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RUDOLF STEINER GES AMTAUSGABE
VORTRAGE
vortrAge uber erziehung
RUDOLF STEINER
Vortrage und Kurse, gehalten fiir die Lehrer
der Freien Waldorfschule in Stuttgart
I
ALLGEMEINE MENSCHENKUNDE
ALS GRUNDLAGE DER PADAGOGIK
Vierzehn Vortrage (GA 293)
II
ERZIEHUNGSKUNST
METHODISCH-DIDAKTISCHES
Vierzehn Vortrage (GA 294)
III
ERZIEHUNGSKUNST. SEMIN ARBESPRECHUNGEN
UND LEHRPLANVORTRAGE
(GA 295)
Schulungskurs in drei Teilen, gehalten im August/September 1919
anlafilich der Begriindung der Freien Waldorfschule
MENSCHENERKENNTNIS
UND UNTERRICHTSGESTALTUNG
Acht Vortrage, gehalten vom 12. bis 19. Juni 1921
(GA 302)
ERZIEHUNG UND UNTERRICHT
AUS MENSCHENERKENNTNIS
Neun Vortrage aus den Jahren 1920, 1922 und 1923
(GA 302 a)
RUDOLF STEINER
Allgemeine Menschenkund
als Grundlage der Padagogi
Vierzehn Vortrage, gehalten in Stuttgart
vom 21. August bis 5. September 1919
und eine Ansprache vom 20. August 1919
Schulungskurs fur Lehrer anlaftlich der
Begriindung der Freien Waldorfschule in Stuttgart
Teill
1992
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen stenografischen Mitschriften
und Horernotizen herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgten Martina Sam und Walter Kugler
9. Auflage, neu durchgesehen und erganzt
Gesamtausgabe Dornach 1992
Friihere Veroffentlichungen siehe Seite 216.
Bibliographie-Nr. 293
Zeichnungen im Text nach Skizzen der Kursteilnehmer
ausgefiihrt von Hedwig Frey und Leonore Uhlig
Einbandzeichen von Rudolf Steiner, Schrift von Benedikt Marzahn
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1960 by Rudolf Steiner-Nachlaftverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-2930-5
Z« den Veroffentlichungen
am dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedert
sich in die drei groften Abteilungen: Schriften - Vortrage - kiinstle-
risches Werk (siehe die Ubersicht am Schlufl des Bandes).
Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fur
Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesell-
schaft zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen hatte Ru-
dolf Steiner urspriinglich nicht gewollt, daft sie schriftlich festgehal-
ten wiirden, da sie von ihm als «mundliche, nicht zum Druck
bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend
unvollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und
verbreitet wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu re-
geln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr
oblag die Bestimmung der Stenographierenden, die Verwaltung der
Nachschriften und die fur die Herausgabe notwendige Durchsicht
der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen
Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, mufi gegeniiber
alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt wer-
den: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, dafi in den
von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen 6f-
f entlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiogra-
phie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut
ist am SchlulS dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt
gleichermafien auch fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen-
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An-
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Ansprache, Stuttgart, 20. August 1919
Waldorfschule, eine Kulturtat. Waldorfschule als Einheitsschule. Die Not-
wendigkeit, Kompromisse zu schlieften. Schule und Politik. Bolschewisti-
sche Schulen als Begrabnisstatten des Unterrichtswesens. Die republikani-
sche Verwaltung der Schule. Die Gliederung des padagogischen Kurses:
Allgemeine Padagogik, Methodik, Ubungen. Waldorfschule keine Welt-
anschauungsschule. Anthroposophie und Unterricht; der Religionsunter-
richt. Notwendige Eigenschaften des Lehrers: Weltinteresse, Enthusias-
mus, Elastizitat des Geistes, Hingabe.
Erster Vortrag, 21. August 1919
Der moralisch-geistige Aspekt der Erziehungsaufgabe. Die Begriindung
der Waldorfschule als «Festesakt der Weltenordnung». Die Hinordnung
der heutigen Kultur auf den Egoismus der Menschen am Beispiel der
Unsterblichkeitsfrage. Erziehung als Fortsetzung dessen, «was hohere
Wesen vor der Geburt getan haben». Uber das Problem der «vorgeburtli-
chen Erziehung». Die Verbindung zweier doppelter Dreiheiten beim Ab-
stieg in das irdische Dasein: Geistesmensch, Lebensgeist, Geistselbst und
Bewulkseins-, Verstandes- oder Gemtits-, Empfindungsseele (Seelengeist)
mit Astral-, Ather- und physischem Leib und mineralischem, Pflanzen-
und Tierreich (Korperleib). Das Zusammenstimmen des Seelengeistes mit
dem Korperleib als Aufgabe des Erziehers durch 1. Harmonisierung der
Atmung mit dem Nerven-Sinnes-Prozefi; 2. Lehren des rechten Rhyth-
mus' zwischen Wachen und Schlafen. Die Bedeutung der inneren spirituel-
len Beziehung zwischen Lehrer und Kind.
Zweiter Vortrag, 22. August 1919
Auf anthroposophischer Welterkenntnis basierende Psychologie als
Grundlage des Unterrichts. Uber die inhaltlosen Begriffe der modernen
Psychologie. Die zentrale Bedeutung von Vorstellen und Wollen. Der
Bildcharakter der Vorstellung: Spiegelung des Vorgeburtlichen. Der Wille
als Keim fur die nachtodliche geistig-seelische Realitat. Verwandlung der
vorgeburtlichen Realitat in Vorstellungen durch die Kraft der Antipathie;
die Steigerung dieser Kraft zu Gedachtnis und Begriff. Die Steigerung
der sympathischen Kraft des Wollens zu Phantasie und Imagination. Blut
und Nerv: Die Tendenz des Nervs zur Vermaterialisierung, die Tendenz
des Blutes zur Vergeistigung. Das Ineinanderspiel von Sympathie und
Antipathie im Gehirn, ira Ruckenmark und im sympathischen Nervensy-
stem. Die Dreigliedrigkeit des Menschen: Kopf-, Brust- und Gliedmafien-
teil. Das Ineinanderwirken der drei Glieder und ihr jeweiliges Verhaltnis
zum Kosmos. Willensbildung und Vorstellungsbildung in der Padagogik.
Dritter Vortrag, 23. August 1919
Eine umfassende Anschauung iiber die Gesetze des Weltalls als Grundlage
des Lehrerseins. Die Zweigliederung des menschlichen Wesens als der
grofie Irrtum der heutigen Psychologic Das irrefiihrende Gesetz von der
Erhaltung der Kraft; die Bildung neuer Krafte und Stoffe im Menschen.
Die Erfassung des Absterbenden in der Natur durch den Verstand, des
Werdenden durch den Willen. Uber die leibliche Grundlage der Ich-
Empfindung. Der Freiheitsmoment im sinnlichkeitsfreien Denken. Die
Natur ohne den Menschen: Gefahr des Absterbens. Die Fermentfunktion
des menschlichen Leichnams fur die Erdentwicklung. Das Walten tod-
bringender Krafte im (abgestorbenen) Knochen- und (absterbenden) Ner-
vensystem, lebengebender Krafte im Blut- und Muskelsystem; iiber Rachi-
tis. Das «Geometrisieren» der Knochen. Geometrie als Spiegelung
kosmischer Bewegungen. Der Mensch nicht als Zuschauer, sondern als
«Schauplatz» der Welt. Die Neuschopfung von Stoffen und Kraften durch
die Beriihrung von Blut und Nerv. Zur wissenschaftlichen Methode:
Postulate statt universeller Definitionen.
Vierter Vortrag, 25. August 1919
Das Gefiihl in Beziehung zum Willen. Der neungliedrige Mensch als
wollendes Wesen; die Auspragungen des Willens in den einzelnen Wesens-
gliedern: im Leiblichen als Instinkt im physischen, als Trieb im atheri-
schen, als Begierde im Empfindungsleib; im Seelischen als Hineinnehmen
des Willens in das Ich als Motiv; keimhaft im Geistigen als Wunsch im
Geistselbst, als Vorsatz im Lebensgeist, als Entschlufi im Geistesmen-
schen. Die Psychoanalyse auf der Suche nach dem unbewufiten Wollen
des «zweiten Menschen» in uns. Intellektualismus als greisenhafter, Ge-
fuhl als werdender Wille. Uber die sozialistische Erziehung. Gefiihls- und
Willensbildung in der Erziehung: Kultivierung des Gefiihls durch unbe-
wufites Wiederholen, Kultivierung des Willens und Erhohung der Ent-
schlufikraft durch bewufites Wiederholen. Die Bedeutung des kiinstleri-
schen Ubens in diesem Zusammenhang.
Funfter Vortrag, 26. August 1919
Das Ineinanderfliefien der drei Seelentatigkeiten. Die Verbindung von
Erkenntnis- und Willensmafiigem, von antipathischen und sympathischen
Prozessen im Sehakt; die gegeniiber dem Tier starkere Absonderung des
Menschen von der Umwelt. Die Notwendigkeit des gegenseitigen Durch-
dringens von Denken und Wollen. Absonderung von der Welt im An-
schauen, Verbindung mit der Welt im Handeln. Die Bekampfung der
animalischen, «sympathischen» Instinkte durch die Eingliederung morali-
scher Ideale. Das Ineinanderfliefien der Seelentatigkeiten am Beispiel des
Streites Brentanos und Sigwarts iiber die objektive Urteilsfahigkeit des
Menschen. Gefiihl als zuriickgehaltene Erkenntnis und zuriickgehaltenes
Wollen: Offenbarung der im Wollen und Denken sich versteekenden
Sympathie und Antipathic Das Entstehen des Gefiihls im Leiblichen
durch die Beriihrung von Blut und Nerv am Beispiel von Auge und Ohr.
Der Streit zwischen Wagner und Hanslick iiber Gefiihls- und Erkenntnis-
mafiiges im musikalischen Horen. Die Mifistande der heutigen Psycholo-
gic am Beispiel der Sinneslehre. Irrtumer des Kantianismus.
Sechster Vortrag, 27. August 1919
Die Gesamtgliederung des Zyklus. Betrachtung des Menschen bisher vom
seelischen, zuletzt vom leiblichen, jetzt vom geistigen Standpunkt aus:
Bewufitseinszustande. Denkendes Erkennen als vollbewufit-wache, Fiih-
len als halbbewufit-traumende, Wollen als unbewufit-schlafende Tatigkeit.
Der Umgang mit traumerischen und stumpfen Kindern. Vollig waches
Leben des Ich nur im Bild von der Welt, nicht in der wirklichen Welt
moglich. Das Leben des Ich in den Seelentatigkeiten: bildhaft-wach im
denkenden Erkennen, traumend und unbewufit inspiriert im Fiihlen,
schlafend und unbewufit intuitiv im Wollen; iiber den Alpdruck. Das
Heraufdrangen der Intuitionen am Beispiel von Goethes Schaffen an
«Faust II». Die engere Beziehung des intuitiven Wollens zum bildhaften
Erkennen gegeniiber dem inspirierten Fiihlen. Das dem schlafenden Wol-
len Entzogensein des Kopfes.
SlEBENTER VoRTRAG, 28. AugUSt 1919
Der Mensch in geistiger Hinsicht: Betrachtung der Bewufitseinszustande.
Uber das Begreifen. Das schwindende Aufnehmenkonnen des Geistigen
in die Leiblichkeit mit zunehmendem Lebensalter. Vom fiihlenden Wollen
des Kindes zum fiihlenden Denken des Greises. Beobachtung des rein
Seelischen beim Erwachsenen; das Freiheitsmoment. Das Loslosen des
Fiihlens vom Wollen als Aufgabe der Erziehung. Das Wesen der Empfin-
dung: die irrige Ansicht der heutigen Psychologie, richtige Erkenntnisse
von Moriz Benedikt. Die schlafend-traumende Natur der Korperoberfla-
che als Sinnessphare: die willensartig-gefiihlsmafSige Natur der Sinnes-
empfindung. Der Unterschied zwischen der Kindes- und der Greisenemp-
findung. Wachen, Traumen und Schlafen in der raumlichen Gestaltung
des Menschen: schlafend-traumend Peripherie und Inneres, wachend das
dazwischenliegende Nervensystem. Die Nerven in Beziehung zum See-
lisch-Geistigen: das Bilden von Leerraumen fur dieses durch fortwahren-
des Absterben. Schlafen und Wachen in bezug auf das Zeitliche des Men-
schen: Vergessen und Erinnern.
Achter Vortrag, 29. August 1919 120
Vergleich der Vorgange des Vergessens und Erinnerns mit den Vorgangen
des Einschlafens und Aufwachens am Beispiel der Schlafstorungen. Der
Vorgang des Erinnerns. Das Erziehen der Erinnerungskraft und des Wil-
lens durch Wirken auf das Habituelle. Die Starkung der Gedachtniskraft
durch Erwecken intensiven Interesses. Das Erfassen der Menschennatur
durch Gliederung einerseits, Zusammenschau andererseits. Die zwolf Sin-
ne. Uber den Ich-Sinn und den Unterschied beim Wahrnehmen des frem-
den (Erkenntnisvorgang) und des eigenen Ich (Willensvorgang). Uber
den Gedankensinn. Die Gliederung der zwolf Sinne in Willens- (Tast-,
Lebens-, Bewegungs-, Gleichgewichtssinn), Gefuhls- (Geruch-, Ge-
schmack-, Seh-, Warmesinn) und Erkenntnissinne (Ich-, Gedanken-,
Hor-, Sprachsinn). Die Zerlegung der Welt durch die zwolf Sinne; die
Wiederverbindung im Urteilen. Das Ergreifen des Geistes durch Bewufit-
seinszustande (Wachen, Schlafen, Traumen), des Seelischen durch Lebens-
zustande (Sympathie, Antipathic), des Leibes durch Formzustande
(Kugel-, Mond-, Linienform).
Neunter Vortrag, 30. August 1919 133
Die drei ersten Lebensjahrsiebte. Die drei Glieder des logischen Denkens:
Schlufi, Urteil, Begriff. Gesundes Leben des Schlusses nur im vollwachen
Leben; Hinuntersteigen des Urteils in die traumende, des Begriffes in die
schlafende Seele. Die Ausbildung der Seelengewohnheiten durch die Art
des Urteilens, Die Auswirkung der in die schlafende Seele heruntergestie-
genen Begriffe auf die Gestaltung des Leibes, insbesondere der heute
vielfach so uniformen Physiognomien. Die Notwendigkeit lebendiger
Begriffe: Charakterisieren statt Definieren. Bewegliche und feste Begriffe.
Der Aufbau einer Idee vom Menschen. Die unbewufite Grundstimmung
des Kindes (1) im ersten Jahrsiebt: «Die Welt ist moralisch», daher nachah-
menswert; Impulse der vorgeburtlichen Vergangenheit (2) im zweiten
Jahrsiebt: «Die Welt ist schon»; Leben in der Kunst; Geniefien der Gegen-
wart (3) im dritten Jahrsiebt in der Anlage: «Die Welt ist wahr»; wissen-
schaftlicher Unterricht; Zukunftsimpulse.
Zehnter Vortrag, 1. September 1919 146
Das jeweilige Zugrundeliegen der Kugelform in den drei Leibesgliedern:
1. Kopf (nur leiblich) - Kugelform vollig sichtbar; 2. Brust (leiblich-
seelisch) - nur als mondformiges Kugelfragment sichtbar; 3. Gliedmafien
(leiblich-seelisch-geistig) - nur als Radien sichtbar. Kopf und Gliedmafien
als Offenbarung des Intelligenten respektive des Willens der Welt; iiber
Rohren- und Schalenknochen in diesem Zusammenhang. Der Schadel als
umgebildete Wirbelsaule. Die Rohrenknochen als umgewendete Kopf-
knochen. Der jeweilige Mittelpunkt von Kopf-, Brust- und Gliedmafien-
kugel. Kopf und Gliedmafien in Beziehung zur Bewegung der Welt. Die
Nachahmung der Bewegung der Welt im Tanz und ihre Umsetzung in
das Musikalische. Der Ursprung der Sinnesempfindungen und des Zusam-
menhangs der plastischen und musikalischen Kiinste. Leib, Seele und
Geist in Beziehung zu Kopf-, Brust- und Gliedmafienkugel. Das Konzil
869: die katholische Kirche als Verursacherin des naturwissenschaftlichen
Materialismus. Die Entwicklung des Kopfes aus der Tierwelt. Die Bedeu-
tung des Gefuhls vom Zusammenhang des Menschen mit dem Weltall
fur den Lehrer. Padagogik als Kunst.
Elfter Vortrag, 2. September 1919 160
Die menschliche Leibeswesenheit in Beziehung zur Welt des Seelischen
und Geistigen: Kopf - ausgebildeter Leib, traumendes Seelisches, schlafen-
des Geistiges; Brust - Wachheit des Leiblich-Seelischen, Traumen des
Geistigen; Gliedmafien - Wachheit des noch unausgebildeten Leiblich-
Seelisch- Geistigen. Die Aufgabe des Erziehers aus dieser Perspektive:
Entwicklung des Gliedmafien-, teilweise des Brustmenschen, Aufwecken
des Kopfmenschen. Die erzieherische Wirkung der Sprache («Genius der
Sprache») im friihen und der Muttermilch (« Genius der Natur») im ersten
Kindesalter: Aufwecken des schlafenden Menschengeistes. Das Wecken
des Intellektes durch kunstlerische Betatigung des Willens im Volksschul-
alter. Der Einflufi der Erziehung auf die Wachstumkrafte des Kindes: Das
Wachstumtreibende der zu starken Gedachtnis-, das Wachstumhemmen-
de der zu starken Phantasiebeanspruchung. Uber die Notwendigkeit der
Wahrnehmung der leiblichen Entwicklung des Kindes durch den Lehrer
iiber Jahre hindurch und die Unsinnigkeit des oft iiblichen haufigen Leh-
rerwechsels. Gedachtnis- und Phantasiekinder.
Zwolfter Vortrag, 3. September 1919 172
Die Wechselbeziehung von physischem Leib und Umwelt. Der leibliche
Aufbau des Menschen: Die fortwahrende Uberwindung der vom Kopf
ausgehenden animalischen Formen durch Rumpf- und Gliedmafiensy-
stem; die Gedanken als ihr libersinnliches Korrelat. Die Beziehung des
Rumpfsystems zum Pflanzenreich. Die menschliche Atmung als Gegen-
prozefi zur pflanzlichen Assimilation. Die Entfaltung des Pflanzlichen im
Menschen als Krankheitsursache. Die pflanzliche Umwelt als Bild samtli-
cher Krankheiten. Der menschliche Ernahrungsprozefi als Mittelstiick des
bei der Pflanze vorgehenden Verbrennungsprozesses. Die Atmung als
Anti-Pflanzenprozefi. Die Verbindung von Atmung und Ernahrung,
Leiblichem und Seelischem. Die Aufgabe der Zukunftsmedizin und
-hygiene; die Suche der heutigen Medizin nach Bazillen. Die Beziehung
des Gliedmafiensystems zum Mineralischen. Das fortwahrende Auflosen
der Mineralien durch das Gliedmaftensystem; Krankheiten wie Zucker
oder Gicht als Beginn des Kristallisationsprozesses im Korper. Das Leben
des Ich im Kraftleib. Die Aufgabe des menschlichen Leibes: Auflosung
des Mineralischen; Umkehrung der Pflanze; Vergeistigung des Tierischen.
Dreizehnter Vortrag, 4. September 1919
Die der Gestaltung des Gliedmafienmenschen (von aufien nach innen)
entgegengesetzte Gestaltung des Kopfmenschen (von innen nach aufien).
Der Mensch als «Stauapparat» fur das Geistig-Seelische; das Saugende der
geistig-seelischen Prozesse. Die Erzeugung iiberfliissiger Materialitat
(Fettbildung) durch das Brust-Bauchsystem; das Aufzehren derselben
durch das im Gliedmafiensystem wirkende Seelisch-Geistige. Die Stauung
des Geistig-Seelischen im Kopf und sein «Zuriicksprudeln» langs der
Nervenbahnen. Die Geistundurchlassigkeit des Lebendig-Organischen;
die Geistdurchlassigkeit des knochrig-nervosen Physisch-Toten. Uber-
mafiige Tatigkeit des Geistes bei korperlicher, des Leibes bei geistiger
Arbeit. Sinnlose und sinnvolle aufiere Tatigkeit und ihre Auswirkungen
auf den Schlaf; Turnen und Eurythmie in diesem Zusammenhang. Uber-
triebene Sporttatigkeit als «praktischer Darwinismus». Schlaflosigkeit als
Folge iibertriebener geistig-seelischer, Schlaftrunkenheit als Folge iiber-
triebener korperlicher Arbeit; das Unsinnige des «Examen-Ochsens». Ge-
sunde und ungesunde Arten von Denktatigkeit. Das Erzieherisch-Soziale
durch die Vergeistigung der Arbeit nach aufien, das Erzieherisch-Hygieni-
sche durch die Durchblutung der Arbeit nach innen.
Vierzehnter Vortrag, 5. September 1919
Die leibliche Dreigliederung. Die Dreigliederung des Kopfes in Kopf-,
Brust- (Nase als metamorphosierte Lunge) und Gliedmafienteil (Mund);
die GliedmaEen als metamorphosierte Kinnladen. Das Brust-Rumpfsy-
stem zwischen Kopf und Gliedmafien: Der Ansatz der oberen Brustnatur
zur verfeinerten Kopfbildung (Kehlkopf und Sprache), der unteren Brust-
natur zur vergroberten Gliedmafienbildung (Sexualitat). Das Appellieren
an die Phantasie mit dem Lehrstoff der letzten Volksschulzeit; Beispiel
des pythagoraischen Lehrsatzes. Lebensbedingungen des Lehrers: Durch-
dringen des Lehrstoffes mit gefiihlsmafiigem Willen und Lebendighalten
der Phantasie; Pedanterie als Unmoral. Ansichten des 19. Jahrhunderts
uber die Anwendung der Phantasie in der Padagogik; Schelling. Motto
fur den Padagogen: Phantasie, Wahrheitssinn, Verantwortlichkeitsgefuhl.
Anhang: «Aus der Ansprache zur Eroffnungsfeier der Freien
Waldorfschule mit Geleitworten von Marie Steiner» 205
Hinweise
Zu dieser Ausgabe 215
Hinweise zum Text 217
Namenregister 240
Sachwortverzeichnis 241
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 253
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 255
Notizbucheintragungen Rudolf Steiners
zu den Stuttgarter Lehrerkursen 1919 - 1921 in
«Beitrage zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe*, Heft 31
ANSPRACHE
gehalten am Vorabend des Kurses
Stuttgart, 20. August 1919
(nach Teilnehmernotizen)
Heute abend soil nur etwas Praliminarisches gesagt werden. Die Wal-
dorfschule mu!5 eine wirkliche Kulturtat sein, um eine Erneuerung
unseres Geisteslebens der Gegenwart zu erreichen. Wir miissen mit
Umwandlung in alien Dingen rechnen; die ganze soziale Bewegung
geht ja zuletzt auf Geistiges zuriick [die soziale Bewegung ist zuletzt
aufs Geistige zuriickgeworfen], und die Schulfrage ist ein Unterglied
der grofien geistigen brennenden Fragen der Gegenwart. Die Moglich-
keit der Waldorfschule mull dabei ausgeniitzt werden, um reformie-
rend, revolutionierend im Schulwesen zu wirken.
Das Gelingen dieser Kulturtat ist in Ihre Hand gegeben. Viel ist
damit in Ihre Hand gegeben, um, ein Muster aufstellend, mitzuwir-
ken. Viel hangt davon ab, dafi diese Tat gelingt. Die Waldorfschule
wird ein praktischer Beweis sein fur die Durchschlagskraft der anthro-
posophischen Weltorientierung. Sie wird eine Einheitsschule sein in
dem Sinne, dafi sie lediglich darauf Rucksicht nimmt, so zu erziehen
und zu unterrichten, wie es der Mensch, wie es die menschliche Ge-
samtwesenheit erfordert. Alles miissen wir in den Dienst dieses Zieles
stellen.
Aber wir haben es notig, Kompromisse zu schliefien. Kompromisse
sind notwendig, denn wir sind noch nicht so weit, um eine wirklich
freie Tat zu vollbringen. Schlechte Lehrziele, schlechte Abschlufiziele
werden uns vom Staat vorgeschrieben. Diese Ziele sind die denkbar
schlechtesten, und man wird sich das denkbar Hochste auf sie einbil-
den. Die Politik, die politische Tatigkeit von jetzt wird sich dadurch
aufiern, dafi sie den Menschen schablonenhaft behandeln wird, dafi
sie viel weitergehend als jemals versuchen wird, den Menschen in
Schablonen einzuspannen. Man wird den Menschen behandeln wie
einen Gegenstand, der an Drahten gezogen werden mufi, und wird sich
einbilden, dalS das einen denkbar grolken Fortschritt bedeutet. Man
wird unsachgemafi und moglichst hochmiitig solche Dinge einrichten,
wie es Erziehungsanstalten sind. Ein Beispiel und Vorgeschmack da-
von ist die Konstruktion der russischen bolschewistischen Schulen, die
eine wahre Begrabnisstatte sind fiir alles wirkliche Unterrichtswesen.
Wir werden einem harten Kampf entgegengehen und miissen doch
diese Kulturtat tun.
Zwei widersprechende Krafte sind dabei in Einklang zu bringen.
Auf der einen Seite miissen wir wissen, was unsere Ideale sind, und
miissen doch noch die Schmiegsamkeit haben, uns anzupassen an das,
was weit abstehen wird von unseren Idealen. Wie diese zwei Krafte
in Einklang zu bringen sind, das wird schwierig sein fiir jeden einzel-
nen von Ihnen. Das wird nur zu erreichen sein, wenn jeder seine voile
Personlichkeit einsetzt. Jeder mulS seine voile Personlichkeit einset-
zen von Anfang an.
Deshalb werden wir die Schule nicht regierungsgemaft, sondern
verwaltungsgemafi einrichten und sie republikanisch verwalten. In
einer wirklichen Lehrer-Republik werden wir nicht hinter uns ha-
ben Ruhekissen, Verordnungen, die vom Rektorat kommen, sondern
wir miissen hineintragen [in uns tragen] dasjenige, was uns die Mog-
lichkeit gibt, was jedem von uns die voile Verantwortung gibt fiir
das, was wir zu tun haben. Jeder muE selbst voll verantwortlich sein.
Ersatz fiir eine Rektoratsleitung wird geschaffen werden konnen
dadurch, dafi wir diesen Vorbereitungskurs einrichten und hier das-
jenige arbeitend aufnehmen, was die Schule zu einer Einheit macht.
Wir werden uns das Einheitliche erarbeiten durch den Kurs, wenn
wir recht ernstlich arbeiten.
Fiir den Kurs ist anzukiindigen, dafi er enthalten wird:
erstens eine fortlaufende Auseinandersetzung iiber allgemein-pad-
agogische Fragen;
zweitens eine Auseinandersetzung iiber speziell-methodische Fra-
gen der wichtigsten Unterrichtsgegenstande;
drittens eine Art seminaristisches Arbeiten innerhalb dessen, was
unsere Lehraufgaben sein werden. Solche Lehraufgaben werden
wir ausarbeiten und in Disputationsiibungen zur Geltung bringen.
An jedem Tag werden wir vormittags das mehr Theoretische haben
und nachmittags dann das Seminaristische.
Wir werden also morgen urn 9 Uhr beginnen mit der allgemeinen
Padagogik, haben dann um 1/2 11 die speziell-methodische Unter-
weisung und am Nachmittag von 3 bis 6 Uhr die seminaristischen
Ubungen.
Wir miissen uns voll bewufit sein, dafi eine grofie Kulturtat nach
jeder Richtung hin getan werden soli.
Wir wollen hier in der Waldorfschuie keine Weltanschauungsschule
einrichten. Die Waldorfschuie soli keine Weltanschauungsschule sein,
in der wir die Kinder moglichst mit anthroposophischen Dogmen voll-
stopfen. Wir wollen keine anthroposophische Dogmatik lehren, An-
throposophie ist kein Lehrinhalt, aber wir streben hin auf praktische
Handhabung der Anthroposophie. Wir wollen umsetzen dasjenige,
was auf anthroposophischem Gebiet gewonnen werden kann, in wirk-
liche Unterrichtspraxis.
Auf den Lehrinhalt der Anthroposophie wird es viel weniger an-
kommen als auf die praktische Handhabung dessen, was in padago-
gischer Richtung im allgemeinen und im Speziell-Methodischen im
besonderen aus Anthroposophie werden kann, wie Anthroposophie
in Handhabung des Unterrichts ubergehen kann.
Die religiose Unterweisung wird in den Religionsgemeinschaften
erteilt werden. Die Anthroposophie werden wir nur betatigen in der
Methodik des Unterrichts. Wir werden also die Kinder an die Reli-
gionslehrer nach den Konfessionen verteilen.
Das ist der andere Teil des Kompromisses. Durch berechtigte Kom-
promisse beschleunigen wir unsere Kulturtat.
Wir miissen uns bewufit sein der groften Aufgaben. Wir diirfen
nicht blo$ Padagogen sein, sondern wir werden Kulturmenschen im
hochsten Grade, im hochsten Sinne des Wortes sein miissen. Wir miis-
sen lebendiges Interesse haben fur alles, was heute in der Zeit vor sich
geht, sonst sind wir fur diese Schule schlechte Lehrer. Wir diirfen uns
nicht nur einsetzen fur unsere besonderen Aufgaben. Wir werden nur
dann gute Lehrer sein, wenn wir lebendiges Interesse haben fiir alles,
was in der Welt vorgeht. Durch das Interesse fiir die Welt miissen wir
erst den Enthusiasmus gewinnen, den wir gebrauchen fiir die Schule
und fiir unsere Arbeitsaufgaben. Dazu sind notig Elastizitat des
Geistigen und Hingabe an unsere Aufgabe. Nur aus dem konnen
wir schopfen, was heute gewonnen werden kann, wenn Interesse zu-
gewendet wird: erstens der grofien Not der Zeit, zweitens den grofien
Aufgaben der Zeit, die man sich beide nicht grofi genug vorstellen kann.
ERSTER VORTRAG
Stuttgart, 21. August 1919
Meine lieben Freunde, wir kommen mit unserer Aufgabe nur zurecht,
wenn wir sie nicht bloft betrachten als eine intellektuell-gemutliche,
sondern als eine im hdchsten Sinne moralisch-geistige; und daher wer-
den Sie es begreiflich finden, daft wir, indem wir heute diese Arbeit
beginnen, uns zunachst besinnen auf den Zusammenhang, den wir ge-
rade durch diese unsere Tatigkeit gleich im Anfang herstellen wollen
mit den geistigen Welten. Wir miissen uns bewuftt sein bei einer solchen
Aufgabe, daft wir nicht arbeiten bloft als hier auf dem physischen Plan
lebende Menschen; diese Art, sich Aufgaben zu stellen, hat ja gerade
in den letzten Jahrhunderten besonders an Ausdehnung gewonnen,
hat fast einzig und allein die Menschen erfiillt. Unter dieser Auffas-
sung der Aufgaben ist dasjenige aus Unterricht und Erziehung gewor-
den, was eben gerade verbessert werden soil durch die Aufgabe, die
wir uns stellen. Daher wollen wir uns im Beginne dieser unserer vor-
bereitenden Tatigkeit zunachst darauf besinnen, wie wir im einzelnen
die Verbindung mit den geistigen Machten, in deren Auftrag und de-
ren Mandat jeder einzelne von uns gewissermaften wird arbeiten miis-
sen, herstellen. Ich bitte Sie daher, diese einleitenden Worte aufzu-
fassen als eine Art Gebet zu denjenigen Machten, die imaginierend,
inspirierend, intuitierend hinter uns stehen sollen, indem wir diese
Aufgabe ubernehmen.
[Die sich hier anschliefienden Worte wurden nicht mitstenographiert. Siehe Hinweise S. 217 f.]
Meine lieben Freunde! Es obliegt uns, die Wichtigkeit unserer Auf-
gabe zu empfinden. Wir werden dies, wenn wir diese Schule als mit
einer besonderen Aufgabe ausgeriistet wissen. Und da wollen wir un-
sere Gedanken wirklich konkretisieren, wir wollen unsere Gedanken
wirklich so gestalten, daft wir das Bewufttsein haben konnen, daft etwas
Besonderes mit dieser Schule ausgefiihrt wird. Wir werden das nur,
wenn wir gewissermaften nicht in das Alltagliche versetzen dasjenige,
was mit dieser Schulbegriindung getan worden ist, sondern wenn wir
es als einen Festesakt der Weltenordnung betrachten. In diesem Sinne
mdchte ich als erstes geschehen lassen, dafi ich hier im Namen des gu-
ten Geistes, der fuhren soli die Menschheit aus der Not und dem Elend
heraus, im Namen dieses guten Geistes, der die Menschheit fuhren soli
zu der hdheren Stufe der Entwickelung in Unterricht und Erziehung,
den allerherzlichsten Dank ausspreche denjenigen guten Geistern ge-
gemiber, die unserem lieben Herrn Molt den guten Gedanken eingege-
ben haben, in dieser Richtung und an diesem Platze fur die Weiterent-
wickelung der Menschheit dasjenige zu tun, was er mit der Waldorf -
schule getan hat. Ich weifi, er ist sich bewufit, dafi man dasjenige, was
man fur diese Aufgabe tun kann, heute doch nur mit schwachen Kraf-
ten tun kann. Er sieht die Sache so an; aber er wird gerade dadurch,
dafi wir mit ihm vereint die Grofie der Aufgabe und den Moment, in
dem sie begonnen wird, als einen f eierlichen in die Weltenordnung hin-
eingestellt empfinden, er wird gerade dadurch mit der rechten Kraft
innerhalb unserer Mitte wirken konnen. Von diesem Gesichtspunkte
aus, meine lieben Freunde, wollen wir unsere Tatigkeit beginnen. Wir
wollen uns selbst alle betrachten als Menschenwesenheiten, welche das
Karma an den Platz gestellt hat, von dem aus nicht etwas Gewohn-
liches, sondern etwas geschehen soil, was bei den Mittuenden die Emp-
findung eines f eierlichen Weltenaugenblickes in sich schliefit. Dasjeni-
ge, was ich dann im Anschlufi an diese heutige feierliche Eroffnung
unserer Vorbereitung zu sagen haben werde, das wird gesagt werden
am Ende unseres Kurses, wo sich manches geklart haben wird, wo wir
in einem viel konkreteren Sinne noch vor der Aufgabe stehen werden,
die wir uns heute zu stellen beginnen.
Emil Molt: Wenn ich in diesem feierlichen Augenblick das Wort nehmen
darf, so geschieht es, um den herzlichsten Dank auszudriicken dafiir, dafi es
mir vergonnt war, diesen Moment hier zu erleben, und dafi ich geloben will,
was in meiner schwachen Kraft liegt, mitzuwirken an diesem grofien Werke,
das wir heute beginnen.
Meine lieben Freunde, das erste, womit wir beginnen wollen, miissen
Auseinandersetzungen sein iiber unsere padagogische Aufgabe, Ausein-
andersetzungen, zu denen ich heute eine Art von Einleitung zu Ihnen
sprechen mochte. Unsere padagagogische Aufgabe wird sich ja unter-
scheiden miissen von den padagogischen Aufgaben, die sich die Mensch-
heit bisher gestellt hat. Nicht aus dem Grunde wird sie sich unter-
scheiden sollen, weil wir in eitlem Hochmut glauben, dafi wir gerade
von uns aus gewissermafien eine neue padagogische Weltenordnung
beginnen sollen, sondern weil wir aus anthroposophisch orientierter
Geisteswissenschaft heraus uns klar dariiber sind, dafi die aufeinander-
folgenden Entwickelungsepochen der Menschheit dieser Menschheit
immer andere Aufgaben stellen werden. Eine andere Aufgabe hatte
die Menschheit in der ersten, eine andere in der zweiten bis herein in
unsere funfte nachatlantische Entwickelungsepoche. Und es ist nun
einmal so, dafi dasjenige, was in einer Entwickelungsepoche der
Menschheit getan werden soil, dieser Menschheit erst zum Bewufitsein
kommt, einige Zeit nachdem diese Entwickelungsepoche begonnen hat.
Die Entwickelungsepoche, in der wir heute stehen, hat in der Mitte
des 15. Jahrhunderts begonnen. Heute kommt gewissermafien aus den
geistigen Untergriinden heraus erst die Erkenntnis, was gerade in be-
zug auf die Erziehungsaufgabe innerhalb dieser unserer Epoche getan
werden soil. Die Menschen haben bisher, selbst wenn sie mit dem aller-
besten Willen padagogisch gearbeitet haben, noch im Sinne der alten
Erziehung gearbeitet, noch im Sinne derjenigen der vierten nachatlan-
tischen Entwickelungsepoche. Vieles wird davon abhangen, dafi wir
von vornherein uns einzustellen wissen fur unsere Aufgabe, dafi wir
verstehen lernen, dafi wir uns fur unsere Zeit eine ganz bestimmte Rich-
tung zu geben haben; eine Richtung, die nicht deshalb wichtig ist, weil
sie absolut fur die ganze Menschheit in ihrer Entwickelung gelten soil,
sondern weil sie gelten soil gerade fur unsere Zeit. Der Materialismus
hat aufier dem anderen noch das hervorgebracht, dafi die Menschen
kein Bewufitsein haben von den besonderen Aufgaben einer besonderen
Zeit. Als allererstes aber, bitte, nehmen Sie das in sich auf, dafi beson-
dere Zeiten ihre besonderen Aufgaben haben.
Sie werden zur Erziehung und zum Unterricht Kinder zu uberneh-
men haben, allerdings Kinder schon eines bestimmten Alters, und Sie
werden ja dabei bedenken miissen, dafi Sie diese Kinder iibernehmen,
nachdem sie schon in der allerersten Epoche ihres Lebens die Erziehung,
vielleicht oftmals die Mifierziehung der Eltern durchgemacht haben.
Vollstandig erfiillt wird dasjenige, was wir wollen, doch erst werden,
wenn wir einmal so weit sind als Menschheit, dafi auch die Eltern ver-
stehen werden, dafi schon in der ersten Epoche der Erziehung besondere
Aufgaben der heutigen Menschheit gestellt sind. Wir werden manches,
was verfehlt worden ist in der ersten Lebensepoche, doch noch aus-
bessern konnen, wenn wir die Kinder zur Schule bekommen.
Wir miissen uns aber ganz stark durchdringen von dem Bewufk-
sein, aus dem heraus wir, jeder einzelne, unseren Unterricht und unsere
Erziehung auffassen.
Vergessen Sie nicht, indem Sie sich Ihrer Aufgabe widmen, dafi die
ganze heutige Kultur, bis in die Sphare des Geistigen hinein, gestellt
ist auf den Egoismus der Menschheit. Betrachten Sie unbefangen das
geistigste Gebiet, dem sich der Mensch heute hingibt, betrachten Sie das
religiose Gebiet, und fragen Sie sich, ob nicht unsere heutige Kultur
gerade auf dem religiosen Gebiet hingeordnet ist auf den Egoismus der
Menschen. Typisch ist es gerade fur das Predigtwesen in unserer Zeit,
dafi der Prediger den Menschen angreifen will im Egoismus. Nehmen
Sie gleich dasjenige, was den Menschen am tiefsten erfassen soli: die
Unsterblichkeitsfrage, und bedenken Sie, dafi heute fast alles, selbst im
Predigtwesen, darauf hingeordnet ist, den Menschen so zu erfassen, dafi
sein Egoismus fur das Ubersinnliche ins Auge gefafit wird. Durch den
Egoismus hat der Mensch den Trieb, nicht wesenlos durch die Pf orte des
Todes hindurchzugehen, sondern sein Ich zu erhalten. Dies ist ein,
wenn auch noch so verfeinerter, Egoismus. An diesen Egoismus appel-
liert heute in weitestem Umfange auch jedes religiose Bekenntnis, wenn
es sich um die Unsterblichkeitsfrage handelt. Daher spricht vor alien
Dingen das religiose Bekenntnis so zu den Menschen, dafi es meistens
das eine Ende unseres irdischen Daseins vergilk und nur Riicksicht
nimmt auf das andere Ende dieses Daseins, dafi der Tod vor alien
Dingen ins Auge gefafk wird, dafi die Geburt vergessen wird.
Wenn auch die Dinge nicht so deutlich ausgesprochen werden, so
Hegen sie doch zugrunde. Wir leben in der Zeit, in der dieser Appell
an den menschlichen Egoismus in alien Spharen bekampft werden
mu$, wenn die Menschen nicht auf dem absteigenden Wege der Kultur,
auf dem sie heute gehen, immer mehr und mehr abwarts gehen sollen.
Wir werden uns immer mehr und mehr bewuftt werden miissen des
anderen Endes der menschlichen Entwickelung innerhalb des Erden-
daseins: der Geburt. Wir werden in unser Bewufitsein die Tatsache
aufnehmen miissen, daft der Mensch sich entwickelt eine lange Zeit
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, daft er innerhalb dieser
Entwickelung an einen Punkt gelangt ist, wo er fur die geistige Welt
gewissermaften stirbt, wo er unter solchen Bedingungen in der geisti-
gen Welt lebt, daft er dort nicht mehr weiterleben kann, ohne in eine
andere Daseinsform iiberzugehen. Diese andere Daseinsform bekommt
er dadurch, daft er sich umkleiden laftt mit dem physischen und Ather-
leib. Dasjenige, was er bekommen soli durch die Umkleidung des phy-
sischen und Atherleibes, konnte er nicht bekommen, wenn er sich in
gerader Linie in der geistigen Welt nur weiterentwickeln wiirde. In-
dem wir daher das Kind von seiner Geburt an nur mit physischen
Augen anblicken diirfen, wollen wir uns dabei bewuftt sein: auch das
ist eine Fortsetzung. Und wir wollen nicht nur sehen auf das, was das
Menschendasein erfahrt nach dem Tode, also auf die geistige Fort-
setzung des Physischen; wir wollen uns bewuftt werden, daft das phy-
sische Dasein hier eine Fortsetzung des geistigen ist, daft wir durch
Erziehung fortzusetzen haben dasjenige, was ohne unser Zutun besorgt
worden ist von hoheren Wesen. Das wird unserem Erziehungs- und
Unterrichtswesen allein die richtige Stimmung geben, wenn wir uns
bewuftt werden: Hier in diesem Menschenwesen hast du mit deinem
Tun eine Fortsetzung zu leisten fur dasjenige, was hohere Wesen vor
der Geburt getan haben.
Man wird heute, wo die Menschen in ihren Gedanken und Empfin-
dungen den Zusammenhang verloren haben mit den geistigen Welten,
oftmals in abstrakter Art um etwas gefragt, was eigentlich als Frage
einer geistigen Weltauffassung gegeniiber keinen rechten Sinn hat. Man
wird gefragt, wie man die sogenannte vorgeburtliche Erziehung leiten
soli. Es gibt viele Menschen, die nehmen heute die Dinge abstrakt; wenn
man die Dinge konkret nimmt, kann man das Fragen in gewissen Ge-
bieten nicht in beliebiger Weise weitertreiben. Ich habe einmal das
Beispiel erwahnt: Man sieht auf einer Strafte Furchen. Da kann man
fragen: Woher sind sie? - Weil ein Wagen gefahren ist. - Warum ist
der Wagen gefahren? - Weil die, die darin sitzen, einen bestimmten
Ort erreichen wollten. - Warum wollten sie einen bestimmten Ort er-
reichen? - Einmal hort in der Wirklichkeit die Fragestellung auf.
Bleibt man im Abstrakten, so kann man immer weiter fragen: warum?
Man kann das Rad des Fragens immerfort weiter drehen. Das kon-
krete Denken findet immer ein Ende, das abstrakte Denken lauft mit
dem Gedanken immer endlos wie ein Rad herum. So ist es auch mit den
Fragen, die iiber nicht so naheliegende Gebiete gestellt werden. Die
Menschen denken iiber Erziehung nach und fragen iiber die vorgeburt-
liche Erziehung. Aber, meine lieben Freunde, vor der Geburt ist das
Menschenwesen noch in der Hut iiber dem Physischen stehender We-
senheiten. Denen miissen wir die unmittelbare einzelne Beziehung uber-
lassen zwischen der Welt und dem einzelnen Wesen. Daher hat die
vorgeburtliche Erziehung noch keine Aufgabe fur das Kind selbst. Die
vorgeburtliche Erziehung kann nur eine unbewufite Folge desjenigen
sein, was die Eltern, insbesondere die Mutter, leisten. Verhalt sich die
Mutter bis zu der Geburt so, dafi sie in sich selbst zum Ausdruck bringt
dasjenige, was im rechten Sinn moralisch und intellektuell das Rich-
tige ist, so wird ganz von selbst das, was sie in fortgesetzter Selbst-
erziehung vollbringt, iibergehen auf das Kind. Je weniger man daran
denkt, das Kind, schon bevor es das Licht der Welt erblickt, zu erzie-
hen, und je mehr man daran denkt, selbst ein entsprechend rechtes
Leben zu fiihren, desto besser wird es fur das Kind sein. Die Erziehung
kann erst angehen, wenn das Kind wirklich eingegliedert ist in die Wel-
tenordnung des physischen Planes, und das ist dann, wenn das Kind
beginnt, die aufiere Luft zu atmen.
Wenn nun das Kind auf den physischen Plan herausgetreten ist,
dann miissen wir uns bewufit sein, was eigentlich fur das Kind gesche-
hen ist im Ubergang von einem geistigen zu einem physischen Plan.
Sehen Sie, da miissen wir vor alien Dingen uns bewufit werden, dafi sich
das Menschenwesen wirklich aus zwei Gliedern zusammensetzt. Bevor
das Menschenwesen die physische Erde betritt, wird eine Verbindung
eingegangen zwischen dem Geist und der Seele; dem Geist, insofern
wir darunter verstehen dasjenige, was in der physischen Welt heute
noch ganz verborgen ist und was wir anthroposophisch-geisteswissen-
schaftlich nennen: der Geistesmensch, der Lebensgeist, das Geistselbst.
Mit diesen drei Wesensgliedern des Menschen ist es ja so, daft sie ge-
wissermafien in der iibersinnlichen Sphare vorhanden sind, zu der wir
uns nun hindurcharbeiten miissen, und wir stehen zwischen dem Tod
und einer neuen Geburt schon in einer gewissen Beziehung zu Geistes-
mensch, Lebensgeist und Geistselbst. Die Kraft, die von dieser Drei-
heit ausgeht, die durchdringt das Seelische des Menschen: Bewufltseins-
seele, Verstandes- oder Gemutsseele und Empfindungsseele.
Und wenn Sie betrachten wiirden das Menschenwesen, das sich an-
schickt, nachdem es durchgegangen ist durch das Dasein zwischen Tod
und neuer Geburt, in die physische Welt hinunterzusteigen, dann wiir-
den Sie das eben charakterisierte Geistige zusammengebunden finden
mit dem Seelischen. Der Mensch steigt gewissermafien als Geistseele
oder Seelengeist aus einer hoheren Sphare in das irdische Dasein. Mit
dem irdischen Dasein umkleidet er sich. Wir konnen ebenso dieses an-
dere Wesensglied, das sich mit dem eben gekennzeichneten verbindet,
charakterisieren, wir konnen sagen: Da unten auf der Erde wird der
Geistseele entgegengebracht dasjenige, was entsteht durch die Vor-
gange der physischen Vererbung. Nun wird an den Seelengeist oder
die Geistseele der Korperleib oder der Leibeskorper so herangebracht,
dafi wiederum zwei Dreiheiten verbunden sind. Bei der Geistseele sind
verbunden Geistesmensch, Lebensgeist und Geistselbst mit dem See-
lischen, das besteht aus Bewufitseinsseele, Verstandes- oder Gemiits-
seele und Empfindungsseele. Die sind miteinander verbunden und sol-
len sich verbinden beim Herabsteigen in die physische Welt mit Emp-
findungsleib oder Astralleib, Atherleib, physischem Leib. Aber diese
sind ihrerseits wiederum verbunden zuerst im Leibe der Mutter, dann
in der physischen Welt mit den drei Reichen der physischen Welt, dem
mineralischen, dem Pflanzen- und dem Tierreich, so dafi auch hier
zwei Dreiheiten miteinander verbunden sind.
Betrachten Sie das Kind, das hereingewachsen ist in die Welt, mit
der geniigenden Unbefangenheit, so werden Sie richtig wahrnehmen:
Hier in dem Kind ist noch unverbunden Seelengeist oder Geistseele mit
Leibeskorper oder Korperleib. Die Aufgabe der Erziehung, im geistigen
Sinn erfafit, bedeutet das In-Einklang-Versetzen des Seelengeistes mit
dem Korperleib oder dem Leibeskorper. Die miissen miteinander in
Harmonie kommen, miissen aufeinander gestimmt werden, denn die
passen gewissermafien, indem das Kind hereingeboren wird in die phy-
sische Welt, noch nicht zusammen. Die Aufgabe des Erziehers und auch
des Unterrichters ist das Zusammenstimmen dieser zwei Glieder.
Nun, fassen wir diese Aufgabe etwas mehr im Konkreten. Unter all
diesen Beziehungen, welche der Mensch zur Aufienwelt hat, ist die
allerwichtigste das Atmen. Aber das Atmen beginnen wir ja gerade,
indem wir die physische Welt betreten. Das Atmen im Mutterleib ist
noch sozusagen ein vorbereitendes Atmen, es bringt den Menschen
noch nicht in vollkommenen Zusammenhang mit der Aufienwelt. Das-
jenige, was im rechten Sinn Atmen genannt werden soil, beginnt der
Mensch erst, wenn er den Mutterleib verlassen hat. Dieses Atmen be-
deutet sehr, sehr viel fur die menschliche Wesenheit, denn in diesem
Atmen liegt ja schon das ganze dreigliedrige System des physischen
Menschen.
Wir rechnen zu den Gliedern des dreigliedrigen physischen Men-
schensystems zunachst den Stoffwechsel. Aber der Stoffwechsel hangt
an dem einen Ende mit dem Atmen innig zusammen; der Atmungs-
prozefi hangt stoffwechselmaftig mit der Blutzirkulation zusammen.
Die Blutzirkulation nimmt die auf anderem Wege eingefiihrten Stoffe
der aufieren Welt auf in den menschlichen Korper, so daft gewisser-
mafien auf der einen Seite das Atmen mit dem ganzen Stoffwechsel-
system zusammenhangt. Das Atmen hat also seine eigenen Funktionen,
aber es hangt doch auf der einen Seite mit dem Stoffwechselsystem
zusammen.
Auf der anderen Seite hangt dieses Atmen auch zusammen mit dem
Nerven-Sinnesleben des Menschen. Indem wir einatmen, pressen wir
fortwahrend das Gehirnwasser in das Gehirn hinein; indem wir aus-
atmen, prellen wir es zuriick in den Korper. Dadurch verpflanzen wir
den Atmungsrhythmus auf das Gehirn. Und wie das Atmen zusam-
menhangt auf der einen Seite mit dem Stoffwechsel, so hangt es auf
der anderen Seite zusammen mit dem Nerven-Sinnesleben. Wir kon-
nen sagen: Das Atmen ist der wichtigste Vermittler des die physische
Welt betretenden Menschen mit der physischen Aufienwelt. Aber wir
miissen uns auch bewufit sein, dafi dieses Atmen durchaus noch nicht
so verlauft, wie es zum Unterhalt des physischen Lebens beim Menschen
voll verlaufen mufi, namentlich nach der einen Seite nicht: es ist beim
Menschen, der das physische Dasein betritt, noch nicht die richtige
Harmonie, der rechte Zusammenhang hergestellt zwischen dem At-
mungsprozefi und dem Nerven-Sinnesprozefi.
Betrachten wir das Kind, so miissen wir in bezug auf sein Wesen
sagen: Das Kind hat noch nicht so atmen gelernt, dafi das Atmen in der
richtigen Weise den Nerven-Sinnesprozefi unterhalt. Da liegt wieder-
um die feinere Charakteristik desjenigen, was mit dem Kind zu tun ist.
Wir miissen zunachst die Menschenwesenheit anthropologisch-anthro-
posophisch verstehen. Die wichtigsten Mafinahmen in der Erziehung
werden daher liegen in der Beobachtung alles desjenigen, was in der
rechten Weise den Atmungsprozefi hineinorganisiert in den Nerven-
Sinnesprozefi. Im hoheren Sinne mufi das Kind lernen, in seinen Geist
aufzunehmen dasjenige, was ihm geschenkt werden kann dadurch, dafi
es geboren wird zum Atmen. Sie sehen, dieser Teil der Erziehung wird
hinneigen zu dem Geistig-Seelischen: dadurch, dafi wir harmonisieren
das Atmen mit dem Nerven-Sinnesprozefi, Ziehen wir das Geistig-See-
lische in das physische Leben des Kindes herein. Grob ausgedriickt,
konnen wir sagen: Das Kind kann noch nicht innerlich richtig atmen,
und die Erziehung wird darin bestehen miissen, richtig atmen zu lehren.
Aber das Kind kann noch etwas anderes nicht richtig, und dieses an-
dere mufi in Angriff genommen werden, damit ein Einklang geschaffen
werde zwischen den zwei Wesensgliedern, zwischen dem Korperleib
und zwischen der Geistseele. Was das Kind nicht richtig kann im An-
fang seines Daseins - es wird Ihnen auffallen, dafi gewohnlich das, was
wir geistig betonen miissen, der aufieren Weltenordnung zu wider-
sprechen scheint -, was das Kind nicht richtig kann, das ist, den Wech-
sel zwischen Schlafen und Wachen in einer dem Menschenwesen ent-
sprechenden Weise zu vollziehen. Man kann freilich sagen, aufierlich
betrachtet: Das Kind kann ja ganz gut schlafen; es schlaft ja viel mehr
als der Mensch im spateren Lebensalter, es schlaft sogar in das Leben
herein. - Aber das, was innerlich dem Schlafen und Wachen zugrunde
liegt, das kann es noch nicht. Das Kind erlebt allerlei auf dem phy-
sischen Plan. Es gebraucht seine Glieder, es ilk, trinkt und atmet.
Aber indem es so allerlei macht auf dem physischen Plan, indem es
abwechselt zwischen Schlafen und Wachen, kann es nicht alles das-
jenige, was es auf dem physischen Plan erfahrt - was es mit den Augen
sieht, den Ohren hort, den Handchen vollbringt, wie es mit den Bein-
chen strampelt -, es kann nicht das, was es auf dem physischen Plan
erlebt, hineintragen in die geistige Welt und doit verarbeiten und das
Ergebnis der Arbeit wieder zuriicktragen auf den physischen Plan.
Sein Schlaf ist gerade dadurch charakterisiert, daft er ein anderer Schlaf
ist als der Schlaf der Erwachsenen. Im Schlafe des Erwachsenen wird
vorzugsweise das verarbeitet, was der Mensch erfahrt zwischen dem
Aufwachen und dem Einschlafen. Das Kind kann das noch nicht in den
Schlaf hineintragen, was es erfahrt zwischen Aufwachen und Einschla-
fen, und es lebt sich daher noch so in die allgemeine Weltenordnung mit
dem Schlafen hinein, dalS es nicht mitbringt in diese Weltenordnung
wahrend des Schlaf es dasjenige, was es aufierlich in der physischen Welt
erfahren hat. Dahin mulS es gebracht werden durch die richtiggehende
Erziehung, dafi das, was der Mensch auf dem physischen Plan erfahrt,
hineingetragen wird in dasjenige, was der Seelengeist oder die Geist-
seele tut vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Wir konnen als Unter-
richter und Erzieher dem Kinde gar nichts von der hoheren Welt bei-
bringen. Denn dasjenige, was in den Menschen von der hoheren Welt
hineinkommt, das kommt hinein in der Zeit vom Einschlafen bis zum
Aufwachen. Wir konnen nur die Zeit, die der Mensch auf dem physi-
schen Plan verbringt, so ausniitzen, dafi er gerade das, was wir mit ihm
tun, allmahlich hineintragen kann in die geistige Welt und daft durch
dieses Hineintragen wiederum in die physische Welt zuriickflieften
kann die Kraft, die er mitnehmen kann aus der geistigen Welt, um dann
im physischen Dasein ein rechter Mensch zu sein.
So wird zunachst alle Unterrichts- und Erziehungstatigkeit gelenkt
auf ein recht hohes Gebiet, auf das Lehren des richtigen Atmens und
auf das Lehren des richtigen Rhythmus im Abwechseln zwischen Schla-
fen und Wachen. Wir werden selbstverstandlich solche Verhaltungs-
maftregeln beim Erziehen und Unterrichten kennenlernen, die nicht
etwa auf eine Dressur des Atmens hinauslaufen oder auf eine Dressur
von Schlafen und Wachen. Das wird alles nur im Hintergrund stehen.
Das, was wir kennenlernen werden, werden konkrete Maftregeln sein.
Aber wir miissen uns bis in die Fundamente hinein bewuftt sein dessen,
was wir tun. So werden wir uns bewuftt werden miissen, wenn wir
einem Kinde diesen oder jenen Lehrgegenstand beibringen, daft wir
dann in der einen Richtung wirken auf das mehr in den physischen
Leib Hineinbringen der Geistseele und in der anderen Richtung mehr
auf das Hereinbringen der Korperleiblichkeit in die Geistseele.
Unterschatzen wir nicht, daft das wichtig ist, was jetzt gesagt ist,
denn Sie werden nicht gute Erzieher und Unterrichter werden, wenn
Sie bloft auf dasjenige sehen werden, was Sie tun, wenn Sie nicht auf
dasjenige sehen werden, was Sie sind. Wir haben ja die anthroposo-
phisch orientierte Geisteswissenschaft eigentlich aus dem Grunde, um
die Bedeutsamkeit dieser Tatsache einzusehen, daft der Mensch in der
Welt wirkt nicht nur durch dasjenige, was er tut, sondern vor allem
durch dasjenige, was er ist. Es ist einmal ein grower Unterschied, meine
lieben Freunde, ob der eine Lehrer in die Schule durch die Klassentur
zu einer kleineren oder grofteren Anzahl von Schiilern hineingeht oder
der andere Lehrer. Es ist ein grofter Unterschied, und der liegt nicht
bloft darin, daft der eine Lehrer geschickter ist, die aufterlichen padago-
gischen Handgriffe so oder so zu machen, als der andere; sondern der
hauptsachlichste Unterschied, der wirksam ist beim Unterricht, riihrt
her von dem, was der Lehrer in der ganzen Zeit seines Daseins an Ge-
dankenrichtung hat, die er durch die Klassentiir hereintragt. Ein Leh-
rer, der sich beschaftigt mit Gedanken vom werdenden Menschen,
wirkt ganz anders auf die Schiiler als ein Lehrer, der von alledem nichts
weifi, der niemals seine Gedanken dahin lenkt. Denn was geschieht in
dem Augenblick, wo Sie iiber solche Gedanken nachdenken, das heiftt,
wo Sie anfangen zu wissen, welche kosmische Bedeutung der Atmungs-
prozeft und seine Umwandlung in der Erziehung hat, welche kosmische
Bedeutung der Rhythmusprozeft zwischen Schlafen und Wachen hat?
In dem Augenblick, wo Sie solche Gedanken haben, bekampft etwas
in Ihnen alles das, was blofter Personlichkeitsgeist ist. In diesem Au-
genblick werden abgedampft alle Instanzen, welche dem Personlich-
keitsgeist zugrunde liegen; es wird etwas von dem ausgeloscht, was
gerade am meisten vorhanden ist im Menschen dadurch, daft er ein
physischer Mensch ist.
Und indem Sie in diesem Ausgeloschtsein leben und hineingehen
in das Klassenzimmer, kommt es durch innere Krafte, daft sich ein
Verhaltnis herstellt zwischen den Schiilern und Ihnen. Da kann es sein,
daft die iiufteren Tatsachen dem anfangs widersprechen. Sie gehen in
die Schule hinein, und vielleicht haben Sie Rangen und Ranginnen vor
sich, die Sie auslachen. Sie miissen so gestarkt sein durch solche Gedan-
ken, wie wir sie hier pflegen wollen, daft Sie gar nicht achten dieses
Auslachens, daft Sie es hinnehmen wie eine auftere Tatsache, ich will
sagen wie die Tatsache, daft es, wahrend Sie ohne Regenschirm ausge-
gangen sind, plotzlich beginnt zu regnen. Gewift, das ist eine unange-
nehme Uberraschung. Aber gewohnlich macht der Mensch selbst einen
Unterschied zwischen dem Ausgelachtwerden und dem Uberrascht-
werden durch den Regen, wenn man keinen Schirm hat. Es darf kein
Unterschied gemacht werden. Wir miissen so starke Gedanken ent-
wickeln, daft dieser Unterschied nicht gemacht wird, daft wir dieses
Ausgelachtwerden wie einen Regenguft hinnehmen. Wenn wir durch-
drungen sind von diesen Gedanken, und namentlich den rechten Glau-
ben an sie haben, dann wird das iiber uns kommen, was vielleicht erst
nach acht Tagen, vielleicht erst nach vierzehn Tagen, vielleicht nach
noch langerer Zeit eintritt - wenn wir noch so sehr ausgelacht werden
von den Kindern: daft wir ein Verhaltnis zu den Kindern herstellen,
das wir fur das wiinschenswerte halten. Wir miissen dieses Verhaltnis
auch gegen Widerstand herstellen durch das, was wir aus uns selbst
machen. Und wir miissen uns vor alien Dingen der ersten padago-
gischen Aufgabe bewuftt werden, daft wir erst selbst aus uns etwas
machen miissen, daft eine gedankliche, daft eine innere spirituelle Be-
ziehung herrscht zwischen dem Lehrer und den Kindern und daft wir
in das Klassenzimmer eintreten in dem Bewufttsein: Diese spirituelle
Beziehung ist da, nicht bloft die Worte, die Ermahnungen, die ich die
Kinder erfahren lasse, die Geschicklichkeit im Unterrichten wird da
sein. Das alles sind Aufterlichkeiten, die wir gewift pflegen miissen;
aber wir werden sie nicht richtig pflegen, wenn wir nicht als Grund-
tatsache herstellen das ganze Verhaltnis zwischen den Gedanken, die
uns selbst erfiillen, und den Tatsachen, die wahrend des Unterrichts
an Leib und Seele der Kinder vor sich gehen sollen. Unsere ganze Hal-
tung im Unterrichten wiirde nicht vollstandig sein, wenn wir nicht
das Bewufitsein in uns tragen wiirden: der Mensch wurde geboren; da-
durch wurde ihm die Moglichkeit gegeben, dasjenige zu tun, was er
nicht konnte in der geistigen Welt. Wir miissen erziehen und unterrich-
ten, der Atmung erst die richtige Harmonie geben zur geistigen Welt.
Der Mensch konnte nicht in derselben Weise den rhythmischen Wech-
sel vollziehen zwischen Wachen und Schlafen in der geistigen Welt wie
in der physischen Welt. Wir miissen diesen Rhythmus so regeln durch
Erziehung und Unterricht, daft in der rechten Weise im Menschen ein-
gegliedert werde Korperleib oder Leibeskorper in Seelengeist oder
Geistseele. Das ist etwas, was wir selbstverstandlich nicht so wie eine
Abstraktion vor uns haben und als solche unmittelbar im Unterricht
verwenden sollen, aber als Gedanke von der menschlichen Wesenheit
mufi es uns beherrschen.
Das wollte ich Ihnen in dieser Einleitung sagen, und wir wollen
morgen mit der eigentlichen Padagogik beginnen.
ZWEITER VORTRAG
Stuttgart, 22. August 1919
Jeder Unterricht in der Zukunft wird gebaut werden miissen auf eine
wirkliche Psychologie, welche herausgeholt ist aus anthroposophischer
Welterkenntnis. Daft der Unterricht und das Erziehungswesen iiber-
haupt auf Psychologie gebaut werden miisse, erkannte man selbstver-
standlich an den verschiedensten Orten, und Sie wissen ja wohl, daft
zum Beispiel die in der Vergangenheit in sehr weiten Kreisen wirkende
Herbartsche Padagogik ihre Erziehungsmafinahmen auf die Herbart-
sche Psychologie aufgebaut hat. Nun liegt heute und auch in der Ver-
gangenheit der letzten Jahrhunderte eine gewisse Tatsache vor, welche
eigentlich eine wirkliche, eine brauchbare Psychologie gar nicht auf-
kommen lieft. Das mufi darauf zuruckgefuhrt werden, daft in dem Zeit-
alter, in welchem wir jetzt sind, in dem Bewufttseinsseelenzeitalter, bis-
her noch nicht eine solche geistige Vertiefung erreicht worden ist, daft
man wirklich zu einer tatsachlichen Erfassung der menschlichen Seele
hatte kommen konnen. Diejenigen Begriffe aber, die man sich friiher
auf psychologischem Gebiete, auf dem Gebiete der Seelenkunde gebil-
det hatte aus dem alten Wissen noch des vierten nachatlantischen Zeit-
raumes heraus, diese Begriffe sind eigentlich heute mehr oder weniger
inhaltleer, sind zur Phrase geworden. Wer heute irgendeine Psycholo-
gie oder auch nur irgend etwas in die Hand nimmt, das mit Psycholo-
giebegriffen zu tun hat, der wird finden, daft ein wirklicher Inhalt
heute in solchen Schriftwerken nicht mehr drinnen ist. Man hat das
Gefuhl, daft die Psychologen nur mit Begriffen spielen. Wer entwickelt
heute zum Beispiel einen richtigen deutlichen Begriff von dem, was
Vorstellung, was Wille ist? Sie konnen heute Definition nach Defini-
tion aus Psychologien und Padagogiken nehmen iiber Vorstellung, iiber
Wille: eine eigentliche Vorstellung iiber die Vorstellung, eine eigentliche
Vorstellung vom Willen werden Ihnen diese Definitionen nicht geben
konnen. Man hat eben vollstandig versaumt - natiirlich aus einer aufte-
ren geschichtlichen Notwendigkeit heraus -, den einzelnen Menschen
anzuschlieften auch seelisch an das ganze Weltenall. Man war nicht im-
stande zu begreifen, wie das Seelische des Menschen in Zusammenhang
stent mit dem ganzen Weltenall. Erst dann, wenn man den Zusammen-
hang des einzelnen Menschen mit dem ganzen Weltenall ins Auge fas-
sen kann, ergibt sich ja eine Idee von der Wesenheit Mensch als solcher.
Sehen wir einmal auf das, was man gewohnlich die Vorstellung
nennt. Wir miissen ja Vorstellen, Fiihlen und Wollen bei den Kindern
entwickeln. Also wir miissen zunachst fur uns einen deutlichen Begriff
gewinnen von dem, was Vorstellung ist. Wer wirklich unbefangen das
anschaut, was als Vorstellung im Menschen lebt, dem wird wohl so-
gleich der Bildcharakter der Vorstellung auffallen: Vorstellung hat
einen Bildcharakter. Und wer einen Seins-Charakter in der Vorstel-
lung sucht, wer eine wirkliche Existenz in der Vorstellung sucht, der
gibt sich einer grofien Illusion hin. Was sollte fur uns aber auch Vor-
stellung sein, wenn sie ein Sein ware? Wir haben zweifellos auch Seins-
Elemente in uns. Nehmen Sie nur unsere leiblichen Seins-Elemente,
nehmen Sie nur das, was ich jetzt sage, ganz grob: zum Beispiel Ihre
Augen, die Seins-Elemente sind, Ihre Nase, die ein Seins-Element ist,
oder auch Ihren Magen, der ein Seins-Element ist. Sie werden sich sa-
gen, in diesen Seins-Elementen leben Sie zwar, aber Sie konnen mit
ihnen nicht vorstellen. Sie fliefien mit Ihrem eigenen Wesen in die
Seins-Elemente aus, Sie identifizieren sich mit den Seins-Elementen.
Gerade das ergibt die Moglichkeit, dafi wir mit den Vorstellungen et-
was ergreifen, etwas erfassen konnen, dafi sie Bildcharakter haben,
dafi sie nicht so mit uns zusammenfliefien, dafi wir in ihnen sind. Sie
sind also eigentlich nicht, sie sind blofie Bilder. Es ist der grofie Feh-
ler gerade im Ausgange der letzten Entwickelungsepoche der Mensch-
heit in den letzten Jahrhunderten gemacht worden, das Sein mit dem
Denken als solchem zu identifizieren. «Cogito, ergo sum» ist der
grofite Irrtum, der an die Spitze der neueren Weltanschauung gestellt
worden ist; denn in dem ganzen Umfange des «cogito» liegt nicht das
«sum», sondern das «non sum». Das heifit, soweit meine Erkenntnis
reicht, bin ich nicht, sondern ist nur Bild.
Nun miissen Sie, wenn Sie den Bildcharakter des Vorstellens ins
Auge fassen, ihn vor allem qualitativ ins Auge fassen. Sie miissen auf
die Beweglichkeit des Vorstellens sehen, miissen sich gewissermafien
einen nicht ganz zutreffenden Begriff vom Tatigsein machen, was ja
anklingen wiirde an das Sein. Aber wir miissen uns vorstellen, daft wir
auch im gedanklichen Tatigsein nur eine bildhafte Tatigkeit haben.
Also alles, was auch nur Bewegung ist im Vorstellen, ist Bewegung
von Bildern. Aber Bilder miissen Bilder von etwas sein, konnen nicht
Bilder blofi an sich sein. Wenn Sie reflektieren auf den Vergleich mit
den Spiegelbildern, so konnen Sie sich sagen: Aus dem Spiegel heraus
erscheinen zwar die Spiegelbilder, aber alles, was in den Spiegelbildern
liegt, ist nicht hinter dem Spiegel, sondern ganz unabhangig von ihm
irgendwo anders vorhanden, und es ist fur den Spiegel ziemlich gleich-
giiltig, was sich in ihm spiegelt; es kann sich alles mogliche in ihm spie-
geln. - Wenn wir genau in diesem Sinne von der vorstellenden Tatig-
keit wissen, dafi sie bildhaft ist, so handelt es sich darum, zu fragen:
Wovon ist das Vorstellen Bild? Dariiber gibt naturlich keine aufiere
Wissenschaft Auskunft; dariiber kann nur anthroposophisch orientierte
Wissenschaft Auskunft geben. Vorstellen ist Bild von all den Erleb-
nissen, die vorgeburtlich beziehungsweise vor der Empfangnis von uns
erlebt sind. Sie kommen nicht anders zu einem wirklichen Begreifen
des Vorstellens, als wenn Sie sich dariiber klar sind, dafi Sie ein Leben
vor der Geburt, vor der Empfangnis durchlebt haben. Und so wie die
gewohnlichen Spiegelbilder raumlich als Spiegelbilder entstehen, so
Vox steliuns 1
B lie)
sasr |
Gebvrt Tod
spiegelt sich Ihr Leben zwischen Tod und neuer Geburt in dem jetzigen
Leben drinnen, und diese Spiegelung ist das Vorstellen. Also Sie miis-
sen sich geradezu vorstellen - wenn Sie es sich bildhaft vorstellen -,
Ihren Lebensgang verlaufend zwischen den beiden horizontalen Li-
nien, begrenzt rechts und links durch Geburt und Tod. Sie miissen
sich dann weiter vorstellen, daft fortwahrend von jenseits der Geburt
das Vorstellen hereinspielt und durch die menschliche Wesenheit selber
zuriickgeworfen wird. Und auf diese Weise, indem die Tatigkeit, die
Sie vor der Geburt beziehungsweise der Empfangnis ausgefiihrt haben
in der geistigen Welt, zuriickgeworfen wird durch Ihre Leiblichkeit,
dadurch erfahren Sie das Vorstellen. Fur wirklich Erkennende ist ein-
fach das Vorstellen selbst ein Beweis des vorgeburtlichen Daseins, weil
es Bild dieses vorgeburtlichen Daseins ist.
Ich wollte dies zunachst als Idee hinstellen - wir kommen auf die
eigentlichen Erlauterungen der Dinge noch zuriick -, um Sie darauf
auf merksam zu machen, daft wir auf diese Weise aus den blofien Wort-
erklarungen, die Sie in den Psychologien und Padagogiken finden, her-
auskommen und dafi wir zu einem wirklichen Ergreifen dessen, was
vorstellende Tatigkeit ist, kommen, indem wir wissen lernen, dafi wir
im Vorstellen die Tatigkeit gespiegelt haben, die vor der Geburt oder
Empfangnis von der Seele in der rein geistigen Welt ausgeiibt worden
ist. Alles iibrige Definieren des Vorstellens niitzt gar nichts, weil man
keine wirkliche Idee von dem bekommt, was das Vorstellen in uns ist.
Nun wollen wir uns in derselben Art nach dem Willen fragen. Der
Wille ist eigentlich fur das gewohnliche Bewufttsein etwas aufterordent-
lich Ratselhaftes; er ist eine Crux der Psychologen, einfach aus dem
Grunde, weil dem Psychologen der Wille entgegentritt als etwas sehr
Reales, aber im Grunde genommen doch keinen rechten Inhalt hat.
Denn wenn Sie bei den Psychologen nachsehen, welchen Inhalt sie dem
Willen verleihen, dann werden Sie immer finden: solcher Inhalt riihrt
vom Vorstellen her. Fur sich selber hat der Wille zunachst einen eigent-
lichen Inhalt nicht. Nun ist es wiederum so, daft keine Definitionen da
sind fur den Willen; diese Definitionen sind beim Willen um so schwie-
riger, weil er keinen rechten Inhalt hat. Was ist er aber eigentlich? Er
ist nichts anderes, als schon der Keim in uns fur das, was nach dem
Tode in uns geistig-seelische Realitat sein wird. Also wenn Sie sich
vorstellen, was nach dem Tode geistig-seelische Realitat von uns wird,
und wenn Sie es sich keimhaft in uns vorstellen, dann bekommen Sie
den Willen. In unserer Zeichnung endet der Lebenslauf auf der Seite
des Todes, und der Wille geht dariiber hinaus (siehe Zeichnung S. 34).
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YbrsteitunQ 1
"UfiUe
I
Keim
Geburt
Tod
Wir haben uns also vorzustellen: Vorstellung auf der einen Seite,
die wir als Bild aufzufassen haben vom vorgeburtlichen Leben; Willen
auf der anderen Seite, den wir als Keim aufzufassen haben fur spateres.
Ich bitte, den Unterschied zwischen Keim und Bild recht ins Auge zu
fassen. Denn ein Keim ist etwas Uberreales, ein Bild ist etwas Unter-
reales; ein Keim wird spater erst zu einem Realen, tragt also der An-
lage nach das spatere Reale in sich, so dafi der Wille in der Tat sehr
geistiger Natur ist. Das hat Schopenhauer geahnt; aber er konnte na-
turlich nicht bis zu der Erkenntnis vordringen, dafi der Wille der Keim
des Geistig-Seelischen ist, wie dieses Geistig-Seelische sich nach dem
Tode in der geistigen Welt entfaltet.
Nun haben Sie in einer gewissen Weise das menschliche Seelenleben
in zwei Gebiete zerteilt: in das bildhafte Vorstellen und in den keim-
haften Willen; und zwischen Bild und Keim liegt eine Grenze. Diese
Grenze ist das ganze Ausleben des physischen Menschen selbst, der das
Vorgeburtliche zuriickwirft, dadurch die Bilder der Vorstellung er-
zeugt, und der den Willen nicht sich ausleben lafit und dadurch ihn
fortwahrend als Keim erhalt, blofi Keim sein lafit. Durch welche
Krafte, so miissen wir fragen, geschieht denn das eigentlich?
Wir miissen uns klar sein, daft im Menschen gewisse Krafte vor-
handen sein miissen, durch welche die Zuriickwerfung der vorgeburt-
lichen Realitat und das Im-Keime-Behalten der nachtodlichen Realitat
bewirkt wird; und hier kommen wir auf die wichtigsten psycholo-
gischen Begriffe von den Tatsachen, die Spiegelung desjenigen sind,
was Sie aus dem Buche «Theosophie» schon kennen: Spiegelungen von
Antipathie und Sympathie. Wir werden - und jetzt kniipfen wir an das
im ersten Vortrage Gesagte an -, weil wir nicht mehr in der geistigen
Welt bleiben konnen, herunterversetzt in die physische Welt. Wir ent-
wickeln, indem wir in diese herunterversetzt werden, gegen alles, was
geistig ist, Antipathie, so dafi wir die geistige vorgeburtliche Realitat
zuriickstrahlen in einer uns unbewulken Antipathie. Wir tragen die
Kraft der Antipathie in uns und verwandeln durch sie das vorgeburt-
liche Element in ein bloftes Vorstellungsbild. Und mit demjenigen, was
als Willensrealitat nach dem Tode hinausstrahlt zu unserem Dasein,
verbinden wir uns in Sympathie. Dieser zwei, der Sympathie und der
Antipathie, werden wir uns nicht unmittelbar bewufit, aber sie leben
in uns unbewufit und sie bedeuten unser Fiihlen, das fortwahrend aus
einem Rhythmus, aus einem Wechselspiel zwischen Sympathie und
Antipathie sich zusammensetzt.
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Wir entwickeln in uns die Gefuhlswelt, die ein fortwahrendes Wech-
selspiel - Systole, Diastole - zwischen Sympathie und Antipathie ist.
Dieses Wechselspiel ist fortwahrend in uns. Die Antipathie, die nach
der einen Seite geht, verwandelt fortwahrend unser Seelenleben in ein
vorstellendes; die Sympathie, die nach der anderen Seite geht, ver-
wandelt uns das Seelenleben in das, was wir als unseren Tatwillen ken-
nen, in das Keimhafthalten dessen, was nach dem Tode geistige Reali-
tat ist. Hier kommen Sie zum realen Verstehen des geistig-seelischen
Lebens: wir schaffen den Keim des seelischen Lebens als einen Rhyth-
mus von Sympathie und Antipathie.
Was strahlen Sie nun in der Antipathie zuriick? Sie strahlen das
ganze Leben, das Sie durchlebt, die ganze Welt, die Sie vor der Geburt
beziehungsweise vor der Empfangnis durchlebt haben, zuriick. Das
hat im wesentlichen einen erkennenden Charakter. Also Ihre Erkennt-
nis verdanken Sie eigentlich dem Hereinscheinen, dem Hereinstrah-
len Ihres vorgeburtlichen Lebens. Und dieses Erkennen, das in weit
hoherem Mafie vorhanden ist, als Realitat vorhanden ist vor der Ge-
burt oder der Empfangnis, wird abgeschwacht zum Bilde durch die
Antipathic Daher konnen wir sagen: Dieses Erkennen begegnet der
Antipathie und wird dadurch abgeschwacht zum Vorstellungsbild.
Wenn die Antipathie nun geniigend stark wird, dann tritt etwas
ganz Besonderes ein. Denn wir konnten auch im gewohnlichen Leben
nach der Geburt nicht vorstellen, wenn wir es nicht doch auch mit
derselben Kraft in gewissem Sinn taten, die uns geblieben ist aus der
Zeit vor der Geburt. Wenn Sie heute als physische Menschen vorstellen,
so stellen Sie nicht mit einer Kraft vor, die in Ihnen ist, sondern mit
der Kraft aus der Zeit vor der Geburt, die noch in Ihnen nachwirkt.
Man meint vielleicht, die habe aufgehort mit der Empfangnis, aber sie
ist noch immer tatig, und wir stellen vor mit dieser Kraft, die noch
immer in uns hereinstrahlt. Sie haben das Lebendige vom Vorgeburt-
lichen fortwahrend in sich, nur haben Sie die Kraft in sich, es zuriick-
zustrahlen. Die begegnet Ihrer Antipathie. Wenn Sie nun jetzt vorstel-
len, so begegnet jedes solche Vorstellen der Antipathie, und wird die
Antipathie geniigend stark, so entsteht das Erinnerungsbild, das Ge-
dachtnis, so dafi das Gedachtnis nichts anderes ist als ein Ergebnis der
in uns waltenden Antipathie. Hier haben Sie den Zusammenhang zwi-
schen dem rein Gefuhlsmafligen noch der Antipathie, die unbestimmt
noch zurtickstrahlt, und dem bestimmten Zuriickstrahlen, dem Zuriick-
strahlen der jetzt noch bildhaft ausgeiibten Wahrnehmungstatigkeit im
Gedachtnis. Das Gedachtnis ist nur gesteigerte Antipathie. Sie konn-
ten kein Gedachtnis haben, wenn Sie zu Ihren Vorstellungen so grofie
Sympathie hatten, daft Sie sie «verschlucken» wiirden; Sie haben Ge-
dachtnis nur dadurch, dafi Sie eine Art Ekel haben vor den Vorstel-
lungen, sie zuriickwerfen - und dadurch sie prasent machen. Das ist
ihre Realitat.
Wenn Sie diese ganze Prozedur durchgemacht haben, wenn Sie
bildhaft vorgestellt haben, dies zuriickgeworfen haben im Gedacht-
nis und das Bildhafte festhalten, dann entsteht der Begriff. Auf diese
Weise haben Sie die eine Seite der Seeientatigkeit, die Antipathie, die
zusammenhangt mit unserem vorgeburtlichen Leben.
Jetzt nehmen wir die andere Seite, die des Wollens, was Keimhaf-
tes, Nachtodliches in uns ist. Das Wollen lebt in uns, weil wir mit ihm
Sympathie haben, weil wir mit diesem Keim, der nach dem Tode sich
erst entwickelt, Sympathie haben. Ebenso wie das Vorstellen auf Anti-
pathie beruht, so beruht das Wollen auf Sympathie. Wird nun die
Sympathie geniigend stark - wie es bei der Vorstellung war, die durch
Antipathie zum Gedachtnis wird dann entsteht aus Sympathie die
Phantasie. Genau ebenso wie aus der Antipathie das Gedachtnis ent-
steht, so entsteht aus Sympathie die Phantasie. Und bekommen Sie die
Phantasie geniigend stark, was beim gewohnlichen Leben nur unbe-
wufit geschieht, wird sie so stark, daft sie wieder Ihren ganzen Men-
schen durchdringt bis in die Sinne, dann bekommen Sie die gewohn-
lichen Imaginationen, durch die Sie die aufieren Dinge vorstellen. Wie
der Begriff aus dem Gedachtnis, so geht aus der Phantasie die Imagi-
nation hervor, welche die sinnlichen Anschauungen liefert. Die gehen
aus dem Willen hervor.
Es ist der grofie Irrtum, dem sich die Menschen hingeben, dafi sie
fortwahrend in der Psychologie erzahlen: Wir schauen die Dinge an,
dann abstrahieren wir und bekommen so die Vorstellung. - Das ist
nicht der Fall. Dafi wir zum Beispiel die Kreide weifi empfinden, das
ist hervorgegangen aus der Anwendung des Willens, der iiber die Sym-
pathie und Phantasie zur Imagination wird. Wenn wir uns dagegen
einen Begriff bilden, so hat dieser einen ganz anderen Ursprung, denn
der Begriff geht aus dem Gedachtnis hervor.
Damit habe ich Ihnen das Seelische geschildert. Sie konnen un-
mdglich das Menschenwesen erfassen, wenn Sie nicht den Unterschied
ergreifen zwischen dem sympathischen und antipathischen Element
im Menschen. Diese, das sympathische und das antipathische Element,
kommen zum Ausdruck an sich - wie ich es geschildert habe - in der
Seelenwelt nach dem Tode. Dort herrscht unverhullt Sympathie und
Antipathie.
Ich habe Ihnen den seelischen Menschen geschildert. Der ist ver-
bunden auf dem physischen Plan mit dem leiblichen Menschen. Alles
Seelische driickt sich aus, offenbart sich im Leiblichen, so dafi sich auf
der einen Seite alles das im Leiblichen offenbart, was sich ausdriickt
in Antipathie, Gedachtnis und Begriff. Das ist gebunden an die Leibes-
organisation der Nerven. Indem die Nervenorganisationen gebildet
werden im Leibe, wirkt darin fur den menschlichen Leib alles Vorge-
burtliche. Das seelisch Vorgeburtliche wirkt durch Antipathie, Ge-
dachtnis und Begriff herein in den menschlichen Leib und schafft sich
die Nerven. Das ist der richtige Begriff der Nerven. Alles Reden von
einer Unterscheidung der Nerven in sensitive und motorische ist, wie
ich Ihnen schon ofter auseinandergesetzt habe, nur ein Unsinn.
Und ebenso wirkt Wollen, Sympathie, Phantasie und Imagination
in gewisser Beziehung wieder aus dem Menschen heraus. Das ist an das
Keimhafte gebunden, das mufi im Keimhaften bleiben, darf daher
eigentlich nie zu einem wirklichen Abschlufi kommen, sondern mufi im
Entstehen schon wieder vergehen. Es mufi im Keime bleiben, es darf
der Keim in der Entwickelung nicht zu weit gehen; daher mufi es im
Entstehen vergehen. Hier kommen wir zu etwas sehr Wichtigem im
Menschen. Sie miissen den ganzen Menschen verstehen lernen: geistig,
seelisch und leiblich. Nun wird im Menschen fortwahrend etwas ge-
bildet, das immer die Tendenz hat, geistig zu werden. Aber weil man
es in grofier Liebe, allerdings in egoistischer Liebe, im Leibe festhalten
will, kann es nie geistig werden; es zerrinnt in seiner Leiblichkeit. Wir
haben etwas in uns, was materiell ist, aber aus dem materiellen Zu-
stand fortwahrend in einen geistigen Zustand ubergehen will. Wir
lassen es nicht geistig werden; daher vernichten wir es in dem Moment,
wo es geistig werden will. Es ist das Blut - das Gegenteil der Nerven.
Blut
Erkennen
Antipathie
Gedachtnis
Begriff
Wollen
Sympathie
Phantasie
Imagination
Nerv
Das Blut ist wirklich ein «ganz besonderer Saft». Denn es ist der-
jenige Saft, welcher, wenn wir ihn aus dem menschlichen Leibe entfer-
nen konnten - was innerhalb der irdischen Bedingungen nicht geht -,
so daft er noch Blut bliebe und durch die anderen physischen Agenzien
nicht vernichtet wiirde, dann als Geist aufwirbeln wiirde. Damit
nicht das Blut als Geist aufwirbele, damit wir es so lange, als wir auf
der Erde sind, bis zum Tode in uns behalten konnen, deshalb mufi es
vernichtet werden. Daher haben wir immerwahrend in uns: Bildung
des Blutes - Vernichtung des Blutes, Bildung des Blutes - Vernichtung
des Blutes und so weiter durch Einatmung und Ausatmung.
Wir haben einen polarischen Prozeft in uns. Wir haben diejenigen
Prozesse in uns, die langs des Blutes, der Blutbahnen laufen, die fort-
wahrend die Tendenz haben, unser Dasein ins Geistige hinauszuleiten.
Von motorischen Nerven so zu reden, wie dies ublich geworden ist, ist
ein Unsinn, weil die motorischen Nerven eigentlich die Blutbahnen
waren. Im Gegensatz zum Blut sind alle Nerven so veranlagt, daft sie
fortwahrend im Absterben, im Materiellwerden begriffen sind. Was
langs der Nervenbahnen liegt, das ist eigentlich ausgeschiedene Mate-
rie; der Nerv ist eigentlich abgesonderte Materie. Das Blut will immer
geistiger werden, der Nerv immer materieller; darin besteht der pola-
rische Gegensatz.
Wir werden in den spateren Vortragen diese hiermit gegebenen
Grundprinzipien weiter verfolgen und werden sehen, wie ihre Ver-
folgung uns wirklich das geben kann, was uns auch in bezug auf die
hygienische Gestaltung des Unterrichtes dienlich sein wird, damit wir
das Kind zur seelischen und leiblichen Gesundheit heranerziehen und
nicht zur geistigen und seelischen Dekadenz. Es wird deshalb so viel
mifterzogen, weil so vieles nicht erkannt wird. So sehr die Physiologie
glaubt, etwas zu haben, indem sie von sensitiven und motorischen Ner-
ven spricht, so hat sie darin doch nur ein Spiel mit Worten. Von moto-
rischen Nerven wird gesprochen, weil die Tatsache besteht, daft der
Mensch nicht gehen kann, wenn gewisse Nerven beschadigt sind, zum
Beispiel die, welche nach den Beinen gehen. Man sagt, er konne das
nicht, weil er die Nerven gelahmt hat, die als «motorische» die Beine
in Bewegung setzen. In Wahrheit ist es so, daft man in einem solchen
Fall nicht gehen kann, weil man die eigenen Beine nicht wahrnehmen
kann. Dieses Zeitalter, in dem wir leben, hat sich eben notwendiger-
weise in eine Summe von Irrtiimern verstrieken muss en, damit wir
wieder die Moglichkeit haben, uns aus diesen Irrtumern herauszuwin-
den, selbstandig als Menschen zu werden.
Nun merken Sie schon an dem, was ich jetzt hier entwickelt habe,
dafi eigentlich das Menschenwesen nur begriffen werden kann im Zu-
sammenhange mit dem Kosmischen. Denn indem wir vorstellen, ha-
ben wir das Kosmische in uns. Wir waren im Kosmischen, ehe wir ge-
boren wurden, und unser damaliges Erleben spiegelt sich jetzt in uns;
und wir werden wieder im Kosmischen sein, wenn wir die Todespforte
durchschritten haben werden, und unser kunftiges Leben driickt sich
keimhaft aus in dem, was in unserem Willen waltet. Was in uns un-
bewufit waltet, das waltet sehr bewufit fur das hohere Erkennen im
Kosmos.
Wir haben allerdings selbst in der leiblichen Offenbarung einen drei-
fachen Ausdruck dieser Sympathie und Antipathic Gewissermafien
drei Herde haben wir, wo Sympathie und Antipathie ineinanderspie-
len. Zunachst haben wir in unserem Kopf einen solchen Herd, im Zu-
sammenwirken von Blut und Nerven, wodurch das Gedachtnis ent-
steht. Uberall, wo die Nerventatigkeit unterbrochen ist, iiberall, wo ein
Sprung ist, da ist ein solcher Herd, wo Sympathie und Antipathie in-
einanderspielen. Ein weiterer solcher Sprung findet sich im Rucken-
mark, zum Beispiel wenn ein Nerv nach dem hinteren Stachel des
Ruckenmarks hingeht, ein anderer Nerv von dem vorderen Stachel
ausgeht. Dann ist wieder ein solcher Sprung in den Ganglienhaufchen,
die in die sympathischen Nerven eingebettet sind. Wir sind gar nicht
so unkomplizierte Wesen, wie es scheinen mag. An drei Stellen unse-
res Organismus, im Kopf, in der Brust und im Unterleib, spielt das
hinein, da sind Grenzen, an denen Antipathie und Sympathie sich
begegnen. Es ist mit Wahrnehmen und Wollen nicht so, dafi sich
etwas umleitet von einem sensitiven Nerven zu einem motorischen,
sondern ein gerader Strom springt iiber von einem Nerven auf
den anderen, und dadurch wird in uns das Seelische beriihrt: in Ge-
hirn und Riickenmark. An diesen Stellen, wo die Nerven unter-
brochen sind, sind wir eingeschaltet mit unserer Sympathie und
Antipathie in das Leibliche; und dann sind wir wieder eingeschaltet,
wo die Ganglienhaufchen sich entwickeln im sympathischen Nerven-
system.
Wir sind mit unserem Erleben in den Kosmos eingeschaltet. Ebenso
wie wir Tatigkeiten entwickeln, die im Kosmos weiter zu verfolgen
sind, so entwickelt wieder mit uns der Kosmos fortwahrend Tatig-
keiten, denn er entwickelt fortwahrend die Tatigkeit von Antipathie
und Sympathie. Wenn wir uns als Menschen betrachten, so sind wir
wieder selbst ein Ergebnis von Sympathien und Antipathien des Kos-
mos. Wir entwickeln Antipathie von uns aus: der Kosmos entwickelt
mit uns Antipathie; wir entwickeln Sympathie: der Kosmos entwickelt
mit uns Sympathie.
Nun sind wir ja als Menschen, indem wir uns aufierlich offenbaren,
deutlich gegliedert in das Kopf system, in das Brustsystem und in das
eigentliche Leibessystem mit den Gliedmafien. Nun bitte ich aber zu be-
riicksichtigen, dafi diese Einteilung in gegliederte Systeme sehr leicht
angefochten werden kann, weil die Menschen, wenn sie heute systema-
tisieren, die einzelnen Glieder hubsch nebeneinander haben wollen.
Wenn man also sagt: Man unterscheidet am Menschen ein Kopfsystem,
ein Brustsystem und ein Unterleibssystem mit den Gliedmaften, dann
mul? nach Ansicht der Menschen jedes System eine strenge Grenze
haben. Die Menschen wollen Linien ziehen, wenn sie einteilen, und das
kann man nicht, wenn man von Realitaten spricht. Wir sind im Kopf
hauptsachlich Kopf, aber der ganze Mensch ist Kopf, nur ist das andere
nicht hauptsachlich Kopf. Denn wie wir im Kopfe die eigentlichen
Sinneswerkzeuge haben, so haben wir iiber den ganzen Leib ausgebildet
zum Beispiel den Tastsinn und den Warmesinn; indem wir daher
Warme empfinden, sind wir ganz Kopf. Wir sind nur im Kopfe haupt-
sachlich Kopf, sonst sind wir «nebenbei» Kopf. So gehen also die
Teile ineinander, und wir haben es nicht so bequem mit den Gliedern,
wie es die Pedanten haben mochten. Der Kopf setzt sich also fort; er
ist nur im Kopfe besonders ausgebildet. Ebenso ist es mit der Brust.
Brust ist die eigentliche Brust, aber nur hauptsachlich, denn der ganze
Mensch ist wiederum Brust. Also auch der Kopf ist etwas Brust und
auch der Unterleib mit den Gliedmafien. Die Glieder gehen also inein-
ander uber. Und ebenso ist es mit dem Unterleib. Da$ der Kopf Un-
terleib ist, haben einige Physiologen bemerkt, denn die sehr feine Aus-
bildung des Kopf-Nervensystems liegt eigentlich nicht in dem, was
unser Stolz ist, im Gehirn, in der aufieren Hirnrinde, sondern die liegt
unter der aufteren Hirnrinde. Ja, der kunstvollere Bau, die aufiere
Hirnrinde, ist gewissermafien schon eine Riickbildung; da ist der kom-
plizierte Bau schon in Riickbildung begriffen; es ist vielmehr schon
ein Ernahrungssystem im Gehirnmantel vorliegend. So dalS der Mensch,
wenn man das so vergleichsweise ausdriicken will, sich auf seinen Ge-
hirnmantel gar nichts Besonderes einzubilden braucht; der ist ein Zu-
riickgehen des komplizierteren Gehirns in ein mehr ernahrendes Ge-
hirn. Wir haben den Gehirnmantel mit dazu, dafi die Nerven, die mit
dem Erkennen zusammenhangen, ordentlich mit Nahrung versorgt
werden. Und dafi wir das liber das tierische Gehirn hinausgehende bes-
sere Gehirn haben, das ist nur aus dem Grunde, weil wir die Gehirn-
nerven besser ernahren. Nur dadurch haben wir die Moglichkeit,
unser hoheres Erkennen zu entfalten, dafi wir die Gehirnnerven bes-
ser ernahren, als die Tiere es konnen. Aber mit dem eigentlichen Er-
kennen hat das Gehirn und das Nervensystem iiberhaupt nichts zu
tun, sondern nur mit dem Ausdruck des Erkennens im physischen
Organismus.
Nun fragt es sich: Warum haben wir den Gegensatz zwischen Kopf-
system - lassen wir zunachst das mittlere System unberiicksichtigt -
und dem polarischen Gliedmafiensystem mit dem Unterleibssystem?
Wir haben ihn, weil das Kopfsystem in einem bestimmten Zeitpunkte
«ausgeatmet» wird durch den Kosmos. Der Mensch hat durch die An-
tipathie des Kosmos seine Hauptesbildung. Wenn dem Kosmos sozusa-
gen gegeniiber dem, was der Mensch in sich tragt, so stark «ekelt», daft
er es ausstofit, so entsteht dieses Abbild. Im Kopfe tragt wirklich der
Mensch das Abbild des Kosmos in sich. Das rund geformte menschliche
Haupt ist ein solches Abbild. Durch eine Antipathie des Kosmos schafft
der Kosmos ein Abbild von sich aufierhalb seiner. Das ist unser Haupt.
Wir konnen uns unseres Hauptes als eines Organs zu unserer Freiheit
deshalb bedienen, weil der Kosmos dieses Haupt zuerst von sich ausge-
stofien hat. Wir betrachten das Haupt nicht richtig, wenn wir es etwa
in demselben Sinne intensiv eingegliedert denken in den Kosmos wie
wiser Gliedmaftensystem, mit dem die Sexualsphare ja zusammenge-
hort. Unser Gliedmafiensystem ist in den Kosmos eingegliedert, und
der Kosmos zieht es an, hat mit ihm Sympathie, wie er dem Haupt
gegenuber Antipathie hat. Im Haupte begegnet unsere Antipathie der
Antipathie des Kosmos, die stofien dort zusammen. Da, in dem Aufein-
anderprallen unserer Antipathien mit denen des Kosmos, entstehen
unsere Wahrnehmungen. Alles Innenleben, das auf der anderen Seite
des Menschen entsteht, riihrt her von dem liebevollen sympathischen
Umschlingen unseres Gliedmafiensystems durch den Kosmos.
So driickt sich in der menschlichen Leibesgestalt aus, wie der Mensch
auch seelisch aus dem Kosmos heraus gebildet ist und was er in seiner
Trennung wiederum aufnimmt aus dem Kosmos heraus. Sie werden
daher auf Grundlage solcher Betrachtungen leichter einsehen, daft ein
grofier Unterschied ist zwischen der Willensbildung und der Vorstel-
lungsbildung. Wirken Sie besonders auf die Vorstellungsbildung, wir-
ken Sie einseitig auf die Vorstellungsbildung, so weisen Sie eigentlich
den ganzen Menschen auf das Vorgeburtliche zuriick, und Sie werden
ihm schaden, wenn Sie ihn rationalistisch erziehen, weil Sie dann
seinen Willen einspannen in das, was er eigentlich schon absolviert hat:
in das Vorgeburtliche. Sie diirfen nicht zuviel abstrakte Begriffe in das
einmischen, was Sie in der Erziehung an das Kind heranbringen. Sie
miissen mehr Bilder darin einmischen. Warum? Das konnen Sie an un-
serer Zusammenstellung ablesen. Bilder sind Imaginationen, gehen
durch die Phantasie und Sympathie. Begriffe, abstrakte Begriffe, sind
Abstraktionen, gehen durch das Gedachtnis und durch die Antipathie,
kommen vom vorgeburtlichen Leben. Wenn Sie also beim Kinde viele
Abstraktionen anwenden, werden Sie fordern, dafi das Kind sich be-
sonders intensiv verlegen mufi auf den Prozeft des Kohlensaurewerdens,
Kohlensaurebildens im Blute, auf den Prozefi der Leibesverhartung,
des Absterbens. Wenn Sie dem Kinde moglichst viele Imaginationen
beibringen, wenn Sie es moglichst so ausbilden, daft Sie in Bildern zu
ihm sprechen, dann legen Sie in das Kind den Keim zum fortwahren-
den Sauerstoffbewahren, zum fortwahrenden Werden, weil Sie es auf
die Zukunft, auf das Nachtodliche hinweisen. Wir nehmen gewisser-
mafien, indem wir erziehen, die Tatigkeiten, die vor der Geburt mit
uns Menschen ausgeiibt werden, wieder auf. Wir mussen uns heute
gestehen: Vorstellen ist eine Bildtatigkeit, die herriihrt von dem, was
wir vor der Geburt oder Empfangnis erlebt haben. Da ist mit uns von
den geistigen Machten so verfahren worden, dafi Bildtatigkeit in uns
gelegt wurde, die in uns nachwirkt noch nach der Geburt. Indem wir
den Kindern Bilder uberliefern, fangen wir im Erziehen damit an, diese
kosmische Tatigkeit wieder aufzunehmen. Wir verpflanzen in sie Bil-
der, die zu Keimen werden konnen, weil wir sie hineinlegen in eine
Leibestatigkeit. Wir mussen daher, indem wir uns als Padagogen die
Fahigkeit aneignen, in Bildern zu wirken, das fortwahrende Gefuhl
haben: du wirkst auf den ganzen Menschen, eine Resonanz des ganzen
Menschen ist da, wenn du in Bildern wirkst.
Dieses in das eigene Gefuhl aufnehmen, dafi man in aller Erziehung
eine Art Fortsetzung der vorgeburtlichen iibersinnlichen Tatigkeit be-
wirkt, dies gibt allem Erziehen die notige Weihe, und ohne diese Weihe
kann man iiberhaupt nicht erziehen.
So haben wir uns zwei Begriffssysteme angeeignet: Erkennen, Anti-
pathie, Gedachtnis, Begriff - Wollen, Sympathie, Phantasie, Imagina-
tion; zwei Systeme, die uns dann im speziellen Anwenden fur alles
dienen konnen, was wir praktisch auszuiiben haben in unserer padago-
gischen Tatigkeit. Davon wollen wir dann morgen weitersprechen.
DRITTER VORTRAG
Stuttgart, 23. August 1919
Der gegenwartige Lehrer miifke im Hintergrunde von allem, was er
schulmafiig unternimmt, eine umfassende Anschauung iiber die Gesetze
des Weltenalls haben. Es ist ja selbstverstandlich, daft gerade der Unter-
richt in den unteren Klassen, in den unteren Stufen der Schule, einen
Zusammenhang der Seele des Lehrenden mit den hochsten Ideen der
Menschheit fordert. Ein Krebsschaden der bisherigen Schulkonstitution
besteht wohl darin, dafi man den Lehrer der unteren Schulstufen in
einer gewissen, ich mochte sagen Abhangigkeit gehalten hat, nament-
lich dafi man ihn in einer Sphare gehalten hat, wodurch seine Existenz
minderwertiger schien als die Existenz der Lehrer der hoheren Schul-
stufen. Es obliegt mir hier nauirlich nicht, iiber diese allgemeine Frage
des geistigen Gliedes des sozialen Organismus zu sprechen. Aber dar-
auf mu!5 doch aufmerksam gemacht werden, dafi in der Zukunft alles,
was zur Lehrerschaft gehort, einander ebenbiirtig sein mufi und daft
man ein starkes Gefiihl in der Offentlichkeit dafiir wird haben miis-
sen, dafi der Lehrer der unteren Schulstufen durchaus gleichwertig
ist, auch in bezug auf seine geistige Konstitution, dem Lehrer hoherer
Schulstufen. Daher wird es Sie nicht verwundern, wenn wir heute ge-
rade darauf hinweisen, wie im Hintergrunde alien Unterrichtens -
auch auf den untersten Schulstufen - dasjenige stehen mufi, was man
natiirlich unmittelbar den Kindern gegeniiber nicht verwenden kann,
was man aber als Lehrer unbedingt wissen mufi, denn sonst wiirde
der Unterricht nicht erspriefilich sein konnen.
Wir bringen im Unterricht an das Kind heran auf der einen Seite die
Naturwelt, auf der anderen Seite die geistige Welt. Wir sind als Men-
schen durchaus auf der einen Seite verwandt der Naturwelt, auf der
anderen Seite verwandt der geistigen Welt, insofern wir eben Menschen
hier auf der Erde, auf dem physischen Plane sind und unser Dasein
zwischen Geburt und Tod vollenden.
Nun ist eben die Psychologie-Erkenntnis durchaus etwas, was in un-
serer Zeit aufierordentlich schwach ausgebildet ist. Namentlich leidet
die psychologische Erkenntnis unter der Nachwirkung jener kirch-
lichen dogmatischen Feststellung, die im Jahre 869 gefallen ist und in
der eine altere, auf einer instinktiven Erkenntnis beruhende Einsicht
verdunkelt worden ist: die Einsicht, dafi der Mensch gegliedert ist in
Leib, Seele und Geist. Sie konnen ja fast iiberall, wo Sie heute von
Psychologie reden horen, von einer blofien Zweigliederung des Men-
schenwesens reden horen. Sie konnen davon reden horen, der Mensch
bestehe aus Leib und Seele oder aus Korper und Geist, wie man es
dann nennen will; man betrachtet dann Korper und Leib und ebenso
auch Geist und Seele als ziemlich gleichbedeutend. Fast alle Psycho-
logien sind auf diesem Irrtum der Zweigliederung des menschlichen
Wesens aufgebaut. Man kann gar nicht zu einer wirklichen Ein-
sicht in die menschliche Wesenheit kommen, wenn man sich nur die-
ser Zweigliederung als einem durchgreifend Giiltigen zuwendet. Da-
her ist im Grunde genommen fast alles, was heute als Psychologie
auftaucht, durchaus dilettantisch, manchmal auch nur ein Spiel mit
Worten.
Das aber beruht ja im allgemeinen auf jenem grofien Irrtum, der
erst in der zweiten Halfte des 19. Jahrhunderts so grofi geworden ist,
weil mifikannt worden ist eine eigentlich grofie Errungenschaft, wel-
che die physikalische Wissenschaft zu verzeichnen hatte. Sie wissen ja,
dafi die braven Heilbronner dem Manne inmitten ihrer Stadt ein
Denkmal aufgerichtet haben, den sie zur Zeit seines Lebens ins Irren-
haus gesperrt haben: Julius Robert Mayer. Und Sie wissen, dafi diese
Personlichkeit, auf die heute selbstverstandlich die Heilbronner sehr
stolz sind, verkniipft ist mit dem sogenannten Gesetz von der Erhal-
tung der Energie oder der Kraft. Dieses Gesetz besagt ja, dafi die
Summe aller im Weltenall vorhandenen Energien oder Krafte eine
konstante ist, dafi sich diese Krafte nur umwandeln, so dafi etwa eine
Kraft einmal als Warme, ein andermal als mechanische Kraft erscheint
und dergleichen. In diese Form kleidet man aber das Gesetz von Julius
Robert Mayer nur dann, wenn man ihn griindlich mifiversteht! Denn
ihm war es zu tun um die Aufdeckung der Metamorphose der Krafte,
nicht aber um die Aufstellung eines so abstrakten Gesetzes, wie es das
von der Erhaltung der Energie ist.
Was ist, in einem grofien Zusammenhange angesehen, kulturge-
schichtlich dieses Gesetz von der Erhaltung der Energie oder der Kraft?
Es ist das grofie Hindernis, den Menschen iiberhaupt zu verstehen. So-
bald man namlich meint, daft niemals Krafte wirklich neu gebildet
werden, wird man nicht zu einer Erkenntnis des wahren Wesens des
Menschen gelangen konnen. Denn dieses wahre Wesen des Menschen
beruht gerade darin, dafi fortwahrend durch ihn neue Krafte gebildet
werden. Allerdings in dem Zusammenhange, in dem wir in der Welt
leben, ist der Mensch das einzige Wesen, in welchem neue Krafte und -
wie wir spater noch horen werden - sogar neue Stoffe gebildet werden.
Aber da die heutige Weltanschauung iiberhaupt nicht solche Elemente
in sich aufnehmen will, durch welche auch der Mensch voll erkannt
werden kann, so kommt sie dann mit diesem Gesetz von der Erhaltung
der Kraft, das ja in einem gewissen Sinne nicht stort, wenn man nur
die anderen Reiche der Natur - das Mineralreich, das Pflanzenreich
und das Tierreich - ins Auge fafit, das aber sofort alles von wirklicher
Erkenntnis ausloscht, wenn man an den Menschen herankommen will.
Sie werden als Lehrer die Notwendigkeit haben, auf der einen Seite
Ihren Schiilern die Natur verstandlich zu machen, auf der anderen
Seite sie hinzufuhren zu einer gewissen Auffassung des geistigen Le-
bens. Ohne mit der Natur bekannt zu sein, wenigstens in einem ge-
wissen Grade, und ohne ein Verhaltnis zum geistigen Leben zu haben,
kann sich heute der Mensch auch nicht in das soziale Leben hineinstel-
len. Wenden wir daher zunachst einmal unseren Blick der aufieren
Natur zu.
Die aufiere Natur wendet sich an uns so, dafi gegeniibersteht dieser
aufieren Natur auf der einen Seite unser Vorstellungs-, Gedankenleben,
das, wie Sie wissen, bildhafter Natur ist, das eine Art Spiegelung des
vorgeburtlichen Lebens ist, und dafi auf der anderen Seite sich der
Natur zuwendet alles dasjenige, was willensartiger Natur ist, was als
Keim hinweist auf unser nachtodliches Leben. In dieser Weise sind wir
immer auf die Natur hingelenkt. Das scheint ja allerdings zunachst eine
Hinordnung auf die Natur in zwei Gliedern zu sein, und sie hat auch
hervorgerufen den Irrtum von der Zweigliederung des Menschen. Wir
werden auf diese Sache noch zuriickkommen.
Wenn wir der Natur so gegeniiberstehen, daft wir ihr unsere Denk-
seite, unsere Vorstellungsseite zuwenden, dann fassen wir eigendich
von der Natur nur das auf, was in der Natur fortwahrendes Sterben
ist Es ist dies ein aufterordentlich gewichtiges Gesetz. Seien Sie sich
ganz klar dariiber: Wenn Sie noch so scheme Naturgesetze erfahren, die
mit Hilfe des Verstandes, mit Hilfe der vorstellenden Krafte gefunden
sind, so beziehen sich diese Naturgesetze immer auf das, was in der
Natur abstirbt.
Etwas ganz anderes als diese Naturgesetze, die sich auf das Tote be-
ziehen, erfahrt der lebendige Wille, der keimhaft vorhanden ist, wenn
er sich auf die Natur richtet. Hier werden Sie, weil Sie ja wohl noch
angefullt sind mit mancherlei Vorstellungen, die aus der Gegenwart
und den Irrtumern ihrer Wissenschaft entstammen, eine ziemliche
Schwierigkeit Ihres Verstandnisses finden. - Was uns zunachst in den
Sinnen, ganz im Umfange der zwolf Sinne, in Beziehung bringt zur
Auftenwelt, das ist nicht erkenntnismaftiger, sondern willensmaftiger
Natur. Dem Menschen der Gegenwart ist davon eigendich die Einsicht
ganz geschwunden. Daher betrachtet er es als etwas Kindliches, wenn
er bei Plato liest, daft das Sehen eigendich darauf beruhe, daft eine Art
von Fangarmen aus den Augen ausgestreckt werde zu den Dingen hin.
Diese Fangarme sind allerdings mit sinnlichen Mitteln nicht zu erken-
nen; aber daft Plato sich ihrer bewuftt war, das beweist eben, daft er
in die ubersinnliche Welt eingedrungen war. Es ist in der Tat, indem
wir die Dinge ansehen, nichts anderes als nur in feinerer Weise ein
Vorgang vorhanden ahnlich demjenigen, der sich abspielt, wenn wir
die Dinge angreifen, Wenn Sie zum Beispiel ein Stuck Kreide anfassen,
so ist dies ein physischer Vorgang ganz ahnlich dem geistigen Vor-
gange, der sich abspielt, indem Sie die Atherkrafte aus Ihrem Auge
senden, um den Gegenstand im Sehen zu erfassen. Wenn die Menschen
iiberhaupt in der Gegenwart beobachten konnten, so wiirden sie aus
den Naturbeobachtungen diese Tatsachen entnehmen konnen. Wenn
Sie sich zum Beispiel die nach auswarts gestellten Pferdeaugen an-
sehen, dann werden Sie das Gefiihl bekommen, daft einfach durch
die Stellung seiner Augen das Pferd zu seiner Umgebung in eine an-
dere Lage versetzt ist als der Mensch. Was da zugrunde liegt, kann
ich Ihnen am besten dadurch klar machen, dafi ich folgendes hypo-
thetisch aufstelle. Denken Sie sich, Ihre beiden Arme waren so gestal-
tet, daft Sie in die Unmoglichkeit versetzt waren, die Arme nach vorn
zusammenzubringen, so daft sie sich niemals iibergreifen konnten.
Sie miifiten eurythmisch immer bei A stehenbleiben, konnten nie
zum O kommen, es wiirde durch eine Widerstandskraft Ihnen unmog-
lich gemacht, durch die Vorwartsrichtung der Arme diese vorne zu-
sammenzubringen. Das Pferd ist nun in bezug auf die iibersinnlichen
Fangarme seiner Augen in dieser Lage: es kann niemals den Fangarm
des linken Auges beruhren lassen von dem Fangarm des rechten Au-
ges. Der Mensch ist durch seine Augenstellung eben in der Lage, fort-
wahrend diese zwei iibersinnlichen Fangarme seiner Augen miteinander
sich beruhren zu lassen. Darauf beruht die Empfindung - die iiber-
sinnlicher Natur ist - von dem Ich. Wiirden wir iiberhaupt niemals
in die Lage kommen, rechts und links miteinander in Beriihrung zu
bringen, oder wiirde die Beriihrung von rechts und links eine so ge-
ringe Bedeutung haben, wie es bei den Tieren der Fall ist, die niemals
so ganz richtig die Vorderpfoten, sagen wir, zum Gebet oder zu irgend-
einem ahnlichen Geistigen verwenden, dann wiirden wir auch nicht zu
einer vergeistigten Empfindung unseres Selbstes gelangen.
Was fur die Sinnesempfindungen am Auge und Ohr iiberall wichtig
ist, das ist nicht so sehr das Passive; es ist das Aktive, das, was wir wil-
lentlich den Dingen entgegenbringen. Die neuere Philosophic hat ja
manchmal Ahnungen gehabt von etwas Richtigem und hat dann aller-
lei Worte erfunden, die aber in der Regel beweisen, wie weit man von
der Erfassung der Sache entfernt ist. So sind in den Lokalzeichen der
Lotzeschen Philosophic solche Ahnungen von Erkenntnis der Aktivi-
tat des Willens-Sinneslebens vorhanden. Aber unser Sinnesorganismus,
der ja ganz deutlich in dem Tastsinn, Geschmackssinn, Geruchssinn sein
Verbundensein mit dem Stoffwechsel zeigt, ist bis in die hoheren Sinne
mit dem Stoffwechsel verbunden, und der ist willensartiger Natur.
Daher konnen Sie sich sagen: Der Mensch steht, indem er der Natur
gegeniibersteht, durch sein Verstandesmafiiges der Natur gegeniiber
und fafit dadurch alles das von ihr auf, was in ihr tot ist und eignet sich
von diesem Toten Gesetze an. Was aber in der Natur aus dem Schofie
des Toten sich erhebt, um zur Zukunft der Welt zu werden, das fafit
der Mensch auf durch seinen ihm so unbestimmt erscheinenden Willen,
der sich bis in die Sinne hinein erstreckt.
Denken Sie sich, wie lebendig Ihnen Ihr Verhaltnis zur Natur wird,
wenn Sie das eben Gesagte ordentlich ins Auge fassen. Sie werden sich
dann sagen: Wenn ich in die Natur hinausgehe, so glanzt mir entgegen
Licht und Farbe; indem ich das Licht und seine Farben aufnehme, ver-
einige ich mit mir das von der Natur, was sie in die Zukunft hiniiber-
sendet, und indem ich dann in meine Stube zuruckkehre und nachdenke
uber die Natur, Gesetze uber sie ausspinne, da beschaftige ich mich mit
dem, was in der Natur fortwahrend stirbt. - In der Natur ist f ortwahren-
des Sterben und Werden miteinander verbunden. Dafi wir das Sterben
auffassen, riihrt davon her, dafi wir in uns tragen das Spiegelbild un-
seres vorgeburtlichen Lebens, die Verstandeswelt, die Denkwelt, wo-
durch wir das der Natur zugrunde liegende Tote ins Auge fassen kon-
nen. Und daft wir dasjenige, was in der Zukunft von der Natur da sein
wird, ins Auge fassen konnen, riihrt davon her, dafi wir nicht nur un-
seren Verstand, unser Denkleben der Natur entgegenstellen, sondern
dafi wir ihr dasjenige entgegenstellen konnen, was in uns selbst wil-
lensartiger Natur ist.
Wenn der Mensch nicht etwas, was fortwahrend ihm bleibt, retten
konnte aus seinem vorgeburtlichen Leben durch sein Erdenleben hin-
durch, wenn er nicht etwas retten konnte von dem, was zuletzt wah-
rend seines vorgeburtlichen Lebens zum blofien Gedankenleben ge-
worden ist, dann wiirde er niemals zur Freiheit kommen konnen. Denn
der Mensch wiirde verbunden sein mit dem Toten, und er wiirde in dem
Augenblick, wo er das, was in ihm selbst mit der toten Natur verwandt
ist, zur Freiheit aufrufen wollte, ein Sterbendes zur Freiheit aufrufen
wollen. Er wiirde, wenn er desjenigen sich bedienen wollte, was ihn
als Willenswesen mit der Natur verbindet, betaubt werden; denn in
dem, was ihn als Willenswesen mit der Natur verbindet, ist alles noch
keimhaft. Er wiirde ein Naturwesen sein, aber kein freies Wesen.
Uber diesen zwei Elementen - der Erfassung des Toten durch den
Verstand und der Erfassung des Lebendigen, des Werdenden durch den
Willen - steht im Menschen etwas, was nur er, kein anderes irdisches
Wesen, von der Geburt bis zum Tode in sich tragt: das ist das reine
Denken, dasjenige Denken, das sich nicht auf die aufiere Natur bezieht,
sondern das sich nur auf dasjenige Ubersinnliche bezieht, was im Men-
schen selber ist, was den Menschen zum autonomen Wesen macht, zu
etwas, was noch iiber demjenigen ist, was im Untertoten und im Uber-
lebendigen ist. Will man daher von der menschlichen Freiheit reden,
so muft man auf dieses Autonome im Menschen sehen, auf das reine,
sinnlichkeitsfreie Denken, in dem immer auch der Wille lebt.
Wenn Sie aber von diesem Gesichtspunkte aus die Natur selbst be-
trachten, werden Sie sich sagen: Ich blicke hin auf die Natur, der Strom
des Sterbens ist in mir und auch der Strom des Neuwerdens: sterben -
wiederum geboren werden. Von diesem Zusammenhang versteht die
neuere Wissenschaft sehr wenig; denn ihr ist die Natur gewissermafien
eine Einheit, und sie puddelt fortwahrend durcheinander das Sterbende
und das Werdende, so dafi alles, was heute vielfach ausgesagt wird iiber
die Natur und ihr Wesen, etwas ganz Konfuses ist, weil Sterben und
Werden fortwahrend durcheinandergemischt werden. Will man rein-
lich diese beiden Stromungen in der Natur auseinanderhalten, so mufi
man sich schon fragen: Wie stiinde es denn mit der Natur, wenn der
Mensch nicht in dieser Natur ware?
Gegeniiber dieser Frage ist im Grunde genommen die neuere Natur-
wissenschaft mit ihrer Philosophic in einer grofien Verlegenheit. Denn
denken Sie einmal, Sie stellten einem richtigen neueren Naturforscher
die Frage: Was ware es mit der Natur und ihrem Wesen, wenn der
Mensch nicht darin ware ? Er wiirde natiirlich zunachst etwas schockiert
sein, weil ihm die Frage sonderbar vorkommen wiirde. Aber er wiirde
sich dann besinnen, welche Unterlagen zur Beantwortung dieser Frage
ihm seine Wissenschaft gibt, und wiirde sagen: Dann waren auf der
Erde Mineralien, Pflanzen und Tiere, nur der Mensch ware nicht da,
und der Erdenverlauf wiirde von dem Anfange an, wo die Erde noch
im Kant-Laplaceschen Nebelzustande war, sich so vollzogen haben,
dafi alles so fortgegangen ware, wie es gegangen ist; nur der Mensch
ware in diesem Fortgange nicht drinnen. - Eine andere Antwort konnte
im Grunde genommen nicht herauskommen. Er konnte vielleicht noch
hinzufugen: Der Mensch grabt als Ackerbauer den Erdboden um und
verandert so die Erdoberflache, oder er konstruiert Maschinen und
bringt dadurch Veranderungen hervor; aber das ist nicht so erheblich
gegeniiber den anderen Verwandlungen, welche durch die Natur selbst
geschehen. Immer also wiirde der Naturforscher sagen: Es wiirden Mi-
neralien, Pflanzen und Tiere sich entwickeln, ohne dafi der Mensch
dabei ware.
Das ist nicht richtig. Ware der Mensch namlich nicht in der Erden-
evolution vorhanden, dann waren die Tiere zum grofien Teile nicht da;
denn ein grofier Teil, namentlich die hoheren Tiere, ist nur dadurch in
der Erdenevolution entstanden, dafi der Mensch genotigt war - ich
spreche jetzt naturlich bildlich -, seine Ellenbogen zu verwenden. Er
mufite auf einer bestimmten Stufe seiner Erdenentwickelung aus seinem
eigenen Wesen, in dem damals noch ganz anderes war, als jetzt in ihm
ist, die hoheren Tiere heraussondern, mufite sie abwerfen, damit er wei-
terkommen konnte. Ich mochte dies Abwerfen damit vergleichen, da£
ich sage: Stellen Sie sich ein Gemisch vor, worin etwas aufgelost ist, und
stellen Sie sich vor, dafi dann diese aufgeloste Substanz sich aussondert
und zu Boden setzt. So war der Mensch in seinen fruheren Entwicke-
lungszustanden mit der Tierwelt zusammen und hat dann spater die
Tierwelt wie einen Bodensatz ausgeschieden. Die Tiere waren nicht in
der Erdenentwickelung diese heutigen Tiere geworden, wenn der
Mensch nicht hatte so werden sollen, wie er jetzt ist. Ohne den Men-
schen in der Erdenentwickelung wiirden also die Tierformen und die
Erde ganz anders ausschauen, als es heute der Fall ist.
Aber gehen wir nun iiber zur mineralischen und pflanzlichen Welt.
Da sollten wir uns dariiber klar sein, daft nicht nur die niederen Tier-
formen, sondern auch die pflanzliche und die mineralische Welt langst
erstarrt waren, nicht mehr im Werden waren, wenn der Mensch nicht
auf der Erde ware. Wiederum ist es notwendig fur die heutige, auf
einer einseitigen Naturanschauung fufienden Weltanschauung, zu sa-
gen: Gut, die Menschen sterben, und ihre Korper werden verbrannt
oder begraben und damit der Erde iibergeben; aber das hat fur die Er-
denentwickelung keine Bedeutung; denn wenn die Erdenentwickelung
nicht Menschenkorper aufnehmen wiirde, konnte sie gerade so ver-
laufen wie jetzt, da sie Menschenkorper aufnimmt. - Das heifit aber,
man ist sich gar nicht bewufk, dafi das fortwahrende Ubergehen mensch-
licher Leichname in die Erde, gleichgultig ob es durch Verbrennen
oder durch Begraben geschieht, ein realer Prozefi ist, der fortwirkt.
Die Bauerinnen auf dem Lande sind sich noch klarer, als es die
Frauen in der Stadt sind, dariiber, dafi die Hefe fur das Brotbacken eine
gewisse Bedeutung hat, trotzdem nur wenig dem Brote zugesetzt wird;
sie wissen, dafi das Brot nicht gedeihen kdnnte, wenn nicht Hefe
dem Teig zugesetzt wtirde. Ebenso aber ware die Erdenentwickelung
langst in ihren Endzustand hineingekommen, wenn ihr nicht fort-
wahrend die Krafte des menschlichen Leichnams, der mit dem Tode
von dem Geistig-Seelischen abgesondert ist, zugefuhrt wiirden. Durch
diese Krafte, welche die Erdenentwickelung durch die Zufuhrung der
menschlichen Leichname fortwahrend bekommt, beziehungsweise der
Krafte, die in den Leichnamen sind, dadurch wird die Evolution der
Erde unterhalten. Dadurch werden Mineralien dazu veranlafk, ihre
Kristallisationskrafte noch heute zu entfalten, die sie langst nicht mehr
entfalten wiirden ohne diese Krafte; sie waren langst zerbrockelt, hat-
ten sich aufgelost. Dadurch werden Pflanzen, die langst nicht mehr
wachsen wiirden, veranlafit, heute noch zu wachsen. Und auch mit
Bezug auf die niederen Tierformen ist es so. Der Mensch iibergibt der
Erde in seinem Leibe das Ferment, gleichsam die Hefe fur die Weiter-
entwickelung.
Daher ist es nicht bedeutungslos, ob der Mensch auf der Erde lebt
oder nicht. Es ist einfach nicht wahr, dafi die Erdenentwickelung in
bezug auf das Mineralreich, Pflanzenreich und Tierreich auch dann
vorwartsgehen wurde, wenn der Mensch nicht dabei ware! Der Na-
turprozefi ist ein einheitlicher, ein geschlossener, zu dem der Mensch
dazugehort. Der Mensch wird nur richtig vorgestellt, wenn er selbst
noch mit seinem Tode als drinnenstehend in dem kosmischen Prozefi
gedacht wird.
Wenn Sie dies bedenken, dann werden Sie sich kaum mehr wundern,
wenn ich auch noch das Folgende sage: Der Mensch bekommt, indem
er aus der geistigen Welt heruntersteigt in die physische, die Umklei-
dung seines physischen Leibes. Aber natiirlich ist der physische Leib
anders, wenn man ihn als Kind bekommt, als wenn man ihn in irgend-
einem Lebensalter durch den Tod ablegt. Da ist etwas geschehen mit
dem physischen Leibe. Was da mit ihm geschehen ist, das kann nur da-
durch geschehen, dafi dieser Leib durchdrungen ist von den geistig-
seelischen Kraften des Menschen. Nicht wahr, schliefllich essen wir
alle dasselbe, was die Tiere auch essen, das heifit, wir verwandeln die
aufieren Stoffe so, wie die Tiere sie verwandeln, aber wir verwandeln
sie unter der Mittatigkeit von etwas, was die Tiere nicht haben, von
etwas, was aus der geistigen Welt heruntersteigt, urn sich mit dem
physischen Menschenleib zu vereinigen. Wir machen dadurch mit den
Stoffen etwas anderes, als die Tiere oder Pflanzen mit ihnen machen.
Und die Stoffe, welche im menschlichen Leichnam der Erde iibergeben
werden, sind verwandelte Stoffe, sind etwas anderes, als was der
Mensch empfangen hat, als er geboren worden ist. Daher konnen wir
sagen: Die Stoffe, welche der Mensch empfangt, und auch die Krafte,
welche er mit der Geburt empfangt, die erneuert er wahrend seines Le-
bens und gibt sie in verwandelter Form an den Erdenprozefl ab. Es sind
nicht dieselben Stoffe und Krafte, die er bei seinem Tode an den Erden-
prozefi abgibt, als diejenigen waren, die er bei seiner Geburt empfan-
gen hat. Er iibergibt damit also dem Erdenprozefi etwas, was durch
ihn fortwahrend aus der ubersinnlichen Welt in den physisch-sinn-
lichen Erdenprozefi einfliefit. Er tragt bei seiner Geburt aus der iiber-
sinnlichen Welt etwas herunter; das bekommt dann, indem er es ein-
verleibt hat den Stoffen und Kraften, die wahrend seines Lebens seinen
Leib zusammensetzen, mit seinem Tode die Erde. Dadurch vermittelt
der Mensch fortwahrend das Heruntertraufeln von Ubersinnlichem
an Sinnliches, an Physisches. Sie konnen sich vorstellen, daft gleich-
sam fortwahrend etwas herunterregnet aus dem Ubersinnlichen ins
Sinnliche, dafi aber diese Tropfen ganz unfruchtbar blieben fur die
Erde, wenn der Mensch sie nicht aufnehmen wiirde und sie durch sich
der Erde vermitteln wiirde. Diese Tropfen, die der Mensch aufnimmt
bei der Geburt, die er abgibt bei seinem Tode, die sind ein fortwahren-
des Befruchten der Erde durch iibersinnliche Krafte, und durch diese
befruchtenden, ubersinnlichen Krafte wird der Evolutionsprozefi der
Erde erhalten. Ohne menschliche Leichname ware daher die Erde
langst tot.
geburt Tod
{ ) { j / I verwancfelte
Stoffe | Stoffe
Krafte ( Leben des j und Krafte
Wenn wir das vorausgeschickt haben, konnen wir nun fragen: Was
machen nun die toten Krafte mit der menschlichen Natur? Es wirken
ja in die menschliche Natur herein die todbringenden Krafte, die drau-
fien in der Natur vorwaltend sind; denn gabe der Mensch der aufieren
Natur nicht fortwahrend Belebung, so mufite sie absterben. Wie wal-
ten also diese todbringenden Krafte in der menschlichen Natur? Sie
waken so, dafi der Mensch alle diejenigen Organisationen durch sie
hervorbringt, die in der Linie vom Knochensystem bis zum Nerven-
system liegen. Was die Knochen und alles, was mit ihnen verwandt
ist, aufbaut, das ist ganz anderer Natur als dasjenige, was die anderen
Systeme aufbaut. In uns spielen die todbringenden Krafte herein: wir
lassen sie, wie sie sind, und dadurch sind wir Knochenmenschen. In uns
aber spielen weiter noch die todbringenden Krafte herein: wir schwa-
chen sie ab, und dadurch sind wir Nervenmenschen. - Was ist ein
Nerv? Ein Nerv ist etwas, was fortwahrend Knochen werden will,
was nur dadurch verhindert wird, Knochen zu werden, dafi es mit
nicht knochenmafiigen oder nicht nervosen Elementen der Menschen-
natur in Zusammenhang steht. Der Nerv will fortwahrend verkno-
chern, er ist fortwahrend gedrangt abzusterben, wie der Knochen im
Menschen immer etwas in hohem Grade Abgestorbenes ist. Beim tie-
rischen Knochen liegen die Verhaltnisse anders, er ist viel lebendiger
als der menschliche Knochen. - So konnen Sie sich die eine Seite der
Menschennatur vorstellen, indem Sie sagen: Die todbringende Stro-
mung wirkt im Knochen- und Nervensystem. Das ist der eine Pol.
Die fortwahrend Leben gebenden Krafte, die andere Strdmung,
wirkt im Muskel- und Blutsystem und in allem, was dazugehort. Ner-
ven sind nur deshalb iiberhaupt keine Knochen, weil sie mit dem Blut-
und Muskelsystem so im Zusammenhang stehen, daft der Drang in
ihnen, Knochen zu werden, den in Blut und Muskel wirkenden Kraften
entgegensteht. Der Nerv wird nur dadurch nicht Knochen, weil ihm
Blut- und Muskelsystem entgegensteht und sein Knochenwerden ver-
hindert. Besteht im Wachstum eine falsche Verbindung zwischen Kno-
chen einerseits und Blut und Muskeln andererseits, so kommt die Ra-
chitis zustande, die ein Verhindern des richtigen Absterbens des Kno-
chens durch die Muskel-Blutnatur ist. Es ist daher aufterordentlich
wichtig, daft im Menschen die richtige Wechselwirkung zustande
kommt zwischen dem Muskel-Blutsystem auf der einen Seite und dem
Knochen-Nervensystem auf der anderen Seite. Indem in unser Auge
das Knochen-Nervensystem etwas hereinragt, in der Umhiillung das
Knochensystem sich zuriickzieht und nur seine Abschwachung, den
Nerv, hineinschickt, kommt im Auge die Moglichkeit zustande, die
willensartige Wesenheit, die in Muskel und Blut lebt, mit der vorstel-
lungsmaftigen Tatigkeit, die im Knochen-Nervensystem liegt, zu ver-
binden. Da kommen wir wieder auf etwas, was in der alteren Wissen-
schaft eine grofte Rolle gespielt hat, was aber von der heutigen Wissen-
schaft als kindliche Vorstellung verlacht wird. Doch die neuere Wissen-
schaft wird schon wieder darauf zuriickkommen, nur in anderer Form.
Die Alten haben in ihrem Wissen immer eine Verwandtschaft ge-
fiihlt zwischen dem Nervenmark, der Nervensubstanz und dem Kno-
chenmark oder der Knochensubstanz, und sie sind der Meinung gewe-
sen, daft man mit dem Knochenteil ebenso denkt wie mit dem Nerven-
teil. Das ist auch die Wahrheit. Wir verdanken alles, was wir an ab-
strakter Wissenschaft haben, der Fahigkeit unseres Knochensystems.
Warum kann der Mensch zum Beispiel Geometrie ausbilden? Die ho-
heren Tiere haben keine Geometrie; das sieht man ihrer Lebensweise
an. Es ist nur ein Unsinn, wenn manche Leute sagen: Vielleicht haben
die hoheren Tiere auch Geometrie, man merkt es vielleicht nur nicht. -
Der Mensch also bildet Geometrie aus. Wodurch aber bildet er zum
Beispiel die Vorstellung eines Dreiecks aus? Wer wirklich iiber diese
Tatsache nachdenkt, daft der Mensch die Vorstellung des Dreiecks
ausbildet, der muft etwas Wunderbares darin finden, daft der Mensch
das Dreieck, das abstrakte Dreieck, das im konkreten Leben nirgends
vorhanden ist, rein aus seiner geometrisch-mathematischen Phantasie
heraus ausbildet. Es liegt vieles Unbekannte zugrunde den Gescheh-
nissen der Welt, die offenbar sind. Denken Sie sich zum Beispiel an ei-
nem bestimmten Platze dieses Zimmers stehend. Sie fuhren zu gewissen
Zeiten als ubersinnliches Menschenwesen merkwtirdige Bewegungen
aus, von denen Sie fur gewohnlich nichts wissen, ungefahr in der Art:
Sie gehen ein Stiickchen nach der einen Seite, dann gehen Sie ein Stuck-
chen zuriick, und dann kommen Sie wieder an Ihrem Platze an. Eine
unbewufk bleibende Linie im Raume, die Sie beschreiben, verlauft
tatsachlich als eine Dreiecksbewegung. Solche Bewegungen sind tat-
sachlich vorhanden, Sie nehmen sie nur nicht wahr, aber dadurch, dafi
Ihr Riickgrat in die Vertikale geriickt ist, sind Sie in der Ebene drinnen,
in der diese Bewegungen verlaufen. Das Tier ist nicht in dieser Ebene
drinnen, es hat sein Ruckenmark anders liegen; da werden diese Bewe-
gungen nicht vollfuhrt. Indem der Mensch sein Ruckenmark vertikal
stehen hat, ist er in der Ebene, wo diese Bewegung ausgefuhrt wird.
Zum Bewulksein bringt er es sich nicht, daft er sich sagte: Ich tanze
da fortwahrend in einem Dreieck. - Aber er zeichnet ein Dreieck und
sagt: Das ist ein Dreieck! - In Wahrheit ist das eine unbewulk ausge-
fuhrte Bewegung, die er im Kosmos vollfuhrt.
Diese Bewegungen, die Sie in der Geometrie fixieren, indem Sie
geometrische Figuren zeichnen, fuhren Sie mit der Erde aus. Die Erde
hat nicht nur die Bewegung, welche sie nach der Kopernikanischen
Weltansicht hat: sie hat noch ganz andere, kunstlerische Bewegungen,
die werden da fortwahrend ausgefuhrt. Und noch viel kompliziertere
Bewegungen werden ausgefuhrt, solche Bewegungen zum Beispiel, die
in den Linien liegen, welche die geometrischen Korper haben: der Wiir-
fel, das Oktaeder, das Dodekaeder, das Ikosaeder und so weiter. Diese
Korper sind nicht erfunden, sie sind Wirklichkeit, nur unbewufite
Wirklichkeit. Es liegen in diesen und in noch anderen Korperformen
merkwiirdige Anklange an dieses fur die Menschen unterbewufite Wis-
sen. Das wird dadurch herbeigefuhrt, dafi unser Knochensystem eine
wesentliche Erkenntnis hat; aber Sie reichen nicht mit Ihrem Bewufit-
sein bis zura Knochensystem hinunter. Das Bewufitsein davon erstirbt,
es wird nur reflektiert in den Bildern der Geometrie, die der Mensch
da als Bilder ausfuhrt. Der Mensch ist recht sehr eingeschaltet in den
Kosmos. Indem er die Geometrie ausbildet, bildet er etwas nach, was
er selbst im Kosmos tut.
Da blicken wir auf der einen Seite in eine Welt hinein, die uns mit-
umfafit und die fortwahrend im Absterben ist. Auf der anderen Seite
blicken wir in alles das hinein, was in die Krafte unseres Blut-Muskel-
systems hereinragt: das ist in fortwahrender Bewegeng, in fortwahren-
dem Fluktuieren, in fortwahrendem Werden und Entstehen; das ist
ganz keimhaft, da ist nichts Totes. Wir halten in uns den Sterbeprozefi
auf, und nur wir als Menschen konnen ihn aufhalten und bringen in
das Sterbende Werden hinein. Ware der Mensch nicht hier auf der Erde,
so wiirde eben langst das Sterben sich ausgebreitet haben iiber den Er-
denprozefi, und die Erde ware als Ganzes in eine grofie Kristallisation
iibergegangen. Nicht erhalten aber hatten sich die einzelnen Kristalle.
Wir entreifien die einzelnen Kristalle der grofien Kristallisation und
erhalten sie, solange wir sie fiir unsere Menschenevolution brauchen.
Wir erhalten aber damit auch das Leben der Erde rege. Wir Menschen
sind es also, die das Leben der Erde rege halten, die nicht ausgeschaltet
werden konnen vom Leben der Erde. Daher war es schon ein realer Ge-
danke von Eduard von Hartmann, der aus seinem Pessimismus heraus
wollte, dafi die Menschheit einmal eines Tages so reif ware, dafi alle
Menschen sich selbst mordeten. Man braucht auch gar nicht das noch
hinzuzufiigen, was Hartmann aus der Beschranktheit der naturwissen-
schaftlichen Weltanschauung wollte: weil ihm namlich das nicht genxigt
hatte, daft alle Menschen sich eines Tages selbst mordeten, wollte er
auch noch die Erde durch eine grofiangelegte Unternehmung in die
Luft sprengen. Das hatte er nicht gebraucht. Er hatte nur den Tag des
grofien Selbstmordens anordnen brauchen, und die Erde ware von
selbst langsam in die Luft gegangen! Denn ohne das, was vom Men-
schen in die Erde verpflanzt wird, kann die Erdenentwickelung nicht
weitergehen. Von dieser Erkenntnis aus miissen wir uns wieder ge-
fiihlsmafiig durchdringen. Es ist notwendig, dafi in der Gegenwart
diese Dinge verstanden werden.
Ich weifi nicht, ob Sie sich erinnern, dafi in meinen allerersten Schrif-
ten immer ein Gedanke wiederkehrt, durch den ich die Erkenntnis auf
eine andere Basis stellen wollte, als sie heute steht. In der aufieren Phi-
losophic, die auf anglo-amerikanisches Denken zuriickgeht, ist der
Mensch eigentlich ein blofier Zuschauer der Welt; er ist mit seinem in-
neren Seelenprozefi ein blofier Zuschauer der Welt. Wenn der Mensch
nicht da ware, so meint man, wenn er nicht in der Seele wieder erlebte,
was in der Welt draufien vor sich geht, so ware doch alles so, wie es ist.
Das gilt fur die Naturwissenschaft in bezug auf jene Tatsachenent-
wickelung, die ich angefuhrt habe, es gilt aber auch fur die Philosophic
Der heutige Philosoph fuhlt sich sehr wohl als Zuschauer der Welt,
das heifit, in dem blofi ertotenden Element des Erkennens. Aus diesem
ertotenden Element wollte ich die Erkenntnis herausfuhren. Daher
habe ich immer wiederholt: Der Mensch ist nicht blofi ein Zuschauer
der Welt, sondern er ist Schauplatz der Welt, auf dem sich die grofien
kosmischen Ereignisse immer wieder und wieder abspielen. Ich habe
immer wieder gesagt: Der Mensch ist mit seinem Seelenleben der Schau-
platz, auf dem sich Weltgeschehen abspielt. So kann man das auch in
philosophisch-abstrakte Form kleiden. Und besonders, wenn Sie das
Schlufikapitel iiber Freiheit in meiner Schrift «Wahrheit und Wissen-
schaft» lesen, werden Sie finden, dafi dieser Gedanke scharf betont ist:
dafi dasjenige, was sich im Menschen vollzieht, nicht etwas ist, was der
iibrigen Natur gleich ist, sondern dafi die iibrige Natur hereinragt in
den Menschen und dafi dasjenige, was im Menschen sich vollzieht, zu-
gleich ein kosmischer Vorgang ist, so dafi die menschliche Seele ein
Schauplatz ist, auf dem sich ein kosmischer Vorgang abspielt, nicht
blofi ein menschlicher. Damit wird man naturlich in gewissen Kreisen
heute noch schwer verstanden. Aber ohne dafi man sich mit solchen
Anschauungen durchdringt, kann man unmoglich ein richtiger Erzie-
her werden.
Was geschieht denn tatsachlich in der menschlichen Wesenheit? Auf
der einen Seite stent die Knochen-Nervennatur, auf der anderen Seite
die Blut-Muskelnatur. Durch das Zusammenwirken beider werden
fortwahrend Stoffe und Krafte neu geschaffen. Die Erde wird vor dem
Tode dadurch bewahrt, dafi im Menschen selber Stoffe und Krafte neu
geschaffen werden. Jetzt konnen Sie das, was ich eben gesagt habe: dafi
das Blut durch seine Beriihrung mit den Nerven Neuschopfung von
Stoffen und Kraften bewirkt, zusammenbringen mit dem, was ich im
vorigen Vortrage sagte: dafi das Blut fortwahrend auf dem Wege zur
Geistigkeit ist und dabei aufgehalten wird. Diese Gedanken, die wir
in diesen zwei Vortragen gewonnen haben, werden wir miteinander
verbinden und dann weiter darauf aufbauen. Aber Sie sehen schon, wie
irrtumlich der Gedanke der Erhaltung von Kraft und Stoff ist, wie er
gewohnlich vorgebracht wird: denn durch das, was im Inneren der
Menschennatur geschieht, wird er widerlegt, und fur eine wirkliche
Auffassung der Menschenwesenheit ist er nur ein Hindernis. Erst wenn
man wieder den synthetischen Gedanken bekommen wird, dafi tat-
sachlich zwar nicht aus Nichts etwas hervorgehen kann, dafi aber das
eine so umgewandelt werden kann, dafi es vergeht und das andere ent-
steht - erst wenn man diesen Gedanken an die Stelle des Gedankens
von der Erhaltung der Kraft und des Stoffes gestellt haben wird, wird
man etwas Gedeihliches fur die Wissenschaft erhalten konnen.
Sie sehen, in welcher Richtung manches, was in unserem Denken
lebt, verkehrt ist. Wir stellen etwas auf, wie zum Beispiel das Gesetz
von der Erhaltung der Kraft und des Stoffes, und proklamieren es als
ein Weltgesetz. Dem liegt zugrunde ein gewisser Hang unseres Vor-
stellungslebens, unseres Seelenlebens iiberhaupt, in einseitiger Weise
zu beschreiben, wahrend wir nur Postulate aufstellen sollten aus dem,
was wir in unserem Vorstellen entwickeln. So finden Sie zum Beispiel
in unseren Physikbuchern das Gesetz von der Undurchdringlichkeit
der Korper als ein Axiom auf gestellt: An der Stelle im Raume, wo
ein Korper steht, kann zu gleicher Zeit kein anderer sein. - Das wird
als allgemeine Eigenschaft der Korper hingestellt. Man sollte aber nur
sagen: Diejenigen Korperlichkeiten oder Wesenheiten, welche so sind,
dafi an der Stelle des Raumes, wo sie sind, zu gleicher Zeit kein anderes
Wesen gleicher Natur sein kann, die sind undurchdringlich. - Man
sollte blofi die Begriffe dazu verwenden, um ein gewisses Gebiet von
einem anderen abzugliedern, man sollte blofi Postulate aufstellen, sollte
keine Definitionen geben, die den Anspruch erheben, universell zu
sein. So sollte man auch kein Gesetz von der Erhaltung der Kraft und
des Stoffes aufstellen, sondern man sollte aufsuchen, fur welche We-
senheiten dieses Gesetz eine Bedeutung hat. Das war gerade ein Bestre-
ben im 19. Jahrhundert, daft man ein Gesetz aufstellte und sagte: Das
gilt fur alles - statt daft wir unser Seelenleben dazu verwenden, um
an die Dinge heranzukommen und zu beobachten, was wir an ihnen
erleben.
VIERTER VORTRAG
Stuttgart, 25. August 1919
Wenn Sie sich an das erinnern, was ich gestern in unserem halboffentli-
chen Vortrag gesagt habe, so werden Sie daraus ersehen konnen, in
welcher Beziehung ein ganz besonderer Wert gelegt werden mufi in der
Zukunftserziehung und im Zukunftsunterricht auf die Willens- und
Gemiitsbildung. Ich habe gestern gesagt: Es wird zwar immer betont,
auch von denjenigen, die an keine Erneuerung des Unterrichts- und
Erziehungswesens denken, daft Wille und Gemiit in der Erziehung
besonders beriicksichtigt werden miissen, aber es kann eigentlich von
dieser Seite, trotz alien guten Willens, nicht viel zu dieser Willens- und
Gemiitserziehung getan werden. Sie bleiben immer mehr und mehr dem
sogenannten Zufall iiberlassen, weil keine Einsicht vorhanden ist in die
wirkliche Natur des Willens.
Einleitend mochte ich nun das Folgende bemerken: Erst wenn man
den Willen wirklich erkennt, kann man auch wenigstens einen Teil der
anderen Gemiitsbewegungen erkennen, einen Teil der Gefuhle. Wir
konnen uns die Frage stellen: Was ist denn eigentlich ein Gefiihl? Ein
Gefiihl ist mit dem Willen sehr verwandt. Wille ist, ich mochte sagen,
nur das ausgefuhrte Gefiihl, und das Gefiihl ist der zuriickgehaltene
Wille. Der Wille, der sich noch nicht wirklich aufiert, der in der Seele
zuriickbleibt, das ist das Gefiihl; ein abgestumpfter Wille ist das Ge-
fiihl. Daher wird man das Wesen des Gefuhls auch erst dann verste-
hen, wenn man das Wesen des Willens durchdringt.
Nun konnen Sie schon aus meinen bisherigen Auseinandersetzungen
sehen, dafi alles, was im Willen lebt, sich nicht vollstandig ausgestaltet
in dem Leben zwischen Geburt und Tod. Es bleibt im Menschen, wenn
er einen Willensentschluft ausfuhrt, immer etwas iibrig, was sich nicht
erschopft in dem Leben bis zum Tode hin; es bleibt ein Rest, der im
Menschen fortlebt und der gerade von jedem Willensentschlufi und
jeder Willenstat durch den Tod sich fortsetzt. Dieser Rest mufi durch
das ganze Leben und insbesondere auch im kindlichen Alter beriicksich-
tigt werden.
Wir wissen, wenn wir den vollstandigen Menschen betrachten, so
betrachten wir ihn nach Leib, Seele und Geist. Der Leib wird zunachst,
wenigstens seinen groberen Bestandteilen nach, geboren. Das Genauere
dariiber finden Sie in meinem Buche «Theosophie». Der Leib wird
also in die Vererbungsstromung einbezogen, tragt die vererbten Merk-
male und so weiter. Das Seelische ist schon in der Hauptsache das,
was aus dem vorgeburtlichen Dasein sich verbindet mit dem Leiblichen,
hinuntersteigt in das Leibliche. Aber das Geistige ist im gegenwartigen
Menschen - in dem Menschen einer ferneren Zukunft wird es ja an-
ders sein - eigentlich nur seiner Anlage nach vorhanden. Und hier, wo
wir die Grundlagen zu einer guten Padagogik legen wollen, miissen wir
auf das Riicksicht nehmen, was irn Menschen der heutigen Entwicke-
lungsepoche nur der Anlage nach als Geistiges vorhanden ist. Machen
wir uns zunachst einmal ganz klar, was als solche Anlagen des Men-
schen fur eine feme Menschheitszukunft vorhanden sind.
Da ist zunachst das vorhanden, eben nur der Anlage nach, was wir
nennen das Geistselbst. Das Geistselbst werden wir nicht unter die
Bestandteile, unter die Glieder der menschlichen Natur ohne weiteres
aufnehmen konnen, wenn wir von dem gegenwartigen Menschen spre-
chen; aber ein deutliches Bewufttsein vom Geistselbst ist insbesondere
bei solchen Menschen vorhanden, die auf das Geistige zu sehen ver-
mogen. Sie wissen, daft das gesamte morgenlandische Bewufttsein, in-
sofern es gebildetes Bewufttsein ist, dieses Geistselbst «Manas» nennt
und daft von Manas als etwas im Menschen Lebendem in der morgen-
landischen Geisteskultur durchaus gesprochen wird. Aber auch in der
abendlandischen Menschheit, wenn sie nicht gerade «gelehrt» gewor-
den ist, ist ein deutliches Bewufttsein von diesem Geistselbst vorhan-
den. Und zwar sage ich nicht ohne Bedacht: ein deutliches Bewufttsein
ist vorhanden; denn man nennt im Volke - hat wenigstens genannt,
bevor das Volk ganz ergriffen worden ist von der materialistischen
Gesinnung - das, was vom Menschen iibrigbleibt nach dem Tode, die
Manen. Man spricht davon, daft nach dem Tode iibrigbleiben die Ma-
nen; Manas = die Manen. Ich sagte: ein deutliches Bewufttsein hat das
Volk davon; denn das Volk gebraucht in diesem Falle den Plural, die
Manen. Wir, die wir wissenschaftlich mehr das Geistselbst noch auf
den Menschen vor dem Tode beziehen, sagen in der Einzahl: das Geist-
selbst. Das Volk, das mehr aus der Realitat, aus der naiven Erkennt-
nis heraus iiber dieses Geistselbst spricht, gebraucht die Mehrzahl, in-
dem es von den Manen redet, weil der Mensch in dem Augenblick, wo
er durch die Pforte des Todes geht, aufgenommen wird von einer
Mehrzahl von geistigen Wesenheiten. Ich habe das schon in einem an-
deren Zusammenhang angedeutet: Wir haben unseren personlichen
fiihrenden Geist aus der Hierarchie der Angeloi; dariiberstehend aber
haben wir die Geister aus der Hierarchie der Archangeloi, die sich so-
gleich einschalten, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht,
so dafi er dann sofort sein Dasein in gewisser Beziehung in der Mehr-
zahl hat, weil viele Archangeloi in sein Dasein eingeschaltet sind. Das
fiihlt das Volk sehr deutlich, weil es weifi, dafi der Mensch, im Ge-
gensatz zu seinem Dasein hier, das als eine Einheit erscheint, sich dann
mehr oder weniger als eine Vielheit wahrnimmt. Also die Manen sind
etwas, was im naiven Volksbewufitsein von diesem der Mehrzahl nach
vorhandenen Geistselbst, von Manas, lebt.
Ein zweiter, hoherer Bestandteil des Menschen ist dann das, was wir
den Lebensgeist nennen. Dieser Lebensgeist ist schon sehr wenig wahr-
nehmbar innerhalb des gegenwartigen Menschen. Er ist etwas sehr gei-
stiger Art im Menschen, was sich in ferner Menschenzukunft entwik-
keln wird. Und dann das Hochste, was im Menschen ist, was gegen-
wartig eben nur der ganz geringfugigen Anlage nach vorhanden ist,
das ist der eigentliche Geistesmensch.
Wenn nun aber auch im gegenwartigen, hier auf der Erde zwischen
Geburt und Tod lebenden Menschen diese drei hoheren Glieder der
Menschennatur nur der Anlage nach vorhanden sind, so entwickeln
sie sich, allerdings unter dem Schutze hoherer geistiger Wesenheiten,
zwischen Tod und neuer Geburt doch sehr bedeutsam. Wenn also
der Mensch stirbt und sich in die geistige Welt wieder hineinlebt,
entwickeln sich diese drei Glieder, gewissermafien vordeutend ein
zukiinftiges Menschheitsdasein, sehr deutlich. Also geradeso wie
der Mensch sich in seinem jetzigen Leben geistig-seelisch zwischen
Geburt und Tod entwickelt, so hat er auch nach dem Tode eine
deutliche Entwickelung, nur dafi er dann, gleichsam wie an einer
Nabelschnur, an den geistigen Wesenheiten der hoheren Hierarchien
dranhangt.
Fiigen wir nun jetzt zu den heute kaum wahrnehmbaren hoheren
Gliedern der Menschennatur dasjenige hinzu, was wir jetzt schon wahr-
nehmen. Das ist zunachst das, was sich auspragt in der Bewufitseins-
seele, in der Verstandes- oder Gemutsseele und in der Empfindungs-
seele. Das sind die eigentlichen Seelenbestandteile des Menschen. Wol-
len wir heute beim Menschen von der Seele sprechen, wie sie im Leibe
lebt, so miissen wir von den eben angefuhrten drei Seelengliedern spre-
chen. Wollen wir von seinem Leibe sprechen, so sprechen wir von dem
Empfindungsleib, dem feinsten Leib, den man auch astralischen Leib
nennt, von dem atherischen Leib und dem groben physischen Leib, den
wir mit unseren Augen sehen und den die aufiere Wissenschaft zer-
gliedert. Damit haben wir den ganzen Menschen vor uns.
Nun wissen Sie ja, dafi der physische Leib, wie wir ihn an uns tra-
gen, auch dem Tiere eigen ist. Wir bekommen nur, wenn wir diesen
ganzen Menschen nach diesen neun Gliedern mit der Tierwelt ver-
gleichen, eine empfindungsgemafie und fur die Auffassung des Willens
brauchbare Vorstellung von der Beziehung des Menschen zu den Tie-
ren, wenn wir wissen: so wie der Mensch in seiner Seele umkleidet ist
mit dem physischen Leib, so ist auch das Tier mit einem physischen
Leib umkleidet, aber der physische Leib des Tieres ist in vieler Bezie-
hung anders gestaltet als der des Menschen. Der physische Leib des
Menschen ist nicht eigentlich vollkommener als der des Tieres. Den-
ken Sie an solche aus der Reihe der hoheren Tiere wie an den Biber,
wenn er seinen Biberbau formt. Das kann der Mensch nicht, wenn er es
nicht lernt, wenn er nicht sogar eine sehr komplizierte Schulung dazu
durchmacht, wenn er nicht Architektur lernt und dergleichen. Der
Biber macht seinen Bau aus der Organisation seines Leibes heraus. Es
ist einfach sein aufierer, physischer Leib so geformt, dafi er sich in die
aufiere physische Welt so einfugt, dafi er das, was in den Formen seines
physischen Leibes lebt, zur Herstellung seines Biberbaues verwenden
kann. Sein physischer Leib selbst ist in dieser Beziehung sein Lehr-
meister. Wir konnen die Wespen, die Bienen, konnen auch die soge-
nannten niederen Tiere beobachten und werden in der Form ihrer physi-
schen Leiber finden, dafi darin etwas verankert ist, was im physischen
Leibe des Menschen in dieser Ausdehming, in dieser Starke nicht vor-
handen ist. Das ist alles das, was wir umfassen mit dem Begriff des In-
stinktes; so dafi wir den Instinkt in Wirklichkeit nur studieren konnen,
wenn wir ihn im Zusammenhange mit der Form des physischen Leibes
betrachten. Studieren wir die ganze Tierreihe, wie sie sich aufien aus-
breitet, so werden wir in den Formen der physischen Leiber der Tiere
iiberall drinnen die Anleitung haben, die verschiedenen Arten der In-
stinkte zu studieren. Wir miissen, wenn wir den Willen studieren wol-
len, ihn zuerst aufsuchen im Gebiete des Instinktes und miissen uns be-
wufit werden, dafi wir den Instinkt auffinden in den Formen der phy-
sischen Leiber der verschiedenen Tiere. Wenn wir die Hauptformen
der einzelnen Tiere ins Auge fassen und aufzeichnen wiirden, so wiir-
den wir die verschiedenen Gebiete des Instinktes zeichnen konnen. Was
der Instinkt als Wille ist, das ist im Bilde die Form des physischen
Leibes der verschiedenen Tiere. Sie sehen, dadurch kommt Sinn in die
Welt hinein, wenn wir diesen Gesichtspunkt anlegen konnen. Wir
uberschauen die Formen der physischen Tierleiber und sehen darin
eine Zeichnung, welche die Natur selbst von den Instinkten schafft,
durch die sie verwirklichen will, was im Dasein lebt.
Nun lebt in unserem physischen Leibe, diesen ganz durchgestaltend,
durchdringend, der Atherleib. Er ist fur die aufieren Sinne iibersinn-
lich, unsichtbar. Aber wenn wir auf die Willensnatur schauen, dann ist
es so, dalS ebenso, wie der Atherleib den physischen Leib durchdringt,
so ergreift er auch das, was sich im physischen Leibe als Instinkt aufiert.
Dann wird der Instinkt zum Trieb. Im physischen Leib ist der Wille
Instinkt; sobald der Atherleib sich des Instinktes bemachtigt, wird der
Wille Trieb. Es ist dann sehr interessant, zu verfolgen, wie in der Be-
obachtung der Instinkt, den man in der aufieren Form mehr konkret
erfassen kann, sich verinnerlicht und sich auch mehr vereinheitlicht,
indem man ihn als Trieb betrachtet. Von Instinkt wird man immer so
sprechen, dafi er, wenn er sich im Tiere oder in seiner Abschwachung
im Menschen vorfindet, dem Wesen von aufien aufgedrangt ist; beim
Trieb ist schon daran zu denken, dafi das, was sich in einer mehr ver-
innerlichten Form aufiert, auch mehr von innen kommt, weil der iiber-
sinnliche Atherleib sich des Instinktes bemachtigt und dadurch der
Instinkt zum Trieb wird.
Nun hat der Mensch auch noch den Empfindungsleib. Der ist noch
innerlicher. Er ergreift nun wieder den Trieb, und dann wird nicht nur
eine Verinnerlichung erzeugt, sondern es wird Instinkt und Trieb auch
schon ins Bewulksein heraufgehoben, und so wird daraus dann die
Begierde. Die Begierde finden Sie auch noch beim Tiere, wie Sie den
Trieb bei ihm finden, weil das Tier ja alle diese drei Glieder, physischen
Leib, Atherleib, Empfindungsleib, auch hat. Aber wenn Sie von der
Begierde sprechen, so werden Sie schon, ganz instinktiv, sich herbei-
lassen mussen, die Begierde als etwas sehr Innerliches anzusehen. Beim
Trieb sprechen Sie so, dafi er doch, ich mochte sagen von der Geburt
bis zum spaten Alter sich einheitlich aufiert; bei der Begierde sprechen
Sie von etwas, was erkraftet wird von dem Seelischen, was mehr ein-
malig erkraftet wird. Eine Begierde braucht nicht charakterologisch
zu sein, sie braucht nicht dem Seelischen anzuhaften, sondern sie ent-
steht und vergeht. Dadurch zeigt sich die Begierde als mehr dem
Seelischen eigentumlich als der blofie Trieb.
Jetzt fragen wir uns: Wenn nun der Mensch - was also beim Tiere
nicht mehr auftreten kann - in sein Ich, das heifit in Empfindungs-
seele, Verstandes- oder Gemiitsseele und Bewufkseinsseele dasjenige
hereinnimmt, was als Instinkt, Trieb und Begierde in seinem Leiblichen
lebt, was wird dann daraus gemacht? Da unterscheiden wir nicht so
streng wie innerhalb des Leiblichen, weil Sie in der Seele tatsachlich,
namentlich beim gegenwartigen Menschen, alles mehr oder weniger
durcheinandergemischt haben. Das ist ja auch das Kreuz der gegen-
wartigen Psychologie, dafi die Psychologen nicht wissen, sollen sie die
Glieder der Seele streng auseinanderhalten, oder sollen sie sie durch-
einanderfliefien lassen ? Da spuken noch bei einzelnen Psychologen die
alten strengen Unterscheidungen zwischen Wille, Gefiihl und Denken;
bei anderen, zum Beispiel bei den mehr Herbartisch gearteten Psycho-
logen, wird alles mehr nach der Vorstellungsseite hintibergeleitet, bei
den Wundtianern mehr nach der Willensseite. Also man hat keine
rechte Vorstellung davon, was man eigentlich mit der Gliederung der
Seele machen soli. Das kommt davon her, weil im praktischen Leben in
der Tat das Ich alle Seelenfahigkeiten durchsetzt und weil beim gegen-
wartigen Menschen in bezug auf die drei Glieder der Seele die Unter-
scheidung auch in der Praxis nicht deutlich hervortritt. Daher hat die
Sprache auch keine Worte, urn das, was in der Seele willensartiger Na-
tur ist - Instinkt, Trieb, Begierde -, wenn es vom Ich erfafk wird, zu
unterscheiden. Aber im allgemeinen bezeichnen wir das beim Menschen,
was als Instinkt, Trieb, Begierde vom Ich erfafk wird, als Motiv, so
dafi wir, wenn wir von dem Willensantriebe in dem eigentlichen See-
lischen, in dem «Ichlichen» sprechen, vom Motiv sprechen und dann
wissen: Tiere konnen wohl Begierden haben, aber keine Motive. Beim
Menschen erst wird die Begierde erhoben, indem er sie in die Seelen-
welt hereinnimmt, und dadurch wird der starke Antrieb bewirkt, in-
nerlich ein Motiv zu fassen. Bei ihm erst wird die Begierde zum eigent-
lichen Willensmotiv. Dadurch, dafi wir sagen, im Menschen lebt noch
von der Tierwelt her Instinkt, Trieb und Begierde, aber er erhebt diese
zum Motiv, dadurch haben wir, wenn wir vom Willen sprechen, das-
jenige, was beim gegenwartigen Menschen vorliegt. Das ist deutlich
vorhanden. Und wer iiberhaupt den Menschen beobachten wird hin-
sichtlich seiner Willensnatur, der wird sich sagen: Weifi ich beim Men-
schen, was seine Motive sind, so erkenne ich ihn. Aber nicht ganz!
Denn es klingt leise unten etwas an, wenn der Mensch Motive ent-
wickelt, und dieses leise Anklingende mufi nun sehr, sehr stark beriick-
sichtigt werden.
Ich bitte Sie jetzt, genau zu unterscheiden, was ich mit diesem An-
klingenden beim Willensimpuls meine, von dem, was mehr vorstel-
lungsgemajR ist. Was mehr vorstellungsgemafi ist beim Willensimpuls,
das meine ich jetzt nicht. Sie konnen zum Beispiel die Vorstellung ha-
ben: Das war gut, was ich da gewollt oder getan habe - oder Sie kon-
nen auch eine andere Vorstellung haben. Das meine ich nicht, sondern
ich meine jetzt das, was eben willensmafiig noch leise anklingt. Da ist
zunachst eines, das auch, wenn wir Motive haben, immer noch im
Willen wirkt, der Wunsch. Ich meine jetzt nicht die stark ausgep rag-
ten Wiinsche, aus denen dann die Begierden sich bilden, sondern jenen
leisen Anklang von Wiinschen, die alle unsere Motive begleiten. Sie
sind immer vorhanden. Dieses Wiinschen nehmen wir besonders dann
stark wahr, wenn wir irgend etwas ausfuhren, das einem Motive in
unserem Willen entspringt, und wenn wir zuletzt dariiber nachden-
ken und uns sagen: Was du da ausgefuhrt hast, das konntest du noch
viel besser ausfuhren. - Aber gibt es denn etwas, was wir im Leben
tun, bei dem wir nicht das Bewufksein haben konnten, dafi wir es noch
besser ausfuhren konnten? Es ware traurig, wenn wir mit irgend etwas
vollstandig zufrieden sein konnten, denn es gibt nichts, was wir nicht
auch noch besser machen konnten. Und dadurch gerade unterscheidet
sich der in der Kultur etwas hoherstehende Mensch von dem niedriger
stehenden, dafi der letztere immer mit sich zufrieden sein mochte. Der
Hoherstehende mochte nie mit sich so richtig zufrieden sein, weil ein
leiser Wunsch nach Bessermachen, sogar nach Andersmachen, immer
mitklingt als Motiv. Auf diesem Gebiete wird ja viel gesiindigt. Die
Menschen sehen etwas wer weifi wie Groses darin, wenn sie eine Hand-
lung bereuen. Das ist aber nicht das Beste, was man mit einer Hand-
lung anfangen kann, denn die Reue beruht vielfach auf einem blofien
Egoismus: man mochte etwas besser getan haben, um ein besserer
Mensch zu sein. Das ist egoistisch. Unegoistisch wird unser Streben erst
dann, wenn man nicht die schon vollbrachte Handlung besser haben
mochte, sondern wenn man viel grofieren Wert darauf legt, in einem
nachsten Falle dieselbe Handlung besser zu machen. Der Vorsatz, den
man so falk, die Anstrengung, das nachste Mai eine Sache besser zu
machen, ist das Hochste, nicht die Reue. Und in diesen Vorsatz klingt
der Wunsch noch hiniiber, so dafi wir uns wohl die Frage stellen diir-
fen: Was ist es, was da mitklingt als Wunsch? - Fur den, der die Seele
wirklich beobachten kann, ist es das erste Element von alledem, was
nach dem Tode iibrigbleibt. Es ist etwas von dem Rest, was wir fiih-
len: Wir sollten es besser gemacht haben, wir wiinschten es besser zu
machen. - Das gehort schon dem Geistselbst an: der Wunsch in der
Form, wie ich ihn auseinandergesetzt habe.
Nun kann sich der Wunsch mehr konkretisieren, kann deutlichere
Gestalt annehmen. Dann wird er dem Vorsatz ahnlich. Dann bildet
man sich eine Art Vorstellung davon, wie man die Handlung, wenn
man sie noch einmal machen miifke, besser machen wiirde. Aber auf
die Vorstellung lege ich nicht den grofien Wert, sondern auf das Ge-
fiihls- und Willensmafiige, das jedes Motiv begleitet, das Motiv: das
nachste Mai in ahnlichem Falle etwas besser zu machen. Da kommt bei
uns das sogenannte Unterbewufite des Menschen zu starker Auswir-
kung. In Ihrem gewohnlichen Bewufitsein werden Sie nicht, wenn Sie
heute aus Ihrem Willen heraus eine Handlung vollftihren, immer eine
Vorstellung davon entwerfen, wie Sie das nachste Mai eine ahnliche
Handlung besser ausfuhren konnen. Der Mensch aber, der noch in
Ihnen lebt, der zweite Mensch, der entwickelt - allerdings jetzt nicht
vorstellungsgemaft, sondern willensgemafi - immer ein deutliches Bild
von dem, wie er die Handlung, wenn er noch einmal in derselben Lage
ware, ausfuhren wiirde. Unterschatzen Sie ja nicht eine solche Erkennt-
nis! Unterschatzen Sie iiberhaupt nicht diesen zweiten Menschen,
der in Ihnen lebt.
Von diesem zweiten Menschen faselt heute viel jene sogenannte wis-
senschaftliche Richtung, welche sich die analytische Psychologie nennt,
die Psychoanalyse. Diese Psychoanalyse geht ja gewohnlich von einem
Schulbeispiel aus, wenn sie sich darstellt. Ich habe dieses Schulbeispiel
auch schon erzahlt, aber es ist ganz gut, es sich wieder einmal vor die
Augen zu riicken. Es ist das folgende: Es wird von einem Manne in
seinem Hause eine Abendgesellschaft gegeben, und es ist im Programm
vorgesehen, dafi gleich nach Schlufi der Gesellschaft die Dame des
Hauses noch abreisen soil, um ins Bad zu fahren. Bei dieser Gesell-
schaft sind verschiedene Leute, darunter auch eine Dame. Die Gesell-
schaft wird gegeben. Die Dame des Hauses wird zum Zuge gebracht,
um ins Bad zu reisen. Die iibrige Gesellschaft geht fort und mit den
anderen auch die eine Dame. Sie wird ebenso wie die anderen Glieder
der Gesellschaft an einer StrafSenkreuzung von einer Droschke iiber-
rascht, die gerade von einer anderen Strafie her um die Ecke biegt, so
daft man sie erst sieht, als man ganz nahe davor ist. Was tun die Mit-
glieder der Gesellschaft? Sie weichen selbstverstandlich der Droschke
rechts und links aus, nur jene eine Dame nicht. Sie lauft, soviel sie
laufen kann, mitten auf der Strafie immer vor den Pferden her. Der
Droschkenkutscher hort auch nicht mit fahren auf, und die anderen
Teilnehmer der Gesellschaft sind ganz erschrocken. Aber die Dame
lauft so rasch, dafi die anderen ihr nicht folgen konnen, lauft, bis sie
an eine Briicke kommt. Da fallt es ihr auch nicht ein, jetzt auszuwei-
chen. Nun fallt sie ins Wasser, aber sie wird gerettet, und sie wird
dann zuriickgebracht in das Haus des Gastgebers. Dort kann sie nun
die Nacht zubringen. - Diese Begebenheit finden Sie als Beispiel in
vielen Darstellungen der Psychoanalyse. Es wird nur iiberall etwas
darin falsch interpretiert. Denn man mufi sich fragen: Was liegt dem
ganzen Vorgang zugrunde? Zugrunde liegt das Wollen der Dame. Was
wollte sie namlich? Sie wollte, nachdem die Dame des Hauses abge-
reist sein wxirde, in das Haus des Gastgebers zuriickkehren, denn sie
war in den Mann verliebt. Aber das war kein bewulkes Wollen, son-
dern etwas, was ganz im Unterbewufksein safi. Und dieses Unterbe-
wufitsein des zweiten Menschen, der im Menschen sitzt, ist oftmals viel
raffinierter als der Mensch in seinem Oberstiibchen. So raffiniert war
in diesem Falle das Unterbewufitsein, dafi die Dame die ganze Proze-
dur angestellt hat bis zu dem Augenblick, wo sie ins Wasser fiel, um in
das Haus des Gastgebers zuriickzukommen. Sie sah sogar prophetisch
voraus, dafi sie gerettet werden wurde. - Diesen verborgenen Seelen-
kraften sucht nun die Psychoanalyse nahezukommen, aber sie spricht
nur im allgemeinen von einem zweiten Menschen. Wir aber konnen
wissen, dafi das, was in den unterbewufiten Seelenkraften wirksam ist
und sich oftmals aufierordentlich raffiniert aufiert, viel raffinierter als
bei normaler Seelenbeschaffenheit, in jedem Menschen vorhanden ist.
In jedem Menschen sitzt unten, gleichsam unterirdisch, der andere
Mensch. In diesem anderen Menschen lebt auch der bessere Mensch, der
sich immer vornimmt, bei einer Handlung, die er begangen hat, in einem
ahnlichen Falle die Sache das nachste Mai besser zu machen, so dafi
immer leise mitklingt der Vorsatz, der unbewufite, unterbewufke
Vorsatz, eine Handlung in einem ahnlichen Falle besser auszufuhren.
Und erst wenn die Seele einmal vom Leibe befreit sein wird, wird
aus diesem Vorsatz der Entschluft. Der Vorsatz bleibt ganz keimhaft
in der Seele liegen; dann folgt der Entschlufi spater nach. Und der Ent-
schlufi sitzt ebenso im Geistesmenschen, wie der Vorsatz im Lebens-
geist und wie der reine Wunsch im Geistselbst sitzt. Fassen Sie also den
Menschen als wollendes Wesen ins Auge, so konnen Sie alle diese Be-
standteile finden: Instinkt, Trieb, Begierde und Motiv, und dann leise
anklingend das, was schon im Geistselbst, im Lebensgeist und im
Geistesmenschen lebt als Wunsch, Vorsatz und Entschluft.
Das hat nun fur die Entwickelung des Menschen eine grofie Bedeu-
tung. Denn was da leise lebt als sich aufbewahrend fur die Zeit nach
dem Tode, das lebt sich im Bilde aus beim Menschen zwischen Geburt
und Tod. Da bezeichnet man es dann mit denselben Worten. Vorstel-
lungsmafiig erleben wir auch da Wunsch, Vorsatz und Entschlufi. Aber
nur dann werden wir in menschlich entsprechender Weise diesen
Wunsch, Vorsatz und Entschlufi erleben, wenn diese Dinge in richtiger
Art herangebildet werden. Was Wunsch, Vorsatz und EntschlulS ei-
gentlich in der tieferen Menschennatur sind, das tritt nicht hervor beim
aufieren Menschen zwischen Geburt und Tod. Die Bilder treten im
Vorstellungsleben hervor. Sie wissen ja gar nicht, wenn Sie nur das ge-
wohnliche Bewufitsein entwickeln, was Wunsch ist. Sie haben stets nur
die Vorstellung des Wunsches. Daher glaubt Herbart, es sei iiberhaupt
in der Vorstellung des Wunsches schon ein Strebendes vorhanden.
Beim Vorsatz ist es ebenso; von ihm haben Sie auch nur die Vorstel-
lung. Sie wollen so und so etwas tun, was sich real unten in der Seele
abspielt, aber Sie wissen ja nicht, was da zugrunde liegt. Und nun erst
der Entschluft! Wer weifi denn etwas davon? Nur von einem allge-
meinen Wollen spricht die allgemeine Psychologic - Und dennoch
mufi in alle diese drei Seelenkrafte regelnd und ordnend der Unter-
richter und Erzieher eingreifen. Man mull gerade mit dem arbeiten,
was in den Tiefen unten in der Menschennatur sich abspielt, wenn
man erziehend und unterrichtend arbeiten will.
Geistesmensch: EntschlulS
Lebensgeist: Vorsatz
Geistselbst: Wunsch
Bewulkseinsseele -
Verstandesseele > Motiv
Empfindungsseele J
Empfindungsleib: Begierde
Atherleib: Trieb
Physischer Leib: Instinkt
Es ist immer aufterordentlich wichtig, daft man sich als Erzieher und
Unterrichter bewuftt werde: Es geniigt nicht, den Unterricht einzu-
richten nach dem gewohnlichen Menschenverkehr, sondern man mufi
diesen Unterricht aus der Erfassung des inneren Menschen heraus gestal-
ten.
Diesen Fehler, den Unterricht nach dem gewohnlichen Verkehr der
Menschen einzurichten, mochte gerade der landlaufige Sozialismus ma-
chen. Denken Sie sich nur einmal, es wiirde nach dem Ideal der ge-
wohnlichen marxistischen Sozialisten die Schule der Zukunft gestaltet
werden. In Rutland ist es schon geschehen; daher ist dort die Luna-
tscharskische Schulreform etwas ganz Fiirchterliches. Sie ist der Tod
aller Kultur! Und wenn schon aus dem ubrigen Bolschewismus sehr
viel Schlimmes hervorgeht - das Schlimmste aus ihm wird die bolsche-
wistische Unterrichtsmethode sein! Denn sie wird, wenn sie siegte,
grundlich alles das ausrotten, was aus den fruheren Zeiten an Kultur
iiberkommen ist. Sie wird es nicht gleich in der ersten Generation er-
reichen, aber sie wird es bei den kommenden Generationen um so siche-
rer konnen, und dann wird sehr bald jegliche Kultur vom Erdboden
verschwinden. Das miiftten einige einsehen. Denn denken Sie sich, daft
wir ja jetzt unter den dilettantischen Forderungen eines gemaftigten
Sozialismus leben. Dahinein klingen die Klange, die in der verkehr-
testen Art den Sozialismus ausgestalten wollen. Gutes mit Schlimmem
tont da zusammen. Sie haben es ja in diesem Raume selbst gehort, ha-
ben Menschen gehort, die ein Loblied auf den Bolschewismus gesun-
gen haben und die gar keine Ahnung davon haben, daft dadurch das
Teuflische selbst in den Sozialismus hineingetrieben wird.
Hier muft besonders achtgegeben werden. Es miissen Menschen da
sein, welche wissen, daft der Fortschritt nach der sozialen Seite ein um
so intimeres Erfassen des Menschen von seiten der Erziehung fordert.
Daher muft man wissen, daft gerade von dem Zukunftserzieher und
-unterrichter das Innerste der Menschennatur angefaftt werden muft,
daft man mit diesem Innersten der Menschennatur leben muft und daft
der gewohnliche Verkehr, wie er sich zwischen den Erwachsenen ab-
spielt, nicht im Unterricht angewendet werden darf. Was wollen denn
die gewohnlichen Marxisten? Sie wollen die Schule sozialistisch ge-
stalten, wollen das Rektorat abschaffen und nichts an seine Stelle
setzen und wollen moglichst die Kinder durch sich selbst erziehen
lassen. Es kommt etwas Furchtbares heraus!
Wir waren einmal in einem Landerziehungsheim und wollten uns
beim dortigen Unterrichte die erhebendste Stunde ansehen: die Reli-
gionsstunde. Wir kamen in das Unterrichtszimmer. Da lag auf dem
Fensterbrett ein Bengel, der rakelte sich mit seinen Beinen zum Fenster
hinaus; ein zweiter hockte auf dem Fufiboden, ein dritter lag irgend-
wo auf dem Bauch und hob den Kopf nach aufwarts. So ungefahr
waren alle Schuler in dem Raume verteilt. Dann kam der sogenannte
Religionslehrer und las ohne besondere Einleitung eine Novelle von
Gottfried Keller vor. Dabei begleiteten die Schuler seine Vorlesung
wieder mit den verschiedensten Rakeleien. Dann, als er damit zu Ende
war, war die Religionsstunde aus, und alles ging ins Freie. Mir stieg
bei diesem Erlebnis das Bild auf, dafi neben diesem Landerziehungs-
heim ein grofier Hammelstall war - und einige Schritte davon entfernt
lebte dann diese Schiilerschaft - Gewifi, auch diese Dinge sollen nicht
scharf getadelt werden. Es liegt viel guter Wille zugrunde, aber es ist
eine vollstandige Verkennung dessen, was fur die Kultur der Zukunft
zu geschehen hat.
Was will man denn heute nach dem sogenannten sozialistischen
Programm? - Man will die Kinder so miteinander in Verkehr treten
lassen, wie es bei den Erwachsenen der Fall ist. Das aber ist das Fal-
scheste, was man in der Erziehung tun kann. Man mufi sich bewufit sein
dessen, dafi das Kind noch etwas ganz anderes an Seelenkraften und
auch an Korperkraften zu entwickeln hat, als die Erwachsenen im
Wechselverkehr miteinander zu entwickeln haben. Also auf das, was
tief unten in der Seele sitzt, mufi die Erziehung und der Unterricht
eingehen konnen; sonst kommt man nicht weiter. Daher wird man
sich fragen rmissen: Was vom Unterricht und von der Erziehung wirkt
auf die Willensnatur des Menschen? - Diese Frage mufi einmal ernst-
lich in Angriff genommen werden.
Wenn Sie an das gestern Gesagte denken, werden Sie sich erinnern:
Alles Intellektuelle ist schon greisenhafter Wille, ist schon der Wille im
Alter. Also alle gewohnliche Unterweisung im verstandesmafiigen
Sinne, alle gewohnliche Ermahnung, alles, was fur die Erziehung in
Begriffe gefafit wird, wirkt in dem Alter, das fur die Erziehung in Be-
tracht kommt, noch gar nicht auf das Kind. Nun fassen wir die Sache
noch einmal zusammen, so dafi wir wissen: Gefiihl ist werdender, noch
nicht gewordener Wille; aber im Willen lebt der ganze Mensch, so
dafi man auch bei dem Kinde rechnen mufi mit den unterbewufiten
Entschlussen. Hiiten wir uns nur vor dem Glauben, dafi wir mit allem,
was wir meinen gut ausgedacht zu haben, auf den Willen des Kindes
einen Einflufi haben. Wir miissen uns daher fragen: Wie konnen wir
einen guten Einflufi auf die Gefiihlsnatur des Kindes nehmen? Das
konnen wir nur durch das, was wir einrichten als das wiederholent-
liche Tun. Nicht dadurch, dafi Sie dem Kinde einmal sagen, was rich-
tig ist, konnen Sie den Willensimpuls zur richtigen Auswirkung brin-
gen, sondern indem Sie heute und morgen und iibermorgen etwas von
dem Kinde tun lassen. Das Richtige liegt gar nicht zunachst darin,
dafi Sie darauf ausgehen, dem Kinde Ermahnungen, Sittenregeln zu
geben, sondern Sie lenken es hin auf irgend etwas, von dem Sie glau-
ben, dafi es das Gefiihl fur das Richtige im Kinde erwecken wird und
lassen dies das Kind wiederholentlich tun. Sie miissen eine solche
Handlung zur Gewohnheit erheben. Je mehr es bei der unbewufiten
Gewohnheit bleibt, um so besser ist es fur die Entwickelung des Ge-
ftihls; je mehr das Kind sich bewufk wird, die Tat aus Hingabe in der
Wiederholung zu tun, weil sie getan werden soil, weil sie getan werden
raufi, desto mehr erheben Sie dies zum wirklichen Willensimpuls. Also
mehr unbewufkes Wiederholen kultiviert das Gefiihl; vollbewufites
Wiederholen kultiviert den eigentlichen Willensimpuls, denn dadurch
wird die Entschlufikraft erhoht. Und die Entschlufikraft, die sonst nur
im Unterbewulken bleibt, wird angespornt dadurch, dafi Sie das Kind
bewufit Dinge wiederholen lassen. Wir durfen also nicht mit Bezug
auf die Willenskultur auf das sehen, was beim intellektuellen Leben von
besonderer Wichtigkeit ist. Im intellektuellen Leben rechnen wir im-
mer darauf: man bringt einem Kinde etwas bei, und es ist um so besser,
je besser es die Sache begriffen hat. Auf das einmalige Beibringen legt
man den grofSen Wert; dann soil die Sache nur behalten, gemerkt
werden. Aber was so einmal beigebracht und dann behalten werden
kann, das wirkt nicht auf Gefiihl und Wille, sondern auf Gefiihl und
Wille wirkt das, was immer wieder getan wird und was als das
durch die Verhaltnisse Gebotene fur richtig getan angesehen wird.
Die friiheren, mehr naiv patriarchalischen Erziehungsformen ha-
ben das auch naiv patriarchalisch angewendet. Es wurde einfach Le-
bensgewohnheit. In alien diesen Dingen, die so angewendet wurden,
liegt durchaus etwas auch gut Padagogisches. Warum lafit man zum
Beispiel jeden Tag dasselbe Vaterunser beten? Wenn der heutige
Mensch jeden Tag dieselbe Geschichte lesen sollte, so wurde er es gar
nicht tun, das wiirde ihm viel zu langweilig fallen. Der heutige Mensch
ist eben auf die Einmaligkeit dressiert. Die Menschen fruherer Art
haben alle noch das kennengelernt, dafi sie nicht nur dasselbe Vater-
unser taglich gebetet haben, sondern sie haben auch noch ein Buch mit
Geschichten gehabt, die sie jede Woche mindestens einmal gelesen
haben. Dadurch waren sie auch dem Willen nach starkere Menschen
als diejenigen, welche aus der heutigen Erziehung hervorgehen; denn
auf Wiederholung und bewufiter Wiederholung beruht die Willens-
kultur. Das mufi beriicksichtigt werden. Daher geniigt es nicht, in ab-
stracto zu sagen: man mufi auch den Willen erziehen. Denn man wird
dann glauben, wenn man selber gute Ideen fur die Willensausbil-
dung hat und diese durch irgendwelche raffinierte Methoden dem
Kinde beibringt, zur Ausbildung des Willens etwas beizutragen.
Das niitzt aber gar nichts in Wirklichkeit. Es werden doch nur
schwache, nervose Menschen diejenigen, welche man zur Moral er-
mahnen will. Innerlich stark werden die Menschen werden, wenn
man zum Beispiel zu den Kindern sagt: Du tust heute dies, und du
tust heute das, und ihr beide werdet morgen und ubermorgen das-
selbe tun. - Da tun sie es auf Autoritat hin, weil sie einsehen, dafi
einer in der Schule befehlen mufi. Also: einem jeden eine Art Hand-
lung fur jeden Tag zuweisen, die sie dann jeden Tag, unter Um-
standen das ganze Schuljahr hindurch, vollbringen - das ist etwas,
was auf die Willensbildung sehr stark wirkt. Das schafft erstens ei-
nen Kontakt unter den Schulern; dann starkt es die Autoritat des
Unterrichtenden und bringt die Menschen in eine wiederholentliche
Tatigkeit hinein, die stark auf den Willen wirkt.
Warum wirkt denn ganz besonders das kunstlerische Element auf
die Willensbildung? Weil das ja im Uben erstens auf Wiederholung
beruht, zweitens aber auch, weil dasjenige, was sich der Mensch
kiinstlerisch aneignet, ihm immer wieder Freude macht. Das
Kunstlerische geniefk man immer wieder, nicht nur das erste Mai.
Es hat schon in sich die Anlage, den Menschen nicht nur einmal
anzuregen, sondern ihn unmittelbar immer wieder zu erfreuen.
Und daher haben wir das, was wir im Unterricht wollen, in der
Tat zusammenhangend mit dem kunstlerischen Element. Darauf
wollen wir dann morgen weiter eingehen.
Ich wollte heute zeigen, wie auf die Willensbildung anders gewirkt
werden mufi als auf die Ausbildung des Intellektuellen.
FUNFTER VORTRAG
Stuttgart, 26. August 1919
Wir haben gestern die Wesenheit des Willens besprochen, insofern der
Wille in den menschlichen Organismus eingegliedert ist. Wir wollen
nun die Beziehungen des Willens zum Menschen, die wir kennenge-
lernt haben, fruchtbar machen fur die Anschauung der iibrigen Wesen-
heit des Menschen.
Sie werden bemerkt haben, dafi ich bei den bisherigen Besprechun-
gen der menschlichen Wesenheit hauptsachlich Riicksicht genommen
habe auf die intellektuelle, auf die Erkenntnistatigkeit auf der einen
Seite und auf die Willenstatigkeit auf der anderen Seite. Ich habe Ihnen
ja auch gezeigt, wie die Erkenntnistatigkeit im Zusammenhang steht
mit dem Nervenwesen des Menschen, wie die Willensstarke im Zusam-
menhang steht mit der Bluttatigkeit. Sie werden, wenn Sie iiber die
Sache nachdenken, sich fragen: Wie steht es denn nun mit der dritten
Seelenfahigkeit, mit der Gefuhlstatigkeit? - Die haben wir bisher noch
wenig beriicksichtigt. Aber gerade indem wir die Gefuhlstatigkeit heute
mehr ins Auge fassen, wird sich uns auch die Moglichkeit bieten, die
anderen beiden Seiten der Menschennatur, die erkennende und die
willensmafiige, intensiver zu durchdringen.
Wir miissen uns nur iiber eines noch klar werden, das ich ja in ver-
schiedenen Zusammenhangen schon erwahnt habe. Man kann nicht
die Seelenfahigkeiten so pedantisch nebeneinanderstellen: Denken,
Fiihlen, Wollen - weil in der ganzen lebendigen Seele die eine Tatig-
keit immer in die andere iibergeht.
Betrachten Sie einmal auf der einen Seite den Willen. Sie werden
sich bewufit sein konnen, dafi Sie nicht zu wollen imstande sind, was
Sie nicht durchdringen mit Vorstellung, also mit erkenntnismafiiger
Tatigkeit. Versuchen Sie in einer, wenn auch nur oberflachlichen Selbst-
besinnung, auf Ihr Wollen sich zu konzentrieren. Sie werden immer
finden: in dem Willensakt steckt immer irgendwie Vorstellen drinnen.
Sie wiirden gar nicht Mensch sein, wenn Sie in dem Willensakt nicht
Vorstellen drinnen hatten. Sie wiirden aus einer stumpfen, instinktiven
Tatigkeit heraus alles das vollziehen, was aus Ihrem Willen stromt,
wenn Sie nicht die Handlung, die aus dem Willen hervorquillt, mit
vorstellender Tatigkeit durchdringen wiirden.
Ebenso nun wie in aller Willensbetatigung das Vorstellen steckt, so
steckt in allem Denken der Wille drinnen. Wieder wird Ihnen eine,
wenn auch nur recht oberflachliche Betrachtung Ihres eigenen Selbstes
die Erkenntnis liefern, dafi Sie, indem Sie denken, immer in das Ge-
dankenbilden den Willen hineinstromen lassen. Wie Sie Gedanken sel-
ber formen, wie Sie einen Gedanken mit dem anderen verbinden, wie
Sie zu Urteil und Schlufi ubergehen, das alles ist von einer feineren
Willenstatigkeit durchstromt.
Daher konnen wir eigentlich nur sagen: Die Willenstatigkeit ist
hauptsachlich Willenstatigkeit und hat in sich die Unterstromung der
Denktatigkeit; die Denktatigkeit ist hauptsachlich Denktatigkeit und
hat in ihrer Unterstromung Willenstatigkeit. Also ein pedantisches
Nebeneinanderstellen ist schon fur die Beobachtung der einzelnen
Seelenbetatigungen nicht moglich, weil eben die eine in die andere
iiberfliefit.
Was Sie fur die Seele erkennen konnen: das Ineinanderfliefien der
Seelentatigkeiten, das sehen Sie auch ausgepragt in dem Leib, in dem
sich die Seelentatigkeit offenbart. Betrachten Sie zum Beispiel das
menschliche Auge. In das Auge hinein, wenn wir es in seiner Ganzheit
betrachten, setzen sich fort die Nerven; aber es setzen sich in das Auge
auch die Blutbahnen fort. Dadurch, dafi sich die Nerven in das mensch-
liche Auge hinein fortsetzen, stromt die Gedanken-, die Erkenntnis-
tatigkeit ins Auge ein; dadurch, dafi sich die Blutbahnen ins Auge fort-
setzen, stromt die Willensbetatigung in das Auge ein. So ist bis in die
Peripherie der Sinnesbetatigungen auch im Leibe Willensgemafies und
Vorstellungs- oder Erkenntnisgemafies miteinander verbunden. Das
ist fur alle Sinne so, ist aber auch fur alle Bewegungsglieder, die dem
Wollen dienen, eben so: in unser Wollen, in unsere Bewegungen geht
durch die Nervenbahnen das Erkenntnisgemafie und durch die Blut-
bahnen das Willensgemafie.
Nun miissen wir aber auch die besondere Art der Erkenntnistatig-
keit kennenlernen. Wir haben schon darauf hingewiesen, aber wir miis-
sen uns voll bewufk werden, was in diesem ganzen Komplex von
menschlicher Tatigkeit, der nach der Erkenntnis-, der Vorstellungs-
seite hinneigt, alles liegt. Wir haben schon gesagt: Im Erkennen, im
Vorstellen lebt eigentlich Antipathic So sonderbar es ist, alles, was
nach dem Vorstellen hinneigt, ist durchdrungen von Antipathic Sie
werden sich sagen: Ja, wenn ich etwas anschaue, so iibe ich in diesem
Anschauen doch nicht Antipathie aus! - Doch, Sie iiben sie aus! Sie
iiben Antipathie aus, indem Sie einen Gegenstand ansehen. Wiirde in
Ihrem Auge nur Nerventatigkeit sein, so wiirde Ihnen jeder Gegen-
stand, den Sie mit Ihren Augen ansehen, zum Ekel sein, er ware Ihnen
antipathisch. Nur dadurch, dafi sich in die Augentatigkeit hinein auch
die Willenstatigkeit ergiefk, die in Sympathie besteht, dadurch dafi sich
leiblich in Ihr Auge hineinerstreckt das Blutmafkge, nur dadurch wird
fur Ihr Bewufksein die Empfindung der Antipathie im sinnlichen An-
schauen ausgeloscht, und es wird durch einen Ausgleich zwischen Sym-
pathie und Antipathie der objektive, gleichgultige Akt des Sehens her-
vorgerufen. Er wird da hervorgerufen, indem Sympathie und Antipa-
thie sich ins Gleichgewicht stellen und uns dieses Ineinanderspielen von
Sympathie und Antipathie gar nicht bewufk wird.
Wenn Sie die Goethesche Farbenlehre, auf die ich in diesem Zusam-
menhang schon einmal aufmerksam gemacht habe, studieren, nament-
lich in ihrem physiologisch-didaktischen Teil, dann werden Sie sehen:
weil Goethe eingeht auf die tiefere Tatigkeit des Sehens, so kommt da-
durch fur seine Betrachtung in den Farbennuancen gleich zum Vor-
schein das Sympathische und das Antipathischc Sie brauchen nur ein
wenig hineindringen in die Tatigkeit eines Sinnesorgans, dann finden
Sie sogleich das Sympathische und das Antipathische in der Sinnes-
tatigkeit auftauchen. Es riihrt eben auch in der Sinnestatigkeit das Anti-
pathische her von dem eigentlichen Erkenntnisteil, von dem Vorstel-
lungsteil, dem Nerventeil, und das Sympathische riihrt her von dem
eigentlichen Willensteil, von dem Blutteil.
Es gibt einen bedeutungsvollen Unterschied, den ich auch schon in
den allgemeinen anthroposophischen Vortragen ofter hervorgehoben
habe, zwischen den Tieren und den Menschen mit Bezug auf die Ein-
richtung des Auges. Es ist sehr eigentumlich, daft das Tier viel mehr von
Bluttatigkeit im Auge hat als der Mensch. Bei gewissen Tieren finden
Sie sogar Organe, welche dieser Bluttatigkeit dienen, wie den «Schwert-
fortsatz» und den «Facher». Daraus konnen Sie entnehmen, dafi das
Tier viel mehr von Bluttatigkeit auch ins Auge hineinsendet - und so
ist es auch bei den iibrigen Sinnen - als der Mensch. Das heiftt, das
Tier entwickelt in seinen Sinnen viel mehr Sympathie, instinktive
Sympathie mit der Umwelt als der Mensch. Der Mensch hat in
Wirklichkeit mehr Antipathie zu der Umwelt als das Tier, aber sie
kommt im gewohnlichen Leben nicht zum Bewufttsein. Sie kommt
nur zum Bewufitsein, wenn sich das Anschauen der Umwelt steigert
bis zu dem Eindruck, auf den wir mit dem Ekel reagieren. Das ist
nur ein gesteigerter Eindruck alles sinnlichen Wahrnehmens: Sie rea-
gieren mit dem Ekel auf den aufieren Eindruck. Wenn Sie an einen
Ort gehen, der libel riecht, und Sie empfinden in der Sphare dieses
Ubelriechens Ekel, so ist dieses Ekelempfinden nichts anderes als eine
Steigerung desjenigen, was bei jeder Sinnestatigkeit stattfindet, nur
bleibt die Begleitung der Empfindung durch den Ekel in der gewohn-
lichen Sinnesempfindung unter der Bewufitseinsschwelle liegend.
Wenn wir Menschen aber nicht mehr Antipathie hatten zu unserer
Umgebung als das Tier, so wiirden wir uns nicht so stark absondern
von unserer Umgebung, als wir uns tatsachlich absondern. Das Tier
hat viel mehr Sympathie mit der Umgebung, ist daher viel mehr
mit der Umgebung zusammengewachsen, und es ist deshalb auch viel
mehr angewiesen auf die Abhangigkeit vom Klima, von den Jahres-
zeiten und so weiter als der Mensch. Weil der Mensch viel mehr
Antipathie hat gegen die Umgebung, deshalb ist er eine Personlich-
keit. Der Umstand, dafi wir uns durch unsere unter der Schwelle
des Bewufitseins liegende Antipathie absondern konnen von der
Umgebung, diese Tatsache bewirkt unser gesondertes Persdnlichkeits-
bewufksein.
Damit aber haben wir auf etwas hingewiesen, was zur ganzen Auf-
fassung des Menschen ein sehr Wesentliches beitragt. Wir haben gese-
hen, wie in der Erkenntnis- oder Vorstellungstatigkeit zusammenflie-
fien: Denken - Nerventatigkeit, leiblich ausgedriickt; und Wollen -
Bluttatigkeit, leiblich ausgedriickt.
So aber fliefien auch zusammen in der Willensbetatigung vorstel-
lende und eigentliche Willenstatigkeit. Wir entwickeln immer, wenn
wir irgend etwas wollen, Sympathie mit dem Gewollten. Aber es
wiirde immer ein ganz instinktives Wollen bleiben, wenn wir uns nicht
auch durch eine in die Sympathie des Wollens hineingeschickte Anti-
pathie absondern konnten als Personlichkeit von der Tat, von dem Ge-
wollten. Nur iiberwiegt jetzt eben durchaus die Sympathie zu dem Ge-
wollten, und es wird nur ein Ausgleich mit dieser Sympathie dadurch
geschaffen, daft wir auch die Antipathie hineinschicken. Dadurch bleibt
aber die Sympathie als solche unter der Schwelle des Bewuikseins lie-
gend, es dringt nur etwas von dieser Sympathie ein in das Gewollte. In
den ja nicht sehr zahlreichen Handlungen, die wir nicht blofi aus Ver-
nunft vollbringen, sondern die wir in wirklicher Begeisterung, in Hin-
gabe, in Liebe ausfiihren, da iiberwiegt die Sympathie so stark im Wol-
len, daft sie auch hinaufdringt iiber die Schwelle unseres Bewufttseins
und unser Wollen selber uns durchtrankt erscheint von Sympathie,
wahrend es uns sonst als ein Objektives verbindet mit der Umwelt, sich
uns so offenbart. Geradeso wie uns nur ausnahmsweise, nicht immer,
unsere Antipathie mit der Umwelt ins Bewufttsein kommen darf im
Erkennen, so darf uns unsere immer vorhandene Sympathie mit der
Umwelt nur in Ausnahmefallen, in Fallen der Begeisterung, der hinge-
benden Liebe, zum Bewufttsein kommen. Sonst wiirden wir alles instink-
tiv ausfiihren. Wir wiirden uns niemals in das, was objektiv, zum Beispiel
im sozialen Leben, die Welt von uns fordert, eingliedern konnen. Wir
miissen gerade das Wollen denkend durchdringen, damit dieses Wollen
uns eingliedert in die Gesamtmenschheit und in den Weltenprozeft als
solchen.
Sie werden sich das, was dabei geschieht, vielleicht klarmachen kon-
nen, wenn Sie bedenken, welche Verheerungen es in der menschlichen
Seele eigentlich anrichten wiirde, wenn im gewohnlichen Leben diese
ganze Sache, von der ich jetzt gesprochen habe, bewuftt ware. Wenn
diese Sache im gewohnlichen Leben fortwahrend in der menschlichen
Seele bewuftt ware, dann ware dem Menschen ein gut Stuck Antipathie
bewuftt, das bei alien seinen Handlungen begleitend ware. Das ware
furchtbar! Der Mensch ginge dann durch die Welt und fiihlte sich
fortwahrend in einer Atmosphare von Antipathic Das ist weise einge-
richtet in der Welt, dafi diese Antipathie als eine Kraft zwar notwendig
ist zu unserem Handeln, daft wir uns ihrer aber nicht bewuik werden,
dafi sie unter der Schwelle des Bewufkseins bleibt.
Nun schauen Sie da, ich mochte sagen, in ein merkwiirdiges Myste-
rium der menschlichen Natur hinein, in ein Mysterium, das eigentlich
jeder bessere Mensch empfindet, das aber der Erzieher und Unterrichter
sich ganz zum Bewufitsein bringen sollte. Wir handeln ja, indem wir
zuerst Kinder werden, mehr oder weniger aus blofier Sympathie. So
sonderbar es klingt: aber alles, was das Kind tut und tobt, ist aus Sym-
pathie zu dem Tun und Toben vollbracht. Wenn die Sympathie geboren
wird in der Welt, so ist sie starke Liebe, starkes Wollen. Aber sie kann
nicht so bleiben, sie muE durchdrungen werden vom Vorstellen, sie muE
gewissermafien fortwahrend erhellt werden vom Vorstellen. Das ge-
schieht in umfassender Weise, indem wir eingliedern in unsere blofien
Instinkte die Ideale, die moralischen Ideale. Und jetzt werden Sie bes-
ser begreifen konnen, was eigentlich auf diesem Gebiete die Antipathie
bedeutet. Blieben uns die Instinktimpulse, die wir in dem kleinen Kinde
bemerken, durch das ganze Leben nur sympathisch, wie sie dem Kinde
sympathisch sind, so wiirden wir uns unter dem Einflufi unserer In-
stinkte animalisch entwickeln. Diese Instinkte miissen uns antipathisch
werden, wir miissen Antipathie in sie hineingieften. Dann, wenn wir
Antipathie in sie hineingiefien, tun wir das durch unsere moralischen
Ideale, denen die Instinkte antipathisch sind und die zunachst fur un-
ser Leben zwischen Geburt und Tod Antipathie in die kindliche Sym-
pathie der Instinkte hineinsetzen. Daher ist moralische Entwickelung
immer etwas Asketisches. Es mufi nur dieses Asketische im richtigen
Sinne gefafit werden. Es ist immer ein Uben in der Bekampfung des
Animalischen.
Das alles soli uns lehren, in wie hohem Grade Wollen nicht nur
Wollen in der praktischen Betatigung des Menschen ist, sondern in-
wiefern Wollen durchaus auch von Vorstellen, von erkennender Tatig-
keit durchdrungen ist.
Nun steht zwischen Erkennen, Denken und Wollen mitten drinnen
die menschliche Gefuhlstatigkeit. Wenn Sie sich das vorstellen, was ich
jetzt als Wollen und Denken entwickelt habe, so konnen Sie sich sagen:
Von einer gewissen mittleren Grenze stromt auf der einen Seite alles
das aus, was Sympathie ist: Wollen; auf der anderen Seite stromt aus
alles, was Antipathie ist: Denken. Aber die Sympathie des Wollens
wirkt auch zuriick in das Denken hinein, und die Antipathie des Den-
kens wirkt auch in das Wollen hinein. Und so wird der Mensch ein
Ganzes, indem das, was sich auf der einen Seite hauptsachlich ent-
wickelt, auch in die andere Seite hineinwirkt. Zwischendrinnen nun,
zwischen Denken und Wollen, liegt das Fiihlen, so dafi das Fiihlen
nach der einen Richtung hin verwandt ist mit dem Denken, nach der
anderen Richtung hin mit dem Wollen. Wie Sie schon in der ganzen
menschlichen Seele nicht streng auseinanderhalten konnen erkennende
oder denkerische Tatigkeit und Willenstatigkeit, so konnen Sie noch
weniger auseinanderhalten im Fiihlen das denkerische Element von
dem Willenselement. Im Fiihlen fliefien ganz stark ineinander Wil-
lenselemente und Denkelemente.
WoU en
. Antipathie I Sympathie w
Denken
Auch hier konnen Sie wieder durch die blofie Selbstbeobachtung,
wenn Sie diese auch nur oberflachlich ausiiben, sich von der Richtig-
keit des eben Gesagten iiberzeugen. Schon was ich bis jetzt gesagt habe,
fiihrt Sie auf die Anschauung von dieser Richtigkeit, denn ich sagte
Ihnen: Das Wollen, das im gewohnlichen Leben objektiv verlauft, stei-
gert sich bis zur Tatigkeit aus Enthusiasmus, aus Liebe heraus. Da sehen
Sie ganz deutlich ein sonst von der Notwendigkeit des aufieren Lebens
hervorgebrachtes Wollen durchstromt vom Fiihlen. Wenn Sie etwas
Enthusiastisches oder Liebevolles tun, so tun Sie das, was aus dem
Willen fliefk, indem Sie es durchdrungen sein lassen von einem subjek-
tiven Gefuhl. Aber auch bei der Sinnestatigkeit konnen Sie sehen,
wenn Sie genauer zusehen - eben durch die Goethesche Farbenlehre -
wie sich in die Sinnestatigkeit hineinmischt das Fiihlen. Und wenn sich
die Sinnestatigkeit bis zum Ekel steigert oder auf der anderen Seite
bis zum Einsaugen des angenehmen Blumenduftes, so haben Sie auch
dabei die Gefiihlstatigkeit in die Sinnestatigkeit ohne weiteres iiber-
fliefiend.
Aber auch in die Denktatigkeit fliefit die Gefiihlstatigkeit hinein.
Es war einmal ein, aufterlich wenigstens, sehr bemerkenswerter philo-
sophischer Streit - es gab ja in der Geschichte der Weltanschauungen
viele philosophische Streitigkeiten - zwischen dem Psychologen Franz
Brentano und dem Logiker Sigwart in Heidelberg. Die beiden Herren
stritten miteinander iiber das, was in der Urteilstatigkeit des Menschen
liegt. Sigwart meinte: Wenn der Mensch urteilt - sagen wir, er fallt
das Urteil: Der Mensch soli gut sein -, so sprache in einem solchen Ur-
teil immer ein Gefuhl mit; die Entscheidung trifft das Gefuhl. - Bren-
tano meinte: Urteilstatigkeit und Gefiihlstatigkeit, die in Gemiitsbe-
wegungen bestehen, seien so verschieden, dafi die Urteilsfunktion, die
Urteilsbetatigung gar nicht begriffen werden konnte, wenn man nur
glaube, das Gefuhl spiele da hinein. Er meinte, dadurch kame etwas
Subjektives in das Urteil hinein, wahrend doch unser Urteil objektiv
sein wolle.
Ein solcher Streit zeigt dem Einsichtigen nur, dafi weder die Psycho-
logen noch die Logiker auf das gekommen sind, worauf sie kommen
sollten - auf das Ineinanderfliefien der Seelentatigkeiten. Bedenken Sie,
was hier wirklich beobachtet werden mufi. Wir haben auf der einen
Seite die Urteilsfahigkeit, die natiirlich entscheiden mufi iiber etwas
ganz Objektives. Dafi der Mensch gut sein mufi, darf nicht von unse-
rem subjektiven Gefuhl abhangen. Also der Inhalt des Urteils mufi
objektiv sein. Aber wenn wir urteilen, kommt ja noch etwas ganz an-
deres in Betracht. Die Dinge, die objektiv richtig sind, sind ja deshalb
noch nicht bewufk in unserer Seele. Wir mussen sie erst bewufk in
unsere Seele hereinbekommen. Und bewufit bekommen wir kein Urteil
in unsere Seele herein, ohne dafi die Gefiihlstatigkeit mitwirkt. Daher
mussen wir sagen, Brentano und Sigwart hatten sich dahin einigen miis-
sen, dafi sie beide gesagt hatten: Ja, der objektive Inhalt des Urteils stent
aufierhalb der Gefiihlstatigkeit fest; damit aber in der subjektiven Men-
schenseele die Uberzeugung von der Richtigkeit des Urteils zustande
komme, mufi die Gefiihlstatigkeit sich entwickeln.
Sie sehen daraus, wie schwer es ist bei der ungenauen Art der philo-
sophischen Betrachtungen, wie sie gegenwartig gepflogen werden, iiber-
haupt zu genauen Begriffen zu kommen. Zu solchen genauen Begriffen
mufi man sich ja erst erheben, und es gibt heute keine andere Erzie-
hung zu genauen Begriffen als die durch Geisteswissenschaft. Die
auftere Wissenschaft meint, sie habe genaue Begriffe, und sie ergeht
sich sehr hochnasig iiber das, was anthroposophisch orientierte Geistes-
wissenschaft liefert, weil sie keine Ahnung hat, da$ die von dieser
Seite gelieferten Begriffe gegemiber den heute gebrauchlichen viel ge-
nauer und exakter sind, weil sie aus der Wirklichkeit hergeholt sind,
nicht aus dem blofien Spiel mit den Worten.
Indem Sie so das gefuhlsmafiige Element nach der einen Seite ver-
folgen in dem Erkennenden, in dem Vorstellenden, und auf der ande-
ren Seite in dem Willensgemafien, werden Sie sich sagen: Das Gefuhl
steht als die mittlere Seelenbetatigung zwischen Erkennen und Wol-
len drinnen und strahlt seine Wesenheit nach den beiden Richtungen
aus. - Gefuhl ist sowohl noch nicht ganz gewordene Erkenntnis, wie
noch nicht ganz gewordener Wille, zuriickgehaltene Erkenntnis und
zuriickgehaltener Wille. Daher auch ist das Fiihlen zusammengesetzt
aus Sympathie und Antipathie, die sich nur verstecken, wie Sie gesehen
haben, sowohl im Erkennen wie im Wollen. Beide, Sympathie und
Antipathie, sind im Erkennen und Wollen vorhanden, indem leiblich
Nerventatigkeit und Bluttatigkeit zusammenwirken, aber sie verstek-
ken sich. Im Fiihlen werden sie offenbar.
Wie schauen denn daher die leiblichen Offenbarungen des Fiihlens
aus? Sie werden ja im menschlichen Leibe uberall finden, wie die Blut-
bahnen mit den Nervenbahnen in irgendeiner Weise sich beruhren.
Und uberall dort, wo Blutbahnen mit Nervenbahnen sich beruhren,
entsteht eigentlich Gefuhl. Nur ist, in den Sinnen zum Beispiel, sowohl
der Nerv wie das Blut so verfeinert, dafi wir nicht mehr das Gefuhl
spiiren. Von einem leisen Gefuhl ist all unser Sehen und Horen durch-
zogen, aber wir spiiren es nicht; wir spiiren es urn so weniger, als das
Sinnesorgan abgegrenzt, abgetrennt ist von dem iibrigen Leib. Beim
Sehen, bei der Augentatigkeit, spiiren wir das gefuhlsmafiige Sym-
pathisieren und Antipathisieren fast gar nicht, weil das Auge, in der
Knochenrundung eingebettet, fast ganz vom iibrigen Organismus ab-
gesondert ist. Und sehr verfeinert sind die Nerven, die sich ins Auge
hineinerstrecken und auch die Blutbahnen, die sich ins Auge hineiner-
strecken. Es ist das gefuhlsmafiige Empfinden im Auge sehr unter-
driickt. - Weniger unterdriickt ist das Gefiihlsma&ge beim Sinn des
Horens. Das Horen steht viel mehr als das Schauen mit der Gesamt-
tatigkeit des Organismus in einem organischen Zusammenhang. Indem
sich zahlreiche Organe im Ohre befinden, die ganz andersgeartet sind
als die Organe des Auges, ist das Ohr in vieler Beziehung ein getreues
Abbild desjenigen, was im ganzen Organismus vor sich geht. Daher
wird das, was im Ohr als Sinnestatigkeit vor sich geht, sehr stark be-
gleitet von Gefuhlstatigkeit. Und hier wird es selbst Menschen, die sich
gut auf das verstehen, was gehort wird, schwer, wirklich zur Klarheit
zu kommen, was im Gehorten, besonders beim kiinstlerisch Gehorten,
bloftes Erkennen und was Gefiihlsmafiiges ist. Darauf beruht eine sehr
interessante Erscheinung der neueren Zeit, die auch in die unmittel-
bare kunstlerische Produktion hineingespielt hat.
Sie kennen alle in Richard Wagners «Meistersinger» die Figur des
Beckmesser. Was sollte Beckmesser eigentlich darstellen? Er sollte dar-
stellen einen musikalisch Auffassenden, der ganz vergifk, wie auch das
gefuhlsmafSige Element des ganzen Menschen in das Erkenntnismafiige
der Gehortatigkeit hineinwirkt. Wagner, der seine eigene Auffassung
in dem Walter dargestellt hat, war wiederum ganz einseitig davon
durchdrungen, dafi hauptsachlich das Gefuhlsmafiige im Musikalischen
leben miisse. Was da im Walter und im Beckmesser aus einer mifiver-
standlichen Auffassung - ich meine: bei beiden mifiverstandlichen
Auffassung - sich gegeniibergestellt wird, im Gegensatz zu der rich-
tigen Auffassung, wie Gefuhlsmafiiges und Erkenntnismafiiges im mu-
sikalischen Horen zusammenwirken, das kam in einer historischen Er-
scheinung dadurch zum Ausdruck, da$ die Wagnersche Kunst bei ihrem
Auftreten, namentlich aber bei ihrem Bekanntwerden einen Gegner
fand in der Person von Eduard Hanslick in Wien, der alles, was in der
Gefuhlssphare aufstromt in der Wagnerschen Kunst, als unmusikalisch
ansah. Es gibt vielleicht wenig psychologisch so interessante Schrif-
ten auf dem Gebiete des Kiinstlerischen wie die «Vom Musikalisch-
Sch6nen» von Eduard Hanslick. Darin wird hauptsachlich ausgefiihrt,
dafi der kein wahrer Musiker ist, keinen wahren musikalischen Sinn
hat, der alles vom Gefuhlsmafiigen in der Musik herholen mochte, son-
dern nur derjenige, der in der objektiven Verbindung von Ton zu Ton
den eigentlichen Nerv des Musikalischen sieht, in der alles Gefiihls-
maflige entbehrenden Arabeske, die sich zusammenfugt von Ton zu
Ton. Mit einer wunderbaren Reinlichkeit wird da die Forderung, dafi
das hochste Musikalische nur im Tonbilde, in der Tonarabeske bestehen
darf, ausgefiihrt in dem Buche «Vom Musikalisch-Sch6nen» von
Eduard Hanslick, und es wird aller mogliche Spott iiber das ergossen,
was gerade den Nerv des Wagnertums ausmacht als das Schaffen des
Tonlichen aus dem Gefiihlselemente heraus. Dafi iiberhaupt ein solcher
Streit wie der zwischen Hanslick und Wagner auftreten konnte auf
dem Gebiete des Musikalischen, das bezeugt eben, dafi psychologisch
die Ideen iiber die Seelenbetatigungen in der neueren Zeit durchaus im
unklaren waren, sonst hatte gar nicht eine solch einseitige Neigung, wie
sie bei Hanslick hervortrat, entstehen konnen. Durchschaut man aber
das Einseitige und gibt man sich dann hin den philosophisch starken
Auseinandersetzungen von Hanslick, dann wird man sagen: das Bii-
chelchen «Vom Musikalisch-Sch6nen» ist ein sehr geistreiches.
Sie sehen daraus, dafi bei dem einen Sinne mehr, bei dem anderen
weniger von dem ganzen Menschen, der zunachst als Gefuhlswesen
lebt, in die Peripherie hineindringt, erkenntnismafiig.
Das wird und raufi auch Sie gerade zum Behufe padagogischer Ein-
sicht auf etwas aufmerksam machen, was eine grofie Verheerung im
wissenschaftlichen Denken der Gegenwart anrichtet. Hatten wir hier
nicht vorbereitend gesprochen und sprachen wir nicht vorbereitend
iiber das, was Sie hiniiberleiten soli zu einer reformatorischen Tatigkeit,
so miilken Sie aus den jetzigen vorhandenen Padagogiken, aus den be-
stehenden Psychologien und Logiken und aus den Erziehungspraktiken
sich das zusammensetzen, was Sie in Ihrer Schultatigkeit ausiiben wol-
len. Sie mtiftten das, was auften iiblich geworden ist, in die Schultatig-
keit hineintragen. Nun leidet aber das, was heute iiblich geworden ist,
von vornherein an einem groften Ubelstand schon mit Bezug auf die
Psychologic Sie finden ja in jeder Psychologie zunachst eine soge-
nannte Sinneslehre. Indem man untersucht, worauf die Sinnestatig-
keit beruht, gewinnt man die Sinnestatigkeit des Auges, des Ohres, der
Nase und so weiter. Man fafit alles in einer groften Abstraktion «Sin-
nestatigkeit» zusammen. Das ist ein grofter Fehler, ist ein betrachtlicher
Irrtum. Denn nehmen Sie nur diejenigen Sinne, die zunachst dem heu-
tigen Physiologen oder Psychologen bekannt sind, so werden Sie, wenn
Sie zunachst nur auf das Leibliche sehen, beobachten konnen, daft
eigentlich der Sinn des Auges etwas ganz anderes ist als der Sinn des
Ohres. Auge und Ohr sind zwei ganz verschiedene Wesen. Und dann
erst die Organisation des Tastsinnes, die uberhaupt noch gar nicht er-
forscht ist, auch nicht in nur so befriedigender Weise, wie es beim
Auge und Ohr der Fall ist! Aber bleiben wir beim Auge und Ohr ste-
hen. Sie sind zwei ganz verschiedene Tatigkeiten, so daft die Zusam-
menfassung des Sehens und Horens in eine «allgemeine Sinnestatig-
keit» eine graue Theorie ist. Man miiftte, wollte man richtig hier zu
Werke gehen, mit einem konkreten Anschauungsvermogen zunachst
uberhaupt nur sprechen von der Betatigung des Auges, von der Betati-
gung des Ohres, von der Betatigung des Geruchsorgans und so weiter.
Dann wiirde man eine so grofte Verschiedenheit finden, daft einem die
Lust verginge, eine allgemeine Sinnesphysiologie, wie sie die heutigen
Psychologien haben, aufzustellen.
Man kommt in der Betrachtung der menschlichen Seele nur zu einer
Einsicht, wenn man auf dem Gebiete stehenbleibt, das ich zu begrenzen
versuchte in meinen Auseinandersetzungen sowohl in «Wahrheit und
Wissenschaft» wie in der «Philosophie der Freiheit». Dann kann man
von der einheitlichen Seele sprechen, ohne daft man dabei in Abstrak-
tionen verfallt. Denn da steht man auf einem sicheren Boden; da geht
man davon aus, daft der Mensch sich in die Welt hineinlebt und nicht
die ganze Wirklichkeit hat. Sie konnen das in «Wahrheit und Wissen-
schaft» und in der «Philosophie der Freiheit» nachlesen. Der Mensch
hat anfangs nicht die ganze Wirklichkeit. Er entwickelt sich erst weiter,
und im Weiterentwickeln wird ihm das, was vorher noch nicht Wirklich-
keit ist, durch das Ineinandergehen von Denken und Anschauung erst
zur wahren Wirklichkeit. Der Mensch erobert sich erst die Wirklichkeit.
In dieser Beziehung hat der Kantianismus, der sich in alles eingefressen
hat, die furchtbarsten Verheerungen angerichtet. Was tut denn der Kan-
tianismus ? Er sagt von vornherein dogmatisch: Die Welt, die uns umgibt,
haben wir zunachst anzuschauen, und in uns lebt eigentlich nur das
Spiegelbild von dieser Welt. So kommt er zu alien seinen anderen Deduk-
tionen. Kant ist sich nicht im klaren dariiber, was in der wahrgenomme-
nen Umgebung des Menschen ist. Denn die Wirklichkeit ist nicht in
der Umgebung, ist auch nicht in der Erscheinung, sondern es ist so,
dafi die Wirklichkeit erst nach und nach auftaucht durch unser Erobern
dieser Wirklichkeit, so daft das Letzte, was an uns herantritt, die Wirk-
lichkeit erst ist. Im Grunde genommen ware das die richtige Wirklich-
keit, was der Mensch in dem Augenblicke erschaut, wo er sich nicht
mehr aussprechen kann, in jenem Augenblicke namlich, wo er durch
die Pforte des Todes geht.
Es sind sehr viele falsche Elemente eingeflossen in die neuere Geistes-
kultur, und das wirkt am einschneidensten auf dem Gebiete der Padago-
gik. Daher mussen wir bestrebt sein, an die Stelle der falschen Begriffe
die richtigen zu setzen. Dann werden wir das, was wir fur den Unterricht
zu tun haben, auch in der richtigen Weise ausiiben konnen.
SECHSTER VORTRAG
Stuttgart, 27. August 1919
Wir haben bisher versucht, den Menschen zu begreifen, insofern uns
dieses Begreifen fur die Erziehung des Kindes notwendig ist, vom see-
lischen Standpunkte aus. Wir werden ja die drei Standpunkte aus-
einanderhalten miissen - den geistigen, den seelischen und den physi-
schen Standpunkt - und werden, um eine vollstandige Anthropologic
zu bekommen, von jedem dieser Standpunkte aus den Menschen be-
trachten. Es liegt am nachsten, die seelische Betrachtung zu vollziehen,
weil dem Menschen im gewohnlichen Leben eben das Seelische am
nachsten liegt. Und Sie werden auch empfunden haben, dafi wir, indem
wir zu diesem Begreifen des Menschen als Hauptbegriffe verwendet
haben Antipathie und Sympathie, damit auf das Seelische hingezielt
haben. Es wird sich fur uns nicht entsprechend erweisen, wenn wir vom
Seelischen gleich auf das Leibliche iibergehen, denn wir wissen aus un-
seren geisteswissenschaftlichen Betrachtungen heraus, daft das Leib-
liche nur gefalk werden kann, wenn es als eine Offenbarung des Gei-
stigen und auch des Seelischen aufgefafk wird. Daher werden wir zu
der seelischen Betrachtung, die wir in allgemeinen Linien skizziert ha-
ben, jetzt hinzufiigen eine Betrachtung des Menschen vom geistigen
Gesichtspunkte aus, und wir werden dann erst auf die eigentliche, jetzt
so genannte Anthropologic, auf die Betrachtung des Menschenwesens,
wie es sich in der aufieren physischen Welt zeigt, naher eingehen.
Wenn Sie von irgendeinem Gesichtspunkt aus den Menschen zweck-
mafiig betrachten wollen, so miissen Sie immer wieder und wieder zu-
riickgehen auf die Gliederung der menschlichen Seelentatigkeiten in
Erkennen, das im Denken verlauft, in Fiihlen und in Wollen. Wir ha-
ben bis jetzt Denken oder Erkennen, Fuhlen und Wollen in die Atmo-
sphare von Antipathie und Sympathie geriickt. Wir wollen jetzt ein-
mal eben vom geistigen Gesichtspunkte aus Wollen, Fuhlen und Er-
kennen ins Auge fassen.
Sie werden auch vom geistigen Gesichtspunkte aus einen Unter-
schied finden zwischen Wollen, Fuhlen und denkendem Erkennen. Be-
trachten Sie nur das Folgende. Indem Sie denkend erkennen, miissen
Sie empfinden - wenn ich mich zunachst bildlich ausdriicken darf,
aber das Bildliche wird uns zu Begriffen verhelfen -, dafi Sie gewisser-
mafSen im Lichte leben. Sie erkennen und fiihlen sich ganz drinnen mit
Ihrem Ich in dieser Tatigkeit des Erkennens. Gewissermafien jeder Teil,
jedes Glied derjenigen Tatigkeit, die Sie Erkennen nennen, ist drinnen
in alledem, was Ihr Ich tut; und wieder: was Ihr Ich tut, ist drinnen
in der Tatigkeit des Erkennens. Sie sind ganz im Hellen, Sie leben in ei-
ner vollbewufiten Tatigkeit, wenn ich mich begrifflich ausdriicken darf.
Es ware auch schlimm, wenn Sie beim Erkennen nicht in einer vollbe-
wufiten Tatigkeit waren. Denken Sie einmal, wenn Sie das Geftihl ha-
ben miifiten: wahrend Sie ein Urteil fallen, geht mit Ihrem Ich irgend-
wo im Unterbewufiten etwas vor, und das Ergebnis dieses Vorganges
sei das Urteil! Nehmen Sie an, Sie sagen: Dieser Mensch ist ein guter
Mensch - fallen also ein Urteil. Sie miissen sich bewufk sein, dafi das,
was Sie brauchen, um dieses Urteil zu fallen - das Subjekt «der
Mensch», das Pradikat «er ist ein guter» -, Glieder sind eines Vor-
ganges, der Ihnen ganz gegenwartig ist, der fur Sie ganz vom Lichte
des Bewufitseins durchzogen ist. Miilken Sie annehmen, irgendein Da-
mon oder ein Mechanismus der Natur knauele zusammen den «Men-
schen» mit dem «Gutsein», wahrend Sie das Urteil fallen, dann waren
Sie nicht vollbewufit in diesem erkennenden Denkakt drinnen, und
Sie waren immer mit etwas vom Urteil im Unbewulken. Das ist das
Wesentliche beim denkenden Erkennen, dafi Sie in dem ganzen We-
ben der Tatigkeit beim denkenden Erkennen mit Ihrem vollen Bewufit-
sein drinnenstecken.
Nicht so ist es beim Wollen. Sie wissen ganz gut, wenn Sie das ein-
fachste Wollen, das Gehen, entwickeln, so leben Sie eigentlich voll-
bewufit nur in der Vorstellung von diesem Gehen. Was innerhalb Ihrer
Muskeln sich vollzieht, wahrend Sie ein Bein nach dem anderen vor-
warts bewegen, was da im Mechanismus und Organismus Ihres Leibes
vorgeht, von dem wissen Sie nichts. Denken Sie nur, was Sie alles zu
lernen haben wiirden von der Welt, wenn Sie alle die Vorrichtungen
bewufit vollziehen miifiten, welche beim Wollen des Gehens notwendig
sind! Sie miilken dann genau wissen, wieviel von den Tatigkeiten,
welche die Nahrungsstoffe in den Muskeln Ihrer Beine und in den an-
deren Korpermuskeln hervorrufen, verbraucht wird, wahrend Sie sich
anstrengen, zu gehen. Sie haben das nie ausgerechnet, wieviel Sie von
dem verbrauchen, was Ihnen die Nahrung zufiihrt. Sie wissen ganz gut:
Das alles geschieht in Ihrer Korperlichkeit sehr, sehr unbewulk. In-
dem wir wollen, mischt sich fortwahrend in unsere Tatigkeit ein tiefes
Unbewufites hinein. Das ist nicht etwa blofi so, wenn wir das Wesen
des Wollens an unserem eigenen Organismus betrachten. Auch was wir
vollbringen, wenn wir unser Wollen auf die auftere Welt erstrecken,
auch das umfassen wir keineswegs vollstandig mit dem Lichte des Be-
wufitseins.
Nehmen Sie an, Sie haben zwei saulenartige Pflocke. Sie nehmen
sich vor, Sie legen einen dritten Pflock quer dariiber. Unterscheiden
Sie jetzt genau, was in alledem, was Sie da getan haben, als vollbe-
wufite erkennende Tatigkeit lebt, von dem, was in Ihrer vollbewufiten
Tatigkeit lebt, wenn Sie das Urteil fallen: Ein Mensch ist gut -, wo Sie
mit Ihrem Erkennen ganz drinnenstecken. Unterscheiden Sie bitte, was
darin als erkennende Tatigkeit lebt, von dem, wovon Sie nichts wissen,
trotzdem Sie es mit Ihrem vollen Willen zu tun hatten: Warum stiitzen
diese zwei Saulen durch gewisse Krafte diesen dariiberliegenden Bal-
ken? Dafiir hat ja die Physik bis heute nur Hypothesen. Und wenn die
Menschen glauben, daft sie wissen, warum die beiden Pflocke den Bal-
ken tragen, so bilden sie es sich nur ein. Alles, was man hat als Begriffe
der Kohasion, der Adhasion, der Anziehungs- und Abstofiungskraft,
sind im Grunde genommen fur das auftere Wissen nur Hypothesen.
Wir rechnen mit diesen aufieren Hypothesen, indem wir handeln; wir
rechnen damit, daft die beiden Pflocke, die den Balken tragen sollen,
nicht zusammenknicken werden, wenn sie eine gewisse Dicke haben.
Aber durchschauen konnen wir den ganzen Vorgang, der damit zu-
sammenhangt, nicht, geradesowenig wie wir unsere Beinbewegungen
durchschauen konnen, wenn wir vorwarts streben. So mischt sich auch
hier in unser Wollen ein nicht in unser Bewufitsein hineinreichendes
Element hinein. Das Wollen hat im weitesten Umfange ein Unbewuft-
tes in sich.
Und das Fiihlen steht zwischen Wollen und denkendem Erkennen
mitten drinnen. Beim Fiihlen ist es auch so, daft es zum Teil von Be-
wufttsein durchzogen wird, zum Teil von einem Unbewuftten. Das
Fiihlen nimmt auch in dieser Weise teil an der Eigenschaft eines erken-
nenden Denkens, auf der anderen Seite an der Eigenschaft eines fiih-
lenden oder gefiihlten Wollens. Was liegt denn nun da eigentlich vom
geistigen Gesichtspunkte aus vor?
Sie kommen nur zurecht, wenn Sie sich vom geistigen Gesichts-
punkte aus die oben charakterisierten Tatsachen in der folgenden Art
zum Begreifen bringen. Wir reden in unserem gewohnlichen Leben
vom Wachen, von dem wachen Bewufttseinszustande. Aber wir haben
diesen wachen Bewufttseinszustand nur in der Tatigkeit des erkennen-
den Denkens. Wenn Sie also ganz genau davon reden wollen, inwie-
fern der Mensch wacht, so miissen Sie sagen: Wirklich wachend ist
der Mensch nur, solange und insofern er ein denkender Erkenner von
irgend etwas ist.
Wie steht es nun mit dem Wollen? Sie kennen alle den Bewufttseins-
zustand - nennen Sie es meinetwillen auch Bewufttseinslosigkeitszu-
stand - des Schlafes. Sie wissen, wahrend wir schlafen, vom Einschla-
fen bis zum Aufwachen, ist das, was wir erleben, nicht in unserem
Bewufitsein drinnen. Geradeso ist es aber auch mit alledem, was als
Unbewufites unser Wollen durchzieht. Insofern wir wollende Wesen
sind als Menschen, schlafen wir, auch wenn wir wachen. Wir tragen
immer mit uns einen schlafenden Menschen, namlich den wollenden
Menschen, und begleiten ihn mit dem wachenden, mit dem denkend
erkennenden Menschen; wir sind, insofern wir wollende Wesen sind,
auch vom Aufwachen bis zum Einschlafen schlafend. Es schlaft immer
etwas in uns mit, namlich die innere Wesenheit des Wollens. Der sind
wir uns nicht starker bewufit, als wir uns derjenigen Vorgange bewufk
sind, die sich mit uns abspielen wahrend des Schlafes. Man erkennt
den Menschen nicht vollstandig, wenn man nicht weift, dafi das Schla-
fen in sein Wachen hereinspielt, indem der Mensch ein Wollender ist.
Das Fiihlen steht in der Mitte, und wir diirfen uns jetzt fragen: Wie
ist das Bewufttsein im Fiihlen? - Das steht nun auch in der Mitte zwi-
schen Wachen und Schlafen. G
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