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RUDOLF STEINER GES AMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER
DAS LUKAS-EVANGELIUM
Ein Zyklus von zehn Vortragen,
gehalten in Basel vom 15. bis 26. September 1909
2001
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH / SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafsverwaltung
Die Herausgabe besorgten R. Friedenthal und P. G. Bellmann
1. Auflage Berlin 1917 (Zyklus X)
2. Auflage Berlin 1923 (Zyklenform)
3. Auflage Dornach 1931 (Buchform)
4. Auflage Dornach 1949
5. Auflage Dornach 1955
6. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1968
7. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1977
8. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1985
9. Auflage Gesamtausgabe Dornach 2001
Bibliographie-Nr. 114
Siegelzeichnung auf dem Einband nach einem Entwurf von Rudolf Steiner
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlaftverwaltung, Dornach/Schweiz
© 2001 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-1140-6
Zu den Verbffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) glie-
dert sich in die drei grofien Abteilungen: Schriften - Vortrage -
Kiinstlerisches Werk (siehe die Ubersicht am SchlulS des Bandes).
Urspriinglich wollte Rudolf Steiner nicht, dafi seine frei gehal-
tenen Vortrage - sowohl die offentlichen als auch die fur die Mit-
glieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesell-
schaft - schriftlich festgehalten wiirden, da sie von ihm als «miind-
liche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht waren.
Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte Horer-
nachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich veran-
lafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er
Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra-
fierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Her-
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner nur
in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigiert hat,
mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt
beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden
mussen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich
Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen
offentlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbst-
biographie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende
Wortlaut ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort
Gesagte gilt gleichermafien auch fur die Kurse zu einzelnen Fach-
gebieten, welche sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen
der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Ge-
samtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Be-
standteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich
nahere Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Erster Vortrag, Basel, 15. September 1909 9
Eingeweihte und Hellseher. Die verschiedenen Aspekte der Einwei-
hung. Die vier Evangelien vom Standpunkte der Geistesforschung.
Zweiter Vortrag, 16. September 1909 30
Das Lukas-Evangelium als Ausdruck des Prinzips der Liebe und des
Mitleids. Die Aufgaben der Bodhisattvas und des Buddha.
Dritter Vortrag, 17. September 1909 52
Das Hineinfliefien der buddhistischen "Weltanschauung in das Lukas-
Evangelium. Die Lehre des Buddha. Der achtgliedrige Pfad.
Vierter Vortrag, 18. September 1909 75
Fiihrerstatten in der alten Atlantis. Der Nirmanakaya des Buddha
und der nathanische Jesusknabe. Die Adam-Seele vor dem Sunden-
fall. Die Wiederverkorperung des Zarathustra in dem salomonischen
Jesusknaben.
Funfter Vortrag, 19. September 1909 95
Der Zusammenflufl der grofien Geistesstromungen des Buddhismus
und des Zarathustra in Jesus von Nazareth. Der nathanische und der
salomonische Jesusknabe.
Sechster Vortrag, 20. September 1909 113
Die Mission des hebraischen Volkes. Die Lehre des Buddha von der
Veredelung des menschlichen Inneren und die kosmische Lehre des
Zarathustra. Elias und Johannes der Taufer.
Siebenter Vortrag, 21. September 1909 131
Die beiden Jesusknaben. Die Verkorperung desChristus im Jesus von
Nazareth. Vishva Karman, Ahura Mazdao, Jahve. Die Geistloge der
zwolf Bodhisattvas und der Dreizehnte.
AchterVortrag, 24. September 1909 151
Die Bewufitseinsentwickelung der Menschheit in der nachatlantischen
Zeit. Die Mission der Geisteswissenschaft: Wiedergewinnung der
Herrschaft des Geistigen iiber das Physische. Die von dem Christus-
Ich ausgehenden Wirkungen.
NeunterVortrag, 25. September 1909 172
Das Gesetz vom Sinai als letzte Vorverkiindigung des Ich. Die Lehre
des Buddha von Mitleid und Liebe. Das Rad des Gesetzes. Der
Christus als Bringer der lebendigen Kraft der Liebe.
ZehnterVortrag, 26. September 1909 192
Die Lehre von Reinkarnation und Karma und das Christentum.
Zwei Arten der alten Einweihung, Jonas und Salomon. Das Christus-
Prinzip und die neueArt der Einweihung. Das Ereignis vonGolgatha
als die auf den aufieren Plan der Weltgeschichte hinausgetragene
Initiation.
Hinweise
Zu dieser Ausgabe 217
Hinweise zum Text 218
Personenregister 221
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 222
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe .... 224
ERSTER VORTRAG
Basel, 15, September 1909
Als wir vor einiger Zeit hier versammelt waren, konnten wir die tie-
feren Stromungen des Christentums besprechen vom Gesichtspunkte
des Johannes-Evangeliums aus. Und es traten damals vor unser geisti-
ges Auge jene gewaltigen Bilder und Ideen, welche der Mensch ge-
winnen kann, wenn er sich in diese einzigartige Urkunde der Mensch-
heit, eben in das Johannes-Evangelium, vertieft. Wir haben damals bei
verschiedenen Gelegenheiten hervorheben mussen, wie die tiefsten
Tiefen des Christentums zum Vorschein kommen, wenn man seine
Betrachtungen anstellt an der Hand dieser Urkunde. Und es konnte
heute wohl mancher der damaligen Zuhorer oder der Zuhorer eines
anderen Zyklus iiber das Johannes-Evangelium sich fragen: 1st es nun
moglich, die Gesichtspunkte, welche man in gewisser Hinsicht wirklich
als die tiefsten bezeichnen muft,und die man an der Hand des Johannes-
Evangeliums gewinnen kann, ist es moglich, diese Gesichtspunkte
irgendwie zu erweitern oder zu vertiefen durch die Betrachtung der
anderen christlichen Urkunden, zum Beispiel der drei anderen Evan-
gelien, durch die Betrachtung des Lukas-Evangeliums, des Matthaus-
Evangeliums oder des Markus-Evangeliums? Und wer, man mochte
sagen, die theoretische Bequemlichkeit liebt, der wird sich fragen: Ist
es denn iiberhaupt notig, nachdem uns bewufit geworden ist, wie die
tiefsten Tiefen der christlichen Wahrheiten uns entgegentreten aus dem
Johannes-Evangelium, ist es da iiberhaupt noch notig, iiber das Wesen
des Christentums von den anderen Evangelien aus zu verhandeln,
namentlich vom Gesichtspunkte des — wie man ja leicht glauben
konnte - weniger tiefen Lukas-Evangeliums aus?
Wer eine solche Frage aufstellte und wer da glaubte, mit einem sol-
chen Gesichtspunkt irgend etwas Wesentliches gesagt zu haben, der
wiirde sich doch einem ganz bedeutsamen Miftverstandnis hingeben.
Nicht nur, daft das Christentum als solches in seiner Wesenheit uner-
meftlich ist und daft man es von den verschiedensten Gesichtspunkten
aus beleuchten kann, sondern es ist auch das andere richtig - und gerade
dieser Zyklus von Vortragen soli dafiir den Beweis liefern -: trotzdem
das Johannes-Evangelium eine so unendlich tiefe Urkunde ist, kann
man durch die Betrachtung des Lukas-Evangeliums zum Beispiel noch
Dinge lernen, die man an der Hand des Johannes-Evangeliums nicht
lernen kann. Dasjenige, was wir dazumal im Johannes-Evangelium-
Zyklus gewohnt worden sind, die tiefen Ideen des Christentums zu
nennen, das ist durchaus noch nicht das Christentum in seiner vollen
Tiefe; sondern es gibt eine Moglichkeit, von einem anderen Ausgangs-
punkt aus in die Tiefen des Christentums einzudringen. Und dieser
andere Ausgangspunkt soil eben dadurch gewonnen werden, daft wir
diesmal das Lukas-Evangelium vom anthroposophischen, geisteswissen-
schaftlichen Standpunkt aus in den Mittelpunkt unserer Betrachtungen
stellen.
Lassen Sie uns einmal einiges vor unser Auge stellen, um die Behaup-
tung zu verstehen, daft aus dem Lukas-Evangelium noch etwas zu ge-
winnen sei, wenn man auch die Tiefen des Johannes-Evangeliums aus-
geschopft hat. Wir miissen dabei von dem ausgehen, was uns ja bei der
Betrachtung einer jeden Zeile des Johannes-Evangeliums entgegentritt,
daft Urkunden, wie die Evangelien es sind, sich gerade fur den anthro-
posophischen Betrachter darstellen als Urkunden, die verfaftt sind von
Menschen, die tiefer hineingeschaut haben in das Wesen des Lebens und
in das Wesen des Daseins, die als Eingeweihte und als Hellseher in die
Tiefen der Welt hineingeschaut haben. Wenn wir so im allgemeinen
sprechen, konnen wir die Ausdriicke «Eingeweihter» und «Hellseher»
als gleichbedeutend nebeneinander gebrauchen. Wenn wir aber nun-
mehr im Verlaufe unserer anthroposophischen Betrachtungen zu tie-
feren Schichten des Geisteslebens vordringen wollen, dann miissen wir
das, was wir anfangs mit Recht nicht unterscheiden, den Hellseher und
den Eingeweihten, wir miissen sie als zwei Kategorien von Menschen
unterscheiden, die den Weg gefunden haben in die iibersinnlichen Ge-
biete des Daseins. Es ist in gewisser Beziehung ein Unterschied zwischen
einem Eingeweihten und einem Hellseher, obwohl nichts, gar nichts
dagegen ist, daft der Eingeweihte zugleich ein Hellsehender ist und der
Hellsehende zu gleicher Zeit ein in einem gewissen Grade Eingeweihter.
Wenn Sie genau unterscheiden wollen zwischen diesen beiden Kate-
gorien von Menschen, dem Eingeweihten und dem Hellseher, dann
miissen Sie sich an die Darstellungen erinnern, die in meiner Auseinan-
dersetzung iiber «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?»
gegeben sind. Sie miissen daran denken, dafi es im wesentlichen drei
Stufen gibt, die hinausfiihren iiber das gewohnliche Anschauen der Welt.
Diejenige Erkenntnis, die zunachst dem Menschen zuganglich ist,
kann man so charakterisieren, dafi der Mensch durch die Sinne die Welt
anschaut und durch den Verstand und die anderen Seelenkrafte das
Angeschaute sich zu eigen macht, Dariiber hinaus gibt es drei andere
Stufen des Erkennens der Welt. Die erste ist die der sogenannten imagi-
nativen Erkenntnis, die zweite Stufe ist die der inspirierten Erkenntnis,
und die dritte Stufe ist die der intuitiven Erkenntnis, wenn wir das Wort
intuitiv in seinem wahren, geisteswissenschaftlichen Sinne erfassen.
Wer besitzt nun die imaginative Erkenntnis? Derjenige, vor dessen
geistigem Auge sich das, was hinter der Sinnenwelt ist, in Bildern aus-
breitet, in einem gewaltigen Weltentableau von Bildern, die aber durch-
aus nicht ahnlich sind dem, was man im gewohnlichen Leben Bilder
nennt. Abgesehen von dem Unterschiede, da£ es fur diese Bilder der
imaginativen Erkenntnis nicht gibt, was wir die Gesetze des dreidimen-
sionalen Raumes nennen, gibt es auch noch andere Eigentumlichkeiten
dieser imaginativen Bilder, die sich mit nichts in der gewohnlichen
Sinnenwelt so leicht vergleichen lassen.
Wir konnen zu einer Vorstellung der imaginativen Welt gelangen,
wenn wir uns denken, eine Pflanze stehe vor uns, und wir wiirden in
der Lage sein, alles, was dem Sinn des Auges als Farbe wahrnehmbar
ist, herauszuziehen aus der Pflanze, so dafi es formlich frei in der Luft
schwebt. Wiirden wir nun nichts anderes tun, als diese an der Pflanze
befindliche Farbe herausziehen und frei vor uns schweben lassen, dann
hatten wir eine tote Farbengestalt vor uns. Fur den hellsichtigen Men-
schen aber bleibt diese Farbengestalt durchaus nicht ein totes Farben-
bild, sondern wenn er das, was in den Dingen, Farbe ist, herauszieht
aus den Dingen, dann fangt durch seine Vorbereitungen und Obungen
dieses Farbenbild an, von dem Geistigen belebt zu werden, geradeso
wie es in der sinnlichen Welt durch das Stoffliche der Pflanzen belebt
war; und der Mensch hat dann vor sich nicht eine tote Farbengestalt,
sondern, frei schwebend, farbiges Licht, in der mannigfaltigsten Weise
schillernd und sprtihend, aber innerlich belebt. So daft eine jede Farbe
der Ausdruck ist der Eigentiimlichkeit einer geistig-seelischen Wesen-
heit, die in der Sinnenwelt nicht wahrnehmbarist; das heifit, es fangt
die Farbe in der sinnlichen Pflanze an, fur den Hellseher Ausdruck zu
werden fur seelisch-geistige Wesenheiten.
Denken Sie sich nun eine Welt, erfiillt von solchen in der mannig-
faltigsten Weise spiegelnden Farbengestalten, sich ewig wandelnd, um-
gestaltend, aber nicht den Blick beschrankt auf das Farbige wie etwa
bei einem Gemalde von flimmernden Farbenreflexen, sondern denken
Sie sich das alles als Ausdruck von geistig-seelischen Wesenheiten, so
daft Sie sich sagen: Wenn hier aufblitzt ein grimes Farbenbild, so ist es
mir der Ausdruck dafiir, daft ein verstandiges Wesen dahinter ist; oder
wenn aufblitzt ein hellrotliches Farbenbild, so ist es mir der Ausdruck
von etwas, was eine leidenschaftliche Wesenheit ist. Denken Sie sich
nun dieses ganze Meer von ineinanderspielenden Farben - ich konnte
ebensogut ein anderes Beispiel nehmen und sagen: ein Meer von inein-
anderspielenden Tonempfindungen oder Geruchs- oder Geschmacks-
empfindungen, denn das alles sind Ausdrucke von dahinterstehenden
geistig-seelischen Wesenheiten -, dann haben Sie das, was man die ima-
ginative Welt nennt.Es ist nicht etwas, wofiir man wie im gewohnlichen
Sprachgebrauch das Wort Imagination verwendet, eine Einbildung,
sondern das ist eine reale Welt. Es ist eine andere Art der Auffassung,
als es die sinnesgemafie ist.
Innerhalb dieser imaginativen Welt tritt dem Menschen alles das
entgegen, was hinter der Sinnenwelt ist und was er mit seinen «sinn-
lichen Sinnen», wenn wir den Ausdruck gebrauchen wollen, nicht
wahrnimmt, also zum Beispiel des Menschen Atherleib, des Menschen
astralischer Leib.Wer als ein hellsichtiger Mensch die Welt also kennen-
lernt durch diese imaginative Erkenntnis, der lernt hohere Wesenheiten
gleichsam von ihrer Aufienseite her kennen, so wie Sie in der Sinnen-
welt, wenn Sie auf der Strafie gehen und die Menschen an Ihnen vorbei-
gehen, diese von ihrer sinnlichen Aufienseite kennenlernen. Sie lernen
sie genauer kennen, wenn Sie Gelegenheit haben, mit den Menschen zu
sprechen. Da driicken Ihnen die Menschen durch ihre Worte noch etwas
anderes aus als das, was Sie sehen, wenn sie Ihnen nur auf der Strafie
begegnen und sie ansehen. An manchem, an dem Sie vorbeigehen -
um nur das eine zu sagen -, konnen Sie nicht sehen, ob innerlicher
Schmerz oder Freude in der Seele ist, ob Gram oder Entziicken die
Seele durchgliiht. Das alles aber konnen Sie erfahren, wenn Sie mit
einem Menschen sprechen. Das eine Mai kiindet er Ihnen durch das,
was Sie sehen konnen ohne sein Zutun, seine Aufienseite an, das andere
Mai spricht er sich selbst fur Sie aus. So ist es auch mit den Wesenheiten
der iibersinnlichen Welt.
Wer als Hellseher die Wesenheiten der iibersinnlichen Welt durch die
imaginative Erkenntnis kennenlernt, der lernt gleichsam nur die geistig-
seelische Aufienseite kennen. Aber er hort sie sich selbst aussprechen,
wenn er aufsteigt von der imaginativen Erkenntnis zu der Erkenntnis
durch Inspiration. Da ist es dann wirklich ein richtiger Verkehr mit
diesen Wesenheiten. Da teilen sie ihm aus ihrer eigenen Wesenheit her-
aus mit, was sie sind und wer sie sind. Daher ist die Inspiration eine
hohere Erkenntnisstufe als die blofie Imagination, und man erfahrt
mehr iiber die Wesen der geistig-seelischen Welt, wenn man aufsteigt
zur Inspiration, als man durch die imaginative Erkenntnis gewinnen
kann.
Eine noch hohere Stufe der Erkenntnis ist dann die Intuition, sofern
man das Wort Intuition nicht wie im gewohnlichen Sprachgebrauch
anwendet,wo alles Unklare, was einem einfallt, Intuition genannt wird,
sondern wenn man den Begrif f Intuition in dem wirklich geisteswissen-
schaftlichen Sinne nimmt. Da ist die Intuition eine Erkenntnis, wo man
nicht nur geistig hinhorchen kann auf das, was die Wesenheiten aus sich
selbst heraus einem mitteilen, sondern wo man eins wird mit diesen
Wesenheiten, wo man in die eigene Wesenheit derselben untertaucht.
Das ist eine hohe Stufe der geistigen Erkenntnis. Denn sie erfordert,
dafi der Mensch zuerst jene Liebesentfaltung zu alien Wesenheiten in
sich vollzieht, wo er keinen Unterschied mehr macht zwischen sich
und den anderen Wesenheiten in der geistigen Umgebung, wo er seine
Wesenheit sozusagen ausgegossen hat in die ganze geistige Umgebung,
wo er also wirklich nicht mehr aufierhalb der Wesenheiten ist, die mit
ihm geistig verkehren, sondern wo er innerhalb dieser Wesenheiten ist,
in ihnen stent. Und weil das nur sein kann gegenuber einer geistig-
gottlichenWelt,so ist der Ausdruck Intuition, das ist «im Gotte stehen»,
ganz berechtigt. - So also erscheinen uns zunachst diese drei Stufen der
Erkenntnis der iibersinnlichen Welt: die Imagination, die Inspiration
und die Intuition.
Nun gibt es natiirlich die Moglichkeit, sich diese drei Stufen der
iibersinnlichen Erkenntnis anzueignen. Aber es ist auch moglich, zum
Beispiel in irgendeiner Inkarnation nur vorzudringen bis zu der Stufe
der Imagination; dann bleiben dem betreffenden Hellseher diejenigen
Gebiete der geistigen Welt verborgen, die nur durch die Inspiration und
die Intuition zu erreichen sind. Dann ist der Mensch ein «hellsichtiger»
Mensch. - In unserer heutigen Zeit ist es im allgemeinen nicht iiblich,
die Menschen zu den hoheren Stufen der iibersinnlichen Erkenntnis
hinaufzufiihren, ohne sie vorher die Stufe der Imagination durch-
schreiten zu lassen, so dafi fur unsere gegenwartigen Verhaltnisse kaum
die Moglichkeit eintreten kann, daft jemand sozusagen auslafk die Stufe
der Imagination und gleich durchgefuhrt wird zur Stufe der Inspira-
tion oder der Intuition. Was aber heute keineswegs das Richtige ware,
das konnte in gewissen anderen Zeiten der Menschheitsentwickelung
dennoch eintreten und ist auch eingetreten.
Es gab Zeiten in der Menschheitsentwickelung, in denen man die
Stufen der iibersinnlichen Erkenntnis sozusagen auf verschiedene Indi-
viduen verteilt hatte: Imagination auf der einen Seite, Inspiration und
Intuition auf der anderen Seite. So daft es zum Beispiel Mysterienstatten
gegeben hat, wo Menschen das geistige Auge so offen hatten, dafi sie
hellseherisch waren fur das Gebiet der Imagination, dafi ihnen zugang-
lich war jene symbolische Welt der Bilder. Dadurch, daft diese Men-
schen, die so weit hellsichtig waren, sich sagten: Fur diese Inkarnation
verzichte ich darauf, die hoheren Stufen, Inspiration und Intuition, zu
erreichen — , dadurch haben sie sich geeignet gemacht, genau und deut-
lich zu sehen innerhalb der Welt des Imaginativen. Sie haben sich sozu-
sagen in ganz besonderem Mafie trainiert, in dieser Welt des Imagina-
tiven zu sehen.
Nun aber war eines dazu fiir sie notwendig. Wer nur in der Welt des
Imaginativen sehen will und darauf verzichtet, zu der Welt der Inspira-
tion und der Intuition vorzudringen, der lebt in einer gewissen Weise in
einer Welt der Unsicherheit. Diese Welt des f lutenden Jmaginativen
ist sozusagen uferlos, und man schwimmt darinnen, wenn man sich
selbst iiberlassen bleibt, mit seiner Seele hin und her, ohne, daft man
eigentlich genau Richtung und Ziel kennt. Daher war es in jenen Zeken
und bei den Volkern, bei denen von gewissen Menschen auf die hoheren
Erkenntnisstufen verzichtet wurde, notwendig, dafi sich die hellsichti-
gen, imaginativen Menschen ganz hingebungsvoll an ihre Fiihrer an-
schlossen, an diejenigen, welche offen hatten das geistige Anschauungs-
vermogen fur die Inspiration und fur die Intuition. Denn erst Inspira-
tion und Intuition geben Sicherheit fur die geistige Welt, so dafi man
genau weifi: Dahin geht der Weg, dort ist ein Ziel. - Dagegen kann
man sich, wenn einem die inspirierte Erkenntnis mangelt, nicht sagen:
Da geht der Weg, dahin mu!5 ich gehen,um zu einem Ziele zu kommen.-
Kann man sich also das nicht selbst sagen, dann mufi man sich der kun-
digen Fiihrung eines Menschen anvertrauen, der einem das sagen kann.
Daher wird an so vielen Orten immer mit Recht betont, dafi derjenige,
der zunachst aufsteigt zur imaginativen Erkenntnis, innig sich anzu-
schliefien hat an den Guru, an den Fiihrer, der ihm Richtung und Ziel
gibt in bezug auf das, was er sich nicht selbst geben kann.
Auf der anderen Seite aber war es auch in gewissen Zeiten niitzlich -
heute wird das nicht mehr getan -, andere Menschen die imaginative
Erkenntnis in gewisser Weise iiberspringen zu lassen und sie gleich
hinaufzufuhren zur inspirierten Erkenntnis oder womoglich zur intuiti-
ven Erkenntnis. Solche Menschen verzichteten darauf,die imaginativen
Bilder der geistigen Welt um sich zu sehen; sie gaben sich nur hin jenen
Eindriicken aus der geistigen Welt, die da Ausfliisse des Inneren der
geistigen Wesenheiten sind. Sie horten hin mit Geistesohren, was die
Wesenheiten der geistigen Welt sprechen. Es ist so, wie wenn Sie eine
Wand hatten zwischen sich und einem anderen Menschen und diesen
Menschen nicht selbst sehen; aber Sie horen ihn hinter der Wand spre-
chen. Diese Moglichkeit ist durchaus vorhanden, dafi sozusagen Men-
schen verzichten auf das Anschauen in der geistigen Welt, um dadurch
schneller gefiihrt zu werden zu dem geistigen Hinhorchen auf die Aus-
sagen der geistigen Wesenheiten. Ganz gleichgultig, ob jemand die Bil-
der der imaginativen Welt sieht oder nicht, wenn er imstande ist, mit
Geistesohren zu vernehmen, was die in der ubersinnlichen Welt befind-
lichen Wesenheiten iiber sich selbst zu sagen haben, dann sagen wir von
einem solchen Menschen: Er ist begabt mit dem «inneren Wort» im
Gegensatz zu dem aufieren Wort, das wir in der physischen Welt von
Mensch zu Mensch haben. So also konnen wir uns die Vorstellung
bilden, daft es auch Menschen gibt, welche, ohne die imaginative Welt
zu schauen, das innere Wort haben und die Ausspriiche der geistigen
Wesenheiten vernehmen und sie mitteilen konnen.
Es gab eine Zeit in der Entwickelung der Menschheit, da war es in
denMysterien so, daft diese zweiArten von ubersinnlichen Erf ahrungen
der Erkennenden zusammenwirkten. Und weil dadurch, daft ein jeder
von ihnen auf die Anschauung des anderen verzichtete, er das, was er
vermochte, genauer und deutlicher ausbilden konnte, weil das der Fall
war, ergab sich ein schones, ein wunderschones Zusammenwirken in
gewissen Zeiten innerhalb derMysterien.Man hatte sozusagen imagina-
tive Hellseher; die hatten sich besonders dazu trainiert, die Welt der
Bilder zu schauen. Und man hatte solche, welche die Welt des Imagina-
tiven ubersprungen hatten; sie hatten sich besonders dazu trainiert, das
innere Wort, was erfahren wird durch die Inspiration, in ihre Seele
aufzunehmen. Und so konnte der eine dem anderen mitteilen, was er
durch seine besondere Trainierung erfahren hatte. Das war moglich in
den Zeiten, wo von Mensch zu Mensch ein Grad von Vertrauen vor-
handen war, der heute ausgeschlossen ist - einfach durch unsere Zeit-
entwickelung. Heute glaubt nicht ein Mensch dem anderen so stark,
daft er nur hinhorchen wiirde auf das, was der andere schildert als die
Bilder der imaginativen Welt, und dann hinzufiigen wiirde, was er
selbst aus der Inspiration weift, im treuen Glauben darauf, daft die
Schilderungen des andern richtig sind. Heute will jeder Mensch selbst
sehen. Das ist die berechtigte Art unserer Zeit. Die wenigsten Menschen
wiirden heute zufrieden sein mit einer einseitigen Ausbildung der Ima-
gination, wie sie in gewissen Zeiten gang und gabe war. Deshalb ist es
auch fur die heutige Zeit notwendig, daft der Mensch nach und nach
gefiihrt wird durch die drei Stufen der hoheren Erkenntnis, ohne die
eine oder die andere auszulassen.
Auf alien Stufen der iibersinnlichen Erkenntnis treffen wir die gro-
fien Geheimnisse an, welche sich an jenes Ereignis kniipfen, das wir
das Christus-Ereignis nennen, so daft die imaginative Erkenntnis, die
inspirierte Erkenntnis und die intuitive Erkenntnis vieles, unendlich
vieles zu sagen haben iiber dieses Christus-Ereignis.
Wenn wir nun, von diesem Gesichtspunkt ausgehend, einmal unseren
Blick auf die vier Evangelien zuriickwenden, so durfen wir sagen, daft
das Johannes-Evangelium geschrieben ist vom Standpunkte eines Ein-
geweihten, der drinnen stand in den Geheimnissen der Welt bis zur
Intuition hinauf , der also das Christus-Ereignis fur die Anschauung der
iibersinnlichen Welt bis zur Intuition hinauf schildert. Wer aber genau
eingeht auf die Eigentiimlichkeiten des Johannes-Evangeliums, der
wird - wie wir gerade in diesem Vortragszyklus sehen werden - sich
sagen mussen,dafi alles das, was uns im Johannes-Evangelium besonders
deutlich entgegentritt, vom Standpunkte der Inspiration und der In-
tuition gesagt ist, und dafi alles, was sich aus Bildern der Imagination
ergibt, dagegen verblafit und undeutlich ist. So durfen wir den Ver-
fasser des Johannes-Evangeliums - wenn wir absehen von dem, was er
doch noch von der Imagination hereingenommen hat — , wir durfen ihn
nennen den Botschafter alles dessen in bezug auf das Christus-Ereignis,
was sich f iir den ergibt, der das innere Wort hat bis hinauf zur Intuition.
Deshalb spricht der Schreiber des Johannes-Evangeliums im wesent-
lichen so, dafi er uns die Geheimnisse des Christus-Reiches charak-
terisiert als beeigenschaftet durch das innere Wort oder den Logos.
Eine inspiriert-intuitive Erkenntnis liegt dem Johannes-Evangelium
zugrunde.
Anders ist das bei den anderen drei Evangelien. Und keiner der an-
deren Evangelienschreiber hat das, was er eigentlich zu sagen hat, so
klar ausgedriickt wie gerade der Schreiber des Lukas-Evangeliums.
Eine kurze, merkwiirdige Vorrede geht dem Lukas-Evangelium vor-
an, eine Vorrede, die ungefahr sagt, daft sich mancherlei Menschen vor
dem Schreiber des Lukas-Evangeliums schon daran gemacht hatten,
allerlei Erzahlungen zu sammeln und darzusteilen, die im Umlaufe
waren iiber die Ereignisse von Palastina, und dafi, um dieses genauer
und ordentlicher zu machen, nunmehr der Schreiber des Lukas-Evan-
geliums es unternimmt, dasjenige darzustellen, was - und nun kommen
bedeutungsvolle Worte - diejenigen mitzuteilen wissen, die von Anfang
an - gewohnlich wird nun tibersetzt - «Augenzeugen und Diener des
Wortes waren» (Lukas 1,1-2). Also der Schreiber des Lukas-Evange-
liums will mitteilen,was diejenigen zu sagen haben, die Augenzeugen -
besser wiirden wir das Wort «Selbstseher» gebrauchen - und Diener des
Wortes waren. Im Sinne des Lukas-Evangeliums sind «Selbstseher»
solche Menschen, welche die imaginative Erkenntnis haben, die ein-
dringen konnen in die Welt der Bilder und dort das Christus-Ereignis
wahrnehmen, die besonders dazu trainiert sind, durch solche Imagina-
tionen zu schauen, Selbstseher, die genau und deutlich sehen - deren
Mitteilungen legt der Schreiber des Lukas-Evangeliums zugrunde - und
die zugleich «Diener des Wortes» waren. Ein bedeutungsvolles Wort!
Er sagt nicht «Besitzer» des Wortes, denn das waren Leute, welche
die voile inspirierte Erkenntnis haben, sondern «Diener» des Wortes,
Diener derjenigen also, denen nicht in demselben Mafie wie ihnen durch
ihr Selbstschauen die Imaginationen zur Verfugung stehen, sondern
denen Kundgebungen der inspirierten Welt zur Verfugung stehen.
Ihnen, den Dienern, wird mitgeteilt, was der Inspirierte wahrnimmt;
sie konnen es verkiinden, weil es ihnen ihre inspirierten Lehrer gesagt
haben. Sie sind Diener, nicht Besitzer des Wortes.
So also geht das Lukas-Evangelium zuriick auf die Mitteilungen der-
jenigen, die Selbstseher, Selbsterfahrer sind in den imaginativen Welten,
welche gelernt haben, dasjenige, was sie in der imaginativen Welt
schauen, mit den Mitteln auszudriicken, welche der inspirierte Mensch
hat, die sich also zu Dienern des Wortes gemacht haben.
Wiederum haben wir hier ein Beispiel, wie genau in den Evangelien
gesprochen ist und wie wir die Worte genau wortlich verstehen miissen.
Alles ist exakt und genau in solchen auf Grundlage der Geisteswissen-
schaft verfaftten Urkunden, und der moderne Mensch hat oft gar keine
Ahnung von der Genauigkeit, von der Exaktheit, mit der die Worte in
diesen Urkunden gewahlt werden.
Nun aber miissen wir - so wie jedesmal, wenn wir vom anthropo-
sophischen Gesichtspunkt aus solche Betrachtungen anstellen - auch
diesmal daran crinnern,da$ fiirdieGeisteswissenschaft nicht im eigent-
lichen Sinne die Evangelien Quellen der Erkenntnis sind. Dadurch, dafi
irgend etwas in den Evangelien stent, wurde es fiir denjenigen, der
streng auf dem Boden der Geisteswissenschaft stent, durchaus noch
nicht eine Wahrheit sein. Der Geisteswissenschafter schopft nicht aus
geschriebenenUrkunden,sondern der Geisteswissenschafter schopft aus
dem, was die geisteswissenschaftliche Forschung selbst zu seiner Zeit
gibt. Was zu unserer Zeit die Wesen der geistigen Welt dem Eingeweih-
ten und dem Hellseher zu sagen haben, das sind die Quellen fiir die
eigentliche Geisteswissenschaft, fiir die Eingeweihten und fiir die Hell-
seher. Und diese Quellen sind in unserer Zeit in gewisser Beziehung
dieselben wie in jenen Zeiten, die ich Ihnen eben geschildert habe.
Daher kann man auch heute hellsichtige Menschen diejenigen nennen,
welche in die imaginative Welt Einsicht haben, und Eingeweihte kann
man erst solche nennen, welche sich erheben konnen zur Stufe der In-
spiration und Intuition. So braucht fiir diese Zeiten der Ausdruck des
Hellsehers nicht zusammenzufallen mit dem des Eingeweihten.
Was uns im Johannes-Evangelium begegnet, konnte nur auf der
Forschung des Eingeweihten beruhen, der hinaufsteigen konnte bis zur
inspirierten und intuitiven Erkenntnis. Was uns in den anderen Evan-
gelien entgegentritt, das konnte beruhen auf Mitteilungen von imagina-
tiven, von hellsichtigen Menschen, die also noch nicht selbst hinauf-
steigen konnten in die inspirierte und intuitive Welt. So beruht, wenn
wir den heutigen Unterschied streng festhalten, das Johannes-Evange-
lium auf derEinweihung; die drei ubrigen Evangelien, vorzugsweise das
Lukas-Evangelium, sogar nach dem Ausspruche des Schreibers selbst,
auf der Hellsichtigkeit. Und weil es insbesondere auf der Hellsichtig-
keit beruht, weil alles zu Hilf e gerufen wird, was der trainierteste Hell-
seher zu schauen vermag, bietet sich uns ein genaues Bild fiir das, was
uns im Johannes-Evangelium nur in verblafitenBildern dargestellt wer-
den kann. Um den Unterschied noch genauer hervorzuheben, mochte
ich folgendes sagen.
Nehmen Sie an - was allerdings heute kaum der Fall ist -, daft ein
Mensch eingeweiht wurde, so daft die Welt der Inspiration und der
Intuition fiir ihn offenstande, dafi er aber nicht hellsichtig ware, dafi er
also nicht die imaginative Welt erkennen konnte. Ein solcher Mensch
begegne einem andern Menschen, der vielleicht gar nicht eingeweiht ist,
dem aber durch irgendwelche Umstande die imaginative Welt offen-
steht, so dafi er das ganze Feld der Imaginationen schauen kann. Ein
Mensch der letzteren Art konnte dem ersteren sehr viel mitteilen, was
der erstere nicht schaut, was dieser erstere vielleicht erst aus der In-
spiration heraus erklaren kann, was er aber nicht selbst schauen kann,
weil ihm die Hellsichtigkeit fehlt. Menschen, die hellsichtig sind, ohne
eingeweiht zu sein, sind heute sehr zahlreich; das Umgekehrte ist heute
kaum der Fall. Dennoch konnte es sein, dafi irgendein eingeweihter
Mensch zwar die Gabe der Hellsichtigkeit hat, aber aus irgendwelchen
Griinden im einzelnen Falle nicht zum Schauen der Imaginationen
kommen kann. Dann konnte ein hellsichtiger Mensch ihm vieles er-
zahlen, was ihm noch unbekannt ist.
Dafi die Anthroposophie oder Geisteswissenschaft nicht auf etwas
anderem als auf den Quellen der Eingeweihten fufit, dafi also weder
das Johannes-Evangelium noch die anderen Evangelien Quellen ihrer
Erkenntnis sind,mufi immer strenge betontwerden.Was heute erforscht
werden kann ohne eine historische Urkunde, das ist die Quelle fur das
anthroposophische Erkennen. Dann aber gehen wir an die Urkunden
heran und suchen das, was die Geistesforschuhg heute finden kann, mit
den Urkunden zu vergleichen. Was die Geistesforschung heute ohne
eine Urkunde finden kann iiber das Christus-Ereignis - zu jeder Stunde
finden kann -, das finden wir in der grofiartigsten Weise im Johannes-
Evangelium wieder. Und darum ist es eine so wertvolle Schrift, weil es
uns zeigt, dafi damals, als es geschrieben wurde, einer da war, der so
geschrieben hat, wie heute einer, der in die geistige Welt eingeweiht ist,
schreiben kann. Sozusagen dieselbe Stimme, die heute wahrgenommen
werden kann, kommt zu uns aus den Tiefen der Jahrhunderte.
Ein Ahnliches ist fur die anderen Evangelien und auch fiir das Lu-
kas-Evangelium der Fall. Nicht die Bilder, die uns der Schreiber des
Lukas-Evangeliums schildert, sind fiir uns die Quellen der Erkenntnis
der hoheren Welten, sondern das ist fiir uns die Quelle, was uns die
Erhebung in die iibersinnliche Welt selbst gibt. Und wenn wir von dem
Christus-Ereignis sprechen, dann ist fiir uns die Quelle auch jenes grofie
Tableau der Bilder und Imaginationen, die sich uns ergeben, wenn wir
den Blick hinrichten auf das, was im Anfange unserer Zeitrechnung
dasteht. Und was sich uns selber darstellt, das vergleichen wir mit den
Bildern und Imaginationen, die uns geschildert werden im Lukas-
Evangelium. Und dieser Zyklus von Vortragen soli uns zeigen, wie die
imaginativen Bilder, die der heutige Mensch gewinnt, sich ausnehmen
gegeniiber den Schilderungen, die uns im Lukas-Evangelium entgegen-
treten.
Es ist wahr, fur die geistige Forschung, wenn sie sich auf die Ereig-
nisse der Vergangenheit erstreckt, gibt es nur eine Quelle. Diese Quelle
liegt nicht in aufteren Urkunden. Nicht Steine, die wir aus der Erde
graben, nicht Dokumente, die in den Archiven aufbewahrt sind, nicht
das, was die Geschichtsschreiber geschrieben haben, ob inspiriert oder
nicht inspiriert, sind die Quelle der Geisteswissenschaft. Was wir zu
lesen vermogen in der unverganglichen Chronik, in der Akasha-
Chronik, das ist fiir uns die Quelle fur die geistige Forschung. Es gibt
die Moglichkeit, das, was sich zugetragen hat, ohne aufiere Urkunde
zu erkennen.
So kann der heutige Mensch zwei Wege wahlen, um Kunde zu erhal-
ten von der Vergangenheit. Er kann die aufieren Dokumente nehmen,
wenn er etwas erfahren will iiber die aufieren Ereignisse, die geschicht-
lichen Urkunden, oder, wenn er iiber geistige Verhaltnisse etwas er-
fahren will, die religiosen Urkunden. Oder aber er kann fragen: Was
wissen diejenigen Menschen zu sagen, die selbst fiir ihr geistiges Auge
geoffnet haben jene unvergangliche Chronik, die wir die Akasha-
Chronik nennen, jenes grofte Tableau, in welchem alles in unvergang-
licher Schrift verzeichnet steht, was jemals geschehen ist in der Welt-,
Erden- und Menschheitsentwickelung?
Diese Chronik lernt der Mensch, der sich in die ubersinnlichen Wel-
ten erhebt, allmahlich lesen. Das ist nicht eine gewohnliche Schrift.
Denken Sie sich den Lauf der Ereignisse, wie sie sich abgespielt haben,
vor Ihr geistiges Auge gestellt. Denken Sie sich den Kaiser Augustus
mit alien seinen Taten wie in einem Nebelbild vor Ihren Augen da-
stehen. Alles, was damals sich zugetragen hat, steht da vor Ihrem gei-
stigen Auge. So steht es vor dem Geistesforscher, und er kann es jede
Stunde aufs neue erfahren. Er braucht keine aufieren Zeugnisse. Er
braucht nur seinen Blick hinzurichten auf einen bestimmten Punkt des
Welten- oder des Menschheitsgeschehens, und es werden sich ihm in
einem geistigen Bilde die Ereignisse vor Augen stellen, die geschehen
sind. So kann der geistige Blick schweifen durch die Zeiten der Ver-
gangenheit. Was er da erschaut, das wird verzeichnet als Ergebnis der
Geistesforschung.
Was geschah damals in den Zeiten, mit denen unsere Zeitrechnung
beginnt? Was da geschah, das wird durch den geistigen Blick erschaut
und kann verglichen werden mit dem, was uns zum Beispiel das Lukas-
Evangelium erzahlt. Dann erkennt der Geistesforscher, daft es damals
eben solche geistig Schauenden gegeben hat, die ebenso das, was Ver-
gangenheit war, gesehen haben; und wir konnen vergleichen, wie sich
das, was sie uns als ihre Gegenwart mitteilen konnen, zu dem verhalt,
was der Ruckblick in die Akasha-Chronik von der damaligen Zeit
erschauen kann.
Das miissen wir uns immer wiederum vor die Seele stellen, daft wir
nicht aus den Urkunden schopfen, sondern daft wir schopfen aus der
geistigen Forschung selbst und daft wir dasjenige, was aus der Geistes-
forschung geschopft wird, in den Urkunden wieder auf suchen. Dadurch
gewinnen die Urkunden einen erhohten Wert, und wir konnen iiber die
Wahrheit dessen, was in ihnen steht, aus unserer eigenen Forschung
entscheiden. Dadurch wachsen sie vor uns als Ausdruck der Wahrheit,
weil wir die Wahrheit selbst erkennen konnen. Man darf eine solche
Sache, wie sie eben geschildert worden ist, nicht aussprechen, ohne zu-
gleich darauf hinzuweisen, daft dieses Lesen in der Akasha-Chronik
nicht so leicht ist wie etwa das Anschauen der Ereignisse in der phy-
sischen Welt. An einem besonderen Beispiele mochte ich Ihnen an-
schaulich machen,wo zum Beispiel gewisse Schwierigkeiten liegen beim
Lesen der Akasha-Chronik. Ich mochte es Ihnen anschaulich machen
an dem Menschen selber.
Wir wissen aus der elementaren Anthroposophie, daft der Mensch
aus dem physischen Leib, dem Atherleib, dem astralischen Leib und
dem Ich besteht. In dem Augenblick, wo man den Menschen nicht mehr
bloft auf dem physischen Plan beobachtet, sondern hinaufsteigt in die
geistige Welt, da beginnen die Schwierigkeiten. Wenn Sie einen Men-
schen physisch vor sich haben, da haben Sie eine Einheit vor sich; da
haben Sie seinen physischen Leib, da haben Sie seinen Atherleib, seinen
astralischen Leib und sein Ich. Wenn man den Menschen wahrend des
Tagwachens beobachtet, hat man das alles in einer Einheit vor sich. In
dem Augenblick, wo man den Menschen nicht wahrend des Tagwachens
beobachtet, sondern wo man,um ihn zu beobachten, hinaufsteigen mufi
in die hoheren Welten, wo dieses Hinaufsteigen eine Notwendigkeit
wird, da beginnen sogleich die Schwierigkeiten. Wenn wir zum Beispiel
in der Nacht, wenn wir den ganzen Menschen sehen wollen, in die Welt
der Imaginationen hinaufsteigen, um zum Beispiel den astralischen
Leib zu sehen - denn der ist aufterhalb des physischen Leibes -, dann
haben wir das Wesen des Menschen in zwei voneinander getrennte
Glieder geteilt.
Was ich jetzt schildere, wird zwar in den seltensten Fallen eintreten,
weil die Beobachtung des Menschen doch noch verhaltnismafiig leicht
ist; aber Sie konnen sich daran ein Bild machen von den Schwierig-
keiten. Denken Sie sich, jemand betritt einen Raum, wo eine Anzahl
von Menschen schlafen. Da sieht er in den Betten liegen die physischen
Leiber und die Atherleiber, wenn er die Fahigkeit der Hellsichtigkeit
hat; dann sieht er, wenn er sich hellsichtig erhebt, die astralischen Lei-
ber. Aber diese Welt des Astralischen ist eine Welt der Durchgangigkeit.
Da oben in der astralischen Welt gehen die astralischen Leiber durch-
einander durch. Und wenn es auch fur den geschulten Hellseher nicht
leicht eintreten wird, so konnte es doch eintreten, dafi, wenn er hin-
schaut auf einen ganzen Trupp von Menschen, die da schlafen, er da
leicht verwechseln kann, welcher Astralleib zu einem physischen Leib
da unten gehort. Ich sagte, es geschehe nicht leicht, dafi das vorkommt,
weil dieses Schauen verhaltnismaftig zu den niedersten Graden gehort
und weil der Mensch, der dazu kommt, gut vorbereitet wird, wie man
in solchem Falle zu unterscheiden hat. Aber wenn man in den hoheren
Welten nicht den Menschen betrachtet, sondern andere geistige Wesen-
heiten, dann beginnen die Schwierigkeiten schon ganz grofie zu werden.
Ja, sie sind schon ganz grofie fiir den Menschen, wenn man ihn nicht
als gegenwartigen Menschen, sondern in seiner ganzen Wesenheit be-
trachtet, wie er durch die Inkarnationen durchgeht.
Wenn Sie also einen Menschen, der jetzt lebt, so betrachten, dafi Sie
sich fragen: Wo war dessen Ich in der vorhergehenden Inkarnation? -
so miissen Sie durch die devachanische Welt durchgehen zu seiner vor-
herigen Inkarnation. Sie miissen feststellen konnen, welches Ich immer
zu den vorhergehenden Inkarnationen dieses betreffenden Menschen
gehort hat. Da miissen Sie schon in komplizierter Weise zusammen-
halten konnen das kontinuierliche Ich und die verschiedenen Stufen
hier unten auf der Erde. Da ist schon sehr leicht ein Fehler moglich,
und da kann sehr leicht ein Irrtum begangen werden, wenn der Aufent-
halt eines Ich in den friiheren Leibern gesucht wird. Wenn man also
hinaufkommt in die hoheren Welten, ist es nicht so leicht, alles, was
zu einem Menschen, was zu einer Personlichkeit gehort, zusammen-
zuhalten mit dem, was in der Akasha-Chronik verzeichnet ist als seine
friiheren Inkarnationen.
Nehmen Sie einmal an, jemand stellte sich die folgende Aufgabe. Er
hatte einen Menschen vor sich, sagen wir Hans Miiller. Er f ragt als hell-
sichtiger oder eingeweihter Mensch: Welches sind die physischen Vor-
fahren dieses Hans Miiller? Nehmen wir an, alle aufieren physischen
Urkunden seien verlorengegangen,mankonnte sich nur auf die Akasha-
Chronik verlassen. Er hatte also da die physischen Vorfahren auf-
zusuchen, er miifke Vater, Mutter, GrofSvater und so weiter aus der
Akasha-Chronik festzustellen suchen, um zu sehen, wie sich der phy-
sische Leib entwickelt hat in der physischen Abstammungslinie. Dann
aber konnte weiter die Frage entstehen: Welches waren die friiheren
Inkarnationen dieses Menschen? Da mufi er einen ganz andern Weg
gehen, als er geht, um zu den physischen Vorfahren des Menschen zu
kommen. Da wird er vielleicht viele, viele Zeiten zuriickverfolgen
miissen, wenn er zu den friiheren Inkarnationen des Ich kommen will.
Da haben Sie schon zwei Stromungen. Weder ist der physische Leib,
wie er vor uns steht, ein ganz neues Geschopf, denn er stammt in der
physischen Vererbungslinie von den Ahnen ab, noch ist das Ich ein
ganz neues Geschopf, denn es gliedert sich an die friiheren Inkarna-
tionen an.
Was aber fur den physischen Leib und fur das Ich gilt, das gilt auch
fur die dazwischenstehenden Glieder, den Atherleib, den astralischen
Leib. Die meisten von Ihnen werden wissen, daft auch der Atherleib
nicht ein durchaus neues Geschopf ist, sondern dafi er auch irgendeinen
Weg durch die verschiedensten Formen durchgegangen sein kann. Ich
habe Ihnen gesagt, wie der Atherleib des Zarathustra wiedererschienen
ist in dem Atherleibe des Moses, - das ist derselbe Atherleib. Wiirde
man nun die physischen Vorfahren des Moses untersuchen, so bekame
man die eine Linie. Wiirde man die Vorfahren des Atherleibes des
Moses untersuchen, so bekame man eine andere Linie: da kamen Sie zu
dem Atherleibe des Zarathustra hinauf und zu anderen Atherleibern.
Geradeso wie man fur den physischen Leib ganz andere Stromungen
zu verfolgen hat als fur den Atherleib, so ist es auch beim astralischen
Leib. Wir konnen von jedem Gliede der menschlichen Natur aus in die
verschiedensten Stromungen kommen. So konnen wir sagen: Der
Atherleib ist die atherische Wiederverkorperung eines Atherleibes, der
in einer ganz anderen Individualitat war, durchaus nicht in derselben,
in der das Ich vorher verkorpert war. Und ebenso konnen wir das fur
den astralischen Leib sagen.
Wenn wir in die hoheren Welten hinaufkommen, um einen Men-
schen zu untersuchen auf seine friiheren Glieder hin, so gehen da die
einzelnen Stromungen alle auseinander. Die eine fiihrt uns nach der,
die andere nach jener Richtung, und wir kommen da zu sehr kompli-
zierten Vorgangen in der geistigen Welt. Wenn nun jemand einen Men-
schen vom Gesichtspunkte der Geistesforschung aus vollstandig ver-
stehen will, so darf er ihn nicht blofi schildern als einen Nachkommen
seiner Ahnen, nicht blofi, daft er seinen Atherleib herleitet von diesem
oder jenem Wesen, oder seinen astralischen Leib von diesem oder jenem
Wesen, sondern er mufi vollstandig schildern, wie alle diese vier Glieder
ihren Weg gemacht haben, bis sie sich jetzt in dieser Wesenheit zu-
sammengeschlossen haben. Das kann man nicht auf einmal machen.
Man kann zum Beispiel den Weg, den der Atherleib zuriickgelegt hat,
verfolgen und kann da zu wichtigen Aufschliissen kommen. Es kann
dann ein anderer Mensch den Weg des astralischen Leibes verfolgen.
Der eine kann auf den Atherleib, der andere auf den astralischen Leib
mehr Gewicht legen und demgemafi seine Schilderungen abfassen. Fur
denjenigen, der alles das nicht beobachtet, was die hellsichtigen Men-
schen iiber eine Wesenheit sagen, fur den wird es ganz gleich sein, ob
der eine dieses oder der andere jenes sagt; ihm wird es scheinen, als ob
nur immer dasselbe geschildert wird. Fur ihn wird derjenige, der nur
die physische Personlichkeit schildert, dasselbe sagen wie derjenige,
der den Atherleib schildert; er wird immer glauben, daft er die Wesen-
heit des Hans Miiller schildert.
Das alles kann Ihnen aber jetzt ein Bild geben von der ganzen Kom-
pliziertheit der Verhaltnisse, die uns entgegentreten, wenn wir vom Ge-
sichtspunkte der hellseherischen, der Eingeweihten-Forschung das Wesen
irgendeinerErscheinung der Welt - sei es desMenschen oder irgendeiner
anderen Wesenheit - schildern wollen. Was ich jetzt gesagt habe, muftte
ich sagen; denn Sie sehen daraus, daft dann nur die umfanglichste, nach
alien Seiten sich ausbreitende Forschung in der Akasha-Chronik irgend-
eine Wesenheit uns klar vor das geistige Auge fuhren kann.
Diejenige Wesenheit, die da vor uns steht, auch in dem Sinne, wie
das Johannes-Evangelium sie uns schildert, die da vor uns steht mit
dem Ich - gleichgiiltig ob vor oder nach der Johannes-Taufe, ob wir sie
ansprechen als Jesus von Nazareth vor der Taufe oder als den Christus
nach der Johannes-Taufe -, sie steht vor uns mit einem Ich, mit einem
astralischen Leib, mit einem Atherleib und mit einem physischen Leib.
Wir konnen sie nurvollstandig schildern vom Standpunkte der Akasha-
Chronik, wenn wir die Wege verfolgen, welche diese vier Glieder der
damaligen Christus Jesus-Wesenheit in der Menschheitsentwickelung
durchgemacht haben. Nur dann konnen wir sie richtig verstehen. Hier
handelt es sich um das vollstandige Verstehen der Mitteilungen iiber
das Christus-Ereignis vom Standpunkte der heutigen Geistesforschung,
wo Licht verbreket werden muft iiber das, was sich scheinbar wider-
spricht in den vier Evangelien.
Ich habe schon ofters darauf hingewiesen, warum die heutige, rein
materialistische Forschung den hohen Wert, den Wahrheitswert des
Johannes-Evangeliums nicht einsehen kann: Weil sie nicht verstehen
kann, daft ein hoherer Eingeweihter anders, defer sieht als die anderen.
Zwischen den anderen drei Evangelien, den synoptischen, versuchen
diejenigen, denen das Johannes-Evangelium nicht recht ist, eine Art
von Einklang zu bilden. Einen Einklang zu bilden wird aber, wenn
man nur die aufteren materiellen Geschehnisse zugrunde legt, schwer
halten. Denn das, was fur uns in dem morgigen Vortrage von beson-
derer Wichtigkeit sein wird, zu betrachten das Leben des Jesus von
Nazareth vor der Johannes-Taufe, das wird uns geschildert von zwei
Evangelisten, von dem Schreiber des Matthaus-Evangeliums und von
dem Lukas-Evangelium-Schreiber; und fiir eine auftere materialistische
Betrachtungsweise gibt es hier Verschiedenheiten, die in nichts nach-
geben dem, was zwischen den drei anderen Evangelien und dem Jo-
hannes-Evangelium als Verschiedenheit angenommen werden mufi.
Nehmen wir einmal die Tatsachen. Der Schreiber des Matthaus-
Evangeliums schildert, daft vorherverkundet wird die Geburt des
Schopfers des Christentums, daft diese Geburt erfolgt, daft Magier
kommen aus dem Morgenlande, die den Stern wahrgenommen haben,
daft der Stern sie gefiihrt hat an die Statte, wo der Erloser geboren
wird. Er schildert ferner, daft Herodes dadurch aufmerksam gemacht
wird und daft, um zu entgehen der Maftnahme des Herodes, die in dem
bethlehemitischen Kindermord besteht, das Elternpaar des Erlosers mit
dem Kinde nach Agypten flieht. Als Herodes tot ist, wird Joseph, dem
Vater des Jesus, angezeigt, daft er wieder zuriickkehren kann, und er
kehrt nun aus Furcht vor dem Nachfolger des Herodes nicht zuriick
nach Bethlehem, sondern er geht nach Nazareth. - Ich will heme noch
absehen von der Ankiindigung des Taufers. Ich will aber schon darauf
aufmerksam machen, daft, wenn wir das Lukas-Evangelium und das
Matthaus-Evangelium miteinander vergleichen, in den beiden Evan-
gelien die Vorverkiindigung des Jesus von Nazareth ganz verschieden
erfolgt: das eine Mai erfolgt sie dem Joseph, das andere Mai der Maria.
Wir sehen dann aus dem Lukas-Evangelium, wie die Eltern des Jesus
von Nazareth urspriinglich in Nazareth wohnen und dann bei einer
Gelegenheit nach Bethlehem gehen, namlich zur Zahlung. Wahrend sie
dort sind, wird der Jesus geboren. Dann erfolgt nach acht Tagen die
Beschneidung - nichts von einer Flucht nach Agypten -; und nach
einiger Zeit, die nicht weit danach liegt, wird das Kind dargestellt im
Tempel. Wir sehen, daft das Opf er dargebracht wird, das ublich ist, und
daft danach die Eltern mit dem Kinde nach Nazareth zuriickziehen
und dort leben. Und dann wird uns ein merkwiirdiger Zug erzahlt, der
Zug, wie der zwolf jahrige Jesus bei einem Besuch, den seine Eltern in
Jerusalem gemacht haben, im Tempel zuriickbleibt, wie sie ihn suchen,
wie sie ihn dann wiederfinden im Tempel zwischen denen, welche die
Schrift auslegen, wie er ihnen da entgegentritt als ein Kundiger in der
Schrif tauslegung, wie er sich verstandig undweise imKreise derSchrift-
gelehrten ausnimmt. Dann wird erzahlt, wie sie das Kind wiederum
mit nach Hause nehmen, wie es heranwachst; und wir horen nichts
Besonderes mehr von ihm bis zur Johannes-Taufe.
Da haben wir zwei Geschichten des Jesus von Nazareth vor der
Aufnahme des Christus. Wer sie vereinigen will, der mufi sich vor alien
Dingen fragen, wie er die Erzahlung, dafi unmittelbar nach der Geburt
des Jesus die Eltern, Joseph und Maria, veranlafk werden, mit dem
Kinde nach Agypten zu fliehen, und dann wieder zuriickkehren, wie
er das vereinigen kann nach der gewohnlichen materialistischen An-
schauung mit der Darstellung im Tempel nach Lukas.
Da werden wir sehen, daft das, was uns fur die physische Auffassung
scheinbar als ein vollstandiger Widerspruch erscheint, im Lichte der
Geistesforschung uns als Wahrheit entgegentreten wird. Beides ist wahr,
trotzdem es als scheinbarer Widerspruch in der physischen Welt dar-
gestellt wird. Gerade die drei synoptischen Evangelien, das Matthaus-,
das Markus- und das Lukas-Evangelium, sollten die Menschen hin-
zwingen zu einer geistigen Auffassung der Tatsachen der Menschheits-
geschehnisse. Denn die Menschen sollten einsehen, dafi man nichts
damit erreicht, wenn man solchen Urkunden gegeniiber nicht iiber
scheinbare Widerspriiche nachdenkt oder wenn man von «Dichtungen»
spricht, wo man durch Realitaten nicht durchkommt.
So wird sich uns gerade diesmal Gelegenheit bieten, dariiber zu
sprechen, woriiber eingehend zu sprechen das Johannes-Evangelium
keinen Anlafi gegeben hat, namlich iijber die Ereignisse, die sich zu-
getragen haben vor der Johannes-Taufe, vor dem Eindringen der
Christus- Wesenheit in die drei Leiber des Jesus von Nazareth. Und
manches wichtige Ratsel von dem Wesen des Christentums wird sich
uns gerade dadurch losen, dafi wir - aus der Akasha-Chronik er-
forscht - horen werden, wie das Wesen des Jesus von Nazareth war,
bevor der Christus seine drei Leiber eingenommen hat.
Wir werden morgen damit beginnen, das Wesen und das Leben des
Jesus von Nazareth aus der Akasha-Chronik heraus zu priifen, um uns
dann zu fragen: Wie stellt sich das, was wir aus dieser Quelle heraus
wissen konnen iiber die wahre Wesenheit des Jesus von Nazareth, zu
dem, was uns geschildert wird im Lukas-Evangelium als herriihrend
von denen, die damals «Selbstseher» waren oder «Diener des Wortes»,
des Logos?
ZWEITER VORTRAG
Basel, 16. September 1909
Das Johannes-Evangelium war durch die verschiedenen Zeiten der Ent-
wickelung des Christentums hindurch diejenige Urkunde, welche stets
den tiefsten Eindruck auf alle diejenigen gemacht hat, welche eine be-
sondere Vertiefung, eine innere Versenkung in die christlichen Welten-
stromungen suchten. Daher war dieses Johannes-Evangelium die Ur-
kunde aller christlichen Mystiker, die nachzuleben versuchten, was im
Johannes-Evangelium in derPersonlichkeit und Wesenheit des Christus
Jesus dargestellt wird.
In einer etwas anderen Weise hat sich die christliche Menschheit
durch die verschiedenen Jahrhunderte hindurch zu dem Lukas-Evan-
gelium gestellt. Das entspricht, von einem anderen Gesichtspunkt aus
gesehen, im Grunde genommen durchaus dem,- was wir gestern schon
iiber den Unterschied des Johannes-Evangeliums und des Lukas-Evan-
geliums andeuten konnten. War das Johannes-Evangelium in gewisser
Beziehung eine Urkunde fur Mystiker, so war das Lukas-Evangelium
immer eine Art Erbauungsbuch fur die Allgemeinheit, fur solche, die
sich, man konnte in einer gewissen Weise sagen, aus der Einfalt und
der Einfachheit ihres Herzens heraus in die Sphare des christlichen
Empfindens erheben konnten. Als ein Erbauungsbuch geht das Lukas-
Evangelium durch der Zeiten Wende. Fur alle die, welche bedriickt
waren mit Leiden und Schmerzen, war es immer ein Quell inneren
Trostes. Denn in diesem Evangelium wird ja so viel verkiindet von dem
grofien Troster, von dem grofien Wohltater der Menschheit, von dem
Heiland der Beladenen und der Bedruckten. Ein Buch, zu dem ins-
besondere diejenigen den Sinn hinwendeten, welche sich durchdringen
wollten mit der christlichen Liebe, war das Lukas-Evangelium, denn
mehr als in irgendeiner anderen christlichen Urkunde wird die Gewalt
und das Eindringliche der Liebe in diesem Lukas-Evangelium entfaltet.
Und die, welche in irgendeiner Weise sich bewufit waren - und im
Grunde genommen kann das ja fur alle Menschen gelten -, irgend-
welche Fehler auf ihr Herz geladen zu haben, sie fanden von jeher
Erbauung und Trost und Erhebung der beladenen Seele, wenn sie zum
Lukas-Evangelium und seiner Verkiindigung hinblickten und sich
sagen konnten: Der Christus Jesus ist nicht blofi erschienen fiir die
Gerechten, sondern auch fiir die Sunder; mit Siindern und Zollnern hat
er beiTisch gesessen.-Gehortzum Johannes-Evangelium eine hohe Vor-
bereitung, um es auf sich wirken zu lassen, so darf man vom Lukas-
Evangelium sagen, dafi kein Gemut so niedrig, so unreif ist, dafi es
nicht all die Warme, die aus dem Lukas-Evangelium herausstromt, in
vollem Mafie auf sich wirken lassen konnte.
So war das Lukas-Evangelium von jeher ein Buch fiir die Allgemein-
heit, an dem sich auch das kindlichste Gemiit erbauen konnte. Alles,
was an der menschlichen Seele von der friihesten Lebenszeit an bis in
die hochsten Altersstufen hinauf kindlich bleibt, das hat sich immer
hingezogen gefiihlt zu dem Lukas-Evangelium. Und vor allem, was von
den christlichen Wahrheiten bildhaft dargestellt worden ist, was die
Kunst von den christlichen Wahrheiten zu ihrem Vorwurf genommen
hat — es ist zwar vieles auch aus den anderen Evangelien erflossen -,
was aber aus der Kunst, aus der Malerei von jeher am eindringlichsten
zu den menschlichen Herzen gesprochen hat, das finden wir im Lukas-
Evangelium angegeben und von da aus in die Kunst fliefiend. Alle die
tiefen Beziehungen zwischen dem Christus Jesus und Johannes dem
Taufer, die so vielfach bildnerische Darstellung gefunden haben, haben
ihren Quell in diesem unverganglichen Buche, in dem Lukas-Evangelium.
Wer von diesem Gesichtspunkte aus diese Urkunde auf sich wirken
lafit, der wird finden, dafi sie von Anfang bis zu Ende gleichsam hin-
eingetaucht ist in das Prinzip der Liebe, des Mitleides, der Einfalt, ja
bis zu einem gewissen Grade der Kindlichkeit. Und wo kommt diese
Kindlichkeit denn noch in einer so warmen Weise zum Ausdruck als
gerade in der Kindheitsgeschichte des Jesus von Nazareth, die uns der
Schreiber des Lukas-Evangeliums gibt! Warum das so war, das wird
uns auch klar werden konnen, wenn wir allmahlich immer tiefer in
dieses merkwiirdige Buch eindringen.
Es wird heute notwendig sein, dafi mancherlei gesagt wird, was viel-
leicht denen, die andere Vortrage von mir iiber diesen Gegenstand oder
andere Zyklen gehort haben, zunachst als ein Widerspruch erscheinen
wird. Aber warten Sie nur auf die Ausfiihrungen der nachsten Tage,
dann wird Ihnen das schon im Einklange erscheinen mit dem, was Sie
bisher iiber den Christus Jesus und liber Jesus von Nazareth von mir
gehort haben. Man kann nicht auf einmal den ganzen komplizierten
Umfang der Wahrheit geben, und es wird heute notwendig sein, auf
eine Seite der christlichen Wahrheiten hinzuweisen, welche im schein-
baren Widerspruche stehen wird mit demjenigen Teile der Wahrheit,
den ich bisher da oder dort vor Ihnen aussprechen konnte. - Es soil der
Weg so gewahlt werden, daft die einzelnen Wahrheitsstrome entwickelt
werden und daft dann gezeigt wird, wie sie vollstandig in Harmonie
und im Einklange sind. Natiirlich konnte ich in den verschiedenen
Zyklen, namentlich, da bisher der Ausgangspunkt - und zwar absicht-
lich - vom Johannes-Evangelium aus genommen wurde, nur auf einen
Teil der Wahrheit hinweisen. Dieser Teil bleibt darum doch Wahrheit;
das werden wir in den nachsten Tagen noch sehen. Heute obliegt es
uns, einen den meisten von Ihnen ungewohnten Teil der christlichen
Wahrheiten zu betrachten.
Im Lukas-Evangelium besagt uns eine wunderbare Stelle, daft den
Hirten auf dem Felde verkiindet wird durch einen Engel, der ihnen
sichtbar wird, daft ihnen der «Heiland der Welt» geboren worden ist.
Und dann wird erwahnt, daft zu diesem Engel, nachdem er die Ver-
kiindigung gesagt hat, hinzutreten «himmlische Heerscharen» (Lukas
2, 13). Stellen Sie sich also das Bild vor, daft diese Hirten hinaufblicken
und ihnen so etwas erscheint wie «der Himmel offen» und die Wesen-
heiten der geistigen Welt in machtigen Bildern sich vor ihnen aus-
breitend. Was wird den Hirten verkiindet?
Was ihnen verkiindet wird, das wird in monumentale Worte geklei-
det, in Worte, die durch die ganze Menschheitsentwickelung gesprochen
wurden und die zum Weihnachtsspruche der christlichen Entwickelung
geworden sind. Die Worte tonen den Hirten entgegen, die, richtig iiber-
setzt, etwa so lauten wurden:
«Es offenbaren sich die gottlichen Wesenheiten aus den Hohen, auf
daft Friede herrsche unten auf derErde bei den Menschen, die durch-
drungen sind von einem guteri Willen.» (Lukas 2, 14.)
«Ehre», wie es gewohnlich wiedergegeben wird, ist eine ganz falsche
Obersetzung. Wie ich es jetzt gesagt habe, sollte es heiflen. Und der
Gegensatz sollte scharf betont werden, daft dasjenige, was die Hirten
sehen,dieOffenbarung der geistigen Wesenheiten aus denHohen ist und
daft sie in diesem Augenblicke geschieht, damit einziehe Friede in die
menschlichen Herzen, die durchdrungen sind von einem guten Willen.
Im Grunde genommen liegt, wie wir sehen werden, vieles von den
Geheimnissen des Christentums in diesen Worten, wenn man sie richtig
versteht. Aber es wird einiges dazu gehoren, um Licht in diese para-
digmatischen Worte zu bringen. Was vor allem hinzugehort, ist, daft
wir versuchen, jene Berichte zu betrachten, die des Menschen hell-
sichtiger Sinn aus der Akasha-Chronik empfangt. Darauf kommt es an,
zunachst hinzuschauen mit dem geoffneten Auge des Geistes auf das-
jenige Zeitalter, in dem der Christus Jesus fur die Menschheit auftritt,
und uns nun zu fragen: Wie stellt sich das dar, was damals geistig in
die Erdenentwickelung eingetreten ist, wenn wir es verfolgen in seinem
ganzen geschichtlichen Werden, wenn wir fragen: Woher ist es ge-
kommen?
Damals floft in die Menschheitsentwickelung etwas ein, was wie ein
Zusammenstromen geistiger Strome von den verschiedensten Rich-
tungen her sich darstellte. In den mannigfaltigsten Gegenden der Erde
sind die verschiedensten Weltanschauungen im Laufe der Zeiten auf-
getaucht. Alles, was aufgetaucht ist in den verschiedenen Gegenden der
Erde, stromte damals in Palastina zusammen und druckte sich aus in
irgendeiner Weise in diesen Ereignissen von Palastina, so daft wir uns
fragen konnen: Wohin gehen die Stromungen, die wir wie in einen Mit-
telpunkt zusammenflieften sehen in den palastinensischen Ereignissen?
Wir haben gestern schon darauf hingedeutet, daft durch das Lukas-
Evangelium dasjenige gegeben wird, was wir imaginative Erkenntnis
nennen, und daft diese imaginative Erkenntnis in Bildern gewonnen
wird. Ein Bild wird vor uns hingestellt in dem soeben Angegebenen,
ein Bild, wie iiber den Hirten erscheint die Offenbarung der geistigen
Wesenheiten aus der H6he,das Bild eines geistigen Wesens, eines Engels,
und dann einer Schar von Engeln. Da miissen wir die Frage aufwerfen:
Wie sieht der hellsichtige und zugleich in die Geheimnisse des Daseins
eingeweihte Mensc'i dieses Bild an, das er sich jederzeit wieder her-
stellen kann, wenn er in die Akasha-Chronik zuriickschaut? Was ist
das, was sich da den Hirten darstellte? Was ist enthalten in dieser
Engelschar, und woher kommt sie?
Eine der grofien geistigen Stromungen, die durch die Menschheits-
entwickelung geflossen sind, jene Stromung, die allmahlich immerhoher
und hoher gestiegen ist, so dafi sie zur Zeit der palastinensischen Ereig-
nisse nur mehr aus den geistigen Hohen herunterscheinen konnte auf
die Erde, die ist es, die sich in diesem Bilde zeigt. Wenn wir ausgehen -
und zwar jetzt durch die Entzifferung der Akasha-Chronik - von
dieser Engelschar, welche den Hirten erschien, so werden wir zuriick-
gefiihrt zu einer der grofiten geistigen Stromungen der Menschheits-
entwickelung, die sich, man konnte sagen, zuletzt vor der Erscheinung
des Christus Jesus auf der Erde, mehrere Jahrhunderte vorher, als
Buddhismus ausgebreitet hat. Zu dem, was die «Erleuchtung» des
grofien Buddha war, so sonderbar es Ihnen klingen wird,wird derjenige
gefiihrt, welcher von jener Offenbarung, die den Hirten wird, durch
die Akasha-Chronik den Weg zurikkverfolgt in die vorhergehenden
Zeiten der Menschheit. Was in Indien den Menschen aufgeleuchtet hat,
was dort als die Religion des Mitleides und der Liebe, als eine grofie
Weltanschauung einstmals Geister und Herzen bewegt hat und was
noch heute fur einen groften Teil der Menschheit geistige Nahrung ist,
das erschien wieder in der Offenbarung der Hirten. Denn auch das
sollte einstromen in die palastinensische Offenbarung. Was uns im
Lukas-Evangelium zuerst erzahlt wird, das konnen wir nur verstehen,
wenn wir - wiederum vom Gesichtspunkte der geisteswissenschaft-
lichen Forschung aus - einen Blick auf das werfen, was der Buddha
der Menschheit war und was die Buddha-Offenbarung eigentlich im
Verlaufe der Menschheitsentwickelung bewirkte. Da miissen wir uns
folgendes klarmachen.
Als fiinf bis sechs Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung der Buddha
im Fernen Osten erstand, da erschien in ihm eine Individualitat, die oft
und oft wiederverkorpert erschienen war und die durch ihre vielen
Verkorperungen hindurch bis zu einer hohen menschlichen Entwicke-
lungsstufe hinaufgeschritten ist. Der Buddha konnte derjenige, der er
war, nur deshalb werden, weil er in seinen friiheren Inkarnationen im
hochsten Sinne des Wortes schon eine hohe, hohe Entwickelungsstufe
erlangt hatte. Jene Entwickelungsstufe einer Wesenheit im Weltenall,
die der Buddha erlangt hatte, bezeichnet man mit einem orientalischen
Ausdruck als einen «Bodhisattva». Es ist - wenigstens vor einem Teile
von Ihnen - das Wesen der Bodhisattvas von verschiedenen Seiten her
schon erortert worden. In dem Zyklus «Geistige Hierarchien und ihre
Widerspiegelung in der physischen Welt», DUsseldorf, April 1909,
zeigte ich, wie sich die Bodhisattvas zu der ganzen kosmischen Ent-
wickelung verhalten; in Miinchen in dem Zyklus «Der Orient im Lichte
des Okzidents», August 1909, konnte ich von einem anderen Gesichts-
punkte aus darauf hinweisen. Heute soil wiederum von einer anderen
Seite her das Wesen der Bodhisattvas betrachtet werden. Sie werden
schon nach und nach den Einklang zwischen diesen einzelnen Wahr-
heiten finden.
Derjenige, der ein Buddha wurde, muftte zuerst ein Bodhisattva
sein. Bodhisattva ist also die vorhergehende Stufe der individuellen
Entwickelung zum Buddha hin. Nun wollen wir einmal vom Stand-
punkte der Menschheitsentwickelung aus uns das Wesen der Bodhisatt-
vas vor Augen fiihren. Wir verstehen es nur, wenn wir, vom Gesichts-
punkte der Geisteswissenschaft aus sie durchdringend, die Menschheits-
entwickelung betrachten.
Was die Menschen zu irgendeiner Zeit konnen, was sie an Fahig-
keiten entwickeln, das war nicht immer da. Es ist nur eine kurzsichtige
Betrachtungsweise, die nicht iiber ihre eigene Epoche hinausschauen
kann, welche da glaubt, daft dieselben Fahigkeiten, welche die Men-
schen heute haben, schon in Urzeiten vorhanden waren. Die mensch-
lichen Fahigkeiten, das, was die Menschen verrichten, wissen, tun
konnen, das andert sich von Epoche zu Epoche. Heute sind die mensch-
lichen Fahigkeiten so entwickelt, daft der Mensch gewissermafien durch
seine eigene Vernunft dieses oder jenes erkennen kann, daft er mit Recht
sagt: Diese oder jene Wahrheit sehe ich ein durch meinen Verstand,
durch meine Vernunft; ich kann erkennen, was sittlich und unsittlich
ist, was in einer gewissen Beziehung logisch oder unlogisch ist. Aber
man wiirde fehlgehen, wenn man glauben wurde, daft diese Fahigkei-
ten, das Logische vom Unlogischen oder das Sittliche vom Unsittlichen
zu unterscheiden, immer an der menschlichen Natur gehaftet haben.
Sie sind erst gekommen, haben sich nach und nach entwickelt. Was der
Mensch heute durch seine eigenen Fahigkeiten vermag, das muftte er -
wie ein Kind von Vater und Mutter oder vom Lehrer - sich einmal
sagen lassen von Wesenheiten, welche zwar auch verkorpert unter den
Menschen waren, welche aber durch ihre geistigen Fahigkeiten hoher
entwickelt waren und in den Mysterien Umgang pflegen konnten mit
geistigen Wesenheiten, die iiber ihnen sind, mit gottlich-geistigen We-
senheiten.
Solche Individualitaten, die zwar im physischen Leibe verkorpert
waren, die aber Umgang pflegen konnten mit hoheren Individualitaten,
die nicht physisch verkorpert sind, gab es immer. Bevor die Menschen
zum Beispiel die Gabe des logischen Denkens erlangt haben, wodurch
sie selbst heute logisch denken konnen, mufiten sie hinhorchen auf ge-
wisse Lehrer. Diese Lehrer konnten auch nicht durch gewisse Fahigkei-
ten, die man im physischen Leibe entwickelt, logisch denken, sondern
nur dadurch, daft sie in den Mysterien Umgang hatten mit gottlich-
geistigen Wesenheiten, die in hoheren Regionen sind. Solche Lehrer, die
das Logische, das Sittliche lehrten aus ihren Offenbarungen, die sie aus
hoheren Welten heraus empfingen, gab es, bevor die Menschen selber
durch ihre Natur auf der Erde imstande waren, logisch zu denken oder
das Sittliche zu f inden. Eine gewisse Kategorie solcher Wesen, die zwar
im physischen Leibe verkorpert sind, aber Umgang haben mit gottlich-
geistigen Wesenheiten, damit sie das heruntertragen, was sie von jenen
lernen, und es dem Menschen mitteilen konnen, das sind die Bodhisatt-
vas. Sie sind also in einem Menschenleib verkorperte Wesenheiten, die
heranreichen mit ihren Fahigkeiten bis zu einem Verkehr mit den gott-
lich-geistigen Wesenheiten.
Und bevor der Buddha ein «Buddha» wurde, war er eben ein Bodhi-
sattva, das heifit eine Individuality, die in den Mysterien Umgang
haben konnte mit den hoheren, gottlich-geistigen Wesenheiten. Eine
solche Wesenheit, wie es der Bodhisattva ist, hat in fernen Urzeiten der
Erdenentwickelung einmal eine bestimmte Mission, eine bestimmte
Aufgabe in der hoheren Welt erhalten, und sie bleibt dann bei dieser
Mission.
Wenn wir das auf den Buddha anwenden, so miissen wir sagen: Er
hatte als Bodhisattva eine bestimmte Aufgabe. AIs die Erde noch in
friiheren Entwickelungszustanden war, noch vor der atlantischen und
lemurischen Zeit, da hatte dasjenigeWesen,das im sechsten Jahrhundert
vor unserer Zeitrechnung als Buddha verkorpert war, eine bestimmte
Aufgabe erhalten. Bei dieser Aufgabe ist es geblieben. Durch alle Zeiten
hindurch hatte es von Epoche zu Epoche zu wirken und immer so viel
der Erdenentwickelung mitzuteilen, als dieselbe vermoge ihrer Wesen-
heit aufnehmen konnte. Fur eine jede solche Wesenheit - also fur
jeden Bodhisattva - gibt es daher eine Zeit, wo er sozusagen mit seiner
in Urzeiten empfangenen Mission an einen bestimmten Punkt kommt,
wo das, was er von oben in die Menschheit hat einfliefien lassen konnen,
zu der eigenen menschlichen Fahigkeit hat werden konnen. Denn was
heute menschliche Fahigkeit ist, das war friiher Fahigkeit gottlich-
geistiger Wesenheiten, und die Bodhisattvas trugen sie aus den geistigen
Hohen herunter zu den Menschen. Ein solcher geistiger Missionar
kommt also an einen Punkt, wo er sich sagen kann: Ich habe meine
Mission vollbracht; der Menschheit ist jetzt gegeben, wozu sie vor-
bereitet worden ist durch viele, viele Zeiten hindurch. An einem solchen
Punkt angelangt, kann der Bodhisattva zum Buddha werden. Das
heiftt, es kommt fur ihn ein Zeitpunkt, da er als die Wesenheit mit der
Mission, die wir eben charakterisiert haben, sich nicht mehr in einem
; physischen Menschenleibe zu verkorpern braucht, wo er sich zum letz-
ten Male in einem solchen physischen Menschenleib noch verkorpert
und dann nicht mehr als ein solcher Missionar sich zu verkorpern
braucht. Ein solcher Zeitpunkt war fiir den Buddha gekommen. Was er
friiher zu tun hatte, fiihrte ihn immer wieder und wieder auf die Erde
herunter. Aber in der Zeit, als er zum Buddha erleuchtet worden war,
trat fiir ihn als Bodhisattva eine letzte Verkorperung ein. Er gelangte in
einen Menschenleib hinein, der die Fahigkeiten in einem hochsten Mafie
ausgebildet hatte, die friiher von oben gelehrt werden mufiten und die
nun nach und nach eigene menschliche Fahigkeiten werden sollten.
Wenn ein solcher Bodhisattva es durch seine friihere Entwickelung
dahin gebracht hat, einen Menschenleib so vollkommen zu machen,
dafi er Fahigkeiten entwickeln kann fiir die Eigenschaften, die mit der
Mission des Bodhisattva zusammenhangen, dann braucht er sich nicht
mehr zu verkorpern. Dann schwebt er, die Angelegenheiten der Men-
schen fordernd und leitend, in geistigen Regionen und wirkt von dort
in die Menschheit hinein. Und die Menschen haben dann die Aufgabe,
das, was ihnen friiher von Himmelshohen heruntergestromt ist, weiter
auszubilden und sich zu sagen: Wir miissen uns jetzt so entwickeln, dafi
wir jene Fahigkeiten ausbilden, welche wir zum ersten Male in vollstem
Mafi erreicht sehen in derjenigen Inkarnation, die durch die Fahigkeiten
des Bodhisattva erreicht worden ist und die im Buddha aufgetreten ist.
Und wie die Wesenheit, die durch Epochen hindurch als Bodhisattva
gewirkt hat, sich ausnimmt als Mensch, auch als voller einzelner
Mensch, wo alles in die menschliche Natur hineingenommen ist, was
friiher aus Himmelshohen hineinstromte, das noch an einem einzelnen
Menschen zu zeigen, was der Bodhisattva vermag, das heifit «Buddha»
sein. Das hat der Buddha noch gezeigt. Hatte der Bodhisattva sich
friiher von seiner Mission zuriickgezogen, dann hatten die Menschen
nicht mehr der Wohltat teilhaftig werden konnen, daft ihnen diese
Fahigkeiten zuflieften aus denHohen. Nachdem aber die Entwickelung
so weit fortgeschritten war, daft diese Fahigkeiten in einem einzelnen
menschlichen Exemplar auf der Erde vorhanden sein konnten, da war
auch die Keimanlage dazu geschaffen, dafi die Menschen sie in der Zu-
kunft bei sich selbst ausbilden konnten. So zieht sich die Individuality,
die sich vorher als Bodhisattva entwickelt hat und die, solange sie
Bodhisattva war, nicht ganz in die menschliche Gestalt hineingegangen
ist, sondern hineinragte in die Himmelshohen, so zieht sich die Indivi-
dualitat des Bodhisattva einmal vollig in einen Menschen hinein, so
dafi sie voll erfafk wird von dieser Inkarnation. Dann aber zieht sie
sich auch wieder zuriick. Denn jetzt ist - mit dieser Inkarnation als
Buddha - der Menschheit ein gewisses Quantum von Offenbarungen
gegeben, die sich innerhalb der Menschheit selber nun weiter ausbilden
sollen. Daher darf sich das Bodhisattva- Wesen, nachdem es Buddha
geworden ist, von der Erde zuriickziehen in gewisse geistige Hohen,
darf dort verweilen und die Angelegenheiten der Menschheit von dort
aus weiterlenken, wo es nur noch einem gewissen hellseherischen Ver-
mogen moglich ist, es zu sehen.
Welche Aufgabe hatte denn jene wunderbare, jene gewaltige, grofte
Individuality, die man im gewohnlichen Leben den Buddha nennt?
Wenn wir die Aufgabe, die Mission dieses Buddha wirklich einsehen
wollen im Sinne der wahren Esoterik, so miissen wir uns folgendes
sagen. Das ganze Erkenntnisvermogen der Menschheit hat sich nach
und nach entwickelt. Wir haben immer wieder darauf aufmerksam ge-
macht, wie in der atlantischen Zeit ein grower Teil der Menschheit hell-
seherisch hineinblicken konnte in die geistigen Welten, und wir haben
gesagt, dafi gewisse Reste des alten Hellsehens noch in der nachatlan-
tischen Zeit vorhanden waren. Wiirden wir von der atlantischen Zeit
hinabsteigen in die altindische, in die urpersische, in die agyptisch-
chaldaische Zeit, ja bis in die griechisch-lateinische Zeit noch hinein,
so wiirden wir zahlreiche Menschen finden, viel mehr als die heutige
Menschheit sich traumen lafk, die Erbstiicke dieses alten Hellsehens
hatten, denen der astralische Plan offen war, die hineinsahen in die
verborgenen Tiefen des Daseins. Den atherischen Leib des Menschen
zu sehen, war selbst noch in der griechisch-lateinischen Zeit fur einen
groften Teil der Menschen etwas ganz Gewohnliches, namentlich aber
den Kopfteil des Menschen umgeben von jener atherischen Wolke, die
sich freilich nach und nach ganz in dem Innern des Kopfteiles ver-
borgen hat.
Aber die Menschheit mufke zu jener Erkenntnis aufsteigen, welche
nach und nach die vollkommene Sinneserkenntnis wurde, zu jener Er-
kenntnis, die durch die aufkren Sinne und durch diejenigen geistigen
Fahigkeiten erworben wird, welche auf die aufieren Sinne gerichtet
sind. Der Mensch mufke allmahlich sozusagen vollig heraussteigen aus
der geistigen Welt und eintreten in die blofie Sinnesbetrachtung, in das
verniinftige, logische Denken. Allmahlich mufke sich der Mensch zu
dieser nichthellseherischen Erkenntnis aufschwingen, weil er durch sie
hindurchgehen mufke, um in der Zukunft wiederum die hellsichtige
Erkenntnis zu erlangen, aber dann vereinigt mit dem, was er sich als
Sinnes- und Verstandeserkenntnis erworben hat.
In dieser Zeit leben wir in der Gegenwart. Wir blicken auf eine Ver-
gangenheit hin, in welcher die Menschheit hellsichtig war, und wir
blicken in eine Zukunft hinein, wo die Menschen wiederum hellsichtig
sein werden. In unserer Zwischenzeit aber sind die Menschen in der
Mehrzahl auf das angewiesen, was sie mit den Sinnen wahrnehmen und
mit dem Verstande und der Vernunft begreifen. Zwar gibt es auch eine
gewisseHohe der Sinnesanschauung und derVerstandes- und Vernunft-
erkenntnis. Oberall aber gibt es Grade in der Erkenntnis. Der eine wan-
delt in der betreffenden Inkarnation seines Erdendaseins so, daft er nur
weniges einsieht von dem, was Moral ist, daft er nur wenig Mitleid ent-
faltet zu den Mitmenschen: wir nennen ihn einen Menschen auf einer
niederen moralischen Stufe. Oder ein anderer wandelt so durch das
Leben, daft seine intellektuellen Krafte wenig ausgebildet sind: wir
nennen ihn einen Menschen auf einer niederen intellektuellen Stufe.
Wir wissen aber, daft diese intellektuellen Erkenntniskrafte hinauf-
gehen konnen bis zu einer hohen Stufe. Von dem Menschen, der wenig
moralisch und intellektuell ist, bis zu dem Menschen, den wir im Sinne
Fichtes ein «moralisches Genie» nennen und der sich bis zur hochsten
moralischen Phantasie entwickelt, haben wir alle moglichen Zwischen-
stufen; und wir wissen, da/5 wir uns zu dieser Hohe der menschlichen
Vollkommenheit fur die Gegenwart hinaufentwickeln konnen, ohne
hellseherische Krafte zu haben, nur durch die Veredelung derjenigen
Krafte, welche dem gewohnlichen Menschen zur Verfiigung stehen.
Diese Stufen muftten von der Menschheit erst erreicht werden im Laufe
der Erdenentwickelung. Was heute der Mensch schon bis zu einem ge-
wissen Grade durch die eigene Intelligenz erkennt, und auch, was er
durch die eigene moralische Kraft erreicht, namlich daft man mit den
Leiden und Schmerzen des anderen Menschen Mitleid haben soli, das
hatte der Mensch der Urzeit nicht durch sich selbst erringen konnen.
Man kann heute sagen, daft sich der gesunde moralische Sinn des Men-
schen schon zu dieser Einsieht auch ohne Hellsichtigkeit erhebt, und
die Menschen werden sich immer mehr zu der Einsieht erheben konnen,
daft Mitleid die hochste Tugend ist und daft die Menschheit ohne Liebe
nicht weiter vorwartskommen konnte. Man kann sagen: Dies kann
heute der menschliche moralische Sinn erkennen, und er wird sich noch
immer mehr und mehr steigern. Aber man muft zuriickblicken in Zei-
ten, in welchen der moralische Sinn so war, daft er das nicht hat selbst
einsehen konnen.
Es gab Zeiten, in welchen die Menschen nimmermehr hatten selbst
einsehen konnen, daft Mitleid und Liebe zu der hochsten Entwickelung
der menschlichen Seele gehoren konnten. Daher mufiten sich verkor-
pern in Menschengestalten solche geistige Wesenheiten, zu denen auch
zum Beispiel die Bodhisattvas gehoren, die aus hoheren Welten herunter
die Offenbarungen empfingen von der wirkenden Kraft des Mitleides,
von der wirkenden Kraft der Liebe, und welche den Menschen zu sagen
vermochten, wie sie sich zu verhalten hatten in Mitleid und Liebe, weil
die Menschen noch nicht reif waren, um aus ihren eigenen Kraften her-
aus das einzusehen. Was die Menschen heute aus eigener Kraft heraus
als die hohe Tugend des Mitleides und der Liebe erkennen, wozu der
moralische Sinn sich erhebt, das mufke durch Epochen und Epochen
aus Himmelshohen gelehrt werden. Und der Lehrer der Liebe und des
Mitleides in jenen Zeiten, als die Menschen selber noch nicht die Ein-
i
sicht in die Natur des Mitleides und der Liebe hatten, war derjenige
Bodhisattva, der sich dann in dem Gautama Buddha zum letzten Male
verkorperte.
So war der Buddha vorher der Bodhisattva, welcher der Lehrer von
Liebe und Mitleid und von alledem war, was damit zusammenhangt.
Er war es durch jene charakterisierten Epochen hindurch, in denen die
Menschen von Natur aus noch in einer gewissen Weise hellsichtig waren.
Er verkorperte sich als Bodhisattva in solchen hellsichtigen Menschen-
leibern. Und als er sich dann als der Buddha verkorperte und in diese
friiheren Verkorperungen hellsichtig hineinblickte - von Inkarnation
zu Inkarnation -, da konnte er sagen, wie sich das Innere der Seele
fiihlte, wenn sie hineinschaute in die Tiefen des Daseins, die hinter dem
Sinnenschein verborgen sind. Diese Fahigkeit hatte er in den friiheren
Verkorperungen, und mit dieser Fahigkeit wurde er geboren innerhalb
des Geschlechtes der Sakya, aus dem der Vater des Gautama, Suddho-
dana, stammte. Damals, als Gautama Buddha geboren wurde, war er
noch der Bodhisattva. Das heilk, er erschien als das Wesen, zu dem er
sich in seinen vorhergehenden Inkarnationen hinaufentwickelt hatte.
Derjenige also, den man gewohnlich den Buddha nennt, wurde ge-
boren durch seinen Vater Suddhodana und seine Mutter Mayadevi als
der Bodhisattva. Aber da er eben als Bodhisattva geboren wurde, hatte
er als Kind in hohem Grade die Fahigkeit der Hellsichtigkeit. Hinein-
zuschauen vermochte er in die Tiefen des Daseins.
Seien wir uns klar, daft das Hineinschauen in die Tiefen des Daseins
im Verlaufe der Menschheitsentwickelung allmahlich ganz besondere
Formen angenommen hat. Die Mission der Menschheitsentwickelung
auf der Erde war es, allmahlich die Gabe des alten dumpfen Hellsehens
zuriicktreten zu lassen; und was als Erbstiick des alten Hellsehens zu-
riickgeblieben war, das waren daher nicht die besten Teile dieses alten
Hellsehens. Diese besten Teile sind zuerst verlorengegangen. Was zu-
riickgeblieben war, das war vielfach ein niederes Hineinschauen in die
astraleWelt, das war gerade ein Erblicken jener damonischen Gewalten,
die den Menschen in seinen Trieben und Leidenschaften hinunterziehen
in eine niedere Sphare. Wir konnen ja durch die Einweihung hinein-
blicken in die geistige Welt und die Krafte und Wesenheiten sehen, die
mit den schonsten Gedanken und Empfmdungen der Menschheit zu-
sammenhangen; aber wir sehen auch diejenigen geistigen Machte, wel-
che hinter der wiisten Leidenschaft, hinter der wilden Sinnlichkeit und
dem verzehrenden Egoismus stehen. Was im weiten Umkreise fur die
Menschen erhalten geblieben war - nicht bei denEingeweihten,sondern
bei der groften Mehrzahl der Menschen -, das war gerade das Schauen
dieser wilden damonischen Gewalten, die hinter den niederen mensch-
lichen Leidenschaften stehen. Wer iiberhaupt hineinsieht in die geistige
Welt, der kann das alles natiirlich selbst auch schauen. Das hangt von
der Entwickelung der menschlichen Fahigkeiten ab. Der Mensch kann
nicht das eine ohne das andere erreichen.
Der Buddha mulke sich als Bodhisattva natiirlich in einem mensch-
lichen Leibe verkorpern, der so organisiert war, wie menschliche Leiber
damals organisiert waren, in einem Leibe, der ihm die Fahigkeit gab,
tief hinemzuschauen in die astralen Untergriinde des Daseins. Als Kind
schon war er fahig, alles das an astralen Gewalten zu schauen, was der
wilden, stiirmischen Leidenschaft, was der verzehrenden, gierigen Sinn-
lichkeit zugrunde liegt. Man hatte ihn davor bewahrt, die Aufienwelt
in ihrer physischen Verderbtheit und in ihren Qualen und Schmerzen
zu schauen. Im Palaste abgeschlossen, vor allem behiitet, wurde er ver-
zogen und verzartelt, weil man aus den herrschenden Vorurteilen her-
aus ihm das seinem Stande gemafi schuldig zu sein glaubte. Aber durch
dieses Abgeschlossensein kam um so mehr die innere Schaukraft bei
ihm zum Vorschein. Und wahrend er sorgfaltig behiitet wurde und
alles von ihm ferngehalten wurde, was an Krankheit und Schmerzen
erinnert, hatte er in seiner Abgeschlossenheit sein geistiges Auge offen
fur die astralischen Bilder. Ihn umgaukelten da die astralischen Bilder
alles dessen, was den Menschen an wilden Leidenschaften niederziehen
kann.
Wer mit dem geistigen Auge, wer mit wirklicher Esoterik die, wenn
auch exoterisch, aufbewahrt gebliebene Biographie des Buddha zu lesen
vermag, der wird das selbst ahnen, wenn ihm mitgeteilt wird, was jetzt
gesagt worden ist. Denn das mufi betont werden: Man kann vieles aus
den exoterischen Berichten nicht verstehen, wenn man nicht in die eso-
terischen Untergriinde eindringen kann. Und was man am wenigsten
aus den exoterischen Berichten verstehen kann, das ist das Buddha-
Leben. Es mul5 einem eigentlich sonderbar erscheinen, wenn die Orien-
talisten und andere, die sich mit dem Buddha-Leben befassen, darin
beschrieben finden, dafi der Buddha in seinem Palaste umgeben war
mit «vierzigtausend Tanzerinnen und vierundachtzigtausend Frauen».
Das verzeichnen heute schon die Biicher, die man fur ein paar Pfennige
kaufen kann; aber man merkt, daft die Schreiber nicht sonderlich
erstaunt sind iiber einen Harem von vierzigtausend Tanzerinnen und
vierundachtzigtausend Frauen. Was heifk das? Die Leute wissen nicht,
daft damit auf etwas hingewiesen wird, was der Buddha in vollem
Mafte,wie es nur auf ein menschliches Herz ausgeschuttet werden kann,
durch das astralische Schauen erlebte: wie er von Kindheit an zwar
nicht erlebte, was drauften an Leiden und Schmerzen in der physischen
Menschenwelt vorging, denn davor war er zunachst behiitet, wie er
aber das alles als geistige Wirksamkeiten in der geistigen Welt schaute.
Er schaute es, weil er hineingeboren war in einen Leib, wie er aus der
damaligen Zeit geboren werden konnte, und er war von Anfang an
gefeit und gekraftigt und erhoben iiber alles, was da an den furchtbar-
sten Gaukelbildern ihn umgab, weil er in seinen friiheren Inkarnationen
sich bis zur Hohe des Bodhisattva erhoben hatte. Weil er aber als die
Individuality des Bodhisattva in dieser menschlichen Inkarnation
lebte, drangte es ihn hinaus, urn dasjenige zu sehen, worauf ihn jedes
einzelne Bild dieser astralischen Welt, wie sie ihn im Palaste umgab,
hinwies. Jedes einzelne Bild drangte ihn gleichsam hinaus, die Welt zu
sehen, sozusagen sein Gefangnis zu verlassen. Das war die treibende
Kraft in seiner Seele. Denn in ihm lebte als Bodhisattva eine hohe
Geisteskraft. Gerade diejenige Geisteskraft lebte in ihm, welche mit
der Mission zusammenhangt, der Menschheit zu lehren die ganze Kraft
von Mitleid und Liebe und alledem, was damit zusammenhangt. Dazu
mulke er selbst diese Menschheit in der Welt kennenlernen, er mulke
sie in der Welt sehen, in welcher sie eben aus dem moralischen Sinn
heraus die Lehre von Mitleid und von der Liebe erleben kann. Er mufke
die Menschheit in der physischen Welt kennenlernen. Er muftte hinauf-
steigen vom Bodhisattva zum Buddha, ein Mensch unter Menschen.
Das konnte er nur, wenn er sich von alledem abwendete, was ihm an
Fahigkeiten aus den friiheren Inkarnationen geblieben war, wenn er
hinausging auf den physischen Plan, um dort mit den Menschen so zu
leben, daft er innerhalb dieser Menschheit ein Musterbeispiel, ein Ideal,
ein Vorbild eben darstellte fur die Entwickelung dieser charakterisier-
ten besonderen Eigenschaften.
Um in diesem Sinne von einem Bodhisattva zu einem Buddha
zu werden, sind naturlich mancherlei Entwickelungs-Zwischenstufen
notig. Das macht sich nicht von heute auf morgen. Heraus drangte es
ihn aus dem Konigspalast. Und der Bericht sagt uns, dafi er draufien,
als er einmal gleichsam «ausbrach» aus seinem Palastgefangnis, einen
alten Mann fand, einen Greis. Er war bisher nur umgeben worden
von den Bildern der Jugend, er hatte glauben sollen, daft es nur die
strotzende Kraft der Jugend gibt. Nun hatte er das, was sich auf dem
physischen Plan als Alter darstellt, in dem Greise kennengelernt. Und
weiter lernte er jetzt einen kranken Menschen kennen, und dann lernte
er einen Leichnam kennen, das heiflt also den Tod auf dem physischen
Plan. Das alles trat jetzt, wo er den physischen Plan wirklich ins Auge
fassen konnte, vor seiner Seele auf.
Sehr bezeichnend fiir das, was der Buddha eigentlich ist, wird jetzt
in dieser Legende, die hier wiederum wahrer ist als irgendeine aufiere
Wissenschaft, gesagt: Als er hinausfuhr aus dem koniglichen Palast, da
wurde er von einem Pferde gefahren, das sich so dariiber gramte, dafi
er jetzt alles verlassen wollte, in das er hineingeboren war, dafi es aus
Gram dariiber starb und dafi es dann versetzt wurde als eine geistige
Wesenheit in die geistige Welt hinauf. — In diesem Bilde driickt sich eine
tiefe Wahrheit aus. Es wiirde heute zu weit fiihren, wenn ich ausfuhr-
lich auseinandersetzen wollte, warum gerade das Pf erd verwendet wird
fur eine menschliche Geisteskraft. Ich erinnere nur an Plato, der von
einem Pferde spricht, das er an einem Ziigel halt, als er ein Bild ge-
brauchen will fur gewisse menschliche Fahigkeiten, die noch von oben
gegeben sind, die nicht aus dem eigenen Innern des Menschen entwickelt
worden sind. Als der Buddha aus dem Konigspalast heraustritt, da lafit
er die Fahigkeiten, die sich nicht aus dem Innern der Seele selber ent-
wickelt haben, hinter sich. Sie lafit er in den geistigen Welten, aus denen
heraus sie ihn immer geleitet haben. Das wird in dem Pferd angedeutet,
das aus Gram stirbt, als er es verlafit, und das dann in die geistige Welt
versetzt wird.
Aber nach und nach nur kann der Buddha das werden, was er in sei-
ner letzten Inkarnation auf der Erde werden sollte. Er mufi ja erst auf
dem physischen Plan kennenlernen, was er als Bodhisattva nur aus der
geistigen Anschauung kennengelernt hat. Da lernt er zuerst zwei Lehrer
kennen. Der eine ist ein Vertreter jener altindischen Weltanschauung,
die man als die Sankhya-Philosophie bezeichnet, und der andere ist ein
Vertreter der Yoga-Philosophie. Diese beiden lernt der Buddha kennen
und vertieft sich in das, was sie ihm darzubieten vermogen. Er lebt
darinnen. Denn wenn man selbst ein noch so hohes Wesen ist, so mufi
man sich doch in das Aufiere, was die Menschheit sich erobert hat, erst
hineinfinden. Wenn es ein Bodhisattva auch schneller lernen kann, er
mufi es doch erst lernen. Der Bodhisattva, der etwa fiinf oder sechs
Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung gelebt hat, mufite doch, wenn
er heute geboren wiirde - so, wie die Kinder in der Schule lernen -,
erst das nachholen, was sich mittlerweile auf der Erde zugetragen hat,
wahrend er in Himmelshohen gelebt hat. So mufite der Buddha auch
dasjenige, was sich seit seiner letzten Inkarnation zugetragen hatte,
kennenlernen.
Und er lernte die Sankhya-Philosophie von dem einen der Lehrer,
die Yoga-Philosophie von dem anderen der Lehrer kennen. Da konnte
er zuerst einen Blick gewinnen in die Weltanschauungen, die fiir viele
damals die Lebensratsel losten, und konnte lernen, wie es einer Seele
war, wenn sie diese Weltanschauungen auf sich wirken liefS.
In der Sankhya-Philosophie hatte er eine fein-logische philosophi-
sche Anschauung iiber die Welt aufnehmen konnen. Aber je mehr er
sich in sie hineinlebte, desto weniger geniigte sie ihm. Sie war zuletzt
wie ein Gespinst, entbehrte des lebendigen Lebens. Er spiirte, dafi er die
Quellen fiir das, was er in dieser Inkarnation zu tun hatte, anderswo
her nehmen mulke als aus dieser traditionellen Sankhya-Philosophie.
Das andere war die Yoga-Philosophie des Patanjali, die durch ge-
wisse innere Seelenvorgange die Verbindung mit dem Gottlichen suchte.
So vertiefte er sich auch in die Yoga-Philosophie, nahm sie auf, machte
sie zu einem Teil seines Wesens. Aber auch sie liefi ihn unbefriedigt,
denn er sah ein, sie ist etwas, was sich von alten Zeiten her fortge-
pflanzt hat; aber die Menschen mufken zu anderen Fahigkeiten kom-
men, sie mufken in sich zu einer moralischen Entwickelung kommen.
Nachdem Buddha die Yoga-Philosophie in der eigenen Seele gepriift
hatte, sah er, dafi sie nicht die Quelle fiir seine Mission damals sein
konnte.
Darauf kam er in dieUmgebung von fiinf Einsiedlern. Sie hatten auf
dem Wege strengster Selbstzucht unter Kasteiungen und Entbehrungen
zu den Geheimnissen des Daseins vorzudringen gesucht. Auch diesen
Weg versuchte der Buddha, aber auch von ihm sagte er sich, dafi er ihm
die Quelle fiir seine Mission in dieser Zeit nicht sein konnte. Er machte
eine Zeitlang alle die Entbehrungen und Kasteiungen durch, wie es die
Monche taten. Er hungerte wie sie, um die Gier vom menschlichen
Leben zu entfernen und dadurch tiefere Krafte heraufzurufen, die
gerade dann heraufdringen, wenn der Leib durch Fasten geschwacht
ist, und die dann aus den Tiefen des menschlichen Leiblichen rasch
hineinfuhren konnen in die geistige Welt. Aber gerade weil der Buddha
seine Entwickelungsstufe erlangt hatte, sah er das Vergebliche dieses
Kasteiens, des Fastens und des Hungerns ein. Er hatte ja, weil er der
Bodhisattva war, durch seine Entwickelung in den fniheren Inkarna-
tionen diesen menschlichen Leib der damaligen Zeit bis zu der hochsten
Hohe der Entwickelung bringen konnen, bis zu der ein Mensch damals
kommen konnte. Daher konnte auch der Buddha das erleben, was ein
Mensch erleben mufi,wenn er gerade diesenWeg in die geistigen Hohen
durchmacht.
Wer bis zu einem gewissen Grade der Sankhya- oder der Yoga-
Philosophie hinaufdringt, ohne das entwickelt zu haben, was der
Buddha vorher durchgemacht hatte, wer hinaufdringen will in die
reinen Hohen des gottlichen Geistes durch das logische Denken, ohne
zuerst den moralischen Sinn im Sinne des Buddha erlangt zu haben, der
steht dann vor jener Versuchung, die der Buddha in einer probeweisen
Versuchung durchgemacht hat und die uns als die Versuchung durch
den Damon Mara angedeutet wird. Da kommt der Mensch dahin, wo
alleTeufel des Hochmutes, der Eitelkeit, des Ehrgeizes ihn durchsetzen.
Das lernte der Buddha kennen. Die Gestalt des Mara, der Eitelkeit und
des Ehrgeizes, stand vor ihm. Aber weil er auf dieser hohen Stufe eines
Bodhisattva war, so erkannte er ihn und war gefeit gegen ihn. Und er
wufke sich zu sagen: Wenn sich die Menschen auf dem alten Wege
weiterentwickeln, ohne den neuen Einschlag in der Lehre der Liebe und
des Mitleides, ohne diesen selbsttatigen moralischen Sinn zu erhalten,
dann mussen sie, da sie nicht alle Bodhisattvas sind, diesem Damon
Mara verfallen, der alle Krafte des Hochmutes und der Eitelkeit in die
Seelen senkt. Das ist das, was der Buddha in sich selber erlebte, als er
bis in die letzten Konsequenzen die Sankhya- und die Yoga-Philosophie
durchmachte.
Dann aber, als er bei den Monchen war, hatte er ein anderes Erleb-
nis. Da erlebte er, dafi der Damon eine andere Gestalt annahm, die
dadurch charakterisiert ist, dafi er dem Menschen alien aufieren phy-
sischen Besitz, sozusagen die «Reiche der Welt und ihre Herrlichkeiten»
zeigt, um den Menschen abzulenken von dem, was die geistige Welt ist.
Gerade daft man auf dem Wege der Kasteiung dieser Versuchung ver-
fallt, das erlebte der Buddha, als ihm der Damon Mara entgegentrat
und ihm sagte: «Lasse dich nicht verfiihren, alles zu verlassen, was du
als Konigssohn gehabt hast, gehe zuriick in den K6nigspalast!» Ein
anderer ware dem unterlegen, was sich ihm da zeigte, aber der Buddha
war so weit,dafi er denVersucher durchschauen konnte. Erleben konnte
er, was iiber die Menschheit kommen wiirde, wenn sie so weiterleben
wiirde wie bisher und nur auf dem Wege des Fastens und Hungerns den
Weg zum Geistigen hinauf durchmachen wollte. Er selbst war dagegen
gefeit und konnte daher auch jetzt die grofie Gefahr vor die Menschen
hinstellen, die kommen wiirde, wenn die Menschen ohne die grofte
Grundlage des selbsttatigen moralischen Sinnes nur durch Fasten und
aufiere Mittel in die geistige Welt eindringen wollten.
So war der Buddha als Bodhisattva noch vorgedrungen bis zu jenen
zwei Grenzpunkten der menschlichen Entwickelung, die der Mensch
eben, weil er nicht ein Bodhisattva ist, am besten ganz vermeiden soil.
Obersetzen wir uns das in eine gewohnliche Menschensprache, so kon-
nen wir sagen: Das hochste Wissen ist herrlich, das hochste Wissen ist
schon, aber nahere dich diesem Wissen mit reinem Herzen, mit edlem
Sinn, mit einem gelauterten Gemiit, sonst wird der Teufel des Hoch-
mutes, der Eitelkeit und des Ehrgeizes iiber dich kommen. - Und die
andere Lehre ist: Suche nicht auf irgendeinem aufteren Wege, durch
Kasteiungen oder Fasten in die geistige Welt hineinzukommen, bevor
du deinen sittlichen Sinn in der entsprechenden Weise gereinigt hast,
sonst wird der Versucher von der andern Seite an dich herantreten. -
Das sind die beiden Lehren, die uns von dem Buddha in unsere Zeit
hereinleuchten. So sagt uns der Buddha, als er noch Bodhisattva war,
dasjenige, was im eminenten Sinne zu seiner Mission gehort. Denn die-
sen moralischen Sinn der Menschheit zu bringen, als die Menschen noch
nicht fahig waren, ihn aus ihrem Herzen heraus zu entwickeln, das war
immer seine Mission. Daher verlieft er, als er die Gefahr des Asketen-
tums fiir die Menschheit kennengelernt hatte, die fiinf Einsiedler und
ging dahin, wo er in einem fur unsere heutige Zeit gem'afien inneren
Versenken in diejenigen Fahigkeiten der menschlichen Natur, die aus-
gebildet werden konnen ohne die alte Hellsichtigkeit, ohne das, was als
ein Erbstiick von friiher uberkommen ist, das Hochste leisten konnte,
was die Menschheit gerade durch diese Fahigkeiten jemals wird leisten
konnen.
Unter dem Bodhibaume, im neunundzwanzigsten Jahre seines Le-
bens, nachdem der Buddha den Weg einseitiger Askese verlassen hatte,
gingen ihm dann in siebentagiger Betrachtung die grofien Wahrheiten
auf, die dem Menschen aufgehen, wenn er in stiller, innererVersenkung
dasjenige zu finden sucht, was ihm die jetzigen menschlichen Fahig-
keiten geben konnen. Da gingen ihm auf die grofien Lehren, die er
gelehrt hat in den sogenannten vier Wahrheiten, und jene grofte Lehre
des Mitleides und der Liebe, die er gelehrt hat in dem achtgliedrigen
Pfade. Diese Lehren des Buddha werden uns noch zu beschaftigen
haben. Wir wollen uns heute damit begniigen, daft diese Lehren eine
Umschreibung des moralischen Sinnes der reinsten Lehre vom Mitleid
und von der Liebe sind. Damals sind sie aufgetreten, als unter dem
Bodhibaume der Bodhisattva Indiens vom Bodhisattva zum Buddha
wurde. Damals sind die Lehren vom Mitleid und der Liebe zum ersten
Male in der Menschheit als eigene menschliche Fahigkeit aufgegangen,
und seit jenerZeit sind die Menschen imstande, aus sich selbst heraus die
Lehre vom Mitleid und der Liebe zu entwickeln. Das ist das Wesent-
liche. Deshalb sagte der Buddha zu seinen intimen Schulern noch kurze
Zeit vor seinem Tode: Trauert nicht darum, daft der Meister euch ver-
lafit. Ich lasse euch etwas zuriick. Ich lasse euch zuriick das Gesetz der
Weisheit und das Gesetz der Disziplin; die sollen euch kiinftig den
Meister ersetzen. - Das heifit nichts anderes als: Bisher hat euch der
Bodhisattva gelehrt, was darinnen ausgedriickt ist; jetzt darf er, nach-
dem er seine Inkarnation auf der Erde erreicht hat, sich zuriickziehen.
Denn die Menschheit wird das, was ihr friiher von einem Bodhisattva
gelehrt worden ist, in das eigene Herz gesenkt haben und wird es aus
dem eigenen Herzen heraus entwickeln konnen als die Religion vom
Mitleid und der Liebe. - Das hat sich zugetragen, als in siebentagiger
innerer Betrachtung der Bodhisattva zu dem Buddha wurde im alten
Indien. Das war es auch, was er in den verschiedensten Formen seinen
Zoglingen, die um ihn herum waren, lehren konnte. In welche Formen
er das gegossen hat, das wird uns noch beschaftigen.
Wir mulken heute zuritckschauen auf das, was sechs Jahrhunderte
vor unserer Zeitrechnung sich zugetragen hat, weil wir, wenn wir nicht
an der Hand der Akasha-Chronik die Entwickelung von den Ereig-
nissen in Palastina bis zu der Predigt von Benares zuriickverfolgen
wiirden, den Weg des Christentums nicht verstehen wiirden, vor allem
nicht denjenigen verstehen wiirden, der diesen Weg so eminent geschil-
dert hat : den Schreiber des Lukas-Evangeliums. Seitdem der Bodhisattva
zum Buddha geworden ist, brauchte er nicht mehr auf die Erde zuriick-
zukehren; seitdem war er eine geistige Wesenheit, die in den geistigen
Welten schwebt und von dort aus in alles einzugreifen hatte, was auf
der Erde geschah. Und als das wichtigste Ereignis auf der Erde vor-
bereitet wurde und die Hirten auf dem Felde waren, da erschien ihnen
eine Individuality aus den geistigen Hohen und verkiindete ihnen das,
was eben im Lukas-Evangelium geschildert wird: Und hinzu traten zu
dem Engel «himmlische Heerscharen». Wer war das?
Was hier den Hirten im Bilde entgegentrat, das war der verklarte
Buddha, der Bodhisattva der alten Zeiten, dasjenige Wesen in seiner
geistigen Gestalt, das durch Jahrtausende und Jahrtausende den Men-
schen die Botschaft der Liebe und des Mitleides gebracht hatte. Jetzt,
nachdem es seine letzte Inkarnation auf der Erde hinter sich hatte,
schwebte es in geistigen Hohen und erschien in Himmelshohen den
Hirten neben dem Engel, der ihnen das Ereignis von Palastina vorher-
verkiindete.
So lehrt uns die geistige Forschung. Sie zeigt uns schwebend iiber
den Hirten den verklarten Bodhisattva aus den alten Zeiten. Ja, es war
so gekommen - das lehrt uns die Akasha-Forschung -, dafi in Palastina
in der «Stadt Davids» von einem Elternpaare, das aus der priesterlichen
Linie des Hauses David stammte, ein Kind geboren wurde. Dieses
Kind - ich erwahne das ausdrucklich — , das da von einem Elternpaar
geboren wurde, das, wenigstens dem Vater nach, aus der priesterlichen
Linie des Hauses David stammte, dieses Kind war dazu ausersehen, daft
es iiberleuchtet und durchkraftet wurde von seiner Geburt an von dem,
was von dem Buddha ausstrahlen konnte, nachdem er in Geisteshohen
erhoben worden war. So blicken wir mit den Hirten hin auf dieKrippe,
wo der Jesus von Nazareth, wie man ihn gewohnlich nennt, geboren
worden ist; wir blicken hin und sehen iiber dem Kindlein den Glorien-
schein von Anfang an und wissen, dafi in diesem Bilde sich ausdriickt
die Kraft des Bodhisattva, der der Buddha geworden ist, die Kraft,
welche vordem den Menschen zugestromt ist und welche jetzt von den
geistigen Hohen aus auf die Menschheit wirkte und die grofite Tat ent-
faltete, als sie das bethlehemitische Kindlein uberstrahlte, damit es sich
in der entsprechenden Weise einreihen konnte in die Menschheitsent-
wickelung.
Damals, als diese Individualist, die jetzt aus geistigen Hohen ihre
Kraft herunterstrahlte auf dieses Kind des davidischen Elternpaares,
im alten Indien geboren wurde, das heifk, als der Buddha ak Bodhi-
sattva geboren wurde, erschaute ein Weiser die ganze Gewalt dessen,
was wir heute geschildert haben. Und was er zuerst in den geistigen
Welten erschaut hatte, das veranlafite den Weisen - Asita hiefi er -, in
den Palast des Konigs hineinzugehen und das Bodhisattva-Kindlein
aufzusuchen. Als er das Kindlein sah, sagte er seine gewaltige Mission
als Buddha voraus. Asita sagte damals zur Bestiirzung des Vaters vor-
aus, dafi das Kindlein nicht regieren werde iiber das Reich seines Vaters,
sondern daft es ein Buddha werden wiirde. Dann aber fing er an zu
weinen; und als er gefragt wurde, ob denn dem Kindlein ein Ungliick
bevorstiinde, antwortete Asita: «Nein! Ich weine, weil ich so alt bin,
daft ich den Tag nicht mehr erleben kann, da dieser Heiland, der Bodhi-
sattva, als Buddha auf der Erde wandeln wird!» Asita hat das Buddha-
Werden des Bodhisattva damals nicht mehr erlebt, sein Weinen war
also von seinem damaligen Standpunkte aus nur zu berechtigt. - Jener
Asita, der damals den Bodhisattva nur als Kindlein im Palaste des
Suddhodana gesehen hatte, er wurde wiedergeboren als jene Personlich-
keit, die uns im Lukas-Evangelium bei der «Darstellung im Tempel»
als der Simeon geschildert wird (Lukas 2,25-35). Simeon, so heifit es
im Lukas-Evangelium, war «vom Geiste beseelt», als ihm das Kindlein
gebracht wurde. Das war derselbe, der als Asita einst geweint hatte,
weil er in seiner damaligen Inkarnation nicht mehr das Buddha- Werden
des Bodhisattva erleben konnte. Jetzt war es ihm beschieden, die wei-
tere Entwickelungsstufe dieser Individuality zu erleben. Und nachdem
er dazumal «mit dem Geiste begabt» war, konnte er bei der Darstellung
des Kindleins im Tempel den Glorienschein des verklarten Bodhisattva
sehen iiber dem Jesuskindlein aus dem davidischen Geschlecht. Da sagte
er sich: Jetzt brauchst du nicht mehr zu weinen; was du damals nicht
gesehen hast, jetzt siehst du es, jetzt siehst du deinen Heiland verklart
iiber diesem Kindlein: «Herr, lafi deinen Diener in Frieden sterben.»
DRITTER VORTRAG
Basel, 17. September 1909
Wer das Lukas-Evangelium auf sich wirken laftt, der wird alles, was in
demselben liegt, allerdings zunachst nur fiihlen,nur empfinden konnen.
Er wird aber dann eine Ahnung bekommen, daft wirklich grofte, ge-
waltige geistige Welten aus diesem Lukas-Evangelium ihm entgegen-
stromen. Und nach dem, was wir gestern gehort haben, wird es uns
erklarlich erscheinen, daft dieses so ist. Denn wir haben gesehen, daft
uns die geistige Forschung zeigt, wie die buddhistische Weltanschauung
mit allem, was sie der Menschheit zu geben hatte, eingeflossen ist in das
Lukas-Evangelium. Man kann wohl sagen: Es ist Buddhismus, der aus
dem Lukas-Evangelium auf den Menschen herausstromt. Aber dieser
Buddhismus stromt doch in einer ganz eigenartigen Form aus dieser
Urkunde heraus. Er stromt so heraus, daft er, wie wir auch schon an-
gedeutet haben, in der Form, wie er darinnen ist, fur das einfaltigste,
naivste Gemiit verstandlich ist.
Wie wir schon aus den gestrigen Auseinandersetzungen entnehmen
konnten und wie es uns heute noch besonders klar werden wird, ist der
Buddhismus als solcher, wie er als Lehre des groften Buddha in die Welt
getreten ist, eine Weltanschauung, die nur derjenige verstehen kann,
der sich bis zu gewissen hohen Ideen, bis zu den reinen Xtherhohen des
Geistes hinaufschwingt. Und um den Buddhismus selbst zu verstehen,
dazu gehort viel Vorbereitung. Im Lukas-Evangelium ist die eigentliche
geistige Substanz so enthalten, daft sie in einer gewissen Weise auf jedes
Gemiit wirken kann, das iiberhaupt verstehen gelernt hat, die not-
wendigsten menschlichen Vorstellungen und Begriffe in sein Herz ein-
fliefien zu lassen. Warum dies so ist, das wird uns erklarlich werden,
wenn wir das Geheimnis des Lukas-Evangeliums ergriinden werden.
Aber nicht nur, daft uns die geistigen Errungenschaf ten des Buddhismus
aus dem Lukas-Evangelium entgegenstromen, sondern sie stromen uns
in einer noch erhohteren Form entgegen, wie hinaufgehoben auf eine
noch hohere Stufe, als sie damals hatten, da sie fast sechshundert Jahre
vor unserer Zeitrechnung im fernen Indien der Menschheit geschenkt
worden sind. Nur an ein paar Beispielen soil uns einmal vor die Seele
treten, worin diese Erhohung des Buddhismus besteht.
Wir haben gestern den Buddhismus die reinste Lehre des Mitleides
und der Liebe genannt. Und in der Tat, von dem Punkte der Welt aus,
wo Buddha gewirkt hat, stromt ein Evangelium der Liebe und des Mit-
leides auf alle Wesen der Erde aus. Das Evangelium der Liebe, das
Evangelium des Mitleides, es erscheint uns in dem echten, wahren
Buddhisten lebend, wenn sein warmes Herz mitempfindet mit allem
Leid, das ihm in der Aufienwelt bei allem, was lebt, entgegentritt. Da
tritt uns zunachst die buddhistische Liebe, das buddhistische Mitleid
im vollsten Sinne des Wortes entgegen. Aber wir sehen, dafi uns aus
dem Lukas-Evangelium etwas entgegenstromt, was noch mehr ist als
dies umfassende Mitleid, als diese umfassende Liebe. Wir konnten das,
was uns da entgegenstromt, etwa bezeichnen als die Umsetzung des
Mitleides und der Liebe in die der Seele notwendige Tat. Mitleid im
eminentesten Sinne des Wortes will der Buddhist; zugreifende Liebe
entfalten will der, welcher im Sinne des Lukas-Evangeliums lebt. Mit
dem Kranken den Schmerz mitempfinden kann der Buddhist; die Auf-
forderung, tatig zuzugreifen und zur Heilung zu bewirken, was er
vermag, finder der Mensch aus dem Lukas-Evangelium heraus. Alles
zu verstehen, was die Menschenseele belebt, das findet der Mensch aus
dem Buddhismus heraus; nicht zu richten, mehr zu tun als uns selbst
getan wird, das geht als eine merkwiirdige Forderung aus dem Lukas-
Evangelium hervor. Mehr zu geben, als man empfangt! Die Liebe,
umgewandelt in Tat, das ist etwas, was uns wie eine Erhohung noch
erscheinen mufi, trotzdem wir im Lukas-Evangelium den reinsten, den
echtesten Buddhismus haben.
Um diese Seite des Christentums, des durch das Christentum noch
hoher heraufgehobenen Buddhismus, zu schildern, dazu bedurfte es
des Herzens eben gerade des Schreibers des Lukas-Evangeliums. Den
Christus Jesus als den Leibes- und Seelenarzt zu begreifen, war dem
Schreiber des Lukas-Evangeliums am ehesten moglich. Dazu fand er
die tief zum Herzen sprechenden Tone, weil er selbst als Arzt gewirkt
hat und vom Standpunkt des Leibes- und Seelenarztes aufgezeichnet
und betont hat, was er iiber den Christus Jesus zu sagen hatte. Das wird
uns immer mehr und mehr entgegentreten, wenn wir in die Tiefen des
Lukas-Evangeliums untertauchen.
Aber noch etwas anderes fallt uns auf, wenn wir insbesondere den
Blick darauf richten, wie dieses Lukas-Evangelium nach der bereits ge-
gebenen Anschauung selbst auf das kindlichste Gemiit wirkt. Das fallt
uns auf, dafi die hohe buddhistische Lehre, die nur gereifte Intelligenz,
gereiftes menschliches Seelenvermogen zu begreifen vermag, uns im
Lukas-Evangelium wie verjiingt erscheint, wie aus einem Jungborn neu
geboren. Wie eine Frucht am Menschheitsbaume erscheint uns der
Buddhismus. Wenn wir ihn wiederschauen im Lukas-Evangelium, so
erscheint er uns als die jugendliche Bliite, als eine Verjiingung dessen,
was vorher da war. Daher miissen wir also fragen: Wie ist diese Ver-
jungung des Buddhismus zustande gekommen? Das aber werden wir
erst einsehen, wenn wir einen genauen Blick auf die Lehren des grofien
Buddha selber richten und zunachst einmal mit unserer anthroposophi-
schen Vorbereitung vor unser geistiges Auge fiihren, was des Buddha
Seele bewegt hat.
Halten wir zunachst daran fest, daft der Buddha aus dem Bodhisatt-
va geworden ist, das heilk aus einer hohenWesenheit,die hineinschauen
konnte in die Geheimnisse des Daseins. Dadurch, daft der Buddha ein
Bodhisattva war, war er einTeilnehmer alles dessen, was in der Mensch-
heitsentwickelung vorging durch die alten Zeiten hindurch. Als die
Menschheit in der nachatlantischen Zeit auftauchte, um die erste nach-
atlantische Kulturentwickelung zu begriinden und sie spater fortzuset-
zen,da war der Buddha als Bodhisattva schon dabei und vermittelte fur
die Menschen aus den geistigen Welten herunter das, was gestern ange-
deutet worden ist. Auch in den atlantischen Zeiten war er schon dabei,
sogar in den lemurischen Zeiten schon. Und weil er auf eine so hohe
Stufe der Entwickelung gekommen war, konnte er sich auch wahrend
seines Bodhisattva-Daseins in den neunundzwanzig Jahren seit seiner
letzten Geburt, bevor er der Buddha wurde, nach und nach an alles
erinnern, an alle die Gemeinschaften,die er friiher durchgemacht hatte,
bevor er sich in Indien zum letzten Male verkorpert hatte. Er konnte
zuriickschauen auf sein Mitwirken in der Menschheit, auf sein Dasein
in den gottlich-geistigen Welten, um aus deren Mitte herunterzutragen,
was er den Menschen zu bringen hatte. Schon gestern wurde angedeu-
tet, daft auch eine so hohe Individualitat, wenn auch kurz, noch einmal
das durchzumachen hat, was sie schon einmal gelernt hat. So schildert
uns auch der Buddha, wie er wahrend seiner Bodhisattva-Zeit all-
mahlich hinaufdrang, bis sich seine geistige Anschauung, seine geistige
Erleuchtung immer vollkommener und vollkommener gestaltete.
Es wird uns gesagt, wie er seinen Bekennern das schilderte. So sagte
er ihnen, um den Weg zu schildern, welchen seine Seele durchgemacht
hatte, um sich nach und nach wieder an das zu erinnern, was sie durch
die Vorzeiten hindurch erlebt hatte: Es gab eine Zeit fur mich, ihr
Monche, da erschien es mir aus der geistigen Welt wie ein allumfassen-
der Lichtglanz; aber ich konnte darin noch nichts unterscheiden, keine
Gestalten, keine Bilder; meine Erleuchtung war noch nicht rein genug.
Dann fing ich an, nicht nur das Licht, sondern innerhalb des Lichtes
einzelne Bilder und einzelne Gestalten zu schauen, aber ich konnte
noch nicht unterscheiden, was diese Gestalten und Bilder bedeuteten;
meine Erleuchtung war noch nicht rein genug. Dann fing ich an zu er-
kennen, dafi sich in diesen Bildern und Gestalten geistige Wesenheiten
ausdrikkten, aber ich konnte noch nicht unterscheiden, welchen Reichen
der geistigen Welt diese Wesenheiten angehorten; meine Erleuchtung
war noch nicht rein genug. Dann lernte ich erkennen, welchen ver-
schiedenen Reichen der geistigen Welt diese einzelnen geistigen Wesen-
heiten angehorten, aber ich konnte noch nicht unterscheiden, durch
welche Taten sie sich ihren Platz in den geistigen Reichen erobert hat-
ten und welches ihre Gemiitszustande waren; denn meine Erleuchtung
war nicht rein genug. Dann kam fur mich die Zeit, da konnte ich unter-
scheiden, welche Taten diese geistigen Wesenheiten in diese Reiche ver-
setzt hatten und welches ihre Gemiitszustande waren; aber ich konnte
noch nicht unterscheiden, mit welchen geistigen Wesenheiten ich selbst
in fruheren Zeiten zusammengelebt hatte und wie ich selber mit ihnen
zu tun hatte, denn meine Erleuchtung war noch nicht rein genug. Dann
kam die Zeit, wo ich wissen konnte, ich war mit diesen und jenen We-
senheiten in dieser und jener Epoche zusammen und hatte dieses oder
jenes mit ihnen zu tun; ich wuftte, wie meine Vorleben waren: jetzt
war meine Erleuchtung rein.
Damit hatte der Buddha seinen Bekennern angedeutet, wie er sich
allmahlich hinaufgearbeitet hatte zu einem Erkennen, das er zwar
friiher schon hatte, das man sich aber in jeder Inkarnation nach den
Bedingungen der Zeitepoche neu erwerben mufi, das er sich aber nun-
mehr wieder so hatte erwerben miissen, wie es seinem volligen Herab-
steigen in einen physischen Menschenleib entsprach. Wenn wir dies
nachempfinden, bekommen wir eine Ahnung davon, welche Bedeutung
und welche Grofie jene bedeutsame Individuality hatte, die sich in
dem Konigssohne aus dem Sakya-Geschlecht damals verkorpert hatte.
Was der Buddha auf diese Weise wiedererkennen konnte, und wohinein
er schauen konnte, von dem wufke er aber auch: Das ist eine Welt,
welche die Menschen mit ihrem gewohnlichen Anschauen der unmittel-
baren Gegenwart und nachsten Zukunft wieder verlassen mufken. Nur
Eingeweihte, zu denen ja der Buddha selber gehorte, konnen hinein-
schauen in die geistige Welt; aber fur die normale Menschheit war dazu
die Moglichkeit verlorengegangen. Die Erbstiicke alter hellseherischer
Anschauung waren immer geringer geworden. Da Buddha nicht blofi
von dem zu sprechen hatte, was der Eingeweihte zu sagen hat, sondern
da er vor allem die Mission hatte, den Menschen zu erzahlen von den
Kraften, die aus der eigenen menschlichen Seele herausfliefien sollen,
so konnte er nicht nur hinweisen auf die Ergebnisse seiner Erleuchtung,
sondern er sagte sich: Ich mufi sprechen von dem, wozu die Menschen
kommen konnen, zwar durch eine hohere, aber doch durch eine Ent-
wickelung ihrer eigenen innerenWesenheit, durch Entwickelung dessen,
was in dieser Zeitepoche ist. Nach und nach werden die Menschen im
Laufe der Erdenentwickelung aus ihrer Seele, aus ihrem Herzen heraus
den Inhalt der Lehre des Buddha erkennen als etwas, was ihnen ihre
eigene Vernunft, ihr eigenes Gemiit sagt. Aber es wird noch viel, viel
Zeit hinfliefien miissen, bevor alle Menschen reif werden, um sozusagen
aus der eigenen Seele das hervorzuholen, was der Buddha zuerst wie
eine rein menschliche Erkenntnis ausgesprochen hat. Denn es ist etwas
anderes, in spateren Zeiten gewisse Fahigkeiten zu entwickeln, und
etwas anderes, sie zuerst hervorzuholen aus den tiefen Schachten des
menschlichen Gemiits.
Nehmen Sie dazu ein anderes Beispiel. Heute eignet sich die Regeln
des logischen Denkens der jugendliche Mensch an. Logisch zu denken
gehort heute zu den allgemeinen menschlichen Fahigkeiten, die der
Mensch aus seinem Inneren heraus entwickelt. Damit aber diese Fahig-
keit zuerst aus einer menschlichen Brust kam, dazu gehorte der grofie
Geist des griechischen Denkers Aristoteles. Es ist etwas anderes, zuerst
etwas herauszuholen aus den Schachten des menschlichen Gemiites,
und es herauszuholen, nachdem es sich eine Zeitlang in der Menschheit
entwickelt hatte.
Nun gehort das, was der Buddha den Menschen zu sagen hatte, zu
den grofken Lehren auf lange Epochen hin. Daher gehort auch das
grofie Gemiit eines Bodhisattva, eines so hoch Erleuchteten dazu, um
es zuerst in einem Menschen gegenwartig werden zu lassen. Nur wer im
hochsten Sinne erleuchtet war, konnte zuerst in seiner Seele erstehen
lassen, was nach und nach Allgemeingut der Menschheit werden sollte:
die hohe Lehre des Mitleides und der Liebe und alles dessen, was damit
zusammenhangt. Was der Buddha zu sagen hatte, das mulke er inWorte
kleiden, die der damaligen Menschheit, namentlich seinen Heimat-
genossen, gelaufig waren. Wir haben schon darauf hingedeutet, wie im
alten Indien zur Zeit des Buddha die Sankhya- und die Yoga-Philoso-
phie gelehrt wurden. Sie hatten die gelaufigen Ausdriicke und Begriffe
geliefert; sie waren gang und gabe. Solche gangbaren Ausdriicke mufite
derjenige benutzen, der etwas Neues zu geben hatte; in solche gangr
bare Begriffe mufite der Buddha kleiden, was in seiner Seele lebte.
Allerdings bekamen dann solche Vorstellungen und Begriffe durch ihn
eine ganz neue Gestalt, aber er mufite sich ihrer bedienen, denn alle
Entwickelung mufi so verlaufen, daft das Zukiinftige sich auf das Ver-
gangene griindet. So kleidete der Buddha seine hehre Weisheit in die
gangbaren Ausdriicke der damals gebrauchlichen indischen Lehre.
Aber wir miissen uns doch eine Anschauung von dem verschaffen,
was Buddha damals als seine Lehre, welche die innerste Lehre der
Menschheit werden sollte, unter dem Bodhibaume in der Zeit der sie-
bentagigen Erleuchtung erlebte. Versuchen wir einmal, wenn auch nur
mit annahernden Gedanken, vor unsere Seele hinzustellen, was als der
Gedankenausdruck der tiefsten Seelenerlebnisse durch das Gemiit des
Buddha ging, als er unter dem Bodhibaume erleuchtet war. Da konnte
er sich etwa das Folgende sagen: Es gab alte Zeiten in der Menschheits-
entwickelung, in welchen viele Menschen dumpf, dammerhaft hell-
sichtig waren, und es gab noch altere Zeiten, in denen alle Menschen
hellsichtig waren. Was heifk es denn, dumpf, dammerhaft hellsichtig
sein? Was heifk es iiberhaupt, hellsichtig sein? Hellsichtig sein heifk,
sich der Organe seines atherischen Leibes bedienen konnen. Wenn man
sich nur der Organe seines astralischen Leibes bedienen kann, so kann
man zwar innerlich fiihlen und empfinden, innerlich erleben die tief-
sten Geheimnisse, aber man kann sie nicht schauen. Erst wenn das, was
im astralischen Leibe erlebt wird, sich sozusagen seinen Abdruck ver-
schafft im Atherleibe, kann Hellsichtigkeit eintreten. Auch das alte
dumpfe Hellsehen der Menschheit war dadurch zustande gekommen,
dafi der noch nicht vollstandig in den physischen Leib hineingedrun-
gene Atherleib Organe hatte, derer sich die alte Menschheit noch be-
dienen konnte.Was also hat die Menschheit im Laufe der Zeit verloren?
Sie hat verloren die Fahigkeit, sich der Organe des Atherleibes bedienen
zu konnen. Sie mufke sich nach und nach damit begniigen, sich nur der
aufSeren Organe des physischen Leibes zu bedienen und das, was der
physische Leib vermittelt, dann im astralischen Leibe als Gedanken,
Empfindungen, als Gefuhle, als Vorstellungen zu erleben. Das alles
ging damals als Ausdruck dessen, was er erlebte, durch des Buddha
grofie Seele. Er sagte sich: Also haben die Menschen die Fahigkeit ver-
loren, sich der Organe ihres Atherleibes zu bedienen. Sie erleben in
ihren astralischen Leibern das, was sie von der Auftenwelt erfahren
durch die Werkzeuge ihres physischen Leibes.
Nun konnte sich der Buddha eine bedeutsame Frage stellen: Wenn
das Auge die rote Farbe empfindet, wenn das Ohr irgendeinen Ton
hort, wenn der Geschmackssinn irgendeine Geschmacksempfindung
hat, dann treten unter normalen Verhaltnissen diese Empfindungen an
den Menschen heran und werden seine Vorstellungen, werden inner-
lich im Astralleibe erlebt. Sie konnten, wenn sie nur so erlebt wiirden,
dasjenige, was man Schmerz und Leid nennt, nicht als eine Beigabe im
normalen Zustande haben. Wenn der Mensch sich einfach den Ein-
driicken der Aufienwelt iiberliefSe, wie diese auf seine Sinne wirkt, wie
sie ihm erscheint in ihren Farben und Lichtern, in ihren Tonen und so
weiter, so wiirde er durch die Welt wandeln, ohne daft er von diesen
Eindriicken Schmerz und Leid empfinden konnte. Nur unter gewissen
Bedingungen kann der Mensch Schmerz und Leid empfinden.
Nach diesen Bedingungen, unter welchen der Mensch Schmerz und
Leid, Sorgen und Kummernisse erlebt, forschte daher der grofte Buddha.
Wann werden die Eindrticke der Auftenwelt zu schmerzvollen? Und
warum werden sie es unter gewissen Verhaltnissen?
Da sagte er sich: Wenn wir in die alten Zeiten zuriickblicken, so fin-
den wir, wie auf den Menschen, als er in friiheren Inkarnationen auf
der Erde hinwandelte, von zwei Seiten her Wesenheiten in das Innere
der menschlichen Natur, in den astralischen Leib, hereinwirkten. Da
haben im Laufe der Inkarnationen durch die lemurische und atlan-
tische Zeit hindurch in die menschliche Natur diejenigen Wesenheiten
hereingewirkt, die wir die luziferischen Wesenheiten nennen, so daft
der Mensch im Laufe der Zeiten in seinen astralischen Leib aufgenom-
men hat die Eindriicke und Einfliisse der luziferischen Wesenheiten.
Von der atlantischenZeit an wirkten dann noch diejenigen Wesenheiten
auf den Menschen ein, welche unter der Fiihrung des Ahriman standen.
So hat der Mensch in seinen friiheren Inkarnationen die Einfliisse der
beiden Machte auf sich erfahren, die wir als die luziferischen und die
ahrimanischen Wesenheiten bezeichnen. Hatten diese Wesenheiten nicht
auf den Menschen gewirkt, so hatte sich der Mensch nicht die Freiheit,
nicht die Gabe der Unterscheidung zwischen Gut und Bose und nicht
die freie Willensbestimmung erwerben konnen. Von einem hoheren
Gesichtspunkte aus angesehen, ist es auch gut, daft diese Einfliisse so auf
den Menschen gewirkt haben; aber in gewisser Beziehung haben sie
auch den Menschen aus den gottlich-geistigen Hohen wieder weiter in
das sinnliche Dasein heruntergefiihrt, als er sonst heruntergestiegen
ware. Dadurch hat der Mensch - so konnte sich der grofte Buddha
sagen - gewisse Einfliisse in sich, die heute in ihm sind und die Erb-
stiicke der Einwirkung Luzifers auf der einen Seite und Ahrimans auf
der anderen Seite sind. Die sind ihm aus den friiheren Inkarnationen
geblieben, die tragt er in sich.
Als der Mensch noch vermoge seiner alten dumpfen Hellsichtigkeit
in die geistige Welt hineinblicken konnte, da sah er die Einfliisse Luzi-
fers und Ahrimans und konnte genau unterscheiden: hierher kommt ein
Einflufi Luzifers, hierher kommt ein Einfluft Ahrimans. Und indem er
hineinblickte in die astralische Welt und die luziferischen und ahri-
manischen schadlichen Einfliisse wahrnahm, konnte er sich dariiber
Rechenschaft geben und sich vor ihnen schiitzen. Er wufke auch, wie
er mit diesen Wesenheiten in Beriihrung gekommen ist. Es gab eine
Zeit - so sagte sich Buddha -, in welcher die Menschen gewulk haben,
woher diese Einfliisse kommen, die sie seit alten Zeiten von Inkarna-
tion zu Inkarnation in sich tragen. Aber mit dem alten Hellsehen ist das
Wissen von diesen Machten verlorengegangen, und da die Menschen
die Hellsichtigkeit verloren hatten, so ist auch das Nichtwissen von
dem eingetreten, was auf ihre Seele von Inkarnation zu Inkarnation
eingewirkt hat. An die Stelle des friiheren hellseherischen Wissens ist
das Nichtwissen getreten. Dunkelheit breitet sich iiber den Menschen
aus. Er kann nicht erkennen, woher diese Einfliisse von Luzifer und
Ahriman kommen, aber er tragt sie in sich. Er tragt etwas in sich,
woriiber er nichts weifi. Es ware natiirlich einfaltig, die Realitat und
Wirksamkeit dessen abzuleugnen, was da ist, auch wenn man nichts
davon weifi. Im Menschen wirken die Einfliisse, die sich in ihn hinein-
begeben haben von Inkarnation zu Inkarnation. Sie sind da und wir-
ken das ganze Leben hindurch; nur weift der Mensch nichts davon. -
So sagte sich der grofie Buddha.
Wie wirken diese Einfliisse in dem Menschen? Wenn der Mensch sie
auch nicht erkennen kann, er fiihlt sie, er spiirt sie; es ist eine Kraft in
ihm, die der Ausdruck dessen ist, was also von Inkarnation zu Inkarna-
tion sich fortgelebt hat und hinaufgestiegen ist bis zum gegenwartigen
Dasein. Was die Krafte darstellen, deren eigene Natur der Mensch
nicht erkennen kann, das ist die Begierde nach aufSerem Leben, die
Begierde, in der Welt wahrzunehmen, der Durst nach Leben, das Ver-
langen nach Leben. So wirken die alten luziferischen und die ahri-
manischen Einfliisse im Menschen als der Durst nach Dasein, als die
Begierde nach Dasein. Und dieser Durst nach Dasein geht von Inkar-
nation zu Inkarnation weiter. — Das ist es, was der grofte Buddha sagte;
nur stellte er fur seine intimeren Schiiler genauer dar, worum es sich
handelte.
Wie er darstellte, was er so empfand, das kann man nur verstehen,
wenn man eine gewisseVorbereitungdurch dieTheosophie schon durch-
gemacht hat. Wir wissen ja: Wenn der Mensch stirbt, in dem Moment,
da der Tod eintritt, verlassen sein Ich, sein astralischer Leib und
sein Atherleib den physischen Leib. Dann hat der Mensch eine Zeit
hindurch jenes grofie Erinnerungstableau an das letzte Leben, das ihm
wie in einem gewaltigen Bilde entgegentritt. Dann wissen wir, dafi das
Hauptglied des Atherleibes wie ein zweiter Leichnam abgeworfen wird
und dafi etwas zuriickbleibt wie ein Extrakt, wie eine Essenz des Ather-
leibes. Diesen Extrakt nimmt der Mensch nut durch die Kamaloka-
und Devachanzeit und bringt ihn wieder zuriick in das nachste Dasein.
Wahrend aber der Mensch in Kamaloka ist, schreibt sich in diesen
Lebensextrakt alles ein, was der Mensch an Taten erlebt hat, alles, was
in bezug auf das menschliche Karma wirkt, wofiir er einen Ausgleich
zu schaffen hat. Das alles verbindet sich in einer gewissen Weise mit
diesem Extrakt aus dem Atherleibe, der sich von einer Inkarnation zu
der anderen hinzieht. Alles, was der Mensch aus einer Inkarnation in
die andere tragt, ist in diesem Extrakt des Atherleibes darinnen, und
das bringt sich der Mensch wieder mit, wenn er wieder durch die Ge-
burt ins Dasein tritt. - Die orientalische Literatur ist gewohnt gewor-
den, das, was wir Atherleib nennen, als Linga sharira zu bezeichnen.
So ist es also ein Extrakt aus Linga sharira, was der Mensch von Inkar-
nation zu Inkarnation mitnimmt.
Nun konnte Buddha sagen: Seht einmal hin auf den Menschen, der
geboren ist. Er bringt sich mit in seinem Linga sharira das, was sich aus
den fruheren Inkarnationen abgeladen hat; da ist es eingeschrieben. In
diesem Linga sharira sitzt alles das, wovon der Mensch in dem gegen-
wartigen Menschheitszyklus nichts weifi, woruber sich die Dunkelheit
des Nichtwissens breitet, was sich aber geltend macht, indem der
Mensch ins Dasein hereintritt, als der Durst nach Dasein, als die Be-
gierde zum Leben. In dem, was man Begierde zum Leben nennt, sah
der Buddha alles das, was aus fruheren Inkarnationen stammt und was
den Menschen treibt zu der Sucht, die Welt zu geniefien, nicht nur als
ein Wanderer durch die Farben- und Tonwelt und durch die Welt der
anderen Eindrucke hinzuwandern, sondern diese Welt zu begehren.
Das ist es, was aus den friiheren Inkarnationen her als eine Tendenz,
als eine Kraft in dem Menschen ist. Diese Kraft bezeichnen die Schuler
des Buddha als Samskara. So also sagte der Buddha zu seinen intimen
Schulern: Was fur den gegenwartigen Menschen charakteristisch ist,
das ist das Nichtwissen iiber etwas Wichtiges, was in ihm selber vor-
handen ist. Dieses Nichtwissen verwandelt das, was dem Menschen
sonst entgegentreten wiirde als von den luziferischen und ahrimani-
schen Wesenheiten herruhrend und zu dem er sich sonst in ein Verhalt-
nis setzen konnte, in den Durst nach Dasein, in alle die in ihm schlum-
mernden Krafte, die dunkel im Menschen wiihlen aus friiheren Inkar-
nationen heruber. Das bezeichnete man unter dem Einflufi des grofien
Buddha als das Samskara. Und es bildet sich aus diesem Samskara
heraus, was nun im Menschen sein gegenwartiges Denken ist und was
bewirkt, daft der Mensch in dem gegenwartigen Menschheitszyklus
nicht ohne weiteres objektiv denken kann.
Merken Sie wohl, was fur einen feinen Unterschied der Buddha sei-
nen Schulern klarmachte: den Unterschied zwischen dem objektiven
Denken, das nur die Sache im Auge hat, und demjenigen Denken,
welches unter dem Einflufi der Krafte steht, die aus dem Linga sharira
stammen. Denken Sie dariiber nach, wieviel Sie sich iiber die Dinge
als Ihre Meinungen aneignen; fragen Sie sich aber, wieviel Sie sich von
diesen Meinungen deshalb aneignen, weil sie Ihnen gefallen, und wie-
viel deshalb, weil Sie die Dinge objektiv betrachten! Alles, was man als
Wahrheit sich aneignet, nicht weil man objektiv iiber eine Sache denkt,
sondern weil man die alten Neigungen aus friiheren Inkarnationen
mitgebracht hat, das alles bildet fiir Buddha ein «inneres Denkorgan».
Dieses Denkorgan ist die Gesamtheit dessen, was der Mensch denkt,
weil er in friiheren Inkarnationen diese oder jene Erlebnisse hatte, wel-
che als Ruckstande in seinem Linga sharira geblieben sind. Also eine
Art von innerem Denkorgan, das durch die Gesamtheit des Samskara
gebildet wird, sah der Buddha im Innern des Menschen. Und nun sagte
er: Erst diese Denksubstanz bildet aus dem gegenwartigen Menschen
das, was man seine gegenwartige Individuality nennt, - im Buddhis-
mus «Name und Form» oder Namarupa. Es ist dasselbe, was von einer
andern philosophischen Richtung Ahamkara genannt wird.
So etwa sagte der Buddha zu seinen Schiilern: Als die Menschen in
uralten Zeiten noch Hellsichtigkeit hatten und hineinschauten in die
Welt, die hinter dem physischen Dasein liegt, da sahen sie in einer ge-
wissen Weise alle dasselbe, denn die objektive Welt ist fur alle gleich.
Als aber das Nichtwissen sich iiber die Welt als Dunkelheit breitete,
da brachte sich ein jeder indiyiduelle Anlagen mit, die ihn von dem
anderen unterschieden. Das machte ihn zu einem Wesen, das man am
besten bezeichnet als ein Wesen mit dieser oder jener «Form» der Seele;
jeder hatte einen bestimmten «Namen», der ihn von dem anderen
unterschied, ein Ahamkara.
Dasjenige nun, was also erzeugt ist im Innern des Menschen unter
der Wirkung dessen, was er sich aus den fruheren Inkarnationen mit-
gebracht hat, was «Name und Form», was die Individuality gebildet
hat, das bildet in ihm nun von innen heraus Manas und die fiinf Sinnes-
organe, die sogenannten sechs Organe. - Wohlgemerkt, der Buddha
sagte nicht: Das Auge ist blofi von dem Innern heraus gebildet -, son-
dern er sagte: Dem Auge ist etwas eingegliedert, was im Linga sharira
war und mitgebracht ist aus den fruheren Daseinsstufen. Daher sieht
das Auge nicht rein; es wiirde anders in die Welt des aufieren Daseins
sehen, wenn es nicht innerlich durchdrungen ware von dem, was aus
den fruheren Daseinsstufen geblieben ist. Daher hort das Ohr nicht
rein, sondern getriibt, abgetont durch das, was aus fruheren Daseins-
stufen geblieben ist. Und das bewirkt, daft sich hineinmischt in alles das
Verlangen, dieses oder jenes zu sehen, dieses oder jenes zu horen, in
dieser oder jener Weise zu schmecken oder wahrzunehmen. So schleicht
sich in alles, was dem Menschen in dem gegenwartigenZyklus entgegen-
tritt, dasjenige hinein, was von fruheren Inkarnationen geblieben ist
als das «Verlangen».
Wiirde sich dieses Verlangen aus den fruheren Inkarnationen nicht
hineinschleichen - so etwa sagte der Buddha -, so wiirde der Mensch
hinausschauen in die Welt gleichsam wie ein gottliches Wesen, wiirde
die Welt auf sich wirken lassen und nie mehr verlangen, nie mehr be-
gehren als das, was ihm wird. Er wiirde mit seinem Wissen nicht mehr
hinausgehen iiber das, was ihm beschert ist durch die go ttlichen Machte;
er wiirde keinen Unterschied machen zwischen sich und der aufieren
Welt und wiirde sich wie ein Glied der aufteren Welt empfinden. Denn
nur dadurch empfindet sich der Mensch als etwas, was von der iibrigen
Welt getrennt ist, weil er mehr haben will, anderes haben will, als ihm
die iibrige Welt an Geniissen freiwillig bietet. Dadurch tritt das Be-
wufttsein ihm in die Seele, daft er etwas anderes ist als die Welt, Wiirde
er zufrieden sein mit dem, was in der Welt ist, so wiirde er sich nicht
von ihr unterscheiden. Er wiirde sein eigenes Dasein sich fortsetzen
fiihlen in der aufteren Welt. Er wiirde nie kennen, was man Beriihrung
mit der aufteren Welt nennt; er ware nicht von ihr getrennt, konnte
sich also auch nicht mit ihr beriihren. Dadurch, daft diese «sechs Or-
gane» gebildet wurden, entstand allmahlich die «Beriihrung mit der
Aufienwelt» und durch die Beriihrung erst dasjenige, was man in un-
serem Leben die Empfindung nennt, und durch die Empfindung das
«Haften an der Auftenwelt». Dadurch aber, daft der Mensch an der
Auftenwelt zu haften sucht, entsteht Schmerz, Leid, Sorge, Kiimmernis.
Das war es, was der Buddha seinen Schiilern von dem inneren Men-
schen sagte, von einem inneren Menschen, der die Ursache davon ist,
daft Schmerz und Leid, Kiimmernis und Sorge in der Welt der Men-
schen ist. Es war eine feinsinnige, eine hohe Theorie, aber eine Theorie,
die unmittelbar aus dem Leben hervorquoll, denn ein «Erleuchteter»
hatte sie empfunden als eine tiefste Wahrheit iiber die gegenwartige
Menschheit. Dem, der durch Jahrtausende und aber Jahrtausende als
Bodhisattva die Menschheit nach der Lehre des Mitleides und der Liebe
gefiihrt hatte, ihm war jetzt, als er zum Buddha geworden war, die
eigentliche Natur des Leides in der gegenwartigen Menschheit aus den
Ursachen heraus aufgegangen. Daher konnte er sehen, warum die Men-
schen leiden, und so setzte er es seinen intimen Schiilern auseinander.
Und als er so weit war, den Kern des Menschenseins fur den gegen-
wartigen Menschheitszyklus zu erleben, faftte er das alles zusammen in
jener beriihmten Predigt, durch welche er seine Wirksamkeit als Buddha
eingeleitet hat, in der Predigt von Benares. Da lehrte er in einer popu-
laren Weise, was er seinen Schiilern vorher in intimerer Weise mitgeteilt
hatte: Wer die Ursachen dieses Menschendaseins erkennt, der weift,daft
das Leben, so wie es ist, Leiden enthalten muft, Schmerzen enthalten
muft. Die erste Lehre, die ich euch zu geben habe, ist die Lehre von dem
Leiden in der Welt. Die zweite Lehre ist die von den Ursachen des Lei-
dens. Worinnen liegen diese Ursachen des Leidens? Sie liegen darinnen,
daft sich in den Menschen hineinschleicht das Verlangen, der Durst
nach Dasein aus dem, was ihm aus den friiheren Inkarnationen ge-
blieben ist. Durst nach Dasein ist die Ursache des Leidens. Die dritte
Lehre ist diese: Wie wird das Leiden aus der Welt geschafft? Natiirlich
wird es dadurch aus der Welt geschafft, daft die Ursache aus der Welt
geschafft wird, daft der Durst nach Dasein zum Verloschen gebracht
wird, wie er aus dem Nichtwissen hervorgeht. Denn die Menschen sind
aus dem friiheren hellsichtigen Wissen zu einem Nichtwissen iiber-
gegangen, und dieses Nichtwissen verdeckt ihnen die geistlge Welt.
Das Nichtwissen ist schuld an dem Durst nach Dasein. Und der Durst
nach Dasein ist wiederum die Ursache von Leiden und Schmerzen, von
Sorgen und Kiimmernissen. Der Durst nach Dasein muft aus der Welt
verschwinden, wenn Schmerz und Leid, Kummernis und Sorge aus der
Welt verschwinden sollen. Das alte Wissen ist aus der Welt geschwun-
den, die Menschen konnen sich nicht mehr der Organe ihres Atherleibes
bedienen. Aber ein neues Wissen ist dem Menschen moglich, dasjenige
Wissen, welches sich der Mensch aneignet, wenn er sich ganz und gar
in das versenkt, was ihm sein astralischer Leib geben kann durch seine
tiefsten Krafte, mit Hilfe dessen, was die aufteren Sinnesorgane in der
aufteren physischen Welt zu beobachten gestatten. Was aber durch
diese Beobachtung im Astralleib in seinen tiefsten Kraften angeregt
wird, sich also durch Inanspruchnahme des physischen Leibes, nicht
aber aus dieser Inanspruchnahme entwickelt, das allein kann dem Men-
schen zunachst helfen und ihm ein Wissen geben; denn dieses Wissen
ist ihm zunachst beschert. - So etwa sagte der Buddha in seiner groften
Weltantrittsrede.
Also, wollte er sagen, ich muft der Menschheit dasjenige Wissen ver-
mitteln, das erreichbar ist durch die hochste Entfaltung der Krafte des
astralischen Leibes. Daher muftte der Buddha lehren, was der Mensch
erlangen kann durch die gewaltige Vertiefung und Versenkung in die
Krafte des astralischen Leibes. Dadurch erlangt er ein Wissen, das ihm
jetzt geziemt, das ihm jetzt ermoglicht ist, aber zugleich ein Wissen,
das nichts zu tun hat mit den Einflussen aus friiheren Inkarnationen.
Ein solches Wissen wollte der Buddha den Menschen geben, welches
nichts zu tun hat mit dem, was dunkel und dem Nichtwissen preis-
gegeben in der Menschenseele als Samskara schlummert, ein Wissen,
das man sich aneignen kann, wenn man alle Krafte, die im astralischen
Leibe sind, in einer Inkarnation wachruft.
Das ist die Ursache des Leidens in der Welt - sagte Buddha -, daft
aus den f riiheren Inkarnationen etwas zuriickgeblieben ist, iiber das der
Mensch nichts weift. Was er aus den fruheren Inkarnationen hat, das
ist die Ursache, weshalb sich bei ihm Nichtwissen iiber die Welt aus-
breitet; das ist die Ursache beim Menschen fur Leid und Schmerz, fur
Kummernis und Sorge. Aber wenn er sich bewufit wird, was in seinem
astralischen Leibe fur Krafte liegen, in die er hineindringen kann, dann
kann er sich, wenn er will, ein Wissen aneignen, das unabhangig ge-
blieben ist von allem Fruheren, ein eigenes Wissen.
Dieses Wissen wollte der grofie Buddha den Menschen iibermitteln.
Und er ubermittelte es ihnen in dem sogenannten achtgliedrigen Pfad.
Darin will er diejenigen Krafte angeben, welche der Mensch ausbilden
soli, damit er im gegenwartigen Menschheitszyklus zu einem solchen
Wissen kommt, das unbeeinfluftt ist von den immer wiederkehrenden
Wiedergeburten. So hat der Buddha selbst durch die Kraft, die er er-
langt hat, seine Seele erhoben zu dem, was man durch die intensivsten
Krafte des astralischen Leibes erlangen kann; und er wollte in dem
achtgliedrigen Pfad der Menschheit den Weg vorzeichnen, wie sie zu
einem von dem Samskara unbeeinflulken Wissen kommen kann. Er
definierte es so:
Der Mensch kommt zu einem solchen Wissen iiber die Welt, wenn
er sich eine richtige Meinung iiber die Dinge aneignet, eine Meinung,
die nichts zu tun hat mit Sympathie oder Antipathie oder damit, daft
er fiir sie eingenommen ist, sondern indem er versucht - rein nach dem,
was sich ihm aufien darbietet -, nach Kraften iiber ein jedes Ding die
richtige Meinung zu gewinnen. Das ist das erste,die «richtige Meinung»
iiber eine Sache.
Als zweites ist notwendig, daft man unabhangig werde von dem,
was aus den fruheren Inkarnationen zuriickgeblieben ist, daft wir uns
bestreben, nach unserer richtigen Meinung auch zu urteilen, nicht nach
irgendwelchen anderen Einfliissen, sondern nur nach dem, was unsere
richtige Meinung von einer Sache ist. Also das «richtige Urteilen» ist
das zweite, urn was es sich handelt.
Das dritte ist, daft wir uns bestreben, wenn wir uns der Welt mit-
teilen, das auch richtig auszudriicken, was wir mitteilen wollen, was
wir richtig meinen und richtig geurteilt haben, daft wir in unsere Worte
nichts anderes hineinlegen, als was unsere Meinung ist, und zwar nicht
nur in unsere Worte, sondern in alle Aufterungen der menschlichen
Wesenheit. Das ist das «richtige Wort» im Sinne Buddhas.
Als viertes ist notwendig, daft wir uns bestreben, nicht nach unseren
Sympathien und Antipathien, nicht nach dem, was dunkel in uns wuhlt
als Samskara, unsere Taten auszufuhren, sondern daft wir dasjenige
zur Tat werden lassen, was wir als unsere richtige Meinung, als unser
richtiges Urteilen und als richtiges Wort erfaftt haben. Das ist also die
richtige Tat, die «richtige Handlungsweise».
Das funfte, was der Mensch braucht, um sich frei zu machen von
dem, was in ihm lebt, das ist, den richtigen Stand, die richtige Lage in
der Welt zu gewinnen. Was Buddha damit meinte, konnen wir uns am
besten klarmachen, wenn wir uns sagen: Es gibt so viele Menschen, die
mit ihrer Aufgabe in der Welt unzufrieden sind, die meinen, sie konn-
ten besser an diesem oder jenem Platze stehen. Aber der Mensch sollte
die Moglichkeit gewinnen, aus der Lage, in die er hineingeboren ist oder
in die ihn das Schicksal hineingebracht hat, das Beste herauszuholen,
was er herausholen kann, also den besten Standort gewinnen. Wer nicht
Befriedigung fiihlt in seiner Lage, in der er ist, der wird auch nicht aus
dieser Lage die Kraft herausziehen konnen, die ihn zum richtigen Wir-
ken in der Welt bringt. Das nennt Buddha den « richtigen Standort»
gewinnen.
Das sechste ist, daft wir immer mehr und mehr dafur sorgen, daft
dasjenige, was wir uns so aneignen durch richtige Meinung, richtiges
Urteilen und so weiter, in uns zur Gewohnheit werde. Werden wir in
die Welt hineingeboren, so haben wir gewisse Gewohnheiten. Das Kind
zeigt diese oder jene Neigung oder Gewohnheit. Der Mensch aber sollte
sich bestreben, nicht die Gewohnheiten zu behalten, die aus Samskara
ihm kommen, sondern sich jene Gewohnheiten anzueignen, die aus der
richtigen Meinung, dem richtigen Urteil, dem richtigen Wort und so
weiter ihm nach und nach ganz zu eigen werden. Das sind die rich-
tigen Gewohnheiten», die wir uns aneignen sollen.
Das siebente ist, daft wir dadurch Ordnung in unser Leben bringen,
daft wir nicht immer das Gestern vergessen, wenn wir heute handeln
sollen. Wenn wir jedesmal alle unsere Geschicklichkeiten neu lernen
miiftten, dann wiirden wir nie etwas zustande bringen. Der Mensch
muE versuchen, liber alle Dinge seines Daseins ein Gedenken, ein Ge-
dachtnis zu entwickeln. Er muft immer das verwerten, was er schon
gelernt hat, mufi die Gegenwart an die Vergangenheit ankniipfen. Also
das «richtige Gedachtnis» - so ist es im buddhistischen Sinne gespro-
chen - hat sich der Mensch auf dem achtgliedrigen Pfade anzueignen.
Und das achte ist das, was der Mensch dadurch gewinnt, daft er ohne
Vorliebe fur diese oder jene Meinung, ohne daft er mitsprechen laftt,
was ihm von f riiheren Inkarnationen geblieben ist, sich rein den Dingen
hingibt, sich in sie versenkt und nur die Dinge zu sich sprechen laftt.
Das ist die «richtige Beschaulichkeit».
Das ist der achtgliedrige Pfad, von dem Buddha seinen Bekennern
sagte, daft seine Beachtung dahin fiihrt, allmahlich jenen leidbringen-
den Durst nach Dasein verloschen zu lassen und der Seele etwas zu
bringen, was sie befreit von alledem, was aus den verflossenen Leben
kommt und sie zum Sklaven macht. Damit haben wir zugleich etwas
von dem ganzen Geist und Ursprung des Buddhismus aufnehmen kon-
nen. Damit wissen wir aber auch, was es fur eine Bedeutung hatte, daft
aus dem alten Bodhisattva ein Buddha geworden ist. Wir wissen, daft
der alte Bodhisattva alles, was mit seiner Mission zusammenhangt,
immer in die Menschheit hat einfHeften lassen. Die Menschheit war in
den alten Zeiten, bevor der Buddha in die Welt eingetreten ist, nicht
imstande, irgendwie auch nur die inneren Krafte so zu verwenden, daft
ein richtiges Wort, ein richtiges Urteil von selbst eingetreten ware.
Dazu muftten Einfliisse von den geistigen Welten auf den Menschen
herunterflieften. Die lieft der alte Bodhisattva herunterflieften. Daher
war es ein Ereignis einziger Art, als dieser Bodhisattva zum Buddha
wurde, der jetzt lehrte, was er in friiheren Zeiten in die Menschheit
hatte einflieften lassen, das heiftt, daft er jetzt einen Leib in die Welt
hineinstellte, der aus sich selbst heraus solche Krafte in sich entwickeln
konnte, die friiher nur von oben herunterflieften konnten. Als einen
ersten Leib dieser Art hat sich der Buddha diesen Leib als Gautama
Buddha in die Welt hineingestellt. Damit ist alles, was er friiher her-
unterflieften Heft, einmal dagewesen in der Welt. So etwas aber hat eine
grofte und weittragende Bedeutung fur die ganze Erdenentwickelung,
wenn das, was von Epoche zu Epoche in die Erde heruntergeflossen ist,
einmal in einem Menschen da war, einmal leibhaftig in einem Menschen
auf der Erde gewandelt ist. Denn jetzt bildet es eine Kraft, die auf alle
Menschen iibergehen kann. Und in dem Leibe des Gautama Buddha
liegen die Ursachen fiir alle Zeiten, daft die Menschen bis in alle Zu-
kunft hinein die Krafte des achtgliedrigen Pfades in sich entwickeln
konnen, so daft der achtgliedrige Pfad Eigentum eines jeden Menschen
werden kann. Daft der Buddha da war, das gab den Menschen die
Moglichkeit, richtig zu denken, und was nach dieser Richtung ge-
schehen wird, bis die ganze Menschheit sich den achtgliedrigen Pfad
angeeignet haben wird, das wird dem Buddha-Dasein verdankt. Was
der Buddha in sich hatte, das hat er den Menschen zur geistigen Nah-
rung hingegeben.
Solche Dinge sieht gemeinhin heute noch keine auftere Wissenschaft.
Aber solche groften Dinge aus dem Entwickelungsgange der Mensch-
heit sagen uns oftmals die kindlichsten Marchen und Sagen. Das muftte
ich ja schon verschiedentlich betonen, daft weiser und wissenschaft-
licher als unsere objektive Wissenschaft oftmals die Marchen und Sagen
sind. Die Tiefe der menschlichen Seele empfand immer etwas ganz Be-
sonderes als Wahrheit bei einer solchen Wesenheit wie der eines Bodhi-
sattva. Daft zuerst etwas herunterstromt, was dann nach und nach
Eigentum derMenschenseele wird und was dann aus der Menschenseele
gleichsam widerstrahlt in den Weltenraum hinaus, das empfanden die
Menschen als etwas ganz Besonderes. Und diejenigen, welche das mehr
oder weniger dunkel empfinden konnten, sagten sich: Wie die Strahlen
der Sonne in den Himmelsraum scheinen, so strahlte einstmals die
Kraft des Bodhisattva die Krafte der Lehre von Mitleid und Liebe auf
die Erde herunter, die Krafte des achtgliedrigen Pfades; dann aber hat
der Bodhisattva in einem Menschenleibe Wohnung aufgeschlagen, hat
den Menschen hingegeben, was einst sein Eigentum war. Das lebt nun
in der Menschheit und strahlt zuriick in den Weltenraum, wie das
Mondenlicht die Sonnenstrahlen in den Weltenraum zuriickstrahlt. -
Das empfand man immer als etwas besonders Bedeutungsvolles da, wo
man marchen- und sagenhaft eine solche Wahrheit ausdriickte. Daher
wurde, urn diese Wahrheit in bezug auf den Bodhisattva auszudriicken,
in den Gegenden, in welchen er aufgetreten ist, ein merkwiirdiges Mar-
chen gebildet. Dieses grofie Ereignis wurde in die folgende einfache
Erzahlung gekleidet.
Da lebte einmal der Buddha als Hase, und es war eine Zeit, in wel-
cher die verschiedensten anderen Wesen nach Nahrung suchten, aber
alle Nahrung war aufgezehrt. Was der Hase selbst als Nahrung haben
konnte, die Vegetabilien, war aber fur die Wesenheiten, die Fleisch-
fresser waren, nicht geeignet. Da beschloft der Hase, der eigentlich der
Buddha war, als ein Brahmane kam, sich selbst zu opfern und sich als
Nahrung hinzugeben. In diesem Augenblicke kam der Gott Shakra;
der sah die gewaltige Tat des Hasen. Und ein Bergspalt offnete sich
und nahm den Hasen auf. Nun nahm der Gott eine Tinktur und zeich-
nete das Bild dieses Hasen auf den Mond. Und seit jener Zeit ist das
Bild des Buddha als Hase im Monde zu sehen. - Im Abendlande spricht
man nicht von dem Hasen im Monde, sondern von dem «Mann im
Monde ».
Aber noch deutlicher heifk es in einem kalmuckischen Marchen: Im
Monde lebt ein Hase, der dadurch einst hinaufgekommen ist, dafi sich
der Buddha geopfert hat und der Erdgeist selber das Bild des Hasen in
den Mond gezeichnet hat. - Das driickt die grofie Wahrheit aus, wie
der Bodhisattva zum Buddha geworden ist und wie sich der Buddha
selbst hingegeben hat, wie er das, was sein Inhalt war, der Menschheit
zur Nahrung gab, so daft es jetzt aus den Herzen der Menschen heraus-
strahlen kann in die Welt.
Von einer solchen Wesenheit wie dem Bodhisattva, der zum Buddha
geworden ist, haben wir gesagt - und das ist die Lehre aller, die da
wissen — : Wenn sie eine solche Stufe durchmacht wie die des Bodhi-
sattva zum Buddha, dann ist das eine letzte Inkarnation auf der Erde,
wo das ganze Wesen des Betreffenden aufgeht in einem menschlichen
Leibe. Eine solche Inkarnation macht dann ein solches Wesen nicht
mehr durch. Daher konnte der Buddha sagen, als er fiihlte, was sein
gegenwartiges Dasein bedeutet: Dies ist die letzte der Verkorperungen,
es gibt keine andere Verkorperung mehr auf der Erde. - Dennoch ware
es unrichtig, zu glauben, daft sich ein solches Wesen sodann ganz von
dem Erdendasein zuriickzieht. Es wirkt weiter herein in das Erden-
dasein. Es tritt zwar nicht unmittelbar in einen physischen Leib herein,
aber es nimmt einen andern Leib an - sei er aus astralischer, sei er aus
atherischer Wesenheit gebildet - und wirkt so in die Welt herein. Und
die Art, wie es hereinwirkt, nachdem es selbst seine letzte ihm ge-
horende Inkarnation durchgemacht hat, kann die folgende sein.
Ein gewohnlicher Mensch, der aus physischem Leib, Atherleib,
Astralleib und Ich besteht, kann sozusagen von einem solchen Wesen
durchdrungen werden. Es kann sich ein solches Wesen, das nicht mehr
bis zu einem physischen Leibe heruntersteigt, aber noch einen astra-
lischen Leib hat, hineingliedern in den astralischen Leib eines anderen
Menschen. Dann wirkt es in einem solchen Erdenmenschen. Dann
kann dieser Mensch eine wichtige Personlichkeit werden, denn in ihm
wirken jetzt die Krafte einer solchen Wesenheit, welche schon ihre
letzte Inkarnation auf der Erde durchgemacht hat. So verbindet sich
eine solche astralische Wesenheit mit der astralischen Wesenheit irgend-
eines Menschen auf der Erde. In der kompliziertesten Art kann eine
solche Verbindung geschehen. Als der Buddha in der Form der «himm-
lischen Heerscharen» den Hirten im Bilde erschien, da war er nicht in
einem physischen Leibe, aber er war in einem astralischen Leibe. Einen
Leib hatte er angenommen, durch den er doch hineinwirken konnte auf
die Erde. Man unterscheidet daher bei einem solchen Wesen, welches
nun ein Buddha geworden ist, einen dreifachen Leib:
Erstens denjenigen Leib, den es vor der Buddhaschaf t hat, wo es von
oben herunterwirkt als Bodhisattva, einen Leib, der nicht alles enthalt,
wodurch dies Wesen wirken kann; es steht noch in den Hohen oben und
ist mit seiner friiheren Mission verkniipft wie der fruhere Bodhisattva
im Buddha, bevor er diese Mission in die Buddha-Mission verwandelt
hat. Solange ein solches Wesen in einem solchen Leibe ist, nennt man
seinen Leib einen Dharmakaya.
Zweitens denjenigen Leib, den sich ein solches Wesen bildet, den es
an sich hat, und in welchem es alles, was es in sich hat, im physischen
Leibe zum Ausdruck bringt; diesen Leib nennt man den «Leib der
Vollendung», Sambhogakaya.
Drittens denjenigen Leib, den ein solches Wesen annimmt, nachdem
es durch die Vollendung durchgegangen ist und jetzt in der geschilder-
ten Weise herunterwirken kann; diesen nennt man einen Nirmanakaya.
Wir konnen also sagen: Der Nirmanakaya des Buddha erschien den
Hirten in der Form der Engelscharen. Da erstrahlte der Buddha in
seinem Nirmanakaya und offenbarte sich auf diese Weise den Hirten.
Er sollte aber noch weiter den Weg suchen, um in dieser wichtigen Zeit
in die palastinensischen Ereignisse hineinzuwirken. Das geschah auf
folgende Art.
Um das zu begreifen, miissen wir uns kurz in die Erinnerung zuriick-
rufen, was wir aus den anthroposophischen Vortragen vom Wesen des
Menschen kennen. Wir wissen, dafi wir in der Geisteswissenschaft
mehrere «Geburten» unterscheiden. In dem, was man die physische
Geburt nennt, streift der Mensch gleichsam die physische Mutterhiille
ab. Mit dem siebenten Jahre streift er die atherische Hiille ab, welche
ihn bis dahin, bis zum Zahnwechsel, ebenso umgibt wie bis zur phy-
sischen Geburt die physische Mutterhiille; und mit der Geschlechts-
reife, also in unserer heutigen Zeit im vierzehnten, fiinfzehnten Jahre,
streift der Mensch das ab, was er bis dahin wie eine astralische Hiille
hat. Daher wird also des Menschen Atherleib eigentlich erst mit dem
siebenten Jahre als ein freier Leib nach aufien geboren, und des Men-
schen astralischer Leib wird geboren mit der Geschlechtsreife; die
aufiere astralische Hiille wird dann abgestreift.
Fassen wir jetzt einmal das ins Auge, was da mit der Geschlechts-
reife abgestreift wird. In denjenigen Gegenden, in welchen sich das
palastinensische Ereignis abspielte, trat dieser Zeitpunkt etwas friiher
ein, unter normalen Verhaltnissen mit dem zwolften Jahre; da wurde
also die astralische Mutterhiille abgestreift. Im gewohnlichen Leben
wird diese Hiille abgestreift und der aufieren astralischen Welt iiber-
geben. Bei demjenigen Kinde, das aus der priesterlichen Linie des
davidischen Geschlechtes stammte, trat etwas anderes ein. Es wurde
mit dem z wolf ten Jahre die astralische Hiille abgestreift; aber sie loste
sich nicht in der allgemeinen astralischen Welt auf, sondern so, wie sie
war als schiitzende astralische Hiille des jungen Knaben mit all den
belebenden Kraften, die zwischen der Zeit des Zahnwechsels und der
Geschlechtsreife hineingeflossen waren, stromte sie jetzt zusammen mit
dem, was sich als der Nirmanakaya des Buddha heruntergesenkt hatte.
Was in der Engelschar herunterscheinend erschienen ist, das vereinigte
sich mit dem, was bei dem zwolfjahrigen Jesusknaben als astralische
Hiille sich losloste, vereinigte sich mit all den jugendlichen Kraften,
die einen jugendlich erhalten in der Zeit zwischen dem Zahnwechsel
und der Geschlechtsreife. Der Nirmanakaya des Buddha, der das Jesus-
kind von der Geburt an iiberstrahlte, wurde eins mit dem, was sich von
diesem Kinde bei der Geschlechtsreife als seine jugendliche astralische
Mutterhiille losloste; das nahm er auf, vereinigte sich damit und da-
durch verjiingte er sich. Und durch diese Verjiingung war es moglich,
daft dasjenige, was er fruher der Welt gegeben hatte, jetzt wieder-
erscheinen konnte in dem Jesuskinde wie in einer kindlichen Einfalt.
Damit hat dieses Kind die Moglichkeit aufgenommen, kindlich zu
reden iiber die hohen Lehren vom Mitleid und der Liebe, die wir heute
in dieser Komplikation dargestellt haben. Damals bei der Darstellung
des Jesus im Tempel redete der Knabe deshalb so, dafi seine Umgebung
iiberrascht war, weii ihn umschwebte der Nirmanakaya des Buddha,
aufgefrischt wie aus einem Jungbrunnen von der astralischen Mutter-
hiille des Knaben.
Das ist etwas, was der Geistesforscher wissen kann und was der
Schreiber des Lukas-Evangeliums hineingeheimnifit hat in die merk-
wiirdige Szene des zwolfjahrigen Jesus im Tempel, wo er plotzlich ein
anderer wird. Darum wird im Lukas-Evangelium der Buddhismus in
einer fiir die kindlichste Einfalt verstandlichen Weise gelehrt. Das
miissen wir begreifen. Dann wissen wir, warum der Knabe nicht mehr
so spricht, wie er fruher gesprochen hat. So wie er fruher gesprochen
hat, so spricht jetzt um diese Zeit derjenige, der als der Konig Kanishka
im alten Indien driiben eine Synode zusammenruft und dort den alten
Buddhismus als orthodoxe Lehre verkiindigen lafk. Aber der Buddha
war inzwischen selber fortgeschritten. Er hatte die Krafte der astra-
lischen Mutterhulle des Jesuskindes aufgenommen, und dadurch ist er
fahig geworden, in einer neuen Art zu sprechen zu den Gemiitern der
Menschen.
So enthalt das Lukas-Evangelium den Buddhismus in einer neuen
Gestalt wie aus einem Jungbrunnen heraus, und daher spricht es die
Religion des Mitleides und der Liebe fur die einfaltigsten Gemuter in
einer selbstverstandlichen Form aus. Wir konnen es lesen. Das hat der
Schreiber des Lukas-Evangeliums in dasselbe hineingeheimnifit. Es liegt
aber noch mehr darinnen, Nur ein Teil dessen, was in dieser Szene der
Darstellung im Tempel enthalten ist, konnte heute geschildert werden,
und wir werden noch tiefer in die Untergriinde dieses Geheimnisses
hineinzuleuchten haben; dann wird uns auch noch ein Licht fallen auf
die friiheren wie auch auf die spateren Zeiten des Lebens des Jesus von
Nazareth.
VIERTER VORTRAG
Basel, 18. September 1909
Die Tatsachen, welche den Evangelien zugrunde liegen, und nament-
lich dem Lukas-Evangelium, werden fiir die nachsten Tage immer sub-
tiler werden. Daher bitte ich, diesmal mehr noch als sonst zu beriick-
sichtigen, daft die Vortrage fortlaufend sind, daft der Inhalt wirklich
von einem Vortrage zum anderen hiniibergeht und daft man einen ein-
zelnen Vortrag oder auch einige derselben nicht verstehen kann, wenn
man sie nicht im Zusammenhange betrachtet mit den anderen Vor-
tragen. Insbesondere gilt das fiir den heutigen und den morgigen Vor-
trag; und auch dafiir gilt es, daft Sie erst morgen sich fragen sollen, wie
die verschiedenen Dinge, die da vorgebracht werden, mit dem zu-
sammenhangen, was in anderen Vortragszyklen, dieses Thema bereits
streifend, gesagt worden ist.
Wir haben gestern damit geschlossen, daft gesagt worden ist: Der
Nirmanakaya des Buddha hat sich unserer Welt gezeigt in dem Mo-
mente, der durch das Lukas-Evangelium ausgedriickt wird als die Ver-
kiindigung an die Hirten. Und wir haben gestern angedeutet, daft jene
Verjiingung der buddhistischen Weltanschauung, die in das Christen-
tum eingeflossen ist und damit der Welt gegeben worden ist, dadurch
zustande gekommen ist, daft jener astralische Mutterleib, der sich von
dem sich entwickelnden Menschen mit der Geschlechtsreife trennt, der
also verbunden war mit dem Kinde Jesus, aufgenommen worden ist von
dem Nirmanakaya des Buddha, eins mit ihm geworden ist im zwolften
Jahre des Jesus-Lebens. Daher haben wir es von diesem Augenblicke
an nunmehr mit einer bestimmten Wesenheit zu tun, die eigentlich zu-
sammengefugt ist aus dem Nirmanakaya, dem Geistleib des Buddha,
und aus jenem astralischen Mutterleibe, der sich wie eine astralische
Mutterhulle von dem bis zum zwolften Jahre herangewachsenen Jesus-
kinde losgelost hat.
Nun miissen wir uns die folgende Frage vorlegen. Wenn im gewohn-
lichen Leben bei der Entwickelung des Menschen dieser astralische
Mutterleib sich loslost, wenn der eigentliche astralische Leib des Men-
schen geboren wird, so wird dabei die astralische Mutterhulle aufgelost
in der allgemeinen astralischen Welt. So, wie das beim gewohnlichen
Menschen in unserm Entwickelungszyklus ist, ware diese astralische
Mutterhulle nicht brauchbar, um einer so hohen Wesenheit einverleibt
zu werden, wie es der Buddha in seinem Nirmanakaya war. Es mufke
also etwas ganz Besonderes mit dieser astralischen Mutterhulle vor-
liegen, die da abgestreift worden ist und durch ihre Verbindung mit
dem Nirmanakaya des Buddha den ganzen Buddhismus verjungt hat.
Mit anderen Worten, es mufite in dem Jesuskinde eine ganz besondere
Wesenheit enthalten sein; es mufke in diesem Leibe des Jesus inkarniert
sein eine ganz besondere Wesenheit, damit von ihr in den ersten zwolf
Jahren des Lebens jene Krafte ausstrahlen konnten, die dann von der
astralischen Mutterhulle aufgenommen wurden, damit diese jene ver-
jiingenden Krafte haben konnte, auf die wir gestern hindeuteten. Also
nicht um eine gewohnliche menschliche Wesenheit, sondern um eine
ganz besondere Wesenheit mufke es sich handeln, die da von der Ge-
burt bis zum zwolften Jahre in dem Jesuskinde heranwuchs und dann
imstande war, in das, was abgestreift wurde, alle die Krafte hinauszu-
strahlen, die jene Verjiingung bewirkt haben.
Wenn wir uns eine Vorstellung davon machen wollen, wie so etwas
iiberhaupt sein kann, daft ein Kind ganz anders auf seine Hiillen wirkt,
als es im normalen Zustande der Fall ist, so konnen wir uns zunachst
nur vergleichsweise jener Tatsache nahern, die da vorliegt. Ich will
Ihnen also durch einen Vergleich anschaulich machen, was eigentlich
damals vorgegangen war.
Wenn wir ein Menschenleben verfolgen, wie es sich von der Geburt
bis in die spateren Altersstuf en hinauf entwickelt, bis zum zwanzigsten,
dreiftigsten, vierzigsten Jahre, wenn es normal verlauft, so konnen wir
uns vor die Seele fiihren, wie die einzelnen Krafte, die in der Keim-
anlage und bei der Geburt erst veranlagt sind, nach und nach zumVor-
schein kommen. Das Kind wachst physisch heran, das Kind wachst
aber auch geistig heran. Nach und nach entwickeln sich seine Seelen-
krafte. - Wie das geschieht, konnen Sie nachlesen in meiner Schrift
«Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissen-
schaft». - Versuchen Sie sich vor Augen zu fiihren, wie allmahlich die
Gemiits- und die intellektuellen Krafte aus dem Kinde herauswachsen,
wie mit dem siebenten, mit dem vierzehnten oder einundzwanzigsten
Jahre diese oder jene Krafte da sind, die f riiher nicht vorhanden waren,
oder wie die vorhandenen in grofierem Maftstabe da sind und so weiter.
Versuchen Sie also sich vorzustellen, wie das im normalen Verlaufe des
Menschenlebens geschieht, und denken Sie sich jetzt, wir wollten ein-
mal einen «Lebensversuch» machen, wir wollten einem Menschen, der
eben geboren wird, die Moglichkeit geben, sich nicht ganz so normal
und durchschnittsgemafi zu entwickeln, wie es nun einmal in unserem
Entwickelungszyklus der Fall ist und wie es im normalen Leben auch
der Fall sein mufi, sondern wir wiirden einem Menschen kiinstHch Ge-
legenheit geben, daft er das, was ein anderer normalerweise zum Beispiel
vom zwolften bis achtzehnten Jahre lernt, mit einer gewissen Frische
auffaftt, daft er es seiner Seele nicht so zu eigen macht, wie es gewohn-
lich geschieht, sondern daft es die Seele mit einer besonderen Frische
ergreift, so daft also die Seele sich das nicht in der Weise aneignet, wie
es die anderen Menschen tun, sondern mit einer gewissen erfinderischen
Kraft fortschaffend an den Dingen wirken kann. Und nehmen wir an,
wir wollten kiinstlich diesen Menschen zu einem besonders produktiven
machen. Wir diirften dann das Kind nicht so heranwachsen lassen, wie
andere Kinder gewohnlich heranwachsen.
Wir wollen also eine Art hypothetischen Lebensversuch machen.
Ich bemerke aber ausdriicklich, daft dieses Beispiel nur hypothetisch
gewiihlt ist und nicht etwa so gemeint ist, daft es auch gleich ausgefiihrt
werden sollte; ich gebrauche es, um etwas vergleichsweise zu sagen,
und es soil nicht als ein Erziehungsideal anempfohlen werden. — Also
wir wollten einen Menschen zu einem besonders erfinderischen Geist
machen, der die Denkfahigkeit nicht nur belebt, sondern der schbpfe-
risch fortfahren kann,dieseFahigkeken dann im Alter zu einer hoheren
Produktivitat auszubilden. Dann miiftten wir vor alien Dingen ein
solches Kind von dem sechsten, siebenten Jahre an davor bewahren,
daft es in derselben Weise lernt, wie andere Kinder lernen, daft es ja
nicht dieselben Schulgegenstande zu lernen beginnt, wie es die anderen
Kinder tun, sondern daft es von dieser Zeit an so wenig wie moglich
von dem beigebracht erhalt, was die anderen Kinder beigebracht er-
halten. Wir miifken es bis zum zehnten, elften Jahre womoglich beim
kindlichen Spiel erhalten und ihm moglichst wenig von Schulgegen-
standen beibringen, so dafi es womoglich mit neun Jahren noch nicht
addieren kann, mit acht Jahren vielleicht noch schlecht liest. Dann
miilken wir mit allem, womit ein Kind sonst im sechsten, siebenten
Jahre beginnt, erst im achten oder neunten Jahre beginnen. Da haben
sich die Krafte eines Menschen ganz anders entwickelt; da macht die
Seele mit dem, was ihr beigebracht wird, etwas ganz anderes. Ein
solches Kind wiirde sich dann die kindlichen Krafte, die sonst durch
den normalen Unterricht unterdriickt werden, bis zum zehnten, elften
Jahre bewahren und wiirde dann mit einer viel feurigeren Seelenkraft
uber die Dinge kommen, die ihm gelehrt werden, und sie in einer ganz
anderen Weise ergreifen. Dadurch wiirden seine Fahigkeiten zu beson-
ders produktiven umgewandelt. Man miifite also ein Kind moglichst
lange kindlich erhalten; dann wiirde der Hellseher bemerken, daft jene
astralische Hulle, die sich bei der Geschlechtsreife losiost, in der Tat
ganz andere Krafte hat, als es sonst der Fall ist, daft sie jugendliche,
frische Krafte hat. Und diese astralische Hiille wiirde dann brauchbar
sein fur eine solche Wesenheit wie in unserem Falle fur den Nirmana-
kaya des Buddha. — Durch ein solches Experiment wiirde man nicht
nur eine Verlangerung der Jugendzeit erreichen, sondern auch, daft
gewisse kindliche, jugendliche Krafte hineingehen in die astralische
Mutterhiille und dann wieder in der Welt verwendet werden konnen,
so daft ein Wesen, das aus geistigen Hohen heruntersteigt, sich von die-
sen Kraften nahren und sich verjiingen kann.
Dieses Experiment sollten die Menschen aber doch nicht machen.
Es ist kein Erziehungsideal. Gewisse Dinge miissen die Menschen eben
heute noch sozusagen den Gottern uberlassen. Die Gotter konnen es;
die Menschen konnen es noch nicht richtig ausfiihren. Und wenn Sie
irgendwo horen, daft irgendeine bestimmte Personlichkeit, die auf
einem bestimmten Gebiete befruchtend wirken sollte, sich lange Zeit
unbegabt zeigte, lange Jahre hindurch fur dumm gehalten wurde und
dalS ihr dann erst spater der «Knopf aufgegangen» ist, dann haben die
Gotter dieses Experiment angestellt, haben die Kindlichkeit eines sol-
chen Menschen liber jene Jahre hinaus bewahrt und haben ihn fur das,
was man sonst im normalen Leben friiher lernt, erst in einer spateren
Lebenszeit fahig gemacht. Das wird sich besonders dann zeigen, wenn
aufgeweckte Kinder leicht auffassen, was man ihnen erzahlt, und wenn
sie dann in die Schule kommen, dort eigentlich nichts lernen wollen.
Da machen die Gotter mit ihnen diesen Lebensversuch, von dem wir
eben gesprochen haben.
Etwas Ahnliches, nur in einem unendlich weiteren Maftstabe, mufite
bei jenem Kinde der Fall sein, das als der Jesus heranwuchs und das
dann an den Nirmanakaya des Buddha eine so unendlich fruchtbare
astralische Mutterhulle abgeben sollte. Und das war auch der Fall. Hier
kommen wir zu einer geheimnisvollen Tatsache, der gegeniiber es jedem
frei stent, zu glauben oder nicht zu glauben, die aber heute vor den
vorbereiteten Anthroposophen hingestellt werden kann und die auch
gepriift werden kann. Prufen Sie an alien den Tatsachen, die Ihnen im
aufieren Evangelium oder in der aufieren Geschichte zur Verfugung
stehen, und Sie werden alles bewahrheitet finden durch die aufieren
Tatsachen des physischen Planes, wenn Sie nur richtig die Tatsachen
heranziehen und nicht vorschnell urteilen wollen. Was der Okkultist
sagt und was ja aus den hoheren Welten heraus gegebene Tatsachen
sind, das ubergibt er wie ein Unterpfand an die Menschheit; und wenn
er es aus den richtigen Quellen hat, dann sagt er: Ihr konnt es prufen,
so strenge, wie ihr wollt; ihr werdet es, wenn ihr es in der richtigen
Weise pruft, iiberall bewahrheitet finden durch das, was ihr durch
schriftliche Dokumente oder durch andere naturwissenschaftliche Tat-
sachen in der physischen Welt erfahren konnt. - Also, es mufite jenem
Elternpaare, von dem im Lukas-Evangelium die Rede ist, ein Kind
geboren werden, das ganz besonderer Art war, ein Kind, das Jugend-
kraft, das Kindheitskrafte von ganz besonderer Art schon mitbrachte
und dieselben in der Starke, in der es sie mitgebracht hat, frisch und
gesund nach jeder Richtung erhielt. Das mufite geschehen.
Unter den gewohnlichen Verhaltnissen konnte sich nun kein Kind
und auch kein Elternpaar finden, bei dem jene Kindheits- und Jugend-
krafte in solcher Frische vorhanden gewesen waren, wie sie damals
vorhanden sein mufiten. Im ganzen weiten Umkreise der damaligen
Menschheit hatte man, wenn man nur die normalen Verhaltnisse in
Betracht gezogen hatte, nirgends die Individuality und das Elternpaar
finden konnen, die zu einer solchen Inkarnation notwendig gewesen
waren, wenn nicht noch etwas ganz Besonderes moglich gewesen ware.
Was da moglich gewesen ware, das konnen wir nur verstehen, wenn
wir uns an mancherlei erinnern, was wir durch unsere anthroposophi-
sche Vorbereitung schon kennen.
Wir wissen, daft unsere heutige Menschheit durch verschiedene
Epochen hindurch auf eine Urmenschheit zuriickgeht, die wir als die
Menschheit der alten atlantischen Zeit bezeichnen; und diese Mensch-
heit geht wiederum zuriick auf eine Menschheit, die wir als die Mensch-
heit der lemurischen Zeit bezeichnen. Die Geisteswissenschaft kann uns
ganz andere Tatsachen iiber den Entwickelungsgang der Menschheit
aufzeigen als die auftere Naturwissenschaft, die nur an die sinnlichen
Tatsachen sich hangen kann. Die Geisteswissenschaft zeigt uns, daft die
Menschheit durchgegangen ist durch ein Stadium der griechisch-lateini-
schen Kulturentwickelung, dem voranging das agyptisch-chaldaische,
das urpersische und das altindische Kultursystem. Damit kommen wir
zuriick bis zu jener groften, gewaltigen Katastrophe, die einmal iiber
unsere Erde dahingegangen ist und ihr AntHtz ganz verandert hat.
Vorher war ein weit ausgebreiteter Kontinent in denjenigen Gegenden
vorhanden, in denen heute der Atlantische Ozean sich ausdehnt: das
war die alte Atlantis. Und in den Gegenden, welche heute von der
europaischen, asiatischen und afrikanischen Menschheit bewohnt wer-
den, war damals zum groften Teil noch Meeresgebiet. Durch jene grofte
atlantische Katastrophe, die sich in dem Wasserelement der Erde ab-
gespielt hat, anderte sich das Antlitz der Erde. Die Menschheit war
vorher in der Atlantis driiben hauptsachlich ansassig. Dort entwickelte
sie sich. Das waren Menschen, die anders als die heutigen Menschen
organisiert waren. Das ist ofters beschrieben worden. Als dann die Zeit
der atlantischen Katastrophe herannahte, da sahen die groften hell-
seherischen Fiihrer und Priester der Menschheit das voraus, und sie
lenkten daher die Menschen nach dem Osten, zum Teil auch nach dem
Westen hiniiber. Diejenigen, welche sie nach dem Westen hiniiber-
leiteten, bildeten dort die Vorfahrenschaft der spateren amerikanischen
Menschheit. So miissen wir die Vorfahren unserer Menschheit unter
den alten Atlantiern suchen. - Diese Menschen, welche in der Atlantis
wohnten, waren wieder die Nachkommenschaft noch friiherer Men-
schen, die wieder ganz anders ausgesehen haben als die atlantischen
Menschen; sie wohnten auf einem Kontinent zwischen dem heutigen
Asien, Afrika und Australien, im alten Lemurien. Sie werden eine Dar-
stellung bis ins einzelne in meiner demnachst erscheinenden «Geheim-
wissenschaft» finden; ich will von allem daher jetzt nur das heraus-
heben, was ich brauche.
Wenn wir so durch die Akasha-Chronik bis in die altesten Zeiten
zuriickblicken, so liefert uns merkwiirdigerweise die Akasha-Chronik
auch wunderbare Belege fiir alles, was wir sonst in der biblischen Ur-
kunde finden, was wir uberhaupt in den religiosen Urkunden finden.
Wir lernen dann erst diese religiosen Urkunden in der richtigen Weise
verstehen. Was war es zum Beispiel fiir die auftere Wissenschaft fiir eine
Frage, ob es denn wirklich eine Wahrheit ist, was man in der Bibel liest
iiber ein «einziges Menschenpaar», Adam und Eva, von dem die ganze
Menschheit abstammen sollte! Das war eine Frage, die ganz besonders
die Zeit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts vom naturwissen-
schaftlichen Standpunkte aus viel beschaftigt hat.
Wir wissen - wenn wir zusammenfassen, was uns die Akasha-
Chronik sagt -, dafi die Erde eine lange Vorzeit hat, dafi auch der
lemurischen Zeit eine andere Epoche vorangegangen ist. Wir wissen,
dafi die Erde die Wiederverkorperung anderer planetarischer Zustande
ist, des alten Mondes, der alten Sonne und des alten Saturn. Wir wissen
weiter, dafi die Erde, wie sie sich nach und nach entwickelt hat, dazu
berufen war, zu den drei Leibern, die sich der Mensch nach und nach
wahrend der friiheren Verkorperungen der Erde herausgebildet hat -
auf dem Saturn den physischen Leib, auf der Sonne den Atherleib und
auf dem Monde den astralischen Leib -, auf der Erde das Ich, das
vierte Glied der menschlichen Wesenheit, hinzuzusetzen. Alles, was der
lemurischen Zeit vorangegangen ist, war nur eine Vorbereitung dieser
Erdenmission. Damals, in der lemurischen Zeit, gestaltete sich der
Mensch so, dafi er fahig wurde, das vierte Glied, die Ichheit, auszu-
bilden. Damals fing der erste Keim sich zu bilden an, um in den drei
Gliedern, die der Mensch sich allmahlich erworben hatte, ein Ich aus-
zubilden. Daher konnen wir sagen: Durch jene Veranderungen, die sich
auf der Erde zugetragen haben, wurde auf den Menschen so gewirkt,
daft er ein Ich-Trager werden konnte. Vor der lemurischen Zeit war
die Erde auch bevolkert. Menschen waren auf der Erde in einer ganz
anderen Form. Das aber waren Menschen, die noch keine Ich-Trager
waren, die eigentlich nur das entwickelt hatten,was sie sich von Saturn,
Sonne und Mond heriibergebracht hatten als physischen Leib, Ather-
leib und Astralleib; und wir wissen, welches die Vorgange im ganzen
Weltall sind, die dazu gefuhrt haben, dafi der Mensch bis zu dieser
Reife seiner Entwickelung gebracht wurde.
Wir wissen, dafi die Erde im Beginne unserer jetzigen Entwickelung
vereinigt war mit der Sonne und mit dem Monde, dafi sich dann
zunachst die Sonne abgetrennt hat und einen planetarischen Korper
zuruckgelassen hat, der die heutige Erde und den heutigen Mond zu-
sammengefafit hat. Wir wissen aber auch, da£, wenn die Erde mit dem
Monde zusammengeblieben ware, alles, was an Menschenwesen da war,
verhartet, mumifiziert worden ware, in einen verholzten Zustand iiber-
gegangen ware. Um das zu verhiiten, mulke alles, was in dem Monde
an Substanzen und Wesenheiten war, erst herausgestoften werden.
Dadurch wurde die Menschengestalt vor der Verhartung gerettet, es
wurde dem Menschen moglich, die jetzige Gestalt anzunehmen, und
erst nach der Mondentrennung wurde ihm die Moglichkeit gegeben, ein
Ich-Trager zu werden. Aber das alles ging nicht auf einmal vonstatten.
Wir konnten sagen, es trennte sich erst die Sonne langsam von der Erde
heraus. Es gab also, wahrend der Mond noch in der Erde ehthalten war,
einen solchen Zustand, welcher die weitere Menschheitsentwickelung
nicht gestattete. Die physische Materie wurde immer dichter und dich-
ter, so dafi der Mensch tatsachlich einen Anlauf zu einer Verhartung
nahm. Was damals Menschenseelen auf einer untergeordneten Stufe
waren, das ging auch schon einen ahnlichen Weg wie heute die Men-
schenseele, ging auch durch Inkarnationen, durch aufeinanderfolgende
Verkorperungen hindurch, wo also das Innere des Menschen die aufiere
Verkorperung verlafit, durch eine geistige Welt durchgeht, um in einer
neuen Verkorperung wieder zu erscheinen.
Aber es trat, bevor der Mond aus der Erde herausgegangen war,
etwas ganz Besonderes ein, sozusagen ein schwieriger Zustand fur die
Fortentwickelung der Erde trat ein. Es trat das ein, daft gewisse Men-
schenseelen, die ihren Leib verlassen hatten, in die geistige Welt hinein-
gegangen waren und sich wiederum neu jetzt verkorpern wollten, jetzt
unten eine Menschensubstanz vorfanden, die ihnen zu hart, zu verholzt
war, so daft sie sich nicht verkorpern konnten. Es trat eine Zeit ein, in
welcher die Seelen wieder auf die Erde herunterkommen wollten, aber
keine Moglichkeit fanden, sich wiederum zu verkorpern, weil die
Erdenleiber fur sie nicht geeignet waren. Nur die starksten Seelen
konnten die mittlerweile verhartete Materie und Substanz bezwingen,
um sich auf der Erde zu verkorpern. Die anderen muftten wiederum in
die geistige Welt zuriick, konnten nicht hinunter. Solche Zeiten gab es
vor der Mondentrennung. Aber immer weniger und weniger wurden
jene starken Seelen, die imstande waren, die Materie zu bewaltigen und
die Erde zu bevolkern. Vor der lemurischen Zeit gab es also eine Zeit,
in welcher die Erde im weitesten Umkreise verodete, wo die Menschen
immer weniger und weniger auf der Erde wurden, weil die Seelen,
welche herunter wollten, keine geeigneten Leiber fanden.
Was geschah nun mit diesen Seelen, welche keine Leiber finden
konnten? Sie wurden entriickt nach den anderen Planeten, die sich in-
zwischen aus der gemeinsamen Substanz herausgebildet hatten. So gab
es gewisse Seelen, die nach dem Saturn entriickt wurden, andere, die
nach dem Jupiter, Mars, Venus oder Merkur entriickt wurden; so daft
es eine Erdenzeit gab, in welcher nur die starksten Seelen wahrend des
groften Erdenwinters auf die Erde kommen konnten. Die schwacheren
Seelen muftten von den anderen zu unserem Sonnensystem gehorenden
Planeten in Obhut genommen werden.
Wahrend der lemurischen Epoche gab es in der Tat eine Zeit, von
der man - wenigstens annahernd - sagen kann: Es war ein einziges
Menschenpaar, ein Hauptpaar vorhanden, welches sich die Starke £>e-
halten hatte, diese widerspenstige Menschensubstanz zu bezwingen und
sich auf der Erde zu verkorpern, gleichsam durchzuhalten durch die
ganze Erdenzeit. Das war aber auch die Zeit, als sich der Mond von
der Erde trennte. Und durch diese Mondentrennung wurde es wieder
moglich, daft sich die Menschensubstanz verfeinerte und sich wieder
geeignet machte, Menschenseelen aufzunehmen, die schwacher waren,
so daft die Nachkommen dieses einen Hauptpaares wieder in der Lage
waren, in weicherer Substanz zu sein als diejenigen, welche vor der
Mondentrennung gelebt hatten. Da kamen dann nach und nach alle die
Seelen, welche nach dem Mars, Jupiter, Venus und so weiter hinauf
entriickt waren, wieder auf die Erde zuriick, und mit der Vermehrung
der Menschen von dem einen Hauptpaare aus geschah das, daft die
Seelen nach und nach aus dem Weltenraume auf die Erde zurikk-
kehrten und sich als die Nachkommen des ersten Hauptpaares bildeten.
So bevolkerte sich die Erde wiederum. Und wahrend der letzten
lemurischen Zeit bis weit in die atlantische Zeit hinein kamen immer
mehr Seelen herunter, die auf den anderen Planeten gewartet hatten,
bis es auf der Erde wiederum Zeit sein wiirde, sich zu verkorpern.
Dann stiegen sie wieder herunter in einen Erdenleib. Auf diese Art
wurde die Erde wieder bevolkert. Und auf diese Art entstand jene
atlantische Bevolkerung, welche gefiihrt wurde von den atlantischen
Eingeweihten in den atlantischen Orakeln. Diese atlantischen Orakel
habe ich folgendermaften charakterisiert.
Es gab grofte Fiihrerstatten in der alten Atlantis. Sie waren so ein-
gestellt, daft man die einen nennen konnte die Marsorakel, andere die
Jupiterorakel, die Saturnorakel und so weiter. Solche verschiedene
Orakelstatten gab es deshalb, weil die Menschen eben verschieden
waren. Fur jene Menschenseelen, die friiher auf dem Mars gewartet
hatten, muftte man Unterricht und Fiihrerschaft schaffen in den Mars-
orakeln, fiir die, welche auf dem Jupiter gewartet hatten, in den Jupi-
terorakeln und so weiter. Nur wenige Auserlesene konnten in der atlan-
tischen Zeit in dem zentralen, in dem groften Sonnenorakel unterwiesen
werden. Das waren die, welche in der Nachkommenschaft jenem
Hauptpaare am nachsten standen, das sich durch die Erdenkrisis durch
erhalten hatte, jenem starken Stammpaar, das uns in der Bibel ange-
deutet wird unter dem Namen Adam und Eva. Da blicken wir in der
Bibel hindurch auf etwas, was sich mit den Tatsachen der Akasha-
Chronik deckt, so daft sich die Bibel auch dort bewahrheitet, wo sie
scheinbar so Unwahrscheinliches bringt. Und an der Spitze des groften
Orakels, das die Oberaufsicht iiber die ubrigen hatte und das man das
Sonnenorakel nennt, stand der grofke der atlantischen Eingeweihten,
der grofie Sonnen-Eingeweihte, der zu gleicher Zeit der Manu, der
Fiihrer der atlantischen Bevolkerung war. Er war derjenige, welcher
sich, als die atlantische Katastrophe heranriickte, dieAufgabe zu stellen
hatte, mit den Menschen, die er fur brauchbar fand, hiniiberzuziehen
nach dem Osten und eine Ausgangsstatte zu begriinden fiir die nach-
atlantische Kultur. Vor allem hatte aber dieser Eingeweihte unter den
verschiedenen Menschen, die er unmittelbar um seine Person versam-
melte, immer auch solche, die moglichst unmittelbar von jenen Stamm-
seelen abstammten, die den Erdenwinter iiberdauert hatten, die sozu-
sagen die direkten Nachkommen waren von Adam undEva,vom ersten
Hauptpaare. Sie wurden insbesondere gehegt und gepflegt in der Um-
gebung des groften Eingeweihten des Sonnenorakels. Ihre ganze Unter-
weisung wurde so gelenkt und geleitet, dafi man in den entsprechenden
Zeitpunkten der Menschheitsentwickelung immer die Moglichkeit
hatte, von der Statte, welche der Eingeweihte des Sonnenorakels, der
grofte Manu, leitete, die richtigen Einfliisse hinausflieften zu lassen.
Nehmen wir einmal an, es ware zu irgendeinem Zeitpunkte der
Menschheitsentwickelung notwendig geworden, daft eine Verjiingung
der Kultur eintrat, daft sozusagen das, was die Menschheit eine Zeit-
lang als Tradition bewahrt hatte und was alt geworden war, einen
neuen Einschlag erhielt, daft ein neues Kulturelement der Menschheit
gegeben wurde. Zu diesem Ziele muftte unmittelbar in der Statte des
Eingeweihten des Sonnenorakels Vorsorge getroffen werden, und das
wurde in der verschiedensten Weise getan.
In der ersten Zeit der nachatlantischen Kulturentwickelung wurden
direkt Menschen, die dazu vorbereitet worden waren, da oder dorthin
geschickt, um als Ergebnis ihrer sorgfaltigen Erziehung das hinauszu-
tragen, was gerade bei diesem oder jenem Volke gebraucht wurde.
Immer wurde in dieser Orakelstatte, die sich in einer gewissen Gegend
Asiens verborgen hatte, dafiir gesorgt, daft die einzelnen Kulturen in
der entsprechenden Weise beeinfluftt werden konnten.
Dann aber, fiinf bis sechs Jahrhunderte nach dem Auftreten des
groften Buddha, war eine ganz besondere Zeit gekommen. Die Not-
wendigkeit war gekommen, den Buddhismus zu verjiingen. Was als
eine alte, reife Weltanschauung, als eine Weltanschauung auf hochster
Hohe durch den grofien Buddha verkiindet worden war, sollte durch
einen Jungbrunnen durchgelenkt werden, so daft es in einer jugend-
frischen Gestalt vor die Menschheit hintreten konnte. Ganz besondere
Jugendkrafte mufken der Menschheit zugefuhrt werden. Diese Jugend-
krafte waren eben nicht enthalten bei irgendeiner Individuality, die
sonst draulkn in der Welt gearbeitet hat.
Wer fur die Welt wirkt, der nutzt seine Krafte ab, und Abnutzen der
Krafte heilk eben alt werden. Wir konnten in der Zeit zuruckgehen
und wiirden finden, wie Kultur nach Kultur aufsteigt: erst die alte
indische Kultur, darauf die urpersische, dann die agyptisch-chaldaische
und so weiter, und wir wiirden sehen, daft immer grofie, bedeutende
Menschheitsfuhrer da waren. Diese Menschheitsfuhrer alle haben ihre
besten Krafte hingegeben, um das Menschengeschlecht vorwartszubrin-
gen. Die grofien heiligen Rishis haben ihre besten Krafte hingegeben;
Zarathustra, der Inaugurator der persischen Kultur, hat seine besten
Krafte hingegeben; Hermes, Moses und die Fuhrer der chaldaischen
Kultur, sie alle haben ihre besten Krafte hingegeben. Sie alle waren in
einer gewissen Beziehung durch das, was sie wirken konnten, die rich-
tigen und besten Leiter und Lenker ihrer Zeiten. Nehmen wir irgend-
eine Personlichkeit im alten Indien. Sie hatte sich immer wieder und
wieder verkorpert, war in dieser oder jener Inkarnation wiederer-
schienen, in der persischen, in der agyptisch-chaldaischen Kulturepoche,
und indem sie wiedererschienen war, war ihre Seele immer alter ge-
worden, immer reifer und reifer; sie hatte sich hinauferhoben zu immer
reiferen Kraften, aber die frischen Jugendkrafte hatte sie verloren.
Man kann heranreifen, kann Ungeheures leisten, wenn man eine alte
Seele geworden ist, welche durch viele Inkarnationen hindurch an sich
gearbeitet hat, aber die Seele ist eine alte Seele geworden. Man kann
Grofies lehren, viel leisten fur die Menschheit, aber die Jugendfrische
und die Jugendkraft mufke man notwendigerweise dareingeben, wenn
man sich so hinaufentwickelt hatte.
Nehmen wir selbst einen Grofiten, der im Laufe derMenschheitsent-
wickelung gewirkt hat: Zarathustra. Er war es,der aus so grofienTiefen
der spirituellen Welt heraus seiner Zeit die grofie Botschaft von dem
Sonnengeiste bringen konnte, er war es, der seine Menschheit hinauf-
weisen konnte zu dem groflen Geist, der spater als der Christus erschien.
Er war es, der da sagte: In der Sonne ist er enthalten, Ahura Mazdao;
erwird sich der Erde nahern.Und er sprach von ihm grofte,bedeutsame
Worte. Nur die tiefste spirituelle Erkenntnis, das gro£e entwickelte
Hellsehen des Zarathustra konnte jene Wesenheit schauen, von welcher
die heiligen Rishis noch sagten, Vishva Karman liege jenseits ihrer
Sphare, jene Wesenheit, welche er, Zarathustra, Ahura Mazdao nannte
und deren Bedeutung fur die Menschheitsentwickelung er verkiindete.
Ein ungeheuer reifer Geist gehorte in die Zarathustra-Korperlichkeit
hinein schon damals, als Zarathustra die urpersischeKultur begriindete.
Wir konnen uns denken, dafi diese Individualitat durch ihre folgen-
den Inkarnationen immer hoher gestiegen ist, immer reifer, immer alter
geworden ist — und immer fahiger zu den grofken Opfern fiir die
Menschheit. Diejenigen von Ihnen, welche andere Vortrage von mir
gehort haben, werden wissen, wie Zarathustra seinen Astralleib ab-
gegeben hat, der spater wieder auflebte in dem Fiihrer der agyptischen
Kultur, in Hermes, und wie er seinen Atherleib abgegeben hat an den
Fiihrer des althebraischen Volkes, an Moses. Das alles kann man nur
tun, wenn man eine machtig entwickelte Seele hat. Dann kann man
eine so hoch entwickelte Individualitat werden wie Zarathustra, der
dann sechshundert Jahre vor unserer Zeitrechnung in der Zeit, als der
Buddha in Indien gewirkt hat, in Chaldaa aufgetreten ist und als der
grofie Lehrer Nazarathos oder Zarathas wirken konnte, der auch der
Lehrer des Pythagoras war. Das alles konnte jene grofie Seele werden,
die der Fiihrer und Inaugurator der persischen Kultur war. Sie war
bis zu diesem Punkte immer reifer und reifer geworden.
Aber was nun notwendig war, als der Buddhismus verjungt werden
sollte, das konnte, wie Sie aus alledem ersehen werden, diese Seele
nicht. Sie konnte unmoglich ganz jugendfrische Krafte abgeben, die
sich geradedadurch auszeichnen sollten,dafi sie sich biszurGeschlechts-
reife in ihrer Kindheit entwickelten, damit sie dann an den Nirmana-
kaya des Buddha abgegeben werden konnten. Das hatte die Zara-
thustra- Wesenheit nimmermehr vermocht, gerade weil sie von Inkar-
nation zu Inkarnation so hoch gestiegen war, so weit aufgestiegen war.
Deshalb ware es ihr nicht moglich gewesen, sich in einem Kinde zu
Beginn unserer Zeitrechnung so zu entwickeln, dafi damit dasjenige
moglich geworden ware, was notwendig geworden war.
Wenn wir also unter all den Individualitaten, die sich damals ent-
faltet haben, Umschau halten, so finden wir nirgends einen Menschen,
der jetzt geboren werden konnte, der die Kraft hatte, sich so zu ent-
falten, dafi er im zwolften Jahre die jugendfrischen Krafte abgeben
konnte, die den Buddhismus verjungen sollten. Wir haben gerade den
Blick gelenkt auf die grofte, einzigartige Zarathustra-Individualitat,
um etwas Aufierordentliches zu erwahnen, und wir konnen uns sagen:
Auch die Zarathustra-Individualitat war ungeeignet, um den Leib des
Jesus bis zu der Zeit zu beleben, da die astralische Mutterhulle abge-
streift wurde, damit diese sich mit dem Nirmanakaya des Buddha ver-
einigen konnte.
Woher also kam die grofte belebende Kraft des Jesusleibes? Sie kam
aus der groften Mutterloge der Menschheit, die der grofie Sonnen-
Eingeweihte, der Manu, lenkt. In das Kind, das dem Elternpaare
geboren wurde, das im Lukas-Evangelium Joseph und Maria genannt
wird, wurde hineingesenkt eine grofie individuelle Kraft, die gehegt
und gepflegt worden war in der grofien Mutterloge, in dem gro£en
Sonnenorakel. Es wurde in dieses Kind hineingesenkt die beste, die
starkste jener Individualitaten. Welche Individualitat?
Wenn wir die Individualitat, die in das Kind Jesus damals hinein-
versenkt wurde, kennenlernen wollen, so miissen wir weit zuriick-
gehen, bis in die Zeit vor dem luziferischen Einfiuft auf die Menschheit,
bevor sich in den Astralleib der Menschen der luziferische Einflufi hin-
einerstreckt hat. Dieser luziferische Einflufi kam an die Menschen
heran in derselben Zeit, als das Urmenschenpaar, das menschliche
Hauptpaar die Erde bevolkerte. Dieses menschliche Hauptpaar war
zwar stark genug, um die Menschensubstanz sozusagen zu iiberwinden,
so dafi es sich verkorpern konnte, aber es war nicht stark genug, um
dem luziferischen Einflufi Widerstand zu leisten. Der luziferische Ein-
flufi kam heran, erstreckte seine Wirkungen auch in den astralischen
Leib dieses Hauptpaares, und die Folge war, dafi es unmoglich war,
alle die Krafte, die in Adam und Eva waren, auch herunterfliefien zu
Iassen in die Nachkommen, durch das Blut der Nachkommen. Den
physischen Leib mufite man durch alle die Geschlechter herunter sich
fortpf lanzen lassen, aber von dem Atherleib behielt man in der Leitung
der Menschheit etwas zuriick. Das driickte man eben dadurch aus, daft
man sagte: Die Menschen haben genossen von dem Baume der Er-
kenntnis des Guten und Bosen, das heiftt, was von dem luziferischen
Einfluft kam; aber es wurde auch gesagt: Jetzt miissen wir ihnen die
Moglichkeit nehmen, auch zu genieften von dem Baume des Lebens!
Das heiftt, es wurde eine gewisse Summe von Kraften des Atherleibes
zuriickbehalten. Die flossen jetzt nicht auf die Nachkommen herunter.
Es war also in Adam eine gewisse Summe von Kraften, die ihm nach
dem Siindenfalle genommen wurden. Dieser noch unschuldige Teil des
Adam wurde aufbewahrt in der groften Mutterloge der Menschheit,
wurde dort gehegt und gepflegt. Das war sozusagen die Adam-Seele,
die noch nicht beriihrt war von der menschlichen Schuld, die noch
nicht verstrickt war in das, wodurch die Menschen zu Fall gekommen
sind. Diese Urkrafte der Adam-Individualitat wurden aufbewahrt.
Sie waren da, und sie wurden jetzt als «provisorisches Ich» dahin ge-
leitet, wo dem Joseph und der Maria das Kind geboren wurde, und in
den ersten Jahren hatte dieses Jesuskind die Kraft des urspriinglichen
Stammvaters der Erdenmenschheit in sich.
Oh, diese Seele war sehr jung erhalten geblieben. Sie war nicht
durchgeleitet worden durch die verschiedenen Inkarnationen, sie war
zuriickbehalten worden auf einer sehr weit zuriickgebliebenen Stufe,
wie wenn wir das Kind bei unserem hypothetischen Erziehungsver-
suche kiinstlich so zuriickhalten. Wer also lebte auf in dem Kindlein,
das dem Paare Joseph und Maria geboren war? Der Stammvater der
Menschheit, der «alte Adam» als ein «neuer Adam». Das hat schon
Paulus gewuftt (1. Korinther 15, 45); das liegt in dem, was sich hinter
seinen Worten verbirgt. Und das hat auch Lukas, der Schreiber des
Lukas-Evangeliums, der ein Paulus-Schuler war, gewuftt. Daher spricht
Lukas davon in einer ganz besonderen Weise. Er wuftte, daft etwas
Besonderes notwendig war, um uberhaupt diese Geistessubstanz her-
unterzuleiten auf die Menschheit, er wuftte, daft eine Blutsverwandt-
schaft bis zu Adam hinauf notwendig war. Daher gibt er fur den
Joseph ein Geschlechtsregister, das bis hinauf zu Adam fiihrt, der un-
mittelbar aus der geistigen Welt selbst hervorgeht, daher in der Rede-
weise des Lukas von Gott stammt, er ist ein «Sohn Gottes». Bis zu Gott
hinauf wird bei Lukas die Geschlechterfolge gegeben (Lukas 3, 23-38).
Es verbirgt sich ein bedeutendes Mysterium gerade in dem, was wir
das Geschlechtskapitel des Lukas nennen: dafi gemeinsames Blut hin-
unterfliefien mufke durch die Generationen und in ununterbrochener
Folge bewahrt wurde bis zu dem spatesten Nachkommen, damit, wenn
die Zeit erfiillt ware, auch der Geist hinuntergeleitet werden konnte
auf die Nachkommen. - So verband sich mit dem Leibe, der dem Joseph
und der Maria geboren wurde, dieser unendlich jugendliche Geist,
dieser von alien Erdenschicksalen unberiihrte Geist, diese junge Seele,
deren Krafte, wenn wir sie suchen wollten, im alten Lemurien gesucht
werden miilken. Dieser Geist allein war stark genug, um ganz hinein-
zustrahlen in den astralischen Mutterleib und, als dieser abgestreift
wurde, ihm die Krafte zu iiberlassen, die er brauchte, um sich in frucht-
barer Weise mit dem Nirmanakaya des Buddha zu vereinigen.
Wir diirfen also fragen: Was schildert uns denn eigentlich das
Lukas-Evangelium, indem es zu reden beginnt iiber den Jesus von
Nazareth? Es schildert uns erstens einen Menschen, der in der Bluts-
verwandtschaft seinen physischen Leib hinaufleitete bis zu Adam, bis
zu den Zeiten, in welchen innerhalb der Erdenverodung durch ein
Hauptpaar auf der Erde die Menschheit gerettet worden ist. Und es
schildert uns weiter, sich ganz auf den Gesichtspunkt der Wiederver-
korperung stellend, dieWiederverkorperung einer Seele, die am langsten
gewartet hatte vor ihren Wiederverkorperungen. Die Adam-Seele vor
dem Siindenfall, die am langsten gewartet hatte, finden wir wieder in
dem Jesusknaben. Wir diirfen also, so phantastisch es fur die heutige
Menschheit klingen wird, sagen, dafi jene Individuality, welche durch
die grofie Mutterloge der Menschheit hineingeleitet wurde in das Jesus-
kindlein, nicht nur abstammte von den physisch altesten Geschlechtern
der Menschheit, sondern sie ist auch dieWiederverkorperung des ersten
Mitgliedes der Menschheit iiberhaupt. - Jetzt wissen wir, wer derjenige
war, der da im Tempel dargestellt und dem Simeon gezeigt wurde,
wer der «Sohn Gottes» war nach Lukas. Nicht von dem gegenwartigen
Menschen spricht er, sondern er bezeugt, daft dieser Mensch die Wie-
derverkorperung von dem ist, der friiher da war, der als der aller-
alteste Blutsstammvater aller der Geschlechter da war.
Wenn wir alles das zusammenfassen, so miissen wir jetzt das Fol-
gende sagen. Es hat im funften, sechsten Jahrhundert vor unserer Zeit-
rechnung in Indien der grofte Bodhisattva gelebt, der die Mission hatte,
der Menschheit die Wahrheiten zu bringen, welche nach und nach
innerhalb der Menschheit selbst geboren werden sollten. Die Anregung
dazu hat er gegeben. Er ist dadurch damals zum Buddha geworden.
Daher tritt er in einem ferneren Erdenleibe, der seiner Individualitat
vollstandig entspricht, nicht wieder auf. Er erscheint aber wieder in
dem Nirmanakaya, dem Leib der Verwandlungen, aber nur bis zur
atherisch-astralischen Welt. In der Form der Engelscharen sehen ihn
da die Hirten, die fur einen Moment hellsichtig werden, weil sie sehen
sollen, was ihnen verkiindet wird. Er neigt sich iiber das Kind, das dem
Joseph und der Maria geboren wird. Und es hat einen Zweck, daft er
sich gerade iiber dieses Kind neigt.
Was der grofte Buddha der Menschheit hat bringen konnen, das
muftte in einer reifen Gestalt vorhanden sein; es ist schwierig zu ver-
stehen, es steht auf bedeutenden Geisteshohen. Damit es allgemein
f ruchtbar werden konnte, muftte in das, was sich der Buddha bis dahin
erobert hatte, eine Kraft einfliefien, die ganz jugendfrisch war. Er
muftte diese Kraft aus der Erde heraufsaugen, indem er sich zu einem
Menschenkinde herabneigte, von dem er alle die Jugendkrafte aus dem
sich ablosenden astralischen Mutterleibe aufnehmen konnte. Dieser
Mensch wurde ihm dadurch geboren, daft aus der Bluts-, aus der Gene-
rationsfolge ein Kind geboren wurde, das er, der es am besten wuftte,
zuriickverfolgen konnte bis zu dem Stammvater der Menschheit, das
er aber auch zuriickfiihrte bis zu der alt-jungen Seele der Menschheit
wahrend der lemurischen Zeit und das er aufzeigen konnte als den
wiederverkorperten neuen Adam. Dieses Kind, das eine Seele hatte,
welche die Mutterseele der Menschheit war, die jung erhalten worden
war durch die Epochen hindurch, es lebte so, daft es alle frischen
Krafte hineinstrahlte in den astralischen Leib, der sich dann losloste,
hinaufstieg und sich mit dem Nirmanakaya des Buddha vereinigte.
Das sind aber nicht alle Tatsachen, durch die wir das wunderbare
Mysterium von Palastina verstehen konnen, das ist nur eine Seite. Wir
verstehen jetzt, wer in Bethlehem geboren worden ist, nachdem von
Nazareth Joseph und Maria dorthin gereist sind, und wer den Hirten
verkiindet worden ist. Aber das ist noch nicht alles. In der Zeit am
Beginne unserer Zeitrechnung geschah so mancherlei Seltsames und
Bedeutungsvolles, um das grofite Ereignis der Menschheitsentwickelung
zustande zu bringen. Um das verstandlich zu machen, was allmahlich
zu diesem grofien Ereignisse hinauffuhrte, miissen wir folgendes noch
betrachten.
Es gab innerhalb des althebraischen Volkes das David-Geschlecht.
Diejenigen, welche wir die «davidischen Geschlechter» nennen, leiteten
skh alle auf ihren Stammvater David zuriick. Sie konnen es nun aus
der Bibel ersehen, daft David zwei Sonne hatte, Salomo und Nathan
(2. Samuelis 5, 14). Zwei Geschlechterfolgen, die salomonische Linie
und die nathanische Linie, stammen also von David ab. Wenn wir
daher die Zwischenglieder unberiicksichtigt lassen, konnen wir sagen:
In der Zeit, als unsere Zeitrechnung beginnt, sind in Palastina vor-
handen die Nachkommen sowohl der salomonischen Linie wie auch
der nathanischen Linie des davidischen Geschlechtes. Und es lebt als
ein Nachkomme aus derjenigen Linie, die wir die nathanische Linie
des davidischen Geschlechtes nennen, ein Mann unter dem Namen
Joseph in Nazareth. Er hat zu seiner Gemahlin eine Maria. Und es lebt
ein Nachkomme der salomonischen Linie des David-Geschlechtes in
Bethlehem, der auch Joseph heiftt. Es ist nicht weiter wunderbar, daft
da zwei Menschen leben aus dem Geschlechte Davids, welche beide
Joseph heiften, und daft beide mit einer Maria, wie sie die Bibel nennt,
vermahlt sind. Wir haben also zwei Elternpaare im Beginne unserer
Zeitrechnung in Palastina; beide tragen die Namen Joseph und Maria.
Das eine Elternpaar fiihrt seine Abkunft auf die salomonische Linie
des Geschlechtes David zuriick, das heiftt auf die «konigliche Linie»;
das andere Elternpaar, dasjenige in Nazareth, fiihrt sein
…[truncated]