Document text
RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
vortrAge uber erziehung
RUDOLF STEINER
Idee und Praxis
der Waldorfschule
Neun Vortrage, eine Besprechung
und Fragenbeantwortungen zwischen dem
24. August 1919 und 29. Dezember 1920
in verschiedenen Orten
1998
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH / SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgten Martina Maria Sam und Walter Kugler
1. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1998
Bibliographie-Nr. 297
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1998 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Satz: Rudolf Steiner Verlag / Bindung: Spinner GmbH, Ottersweier
Printed in Germany by Konkordia Druck, Buhl
ISBN 3-7274-2970-4
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedert
sich in die drei grofien Abteilungen: Schriften - Vortrage - Kiinst-
lerisches Werk (siehe die Ubersicht am Schlufi des Bandes).
Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fiir
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen
Gesellschaft frei gehaltenen Vortragen und Kursen hatte Rudolf
Steiner urspriinglich nicht gewollt, daft sie schriftlich festgehalten
wiirden, da sie von ihm als «mundliche, nicht zum Druck be-
stimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend
unvollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und
verbreitet wurden, sah er sich veranlafk, das Nachschreiben zu
regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers.
Ihr oblag die Bestimmung der Stenographierenden, die Verwal-
tung der Nachschriften und die fiir die Herausgabe notwendige
Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner nur in ganz wenigen
Fallen die Nachschriften selbst korrigieren hat, mufi gegenuber
alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt
werden: «Es wird eben nur hingenommen werden mussen, dafi
in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes
findet.»
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemaft
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Ge-
samtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Be-
standteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich
nahere Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Welche Gesichtspunkte liegen der Errichtung der Waldorf-
schule zugrunde?
Stuttgart, 24. August 1919
Die bevorstehende Griindung der Waldorfschule als erster Schritt
auf dem Wege zu einem freien Geistesleben. Die bisherige Abhan-
gigkeit des Schulwesens vom Staat. Die Herrschaft der Phrase und
das Aneinandervorbeireden; ein Beispiel aus der Padagogik. Die
Bestrebungen der letzten Jahrzehnte auf padagogischem Gebiet (1)
Die experimentelle Psychologie (2) Herbartsche Padagogik: Forde-
rung nach Willens- und Gemutsbildung, jedoch Aufbau der Her-
bartschen Psychologie ausschlieftlich auf dem Vorstellungsleben.
Die Notwendigkeit einer neuen Menschenkunde: Beobachtung des
ganzen Mens chenwes ens. Vorstellen und Wollen als verschiedene
Entwicklungszustande desselben; die Vorstellung als altgewordener
Wille. Die Einbeziehung des Vorgeburtlichen und des Nachtodli-
chen. Ein Beispiel fur die Suche nach Neuem im Schulwesen und
Nicht-heraus-Konnen aus dem Alten: Zitate aus dem Buch «Ent-
wicklungs-Psychologie und Erziehungswissenschaft» von Johann
Kretzschmar (iiber Staats- und Unterrichtswesen; iiber Lehrerbil-
dung). Waldorfschule keine Weltanschauungsschule. Das Streben
nach einer neuen Methodik und Unterrichtspraxis in der Waldorf-
schule.
Aus welchem Geiste kann sich eine Erziehungskunst der
Gegenwart entwickeln?
Stuttgart, 31. August 1919, nachmittags
Wahre Erziehungskunst als Bedingung fur die Gestaltung einer
sozialen Menschenzukunft. Die Bedeutung der Lehrerbildung. Die
vergebliche Suche der Padagogen Sallwiirk, Vogt und Rein nach
neuen Erziehungsgesichtspunkten in Naturwissenschaft und Ge-
schichte. Die Notwendigkeit einer neuen Menschenkunde. Die
Erziehungsprinzipien fiir die siebenjahrigen Lebensabschnitte in
der Kindesentwicklung; Nachahmung vor, Autoritat nach dem
Zahnwechsel. Die Unterteilung der einzelnen Lebensjahrsiebte und
ihre Ubergange (Lebensrubikone) am Beispiel des zweiten Jahr-
siebts: (1) Das sieben- bis neunjahrige Kind: das Zusammenwirken
von Nachahmungs- und Auto ritatskraf ten; iiber den «Anschau-
ungsunterricht»; der Drang zu moralisierender Betrachtung der
Welt (Beispiel: Einfuhren einer Fabel). (2) Das neun- bis zwolfjah-
rige Kind: Naturkundlicher Unterricht in Beziehung auf den Men-
schen; ein Beispiel aus der Tierkunde (Tintenfisch) (3) Das zwolf-
bis vierzehnjahrige Kind: Ausbildung der Urteilsfahigkeit; Beginn
des eigentlichen naturwissenschaftlichen Unterrichtes. Die heutige
naturgemafie Entwicklung des Menschen bis zum 27. Jahr; die
langere Entwicklungsfahigkeit in friiheren Kulturepochen. - Uber
Erziehungsbegabung. Die Erziehung von Intellect, Gemiit und
Willen. Lebendige Begriffe. Das Wesen des Spiels; Spiel und Ar-
beit. Die Hinordnung des Intellekts auf das Geistige durch Wil-
lenserziehung. Fruhe Pflege des elementar Kiinstlerischen. Die
Behebung sozialer Mifistande durch eine neue, auf Menschenkunde
basierende Erziehungskunst. Intensivstes Interesse fur das Leben
als Vorbedingung fiir das Lehrersein.
Vortrag fiir die Eltern der Waldorf schulkinder
Stuttgart, 31. August 1919, abends 64
Die Notwendigkeit einer neuen Erziehung und einer Umgestaltung
der sozialen Verhaltnisse. Lehrerbildung auf der Grundlage einer
wirklichen Menschenerkenntnis als Voraussetzung dafiir. Die Be-
deutung der Nachahmung bis zum Zahnwechsel, der Autoritat im
Volksschulalter. Enthusiasmus und Menschenliebe durch Kenntnis
der Menschennatur. Unterrichtskunst statt toter Padagogik. Die
Pflege der Willenskraft durch das Kiinstlerische. Der Schreibunter-
richt. Die heutige Erziehung fiir den Staat. Die Erziehung wirklich
praktischer Menschen durch praktische Erziehung. Pioniere fiir ein
zukiinftiges Erziehungswesen. Uber Spiel und Arbeit beim Kinde;
die Waldorfschule als Beispiel. Die Lebensfremdheit vieler Erzie-
her. Bedingungen fiir das Gedeihen der Waldorfschule. Uber den
Religionsunterricht: Respektieren der Konfessionen. Die Er-
fordernis von Kompromissen durch die Ubernahme von Kindern
aus anderen Schulen.
Ubersinnliche Erkenntnis und sozial-pddagogiscbe Lebenskraft
Stuttgart, 24. September 1919 89
Die Unwirksamkeit des «guten Willens» und der «schonen Gedan-
ken» fur die Umwandlung der heutigen sozialen Verhaltnisse.
Impuls der Geisteswissenschaft: Gemiits- und Willenskultur, Um-
wandlung des alten instinktiven in ein vollbewufites Leben. Die
Begriindung der Waldorfschule: Ankniipfung an den Industrialis-
mus. Die naturwissenschaftliche Denkungsart als einzige Quelle
der Zeitbildung. Der Weg der Geisteswissenschaft: die Erweckung
der den Menschen bis in die Zwanzigerjahre unbewufit organisie-
renden Krafte als Imagination, Inspiration und Intuition. Die Ver-
wandlung der wirkenden Krafte des dritten Jahrsiebts in Imagina-
tionen; des zweiten Jahrsiebts in Inspirationen; des ersten Jahr-
siebts in Intuitionen. Das heutige soziale Denken nach dem Muster
des naturwissenschaftlichen, «objektiven». Die Befeuerung der
Willens- und Gemutskrafte durch die geisteswissenschaftliche Er-
kenntnis. Die sozial-padagogischen Gebiete des Jugendunterrichtes
und der «Lehre des Lebens»: (1) Statt abstrakt-toter eine lebendige,
konkrete Padagogik: Die Betrachtung des Menschen in seinem
Werden. Forderungen fur die Lehrerbildung. Waldorfschule keine
Weltanschauungsschule. Uber die Banalitat des «Anschauungs-
unterrichtes». Das 9. Lebensjahr. Uber den Schreib- und Lese-
unterricht. (2) Uber die sogenannte Frauenfrage. Die Wirkung der
Geisteswissenschaft auf die Frau und den Mann. Der Drang nach
<Organisation> und ihre ertotende Tendenz am Beispiel RufSlands
(Lenin). Die Sprache als soziales Instrument. Die Schule des Le-
bens. Die heutigen abstrakten aufieren und die zukiinftigen geistig-
seelischen inneren Organisationen. Die Lebensfremdheit der soge-
nannten <Praktiker>. Die Notwendigkeit wirklichen statt metaphy-
sischen, weltfremden Geistes fiir das heutige Leben. - «Suchet das
wirklich praktische materielle Leben ...»
Die sozial-padagogische Bedeutung der anthroposophisch
orientierten Geisteswissenschaft
Basel, 25. November 1919
Die Ohnmacht des Geisteslebens gegeniiber der sozialen Frage. Die
Trennung von Wissenschaft und Glaube; Geistesleben als Ideolo-
gic «Intellektuelle Bescheidenheit»; Ergreifen schlummernder Er-
kenntniskrafte durch die Geisteswissenschaft. «Gastrollen» des
Geistes im Spiritismus. Betrachtung der allmahlichen Herausent-
wicklung des Geistes aus dem werdenden Menschen. Drei Ab-
schnitte im Leben des jugendlichen Menschen: (1) Der Mensch als
Nachahmer bis zum Zahnwechsel; Beispiel eines hinkenden Kindes
(2) Hingabe an die Autoritat bis zur Geschlechtsreife. Impondera-
bilien zwischen Erzieher und Kind; das Segensreiche eines spateren
Verstehens des im Kindesalter Aufgenommenen (3) Eigene Urteils-
fahigkeit nach der Geschlechtsreife. - Erkenntnis der Lebensalter
und die Umwandlung der ihnen zugrundeliegenden Krafte in
imaginative, inspirative und intuitive Erkenntnis durch die Geistes-
wissenschaft. Das Ungeeignete der naturwissenschaftlichen Me-
thode fiir die Betrachtung des sozialen Lebens (Beispiel: zwei
Bticher von Oscar Hertwig). Durchpulsung des sozialen Wollens
mit geistiger Erkenntnis. Bedingungen der Geistesforschung; Ver-
standnis ihrer Ergebnisse durch den gesunden Menschenverstand.
Der Schrei nach Geistigkeit im modernen Leben.
Fragenbeantwortung, Basel, 25. November 1919 . . . . 147
Das Berechtigte in der heutigen Naturwissenschaft, Philosophic,
Kunst. Uber Expressionismus und Naturalismus. Der Dornacher
Bau. Die Waldorfschule. Padagogik als aus dem produktiven Erleb-
nis des Geistes heraus lebendig schaffende Kunst. Die Verbindung
des Geistes im Menschen mit dem Geist der Welt. Soziale Auf-
gaben der Gegenwart.
Geisteswissensckaft und Padagogik
Basel, 27. November 1919 157
Zwei einleitende Bemerkungen. Der Einflufi der naturwissenschaft-
lichen Denkungsart auf die padagogische Kunst: Vergessen des
menschlichen Selbst im Anschauen der Welt. Die Umkehrung der
Beobachtung durch die Geisteswissenschaft: <intellektuelle Be-
scheidenheit>. Die Untauglichkeit der geschichtswissenschaftlichen
Methode fiir die Erziehung. Entwicklungsepochen des werdenden
Menschen: (1) Das Kind als Nachahmer bis zum Zahnwechsel;
iiber das <Stehlen> in diesem Zusammenhang (2) Hingabe an die
Autoritat bis zur Geschlechtsreife (a) das Zusammenwirken beider
Prinzipien in der Zeit vom 7. bis 9. Lebensjahr. Die Waldorfschule.
Der Lehrplan: die Entwicklung des Intellektes aus dem Willen. Das
kiinstlerisch-asthetische Element am Beipiel des Schreibunterrich-
tes. Imponderabilien zwischen Erzieher und Kind; der Glaube an
die gegebenen Bilder. Die Metamorphose von Seelenkraften. (b)
Das neue Ich-Erlebnis des Kindes um das 9. Jahr. Der naturkund-
liche Unterricht vor und nach dem 9. Jahr. Uber den sogenannten
Anschauungsunterricht. Die Ausbildung des Willenselementes.
Turnen und Eurythmie. Die Verinnerlichung des Menschen um das
9. Jahr; die Beziehung zwischen Gefuhlsleben und Gedachtnis in
diesem Alter. Die Herausbildung des Intellektuellen aus dem Wil-
lens- und Gefuhlselement. Der werdende Mensch als heiliges Rat-
sel. Geistgemafie Lebensgestaltung durch die richtige Padagogik.
Fragenbeantwortungy Basel, 27. November 1919 .... 182
Das Berechtigte des Turnunterrichtes neben dem Eurythmieunter-
richt. - Das Malen aus der Farbe heraus. - Die Herbartsche
Padagogik. - Die Methode des Zeichen-, Musik- und Geographie-
unterrichtes.
Erziehung und soziale Gemeinschaft vom Gesichtspunkt der
Geisteswissenschaft
Aarau, 21. Mai 1920
Das Anliegen der Geisteswissenschaft. Intellektuelle Bescheiden-
heit als Ausgangspunkt. Die Entwicklungsfahigkeit der Krafte der
menschlichen Natur durch intime Seelenarbeit: Ausbildung des
Erinnerungs- und Willensvermogens. Die Befruchtung des padago-
gischen Lebens durch die Geisteswissenschaft. Ablesen des Lehr-
plans aus der Beobachtung der Entwicklung des Kindes mit Hilfe
der Geisteswissenschaft. Die ersten Lebensepochen des Kindes:
Das Prinzip der Nachahmung und der Autoritat. Der Rubikon des
9. Jahres. Einzelheiten aus der padagogischen Praxis (Eurythmie,
Fremdsprachen). Die soziale Bedeutung der Erziehungsfrage. Der
dreigegliederte soziale Organismus.
Pddagogisch-didaktische Kunst und die Waldorfschule
Dornach, 8. September 1920
Licht- und Schattenzeichen in der Gegenwart: Professor Spitta
iiber wiederholte Erdenleben; ein Artikel eines englischen Journa-
listen iiber das Goetheanum. Die Befruchtung der padagogisch-
didaktischen Kunst durch die Geisteswissenschaft. Die Wal-
dorfschule. Bedingungen und Schwierigkeiten geisteswissenschaft-
licher Forschung; ihr Verhaltnis zur Naturforschung; Unter-
tauchen in die Wirklichkeit und intimes Erkennen der mensch-
lichen Wesenheit. Unsterblichkeit und Ungeborenheit. Die
Fruchtbarkeit der Geistesforschung fur den Erzieher. Der Zahn-
wechsel: Umwandlung der bis dahin den Leib organisierenden
Krafte in Verstandeskraft. Das Zusammenwirken von Leib und
Seele in verschiedenen Lebensaltern. Der Schreibunterricht. Der
Epochen-Lehrplan. Das Hinzufiigen des Didaktischen zur heuti-
gen Padagogik durch die Geisteswissenschaft. Der Unterricht um
das 9. Jahr. Ehrfurcht und Verantwortungsgefuhl gegeniiber dem
werdenden Menschen. Der Umgang mit iiber das Verstandnis des
Kindes hinausgehenden Begriffen (Beispiel: die unsterbliche Men-
schenseele) und ihre Bedeutung fur das Menschenleben. Die Erzie-
hungsprinzipien des ersten und zweiten Jahrsiebts: Nachahmung
und Hingabe an eine verehrte Autoritat. Der Religionsunterricht.
Eurythmie und Turnen. Das Wesen der Eurythmie. Das Rhyth-
mische in der Sprache; iiber die Rezitation. Das padagogisch-
didaktische Element der Eurythmie: Starkung der Willensinitiative.
Besprechung pddagogischer und psychologischer Fragen
Dornach, 8. Oktober 1920
(1) Uber die Temperamente bei Kindern. Das Erkennen des
Temperamentes am Beispiel der Reaktion auf eine Lehrerfrage: Das
sanguinische, das melancholische, das phlegmatische, das chole-
rische Kind. - Die Wirkung der Farben auf die Temperamente bei
Kindern: die innere Bildung der Komplementarfarbc (2) Uber den
Unfug einer «Ruckschau fur Kinder»: Eingriff in das Verhaltnis
zwischen Geistig-Seelischem und Leiblich-Atherischem. Riick-
schau als bewufite Ubung, zu einer geistigen Anschauung zu kom-
men. (3) Uber das 9. Lebensjahr und die Entwicklung des Ich-
Gefiihls; der Unterricht in dieser Epoche. Waldorfschule: Keine
Hindressur nach einem Spezialismus, sondern Entwicklung des
ganzen Menschen. (4) Pestalozzi: Erziehungserfolge durch per-
sonliche Liebenswiirdigkeit statt durch eigentliche padagogische
Prinzipien. Waldorfschul-Padagogik: Unterrichtsmethode wich-
tiger als die Inhaltc Der Intellektualist Herbart als padagogischer
Impulsgeber. Schillers «Briefe iiber die asthetische Erziehung» als
bedeutsamer padagogischer Impuls. Robert Zimmermann. Die
Herbartsche Asthetik: Ethik auf dem Wege des Intellektuellen. Das
Disziplinierende in Herbarts Philosophic Der Mensch als blofier
Kopfmensch. Hermann Rollett.
Anthroposophie und padagogische Kunst
Olten, 29. Dezember 1920
Die Anschauung der heutigen Wissenschaft iiber die Grenzen des
menschlichen Erkenntnisvermogens. Der Ausgangspunkt der an-
throposophischen Geisteswissenschaft: «intellektuelle Beschei-
denheit». Selbsterziehung; Aufwecken und Starken schlummernder
Seelenkrafte durch Unterordnung des Denkens unter den Willen:
Meditation und Konzentration. Entwicklung schauenden Erken-
nens durch Ausbilden der Aufmerksamkeit und Verwandeln der
Erkenntniskraft in Liebe. Die Nachahmung von Labormethoden
im Spiritismus. Unsterblichkeit und Ungeborenheit. Befruchtung
der Wissenschaft und des praktischen Lebens durch Geisteswissen-
schaft; Beispiel: Padagogik. Innere Durchdringung des Menschen
statt aufierlicher experimenteller Psychologic Der Mensch als drei-
gliedriges Wesen: die organischen Grundlagen der Seelenbetatigun-
gen. Erziehen aus Erkenntnis der Kindesentwicklung: Entwickeln
der menschlichen Individualist im lebendigen Anschauen. Die
Erziehungsprinzipien der ersten drei Lebensjahrsiebte: (1) Nachah-
mung bis zum 7. Jahr. Uber das Stehlen bei Kindern. Waldorf-
schule und Religionsunterricht. Uber den Schreibunterricht. (2)
Entwickeln des natiirlichen Autoritatsgefuhles bis zum 14. Jahr.
Uber den Anschauungsunterricht. Die Bedeutung des gedachtnis-
mafiig Gelernten. Der Zusammenhang zwischen kindlichem Spiel
und spaterer Lebenspraxis. Der Rubikon des 9. Jahres: Beginn der
Unterscheidung zwischen Subjekt und Objekt. Das Wirken auf
den Willen durch bildhaften Unterricht. Der Lehrer und Erzieher
als padagogischer Kiinstler. Anregungen durch die Geistes-
wissenschaft.
Fragenbeantwortung, Olten, 29. December 1920 .... 267
(1) Das kindliche Spiel: Spiel und Temperament. Kindliche Klei-
dung. Spielzeuge. (2) Das Heranbringen von Marchen. Uber den
«Osterhasen». Ernst Mach und seine Ablehnung von Marchen.
Ludwig Laistners «Ratsel der Sphinx». Uber den Traum. Die
Gestalt des Nikolaus und der Weihnachtsbaum. (3) Psychoanalyse
und Geisteswissenschaft. Oberbewufitsein und Unterbewufitsein.
ANHANG
Zeitungsberichte
zum Vortrag in Stuttgart am 24. September 1919 . . . 279
zum Vortrag in Aarau am 21. Mai 1920 280
Ankiindigung zum Vortrag vom 24. September 1919 . . 286
Notizbucheintragungen
zu den Vortragen vom 24. und 31. August 1919
nachmittags in Stuttgart, und zu den Vortragen
vom 25. und 27. November 1919 in Basel 287
Hinweise
Zu dieser Ausgabe 309
Hinweise zum Text 311
Namenregister 331
Ubersicht uber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . . . 333
WELCHE GESI CHTSPUNKTE LIEGEN DER ERRICHTUNG
DER "WALDO RFSCHULE 2UGRUNDE?
Stuttgart, 24. August 1919
Heute mochte ich zu Ihnen sprechen in Ankniipfung an die von
unserem Freunde, Herrn Molt, begriindete Waldorfschule. Wie Sie
wohl aus den Ankiindigungen wissen, soli mit dieser Schule eine Art
erster Schritt auf dem Weg zu einem freien Geistesleben getan wer-
den. Herr Molt hatte sich mit der Begriindung dieser Waldorfschule
in einem hohe Mafie bewogen gefiihlt, etwas in der Richtung eines
freien Geisteslebens zu tun, die - in bezug auf die sozialen Aufgaben
der Gegenwart und Zukunft - vorgezeichnet werden soil durch die
Dreigliederung des sozialen Organismus. Diese Waldorfschule kann
selbstverstandlich nur dann gelingen, wenn sie ganz durchdrungen
ist von dem Geiste, aus dem heraus die Dreigliederung des sozialen
Organismus erstrebt wird. Es ist nur allzu begreiflich, daft ein sol-
cher erster Schritt nicht gleich vollkommen sein kann, und die Ein-
sicht, daft ein solcher erster Schritt nicht gleich vollkommen sein
kann, wird dazugehoren zu dem Verstandnis, von dem wir so sehr
mochten, daft es wenigstens von einigen Zeitgenossen dieser Schul-
griindung entgegengebracht wiirde.
Die Arbeit hat schon begonnen, und zwar damit, daft jene Per-
sonlichkeiten, die sich von sich aus zur Mitarbeit entschlossen ha-
ben beziehungsweise die von uns in Aussicht genommen wurden,
gegenwartig an einer Art seminaristischem Kurs teilnehmen, der
vor kurzem begonnen hat und der eine Vorbereitung fur das Wir-
ken an der Waldorfschule sein soil. Zu diesem Kurs sind nur einige
wenige Personlichkeiten eingeladen worden, und zwar solche, die
durch ihre bisherigen Lebensumstande geeignet erscheinen, im
Sinne derjenigen Kulturbewegung zu wirken, welcher die Waldorf-
schule dienen soil, und die speziell dazu berufen erscheinen, auf
dem padagogischen Gebiet zu wirken. Aber es besteht natiirlich in
hochstem Grade die Notwendigkeit, daft der Waldorfschule, we-
nigstens zunachst in engerem Kreise, Verstandnis entgegengebracht
wird. Man wird ja immer mehr und mehr bemerken, je mehr man
in das Soziale hineinwachst, dafi das gegenseitige Verstandnis der
Menschen mit Bezug auf ihre Leistungen in erster Linie zu dem
zukiinftig zu begriindenden sozialen Leben gehort. Und so schei-
nen mir zunachst diejenigen Personlichkeiten, die von sich aus ihr
Interesse bekunden konnen, am geeignetsten zu sein, bei den Aus-
einandersetzungen teilzunehmen, die heute und am nachsten Sonn-
tag hier in Ankniipfung an die Bestrebungen der Waldorf schule
gepflogen werden sollen.
Am liebsten ware es mir allerdings, wenn auch noch etwas an-
deres zur Pflege dieses Verstandnisses zustande kommen konnte:
Ein weitgehendes Interesse an demjenigen, was durch die Waldorf-
schule geschehen soli, haben ja zweifellos alle Eltern derjenigen
Kinder, welche die Waidorfschule besuchen wollen. Und so ware
es mir ein besonderes Bedurfnis, wenn es zustande kommen konn-
te, dafi vor der Eroffnung dieser Waidorfschule in der ersten Halfte
des September noch einmal irgendwie eine Versammlung einberu-
fen werden konnte, an welcher alle Eltern derjenigen Kinder teil-
nehmen wiirden, welche diese Waidorfschule besuchen wollen;
denn nur dasjenige wird in einem wirklich sozial orientierten Ge-
sellschaftsleben gedeihen konnen, was wurzelt in dem Verstandnis
derjenigen, die mit ihren Seelen und mit ihrem ganzen Leben an
solchen Griindungen beteiligt sind.
Was ich Ihnen heute auseinandersetzen mochte, das soil eine
Besprechung der Ziele und auch in einigem schon eine Bespre-
chung der Methoden der Unterrichts- und Erziehungsweise sein,
wie sie durch die Waidorfschule in Angriff genommen werden
sollen. Wir mochten ja in der Tat mit der Waidorfschule dasjenige
schaffen, was nach unserer Einsicht aus der besonderen Ent-
wicklungsstufe der Menschheit heraus geschaffen werden soil, die
durch die Gegenwart und fur die nachste Zukunft geschichtlich
erreicht ist. Man mifiverstehe die Griindung der Waidorfschule
nicht dahingehend, dafi etwa geglaubt wiirde, im alten Schulwesen
sei alles schlecht. Es sollte auch nicht geglaubt werden, dafi unsere
Ausgangspunkte bei Begriindung der Waidorfschule nur eine Kri-
tik des alten Schulwesens seien. Es handelt sich vielmehr um etwas
ganz anderes.
Es haben sich im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte im
gesellschaftlichen Leben ein Staats-Rechts-Leben, ein Geistes- und
Kulturleben und ein wirtschaftliches Leben herausgebildet, die eine
bestimmte Konfiguration angenommen haben und jetzt, wie ja
ofters von mir in diesen Zeiten auseinandergesetzt worden ist,
einem Neubau unserer sozialen Verhaltnisse, man mochte schon
sagen entgegensturmen. In dieses Vorwartsstiirmen ist das Schul-
wesen gerade dadurch besonders eingegliedert, daft dieses Schulwe-
sen in den letzten drei bis vier Jahrhunderten ganz abhangig ge-
worden ist von dem Staatswesen, so daft man sagen kann: In einer
ganz besonderen Weise nimmt das Schulwesen an dem Staatswesen
teil. Nun kann man sagen: Bis zu einem gewissen Grade - aller-
dings aber nur bis zu einem gewissen sehr niederen Grade - war
unser Schulwesen den Einrichtungen, in die die Menschen hinein-
gewachsen waren durch die Staatenkonfiguration der zivilisierten
Welt, angemessen. Aber gerade nach einer Umwandlung dieser
Staatenkonfiguration wird ja gestrebt, und nach den Anschauun-
gen, die zugrunde liegen werden den zuktinftigen Staatenkonfigu-
rationen, wird es nicht moglich sein, das Schulwesen in derselben
Verbindung mit dem Staatswesen zu lassen, in dem es bisher ge-
wesen ist. Gerade wenn eine soziale Gestaltung des Staats- und
Wirtschaftswesens angestrebt wird, dann wird sich um so dringen-
der das Bediirfnis herausstellen, das geistige Wesen uberhaupt, und
insbesondere das Schul- und Erziehungswesen in seiner Verwal-
tung, herauszugliedern aus dem Staats-Rechts-Leben und aus dem
Wirtschaftsleben. Gefuhlt wird die Sache schon sehr, sehr lange.
Aber man mochte sagen: alles padagogische Streben in der jiingsten
Vergangenheit und insbesondere in der Gegenwart hat etwas Ge-
driicktes, hat etwas, was wenig ausblicken mochte von den grofien
Gesichtspunkten des Kulturlebens uberhaupt. Das alles ist so ge-
kommen durch die besondere Art, wie das offentliche Leben sich
in der jiingsten Vergangenheit und insbesondere in der Gegenwart
zu solchen Bestrebungen, wie die padagogischen sind, gestellt hat.
Natiirlich wird die Waldorfschule sich fiigen miissen all dem,
was vorhanden ist gegenwartig an offentlichen Anschauungen und
Einrichtungen iiber Erziehung und Unterricht; wir werden nicht
gleich morgen alles dasjenige leisten konnen, was wir leisten moch-
ten - wir werden ganz selbstverstandlich genotigt sein, im allgemei-
nen stufenweise die Lehrplane einzuhalten, welche gegenwartig
offentlich vorgeschrieben sind. Wir werden genotigt sein, bei den
von unserer Schule Abgehenden diejenige Stufe zu erreichen, die
verlangt wird fur den Ubergang in hohere Schulen, namentlich in
die Hochschulen. Wir werden daher unseren Unterrichtsstoff nicht
so gliedern konnen, wie wir das dem Ideal einer wirklichen Men-
schenerziehung entsprechend finden; wir werden gewissermaEen
nur die Locher, die noch gelassen sind von dem dichtmaschigen
Netz, das sich ausbreitet iiber dem Schulwesen, beniitzen konnen,
um im Sinne eines ganz freien Geisteswesens fur den Unterricht
und die Erziehung der der Waldorfschule anvertrauten Kinder zu
wirken. Diese Maschen werden wir sorgfaltig nach jeder Richtung
ausnutzen. Wir werden gewifi nicht dann schon eine Musterschule
schaffen konnen, werden aber zeigen konnen, zu welchem Grade
innerer Erstarkung und innerer wirklicher Erziehung der Mensch
gebracht werden kann, wenn diese innere Erstarkung und Erzie-
hung bewirkt wird nicht durch etwas von aufien Vorgeschriebenes,
sondern rein durch die Anforderungen des geistigen, des Kultur-
lebens selber bewirkt wird.
Wir werden gerade mit Bezug auf das Verstandnis, das uns heute
noch entgegengebracht werden kann, mit vielem Widerstrebenden
zu kampfen haben, werden deshalb mit viel Widerstrebendem zu
kampfen haben, weil ja mit Bezug auf ihr Verstandnis in der Ge-
genwart - wie ich auch hier an diesem Ort ofters erwahnt habe -
die Menschen eigentlich aneinander vorbeigehen. Gerade auf dem
Gebiet des Unterrichts- und Erziehungswesens kann man es immer
wieder und wiederum erleben, dafi man anscheinend von den Ge-
sichtspunkten aus, die hier vertreten werden, auch anderswo iiber
eine Umwandlung dieses Erziehungs- und Unterrichtswesens
spricht. Die Menschen, die mit ihren Anschauungen ganz in der
gegenwartigen Periode jiingstvergangener Unterrichts- und Erzie-
hungsprinzipien drinnen stecken, horen einem dann zu und sagen:
Ja, das ist ganz richtig, das wollen wir ja langst! - Sie wollen natiir-
lich etwas ganz anderes in Wirklichkeit. Aber wir haben uns heute,
indem wir unsere Worte aussprechen, so sehr entfernt von den
Sachen, dafi wir uns zuhoren und glauben, bei denselben Worten
dasselbe zu meinen - und eigentlich das Entgegengesetzte meinen.
So stark ist uber die zivilisierte Welt hin das geworden, was man in
weitestem Umfange als Phrase bezeichnen muE! Haben wir doch
wirklich durch lange Zeiten innerhalb dieser unserer zivilisierten
Welt in ausgiebigstem Mafie erlebt die Herrschaft der Phrase, und
in diese Herrschaft der Phrase war eingesponnen das furchtbarste
Ereignis, das die Weltgeschichte getroffen hat: die schreckensvolle
Kriegskatastrophe der letzten Jahre! Denken Sie nur einmal nach,
wie sehr die Phrase bei alldem, was mit dieser Katastrophe zu-
sammenhangt, eine Rolle gespielt hat, und Sie werden ein wirklich
innerlich Sie entsetzendes Urteil gewinnen uber die Herrschaft
der Phrase in unserer Zeit.
So kann man heute auch auf padagogischem Gebiete von denje-
nigen, die wahrhaftig etwas ganz anderes innerlich anstreben als
das, was hier gemeint ist, horen: es komme beim Erziehen und
Unterrichten nicht auf den Lehrstoff an, sondern auf den Zogling.
Sie wissen, da wir uns einmal der Worte aus unserem Sprachschatz
bedienen miissen, so werden wir auch vielfach zu sagen haben: es
komme nicht auf den Lehrstoff, es komme auf den Zogling an, und
wir wollen innerhalb unserer Waldorfschule den Lehrstoff so be-
niitzen, dafi er auf jeder Stufe des Unterrichts nicht zur Ubermitt-
lung eines aufieren Wissens dient, sondern dafi er dient dem Wei-
terkommen der menschlichen Entwicklung des Zoglings mit Bezug
auf die Willens-, Gemiits-, und Verstandesbildung. Jedes einzelne
Unterrichtsfach soil nicht irgendeinen Selbstzweck in sich tragen in
bezug auf seine Vermittelung, sondern es soil in der Hand des
Lehrers zur Kunst werden, so dafi es durch seine Behandlung in
der entsprechenden Weise so auf den Zogling wirkt, wie im Sinne
einer wirklich begriffenen Menschheitsentwicklung in den betref-
fenden Entwicklungsjahren auf den Zogling gewirkt werden soli,
damit er ein dem Leben gewachsener, im Leben seinen Platz aus-
fullender Mensch werde. Bewufk mufi man sich dabei werden, daft
jedes Lebensalter des Menschen aus den Tiefen der Menschennatur
die Anlagen zu gewissen Seelenkraften hervortreibt. Werden diese
Anlagen in dem betreffenden Lebensalter nicht ausgebildet, so
konnen sie spater nicht mehr in Wahrheit ausgebildet werden: sie
miissen dann verkummern, und der Mensch ist in bezug auf seinen
Willen, in bezug auf sein Gemiit, in bezug auf seinen Verstand dem
Leben nicht gewachsen; er stellt sich nicht in richtiger Weise auf
den Platz, auf den er durch das Leben gestellt wird. Gerade zwi-
schen dem Zahnwechsel und der Geschlechtsreife, in welche Zeit ja
gerade die Jahre des eigentlichen Schulwesens hineinfallen, gerade
in diesem Lebensalter ist es von eminentester Wichtigkeit, zu er-
kennen, welche Seelen- und Korperkrafte aus dem Menschen her-
aus wollen, damit er spater seinen Platz im Leben ausfullen konne.
Alles, was ich jetzt gesagt habe, konnte sich zum Beispiel je-
mand anhoren, der die padagogischen Gedanken der letzten Jahr-
zehnte in sich aufgenommen hat, und er wiirde sagen: Ganz meine
Meinung! Aber das, was er auf Grundlage dieser Meinung erziehe-
risch tut, ist durchaus nicht dasjenige, was hier gewollt werden soil.
Wir reden eben in der Gegenwart vielfach aneinander vorbei, und
deshalb mufi versucht werden, in einer etwas tieferen Weise auf das
aufmerksam zu machen, was eigentlich die Waldorfschule will. Vor
alien Dingen ist heute der Mensch, man mochte schon fast sagen
besessen von einem gewissen Trieb, alles absolut zu nehmen. Ich
meine damit das Folgende: Spricht man heute davon, der Mensch
solle in dieser oder jener Weise erzogen werden - wir wollen nur
dariiber sprechen; man konnte dieselben Betrachtungen in variier-
ter Weise auch auf andere Gebiete des Lebens ausdehnen -, so hat
man immer im Auge, daft es sich um etwas handeln solle, was nun
im absoluten Sinne fur den Menschen gilt, was sozusagen das
absolut Richtige ist, was, wenn es nur hatte angewendet werden
wollen, fur den Menschen auch hatte angewendet werden konnen,
zum Beispiel im alten Agypten, im alten Griechenland, wie es auch
noch in viertausend Jahren angewendet werden konnte von den
Menschen, die dann leben werden, was auch von China, Japan etc.
angewendet werden kann. Diese Anschauung, von der der heutige
Mensch geradezu besessen ist, daft er etwas absolut Giiltiges auf-
stellen kann, das ist der grofite Feind aller Wirklichkeit. Daher
handelt es sich gerade darum, zu erkennen, daft wir nicht im ab-
soluten Sinne Menschen sind, sondern Menschen eines ganz be-
stimmten Zeitalters; daft die Menschen in bezug auf ihre Seelen-
und sogar Korperverfassung im gegenwartigen Zeitalter anders
beschaffen sind, als zum Beispiel die Griechen und Romer waren,
und auch, daft sie anders beschaffen sind, als schon die Menschen
nach einer verhaltnismaftig kurzen Zeit, nach einem halben Jahr-
tausend sein werden. Daher fassen wir die Erziehungsaufgabe nicht
im absoluten Sinne, sondern wir fassen sie auf als hervorgehend aus
den Bedurfnissen der Gegenwart und der nachsten Zukunft der
Menschheitskultur.
Wir fragen: Wie ist die zivilisierte Menschheit heute beschaffen?
- und begriinden darauf unsere Anschauung, wie wir sie zu erzie-
hen und zu unterrichten haben. Wir wissen ganz gut, ein Grieche
oder Romer hat anders erzogen werden miissen, und in fiinfhun-
dert Jahren schon wiederum wird der Mensch anders erzogen
werden miissen. Wir wollen eine Erziehungsgrundlage fur unsere
Gegenwart und die nachste Zukunft schaffen. Nur dadurch widmet
man sich wirklich der Menschheit, daft man sich dieser realen Be-
dingung fur die Entwicklung der Menschheit bewuftt werde und
nicht immer nebulose, absolute Ziele ins Auge faftt. Daher ist es
notwendig, hinzuweisen auf dasjenige, was gerade mit Bezug auf
das Erziehungs- und Unterrichtswesen der Gegenwart droht und
was wir von dieser Gegenwart abwenden wollen.
Ich habe eben darauf hingewiesen, wie manche Leute schon
sagen, es komme nicht auf den Lehrstoff, es komme auf den Zog-
ling an, es komme darauf an, wie der Lehrer sich verhalten soil im
Unterweisen des Zoglings, wie er den Unterrichtsstoff zu dieser
Unterweisung, zu dieser Erziehung verwende. Aber daneben sehen
wir eine merkwurdige andere Richtung gerade bei denjenigen
Menschen, die solches aussprechen, eine andere Richtung, die ge-
wissermafien das, was sie so mehr fur den Zogling als fiir den
Unterrichtsstoff fordern, durchaus paralysiert und unmoglich
macht.
Man hat wahrgenommen, wenn man so spricht, dafi durch die
Spezialisierung des Wissenschaftsstoffes allmahlich den Menschen
das intellektuelle Leben der Wissenschaft iiber den Kopf gewach-
sen ist und daft der Wissenschaftsstoff in einer gewissen aufter-
lichen Weise, ohne auf den Zogling hinzuschauen, rein um dessen
Erkenntnis willen an ihn herangebracht worden ist. So sagt man
jetzt: Das darf man nicht tun, man mufi den Zogling so erziehen,
wie es im Wesen des jungen Menschenkindes begriindet ist. Aber
wovon will man denn lernen, wie man den Zogling nun behandeln
will? Man will es lernen von derjenigen Wissenschaft, die sich ge-
rade ausgebildet hat unter jenem Regime, das man auf der einen
Seite bekampfen will; man will das Wesen des Kindes kennenler-
nen, aber man strebt darnach, es zu untersuchen in allerlei expe-
rimentellen Psychologien nach denjenigen Methoden, welche die
Wissenschaft angenommen hat, indem sie sich eingezwangt hat in
jenen Mangel, dem man abhelfen will. So will man auf dem Wege
der experimentellen Psychologie an den Universitaten die speziel-
len Methoden untersuchen, die fiir die Padagogik die richtigen
sind. Man will hineintragen in dieses Universitatsleben experimen-
telle Padagogik, will hineintragen alles das, was die Wissenschaft an
Einseitigkeiten angenommen hat. Also man will reformieren. Man
will reformieren, weil man ein dunkles Gefiihl von der Reform-
notwendigkeit hat, aber aus dem Geiste heraus, der gerade das Alte
gebracht hat, das man behalten will. Eine Erziehungswissenschaft
mochte man begriinden, aber man mochte etwas begriinden aus
jenem wissenschaftlichen Geiste heraus, der dadurch gekommen
ist, daft man die Menschen nicht richtig erzogen hat.
Solche stark wirkenden Krafte in unserer Kulturentwicklung
sieht man noch gar nicht. Man sieht gar nicht, wie man sich in
Widerstreit und Widerspruche einlaftt, indem man nach der einen
Seite den allerbesten Willen hat. Wenn vielleicht auch der eine oder
andere eine andere Anschauung haben kann iiber dasjenige, was ich
jetzt aussprechen werde, so kann man aber doch sagen, daft in
vielen Richtungen auf padagogischem Gebiet einer der bedeutsam-
sten Personlichkeiten der neueren Zeit Johann Friedrich Herbart
ist. Herbart steht durch die padagogische Richtung, die er begriin-
det hat, eigentlich in einer gewissen Beziehung einzig als padago-
gischer Schriftsteller und als padagogischer Arbeiter in der neueren
Zeit da. Im Jahre 1806 ist seine «Allgemeine Padagogik» erschie-
nen. Er hat dann seine ja selbst padagogisch geartete Tatigkeit von
Jahr zu Jahr so verfolgt, da/? er immer Neues lernen konnte. Im
Jahre 1835 ist dann der «Umrift» seiner padagogischen Vorlesungen
erschienen, die zeigen, wie er selbst vorgeschritten ist in der Erfas-
sung der padagogischen Probleme. Dann aber kann man sagen, dafi
ein gut Stuck der padagogischen Entwicklung in der zweiten Halfte
des 19. Jahrhunderts ausgegangen ist von dem Impuls, den die Her-
bartsche Padagogik gebracht hat, da ja zum Beispiel das ganze
osterreichische Schulwesen inspiriert worden ist von Herbarts Pad-
agogik. Und auch in Deutschland lebt heute noch in der Unter-
richts- und Erziehungsgesinnung aufierordentlich viel von dem
Geiste der Herbartschen Padagogik. Man mufi sich daher heute
schon - wenn man sich orientieren will gerade in dem Sinn, dafi
man nicht absolutistisch, sondern mit dem Bewufksein spricht, daft
man in einer bestimmten Kulturepoche steht - etwas mit dem
auseinandersetzen, was Inhalt der Herbartschen Padagogik ist und
was wirklich eine padagogische Kraft, eine padagogische Wirklich-
keit ist.
Will man Herbart richtig verstehen, so kann man sagen: Dieser
Herbart steht mit alien seinen Gedanken und Ideen in jener Kul-
turperiode noch voll drinnen, die ihren deutlichen Abschluft ge-
nommen hat fur den wahren Menschheitsentwicklungs-Betrachter
mit der Mitte des 15. Jahrhunderts. Wir stehen einmal seit der
Mitte des 15. Jahrhunderts fur die zivilisierte Menschheit in einer
neuen Epoche drinnen, aber wir haben noch wenig erreicht in der
Verfolgung derjenigen Impulse, die im 15. Jahrhundert aufgegan-
gen sind; und dasjenige, was vor dem 15. Jahrhundert gewirkt hat,
setzt sich noch in unser Leben fort. In unser padagogisches Leben
hinein hat es sich geistvoll, bedeutsam fortgesetzt in alledem, was
Herbart selbst gearbeitet hat und was von ihm ausgegangen ist.
Wenn man charakterisieren soil, was eigentlich jenem langen Zeit-
raum in der Entwicklung der Menschheit, der im 8. vorchristlichen
Jahrhundert begonnen hat und in der Mitte des 15. Jahrhunderts
schlielk, mit Bezug auf die M ens chheits entwicklung zugrunde
liegt, so muli man sagen: die Menschheit hat sich innerhalb dieses
Zeitraumes so entwickelt, daft alles Verstandes- und Gemiitsmafii-
ge wie instinktiv noch war. Seit diesem Zeitpunkt, seit der Mitte
des 15. Jahrhunderts, strebt die Menschheit nach dem Personlich-
keitsbewufksein, sie strebt darnach, sich auf die Spitze der eigenen
Personlichkeit zu stellen. Keinen wichtigeren Wandel der ge-
schichtlichen Impulse fur die Entwicklung der Menschheit, inso-
fern sie jetzt und in der Zukunft in Betracht kommen, als das
instinktive Verstandnis, die instinktive Gemutsbetatigung der grie-
chisch-lateinischen Epoche, die langsam bis ins 15. Jahrhundert
hinein ablauft - und der neueren Epoche, die seit dem 15. Jahrhun-
dert begonnen hat! Alle einzelnen Ausfiihrungen zum Beweise
dessen, was ich gesagt habe, finden Sie in meinen Schriften und
Veroffentlichungen dargestellt. Hier miissen wir es einfach als eine
Tatsache hinnehmen, daft mit der Mitte des 15. Jahrhunderts etwas
Neues beginnt mit der Menschheit: das Streben nach bewulker
Personlichkeitswirkung, wahrend fruher ein instinktives Verstand-
nis und Gemutsstreben vorhanden war. Dieses instinktive Ver-
standnis und Gemutsstreben hatte eine gewisse Tendenz, das intel-
lektuelle Leben einseitig zu pflegen. Es konnte sonderbar erschei-
nen, dafS man gerade von einer Zeit, die den Verstand instinktiv
orientiert hat, sagt, daft diese Zeit in ihrem Gipfel zu einer beson-
deren Ausbildung, einer Uberausbildung des Intellektuellen, der
Intellektualitat des Menschen hingefiihrt hat. Aber man wird sich
nicht mehr liber eine solche Idee verwundern, wenn man bedenkt,
daft ja das Intellektuelle, was im Menschen wirkt, durchaus nicht
immer ein bewuftt Personliches sein mufi, dafi gerade instinktiv das
Intellektuelle im hochsten Grade zum Ausdruck kommen kann.
Man brau cht sich ja nur daran zu erinnern, daft die Menschen viel
spater das Papier entdeckt haben als die Wespen durch ihren aller-
dings instinktiven Intellekt; denn die Wespennester bestehen aus
Papier, sind ganz richtig so aus Papier geformt, wie die Menschen
aus ihrem Intellekt heraus das Papier formen. Denn Intellekt
braucht durchaus nicht bloft durch die Menschen zu wirken, son-
dern er kann auch die anderen Wesen durchdringen, ohne daft die
Personlichkeit, die sich erst in unserem Zeitalter entwickeln soil,
gleichzeitig zu ihrer hochsten Hohe gebracht wird.
Nun war selbstverstandlich aus einer solchen Zeit heraus, in
welcher die Intellektualitat nach ihrer hochsten Hohe sich zu ent-
wickeln bestrebt hat, auch das Bestreben vorhanden, das Erzie-
hungswesen und alles, was gedanklich das Erziehungswesen durch-
zieht, mit Intellektualitat zu durchdringen. Wer nun die Herbart-
sche Padagogik ansieht, der findet zwar innerhalb derselben viel
betont, man solle den Willen, solle das Gemiit erziehen. Aber wenn
man nicht stehenbleiben wiirde bei den bloften Satzen, sondern
wenn man zur Wirklichkeit iibergehen wiirde, so wiirde man das
folgende bemerken. Man wiirde bemerken, daft die Ausbildung
von Regierung und Zucht, wie sie bei Herbarts Padagogik zutage
tritt, etwas krampfhaft immer fordert: es soil der Wille, es soli das
Gemiit ausgebildet werden. Was aber Herbart an Inhalt bietet, das
ist eigentlich nur geeignet, die Intellektualitat auszubilden, Und
weil instinktiv gefiihlt wird, gerade von Herbart selbst am meisten,
daft dasjenige, was er an padagogischen Grundsatzen bietet, nicht
hinreicht, urn den ganzen Menschen zu begreifen, sondern nur
den Menschen als Intellektualitat, so fordert er aus einem gesunden
Instinkt heraus immer wieder und wieder: es mulS aber auch
Gemuts- und Willensbildung da sein.
Es fragt sich nur: Kann man aus diesen Grundlagen heraus wirk-
lich Gemiit und Willen in entsprechender Weise, in einer dem
Menschenwesen entsprechend begriindeten Weise erziehen und
unterrichten? Ich mochte Sie darauf aufmerksam machen, daft ja
Herbart davon ausgeht, daft alle Padagogik begriindet sein muE auf
Psychologie und Philosophic, also auf die allgemeine Weltanschau-
ung und auf die Erkenntnis des menschlichen Seelenlebens. Nun
hat Herbart ein durch und durch abstrakt gerichtetes Denken, und
dieses abstrakt gerichtete Denken hat er ja namentlich in seine
Psychologie hineingetragen. Ich mochte Ihnen das an einem Bei-
spiel der Herbartschen Psychologie popular auseinandersetzen.
Wir wissen, dafi in der menschlichen Wesenheit drei Grundkraf-
te wirken: Denken, Fiihlen und Wollen. Wir wissen, dafi die Ge-
sundheit der menschlichen Seele davon abhangt, da$ diese drei
Grundkrafte - Denken, Fiihlen und Wollen - in der entsprechen-
den Weise zur Entwicklung kommen, dafi jede dieser Grundkrafte
zu ihrem Rechte kommt. Was liegt fur die Erziehung dieser
Grundkrafte innerhalb der Herbartschen Philosophic vor?
Herbart ist der Meinung, daf$ das ganze Seelenleben im Vorstel-
lungsleben zunachst aufgeht, er findet in dem Fiihlen eigentlich nur
Vorstellungsgebilde. Und auch das Wollen, das Streben, das Begeh-
ren sind fur Herbart Vorstellungsgebilde. So konnen Sie von Her-
bartianern folgendes horen: Wenn wir streben, Wasser zu trinken,
weil wir Durst haben, so streben wir eigentlich durchaus nicht nach
dem Inhalt des Wassers, sondern wir streben darnach, jene Vor-
stellung, die der Durst in uns auslost, loszubekommen und in un-
serer Seele zu ersetzen durch die Vorstellung des geloschten Dur-
stes. Wir begehren also durchaus nicht das Wasser, sondern wir
begehren, dafi die Durstvorstellung aufhore und durch die Vorstel-
lung des geloschten Durstes ersetzt werde. Wenn wir eine angereg-
te Unterhaltung erstreben, so erstreben wir nicht den Inhalt dieser
angeregten Unterhaltung, sondern wir haben Sehnsucht nach einer
Anderung der gegenwartig in uns befindlichen Vorstellungen und
streben eigentlich nach dem, was in uns als Vorstellung auftauchen
wird durch die angeregte Unterhaltung. Wenn wir eine Lust haben,
so haben wir diese Lust nicht als eine Auswirkung einer elemen-
taren Kraft unserer Seele, sondern wir haben sie dadurch, daft ge-
wisse Vorstellungen, die uns angenehm sind, leicht in unser Be-
wulksein heraufdringen, die entgegengesetzten Hemmungen leicht
iiberwinden, und dieses Erleben, dafi eine Vorstellung leicht gegen-
iiber den ihr widerstrebenden Hemmungen in unser Bewulksein
eindringt, das ist die Lust. Alles bewegt das Vorstellungsleben, das
andere ist eigentlich dasjenige, was sich nur durch das bewegte
Vorstellungsleben offenbaren soli. Man kann sagen: Die ganze
Herbartsche Denkweise und alles, was sich bis heute darauf aufge-
baut hat - und mehr, als man glaubt, hat sich auf der Herbartschen
Denkweise aufgebaut -, ist durchdrungen von einem allerdings
nicht bewufiten, sondern unbewufiten Glauben, daft das wahre
Seelenleben in dem Ablauf der gegenseitigen Hemmung und Un-
terstutzung der Vorstellungen besteht, und dafi dasjenige, was als
Gefuhl und Wille zutage tritt, eben nur in den Bewegungen des
Vorstellungslebens besteht. Man darf sich nicht beirren lassen
durch die Tatsache, dafi zwar sehr viele padagogisch orientierte
Leute heute bekampfen wollen, dafi man so unterrichten und erzie-
hen will, indem man nur auf das Vorstellungsleben seine Bestre-
bungen lenkt. Sie sagen es zwar, aber sie tun nicht das Entspre-
chende; sie tun alles, was sie tun, so, dafi doch zugrunde liegt: auf
die Vorstellung kommt es an! Und das Sonderbarste, was man
heute erleben kann, ist ja dieses Leben der Menschen in solchen
Widerspriichen. Was wird heute gepredigt und deklamiert davon,
dafi man eigentlich auf den ganzen Menschen sehen sollte, dafi man
sehen soil darauf, daft ja das Gemutsleben, also das Gefiihls- und
Willensleben, nicht zu kurz komme. Ja aber wenn man wieder an
die Praxis geht, so ist es gerade bei denjenigen, die so iiber die
Ausbildung des Gefiihls- und Willenslebens deklamieren, am mei-
sten der Fall, daft sie in der Erziehung und dem Unterricht intel-
lektualisieren. Die Menschen verstehen sich eben selbst nicht, weil
sich das Wort so sehr von der Sache entfernt hat und zur Phrase
geworden ist.
Das sind die Dinge, auf die heute wirklich mit aller Intensitat
hingeschaut werden mufi, wenn man gerade auf dem Gebiete des
Erziehens und Unterrichtens zu denjenigen Forderungen strebt,
die gerade unserem Kulturzeitraum entsprechen.
Damit komme ich zu einer Hauptsache: Man sagt schon, es
komme nicht auf den Lehrstoff an, sondern auf den Zogling, aber,
wie ich schon erwahnt habe, nach den Methoden der einseitigen
Wissenschaft will man durch eine Erziehungswissenschaft den
Zogling studieren. Aber man kommt dem Menschen nicht nahe mit
der aufterlich gerichteten Wissenschaft der letzten Jahrhunderte.
Man braucht eine ganz andere Orientierung, um dem Menschen
nahe zu kommen. Und diese Orientierung wird durch unsere
anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft angestrebt. Wir
wollen die aufterlich gewordene Anthropologic, die aufierlich ge-
wordene Menschenerkenntnis ersetzen durch eine andere, die auf
den ganzen Menschen, auf seine leibliche, seelische und geistige
Wesenheit wirklich eingeht. Gewift, man betont heute, auch dem
Worte nach, das Geistige und das Seelische, aber man kennt es ja
nicht.
Und so kommt es, daft man gar nicht aufmerksam darauf gewor-
den ist, daft so etwas wie die Herbartsche Weltanschauung gerade
mit Bezug auf die Seele ganz intellektualistisch ist, daft sie daher
den Weg in unser Kulturzeitalter hinein nicht finden kann. Auf der
anderen Seite will Herbart aufbauen auf Philosophic Aber jene
Philosophic, worauf er baut, ist ebenfalls mit dem Ende desjenigen
Zeitraumes, der da seinen Abschluft genommen hat in der Mitte des
15. Jahrhunderts, zu ihrem Absterben gekommen. In unserem Zeit-
raum will eine wirklich auf das Geistige gehende Weltanschauung
Platz haben. Und von dieser Weltanschauung aus kann auch das
Seelisch-Geistige des Menschen wirklich so erstarkt werden, daft es
verbunden werden kann mit dem, was wir rein anthropologisch
finden mit Bezug auf das Leiblich-Korperliche. Denn wahrhaftig
grofi ist unsere Zeit auch in der Kindheits-Erkenntnis in bezug auf
das Leiblich-Korperliche, wenn sie auch vielfach das Seelische nur
erwahnt. Aber nehmen Sie eine heutige Psychologie in die Hand
und seien Sie dabei gesund empfindende Menschen - fragen Sie
sich, was Sie aus einer heutigen Psychologie eigentlich gewinnen
konnen. Da finden Sie Auseinandersetzungen iiber die Vorstel-
lungswelt, iiber die Gefiihlswelt, iiber die Willenswelt. Aber dasje-
nige, was Sie an diese Worte Vorstellen, Fiihlen, Wollen gekniipft
find en - es ist im Grunde genommen ein Spiel mit Worten. Sie
werden nicht kliiger iiber das Wesen von Vorstellung, Gefuhl und
Wille, wenn Sie die heutige Psychologie durchgehen. Daher kann
man auf die heutige Psychologie auch nicht gut wirkliche Padago-
gik bauen. Es mufi erst wiederum eingegangen werden konnen auf
das Sachliche, auf das wirkliche Wesen von Vorstellen, Fiihlen und
Wollen. Dazu ist nicht notig jener iiberreife, scholastische Geist,
der heute in den Psychologien waltet, sondern dazu ist notwendig
eine wirkliche Beobachtungsgabe fur das menschliche Leben. Was
heute beobachtet werden soli in den Psychologien und padago-
gischen Laboratorien, das kommt einem vor wie etwas, was in
seinem Streben von dem besten Willen beseelt ist, was aber deshalb
diese Richtung genommen hat, die es eben genommen hat, weil im
Grunde genommen gar nicht die Fahigkeit da ist, eine wirkliche
Menschenbeobachtung zu entfalten.
Man mochte am liebsten heute den werdenden Menschen in das
psychologische Laboratorium einspannen und aufierlich kennen-
lernen, wie er sich innerlich entwickelt, weil man das lebendige
Verhaltnis von Mensch zu Mensch verloren hat. Solche Beobach-
tung ist fur das Leben notwendig, und die ist in hohem Grade
verlorengegangen. Wir reden heute iiber das Geistig-Seelische so,
wie wir in bezug auf den Menschen iiber Aufieres reden. Wenn wir
einem Kinde begegnen, einem Menschen mit 35 Jahren begegnen
und einem Greis begegnen - wir sagen: dies ist ein Mensch, dies ist
ein Mensch, dies ist ein Mensch. Aber eine wirkliche Beobachtung
unterscheidet doch so, dafi das Abstraktum Mensch seine gewisse
Berechtigung hat, daft aber doch schlieftlich eine Wirklichkeit zu-
grunde liegt: dafi das Kind ein Mensch von 35 Jahren wird und daft
ein Mensch von 35 Jahren ein Greis wird. Einer wirklichen Beob-
achtung mufi der Unterschied in diesem Werdegang sehr klar vor
das Auge treten. Nun ist es verhaltnismafiig leicht, ein Kind zu
unterscheiden von einem Menschen mit 35 Jahren und von einem
Greis. Aber schon etwas schwieriger ist es mit Bezug auf das Inner-
liche des Menschen, nun wirkliche Beobachtungen fur solche Un-
terschiede anzustellen. Daher verwuselt man in der heutigen Zeit
immerzu die Einheit mit der Mannigfaltigkeit, die Einheit des
seelischen Lebens mit jener Mannigfaltigkeit, die zum Beispiel
durch die drei Glieder des Seelenlebens - Denken, Fiihlen und
Wollen - ausgelost wird. Sind derm Denken, Fiihlen und Wollen
ganz voneinander verschiedene Dinge? Waren sie das, dann ware ja
unser Seelenleben absolut in drei Glieder gespalten, dann ware kein
Ubergang zwischen Wollen, Fiihlen und Denken und damit dem
Intellektuellen des Menschen, wenn dies drei Glieder des mensch-
lichen Seelenlebens waren, die man einfach so, wie es die Menschen
heute bequem finden, zur Einteilung nebeneinander stellen konnte.
Gerade aus dem Grunde, weil man das nicht kann, versucht Her-
bart, Denken, Fiihlen und Wollen einheitlich zu betrachten. Aber
er hat das Ganze nach der Vorstellungsseite hiniibergeleitet, und
seine ganze Psychologie ist im Grunde genommen intellektuali-
stisch geworden. Man mufi einen Sinn in sich entwickeln, auf der
einen Seite die Einheit von Denken, Fiihlen und Wollen zu sehen
und auf der anderen Seite wiederum die Unterschiede von Denken,
Fiihlen und Wollen zu erkennen.
Betrachtet man nun, nachdem man sich geniigend dazu vorbe-
reitet hat, das Wollen des Menschen, alles, was mit Begehren und
Wollen zusammenhangt, dann kann man dieses Wollen mit etwas
vergleichen, was weiter im Seelenleben davon absteht, mit dem
Intellektuellen, und man kann sich fragen: Wie verhalt sich das
Willensleben, das Begehrungsleben zum intellektuellen Vorstel-
lungsleben? Und man kommt nach und nach darauf, dafi ein
Entwicklungsunterschied besteht zwischen dem Wollen, dem Be-
gehren und dem Vorstellen, ein solcher Entwicklungsunterschied
wie zwischen dem Kinde und dem Greise zum Beispiel. Aus dem
Kinde wird der Greis in der Entwicklung; aus dem Wollen wird in
der Entwicklung das Vorstellen. Die beiden sind nicht so
voneinander verschieden, daft man sie nebeneinander stellen kann
und sagen: Das eine ist das, das andere ist das -, sondern sie sind
so voneinander verschieden, wie Entwicklungszustande verschie-
den sind. Man wird erst das menschliche Seelenleben in seiner Ein-
heit richtig verstehen konnen, wenn man wissen wird: Wenn ein
scheinbar reines Begehren in der menschlichen Seele, ein reines
Wollen auftritt - so ist das eine jungzustandliche Aufterung des
Seelenlebens, da lebt die Seele in ihrem Jugendzustand, Tritt intel-
lektuelles Leben auf, tritt Vorstellungsleben auf, so lebt die Seele in
dem Zustand, der schon voraussetzt die Willensentfaltung, der
geworden ist aus der Willensentfaltung, und das Gemiits- und
Gefuhlsleben stent mitten drin, so wie der funfunddreifiigjahrige
Mensch zwischen dem Kinde und dem Greise. Durch das Gemiits-
element hindurch entwickelt sich das Wollen zum intellektuellen
Leben. Nur dadurch, daft man Wollen, Fiihlen und Denken nicht
wie drei nebeneinanderstehende Seelenfahigkeiten auffafk, wie es
von Herbart bekampft, aber nicht richtig korrigiert worden ist,
sondern dadurch, dafi man diese drei Seelenfahigkeiten in ihrer
Lebendigkeit, in ihrem Auseinanderhervorgehen auffafk, kommt
man zu einer wirklichen Erfassung des menschlichen Seelenlebens.
Nun wird aber allerdings die Beobachtung leicht getauscht,
wenn wir das Seelenleben nach diesem Gesichtspunkte auffassen.
Die Beobachtung wird leicht getauscht, weil wir niemals innerhalb
des Lebens zwischen Geburt und Tod beim Menschen stehenblei-
ben konnen, wenn wir diese Gesichtspunkte zugrunde legen. Wer
da glauben wollte, daft das Leben zwischen Geburt und Tod so
verlauft, daft einfach aus dem Willen sich die Intelligenz entwickelt,
der wiirde auf einem falschen Boden stehen. Wir sehen, wie sich die
Intelligenz allmahlich heraus offenbart aus den Untergriinden der
menschlichen Wesenheit bei dem werdenden Kinde. Wir konnen
dasjenige, was da an Intelligenz auch durch die Erziehung heraus-
geholt werden kann, nur herausholen, wenn wir uns bewuftt sind,
daft dasjenige, was das Kind erlebt nach seiner Geburt, die Vorstel-
lung, die Folge dessen ist, was es erlebt hat vor der Geburt be-
ziehungsweise in dem vorgeburtlichen Dasein, vor der Empfangnis.
Und wir verstehen dasjenige, was als Wille sich ausbildet im Leben
zwischen Geburt und Tod nur, wenn wir Riicksicht nehmen dar-
auf, daft der Mensch durch die Pforte des Todes geht, in ein geisti-
ges Leben eingeht und sich dort sein Willenselement weiter ausbil-
det. Wir konnen nicht, ohne auf das Gesamtleben des Menschen
Riicksicht zu nehmen, den Menschen wirklich erziehen. Wenn wir
uns bloft sagen: wir wollen das heranerziehen, was in der Zukunft
da sein soil - dann nehmen wir keine Riicksicht darauf, dafi die
Menschenwesenheit so beschaffen ist, dafi jedes Kind ratselhaft von
Tag zu Tag, von Woche zu Woche, von Jahr zu Jahr durch das
Gewebe des Leibes das offenbart, was sich entwickelt hat im vor-
geburtlichen, beziehungsweise vor der Empfangnis liegenden Le-
ben. Und mit Bezug auf den Willen werden wir niemals eine rich-
tige Ansicht gewinnen, wenn wir uns nicht bewulk werden, dafi
dasjenige, was sich als Wille geltend macht, nur ein Keim ist, der
erst zur vollen Entfaltung kommt, wenn der aufiere Leib, in dem er
sich wie in einem Boden entwickelt, abgelegt ist. Gewifi, wir miis-
sen die sittlichen Ideen in einem Menschen entwickeln, aber miis-
sen uns klar sein, daft diese sittlichen Ideen mit ihrem Eingebettet-
sein in den Willen noch nicht zwischen Geburt und Tod alles das
bedeuten, als was sie sich aufiern, sondern dafi ihr voiles Leben erst
auftritt, wenn dieser Leib verlassen ist. Das schockiert den heutigen
Menschen noch, wenn man fur eine vollstandige Menschen-
erkenntnis eine Eingliederung des Menschen in die ganze, auch
zeitliche Welt fordert, wenn man dazunimmt zu dem, was im Men-
schen lebt, dasjenige, was er vor der Geburt durchgemacht hat und
was er nach dem Tode durchmachen wird. Aber nimmt man das
nicht dazu, betrachtet man den Menschen so, wie es die heutige
Anthropologic tut, nur in seinen Aufierungen zwischen Geburt
und Tod, so hat man es nicht mit dem vollstandigen Menschen zu
tun, sondern nur mit einem Stuck des Menschen, und dieses Stuck
des Menschen kann man aus dem Grunde nicht erziehen, weil man
sich hinstellt vor das werdende Kind und etwas erziehen will,
wovon man nichts weift. Es wollen die Eigenschaften heraus, die
sich entwickeln wollen nach Maftgabe dessen, was vorgeburtlich
ist; aber man nimmt keine Riicksicht darauf. Man lost nicht das
Ratsel des Kindes, weil man keine Ahnung hat, was in dem Kinde
drinnen steckt aus dem Leben vor der Geburt, und man lost das
Ratsel des Kindes auch nicht nach der anderen Seite, weil man
nicht weifi, was Werdeprinzip ist, was sich erst entwickelt, wenn es
durch den Tod gegangen ist.
Das mufi eine Hauptforderung der heutigen Erziehung werden,
aus einer Wissenschaft heraus, die den ganzen Menschen ins Auge
fafk; nicht aus einer Wissenschaft heraus, die behauptet, statt auf
den Lehrstoff auch auf den Zogling zu sehen; nicht aus einer Wis-
senschaft, die nicht den Menschen ins Auge fafk, sondern ein
wesenloses Abstraktum des Menschen. Es ist wahrhaftig keine ein-
seitige Mystik, die dem Erziehungswesen zugrunde gelegt werden
soli, indem so gesprochen wird, sondern es ist nur eine vollstandige
Beobachtung des ganzen Menschenwesens. Es ist der Wille, wirk-
lich den ganzen Menschen in der Erziehung zu begreifen. Strebt
man einseitig, so wie Herbart, nach der Entwicklung der Intellek-
tualitat, so mufi Willens- und Gemiitsbildung unerzogen und un-
entwickelt bleiben, denn man wird dann glauben, daft man durch
das Beibringen von gewissen Vorstellungen, durch das Aufstellen
und Vorbringen gewisser Vorstellungen jene Bewegung, jene Hem-
mung und Sich-Stiitzung der Vorstellung hervorrufen kann, von
der man ja spricht, wenn man von dem Gefuhl und dem Willen
spricht. Das kann man nicht; man kann nur den altgewordenen
Willen, das heifk die Intellektualitat, durch eine intellektuelle Er-
ziehung entwickeln. Man kann das Gemiit nur durch jenes Verhalt-
nis entwickeln, das sich herausbildet zwischen Lehrer und Zogling
in einer gemiithaften Weise selbst; und man kann den Willen nie-
mals anders entwickeln, als indem man sich bewufk wird der ge-
heimnisvollen Faden, die unterbewulk zwischen Zogling und Er-
zieher sind. Alles abstrakte Aufstellen von Erziehungsgrundsatzen
fur die Gemuts- und Willensentwicklung kann nichts fruchten,
wenn nicht Rucksicht genommen wird auf die Durchdringung des
Erziehers und Unterrichtenden selbst mit solchen Gemuts- und
Willenseigenschaften, die geistig - nicht durch Ermahnung, das
ist physisch - wirken konnen auf den Zogling. So mufi auch das
Erziehungs- und Unterrichtsverhaltnis nicht einseitig auf Intellek-
tualitat gebaut sein, sondern mufi ganz auf die Beziehung zwischen
Mensch und Mensch gestellt sein. Sie sehen daraus, daft es notwen-
dig ist, alles, was auf Erziehung sich bezieht, zu erweitern, also
darauf Rucksicht zu nehmen, dafi tatsachlich jenes intime Ver-
haltnis zwischen Erzieher und Unterrichter und dem Zogling
hergestellt werden kann, wodurch hinausgehoben wird iiber die
Phrase der Satz: man solle nicht Lehrstoff iibermitteln, sondern
man solle den Zogling erziehen. Das wird man aber nur konnen,
wenn man sich bewuftt wird, daft dann, soil so etwas erstrebt wer-
den, das ganze Leben des Unterrichtenden und Erziehenden nicht
abhangig sein kann von etwas anderem, von dem staatlichen oder
dem Wirtschaftsleben, sondern daft das Erziehungs- und Unter-
richtswesen ganz allein auf sich selbst gestellt sein mufi, damit es
wirken konne aus seinen eigenen Impulsen, aus seinen eigenen
Bedingungen heraus.
Was geltend gemacht wird sowohl auf anthroposophischem Ge-
biete wie auf dem Gebiete der Dreigliederung des sozialen Orga-
nismus, das wird ja eigentlich dumpf von den besseren Personlich-
keiten der gegenwartigen Menschheit schon gefuhlt. Aber da auch
diese besseren Personlichkeiten der gegenwartigen Menschheit
mutlos davor zuriickscheuen, sich wirklich einzulassen auf eine
geistige Erfassung des Lebens, wie sie angestrebt wird durch eine
anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, so konnen diese
Personlichkeiten beim besten Willen das voile Wesen des Men-
schen nicht erkennen, was sie dazu bringen konnte zu sagen:
Gerade das Unterrichts- und Erziehungswesen mu!5 auf die wirk-
liche Erfassung und auf das wirkliche Erleben des geistig Impul-
siven selbst gestellt sein. Es ist interessant zu sehen, wie, ich moch-
te sagen kummerlich sich durch die Kultur der Gegenwart
durchzwangen manche Gefiihle besserer Personlichkeiten nach
einer Befreiung des Unterrichts- und Erziehungswesens und wie
sie nicht heraus konnen, weil sie eigentlich nicht wissen, was sie
machen sollen, weil sie im Widerspruch drinnen leben, mit einer
Wissenschaft reformieren zu wollen, die noch ganz aus dem Alten
herausgewachsen ist.
Da liegt ein Buch vor mir iiber «Entwicklungs-Psychologie und
Erziehungswissenschaft» von Doktor Johannes Kretzschmar, der
tatsachlich etwas Neues aus dem Unterricht machen will, der da
fiihlt, daft das Unterrichtswesen nicht richtig in der sozialen Ver-
fassung der Gegenwart drinnen steht. Sehen wir uns einmal etwas
Charakteristisches gerade bei diesem Mann an. Er sagt auf Seite 210
seines Buches:
«Gehen wir nun auf diese Weise vom Standpunkte der selb-
standigen, der forschenden Erziehungswissenschaft aus» - und er
meint eine Erziehungswissenschaft damit, die durchaus auf der
Grundlage der alten Wissenschaft gebaut ist -, «so wird dadurch
nicht nur die Lehrerbildung und die Schularbeit beeinfluftt, son-
dern auch die Stellung des Lehrers, des Pddagogen im Staate, in der
Schulverwaltung. Zunachst ist prinzipiell selbstverstandlich, daft
der Lehrer, ahnlich wie der Arzt, Staat und Gemeinde gegeniiber
eine Vertrauensstellung einnehmen mufi. Sie miissen ihm zugeste-
hen, daft auch die Erziehung - wie die Gesundheitspflege - eine
Sache ist, fur die in erster Linie das Gutachten des wissenschaftlich
geschulten Sachverstandigen maftgebend sein mull, nicht die Wiin-
sche und Forderungen politischer und kirchlicher Parteien; daft
ferner die Leitung der Schule weniger eine Verwaltungstatigkeit als
eine wissenschaftlich e Funktion ist».
Was fiihlt der Mann also? Er fiihlt, daft die Verwaltungstatigkeit,
die eine staatliche Funktion ist, nicht so voll ausgedehnt werden
kann auf den Unterricht und die Erziehung und daft in den Impul-
sen des Unterrichtenden und Erziehenden zu wenig von dem drin
ist, was man iiber das Wesen des Menschen wissen kann. Der Mann
mochte die Verwaltung ersetzt wissen durch eine Erteilung des
Unterrichts- und Erziehungswesens im Sinne desjenigen, was man
wissenschaftlich iiber das Wesen des Menschen erkennen kann.
Deshalb sagt er aus einem dumpfen Gefuhl heraus: «daft ferner die
Leitung der Schule weniger eine Verwaltungstatigkeit als eine wis-
senschaftlich e Funktion ist, mithin nicht auf dem Wege behord-
licher Verordnungen bis in alle Einzelheiten hinein vorgeschrieben
werden kann. Gemeinde und Staat miissen zur Lehrerschaft das
voile Vertrauen haben, daft sie ihrem Amte gewachsen ist, daft sie
ihrer Pflicht in vollem Umfange sich bewuftt und daher von aufte-
ren Anregungen unabhangig ist. Dieses Vertrauen wird sich darin
aufiern, daft - soweit die internen Angelegenheiten des Schulbetrie-
bes in Betracht kommen - neben den Direktoren auch die Kolle-
gien zu ihrem Recht kommen, der Lehrer also nicht bloft als
Untergebener, als Beamter betrachtet wird. Die rechte Wiirdigung
der padagogischen Tatigkeit wird sich sodann in der Regelung der
Schulauf sich tsf rage zeigen mussen. Weder der Geistliche noch der
Philolog kann als die geeignete Persdnlichkeit fiir die Schulleitung
und Schulaufsicht erachtet werden.»
Man fragt sich dann nur: Wieso kommt der Mann noch nicht
dazu, auch einzusehen, daft auch der Schulaufseher nicht vom Staat
ernannt werden kann, daft er aus dem Schulwesen selber heraus
gestellt werden miifite?
«Beides muft durchaus in die Hande von Fachleuten y von Pdd-
agogen, gelegt werden»: Ja, warum soli es dann nicht gleich vom
padagogischen Felde aus geleitet werden? Warum erst auf dem
Umwege von etwas, was im Grunde genommen sachlich nicht
mitsprechen kann!
«Daft auch Fiirsorgeerziehungsanstalten, Schwachsinnigenschu-
len usw. weder von Pfarrern noch von Arzten zu leiten sind, bedarf
wohl keines eingehenden Beweises. - Von groftter Wichtigkeit ist
aber nun vor allem der Einfluft der Lehrerschaft auf die Schul-
gesetzgebung.»
Dieser Einfluft der Lehrerschaft auf die Schulgesetzgebung wird
ganz gewift am allergroftten dann sein, wenn die Lehrer selbst diese
Schulgesetze machen in dem selbstverwalteten Geistesleben im Sin-
ne des dreigliedrigen sozialen Organismus.
Sie sehen in alledem ein dumpfes Sich-Hinbewegen zu dem,
wozu nur der Impuls des dreigliedrigen sozialen Organismus den
Mut hat, es wirklich in die Auftenwelt einpflanzen zu wollen. Als
Bediirfnis ist es bei den besten Menschen der Gegenwart vorhan-
den, was der Impuls der Dreigliederung des sozialen Organismus
will. Nur sind diese besten Menschen der Gegenwart in ihrem
geistigen Atmen so beengt durch die dumpfe Luft des heutigen
offentlichen Lebens, durch die Vorurteile, welche alles zusammen-
schweifien in den Einheitsstaat, so daft sie nicht dazu kommen, ihre
Gedanken wirklich zu Ende zu bringen. Und so kann man lesen,
daft die Gesetzgebung «wird darauf hinzuwirken haben, daft der
Einfluft der Schule auf das Elternhaus durch den Staat zu stiitzen
und zu starken ist, daft unter Umstanden schulfeindliche und wi-
derspenstige Eltern zur richtigen Erziehung ihrer Kinder zu zwin-
gen sind. Die Schulsynode wiirde also den Staat zu bestimmen
suchen, daft er nicht nur das Aufsichtsrecht iiber das Schulwesen
ausiibt, sondern auch den Lehrer schiitzt und unterstiitzt in seiner
Wirksamkeit.»
Man fragt sich: Ja, warum soil das der Lehrer nicht alles selber
machen konnen? - Weil solche Menschen, die nach dieser Richtung
denken, eben, wie gesagt, die freie Atemluft nicht fuhlen, die das
freie Geistesleben gewahrt. Sie sind durch die Verkummerung des
Denkens im Sinne des alten Einheitsstaates soweit gebracht wor-
den, daft sie gar nicht daran denken, welch ein Unding es doch ist,
daft dasjenige, was - wie sie es selbst verlangen - von dem geistigen
Gliede des sozialen Organismus verwaltet werden soil, nicht erst
von dem Rechtsgliede befohlen, nicht erst von dem Rechtsgliede
geschiitzt und unterstiitzt zu werden braucht. Sind nicht die Wor-
te, daft der Lehrer «geschutzt und unterstiitzt werden soll» vom
Staate, recht charakteristisch? Das ist so, wie wenn jemand sagt:
Wir getrauen uns nicht, selber diesen Zustand herbeizufiihren, der
wiinschenswert ware, wir wollen, daft wir angetrieben werden.
Aber dieser Antrieb kommt nicht. Denn auf jener Seite, von der
man ihn erwartet, besteht eben - selbstverstandlich ganz gerecht-
fertigt - kein Verstandnis fur das, was eigentlich geschehen soil.
«Dieser groftere Einfluft des Staates auf die Erziehung» - also er
will sogar noch einen grofteren Einfluft des Staates auf das, was der
Lehrer und Erzieher tun soil - «liegt ja ganz logisch in der Rich-
tung der historischen Entwicklung.» Ja, in der Richtung der histo-
rischen Entwicklung liegt es wirklich, aber die historische Ent-
wicklung muft um ihrer Gesundheit willen einen anderen Lauf
nehmen als zu dem, wozu sie bis jetzt den Anlauf nimmt. Denken
Sie einmal, eine Pflanze wiirde im Sinne der Goetheschen Meta-
morphose immer nur griine Blatter hervorbringen und nicht vom
griinen Laubblatt zum farbigen Blumenblatt iibergehen wollen,
dann wiirde sie das Ziel ihrer Entwicklung nicht erreichen. In ahn-
lichem Sinne raufi man beachten, dafi nicht immer im Sinne der
historischen Entwicklung in gleicher Weise weitergegangen werden
kann, sondern dafi in der Entwicklung eine Epoche die andere
ablosen mufi,
«Es gab eine Zeit, da der Staat noch kein unmittelbares Interesse
am Bildungswesen hatte, und dann kam die Zeit, wo er dieses In-
teresse im Schulzwang und im Schulunterricht zum Ausdruck
brachte. Der moderne Staat als Verfassungsstaat, in dem das Volk
an der Gesetzgebung unmittelbar beteiligt ist, mufi neben der po-
litischen auf die allgemeine Bildung seiner Glieder ganz besonde-
ren Wert legen. Da nun aber die Erziehungsmoglichkeit der Schule
nur eine begrenzte ist, so mufi der Staat seinen Einflufi auf alle
Gebiete der Erziehung ausdehnen, also auch auf die Familie und
die Umwelt des Kindes.» - Nun soli der Staat zum Miterzieher
berufen werden neben dem, was das Geistesleben aus sich selbst
hervorbringen kann. Sie sehen daran, dafi man dumpf richtig fiihlt
und von diesem Gesichtspunkt zu dem Gegensatz von dem ge-
langt, was aus einer gesunden Anschauung heraus heute angestrebt
werden soli: «Dasjenige Gebiet der padagogischen Wissenschaft,
das fur ihn den grofiten Wert besitzt, ist naturgemafi die padago-
gische Soziologie.»
Also er will das soziale Leben zur Richtschnur fur die Padago-
gik machen, wahrend gerade die sozialen Triebe in dem Menschen
durch eine richtige Erziehung entfacht werden miissen, damit sie
zur Gesundung des sozialen Lebens vorhanden sein konnen.
«Sie zeigt ihm einerseits den Einflufi der Erziehung auf die 6f-
fentliche Wohlfahrt und klart ihn andererseits daruber auf, inwie-
weit die Entwicklung des Zoglings nicht blofi von der systemati-
schen Erziehung, sondern auch von den Miterziehern abhangig ist.
Auf die Wichtigkeit dieser padagogischen Soziologie mufi auch die
Schulsynode immer wieder hinweisen, deren Rat fur den Staat um
so unentbehrlicher wird, je mehr sein Einflufi auf die Erziehung
wachst.»
Also Kretzschmar sieht ein: Der Staat wird immer mehr notig
haben, auf die Erziehung zu horen. Trotzdem soli sie nicht unmit-
telbar ausgefiihrt werden durch eine Einrichtung, die durch das
Erziehungswesen selbst geschaffen werden kann, sondern es soli
erst der Staat das ausfuhren; dann wird erst darauf hingewiesen,
daft er auch «anordnen» kann. Also gestiitzt will das sein, was
eigentlich die Forderung in unserer Zeit erheben mufi, sich frei,
unabhangig zu entfalten.
Etwas ist ganz besonders interessant in diesem Buche. Selbstver-
standlich wird ein Mann, der so gutwillig ist wie Kretzschmar,
auch aufmerksam darauf, daft die Lehrerbildung anders werden
miifke. Er findet, daft in den Lehrerbildungsanstalten auch nicht
alles so ist, wie er es haben mochte. Er bemerkt es und sagt sich:
Da mufi manches anders werden. Er bemerkt: die Padagogik wird
an den Universitaten so als Nebenfach behandelt, aber sie umfaftt
nach seiner Ansicht so vieles, daft sie nicht als Nebenfach behandelt
werden diirfte, sondern sie miiftte eingegliedert werden in die
Universitaten als selbstandiges Lehrfach. Nun denkt er nach: die
sogenannten vier Fakultaten sind schon durchbrochen worden,
man hat schon zu der philosophischen Fakultat die naturwissen-
schaftliche hinzugefugt und zur juristischen die staatswissenschaft-
liche. Er denkt nun nach, ob man nicht vielleicht die Padagogik mit
irgendeiner Fakultat durch die Erweiterung dieser Fakultaten ver-
binden konnte. So gibt es heute Universitaten, die haben neben den
bekannten vier Fakultaten - also der theologischen, der philosophi-
schen, der medizinischen, der juristischen - noch die staatsrecht-
liche und die naturwissenschaftliche Fakultat. Nun meint er, daft es
zu allerlei Kalamitaten fiihren konnte, eine eigene padagogische
Fakultat zu errichten. Aber mit welcher Fakultat sollte man Pad-
agogik sonst verbinden? Und es ist sehr charakteristisch, daft er
dazu kommt, daft er die Padagogik der Staatswissenschaft zuweisen
und eine staatswissenschaftlich-padagogische Fakultat begriinden
mochte.
Sie sehen, so stark wirkt der Zwang, daft vom Staate alles das-
jenige ausgehen soil, was auf den Menschen wirkt, daft selbst ein so
aufgeklarter Herr es am giinstigsten findet, die Padagogik zum Ge-
schwisterwesen des Staatsrechtes zu machen. Ich habe es ja hier
schon gesagt: die Menschen streben immer dahin, nicht als dasjeni-
ge zu gelten, was sie durch ihr Wesen sind, sondern als das, was sie
durch die Abstempelung des Staates sein konnen. Selbst freie Bur-
ger sollen sie nicht sein, sondern Menschen, die irgendwie mit ih-
ren Biirgerrechten in den Staat eingetragen sind. Die Menschen
streben darnach, Glieder der Staatsordnung zu werden. Das bildet
den Gedanken aus: Also mufi man die Menschen so erziehen und
unterrichten, dafi sie richtige Glieder des Staates werden. Wo sollte
also die Padagogik besser hingestellt werden als zum Staatsrecht?
Es ist interessant, dafi ein Mann, der ganz richtige Empfindungen
hat fur das, was geschehen soil, die entgegengesetzten Schliisse
zieht aus seinen Voraussetzungen, als man meinen sollte.
Sehen Sie, ich habe Ihnen damit heute vor alien Dingen zunachst
die Widerstande charakterisiert, mit denen man zu kampfen haben
wird, wenn man eine solche Schule aufbauen will, wie es die Wal-
dorfschule werden soil. Sie widerstrebt den Gedanken der Men-
schen, selbst den Gedanken der besten Menschen. Sie mufi wider-
streben; denn wiirde sie nicht widerstreben, so wiirde sie nicht in
der Richtung der Zukunftsentwicklung arbeiten. Aber es wird in
dieser Zukunftsrichtung gerade auf geistigem, erzieherischem und
unterrichtendem Gebiete gearbeitet werden miissen. Wir werden
wahrhaftig keine einseitige Weltanschauungsschule errichten. Wer
glaubt, dafi wir eine «Anthroposophenschule» gninden wollen,
oder wer das verbreitet, der glaubt oder verbreitet eine Verleum-
dung. Das wollen wir ganz und gar nicht, und wir werden es zei-
gen, dafi wir es nicht wollen. Denn kommt man uns mit allem so
entgegen, wie wir allem entgegenkommen, dann wird in der Wal-
dorfschule der Religionsunterricht der evangelischen Kinder von
dem am Orte lebenden evangelischen Pfarrer beziehungsweise Vi-
kar erteilt werden, der katholische Unterricht wird von dem katho-
lischen Priester erteilt, der jiidische von dem Rabbiner. Das heifit,
wir werden uns nicht darauf einlassen, irgendeine Weltanschau-
ungsschule zu begriinden, wir wollen nicht den Inhalt der Anthro-
posophie in unsere Schule hineintragen, wir wollen etwas anderes.
Anthroposophie ist Leben, ist nicht blofi eine Theorie. Und An-
throposophie kann iibergehen in die Gestaltungsfahigkeit, in die
Handhabung des Unterrichts - insofern Anthroposophie padago-
gisch werden kann, insofern durch Anthroposophie die Fertigkeit
gewonnen werden kann, zum Beispiel besser das Rechnen zu
lehren, als es bisher gelehrt wurde, besser das Schreiben, besser die
Sprachen, besser die Geographie zu lehren, als sie bis jetzt gelehrt
wurden. Also insofern eine Methode fiir diese Schule geschaffen
werden soil durch Anthroposophie, insofern streben wir. Wir er-
streben Methodik, Unterrichtspraxis. Das ist es, in was wir auslau-
fen lassen mochten dasjenige, was aus einer wirklichen Erkenntnis
des Geistigen wahrhaftig folgen wird. Wir werden eben so lesen
lehren, wir werden so schreiben lehren und so weiter, wie es der
Wesenheit des Menschen angemessen ist. Dadurch werden wir
zunachst ganz absehen von dem, was man uns wahrscheinlich un-
terstellen wird: daft wir durch eine Schule schon bei den Kindern
Propaganda machen wollen fiir Anthroposophie. Das werden wir
nicht wollen. Denn wir wissen ganz gut, dafi die Widerstande, die
wir schon zu iiberwinden haben, ins Unermefiliche steigen. Wir
werden nur streben, zu unterrichten insofern, als durch das Durch-
lebtsein mit anthroposophischen Impulsen gut unterrichtet und
erzogen werden kann. Deshalb wird es uns nicht storen, wenn
gewissen Anforderungen geniigt wird, die von da oder dort kom-
men, zum Beispiel, daft der Religionsunterricht in den einzelnen
Konfessionen von den Verwaltern, die innerhalb dieser Konfession
stehen, besorgt wird.
Damit habe ich zunachst einiges einleitend iiber dasjenige ge-
sagt, was die Waldorfschule sein will. Ich werde am nachsten Sonn-
tag um dieselbe Zeit in diesen Betrachtungen fortfahren.
AUS WELCHEM GEISTE KANN SICH EINE
ERZIEHUNGSKUNST DER GE GEN WART ENTWICKELN?
Stuttgart, 31. August 1919 (nachmittags)
Vor acht Tagen versuchte ich, die Gesichtspunkte darzulegen,
die der Begriindung der Waldorfschule zugrunde liegen. Ich habe
schon darauf aufmerksam gemacht, daft natiirlich diese Begriin-
dung nicht ins Blaue hinein gemacht wird, sondern daft sie mit dem
wird rechnen miissen, was nun einmal Schulerziehungen der Ge-
genwart sind, so daft dasjenige, was unseren Zielen, unseren Er-
kenntnissen entspricht, in die Schulentwicklung der Gegenwart nur
wird hineingestellt werden konnen. Ich habe auf Schwierigkeiten
hingewiesen, welchen eine wirkliche Erziehungskunst in unserer
Gegenwart begegnet. Und ich will heute - ich kann das natiirlich
nur in einigen allgemeinen Umrissen - auf einiges hinweisen, aus
dem Sie werden ersehen konnen, wie der Geist sein muft, aus dem
sich gegenwartig eine Erziehungskunst entwickeln kann. Es ist ja
durchaus so, daft aus den mannigfaltigsten Untergrunden heraus in
weitesten Kreisen eine dunkle oder auch mehr oder weniger helle
Ahnung davon besteht, daft in unserem Erziehungswesen etwas
anders werden mui Und es hangt eigentlich die wirkliche, richtige
Gestaltung der sozialen Menschheitszukunft an der Ausgestaltung
einer wahren Erziehungskunst, einer Erziehungskunst, die wirklich
den Kulturaufgaben unserer Gegenwart und der nachsten Zukunft
gewachsen ist.
Nun handelt es sich dabei vor alien Dingen darum, daft man zur
Erziehung und zum Unterricht insbesondere fur das kindliche
Alter die entsprechende Lehrerschaft hat. Was die Lehrerschaft den
Kindern entgegenbringt, die Impulse, aus denen heraus die Lehrer-
schaft ihre Kunst ausiibt, das ist etwas von dem allerallerwesent-
lichsten. Und gerade wenn man diese Gesichtspunkte ins Auge
faftt, wird man finden, daft da vieles in der Gegenwart ist, was
einem richtigen Einnehmen dieses Gesichtspunktes widerstrebt. Es
ist ja nun natiirlich, daft der Lehrer, der Erzieher zunachst durch
diejenigen Bildungsans taken durchgeht, die aus dem mehr oder
weniger wissenschaftlichen Bewulksein der Gegenwart heraus
entwickelt sind. Aber dieses wissenschaftliche Bewufttsein der Ge-
genwart ist so, daft es keinen Gesichtspunkt abgibt, den werdenden
Menschen wirklich zu erkennen. Und gerade in diesem Punkte hat
das erste eingesetzt, was wir notwendigerweise fur die Begriindung
der Waldorf schule tun muftten. Ich habe ja schon im letzten Vor-
trag hier gesagt, daft die kiinftige Lehrerschaft der Waldorfschule
bereits vereinigt ist und daft eine padagogisch-didaktische Vor-
bereitung stattfindet. Es handelt sich dabei darum, daft vor alien
Dingen die Lehrer dazu kommen, die richtigen Gesichtspunkte zu
finden: erstens fur das Erkennen der werdenden Menschennatur,
wie sich diese in der Kindhek offenbart; zweitens, daft sie dazu
kommen, aus der Einsicht in diese werdende Menschennatur die
Erziehungskunst auszuuben. Namentiich ist es in der Gegenwart
notwendig, eine ganz neue, fixr die Auftenwelt neue Menschen-
kunde und Menschenerkenntnis erst herauszuarbeken.
Unsere wissenschaftliche Gesinnung ist stolz auf ihre Erfah-
rungs- und Beobachtungsmethode. Und diese Erfahrungs- und Be-
obachtungsmethode hat ja auf naturwissenschaftlichem Felde zu
groften Triumphen gefiihrt. Allein, im Grunde genommen haben in
der Gegenwart recht viele, die gerade dem Erziehungswesen nahe-
stehen, schon herausgefiihlt, daft aus dieser Erfahrungs- und Beob-
achtungsmethode Gesichtspunkte fur das Erziehen nicht zu finden
sind. Solche von einer gewissen Seite her einsichtigen Menschen
haben sich gefragt: Was machen wir in den aufeinanderfolgenden
Lebensepochen des Kindes, um die Entwicklungskrafte, die in die-
sen aufeinanderfolgenden Lebensepochen des Kindes herauskom-
men, richtig zu beniitzen? Man braucht nur auf einzelnes hinzu-
weisen, dann wird man finden, daft solche Sehnsucht, das Kind
seiner Entwicklung nach wirklich kennenzulernen, bei Padagogen
eigentlich schon da ist, daft sich aber diese Padagogen aus der ge-
genwartigen wissenschaftlichen Gesinnung heraus solchen Fragen
gegeniiber gewissermaften nicht zu helfen wissen. Da brauche ich
nur darauf hinzuweisen, daft zum Beispiel schon im Jahre 1887 der
Padagoge Sallwiirk auf das folgende aufmerksam gemacht hat. Er
sagte sich: Die Naturwissenschaft hat zum Beispiel herausgefun-
den, daft in der Entwicklung der Organismen ein gewisses Gesetz
herrscht, das der jungst verstorbene Ernst Haeckel bezeichnete
als das «biogenetische Grundgesetz». Nach diesem biogenetischen
Grundgesetz entwickelt sich wahrend des Embryonallebens der
einzelne Mensch so, dafi er die Stammesentwicklung der Tierreihe
verfolgt. Wahrend der embryonalen Entwicklung ist der Mensch in
den ersten Wochen einem niederen Tier ahnlich und steigt dann
hinauf, bis er sich zum Menschen entwickelt. Die individuelle
Entwicklung ist eine kurze Wiederholung einer langen Entwick-
lung in der Welt draufien. Nun haben sich die Padagogen gefragt:
Kann so etwas Ahnliches auch gelten fur die Entwicklung des ein-
zelnen Kindes in bezug auf das Geistig-Seelische? Und kann die
Erziehungswissenschaft irgendeine Stutze finden in einem Gesetz,
das nachgebildet wird diesem biogenetischen Grundgesetz?
Sie sehen, es ist das Bemuhen schon da, nicht einfach darauflos
zu erziehen, sondern einen Gesichtspunkt zu finden gegeniiber der
Entwicklung des werdenden Menschen. Da war es naheliegend,
zum Beispiel zu sagen: Nun, die ganze Menschheit hat durchge-
macht die Zeit der Urkultur; dann sind solche Kulturen darauf
gefolgt, wie wir sie geschichtlich iiberliefert haben in den alten
orientalischen Kulturen; dann folgte darauf das Griechentum, das
Romertum, dann die Entwicklung des Mittelalters und so weiter
bis in die neuere Zeit hinauf. Konnen wir fur den einzelnen indi-
viduellen Menschen sagen, dafi er als Kind in der Kindheit die
menschliche Urkultur und dann weitere Stufen der menschlichen
Entwicklung wiederholt hat? Und konnen wir, indem wir die
Geschichte in ihren Gesetzmafiigkeiten verfolgen, daraus etwas
gewinnen fur die Entwicklung des einzelnen Kindes? Sallwiirk hat
schon 1887 in seinem Buch «Gesinnungsunterricht und Kultur-
geschichte» in entschiedenster Weise bestritten, daft man aus sol-
chen Untergriinden heraus irgendwelche Anhaltspunkte fur die Er-
ziehungskunst gewinnen konne. Ja, schon fruher hat der aus der
Herbartschen Anschauung hervorgegangene Padagoge Theodor
Vogt darauf hingewiesen, dafi man in der Gegenwart ohnmachtig
ist, sich padagogisch solche Fragen zu beantworten. Er sagte schon
1884: Gabe es eine vergleichende Geschichtswissenschaft, wie es
eine vergleichende Sprachwissenschaft gibt, so konnte man viel-
leicht aus einer solchen vergleichenden Geschichtswissenschaft
heraus fiir die Erziehung des Kindes ebensolche Anhaltspunkte
finden, wie man aus der vergleichenden Stammesgeschichte des
Tierreiches Anhaltspunkte fiir das eben gekennzeichnete biogene-
tische Grundgesetz gefunden hat. Aber er gestand sich, dafi es so
etwas wie eine vergleichende Geschichtswissenschaft, aus der sol-
che Gesetze gewonnen werden konnen, eben nicht gibt. Und der
Jenenser Padagoge Rein sprach ihm das 1887 nach, und so liegen
die Dinge in der aufieren Padagogik und aufieren Erziehungskunst
noch heute. Sie konnen mit Recht gegeniiber solchen Bestrebungen
und in der Diskussion iiber solche Bestrebungen sagen: Ja, sollte
man sich als Erzieher nicht lieber auf den Standpunkt der gesunden
Menschenempfindung stellen, statt sich von einer abstrakten Wis-
senschaft her diktieren lassen zu miissen, was fiir die Entwicklung
des werdenden Kindes notig ist? Und Sie haben recht mit einem
solchen Einwand. Denn dieser Einwand ergibt sich auch, wenn
man die Sache etwas tiefer und griindlicher betrachtet. Er ergibt
sich deshalb, weil in der Tat, wenn man nichts hat als diejenige
Wissenschaft, die auf den Methoden des gegenwartigen Natur-
erkennens aufgebaut ist, aus den Abstraktionen, die man durch sie
gewinnt, nichts fiir die Entwicklung des Menschengeistes und der
Menschenseele gewinnen kann. Man strebt vergeblich, wenn man
nach so etwas strebt. Aber man kann auch nicht aus dem bloften
unentwickelten Menschenverstand und Menschenempfinden her-
aus wirklich ein Erziehungskiinstler werden. Man braucht etwas,
was einem Gesichtspunkte gibt. Und gerade hier zeigt sich die
Notwendigkeit, eine neue Menschenkunde aufzubauen als Grund-
lage fiir eine wirkliche Erziehungskunst der Zukunft. Die landlau-
fige Wissenschaft hat gar nicht die Untergriinde fiir eine solche
Menschenkunde. Sie miissen gewonnen werden durch die Erkennt-
nis des Menschengeistes und auch des Werdens des Menschen-
geistes innerhalb der Menschheitsgeschichte. Man muft viel weitere
Gesichtspunkte haben, als die gegenwartig auf Naturwissenschaft
hin orientierte Wissenschaft hat.
Wenn wir das werdende Kind beobachten, so finden wir zu-
nachst - ich habe schon ofter darauf aufmerksam gemacht -, daft
ein langerer Entwicklungszeitraum liegt zwischen der Geburt und
dem Zahnwechsel gegen das siebente Jahr. Wenn man das, was in
der Seele des Kindes sich betatigt in dieser Zeit, vergleicht mit all
dem, was sich vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife entfaltet,
so ergibt dies einen groften Unterschied. Dieser Unterschied be-
steht darin, daft das Kind in den ersten Lebensjahren bis zum
Zahnwechsel darauf hinorientiert ist, dasjenige nachzumachen, was
es in der Umgebung sieht und hort und wahrnimmt. Das Kind ist
ein Nachahmer in dieser Zeit. Vom siebenten bis zum fiinfzehnten
Jahre, vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife, ist das Kind
darauf hingeordnet, daft die Autoritat seiner Umgebung auf es
wirkt. Es ahmt dann in der Hauptsache nicht mehr bloft nach,
sondern will von Erwachsenen horen, was richtig, was gut ist. Es
will glauben konnen an die Einsicht der Erwachsenen; instinktiv
will es Autoritat. Und es kann sich nur entfalten, wenn es diesen
Glauben entwickeln kann.
Sieht man dann aber weiter zu, dann ergeben sich wiederum
Einschnitte auch in diesen groften Lebensabschnitten. Wir sehen
zum Beispiel einen deutlichen Einschnitt innerhalb der Zeit von
der Geburt bis zum Zahnwechsel so um das dritte Lebensjahr her-
um, wo das Kind in das Entwicklungsstadium eintritt, in dem es
zum ersten Mai ein deutliches Ich-Gefiihl entwickelt. Da beginnt
derjenige Zeitabschnitt, bis zu dem man sich im spateren Leben
zuruckerinnert, wahrend das friihere Erleben in den Schlaf der
Kindheit hineinverschwindet. Und manches andere tritt um diese
Lebenszeit in der Entwicklung des Kindes auf, so daft man sagen
kann: trotzdem das Kind im wesentlichen ein Nachahmer ist in den
ersten sieben Lebensjahren, liegt um die Mitte dieser ersten sieben
Lebensjahre herum ein wichtiger Abschnitt, der in der ersten Er-
ziehung beriicksichtigt werden muft. Dann aber liegen wiederum
zwei wichtige Abschnitte in der Zeit von dem Zahnwechsel bis zur
Geschlechtsreife, also gerade in dem Zeitalter des Kindeslebens, in
dem die Volksschulerziehung sich abwickeln soli. Wenn sich das
Kind ungefahr dem neunten Jahre nahert, wird man einen groften
Umschwung in der Entwicklung des Kindes beobachten konnen.
Was im Menschenleben auftritt, ist ja nach der einen Seite hin
deutlich da. Es geht wiederum das eine in das andere iiber. Das
Kind ist in den ersten sieben Lebensjahren ein Nachahmer; aber
wenn es nach dem Zahnwechsel schon hinneigt zum Autoritatsge-
fiihl, bleibt ihm noch etwas von der Sehnsucht nachzuahmen aus
den friiheren Jahren da, so daft sich bis zum neunten Jahre hin im
Kinde fortwahrend der Drang vermischt, seine Umgebung nachzu-
ahmen und schon die Autoritat auf sich wirken zu lassen. Wenn
man beobachtet, welche Krafte da im kindlichen Lebensalter her-
auskommen aus dem Innern der Menschennatur, dann findet man
- wie gesagt, ich kann diese Dinge heute nur andeuten - durch eine
weitere Erwagung und Beobachtung, daft in dieser Zeit bis zum
neunten Jahre hin gerade die Krafte, die da herauskommen, ver-
wendet werden mussen, um dem Kinde das beizubringen, was sich
als die ersten Anfangsgriinde des Lesens und Schreibens ergibt.
Und man soil diese Anfangsgriinde im Lese- und Schreibunterricht
so beniitzen, dafi gerade dasjenige, was, ich mochte sagen ein Zu-
sammenklang von Nachahmungstrieb und Autoritatstrieb ist, in
Anspruch genommen werde. Wenn man selbst Erziehungskunstler
ist und arbeiten kann auf der einen Seite mit dem Lehrstoff, auf der
anderen Seite aber mit dem geborenwerdenden Autoritatstrieb, mit
dem im Herablahmen begriffenen Nachahmungstrieb, wenn man
mit alledem so arbeitet, daft es zusammenklingt, dann arbeitet man
etwas heraus im Kinde, was bleibende Krafte sind fur die ganze
Lebenszeit des Menschen bis zum Tode hin. Man arbeitet etwas
heraus, was man spater nicht mehr nachholen kann, weil jedes
Lebensalter seine eigenen Krafte entwickelt.
Gewift, Sie konnen sagen: mancher hat sich instinktiv nach sol-
chen Gesetzen gerichtet. Das ist auch wahr. Aber es gentigt nicht
in der Zukunft. In der Zukunft werden solche Dinge zum Bewuftt-
sein erhoben werden miissen. Und gegen das neunte Jahr oder um
das neunte Jahr heram beginnt alles dasjenige am Kinde sich zu
entwickeln, was es geeignet macht, aus dem Menschen mehr her-
auszugehen und von dem Menschen aus die Natur zu erfassen. Vor
diesem Zeitpunkt ist das Kind nicht sehr geeignet, die Natur als
solche zu erfassen. Man mochte sagen: Das Kind ist sehr geeignet
bis zum neunten Jahre hin, die Welt moralisierend zu betrachten.
Der Erzieher, der Lehrer mufi diesem moralisierenden Drange des
Kindes entgegenkommen, ohne pedantisch zu werden.
Gewifi war auch das schon etwas instinktiv nach dieser Richtung
hin vorhanden. Aber wenn man die didaktisch-methodischen Anlei-
tungen, die in der Gegenwart gegeben werden, durchnimmt, in de-
nen so hingearbeitet werden soil nach einem Anlehnen mit allem
Unterrichtsstoff an das Menschliche selbst, dann konnte man zur
Verzweiflung getrieben werden. Ein gewisser richtiger Instinkt ist
da; aber die Anleitungen, die gegeben werden fur dieses Lebensalter,
sind fast durchweg von einer Philistrositat, von einer Banalitat
durchzogen, die dem werdenden Menschen furchtbar schadet. Man
tut in diesem Lebensalter namlich gut, wenn man, sagen wir Tiere
oder auch Pflanzen nur so betrachtet, dafi ein gewisses Moralisieren-
des durchscheint durch die Betrachtung - zum Beispiel wenn man
Fabeln dem Kinde so beibringt, da# es durch die Fabel die Tierwelt
erkennen lernt. Aber man soil nur ja sich hiiten, in der Besprechung
im sogenannten Anschauungsunterricht solch banales Zeug an die
Kinder heranzubringen, wie es sehr haufig herausgebracht wird. Vor
alien Dingen aber soli man sich hiiten davor, eine Fabel dem Kinde so
zu erzahlen, dafi man sie zuerst erzahlt, und nachher alle moglichen
Erklarungen an diese Fabel anfiigt. Alles, was Sie durch das Erzahlen
dieser Fabel erreichen wollen, das zerstoren Sie durch die nachherige
Interpretation. Das Kind will das, was in der Fabel drinnen ist, wirk-
lich fiihlend aufnehmen. Und es ist in seinem Innersten, ohne dafi es
sich Rechenschaft davon gibt, entsetzlich beriihrt, wenn es nachher
die oftmals recht banalen Erklarungen hinnehmen mufi.
Was wird daher derjenige tun, der nicht gleich auf die eigent-
lichen Feinheiten der Erzahlungskunst gegeniiber einer solchen Er-
kenntnis eingehen will? Er wird sagen: Also lasse man die Erkla-
rungen hinterher weg und erzahle dem Kinde blofi die Fabel. Nun,
schon. Dann versteht es aber die Fabel nicht, und dann wird es erst
recht an der Fabel keine Freude haben, wenn es sie nicht versteht.
Wenn man zu jemandem chinesisch sprechen will, muE man ihm ja
auch zuerst Chinesisch beibringen, sonst wird er doch nicht das
richtige Verhaltnis zu dem gewinnen konnen, was man ihm auf
chinesisch mitteilt. Also damit ist es auch nicht getan, dafi man
sagt: Also lasse man die Erklarungen hinterher weg. Man mufi
versuchen, das, was hinterher durch eine Erklarung sehr haufig
versucht wird, zuerst zu geben. Haben Sie die Absicht, dem Kind
eine Fabel, solch ein Lesestiick wie, sagen wir «Der Wolf und das
Lamm» beizubringen - wir konnten das auch anwenden auf das
Pflanzenleben -, dann sprechen Sie zuerst mit dem Kinde iiber den
Wolf, seine Eigenheiten, iiber das Lamm, moglichst in Anlehnung
an den Menschen. Suchen Sie alles zusammen, wovon Sie das Ge-
fiihl haben, da$ das Kind Bilder, Empfindungen bekommt, die
dann aufklingen, wenn Sie ihm die Fabel oder das Lesestiick vor-
lesen. Wenn Sie das, was Sie nachher als Erklarung geben wollen,
in einer anregenden Vorbesprechung machen, dann toten Sie nicht
die Empfindungen, wie Sie es in einer Erklarung hinterher machen,
sondern Sie beleben sie gerade. Wenn das Kind vorher gehort hat,
was der Lehrer spricht iiber Wolf und Lamm, dann werden seine
Empfindungen lebhafter, dann hat es mehr Freude an der Fabel.
Alles, was zum Verstandnis geschehen mufi, soil vorher geschehen.
Das Kind darf vorher die Fabel oder das Lesestiick nicht horen.
Wenn es sie hort, mufi es auf die Hohe gebracht sein in seiner
Seele, sie zu verstehen. Dann mufi der Abschlufi gemacht werden
damit, daft man das Lesestiick vorliest, die Fabel mitteilt, aber nun
nichts mehr tut, als die Empfindungen, die erregt sind, im Kinde
verlaufen zu lassen. Man mu& das Kind die Empfindungen mit
nach Hause nehmen lassen.
So den Unterricht zu gestalten, dafi man alles anlehnt an das
Menschliche, ist notwendig bis zum neunten Jahr. Und wer einen
Sinn hat, den Ubergang zu beobachten, der um das neunte Jahr
herum stattfindet, der wird wissen, daft erst dann fur das Kind die
Empfanglichkeit beginnt, mehr in die Naturwelt hinauszugehen,
aber vom Menschen aus hinauszugehen. Die Natur an sich, wenn
man sie ihm beschreibt, ohne Beziehung zum Menschen, begreift
das Kind auch nach dem neunten Jahr noch nicht. Man tauscht sich
nur, wenn man glaubt, daft es den Beschreibungen, wie sie so sehr
haufig gegeben werden in den heutigen Anleitungen zum Anschau-
ungsunterricht, schon ein Verstandnis entgegenbringt. Man muft
zwar nach dem neunten Jahr naturgeschichtlichen Unterricht auf-
nehmen, aber man muft ihn immer auf den Menschen beziehen.
Man soil gerade im naturgeschichtlichen Unterricht nicht von
auftermenschlichen Naturwesen ausgehen, sondern immer vom
Menschen selbst; man soil immer den Menschen in den Mittel-
punkt riicken.
Nehmen wir an, wir wollen begreiflich machen dem Kinde nach
dem neunten Jahr den Unterschied der niederen Tiere von den
hoheren Tieren und vom Menschen; da geht man vom Menschen
aus. Man vergleiche die niederen Tiere mit dem, was am Menschen
ist; vergleiche die hoheren Tiere mit dem, was am Menschen ist.
Wenn man den Menschen beschrieben hat seinen Formen nach,
seinen Lebensverrichtungen nach, dann kann man das, was man am
Menschen so gefunden hat, anwenden auf niedere und hohere Tie-
re. Das versteht das Kind. Da soil man nicht aus Banausentum oder
Banalitat heraus immer die Sorge haben, man rede iiber den Hori-
zont des Kindes hinaus. Heute redet man manchmal iiber den
Horizont der Erwachsenen hinaus; aber nicht iiber den Horizont
des Kindes wiirde man hinausreden, wenn man zum Beispiel dem
Kinde, aber naturlich erstens mit innerer Begeisterung und zwei-
tens mit einer wirklichen Auffassung der Sache, beibrachte: Sieh dir
die niederen Tiere an! - Man versetze es in die Gelegenheit, sagen
wir einen Tintenfisch kennenzulernen. Dann gehe man, immer die
entsprechenden Begriffe verwendend, dazu iiber, zu zeigen: mit
welchen Teilen des vollkommenen Menschen ist denn der Tinten-
fisch am meisten verwandt? Da kann das Kind dann schon verste-
hen, daft der Tintenfisch am meisten verwandt ist mit dem Kopf
des Menschen. Es ist namlich die Wirklichkeit so, daft die niederen
Tiere zwar einfach gestaltet sind, aber dafi die Gestaltung, die ein-
fach sich bei den niederen Tieren findet, beim menschlichen Haup-
te wiederkehrt. Das menschliche Haupt ist nur komplizierter aus-
gestaltet als die niederen Tiere. Und das, was sich bei den hoheren
Tieren, zum Beispiel bei den Saugetieren findet, das ist nur zu
vergleichen mit dem, was sich im Rumpfleben des Menschen vor-
findet. Die hoheren Tiere miissen wir nicht mit dem Kopfleben des
Menschen vergleichen, sondern mit dem Rumpfleben. Und gehen
wir beim Menschen uber zum Gliedmaftenleben, dann miissen wir
sagen: Sieh dir einmal das Gliedmaftenleben des Menschen an; das
hat er, so wie es ausgestaltet ist, einzig und allein fur sich. So wie
der menschliche Arm und die Hande ausgestaltet sind als Anhang-
sel des Leibes, in denen sich das Geistig-Seelische frei bewegt, so ist
ein Gliedmafienpaar in der ganzen Tierwelt nicht vorhanden. Wenn
man beim Affen von vier Handen spricht, so ist das nur eine un-
eigentliche Ausdrucksweise, denn die dienen schon von der Natur
aus zum Halten, zum Fortbewegen des Leibes. Aber beim Men-
schen sehen wir in einer merkwurdigen Art differenziert Fii£e und
Hande, Arme und Beine.
Wodurch ist der Mensch eigentlich Mensch? Nicht wahr, nicht
durch seinen Kopf; der ist nur eine vollkommenere Ausgestaltung
desjenigen, was schon bei den niederen Tieren sich findet. Das, was
beim niederen Tier sich findet, ist fortentwickelt am menschlichen
Kopf. Aber worin der Mensch Mensch ist, worin er hervorragt
liber die Tierwelt, das ist sein Gliedmafiensystem. Das, was ich
Ihnen jetzt hier gezeigt habe, das konnen Sie naturlich nicht in
dieser Form an die Kinder heranbringen. Aber Sie iibersetzen es so,
dafi das Kind nach und nach solche Dinge aus der Anschauung
heraus empfinden lernt. Dann werden Sie durch Ihre Erziehung
unendlich viel von dem hinwegschaffen, was aus ganz geheimnis-
vollen Untergriinden heraus unsere gegenwartige moralische Kul-
tur verdirbt. Unsere gegenwartige moralische Kultur wird vielfach
dadurch verdorben, daft der Mensch auf sein Haupt so unendlich
stolz und hochmutig ist - aber er wiirde es nicht sein, wenn es
weiter ausgebildet wiirde, was da zugrunde gelegt werden
kann -, wahrend er stolz und hochmiitig sein konnte gerade auf
sein Gliedmafiensystem, das zur Arbeit dient, das zum Hineinstel-
len in die Welt der sozialen Ordnung dient.
Der naturwissenschaftliche Unterricht in bezug auf die Tierwelt
kann in unbewufker Weise in die Menschennatur ein richtiges Ge-
fiihl des Menschen von sich selbst und von der sozialen Ordnung
hineininfiltrieren. Das wird Ihnen zeigen, dafi die padagogischen
Fragen allerdings viel tiefere Untergriinde haben, als man heute ge-
wohnlich glaubt, dafi sie zusammenhangen mit groften, umfassenden
Kulturfragen. Das wirft doch ein Licht auf den naturwissen-
schaftlichen Unterricht, wie er sich zu gestalten hat nach dem neun-
ten Jahr. Alles lafit sich in Beziehung auf den Menschen behandeln,
aber so, dafi jetzt neben dem Menschen iiberall die Natur auftritt und
der Mensch wie eine grofie Zusammenfassung der Natur erscheint.
Das wiirde dem Kinde viel geben, wenn man bis gegen das zwolfte
Jahr hin diese Gesichtspunkte festhalten wiirde.
Denn um das zwolfte Jahr herum liegt wiederum ein wichtiger
Einschnitt in der Entwicklung des Kindes. Da spielt schon herein
im zwolften, dreizehnten, vierzehnten Jahr - es ist bei den ein-
zelnen Kindern verschieden - dasjenige, was dann nach der Ge-
schlechtsreife zum Ausdruck kommt: die Urteilsfahigkeit, das
Urteilen. Aber das Urteilen spielt noch durchaus so herein, dafi es
noch immer zusammenwirken mul5 mit dem, was nur aus Autori-
tatsdrang herauskommt. In diesem Lebensalter des Menschen miis-
sen vom Erziehungskiinstler Autoritatsdrang und Urteilskraft im
Zusammenklingen behandelt werden. Und daraufhin mufi der
Lehrstoff behandelt werden.
Da beginnt dann die Zeit, wo wir anfangen diirfen, solche
naturgeschichtlichen und namentlich physikalischen Tatsachen an
den Menschen heranzubringen, die sich vollstandig absondern vom
Menschen; Strahlenbrechung und dergleichen. Da beginnt aber
auch das Verstandnis, jetzt umgekehrt die Natur wiederum anzu-
wenden auf den Menschen. Bis zum zwolften Jahr will das Kind
durch seinen inneren Drang vom Menschen aus die Natur begrei-
fen, nicht mehr moralisierend, sondern so, wie ich es Ihnen eben
auseinandergesetzt habe. Nach dem zwolften Jahr ist das Kind
bereits geneigt, Abgesondertes vom Menschen zu betrachten, aber
es wieder zuriickzufiihren zum Menschen. Und Sie entwickeln et-
was, was dem Kind nicht wieder verlorengeht, wenn Sie, sagen wir
die Strahlenbrechung durch die Linse dem Kinde klarmachen, und
von da aus die Anwendung auf den Menschen machen: die Strah-
lenbrechung im Auge, die ganze innere Einrichtung des Auges.
Das konnen Sie in diesem Lebensalter dem Kinde beibringen.
Sie sehen, aus der Menschenerkenntnis der Lebensalter heraus
entwickelt sich der wahre Lehrplan. Das Kind selbst sagt uns,
wenn wir es wirklich beobachten konnen, was es in einem Lebens-
alter lernen will. Das sind aber Gesichtspunkte, die sich aus der
heutigen Naturwissenschaft nicht ergeben. Sie kommen einfach,
wenn Sie nur die natiirlichen Tatsachen nehmen, nicht an diese
Gesichtspunkte heran, die Ihnen die unermeftliche Wichtigkeit je-
nes Lebensrubikon, der um das neunte Jahr herum liegt, und des
anderen Lebensrubikon, der um das zwolfte Jahr herum liegt, zei-
gen. Diese Dinge mussen hervorgeholt werden aus der ganzen
Menschennatur. Und diese ganze Menschennatur umfafk Leib,
Seele und Geist; wahrend die Naturwissenschaft der Gegenwart,
wenn sie auch glaubt, etwas iiber Seele und Geist aussagen zu kon-
nen, tatsachlich nur auf das Leibliche sich beschrankt. Solche Din-
ge, wie sie heute oftmals gesprochen werden - ob man mehr auf das
Formale, auf das Moralische in der Erziehung sehen soil, ob man
mehr darauf sehen soil, daft der Mensch entwickelt wird nach sei-
nen Veranlagungen, oder mehr darauf, daft ihm solcher Wissens-
stoff beigebracht werde, wie er fur den spateren Beruf notwendig
ist, damit der Mensch seinen Platz ausfiille - diese Fragen er-
scheinen einem als kindisch, wenn man die tieferen Grundlagen
kennenlernt, von denen aus erzogen werden mui Wie der einzelne
Mensch zusammenhangt mit der ganzen Menschheitsentwicklung,
das sieht allerdings die auftere Naturwissenschaft nicht ein. Aber
eine geistig begriffene Entwicklungsgeschichte der Menschheit
sieht das ein.
Beachten wir folgendes Gesetz, das ebenso ein Gesetz ist wie die
naturwissenschaftlichen Gesetze, das aber nicht begriffen wird
durch die naturwissenschaftlichen Methoden der Gegenwart:
Wenn wir zuriickgehen - ich kann jetzt nur erzahlen, in meinen
Schriften finden Sie diese Dinge alle aus dem Fundamente heraus
entwickelt - in uralte Zeiten der Menschheit, so finden wir, dafi da
der Mensch entwicklungsfahig blieb bis ins hohe Alter hinauf, so
entwicklungsfahig, wie wir nur noch wahrend unserer ersten Kind-
heit sind. Gehen wir zuriick in menschliche Urzeiten, so finden
wir, dafi die Menschen sich sagen: Wenn ich funfunddreifiig Jahre,
ja in noch alteren Zeiten: wenn ich zweiundvierzig Jahre alt sein
werde, so werde ich gewisse, mit meiner Leibesentwicklung zu-
sammengehorige Entwicklungsmomente durchmachen, die mich
zu einem anderen Menschen machen. Wie man mit dem Zahn-
wechsel etwas an die Leibesentwicklung Gebundenes durchmacht,
was einen zu einem anderen Menschen macht, wie man mit der
Geschlechtsreife etwas an die Leibesentwicklung Gebundenes
durchmacht, was einen zu einem anderen Menschen macht, so
machte man in alten Zeiten bis in viel hohere Lebensalter hinein
solche Dinge durch. Dies hat sich verloren im Laufe der
Menschheitsentwicklung. Wir konnen heute nicht in demselben
Mafie, wie das in menschlichen Urzeiten der Fall war, in der Kind-
heit hinsehen zum alten Menschen und sagen: Ich freue mich, so alt
werden zu konnen einmal, denn dieser Mensch hat etwas erlebt,
was mir durch meine Leibesentwicklung noch nicht moglich ist.
Darin besteht der Fortgang in der Menschheitsentwicklung, dafi
wir in immer weniger alte Lebensepochen eine korperliche
Entwicklung hineintragen. Wer eine Beobachtungsmoglichkeit fur
solche Dinge hat, der weifi, dafi zum Beispiel noch in der Grie-
chenzeit der Mensch bis in die Dreifiigerjahre deutlich wahrge-
nommen hat, wie wir heute in der Jugend wahrnehmen, was nicht
mit dem Aufierlich-Leiblichen zusammenhangt. Heute nimmt das
der Mensch wahr hochstens bis zum siebenundzwanzigsten Jahre
hin. Und in der Zukunft wird dieser Zeitpunkt noch weiter hinun-
tergehen. Das ist der Sinn der menschlichen Entwicklung, daft bis
zu immer jungeren Lebensaltern die naturgemafie, die elementari-
sche Entwicklung verbleibt. Das ist ein fundamentales Gesetz.
Und mit diesem fundamentalen Gesetz hangt unsere Kulturent-
wicklung zusammen, daft in einem bestimmten Alter Lesen und
Schreiben auftritt, wahrend es in Urzeiten nicht da war. Das hangt
mit diesem auf immer jiingere natiirliche Entwicklungsstufen ange-
wiesenen Menschentum zusammen. Wer dann weiter durchschaut
solche nur aus umfassenden Erkenntnissen heraus zu gewinnenden
Anhaltspunkte fur die menschliche Kulturentwicklung, der wird
wissen, wo die Sehnsucht eines Theodor Vogt, eines Rein, eines
Sallwiirk befriedigt werden kann. Die heutige naturwissenschaft-
lich orientierte Wissenschaft hat ja gar nicht die Moglichkeit, so
etwas kennenzulernen, wie dieses seiner naturlichen Entwicklung
nach fortwahrend auf jiingere Altersstufen herabgedriickte Men-
schenleben. Sie hat daher auch gar nicht die Moglichkeit, eine
wirklich vergleichende Geschichtswissenschaft auszuschreiben, die
einen Anhaltspunkt geben konnte, zu erkennen, wie der Mensch
hineingestellt ist in die Kulturentwicklung. Wer aber dieses weiter
durchschaut, weifi, dafi der Mensch, so wie er geboren wird, ohne-
hin auftritt mit Anlagen, die gerade in sein Zeitalter hineinpassen,
daft er ein Glied ist dieser umfassenden Menschheitsentwicklung.
Entwickelt man das im Menschen, was er, weil er ein Glied der
Menschheitsentwicklung ist, ohnedies als Anlage hat, dann entwik-
kelt man auch in formaler Beziehung das, was in ihm entwickelt
werden soil. Erkennt man die Wirklichkeit, dann wird einem viel
von dem, womit man heute solch einen Aufwand treibt, «ob man
die Dinge so oder so machen soll», zu einer abstrakten Faselei.
Dieses Entweder-Oder lost sich auf fur ein wahres, wirkliches
Erkennen in ein Sowohl-Als auch.
Das, sehen Sie, mochte man einmal aus einer Lehrerschaft ma-
chen, um in einem Punkte etwas zu schaffen fur die Zukunft; dafi
die Lehrer richtig den Menschen erkennen und den Zusammen-
hang des Menschen gerade mit der Gegenwartskultur; und daft von
diesem Wissen und von diesem Empfinden der Wille, mit dem
Kind zusammenzuarbeiten, angefeuert werde. Dann entstehen
wirklich Erziehungskiinstler. Denn das Erziehen ist niemals eine
Wissenschaft, sondern eine Kunst. Man mufi aufgehen darin und
kann das, was man wissen kann, nur als Grundlage fur die Er-
ziehungskunst zu Hilfe nehmen.
Man soil aber nicht allzusehr davon faseln, dafi man dann ganz
besonders spezifische Anlagen zum Lehrer haben mufi. Die sind
mehr verbreitet, als man denkt, sie werden nur in der Gegenwart
nicht entwickelt. Man braucht die Krafte nur herauszuholen aus
dem Lehrer in der richtigen Weise durch eine starke Geisteswissen-
schaft, dann wird man finden, dafi in der Tat Erziehungsbegabung
viel verbreiteter ist, als man denkt.
Sehen Sie, damit hangt dann etwas anderes zusammen. Es ist
zwar theoretisch heute oftmals gewarnt worden vor einem allzu-
sehr Abstraktgestalten des Unterrichts; aber instinktiv macht man
dieses Abstraktgestalten noch immer. Und derjenige, der diese
Dinge durchschaut, wird bei den Reformplanen und Reformideen,
die gegenwartig so durch die Luft schwirren, die Besorgnis empfin-
den, die Abstrahierung des Unterrichts werde durch diese Re-
formplane, die ja allerlei schone Punkte enthalten, noch viel
schlimmer, als sie jetzt ist. Wenn man richtig die Entwicklungsepo-
chen studiert: erstens die grofien Entwicklungsepochen - bis zum
Zahnwechsel, bis zur Geschlechtsreife und uber diese hinaus -,
dann die kleinen - bis zur Entwicklung des Ich-Gefuhls, bis zum
Entwickeln des Sinnes fur die vom Menschen abgesonderte aufiere
Natur wenn man diese Epochen richtig studiert, und zwar so,
dafi man sie nicht banal definiert, sondern sie in kunstlerisch-
intuitiver Anschauung vor sich hat, dann wird man erst einsehen,
wieviel in dem werdenden Menschen dadurch gesiindigt wird, da$
man die intellektuelle Erziehung in falsche Bahnen lenkt. Wenn
man immer betont, der Mensch miisse als ein einheitliches Wesen
erzogen werden, so ist das richtig. Aber der Mensch kann als ein
einheitliches Wesen nur erzogen werden, wenn man seine Glieder,
auch die seelisch-geistigen, kennt und sie auf die Einheit hinzu-
ordnen versteht. Man wird niemals den Menschen als Einheit erzie-
hen, wenn man im Erziehen Denken, Fiihlen und Wollen chaotisch
durcheinanderwirken laftt, sondern nur dann, wenn man intuitiv
weift, welches der Charakter des Denkens, des Fuhlens und des
Wollens ist, und diese drei Krafte des Menschen seelisch-geistig in
der richtigen Weise ineinanderwirken lafit. Die Leute sind sehr
geneigt, wenn sie so etwas besprechen, gleich immer in Extreme zu
verfallen. Wenn einer einsieht: das Intellektuelle ist zu stark in den
Vordergrund getreten, man hat die Leute zu stark intellektualisiert,
- dann ist er gleich Feuer und Flamme, dieses Element auszumer-
zen und zu sagen: Es kommt vorzugsweise auf die Willens- und
Gemiitserziehung an. Nein, es kommt darauf an, alle drei Elemen-
te, Intellekt, Gemut und Willen, im Menschen in der richtigen
Weise zu erziehen, dafi man sich in die Lage zu versetzen versteht,
diese drei Lebenselemente in der richtigen Weise zusammenwirken
zu lassen.
Erzieht man das intellektuelle Element richtig, dann raufi man
etwas dem Menschen geben gerade in der Volksschulzeit, was mit
ihm wachsen kann, im Ganzen sich entwickeln kann. Verstehen Sie
mich gerade in diesem Punkt recht, es ist ein wichtiger Punkt. Den-
ken Sie, Sie entwickeln in dem Kinde bis zum vierzehnten Jahre
jene Begriffe, die Sie fein definiert haben, von denen es wer£, wie
es diese Begriffe zu denken hat, dann haben Sie ihm gerade durch
jene bessere Definition, die Sie ihm nach Ihrer Meinung gegeben
haben, oftmals Begriffe gegeben, die sehr starr sind, die nicht mit-
wachsen mit dem Menschen. Der Mensch mulS wachsen vom vier-
zehnten bis zwanzigsten Jahr, vom zwanzigsten bis fiinfundzwan-
zigsten Jahr und so weiter, und indem er wachst, miissen seine
Begriffe mitwachsen. Sie miissen sich mitentwickeln konnen. Defi-
nieren Sie sie zu stark in scharfen Konturen, so wachst zwar der
Mensch, aber seine Begriffe wachsen nicht mit. Sie leiten dann seine
intellektuelle Entwicklung in ganz falsche Bahnen. Er kann dann
im Kulturleben nichts anderes tun, als sich an die Begriffe zu erin-
nern, die Sie ihm mit Miihe beigebracht haben. Aber das sollte er
nicht, sondern diese Begriffe sollten mit seiner eigenen Entwick-
lung gewachsen sein, so da$ er das, was ihm im zwdlften Jahre
beigebracht worden ist, im fiinfunddreifiigsten Jahre so verschieden
hat von der Art, wie es ihm im zwdlften Jahre beigebracht wurde,
wie sein aufierer leiblicher Mensch verschieden ist im funfund-
dreifiigsten Jahr von dem, was er im zwolften Jahr war. Das heifk,
bei der intellektuellen Entwicklung miissen wir dem Menschen
nicht etwas konturiert Totes, sondern etwas Lebendiges beibrin-
gen, etwas, was Leben in sich tragt, was sich verandert. Wir werden
also moglichst wenig definieren diirfen. Wir werden, wenn wir
Begriffe in das Kind hineinbilden, charakterisieren, und namentlich
von vielen Gesichtspunkten aus. Wir werden auf die Frage: Was ist
ein Lowe? nicht sagen miissen: «Ein Lowe ist also ...» und so
weiter, sondern wir werden von den verschiedensten Gesichts-
punkten aus den Lowen charakterisieren lassen; werden lebendige,
bewegliche Begriffe ausbilden, die werden dann mit dem Kinde
mitleben. In dieser Beziehung wird viel gesiindigt im Erziehen und
Unterrichten in der Gegenwart.
Der Mensch mufi leben durch sein irdisches Dasein hindurch,
und die Begriffe, die wir oftmals in ihm heranziehen und heran-
unterrichten, die sterben und sind als seelische Leichname in ihm;
die konnen nicht leben. Mit den groben Begriffen, die die heutige
Padagogik ausbildet, kommen wir aber diesen Dingen nicht bei. Da
mufi ein ganz anderer geistiger Impuls diese Padagogik durchzie-
hen. Das ist etwas, was in der Waldorfschule angestrebt wird.
Daher versuchen wir, die Padagogik auf eine neue Grundlage zu
stellen, in der wir solche Dinge psychologisch beriicksichtigen. Wir
sind vollstandig davon iiberzeugt, daft aus alten Grundlagen heraus
die Menschenkunde nicht entspringen kann, daher sind es auch
keine Grundlagen fur die Padagogik, die doch auf Psychologie
aufgebaut sein soli. Aber diese Psychologie des werdenden Men-
schen kann nicht mit den Methoden, die heute die landlaufigen
sind, ausgebildet werden.
Sehen Sie, wenn man solche Dinge wirklich richtig zu betrach-
ten in der Lage ist, dann wird auch Licht geworfen auf manche
Unterbegriffe, die heute fur sehr wichtig gehalten werden, die sich
von selbst losen, wenn man die Hauptbegriffe hat. Was wird heute
zum Beispiel fur Unfug getrieben mit der Einordnung des Spiels in
den Unterricht, in die Kindererziehung. Bei dieser Einordnung des
Spiels wird sehr haufig das Allerwichtigste nicht benicksichtigt:
Wenn das Spiel streng geregelt wird und das Kind sein Spiel in
einer bestimmten Richtung verlaufen lassen muft, ist es kein Spiel
mehr. Das Wesen des Spiels besteht darin, daft es frei ist. Wenn Sie
aber das Spiel wirklich zum Spiel machen, wie es notig ist fur den
Unterricht und fur die Erziehung, dann werden Sie auch nicht
mehr in die alberne Redensart fallen: daft auch der Unterricht ein
bloftes Spiel sein solle. Dann werden Sie vielmehr in dem Rhyth-
mus, der in das Leben des Kindes hineingebracht wird, das
Wesentliche suchen, indem Sie Spiel und Arbeit abwechseln lassen.
Die Gemiitserziehung, die Gefiihlserziehung, die ist solcher Art,
daft bei ihr besonders auf die Eigenart des Kindes Riicksicht ge-
nommen werden mulS. Wir miissen fahig sein als Lehrer, den Un-
terricht so zu gestalten, daft das Kind nicht ein Intellektuelles bloft
sich erarbeitet im Unterricht, sondern daft das Kind asthetisch den
Unterricht genieftt. Das konnen wir nicht, indem wir die Begriffe
fur seine Intellektualitat ausbilden. Das konnen wir nur, wenn wir
uns als Lehrer zu seinem Gefuhlsleben in ein solches Wechselver-
haltnis bringen, daft wir tatsachlich immer beim Kinde durch das,
was wir fur seine Erwartung der Sache uns erarbeiten, die wir dann
erfullen durch das, was wir an Hoffnungen erregen, die eintreffen
im kleinen und groften - daft wir dadurch immer jenes Entgegen-
kommen beim Kinde zuerst entwickeln, das im asthetischen Auf-
fassen der Umwelt eine Rolle spielen muft. Sie konnen dem asthe-
tischen Bediirfnis des Kindes entgegenkommen, indem Sie sich zu
seiner Gefiihlswelt in die richtige Beziehung bringen, indem Sie
nicht banausisch und oftmals banal, wie es in der Gegenwart ge-
schieht, anpreisen, man solle Anschauungsunterricht treiben: Sieh,
da hast du eine Maus. Die Maus rennt. War nicht einmal die Maus
schon in einem Raum bei deinen Eltern? Hast du nicht schon ein-
mal ein Mauseloch gesehen? - Nicht in dieser radikalen Ge-
schmacklosigkeit, aber doch ahnlich, werden heute vielfach An-
leitungen zum Anschauungsunterricht gegeben. Man hat keine
Ahnung, wie sehr man siindigt gegen den guten Geschmack, das
heifk gegen das asthetische Erleben beim Kinde, indem man viel
von dem gibt, was heute Anschauungsunterricht genannt wird.
Gerade in dieser Beziehung muli dadurch, daft das Interesse des
Kindes auf grofte, umfassende Anschauungen gelenkt wird, der
Geschmack in ihm entwickelt werden. Denn Geschmack muft
herrschen im Unterrichtsleben, im Erziehungswesen, fur die rich-
tige Entfaltung gerade des Gemiits, des Gefiihls. Dann wird man
schon auch einen gewissen Instinkt fur die erziehungswichtigen
Tatsachen bekommen.
Der Intellekt ist das Geistigste zunachst in uns; wenn wir ihn
aber einseitig entwickeln, Gefuhl und Wille nicht mit ihm, dann
entwickeln wir immer den Hang, materialistisch zu denken. Wah-
rend in uns selbst der Intellekt das Geistigste ist wahrend des phy-
sischen Erdenlebens, hat dieser Intellekt in uns den Drang nach
dem Materialismus hin. Wir diirfen namentlich nicht glauben, daft,
wenn wir den Intellekt entwickeln, wir auch das Geistige im Men-
schen entwickeln. So paradox das klingt, so ist es doch wahr: wir
entwickeln nur im Menschen die Anlage, das Materielle zu begrei-
fen dadurch, daft wir seinen Intellekt entwickeln. Erst dadurch, daft
wir geschmackvoll in asthetischer Weise sein Gemiit, sein Gefiihls-
leben entwickeln, erst dadurch weisen wir den Intellekt des Men-
schen auf das Seelische hin. Und erst dadurch, daft wir Willens-
erziehung treiben, selbst wenn diese Willenserziehung getrieben
wird an aufterer Handfertigkeit, legen wir in den Menschen die
Grundlage zum Hinordnen des Intellekts nach dem Geiste. Wenn
so wenige Menschen heute einen Hang haben, den Intellekt nach
dem Geiste hinzulenken, so beruht das darauf, daft der Wille so
falsch erzogen wurde wahrend der Kinderjahre.
Wodurch lernen wir aber als Lehrer, den Willen in der richtigen
Weise zu erziehen? Ich habe schon letzthin darauf aufmerksam
gemacht: Wir lernen es dadurch, daft wir das Kind vor alien Dingen
sich betatigen lassen in der Kunst; daft wir moglichst friih Musik,
Zeichnerisches, Malerisches nicht nur anhoren und anschauen
lassen das Kind, sondern, soweit es moglich ist, mittun lassen.
Neben dem bloften Lese- und Schreibunterricht - ja schon Lese-
und Schreibunterricht miissen aus dem Kunstlerischen, das Schrei-
ben aus dem Zeichnerischen und dergleichen sich heraus entwik-
keln -, neben all dem mu£ die Pflege des einfach elementaren
Kunstlerischen womoglich friih in der Erziehung auftreten, sonst
bekommen wir willensschwache Menschen. Dazu kann dann kom-
men die Hinlenkung des jugendlichen Menschen auf dasjenige, was
er arbeiten mufi im spateren Lebensalter.
Sie sehen, daft man gerade im heutigen Zeitalter die Notwendig-
keit hat, zu einer neuen Menschenkunde zu kommen, damit diese
die Grundlage sein kann fur eine neue Erziehungskunst, so gut so
etwas moglich ist zu leisten innerhalb all der Hemmungen, die es
heute gibt. Weil man eben diese Dinge nicht einsieht, durch die
heute Wissenschaft gemacht ist, soil durch die Waldorfschuie etwas
geschaffen werden, was nach dieser Richtung hingeht.
Es ist dringend notwendig, dafi man sich durch vieles, was heute
gesagt wird, nicht tauschen lafit. Ich habe vor acht Tagen hier die
Bedeutung der Phrase fur das gegenwartige Geistesleben ein wenig
zu charakterisieren versucht. Diese Phrase spielt hinein insbeson-
dere auch in unsere Erziehungs-Reformplane. Da tut man sich
zugute, wenn man immer wieder und wiederum - man glaubt da-
mit sehr padagogisch zu sein - die Menschen ermahnt, man solle
nicht «Berufsmechanismen, sondern Menschen erziehen». Ja, da
miifke derjenige, der den Satz ausspricht, erst wissen, was ein wah-
rer Mensch ist, sonst hat der Satz in seinem Munde und aus seinem
Munde nur die Bedeutung einer Phrase. Und gar, wenn nun heute
oftmals gefragt wird: Wozu soli man die Kinder erziehen? Dann
wird geantwortet: Zu brauchbaren und glucklichen Menschen. -
Damit meint derjenige, der das sagt, einen solchen Menschen, wie
er ihn brauchen kann, der so gliicklich ist, wie er sich das Gliick
nach seiner Art vorstellt. Es handelt sich doch darum, daft man
zuerst die Grundlage legt, diejenige Grundlage, die uns den wirk-
lichen Menschen erst kennenlehrt. Der wirkliche Mensch kann sich
uns nicht ergeben aus den alten Vorbedingungen unserer Weltbe-
trachtung heraus, der kann sich nur ergeben aus neuen Vorbedin-
gungen einer Weltbetrachtung heraus. Und eine neue Erzie-
hungskunst wird sich nicht entwickeln, wenn man nicht den Mut
hat, zu einer ganz neuen wissenschaftlichen Orientierung zu kom-
men. Dem begegnet man heute am allermeisten: die Menschen
mochten alles Mogliche, aber sie mochten nicht dasjenige, was die
Voraussetzung ist, urn iiberhaupt zu einer neuen Orientierung in
der Welterkenntnis zu kommen. Diese neue Orientierung suchen
wir nun gerade durch unsere anthroposophisch orientierte Gei-
steswissenschaft seit Jahrzehnten. Wenn viele Menschen sich von
ihr fernhalten, so geschieht das, weil sie es zu unbequem finden,
oder weil sie nicht den Mut haben dazu. Aber das, was man
brauchen wird fur eine wirkliche Erziehungskunst, das wird nur
hervorgehen konnen aus einer richtig fundierten geistigen Welt-
anschauung heraus.
Denken Sie nur einmal, was es fur eine bedeutungsvolle Sache
ist, was der Lehrer dem werdenden Kinde gegeniiber eigentlich
darstellt. Wir Menschen hier auf dieser Erde miissen ja im Grunde
genommen immerfort vom Leben lernen, wenn wir nicht starr
werden wollen in irgendeiner unserer Lebensepochen. Aber das
mufi man erst lernen, vom Leben zu lernen. Und in der Schule mufi
das Kind lernen, vom Leben zu lernen, so dafi es nicht aufhort -
wegen seiner toten Begriffe und dergleichen im spateren Dasein
vom Leben zu lernen und nicht starr wird. Das ist es, was an den
heutigen Menschen nagt: dafi ihnen die Schule zu wenig gegeben
hat. Wer unsere sozialen Mifistande durchschaut, der wei$, dafi sie
mit dem eben Gekennzeichneten vielfach zusammenhangen. Die
Menschen stehen ohne jeden inneren Halt im Leben, der nur dar-
aus resultiert, dafi in der richtigen Zeit die Schule das Richtige
geben kann. Das Leben wird uns formlich verschlossen, wenn uns
nicht die Schule die Kraft gibt, es uns zu erschliefien.
Das kann aber nur sein, wenn in den Volksschuljahren der Leh-
rer dem Kinde die Representation des Lebens selbst ist. Das ist ja
das Eigentiimliche des jugendlichen Alters, daft der Abgrund zwi-
schen dem Menschen und dem Leben noch vorhanden ist. Man
muE diesen Abgrund erst uberbriicken. Die jugendlichen Sinne,
der jugendliche Intellekt, das jugendliche Gemut, der jugendliche
Wille, sie sind noch nicht so gestaltet, dafi der Mensch in der rech-
ten Weise vom Leben beriihrt werden kann. Er wird als Kind vom
Leben durch das Medium des Lehrers beruhrt. Der Lehrer stent
vor dem Kinde so, wie spater das Leben. In ihm mufi sich das
Leben konzentrieren. Der Lehrer muE daher durchdrungen sein
vom allerintensivsten Interesse fiir das Leben. Der Lehrer mufi das
Leben seines Zeitalters selbst in sich tragen. Davon mufi er ein
Bewufitsein haben. Von diesem Bewufitsein wird ausstrahlen kon-
nen dasjenige, was er im lebendigen Erziehen und Unterricht und
Verkehr an seine Schuler iibertragen mufi. Dafi so etwas beginne,
dafi nicht mehr der Lehrer kummerlich sich in seiner Schulsphare
eingeengt fuhlen mufi, sondern sich getragen fiihlt von der ganzen
weiten Kultur der Gegenwart und wie sie in der Zukunft spielt,
dafi gerade der Lehrer das weiteste Interesse hat, das ist etwas, was
wird eintreten miissen. So gut das heute mit Menschen, die aus
ihren bisherigen Lebensverhaltnissen die notwendigen Vorbedin-
gungen mitbringen, gemacht werden kann, so gut soli es unter den
heutigen Verhaltnissen und trotz der heutigen Hemmnisse in der
Schule versucht werden. Es soil nicht gearbeitet werden aus irgend-
einem einseitigen Interesse heraus, aus einseitiger Vorliebe fiir die-
ses oder jenes, es soil gearbeitet werden aus dem, was mit gewal ti-
ger Sprache als das fiir die Gegenwart und die Menschenzukunft
Notwendige in den Entwicklungsimpulsen der Menschheit selbst
zu einem spricht. Was man ablesen kann am Entwicklungsgang der
Menschheit als notwendig fiir unsere Zeit, das soli als unterrich-
tende und erzieherische Krafte durch diese neue Griindung der
Waldorfschule hindurchspielen.
VORTRAG FUR DIE ELTERN
DER WALDO RFSCHULKINDER
Stuttgart, 31. August 1919 (abends)
Dem Vortrag von Rudolf Steiner ging folgende kurze Ansprache von Emil
Molt voraus:
Meine sehr verehrten Anwesenden! Nur noch acht Tage trennen uns von
dem Zeitpunkt, wo wir in der gliicklichen Lage sein werden, das zu
verwirklichen, worauf wir uns schon seit vielen Wochen freuen, namlich auf
die Eroffnung der Waldorfschule.
Sie wissen ja alle, aus welchem Geiste heraus wir uns die Absicht
vorgelegt hatten, diese eigene Schule ins Leben zu rufen. Sie wissen, daft wir
damit eine ernste Absicht zu verwirklichen bestrebt sind, namlich die, es mit
der Sozialisierung ernst zu meinen und die Sozialisierung wenigstens in einer
Beziehung durchzufuhren, namlich zuallererst auf dem Gebiet, auf dem es
am allermeisten nottut, dem Gebiet des Erziehungs- und Unterrichtswesens.
Und ich fiihle mich personlich ungemein begliickt, daft es mir vergonnt war,
diesen Plan in die Wirklichkeit zu iibertragen.
Indem ich dieses ausspreche, bin ich mir der ungeheuren Verantwortung
wohl bewufit, die auf demjenigen liegt, der ein so kiihnes Unternehmen in
der heutigen Zeit wagt zu vollziehen. Und ich spreche hier offen und klar
aus, dafi es mir unmoglich gewesen ware, diesen Plan zu hegen und zu
verwirklichen, wenn ich nicht das Gluck gehabt hatte, mich so viele Jahre
hindurch durch den Geist der anthroposophischen Weltanschauung befruch-
ten zu lassen. Und ich mochte hier gleich bemerken, damit es gar keine
Mifiverstandnisse gibt, dafi unsere Schule keinesfalls eine Weltanschauungs-
schule sein soil und keinesfalls das gepflegt werden soil als solches, dafi aber
immerhin ausgesprochen werden muft, da$ es der Geist der anthroposophi-
schen Weltauffassung war, welcher mich zu diesem Schritt bewogen hat.
Und ich fiihle es als meine tiefe Pflicht, an dieser Stelle gerade Herrn Dr.
Steiner meinen tiefgefuhlten Dank auszusprechen dafiir, dafi er mir seinen
Rat in dieser ungemein schwierigen Angelegenheit hat zuteil werden lassen.
Und ich verbinde diesen tiefen Dank mit der herzlichen Bitte, auch in
Zukunft uns in diesem neuen geistigen Unternehmen seinen Rat und Hilfe
angedeihen zu lassen. Denn ich personlich bin mir wohl bewufit, dafi die
Aufgabe eine zu schwere ist und dafi wir sie nicht losen konnen, wenn wir
nicht die Hilfe und den Rat von Herrn Dr. Steiner geniefien diirfen.
Meine sehr verehrten Anwesenden! Wir haben Sie heute hergebeten, um
Ihnen Gelegenheit zu geben, durch Herrn Dr. Steiner selbst einiges iiber
unsere Waldorfschule zu horen. Und ich mochte Sie bitten, falls sich irgend-
welche Fragen in Ihnen einstellen, dafi Sie am Schlufi des Vortrages diese
Fragen an uns stellen, damit nichts ungeklart bleibt.
Wie ich vorhin schon bemerkte, werden wir in acht Tagen das Fest der
Einweihung haben, und ich beniitze die Gelegenheit, Sie hierzu herzlichst
einzuladen. Das Nahere werden Sie noch horen.
Ich mochte nur noch bemerken, dafi vor etwa zehn Tagen ein Kursus fiir
die Lehrerschaft begonnen hat unter der Anleitung von Herrn Dr. Steiner
und dafi in demjenigen, der wie ich das Gliick hat, diesen Kursus zu
besuchen, das Gefuhl aufsteigt, daft es mit dieser Waldorfschule eine ganz
besondere Bewandtnis hat. Es ist eine tiefe Andacht und eine tiefe Weihe, die
von diesem Kursus ausgeht und die sich auf die Lehrerschaft iibertragt. Und
ich fiihle, wie sich das wiederum iibertragen wird auf die Kinder und dafi wir
die Uberzeugung haben diirfen, daft der Schulunterricht auf diese Weise fiir
die Kinder eine Freude und ein Genufi werden wird. Und nie habe ich es so
sehr bedauert wie gerade in diesen Tagen, nicht selbst wieder jung sein zu
diirfen und dieser Schule angehoren zu diirfen. Denn wenn man Mithorer,
Miterleber dieses Kursus sein darf, dann kommt einem zum Bewufitsein, was
alles an einem in der Jugend versaumt worden ist, in der Erziehung und im
Unterricht, und wie schwer es ist im Alter, alle diese Liicken, all das
Versaumte wieder auszufullen, wieder nachzuholen; wie grofi aber auch das
Gliick fiir einen sein mag, daft das, was an den Eltern, an den Grofien
versaumt wurde, nun nachgeholt werden kann an den Jungen.
Und so wissen Sie auch, dafi dieser soziale Gedanke es war, der mich
besonders geleitet hat: dafi Sie, die Sie als Eltern nicht mehr in der Lage sind,
sich all die Bildung angedeihen zu lassen, die notwendig ist, um auf hohere
Stufen des Berufslebens emporzuklettern, nun wenigstens das Gliick haben
sollen zu sehen, wie die Jugend die Bildung sich aneignen kann, die eben
notwendig ist, um hohere Stufen im Berufsleben und im sonstigen Leben
erklimmen zu konnen. Deshalb war ich so glucklich, dafi wir hier als erste
- nicht nur in Stuttgart, sondern vielleicht in Deutschland - in der Lage sind,
eine solche Einheitsschule ins Leben zu rufen, welche eben eine Einheits-
schule im wahrsten Sinne des Wortes ist und welche das verwirklicht, wovon
heute wohl iiberall gesprochen wird, was aber bisher noch nirgends in die
Tat umgesetzt worden ist. Es wird bei uns der Fall sein, daft in dieser Schule
allerdings ein merkwiirdig zusammengewiirfeltes Volklein sich einstellen
wird: Es werden nicht nur die Kinder der Volksschule, der Mittelschule, der
Realschule, sondern auch die Kinder der Gymnasien auf ein und derselben
Schulbank sitzen, Knaben und Madchen, alles bunt durcheinander geworfen.
Und darin liegt, dessen sind wir uns wohl bewuftt, eine ungemeine Schwie-
rigkeit. Aber gerade angesichts der Tatsache, daft wir uns einerseits der Hilfe
und des Beistandes des Herrn Dr. Steiner sicher sein diirfen, und andererseits
aufgrund der Auswahl der Lehrkrafte diirfen wir hoffen und die Uberzeu-
gung hegen, daft auch diese Schwierigkeiten behoben werden. So haben wir
den Mut, auch nach dieser Richtung hin der Meinung zu sein, daft diese
Schwierigkeiten gelost werden.
Allerdings, und das mochte ich betonen, konnen diese Schwierigkeiten in
der Hauptsache iiberwunden werden dann, wenn die richtige Fiihlung vor-
handen ist zwischen Schule und Elternhaus. Und da wird es ganz besonders
Ihre Aufgabe sein, sehr geehrte Anwesende und Eltern, dafi Sie in der
richtigen Weise zusammenwirken mit der Lehrerschaft der Waldorfschule.
Dann wird das Werk, das wir heute beginnen, zum Segen und zum Heil
nicht nur der Waldorf-Astoria, sondern der Allgemeinheit ausschlagen und
gedeihen.
Ich darf vielleicht noch bemerken, dafi in dieser Schule zu einem kleinen
Teil auch Kinder von unseren nachsten anthroposophischen Freunden anwe-
send sein werden, allerdings nur eine beschrankte Zahl. Aber wir hielten es
fur selbstverstandlich, dafi auch diese Kinder mit hineingenommen werden
sollen zu den Kindern der Waldorf-Leute, weil uns daran lag, gerade da-
durch auch zum Ausdruck zu bringen, in welchem Sinne wir uns diese
Sozialisierung denken, weii wir wollen, daft eben Kinder aller Schattierungen
in der Waldorfschule anwesend sein werden.
Und nun mochte ich Herrn Dr. Steiner bitten, uns seine Ausfiihrungen zu
geben, und mochte schliefSen mit dem herzlichen Wunsche: Unser Werk, das
wir heute beginnen - es moge zum Heil und zum Segen von uns alien
ausschlagen!
Rudolf Steiner: Als Herr Molt daran ging, zunachst fur die An-
gehorigen der von ihm geleiteten Fabrik eine Schule zu begriinden,
da lag es wohl in seiner Absicht, unserer fur die Menschheit so sehr
schweren Zeit durch ein Mittel zu dienen, durch das vor alien
Dingen an der Wiedergesundung unserer sozialen Zustande mitge-
arbeitet werden kann. Es ist ja wohl in alle Ihre Seelen geschrieben,
dafi aus den Verhaltnissen, die wir erleben und die sich seit drei bis
vier Jahrhunderten in der sogenannten zivilisierten Menschheit
heraufentwickelt haben, sich etwas anderes gestalten musse. Aber
es mufite auch in Ihre Seelen tief eingeschrieben sein, daft vor alien
Dingen neben den anderen Verhaltnissen auch eine andere Art
notwendig ist, den Menschen durch Erziehung, Bildung und Un-
terricht in die Welt hineinzustellen, als dies aus den alten Verhalt-
nissen heraus in den letzten drei bis vier Jahrhunderten veranlagt
worden ist und heute eigentlich auf seinen Hohepunkt gediehen ist.
Wir erwarten eine ganz andere soziale Gestaltung unserer
gesellschaftlichen Verhaltnisse in der Zukunft, als sie in der Gegen-
wart da ist. Und wir erwarten das mit Recht. Wir sehen auf unsere
Kinder, auf die nachste Generation, und man darf iiberzeugt sein,
daft insbesondere diejenigen, die als Eltern liebend hinschauen auf
ihre Kinder, oftmals den Gedanken in ihren Herzen hegen: Wie
werden sich diese unsere Lieben hineinstellen in eine Ordnung, die
ganz anders sein mu£ als die gegenwartige? Wie werden sie auf der
einen Seite dem Neuen gewachsen sein, das in die Menschheit
kommen mufi? Wie werden sie aber selbst heranwachsend nach
und nach etwas beitragen konnen zu einer solchen Gestaltung der
sozialen Verhaltnisse, daft diejenigen, die nach uns kommen, es
anders haben als wir selbst? Dafi die nach uns Kommenden in
einem ganz anderen Sinne in einem menschenwurdigen Dasein
drinnen leben als wir selbst?
Es fiihlt ja wohl ein jeder Mensch, daft die Erziehungs- und
Unterrichtsfrage in ganz vorzuglichem Sinne - insbesondere in
einer solchen Zeit, wie die unsrige ist, in einer Zeit des Umschwun-
ges und der Umwandlung der gesellschaftlichen Verhaltnisse - eine
soziale Frage allerersten Ranges ist. Und wenn wir zuriickblicken
auf das Furchtbare, das die Menschheit in den letzten Jahren liber
das zivilisierte Europa hin erlebt hat, wenn wir auf die Strome von
Blut blicken, die geflossen sind, und wenn wir auf das grofte Heer
der unglucklich gewordenen Menschen sehen, der am Leibe zer-
schlagenen, in der Seele zerriitteten Menschen sehen, die aus den
unnatiirlichen Verhaltnissen der letzten Zeit haben hervorgehen
miissen, dann quillt wohl in uns die Sehnsucht auf, uns zu fragen:
Wie miissen die Menschen erzogen werden im weitesten Umfang,
daft in der Zukunft solches unmoglich werde? - Aus der Not und
dem Elend heraus mufi auch Verstandnis erwachsen fiir den Anteil
der Erziehung an einer besseren sozialen Gestaltung der mensch-
lichen Verhaltnisse.
Im Grunde genommen horen wir von vielen Seiten dieses ausge-
sprochen. Wir miissen uns aber fragen, ob, wenn das von da oder
dort ausgesprochen wird, es auch immer im rechten Sinne gemeint
ist. Denn heute werden iiber viele Dinge viele schone Worte gere-
det. Aber diese vielen schonen Worte entspringen nicht immer der
inneren Kraft und vor alien Dingen nicht immer der inneren Wahr-
heit, welche notwendig sind, um dasjenige zu verwirklichen, was in
den schonen Worten enthalten ist. Und so kommen heute wohl vor
alien Dingen diejenigen, die berufen waren und sind, unsere Kinder
schulgemafi zu erziehen und zu unterrichten, und bieten sich mit
ihren Meinungen und Anschauungen an und sagen: Wir wissen, wie
unterrichtet, wie erzogen werden soil. Man soli nur eben so unter-
richten und erziehen, wie wir es immer gewollt haben und wie wir
es nicht gekonnt haben, dann wird schon das Rechte dabei heraus-
kommen. - Und hinter denen, die so sprechen, horen wir dann wie-
derum diejenigen, die sich an den hoheren Schulen berufen fuhlen,
die Lehrer zu erziehen und zu unterrichten. Und sie versichern:
Wir haben die rechte Anschauung uber die Art, wie die Lehrer wer-
den sollen. Man folge uns nur, und wir werden die rechten Lehrer
in die Welt schicken, damit alles mit der Erziehung richtig vor sich
geht. - Man mochte aber, gerade wenn man tief hineinsieht in das-
jenige, was aus unseren sozialen Verhaltnissen geworden ist, so wohl
diesen Lehrern wie auch diesen Lehrerbildnern zurufen: Ihr mogt
es ja gut meinen, aber Ihr wifit eigentlich nicht, was Ihr redet. Denn
nichts hilft der heutigen Erziehung auf, nichts kann diese heutige
Erziehung zu einem besseren Zustand erheben, als wenn die Lehrer
sich eingestehen: Wir sind herausgewachsen aus den Verhaltnissen,
die sich gebildet haben durch die letzten drei bis vier Jahrhunderte.
Wir sind so vorbereitet worden, wie uns alles das, was die Mensch-
heit in ein solches Ungliick hineingefuhrt hat, eben vorbereiten
konnte. - Und wiederum diejenigen, die die Lehrerbildner waren,
die muftten sich gestehen: Wir haben nichts anderes verstanden, als
was sich aus Industrialismus, aus Staatstum, aus Kapitalismus der
letzten Jahrhunderte herausgebildet hat, auf die Lehrer zu iiber-
tragen, und wir haben allerdings die Lehrer der Gegenwart geliefert,
die in diese Gegenwart passen, in die Gegenwart, die in die Zukunft
hinein eben anders werden mufi.
Das heifk, wir miissen, geradeso wie wir einen Umschwung,
eine Verwandlung fur die ganze Breite der sozialen Verhaltnisse
der Gegenwart in die Zukunft hinein fordern, eine andere Erzie-
hungskunst fordern, und wir miissen eine andere Grundlage fur
diese Erziehungskunst fordern!
In vieler Beziehung ist dasjenige, was heute Erziehungsfrage ist,
eine Lehrerfrage. Man kann heute das tief Antisoziale, das in unse-
rer Menschheit liegt, gerade dann so recht fiihlen, wenn man sich
oftmals mit denjenigen bespricht, die heute Erzieher, Unterrichten-
de sein wollen. Man redet ihnen dann davon, wie die Erziehung in
der Zukunft werden soil. Da sagen sie: Ja, das habe ich ja schon
langst gesagt, man soli das Kind zum tiichtigen Gegenwarts-
menschen, zum brauchbaren Menschen erziehen; man soli nicht
so sehr auf die Berufserziehung sehen, sondern auf die Erziehung
des ganzen Menschen. - Und alle solche Dinge reden sie her. Und
sie gehen von einem fort und sind der Meinung, sie denken ganz
dasselbe, was man selber denkt. Sie denken gerade das Gegenteil!
Es ist heute in unserem antisozialen Leben so weit gekommen,
da/? die Menschen das Entgegengesetzte mit denselben Worten aus-
sprechen. Deshalb ist es so schwer, sich zu verstandigen. So wie
derjenige, der wahrhaft sozial denkt, anders denkt als viele Leute
der heutigen Gegenwart, die mit den alten Verhaltnissen zufrieden
und einverstanden sind, so mussen wir, die wir an einem einzelnen
Fall die erzieherische soziale Frage zu losen versuchen wollen,
griindlich anders denken iiber das Erziehen und iiber das
Unterrichten, als diejenigen, die da glauben, aus ihrer traditionellen
Erziehungskunst heraus es schon machen zu konnen. Man mu$
heute wahrhaftig griindlicher denken und empfinden, als manche
glauben. Man mufi sich vor allem klar sein dariiber, dafi man nicht
aus der alten Wissenschaft heraus, nicht aus der alten Erziehungs-
kunst heraus etwas Neues schaffen kann, daE die Erziehungskunst
und die Wissenschaft selber anders werden mussen.
Damit rechtfertigt sich, da$ wir nun das Werk, das Herr Molt
einleiten will fur die Waldorfschule, zunachst begonnen haben mit
einem Kursus fur unsere Lehrerschaft. Wir haben versucht, fur
diese Lehrerschaft solche Personlichkeiten auszuwahlen, welche im
alten Erziehungswesen wenigstens bis zu einem grofieren oder
kleineren Grade - bei dem einen ist das mehr, bei dem anderen
weniger der Fall - eingewurzelt sind, aber wir waren auch darauf
bedacht, solche Personlichkeiten zu finden, die Sinn und Herz
haben fur den Neuaufbau unserer sozialen und kulturellen Ord-
nung; die Sinn und Herz haben dafiir, was es bedeutet, die Kinder
von heute zu Menschen einer neuen Ordnung von morgen zu
erziehen.
Aber eine andere Uberzeugung miissen diese Lehrer noch in
ihrer Seek tragen: die Uberzeugung, dafi fur das Alter, das der
Mensch hat, wenn er in die Schule kommt, gilt, dafi heranerzogen
und heranunterrichtet werden darf einzig und allein dasjenige, was
uns die menschliche Wesenheit gebietet. In diesem Sinne wollen
wir mit der Waldorfschule in des Wortes allerechtestem Sinn eine
Einheitsschule begriinden. Kennen wollen wir nichts anderes in
dem heranwachsenden Kinde als den werdenden Menschen. Und
fragen wollen wir den werdenden Menschen aus seiner eigenen
Natur heraus, wie er sich als Mensch entwickeln will, das heifit, wie
seine Natur, seine Wesenheit sich zum wahren Menschsein in ihm
entwickeln soil.
Ganz das, was wir auch wollen, sagen uns die alten Lehrer oder
Lehrerbildner. Wir haben ja immer danach gestrebt, Menschen aus-
zubilden, auf die Individualitaten zum Beispiel der Menschen
Riicksicht zu nehmen.
Ja, miissen wir antworten. Ihr waret bestrebt, Menschen auszu-
bilden, das, was Ihr Euch unter Menschen vorgestellt habt, was Ihr
gemeint habt hinstellen zu sollen als Menschen in das alte Staats-
und das alte Wirtschaftsleben. Mit diesem Begriff vom «Menschen»
konnen wir nichts anfangen und wird die Zukunft der Menschheit
nichts anzufangen wissen und nichts anfangen wollen. Es bedarf
einer griindlichen Erneuerung.
Es bedarf zum Erziehungswesen der Zukunft erstens einer neuen
Menschenkunde. Jene Menschenkunde, die aus dem Sumpfe des
Materialismus der letzten Jahrhunderte aufgequollen ist, wenn sie
sich auch aufgeputzt hat bei unseren hoheren Lehranstalten wie
irgend etwas, was die menschliche Natur wirklich begriindet,
jene Menschenkunde darf in der Zukunft nicht die Grundlage der
Padagogik, der Erziehungskunst abgeben. Es bedarf einer neuen
Erkenntnis der Menschennatur. Die kann nur aus einer neuen Wis-
senschaft herauskommen. Diese Wissenschaft, die an den heutigen
Anstalten gelehrt wird und die derjenige, der lehren sollte, auch ver-
tritt, diese Wissenschaft ist nur das Spiegelbild der alten Zeit. Wie die
neue Zeit kommen soil, so muft auch eine neue Wissenschaft, eine
neue Lehrerbildungskunst, eine neue Padagogik, auf neuer mensch-
licher Erkenntnis gebaut, kommen. Deshalb pflegen wir jetzt in die-
sem Kursus, in dem die Lehrerschaft der Waldorfschule vorbereitet
werden soil, vor alien Dingen wirkliche Menschenkunde. Und wir
geben uns der Hoffnung hin, dafi, indem der Lehrer, der kiinftig an
der Waldorfschule lehren soil, den werdenden Menschen kennen-
lernt, daE er diesem werdenden Menschen fur das Leben das mitge-
ben werde, was die Zukunft verlangen wird von dem Menschen, der
in der sozial gestalteten menschlichen Gesellschaft wirken soli. Wir
empfinden vieles von dem, was die alte Erziehungskunst iiber den
Menschen gesagt hat, als blofSe Phrase. Wir studieren heute, welches
die wahre Wesenheit des menschlichen Denkens ist, damit das rich-
tige Denken im Kinde ausgebildet werden konne. Wir studieren,
welches die wahre Grundlage des echt menschlichen Fiihlens ist,
damit im richtigen sozialen Zusammenleben die Menschen aus der
Menschengleichheit heraus sich Recht schaffen aufgrund wirklichen
menschlichen Gefiihls. Und wir studieren, was das Wesen des
menschlichen Willens ist, damit dieser menschliche Wille das neu-
gebaute Wirtschaftsleben der Zukunft in der richtigen Weise sich
erarbeiten und durchdringen kann. Wir studieren nicht einseitig ma-
terialistisch die Menschen, wir studieren Leib, Seele und Geist des
Menschen, damit unsere Lehrer Leib, Seele und Geist des Menschen
wirklich ausbilden konnen. Wir reden nicht von Leib, Seele und
Geist mit blofi phrasenhaften Worten. Wir versuchen zu erkennen,
wie sich die verschiedenen Lebensalter des Menschen auseinander
ergeben. Wir sehen sorgfaltig hin, wie das Kind ist, wenn es in die
Schule kommt und unsere Lehrerschaft es von den Eltern iiber-
nehmen darf.
Wie oberflachlich ist ein solcher Zeitraum im menschlichen
Werden bisher von der sogenannten Erziehungswissenschaft beob-
achtet worden! Es gibt einen wichtigen Einschnitt im Leben des
Kindes. Er liegt gegen das siebente Jahr hin, gerade gegen das Jahr,
in dem das Kind in die Volksschule eintreten soil und der Lehrer
von den Eltern das Kind fur einen Teil des weiteren Unterrichts
und der weiteren Erziehung iibernimmt. Aufierlich ausgedriickt ist
dieser wichtige Lebensabschnitt durch den Zahnwechsel, aber die-
ser Zahnwechsel ist nur ein aufieres Zeichen fiir etwas, was im
Menschen als Wichtiges vorgeht.
Sie haben gewift schon von vielem gehort, was notwendig ist,
um soziale Reformen und dergleichen heute in der richtigen Weise
zu verstehen und aufzufassen. Aber viele von Ihnen waren wahr-
scheinlich noch immer der Meinung, daft von den leitenden, fuh-
renden geistigen Personlichkeiten aus einer gewissen Kompetenz
heraus alles in der nettesten Weise getan sei fiir die Menschheit. -
Die allerwichtigsten Dinge sind nicht getan! So dafi es den heutigen
Menschen ganz sonderbar anmutet, wenn man ihm sagt: In dem
Alter, in dem das Kind die Schule betritt, geht eine ganze innere
Revolution mit der Menschenseele, mit dem ganzen Menschen vor
sich, die in dem Zahnwechsel nur den aufieren Ausdruck findet. Bis
zu diesem Zeitpunkte ist das Kind nachahmendes Wesen, ein We-
sen, das durch die Geburt den Drang auf die Welt mitbringt, alles
so zu tun wie seine Umgebung. Es gehort einfach zur Men-
schennatur in diesen ersten Jahren, sich nur erziehen zu lassen von
dem, was man in der Umgebung sieht. Und gerade mit dem Zahn-
wechsel beginnt erst die Zeit, in der etwas ganz anderes in der
Menschennatur auftritt. Da tritt in der Menschennatur der Drang
auf, von anderen etwas zu lernen auf Autoritat hin, darauf hin, dafi
andere das schon konnen. Und dieser Drang dauert bis zur Ge-
schlechtsreife, bis zum vierzehnten, fiinfzehnten Jahr. Also gerade
die Zeit der Volksschule ist fiir die Menschennatur von diesem
Drange ausgefiillt. Und man kann in der Volksschule nur ordent-
lich unterrichten, wenn man diese ganze Revolution, die mit dem
Kinde um das siebente Jahr vor sich geht, gnindlich, erziehungs-
kunstgemafi, kennenlernt. Da gebe ich Ihnen nur eine einzelne
Tatsache fiir dasjenige, was bei der neuen Erziehungskunst gegen-
iiber der alten gnindlich wird beobachtet werden miissen.
Dann wiederum wird man wissen miissen, dafi erst urn das
neunte Jahr herum die Zeit beginnt, wo wieder neue, innere, leib-
liche und seelische Krafte im Menschen auftreten, so dafi man
durch den Unterricht, wenn man dasjenige, was man im Lehrplan
erst nach dem neunten Jahr einfugen soil, vorher eingefugt hat,
dem Kinde fur das ganze menschliche Leben Schaden zufijgt statt
Nutzen.
Man braucht eine griindliche Kenntnis des menschlichen Le-
bens, wenn man eine griindliche, eine wahre, eine dem Menschen
dienliche Erziehungskunst ausiiben will. Man muft wissen, wie
man als Lehrer wirken soil vor dem neunten Jahr und nach dem
neunten Jahr. Man darf nicht, indem man ein alter, griesgramiger
Schulrat geworden ist, der zum Beirat eines Ministeriums berufen
ist, aus irgendwelchen aufieren Riicksichten heraus Lehrplane
aufstellen: das fiir die erste Klasse; das fur die zweite Klasse; das fiir
die dritte Klasse und so weiter - es kommt nichts dabei heraus, was
den Menschen stark ins Leben hineinstellen konnte. Die Men-
schennatur selber mu£ uns lehren, was wir in jedem einzelnen
Lebensjahr des Kindes mit dem Kinde erzieherisch und unterrich-
tend zu vollbringen haben.
Bedenken Sie nur einmal: indem Sie erwachsene Menschen sind,
lernen Sie ja eigentlich immer noch vom Leben. Das Leben ist
unser grower Lehrmeister. Aber diese Moglichkeit, vom Leben zu
lernen, die tritt ja fruhestens erst ein mit dem fiinfzehnten, sech-
zehnten, siebzehnten Lebensjahr. Da erst stehen wir der Welt so
gegenuber, daft wir von dieser Welt seibst lernen. Bis dahin ist der
Lehrer, der Erzieher, der uns in der Schule entgegentritt, fiir uns
die Welt. Ihn wollen wir verstehen, ihn wollen wir lieben, von ihm
wollen wir uns belehren lassen; er soil das an uns heranbringen,
was in der Welt draufien ist. Denn zwischen uns und der Welt ist
zwischen dem siebenten und dem fiinfzehnten Jahr ein Abgrund.
Den soli uns der Lehrer uberbriicken.
Ja, konnen Lehrer, die nicht von alledem ergriffen sind, was
das Leben gibt, die blofi in dem versauert und verkiimmert sind,
was ihnen eingetrichtert worden ist - so die Grammatik, so die
Naturgeschichte, so und so die anderen Facher lehren und so
weiter -, die sich dann nicht um das bekiimmern, was die
Menschheit in unserem Zeitalter am tiefsten erschiittert, konnen
solche Lehrer dem Kinde durch sieben bis acht Volksschuljahre
hindurch das ganze Leben darstellen, offenbaren, wie sie es
miiftten? - Eine neue Menschenkunde, eine neue Menschen-
erkenntnis ist notwendig. Und aus dieser Menschenerkenntnis
heraus muft der neue Enthusiasmus kommen, der sich in der
Lehrerschaft entwickeln muli.
Das weist Sie hin ein biftchen auf das, was wir in unserem Leh-
rerkursus in bezug auf das Denken der Kinder vorbereitend pfle-
gen, um den Menschen griindlich kennenzulernen, damit wir aus
der Menschennatur selber heraus den Menschen ins Leben hinein-
stellen konnen.
Das Zweite, was entwickelt werden mufi in einer Zeit, in der
man nach einer sozialen Gestaltung der menschlichen Gesellschaft
strebt, das ist vor alien Dingen ein soziales Verhalten des Lehrers
zu den Kindern schon in der Schule; das ist eine neue Menschen-
liebe. Das ist ein Achten auf gewisse Krafte, die zwischen dem
Lehrer und dem Schuler spielen und die nicht spielen konnen,
wenn der Lehrer nicht wirklich lebensvoll in die Erziehungskunst
eingefuhrt ist.
Ja, daft der Maler malen lernen muft, daft der Musiker ein Mu-
sikinstrument beherrschen lernen muft und auch noch manches
andere, daft der Architekt die Architekturlehre lernen muft, das
gibt man zu, und man stellt gewisse Anforderungen an diese Leute,
damit sie Kunstler werden. Diese Anforderungen miissen wir auch
an die Lehrer stellen, die wahre Menschenkiinstler werden sollen.
Aber wir miissen sie im Ernste stellen. Dazu miissen wir wissen,
daft keine gegenwartige Padagogik und keine gegenwartige Erzie-
hungskunst dem Lehrer das gibt, was erst durch eine griindliche
Menschenkunde gefunden werden muft, damit eine neue Men-
schenliebe im Verkehr zwischen Lehrer und Schuler auftreten
kann. Daft der Lehrer auf seinem Gebiete ein wahrer Kunstler
werde, das muft angestrebt werden.
Da spielt viel hinein. Der eine Lehrer betritt das Klassenzimmer:
die Kinder fiihlen sich das ganze Schuljahr hindurch abgestoften;
sie mochten am liebsten wieder hinaus aus dem Zimmer, weil ihnen
das unangenehm ist, was der Lehrer die ganze Zeit iiber mit ihnen
treibt. Ein anderer Lehrer braucht nur das Klassenzimmer zu be-
treten und bloft dadurch, daft er da ist, geht etwas durch die Schil-
ler, was sogleich eine Briicke schafft zwischen jedem einzelnen
Schiiler und dem Lehrer. Wovon hangt denn so etwas ab? Der eine
Lehrer, der auf die Schiiler einen abstoftenden Eindruck macht, der
geht nur in die Schule hinein, weil er sich nun auch, wie man sagt,
sein Brot verdienen mul?, weil er auch leben muft. Er hat sich an-
geeignet die aufteren Fahigkeiten, die Kinder zu dressieren. Er geht
eigentlich ebenso ungern in die Schule hinein, wie die Kinder in die
Schule hineingehen, und er ist auch froh, wenn er wieder drauften
ist. Er betreibt die Sache mechanisch.
Mich wundert es nicht, wenn die Mehrzahl der Lehrer der
Gegenwart ihren Unterricht mechanisch betreiben, denn die Men-
schenkunde, die aus der heutigen Wissenschaft kommt, diese Wis-
senschaft, die aus dem industriellen, staatlichen und kapitalisti-
schen Leben der letzten drei bis vier Jahrhunderte hervorgegangen
ist, ist eine tote Wissenschaft. Sie hat auch nur eine tote Erzie-
hungskunst hervorgebracht, hochstens ein spintisierendes Erzie-
hen. Diejenige Menschenkunde, die wir hier anstreben, von der wir
wollen, daft sie Unterrichtskunst werde durch die Waldorfschule,
diese Menscheneinsicht, diese Menschenkunde, die fuhrt so in das
Wesen des Menschen hinein, daft sie selber den Enthusiasmus, die
Begeisterung, die Liebe erzeugt, daft dasjenige, was da als Kunde
vom Menschen in unsere Kopfe hineingeht, unser Tun und unser
Fiihlen durchtrankt. Wirkliche Wissenschaft ist nicht ein totes
Wissen, wie es heute vielfach betrieben wird, sondern ein solches
Wissen, das den Menschen mit Liebe zu seinem Gegenstand durch-
dringt.
Deshalb soli es so sein, daft bei dem Seminarkursus, den die
Lehrer durchmachen, um sich darauf vorzubereiten, Ihre Kinder
zu erziehen und zu unterrichten, eine solche Menschenkunde an
die Lehrer herankommt, die sie selber so durchdringt, daft zu der
Menschenkunde, zu dem Verstehen des werdenden Kindes, Men-
schenliebe im Unterricht hinzukommt. Und aus der Liebe, die der
Lehrer und die Lehrerin bei den Schiilern entfalten werden, wird in
den Schiilern dasjenige entspringen, dasjenige erquellen, was ihnen
Kraft geben wird, leichter den Lehrstoff aufzunehmen. Denn aus
der rechten Liebe - nicht aus der affigen Liebe sondern aus der
echten Liebe, die dasjenige durchdringt, was wir im Schulzimmer
oder sonst beim Lehren und Unterrichten und Erziehen machen,
aus dieser echten Liebe kommt es, ob der Unterricht dem Kinde
leicht oder schwer wird, ob das Erziehen fur das Kind gut oder
schlecht ist.
Und was wir drittens an dem Kinde heranerziehen wollen und
wofur wir unsere Lehrerschaft vorbereiten, damit sie verstehe, es in
der richtigen Weise an die Kinder heranzubringen, das ist die Wil-
lenskraft. Diese Willenskraft wollen wir so pflegen, daft wir die
Kinder schon in verhaltnismafiig fruher Kindheit anfangen lassen,
etwas Kunstlerisches zu treiben. Denn dieses Geheimnis kennen
die meisten Menschen gar nicht, wie es mit dem Willen zusammen-
hangt, sich einmal in der Kindheit in der richtigen Weise mit Zeich-
nerischem, Malerischem, Musik und sonstigem Kiinstlerischem
befafit zu haben. Man tut dem Kinde etwas ungeheuer Gutes, wenn
man solches an die Kinder heranbringt.
Unsere Kinder werden selbst Schreiben und Lesen aus dem Le-
ben heraus lernen. So ist es beabsichtigt. Sie werden nicht pedan-
tisch angehalten werden, Buchstaben schreiben zu lernen, die zu-
nachst fur jedes Kind, wenn es so abstrakt die Sache lernen soil, ja
im Grunde genommen dasselbe sind, was die Buchstaben fur die
nordamerikanischen Indianer waren, als die europaischen «besse-
ren» Menschen hinkamen. Ja, nicht wahr, der europaische «besse-
re» Mensch hat ja diesen nordamerikanischen Indianer mit Stumpf
und Stiel ausgerottet. Uns ist die Erzahlung von einem der letzten
Hauptlinge dieser von den Europaern ausgerotteten Indianer
Nordamerikas erhalten geblieben, der eine schone Rede hielt: Der
weifte Mensch, der bleiche Mensch kam, urn den dunklen Men-
schen unter die Erde zu bringen in alien seinen Gliedern. Aber der
dunkle Mensch hat auch Vorziige gegeniiber dem bleichen Men-
schen, so sagte dazumal dieser Hauptling, er hat nicht die kleinen
Teufelchen, die ihr auf dem Papier habt. - Man mochte schon sa-
gen: Als solche kleinen Teufelchen fiihlen die Kinder heute auch
zumeist, was ihnen die Lehrer mit aller Pedanterie und Philistrosi-
tat auf die Tafel oder aufs Papier hinmalen, damit sie auch lernen,
es auf Papier hinzumalen. Alle solchen Dinge konnen aber aus dem
Leben herausgeholt werden. Und wenn es uns gelingt, das auch
anzuwenden, was wir versuchen wollen, werden die Kinder schnel-
ler lesen und schreiben lernen, weil alles aus dem Leben herausge-
holt ist, weil das Schreiben aus dem Zeichnen und nicht aus der
Willkiir herauskommt. Dadurch werden wir es zu gleicher Zeit
erreichen, die Kinder zu willenskraftigen Menschen zu machen, so
dafi sie spater im Leben ihren Mann oder ihre Frau stellen konnen.
So werden wir nicht einfach oberflachlich sagen: Wir wollen
Menschen erziehen, sondern wir fragen uns bescheiden und ehrlich
mit einer tiefgriindigen Wissenschaft zuerst: Was ist denn das Wesen
des Menschen und wie offenbart es sich im werdenden Menschen?
Wir gehen nicht und fragen zuerst bei den vorhandenen Standen:
Wozu sollen wir den Menschen erziehen und unterrichten, damit
er seinem Stande geniigt? Wir fragen auch nicht: Was schreibt diese
oder jene Staatsgemeinschaft vor, wie wir den Menschen erziehen
sollen, damit er dasjenige erfiillt, was sie von ihm verlangt? Nein, wir
wenden uns an die einheitliche Menschennatur und ihre Anfor-
derungen mit unseren Fragen. - Ja, sehen Sie, in dieser Beziehung
stofit ja das, was die Menschen heute vielfach aus den alten sozialen
Verhaltnissen heraus haben, zusammen mit dem, was fur eine
sozialer gestaltete Menschenzukunft notwendig ist.
Heute ubernimmt ja der Staat von den Eltern den werdenden
Menschen, das Kind, in einem bestimmten Lebensalter. Er wiirde
es ja friiher ubernehmen, aber da ist es ihm noch nicht reinlich
genug; da uberlafit er vorlaufig die Erziehung und was mit dem
Kinde zu tun ist den Eltern. Aber wenn es soweit gediehen ist, dafi
es nicht mehr zu schmutzig ist, ubernimmt es der Staat, und er
ordnet dasjenige an, was in das Kind hineingetrichtert werden soil.
Selbstverstandlich lafit er in das Kind dasjenige hineintrichtern, was
er braucht, urn seine Stellen zu besetzen, und dasjenige mit dem
Menschen zu machen, was er will. Die Menschen sind dann auch,
wenn sie herangewachsen sind, oftmals recht zufrieden. Denn es
wird ihnen ja gesagt: Ihr bekommt eine sichere Lebensstellung, und
wenn ihr nicht mehr arbeiten konnt, werdet ihr pensioniert. -
Diese Pensionierung ist etwas, was als ein Ideal gewisser fuhrender
Kreise von Leuten vorschwebt. Das erwarten sie in bezug auf Er-
ziehung vom Staate. Und dann erwarten sie vom Staate auch noch,
daft er ihre Seelen durch den Religionslehrer in die Hand nehme,
damit diese Seelen nicht selbst zu arbeiten brauchen, sondern die
Kirche diese Arbeit fur die Seele ubernimmt und diese Kirche sie
dann pensioniert in bezug auf ihre Seelen nach dem Tode. So
mochte man sich heute alles abnehmen lassen. Das ist das Ergebnis
einer ganz falschen Erziehung.
Eine wirkliche Erziehung sorgt dafur, daft Leib, Seele und Geist
des Menschen innerlich frei und selbstandig werden. Und eine
wirkliche Erziehung sorgt dafiir, daft der Mensch auch ins Leben
hineingestellt wird. Glauben Sie nicht, wenn wir so die Menschen
selber befragen - das heiftt, des Menschen Natur und Wesenheit
befragen -, wie wir sie erziehen sollen, daft wir unpraktische Men-
schen machten! Nein, im Gegenteil! Wir erziehen diejenigen Men-
schen, die sich dann wahrhaft kraftig in das Leben hineinstellen
konnen. Wir erziehen volksschulmaftig diejenigen Menschen, wel-
che im spateren Lebensalter das kennenlernen, was mehr fur das
auftere, praktische Leben notwendig ist; aber die Leute haben ge-
lernt zu denken; die Leute haben gelernt richtig zu fiihlen; und die
Leute haben gelernt, ihren Willen richtig anzuwenden. Das alles
wollen wir so einrichten, daft Wahrheit und Kraft darin walten,
nicht daft in der Erziehungskunde und Erziehungskunst sich nur
geltend macht die Phrase: man soil den Menschen richtig erziehen;
man solle aus ihm einen wahren Menschen machen.
Viel muft in der aufteren Welt geschehen, damit bessere soziale
Verhaltnisse herbeigefuhrt werden. Viel muft aber gerade auf dem
Gebiete geschehen, auf dem die Waldorfschule einen Stein zu ei-
nem grofien Gebaude aufrichten will. Es wird ein Schones sein,
wenn Sie mit vollem, herzlichem Sinn dabei sind, sich zu sagen:
Pioniere wollen wir sein fiir ein zukiinftiges Erziehungswesen;
Pioniere in dem Sinn, daft wir die ersten sein wollen, die ihre Kin-
der einer solchen, in ein neues soziales Leben hineinwirkenden
Zukunftserziehung anvertrauen. Pioniere wollen wir sein in dem
Sinne, daft wir nicht nur glauben, ein paar aufiere Einrichtungen
werden zur Sozialisierung fiihren, sondern daft wir glauben, bis in
das Innerste von Wissenschaft und Kunst und Erziehung miisse
Wandel eintreten, wenn wiinschenswerte Zustande der Menschheit
herbeigefuhrt werden sollen.
Wie stellen sich heute die Menschen oftmals vor, was eigentlich
geschehen soil? Sozialisiert soli werden, aber die meisten Men-
schen, welche selbst ganz ehrlich reden von Sozialisierung, die
denken: Nun ja, aber irgendwo da stehen die Universitaten, die
haben schon alles recht gemacht. Zwar die auftere Stellung der Uni-
versitatsprofessoren, die muE vielleicht etwas geandert werden,
aber die Wissenschaft selber, da diirfen wir nicht irgendwie daran
riitteln. Mittelschule, Gymnasium, Realschule - die Leute denken
gar nicht einmal daran, daft das, was im aufieren Leben ist, hervor-
gegangen ist aus diesen Schulen. Denn die Menschen, die in diesen
Schulen erzogen werden, die haben das auftere Leben gemacht!
Man denkt hochstens daran, man miisse das Volksschulwesen et-
was anders gestalten, als es bisher war. Man gibt sich da recht
sonderbaren Anschauungen hin, indem man sagt: Der Unterricht
mufi unentgeltlich erteilt werden. - Ich mochte wissen, wie das in
Wirklichkeit gemacht werden soli. Man streut sich ja nur Sand in
die Augen, denn der Unterricht mull bezahlt werden; er kann nicht
unentgeltlich sein; es geht nur auf dem Umweg durch die Besteue-
rung oder dergleichen. Aber man erfindet solche Phrasen, die gar
keiner Wirklichkeit entsprechen.
Die Menschen denken, das oder jenes soil ein biftchen an den
Einrichtungen geandert werden. Daft alles grundlich von oben bis
unten dem Wandel unterworfen werden miisse, daft wir eine an-
dere Lehrerbildung brauchen, einen anderen Geist in der Schule,
sogar eine andere Liebe, als sie jetzt durch die verbildete Lehrer-
schaft in die Schule hineingetragen wird, daran denken leider allzu-
wenig Menschen. Und Sie werden sich gegeniiber der ganzen
Menschheit ein grofies Verdienst erwerben, wenn Sie in dieser
Beziehung Pioniere sind; wenn Sie zum Heile der allgemeinen
Menschheit daran denken, dafi das Schulwesen erneuert werden
muli, und wenn Sie mit herzlichem Interesse und herzlichem Sinn
an dieser Erneuerung des Schulwesens teilnehmen. Je besser Sie
daran denken, daran teilzunehmen, sich fur dasjenige zu interes-
sieren, was in dieser Waldorfschule geschehen soli, desto besser
wird es auch der Lehrerschaft gelingen, mit Ihnen im Einklang zu
wirken zum Heil und Segen Ihrer Kinder und damit der ganzen
zukiinftigen Menschheit - wenigstens in den Grenzen, an die wir
zunachst denken konnen.
Es kann der Mensch Ideale ausgestalten in der Einsamkeit. Die
Ideale konnen schon sein. Er kann sie niederschreiben. Sie konnen
diesem oder jenem Menschen gefallen. Gut, im Abstrakt-Idealen
kann man einsam denken. Mit solchen Ideen, die sich auf Prakti-
sches beziehen, mit Idealen, die verwirklicht werden sollen, wie das
Ideal unseres neuen Schulwesens, ist man darauf angewiesen, Ver-
standnis bei der Mitwelt zu finden. Verstandnis mochte man dem
Ideal der Waldorfschule wiinschen, und zuerst bei den Eltern der
Kinder, die der Waldorfschule anvertraut werden.
Herr Molt hat gesprochen von der Verantwortung, die ihn trifft.
Er hat recht. Diese Verantwortung ist aber eine noch viel weiter-
gehende Sache. Dieser Verantwortung sind wir uns alle, indem wir
fur die Waldorfschule vorarbeiten, bewufit und werden uns immer
bewulk bleiben. Denn eine solche Verantwortung liegt immer vor,
wenn man in einer so radikalen Weise einem Ideal zustrebt, wie es
durch die Waldorfschule geschehen soil, und wenn man genotigt
ist, durch die Inangriffnahme dieses Ideals zu brechen mit dem,
was Vorurteile in den weitesten Kreisen sind. Es wird heute
wahrhaftig nicht leicht, alles dasjenige herauszufinden, was getan
werden mufS, damit die Kinder richtig erzogen werden, gerade
volksschulmaftig. Denn die Phrase hat da zu grofte Verheerungen
angerichtet.
Die Kinder sollen spielend unterrichtet werden - das war ja ins-
besondere auch das Ideal burgerlicher Mutter, die in einer gewissen
Liebe, man nennt das Affenliebe, den Kindern zugetan sind und die
sich dasjenige, was man von der einen Seite mit einem gewissen
Recht betonen kann - der Unterricht solle dem Kinde nicht zum
Ekel werden — , so umsetzen, daft sie sagen, der Unterricht solle
spielend vollzogen werden. - Wir sind uns alle ganz klar dariiber:
in den Unterricht mufi in der richtigen Weise das Spiel wie auch die
fur das Leben vorbereitende Arbeit eingereiht werden, aber wir
sind uns auch dessen bewufit, daft ein Spiel, zu dem die Kinder
dressiert werden, kein Spiel mehr ist. Jenes Spielen, das heute in
unseren Schulen vielfach gepflegt wird, zu dem die Kinder eben
hindressiert werden, wie sie fruher pedantisch zum Lernen dres-
siert wurden, das ist kein Spiel mehr. Spielen kann nur in Freiheit
vollzogen werden. Aber es mufi auch das Spiel abwechseln mit
anderer Art, sich zu betatigen, so daft das Kind den Ernst der
Arbeit kennenlernt, damit es im Leben dem Ernst der Arbeit ge-
wachsen ist. Und so werden wir nach keiner Seite hin mit der
Phrase arbeiten; wir werden der Arbeit ihre Zeit anweisen und dem
Spiel seine Zeit anweisen, und werden alles nach den Offenbarun-
gen der Wesenheit des werdenden Menschen, das heiftt des Kindes,
beurteilen.
Denn so, wie wir uns einleben sollen in wahre Menschenkunde,
schwebt es uns vor, daft wir allmahlich die Schule dahin bringen,
daft die Kinder gerne in diese Schule hineingehen, daft sie sich freu-
en, in diese Schule hineinzugehen. Wir werden nichts Unnatiirli-
ches erziehen. Es ware selbstverstandlich unnaturlich, zu glauben,
daft Kinder, die wieder einmal Ferien haben sollten, nicht lieber im
Freien herumtollen, statt zur Schule zu gehen. Wir werden auch
nicht so unverstandig sein, zu glauben, daft Kinder, nachdem sie
wochenlang herumgetollt haben, in der ersten Stunde hiibsch brav
sitzen sollen. Wir werden unsere Kinder verstehen. Aber wir wer-
den es doch dahin bringen, daft nach einiger Zeit durch die Art, wie
wir uns zu den Schiilern verhalten, diese Schiiler das, was in der
Schulzeit geschieht, gerade so gerne tun wie das Herumtollen wah-
rend der Ferien. Und das wird ein Ideal sein fur die Waldorfschule,
daft die Kinder wirklich aus innerem Antrieb dasjenige tun, was sie
tun sollen. Nicht werden wir unser Ziel darin sehen, den Kindern
bloft zu befehlen, sondern wir werden unser Ziel darin sehen, uns
zu den Kindern so zu verhalten, daft die Kinder an unserem Ver-
halten empfinden: Das tue ich gerne, das mache ich gerne durch
mit dem, der mir als Lehrerautoritat vorgesetzt ist.
Und dann werden Ihre Kinder nach dem Unterricht nach Hause
kommen, und wir mochten gerne, daft Sie dann Freude haben,
wenn die Kinder Ihnen vorplaudern von dem, was ihnen in der
Schule freudigen Genuft bereitet hat. Wir mochten gerne, daft Sie
sich erfreuen an den sich freuenden Gesichtern der Kinder, wenn
sie aus der Schule nach Hause kommen. Nicht deshalb, weil wir
das ganze Leben zu einer Unterhaltung machen mochten, wahrhaf-
tig nicht! - sondern wed wir wissen, wieviel von dem, was heute so
furchtbare soziale Zustande sind, davon kommt, daft die Sache
anders war. Und weil wir wissen, daft noch Schlimmeres in die
Menschheit kommen wiirde, wenn nicht in der Erziehungsfrage
sorgfaltig angefangen wiirde, neuen sozialen Zustanden zuzu-
streben. Nicht um dem Kinde Freude zu machen, sondern weil wir
wissen, was die Freude dem Kinde fur eine Kraft gibt, wollen wir
alles daransetzen, in dem ernsten Sinn den Unterricht und die Er-
ziehung so zu gestalten, wie ich mir erlaubte, es Ihnen zu schildern.
Wir mochten diese neue Schule schaffen wie ein Beispiel; diese
Schule, nach der sich eigentlich ahnungsvoll viele Menschen seh-
nen, die man aber nicht den Mut hat, wirklich ins Auge zu fassen.
Glauben wird man miissen, verstehen wird man rmissen, daft das-
jenige, was man soziale Frage nennt, durchaus auch an der so cha-
rakterisierten Schulfrage hangt; daft dasjenige, was man soziale
Umwandlung nennt, sich nicht zuletzt in der Weise wird voll-
ziehen miissen, wie das bei der Waldorfschule versucht wird. Es
wiirde ein ungeheurer Schaden sein, wenn gerade der soziale Im-
puls verkannt wiirde, welcher der Begriindung der Waldorfschule
zugrunde liegt. Moge er erkannt werden zuallererst bei denjenigen,
die ihre Kinder dieser Waldorfschule anvertrauen. Der Verantwor-
tung sind wir uns voll bewufk: etwas in die Welt zu setzen, dem Sie
anvertrauen sollen Wohl und Wehe, Entwicklung und Zukunft
Ihrer Kinder. Aber wir haben uns zu dem, was geschehen soil unter
dieser Verantwortung, wahrhaftig nicht aus irgendeiner Willkiir
hingewendet. Wir haben uns zu dem aus der Erkenntnis heraus
hingewendet, dafi unsere Zeit solche Aufgaben notwendig macht;
aus der Erkenntnis heraus, wie es besonders jetzt notwendig ist,
mit dem Besten, was der Mensch verstehen kann, an den werden-
den Menschen, an das Kind heranzutreten.
Ich weifi nicht, ob Sie das Gefuhl genau kennen, [das man haben
konnte,] wenn man wahrend dieser furchtbaren Kriegsjahre,
den letzten vier bis fiinf Jahren, so durch die Welt gegangen
ist und die Kinder gesehen hat, wie sie aufgewachsen sind, die
Sechs-, Sieben-, Neunjahrigen oder noch Kleineren. Dann konnte
man zuweilen recht tiefen Schmerz empfinden, wenn man nicht
ahnungslos und gedankenlos in der Welt lebte, sondern wenn man
ein Bewulksein hatte von dem, was bevorsteht, wenn nicht an
Abhilfe gedacht wird fur dasjenige, was die Menschheit in solch
furchtbare Lage hineingebracht hat. Da wurde es einem schwer im
Herzen, die heranwachsenden Kinder in der letzten Zeit zu sehen.
Man konnte sie eigentlich nicht sehen ohne tiefsten Herzschmerz,
wenn man nicht zu gleicher Zeit, soweit man selbst dazu in der
Lage ist, den Entschlufi falke, eine andere Art des Kindesaufwach-
sens herbeizufuhren, als diejenige war, durch die viele Menschen
der Gegenwart gehen mufiten, wodurch aber auch Ungliick und
Not der Gegenwart so vielfach herbeigerufen worden ist. Mit der
Erziehung schaffen wir im eminentesten Sinne ein Stuck Men-
schenzukunft. Aber man mufi sich klar sein dariiber, da$ man
umlernen, umdenken mull mit Bezug auf viele Dinge, denn man
erfahrt gerade heute bei hohen und niedrigen Erziehern sonderbare
Dinge.
Sehen Sie, ich habe in einer Stadt hier in der Nachbarschaft, die
eine Hochschule hat, vor einiger Zeit dariiber gesprochen, dafi es
zur sozialen Frage unter anderem auch gehore, daft der Mensch
sich, gedriickt durch die Gestaltung der Lebensfragen, wie es in der
Gegenwart ist, nicht in einem menschenunwiirdigen Dasein befin-
de. Ich charakterisierte dann das des weiteren. Da trat nachher -
man sollte es wahrhaftig nicht glauben, daft es so etwas gibt in der
Gegenwart - ein Universitatsprofessor auf und sagte: er konne
nicht fassen, warum ein menschenunwurdiges Dasein sich mit dem
Lohnverhaltnis des heutigen Proletariats verkniipfe. Er sehe eigent-
lich keinerlei Unterschied, wenn zum Beispiel der Caruso singe,
und fur den Abend dreiftig- bis vierzigtausend Mark bekomme als
Entlohnung, das sei doch geradeso, wie wenn der proletarische
Arbeiter seine Entlohnung bekomme und wie er als Professor seine
Entlohnung bekomme. Er sehe keinen Unterschied. Daher sei der
Lohn nicht als das Menschendasein entwiirdigend anzusehen. Der
Caruso bekomme eben nur mehr fur einen Abend. Es sei nur ein
Unterschied in der Grofte der Entlohnung, aber kein prinzipieller
Unterschied, Lohn sei alles.
Das bekommt man heute als Antwort von einem hochgebildeten
Lehrer der Jugend. Mancherlei Antworten bekommt man auch von
an weniger hohen Schulen Lehrenden. Das weist gar sehr hin auf die
Notwendigkeit einer Erneuerung unseres Unterrichts- und Erzie-
hungswesens. Man kann sagen: Wahrhaftig, wenn man heute in die
Nahe so mancher Schulen, hoherer Schulen kommt, und gerade von
dieser Seite hort, was gesagt wird gegemiber der Neugestaltung un-
serer sozialen Verhaltnisse, was gesagt wird auch gegeniiber der
Notwendigkeit, die Schulen neu zu gestalten, so ist das der lebendig-
ste Beweis, daft diese Schulen neu gestaltet werden mussen. Denn
was diese Leute sagen, konnen sie wahrhaftig nur dadurch sagen, daft
diese Schule bisher eine Gestalt hatte, die anders werden mufi.
Nun, zweierlei konnte eintreten. Herr Molt hat sich das Ideal
vorgesetzt, die Schule zu begriinden, welche heute iiber acht Tage
feierlich eroffnet werden soli. Es konnte sein, daft durch eigentiim-
liche Verhaltnisse in unserer Zeit die Absicht verkannt wiirde, daft
Widerstande sich auftun wiirden, so daft dieses Ideal nicht verwirk-
licht werden konnte; daft man es aus der Welt schafft, nachdem es
kurze Zeit gewirkt hat und dergleichen. Dann wird man einmal
sagen: Nun ja, Herr Molt hat etwas sehr Ideales gewollt, aber es
war eine Utopie. So etwas lafk sich eben nicht so ohne weiteres ver-
wirklichen. - Warum ist es eine Utopie gewesen? Weil man es nicht
verstanden hat oder weil man Widerstande entgegengesetzt hat!
Oder das Zweite kann eintreten: Verstandnis kann sich ergeben
fur dasjenige, was selber aus einem echten sozialen Verstandnis
herausgeboren ist, Verstandnis fur das wirklich Praktische dieses
idealen Wollens. Dann wird sich dasjenige, was da gewollt wird,
einleben. Es wird sich so einleben, daft Sie zuerst und andere nach-
her sagen werden: Da hat einmal ein Mensch praktischer gesehen
als die anderen, welche sich ganz mit Praxis angefullt glaubten.
Dann wird man nicht sagen: Eine Utopie hat gewaltet - dann
wird man sagen: Etwas richtig Praktisches ist in die Welt gesetzt
word en!
Moge von diesen beiden Moglichkeiten die letztere eintreten!
Fur denjenigen, der Herz und Sinn hat fur die soziale Entwicklung
der Menschheit in der Gegenwart und in die Zukunft hinein, er-
scheint es wahrhaftig als eine Notwendigkeit, daft diese zweite
Moglichkeit eintritt. Darum werden wir mit innigster Befriedigung
auf die Tatsache blicken diirfen, die dann eintreten wurde, wenn
Sie als die ersten, die ihre Kinder in die Waldorfschule schicken
werden, verstandnisvoll den Lehrern, die dort wirken, an die Seite
treten, mit Interesse an die Seite treten werden. Das wird der An-
fang sein davon, daft das, was mit dieser Schule gedeihen soli, auch
wirklich gedeihen kann.
Moge es gedeihen! Moge es so gedeihen, daft diejenigen, die
dieses Gedeihen kennenlernen, recht bald an den verschiedensten
Orten den Entschluft fassen, dergleichen zu tun. Denn selbstver-
standlich wird nur dasjenige hervorgehen konnen aus der Waldorf-
schule, was aus ihr hervorgehen soil, wenn moglichst bald an recht
vielen Orten ein Gleiches aus gleichem Geiste heraus gebildet wird.
Dann werden sehr bald sehr viele nachfolgen. Dann wird der Geist
frei walten und sich ein freies soziales Unterrichts- und Erzie-
hungswesen iiber die zivilisierte Erde verbreiten. Dann wird dieser
Geist und dieser Sinn in die zivilisierte Erde eintraufeln und wird
dort drinnen eine wichtige Kraft sein fur alles das, was uns helfen
soli, zu einem besseren, menschenwurdigeren Dasein zu kommen
in der sozialen Gestaltung.
Moge man begreifen, dafi die soziale Frage eine vielgestaltige ist,
und daft eine der allerwichtigsten Gestaltungen die Schul- und Er-
ziehungsfrage ist. Moge es geschehen, daft in den Herzen recht
vieler gegenwartiger Menschen Verstandnis und Einsicht dahinge-
hend erstehe, in den Kindern Krafte des Denkens, Fiihlens und
Wollens zu entwickeln, so daft diese Kinder, wenn sie erwachsen
sein werden, dankbar auf ihre Eltern zuriickblicken, die da gestan-
den haben und zuerst die soziale Frage gesehen haben, aber noch
gelitten haben unter demjenigen, was ihnen versagt wurde, aus dem
Grunde, weil sie noch nicht die neue, sozial gestaltete Erziehung
haben durchmachen konnen. Zu diesen Eltern aber, denen der
Keimgedanke zu soldier Erziehung verstandlich geworden ist,
werden die Kinder dankbar zuriickblicken, die in eine neue Zeit
neben manchem anderen auch die Kraft hineintragen werden, die
ihnen in einer wahrhaft menschenrichtigen Erziehung und in einem
menschenrichtigen Unterricht geworden ist.
Brauchbar wollen vielfach die Menschen den Menschen machen
fur das Leben. Das haben sie auch in der alten Unterrichtslehre
gesagt. Menschenwiirdig wollen wir durch die neue Erziehungsleh-
re und Unterrichtskunst den Menschen ins Leben hineinstellen,
dann wird durch Menschen, die so erzogen werden, dieses Leben
selber so gestaltet werden, daft es menschenwiirdig an den Men-
schenwiirde recht verstehenden Menschen herantritt. - Moge sol-
cher Geist walten bei der Begriindung des Werkes, das Herr Molt
einem Teil der Menschen in seiner Waldorfschule geben will.
Frage: In welcher Weise wird in der Waldorfschule der Religionsunterricht
erteilt? - Und in welcher Weise wird auf die Gefuhle der Kinder, die aus
anderen Schulen kommen, Riicksicht genommen?
Rudolf Steiner: Es soil im strengsten Sinne zunachst das festgehal-
ten werden, daft die Waldorfschule nicht eine Weltanschauungs-
schule ist. Dasjenige, was aus der Weltanschauung genommen
wird, die wir hier seit Jahrzehnten vertreten, das soil nicht dogma-
tisch an die Kinder herangebracht werden. Das soil nur dazu ver-
wendet werden - weil es verwendet werden kann die Unter-
richtsmethodik, die ganze Behandlungsweise des Unterrichts zu
verbessern, zu reformieren.
Dagegen miissen wir, das fordert unsere heutige Zeit, ganz ab-
sehen davon, dem Inhalte nach die Weltanschauung den Kindern
zu iiberliefern. Das katholische Kind soli vom katholischen
Religionslehrer in der katholischen Lehre unterrichtet werden; es
sollen seine religiosen Ubungen vom katholischen Religionslehrer
geleitet werden. Ebenso das evangelische Kind. Wir wollen nicht in
der Verbreitung irgendeiner Weltanschauung dasjenige suchen, was
mit der Waldorfschule geleistet werden soil, sondern wir wollen,
dafi eine neue Unterrichtsmethode, Unterrichtsbehandlung, eine
neue Erziehungsmethode und Erziehungsbehandlung aus dem
herausquelle, was wir hinstellen konnen.
Was mit den Kindern geschieht, die von anderen Schulen tiber-
nommen werden, ist eine sehr wichtige Frage, namentlich fur die
Kinder im vorgeschrittenen Alter. Wir werden nicht etwa mit der
ersten Klasse beginnen und Klassen daraufsetzen, sondern wir wer-
den gleich eine ganze Volksschule bis hinauf begriinden. Da be-
kommen wir Kinder aller moglichen Altersstufen. Wir werden
selbstverstandlich durch die Methode, die wir jetzt in unserem
Seminar besprechen, spater manches anders machen konnen, wenn
wir vom ersten Schuljahr an nur Kinder haben, die von uns unter-
richtet werden, aber wir werden jetzt alle Riicksicht nehmen auf
das, was die Kinder [bereits an anderen Schulen] in sich aufgenom-
men haben. Wir werden bei jeder Jahresklasse durchaus an das
ankniipfen, was die Kinder vorher aufgenommen haben, und es nur
in dem Sinne durchfuhren, wie wir es eben unserer Methode gemafi
durchgefuhrt denken miissen. - Wir werden, was wir den Kindern
angedeihen lassen wollen an Vorteilen, nur darin suchen, dafi wir
mit dem Unterricht okonomisch verfahren. Der Laie weifi nicht,
was auf diesem Gebiet alles geleistet werden kann. Wenn man so
okonomisch verfahren kann, kann man manches, was heute in zwei
Stunden gelehrt wird, in einer Viertelstunde lehren. Das ist eine
Sache der Methode, nur mufi man die Methode kennen. Da ist es
ungeheuer wichtig, daft etwas, was in einer Viertelstunde beige-
bracht werden kann, nicht in zwei Stunden beigebracht wird durch
eine falsche Methode. Indem wir die richtige Methode, das heiftt
die der Menschennatur entsprechende Methode anwenden, werden
wir okonomisch im Unterricht verfahren konnen und dadurch
manches leisten, was andere Schulen nicht leisten konnen, und den-
noch iiberall die Lehrziele erreichen. So daft, solange unsere gegen-
wartige Ordnung besteht, die Schiiler, wenn sie bei uns die Schule
absolviert haben, in andere Lehranstalten iibertreten konnen, daft
sie keine Zeit verlieren und dergleichen. Diese Dinge werden wir
uns auch angelegen sein lassen.
UBERSINNLICHE ERKENNTNIS UND
SOZIAL-PADAGOGISCHE LEBENSKRAFT
Stuttgart, 24. September 1919
Wenn man in der gegenwartigen ernsten Zeit hinblickt auf das, was
die Menschen angesichts des Ernstes dieser Zeit fur notwendig
haiten, was sie sich vorstellen an notwendigen Neueinrichtungen,
an notwendigen Umwandlungen der unhaltbaren Verhaltnisse,
dann bemerkt man, daft ja gewifi in mancher Hinsicht viel guter
Wille bei den Menschen vorhanden ist, sich nach der einen oder
anderen Richtung hin einer Neueinrichtung zu widmen und
mitzuarbeiten an der Umwandlung dessen, was der Umwandlung
bediirftig erscheint. Allein, man wird nicht umhin konnen - gerade
wenn man von diesen zunachst so sehr ins Auge fallenden Umstan-
den der gegenwartigen Zeitkultur sich Rechenschaft gibt sich ZU
sagen: So viel guter Wille ist da, und auch in diesem guten Willen
waltende, manchmal ganz schone Gedanken [sind da. Aber]
sogleich, nachdem sie entstanden sind, verpuffen sie, kommen je-
denfalls nicht zu dem heute so notwendigen intensiven Ausleben.
Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, jene Geisteswissen-
schaft, welche in anthroposophischer Art sucht, den Weg fiir die
gegenwartige Menschheit zu iibersinnlichen Erkenntnissen zu bah-
nen, sie mochte seit Jahrzehnten gerade da in die gegenwartige Kul-
tur eingreifen, wo der Mangel dieser Kultur zu bemerken ist: an
dem erlahmenden guten Willen und an den erlahmenden, ganz
schdnen Gedanken, die in diesem guten Willen leben. Denn die
hier von mir seit Jahren vertretene anthroposophisch orientierte
Geisteswissenschaft mochte gerade auf das hinweisen, was der Ge-
genwart so notwendig ist und was zu gleicher Zeit Menschen dieser
Gegenwart mit so grofier Sympathie erfassen oder aber mit grower
Antipathie eben einfach zuriickweisen. Sie mochte hinweisen auf
das, was auf der einen Seite Rechnung tragt dem, was Naturwissen-
schaft so gro$ gemacht hat, und auf der anderen Seite Rechnung
tragt dem, wofiir Naturwissenschaft, wie wir gerade heute bespre-
chen wollen, kein Mittel hat, also auf das, was menschliche
Willenskultur, menschliche Gemiitskultur ist.
Wir leben ja in einer Zeit, in welcher sich der Mensch keines-
wegs mehr in der alten Weise, also instinktiv, den Impulsen seines
Willens hingeben kann. Man mag noch so viele Vorurteile ins Feld
fuhren, wenn es sich darum handelt, heute zuzugestehen, daft ge-
rade unsere Zeitkultur dadurch zu charakterisieren ist, daft das alte,
instinktive Leben in vollbewufttes Leben immer mehr und mehr
sich uberfuhren muft. Es ist dies eine geschichtliche, es ist dies die
bedeutendste geschichtliche Tatsache, die in der Gegenwart gerade-
zu zur Krisis gefuhrt hat: daft sich alte instinktive Antriebe in der
menschlichen Natur immer mehr und mehr umwand eln mussen in
bewuftte Antriebe.
Viel ist in dieser Richtung hin in den letzten drei bis vier
Jahrhunderten bewirkt worden durch das, was in die allgemeine
Zeitkultur und Zeitrichtung flieftt aus dem, was Naturwissenschaft
groft gemacht hat. Allein, gerade wer heute in die Lage kommt,
uber Einrichtungen zu sinnen, die herausgewachsen sind aus den
wichtigsten Bedtirfnissen der Zeit, der muft dazu kommen, das Un-
geniigende jener Zeitbildung zu empfinden, die nur aus naturwis-
senschaftlicher Denkrichtung und Denkungsart kommt. Indem
versucht wird, gerade in dieser Zeit, in dieser Stadt, in einem gewis-
sen begrenzten Sinn ein soziales Problem zu losen, ein soziales
Problem, das von grofterer Wichtigkeit ist, als man vielleicht
zunachst glauben mochte, darf einmal am heutigen Abend gerade
auf die Schwierigkeiten, die der Losung eines solchen sozialen
Problems entgegenstehen, hingedeutet werden.
Es ist ja gelungen, durch jene wirklich einsichtvolle Art, welcher
unser Freund, Herr Molt, durch Jahre hindurch gegeniiber der an-
throposophisch orientierten Geisteswissenschaft bewiesen hat,
nunmehr bis dahin zu kommen, aus dem sozialen Denken fur
unsere Zeit heraus die sogenannte Waldorfschule zu begrunden,
jene Schule, welche zunachst fur die Kinder der in der Firma
Waldorf-Astoria Arbeitenden bestimmt ist und fur einige andere
Kinder, die sich zunachst angliedern. Diese Schule zeigt ja schon in
dem Aulteren ihres Entstehens das ganz moderne Geprage: An-
gegliedert an eine industrielle Unternehmung, mu$ sie in eminen-
testem Sinne auf die allerpraktischsten Bediirfnisse der Menschen,
die ihre Kinder dieser Schule anvertrauen, Riicksicht nehmen. Und
man mochte sagen: Es ist symbolisch, dafi diese Schule entsteht in
Ankniipfung, in lokaler Ankniipfung an den Industrialismus, der
gerade die wichtigsten sozialen Probleme in unsere Zeit hinein-
geworfen hat.
Bei der Begriindung dieser Schule kamen fur die Lehrerschaft,
fur die ich den einleitenden seminaristischen Kursus durch Wochen
zu leiten hatte, sozial-padagogische Aufgaben im Sinne der gegen-
wartigen Zeitkultur in Betracht. Unsere Zeitbildung fufk ja mehr,
als man denkt, ganz und gar auf dem, was sich als Vorstellungsart
- ich deutete es schon an - fur die Erkenntnis der aufSeren Natur
ausgelebt hat. Wiederholt habe ich, ich darf schon sagen durch
Jahrzehnte hindurch, hier betont, dafi der Wert und die Bedeutung
naturwissenschaftlicher Denkungsweise jedenfalls von der hier ge-
meinten Geisteswissenschaft voll gewiirdigt werden. Dennoch aber
mul? immer wieder betont werden: Gerade weil diese anthropo-
sophisch orientierte Geisteswissenschaft mehr als die Naturwissen-
schaft selbst das wiirdigt, was in der Naturwissenschaft lebt, des-
halb mufi diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft
gerade wegen dieser naturwissenschaftlichen Gesinnung iiber das
Naturwissenschaftliche hinausgehen. Und wiederholt habe ich es ja
hier betont, auf welchem anderen Wege die Geisteswissenschaft zu
ihren Erkenntnissen kommt als die gegenwartige Naturwissen-
schaft. Wiederholt habe ich darauf hingewiesen, wie durch den
Weg dieser Geisteswissenschaft wirklich in die ubersinnliche Welt
hineingegangen werden kann. Ich habe immer wieder angedeutet -
das soli heute nur mit ein paar Worten beruhrt werden -, wie durch
die Entwicklung innerer menschlicher Krafte, die sonst in der
Menschennatur schlummern, ein Weg gebahnt wird, so da$ der
Mensch - geradeso, wie er durch seine Sinne die physische Umwelt
erkennt, wie er durch seinen Verstand, durch Kombination die
Naturgesetze in der physischen Umwelt finden kann - durch ande-
re Krafte, die entwickelt werden konnen, hinschauen kann auf die
geistige Welt, in der wir leben, die immer um uns ist und die nur
deshalb eine unbekannte ist, weil dem Menschen im gewohnlichen
Leben die Empfangsorgane fehlen, die geistigen Sinne nicht auf-
geschlossen sind.
Ich mochte nun heute einmal die Frage erortern: Welche Krafte
gebraucht denn eigentlich diese anthroposophisch orientierte Gei-
steswissenschaft, um in die ubersinnliche Welt hineinzuschauen?
O, sie gebraucht sehr gesunde, durchaus normale Krafte der Men-
schennatur. Wer tiefere Einblicke wirklich tun will in die Art und
Weise, wie diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft
vorgeht, dem wird es vergehen, davon zu sprechen, daft sie irgend-
wie auf ungesunde Krafte baut, wie ihr von verleumderischer Seite
immer wiederum vorgeworfen wird. Man kann namlich in sehr
einfacher Art auf die Quellen dieser anthroposophisch orientierten
Geisteswissenschaft und ihren Weg in die ubersinnliche Welt hin-
weisen.
Wenn Sie mein Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der hohe-
ren Welten?» in die Hand nehmen, dann werden Sie dort die Stufen
der ubersinnlichen Erkenntnis beschrieben finden, zu denen sich
der Mensch erheben kann durch die Entwicklung gewisser, in ihm
schlummernder Krafte: Erstens die imaginative Erkenntnisstufe,
zweitens die Erkenntnisstufe der Inspiration, drittens die Erkennt-
nisstufe der wahren Intuition. Nun, woher nimmt Geisteswis-
senschaft die Krafte, die funktionieren in so etwas wie Imagination,
Inspiration, Intuition? - Wir konnen darauf hinweisen, daft in der
kindlichen Entwicklung des Menschen Krafte waken, welche der
menschlichen Organisation zugrunde liegen. Diese Krafte, sie lie-
gen im spateren Lebensalter, wenn der Mensch eine normale Grofie
erlangt hat, wenn er sein Wachstum vollendet hat, gewissermaften
brach. Ich habe in diesem Friihling hier schon darauf hingewiesen,
welches die Epochen menschlicher Entwicklung sind. Ich habe dar-
auf hingewiesen, wie in einem ersten Zeitraum des Lebens der
Mensch vorzugsweise ein nachahmendes Wesen ist, wie er instink-
tiv hineinwachst in alles, was die Menschen in seiner Umgebung
machen, und es in seinen Bewegungen, in seinen Lauten, in seiner
Sprache, ja selbst in seinen Gedanken nachmacht. Diese nach-
ahmende Bewegung, die reicht ungefahr bis zum Zahnwechsel, bis
zum siebenten Lebensjahr ungefahr. Dann beginnt fur den, der die
menschliche Natur genauer beobachten kann, etwas ganz anderes
tatig zu sein: Das Bediirfnis der menschlichen Natur, vom sechsten,
siebenten Lebensjahr bis zur Geschlechtsreife sich anzulehnen an
die Menschen, die schon Erfahrung haben, an Erwachsene, die in
ihrer Umgebung sind, an die das Kind hingebungsvoll glauben
kann; dann beginnt in dem Kinde das Bediirfnis, unter dem Einflufi
verehrter Autoritaten zu handeln. Gegenuber dem friiheren Nach-
ahmungstrieb tritt jetzt diese Sehnsucht hervor, unter dem Einflufi
verehrter Autoritaten zu handeln. - Jene Selbstandigkeit dem
Leben gegenuber, die auf eigene Urteilskraft aufgebaut ist, jene
Selbstandigkeit, die darauf beruht, in alle Dinge lebensvoll unterzu-
tauchen, sie entwickelt sich im Grunde genommen erst mit der
Geschlechtsreife im vierzehnten Lebensjahr bis zum zwanzigsten,
einundzwanzigsten Jahr hin.
Das sind drei deutlich voneinander geschiedene Lebensepochen
der menschlichen Jugend. Nur wer sein gesundes Urteil verlegt
durch allerlei Vorurteile, kann iibersehen, wie jene Krafte, welche
bis zum siebenten Jahr als Formkrafte wirken - denn bis dahin ist
die Formung des Leibes ungefahr abgeschlossen, die Formen wer-
den dann noch grofier, aber das Plastische ist ausgebildet bis zum
siebenten Jahr dann mehr innerlich wirken, indem sie als Le-
benskrafte wirken, den Menschen erstarken machen, aber insbe-
sondere als innere Wachstumskrafte wirken bis zum vierzehnten
Jahre hin. Und sie wirken so, daft sie vom vierzehnten bis zum
zwanzigsten Jahr innerlich die Organe kraftigen, welche auf das
Verstandnis der Umwelt gerichtet sind beim Kinde, also jene Or-
gane, welche fahig sind, sich in die Umwelt zu vertiefen. Es arbeitet
das Geistig-Seelische am Physisch-Korperlichen des Menschen in
verschiedener Art bis zum siebenten Jahr, bis zum vierzehnten
Jahr, bis zum einundzwanzigsten Jahr. Krafte, die ganz deutlich fur
den Unbefangenen geistig-seelische Krafte sind, arbeiten sich her-
aus, urn die Organe des Menschen zu beherrschen und sie in der
Entwicklung weiterzubringen.
Diese Krafte sind also da, diese Krafte, die gewissermaften bis
zum siebenten Jahr hin jenen bedeutungsvollen Abschluft hervor-
bringen in der menschlichen Organisation, die herauskristallisieren
aus der menschlichen Natur die zweiten Zahne! Und dasjenige Ge-
heimnisvolle in der menschlichen Organisation, was bis zum vier-
zehnten Jahr hin wirkt und zusammenhangt mit dem Wachstum,
der Entfaltung, das ist doch da, das wirkt! Nun fragen wir: Wenn
wir in den Zwanzigerjahren die Organisation abgeschlossen haben
- wo ist denn das, was bis dahin vom Geistig-Seelischen heraus in
unsere physisch-leibliche Organisation hineingewirkt hat? Das ist
da, das bleibt auch da! Aber geradeso, wie die Krafte, die wir vom
Aufwachen bis zum Einschlafen zu unserer Tagesarbeit und Tages-
beobachtung verwenden, vom Einschlafen bis zum Aufwachen in
uns schlafen und schlummern, so schlummern vom Beginn der
Zwanzigerjahre ab in der menschlichen Natur die Krafte, die in den
Kinder- und Jugendjahren die Organisation durchfeuert haben, die
Organisation durchgliiht haben, so daft aus dem Kinde ein Erwach-
sener geworden ist, mit alledem, was dazu gehort. Wer den ganzen
Menschen ins Auge faftt, der weift: In dem Augenblick, wo die
Organisation diesen Punkt erreicht, da treten gleichsam zuriick in
das Innere der Menschennatur die Krafte, die im Kinde, im Jung-
ling, in der Jungfrau gewirkt haben. Diese Krafte schlummern
dann. Sie konnen erweckt werden, jene Krafte, welche vom vier-
zehnten Jahr bis zum zwanzigsten, einundzwanzigsten Jahr in uns
gewohnlich die beobachteten Vorgange hervorgebracht haben,
durch die wir allmahlich Verstandnis gewinnen fur unsere Umge-
bung und durch die die Organe in uns ausgebildet werden, die erst
nach dem Auftreten der Geschlechtsreife ausgebildet werden kon-
nen; Organe, die nicht nur einseitig auf die Geschlechtsliebe gehen,
sondern darauf, daft wir uns liebevoll in die ganze Menschheit, in
die ganze Welt vertiefen konnen. Dieses liebevolle Vertiefen erst
gibt uns das wirkliche Verstandnis der Welt. Was wir bis zum ein-
undzwanzigsten Jahr noch zum Wachstum, zum Aufbau von inne-
ren Organen verwenden, das wird, mochte man sagen, niichtern,
wird bloft urteilsmaftig, verstandesmafiig im Beginn der Zwanzi-
gerjahre. Da hort eine gewisse geistig-seelische Kraft auf, zu orga-
nisieren. Da wird sie blofi imaginare, innere Kraft, seelische Kraft.
Da ist sie nicht mehr so stark wie friiher, als sie eingreifen mufke
in die Organisation. Findet man sie, diese in der Menschennatur
schlummernde Kraft, die vorher eine bildende Kraft war und es
jetzt nach dem zwanzigsten Jahr nicht mehr ist, und bildet man sie
aus, so daft sie vorhanden ist nach dem erreichten zwanzigsten Jahr
wie friiher, da sie am Leibe wirkte, dann wird sie zur imaginativen
Kraft. Dann erlangt der Mensch die Fahigkeit, nicht nur in abstrak-
ten Begriffen die Welt zu sehen, sondern in Bildern, die so lebendig
sind, wie die Traume sind, und die Wirklichkeit bedeuten wie sonst
unsere abstrakten Begriffe. Das, was uns befahigt, die Welt in sol-
chen Bildern zu sehen, das, was uns befahigt, die erste Stufe der
iibersinnlichen Erkenntnis zu erreichen, das ist dieselbe Kraft, die
vorher im gesund sich entwickelnden Menschen fur die Liebeskraft
wirke, die aus der menschlichen Natur hervorgeholt werden kann
und die tiefer hineinfuhrt in die Umgebung des Menschen als der
gewohnliche Verstand und die gewohnlichen Sinne.
Und dann kann man weitergehen, denn auch diejenigen Krafte
sind schlummernd im spateren Menschen, welche ungefahr vom
siebenten Jahr ab, also vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife,
die wesentlichen Vorgange im menschlichen Organismus bewir-
ken. Diese Krafte schlummern tiefer unter der Oberflache des
gewohnlichen Seelenlebens als jene Krafte, die ich eben als die ima-
ginativen bezeichnet habe. Wenn diese Krafte hervorgeholt wer-
den, die gewissermafien im spateren Menschen unbeschaftigte
geworden sind gegeniiber der leiblichen Organisation, wenn diese
geistig-seelischen Krafte heraufgeholt werden aus ihrem Schlum-
mer-, ihrem Schlafzustand, dann sind sie die Krafte der Inspiration.
Und dann sind sie diejenigen Krafte, die uns vermitteln, daft die
Bilder, von denen ich gerade sprach bei der imaginativen Erkennt-
nis, sich mit geistigem Gehalt erfiillen, daft wirklich diese Bilder -
die auftreten wie Traumbilder, aber nicht Traumbilder sind - eine
geistige Wirklichkeit wiedergeben, die aufier uns in unserer Um-
gebung ist.
Und wenn wir gar die noch tiefer in der menschlichen Natur
schlummernden Krafte heraufholen, die Krafte, die in der ersten
Kindheit die organisierenden sind, die von der Geburt bis zum
Zahnwechsel als die starksten gegeniiber der menschlichen Organi-
sation gewirkt haben, dann aber auch am tiefsten sich zuriickgezo-
gen haben vom aufieren leiblich-physischen Leben, wenn wir diese
Krafte fur die spateren Lebenszeiten heraufholen und mit ihnen
durchsetzen, was Imagination, Inspiration ist, dann bekommen wir
die intuitiven Krafte der ubersinnlichen Erkenntnis: Krafte, durch
die der Mensch fahig wird, in die Wirklichkeit der geistigen Welt
unterzutauchen, wie er durch die Sinne und den gewohnlichen, an
den Leib gebundenen Willen in die physische Welt untertaucht.
In drei Stufen, durch Imagination, durch Inspiration und durch
Intuition gelangt der Mensch in die ubersinnliche Welt hinein. Das,
was er anwendet als solche Krafte, sind keine abnormen Krafte,
sondern sind gerade die allernormalsten. Es sind diejenigen Krafte,
durch die der Mensch in gesunder Weise von seiner Geburt bis in
die Zwanzigerjahre hinein sich erst entwickelt und die dann brach
liegen gelassen werden, die aber hervorgeholt werden konnen und
dann, wenn sie nicht beschaftigt sind, uns zu organisieren, an-
gewendet werden konnen, um uns die geistige Welt zu offenbaren,
zu erschlieften.
Damit habe ich Sie auf die Quelle derjenigen Krafte hinge-
wiesen, welche den Weg in die ubersinnliche Welt hinein bahnen
wollen. Wer diesen Weg ernst zu nehmen vermag, der wird zu
unterscheiden wissen, was dieser richtig geben kann gegeniiber
dem, was blofie Naturwissenschaft, blofie naturwissenschaftliche
Erkenntnis zu geben vermag.
Und warum betone ich denn eigentlich immerfort diese
naturwissenschaftliche Erkenntnis? Man hatte heute nicht so oft
die Notwendigkeit, die naturwissenschaftliche Erkenntnis und die
Gesinnung, di
…[truncated]