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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER
Menschliches Seelenleben
und Geistesstreben
im Zusammenhange
mit Welt- und Erdentwickelung
Neun Vortrage, gehalten in Dornach
vom 29. April bis 17. Juni 1922
1998
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH / SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlaUverwaltung
Die Herausgabe besorgte Hendrik Knobel
1. Auflage in dieser Zusammenstellung
Gesamtausgabe Dornach 1978
2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1998
Einzelausgaben und Zeitschriften-
veroffentlichungen siehe zu Beginn der Hinweise
Bibliographie-Nr. 212
Zeichnungen im Text nach Tafelzeichnungen Rudolf Steiners,
ausgefuhrt von Leonore Uhlig
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach / Schweiz
© 1978 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-727-2120-7
7,u den Verbffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) glie-
dert sich in die drei grofien Abteilungen: Schriften - Vortrage -
Kiinstlerisches Werk (siehe die Ubersicht am Schlufi des Bandes).
Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fur
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen
Gesellschaft zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen
hatte Rudolf Steiner urspriinglich nicht gewollt, dafi sie schriftlich
festgehalten wxirden, da sie von ihm als «mundliche > nicht zum
Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zu-
nehmend unvollstandige und fehlerhafte Horernachschriften ange-
fertigt und verbreitet wurden, sah er sich veranlafit, das Nach-
schreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-
von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographierenden, die
Verwaltung der Nachschriften und die fur die Herausgabe notwen-
dige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur
in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konn-
te, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vor-
behalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenommen
werden miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen
sich Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen
offentlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbst-
biographie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende
Wortlaut ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort
Gesagte gilt gleichermafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fach-
gebieten, welche sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der
Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere
Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
DAS MENSCHLICHE SEELENLEBEN IM ZUS AMMENH AN GE
MIT DER WELTENTWICKELUNG
Erster Vortrag, Dornach, 29. April 1922 13
Das Verhaltnis des Menschen zur Welt als Seelenfrage. Das Unbe-
friedigtsein mit dem in sich abgeschlossenen Wesen der Seele.
Vorstellen als waches Bilderbewufitsein, Wille als undurchschau-
bare Wirklichkeit. Die beiden Seiten des Gefiihls. Intimes und
aufierliches Erleben der Vorstellungs- und Willenswelt. Die Selb-
standigkeit der Sinnesorgane. Die Einwirkung des Lichtes (Auge)
auf unser Seelenleben. Die Lunge als Vitalorgan und als zukiinfti-
ges Sinnesorgan. Das Wesen der anthroposophischen Wahrheiten.
Zweiter Vortrag, 30. April 1922 31
Wandel der Vitalorgane zu Sinnesorganen. Unsichtbarwerden des
Physischen und Sichtbarwerden der Bewegungen im Tode. Der
Tod als Willensgeburt. Die zukiinftige Lunge als Sinnesorgan.
Sinnesorgane als geistige Wesenheiten und ihre Verbindung mit
den Erinnerungsvorstellungen. Falsche (Herbart) und richtige An-
schauung des Erinnerungsvorganges. Die Seele als tatige Entitat.
Das Schicksal des ubersinnlichen Erlebens in der Seele. Unter-
schied von hoherem und gewohnlichem Seelenleben. Das griechi-
sche und das moderne Drama. Die Vorstellung als Nur-Bild und
als lebendiger Seeleninhalt. Lebendige Seele und Weltentwicke-
lung.
Dritter Vortrag, 5. Mai 1922 50
Die Seelenvermogen und das Bewufitsein. Das Entstehen des
Wachbewufitseins aus dem Traumbewufitsein beim Eingesogen-
werden des Astralleibes in den physischen Leib. Die Verbindung
des Traumes mit dem Gefuhl (Angsttraume) durch den Atmungs-
prozefi. Atherleib und Astralleib als wasseriger und luftartiger
Organismus. Der Warmeorganismus. Das Physische als Abbild
des ganzen Menschen. Der Atmungsvorgang. Das Gehirn als Pho-
tographic des Vorgeburtlichen. Das Wesen des Atmungs- und
Herzmenschen. Das Wasserige, Luft- und Warmeartige in den
Gliedmaften als Vermittler des Seelischen mit dem Physischen.
Die Salzablagerung als Spiegel zum Bewufitwerden des Seelischen.
Seelische Einseitigkeit und Krankheit. Der Zusammenhang von
Magensaure und seelischen Qualitaten. Der feste Organismus
(Knochenbau) als Reflektor zum Bewufttwerden des Seelischen.
Der Organismus als Bild des Seelischen.
Vierter Vortrag, 6. Mai 1922
Das Aufier-den-Dingen-Stehen in bezug auf Aufien- und Innen-
welt. Das Erleben einer geistigen Aufienwelt in der Imagination.
Die Herzerkenntnis in der Inspiration. Die Gleichgiiltigkeit des
Gedankens gegemiber dem personlichen Wesen. Das Hineinsen-
den des Fiihlens in das Gedankenleben, Das Heraufkochen der
menschlichen Triebe und Instinkte. Das Herz als Sinnesorgan. Das
Zuriickschlagen der Instinkte und das Erleben des vorgeburtlichen
Menschen. Das Gehirn als Leichnam des Seelischen. Vom Erleben
der Sonne und das Hinausgehen iiber das Sonnenhafte im Leben
zwischen Tod und neuer Geburt. Der Leib als Hinderung zum
Erleben des Alls. Das Mondhafte in der Fortpflanzungsfahigkeit.
Der Mond als «Unter»sonne wirkt auf den Leib, die «Uber»sonne
auf das Seelische des Menschen. Das Wesen des Heiligenscheins.
Gegensatz von Vererbung und Seelisch-Geistigem. Animalische
und seelisch-geistige Warme in der Darstellung des Buches
«Goethes Weltanschauung*.
Funfter Vortrag, 7. Mai 1922
Moderne Begriffsbildung und das mangelnde Interesse fur eine
Innenwelt. Uber das Kino. Der Autoritatsglaube in der modernen
Weltanschauung. Friiheres Ideenerleben und exaktes Beobachten
heute als Phanomenalismus. Die Technik als die allein richtige
Grundlage der modernen Weltanschauung. Die alten Mysterien
und ihre Prophetie in bezug auf das technische Zeitalter. Die «Phi-
losophie der Freiheit» als Konsequenz des technischen Zeitalters.
Das reine Denken. Die Anschauung der Ungottlichkeit der aufie-
ren Welt. Die Askese im Mittelalter. Die Idee vom Siindenfall. Die
Rettung der Welt durch die Kunst in der Anschauung der Grie-
chen. Die Welt der Maschinen und die Welt des Kultus. Der Un-
tergang der ahrimanischen Welt und der Aufgang des christlichen
Wesens. Die Polaritat in der anthroposophischen Weltanschauung.
Geburt und Tod im Mittelalter. Der Heiligenschein und die
schwangere Frau. Die Freiheit und das Ahrimanische, die Religion
und das Luziferische. Die christlichen Urmysterien. Die Verkiin-
digung des Christus als die Gottheit, die den Erdentod erlitt.
MENSCHLICHES GEISTESSTREBEN IM ZUS AMMENH ANG
MIT DER ERDENTWICKELUNG
Sechster Vortrag, 26. Mai 1922 Ill
Die Lebensalter des Menschen. Der Inkarnationsprozefi. Das Zu-
sammenziehen und Bilden des Atherleibes vor der Verbindung mit
dem physischen Leib. Die Beschaffenheit des Atherleibes (Sterne,
Sonne, Mond und Erde). Das Verblassen des Atherleibes im zwei-
ten Lebensjahrsiebent im Strahligwerden der Krafte nach innen.
Die Bildung des Atherherzens nach der Geschlechtsreife als Zu-
sammenballung der Krafte, in der das physische Herz sich darin-
nen befindet. Das «Verfaulen» des vererbten Atherherzens und
Ersetzung durch das eigene, kosmisch gebildete Atherherz. Die
Fulle des Astralleibes und sein Undifferenziertwerden beim Hin-
einschlupfen in die Leibesorgane. Das Wiederdifferenziertwerden
durch die bewufite menschliche Tatigkeit. Die Zentralisierung die-
ser Tatigkeit und ihre Einschaltung in das kosmische Atherherz als
Grundlage der Wirklichkeit des Karma. Unterschied des karmi-
schen Wirkens beim Sterben vor und nach der Geschlechtsreife.
Siebenter Vortrag, 27. Mai 1922 128
Der Yogaweg in der urindischen Zeit. Das damalige Hellsehen als
Geistesleben ohne selbstandiges Eigenbewufksein. Vom Wesen
der Yoga-Atemubungen, das Auftauchen eines besonderen Selbst-
gefiihls als Riickerinnerung an eine Zeit vor der Geburt in einer
geistigen Welt. Die Bhagavad Gita als eine Frucht dieses Erlebens.
Vom Entstehen der mantrischen Spriiche, aus denen sich die spa-
teren Rhythmen der Dichtung ergaben. Yoga und moderne Medi-
tationsiibungen. Die Loslosung der letzteren vom Atmungsprozefi
und Ubergang zum Erleben des Rhythmus der aufieren Welt. Das
Selbst als Erinnerung (Yoga) und das Selbst des unmittelbar geisti-
gen Erlebens. Die Yoga-Ubungen der Korperbewegungen und ihr
modernes Korrelat in Gedankeniibungen in bezug auf den Raum.
Die Askese und die alteren, grofien Religionen. Modernes Empfin-
den und der Weg iiber die Willenszucht. Der Schmerz als Erkennt-
niserwecker.
Achter Vortrag, 28. Mai 1922 145
Das Zu-Ende-Gehen und Unschopferischwerden des Verstandes.
Die Befruchtung des Intellekts durch eine spirituelle Stromung.
Das Selbstbewufitsein des Yogi und des modernen Menschen. Die
Befreiung des heutigen Denkens vom Atmungsprozefi und sein
Hinausergiefien in die aufiere Welt. Das Erkennen der elementari-
schen Welt. Die Gnomenwelt und die Zahl. Die wasserigen Wesen
und das gefuhlsmafiige Erleben der Welt. Luftwesen und Wollen.
Der Verfall des Intellekts und das Anheimgeben der Luftwesen an
Ahriman. Das «Herunterrutschen» des Verstandes. Die Psycho-
analyse. Die hoheren Elementarwesen des Lichtes und des Lebens.
Vom Wesen des Alten Testamentes. Der Mangel an Spiritualitat
und die Hinwendung der hoheren Elementarwesen zu Luzifer.
Die Verganglichkeit der heutigen Wissenschaft.
OSTLICHE UND WESTLICHE
WELTGEGENSA.TZLICHKEIT
Neunter Vortrag, 17. Juni 1922 168
Der wachende und der schlafende Mensch. Die Begriffsbildung des
modernen Menschen und das Gedankenleben der altorientalischen
Kultur. Inspiriertes Denken und eigene Begriffsbildung. Das grie-
chische Denken (Sokrates) als Beginn des modernen Denkens.
Darstellung des schlafenden Menschen im Orient. Das Farben-
sehen der Griechen. Die Trennung des modernen Menschen von
den Gottern durch seine starke Verbindung mit der Sinneswelt.
Die Entstehung des Gespensterglaubens. Die menschlichen Ge-
danken durchpulsen den Willen nicht (Carlyle). Solowjow als ost-
licher Denker. Das Wesen des westlichen Menschen und seine
Anschauung des primitiven Menschen. Der Trieb als der allein
mafigebende Faktor. Ostlicher Gespenstergedanke und westliche
Trieb- und Instinktgespenster. Gotterwirken im Kopf (Osten)
und in den Gliedmafien (Westen). Das Entwickeln spiritueller Ge-
danken als Zukunftsaufgabe.
Hinweise
Zu dieser Ausgabe 187
Hinweise zum Text 188
Personenregister 193
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 195
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . . . . 197
DAS MENSCHLICHE SEELENLEBEN
IM ZUSAMMENHANGE
MIT DER WELTENTWICKELUNG
ERSTER VORTRAG
Dornach, 29. April 1922
Der Vortragszyklus wurde angekiindigt unter dem Titel: «Das
menschliche Seelenleben im Zusammenhange mit der Weltentwicke-
lung.» Es ist das menschliche Seelenleben ja zunachst im Menschen
selbst so, dafi man aus dem Erleben des Seelischen nicht unmittelbar
sich veranlafit fiihlt, die Frage nach der Beziehung der menschlichen
Seele zu der Weltentwickelung im grofien aufzuwerfen, das heilk, sie
aufzuwerfen im bewufiten Sinne. Dagegen im unbewufken Sinne
wirft die menschliche Seele fortwahrend gerade diese Frage auf: Wie
stehe ich als Mensch zu der allgemeinen Weltentwickelung im gro-
fien? - Und man kann sagen, dal$ im Grunde genommen gerade das
religiose Leben der Menschheit immer ein Ergebnis war dieser un-
bewuftten Frage in den menschlichen Seelentiefen. Denn jene Bezie-
hung, in die sich der Mensch in einer mehr oder weniger klaren Weise
in religidser Art zu dem Ewigen setzt, ist eigentlich der Ausdruck
dieser unbewufiten Frage in den menschlichen Seelentiefen.
Im Bewufitsein verlauft das Seelenleben so, dafi der Mensch ge-
wissermafien in seiner Seele sich wie abgeschlossen fiihlt, dafi er sich
fiihlt in demjenigen, was er durch die Aufienwelt mit Hilfe seiner
Seele erlebt, dafi er sich fiihlt in demjenigen, was zuriickbleibt an
Erinnerungen in dem Seelenleben durch die Eindriicke der Aufien-
welt, dafi er erlebt, was seine Empfindungen, seine Gefiihle ihm
gesagt haben bei dem Erleben der Aufienwelt, bei dem Erleben der
weiteren Schicksale der Aufienwelt, in den Erinnerungsvorstellun-
gen und so weiter, dafi der Mensch dann, wenn er auf sein Willens-,
auf sein Tatenleben hinsieht, sich sagt: Aus dem tiefsten Inneren
meines Wesens, aus Tiefen, iiber die ich mir zunachst gar nicht
Rechenschaft geben kann, quellen heraus die Impulse meines Vor-
stellens, meines Fiihlens, meines Wollens.
Von dem Vorstellen in Anlehnung an die aufieren Sinneswahrneh-
mungen, von dem Vorstellen, das in Erinnerungen lebt, von den
Willensimpulsen, die sich ausleben in aufieren Taten, von alledem
spricht der Mensch als von etwas Abgeschlossenem, wenn er zu-
nachst hineinblickt in sein Seelenleben, wenn er zu dem kommen
will, was man im gewohnlichen Leben Selbstbeobachtung, Selbstbe-
trachtung nennt. Allein einem tieferen Einblick in das eigene Wesen
wird es sofort klar, daft mit einer solchen Selbstbeobachtung den-
noch die tiefsten Seelenbedurfnisse durchaus nicht befriedigt werden
konnen, daft der Mensch in seinem tiefsten Inneren die Frage aufwer-
fen mufi: Was ist da in mir, das zusammenhangt mit irgendeinem
Ursachlichen, mit einem Ewigen vielleicht, das den voriibergehenden
Erscheinungen, die ich in Natur und Menschenleben vor mir habe,
zugrunde liegt?
Der Mensch sucht gewissermaften nach der tiefsten Wurzel seines
eigenen Wesens im Gefiihle, in der Empfindung zunachst. Und dar-
aus ergibt sich ihm dann die entweder erkenntnismaftig oder religios
oder sonst irgendwie gestaltete Frage: Wie ist diese Wurzel nun ein-
gewurzelt? Diese Wurzel, die ich in mir fuhle, wie ist sie eingewur-
zelt in einem Objektiven, in einem vielleicht Kosmischen, kurz, in
einem Aufteren, das ahnlich ist meinem Inneren, das so ist, daft ich
mit dieser Einwurzelung meines Inneren in ihm befriedigt sein
kann? - Im Grunde genommen hangt des Menschen Seelenstimmung
davon ab, ob er irgendwie im Leben in der Lage ist, eine in der einen
oder anderen Weise geartete Antwort auf diese fur das Leben der
Seele innerlichst schicksalsmafiige Frage zu gewinnen.
Wir haben mit diesen Worten einleitungsweise ein wenig darauf
hingedeutet, wie sich in gewissem Sinne das menschliche Seelenleben
widerspruchsvoll ergibt, widerspruchsvoll so, daft man es zunachst
wie ein Abgeschlossenes in Denken, Fiihlen und Wollen hat, dafi
man aber damit durchaus nicht befriedigt sein kann, weil man ja
aufierlich auch wahrnimmt, wie gewissermafien das leibliche Gehau-
se das Schicksal teilt der anderen Naturobjekte, des Entstehens, des
Vergehens, und wie einer aufierlichen Betrachtungsweise durchaus
nicht aufgehen kann, inwiefern das Seelische mit einem Ewigen
zusammenhangen kann, da man es doch zunachst fur die aufiere Be-
obachtung hinschwinden sieht mit dem Aufhoren des Lebens im
physischen Leibe.
Das innerste Bediirfnis der Seek widerspricht zunachst dem, was
die Seele bei einer ersten Selbstbeobachtung, wie sie sich eben im ge-
wohnlichen Leben ergibt, haben kann. Dann, wenn man so recht tief
empfindet dieses Widerspruchsvolle, das aber zusammenhangt mit
diesem schicksalsmafiigen inneren Erleben des Menschen als Men-
schen, dann sieht man sich wohl dieses wogende, webende Seelen-
leben an, und man findet dann, da!5 es gewisserma$en nach zwei Po-
len hin besonders geartet ist, dafi es nach der einen Richtung hin das
Vorstellen, nach der anderen den Wiilen ausbildet. Zwischen dem
Vorstellen und dem Willen findet man das Gemiit, das Fiihlen, und
man wird gewahr, wie die Vorstellungen, die man, sagen wir, aus der
Auftenwelt schopft, von Empfindungen, von Gefiihlen begleitet wer-
den, die diesen Vorstellungen die innere Seelenwarrne, die die Seele
braucht, geben. Man wird gewahr, wie auf der anderen Seite dasjeni-
ge, was als Willensimpulse aus der Seele fliefit, wiederum zusammen-
hangt mit Empfindungs- und Gefuhlsmafiigem, wie wir aus gewissen
Gefiihlen und Empfindungen heraus die eine oder die andere Wil-
lensentschliefiung fassen, wie wir im Gefuhle begleiten, was aus die-
ser Willensentschliefiung wird, indem wir entweder mit dem, was wir
wollen, beziehungsweise was aus dem Wollen wird, zufrieden sind in
uns selbst oder unzufrieden. Wir sehen gewissermafien an dem einen
Pol des Seelenlebens das Vorstellen, an dem anderen Pol das Willens-
leben, und wir sehen in der Mitte drinnen, sich anschliefiend an das
Vorstellungsleben, sich anschliefiend an das Willensleben, das Ge-
muts-, das Gefuhls-, das Empfindungsleben.
Und wenn wir das Vorstellungsleben mehr ins Auge fassen - ja,
wenn wir ehrlich sind, so miissen wir uns fur das gewohnliche Leben
gestehen, dafi unser Vorstellungsleben so verfliefit, dafi es sich zu-
nachst anschliefit an dasjenige, was wir von aufien her erleben, was
unsere gesamten Sinne an der Au&enwelt erleben. Gewifi, das Seelen-
leben setzt in einer gewissen Weise das Erleben der Sinne fort, gibt
dem Erleben der Sinne Farbung, bringt manchmal die Erinnerungs-
vorstellungen mit einer ganz anderen Farbung heraus aus dem Inne-
ren, als sie erfafit sind an der aufieren Sinneswelt. Aber derjenige, der
sich nicht Traumereien hingibt und der selbst seiner Phantasiewelt so
gegeniibersteht, dafi er sich nicht in Illusionen wiegt, der wird doch
iiberall im Vorstellungsleben finden, wie es angeregt ist von der aufie-
ren Sinnesempfanglichkeit. Und wenn wir dann gewissermafien uns
abschliefien von der aufieren Sinnesempfanglichkeit und, ohne dafi
wir einschlafen, in unserem eigenen Vorstellungsleben verharren,
ohne dafi wir den Willen entfalten, dann kommt allerdings in dieses
Vorstellungsleben allerlei hinein, was Erinnerung an aufiere Wahr-
nehmungen ist, was umgestaltete aufiere Wahrnehmungen sind.
Allein wir empfinden ganz deutlich den Bildcharakter dessen, was
wir da in ihnen erf ass en, wenn wir gewissermafien alle Sinne schlie-
fien und im Inneren das blofie Vorstellen erleben. Wir fiihlen, dafi wir
Bilder haben von dem, was diese Vorstellungen ausdriicken. Wir fiih-
len sogar das Fluchtige dieser Vorstellungen; sie treten in unserem
Bewufitsein auf, sie treten wiederum aus unserem Bewufitsein heraus.
Wir konnen nicht so unmittelbar gewahr werden, ob an ihnen eine
Wirklichkeit ist, oder ob sie blofie Bilder sind. Oder wenn wir vor-
aussetzen, dafi ihnen eine Wirklichkeit zugrunde liegt, so konnen wir
diese Wirklichkeit zunachst nicht erfassen, weil die Vorstellungen
sich uns als Bilder ergeben. Wir wissen ganz genau: Indem wir in den
Vorstellungen leben, leben wir in einer Bilderwelt.
Und radikal verschieden von dieser Bilderwelt ist dann dasjenige,
was wir in unserer Willenswelt erleben. Das kann nicht durchschaut
werden von unserem gewohnlichen Bewufitsein. Das gewohnliche
Bewufitsein f afit einen Gedanken oder einen unbestimmten instinkti-
ven Impuls: Ich will das und das, ich will den Arm bewegen. - Nach
einer verhaltnismafiig kurzen Zeit erfolgt die Armbewegung. Man
sieht wiederum die Armbewegung. Man hat zwei Vorstellungen: die
Vorstellung, dafi man den Arm erheben will, die Vorstellung, dafi der
Arm erhoben ist. Was dazwischen sich in unserer menschlichen We-
senheit als Wille entfaltet hat, davon hat man zunachst keine Vorstel-
lung. Das verschwindet in das Unbewufite wie die Zustande des Schla-
f es. In bezug auf unseren Willen schlaf en wir auch wachend. Wahrend
die Vorstellungen mit lichter Klarheit in unserem gewohnlichen Be-
wufitsein sein konnen, wahrend wir bei den Vorstellungen zwar nicht
wissen, wie sie in einer Wirklichkeit wurzeln, wir sie aber doch ganz
klar, hell in unserem Bewulksein haben konnen, entfallt uns dasjenige,
was Wille ist, aus dem Bewulksein, wenn dieser Wille sich vollzieht.
Aber dafiir wissen wir mit Bezug auf diesen Willen etwas anderes.
Dieser Wille, wenn er zur Tat wird, wenn er also wirklicher Wille ist,
nicht blofier Wunsch, er driickt sich zweifellos in einer Realitat aus.
Ich habe zunachst die Vorstelhing, sie ist ein Bild: Ich werde den Arm
heben. - Was dann geschieht, das gewohnliche Bewulksein weifi es
nicht, aber der Arm wird gehoben. Ein realer Vorgang der Aufienwelt
vollzieht sich. Was im Willen lebt, wird aufiere Wirklichkeit, wie die
anderen Vorgange der Natur auftere Wirklichkeit sind.
Bei meinen Vorstellungen habe ich den Bildcharakter. Ich weifi
zunachst nicht, wie das, was da im Gedanken sich als Vorstelhing
auslebt, zusammenhangt mit irgendeiner Realitat. Bei meinem Willen
weifi ich ganz genau: mit der Realitat hangt er zusammen, aber ich
kann ihn nicht hell und klar durchschauen wie die Vorstellungen.
Und dasjenige, was zwischendrinnen ist, die Empfindung, das
Gefuhl, die die Vorstelhing f arben, die den Willen farben, sie nehmen
teil an der Helligkeit, an der lichten Klarheit der Vorstelhing auf der
einen Seite, und an der Finsternis, an der Unbewulkheit der Willens-
impulse auf der anderen Seite. Wir sehen eine Rose. Wir vergegen-
wartigen sie uns innerlich als Bild. Wir ziehen unser Auge ab von der
Rose. Wir haben sie als Bild in der Vorstelhing. Wir sind als Men-
schen nicht von absoluter innerer Kalte durchzogen. Wir empfinden
Freude an der Rose, wir empfinden Gefallen an ihr. Wir sind inner-
lich befriedigt von dem Dasein der Rose. Zunachst konnen wir uns
allerdings nicht sagen, wie aus unserem menschlichen Wesen heraus
dieses Gefuhl der Freude, dieses Gefuhl der Befriedigung von dem
Dasein der Rose, dieses Gefuhl des Gefallens entsteht. Wie es entsteht
in unserem Inneren, es bleibt zunachst fur das gewohnliche Bewulk-
sein unbestimmt, aber es verbindet sich mit der hellen, lichten Klar-
heit der Vorstellungen. Es tingiert gewissermafien, es farbt die Vor-
stellungen. Wenn wir eine deutliche Vorstellung von der Rose haben,
so haben wir auch eine deutliche Vorstellung von dem, was uns ge-
fallt. Es iibertragt sich die helle, lichte Klarheit der Rosenvorstellung
auf unser Fuhlen.
Wenn wir aber einen Willensimpuls haben - wir brauchen uns nur
zu priifen -, so kommt er aus den Tiefen unseres Wesens heraus: Ich
will das, ich will jenes. - Aber wie oft sehen wir uns instinktiv zu
dem oder jenem gedrangt! Unser Vorstellen sagt uns oft: Das sollte
gar nicht geschehen; unser Vorstellen sagt uns oftmals: Wir sind mit
dem, was da geschieht, eigentlich unzufrieden. - Aber dann wieder-
um, wenn wir zuriickblicken auf unser eigenes Seelenleben und nach
unseren Gefuhlen fragen, so miissen wir doch sagen: Aus einem be-
stimmten Gefiihl heraus hat sich das vollzogen, womit wir sogar
unzufrieden sein konnen, und was so in den dunklen Seelentiefen
wurzelt, dafi sogar seine Qualitat uns ihrem Ursprunge nach un-
bewufit bleibt. Und das, was wir dabei empfinden, ich mochte sagen,
stiirzt sich in einer gleichen Weise in diese Unbewufkheit, in diese
Finsternis des Wollens hinunter. In welch anderer Weise nimmt
unser Fiihlen teil auf der einen Seite an der hellen Klarheit des Vor-
stellungslebens, auf der anderen Seite an der Dumpfheit des Willens-
lebens!
So erscheint uns unser Seelenleben dreifach: als Denken, als Vor-
stellen also, als Fiihlen, als Wollen. Aber es ist nach den beiden Polen
hin innerlich wesenhaft ganz verschieden gestaltet.
Nun, das Vorstellen verweist uns zunachst auf die Sinneswelt.
Gewifi, wir nehmen nicht blofi einfache Sinneswahrnehmungen in
unser Bewufitsein herein. Einfache Sinneswahrnehmungen waren:
rot, blau, Cis, C, G, warm, kalt, wohlriechend, iibelriechend, siifi,
sauer und so weiter. Auch fortlaufende Stromungen dieser Sinnes-
empfindungen konnen wir noch unmittelbar der Sinneswelt selber
zuschreiben. Allein dann, wenn wir komplizierteren aufieren Vor-
gangen gegemiberstehen? Nehmen wir nur einmal an, wenn wir
einem Menschen gegemiberstehen: Unzahlige Sinnesempfindungen
kommen von diesem Menschen zu uns her. Was wir in seinem Antlitz
sehen, was wir sonst an ihm sehen, was er spricht, die Art und Weise,
wie er sich bewegt - wir konnten viele einfache Sinnesempfindungen
anfuhren; allein das alles formt sich eben zu einem Ganzen, zu demje-
nigen, was wir dann als diesen Menschen erleben. So dafi wir sagen
konnen: Durch die Sinnesempfindungen erleben wir die Welt.
Aber nur die Sinnesempfindungen selbst sind im engeren Sinne an
uns gebunden. Die einfachen Sinnesempfindungen, rot, blau, Cis, G,
warm, kalt und so weiter, stehen uns am nachsten in bezug auf unser
seelisches Leben. Dasjenige, was wir in komplizierterer Weise er-
leben - wir denken an einen Menschen, wir konnen aber auch an ein
ganz aufieres Ereignis denken -, setzt sich zum Schlufi auch als ein
Sinneserlebnis zusammen. Das stent uns als ein objektives aufieres
Erlebnis gegeniiber. Wir wissen, wir sind mit dem Rot der Rose eng
verbunden, indem wir unser Auge der Rose exponieren. Aber wenn
wir einmal gesehen haben, wie, sagen wir, eine Mutter ihrem Sohn-
lein eine Rose geschenkt hat, so haben wir einen komplizierteren
Vorgang. Er sondert sich von uns ab; da sind wir nicht so intim damit
verbunden, und erst wenn wir aus dem, was wir etwa wissen iiber die
Rose von Schiras, uns erinnern an Komplizierteres, das wir nicht
gesehen haben, das wir nur auf eine andere Weise vernommen haben,
auf eine Weise, wo die Sinnesempfindungen gar nicht mehr einen
unmittelbaren Bezug haben auf das Aufiere, kommt es uns etwas
naher. Wir haben es vielleicht gelesen, die Sinnesempfindungen wa-
ren diejenigen von der Druckerschwarze, von den Formen der Buch-
staben auf dem Papier, oder wir haben es gehort, indem es uns je-
mand erzahlt hat, aber diese Sinnesempfindungen weisen uns auf
etwas hin, was sich von uns stark absondert. Wir konnen den Unter-
schied finden zwischen dem Intimen, das die Sinnesempfindungen
haben zu unserem Seelenleben, und demjenigen, was sich dann mehr
aufierlich abhebt von uns, was wir nur mittelbar durch die Sinnes-
empfindungen haben.
Ein Ahnliches ist aber auch nach dem anderen Pol des mensch-
lichen Lebens der Fall. Wenn ich einen Arm bewege, ist das eine
Willensentfaltung. Es geschieht nichts anderes als etwas an meinem
eigenen Organismus. Ich bin mit dem, was da als Willensentfaltung
aus dem Willensimpulse hervorgeht, eng verbunden. Ich bin so intim
damit verbunden, wie ich mit einer Sinnesempfindung intim verbun-
den bin. Aber nun denken Sie daran: Wenn ich nun durch meine
Willensimpulse nicht einfach meinen Arm bewege, sondern Holz
hacke, dann sondert sich das, was durch meinen Willen geschieht,
schon von mir ab. Es wird ein aufterlicher Vorgang. Es ist ebenso
Ergebnis meines Willensimpulses wie die Bewegung des Armes, aber
es sondert sich von mir ab. Es ist aufierlich vorhanden. Und denken
Sie, welche komplizierteren Vorgange nun hervorgehen konnen aus
solchen Willensimpulsen! Wenn Sie aber genauer auf die Sache ein-
gehen, werden Sie vergleichen konnen, was auf der einen Seite in uns
hereinkommt, indem die intimen Sinnesempfindungen uns fuhren zu
den aufieren Begebenheiten, die von uns abgesondert sind, und das,
was aus uns herauskommt, indem die Willensimpulse sich absondern
von dem, was nur Ergebnis des Willensimpulses aus unserem eigenen
Organismus ist, indem die Willensimpulse zu aufieren, sich eben von
uns absondernden Geschehnissen werden. So stehen wir in der Welt
drinnen durch die beiden Pole unseres menschlichen Wesens.
Nun werden wir aber gerade, wenn wir eine solche Betrachtung
uns vorfiihren, dazu gefuhrt, auf diesen wesentlichen Unterschied
hinzuschauen, der besteht zwischen der Beziehung unseres Seelen-
lebens zu dem, was durch unsere Sinne kommt, was da draufien in
der Welt auch vorgeht: irgendein aufieres Ereignis, das da in der Welt
vorgeht, das ich durch Sinnesempfindungen wahrnehme, das steht
draufien in der Welt; aber irgend etwas, was ich durch meine Wil-
lensimpulse bewirkt habe, was aus mir hervorgegangen ist, steht auch
drauften in der Welt. Beides sind aufiere Vorgange. Wenn ich mich
nun das eine Mai in meinen Sinnesempfindungen wegdenke und nur
den aufieren Vorgang mir vorstelle: es ist ja ein aufierer Vorgang; das
andere Mai, wenn ich mich wegdenke durch meinen Willensimpuls
und hinsehe auf das, was durch mich geschehen ist: es ist auch ein
aufierer Vorgang. Ich stehe zu der Aufienwelt in einer zweifachen
Weise in Beziehung. Aber das, wozu ich in Beziehung stehe, sind
eben aufiere, von mir abgesonderte Vorgange. In der Aufienwelt lauft
das eine in das andere hinein.
Nehmen Sie an, ich hacke Holz. Ich sehe zunachst das Holz vor
mir. Vielleicht sehe ich nicht nur das Holz vor mir, sondern einen
komplizierten au£eren Vorgang. Ich sehe jemanden, der das Holz
vor mir hertragt, es vor mir niederlegt, das ich dann zu spalten habe.
Jetzt bin ich bereit, das Holz zu hacken, zu spalten. Wiederum fuh-
ren mich bei jedem Stuck meine Sinnesempfindungen. Ich habe erst
das Stuck so; jetzt hacke ich hinein, jetzt ist es so. So [wie oben] war
es ohne mich. Dies [unten] ist durch mich geschehen (siehe Zeich-
nung). Die Sinnesempfindungen gehen vom einen ins andere hinein,
so daft dasjenige, was durch mich geschieht und durch mich nicht
geschieht an aufieren Ereignissen, ein ineinanderflieEender Strom ist.
/ Tafel V
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Man mufi nur fiihlen, wie sich gerade das Ratsel des Seelenlebens
an dieser einfachen Frage entzundet, wie ich auf der einen Seite hin-
schaue auf das, was als Welt fertig dasteht, auf der anderen Seite auf
das, was durch mich geschieht. So ist zunachst, ich mochte sagen, der
simpelste aufiere Tatbestand unserer Beziehung als Seele zur Umwelt
charakterisiert. Es ist naturlich nichts Besonderes gesagt, indem man
es so charakterisiert, aber es ist das Ratsel eben zunachst wenigstens
aufgeworfen von einer gewissen Seite her.
Wir wollen nun von einer anderen Seite her das Problem, das
Ratsel aufwerfen. Wir haben unsere Sinne an uns. Durch diese Sinne
wissen wir eigentlich zunachst etwas von der Aufienwelt. Wir haben
unsere Glieder an uns. Durch diese Glieder setzen wir uns in Bewe-
gung. Und im Grunde genommen geschieht alles, was wir in die
Zu den Tafelzeichnungen siehe zu Beginn der Hinweise.
21
Aufienwelt hineinbringen durch unsere Willensimpulse, durch Ver-
mittelung unserer Glieder. Wir haben also auf der einen Seite unsere
Sinneswelt, auf der anderen Seite unsere Glieder. Und schon aus dem
ganzen Tatbestand, wie wir ihn dargestellt haben, konnen wir uns
sagen: Die Wesenheit unserer Glieder, die Wesenheit unserer Sinne,
sie sind auch polarisch entgegengesetzt. Bei unseren Sinnen hort
gewissermafien die Aufienwelt auf, ehe sie unser Inneres wird; bei
unseren Gliedern fangt gewissermafien eine Aufienwelt an, die dann
sich von uns absondert, die weiterstromt. Das fordert uns auf, eine
Beziehung zu suchen zwischen unseren Sinnen und unseren Glie-
dern. Sie konnen sich vielleicht ein Wesentlichstes dessen, was in den
menschlichen Sinnen sich ausdriickt, vor Augen fuhren, wenn Sie das
Auge betrachten, denn das Auge driickt die Wesenheit des Sinnes
vielleicht am alleranschaulichsten aus. Das Auge ist ein verhaltnis-
mafiig selbstandiges Organ; es ist als selbstandiges Organ eingesetzt
in seine Knochenhohlung. Nur als Strange, als Fortsetzung nach
riickwarts geht in das Innere unseres leiblichen Organismus hinein,
was als Nervenleben, Blutleben des Auges sich entfaltet. Da ist eine
Verbindung mit unserem Gesamtorganismus, aber abgesehen davon
ist das Auge verhaltnismafiig selbstandig.
Wir sehen eine ganze Reihe von, ich mochte sagen, zunachst
physikalischen Vorgangen im Auge, wenigstens von Vorgangen, die
wir physikalisch deuten konnen. Wenn wir symbolisch sprechen,
konnen wir sagen: Das Licht kommt heran, dringt in unser Auge ein,
wird dort in einer gewissen Weise verarbeitet. Ich will jetzt die phy-
sischen, die chemischen Vorgange, die sich abspielen, nicht charak-
terisieren, denn ich will iiber das Seelenleben, nicht iiber Physiologie
sprechen. Aber ich mochte Sie darauf aufmerksam machen, wie wir
also zunachst eine Art selbstandigen Lebens im Auge haben.
Wir konnen sogar diese Art selbstandigen Lebens vergleichen mit
dem, was vorgeht in einer Nachbildung des Auges, rein als physika-
lischer Apparat, einer Art Camera obscura, in die das Licht ahnlich
einfallt wie in das Auge. Wir konnen gewisse Vorgange haben, die
dann allerdings nicht mehr im Auge leben, die nicht wie im Auge zur
Empfindung werden, aber wir konnen gewisse Vorgange nachbilden,
wir konnen sie wie in einem gewissen physikalischen Apparat zur
Darstellung bringen. Wir sehen daraus, dafi da etwas einem physika-
lischen Vorgang Ahnliches in einem verhaltnismafiig selbstandigen
Organismus vor sich gent, das nicht unmittelbar zum Bewufitsein
kommt. Zum Bewufitsein kommt dann das, was der so und so ge-
formte, so und so beleuchtete aufiere Gegenstand ist. Dasjenige, was
einem physikalischen Vorgange ahnlich ist, das spielt sich gewisser-
mafien unbewufk im Menschen ab, spielt sich als ein selbstandiger
Prozefi im Menschen ab. Dafi das so sein kann, das verdankt der
Mensch dieser relativen Selbstandigkeit seines Sehorgans. Weniger
auffallig ist das bei anderen Sinnen, allein es lafit sich fur jeden Sinn
etwas Ahnliches sagen; aber wir wollen es eben beim charakteristi-
schen Sinn des Auges erfassen.
Wir sehen, wie die Sinneswahrnehmung etwas verhaltnismafiig
Selbstandiges ist. Wir konnen geradezu sagen, wenn wir das Auge in
den Vorgangen, die in ihm selbst sind, betrachten (Zeichnung rot),
Tafel 1
so ist bis zu den Blutleitungen und Nervenleitungen da drinnen der
Vorgang etwas wie eine Fortsetzung dessen, was in der Aufienwelt
geschieht, eben so stark eine Fortsetzung, dafi wir es, wie ich es
angedeutet habe, physikalisch nachbilden konnen. Es ist, wie wenn
die Aufienwelt wie in einem Golf sich nach dem Inneren erstreckte;
gewissermafien das, was in der Au£enwelt geschieht, setzt sich in
unser Inneres, ich meine physisch-leiblich Inneres, fort. Sehen Sie,
das ist die eine Seite der Sinneswahrnehmung, dafi sich das Aufiere
fortsetzt nach unserem Inneren; daft wir dann auf eine Weise, die wir
gerade in diesem Vortragszyklus besprechen wollen, umfassen mit
unserem Innenleben, mit unserer inneren Aktivitat das, was sich von
aufien hineinbildet wie in einen Golf.
Aber es gibt eine andere Seite des Sinneslebens. Es gibt die Seite des
Sinneslebens, die man, wenn wir bemi Auge stehenbleiben, etwa so
charakterisieren kann. Ich will jetzt nicht von Blinden sprechen, son-
dern die Sache mehr im allgemeinmenschlichen Sinn betrachten; wir
kommen auf alle diese Dinge dann vom Standpunkte der anthroposo-
phischen Geisteswissenschaft intim zuriick. Nehmen wir an, wir wa-
ren der Welt des Auges beraubt. Wir konnen uns schon in gewissem
Sinne Vorstellungen machen dariiber, dafi wir dann ein Manko haben
in unserem Seelenleben, dafi uns etwas fehlt, eben das, was durch den
Sinn des Auges hereinfliefit. Man stelle sich nur vor, wie es ist, wenn
es da im Inneren der Seele so dunkel ist, weil das Licht nicht herein-
fliefien kann. Wir wissen, dafi es fur das gewohnliche Seelenleben
oftmals bei gewissen Temperamenten, bei gewissen menschlichen
Naturen, Furchtzustande hervorruft, wenn sie im Finstern sind.
Menschen, welche blind sind oder blind geboren werden, werden al-
lerdings bewufit nicht in solche Zustande versetzt, aber sie erleben ja
objektiv ein Ahnliches wie ein Mensch, der sonst im Finstern lebt.
Und dafi sich an das Erleben der Finsternis, des Dunkels Furcht-
zustande ankniipfen, kann uns dariiber belehren, dafi eben unsere
Gemiitsverfassung mit dem zusammenhangt, was durch unser Auge
in uns eindringt. Wir konnen uns aber auch vorstellen, dafi solche
Gemutszustande dann auf unsere organische Verfassung wirken.
Derjenige, der zu einer gewissen Melancholie verdammt ist da-
durch, dafi er durch das Fehlen des Augenlichtes etwa im Finsteren
leben mufi, er wird diese Melancholie auf gewisse feinere Strukturen
seines Auges ubertragen. Und wir konnen uns leicht vorstellen, dafi
der Mensch nicht so ware, wie er ist, wenn er nicht in seinen Organis-
mus hinein das bekommen hatte, was eben durch das seelische Erle-
ben der Helligkeit in uns hereinkommt. Dieses seelische Erleben der
Helligkeit giefk sich aus iiber unser ganzes inneres Wesen. Es setzt
sich in uns fort, setzt sich fort bis zu dem Grade, da£ wir uns schon
Vorstellungen dariiber bilden konnen, wie, sagen wir, gewisse Gef afi-
vorgange, gewisse innere Absonderungs- oder sonstige Vorgange
sich anders abspielen dadurch, daft das Erfrischende, das Auffri-
schende des Helligkeitswahrnehmens unseren Organismus durch-
webt, wahrend das Dunkelwahrnehmen in einer anderen Weise auch
auf unsere innere Absonderung, auf unsere Zirkulation wirkt. Kurz,
wir konnen uns vorstellen, wenn wir uns an das Auge halten, wie wir
dem Auge nicht nur verdanken, dafi wir gewisse Vorgange und
Wesenhaftigkeiten der Aufienwelt in unserem Inneren uns reprasen-
tieren konnen, sondern auch eine gewisse innere, nicht nur Seelen-
verfassung, sondern auch physische, korperliche Verfassung. Wir
sind in einer gewissen Weise das, was das Licht aus uns macht.
Wenden wir jetzt den Seelenblick ab vom Auge, bei dem wir auf der
einen Seite sehen, wie es ein Sinnesorgan ist, wie es rein uns Vorstellun-
gen gibt fiir unser inneres Seelenleben, wie es aber auch in allerlei un-
bewufiten, instinktiven Prozessen durch das Erleben der Helligkeit
oder Dunkelheit uns bis ins Korperliche hinein Erfrischung oder Ver-
stimmung gibt, wie wir in einer gewissen Weise so sind, wie wir durch
das Augenerleben eben sein konnen. Wenden wir davon den Seelen-
blick ab, und wenden wir ihn etwa auf unsere Lunge hin.
Die Lunge steht auch mit der Aufienwelt in einer Beziehung. Sie
nimmt den Sauerstoff aus der aufieren Luft auf; sie verarbeitet ihn. Sie
unterhalt durch die Atmung unser Leben. Wenn wir nicht gerade ein
indischer Yogi sind, nehmen wir fur das gewohnliche Bewufitsein
nichts wahr, wenn wir unseren Lungenvorgang vollziehen. Aber je
nachdem die Lunge wirkt, ob sie gesund die auftere Luft wahrnimmt,
ob sie durch ihren Krankheitszustand nicht in der richtigen Weise die
aufiere Luft wahrnimmt, das wirkt in uns weiter. Wie wir atmen durch
die Lunge, so sind wir. Wir nehmen nicht wahr durch die Lunge fiir das
gewohnliche Bewufksein, aber wir haben etwas durch unsere Lunge,
was macht, daft wir so und so sind in unserem Organismus.
Fur das Auge konnen wir sagen - und das konnen wir fiir jeden
der aufieren Sinne -, es lebt auf der einen Seite im sinnlichen Wahr-
nehmungsvorgange, auf der anderen Seite leise in einem anderen Vor-
gange, denn wir miissen es uns erst zum Bewufitsein bringen, dalS da
durch das Helligkeits- oder Dunkelheitserleben in uns auch etwas
vorgeht, das nicht so vehement, nicht so radikal ist, so ausgesprochen
wie das, was durch die Sauerstoff auf nahme der Lunge in uns vorgeht.
DalS der Mensch dasjenige ist, was die Sauerstoff auf nahme der Lunge
aus ihm macht, das weilS er, weil das ein robuster, ein starker, inten-
siver vitalistischer Vorgang ist. Dasjenige, was wir durch das Auge
haben, ist ein intimer, leiser vitalistischer Vorgang neben dem eigent-
lichen Sehvorgang. So dafi wir sagen konnen: Bei einem solchen
Organ, wie es die Lunge ist, ist das ganz besonders stark ausgepragt,
was beim Auge, bei einem Sinnesorgan, nur leise angedeutet ist.
Nun aber konnen Sie nachlesen in meinem Buche: «Wie erlangt
man Erkenntnisse der hoheren Welten?» und im zweiten Teil meiner
«Geheimwissenschaft im Umrifi», wie der Mensch Ubungen machen
kann, durch die er gewisse, in ihm sonst verborgene Erkenntniskrafte
zu hoheren Fahigkeiten ausbildet. Durch solche Ubungen wandelt er
sein ganzes Inneres um. Dasjenige aber, was durch diese Umwande-
lung geschieht, lafit sich gerade fur unser Beispiel so charakterisieren,
da$ die Lunge einen ahnlichen Charakter annimmt wie das Auge. Es
tritt in einem allerdings hoheren Schauen der vitalistische Vorgang
zunachst zunick. Wir geben uns weniger dem hin, was die Lunge
durch Atmung organisch aus uns macht; aber wir wandeln die Lunge
so um, dafi sie nun auch ein Sinnesorgan wird, allerdings nicht die
physische Lunge, sondern einen feineren Teil, den atherischen Teil
der Lunge. Wir machen aus der Lunge in ihrer feineren Gliedrigkeit
etwas Ahnliches, wie das Auge ist, ohne dafi wir etwas dazu tun. Un-
ser Auge hat die Natur zu einem Schauorgan gemacht, neben einem
Organ, das an uns bildet. Die Lunge ist zunachst fur unser gewohn-
liches Bewufitsein ein Organ, das an uns bildet. Wir machen sie, in-
dem wir in uns Erkenntnisse der hoheren Welten erleben, zu einem
Schauorganismus, zu einem hoheren Sinnesorgan mit ihrem feineren
atherischen Teil.
Und wenn wir dieses atherische Wesen, das wir jetzt erst gewahr
werden, an der Lunge erleben, konnen wir jetzt die Lunge ebenso
beschreiben. Wir konnen sagen: Da ist die Lunge, die atherische Lun-
ge. Der Atherleib der Lunge, der nimmt wahr, der ist also ein hoheres Tafel 2
Sinnesorgan. Und indem er die physische Lunge in sich tragt, ist er
ein vitalisierendes Organ. Sie sehen, im Erlangen der Erkenntnis
hoherer Welten wird die Lunge aus einem gewohnlichen, nicht wahr-
nehmenden Korperorgan, das aber dem Wachstum, der Lebensent-
faltung des Korpers gewidmet ist, ein Sinnesorgan im hoheren Sinne.
Solche Betrachtungen konnen wir fur das Herz anstellen, solche
Betrachtungen konnen wir aber auch fur die anderen Organe, fur
Nieren, fur Magen und so weiter anstellen. Alle Organe, die der
Mensch in sich tragt, konnen durch gewisse hohere Entwickelung,
indem ihr Atherisches oder ihr noch Geistigeres, das Astralische,
zu Wahrnehmungsorganen werden, konnen Sinnesorgane werden.
Wir schauen auf der einen Seite auf die Natur hin, dann auf unsere
Sinne und sagen uns: In unseren Sinnen liegt etwas, was auf der einen
Seite eben die Sinnesempfindungen vermittelt, auf der anderen Seite
unsere Vitalitat. Wir schauen auf unsere inneren Organe, Lunge,
Herz und so weiter. Wir finden, das sind zunachst Organe, die un-
sere Vitalitat unterhalten. Wir bilden sie aus durch jene Methoden,
die ich beschrieben habe in «Wie erlangt man Erkenntnisse der
hoheren Welten ?»; sie werden Sinnesorgane. Und so wie wir durch
das Auge das Licht oder die Farben, das heilk, einen gewissen Teil
der aufteren Sinneswelt wahrnehmen, so nehmen wir einen gewissen
Teil der aufieren geistigen Welt wahr gerade durch das atherische
Lungenorgan, einen anderen Teil der geistigen Aufienwelt durch das
atherische Herzorgan. Wir konnen unseren Gesamtorganismus in
einen Sinnesorganismus umbilden.
Sehen Sie, da haben Sie gewissermafien real erfafk, was sonst als
Aufienwelt nur bis an die Oberflache der Sinne dringt und dann
Vorstellung wird. Das haben Sie tiefer, aber jetzt als geistige Aufien-
welt an den Menschen herandringend. Der Mensch wird gewisser-
ma$en, indem er sich zu Erkenntnissen hoherer Welten entwickelt,
indem er seine inneren Organe zu Sinnesorganen umbildet, nach und
nach innerlich so durchsichtig, wie das Auge durchsichtig ist. Wir
sehen, wie die Aufienwelt ihn durchsetzt.
Sie sehen aber daraus, da$, wenn wir beim gewohnlichen Bewulk-
sein bleiben, wir nur hinschauen konnen auf die au£eren Sinne, die
wir haben beschreiben konnen, wie sie sind. Aber denken Sie sich,
kann ein Mensch die gesamte Volkerkunde der Erde kennen, wenn
er nur drei Volker kennt, wenn er nur von drei Volkern gehort hat?
Nein, denn er mufi vergleichen konnen. Denken Sie, was uns zur
Vergleichung gegeben wird fiir die Erkenntnis auch der aufieren Sin-
ne, wenn wir uns fragen konnen: Wie sind unsere inneren Organe,
wenn sie auch Sinne werden?
Wir erlangen gerade dadurch eine ganz besondere Art von Men-
schenerkenntnis. Wir erlangen eine Erkenntnis von dem, was in uns
veranlagt ist, was in uns werden kann. Ja, aber zeigt denn das nicht
auf etwas anderes? Wirft denn das nicht eine bedeutungsvolle Frage
auf? O ja, es wirft die Frage auf: Wenn unsere Lunge durch unsere
eigene, durch uns in die Hand genommene hohere Entwickelung ein
Sinnesorgan werden kann, wenn also gewissermafien der Werdegang
so ist, dafi wir in der Lunge zuerst ein vitales Organ haben, dann ein
Sinnesorgan, wie steht dann das zum Beispiel mit dem Auge oder mit
einem anderen Sinn? Steht es da vielleicht so, dafi es heute Sinnesor-
gan ist, aber auch einmal, aber nicht in einem bewufiten ProzelS, wie
wir es beim Erringen der hdheren Erkenntnis machen, sondern ein-
mal in einer friiheren Weltentwickelung ein blofies Vitalorgan war,
das Auge also vielleicht ein Organ, das ahnlich dem Organismus
gedient hat, wie heute die Lunge dient, ohne schon ein Wahrneh-
mungs organ zu sein?
Die Frage wird wenigstens zunachst aufgeworfen: Da in unseren
Vitalorganen die Moglichkeit der Sinnesbildung steckt, da wir sehen,
wie Sinn wird, werden wir da nicht darauf verwiesen, einmal zu
achten, ob die Sinne nicht in einer ahnlichen Weise durch aufiere
Weltentwickelungen erschlossen worden sind, ob wir nicht mit dem
Menschenwesen zuriickgehen mussen in friihere Zeiten, wo das
Menschenwesen noch nicht diese aufieren Sinne nach aufien gewen-
det hat, sondern wo diese aufieren Sinne Innenorgane waren, Vital -
organe waren, wo also der Mensch in bezug auf seine jetzigen
aufieren Sinne blind, taub war, aber seine Augen, die naturlich noch
anders gestaltet gewesen sein miissen, zu etwas anderem gedient
haben, ebenso seine Ohren zu etwas anderem gedient haben?
Zugleich sehen wir, wie das Erringen der Erkenntnisse hoherer
Welten etwas hinzufiigt zu derjenigen Menschenerkenntnis, die wir
uns nur auf aufierliche Weise erringen konnen.
Die meisten von Ihnen haben ja von mir Darstellungen gehort
iiber das Wesen des Menschen von den verschiedensten Gesichts-
punkten aus. Indem ich heute zunachst einleitungsweise wiederum
auf einen Gesichtspunkt eben nur hingewiesen habe, sehen Sie dar-
aus, wie anthroposophische Weltbetrachtung von den verschieden-
sten Gesichtspunkten ausgehen kann, und durch das Zusammenfas-
sen der Ergebnisse von diesen verschiedenen Gesichtspunkten aus
eben erst zu einer Totalauffassung des menschlichen Wesens kommt.
Man stellt sich eben oftmals vor, anthroposophische Forschung
sei so, nun ja, daft man eben einen geraden Weg zu den paar Defini-
tionen gibt, die meistens in den Biichern stehen, die in nichtanthro-
posophischen Kreisen iiber die hoheren Welten geschrieben werden.
Das ist aber nicht so, sondern das, was man zunachst von einem
Gesichtspunkte aus gewinnen kann - der manchmal in einer furcht-
baren Weise abgekanzelt wird, weil die Leute eben glauben, es ist nur
ein Gesichtspunkt da -, das kann eben erganzend von anderen Ge-
sichtspunkten aus wieder beleuchtet werden, und dann fiigt sich das
Ganze zusammen zu einem Wahrheitsgebaude der Anthroposophie,
das sich eben selbst tragt.
Wer gewohnt ist an dasjenige, was er seinem Wahrheitswege zu-
grunde legt in unserem materialistisch gefarbten Zeitalter, der sagt
vielleicht: Ja, diese Anthroposophie baut auf nichts Festem, wah-
renddem die Wissenschaft auf der festen Beobachtung baut. - Das ist
so, wie wenn jemand sagen wiirde: Die Erde kann doch nicht frei im
Weltenraum schweben! Jeder Korper muiS auf etwas liegen, wenn er
nicht herunterfallen soli; also wenn die Erde nicht auf einem mach-
tigen kosmischen Klotz ruhte, so miifite sie ja herunterfallen. - Aber
der Satz, dafi alles auf dem Boden ruhen raufi, gilt nur fur die Dinge
der Erde. Er gilt nicht mehr fur die Weltenkorper, und es ware eine
Torheit, das, was fur die Erde gilt, auf den Zusammenhang der
Weltenkorper zu ubertragen. Die tragen sich gegenseitig. Und so ist
es bei den anthroposophischen Wahrheiten: sie fiihren eben aus der
Welt, in die wir hineingewohnt sind, zu den anderen Welten, in
denen sich die Wahrheiten gegenseitig tragen. Dazu allerdings mufi
ein Wesentliches beigetragen werden, dafi sich die Wahrheiten also
selbst tragen.
Das wollte ich heute als Einleitung geben zu den Vortragen, die
ich morgen und dann in der nachsten Woche uber das menschliche
Seelenleben in seinem Verhaltnis zur Weltentwickelung geben wer-
de. Ich wollte heute gerade die Einleitung so gestalten, damit man
sieht, dafi allerdings das, was dann mit Hilfe der iibersinnlichen
Forschungsmethode liber dieses Seelenwesen gesagt werden kann,
durchaus seinen Anfang nehmen kann in bezug auf die Betrachtun-
gen von demjenigen, was sich eben schon einem verniinftigen Inter-
pretieren des gewohnlichen Bewufitseins ergibt.
Ich konnte heute nur den ersten Schritt machen von einer aufier-
lichen Beschreibung hinein in die Art und Weise, wie das hohere
Bewufitsein, sagen wir, die Lunge sieht beim Ubergang in ein gei-
stiges Sinnesorgan, wenn ich den widerspruchsvollen Ausdruck
gebrauchen darf. Wir werden aber gerade auf diesem Wege weiter-
schreiten, um die angedeuteten Beziehungen des menschlichen
Seelenlebens in den nachsten Tagen kennenzulernen.
ZWEITER VORTRAG
Dornach, 30. April 1922
Ich habe Ihnen gestern von den Sinnesorganen gesprochen, und ich
habe darauf aufmerksam gemacht, wie sich der Anbhck der Sinnes-
organe dann ausnimmt, wenn wir ihn so fassen, dafi wir zu dem, was
das gewohnliche Bewufitsein liefert, dazunehmen die Erkenntnis der
iibersinnlichen Welten. Ich habe gesagt, dafi in dem Augenblicke, wo
wir uns aufschwingen zu einem geistigen Schauen der iibersinnlichen
Welten, dafi dann andere Organe - ich fiihrte gestern das Beispiel der
Lunge an - ebenso Sinnesorgane werden, wie es unsere gewohn-
lichen Sinnesorgane sind. So dafi wir gerade dadurch die Anschauung
bekommen miissen, dafi unsere Organe in einem Wandel, in einem
Werden begriffen sind, und dafi, wenn wir die Welt ebenso anschau-
en, wie wir sie - wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf - im Alltag
anschauen konnen, wir eigentlich immer nur etwas bekommen,
was festgehalten ist, was uns einen augenblicklichen Zustand zeigt,
wahrend wir sein Vorher und Nachher nicht iiberblicken konnen.
Wir miissen uns ja das Folgende sagen. Wenn uns einfach das
Aufriicken in die imaginative Welt, wie ich sie genannt habe in dem
Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?», den
Ubergang zeigt unserer Lunge aus einem blofien Lebensorgan in ein
Sinnesorgan, so konnen wir diese Lunge nicht mehr so ansehen, wie
wir sie im gewohnlichen Leben ansehen. Wir miissen uns sagen:
Unser gewohnliches Leben zeigt uns einen Zustand, der festgehalten
ist. - Und wenn wir diesen Zustand, der festgehalten ist in der Lunge,
vergleichen mit dem Zustand, der festgehalten ist gewissermafien
in unseren Augen, dann bekommen wir die Anschauung: Das, was
uns unsere Lunge zeigt, ist gewissermafien ein jiingerer Zustand als
dasjenige, was uns unser Auge zeigt.
Ich habe gestern gesagt - die Frage konnen wir wenigstens auf-
werfen -: War das Auge in der Weltenentwickelung einmal so ein
Lebensorgan, wie es die Lunge heute ist? - Bleiben wir dabei, dafi
wir, um moglichst vorsichtig zu sein, das zunachst als Frage aufwer-
fen. Sagen wir uns, es gibt wenigstens eine Moglichkeit, dafi die Lun-
ge und das Auge sich so verhalten, sagen wir, wie ein Knabe zu einem
erwachsenen Menschen, so dafi das eine die junge Form ist, das an-
dere die alte Form ist, dafi also einmal das Auge in der Weltentwik-
kelung in der Jugend auch ein Lebensorgan gewesen sein konnte,
jetzt ein Sinnesorgan geworden ist, dafi die Lunge jetzt ein Lebens-
Tafel 3
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/
/
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/
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organ ist, spater ein Sinnesorgan werden konnte. Doch wird sich uns
die Wahrheit erst ergeben, wenn wir weiter eintauchen in iibersinn-
liche Erkenntnisse gerade auf diesem Gebiete. Dazu wollen wir heu-
te die andere Seite, gewissermafien den anderen Pol des menschlichen
Seelenlebens betrachten, den Willenspol. Wir haben ihn gestern, ich
mochte sagen, rein aufierlich. charakterisiert.
Wenn wir nun den Willenspol aber auch so betrachten, dafi wir
uns die Frage vorlegen: Wie ergibt sich sein Anblick, wenn wir uns
imaginative Erkenntnis erwerben? - Ja, wenn wir uns imaginative
Erkenntnis erwerben, dann ergibt sich das, dafi zunachst alles, was
Organe des Willens sind, abblassen, verblassen vor dem geistigen
Schauen. Wir haben an uns als Organe unseres Willens zunachst
unsere Gliedmafien; diese Gliedmafien blassen ab. Und das ist das
Charakteristische, dafi eigentlich der Mensch, indem er sich zum
imaginativen Erkennen erhebt, wenn er seinen aufieren Organismus
betrachtet, die Gliedmafien und dasjenige, was damit zusammen-
hangt nach innen, das Stoffwechselsystem, verliert; im Anblick
verliert er es. Es ist einfach nicht mehr in der Starke da wie vorher,
wie fur den sinnlichen Anblick. Und wenn wir alles das, was wir
da gewissermafien verlieren, was sich fur den hoheren Anblick uns
entzieht, vergleichen mit etwas, was in der Sinneswelt vorhanden
ist, dann kommen wir zu einem ganz merkwiirdigen Ergebnis.
Ich will Ihnen dies Ergebnis schematisch aufzeichnen. Nehmen
Sie an, wir haben bier den Menschen, wie wir ihn in der Sinneswelt
sehen (Zeichnung links). Jetzt beginnen wir diesen Menschen mit der
imaginativen Erkenntnis anzuschauen. Die Gliedmafien werden
blafi, verlieren sich. Aber auch alles das wird blafi, was Knochen-
system ist. Und das wird immer blasser und blasser vor der imagina-
tiven Erkenntnis.
Nun denken Sie einmal, ich zeichne das heraus, was vor der ima-
ginativen Erkenntnis blafi wird; was bekomme ich dann? Ich bekom- J f a . fel
. ... . Mltte
me immer mehr das Bild des menschlichen Leichnams. Das heifit
aber nichts anderes als: Das, was vom Menschen nach dem Tode
iibrig bleibt und was ich in die Erde versenke, wenn ich den Men-
schen begrabe, oder was verbrannt wird, wenn der Mensch verbrannt
wird, das hort auf, sichtbar zu sein in demselben MafSe, in dem man
die iibersinnliche Erkenntnis anwendet auf den Menschen. Aber
etwas anderes wird sichtbar. Da, wo die Arme, die physischen Arme
immer mehr und mehr erblassen, da wird allerlei sichtbar, was die
altere instinktive Erkenntnis gar nicht so unrichtig gesehen hat, in-
dem sie von Flugeln gesprochen hat, indem sie gesagt hat, dafi an der
Stelle, wo der physische Mensch Arme hat, das geistige Wesen und
naturlich auch der geistige Mensch nach dem Tode dann gefliigelt
wird. Aber das ist dann eine grobe Vorstellung, ich mochte sagen,
eine gespenstisch grobe Vorstellung, wenn man so wie eine Art Sym-
bolum so ein gefliigeltes Wesen, einen besseren Vogel, an die Stelle
des Geistwesens setzt. Denn wenn man die Erkenntnis der hoheren
Welten fortsetzt, wenn man aufsteigt, so wie ich es beschrieben habe,
von der imaginativen Erkenntnis zu der inspirierten Erkenntnis,
dann merkt man, was das eigentlich ist. Das ist ein ziemlich unregel-
mafiiges Gebilde beim Menschen, was da grob als Fliigel gefafit
werden konnte. Es ist auch gar nicht so leicht herauszubekommen,
was das ist, was man da sieht. Wenn man aber darauf eingeht,
bekommt man nach und nach durch subtiles Anschauen heraus, was
das eigentlich ist, was, sagen wir, an der Stelle meines rechten Armes
auftritt und meiner rechten Hand, wenn ich von der imaginativen zur
inspirierten Erkenntnis mich hinaufschwinge. Ich will die Sache
noch anders sagen: Nicht wahr, die Arme machen ja zum Entsetzen
der Herren Materialismuskritiker, besonders bei der Eurythmie,
schreckliche Bewegungen, viele Bewegungen. Das konnen die Leute
nicht leiden, die die Eurythmie nicht verstehen. Aber wenn Sie
dasjenige, was in Eurythmie an Bewegungen gemacht wird, mit
der inspirierten Erkenntnis betrachten - nicht der Arm ist da, nicht
die Hand ist da, aber alle Bewegungen sind da, alle einzelnen Bewe-
gungen; das alles ist da. Und weil das alles ineinandergeht, weil das
so vieles ist, weil das immer ineinandergreift, so nimmt sich das aus
wie Fliigel.
Nun, die Menschen, die nicht Eurythmisten sind, machen ja auch
mit ihren Armen Bewegungen, und der Mensch macht mit den Air-
men die meisten Bewegungen. Alle diese Bewegungen, die Bewe-
gungsformen, die Bewegungskurven, die werden sichtbar (siehe
Zeichnung, orange). Dasjenige, was physisch ist, der Muskel, das
Fleisch, die Knochen, die horen auf, sichtbar zu sein. Die Bewegun-
gen, sie werden sichtbar. Ja, sehen Sie, ebenso ist es mit den Beinen.
Aber ich habe Ihnen gestern gesagt: Der Mensch bewegt ja nicht nur
sich; ich habe gestern, um nicht gerade Gedankenformen zu erregen,
die auf unniitzes Leben hinweisen, nicht das Sportwesen genannt,
sondern ich habe das Holzhacken genannt. Nun, da fuhrt der Mensch
fortwahrend Bewegungen aus, wenn er Holz hackt. Alle diese Bewe-
gungen sind aber auch da, wenn man von der imaginativen Erkennt-
nis zu der inspirierten Erkenntnis aufsteigt. Aber der Mensch fuhrt
nicht nur durch seinen Leib Dinge aus; er fuhrt gedachte Dinge aus,
vielleicht durch andere Menschen und so weiter. Alles das beginnt
nach und nach sichtbar zu werden, namentlich wenn der Mensch
dann von der inspirierten Erkenntnis zu der intuitiven Erkenntnis
aufsteigt. Kurz, in bezug auf den Willenspol hort nach und nach auf
sichtbar zu sein, was wir mit dem Menschen ins Grab legen, wahrend
all das, was er getan hat, anfangt sichtbar zu werden. Und wenn der
Tafel 4
Mensch gestorben ist, so ist zunachst hauptsachlich von ihm dasjeni-
ge da, was er getan hat. Das ist es, was sich weiter fortbewegt im Le-
ben, was weiter Existenz hat im Leben. Es ist wie eine Willensgeburt,
was da durch den Tod hindurchgeht. Sie sehen also, wir miissen einen
anderen Weg wahlen, wenn wir von dem Physischen auf das Seelische
kommen wollen mit Bezug auf die Gliedmafiennatur des Menschen.
Und mit demjenigen, was Stoffwechsel ist, geht es genau ebenso.
Nun habe ich also in einem gewissen Zusammenhange betrachtet
das, was Sinneswesenheit im Menschen ist, und dasjenige, was in
gewissem Sinne Willenswesenheit, Tatwesenheit ist. Wir werden
noch um ein Stuck weiterkommen, wenn wir nun wiederum zuriick-
gehen zu der Sinneswesenheit, zu dem einen Pol des menschlichen
Wesens, wenn wir mit der entwickelten imaginativen und inspirier-
ten Erkenntnis zuriickschauen auf dasjenige, was nun aus unserem
Sinnesorgan, sagen wir aus dem Auge wird, dann noch, wenn wir in
dem Stadium leben, dafi uns, sagen wir, die Lunge zum Sinnesorgan
geworden ist.
Wenn uns die Lunge zum Sinnesorgan geworden ist, dann beginnt
namlich fur uns eine Wahrnehmung einer ganz anderen Welt, ich
meine, fur den hoheren Menschen, der sich allmahlich loslost aus dem
gewohnlichen Menschen. Der gewohnliche Mensch steht immer
kontrollierend daneben - das habe ich ja wiederholt auch offentlich
ausgefiihrt -, aber ich meine, fur den Menschen, der da entsteht, der
sich herausentwickelt aus dem anderen. Nun, sobald unsere Lunge
beginnt, Sinnesorgan zu werden, beginnen wir auch die Welt wahrzu-
nehmen so, daft wir ihr Wesen als Rhythmus mehr musikalisch erle-
ben, ja dafi wir alles dasjenige erleben, was ich dargestellt habe zum
Teil in der Beschreibung der Seelenwelt, zum Teil in der Beschrei-
bung des Geisterlandes in meiner «Theosophie». Wir beginnen eben
etwas anderes als Umgebung zu erleben, wenn die Lunge Sinnesor-
gan wird. Ich habe gestern bemerkt, sie wird in ihrem atherischen Teil
Sinnesorgan. Was wird dann aus dem gewohnlichen Sinnesorgan?
Fur die Gliedmafien-Stoffwechselorgane mufite ich sagen: sie ver-
schwinden vor dem Anblick. Bei den Sinnesorganen ist das nicht der
Fall; sie verschwinden nicht, sie zeigen sich uns als dasjenige, was sie
jetzt sind. Sie zeigen sich uns namlich in ihrer Geistigkeit. Die Sinnes-
organe werden wahmehmbar, sie werden Objekte, aber sie werden
etwas wie geistige Wesenheiten. Sie sind da als dasjenige, was - wenn
ich mich so ausdriicken darf - nunmehr unsere Geistwelt bevolkert.
Und es ist in einem gewissen Sinne die Empfindung stark vorhanden,
daft sich diese Sinnesorgane selbst zur Welt vergrofiern, dafi wir ein
Weltenall auf erbaut bekommen aus unseren Sinnesorganen. Und die-
ses Weltenall, das wir da auferbaut bekommen, das verbindet sich fiir
unser seelisches Erleben jetzt mit etwas anderem. Es verbindet sich
fiir unser seelisches Erleben mit dem in uns, was wir im gewohnlichen
Leben unsere Erinnerungs-, unsere Gedachtnisvorstellung nennen.
Ich mufi da auf ein bedeutsames Erlebnis hinweisen, das man hat
beim Aufsteigen aus der imaginativen in die inspirierte Erkenntnis.
Die Sinnesorgane werden gewissermafien selbstandige Wesenheiten,
aber sie nehmen an sich unser Gedachtnis, unseren Erinnerungs-
inhalt. Und wenn wir dies beachten, dann tritt etwas von dem Wesen
unseres Seelischen ganz deutlich vor uns auf.
Nehmen Sie das menschliche Auge, Dieses menschliche Auge ist
zunachst ein Organ, so wie ich es gestern beschrieben habe. Jetzt,
wenn wir beginnen, imaginative Erkenntnisse zu entwickeln, auf-
zusteigen zur inspirierten Erkenntnis, dann verschwindet nicht das
Auge, aber alles Physische am Auge verschwindet- Das Auge aber
wird immer geistiger und geistiger. Wir bekommen einen machtigen,
ich mochte sagen, zum Weltinhalt erweiterten Inhalt. Aber der ver-
bindet sich mit unserem Erinnerungs inhalt (gelb), mit unseren Ge-
danken, die in der Erinnerung, im Gedachtnisse sind (Zeichn. S. 39).
Dadurch ringen wir uns allmahlich zu einer ganz bestimmten
Erkenntnis herauf. Sehen Sie, eine sehr triviale Vorstellung der gang-
baren Seelenkunde oder Psychologie ist diese, daft der Mensch sinn-
lich wahrnimmt, an der sinnlichen Wahrnehmung die Vorstellungen,
die Gedanken entwickelt. Dann gehen diese Gedanken - ja, irgend-
wo hin. Besonders die Herbartsche Philosophic war darin groft, daft
sie diese Gedanken unter irgendeine Schwelle hinunter verschwin-
den liiftt; dann, wenn man sich erinnert, spazieren sie wieder herauf
und erscheinen wiederum im Bewufttsein.
Mich erinnert diese Art von Seelenkunde, Psychologie, immer an
ein kleines neckisches Kinderspielchen, das ich als ein ganz kleiner
Knabe oftmals wahrgenommen habe: man fahrt mit den zwei Han-
den einem Kinde iiber den Riicken des Armes bis hinauf zum Kopfe
und sagt dann: Das Mauserl rennt iibers Hauserl. Wo wird's rasten?
Im Sepperl sein'm Kasten - und so weiter. Nun, dieses Kinderspiel
stellt sich dem Kinde so vor, wie wenn ein Mauserl, eine Maus, iiber
den Arm laufen konnte und dann in dem Kasten, also da irgendwo
drinnen, im Kopfe, ist. Aber nicht viel gescheiter ist diese Seelenkun-
de. Die lafit auch Gedanken an den Sinneswahrnehmungen erregen;
die spazieren dann in diesen Kasten, in diesen Seelenkasten hinein,
und aus dieser Sparbiichse stehen sie wiederum auf, wenn sie dann
erinnert werden. Nun, es ist eine sehr banale Vorstellung, aber es ist
eine Vorstellung, mit der in der Psychologie vielfach eben auch spa-
zierengegangen wird. Aber lernt man so den ganzen Vorgang durch
die imaginative und inspirierte Erkenntnis kennen, dann stellt sich
erst recht die Wahrheit der Sache heraus. Dann merken wir erst das
Folgende.
Das, was die inspirierte und imaginative Erkenntnis anschauen,
das haben sie ja nicht gemacht. Es ist ja gerade so, wie, wenn man mit
dem Auge die Kreide anschaut, das Auge die Kreide ja nicht er-
schafft; sie ist doch da. So ist auch dasjenige da, was da durch inspi-
rative und imaginative Erkenntnis wahrgenommen wird. Also wah-
rend das gewohnliche Bewulksein wirkt, ist das als Realitat vorhan-
den. Es geht ja das alles vor. Es wird nur eben wahrnehmbar durch
das iibersinnliche Erkennen. Es geht in jedem wachen Augenblick in
dem Menschen vor. Dafi es aber etwas anderes gibt, als was man
wahrnimmt durch das gewohnliche Bewulksein, daft es einen Paral-
lelvorgang gibt, den man eben erst wahrnimmt, wenn man das hohe-
re Bewufitsein hat, das zeigt sich durch diese Tatsache. Ich will so
sagen: Im gewohnlichen Leben ist alles das vorhanden, was man mit
dem gewohnlichen Bewufttsein wahrnehmen kann; aber aufierdem
ist noch all das vorhanden, was man erst mit dem imaginativen, in-
spirierten Bewulksein erlangt. Das ist also ein Vorgang, den man im
gewohnlichen Leben nicht kennt. Lernt man ihn durch das hohere
Erkennen kennen, dann stellt er sich so dar, dafi jetzt erst klar wird,
dafi die Erinnerungsbilder, die Gedachtnisvorstellungen, wenn wir
sie im gewohnlichen Bewufitsein haben, eben nur Bilder sind. Ihre
Realitat zeigt sich erst im hoheren Bewufitsein, tritt jetzt erst hervor
im hoheren Bewufitsein, so dafi also die Gedachtnisvorstellungen da
nicht heraufspazieren, nachdem sie zunachst als die gewohnlichen
Vorstellungen hinuntergegangen sind. Sondern, wenn ich eine Vor-
stellung mir bilde an einer Sinneswahrnehmung, mich dann von der
Sinneswahrnehmung zuruckziehe, so ist die Vorstellung da. Dann
verschwindet sie nach einiger Zeit. Da sie nur ein Bild ist, ist sie
vollstandig verschwunden; weg ist sie. Aber die Sinne tun noch etwas
anderes: sie vollziehen einen Prozefi, den ich nicht wahrnehme, sie
vitalisieren mir in mein Inneres den realen Vorgang fur das Vorstel-
len. So dafi ich, wenn ich eine sinnliche Wahrnehmung habe, durch
diese sinnliche Wahrnehmung mir zunachst die Vorstellung bilde
(rot), dann aber ein zweiter Vorgang da ist (blau), durch den etwas
Reales bewirkt wird, nicht ein blofies Bild. Nun, das Bild verschwin-
det, wenn ich es nicht mehr habe. Wenn ich mich erinnere, so wirkt,
geradeso wie vorher die Sinneswahrnehmung, diese Vorstellung her-
auf, und ich nehme dasjenige wahr, was real in mir erregt worden ist,
als ich die Sinnesvorstellung hatte, was ich nur nicht wufite.
Tafel 4
Aber dieses Reale ist das eigentliche Seelische. Wenn Sie heute
einen physischen Menschen vor sich haben und Sie beobachten ihn,
sagen wir, nach acht, zehn Jahren wiederum, so ist nichts mehr von
dem, was heute physisch in ihm ist, nach etwa zehn Jahren vorhan-
den. Sie schneiden sich die Nagel, von Ihrer Haut fallen die Schup-
pen; nach aufien fallt immerfort der physische Leib ab. Er zerstaubt.
Und nach einer solchen Zeit von sieben bis zehn Jahren ist dasjenige,
was heute am tiefsten von Ihnen im Inneren ist, gerade so weit nach
aufien gekommen, dafi es als Schuppen oder lange Nagel abstaubt.
Sie konnen ruhig sagen: Dasjenige, was heute irgendwo in der Mitte
von Ihnen sitzt, das ist nach und nach aufSen, wandert, fallt ab. Dieser
physische menschliche Leib tropft fortwahrend ab. Und was bleibt
denn vorhanden? Dasjenige, was einzig und allein vorhanden bleibt
von der menschlichen Wesenheit, das ist das, was da als Parallelvor-
gang (siehe Zeichnung, blau), als das Reale fur das Vorstellungsbild
nach innen entwickelt wird.
Von dem, was Sie heute sind, sind Sie nach zehn Jahren nichts
anderes, als was Sie aufgenommen haben und was Ihnen in der Er-
innerung geblieben ist. Sie sind aus Ihren Erinnerungen gewoben;
von dem, was Sie vor zehn Jahren waren, ist in Ihnen nichts mehr
anderes vorhanden als dasjenige, was Ihre Erinnerung aus Ihnen
gewoben hat. Das Physische ist abgeschuppt, das ist weggetropft.
Wenn man in einer verniinftigen Weise blofi zusammenschaut, was
jeder schon im gewohnlichen Bewulksein haben kann, so bekommt
man doch durchaus mit dem gesunden Menschenverstand eine Vor-
stellung davon, dafi das so sein mufi, wie ich es jetzt mit Zuhilfe-
nahme der Imagination und Inspiration vor Ihnen hier entwickelte.
Wenn wir uns nun ein Bild selber machen wollen von der Art und
Weise, wie eigentlich menschliche Entwickelung ist mit Bezug auch
auf das Seelische, konnen wir das nach der einen Seite hin - wir be-
trachten jetzt, ich bitte das zu beriicksichtigen, den einen Pol, den
Gedankenpol - nicht anders als so machen (Zeichnung). Zuerst, wenn
wir geboren werden, ist von uns irgendein Leib vorhanden (hell).
Dahinein fiillen sich gewissermafien die Parallelvorgange zu den Sin-
neswahrnehmungen (gelb). Das alles (hell) tropft nach und nach ab.
Tafel 4
Sie essen, Sie nehmen durch die Luft allerlei auf. Das setzt sich da
hinein in Ihre Gedachtnisvorgange und bildet Ihnen den Leib immer
neu. Aber das, was da als Stoffwechselsystem sich hineinimpragniert
in Ihr Seelisches, das ist dasjenige, was Sie nach dem Tode begraben.
Aber das eigentlich Seelische ist gewoben aus dem, was die Seele
entwickelt an den Vorgangen, die Sie zunachst nur als Vorstellungen
empfinden, als Vorstellungen erleben. Also Sie konnen gut sagen: Ich
lebe in Gedanken, und ich mache mich fortwahrend durch meine
Gedanken. Dasjenige allerdings, was ich mit dem gewohnlichen
Bewufksein als Gedanken wahmehme, das ist nur ein Bild von dem,
was ich da mache. Das ist gewissermaften eine Begleiterscheinung.
Ja, aber daraus geht etwas aufierordentlich Wichtiges und Bedeut-
sames hervor. Es geht daraus hervor, daft im Grunde genommen es fur
die menschliche Entwickelung viel wichtiger ist, was da aufier dem,
was ich durch das gewohnliche Bewuiksein erkenne, in mir noch vor-
geht. Schauen wir die Welt an. Ich erfreue mich an dem, was mir meine
Augen zeigen, was mich meine Ohren horen lassen. Ich erlebe das an-
dere, was mich meine Sinne wahrnehmen lassen. Aber wahrend ich da
sehe, hore, fuhle, da schleicht sich in mein Inneres das herein, was spa-
ter in der Erinnerung heraufgeholt werden kann; da schleicht sich alles
das herein, was mein Seelisches ist. Das ist in einer fortwahrenden
Tatigkeit, das ist nicht, das tut immer, das wogt und webt.
Von dem, worauf ich hier hindeute, hat der, der sich in ganzem,
vollem Ernste zu geistigen Erkenntnissen zu erheben versucht, eine
starke Erlebnisvorstellung. Was man schwarz auf weift besitzt, kann
man getrost nach Hause tragen. Und da man vorzugsweise dieses
Getrostetsein haben will in der heutigen Welt, da man die innere
Unruhe nicht sehr liebt, so formt man heute auch alle Erkenntnisse
so, dafi sie aufgeschrieben werden konnen, dafi sie getrost nach Hause
getragen werden konnen. Blofi von den anthroposophischen Vortra-
gen sagt man, da£ sie meistens «schlecht nachgeschrieben» werden,
und dafi man eigentlich nicht viel hat von dem, was da nachgeschrie-
ben wird, dafi man das nicht so sehr getrost nach Hause tragen kann.
Aber sehen Sie, das ist nur ein Abbild von den Erlebnissen bei den
hoheren Erkenntnissen. Wenn ein Student heute sich fur ein Examen
vorbereitet, da ist er wirklich froh, wenn es ihm nun gelungen ist, in
dieses Organ etwas hereinzubekommen, und wenn er es vor drei, vier
Wochen hereinbekommen hat und dann das Examen ist, dann will er
es so, wie er es da hineingerammelt hat, auch wieder herausgeben
konnen. Mit den hoheren, mit den ubersinnlichen Erkenntnissen ist
es eben nicht so. Derjenige, der sich wirkliche ubersinnliche Erkennt-
nisse erwirbt, der stent dem Leben dieser ubersinnlichen Erkenntnis-
se gegemiber. Die leben fortwahrend; die verhalten sich nicht so starr
wie diejenigen Vorstellungen, die man heute als die wissenschaft-
lichen Abbilder der aufieren physischen Welt zum Trost sogar auf-
geschrieben haben will. Ich will mich ganz radikal ausdriicken, weil
dieses radikale Ausdriicken hindeutet auf eine sehr wichtige innere
Tatsache.
Nehmen Sie einmal den Fall, irgend jemand hat sich ziemlich
hochgehende ubersinnliche Erkenntnisse erworben. Er hat sie nun.
Er kann sie durch die Vorgange, die ich ofter geschildert habe, spater
wieder haben. Er erlebt sie, sagen wir, wieder nach drei, vier Jahren.
Die haben ein Leben gehabt in der Zwischenzeit. Dann, indem er sie
jetzt wiederum sich bildet in sich, dringen sie so in seine Seele ein, dafi
sie behaftet sind mit dem Zweifel. Man lernt allmahlich erkennen, dafi
das gar nichts Besonderes ist, dafi das iiberhaupt die ubersinnlichen
Erkenntnisse haben, da£ sie in ihrer weiteren Entwickelung, wenn sie
gewissermafien alt werden, den Menschen in Zweifel versetzen, und
man mufi sich ihre Gewifiheit wieder neu erringen. Ja, bei den hoch-
sten Erkenntnissen ist es so, dafi sie einem schon am nachsten Tag
ungewifi erscheinen, wenn man ihre Gewi£heit sich nicht neu erringt,
nicht neu erobert. Es sind immer niedere Erkenntnisse, welche im
Menschen ersterben, Gespenster werden und dann wiederum auftre-
ten. Der Mensch schaut sie an und ist zufrieden, dafi er nun auch ein-
mal in der hoheren Welt etwas erlangt hat, wovon man mit Recht
sagen kann: Schreibtafel her! - denn, wenn es da drauf ist, dann bleibt
es. Er mochte im Inneren eine soiche Schreibtafel haben.
Das ist nicht der Fall bei den wirklichen hoheren Erkenntnissen.
Die leben; schafft man sie wiederum, und gerade die hochsten Er-
kenntnisse, schon am nachsten Tage herauf, dann kommt man in
Unsicherheit iiber sie, und man mufi sich ihre Gewifiheit neu er-
obern. Man mufi den Vorgang immer wieder durchmachen. Man
kann gar nicht sich zu diesen hoheren Erkenntnissen anders verhal-
ten als zu dem, was Abbild der Realitat und nicht die Realitat selber
ist hier in der physischen Welt. Es werden kaum sehr viele unter
Ihnen sein, die heute am Sonntag, den 30. April, nicht essen, weil sie
sich sagen: Ich habe ja vor acht Tagen ganz gut gegessen, das ist in
mir; ich brauche doch heute nicht zu essen, das nahrt mich noch
heute. - Sie tun das nicht. Das ist ein realer Vorgang. Die physisch
seelischen Inhalte unterscheiden sich davon. Die bleiben, und Sie
konnen sie wieder hervorrufen, unverandert in vieler Beziehung,
auch verandert. Aber nicht so ist es bei den geistigen Inhalten. Die
sind nicht nur abgeblafk, sondern die sind immer wiederum in ihrer
Gewifiheit erschiittert, und man mufi die Gewifiheit immer wieder
erobern. Ja, das ist die eine Erscheinung.
Diese eine Erscheinung stellt sich wirklich so dar, dafi, wenn man
sich ubersinnliche Erkenntnisse erworben hat in einer Beziehung, es
einem wirklich so vorkommt, wie wenn einem die Welt licht gewor-
den ware durch diese ubersinnlichen Erkenntnisse, wie wenn man in
einen hellerleuchteten Saal, in den hellerleuchteten Weltensaal getre-
ten ware. Nach acht Tagen hat man etwas in seinem Inneren, was
einem - weil man diese hoheren Erkenntnisse sich erobert hat, weil
man gewissermafien zu ihnen hingelangt ist, weil sie schon eine Wir-
kung auch auf den physischen Menschen gemacht haben - gewisse
Erinnerungsreste dalalk; aber aus sich selbst heraus, in ihrem eigent-
lichen Wesen, leben sie sich so aus, dafi man immer wieder mit ihnen
in ein finsteres Zimmer kommt und das Licht immer wieder von neu-
em anziinden mufi. Damit kann man das vergleichen, was das Schick-
sal der ubersinnlichen Erkenntnisse in der menschlichen Seele ist.
Derjenige, der sich ubersinnliche Erkenntnisse erwirbt, kann gar
nicht in derselben Weise Anspruch darauf machen, dafi sie im Inneren
gleichsam bleibende Gespenster werden, wie man es bei den instinktiv
gespensterartigen, hellseherischen Vorstellungen glaubt. Es miissen
immer wieder neu erobert werden diese Welten, in die man sich da
hineinbegibt. Aber obwohl die Realitat sich also nicht bewahren lalk
im gewohnlichen Gedachtnis, bewahrt sich natiirlich die Wirkung. Sie
bewahrt sich insbesondere dann, wenn derjenige, der iibersinnliche
Erkenntnisse hat, sie nach einiger Zeit aufgeschrieben oder gar -
schreckliche Welt ! - gedruckt vor sich sieht, wenn er etwa eine folgen-
de Auflage eines Buches, das er geschrieben hat, vor sich hat; da hat er
die aufiere Wirkung desjenigen, was er fruher erlebt hat, vor sich.
Ich kann mir Privatdozenten denken, die eine innige innere Freu-
de haben, wenn sie nun diesen goldenen Saft dessen vor sich haben,
was sie da fabriziert haben, wenn sie spater wiederum folgende
Auflagen etwa auf Grundlage dieses goldenen Saftes fabrizieren kon-
nen. Es tut ihnen wohl. Das tun die Erzeugnisse der geistigen Wahr-
nehmung eben nicht. Die tun weh, die verursachen Schmerz. Denn
dasjenige, was konserviert wird, was umgegossen, iibergegossen
wird in die physische Welt, das verursacht Schmerz, das tut weh. Das
ist die andere Seite. Man geht mit seinen ubersinnlichen Erkenntnis-
sen nicht nur in ein dunkles Zimmer hinein, das man erst wieder hell
machen mufi, sondern man geht in ein Zimmer hinein, das Pf eile auf
einen schiefk von alien Seiten, die Schmerz machen, und man raufi
sich erst panzern gegen dasjenige, was einem als das Residuum, als
der verkorperte Rest der ubersinnlichen Welten entgegentritt.
Damit deute ich Ihnen auf dasjenige hin, was das seelische Leben,
das man mit diesen hoheren Erkenntnissen erst erreicht, fur das ge-
wohnliche Erleben ist. Das gewohnliche Erleben ist nicht so, dafi
man das Seelische unmittelbar erlebt. Man erlebt es ja durch den
physischen Leib. Es ist angepafit diesem Erleben in dem physischen
Leib. Aber das seelische Leben fur sich ist anders, das ist etwas, was
in fortwahrendem Werden ist, in fortwahrender Wandlung, in fort-
wahrender Metamorphose, das einem entschlupft bei diesen Meta-
morphosen, wenn man sich nicht jederzeit wiederum in diese Me-
tamorphosen hineinlebt, das man nicht ertragen kann, weil es
schmerzt, weil es Vergangenheit atmet. Indem es Vergangenheit auf-
nimmt, schmerzt es. Wenn es nicht Gegenwart ist, schmerzt es; und
gegen das mufi man sich wappnen. Sie sehen aber zu gleicher Zeit:
Wenn man etwas erlebnisvoll aufgenommen hat von dem, was wirk-
liche hohere Erkenntnis ist, so ist diese hohere Erkenntnis nicht so
gemutlich wie dasjenige, was sich unsere Studenten heute auf den
Hochschulen anhoren. Das tut hochstens weh, wenn sie es vergessen
haben und ein schlechtes Examen machen; und vor alien Dingen tun
den Studenten ihre eigenen Erkenntnisse nicht weh, sondern wohl,
denn wenn sie sie haben, sind sie froh; das tut ihnen wohl. Ihre
eigenen Erkenntnisse schmerzen sie hochstens spater im Leben,
wenn sie sehen, dafi es etwas Besseres gibt als ihre eigenen Erkennt-
nisse, und diese dann wie die Ideen in ihnen haften.
Aber wenn man in das Ubersinnliche sich hineinlebt, dann wird
das eben durchaus lebendig. Dann lernt man erkennen, wie man es
erobern mufi, wie man es ertragen mufi. Man lernt an der Erkenntnis
selber die Freude, die Befriedigung, man lernt an der Erkenntnis den
Schmerz kennen. Dadurch aber lernt man erst das Seelische in seiner
Realitat kennen. Das Seelische im gewdhnlichen Alltagsleben ist, ich
mochte sagen, so weit heruntergefallen in die Materialitat, dafi es in
blassen Gedanken erscheint, die wir erst in die Warme des Gefuhles
hineingiefien miissen, damit sie uberhaupt nicht blasse kalte Gedan-
ken sind, und die aufierdem nicht wehe tun. Es sind eben Bilder,
und Bilder, die leben nicht. Dasjenige aber, was als ubersinnliche
Erkenntnisse erworben wird, lebt, ist lebendiger Seeleninhalt.
Und dieser lebendige Seeleninhalt, der gibt uns erst einen wirk-
lichen Begriff von dem, was wir sind. Denn unsere Erinnerungsvor-
stellungen, die sind ein schwaches Abbild dessen, was wir eigentlich
sind. Und durchschlagen wir diesen Teppich der Erinnerungen nach
innen, so kommen wir eben auf dasjenige, was ich Ihnen jetzt schil-
dere als lustvolles, befriedigendes, lichtvolles Erleben der Welt, als
schmerzvolles Erleben der Welt; wo unsere Seele mit dabei ist. Un-
sere Seele wird also hineingefiigt in eine Erkenntnis, die selbst seeli-
sches Leben enthalt. Die Vergangenheit gielk sich in den Schmerz.
Und dasjenige, was wir als freudevoll, lustvoll empfinden, das ist es,
wovon wir gewahr werden, dafi es mit uns durch die Pforte des
Todes geht; das ist Zukunft.
In die physische Erkenntnis mufi sich ein Abbild davon, aber jetzt
ein lebensvolles Abbild hineinergiefien von dem, was ich sagte. Ge-
schichte, also die riickwartsgehende Menschheitsentwickelung, in
den blofien kalten Geschichtsideen angesehen, ist eben Bild, Bild, das
im Grunde genommen nur so lange Bedeutung hat, als wir es im
Kopfe tragen. Geradeso wie die an der Sinneswahrnehmung gebilde-
te Vorstellung nur so lange Bedeutung hat, als wir sie im Kopfe
tragen, wie sie gar nicht herunterspaziert in «Sepperls Kasten», son-
dern wie sie eben sich verandert, wenn sie nicht mehr im Bewufitsein
prasent ist, geradeso haben schliefilich diejenigen Vorstellungen, die
man rein vorstellungsgemafi von der Geschichte bildet, nur fur den
Kopf Bedeutung, das, «was ihr den Geist der Zeiten heifit, das ist im
Grand der Herren eigner Geist, in dem die Zeiten sich bespiegeln».
Wirkliche Geschichte lernt man erst erkennen, wenn man sich mit
solcher lebendigen Erkenntnis in die Realitat der Weltenentwicke-
lung und auch der Menschheitsentwickelung einlebt, wenn man Lust
und Leid bis zum hochsten Mafie empfinden kann in demjenigen,
was sich aufierlich in der Welt abspielt; wenn man zum Beispiel den
Seelenblick zuriickwendet, sagen wir in die urpersischen, urindi-
schen oder griechischen Zeiten oder in irgendeine Zeit, wenn man
zum Beispiel mit den Griechen empfindet, wie sie ihre Tragodie
nicht so erlebt haben, wie der heutige Mensch seine Theaterstiicke
erlebt. Schon Goethe hat noch elementar unterschieden zwischen der
griechischen Tragodie und dem modernen Drama, indem er gesagt
hat: Das moderne Drama ist ein ganz Abgelahmtes, Abgeschattetes.
Ein das Weltgeschick Bezwingendes, das war die griechische Trago-
die. Aber deshalb hat derjenige, der die griechische Tragodie emp-
funden hat, auch nicht so empfunden wie der moderne Mensch, der
zum Amusement in das Theaterstiick geht und es dann liber sich sehr
neutral hinstromen lafit. Der Grieche empfand, indem er seiner Tra-
godie gegeniibersafi, so, dafi ihn das erschiitterte, durchriittelte bis in
die physische Leiblichkeit hinein; dafi er etwas Wesentliches sah dar-
innen, ob er eine Gansehaut iiber den Rucken empfand bei dem oder
jenem. Und er empfand in der Tragodie etwas wie ein Heilmittel,
denn die Vorstellung war auch bei den Griechen vorhanden, dafi das
Leben von der Siinde, von der Schuld, also Krankheit durchzogen
ist, daft man in den offentlichen Schaustellungen Heilmittel braucht,
welche das Leben immer wieder und wiederum aus einem schuldhaft
kranken Leben hinaufheben in seine eigentliche, ihm gemafie Wesen-
heit. So war die griechische Tragodie das Heilmittel fur dasjenige,
was immer wiederum im sozialen Leben krank wurde, nicht dasjeni-
ge, was in der Ecke des Lebens zum Amusement da war.
Ich mochte sagen: Was ist das moderne Drama fur den Menschen
der gegenwartigen Sozietat? Nun, damit ich nicht sage: es ist blofi
dasjenige, was je nach dem Geschmack der Friseur und die Friseuse
tun, wenn sie den Menschen frisieren, mochte ich sagen: Es ist das-
jenige, was der Friseur und die Friseuse tun, wenn sie dem Menschen
den Kopf waschen! - Dasjenige aber, was die griechische Tragodie
war, war das, was der Arzt tut, der wirklich verstandige Arzt, der den
kranken Organismus mit innerlich wirkenden, gesundenden Heil-
mittelkraften durchsetzt, die diesen kranken Organismus innerlich
dynamisch durch und durch wirksam durchsetzen. Der Grieche
appellierte eben noch viel mehr an das Seelische als der moderne
Mensch. Ja, wenn man aber die Geschichte so betrachtet, wenn man
sich so hineinversetzt in die Lage, in der ein Grieche war, wenn er der
Tragodie zusah, dann ist eine solche geschichtliche Betrachtung
schon etwas anderes als diejenige, die man gewohnlich hat, wobei
man ganz unteilnahmsvoll bleibt.
Wenn man wirklich Geschichte lernt, geht man mit seiner Seele in
die alten Zeiten hinein. In der gegenwartigen Welt leidet man - wenn
Sie jetzt nachher hinausgehen und keinen Regenschirm haben, wer~
den Sie es schon sehen. Es wird zwar kein ganz schweres Leiden sein,
aber aus dem gegenwartigen Leiden kann es sehr leicht der Fall sein,
daft etwas Schlimmes entsteht und Sie wirklich physische Schmerzen
erdulden miissen -, aber man gebraucht kein Heilmittel gegen das
Leiden. Die Griechenzeit hat es getan; und versetzt man sich wirk-
lich hinein in das griechische Zeitalter, so versetzt man sich eben,
wenn man das Anthroposophische in Betracht zieht, mit seiner Seele
hinein. Man geht da hinein mit seiner Seele. Ich mochte sagen, wenn
ich mich trivial ausdriicken darf: Auf diese Art fangen Sie erst das
Seelische ab, wahrend Sie es sonst heute in der gewohnlichen
Menschlichkeit unterdriicken. Sie fangen das Seelische ab, Sie lernen
das Seelische erst erleben in der Weltbetrachtung.
Das ist es, was ich schildern wollte, um Ihnen zu zeigen, wie man
erst aus seinen Verborgenheken heraus das Seelische aufsuchen mufi,
wenn man zu der Betrachtung des Seelischen kommen will, wie man
nichts vom Seelischen bekommt, wenn man an die blo$en Bilder sich
wendet, die die Menschen zunachst im gewohnlichen Bewufitsein
von der Welt sich machen. Und dann beschreiben das die Psycholo-
gen als Seeleninhalt. Schlagen Sie heute ein Buch auf iiber Seelenkun-
de, da haben Sie zuerst Kapitel iiber Vorstellungen, aber die Vorstel-
lungen so, wie sie sind im gewohnlichen Bewulksein, nicht wie sie da
Tafel 4 unten sind. Was verloscht in jedem Augenblick (Zeichnung S. 39,
rot), das wird einem geschildert, nicht dasjenige, was da unten sich
als Parallelvorgang abspielt. Kurz, wenn man heute Seelenkunde
betrachtet, dann ist es ungefahr so, nun, sagen wir, wie wenn man
eine Versammlung veranstaltet, wo die Menschen sich beraten sollen.
Nehmen wir an, Englander beraten sich hier; die haben es gern,
wenn Lloyd George mitspricht. Sie sagen: Wir wollen jetzt eine Be-
ratung abhalten. Lloyd George soli mitsprechen. - Jetzt holen sie
sein Portrat, setzen es auf einen Stuhl, und da haben sie ihn auch als
einen Mitberater. Die Franzosen ebenfalls den Clemenceau, die
Deutschen sogar Bismarck. Nun, nicht wahr, das ist auch da! Ja, in
bezug auf die Welt verhalten sich diese Bilder so, wie sich das
menschliche Vorstellungsleben, wenn man es nach dem gewohn-
lichen Bewuiksein schildert, zur Realitat verhalt. Man hat es eben
blofi mit Bildern zu tun. Man mufi erst darauf kommen, was hinter
diesen Bildern fur eine Realitat steckt.
Das habe ich mich bemiiht zu zeigen, was hinter diesen Bildern
fur eine Realitat steckt. Man hat nicht das Seelische fur das gewohn-
liche BewuiStsein; man mufi es erst aus seinen Tiefen heraufholen.
Das ist das Wichtige. Das ist es, was man eben durchaus ins Auge
fassen mufi, wenn man iiber die menschliche Seele sprechen will in
ihrem Verhaltnisse zur Weltentwickelung. Denn man kommt all-
mahlich mit dem Seelischen in die Weltentwickelung selber hinein,
wenn man das Seelische in seiner Wahrheit betrachtet.
Ich habe mit diesen zwei ersten Vortragen versucht, Ihnen zu
zeigen, wie okkulte Erkenntnis sich allmahlich das Seelische erobert.
Wir werden nun in den nachsten drei Vortragen das menschliche
Seelenleben in seiner Verbindung mit der Weltentwickelung, nach-
dem die gesunde Grundlage jetzt geschaffen ist, in einer moglichst
popularen Form betrachten.
DRITTER VORTRAG
Dornach, 5. Mai 1922
Wir miissen uns heute einiges vor Augen riicken, das uns von gewis-
sen Seiten her schon bekannt ist, urn die weiteren Betrachtungen
anzustellen, die sich anschliefien an das in der vorigen Woche Gesag-
te. Wenn wir den Menschen so, wie er einmal in der Welt zwischen
Geburt und Tod stent, betrachten, so zerfallt uns sein Leben in Glie-
derungen, die von verschiedenen Gesichtspunkten aus betrachtet
werden konnen. Wir haben ja oftmals unsere Aufmerksamkeit auf
den Wechselzustand gelenkt zwischen Wachen und Schlafen. Wir
wissen, da$ ein Zwischenzustand zwischen Wachen und Schlafen der
des Traumens ist. Das sind die drei Zustande, in denen das Bewulk-
sein des gewohnlichen Lebens verlauft: Wachen, Traumen, Schlafen.
Aber diese drei Zustande, sie finden sich auch sonst als Gliederungen
der menschlichen Wesenheit vor. Wenn wir die Inhalte, die Erleb-
nisse dieses gewohnlichen Bewufitseins verfolgen, so haben wir das
Erlebnis des Denkens, des Vorstellunghabens, und ich habe oft ge-
sagt: Wir sind eigentlich nur dann wirklich wach, wenn wir in diesem
Zustand oder insofern wir in diesem Zustande des Vorstellungha-
bens sind. Jeder, der sich mit unbefangenem Sinn selbst beobachtet,
wird erkennen konnen, dafi das Fiihlen einen viel dumpferen Be-
wufitseinszustand darstellt als das Denken. Die Gefuhle, sie durch-
wogen unsere Seele, ohne dafi wir in einer so bestimmten Weise sie
beziehen konnen auf irgend etwas in der Aufienwelt oder auf Er-
innerungen, wie die Vorstellungen. Wir haben auch durchaus das
Bewufitsein, oder konnen es wenigstens haben, dafi in dem Augen-
blicke unseres Wachens diese Gefuhle kommen und gehen, wirklich
so ahnlich, wie in dem Zwischenzustande zwischen Wachen und
Schlafen die Traume kommen und gehen. Und wer einen Sinn dafiir
hat, solche Dinge des Bewufitseins wirklich miteinander zu verglei-
chen, der wird sich eben sagen miissen: Die Traume sind Bilder; die
Gefuhle sind etwas wie unbestimmte, in uns wogende Krafte. Aber
in allem iibrigen, wenn wir von diesem Inhaltlichen absehen, in allem
ubrigen kommen und gehen die Traume, wie die Gefiihle kommen
und gehen. Und aus einem, ich mochte sagen, allgemein Finsteren
und Dumpfen des Bewufitseins heraus tauchen die Traume auf, wie
aus einem allgemeinen Innenbefinden die Gefiihle herauftauchen
und wiederum sich hinuntersenken.
Mit dem Wollen ist es so, dafi dasjenige, was eigentlich in unserem
Inneren vorgeht, wenn wir einen Willensimpuls haben, uns so unbe-
kannt bleibt wie das, was wir verschlafen. Klar ist von dem, was beim
Wollen vor sich geht, eben nur der Gedanke, der den Zweck einer
Willenshandlung in sich hat. Es ist dann die Anschauung etwa un-
serer Bewegung oder desjenigen, was durch unser Wollen aufierlich
geschieht, wieder vor unserer Seele, in unserem Bewufitsein, Aber
das, was, sagen wir, im Bein oder im Arm vor sich geht, wahrend wir
das Bein heben, mit dem Bein ausschreiten wollen, oder wahrend wir
den Arm heben wollen, das ist etwas, was so unbewufk bleibt wie
dasjenige, was sich abspielt zwischen Einschlafen und Aufwachen.
So dafi wir, auch wahrend wir wachen, schon gleichzeitig in einem
gewissen Sinne diese drei Zustande des Bewufitseins erleben:
Wachen, Traumen, Schlafen.
Nun kommen wir aber zu einer vollstandigen Erkenntnis des
Menschen nur, wenn wir dies, was uns damit gegeben ist, dafi wir auf
der einen Seite Schlafen, Traumen, Wachen, auf der anderen Seite
Wollen, Fiihlen, Denken betrachten, nun eben einer vernunftigen,
wenn ich so sagen darf, Betrachtung unterziehen.
Nehmen wir einmal den schlafenden Menschen einerseits, den
wollenden Menschen andererseits. Der schlafende Mensch, er ist
dadurch charakterisiert, dafi derjenige Inhalt des Bewufitseins, der
sonst uns eigentlich zum Menschen macht, das Ich-Erlebnis, nicht da
ist. Das Ich-Erlebnis also ist nicht da. Wir bezeichnen das gewohn-
lich dadurch, dafi wir sagen: Das Ich ist vom Einschlafen bis zum
Aufwachen aufierhalb dessen, was als physischer Mensch vor uns ist.
Nun aber betrachten wir den traumenden Menschen auf der einen
Seite und den fuhlenden Menschen auf der anderen Seite. Es wird
Ihnen ohne weiteres bei einer gewohnlichen Selbstbeobachtung klar
sein, dafi die Traume gewissermafien als neutrale Bilder vor der Seele
stehen, dafi, indem Sie, sagen wir, beim Aufwachen oder vor dem
Einschlafen traumen, diese Bilder wie ein Gewebe, man kann nicht
gut sagen, vor, aber im Seelischen schweben und weben. Das unter-
scheidet sich, was da im Seelischen vorgeht, von demjenigen, was bei
vollem Wachen da ist. Beim vollen Wachen wissen wir, daft wir die
Bilder, die wir dann auch haben, gewissermafien innerlich festhalten,
dafi wir sie mit unserem menschlichen Wesen ergreifen; sie schweben
nicht so nebelhaft im Unbestimmten wie beim Traumen. Wir er-
greifen sie mit unserem menschlichen Wesen.
Ich will das, was ich jetzt eben ausgesprochen habe, einmal sche-
matisch auf die Tafel zeichnen (Zeichnung links). Nehmen wir ein-
fach schematisch den Menschen (hell), und zeichnen wir das, was wir
uns vorstellen konnen als das Schema fur die webenden Traume
(rot), etwa in der folgenden Weise an den Menschen heran. Man
mochte sagen, das, was ich da rot an die Tafel gezeichnet habe, das
ist ein Gewebe, das die Seele erlebt, indem es ihr fortwahrend ent-
schlupft, wiederum an sie herankommt.
5
In dem Augenblicke des Aufwachens hat der Mensch ein solches
Gewebe im seelischen Erleben nicht. Dagegen hat er dasjenige, was
er so erlebt, jetzt innerlich. Ich will jetzt auf zeichnen (Zeichnung
rechts), wie es nun beim Wachzustand ist. Er hat dieses Gewebe, das
sonst gewissermafien aufierhalb ist, jetzt im Inneren, er fafit es mit
seinem Leib, und dadurch ist es nicht ein unbestimmtes Gewebe,
sondern es ist etwas, was der Mensch innerlich beherrscht.
An diesem Verhaltnis dessen, was als Traum verwebt und ver-
schwebt, und dessen, was dann im Inneren des Menschen der Gedan-
ke ist, wenn der Mensch vollig wach ist und von sich aus das, was
jetzt als solche Bildgedanken in seinem Seelischen lebt, beherrscht,
an dem konnen Sie, ich mochte sagen, bis zum seelischen Greifen
wahrnehmen: da ist einfach etwas aus dem Aufieren in das Innere
hineingezogen. Und wir schildern, indem wir so etwas darstellen,
nichts anderes als den Einzug dessen, was zunachst fur das gewohn-
liche Bewufttsein in den Traumen verwebt und verschwebt, was wir
den astralischen Leib nennen, in das Innere des Menschen. So dafi
wir sagen konnen: Wenn wir nach dem Aufwachen anfangen zu
denken, so ist der astralische Leib in unserem Inneren. Wir stellen
dann vor. Aber wir wissen, wir haben diese Vorstellungen in unserer
Gewalt. Solange sie Traume sind, verschweben sie da drauften. Sie
brauchen sich nur vorzustellen eine Art Wolke, die in Ihrer Nahe ist
und in der sich die Traume weben. Sie saugen gewissermafien diese
Wolke ein; Sie beherrschen sie von innen aus. Sie ist nicht mehr
drauften. Sie traumen daher nicht mehr. Aber so, wie Sie irgendeinen
Gegenstand mit den Handen ergreifen, so ergreifen Sie diesen
Traum mit Ihrem Inneren. Und Sie haben Ihren astralischen Leib
eingesogen, Sie haben ihn jetzt drinnen.
Wir miissen uns allerdings genauer fragen: Was haben wir denn da
drinnen? Wenn wir uns das einmal genauer ansehen, was wir da
drinnen haben, so konnen wir vielleicht einen Anhaltspunkt dafiir
gewinnen, indem wir auf manche Traume, die nicht nur Bilder blei-
ben, sondern die schon beginnen, unbestimmte Gefuhle zu werden,
hinschauen. Bedenken Sie nur einmal, wie manche Traume recht
unangenehm sind; sie sind einfach ein Bildergewebe. Manche Trau-
me sind mit Angstzustanden verbunden. Sie wachen aus Angst-
zustanden auf. Sie sehen in diesen unbestimmten Angstzustanden,
auch oftmals in unbestimmten Freudenzustanden, aber zumeist sind
es eigentlich beangstigende Zustande, in denen sehen Sie schon, ich
mochte sagen, das Aufglimmen von etwas, was, indem es sich weiter
entwickelt, dann beim volligen Erwachen da ist. Was glimmt denn
da auf, wenn der Traum Ihnen zum Beispiel Angst macht?
Ja, der Traum verwebt sich mit dem Gefuhl. Angst ist ein GefiihJ.
Der Traum ist noch halb drauften; dadurch ist das Gefuhl unbe-
stimmt. Aber er verwebt sich schon mit dem Gefuhl. Dadurch tritt
es auf, das Gefuhl. Aber er verwebt sich mit dem, was sonst in der
Seele lebt beim Fiihlen. Und erst wenn Sie den Astralleib nun ganz
herinnen haben, dann haben Sie diese bestimmten, in Ihrer phy-
sischen Organisation bedingten Gefuhle da, die Ihnen jetzt die
Vorstellungen des astralischen Leibes durchsetzen konnen.
Wenn Sie gewisse Alp- und Angsttraume richtig ins Auge fassen,
so haben Sie es wiederum, ich mochte sagen, bis zum seelischen
Greifen nahe, was da eigentlich bei diesem Einzug, wie wir es nen-
nen, des astralischen Leibes in den physischen Menschen geschieht.
Dasjenige namlich, was die Beangstigung macht, die zuweilen den
Traum begleitet, werden Sie immer entdecken als etwas, was nicht in
der Ordnung ist in Ihrem Atmungsprozeft.
Sie sehen daraus ganz deutlich, daft der astralische Leib durch das,
was in der Atmung liegt, einzieht und auch wiederum auszieht. Es ist
wirklich nicht so, daft man diese Dinge, wenn man das Leben nur
unbefangen beobachten will, nicht beobachten konnte. Man stellt
nur nicht gehdrig solche Beobachtungen an. Aber es ist etwas da, was
uns durchaus die Anleitung dazu gibt, zu erkennen, daft dasjenige,
was in den Traumen webt und was in der Wirklichkeit der astralische
Leib ist, in unseren Organismus hineingeht, indem es den Atmungs-
prozefi beim Erwachen ergreift.
Das fiihrt uns zu einer Betrachtung iiber den Menschen, die au-
fterordentlich wichtig ist, die aber gewohnlich nicht angestellt wird.
Man sieht den Menschen gewohnlich so an, als ob er eigentlich ganz
und gar ein Organismus ware, ein Korper ware, der aus festen Be-
standteilen aufgebaut ist. Das ist aber doch nicht wahr. Der mensch-
liche Organismus besteht eigentlich zum geringsten Teile, kaum zu
zehn Prozent, aus Festem. Im iibrigen ist er ein Wasserorganismus,
ein Flussigkeitsorganismus. So dafi wir in Wahrheit diesen Organis-
mus uns so aufgebaut denken miissen, dafi wir sagen: Da ist der
Organismus, und in einer gewissen Beziehung ein Zehntel fest (siehe
Zeichnung, hell); aber dieses Feste ist durchsetzt von dem wasserigen
Elemente (blau). Und dann erst stellen Sie sich den menschlichen
Organismus ordentlich vor, wenn Sie ihn eigentlich als Wassersaule
vorstellen, die das Feste eingelagert hat.
Tafel 5
Aber das geniigt noch nicht. Wir miissen den menschlichen Orga-
nismus auch als einen Luftorganismus vorstellen. Die Luft ist drau-
ften; wir atmen sie ein. Da ist ein Teil der Luft, die da draufien ist, nun
in unserem Inneren drinnen. Die atmen wir wieder aus. Wir sind zu
gleicher Zeit ein Luftorganismus. Wollen wir auch das schematisch
zeichnen (rot). Aber gerade dieser Luftorganismus ist es, der beim
Aufwachen von dem astralischen Leib ergriffen wird. Wir atmen die
Luft ein. Die Luft macht ferner einen Prozefi durch; ihre Wirkungen
ergie£en sich in den ganzen Organismus. Der Sauerstoff nimmt den
Kohlenstoff auf, verwandelt sich in Kohlensaure. So ein Luftvorgang
findet fortwahrend in uns statt.
Beim Wachen ist aber dieser Luftvorgang durchsetzt von dem
astralischen Leib. Auf denselben Bahnen, die die Luft in unserem
Organismus durchmacht, lauft die Bewegung des astralischen Leibes.
Der Luftvorgang ist ein Luftvorgang ja nur, wenn wir schlafen; wenn
wir wach sind, dann schwimmen gewissermafien die Bewegungen
dieses astralischen Leibes in demjenigen, was als Luftvorgang in uns
lebt. Aber jetzt denken Sie sich einmal: indem der astralische Leib da
einzieht in dasjenige, was ich in Rot schematisch aufgezeichnet habe,
und innerhalb des Luftorganismus seine Bewegungen ausfuhrt, das-
jenige ausfuhrt, was er iiberhaupt tut, geht das in dem blau schema-
tisch Gezeichneten, in dem wafirigen Organismus vor sich. Diese
Luftvorgange, die eigentlich beim Wachen die Vorgange des astrali-
schen Leibes sind, stofien immer heran an den wafirigen Organismus.
Im waftrigen Organismus ist aber nun Tag und Nacht der atheri-
sche Leib des Menschen. Und da haben Sie zu gleicher Zeit eine
Wechselwirkung des astralischen und des atherischen Leibes, aber
auch das physische Abbild davon: die Luftvorgange und die Wasser-
vorgange im Menschen. Sie konnen sich also durchaus vorstellen,
dafi im Menschen zunachst diese physischen Prozesse vorhanden
sind, die ablaufen zwischen seinem Atmen und den Bewegungen
seiner Safte, iiberhaupt alledem, was da fliissig im Organismus vor
sich geht. Das aber ist wieder nur ein Abbild von dem, was zwischen
astralischem und atherischem Leib vor sich geht.
Nun ist aber alles dasjenige, was nun da fester, fliissiger, gasformi-
ger Organismus ist, wiederum durchzogen von Warme (Zeichnung
Tafel 5 S. 55, gelb). Der ganze Organismus hat seine eigene Warme: Warme-
Ather. Ich mochte sagen: Auf den Wellen des Luftigen im Menschen
bewegt sich das Astralische, und auf demjenigen, was da als Warme
den Organismus durchspielt, da bewegt sich das eigentliche Ich.
Jetzt haben Sie den physischen Leib als solchen; den fliissigen
Leib, der auch physisch ist, aber der nun sich abgrenzt von dem festen
physischen Leib, den fliissigen physischen Leib, der einen innigen
Zusammenhang mit dem atherischen Leib hat; den gasformigen Or-
ganismus des Menschen, der einen inneren Zusammenhang hat mit
dem astralischen Leib, und dasjenige, was Warmevorgange sind, was
mit anderen Worten Warme-Ather ist im Menschen, das einen inni-
gen Zusammenhang hat mit dem menschlichen Ich. So da£ wir im
Physischen, ich mochte sagen, iiberall das Bild sehen des ganzen
Menschen. Das Feste ist sozusagen etwas, was fur sich besteht. Aber
das Flussige im Organismus, das kann nicht fur sich bestehen. Wir
haben sehr wenig in unserem Kopfe vom Festen. Dasjenige, was wir
Festes haben, schwimmt im Gehirnwasser, also in Fliissigkeit. Sehen
Sie auf dieses Flussige innerhalb des menschlichen Kopfes, so haben
Sie in diesem Fliissigen zunachst den Atherteil des Kopfes.
Das Atmen geht nun so vor sich: Sie atmen ein. Der Atem stofit
nach innen, setzt sich fort durch das Ruckenmarkswasser nach dem
Gehirn. In dieser StojKbewegung bewegt sich aber zu gleicher Zeit
dasjenige, was das Astralische ist, nach dem Atherischen des Kopfes
herauf im Wachzustande. So dafi wir auf der einen Seite ein Zusam-
menwirken der Bewegungen des Gehirnwassers mit den Atmungs-
bewegungen haben, auf der anderen Seite ein Zusammenwirken des
Atherteiles des Kopfes, von dem das, was im Gehirnwasser vor sich
geht, nur ein Abbild ist, mit demjenigen, was Atmungsvorgange sind,
die wiederum nur ein Abbild sind desjenigen, was astralisch ist im
Menschen. Und dann haben wir ein fortwahrendes Spiel der Warme-
zustande. Und das Blut in seiner Bewegung vermittelt diese Warme-
zustande. Auf diesem Wogen des Warmemeeres in uns bewegt sich
zu gleicher Zeit unser Ich.
Es handelt sich darum, dafi wir uns dieses ganz lebendig vorstel-
len, da£ wir uns dariiber klar sind. Fur sich konnen wir nur den
festen Organismus betrachten. Sobald wir an den fliissigen Organis-
mus herankommen, hat er gar nicht mehr die Moglichkeit, etwa blofi
sich so zu bewegen, wie sich Wasserwellen draufien bewegen, son-
dern der bewegt sich so, dafi sein Bewegungsspiel ein Abbild ist
dessen, was im Atherleib des Menschen vor sich geht. Wiederum
dasjenige, was in den feineren Zustanden der Korperatmung vor sich
geht, ist ein Abbild dessen, was astralisch im Menschen vor sich geht.
Nun aber, wenn wir das ins Auge fassen, so mussen wir uns sagen:
Sehen wir nur einmal auf das Gehirnwasser. Das hat in sich gewisse
Bewegungen. Die sind ein Abbild des Atherleibes. Aber den Ather-
leib, den bekommt der Mensch, indem er aus den geistigen Welten in
diese physische Welt heruntersteigt; innerhalb der geistigen Welten
hat er ihn noch nicht. Aber indem der Mensch iiberhaupt seinen
physischen Leib ergreift, hat er schon seinen Atherleib. Er zieht
gewissermafien den Ather aus dem Kosmos heran. Und erst indem er
den Ather herangezogen hat aus dem Kosmos, kann er sich mit dem
Physischen, das ihm dann durch die Vererbung vermittelt wird, ver-
binden. So dafi wir dasjenige, was innerlich im Atherleib des Men-
schen lebt, schon mitbringen, indem wir unseren physischen Leib
ergreifen.
Nehmen Sie also an, im Leib des mutterlichen Organismus ent-
steht der Menschenkeim. Wir untersuchen dasjenige, was an diesem
Menschenkeim das Flussige ist. Man tut es nicht in der gewohnlichen
Physiologic In der gewohnlichen Physiologie untersucht man nur
den Keim insofern, als er Festes enthalt oder wenigstens sich so wie
das Feste beobachten lafk. Das Flussige wird gar nicht untersucht.
Wiirde man aber das Flussige untersuchen, dann wiirde man entdek-
ken, wie in dem Fliissigen, namentlich im Gehirnwasser, ein Abbild
dessen ist, was da heremgeschlupft ist in den physischen Menschen
und was zunachst schon im Atherleib sich ausdriickte, als der Ather
herangezogen worden ist.
Tafel 6
wmm-qetb Mfflfffi rot
So konnen wir sagen: Wenn hier der physische Leib ist (siehe
Zeichnung), der physische Menschenkeim sich bildet - ich zeichne
jetzt das Feste gar nicht; was ich da zeichne, soil der fliissige Men-
schenkeim sein (rot) -, es kommt aus der geistigen Welt herunter
dasjenige, was als Ich und Astralisches vorhanden ist. Was schon an
Ather herangezogen ist (gelb), das schliipft hier hinein. Indem ein-
fach der Mensch untertaucht in den physischen Leib, wird im fliis-
sigen Organismus aufgenommen das, was der Mensch von auften
hereinbringt. Wiirden Sie also das Gehirnwasser des Kindes in seinen
Bewegungen untersuchen, so miifiten Sie sagen: Das ist eigentlich
eine Photographie dessen, was der Mensch war, bevor er sich mit
seinem physischen Leib verbunden hat. Sehen Sie, das ist sehr wich-
tig, daft man eigentlich sagen kann: Im Gehirnwasser, das heiftt, in
den Bewegungen des Gehirnwassers wiirde man eine Photographie
von dem, was der Konzeption vorangegangen ist, finden.
Nun, vom Gehirnwasser konnen Sie das gut begreifen, daft Sie da
eine Art Photographie finden dessen, was vorangegangen ist. Aber
bedenken Sie den Atmungsprozeft. Der Atmungsprozeft tritt uns als
ein sehr physischer Prozeft dadurch entgegen, daft unsere Lunge in
einer gewissen Beziehung organisiert ist, daft die Luft eingesogen
wird, daft der Atmungsprozefi sich sogar abspielt unter dem Einfluft
der Auftenwelt, wenn wir schlafen, wenn also unser Ewiges gar nicht
mit unserem Zeitlichen verbunden ist. Man mochte sagen, fur den
Atmungsprozeft ist es ja so: er verlauft sowohl, wenn wir schlafen, als
auch wenn wir wachen. Wenn wir schlafen, nun, dann geht eben die
Bewegungswelle des Atmungsprozesses durch unseren Organismus;
wenn wir wachen, tragt diese Welle den astralischen Leib. Sie kann
ihn also tragen; sie braucht ihn auch nicht zu tragen. Das tut sie beim
Schlafen, da tragt sie ihn nicht.
Was folgt daraus? Daraus folgt, daft das Gehirnwasser, weil das im
Inneren abgeschlossen ist, sich fortsetzen kann, eine Art Fortsetzung
sein kann dessen, was fruher da war. Nicht so innig kann sich aber
in dieser selben Art etwa in unserem Atmen irgend etwas fortsetzen
von fruher. Daher geschieht folgendes: Wenn wir den menschlichen
Kopf betrachten und dann den menschlichen Brustorganismus, so
finden wir, daft da drinnen im menschlichen Kopf, gewissermaften
sagen wir durch das Gehirnwasser, also im physischen Organismus,
richtig die Fortsetzung des vorgeburtlichen geistigen Menschen
drinnen ist. Beim Atmungsprozeft ist es nicht so. Da verlauft der
physische Atmungsprozefi fur sich (siehe Zeichnung, gelb), und das
Geistige ist viel weniger stark mit dem physischen Prozefi verbunden
Tafel 6
(rot). Man mochte sagen: Im Kopf ist der geistige Mensch, der gei-
stig-seelische Mensch mit dem physischen Menschen fest zusammen
verbunden; sie sind eine Einheit geworden. Im Brustmenschen ist das
nicht so, da sind sie mehr getrennt; da ist der physische Organismus
mehr fur sich und das Geistig-Seelische auch wiederum fur sich.
Aber jetzt vergleichen Sie das mit dem Traumzustande. Im
Traumzustande ist es fur den ganzen Menschen so, dafi wiederum
das Ich und der astralische Leib herau$en sind, dafi sie getrennt sind.
Aber ein wenig sind sie fur den Brustmenschen immer getrennt. Der
Brustmensch, das heifk Atmungs- und Herzmensch, der rhythmi-
sche Mensch, der ist aber der Organismus fur das Fuhlen. Weil also
das Geistig-Seelische mit dem physischen Organismus in bezug auf
den rhythmischen Menschen nicht so kompakt verbunden ist, nicht
so da drinnen ist in dem physischen Menschen, deshalb verlauft das
Fuhlen so wie das Traumen. Sie sehen, will man den ganzen Men-
schen betrachten, so mufi man diese verschiedenen Arten des Zusam-
menwirkens des Seelischen mit dem Leiblichen ins Auge fassen.
Nun, wenn man die menschliche Wesenheit so grob betrachtet,
wie das heute in unserem materialistischen Zeitalter geschieht - denn
Sie konnen sich uberall iiberzeugen, wo Sie die heutige Wissenschaft
ins Auge fassen, dafi man eigentlich so betrachtet, als ob der ganze
Mensch eben ein fester Organismus ware und da drinnen irgendwie
das Seelische wirkte dann kann man nicht darauf kommen, wie die-
ses Seelische, das man erlebt, zum Beispiel der rein seelisch erlebte
Willensakt, wie der ein Bein hebt oder einen Arm hebt. Ja, gegeniiber
dem, was man auf der einen Seite als Seelisches des Willensaktes
erlebt, ist das, was man sich heute in der Anatomie, in der Physiologie
unter menschlichem Organismus vorstellt, eigentlich wie ein Stuck
Holz, so fremd dem Seelischen wie ein Stuck Holz. Was Sie heute
beschrieben finden als Beine des Menschen in der Physiologie, ist
wirklich wie zwei Holzstiicke, wie Holzbeine. So verhalten sie sich
zum Seelischen. Ebensowenig wie, wenn hier zwei Holzer liegen, Sie
eine Beziehung finden konnen zwischen diesen zwei Holzern und
einem Seelischen, ebensowenig kann man eine Beziehung finden zwi-
schen dem, was einem die Physiologie heute beschreibt als mensch-
liche Beine und dem Seelischen. Aber diese menschlichen Beine, die
die Physiologie beschreibt, die sind durchzogen von dem Wasserigen.
Da kommen wir schon zu etwas, von dem sich leichter begreifen lafk,
dafi da ein Geistiges hineinwirkt. Aber es geht noch schwer.
Kommen wir aber zu dem Gasformigen, zu dem Luftformigen, so
sind wir in dem Physischen in einer so diinnen Materie, dafi wir uns
nun da das Seelische leichter drinnen vorstellen konnen. Und erst
wenn wir zu den Warmezustanden kommen! Bedenken Sie nur, wie
naheliegend Sie es haben, diese Warmezustande des physischen Or-
ganismus mit dem Seelischen in Zusammenhang zu bringen. Denken
Sie doch nur einmal, wie Sie eventuell da oder dort eine heillose
Angst bekommen haben, und es wird Ihnen ganz warm; da haben Sie
schon eine innere Anschauung von der Beziehung des Seelischen zu
demjenigen, was nun im physischen Organismus als Warmezustande
auftritt. Kurz, wenn wir in einer verniinftigen Weise den ganzen
menschlichen Organismus so erfassen, daft wir ihn in bezug auf sein
Festes, Fliissiges, Gasformiges, Warmeartiges fassen, dann kommen
wir nach und nach an das Seelische heran.
Wir konnen sagen: Das Ich greift in den Warmezustand ein, der
astralische Leib in den gasformigen Zustand, der Atherleib in den
fliissigen Zustand; nur das Feste bleibt unangetastet. Da geht es nicht
herein. Denken Sie sich einmal das, wie es nun im menschlichen
Organismus ist: Hier haben wir das Gehirn, aber das ist noch was-
serig. Jetzt sind da darinnen feste Bestandteile. Da, sagte ich, geht das
Seelische nicht herein. Zeichnen wir uns einmal irgendwie schema-
Tafei 6 tisch diese festen Bestandteile darinnen (siehe Zeichnung S. 60). In
Wirklichkeit sind es Salzablagerungen. Das, was wir Festes in uns
haben, sind ja immer salzartige Ablagerungen. Unsere Knochen sind
nur Bestandteile solcher Ablagerungen. Aber in unserem Gehirn
geschehen fortwahrend ganz feine, sich immer wieder aufldsende
Ablagerungen. Ich mochte sagen: In unserem Gehirn ist immer die
Tendenz vorhanden, sich einfach zu solchen Knochen zu bilden, das
Gehirn ganz knochern zu machen; es lost sich nur immer wieder auf,
weil alles beweglich ist. So dafi, wenn wir gerade das Gehirn betrach-
ten, da haben wir also zunachst die Warmezustande des Gehirns, da
drinnen lebt die Luft, die fortwahrend ein- und ausgeatmet wird,
aber die ins Gehirnwasser heraufspielt; der astralische Leib lebt
darinnen. Wir haben das Gehirnwasser; der atherische Leib lebt dar-
innen. Jetzt bekommen wir das Feste. Da kann das Seelische nicht
herein. Es kann nicht herein, indem wir in uns Salze ablagern.
Indem wir dieses nicht ganze Zehntel unseres Organismus, diese
Salzbildung da drinnen haben, haben wir in uns etwas, in das unser
Seelisches nicht herein kann.
Bedenken Sie: Da stehen Sie als Mensch. Da haben Sie Ihren Orga-
nismus. Da haben Sie in Ihrem Organismus die Warme, das Gasfor-
mige, das Fltissige: da kann Ihr Seelisches uberall herein. Aber da ist
etwas drinnen, in das Ihr Seelisches nicht herein kann. Das ist so, wie
wenn Sie hier allerlei Gegenstande haben, die vom Lichte bestrahlt
werden, die das Licht wieder zuriickwerfen. Sie haben eine Spiegel-
flache, da kann das Licht nicht durch, wird zuriickgestrahlt. So haben
Sie in sich Ihren festen Salzorganismus. Da kann das Seelische nicht
herein, da wird das Seelische fortwahrend zuriickgestrahlt.
Ja, wenn Sie das nicht hatten, so wiirden Sie zunachst iiberhaupt
gar kein Bewulksein haben konnen, denn das, was Sie nun in sich als
Bewufttsein haben, das sind die von Ihrem Salzorganismus zuriick-
gestrahlten Seelenerlebnisse. Diejenigen, die hineingehen in Ihr Ich,
in Ihren gasformigen Organismus, in Ihren fliissigen Organismus,
die erleben Sie zunachst nicht. Erst weil iiberall das, was da in der
Warme, was in dem Gasformigen, was in dem Fliissigen als Seelen-
leben vor sich geht, ebenso wie die Lichtstrahlen vom Spiegel zu-
ruckgeworfen werden, am Salz zuriickgeworfen wird, erst dadurch
erleben Sie das, was Seelisches ist. Dadurch haben Sie diese innerliche
Spiegelung, die nun innen als Vorstellungen lebt.
Wenn also ein Mensch zum Beispiel viel Salz absetzt - aber das
Salz entsteht iiberall in Formen -, dann bekommt er viele solche Bil-
der, das heifit, er wird gedankenreich. Wenn er zuwenig Salz abson-
dert, dann bekommen die Gedanken solche unbestimmte Konturen,
wie von einem nicht ordentlichen Spiegel die Bilder die Konturen er-
halten. Wir konnen das auch noch anders aussprechen: Wenn einer
iiberfliissig viel Salz absondert, da iiberwiegen in ihm die Gedanken
in seinem Inneren. Sie werden sehr bestimmt, aber er wird ein Pedant.
Er glaubt, in seinen Gedanken, weil sie aus so viel Festem in ihm her-
riihren, etwas Reales zu haben. Er wird materialistisch. Wenn er zu-
wenig Salz absondert, oder sagen wir, wenn er zuviel Salz in seinen
ubrigen Organismus absondert und zuwenig in seinen Kopf, dann
werden seine Gedanken unbestimmt; er wird ein Phantast oder viel-
leicht ein Mystiker. Es hangt schon zusammen mit materiellen Vor-
gangen in unserem Inneren, wie unser Seelenleben beschaffen ist.
Es ist zum Beispiel manchmal notwendig, wenn einer zu phanta-
stisch ist, dafi man ihm Gelegenheit gibt durch irgendwelche Heil-
mittel, mehr Salz abzulagern oder das abgelagerte Salz besser zu
gestalten. Dadurch wird er seiner Phantastik entrissen. Aber das
Umgekehrte ist noch wichtiger; denn das sollte man eigentlich nicht
sehr weit treiben, dafi man die Menschen auf physischem Wege von
Phantastik oder von Pedanterie heilt; es ist zunachst auch nicht viel
zu machen. Aber das Umgekehrte hat einen grofien Wert. Derjenige,
der Menschenbeobachtung hat, fur das Seelische ebenso wie fur das
Korperliche, der bemerkt genau, wenn zum Beispiel ein Mensch
nach der einen oder nach der anderen Richtung, sagen wir im Kopfe
oder in den Organen des rhythmischen Organismus oder in den
Organen des Stoffwechselorganismus zuviel Ablagerungen hat. Er
bemerkt dies daran, dafi die ganze Gedankenkonfiguration anders
wird, und die Art und Weise, wie der Mensch seine Gedanken ver-
andert, kann zu der Diagnose aufierordentlich viel beitragen. Nur
beobachten die meisten Menschen solche feinen Vorgange nicht.
Es wird zum Beispiel sehr haufig nicht beobachtet, wie zu-
sammenhangt, sagen wir, die Tatsache, dafi nun plotzlich einmal
ein Mensch sich immer wieder und wieder verspricht. Er hat es
sonst nicht in seiner Gewohnheit, aber einmal fangt er an, sich
immer wieder zu versprechen. Es dauert ein paar Tage, dann geht
es voriiber. Es ist eine leise Erkrankung in ihm vor sich gegan-
gen, und dieses Versprechen, das ist lediglich ein Symptom fur
die leichte Erkrankung. Zuweilen kann man solche Dinge sehr
genau beschreiben.
Nehmen wir zum Beispiel an, ein Mensch sondert einmal ein paar
Tage, durch irgendwelche Vorgange, zuviel Magensaure ab. Was
geschieht? Diese Magensaure, die lost einmal schon im Magen gewis-
se Stoffe auf, die weitergehen sollten als in den Magen. Jetzt hat er
das eben nicht in dem Organismus; jetzt hat er nicht die notige
Scharfe seiner inneren Spiegelbilder, jetzt werden seine Gedanken
lose, er verspricht sich. Merken Sie den Hasen, der da lauft, und
merken Sie, wie dieser Hase lauft, dann versuchen Sie eben, ihm
irgendwo beizukommen, dafi er weniger Magensaure hat, dann wer-
den seine Gedanken wiederum ordentlich. Im Grande genommen
aber wird seine Verdauung ordentlich, und er hort auch wieder auf,
sich zu versprechen.
Oder aber, nehmen wir an, durch irgend etwas - es kann zum
Beispiel durch Abnormitaten der Milztatigkeiten geschehen - sauge
jemand seine Magensaure zu stark auf, er macht sich ganz zum
Magen; er leitet die Magensaure iiberall hin. Solche Saureablagerun-
gen, die sind eigentlich die Ursache fur sehr viele Erkrankungen.
Wenn es nicht bis zum Kopfe geht, dann entstehen sogar sehr eigen-
tumliche prickelnde Schmerzen; wenn es bis zum Kopfe geht, ent-
steht Dumpfheit des Kopfes. Wenn Sie einen solchen Menschen
dann anschauen, so sehen Sie oftmals, dafi er in sich dieses ganze
Aufsaugen des Saureartigen zu einer gewissen Gier macht; er wird
ganz durchsauert. Und wenn der Mensch durchsauert wird, dann
leidet zum Beispiel der freundliche Ausdruck seiner Augen darunter:
Sie konnen es seinen Augen ansehen, wenn der Mensch durchsauert
ist, und Sie konnen unter Umstanden, indem Sie ihm eine Saure
beibringen, die er nun wirklich im Magen verarbeitet, weil sie nicht
die Neigung hat, in den Organismus iiberzugehen, diesen Menschen
wiederum freundlicher kriegen in seinem aufieren Ausdrucke.
Ich sage das alles aus dem Grunde, um Ihnen zu zeigen, wie die
Geisteswissenschaft, die hier gemeint ist, nicht ein unbestimmtes
Seelisches blofi ins Auge fafit, sondern wie das Seelische, das nun
wirklich der Herrscher des Leiblichen ist, das der Erbauer des Leib-
lichen ist, uberall hereinwirkt ins Leibliche.
Aber wenn man das, was heute beschrieben wird als menschlicher
Organismus so, als wenn dieser Organismus eben durch und durch
ein Festes ware, wenn man das ins Auge fafit, wenn man nicht dazu-
nimmt das Fliissige, das Gasformige, das Warmeartige des Organis-
mus, was sich wenigstens dem Seelenleben nahert, so kommt man
eben nicht zu einem Begreifen, wie dieses Seelische im Menschen lebt.
Denn im festen menschlichen Organismus lebt eben das Seelische
nicht. In den festen Organismus geht das Seelische so wenig hinein,
wie das Licht durch den Spiegel durchgeht; daher wird es zuriick-
reflektiert. Und so geht das Seelische gerade am Salz uberall zuriick.
Wenn wir hier unseren Fufi haben und hier den Knochen, so hat
eben gerade das Seelische das Eigentumliche, dafi es sich am Knochen
bricht (siehe Zeichnung, rot), dafi wir unseren Knochen in uns so
tragen, dafi er leer ist vom Seelischen. Da ist es nicht drinnen; aber es
strahlt wiederum in den Organismus zuriick.
Unsere Schadelknochen, die sind gar nicht so dumm angebracht
an uns; denn das Seelische, das strahlt nach alien Seiten und wieder-
um nach dem Inneren zuriick. Wir sind auch in unseren Schadelkno-
chen, aber nur als physisch-feste Menschen drinnen. Aber unser
Seelisches strahlt in uns hinein. So dafi wir eigentlich, wenn wir voll-
standig unseren Kopf aufzeichnen, sagen miissen: Zunachst breitet
sich da drinnen das Seelische aus (rot). Aber ich mochte sagen, das
Tafel 6
Tafel 6
hell "'"//// rot*
wiirde uns in einem dumpfen, unbewufiten Zustande lassen. Aber
nun, da kann es nicht hinein, wo die Schadelknochen sind, da wird
es iiberall zuriickgestrahlt, iiberall hinein in uns (Pfeile). Und erst
wenn es da zuriickgeht, dann haben wir es als Seelisches. So dafi Sie
wirklich in Ihrem Inneren Ihr Seelisches wie von alien Seiten an dem
Spiegel der Schadelknochen zuriickgeworfen haben. Das ist so.
Geisteswissenschaft schliefit nicht etwa das Materielle aus, son-
dern macht das Materielle erst recht verstandlich, indem das Seeli-
sche so betrachtet wird, wie es das Materielle beherrscht. Nicht
wahr, den Backer lernt man auch nicht dadurch kennen, dafi er blofie
Bewegungen ausfuhrt, sondern die Bewegungen, die er ausfuhrt,
machen dann die Semmeln und die Gipferl. Die Seele lernen wir
nicht dadurch kennen, dal$ wir sie nur in Abstraktionen betrachten,
sondern was die Seele da macht, das tritt uns als Bild in unserem
Organismus entgegen. Wir miissen gerade verstehen, diesen Orga-
nismus in der richtigen Weise als ein Bild des Seelischen zu betrach-
ten. Wenn wir nicht den Willen haben, auf den Menschen einzuge-
hen, auch wie er uns entgegentritt im Bilde des Physischen, wenn wir
sozusagen zu bequem sind, den Menschen kennenzulernen als phy-
sischen Menschen, lernen wir auch das Seelische nicht kennen; denn
das, was gewohnlich so als Seelisches beschrieben wird von den
Leuten, die das Physische nicht geistig auffassen wollen, das sind
eigentlich Dinge, die ebenso real sind, wie wenn Sie eine leckere
Speise hier haben und Sie stellen sich einen Spiegel her und dann
essen Sie nicht die Speise, sondern das, was Ihnen der Spiegel zuriick-
wirft. Sie werden nicht satt. So werden Sie auch nicht seelenkundig,
wenn Sie die Seele nicht in ihrem Schopferischen, Aktiven betrach-
ten, in dem, was sie tut, sondern sie nur betrachten wollen als Bild.
Man mufi daher durchaus nicht auf dem Standpunkte stehen, dafi
man ein richtiger Geisteswissenschafter ist, wenn man das Materielle
verachtet. Man mufi das Materielle eben geistig fassen, dann wird es
durch und durch Geist. Sonst lebt man in Abstraktionen, in Intellek-
tualismen; die fiihren von dem Erkennen ab, nicht zu ihm hin.
VIERTER VORTRAG
Dornach, 6. Mai 1922
Es war mir gestern namentlich darum zu tun, zu zeigen, wie die
menschliche Seele ein tatiges Wesen ist, wie sie als tatiges Wesen den
menschlichen Organismus schopferisch-tatig durchdringt. Man mufi
in jedem Augenblicke, in dem man sich iiber die menschliche Seele
Gedanken hingibt, sich auch klar dariiber sein, dafi man das, was die
Seele ist, zu Gesichte bekommt, wenn man den menschlichen Organis-
mus, wie er sich aufierlich darbietet, auffalk in seiner Gesamtheit als
einen Ausdruck, und insof ern er ein beweglicher Organismus ist, inso-
fern er innerliche Veranderungen durchmacht, auch als eine Schop-
fung der menschlichen Seele. Aber das ist ja nur die eine Seite des See-
lenlebens. Auf die andere Seite wollen wir heute beginnen zu deuten.
Betrachten Sie zunachst einmal, ankniipfend an das, was ich schon
in den ersten Stunden dieses Zyklus entwickelt habe, den Menschen
in bezug auf seine Umgebung. Sie werden sich dann sagen miissen:
Der Mensch ist gegeniiber den Wesenheiten, den Gegenstanden, die
um ihn herum sind, mit seinem Seelischen aufierhalb. Wir konnen
nicht sagen, dafi wir in dem Stuhl drinnen sind, der uns tragt, oder
dafi wir in dem Tisch drinnen sind, der vor uns steht. Wir betrachten
die Aufienseite dieser Gegenstande; aber wir sind auch eben mit
unserem seelischen Leben aufierhalb dieser Gegenstande, und im
Grunde genommen sind wir ebenso aufierhalb eines Teiles unseres
eigenen Organismus.
Sie brauchen nur einmal ganz intensiv und klar durchzudenken,
was wir ofter gehort haben iiber die Impulse unseres Willens. Wir
haben, so sagte ich, zunachst den Gedanken, die Vorstellung: Ich
werde einen Arm heben. Dann haben wir, nachdem dieser Gedanke
irgendwie verschwunden ist in unserem Organismus, die Erschei-
nung des gehobenen Armes. Aber was da im Organismus vor sich
geht, nachdem der Gedanke da ist - ich kann nicht einmal sagen,
nachdem der Gedanke gewirkt hat, denn dieses Wirken ist ja schon
nicht im gewohnlichen Bewufitsein - bis zu dem Momente, wo die
Bewegung des Armes betrachtet werden kann, das liegt zunachst
aufSerhalb der menschlichen Seele, liegt so aufierhalb der mensch-
lichen Seele, wie der Tisch oder der Stuhl aufierhalb der mensch-
lichen Seele liegen. Ich dringe nicht in den Tisch ein; ich dringe nicht
ein in dasjenige, was geschieht, indem ein Wollen sich vollzieht.
Nun aber, sobald im Menschen eine hohere, eine ubersinnliche
Erkenntnis eintritt, kommt man dahinter, was da eigentlich vorliegt.
Fur das gewohnliche Bewufitsein liegt die Sache so, dafi der Mensch
die Aufienseite der Dinge mit seinen Sinnen wahrnimmt, die Farben,
die Tone, Warmekrafte und so weiter; die setzen sich dann fort in
den Vorstellungen, die sich der Mensch von diesen Dingen macht.
Das ist so, wenn der Mensch nach aufien blickt.
Wenn der Mensch in sich selbst hineinblickt, dann wird er zu-
nachst gewahr, wie er Vorstellungen behalten hat von den Dingen,
die er betrachtet hat, Vorstellungen, die auch wieder auftauchen; we-
nigstens scheint es so. Wir haben gesehen, daft es anders ist, aber fur
das gewohnliche Bewulksein kann man es so charakterisieren. Diese
Vorstellungen sind durchtrankt von Gefuhlen, die wie traumhaft
heraufwellen aus unserem menschlichen Wesen. Kurz, wir erbhcken
da auch eine Welt, wenn wir in uns hineinschauen, eine Welt, die uns
ebenso von innen entgegendringt wie die Farben und Tone von der
aufieren Welt. Dann stehen wir gewissermafien ebenso vor irgend
etwas, wo wir drauften sind, wie wir vor den aufieren Dingen stehen
so, dafi wir draufien sind.
Das aber wird nach innen hin anders und auch nach aufien hin
anders, wenn wir aufsteigen zu einer hoheren Erkenntnis. Wenn wir
aufsteigen zu einer hoheren Erkenntnis in der Art, wie ich das oft-
mals beschrieben habe in Vortragen und auch in meinem Buche
«Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?», dann kommt
zuerst die imaginative Erkenntnis, dann die inspirierte Erkenntnis.
Das alles kann Ihnen ja bekannt sein. Wenn nun der Mensch zuerst
zu der imaginativen Erkenntnis aufsteigt, dann die inspirierte
Erkenntnis eingreift, dann wird das, was man das Aufier-den-
Dingen- Stehen nennen kann, anders sowohl in bezug auf die Aufien-
welt als auch in bezug auf das Innere des Menschen.
In bezug auf die Aufienwelt kommen wir zunachst durch die
imaginative Erkenntnis zu Bildern. Wenn wir dann diese Bilder ent-
sprechend behandeln, so werden sie zu Bildern desjenigen, was uns
als geistige Aufienwelt umgibt. Da rauE nun schon die inspirierte
Erkenntnis eben eingreifen. Durch Inspiration erlangen wir Er-
kenntnis einer geistigen Aufienwelt, die uns ebenso umgibt, wie uns
die sinnliche Aufienwelt in Farben, Tonen, Warmeimpulsen und so
weiter umgibt. Wenn wir dieser ganzen Welt gegemiberstehen, die
jetzt eine geistige Aufienwelt ist, so mussen wir uns immer sagen:
Das ist etwas anderes als wir selbst. Wir kommen dazu, elementare
Wesenheiten, die Wesenheiten der hoheren Hierarchien in dieser
geistigen Umwelt zu entdecken. Es ist etwas anderes, als wir selber
sind. Wir lernen uns dabei selber wohl immer mehr als geistiges
Wesen kennen, aber wir lernen uns auch unterscheiden von all dem,
was eben andere Wesen sind, als wir selbst sind.
Aber indem wir die Ubungen machen, die uns so auf der einen
Seite dahin fuhren, die geistige Aufienwelt zu erkennen, kommen wir
auch nach innen vorwarts, wir kommen nach innen weiter. Und die-
jenige Entdeckung, die wir da zuerst nach innen machen, ist diese,
dafi wir gewissermafien lernen, unseren Kopf mit s einen Erkenntnis -
sen seelisch etwas gering zu schatzen. Immer mehr wert wird uns
dagegen diejenige Erkenntnis, die sich mehr im Herzen konzentriert,
wenn ich mich jetzt auf den Organismus des Menschen beziehe, und
zwar nicht, dafi wir gerade das physische Herz dabei so stark zu
beachten hatten, sondern das Atherische und das Astralische des
Herzens; die werden wir sehr stark gewahr. Und jetzt wird uns
etwas zu einer ganz hellen, lichten Erkenntnis, was aufierordentlich
bedeutsam ist.
Sehen Sie, das, was da der Mensch erkennen kann, ich kann es in
folgender Weise etwa aufzeichnen (siehe Zeichnung). Nehmen wir
einmal an, wir hatten hier das menschliche Herz (rot) und iiber dem
menschlichen Herzen alles dasjenige, was der Mensch so schatzt,
indem er auf dem physischen Plane sein Gedankenleben erkennt
(hell). Das fiihlt der Mensch auch im Kopfe, dieses Gedankenweben.
Aber indem der Mensch nun, ohne dafi er zu einer hoheren Erkennt-
„u,u, hell ////// rot
nis kommt, sich hingibt seinem ganzen Wesen, so fiih.lt er die Gedan-
ken allerdings als aufierordentlich, ich mochte sagen, vornehmen Teil
der menschlichen Wesenheit. Diese Gedanken, sie kiimmern sich
nicht sehr stark urn das eigentlich personliche Wesen. Nehmen wir
einmal an, wir haben den Gedanken eines Dreiecks. Wir mtissen uns
ihm hingeben, ohne dafi dieser Herr Gedanke sich darum kiimmert,
ob ich gerade Kopfschmerzen oder Magenschmerzen habe. Es ist
ihm aufierordentlich gleichgiiltig, wie ich personlich gestimmt bin.
Es ist ihm sogar gleichgiiltig, ob ich irgendwie anders verstimmt bin,
traurig oder heiter bin, ob mir etwas weh tut oder wohl tut - der
Gedanke des Dreieckes herrscht mit einer gewissen vornehmen
Nonchalance in meinem Kopfbewufksein und kiimmert sich nicht
um mein subjektives Befinden. Daher Menschen, welche sich blofi
um ihr subjektives Befinden kiimmern wollen, ja auch sogleich,
wenn man von solchen Gedanken spricht, die sich nicht um dieses
subjektive Befinden kiimmern, einschlafen.
Nun ja, da ist also in gewissem Sinne eine vornehme Welt, die sich
urn das subjektive Befinden nicht kiimmert. Aber wenn der Mensch
dann in diese vornehme Welt sein Subjektives hineinmischt, und er
fiihlt sich nahe dem eigenen Wesen, dann geht dieses Fiihlen schon
durch das Herz, es strahlt gewissermafien vom Kopf nach dem ande-
ren Menschen hinunter, und da kommt es dann aus dem anderen
Menschen herauf (Pfeile). Was kommt da herauf?
Ja, da kommen herauf eben die Gefiihle, die Instinkte, Triebe,
Leidenschaften; da wustet, mochte ich sagen, alles dasjenige herauf,
was da im Menschen wirkt an Trieben, Instinkten, Leidenschaften
(rote Pfeile); das wustet da herauf. Da hat sich der Mensch in diesem
so recht Subjektiven. Aber in dem, was da heraufwiistet, ist enthalten
auch alles Kochen des Organismus selber. Was im Magen, was in den
Gedarmen, was sonst ausgekocht wird in dem Menschen, das wustet
mit diesen Trieben und Instinkten herauf, das kommt dem Menschen
entgegen. So dafi man sagen kann: Da oben ist gewissermafien eine
vornehme Welt; sie ist sehr vornehm, aber sie wird im Menschen gar
nicht seelisch, weil sie sich nicht kiimmert um das Subjektive. Es ist
schliefilich ganz gleichgiiltig, ob der Miiller den Gedanken eines
Dreiecks, eines Lowen hat, oder ob ihn der Schulze hat. Die Gedan-
ken kummern sich nicht um das Subjektive. Das Seelische kommt
erst zustande, wenn aus dem Inneren des Menschen heraus dasjenige
quillt, was diese Gedanken gefuhlsmafiig oder instinktmafiig durch-
setzt. Wenn zum Beispiel der Miiller ein Held ist und er den Gedan-
ken des Lowen hat, dann pulsen von unten solche Gefiihle herauf,
dafi er sich vor dem Lowen nicht fiirchtet; wenn der Schulze ein
Hasenfufi ist, so dafi er schon davonlauft, wenn er an einen Lowen
denken soil, dann ist das das Subjektive, das hineinkommt. Das ist
das Seelische, das hineinkommt. Der Gedanke des Lowen hat ein
Allgemeines, das nicht seelisch ist, das ein Geistiges ist. Dadurch, dafi
ihm entgegenkommt aus dem Menschen dieses Triebmafiige, wird
der Gedanke zum Seelischen. Und das macht auch den Gedanken des
Lowen zum Seelischen, ob er nun etwa den Miiller dazu verleitet,
immer an das Instrument denken zu miissen, wenn er an einen Lo-
wen denkt, mit dem er den Lowen attackiert, sich gegen ihn zur
Wehr stellt meinetwillen, oder ob der Schulze immer denken mufi
beim Gedanken des Lowen, wie er nur am schnellsten davonlaufen
kann und so weiter. Dadurch wird das Ganze ja nun im gewohn-
lichen Leben seelisch. Und das Seelische ist immer in gewisser Weise
hineinstrahlend, mochte ich sagen, in das Geistige.
Ja, aber wenn Sie jetzt aufriicken zur imaginativen Erkenntnis und
von da zur inspirierten Erkenntnis, dann wird die Sache anders.
Dann haben Sie allerdings zunachst die grofie Miihe, dasjenige, was
viel deutlicher, weil ungeschminkt heraufkommt, die Triebe und
Instinkte, zuruckzuschlagen, diese sich nicht aussprechen zu lassen;
die miissen nun zuriick, die diirfen sich nicht aussprechen. Aber es
kommt etwas anderes herauf. Da kommt diesen Gedanken, die ja
angeregt sind von der Aufienwelt und die so vornehm im Kopfe ihre
Behausung aufgeschlagen haben, entgegen durch das Herz, das in
gewissem Sinne jetzt ein wunderbares Sinnesorgan wird - das Herz
wird so groft wie der ganze Blutorganismus, und es wird ein grofies
atherisches Sinnesorgan da kommt herauf jetzt nicht dasjenige,
was in den Trieben und Instinkten lebt, sondern da kommt jetzt
herauf eine Summe von Gedanken (helle Pfeile), die den oberen
Gedanken entgegenkommen. Aber diese Gedanken, sie sind mach-
tige Bilder, und sie sprechen gar nicht dasjenige aus, was sonst her-
aufkommt aus dem Organismus; sie sprechen jetzt das aus, was der
Mensch vor der Geburt war.
Der Mensch lernt sich erkennen in der geistigen Welt, bevor er
hier auf der Erde geboren, beziehungsweise konzipiert worden ist.
Das kommt dem Menschen entgegen. Der Mensch wird versetzt
dadurch, dafi ihm das entgegenkommt, jetzt nicht in seine Triebe,
Begierden, sondern er wird versetzt, wenn er imaginative und inspi-
rierte Erkenntnis hat, in sein Dasein in der geistigen Welt, bevor er
heruntergestiegen ist zu einer physischen Verkorperung. Und indem
sich der Mensch da drinnen erkennen lernt, lernt er auch zugleich
etwas kennen, was also anders ist vor der imaginativen und inspirier-
ten Erkenntnis als die Aufienwelt, die uns sonst umgibt; wo wir
Elementarwesen, Engel, Erzengel und so weiter kennenlernen. Wir
lernen uns aus der Weisheit selbst kennen in unserer erweiterten
Wesenheit tiber das Erdendasein hinaus.
Das aber gibt einen sehr bedeutsamen Aufschlufi iiber das seeli-
sche Erleben. Wir sagen uns nach und nach: Dieses seelische Erleben,
im Kopfe ist es ganz ausgeflossen; da steckt es ganz darinnen im
Kopfe, hat den Kopf gebildet als sein Abbild (siehe Zeichnung, blau).
Das bietet sich nur der Aufienwelt dar, so dafi diese die Bilder ein-
malen kann, die wir dann bekommen und die wir im Gedachtnisse
festhalten. Aber hier unten, da ist dieses Leben darinnen, ohne dafi
Tafel 7
es sich - ich habe das schon gestern angedeutet - so intensiv verbin-
det mit dem Physischen; da ist es mehr getrennt. So dafi wir da hin-
unterblicken in uns selber, wenn das Herz das Auge wird fur dieses
Hinunterblicken auf diesen Teil, in die flammenden, sengenden,
brennenden Emotionen, Begierden, Leidenschaften, Triebe auf der
einen Seite; auf der anderen Seite aber ist das, was sich nicht mit dem
verbinden mag, was unser ewiges Wesen ist, was nebenher lebt.
Und jetzt wird uns klar: Fur unseren Kopf ist unser Seelisches so,
dafi es darinnen begraben ist; es ruht da drinnen. Der Kopf ist eigent-
lich nur ein aufieres Reflexionsorgan fur die physische Umgebung.
Da fassen wir nur die Aufienwelt. Uns selbst fassen wir, wenn wir
durch das Herz tiefer in uns hineinschauen. Das gewohnliche Leben
schlagt uns blofi die Emotionswogen herauf. Lernen wir aber durch
hohere Erkenntnis mehr davon kennen, so schlagt uns da unser
ewiges Dasein herauf. Jetzt lernt die Seele verbunden sein mit dem
Geiste, der wir selbst sind. Die aufiere Welt, die wir betrachten als
geistige Umgebung, die sind wir nicht. Das, was wir da drinnen
durch unser Herz, das Sinnesorgan wird, erblicken, das sind wir
selbst. Der Weg, der sonst nur in das Seelische fuhrt, indem das
Seelische seine Aufienseite, die Triebe, die Begierden, zeigt, dieser
selbe Weg fiihrt uns hinein in das ewige Seelische, das in uns ist und
das vom Geistigen durchdrungen ist, das ebenso geistig ist wie die
geistige Umwelt. Jetzt kommen wir hinein in das Gebiet, wo die
Seele mit dem Geiste eins ist.
Sie konnen noch so sehr zu Ihrem Gehirn zuriickblicken - das ist
physisch; da sind Sie selber physisch. Aber es ist das Gehirn auch die
Hauptdomane der gegenwartigen materialistischen Seelenbetrachter,
Sie sagen, sie betrachten die Seele, betrachten aber nur das Gehirn. Das
konnen sie auch, weil das Gehirn ein Ausdruck ist fur das Seelische. Da
ist das Seelische drinnen begraben, da ist es untergetaucht, da ruht der
Leichnam des Seelischen drinnen. Dieser Leichnam des Seelischen
ist die Domane der gegenwartigen Seelenforschung. Aber an sich ist
das Seelische so, wie es als Seelisches ist, und mit dem Geiste verbun-
den, unterhalb des Herzens, und da verbindet es sich nicht innig mit
demjenigen, was Triebe, Begierden sind, sondern eben nur aufierlich.
Nun macht man aber noch eine andere Entdeckung. Sehen Sie,
wenn Sie irgendeinen Sinn, zum Beispiel das Auge nehmen: Sie
schauen zunachst physisch um sich herum. Sehen wir ab davon, dafi
wir ja meistens hier bei kunstlichem Licht sind; wir wiirden sehr
leicht nachweisen konnen, dafi das, nur auf einem Umweg, doch auch
mit dem Sonnenlicht etwas zu tun hat, aber darauf wollen wir jetzt
nicht sehen. Wir wollen uns nur vorstellen einen schonen Vormit-
tagsvortrag auf freiem Felde und wiirden statt dieser schrecklichen
Beleuchtung das Sonnenlicht draufien haben. Wir wollen uns das vor-
stellen; das ist etwas, was dem Menschen auch manchmal passiert. Ja,
aber da sehen wir iiberall die Sonne, denn die Sonne ist nicht blofi die-
se Scheibe da oder diese Kugel, sondern sie strahlt; wenn sie auf eine
Blume strahlt, gehen die Strahlen zu uns zuriick. Die Sonne ist es, die
da in unser Auge eindringt und durch die wir die Blume gewahr wer-
den, durch die wir uns auch die Vorstellung bilden von der Blume.
Uberall, an alien Gegenstanden, ist es die Sonne. Aber das begreift ja
der Mensch leicht, dafi, insofern er die Gegenstande um sich herum
beleuchtet sieht, es die Sonne ist, die auf dem Umwege durch seinen
Kopf, durch sein Auge alles, was er von diesen Gegenstanden aufier-
lich physisch weifi, vermittelt. Aber es ist nicht nur das die Sonne, was
das Auge wahrnimmt. Es hat schon einen tieferen Wahrheitsgehalt,
wenn wir im «Faust» horen: «Die Sonne tont nach alter Weise in Bru-
derspharen Wettgesang.» Es ist solch eine Weltharmonie vorhanden,
und dasjenige, was sich von dieser Weltharmonie in unserem Luft-
kreis geltend macht, ist schliefilich auch ein Sonnenreflex, so dafi
schon auch das Tonende auf einem gewissen Umweg von dem Son-
nenhaften kommt. Alles Wahrnehmbare in der aufieren physischen
Welt kommt schon von dem Sonnenhaften. Warme, Ton, alles
kommt, nur nicht so direkt wie das Licht, von dem Sonnenhaften.
Und jetzt mufi ich etwas sagen, was naturlich fur das erste Horen
etwas Uberraschendes hat, etwas hat, was einem so erscheint, als ob
man es nicht gleich verstehen konnte. Aber man kann schon eindrin-
gen, wenn man nur die Dinge verfolgt, so wie wir gewohnt sind, die
Dinge durch Anthroposophie zu verfolgen. In dem, was wir da so
aufSerlich sehen durch das Vorhandensein der Sonne und unser sinn-
gemafies Verbundensein mit dem, was die Sonne uns sehen lafit an der
aufteren Welt, sind wir eigentlich da in dem Sonnenhaften drinnen. In
dem aufierlich physisch-atherisch Sonnenhaften sind wir drinnen.
Wenn wir jetzt zu der imaginativen Erkenntnis kommen, zu der
inspirierten Erkenntnis - wenn ich mich so ausdriicken darf, aber
nur in dem Sinne ist das aufzufassen, wie ich es eben gesagt habe -,
wenn wir nun durch unser Herz weiter in unserem eigenen Wesen
vordringen, so wird es mit diesem Sonnenhaften etwas anderes. Wir
bekommen in einem bestimmten Punkt, wo die inspirierte Erkennt-
nis auftritt, wo wir so weben mit der inspirierten Erkenntnis in einer
realen Bilderwelt, nun das Bewufksein, wie wenn wir plotzlich wie
durch einen inneren seelisch-geistigen Ruck in die Sonne selber
eingelaufen waren.
Das ist em Erlebnis, das Sie sich nur seiner Bedeutung mch vor
die Seele stellen sollen. Diese Sonne scheint uns auf die Erde. Wir
nehmen als Menschen wahr, was um uns herum ist als Ruckstrahlung
des Sonnenhaften. In dem Momente aber, wo wir zur inspirierten
Erkenntnis kommen, wo das Herz Sinneswahrnehmungs organ wird,
wie ich es geschildert habe, fur uns selbst, da fiihlen wir uns plotzlich
in der Sonne drinnen. Wir fiihlen uns nicht mehr so, wie wenn wir
hinaufschauen wiirden und die Sonne da so gehen sehen wiirden -
ich nehme jetzt nur die scheinbare Bewegung an -, sondern wir fiih-
len uns wie mit unserem Herzen in der Sonne drinnen und mit der
Sonne selber gehend, indem das Herz unser Sinnesorgan wird. Fur
uns selbst wird das Herz zu gleicher Zeit wie hinausgeriickt in die
Sonne, und die Sonne wird unser Auge, mit dem wir jetzt dasjenige,
was anfangt, um uns herum zu sein, anschauen. Die Sonne wird jetzt
zu unserem Auge, auch zu unserem Ohr, auch zu unserem Warme-
organ. Wir haben nun nicht mehr das Gefiihl, da£ wir aufierhalb des
Sonnenhaften sind, sondern wir haben das Gefiihl: Wir sind in das
Sonnenhafte hineingeriickt, wir stehen innerhalb des Lichtes. Wir
sind sonst immer aufierhalb des Lichtes. Jetzt, wenn wir mit unserem
eigenen Wesen in unser Herz eingetaucht sind, haben wir der Welt
gegeniiber das Gefiihl: Wir stehen innerhalb des Lichtes, und unser
eigenes Wesen ist Licht. Wir beruhren mit unseren Lichtorganen, die
wir jetzt in dem wallenden, webenden Lichte haben, die geistigen
Wesenheiten. Wir werden mit unserem Seelischen jetzt verwandt der
Welt, die nicht aufierhalb der Sonne ist, sondern die innerhalb der
Sonne ist, und zwar, ich bemerke ausdriicklich: linienhaft werden
wir das, wir fiihlen uns wie auf dem Weg der Sonne, linienhaft auf
dem Weg der Sonne. Und geht jetzt die hohere Erkenntnis nur um
ein kleines Stuck weiter, dann fiihlen wir uns nicht nur in der Sonne
drinnen, sondern dann fiihlen wir uns gewissermafien da jenseits der
Sonne (siehe Zeichnung). Friiher waren wir da unten so ein kleiner
Mensch und sahen zur Sonne hinauf. Jetzt sind wir in die Sonne
hineingekommen, fiihlen uns mit unserem seelischen Wesen inner-
halb der Sonne, und die Welt ist in uns, die bisher um uns herum war
(griin).
Tafel 7
Aber erst wenn wir dies errungen haben, beginnen wir zu verste-
hen, dafi wir, wenn wir im gewohnlichen Erdenleben schlafen, mit
unserer Seele da hinausgehen. Da sind wir, wo wir so eingerichtet
sind, da£ wir eigentlich nur durch die Sonne wahrnehmen sollen.
Jetzt gehen wir mit unserem Seelischen da hinaus in die Welt, die uns
nur durch die Sonnenreflexion klar werden kann; daher nehmen
wir da nichts wahr. Wir miifiten hinausrucken iiber das Gebiet der
Sonnensphare. Das geschieht aber erst durch die Inspiration, spater
durch die Intuition; da nehmen wir erst etwas wahr, weil wir uns
gewissermafien als menschliche Erdenwesen, wenn wir aus unserem
physischen Leib und aus unserem Atherleib herausgehen, da durch
alle die Erdengegenstande durchquetschen; vom Einschlafen bis zum
Aufwachen quetschen wir uns durch alle moglichen Erdengegen-
stande durch. Da ist zunachst von uns selbst nicht viel wahrzuneh-
men. Andere Wesen nehmen wir wahr, aber erst, wenn wir uns dar-
auf eingerichtet haben; uns selbst aber konnen wir erst wahrnehmen,
wenn wir durch Schulung da hinauskommen in das Gebiet, in dem
wir waren zwischen dem Tod und einer neuen Geburt.
Was ist es denn eigentlich, was uns abtrennt von diesem Gebiet,
in dem wir leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt? Ja,
man kann nichts anderes sagen als: Die Sonne ist das. Wir werden als
Menschen in die physische Welt hineingeboren. Vor der Konzep-
tion, bevor wir heruntergestiegen sind, haben wir mit der aufieren
physischen Sonne nichts zu tun, nur mit dem, was hinter der Sonne
als Geistiges steht, mit dem haben wir zu tun. Jetzt steigen wir in die
physische Welt herunter. Da strahlt iiberall die Sonne hin. Was sie
uns sichtbar macht auf physische Weise, das nehmen wir in unsere
Gedanken, in unsere Vorstellungen auf. Diese physische Sonne ver-
hindert uns, das Geistige zu sehen. Und wenn wir nach dem Ein-
schlafen da draufien sind unter den Gegenstanden, die sie uns sonst
sichtbar macht, sind wir eben, weil wir wahrend des Erdenlebens mit
unserem physischen Leib an das Erdenleben gewohnt sind, zu
schwach, um hinauszusehen aufierhalb des Sonnengebietes, und im
Sonnengebiet konnen wir nichts sehen, denn da wiirden wir die an-
deren Wesen sehen miissen, die uns entweder als elementarische
Geister oder als Geister der hoheren Hierarchien in der aufieren Welt
umgeben.
Sie sehen also, das, um was es sich handelt, ist auch von diesem
Gesichtspunkte aus gesehen, dafi das Seelische erstens als solches
erkannt werden kann durch eine hohere Erkenntnis, als es die des
gewohnlichen Bewufitseins ist, zweitens aber, dafi dieses Seelische
innig verwandt ist mit demjenigen, was Welt ist. Die Seele hangt mit
der ganzen Weltentwickelung zusammen, und wenn wir in unserem
Leibe sind, dann ist es die Sonne, die uns alles Aufierliche sichtbar
macht, auch horbar macht und so weiter, die uns aber hindert, in die
geistige Welt hineinzuschauen. Wir kommen gewisserma£en, wenn
wir zur geistigen Welt aufsteigen, auf die andere Seite der Sonne. Wir
sind hier diesseits des Sonnenwesens; wir kommen auf die andere
Seite der Sonne, wenn wir zur geistigen Welt vorschreiten. Und bei
dem Ubergang von der einen Seite des Sonnenlebens zu der anderen
Seite des Sonnenlebens haben wir das Bewufksein, von dem ich eben
gesprochen habe, dafi wir uns wie in der Sonne, mit der Sonne fuh-
len, mit der Sonne die Weltenwege machen und so weiter. So dafi wir
unser Seelisches gar nicht kennenlernen konnen, ohne dafi wir dieses
Seelische in innigem Zusammenhange betrachten mit der ganzen
Weltentwickelung, mit dem ganzen Weltenwesen.
Was uns, ich mochte sagen, einsam an einen bestimmten Ort der
Erde stellt, das ist unser physischer Leib, der auf das aufiere Sonnen-
hafte eingestellt ist und der uns hindert, unser Seelisches zu verbin-
den mit dem All, der uns isoliert. Das Isolierende ist ja unser Orga-
nismus. So lebt denn der Mensch eigentlich im Sonnenhaften. Und
Sie wissen, in dieses Sonnenhafte mischt sich - wollen wir jetzt rein
den aufteren Tatbestand betrachten - das Mondenhafte herein, au-
fierlich so: die Sonne bescheint den Mond. In mondhellen Nachten
wirft der Mond das Sonnenlicht zuriick. Wir haben das Sonnenlicht
vom Monde. Das heifit, wir haben eine Art von Abschattung, oder
Abhellung konnte man sagen, der Welt in alledem, was nun unter
dem Einflufi des Mondenhaften in die Welt kommt.
Nun kommt in die Welt herein nicht nur das silberglanzende
Mondenlicht, das uns bei scheinendem Monde die Gegenstande so
im Nebelhaften bespiegelt, wie uns sonst klar und hell und begrenzt
in Konturen das Sonnenlicht bei Tag die Gegenstande spiegelt. Nicht
nur dieser Abglanz des Sonnenlichtes von den Gegenstanden kommt
uns zu, sondern in den Wesen der Erde lebt das Mondenhafte auch
dadurch, dafi diese Wesen der Erde fortpflanzungsfahig sind. In
allem Fortpflanzungsfahigen, was dann mit den Vererbungskraften
verbunden ist, lebt das Mondenhafte.
Wenn der Mensch nur unter dem Einflufi des Sonnenhaften ware,
so wiirde er ja schon Mensch sein konnen auf der Erde, aber er wiirde
nicht einen anderen Menschen hervorbringen konnen. Wenn blofi
das Sonnenlicht immer vorhanden ware, so wiirde die Erde gewisser-
mafien einen Dauerzustand darstellen. Es wiirde kein Wesen ver-
gehen und kein neues entstehen. Alles Vererbbare, alles Fortpflan-
zungsmafiige ware nicht da. So daft man sagen kann: Das Sonnen-
hafte ist auf der Erde das zunachst physisch Urkraftige. Es vertreibt
unser Seelisches an der Kopfseite des Menschen; es macht da alles
zum Bilde auf der Kopfseite. Real werden wir im gewohnlichen
Seelenleben erst durch unsere Triebe, durch unsere Emotionen; im
hoheren Seelenleben, wenn wir durch das Herz den Geist durch-
schauen, aber auch wenn wir aufierhalb des Sonnenhaften kommen.
Also das Sonnenhafte ist das in der Sinneswelt Urkraftige, mochte
man sagen. Damit es nicht ganz allein machtig ist, damit dieses Son-
nenhafte nicht dauernd werde, damit nicht alle Pflanzen dauernd
werden, sondern absterben und neue hervorbringen, nicht alle Tiere
dauernd werden, sondern absterben und vorher neue hervorgebracht
haben, ebenso beim Menschen, ist beigemischt in der Entwickelung
der Welt dem Sonnenhaften das Mondenhafte. Und so ist auch dem
Menschen das Mondenhafte eingegliedert.
Das Mondenhafte ist immer tatig, wenn ein neues Menschen-
wesen in die Welt eintritt. Da geht gewissermafien das Sonnenhafte
nicht blofi bis an die Oberflache, sondern bis ins Innere des Men-
schen und schliefit den Menschen aus einer gewissen Sphare aus.
Beachten Sie dieses auf der einen Seite. Wir haben also gewisser-
mafien die machtige Sonnengewalt; aus der machtigen Sonnengewalt
herausgeworfen einen gewissen Teil unserer aufteren Weltentwicke-
lung, indem das Mondenhafte da hineinkommt.
Wenn ich schematisch das beim Menschen zeichnen soil (Zeich- Tafel 8
nung S. 82), so miifite ich sagen: Wenn das ein Menschen-Schema ist,
wiirde das Mondenhafte sich eben eingliedern (orange). Da wird aus
dem ganzen menschlichen Wesen, insofern dieses Sonnenhafte daran
beteiligt ist, dieses Sonnenhafte herausgeworfen, und das Monden-
hafte macht sich geltend. Sie sehen also, es ist dem urkraftigen Son-
nenhaften in der aufieren physischen Welt etwas genommen. Daher
kann sich auch das, was da mondenhaft sich abspielt, in der Fort-
pflanzung nicht aufierlich in der Welt abspielen - nur bei den aller-
niedersten Tieren ein Teil davon, indem die Eier ausgelegt werden
und von der Sonne dann ausgebriitet werden das entzieht sich der
aufieren Welt da, wo gerade dieses Mondenhafte recht stark wird.
Aber das hat einen Gegenpol. Das, was der Sonne auf der einen
Seite genommen wird und wodurch ermoglicht wird durch das
Mondenhafte, dafi auf der Erde irdische Fortpflanzung ist und irdi-
sche Vererbung, das wird ihr auf der anderen Seite wieder gegeben.
Und indem ihr dies gegeben wird, ist die Sonne nicht blofi jenes
physische Wesen, von dem Ihnen erzahlt wird in der aufieren Wis-
senschaft, sondern die Sonne hat ein Geistiges, eine Art Ubersonne,
was zu ihr gehort (Zeichnung S. 83, orange). Diese Ubersonne gehort
dazu zu der Sonne, aber diese Ubersonne wirkt geradeso auf den
Menschen wie der Mond, der eine Art Untersonne ist. Und in unse-
rem Zeitalter wissen die Menschen nichts Verniinftiges iiber die Art,
wie der Mond sich hineinstellt in die Erdenentwickelung; aber sie
wissen erst recht nichts von dieser Ubersonne, und dafi so, wie der
Mond seinen machtigen Einflufi auf das Physische des Menschen hat,
diese Ubersonne den machtigen Einflufi hat auf das Seelische des
Menschen.
i„ t ,„ hell ////// cjr<jn //////// orange
Sehen Sie, das haben altere Menschen aus einem instinktiven
Hellsehen heraus gewufit und daher, wenn sie das andeuten wollten
bei besonders fur das Geistige begabten Menschen, fur das wirklich
Geistige, fur das Spirituelle begabten Menschen, angedeutet, dafi die
Ubersonne auf sie wirkt, kurz, dafi sie nicht blofi sind, was sie sind
durch Sonne und Mond, sondern dafi sie auch das sind, was sie durch
die Ubersonne sind, dafi sie mehr sind als dieser physische Leib. So
wie der Mensch physisch mehr ist als sein aufierer physischer Leib in
seiner Begrenzung, indem er einen Menschen aus sich hervorbringen
kann, indem er also hinausgeht nach der physischen Seite, so ist der
Mensch auch mehr nach einer geistigen Seite. Man hat das in einer
Zeit instinktiven Hellsehens gewufit und hat deshalb dem Menschen
den Heiligenschein gegeben. Geradeso wie der Mensch in der phy-
sischen Welt hinausgeht iiber sein eigenes Wesen, indem er ein fort-
pflanzungsfahiges Wesen ist, geht er durch die Ubersonne aus dem
gewohnlichen Seelischen, das an den Korper gebunden ist, hinaus,
ragt ins Geistige hinein und tragt nach der Ansicht der Alteren den
Heiligenschein. Wenn Neuere den Heiligenschein machen, so ist er
immer wie eine aufgesetzte Kappe, weil sie keine Ahnung haben, wie
das mit dem Menschenwesen wirklich zusammenhangt. Das ist keine
Kappe, sondern das ist etwas, was der Mensch durch die Ubersonne
hat; das ist eine Erweiterung seines Seelischen in das Geistige hinein
bis zu dem Grade, dafi diese Erweiterung im Atherischen sichtbar
werden kann.
Tafel 8
Da werden wir, indem wir durch Anthroposophie wiederum
verstehen lernen, warum aus einer alteren atavistischen Anschauung
der Heiligenschein gemacht worden ist, tief hineingefiihrt in das
Seelisch-Geistige auf der einen Seite, und auf der anderen Seite wer-
den wir hineingefiihrt in dasjenige, was altere, wenn auch traum-
haft-atavistische Hellsehererkenntnisse erschauen konnten von der
Welt. Wahrheiten konnten sie erschauen. Und die neuere Mensch-
heit ist ungemein toricht, wenn sie meint, dafi aus irgendeiner Phan-
tasie heraus die Menschen in alteren Zeiten gewissen Personlich-
keiten den Heiligenschein gegeben haben. Sie haben es nicht aus der
Phantasie heraus getan, sondem sie haben damit andeuten wollen,
dafi solche Menschen vorzugsweise von der Ubersonne beeinflufk
sind, von demjenigen, was geistig-seelisch in der Sonne ist. Sie sehen
also, da$ der Mensch, wenn man ihn betrachtet seinem seelischen
Wesen nach, wirklich seinen Organismus erfiillt; aber indem das
Mondenhafte in ihn eindringt und das Mondenhafte da nur in seinem
Abglanz erscheinen kann, wird der Mensch fremd seinem eigenen
physischen Wesen. Das geht in Vererbungsverhaltnisse hinein. Auf
der anderen Seite nimmt der Mensch, indem die Sonne wiederum, ich
mochte sagen, das, was sie durch den Mond fur die Erde verliert,
durch die Ubersonne bekommt, teil an dem und rankt sich mit sei-
nem Seelischen schon in seinem atherischen Leib ins Geistige hinauf.
Diese Dinge mufi man schon anfiihren, wenn man darauf hinwei-
sen will, wie innig das Seelische des Menschen mit der Weltenentwik-
kelung zusammenhangt. Man kann einfach nicht uber das Seelische
des Menschen reden, wenn man nicht von der Weltentwickelung
redet. Denn in dem Augenblicke, wo man zum wirklichen Seelischen
vordringt, dringt man auch zu dem Sonnenhaften vor. Und wie der
Mensch mit der Materie gerade dadurch intensiv verbunden ist, dafi
er die Vererbungsmerkmale an sich tragt, dafi er also die Impulse der
physischen Entwickelung an sich tragt, so ist er mit der geistigen
Welt dadurch verbunden, daft er das, was blofie Kopfgeistigkeit ist,
die eigentlich etwas Leichnamhaftes, Totes hat, mit dem Ubersonn-
lichen durchdringt und dadurch diese Kopfgeistigkeit durchseelt
wird. Und so ist es beim Menschen so, dafi in sein Vorstellungswesen
das Seelische hereinragt. Wie beim Muller, wenn er ein tapferer Kerl
ist, bei dem Gedanken des Lowen, der Bild im Geistigen ist, die
mutvollen Gefuhle hereinragen, beim Hasenfufi Schulze die Flucht-
gefiihle hereinragen, wie da der Gedanke seelisch wird, seelisch aus
dem menschlichen Organismus - denn das, was da hineinflutet in das
Vorstellen, in das Denken, das sind schliefilich doch die Kochpro-
dukte des Organismus -, so stromt von der anderen Seite nun nicht
Trieb, Begierde, Leidenschaft herein, sondern es stromt Weltenseele
herein vom Ubersonnlichen.
Und wir miissen uns schon klar sein dariiber: Wenn wir den
Menschen als in Geistesbildern, als in Vorstellungen lebend haben,
so stromt in diese Vorstellungen herein von der einen Seite sein
Triebhaftes, sein Animalisches und macht von der einen Seite das
Vorstellen, das sonst kalt und nuchtern ware, seelisch (siehe Zeich-
Tafel 8
///// rot i f / 1
nung, rot); von der anderen Seite stromt das Ubersonnliche herein
(gelb). Das ist nun auch seelisch. Es ist nur ein Vorurteil, wenn man
glaubt, daft derjenige, der nun nicht blofi in Emotionen lebt, sondern
der aufnehmen kann auch das Ubersonnliche aus der Welt in seine
abstrakten Gedanken, dafi der ein solch trockener Kumpan wird wie
derjenige, der nur Gedanken hat.
Die Leute furchten sich vor dem Spirituellen, wenn es in reiner,
kosmischer Form auftritt, weil sie glauben: In bezug auf meine Ge-
danken bin ich schon ein genxigend kalter Kerl; nehme ich nun noch
die Weltgedanken auf, dann werde ich vollig ledern. - Da ist aber das
Umgekehrte der Fall, Man wird ebenso innerlich warm, ebenso in-
nerlich durchenthusiasmiert, aber eben in der reinen geistigen Form,
wie man durchenthusiasmiert wird von den Trieben, von den Begier-
den, von dem Animalischen, das aus dem Organismus heraufstrahlt
in das Gedankenhafte.
Ich habe in meinem Buche «Goethes Weltanschauung* darauf
aufmerksam gemacht, dafi man wahrhaftig nicht blofi Warme in das
Gedankenhafte hineinbringen kann dadurch, daft man Triebartiges
hineinmischt. Gewifi, die Leidenschaft, der Trieb macht die Gedan-
ken warm, aber animalisch warm. Aber es gibt auch eine Warme, die
aus der Welt kommt, die von der Ubersonne kommt, und man kann
ergluhen, indem man diese Weltenwarme, die jetzt nicht die anima-
lische, sondern die die Warme der iiber den Menschen stehenden
Hierarchien ist, in sich aufnimmt. Wenigstens andeuten konnte ich
das in meinem Buche «Goethes Weltanschauung*, wo ich davon
spreche, wie unrecht es ist, dafi man einen Menschen, der ideenerfiillt
ist, wenn seine Ideen von einer hoheren Warme durchzogen sind,
auch als einen so trockenen Kumpan auffafk und glaubt, selber
einer zu werden, wenn man solche Ideen aufnimmt, wie das sonst bei
den trockenen Ideen, die man eben heute zumeist allein kennt, der
Fall ist.
Ich versuchte, Ihnen das Seelische also im Zusammenhange mit
der Weltenentwickelung zu schildern und mochte dann morgen
noch besondere Einzelheiten dieses Seelenlebens zur Darstellung
bringen.
FUNFTER VORTRAG
Dornach, 7. Mai 1922
Es ware selbstverstandlich iiber unser Thema noch aufierordentlich
viel zu sagen, allein man kann bei einem solchen Thema nur einzelne
Andeutungen geben, und mit denen miissen wir uns auch zunachst
begniigen. Ich werde heute versuchen, durch eine Art umfassenderen
Uberblicks Ihnen das Drinnenstehen der Seele in der ganzen Welt-
entwickelung zu zeigen.
Wenn wir als beseelter Mensch zwischen Geburt und Tod die
AujSenwelt auf uns wirken lassen, so bekommen wir zunachst von
dieser Aufienwelt eine Summe von Eindriicken. Der heutige Mensch
ist ja insbesondere auch durch die wissenschaftliche Erziehung, die
bis in die niedersten Schulen hineingeht, seit Jahrhunderten daran
gewohnt, diese AujSenwelt als das Wesentliche zu betrachten. Man
hat in der neueren Zeit sogar angefangen, die Seelenwissenschaft als
eine Art Naturwissenschaft zu konstruieren. Das tun nicht nur die
Gelehrten, das tut im Grunde genommen heute der einfachste
Mensch. Alles das riihrt davon her, dafi der heutige Mensch wenig
dazu veranlagt ist, zuriickzuschauen in sich selbst. Daher wird er gar
nicht leicht aufmerksam auf solche Dinge, wie sie gestern hier be-
sprochen worden sind. Der Mensch der Gegenwart ist wenig geneigt,
wenig gewohnt, auf sich selbst in objektiver Weise zuriickzuschauen.
Er sieht auf dasjenige hin, was ich gestern als die heraufwellenden
und -wogenden Triebe, die Begierden, die Leidenschaften, die Emo-
tionen uberhaupt genannt habe. Aber er ist wenig geneigt, in objek-
tiver Weise auf dieses hinzuschauen, weil von dem, was in seinem
Inneren ist, bei einer solchen Selbstschau nicht viel anderes herauf-
kommt als eben diese Begierde. Wenn sie auch manchmal durch die
Erziehung verfeinert wird, sie bleibt doch diese Begierde, die herauf-
kommt, wahrend der Mensch allerdings von der AujSenwelt sich
gewisse Ideen bildet, denen gegeniiber er nicht personlich beteiligt
ist, die eine gewisse Objektivitat haben.
Es gibt viele Leute, die wollen nicht gerne solche Begriffe, die hal-
ten sich mehr an dasjenige, was in ihrem Inneren subjektiv und per-
sonlich lebt. Aber die Zivilisation der Zeit bringt ja iiberall solche
Begriffe iiber die aufiere Natur, wie wir sie einmal heute und seit Jahr-
hunderten schon auffassen, an die Menschen heran. Mit diesen Be-
griffen iiber die Natur fullt dann der heutige Mensch sein Inneres aus.
Er lernt heute schon durch die kleinsten lokalen Zeitungsblattchen,
wenigstens durch die Sonntagsbeilagen, die Welt so betrachten, wie es
eben in diesem Sinne geschehen kann. Er weifi nicht, dafi er eigentlich
schon mit dem kleinsten Zeitungsblattchen die naturwissenschaftli-
che Weltanschauung aufnimmt, aber er tut es eben. So daft man sagen
kann: Das einzige, womit sich der Mensch heute wirklich befafk, das
sind die Begriffe der aufieren Natur. Ich sage das nicht als Kritik des
einzelnen, sondern als Kritik der Zeit oder eigentlich nur als Charak-
teristik der Zeit, denn zu kritisieren ist dabei nichts; die Sache ist eben
einfach ein notwendiges Zeitprodukt. Der Mensch ist so wenig inter-
essiert an dem Menschen selbst, daft es ihm eigentlich schon gleich-
giiltig geworden ist, ob er den lebendigen Schauspieler auf der Biihne
sieht oder ob er das Gespenst des Kino sieht, was naturlich in der
Realitat doch einen betrachtlichen Unterschied gibt. Aber es ist nicht
eine tiefe Empfindung, eine griindliche Empfindung fur diesen Un-
terschied in der heutigen Zeit vorhanden, sonst wiirde man auch
mehr Gefiihl, mehr Empfindung haben fur den grofien Anteil, den an
dem Niedergang unserer Zivilisation gerade solche Erscheinungen
wie die Kinokultur haben.
Die Ideen, die dem heutigen Menschen fur seine Seele vermittelt
werden, nimmt er einfach dadurch auf, dafi er aus blindestem Autori-
tatsgefiihl heraus sofort iiberzeugt ist, wenn man ihm sagt: Die Wis-
senschaft hat wiederum das und das gebracht, wiederum das und das
konstatiert. - Man mufi sich nur klar sein dariiber, was das eigentlich
heifit, dafi man diese Dinge so hinnimmt, wie sie heute geschildert
werden. Man weift durchaus nicht, indem man die Schilderung ent-
gegennimmt, was da eigentlich in den Laboratorien und so weiter
vorgeht. Kurz, es ist der blindeste Autoritatsglaube an dasjenige
vorhanden, was in dieser Weise an Ideen iiber die aufiere Welt den
Menschen mitgeteilt wird.
Nun war das keineswegs immer so. Ich habe schon oftmals auf-
merksam darauf gemacht, dafi, wenn wir zuriickgehen in der Ge-
schichte der Menschheitsentwickelung, wir auf alte Zeiten kommen,
in denen bei den Menschen etwas vorhanden war, was ich immer
genannt habe ein instinktives traumhaftes Hellsehen. Instinktiv und
traumhaft war dieses Hellsehen, aber es war doch geeignet, tief er in das
Wesen der Dinge einzudringen als die sogenannten wissenschaf tlichen
Ideen von heute. Man lebte sich einfach durch diese Begriffe, durch
diese Vorstellungen, durch diese Bilder, die heute den Leuten nur
mehr symbolisch oder allegorisch vorkommen oder so, als ob sie aus
der Phantasie geschdpft waren, in die Wirklichkeit hinein. Ob das ein-
zelne Bild etwa ganz genau einem objektiven Tatbestand entsprach,
darauf kam es nicht an, sondern indem man mit dem Bilde in der Wirk-
lichkeit lebte, war man lebensvoll in dem Geistigen drinnen, wahrend
heute es natiirlich darauf ankommt, ob eine Idee, die man sich macht,
genau ubereinstimmt mit irgend etwas draufien, denn dieses Uber-
einstimmen ist das einzige, woran sich der Mensch halten kann.
Nun, wenn wir dies iiberblicken, dann mussen wir einmal recht
schroff vor unsere Seele etwas hinstellen, was fur die ganze Beurtei-
lung auch unserer heutigen Zivilisation von einer ungeheuren Wich-
tigkeit ist. Wir mussen ganz schroff das hinstellen, dafi ja der altere
Mensch mit seinem instinktiven Hellsehen etwas in seiner Seele
lebendig hatte, wovon der heutige Mensch sagt: Das ist Phantasie,
das ist gar nicht enthalten draufien in den Dingen.
In einem gewissen Sinne mussen wir gerade, wenn wir verstand-
nisvoll auf anthroposophischem Boden stehen, dieses treue Abbilden
der aufieren Natur, wo man nicht mehr drinnensteht in der aufieren
Natur, sondern sie nur abbildet, mitmachen. Und Sie wissen viel-
leicht, daft wir es wissenschaftlich im extremsten Sinne mitmachen,
indem wir ablehnen jede Art von Hypothesenbildung iiber das, was
Erscheinung der Natur ist, sondern in unserem Phanomenalismus,
wie er genannt werden mufi, innerhalb der Phanomene bleiben, das
heifit innerhalb der aufieren Naturerscheinungen, die sich selbst er-
klaren mussen, um im Goetheschen Sinne zu sprechen; zu denen man
sich nicht allerlei hinzudenkt von Atombombardement, Atomspren-
gungen und so weiter, wie das heute noch, ich mochte sagen, aus der
Tragheit einer alten Gewohnheit iiblich ist. Wir miissen uns auf
anthroposophischem Boden im strengsten Sinne, wenn es sich um die
au£ere Natur handelt, gerade an die Erscheinungen selbst halten, es
ablehnen, da irgend etwas in die Erscheinungen hineinzudenken.
Der Mensch kann am besten lernen, wie man nichts in die Er-
scheinungen hineindenkt, wenn er sich an etwas halt, was ja auch mit
der naturwissenschaftlichen Weltanschauung heraufgekommen ist
in der neueren Menschheitsentwickelung, wenn er sich halt an die
Technik. Wenn wir die Naturgesetze technisch verwerten, so ma-
chen wir eigentlich die Erscheinungen selbst. Gewifi, es bleibt noch
immer in den Erscheinungen selbst drinnen, sagen wir zum Beispiel
die Kraft der Elektrizitat, von der Ihnen der heutige Forscher dann
sagt: Ich verwende sie, aber ich kenne ihr Wesen nicht. - Er spricht
oftmals so, von alien Naturkraften, auch von der Warme und dem
Lichte und so weiter. Es bleiben also Reste. Aber das, worauf es uns
eigentlich ankommt bei der Technik, was wir beherrschen wollen,
das ist dasjenige, was wir im Experimente selber zusammenstellen,
wo wir also ein gewisses Durchschauen der Sache haben.
Es ist auch durchaus fur den, der sich solcher Dinge bewufit
sein kann, die Empfindung vorhanden: In dem, was ich technisch
konstruiere, sei es auch auf dem Gebiete der chemischen Technik,
liegt etwas drinnen von einer unmittelbaren, uberschaubaren Gewifi-
heit -, wahrend, wenn man iiber die Natur, die man so beobachtet,
spricht, man die Moglichkeit hat, in dieser oder jener Richtung ver-
schieden zu denken. So dafi man sagen kann: Das Denken der mo-
dernen Zeit ist eigentlich am vollkommensten vorhanden bei dem
Techniker. Das ist durchaus so. Wer heute an einer Maschinenkon-
struktion oder, sagen wir, an der Herstellung eines chemischen Pra-
parates und seiner Verwendung ahnungslos vorbeigeht, der denkt
noch nicht im Sinne unserer Zeit; ich mochte sagen: der lafit in seiner
Seele die anderen denken, denn die mafigebenden Leute denken eben
doch technisch. Und so ist die Weltanschauung der neueren Zeit
eigentlich nach und nach das geworden, was man aufierlich verwirk-
licht findet in der Technik, im Mechanismus, im Chemismus und so
weiter. Das hat sich allmahlich auch ausgedehnt auf das, was man
heute noch als Weltanschauung gelten lassen will.
Was ist denn schliefilich unsere Astronomie? Unsere Astronomie
war lange Zeit nichts anderes als die Darstellung der Weltmaschine-
rie. Es war eine grofie Maschine, wie man sich die Sonne im Verhalt-
nisse zu den Planeten und die Bewegungen da vorstellte. Dazu ist in
der neueren Zeit der Chemismus gekommen in der Spektralanalyse.
Aber weiter geht eben die Astronomie nicht. Die Astronomie, diese
Wissenschaft des Weltalls, beantwortet sozusagen heute lediglich die
Frage: Wie kommen wir mit der Vorstellung des Weltalls zurecht,
wenn wir die aus der Technik uns bekannten Vorstellungen einfach
auf das Weltenall anwenden, wenn wir uns dasjenige hinausversetzt
denken in den Weltenraum, was wir in der Technik beobachten
konnen? - So dafi unsere Wissenschaft eigentlich von wirklich gel-
tenden Ideen mit Ausnahme von den, man mochte fast sagen, Fase-
leien, wie der Neovitalismus sie enthalt, mit Ausnahme von Rederei-
en iiber Psychoide und dergleichen, brauchbare Vorstellungen in der
Weltanschauung nur so weit hat, als wir Maschinen und chemische
Praparate konstruieren konnen. Die Vorstellungen, die wir an die-
sem Konstruieren gewinnen, iibertragen wir dann auf den Welten-
aufbau und stellen uns den auch als eine grofie Maschine vor, inner-
halb welcher noch diese oder jene chemischen Vorgange stattfinden.
So war es eben durchaus nicht immer. Der Mensch noch bis ins
15. Jahrhundert herein - ich rede da gerade von den zivilisierten
Gebieten der Erdenentwickelung - lebte in solchen Vorstellungen
iiber das aufiere Weltenall, die nicht blofi technisch waren, sondern
die so waren, dafi der Mensch etwas miterlebte. Das Technische ist
ja ganz aufierhalb des Menschen. Das ist abgesondert vom Men-
schen. Es lebte der Mensch fruher dasjenige mit, was er wulke. Heute
lebt er es nicht mehr mit, was er weifi. Deshalb haben auch unsere
gegenwartigen sehr gescheiten Leute immer das Gefuhl: In alteren
Zeiten, da traumten eben die Menschen in die Gebiete der Welt alles
mogliche hinein, machten sich Phantasievorstellungen. Heute haben
wir erst die Moglichkeit, die Welt ohne solche Phantasievorstellun-
gen vorzustellen. - Man glaubt eben, die technischen Vorstellungen
seien die einzigen, die man in die Welt hineindenken diirf e, ohne sich
in die Gefahr zu begeben, iiber die Welt zu phantasieren, sie nicht
zu erkennen.
Dem aber, was ich da darstelle, liegt etwas viel, viel Tieferes zu-
grunde. Es liegt etwas zugrunde, was die Prophetie der alten Myste-
rien schon betont hat fur einen gewissen Grad der Einweihung, der
Initiation. Das ist gerade das Eigentiimliche der Mysterien in jenen
Zeiten, in denen das alte Hellsehen vorhanden war, dafi in den My-
sterien prophetisch vorausgesehen wurde, was fur eine Weltanschau-
ung einmal kommen muft. Man sagte sich in den Mysterien etwa in
der folgenden Weise prophetisch das voraus: Wenn wir fur die
Menschheit die Anschauung, die heute da ist - dieses «heute» war
also in sehr friihen Zeiten, wo die Menschen die Umgebung mit-
erlebten in einer instinktiv traumerischen Art -, beibehalten wiirden,
dann wiirde der Mensch niemals ein freies Wesen werden konnen.
Dann wiirde der Mensch immer durch das, was er da in seinem In-
neren erlebt iiber die Welt, auch fur seine Handlungen die Impulse
bekommen miissen. Es wiirde eine gottliche Welt in seinem Herzen
aufgehen, so sagte man sich; aber diese gottliche Welt wiirde ihn
unfrei machen. - Die alteren Zivilisationen hatten eben durchaus
unfreie Menschen. Was sie taten, von dem waren sie sich bewufit,
wenn es ihnen nicht die Staatslenker als Staatsgesetze auferlegten,
daft sie gottlichen Geboten folgten. Also sie waren sozusagen blofi
Wesen, die das vollfuhrten, was das Gottliche in ihnen impulsierte.
So sagte man sich in den Mysterien: Es mufi einmal eine Zeit
kommen, wo diese Art des gottlichen Wirkens in dem Menschen
aufhort, wo der Mensch dazu kommt, nur in die Aufienwelt hinein-
zuschauen und in der Auftenwelt das zu sehen, was mit dem Mensch-
lichen nichts mehr zu tun hat, und auch aufzunehmen in seine Seele
nur die Aufienwelt. Wenn der Mensch nicht mehr auf die Krafte des
Menschen erkennend und erlebend hinschauen kann, sondern nur
auf die Krafte, die draufien in der Welt leben, mit denen der Mensch
nichts zu tun hat, dann ist er innerlich frei, dann wird er innerlich
entlastet, dann fiillt seine Seele nichts anderes aus als das, was seine
eigene Organisation nichts angeht.
Es mufite diese Phase der Entwickelung fur den Menschen einmal
eintreten, dafi er sozusagen die Natur nur aufiermenschlich anschau-
te, so dafi er frei werden konnte. Das sagte man sich in den alteren
Mysterien. In diesen alteren Mysterien sagte man sich deshalb: Was
wir jetzt den Menschen, die uns Verstandnis entgegenbringen aus
ihrem instinktiven Hells ehen, geben konnen, das wird man ihnen
nicht immer geben konnen, denn sie wiirden dadurch unfrei bleiben.
Es wird eine Wissenschaft liber sie kommen miissen, die zwar in
ihnen keine Impulse erregt, die ihnen aber Ideen liefert von dem-
jenigen, was aufier ihnen ist, so dafi sie sich in ihrem Erkennen immer
nur halten an das Aufiere, also in bezug auf ihre inneren Impulse zur
Freiheit sich erziehen.
Sehen Sie, vor diesem Tatbestand stand ich ja auch im allerextrem-
sten Sinne, als ich mich gedrungen fiihlte, zunachst die vorbereiten-
den Schriften und dann meine «Philosophie der Freiheit» zu schrei-
ben. Die Grundfrage fur das Schreiben dieser «Philosophie der Frei-
heit» war die folgende: Es handelte sich darum, dafi man sich mit
aller Klarheit sagte: Wir stehen einfach im technischen Zeitalter. Wir
haben, wenn wir nicht laienhaft das Alte fortfaseln, was noch erhal-
ten ist in den Bekenntnissen und so weiter aus den alten instinktiven
Weltanschauungen, keine andere Moglichkeit, als uns zu halten an
das, was technisch iiber die Welt gedacht werden kann, was sich also
erschopft in Mechanismen und so weiter. Wir stehen in der Welt
drinnen, indem wir sie wie eine grofie Maschinerie und wie einen
grofien Chemismus uberblicken. Wir miissen einfach, wenn wir wie-
derum zum Geistigen kommen wollen, radikal brechen mit alledem,
was als Mystik von alten Zeiten uberkommen ist, und wir miissen in
der, ich mochte sagen, geistlosen, mechanischen Welt, die uns die
moderne Wissenschaft gegeben hat, den Geist finden.
Ich mochte schematisch diese Situation, vor der man stand, als ich
meine «Philosophie der Freiheit» schrieb, Ihnen auf die Tafel zeich-
nen. Wenn das der Mensch ware (Zeichnung links, hell) und das die
Umwelt (gelb), so hatte man fur friihere Zeiten sich die Sache so
vorzustellen: Der Mensch sah hinaus in die Umwelt. Dann erlebte er
aber auch im Inneren das, was ihm instinktiv traumhaft-hellseheri-
W'"/ h e" 9 Qlb """" rot WW 9 *" 1
sche Vorstellung lieferte (rot). Das verband er mit dem, was er in der
Umwelt sah, und er sah die Umwelt deshalb durchgeistigt (rot im
Gelb). Er sah in alien Wesen elementare oder auch hohere Wesenhei-
ten dadurch, dafi er die Bedingungen aus seinem eigenen Inner en
dem entgegenbringen konnte.
Der neuere Mensch, derjenige Mensch, fur den ich also eigentlich
als dem zivilisierten Menschen Ende der achtziger Jahre, Anfang der
neunziger Jahre meine «Philosophie der Freiheit» schrieb, den zeich-
ne ich hier (Zeichnung, rechts, hell) und die Umwelt hier (gelb).
Jetzt gibt der Mensch nichts mehr aus sich heraus in die Umwelt
hinein, sondern er verfolgt nur dasjenige, was sich eben auch tech-
nisch konstruieren lafit; er verfolgt die GesetzmalSigkeit der Umwelt
selbst. Da heraus lafit sich aber kein Moralimpuls finden. Auf diese
Art lassen sich nur Naturgesetze bilden. So wie ich das hier gezeich-
net habe (links), weil der altere Mensch noch verbunden war mit dem
Aufieren, waren in allem, was er sah, in Stein, Tier, Pflanze, noch
wahrzunehmen die Moralimpulse, weil in alledem enthalten waren
die gottlich-geistigen Wesenheiten. Davon ist in den Naturgesetzen
nichts mehr drinnen. In den Naturgesetzen ist nur das drinnen, was
in die Maschinen oder in den Mechanismus iibergeht.
Was war daher die notwendige Aufgabe gerade dieser «Philoso-
phie der Freiheit»? Ihre notwendige Aufgabe war diese, dafi man sag-
te: Wenn der Mensch, indem er aufierhalb der Natur steht, nichts
mehr von Moralimpulsen finden kann, weil er nur Naturgesetze auf
diese Weise hereinbekommt durch seine Sinne, dann raufi halt der
Mensch aus sich herausgehen, dann kann er nicht mehr in sich blei-
ben. Und ich mufite das erste Herausgehen schildern, wo der Mensch
seine Leiblichkeit verlafk. Und dieses erste Herausgehen ist im reinen
Denken, wie ich es dort in der «Philosophie der Freiheit» dargestellt
habe. Das heifit: Jetzt riickt der Mensch nicht mit seinem instinktiven
Hellsehen heraus, sondern jetzt riickt er aus seinem Leibe iiberhaupt
heraus, versetzt sich in die Aufienwelt (griin). Und was hat er da ? Da
hat er, indem er das allererste feinste Hellsehen vollzieht, die morali-
schen Intuitionen, oder wenn Sie es mit dem Ausdruck bezeichnen
wo lien, subjektiv, den ich damals gebraucht habe, er hat die mora-
lische Phantasie. Da geht der Mensch von sich weg, um nun innerhalb
des Technischen - das Geistige ist ja deshalb doch drinnen - dieses
Geistige auf dem ersten Gebiet, auf dem Moralgebiet zu finden.
Die Menschen haben nur nicht erkannt, da$ das die erste Stufe des
modernen Hellsehens ist, die in der «Philosophie der Freiheit» zur
Geltung gebracht worden ist, weil die Menschen sich noch gedacht
haben: Nun ja, Hellsehertum, das ist etwas, wo man so untertaucht
in Unklarheit, wo man in das Unbekannte kommt -, wahrend hier
gerade das Bekannte gesucht wurde, wahrend hier das Herausgehen
mit dem Denken gesucht wurde, das nun nicht mehr sich an die
Materialitat halt, sondern das sich in sich selber erfafit, weil in diesem
zuerst, also in der reinen Geistigkeit, sogar in der reinsten Geistig-
keit, die Welt erfalk worden ist.
Und deshalb hatte auch die «Philosophie der Freiheit» das Schick-
sal, dafi sie den Mystikern zu gedanklich war. Sie sahen nach ihrer Art
zuviel Gedanken darinnen. Und die anderen wiederum, die Rationa-
listen und Naturwissenschafter oder auch Philosophen der neueren
Zeit waren, konnten wiederum nichts mit ihr machen aus dem Grun-
de, weil sie in das Gebiet des Schauens fiihrte, wo sie nicht herein-
wollten, denn sie wollten bleiben bei dem blofien aufieren Beobach-
ten, auch wenn sie von Philosophic sprachen. Es war also gerade mit
der ganzen Haltung, in dem Habitus der «Philosophie der Freiheit»
das erfiillt, was einfach dem modernen Menschen auferlegt war.
Das ware sozusagen das Elementare von dem, was man in Ankniip-
fung an das sagen kann, was man in den alten Mysterien prophetisch
verkiindete uber das, was da kommen musse. Aber die alten Initiierten
in den Mysterien sahen die Sache doch noch genauer, sahen sie noch
mehr im Zusammenhang mit der menschlichen Seele und der Welt-
entwickelung. Sie sahen namlich auch das Folgende: Sie erkannten
klar: Ja, die Welt, die man da einmal entdecken wird durch die spatere
Erkenntnis, diese Welt ist eigentlich nicht nur aufiermenschlich, son-
dern sie ist auch au£ergottlich, aufier dem Gebiete desjenigen gott-
lichen Schaffens, wovon wir - ich meine jetzt die alten Eingeweihten
mit dem «wir» - eigentlich sprechen. Wir suchen die Offenbarung
des Gottlichen in dem, was wir erreichen durch unsere Initiation; wir
verkehren durch unsere Initiation mit den Gotterwesenheiten. - Die
verschiedenen heidnischen Volker verkehrten mit ihren Wesenheiten,
die Juden zum Beispiel mit ihrem Jahve oder Jehova. Sie verkehrten,
insofern sie Initiierte waren, nicht nur in Gedanken, sondern in der
Wirklichkeit mit ihren gottlichen Wesenheiten. Man sagt da durchaus
etwas Richtiges, wenn man von einem realen Verkehr mit diesen gott-
lichen Wesenheiten in den alten Mysterien spricht. Ja, die Eingeweih-
ten verkehrten mit diesen gottlichen Wesenheiten; aber wenn sie
aufierhalb der Mysterien waren, und wenn ihre Schiiler aufierhalb der
Mysterien waren, so sahen diese alle wiederum die Umwelt. In diese
Umwelt sahen sie allerdings das hinein, was ihnen ihr instinktives
Hellsehen gab. Aber namentlich die Eingeweihten selber und die
Schiiler dieser Eingeweihten wufiten: Ja, was da draufien ist, das wehrt
sich doch in einer gewissen Weise gegen das, was wir da hineinschau-
en, und es wird einmal einfach eine Zeit kommen, wo es sich nicht nur
wehren wird, sondern wo man nur das anschauen wird, was man ohne
solches Hineinschauen wahrnehmen kann.
Wozu der heutige Mensch, weil seine Erkenntnis oberflachlich
und nicht tiefgehend ist, gar nicht den Mut hatte, es sich zu gestehen,
das gestanden sich eben diese alten Eingeweihten als eine Wahrheit.
Sie sagten sich: Die Welt, die wir da draufien sehen, wenn wir nicht
erst das in sie hineinschauen, was uns unsere Gotter mitgegeben ha-
ben - denn das, was sie da hineinschauten, hatten ihnen beim Anfang
der Weltenentwickelung ihre Gotter gegeben -, dann ist diese Welt ja
ungottlich. Also haben wir in der Umwelt eine Welt, die gar nicht
herriihrt von den Gottern, mit denen wir in den Mysterien verkehren.
Das war es, was dann in der besonderen Form der Naturverachtung
und der Askese fortgelebt hat im Mittelalter, und was bis in die neueste
Zeit in gewissen Bekenntnissen lebt, wenn auch in manchen Bekennt-
nissen sehr heuchlerisch lebt. Das ist das, was, aus den alten Mysterien
herstammend, der Mensch sich eigentlich sagen mufi: Wenn ich in
mein Inneres hineinschaue, kann ich mit den Gottern verkehren;
aber von den Gottern stammt gar nicht die Welt, die urn mich herum
ist. Diese Welt ist gar nicht geschaffen von denjenigen Gottern, zu
welchen ich mich durchringen will, wenn ich mich einweihen lasse.
Das war iiberhaupt eine Grunderkenntnis, in die man immer mehr
und mehr sich ganz sachlich hineinlebte, dafi die aufiere Welt gar
nicht von den Gottern herriihrt, die man durch die Mysterien und
die Einweihung kennenlernte. Diese Gotter haben eigentlich eine
ganz andere Welt gewollt. Der Mensch ist durch ein besonderes
Ereignis heruntergesunken in diese Welt, die seine Gotter gar nicht
gewollt haben. Alle Ideen vom Siindenfall - man konnte sie jetzt alle
entwickeln, aber dazu reicht heute nicht die Zeit - riihren davon her,
dafi die Menschen erkannt haben: Die Welt, die wir da als Umwelt
kennen, ist ja gar nicht diejenige, die diese Gotter geschaffen haben.
Aber man versuchte zu erfassen, was nun dieser von ihnen nicht
geschaffenen Welt gegeniiber diese Gotter, mit denen man verkehren
wollte, eigentlich wollten mit dieser Welt. Das konnte man von
ihnen erfahren. Und man erfuhr von ihnen, dafi sie eigentlich die
Zerstaubung, dafi sie die Vernichtung dieser Welt wollten.
Vor diesem Faktum standen auch die Initiierten der alteren Zei-
ten. Sie standen vor dem Faktum, dafi die Gotter, nach denen sie
hinstrebten, ihnen als ihren Entschlufi eigentlich die Vernichtung
dieser Welt offenbarten. Und dennoch wiederum wufiten sie: Einmal
mufi sich, damit der Mensch frei werden konne, die menschliche
Erkenntnis knupfen gerade an diese Welt, die die Gotter reif zum
Untergange finden, die die Gotter eigentlich vernichten wollen.
In den alteren griechischen Mysterien wurde das dann auf eine
ganz eigenartige Weise aufgefafit. In den altesten griechischen Myste-
rien arbeitete man namentlich auf eine kunstlerische Gestaltung der
Welt hin - von einer naturwissenschaftlichen Auffassung, wie wir sie
heute haben, hatte man im alten Griechenland noch keine Ahnung
man arbeitete in der Plastik, namentlich auch in der Tragodie, kurz, in
der Kunst darauf hin, durch den Menschen etwas zu schaffen, was
zwar sich anlehnt an diese Welt, was aber iiber diese Welt doch hin-
ausgeht. Und der eingeweihte Grieche, der hatte die Vorstellung: Die
Welt, auf der du stehst, die Welt der Baume, die du siehst, die Welt der
Quellen, die du wahrnimmst und so weiter, die wird zerstauben; was
du aber in deine Venus von Milo, in den Zeus, in die Athene, was du
in das Drama des Sophokles hineingeheimnifit hast aus dieser Welt
heraus, das wird zwar aus dem sichtbaren Reiche ins Unsichtbare
ubergehen, es werden nur die Gedanken gleichsam schwebend blei-
ben, aber das wird, wenn diese Erde zerstaubt, hinausgehen und wird
retten den Fortgang der Erdenwelt, der sonst eben nur darin bestehen
konnte, dafi diese Erdenwelt einmal radikal zugrunde ginge.
Die Griechen der altesten Zeit, solange die Kunst noch aus den
Mysterien hervorging, stellten sich schon vor: Durch die Kunst wol-
len wir retten den Untergang derjenigen Welt, die von den Gottern
herriihrt, die aber einen Einschlufi bekommen hat, den die Gotter sel-
ber vernichten wollten. - Und das, was man da wulke, das fuhrte eben
dazu, sich folgendes zu sagen. Sehen Sie, gewisse fundamentale natur-
wissenschaftliche Tatsachen waren ja, wie auch geschichtlich nachge-
wiesen werden kann, den alten Mysterieneingeweihten durchaus be-
kannt. Gewi£, wir haben viel Neues im Laufe der letzten Jahrhunder-
te, namentlich des 19. Jahrhunderts, in bezug auf technische Kon-
struktionen hinzugebracht; aber gewisse fundamentale Dinge, die
heute noch fortwirken in der Technik, die waren durchaus den alten
Eingeweihten bekannt. Es war ihnen viel mehr bekannt, als dasjenige
ausmachte, wovon sie zu den Menschen sprachen, die nicht einge-
weiht waren. Aber sie sagten sich folgendes: Wenn wir einfach tech-
nisch so etwas zusammenstellen, was Naturkrafte kombiniert, so dafi
wir etwas Maschineriehaftes vor uns haben, so machen wir ja im aller-
extremsten Fall etwas, was zerstaubt mit dem Erdenwesen, wovon
die Gotter selbst den Untergang wiinschen. - Denn das weiE ja jeder
Eingeweihte, dafi diejenigen Gotter, zu denen man in den alten
Mysterien hinaufsah, mit denen man in den alten Mysterien verkehrt
hatte, mit denen man selbstverstandlich auch heute noch verkehren
kann, dafi diese Gotter nichts so sehr hassen wie zum Beispiel eine
Lokomotive oder ein Auto! Das ist ihnen etwas Furchtbares. Denn
sie sagen, diese Gotter: Dasjenige, was wir uns gef alien lassen miissen
von Ahriman, dafi er uns die Erde gebildet hat in dieser maschinerie-
haften Weise, das machen jetzt die Menschen dem Ahriman noch
nach; sie machen noch zu dem etwas hinzu. Unsere Arbeit ist schon
grofi fur das, was wir vernichten miissen, wenn wir wenigstens blofi
die Werke des Ahriman hatten; aber wir haben zu alledem noch diese
Dampfmaschinen, diese elektrischen Maschinen und all das Zeug;
das miissen wir noch dazu vernichten.
Also die alten Eingeweihten sagten sich: Das niitzt gar nichts,
wenn wir einfach die aufieren Naturkrafte, in die nichts mehr Geisti-
ges hineingesehen wird, in technischer Maschinerie oder in techni-
schem Chemismus vermehren. - Es war eine Grundiiberzeugung der
Initiierten, dafi das so ist. Daher sagten sie: Man mufi so viel wie mog-
lich von dieser Welt retten. - Wie gesagt, in Griechenland war es so,
dafi man durch die Kunst retten wollte; wenn wir mehr nach dem
Orient hiniiberkommen, war es so, dafi die Leute sich sagten: Was
blofi nach sogenannten Naturgesetzen verlauft, hat im Grunde ge-
nommen fur die wahre Menschheitsentwickelung gar keinen Zweck,
denn das werden die Gotter einmal zerblasen; daher kleiden wir das,
was wir machen, so, dafi darinnen Spirituelles lebt. - Und daraus ent-
stand der Kultus im alteren Sinne, eben nicht die Formung einer Ma-
schinerie oder eines Chemismus, sondern die Kultushandlung. Man
sieht in dem, was man tut, etwas Sakramentales, etwas, wo Spirituali-
tat drinnen ist, wo der Geist mittut. Im religiosen Kultus wollten die
Leute eben so viel wie moglich retten von dem, was zu retten ist von
der Erdenevolution.
Ich habe das bei fruheren Gelegenheiten oftmals dadurch aus-
gesprochen, dafi ich ein Bild gebraucht habe: Wir miissen wiederum
gegeniiber unserer blofien Technik dahin kommen, dafi uns der La-
boratoriumstisch ein Altar wird, daft wir tatsachlich eine Art gott-
lichen Dienstes verrichten, indem wir im physikalischen, im chemi-
schen Laboratorium arbeiten, dafi also der Laboratoriumstisch zum
Altar wird, daft wir tatsachlich da hinein moralisieren und spiritua-
lisieren. - Ich habe das friiher so ausgesprochen; es ist im Grunde
genommen dasselbe, was ich heute mehr historisch ausspreche.
So also entstand der religiose Kultus, zu dem heute die Menschen,
weil sie sich nicht aufringen konnen zu einer Aktivitat in bezug auf
das Geistige, wiederum zuriickkehren. Es ist merkwiirdig, wie gerade
intelligente Menschen heute in grofier Zahl in den Schofi der katholi-
schen Kirche zuriickkehren, aus dem einfachen Grunde, weil sie sich
retten wollen zu dem, was von der Erde bleibt, aus demjenigen, was ja
spurlos verschwinden mufi durch Gotterwillen selber. Dieses Hin-
stromen gerade gebildeter Menschen heute in den Katholizismus hin-
ein wird von denjenigen, die nicht die Gegenwart aufmerksam be-
trachten, eben auch gar nicht beachtet. Das besteht darinnen, daft die
Leute heraus wollen aus dem, was vernichtet wird, in etwas hinein,
was, wie die katholischen Zeremonien und Kultushandlungen, die
auf sehr alten Einrichtungen beruhen, formen will wenigstens das,
was da bleibt, weil den Leuten fehlt jene Aktivitat, wodurch etwas
Neues, etwas, was wir brauchen fur die Zukunft, wirklich gefunden
werden kann. Es fehlt den Leuten die innere Kraft. Die ist ihnen
schon verlorengegangen innerhalb unseres technischen Zeitalters.
Man hatte sich eben in einem gewissen Momente energisch sagen
miissen: Also wir stehen in der negativen Welt der Technik. Da drin-
nen lassen sich nicht mehr Impulse finden in der alten Art. Da muft
zu der moralischen Phantasie, zu der Intuition geschritten werden. -
Das hatte man sich sagen miissen. Diejenigen, die vorbeigehen an
dieser Notwendigkeit der Zeit, die kehren eben zum Katholizismus
zuriick. Erklarlich ist die Sache durchaus aus der Schwache der Zeit.
Und daher, weil das so war, und weil das eine Erkenntnis war bei
den alten Initiierten, fragte man sich: Ja, wie wird es denn nun werden?
Also die Gotter, von denen wir wissen, mit denen wir durch die My-
sterien in Verkehr stehen, alle diese Gotter wollen die Vernichtung
der Erde. Aber die Menschen werden, wenn sie freie Menschen wer-
den wollen, immer ahnlicher gerade dem, was da auf der Erde ist; denn
nur dadurch, dafi technische Erkenntnis wird, konnen die Menschen
frei werden. - So hatten die alten Eingeweihten, wenn sie das nur allein
hatten iiberschauen konnen, vor der furchtbaren, sich vor ihnen pro-
phetisch enthullenden Zukunftstatsache stehen miissen: Die Men-
schen miissen, um wirklich Menschen zu werden, sich ganz und gar in
die ahrimanische Welt der Gottlosigkeit verstricken, und sie miissen
zerstieben mit der Erde, wenn die Gotter diese Erde auflosen. Denn
die Menschen werden selbst nach und nach zur Maschinerie; sie wer-
den den Maschinen immer ahnlicher. Sie werden in ihren Gedanken
so, dalS nur noch die technischen Impulse in den Gedanken wirken.
Die Astronomie ist im Grunde genommen nichts anderes als das Den-
ken iiber die grofie Weltmaschinerie. Da ist also nichts im Menschen
als das Denken uber die Maschine; denn schliefilich ist es einerlei, ob
man iiber Schrauben und Rader oder iiber Venus und Merkur denkt
nach demselben rein technisch zu konstruierenden Muster.
Also vor einer furchtbaren Zukunftstatsache hatten diese Initiier-
ten stehen miissen. Und das war ihnen ganz klar: Ihre alten Gotter
wollten in dieser Weise den Untergang, weil sie den Untergang des
Ahrimanischen wollen mufiten, und weil sie so, wie die Sachen zu-
nachst waren, die Menschen nicht retten konnten.
Das andere, was nun schon in diesen alten Mysterien wiederum
prophetisch entgegengestellt wurde, das war eben das Mysterium
von Golgatha, bevor es geschehen war auf der Erde, prophetisch.
Nachdem es geschehen ist, konnte man immer mehr und mehr dazu
kommen, es in irgendeiner Weise aufzufassen. Das war eben einfach
dieses, was die alten Initiierten in den Mysterien von den Gottern,
mit denen sie verkehrten, erfuhren. Die Gotter wufiten alles; von
denen konnten sie umfassende Weisheit erzielen. Aber eines konnten
sie nie erfahren von diesen Gottern: das waren diejenigen Dinge, die
sich auf Geburt und Tod des Menschen bezogen. Namentlich vom
Tode als solchem wufiten diese Gotter nichts. Aber man wulke zu-
gleich in diesen alten Mysterien, dafi einer aus ihren Reihen herun-
tergeschickt werden solle, derjenige, den man spater den Christus
nannte, und dafi er auf der Erde den Tod kennenlernen sollte. So dafi
das Mysterium von Golgatha darin liegt, dafi einer der Gotter, die
friiher den Tod und damit auch die Geburt und die ganzen Ver-
erbungsverhaltnisse nicht kannten, diesen Tod kennenlernte und da-
durch, dafi er ihn kennenlernte, sich mit der Erdenevolution verbin-
den und das Gegengewicht bilden konnte gegen dasjenige, was durch
die Entwickelung zur Freiheit hin notwendig hatte geschehen miis-
sen: Das immer mehr und mehr Verwandtwerden des Menschen mit
der zerstaubenden Erde. Indem sich der Mensch auf der einen Seite
wirklich nun der modernen Erkenntnis hingibt, die modernen natur-
wissenschaftlichen Erkenntnisse wirklich aufnimmt, auf der anderen
Seite aber sich zu dem Christus wendet, der derjenige der Gotter
war, der den Tod kennengelernt hat und damit auch die Geburt,
damit bildet der Mensch in sich selber den Gegenpol.
Man kann daher auf der einen Seite vollig hinneigen zu demjeni-
gen, was notwendig ist fur die Freiheit, mufi aber auf der anderen
Seite, ich mochte sagen, auch das andere Gebiet auf die Waagschale
legen, den Weg hinfinden zu dem Paulinischen Worte: Nicht ich,
sondern der Christus in mir. - Dann wird der Mensch wiederum die
Moglichkeit finden, indem er die Welt durchchristet, von seiner Seele
aus dasjenige umzugestalten, was sonst abf alien miifite von derjeni-
gen Gotterwelt, zu der der Mensch eigentlich gehort.
Und so ist den ahrimanischen Machten, die eigentlich sonst auf der
Erde in dem wirkten, was abgefallen ware, der Christus entgegen-
gesetzt worden. Durch einen aufierirdischen Gotterentschlufi ist der
Christus entgegengesetzt worden, damit er nun in der Erde wirkt. Er
hat es nicht notig, frei zu werden, er ist ein Gott, bleibt es auch, indem
er durch den Tod durchgegangen ist. Er wird nicht ahnlich der Erde.
Er lebt als Gott innerhalb des Erdenwesens. Und die Folge davon ist,
dafi der Mensch nun auf der einen Seite die Moglichkeit hat, auf die
Waagschale der Freiheit so viel als moglich zu legen, da wirklich bis
zu den letzten Konsequenzen des Individualismus zu gehen, denn
nur im individuellen Menschen wird die moralische Phantasie gefun-
den. Daher hat man eben meine «Philosophie der Freiheit» die Philo-
sophic des Individualismus genannt im extremsten Sinne. Das mufite
sie auch sein, weil sie auf der anderen Seite die christlichste der Philo-
sophien ist. Daher mufite man also auf die eine Seite dasjenige legen,
was im vollsten Sinne darbietet, was aufiere Naturerkenntnis ist, in
die man nur hineinkommt mit dem Geistigen, indem man sich zu dem
reinen, freien Denken erhebt. Das kann man noch retten innerhalb
der rein technischen Erkenntnis. Auf die andere Waagschale mufi
aber gelegt werden das, was die wirkliche Christus -Erkenntnis, die
wirkliche Erkenntnis von dem Mysterium von Golgatha ist.
Es war daher ganz selbstverstandlich, dafi ich auf der einen Seite
die «Philosophie der Freiheit» versuchte zu schreiben, so schlecht
und recht naturlich als sie sein konnte, weil man nicht gleich auf den
ersten Anhub alles gut machen kann. Auf der anderen Seite aber
mufite gerade auf das Mysterium von Golgatha hingewiesen werden
durch meine «Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens
und ihr Verhaltnis zur modernen Weltanschauung» und durch mein
«Christentum als mystische Tatsache». Diese zwei Dinge gehoren
einfach zusammen. Aber diejenigen Menschen, die nun aufierlich
darin einen Widerspruch finden, die finden, ich verfahre eigentlich
so, wie wenn sie auf der einen Waagschale Fleisch und auf der ande-
ren Waagschale Gewichte haben und nun sagen: Was ist das fur
Unsinn! Das gehort zusammen; kurz, man mufi alles durcheinander-
mischen. - Und nun nehmen sie die Gewichte weg und werfen sie
zum Fleisch dazu. Ja, da ist naturlich kein Gleichgewicht. So machen
es die heutigen Kritiker. Sie setzen auf die eine Seite Mystik, auf die
andere Seite Philosophic, und dann schielk, was in der Mystik ist, in
die Philosophic hinein oder umgekehrt. Nun finden sie allerdings,
dafi die Welt sich in einer furchtbaren Weise benimmt; aber das ist ja
mit AusschlulS wirklich alles desjenigen, was fur die Gegenwart ge-
fordert wird, fur die das durchaus notwendig war. Und so mufi eben,
wenn die gegenwartige Seele sich in richtiger Art hineinstellen will in
die Weltentwickelung, in ihr leben auf der einen Seite ein starker
Freiheitsimpuls, auf der anderen Seite mufi in ihr leben ein starker
Impuls zum innerlichen Durchleben des Mysteriums von Golgatha.
Das mufi sich aber nach und nach sowohl im einzelnen Men-
schenleben ausgestalten, wie es sich ausgestalten mufi im Wissen-
schaftlichen. Im einzelnen Menschenleben muft der Mensch einmal
dazu kommen, die alten instinktiven Arten des Mystischen und des
Hellseherischen zu iiberwinden und sich ganz und gar eben auf den
Standpunkt einer solchen Erkenntnis zu stellen, wie wir sie haben,
wenn wir, sagen wir, eine Dampfmaschine begreifen. Nur solche
Ideen fur die auftere Naturerkenntnis setzte ich meiner «Philosophie
der Freiheit» voraus, wie man sie notwendig hat, urn auch eine
Dampfmaschine zu begreifen. Aber man muft, um eine Dampfma-
schine zu begreifen, zwar seinen ganzen Menschen ablegen, aber
nicht jetzt das Letzte, das reine Denken. Das muft man schon noch
im Menschen ausbilden und dann hinaustragen. Aber das ist zu
gleicher Zeit das, was in den Objekten lebt.
Man kann sich also auf der einen Seite ganz und gar auf den Boden
der Freiheit stellen, mufi aber auf der anderen Seite sich auf den Bo-
den der Christus-Tatsache stellen. Das mufi aber auch in die Wissen-
schaft hinein. Und das wird so in die
…[truncated]