Ein Weg zur Selbsterkenntnis des Menschen

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 



RUDOLF STEINER GESAMTAUSG ABE 
Abteilung A: Schriften, I. Werke 

Herausgegeben von der 
Rudolf Steiner Nachlassverwaltung 



Band GA 16 



RUDOLF STEINER 

Weg zur Selbsterkenntnis 
des Menschen 

In acbt Meditationen 



2004 

RUDOLF STEINER VERLAG 



Erstmals erschienen 1912 

Fur die 8. Auflage nach der Ausgabe 1918 
durchgesehen und herausgegeben von Taja Gut 

Bibliographischer Nachweis bisheriger Ausgaben 

Seite 102 



Band GA 16 
8., durchgesehene Auflage 2004 

© 2004 Rudolf Steiner Verlag, Dornach 
© 1956 Rudolf Steiner Nachlassverwaltung, Dornach 
Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, der foto- 
mechanischen und elektronischen Wiedergabe, vorbehalten. 
Satz: Verlag / Bindung: Spinner, Ottersweier 
Printed in Germany by Konkordia Druck, Buhl 

ISBN 3-7274-0160-5 



INHALT 



Einleitende Bemerkungen 

Erste Meditation 

Der Meditierende versucht eine wahre Vorstellung von 
dem physischen Leibe zu gewinnen 

Zweite Meditation 

Der Meditierende versucht eine wahre Vorstellung von 
dem elementarischen oder atherischen Leibe zu gewinnen 

Dritte Meditation 

Der Meditierende versucht sich Vorstellungen zu bilden 
iiber die hellsichtige Erkenntnis der elementarischen Welt 

Vierte Meditation 

Der Meditierende versucht eine Vorstellung von dem 
«Hiker der Schwelle» zu bilden 

Fiinfte Meditation 

Der Meditierende versucht eine Vorstellung des «astrali- 
schen Leibes» zu bilden 

Sechste Meditation 

Der Meditierende versucht eine Vorstellung des «Ich- 
Leibes» oder «Gedanken-Leibes» zu bilden 

Siebente Meditation 

Der Meditierende versucht Vorstellungen zu bilden iiber 
die Art des Erlebens in ubersinnlichen Welten 

Achte Meditation 

Der Meditierende versucht eineVorstellung zu bilden von 
dem Schauen der wiederholten Erdenleben des Menschen 



Anhang 

7.u dieser Ausgabe 95 

Textgrundlagen 96 

Textkorrekturen 97 

Hinweise 99 

Literatur zum Thema aus dem Werk Rudolf Steiners . . 100 
Bibliographiscker Nachweis bisheriger Ausgaben . . .102 

Zum Werk Rudolf Steiners 103 



EINLEITENDE BEMERKUNGEN 



In dieser Schrift ist angestrebt, geisteswissenschaftliche 
Erkenntnisse iiber die Wesenheit des Menschen zu geben. 
Die Darstellung ist so gehalten, daft der Leser in das Dar- 
gestellte hineinwachsen mag, so daft es ihm im Verlaufe des 
Lesens wie zu einer Art Selbstgesprach wird. Gestaltet sich 
dieses Selbstgesprach so, daft dabei vorher verborgene 
Krafte sich offenbaren, welche in jeder Seele erweckt wer- 
den konnen, so fiihrt dann das Lesen zu einer wirklichen 
inneren Seelenarbeit. Und diese kann sich allmahlich zur 
Seelenwanderschaft gedrangt sehen, welche wahrhaftig in 
das Schauen der geistigen Welt hineinversetzt. Deshalb 
wurde das Mitgeteilte in der Form von acht Meditationen 
gegeben, welche wirklich durchgefiihrt werden konnen. 
Geschieht dies, so konnen sie geeignet sein, der Seele das 
durch die eigene innere Vertiefung zu iibermitteln, wovon 
in ihnen gesprochen wird. 

Angestrebt ist worden, einerseits demjenigen Leser et- 
was zu geben, der sich bereits mit der Literatur und den 
Arbeiten auf dem Gebiete des Ubersinnlichen, wie es hier 
gemeint ist, eingehender bekannt gemacht hat. So wird viel- 
leicht hier der Kenner des ubersinnlichen Lebens durch 
die Art des Dargestellten, durch die unmittelbar mit dem 
Seelen-Erleben zusammenhangende Mitteilung, etwas fin- 
den, was ihm, wichtig erscheinen kann. Und andrerseits 
kann mancher finden, daft gerade durch diese Darstellung 
auch dem geniitzt werden kann, welcher den Ergebnissen 
der Geisteswissenschaft noch feme steht. 

Zu meinen iibrigen Schriften auf geisteswissenschaft- 
lichem Gebiete soli diese eine Erganzung und auch Erwei- 



terung liefern. Doch soli sie auch fiir sich gelesen werden 
konnen. 

In meiner «Theosophie» und in meinem «Umrift einer 
Geheimwissenschaft» ist angestrebt worden, die Dinge so 
darzustellen, wie sie sich der Beobachtung ergeben, die auf 
das Geistige geht. Die Darstellung ist in diesen Schriften 
eine beschreibende, deren Fortgang durch die aus den Din- 
gen sich offenbarende Gesetzmaftigkeit vorgeschrieben 
war. - In diesem «Weg zur Selbsterkenntnis des Men- 
schen» ist die Darstellung anders. Es ist in ihr gesagt wor- 
den, was eine Seele erleben kann, welche sich auf den Weg 
zum Geiste hin in einer gewissen Weise begibt. Die Schrift 
kann deshalb angesehen werden als die Wiedergabe von 
Seelenerlebnissen. Es muft nur beachtet werden, daft die 
Erlebnisse, die in solcher Art, wie sie hier beschrieben sind, 
gemacht werden konnen, bei einer einzelnen Seele, nach 
ihrer besonderen Eigenart, eine individuelle Form anneh- 
men miissen. Es ist angestrebt worden, dieser Tatsache ge- 
recht zu werden, so daft man sich auch vorstellen kann, das 
Geschilderte sei so, wie es dargestellt ist, von einer be- 
stimmten Seele genau durchlebt worden. (Der Titel heifk 
deshalb: «Ein Weg zur Selbsterkenntnis. ») Eben deshalb 
kann die Schrift dazu dienen, daft sich auch andre Seelen in 
dies Geschilderte hineinleben und zu entsprechenden Zie- 
len gelangen. So ist diese Schrift auch eine Erganzung und 
Erweiterung dessen, was sich in meinem Buche «Wie er- 
langt man Erkenntnisse der hoheren Welten» findet. 

Dargestellt sind nur einzelne geisteswissenschaftliche 
Grunderlebnisse. Auf die Mitteilung weiterer Gebiete der 
«Geisteswissenschaft» in dieser Art ist vorlaufig verzichtet. 

Miinchen, im August 1912. Rudolf Steiner 



ERSTE MEDITATION 



Der Meditierende versucht eine wahre Vorstellung 
von dem physischen Leibe zu gewinnen 

Wenn die Seele durch die Sinne und durch ihr Vorstellen 
an die Erscheinungen der Aufienwelt hingegeben ist, dann 
kann sie bei wirklicher Selbstbesinnung nicht sagen, sie 
nehme diese Erscheinungen wahr, oder sie erlebe die Dinge 
der Aufienwelt. Denn sie weift in Wahrheit in der Zeit ihrer 
Hingabe an die Aufienwelt nichts von sich. Das Sonnen- 
licht, das von den Dingen in vielartiger Farbenerscheinung 
sich im Raume ausbreitet, das erlebt sich eigenthch in der 
Seele. Freut sich die Seele iiber irgendeinen Vorgang, so ist 
sie in dem Zeitpunkte des Freuens selbst Freude, soweit sie 
von der Sache wei& Die Freude erlebt sich in ihr. Die Seele 
ist eins mit ihrem Erleben von der Welt; sie erlebt sich nicht 
als etwas, das sich freut, das bewundert, das sich ergotzt 
oder furchtet. Sie ist Freude, Bewunderung, Ergotzen, 
Furcht. Wenn sich die Seele dies immer gestehen wollte, 
dann erschienen ihr die Zeiten, in welchen sie von dem 
Erleben an der Aufienwelt zurucktritt und sich selbst 
betrachtet, erst in dem rechten Lichte. Sie erschienen als 
ein Leben von ganz besondrer Art, die zunachst ganz un- 
vergleichlich ist mit dem gewohnlichen Seelenleben. Mit 
dieser besondren Art des Lebens beginnen die Ratsel des 
seelischen Daseins im Bewufksein aufzutauchen. Und die- 
se Ratsel sind im Grunde die Quelle aller andern Welten- 
ratsel. - Aufienwelt und Innenwelt stellen sich vor den 
Menschengeist, wenn die Seele fur kurzere oder langere 
Zeit aufhort mit der Aufienwelt eins zu sein und sich in die 
Einsamkeit des Eigenseins zuriickzieht. 



Dieses Zuriickziehen ist kein einfacher Vorgang, der 
einmal sich vollzieht und dann etwa in derselben Art wie- 
derholt werden konnte. Es ist vielmehr der Beginn einer 
Wanderung in vorher unbekannte Welten. Hat man die 
Wanderung begonnen, dann wird jeder Schritt, den man 
gemacht hat, die Veranlassung zu weiteren. Und er ist auch 
die Vorbereitung zu diesen weiteren. Er macht die Seele fur 
die folgenden erst fahig. Und mit jedem Schritte erfahrt 
man mehr iiber die Antwort auf die Frage: Was ist der 
Mensch im wahren Sinne des Wortes? Welten eroffnen 
sich, die vor der gewohnlichen Lebensbetrachtung verbor- 
gen sind. Und doch liegt in ihnen allein dasjenige, was auch 
iiber diese Lebensbetrachtung die Wahrheit offenbaren 
kann. - Wenn auch keine Antwort eine umfassende, end- 
giiltige ist, so sind die Antworten, welche durch innere 
Seelenwanderschaft errungen werden, doch solche, die 
iiber alles hinausgehen, was die au£eren Sinne und der an 
sie gebundene Verstand geben konnen. Und dieses andre 
hat der Mensch notig. Er bemerkt, dafi dies so ist, wenn er 
sich wahrhaftig auf sich selbst besinnt. 

Zunachst sind zu dieser Wanderschaft niichterne, trok- 
kene Uberlegungen notwendig. Sie geben den sicheren 
Ausgangspunkt fur das weitere Vordringen in die iiber- 
sinnlichen Gebiete, um die es zuletzt der Seele zu tun ist. 
Manche Seele mochte sich diesen Ausgangspunkt ersparen 
und sogleich in das Ubersinnliche eindringen. Eine gesun- 
de Seele wird, selbst wenn sie durch Abneigung gegen eine 
solche Uberlegung diese erst vermieden hat, spater doch 
sich derselben hingeben. Denn wieviel man auch iiber 
das Ubersinnliche von einem andern Ausgangspunkte her 
erfahren hat, sichern Boden unter sich gewinnt man nur 



durch Uberlegungen von der Art, wie die hier zunachst 
folgende ist. 

Es konnen im Leben der Seele die Augenblicke kom- 
men, in denen sie zu sich selber so spricht: Du mulk dich 
allem entziehen konnen, was dir eine Auftenwelt geben 
kann, wenn du dir nicht ein Gestandnis abpressen lassen 
willst, mit dem sich nicht leben lalk, namlich du seiest nur 
der sich selbst erlebende Widersinn. - Was du da drau£en 
wahrnimmst, es ist da ohne dich; es war ohne dich und 
wird ohne dich sein. Warum empfinden sich die Farben in 
dir, da dein Empfinden fur sie doch bedeutungslos sein 
konnte? Warum bilden die Stoffe und Krafte der Auften- 
welt deinen Leib? Er belebt sich zu deiner aufteren Erschei- 
nung. Die Auftenwelt gestaltet sich zu dir. Du wirst ge- 
wahr, daft du diesen Leib brauchst. Weil du ohne deine Sin- 
ne, welche nur Er dir einbilden kann, zunachst gar nicht 
etwas in dir erleben konntest. Du warest, so wie du vorerst 
bist, leer ohne deinen Leib. Er gibt dir innere Fulle und 
Inhalt. - Und dann konnen alle die Uberlegungen auftre- 
ten, ohne welche ein menschliches Dasein nicht bleiben 
kann, wenn es nicht in gewissen Zeiten, die fur jeden Men- 
schen kommen, mit sich in einen unertraglichen Wider- 
spruch geraten will. Dieser Leib - er lebt so, daft er jetzt 
Ausdruck ist des seelischen Erlebens. Seine Vorgange sind 
von der Art, daft die Seele durch ihn lebt und sich in ihm 
erlebt. Das wird einmal nicht so sein. Was in dem Leibe 
lebt, wird einmal ganz anderen Gesetzen unterworfen sein 
als jetzt, da es fur mich verlauft, fur mein seelisches Erle- 
ben. Es wird den Gesetzen unterworfen sein, nach denen 
Stoffe und Krafte drauften in der Natur sich verhalten, 
Gesetzen, die nichts mehr mit mir und meinem Leben zu 



tun haben. Der Leib, dem ich mein seelisches Erleben ver- 
danke, wird in den allgemeinen Weltverlauf aufgenommen 
sein und sich in demselben so verhalten, daft er mit allem, 
was ich in mir erlebe, nichts mehr gemeinsam haben wird. 

Eine solche Uberlegung kann alle Schauer des Todesge- 
dankens vor das innere Erleben bringen, ohne daft sich in 
diesen Eindruck die bloft personlichen Empfindungen mi- 
schen, welche in der Seele gewohnlich mit diesem Gedan- 
ken verbunden sind. Solche Empfindungen bewirken, daft 
ihm gegeniiber die ruhige, gelassene Stimmung nicht leicht 
sich einstellt, die zur erkennenden Betrachtung notwendig 
ist. - Es ist nur zu begreiflich, daft der Mensch ein Wissen 
gewinnen will iiber den Tod und iiber ein Leben der Seele 
unabhangig von der Auflosung des Leibes. Die Art, wie er 
zu den Fragen steht, die hier in Betracht kommen, ist, wie 
kaum irgend etwas andres in der Welt, geeignet, den sach- 
lichen Blick zu triiben und Antworten als gultig hinzuneh- 
men, welche vom Wunsche eingegeben sind. Man kann 
aber iiber nichts eine wahre Erkenntnis auf geistigem Ge- 
biete erhalten, bei dem man nicht wie ein vollig Unbeteilig- 
ter das «Nein» ebenso willig hinnimmt wie das «Ja». Und 
man wird nur gewissenhaft in sich selbst zu blicken brau- 
chen, um sich vollig klar dariiber zu sein, daft man nicht 
mit demselben Gleichmut die Erkenntnis hinnehmen wiir- 
de, mit dem Tode des Leibes erlischt auch das seelische 
Leben, wie die andre, die von dem Fortbestand der Seele 
nach dem Tode spricht. Gewift, es gibt Menschen, die vol- 
lig ehrlich an die Vernichtung der Seele mit der Auflosung 
des Leibeslebens glauben, und die mit einem solchen Ge- 
danken sich ihr Leben einrichten. Doch auch fur diese gilt, 
daft sie mit ihren Gefuhlen keineswegs unbefangen diesem 



Gedanken gegeniiberstehen. Sie lassen sich durch die 
Schrecken der Vernichtung allerdings nicht dazu hinreiften, 
die Grunde der Erkenntnis, welche fur sie deutlich spre- 
chen, von dem Wunsche iibertont zu fiihlen, der nach 
einem Fortleben zielt. Insoferne sind die Vorstellungen 
solcher Menschen oft sachlicher als diejenigen der andern, 
welche, ohne dies zu wissen, sich Grunde fiir das Fortleben 
vorspiegeln oder vorspiegeln lassen, weil in ihren geheimen 
Seelengriinden eben die Begierde nach solchem Fortleben 
brennt. Doch ist bei den Unsterblichkeitsleugnern die Be- 
fangenheit eine nicht weniger grofte. Sie ist nur anders ge- 
artet. Es gibt unter ihnen solche, welche sich eine gewisse 
Vorstellung von dem machen, was Leben und Dasein heiftt. 
Diese Vorstellung fiihrt sie dazu, bestimmte Bedingungen 
denken zu mussen, unter denen dieses Leben nur allein 
moglich ist. So wie sie nun das Dasein ansehen, ergibt sich 
ihnen, daft die Bedingungen des seelischen Lebens nicht 
mehr vorhanden sein konnen, wenn der Leib wegfallt. 
Solche Menschen bemerken nicht, daft sie sich erst eine 
bestimmte Vorstellung gebildet haben, wie Leben nur sein 
konne, und daft sie allein deshalb nicht glauben konnen, es 
dauere nach dem Tode fort, weil sich aus ihrer Vorstellung 
heraus keine Moglichkeit ergibt, sich ein leibfreies Dasein 
zu denken. Sie sind zwar nicht durch ihre Wunsche, wohl 
aber durch die Vorstellungen befangen, von denen sie nun 
eben nicht loskommen konnen, Es gibt noch viele Be- 
fangenheiten auf diesem Gebiete. Man kann immer nur 
einzelne Beispiele dessen anfuhren, was in dieser Art alles 
vorhanden ist. 

Der Gedanke, daft der Leib, in dessen Vorgangen sich 
die Seele auslebt, einmal der Auftenwelt verfallen werde 



und Gesetzen folgen, die in keinem Verhaltnisse stehen 
zum inneren Erleben, er laftt das Todeserlebnis so vor die 
Seele treten, daft kein Wunsch, kein personliches Interesse 
sich in die Betrachtung einzumischen brauchen. Daft dieses 
Erlebnis zu einer reinen, unpersonlichen Erkenntnisfrage 
fiihren kann. Es wird sich aber dann auch bald die Empfin- 
dung ergeben, daft der Todesgedanke nicht um seiner selbst 
willen bedeutsam ist, sondern deshalb, weil er Licht ver- 
breiten kann tiber das Leben. Man wird zu der Ansicht 
kommen miissen, daft das Ratsel des Lebens zu erkennen 
ist durch das Wesen des Todes. 

Daft die Seele nach ihrer Fortdauer verlangt, sollte unter 
alien Umstanden dazu fiihren, sie mifttrauisch zu machen 
gegen alle Meinungen, welche sie sich iiber diese Fortdauer 
bildet. Denn warum sollten sich die Tatsachen der Welt 
kummern um das, was die Seele empfindet. Sie mag nach 
ihren Bedurfnissen sich selber sinnlos fuhlen, wenn sie den- 
ken miiftte, sie konnte, einer Flamme gleich, die aus dem 
Brennmaterial sich ergibt, aus dem Stoffe ihres Leibes auf- 
flackern und dann wieder verloschen. Es konnte sich dies 
doch so verhalten, auch wenn es als sinnlos empfunden 
wiirde. - Wenn die Seele den Blick zum Leibe wendet, so 
soli sie auch nur mit dem rechnen, was er ihr zeigen kann. 
Es scheint da, als ob in der Natur die Gesetze wirkten, 
welche die Stoffe und Krafte in ein Wechselspiel bringen, 
und als ob diese Gesetze den Leib beherrschten, und ihn 
nach einiger Zeit wieder in das allgemeine Wechselspiel ein- 
bezogen. 

Man mag diesen Gedanken nun wenden, wie man will: 
er ist naturwissenschaftlich wohl brauchbar, doch er er- 
weist sich der wahren Wirklichkeit gegeniiber als ganz un- 



moglich. Man kann finden, daft er allein wissenschaftlich 
klar, niichtern, und alles andre nur subjektiver Glaube sei; 
man kann sich dies wohl einbilden. Man kann es aber bei 
wirklicher Unbefangenheit nicht festhalten. Und darauf 
kommt es an. Nicht was die Seele durch ihr Wesen als not- 
wendig empfindet, kommt in Betracht, sondern dasjenige, 
was die Auftenwelt offenbart, welcher der Leib entnom- 
men ist. Diese Auftenwelt nimmt seine Stoffe und Krafte 
nach dem Tode in sich auf. In ihr folgen sie dann Gesetzen, 
welchen ganz gleichgiiltig ist, was im menschlichen Leibe 
wahrend des Lebens vorgeht. Diese Gesetze (die physi- 
scher und chemischer Art sind) stellen sich zu dem Leibe 
nicht anders als zu jedem andern leblosen Dinge der 
Auftenwelt. Es ist unmdglich, etwas anderes zu denken, als 
daft dieses gleichgultige Verhaltnis der Auftenwelt zum 
Menschenleibe nicht erst mit dem Tode eintritt, sondern 
daft es auch schon wahrend des Lebens besteht. Nicht aus 
dem Leben kann man eine Vorstellung gewinnen iiber den 
Anteil der sinnlichen Auftenwelt an dem Menschenleibe, 
sondern allein dadurch, daft man denkt: alles, was da an dir 
ist als Trager deiner Sinne, als Vermittler von Vorgangen, 
durch welche deine Seele lebt, das wird von der Welt, wel- 
che du wahrnimmst, so behandelt, wie dir die Vorstellung 
ergibt, die iiber dein Leben hinausschweift. Die damit rech- 
net, daft eine Zeit kommen werde, in der du alles dieses 
nicht mehr an dir hast, worinnen du dich jetzt erlebst. Jede 
andere Vorstellung iiber das Verhaltnis der sinnlichen 
Auftenwelt zum Leibe laftt durch sich selber erfuhlen, daft 
sie gegeniiber der Wirklichkeit nicht haltbar ist. Die Vor- 
stellung aber, daft erst nach dem Tode der wirkliche Anteil 
der Auftenwelt an dem Leibe zutage tritt, kommt mit nichts 



in Konflikt, was wahrhaft in Auftenwelt und Innenwelt er- 
lebt wird. Die Seele fuhlt nichts Unertragliches bei dem Ge- 
danken, daft ihre Stoffe und Krafte Vorgangen der Auften- 
welt verfallen, die mit ihrem eigenen Leben nichts zu tun 
haben. Sie kann in ihren Tiefen bei vollkommen unbe- 
fangener Hingabe an das Leben keinen aus dem Leibe auf- 
steigenden Wunsch entdecken, der ihr den Gedanken un- 
behaglich machte an die Auflosung nach dem Tode. Das 
Unertragliche tritt erst dann ein, wenn die Vorstellung 
gebildet werden sollte, die in die Auftenwelt zuriickkehren- 
den Stoffe und Krafte nehmen die sich erlebende Seele mit. 
Eine solche Vorstellung ware aus demselben Grunde un- 
ertraglich wie jede andre, die sich nicht naturgemaft aus der 
Hingabe an die Offenbarung der Auftenwelt ergibt. 

Der Auftenwelt wahrend des Lebens einen ganz andren 
Anteil an dem Leibesdasein zuzuerkennen als nach dem 
Tode, ist ein Gedanke, der aus dem Nichts hergeholt wer- 
den miiftte. Als sinnloser Gedanke mufi er stets vor der 
Wirklichkeit zuriickprallen, wahrend doch die Vorstellung 
ganz gesund ist, daft die Auftenwelt wahrend des Lebens 
ganz den gleichen Anteil an dem Leibe hat wie nach dem 
Tode. Die Seele fuhlt sich, wenn sie den letztern Gedanken 
hegt, ganz im Einklange mit der Offenbarung der Tat- 
sachen. Sie kann empfinden, daft sie durch diese Vorstel- 
lung nicht in Miftklang kommt mit den Tatsachen, die 
durch sich selbst sprechen, und denen kein kiinstlicher 
Gedanke hinzugefiigt werden darf. 

Man achtet nicht immer darauf, in wie schonem Ein- 
klange das naturliche, gesunde Empfinden der Seele mit der 
Naturoffenbarung ist. Es konnte dies so selbstverstandlich 
erscheinen, daft es gar keiner Beachtung wert ware; und 



doch ist dies scheinbar Bedeutungslose lichtbringend. 
Nichts Unertragliches hat der Gedanke, daft der Leib in die 
Elemente aufgelost werde; etwas Sinnloses dagegen der an- 
dre, daft dies auch mit der Seele geschehe. Es gibt viele 
menschlich personliche Griinde, welche dies als sinnlos er- 
scheinen lassen; diese mussen von der objektiven Betrach- 
tung unberiicksichtigt gelassen werden. Die ganz unper- 
sonliche Hingabe jedoch an das, was die Auftenwelt lehrt, 
zeigt, daft auch wahrend des Lebens dieser Auftenwelt an 
der Seele kein andrer Anteil zugeschrieben werden kann als 
nach dem Tode. Maftgebend ist, daft dieser Gedanke sich 
als ein notwendiger ergibt, und daft er standhalt gegeniiber 
alien Einwanden, die man gegen ihn erheben kann. Wer ihn 
ganz bewuftt denkt, der fiihlt dieses als unmittelbare Ge- 
wiftheit. In Wahrheit denken so aber sowohl Unsterblich- 
keitsglaubige wie Unsterblichkeitsleugner. Die letztern 
werden wohl sagen, in den Gesetzen, welche wirksam sind 
am Leibe nach dem Tode, seien auch die Bedingungen 
seiner Vorgange wahrend des Lebens enthalten; aber sie 
irren sich, wenn sie glauben, sich wirklich vorstellen zu 
konnen, diese Gesetze stiinden wahrend des Lebens in 
einem andern Verhaltnisse zum Leibe als Seelentrager als 
nach dem Tode. 

In sich moglich ist nur die Vorstellung, auch jener be- 
sondre Zusammenhang von Kraften, der mit dem Leibe in 
die Erscheinung tritt, stehe dem Leibe als Seelentrager ge- 
nau so anteilslos gegeniiber wie derjenige, welcher die Vor- 
gange am toten Leibe bewirkt. Nicht fur die Seele ist diese 
Anteilslosigkeit vorhanden, wohl aber fur die Stoffe und 
Krafte des Leibes. Die Seele erlebt sich am Leibe; der Leib 
jedoch lebt mit der Auftenwelt, in ihr, durch sie und laftt 



das Seelische fur sich nicht anders maftgebend sein als die 
Vorgange der Auftenwelt. Man mufi zu der Ansicht kom- 
men, daft fur die Blutbewegung im Leibe die Warme und 
Kalte der Auftenwelt so maftgebend sind, wie die Furcht 
oder das Schamgefuhl, die sich in der Seele abspielen. 

So fiihlt man zunachst in sich die Gesetze der Auften- 
welt in jenem ganz besondren Zusammenhange wirksam, 
der sich als die Gestaltung des Menschenleibes kundgibt. 
Man empfindet diesen Leib als ein Glied der Auftenwelt. 
Aber man steht seinem innern Zusammenhang fremd ge- 
geniiber. Die auftere Wissenschaft klart gegenwartig zum 
Teil auf, wie sich die Gesetze der Auftenwelt in dem ganz 
besondren Wesen zusammenfiigen, das sich als Menschen- 
leib darstellt. Von der Zukunft darf gehofft werden, daft 
diese Erkenntnis immer weiter fortschreiten werde. Wie die 
Seele iiber ihr Verhaltnis zum Leibe denken muE, daran 
kann diese fortschreitende Erkenntnis nicht das geringste 
andern. Im Gegenteil, sie wird immer klarer zeigen miis- 
sen, daft die Gesetze der Auftenwelt vor und nach dem 
Tode in dem gleichen Verhaltnisse zur Seele stehen. Es ist 
eine Illusion, zu erwarten, mit fortschreitender Natur- 
erkenntnis werde aus den Gesetzen der Auftenwelt sich 
ergeben, inwieferne die Leibesvorgange die Vermittler des 
Seelenlebens sind. Man wird immer deutlicher erkennen, 
was im Leibe wahrend des Lebens vorgeht; aber die ent- 
sprechenden Vorgange werden sich stets als solche zeigen, 
welche die Seele als ihr aufterlich so empfindet, wie die 
Vorgange am Leibe nach dem Tode. 

Innerhalb der Auftenwelt muft daher der Leib als ein 
Zusammenhang von Kraften und Stoffen erscheinen, der 
fur sich besteht und in sich erklarbar ist als Glied dieser 



Aufienwelt. - Die Natur lafk die Pflanze entstehen; sie lost 
sie wieder auf. Sie beherrscht den Menschenleib und lafk 
ihn innerhalb ihrer Wesenheit vergehen. Stellt sich der 
Mensch mit einer solchen Betrachtung der Natur gegen- 
iiber, so kann er sich und alles, was in ihm 1st, vergessen, 
und seinen Leib als Glied der Aufienwelt an sich empfin- 
den. Denkt er so liber sein Verhaltnis zu sich und zur 
Natur, so erlebt er an sich, was man seinen physischen 
Leib nennen kann. 



ZWEITE MEDITATION 



Der Meditierende versucht eine wahre Vorstellung von dem 
elementarischen oder atherischen Leibe zu gewinnen 

Durch die Vorstellung, welche die Seele sich in Ankniip- 
fung an die Tats ache des Todes machen muft, kann sie in 
eine vollige Unsicherheit iiber ihr eigenes Wesen hineinge- 
trieben werden. Es wird dies dann der Fall sein, wenn sie 
glaubt, von keiner andern Welt etwas wissen zu konnen, 
als nur allein von der Sinnenwelt und von dem, was der 
Verstand iiber diese Welt zu erkennen vermag. Das ge- 
wohnliche Seelenleben richtet den Blick auf den physischen 
Leib. Es sieht diesen nach dem Tode iibergehen in den 
Naturzusammenhang, der ohne Anteil ist an dem, was die 
Seele vor dem Tode als ihr eigenes Dasein erlebt. Sie kann 
zwar wissen (durch die vorangehende Meditation), daft der 
physische Leib auch wahrend des Lebens zu ihr in demsel- 
ben Verhaltnisse steht wie nach dem Tode: aber dies fiihrt 
sie nicht weiter als zur Anerkennung der inneren Selbstan- 
digkeit des eigenen Erlebens bis zum Tode. Was mit dem 
physischen Leibe nach dem Tode geschieht, das ergibt ihr 
die Beobachtung der Aufienwelt. Fur das innere Erleben 
gibt es eine solche Beobachtung nicht. So wie dieses Seelen- 
leben ist, kann es den Blick nicht iiber die Grenze des 
Todes hinaus richten. Ist die Seele aufterstande sich Vor- 
stellungen zu machen, welche iiber die Welt hinausgehen, 
von welcher der Leib nach dem Tode aufgenommen wird, 
dann hat sie auch keine Moglichkeit, in etwas anderes als in 
das leere Nichts jenseits des Todes in bezug auf alles Seeli- 
sche zu blicken. 

Sollte dies anders sein, so miirke die Seele die Aufien- 



welt mit anderen Mitteln wahrnehmen als mit den Sinnen 
und mit dem an die Sinne gebundenen Verstand. Diese sind 
selbst zum Leibe gehorig und verfallen mit ihm. Was sie 
sagen, kann nie zu etwas anderem fiihren als zu dem Er- 
gebnis der ersten Meditation. Und das besteht nur darin, 
daft die Seele sich gestehen kann: - du bist an deinen Leib 
gebunden. Dieser ist Naturgesetzen unterworfen, welche 
zu dir stehen, wie alle andern Naturgesetze. Du bist durch 
sie ein Glied der Auftenwelt, und diese hat an dir einen 
Anteil, der sich dir am deutlichsten offenbart, wenn du be- 
trachtest, was sie mit deinem Leibe nach dem Tode macht. 
Fur das Leben gibt sie dir Sinne und einen Verstand, wel- 
che es dir unmoglich machen, zu sehen, wie es mit deinem 
seelischen Erleben jenseits der Todesgrenze steht. Dies 
Gestandnis kann nur zu zwei Ergebnissen fiihren. Entwe- 
der es wird alles weitere Nachforschen iiber das Seelenrat- 
sel unterdriickt und Verzicht geleistet, auf diesem Gebiete 
etwas zu wissen. Oder es werden Anstrengungen gemacht, 
durch das seelische Erleben im Innern das zu erreichen, was 
die Auftenwelt versagt. - Diese Anstrengungen konnen 
dazu fiihren, das innere Erleben kraftvoller, energischer zu 
machen, als es im gewohnlichen Dasein ist. 

Im gewohnlichen Leben hat der Mensch eine gewisse 
Starke seiner inneren Erlebnisse, seines Empfindungs- 
und Gedankenlebens. Er hegt z. B. einen Gedanken so oft, 
als sich ein aufterer oder innerer Anlaft dazu ergibt. Es kann 
aber irgendein Gedanke aus der Zahl der andern herausge- 
nommen werden und ohne weiteren Anlafi immer wieder 
durchdacht, in intensiver Art innerlich erlebt werden. Man 
kann einen solchen Gedanken wiederholt zum einzigen 
Gegenstande des inneren Erlebens machen. Und wahrend 



man dieses tut, kann man alle aufteren Eindriicke und alle 
Erinnerungen, die in der Seele auftauchen mochten, von 
sich feme halten. Man kann eine solche voile, alles andre 
ausschliefiende Hingabe an Gedanken, oder audi an Emp- 
findungen, zu einer regelmaftigen inneren Betatigung 
machen. - Soli ein solches inneres Erleben zu wirklich be- 
deutsamen Ergebnissen fiihren, so muft es allerdings nach 
gewissen, erprobten Gesetzen unternommen werden. Sol- 
che Gesetze werden von der Wissenschaft des Geistes- 
lebens verzeichnet. Man findet eine grofiere Anzahl in 
meiner Schrift angegeben: «Wie erlangt man Erkenntnisse 
der hoheren Welten». - Durch solches Vorgehen erreicht 
man eine Verstarkung der Krafte des inneren Erlebens. 
Dieses verdichtet sich gewissermaften. Was dadurch ge- 
schieht, das kann man erkennen an den Beobachtungen an 
sich selbst, die eintreten, wenn die geschilderte innere Beta- 
tigung eine geniigend lange Zeit fortgesetzt wird. Man 
braucht allerdings in den meisten Fallen viel Geduld, bis 
iiberzeugende Ergebnisse eintreten. Und wer nicht geneigt 
ist, diese Geduld jahrelang zu iiben, der wird nichts Be- 
sonderes erzielen. 

Es ist nur moglich, hier ein Beispiel anzufiihren von sol- 
chen Ergebnissen. Diese sind mannigfaltiger Art. Und was 
hier angefiihrt wird, das ist geeignet, den Meditationsweg, 
mit dessen Schilderung hier begonnen worden ist, fort- 
zusetzen. 

Ein Mensch kann lange die angegebene innere Verstar- 
kung seines Seelenlebens iiben. Er wird vielleicht nichts in 
sich erleben, was geeignet ist, ihn anders iiber die Welt den- 
ken zu lassen, als er bisher gewohnt war. Dann aber kann 
einmal das Folgende eintreten. Naturgemaft wird, was hier 



zu schildern ist, nicht in genau der gleichen Art sich bei 
zwei Menschen einstellen. Wer aber von einem solchen 
Erlebnis eine Vorstellung zu gewinnen sucht, der hat sich 
iiber das ganze hier in Betracht kommende Gebiet auf- 
geklart. 

Es kann ein Augenblick eintreten, in dem die Seele sich 
innerlich ganz anders erlebt als gewohnlich. Zumeist wird 
das anfangs so geschehen, daft die Seele aus dem Schlafe 
wie zu einem Traume sich belebt. Nur zeigt sich sogleich, 
daft sich das Erlebnis mit dem nicht vergleichen laftt, was 
man sonst als Traume kennt. Man ist dann der Sinnes- und 
Verstandeswelt ganz entriickt, und man erlebt doch so, wie 
man im gewohnlichen Dasein nur erlebt, wenn man im 
wachen Zustande der Auftenwelt gegeniibersteht. Man 
fuhlt sich gedrangt, das Erlebnis in sich vorzustellen. Man 
nimmt zu dem Vorstellen solche Begriffe, die man im ge- 
wohnlichen Leben hat; aber man weift sehr genau, daft 
man anderes erlebt, als das ist, worauf sich in normaler Art 
diese Begriffe beziehen. Diese betrachtet man nur als ein 
Ausdrucksmittel fur ein Erlebnis, das man vorher nicht 
gehabt hat, und von dem man auch wissen kann, daft es im 
gewohnlichen Dasein unmdglich ist. Man fuhlt sich etwa 
allseitig von Gewittersturmen umgeben. Man hort Donner 
und vernimmt Blitze. Man weift sich in einem Zimmer 
eines Hauses. Man fuhlt sich durchsetzt von einer Kraft, 
von welcher man vorher nichts gewuftt hat. Dann vermeint 
man Risse um sich her in den Mauern zu sehen. Man ist 
veranlaftt, sich oder einer Person, die man neben sich zu 
haben glaubt, zu sagen: jetzt handelt es sich um Schweres; 
der Blitz geht durch das Haus, er erfaftt mich; ich fiihle 
mich von ihm ergriffen. Er lost mich auf. - Wenn dann 



eine solche Reihe von Vorstellungen abgelaufen ist, dann 
geht das inner e Erleben in die gewohnliche Seelenverfas- 
sung iiber. Man findet sich in sich mit der Erinnerung an 
das eben Erlebte. Ist diese Erinnerung so lebhaft und so 
treu wie eine andre, dann befahigt sie auch, ein Urteil sich 
zu bilden iiber das Erlebte. Man weift dann unmittelbar, 
daft man etwas durchgemacht hat, was man durch keinen 
leiblichen Sinn und auch nicht durch den gewohnlichen 
Verstand durchmachen kann. Denn man fiihlt, daft die 
eben gemachte Beschreibung, die man sich oder andern 
geben kann, nur ein Mittel ist, das Erlebnis auszudriicken. 
Der Ausdruck ist zwar ein Verstandigungsmittel iiber die 
Sache; aber er hat mit dieser nichts gemein. Man weift, daft 
man fur ein solches Erlebnis keinen seiner Sinne braucht. - 
Wer etwa von einer verborgenen Wirksamkeit der Sinne 
oder des Gehirnes sprechen will, der kennt die wahre Ge- 
stalt des Erlebnisses nicht. Er halt sich an die Beschreibung, 
die von Blitz, Donner, Mauerrissen redet, und deswegen 
glaubt er, daft die Seele nichts erlebt hat als Nachklange 
des gewohnlichen Daseins. Er muft das Erlebte fur eine 
Vision im gewohnlichen Sinne des Wortes halten. Er ver- 
mag nicht anders, als so zu denken. Er beriicksichtigt nur 
nicht, daft derjenige, welcher ein solches Erlebnis schildert, 
mit den Worten Blitz, Donner, Mauerrisse nur Bilder 
meint fur das Erlebte, und daft er dieses nicht mit den 
Bildern verwechselt. Es ist richtig, daft ihm die Sache so 
erscheint, als ob er diese Bilder wirklich wahrnehmen wiir- 
de. Er verhalt sich aber in einem solchen Falle zur Blitz- 
erscheinung nicht so, wie er dies tut, wenn er mit seinem 
Auge einen Blitz sieht. Fur ihn bildet die Vision des Blitzes 
nur etwas, was sich gewissermaften iiber das wahre Erleb- 



nis hiniiberbreitet; er sieht durch den Blitz auf etwas ganz 
anderes, auf etwas, das in der sinnlichen Auftenwelt nicht 
erlebt werden kann. 

Notwendig ist, damit ein richtiges Urteil zustande kom- 
me, daft die Seele, die solches erlebt, dann, wenn das Erleb- 
nis vorbei ist, in vollig gesunder Art sich zur Auftenwelt 
verhalt. Sie mufi richtig vergleichen konnen, was sie als 
besonderes Erlebnis gehabt hat, mit dem Erleben der ge- 
wohnlichen Auftenwelt. Wer schon im gewohnlichen 
Leben dazu neigt, sich zu allerlei Schwarmereien iiber die 
Dinge hinreiften zu lassen, der taugt schlecht zu einem sol- 
chen Urteil. Je mehr der Mensch gesunden, man mochte 
sagen, niichternen Wirklichkeitssinn hat, desto besser ist es, 
wenn es sich um eine wahrhafte und wertvolle Beurteilung 
solcher Dinge handelt. Vertrauen in iibersinnliche Erleb- 
nisse kann man sich selbst nur entgegenbringen, wenn man 
in bezug auf die gewohnliche Welt sich sagen darf, daft 
man die Vorgange und Dinge in klarer Weise so nimmt, 
wie sie sind. 

Sind so alle notwendigen Bedingungen erfullt, und hat 
man Grund anzunehmen, daft man nicht einer gewohnli- 
chen Vision zum Opfer gefallen ist, dann weift man, daft 
man etwas erlebt hat, wozu man den Leib nicht als Ver- 
mittler der Beobachtung gehabt hat. Man hat ohne den 
Leib unmittelbar durch die in sich starker gewordene Seele 
beobachtet. Man hat die Vorstellung eines Erlebnisses 
aujlerhalb seines Leibes gewonnen. 

Es kann einleuchtend sein, daft auf diesem Gebiete ge- 
setzmaftige Unterschiede zwischen Traumerei oder Illu- 
sion und wahrer aufterhalb des Leibes vollzogener Beob- 
achtung nicht in anderem Sinne angegeben werden konnen 



als auf dem Gebiet der aufteren Sinneswahrnehmung. Es 
kann vorkommen, daft jemand lebendige Geschmacks- 
phantasie hat und schon bei der bloften Vorstellung einer 
Limonade ahnlich empfindet, wie wenn er eine solche 
wirklich trinkt. Den Unterschied des einen von dem an- 
dern ergibt aber denn doch der ganze Zusammenhang des 
Lebens. Und so ist es auch mit den Erlebnissen, die aufter- 
halb des Leibes gemacht werden. Um zu vollig iiberzeu- 
genden Vorstellungen auf diesem Gebiete zu kommen, ist 
notwendig, sich in gesunder Art in dasselbe einzuleben, 
sich die Fahigkeit anzueignen, die Zusammenhange des 
Erlebens zu beobachten, und so das eine durch das andere 
zu korrigieren. 

Man hat durch ein Erlebnis, wie das geschilderte es ist, 
die Moglichkeit gewonnen, dasjenige, was zu dem eigenen 
Selbst gehort, nicht nur durch die Sinne und den Verstand, 
also durch die leiblichen Werkzeuge, zu beobachten. Man 
weift nunmehr iiber die Welt nicht nur etwas andres, als 
was diese Werkzeuge erkennen lassen; man weift auch auf 
andere Art. Darauf kommt es ganz besonders an. Eine 
Seele, die eine innerliche Umwandlung durchmacht, 
kommt immer mehr dazu, einzusehen, daft in der Sinnes- 
welt deswegen die bedriickenden Daseinsfragen sich nicht 
zur Losung bringen lassen, weil die Sinne und der Verstand 
nicht tief genug in die Welt eindringen konnen. Tiefer drin- 
gen die Seelen ein, welche sich so umwandeln, daft sie 
aufterhalb des Leibes erleben konnen. In den Mitteilungen, 
welche sie iiber ihre Erlebnisse machen konnen, liegt vor, 
was die seelischen Ratsel losen kann. 

Nun ist ein Erleben, das aufterhalb des Leibes sich voll- 
zieht, von ganz andrer Art als ein solches im Leibe. Dar- 



uber klart eben das Urteil auf, das in bezug auf das geschil- 
derte Erlebnis gebildet werden kann, wenn nach ihm der 
gewohnliche wache Seelenzustand wieder eingetreten und 
die Erinnerung lebhaft und klar genug zustande gekommen 
ist. Den sinnlichen Leib fiihlt die Seele getrennt von der 
iibrigen Welt, sie nimmt ihn als nur zu sich gehorig wahr. 
So ist es nicht mit dem, was man in sich und an sich erlebt 
aufierhalb des Leibes. Da fiihlt man sich verbunden mit 
allem, was man Auftenwelt nennen kann. Was in der Um- 
gebung ist, das fiihlt man mit sich verbunden wie im 
Sinnesleben seine Hand. Es ist keine Gleichgiiltigkeit der 
Auftenwelt gegeniiber einer seelischen Innenwelt vorhan- 
den. Man empfindet sich im vollen Mafie als zusammenge- 
wachsen, verwoben mit dem, was man die Welt nennen 
kann. Deren Wirkungen gehen durch die eigene Wesenheit 
wahrnehmbar hindurch. Es ist keine scharfe Grenze zwi- 
schen Innenwelt und Auftenwelt. Es gehort von dieser zu 
der betrachtenden Seele die ganze Umgebung, wie zum 
physischen Kopfe die beiden Hande des Leibes gehoren. 
Trotzdem kann man von einem Snick dieser Auftenwelt 
sprechen, das mehr zum eigenen Selbst gehort als die 
iibrige Umgebung, wie man vom Kopfe als selbstandigem 
Gliede gegeniiber den Handen oder Fiiften spricht. 

Die Seele nennt ein Stuck sinnlicher Auftenwelt ihren 
Leib. Die aufterhalb dieses Leibes erlebende Seele kann 
ebensogut einen Teil der nicht sinnlichen Aufknwelt zu 
sich gehorig betrachten. Dringt der Mensch zu einer Beob- 
achtung dieses jenseits der Sinnenwelt ihm zuganglichen 
Gebietes vor, so kann er davon sprechen, daft ein sinnlich 
nicht wahrnehmbarer Leib zu ihm gehort. Man kann 
diesen Leib den elementarischen oder atherischen Leib 



nennen; wobei man bei dem Worte «atherisch» nicht den 
von der Physik «Ather» genannten feinen Stoff in seine 
Vorstellung einbeziehen soil. 

Wie die blofte Uberlegung iiber das Verhaltnis des Men- 
schen zur natiirlichen Aufknwelt die den Tatsachen ent- 
sprechende Vorstellung des physischen Leibes ergibt, so 
fiihrt die Wanderschaft der Seele in Gebiete, die aufierhalb 
des Sinnenleibes erschaut werden konnen, zur Anerken- 
nung eines elementarischen oder dtherischen oder Bilde- 
krafteleibes. 



DRITTE MEDITATION 



Der Meditierende versucht sich Vorstellungen zu bilden iiber 
die hellsichtige Erkenntnis der elementarischen Welt 

Man erlebt eine Welt, welche der Sinneswahrnehmung und 
dem gewohnlichen Verstandesdenken unbekannt bleibt, 
wenn man nicht durch den sinnlichen Leib, sondern aufter- 
halb desselben durch den elementarischen Leib wahr- 
nimmt. Will man diese Welt mit etwas vergleichen, das dem 
gewohnlichen Erleben angehort, so bietet sich die Welt der 
Erinnerungen, der Gedachtnisvorstellungen dar. Wie diese 
aus dem Innern der Seele aufsteigen, so geschieht es auch 
mit den iibersinnlichen Erlebnissen des elementarischen 
Leibes. Nur weift die Seele bei einer Erinnerungsvorstel- 
lung, daft sich diese auf ein friiheres Erlebnis innerhalb der 
Sinnenwelt bezieht. Die iibersinnliche Vorstellung tragt 
ebenso eine Beziehung in sich. Wie sich die Erinnerungs- 
vorstellung durch sich selbst als etwas ankiindigt, was man 
nicht als blokes Phantasiegebilde bezeichnen kann, so auch 
die iibersinnliche Vorstellung. Sie ringt sich aus dem seeli- 
schen Erleben heraus, aber sie offenbart sich sogleich als 
ein inneres Erlebnis, welches sich auf etwas Aufteres be- 
zieht. Durch die Erinnerungsvorstellung wird etwas in der 
Seele gegenwartig, was man erlebt hat. Durch die iibersinn- 
liche Vorstellung wird inneres Seelenerlebnis, was irgend- 
wann oder irgendwo in der iibersinnlichen Welt vorhan- 
den ist. Es offenbart sich also durch die Wesenheit der 
iibersinnlichen Vorstellungen selbst, daft man sie so anse- 
hen kann wie sich innerlich erschliefiende Mitteilungen aus 
einer iibersinnlichen Welt. 

Wie weit man kommt mit den Erlebnissen in der iiber- 



sinnlichen Welt auf diese Art, das hangt davon ab, wie 
energisch man die Verstarkung des Seelenlebens betreibt. 
Ob man blofi einen Begriff davon erhalt, daft eine Pflanze 
nicht bloft dasjenige ist, was man innerhalb der Sinnenwelt 
wahrnimmt, oder ob man einen ahnlichen Begriff von der 
ganzen Erde erhalt, das gehort beides dem gleichen Gebie- 
te des iibersinnlichen Erlebens an. Betrachtet derjenige, 
welcher sich die Fahigkeit erworben hat, aufterhalb seines 
sinnlichen Leibes wahrzunehmen, eine Pflanze, so kann er 
aufter dem, was die Sinne an ihr zeigen, eine feine Gestalt 
wahrnehmen, welche die ganze Pflanze durchdringt. Diese 
Gestalt bietet sich ihm als eine Kraftwesenheit dar; und er 
kommt dazu, diese Kraftwesenheit als dasjenige anzusehen, 
was aus den Stoffen und Kraften der Sinnenwelt die Pflan- 
ze gestaltet, was den Umlauf ihrer Safte bewirkt. Er kann 
sagen, wenn er einen brauchbaren, wenn auch nicht ganz 
zutreffenden Ausdruck anwenden will: in der Pflanze ist 
etwas, was die Safte so in Umlauf bringt, wie meine eigene 
Seele meinen Arm hebt. Er blickt auf ein Inneres in der 
Pflanze. Und er muft diesem Inneren des Pflanzenwesens 
eine Selbstandigkeit zugestehen gegeniiber dem, was die 
Sinne an der Pflanze sehen. Er muE ihm auch zugestehen, 
daft es vox der sinnlichen Pflanze vorhanden ist. Er gelangt 
dazu, zu beobachten, wie eine Pflanze wachst, verwelkt, 
Keime treibt, und wie aus den letztern eine neue Pflanze 
entsteht. Die ubersinnliche Kraftgestalt ist besonders dann 
am machtigsten, wenn die Beobachtung dem Pflanzenkeim 
gegeniiber geschieht. Da ist die sinnliche Wesenheit un- 
scheinbar in einer gewissen Beziehung; die ubersinnliche 
dagegen ist vielgliedrig. Sie enthalt alles, was an dem Auf- 
bau und Wachstum der Pflanze aus der iibersinnlichen 



Welt heraus mitarbeitet. - Bei der iibersinnlichen Beobach- 
tung der ganzen Erde ergibt sich eine Kraftwesenheit, von 
welcher man ganz sicher wissen kann, sie war vorhanden, 
bevor alles dasjenige entstanden ist, was auf der Erde und 
innerhalb derselben sinnlich wahrnehmbar ist. Man kommt 
auf diesem Wege dazu, die iibersinnlichen Krafte vor sich 
zu erleben, welche in der Vorzeit der Erde an derselben 
mitgearbeitet haben. Was man so erlebt, kann man ebenso 
die atherischen oder elementarischen Grundwesenheiten 
oder Leiber der Pflanze und der Erde nennen, wie man den 
Leib, durch welchen man aufterhalb des physischen Leibes 
wahrnimmt, den eigenen elementarischen oder atherischen 
Leib nennt. 

Schon im Beginne der iibersinnlichen Beobachtungs- 
fahigkeit wird man gewissen Dingen und Vorgangen der 
Sinnenwelt aufier ihren sinnlichen Eigenschaften noch sol- 
che elementarische Grundwesenheiten zuschreiben kon- 
nen. Man wird von einem atherischen Leib der Pflanze 
oder der Erde sprechen. Doch sind die auf solche Art be- 
obachteten elementarischen Wesenheiten durchaus nicht 
die einzigen, welche sich dem iibersinnlichen Erleben dar- 
bieten. Von dem elementarischen Leibe einer Pflanze wird 
man sagen, er gestaltet die Stoffe und Krafte der Sinnen- 
welt und lebt sich dadurch in einem sinnlichen Leib aus. 
Doch kann man auch Wesenheiten beobachten, welche ein 
elementarisches Dasein fiihren, ohne sich in einem Sinnen- 
leib auszuleben. Es gibt also fur die ubersinnliche Beob- 
achtung auch rein elementarische Wesenheiten. Man erlebt 
nicht etwa bloft zu der Sinnenwelt etwas hinzu; man 
erlebt eine Welt, innerhalb welcher die Sinnenwelt sich 
darstellt, wie etwa Eisstiicke im Wasser schwimmend. Wer 



nur das Eis sehen konnte und nicht das Wasser, dem ware 
es moglich, nur dem Eise Wirklichkeit zuzugestehen, und 
nicht dem Wasser. Wer sich nur an das halten will, was 
sich durch die Sinne offenbart, der leugnet die ubersinn- 
liche Welt, innerhalb welcher die Sinnenwelt ein Teil ist 
wie die im Wasser befindlichen Eisstiicke ein Teil der 
ganzen Wassermasse. 

Man wird nun finden, daft diejenigen Menschen, wel- 
che iibersinnliche Beobachtungen machen konnen, das- 
jenige, was sie schauen, so beschreiben, daft sie sich der 
Ausdriicke bedienen, welche den sinnlichen Empfindun- 
gen entlehnt sind. So kann man den elementarischen Leib 
eines Wesens der Sinnenwelt, oder ein rein elementarisches 
Wesen so beschrieben finden, daft gesagt wird, es offen- 
bare sich als in sich geschlossener, mannigfaltig gefarbter 
Lichtleib.Es blitze in Farben auf, glimmere oder leuchte 
und lasse bemerken, daft diese Farben- oder Lichterschei- 
nung seine Lebensaufterung sei. Wovon der Beobachter da 
eigentlich spricht, ist durchaus unsichtbar, und er ist sich 
dessen bewuftt, daft mit dem, was er wahrnimmt, das 
Licht- oder Farbenbild nichts anderes zu tun hat, als etwa 
die Schrift, in welcher eine Tatsache mitgeteilt wird, mit 
dieser Tatsache selbst. Dennoch hat man nicht etwa bloft 
ein Ubersinnliches in willkurlicher Art durch sinnliche 
Empfindungsvorstellungen ausgedriickt; sondern man hat 
wahrend der Beobachtung das Erlebnis wirklich gemacht, 
das einem Sinneseindruck ahnlich ist. Es kommt dies da- 
von her, daft im ubersinnlichen Erleben die Befreiung von 
dem sinnlichen Leibe keine vollkommene ist. Dieser lebt 
mit dem elementarischen Leibe doch noch mit und bringt 
das iibersinnliche Erlebnis in eine sinnliche Form. Die 



Beschreibung, die man so gibt von einer elementarischen 
Wesenheit, ist dann tatsachlich so gehalten, daft sie sich 
wie eine visionare, oder phantastische Zusammenstellung 
von Sinneseindriicken zeigt. Wenn die Beschreibung so 
gegeben wird, dann ist sie trotzdem die wahre Wiedergabe 
des Erlebten. Denn man hat geschaut, was man schildert. 
Der Fehler, der gemacht werden kann, liegt nicht darin, 
daft man das Bild als solches schildert. Es liegt ein Fehler 
erst dann vor, wenn man das Bild fur die Wirklichkeit 
halt, und nicht dasjenige, auf was das Bild, als auf die ihm 
entsprechende Wirklichkeit, hindeutet. 

Ein Mensch, welcher niemals Farben wahrgenommen 
hat - ein Blindgeborener - wird, wenn er sich die entspre- 
chende Fahigkeit erwirbt, elementarische Wesenheiten 
nicht so beschreiben, daft er sagt, sie blitzen als Farben- 
erscheinungen auf. Er wird sich derjenigen Empfindungs- 
vorstellungen zum Ausdrucke bedienen, welche ihm ge- 
wohnt sind. Fur die Menschen aber, welche sinnlich sehen 
konnen, ist eine Schilderung durchaus geeignet, welche sich 
etwa des Ausdruckes bedient, es blitzte eine Farbengestalt 
auf. Sie konnen dadurch sich die Empfindung von dem bil- 
den, was der Beobachter der elementarischen Welt geschaut 
hat. Und das gilt nicht etwa nur fur Mitteilungen, welche 
ein Hellsichtiger - es sei ein Mensch so genannt, der durch 
seinen elementarischen Leib beobachten kann - einem 
Nicht-Hellsichtigen macht, sondern auch fur die Verstan- 
digung der Hellsichtigen untereinander. In der Sinnenwelt 
lebt der Mensch eben in seinem sinnlichen Leib, und dieser 
kleidet ihm die ubersinnlichen Beobachtungen in Sinnes- 
formen ein; daher ist innerhalb des menschlichen Erden- 
lebens der Ausdruck der ubersinnlichen Beobachtungen 



durch die von ihnen erzeugten Sinnesbilder denn doch zu- 
nachst eine brauchbare Art der Mitteilung. 

Es kommt darauf an, daft derjenige, welcher eine solche 
Mitteilung empfangt, in seiner Seele ein Erlebnis hat, wel- 
ches zu der in Betracht kommenden Tatsache in dem rich- 
tigen Verhaltnisse steht. Die sinnlichen Bilder werden nur 
mitgeteilt, damit durch sie etwas erlebt wird. So wie sie sich 
darbieten, konnen sie nicht in der Sinnenwelt vorkommen. 
Das ist eben ihre Eigentiimlichkeit. Und deswegen rufen 
sie auch Erlebnisse hervor, die sich auf nichts Sinnliches 
beziehen. 

Im Beginne seiner Hellsichtigkeit wird sich der Mensch 
nur schwer von dem Ausdruck des Sinnenbildes frei ma- 
chen. Bei weiter dringender Fahigkeit wird aber allerdings 
das Bediirfnis entstehen, mehr willkiirliche Darstellungs- 
mittel zur Mitteilung fur das Geschaute zu ersinnen. Bei 
diesen ergibt sich dann immer die Notwendigkeit, erst 
die gewissen Zeichen, deren man sich bedient, zu erklaren. 
Je mehr die Zeitkultur erfordert, daft die iibersinnlichen 
Erkenntnisse allgemein bekanntgemacht werden, desto 
mehr wird sich das Bediirfnis herausstellen, diese Erkennt- 
nisse durch die Ausdrucksmittel des alltaglichen Lebens 
in der Sinnenwelt zu geben. 

Die iibersinnlichen Erlebnisse konnen so auftreten, daft 
sie sich zu gewissen Zeiten einstellen. Sie iiberkommen 
dann den Menschen. Und dieser hat dann Gelegenheit, 
durch eigenes Erleben iiber die iibersinnliche Welt etwas 
zu erfahren, in dem Mafte, als er gewissermaften von dieser 
mehr oder weniger oft dadurch begnadet wird, daft sie in 
sein gewohnliches Seelenleben hineinleuchtet. Eine hohere 
Fahigkeit besteht aber darinnen, willkiirlich hellseherische 



Beobachtung aus dem gewohnlichen Seelenleben heraus 
herbeizufuhren. Der Weg zur Erlangung dieser Fahigkeit 
ergibt sich im allgemeinen durch eine energische Fort- 
setzung der inneren Verstarkung des Seelenlebens. Doch 
hangt auch viel von der Erlangung einer gewissen Seelen- 
stimmung ab. Ein ruhiges, gelassenes Verhalten gegeniiber 
der ubersinnlichen Welt ist notwendig. Ein Verhalten, wel- 
ches ebenso weit entfernt ist von dem brennenden Wunsch, 
moglichst viel und moglichst Deutliches zu erfahren, wie 
andrerseits auch von der personlichen Uninteressiertheit 
gegeniiber dieser Welt. Der brennende Wunsch wirkt so, 
daft er vor das leibfreie Schauen etwas wie einen unsicht- 
baren Nebel breitet. Die Uninteressiertheit verhalt sich so, 
daft die ubersinnlichen Dinge wirklich sich offenbaren, 
aber einfach nicht bemerkt werden. Diese Uninteressiert- 
heit kommt zuweilen in einer ganz besonderen Form zum 
Ausdrucke. Es gibt Menschen, welche in der ehrlichsten 
Art Erlebnisse des Hellsehens haben mochten. Aber sie 
machen sich von vornherein eine ganz bestimmte Vorstel- 
lung, wie diese sein miissen, wenn sie sie als echte anerken- 
nen sollen. Und dann kommen wirkliche Erlebnisse; diese 
huschen jedoch vorbei, ohne daft ihnen Interesse entgegen- 
gebracht wird, weil sie eben nicht so sind, wie man sich 
vorgestellt hat, daft sie sein sollten. 

Bei der willkurlich herbeigefuhrten Hellsichtigkeit 
kommt im Verlaufe der inneren Seelenbetatigung einmal 
der Augenblick, in dem man weift: jetzt erlebt die Seele et- 
was, was sie vorher nicht erlebt hat. Das Erlebnis ist kein 
bestimmtes, sondern das allgemeine Gefiihl, man stehe 
nicht der sinnlichen Auftenwelt gegeniiber, man sei nicht in 
ihr, jedoch man sei auch nicht in sich, wie man es im ge- 



wohnlichen Seelenleben ist. Das auftere und das innere Er- 
leben flieften in eins, in ein Lebensgefiihl zusammen, das 
bisher der Seele unbekannt war, und von dem sie weift, sie 
konnte es nicht haben, wenn sie nur durch die Sinne mit 
der Auftenwelt lebte, oder wenn sie in ihren gewohnlichen 
Empfindungen und Erinnerungsvorstellungen lebte. Man 
empfindet dann weiter, daft sich in diesen Seelenzustand 
etwas aus einer bisher unbekannten Welt hereinschiebt. 
Aber man kann nicht zu einer Vorstellung von diesem 
Unbekannten kommen. Man erlebt, aber man kann nicht 
vorstellen. Dagegen uberkommt denjenigen, der solches er- 
lebt, das Gefiihl, als ob er an seinem physisch-sinnlichen 
Leibe ein Hindernis hatte, das vorzustellen, was sich in die 
Seele hereindrangt. Setzt man nun die innere Seelenanstren- 
gung immer wieder fort, so wird man sich nach einiger Zeit 
wie den Uberwinder seines Leibeswiderstandes fiihlen. Der 
physische Verstandesapparat war bisher nur geeignet Vor- 
stellungen zu bilden, welche sich an Erlebnisse in der Sin- 
nenwelt anschlieften. Er ist zunachst unfahig, das zur Vor- 
stellung zu erheben, was aus der ubersinnlichen Welt sich 
offenbaren will. Er mufi erst so bearbeitet werden, daft er 
dies vermag. So wie das Kind die Auftenwelt um sich hat, 
sein Verstandesapparat aber erst im Erleben an der Auften- 
welt zubereitet werden muft, um sich auch Vorstellungen 
iiber die Umgebung zu machen; so ist der Mensch im allge- 
meinen unfahig, die iibersinnliche Welt vorzustellen. Der 
angehende Hellseher vollzieht an seinem Vorstellungs- 
apparat dasselbe auf hoherer Stufe, was sich im Kinde voll- 
zieht. Er laftt seine verstarkten Gedanken auf diesen Appa- 
rat wirken. Dadurch wird dieser allmahlich umgebildet. Er 
wird imstande, die iibersinnliche Welt in das Vorstellungs- 



leben aufzunehmen. Man fuhlt, wie man durch die Seelen- 
tatigkeit formend wirkt auf den eigenen Leib. Erst macht 
sich dieser als schwerer Gegendruck gegen das Seelenleben 
geltend; man fuhlt ihn wie einen Fremdkorper in sich. 
Dann bemerkt man, wie er immer mehr sich anpaftt an das 
Seelen-Erleben; zuletzt fuhlt man den Leib nicht mehr, 
aber man hat dafiir vor sich die ubersinnliche Welt, wie 
man das Auge nicht wahrnimmt, durch das man die Far- 
benwelt sieht. Der Leib mu£ unwahrnehmbar werden, be- 
vor die Seele die ubersinnliche Welt erschauen kann. Hat 
man auf diese Art es dahin gebracht, die Seele willkurlich 
hellseherisch zu machen, dann wird man in der Regel die- 
sen Zustand immer wieder herbeifuhren konnen, wenn 
man sich auf einen Gedanken konzentriert, den man 
besonders kraftvoll in sich erleben kann. Als Folge der 
Hingabe an diesen Gedanken wird man dann die Hellsich- 
tigkeit herbeigefuhrt finden. Zunachst wird man noch nicht 
in der Lage sein, etwas ganz bestimmtes zu sehen, was man 
sehen will. Es werden in das Seelenleben ubersinnliche 
Dinge oder Vorgange hereinspielen, auf die man in keiner 
Art vorbereitet ist, und die man als solche nicht herbeifuh- 
ren wollte. Doch gelangt man im weiteren Verfolg der in- 
neren Anstrengung dazu, auch den geistigen Blick auf sol- 
che Dinge zu lenken, die man zu erkennen beabsichtigt. 
Wie man ein vergessenes Erlebnis ins Gedachtnis zu brin- 
gen sucht dadurch, daft man ein verwandtes sich in die 
Seele ruft, so kann man als Hellseher von einem Erlebnis 
ausgehen, von dem man mit Recht glauben darf, daft es mit 
dem gesuchten in einem Verhaltnis stehe. Wenn man sich 
an das Bekannte intensiv hingibt, so kommt oft nach lange- 
rer oder kiirzerer Zeit dasjenige hinzu, das man zu erleben 



beabsichtigt. Im allgemeinen ist aber zu beachten, da£ fiir 
den Hellseher ein ruhiges Abwarten der giinstigen Augen- 
blicke von dem allergrolken Wert ist. Man soil nichts her- 
beiziehen wollen. Ergibt sich ein angestrebtes Erleben 
nicht, so ist es gut, vorlaufig darauf zu verzichten und die 
Gelegenheit ein andres Mai wieder herbeizufuhren. Der 
menschliche Erkenntnisapparat bedarf des ruhigen Heran- 
reifens zu bestimmten Erlebnissen. Wer nicht die Geduld 
hat, ein solches Reifen abzuwarten, der wird unrichtige 
oder ungenaue Beobachtungen machen. 



VIERTE MEDITATION 



Der Meditierende versucht eine Vorstellung von 
dem «Huter der Schwelle» zu bilden 

Wenn die Seele zu der Fahigkeit gekommen ist, aufterhalb 
des Sinnenleibes etwas zu beobachten, konnen fur sie 
gewisse Schwierigkeiten des Gefuhlslebens eintreten. Sie 
kann sich gezwungen sehen, eine ganz andre Stellung zu 
sich selbst einzunehmen, als sie vorher gewohnt war. Der 
Sinnenwelt stand sie so gegenuber, daft sie dieselbe als 
Auftenwelt ansah und die Erlebnisse des Innern als ihr 
Eigentum. Zur ubersinnlichen Auftenwelt kann sie sich 
nicht in dieser Art verhalten. Sobald sie diese Auftenwelt 
wahrnimmt, flieftt sie gewissermaften mit ihr zusammen; 
sie kann sich nicht so von ihr abgetrennt vorstellen wie von 
der sinnlichen Auftenwelt. Dadurch nimmt alles, was sie 
dieser ubersinnlichen Auftenwelt gegenuber als die eigene 
Innenwelt bezeichnen kann, eine gewisse Eigentiimlichkeit 
an, welche zunachst schwer mit den Vorstellungen von In- 
nerlichkeit zu vereinigen ist. Man kann nicht mehr sagen: 
ich denke, ich fuhle, oder ich habe meine Gedanken und 
gestalte sie. Man muft sagen: etwas denkt in mir, etwas laftt 
in mir Gefuhle aufleuchten, etwas gestaltet die Gedanken, 
so daft sie in einer ganz bestimmten Art auftreten und im 
Bewurksein sich als anwesend zeigen. 

Dieses Gefiihl kann nun etwas aufterordenthch Bedriik- 
kendes dann haben, wenn die Art des ubersinnlichen Erie- 
bens sich als eine solche erweist, die Gewiftheit dariiber gibt, 
daft man richtig eine Wirklichkeit erlebt, und sich nicht 
einer Phantasterei oder Illusion hingibt. So wie es auftritt, 
kann es zeigen, daft sich die iibersinnliche Auftenwelt wohl 



erfuhlen, sich denken will; daft sie aber an dem, was sie zu- 
stande bringen will, gehindert wird. Zugleich erhalt man die 
Empfindung, daft dasjenige, was da in die Seele herein will, 
die wahre Wirklichkeit ist, und daft sie allein iiber das auf- 
klaren kann, was man bisher als Wirklichkeit erlebt hat. 
Auch die Form nimmt diese Empfindung an, daft die iiber- 
sinnliche Wirklichkeit sich als etwas zeigt, was die bisher 
der Seele bekannte Wirklichkeit an Wert unendlich iiber- 
strahlt. Es hat diese Empfindung deshalb etwas Bedriicken- 
des, weil man zu dem Gedanken kommt, den nachsten 
Schritt, welchen man nun zu machen hat, muft man wollen. 
Es liegt in der Wesenheit dessen, was man durch sein inne- 
res Erleben geworden ist, diesen Schritt zu machen. Wie 
eine Verleugnung dessen, was man ist, ja wie eine Selbstver- 
nichtung miiftte man es empfinden, wenn man den Schritt 
nicht tate. Und doch kann auch das Gefuhl auftreten, man 
kann ihn nicht tun, oder wenn man ihn unternimmt, so wie 
es moglich ist, so bleibt er unvollkommen. 

Das alles verwandelt sich in die Vorstellung: so wie die 
Seele nunmehr ist, so liegt vor ihr eine Aufgabe, die sie 
nicht bewaltigen kann, weil sie so, wie sie ist, von der iiber- 
sinnlichen Auftenwelt nicht aufgenommen wird, weil diese 
sie nicht in sich haben will. So kommt die Seele dazu, sich 
im Gegensatze zur iibersinnlichen Welt zu fuhlen, sie muft 
sich sagen, du bist nicht so, wie du mit dieser Welt zusam- 
menflieften kannst. Sie aber kann dir nur die wahre Wirk- 
lichkeit zeigen, und auch, wie du selbst zu dieser wahren 
Wirklichkeit dich verhaltst; du hast dich also von dem ech- 
ten Beobachten des Wahren abgetrennt. Dieses Gefuhl be- 
deutet eine Erfahrung, welche immer mehr iiber den gan- 
zen Wert der eigenen Seele entscheidend wird. Man fiihlt 



sich mit seinem vollen Leben in einem Irrtum drinnen ste- 
hend. Doch unterscheidet sich dieser Irrtum von anderen 
Irrtiimern. Diese werden gedacht, er aber wird erlebt. Ein 
Irrtum, der gedacht ist, wird weggeschafft, wenn man an 
die Stelle des unrichtigen Gedankens den richtigen setzt. 
Der erlebte Irrtum ist ein Teil des Seelenlebens selbst ge- 
worden; man ist der Irrtum; man kann ihn nicht einfach 
verbessern, denn man mag denken, wie man will, er ist 
da, er ist ein Teil der Wirklichkeit, und zwar der eigenen 
Wirklichkeit. Ein solches Erlebnis hat etwas Vernichtendes 
fur das eigene Selbst. Man empfindet seine Innerlichkeit 
schmerzvoll zuriickgestoften von allem, was man ersehnt. 
Dieser Schmerz, der auf einer Stufe der Seelenwanderschaft 
empfunden wird, iiberragt weit alles, was man an Schmer- 
zen in der Sinnenwelt empfinden kann. Und deshalb kann 
er auch alles das iiberragen, dem man durch das bisherige 
Seelenleben gewachsen ist. Er kann etwas Betaubendes ha- 
ben. Die Seele steht vor der bangen Frage, woher soil ich 
die Krafte nehmen, um zu ertragen, was mir da auferlegt 
ist? Und sie mufi innerhalb ihres eigenen Lebens diese 
Krafte finden. Sie bestehen in etwas, das man als inneren 
Mut, als innere Furchtlosigkeit bezeichnen kann. 

Um nun weiter in der Seelenwanderschaft zu kommen, 
muE man dazu gefuhrt werden, dafi aus dem Innern solche 
Krafte des Ertragens seiner Erlebnisse sich erschliefkn, die 
inneren Mut und innere Furchtlosigkeit ergeben, wie man 
sie zum Leben innerhalb des Sinnenleibes nicht notig hatte. 
Solche Krafte ergeben sich nur durch wahre Selbsterkennt- 
nis. Man sieht im Grunde auf dieser Stufe der Entwickelung 
erst ein, wie wenig man bisher von sich wirklich gewulk hat. 
Man iiberliefi sich dem inneren Erleben, ohne dieses etwa so 



zu betrachten, wie man einen Teil der Auftenwelt betrach- 
tet. Man erhalt aber durch die Schritte, welche zur Fahigkeit 
gefiihrt haben, aufterhalb des Leibes zu erleben, besondere 
Mittel zur Selbsterkenntnis. Man lernt sich gewissermaften 
von einem Gesichtspunkt aus betrachten, der sich nur er- 
gibt, wenn man aufterhalb des sinnlichen Leibes ist. Und es 
ist das geschilderte bedriickende Gefuhl selbst schon der 
Anfang wahrer Selbsterkenntnis. Sich in einem Irrtum 
erleben in seinem Verhaltnis zur Auftenwelt, das zeigt ja 
das eigene Seelenwesen, wie es wirklich ist. 

Nun liegt es in der Natur der Menschenseele, solche 
Aufklarung iiber sich selbst als peinvoll zu empfinden. Man 
erfahrt erst, wenn man diese Pein empfindet, wie stark die 
ganz selbstverstandliche Sehnsucht ist, sich als Menschen, 
so wie man ist, als wertvoll, als bedeutungsvoll zu halten. 
Es mag haftlich aussehen, daft dies so ist; man muft sich die- 
ser Haftlichkeit des eigenen Selbstes frei gegeniiberstellen. 
Man empfand diese Haftlichkeit vorher eben aus dem 
Grunde nicht, weil man nie mit seinem Bewufttsein in die 
eigene Wesenheit wirklich eingedrungen ist. Man bemerkt 
erst in einem solchen Augenblicke, wie man an sich liebt, 
was man nun als haftlich empfinden soil. Die Gewalt der 
Eigenliebe zeigt sich in ihrer vollen Grofte. Und zugleich 
zeigt sich, wie wenig Neigung man hat, diese Eigenliebe 
abzulegen. Wenn es sich um die Eigenschaften der Seele 
handelt, die fur das gewohnliche Leben, fur das Verhaltnis 
zu andern Menschen in Betracht kommen, so stellt sich die 
Schwierigkeit schon als groft genug heraus. Man erfahrt 
durch wahre Selbsterkenntnis zum Beispiel, daft man 
bisher geglaubt hat, man stiinde einem Menschen wohlwol- 
lend gegeniiber, und daft man doch in den Seelengriinden 



verborgenen Neid, oder Haft, oder ahnliches hegt. Man er- 
kennt, daft diese bisher nicht zutage getretenen Gefuhle 
sich ganz gewift einmal werden auftern wollen. Und man 
wird gewahr, daft es ganz oberflachlich ware, sich zu sagen: 
nun hast du doch erkannt, daft es so mit dir stehe, vertilge 
also in dir den Neid, den Haft. Man entdeckt aber, daft man 
mit einem solchen Gedanken ganz gewift einmal sich recht 
schwach erweisen werde, wenn der Drang, den Haft zu be- 
friedigen, den Neid auszuleben, wie mit Naturgewalt aus 
der Seele hervorbrechen werden. Solche besondere Selbst- 
erkenntnisse treten bei diesem oder jenem Menschen je 
nach der Beschaffenheit seines Seelenwesens auf. Sie stellen 
sich ein, wenn Erleben aufterhalb des Sinnenleibes eintritt, 
weil dann die Selbsterkenntnis eben eine wahre wird, und 
nicht mehr getriibt sein kann von dem Wunsche, sich in 
der einen oder anderen Art zu finden, wie man es doch nur 
liebt, zu sein. 

Diese besonderen Selbsterkenntnisse sind schmerzvoll, 
sind bedriickend fur die Seele. Derjenige, der sich die 
Fahigkeit erwerben will, aufterhalb des Leibes zu erleben, 
kann sie nicht vermeiden. Denn sie treten notwendig auf 
durch das ganz besondere Verhaltnis, in das er sich zu der 
eigenen Seele stellen muft. Doch der starksten Seelenkrafte 
bedarf es, wenn es sich um eine ganz allgemeine mensch- 
liche Selbsterkenntnis handelt. Man beobachtet sich von 
einem Gesichtspunkte, der aufterhalb des bisherigen 
Seelenlebens liegt. Man sagt zu sich selber: du hast nach 
deiner menschlichen Wesenheit die Dinge und Vorgange 
der Welt betrachtet und iiber sie geurteilt. Versuche dir ein- 
mal vorzustellen, du konntest sie nicht so betrachten, nicht 
so iiber sie urteilen. Dann warest du iiberhaupt nicht das, 



was du bist. Du hattest keine inneren Erlebnisse. Du selbst 
warest ein Nichts. So zu sich sagen, muE nicht etwa nur der 
Mensch, der im Alltagsleben drinnen stent, und sich nur 
selten einmal Vorstellungen iiber die Welt und das Leben 
macht. So muft jeder Wissenschafter, jeder Philosoph sa- 
gen. Denn auch Philosophic ist nur eine Beobachtung und 
Beurteilung der Welt nach Mafigabe der Eigenschaften des 
menschlichen Seelenlebens. Eine solche Beurteilung kann 
aber mit der ubersinnlichen Aufienwelt nicht zusammen- 
fliefien. Sie wird von derselben zuriickgewiesen. Damit 
wird aber alles zuriickgewiesen, was man bisher gewesen 
ist. Man sieht auf seine ganze Seele, auf sein «Ich» als auf 
etwas zuriick, was man ablegen mu£, wenn man die iiber- 
sinnliche Welt betreten will. - Nun kann aber die Seele gar 
nicht anders, als dieses «Ich» fur ihre eigentliche Wesenheit 
halten, bevor sie die iibersinnliche Welt betritt. Sie mufi in 
ihr die wahre menschliche Wesenheit sehen. Sie mufi sich 
sagen: durch dieses mein Ich muE ich mir Vorstellungen 
iiber die Welt machen; dieses mein Ich darf ich nicht ver- 
lieren, wenn ich mich nicht als Wesenheit selbst verloren 
geben will. Der starkste Trieb ist in ihr, das Ich sich iiberall 
zu wahren, um nicht alien Boden unter den FiiEen zu ver- 
lieren. Was so die Seele im gewohnlichen Leben berechtigt 
empfinden mull, das darf sie nicht mehr empfinden, sobald 
sie in die iibersinnliche Aufienwelt eintritt. Sie mufi da eine 
Schwelle iiberschreiten, an der sie nicht den einen oder an- 
deren wertvollen Besitz nur, an welcher sie das zuriicklas- 
sen muE, was sie sich bisher selbst war. Sie mufi sich sagen 
konnen, was dir bisher als deine starkste Wahrheit zu gel- 
ten hatte, das mufi nun jenseits der Schwelle zur ubersinn- 
lichen Welt dir als der starkste Irrtum erscheinen konnen. 



Gegeniiber einer solchen Forderung kann die Seele zu- 
riickschaudern. Sie kann, was sie zu tun hatte, so stark als 
ein Hingeben, eine Nichtigkeitserklarung der eigenen 
Wesenheit empfinden, daft sie an der bezeichneten Schwel- 
le sich mehr oder weniger die eigne Ohnmacht eingesteht, 
der Forderung zu geniigen. Dieses Eingestandnis kann alle 
moglichen Formen annehmen. Es kann ganz instinktiv auf- 
treten, und dem Menschen, der in seinem Sinne denkt und 
handelt, als etwas ganz anderes erscheinen, als es wirklich 
ist. Er kann zum Beispiel eine tiefe Abneigung gegen alle 
iibersinnlichen Wahrheiten empfinden. Er kann sie fur 
Traumereien, Phantastereien halten. Er tut dies nur aus 
dem Grunde, weil er in seinen ihm selbst unbekannten 
Seelengriinden eine geheime Furcht vor diesen Wahrheiten 
hat. Er empfindet, daft er nur mit dem leben kann, was die 
Sinne und das Verstandesurteil offenbaren. Er vermeidet es 
deshalb, an die Schwelle zur iibersinnlichen Welt heranzu- 
kommen. Er kleidet sich dieses Vermeiden so ein, daft er 
sagt, was jenseits dieser Schwelle liegen soil, ist vor Ver- 
nunft und Wissenschaft nicht haltbar. Es handelt sich aber 
doch nur darum, daft er Vernunft und Wissenschaft, wie er 
sie kennt, liebt, weil sie an sein Ich gebunden sind. Es han- 
delt sich um eine ganz allgemein menschliche Form von 
Eigenliebe. Diese aber kann in die ubersinnliche Welt nicht 
mit hineingenommen werden. 

Es kann aber auch der Fall eintreten, daft es bei diesem 
instinktiven Haltmachen vor der Schwelle nicht bleibt. Daft 
der Mensch bewuftt bis zu ihr herantritt, und dann um- 
kehrt, weil er Furcht empfindet vor dem, was ihm bevor- 
steht. Er wird dann nicht leicht die Wirkungen verwischen 
konnen, welche durch sein Herantreten an die Schwelle 



sich fur sein gewohnliches Seelenleben einstellen. Diese 
werden in den Folgen liegen, welche die Ohnmacht, die er 
empfunden hat, iiber sein ganzes Seelensein ausbreitet. 

Was eintreten soli, besteht darin, daft der Mensch sich 
fahig mache, das, was er im gewohnlichen Leben als stark- 
ste Wahrheit empfindet, beim Betreten der iibersinnlichen 
Welt abzulegen und sich auf eine andere Art einzurichten, 
die Dinge zu empfinden und zu beurteilen. Er mufi nur 
sich auch klar dariiber sein, daft er, wenn er wieder der Sin- 
nenwelt gegeniibersteht, auch wieder die fur diese giiltige 
Empfindungs- und Beurteilungsart gebrauchen mufi, Er 
mu6 nicht nur lernen, in zwei Welten zu leben, sondern 
auch in beiden auf ganz verschiedene Art zu leben. Er 
darf sich fur das gewohnliche Stehen in der Sinnes- und 
Verstandeswelt das gesunde Urteil nicht beeintrachtigen, 
weil er fur eine andre Welt zur Anwendung einer andren 
Urteilsart gezwungen ist. 

Fur die menschliche Wesenheit ist eine solche Stellung- 
nahme schwierig. Die Fahigkeit fur sie erlangt man nur 
durch fortgesetzte energische und geduldige Verstarkung 
des Seelenlebens. Wer die Erfahrungen an der Schwelle 
macht, der empfindet, daft es fur das gewohnliche mensch- 
liche Seelenleben eine Wohltat ist, nicht bis zu dieser 
Schwelle hingefuhrt zu werden. Die Empfindungen, wel- 
che in ihm auftreten, sind so, daft man gar nicht anders 
kann, als diese Wohltat von einer wesenhaften Macht 
herriihrend zu denken, welche den Menschen schiitzt vor 
der Gefahr, die Schrecken der Selbstvernichtung an der 
Schwelle zu erleben. - Es liegt hinter der Auftenwelt, wel- 
che dem gewohnlichen Leben gegeben ist, eine andre. Vor 
deren Schwelle steht ein strenger Hiiter, welcher bewirkt, 



daft der Mensch nichts erfahrt von dem, was Gesetze der 
ubersinnlichen Welt sind. Denn alle Zweifel, alle Ungewift- 
heit iiber diese Welt sind doch noch leichter zu ertragen, als 
das Schauen dessen, was man zuriicklassen mufi, wenn man 
sie betreten will. 

Der Mensch bleibt geschiitzt vor den geschilderten Er- 
lebnissen, solange er nicht an diese Schwelle selbst heran- 
tritt. Daft er Erzahlungen von ihren Erlebnissen von denen 
entgegennimmt, welche diese Schwelle betreten oder iiber- 
schritten haben, das andert nichts daran, daft er geschiitzt 
ist. Dagegen kann ihm solche Entgegennahme dienen im 
guten Sinne, wenn er sich der Schwelle nahert. Es ist auch 
in diesem Falle so wie in vielen andern, daft eine Verrich- 
tung besser vollzogen wird, wenn man vorher schon eine 
Vorstellung von ihr sich machen kann, als im entgegenge- 
setzten Falle. An dem aber, was der Wanderer in die iiber- 
sinnliche Welt an Selbsterkenntnis gewinnen soil, wird 
durch solches Vorherwissen nichts geandert. Es ist deshalb 
nicht den Tatsachen entsprechend, wenn manche hellsich- 
tige oder mit dem Wesen der Hellsichtigkeit vertraute Per- 
sonen behaupten, von solchen Dingen solle uberhaupt im 
Kreise von Menschen nicht gesprochen werden, die nicht 
vor dem Entschlusse unmittelbar stehen, sich in die iiber- 
sinnliche Welt selbst hineinzubegeben. Wir leben gegen- 
wartig in einer Zeit, in welcher die Menschen immer mehr 
mit dem Wesen der ubersinnlichen Welt bekannt werden 
miissen, wenn sie den Forderungen des Lebens seelisch ge- 
wachsen sein wollen. Die Verbreitung der ubersinnlichen 
Erkenntnisse und somit auch derjenigen vom Hiker der 
Schwelle gehort zu den Aufgaben der Gegenwart und der 
nachsten Zukunft. 



FUNFTE MEDITATION 



Der Meditierende versucht eine Vorstellung des 
« astralischen Leibes» zu bilden 

Wenn man durch den elementarischen Leib eine iibersinn- 
liche Aufienwelt erlebt, ist man von dieser weniger abge- 
schlossen, als man beim Erleben im Sinnenleib von seiner 
physischen Umgebung ist. Dennoch hat man ein Verhalt- 
nis zu dieser iibersinnlichen Aufienwelt, das sich in der Art 
ausdriicken lafit, dafi man sagt, man habe mit sich verbun- 
den gewisse Substanzen der elementarischen Welt als einen 
besonderen elementarischen Leib, wie man die Stoffe und 
Krafte der physischen Aufienwelt in dem physischen Leibe 
an sich tragt. Daft dieses sich so verhalt, das bemerkt man, 
wenn man aufierhalb seines Sinnenleibes sich in der iiber- 
sinnlichen Welt orientieren will. Es kann vorkommen, dafi 
man irgendeine Tatsache oder Wesenheit der iibersinn- 
lichen Welt vor sich hat. Sie kann da sein; man kann sie 
schauen; aber man weifi nicht, was sie ist. Ist man stark ge- 
nug dazu, dann kann man sie vertreiben; aber nur dadurch, 
dafi man durch energische Besinnung auf seine Erfahrung 
in der Sinnenwelt sich in diese zuriickversetzt. Aber man 
kann nicht innerhalb der iibersinnlichen Welt bleiben, und 
die geschaute Tatsache oder Wesenheit mit anderen verglei- 
chen. Nur dadurch konnte man sich dariiber orientieren, 
was das Geschaute bedeutet. Das Schauen der iibersinn- 
lichen Welt kann sich also darauf beschranken, dafi man 
Einzelheiten wahrnimmt, sich aber nicht von dem einen zu 
dem andern frei bewegen kann. Man fiihlt sich dann an der 
Einzelheit festgehalten. 

Man kann nun den Grund dieser Beschrankung suchen. 



Man wird ihn nur finden, wenn man durch weitere innere 
Entwicklung, welche das Seelenleben noch mehr verstarkt, 
dazu kommt, daft in einem besonderen Falle diese Be- 
schrankung nicht mehr da ist. Dann aber wird man gewahr, 
daft der Grund, warum man von dem einen Geschauten 
nicht zu einem andern sich hinbewegen konnte, in der 
eigenen Seele gelegen ist. Man lernt erkennen, daft das 
Schauen der iibersinnlichen Welt sich auch noch dadurch 
von dem Wahrnehmen in der sinnlichen Welt unterschei- 
det, daft man in der letzteren zum Beispiele alles Sichtbare 
sehen kann, wenn man richtig arbeitende Augen hat. Sieht 
man das eine, so kann man durch dasselbe Auge auch das 
andre sehen. So ist es in der iibersinnlichen Welt nicht. Man 
kann das iibersinnliche Beobachtungsorgan des elementari- 
schen Leibes so ausgebildet haben, daft man diese oder jene 
Tatsache erleben kann; soil eine andere geschaut werden, 
so muft das Organ fur diese erst wieder besonders ausgebil- 
det werden. - Nun hat man gegemiber einer solchen Aus- 
bildung eine Empfindung, die wie ein Erwachen des Or- 
gans fur einen bestimmten Teil der iibersinnlichen Welt ist. 
Man fiihlt, wie wenn der elementarische Leib gegemiber 
der iibersinnlichen Welt in einer Art von Schlafzustand sei, 
und als ob er fur jede Einzelheit erst erweckt werden miis- 
se. Man kann wirklich von einem Schlafen und Wachen in 
der elementarischen Welt sprechen. Nur sind fur diese Welt 
Schlafen und Wachen nicht Wechselzustande, wie sie es 
innerhalb des Lebens in der Sinnenwelt sind. Sie sind als 
Zustande gleichzeitig am Menschen vorhanden. Solange 
sich der Mensch keine Fahigkeit erworben hat, durch sei- 
nen elementarischen Leib etwas zu erleben, schlaft dieser 
Leib. Der Mensch tragt diesen Leib immer an sich, aber als 



einen schlafenden. Mit der Verstarkung des Seelenlebens 
beginnt das Erwachen, aber zunachst nur fiir einen Teil die- 
ses Leibes. Man lebt sich immer mehr in die elementarische 
Welt hinein, indem man immer mehr und mehr von dem 
eigenen elementarischen Wesen erweckt. 

Zu diesem Erwecken kann nun der Seele nichts in der 
elementarischen Welt selbst verhelfen. So viel auch schon 
geschaut werden kann: das eine Geschaute tragt nichts dazu 
bei, da£ auch ein andres geschaut werden kann. Freie Be- 
weglichkeit in der iibersinnlichen Welt kann die Seele 
durch nichts erlangen, was in der elementarischen Um- 
gebung zu finden ist. Wenn man die Ubungen in der 
Seelenverstarkung fortsetzt, so erlangt man immer mehr 
und mehr fiir gewisse Gebiete diese Beweglichkeit. Durch 
alles dieses wird man auf etwas in sich aufmerksam, wel- 
ches der elementarischen Welt nicht angehort, das man aber 
im Erleben dieser Welt in sich selber entdeckt. Man findet 
sich ais ein besonderes Wesen in der iibersinnlichen Welt, 
das wie ein Lenker seines elementarischen Leibes sich 
erscheint, wie ein Beherrscher desselben, der allmahlich 
diesen Leib zu einem iibersinnlichen Bewufksein erweckt. 

Ist man dazu gelangt, so uberkommt die Seele ein unge- 
heures Einsamkeitsgefuhl. Man schaut sich in einer Welt, 
die nach alien Seiten hin elementarisch ist; nur sich selbst 
schaut man innerhalb der unendlichen elementarischen 
Weiten als ein Wesen, das nicht seines gleichen irgendwo 
erschauen kann. - Es soil nicht behauptet werden, da&jede 
Entwicklung zum Hellsehertum zu dieser schauervollen 
Einsamkeit fiihrt; doch derjenige, welcher durch eigene 
Kraft bewufk sich die Seelenverstarkung aneignet, wird 
dazu gelangen. Und wer einem Lehrer folgt, der ihm von 



Schritt zu Schritt Anleitung gibt, urn in der Entwicklung 
vorwarts zu dringen, der wird - vielleicht spat - aber doch 
eines Tages erfahren miissen, daft sein Lehrer ihn sich selbst 
iiberlassen hat. Er wird sich zunachst von ihm verlassen 
und der Einsamkeit in der elementarischen Welt iibergeben 
finden. Nachtraglich erst wird er erkennen, daft er weise 
von dem Lehrer behandelt worden ist, und daft dieser ihn 
auf sich selbst verweisen muftte, nachdem die Notwendig- 
keit zu solcher Selbstandigkeit sich ergeben hatte. 

Wie ein in die elementarische Welt Verbannter erscheint 
sich der Mensch auf dieser Stufe der Seelenwanderschaft. 
Nun aber kann er weiter gelangen, wenn durch seine in- 
neren Ubungen geniigende Seelenkraft in ihm ist. Er kann 
beginnen - nicht in der elementarischen Welt, wohl aber in 
sich selbst eine neue Welt auftauchen zu sehen, welche 
weder mit der Sinnenwelt, noch mit der elementarischen 
Welt eine und dieselbe ist. Es kommt fur einen solchen 
Menschen eine zweite iibersinnliche Welt zu der ersten 
hinzu. Diese zweite iibersinnliche Welt ist nun zunachst 
eine vollstandige Innenwelt. Man fiihlt, daft man sie in sich 
selbst tragt und mit ihr allein ist. Will man diesen Zustand 
mit etwas aus der Sinnenwelt vergleichen, so bietet sich das 
folgende dar. Jemand habe alle seine lieben Angehorigen 
hinsterben sehen und trage in sich nur noch die Erinnerung 
an sie in seiner Seele. Sie leben fur ihn nur noch als seine 
Gedanken weiter. - So ist man in der zweiten iibersinn- 
lichen Welt. Man tragt sie in sich; aber man weift, daft man 
von ihrer Wirklichkeit abgeschlossen ist. Nur hat dasjeni- 
ge, was von dieser Wirklichkeit in der Seele lebt, selbst eine 
ganz andre Wirklichkeit als blofte Erinnerungsvorstellun- 
gen in der Sinnenwelt. Es lebt in der eigenen Seele diese 



iibersinnliche Welt ein selbstandiges Dasein. Alles, was da 
ist, will aus der Seele hinaus, will zu etwas anderem hin. So 
fiihlt man eine Welt in sich, aber so, daft diese Welt nicht in 
der Seele bleiben will. Das ruft ein Gefiihl hervor, als ob 
man durch jede Einzelheit dieser Welt zersprengt werden 
sollte. Man kann dazu kommen, daft sich diese Einzel- 
heiten selbst befreien, daft sie etwas wie eine Seelenhiille 
gleichsam durchreiften und der Seele entfliehen. Dann kann 
man sich verarmt fuhlen um alles, was sich der Seele so 
entrissen hat. - 

Man lernt nun erkennen, daft sich dasjenige in einer 
gewissen Weise verhalt, was man von dem ubersinnlichen 
Seeleninhalt so lieben kann, daft man es um seiner selbst 
willen liebt und nicht deswegen, weil es in der eigenen 
Seele ist. Was man in solcher Art hingebend lieben kann, 
das entreiftt sich der Seele nicht; es dringt zwar aus der See- 
le heraus, aber es nimmt diese Seele gewissermaften mit. Es 
fuhrt sie dorthin, wo es in seiner Wirklichkeit lebt. Es fin- 
det eine Art Vereinigung mit dem wirklichen Wesen statt, 
wahrend man vorher nur etwas wie ein Nachbild dieses 
Wesens in sich getragen hat. Die hier gemeinte Liebe muft 
aber eine solche sein, welche in der ubersinnlichen Welt 
erlebt wird. In der Sinnenwelt kann man sich fur eine 
solche Liebe nur vorbereiten. Doch bereitet man sich vor, 
wenn man die Liebefahigkeit in der Sinnenwelt zu einer 
starken macht. Einer um so starkeren Liebe man in der Sin- 
nenwelt fahig ist, um so mehr verbleibt der Seele von dieser 
Liebefahigkeit fur die iibersinnliche Welt. Dieses bezieht 
sich auf die Einzelheiten der ubersinnlichen Welt so, daft 
man z. B. zu jenen wirklichen ubersinnlichen Wesen, wel- 
che mit den Pflanzen der Sinnenwelt in Verbindung ste- 



hen, nicht gelangen kann, wenn man Pflanzen in der sinn- 
lichen Welt nicht Hebt. Doch kann in bezug auf solche Din- 
ge leicht eine Tauschung eintreten. Es kann vorkommen, 
daft ein Mensch in der Sinnenwelt ganz lieblos an der Pflan- 
zenwelt vorbeigeht; es kann aber trotzdem in seiner Seele 
verborgen eine ihm unbewuftte Neigung fur diese Welt 
vorhanden sein. Dann kann diese Liebe erwachen, wenn er 
die ubersinnliche Welt betritt. 

Wie von der Liebe, so kann das Vereinigen mit Wesen 
der iibersinnlichen Welt auch von andern Eigenschaften 
der Seele abhangen, wie von der Achtung oder Ehrfurcht, 
welche innerhalb der iibersinnlichen Welt die Seele fur ein 
Wesen empfinden kann, wenn sie erst das Nachbild dieses 
Wesens in sich auftauchen fuhlt. Es werden aber diese 
Eigenschaften stets solche sein, die man zu den inneren 
Seeleneigenschaften zu zahlen hat. - Man wird so diejeni- 
gen Wesen der iibersinnlichen Welt kennen lernen, zu de- 
nen sich die Seele durch solche Eigenschaften selbst den 
Zugang eroffnet. Es erschlieftt sich ein sicherer Weg zur 
Orientierung in der iibersinnlichen Welt dadurch, daft man 
durch seine Verhaltnisse zu den Nachbildern der Wesen 
sich den Zugang zu ihnen frei macht. In der Sinnenwelt 
liebt man ein Wesen, nachdem man es kennen gelernt hat; 
in der zweiten iibersinnlichen Welt kann man vor der 
Begegnung mit der Wirklichkeit das Abbild lieben, weil 
dieses Abbild vor jener Begegnung sich einstellt. 

Was die Seele auf diese Art in sich kennen lernt, ist nicht 
der elementarische Leib. Denn es steht diesem als sein 
Erwecker gegeniiber. Es ist ein in der Seele vorhandenes 
Wesen, das man so erlebt, wie man sich erleben wiirde, 
wenn man im Schlafe nicht bewufttlos wiirde, sondern 



bewuftt aufter seinem physischen Leibe sich erfiihlte und 
beim Erwachen sich als den Erwecker empfande. So lernt 
die Seele eine in ihr vorhandene Wesenheit kennen, welche 
ein Drittes ist aufter dem physischen und dem elementari- 
schen Leib. Es sei diese Wesenheit der astralische Leib ge- 
nannt, und mit diesem Worte hier zunachst nichts anderes 
angedeutet, als was sich innerhalb des Seelenseins in der 
geschilderten Weise erlebt. 



SECHSTE MEDITATION 



Der Meditierende versucht eine Vorstellung des 
«Icb-Leibes», oder «Gedanken-Leibes» zu bilden 

Das Gefiihl, aufterhalb seines Sinnenleibes zu sein, hat man 
beim Erleben innerhalb des astralischen Leibes starker als 
beim Erleben im elementarischen Leibe. Bei diesem fiihlt 
man sich aufter dem Gebiete, in welchem der Sinnenleib ist; 
aber man fiihlt diesen mit. Im astralischen Leibe aber fiihlt 
man den Sinnenleib selbst als etwas Aufteres. Beim Uber- 
gang in den elementarischen Leib empfindet man etwas wie 
eine Erweiterung der eigenen Wesenheit, beim Einleben in 
den astralischen Leib dagegen eine Art Uberspringen in 
eine andre Wesenheit. Und in diese Wesenheit fiihlt man 
eine geistige Welt von Wesenheiten hereinwirkend. Man 
empfindet sich in der einen oder andern Art verbunden, 
oder auch verwandt mit diesen Wesenheiten. Und man 
lernt allmahlich erkennen, wie diese Wesenheiten selbst 
zueinander stehen. Es erweitert sich fur das menschliche 
Bewufttsein die Welt nach dem Geiste hin. Der Mensch 
schaut geistige Wesenheiten, welche zum Beispiele bewir- 
ken, daft die aufeinanderfolgenden Epochen der Mensch- 
heitsentwicklung in ihrem Charakter wirklich von Wesen- 
heiten bestimmt werden. Es sind dies die Zeitgeister, oder 
Urkrafte. Andre Wesen lernt man kennen, deren Dasein 
seelisch so verlauft, daft ihre Gedanken zugleich wirksame 
Naturkrafte sind. Man kommt dazu, anzuerkennen, daft es 
nur fur das sinnliche Wahrnehmen mit den Naturkraften 
so bestellt erscheint, wie eben dieses sinnliche Wahrneh- 
men glaubt. Daft vielmehr in Wirklichkeit iiberall da, wo 
eine Naturkraft wirkt, sich ein Gedanke einer Wesenheit 



auslebt, wie in der Bewegung der Hand eine menschliche 
Seele sich auslebt. - Dies alles ist nicht etwa so, daft der 
Mensch durch irgendeine Theorie sich zu den Naturvor- 
gangen hinter diesen stehende Wesenheiten hinzudenkt; 
der im astralischen Leibe sich Erlebende tritt zu diesen 
Wesenheiten in ein so begrifffreies, konkretes Verhaltnis, 
wie der Mensch in der Sinnenwelt zu andern individuellen 
Menschen tritt. - Man kann innerhalb der Wesenheiten, in 
deren Gebiet man auf diese Art eintritt, eine Stufenreihe 
unterscheiden und von einer Welt von hoheren Hierarchi- 
en sprechen. Die Wesenheiten, deren Gedanken dem sinn- 
lichen Wahrnehmen als Naturkrafte sich offenbaren, kann 
man Geister der Form nennen. 

Das Erleben in dieser Welt bedingt, daft man sein We- 
sen innerhalb der Sinnenwelt so als Aufteres empfindet, wie 
man im Sinnensein eine Pflanze als aufteres Wesen an- 
schaut. - Man wird diese Art, aufterhalb dessen zu sein, was 
man im gewohnlichen Leben als den ganzen Umfang der 
eigenen Wesenheit empfinden mujl, so lange als hochst 
schmerzvoll empfinden, als nicht ein anderes Erleben hin- 
zutritt. Bei einem energischen inneren seelischen Arbeiten, 
das zur rechten Verdichtung und Verstarkung des Seelenle- 
bens fiihrt, ist nicht notwendig, daft gerade dieser Schmerz 
in besonders starkem Mafte auftritt. Denn es kann ein lang- 
sames Hineintreten in das andre Erleben zugleich mit dem 
Einleben in den astralischen Leib sich einstellen. 

Dieses andre Erleben wird darinnen bestehen, daft man 
alles, was in und an der eignen Seele vorher war, als eine 
Art Erinnerung empfinden kann, und daft man also zu 
seinem Ich, wie es vorher war, sich so verhalt, wie man sich 
in der Sinnenwelt zu Erinnerungen verhalt. Erst durch ein 



solches Erleben erringt man das voile Bewufttsein, daft man 
wahrhaftig selbst, in einer ganz andren Welt, als die Sin- 
nenwelt ist, mit seiner eigenen Wesenheit darinnen lebt. 
Man hat nunmehr ein Wissen davon, daft man das bisheri- 
ge «Ich» als etwas anderes, als man eigentlich ist, an sich 
tragt. Man kann sich nun selbst sich gegeniiberstellen. Und 
man erhalt eine Vorstellung von dem, was der eignen Seele 
jetzt gegenubersteht, und wovon sie vorher gesagt hat: das 
bin ich selbst. Jetzt sagt sie nicht mehr, das bin ich selbst, 
sondern, das trage ich als etwas an mir. Wie sich das Ich im 
gewohnlichen Leben als selbstandig gegeniiber seinen Er- 
innerungen fiihlt, so fiihlt sich das nunmehr errungne Ich 
gegeniiber dem fruhern Ich selbstandig. Es fiihlt sich der 
Welt rein geistiger Wesenheiten angehorig. Und so, wie 
sich diese Erfahrung - und zwar diese und wieder nicht 
eine Theorie - gibt, erkennt man, was das eigentlich ist, was 
man bisher als seine Ichwesenheit angesehen hat. Es stellt 
sich dar wie ein Gewebe aus Erinnerungsvorstellungen, die 
so von dem Sinnenleib, von dem elementarischen und 
astralischen Leibe bewirkt werden wie ein Spiegelbild 
durch einen Spiegel. So wenig sich ein Mensch fur eins halt 
mit seinem Spiegelbild, so wenig halt sich die Seele, welche 
sich in der geistigen Welt erlebt, fur eines mit dem, was sie 
von sich in der Sinnenwelt erlebt. Der Vergleich mit dem 
Spiegelbild kann naturgemaft nur als ein Vergleich genom- 
men werden. Denn das Spiegelbild hort auf, wenn der 
Mensch seine Lage zum Spiegel entsprechend andert. Das 
Gewebe, das wie aus Erinnerungsvorstellungen gewoben 
ist und darstellt, was man in der Sinnenwelt fur sein eigenes 
Wesen ansieht, hat eine groftere Selbstandigkeit als ein 
Spiegelbild. Es hat auf seine Art eine Wesenheit fur sich. 



Und doch ist es dem wahrhaften Seelensein gegeniiber wie 
ein Bild der eigenen Wesenheit. Das wahrhafte Seelensein 
empfindet, daft es dieses Bild zu seiner Selbstoffenbarung 
notig hat. Es weift, daft es etwas andres ist, daft es aber nie 
dazu gelangt ware, von sich wirklich etwas zu wissen, wenn 
es sich nicht zuerst als sein eigenes Abbild in jener Welt 
erfaftt hatte, die ihm nach seinem Aufstieg in die geistige 
Welt eine Auftenwelt geworden ist. 

Das Gewebe von Erinnerungsvorstellungen, das man 
nunmehr als sein fruheres «Ich» anschaut, kann man den 
«Ich-Leib» oder auch «Gedankenleib» nennen. Das Wort 
«Leib» mufi in einem solchen Zusammenhange in einem 
erweiterten Sinne dem gegeniiber genommen werden, was 
man sonst gewohnt ist, einen «Leib» zu nennen. «Leib» 
bedeutet hier eben alles, was man an sich erlebt, und von 
dem man nicht sagt, man ist es, sondern man hat es an sich. 
Erst wenn das hellsichtige Bewufttsein dahin gelangt ist, 
dasjenige, was es bisher als sich selbst bezeichnet hat, wie 
eine Summe von Erinnerungsvorstellungen zu erleben, 
kann es eine Erfahrung von dem im wahrhaften Sinne ge- 
winnen, was sich hinter der Erscheinung des Todes ver- 
birgt. Denn es ist jetzt an die Wesenheit einer wahrhaft 
wirklichen Welt herangelangt, in welcher es sich selber als 
ein Wesen erfuhlt, das wie in einem Gedachtnisse festhalten 
kann, was im Sinnesdasein erlebt wird. Dieses im Sinnens- 
ein Erlebte bedarf, um sein Dasein weiter zu leben, einer 
Wesenheit, von welcher es so festgehalten werden kann, 
wie die Erinnerungsvorstellungen im Sinnensein von dem 
gewohnlichen Ich festgehalten werden. Die ubersinnliche 
Erkenntnis offenbart, daft der Mensch innerhalb der Welt 
geistiger Wesenheiten ein Dasein hat, und daft er es selbst 



ist, der sein Sinnendasein innerhalb seiner wie eine Erinne- 
rung aufbewahrt. Die Frage, was kann nach dem Tode alles 
das sein, was ich jetzt bin, beantwortet sich fiir die hellse- 
herische Forschung so: du wirst sein, was du von dir selbst 
bewahrst kraft deines Daseins als ein Geistwesen unter 
andern Geistwesen. 

Man erkennt die Natur dieser Geistwesen und innerhalb 
derselben seine eigene. Und diese Erkenntnis ist unmittel- 
bares Erleben. Man weift durch dasselbe, daft die Geistwe- 
sen und mit ihnen auch die eigne Seele ein Dasein haben, 
fiir welches das Sinnensein eine vorubergehende Offen- 
barung ist. - Zeigt sich fiir das gewohnliche Bewulksein - 
im Sinne der ersten Meditation -, dafi der Leib einer Welt 
angehort, deren wahrer Anteil an ihm sich in seiner Auflo- 
sung nach dem Tode offenbart, so zeigt die hellseherische 
Beobachtung, daft das menschliche Ichwesen einer Welt 
angehort, an welche sie durch ganz andere Bande gebun- 
den ist, als der Leib an die Naturgesetze. Die Bande, mit 
denen das Ichwesen an die Geistwesen der iibersinnlichen 
Welt gebunden ist, werden von Geburt und Tod in ihrer 
innersten Wesenheit nicht beriihrt. Im sinnlichen Leibes- 
leben offenbaren sich diese Bande nur in einer besonderen 
Art. Was in diesem Leben erscheint, ist der Ausdruck fiir 
Zusammenhange, welche iibersinnlicher Art sind. Da nun 
der Mensch als solcher ein ubersinnliches Wesen ist - und 
fiir die ubersinnliche Beobachtung auch als solches er- 
scheint, so ist auch im Ubersinnlichen der Zusammenhang 
von Menschenseele zu Menschenseele nicht durch den Tod 
beeintrachtigt. Und was der Seele als bange Frage vor das 
gewohnliche Bewufitsein in der primitiven Form tritt: 
werde ich diejenigen, welche ich im Sinnesleben mit mir 



verbunden gewuftt habe, nach dem Tode wiederschauen, 
mufi von der wirklichen Forschung, die auf diesem Gebiete 
zu einem Erfahrungsurteil berechtigt ist, mit einem ent- 
schiedenen «Ja» beantwortet werden. 

Alles, was hier fiir das Erleben des Seelenwesens als gei- 
stige Wirklichkeit innerhalb der Welt anderer Geistwesen 
gesagt worden ist, kann durch die schon oft erwahnte Ver- 
starkung des Seelenlebens geschaut werden. Man kann aber 
noch durch besondere Empfindungen, welche man ausbil- 
det, diesem Erleben eine Hilfe zufiihren. - Im gewohn- 
lichen Erleben innerhalb der Sinnenwelt stellt man sich zu 
dem, was man als sein Schicksal empfindet, so, daft man das 
eine als sympathisch, das andre als antipathisch empfindet. 
Eine Selbstbesinnung, welche sich selbst gegeniiber ganz 
unbefangen sein kann, wird sich gestehen miissen, daft die 
hier in Betracht kommenden Sympathien und Antipathien 
zu den starksten gehoren, welche der Mensch empfinden 
kann. Eine gewohnliche Uberlegung etwa von der Art, daft 
doch alles notwendig sei im Leben, daft man sein Schicksal 
ertragen miisse, kann zwar sehr weit fuhren fur eine ge- 
lassene Lebensstimmung. Um aber fiir ein Erfassen des 
wahren Menschenwesens etwas zu erzielen, ist noch mehr 
notwendig. Die gekennzeichnete Uberlegung wird dem 
Seelenleben die besten Dienste leisten; doch wird man oft 
bemerken konnen, daft dasjenige, was man an Sympathien 
und Antipathien in der angegebenen Richtung abgestreift 
hat, nur verschwunden ist fiir das unmittelbare Bewuftt- 
sein. Es hat sich in die tieferen Griinde des Menschenwe- 
sens zuriickgezogen und lebt sich aus als Seelenstimmung, 
oder auch als Abspannungs- oder sonstige Gefiihle des 
Leibes. Wahre Gleichmiitigkeit gegeniiber dem Schicksale 



erlangt man nur, wenn man auf diesem Felde sich genau so 
verhalt wie mit dem wiederholten, verstarkten Hingeben 
an Gedanken oder Empfindungen zur Seelenverstarkung 
im allgemeinen. Es geniigt nicht die Uberlegung, welche es 
bis zur Verstandeseinsicht bringt, sondern es bedarf eines 
intensiven Zusammenlebens mit solcher Uberlegung, eines 
durch Zeiten dauernden Festhaltens derselben in der Seele 
mit gleichzeitigem Entfernthalten der Sinneserlebnisse und 
der iibrigen Lebenserinnerungen. Durch solche Ubung 
kommt man zu einer gewissen Grund-Seelenstimmung ge- 
geniiber seinem Lebensschicksal. Man kann grundlich aus 
sich heraustreiben die Antipathien und Sympathien auf die- 
sem Gebiete und kann zuletzt alles, was dem Menschen 
geschieht, an ihn herankommen sehen, wie man als vollig 
aufterer Beobachter einen Wasserstrahl iiber einen Felsen 
fallen und unten aufschlagen sieht. Es ist damit nicht ge- 
sagt, daft man auf solche Art dazu gelangen solle, gefiihllos 
seinem Schicksale gegeniiberzustehen. Wer dazu kommt, 
mit Gleichgiiltigkeit auf alles zu sehen, was mit ihm ge- 
schieht, der ist ganz gewift auf keinem gedeihlichen Wege. 
Man steht aber doch nicht anteilslos der Auftenwelt gegen- 
iiber in bezug auf dasjenige, was die eigene Seele nicht 
schicksalsmafiig beriihrt. Man sieht, was vor den Augen 
sich abspielt, mit Freude oder mit Abneigung. Nicht An- 
teilslosigkeit am Leben soil der nach iibersinnlicher Er- 
kenntnis Strebende suchen, sondern Umwandlung des 
Anteils, welchen das «Ich» in bezug auf alles zunachst hat, 
was es schicksalsmafiig beriihrt. Es kann durchaus vorkom- 
men, daft durch diese Umwandlung die Lebhaftigkeit des 
Gefiihlslebens sogar verstarkt, nicht abgeschwacht wird. 
Im gewohnlichen Leben pressen sich iiber manches die 



Tranen in die Augen, was die eigne Seele betrifft in schick- 
salsmaftiger Art. Man kann sich aber auch zu dem Ge- 
sichtspunkt durchringen, da£ man das gleiche lebhafte Ge- 
fiihl seinem eigenen Miftgeschick gegeniiber hat, das man 
empfindet, wenn dasselbe einen andern Menschen trifft. Es 
gelangt der Mensch leichter zu einer solchen Art des Erle- 
bens in bezug auf die Vorfalle, die ihn schicksalsmaftig tref- 
fen, als zum Beispiele in bezug auf die eigenen Fahigkeiten. 
Der Gedanke ist denn doch nicht so leicht erreichbar, der 
sich ebenso in Freude auslebt, wenn ein anderer eine Fahig- 
keit hat, als wenn man diese selbst besitzt. Wenn Selbstbe- 
sinnung vorzudringen sucht bis in die tiefsten Seelengriin- 
de, so kann da manches entdeckt werden an selbstischer 
Freude iiber so manches, was man selbst kann. Ein inten- 
sives, wiederholtes (meditatives) Zusammenleben mit dem 
Gedanken, daft es in vieler Beziehung fur den Gang des 
Menschenlebens doch gleich ist, ob man selbst, oder ob ein 
andrer etwas kann, vermag weit zu fuhren in bezug auf 
wahre Gelassenheit gegeniiber dem, was man als innerstes 
Lebensschicksal empfindet. - Es kann solche innere gedan- 
kenkraftige Verstarkung des Seelenlebens, wenn sie richtig 
angestellt wird, nur nie dazu fuhren, daft man das Gefiihl 
fur seine Fahigkeiten bloft abstumpft: man verwandelt es 
vielmehr. Man empfindet die Notwendigkeit, sich diesen 
Fahigkeiten entsprechend zu verhalten. 

Und damit ist schon hingedeutet auf die Richtung, wel- 
che eine solche gedankenkraftige Verstarkung des Seelen- 
lebens nimmt. Man lernt in sich etwas erkennen, was der 
Seele im eigenen Innern als ein zweites Wesen erscheint. 
Besonders offenbart sich dies, wenn man damit die Gedan- 
ken verbindet, welche zeigen, wie man im gewohnlichen 



Leben dies oder jenes im Schicksal herbeifiihrt. Man kann 
doch wahrnehmen, dieses oder jenes ware mit dir nicht ge- 
schehen, wenn du selbst in einer friiheren Zeit nicht dich in 
einer gewissen Art verhalten hattest. Was dem Menschen 
heute geschieht, ergibt sich ja vielfach aus dem, was er ge- 
stern getan hat. Man kann nun mit dem Ziele, sein Seelen- 
erleben weiter zu fuhren, als es in einem gewissen Zeit- 
punkt ist, einen Riickblick anstellen in das bisherige Er- 
leben. Man kann dabei alles aufsuchen, welches zeigt, wie 
man spatere Schicksalsvorfalle vorher selbst vorbereitet hat. 
Man kann versuchen, mit einem solchen Riickblick auf das 
Leben bis zu jenem Zeitpunkte zu kommen, in welchem 
beim Kinde das Bewufttsein so erwacht, daft es sich im spa- 
teren Leben an das erinnert, was es erlebt hat. Stellt man 
einen solchen Riickblick so an, daft man mit ihm die See- 
lenstimmung verbindet, welche die gewohnlichen selbsti- 
schen Sympathien und Antipathien mit schicksalsmaftigen 
Vorfallen ausschaltet, so steht man, wenn man erinnerungs- 
maftig den bezeichneten Zeitpunkt des Kindeslebens er- 
reicht, sich so gegeniiber, daft man sich sagt: da hat wohl 
die Moglichkeit erst begonnen, daft du dich in dir fiihlst 
und an deinem Seelenleben bewuftt arbeitest; dieses dein 
«Ich» war aber auch vorher da, es hat zwar nicht wissend 
in dir gearbeitet, aber dich sogar zu deiner Wissensfahig- 
keit wie zu allem andern, wovon du weiftt, erst gebracht. 
Was keine verstandesmaftige Uberlegung erkennen kann, 
das fiihrt die geschilderte Stellung zu dem eignen Lebens- 
schicksale herbei. Man lernt auf die Schicksalsvorfalle 
blicken; mit Gelassenheit; man sieht sie unbefangen an sich 
herantreten; aber man erschaut sich selbst in der Wesen- 
heit, welche diese Vorfalle heranbringt. Und wenn man 



sich in solcher Art schaut, so stellen sich der Seele die Be- 
dingungen des eignen Schicksals, die schon mit der Geburt 
gegeben sind, verbunden mit dem eigenen Selbst dar. Man 
ringt sich durch, zu sagen, wie du an dir gearbeitet hast in 
der Zeit, nachdem dein Bewufksein erwacht ist, so hast du 
auch schon an dir gearbeitet, bevor dein gegenwartiges Be- 
wufitsein erwacht ist. Ein solches Sich-Hindurcharbeiten 
zu einem iibergeordneten Ichwesen in dem gewohnlichen 
Ich fuhrt nicht nur dazu, sich sagen zu konnen, mein 
Gedanke bringt mich dazu, ein solches iibergeordnetes Ich 
theoretisch zu ersinnen, sondern es fuhrt dazu, das leben- 
dige Wesen dieses «Ich» in seiner Wirklichkeit als Macht in 
sich zu erfiihlen, und das gewohnliche Ich als ein Geschopf 
dieses Anderen in sich zu empfinden. Dieses Fiihlen ist ein 
wahrhafter Anfang des Schauens der Geistwesenheit der 
Seele. Und wenn es zu nichts fuhrt, so liegt das nur daran, 
da$ man es beim Anfang bewenden lalk. Dieser Anfang 
kann ein kaum bemerkbares, dumpfes Empfinden sein. Er 
wird dies vielleicht lange bleiben. Doch wenn man stark 
und kraftig das weiter verfolgt, was zu diesem Anfang ge- 
fiihrt hat, bringt man es zuletzt zum Schauen der Seele als 
Geistwesenheit. Und wer es zu diesem Schauen gebracht 
hat, der findet es ganz begreiflich, wenn jemand, der keine 
Erfahrung auf diesem Gebiete sich verschafft hat, sagt, der- 
jenige, der solches zu schauen glaubt, habe sich nur durch 
seelisches Gebaren zur Einbildung - Autosuggestion - des 
iibergeordneten Ich gebracht. Doch weift der mit solchem 
Schauen Ausgeriistete auch, dafi ein so gearteter Einwand 
nur von diesem Fehlen der Erfahrung herriihren kann. 
Denn wer im Ernste das Geschilderte durchmacht, der eig- 
net sich zugleich auch die Fahigkeit an, seine Einbildungen 



von Wirklichkeiten unterscheiden zu konnen. Die inneren 
Erlebnisse und Betatigungen, die auf solcher Seelenwander- 
schaft notwendig sind, wenn sie eine richtige sein soli, fiih- 
ren dazu, gegen sich selbst in bezug auf Einbildung und 
Wirklichkeit die strengste Vorsicht anzuwenden. Man 
wird, wenn zielvoll angestrebt wird, in dem ubergeordne- 
ten «Ich» sich als Geistwesen zu erleben, das Haupterleb- 
nis in demjenigen sehen, was zu Anfang dieser Meditation 
charakterisiert ist, und das an zweiter Stelle Angefiihrte als 
eine Hilfe der Seelenwanderschaft anerkennen. 



SIEBENTE MEDITATION 



Der Meditierende versucht Vorstellungen zu bilden 
iiber die Art des Erlebens in ubersinnlichen Welten 

Die Erlebnisse, welche sich fur die Seele als notwendig 
zeigten, wenn sie in die ubersinnlichen Welten vordringen 
will, konnen abschreckend fur manchen Menschen erschei- 
nen. Ein solcher kann sich sagen, er wisse nicht, was sich 
fur ihn ergebe, wenn er sich in diese Vorgange wagt, und 
wie er sie ertragen werde. Unter dem Einflusse einer sol- 
chen Empfindung entsteht auch leicht der Gedanke, es sei 
besser, nicht kiinstHch einzugreifen in den Entwicklungs- 
gang der Seele, sondern sich ruhig der unbewuftt bleiben- 
den Fiihrung zu iiberlassen und abzuwarten, wohin diese 
im Laufe der Zukunft das Menschen-Innere bringen wer- 
de. Einen solchen Gedanken wird jedoch derjenige immer 
zuriickdrangen miissen, der in sich recht beleben den and- 
ren kann, daft es im Menschenwesen naturgemaft liegt, sich 
selbst vorwarts zu bringen, und daft es bedeuten wiirde, 
Krafte, die in der Seele ihrer Entfaltung harren, pflichtwid- 
rig verdorren lassen, wenn man sich um sie nicht bekiim- 
merte. Die Krafte der Selbstentwicklung liegen in jeder 
Menschenseele; und es kann keine einzige geben, welche 
die Stimme nach Entfaltung dieser Krafte nicht horen 
wollte, wenn sie von ihr und ihrer Bedeutung in irgend- 
einer Art etwas zu erfahren vermag. 

Es wird sich auch niemand von dem Aufstieg in die ho- 
hern Welten abhalten lassen, wenn er sich zu den Vorgan- 
gen, welche er durchzumachen hat, nicht von vorneherein 
in ein unrichtiges Verhaltnis bringt. Diese Vorgange sind 
so, wie sie sich - in den vorangegangenen Meditationen - 



darstellten. Und wenn man sie durch Worte ausdruckt, die 
ja nur dem gewohnlichen Menschenleben entnommen sein 
konnen, dann konnen sie nur in dieser Art richtig aus- 
gedriickt werden. Denn Erlebnisse des ubersinnlichen Er- 
kenntnisweges stellen sich eben zur menschlichen Seele so, 
daft sie ganz gleich dem sind, was zum Beispiele ein hoch- 
gesteigertes Einsamkeitsgefiihl, ein sich Fiihlen wie iiber 
einem Bodenlosen schwebend, und dergleichen fiir die 
Menschenseele bedeuten kann. In dem Erleben solcher 
Empfindungen erzeugen sich die Krafte zum Erkenntnis - 
weg. Sie sind die Keime fiir die Friichte der ubersinnlichen 
Erkenntnis. Es tragen gewissermaften alle diese Erlebnisse 
etwas in sich, das in ihnen tief verborgen liegt. Wenn sie 
dann durchlebt werden, so wird dieses Verborgene zur 
vollsten Spannung gebracht; es sprengt etwas das Einsam- 
keitsgefuhl, das wie eine Hiille um dieses «Etwas» ist, und 
dringt hervor im Seelenleben als ein Mittel der Erkenntnis. 

Man mui! aber in Betracht ziehen, daft, wenn der rechte 
Weg eingeschlagen wird, hinter jedem solchen Erlebnis sich 
sogleich ein anderes einstellt. Es geschieht das so, daft, 
wenn das eine da ist, das andre nicht ausbleiben kann. Zu 
dem, was man zu ertragen hat, kommt sogleich die Kraft 
hinzu, das Vorkommnis wirklich zu ertragen, wenn man 
nur auf diese Kraft in Ruhe sich besinnen will, und sich die 
Zeit laftt, um dasjenige auch zu bemerken, was sich in der 
Seele offenbaren will. Wenn sich ein Peinigendes einstellt, 
und zugleich das sichere Gefuhl in der Seele lebt, daft es 
Krafte gibt, welche die Pein ertragen lassen, und mit denen 
man sich verbinden kann, dann kommt es dahin, daft man 
sich zu den Erlebnissen, die unertraglich waren, wenn sie 
im Folgelauf des gewohnlichen Lebens sich einstellten, in 



solcher Art verhalt, wie wenn man bei allem so Erlebten 
sein eigener Zuschauer ware. Dies macht, daft Menschen, 
welche auf dem Wege zur ubersinnlichen Erkenntnis sind, 
in ihrem Innern das Auf- und Abwogen mancher Gefuhls- 
wogen durchleben, und doch in volligem Gleichmut inner- 
halb des Sinnenlebens sich zeigen. - Es ist ja durchaus die 
Moglichkeit vorhanden, daft Erlebnisse, welche im Innern 
sich vollziehen, auch der Stimmung des aufteren Lebens in 
der Sinnenwelt sich mitteilen, so daft man dann mit dem 
Leben und mit sich selbst zeitweilig nicht so zustande 
kommt, wie man es in dem Leben konnte, das vor dem Er- 
kenntniswege liegt. Man ist dann darauf angewiesen, aus 
dem, was man sich im Innern bereits errungen hat, die 
Krafte zu holen, die bewirken, daft man wieder zurecht- 
kommt. Und es kann keine Lage auf dem rechtmaftig 
beschrittenen Erkenntniswege geben, in welcher dies nicht 
moglich ware. 

Der beste Erkenntnisweg wird immer der sein, welcher 
zur iibersinnlichen Welt durch die Verstarkung oder Ver- 
dichtung des Seelenlebens mittels innerer Versenkung ge- 
dankenkraftig oder empfindungskraftig fiihrt. Es kommt 
dabei nicht darauf an, den Gedanken oder die Empfindung 
so zu erleben, wie man dies tut, um sich innerhalb der Sin- 
neswelt zurechtzufinden, sondern darauf, daft man intensiv 
mit und in dem Gedanken oder der Empfindung lebt und 
alle seine Seelenkrafte in sie zusammenzieht. Sie sollen fur 
die Zeit der inneren Versenkung das Bewufttsein ganz 
allein ausfiillen. Man denke zum Beispiel an einen Gedan- 
ken, welcher der Seele irgendeine Uberzeugung gebracht 
hat; man lasse zunachst aus dem Spiele, was er an Uberzeu- 
gungswert hat und lebe immer wieder mit ihm, so daft man 



mit ihm ganz eins werde. Es bedarf durchaus nicht eines 
Gedankens, welcher sich auf die Dinge der hohern Welt- 
ordnung bezieht, obwohl ein solcher im erhohten Mafte 
brauchbar ist. Es kann zur inneren Versenkung auch ein 
Gedanke genommen werden, welcher ein gewohnliches 
Erlebnis abbildet. Fruchtbar sind Empfindungen, welche 
Vorsatze zum Beispiel in bezug auf Liebestaten darstellen, 
und die man in sich zum menschlich warmsten und auf- 
richtigsten Erleben entziindet. Wirksam, wenn es sich vor 
allem um Erkenntnis handelt, sind aber sinnbildliche Vor- 
stellungen, welche am Leben gewonnen werden, oder wel- 
chen man sich hingibt auf den Rat solcher Menschen, die 
gewissermaften auf diesem Gebiet sachverstandig sind, weil 
sie die Fruchtbarkeit der angewendeten Mittel kennen aus 
dem, was sich fur sie selbst durch dieselben ergeben hat. 

Durch solche Versenkung, die zu einer Lebensgewohn- 
heit, ja Lebensbedingung werden muiS, wie das Atmen eine 
Bedingung des Leibeslebens ist, wird man die Krafte der 
Seele zusammenziehen und im Zusammenziehen verstar- 
ken. Es mufi nur gelingen, sich fur die Zeiten der inneren 
Versenkung ganz so zu halten, daft keine aufteren Sinnes- 
eindriicke und auch keine Erinnerungen an solche in das 
Seelenleben hereinspielen. Auch die Erinnerungen an alles, 
was man im gewohnlichen Leben erfahren hat, was der 
Seele Freude oder Schmerz macht, muE schweigen, so daft 
diese ganz allein demjenigen hingegeben ist, wovon man 
selbst will, daft es in ihr sei. Die Krafte zur iibersinnlichen 
Erkenntnis erwachsen nur aus dem in rechter Art, was man 
sich so errungen hat durch innere Versenkungen, deren 
Inhalt und Form man durch Aufwendung eigener Seelen- 
macht herbeigefuhrt hat. Nicht darauf kommt es an, woher 



man den Inhalt der Versenkung hat; man kann ihn von 
einem auf dem Gebiete Sachverstandigen haben, oder auch 
aus der geisteswissenschaftlichen Literatur; man muC ihn 
nur selbst zum inneren Erleben machen und sich nicht zur 
Versenkung von dem nur bestimmen lassen wollen, was 
der eigenen Seele entstammt, was man selbst fur den besten 
Versenkungsinhalt halt. Ein solcher hat deshalb geringe 
Kraft, weil sich die Seele von vorneherein ihm verwandt 
fiihlt und so nicht die notigen Anstrengungen machen 
kann, urn mit ihm erst Eins zu werden. In dieser Anstren- 
gung liegt aber das Wirksame fur die ubersinnlichen Er- 
kenntniskrafte, nicht in dem Einssein mit dem Inhalt der 
Versenkung als solcher. 

Man kann zu ubersinnlichem Schauen auch auf andre 
Art gelangen. Es konnen Menschen durch ihre ganze Ver- 
anlagung zu innerer Vertiefung, zu inbriinstigem Erleben 
kommen. Dadurch konnen sich ubersinnliche Erkenntnis- 
krafte in ihrer Seele loslosen. Es konnen sich solche Krafte 
oft wie plotzlich in Seelen ergeben, von denen es scheinen 
konnte, als ob sie zu derartigem Erleben durchaus nicht 
vorherbestimmt seien. Auf die mannigfaltigste Art kann 
iibersinnliches Seelenleben eintreten; doch zu einem Erle- 
ben, das sich beherrscht, wie der Mensch sich beherrscht in 
seinem gewohnlichen Sinnessein, kann es nur kommen, 
wenn der geschilderte Erkenntnisweg beschritten wird. Je- 
des andre Hereinbrechen der ubersinnlichen Welt in die 
Seelenerlebnisse wird dazu fuhren, daft sie sich wie durch 
Zwang einstellen und der Mensch an sie sich verliert, oder 
daft er sich iiber ihren Wert, iiber ihre wahre Bedeutung 
innerhalb der wirklichen ubersinnlichen Welt alien mog- 
lichen Tauschungen hingibt. 



Man mufi sich durchaus vor Augen halten, daft sich die 
Seele auf dem iibersinnlichen Erkenntniswege wandelt. Es 
kann vorkommen, daft man fur das Leben im Sinnensein 
durchaus nicht so veranlagt ist, sich alien moglichen Tau- 
schungen und Illusionen hinzugeben; daft man aber, sobald 
man die iibersinnliche Welt betritt, in der leichtglaubigsten 
Weise sich solchen Tauschungen oder Illusionen hingibt. 
Auch das kann sich ereignen, daft man im Sinnensein ganz 
guten gesunden Wahrheitssinn hat, der sich sagt: du darfst 
nicht dasjenige iiber eine Sache oder einen Vorgang glau- 
ben, was nur deinen Selbstsinn befriedigt; und trotzdem 
dies der Fall ist, kann eine solche Seele dazu kommen, in 
der iibersinnlichen Welt dasjenige zu schauen, was diesem 
Selbstsinn angemessen ist. Man muft bedenken, wie dieser 
Selbstsinn an dem beteiligt ist, was man erschaut. Man 
schaut dasjenige, worauf sich dieser Selbstsinn nach seiner 
Neigung richtet. Man weift nicht, daft er es ist, welcher den 
geistigen Blick lenkt. Und es ist dann ganz selbstverstand- 
lich, daft man das Geschaute fur Wahrheit hinnimmt. 
Schutz kann da nur gewahren, daft man sich durch gute 
Selbstbesinnung, durch den energischen Willen zur Selbst- 
erkenntnis auf dem iibersinnlichen Erkenntniswege stets 
mehr und mehr bereit macht, wirklich an der eigenen Seele 
zu bemerken, wieviel von Selbstsinn vorhanden ist, und wo 
er spricht. Dann wird man, wenn man sich die Moglichkeit 
der eignen Seele, da oder dort dem Selbstsinn zu verfallen, 
in innerer Versenkung schonungslos und energisch vor- 
fuhrt, allmahlich loskommen von der Fiihrung des Selbst- 
sinnes. 

Zu wahrer ungehinderter Beweglichkeit der Seele in den 
hoheren Welten gehort es, daft sich diese eine Anschauung 



aneigne, wie anders gewisse seelische Eigenschaften der gei- 
stigen Welt gegeniiberstehen als der sinnlichen. Es tritt dies 
besonders deutlich zutage, wenn der Blick auf die mora- 
lischen Seeleneigenschaften gelenkt wird. Innerhalb des 
Sinnenseins sind zu unterscheiden die Naturgesetze und 
die moralischen Gesetze. Man kann, wenn man sich den 
Verlauf von Naturvorgangen erklaren will, sich nicht an 
moralische Vorstellungen halten. Eine Giftpflanze erklart 
man nach Naturgesetzen und verurteilt nicht moralisch, 
daft sie giftig ist. Man wird sich selbst dariiber klar sein, daft 
man fur die Tierwelt hochstens von Anklangen an das Mo- 
ralische sprechen kann, daft aber eine im echten Sinne mo- 
ralische Beurteilung nur eine Storung dessen bewirkte, was 
wahrhaft in Betracht kommt. In den Zusammenhangen des 
menschlichen Lebens beginnt die moralische Beurteilung 
liber den Wert des Daseins die Bedeutung zu haben. Sie ist 
etwas, wovon der Mensch selbst stets seinen Wert abhan- 
gig macht, wenn er dazu gelangt, liber sich unbefangen zu 
urteilen. Niemand kann es aber bei richtiger Betrachtung 
des Sinnenseins einfallen, die Naturgesetze als etwas den 
Moralgesetzen Gleiches, ja auch nur Ahnliches anzusehen. 

Sobald man die hoheren Welten betritt, wird das anders. 
Je geistiger die Welten sind, welche man betritt, desto mehr 
fallen Moralgesetze und das, was man fur diese Welten Na- 
turgesetze nennen kann, zusammen. Im Sinnensein ist man 
sich dessen bewuftt, daft man fur dieses Sein im uneigentli- 
chen Sinne spricht, wenn man von einer bosen Tat sagt, sie 
brenne in der Seele. Man weift, daft das natiirliche Brennen 
etwas ganz anderes ist. Eine ahnliche Scheidung besteht fur 
die iibersinnlichen Welten nicht. Haft oder Neid sind da 
zugleich Krafte, welche so wirken, daft man die entspre- 



chenden Wirkungen als die Naturvorgange dieser Welten 
bezeichnen kann. Haft oder Neid bewirken da, daft das ge- 
haftte oder beneidete Wesen auf den Hasser oder Neider 
wie verzehrend, ausloschend wirkt, so daft sich Zersto- 
rungsprozesse bilden, die dem geistigen Wesen nachteilig 
sind. Liebe wirkt in den geistigen Welten so, daft man die 
Wirkung wie Warmeausstrahlung, die hervorbringend, 
fordernd ist, ansprechen muft. - Schon am menschlichen 
elementarischen Leibe kann dies bemerkt werden. Inner- 
halb der Sinnenwelt muft die Hand, welche eine unmora- 
lische Tat verrichtet, in ihrer Verrichtung nach Naturgeset- 
zen genau so erklart werden wie diejenige, welche dem mo- 
ralischen Handeln dient. Gewisse elementarische Teile des 
Menschen bleiben aber unentwickelt, wenn ihnen entspre- 
chende moralische Empfindungen nicht vorhanden sind. 
Und man hat unvollkommene Ausbildungen von elemen- 
tarischen Organen auf moralische Eigenschaften zuriickzu- 
fiihren ganz in solcher Art, wie man nach Naturgesetzen 
im Sinnensein Naturvorgange durch Naturgesetze erklart. 
Man darf nur niemals etwa von der unvollkommenen Ent- 
wicklung eines sinnlichen Organs auf die unvollkommene 
Entfaltung des entsprechenden Teiles im elementarischen 
Leibe schlieften. Dessen muft man sich immer bewuftt sein, 
daft fur die verschiedenen Welten auch ganz verschiedene 
Arten von Gesetzmaftigkeit gelten. Ein Mensch kann ein 
physisches Organ unvollkommen ausgebildet haben; das 
entsprechende elementarische Organ kann dabei nicht 
etwa bloft normal vollkommen sein, sondern es kann sogar 
in dem Mafte vollkommen sein, als das physische unvoll- 
kommen ist. 

Bedeutsam tritt der Unterschied der iibersinnlichen Wei- 



ten von der sinnlichen auch bei allem auf, was mit den 
Vorstellungen des «Sch6nen» und «Haftlichen» zusammen- 
hangt. Die Art, wie man diese Begriffe im Sinnensein an- 
wendet, verliert alle Bedeutung, sobald man die iibersinnli- 
chen Welten betritt. Ein «Sch6nes» kann da nur, wenn man 
sich auf die Bedeutung des Wortes im Sinnensein besinnt, 
ein solches Wesen genannt werden, dem es gelingt, alles, 
was es in sich erlebt, auch den andern Wesen seiner Welt zu 
offenbaren, so daft diese andern Wesen an seinem ganzen 
Erleben teilnehmen konnen. Die Fahigkeit, sich ganz mit al- 
lem, was im Innern ist, zu offenbaren, und nichts in sich ver- 
borgen halten zu miissen, konnte als «schon» in den hohe- 
ren Welten bezeichnet werden. Und es fallt da dieser Begriff 
vollig zusammen mit dem von riickhaltloser Aufrichtigkeit, 
von ehrlichem Darleben dessen, was ein Wesen in sich tragt. 
«Haftlich» konnte das genannt werden, was den innern In- 
halt, den es hat, nicht in der auftern Erscheinung offenbaren 
will, was das eigne Erleben in sich zuruckhalt und fur andre 
Wesen sich in bezug auf gewisse Eigenschaften verbirgt. Es 
entzieht sich ein solches Wesen seiner geistigen Umgebung. 
Es fallt dieser Begriff zusammen mit dem von unaufrichti- 
gem Sich-Offenbaren. Liigen und Hafthchsein ist in der 
geistigen Welt als Wirklicbkeit dasselbe, so daft ein haftlich 
auftretendes Wesen ein lugnerisches ist. 

Auch das, was man im Sinnensein als Begierden, Wiin- 
sche erkennt, tritt mit ganz andrer Bedeutung in der geisti- 
gen Welt auf. Solche Begierden, welche aus der inner en Na- 
tur der Menschenseele in der Sinnenwelt entspringen, gibt 
es in der geistigen Welt nicht. Was man da Begierden nen- 
nen kann, entziindet sich an dem, was aufter dem Wesen 
geschaut wird. Ein Wesen, das empfinden muft, es habe 



irgendeine Eigenschaft nicht, die es seiner Natur nach 
haben sollte, schaut ein andres Wesen, das diese Eigenschaft 
hat. Und es kann gar nicht anders, als bestandig dieses an- 
dre Wesen vor sich zu haben. Wie in der Sinnenwelt natur- 
gemaft das Auge Sichtbares sieht, so fiihrt der Mangel einer 
Eigenschaft ein Wesen der iibersinnlichen Welt stets in die 
Nahe eines entsprechenden andern Wesens, das die in Be- 
tracht kommende Vollkommenheit hat. Und der Anblick 
dieses Wesens wird ein immerwahrender Vorwurf, der als 
wirkliche Kraft wirkt, so daft das Wesen, welches mit dem 
Fehler behaftet ist, durch den Anblick die Begierde hat, den 
Fehler an sich auszubessern. Es ist dies ein ganz andersarti- 
ges Erlebnis, als es eine Begierde im Sinnensein ist. - Das 
freie Wollen wird durch solche Verhaltnisse in der geisti- 
gen Welt nicht beeintrachtigt. Ein Wesen kann sich wehren 
gegen das, was ein Anblick in ihm hervorrufen will. Dann 
wird es allmahlich erreichen, daft es aus der Nahe des vor- 
bildlichen Wesens hinwegkommt. Es wird jedoch die Fol- 
ge davon sein, daft ein solches sein Vorbild abwehrendes 
Wesen sich selbst in Welten versetzt, in welchen es schlech- 
tere Daseinsbedingungen hat, als die gewesen waren, die 
ihm gegeben waren in der Welt, fur die es gewissermaften 
vorbestimmt ist. 

Dies alles zeigt der menschlichen Seele, daft mit dem Be- 
treten der iibersinnlichen Welten die Vorstellungswelt um- 
gebildet werden muft. Es miissen Begriffe umgewandelt, 
erweitert, mit anderen verschmolzen werden, wenn man 
die iibersinnliche Welt richtig beschreiben will. - Daher 
kommt es, daft Beschreibungen der iibersinnlichen Welten, 
welche die fur das Sinnensein gepragten Begriffe ohne wei- 
tere Veranderung gebrauchen wollen, immer etwas Un- 



zutreffendes haben. - Man kann sich darauf besinnen, daft 
es aus einem richtigen menschlichen Gefiihle hervorgeht, 
Begriffe, die fiir die iibersinnlichen Welten erst ihre voile 
Bedeutung haben, innerhalb des Sinnenseins mehr oder 
weniger sinnbildlich, oder auch als wirklich die Sache be- 
zeichnend, zu gebrauchen. So kann jemand das Liigneri- 
sche wirklich als haftlich empfinden. Gegeniiber dem, wie 
es mit diesem Begriffe in der iibersinnlichen Welt stent, ist 
aber ein solcher Wortgebrauch im Sinnensein doch nur ein 
Anklang, der sich ergibt, weil alle Welten Beziehungen 
zueinander haben, und diese Beziehungen dunkel gefuhlt, 
unbewuftt gedacht im Sinnensein werden. Doch mufi be- 
riicksichtigt werden, daft im Sinnensein das Liignerische, 
das man als haftlich empfindet, nicht haftlich zu sein 
braucht in seiner aufteren Erscheinung. Daft man sogar die 
Vorstellungen durcheinander werfen wiirde, wenn man ein 
Haftliches in der sinnlichen Natur aus einem Lugnerischen 
erklaren wollte. Fiir die ubersinnliche Welt ist es aber so, 
daft das Liignerische, wenn es wahr gesehen wird, in seiner 
Offenbarung sich als haftlich aufdrangt. - Auch hier kom- 
men wieder Tauschungen in Betracht, vor denen man sich 
zu hiiten hat. Es kann der Seele in der iibersinnlichen Welt 
ein Wesen entgegentreten, das mit Recht als bose bezeich- 
net werden muft, und welches doch in einem solchen Bilde 
sich offenbart, welches man «schon» nennt, wenn man die 
Vorstellung vom «Schdnen» anwendet, welche man aus 
dem Sinnensein mitbringt. In einem solchen Falle wird man 
erst richtig schauen, wenn man bis zum Innengrunde des 
Wesens durchdringt. Dann wird man erleben, wie die 
«schone» Offenbarung eine Maske ist, die nicht dem 
Wesen entspricht; und man wird dann das, was man nach 



Vorstellungen aus dem Sinnensein als «schdn» empfinden 
wollte, mit besonderer Starke als HaElichkeit ansprechen. 
Und in dem Augenblicke, wo dies gelingt, ist das «bose» 
Wesen auch nicht mehr imstande, die «Sch6nheit» vorzu- 
tauschen. Es mu& sich fiir einen solchen Beschauer in 
seiner wahren Gestalt enthiillen, die ein unvollkommener 
Ausdruck dessen nur sein kann, was es im Innern ist. An 
solchen Erscheinungen der iibersinnlichen Welt wird es 
besonders anschaulich, wie sich die menschlichen Vorstel- 
lungen beim Betreten dieser Welt wandeln miissen. 



ACHTE MEDITATION 



Der Meditierende versucht eine Vorstellung zu bilden von 
dem Schauen der wiederholten Erdenleben des Menschen 

Von Gefahren der Seelenwanderschaft in die iibersinn- 
lichen Welten zu sprechen, ist nicht eigentlich berechtigt, 
wenn diese Wanderschaft eine sachgemafte ist. Eine solche 
wiirde ihr Ziel nicht erreichen, wenn unter ihren seelischen 
Verhaltungsmaftregeln etwas ware, welches darauf hinaus- 
liefe, fur den Menschen Gefahren herbeizufiihren. Das Ziel 
ist vielmehr immer, die Seele stark zu machen, ihre Krafte 
zusammenzuziehen, so daft der Mensch fahig werde, die 
seelischen Erlebnisse zu ertragen, die er durchmachen muft, 
wenn er andre Welten als das Sinnensein schauen und be- 
greifen will. 

Ein wesentlicher Unterschied der Sinnenwelt von den 
iibersinnlichen Welten ergibt sich auch noch daraus, daft 
Schauen, Wahrnehmen und Begreifen bei den iibersinn- 
lichen Welten in einem andern Verhaltnisse stehen als im 
Sinnensein. Wer von einem Teile der Sinnenwelt hort, wird 
mit einem gewissen Rechte das Gefiihl haben, daft er zu 
einem volligen Begreifen doch nur durch die Anschauung, 
die Wahrnehmung gelangt. Eine Landschaft, ein Gemalde 
wird man erst verstanden glauben, wenn man sie gesehen 
hat. Die iibersinnlichen Welten kann man vollkommen be- 
greifen, wenn man durch die unbefangene Urteilskraft eine 
sachgemafte Beschreibung entgegennimmt. Zum Begreifen 
und zum Erleben aller lebenfordernden, lebenbefriedigen- 
den Krafte der geistigen Welten bedarf man bloft der Be- 
schreibungen, welche von denjenigen gegeben werden, die 
schauen konnen. Wirkliche Erkenntnisse solcher Welten 



gewinnen konnen nur diejenigen, welche aufterhalb des 
Sinnenleibes zu beobachten in der Lage sind. Beschreibun- 
gen der Geisteswelt mussen zuletzt immer ausgehen von 
Beobachtern derselben. Was aber zum Seelenleben an Er- 
kenntnissen dieser Welten notwendig ist, das wird erreicht 
durch das Begreifen. Und es ist durchaus moglich, daft 
jemand gar keinen eigenen Einblick in die ubersinnlichen 
Welten hat, und dennoch sie und ihre Eigentiimlichkeiten 
vollkommen versteht; sie so versteht, wie die Seele dies 
unter gewissen Verhaltnissen stets mit vollem Rechte ver- 
langen wird und muft. 

Deshalb ist auch moglich, daft jemand die Mittel seiner 
inneren Versenkung aus dem Schatze der Vorstellungen 
nimmt, welche er sich iiber die Geisteswelten angeeignet 
hat. Ein solcher Versenkungsstoff ist der allerbeste. Ist der- 
jenige, welcher am sichersten zum Ziele fiihrt. Der Glaube 
entspricht nicht den Tatsachen, welcher nahe legt, daft es 
fur das Aneignen des ubersinnlichen Schauens hinderlich 
sei, vor dieser Aneignung durch Begreifen sich die Er- 
kenntnisse dieser Welten erworben zu haben. Es ist viel- 
mehr das Gegenteil richtig, namlich, daft man sicherer und 
leichter zum Schauen mit dem vorangegangenen Begreifen 
kommt als ohne dasselbe. Ob es jemand beim Begreifen 
laftt, oder das Schauen anstrebt, das hangt davon ab, ob der 
Drang nach der eigenen Beobachtung bei ihm schon auf- 
getreten ist, oder nicht. Ist er eingetreten, dann kann er gar 
nicht anders, als die Gelegenheit suchen, die Wanderschaft 
in die ubersinnlichen Welten wirklich anzutreten. - Nach 
dem Verstehen dieser Welten werden aber von unseren 
Zeiten an immer mehr und mehr Menschen verlangen, 
denn eine wahre Lebensbeobachtung zeigt, daft von der 



Gegenwart an die Menschenseelen in einen solchen Zu- 
stand eintreten, daft sie ohne das Begreifen der iibersinn- 
lichen Welten mit dem Leben in das notwendige Verhaltnis 
nicht kommen konnen. 



Wenn der Mensch auf der Seelenwanderschaft soweit ge- 
langt ist, daft er alles, was er «sich», was er seine Wesenheit 
in dem Sinnensein nennt, als Erinnerung in sich tragt, und 
sich in einem nunmehr errungenen iibergeordneten «Ich» 
erlebt, dann wird er fahig, auch zum Schauen des Lebens- 
verlaufes uber das sinnliche Erdensein hinaus zu gelangen. 
Vor seinen geistigen Blick tritt die Tatsache, daft diesem 
Sinnensein ein andres Dasein seiner selbst in der Geistes- 
welt vorangegangen ist. Und daft in diesem geistigen Sein 
die wahren Ursachen liegen fur die Gestaltung des Sinnen- 
seins. Man lernt die Tatsache kennen, daft man vor diesem 
Sinnenleben, in das man eingetreten ist, als man einen sinn- 
Hchen Leib erhalten hat, schon rein geistig gelebt hat. - Wie 
man als Mensch jetzt ist, mit diesen oder jenen Fahigkeiten, 
diesen oder jenen Trieben, das sieht man vorbereitet in 
einem Dasein, welches man vorher in einer rein geistigen 
Welt verlebt hat. Man schaut sich an, als ein, seinem Ein- 
tritt in die Sinnenwelt vorangegangenes geistig lebendes 
Wesen, das angestrebt hat, mit den Fahigkeiten und Seelen- 
eigentiimlichkeiten als Sinnenwesen zu leben, die man an 
sich tragt und entwickelt hat seit der Geburt. Derjenige 
ware im Irrtum befangen, der etwa sagen wollte, wie sollte 
ich Fahigkeiten und Triebe im Geistessein angestrebt ha- 
ben, welche mir nun, da ich sie an mir trage, doch gar nicht 
gefallen. Es kommt nicht darauf an, ob der Seele im Sin- 
nensein etwas gefallt, oder nicht; sie hat fur das Anstreben 



im Geistessein ganz andre Gesichtspunkte als nachher im 
Sinnensein. Die Art des Wissens und Wollens ist in beiden 
Welten eine durchaus verschiedene. Man weift im Geistes- 
sein, daft man zu seiner Gesamtentwicklung ein Sinnes- 
leben notig hat, das der Seele dann vielleicht im Sinnensein 
unsympathisch oder bedriickend verlauft, und man strebt 
es doch an, weil man im Geistessein nicht auf das Sympa- 
thische und Angenehme, sondern auf dasjenige sieht, was 
zur rechten Entfaltung des Eigenseins notwendig ist. 

In ahnlicher Art verhalt es sich mit den Geschicken des 
Lebens. Man sieht dieselben und schaut, wie man sich das 
Sympathische und auch das Unsympathische im Geistes- 
sein zubereitet hat, wie man selbst die Mittel herbeigefuhrt 
hat, die verursachen, daft man dieses oder jenes Gliickliche 
oder auch Schmerzvolle im Sinnensein durchmacht. Auch 
da kann der Mensch, solange er sich bloft im Sinnensein 
erlebt, es unbegreiflich finden, diese oder jene Lebenslage 
selbst herbeigefuhrt zu haben; im Geistessein hat er aber 
das gehabt, was man eine iibersinnliche Einsicht nennen 
kann, dahingehend, daft er sich sagte, du muftt das 
Schmerzvolle oder Unsympathische durchmachen, denn 
nur solches Erleben bringt dich in deiner Gesamtentwick- 
lung um eine Stufe weiter. Aus der bloften Beurteilung aus 
dem Sinnensein heraus kann man nie erkennen, inwiefern 
ein Erdenleben den Menschen in seiner Gesamtentwick- 
lung vorwarts bringt. 

Nach Erkenntnis des dem sinnlichen Erdensein voran- 
gegangenen Geistessein ergibt sich dann das Anschauen der 
Griinde, warum man im Geistessein eine gewisse Art und 
ein gewisses Schicksal fur das Sinnensein angestrebt hat. 
Diese Griinde fiihren hin zu einem friiheren Erdenleben, 



das man in der Vergangenheit durchlebt hat. Je nachdem 
dieses verlaufen ist, je nachdem man da gewisse Erfahrun- 
gen gemacht oder sich Fahigkeiten angeeignet hat, strebte 
man im darauffolgenden Geistessein darnach, mangelhaft 
gemachte Erfahrungen in einem neuen Erdenleben besser 
zu machen, unausgebildet gebliebene Fahigkeiten auszubil- 
den. Man empfindet im Geistessein ein Unrechtes, das man 
zum Beispiel einem Menschen zugefiigt hat so, daft man 
dadurch die Weltenordnung gestort hat, und daft es not- 
wendig ist, in einem weiteren Lebenslauf mit dem ent- 
sprechenden Menschen zugleich auf Erden zu sein, urn in 
den entsprechenden Beziehungen zu ihm das Unrecht gut- 
zumachen. - Bei weiter fortschreitender Seelenentwicklung 
erweitert sich der Blick auf eine Reihe vorangegangener 
Erdenleben. Man gelangt auf solche Art zur beobachten- 
den Erkenntnis des wahren Lebenslaufes des ubergeordne- 
ten «Ich». Man erschaut, daft der Mensch in wiederholten 
Erdenleben sein Gesamtdasein auf der Erde durchlauft, 
und daft zwischen den wiederholten Erdenleben rein 
geistige Lebenslaufe liegen, welche mit den Erdenleben in 
gesetzmaftigem Zusammenhange stehen. 

Auf diese Art wird die Erkenntnis von den wiederhol- 
ten Erdenleben zur wirklichen Beobachtung gebracht. 
(Nur um immer wieder vorkommenden Miftverstandnis- 
sen vorzubeugen, sei erwahnt, was in andern meiner Schrif- 
ten genauer dargestellt ist. Das Gesamtdasein des Men- 
schen verlauft nicht etwa so, daft sich das Leben ewig wie- 
derholt. Es findet eine gewisse Zahl von Wiederholungen 
statt, daran schlieften sich vorher und nachher ganz andre 
Daseinsarten; und alles dieses zeigt sich in seinem Gesamt- 
verlaufe als weisheitvolle Entwicklung.) 



Die Erkenntnis, daft der Mensch in wiederholten Leben 
seine Entwicklung durchmacht, kann auch durch vernunft- 
gemafte Beobachtung des Sinnenseins gewonnen werden. 
In meinem Buche «Theosophie», in meinem «Umrift der 
Geheimwissenschaft», sowie in kleineren Schriften von mir 
sind Beweise fiir die wiederholten Erdenleben und ihren 
Zusammenhang versucht worden, die in solcher Form ge- 
halten sind, welche den wissenschaftlichen Erwagungen der 
gegenwartigen naturwissenschafdichen Entwicklungslehre 
eigen ist. Es sollte da gezeigt werden, wie ein folgerechtes 
Denken und Forschen, das wirklich die naturwissenschaft- 
lichen Forschungen zu Ende fiihrt, gar nicht anders kann, 
als den Entwicklungsgedanken, wie ihn die letzten Zeiten 
gebracht haben, fiir den Menschen so zu gestalten, daft die 
wahre Wesenheit, die Seelenindividualitat des Menschen als 
etwas angesehen wird, das sich durch wiederholte Sinnen- 
leben mit dazwischenliegenden rein geistigen Lebenslaufen 
hindurch entwickelt. Was da als Beweise versucht wurde, 
kann naturgemaft viel weiter ausgebaut, vervollkommnet 
werden. Aber es kann die Meinung nicht unberechtigt er- 
scheinen, daft Beweise auf diesem Gebiete genau denselben 
wissenschaftlichen Erkenntnis wert haben, wie das, was 
man sonst naturwissenschaftliche Beweise nennt. Es gibt 
nichts in der Wissenschaft des Geistigen, was sich nicht 
durch so gehaltene Beweise stiitzen liefte. Man muft ja 
allerdings sagen, daft die geisteswissenschaftlichen Beweise 
ganz selbstverstandlich sich viel schwerer Anerkennung 
verschaffen konnen als die naturwissenschafdichen. Das 
riihrt aber nicht davon her, weil sie weniger strenge sind, 
sondern weil der Mensch, wenn er sie vor sich hat, den 
sinnlichen Tatsachenboden nicht empfindet, der ihm in der 



Naturwissenschaft die Zustimmung zu den Beweisen leicht 
macht. Mit der Beweiskraft als solcher hat das aber gar 
nichts zu tun. Und wer imstande ist, unbefangen die natur- 
wissenschaftlichen Beweise mit den in derselben Art gege- 
benen geisteswissenschafthchen Beweisen zu vergleichen, 
der wird sich von dem gleichen Wert in bezug auf die Be- 
weiskraft wohl iiberzeugen konnen. So kann zu dem, was 
der Beobachter der geistigen Welten aus seinem Schauen 
als Beschreibung iiber die wiederholten Erdenleben geben 
kann, noch hinzukommen, was durch solche Beweise dar- 
iiber zu bekraftigen ist. Das eine kann dem andern helfen, 
eine Uberzeugung von der Wiederholung des gesamten 
menschlichen Lebenslaufes zu gewinnen durch blofies 
Begreifen. - Hier wurde versucht, den Weg zu zeigen, 
welcher iiber das Begreifen hinaus zum iibersinnlichen 
Schauen dieser Wiederholung fuhrt. 



NACHWORT 2UR NEUAUFLAGE 

(1918) 



Es kann wohl schon aus den Ausfiihrungen der zweiten 
dieser «Meditationen» klar sein und wird aus den folgen- 
den mit noch grofierer Deutlichkeit zu erkennen sein, daft 
der Seelenweg, von dem in dieser Schrift gesprochen wird, 
in entschiedenster Weise alles auf krankhaften oder ab- 
normen Leibesverhaltnissen beruhende sogenannte «Hell- 
sehen» ablehnt. Alles Visionare, Mediumistische, das aus 
solchen Verhaltnissen heraus entsteht, bleibt auf diesem 
Seelenweg ausgeschlossen. Solche Seeleninhalte gehen aus 
einer Verfassung des menschlichen Innern hervor, gegen- 
iiber welcher das sinnliche Wahrnehmen und das darauf ge- 
stiitzte Denken ein hoheres Gebiet darstellen. Man lebt mit 
diesem Wahrnehmen und diesem Denken mehr in dem 
iibersinnlichen Gebiet und man ist mit ihm mehr vom Lei- 
be unabhangig, als dies der Fall ist, wenn eine unregelmafii- 
ge Leibesorganisation der Seele einen Inhalt vorgaukelt, der 
aus Vorgangen entspringt, die eigentlich dem Leibe dienen 
sollten, und die in krankhafter Art von ihrer naturgemaften 
Aufgabe abirren und zu Vorstellungen fuhren, die weder 
in einer Wahrnehmung von auften, noch in einer eigenen 
Betatigung des Willens ihre Grundlage haben. 

Unter den im gewohnlichen Bewufksein anwesenden 
Seelenverrichtungen ist es nur das Denken, das sich von der 
Wahrnehmung loslosen und zur selbstandigen, nicht an ab- 
norme Leibesaufterungen bedingten Betatigung fuhren 
kann. Nicht unter diejenige Seelenverfassung herunter, tie- 
fer in die organischen Verrichtungen hinein geht, was hier 
als hellsehendes Schauen gemeint ist, sondern in Gebiete 



geht es hinauf, die mit dem von der Seele innerlich durch- 
hellten, vom Eigenwollen beherrschten Denken beginnen. 
Aus diesem selbstbeherrschten Denken heraus entwickelt 
die Seele das hier gemeinte hellseherische Schauen. Das 
Denken ist fur das Schauen Vorbild. Was in den «Medita- 
tionen» als solches Schauen beschrieben wird, unterschei- 
det sich allerdings ganz wesentlich vom bloften Denken. 
Und es fiihrt hinein in ubersinnliche Weltenerfahrangen, 
in welche dieses Denken nicht dringen kann. Aber das Le- 
ben, das die Seele entfaltet in diesem Schauen, darf kein 
anderes sein als das im Denken entwickeke. Mit derselben 
Bewufkheit, mit der die Seele in einem Gedanken lebt, mit 
der sie von einem zum andern Gedanken ubergeht, muft 
sie in den Schauungen, in den Erleuchtungen leben. 

Das Verhaltnis der Seele zu diesen Schauungen ist aller- 
dings ein wesentlich anderes als dasjenige zu den gewohn- 
lichen Gedanken. Wenn auch die seelische Beziehung einer 
Schauung auf die ihr entsprechende Wirklichkeit Ahnlich- 
keit hat mit der Beziehung einer Erinnerungsvorstellung zu 
der erlebten Wirklichkeit, an die sie erinnert, so ist doch ein 
Bedeutsames im Schauen gerade dies, daft wahrend dessen 
Tatigkeit die Kraft der Erinnerung in der Seele gar nicht 
wirksam ist. Was man einmal vorgestellt hat, daran kann 
man sich erinnern, auch wenn die Vorstellung ein blofies 
Phantasiegebilde ist. Was man in hellseherischem Schauen 
erfahren hat: das ist in dem Augenblicke dem Bewufksein 
entschwunden, in dem die Schauung aufhort, wenn man 
nicht zu der seelischen Kraft des Schauens auch noch die 
andere hinzuentwickelt hat, in der Seele wieder dieselben 
Bedingungen des Schauens herzustellen, welche zu dieser 
Schauung gefuhrt haben. Man kann sich an diese Bedin- 



gungen erinnern und man kann dadurch die Schauung 
wiederholen; aber man kann sich nicht unmittelbar an die 
Schauung erinnern. Wer sich die notwendige Einsicht in 
diese Dinge verschafft hat, der hat gerade an dieser Einsicht 
ein Mittel, die Wirklichkeit, welche seiner Schauung ent- 
spricht, als solche zu erkennen. Wie man sich an eine Wahr- 
nehmung, an ein Erlebnis erinnern kann, mit dieser Erin- 
nerung aber das Erlebnis, die Wahrnehmung nicht selbst 
durchgemacht werden, so ist mit dem, was bei der Schau- 
ung fur die Erinnerung verbleibt, nicht der wirkliche Inhalt 
dieser Schauung enthalten. Man kann daran erkennen, daft 
ebensowenig, wie die wirkliche Wahrnehmung eine blofte 
Illusion im Sinnesgebiet ist, so auch die der Schauung 
entsprechende iibersinnliche Wirklichkeit dies nicht ist. 
Menschen, die sich mit dem Wesen des hier gemeinten 
Schauens nicht geniigend bekanntgemacht haben und die 
das dariiber Vorgebrachte nur von auften, nach ihren vor- 
gefalken Meinungen beurteilen, verfallen in dieser Bezie- 
hung in einen Irrtum. Sie glauben, daft, was im hellsichti- 
gen Bewufitsein auftritt, auf einem Spiel der Phantasie oder 
einem Weben von Vorstellungen beruhen konne, das aus 
unterbewufken Tiefen der Seele wie unklare Erinnerungen 
heraufflutet. Solche Beurteiler wissen nicht, dafi das wahr- 
haft hellseherische Bewufttsein nur in solchen Seeleninhal- 
ten lebt, die niemals als solche in die organischen Tiefen 
untertauchen konnen, die schon bei ihrer Entstehung dem 
Schicksal widerstreben, von irgendeiner Erinnerungskraft 
erfaftt zu werden. 

Eine weitere Eigentiimlichkeit des hellseherischen Le- 
bens ist die, daft sein Verlauf in wichtigen Kennzeichen ab- 
weicht von demjenigen des gewohnlichen Seelenlebens. In 



diesem spielen die Ubung, die Gewohnung eine fiir das 
Menschenleben fruchtbare Rolle. Wer wiederholt eine ge- 
wisse Betatigung ausfuhrt, der steigert seine Fahigkeit, die- 
se Betatigung in geschickter Weise auszufiihren. Wie ware 
Fortschritt im Leben, in der Kunst, wie ware irgendein Ler- 
nen uberhaupt moglich, wenn nicht solcher Gewinn der 
menschlichen Geschicklichkeit durch Ubung erreicht wer- 
den konnte. Ein Gleiches gilt aber nicht fiir die Aneignung 
des hellseherischen Schauens. Wer eine iibersinnliche Er- 
fahrung gemacht hat, der ist dadurch nicht geschickter ge- 
worden, sie ein zweitesmal zu machen. Hat er sie einmal 
gehabt, so ist dies ein Grund, daft sie von ihm fortstrebt. Sie 
sucht ihn gewissermaften zu fliehen. Und er mufi zu beson- 
deren Seelenverrichtungen seine Zuflucht nehmen, die fiir 
ein wiederholtes Erfahren seine Seele mit einer starkeren 
Kraft ausstatten als diejenige war, die ihn das erstemal in 
den Stand gesetzt hat, die Erfahrung zu machen. Fiir An- 
fanger auf dem iibersinnlichen Seelenweg liegt in dieser 
Tatsache oft eine Quelle schwerer Enttauschungen. Man 
kann bei entsprechenden Ubungen, welche in dem in die- 
ser Schrift angedeuteten Sinne zur Seelenverstarkung fiih- 
ren, verhaltnismaftig leicht erste iibersinnliche Erfahrungen 
machen. Man ist dann erst erfreut iiber den gemachten 
Fortschritt. Allein man wird bald bemerken, daft sich die 
gleichen Erfahrungen nicht wiederholen. Man fiihlt sich 
dann in der Seele dem Ubersinnlichen gegeniiber wie leer. 
Was in Betracht kommt, ist, daft man sich klar dariiber sein 
muft: dieselben Anstrengungen, die zum erstenmal zu dem 
Ergebnis gefiihrt haben, wirken nicht ein zweitesmal, son- 
dern starkere, oft ganz andere. - Man muft sich eben zu der 
Einsicht durchringen, daft die Gesetze des ubersinnlichen 



Erlebens in vielen Fallen andere, oft entgegengesetzte sind 
gegeniiber den physischen. Aber man mufi sich auch wie- 
der hiiten, daraus die Schluftfolgerung zu ziehen, daft man 
uber das iibersinnliche Erleben etwas wissen konne da- 
durch, daft man seine Vorgange etwa immer als eine Um- 
kehrung entsprechender sinnlicher denkt. Wie die Dinge 
im einzelnen stehen, muE eben in jedem individuellen Falle 
durch iibersinnliche Erfahrung durchschaut werden. 

Ein drittes Kennzeichen des iibersinnlichen Erfahrens 
ist dieses, daft die Schauungen kaum einen bemeftbaren 
Zeitinhalt hindurch vor dem hellseherischen Bewufttsein 
aufleuchten. Man kann sagen: in dem Augenblicke, in dem 
sie auftreten, sind sie auch schon wieder entflohen. Das 
bewirkt, daft nur rasche Besinnung, rasche Einstellung der 
Aufmerksamkeit zum Bemerken wahrer Schauungen fuh- 
ren. Wer solche rasche Besinnung und Aufmerksamkeits- 
einstellung nicht unter seinen Seelenfahigkeiten entwickelt, 
der mag Schauungen haben; er erlangt kein Wissen davon. 
Darin liegt der Grund, warum von den Menschen die iiber- 
sinnliche Welt in einem so groften Umfange verleugnet 
wird, als es der Fall ist. Das iibersinnliche Erleben ist wirk- 
lich viel verbreiteter, als man gewohnlich denkt. Der Ver- 
kehr des Menschen mit der geistigen Welt ist im Grunde 
etwas ganz Allgemein-Menschliches. Aber die Fahigkeit, 
mit rasch wirkender Bewufttseinskraft diesen Verkehr er- 
kennend zu verfolgen, muft miihsam erworben werden. 
Man kann sich fur diese Fahigkeit im gewohnhchen Leben 
geeignet machen, wenn man sich darin iibt, in gewissen Le- 
benslagen aus raschem Uberblicken dessen, was vorliegt, 
einen Entschluft zum Handeln zu fassen. Wer in solchen 
Lebenslagen sich stets an ein immer wiederkehrendes 



Umdrehen des Entschlusses, an ein zu nichts als Zeitverlust 
fuhrendes Zaudern: «Soll ich, soli ich nicht» gewohnt, der 
wird aus diesem gewohnlichen Leben heraus sich nur in 
schlechter Art fiir die Beobachtung der geistigen Welt 
vorbereiten konnen. Wer dazu kommt, schon in diesem 
Leben, wenn es angebracht ist, Geistesgegenwart zu ent- 
wickeln, der wird diese in das ubersinnliche Erleben hinein- 
tragen konnen, in dem sie ein unbedingtes Erfordernis ist. 
- Lagen in dem Menschen, so wie er im gewohnlichen 
Leben ist, die Fahigkeiten des iibersinnlichen Erlebens, er 
ware fiir seine Aufgabe in der Sinneswelt untuchtig. Er 
kann in heilsamer Art zu iibersinnlichen Fahigkeiten nur 
kommen, wenn er diese aus einem gesunden Leben in der 
sinnlichen Wirklichkeit heraus entwickelt. Wer durch Ab- 
kehr von diesem Leben, durch Sonderlings-Eigenschaften 
glaubt, der iibersinnlichen Welt nahe zu kommen, der ist 
auf einem Irrwege. Wahres hellseherisches Schauen verhalt 
sich zu den gesunden Verrichtungen des gewohnlichen Be- 
wufitseins wie dieses sich zu dem Schlafbewulksein, dessen 
Inhalt in Traumen vor die Seele tritt, verhalt. Wie aber 
durch ein ungesundes Schlafleben das gewohnliche Be- 
wufksein gestort und untergraben wird, so kann auf der 
Grundlage einer lebensfeindlichen, lebensunpraktischen 
Haltung in der gewohnlichen Wirklichkeit kein gesundes 
hellseherisches Schauen sich aufbauen. Je fester der Mensch 
im Leben steht, je verstandnisvoller er den Aufgaben des 
gewohnlichen intellektuellen, gefuhlsmaftigen, moralischen 
und sozialen Daseins gegeniiber sich verhalt, desto gesiin- 
der wird er aus einer solchen Lebensfuhrung die Seelenfa- 
higkeiten hervorgehen lassen konnen, welche ihn zum Er- 
leben der iibersinnlichen Welten bringen. - Von einem sol- 



chen gesunden hellseherischen Schauen wollen die voran- 
gehenden «Meditationen» sprechen. Alles Krankhafte, im 
iiblen Sinne Visionare und Phantastische ist auf dem Wege 
nicht zu finden, den sie beschreiben und der in das Er- 
kennen der iibersinnlichen Welt miindet. 



Zu dieser Ausgabe 

Textgrundlagen 

Textkorrekturen 

Hinweise 

Literatur zum Tbema 
aus dem Werk Rudolf Steiners 

Bibliographischer Nacbweis 
bisberiger Ausgaben 

Zum Werk Rudolf Steiners 



Tu dieser Ausgabe 



In den «Einleitenden Bemerkungen» zum vorliegenden Buch 
betont Rudolf Steiner das Individuelle der seelischen Erlebnisse, 
die er hier zur Darstellung bringt. Er habe daher bewufk den 
Titel «Ein Weg zur Selbsterkenntnis» gewahlt. Individuell heifk 
indessen nicht subjektiv. Gerade die Tatsache, daft es sich um 
Erfahrungen handle, die «von einer bestimmten Seele genau 
durchlebt worden» seien, ermogliche anderen, sich in das Ge- 
schilderte einzuleben und auf ihre Weise entsprechende Erfah- 
rungen zu machen. So gilt auch fur dieses Buch, was Steiner rund 
achtzehn Jahre zuvor in einem Brief an Rosa Mayreder vom 
4. November 1894 uber seine «Philosophie der Freiheit» schrieb: 
«Ich lehre nicht; ich erzahle, was ich innerlich durchlebt habe. 
Ich erzahle es so: wie ich es gelebt habe. Es ist alles in meinem 
Buche personlich gemeint. Auch die Form der Gedanken.» 

Die Niederschrift der acht «Meditationen» erfolgte im Juli/ 
August 1912 in Miinchen wahrend der Vorbereitungen zu den 
Sommerfestspielen, die dort von 1909 bis 1913 jahrlich zur Auf- 
fiihrung gelangten. Gleichzeitig entstand das dritte Mysterien- 
drama, «Der Hiiter der Schwelle», das am 24. August 1912 urauf- 
gefiihrt und begleitet wurde vom Vortragszyklus «Von der In- 
itiation. Von Ewigkeit und Augenblick, von Geisteslicht und 
Lebensdunkel» (GA 138). Im Friihjahr desselben Jahres waren 
erstmals die 52 Meditationsspriiche zum Jahreslauf, der «An- 
throposophische Seelenkalender», innerhalb des «KaIenders 
1912/ 1 3 » erschienen. Es war ein iiberaus entscheidendes Jahr: 
Steiner entfaltete seine christologischen Ausfuhrungen, nicht zu- 
letzt als Antwort auf die gegen seinen abendlandischen Weg ge- 
richteten Umtriebe der Leitung der Theosophischen Gesell- 
schaft, die nun ihren Hohepunkt erreichten und Ende Dezember 
zur Griindung der Anthroposophischen Gesellschaft fuhrten. 
Im Oktober hielt sich Steiner zudem erstmals auf dem Dorn- 
acher Hiigel auf, wo er im Herbst darauf den Grundstein fur den 
Johannesbau, das spatere erste Goetheanum, legen konnte. 

Das vorliegende Buch erschien im September 1912. Zu- 
sammen mit den aphoristisch-meditativen Ausfuhrungen «Die 
Schwelle der geistigen Welt» von 1913 (GA 17) erganzt, er- 
weitert und vertieft es die grundlegenden Aufsatzreihen zum 



anthroposophischen Schulungsweg «Wie erlangt man Erkennt- 
nisse der hoheren Welten?» (1904/05, GA 10) und «Die Stufen 
der hoheren Erkenntnis» (1905-1908, GA 12). 

Textgrundlagen 

Der Text fur die 8. Auflage 2004 beruht auf der 2. Auflage, publi- 
ziert im Philosophisch-Anthroposophischen Verlag, Berlin 
1918. Zwar erschien 1920, also noch zu Lebzeiten Rudolf Stei- 
ners, eine 3. Auflage. Diese beruht jedoch auf der 2. Auflage und 
enthalt etliche Druckfehler und zahlreiche, beim Neusatz vorge- 
nommene Anderungen in Zeichensetzung und Schreibweise, die 
auf den Setzer zuruckzufiihren sein diirften. Bei den Anderun- 
gen der Schreibweise handelt es sich vor allem um das Ausschrei- 
ben der von Rudolf Steiner in der Handschrift und in den 
Korrekturen fur die 2. Auflage gekiirzt geschriebenen Adjektiv- 
formen wie «besondrer», «andre», «eignen» zu «besonderer», 
«andere», «eigenen» etc. Die 4. Auflage von 1935 iibernahm denn 
auch wieder die Schreibweise der 2. Auflage 1918, die wohl als 
eigentliche, von Steiner noch vorbereitete Ausgabe letzter Hand 
(A1H) gelten kann. 

Fur die 8. Auflage 2004 wurde der Text nochmals anhand der 
2. Auflage 1918 und dem erhaltenen Manuskript dazu iiberpruft. 
Erganzend wurde auch die nahezu vollstandig erhaltene Hand- 
schrift Rudolf Steiners fur die 1. Auflage 1912 beigezogen. Ge- 
geniiber der 7. Auflage ergaben sich nur wenige Anderungen, sie 
sind nachstehend unter Textkorrekturen nachgewiesen, sofern es 
sich nicht blofi um Orthographie (Grofi- und Kleinschreibung, 
Getrennt- oder Zusammenschreibung), Interpunktion oder die 
von spateren Herausgebern durchweg ausgeschriebenen Abkiir- 
zungen handelt, die nun wiederhergestellt worden sind. Zudem 
sind einige wenige Hinweise hinzugefugt worden. 

Folgende Handschriften und Korrekturbogen sind im Rudolf 
Steiner Archiv Dornach vorhanden: 

Fur die 1. Auflage 1912: 

17 handschriftliche Seiten mit Entwiirfen zu den «Einleitenden 
Bemerkungen», zur «Ersten», »Vierten», «Fiinften» und «Ach- 
ten Meditation». Zum geringen Teil sind es vollgeschriebene 
Seiten, meist handelt es sich nur um kurze Passagen, einzelne 



Satze oder Worter. Einige Eintragungen lassen sich nicht mit 
Bestimmtheit zuordnen. 

Nahezu vollstandiges Manuskript (S. 30, die zweitletzte Seite 
der «Dritten Meditation», fehlt): 7 romisch paginierte Seiten 
(Titelblatt, Vortitel, «Einleitende Bemerkungen», Inhaltsver- 
zeichnis) sowie 77 durchnumerierte Seiten, von denen S. 31 nur 
als Fotokopie vorliegt. 

Fiir die 2. Auflage 1918: 

Manuskript fiir das «Nachwort zur Neuauflage (1 91 8)»: 4 grofSe, 
von 130-133 numerierte Seiten). 

Samtliche Bogen der 1. Auflage mit handschriftlichen Kor- 
rekturen und Erganzungen in jeweils einer ersten Fassung, die als 
Manuskript fiir die 2. Auflage dient. Von den «Einleitenden Be- 
merkungen» sind zwei parallel korrigierte erste Fassungen und 
die zweite, vom Setzer bereits revidierte vorhanden. Ebenso bei 
der «Dritten Meditation», wobei hier von Steiner nochmals Kor- 
rekturen in der revidierten Fassung angebracht wurden. Von der 
«Ersten Meditation* liegen zwei parallel korrigierte erste Fas- 
sungen vor, von der «Zweiten Meditation» nur eine erste Fas- 
sung; in der «Vierten», «Sechsten» und «Siebenten Meditation» 
wurde nur je eine Seite parallel korrigiert, und von der «Fiinften» 
und «Achten Meditation» existiert jeweils nur die erste Fassung. 

Auf der ersten Fassung steht jeweils am Anfang einer «Medi- 
tation» Rudolf Steiners Vermerk: « Revision erbeten». 



Textkorrekturen 

Abweichungen der 8. Auflage 2004 
von der 2. Auflage 1918: 

- Fortlaufende Seitennumerierung («Einleitende Bemerkun- 
gen» und Inhaltsverzeichnis sind in der 2. Auflage von III bis 
VIII romisch paginiert). 

- Das in der 2. Auflage erst nach den «Einleitenden Bemerkun- 
gen» stehende Inhaltsverzeichnis wurde an den Anfang ge- 
stellt. 

- Gesperrtes wurde kursiv gesetzt. 

- Entwicklung wird konsequent ohne zweites «e» (Entwicke- 



lung) geschrieben. In der 2. Auflage steht das Wort zweimal 
ohne, sonst mit «e». Die 3. Auflage 1920 hat einheitlich «Ent- 
wicklung». 

- S. 32, 10. Zeile: dafi sie sich der Ausdrucke: In der Handschrift 
und den ersten beiden Auflagen fehlt der Artikel. 

- S. 36, 11. Zeile: Dagegen uberkommt denjenigen: Handschrift 
und 1.-3. Auflage haben demjenigen. 

- S. 65, 3. Zeile: eine richtige sein soil, fiihren dazu: Handschrift 
und die ersten Auflagen haben falschlicherweise fiihrt dazu. 
Der Fehler wurde bereits in der 7. Auflage 1982 emendiert. 

- S. 89, 15. Zeile: Schauungen fiihren statt fuhrte. Alle Ausga- 
ben seit der 2. Auflage haben fuhrte, was grammatikalisch 
und von der Zeitform her in diesem Zusammenhang falsch 
ist. Im Manuskript hat Steiner das «t» deutlich zu einem «e» 
korrigiert und erganzend ein «n» angefiigt. 

Herausgeberkorrekturen in der 8. Auflage 2004 
gegeniiher dem Text der 7. Auflage 1982: 

Es wird konsequent Entwicklung statt Entwickelung geschrie- 
ben. 

Getrennt- und Zusammenschreibung sowie Zeichensetzung 
folgen konsequent der 2. Auflage 1918. 

Das Ausschreiben von Abkiirzungen (z. B., usw., etc.) durch 
friihere Herausgeber wurde wieder riickgangig gemacht. 

S. Zeile (inklusive Titel) 

14 4 einzumischen brauchen. Dafi dieses statt einzumischen 
brauchen; dafi dieses. 

16 3 dafi ihre Stoffe statt dafi seine Stoffe. Handschrift und 
1.-4. Auflage haben «ihre». 

66 16 der in sich recht beleben den andren kann statt der in 

sich den andren recht beleben kann. 

67 7 ein sich Fuhlen, wie statt ein Sich-Fuhlen wie. 

79 15 ist der allerbeste. Ist derjenige statt ist der allerbeste, 
ist derjenige. 

87 1 erinnern und man kann statt erinnern und kann. 
89 15 Schauungen fiihren statt Schauungen fuhrte. 



Hinweise 



Werke Rudolf Steiners, die in der Gesamtausgabe (GA) erschienen sind, 
werden in den Hinweisen mit der Band-Nummer angegeben. Siehe auch 
die Ubersicht am Schlufi des Bandes. 

8 In meiner «Theosophie» und in meinem «Umrifl einer Geheim- 
wissenschaft»: «Theosophie. Einfuhrung in iibersinnliche Welt- 
erkenntnis und Menschenbestimmung» (1904), GA 9; «Die Ge- 
heimwissenschaft im Umri$» (1910), GA 13. 

8 in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der hdheren 
Welten[?]»: (1904/05), GA 10. 

67 es sprengt etwas das Einsamkeitsgefuhl, das wie eine Hiille: In der 
zweiten Druckfahne der «Siebenten Meditation», in der Steiner die 
zweite Seite parallel korrigierte, wurde der Satzteil folgender- 
mafien neu gefafit: «das Einsamkeitsgefuhl sprengt etwas, das wie 
eine Hiille».