Primaren, dessen mufi man sich bewufit sein 
auf alien unseren Gebieten. 

Ein drittes Beispiel: Eines derjenigen Gebiete, wo Anthroposo- 
phie besonders fruchtbar werden kann, ist das medizinische. Ganz 
gewifi wird Anthroposophie fur das Medizinische, namentlich fur 
die Therapeutik unfruchtbar bleiben, wenn die Tendenz besteht, 
innerhalb des medizinischen Betriebes in der anthroposophischen 
Bewegung die Anthroposophie als solche in den Hintergrund zu 
drangen und etwa den medizinischen Teil unserer Sache so zu ver- 



treten, daft wir denen gefallen, die vom heutigen Gesichtspunkte aus 
Medizin vertreten. Wir miissen mit aller Courage die Anthroposo- 
phie in alles Einzelne, auch in das Medizinische, hineintragen. Nur 
dann kommen wir so zurecht, wie wir zurechtkommen miissen mit 
der Anthroposophie selber im engeren Sinne, mit dem, was Euryth- 
mie sein soil, mit dem, was Rezitation und Deklamation sein soil, 
mit dem, was Medizin sein soil, und vielem anderen, das ja als Ein- 
zelnes innerhalb unserer Anthroposophischen Gesellschaft lebt. 

Sehen Sie, damit habe ich Ihnen die Grundbedingungen wenig- 
stens angedeutet, die beim Ausgang unserer Tagung vor unsere Her- 
zen hingestellt werden miissen fur die Begriindung der Allgemeinen 
Anthroposophischen Gesellschaft. Sie muE in dem angedeuteten 
Sinne eine Gesinnungsgesellschaft, keine Statutengesellschaft sein. 
Die Statuten miissen nur aufterlich ausdriicken dasjenige, was leben- 
dig in den Seelen ist. 

Und so mochte ich denn den Statutenvorschlag* nun zur Verle- 
sung bringen, der in der Richtung orientiert ist, wie ich nun, aller- 
dings zunachst in fluchtiger Weise, hier angedeutet habe: 

«Statuten der Anthroposophischen Gesellschaft» 

«1. Die Anthroposophische Gesellschaft soil eine Vereinigung 
von Menschen sein, die das seelische Leben im einzelnen Menschen 
und in der menschlichen Gesellschaft auf der Grundlage einer wah- 
ren Erkenntnis der geistigen Welt pflegen wollen.» 

«2. Den Grundstock dieser Gesellschaft bilden die in der Weih- 
nachtszeit 1923 am Goetheanum in Dornach versammelten Person- 
lichkeiten, sowohl die einzelnen, wie auch die Gruppen, die sich 
vertreten lieften. Sie sind von der Anschauung durchdrungen, daft es 
gegenwartig eine wirkliche Wissenschaft von der geistigen Welt 
schon gibt und daft der heutigen Zivilisation die Pflege einer solchen 
Wissenschaft fehlt. Die Anthroposophische Gesellschaft soil diese 
Pflege zu ihrer Aufgabe haben. Sie wird diese Aufgabe so zu losen 
versuchen, daft sie die im Goetheanum zu Dornach gepflegte anthro- 

* Siehe die handschriftliche Vorlage und die jedem Teilnehmer ausgehandigten gedruckten 
Statuten in der Beilage 1 und 2. 



posophische Geisteswissenschaft mit ihren Ergebnissen fur die Brii- 
derlichkeit im menschlichen Zusammenleben, fiir das moralische und 
religiose sowie fiir das kunstlerische und allgemein geistige Leben 
im Menschenwesen zum Mittelpunkte ihrer Bestrebungen macht.» 

Merken Sie, meine lieben Freunde, wie damit gebaut ist nicht auf 
Grundsatze, sondern auf Menschen, auf diejenigen Menschen, die 
hier versammelt sind. Und was werden die anderen erklaren, die 
hinzukommen? Dafi sie mit diesen Menschen im Wesentlichen ein- 
verstanden sind in bezug auf dasjenige, was hier steht. So ist von 
alien Abstraktionen abgesehen, auf Menschen diese Anthroposophi- 
sche Gesellschaft gebaut. 

«3. Die als Grundstock der Gesellschaft in Dornach versammel- 
ten Pers6nlichkeiten» - Sie sehen, iiberall sind die Personlichkeiten 
die, auf die es ankommt - «erkennen zustimmend die Anschauung 
der Goetheanum-Leitung in bezug auf das Folgende an: <Die im 
Goetheanum gepflegte Anthroposophie fiihrt zu Ergebnissen, die je- 
dem Menschen ohne Unterschied der Nation, des Standes, der Reli- 
gion als Anregung fiir das geistige Leben dienen konnen. Sie konnen 
zu einem wirklich auf bruderliche Liebe aufgebauten sozialen Leben 
fiihren. Ihre Aneignung als Lebensgrundlage ist nicht an einen wis- 
senschaftlichen Bildungsgrad gebunden, sondern nur an das unbe- 
fangene Menschenwesen.»> 

Damit ist ausgedriickt, dafi dasjenige, was hier als Ergebnis er- 
scheint, fiir alle Menschen verstandlich ist in dem Sinne, als die un- 
befangene Menschenseele ihm entgegenkommen kann. 

Etwas anderes ist es aber - und das kommt gleich zum Ausdruk- 
ke - mit der Forschung iiber dasjenige, was zu diesen Ergebnissen 
fiihrt. Diese Forschung mufi streng unterschieden werden. Daher 
heifit es weiter: 

«<Ihre Forschungund die sachgemafie Beurteilung ihrer Forschungs- 
ergebnisse unterliegt aber der geisteswissenschaftlichen Schulung, 
die stufenweise zu erlangen ist. Diese Ergebnisse sind auf ihre Art so 
exakt wie die Ergebnisse der wahren Naturwissenschaft. Wenn sie 
in derselben Art wie diese zur allgemeinen Anerkennung gelangen, 
werden sie auf alien Lebensgebieten einen gleichen Fortschritt wie 



diese bringen, nicht nur auf geistigem, sondern auch auf prakti- 
schem Gebiete.»> 

«4. Die Anthroposophische Gesellschaft ist keine Geheimgesell- 
schaft, sondern eine durchaus offentliche. Ihr Mitglied kann jeder- 
mann ohne Unterschied der Nation, des Standes, der Religion, der 
wissenschaftlichen oder kunstlerischen Uberzeugung werden, der in 
dem Bestand einer solchen Institution, wie sie das Goetheanum in 
Dornach als Freie Hochschule fur Geisteswissenschaft ist, etwas 
Berechtigtes sieht.» 

Sie sehen, meine lieben Freunde, es ist sogar die Vorsicht ge- 
braucht, dafi nicht einmal hier, wo es exakt darauf ankommen mufi, 
wodurch man Mitglied werden kann, nicht einmal hier gesagt ist, 
daft derjenige, der Mitglied werden will, in dem Bestand des Goethe- 
anums, sondern nur «einer solchen Institution, wie sie das Goethe- 
anum in Dornach als Freie Hochschule fur Geisteswissenschaft ist, 
etwas Berechtigtes sieht.» - Sie miissen sich alle einzelnen Wendungen 
dieses Statuten-Entwurfes entsprechend grundlich iiberlegen. Er ist 
kurz. Statuten sollen kurz sein, sollen nicht ein Buch darstellen; aber 
Sie werden sehen, es ist jede einzelne Wendung so zu geben versucht, 
daft sie aus dem unmittelbaren Bewufttsein heraus geschrieben ist. 

«Die Gesellschaft lehnt jedes sektiererische Bestreben ab. Die 
Politik betrachtet sie nicht als in ihren Aufgaben liegend.» 

Diesen Satz brauchen wir, weil zahlreiche Mifiverstandnisse aus 
allerdings nicht klarem Verhalten vieler unserer Mitglieder wahrend 
der Dreigliederungszeit entstanden sind. Anthroposophie ist viel- 
fach zu dem Ansehen gekommen, als ob sie sich in die politischen 
Angelegenheiten der Welt hineinmischen wollte - was sie nie getan 
hat, nie tun kann - dadurch, daft die Dreigliederungssache von unse- 
ren Freunden vielfach an die politischen Parteien herangebracht 
worden ist, was von vornherein ein Fehler bei diesen Freunden war. 

«5. Die Anthroposophische Gesellschaft sieht ein Zentrum ihres 
Wirkens in der Freien Hochschule fur Geisteswissenschaft in Dorn- 
ach. Diese wird in drei Klassen bestehen.» 

Bitte, erschrecken Sie nicht vor diesen drei Klassen, meine lieben 
Freunde. Die drei Klassen waren urspriinglich in der Anthroposo- 



phischen Gesellschaft schon da, nur in einer anderen Form, bis zum 
Jahre 1914. 

«In dieselbe werden auf ihre Bewerbung hin aufgenommen die 
Mitglieder der Gesellschaft, nachdem sie eine durch die Leitung des 
Goetheanums zu bestimmende Zeit die Mitgliedschaft inne hatten. 
Sie gelangen dadurch in die erste Klasse der Freien Hochschule fur 
Geisteswissenschaft. Die Aufnahme in die zweite, beziehungsweise 
in die dritte Klasse erfolgt, wenn die urn dieselbe Ansuchenden von 
der Leitung des Goetheanums als geeignet befunden werden.» 

«6. Jedes Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft hat das 
Recht, an alien von ihr veranstalteten Vortragen, sonstigen Darbie- 
tungen und Versammlungen unter den von dem Vorstande bekannt 
zu gebenden Bedingungen teilzunehmen.» 

«7. Die Einrichtung der Freien Hochschule fur Geisteswissen- 
schaft obliegt zunachst Rudolf Steiner, der seine Mitarbeiter und 
seinen eventuellen Nachfolger zu ernennen hat.» 

Ich bemerke schon hier, da$ ich vorhabe, diese Freie Hochschule 
fur Geisteswissenschaft in der Zukunft in einzelne Sektionen zu 
verteilen, zu deren Leitung ich die hierzu geeigneten Personlichkeiten 
dann berufen werde. Diese geeigneten Personlichkeiten, welche die 
Freie Hochschule fur Geisteswissenschaft in Dornach in einzelnen 
Sektionen leiten werden, werden zu gleicher Zeit Beirate sein in 
dem zu bildenden Vorstande, von dem ich gleich nachher sprechen 
werde. 

«8. Alle Publikationen der Gesellschaft werden offentlich in der 
Art wie diejenigen anderer offentlicher Gesellschaften sein. Von die- 
ser Offentlichkeit werden auch die Publikationen der Freien Hoch- 
schule fur Geisteswisssenschaft keine Ausnahme machen;» - die 
Zyklen werden in der Zukunft heiEen: Publikationen der Freien 
Hochschule fur Geisteswissenschaft - «doch nimmt die Leitung der 
Schule fur sich in Anspruch, dafi sie von vorneherein jedem Urteile 
iiber diese Schriften die Berechtigung bestreitet, das nicht auf die 
Schulung gestiitzt ist, aus der sie hervorgegangen sind. Sie wird in 
diesem Sinne keinem Urteil Berechtigung zuerkennen, das nicht auf 
entsprechende Vorstudien gestiitzt ist, wie das in der anerkannten 



wissenschaftlichen Welt iiblich ist. Deshalb werden die Schriften der 
Freien Hochschule fiir Geisteswissenschaft» - das werden in Zukunft 
die Zyklen sein - «den folgenden Vermerk tragen: <Als Manuskript 
fiir die Angehorigen der Freien Hochschule fiir Geisteswissenschaft, 
Goetheanum, Klasse . . . gedruckt.> Es wird niemand fiir diese 
Schriften ein kompetentes Urteil zugestanden, der nicht die von die- 
ser Schule geltend gemachte Vor-Erkenntnis durch sie oder auf eine 
von ihr selbst als gleichbedeutend erkannte Weise erworben hat.» 

Kaufen kann jeder; urteilen kann nur derjenige, der der betref fen- 
den Klasse angehort, die da steht, wo dieser Vermerk aufgedruckt 
ist: «Als Manuskript fiir die Angehorigen der Freien Hochschule fur 
Geisteswissenschaft, Goetheanum, Klasse . . . gedruckt.» 

«Andere Beurteilungen werden insofern abgelehnt, als die Verfas- 
ser der entsprechenden Schriften sich in keine Diskussion iiber 
dieselben einlassen.» 

«9. Das Ziel der Anthroposophischen Gesellschaft wird die For- 
derung der Forschung auf geistigem Gebiete, das der Freien Hoch- 
schule fiir Geisteswissenschaft diese Forschung selbst sein. Eine 
Dogmatik auf irgendeinem Gebiete soil von der Anthroposophi- 
schen Gesellschaft ausgeschlossen sein.» 

«10. Die Anthroposophische Gesellschaft halt jedes Jahr um die 
Zeit des Jahresbeginns im Goetheanum eine ordentliche Jahresver- 
sammlung ab, in der von dem Vorstande ein vollstandiger Rechen- 
schaftsbericht gegeben wird. Die Tagesordnung zu dieser Versamm- 
lung wird mit der Einladung an alle Mitglieder drei Wochen vor der 
Tagung von dem Vorstande bekanntgegeben.» 

Dariiber konnen ja Beschliisse gefafk werden. 

«Aufterordentliche Versammlungen kann der Vorstand berufen 
und fiir sie die Tagesordnung festsetzen. Er soil drei Wochen vorher 
die Einladungen an die Mitglieder versenden. Antrage von einzelnen 
Mitgliedern oder Gruppen von solchen sind eine Woche vor der 
Tagung einzusenden.» 

Hier wird es sich darum handeln, noch einen Passus einzufiigen, 
dafi auch von seiten der Mitgliedschaft aufierordentliche Versamm- 
lungen verlangt werden konnen. 



«11. Die Mitglieder konnen sich auf jedem ortlichen oder sach- 
lichen Felde zu kleineren oder grofieren Gruppen zusammenschlie- 
fien.» 

Fiir die Allgemeine Gesellschaft ist jede Gruppe, auch die Landes- 
gruppe, in diesem Paragraphen enthalten. Die Allgemeine Gesell- 
schaft ist weder international noch national, sie ist allgemein 
menschlich - und alles andere ist fiir sie Gruppe. Dadurch bekom- 
men wir wirklich auf Freiheit gestiitztes Leben in die Anthroposo- 
phische Gesellschaft hinein und auch iiberall, wo es sich entfalten 
will, durchaus autonomes Leben. Anders kommen wir nicht weiter. 

«Die Anthroposophische Gesellschaft hat ihren Sitz am Goethe- 
anum. Der Vorstand hat von da aus das an die Mitglieder oder Mit- 
gliedergruppen zu bringen, was er als die Aufgabe der Gesellschaft 
ansieht.» 

Dieser Satz, meine lieben Freunde, ist von ganz besonderer Wich- 
tigkeit, weil in ihm enthalten ist dasjenige, als was sich der Vorstand 
uberhaupt auffafk. Er fafit sich nicht auf als etwas Gewahltes, er fa$t 
sich auf als eine Gruppe von Menschen, die da sagt: Wir wollen hier 
am Goetheanum etwas tun und werden iiber dies oder jenes, was 
wir tun, mit denjenigen, die es als Einzelne oder als Gruppe wollen, 
in Verkehr treten, werden jeden einzelnen oder jede Gruppe, die 
sich zu diesen Statuten bekennt und mit diesen Statuten einverstan- 
den erklaren kann, als Mitglied anerkennen. 

Damit erklart dieser Vorstand, dafi er sich in der freiesten Weise 
in die Gesellschaft hineinstellt: dafi er also nicht etwas anderes sein 
will als eine Gruppe von Menschen mit Initiative fiir die anthropo- 
sophische Sache. Und dieses Ausleben der Initiative fiir die anthro- 
posophische Sache, das wird das Herzblut dieses Vorstandes sein 
miissen. Also er ist nicht eine Vertretung in abstracto von Men- 
schen, sondern Vertreter der anthroposophischen Sache hier am 
Goetheanum; er hat die Aufgabe, die anthroposophische Sache hier 
am Goetheanum zu vertreten. Und sich dazu zu bekennen, Mitglied 
zu sein einer Gesellschaft, fiir die dieser Vorstand gelten will, das 
heifit eben, sich anschlieflen an die Forderung der anthroposophi- 
schen Sache. Es ist ganz allgemein menschlich, ganz in freier Weise 



in der Zukunft Mitgliedschaft und Vorstand in ihrem Verhaltnisse 
gedacht. Dazu haben wir es eben noch nicht gebracht; das miissen 
wir vor alle Welt hinstellen. Dann werden solche Urteile wie das 
Leisegang'sche nicht mehr auftreten, daft ja ein willkiirlicher Vor- 
stand durch seine eigene Ernennung in den letzten zehn Jahren be- 
standen hatte, der nirgends gewahlt worden sei. Man mufi von An- 
fang an die Tatsache scharf betonen, daft ein eigentliches Wahlen in 
der Anthroposophischen Gesellschaft unmoglich 1st, sondern daft 
nur Initiative moglich ist. Also dieser Vorstand: 

«Er tritt in Verkehr mit den Funktionaren, die von den einzelnen 
Gruppen gewahlt oder ernannt werden. » 

Wie die entstehen, das ist Sache der Statuten der einzelnen Grup- 
pen. Fur uns hier wird es sich lediglich darum handeln, daft wir aus 
Griinden, die wir uns verschaffen werden, vertrauensvoll mit diesen 
Funktionaren werden verhandeln wollen. 

«Die einzelnen Gruppen besorgen die Aufnahme der Mitglieder; 
doch sollen die Aufnahmebestatigungen dem Vorstande in Dornach 
vorgelegt und von diesem im Vertrauen zu den Gruppenfunktio- 
naren unterzeichnet werden. Im allgemeinen soil sich jedes Mitglied 
einer Gruppe anschlieften; nur wem es ganz unmoglich ist, die Auf- 
nahme bei einer Gruppe zu finden, sollte sich in Dornach selbst als 
Mitglied aufnehmen lassen.» 

«12. Der Mitgliedsbeitrag wird durch die einzelnen Gruppen be- 
stimmt; doch hat jede Gruppe fur jedes ihrer Mitglieder ... an die 
zentrale Leitung am Goetheanum zu entrichten.» 

Ich habe hier Punkte gemacht, obwohl ich schon eine Ansicht 
habe dariiber und sie unter Umstanden auch dann vertreten werde; 
aber ich habe hier zunachst Punkte gemacht, damit die moglichst 
weitgehenden Uberlegungen dariiber bis morgen zur Verhandlung 
gemacht werden konnen. Denn wir werden ja hier auch Geld brau- 
chen. Der Idealismus kann nicht darinnen bestehen - ich habe das 
schon ofter ausgesprochen -, daft man sagt: Ach was, so etwas 
schrecklich Ahrimanisches wie Geld, davon darf man die Ideale gar 
nicht beriihren lassen! Moglichst freilassen davon soli man die Idea- 
le. - Die linke Hand auf die Geldborse, die rechte erhoben fur die 



Ideale! Man mulS schon auch einmal die unbequeme Bewegung ma- 
chen mit der rechten Hand in die linke Geldtasche, um die Ideale so 
hochzuhalten, daft man fur sie auch kleine Opfer aufbringt. 

«13. Jede Arbeitsgruppe bildet ihre eigenen Statuten; nur sollen 
diese den Statuten der Anthroposophischen Gesellschaft nicht wi- 
dersprechen.» 

«14. Gesellschaftsorgan ist das <Goetheanum>, das zu diesem Zie- 
le mit einer Beilage versehen wird, die die offiziellen Mitteilungen 
der Gesellschaft enthalten soil. Diese vergrofterte Ausgabe des 
<Goetheanum> wird nur an die Mitglieder der Anthroposophischen 
Gesellschaft abgegeben.» 

Das ist ein Paragraph, der mir auch besonders auf dem Herzen 
liegt aus dem Grunde, weil iiberall, wo ich hingekommen bin, mir 
das entgegengetreten ist, daft mir urteilsfahige Mitglieder gesagt ha- 
ben: Man hort ja gar nichts davon, was eigentlich vorgeht in der 
Anthroposophischen Gesellschaft. - Wir werden nun gerade durch 
diese Einrichtung eine sorgfaltige Korrespondenz fuhren, die die 
Korrespondenz von jedem Einzelnen immer mehr und mehr wird 
sein konnen, und man wird gerade dadurch ganz drinnen leben kon- 
nen in der Anthroposophischen Gesellschaft. 

Nun habe ich Ihnen, meine lieben Freunde, fur den Fall, daft Sie 
sich iiberlegen und zu dem Zwecke und zu dem Ziele kommen, ein- 
verstanden zu sein mit der Annahme, daft ich selbst den Vorsitz der 
Anthroposophischen Gesellschaft iibernehme, noch den Vorstand 
vorzuschlagen, der derjenige ist, mit dem ich tatsachlich werde die 
Aufgaben erfiillen konnen, die ich wenigstens skizzenhaft Ihnen 
hier angedeutet habe. 

Vorstandsmitglieder miissen fur die wirkliche, tatsachliche Fiih- 
rung der anthroposophischen Sache solche Personlichkeiten sein, 
die hier in Dornach sind. So wie ich mir die Gesellschaft denke, so 
kann nicht der Vorstand iiberall in der Welt zusammengesucht wer- 
den. Das wird nicht hindern, daft die einzelnen Gruppen sich ihre 
Funktionare in ihrer Autonomic wahlen. Und wenn diese Funktio- 
nare herkommen hier nach Dornach, werden sie wahrend ihrer An- 
wesenheit als beratende Mitglieder bei den Vorstandssitzungen auf- 



genommen werden. Also in die ganze Sache soli Leben hineinkom- 
men: nicht burokratisch ein in aller Welt zerstreuter Vorstand, son- 
dern fur die einzelnen Gruppen verantwortliche Funktionare, die 
aus den Gruppen selbst hervorgehen, die aber jederzeit Gelegenheit 
haben werden, sich im vollsten Mafte als gleichberechtigte Mitglieder 
des Vorstandes, der aber in Dornach lokalisiert ist, zu fuhlen. Die Ar- 
beit muft aber von diesem Vorstand in Dornach hier besorgt werden. 

Nun miissen die Vorstandsmitglieder selbstverstandlich solche 
sein, welche ihr Leben in restloser Weise der anthroposophischen 
Sache gewidmet haben, aufierlich und innerlich. Und aus langen 
Uberlegungen der letzten Wochen erlaube ich mir, Ihnen als den 
Vorstand die folgenden Personlichkeiten vorzuschlagen: 

Ich glaube, es wird nirgends so etwas wie auch nur ein leiser 
Widerspruch sich ergeben, sondern es wird sich in alien Herzen die 
ungetrennteste, vollste Zustimmung erheben, wenn ich Ihnen vor- 
schlage, zum Stellvertreter des Vorsitzenden Herrn Albert Steffen zu 
haben. (Lebhafter Beifall) 

Damit ist zu gleicher Zeit in dem Vorstande selbst dasjenige aus- 
gedriickt, auf was ich heute schon hingewiesen habe: unsere Verbin- 
dung als Anthroposophische Gesellschaft mit der Schweiz. Und ich 
spreche vor Ihnen meine Uberzeugung, ich mochte sagen, mit dezi- 
dierten Worten aus, indem ich Ihnen sage: Wenn es sich darum han- 
delt, einen Schweizer hier mit aller Kraft in der Anthroposophi- 
schen Gesellschaft als Vorstandsmitglied und als Stellvertreter des 
Vorsitzenden zu haben, einen besseren Schweizer findet man nicht. 

Dann wird es sich handeln, in dem Vorstand diejenige Personlich- 
keit zu haben, die von allem Anfange an mit der Anthroposophi- 
schen Gesellschaft verkniipft ist, die Anthroposophische Gesell- 
schaft zum groften Teil aufgebaut hat, heute in einem der allerwich- 
tigsten Gebiete gerade auf anthroposophische Art innerhalb der 
Anthroposophischen Gesellschaft wirkt: Frau Dr. Steiner. (Lebhaf- 
ter Beifall) 

Sie haben alles gesagt und damit deutlich zum Ausdruck gebracht, 
da£ wir ja gar keine Furcht zu haben brauchen, daE unsere Wahl 
irgendwie nach dieser Richtung hin nicht das Richtige treffen wird. 



Als weiteres Vorstandsmitglied mufi ich Ihnen vorschlagen, aus 
namentlich den Tatsachen der letzten Wochen hier, diejenige Per- 
sonlichkeit, mit der ich in der Gegenwart so recht die Moglichkeit 
habe, anthroposophischen Enthusiasmus in der richtigen Weise 
auszupriifen dadurch, daft ich mit ihr zusammen das medizinische 
System der Anthroposophie ausarbeite: Frau Dr. Ita Wegman. 
(Lebhafter Beifall) 

Sie hat ja durch ihre Arbeit - und namentlich durch die Auffas- 
sung ihrer Arbeit - gezeigt, daft sie auf diesem Spezialgebiete die 
Anthroposophie in rechter Weise zur Geltung bringen kann. Und 
ich weift, daft das segenbringend wirken wird. Deshalb habe ich es 
auch unternommen, fur die nachste Zeit schon das anthroposophi- 
sche System der Medizin gemeinschaftlich mit Frau Dr. Wegman 
auszuarbeiten. Es wird der Welt vor Augen treten, und dann werden 
wir ja sehen, daft wir gerade an in solcher Art arbeitenden Mitglie- 
dern die richtigen Freunde der Anthroposophischen Gesellschaft 
haben. 

Fernerhin habe ich Ihnen vorzuschlagen ein Mitglied, das nun 
wirklich fur die Dornacher Arbeiten im groften und in alien Einzel- 
heiten bis ins i-Tiipfelchen hinein ausprobiert ist und sich immer er- 
wiesen hat als getreues Mitglied. Die Mitglieder des Vorstandes sind 
ja wirklich eigentlich, wie ich glaube - es soli keine Selbstbespiege- 
lung sein -, richtig ausgewahlt. Albert Steffen ist schon Anthropo- 
soph gewesen, bevor er geboren worden ist; das mufi man ihm an- 
erkennen. Frau Dr. Steiner ist selbstverstandlich Anthroposophin 
immer gewesen, wahrend es eine Anthroposophische Gesellschaft 
gibt. Eines der allerersten Mitglieder, das nach uns eingetreten ist in 
der allerersten Zeit, ist Frau Dr. Wegman; sie ist ja mehr als zwanzig 
Jahre Mitglied der anthroposophischen Bewegung. Sie ist hier im 
Saale mit Ausnahme von uns selbst das alteste Mitglied. Ebenso ist 
ein sehr altes Mitglied diejenige Personlichkeit, die ich nun meine 
und die wirklich bis ins i-Tiipfelchen hinein als getreueste Mitar- 
beiterin hier ausgeprobt worden ist, mit der Sie wirklich auch bis 
ins i-Tiipfchen einverstanden sein konnen, Fraulein Dr. Lili Vreede. 
(Beifall) 



Und nun brauchen wir im anthroposophischen Vorstand noch 
eine Personlichkeit, welche uns viele Sorgen abnehmen wird, die 
wir merit selber alle aufnehmen konnen, weil ja die Initiativen ge- 
trennt sein miissen; aber einer, der denken mull fur alle. Das mufi 
auch dann sein, wenn die andern - es soil auch keine Selbstbespiege- 
lung sein - sich schon auch bemuhen werden, ein bifichen erleuchte- 
te Kopfe zu haben in anthroposophischen Angelegenheiten; aber 
man braucht einen, der sozusagen die Kopfe nicht zusammen- 
schlagt, aber zusammenhalt. Das wird eine Personlichkeit sein, die 
ja in vieler Beziehung erst zu erproben sein wird fur viele andere, 
aber von der ich glaube, dafi sie jede Probe aushalten wird. Das wird 
unser lieber Dr. Guenther Wachsmuth sein, der ja wirklich in allem, 
was er hier fur uns zu leisten hat, eine ganze Summe von Proben 
schon gezeigt hat und gezeigt hat, dafi er in der harmonischsten 
Weise zusammenwirken kann. Mit ihm wird man also nach und 
nach mit der Zeit recht zufrieden sein. Ich bitte, auch mit Dr. 
Guenther Wachsmuth - Kassierer will er nicht sein, aber der als Se- 
kretar und Schatzmeister bei uns funktionieren soli - einverstanden 
zu sein. (Beifall) 

Der Vorstand mufi klein sein, deshalb ist auch die Liste zu Ende, 
meine lieben Freunde. Und es ist auch unsere Zeit fur den Vormit- 
tag zu Ende. Ich darf noch die Bitte aussprechen, dafi wir uns alle 
bemuhen mochten, vor alien Dingen Stimmung und Stimmung und 
wieder Stimmung in dieser Versammlung zu haben. Aus dieser 
Stimmung, aus dieser anthroposophischen Stimmung wird dasjenige 
hervorgehen, was wir brauchen fur die nachsten Tage. Und wenn 
wir es fur die nachsten Tage haben, werden wir es auch haben fur 
die Zukunftszeiten, in die wir fur die Anthroposophische Gesell- 
schaft hineingehen. An Ihre Herzen habe ich appelliert, an dasjenige 
von Ihrer Weisheit, was durch Ihre Herzen durchgluht, verenthu- 
siasmiert werden kann. Mochten wir diese Durchgluhung, diese 
Warme, diesen Enthusiasmus durch die folgenden Versammlungen 
hindurchtragen konnen und dadurch etwas recht Fruchtbares in 
diesen nachsten Tagen leisten konnen. 



Es sind noch zwei Ankiindigungen zu machen: Heute nachmittag 
wird zweimal eine Vorstellung des einen Weihnachtsspiels, des Para- 
deis-Spieles sein. Die erste Vorstellung wird stattfinden um 4 Uhr 
30, und diejenigen, die da nicht hineinkonnen - es konnen alle heute 
das Paradeis-Spiel sehen die werden es dann um 6 Uhr sehen 
konnen. 

Die nachste Versammlung, die wir dann haben, ist abends um 8 
Uhr, wo mein erster Vortrag iiber «Die Weltgeschichte in anthropo- 
sophischer Beleuchtung» stattfinden wird. 

Morgen Dienstag, 10 Uhr, werden wir uns hier versammeln zu 
der Grundsteinlegung der Anthroposophischen Gesellschaft, und 
dann wird sich daran die Griindungsversammlung der Anthroposo- 
phischen Gesellschaft schliefien. 

Dann ist noch anzukiindigen, daft die fur heute nachmittag ange- 
kiindigte Versammlung der Generalsekretare und Delegierten heute 
nicht stattfinden wird, weil es besser ist, sie stattfinden zu lassen, 
wenn die Griindungsversammlung schon stattgefunden hat. Sie wird 
dann morgen um 2 Uhr 30 stattfinden, im Glashaus unten, im Ar- 
chitektenburo: also die Versammlung des Vorstandes, der General- 
sekretare und derjenigen, die dann wiederum deren Sekretare sind. 

Herr Abels soil nun noch in die Nahe kommen, und da bitte ich, 
die Karten fur die Essensserien in der entsprechenden Weise entge- 
genzunehmen. Wir suchen da natiirlich unten in der Kantine, da 
nicht alles durcheinander gehen kann, die entsprechenden Ordnun- 
gen zu haben. 



GRUNDSTEINLEGUNG DER ALLGEMEINEN 
ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



durch Rudolf Steiner 
am 25. Dezember 1923, 10 Uhr vormittags 

Dr. Steiner begrufk die Anwesenden mit den Worten: 

Meine lieben Freunde! 

Als erste Worte klinge heute durch unseren Saal die Zusammen- 
fassung desjenigen, was als wichtigstes Ergebnis der letzten Jahre vor 
Ihren Seelen stehen kann.* 

Es wird nachher einiges iiber diese zunachst zusammenfassenden 
Worte zu sagen sein. Zuerst aber mogen unsere Ohren von diesen 
Worten beriihrt werden, um in unserem Sinn zu erneuern aus den 
Zeichen der Gegenwart heraus das alte Mysterienwort: «Erkenne 
dich selbst.» 

Menschenseele! 

Du lebest in den Gliedern, 

Die dich durch die Raumeswelt 

Im Geistesmeereswesen tragen: 

Ube Geist-Erinnern 

In Seelentiefen, 

Wo in waltendem 

Weltenschopfer-Sein 

Das eigne Ich 

Im Gottes-Ich 

Erweset; 

Und du wirst wahrhaft leben 
Im Menschen-Welten-Wesen. 



In dieser Auflage ist der Wortlaut der Spriiche hier und im folgenden gemafi Stenogramm 
wiedergegeben (Siehe «Sonderhinweis zu den Spriichen» auf Seite 309). 



Menschenseele! 

Du lebest in dem Herzens-Lungen-Schlage, 

Der dich durch den Zeitenrhythmus 

Ins eigne Seelenwesensfiihlen leitet: 

Ube Geist-Besinnen 

Im Seelengleichgewichte, 

Wo die wogenden 

Welten-Werde-Taten 

Das eigne Ich 

Dem Welten-Ich 

Vereinen; 

Und du wirst wahrhaft fiihlen 
Im Menschen-Seelen-Wirken. 

Menschenseele! 

Du lebest im ruhenden Haupte, 

Das dir aus Ewigkeitsgriinden 

Die Weltgedanken erschliefiet: 

Ube Geist-Erschauen 

In Gedanken-Ruhe, 

Wo die ew'gen Gotterziele 

Welten-Wesens-Licht 

Dem eignen Ich 

Zu freiem Wollen 

Schenken; 

Und du wirst wahrhaft denken 
In Menschen-Geistes-Griinden. 



Meine lieben Freunde! Wenn ich heute zuriickschaue gerade auf 
dasjenige, was geholt werden konnte aus den Geisteswelten, wah- 
rend die furchtbaren Kriegsstiirme die Welt durchwogten, so mufi 
dieses paradigmatisch zusammengefafk werden in dieser Dreiheit 
von Spriichen, die eben an Euer Ohr getont haben. 



Wahrgenommen werden konnte jene Dreigliederung des Men- 
schen, durch die der Mensch in seinem ganzen Wesen nach Geist, 
Seele und Leib sich in erneuerter Form beleben kann das «Erkenne 
dich selbst», wahrgenommen konnte sie werden, diese Dreigliede- 
rung, seit Jahrzehnten. Ich selber konnte sie erst zur Reife bringen 
im letzten Jahrzehnt wahrend der kriegerischen Sturme. Damals 
versuchte ich anzudeuten, wie der Mensch auch physisch lebt in sei- 
nem Stoffwechsel-Gliedmaften-System, in seinem Herzens-Rhyth- 
mus-System, in seinem Kopfes-Denk- und Wahrnehmungs-System. 
Und man kann sich iiberzeugt halten davon, daf$ der Mensch - in- 
dem er in der richtigen Art, wie es gestern angedeutet worden ist, 
durch die Durchlebung seines Herzens mit Anthroposophia diese 
Dreigliederung richtig in sich aufnimmt - dann erkennt, dadurch, 
dafi er fuhlend und wollend erkennen lernt, was er eigentlich tut, in- 
dem er, die Weltengeister ihn belebend, durch seine Glieder sich 
hineinstellt in die Raumesweiten, dann erkennt im tatigen Erfassen 
der Welt - nicht im leidenden, passiven Erfassen der Welt, sondern 
im aktiv tatigen Erfassen der Welt, indem er seine Pflichten, seine 
Aufgaben, seine Mission in der Welt erfullt - das Wesen der allwal- 
tenden Menschen- und Weltenliebe, die da ist ein Glied im Gesamt- 
weltenwesen. Und man kann sich iiberzeugt halten, dafi wenn der 
Mensch erkennt das wundervolle Geheimnis, das da waltet zwi- 
schen Lunge und Herz - in dem innerlich wahrnehmbar ausge- 
driickt wird, wie die Weltenrhythmen, die durch Jahrtausende, 
durch Aonen wirken, in Puis- und Blutrhythmus hereinschlagen 
und Weltbeseelung im Menschen erwecken -, man kann hoffen, 
da$, indem dieses weisheitsvoll mit dem Herzen als Erkenntnisor- 
gan erfalk wird, dann der Mensch erfahren kann, wie die Weltenbil- 
der, die gottgegebenen, den Kosmos aus sich heraus tatkraftig offen- 
baren. Wie man im wirkenden Sich-Bewegen erfafk die waltende 
Weltenliebe, so wird man die Urbilder des Weltenseins erfassen, 
wenn man in sich fiihlt den geheimnisvollen Ubergang zwischen 
Weltenrhythmus und Herzensrhythmus und durch diese wiederum 
den Menschenrhythmus, der geheimnisvoll seelisch-geistig sich ab- 
spielt zwischen Lunge und Herz. Und wenn der Mensch in der rich- 



tigen Weise fuhlend wahrnehmen wird, was sich offenbart in seinem 
Hauptessystem, das da ruhet auf seinen Schultern, auch wenn er geht, 
dann wird er, sich erfiihlend in seinem Hauptsystem, die Herzens- 
warme ausgieftend in sein Hauptessystem, die waltenden, wirken- 
den, webenden Weltgedanken in seiner eigenen Wesenheit erleben. 

Und er wird so die Dreiheit alles Seins - Weltenliebe, waltend in 
Menschenliebe; Weltenimagination, waltend in menschlicher Orga- 
nisationsgestaltung; Weltgedanken, waltend geheimnisvoll unter- 
griindlich in Menschheitsgedanken - er wird diese Dreigliederung er- 
fassen und sich erkennen als individuell freier Mensch im waltenden 
Gotterwirken des Kosmos, als Weltenmensch, individueller Mensch 
im Weltenmenschen, wirkend als individueller Mensch im Welten- 
menschen fur die Weltenzukunft. Er wird aus den Zeichen der Ge- 
genwart heraus erneuern das alte Wort: «Erkenne dich selbst!» 

Noch die Griechen durften weglassen den Nachsatz, weil bei 
ihnen das menschliche Selbst noch nicht so abstrakt geworden war 
wie bei uns, zusammengeflossen in den abstrakten Ich-Punkt oder 
hochstens in das Denken, Fiihlen und Wollen, sondern weil bei ih- 
nen erfafk wurde die Menschennatur als Ganzes nach Geist, Seele 
und Leib. So durften die Griechen glauben, zu treffen den ganzen 
Menschen nach Geist, Seele und Leib, wenn sie das Wort ertonen 
liefien, das uralte Sonnenwort, das Apollo-Wort: «Erkenne dich 
selbst !» 

Wir aber miissen sagen, wenn wir aus den Zeichen der Zeit in der 
richtigen Weise erneuern dieses Wort: O Menschenseele, erkenne 
dich selbst in deinem wesenden Weben in Geist, Seele und Leib. - 
Dann haben wir verstanden dasjenige, was allem Menschenwesen zu 
Grunde liegt. Und diese Weltensubstanz, in der da wirkt und west 
und lebt der Geist, der aus den Hohen stromt und im Menschen- 
haupte sich offenbart; die Christus- Kraft, die iiberall im Umkreise 
wirkt, die mit den Liiften webt, um die Erde kreisend, die in unse- 
rem Atemsystem wirkt und lebt; und wenn wir erkennen die in den 
Tiefen aus dem Erdeninnern heraufkommenden Krafte, die in unse- 
ren Gliedmafien wirken - und wenn wir diese drei Krafte, die Krafte 
der Hohen, die Krafte des Umkreises, die Krafte der Tiefen, in die- 



sem Augenblicke vereinigen in einer gestaltenden Substanz: dann 
konnen wir in unserem Seelen-Erfassen dem Welten-Dodekaeder 
das Menschen-Dodekaeder gegeniiberstellen. Und aus diesen drei 
Kraften: aus dem Geist der Hohe, aus der Christus -Kraft des Um- 
kreises, aus der Vater-Wirksamkeit, der schopferischen Vatertatig- 
keit, die aus den Tiefen stromt, wollen wir in diesem Augenblicke in 
unseren Seelen den dodekaedrischen Grundstein formen, den wir in 
den Boden unserer Seelen senken, damit er da sei zum starken Zei- 
chen in den kraftigen Griinden unseres Seelenseins und wir in der 
Zukunft des Wirkens der Anthroposophischen Gesellschaft auf 
diesem festen Grundstein stehen konnen. 

Wollen wir uns immerdar bewufit bleiben dieses heute geformten 
Grundsteines fur die Anthroposophische Gesellschaft. Wollen wir 
das Andenken an den heute in den Boden unserer Herzen gesenkten 
Grundstein bewahren bei allem, was wir draufien und hier tun wol- 
len zur Fdrderung, zur Entwickelung, zur vollen Entfaltung der 
Anthroposophischen Gesellschaft. Suchen wir in dem dreigliedrigen 
Menschen, der uns da lehrt die Liebe, der uns da lehrt die Weltimagi- 
nation, der uns da lehrt die Weltgedanken, suchen wir in ihm die 
Substanz der Weltenliebe, die wir zu Grunde legen, suchen wir in 
ihm das Urbild der Imagination, nach dem wir die Weltenliebe in 
unserem Herzen formen, suchen wir die Gedankenkraft aus den 
Hohen, um dieses dodekaedrische imaginative Liebesgebilde in der 
entsprechenden Weise erstrahlen zu lassen! Dann werden wir von 
hier hinwegtragen dasjenige, was wir brauchen; dann wird er erglan- 
zen, der Grundstein, vor unserem Seelenauge, jener Grundstein, der 
aus Welten-Menschenliebe seine Substanz, aus Welten-Menschen- 
imagination seine Bildhaftigkeit, seine Gestaltung, und aus Welten- 
Menschengedanken jenes Glanzeslicht hat, das uns in jedem Augen- 
blicke, wenn wir uns an diesen Augenblick erinnern, mit warmem, 
aber unsere Tat, unser Denken, unser Fiihlen, unser Wollen anspor- 
nendem Lichte entgegenstrahlen kann. 

Und der rechte Boden, in den wir den heutigen Grundstein hin- 
einverlegen miissen, der rechte Boden, das sind unsere Herzen in 
ihrem harmonischen Zusammenwirken, in ihrem guten, von Liebe 



durchdrungenen Willen, gemeinsam das anthroposophische Wollen 
durch die Welt zu tragen. Das wird uns wie mahnend entgegenstrah- 
len konnen aus dem Gedankenlichte, das uns von dem dodekaedri- 
schen Liebesstein, den wir in unsere Herzen heute versenken wol- 
len, jederzeit entgegenstrahlen kann. 

Das, meine lieben Freunde, wollen wir nur so recht in unsere 
Seele aufnehmen. Damit wollen wir unsere Seele erwarmen, damit 
wollen wir unsere Seele erleuchten. Und wir wollen bewahren diese 
Seelenwarme und dieses Seelenlicht, das wir heute aus gutem Willen 
in unsere Herzen eingepflanzt haben. 

Wir pflanzen es ein, meine lieben Freunde, in einem Augen- 
blicke, da das wirklich die Welt verstehende Menschen-Erinnern 
zuriickblickt zu jenem Punkte der Menschheitsentwickelung in der 
Zeiten-Wende, wo aus der Finsternis der Nacht und aus der Finster- 
nis des moralischen Menschheitsempfindens, einschlagend wie das 
Himmelslicht, geboren worden ist das zum Christus gewordene 
Gotteswesen, das in die Menschheit eingezogene Geisteswesen. 

Und wir konnen am besten erkraften jene Seelenwarme und jenes 
Seelenlicht, die wir brauchen, wenn wir sie beleben mit jener War- 
me und mit jenem Lichte, das in der Zeiten-Wende erstrahlet hat als 
das Christus-Licht in der Welten-Finsternis. Und wir wollen diese 
vor zwei Jahrtausenden stattgefundene Urweihenacht in unserem 
Herzen, in unserem Sinn, in unserem Willen beleben, damit sie uns 
helfe, wenn wir hinaustragen wollen in die Welt dasjenige, was uns 
entgegenglanzt durch das Gedanken-Licht des der Welt nachgebilde- 
ten, ins Menschliche herein versetzten dodekaedrischen Liebes- 
grundsteins. 

Und so sei denn unser Herzensfiihlen zuriickgewendet zur Ur- 
weihenacht im alten Palastina. 

In der Zeiten-Wende 

Trat das Welten-Geistes-Licht 

In den irdischen Wesensstrom; 

Nacht-Dunkel 

Hatte ausgewaltet; 



Taghelles Licht 

Erstrahlte in Menschenseelen; 

Licht, 

Das erwarmet 

Die armen Hirtenherzen; 

Licht, 

Das erleuchtet 

Die weisen Konigshaupter. 

Gottliches Licht, 
Christus-Sonne, 
Erwarme 
Unsere Herzen; 
Erleuchte 
Unsere Haupter; 
Dafi gut werde, 
Was wir aus Herzen 
Griinden, 

Was wir aus Hauptern 
Zielvoll fiihren wollen. 

Dieses Fiihlen zuriick zur Urweihenacht kann uns die Kraft 
zur Herzens-Erwarmung, zur Hauptes-Erieuchtung geben, die wir 
brauchen, um in der richtigen Weise auszuiiben, anthroposophisch 
wirkend, dasjenige, was aus der dreigliedrigen, zur Einheit sich 
harmonisierenden Menschenerkenntnis hervorgehen kann. 

Und deshalb sei nun wieder zusammenfassend vor unsere Seele 
hingestellt dasjenige, was da folgt aus der wirklichen Erfassung des 
«Erkenne dich selbst nach Geist, Seele und Leib», es sei hingestellt 
so, wie es wirkt im Kosmos, damit auf unseren Stein, den wir in den 
Boden unserer Herzen nunmehr versenkt haben, von iiberall her ins 
Menschenwesen und Menschenleben und Menschenwirken herein 
spreche dasjenige, was die Welt dem Menschenwesen und Men- 
schenleben und Menschenwirken zu sagen hat. 



Menschenseele! 

Du lebest in den Gliedern, 

Die dich durch die Raumeswelt 

Im Geistesmeereswesen tragen: 

Ube Geist-Erinnern 

In Seelentiefen, 

Wo in waltendem 

Weltenschopfer-Sein 

Das eigne Ich 

Im Gottes-Ich 

Erweset; 

Und du wirst wahrhaft leben 
Im Menschen-Welten-Wesen. 

Denn es waltet der Vater-Geist der Hohen 

In den Weltentiefen Sein-erzeugend. 

Seraphim, Cherubim, Throne, 

Lasset aus den Hohen erklingen, 

Was in den Tiefen das Echo findet 

Und was im Echo der Tiefen 

Das Geheimnis der Hohen 

Wiederklingen lafit; 

Das spricht: 

Ex Deo nascimur. 

Das horen die Elementengeister 

Im Osten, im Westen, im Norden, im Siiden; 

Menschen mogen es horen. 

Menschenseele! 

Du lebest in dem Herzens-Lungen-Schlage, 
Der dich durch den Zeitenrhythmus 
Ins eigne Seelenwesensfuhlen leitet: 
Ube Geist-Besinnen 
Im Seelengleichgewichte, 
Wo die wogenden 



Welten-Werde-Taten 
Das eigne Ich 
Dem Welten-Ich 
Vereinen; 

Und du wirst wahrhaft fuhlen 
Im Menschen-Seelen-Wirken. 

Denn es waltet der Christus-Wille im Umkreis 

In den Weltenrhythmen Seelen-begnadend. 

Durch die Geister Kyriotetes, Dynamis, Exusiai, 

Lasset, ihr Geister, vom Osten befeuern, 

Was durch den Westen sich gestaltet, 

Und das Feuer des Ostens, 

Das aus dem Westen seine Gestaltung empfangt, 

Es spricht: 

In Christo morimur. 

Das horen die Elementengeister 

Im Osten, Westen, Norden, Siiden; 

Menschen mogen es horen. 

Menschenseele! 

Du lebest im ruhenden Haupte, 

Das dir aus Ewigkeitsgriinden 

Die Weltgedanken erschlieftet: 

Ube Geist-Erschauen 

In Gedanken-Ruhe, 

Wo die ew'gen Gotterziele 

Welten-Wesens-Licht 

Dem eignen Ich 

Zu freiem Wollen 

Schenken; 

Und du wirst wahrhaft denken 
In Menschen-Geistes-Gninden. 



Denn es walten des Geistes Weltgedanken 

Im Weltenwesen Licht-erflehend. 

Archai, Archangeloi, Angeloi, 

Lasset aus den Tiefen erbitten, 

Was in den Hohen erhoret wird, 

Und wenn recht verstanden wird, 

Wie es von Archai, Archangeloi, Angeloi ertont, 

Wenn aus den Tiefen erbeten wird, 

Was in den Hohen erhoret werden kann, 

Dann spricht es durch die Welt: 

Per spiritum sanctum reviviscimus. 

Das horen die Elementargeister 

Im Osten, Westen, Norden, Siiden; 

Menschen mogen es horen. 

Und horet es, meine lieben Freunde, also ertonen in Euren eignen 
Herzen! Dann werdet Ihr hier griinden eine wahre Vereinigung von 
Menschen fur Anthroposophia, und werdet den Geist, der da waltet 
im leuchtenden Gedankenlichte um den dodekaedrischen Liebes- 
stein, hinaustragen in die Welt, da, wo er leuchten und warmen soil 
fur den Fortschritt der Menschenseelen, fur den Fortschritt der 
Welt. 



GRUNDUNGSVERSAMMLUNG DER ALLGEMEINEN 
ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 
DORNACH, WEIHNACHTEN 1923 



am 25. Dezember 1923, 11 Uhr 15 vormittags 
Dr. Steiner begriifk die Anwesenden mit den Worten: 

Meine lieben Freunde! 

Ich darf die Griindungsversammlung der Anthroposophischen 
Gesellschaft hiermit fur eroffnet erklaren. Meine erste Aufgabe ist, 
mitzuteilen die Namen der einzelnen Generalsekretare, die hier im 
Auftrag der Landergesellschaften zu sprechen haben werden: 

Amerika, die Vereinigten Staaten: Mr. Monges. 

Belgien: Madame Muntz. 

Danemark: Herr Hohlenberg. 

Deutschland: Im Auftrag des Vorstandes: Dr. Unger; 

im Auftrag der Freien Anthroposophischen 

Gesellschaft: Dr. Biichenbacher. 
England: Mr. Collison. 
Finnland: Herr Donner. 
Frankreich: Mademoiselle Sauerwein. 
Holland: Dr. Zeylmans van Emmichoven. 
Honolulu: Madame Ferreri. 

Italien: Im Auftrag des Vorstands: Baronin de Renzis, Rom, 

Herzog von Cesaro, 
Fraulein Schwarz, Mailand. 

Norwegen: Herr Ingero. 

Osterreich: Im Auftrag des Vorstands: Graf Polzer. 
Schweden: Im Auftrag: Fraulein Henstrom. 
Schweiz: Herr Steffen. 
Tschechoslowakei: Im Auftrag: Dr. Eiselt, 

Dr. Krkavec. 



Ich habe zweitens zur Verlesung zu bringen ein eingelaufenes Te- 
legramm: «Bitte iiberbringen Sie der Versammlung unsere herzlich- 
sten Griifie und besten Wiinsche fur ein gutes Resultat, im Namen 
von Schwedens Anthroposophen.» 

Bevor wir die Tagesordnung eroffnen, mochte ich fragen, ob 
irgend jemand geschaftsordnungsmafiig etwas zur Tagesordnung zu 
sagen wiinscht? 

Das ist nicht der Fall. 

Dann kommen wir zum ersten Punkt der Tagesordnung. Ich er- 
teile Herrn Steffen, der zu gleicher Zeit sprechen wird als General- 
sekretar der Schweiz, innerhalb deren Grenzen wir hier zu Gaste 
sind, das Wort. 

Albert Steffen ergreift das Wort. 

Am Schlusse kommt eine Resolution der schweizerischen Dele- 
gierten zur Verlesung: 

Die Delegierten der schweizerischen Zweige beschlossen, folgen- 
de Resolution heute anlaftlich der Griindungsversammlung in der 
Offentlichkeit bekanntzugeben: 

«Heute, da in Dornach die Griindungsversammlung der allgemei- 
nen anthroposophischen Weltgesellschaft stattfindet, mochte die 
Anthroposophische Gesellschaft in der Schweiz ihrer Dankbarkeit 
und Begeisterung dafur Ausdruck geben, dafl das dem Kulturleben 
der ganzen Menschheit dienende Goetheanum gerade in der 
Schweiz wiederum errichtet werden darf. Sie sieht darin ein gutes 
Geschick und eine grofie Ehre fur ihr Land. Sie mochte ihren Willen 
bezeugen, alles zu tun, damit die unerschopfliche Fiille geistiger Im- 
pulse, die Rudolf Steiners Werke der Welt vermitteln, von hier aus 
weiterstromen konnen. Sie mochte in gemeinsamer Arbeit mit den 
anderen Landergesellschaften hoffen diirfen, dafi der reine und heil- 
same Quell Zugang zu alien Menschen finde, die ihn suchen.» 

Dr. Steiner: Meine lieben Freunde, es scheint mir im richtigen 
Fortgange der Versammlung zu liegen, dafi die Debatte fiber solche 
Mitteilungen, wie das eben Gehorte, auf einen spateren Zeitpunkt 



verschoben werde, der dann aus dem Verlaufe der Verhandlungen 
heraus selber bestimmt werden soil. 

Und ich mochte jetzt an zweiter Stelle, als zweiten Punkt der Ta- 
gesordnung hier einfiigen die Mitteilungen, die die verschiedenen Se- 
kretare der verschiedenen Landergesellschaften zu machen haben. 
Ich bitte, wenn irgend jemand mit diesen Anordnungen des Tages- 
verlaufes nicht einverstanden ist, die Hand zu erheben. 

Es scheint nicht der Fall zu sein. 

Dann werden wir diesen Tagesverlauf einhalten. Ich bitte die ent- 
sprechenden Generalsekretare, vom Podium aus zu den Freunden 
zu sprechen. - Ich habe in erster Linie dem Generalsekretar der Ver- 
einigten Staaten von Amerika, Mr. Monges, das Wort zu erteilen. 

Mr. Monges gibt seinen Bericht. 

Dr. Steiner: Ich mochte nun dem Generalsekretar von Belgien, 
Madame Muntz, das Wort erteilen. 

Madame Muntz dankt fur die Ehre, erklart sich ganz mit alien 
Ausfiihrungen einverstanden und wiinscht besten Verlauf. 

Dr. Steiner: Ich habe nun dem Generalsekretar von Danemark, 
Herrn Hohlenberg, das Wort zu erteilen. 
Herr Hohlenberg berichtet. 

Dr. Steiner: Ich habe nun das Wort zu erteilen dem Vertreter des 
Vorstandes in Deutschland, Dr. Unger. 

Dr. Unger berichtet iiber die Arbeit der deutschen Landesgesell- 
schaft. Er schliefk mit den Worten, die im Stenogramm vorliegen: 

Wir benotigen nun fur die Zusammenfassung dieser Gesellschaft 
zurzeit einen teilweise umfanglichen Apparat, der aber im Sinne der 
Grundung der allgemeinen Gesellschaft in voile Ubereinstimmung 
gebracht werden mu£ mit den Statuten, die hier von Dr. Steiner 
vorgelegt worden sind. Wir erklaren, daft die Anthroposophische 
Gesellschaft in Deutschland alle Punkte dieser Statuten aufnehmen 
wird in das eigene Statut und dieses Statut als Ganzes voranstellen 
wird den Statuten oder den Bestimmungen der Anthroposophi- 
schen Gesellschaft in Deutschland. Zugleich bin ich noch besonders 



beauftragt, dem tiefen Dank Ausdruck zu geben gegeniiber Herrn 
Dr. Steiner fur die Ubernahme der schweren Verpflichtung, die er 
mit der Griindung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesell- 
schaft auf sich genommen hat. Gerade unter dem Eindrucke dieser 
Tagung wird es zur Geltung zu kommen haben, ob alles das, was in 
einer grofien Gesellschaft, wie es die deutsche ist, gearbeitet worden 
ist, in rechtem Sinne teilnehmen kann und will an dem, was Dornach 
will. Immer war es, seit Dr. Steiner seinen Wohnsitz in Dornach 
hat, seit die Dornacher Arbeit besteht, selbstverstandlich, den Mit- 
telpunkt seines Wirkens in dem zu erblicken, was in Dornach ge- 
schieht. Was noch iiber die Arbeit der Gesellschaft in Deutschland 
zu sagen sein wird, ist wohl besser vorzubringen im weiteren Ver- 
lauf unserer Versammlungen. Wir haben, um es vorauszus chicken, 
in den letzten Monaten eine ganz intensive Arbeit in der Offentlich- 
keit entfaltet. Hunderte von Vortragen der verschiedensten Art, 
aber insbesondere auch aus rein anthroposophischem Wollen her- 
aus, sind gehalten worden, besonders in Siidwestdeutschland, bis in 
die kleinsten Orte hinein. Wir haben in einwandfreier Weise festge- 
stellt, mit Ubereinstimmung aller, die beteiligt waren - und es 
waren viele -, dafi iiberall bis in die kleinsten Orte hinein ein wirkli- 
ches Interesse vorhanden ist fiir die Anthroposophie, dafi iiberall die 
Herzen darauf warten und daft iiberall, wo man in offener, klarer 
Weise ausspricht, wie man stehen will auf dem Boden der Geistes- 
forschung, die Dr. Steiner der Welt gegeben hat, es wirklich so ist, 
daft die Menschen empfinden: Man wird daran erinnert, dafi man 
eine Seele besitzt, und diese Seele beginnt sich ihres Daseins wieder 
bewufit zu werden. - So ist es in alien Menschenseelen bis in die 
kleinsten Orte herein, und so diirfen wir zuversichtlich dem Weiter- 
arbeiten entgegensehen. 

Dr. Steiner: Ich habe noch das Wort zu erteilen dem Vertreter der 
Freien Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland, Herrn 
Dr. Biichenbacher. 

Dr. Biichenbacher berichtet und schliefit mit den Worten: Ich 
darf aussprechen, dafi wir ein Gefiihl tiefster Dankbarkeit dafiir 



haben, daft Dr. Steiner die Fiihrung der Anthroposophischen Ge- 
sellschaft selbst ubernommen hat. Es gibt uns den Willen und den 
Mut, mitzuarbeiten mit den Kraften, die wir haben, an diesem allge- 
meinen Kraftestrom der Anthroposophischen Gesellschaft. Wir 
sprechen unsern tiefsten Dank dafiir aus, daft er diese Tat getan hat. 
Wir bitten, daft auch die Freie Anthroposophische Gesellschaft ih- 
ren Fahigkeiten nach an der Erfiillung dieser Aufgaben, die Herr 
Dr. Steiner ihr gesetzt hat, in ihrem Teile mitarbeiten darf. 

Dr. Steiner: Ich darf nun das Wort erteilen dem Generalsekretar 
der Englischen Anthroposophischen Gesellschaft, Mr. Collison. 
Mr. Collison berichtet. 

Dr. Steiner: Ich habe nun das Wort zu erteilen dem General- 
sekretar der Anthroposophischen Gesellschaft in Finnland, Herrn 
Donner. 

Herr Donner berichtet. 

Dr. Steiner: Ich habe nun das Wort zu erteilen dem Generalsekre- 
tar der Anthroposophischen Gesellschaft von Frankreich, Made- 
moiselle Sauerwein. 

Mademoiselle Sauerwein berichtet. 

Dr. Steiner: Ich habe nun das Wort zu erteilen dem hollandischen 
Generalsekretar der Anthroposophischen Gesellschaft, Herrn Dr. 
Zeylmans van Emmichoven. 

Dr. Zeylmans van Emmichoven berichtet. 

Dr. Steiner: Ich werde Sie jetzt bitten, meine lieben Freunde, nur 
noch ein paar Minuten auf Ihren Sitzen zu bleiben. Das erste, was 
ich mitzuteilen habe, ist dieses, daft auch anlaftlich dieser Tagung 
verschiedene vom Vergessen herriihrende Fundgegenstande daliegen, 
die alle gesammelt werden und von den Verlierern am Ausgange 
hier bei Herrn Kellermuller in Empfang genommen werden konnen. 

Zweitens habe ich mitzuteilen, daft die folgende Tageseinteilung 
diese sein wird: daft heute um 2 Uhr 30 der Vorstand mit den Gene- 
ralsekretaren und den von ihnen mitgebrachten Sekretaren sich un- 



ten im Glashaus, im Architektenbiiro versammeln wird, also nur 
unser Vorstand, die Generalsekretare und eventuell deren Sekretare. 

Um 4 Uhr 30 wird die Auffuhrung des Christgeburtspieles hier 
sein. 

Dann mu8 wegen einer Eurythmieprobe, die abgehalten werden 
muE, mein Abendvortrag um 8 Uhr 30 beginnen. 

Die heutige Mitgliederversammlung bitte ich Sie jetzt vertagen zu 
diirfen bis morgen um 10 Uhr, wo wir diese Mitgliederversammlung 
fortsetzen werden. Ich werde dann die Ehre haben, zuerst dem Ver- 
treter von Honolulu, Madame Ferreri, das Wort zu erteilen, dann 
den Vertretern der einzelnen Gruppen, die heute nicht gesprochen 
haben. Hiermit ist also die Versammlung bis morgen um 10 Uhr 
vertagt. 



SITZUNG DES VORSTANDES 
UND DER GENERALSEKRETARE DER LANDER- 
GESELLSCHAFTEN MIT IHREN SEKRETAREN 



am 25. Dezember 1923, 2 Uhr 30 nachmittags, im Glashaus 

Dr. Steiner beantwortet die ihm gestellten Fragen der Funktionare 
iiber verschiedene Paragraphen in den Satzungen. 

Zur Frage § 11 betreffs Aufnahme einzelner Mitglieder, die sich 
nicht einer Gruppe anschliefien wollen, gibt er die folgende Ant- 
wort: 

Nur wenn es ganz unmoglich ist, eine solche Bemiihung zum Zie- 
le zu fuhren, dann kame der Paragraph in Betracht; nur dann sollte 
man sich, als Einzelner oder als Gruppe, in Dornach selbst als Mit- 
glied aufnehmen lassen. Also man bemiihe sich zunachst, an die 
Landesgesellschaft Anschluft zu erhaiten, und nur wenn dies aus 
irgendeinem Grunde nicht gelingt, dann wiirden wir einen Einzel- 
nen oder eine Gruppe in Dornach hier aufnehmen. 

Herr Hohlenberg mdchte fragen, wie das zu verstehen ist: «Wem 
es ganz unmoglich ist, die Aufnahme bei einer Gruppe zu finden.» 

Dr. Steiner: Die Statuten sind so abgefafit, dafi darin in moglichst 
wenig Worten alles enthalten sein soli. Es ist vielleicht bei diesem 
Satz «Nur wem es ganz unmoglich ist, die Aufnahme bei einer 
Gruppe zu finden, sollte sich in Dornach selbst als Mitglied aufneh- 
men lassen. » noch notwendig zu sagen: Damit ist naturlich nicht 
bloft gemeint, da$ die Gruppe den Betreffenden nicht aufnimmt, 
sondern es kann ihm ja auch innerlich unmoglich sein, sich bei einer 
Gruppe anzuschliefien. Also wer zum Beispiel die Uberzeugung hat, 
da£ er bei einer Gruppe nicht gedeiht, kann naturlich auch, wenn 
alle Bemuhungen scheitern sollten, sich in Dornach anschliefien. 
Wir werden uns in Dornach naturlich auch wiederum bemuhen, 
einem solchen Einzelnen Vorstellungen zu machen, sich einer 
Gruppe anzuschlieften. Aber als ich den Satz niederschrieb, dachte 



ich nicht blofi an auftere Hindernisse von der Gruppe aus, sondern 
auch an die Hindernisse der eigenen Uberzeugung. 

Herr Hohlenberg: Soil die Bestatigung auch von jedem einzelnen 
bisherigen Mitglied stattfinden? 

Dr. Steiner: Das ist schon aus dem Grunde wiinschenswert, weil 
wir hier an Stelle der alten, nicht sehr schon ausschauenden Mit- 
gliedskarten ordentliche Mitgliedskarten drucken lassen, und es 
wird jedes Mitglied gerne das Auge fallen lassen auf eine Mitglieds- 
karte, die etwas grofter sein wird und ein gewisses Ansehen haben 
soil. Deshalb ware es schon gut, wenn wir an die einzelnen Gruppen 
Zirkulare versenden wiirden, dafi in dieser Weise dann alle bisheri- 
gen Mitgliedskarten gegen die neuen Zertifikate, oder Diplome mei- 
netwillen, ausgetauscht wiirden. 

Mademoiselle Sauerwein fragt: Wenn in Landern mehrere Per- 
sonlichkeiten sich zu einer Gruppe zusammentun wollen und einen 
neuen Funktionar wahlen wollen, der nicht der bisherige des Landes 
ist, ob sie dazu berechtigt sind oder nicht. 

Dr. Steiner: Dieses Recht kann natiirlich niemandem benommen 
werden; man kann nur Bemuhungen anstellen, um es zu verhin- 
dern, aber es kann niemandem das Recht benommen werden, sich 
in Gruppen zusammenzuschliefien, die natiirlich nicht die Landes- 
gruppe, sondern nur eine private Gruppe sein wiirden. Es kann 
nicht die Landesgruppe dann sein, weil die Landesgruppe schon ge- 
bildet worden ist, nicht wahr. Aber das kann nicht in den Statuten 
stehen. Die Statuten miissen das Prinzipielle enthalten. Dagegen 
kann es in einer Geschaftsordnung, die wir noch auszuarbeiten 
haben werden, drinnen sein. 

Herr Donner mochte noch fragen, ob eine Gruppe in einem 
Lande, die sich nicht der Landesgesellschaft anschliefit, sich an eine 
Gesellschaft in einem anderen Lande anschliefien kann. 

Dr. Steiner: Das wiirde prinzipiell auch nicht unmoglich sein. 
Wir wiirden die Freiheit der einzelnen Mitglieder zu sehr beschran- 



ken, wenn wir das prinzipiell ausschlieften wiirden. Also wir kon- 
nen es nicht ausschliefien, aber wir miifken uns eigentlich bemiihen, 
dafi solche Dinge nicht zustande kommen, dafi also tatsachlich sich 
nicht eine Gruppe in irgendeinem Lande einer anderen Gesellschaft 
anschliefk, sondern, wenn sie sich nicht der Landesgesellschaft an- 
schliefk, dann direkt sich in Dornach anschliefk. Das konnte aber 
nur durch einen Usus geschehen. Prinzipiell kann man es nicht aus- 
schliefien. Man konnte es zum Beispiel durchaus nicht verhindern, 
daft sich eine in Frankreich gebildete Gruppe in die deutsche Gesell- 
schaft einschreiben lafk. "Wir konnten das nicht verhindern. 

Madame Muntz: Mu£ man sich bemiihen, dafi einzelne Perso- 
nen, die nicht in Belgien wohnen und doch zu unserer Gruppe geho- 
ren, sich in den Landern, wo sie wohnen, anschlieften, oder nicht? 

Dr. Steiner: Es ware in einem solchen Falle doch gut, wenn sie es 
aus Sympathie gemacht haben. Diejenigen, die schon Sympathie- 
hange haben, bei denen kann man ja die Sache lassen, wie sie ist. 
Aber fur die Zukunft wollen wir das nicht so halten. Wir brauchen 
uns auf keinen pedantischen Standpunkt zu stellen, das ist durchaus 
nicht notig, aber wir miissen immerhin doch etwas wie Stiitzen 
haben. 

Dr. Unger: Es gibt noch eine ganze Menge Menschen in Siidame- 
rika, die noch bei der deutschen Gesellschaft Mitglieder sind und 
den Wunsch geaufiert haben, bei der deutschen Gesellschaft zu blei- 
ben. Es ist aber schon im Gange, dafi unter den Gruppen eine beson- 
dere Gesellschaft zustande kommen soil, und es liegt da besonders 
der Auftrag vor, hier die Notwendigkeit zur Geltung zu bringen, 
die dort geauftert wurde: eine besondere sudamerikanische Gesell- 
schaft in Aussicht zu nehmen. Zunachst mochten sie noch bei 
Deutschland bleiben, und es wird die Handhabung zur Uberfuh- 
rung dieser Gruppen allmahlich gemacht werden konnen. 

Dr. Steiner: Es ist natiirlich so, dalS man bei der Konfiguration 
der Gesellschaft alles in Betracht ziehen mu!5, was sich nun - nicht 
in biirokratischer, aber in menschlich-notwendiger Weise fur die 



Verwaltung ergibt. Wir haben zum Beispiel in dem Statut den § 14: 
«Gesellschaftsorgan ist das <Goetheanum>, das zu diesem Ziele mit 
einer Beilage versehen wird, die die offiziellen Mitteilungen der 
Gesellschaft enthalten soil. Diese vergrofterte Ausgabe des <Goethe- 
anum> wird nur an die Mitglieder der Anthroposophischen Gesell- 
schaft abgegeben.» Nun, nicht wahr, wenn die siidamerikanischen 
Gruppen zu Deutschland gehorten, so wiirde das bedeuten, daft das 
«Goetheanum» nicht von hier aus an die siidamerikanischen Grup- 
pen ginge, sondern erst von Deutschland aus wieder nach Siidameri- 
ka geschickt wiirde. Ahnliches wird sich noch ergeben konnen. Da 
wir durchaus hier denken, daft die Dinge nicht wieder auf dem 
Papiere stehenbleiben, sondern daft die Dinge in der Beilage stehen 
werden, die jedes Mitglied moglichst schnell wissen will, so meine 
ich, daft es schon gut ist, wenn aufterhalb der Landesgruppen be- 
stehende Gruppen sich direkt in Dornach anschlieften, damit das 
anthroposophische Leben moglichst gedeihen kann und nicht auf 
alien moglichen Umwegen erst zustande kommen kann. 

Dr. Wachsmuth teilt mit, daft die siidamerikanische Gesellschaft 
gerade in den Tagen vor Weihnachten noch geschrieben hat und 
von den neuen Beschliissen gehort hat. Er verliest eine Mitteilung 
von dort. 

Herr Leinhas: Es ist auch mir in demselben Sinne geschrieben 
worden. Gerade in den letzten Tagen ist das eingetroffen, und ich 
bin beauftragt, die Landergesellschaft, die in Rio ihren Sitz haben 
wird, zunachst zu vertreten. 

Dr. Zeylmans van Emmichoven: In Punkt 5 wird gesprochen 
iiber die drei Klassen der Freien Hochschule fur Geisteswissenschaft 
in Dornach: «In dieselbe werden auf ihre Bewerbung hin aufgenom- 
men die Mitglieder der Gesellschaft. » Ich mochte nun fragen, ob die 
Landergesellschaften eigentlich etwas damit zu tun haben, oder ob 
das eine rein personliche Sache der Mitglieder ist. 

Dr. Steiner: Dasjenige, was in diesem Punkt 5 enthalten ist, wird 
in bezug auf die Gesamtleitung eine Angelegenheit des Goetheanums 



in Dornach sein. Und alles, was zur Konfiguration dieser Freien 
Hochschule fur Geisteswissenschaft gehort, wird in die Hand genom- 
men werden miissen von der Leitung des Goetheanums in Dornach. 
Es wird natiirlich unter den Dingen, die da gehandhabt werden, 
auch dies sein, dafi man in Verbindung tritt nicht nur mit Funktio- 
naren, sondern auch mit Mkgliedern, die da oder dort diese oder je- 
ne Arbeit leisten. Und dann werden Mitglieder der ersten, der zwei- 
ten, der dritten Klasse des Goetheanums durch Ernennung der Lei- 
tung des Goetheanums iiberall sein. Auf welchem Wege sie es wer- 
den, das wird ganz vom individuellen Fall abhangen; denn das wird 
im wesentlichen eine Art esoterischer Sache sein, aber eine esoteri- 
sche Sache, die eben im modernen Sinne gehandhabt wird. Nun 
wird, wenn diese Sache erst im Gange ist, es sich auch herausstellen, 
daft in den verschiedenen Landesgesellschaften Mitglieder sind, die 
zu einer der Klassen des Goetheanums gehoren. Fur diese wird dann 
eine eigene Leitung vom Goetheanum aus in den betreffenden Lan- 
dern ernannt werden, so da$ man territorial die Dinge begrenzt hat, 
daf$ es nicht ins Uferlose geht. Also diese Angelegenheit - ich werde 
sie noch im Laufe der Tagung auseinandersetzen ~ wird im wesent- 
lichen durch die Leitung des Goetheanums selbst besorgt werden. 
Sie haben dazu den Punkt 7: «Die Einrichtung der freien Hoch- 
schule fur Geisteswissenschaft obliegt zunachst Rudolf Steiner, 
der seine Mitarbeiter und seinen eventuellen Nachfolger zu ernen- 
nen hat.» 

Ich habe zunachst vor, aufier den drei Klassen, Sektionen zu er- 
richten, die dann fur die fachlichen Dinge da sind; so zum Beispiel 
eine Sektion fur die allgemeine Anthroposophie, eine fur dasjenige, 
was man in Frankreich friiher «belles-lettres» genannt hat, eine Sek- 
tion fur Naturwissenschaft, fur Padagogik, fur Kunst, fur die ver- 
schiedenen Gebiete der Kunst. Diese Sektionen werden dann ihre 
Spezialleiter haben, und das wird das Direktorium der Freien Hoch- 
schule fur Geisteswissenschaft sein. Die Mitglieder dieser einzelnen 
Klassen - sie werden ja Mitglieder sein, nicht wahr; die Schulereigen- 
schaft ist etwas ganz Privates, aber sie werden Mitglieder sein -, sie 
werden dann iiberall hin verstreut sein. Und das ist eine selbstandige 



Einrichtung, deren Beschiitzung und Behiitung aber selbstverstand- 
lich die Landesgesellschaften iibernehmen werden. 

Fraulein Henstrom: Es gibt in Schweden unter den Anthroposo- 
phen mehr als ein Drittel, glaube ich, die sich keinem Zweige an- 
schlieften. In kleineren Orten ist ja das ganz naturlich, aber es gibt 
auch eine ganze Menge in Stockholm, die nicht zu den Gruppen ge- 
horen wollen. Sie meinen, dafi sie mehr in Freiheit arbeiten konnen, 
wenn sie fur sich selbst stehen und die Vortrage in der Einsamkeit 
studieren. Es gibt doch eine ziemlich grofie Anzahl unter uns, die 
Verstandnis dafiir hat, wie wichtig es ist, daft es zu einem festen Zu- 
sammenhalt kommt und dafi es deshalb notwendig ist, dafi die Mit- 
glieder untereinander sich personlich kennenlernen. Ich halte es fur 
eine unmogliche Sache, wenn die Mitglieder sich nicht in Gruppen 
einfiigen, und mochte fragen, ob man nicht von Dornach aus eine 
Anregung geben konnte, daft in dieser Richtung eine Verbesserung 
eintreten konnte. 

Dr. Steiner: Wir werden uns alle Miihe geben, daft die in den ein- 
zelnen Landern wohnenden Mitglieder sich der Hauptgruppe an- 
schlieften. Das wird ja in den meisten Landern die Landesgruppe 
sein. Aber einen Zwang ausiiben durch irgendein Statut, das moch- 
ten wir nicht. Wir mochten von Dornach aus nach keinerlei Rich- 
tung einen Zwang ausiiben, aber wir werden uns alle Miihe geben, 
zum Verstandnis zu bringen, daft die also zum Beispiel in Schweden 
vereinzelt wohnenden Mitglieder, wenn sie auch nach ihren Lebens- 
gewohnheiten vereinzelt bleiben wollen, sich der Stockholmer oder 
Landesgesellschaft anschliefien. 

Fraulein Henstrom: Ich bin auch nicht fur Zwang. 

Dr. Steiner: Gewifi, wir werden uns Miihe geben, die Sache zum 
Verstandnis zu bringen. 

Mr. Monges fragt, von welchem Gesichtspunkte, auf welche 
Weise gewiinscht werde, dafi in den einzelnen Fallen die General- 
sekretare gewahlt werden, demokratisch oder wie sonst? 



Dr. Steiner: Auch das mochte ich durchaus nicht irgendwie durch 
Statuten fiir die einzelnen Gruppen der Welt festlegen. Ich kann mir 
zum Beispiel ganz gut denken, daft es Landergesellschaften gibt, die 
durchaus demokratisch verfahren wollen. Ich kann mir denken, daft 
andere hocharistokratisch sein wollen, sich anschlieften an irgendei- 
ne Personlichkeit und der es iibertragen, die anderen Funktionare 
zu ernennen und dergleichen. Deshalb meine ich, daft zunachst die 
ja von mir etwas, wie soil ich sagen, etwas aristokratisch gehand- 
habte Einsetzung des Vorstandes vielleicht etwas nachgeahmt wird. 
Es kann aber auch sein, daft sie da oder dort als hochst unsympa- 
thisch empfunden wird: dann konnte ja auch demokratisch gewahlt 
werden. Aber es wird naturlich die Wahl um so leichter sein, je klei- 
ner eine Gruppe ist; wahrenddem Wahlen, sagen wir zum Beispiel 
innerhalb einer Versammlung, wie sie die jetzige hier ist, meiner 
Meinung nach iiberhaupt gar keine Bedeutung haben konnen. Ir- 
gend jemanden nominieren und wahlen, das ist unmoglich, wenn 
zunachst so wenig gegenseitiges Erkennen vorhanden ist. Also hier 
wiirde es schon nicht gehen. Aber ich kann mir ganz gut denken, 
daft zum Beispiel irgendeine demokratische Einrichtung da oder 
dort Platz greift. Im allgemeinen aber meine ich, ist diese Frage gar 
keine so aufterordentlich prinzipiell bedeutungsvolle. Denn entwe- 
der wird man so wahlen, daft, ich mochte sagen, die Wahl gedanken- 
los ist: dann werden die Gesellschaften nicht bliihen, dann wird 
nichts draus, wenn einfach irgend jemand nominiert wird, damit 
man schnell fertig ist mit der Wahl, so wie bei politischen Wahlen 
die Dinge geschehen. Da wird nichts draus, da kann bei uns nichts 
werden. 

Der andere Fall wiirde sein, daft man hinschaut auf diejenigen, die 
sich schon Verdienste erworben haben, das oder jenes als Arbeit ge- 
leistet haben, an denen man beobachtet, wie sie die Arbeit leisten: 
dann wird im allgemeinen auch eine Majoritat auf selbstverstandli- 
che Art sich finden. Ich glaube nicht, daft irgendwie, wenn die Ante- 
zedenzien hergestellt sind fiir irgendeine Wahl, dann bei uns, wo es 
wirklich darauf ankommt, daft gearbeitet wird, irgendeine Demo- 
kratie die Arbeit unmoglich macht. Also ich meine, in der Praxis 



wird kein so grower Unterschied sein zwischen Demokratie und 
Aristokratie. Wir konnten ja in den nachsten Tagen einmal die Pro- 
be aufs Exempel machen und konnten fragen, ob der Vorstand, den 
ich vorgeschlagen habe, gewahlt oder nicht gewahlt wird. Dann hat- 
ten wir ja auch eine demokratische Voraussetzung; denn ich setze 
voraus, daiS er gewahlt wird, sonst wiirde ich doch auch wieder zu- 
riicktreten! Nicht wahr, es muE doch Freiheit herrschen. Aber, mei- 
ne lieben Freunde, Freiheit mufi auch ich haben. Ich kann mir 
nichts aufoktroyieren lassen. Freiheit mufi doch vor alien Dingen 
auch derjenige haben, der die Funktion ausiiben soil. Oder ist es 
nicht so? Also ich meine, es wird sich das, was ich jetzt sage, im all- 
gemeinen iiberall ergeben: Ob Demokratie oder Aristokratie, die 
Gesellschaft wird nicht viel anders ausschauen, 

Mr. Monges: Wir in Amerika sind sehr politisch. 

Dr. Steiner: Wenn man Dornach etwas mitreden lafit, dann wird 
die Sache gehen. 

Fraulein Schwarz: Es ist friiher gesagt worden, daft die Mitglieder 
der alten Theosophischen Gesellschaft nicht Anthroposophen wer- 
den konnen, das heifk nicht zur Anthroposophischen Gesellschaft 
gehoren sollen. Soil das auch weiter bestehen oder nicht? 

Dr. Steiner: Von wem ist das gesagt worden? Von mir niemals! 
Von mir ist es niemals gesagt worden. Die Entscheidung dariiber, ob 
jemand aufgenommen werden soli oder nicht, ist eben individuell zu 
treffen nach dem Menschen, und ich habe immer ausdrucklich ge- 
sagt: Ob jemand einer Tischlervereinigung angehort, oder einer Ver- 
sicherungsgesellschaft, oder einer Naturforschergesellschaft, oder 
der Theosophischen Gesellschaft: das darf nicht in Betracht kom- 
men, sondern nur der Mensch. Also es ist nicht von mir jemals ge- 
sagt worden, dafi irgendeine Abstempelung durch die Mitgliedschaft 
zu einer anderen Gesellschaft ein Hindernis sein kann fur die Auf- 
nahme in die Anthroposophische Gesellschaft. Allerdings, es konn- 
te sich ja ergeben, dafi im individuellen Falle auch die Mitgliedschaft 
zur Theosophischen Gesellschaft ein Hindernis bilden wiirde. Es 



konnte sich im individuellen Fall schon ergeben; es wiirde ja natiir- 
lich immerhin eine Frage sein, ob zum Beispiel, wenn Mrs. Besant 
oder Mr. Leadbeater um die Aufnahme in die Anthroposophische 
Gesellschaft nachsuchen wiirden, sie aufgenommen wiirden oder 
nicht. Also im einzelnen Fall mufi die Frage schon auftauchen; aber 
im prinzipiellen Fall kann sie gar nicht gelten, sonst wiirden wir 
doch zu Grundsatzen kommen, die zu einer Gesellschaft, wie sie im 
modernen Stil gemacht werden mufi, nicht mehr stimmen wiirden. 

Der Herzog von Cesaro wirft eine Frage auf betreffend die Stim- 
menzahl der Mitglieder. In der alten Theosophischen Gesellschaft 
ist es zum Beispiel passiert, daft einmal in einer nationalen Sektion 
Unannehmlichkeiten vorgekommen sind; dann hat man die ganze 
Gruppe zerstiickelt, um mehr Stimmen zu haben. So etwas sollte 
nicht mehr moglich sein. 

Dr. Steiner: Es ist natiirlich wiinschenswert, daft solche Dinge 
nicht geschehen, wie Sie sie erwahnt haben, Herr Herzog. Aber auf 
der anderen Seite: die Zahl der Mitglieder nach unten hin anzuge- 
ben, ist natiirlich eine gewisse Schwierigkeit. Da kommt man dann 
in die Frage hinein: Wie groft sollte die Anzahl der Mitglieder zu 
einer Gruppe sein? Uber diese Frage hatten wir ja bisher eine ganz 
bestimmte Anschauung. Nun wird das vielleicht schon als Problem 
entstehen konnen: Sollen wir alles, was sich aus den modernen 
Usancen heraus ergibt, sollen wir alles das in den § 3 hineinbringen, 
so daft alles Esoterische in den § 3 hineingebracht wird, oder aber 
sollen wir eine gewisse Zahl von Mitgliedern nominieren, die nur zu 
einer Gruppe gehoren miiftten. Da wiirde dann die Mindestzahl sie- 
ben sein, weil nur sieben eine wirkliche Majoritat ergibt. Es gibt ja 
natiirlich auch bei drei und fiinf Mitgliedern eine scheinbare Majori- 
tat. Aber derjenige, der die menschliche Natur kennt, der weift: Un- 
ter drei Mitgliedern zwei zu eins, unter fiinf Mitgliedern drei zu 
zwei, da ist der eine nicht richtig eruiert und so weiter. Erst vier zu 
drei bildet eine mogliche Majoritat, die dann besteht, wenn man auf 
der einen Seite drei hat und auf der anderen Seite ein Drittel mehr. 
Das ergibt dann die Moglichkeit, daft eine wirkliche Majoritat da ist. 



Da wiirde die Mindestzahl sieben Mitglieder sein. Es wiirde mir 
nicht widerstreben, diese Zahl hier aufzunehmen; aber ich habe mir 
iiberlegt, dafi diese Statuten vor der Welt schon einmal heute eher 
bestehen konnen, wenn wir so etwas wie die Siebenzahl nicht hin- 
einbringen. Damit wiirde ich meinen, dafi die Anregung, die Sie ga- 
ben, Herr Herzog, eben auch in die Geschaftsordnung hineinkom- 
men kann, so dafi wir trotzdem praktisch die Sache so handhaben 
wiirden. Auf diese Weise finden wir vielleicht doch den Ausweg. 

Prof. Dr. Maurer: Ich mochte anfragen, ob man nicht vielleicht 
auch den anderen Paragraphen beschneiden konnte beziiglich der 
Klassen: dieses also lieber nicht in die Offentlichkeit lancieren. 
Denn ich furchte, dafi man darinnen alle moglichen historischen 
und anderen Parallelen wieder herausholen wird und sie eventuell 
gegen uns verwenden wird. 

Dr. Steiner; Nehmen Sie den § 5, wie er hier gefaftt ist, und fragen 
Sie sich, ob er nicht so, wie er hier stent, anwendbar ware auf jede 
Universitat. So wie er hier steht ist er anwendbar auf jede Univer- 
sitat und kann in keiner Weise irgendeinen Anstoft erregen. Alles 
andere ist Handhabung. 

Prof. Dr. Maurer: Jawohl, anwendbar schon, aber es sind doch 
noch andere Angriffspunkte da. Es ist die Erinnerung an etwas, was 
einmal — so wie man es gewohnlich auffafk - in der Geschichte da- 
gewesen ist. 

Dr. Steiner: Es ist in der Geschichte gar nicht dagewesen, daft 
man «Klassen» gesagt hat, sondern «Grade». 

Prof. Dr. Maurer: Aber man wird natiirlich gleich die Sache ver- 
kehrterweise identifizieren, und ich wollte nur vorbeugen, daft sol- 
che falschen und schiefen Identifikationen vorkommen. 

Dr. Steiner: Es ware das Falscheste, was wir tun konnten, wenn 
wir irgend etwas in die Statuten hineinnahmen, was einer Identifika- 
tion entsprange. Dafi uns Miftverstandnisse unterlegt werden, kon- 
nen wir nicht vermeiden. Aber derjenige, der den § 5 falsch auslegt, 



der mufi das eben wollen. Das konnen wir nicht verhindern; doch 
der § 5 ist so gefaftt, daft kein Mensch etwas anderes sagen kann, als: 
In dieser Hochschule fiir Geisteswissenschaft in Dornach hat man 
drei Klassen, wie wenn in Freiburg eine Hochschule bestunde, die 
vier medizinische Klassen, vier Jahrgange hat. - Also ist es ganz ge- 
nau nach dem Muster der aufterlich bestehenden Hochschulen hier 
geschildert, so daft niemand irgendwie auch nur mit einem scheinba- 
ren Recht da einhaken kann. Und so ist auch die Handhabung. Den- 
ken Sie, an einer Universitat geschieht es auch nicht anders, als daft 
von der Leitung entschieden wird, ob man aufsteigt in einem Jahr- 
gang oder nicht. 

Prof. Dr. Maurer: Das war friiher nicht der Fall. In den philoso- 
phischen Fakultaten ist niemals ein solches Aufriicken in Klassen ge- 
wesen, weder in Straftburg bei Prof. Windelband noch sonst irgend- 
wo. Man kam, stellte sich vor, wurde da zugelassen. Natiirlich folgte 
man je nach den Fahigkeiten, die man besaft. Jetzt ist freilich auch 
schon etwas klassenmaftig abgestuft worden im Interesse der Schil- 
ler. Ich wollte auch nur darauf hinweisen, weil eben die Gegner 
gleich darauf hinweisen werden. 

Dr. Steiner: Es ist jedenfalls doch nicht so, daft man einen Medi- 
zinstudierenden, der eben an die Universitat gekommen ist, zulaftt 
zu den speziellen Studien iiber anatomische Medizin. Da gibt es 
doch auch Klassenunterricht. Ich glaube nicht, daft man ihn da 
gleich zulassen wird. 

Prof. Dr. Maurer: Gewift nicht. 

Dr. Steiner: Bei der philosophischen Fakultat hat ja das seine gu- 
ten Griinde, gerade wiederum aus der Historie heraus. Diese Dinge 
konnen ja wirklich immer gerechtfertigt werden. Die philosophi- 
sche Fakultat war urspriinglich an den Universitaten iiberhaupt kei- 
ne Fakultat, sondern es bestanden drei Fakultaten: die theologische, 
die medizinische, die juristische. Diese drei Fakultaten waren schon 
klassenmaftig gegliedert. Die philosophische Abteilung war iiber- 
haupt die Grundlage von alien dreien. In die philosophische Fakul- 



tat kam man zuerst. Da kam der Theologe hinein, da kam der Jurist 
hinein, da kam der Mediziner hinein; dann stieg er auf von dieser 
philosophischen Fakultat in die einzelnen Fakultaten. Und da stieg 
er klassenmaftig auf. Ich glaube nicht, daft es in irgendeinem Lande 
anders ist. Nennen sie unsere Konstitution: Allgemeine anthroposo- 
phisch-philosophische Fakultat, und dann haben sie die drei Klassen 
darauf aufgebaut. Es ist absolut ganz gleich der Universitat einge- 
richtet. Ich habe streng darauf gesehen, daft es absolut unanfechtbar 
ist. Nur, nicht wahr, in der philosophischen Fakultat hat sich das 
eben herausgestellt, daft man sie als eine besondere Fakultat konsti- 
tuiert hat; dann wurden immer mehr und mehr Vorlesungen gehal- 
ten, und das Ganze wurde eine Anarchie und ein Chaos. Keiner 
weift, wenn er in die philosophische Fakultat hereinkommt, was er 
iiberhaupt horen soil, denn er kann unter Umstanden Vorlesungen 
horen, von denen er nichts versteht. Das ist etwas, was sich in 
chaotischer Weise der Universitat eingefiigt hat. 

Was hier steht, entspricht ganz genau dem Usus, der an den Uni- 
versitaten, in Wien zum Beispiel bis zum Jahre 1848, bestanden hat. 
Das ist ganz unanfechtbar. Und ich glaube, in Paris ist es bis heute 
noch so, in Italien sind auch einzelne, die es bis heute so handhaben; 
in den deutschen Universitaten gibt es Dinge, die eben chaotisch 
sich entwickelt haben. Aber das, was hier steht, ist absolut unan- 
fechtbar. Und wenn wir es nicht in die Statuten aufnehmen und 
doch tun - und tun miissen wir es, es wurde ja sonst sogleich der § 8 
iiber die Zyklen modifiziert werden miissen -, dann wurden wir 
sogleich wieder etwas bekommen, was uns gar nicht dienen wurde. 
Aber wir miissen es so haben, und wir miissen auch den § 8 so 
haben. Wir konnen natiirlich irgendwelche Abanderungsantrage 
immer noch im einzelnen haben, aber eine vollstandige Unter- 
driickung der Freien Hochschule mit ihren drei Klassen wiirde nicht 
angehen. 

Prof. Dr. Maurer: Es ist ganz selbstverstandlich, daft man auf- 
riicken muft. Ich habe nur das eine Bedenken gehabt, daft die 
Gegner einhaken konnten. 



Dr. Steiner: Das einzige, worauf man sich einlassen konnte, ware 
dieses, dafi man sagt: «Die Anthroposophische Gesellschaft sieht ein 
Zentrum ihres Wirkens in der Freien Hochschule fur Geisteswissen- 
schaft in Dornach. Diese wird nach dem Muster anderer Hochschu- 
len in drei Klassen bestehen.» Wenn Sie das drinnen haben wollen, 
das konnen wir natiirlich immer drinnen haben. 

Baronin de Renzis: Soil man hier von der Arbeit in Italien oder 
auch von der Richtung unserer Arbeit berichten, oder soli nur iiber 
die Statuten gesprochen werden? 

Dr. Steiner: Dtirfte ich bitten, iiber die Arbeit in Italien morgen 
zu sprechen. 

Baronin de Renzis mochte etwas fragen -iiber die Richtung der 
Arbeit im allgemeinen. 

Dr. Steiner: Ich bitte, den Bericht morgen zu geben. 

Baronin de Renzis: Soil man von jeder Unternehmung oder In- 
itiative, die von unserer Bewegung stammt, den anthroposophischen 
Charakter a priori verkiinden und der Gefahr entgegengehen, sie ab- 
gelehnt zu bekommen, oder sollen wir versuchen, die anthroposo- 
phische Auffassung in der offentlichen Meinung zu verbreiten, ohne 
das Urteil herauszufordern, sie abzulehnen? Diese Entscheidung ist 
notig, um zu wissen, was in Zukunft die Einstellung der Gruppen 
bestimmen soil. 

Dr. Steiner: Es ist ja natiirlich so, dafi es auf das Wort «Anthropo- 
sophie» dabei nicht ankommt, aber auf andere Dinge kommt es an. 
Ich will zum Beispiel folgendes sagen. Denken wir einmal an ein Bei- 
spiel par excellence, an die Medizin. Nun kann man heute die Medi- 
zin nicht fortfiihren iiber das hinaus, was sie heute ist und was eben 
durchaus nicht geniigt, wenn man nicht beginnt, weil dort erst die 
wirklichen Krankheitsursachen liegen, vom atherischen Leib des 
Menschen, vom astralischen Leib und der Ich-Organisation zu spre- 
chen. Also ist es notig, dasjenige, was Anthroposophie als Inhalt ent- 
halt, einfach vor die Welt hinzustellen. Und wir haben auch da 



die Erfahrungen gemacht, die wirklich sehr lehrreich waren. Frau 
Dr. Wegman hat mit mir zusammen in London, in Wien und im 
Haag Kurse veranstaltet. Der eine der Kurse war ja bei Dr. Zeyl- 
mans in seinem hollandischen Institut; und ich habe Vortrage gehal- 
ten vor Arzten, denen ich absolut von Anthroposophischem gespro- 
chen habe, dafi heifk gesprochen habe, wenn es notig war an der be- 
treffenden Stelle, von astralischem Leib, Atherleib und so weiter. 
Dabei wurde das eine ganz untergeordnete Rolle spielen, ob man die 
Terminologie so oder so gestaltet. Wenn man die Dinge tatsachlich 
handhabt, so ist man sogar manchmal versucht, an einer Stelle den 
Namen Atherleib zu gebrauchen, an einer anderen Stelle den Ather- 
leib zu umschreiben. Zum Beispiel man kann, wo man Atherleib sa- 
gen will, auch sagen: die substantiellen Wirkungen, die nicht vom 
Erdenzentrum aus bewirkt werden, sondern von der Weltenperi- 
pherie aus im einzelnen bewirkt werden. Also, nicht wahr, an eine 
bestimmte Terminologie ist ja nur derjenige gebunden, der eigent- 
lich nicht in der Sache drinnen steht. Wir haben doch gefunden, dafi 
in diesem Falle die Leute mit dem, was man sagt, etwas anzufangen 
wissen; sie wissen: Es ist etwas, was neu in die Welt tritt. Wahrend- 
dem, wenn man das vermeidet, so sagen sich die Leute: Gewifi, iiber 
das oder jenes Heilmittel in Beziehung zum menschlichen Organis- 
mus gibt es ja diese oder jene schonen Ansichten, die schon da waren 
und wieder weggegangen sind und so weiter, und da tritt wieder eine 
Ansicht auf. - Nun, nicht wahr, beurteilen sie es so, dafi sie den ei- 
nen klinischen Bericht oder eine klinische Abhandlung von irgend- 
wo auswarts und eine andere klinische Abhandlung von uns sehen, 
ja, dann konnen sie es nicht unterscheiden. Wenn wir aber kommen 
mit dem, was uns wirklich hereinfuhrt in das Zentrum des Krank- 
seins, so kann man das nicht anders behandeln, als indem man von 
Atherleib und so weiter spricht, wenn auch vielleicht mit einer an- 
deren Terminologie. Dann wissen die Leute, woran sie sind. Und 
das ist auch das, was am weitestens gefiihrt hat. Es kommt nicht 
eigentlich auf den Namen Anthroposophie zunachst an, aber es 
kommt darauf an, daft man nirgends zuriickschreckt vor dem, was 
sachlich notwendig ist. Wenn man den Leuten die Anthroposophie 



einkleiden will in das, was «der Pfarrer auch sagt», dann wissen sie 
uberhaupt gar nicht, was man von Ihnen will. Ich habe selbst einmal 
das Exempel statuiert, dafi ich einen Wiener Kursus gehalten habe 
von zwolf Vortragen, die sich iiber alles Anthroposophische er- 
streckt haben, auch iiber die praktischen Anwendungen. Sie konnen 
sich heute diesen Zyklus vornehmen: es kommt das Wort Anthro- 
posophie darin uberhaupt nicht vor. Man kann schon einmal die 
Veranlassung auch durchaus haben, das Wort Anthroposophie nicht 
zu gebrauchen, gewift, aber ich meine, auf die Sache, auf den Geist 
der Sache kommt es an. Was meinen Sie, wieviel wohlwollende 
Menschen sind zu mir gekommen und sagten: Das Wort Atherleib, 
ach, davor haben die Leute ein Grauen! Konnte man nicht sagen: 
das Funktionelle im menschlichen Organismus? - Nun heilk das 
aber gar nichts. Mit dem Wort «Funktionelles im menschlichen Or- 
ganismus» ist gar nichts gesagt. Wahrenddem, wenn man spricht 
von Atherleib, so ist der Unterschied der: Fur den physischen Leib 
sind zuletzt alle die Krafte, welche die Richtung der Gravitation ha- 
ben, mechanisch auf die Gravitation zu bringen, wahrend im Ather- 
leib alle Krafte sich bringen lassen auf die Peripherie, alles Gleitende, 
Schleifende. Da hat man diesen Unterschied. Aber wenn man sagt 
«das Funktionelle im menschlichen Organismus», dann meint man 
ja mit der Funktion nicht diesen radikalen Gegensatz. Also diese 
wohlwollenden Vorschlage, die manchmal gerade von Aufienste- 
henden kommen, konnen wir nicht beriicksichtigen. 

Baronin de Renzis: Ist es geniigend, wenn man vom Essentiellen, 
vom Wesentlichen spricht? 

Dr. Steiner: Das Wort Anthroposophie braucht man den Leuten 
ja nicht an den Kopf zu werfen, aber es ware gut, wenn man gefragt 
wird, ob man Anthroposoph ist, nicht zu sagen: Nein! 

Wir werden nun die Versammlung morgen fortsetzen. Wir miis- 
sen schon die Sache so einrichten wahrend dieser Tagung, dafi man 
auch etwas zu Atem kommen kann. 



FORTSETZUNG DER GRUNDUNGSVERSAMMLUNG 
am 26. Dezember 1923, 10 Uhr vormittags 



Thema: Die zukiinftige Arbeit der Allgemeinen Anthroposophi- 
schen Gesellschaft und deren Landergesellschaften. - Fortsetzung 
der Berichte der Generals ekretare 

Dr. Steiner: 

Meine lieben Freunde! 

Wir stehen mitten in den Berichten der Generalsekretare und der 
Vertreter der Gruppen, die in den verschiedenen Gegenden drauften 
tatig sind. Wir werden sogleich diese Berichterstattung fortsetzen. 
Gestatten Sie nur, dafi ich mitten in diese Berichterstattung hinein 
ein paar Worte spreche. Gerade dasjenige, was in so wirklich befrie- 
digender Weise gestern von den einzelnen Berichterstattern gesagt 
worden ist, gibt mir dazu Veranlassung. Wir sehen aus dem, was uns 
da mitgeteilt worden ist, wie hingebungsvoll iiberall draufien gear- 
beitet wird, und wir durfen dasjenige, was uns gestern berichtet wor- 
den ist, hinzuzahlen zu den Namen, von denen ich vorgestern mir 
erlaubte zu sprechen und von denen wir glauben durfen, dafi sie 
trotz der Triimmer, auf denen wir stehen, anzusehen sind als dasje- 
nige, was uns bei dieser Tagung nicht zu irgendeinem Pessimismus, 
sondern durchaus zu echtestem, weil vielleicht tatkraftigem Opti- 
mismus anfeuern kann. 

Wir miissen bei dieser Tagung eigentlich iiberall, auf alien Gebie- 
ten, an den Aufbau und nicht an das Abtragen denken. Und deshalb 
mochte ich heute schon aufmerksam machen darauf, dafi wir viel- 
leicht sehen sollten, die ganze Tagung in einer gewissen Beziehung 
zu orientieren. Es wird sich die Moglichkeit bieten, noch in den 
nachsten Tagen bei unseren Mitgliederversammlungen selbstver- 
standlich das eine oder das andere zu besprechen. Aber schon heute 
mochte ich dieses sagen: Wir konnten es ja aus den in ihrem Inhalte 



als eine Notwendigkeit sich ergebenden Statuten ersehen, daft wir 
mit der Anthroposophischen Gesellschaft die voile Offentlichkeit 
verbinden miissen. Das geht, meine lieben Freunde, aus den Zeichen 
der gegenwartigen Zeit heraus nicht anders. Alles Hineintauchen in 
irgend etwas Geheimnisvolles vertragt die heutige Zeit nicht mehr. 
Und daraus ergibt sich gerade fiir uns, ich mochte sagen, ein Grund- 
problem, das wir losen miissen. 

Ich meine nicht, daft wir wahrend dieser Tagung sehr viel daniber 
zu debattieren brauchen, sondern wir miissen dieses Grundproblem 
in unseren Herzen losen. Wir miissen uns klar sein dariiber, daft ge- 
rade unserer Gesellschaft die Aufgabe zufallen wird, die denkbar 
groftte Offentlichkeit zu verbinden mit echter, wahrer Esoterik. 

Ja, meine lieben Freunde, wir haben zunachst unter den Hemm- 
nissen und Hindernissen der furchtbaren Kriegszeit und dann auch 
unter macherlei inneren Schwierigkeiten sozusagen die Aufstellung 
dieses Problems nach alien Seiten erlebt. Es gab im Grunde genom- 
men keine der Versammlungen, die in der letzten Zeit innerhalb der 
Anthroposophischen Gesellschaft gehalten worden sind, in denen 
nicht wie ein Hintergrund, den allerdings viele nicht bemerkt ha- 
ben, wie ein Hintergrund hinter allem das Problem stand: Wie ver- 
binden wir die voile Offentlichkeit mit der tiefsten, ernstesten, in- 
nerlichsten Esoterik? Dafiir ist es notwendig, daft nun wirklich alle 
unsere Versammlungen in der Zukunft herausgehoben werden aus 
alledem, was man Vereinsmaftiges nennen kann. Anthroposophie 
braucht nicht das Vereinsmaftige im gewohnlichen Sinne des Wor- 
tes. Wo Anthroposophie wirklich Verstandnis findet in den Herzen, 
da werden diese Herzen zusammen schlagen konnen, ohne daft die 
Kopfe aneinanderstoften. Und wenn wir dieses rein menschliche Pro- 
blem losen, daft die Herzen zusammenklingen konnen, ohne daft 
die Kopfe aneinanderstoften, dann werden wir von der menschlichen 
Seite aus ja tatsachlich alles das getan haben, was notwendig ist, um 
uns vorzubereiten, auch in der Fiihrung der Anthroposophischen 
Gesellschaft diese Dinge zu erreichen, die bezeichnet worden sind. 

Und wir miissen sie erreichen, wir miissen es erreichen, daft wir 
bei alien unseren Handlungen die Empfindung haben konnen des 



Zusammenhanges mit der geistigen Welt. Denn das raufi ja gerade 
der Unterschied sein zwischen unserer Anthroposophischen Gesell- 
schaft und irgendeiner anderen Vereinigung, die es gegenwartig ge- 
ben kann. Der Unterschied mufi der sein, dafi aus der Kraft der 
Anthroposophie selber heraus diese Moglichkeit besteht, die denk- 
bar grofke Offentlichkeit zu verbinden mit wahrster, innerlichster 
Esoterik. Und die Esoterik darf uns in der Zukunft auch bei den 
aufierlichsten Handlungen nicht fehlen. Wir mixssen auf diesem 
Gebiete von den letzten zehn Jahren eben doch manches lernen. 

Und dasjenige, was ich da sage, bezieht sich auch auf die Verant- 
wortlichkeiten. Bedenken Sie, meine lieben Freunde, das Folgende: 
Wir stehen als eine kleine Gesellschaft in der Welt, und diese Gesell- 
schaft hat in der Gegenwart ein merkwiirdiges Schicksal. Sie konnte 
gar nicht, wenn sie auch wollte, diesen Charakter der Offentlich- 
keit, den ich jetzt so besonders stark betone, ablehnen, sie konnte es 
nicht. Denn wiirden wir heute aus irgendeiner Sympathie heraus be- 
schliefien, in den Gruppen nur innerlich zu arbeiten, was ja gewifi 
sehr schon ware, wiirden wir uns nicht um die Offentlichkeit kiim- 
mern, so wiirden wir sehen, wie das noch immer mehr und mehr 
iiberhandnimmt, dafi sich die Offentlichkeit um uns im feindlichen 
Sinne bekummert. Je mehr wir uns um dasjenige, was die Zeichen 
der Zeit sind, nicht kummern, desto mehr wird sich im feindlichen 
Sinne dasjenige, was irgendwie nur dastehen kann als gegnerisch von 
uns, um uns bekummern. Und nur wenn wir den Weg finden, mit 
Mut den geraden Weg finden zu dem Folgenden, dann wird es uns 
gelingen, das Schiff der Anthroposophischen Gesellschaft durch die 
heute um sie herum brandenden und wallenden sehr sturmischen 
Wogen hindurchzuleiten. Dasjenige, was wir finden miissen, ist die- 
ses: Wir stehen als eine kleine Gesellschaft der Welt gegeniiber, und 
die Welt - Sie wissen, welche ich meine - liebt uns eigentlich nicht. 
Sie liebt uns nicht. Das ist ein Faktum, an dem konnen wir nichts 
andern. Aber wir brauchen auch nichts dazu zu tun, um uns mog- 
lichst unbeliebt zu machen. Ich meine das nicht im trivialen Sinne, 
sondern ich meine es in einem tieferen Sinne, der wirklich aus den 
Grundlagen des okkulten Lebens heraus gesprochen ist. Wenn wir 



immer wieder und wieder fragen: Was mussen wir gegeniiber diesen 
oder jenen Kreisen in der Welt, die uns ja heute nicht lieben, unse- 
rerseits zu Liebe tun? Wie mussen wir uns verhalten auf diesem oder 
jenem Gebiete, damit wir da oder dort voll genommen werden? - 
dann werden wir ganz sicher nicht voll genommen. Sondern wir 
werden nur voll genommen werden, wenn wir uns in jedem Augen- 
blicke mit unserem Tun verantwortlich fiihlen der geistigen Welt 
gegeniiber, wenn wir wissen: Die geistige Welt will mit der Mensch- 
heit in dem gegenwartigen Augenblicke der historischen Entwicke- 
lung etwas, will dieses Etwas auf den verschiedensten Gebieten des 
Lebens, und an uns ist es, klar und wahr den Impulsen aus der geisti- 
gen Welt heraus zu folgen. Wenn auch das Anstofie gibt fur den er- 
sten Augenblick, fur die Dauer wird es das allein Heilsame sein. 
Und deshalb werden wir auch mit uns selbst nur zurechtkommen, 
wenn wir bei jeder Gelegenheit uns durchdringen mit demjenigen, 
was als Impulse aus der geistigen Welt kommen kann. 

Deshalb mochte ich, nachdem ich diese Andeutungen, die ich in 
den nachsten Tagen vervollstandigen werde, gesagt habe, auch heute 
vor Ihnen wiederholen wenigstens einen Teil der Worte, die mit dem 
Willen der geistigen Welt gestern zu Ihnen gesprochen worden sind, 
damit wir sie als Introduktion auch heute in unserer Seele haben, 
indem wir auf die Verhandlungen eingehen. 

Menschenseele! 

Du lebest in den Gliedern, 

Die dich durch die Raumeswelt 

Im Geistesmeereswesen tragen: 

Ube Geist-Erinnern 

In Seelentiefen, 

Wo in waltendem 

Weltenschopfer-Sein 

Das eigne Ich 

Im Gottes-Ich 

Erweset; 

Und du wirst wahrhaft leben 
Im Menschen-Welten-Wesen. 



Menschenseele! 

Du lebest in dem Herzens-Lungen-Schlage, 

Der dich durch den Zeitenrhythmus 

Ins eigne Seelenwesensfuhlen leitet: 

Ube Geist-Besinnen 

Im Seelengleichgewichte, 

Wo die wogenden 

Welten-Werde-Taten 

Das eigne Ich 

Dem Welten-Ich 

Vereinen; 

Und du wirst wahrhaft fiihlen 
Im Menschen-Seelen-Wirken. 

Menschenseele! 

Du lebest im ruhenden Haupte 

Das dir aus Ewigkeitsgriinden 

Die Weltgedanken erschlieftet: 

Ube Geist-Erschauen 

In Gedanken-Ruhe, 

Wo die ew'gen Gotterziele 

Welten-Wesens-Licht 

Dem eignen Ich 

Zu freiem Wollen 

Schenken; 

Und du wirst wahrhaft denken 
In Menschen-Geistes-Griinden. 

Und wir kommen mit solchen aus dem Weltenworte heraus ge- 
horten Spruchen zurecht, wenn wir sie in unseren eignen Seelen so 
gliedern, dafi sie uns nicht verlassen konnen. Und sie werden sich 
gliedern konnen, wenn Sie herausheben zunachst aus dem, was also 
erklungen hat, dasjenige, was Ihnen den Rhythmus geben kann. Ich 
schreibe vor Sie hin, meine lieben Freunde, zunachst einen Teil des- 
sen, was den Rhythmus geben kann: 



In der ersten Strophe: 

[Es wird gesprochen und an die Tafel geschrieben. Faksimile siehe Beilage 4, Tafel 
I. Zu Zeile 8 v.u. und 3 v.u. siehe den Hinweis.] 

Geist-Erinnern, 

in der zweiten Strophe: 

Geist-Besinnen, 

in der dritten Strophe: 

Geist-Erschauen. 

Das betrachten Sie im rhythmischen Zusammenhange mit dem, was 
da wird in der angerufenen, das heifit in der von sich selbst angerufe- 
nen Menschenseele, wenn es heifk: 

Das eigne Ich 
Im Gottes-Ich 
Erweset 

betrachten Sie den zusammenhangenden Rhythmus von « Geist- 
Besinnen*, wenn es da heifk: 

Das eigne Ich 
Dem Welten-Ich 
Vereinen -, 

und von «Geist-Erschauen», wenn es da heifk: 

Das [Dem] eigne[n] Ich 
Zu freiem Wollen 
Schenken -. 

[Tafelanschrift. Schreibweise hier und im folgenden gemafi der zweiten Handschrift] 

Geist-Erinnern Geist-Besinnen Geist-Erschauen 

O 

Das eigne Ich Das eigne Ich Das [Dem] eignefnj Ich 

Im Gottes-Ich Dem Welten-Ich Zu freiem Wollen 

Erweset - Vereinen - Schenken - 



96 



Zu den Tafeln siehe auch Seite 297, 



Nehmen Sie in diesem Zusammenhange jedes der einzelnen Wor- 
te also, daft es nur, wie es dasteht, dastehen kann. Nehmen Sie dasje- 
nige, was aus dem Welten-Rhythmus heraus rhythmisiert: «eigne 
Ich im Gottes-Ich», «eigne Ich im Welten-Ich», «eigne Ich im freien 
Wollen», und nehmen Sie dasjenige, was aufsteigt von «Erweset» zu 
«Vereinen», zu «Schenken», wo es iibergeht in die moralische Emp- 
findung. Empfinden Sie den Zusammenhang mit dem «Geist- 
Erinnern», «Geist-Besinnen» und «Geist-Erschauen»: dann werden 
Sie in dem inneren Rhythmus dasjenige haben, was in diesen Tagen 
die geistige Welt wirklich zu uns bringt zur Erhebung unserer Her- 
zen, zur Erleuchtung unseres Denkens, zur Befliigelung und Enthu- 
siasmierung unseres Wollens. 

Ich habe nun zu verlesen ein Telegramm: «Weihnachtsgru$e, 
Gliickwunsche, Ethel Morgenstierne.» — Und ich werde nun bitten, 
das Wort erteilen zu diirfen dem Vertreter von Honolulu, Madame 
Ferreri. 

Madame Ferreri berichtet. 

Dr. Steiner: Ich darf nun vielleicht die Vertretung von Italien, 
Baronin de Renzis, bitten, das Wort zu ergreifen. 
Baronin de Renzis berichtet. 

Dr. Steiner: Vielleicht darf ich sagen, dafi solche Fragen, wie hier 
eine angeregt worden ist, bezuglich der Aufnahme von Personen 
nur durch Briefwechsel und dergleichen, dann bei der Beratung der 
Statuten, die nachher stattfinden wird, zu besprechen sein werden. 

Dr. Steiner: Es ist iiber Italien noch zu berichten durch den 
Herzog von Cesaro fur die Novalis-Gruppe zu Rom. 
Der Herzog von Cesaro erstattet Bericht. 

Dr. Steiner: Darf ich nun das Wort fur eine andere italienische 
Gruppe Fraulein Schwarz erteilen. 

Fraulein Schwarz berichtet fiir die Mailander Gruppe. 



Dr. Steiner: Ich bitte jetzt den Vertreter der jugoslawischen 
Arbeit, Herrn Hahl, das Wort zu ergreifen. 
Herr Hahl berichtet. 

Dr. Steiner: Darf ich dem Vertreter der Norwegischen Gesell- 
schaft, Herrn Ingero, das Wort geben. 
Herr Ingero berichtet. 

Dr. Steiner: Ich darf nun dem Vorstandsvertreter der Osterreichi- 
schen Gesellschaft, Herrn Grafen Polzer, das Wort erteilen. 
Graf Polzer berichtet. 

Dr. Steiner: Ich darf nun dem Vertreter der Gruppe Porto Alegre 
in Brasilien, Dr. Unger, das Wort erteilen. 

Dr. Unger: Darf ich nur mit wenigen Worten mich eines Auf- 
trags entledigen, den ich mit grofier Befriedigung iibernommen ha- 
be. Wir stehen seit langerer Zeit in Verbindung mit den Freunden 
driiben, da es hauptsachlich Deutsche waren, die hiniiberwanderten 
und dort anthroposophisch zu arbeiten begannen. Insbesondere 
Herr Brandtner, der uns geschrieben hat in dieser letzten Zeit, er hat 
sich viel bemuht, driiben etwas in Gang zu bringen, in Porto Alegre. 
In Zusammenhang damit steht ja auch, dafi in anderen sudamerika- 
nischen Stadten Arbeit im Gange ist, die nach und nach sich zusam- 
menschlieften wird, um dort selbstandige Ausgangspunkte wieder- 
um zu schaffen. Zu diesem Zwecke wurde ja auch Herr Mayen aus 
Breslau von den Freunden driiben hinubergeholt, zunachst nach 
Rio; dann wird er allmahlich seine Arbeit in verschiedenen Stadten 
ubernehmen. Es obliegt mir hier gerade, die Teilnahme der Freunde 
driiben zum Ausdruck zu bringen. Es ist aus allem, was von driiben 
kommt, hervorgehend die innigste Anteilnahme an allem, was sich 
gerade auf Dornach bezieht und was von Dornach weiterhin aus- 
geht. So oft es moglich ist, kommt ja jemand von dort nach Europa, 
und wir hoffen recht sehr, dafi auch bald in intensivster Weise drii- 
ben das anthroposophische Leben aufbliihen moge. Ich hoffe, da$, 
wenn ich zuriickberichten darf nach Porto Alegre, ich gerade so, 
wie ich die Griifte der Freunde fur hier von driiben zu iiberbringen 



habe, auch die Wiinsche des Gedeihens der Arbeit in Porto Alegre 
hinubermelden darf. 

Dr. Steiner: Ich darf der Beauftragten der Schwedischen Anthro- 
posophischen Gesellschaft, Fraulein Henstrom, das Wort erteilen. 
Fraulein Henstrom berichtet. 

Dr. Steiner: Ich darf nun dem Vertreter der schweizerischen 
Anthroposophischen Gesellschaft, Herrn Aeppli, das Wort erteilen. 
Herr Aeppli berichtet. 

Dr. Steiner: Ich darf nun dem Vorstandsvertreter der Tschecho- 
slowakei, Herrn Dr. Krkavec, das Wort erteilen. 
Dr. Krkavec berichtet. 

Dr. Steiner: Ich darf dem anderen Vorstandsvertreter der Tsche- 
choslowakei, Herrn Dr. Eiselt, das Wort erteilen. 
Dr. Eiselt berichtet. 

Dr. Steiner: Die Berichterstattung ist damit zu Ende gefuhrt, und 
ich glaube aussprechen zu durfen, da$ sie alle mit mir den verehrten 
Berichterstattern aufierordentlich dankbar sind, namentlich dafiir, 
daB> wir nun unseren neuen Arbeiten eine Grundlage geben konnen, 
da wir ja nunmehr wissen, wieviel wirklich grofie, hingebungsvolle, 
mannigfaltige Arbeit in der Anthroposophischen Gesellschaft gelei- 
stet wird und schon geleistet worden ist. 

Ich mochte nun den Ubergang finden zum dritten Punkt unserer 
Tagesordnung, zur Beratung der Statuten. Es muE natiirlich voran- 
gehen eine Verlesung der Statuten. Obwohl dieselben in aller Hande 
sind, wurde ich doch bitten, die Statuten noch einmal vorlesen zu 
durfen, damit wir dann die entsprechenden Besprechungen einleiten 
konnen. Ich bitte Herrn Dr. Wachsmuth, nun die Statuten zur Ver- 
lesung zu bringen als den dritten Punkt der Tagesordnung. 

Dr. Wachsmuth verliest die Statuten der Anthroposophischen 
Gesellschaft. 



Dr. Steiner: Es ist ja, wie Sie entnommen haben werden den ver- 
schiedenen Ausfiihrungen, die ich getan habe, wirklich gut, wenn 
wir auf der einen Seite moglichst frei die Versammlung in ihren ein- 
zelnen Mitgliedern in den nachsten Tagen walten lassen. Allein, ge- 
wisse Dinge sind, wenn eine Besprechung stattfinden soil, schon ein- 
mal notwendig, und daher bitte ich, es nicht als eine Pedanterie, son- 
dern eben als die Notwendigkeit bei einer Versammlung anzusehen, 
wenn wir nun in der Folge wirklich recht exakt in der Fuhrung der 
Debatte vorgehen wollen. Es ist ja heute nicht mehr moglich, die 
Versammlung fortzusetzen, da die Zeit um ist, und ich werde Sie 
daher bitten, die Fortsetzung der Versammlung morgen nach dem 
Vortrage von Dr. Wachsmuth ansetzen zu diirfen. Es wird also mor- 
gen um 10 Uhr der Vortrag von Dr. Wachsmuth stattfinden, und 
nach einer Viertelstunde Pause nach diesem Vortrage werden wir 
die Fortsetzung der Versammlung dann haben konnen. Bei dieser 
fur morgen festgesetzten Versammlung werde ich dann bitten, die 
Fuhrung der Debatte so einrichten zu diirfen, dafS wir - wirklich 
nicht um etwas Pedantisches durchzufuhren, sondern um moglichst 
sachlich sein zu konnen - zunachst eine Art Generaldebatte eroff- 
nen iiber die Statuten, das heifk eine Debatte, in der die ganze Hal- 
tung, der Sinn und der Geist der Statuten im allgemeinen bespro- 
chen werden. 

Dann werde ich mir erlauben, um Ihre Zustimmung zu den Statu- 
ten im allgemeinen zu fragen, und nachher wollen wir eine Art Spe- 
zialdebatte eroffnen, die darinnen bestehen soil, da$ wir Paragraph 
fur Paragraph vornehmen werden und dann Wortmeldungen fur ei- 
nen einzelnen Paragraphen entgegennehmen werden. Dann werden 
wir eine abschlieftende Debatte halten, um die Statuten vollig zur 
Annahme zu bringen. In dieser Weise bitte ich Sie, morgen vorge- 
hen zu diirfen fur die Beratung der Statuten. 

Ich habe nun mitzuteilen, daft im weiteren Verlaufe der Tagung 
stattfinden wird heute nachmittag um 4 Uhr 30 eine Eurythmie- 
Vorstellung und abends um 8 Uhr mein Vortrag. Morgen um 10 
Uhr wird stattfinden der Vortrag von Dr. Giinther Wachsmuth auf 
dem Gebiete der Naturerkenntnis: «Erdenantlitz und Menschen- 



schicksal», und dann wird nach einer Viertelstunde Pause die Fort- 
setzung dieser Versammlung erfolgen. Ferner habe ich noch einige 
Mitteilungen zu machen. Es ist ja, wie ich schon einlekend vor der 
Eroffnung der Versammlung betonen muftte, wirklich recht schwie- 
rig, bei einer so groften Anzahl, selbstverstandlich erfreulich groften 
Anzahl lieber Freunde, die hier sind, die ganze Sache hier zusammen- 
zuhalten. Man sieht das nicht, wenn man nur eben zu den Versamm- 
lungen kommt, wie schwierig es ist. Deshalb darf ich wohl bitten, 
trotzdem man es naturlich nur innigst bedauern kann, daft so viele 
Unbequemlichkeiten durch unsere primitive Einrichtung unseren 
lieben Freunden erwachsen, daft in der Zukunft von einer einzelnen 
Personlichkeit niemals mehr als hochstens drei Platze belegt wer- 
den. Ich mufi das erwahnen aus dem Grunde, weil es vorgekommen 
ist, daft ganze Platzreihen von einem Einzelnen belegt worden sind. 
Das gibt unzahlige Debatten derjenigen, die dann nachkommen. 

Ferner mochte ich noch einmal auf den Wunsch aufmerksam ma- 
chen, den wir ausgeprochen haben, die ersten zwei Reihen nur fur 
diejenigen lieben Freunde zu reservieren, welche durch Lahmheit 
oder Schwerhorigkeit oder durch sonstige Grunde genotigt sind, 
eben eine groftere Berticksichtigung zu erfahren. Wenn dann noch 
Platze ubrigbleiben, wie es ja der Fall sein wird, dann bitte ich, diese 
Platze in den ersten zwei Reihen ausfullen zu lassen von den Gene- 
ralsekretaren der einzelnen Lander und von denen, die diese Gene- 
ralsekretare wiederum als ihre Sekretare bei sich haben. Es wird sich 
schon in den nachsten Tagen als eine Notwendigkeit herausstellen, 
daft die Generalsekretare sozusagen ubersichtlich bei der Hand sind, 
nicht im ganzen Saal zerstreut sind. 

Als drittes darf ich vielleicht auch das geltend machen, daft noch 
einmal gebeten wird, es mogen die Dornacher Freunde - es ist ja 
wirklich nicht aus irgendeiner Rachsucht heraus - drauften Platz 
nehmen in der ja allerdings in dieser Regen- und Schneezeit unwirtli- 
chen «Sommervilla»; aber wir konnen es schon nicht anders ma- 
chen, als daft wir unsere Dornacher Freunde bitten, sich wahrend 
dieser Zeit anregnen zu lassen, damit die auswartigen Freunde hier 
im Saale sitzen konnen und hier eben nicht angeregnet werden. 



Dann darf ich noch erwahnen, dafi von jetzt ab abends die obere 
Kantine geoffnet sein wird fur diejenigen Freunde, die in Massen- 
quartieren oder dergleichen unwirtlich untergebracht sind, so da$ 
man doch immer einen moglichen Aufenthaltsort finden wird, der 
geheizt sein wird. Allerdings, Speisen und Getranke werden nicht 
dort verabreicht werden in diesen Stunden, aber ich hoffe, um so 
anregendere und aufmunterndere Reden werden gefiihrt werden. 
Also man wird, ohne da£ man Hunger und Durst loschen kann, aber 
so warm als mdglich, immer nach meinem Vortrag bis nachts 1 1 Uhr 
dort sich aufhalten konnen. 

Ferner mochte ich noch auf das Folgende aufmerksam machen: 
Mr. Pyle hat in einer anerkennenswerten Weise eine sehr schone 
Sparbuchse modelliert und ausfiihren lassen. Diese Sparbiichsen 
werden Sie drauften aufgestellt finden. Sie werden, wenn Sie sie 
genau betrachten, aus der Schonheit der Form heraus das Verlok- 
kende empfinden, eine solche Sparbuchse selber zu besitzen. Man 
kann sie kaufen, sie ist hier kauflich vorhanden, kann sie mit 
nach Hause nehmen und kann jeden Tag in diese Sparbuchse et- 
was hineinlegen und es dann, wenn sie voll ist, herausnehmen, 
um es fiir den Wiederaufbau des Goetheanums oder iiberhaupt 
fiir Zwecke des Goetheanums verwenden zu lassen. Ich mache 
Sie darauf aufmerksam, dafi wenn man jeden Tag nur 10 Rappen 
hineinlegt - denken Sie, fiir was man das im Tage ausgibt! - 
so bildet das im Jahre eine ganz erkleckliche Summe. Ich sehe, hier 
rechnen bereits die verehrten Freunde! Sie werden sehen, 
daft dabei schon etwas Gutes herauskommt. Aber ich mochte nicht 
dadurch aufmuntern, blofi 10 Rappen hineinzulegen, sondern 
eben dasjenige hineinzulegen, was man fiir gut findet oder auch 
wofiir man sich verpflichtet halt, selbst wenn man es nicht fiir gut 
findet. 

Aufierdem aber ist fiir jenen, der nun aus diesen oder jenen Griin- 
den es zu unbequem findet, diese Sparbuchse mit nach Hause zu 
tragen, die Gelegenheit geboten, durch solche hier aufgestellte Spar- 
biichsen etwas in sie hineinzulegen. Da wird es ja allerdings dann gut 
sein, wenn man nicht eine eigene Sparbuchse hat, dann recht kraftig 



in die Borse zu greifen, um diese Sparbiichsen zu fullen. Wir werden 
schon fiir das schnelle Ausleeren sorgen. 

Dann wiirde ich auch noch bitten, dafi beim Besuch der Weih- 
nachtspiele nicht Platze belegt werden mogen fiir die Abendvor- 
trage. 

Sie sehen, wir miissen so viele - Verbote nennen wir's aber 
nicht - Wiinsche aussprechen, aber wir konnen sonst hier nicht 
Ordnung halten. 

Damit, meine lieben Freunde, mochte ich die Versammlung bis 
morgen zu der Ihnen angegebenen Stunde vertagen. 



FORTSETZUNG DER GRUNDUNGSVERSAMMLUNG 



am 27. Dezember 1923, 10 Uhr vormittags 



Thema: Anthroposophie und Natur-Erkenntnis 

Vortrag von Dr. G. Wachsmuth: «Anthroposophie und Erden- 
schicksal» 

11 Uhr 15: Die Worte der Gundsteinlegung, dann Statutenberatung 



Dr. Steiner: 

Meine lieben Freunde! 

Lassen wir wiederum an unsere Herzen dringen die Worte, 
welche uns aus den Zeichen der Zeit heraus die notwendige Selbst- 
erkenntnis in der rechten Weise geben sollen: 

Menschenseele! 

Du lebest in den Gliedern, 

Die dich durch die Raumeswelt 

Im Geistesmeereswesen tragen: 

Ube Geist-Erinnern 

In Seelentiefen, 

Wo in waltendem 

Weltenschopfer-Sein 

Das eigne Ich 

Im Gottes-Ich 

Erweset; 

Und du wirst wahrhaft leben 
Im Menschen-Welten-Wesen. 



Menschenseele! 

Du lebest in dem Herzens-Lungen-Schlage, 



Der dich durch den Zeitenrhythmus 

Ins eigne Seelenwesensfiihlen leitet: 

Ube Geist-Besinnen 

Im Seelengleichgewichte, 

Wo die wogenden 

Welten-Werde-Taten 

Das eigne Ich 

Dem Welten-Ich 

Vereinen; 

Und du wirst wahrhaft fiihlen 
Im Menschen-Seelen-Wirken. 

Menschenseele! 

Du lebest im ruhenden Haupte, 

Das dir aus Ewigkeitsgriinden 

Die Weltgedanken erschliefiet: 

Ube Geist-Erschauen 

In Gedanken-Ruhe, 

Wo die ew'gen Gotterziele 

Welten-Wesens-Licht 

Dem eignen Ich 

Zu freiem Wollen 

Schenken; 

Und du wirst wahrhaft denken 
In Menschen-Geistes-Griinden. 

Wiederum wollen wir aus diesen Weltenspriichen einen Rhythmus 
uns vor die Seele schreiben, um allmahlich geistig zur Struktur 
vorzudringen. Wir nehmen aus dem ersten Spruch die Worte: 

[Es wird gesprochen und an die Tafel geschrieben. Faksimile siehe Beilage 4, Tafel II] 

Das eigne Ich 
Im Gottes-Ich 
Erweset. 



Und wir nehmen aus dem zweiten Spruch, der einen zweiten Seelen- 
prozeft in sich enthalt: 

Das eigne Ich 
Dem Welten-Ich 
Vereinen. 

Und wir nehmen aus dem dritten Spruch: 

Dem eignen Ich 
Zu freiem
…[truncated]