Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GES AMTAUSGABE 

VORTRAGE 

vortrAge uber erziehung 



RUDOLF STEINER 



Vortrage und Kurse, gehalten fiir die Lehrer 
der Freien Waldorfschule in Stuttgart 



I 

ALLGEMEINE MENSCHENKUNDE 
ALS GRUNDLAGE DER PADAGOGIK 
Vierzehn Vortrage (GA 293) 

II 

ERZIEHUNGSKUNST 
METHODISCH-DIDAKTISCHES 
Vierzehn Vortrage (GA 294) 

III 

ERZIEHUNGSKUNST. SEMIN ARBESPRECHUNGEN 
UND LEHRPLANVORTRAGE 
(GA 295) 

Schulungskurs in drei Teilen, gehalten im August/September 1919 
anlafilich der Begriindung der Freien Waldorfschule 



MENSCHENERKENNTNIS 
UND UNTERRICHTSGESTALTUNG 
Acht Vortrage, gehalten vom 12. bis 19. Juni 1921 

(GA 302) 

ERZIEHUNG UND UNTERRICHT 
AUS MENSCHENERKENNTNIS 
Neun Vortrage aus den Jahren 1920, 1922 und 1923 

(GA 302 a) 



RUDOLF STEINER 



Allgemeine Menschenkund 
als Grundlage der Padagogi 

Vierzehn Vortrage, gehalten in Stuttgart 
vom 21. August bis 5. September 1919 
und eine Ansprache vom 20. August 1919 

Schulungskurs fur Lehrer anlaftlich der 
Begriindung der Freien Waldorfschule in Stuttgart 

Teill 



1992 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen stenografischen Mitschriften 
und Horernotizen herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgten Martina Sam und Walter Kugler 



9. Auflage, neu durchgesehen und erganzt 
Gesamtausgabe Dornach 1992 

Friihere Veroffentlichungen siehe Seite 216. 



Bibliographie-Nr. 293 

Zeichnungen im Text nach Skizzen der Kursteilnehmer 
ausgefiihrt von Hedwig Frey und Leonore Uhlig 
Einbandzeichen von Rudolf Steiner, Schrift von Benedikt Marzahn 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1960 by Rudolf Steiner-Nachlaftverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt 

ISBN 3-7274-2930-5 



Z« den Veroffentlichungen 
am dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedert 
sich in die drei groften Abteilungen: Schriften - Vortrage - kiinstle- 
risches Werk (siehe die Ubersicht am Schlufl des Bandes). 

Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fur 
Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesell- 
schaft zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen hatte Ru- 
dolf Steiner urspriinglich nicht gewollt, daft sie schriftlich festgehal- 
ten wiirden, da sie von ihm als «mundliche, nicht zum Druck 
bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend 
unvollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und 
verbreitet wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu re- 
geln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr 
oblag die Bestimmung der Stenographierenden, die Verwaltung der 
Nachschriften und die fur die Herausgabe notwendige Durchsicht 
der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen 
Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, mufi gegeniiber 
alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt wer- 
den: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, dafi in den 
von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst 
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen 6f- 
f entlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiogra- 
phie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut 
ist am SchlulS dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt 
gleichermafien auch fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche 
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen- 
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt- 
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil 
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An- 
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Ansprache, Stuttgart, 20. August 1919 

Waldorfschule, eine Kulturtat. Waldorfschule als Einheitsschule. Die Not- 
wendigkeit, Kompromisse zu schlieften. Schule und Politik. Bolschewisti- 
sche Schulen als Begrabnisstatten des Unterrichtswesens. Die republikani- 
sche Verwaltung der Schule. Die Gliederung des padagogischen Kurses: 
Allgemeine Padagogik, Methodik, Ubungen. Waldorfschule keine Welt- 
anschauungsschule. Anthroposophie und Unterricht; der Religionsunter- 
richt. Notwendige Eigenschaften des Lehrers: Weltinteresse, Enthusias- 
mus, Elastizitat des Geistes, Hingabe. 

Erster Vortrag, 21. August 1919 

Der moralisch-geistige Aspekt der Erziehungsaufgabe. Die Begriindung 
der Waldorfschule als «Festesakt der Weltenordnung». Die Hinordnung 
der heutigen Kultur auf den Egoismus der Menschen am Beispiel der 
Unsterblichkeitsfrage. Erziehung als Fortsetzung dessen, «was hohere 
Wesen vor der Geburt getan haben». Uber das Problem der «vorgeburtli- 
chen Erziehung». Die Verbindung zweier doppelter Dreiheiten beim Ab- 
stieg in das irdische Dasein: Geistesmensch, Lebensgeist, Geistselbst und 
Bewulkseins-, Verstandes- oder Gemtits-, Empfindungsseele (Seelengeist) 
mit Astral-, Ather- und physischem Leib und mineralischem, Pflanzen- 
und Tierreich (Korperleib). Das Zusammenstimmen des Seelengeistes mit 
dem Korperleib als Aufgabe des Erziehers durch 1. Harmonisierung der 
Atmung mit dem Nerven-Sinnes-Prozefi; 2. Lehren des rechten Rhyth- 
mus' zwischen Wachen und Schlafen. Die Bedeutung der inneren spirituel- 
len Beziehung zwischen Lehrer und Kind. 

Zweiter Vortrag, 22. August 1919 

Auf anthroposophischer Welterkenntnis basierende Psychologie als 
Grundlage des Unterrichts. Uber die inhaltlosen Begriffe der modernen 
Psychologie. Die zentrale Bedeutung von Vorstellen und Wollen. Der 
Bildcharakter der Vorstellung: Spiegelung des Vorgeburtlichen. Der Wille 
als Keim fur die nachtodliche geistig-seelische Realitat. Verwandlung der 
vorgeburtlichen Realitat in Vorstellungen durch die Kraft der Antipathie; 
die Steigerung dieser Kraft zu Gedachtnis und Begriff. Die Steigerung 
der sympathischen Kraft des Wollens zu Phantasie und Imagination. Blut 
und Nerv: Die Tendenz des Nervs zur Vermaterialisierung, die Tendenz 
des Blutes zur Vergeistigung. Das Ineinanderspiel von Sympathie und 



Antipathie im Gehirn, ira Ruckenmark und im sympathischen Nervensy- 
stem. Die Dreigliedrigkeit des Menschen: Kopf-, Brust- und Gliedmafien- 
teil. Das Ineinanderwirken der drei Glieder und ihr jeweiliges Verhaltnis 
zum Kosmos. Willensbildung und Vorstellungsbildung in der Padagogik. 



Dritter Vortrag, 23. August 1919 

Eine umfassende Anschauung iiber die Gesetze des Weltalls als Grundlage 
des Lehrerseins. Die Zweigliederung des menschlichen Wesens als der 
grofie Irrtum der heutigen Psychologic Das irrefiihrende Gesetz von der 
Erhaltung der Kraft; die Bildung neuer Krafte und Stoffe im Menschen. 
Die Erfassung des Absterbenden in der Natur durch den Verstand, des 
Werdenden durch den Willen. Uber die leibliche Grundlage der Ich- 
Empfindung. Der Freiheitsmoment im sinnlichkeitsfreien Denken. Die 
Natur ohne den Menschen: Gefahr des Absterbens. Die Fermentfunktion 
des menschlichen Leichnams fur die Erdentwicklung. Das Walten tod- 
bringender Krafte im (abgestorbenen) Knochen- und (absterbenden) Ner- 
vensystem, lebengebender Krafte im Blut- und Muskelsystem; iiber Rachi- 
tis. Das «Geometrisieren» der Knochen. Geometrie als Spiegelung 
kosmischer Bewegungen. Der Mensch nicht als Zuschauer, sondern als 
«Schauplatz» der Welt. Die Neuschopfung von Stoffen und Kraften durch 
die Beriihrung von Blut und Nerv. Zur wissenschaftlichen Methode: 
Postulate statt universeller Definitionen. 



Vierter Vortrag, 25. August 1919 

Das Gefiihl in Beziehung zum Willen. Der neungliedrige Mensch als 
wollendes Wesen; die Auspragungen des Willens in den einzelnen Wesens- 
gliedern: im Leiblichen als Instinkt im physischen, als Trieb im atheri- 
schen, als Begierde im Empfindungsleib; im Seelischen als Hineinnehmen 
des Willens in das Ich als Motiv; keimhaft im Geistigen als Wunsch im 
Geistselbst, als Vorsatz im Lebensgeist, als Entschlufi im Geistesmen- 
schen. Die Psychoanalyse auf der Suche nach dem unbewufiten Wollen 
des «zweiten Menschen» in uns. Intellektualismus als greisenhafter, Ge- 
fuhl als werdender Wille. Uber die sozialistische Erziehung. Gefiihls- und 
Willensbildung in der Erziehung: Kultivierung des Gefiihls durch unbe- 
wufites Wiederholen, Kultivierung des Willens und Erhohung der Ent- 
schlufikraft durch bewufites Wiederholen. Die Bedeutung des kiinstleri- 
schen Ubens in diesem Zusammenhang. 



Funfter Vortrag, 26. August 1919 

Das Ineinanderfliefien der drei Seelentatigkeiten. Die Verbindung von 
Erkenntnis- und Willensmafiigem, von antipathischen und sympathischen 



Prozessen im Sehakt; die gegeniiber dem Tier starkere Absonderung des 
Menschen von der Umwelt. Die Notwendigkeit des gegenseitigen Durch- 
dringens von Denken und Wollen. Absonderung von der Welt im An- 
schauen, Verbindung mit der Welt im Handeln. Die Bekampfung der 
animalischen, «sympathischen» Instinkte durch die Eingliederung morali- 
scher Ideale. Das Ineinanderfliefien der Seelentatigkeiten am Beispiel des 
Streites Brentanos und Sigwarts iiber die objektive Urteilsfahigkeit des 
Menschen. Gefiihl als zuriickgehaltene Erkenntnis und zuriickgehaltenes 
Wollen: Offenbarung der im Wollen und Denken sich versteekenden 
Sympathie und Antipathic Das Entstehen des Gefiihls im Leiblichen 
durch die Beriihrung von Blut und Nerv am Beispiel von Auge und Ohr. 
Der Streit zwischen Wagner und Hanslick iiber Gefiihls- und Erkenntnis- 
mafiiges im musikalischen Horen. Die Mifistande der heutigen Psycholo- 
gic am Beispiel der Sinneslehre. Irrtumer des Kantianismus. 



Sechster Vortrag, 27. August 1919 

Die Gesamtgliederung des Zyklus. Betrachtung des Menschen bisher vom 
seelischen, zuletzt vom leiblichen, jetzt vom geistigen Standpunkt aus: 
Bewufitseinszustande. Denkendes Erkennen als vollbewufit-wache, Fiih- 
len als halbbewufit-traumende, Wollen als unbewufit-schlafende Tatigkeit. 
Der Umgang mit traumerischen und stumpfen Kindern. Vollig waches 
Leben des Ich nur im Bild von der Welt, nicht in der wirklichen Welt 
moglich. Das Leben des Ich in den Seelentatigkeiten: bildhaft-wach im 
denkenden Erkennen, traumend und unbewufit inspiriert im Fiihlen, 
schlafend und unbewufit intuitiv im Wollen; iiber den Alpdruck. Das 
Heraufdrangen der Intuitionen am Beispiel von Goethes Schaffen an 
«Faust II». Die engere Beziehung des intuitiven Wollens zum bildhaften 
Erkennen gegeniiber dem inspirierten Fiihlen. Das dem schlafenden Wol- 
len Entzogensein des Kopfes. 



SlEBENTER VoRTRAG, 28. AugUSt 1919 

Der Mensch in geistiger Hinsicht: Betrachtung der Bewufitseinszustande. 
Uber das Begreifen. Das schwindende Aufnehmenkonnen des Geistigen 
in die Leiblichkeit mit zunehmendem Lebensalter. Vom fiihlenden Wollen 
des Kindes zum fiihlenden Denken des Greises. Beobachtung des rein 
Seelischen beim Erwachsenen; das Freiheitsmoment. Das Loslosen des 
Fiihlens vom Wollen als Aufgabe der Erziehung. Das Wesen der Empfin- 
dung: die irrige Ansicht der heutigen Psychologie, richtige Erkenntnisse 
von Moriz Benedikt. Die schlafend-traumende Natur der Korperoberfla- 
che als Sinnessphare: die willensartig-gefiihlsmafSige Natur der Sinnes- 
empfindung. Der Unterschied zwischen der Kindes- und der Greisenemp- 
findung. Wachen, Traumen und Schlafen in der raumlichen Gestaltung 



des Menschen: schlafend-traumend Peripherie und Inneres, wachend das 
dazwischenliegende Nervensystem. Die Nerven in Beziehung zum See- 
lisch-Geistigen: das Bilden von Leerraumen fur dieses durch fortwahren- 
des Absterben. Schlafen und Wachen in bezug auf das Zeitliche des Men- 
schen: Vergessen und Erinnern. 



Achter Vortrag, 29. August 1919 120 

Vergleich der Vorgange des Vergessens und Erinnerns mit den Vorgangen 
des Einschlafens und Aufwachens am Beispiel der Schlafstorungen. Der 
Vorgang des Erinnerns. Das Erziehen der Erinnerungskraft und des Wil- 
lens durch Wirken auf das Habituelle. Die Starkung der Gedachtniskraft 
durch Erwecken intensiven Interesses. Das Erfassen der Menschennatur 
durch Gliederung einerseits, Zusammenschau andererseits. Die zwolf Sin- 
ne. Uber den Ich-Sinn und den Unterschied beim Wahrnehmen des frem- 
den (Erkenntnisvorgang) und des eigenen Ich (Willensvorgang). Uber 
den Gedankensinn. Die Gliederung der zwolf Sinne in Willens- (Tast-, 
Lebens-, Bewegungs-, Gleichgewichtssinn), Gefuhls- (Geruch-, Ge- 
schmack-, Seh-, Warmesinn) und Erkenntnissinne (Ich-, Gedanken-, 
Hor-, Sprachsinn). Die Zerlegung der Welt durch die zwolf Sinne; die 
Wiederverbindung im Urteilen. Das Ergreifen des Geistes durch Bewufit- 
seinszustande (Wachen, Schlafen, Traumen), des Seelischen durch Lebens- 
zustande (Sympathie, Antipathic), des Leibes durch Formzustande 
(Kugel-, Mond-, Linienform). 



Neunter Vortrag, 30. August 1919 133 

Die drei ersten Lebensjahrsiebte. Die drei Glieder des logischen Denkens: 
Schlufi, Urteil, Begriff. Gesundes Leben des Schlusses nur im vollwachen 
Leben; Hinuntersteigen des Urteils in die traumende, des Begriffes in die 
schlafende Seele. Die Ausbildung der Seelengewohnheiten durch die Art 
des Urteilens, Die Auswirkung der in die schlafende Seele heruntergestie- 
genen Begriffe auf die Gestaltung des Leibes, insbesondere der heute 
vielfach so uniformen Physiognomien. Die Notwendigkeit lebendiger 
Begriffe: Charakterisieren statt Definieren. Bewegliche und feste Begriffe. 
Der Aufbau einer Idee vom Menschen. Die unbewufite Grundstimmung 
des Kindes (1) im ersten Jahrsiebt: «Die Welt ist moralisch», daher nachah- 
menswert; Impulse der vorgeburtlichen Vergangenheit (2) im zweiten 
Jahrsiebt: «Die Welt ist schon»; Leben in der Kunst; Geniefien der Gegen- 
wart (3) im dritten Jahrsiebt in der Anlage: «Die Welt ist wahr»; wissen- 
schaftlicher Unterricht; Zukunftsimpulse. 



Zehnter Vortrag, 1. September 1919 146 

Das jeweilige Zugrundeliegen der Kugelform in den drei Leibesgliedern: 
1. Kopf (nur leiblich) - Kugelform vollig sichtbar; 2. Brust (leiblich- 
seelisch) - nur als mondformiges Kugelfragment sichtbar; 3. Gliedmafien 
(leiblich-seelisch-geistig) - nur als Radien sichtbar. Kopf und Gliedmafien 
als Offenbarung des Intelligenten respektive des Willens der Welt; iiber 
Rohren- und Schalenknochen in diesem Zusammenhang. Der Schadel als 
umgebildete Wirbelsaule. Die Rohrenknochen als umgewendete Kopf- 
knochen. Der jeweilige Mittelpunkt von Kopf-, Brust- und Gliedmafien- 
kugel. Kopf und Gliedmafien in Beziehung zur Bewegung der Welt. Die 
Nachahmung der Bewegung der Welt im Tanz und ihre Umsetzung in 
das Musikalische. Der Ursprung der Sinnesempfindungen und des Zusam- 
menhangs der plastischen und musikalischen Kiinste. Leib, Seele und 
Geist in Beziehung zu Kopf-, Brust- und Gliedmafienkugel. Das Konzil 
869: die katholische Kirche als Verursacherin des naturwissenschaftlichen 
Materialismus. Die Entwicklung des Kopfes aus der Tierwelt. Die Bedeu- 
tung des Gefuhls vom Zusammenhang des Menschen mit dem Weltall 
fur den Lehrer. Padagogik als Kunst. 



Elfter Vortrag, 2. September 1919 160 

Die menschliche Leibeswesenheit in Beziehung zur Welt des Seelischen 
und Geistigen: Kopf - ausgebildeter Leib, traumendes Seelisches, schlafen- 
des Geistiges; Brust - Wachheit des Leiblich-Seelischen, Traumen des 
Geistigen; Gliedmafien - Wachheit des noch unausgebildeten Leiblich- 
Seelisch- Geistigen. Die Aufgabe des Erziehers aus dieser Perspektive: 
Entwicklung des Gliedmafien-, teilweise des Brustmenschen, Aufwecken 
des Kopfmenschen. Die erzieherische Wirkung der Sprache («Genius der 
Sprache») im friihen und der Muttermilch (« Genius der Natur») im ersten 
Kindesalter: Aufwecken des schlafenden Menschengeistes. Das Wecken 
des Intellektes durch kunstlerische Betatigung des Willens im Volksschul- 
alter. Der Einflufi der Erziehung auf die Wachstumkrafte des Kindes: Das 
Wachstumtreibende der zu starken Gedachtnis-, das Wachstumhemmen- 
de der zu starken Phantasiebeanspruchung. Uber die Notwendigkeit der 
Wahrnehmung der leiblichen Entwicklung des Kindes durch den Lehrer 
iiber Jahre hindurch und die Unsinnigkeit des oft iiblichen haufigen Leh- 
rerwechsels. Gedachtnis- und Phantasiekinder. 



Zwolfter Vortrag, 3. September 1919 172 

Die Wechselbeziehung von physischem Leib und Umwelt. Der leibliche 
Aufbau des Menschen: Die fortwahrende Uberwindung der vom Kopf 
ausgehenden animalischen Formen durch Rumpf- und Gliedmafiensy- 



stem; die Gedanken als ihr libersinnliches Korrelat. Die Beziehung des 
Rumpfsystems zum Pflanzenreich. Die menschliche Atmung als Gegen- 
prozefi zur pflanzlichen Assimilation. Die Entfaltung des Pflanzlichen im 
Menschen als Krankheitsursache. Die pflanzliche Umwelt als Bild samtli- 
cher Krankheiten. Der menschliche Ernahrungsprozefi als Mittelstiick des 
bei der Pflanze vorgehenden Verbrennungsprozesses. Die Atmung als 
Anti-Pflanzenprozefi. Die Verbindung von Atmung und Ernahrung, 
Leiblichem und Seelischem. Die Aufgabe der Zukunftsmedizin und 
-hygiene; die Suche der heutigen Medizin nach Bazillen. Die Beziehung 
des Gliedmafiensystems zum Mineralischen. Das fortwahrende Auflosen 
der Mineralien durch das Gliedmaftensystem; Krankheiten wie Zucker 
oder Gicht als Beginn des Kristallisationsprozesses im Korper. Das Leben 
des Ich im Kraftleib. Die Aufgabe des menschlichen Leibes: Auflosung 
des Mineralischen; Umkehrung der Pflanze; Vergeistigung des Tierischen. 



Dreizehnter Vortrag, 4. September 1919 

Die der Gestaltung des Gliedmafienmenschen (von aufien nach innen) 
entgegengesetzte Gestaltung des Kopfmenschen (von innen nach aufien). 
Der Mensch als «Stauapparat» fur das Geistig-Seelische; das Saugende der 
geistig-seelischen Prozesse. Die Erzeugung iiberfliissiger Materialitat 
(Fettbildung) durch das Brust-Bauchsystem; das Aufzehren derselben 
durch das im Gliedmafiensystem wirkende Seelisch-Geistige. Die Stauung 
des Geistig-Seelischen im Kopf und sein «Zuriicksprudeln» langs der 
Nervenbahnen. Die Geistundurchlassigkeit des Lebendig-Organischen; 
die Geistdurchlassigkeit des knochrig-nervosen Physisch-Toten. Uber- 
mafiige Tatigkeit des Geistes bei korperlicher, des Leibes bei geistiger 
Arbeit. Sinnlose und sinnvolle aufiere Tatigkeit und ihre Auswirkungen 
auf den Schlaf; Turnen und Eurythmie in diesem Zusammenhang. Uber- 
triebene Sporttatigkeit als «praktischer Darwinismus». Schlaflosigkeit als 
Folge iibertriebener geistig-seelischer, Schlaftrunkenheit als Folge iiber- 
triebener korperlicher Arbeit; das Unsinnige des «Examen-Ochsens». Ge- 
sunde und ungesunde Arten von Denktatigkeit. Das Erzieherisch-Soziale 
durch die Vergeistigung der Arbeit nach aufien, das Erzieherisch-Hygieni- 
sche durch die Durchblutung der Arbeit nach innen. 



Vierzehnter Vortrag, 5. September 1919 

Die leibliche Dreigliederung. Die Dreigliederung des Kopfes in Kopf-, 
Brust- (Nase als metamorphosierte Lunge) und Gliedmafienteil (Mund); 
die GliedmaEen als metamorphosierte Kinnladen. Das Brust-Rumpfsy- 
stem zwischen Kopf und Gliedmafien: Der Ansatz der oberen Brustnatur 
zur verfeinerten Kopfbildung (Kehlkopf und Sprache), der unteren Brust- 
natur zur vergroberten Gliedmafienbildung (Sexualitat). Das Appellieren 



an die Phantasie mit dem Lehrstoff der letzten Volksschulzeit; Beispiel 
des pythagoraischen Lehrsatzes. Lebensbedingungen des Lehrers: Durch- 
dringen des Lehrstoffes mit gefiihlsmafiigem Willen und Lebendighalten 
der Phantasie; Pedanterie als Unmoral. Ansichten des 19. Jahrhunderts 
uber die Anwendung der Phantasie in der Padagogik; Schelling. Motto 
fur den Padagogen: Phantasie, Wahrheitssinn, Verantwortlichkeitsgefuhl. 



Anhang: «Aus der Ansprache zur Eroffnungsfeier der Freien 

Waldorfschule mit Geleitworten von Marie Steiner» 205 

Hinweise 

Zu dieser Ausgabe 215 

Hinweise zum Text 217 

Namenregister 240 

Sachwortverzeichnis 241 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 253 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 255 



Notizbucheintragungen Rudolf Steiners 
zu den Stuttgarter Lehrerkursen 1919 - 1921 in 
«Beitrage zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe*, Heft 31 



ANSPRACHE 

gehalten am Vorabend des Kurses 
Stuttgart, 20. August 1919 

(nach Teilnehmernotizen) 

Heute abend soil nur etwas Praliminarisches gesagt werden. Die Wal- 
dorfschule mu!5 eine wirkliche Kulturtat sein, um eine Erneuerung 
unseres Geisteslebens der Gegenwart zu erreichen. Wir miissen mit 
Umwandlung in alien Dingen rechnen; die ganze soziale Bewegung 
geht ja zuletzt auf Geistiges zuriick [die soziale Bewegung ist zuletzt 
aufs Geistige zuriickgeworfen], und die Schulfrage ist ein Unterglied 
der grofien geistigen brennenden Fragen der Gegenwart. Die Moglich- 
keit der Waldorfschule mull dabei ausgeniitzt werden, um reformie- 
rend, revolutionierend im Schulwesen zu wirken. 

Das Gelingen dieser Kulturtat ist in Ihre Hand gegeben. Viel ist 
damit in Ihre Hand gegeben, um, ein Muster aufstellend, mitzuwir- 
ken. Viel hangt davon ab, dafi diese Tat gelingt. Die Waldorfschule 
wird ein praktischer Beweis sein fur die Durchschlagskraft der anthro- 
posophischen Weltorientierung. Sie wird eine Einheitsschule sein in 
dem Sinne, dafi sie lediglich darauf Rucksicht nimmt, so zu erziehen 
und zu unterrichten, wie es der Mensch, wie es die menschliche Ge- 
samtwesenheit erfordert. Alles miissen wir in den Dienst dieses Zieles 
stellen. 

Aber wir haben es notig, Kompromisse zu schliefien. Kompromisse 
sind notwendig, denn wir sind noch nicht so weit, um eine wirklich 
freie Tat zu vollbringen. Schlechte Lehrziele, schlechte Abschlufiziele 
werden uns vom Staat vorgeschrieben. Diese Ziele sind die denkbar 
schlechtesten, und man wird sich das denkbar Hochste auf sie einbil- 
den. Die Politik, die politische Tatigkeit von jetzt wird sich dadurch 
aufiern, dafi sie den Menschen schablonenhaft behandeln wird, dafi 
sie viel weitergehend als jemals versuchen wird, den Menschen in 
Schablonen einzuspannen. Man wird den Menschen behandeln wie 
einen Gegenstand, der an Drahten gezogen werden mufi, und wird sich 



einbilden, dalS das einen denkbar grolken Fortschritt bedeutet. Man 
wird unsachgemafi und moglichst hochmiitig solche Dinge einrichten, 
wie es Erziehungsanstalten sind. Ein Beispiel und Vorgeschmack da- 
von ist die Konstruktion der russischen bolschewistischen Schulen, die 
eine wahre Begrabnisstatte sind fiir alles wirkliche Unterrichtswesen. 
Wir werden einem harten Kampf entgegengehen und miissen doch 
diese Kulturtat tun. 

Zwei widersprechende Krafte sind dabei in Einklang zu bringen. 
Auf der einen Seite miissen wir wissen, was unsere Ideale sind, und 
miissen doch noch die Schmiegsamkeit haben, uns anzupassen an das, 
was weit abstehen wird von unseren Idealen. Wie diese zwei Krafte 
in Einklang zu bringen sind, das wird schwierig sein fiir jeden einzel- 
nen von Ihnen. Das wird nur zu erreichen sein, wenn jeder seine voile 
Personlichkeit einsetzt. Jeder mulS seine voile Personlichkeit einset- 
zen von Anfang an. 

Deshalb werden wir die Schule nicht regierungsgemaft, sondern 
verwaltungsgemafi einrichten und sie republikanisch verwalten. In 
einer wirklichen Lehrer-Republik werden wir nicht hinter uns ha- 
ben Ruhekissen, Verordnungen, die vom Rektorat kommen, sondern 
wir miissen hineintragen [in uns tragen] dasjenige, was uns die Mog- 
lichkeit gibt, was jedem von uns die voile Verantwortung gibt fiir 
das, was wir zu tun haben. Jeder muE selbst voll verantwortlich sein. 

Ersatz fiir eine Rektoratsleitung wird geschaffen werden konnen 
dadurch, dafi wir diesen Vorbereitungskurs einrichten und hier das- 
jenige arbeitend aufnehmen, was die Schule zu einer Einheit macht. 
Wir werden uns das Einheitliche erarbeiten durch den Kurs, wenn 
wir recht ernstlich arbeiten. 

Fiir den Kurs ist anzukiindigen, dafi er enthalten wird: 

erstens eine fortlaufende Auseinandersetzung iiber allgemein-pad- 
agogische Fragen; 

zweitens eine Auseinandersetzung iiber speziell-methodische Fra- 
gen der wichtigsten Unterrichtsgegenstande; 



drittens eine Art seminaristisches Arbeiten innerhalb dessen, was 
unsere Lehraufgaben sein werden. Solche Lehraufgaben werden 
wir ausarbeiten und in Disputationsiibungen zur Geltung bringen. 

An jedem Tag werden wir vormittags das mehr Theoretische haben 
und nachmittags dann das Seminaristische. 

Wir werden also morgen urn 9 Uhr beginnen mit der allgemeinen 
Padagogik, haben dann um 1/2 11 die speziell-methodische Unter- 
weisung und am Nachmittag von 3 bis 6 Uhr die seminaristischen 
Ubungen. 

Wir miissen uns voll bewufit sein, dafi eine grofie Kulturtat nach 
jeder Richtung hin getan werden soli. 

Wir wollen hier in der Waldorfschuie keine Weltanschauungsschule 
einrichten. Die Waldorfschuie soli keine Weltanschauungsschule sein, 
in der wir die Kinder moglichst mit anthroposophischen Dogmen voll- 
stopfen. Wir wollen keine anthroposophische Dogmatik lehren, An- 
throposophie ist kein Lehrinhalt, aber wir streben hin auf praktische 
Handhabung der Anthroposophie. Wir wollen umsetzen dasjenige, 
was auf anthroposophischem Gebiet gewonnen werden kann, in wirk- 
liche Unterrichtspraxis. 

Auf den Lehrinhalt der Anthroposophie wird es viel weniger an- 
kommen als auf die praktische Handhabung dessen, was in padago- 
gischer Richtung im allgemeinen und im Speziell-Methodischen im 
besonderen aus Anthroposophie werden kann, wie Anthroposophie 
in Handhabung des Unterrichts ubergehen kann. 

Die religiose Unterweisung wird in den Religionsgemeinschaften 
erteilt werden. Die Anthroposophie werden wir nur betatigen in der 
Methodik des Unterrichts. Wir werden also die Kinder an die Reli- 
gionslehrer nach den Konfessionen verteilen. 

Das ist der andere Teil des Kompromisses. Durch berechtigte Kom- 
promisse beschleunigen wir unsere Kulturtat. 

Wir miissen uns bewufit sein der groften Aufgaben. Wir diirfen 
nicht blo$ Padagogen sein, sondern wir werden Kulturmenschen im 
hochsten Grade, im hochsten Sinne des Wortes sein miissen. Wir miis- 
sen lebendiges Interesse haben fur alles, was heute in der Zeit vor sich 



geht, sonst sind wir fur diese Schule schlechte Lehrer. Wir diirfen uns 
nicht nur einsetzen fur unsere besonderen Aufgaben. Wir werden nur 
dann gute Lehrer sein, wenn wir lebendiges Interesse haben fiir alles, 
was in der Welt vorgeht. Durch das Interesse fiir die Welt miissen wir 
erst den Enthusiasmus gewinnen, den wir gebrauchen fiir die Schule 
und fiir unsere Arbeitsaufgaben. Dazu sind notig Elastizitat des 
Geistigen und Hingabe an unsere Aufgabe. Nur aus dem konnen 
wir schopfen, was heute gewonnen werden kann, wenn Interesse zu- 
gewendet wird: erstens der grofien Not der Zeit, zweitens den grofien 
Aufgaben der Zeit, die man sich beide nicht grofi genug vorstellen kann. 



ERSTER VORTRAG 



Stuttgart, 21. August 1919 



Meine lieben Freunde, wir kommen mit unserer Aufgabe nur zurecht, 
wenn wir sie nicht bloft betrachten als eine intellektuell-gemutliche, 
sondern als eine im hdchsten Sinne moralisch-geistige; und daher wer- 
den Sie es begreiflich finden, daft wir, indem wir heute diese Arbeit 
beginnen, uns zunachst besinnen auf den Zusammenhang, den wir ge- 
rade durch diese unsere Tatigkeit gleich im Anfang herstellen wollen 
mit den geistigen Welten. Wir miissen uns bewuftt sein bei einer solchen 
Aufgabe, daft wir nicht arbeiten bloft als hier auf dem physischen Plan 
lebende Menschen; diese Art, sich Aufgaben zu stellen, hat ja gerade 
in den letzten Jahrhunderten besonders an Ausdehnung gewonnen, 
hat fast einzig und allein die Menschen erfiillt. Unter dieser Auffas- 
sung der Aufgaben ist dasjenige aus Unterricht und Erziehung gewor- 
den, was eben gerade verbessert werden soil durch die Aufgabe, die 
wir uns stellen. Daher wollen wir uns im Beginne dieser unserer vor- 
bereitenden Tatigkeit zunachst darauf besinnen, wie wir im einzelnen 
die Verbindung mit den geistigen Machten, in deren Auftrag und de- 
ren Mandat jeder einzelne von uns gewissermaften wird arbeiten miis- 
sen, herstellen. Ich bitte Sie daher, diese einleitenden Worte aufzu- 
fassen als eine Art Gebet zu denjenigen Machten, die imaginierend, 
inspirierend, intuitierend hinter uns stehen sollen, indem wir diese 
Aufgabe ubernehmen. 

[Die sich hier anschliefienden Worte wurden nicht mitstenographiert. Siehe Hinweise S. 217 f.] 

Meine lieben Freunde! Es obliegt uns, die Wichtigkeit unserer Auf- 
gabe zu empfinden. Wir werden dies, wenn wir diese Schule als mit 
einer besonderen Aufgabe ausgeriistet wissen. Und da wollen wir un- 
sere Gedanken wirklich konkretisieren, wir wollen unsere Gedanken 
wirklich so gestalten, daft wir das Bewufttsein haben konnen, daft etwas 
Besonderes mit dieser Schule ausgefiihrt wird. Wir werden das nur, 
wenn wir gewissermaften nicht in das Alltagliche versetzen dasjenige, 
was mit dieser Schulbegriindung getan worden ist, sondern wenn wir 



es als einen Festesakt der Weltenordnung betrachten. In diesem Sinne 
mdchte ich als erstes geschehen lassen, dafi ich hier im Namen des gu- 
ten Geistes, der fuhren soli die Menschheit aus der Not und dem Elend 
heraus, im Namen dieses guten Geistes, der die Menschheit fuhren soli 
zu der hdheren Stufe der Entwickelung in Unterricht und Erziehung, 
den allerherzlichsten Dank ausspreche denjenigen guten Geistern ge- 
gemiber, die unserem lieben Herrn Molt den guten Gedanken eingege- 
ben haben, in dieser Richtung und an diesem Platze fur die Weiterent- 
wickelung der Menschheit dasjenige zu tun, was er mit der Waldorf - 
schule getan hat. Ich weifi, er ist sich bewufit, dafi man dasjenige, was 
man fur diese Aufgabe tun kann, heute doch nur mit schwachen Kraf- 
ten tun kann. Er sieht die Sache so an; aber er wird gerade dadurch, 
dafi wir mit ihm vereint die Grofie der Aufgabe und den Moment, in 
dem sie begonnen wird, als einen f eierlichen in die Weltenordnung hin- 
eingestellt empfinden, er wird gerade dadurch mit der rechten Kraft 
innerhalb unserer Mitte wirken konnen. Von diesem Gesichtspunkte 
aus, meine lieben Freunde, wollen wir unsere Tatigkeit beginnen. Wir 
wollen uns selbst alle betrachten als Menschenwesenheiten, welche das 
Karma an den Platz gestellt hat, von dem aus nicht etwas Gewohn- 
liches, sondern etwas geschehen soil, was bei den Mittuenden die Emp- 
findung eines f eierlichen Weltenaugenblickes in sich schliefit. Dasjeni- 
ge, was ich dann im Anschlufi an diese heutige feierliche Eroffnung 
unserer Vorbereitung zu sagen haben werde, das wird gesagt werden 
am Ende unseres Kurses, wo sich manches geklart haben wird, wo wir 
in einem viel konkreteren Sinne noch vor der Aufgabe stehen werden, 
die wir uns heute zu stellen beginnen. 

Emil Molt: Wenn ich in diesem feierlichen Augenblick das Wort nehmen 
darf, so geschieht es, um den herzlichsten Dank auszudriicken dafiir, dafi es 
mir vergonnt war, diesen Moment hier zu erleben, und dafi ich geloben will, 
was in meiner schwachen Kraft liegt, mitzuwirken an diesem grofien Werke, 
das wir heute beginnen. 

Meine lieben Freunde, das erste, womit wir beginnen wollen, miissen 
Auseinandersetzungen sein iiber unsere padagogische Aufgabe, Ausein- 
andersetzungen, zu denen ich heute eine Art von Einleitung zu Ihnen 



sprechen mochte. Unsere padagagogische Aufgabe wird sich ja unter- 
scheiden miissen von den padagogischen Aufgaben, die sich die Mensch- 
heit bisher gestellt hat. Nicht aus dem Grunde wird sie sich unter- 
scheiden sollen, weil wir in eitlem Hochmut glauben, dafi wir gerade 
von uns aus gewissermafien eine neue padagogische Weltenordnung 
beginnen sollen, sondern weil wir aus anthroposophisch orientierter 
Geisteswissenschaft heraus uns klar dariiber sind, dafi die aufeinander- 
folgenden Entwickelungsepochen der Menschheit dieser Menschheit 
immer andere Aufgaben stellen werden. Eine andere Aufgabe hatte 
die Menschheit in der ersten, eine andere in der zweiten bis herein in 
unsere funfte nachatlantische Entwickelungsepoche. Und es ist nun 
einmal so, dafi dasjenige, was in einer Entwickelungsepoche der 
Menschheit getan werden soil, dieser Menschheit erst zum Bewufitsein 
kommt, einige Zeit nachdem diese Entwickelungsepoche begonnen hat. 

Die Entwickelungsepoche, in der wir heute stehen, hat in der Mitte 
des 15. Jahrhunderts begonnen. Heute kommt gewissermafien aus den 
geistigen Untergriinden heraus erst die Erkenntnis, was gerade in be- 
zug auf die Erziehungsaufgabe innerhalb dieser unserer Epoche getan 
werden soil. Die Menschen haben bisher, selbst wenn sie mit dem aller- 
besten Willen padagogisch gearbeitet haben, noch im Sinne der alten 
Erziehung gearbeitet, noch im Sinne derjenigen der vierten nachatlan- 
tischen Entwickelungsepoche. Vieles wird davon abhangen, dafi wir 
von vornherein uns einzustellen wissen fur unsere Aufgabe, dafi wir 
verstehen lernen, dafi wir uns fur unsere Zeit eine ganz bestimmte Rich- 
tung zu geben haben; eine Richtung, die nicht deshalb wichtig ist, weil 
sie absolut fur die ganze Menschheit in ihrer Entwickelung gelten soil, 
sondern weil sie gelten soil gerade fur unsere Zeit. Der Materialismus 
hat aufier dem anderen noch das hervorgebracht, dafi die Menschen 
kein Bewufitsein haben von den besonderen Aufgaben einer besonderen 
Zeit. Als allererstes aber, bitte, nehmen Sie das in sich auf, dafi beson- 
dere Zeiten ihre besonderen Aufgaben haben. 

Sie werden zur Erziehung und zum Unterricht Kinder zu uberneh- 
men haben, allerdings Kinder schon eines bestimmten Alters, und Sie 
werden ja dabei bedenken miissen, dafi Sie diese Kinder iibernehmen, 
nachdem sie schon in der allerersten Epoche ihres Lebens die Erziehung, 



vielleicht oftmals die Mifierziehung der Eltern durchgemacht haben. 
Vollstandig erfiillt wird dasjenige, was wir wollen, doch erst werden, 
wenn wir einmal so weit sind als Menschheit, dafi auch die Eltern ver- 
stehen werden, dafi schon in der ersten Epoche der Erziehung besondere 
Aufgaben der heutigen Menschheit gestellt sind. Wir werden manches, 
was verfehlt worden ist in der ersten Lebensepoche, doch noch aus- 
bessern konnen, wenn wir die Kinder zur Schule bekommen. 

Wir miissen uns aber ganz stark durchdringen von dem Bewufk- 
sein, aus dem heraus wir, jeder einzelne, unseren Unterricht und unsere 
Erziehung auffassen. 

Vergessen Sie nicht, indem Sie sich Ihrer Aufgabe widmen, dafi die 
ganze heutige Kultur, bis in die Sphare des Geistigen hinein, gestellt 
ist auf den Egoismus der Menschheit. Betrachten Sie unbefangen das 
geistigste Gebiet, dem sich der Mensch heute hingibt, betrachten Sie das 
religiose Gebiet, und fragen Sie sich, ob nicht unsere heutige Kultur 
gerade auf dem religiosen Gebiet hingeordnet ist auf den Egoismus der 
Menschen. Typisch ist es gerade fur das Predigtwesen in unserer Zeit, 
dafi der Prediger den Menschen angreifen will im Egoismus. Nehmen 
Sie gleich dasjenige, was den Menschen am tiefsten erfassen soli: die 
Unsterblichkeitsfrage, und bedenken Sie, dafi heute fast alles, selbst im 
Predigtwesen, darauf hingeordnet ist, den Menschen so zu erfassen, dafi 
sein Egoismus fur das Ubersinnliche ins Auge gefafit wird. Durch den 
Egoismus hat der Mensch den Trieb, nicht wesenlos durch die Pf orte des 
Todes hindurchzugehen, sondern sein Ich zu erhalten. Dies ist ein, 
wenn auch noch so verfeinerter, Egoismus. An diesen Egoismus appel- 
liert heute in weitestem Umfange auch jedes religiose Bekenntnis, wenn 
es sich um die Unsterblichkeitsfrage handelt. Daher spricht vor alien 
Dingen das religiose Bekenntnis so zu den Menschen, dafi es meistens 
das eine Ende unseres irdischen Daseins vergilk und nur Riicksicht 
nimmt auf das andere Ende dieses Daseins, dafi der Tod vor alien 
Dingen ins Auge gefafk wird, dafi die Geburt vergessen wird. 

Wenn auch die Dinge nicht so deutlich ausgesprochen werden, so 
Hegen sie doch zugrunde. Wir leben in der Zeit, in der dieser Appell 
an den menschlichen Egoismus in alien Spharen bekampft werden 
mu$, wenn die Menschen nicht auf dem absteigenden Wege der Kultur, 



auf dem sie heute gehen, immer mehr und mehr abwarts gehen sollen. 
Wir werden uns immer mehr und mehr bewuftt werden miissen des 
anderen Endes der menschlichen Entwickelung innerhalb des Erden- 
daseins: der Geburt. Wir werden in unser Bewufitsein die Tatsache 
aufnehmen miissen, daft der Mensch sich entwickelt eine lange Zeit 
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, daft er innerhalb dieser 
Entwickelung an einen Punkt gelangt ist, wo er fur die geistige Welt 
gewissermaften stirbt, wo er unter solchen Bedingungen in der geisti- 
gen Welt lebt, daft er dort nicht mehr weiterleben kann, ohne in eine 
andere Daseinsform iiberzugehen. Diese andere Daseinsform bekommt 
er dadurch, daft er sich umkleiden laftt mit dem physischen und Ather- 
leib. Dasjenige, was er bekommen soli durch die Umkleidung des phy- 
sischen und Atherleibes, konnte er nicht bekommen, wenn er sich in 
gerader Linie in der geistigen Welt nur weiterentwickeln wiirde. In- 
dem wir daher das Kind von seiner Geburt an nur mit physischen 
Augen anblicken diirfen, wollen wir uns dabei bewuftt sein: auch das 
ist eine Fortsetzung. Und wir wollen nicht nur sehen auf das, was das 
Menschendasein erfahrt nach dem Tode, also auf die geistige Fort- 
setzung des Physischen; wir wollen uns bewuftt werden, daft das phy- 
sische Dasein hier eine Fortsetzung des geistigen ist, daft wir durch 
Erziehung fortzusetzen haben dasjenige, was ohne unser Zutun besorgt 
worden ist von hoheren Wesen. Das wird unserem Erziehungs- und 
Unterrichtswesen allein die richtige Stimmung geben, wenn wir uns 
bewuftt werden: Hier in diesem Menschenwesen hast du mit deinem 
Tun eine Fortsetzung zu leisten fur dasjenige, was hohere Wesen vor 
der Geburt getan haben. 

Man wird heute, wo die Menschen in ihren Gedanken und Empfin- 
dungen den Zusammenhang verloren haben mit den geistigen Welten, 
oftmals in abstrakter Art um etwas gefragt, was eigentlich als Frage 
einer geistigen Weltauffassung gegeniiber keinen rechten Sinn hat. Man 
wird gefragt, wie man die sogenannte vorgeburtliche Erziehung leiten 
soli. Es gibt viele Menschen, die nehmen heute die Dinge abstrakt; wenn 
man die Dinge konkret nimmt, kann man das Fragen in gewissen Ge- 
bieten nicht in beliebiger Weise weitertreiben. Ich habe einmal das 
Beispiel erwahnt: Man sieht auf einer Strafte Furchen. Da kann man 



fragen: Woher sind sie? - Weil ein Wagen gefahren ist. - Warum ist 
der Wagen gefahren? - Weil die, die darin sitzen, einen bestimmten 
Ort erreichen wollten. - Warum wollten sie einen bestimmten Ort er- 
reichen? - Einmal hort in der Wirklichkeit die Fragestellung auf. 
Bleibt man im Abstrakten, so kann man immer weiter fragen: warum? 
Man kann das Rad des Fragens immerfort weiter drehen. Das kon- 
krete Denken findet immer ein Ende, das abstrakte Denken lauft mit 
dem Gedanken immer endlos wie ein Rad herum. So ist es auch mit den 
Fragen, die iiber nicht so naheliegende Gebiete gestellt werden. Die 
Menschen denken iiber Erziehung nach und fragen iiber die vorgeburt- 
liche Erziehung. Aber, meine lieben Freunde, vor der Geburt ist das 
Menschenwesen noch in der Hut iiber dem Physischen stehender We- 
senheiten. Denen miissen wir die unmittelbare einzelne Beziehung uber- 
lassen zwischen der Welt und dem einzelnen Wesen. Daher hat die 
vorgeburtliche Erziehung noch keine Aufgabe fur das Kind selbst. Die 
vorgeburtliche Erziehung kann nur eine unbewufite Folge desjenigen 
sein, was die Eltern, insbesondere die Mutter, leisten. Verhalt sich die 
Mutter bis zu der Geburt so, dafi sie in sich selbst zum Ausdruck bringt 
dasjenige, was im rechten Sinn moralisch und intellektuell das Rich- 
tige ist, so wird ganz von selbst das, was sie in fortgesetzter Selbst- 
erziehung vollbringt, iibergehen auf das Kind. Je weniger man daran 
denkt, das Kind, schon bevor es das Licht der Welt erblickt, zu erzie- 
hen, und je mehr man daran denkt, selbst ein entsprechend rechtes 
Leben zu fiihren, desto besser wird es fur das Kind sein. Die Erziehung 
kann erst angehen, wenn das Kind wirklich eingegliedert ist in die Wel- 
tenordnung des physischen Planes, und das ist dann, wenn das Kind 
beginnt, die aufiere Luft zu atmen. 

Wenn nun das Kind auf den physischen Plan herausgetreten ist, 
dann miissen wir uns bewufit sein, was eigentlich fur das Kind gesche- 
hen ist im Ubergang von einem geistigen zu einem physischen Plan. 
Sehen Sie, da miissen wir vor alien Dingen uns bewufit werden, dafi sich 
das Menschenwesen wirklich aus zwei Gliedern zusammensetzt. Bevor 
das Menschenwesen die physische Erde betritt, wird eine Verbindung 
eingegangen zwischen dem Geist und der Seele; dem Geist, insofern 
wir darunter verstehen dasjenige, was in der physischen Welt heute 



noch ganz verborgen ist und was wir anthroposophisch-geisteswissen- 
schaftlich nennen: der Geistesmensch, der Lebensgeist, das Geistselbst. 
Mit diesen drei Wesensgliedern des Menschen ist es ja so, daft sie ge- 
wissermafien in der iibersinnlichen Sphare vorhanden sind, zu der wir 
uns nun hindurcharbeiten miissen, und wir stehen zwischen dem Tod 
und einer neuen Geburt schon in einer gewissen Beziehung zu Geistes- 
mensch, Lebensgeist und Geistselbst. Die Kraft, die von dieser Drei- 
heit ausgeht, die durchdringt das Seelische des Menschen: Bewufltseins- 
seele, Verstandes- oder Gemutsseele und Empfindungsseele. 

Und wenn Sie betrachten wiirden das Menschenwesen, das sich an- 
schickt, nachdem es durchgegangen ist durch das Dasein zwischen Tod 
und neuer Geburt, in die physische Welt hinunterzusteigen, dann wiir- 
den Sie das eben charakterisierte Geistige zusammengebunden finden 
mit dem Seelischen. Der Mensch steigt gewissermafien als Geistseele 
oder Seelengeist aus einer hoheren Sphare in das irdische Dasein. Mit 
dem irdischen Dasein umkleidet er sich. Wir konnen ebenso dieses an- 
dere Wesensglied, das sich mit dem eben gekennzeichneten verbindet, 
charakterisieren, wir konnen sagen: Da unten auf der Erde wird der 
Geistseele entgegengebracht dasjenige, was entsteht durch die Vor- 
gange der physischen Vererbung. Nun wird an den Seelengeist oder 
die Geistseele der Korperleib oder der Leibeskorper so herangebracht, 
dafi wiederum zwei Dreiheiten verbunden sind. Bei der Geistseele sind 
verbunden Geistesmensch, Lebensgeist und Geistselbst mit dem See- 
lischen, das besteht aus Bewufitseinsseele, Verstandes- oder Gemiits- 
seele und Empfindungsseele. Die sind miteinander verbunden und sol- 
len sich verbinden beim Herabsteigen in die physische Welt mit Emp- 
findungsleib oder Astralleib, Atherleib, physischem Leib. Aber diese 
sind ihrerseits wiederum verbunden zuerst im Leibe der Mutter, dann 
in der physischen Welt mit den drei Reichen der physischen Welt, dem 
mineralischen, dem Pflanzen- und dem Tierreich, so dafi auch hier 
zwei Dreiheiten miteinander verbunden sind. 

Betrachten Sie das Kind, das hereingewachsen ist in die Welt, mit 
der geniigenden Unbefangenheit, so werden Sie richtig wahrnehmen: 
Hier in dem Kind ist noch unverbunden Seelengeist oder Geistseele mit 
Leibeskorper oder Korperleib. Die Aufgabe der Erziehung, im geistigen 



Sinn erfafit, bedeutet das In-Einklang-Versetzen des Seelengeistes mit 
dem Korperleib oder dem Leibeskorper. Die miissen miteinander in 
Harmonie kommen, miissen aufeinander gestimmt werden, denn die 
passen gewissermafien, indem das Kind hereingeboren wird in die phy- 
sische Welt, noch nicht zusammen. Die Aufgabe des Erziehers und auch 
des Unterrichters ist das Zusammenstimmen dieser zwei Glieder. 

Nun, fassen wir diese Aufgabe etwas mehr im Konkreten. Unter all 
diesen Beziehungen, welche der Mensch zur Aufienwelt hat, ist die 
allerwichtigste das Atmen. Aber das Atmen beginnen wir ja gerade, 
indem wir die physische Welt betreten. Das Atmen im Mutterleib ist 
noch sozusagen ein vorbereitendes Atmen, es bringt den Menschen 
noch nicht in vollkommenen Zusammenhang mit der Aufienwelt. Das- 
jenige, was im rechten Sinn Atmen genannt werden soil, beginnt der 
Mensch erst, wenn er den Mutterleib verlassen hat. Dieses Atmen be- 
deutet sehr, sehr viel fur die menschliche Wesenheit, denn in diesem 
Atmen liegt ja schon das ganze dreigliedrige System des physischen 
Menschen. 

Wir rechnen zu den Gliedern des dreigliedrigen physischen Men- 
schensystems zunachst den Stoffwechsel. Aber der Stoffwechsel hangt 
an dem einen Ende mit dem Atmen innig zusammen; der Atmungs- 
prozefi hangt stoffwechselmaftig mit der Blutzirkulation zusammen. 
Die Blutzirkulation nimmt die auf anderem Wege eingefiihrten Stoffe 
der aufieren Welt auf in den menschlichen Korper, so daft gewisser- 
mafien auf der einen Seite das Atmen mit dem ganzen Stoffwechsel- 
system zusammenhangt. Das Atmen hat also seine eigenen Funktionen, 
aber es hangt doch auf der einen Seite mit dem Stoffwechselsystem 
zusammen. 

Auf der anderen Seite hangt dieses Atmen auch zusammen mit dem 
Nerven-Sinnesleben des Menschen. Indem wir einatmen, pressen wir 
fortwahrend das Gehirnwasser in das Gehirn hinein; indem wir aus- 
atmen, prellen wir es zuriick in den Korper. Dadurch verpflanzen wir 
den Atmungsrhythmus auf das Gehirn. Und wie das Atmen zusam- 
menhangt auf der einen Seite mit dem Stoffwechsel, so hangt es auf 
der anderen Seite zusammen mit dem Nerven-Sinnesleben. Wir kon- 
nen sagen: Das Atmen ist der wichtigste Vermittler des die physische 



Welt betretenden Menschen mit der physischen Aufienwelt. Aber wir 
miissen uns auch bewufit sein, dafi dieses Atmen durchaus noch nicht 
so verlauft, wie es zum Unterhalt des physischen Lebens beim Menschen 
voll verlaufen mufi, namentlich nach der einen Seite nicht: es ist beim 
Menschen, der das physische Dasein betritt, noch nicht die richtige 
Harmonie, der rechte Zusammenhang hergestellt zwischen dem At- 
mungsprozefi und dem Nerven-Sinnesprozefi. 

Betrachten wir das Kind, so miissen wir in bezug auf sein Wesen 
sagen: Das Kind hat noch nicht so atmen gelernt, dafi das Atmen in der 
richtigen Weise den Nerven-Sinnesprozefi unterhalt. Da liegt wieder- 
um die feinere Charakteristik desjenigen, was mit dem Kind zu tun ist. 
Wir miissen zunachst die Menschenwesenheit anthropologisch-anthro- 
posophisch verstehen. Die wichtigsten Mafinahmen in der Erziehung 
werden daher liegen in der Beobachtung alles desjenigen, was in der 
rechten Weise den Atmungsprozefi hineinorganisiert in den Nerven- 
Sinnesprozefi. Im hoheren Sinne mufi das Kind lernen, in seinen Geist 
aufzunehmen dasjenige, was ihm geschenkt werden kann dadurch, dafi 
es geboren wird zum Atmen. Sie sehen, dieser Teil der Erziehung wird 
hinneigen zu dem Geistig-Seelischen: dadurch, dafi wir harmonisieren 
das Atmen mit dem Nerven-Sinnesprozefi, Ziehen wir das Geistig-See- 
lische in das physische Leben des Kindes herein. Grob ausgedriickt, 
konnen wir sagen: Das Kind kann noch nicht innerlich richtig atmen, 
und die Erziehung wird darin bestehen miissen, richtig atmen zu lehren. 

Aber das Kind kann noch etwas anderes nicht richtig, und dieses an- 
dere mufi in Angriff genommen werden, damit ein Einklang geschaffen 
werde zwischen den zwei Wesensgliedern, zwischen dem Korperleib 
und zwischen der Geistseele. Was das Kind nicht richtig kann im An- 
fang seines Daseins - es wird Ihnen auffallen, dafi gewohnlich das, was 
wir geistig betonen miissen, der aufieren Weltenordnung zu wider- 
sprechen scheint -, was das Kind nicht richtig kann, das ist, den Wech- 
sel zwischen Schlafen und Wachen in einer dem Menschenwesen ent- 
sprechenden Weise zu vollziehen. Man kann freilich sagen, aufierlich 
betrachtet: Das Kind kann ja ganz gut schlafen; es schlaft ja viel mehr 
als der Mensch im spateren Lebensalter, es schlaft sogar in das Leben 
herein. - Aber das, was innerlich dem Schlafen und Wachen zugrunde 



liegt, das kann es noch nicht. Das Kind erlebt allerlei auf dem phy- 
sischen Plan. Es gebraucht seine Glieder, es ilk, trinkt und atmet. 
Aber indem es so allerlei macht auf dem physischen Plan, indem es 
abwechselt zwischen Schlafen und Wachen, kann es nicht alles das- 
jenige, was es auf dem physischen Plan erfahrt - was es mit den Augen 
sieht, den Ohren hort, den Handchen vollbringt, wie es mit den Bein- 
chen strampelt -, es kann nicht das, was es auf dem physischen Plan 
erlebt, hineintragen in die geistige Welt und doit verarbeiten und das 
Ergebnis der Arbeit wieder zuriicktragen auf den physischen Plan. 
Sein Schlaf ist gerade dadurch charakterisiert, daft er ein anderer Schlaf 
ist als der Schlaf der Erwachsenen. Im Schlafe des Erwachsenen wird 
vorzugsweise das verarbeitet, was der Mensch erfahrt zwischen dem 
Aufwachen und dem Einschlafen. Das Kind kann das noch nicht in den 
Schlaf hineintragen, was es erfahrt zwischen Aufwachen und Einschla- 
fen, und es lebt sich daher noch so in die allgemeine Weltenordnung mit 
dem Schlafen hinein, dalS es nicht mitbringt in diese Weltenordnung 
wahrend des Schlaf es dasjenige, was es aufierlich in der physischen Welt 
erfahren hat. Dahin mulS es gebracht werden durch die richtiggehende 
Erziehung, dafi das, was der Mensch auf dem physischen Plan erfahrt, 
hineingetragen wird in dasjenige, was der Seelengeist oder die Geist- 
seele tut vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Wir konnen als Unter- 
richter und Erzieher dem Kinde gar nichts von der hoheren Welt bei- 
bringen. Denn dasjenige, was in den Menschen von der hoheren Welt 
hineinkommt, das kommt hinein in der Zeit vom Einschlafen bis zum 
Aufwachen. Wir konnen nur die Zeit, die der Mensch auf dem physi- 
schen Plan verbringt, so ausniitzen, dafi er gerade das, was wir mit ihm 
tun, allmahlich hineintragen kann in die geistige Welt und daft durch 
dieses Hineintragen wiederum in die physische Welt zuriickflieften 
kann die Kraft, die er mitnehmen kann aus der geistigen Welt, um dann 
im physischen Dasein ein rechter Mensch zu sein. 

So wird zunachst alle Unterrichts- und Erziehungstatigkeit gelenkt 
auf ein recht hohes Gebiet, auf das Lehren des richtigen Atmens und 
auf das Lehren des richtigen Rhythmus im Abwechseln zwischen Schla- 
fen und Wachen. Wir werden selbstverstandlich solche Verhaltungs- 
maftregeln beim Erziehen und Unterrichten kennenlernen, die nicht 



etwa auf eine Dressur des Atmens hinauslaufen oder auf eine Dressur 
von Schlafen und Wachen. Das wird alles nur im Hintergrund stehen. 
Das, was wir kennenlernen werden, werden konkrete Maftregeln sein. 
Aber wir miissen uns bis in die Fundamente hinein bewuftt sein dessen, 
was wir tun. So werden wir uns bewuftt werden miissen, wenn wir 
einem Kinde diesen oder jenen Lehrgegenstand beibringen, daft wir 
dann in der einen Richtung wirken auf das mehr in den physischen 
Leib Hineinbringen der Geistseele und in der anderen Richtung mehr 
auf das Hereinbringen der Korperleiblichkeit in die Geistseele. 

Unterschatzen wir nicht, daft das wichtig ist, was jetzt gesagt ist, 
denn Sie werden nicht gute Erzieher und Unterrichter werden, wenn 
Sie bloft auf dasjenige sehen werden, was Sie tun, wenn Sie nicht auf 
dasjenige sehen werden, was Sie sind. Wir haben ja die anthroposo- 
phisch orientierte Geisteswissenschaft eigentlich aus dem Grunde, um 
die Bedeutsamkeit dieser Tatsache einzusehen, daft der Mensch in der 
Welt wirkt nicht nur durch dasjenige, was er tut, sondern vor allem 
durch dasjenige, was er ist. Es ist einmal ein grower Unterschied, meine 
lieben Freunde, ob der eine Lehrer in die Schule durch die Klassentur 
zu einer kleineren oder grofteren Anzahl von Schiilern hineingeht oder 
der andere Lehrer. Es ist ein grofter Unterschied, und der liegt nicht 
bloft darin, daft der eine Lehrer geschickter ist, die aufterlichen padago- 
gischen Handgriffe so oder so zu machen, als der andere; sondern der 
hauptsachlichste Unterschied, der wirksam ist beim Unterricht, riihrt 
her von dem, was der Lehrer in der ganzen Zeit seines Daseins an Ge- 
dankenrichtung hat, die er durch die Klassentiir hereintragt. Ein Leh- 
rer, der sich beschaftigt mit Gedanken vom werdenden Menschen, 
wirkt ganz anders auf die Schiiler als ein Lehrer, der von alledem nichts 
weifi, der niemals seine Gedanken dahin lenkt. Denn was geschieht in 
dem Augenblick, wo Sie iiber solche Gedanken nachdenken, das heiftt, 
wo Sie anfangen zu wissen, welche kosmische Bedeutung der Atmungs- 
prozeft und seine Umwandlung in der Erziehung hat, welche kosmische 
Bedeutung der Rhythmusprozeft zwischen Schlafen und Wachen hat? 
In dem Augenblick, wo Sie solche Gedanken haben, bekampft etwas 
in Ihnen alles das, was blofter Personlichkeitsgeist ist. In diesem Au- 
genblick werden abgedampft alle Instanzen, welche dem Personlich- 



keitsgeist zugrunde liegen; es wird etwas von dem ausgeloscht, was 
gerade am meisten vorhanden ist im Menschen dadurch, daft er ein 
physischer Mensch ist. 

Und indem Sie in diesem Ausgeloschtsein leben und hineingehen 
in das Klassenzimmer, kommt es durch innere Krafte, daft sich ein 
Verhaltnis herstellt zwischen den Schiilern und Ihnen. Da kann es sein, 
daft die iiufteren Tatsachen dem anfangs widersprechen. Sie gehen in 
die Schule hinein, und vielleicht haben Sie Rangen und Ranginnen vor 
sich, die Sie auslachen. Sie miissen so gestarkt sein durch solche Gedan- 
ken, wie wir sie hier pflegen wollen, daft Sie gar nicht achten dieses 
Auslachens, daft Sie es hinnehmen wie eine auftere Tatsache, ich will 
sagen wie die Tatsache, daft es, wahrend Sie ohne Regenschirm ausge- 
gangen sind, plotzlich beginnt zu regnen. Gewift, das ist eine unange- 
nehme Uberraschung. Aber gewohnlich macht der Mensch selbst einen 
Unterschied zwischen dem Ausgelachtwerden und dem Uberrascht- 
werden durch den Regen, wenn man keinen Schirm hat. Es darf kein 
Unterschied gemacht werden. Wir miissen so starke Gedanken ent- 
wickeln, daft dieser Unterschied nicht gemacht wird, daft wir dieses 
Ausgelachtwerden wie einen Regenguft hinnehmen. Wenn wir durch- 
drungen sind von diesen Gedanken, und namentlich den rechten Glau- 
ben an sie haben, dann wird das iiber uns kommen, was vielleicht erst 
nach acht Tagen, vielleicht erst nach vierzehn Tagen, vielleicht nach 
noch langerer Zeit eintritt - wenn wir noch so sehr ausgelacht werden 
von den Kindern: daft wir ein Verhaltnis zu den Kindern herstellen, 
das wir fur das wiinschenswerte halten. Wir miissen dieses Verhaltnis 
auch gegen Widerstand herstellen durch das, was wir aus uns selbst 
machen. Und wir miissen uns vor alien Dingen der ersten padago- 
gischen Aufgabe bewuftt werden, daft wir erst selbst aus uns etwas 
machen miissen, daft eine gedankliche, daft eine innere spirituelle Be- 
ziehung herrscht zwischen dem Lehrer und den Kindern und daft wir 
in das Klassenzimmer eintreten in dem Bewufttsein: Diese spirituelle 
Beziehung ist da, nicht bloft die Worte, die Ermahnungen, die ich die 
Kinder erfahren lasse, die Geschicklichkeit im Unterrichten wird da 
sein. Das alles sind Aufterlichkeiten, die wir gewift pflegen miissen; 
aber wir werden sie nicht richtig pflegen, wenn wir nicht als Grund- 



tatsache herstellen das ganze Verhaltnis zwischen den Gedanken, die 
uns selbst erfiillen, und den Tatsachen, die wahrend des Unterrichts 
an Leib und Seele der Kinder vor sich gehen sollen. Unsere ganze Hal- 
tung im Unterrichten wiirde nicht vollstandig sein, wenn wir nicht 
das Bewufitsein in uns tragen wiirden: der Mensch wurde geboren; da- 
durch wurde ihm die Moglichkeit gegeben, dasjenige zu tun, was er 
nicht konnte in der geistigen Welt. Wir miissen erziehen und unterrich- 
ten, der Atmung erst die richtige Harmonie geben zur geistigen Welt. 
Der Mensch konnte nicht in derselben Weise den rhythmischen Wech- 
sel vollziehen zwischen Wachen und Schlafen in der geistigen Welt wie 
in der physischen Welt. Wir miissen diesen Rhythmus so regeln durch 
Erziehung und Unterricht, daft in der rechten Weise im Menschen ein- 
gegliedert werde Korperleib oder Leibeskorper in Seelengeist oder 
Geistseele. Das ist etwas, was wir selbstverstandlich nicht so wie eine 
Abstraktion vor uns haben und als solche unmittelbar im Unterricht 
verwenden sollen, aber als Gedanke von der menschlichen Wesenheit 
mufi es uns beherrschen. 

Das wollte ich Ihnen in dieser Einleitung sagen, und wir wollen 
morgen mit der eigentlichen Padagogik beginnen. 



ZWEITER VORTRAG 
Stuttgart, 22. August 1919 



Jeder Unterricht in der Zukunft wird gebaut werden miissen auf eine 
wirkliche Psychologie, welche herausgeholt ist aus anthroposophischer 
Welterkenntnis. Daft der Unterricht und das Erziehungswesen iiber- 
haupt auf Psychologie gebaut werden miisse, erkannte man selbstver- 
standlich an den verschiedensten Orten, und Sie wissen ja wohl, daft 
zum Beispiel die in der Vergangenheit in sehr weiten Kreisen wirkende 
Herbartsche Padagogik ihre Erziehungsmafinahmen auf die Herbart- 
sche Psychologie aufgebaut hat. Nun liegt heute und auch in der Ver- 
gangenheit der letzten Jahrhunderte eine gewisse Tatsache vor, welche 
eigentlich eine wirkliche, eine brauchbare Psychologie gar nicht auf- 
kommen lieft. Das mufi darauf zuruckgefuhrt werden, daft in dem Zeit- 
alter, in welchem wir jetzt sind, in dem Bewufttseinsseelenzeitalter, bis- 
her noch nicht eine solche geistige Vertiefung erreicht worden ist, daft 
man wirklich zu einer tatsachlichen Erfassung der menschlichen Seele 
hatte kommen konnen. Diejenigen Begriffe aber, die man sich friiher 
auf psychologischem Gebiete, auf dem Gebiete der Seelenkunde gebil- 
det hatte aus dem alten Wissen noch des vierten nachatlantischen Zeit- 
raumes heraus, diese Begriffe sind eigentlich heute mehr oder weniger 
inhaltleer, sind zur Phrase geworden. Wer heute irgendeine Psycholo- 
gie oder auch nur irgend etwas in die Hand nimmt, das mit Psycholo- 
giebegriffen zu tun hat, der wird finden, daft ein wirklicher Inhalt 
heute in solchen Schriftwerken nicht mehr drinnen ist. Man hat das 
Gefuhl, daft die Psychologen nur mit Begriffen spielen. Wer entwickelt 
heute zum Beispiel einen richtigen deutlichen Begriff von dem, was 
Vorstellung, was Wille ist? Sie konnen heute Definition nach Defini- 
tion aus Psychologien und Padagogiken nehmen iiber Vorstellung, iiber 
Wille: eine eigentliche Vorstellung iiber die Vorstellung, eine eigentliche 
Vorstellung vom Willen werden Ihnen diese Definitionen nicht geben 
konnen. Man hat eben vollstandig versaumt - natiirlich aus einer aufte- 
ren geschichtlichen Notwendigkeit heraus -, den einzelnen Menschen 
anzuschlieften auch seelisch an das ganze Weltenall. Man war nicht im- 



stande zu begreifen, wie das Seelische des Menschen in Zusammenhang 
stent mit dem ganzen Weltenall. Erst dann, wenn man den Zusammen- 
hang des einzelnen Menschen mit dem ganzen Weltenall ins Auge fas- 
sen kann, ergibt sich ja eine Idee von der Wesenheit Mensch als solcher. 

Sehen wir einmal auf das, was man gewohnlich die Vorstellung 
nennt. Wir miissen ja Vorstellen, Fiihlen und Wollen bei den Kindern 
entwickeln. Also wir miissen zunachst fur uns einen deutlichen Begriff 
gewinnen von dem, was Vorstellung ist. Wer wirklich unbefangen das 
anschaut, was als Vorstellung im Menschen lebt, dem wird wohl so- 
gleich der Bildcharakter der Vorstellung auffallen: Vorstellung hat 
einen Bildcharakter. Und wer einen Seins-Charakter in der Vorstel- 
lung sucht, wer eine wirkliche Existenz in der Vorstellung sucht, der 
gibt sich einer grofien Illusion hin. Was sollte fur uns aber auch Vor- 
stellung sein, wenn sie ein Sein ware? Wir haben zweifellos auch Seins- 
Elemente in uns. Nehmen Sie nur unsere leiblichen Seins-Elemente, 
nehmen Sie nur das, was ich jetzt sage, ganz grob: zum Beispiel Ihre 
Augen, die Seins-Elemente sind, Ihre Nase, die ein Seins-Element ist, 
oder auch Ihren Magen, der ein Seins-Element ist. Sie werden sich sa- 
gen, in diesen Seins-Elementen leben Sie zwar, aber Sie konnen mit 
ihnen nicht vorstellen. Sie fliefien mit Ihrem eigenen Wesen in die 
Seins-Elemente aus, Sie identifizieren sich mit den Seins-Elementen. 
Gerade das ergibt die Moglichkeit, dafi wir mit den Vorstellungen et- 
was ergreifen, etwas erfassen konnen, dafi sie Bildcharakter haben, 
dafi sie nicht so mit uns zusammenfliefien, dafi wir in ihnen sind. Sie 
sind also eigentlich nicht, sie sind blofie Bilder. Es ist der grofie Feh- 
ler gerade im Ausgange der letzten Entwickelungsepoche der Mensch- 
heit in den letzten Jahrhunderten gemacht worden, das Sein mit dem 
Denken als solchem zu identifizieren. «Cogito, ergo sum» ist der 
grofite Irrtum, der an die Spitze der neueren Weltanschauung gestellt 
worden ist; denn in dem ganzen Umfange des «cogito» liegt nicht das 
«sum», sondern das «non sum». Das heifit, soweit meine Erkenntnis 
reicht, bin ich nicht, sondern ist nur Bild. 

Nun miissen Sie, wenn Sie den Bildcharakter des Vorstellens ins 
Auge fassen, ihn vor allem qualitativ ins Auge fassen. Sie miissen auf 
die Beweglichkeit des Vorstellens sehen, miissen sich gewissermafien 



einen nicht ganz zutreffenden Begriff vom Tatigsein machen, was ja 
anklingen wiirde an das Sein. Aber wir miissen uns vorstellen, daft wir 
auch im gedanklichen Tatigsein nur eine bildhafte Tatigkeit haben. 
Also alles, was auch nur Bewegung ist im Vorstellen, ist Bewegung 
von Bildern. Aber Bilder miissen Bilder von etwas sein, konnen nicht 
Bilder blofi an sich sein. Wenn Sie reflektieren auf den Vergleich mit 
den Spiegelbildern, so konnen Sie sich sagen: Aus dem Spiegel heraus 
erscheinen zwar die Spiegelbilder, aber alles, was in den Spiegelbildern 
liegt, ist nicht hinter dem Spiegel, sondern ganz unabhangig von ihm 
irgendwo anders vorhanden, und es ist fur den Spiegel ziemlich gleich- 
giiltig, was sich in ihm spiegelt; es kann sich alles mogliche in ihm spie- 
geln. - Wenn wir genau in diesem Sinne von der vorstellenden Tatig- 
keit wissen, dafi sie bildhaft ist, so handelt es sich darum, zu fragen: 
Wovon ist das Vorstellen Bild? Dariiber gibt naturlich keine aufiere 
Wissenschaft Auskunft; dariiber kann nur anthroposophisch orientierte 
Wissenschaft Auskunft geben. Vorstellen ist Bild von all den Erleb- 
nissen, die vorgeburtlich beziehungsweise vor der Empfangnis von uns 
erlebt sind. Sie kommen nicht anders zu einem wirklichen Begreifen 
des Vorstellens, als wenn Sie sich dariiber klar sind, dafi Sie ein Leben 
vor der Geburt, vor der Empfangnis durchlebt haben. Und so wie die 
gewohnlichen Spiegelbilder raumlich als Spiegelbilder entstehen, so 



Vox steliuns 1 



B lie) 



sasr | 

Gebvrt Tod 



spiegelt sich Ihr Leben zwischen Tod und neuer Geburt in dem jetzigen 
Leben drinnen, und diese Spiegelung ist das Vorstellen. Also Sie miis- 
sen sich geradezu vorstellen - wenn Sie es sich bildhaft vorstellen -, 
Ihren Lebensgang verlaufend zwischen den beiden horizontalen Li- 
nien, begrenzt rechts und links durch Geburt und Tod. Sie miissen 



sich dann weiter vorstellen, daft fortwahrend von jenseits der Geburt 
das Vorstellen hereinspielt und durch die menschliche Wesenheit selber 
zuriickgeworfen wird. Und auf diese Weise, indem die Tatigkeit, die 
Sie vor der Geburt beziehungsweise der Empfangnis ausgefiihrt haben 
in der geistigen Welt, zuriickgeworfen wird durch Ihre Leiblichkeit, 
dadurch erfahren Sie das Vorstellen. Fur wirklich Erkennende ist ein- 
fach das Vorstellen selbst ein Beweis des vorgeburtlichen Daseins, weil 
es Bild dieses vorgeburtlichen Daseins ist. 

Ich wollte dies zunachst als Idee hinstellen - wir kommen auf die 
eigentlichen Erlauterungen der Dinge noch zuriick -, um Sie darauf 
auf merksam zu machen, daft wir auf diese Weise aus den blofien Wort- 
erklarungen, die Sie in den Psychologien und Padagogiken finden, her- 
auskommen und dafi wir zu einem wirklichen Ergreifen dessen, was 
vorstellende Tatigkeit ist, kommen, indem wir wissen lernen, dafi wir 
im Vorstellen die Tatigkeit gespiegelt haben, die vor der Geburt oder 
Empfangnis von der Seele in der rein geistigen Welt ausgeiibt worden 
ist. Alles iibrige Definieren des Vorstellens niitzt gar nichts, weil man 
keine wirkliche Idee von dem bekommt, was das Vorstellen in uns ist. 

Nun wollen wir uns in derselben Art nach dem Willen fragen. Der 
Wille ist eigentlich fur das gewohnliche Bewufttsein etwas aufterordent- 
lich Ratselhaftes; er ist eine Crux der Psychologen, einfach aus dem 
Grunde, weil dem Psychologen der Wille entgegentritt als etwas sehr 
Reales, aber im Grunde genommen doch keinen rechten Inhalt hat. 
Denn wenn Sie bei den Psychologen nachsehen, welchen Inhalt sie dem 
Willen verleihen, dann werden Sie immer finden: solcher Inhalt riihrt 
vom Vorstellen her. Fur sich selber hat der Wille zunachst einen eigent- 
lichen Inhalt nicht. Nun ist es wiederum so, daft keine Definitionen da 
sind fur den Willen; diese Definitionen sind beim Willen um so schwie- 
riger, weil er keinen rechten Inhalt hat. Was ist er aber eigentlich? Er 
ist nichts anderes, als schon der Keim in uns fur das, was nach dem 
Tode in uns geistig-seelische Realitat sein wird. Also wenn Sie sich 
vorstellen, was nach dem Tode geistig-seelische Realitat von uns wird, 
und wenn Sie es sich keimhaft in uns vorstellen, dann bekommen Sie 
den Willen. In unserer Zeichnung endet der Lebenslauf auf der Seite 
des Todes, und der Wille geht dariiber hinaus (siehe Zeichnung S. 34). 



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YbrsteitunQ 1 



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Keim 



Geburt 



Tod 



Wir haben uns also vorzustellen: Vorstellung auf der einen Seite, 
die wir als Bild aufzufassen haben vom vorgeburtlichen Leben; Willen 
auf der anderen Seite, den wir als Keim aufzufassen haben fur spateres. 
Ich bitte, den Unterschied zwischen Keim und Bild recht ins Auge zu 
fassen. Denn ein Keim ist etwas Uberreales, ein Bild ist etwas Unter- 
reales; ein Keim wird spater erst zu einem Realen, tragt also der An- 
lage nach das spatere Reale in sich, so dafi der Wille in der Tat sehr 
geistiger Natur ist. Das hat Schopenhauer geahnt; aber er konnte na- 
turlich nicht bis zu der Erkenntnis vordringen, dafi der Wille der Keim 
des Geistig-Seelischen ist, wie dieses Geistig-Seelische sich nach dem 
Tode in der geistigen Welt entfaltet. 

Nun haben Sie in einer gewissen Weise das menschliche Seelenleben 
in zwei Gebiete zerteilt: in das bildhafte Vorstellen und in den keim- 
haften Willen; und zwischen Bild und Keim liegt eine Grenze. Diese 
Grenze ist das ganze Ausleben des physischen Menschen selbst, der das 
Vorgeburtliche zuriickwirft, dadurch die Bilder der Vorstellung er- 
zeugt, und der den Willen nicht sich ausleben lafit und dadurch ihn 
fortwahrend als Keim erhalt, blofi Keim sein lafit. Durch welche 
Krafte, so miissen wir fragen, geschieht denn das eigentlich? 

Wir miissen uns klar sein, daft im Menschen gewisse Krafte vor- 
handen sein miissen, durch welche die Zuriickwerfung der vorgeburt- 
lichen Realitat und das Im-Keime-Behalten der nachtodlichen Realitat 
bewirkt wird; und hier kommen wir auf die wichtigsten psycholo- 
gischen Begriffe von den Tatsachen, die Spiegelung desjenigen sind, 
was Sie aus dem Buche «Theosophie» schon kennen: Spiegelungen von 
Antipathie und Sympathie. Wir werden - und jetzt kniipfen wir an das 
im ersten Vortrage Gesagte an -, weil wir nicht mehr in der geistigen 
Welt bleiben konnen, herunterversetzt in die physische Welt. Wir ent- 



wickeln, indem wir in diese herunterversetzt werden, gegen alles, was 
geistig ist, Antipathie, so dafi wir die geistige vorgeburtliche Realitat 
zuriickstrahlen in einer uns unbewulken Antipathie. Wir tragen die 
Kraft der Antipathie in uns und verwandeln durch sie das vorgeburt- 
liche Element in ein bloftes Vorstellungsbild. Und mit demjenigen, was 
als Willensrealitat nach dem Tode hinausstrahlt zu unserem Dasein, 
verbinden wir uns in Sympathie. Dieser zwei, der Sympathie und der 
Antipathie, werden wir uns nicht unmittelbar bewufit, aber sie leben 
in uns unbewufit und sie bedeuten unser Fiihlen, das fortwahrend aus 
einem Rhythmus, aus einem Wechselspiel zwischen Sympathie und 
Antipathie sich zusammensetzt. 



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Fuh] er) 



Wir entwickeln in uns die Gefuhlswelt, die ein fortwahrendes Wech- 
selspiel - Systole, Diastole - zwischen Sympathie und Antipathie ist. 
Dieses Wechselspiel ist fortwahrend in uns. Die Antipathie, die nach 
der einen Seite geht, verwandelt fortwahrend unser Seelenleben in ein 
vorstellendes; die Sympathie, die nach der anderen Seite geht, ver- 
wandelt uns das Seelenleben in das, was wir als unseren Tatwillen ken- 
nen, in das Keimhafthalten dessen, was nach dem Tode geistige Reali- 
tat ist. Hier kommen Sie zum realen Verstehen des geistig-seelischen 
Lebens: wir schaffen den Keim des seelischen Lebens als einen Rhyth- 
mus von Sympathie und Antipathie. 

Was strahlen Sie nun in der Antipathie zuriick? Sie strahlen das 
ganze Leben, das Sie durchlebt, die ganze Welt, die Sie vor der Geburt 
beziehungsweise vor der Empfangnis durchlebt haben, zuriick. Das 



hat im wesentlichen einen erkennenden Charakter. Also Ihre Erkennt- 
nis verdanken Sie eigentlich dem Hereinscheinen, dem Hereinstrah- 
len Ihres vorgeburtlichen Lebens. Und dieses Erkennen, das in weit 
hoherem Mafie vorhanden ist, als Realitat vorhanden ist vor der Ge- 
burt oder der Empfangnis, wird abgeschwacht zum Bilde durch die 
Antipathic Daher konnen wir sagen: Dieses Erkennen begegnet der 
Antipathie und wird dadurch abgeschwacht zum Vorstellungsbild. 

Wenn die Antipathie nun geniigend stark wird, dann tritt etwas 
ganz Besonderes ein. Denn wir konnten auch im gewohnlichen Leben 
nach der Geburt nicht vorstellen, wenn wir es nicht doch auch mit 
derselben Kraft in gewissem Sinn taten, die uns geblieben ist aus der 
Zeit vor der Geburt. Wenn Sie heute als physische Menschen vorstellen, 
so stellen Sie nicht mit einer Kraft vor, die in Ihnen ist, sondern mit 
der Kraft aus der Zeit vor der Geburt, die noch in Ihnen nachwirkt. 
Man meint vielleicht, die habe aufgehort mit der Empfangnis, aber sie 
ist noch immer tatig, und wir stellen vor mit dieser Kraft, die noch 
immer in uns hereinstrahlt. Sie haben das Lebendige vom Vorgeburt- 
lichen fortwahrend in sich, nur haben Sie die Kraft in sich, es zuriick- 
zustrahlen. Die begegnet Ihrer Antipathie. Wenn Sie nun jetzt vorstel- 
len, so begegnet jedes solche Vorstellen der Antipathie, und wird die 
Antipathie geniigend stark, so entsteht das Erinnerungsbild, das Ge- 
dachtnis, so dafi das Gedachtnis nichts anderes ist als ein Ergebnis der 
in uns waltenden Antipathie. Hier haben Sie den Zusammenhang zwi- 
schen dem rein Gefuhlsmafligen noch der Antipathie, die unbestimmt 
noch zurtickstrahlt, und dem bestimmten Zuriickstrahlen, dem Zuriick- 
strahlen der jetzt noch bildhaft ausgeiibten Wahrnehmungstatigkeit im 
Gedachtnis. Das Gedachtnis ist nur gesteigerte Antipathie. Sie konn- 
ten kein Gedachtnis haben, wenn Sie zu Ihren Vorstellungen so grofie 
Sympathie hatten, daft Sie sie «verschlucken» wiirden; Sie haben Ge- 
dachtnis nur dadurch, dafi Sie eine Art Ekel haben vor den Vorstel- 
lungen, sie zuriickwerfen - und dadurch sie prasent machen. Das ist 
ihre Realitat. 

Wenn Sie diese ganze Prozedur durchgemacht haben, wenn Sie 
bildhaft vorgestellt haben, dies zuriickgeworfen haben im Gedacht- 
nis und das Bildhafte festhalten, dann entsteht der Begriff. Auf diese 



Weise haben Sie die eine Seite der Seeientatigkeit, die Antipathie, die 
zusammenhangt mit unserem vorgeburtlichen Leben. 

Jetzt nehmen wir die andere Seite, die des Wollens, was Keimhaf- 
tes, Nachtodliches in uns ist. Das Wollen lebt in uns, weil wir mit ihm 
Sympathie haben, weil wir mit diesem Keim, der nach dem Tode sich 
erst entwickelt, Sympathie haben. Ebenso wie das Vorstellen auf Anti- 
pathie beruht, so beruht das Wollen auf Sympathie. Wird nun die 
Sympathie geniigend stark - wie es bei der Vorstellung war, die durch 
Antipathie zum Gedachtnis wird dann entsteht aus Sympathie die 
Phantasie. Genau ebenso wie aus der Antipathie das Gedachtnis ent- 
steht, so entsteht aus Sympathie die Phantasie. Und bekommen Sie die 
Phantasie geniigend stark, was beim gewohnlichen Leben nur unbe- 
wufit geschieht, wird sie so stark, daft sie wieder Ihren ganzen Men- 
schen durchdringt bis in die Sinne, dann bekommen Sie die gewohn- 
lichen Imaginationen, durch die Sie die aufieren Dinge vorstellen. Wie 
der Begriff aus dem Gedachtnis, so geht aus der Phantasie die Imagi- 
nation hervor, welche die sinnlichen Anschauungen liefert. Die gehen 
aus dem Willen hervor. 

Es ist der grofie Irrtum, dem sich die Menschen hingeben, dafi sie 
fortwahrend in der Psychologie erzahlen: Wir schauen die Dinge an, 
dann abstrahieren wir und bekommen so die Vorstellung. - Das ist 
nicht der Fall. Dafi wir zum Beispiel die Kreide weifi empfinden, das 
ist hervorgegangen aus der Anwendung des Willens, der iiber die Sym- 
pathie und Phantasie zur Imagination wird. Wenn wir uns dagegen 
einen Begriff bilden, so hat dieser einen ganz anderen Ursprung, denn 
der Begriff geht aus dem Gedachtnis hervor. 

Damit habe ich Ihnen das Seelische geschildert. Sie konnen un- 
mdglich das Menschenwesen erfassen, wenn Sie nicht den Unterschied 
ergreifen zwischen dem sympathischen und antipathischen Element 
im Menschen. Diese, das sympathische und das antipathische Element, 
kommen zum Ausdruck an sich - wie ich es geschildert habe - in der 
Seelenwelt nach dem Tode. Dort herrscht unverhullt Sympathie und 
Antipathie. 

Ich habe Ihnen den seelischen Menschen geschildert. Der ist ver- 
bunden auf dem physischen Plan mit dem leiblichen Menschen. Alles 



Seelische driickt sich aus, offenbart sich im Leiblichen, so dafi sich auf 
der einen Seite alles das im Leiblichen offenbart, was sich ausdriickt 
in Antipathie, Gedachtnis und Begriff. Das ist gebunden an die Leibes- 
organisation der Nerven. Indem die Nervenorganisationen gebildet 
werden im Leibe, wirkt darin fur den menschlichen Leib alles Vorge- 
burtliche. Das seelisch Vorgeburtliche wirkt durch Antipathie, Ge- 
dachtnis und Begriff herein in den menschlichen Leib und schafft sich 
die Nerven. Das ist der richtige Begriff der Nerven. Alles Reden von 
einer Unterscheidung der Nerven in sensitive und motorische ist, wie 
ich Ihnen schon ofter auseinandergesetzt habe, nur ein Unsinn. 

Und ebenso wirkt Wollen, Sympathie, Phantasie und Imagination 
in gewisser Beziehung wieder aus dem Menschen heraus. Das ist an das 
Keimhafte gebunden, das mufi im Keimhaften bleiben, darf daher 
eigentlich nie zu einem wirklichen Abschlufi kommen, sondern mufi im 
Entstehen schon wieder vergehen. Es mufi im Keime bleiben, es darf 
der Keim in der Entwickelung nicht zu weit gehen; daher mufi es im 
Entstehen vergehen. Hier kommen wir zu etwas sehr Wichtigem im 
Menschen. Sie miissen den ganzen Menschen verstehen lernen: geistig, 
seelisch und leiblich. Nun wird im Menschen fortwahrend etwas ge- 
bildet, das immer die Tendenz hat, geistig zu werden. Aber weil man 
es in grofier Liebe, allerdings in egoistischer Liebe, im Leibe festhalten 
will, kann es nie geistig werden; es zerrinnt in seiner Leiblichkeit. Wir 
haben etwas in uns, was materiell ist, aber aus dem materiellen Zu- 
stand fortwahrend in einen geistigen Zustand ubergehen will. Wir 
lassen es nicht geistig werden; daher vernichten wir es in dem Moment, 
wo es geistig werden will. Es ist das Blut - das Gegenteil der Nerven. 



Blut 



Erkennen 
Antipathie 
Gedachtnis 
Begriff 



Wollen 
Sympathie 
Phantasie 
Imagination 



Nerv 



Das Blut ist wirklich ein «ganz besonderer Saft». Denn es ist der- 
jenige Saft, welcher, wenn wir ihn aus dem menschlichen Leibe entfer- 



nen konnten - was innerhalb der irdischen Bedingungen nicht geht -, 
so daft er noch Blut bliebe und durch die anderen physischen Agenzien 
nicht vernichtet wiirde, dann als Geist aufwirbeln wiirde. Damit 
nicht das Blut als Geist aufwirbele, damit wir es so lange, als wir auf 
der Erde sind, bis zum Tode in uns behalten konnen, deshalb mufi es 
vernichtet werden. Daher haben wir immerwahrend in uns: Bildung 
des Blutes - Vernichtung des Blutes, Bildung des Blutes - Vernichtung 
des Blutes und so weiter durch Einatmung und Ausatmung. 

Wir haben einen polarischen Prozeft in uns. Wir haben diejenigen 
Prozesse in uns, die langs des Blutes, der Blutbahnen laufen, die fort- 
wahrend die Tendenz haben, unser Dasein ins Geistige hinauszuleiten. 
Von motorischen Nerven so zu reden, wie dies ublich geworden ist, ist 
ein Unsinn, weil die motorischen Nerven eigentlich die Blutbahnen 
waren. Im Gegensatz zum Blut sind alle Nerven so veranlagt, daft sie 
fortwahrend im Absterben, im Materiellwerden begriffen sind. Was 
langs der Nervenbahnen liegt, das ist eigentlich ausgeschiedene Mate- 
rie; der Nerv ist eigentlich abgesonderte Materie. Das Blut will immer 
geistiger werden, der Nerv immer materieller; darin besteht der pola- 
rische Gegensatz. 

Wir werden in den spateren Vortragen diese hiermit gegebenen 
Grundprinzipien weiter verfolgen und werden sehen, wie ihre Ver- 
folgung uns wirklich das geben kann, was uns auch in bezug auf die 
hygienische Gestaltung des Unterrichtes dienlich sein wird, damit wir 
das Kind zur seelischen und leiblichen Gesundheit heranerziehen und 
nicht zur geistigen und seelischen Dekadenz. Es wird deshalb so viel 
mifterzogen, weil so vieles nicht erkannt wird. So sehr die Physiologie 
glaubt, etwas zu haben, indem sie von sensitiven und motorischen Ner- 
ven spricht, so hat sie darin doch nur ein Spiel mit Worten. Von moto- 
rischen Nerven wird gesprochen, weil die Tatsache besteht, daft der 
Mensch nicht gehen kann, wenn gewisse Nerven beschadigt sind, zum 
Beispiel die, welche nach den Beinen gehen. Man sagt, er konne das 
nicht, weil er die Nerven gelahmt hat, die als «motorische» die Beine 
in Bewegung setzen. In Wahrheit ist es so, daft man in einem solchen 
Fall nicht gehen kann, weil man die eigenen Beine nicht wahrnehmen 
kann. Dieses Zeitalter, in dem wir leben, hat sich eben notwendiger- 



weise in eine Summe von Irrtiimern verstrieken muss en, damit wir 
wieder die Moglichkeit haben, uns aus diesen Irrtumern herauszuwin- 
den, selbstandig als Menschen zu werden. 

Nun merken Sie schon an dem, was ich jetzt hier entwickelt habe, 
dafi eigentlich das Menschenwesen nur begriffen werden kann im Zu- 
sammenhange mit dem Kosmischen. Denn indem wir vorstellen, ha- 
ben wir das Kosmische in uns. Wir waren im Kosmischen, ehe wir ge- 
boren wurden, und unser damaliges Erleben spiegelt sich jetzt in uns; 
und wir werden wieder im Kosmischen sein, wenn wir die Todespforte 
durchschritten haben werden, und unser kunftiges Leben driickt sich 
keimhaft aus in dem, was in unserem Willen waltet. Was in uns un- 
bewufit waltet, das waltet sehr bewufit fur das hohere Erkennen im 
Kosmos. 

Wir haben allerdings selbst in der leiblichen Offenbarung einen drei- 
fachen Ausdruck dieser Sympathie und Antipathic Gewissermafien 
drei Herde haben wir, wo Sympathie und Antipathie ineinanderspie- 
len. Zunachst haben wir in unserem Kopf einen solchen Herd, im Zu- 
sammenwirken von Blut und Nerven, wodurch das Gedachtnis ent- 
steht. Uberall, wo die Nerventatigkeit unterbrochen ist, iiberall, wo ein 
Sprung ist, da ist ein solcher Herd, wo Sympathie und Antipathie in- 
einanderspielen. Ein weiterer solcher Sprung findet sich im Rucken- 
mark, zum Beispiel wenn ein Nerv nach dem hinteren Stachel des 
Ruckenmarks hingeht, ein anderer Nerv von dem vorderen Stachel 
ausgeht. Dann ist wieder ein solcher Sprung in den Ganglienhaufchen, 
die in die sympathischen Nerven eingebettet sind. Wir sind gar nicht 
so unkomplizierte Wesen, wie es scheinen mag. An drei Stellen unse- 
res Organismus, im Kopf, in der Brust und im Unterleib, spielt das 
hinein, da sind Grenzen, an denen Antipathie und Sympathie sich 
begegnen. Es ist mit Wahrnehmen und Wollen nicht so, dafi sich 
etwas umleitet von einem sensitiven Nerven zu einem motorischen, 
sondern ein gerader Strom springt iiber von einem Nerven auf 
den anderen, und dadurch wird in uns das Seelische beriihrt: in Ge- 
hirn und Riickenmark. An diesen Stellen, wo die Nerven unter- 
brochen sind, sind wir eingeschaltet mit unserer Sympathie und 
Antipathie in das Leibliche; und dann sind wir wieder eingeschaltet, 



wo die Ganglienhaufchen sich entwickeln im sympathischen Nerven- 
system. 

Wir sind mit unserem Erleben in den Kosmos eingeschaltet. Ebenso 
wie wir Tatigkeiten entwickeln, die im Kosmos weiter zu verfolgen 
sind, so entwickelt wieder mit uns der Kosmos fortwahrend Tatig- 
keiten, denn er entwickelt fortwahrend die Tatigkeit von Antipathie 
und Sympathie. Wenn wir uns als Menschen betrachten, so sind wir 
wieder selbst ein Ergebnis von Sympathien und Antipathien des Kos- 
mos. Wir entwickeln Antipathie von uns aus: der Kosmos entwickelt 
mit uns Antipathie; wir entwickeln Sympathie: der Kosmos entwickelt 
mit uns Sympathie. 

Nun sind wir ja als Menschen, indem wir uns aufierlich offenbaren, 
deutlich gegliedert in das Kopf system, in das Brustsystem und in das 
eigentliche Leibessystem mit den Gliedmafien. Nun bitte ich aber zu be- 
riicksichtigen, dafi diese Einteilung in gegliederte Systeme sehr leicht 
angefochten werden kann, weil die Menschen, wenn sie heute systema- 
tisieren, die einzelnen Glieder hubsch nebeneinander haben wollen. 
Wenn man also sagt: Man unterscheidet am Menschen ein Kopfsystem, 
ein Brustsystem und ein Unterleibssystem mit den Gliedmaften, dann 
mul? nach Ansicht der Menschen jedes System eine strenge Grenze 
haben. Die Menschen wollen Linien ziehen, wenn sie einteilen, und das 
kann man nicht, wenn man von Realitaten spricht. Wir sind im Kopf 
hauptsachlich Kopf, aber der ganze Mensch ist Kopf, nur ist das andere 
nicht hauptsachlich Kopf. Denn wie wir im Kopfe die eigentlichen 
Sinneswerkzeuge haben, so haben wir iiber den ganzen Leib ausgebildet 
zum Beispiel den Tastsinn und den Warmesinn; indem wir daher 
Warme empfinden, sind wir ganz Kopf. Wir sind nur im Kopfe haupt- 
sachlich Kopf, sonst sind wir «nebenbei» Kopf. So gehen also die 
Teile ineinander, und wir haben es nicht so bequem mit den Gliedern, 
wie es die Pedanten haben mochten. Der Kopf setzt sich also fort; er 
ist nur im Kopfe besonders ausgebildet. Ebenso ist es mit der Brust. 
Brust ist die eigentliche Brust, aber nur hauptsachlich, denn der ganze 
Mensch ist wiederum Brust. Also auch der Kopf ist etwas Brust und 
auch der Unterleib mit den Gliedmafien. Die Glieder gehen also inein- 
ander uber. Und ebenso ist es mit dem Unterleib. Da$ der Kopf Un- 



terleib ist, haben einige Physiologen bemerkt, denn die sehr feine Aus- 
bildung des Kopf-Nervensystems liegt eigentlich nicht in dem, was 
unser Stolz ist, im Gehirn, in der aufieren Hirnrinde, sondern die liegt 
unter der aufteren Hirnrinde. Ja, der kunstvollere Bau, die aufiere 
Hirnrinde, ist gewissermafien schon eine Riickbildung; da ist der kom- 
plizierte Bau schon in Riickbildung begriffen; es ist vielmehr schon 
ein Ernahrungssystem im Gehirnmantel vorliegend. So dalS der Mensch, 
wenn man das so vergleichsweise ausdriicken will, sich auf seinen Ge- 
hirnmantel gar nichts Besonderes einzubilden braucht; der ist ein Zu- 
riickgehen des komplizierteren Gehirns in ein mehr ernahrendes Ge- 
hirn. Wir haben den Gehirnmantel mit dazu, dafi die Nerven, die mit 
dem Erkennen zusammenhangen, ordentlich mit Nahrung versorgt 
werden. Und dafi wir das liber das tierische Gehirn hinausgehende bes- 
sere Gehirn haben, das ist nur aus dem Grunde, weil wir die Gehirn- 
nerven besser ernahren. Nur dadurch haben wir die Moglichkeit, 
unser hoheres Erkennen zu entfalten, dafi wir die Gehirnnerven bes- 
ser ernahren, als die Tiere es konnen. Aber mit dem eigentlichen Er- 
kennen hat das Gehirn und das Nervensystem iiberhaupt nichts zu 
tun, sondern nur mit dem Ausdruck des Erkennens im physischen 
Organismus. 

Nun fragt es sich: Warum haben wir den Gegensatz zwischen Kopf- 
system - lassen wir zunachst das mittlere System unberiicksichtigt - 
und dem polarischen Gliedmafiensystem mit dem Unterleibssystem? 
Wir haben ihn, weil das Kopfsystem in einem bestimmten Zeitpunkte 
«ausgeatmet» wird durch den Kosmos. Der Mensch hat durch die An- 
tipathie des Kosmos seine Hauptesbildung. Wenn dem Kosmos sozusa- 
gen gegeniiber dem, was der Mensch in sich tragt, so stark «ekelt», daft 
er es ausstofit, so entsteht dieses Abbild. Im Kopfe tragt wirklich der 
Mensch das Abbild des Kosmos in sich. Das rund geformte menschliche 
Haupt ist ein solches Abbild. Durch eine Antipathie des Kosmos schafft 
der Kosmos ein Abbild von sich aufierhalb seiner. Das ist unser Haupt. 
Wir konnen uns unseres Hauptes als eines Organs zu unserer Freiheit 
deshalb bedienen, weil der Kosmos dieses Haupt zuerst von sich ausge- 
stofien hat. Wir betrachten das Haupt nicht richtig, wenn wir es etwa 
in demselben Sinne intensiv eingegliedert denken in den Kosmos wie 



wiser Gliedmaftensystem, mit dem die Sexualsphare ja zusammenge- 
hort. Unser Gliedmafiensystem ist in den Kosmos eingegliedert, und 
der Kosmos zieht es an, hat mit ihm Sympathie, wie er dem Haupt 
gegenuber Antipathie hat. Im Haupte begegnet unsere Antipathie der 
Antipathie des Kosmos, die stofien dort zusammen. Da, in dem Aufein- 
anderprallen unserer Antipathien mit denen des Kosmos, entstehen 
unsere Wahrnehmungen. Alles Innenleben, das auf der anderen Seite 
des Menschen entsteht, riihrt her von dem liebevollen sympathischen 
Umschlingen unseres Gliedmafiensystems durch den Kosmos. 

So driickt sich in der menschlichen Leibesgestalt aus, wie der Mensch 
auch seelisch aus dem Kosmos heraus gebildet ist und was er in seiner 
Trennung wiederum aufnimmt aus dem Kosmos heraus. Sie werden 
daher auf Grundlage solcher Betrachtungen leichter einsehen, daft ein 
grofier Unterschied ist zwischen der Willensbildung und der Vorstel- 
lungsbildung. Wirken Sie besonders auf die Vorstellungsbildung, wir- 
ken Sie einseitig auf die Vorstellungsbildung, so weisen Sie eigentlich 
den ganzen Menschen auf das Vorgeburtliche zuriick, und Sie werden 
ihm schaden, wenn Sie ihn rationalistisch erziehen, weil Sie dann 
seinen Willen einspannen in das, was er eigentlich schon absolviert hat: 
in das Vorgeburtliche. Sie diirfen nicht zuviel abstrakte Begriffe in das 
einmischen, was Sie in der Erziehung an das Kind heranbringen. Sie 
miissen mehr Bilder darin einmischen. Warum? Das konnen Sie an un- 
serer Zusammenstellung ablesen. Bilder sind Imaginationen, gehen 
durch die Phantasie und Sympathie. Begriffe, abstrakte Begriffe, sind 
Abstraktionen, gehen durch das Gedachtnis und durch die Antipathie, 
kommen vom vorgeburtlichen Leben. Wenn Sie also beim Kinde viele 
Abstraktionen anwenden, werden Sie fordern, dafi das Kind sich be- 
sonders intensiv verlegen mufi auf den Prozeft des Kohlensaurewerdens, 
Kohlensaurebildens im Blute, auf den Prozefi der Leibesverhartung, 
des Absterbens. Wenn Sie dem Kinde moglichst viele Imaginationen 
beibringen, wenn Sie es moglichst so ausbilden, daft Sie in Bildern zu 
ihm sprechen, dann legen Sie in das Kind den Keim zum fortwahren- 
den Sauerstoffbewahren, zum fortwahrenden Werden, weil Sie es auf 
die Zukunft, auf das Nachtodliche hinweisen. Wir nehmen gewisser- 
mafien, indem wir erziehen, die Tatigkeiten, die vor der Geburt mit 



uns Menschen ausgeiibt werden, wieder auf. Wir mussen uns heute 
gestehen: Vorstellen ist eine Bildtatigkeit, die herriihrt von dem, was 
wir vor der Geburt oder Empfangnis erlebt haben. Da ist mit uns von 
den geistigen Machten so verfahren worden, dafi Bildtatigkeit in uns 
gelegt wurde, die in uns nachwirkt noch nach der Geburt. Indem wir 
den Kindern Bilder uberliefern, fangen wir im Erziehen damit an, diese 
kosmische Tatigkeit wieder aufzunehmen. Wir verpflanzen in sie Bil- 
der, die zu Keimen werden konnen, weil wir sie hineinlegen in eine 
Leibestatigkeit. Wir mussen daher, indem wir uns als Padagogen die 
Fahigkeit aneignen, in Bildern zu wirken, das fortwahrende Gefuhl 
haben: du wirkst auf den ganzen Menschen, eine Resonanz des ganzen 
Menschen ist da, wenn du in Bildern wirkst. 

Dieses in das eigene Gefuhl aufnehmen, dafi man in aller Erziehung 
eine Art Fortsetzung der vorgeburtlichen iibersinnlichen Tatigkeit be- 
wirkt, dies gibt allem Erziehen die notige Weihe, und ohne diese Weihe 
kann man iiberhaupt nicht erziehen. 

So haben wir uns zwei Begriffssysteme angeeignet: Erkennen, Anti- 
pathie, Gedachtnis, Begriff - Wollen, Sympathie, Phantasie, Imagina- 
tion; zwei Systeme, die uns dann im speziellen Anwenden fur alles 
dienen konnen, was wir praktisch auszuiiben haben in unserer padago- 
gischen Tatigkeit. Davon wollen wir dann morgen weitersprechen. 



DRITTER VORTRAG 



Stuttgart, 23. August 1919 

Der gegenwartige Lehrer miifke im Hintergrunde von allem, was er 
schulmafiig unternimmt, eine umfassende Anschauung iiber die Gesetze 
des Weltenalls haben. Es ist ja selbstverstandlich, daft gerade der Unter- 
richt in den unteren Klassen, in den unteren Stufen der Schule, einen 
Zusammenhang der Seele des Lehrenden mit den hochsten Ideen der 
Menschheit fordert. Ein Krebsschaden der bisherigen Schulkonstitution 
besteht wohl darin, dafi man den Lehrer der unteren Schulstufen in 
einer gewissen, ich mochte sagen Abhangigkeit gehalten hat, nament- 
lich dafi man ihn in einer Sphare gehalten hat, wodurch seine Existenz 
minderwertiger schien als die Existenz der Lehrer der hoheren Schul- 
stufen. Es obliegt mir hier nauirlich nicht, iiber diese allgemeine Frage 
des geistigen Gliedes des sozialen Organismus zu sprechen. Aber dar- 
auf mu!5 doch aufmerksam gemacht werden, dafi in der Zukunft alles, 
was zur Lehrerschaft gehort, einander ebenbiirtig sein mufi und daft 
man ein starkes Gefiihl in der Offentlichkeit dafiir wird haben miis- 
sen, dafi der Lehrer der unteren Schulstufen durchaus gleichwertig 
ist, auch in bezug auf seine geistige Konstitution, dem Lehrer hoherer 
Schulstufen. Daher wird es Sie nicht verwundern, wenn wir heute ge- 
rade darauf hinweisen, wie im Hintergrunde alien Unterrichtens - 
auch auf den untersten Schulstufen - dasjenige stehen mufi, was man 
natiirlich unmittelbar den Kindern gegeniiber nicht verwenden kann, 
was man aber als Lehrer unbedingt wissen mufi, denn sonst wiirde 
der Unterricht nicht erspriefilich sein konnen. 

Wir bringen im Unterricht an das Kind heran auf der einen Seite die 
Naturwelt, auf der anderen Seite die geistige Welt. Wir sind als Men- 
schen durchaus auf der einen Seite verwandt der Naturwelt, auf der 
anderen Seite verwandt der geistigen Welt, insofern wir eben Menschen 
hier auf der Erde, auf dem physischen Plane sind und unser Dasein 
zwischen Geburt und Tod vollenden. 

Nun ist eben die Psychologie-Erkenntnis durchaus etwas, was in un- 
serer Zeit aufierordentlich schwach ausgebildet ist. Namentlich leidet 



die psychologische Erkenntnis unter der Nachwirkung jener kirch- 
lichen dogmatischen Feststellung, die im Jahre 869 gefallen ist und in 
der eine altere, auf einer instinktiven Erkenntnis beruhende Einsicht 
verdunkelt worden ist: die Einsicht, dafi der Mensch gegliedert ist in 
Leib, Seele und Geist. Sie konnen ja fast iiberall, wo Sie heute von 
Psychologie reden horen, von einer blofien Zweigliederung des Men- 
schenwesens reden horen. Sie konnen davon reden horen, der Mensch 
bestehe aus Leib und Seele oder aus Korper und Geist, wie man es 
dann nennen will; man betrachtet dann Korper und Leib und ebenso 
auch Geist und Seele als ziemlich gleichbedeutend. Fast alle Psycho- 
logien sind auf diesem Irrtum der Zweigliederung des menschlichen 
Wesens aufgebaut. Man kann gar nicht zu einer wirklichen Ein- 
sicht in die menschliche Wesenheit kommen, wenn man sich nur die- 
ser Zweigliederung als einem durchgreifend Giiltigen zuwendet. Da- 
her ist im Grunde genommen fast alles, was heute als Psychologie 
auftaucht, durchaus dilettantisch, manchmal auch nur ein Spiel mit 
Worten. 

Das aber beruht ja im allgemeinen auf jenem grofien Irrtum, der 
erst in der zweiten Halfte des 19. Jahrhunderts so grofi geworden ist, 
weil mifikannt worden ist eine eigentlich grofie Errungenschaft, wel- 
che die physikalische Wissenschaft zu verzeichnen hatte. Sie wissen ja, 
dafi die braven Heilbronner dem Manne inmitten ihrer Stadt ein 
Denkmal aufgerichtet haben, den sie zur Zeit seines Lebens ins Irren- 
haus gesperrt haben: Julius Robert Mayer. Und Sie wissen, dafi diese 
Personlichkeit, auf die heute selbstverstandlich die Heilbronner sehr 
stolz sind, verkniipft ist mit dem sogenannten Gesetz von der Erhal- 
tung der Energie oder der Kraft. Dieses Gesetz besagt ja, dafi die 
Summe aller im Weltenall vorhandenen Energien oder Krafte eine 
konstante ist, dafi sich diese Krafte nur umwandeln, so dafi etwa eine 
Kraft einmal als Warme, ein andermal als mechanische Kraft erscheint 
und dergleichen. In diese Form kleidet man aber das Gesetz von Julius 
Robert Mayer nur dann, wenn man ihn griindlich mifiversteht! Denn 
ihm war es zu tun um die Aufdeckung der Metamorphose der Krafte, 
nicht aber um die Aufstellung eines so abstrakten Gesetzes, wie es das 
von der Erhaltung der Energie ist. 



Was ist, in einem grofien Zusammenhange angesehen, kulturge- 
schichtlich dieses Gesetz von der Erhaltung der Energie oder der Kraft? 
Es ist das grofie Hindernis, den Menschen iiberhaupt zu verstehen. So- 
bald man namlich meint, daft niemals Krafte wirklich neu gebildet 
werden, wird man nicht zu einer Erkenntnis des wahren Wesens des 
Menschen gelangen konnen. Denn dieses wahre Wesen des Menschen 
beruht gerade darin, dafi fortwahrend durch ihn neue Krafte gebildet 
werden. Allerdings in dem Zusammenhange, in dem wir in der Welt 
leben, ist der Mensch das einzige Wesen, in welchem neue Krafte und - 
wie wir spater noch horen werden - sogar neue Stoffe gebildet werden. 
Aber da die heutige Weltanschauung iiberhaupt nicht solche Elemente 
in sich aufnehmen will, durch welche auch der Mensch voll erkannt 
werden kann, so kommt sie dann mit diesem Gesetz von der Erhaltung 
der Kraft, das ja in einem gewissen Sinne nicht stort, wenn man nur 
die anderen Reiche der Natur - das Mineralreich, das Pflanzenreich 
und das Tierreich - ins Auge fafit, das aber sofort alles von wirklicher 
Erkenntnis ausloscht, wenn man an den Menschen herankommen will. 

Sie werden als Lehrer die Notwendigkeit haben, auf der einen Seite 
Ihren Schiilern die Natur verstandlich zu machen, auf der anderen 
Seite sie hinzufuhren zu einer gewissen Auffassung des geistigen Le- 
bens. Ohne mit der Natur bekannt zu sein, wenigstens in einem ge- 
wissen Grade, und ohne ein Verhaltnis zum geistigen Leben zu haben, 
kann sich heute der Mensch auch nicht in das soziale Leben hineinstel- 
len. Wenden wir daher zunachst einmal unseren Blick der aufieren 
Natur zu. 

Die aufiere Natur wendet sich an uns so, dafi gegeniibersteht dieser 
aufieren Natur auf der einen Seite unser Vorstellungs-, Gedankenleben, 
das, wie Sie wissen, bildhafter Natur ist, das eine Art Spiegelung des 
vorgeburtlichen Lebens ist, und dafi auf der anderen Seite sich der 
Natur zuwendet alles dasjenige, was willensartiger Natur ist, was als 
Keim hinweist auf unser nachtodliches Leben. In dieser Weise sind wir 
immer auf die Natur hingelenkt. Das scheint ja allerdings zunachst eine 
Hinordnung auf die Natur in zwei Gliedern zu sein, und sie hat auch 
hervorgerufen den Irrtum von der Zweigliederung des Menschen. Wir 
werden auf diese Sache noch zuriickkommen. 



Wenn wir der Natur so gegeniiberstehen, daft wir ihr unsere Denk- 
seite, unsere Vorstellungsseite zuwenden, dann fassen wir eigendich 
von der Natur nur das auf, was in der Natur fortwahrendes Sterben 
ist Es ist dies ein aufterordentlich gewichtiges Gesetz. Seien Sie sich 
ganz klar dariiber: Wenn Sie noch so scheme Naturgesetze erfahren, die 
mit Hilfe des Verstandes, mit Hilfe der vorstellenden Krafte gefunden 
sind, so beziehen sich diese Naturgesetze immer auf das, was in der 
Natur abstirbt. 

Etwas ganz anderes als diese Naturgesetze, die sich auf das Tote be- 
ziehen, erfahrt der lebendige Wille, der keimhaft vorhanden ist, wenn 
er sich auf die Natur richtet. Hier werden Sie, weil Sie ja wohl noch 
angefullt sind mit mancherlei Vorstellungen, die aus der Gegenwart 
und den Irrtumern ihrer Wissenschaft entstammen, eine ziemliche 
Schwierigkeit Ihres Verstandnisses finden. - Was uns zunachst in den 
Sinnen, ganz im Umfange der zwolf Sinne, in Beziehung bringt zur 
Auftenwelt, das ist nicht erkenntnismaftiger, sondern willensmaftiger 
Natur. Dem Menschen der Gegenwart ist davon eigendich die Einsicht 
ganz geschwunden. Daher betrachtet er es als etwas Kindliches, wenn 
er bei Plato liest, daft das Sehen eigendich darauf beruhe, daft eine Art 
von Fangarmen aus den Augen ausgestreckt werde zu den Dingen hin. 
Diese Fangarme sind allerdings mit sinnlichen Mitteln nicht zu erken- 
nen; aber daft Plato sich ihrer bewuftt war, das beweist eben, daft er 
in die ubersinnliche Welt eingedrungen war. Es ist in der Tat, indem 
wir die Dinge ansehen, nichts anderes als nur in feinerer Weise ein 
Vorgang vorhanden ahnlich demjenigen, der sich abspielt, wenn wir 
die Dinge angreifen, Wenn Sie zum Beispiel ein Stuck Kreide anfassen, 
so ist dies ein physischer Vorgang ganz ahnlich dem geistigen Vor- 
gange, der sich abspielt, indem Sie die Atherkrafte aus Ihrem Auge 
senden, um den Gegenstand im Sehen zu erfassen. Wenn die Menschen 
iiberhaupt in der Gegenwart beobachten konnten, so wiirden sie aus 
den Naturbeobachtungen diese Tatsachen entnehmen konnen. Wenn 
Sie sich zum Beispiel die nach auswarts gestellten Pferdeaugen an- 
sehen, dann werden Sie das Gefiihl bekommen, daft einfach durch 
die Stellung seiner Augen das Pferd zu seiner Umgebung in eine an- 
dere Lage versetzt ist als der Mensch. Was da zugrunde liegt, kann 



ich Ihnen am besten dadurch klar machen, dafi ich folgendes hypo- 
thetisch aufstelle. Denken Sie sich, Ihre beiden Arme waren so gestal- 
tet, daft Sie in die Unmoglichkeit versetzt waren, die Arme nach vorn 
zusammenzubringen, so daft sie sich niemals iibergreifen konnten. 
Sie miifiten eurythmisch immer bei A stehenbleiben, konnten nie 
zum O kommen, es wiirde durch eine Widerstandskraft Ihnen unmog- 
lich gemacht, durch die Vorwartsrichtung der Arme diese vorne zu- 
sammenzubringen. Das Pferd ist nun in bezug auf die iibersinnlichen 
Fangarme seiner Augen in dieser Lage: es kann niemals den Fangarm 
des linken Auges beruhren lassen von dem Fangarm des rechten Au- 
ges. Der Mensch ist durch seine Augenstellung eben in der Lage, fort- 
wahrend diese zwei iibersinnlichen Fangarme seiner Augen miteinander 
sich beruhren zu lassen. Darauf beruht die Empfindung - die iiber- 
sinnlicher Natur ist - von dem Ich. Wiirden wir iiberhaupt niemals 
in die Lage kommen, rechts und links miteinander in Beriihrung zu 
bringen, oder wiirde die Beriihrung von rechts und links eine so ge- 
ringe Bedeutung haben, wie es bei den Tieren der Fall ist, die niemals 
so ganz richtig die Vorderpfoten, sagen wir, zum Gebet oder zu irgend- 
einem ahnlichen Geistigen verwenden, dann wiirden wir auch nicht zu 
einer vergeistigten Empfindung unseres Selbstes gelangen. 

Was fur die Sinnesempfindungen am Auge und Ohr iiberall wichtig 
ist, das ist nicht so sehr das Passive; es ist das Aktive, das, was wir wil- 
lentlich den Dingen entgegenbringen. Die neuere Philosophic hat ja 
manchmal Ahnungen gehabt von etwas Richtigem und hat dann aller- 
lei Worte erfunden, die aber in der Regel beweisen, wie weit man von 
der Erfassung der Sache entfernt ist. So sind in den Lokalzeichen der 
Lotzeschen Philosophic solche Ahnungen von Erkenntnis der Aktivi- 
tat des Willens-Sinneslebens vorhanden. Aber unser Sinnesorganismus, 
der ja ganz deutlich in dem Tastsinn, Geschmackssinn, Geruchssinn sein 
Verbundensein mit dem Stoffwechsel zeigt, ist bis in die hoheren Sinne 
mit dem Stoffwechsel verbunden, und der ist willensartiger Natur. 

Daher konnen Sie sich sagen: Der Mensch steht, indem er der Natur 
gegeniibersteht, durch sein Verstandesmafiiges der Natur gegeniiber 
und fafit dadurch alles das von ihr auf, was in ihr tot ist und eignet sich 
von diesem Toten Gesetze an. Was aber in der Natur aus dem Schofie 



des Toten sich erhebt, um zur Zukunft der Welt zu werden, das fafit 
der Mensch auf durch seinen ihm so unbestimmt erscheinenden Willen, 
der sich bis in die Sinne hinein erstreckt. 

Denken Sie sich, wie lebendig Ihnen Ihr Verhaltnis zur Natur wird, 
wenn Sie das eben Gesagte ordentlich ins Auge fassen. Sie werden sich 
dann sagen: Wenn ich in die Natur hinausgehe, so glanzt mir entgegen 
Licht und Farbe; indem ich das Licht und seine Farben aufnehme, ver- 
einige ich mit mir das von der Natur, was sie in die Zukunft hiniiber- 
sendet, und indem ich dann in meine Stube zuruckkehre und nachdenke 
uber die Natur, Gesetze uber sie ausspinne, da beschaftige ich mich mit 
dem, was in der Natur fortwahrend stirbt. - In der Natur ist f ortwahren- 
des Sterben und Werden miteinander verbunden. Dafi wir das Sterben 
auffassen, riihrt davon her, dafi wir in uns tragen das Spiegelbild un- 
seres vorgeburtlichen Lebens, die Verstandeswelt, die Denkwelt, wo- 
durch wir das der Natur zugrunde liegende Tote ins Auge fassen kon- 
nen. Und daft wir dasjenige, was in der Zukunft von der Natur da sein 
wird, ins Auge fassen konnen, riihrt davon her, dafi wir nicht nur un- 
seren Verstand, unser Denkleben der Natur entgegenstellen, sondern 
dafi wir ihr dasjenige entgegenstellen konnen, was in uns selbst wil- 
lensartiger Natur ist. 

Wenn der Mensch nicht etwas, was fortwahrend ihm bleibt, retten 
konnte aus seinem vorgeburtlichen Leben durch sein Erdenleben hin- 
durch, wenn er nicht etwas retten konnte von dem, was zuletzt wah- 
rend seines vorgeburtlichen Lebens zum blofien Gedankenleben ge- 
worden ist, dann wiirde er niemals zur Freiheit kommen konnen. Denn 
der Mensch wiirde verbunden sein mit dem Toten, und er wiirde in dem 
Augenblick, wo er das, was in ihm selbst mit der toten Natur verwandt 
ist, zur Freiheit aufrufen wollte, ein Sterbendes zur Freiheit aufrufen 
wollen. Er wiirde, wenn er desjenigen sich bedienen wollte, was ihn 
als Willenswesen mit der Natur verbindet, betaubt werden; denn in 
dem, was ihn als Willenswesen mit der Natur verbindet, ist alles noch 
keimhaft. Er wiirde ein Naturwesen sein, aber kein freies Wesen. 

Uber diesen zwei Elementen - der Erfassung des Toten durch den 
Verstand und der Erfassung des Lebendigen, des Werdenden durch den 
Willen - steht im Menschen etwas, was nur er, kein anderes irdisches 



Wesen, von der Geburt bis zum Tode in sich tragt: das ist das reine 
Denken, dasjenige Denken, das sich nicht auf die aufiere Natur bezieht, 
sondern das sich nur auf dasjenige Ubersinnliche bezieht, was im Men- 
schen selber ist, was den Menschen zum autonomen Wesen macht, zu 
etwas, was noch iiber demjenigen ist, was im Untertoten und im Uber- 
lebendigen ist. Will man daher von der menschlichen Freiheit reden, 
so muft man auf dieses Autonome im Menschen sehen, auf das reine, 
sinnlichkeitsfreie Denken, in dem immer auch der Wille lebt. 

Wenn Sie aber von diesem Gesichtspunkte aus die Natur selbst be- 
trachten, werden Sie sich sagen: Ich blicke hin auf die Natur, der Strom 
des Sterbens ist in mir und auch der Strom des Neuwerdens: sterben - 
wiederum geboren werden. Von diesem Zusammenhang versteht die 
neuere Wissenschaft sehr wenig; denn ihr ist die Natur gewissermafien 
eine Einheit, und sie puddelt fortwahrend durcheinander das Sterbende 
und das Werdende, so dafi alles, was heute vielfach ausgesagt wird iiber 
die Natur und ihr Wesen, etwas ganz Konfuses ist, weil Sterben und 
Werden fortwahrend durcheinandergemischt werden. Will man rein- 
lich diese beiden Stromungen in der Natur auseinanderhalten, so mufi 
man sich schon fragen: Wie stiinde es denn mit der Natur, wenn der 
Mensch nicht in dieser Natur ware? 

Gegeniiber dieser Frage ist im Grunde genommen die neuere Natur- 
wissenschaft mit ihrer Philosophic in einer grofien Verlegenheit. Denn 
denken Sie einmal, Sie stellten einem richtigen neueren Naturforscher 
die Frage: Was ware es mit der Natur und ihrem Wesen, wenn der 
Mensch nicht darin ware ? Er wiirde natiirlich zunachst etwas schockiert 
sein, weil ihm die Frage sonderbar vorkommen wiirde. Aber er wiirde 
sich dann besinnen, welche Unterlagen zur Beantwortung dieser Frage 
ihm seine Wissenschaft gibt, und wiirde sagen: Dann waren auf der 
Erde Mineralien, Pflanzen und Tiere, nur der Mensch ware nicht da, 
und der Erdenverlauf wiirde von dem Anfange an, wo die Erde noch 
im Kant-Laplaceschen Nebelzustande war, sich so vollzogen haben, 
dafi alles so fortgegangen ware, wie es gegangen ist; nur der Mensch 
ware in diesem Fortgange nicht drinnen. - Eine andere Antwort konnte 
im Grunde genommen nicht herauskommen. Er konnte vielleicht noch 
hinzufugen: Der Mensch grabt als Ackerbauer den Erdboden um und 



verandert so die Erdoberflache, oder er konstruiert Maschinen und 
bringt dadurch Veranderungen hervor; aber das ist nicht so erheblich 
gegeniiber den anderen Verwandlungen, welche durch die Natur selbst 
geschehen. Immer also wiirde der Naturforscher sagen: Es wiirden Mi- 
neralien, Pflanzen und Tiere sich entwickeln, ohne dafi der Mensch 
dabei ware. 

Das ist nicht richtig. Ware der Mensch namlich nicht in der Erden- 
evolution vorhanden, dann waren die Tiere zum grofien Teile nicht da; 
denn ein grofier Teil, namentlich die hoheren Tiere, ist nur dadurch in 
der Erdenevolution entstanden, dafi der Mensch genotigt war - ich 
spreche jetzt naturlich bildlich -, seine Ellenbogen zu verwenden. Er 
mufite auf einer bestimmten Stufe seiner Erdenentwickelung aus seinem 
eigenen Wesen, in dem damals noch ganz anderes war, als jetzt in ihm 
ist, die hoheren Tiere heraussondern, mufite sie abwerfen, damit er wei- 
terkommen konnte. Ich mochte dies Abwerfen damit vergleichen, da£ 
ich sage: Stellen Sie sich ein Gemisch vor, worin etwas aufgelost ist, und 
stellen Sie sich vor, dafi dann diese aufgeloste Substanz sich aussondert 
und zu Boden setzt. So war der Mensch in seinen fruheren Entwicke- 
lungszustanden mit der Tierwelt zusammen und hat dann spater die 
Tierwelt wie einen Bodensatz ausgeschieden. Die Tiere waren nicht in 
der Erdenentwickelung diese heutigen Tiere geworden, wenn der 
Mensch nicht hatte so werden sollen, wie er jetzt ist. Ohne den Men- 
schen in der Erdenentwickelung wiirden also die Tierformen und die 
Erde ganz anders ausschauen, als es heute der Fall ist. 

Aber gehen wir nun iiber zur mineralischen und pflanzlichen Welt. 
Da sollten wir uns dariiber klar sein, daft nicht nur die niederen Tier- 
formen, sondern auch die pflanzliche und die mineralische Welt langst 
erstarrt waren, nicht mehr im Werden waren, wenn der Mensch nicht 
auf der Erde ware. Wiederum ist es notwendig fur die heutige, auf 
einer einseitigen Naturanschauung fufienden Weltanschauung, zu sa- 
gen: Gut, die Menschen sterben, und ihre Korper werden verbrannt 
oder begraben und damit der Erde iibergeben; aber das hat fur die Er- 
denentwickelung keine Bedeutung; denn wenn die Erdenentwickelung 
nicht Menschenkorper aufnehmen wiirde, konnte sie gerade so ver- 
laufen wie jetzt, da sie Menschenkorper aufnimmt. - Das heifit aber, 



man ist sich gar nicht bewufk, dafi das fortwahrende Ubergehen mensch- 
licher Leichname in die Erde, gleichgultig ob es durch Verbrennen 
oder durch Begraben geschieht, ein realer Prozefi ist, der fortwirkt. 

Die Bauerinnen auf dem Lande sind sich noch klarer, als es die 
Frauen in der Stadt sind, dariiber, dafi die Hefe fur das Brotbacken eine 
gewisse Bedeutung hat, trotzdem nur wenig dem Brote zugesetzt wird; 
sie wissen, dafi das Brot nicht gedeihen kdnnte, wenn nicht Hefe 
dem Teig zugesetzt wtirde. Ebenso aber ware die Erdenentwickelung 
langst in ihren Endzustand hineingekommen, wenn ihr nicht fort- 
wahrend die Krafte des menschlichen Leichnams, der mit dem Tode 
von dem Geistig-Seelischen abgesondert ist, zugefuhrt wiirden. Durch 
diese Krafte, welche die Erdenentwickelung durch die Zufuhrung der 
menschlichen Leichname fortwahrend bekommt, beziehungsweise der 
Krafte, die in den Leichnamen sind, dadurch wird die Evolution der 
Erde unterhalten. Dadurch werden Mineralien dazu veranlafk, ihre 
Kristallisationskrafte noch heute zu entfalten, die sie langst nicht mehr 
entfalten wiirden ohne diese Krafte; sie waren langst zerbrockelt, hat- 
ten sich aufgelost. Dadurch werden Pflanzen, die langst nicht mehr 
wachsen wiirden, veranlafit, heute noch zu wachsen. Und auch mit 
Bezug auf die niederen Tierformen ist es so. Der Mensch iibergibt der 
Erde in seinem Leibe das Ferment, gleichsam die Hefe fur die Weiter- 
entwickelung. 

Daher ist es nicht bedeutungslos, ob der Mensch auf der Erde lebt 
oder nicht. Es ist einfach nicht wahr, dafi die Erdenentwickelung in 
bezug auf das Mineralreich, Pflanzenreich und Tierreich auch dann 
vorwartsgehen wurde, wenn der Mensch nicht dabei ware! Der Na- 
turprozefi ist ein einheitlicher, ein geschlossener, zu dem der Mensch 
dazugehort. Der Mensch wird nur richtig vorgestellt, wenn er selbst 
noch mit seinem Tode als drinnenstehend in dem kosmischen Prozefi 
gedacht wird. 

Wenn Sie dies bedenken, dann werden Sie sich kaum mehr wundern, 
wenn ich auch noch das Folgende sage: Der Mensch bekommt, indem 
er aus der geistigen Welt heruntersteigt in die physische, die Umklei- 
dung seines physischen Leibes. Aber natiirlich ist der physische Leib 
anders, wenn man ihn als Kind bekommt, als wenn man ihn in irgend- 



einem Lebensalter durch den Tod ablegt. Da ist etwas geschehen mit 
dem physischen Leibe. Was da mit ihm geschehen ist, das kann nur da- 
durch geschehen, dafi dieser Leib durchdrungen ist von den geistig- 
seelischen Kraften des Menschen. Nicht wahr, schliefllich essen wir 
alle dasselbe, was die Tiere auch essen, das heifit, wir verwandeln die 
aufieren Stoffe so, wie die Tiere sie verwandeln, aber wir verwandeln 
sie unter der Mittatigkeit von etwas, was die Tiere nicht haben, von 
etwas, was aus der geistigen Welt heruntersteigt, urn sich mit dem 
physischen Menschenleib zu vereinigen. Wir machen dadurch mit den 
Stoffen etwas anderes, als die Tiere oder Pflanzen mit ihnen machen. 
Und die Stoffe, welche im menschlichen Leichnam der Erde iibergeben 
werden, sind verwandelte Stoffe, sind etwas anderes, als was der 
Mensch empfangen hat, als er geboren worden ist. Daher konnen wir 
sagen: Die Stoffe, welche der Mensch empfangt, und auch die Krafte, 
welche er mit der Geburt empfangt, die erneuert er wahrend seines Le- 
bens und gibt sie in verwandelter Form an den Erdenprozefl ab. Es sind 
nicht dieselben Stoffe und Krafte, die er bei seinem Tode an den Erden- 
prozefi abgibt, als diejenigen waren, die er bei seiner Geburt empfan- 
gen hat. Er iibergibt damit also dem Erdenprozefi etwas, was durch 
ihn fortwahrend aus der ubersinnlichen Welt in den physisch-sinn- 
lichen Erdenprozefi einfliefit. Er tragt bei seiner Geburt aus der iiber- 
sinnlichen Welt etwas herunter; das bekommt dann, indem er es ein- 
verleibt hat den Stoffen und Kraften, die wahrend seines Lebens seinen 
Leib zusammensetzen, mit seinem Tode die Erde. Dadurch vermittelt 
der Mensch fortwahrend das Heruntertraufeln von Ubersinnlichem 
an Sinnliches, an Physisches. Sie konnen sich vorstellen, daft gleich- 
sam fortwahrend etwas herunterregnet aus dem Ubersinnlichen ins 
Sinnliche, dafi aber diese Tropfen ganz unfruchtbar blieben fur die 
Erde, wenn der Mensch sie nicht aufnehmen wiirde und sie durch sich 
der Erde vermitteln wiirde. Diese Tropfen, die der Mensch aufnimmt 
bei der Geburt, die er abgibt bei seinem Tode, die sind ein fortwahren- 
des Befruchten der Erde durch iibersinnliche Krafte, und durch diese 
befruchtenden, ubersinnlichen Krafte wird der Evolutionsprozefi der 
Erde erhalten. Ohne menschliche Leichname ware daher die Erde 
langst tot. 



geburt Tod 

{ ) { j / I verwancfelte 

Stoffe | Stoffe 

Krafte ( Leben des j und Krafte 



Wenn wir das vorausgeschickt haben, konnen wir nun fragen: Was 
machen nun die toten Krafte mit der menschlichen Natur? Es wirken 
ja in die menschliche Natur herein die todbringenden Krafte, die drau- 
fien in der Natur vorwaltend sind; denn gabe der Mensch der aufieren 
Natur nicht fortwahrend Belebung, so mufite sie absterben. Wie wal- 
ten also diese todbringenden Krafte in der menschlichen Natur? Sie 
waken so, dafi der Mensch alle diejenigen Organisationen durch sie 
hervorbringt, die in der Linie vom Knochensystem bis zum Nerven- 
system liegen. Was die Knochen und alles, was mit ihnen verwandt 
ist, aufbaut, das ist ganz anderer Natur als dasjenige, was die anderen 
Systeme aufbaut. In uns spielen die todbringenden Krafte herein: wir 
lassen sie, wie sie sind, und dadurch sind wir Knochenmenschen. In uns 
aber spielen weiter noch die todbringenden Krafte herein: wir schwa- 
chen sie ab, und dadurch sind wir Nervenmenschen. - Was ist ein 
Nerv? Ein Nerv ist etwas, was fortwahrend Knochen werden will, 
was nur dadurch verhindert wird, Knochen zu werden, dafi es mit 
nicht knochenmafiigen oder nicht nervosen Elementen der Menschen- 
natur in Zusammenhang steht. Der Nerv will fortwahrend verkno- 
chern, er ist fortwahrend gedrangt abzusterben, wie der Knochen im 
Menschen immer etwas in hohem Grade Abgestorbenes ist. Beim tie- 
rischen Knochen liegen die Verhaltnisse anders, er ist viel lebendiger 
als der menschliche Knochen. - So konnen Sie sich die eine Seite der 
Menschennatur vorstellen, indem Sie sagen: Die todbringende Stro- 
mung wirkt im Knochen- und Nervensystem. Das ist der eine Pol. 

Die fortwahrend Leben gebenden Krafte, die andere Strdmung, 
wirkt im Muskel- und Blutsystem und in allem, was dazugehort. Ner- 



ven sind nur deshalb iiberhaupt keine Knochen, weil sie mit dem Blut- 
und Muskelsystem so im Zusammenhang stehen, daft der Drang in 
ihnen, Knochen zu werden, den in Blut und Muskel wirkenden Kraften 
entgegensteht. Der Nerv wird nur dadurch nicht Knochen, weil ihm 
Blut- und Muskelsystem entgegensteht und sein Knochenwerden ver- 
hindert. Besteht im Wachstum eine falsche Verbindung zwischen Kno- 
chen einerseits und Blut und Muskeln andererseits, so kommt die Ra- 
chitis zustande, die ein Verhindern des richtigen Absterbens des Kno- 
chens durch die Muskel-Blutnatur ist. Es ist daher aufterordentlich 
wichtig, daft im Menschen die richtige Wechselwirkung zustande 
kommt zwischen dem Muskel-Blutsystem auf der einen Seite und dem 
Knochen-Nervensystem auf der anderen Seite. Indem in unser Auge 
das Knochen-Nervensystem etwas hereinragt, in der Umhiillung das 
Knochensystem sich zuriickzieht und nur seine Abschwachung, den 
Nerv, hineinschickt, kommt im Auge die Moglichkeit zustande, die 
willensartige Wesenheit, die in Muskel und Blut lebt, mit der vorstel- 
lungsmaftigen Tatigkeit, die im Knochen-Nervensystem liegt, zu ver- 
binden. Da kommen wir wieder auf etwas, was in der alteren Wissen- 
schaft eine grofte Rolle gespielt hat, was aber von der heutigen Wissen- 
schaft als kindliche Vorstellung verlacht wird. Doch die neuere Wissen- 
schaft wird schon wieder darauf zuriickkommen, nur in anderer Form. 

Die Alten haben in ihrem Wissen immer eine Verwandtschaft ge- 
fiihlt zwischen dem Nervenmark, der Nervensubstanz und dem Kno- 
chenmark oder der Knochensubstanz, und sie sind der Meinung gewe- 
sen, daft man mit dem Knochenteil ebenso denkt wie mit dem Nerven- 
teil. Das ist auch die Wahrheit. Wir verdanken alles, was wir an ab- 
strakter Wissenschaft haben, der Fahigkeit unseres Knochensystems. 
Warum kann der Mensch zum Beispiel Geometrie ausbilden? Die ho- 
heren Tiere haben keine Geometrie; das sieht man ihrer Lebensweise 
an. Es ist nur ein Unsinn, wenn manche Leute sagen: Vielleicht haben 
die hoheren Tiere auch Geometrie, man merkt es vielleicht nur nicht. - 
Der Mensch also bildet Geometrie aus. Wodurch aber bildet er zum 
Beispiel die Vorstellung eines Dreiecks aus? Wer wirklich iiber diese 
Tatsache nachdenkt, daft der Mensch die Vorstellung des Dreiecks 
ausbildet, der muft etwas Wunderbares darin finden, daft der Mensch 



das Dreieck, das abstrakte Dreieck, das im konkreten Leben nirgends 
vorhanden ist, rein aus seiner geometrisch-mathematischen Phantasie 
heraus ausbildet. Es liegt vieles Unbekannte zugrunde den Gescheh- 
nissen der Welt, die offenbar sind. Denken Sie sich zum Beispiel an ei- 
nem bestimmten Platze dieses Zimmers stehend. Sie fuhren zu gewissen 
Zeiten als ubersinnliches Menschenwesen merkwtirdige Bewegungen 
aus, von denen Sie fur gewohnlich nichts wissen, ungefahr in der Art: 
Sie gehen ein Stiickchen nach der einen Seite, dann gehen Sie ein Stuck- 
chen zuriick, und dann kommen Sie wieder an Ihrem Platze an. Eine 
unbewufk bleibende Linie im Raume, die Sie beschreiben, verlauft 
tatsachlich als eine Dreiecksbewegung. Solche Bewegungen sind tat- 
sachlich vorhanden, Sie nehmen sie nur nicht wahr, aber dadurch, dafi 
Ihr Riickgrat in die Vertikale geriickt ist, sind Sie in der Ebene drinnen, 




in der diese Bewegungen verlaufen. Das Tier ist nicht in dieser Ebene 
drinnen, es hat sein Ruckenmark anders liegen; da werden diese Bewe- 
gungen nicht vollfuhrt. Indem der Mensch sein Ruckenmark vertikal 
stehen hat, ist er in der Ebene, wo diese Bewegung ausgefuhrt wird. 
Zum Bewulksein bringt er es sich nicht, daft er sich sagte: Ich tanze 
da fortwahrend in einem Dreieck. - Aber er zeichnet ein Dreieck und 
sagt: Das ist ein Dreieck! - In Wahrheit ist das eine unbewulk ausge- 
fuhrte Bewegung, die er im Kosmos vollfuhrt. 

Diese Bewegungen, die Sie in der Geometrie fixieren, indem Sie 
geometrische Figuren zeichnen, fuhren Sie mit der Erde aus. Die Erde 
hat nicht nur die Bewegung, welche sie nach der Kopernikanischen 
Weltansicht hat: sie hat noch ganz andere, kunstlerische Bewegungen, 
die werden da fortwahrend ausgefuhrt. Und noch viel kompliziertere 
Bewegungen werden ausgefuhrt, solche Bewegungen zum Beispiel, die 
in den Linien liegen, welche die geometrischen Korper haben: der Wiir- 
fel, das Oktaeder, das Dodekaeder, das Ikosaeder und so weiter. Diese 



Korper sind nicht erfunden, sie sind Wirklichkeit, nur unbewufite 
Wirklichkeit. Es liegen in diesen und in noch anderen Korperformen 
merkwiirdige Anklange an dieses fur die Menschen unterbewufite Wis- 
sen. Das wird dadurch herbeigefuhrt, dafi unser Knochensystem eine 
wesentliche Erkenntnis hat; aber Sie reichen nicht mit Ihrem Bewufit- 
sein bis zura Knochensystem hinunter. Das Bewufitsein davon erstirbt, 
es wird nur reflektiert in den Bildern der Geometrie, die der Mensch 
da als Bilder ausfuhrt. Der Mensch ist recht sehr eingeschaltet in den 
Kosmos. Indem er die Geometrie ausbildet, bildet er etwas nach, was 
er selbst im Kosmos tut. 

Da blicken wir auf der einen Seite in eine Welt hinein, die uns mit- 
umfafit und die fortwahrend im Absterben ist. Auf der anderen Seite 
blicken wir in alles das hinein, was in die Krafte unseres Blut-Muskel- 
systems hereinragt: das ist in fortwahrender Bewegeng, in fortwahren- 
dem Fluktuieren, in fortwahrendem Werden und Entstehen; das ist 
ganz keimhaft, da ist nichts Totes. Wir halten in uns den Sterbeprozefi 
auf, und nur wir als Menschen konnen ihn aufhalten und bringen in 
das Sterbende Werden hinein. Ware der Mensch nicht hier auf der Erde, 
so wiirde eben langst das Sterben sich ausgebreitet haben iiber den Er- 
denprozefi, und die Erde ware als Ganzes in eine grofie Kristallisation 
iibergegangen. Nicht erhalten aber hatten sich die einzelnen Kristalle. 
Wir entreifien die einzelnen Kristalle der grofien Kristallisation und 
erhalten sie, solange wir sie fiir unsere Menschenevolution brauchen. 
Wir erhalten aber damit auch das Leben der Erde rege. Wir Menschen 
sind es also, die das Leben der Erde rege halten, die nicht ausgeschaltet 
werden konnen vom Leben der Erde. Daher war es schon ein realer Ge- 
danke von Eduard von Hartmann, der aus seinem Pessimismus heraus 
wollte, dafi die Menschheit einmal eines Tages so reif ware, dafi alle 
Menschen sich selbst mordeten. Man braucht auch gar nicht das noch 
hinzuzufiigen, was Hartmann aus der Beschranktheit der naturwissen- 
schaftlichen Weltanschauung wollte: weil ihm namlich das nicht genxigt 
hatte, daft alle Menschen sich eines Tages selbst mordeten, wollte er 
auch noch die Erde durch eine grofiangelegte Unternehmung in die 
Luft sprengen. Das hatte er nicht gebraucht. Er hatte nur den Tag des 
grofien Selbstmordens anordnen brauchen, und die Erde ware von 



selbst langsam in die Luft gegangen! Denn ohne das, was vom Men- 
schen in die Erde verpflanzt wird, kann die Erdenentwickelung nicht 
weitergehen. Von dieser Erkenntnis aus miissen wir uns wieder ge- 
fiihlsmafiig durchdringen. Es ist notwendig, dafi in der Gegenwart 
diese Dinge verstanden werden. 

Ich weifi nicht, ob Sie sich erinnern, dafi in meinen allerersten Schrif- 
ten immer ein Gedanke wiederkehrt, durch den ich die Erkenntnis auf 
eine andere Basis stellen wollte, als sie heute steht. In der aufieren Phi- 
losophic, die auf anglo-amerikanisches Denken zuriickgeht, ist der 
Mensch eigentlich ein blofier Zuschauer der Welt; er ist mit seinem in- 
neren Seelenprozefi ein blofier Zuschauer der Welt. Wenn der Mensch 
nicht da ware, so meint man, wenn er nicht in der Seele wieder erlebte, 
was in der Welt draufien vor sich geht, so ware doch alles so, wie es ist. 
Das gilt fur die Naturwissenschaft in bezug auf jene Tatsachenent- 
wickelung, die ich angefuhrt habe, es gilt aber auch fur die Philosophic 
Der heutige Philosoph fuhlt sich sehr wohl als Zuschauer der Welt, 
das heifit, in dem blofi ertotenden Element des Erkennens. Aus diesem 
ertotenden Element wollte ich die Erkenntnis herausfuhren. Daher 
habe ich immer wiederholt: Der Mensch ist nicht blofi ein Zuschauer 
der Welt, sondern er ist Schauplatz der Welt, auf dem sich die grofien 
kosmischen Ereignisse immer wieder und wieder abspielen. Ich habe 
immer wieder gesagt: Der Mensch ist mit seinem Seelenleben der Schau- 
platz, auf dem sich Weltgeschehen abspielt. So kann man das auch in 
philosophisch-abstrakte Form kleiden. Und besonders, wenn Sie das 
Schlufikapitel iiber Freiheit in meiner Schrift «Wahrheit und Wissen- 
schaft» lesen, werden Sie finden, dafi dieser Gedanke scharf betont ist: 
dafi dasjenige, was sich im Menschen vollzieht, nicht etwas ist, was der 
iibrigen Natur gleich ist, sondern dafi die iibrige Natur hereinragt in 
den Menschen und dafi dasjenige, was im Menschen sich vollzieht, zu- 
gleich ein kosmischer Vorgang ist, so dafi die menschliche Seele ein 
Schauplatz ist, auf dem sich ein kosmischer Vorgang abspielt, nicht 
blofi ein menschlicher. Damit wird man naturlich in gewissen Kreisen 
heute noch schwer verstanden. Aber ohne dafi man sich mit solchen 
Anschauungen durchdringt, kann man unmoglich ein richtiger Erzie- 
her werden. 



Was geschieht denn tatsachlich in der menschlichen Wesenheit? Auf 
der einen Seite stent die Knochen-Nervennatur, auf der anderen Seite 
die Blut-Muskelnatur. Durch das Zusammenwirken beider werden 
fortwahrend Stoffe und Krafte neu geschaffen. Die Erde wird vor dem 
Tode dadurch bewahrt, dafi im Menschen selber Stoffe und Krafte neu 
geschaffen werden. Jetzt konnen Sie das, was ich eben gesagt habe: dafi 
das Blut durch seine Beriihrung mit den Nerven Neuschopfung von 
Stoffen und Kraften bewirkt, zusammenbringen mit dem, was ich im 
vorigen Vortrage sagte: dafi das Blut fortwahrend auf dem Wege zur 
Geistigkeit ist und dabei aufgehalten wird. Diese Gedanken, die wir 
in diesen zwei Vortragen gewonnen haben, werden wir miteinander 
verbinden und dann weiter darauf aufbauen. Aber Sie sehen schon, wie 
irrtumlich der Gedanke der Erhaltung von Kraft und Stoff ist, wie er 
gewohnlich vorgebracht wird: denn durch das, was im Inneren der 
Menschennatur geschieht, wird er widerlegt, und fur eine wirkliche 
Auffassung der Menschenwesenheit ist er nur ein Hindernis. Erst wenn 
man wieder den synthetischen Gedanken bekommen wird, dafi tat- 
sachlich zwar nicht aus Nichts etwas hervorgehen kann, dafi aber das 
eine so umgewandelt werden kann, dafi es vergeht und das andere ent- 
steht - erst wenn man diesen Gedanken an die Stelle des Gedankens 
von der Erhaltung der Kraft und des Stoffes gestellt haben wird, wird 
man etwas Gedeihliches fur die Wissenschaft erhalten konnen. 

Sie sehen, in welcher Richtung manches, was in unserem Denken 
lebt, verkehrt ist. Wir stellen etwas auf, wie zum Beispiel das Gesetz 
von der Erhaltung der Kraft und des Stoffes, und proklamieren es als 
ein Weltgesetz. Dem liegt zugrunde ein gewisser Hang unseres Vor- 
stellungslebens, unseres Seelenlebens iiberhaupt, in einseitiger Weise 
zu beschreiben, wahrend wir nur Postulate aufstellen sollten aus dem, 
was wir in unserem Vorstellen entwickeln. So finden Sie zum Beispiel 
in unseren Physikbuchern das Gesetz von der Undurchdringlichkeit 
der Korper als ein Axiom auf gestellt: An der Stelle im Raume, wo 
ein Korper steht, kann zu gleicher Zeit kein anderer sein. - Das wird 
als allgemeine Eigenschaft der Korper hingestellt. Man sollte aber nur 
sagen: Diejenigen Korperlichkeiten oder Wesenheiten, welche so sind, 
dafi an der Stelle des Raumes, wo sie sind, zu gleicher Zeit kein anderes 



Wesen gleicher Natur sein kann, die sind undurchdringlich. - Man 
sollte blofi die Begriffe dazu verwenden, um ein gewisses Gebiet von 
einem anderen abzugliedern, man sollte blofi Postulate aufstellen, sollte 
keine Definitionen geben, die den Anspruch erheben, universell zu 
sein. So sollte man auch kein Gesetz von der Erhaltung der Kraft und 
des Stoffes aufstellen, sondern man sollte aufsuchen, fur welche We- 
senheiten dieses Gesetz eine Bedeutung hat. Das war gerade ein Bestre- 
ben im 19. Jahrhundert, daft man ein Gesetz aufstellte und sagte: Das 
gilt fur alles - statt daft wir unser Seelenleben dazu verwenden, um 
an die Dinge heranzukommen und zu beobachten, was wir an ihnen 
erleben. 



VIERTER VORTRAG 



Stuttgart, 25. August 1919 

Wenn Sie sich an das erinnern, was ich gestern in unserem halboffentli- 
chen Vortrag gesagt habe, so werden Sie daraus ersehen konnen, in 
welcher Beziehung ein ganz besonderer Wert gelegt werden mufi in der 
Zukunftserziehung und im Zukunftsunterricht auf die Willens- und 
Gemiitsbildung. Ich habe gestern gesagt: Es wird zwar immer betont, 
auch von denjenigen, die an keine Erneuerung des Unterrichts- und 
Erziehungswesens denken, daft Wille und Gemiit in der Erziehung 
besonders beriicksichtigt werden miissen, aber es kann eigentlich von 
dieser Seite, trotz alien guten Willens, nicht viel zu dieser Willens- und 
Gemiitserziehung getan werden. Sie bleiben immer mehr und mehr dem 
sogenannten Zufall iiberlassen, weil keine Einsicht vorhanden ist in die 
wirkliche Natur des Willens. 

Einleitend mochte ich nun das Folgende bemerken: Erst wenn man 
den Willen wirklich erkennt, kann man auch wenigstens einen Teil der 
anderen Gemiitsbewegungen erkennen, einen Teil der Gefuhle. Wir 
konnen uns die Frage stellen: Was ist denn eigentlich ein Gefiihl? Ein 
Gefiihl ist mit dem Willen sehr verwandt. Wille ist, ich mochte sagen, 
nur das ausgefuhrte Gefiihl, und das Gefiihl ist der zuriickgehaltene 
Wille. Der Wille, der sich noch nicht wirklich aufiert, der in der Seele 
zuriickbleibt, das ist das Gefiihl; ein abgestumpfter Wille ist das Ge- 
fiihl. Daher wird man das Wesen des Gefuhls auch erst dann verste- 
hen, wenn man das Wesen des Willens durchdringt. 

Nun konnen Sie schon aus meinen bisherigen Auseinandersetzungen 
sehen, dafi alles, was im Willen lebt, sich nicht vollstandig ausgestaltet 
in dem Leben zwischen Geburt und Tod. Es bleibt im Menschen, wenn 
er einen Willensentschluft ausfuhrt, immer etwas iibrig, was sich nicht 
erschopft in dem Leben bis zum Tode hin; es bleibt ein Rest, der im 
Menschen fortlebt und der gerade von jedem Willensentschlufi und 
jeder Willenstat durch den Tod sich fortsetzt. Dieser Rest mufi durch 
das ganze Leben und insbesondere auch im kindlichen Alter beriicksich- 
tigt werden. 



Wir wissen, wenn wir den vollstandigen Menschen betrachten, so 
betrachten wir ihn nach Leib, Seele und Geist. Der Leib wird zunachst, 
wenigstens seinen groberen Bestandteilen nach, geboren. Das Genauere 
dariiber finden Sie in meinem Buche «Theosophie». Der Leib wird 
also in die Vererbungsstromung einbezogen, tragt die vererbten Merk- 
male und so weiter. Das Seelische ist schon in der Hauptsache das, 
was aus dem vorgeburtlichen Dasein sich verbindet mit dem Leiblichen, 
hinuntersteigt in das Leibliche. Aber das Geistige ist im gegenwartigen 
Menschen - in dem Menschen einer ferneren Zukunft wird es ja an- 
ders sein - eigentlich nur seiner Anlage nach vorhanden. Und hier, wo 
wir die Grundlagen zu einer guten Padagogik legen wollen, miissen wir 
auf das Riicksicht nehmen, was irn Menschen der heutigen Entwicke- 
lungsepoche nur der Anlage nach als Geistiges vorhanden ist. Machen 
wir uns zunachst einmal ganz klar, was als solche Anlagen des Men- 
schen fur eine feme Menschheitszukunft vorhanden sind. 

Da ist zunachst das vorhanden, eben nur der Anlage nach, was wir 
nennen das Geistselbst. Das Geistselbst werden wir nicht unter die 
Bestandteile, unter die Glieder der menschlichen Natur ohne weiteres 
aufnehmen konnen, wenn wir von dem gegenwartigen Menschen spre- 
chen; aber ein deutliches Bewufttsein vom Geistselbst ist insbesondere 
bei solchen Menschen vorhanden, die auf das Geistige zu sehen ver- 
mogen. Sie wissen, daft das gesamte morgenlandische Bewufttsein, in- 
sofern es gebildetes Bewufttsein ist, dieses Geistselbst «Manas» nennt 
und daft von Manas als etwas im Menschen Lebendem in der morgen- 
landischen Geisteskultur durchaus gesprochen wird. Aber auch in der 
abendlandischen Menschheit, wenn sie nicht gerade «gelehrt» gewor- 
den ist, ist ein deutliches Bewufttsein von diesem Geistselbst vorhan- 
den. Und zwar sage ich nicht ohne Bedacht: ein deutliches Bewufttsein 
ist vorhanden; denn man nennt im Volke - hat wenigstens genannt, 
bevor das Volk ganz ergriffen worden ist von der materialistischen 
Gesinnung - das, was vom Menschen iibrigbleibt nach dem Tode, die 
Manen. Man spricht davon, daft nach dem Tode iibrigbleiben die Ma- 
nen; Manas = die Manen. Ich sagte: ein deutliches Bewufttsein hat das 
Volk davon; denn das Volk gebraucht in diesem Falle den Plural, die 
Manen. Wir, die wir wissenschaftlich mehr das Geistselbst noch auf 



den Menschen vor dem Tode beziehen, sagen in der Einzahl: das Geist- 
selbst. Das Volk, das mehr aus der Realitat, aus der naiven Erkennt- 
nis heraus iiber dieses Geistselbst spricht, gebraucht die Mehrzahl, in- 
dem es von den Manen redet, weil der Mensch in dem Augenblick, wo 
er durch die Pforte des Todes geht, aufgenommen wird von einer 
Mehrzahl von geistigen Wesenheiten. Ich habe das schon in einem an- 
deren Zusammenhang angedeutet: Wir haben unseren personlichen 
fiihrenden Geist aus der Hierarchie der Angeloi; dariiberstehend aber 
haben wir die Geister aus der Hierarchie der Archangeloi, die sich so- 
gleich einschalten, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht, 
so dafi er dann sofort sein Dasein in gewisser Beziehung in der Mehr- 
zahl hat, weil viele Archangeloi in sein Dasein eingeschaltet sind. Das 
fiihlt das Volk sehr deutlich, weil es weifi, dafi der Mensch, im Ge- 
gensatz zu seinem Dasein hier, das als eine Einheit erscheint, sich dann 
mehr oder weniger als eine Vielheit wahrnimmt. Also die Manen sind 
etwas, was im naiven Volksbewufitsein von diesem der Mehrzahl nach 
vorhandenen Geistselbst, von Manas, lebt. 

Ein zweiter, hoherer Bestandteil des Menschen ist dann das, was wir 
den Lebensgeist nennen. Dieser Lebensgeist ist schon sehr wenig wahr- 
nehmbar innerhalb des gegenwartigen Menschen. Er ist etwas sehr gei- 
stiger Art im Menschen, was sich in ferner Menschenzukunft entwik- 
keln wird. Und dann das Hochste, was im Menschen ist, was gegen- 
wartig eben nur der ganz geringfugigen Anlage nach vorhanden ist, 
das ist der eigentliche Geistesmensch. 

Wenn nun aber auch im gegenwartigen, hier auf der Erde zwischen 
Geburt und Tod lebenden Menschen diese drei hoheren Glieder der 
Menschennatur nur der Anlage nach vorhanden sind, so entwickeln 
sie sich, allerdings unter dem Schutze hoherer geistiger Wesenheiten, 
zwischen Tod und neuer Geburt doch sehr bedeutsam. Wenn also 
der Mensch stirbt und sich in die geistige Welt wieder hineinlebt, 
entwickeln sich diese drei Glieder, gewissermafien vordeutend ein 
zukiinftiges Menschheitsdasein, sehr deutlich. Also geradeso wie 
der Mensch sich in seinem jetzigen Leben geistig-seelisch zwischen 
Geburt und Tod entwickelt, so hat er auch nach dem Tode eine 
deutliche Entwickelung, nur dafi er dann, gleichsam wie an einer 



Nabelschnur, an den geistigen Wesenheiten der hoheren Hierarchien 
dranhangt. 

Fiigen wir nun jetzt zu den heute kaum wahrnehmbaren hoheren 
Gliedern der Menschennatur dasjenige hinzu, was wir jetzt schon wahr- 
nehmen. Das ist zunachst das, was sich auspragt in der Bewufitseins- 
seele, in der Verstandes- oder Gemutsseele und in der Empfindungs- 
seele. Das sind die eigentlichen Seelenbestandteile des Menschen. Wol- 
len wir heute beim Menschen von der Seele sprechen, wie sie im Leibe 
lebt, so miissen wir von den eben angefuhrten drei Seelengliedern spre- 
chen. Wollen wir von seinem Leibe sprechen, so sprechen wir von dem 
Empfindungsleib, dem feinsten Leib, den man auch astralischen Leib 
nennt, von dem atherischen Leib und dem groben physischen Leib, den 
wir mit unseren Augen sehen und den die aufiere Wissenschaft zer- 
gliedert. Damit haben wir den ganzen Menschen vor uns. 

Nun wissen Sie ja, dafi der physische Leib, wie wir ihn an uns tra- 
gen, auch dem Tiere eigen ist. Wir bekommen nur, wenn wir diesen 
ganzen Menschen nach diesen neun Gliedern mit der Tierwelt ver- 
gleichen, eine empfindungsgemafie und fur die Auffassung des Willens 
brauchbare Vorstellung von der Beziehung des Menschen zu den Tie- 
ren, wenn wir wissen: so wie der Mensch in seiner Seele umkleidet ist 
mit dem physischen Leib, so ist auch das Tier mit einem physischen 
Leib umkleidet, aber der physische Leib des Tieres ist in vieler Bezie- 
hung anders gestaltet als der des Menschen. Der physische Leib des 
Menschen ist nicht eigentlich vollkommener als der des Tieres. Den- 
ken Sie an solche aus der Reihe der hoheren Tiere wie an den Biber, 
wenn er seinen Biberbau formt. Das kann der Mensch nicht, wenn er es 
nicht lernt, wenn er nicht sogar eine sehr komplizierte Schulung dazu 
durchmacht, wenn er nicht Architektur lernt und dergleichen. Der 
Biber macht seinen Bau aus der Organisation seines Leibes heraus. Es 
ist einfach sein aufierer, physischer Leib so geformt, dafi er sich in die 
aufiere physische Welt so einfugt, dafi er das, was in den Formen seines 
physischen Leibes lebt, zur Herstellung seines Biberbaues verwenden 
kann. Sein physischer Leib selbst ist in dieser Beziehung sein Lehr- 
meister. Wir konnen die Wespen, die Bienen, konnen auch die soge- 
nannten niederen Tiere beobachten und werden in der Form ihrer physi- 



schen Leiber finden, dafi darin etwas verankert ist, was im physischen 
Leibe des Menschen in dieser Ausdehming, in dieser Starke nicht vor- 
handen ist. Das ist alles das, was wir umfassen mit dem Begriff des In- 
stinktes; so dafi wir den Instinkt in Wirklichkeit nur studieren konnen, 
wenn wir ihn im Zusammenhange mit der Form des physischen Leibes 
betrachten. Studieren wir die ganze Tierreihe, wie sie sich aufien aus- 
breitet, so werden wir in den Formen der physischen Leiber der Tiere 
iiberall drinnen die Anleitung haben, die verschiedenen Arten der In- 
stinkte zu studieren. Wir miissen, wenn wir den Willen studieren wol- 
len, ihn zuerst aufsuchen im Gebiete des Instinktes und miissen uns be- 
wufit werden, dafi wir den Instinkt auffinden in den Formen der phy- 
sischen Leiber der verschiedenen Tiere. Wenn wir die Hauptformen 
der einzelnen Tiere ins Auge fassen und aufzeichnen wiirden, so wiir- 
den wir die verschiedenen Gebiete des Instinktes zeichnen konnen. Was 
der Instinkt als Wille ist, das ist im Bilde die Form des physischen 
Leibes der verschiedenen Tiere. Sie sehen, dadurch kommt Sinn in die 
Welt hinein, wenn wir diesen Gesichtspunkt anlegen konnen. Wir 
uberschauen die Formen der physischen Tierleiber und sehen darin 
eine Zeichnung, welche die Natur selbst von den Instinkten schafft, 
durch die sie verwirklichen will, was im Dasein lebt. 

Nun lebt in unserem physischen Leibe, diesen ganz durchgestaltend, 
durchdringend, der Atherleib. Er ist fur die aufieren Sinne iibersinn- 
lich, unsichtbar. Aber wenn wir auf die Willensnatur schauen, dann ist 
es so, dalS ebenso, wie der Atherleib den physischen Leib durchdringt, 
so ergreift er auch das, was sich im physischen Leibe als Instinkt aufiert. 
Dann wird der Instinkt zum Trieb. Im physischen Leib ist der Wille 
Instinkt; sobald der Atherleib sich des Instinktes bemachtigt, wird der 
Wille Trieb. Es ist dann sehr interessant, zu verfolgen, wie in der Be- 
obachtung der Instinkt, den man in der aufieren Form mehr konkret 
erfassen kann, sich verinnerlicht und sich auch mehr vereinheitlicht, 
indem man ihn als Trieb betrachtet. Von Instinkt wird man immer so 
sprechen, dafi er, wenn er sich im Tiere oder in seiner Abschwachung 
im Menschen vorfindet, dem Wesen von aufien aufgedrangt ist; beim 
Trieb ist schon daran zu denken, dafi das, was sich in einer mehr ver- 
innerlichten Form aufiert, auch mehr von innen kommt, weil der iiber- 



sinnliche Atherleib sich des Instinktes bemachtigt und dadurch der 
Instinkt zum Trieb wird. 

Nun hat der Mensch auch noch den Empfindungsleib. Der ist noch 
innerlicher. Er ergreift nun wieder den Trieb, und dann wird nicht nur 
eine Verinnerlichung erzeugt, sondern es wird Instinkt und Trieb auch 
schon ins Bewulksein heraufgehoben, und so wird daraus dann die 
Begierde. Die Begierde finden Sie auch noch beim Tiere, wie Sie den 
Trieb bei ihm finden, weil das Tier ja alle diese drei Glieder, physischen 
Leib, Atherleib, Empfindungsleib, auch hat. Aber wenn Sie von der 
Begierde sprechen, so werden Sie schon, ganz instinktiv, sich herbei- 
lassen mussen, die Begierde als etwas sehr Innerliches anzusehen. Beim 
Trieb sprechen Sie so, dafi er doch, ich mochte sagen von der Geburt 
bis zum spaten Alter sich einheitlich aufiert; bei der Begierde sprechen 
Sie von etwas, was erkraftet wird von dem Seelischen, was mehr ein- 
malig erkraftet wird. Eine Begierde braucht nicht charakterologisch 
zu sein, sie braucht nicht dem Seelischen anzuhaften, sondern sie ent- 
steht und vergeht. Dadurch zeigt sich die Begierde als mehr dem 
Seelischen eigentumlich als der blofie Trieb. 

Jetzt fragen wir uns: Wenn nun der Mensch - was also beim Tiere 
nicht mehr auftreten kann - in sein Ich, das heifit in Empfindungs- 
seele, Verstandes- oder Gemiitsseele und Bewufkseinsseele dasjenige 
hereinnimmt, was als Instinkt, Trieb und Begierde in seinem Leiblichen 
lebt, was wird dann daraus gemacht? Da unterscheiden wir nicht so 
streng wie innerhalb des Leiblichen, weil Sie in der Seele tatsachlich, 
namentlich beim gegenwartigen Menschen, alles mehr oder weniger 
durcheinandergemischt haben. Das ist ja auch das Kreuz der gegen- 
wartigen Psychologie, dafi die Psychologen nicht wissen, sollen sie die 
Glieder der Seele streng auseinanderhalten, oder sollen sie sie durch- 
einanderfliefien lassen ? Da spuken noch bei einzelnen Psychologen die 
alten strengen Unterscheidungen zwischen Wille, Gefiihl und Denken; 
bei anderen, zum Beispiel bei den mehr Herbartisch gearteten Psycho- 
logen, wird alles mehr nach der Vorstellungsseite hintibergeleitet, bei 
den Wundtianern mehr nach der Willensseite. Also man hat keine 
rechte Vorstellung davon, was man eigentlich mit der Gliederung der 
Seele machen soli. Das kommt davon her, weil im praktischen Leben in 



der Tat das Ich alle Seelenfahigkeiten durchsetzt und weil beim gegen- 
wartigen Menschen in bezug auf die drei Glieder der Seele die Unter- 
scheidung auch in der Praxis nicht deutlich hervortritt. Daher hat die 
Sprache auch keine Worte, urn das, was in der Seele willensartiger Na- 
tur ist - Instinkt, Trieb, Begierde -, wenn es vom Ich erfafk wird, zu 
unterscheiden. Aber im allgemeinen bezeichnen wir das beim Menschen, 
was als Instinkt, Trieb, Begierde vom Ich erfafk wird, als Motiv, so 
dafi wir, wenn wir von dem Willensantriebe in dem eigentlichen See- 
lischen, in dem «Ichlichen» sprechen, vom Motiv sprechen und dann 
wissen: Tiere konnen wohl Begierden haben, aber keine Motive. Beim 
Menschen erst wird die Begierde erhoben, indem er sie in die Seelen- 
welt hereinnimmt, und dadurch wird der starke Antrieb bewirkt, in- 
nerlich ein Motiv zu fassen. Bei ihm erst wird die Begierde zum eigent- 
lichen Willensmotiv. Dadurch, dafi wir sagen, im Menschen lebt noch 
von der Tierwelt her Instinkt, Trieb und Begierde, aber er erhebt diese 
zum Motiv, dadurch haben wir, wenn wir vom Willen sprechen, das- 
jenige, was beim gegenwartigen Menschen vorliegt. Das ist deutlich 
vorhanden. Und wer iiberhaupt den Menschen beobachten wird hin- 
sichtlich seiner Willensnatur, der wird sich sagen: Weifi ich beim Men- 
schen, was seine Motive sind, so erkenne ich ihn. Aber nicht ganz! 
Denn es klingt leise unten etwas an, wenn der Mensch Motive ent- 
wickelt, und dieses leise Anklingende mufi nun sehr, sehr stark beriick- 
sichtigt werden. 

Ich bitte Sie jetzt, genau zu unterscheiden, was ich mit diesem An- 
klingenden beim Willensimpuls meine, von dem, was mehr vorstel- 
lungsgemajR ist. Was mehr vorstellungsgemafi ist beim Willensimpuls, 
das meine ich jetzt nicht. Sie konnen zum Beispiel die Vorstellung ha- 
ben: Das war gut, was ich da gewollt oder getan habe - oder Sie kon- 
nen auch eine andere Vorstellung haben. Das meine ich nicht, sondern 
ich meine jetzt das, was eben willensmafiig noch leise anklingt. Da ist 
zunachst eines, das auch, wenn wir Motive haben, immer noch im 
Willen wirkt, der Wunsch. Ich meine jetzt nicht die stark ausgep rag- 
ten Wiinsche, aus denen dann die Begierden sich bilden, sondern jenen 
leisen Anklang von Wiinschen, die alle unsere Motive begleiten. Sie 
sind immer vorhanden. Dieses Wiinschen nehmen wir besonders dann 



stark wahr, wenn wir irgend etwas ausfuhren, das einem Motive in 
unserem Willen entspringt, und wenn wir zuletzt dariiber nachden- 
ken und uns sagen: Was du da ausgefuhrt hast, das konntest du noch 
viel besser ausfuhren. - Aber gibt es denn etwas, was wir im Leben 
tun, bei dem wir nicht das Bewufksein haben konnten, dafi wir es noch 
besser ausfuhren konnten? Es ware traurig, wenn wir mit irgend etwas 
vollstandig zufrieden sein konnten, denn es gibt nichts, was wir nicht 
auch noch besser machen konnten. Und dadurch gerade unterscheidet 
sich der in der Kultur etwas hoherstehende Mensch von dem niedriger 
stehenden, dafi der letztere immer mit sich zufrieden sein mochte. Der 
Hoherstehende mochte nie mit sich so richtig zufrieden sein, weil ein 
leiser Wunsch nach Bessermachen, sogar nach Andersmachen, immer 
mitklingt als Motiv. Auf diesem Gebiete wird ja viel gesiindigt. Die 
Menschen sehen etwas wer weifi wie Groses darin, wenn sie eine Hand- 
lung bereuen. Das ist aber nicht das Beste, was man mit einer Hand- 
lung anfangen kann, denn die Reue beruht vielfach auf einem blofien 
Egoismus: man mochte etwas besser getan haben, um ein besserer 
Mensch zu sein. Das ist egoistisch. Unegoistisch wird unser Streben erst 
dann, wenn man nicht die schon vollbrachte Handlung besser haben 
mochte, sondern wenn man viel grofieren Wert darauf legt, in einem 
nachsten Falle dieselbe Handlung besser zu machen. Der Vorsatz, den 
man so falk, die Anstrengung, das nachste Mai eine Sache besser zu 
machen, ist das Hochste, nicht die Reue. Und in diesen Vorsatz klingt 
der Wunsch noch hiniiber, so dafi wir uns wohl die Frage stellen diir- 
fen: Was ist es, was da mitklingt als Wunsch? - Fur den, der die Seele 
wirklich beobachten kann, ist es das erste Element von alledem, was 
nach dem Tode iibrigbleibt. Es ist etwas von dem Rest, was wir fiih- 
len: Wir sollten es besser gemacht haben, wir wiinschten es besser zu 
machen. - Das gehort schon dem Geistselbst an: der Wunsch in der 
Form, wie ich ihn auseinandergesetzt habe. 

Nun kann sich der Wunsch mehr konkretisieren, kann deutlichere 
Gestalt annehmen. Dann wird er dem Vorsatz ahnlich. Dann bildet 
man sich eine Art Vorstellung davon, wie man die Handlung, wenn 
man sie noch einmal machen miifke, besser machen wiirde. Aber auf 
die Vorstellung lege ich nicht den grofien Wert, sondern auf das Ge- 



fiihls- und Willensmafiige, das jedes Motiv begleitet, das Motiv: das 
nachste Mai in ahnlichem Falle etwas besser zu machen. Da kommt bei 
uns das sogenannte Unterbewufite des Menschen zu starker Auswir- 
kung. In Ihrem gewohnlichen Bewufitsein werden Sie nicht, wenn Sie 
heute aus Ihrem Willen heraus eine Handlung vollftihren, immer eine 
Vorstellung davon entwerfen, wie Sie das nachste Mai eine ahnliche 
Handlung besser ausfuhren konnen. Der Mensch aber, der noch in 
Ihnen lebt, der zweite Mensch, der entwickelt - allerdings jetzt nicht 
vorstellungsgemaft, sondern willensgemafi - immer ein deutliches Bild 
von dem, wie er die Handlung, wenn er noch einmal in derselben Lage 
ware, ausfuhren wiirde. Unterschatzen Sie ja nicht eine solche Erkennt- 
nis! Unterschatzen Sie iiberhaupt nicht diesen zweiten Menschen, 
der in Ihnen lebt. 

Von diesem zweiten Menschen faselt heute viel jene sogenannte wis- 
senschaftliche Richtung, welche sich die analytische Psychologie nennt, 
die Psychoanalyse. Diese Psychoanalyse geht ja gewohnlich von einem 
Schulbeispiel aus, wenn sie sich darstellt. Ich habe dieses Schulbeispiel 
auch schon erzahlt, aber es ist ganz gut, es sich wieder einmal vor die 
Augen zu riicken. Es ist das folgende: Es wird von einem Manne in 
seinem Hause eine Abendgesellschaft gegeben, und es ist im Programm 
vorgesehen, dafi gleich nach Schlufi der Gesellschaft die Dame des 
Hauses noch abreisen soil, um ins Bad zu fahren. Bei dieser Gesell- 
schaft sind verschiedene Leute, darunter auch eine Dame. Die Gesell- 
schaft wird gegeben. Die Dame des Hauses wird zum Zuge gebracht, 
um ins Bad zu reisen. Die iibrige Gesellschaft geht fort und mit den 
anderen auch die eine Dame. Sie wird ebenso wie die anderen Glieder 
der Gesellschaft an einer StrafSenkreuzung von einer Droschke iiber- 
rascht, die gerade von einer anderen Strafie her um die Ecke biegt, so 
daft man sie erst sieht, als man ganz nahe davor ist. Was tun die Mit- 
glieder der Gesellschaft? Sie weichen selbstverstandlich der Droschke 
rechts und links aus, nur jene eine Dame nicht. Sie lauft, soviel sie 
laufen kann, mitten auf der Strafie immer vor den Pferden her. Der 
Droschkenkutscher hort auch nicht mit fahren auf, und die anderen 
Teilnehmer der Gesellschaft sind ganz erschrocken. Aber die Dame 
lauft so rasch, dafi die anderen ihr nicht folgen konnen, lauft, bis sie 



an eine Briicke kommt. Da fallt es ihr auch nicht ein, jetzt auszuwei- 
chen. Nun fallt sie ins Wasser, aber sie wird gerettet, und sie wird 
dann zuriickgebracht in das Haus des Gastgebers. Dort kann sie nun 
die Nacht zubringen. - Diese Begebenheit finden Sie als Beispiel in 
vielen Darstellungen der Psychoanalyse. Es wird nur iiberall etwas 
darin falsch interpretiert. Denn man mufi sich fragen: Was liegt dem 
ganzen Vorgang zugrunde? Zugrunde liegt das Wollen der Dame. Was 
wollte sie namlich? Sie wollte, nachdem die Dame des Hauses abge- 
reist sein wxirde, in das Haus des Gastgebers zuriickkehren, denn sie 
war in den Mann verliebt. Aber das war kein bewulkes Wollen, son- 
dern etwas, was ganz im Unterbewufksein safi. Und dieses Unterbe- 
wufitsein des zweiten Menschen, der im Menschen sitzt, ist oftmals viel 
raffinierter als der Mensch in seinem Oberstiibchen. So raffiniert war 
in diesem Falle das Unterbewufitsein, dafi die Dame die ganze Proze- 
dur angestellt hat bis zu dem Augenblick, wo sie ins Wasser fiel, um in 
das Haus des Gastgebers zuriickzukommen. Sie sah sogar prophetisch 
voraus, dafi sie gerettet werden wurde. - Diesen verborgenen Seelen- 
kraften sucht nun die Psychoanalyse nahezukommen, aber sie spricht 
nur im allgemeinen von einem zweiten Menschen. Wir aber konnen 
wissen, dafi das, was in den unterbewufiten Seelenkraften wirksam ist 
und sich oftmals aufierordentlich raffiniert aufiert, viel raffinierter als 
bei normaler Seelenbeschaffenheit, in jedem Menschen vorhanden ist. 

In jedem Menschen sitzt unten, gleichsam unterirdisch, der andere 
Mensch. In diesem anderen Menschen lebt auch der bessere Mensch, der 
sich immer vornimmt, bei einer Handlung, die er begangen hat, in einem 
ahnlichen Falle die Sache das nachste Mai besser zu machen, so dafi 
immer leise mitklingt der Vorsatz, der unbewufite, unterbewufke 
Vorsatz, eine Handlung in einem ahnlichen Falle besser auszufuhren. 

Und erst wenn die Seele einmal vom Leibe befreit sein wird, wird 
aus diesem Vorsatz der Entschluft. Der Vorsatz bleibt ganz keimhaft 
in der Seele liegen; dann folgt der Entschlufi spater nach. Und der Ent- 
schlufi sitzt ebenso im Geistesmenschen, wie der Vorsatz im Lebens- 
geist und wie der reine Wunsch im Geistselbst sitzt. Fassen Sie also den 
Menschen als wollendes Wesen ins Auge, so konnen Sie alle diese Be- 
standteile finden: Instinkt, Trieb, Begierde und Motiv, und dann leise 



anklingend das, was schon im Geistselbst, im Lebensgeist und im 
Geistesmenschen lebt als Wunsch, Vorsatz und Entschluft. 

Das hat nun fur die Entwickelung des Menschen eine grofie Bedeu- 
tung. Denn was da leise lebt als sich aufbewahrend fur die Zeit nach 
dem Tode, das lebt sich im Bilde aus beim Menschen zwischen Geburt 
und Tod. Da bezeichnet man es dann mit denselben Worten. Vorstel- 
lungsmafiig erleben wir auch da Wunsch, Vorsatz und Entschlufi. Aber 
nur dann werden wir in menschlich entsprechender Weise diesen 
Wunsch, Vorsatz und Entschlufi erleben, wenn diese Dinge in richtiger 
Art herangebildet werden. Was Wunsch, Vorsatz und EntschlulS ei- 
gentlich in der tieferen Menschennatur sind, das tritt nicht hervor beim 
aufieren Menschen zwischen Geburt und Tod. Die Bilder treten im 
Vorstellungsleben hervor. Sie wissen ja gar nicht, wenn Sie nur das ge- 
wohnliche Bewufitsein entwickeln, was Wunsch ist. Sie haben stets nur 
die Vorstellung des Wunsches. Daher glaubt Herbart, es sei iiberhaupt 
in der Vorstellung des Wunsches schon ein Strebendes vorhanden. 
Beim Vorsatz ist es ebenso; von ihm haben Sie auch nur die Vorstel- 
lung. Sie wollen so und so etwas tun, was sich real unten in der Seele 
abspielt, aber Sie wissen ja nicht, was da zugrunde liegt. Und nun erst 
der Entschluft! Wer weifi denn etwas davon? Nur von einem allge- 
meinen Wollen spricht die allgemeine Psychologic - Und dennoch 
mufi in alle diese drei Seelenkrafte regelnd und ordnend der Unter- 
richter und Erzieher eingreifen. Man mull gerade mit dem arbeiten, 
was in den Tiefen unten in der Menschennatur sich abspielt, wenn 
man erziehend und unterrichtend arbeiten will. 

Geistesmensch: EntschlulS 
Lebensgeist: Vorsatz 
Geistselbst: Wunsch 

Bewulkseinsseele - 
Verstandesseele > Motiv 
Empfindungsseele J 

Empfindungsleib: Begierde 
Atherleib: Trieb 
Physischer Leib: Instinkt 



Es ist immer aufterordentlich wichtig, daft man sich als Erzieher und 
Unterrichter bewuftt werde: Es geniigt nicht, den Unterricht einzu- 
richten nach dem gewohnlichen Menschenverkehr, sondern man mufi 
diesen Unterricht aus der Erfassung des inneren Menschen heraus gestal- 
ten. 

Diesen Fehler, den Unterricht nach dem gewohnlichen Verkehr der 
Menschen einzurichten, mochte gerade der landlaufige Sozialismus ma- 
chen. Denken Sie sich nur einmal, es wiirde nach dem Ideal der ge- 
wohnlichen marxistischen Sozialisten die Schule der Zukunft gestaltet 
werden. In Rutland ist es schon geschehen; daher ist dort die Luna- 
tscharskische Schulreform etwas ganz Fiirchterliches. Sie ist der Tod 
aller Kultur! Und wenn schon aus dem ubrigen Bolschewismus sehr 
viel Schlimmes hervorgeht - das Schlimmste aus ihm wird die bolsche- 
wistische Unterrichtsmethode sein! Denn sie wird, wenn sie siegte, 
grundlich alles das ausrotten, was aus den fruheren Zeiten an Kultur 
iiberkommen ist. Sie wird es nicht gleich in der ersten Generation er- 
reichen, aber sie wird es bei den kommenden Generationen um so siche- 
rer konnen, und dann wird sehr bald jegliche Kultur vom Erdboden 
verschwinden. Das miiftten einige einsehen. Denn denken Sie sich, daft 
wir ja jetzt unter den dilettantischen Forderungen eines gemaftigten 
Sozialismus leben. Dahinein klingen die Klange, die in der verkehr- 
testen Art den Sozialismus ausgestalten wollen. Gutes mit Schlimmem 
tont da zusammen. Sie haben es ja in diesem Raume selbst gehort, ha- 
ben Menschen gehort, die ein Loblied auf den Bolschewismus gesun- 
gen haben und die gar keine Ahnung davon haben, daft dadurch das 
Teuflische selbst in den Sozialismus hineingetrieben wird. 

Hier muft besonders achtgegeben werden. Es miissen Menschen da 
sein, welche wissen, daft der Fortschritt nach der sozialen Seite ein um 
so intimeres Erfassen des Menschen von seiten der Erziehung fordert. 
Daher muft man wissen, daft gerade von dem Zukunftserzieher und 
-unterrichter das Innerste der Menschennatur angefaftt werden muft, 
daft man mit diesem Innersten der Menschennatur leben muft und daft 
der gewohnliche Verkehr, wie er sich zwischen den Erwachsenen ab- 
spielt, nicht im Unterricht angewendet werden darf. Was wollen denn 
die gewohnlichen Marxisten? Sie wollen die Schule sozialistisch ge- 



stalten, wollen das Rektorat abschaffen und nichts an seine Stelle 
setzen und wollen moglichst die Kinder durch sich selbst erziehen 
lassen. Es kommt etwas Furchtbares heraus! 

Wir waren einmal in einem Landerziehungsheim und wollten uns 
beim dortigen Unterrichte die erhebendste Stunde ansehen: die Reli- 
gionsstunde. Wir kamen in das Unterrichtszimmer. Da lag auf dem 
Fensterbrett ein Bengel, der rakelte sich mit seinen Beinen zum Fenster 
hinaus; ein zweiter hockte auf dem Fufiboden, ein dritter lag irgend- 
wo auf dem Bauch und hob den Kopf nach aufwarts. So ungefahr 
waren alle Schuler in dem Raume verteilt. Dann kam der sogenannte 
Religionslehrer und las ohne besondere Einleitung eine Novelle von 
Gottfried Keller vor. Dabei begleiteten die Schuler seine Vorlesung 
wieder mit den verschiedensten Rakeleien. Dann, als er damit zu Ende 
war, war die Religionsstunde aus, und alles ging ins Freie. Mir stieg 
bei diesem Erlebnis das Bild auf, dafi neben diesem Landerziehungs- 
heim ein grofier Hammelstall war - und einige Schritte davon entfernt 
lebte dann diese Schiilerschaft - Gewifi, auch diese Dinge sollen nicht 
scharf getadelt werden. Es liegt viel guter Wille zugrunde, aber es ist 
eine vollstandige Verkennung dessen, was fur die Kultur der Zukunft 
zu geschehen hat. 

Was will man denn heute nach dem sogenannten sozialistischen 
Programm? - Man will die Kinder so miteinander in Verkehr treten 
lassen, wie es bei den Erwachsenen der Fall ist. Das aber ist das Fal- 
scheste, was man in der Erziehung tun kann. Man mufi sich bewufit sein 
dessen, dafi das Kind noch etwas ganz anderes an Seelenkraften und 
auch an Korperkraften zu entwickeln hat, als die Erwachsenen im 
Wechselverkehr miteinander zu entwickeln haben. Also auf das, was 
tief unten in der Seele sitzt, mufi die Erziehung und der Unterricht 
eingehen konnen; sonst kommt man nicht weiter. Daher wird man 
sich fragen rmissen: Was vom Unterricht und von der Erziehung wirkt 
auf die Willensnatur des Menschen? - Diese Frage mufi einmal ernst- 
lich in Angriff genommen werden. 

Wenn Sie an das gestern Gesagte denken, werden Sie sich erinnern: 
Alles Intellektuelle ist schon greisenhafter Wille, ist schon der Wille im 
Alter. Also alle gewohnliche Unterweisung im verstandesmafiigen 



Sinne, alle gewohnliche Ermahnung, alles, was fur die Erziehung in 
Begriffe gefafit wird, wirkt in dem Alter, das fur die Erziehung in Be- 
tracht kommt, noch gar nicht auf das Kind. Nun fassen wir die Sache 
noch einmal zusammen, so dafi wir wissen: Gefiihl ist werdender, noch 
nicht gewordener Wille; aber im Willen lebt der ganze Mensch, so 
dafi man auch bei dem Kinde rechnen mufi mit den unterbewufiten 
Entschlussen. Hiiten wir uns nur vor dem Glauben, dafi wir mit allem, 
was wir meinen gut ausgedacht zu haben, auf den Willen des Kindes 
einen Einflufi haben. Wir miissen uns daher fragen: Wie konnen wir 
einen guten Einflufi auf die Gefiihlsnatur des Kindes nehmen? Das 
konnen wir nur durch das, was wir einrichten als das wiederholent- 
liche Tun. Nicht dadurch, dafi Sie dem Kinde einmal sagen, was rich- 
tig ist, konnen Sie den Willensimpuls zur richtigen Auswirkung brin- 
gen, sondern indem Sie heute und morgen und iibermorgen etwas von 
dem Kinde tun lassen. Das Richtige liegt gar nicht zunachst darin, 
dafi Sie darauf ausgehen, dem Kinde Ermahnungen, Sittenregeln zu 
geben, sondern Sie lenken es hin auf irgend etwas, von dem Sie glau- 
ben, dafi es das Gefiihl fur das Richtige im Kinde erwecken wird und 
lassen dies das Kind wiederholentlich tun. Sie miissen eine solche 
Handlung zur Gewohnheit erheben. Je mehr es bei der unbewufiten 
Gewohnheit bleibt, um so besser ist es fur die Entwickelung des Ge- 
ftihls; je mehr das Kind sich bewufk wird, die Tat aus Hingabe in der 
Wiederholung zu tun, weil sie getan werden soil, weil sie getan werden 
raufi, desto mehr erheben Sie dies zum wirklichen Willensimpuls. Also 
mehr unbewufkes Wiederholen kultiviert das Gefiihl; vollbewufites 
Wiederholen kultiviert den eigentlichen Willensimpuls, denn dadurch 
wird die Entschlufikraft erhoht. Und die Entschlufikraft, die sonst nur 
im Unterbewulken bleibt, wird angespornt dadurch, dafi Sie das Kind 
bewufit Dinge wiederholen lassen. Wir durfen also nicht mit Bezug 
auf die Willenskultur auf das sehen, was beim intellektuellen Leben von 
besonderer Wichtigkeit ist. Im intellektuellen Leben rechnen wir im- 
mer darauf: man bringt einem Kinde etwas bei, und es ist um so besser, 
je besser es die Sache begriffen hat. Auf das einmalige Beibringen legt 
man den grofSen Wert; dann soil die Sache nur behalten, gemerkt 
werden. Aber was so einmal beigebracht und dann behalten werden 



kann, das wirkt nicht auf Gefiihl und Wille, sondern auf Gefiihl und 
Wille wirkt das, was immer wieder getan wird und was als das 
durch die Verhaltnisse Gebotene fur richtig getan angesehen wird. 

Die friiheren, mehr naiv patriarchalischen Erziehungsformen ha- 
ben das auch naiv patriarchalisch angewendet. Es wurde einfach Le- 
bensgewohnheit. In alien diesen Dingen, die so angewendet wurden, 
liegt durchaus etwas auch gut Padagogisches. Warum lafit man zum 
Beispiel jeden Tag dasselbe Vaterunser beten? Wenn der heutige 
Mensch jeden Tag dieselbe Geschichte lesen sollte, so wurde er es gar 
nicht tun, das wiirde ihm viel zu langweilig fallen. Der heutige Mensch 
ist eben auf die Einmaligkeit dressiert. Die Menschen fruherer Art 
haben alle noch das kennengelernt, dafi sie nicht nur dasselbe Vater- 
unser taglich gebetet haben, sondern sie haben auch noch ein Buch mit 
Geschichten gehabt, die sie jede Woche mindestens einmal gelesen 
haben. Dadurch waren sie auch dem Willen nach starkere Menschen 
als diejenigen, welche aus der heutigen Erziehung hervorgehen; denn 
auf Wiederholung und bewufiter Wiederholung beruht die Willens- 
kultur. Das mufi beriicksichtigt werden. Daher geniigt es nicht, in ab- 
stracto zu sagen: man mufi auch den Willen erziehen. Denn man wird 
dann glauben, wenn man selber gute Ideen fur die Willensausbil- 
dung hat und diese durch irgendwelche raffinierte Methoden dem 
Kinde beibringt, zur Ausbildung des Willens etwas beizutragen. 
Das niitzt aber gar nichts in Wirklichkeit. Es werden doch nur 
schwache, nervose Menschen diejenigen, welche man zur Moral er- 
mahnen will. Innerlich stark werden die Menschen werden, wenn 
man zum Beispiel zu den Kindern sagt: Du tust heute dies, und du 
tust heute das, und ihr beide werdet morgen und ubermorgen das- 
selbe tun. - Da tun sie es auf Autoritat hin, weil sie einsehen, dafi 
einer in der Schule befehlen mufi. Also: einem jeden eine Art Hand- 
lung fur jeden Tag zuweisen, die sie dann jeden Tag, unter Um- 
standen das ganze Schuljahr hindurch, vollbringen - das ist etwas, 
was auf die Willensbildung sehr stark wirkt. Das schafft erstens ei- 
nen Kontakt unter den Schulern; dann starkt es die Autoritat des 
Unterrichtenden und bringt die Menschen in eine wiederholentliche 
Tatigkeit hinein, die stark auf den Willen wirkt. 



Warum wirkt denn ganz besonders das kunstlerische Element auf 
die Willensbildung? Weil das ja im Uben erstens auf Wiederholung 
beruht, zweitens aber auch, weil dasjenige, was sich der Mensch 
kiinstlerisch aneignet, ihm immer wieder Freude macht. Das 
Kunstlerische geniefk man immer wieder, nicht nur das erste Mai. 
Es hat schon in sich die Anlage, den Menschen nicht nur einmal 
anzuregen, sondern ihn unmittelbar immer wieder zu erfreuen. 
Und daher haben wir das, was wir im Unterricht wollen, in der 
Tat zusammenhangend mit dem kunstlerischen Element. Darauf 
wollen wir dann morgen weiter eingehen. 

Ich wollte heute zeigen, wie auf die Willensbildung anders gewirkt 
werden mufi als auf die Ausbildung des Intellektuellen. 



FUNFTER VORTRAG 



Stuttgart, 26. August 1919 

Wir haben gestern die Wesenheit des Willens besprochen, insofern der 
Wille in den menschlichen Organismus eingegliedert ist. Wir wollen 
nun die Beziehungen des Willens zum Menschen, die wir kennenge- 
lernt haben, fruchtbar machen fur die Anschauung der iibrigen Wesen- 
heit des Menschen. 

Sie werden bemerkt haben, dafi ich bei den bisherigen Besprechun- 
gen der menschlichen Wesenheit hauptsachlich Riicksicht genommen 
habe auf die intellektuelle, auf die Erkenntnistatigkeit auf der einen 
Seite und auf die Willenstatigkeit auf der anderen Seite. Ich habe Ihnen 
ja auch gezeigt, wie die Erkenntnistatigkeit im Zusammenhang steht 
mit dem Nervenwesen des Menschen, wie die Willensstarke im Zusam- 
menhang steht mit der Bluttatigkeit. Sie werden, wenn Sie iiber die 
Sache nachdenken, sich fragen: Wie steht es denn nun mit der dritten 
Seelenfahigkeit, mit der Gefuhlstatigkeit? - Die haben wir bisher noch 
wenig beriicksichtigt. Aber gerade indem wir die Gefuhlstatigkeit heute 
mehr ins Auge fassen, wird sich uns auch die Moglichkeit bieten, die 
anderen beiden Seiten der Menschennatur, die erkennende und die 
willensmafiige, intensiver zu durchdringen. 

Wir miissen uns nur iiber eines noch klar werden, das ich ja in ver- 
schiedenen Zusammenhangen schon erwahnt habe. Man kann nicht 
die Seelenfahigkeiten so pedantisch nebeneinanderstellen: Denken, 
Fiihlen, Wollen - weil in der ganzen lebendigen Seele die eine Tatig- 
keit immer in die andere iibergeht. 

Betrachten Sie einmal auf der einen Seite den Willen. Sie werden 
sich bewufit sein konnen, dafi Sie nicht zu wollen imstande sind, was 
Sie nicht durchdringen mit Vorstellung, also mit erkenntnismafiiger 
Tatigkeit. Versuchen Sie in einer, wenn auch nur oberflachlichen Selbst- 
besinnung, auf Ihr Wollen sich zu konzentrieren. Sie werden immer 
finden: in dem Willensakt steckt immer irgendwie Vorstellen drinnen. 
Sie wiirden gar nicht Mensch sein, wenn Sie in dem Willensakt nicht 
Vorstellen drinnen hatten. Sie wiirden aus einer stumpfen, instinktiven 



Tatigkeit heraus alles das vollziehen, was aus Ihrem Willen stromt, 
wenn Sie nicht die Handlung, die aus dem Willen hervorquillt, mit 
vorstellender Tatigkeit durchdringen wiirden. 

Ebenso nun wie in aller Willensbetatigung das Vorstellen steckt, so 
steckt in allem Denken der Wille drinnen. Wieder wird Ihnen eine, 
wenn auch nur recht oberflachliche Betrachtung Ihres eigenen Selbstes 
die Erkenntnis liefern, dafi Sie, indem Sie denken, immer in das Ge- 
dankenbilden den Willen hineinstromen lassen. Wie Sie Gedanken sel- 
ber formen, wie Sie einen Gedanken mit dem anderen verbinden, wie 
Sie zu Urteil und Schlufi ubergehen, das alles ist von einer feineren 
Willenstatigkeit durchstromt. 

Daher konnen wir eigentlich nur sagen: Die Willenstatigkeit ist 
hauptsachlich Willenstatigkeit und hat in sich die Unterstromung der 
Denktatigkeit; die Denktatigkeit ist hauptsachlich Denktatigkeit und 
hat in ihrer Unterstromung Willenstatigkeit. Also ein pedantisches 
Nebeneinanderstellen ist schon fur die Beobachtung der einzelnen 
Seelenbetatigungen nicht moglich, weil eben die eine in die andere 
iiberfliefit. 

Was Sie fur die Seele erkennen konnen: das Ineinanderfliefien der 
Seelentatigkeiten, das sehen Sie auch ausgepragt in dem Leib, in dem 
sich die Seelentatigkeit offenbart. Betrachten Sie zum Beispiel das 
menschliche Auge. In das Auge hinein, wenn wir es in seiner Ganzheit 
betrachten, setzen sich fort die Nerven; aber es setzen sich in das Auge 
auch die Blutbahnen fort. Dadurch, dafi sich die Nerven in das mensch- 
liche Auge hinein fortsetzen, stromt die Gedanken-, die Erkenntnis- 
tatigkeit ins Auge ein; dadurch, dafi sich die Blutbahnen ins Auge fort- 
setzen, stromt die Willensbetatigung in das Auge ein. So ist bis in die 
Peripherie der Sinnesbetatigungen auch im Leibe Willensgemafies und 
Vorstellungs- oder Erkenntnisgemafies miteinander verbunden. Das 
ist fur alle Sinne so, ist aber auch fur alle Bewegungsglieder, die dem 
Wollen dienen, eben so: in unser Wollen, in unsere Bewegungen geht 
durch die Nervenbahnen das Erkenntnisgemafie und durch die Blut- 
bahnen das Willensgemafie. 

Nun miissen wir aber auch die besondere Art der Erkenntnistatig- 
keit kennenlernen. Wir haben schon darauf hingewiesen, aber wir miis- 



sen uns voll bewufk werden, was in diesem ganzen Komplex von 
menschlicher Tatigkeit, der nach der Erkenntnis-, der Vorstellungs- 
seite hinneigt, alles liegt. Wir haben schon gesagt: Im Erkennen, im 
Vorstellen lebt eigentlich Antipathic So sonderbar es ist, alles, was 
nach dem Vorstellen hinneigt, ist durchdrungen von Antipathic Sie 
werden sich sagen: Ja, wenn ich etwas anschaue, so iibe ich in diesem 
Anschauen doch nicht Antipathie aus! - Doch, Sie iiben sie aus! Sie 
iiben Antipathie aus, indem Sie einen Gegenstand ansehen. Wiirde in 
Ihrem Auge nur Nerventatigkeit sein, so wiirde Ihnen jeder Gegen- 
stand, den Sie mit Ihren Augen ansehen, zum Ekel sein, er ware Ihnen 
antipathisch. Nur dadurch, dafi sich in die Augentatigkeit hinein auch 
die Willenstatigkeit ergiefk, die in Sympathie besteht, dadurch dafi sich 
leiblich in Ihr Auge hineinerstreckt das Blutmafkge, nur dadurch wird 
fur Ihr Bewufksein die Empfindung der Antipathie im sinnlichen An- 
schauen ausgeloscht, und es wird durch einen Ausgleich zwischen Sym- 
pathie und Antipathie der objektive, gleichgultige Akt des Sehens her- 
vorgerufen. Er wird da hervorgerufen, indem Sympathie und Antipa- 
thie sich ins Gleichgewicht stellen und uns dieses Ineinanderspielen von 
Sympathie und Antipathie gar nicht bewufk wird. 

Wenn Sie die Goethesche Farbenlehre, auf die ich in diesem Zusam- 
menhang schon einmal aufmerksam gemacht habe, studieren, nament- 
lich in ihrem physiologisch-didaktischen Teil, dann werden Sie sehen: 
weil Goethe eingeht auf die tiefere Tatigkeit des Sehens, so kommt da- 
durch fur seine Betrachtung in den Farbennuancen gleich zum Vor- 
schein das Sympathische und das Antipathischc Sie brauchen nur ein 
wenig hineindringen in die Tatigkeit eines Sinnesorgans, dann finden 
Sie sogleich das Sympathische und das Antipathische in der Sinnes- 
tatigkeit auftauchen. Es riihrt eben auch in der Sinnestatigkeit das Anti- 
pathische her von dem eigentlichen Erkenntnisteil, von dem Vorstel- 
lungsteil, dem Nerventeil, und das Sympathische riihrt her von dem 
eigentlichen Willensteil, von dem Blutteil. 

Es gibt einen bedeutungsvollen Unterschied, den ich auch schon in 
den allgemeinen anthroposophischen Vortragen ofter hervorgehoben 
habe, zwischen den Tieren und den Menschen mit Bezug auf die Ein- 
richtung des Auges. Es ist sehr eigentumlich, daft das Tier viel mehr von 



Bluttatigkeit im Auge hat als der Mensch. Bei gewissen Tieren finden 
Sie sogar Organe, welche dieser Bluttatigkeit dienen, wie den «Schwert- 
fortsatz» und den «Facher». Daraus konnen Sie entnehmen, dafi das 
Tier viel mehr von Bluttatigkeit auch ins Auge hineinsendet - und so 
ist es auch bei den iibrigen Sinnen - als der Mensch. Das heiftt, das 
Tier entwickelt in seinen Sinnen viel mehr Sympathie, instinktive 
Sympathie mit der Umwelt als der Mensch. Der Mensch hat in 
Wirklichkeit mehr Antipathie zu der Umwelt als das Tier, aber sie 
kommt im gewohnlichen Leben nicht zum Bewufttsein. Sie kommt 
nur zum Bewufitsein, wenn sich das Anschauen der Umwelt steigert 
bis zu dem Eindruck, auf den wir mit dem Ekel reagieren. Das ist 
nur ein gesteigerter Eindruck alles sinnlichen Wahrnehmens: Sie rea- 
gieren mit dem Ekel auf den aufieren Eindruck. Wenn Sie an einen 
Ort gehen, der libel riecht, und Sie empfinden in der Sphare dieses 
Ubelriechens Ekel, so ist dieses Ekelempfinden nichts anderes als eine 
Steigerung desjenigen, was bei jeder Sinnestatigkeit stattfindet, nur 
bleibt die Begleitung der Empfindung durch den Ekel in der gewohn- 
lichen Sinnesempfindung unter der Bewufitseinsschwelle liegend. 
Wenn wir Menschen aber nicht mehr Antipathie hatten zu unserer 
Umgebung als das Tier, so wiirden wir uns nicht so stark absondern 
von unserer Umgebung, als wir uns tatsachlich absondern. Das Tier 
hat viel mehr Sympathie mit der Umgebung, ist daher viel mehr 
mit der Umgebung zusammengewachsen, und es ist deshalb auch viel 
mehr angewiesen auf die Abhangigkeit vom Klima, von den Jahres- 
zeiten und so weiter als der Mensch. Weil der Mensch viel mehr 
Antipathie hat gegen die Umgebung, deshalb ist er eine Personlich- 
keit. Der Umstand, dafi wir uns durch unsere unter der Schwelle 
des Bewufitseins liegende Antipathie absondern konnen von der 
Umgebung, diese Tatsache bewirkt unser gesondertes Persdnlichkeits- 
bewufksein. 

Damit aber haben wir auf etwas hingewiesen, was zur ganzen Auf- 
fassung des Menschen ein sehr Wesentliches beitragt. Wir haben gese- 
hen, wie in der Erkenntnis- oder Vorstellungstatigkeit zusammenflie- 
fien: Denken - Nerventatigkeit, leiblich ausgedriickt; und Wollen - 
Bluttatigkeit, leiblich ausgedriickt. 



So aber fliefien auch zusammen in der Willensbetatigung vorstel- 
lende und eigentliche Willenstatigkeit. Wir entwickeln immer, wenn 
wir irgend etwas wollen, Sympathie mit dem Gewollten. Aber es 
wiirde immer ein ganz instinktives Wollen bleiben, wenn wir uns nicht 
auch durch eine in die Sympathie des Wollens hineingeschickte Anti- 
pathie absondern konnten als Personlichkeit von der Tat, von dem Ge- 
wollten. Nur iiberwiegt jetzt eben durchaus die Sympathie zu dem Ge- 
wollten, und es wird nur ein Ausgleich mit dieser Sympathie dadurch 
geschaffen, daft wir auch die Antipathie hineinschicken. Dadurch bleibt 
aber die Sympathie als solche unter der Schwelle des Bewuikseins lie- 
gend, es dringt nur etwas von dieser Sympathie ein in das Gewollte. In 
den ja nicht sehr zahlreichen Handlungen, die wir nicht blofi aus Ver- 
nunft vollbringen, sondern die wir in wirklicher Begeisterung, in Hin- 
gabe, in Liebe ausfiihren, da iiberwiegt die Sympathie so stark im Wol- 
len, daft sie auch hinaufdringt iiber die Schwelle unseres Bewufttseins 
und unser Wollen selber uns durchtrankt erscheint von Sympathie, 
wahrend es uns sonst als ein Objektives verbindet mit der Umwelt, sich 
uns so offenbart. Geradeso wie uns nur ausnahmsweise, nicht immer, 
unsere Antipathie mit der Umwelt ins Bewufttsein kommen darf im 
Erkennen, so darf uns unsere immer vorhandene Sympathie mit der 
Umwelt nur in Ausnahmefallen, in Fallen der Begeisterung, der hinge- 
benden Liebe, zum Bewufttsein kommen. Sonst wiirden wir alles instink- 
tiv ausfiihren. Wir wiirden uns niemals in das, was objektiv, zum Beispiel 
im sozialen Leben, die Welt von uns fordert, eingliedern konnen. Wir 
miissen gerade das Wollen denkend durchdringen, damit dieses Wollen 
uns eingliedert in die Gesamtmenschheit und in den Weltenprozeft als 
solchen. 

Sie werden sich das, was dabei geschieht, vielleicht klarmachen kon- 
nen, wenn Sie bedenken, welche Verheerungen es in der menschlichen 
Seele eigentlich anrichten wiirde, wenn im gewohnlichen Leben diese 
ganze Sache, von der ich jetzt gesprochen habe, bewuftt ware. Wenn 
diese Sache im gewohnlichen Leben fortwahrend in der menschlichen 
Seele bewuftt ware, dann ware dem Menschen ein gut Stuck Antipathie 
bewuftt, das bei alien seinen Handlungen begleitend ware. Das ware 
furchtbar! Der Mensch ginge dann durch die Welt und fiihlte sich 



fortwahrend in einer Atmosphare von Antipathic Das ist weise einge- 
richtet in der Welt, dafi diese Antipathie als eine Kraft zwar notwendig 
ist zu unserem Handeln, daft wir uns ihrer aber nicht bewuik werden, 
dafi sie unter der Schwelle des Bewufkseins bleibt. 

Nun schauen Sie da, ich mochte sagen, in ein merkwiirdiges Myste- 
rium der menschlichen Natur hinein, in ein Mysterium, das eigentlich 
jeder bessere Mensch empfindet, das aber der Erzieher und Unterrichter 
sich ganz zum Bewufitsein bringen sollte. Wir handeln ja, indem wir 
zuerst Kinder werden, mehr oder weniger aus blofier Sympathie. So 
sonderbar es klingt: aber alles, was das Kind tut und tobt, ist aus Sym- 
pathie zu dem Tun und Toben vollbracht. Wenn die Sympathie geboren 
wird in der Welt, so ist sie starke Liebe, starkes Wollen. Aber sie kann 
nicht so bleiben, sie muE durchdrungen werden vom Vorstellen, sie muE 
gewissermafien fortwahrend erhellt werden vom Vorstellen. Das ge- 
schieht in umfassender Weise, indem wir eingliedern in unsere blofien 
Instinkte die Ideale, die moralischen Ideale. Und jetzt werden Sie bes- 
ser begreifen konnen, was eigentlich auf diesem Gebiete die Antipathie 
bedeutet. Blieben uns die Instinktimpulse, die wir in dem kleinen Kinde 
bemerken, durch das ganze Leben nur sympathisch, wie sie dem Kinde 
sympathisch sind, so wiirden wir uns unter dem Einflufi unserer In- 
stinkte animalisch entwickeln. Diese Instinkte miissen uns antipathisch 
werden, wir miissen Antipathie in sie hineingieften. Dann, wenn wir 
Antipathie in sie hineingiefien, tun wir das durch unsere moralischen 
Ideale, denen die Instinkte antipathisch sind und die zunachst fur un- 
ser Leben zwischen Geburt und Tod Antipathie in die kindliche Sym- 
pathie der Instinkte hineinsetzen. Daher ist moralische Entwickelung 
immer etwas Asketisches. Es mufi nur dieses Asketische im richtigen 
Sinne gefafit werden. Es ist immer ein Uben in der Bekampfung des 
Animalischen. 

Das alles soli uns lehren, in wie hohem Grade Wollen nicht nur 
Wollen in der praktischen Betatigung des Menschen ist, sondern in- 
wiefern Wollen durchaus auch von Vorstellen, von erkennender Tatig- 
keit durchdrungen ist. 

Nun steht zwischen Erkennen, Denken und Wollen mitten drinnen 
die menschliche Gefuhlstatigkeit. Wenn Sie sich das vorstellen, was ich 



jetzt als Wollen und Denken entwickelt habe, so konnen Sie sich sagen: 
Von einer gewissen mittleren Grenze stromt auf der einen Seite alles 
das aus, was Sympathie ist: Wollen; auf der anderen Seite stromt aus 
alles, was Antipathie ist: Denken. Aber die Sympathie des Wollens 
wirkt auch zuriick in das Denken hinein, und die Antipathie des Den- 
kens wirkt auch in das Wollen hinein. Und so wird der Mensch ein 
Ganzes, indem das, was sich auf der einen Seite hauptsachlich ent- 
wickelt, auch in die andere Seite hineinwirkt. Zwischendrinnen nun, 
zwischen Denken und Wollen, liegt das Fiihlen, so dafi das Fiihlen 
nach der einen Richtung hin verwandt ist mit dem Denken, nach der 
anderen Richtung hin mit dem Wollen. Wie Sie schon in der ganzen 
menschlichen Seele nicht streng auseinanderhalten konnen erkennende 
oder denkerische Tatigkeit und Willenstatigkeit, so konnen Sie noch 
weniger auseinanderhalten im Fiihlen das denkerische Element von 
dem Willenselement. Im Fiihlen fliefien ganz stark ineinander Wil- 
lenselemente und Denkelemente. 



WoU en 



. Antipathie I Sympathie w 



Denken 




Auch hier konnen Sie wieder durch die blofie Selbstbeobachtung, 
wenn Sie diese auch nur oberflachlich ausiiben, sich von der Richtig- 
keit des eben Gesagten iiberzeugen. Schon was ich bis jetzt gesagt habe, 
fiihrt Sie auf die Anschauung von dieser Richtigkeit, denn ich sagte 
Ihnen: Das Wollen, das im gewohnlichen Leben objektiv verlauft, stei- 
gert sich bis zur Tatigkeit aus Enthusiasmus, aus Liebe heraus. Da sehen 
Sie ganz deutlich ein sonst von der Notwendigkeit des aufieren Lebens 
hervorgebrachtes Wollen durchstromt vom Fiihlen. Wenn Sie etwas 
Enthusiastisches oder Liebevolles tun, so tun Sie das, was aus dem 
Willen fliefk, indem Sie es durchdrungen sein lassen von einem subjek- 



tiven Gefuhl. Aber auch bei der Sinnestatigkeit konnen Sie sehen, 
wenn Sie genauer zusehen - eben durch die Goethesche Farbenlehre - 
wie sich in die Sinnestatigkeit hineinmischt das Fiihlen. Und wenn sich 
die Sinnestatigkeit bis zum Ekel steigert oder auf der anderen Seite 
bis zum Einsaugen des angenehmen Blumenduftes, so haben Sie auch 
dabei die Gefiihlstatigkeit in die Sinnestatigkeit ohne weiteres iiber- 
fliefiend. 

Aber auch in die Denktatigkeit fliefit die Gefiihlstatigkeit hinein. 
Es war einmal ein, aufterlich wenigstens, sehr bemerkenswerter philo- 
sophischer Streit - es gab ja in der Geschichte der Weltanschauungen 
viele philosophische Streitigkeiten - zwischen dem Psychologen Franz 
Brentano und dem Logiker Sigwart in Heidelberg. Die beiden Herren 
stritten miteinander iiber das, was in der Urteilstatigkeit des Menschen 
liegt. Sigwart meinte: Wenn der Mensch urteilt - sagen wir, er fallt 
das Urteil: Der Mensch soli gut sein -, so sprache in einem solchen Ur- 
teil immer ein Gefuhl mit; die Entscheidung trifft das Gefuhl. - Bren- 
tano meinte: Urteilstatigkeit und Gefiihlstatigkeit, die in Gemiitsbe- 
wegungen bestehen, seien so verschieden, dafi die Urteilsfunktion, die 
Urteilsbetatigung gar nicht begriffen werden konnte, wenn man nur 
glaube, das Gefuhl spiele da hinein. Er meinte, dadurch kame etwas 
Subjektives in das Urteil hinein, wahrend doch unser Urteil objektiv 
sein wolle. 

Ein solcher Streit zeigt dem Einsichtigen nur, dafi weder die Psycho- 
logen noch die Logiker auf das gekommen sind, worauf sie kommen 
sollten - auf das Ineinanderfliefien der Seelentatigkeiten. Bedenken Sie, 
was hier wirklich beobachtet werden mufi. Wir haben auf der einen 
Seite die Urteilsfahigkeit, die natiirlich entscheiden mufi iiber etwas 
ganz Objektives. Dafi der Mensch gut sein mufi, darf nicht von unse- 
rem subjektiven Gefuhl abhangen. Also der Inhalt des Urteils mufi 
objektiv sein. Aber wenn wir urteilen, kommt ja noch etwas ganz an- 
deres in Betracht. Die Dinge, die objektiv richtig sind, sind ja deshalb 
noch nicht bewufk in unserer Seele. Wir mussen sie erst bewufk in 
unsere Seele hereinbekommen. Und bewufit bekommen wir kein Urteil 
in unsere Seele herein, ohne dafi die Gefiihlstatigkeit mitwirkt. Daher 
mussen wir sagen, Brentano und Sigwart hatten sich dahin einigen miis- 



sen, dafi sie beide gesagt hatten: Ja, der objektive Inhalt des Urteils stent 
aufierhalb der Gefiihlstatigkeit fest; damit aber in der subjektiven Men- 
schenseele die Uberzeugung von der Richtigkeit des Urteils zustande 
komme, mufi die Gefiihlstatigkeit sich entwickeln. 

Sie sehen daraus, wie schwer es ist bei der ungenauen Art der philo- 
sophischen Betrachtungen, wie sie gegenwartig gepflogen werden, iiber- 
haupt zu genauen Begriffen zu kommen. Zu solchen genauen Begriffen 
mufi man sich ja erst erheben, und es gibt heute keine andere Erzie- 
hung zu genauen Begriffen als die durch Geisteswissenschaft. Die 
auftere Wissenschaft meint, sie habe genaue Begriffe, und sie ergeht 
sich sehr hochnasig iiber das, was anthroposophisch orientierte Geistes- 
wissenschaft liefert, weil sie keine Ahnung hat, da$ die von dieser 
Seite gelieferten Begriffe gegemiber den heute gebrauchlichen viel ge- 
nauer und exakter sind, weil sie aus der Wirklichkeit hergeholt sind, 
nicht aus dem blofien Spiel mit den Worten. 

Indem Sie so das gefuhlsmafiige Element nach der einen Seite ver- 
folgen in dem Erkennenden, in dem Vorstellenden, und auf der ande- 
ren Seite in dem Willensgemafien, werden Sie sich sagen: Das Gefuhl 
steht als die mittlere Seelenbetatigung zwischen Erkennen und Wol- 
len drinnen und strahlt seine Wesenheit nach den beiden Richtungen 
aus. - Gefuhl ist sowohl noch nicht ganz gewordene Erkenntnis, wie 
noch nicht ganz gewordener Wille, zuriickgehaltene Erkenntnis und 
zuriickgehaltener Wille. Daher auch ist das Fiihlen zusammengesetzt 
aus Sympathie und Antipathie, die sich nur verstecken, wie Sie gesehen 
haben, sowohl im Erkennen wie im Wollen. Beide, Sympathie und 
Antipathie, sind im Erkennen und Wollen vorhanden, indem leiblich 
Nerventatigkeit und Bluttatigkeit zusammenwirken, aber sie verstek- 
ken sich. Im Fiihlen werden sie offenbar. 

Wie schauen denn daher die leiblichen Offenbarungen des Fiihlens 
aus? Sie werden ja im menschlichen Leibe uberall finden, wie die Blut- 
bahnen mit den Nervenbahnen in irgendeiner Weise sich beruhren. 
Und uberall dort, wo Blutbahnen mit Nervenbahnen sich beruhren, 
entsteht eigentlich Gefuhl. Nur ist, in den Sinnen zum Beispiel, sowohl 
der Nerv wie das Blut so verfeinert, dafi wir nicht mehr das Gefuhl 
spiiren. Von einem leisen Gefuhl ist all unser Sehen und Horen durch- 



zogen, aber wir spiiren es nicht; wir spiiren es urn so weniger, als das 
Sinnesorgan abgegrenzt, abgetrennt ist von dem iibrigen Leib. Beim 
Sehen, bei der Augentatigkeit, spiiren wir das gefuhlsmafiige Sym- 
pathisieren und Antipathisieren fast gar nicht, weil das Auge, in der 
Knochenrundung eingebettet, fast ganz vom iibrigen Organismus ab- 
gesondert ist. Und sehr verfeinert sind die Nerven, die sich ins Auge 
hineinerstrecken und auch die Blutbahnen, die sich ins Auge hineiner- 
strecken. Es ist das gefuhlsmafiige Empfinden im Auge sehr unter- 
driickt. - Weniger unterdriickt ist das Gefiihlsma&ge beim Sinn des 
Horens. Das Horen steht viel mehr als das Schauen mit der Gesamt- 
tatigkeit des Organismus in einem organischen Zusammenhang. Indem 
sich zahlreiche Organe im Ohre befinden, die ganz andersgeartet sind 
als die Organe des Auges, ist das Ohr in vieler Beziehung ein getreues 
Abbild desjenigen, was im ganzen Organismus vor sich geht. Daher 
wird das, was im Ohr als Sinnestatigkeit vor sich geht, sehr stark be- 
gleitet von Gefuhlstatigkeit. Und hier wird es selbst Menschen, die sich 
gut auf das verstehen, was gehort wird, schwer, wirklich zur Klarheit 
zu kommen, was im Gehorten, besonders beim kiinstlerisch Gehorten, 
bloftes Erkennen und was Gefiihlsmafiiges ist. Darauf beruht eine sehr 
interessante Erscheinung der neueren Zeit, die auch in die unmittel- 
bare kunstlerische Produktion hineingespielt hat. 

Sie kennen alle in Richard Wagners «Meistersinger» die Figur des 
Beckmesser. Was sollte Beckmesser eigentlich darstellen? Er sollte dar- 
stellen einen musikalisch Auffassenden, der ganz vergifk, wie auch das 
gefuhlsmafSige Element des ganzen Menschen in das Erkenntnismafiige 
der Gehortatigkeit hineinwirkt. Wagner, der seine eigene Auffassung 
in dem Walter dargestellt hat, war wiederum ganz einseitig davon 
durchdrungen, dafi hauptsachlich das Gefuhlsmafiige im Musikalischen 
leben miisse. Was da im Walter und im Beckmesser aus einer mifiver- 
standlichen Auffassung - ich meine: bei beiden mifiverstandlichen 
Auffassung - sich gegeniibergestellt wird, im Gegensatz zu der rich- 
tigen Auffassung, wie Gefuhlsmafiiges und Erkenntnismafiiges im mu- 
sikalischen Horen zusammenwirken, das kam in einer historischen Er- 
scheinung dadurch zum Ausdruck, da$ die Wagnersche Kunst bei ihrem 
Auftreten, namentlich aber bei ihrem Bekanntwerden einen Gegner 



fand in der Person von Eduard Hanslick in Wien, der alles, was in der 
Gefuhlssphare aufstromt in der Wagnerschen Kunst, als unmusikalisch 
ansah. Es gibt vielleicht wenig psychologisch so interessante Schrif- 
ten auf dem Gebiete des Kiinstlerischen wie die «Vom Musikalisch- 
Sch6nen» von Eduard Hanslick. Darin wird hauptsachlich ausgefiihrt, 
dafi der kein wahrer Musiker ist, keinen wahren musikalischen Sinn 
hat, der alles vom Gefuhlsmafiigen in der Musik herholen mochte, son- 
dern nur derjenige, der in der objektiven Verbindung von Ton zu Ton 
den eigentlichen Nerv des Musikalischen sieht, in der alles Gefiihls- 
maflige entbehrenden Arabeske, die sich zusammenfugt von Ton zu 
Ton. Mit einer wunderbaren Reinlichkeit wird da die Forderung, dafi 
das hochste Musikalische nur im Tonbilde, in der Tonarabeske bestehen 
darf, ausgefiihrt in dem Buche «Vom Musikalisch-Sch6nen» von 
Eduard Hanslick, und es wird aller mogliche Spott iiber das ergossen, 
was gerade den Nerv des Wagnertums ausmacht als das Schaffen des 
Tonlichen aus dem Gefiihlselemente heraus. Dafi iiberhaupt ein solcher 
Streit wie der zwischen Hanslick und Wagner auftreten konnte auf 
dem Gebiete des Musikalischen, das bezeugt eben, dafi psychologisch 
die Ideen iiber die Seelenbetatigungen in der neueren Zeit durchaus im 
unklaren waren, sonst hatte gar nicht eine solch einseitige Neigung, wie 
sie bei Hanslick hervortrat, entstehen konnen. Durchschaut man aber 
das Einseitige und gibt man sich dann hin den philosophisch starken 
Auseinandersetzungen von Hanslick, dann wird man sagen: das Bii- 
chelchen «Vom Musikalisch-Sch6nen» ist ein sehr geistreiches. 

Sie sehen daraus, dafi bei dem einen Sinne mehr, bei dem anderen 
weniger von dem ganzen Menschen, der zunachst als Gefuhlswesen 
lebt, in die Peripherie hineindringt, erkenntnismafiig. 

Das wird und raufi auch Sie gerade zum Behufe padagogischer Ein- 
sicht auf etwas aufmerksam machen, was eine grofie Verheerung im 
wissenschaftlichen Denken der Gegenwart anrichtet. Hatten wir hier 
nicht vorbereitend gesprochen und sprachen wir nicht vorbereitend 
iiber das, was Sie hiniiberleiten soli zu einer reformatorischen Tatigkeit, 
so miilken Sie aus den jetzigen vorhandenen Padagogiken, aus den be- 
stehenden Psychologien und Logiken und aus den Erziehungspraktiken 
sich das zusammensetzen, was Sie in Ihrer Schultatigkeit ausiiben wol- 



len. Sie mtiftten das, was auften iiblich geworden ist, in die Schultatig- 
keit hineintragen. Nun leidet aber das, was heute iiblich geworden ist, 
von vornherein an einem groften Ubelstand schon mit Bezug auf die 
Psychologic Sie finden ja in jeder Psychologie zunachst eine soge- 
nannte Sinneslehre. Indem man untersucht, worauf die Sinnestatig- 
keit beruht, gewinnt man die Sinnestatigkeit des Auges, des Ohres, der 
Nase und so weiter. Man fafit alles in einer groften Abstraktion «Sin- 
nestatigkeit» zusammen. Das ist ein grofter Fehler, ist ein betrachtlicher 
Irrtum. Denn nehmen Sie nur diejenigen Sinne, die zunachst dem heu- 
tigen Physiologen oder Psychologen bekannt sind, so werden Sie, wenn 
Sie zunachst nur auf das Leibliche sehen, beobachten konnen, daft 
eigentlich der Sinn des Auges etwas ganz anderes ist als der Sinn des 
Ohres. Auge und Ohr sind zwei ganz verschiedene Wesen. Und dann 
erst die Organisation des Tastsinnes, die uberhaupt noch gar nicht er- 
forscht ist, auch nicht in nur so befriedigender Weise, wie es beim 
Auge und Ohr der Fall ist! Aber bleiben wir beim Auge und Ohr ste- 
hen. Sie sind zwei ganz verschiedene Tatigkeiten, so daft die Zusam- 
menfassung des Sehens und Horens in eine «allgemeine Sinnestatig- 
keit» eine graue Theorie ist. Man miiftte, wollte man richtig hier zu 
Werke gehen, mit einem konkreten Anschauungsvermogen zunachst 
uberhaupt nur sprechen von der Betatigung des Auges, von der Betati- 
gung des Ohres, von der Betatigung des Geruchsorgans und so weiter. 
Dann wiirde man eine so grofte Verschiedenheit finden, daft einem die 
Lust verginge, eine allgemeine Sinnesphysiologie, wie sie die heutigen 
Psychologien haben, aufzustellen. 

Man kommt in der Betrachtung der menschlichen Seele nur zu einer 
Einsicht, wenn man auf dem Gebiete stehenbleibt, das ich zu begrenzen 
versuchte in meinen Auseinandersetzungen sowohl in «Wahrheit und 
Wissenschaft» wie in der «Philosophie der Freiheit». Dann kann man 
von der einheitlichen Seele sprechen, ohne daft man dabei in Abstrak- 
tionen verfallt. Denn da steht man auf einem sicheren Boden; da geht 
man davon aus, daft der Mensch sich in die Welt hineinlebt und nicht 
die ganze Wirklichkeit hat. Sie konnen das in «Wahrheit und Wissen- 
schaft» und in der «Philosophie der Freiheit» nachlesen. Der Mensch 
hat anfangs nicht die ganze Wirklichkeit. Er entwickelt sich erst weiter, 



und im Weiterentwickeln wird ihm das, was vorher noch nicht Wirklich- 
keit ist, durch das Ineinandergehen von Denken und Anschauung erst 
zur wahren Wirklichkeit. Der Mensch erobert sich erst die Wirklichkeit. 
In dieser Beziehung hat der Kantianismus, der sich in alles eingefressen 
hat, die furchtbarsten Verheerungen angerichtet. Was tut denn der Kan- 
tianismus ? Er sagt von vornherein dogmatisch: Die Welt, die uns umgibt, 
haben wir zunachst anzuschauen, und in uns lebt eigentlich nur das 
Spiegelbild von dieser Welt. So kommt er zu alien seinen anderen Deduk- 
tionen. Kant ist sich nicht im klaren dariiber, was in der wahrgenomme- 
nen Umgebung des Menschen ist. Denn die Wirklichkeit ist nicht in 
der Umgebung, ist auch nicht in der Erscheinung, sondern es ist so, 
dafi die Wirklichkeit erst nach und nach auftaucht durch unser Erobern 
dieser Wirklichkeit, so daft das Letzte, was an uns herantritt, die Wirk- 
lichkeit erst ist. Im Grunde genommen ware das die richtige Wirklich- 
keit, was der Mensch in dem Augenblicke erschaut, wo er sich nicht 
mehr aussprechen kann, in jenem Augenblicke namlich, wo er durch 
die Pforte des Todes geht. 

Es sind sehr viele falsche Elemente eingeflossen in die neuere Geistes- 
kultur, und das wirkt am einschneidensten auf dem Gebiete der Padago- 
gik. Daher mussen wir bestrebt sein, an die Stelle der falschen Begriffe 
die richtigen zu setzen. Dann werden wir das, was wir fur den Unterricht 
zu tun haben, auch in der richtigen Weise ausiiben konnen. 



SECHSTER VORTRAG 



Stuttgart, 27. August 1919 



Wir haben bisher versucht, den Menschen zu begreifen, insofern uns 
dieses Begreifen fur die Erziehung des Kindes notwendig ist, vom see- 
lischen Standpunkte aus. Wir werden ja die drei Standpunkte aus- 
einanderhalten miissen - den geistigen, den seelischen und den physi- 
schen Standpunkt - und werden, um eine vollstandige Anthropologic 
zu bekommen, von jedem dieser Standpunkte aus den Menschen be- 
trachten. Es liegt am nachsten, die seelische Betrachtung zu vollziehen, 
weil dem Menschen im gewohnlichen Leben eben das Seelische am 
nachsten liegt. Und Sie werden auch empfunden haben, dafi wir, indem 
wir zu diesem Begreifen des Menschen als Hauptbegriffe verwendet 
haben Antipathie und Sympathie, damit auf das Seelische hingezielt 
haben. Es wird sich fur uns nicht entsprechend erweisen, wenn wir vom 
Seelischen gleich auf das Leibliche iibergehen, denn wir wissen aus un- 
seren geisteswissenschaftlichen Betrachtungen heraus, daft das Leib- 
liche nur gefalk werden kann, wenn es als eine Offenbarung des Gei- 
stigen und auch des Seelischen aufgefafk wird. Daher werden wir zu 
der seelischen Betrachtung, die wir in allgemeinen Linien skizziert ha- 
ben, jetzt hinzufiigen eine Betrachtung des Menschen vom geistigen 
Gesichtspunkte aus, und wir werden dann erst auf die eigentliche, jetzt 
so genannte Anthropologic, auf die Betrachtung des Menschenwesens, 
wie es sich in der aufieren physischen Welt zeigt, naher eingehen. 

Wenn Sie von irgendeinem Gesichtspunkt aus den Menschen zweck- 
mafiig betrachten wollen, so miissen Sie immer wieder und wieder zu- 
riickgehen auf die Gliederung der menschlichen Seelentatigkeiten in 
Erkennen, das im Denken verlauft, in Fiihlen und in Wollen. Wir ha- 
ben bis jetzt Denken oder Erkennen, Fuhlen und Wollen in die Atmo- 
sphare von Antipathie und Sympathie geriickt. Wir wollen jetzt ein- 
mal eben vom geistigen Gesichtspunkte aus Wollen, Fuhlen und Er- 
kennen ins Auge fassen. 

Sie werden auch vom geistigen Gesichtspunkte aus einen Unter- 
schied finden zwischen Wollen, Fuhlen und denkendem Erkennen. Be- 



trachten Sie nur das Folgende. Indem Sie denkend erkennen, miissen 
Sie empfinden - wenn ich mich zunachst bildlich ausdriicken darf, 
aber das Bildliche wird uns zu Begriffen verhelfen -, dafi Sie gewisser- 
mafSen im Lichte leben. Sie erkennen und fiihlen sich ganz drinnen mit 
Ihrem Ich in dieser Tatigkeit des Erkennens. Gewissermafien jeder Teil, 
jedes Glied derjenigen Tatigkeit, die Sie Erkennen nennen, ist drinnen 
in alledem, was Ihr Ich tut; und wieder: was Ihr Ich tut, ist drinnen 
in der Tatigkeit des Erkennens. Sie sind ganz im Hellen, Sie leben in ei- 
ner vollbewufiten Tatigkeit, wenn ich mich begrifflich ausdriicken darf. 
Es ware auch schlimm, wenn Sie beim Erkennen nicht in einer vollbe- 
wufiten Tatigkeit waren. Denken Sie einmal, wenn Sie das Geftihl ha- 
ben miifiten: wahrend Sie ein Urteil fallen, geht mit Ihrem Ich irgend- 
wo im Unterbewufiten etwas vor, und das Ergebnis dieses Vorganges 
sei das Urteil! Nehmen Sie an, Sie sagen: Dieser Mensch ist ein guter 
Mensch - fallen also ein Urteil. Sie miissen sich bewufk sein, dafi das, 
was Sie brauchen, um dieses Urteil zu fallen - das Subjekt «der 
Mensch», das Pradikat «er ist ein guter» -, Glieder sind eines Vor- 
ganges, der Ihnen ganz gegenwartig ist, der fur Sie ganz vom Lichte 
des Bewufitseins durchzogen ist. Miilken Sie annehmen, irgendein Da- 
mon oder ein Mechanismus der Natur knauele zusammen den «Men- 
schen» mit dem «Gutsein», wahrend Sie das Urteil fallen, dann waren 
Sie nicht vollbewufit in diesem erkennenden Denkakt drinnen, und 
Sie waren immer mit etwas vom Urteil im Unbewulken. Das ist das 
Wesentliche beim denkenden Erkennen, dafi Sie in dem ganzen We- 
ben der Tatigkeit beim denkenden Erkennen mit Ihrem vollen Bewufit- 
sein drinnenstecken. 

Nicht so ist es beim Wollen. Sie wissen ganz gut, wenn Sie das ein- 
fachste Wollen, das Gehen, entwickeln, so leben Sie eigentlich voll- 
bewufit nur in der Vorstellung von diesem Gehen. Was innerhalb Ihrer 
Muskeln sich vollzieht, wahrend Sie ein Bein nach dem anderen vor- 
warts bewegen, was da im Mechanismus und Organismus Ihres Leibes 
vorgeht, von dem wissen Sie nichts. Denken Sie nur, was Sie alles zu 
lernen haben wiirden von der Welt, wenn Sie alle die Vorrichtungen 
bewufit vollziehen miifiten, welche beim Wollen des Gehens notwendig 
sind! Sie miilken dann genau wissen, wieviel von den Tatigkeiten, 



welche die Nahrungsstoffe in den Muskeln Ihrer Beine und in den an- 
deren Korpermuskeln hervorrufen, verbraucht wird, wahrend Sie sich 
anstrengen, zu gehen. Sie haben das nie ausgerechnet, wieviel Sie von 
dem verbrauchen, was Ihnen die Nahrung zufiihrt. Sie wissen ganz gut: 
Das alles geschieht in Ihrer Korperlichkeit sehr, sehr unbewulk. In- 
dem wir wollen, mischt sich fortwahrend in unsere Tatigkeit ein tiefes 
Unbewufites hinein. Das ist nicht etwa blofi so, wenn wir das Wesen 
des Wollens an unserem eigenen Organismus betrachten. Auch was wir 
vollbringen, wenn wir unser Wollen auf die auftere Welt erstrecken, 
auch das umfassen wir keineswegs vollstandig mit dem Lichte des Be- 
wufitseins. 

Nehmen Sie an, Sie haben zwei saulenartige Pflocke. Sie nehmen 
sich vor, Sie legen einen dritten Pflock quer dariiber. Unterscheiden 
Sie jetzt genau, was in alledem, was Sie da getan haben, als vollbe- 
wufite erkennende Tatigkeit lebt, von dem, was in Ihrer vollbewufiten 




Tatigkeit lebt, wenn Sie das Urteil fallen: Ein Mensch ist gut -, wo Sie 
mit Ihrem Erkennen ganz drinnenstecken. Unterscheiden Sie bitte, was 
darin als erkennende Tatigkeit lebt, von dem, wovon Sie nichts wissen, 
trotzdem Sie es mit Ihrem vollen Willen zu tun hatten: Warum stiitzen 
diese zwei Saulen durch gewisse Krafte diesen dariiberliegenden Bal- 
ken? Dafiir hat ja die Physik bis heute nur Hypothesen. Und wenn die 
Menschen glauben, daft sie wissen, warum die beiden Pflocke den Bal- 
ken tragen, so bilden sie es sich nur ein. Alles, was man hat als Begriffe 
der Kohasion, der Adhasion, der Anziehungs- und Abstofiungskraft, 
sind im Grunde genommen fur das auftere Wissen nur Hypothesen. 
Wir rechnen mit diesen aufieren Hypothesen, indem wir handeln; wir 



rechnen damit, daft die beiden Pflocke, die den Balken tragen sollen, 
nicht zusammenknicken werden, wenn sie eine gewisse Dicke haben. 
Aber durchschauen konnen wir den ganzen Vorgang, der damit zu- 
sammenhangt, nicht, geradesowenig wie wir unsere Beinbewegungen 
durchschauen konnen, wenn wir vorwarts streben. So mischt sich auch 
hier in unser Wollen ein nicht in unser Bewufitsein hineinreichendes 
Element hinein. Das Wollen hat im weitesten Umfange ein Unbewuft- 
tes in sich. 

Und das Fiihlen steht zwischen Wollen und denkendem Erkennen 
mitten drinnen. Beim Fiihlen ist es auch so, daft es zum Teil von Be- 
wufttsein durchzogen wird, zum Teil von einem Unbewuftten. Das 
Fiihlen nimmt auch in dieser Weise teil an der Eigenschaft eines erken- 
nenden Denkens, auf der anderen Seite an der Eigenschaft eines fiih- 
lenden oder gefiihlten Wollens. Was liegt denn nun da eigentlich vom 
geistigen Gesichtspunkte aus vor? 

Sie kommen nur zurecht, wenn Sie sich vom geistigen Gesichts- 
punkte aus die oben charakterisierten Tatsachen in der folgenden Art 
zum Begreifen bringen. Wir reden in unserem gewohnlichen Leben 
vom Wachen, von dem wachen Bewufttseinszustande. Aber wir haben 
diesen wachen Bewufttseinszustand nur in der Tatigkeit des erkennen- 
den Denkens. Wenn Sie also ganz genau davon reden wollen, inwie- 
fern der Mensch wacht, so miissen Sie sagen: Wirklich wachend ist 
der Mensch nur, solange und insofern er ein denkender Erkenner von 
irgend etwas ist. 

Wie steht es nun mit dem Wollen? Sie kennen alle den Bewufttseins- 
zustand - nennen Sie es meinetwillen auch Bewufttseinslosigkeitszu- 
stand - des Schlafes. Sie wissen, wahrend wir schlafen, vom Einschla- 
fen bis zum Aufwachen, ist das, was wir erleben, nicht in unserem 
Bewufitsein drinnen. Geradeso ist es aber auch mit alledem, was als 
Unbewufites unser Wollen durchzieht. Insofern wir wollende Wesen 
sind als Menschen, schlafen wir, auch wenn wir wachen. Wir tragen 
immer mit uns einen schlafenden Menschen, namlich den wollenden 
Menschen, und begleiten ihn mit dem wachenden, mit dem denkend 
erkennenden Menschen; wir sind, insofern wir wollende Wesen sind, 
auch vom Aufwachen bis zum Einschlafen schlafend. Es schlaft immer 



etwas in uns mit, namlich die innere Wesenheit des Wollens. Der sind 
wir uns nicht starker bewufit, als wir uns derjenigen Vorgange bewufk 
sind, die sich mit uns abspielen wahrend des Schlafes. Man erkennt 
den Menschen nicht vollstandig, wenn man nicht weift, dafi das Schla- 
fen in sein Wachen hereinspielt, indem der Mensch ein Wollender ist. 

Das Fiihlen steht in der Mitte, und wir diirfen uns jetzt fragen: Wie 
ist das Bewufttsein im Fiihlen? - Das steht nun auch in der Mitte zwi- 
schen Wachen und Schlafen. G
…[truncated]