Die Aufgabe der Anthroposophie gegenüber Wissenschaft und Leben

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

OFFENTLICHE VORTRAGE 



RUDOLF STEINER 



Die Aufgabe der 
Anthroposophie gegemiber 
Wissenschaft und Leben 

Darmstadter Hochschulkurs 

Vortrdge und Anspracben, 
Darmstadt, 27. bis 30. Juli 1921, 
darunter Fragenbeantwortungen 
sowie erganzende Bemerkungen 
zu Vortrdgen anderer Redner 



1997 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgten Susi Lotscher und Ulla Trapp 



1. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1997 



Friihere Veroffentlichungen in Zeitschriften 
siehe zu Beginn der «Hinweise» 



Bibliographie-Nr. 77a 

Alie Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, 

Dornach/Schweiz 
© 1997 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Konkordia Druck, Buhl/ Baden 

ISBN 3-7274-0771-9 



Zu den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861 bis 
1925) gliedert sich in die drei groften Abteilungen: Schrif- 
ten - Vortrage - Kiinstlerisches Werk (siehe die Ubersicht 
am Schlufi des Bandes). 

Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich 
wie fur die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthro- 
posophischen Gesellschaft zahlreichen frei gehaltenen Vor- 
tragen und Kursen hatte Rudolf Steiner urspriinglich nicht 
gewollt, dafi sie schriftlich festgehalten wiirden, da sie 
von ihm als «miindliche, nicht zum Druck bestimmte 
Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend 
unvollstandige und fehlerhafte Horernachschriften an- 
gefertigt und verbreitet wurden, sah er sich veranlafk, das 
Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er 
Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der 
Stenographierenden, die Verwaltung der Nachschriften 
und die fur die Herausgabe notwendige Durchsicht der 
Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz weni- 
gen Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, 
mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vor- 
behalt berucksichtigt werden: «Es wird eben nur hin- 
genommen werden miissen, daft in den von mir nicht nach- 
gesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde 
gemafi ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf 
Steiner Gesamtausgabe begonnen. Der vorliegende Band 
bildet einen Bestandteil dieser Gesamtausgabe. Soweit er- 
forderlich, finden sich nahere Angaben zu den Textunter- 
lagen am Beginn der Hinweise. 



I N H A L T 



Erster Vortrag, Darmstadt, 27. Juli 1921 . . 13 

Natur-Erkennen und Geist-Erkennen 

Begriifiung. Auseinandersetzung mit der naturwissen- 
schaftlichen Denkungsart. Das «Ignorabimus» bei Du 
Bois-Reymond und bei Ranke. Gewissenhaftigkeit und 
innere Disziplin. Der Satz «Ich denke, also bin ich 
nicht». Ausschalten alles Personlichen in der Naturwis- 
senschaft. Ich-Bewulksein und naturwissenschaftliches 
Bewulksein; das Ich-Gefiihl im Traum und in patho- 
logischen Zustanden. Pathologisches als Fortschritts- 
prinzip im Darwinismus. Ich-Bewulksein und geistes- 
wissenschaftliche Forschung. Erinnerungen als Spie- 
gelungen am eigenen Organismus. Selbsterkenntnis 
durch Schauen hinter den Gedachtnisspiegel. Die My- 
stik der heiligen Therese und des Johannes vom Kreuz. 
Schauen in das praexistente Leben. Umwandlung der 
Kraft der Liebe in Erkenntniskraft. Bewufites Erleben 
der geistigen Aufienwelt. Der Aufstieg vom Natur- 
Erkennen zum Geist-Erkennen. 



Schlusswort, 28. Juli 1921 41 

nach dem Vortrag von Carl Unger uber «Technik als 
freie Kunst» 

Die Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus. - 
Rudolf Steiners Hinweis 1914 auf die zu einer Kata- 
strophe hindrangenden Verhaltnisse. Der Grund fur die 
Katastrophe. - Vom Personlichen zum rein Sachlichen 
im Kapitalismus. Eine Anekdote uber Rothschild. - Der 
Techniker als etwas Neues im modernen Leben. Tech- 
nik und soziale Frage. - Die Vierzehn Punkte W. Wil- 
sons. Das Wirklichkeitsgemafte und Praktische der An- 
throposophie. 



Zweiter Vortrag, 28. Juli 1921 53 

Die geistige Signatur der Gegenwart 

Der Satz «Ich denke, also bin ich nicht». Alter und neuer 
Autoritatsglauben. Angestrebtes Nivellement der Men- 
schen im Intellektuellen und Herausbrechen des 
Individuellen im Willens- und Gefiihlslebens als Gegen- 
reaktion. - Ausbildung einer iibersinnlichen Erkennt- 
niskraft. Einseitigkek oder Allseitigkeit in den Schilde- 
rungen verschiedener Geistesforscher. Das Sprechen der 
Anthroposophie zum individuellen Menschen. Eine So- 
zialethik in der «Philosophie der Freiheit». - Ubersinn- 
liche Erkenntnis und religioser Glaube. Das Christen- 
turn als letzte Form der Religion; seine tiefere Be- 
griindung durch die Anthroposophie. - Unterschiedli- 
ches Empfinden gegeniiber dem Bewufksein der Romer 
und dem Bewufitsein der Griechen. Zusammenhang des 
seelisch-geistigen Lebens mit dem korperlichen in ver- 
schiedenen Zeiten. 

Fragenbeantwortung, 28. Juli 1921 .... 86 

am Padagogischen Abend 

Zum Anschaulichkeitsunterricht. Nachahmefahigkeit 
beim Kind bis zum Zahnwechsel; Notwendigkeit eines 
Autoritatsverhaltnisses bis zur Geschlechtsreife. Begrif- 
fe und Anschauungen, die mit dem Kinde wachsen kon- 
nen. Die Seelenverfassung des Lehrers. - Denk- und 
korperliche Geschicklichkeit. - Die Waldorfschule. Der 
freie Religionsunterricht. Moglichkeit eines Ubertritts 
in jede andere Schule. Hinfuhren zum religiosen 
Empfinden bis zum 8. Jahr, dann Hinaufleiten zum 
christlichen Empfinden. Einfuhrung der Kinder in das 
wirkliche Christentum. 



Erganzende Bemerkungen 

und Fragenbeantwortung, 29. Juli 1921 . . . 100 

nach dem Vortrag von Alexander Strakosch iiber «Ge- 
schichte der Architektur und einzelner technischer 
Zweige» 

Uber das Beurteilen von Baustilen. Ein neuer Stil fur 
den Dornacher Bau. Zusammenfugen von Beton und 
Holz. Stilgewissen. Die Gotik. Geheimnisse der «Bau- 
hutten» und heutige Technik. Der Zweikuppelbau. - 
Der griechische Tempel als Wohnhaus des Gottes. G6t- 
terkultus als Metamorphose eines alteren Ahnenkultus. 
Statische und dynamische Verhaltnisse des GliedmafSen- 
menschen im griechischen Tempelbau und Betonung 
des Gliedmafknorganismus in der Plastik. - Aufmerk- 
samkeit auf den rhythmischen Menschen in der mittel- 
alterlichen Menschendarstellung. Der gotische Dom. - 
Imaginationen des Kopfmenschen als Stilformen der 
Gegenwart. Einklang von gesprochenem Wort und 
Umrahmung des Baus in Dornach. - Aufrechterhaltung 
der kiinstlerischen Freiheit. - Zu einer Frage iiber das 
Losen von Problemen im Halbschlaf. 

Dritter Vortrag, 29. Juli 1921 128 

Die Aufgabe der Anthroposophie gegeniiber 
Wissenschaft und Leben 

Heutige Experimentalwissenschaft und ihre Grenzen. - 
Ausbildung meditativer Erkenntniskrafte. Imaginative 
Erkenntnis durch Umwandlung des Erinnerungsvermo- 
gens. Inspirierte Erkenntnis durch Ausbildung der Kraft 
des Vergessens. Ubungen zur inneren Selbstzucht. Er- 
starken des Willenslebens. - Verfolgen der physischen 
Vorgange im menschlichen Organismus. Imagination 
als eine hohere Entwicklungsstufe des «reinen Den- 
kens»; die «Philosophie der Freiheit». Erkennen des 
Denkens als Konsolidierung, des Wollens als Zerstau- 
bung des Materiellen im Menschen. - Nebeneinander 



von hoherer Erkenntnis und gewohnlichen Seelenzu- 
standen beim anthroposophischen Geistesforscher. Er- 
kenntnis des vorgeburtlichen und nachtodlichen geisti- 
gen Lebens. - Instinktive soziale Bindungen in fruheren 
Zeiten. Heutiges Theoretisieren in bezug auf das soziale 
Leben und daraus resultierende Zerstorungskrafte. Die 
«Kernpunkte der Sozialen Frage». Die Freie Waldorf- 
schule. 

Schlussrede, 30. Juli 1921 

Dank an die Veranstalter des Hochschulkurses. Zur 
Namengebung «Goetheanum». - Einige Bilder aus Ru- 
dolf Steiners Leben. Wien: Technische Hochschule. 
Aufkommen der Elektronenlehre. Karl Julius Schroer. 
Teilnahme mit Vortragen an der «Deutschen Gesell- 
schaft» und der «Deutschen Lesehalle». Redaktion der 
«Deutschen Wochenschrift». - Weimar: Mitarbeiter- 
schaft am Goethe-Schiller- Archiv. Auseinandersetzung 
mit Haeckel und Nietzsche. Die «Philosophie der Frei- 
heit». Wirken in der Theosophischen Gesellschaft; Um- 
gestaltung derselben in die Anthroposophische Gesell- 
schaft. Die lebendige Entwicklung der anthroposophi- 
schen Geisteswissenschaft. - Angriffe der Gegnerschaft; 
Fall eines gefalschten Briefes. Notwendigkeit der De- 
maskierung der Unwahrhaftigkeit und des Enthusias- 
mus fiir die Wahrhaftigkeit. Fruchtbarmachung der 
Aufgangskrafte unseres Zeitalters durch die Anthropo- 
sophie. Der Pessimismus bei Spengler, der Idealismus 
bei Fichte. Worte an die jugendliche Menschheit. - Die 
Bedeutung des Technikers in die Zukunft hinein. 



ANHANG 



Einladung und Programm zum Hochschulkurs 



(Faksimile) 177 

Briefwechsel im Zusammenhang mit den 
Vorbereitungen fur den Hochschulkurs . . . 181 

Notizbucheintragungen Rudolf Steiners 

(Faksimiles mit Transkriptionen) 189 

Abbildungen des «Saalbaus» in Darmstadt 

(Aufien- und Innenaufnahme) 226 



Pressestimmen: 

Kurzreferate von Vortragen der anderen Redner . . 227 



Hinweise 

Zu dieser Ausgabe 243 

Hinweise zum Text 246 

Namenregister 259 



Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 261 



ERSTER VORTRAG 



NATUR-ERKENNEN 
UND GEIST-ERKENNEN 

Darmstadt, 27. Juli 1921 

Verehrte Kommilitonen, verehrte Anwesende! Zuerst 
wende ich mich an die verehrten Sprecher, die mich in so 
freundlicher Weise begrufien wollten. Ich nehme an, dafi 
diese Begriifiung auch der geistigen Angelegenheit gilt, 
welche hier im Laufe dieser Hochschulveranstaltung 
vertreten werden soil. 

Wenn von meiner Seite - das mochte ich hier in bezug 
auf diese Begriifiungen ganz besonders vorbringen -, 
wenn von meiner Seite mit einer tiefen Befriedigung auf 
diese freundlichen Griifie geantwortet wird, so geschieht 
das aus zwei Grundiiberzeugungen heraus, die mich be- 
seelen bei aller Vertretung dessen, was ich die anthro- 
posophische Geisteswissenschaft nenne. Gewift, heute 
wird diese anthroposophische Geisteswissenschaft noch 
viel angegriffen, aber sie wird den Weg gehen konnen, 
den sie durch ihre innere Kraft zu gehen bestimmt ist, 
wenn ihr unter anderem namentlich zwei zeitgenossische 
Krafte zur Seite stehen. Und gerade von diesen zwei 
zeitgenossischen Kraften kommt ja Ihre freundliche Be- 
griifiung her. Sie kommt erstens von seiten derjenigen, 
die sich widmen wollen der Pflege wissenschaftlichen 
Lebens, und sie kommt von der Jugend. Nun bin ich 
eben tief uberzeugt, dafi unter den anderen manigfaltigen 
Bedingungen, die da sein miissen, wenn anthroposophi- 



sche Geisteswissenschaft ihren Weg wird gehen sollen, 
zwei Dinge vor allem notwendig sein werden. Das ist, 
daft man einsehen lerne, dafi diese Geisteswissenschaft 
ihrerseits aus dem strengsten wissenschaftlichen Geiste 
heraus arbeiten will. Und weil sie das will, ist mir diese 
Begriifiung ganz besonders wertvoll. Und zweitens bin 
ich tief davon iiberzeugt, dafi - wie auch mancher, der im 
gegenwartigen Leben stent, heute noch iiber diese an- 
throposophische Geisteswissenschaft denken mag -, dafi 
wichtiger noch ist, wie die Jugend dariiber denkt. Denn 
von demjenigen, was die Jugend in den nachsten Jahr- 
zehnten wird hineintragen in die Menschheitsentwick- 
lung, wird es ja abhangen, ob wir wieder den Weg her- 
ausfinden aus den so zahlreich vorhandenen Nieder- 
gangskraften zu den Aufgangskraften. Mitzuarbeiten 
gerade an diesem Ziel soil ja auch das Bestreben anthro- 
posophischer Geisteswissenschaft sein. Ihr mufi es daher 
eine besondere Befriedigung gewahren, wenn sie von der 
Jugend begriifit wird. Und glauben Sie es mir - glauben 
Sie es, meine verehrten Begriifier, und glauben Sie es alle, 
die Sie hier sitzen: Vor demjenigen, was berechtigte Kri- 
tik ist, was vor alien Dingen ein vollkommen kritisches 
Sich-Gegenuberstellen gegeniiber dieser anthroposo- 
phischen Geisteswissenschaft ist, vor dem wird diese 
letztere niemals zuriickschrecken. Im Gegenteil: Sie wird 
die grolke Befriedigung daran haben, wenn aus einem 
wirklichen Erkenntnisdrange und aus dem Drange, an 
den Zielen der Menschheitsentwicklung praktisch mit- 
zuarbeiten, diese Kritik kommt. Anthroposophische 
Geisteswissenschaft ist im Anfang ihrer Entwicklung; sie 
braucht wahrhafte und ehrliche Kritik. Sie braucht kein 
blindes Vertrauen und kann eigentlich ein blindes Ver- 
trauen nicht brauchen. Sie braucht denkende Beurteiler. 



Mogen ihr diese denkenden Beurteiler gerade aus der 
Jugend heraus erwachsen. 

Deshalb, weil dies mein sehnlichster Wunsch ist, darf 
ich von ganzem Herzen fiir die freundlichen Worte dan- 
ken, die mir als dem Vertreter dieser anthroposophi- 
schen Geisteswissenschaft hier eben gewidmet worden 
sind. Haben Sie herzlichen Dank dafur und lassen Sie 
mich den Wunsch aussprechen, dafi dasjenige, was im 
Laufe dieser Woche, also in einer verhaltnismafiig recht 
kurzen Zeit, hier notdurftig wird vorgebracht werden 
konnen, wenigstens einigermafien in anregender Art 
Ihren Voraussetzungen entsprechen kann. Diese Vor- 
aussetzungen sind ja gewift solche, die gerade im Sinne 
des eben Ausgesprochenen liegen, sonst hatte die Ver- 
anstaltung nicht stattfinden konnen. 

Und insbesondere mul! ich herzlich danken fiir die 
freundliche Einladung, die mir von der allgemeinen Stu- 
dentenschaft zugekommen ist. Ich darf diese gerade als 
einen Ausdruck dafiir betrachten, dafi immer mehr und 
mehr eingesehen wird, wie anthroposophische Geistes- 
wissenschaft, wie sie von mir vertreten wird, das Gegen- 
teil jeder sektiererischen Bestrebung ist, daft sie auch das 
Gegenteil alles dessen ist, was im engherzigen Sinne an 
irgendeinen Bekenntnisglauben oder etwas ahnliches 
appelliert. Daher habe ich es als ein mich tief Befriedi- 
gendes betrachtet, dafi sich die allgemeine Studenten- 
schaft hier in Darmstadt der Einladung angeschlossen 
hat, welche von den besonderen anthroposophischen 
Gruppen ausgegangen ist. Und fiir diese Einladung las- 
sen Sie mich noch all denjenigen, die an ihr teilgenom- 
men haben, den allerherzlichsten Dank sagen. 

Nun, verehrte Kommilitonen, sehr verehrte Anwe- 
sende, das, was sich in der Gegenwart anthroposophi- 



sche Geisteswissenschaft nennt, es wird in weiteren 
Kreisen heute oftmals von Gesichtspunkten aus beur- 
teilt, die eigentlich schon aus der Welt geschafft werden 
konnten dadurch, daft man den Ausgangspunkt ins Auge 
fafk, von dem diese anthroposophische Geisteswissen- 
schaft ihren Anfang genommen hat. Dieser Ausgangs- 
punkt war ja ganz gewifi nicht ein sektiererischer, nicht 
ein im engeren Sinne der Zeit religioses Bekenntnis oder 
dergleichen - obwohl die religiosen Bekenntnisse von 
ihrer Seite aus gar sehr Ursache haben werden, sich mit 
dieser anthroposophischen Geisteswissenschaft ausein- 
anderzusetzen. Der Ausgangspunkt war eine Auseinan- 
dersetzung mit dem naturwissenschaftlichen Denken 
unserer weiteren Gegenwart, der Gegenwart, die etwa 
umfafit die letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts und 
die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts. 

Die naturwissenschaftliche Denkungsweise hat ja 
nicht nur Platz gegriffen innerhalb der Naturwissen- 
schaft selbst, sondern sie hat - eigentlich erst in der neu- 
sten Zeit - einen weiteren Umkreis des menschlichen 
Anschauens sich erobert. Mit Recht ist von emsichtiger 
Seite betont worden, dafi die Koryphaen des modernen 
naturwissenschaftlichen Denkens - sagen wir Newton, 
Kopernikus, Galilei, selbst ein Kepler an dessen Aus- 
gangspunkt durchaus noch Anhanger eines alten Offen- 
barungsglaubens waren, wie sie ihn angetroffen haben 
innerhalb ihrer eigenen Zeit. Die grofie Auseinander- 
setzung zwischen der naturwissenschaftlichen Den- 
kungsweise und den grofien Weltanschauungsfragen ist 
eigentlich erst eingetreten im Laufe des 19. Jahrhunderts. 
Und diese naturwissenschaftliche Denkungsweise hat 
auch das in einer gewissen Weise ergriffen, was sich zu- 
nachst - nun nicht auf dem Boden der Anthropo- 



sophie, sondern in der heutigen offiziellen Wissenschaft 
- «Geisteswissenschaft» nennt. Sie hat ergriffen zum 
Beispiel die Geschichte. 

Wenn wir auf der einen Seite auf die naturwissen- 
schaftliche Entwicklung sehen und auf der anderen Seite 
auf die Entwicklung der geschichtlichen Anschauungen, 
dann mufi man sagen: Wer mit allem Ernste und aus den 
inneren Erlebnissen des gesamten Menschen, des Voll- 
menschen heraus das letzte Entwicklungsstadium unse- 
res geistigen Lebens am Ende des 19. Jahrhunderts und 
am Beginn des 20. Jahrhunderts miterlebte, der begegne- 
te gewissermafien zwei Eckpfeilern; zwei Eckpfeilern, 
von denen der eine einmal gropes Aufsehen gemacht hat, 
heute aber wiederum fast vergessen ist, das heifit verges- 
sen ist von dem Gesichtspunkte aus, dafi man sich seiner 
nicht mehr in vollem Bewufttsein erinnert. Aber er lebt 
fort in der Art und Weise, wie man heute Weltanschau- 
ungsfragen behandelt. Dieser eine Eckpfeiler ist das 
einstmals beruhmte «Ignorabimus» - «Wir werden nie- 
mals wissen» - Du Bois-Reymonds aus den siebziger 
Jahren des 19. Jahrhunderts. Du Bois-Reymond, der ge- 
radezu ein reprasentativer Naturforscher seiner Zeit war, 
er hat die Grenzen naturwissenschaftlichen Denkens in 
strenger Weise zeichnen wollen, und er hat ja auch jene 
Auseinandersetzungen, in denen das Ignorabimus des 
Naturforschers enthalten ist, mit den Worten beschlos- 
sen: Naturwissenschaft werde niemals ergriinden kon- 
nen das Wesen des Materiellen selbst, also das Wesen 
dessen, was zugrunde liegt der aufieren, durch unsere 
Sinne beobachtbaren, mit dem Verstande zu zergHe- 
dernden Welt. Gegenuber dieser Welt miisse man das 
Ignorabimus aussprechen - so meinte Du Bois-Rey- 
mond -, denn alles dasjenige, was iiber die angedeuteten 



Grenzen hinausgehen mochte, fiihre in den Supernatura- 
lismus hinein. In eine Art iibersinnlicher Forschung fiih- 
re das - meint Du Bois-Reymond, indem er den Satz 
monumental hinstellt, dafi, wo Supernaturalismus an- 
fangt, die Wissenschaft aufhort. 

So war einstmals die grofte Frage, die am Ausgangs- 
punkte anthroposophischen Denkens und anthroposo- 
phischen Beobachtens stand: 1st es wirklich mit alier 
Wissenschaft da aus, wo beginnen miifke iibersinnliche 
Forschung, oder, wie Du Bois-Reymond meint, Super- 
naturalismus? 

Aber das ist ja nur der eine Eckpfeiler. Den anderen 
Eckpfeiler hat nun nicht ein Naturforscher, sondern ein 
Historiker hingestellt, der beriihmte Leopold von Ran- 
ke. Und wiederum war es ein Ignorabimus, ein «Wir 
konnen und werden nicht wissen!» - Ranke, der grofte 
Geschichtsforscher, versuchte sich mit aller Objektivitat 
in den Werdegang der durch geschichtliche Dokumente 
erreichbaren menschlichen Entwicklung hineinzufinden. 
Und er hat es ausgesprochen, dafi ja in dieses geschicht- 
liche Werden hineingreift, was wir im Laufe der Erdent- 
wicklung als das allereinschneidendste Ereignis sehen, 
das Ereignis der Begriindung des Christentums, das Auf- 
treten des Christus Jesus im Verlaufe der Menschheits- 
entwicklung. Dafi dieses Ereignis weltumwalzend war 
im geschichtlichen Werden, das leugnet Ranke auch 
nicht; dafi aber geschichtliche Betrachtungsweise halt- 
machen imisse vor der Entstehungsursache des Christen- 
tums, das behauptet Ranke, wie auf der anderen Seite 
Du Bois-Reymond behauptete, dafi Wissenschaft halt- 
machen miisse vor dem Ubersinnhchen. Dasjenige, was 
durch den Begriinder des Christentums in die geschicht- 
liche Entwicklung eingeflossen ist - sagt etwa Ranke -, 



das gehort zu den Urelementen des geschichtlichen Wer- 
dens - so driickt er sich aus an die die methodische 
Geschichtsforschung nicht heranreichen kann. Selbst- 
verstandlich konnten noch viele solche Urelemente 
aufgezeigt werden. Ich habe nur das fiir das Abendland 
Wichtigste im Sinne Leopold von Rankes hier hervorge- 
hoben. - Das ist der andere Eckpfeiler. Er wurde aufge- 
richtet aus dem Grunde, weil ja im Verlaufe des 19. Jahr- 
hunderts die Erziehung, welche die wissenschaftliche 
Menschheit erhalten hat im Laufe der letzten vier bis 
funf Jahrhunderte, ihre Krafte auch entfaltet hat in den 
anderen wissenschaftlichen Betrachtungen. Und wenn 
auch selbstverstandlich Leopold von Ranke weit ent- 
fernt war davon, seine eigene historische Anschauungs- 
art mit der Naturwissenschaft zusammenzubringen, so 
mufi man doch sagen: Naturwissenschaftliche Erkennt- 
nis mit ihren grofien, ihren gewaltigen Triumphen, mit 
ihrer berechtigten Stellung in der neueren Geistesent- 
wicklung der Menschheit, sie hat ihre Gewalt auch gel- 
tend gemacht auf den anderen Gebieten. Diese mufiten, 
wenn ich so sagen darf, sich ihr «anahnlichen». Und so 
ist im Grunde genommen das Ignorabimus des Leopold 
von Ranke nichts anderes als die historische Antwort auf 
das naturwissenschaftliche Ignorabimus des Du Bois- 
Reymond. 

Eine Auseinandersetzung damit, was da lebte im mo- 
dernen Geistesleben und - weil ja das Geistesleben doch 
zugrunde liegt aller menschlichen Kultur- und Zivilisa- 
tionsentwicklung - auch mit dem ganzen modernen 
menschlichen Leben, eine solche Auseinandersetzung 
mit diesen zwei Eckpfeilern steht am Ausgangspunk- 
te dessen, was anthroposophische Geisteswissenschaft 
werden wollte: eine Auseinandersetzung mit der natur- 



wissenschaftlichen Denkungsart. Und ich sage aus- 
driicklich: mit der naturwissenschaftlichen Denkungsart. 
Denn gerade wenn von diesem Ausgangspunkte gespro- 
chen wird, handelt es sich nicht etwa darum, auf einzelne 
naturwissenschaftliche Ergebnisse einzugehen - auf die 
ja in so dankenswerter Weise schon eingegangen worden 
ist in den Vortragen, die bisher gehalten worden sind -, 
sondern es handelt sich darum, hinzuschauen auf die Art 
und Weise, wie sich gerade der naturwissenschaftliche 
Forscher zu der Wirklichkeit verhalten will, und hinzu- 
schauen insbesondere darauf, was man als Mensch mit 
Bezug auf seine eigene menschliche Entwicklung in der 
Gegenwart hat im Betatigen des naturwissenschaftlichen 
Forschens oder auch nur im Aneignen naturwissen- 
schaftlicher Resultate. 

Sie werden es ja verstehen, wenn ich behaupte, daft die 
Naturwissenschaft namentlich im Laufe des 19. Jahr- 
hunderts - vorbereitet wurde es indessen schon fruher - 
allmahlich Forschungsmethoden herausgebildet hat, an 
denen insbesondere derjenige, der sich selbst forschend 
in irgendeinem Zweige dieser Naturwissenschaft beta- 
tigt, eine innere wissenschaftliche Gewissenhaftigkeit 
und eine innere wissenschaftliche Disziplin sich aneig- 
net, die man an nichts anderem als gerade in dieser 
naturwissenschaftlichen Forschungsarbeit sich aneignen 
kann. Und diese innere seelische Disziplin, diese innere 
seelische Gewissenhaftigkeit, die man sich auf diese Art 
aneignen kann, die brauchen wir im ganzen modernen 
Zivilisations- und Kulturleben. Es entsteht nur die Fra- 
ge: Kann die Naturwissenschaft das, was da innerhalb 
der Menschheit anerzogen wird an Gewissenhaftigkeit 
und innerer Disziplin, kann die Naturwissenschaft das 
selbst bis zur letzten Konsequenz bringen? Mag dasjeni- 



ge, zu dem sich die naturwissenschaftliche Forschung da 
durchgearbeitet hat, berechtigt sein oder nicht, mag es in 
der Zukunft modifiziert werden miissen oder nicht - die 
relative Unberechtigung ist ja von einzelnen Rednern 
dieser Veranstaltungen ins rechte Licht gesetzt wor- 
den -, dasjenige, worauf es ankommt, ist, daft auch selbst 
in dem radikalsten Extrem, dem sich die Naturwissen- 
schaft mehr theoretisierend als praktisch oder experi- 
mentierend zugewendet hat, ihr noch diese Gewissen- 
haftigkeit und diese innere Disziplin zugrunde liegen. 

Wir haben gesehen, wie die naturwissenschaftliche 
Forschung nach und nach dazu gedrangt worden ist, sich 
aus dem Qualitativen herauszuarbeiten, immer mehr 
und mehr zum Quantitativen hin. Das ist, wie gesagt, in 
bezug auf die Ergebnisse anfechtbar - davon spreche ich 
jetzt nicht. Aber ich spreche von der Erziehung, die der 
Forscher hat erhalten konnen gerade durch das Extrem 
dieser Tendenz, die dahin gegangen ist, nur dasjenige 
gelten zu lassen auf dem Gebiete naturwissenschaftlicher 
Anschauung, was sich messen, zahlen oder wagen lafit, 
was durch die Zahl, durch das Mafi oder durch das Ge- 
wicht ausdrtickbar ist. Man bekennt sich in gewissen 
Kreisen zu der Anschauung, daft man eigentlich zu einer 
gewissen Objektivitat nur kommt, wenn man als objek- 
tiv nur dasjenige gelten lafit, was der Zahl, dem Mafi und 
dem Gewicht unterliegt. - Wie gesagt, in bezug auf die 
Ergebnisse wird das sehr anfechtbar sein. 

Ich mochte jetzt die andere Seite betrachten, diese 
Seite, die in der Frage gipfeln kann: Was hat man als 
Denker, als Forscher selber davon, wenn man darauf 
hinarbeitet, durch Gewicht, Mafi und Zahl das Objektive 
zu erlangen? Man hat das davon, dafi man immer mehr 
und mehr genotigt ist, alles auszuschalten aus der 



naturwissenschaftlichen Untersuchung, aus dem natur- 
wissenschaftlichen Experiment oder der naturwissen- 
schaftlichen Beobachtung, was vom Subjekt, von der 
menschlichen Personhchkeit selber in die Statuierung 
dieser naturwissenschaftlichen Feststellungen einfliefien 
konnte. Weg soil das alles, was aus dem menschlichen 
Subjekte selber kommt. Man will sich ein vollstandig 
objektives Bild der Welt entwickeln. Fassen wir aber die- 
se Tendenz einmal so, da$ wir sie ganz konsequent neh- 
men, meine sehr verehrten Anwesenden, dann darf ja 
dasjenige, womit der Forscher gewissermafien weggeht 
von seiner Forschung, von seiner Beobachtung, von 
seinem Experiment, womit er sich aufschwingt zur Sta- 
tuierung der Naturgesetze, dann darf ja dasjenige, was er 
da forttragt, was er dann in sich selber bewahrt, keinen 
Anteil haben, nicht den geringsten Anteil haben an dem, 
was er als die wahre Aufienwelt, als das wirklich Objek- 
tive ansieht. Und wenn der Gedanke zu Ende gedacht 
wird, dann kommt man dazu, sich sagen zu mussen: Soil 
wirklich im Sinne strengster naturwissenschaftlicher 
Forderung alles Subjektive ausgeschaltet werden, dann 
darf auch das, was wir zuletzt im Geiste in uns tragen, 
was ja doch hervorgegangen ist aus Kombinationen der 
Naturerscheinungen, nicht in irgendeiner Weise drin- 
nenstecken in dieser Aufienwelt. Was aber darf dann in 
uns nur sein von dieser Aufienwelt, das wir in uns tragen, 
indem wir forschen, wenn wir nicht mehr durch unsere 
Geisteskraft in lebendiger Wechselwirkung mit dieser 
Objektivitat sind, sondern wenn wir nur zuriicksehen 
auf das, was subjektiv in uns gearbeitet hat, wahrend wir 
der Forschung hingegeben waren? Das Subjektive darf 
nicht drinnenstecken, das mufi ganz und gar als nur im 
Menschen selber liegend anerkannt werden. Aber inso- 



fern der Mensch doch auch angehoren mufi der Ob- 
jektivitat, darf es auch nicht in der Objektivitat des Men- 
schen selber stecken. Wir miissen also etwas von unseren 
Forschungsergebnissen, insofern sie unser Seelengut 
sind, in uns tragen, was nichts zu tun hat - trotzdem es 
ein wahres Abbild der Aufienwelt darzustellen bemiiht 
ist was nichts zu tun haben darf mit der eigenen Ob- 
jektivitat. Indem wir denken iiber die Natur, darf also 
keinerlei Sein, wie wir es zuschreiben unserer eigenen 
Objektivitat, in diesem Denken iiber die Natur stecken. 
Daher mu£ am Ausgangspunkte einer erkenntnistheore- 
tischen Betrachtung der Satz stehen: «Ich denke, also bin 
ich nicht. » - Nur dann, wenn wir wagen, diesen Satz 
dem groflen Cartesianischen Irrtum «Ich denke, also bin 
ich» entgegenzustellen, nur dann stellen wir uns wirklich 
auf den Boden naturwissenschaftlichen Denkens. 

Es ist heute notwendig, diese Wendung zu machen, 
von dem allverehrten, mochte man sagen, Ausgangs- 
punkte des neuzeitlichen Denkens, von dem «cogito, 
ergo sum» iiberzugehen zu dem «cogito, ergo non sum», 
«Ich denke, also bin ich nicht»! Denn erst indem wir das 
Nichtsein dessen emsehen, was wir gewinnen aus der 
Objektivitat, werden wir uns bewufit, als was wir nun 
unser Subjektives zunachst anzusprechen haben: als Bild 
haben wir es anzusprechen. Wir leben, wenn wir unser 
Seelenwesen richtig erfassen, im Bilde. - Das ist nun in 
einer gewissen Weise der Eckpfeiler dessen - insofern es 
sich um ein Denkerisches handelt -, was am Ausgangs- 
punkte anthroposophischer Geisteswissenschaft steht. 

Nun aber, was hat denn die Menschheit als solche 
erlangt, namentlich in bezug auf - wenn ich mich des 
Lessingschen Ausdruckes bedienen darf - die «Erzie- 
hung dieser Menschheit» durch das naturwissenschaft- 



liche Denken, durch die charakterisierte Methodik und 
inn ere Disziplin? Auf das mochte ich ganz besonders 
hindeuten, was da eigentlich im Laufe der neueren Zeit 
erlangt worden ist. Und wenn man das in richtiger Weise 
schatzen und wurdigen will, dann mufi man zuriick- 
schauen in altere Zeiten der Menschheitsentwicklung, in 
diejenigen Zeiten, in denen es noch nicht ein natur- 
wissenschaftliches Denken in unserem heutigen Sinne 
gegeben hat, in denen man gar nicht eine so strenge, be- 
griffliche Lime gezogen hat zwischen dem, was der 
Mensch subjektiv zu der Auftenwelt hinzugebracht hat, 
und dem, was nun wirklich objektiv in der Aufienwelt 
vorhanden ist. Man braucht heute nur irgendein Litera- 
turwerk zu nehmen, das einen wissenschaftlichen Cha- 
rakter haben wollte, und das noch jener alteren Zeit an- 
gehort, die nicht den naturwissenschaftlichen Einschlag 
hatte, so wird man sehen, wie der Mensch da noch nicht 
in der Lage war, das Subjektive von dem Objektiven 
wirklich zu trennen; aber wie er dafiir auch nicht in der 
Lage war, etwas zu entwickeln, was gerade zur haupt- 
sachlichsten Entwicklungskraft der neuesten Phase ge- 
schichtlicher Menschheitsentwicklung gehort: das ist das 
voile Ich-Bewufksein, die voile menschliche Besonnen- 
heit, die sich hineinstellt in das Weltenall und sich immer 
mehr und mehr bewulk wird, als eine Imdividualitat, als 
eine Personhchkeit in diesem Weltenall drinnenzuste- 
hen. Das Wachsen des Personlichkeitsbewufitseins, das 
Wachsen des Ich-Gefuhls, das Wachsen der Besonnen- 
heit, das ist dasjenige, was zunimmt in demselben MaEe, 
in dem das moderne naturwissenschaftliche Bewufksein 
heraufzieht. Der Mensch konsolidiert sich innerlich, 
konnte man sagen, in bezug auf alle Krafte, mit denen er 
seine Personlichkeit zusammenhalt gerade unter dem 



Einflusse dieser Verehrung des Objektivitatsprinzips. 
Der Mensch wird innerlich als Personlichkeit starker, 
und seine Sehnsucht nach freier Individual! tat wird gro- 
wer in demselben Mafte, in dem sich in der neuesten Zeit 
das naturwissenschaftliche Bewuiksein herausentwik- 
kelt. Schon aus dieser Betrachtung kann etwas folgen, 
was Sie werden erhartet finden, wenn Sie in die ja jetzt 
schon etwas verbreitete Literatur unserer anthroposo- 
phischen Geisteswissenschaft eindringen. Und das, was 
da aus dieser Betrachtung folgen kann, ist dieses, dafi der 
Mensch umsomehr zu einem innerlichen Ich-Bewufit- 
sein gelangt, je mehr er sich naturwissenschaftHch ergeht 
in der Beobachtung der Sinneswelt und in der all- 
mahlichen Bearbeitung dieser Sinneswelt. Mit diesen 
zwei letzteren Elementen wachst dasjenige im Men- 
schen, was ihn sicher hineinstellt als ein Ich in seine gan- 
ze Umwelt. Insbesondere unter Technikern sollte dies 
gefiihlt werden, weil man da eine Empfindung entwik- 
keln kann, wie das menschliche innere Bewuiksein ein 
anderes wird dadurch, daft man hinschaut nicht nur auf 
das Konstatieren der Naturgesetze durch Beobachtung, 
durch Experimentieren, sondern auf das Hineinverwe- 
ben der Naturgesetze in das, was man fur die Welt an 
Instrumenten, an Werkzeugen, an ganzen Unterneh- 
mungen zu leisten hat. In dieser Hineinstellung der 
Naturgesetze in Unternehmung, in dieser Hineinstel- 
lung der Naturgesetze in die Wirklichkeit, kann man es 
erfuhlen, wie menschliche innere Besonnenheit gerade 
wachst unter dem Einflusse naturwissenschaftlicher 
Denkungsart. 

Wenn man dieses in der richtigen Weise einsieht, 
meine sehr verehrten Anwesenden, dann darf auf der 
anderen Seite die Frage gestellt werden: Unter welchen 



Umstanden nimmt denn diese Besonnenheit ab? Unter 
welchen Umstanden kommt man heraus aus diesem Ich- 
Bewufitsein? 

Es ist merkwiirdig: mit der Erweiterung der materiel- 
len Erkenntnisse wird das Ich-Gefiihl starker. Geht man 
gewissermafien auf im materiellen Erkennen, so erreicht 
man zunachst das Maximum des gewohnlichen Ich- 
Gefuhls. - Wann wird es schwacher? Nun, Sie brauchen 
sich nur an die gewohnlichste, alltaglichste Erscheinung 
zu erinnern, die zeigt, wann das Ich-Gefiihl schwacher 
wird. Ich erinnere Sie da an den Traum, das Traumen. 
Nicht wahr, es ist nicht notig, dafi irgendetwas eine 
aufiere Wirklichkeitsbedeutung an sich habe, wenn man 
auf dieses Etwas hinsieht, um daraus gerade zu erkennen, 
wie man in die wahre Wirklichkeit hineinkommt. Das 
Traumen kann schliefilich zum Gegenstand einer aufier- 
ordentlich interessanten Forschung gemacht werden, 
und es hat ein sehr bedeutender Philosoph der neueren 
Zeit, Johannes Volkelt, als eine seiner ersten literarischen 
Publikationen sein Buch iiber die Traumphantasie er- 
scheinen lassen; es ist nur schade, dafi Volkelt die Wege, 
die er damit beschritten hat und durch die er sich einer 
wirklichen geisteswissenschaftlichen Erkenntnis gar sehr 
hatte nahern konnen, unter der Gewalt der neuesten 
Philosophic dann wiederum verlassen hat. - Wenn man 
das Traumleben wirklich studiert, so merkt man ja im 
Verlauf der Traume mancherlei, aber eines der wesent- 
lichsten Kennzeichen gerade der interessanten Traume 
ist ihre Symbolik. Sagen wir zum Beispiel, wenn drauften 
auf der Strafie irgendwie Feuerlarm ist, wir aber noch im 
Schlafe sind und den Feuerlarm nicht als solchen erken- 
nen, so symbolisiert uns der Traum zuweilen irgendein 
Ereignis, von dem wir dann, wenn wir erwachen, er- 



kennen, wie es eben symbolisch ist fur das, was da als 
aufierer Feuerlarm erscheint. Dies ein Beispiel fiir das 
Symbolisieren aufierer Ereignisse. Aber so ist es auch mit 
inneren Zustanden. Wir traumen von einem kochenden 
Ofen, und erkennen, wenn wir erwachen: dieser kochen- 
de Ofen ist das Traumsymbol, das vor uns hingestellt 
wird fiir das Herzklopfen, mit dem wir aufwachen. Inne- 
res und Aufieres symbolisiert uns der Traum in der 
merkwiirdigsten Weise. Aber wir werden es nicht leug- 
nen konnen: Das Traumgebiet stellt dasjenige dar, in 
dem sich unser Ich gewissermafien wiederum verliert. Es 
geht ja soweit, dafi wir das, was nur aus unserem eigenen 
Ich kommen kann, im Traume wie aus einem fremden 
Ich hervorgehend erleben. Der Traum lost, gewisser- 
mafien als die chaotische Erscheinung unseres Seelen- 
lebens, unseres zunachst mit der Aufienwelt nicht in Zu- 
sammenhang stehenden Seelenlebens, unser Ich auf. Er 
bringt uns heraus aus derjenigen Besonnenheit, in die 
wir immer mehr und mehr hineinwachsen, gerade wenn 
wir uns dem materiellen Erkennen hingeben. 

Und verfolgt man, was im Traume sich zunachst noch 
im gesunden Zustande zeigt, verfolgt man das durch alle 
diese Erscheinungen, die sich anschliefien an das Trau- 
mesleben, durch die ohnmachtahnlichen Zustande, 
durch die beriichtigten medialen Zustande, durch man- 
cherlei, was sonst den Menschen aus dem Phantasievol- 
len in das Phantastische und Schwarmerische fuhrt, ver- 
folgt man diesen ganzen Weg, wo - gewissermafien in 
anderen Metamorphosen - wiederum das erscheint, was 
uns beim Traum dadurch so charakteristisch entgegen- 
tritt, dafi der Traum nicht mehr in der Lage ist, die Wirk- 
lichkeit adaquat zu erfassen, sondern sie erfafit in dem 
Symbolum, das ja eben noch strebt, die Wirklichkeit zu 



erfassen, aber eben sie nicht mehr erfassen kann, - sieht 
man auf all diese Erscheinungen hin, diese Fieber- 
erscheinungen, auch auf alles das, was als pathologische 
Zustande des Seelenlebens hervortritt, so hat man den 
anderen Pol, den Pol, der, wenn sich das Ich nach ihm 
entwickelt, so auf dieses Ich wirkt, dafi dieses sich auf- 
lost, dafi es aus der Besonnenheit herauskommt, dafi es 
ins Unbewufite iibergeht. 

Nun besteht ein merkwiirdiger Zusammenhang zwi- 
schen diesen inneren Erlebnissen des Menschen, die an 
ihn herantreten zuerst noch gesund im Traume, dann, in 
den andern Fallen, die ich aufgezahlt habe, sich immer 
mehr und mehr dem Pathologischen nahernd - es be- 
steht ein merkwiirdiger Zusammenhang dieses ganzen 
Erlebens, ich mochte sagen des ichlos-werdenden Men- 
schen mit demjenigen, was wir nennen konnen: ein vom 
Leibe freies Seelenleben. Das zeigt sich ja einfach durch 
die gewohnliche Beobachtung, da£ das eigentliche See- 
lenleben freier wird vom Leibe. So haben wir also auf der 
einen Seite dieses vom Leibe freier werdende Seelen- 
leben. Und wenn wir dann, wie man sagen konnte, sein 
naturwissenschaftliches Korrelat aufsuchen, dann kom- 
men wir zu etwas hochst Eigentiimlichem. Da Hegt nun 
etwas vor, was ich hier erwahnen will, was gut bekannt 
ist in der heutigen aufieren Wissenschaft, was aber 
eigentlich nicht immer seinem vollen Werte nach und 
seiner ganzen Bedeutung nach ermessen wird. 

Sie wissen ja alle, meine sehr verehrten Anwesenden, 
welch grofien Einfluft die darwinistisch gerichtete Rich- 
tung, die darwinistische Art der modernen Entwick- 
lungslehre auf das ganze neuere Geistes- und Kultur- 
leben ausgeiibt hat. Nun gibt es einen Punkt innerhalb 
der Darwinschen Entwicklungslehre, der sich in ganz 



seltsamer Weise beriihrt mit dem, was ich eben jetzt 
charakterisiert habe als inneres Erlebnis. Das, was ich 
meine, ist folgendes: Der richtige Darwinist, der ja heu- 
te von wahrer Wissenschaft schon uberwunden ist in 
gewissem Sinne, dessen Denkungsweise in den heutigen 
Denktendenzen aber eben auch noch drin ist, der sagt: 
Die verschiedenen Formen der Lebewesen haben sich 
aus einander entwickelt, indem kleine, ganz geringe Ab- 
anderungen, die irgend etwas, was man nur Zufall nen- 
nen kann, bewirkt hat, sich immer weiter und weiter 
summiert haben, so dafi sich schliefilich aus einem 
Lebewesen mit gewissen, sagen wir morphologischen 
Eigentiimlichkeiten durch Umwandlung ein anderes 
Lebewesen mit ganz anderen morphologischen Eigen- 
tiimlichkeiten entwickelt hat. Nehmen wir als konkretes 
Beispiel die Entwicklung, wie man sie sich im Darwinis- 
mus gedacht hat, dafi sich aus kiemenatmenden niede- 
ren Lebewesen die lungenatmenden entwickelt hatten. 
Man hat angenommen, dafi das Organ, das sich da all- 
mahlich in die Lunge umgewandelt hat, die Schwimm- 
blase gewesen sei. Man nahm also an, dafi die 
Schwimmblase durch irgendeinen Zufall zunachst eine 
kleine Abanderung erlitten habe, und dafi dann wieder 
dadurch, dafi sich solche Abanderungen summiert hat- 
ten, allmahlich aus einem Organ mit ganz bestimmtem 
Dienste fur die Aufienwelt ein anderes Organ entstan- 
den sei, sodafi die Kiementatigkeit allmahlich habe zu- 
riicktreten konnen und die Lungentatigkeit durch die in 
die Lunge verwandelte Schwimmblase habe eintreten 
konnen. 

Aber immer wieder und wiederum werden gewisse 
Einwendungen, und zwar nicht von den am wenigsten 
geistreichen Naturforschern, gegen dieses Prinzip der 



kleinen Abanderungen gemacht, indem hervorgehoben 
wird, dafi solche Abanderungen wegen der Strengheit 
der Organe eines Lebewesens doch eigentlich nur 
pathologischer Natur seien. Wenn also eine noch so Hei- 
ne Deformation der Schwimmblase eintrete, so sei das 
etwas Pathologisches, es konne sich nicht als zweckma- 
fiig erweisen, es miisse wieder abgestreift werden; und es 
konnten gerade dadurch, dafi solche kleine Deformie- 
rungen pathologisch aufzufassen seien, auf diesem Wege 
keine Umwandlungen der tierischen oder pflanzlichen 
Lebewesen zustandekommen. 

Das wesentliche fiir diese Betrachtung ist das, dafi 
man also, um Fortschritt zu erklaren, in der aufieren 
Naturforschung genotigt war, auf das Pathologische 
hinzuschauen, auf dasjenige, was abweicht von dem 
streng Organisierten, dem streng in der Objektivitat 
durch Gesetze Angeordneten. 

Man kann sagen - und gerade wenn man technisch 
denkt, wird man dafur ein Gefuhl entwickeln konnen: 
Dasjenige, was man technisch zustandebringt, damit 
man sich in bezug auf seine Nutzlichkeit auf es verlassen 
kann, das mufi durch die ganze Anordnung des Mecha- 
nischen so durchorganisiert sein, daft es nirgends von 
demjenigen abweicht, was man gesetzmaftig angeordnet 
hat - eben damit man sich darauf verlassen kann. Der 
Darwinismus baut eigentlich sein Fortschrittsprinzip 
ganz auf solche Abweichungen von dem in der Natur 
selbst streng Organisierten auf, auf Abweichungen von 
dem, was man - zum Beispiel in der Morphologie - als 
ebenso streng organisiert oder mechanisiert ansehen 
mochte wie den Mechanismus einer Maschine. Er war 
also genotigt, den Fortschritt in der Entwicklung der 
Lebewesen auf Abweichungen zu griinden, auf dasjeni- 



ge, was von vielen mit Recht als pathologisch angesehen 
wird. 1st es da ein Wunder, dafi unser Ich - das zum 
besonnenen Wesen sich heranzieht gerade an dem, was 
in der Auftenwelt im hochsten MafJe gesetzmafiig geord- 
net ist: an den aufleren Erscheinungen - dafi unser Ich, 
wenn diese aufieren Erscheinungen auch nur eine Spur 
ins Pathologische hineinkommen, als seelischen Gegen- 
satz das Erlebnis des Herabschwindens des Bewufitseins 
hat, das Sich-Verlieren des Bewufttseins? Man kann also 
geradezu einen merkwiirdigen Parallelismus, einen Zu- 
sammenhang sehen zwischen dem, was hinaus will aus 
der Gesetzmafiigkeit, was iiberwinden will das, was wir 
in der aufieren Natur oder in der Technik anerkennen 
rmissen, und demjenigen, was das Ich herausreifk aus der 
Besonnenheit, die es sich erringt gerade durch die mate- 
rielle Betrachtung des Weltenalls. 

Wir sehen hier hingewiesen auf den anderen Pol. Und 
auf diesen anderen Pol weist nun Geisteswissenschaft 
mit aller Energie hin. Denn durch Geisteswissenschaft 
eroffnen sich Methoden, die es zuwege bringen, dafi 
eben verhindert werde die Bewufitlosigkeit des Ich, 
wenn dieses Ich sich herausreifk aus der gewohnlichen 
Organisation, die ihm durch den Leib vorgeschrieben ist. 
Alle Methoden geisteswissenschaftlicher Forschung ar- 
beiten darauf hin, das Ich herauszureifien aus der Tatig- 
keit des Leibes, und es dennoch nicht hineinsegeln zu 
lassen in das Unbewufke, sondern es bewufit hineinzu- 
leiten in eine Welt, in die es bewufklos und krankhaft 
hineingerat, wenn die Organisation ohne sein Zutun 
abweicht von dem, was man als ihre Gesetzmafiigkeit 
anerkennen mu£. 

Es ist tief bedeutsam, was da im modernen Mensch- 
heitsbewufitsein heraufgekommen ist: dieses Sich-Hal- 



ten an das Pathologische als Fortschrittsprinzip der Ent- 
wicklung, und dann das Hinschauen auf dasjenige, was 
im Abweichen von der festen Organisation eintritt, auf 
das Verflattern des Ich. Dafi das Ich nicht verf latter e, dafi 
man also in gesunder und nicht in kranker Weise eine 
seelisch-geistige Tatigkeit entwickeln konne, das ist das 
Bestreben der geisteswissenschaftlichen Methode. Und 
diese geisteswissenschaftliche Methode, sie wird nun in 
derselben Weise streng ausgestaltet, wie die auftere na- 
turwissenschaftliche Methode ausgestaltet wird. Nur ist 
es im hochsten Grade wunschenswert, da£ die, die maft- 
geblich irgend etwas erforschen wollen in der geistigen 
Welt, dasjenige genossen haben, was ich im Eingang 
meiner Auseinandersetzung charakterisiert habe als die 
durch das naturwissenschaftliche Forschen angeeignete 
innere Disziplin und Gewissenhaftigkeit. Wer nicht die 
Schulung durchgemacht hat durch die moderne Natur- 
wissenschaft, der kann im Grunde genommen nur Ne- 
buloses auf dem Gebiete der Geisteswissenschaft hervor- 
bringen. Es sollte das, was die hier gemeinte anthroposo- 
phische Geisteswissenschaft will, nicht verwechselt wer- 
den mit dem, was die im Nebulosen verschwimmenden 
Mystiker oder dergleichen hervorbringen, die ohne diese 
innere Disziplin, manchmal geradezu mit Disziplm- 
losigkeit, ohne diese innere Gewissenhaftigkeit, ja mit 
Gewissenlosigkeit vorgehen, wenn sie der Welt ihre so- 
genannten geistigen Erlebnisse vormachen, die leider nur 
allzu leicht dann von Urteilslosen geglaubt werden. 
Wahrhafte geisteswissenschaftliche Methodik muli in 
demselben strengen Sinne errungen werden und auf der 
Voraussetzung dessen, was man als naturwissenschaft- 
licher Forscher ausbildet, wie eben die naturwissen- 
schaftliche Methode selbst. 



Zweierlei ist es, auf das man zunachst hinsehen mufi, 
wenn man die geisteswissenschaftliche Methode ausbil- 
den will. Das erste ist, was sich nach innen zu ergibt als 
eine notwendige Kraft unseres alltaglichen Seelenlebens 
und auch unseres gewohnlichen naturwissenschaftlichen 
Forschens, namlich die Erinnerungsfahigkeit oder das 
Gedachtnis. Dem, der die pathologischen Zustande stu- 
diert hat, die den Menschen iiberkommen, wenn sein 
Gedachtnis nicht intakt ist, wenn, sagen wir, aus seiner 
Erinnerung gewisse Zeitraume seit seiner Geburt ausge- 
loscht sind - Sie konnen ja dariiber hinreichende Studien 
in der psychiatrischen Literatur machen -, wer studiert 
hat, was der Mensch da erlebt durch die Diskontinuitat 
seines Erinnerungsvermogens, dem zeigt sich, wie fur 
das gewohnliche, gesunde Leben dieses Erinnerungsver- 
mogen eine Grundlage bildet. Aber was bedeutet dieses 
Erinnerungsvermogen? Gerade die geisteswissenschaft- 
liche Forschung zeigt dieses. Wir miissen im gewohn- 
lichen menschlichen Leben und auch in der gewohn- 
lichen Wissenschaft dieses Erinnerungsvermogen haben. 
Forscht man aber psychologisch, jetzt mit unbefangener 
Psychologie, nach dem, was in diesem Erinnerungsver- 
mogen eigentlich enthalten ist, forscht man namentlich 
nach der Entwicklung dieses Erinnerungsvermogens von 
den ersten Kinder] ahr en an, dann findet man, daft die 
Vorstellungen, die da als Erinnerungen aus den Unter- 
griinden unserer Seele herauftauchen, dasjenige sind, was 
wir uns durch die Erfahrungen aus der Aufienwelt an- 
geeignet haben, wenn es auch vielfach metamorphosiert 
auftritt, manchmal auch durch berechtigte oder un- 
berechtigte Phantasie umgestaltet. Aber studiert man die 
ganze menschliche Entwicklung, so kommt man dazu, in 
dieser Erinnerung etwas zu sehen wie eine Spiegelung 



unseres Erfahrungslebens an unserem eigenen Organis- 
mus. Wie wir im Spiegel dasjenige sehen, was vor dem 
Spiegel ist - ich gebrauche jetzt einen Vergleich fiir das- 
jenige, was Sie ausfiihrlich begriindet in der anthroposo- 
phischen Literatur dargestellt finden wie man in einem 
Spiegel dasjenige sieht, was vor dem Spiegel ist, und man 
nicht hinter den Spiegel sieht, so sieht man mit dem ge- 
wohnlichen Bewufitsein gewissermaften bis zu einer 
Spiegelflache, einer seelischen Spiegelflache, die zuriick- 
spiegelt die Erinnerungsvorstellungen. Wie der Wille da 
hineinspielt, das kann heute nicht beriihrt werden; viel- 
leicht in einem der nachsten Vortrage. Es ist unser eige- 
ner Organismus, der da widerspiegelt dasjenige, was wir 
erleben. Und ebensowenig, wie wir hinter den Spiegel 
schauen konnen, wenn wir vor ihm stehen, ebensowenig 
konnen wir in unseren eigenen Organismus hinein- 
schauen und ihn kennenlernen als lebendigen Organis- 
mus. Wir miissen ihn kennenlernen aus dem Leichnam 
oder aus demjenigen, was er uns in pathologischen und 
sonstigen Abweichungen zeigt. Wir lernen ihn von au- 
fien kennen. Wir lernen vergleichsweise diesen Orga- 
nismus aus demselben Grunde nicht von innen kennen, 
wie wir nicht hinter den Spiegel sehen konnen. Es ist 
aber moglich, wenn man zunachst durch die besondere 
Methode der Meditation, wie sie beschrieben wird in 
meinen Buchern «Wie erlangt man Erkenntnisse der 
hoheren Welten?» und im zweiten Teil der «Ge- 
heimwissenschaft», dieses Erinnerungsvermogen so aus- 
gebildet hat, dafi man sich auf es verlassen kann, mit an- 
deren Worten, wenn man nicht ein nebuloser Mystiker, 
sondern ein verniinf tiger Mensch ist, der jedem Grade 
innerer Forschung gewachsen ist, sodafi er nicht 
«verdreht» werden kann, wenn er weiter geht, - es ist 



moglich, auch durch Meditation das Gedachtnis zu «un- 
terbrechen», so wie man den Spiegel zerbrechen und 
dann auch das schauen kann, was dahinter ist. Wenn das 
durch voile Willenskultur in Besonnenheit und mit Auf- 
rechterhaltung des Ich-Bewufitseins geschieht, dann 
fiihrt das den Menschen dazu, hinter das Gedachtnis zu 
schauen. Nicht zu pathologischen Zustanden fiihrt es. 
Wenn der Mensch durch geisteswissenschaftliche Me- 
thodik, wie ich es hier nur im Prinzip kurz schildern 
kann, Vorstellungen, die nicht Reminiszenzen sein diir- 
fen, zu Dauervorstellungen macht, wenn er sich medita- 
tiv leicht uberschaubaren Vorstellungen hingibt, wenn er 
seine Seele darauf ruhen lafit, darauf konzentriert, aber 
so, dafi alles ausgeschlossen ist, was nicht aus der 
menschlichen Willensanwendung erfolgt, und wenn er 
alle nebulose Mystik ausschliefit, dann gelangt der 
Mensch in der Tat dazu, hinter das Gedachtnis zu schau- 
en; er gelangt dazu, zur wirklichen Selbsterkenntnis zu 
kommen. Diese Selbsterkenntnis, wie sie die anthropo- 
sophische Geisteswissenschaft anstreben mufi mit ihren 
empirischen Methoden, sie unterscheidet sich selbst gar 
sehr von einer solchen poetischen, in einem gewissen 
Sinne bewunderungswiirdigen Mystik eines Johannes 
vom Kreuz oder der heiligen Therese. Wer sich den 
Schriften dieser Geister hingibt, empfindet das Hoch- 
poetische, empfindet, was in diesen wunderbaren Bil- 
dern waltet. Wer im anthroposophischen Sinne ein 
Geistesforscher geworden ist, der weifi ein anderes, der 
weifi, daft gerade bei solchen Geistern aus den Unter- 
griinden der menschlichen Natur, in die das gewohnliche 
Bewufksein nicht hinunterschaut, besondere Tatsachen 
in das Bewufksein heraufflammen, konnte man sagen. 
Bei einer heiligen Therese oder bei Johannes vom Kreuz 



geschehen in den menschlichen Organen, gerade in den 
sogenannten physischen menschlichen Organen, in Le- 
ber, Lunge und in den Verdauungswerkzeugen - man 
moge das als noch so prosaisch oder profan ansehen, 
es ist das nicht profan fur den, der die Sache durch- 
schaut -, in diesen physischen Organen geschehen ab- 
norme Dinge, die «dampfen herauf» in das Bewufitsein 
und werden da zu solchen Bildern, wie sie sich dann 
ausleben in solchen Personlichkeiten, die dazu geeignet 
sind. Der wirkliche Geistesforscher aber durchbricht 
den Gedachtnisspiegel. Er gelangt nicht zu solch nebulo- 
ser Selbsterkenntnis, die man Mystik nennt und anhim- 
melt, sondern er gelangt zu konkreter Selbsterkenntnis. 
Er gelangt zur lebendigen Anschauung dessen, was die 
menschlichen Organe sind. Da eroffnet sich der Weg zu 
einer wirklichen Erkenntnis der menschlichen Organisa- 
tion, der Weg, auf dem die Geisteswissenschaft auch in 
das medizinische Gebiet hinuberfiihrt. Aber das ist nur 
der Anfang. Denn sieht man auf diese Weise durch gei- 
stig-iibersinnliche Krafte in das eigentlich Materielle 
der menschlichen Organisation hinein, dann iiberwin- 
det man auch das blofie materielle Anschauen dieser 
menschlichen Organisation. Denn zuletzt sieht man, wie 
das, was sich einem da als Materielles im Menschen dar- 
stellt, nicht blofi aus der Vererbungsstromung heraus- 
geboren ist, mit der es sich nur verbunden hat, sondern 
wie es herausgeboren ist aus einer Welt, die der Mensch 
durchlebt hat vor seiner Geburt oder Empfangnis. Man 
schaut auf dem Umweg durch materielle Innenerkennt- 
nis in das praexistente Menschenleben hinein. Eine 
Realitat vor der ubersinnlichen Erkenntnis wird das 
praexistente Leben. Die gewohnliche Mystik, wie sie von 
kritiklosen Geistern angehimmelt wird, ist eher ein Hin- 



dernis fur wirkliche Geist-Erkenntnis. - Das nach der 
einen Seite. 

Eine andere menschliche Kraft, die fur das Leben im 
eminentesten Sinne notwendig ist, die wiederum ebenso- 
wenig durchbrochen werden darf fur dieses gewohnliche 
Leben, wie die Gedachtnis- oder Erinnerungskraft, ist 
die Kraft der Liebe. Nun, Sie wissen alle, wie im ge- 
wohnlichen Leben diese Kraft der Liebe gebunden ist an 
den menschlichen Organismus. Sie wird ja in der Art, 
wie sie fur das soziale Leben ihre besondere Bedeutung 
hat, in einem besonderen Lebensalter erst geboren, nam- 
lich wenn der Mensch geschlechtsreif wird, vorher ist sie 
nur eine Art Vorbereitung - aber diese Liebe ist nur ein 
Spezialfall dessen, was wir « Liebe » im Allgemeinen nen- 
nen. So wie die Geschlechtsliebe gebunden ist an den 
menschlichen Organismus, so ist zunachst auch die Lie- 
be im gewohnlichen Sinne gebunden an den Organis- 
mus. So wie aber losgerissen werden kann die Erkenntnis 
im Zerbrechen des Gedachtnisses, so kann die Liebe frei- 
gemacht werden von dem menschlichen Organismus, 
wenn sie durch besondere Methodik geistig-seelisch aus- 
gebildet wird. Man mufi dann nur nicht alles mogliche 
im trivialen Sinne «platonische Liebe» nennen, was auch 
nichts anderes ist als irgendein Dampf aus dem Organis- 
mus heraus - sondern es mufi diese Liebe im hoheren 
Sinne ausgebildet werden durch menschliche Selbst- 
zucht, wiederum durch Ubungen, wie sie angegeben 
werden in den genannten Schriften. Es kann diese Liebe, 
die im gewohnlichen Leben keine Erkenntniskraft ist, 
ausgebildet werden, so dafi sie sich umgestaltet zu der 
Erkenntniskraft wahrer Intuition. Wenn wir dasjemge, 
dem wir uns sonst nur hingeben im Leben, was uns 
eigentlich im Leben erzieht, in Selbstzucht in die Hand 



nehmen, wenn wir gewissermafien immer mehr und 
mehr der eigene Begleiter unserer Selbsterziehung in 
streng methodischer Weise werden, dann gelangen wir 
dazu, die Liebe zu einer freien Kraft im menschlichen 
Wesen, in der menschlichen Organisation zu machen, 
und dann wird sie eine Erkenntniskraft. Und wie wir zur 
Selbsterkenntnis gelangen dadurch, dafi wir das Ge- 
dachtnis iiberwinden, so gelangen wir zu einer iibersinn- 
lichen Erkenntnis, indem wir die Liebe zu einer Er- 
kenntnis machen in bezug auf die Auftenwelt. Erkennt- 
nisgrenzen in bezug auf die Auftenwelt miissen da sein, 
sonst wiirden wir die Liebe in uns nicht entwickeln kon- 
nen. Waren wir nicht getrennt von der aufieren Welt, so 
konnten wir auch nicht so getrennt sein von Mensch zu 
Mensch, daft wir die Liebe im sozialen Leben entwickeln 
konnten. Wenn wir aber wiederum diese Liebe zur 
hoheren Erkenntnis entwickelt haben, sie also in ausrei- 
chend gesundem Mafie haben, und sie dann zur Erkennt- 
niskraft ausgestalten, dann erlangen wir ebenso Welt- 
erkenntnis, wie wir auf dem anderen Wege Selbst- 
erkenntnis erlangen. Und diese Welterkenntnis fuhrt uns 
zur Erkenntnis derjenigen Welt, in der wir nur leben 
zwischen Einschlafen und Aufwachen, wenn wir kein 
Bewufitsein haben, wenn das Bewufitsein wiederum hin- 
schwindet. Wir erleben einen Zustand, der in einer ge- 
wissen Weise ahnlich ist dem zwischen Einschlafen und 
Aufwachen, wir erleben aber diesen Zustand in vollem 
Bewufitsein. Da erleben wir eine neue Aufienwelt. Da 
erleben wir keine atomistische Welt, die der aufieren Sin- 
neswelt zugrunde liegt, sondern da erleben wir eine gei- 
stige Welt. In der Liebe sich selbst zu erziehen bedeutet, 
den Schritt zu machen in die wahre Wirklichkeit der 
Aufienwelt, in geistige Wirklichkeit hinein; in diejenige 



Wirklichkeit, die unsere Seele allabendlich aufnimmt, 
wenn wir einschlafen, wenn unser gewohnliches Be- 
wufitsein, das da noch an den Leib gebunden ist, unbe- 
wufit wird, weil die Riicksehnsucht vorhanden ist nach 
dem Leibe, der im Bette liegt. Wenn wir zu einem ho- 
heren Bewufitsein aufsteigen, dann lernen wir diejenige 
Welt kennen, die uns dann bewufit aufnimmt, wenn wir 
durch des Todes Pforte gehen. So treten uns die beiden 
Enden unseres Menschenlebens zunachst wissenschaft- 
lich entgegen. Vieles andere soil dann in einem nachsten 
Vortrage weiter charakterisiert werden. Heute wahlte 
ich mir nur zur Aufgabe, zu zeigen, wie gerade erweitert 
werden mufi dasjenige, was in der Naturwissenschaft 
innerlich seelisch anerzogen werden kann, wenn durch 
wahre Geisteswissenschaft wahres Geist-Erkennen er- 
reicht werden soil. Deshalb, weil nicht in irgendeiner 
laienhaften, dilettantischen Art, sondern in strenger 
Methodik die Seele sich fortbilden will, wenn sie vom 
Natur-Erkennen zum Geist-Erkennen aufsteigen will, 
deshalb darf man auch glauben: Wer nun aus dem vollen 
Menschentum heraus zu beurteilen vermag, was uns die 
materielle Natur-Erkenntnis gibt, und wer da anzu- 
erkennen vermag, dafi wir unser Ich erstarken durch 
materielle Erkenntnis, der wird sich auch hineinfinden 
konnen in die Anschauung, die diese Erstarkung des Ich 
nach der anderen, der geistigen Seite sucht, in die wir 
hineinschlafen, hineintraumen, oder die wir in patholo- 
gischen Zustanden antreffen, die wir aber in vollstandig 
gesunder Weise ausbilden konnen, um dann aufzu- 
riicken zu einer geistigen Welterkenntnis. Deshalb glau- 
be ich: Wer erfiillen kann das Natur-Erkennen in rich- 
tiger Weise, der wird auch aufsteigen in ein Geist-Erken- 
nen, das jedem Menschen, besonders aber dem an der 



Naturwissenschaft Erzogenen, zuganglich ist. Deshalb 
glaube ich, dafi die Anerkennung der Geisteswissen- 
schaft gerade durch das Erstarken des wissenschaftlichen 
Geistes und des Natur-Erkennens kommen werde. 



SCHLUSSWORT 

nach dem Vortrag von Carl Unger iiber 
«Technik als freie Kunst» 

Darmstadt, 28. Juli 1921 

Liebe Kommilitonen, verehrte Anwesende! Ich mochte 
mich sehr gerne streng an das Thema halten, und da iiber 
Dreigliederung nachher noch gesprochen werden soli, 
alle Fragen, die sich auf die Dreigliederung beziehen, auf 
spater verschieben. Aber insofern glaube ich doch, dafi es 
berechtigt ist, ein paar Worte auch hier iiber die Drei- 
gliederung zu sagen, weil ja Herr Dr. Unger selber in 
seinen Auseinandersetzungen von der Dreigliederungs- 
idee als der Grundlage fur seine Anschauungen iiber die 
Schopfung der Technik als einer freien Kunst ausge- 
gangen ist. 

Man kann in einem gewissen Sinne nicht ganz auf- 
rechterhalten - ich habe das in meinen «Kernpunkten 
der Sozialen Frage» auch zum Ausdruck gebracht, und 
Herr Dr. Unger hat das ja wohl auch so gemeint man 
kann nicht aufrechterhalten im strengen Sinne des Wor- 
tes, dafi die Dreigliederungsidee als solche, also die Drei- 
gliederung des sozialen Organismus als Idee, als Begriff, 
eine Art neue Entdeckung sei. Eher liegt vielleicht eine 
Art neue Entdeckung in den sozialen Gesetzmafiig- 
keiten, auf die ich in den Aufsatzen 1905 hingewiesen 
habe. Die Dreigliederungsidee ist eigentlich alt, und auch 
in der Form als Dreigliederungsidee ist sie ofter erwahnt 
worden. Das wesentliche, wie die Dreigliederungsidee 



hier vor Sie hintritt und wie sie in der Gegenwart auftritt, 
das ist nicht ihr eigentlicher Ideencharakter, sondern das 
ist die Stellung, die sie einnehmen will gegeniiber dem 
ganzen sozialen Organismus. Die Idee, das Gesamtleben 
der Menschheit zu gliedern in einen geistigen Teil, in 
einen staatlich-juristischen Teil und in einen wirtschaft- 
Kchen Teil, diese Idee mufite ja immer wieder auftreten, 
und es konnen da oder dort, wenn der Anspruch erho- 
ben wiirde, dafi man es hier nut etwas vollstandig Neuem 
als Idee zu tun hatte, wie ich glaube, ganz selbstverstand- 
lich Primatanspruche gemacht werden, die mir sehr gut 
bekannt sind. Deshalb habe ich in den «Kernpunkten» 
darauf hingewiesen, dafi es sich, so wie die Dreigliede- 
rungsidee hier auftritt, ja um etwas ganz anderes handelt. 

Diese Dreigliederungsidee, so wie sie zum Beispiel 
von mir vertreten wird, ist ganz aus einer jahrzehnte- 
langen Beobachtung der Bedurfnisse der Gegenwarts- 
menschheit hervorgegangen. Man mufite ja, wenn man 
in der Gegenwart mit offenen Augen die Verhaltnisse 
durchschaut, schon am Ende des 19. Jahrhunderts erken- 
nen, daft die Dinge zu einer Katastrophe drangten. Und 
ich habe im Friihling des Jahres 1914 darauf hingewiesen 
in einem Vortragszyklus, den ich in Wien vor einem 
kleineren Kreise gehalten habe - ein grofierer wiirde 
mich dazumal wegen meiner Ausfiihrungen wahrschein- 
lich ausgelacht haben - dafi schon in der nachsten Zeit 
die Verhaltnisse der zivilisierten Welt - ich sagte dazu- 
mal nicht etwa blofi: die europaischen Verhaltnisse - zu 
einer entscheidenden Katastrophe drangten. Sehen Sie, 
das war in einer Zeit, die schon sehr nahe vor der Kata- 
strophe stand. Trotzdem mufite man es in den nachsten 
Wochen erleben, dafi Leute, die in ihren Stellungen fur 
den Gang der Ereignisse verantwortlich waren, etwa in 



folgender Weise sprachen. Ein Staatsmann mit Verant- 
wortung, hervorragend zu nennen - natiirlich nur im 
Sinne desjenigen, was unsere Zeit so haufig «hervorra- 
gend» nennt sagte, als es sich darum handelte, die 
allgemeine Weltsituation in einem Parlament zu bespre- 
chen: die Verhaltnisse Mitteleuropas zu Rutland standen 
in der denkbar giinstigsten Weise; man konne iiberzeugt 
sein davon, dafi der Friede immer mehr und mehr konso- 
lidiert werde. Das diirfe er sagen durch die freundnach- 
barlichen Beziehungen, die zum Beispiel herrschten zwi- 
schen Petersburg und Berlin. - So wurde im Mai 1914 
von verantwortlicher Stelle aus gesprochen, nachdem 
man, wie es eben von mir geschah, schon vorher mit aller 
Energie darauf hatte hinweisen miissen, da& die Verhalt- 
nisse einer Katastrophe zudrangen mufken, und zwar ein- 
fach deshalb, weil die drei Glieder des menschlichen Zu- 
sammenlebens, das geistige, das juristisch-rechtliche und 
das wirtschaftliche, im gesamten sozialen Leben so inein- 
ander gewirkt hatten, dafi die Katastrophe in ihren Tiefen 
eigentlich nur in dem Durcheinanderwirbeln dieser drei 
Gebiete gesehen werden kann. Man konnte ja sehen, na- 
mentlich wenn man ein Auge dafur hatte, wie der iiber- 
handnehmende Intellektualismus der neueren Zeit auf 
unser gesamtes offentliches Leben wirkte, wie die vollige 
Hingabe der Menschen an das intellektualistische Ele- 
ment, so wie es sich in der gebrauchlichen Wissen- 
schaftsgesinnung herausgebildet hat, die ja alles andere 
auch durchdrungen hat -, man konnte sehen, wie diese 
Hingabe an das Intellektualistische alles in einem gewis- 
sen Sinne fur die Katastrophe vorbereitete. Da liegen 
doch die tieferen Griinde, und wer sie heute noch nicht da 
liegen sieht, der kann auch nicht in fruchtbarer Weise an 
einer Diskussion iiber Aufbaukrafte teilnehmen. 



Sehen Sie, damals konnte man ja so etwas erleben - ich 
sage das nicht aus Unbescheidenheit, sondern weil es mir 
doch als eigenes Erlebnis symptomatisch bedeutsam er- 
scheint -: Ich habe im Jahre 1914, Anfang des Sommers, 
in Paris einen deutschen Vortrag gehalten iiber die Din- 
ge, iiber die ich gewohnlich spreche und zum Beispiel 
auch gestern gesprochen habe. Dieser Vortrag wurde 
nicht etwa fur eine deutsche Kolonie dort gehalten, son- 
dern er wurde Wort fur Wort iibersetzt, er wurde also 
ausdrucklich fiir Franzosen gehalten, nicht fiir deutsche 
Kolonisten, die in Paris lebten - die waren auch nicht 
drinnen. Man konnte also im Mai 1914 mit dem, was aus 
deutschem Geistesleben im strengsten Sinne geflossen ist 
- denn im Grunde ist es doch so, dafi alles das, was hier 
als Anthroposophie geltend gemacht wird, aus deut- 
schem Geistesleben geflossen ist -, man konnte mit dem 
in der ganzen Welt irgendwie einen gewissen Eindruck 
machen. Wir waren soweit auf geistigem Gebiete. Was 
aber dem entgegengearbeitet hat, war wiederum das 
wirtschaftliche Gebiet. Und das mufi man nur einmal 
genau durchschauen, wie dieses Nicht-in-Harmonie- 
Arbeiten des geistigen Lebens mit dem wirtschaftlichen 
Leben - wenn ich mich des kritischen Ausdrucks be- 
dienen darf - das Urphanomen war all der Erscheinun- 
gen, die sich vorbereiteten in den achtziger Jahren, die 
auf ihrem Hohepunkt angelangt waren um die Wende 
vom 19, zum 20. Jahrhundert. Es fliefien da natiirlich 
unzahlige Krafte und Stromungen zusammen, so da$ 
man natiirlich nicht alles in ein paar Worten zusammen- 
fassen kann. 

Aber wenn man eine wichtige Erscheinung, eine 
grundlegende Erscheinung hervorheben will, so konnte 
das etwa in der Art geschehen, wie ich es 1908 einmal in 



einem Vortrage in Niirnberg getan habe. Ich habe damals 
darauf hingewiesen, wie charakteristisch es fur das mo- 
derne soziale Leben ist, daft das Personliche eigentlich 
immer mehr und mehr ausgeschaltet worden ist, nament- 
lich auch in dem, was man Kapitalismus nennt, in dem 
Kapitalismus im allgemeinen - ohne das Kapital in der 
Wirtschaft verponen zu wollen, man kann ja selbstver- 
standlich das moderne Wirtschaftsleben nicht ohne Ka- 
pitalanlagen, also ohne Kapitalismus fiihren, und so zu 
reden, wie heute vielfach geredet wird iiber Kapitalis- 
mus, ist nichts anderes als purstes Laientum oder Dilet- 
tantismus. Das, um was es sich handelt, das ist, dafi das 
kapitalistische Wesen im Grunde genommen seit dem 
Beginn des 20. Jahrhunderts, sagen wir - vorbereitet 
wurde es schon fruher -, immer unpersonlicher und un- 
personlicher geworden ist. Ich fuhre da sehr gerne eine 
Anekdote an; Anekdoten sind ja manchmal charakteri- 
stisch fur das, was sich abspielte. Als das internationale 
Wirtschaftsleben noch mehr von der Personlichkeit ab- 
hangig war, kam es einmal vor, daft zu Rothschild in 
Paris auch der Finanzminister des Konigs von Frank- 
reich kommen mufke, weil der Konig sich, aus Griinden, 
die Sie sich leicht ausmalen konnen, an den Bankier wen- 
den mufite. Er kam gerade in der Zeit, als Rothschild mit 
einem Lederhandler beschaftigt war. Nun fiihrt ja der 
Kapitalismus zu einem gewissen instinktiven Sozialis- 
mus, das muli man sich klar machen. Rothschild, der ja 
sehr machtig war und der in allem, was er kapitalistisch 
verwaltete, das personliche Element drinnen geltend 
machte, nicht das unpersonliche Kapitalistische - Roth- 
schild war also beschaftigt mit einem Lederhandler. Der 
Diener kam herein und meldete den Finanzminister des 
Konigs. Er soil warten, bis ich fertig bin, - sagte Roth- 



schild. Das konnte schon der Diener nicht recht begrei- 
fen und der, der draufien wartete, erst recht nicht. Er 
meinte, da miisse ein Mifiverstandnis vorliegen. Sagen Sie 
doch, schickte er nochmals den Diener, der Minister des 
Konigs von Frankreich ware da. - Rothschild liefi ihm 
wieder sagen, ja, er miisse halt warten. Das verstand der 
Minister erst recht nicht, er rift die Tiire auf und war 
drinnen. Er sagte: Ich bin der Finanzminister des Konigs 
von Frankreich. - Schon, sagte Rothschild, ich habe noch 
zu tun, bitte nehmen Sie einen Stuhl und setzen Sie sich. 
- Ja, aber ich bin doch der Minister des Konigs von 
Frankreich! - Bitte nehmen Sie zwei Stiihle, - sagte 
Rothschild. 

Ich erzahle das darum, damit Sie auch aus dieser An- 
ekdote sehen, daft in der Tat im Kapitalismus etwas tatig 
war, was im personlichen Wollen, in den personlichen 
Emotionen lag. Dieses personliche Element, das horte 
auf. Was ich gesagt habe, ist selbstverstandlich keine Be- 
weisfuhrung, nur eine Illustration. Die Beweisfuhrung 
miiftte in einer ganzen Reihe von Vortragen geleistet 
werden. Aber eben um die Wende vom 19. zum 20. Jahr- 
hundert nahm dieses personliche Element die Wendung 
zum rein Sachlichen. Ich mochte sagen: Es traten Krafte 
ein, durch die sich die Kapitalmassen wie von selbst be- 
wegten. Das Aktienkapital trat in den Vordergrund 
gegeniiber dem einzelnen Kapital, die Gesellschaft an die 
Stelle des Einflusses der einzelnen Personlichkeit. Damit 
trat ein unpersonliches Element auf, so daft der Mensch 
im modernen Wirtschaftsleben allmahlich wie in ein un- 
personliches Element eingespannt wurde. Und an die 
Stelle der personlichen Initiative trat das, was man nen- 
nen kann die Routine. Es war nicht mehr moglich, im 
Wirtschaftsleben etwas anderes zu entfalten als Routine. 



Wer die Wirtschaftsgeschichte studiert, wird finden, wie 
diese Dinge in der Entwicklung des modernen Wirt- 
schaftslebens begriindet sind, und wie sie es sind, die zu 
der furchtbaren Weltkatastrophe drangten. - Die war 
nun da, und so konnte man gerade in dieser Zeit glauben, 
dafi eben der rechte Zeitpunkt gekommen ware, wo die 
Menschen aus der Lebenspraxis heraus begreifen konn- 
ten, dafi das Zusammenwirken dieser drei Gebiete in 
entsprechender Weise gesucht werden musse. Und das 
ist es, was das Wesentliche ist an dem, was als Dreigliede- 
rung des sozialen Organismus auftrat: nicht die Idee als 
solche, sondern die Art und Weise, wie in jeder Emzel- 
heit aus der unmittelbaren Lebenspraxis heraus die Din- 
ge aus dem Konkreten gedacht sind. Es ist etwas durch 
und durch Anti-Utopistisches in diesem Dreigliede- 
rungsimpuls, wie er hier auftritt, etwas, was abweist jede 
Art von Utopie, was nur aus dem Praktischen des Le- 
bens heraus arbeiten will. 

Das ist dasjenige, was so wenig gesehen wird und was 
- auch oftmals von Anhangern des sogenannten Drei- 
gliederungsgedankens - nicht in gebiihrender Weise be- 
riicksichtigt wird. Es geschieht sehr haufig, dafi iiber die 
Dreigliederung, auch sogar von Anhangern, so diskutiert 
wird, als ware sie eine Utopie, als ware sie nicht hervor- 
gegangen aus dem, was eigentlich alle Menschen auf 
ihren Gebieten wollen. Man braucht eben nur die ein- 
zelnen Willen zusammenzufassen. Bewufit sind sich die 
Menschen meistens nicht dariiber, was sie wollen, aber 
sie wollen es doch. Das Unterbewufite spielt eine viel 
grofiere Rolle im sozialen Leben, als man denkt. Deshalb 
haben mir immer wieder Leute gesagt: Ja, was da in den 
«Kernpunkten» steht, die ja doch dem Dreigliederungs- 
impuls, wie er heute auftritt, zugrunde liegen, das will 



diese oder jene Gesellschaft auf diesem oder jenem Ge- 
biete auch. - Ein anderer kam mit einem andern Spezial- 
gebiet. Das ist nichts Neues, sagten sie. - Umso besser, 
sagte ich. Je weniger etwas neu ist, desto besser. Je mehr 
es wurzelt in dem, was die Menschen schon wollen, 
umso besser. Es kommt eben lediglich darauf an, daft 
eine gewisse Verstandigung unter den einzelnen Spezial- 
gebieten eintrete. Und da glaube ich allerdings, daft der 
Vortrag von Herrn Dr. Unger heute insofern eine aufter- 
ordentliche Wichtigkeit haben konnte, weil er ja ganz 
beseelt war von dem Gedanken, daft schliefilich dasjeni- 
ge, was der Techniker auf seinem Gebiete will, nicht ge- 
lost werden kann als eine besondere Frage, ohne daft der 
Blick gewendet wird auf das gesamte soziale Leben. Es 
hat deshalb keine grofte Bedeutung, wenn man davon 
spricht, daft die Spezialideen schon mal geaufiert worden 
sind oder da oder dort aufgetreten sind in Anklangen, 
oder wenn man sagt, daft sogar alles schon mal aufgetre- 
ten sei. Nehmen wir einmal die aufierste Hypothese an. 
Nehmen wir an, Herr Dr. Unger hatte gar nichts Neues 
gesagt, sondern seine Ideen seien seit Jahrzehnten mei- 
netwillen von den verschiedensten technischen Zweigen 
und Gesellschaften ausgesprochen worden. Ich glaube 
aber, daft man mir in einem zustimmen muft, auch wenn 
diese Hypothese richtig ware: Ausgefuhrt worden sind 
sie aber nicht, diese Ideen - das wird ja wohl niemand 
behaupten. Daft sie gehegt worden sind, kann mancher 
behaupten, daft sie ausgefuhrt worden sind, kann aber 
keiner behaupten. Sie sind heute Fragen, wie sie vor Jahr- 
zehnten Fragen gewesen sind. Und das darum, weil sie 
spezialistisch behandelt wurden, so daft sich der Techni- 
ker auf seinen Kreis einschrankte, und von diesem Kreise 
aus alle speziellen Technikerfragen behandelte. So lassen 



sich die Dinge aber heute nicht loseru Wir haben nicht 
nur eine Weltwirtschaft, wir haben auch ein Welt- 
empfinden, etwas, was iiber die ganze Welt geht, und 
was auf wirtschaftlich-technischem Gebiete nur als 
Weltfrage behandelt werden kann. Die Antwort, warum 
die Losung nicht gefunden werden konnte, ist die, daft 
der Techniker gewissermafien alleinstand. Der Techm- 
ker mufite dieses Alleinstehen sogar schmerzlich emp- 
finden aus dem Grunde, weil er ja, so wie er sich heraus- 
gebildet hat als moderner Techniker, das modernste an 
Personlichkeit des modernen Lebens ist. Man kann von 
den verschiedensten anderen Standen des modernen Le- 
bens sagen: da und dort haben sie ihre Wurzeln. Was der 
moderne Techniker ist, ist er mit der modernen Technik 
geworden. Er stellt in der ganzen sozialen Ordnung 
einen Stand dar, und durch seinen besonderen Beruf er- 
gibt sich ein sozialer Zusammenhang, der selber eine 
soziale Frage ist. Die kann aber nur im Zusammenhang 
mit dem ganzen sozialen Leben behandelt werden. Da- 
her wird dasjenige, was Dr. Unger formuliert hat mit 
dem Worte «Technik als freie Kunst», solange eine Uto- 
pie bleiben, solange nicht gefunden wird der Anschlufi 
der speziellen Technikerwunsche und Technikerideen an 
die universellen sozialen Ideen. Am meisten hat der 
Techniker notig, sich einen universellen Blick fur die 
sozialen Bediirfnisse anzueignen, und zwar aus dem 
Grunde, weil er sich als etwas Neues hineingestellt hat in 
das moderne Leben. Der Landwirt hat ja diesen sozialen 
Blick auch notig, insofern die Landwirtschaft selber von 
der Technik iibersponnen wird. Aber als Landwirt selbst 
ist er uralt. Aber an dem, was sich da als etwas ganz 
Neues hineingestellt hat in die moderne soziale Entwick- 
lung, an dem mu6 gerade das Wesentliche der sozialen 



Frage am bedeutsamsten hervortreten. Und das ist das, 
was vielleicht besonders betont werden muE. Ich will 
nicht auf spezielle Dreigliederungsfragen eingehen, die 
sofort da sind, wenn man iiber spezielle Fragen der 
Techniker spricht. Das Wesentliche liegt darin, dafi die 
Technikerfragen behandelt werden als ein Kapitel der 
allgemeinen grofien sozialen Fragen. Da kommt es nicht 
darauf an, etwa anzunehmen, dafi man von anthroposo- 
phischer Seite aus die Technikerfrage nun einfach au$er- 
lich in die Dreigliederungsbewegung hineinziehen wolle. 
Die Dreigliederungsbewegung ware ein blo£es Schlag- 
wort, wenn man die Sache so behandeln wollte. Aber 
nicht um Schlagworte handelt es sich, sondern um etwas 
anderes. Darum handelt es sich, dafi durch die Bewe- 
gung, die sich auch anders nennen konnte, die drei Glie- 
der des sozialen Lebens in ein richtiges Verhaltnis ge- 
bracht werden sollen gegeniiber dem Intellektualismus, 
der das Bestreben hat, alles in einen Topf zusammen zu 
werfen, wenn er auch dann aus dem einen Topf zum 
Beispiel die Vierzehn Punkte herausnimmt, die, sofern es 
Woodrow Wilsons Vierzehn Punkte waren, in bezug auf 
ihren Intellektualismus wahrhaftig nichts zu wunschen 
ubrig lassen. Die Dreigliederungsidee wurde von mir 
zuerst geaufiert, gerade als man in einem furchtbar ern- 
sten Moment wiederum einmal nicht aus der Lebenspra- 
xis heraus die Losung der Fragen suchte, sondern aus 
Kopfen, aus dem Intellektualismus heraus, mit den Vier- 
zehn Punkten Wilsons. Man konnte besonders auch im 
Ausland sehen, wie diese Vierzehn Punkte, als sie auf- 
traten, etwas Pathologisches in der Menschheit anspra- 
chen, und es war im hochsten Ma£e zu bedauern, dafi 
im ernstesten Augenblick der neueren deutschen Ge- 
schichtsentwicklung, im Herbste 1918, Mitteleuropa 



sich sogar auf diese Vierzehn Punkte einlieft und nicht 
sehen konnte, wie wir gerade im gegenwartigen Augen- 
blick genotigt sind, uns ohne alle blassen Theorien un- 
mittelbar auf die Lebenspraxis einzulassen und aus ihr 
heraus die Dinge zu studieren. Die Vierzehn Punkte wa- 
ren eine Utopie; die weitere Entwicklung hat das gezeigt. 
Die Menschheit wird sich iiberzeugen miissen, daft mit 
solchen Utopien nichts zu erreichen ist, sondern daft le- 
digHch etwas erreicht wird, wenn man wirklichkeits- 
gemaft sich auf das einlaftt, was da ist; wenn man aus dem 
Daseienden heraus nicht nur logisch - das ist heute 
leicht sondern wirklichkeitsgemafi zu denken versteht. 

Nach einem solchen Denken strebt Anthroposophie, 
die nur eingesehen werden kann, wenn man es, wenn 
vom Geiste die Rede ist, nicht macht wie jener Bauer, 
dem ein Magnet gezeigt wurde, und der sagte: Ach, Un- 
sinn, das ist doch ein Hufeisen, damit will ich mein Pferd 
beschlagen. - So ungefahr verhalt sich derjenige zur 
Wirklichkeit, der dieser Wirklichkeit den Geist ableug- 
net. Und das ist nicht zu umgehen, daft, wenn jemand 
wirklichkeitsgemaft denken will, er auch auf das Geistige 
zu sprechen kommen mufi. Daher ist Anthroposophie 
eine Geisteswissenschaft. Und das, was sie mit den tief- 
sten, bedeutsamsten Zeitforderungen gemein hat, das ist, 
daft sie wirklichkeitsgemaft, daft sie praktisch sein will, 
da, wo es sich um das Praktische, namentlich das wirt- 
schaftlich-technische Leben handelt. Und jeder, wenn er 
auch diese oder jene sonst abweichende Ansicht hat oder 
zu haben glaubt - daft zum Beispiel die Anthroposophie 
sich zu wenig mit Gott beschaftigte, was eine ganz unbe- 
griindete Meinung ist, oder daft fur manche Leute sie 
sich wieder viel zu viel mit Gott beschaftige, die von 
dieser Seite her Gegner sind, und ebenso sind die ande- 



ren Dinge, die hier erwahnt wurden, sie sind wieder von 
anderen Gesichtspunkten aus gesagt - aber jeder, wenn 
er auch irgendwelche andere Ansichten iiber das eine 
oder das andere hat, wenn er es ernst meint mit einem 
wirklichkeitsgemaften Gestalten unserer sozialen Ver- 
haltnisse auf irgendeinem Spezialgebiet aus dem uni- 
versalen Denken des Ganzen heraus, wird dann auch 
Anknupfungspunkte finden zu dem, was als anthro- 
posophische Bewegung sich geltend macht. Denn sie will 
nicht phantastisch sein, sondern sie will menschlich sein. 
Und mit dem, der das Menschliche versteht, wird sie sich 
gerne zusammenfinden. 



ZWEITER VORTRAG 



DIE GEISTIGE SIGNATUR 
DER GEGENWART 

Darmstadt, 28. Juli 1921 



Meine sehr verehrten Anwesenden, Hebe Kommilitonen! 
Anthroposophie kann eine Angelegenheit sein, die der 
einzelne Mensch in seinem Kammerchen mit sich ab- 
macht, gewissermafien wie etwas, was eben die intimsten 
Herzens- und Seelenfragen beriihrt, etwas, wovon man 
die Uberzeugung gewinnen kann, dafi es zusammen- 
hangt mit dem, was den einzelnen Menschen, indem er 
sich in seiner vollen Individuality und Personlichkeit 
erlebt, an das Ewige, an das Gottliche bindet. Mehr von 
diesem Gesichtspunkte ist ja gestern von mir gesprochen 
worden. Heute mochte ich von dem anderen Gesichts- 
punkte einiges zu Ihnen sprechen, von dem Gesichts- 
punkte, von dem aus anthroposophische Geisteswissen- 
schaft eine Angelegenheit unseres gegenwartigen Zeit- 
alters sein kann. Dieses Zeitalters, das ja aus den Unter- 
griinden der Menschheitsentwicklung eine Unsumme 
von Fragen an die Oberflache geworfen hat, die nun 
nicht blofi den einzelnen Menschen in seinem stillen 
Kammerchen angehen, sondern die eine gemeinsame, 
eine, wenn man so sagen will, durchaus soziale Ange- 
legenheit der ganzen Menschheit sind. 

Wenn man von diesem Gesichtspunkte aus anthropo- 
sophisches Streben beleuchten will, dann mufi man wohl 
zunachst einige Gesichtspunkte angeben iiber dasjenige, 



was ich nennen mochte «die Signatur unserer Zeit», was 
gewisse Krafte und Stromungen, gewisse Bestrebungen 
in unserer Zeit ganz besonders charakterisiert. Ich werde 
selbstverstandlich nicht die Moglichkeit zur Charakte- 
ristik von Einzelheiten unseres Zeitalters haben, ich 
mochte aber diejenigen Strebungen und Stromungen, 
die ja natiirlich in weitesten Kreisen gut bekannt sind, 
obwohl sie in ihrem vollen Gewicht leider allzuwenig 
gewiirdigt werden, in den groften Linien hinstellen, in 
Linien, die zeigen, wie sich das einzelne in unserem Zeit- 
alter gewissermafien bewegt, ohne daft man auf dieses 
einzelne besonders Rucksicht nimmt. 

Vielleicht wird es manchen sonderbar, ja paradox be- 
riihrt haben, als ich gestern einen Satz aussprach, der 
eigentlich mit sehr vielem in Widerspruch stent, was ge- 
rade da in der neueren Menschheitsgeschichte herauf- 
gezogen ist, wo man Weltanschauungen zu gestalten 
beabsichtigt. Ich habe den Satz ausgesprochen, dafi der 
Mensch, wenn er so recht heranwachst im naturwissen- 
schaftlichen Bewufksein, das ja langst zum allgemeinen 
Menschheitsbewufitsein geworden ist und das auch in 
gewisse religiose Auffassungen iibergegangen ist -, da£ 
sich der Mensch da einen Seinsbegriff aneignet, ein Ge- 
fuhl vom Existieren auch seiner selbst, den er nicht mehr 
festhalten kann, wenn er in seiner Selbstbesinnung auf 
sein eigenes Denken zurikkblickt. Ich habe den Satz 
ausgesprochen, daE der Mensch aus dem Zeitbewufksein 
allein - und ich meine damit das Bewufksein der letzten 
drei bis vier Jahrhunderte schon - zu dem Satz kommen 
kann: «Ich denke, also bin ich nicht». - Der Mensch 
kann den Seinsbegriff, den er braucht, um seine na- 
turwissenschaftliche Weltanschauung zu rechtfertigen, 
nicht auch gleichzeitig anwenden darauf, was sich ihm in 



seinem Denken, namentlich in seinem intellektuellen 
Leben erschliefit. Und man mufi vielleicht in dem Welt- 
anschauungsstreben, das mit Descartes heraufgezogen 
ist, und das doch fast das ganze Weltanschauungsstreben 
der neueren Zeit infiziert hat, man mufi in dem Satze 
«Ich denke, also bin ich» mehr eine Art Rettungsversuch 
sehen, ein Suchen nach irgendeinem festen Punkte im 
eigenen Innern. Man muft das Heraufkommen dieses 
Satzes «Ich denke, also bin ich» psychologisch ergreifen, 
konnte man sagen. Und die Psychologie konnte uns sa- 
gen: Die Philosophen und diejenigen, die ihnen anhan- 
gen, beschaftigen sich mit diesem Satze, glauben an die- 
sen Satz, weil er ihnen eine gewisse illusorische Hilfe 
bietet gegen das Versinken im Nichtsein, [das einen 
ereilt,] wenn man auf das eigene Innere blickt und sich 
fur das Sein an der aufieren naturwissenschaftlichen 
Weltanschauung heranerzogen hat. ~ Es konnte sogar 
fur Anthroposophen paradox erscheinen, wenn dieser 
Satz ausgesprochen wird von demjenigen, der ja mit der 
«Philosophie der Freiheit» im Beginne der neunziger 
Jahre gerade der Signatur unserer Zeit entgegentreten 
wollte. Indem ich dazumal in meiner «Philosophie der 
Freiheit» von dem reinen Denken ausgegangen bin, 
konnte es scheinen, als ob das, was dazumal gesagt wor- 
den ist iiber das reine Denken, durch das man die all- 
gemeinen Weltenkrafte wie an einem Zipfel erfafk, - als 
ob heute iiber dieses reine Denken gewissermaften der 
Stab gebrochen werden sollte. Aber gerade das ist nicht 
der Fall. Und gerade darum, daft man vom reinen Den- 
ken ausgehend das seelische Sein wiederfindet, gerade 
darum, im Sinne einer Zeitangelegenheit, handelt es sich 
fur anthroposophische Geisteswissenschaft. Man wird 
aber nur zum Verstandnis des eben Ausgesprochenen 



gelangen, wenn man in dem Sinne, wie ich es angedeutet 
habe, sich ein wenig bekanntmacht mit der Signatur un- 
serer Zeit, mit den hauptsachlichsten charakteristischen 
Eigenschaften dieser unserer Zeit. 

Und eine solche, man kann sagen auf alle iibrigen 
lichtwerfende Eigenschaft, folgt gerade aus der Art und 
Weise, wie die Menschheit unseres Zeitalters der wissen- 
schaftlichen Uberzeugung gegeniibertritt, in die man 
sich in den letzten Jahrhunderten eingewohnt hat. Meine 
verehrten Anwesenden, der Mensch ist heute so stolz 
darauf, zu sagen, er habe den Autoritatsglauben der frii- 
heren Jahrunderte, wie ihn die Bekenntnis-Verwaltun- 
gen vorgeschrieben haben, abgestreift. Der Mensch ist 
heute so stolz darauf, sich zu sagen, er glaube nur an das, 
was er in seinem eigenen, personlichen Wesen ergreifen 
konne. Und dennoch ist es fin* den Tieferblickenden so, 
als ob der alte Autoritatsglaube der Bekenntnisreligio- 
nen nur auf ein anderes Gebiet iibergesprungen ware, 
und dieses Gebiet ist gerade das, was man mit einer gro- 
$en Unbestimmtheit, aber dafiir mit einem umso starke- 
ren Glauben, abstrakt «die Wissenschaft» nennt. Die 
Wissenschaft. - Sobald der heutige Mensch hort: «die 
Wissenschaft», dann regt sich in ihm wiederum alles, was 
vom alten Autoritatsglauben einstmals nach ganz ande- 
ren Richtungen hingegangen ist. Was wissenschaftlich 
festgestellt sein soil, ist heute - aus Griinden, die sich die 
Menschen in weiteren Kreisen gar nicht sehr stark klar 
machen ~ eine Autoritat von viel starkerer Kraft, als je- 
mals eine Autoritat es war. Wie oft hort man heute die 
Antwort auf irgend etwas, was herausquillt als Frage aus 
dem menschlichen Innern: Die Wissenschaft sagt dieses 
oder jenes. - Diese allgemeine Macht, die Wissenschaft, 
hat heute alle Autoritat fur sich in Anspruch genommen. 



Sie hat diese Autoritat bei denjenigen Menschen, die von 
sich selbst der Ansicht sind, daft sie auf der Hohe ihrer 
Zeit stehen, auch mit Bezug auf Weltanschauungsfragen 
in Anspruch genommen. 

Nun aber, welcher Art ist das Verhaltnis der heutigen 
Menschheit gerade gegeniiber der wissenschaftlichen 
Autoritat? Die Dinge haben es mit sich gebracht, daft 
wissenschaftlich dasjenige anerkannt wird, wovon man 
glaubt, daft es jeder Mensch, so wie er nun einmal nach 
der gewohnlichen Menschenerziehung, der gebrauchli- 
chen Menschenerziehung bis zu einer gewissen Stufe hin 
sich entwickelt hat, begreift. Wissenschaft soli im Grun- 
de genommen nichts anderes feststellen, als wozu jeder 
Mensch, wenn er eben nur die notigen Vorbedingungen 
dazu hat, Ja sagen kann. Wissenschaft soil etwas ganz 
Allgemeines sein. Wissenschaft soli in jedem Menschen 
auf ein und dieselbe Art leben. Denn man weifi ja, wie es 
von denen, die vor alien Dingen an der Autoritat der 
Wissenschaft hangen, aufgenommen wird, wenn von 
einer einzelnen Personlichkeit irgendwo ein Aufbaumen 
gegen diese allgemeine Giiltigkeit des wissenschaftlichen 
Urteils stattfindet. So daft man sagen konnte: Das Ideal 
wissenschaftlicher Weltanschauung ist das, daft sie eine 
Summe von Urteilen iiber Welt- und Menschheitsan- 
gelegenheiten gibt, die mit vollstandigem Nivellement 
in jedem Menschen auf die gleiche Art gelten. Eine 
Uniformierung gigantischer Art, mochte man sagen, ist 
das Ideal dieser wissenschaftlichen Uberzeugung. 

Wenn man so etwas ausspricht, konnte es zunachst 
vielleicht sogar als eine Trivialitat erscheinen. Im Leben 
bedeutet diese Trivialitat aber aufterordentlich viel. 
Denn bei dem grofien Einflusse, den Wissenschaft, na- 
mentlich insofern, als sie sich auf naturwissenschaftliche 



Grundlagen stiitzt, in unserer Zeit gewonnen hat - und 
wie ich gestern ausgefiihrt habe, mit Recht auf gewissen 
Gebieten - muE man annehmen, da£, wo Wissenschaft- 
lichkeit die Menschen immer mehr und mehr unifor- 
miert, es immer mehr und mehr so wird, dafi der eine 
Mensch nur der Abklatsch des anderen wird. Und in der 
Tat, wenn man Wissenschaft nun nicht ihrem Inhalte 
nach nimmt, sondern darnach, was sie geleistet hat in der 
neusten Zeit in bezug auf die Entwicklung des Men- 
schengeschlechts, so sieht man, wie diese Uniformierung 
aus der wissenschaftlichen Uberzeugungskraft heraus 
zu einer allgemeinen Menschheitsangelegenheit gemacht 
werden will. Man braucht nur hinzusehen auf die furcht- 
baren, zerstorenden Machte, die heute im Osten von 
Europa wtiten - Machte, deren Bedeutung hier leider in 
bezug auf ihre Zerstorungsgewalt noch immer nicht hin- 
langlich genug gewiirdigt werden so sieht man, wie ja 
die Menschen, die sich heute solchen Zerstorungs- 
gewalten mit einem gewissen Fanatismus hingeben, 
eigentlich davon ausgegangen sind, gewisse Lehren, die 
aus wissenschaftlichen Untergriinden herauskommen, 
oder vielleicht besser gesagt eine gewisse Seelenver- 
fassung, die aus diesen wissenschaftlichen Untergriinden 
herauskommt, auch zur Basis des sozialen Denkens zu 
machen. Und was durch dieses Uberfuhren der wissen- 
schaftlichen Seelenverfassung in das soziale Denken 
angestrebt wird, jenes grofte Menschheitsgefangnis, wo 
eben der eine nur der Abklatsch des anderen auch in 
sozialer Beziehung sein soil, wie etwa im Leninismus 
oder Trotzkismus, da wird es bis zur Paradoxic, aber 
allerdings bis zur hochst tragischen Paradoxic gefuhrt. 
Man sieht schon iiberall - ich habe ja da nur hingewiesen 
auf einen extremen, einen radikalen Fall -, man sieht 



schon iiberall, man konnte sagen wie ausfliefiend in den 
Entwicklungstendenzen unserer Zeit, wie die wissen- 
schaftliche Seelenverfassung dieses Nivellement der 
Menschheit bewirken will. Das ist im Grunde eine der 
Hauptkrafte, welche in der Signatur der gegenwartigen 
Menschheitsentwicklung sich finden: dieses Nivellement 
von der Theorie, vom Denken, vom Forschen her. Da- 
durch wird gar nichts gesagt gegen die Berechtigung die- 
ses Forschens, wie aus meinen gestrigen Ausfiihrungen 
hervorging. Denn auf naturwissenschaftHchem Boden ist 
dieses Forschen eben voll begriindet, und es hat die Wis- 
senschaft und die Technik einmal zu den grofien, voll 
berechtigten Triumphen gefiihrt, die ich hier nicht zu 
schildern brauche. 

Diesem einen Pol der neuzeitlichen Menschheitsent- 
wicklung steht nun aber allerdings ein anderer gegen- 
iiber, der nicht minder zur Signatur der gegenwartigen 
Geistigkeit der Menschheit gehort. In demselben Ma$e, 
wie vom Intellekt und von der intellektualistischen Na- 
turbeobachtung her dieses Nivellement der Menschheit 
angestrebt wird, in demselben Mafie racht sich in der 
menschlichen Natur das Individuelle, das Personliche; es 
treten ja iiberall in der Welt Polaritaten auf, hier ist auch 
eine solche, eine innerliche. Und wir sehen, wie gegen- 
iiber dem eben geschilderten Nivellement auf der ande- 
ren Seite die instinktiven Krafte der Menschennatur auf- 
treten. Man mochte sagen bis zum animalischen Niveau 
hin treten die Willensimpulse mit instinktiver Gewalt 
aus dem Individuellen des Menschen heraus. Wahrend 
die Menschen mit ihrem Kopf hinstreben nach einem 
gewissen Nivellement, macht sich iiberall das Allerper- 
sonlichste aus den Untergriinden des Menschen heraus 
geltend, dasjenige, was den einzelnen Menschen von je- 



dem Nebenmenschen im hochsten Mafie unterscheidet. 
So daft wir in dem Augenblick, wo wir absehen von den 
Gedanken, die sich die Menschen tiber die Welt im ange- 
deuteten wissenschaftlichen Sinne machen mochten, und 
iibergehen zu dem, was die Menschen fuhlen, was die 
Menschen als Grundlage, als Impuls ihres Wollens aner- 
kennen, wir sehen konnen, wie die Menschen vollstandig 
aneinander vorbeigehen, wie der einzelne fur den ande- 
ren nicht mehr ein irgendwie geartetes Verstandnis hat. 
Nur auf engste Kreise noch beschrankt sich ein - oftmals 
auch kiinstlich geziichtetes - Verstandnis des einen Men- 
schen fur den anderen. Die Menschen verstehen sich 
heute nicht. Wir reden so viel von sozialen Idealen, von 
kiinstlichen Institutionen, welche ein soziales Leben 
herbeifuhren sollen, und dies hauptsachHch aus dem 
Grunde, um uns uber die elementare Tatsache hin- 
wegzutauschen, dafi wir in unserem Instinkt, in unserer 
Willens- und Gefuhlsentwicklung eigentlich furchtbar 
antisozial geworden sind. Ein antisoziales Element geht 
durch die Menschheit, sobald man von dem Gedanken- 
leben absieht, und auf dasjenige sieht, was in den Unter- 
griinden des Gefiihlslebens, in den Untergninden der 
Willensimpulse eigentlich lebt. Das ist der grofie Streit in 
unserer Zeit, in den die Menschheit eingesponnen ist: 
dafi sie auf der einen Seite ein Kopfnivellement sucht und 
auf der anderen Seite aus den Untergriinden der mensch- 
lichen Organisation her aus eine Differenzierung ent- 
wickelt, die eigentlich in unerhortester Weise antisozial 
wirkt. 

Da ist der Mensch im Grunde genommen hinein- 
gestellt. Und aus dieser Frage, die zu den wichtigsten 
Bestandteilen in der Signatur des geistigen Lebens der 
Gegenwart gehort, gehen im Grunde genommen alle 



anderen Fragen hervor; ging im Grunde genommen das 
hervor, was sich als eine so furchtbare Katastrophe im 
zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts entwickelt hat. 

Verfolgt man, was an Urteilen an der Oberflache 
schwebt, wie die Volker, die Menschen einander beur- 
teilen, wie sie sich gegenseitig Schuld und Unschuld 
zuschieben, wie sie reden iiber das, was sie als Recht oder 
Unrecht anerkennen wollen, dann hat man ja eben im 
Grunde genommen in allem, was da an der Oberflache 
geredet wird, nur eine Oberflachenansicht. In den Un- 
tergriinden wiitet jener Gegensatz, wuten jene Polari- 
taten, von denen ich eben geredet habe. 

Dem gegeniibergestellt findet sich in einer gewissen 
Weise jene anthroposophisch orientierte Geisteswissen- 
schaft, die eine Angelegenheit des ganzen, des Voll- 
menschen werden will, die sein Gefiihl und seinen Wil- 
len ergreifen will. Sie schopft auf der einen Seite, wie ich 
gestern ausgefuhrt habe, aus Erkenntnisquellen, welche 
in das menschliche Innere hineinschauen lernen. Sie 
schopft aus gewissen Fahigkeiten, die iiber die alltag- 
lichen hinaus durch die gestern angedeutete Methode 
entwickelt werden konnen. Sie schopft aus diesen laten- 
ten, im gewohnlichen Leben und in der gewohnlichen 
Wissenschaft schlafenden Erkenntniskraften heraus et- 
was, was hinunterschaut in die menschliche Natur, in 
diejenigen Regionen, die im gewohnlichen Leben durch 
das so notwendige Erinnerungsvermogen, durch das Ge- 
dachtnis, zugedeckt werden, so wie der Raum, der hinter 
einem Spiegel ist, durch den Spiegel zugedeckt wird. 
Durchbrechen wir auf dem gestern angedeuteten Wege 
das, wovor die Kraft unseres Erinnerungsvermogens 
steht, entwickeln wir Krafte zur iibersinnlichen Schau, 
dann gelangen wir allerdings, wie ich es gestern angedeu- 



tet habe, zuerst dahin, die menschlichen Organe selbst in 
ihrer Lebendigkeit zu durchschauen. Wir gelangen da 
hinein, wohinein eine lebendige Medizin forschen mufi, 
wohinein eine lebendige Anthropologic forschen muft. 
Aber wir gelangen dann iiber das, was wir am gegen- 
wartigen Menschen als das Geistig-Materielle finden, 
hinaus zu dem vorgeburtlichen Menschen, besser gesagt 
zu dem Menschen, wie er war in der geistigen Welt, be- 
vor er dieses Erdenleben angetreten hat durch die Kon- 
zeption. Wir gelangen zu einer wirklichen Erweiterung 
derjenigen Krafte des menschlichen Seelenlebens, die 
sich sonst - die Spanne Zeit ausfullend, die da liegt einige 
Jahre nach unserer Geburt bis zu unserem gegenwarti- 
gen Zeitpunkte - nur iiber dieses Leben innerhalb des 
irdischen Daseins erstrecken. Wir gelangen dadurch, daft 
wir das Gedachtnis durchbrechen, zu einer hoheren 
Seelenkraft, zu einer hoheren Erkenntniskraft; wir ge- 
langen dadurch zum Anschauen der geistig-seelischen 
Wesenheit des Menschen, wie sie war, bevor der Mensch 
fur dieses Erdenleben hier konzipiert worden ist. Und 
von da aus geht dann die Stromung, an welche zu denken 
dem heutigen Menschen so schwer wird: die Stromung, 
von der Selbsterkenntnis aus zur Welterkenntnis vor- 
zudringen. 

Ich weift sehr gut, meine verehrten Anwesenden, wie 
sehr paradox befunden wird, was ich von Welterkennt- 
nis in meiner «Geheimwissenschaft» gezeichnet habe. 
Ab er wer sich hineinfindet in dieses Wachsen einer iiber- 
sinnlichen Erkenntniskraft, in dieses - ich mochte den 
Ausdruck lieber gar nicht gebrauchen, weil heute so viel 
Miftbrauch damit getrieben wird -, in dieses wahre, echte 
Hellsehen, der wird schon finden, wie sich erweitert, was 
sonst nur fur eine kleine Spanne Zeit in der Erinne- 



rungsfahigkeit gegeben wird, wie es sich erweitert zu 
einer Welterkenntniskraft. 

Das, was hier vorliegt - gewifi, die Leute sagen immer, 
man solle das beweisen. Aber diejenigen, die immerfort 
und bei jeder Gelegenheit vom Beweisen sprechen, die 
haben sich nie bekannt gemacht mit der Natur des Be- 
weisens selbst. Bewiesen werden kann nur, was zunachst 
als Tatsache wenigstens vermutet wird. Alles andere so- 
genannte Beweisen ist ein dialektisches Spielen mit Be- 
griffen, ist ein Haufen von Begriff auf Begriff. Und die 
Menschhek gibt sich in bezug auf dieses Beweisen, das so 
oftmals gefordert wird, nur grofien Illusionen hin; gegen 
das berechtigte Beweisen soli damit nichts eingewendet 
werden, selbstverstandlich. Der anthroposophische For- 
scher hat einfach hinzuweisen darauf, was sich ihm er- 
gibt, wenn das Erkenntnisvermogen in der angedeuteten 
Weise erweitert wird. Und was da geschieht, mochte ich 
in der folgenden Weise andeuten. 

Wenn wir auf unser gewohnliches, irdisches Erinne- 
rungsvermogen hinblicken, so werden wir sagen: Dieses 
Erinnerungsvermogen gliedert uns zusammen mit all 
den Erlebnissen, die wir von einem gewissen Zeitpunkte 
dieses irdischen Daseins an durchgemacht haben. Diese 
Erlebnisse liegen zunachst im gegenwartigen Augenblick 
mehrheitlich im Unterbewufiten der menschlichen Or- 
ganisation. Wir holen sie entweder willkiirlich herauf, 
oder sie treiben durch ihre eigene Macht in das Bewufo- 
sein herauf. Aus dem Strome der Erlebnisse, die wir 
durchgemacht haben, tauchen die Erinnerungen auf. 
Und die Erinnerungsmoglichkeit mufi eine kontinuier- 
Hche sein, damit unser Seelenleben, unsere Seelenver- 
fassung eine gesunde ist. Wir stehen so als Menschen, 
dadurch, dafi wir diese Erinnerungsmoglichkeit haben, 



nicht nur in uns drinnen, sondern wir hangen durchaus 
auch zusammen mit alledem, womit wir durch die Erfah- 
rungen durch das aufiere Leben Zusammenhang haben. 
Durch unsere gesunde Besonnenheit finden wir schon 
den Unterschied heraus zwischen dem Bilde, das heute 
auftaucht als Nacherlebnis in der Erinnerung, und jenem 
intensiven, durchsattigten Erleben, das einmal da war, 
das in unserer Erinnerung lebt, dessen Erinnerung uns 
zuruckgeblieben ist aus dem, was uns mit der Welt zu- 
sammengeschlossen hatte. Indem wir ein Erlebnis hat- 
ten, waren wir als Mensch daran beteiligt; wir hingen 
zusammen mit den Objekten; die Objekte ergossen in 
unsere Personlichkeit ihre Wesenheit aus. Alles, was da 
in Lebendigkeit abflofi, was intensiv erlebt wurde, was 
wir durchmachten mit der Auftenwelt, mit der Natur 
oder mit anderen Menschen, es verwandelte sich in Bil- 
der, und aus den Bildern heraus zaubern wir das Erleben 
wiederum herauf. - Warum konnen wir in der Gegen- 
wart das, was wir erlebt haben, wieder herauf zaubern? 
Weil wir einmal als Mensch damit verbunden waren, 
weil wir in dem Erlebnis mit der Aufienwelt eine Einheit 
waren. 

Wenn Sie das, was anthroposophische Geisteswissen- 
schaft auf den verschiedensten Gebieten des Erkennens 
durchgefuhrt hat, uberschauen, dann werden Sie wahr- 
nehmen, wie der Mensch im gewohnlichen Leben ja 
immer nur einen Teil dessen, was er ist, uberblickt. Wir 
miissen ja unsere Erkenntniskraft erweitern, wenn wir 
hinunterschauen wollen in unser eigenes Innere. Neh- 
men Sie nur das, was ich schon gesagt habe, daft wir, 
wenn wir unser gewohnliches Erinnerungsvermogen 
durchbrechen, erst hinunterschauen in den lebendigen 
Zusammenhang unserer Organisation, und wie wir dann 



iiber die Organisation in diejenigen Krafte hinausschau- 
en, innerhalb welcher wir gelebt haben in einem rein gei- 
stig-seelischen Dasein vor dem irdischen Dasein. Der 
Mensch hangt in seiner ganzen Wesenheit mit dem 
gesamten Weltendasein zusammen. Und wie er als der 
Mensch, der eingeschlossen ist zwischen Geburt und 
Tod, nur damit zusammenhangt, was er in der charakte- 
risierten Weise gemeinsam mit der Welt genossen oder 
erlebt hat, so hangt er damit, was man dann durch weite- 
res Forschen in sich entdeckt, mit der gesamten Mensch- 
heitsentwicklung der Erde und auch mit der Erd- 
entwicklung selber zusammen. Es ist nichts anderes, als 
zu gleicher Zeit eine Uberwindung, ein Durchbrechen 
des Gedachtnisses und ein Wiederauftreten der Gedacht- 
niskraft auf einer hoheren Stufe. Indem wir diejenige 
Gedachtniskraft im kleinen, die uns unsere irdischen Er- 
lebnisse bewahrt, iiberwinden, gelangen wir auf einer 
hoheren Stufe zu einer neuen Gedachtniskraft, durch die 
wir die Bilder entwickeln konnen von den Schicksalen, 
die die Erde selber durchgemacht hat in anderen planeta- 
rischen Formen, wie ich das in meiner «Geheimwissen- 
schaft» dargestellt habe. Und so wie wir durch unser 
alltagliches Gedachtnis bildhaft heraufzaubern, was wir 
erlebt haben seit unserer Geburt, so konnen wir, wenn 
wir den ganzen Menschen kennenlernen, durch Geistes- 
wissenschaft das aus der Menschheitsorganisation her- 
aufzaubern, was diese ganze Menschheitsorganisation 
mitgemacht hat, womit sie verbunden war: die gesamte 
Weltenentwicklung. Denn der Mensch ist ein Mikro- 
kosmos. Wir haben es nicht mit einer andern Welt zu 
tun als mit derjenigen, mit der wir selbst verkniipft 
waren. Das habe ich in meiner «Geheimwissenschaft» 
gezeigt. 



So sehen wir, meine sehr verehrten Anwesenden, wie 
anthroposophische Geisteswissenschaft eine Erweite- 
rung des Menschheitsbewulkseins wird. Wir sehen, wie 
man dadurch, dafi man in groftere Tiefen des Menschen- 
wesens hinuntersteigt, zu gleicher Zeit hineinsteigt in das 
objektive Weltenwerden. In demselben Mafte, in dem 
man gewissermafien fur Augenblicke verzichtet auf das 
gewohnliche Innenleben, tritt in dieses Innenleben hin- 
ein, was sonst objektives Aufienleben geblieben ist. In 
demselben Augenblick, in dem man untertaucht in die 
Regionen, die sonst dem Bewufitsein entzogen sind, 
taucht man in diejenigen Regionen ein, die uns als objek- 
tive Wesenheit, als Mensch herausgebildet haben aus 
dem gesamten Weltenall. Nicht anders kommt das zu- 
stande, was anthroposophische Geisteswissenschaft an 
Welterkenntnis liefern will. 

Aus der Signatur der Gegenwart heraus, wie ich sie 
charakterisiert habe, wendet der heutige Mensch gegen 
ein solches Welterkennen ein: Ja, aber da gelangt man ja 
in eine Region hinein, in der die Subjektivitat in beliebi- 
ger Weise sich geltend machen kann. - Und es wird im- 
mer mit einem gewissen Wohlgefuhl, konnte man sagen, 
von gewissen Leuten darauf hingewiesen, dafi ja die ver- 
schiedensten Geistesforscher, die schon da waren, in ver- 
schiedenster Art Kunde gegeben haben davon, was sie 
geschaut haben im Weltenall. Allerdings wird diese Ver- 
schiedenheit hauptsachlich von denen hervorgehoben, 
die sich nicht intimer, nicht wirklich eigentlich mit dem 
befafit haben, was von den verschiedensten Geistesfor- 
schern gesagt wird. Denn geradeso, wie es begreiflich 
erscheint, dafi ein Baum verschieden ausschaut, wenn 
er von verschiedenen Seiten photographiert wird - und 
eigentlich erst ein Gesamtbild des Baumes auf eine 



aufierliche Weise zustandekommt, wenn der Baum von 
vier oder sechs Seiten photographiert wird, und diese 
Photographien dann miteinander angeschaut werden 
so miifke es auch ganz begreiflich erscheinen, dafi der 
Mensch, der die geisteswissenschaftliche Methode auf 
sein eigenes Seelenleben anwendet, selbstverstandlich 
zunachst von seinem subjektiven Gesichtspunkte aus- 
geht, dafi aber, wenn er vorriickt in seinem Forschen, 
sicher immer der Standpunkt bemerkbar sein wird, auf 
dem er stent. Und geradeso, wie das Photographieren 
eines Batimes von einer bestimmten Seite objektiv [rich- 
tig] ist, so kann auch die Schilderung eines Geistesfor- 
schers objektiv [richtig] sein - trotzdem sie anders lautet 
als bei einem anderen, der eben von einem anderen Ge- 
sichtspunkt ausgegangen ist. Man wird aber bemerken, 
dafi die anthroposophische Geisteswissenschaft, die ich 
zu vertreten habe, sich bemiiht, dasjenige, was charakte- 
risiert wird, stets von den verschiedensten Seiten zu cha- 
rakterisieren, und daft dadurch in einer gewissen Weise 
ausgeglichen werden soil, was durch die Schilderung von 
nur einem Gesichtspunkte aus einseitig werden kann - 
dieses Schildern von einem Gesichtspunkte aus, das ja 
namentlich auftreten kann, wenn irgend jemand meine 
Biicher nimmt und sie in abstrakter Weise miteinander 
vergleicht und sich dann sagt: Ja, da steht iiber eine 
Sache dieses und hier steht jenes. - Das kann sehr 
leicht ausgemiinzt werden, als ob Widersprixche da wa- 
ren. Dieses entspringt aber aus nichts anderem, als aus 
dem Bemiihen, die Dinge von den verschiedensten Seiten 
her zu schildern, damit eben gerade durch diese beson- 
deren Wendungen in der anthroposophischen Gei- 
steswissenschaft eine Art Allseitigkeit erzielt werden 
konne. 



Wer das ganz kennenlernt, was auf dem inneren Wege 
gesucht und gefunden wird, der wird immer mehr und 
mehr sich klarmachen konnen, wie sich da ein inneres 
Vermogen, eine innere Fahigkeit entwickelt, die eigent- 
lich dem ahnlich ist, was der Mensch in der mathema- 
tischen Seelenverfassung hat. [Es ist] wie in der Mathe- 
matik, wo wir etwas haben, was uns einen bestimmten 
seelischen Inhalt gibt, der ganz aus dem Innern gewon- 
nen ist. Denn die Mathematik ist ganz aus dem Innern 
gewonnen; wir wissen, daft eine mathematische Wahr- 
heit wahr ist, wenn wir sie innerlich durchschaut haben, 
mogen auch Millionen von Menschen es anders sagen. 
Dasjenige, was sich da abspielt in der Seele, indem wir 
eine mathematische Wahrheit festzuhalten wissen, die 
zu gleicher Zeit innerlich und aufierlich ist, das spielt sich 
in ahnlicher Weise [in der Seele] ab, wenn wir - aller- 
dings durch das Subjektive hindurch - zu dem inner- 
lich Objektiven kommen, das uns in anthroposophischer 
Geisteswissenschaft wirklich vorliegen kann. Nur der 
Anfang des Forschungsweges ist subjektiv, von dem 
schweigt aber der wahre Anthroposoph. Das, was sich 
dann nach Uberwindung der subjektiven Eigentiimlich- 
keiten des Forschers ergibt, das ist durchaus ein Objek- 
tives, von dem kann man sprechen wie von einer aufieren 
Beobachtung, die man durch die Sinne oder auch durch 
die Waage oder mit dem Mefistab gemacht hat; geradeso, 
wie man von mathematischen Feststellungen sprechen 
kann, nur dafi diese formal sind, wahrend diejenigen 
Feststellungen, die man durch Geisteswissenschaft 
macht, eben inhaltvoll sind. 

Das zeigt aber, dafi diese anthroposophische Gei- 
steswissenschaft vor alien Dingen bemiiht ist, unmittel- 
bar zum Menschen zu sprechen. Das ist auch ihre Aufga- 



be. Wahrend die gegenwartige Wissenschaftlichkeit nach 
einem Nivellement strebt, gewissermafien danach strebt, 
den einen Menschen zum Abklatsch des andern zu ma- 
chen, kann anthroposophische Geisteswissenschaft nicht 
anders, als zu jedem Menschen als zu einer Individuality 
zu sprechen. Das ist, mochte ich sagen, das unmittelbare 
soziale Vertrauen, das man sich im Wirken fur diese an- 
throposophische Geisteswissenschaft erwirbt, dafi man 
nicht irgendetwas hinstellen will, was dadurch, daft man 
es erforscht hat, nun gelten soil fur alle Menschen, son- 
dern durch das man nur appellieren will an die Men- 
schen, indem man sagt: man hat den Inhalt anthroposo- 
phischer Geisteswissenschaft selbst erforscht. Aber die- 
ser Inhalt ist der wahre Inhalt der Menschennatur. Spre- 
che ich zu den einzelnen Menschen, so spreche ich so, 
daft ich sie nicht im Nivellement sehe, sondern jeden ein- 
zelnen als Individuality anspreche. Ich rechne darauf, 
dafi, weil ja der Mensch Mensch ist, weil die Menschen 
gleichen seelisch-geistig-leiblichen Ursprungs sind, daft 
verwandte Saiten anklingen, dafi aus dem Innersten her- 
aus auf individuelle Weise dasselbe wiederkommt, was 
von dem einen Menschen angeschlagen wird. Nicht so, 
wie man sonst in der Wissenschaft spricht, spricht man 
durch Anthroposophie zu den Menschen, als ob man 
Anhangerschaft fur etwas nun einmal Festgestelltes su- 
chen wiirde, sondern so spricht man durch Anthroposo- 
phie, dafi man an das Innere eines jeden einzelnen Men- 
schen appelliert und sagt: Wenn du in dein eigenes Inne- 
res hineinschaust, dann entdeckst du auf diesem Wege in 
deiner eigenen Wesenheit das, was ich dir mitteilen will, 
weil ich es erforscht habe. - Die Art des Sprechens von 
Mensch zu Mensch iiber Geisteswissenschaft, alle Art 
des Unterrichtens nimmt einen anderen Ton, eine andere 



Gesinnung an, indem man die Mitteilungen in Formeln 
der anthroposophischen Geisteswissenschaft hiillt. Das 
ist das, was an anthroposophischer Geisteswissenschaft 
wirksam ist gegen die Signatur unserer Zeit, wie ich sie 
geschildert habe: Dasjenige, was wiederum aus dem 
Denken, aber aus dem Denken aus dem Vollmenschen 
heraus, appelliert, appelliert zu gleicher Zeit an jeden 
einzelnen Menschen. Das Gegenteil davon ist das, was 
angestrebt wird im Nivellement. Es wird angestrebt die 
Individualisierung des Menschen durch das, was Er- 
kenntnis ist, durch das, was Erarbeitung eines Welt- 
anschauungsinhaltes ist. Dieser Inhalt anthroposophi- 
scher Geisteswissenschaft soil der allersubjektivste und 
zugleich der objektive, der allerpersonlichste und zu- 
gleich der allgemein geltende Inhalt der menschlichen 
Wissenschaftlichkeit sein. Die Menschheit der Gegen- 
wart braucht diesen Gegensatz gegen das Nivellement. 
Von dem Nivellement ist ausgegangen das, was ich Ihnen 
geschildert habe, was im Grunde genommen ein antiso- 
ziales Element ist, weil es sich als Gegenpol geltend 
macht: das Unverstandnis des einen Menschen gegen- 
iiber dem anderen Menschen. Von anthroposophischer 
Geisteswissenschaft soil ausgehen das liebevolle Verste- 
hen des einen Menschen gegeniiber dem anderen; und es 
wird vor alien Dingen nicht nur eine allgemeine Men- 
schenkenntnis, eine allgemeine Anthroposophie kom- 
men, sondern durch das, was diese allgemeine Anthro- 
posophie und Welterkenntnis sein wird, wird eine 
Seelenverfassung angeregt werden, die auch wiederum 
liebevolles Verstandnis fur jede einzelne Eigentumlich- 
keit unseres nachsten Menschen in sich schliefit. 

Was soziales Leben ist, kann nicht begriindet werden, 
wenn es nicht begriindet wird aus den tiefsten, heiligsten 



Wurzeln der Menschenwesenheit selber heraus; die sind 
aber doch fiir die heutige Menschheitsentwicklungs- 
phase die individuellen, wie ich gestern andeutete. Daher 
wird Geisteswissenschaft im wesentlichen diesen an- 
deren Einschlag der geistigen Signatur der Gegenwart 
geben, den wir so stark brauchen. 

Damit ist aber schon gesagt, dafi auch der andere Pol, 
der charakterisiert werden mufke mit Bezug auf die Si- 
gnatur der Gegenwart, einen anderen Charakter anneh- 
men wird. Im praktischen Leben wird eintreten, was nun 
nicht ein antisoziales Element ist, sondern was ein so- 
ziales Element ist. Dieses antisoziale Element, woher 
kommt es denn eigentlich? Es kommt davon her, dafi, 
indem gerade die Kopfkultur einen Hohepunkt erreicht 
hat, die Instinkte aus der menschlichen Natur heraus 
walten und das Fuhlen und Wollen ergreifen. Was 
anthroposophisches Erkennen ist, leuchtet hinein in das 
Fuhlen, leuchtet hinein in das Wollen; es stumpft nicht 
ab die elementare Gewalt des Fiihlens und Wollens, wie 
die Menschen so leicht glauben; es nimmt den Menschen 
nicht ihre urspriingliche Naivitat. Nein, wenn irgend et- 
was Schones beleuchtet wird, verliert es seine Eigentum- 
lichkeit nicht, sondern sie tritt erst recht hervor. Das, 
was in den Untergriinden der menschlichen Natur liegt, 
wird nicht stumpfer, wenn es anthroposophisch be- 
leuchtet wird, sondern es wird gerade in richtiger Weise 
entfaltet, ohne daft der Mensch die heutige Zeitkrank- 
heit, die Nervositat, dadurch mitzumachen hat. Der Ge- 
danke leuchtet wiederum hinein in das Fuhlen, das Fiih- 
len ergreift ihn, und indem wir in das Fuhlen mit dem 
Gedanken hineinleuchten, verwandelt sich das «Ich den- 
ke, also bin ich nicht», das «Ich bin nur im Bilde, indem 
ich denke» - es verwandelt sich das Denken in ein Sein. 



Und erst indem wir in das Wollen untertauchen, das 
sonst nur im Schlafe erlebt wird - denn was weifi der 
Mensch im gewohnlichen Erkennen von der Beziehung, 
die da herrscht zwischen einem Gedanken, der zum Wil- 
len fiihren soil, und dem Heben der Hand? indem 
dieses Denken geisteswissenschaftlich in dieses Wollen 
eintaucht, entwickelt sich das, was nun, wie man sagen 
konnte, im hellen Licht der Geisteserkenntnis von dem 
einen Menschen zum anderen Menschen hinfuhrt. Die 
Menschheit kann ein soziales Ganzes nur dadurch wer- 
den, dafi die Gefuhle, dafi die Willensimpulse durch- 
leuchtet werden, jetzt nicht von abstrakter, intellektua- 
listischer Erkenntnis, sondern von dem hoheren Schau- 
en. Dadurch aber, daft sie von dem hoheren Schauen 
durchtrankt werden, wird eine wahrhafte Sozialwissen- 
schaft, eine Sozialethik entstehen. Gerade eine solche So- 
zialethik sollte in meinem Buche «Die Philosophic der 
Freiheit» gegeben werden. Da zeigte ich, dafi sich der 
Mensch ja im Grunde genommmen nur frei fiihlen kann, 
indem er aus dem reinsten Denken heraus einen Impuls 
fur das Handeln, fur das Wollen entwickelt. Der Mensch 
konnte sich niemals frei fiihlen, wenn er aus irgendwel- 
chen anderen Untergriinden heraus Willensimpulse 
schopfen miifite. Wenn wir einem Spiegel gegeniiberste- 
hen, und blofi ein Bild vor uns haben - der Vergeich ist 
mehr als ein Vergleich -, so kann uns dieses Bild nicht 
zwingen. Wenn mich irgend etwas schiebt, so bin ich 
gezwungen durch Kausalitat. Wenn ich das Bild an- 
schaue, kann ich nicht gezwungen werden; das Bild hat 
keine Kraft in sich, um mich zu zwingen. Wenn ich mei- 
ne Willensimpulse in dem reinen Bildgedanken erfasse, 
dann haben diese Bildgedanken keine kausale Macht, 
keine Schwungkraft. Indem man die Bildhaftigkeit des 



Denkens erkennt, erkennt man, wie im reinen Denken 
der freie Wille wirklich aufgeht, so dafi nur im In- 
dividuellsten des Menschen auch die Impulse fiir freies 
Handeln gefunden werden konnen. Dadurch aber, dafi 
in dieses reine Denken, das uns zunachst Bild ist, der 
Wille einzieht, gerade dadurch, dafi der Wille einzieht, 
wie es der Fall ist beim liebevollen sozialen Handeln 
oder bei hoherer ubersinnlicher Erkenntnis, wie Sie in 
den Ausfiihrungen meines Buches «Wie erlangt man Er- 
kenntnisse der hoheren Welten?» sehen konnen, da- 
durch wird das sonst reine Denken von dem erfullt, was 
des Menschen ureigene, ewige Wesenheit ist. Und das 
erste Hellsehen, meine verehrten Anwesenden, ist schon 
da, wenn ein freier WillensentschluE im Gedanken auf- 
leuchtet. Und im Grunde genommen ist alles das, was 
dann von mir als Methode zum Herauffuhren in die 
hochsten Geisteswelten angegeben wird, nichts anderes 
als eine metamorphosierte Ausgestaltung dessen, was ich 
in meiner «Philosophie der Freiheit» als dem freien Wol- 
len zugrunde liegend geschildert habe. Erkennt man, wie 
in diesem vom Willen durchzogenen reinen Denken 
dasjenige vorliegt, worin der Mensch das Weltgeschehen 
zunachst erfassen kann wie an einem Zipfel, dann lernt 
man auch allmahlich einsehen, wie man diese Seelen- 
verfassung, die sonst nur in der freien Handlung des 
Menschen vorhanden ist, in der gestern geschilderten 
Weise erweitern kann, und wie man dadurch zu iiber- 
sinnlichen Erkenntnissen kommen kann. Will der 
Mensch sich als freies Wesen erkennen, so muli er den 
Anfang machen mit diesem wahren ubersinnlichen 
Schauen, sonst wird ihm Freiheit immer etwas Unmog- 
liches sein. Die Freiheit vertragt sich auch nicht mit der 
Naturkausalitat - auch nicht fiir den Kantianer oder fiir 



den, der wenigstens behauptet, einer zu sein. Und auf 
keine andere Weise kommt man zu einem Harmoni- 
sieren von Naturkausalitat und menschlicher Freiheit, 
als indem man die Sache so durchschaut, wie ich es eben 
geschildert habe. 

Dann aber begriindet sich noch etwas anderes. Was 
ich in meiner «Philosophie der Freiheit» geschildert habe 
als Grundlage des sozialen Wollens, ist viel, viel verkannt 
worden. Die Leute haben eingewendet: Wie sollen die 
Menschen denn zusammenwirken im sozialen Organis- 
mus, wenn jeder nur den inneren Antrieben seiner indi- 
viduellen Wesenheit folgt? - Darum geht es aber gar 
nicht. Es geht darum, daft durch eine wirkliche, echte, 
wahre geistige Entwicklung des Menschen heranerzogen 
werden kann, was ich nennen mochte: das wirkliche so- 
ziale Vertrauen. Ein menschenwurdiges Dasein im sozia- 
len Leben ist ja doch nur moglich, wenn wir nicht von 
aufien her durch Gebote oder anderes zum Handeln ge- 
zwungen werden, sondern wenn wir aus dem innersten 
Triebe unseres Wesens heraus frei handeln konnen. 
Dann aber mussen wir dieses grofte Vertrauen zum an- 
deren entwickeln konnen, das Vertrauen, dafi er allmah- 
lich auch dazu gelangt, aus dem innersten Trieb seiner 
Menschennatur heraus zu handeln. Und dadurch, daft 
der Mensch vorschreitet zum Innersten seines Wesens 
und allmahlich sich ein solches Verstandnis des einen 
zum anderen entwickelt, wird durch ein voiles gegen- 
seitiges Vertrauen eine soziale Ethik, ein sozialer Orga- 
nismus aus der individuellen Gestaltung des einzelnen 
Wollens heraus sich ergeben konnen. - So hangt das, was 
bewuikes Vertrauen ist, zusammen mit dem, was ja im 
Sinne des heutigen Strebens der Menschennatur doch 
nur als das soziale Wollen angesehen werden kann. 



Man sieht am besten, wie anthroposophische Geistes- 
wissenschaft zu der gegenwartigen Signatur des Geistes- 
lebens steht, wenn man hinschaut darauf, was - aus den 
Untergriinden heraus, die ich eben charakterisiert habe - 
aus der religiosen Auffassung der Menschheit allmahlich 
geworden ist. Geisteswissenschaft wird gerade von die- 
ser Seite immer wieder angegriffen, indem gesagt wird, 
Geisteswissenschaft wolle durch Erkenntnis in die iiber- 
sinnlichen Welten eintreten, aber gerade darin bestiinde 
doch das Wesen des religiosen Lebens, so sagt man, dafi 
man eben dasjenige, zu dem man als gottliche Weltord- 
nung Vertrauen hat, nicht kennt, dafi man also ein blofi 
subjektives Vertrauen hat. Es wiirde also darnach das 
Wesen der Religion gerade darin bestehen, daft man in 
ihr eine blofie Glaubensgewifiheit entwickelt, und dafi 
man die Erkenntnisgewifiheit ausschliefk. Aber meine 
sehr verehrten Anwesenden, diese Glaubensgewifiheit, 
die ja identisch ist mit dem, was man Vertrauen nennen 
kann, die kann sich im Grunde genommen fur den, der in 
diesen Sachen ehrlich denkt, innerhalb des religiosen 
Lebens auch nicht auf einem anderen Wege herstellen, 
als wiederum aus dem, was aus einer wirklich iibersinn- 
lichen Erkenntnis folgt. Schon eine historische Betrach- 
tung konnte die Menschheit das lehren. Was ist es denn, 
woher die heutigen Menschen, die sich in der angedeute- 
ten Weise gegen Anthroposophie auflehnen, ihr religio- 
ses Vertrauen nehmen? Ist es etwas wirklich Elementa- 
res? Das ist eine blofie Illusion. Es sind die Reste der 
historischen Religionen. Es sind die Reste dessen, was 
sich in der Geschichte heraufentwickelt hat als die histo- 
rischen Religionen. Im Sinne anthroposophischer Gei- 
steswissenschaft haben diese Religionen ihre voile Be- 
rechtigung, und ihre letzte Hohe, wodurch die Erden- 



entwicklung ihren eigentlichen Sinn erhalten hat, ihre 
hochste Hohe haben sie eben in dem Christentum erhal- 
ten. In dem Christentum ist dasjenige enthalten, was als 
Urreligion zu gelten hat, die letzte Form der Religion, zu 
der die Menschheit hat emporsteigen konnen, und die 
fur die iibrige Zeit der Menschheit die fortgeltende sein 
muE. Anthroposophische Geisteswissenschaft tastet das 
Christentum nicht nur nicht an, sondern sie begriindet es 
erst im tieferen Sinne. Aber auf der anderen Seite muE 
man sagen: Woher haben denn die Religionen ihren In- 
halt genommen? Sie haben ihn - das kann historisch 
nachgewiesen werden -, sie haben ihn auch aus geistigen 
Schauungen, wenn auch aus alten instinktiven geistigen 
Schauungen, entnommen. Auf keinem anderen Wege, als 
auf dem, den die Geisteswissenschaft in anthroposophi- 
scher Orientierung jetzt wissenschaftlich weisen will, 
haben die Religionen in alten instinktiven Schauungen 
ihren ubersinnlichen Inhalt bekommen. Dieser hat sich 
f ortgepflanzt, der ist da in Schrift und Tradition. Und die 
Religionen hatten keinen Inhalt, wenn es nicht einmal 
instinktive iibersinnliche Schauungen der Menschen ge- 
geben hatte. Schon daraus, und noch aus vielem anderen, 
ist zu entnehmen, wie unrecht es ist, zu sagen, es diirfe 
von anthroposophischer Seite nicht ein Weg gewiesen 
werden in die ubersinnlichen Welten, denn fur die Reli- 
gionen miilken die ubersinnlichen Welten gerade als das 
feme Unbekannte gewahrt werden, zu dem man nicht 
durch das Erkennen kommen konne, sondern nur durch 
das naive Vertrauen und durch den Glauben. Der Wert 
der Religionen wird sich enthullen, wenn vom Lichte der 
Erkenntnis in sie hineingeleuchtet wird. Diejenigen sind 
im Grunde schwache Christen, die glauben, dafi durch 
irgendeine geisteswissenschaftliche Entdeckung die 



Grofte und Bedeutsamkeit des Christentums beeintrach- 
tigt werden konnte. Diejenigen s'md gerade schwache 
Christen nach meiner Auffassung, die da glauben, daft 
man nicht mit irgendeiner Wissenschaft heran diirfe an 
das Christentum, weil es darunter leiden konnte. Gera- 
desowenig, wie in den Evangelien etwas von Amerika 
steht, Amerika aber als Realitat gelten gelassen werden 
muli, so miissen auch gelten gelassen werden die wieder- 
holten Erdenleben, trotzdem in den Evangelien nichts 
davon steht. 

Das ist es, was aus einer bestimmten Seelenverfassung 
heraus Anthroposophie zu einer Zeitangelegenheit 
macht. Ich habe das dargestellt in meinen «Ratseln der 
Philosophies wo ich gezeigt habe, wie die einzelnen phi- 
losophischen Anschauungen bis zur Gegenwart dahin 
tendieren, in die anthroposophische Anschauung einzu- 
laufen. So daft in der Tat aus der Signatur der geistigen 
Gegenwart heraus abgelesen werden kann, wie man zu 
anthroposophischer Weltanschauung aufsteigen kann. 

Diese Signatur der geistigen Gegenwart mochte ich 
Ihnen jetzt zum Schlusse noch mit ein paar Strichen 
zeichnen, aus der Anthroposophie selbst heraus, damit 
Sie sehen, daft derjenige, der auf dem Boden der An- 
throposophie steht, nicht davor zuriickschreckt, die Er- 
gebnisse seiner Forschung mitzuteilen, die er auf dem 
Wege, der Ihnen geschildert worden ist, erforscht hat, 
und die fur ihn ebenso feststehen, wie die Ergebnisse 
der Astronomie, der Physiologie, der Biologie, der 
Pflanzenkunde. 

Wenn wir mit anthroposophisch gescharftem Blick 
eine verhaltnismaftig kurze Spanne in der Menschheits- 
entwicklung zunickschauen, so finden wir, wie wir zum 
Beispiel schon das Griechentum nicht verstehen kon- 



nen. Es ist im vorhergehenden Vortrage von Herrn Dr. 
Heyer darauf hingewiesen worden, wie sich das Be- 
wulksein der Menschheit im Laufe der geschichtlichen 
Entwicklung geandert hat. Wir brauchen, um das rein 
empirisch zu erharten, nur hinzuschauen auf die be- 
sondere Art des griechischen BewuEtseins. Herman 
Grimm, der, trotzdem er in vieler Beziehung ange- 
fochten wird, fiir solche Dinge den feinen Blick eines 
historischen Schauers sich bewahrt hatte, er hat mit fol- 
genden scharfen Worten auf dieses unser Verstandnis- 
Verhaltnis zu den Griechen hingewiesen. Er sagte: Das- 
jenige, was die Romer dargelebt haben, wie ein Casar, 
ein Brutus gelebt hat, das konnen wir verstehen. Unsere 
Bewufitseinselemente haben sich seither nicht so veran- 
dert, daft wir das nicht verstehen konnten. Dasjenige, 
was uns von Alkibiades, von Perikles, von Plato, So- 
phokles erzahlt wird, das bilden sich die Leute nur ein 
zu verstehen, wenn sie auf dem Standpunkte des heuti- 
gen Menschheitsverstandnisses bleiben. Wie Marchen- 
helden sind eigentlich die nur schattenhaft vor den ge- 
wohnlichen Menschheitsideen aufsteigenden Gestalten 
eines Perikles und Alkibiades. - Marchengestalten sieht 
Herman Grimm in der ganzen griechischen Geschichte. 
Geisteswissenschaft ist dazu berufen, das herbeizu- 
fiihren, was das Bewufitsein erweitern kann, so dafi man 
wirklich die innere Seelenverfassung so wandelt, dafi 
man wiederum drinnenstehen kann in diesem besonde- 
ren inneren Erleben der Griechen. Und da mufi man 
sagen: Dieses Erleben der Griechen, es beruhte auf 
einem historischen Gesetz, das heute erst von der 
anthroposophischen Geisteswissenschaft in seinem vol- 
len Umfange anerkannt wird. Es ist das Gesetz, das ich 
Ihnen nun in der folgenden Weise charakterisieren will. 



Je mehr wir zuriickgehen in der Menschheitsent- 
wicklung, ins Griechentum, Agyptertum, ins Perser- 
tum, ins Indertum und in die vorhistorischen Zeiten, 
desto mehr finden wir, dafi eigentlich die ganze mensch- 
liche Konstitution eine andere ist. Wir sehen heute das 
Leben sich in dem Kinde so entwickeln, daft das Seelen- 
leben in einem hohen Grade an die korperliche Orga- 
nisation gebunden ist. Nehmen Sie mein Schriftchen 
«Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der 
Geisteswissenschaft» oder anderes, was ich im Zusam- 
menhang mit der Padagogik gesagt habe, und Sie wer- 
den sehen, wie mit dem Zahnwechsel im siebenten, ach- 
ten Jahr die ganze Seelenverfassung des Kindes sich 
andert. Und aus dem gewohnlichen Leben heraus ist ja 
bekannt, wie die ganze Seelenverfassung des Menschen 
sich andert, wenn er geschlechtsreif wird. Weniger be- 
merkbar ist schon, daft ahnliche Veranderungen wie- 
derum im Beginn der zwanziger Jahre und am Ende der 
zwanziger Jahre vor sich gehen; diese spielen sich mehr 
innerlich ab, aber sie sind ganz deutlich auch fur den 
Gegenwartsmenschen noch vorhanden. Wenn wir dage- 
gen in die hoheren Jahre heraufkommen, in die dreifti- 
ger Jahre, dann wird da das seelisch-geistige Leben des 
Menschen in hohem Grade unabhangig vom Korperli- 
chen. Da treten wir ein in dasjenige Stadium unserer 
Entwicklung, in dem wir durch auftere Erfahrung, 
durch das Zusammensein mit der Welt, unsere Seele 
verandern. Da verandern wir unsere Seele nicht mehr 
durch das, was etwa in solcher Art wie der Zahnwech- 
sel, die Geschlechtsreife, oder die Umanderungen nach 
dem zwanzigsten Jahr in uns vorgeht. - Das aber, was 
sich bei uns mehr auf die jugendlichen Jahre bis an das 
Ende der zwanziger Jahre erstreckt, das erstreckte sich 



in alten Zeiten bis hinauf in das hohe Menschenalter. 
Dieses Gesetz ist ein historisches Gesetz. Das kann man 
beobachten, wenn man sich jenes Beobachtungsvermo- 
gen fur das innere Seelenleben angeeignet hat, das uns in 
den Resten, die heute noch bei alten Menschen auftre- 
ten, zeigt, dafi eine solche Entwicklung einmal da war. 
Weifi man das, dann sieht man zum Beispiel in die alte 
urindische Zeit zuriick, in Zeiten, die ins Vorhistorische 
fiihren, wo der Mensch bis in die fiinfziger Jahre hinauf 
in seinem seelisch-geistigen Leben von der korperlichen 
Entwicklung abhangig war. Man wurde da ein Patriarch 
gleichzeitig durch die korperliche Entwicklung und in 
der seelischen Entwicklung, wie man heute ein ge- 
schlechtsreifer Mensch gleichzeitig physisch und see- 
lisch wird. Dieses Zusammenklingen des Korperlichen 
mit dem Seelisch-Geistigen ging in alten Zeiten bis ins 
hohe Menschenalter hinauf. Der Mensch erfuhr in jenen 
alten Zeiten auch jene absteigende Linie der korperli- 
chen Entwicklung, die etwa mit dem 35. Jahr beginnt. 
Bis dahin wachst und sprofk unser Organismus; von da 
ab geht es abwarts, von da ab ist eine niedersteigende 
Entwicklung vorhanden. Diese niedersteigende Ent- 
wicklung machen wir heute nicht in derselben Weise 
durch; wir werden allerdings von dem Alter bedruckt, 
das ist aber etwas anderes, als das in alten Zeiten war. In 
alten Zeiten war es so, dafi gleichzeitig mit dem Steifer- 
werden, mit dem Vertrockneterwerden der aufierlichen 
Korperlichkeit ein helles Aufleuchten der Geistigkeit 
vorhanden war, so dafi man im Patriarchenalter hin- 
einwuchs in naturgemafier Entwicklung in eine gewisse 
Geistigkeit. Was in alteren Zeiten fur ein hoheres Alter 
noch vorhanden war, das war fur den Griechen bis in 
die Mitte der dreifiiger Jahre noch vorhanden. Was der 



Grieche bis ungefahr zu seinem 35. Lebensjahr noch 
durchmachte, das machen wir als Menschen in den drei- 
fiiger Jahren einfach nicht mehr durch und strahlen es 
daher auch nicht mehr im sozialen Leben aus. Das 
brachte in das ganze soziale Griechenleben das hinein, 
was zum Beispiel Goethe empfand, als er in Italien von 
Sehnsucht getrieben in sich das Griechentum nacherle- 
ben wollte, und wo er sagte: Wenn ich aber diese grie- 
chischen Kunstwerke ansehe, und sehe, wie die Grie- 
chen bei der Schaffung ihrer Kunstwerke nach densel- 
ben Gesetzen verfuhren, nach denen die Natur selber 
verfahrt bei Schaffung ihrer Naturwerke, dann empfin- 
de ich Notwendigkeit, dann empfinde ich Gott. - Das 
haben die Griechen nicht anders vermocht, die Gesetze 
der Natur in ihren Kunstwerken nachzuformen, als 
dadurch, da£ sie das Sich-Empfinden in der Harmoni- 
sierung des Geistig-Seelischen und des Physisch-Leib- 
lichen, die da sind, wenn der Mensch gerade die Mitte 
seines Lebens in voller, auch kdrperlicher Entwicklung 
erreicht, dafi sie das in ihren vorzuglichsten Exemplaren 
[?] haben durchmachen konnen. Aus dieser physisch- 
seelischen Organisation ging die griechische Art kiinst- 
lerischen Schaffens, ging die griechische Art des religio- 
sen Fiihlens hervor, und ging auch das medizinische 
Denken beim Griechen hervor. Das war die Signatur 
der Geistigkeit in der Menschheit, die einfach davon 
herruhrte, dafi in den dreifiiger Jahren das erlebt wurde, 
was ich geschildert habe. Man konnte sagen: Wie in der 
Mitte des Waagebalkens das Gleichgewicht des Waage- 
balkens erlebt wird, so haben die Griechen das Gleich- 
gewicht des Menschenlebens dadurch erlebt, dafi sie das 
Hereinspielen des Seelisch-Geistigen bis in die Mitte 
der dreiftiger Jahre noch erfafken. Wir erfassen es nicht 



mehr. Wir erreichen - wenn ich in derselben Redeweise 
fortfahren soil - eine physische Entwicklung, die auf die 
seelische noch einen Einfluft hat, in unserem heutigen 
Zeitalter nur bis zum Ende der zwanziger Jahre. Da- 
durch hort fiir unsere spateren Lebensjahre dasjenige 
auf, was aus den Tiefen der Menschennatur heraufsteigt 
und die Weltanschauung durchzieht. Dadurch ist aber 
auch die Notwendigkeit heraufgezogen, daft das, was 
sich nicht mehr auf naturliche Art in der Menschheit 
entwickelt nach dem 28. Lebensjahr, auf bewuftte Art 
durch anthroposophisch-geisteswissenschaftliche Erzie- 
hung errungen werde, daft das tatsachlich seelisch inner- 
lich errungen werde, was friiher aus der Menschennatur 
selber aufstieg. Das ist die Signatur unserer Zeit gewor- 
den, daft wir nur noch in jungen Jahren in der Kor- 
perlichkeit drinnen leben. Das ist das, was nun auch, 
und zwar - jetzt darf ich es sagen, ohne miftverstanden 
zu werden - in berechtigter Weise, in den Materialismus 
hineingefuhrt hat. Denn das Kind mufi, indem es sich 
selbst betrachtet, materialistisch sein, weil sich die Gei- 
stigkeit aus der Materie heraus erst loslost. Wir sind als 
Menschheit in den neueren Jahrhunderten in dem Mafie 
materialistisch geworden, je mehr wir an dasjenige Zeit- 
alter gebunden sind, das in der aufsteigenden materiel- 
len, organischen Entwicklung ist, und je weniger wir 
noch von der Natur bekommen in der ab warts gehenden 
Entwicklung nach dem 35. Lebensjahr. 

Das ist die Signatur unserer Zeit. Das hat uns in den 
Materialismus hineingefuhrt, indem wir uns als Mensch- 
heit in den letzten Jahrhunderten den unbewuftten Kraf- 
ten iiberlassen haben. 

Was anthroposophische Geisteswissenschaft will, das 
ist, daft wir das, was uns die Natur nicht mehr gibt, nun- 



mehr geradeso naiv, wie wir es friiher von der Natur 
empfangen haben, vom Geiste empfangen, dafi wir den 
Mut entwickeln, die Kraft entwickeln, vom Geisteslande 
aus zu empfangen, was wir aus dem Naturlande nicht 
mehr empfangen konnen. Die geistige Signatur unserer 
Zeit weist uns darauf hin, unsere voile Menschlichkeit, 
die wir nicht mehr von der Natur erlangen konnen, aus 
geistiger, aus freier Willensbetatigung heraus zu entwik- 
keln. Das begriindet nicht eine Dekadenz. Nein, die De- 
kadenz wird gerade dadurch begriindet, dafi man sich in 
einer Zeit, die den Geist verlangt, nur der Natur iiberlas- 
sen will. Der Materialismus ist als eine notwendige Er- 
scheinung heraufgezogen. Die Uberwindung des Mate- 
rialismus mu6 ebenso als eine notwendige Erscheinung 
eintreten. Das glaubt anthroposophische Geisteswissen- 
schaft aus den Zeichen der Zeit, aus der Signatur der Zeit 
ablesen zu konnen. Aus diesem Welt- und Menschheits- 
bewufitsein heraus will sie wirken. 

Menschen, die etwas tiefer eingedrungen sind in diese 
Signatur unserer Zeit und die in der letzten Zeit da oder 
dort gesprochen haben, haben im Grunde genommen 
immer nur in negativer Weise darauf hingewiesen, was 
an Niedergangskraften in unserer Zeit ist und was im 
Grunde genommen sein mufi, wenn wir diese eben cha- 
rakterisierte Entwicklung des Menschengeschlechts ins 
Auge fassen. Man braucht da nicht auf Spengler hinzu- 
weisen, auf den ja heute viel hingewiesen wird, sondern 
man kann hinweisen auf einen unserer besten Philoso- 
phen, Gideon Spicker, der aus weitherzigem BewuEtsein 
seine Schrift verfafit hat und der immer wieder darauf 
hingewiesen hat, wie der Mensch in unserer Zeit nicht 
mehr die Verbindungsbriicke schaffen kann zu dem, was 
ihm eigentlich das voile Bewufitsein als Mensch gibt, 



was ihn anbindet wiederum an das Ewige, was ihn 
durchdrungen sein lafit von dem Gottlich-Ewigen. Und 
beherzigenswerte Worte hat gerade Gideon Spicker im 
Jahre 1909 gesprochen, indem er in seiner Art die Signa- 
tur unserer Zeit beschrieben hat. Er sagte: Wir haben es 
dahin gebracht, eine Metaphysik zu haben ohne iiber- 
sinnliche Uberzeugung; eine Erkenntnistheorie ohne 
objektive Bedeutung; eine Logik ohne Inhalt, eine Psy- 
chologic ohne Seele, eine Ethik ohne Verbindlichkeit 
und eine Religion ohne Vernunftgriinde. - 

Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, liebe Kom- 
militonen. Anthroposophie will dem Menschen wieder- 
um eine Erkenntnistheorie geben, die in die Wirklichkeit 
hineinfiihrt, weil die Wirklichkeit zugleich materiell und 
geistig ist. Anthroposophische Geisteswissenschaft will 
dem Menschen eine wirkliche Uberzeugung von der 
iibersinnlichen Welt geben - durch die Aufzeigung des 
Weges zum Schauen dieser Welt. Anthroposophische 
Geisteswissenschaft will eine Logik begriinden, die wie- 
derum in die Wirklichkeit der Dinge untertaucht. An- 
throposophische Geisteswissenschaft will von einem 
Seelenleben als Wirklichkeit sprechen, nicht blofi von 
demjenigen Seelenleben, das wir bildhaft herausdeuten 
aus den naturwissenschaftlichen Ergebnissen der An- 
thropologic Anthroposophische Geisteswissenschaft 
will aus den Untergriinden der Menschheit heraus eine 
verbindliche Sozialethik schaffen. Und anthroposo- 
phische Geisteswissenschaft will eine religiose Uber- 
zeugung geben, die gestutzt ist auf die Erkenntnisse, auf 
das Schauen dessen, was im religiosen Leben als das gott- 
liche Dasein existieren mufi. 

So will anthroposophische Geisteswissenschaft auf 
die Signatur unserer Zeit wirken, aber nicht deshalb, 



weil das aus irgendeinem utopistischen Sinne oder aus 
einem willkiirlichen Willensentschlufi hervorgeht, son- 
dern weil das denjenigen, die nun die grofite Not und 
die tiefste Sehnsucht unserer Zeit zu beobachten vermo- 
gen, im allerwesentlichsten Sinne fur unser Zeitalter 
notwendig erscheint. 



FRAGENBEANTWORTUNG 



am Padagogischen Abend 
Darmstadt, 28. Juli 1921 

Frage: Die neuere Zeit hat den Grundsatz der Anschauung [im 
Unterricht] wieder ausgegraben. Nun zeigt sich, wenn das Kind 
die Schule verlafit, dafi es dem Leben gegeniiber hilflos ist, 
wenn es denken soil. Es ist vor lauter Anschauung haften ge- 
blieben am Bilde. 

Rudolf Steiner: Das ist eine aufierordentlich wichtige 
padagogische Frage der Gegenwart, die Frage [nach] der 
Anschaulichkeit beziehungsweise der ausschliefilichen 
Anschaulichkeit des Unterrichts. Nun ist vielleicht diese 
Frage nicht so spezialistisch, sondern nur im ganzen pad- 
agogischen Denken drinnenstehend iiberhaupt erschop- 
fend zu behandeln. Da mochte ich zunachst einmal er- 
wahnen, daf5 ja der Unterricht in der Waldorf schule auf 
unsere Erkenntnis von der Entwicklung des Menschen 
gebaut ist. Nicht wahr, die Waldorfschule ist ganz si- 
cher keine Weltanschauungsschule, aber was an padago- 
gischer Geschicklichkeit, an padagogischer Methodik, 
padagogischer Handhabung der Dinge gerade aus an- 
throposophischer Seelenverfassung heraus erreicht wer- 
den kann, das soil eben in die Praxis umgesetzt der Wal- 
dorfschule zugute kommen. In dieser praktischen Bezie- 
hung spielt eine grofie Rolle die Anschauung, dafi man es 
bei dem Kinde bis etwa zum sechsten, siebenten Jahr mit 
einem nachahmenden Wesen zu tun hat. Das Kind ist 



Nachahmer bis in dieses Lebensalter hinein. Das geht so 
weit, dafi in diesem Lebensalter, im Kindergartenalter 
also, eigentlich nicht im gewohnlichen Sinne gelehrt 
werden sollte, sondern auf die Nachahmefahigkeit des 
Kindes gerechnet werden sollte. Sehen Sie, wenn man 
sich jahrzehntelang mit solchen Dingen beschaftigt hat, 
wie ich es mulke, da hat man allerlei Erfahrungen 
gemacht. Die Leute kommen zu einem und fragen um 
allerlei Dinge. So kam einmal ein Vater zu mir, ganz 
ungliicklich, und sagte: Was sollen wir machen, unser 
Junge, der immer ein braver Junge war, hat gestohlen. - 
Ich fragte den Vater: Wie alt ist der Junge? - Vier bis fiinf 
Jahre. - Dann, sagte ich, miissen wir doch erst untersu- 
chen, ob er wirklich gestohlen hat. - Die Untersuchung 
ergab, dafi er gar nicht gestohlen hatte, der kleine Junge, 
trotzdem er Geld aus einer Schublade genommen hatte. 
Er hatte nur jeden Tag gesehen, dafi die Mutter den Lie- 
feranten aus ihrer Schublade Geld gibt. Er dachte: Die 
Mutter hat es so gemacht, dann ist es doch so richtig, - 
und er hat einfach auch Geld aus der Schublade genom- 
men. Er hat Naschereien gekauft, aber sie nicht selber 
verzehrt, sondern er hat sie verschenkt. Das Kind war 
eben seinem Alter entsprechend ein Nachahmer. Was es 
tat, war einfach eine Handlung der Nachahmung. Es 
handelt sich darum, dafi man den Kindern in diesem 
Alter tatsachlich nichts vormacht, was sie nicht nach- 
ahmen diirfen. - Dann beginnt jenes Lebensalter, das mit 
dem Zahnwechsel beginnt und mit der Geschlechtsreife 
endigt, also das eigentliche volksschulmafiige Alter. Die- 
ses volksschulmafiige Alter fordert einfach - was heute 
aus manchen Parteirichtungen heraus verlangt wird, das 
mu£ zuruckgestellt werden, das Sachliche mufi in den 
Vordergrund gestellt werden -, dieses Alter fordert, dafi 



das Kind auf Autoritat hin begreift und auch handeln 
lernt. Es ist einmal fur das ganze spatere Leben, gerade 
fur die Heranerziehung fur spatere schwere Zeiten und 
fur alles Mogliche im Leben, von ganz besonderer Be- 
deutung, dafi das Kind in diesem Lebensalter, vom sie- 
benten bis zum vierzehnten Jahr ungefahr, auf Autoritat 
hin etwas annimmt. Dieses Verhaltnis einer selbstver- 
standlichen Autoritat des Lehrenden und Erziehenden 
zum Kinde, das ist etwas, was fur den Menschen in sei- 
nem ganzen spateren Leben nicht durch etwas anderes 
ersetzt werden kann. Man konnte sehr leicht Beweise 
finden fiir das, was der Mensch spater nicht haben kann, 
wenn er nicht das grofie Gliick hatte, eine selbstver- 
standliche Autoritat neben sich zu haben. 

Da hinein, in dieses Lebensalter, fallt nun die Frage 
des Anschauungsunterrichtes. Dieser Anschauungsun- 
terricht, wie er heute gefordert wird, ist in seinem Ex- 
trem aus dem Materialismus herausgewachsen. Man will 
einfach alles vor das Auge hinstellen. Man glaubt an 
nichts anderes, als was vor dem Auge ist; so soil auch 
alles vor das Kind hingestellt werden. Aber nicht nur 
diejenigen Schwierigkeiten entstehen, die Sie hervorge- 
hoben haben, sondern auch andere, die auf der Lehrer- 
seite entstehen. Man nehme einmal die Hilfsbiicher zur 
Hand, die fiir Lehrer geschrieben sind, in denen Anlei- 
tung gegeben wird zum Anschauungsunterricht. Die 
Banalitaten und Trivialitaten, die man da aufgetischt be- 
kommt, sind geradezu Ungeheuerlichkeiten. Da wird 
instinktiv immerfort angestrebt, alles auf ein moglichst 
niedriges Niveau zu schieben. Das ist der Anschauungs- 
unterricht, in dem man dem Kinde nichts mehr bei- 
bringt, als was es selber schon weiE. Das ist der denkbar 
schlechteste Unterricht, der in dieser Weise Anschauung 



liefert. Der Unterricht ist der beste, der nicht nur fur das 
kindliche Alter sorgt, sondern fur das ganze Leben des 
Menschen. Wenn das Leben nicht so ist, dafi man noch 
im vierzigsten, fiinfzigsten Jahr etwas von seinem In- 
der-Schule-Sitzen hat, dann war der Unterricht schlecht. 
Man mu6 auf den Schulunterricht zuriickblicken konnen 
in einer Weise, dafi lebendige Krafte in diesem Riickerin- 
nern liegen. Wir wachsen ja auch, indem unsere Glied- 
mafien grofier werden und sich auch sonst manches um- 
gestaltet in uns; alles an uns wachst heran. Wenn wir dem 
Kinde Begriffe beibringen, Vorstellungen und Anschau- 
ungen beibringen, die nicht wachsen, die bleiben, bei 
denen wir den grofien Wert darauf legen, dafi sie so blei- 
ben, wie sie sind, dann versiindigen wir uns gegen das 
Prinzip des Wachstums. Wir miissen die Dinge so an das 
Kind heranbringen, dafi sie ins lebendige Wachstum 
hineingestellt werden. Das konnen wir wiederum nicht 
mit dem platten, banalen Anschauungsunterricht, son- 
dern dann, wenn wir als Erziehende dem Kinde ge- 
geniibertreten, da kommen dann Imponderabilien in 
Betracht. Ich gebrauche sehr haufig ein solches Beispiel 
wie dieses: Nehmen wir an, wir wollen dem Kinde bei- 
bringen einen Begriff, - man kann das rein aus der Er- 
kenntnis der Psychologie des Kindes heraus in einem 
bestimmten Lebensalter -: den Begriff der Unsterblich- 
keit. Man kann das versinnlichen an Naturvorgangen, 
zum Beispiel an dem Schmetterling in der Puppe. Man 
kann sagen: So steckt die unsterbliche Seele im Menschen 
darinnen, wie der Schmetterling in der Puppe, nur dafi 
sie sich in eine geistige Welt hinein entwickelt, wie sich 
der Schmetterling aus der Puppe entwickelt. - Das ist ein 
Bild. Man wird dieses Bild dem Kinde beibringen kon- 
nen auf zwei verschiedene Weisen. Die erste ist diese, 



dafi man sich denkt: Ich bin der Lehrer, ich bin ungeheu- 
er gescheit; das Kind ist jung und furchtbar dumm. Ich 
werde dem Kinde also dieses Symbolum hinstellen fiir 
diesen Begriff. Ich bin selbstverstandlich iiber die Sache 
langst hinaus, aber das Kind soil auf diese Weise die 
Unsterblichkeit der Seele begreifen. Nun expliziere ich 
das in intellektualistischer Weise. - Das ist die Weise, 
durch die das Kind nichts lernt; nicht weil das Vorge- 
brachte falsch ware, sondern weil man nicht in der rich- 
tigen Weise eingestellt ist auf das Kind. Wenn ich mich in 
anthroposophische Geisteswissenschaft einlebe, so ist 
das nicht ein Bild, durch das ich mich gescheiter fuhle als 
das Kind, sondern eine Wahrheit. Die Natur selber hat 
auf einer niedrigeren Stufe den Schmetterling, der sich 
aus der Puppe entwickelt, hingestellt, auf einer hoheren 
Stufe den Durchgang durch die Pforte des Todes. Bringe 
ich das, was in mir so lebendig lebt, zum Kinde, dann hat 
das Kind etwas davon. Man kann nicht b\o& sagen, man 
solle das so oder so machen, sondern auf Imponderabi- 
lien kommt es an, auf eine gewisse Seelenverfassung, die 
man selber hat als Lehrer - die ist das Wichtige. Da kom- 
men die Schwierigkeiten in Betracht, wenn man bei dem 
platten Anschauungsunterricht, der immer unperson- 
licher und unpersonlicher wird, stehenbleibt; in dem Al- 
ter, wo der Lehrer die wichtige Rolle als selbstverstand- 
liche Autoritat spielen sollte, schaltet er sich aus. Es gibt 
zum Beispiel gewisse Dinge, die man einfach auf Autori- 
tat hin dem Kinde uberliefern soli. Man kann nicht alles 
auf Grund von Anschauungsunterricht dem Kinde bei- 
bringen - zum Beispiel die Moralbegriffe: da kann man 
nicht vom Anschauungsunterricht, auch nicht von bio- 
Sen Geboten ausgehen, die kann man nur auf dem Wege 
der selbstverstandlichen Autoritat dem Kinde ubermit- 



teln. Und es gehort zu den bedeutsamsten Erlebnissen, 
die man im spateren Leben haben kann, wenn man etwas 
aufgenommen hat im achten, neunten, zwolften Jahr, 
weil es eine verehrte Personlichkeit als richtig ansieht - 
dieses Verhaltnis zur verehrten Personlichkeit gehort zu 
den Imponderabilien des Unterrichtes, der Erziehung -, 
man wird dreiftig Jahre alt, und bei einem bestimmten 
Erlebnis kommt das aus den Untergriinden des mensch- 
lichen Bewufitseins herauf; jetzt versteht man etwas da- 
von, was man eigentlich vor zwanzig oder dreifiig Jahren 
aufgenommen hat, damals auf Autoritat hin. Das bedeu- 
tet etwas Ungeheures im Leben. Das ist in der Tat ein 
lebendiges Hiniiberwachsen dessen, was man in der 
Kindheit aufgenommen hat. Deshalb ist all dieses Dis- 
kutieren iiber mehr oder weniger Anschauung nicht so 
wichtig. Die Dinge miissen sich am Objekt selber erge- 
ben. Auch das Diskutieren iiber mehr oder weniger 
Denken und so weiter, das ist auch wenig wichtig. Das 
Wichtige ist, daft Lehrer an ihren richtigen Platz gestellt 
werden, dafi in der richtigen Weise das Menschliche zu- 
sammengefugt wird in einer Schulorganisation. Das ist 
das, worin das Ziel hauptsachlich gesehen werden mu£. 
Mit Lehrplanen oder mit irgendetwas, was in Paragra- 
phen gefafit werden kann, kann man im wirklichen Le- 
ben - und das Unterrichts- und Erziehungsleben ist ein 
wirkliches Leben - doch nichts anfangen. Denn wenn 
sich drei oder sechs oder zwolf Menschen zusam- 
mensetzen, gleichgiiltig, wie ihre Antezedenzien sind, 
aus welchem Kreise, aus welcher Vorbildung sie kom- 
men, sie werden einen ideal schonen Lehrplan ausarbei- 
ten konnen. Wenn man irgendwie aus dem Nachdenken 
heraus paragraphenmafiig so etwas zusammenstellt, so 
kann das ideal schon werden, es kann das Wunderbarste 



drinnenstehen. Ich spotte nicht, es braucht nicht schlecht 
zu sein, es kann aufierordentlich schon und grofiartig 
sein, darauf kommt es aber nicht an. Es kommt darauf 
an, dafi sich in der Schule drinnen, die eine Anzahl von 
Lehrern hat, das lebendige Leben abspielt; jeder von die- 
sen Lehrern hat seine besonderen Fahigkeiten, das ist das 
Reale, mit dem mufi gearbeitet werden. Was niitzt es, 
wenn der Lehrer darauf hinschauen kann: das und das ist 
das Lehrziel. - Das ist doch nur eine Abstraktion. Das, 
was er den Kindern als Personlichkeit sein kann dadurch, 
dafi er in einer gewissen Weise in der Welt drinnen steht, 
darauf kommt es an. 

Die Schulfrage ist in unserer gegenwartigen Zeit im 
wesentlichen eine Lehrerfrage, und von diesem Ge- 
sichtspunkte aus sollten alle mehr ins Detail gehenden 
Fragen, wie die Frage nach dem Anschauungsunterricht 
und dergleichen, behandelt werden. Kann man also zum 
Beispiel Kinder in ganz extremer Weise durch Anschau- 
ungsunterricht unterrichten? - Ich mufi sagen, ich emp- 
finde schon ein leises Grauen, wenn ich diese Torturen 
mit den Rechenmaschinen in einer Klasse sehe, wo man 
sogar Dinge, die auf ganz andere Weise gepflegt wer- 
den sollen, in Anschauungsunterricht umwandeln will. 
Wenn man blofi mit dem reinen Anschauungsunterricht 
weitergehen will, so erzielt man - natiirlich sind das Din- 
ge, die eine vorurteilslose Beobachtung ergibt -, man er- 
zielt ungeschickte Kinder. - Mit Phanomenologie, mit 
Phanomenalismus hat das nichts zu tun: um einen or- 
dentlichen Phanomenalismus auszubilden, mufi man erst 
recht denken konnen. In der Schule hat man es mit 
padagogischer Methodik, nicht mit wissenschaftlicher 
Methodik zu tun. Aber man mufi wissen, wie eng ein 
ordentliches Denken nicht blofi mit dem Gehirn und 



dem Kopf des Menschen zusammenhangt, sondern mit 
dem ganzen Menschen. Es hangt von der Art und Weise, 
wie jemand denken gelernt hat, ab, welche Geschicklich- 
keit er in den Fingern hat. Denn der Mensch denkt ja in 
Wirklichkeit mit dem ganzen Leibe. Man glaubt nur 
heute, er denke mit dem Nervensystem, in Wahrheit 
denkt er mit dem ganzen Organismus. Und auch umge- 
kehrt ist es: Wenn man in richtiger Weise dem Kinde 
Schlagfertigkeit im Denken, sogar bis zu einem gewissen 
Grade Geistesgegenwart auf naturliche Weise beibringen 
kann, arbeitet man fur die korperliche Geschicklichkeit, 
und wenn man bis in die Korperlichkeit hinein diese 
Denkgeschicklichkeit treibt, dann kommt einem auch 
die Geschicklichkeit der Kinder zu Hilfe. Es ist viel 
wich tiger, was wir jetzt in der Waldorf schule einge- 
richtet haben, da£ die Kinder statt des gewohnlichen 
Anschauungsunterrichts im Handfertigkeitsunterricht 
ubergehen zum Selbstformen, wodurch sie in die Emp- 
findung hineinbekommen die kunstlerische Gestaltung 
der Flache. Das leitet dann wiederum hiniiber zur ma- 
thematischen Auffassung der Flache in spateren Jahrgan- 
gen. Dieses Sich-Hineinleben in die Sachen nicht durch 
blofien Anschauungsunterricht fur die Sinne, sondern 
durch einen Zusammenlebe-Unterricht mit der ganzen 
Umwelt, der fur den ganzen Menschen erzielt wird, das 
ist es, worauf hingearbeitet werden mufi. 

Ich wollte nur darauf aufmerksam machen, dafi solche 
Fragen in das Ganze des padagogischen Denkens hinein- 
gestellt werden sollen, und dafi man heute viel zu viel im 
Speziellen herumdiskutiert. 

Rudolf Steiner (im Anschlufi an andere Fragen): Was 
vorhin gesagt und oftmals betont worden ist, muft fest- 



gehalten werden: Die Waldorfschule will als solche keine 
Weltanschauungsschule sein. Dafi ihr anthroposophi- 
sche Seelenverfassung zugrunde liegt, das ist eben nur 
insofern [der Fall], als sie sich in die erzieherische Praxis 
umsetzt. So handelt es sich jetzt zunachst bei dem, was in 
der Waldorfschule vorliegt, um eine Entwicklung des- 
sen, was auf rein padagogischem Wege aus der anthropo- 
sophischen Bewegung heraus erreicht werden kann. Eine 
Weltanschauungsschule kann und will die Waldorfschu- 
le nach keiner Richtung hin sein. Daher hat die Waldorf- 
schule auch niemals den Anspruch gemacht darauf - bis 
jetzt -, den religiosen Unterricht der anvertrauten Kin- 
der selbst in die Hand zu nehmen. Was schliefilich der 
eine oder andere Anthroposoph fur eine Ansicht hat in 
bezug auf Weltanschauungsfragen, das spielt dabei keine 
Rolle, sondern es handelt sich darum, dafi Anthroposo- 
phie in der Schule und alledem, was dazu gehort, nur in 
padagogischer Praxis wirken will. Aus diesem Grunde 
wurde, wie die Schule eingerichtet wurde, der Religions- 
unterricht der katholischen Kinder dem katholischen 
Pfarrer iibergeben und der Religionsunterricht der evan- 
gelischen Kinder dem evangelischen Pfarrer. Nun ergab 
es sich ~ das kam einfach aus den gegenwartigen Zeit- 
verhaltnissen heraus - dafi eine ganze Menge Dissi- 
denten-Kinder da waren, die eigentlich ohne Religion 
aufgewachsen waren. Fur diese wird nun ein Religions- 
unterricht erteilt, der aber als solcher sich nicht zur 
Schule rechnet, sondern der sich neben den evange- 
lischen und katholischen Religionsunterricht als freier 
Religionsunterricht hinstellt. Wir haben immerhin den 
Erfolg, dafi Kinder, die sonst einfach bei keinem Re- 
ligionsunterricht zugelassen wiirden, dadurch nun doch 
mit einem religiosen Leben aufwachsen. Das ist ein freier 



Religionsunterricht, der von demjenigen erteilt wird, der 
etwas davon versteht und der dazu berufen ist wie die 
anderen, die den katholischen und evangelischen Unter- 
richt erteilen. Das mufi aber streng festgehalten werden, 
dafi die Absichten der Waldorfschule nach keiner Rich- 
tung hin Weltanschauungsabsichten sind. Es soil nicht 
zu einer Anthroposophie dressiert werden, sondern 
Anthroposophie will nur padagogische Praxis darin wer- 
den. Daher erledigen sich die diesbezuglichen Fragen, sie 
haben keine Bedeutung. Anfangs handelte es sich darum, 
dafi man einen entsprechenden Weg finden mufite zu 
dem, was aus der Praxis heraus folgt. Man hat uber die 
Art und Weise, wie ein sieben-, acht-, neunjahriges Kind 
unterrichtet werden mufi, seine Anschauungen, die sach- 
gemafi sind. Diese Dinge glaubten wir eben aus rein 
sachlichen Grundsatzen entscheiden zu miissen. Nun ist 
ja die Waldorfschule natiirlich keine Institution fur Ere- 
miten oder Sekten, sondern sie ist eine Institution, die 
sich voll ins Leben hineinstellen will, die fur das gegen- 
wartige, ganz praktische Leben aus den Kindern tiichtige 
Menschen machen will. Daher handelt es sich darum, 
den Unterricht so einzurichten, dafi man auf der einen 
Seite den streng padagogischen Anforderungen gerecht 
wurde, und auf der anderen Seite handelt es sich darum, 
dafi die Waldorfschule eben nicht irgendeine Institution 
von Sonderlingen ist. Ich habe dann die Sache so ausge- 
arbeitet, dafi man vom Schuleintritt bis zur vollendeten 
dritten Klasse in den einzelnen Jahrgangen absolut freie 
Hand hat, aber mit der vollendeten dritten Klasse sind 
die Kinder soweit, dafi sie in jede Schule iibertreten kon- 
nen. Vom neunten bis zum zwolften Jahr hat man wie- 
derum freie Hand, dann mufi das Kind wiederum soweit 
sein, dafi es in jede andere Schule iibertreten kann, eben- 



so mit der Vollendung der Volksschule. Wir errichten bis 
jetzt jedes Jahr eine Klasse; was weiter wird, mufi stu- 
diert werden. 

Sie sehen, es handelt sich nicht darum, irgendwie aus 
parteimafiigen Anschauungen, durch Weltanschauung 
oder so etwas, zu wirken, sondern lediglich darum, An- 
throposophie in padagogische Praxis umzusetzen. Das 
Ideal ware, dafi die Kinder zunachst - weil ja Anthropo- 
sophie nur fur Erwachsene ausgebildet ist, wir haben 
keine Kinderlehre, sind auch noch nicht in der Lage ge- 
wesen, eine solche haben zu wollen nicht wiifiten, dafi 
es eine Anthroposophie gibt, sondern dafi sie objektiv 
gehalten wiirden, und durchaus so also in das Leben hin- 
eingestellt wiirden. Diese Dinge sind nicht im Ideal zu 
erreichen: auch wenn sich der Lehrer noch so viel be- 
miiht, objektiv zu bleiben, so lebt doch das eine Kind im 
Kreise dieser Eltern, das andere im Kreise jener Eltern; 
es gibt auch anthroposophische Fanatiker, da bringen 
die Kinder, wie sie auch sonst allerlei hereinbringen, 
anthroposophische Ungezogenheiten, die es auch gibt, 
in die Schule hinein. Das mufi durchaus festgehalten 
werden, dafi es sich niemals darum handeln kann, dafi 
die Waldorfschule in irgendeiner Weise eine Welt- 
anschauungsschule oder so etwas ist. Das ist sie in gar 
keiner Richtung, sondern sie will die Kinder zu dem 
machen, wodurch sie tiichtige Menschen in der unmittel- 
baren Gegenwart sind, also in dem Leben, in das wir 
hineingestellt sind innerhalb von Staat und von allem, 
um was es sich handelt, dafi sie da tiichtig drinnenstehen. 
Es ist ja wohl selbstverstandlich, dafi die Waldorfschule 
nicht etwa Dreigliederungsideen in die Schule hinein- 
tragt. Durch die Bestrebungen der Waldorfpadagogik 
kann das nicht geschehen, Parteimafiiges wird in die 



Waldorfschule nicht hineingetragen von anthropo- 
sophischer Seite aus. 

Frage: 1st die Methodik, die der Pfarrer vornimmt, nicht etwas 
dem iibrigen Unterricht Entgegengesetztes? Gibt es da nicht 
einen Zwiespalt? 

Rudolf Steiner: Vollkommen kann man im Leben nichts 
erreichen. Es ware sehr angenehm, wenn wir nicht nur 
einen evangelischen, sondern auch einen katholischen 
Pfarrer fanden, der nach unserer Methodik unterrichten 
wiirde. Unsere Schule will, wie gesagt, nur padagogische 
Praxis ins Leben setzen, nicht Weltanschauung. Damit 
kann das andere Hand in Hand gehen. Nun ist es ja 
selbstverstandlich, daft im freien Religionsunterricht - 
weil ja nach einem solchen, nur von Anthroposophen zu 
haltenden, gefragt worden ist -, auch nach unserer Me- 
thodik vorgegangen wird. Es ware uns ja sehr lieb, wenn 
der evangelische und katholische Unterricht auch so 
erteilt wurden, das haben wir aber noch nicht erreicht. 

Frage: Wie ist im Unterricht fur Anthroposophenkinder der 
Stoff inhaltlich? 

Rudolf Steiner: Der Stoff ist so bestimmt, daft der Ver- 
such gemacht wird, auch da durchaus auf das kindliche 
Alter Riicksicht zu nehmen. Das ist das, was pyscholo- 
gisch immer zugrunde liegt. Darum handelt es sich ja bei 
alien Dingen, daft sie am wirksamsten an das Kind heran- 
gebracht werden, wenn man genau das Lebensalter trifft, 
in dem sie herangebracht werden sollen, in dem das In- 
nere des Kindes am meisten auf die Dinge resonniert. Es 
handelt sich darum, daft man in der Tat im siebten, ach- 
ten Lebensjahr am wenigsten etwas mit objektiver Evan- 



gelien- oder Bibelkunde, mit der Katechismuskunde 
aber gar nichts erreicht. Das wird vom Kinde nicht 
aufgenommen. Ein anthropologisches Gesetz ist das. 
Dagegen wird vom Kinde in diesem Lebensalter sehr gut 
alles Religiose aufgenommen, das sich unmittelbar aus 
einer gewissen Gestaltung der Naturvorgange heraus 
bilden lafit; alle ethischen und echt religiosen Begriffe, 
die sich aus den Naturvorgangen gestalten lassen. Man 
kann das Kind vor alien Dingen auf dem Umwege iiber 
Naturbilder zum religiosen Empfinden fuhren. 

Heraufleiten zum eigentlich christlichen Empfinden 
kann man das Kind dann eigentlich erst vom achten 
Jahr an, ja sogar erst gegen das neunte Jahr. Da fangt es 
eigentlich erst zu begreifen an, was zum Beispiel hinter 
der Gestalt des Christus Jesus steht. In diese Begriffe, die 
man da dem Kinde beibringen mu£, wenn es begreifen 
soli den Inhalt der Evangelien, in die wachst es erst hin- 
ein. Es ist gut, wenn es einen Unterbau hat und erst ge- 
gen das neunte Jahr entsprechend eingefuhrt wird in den 
Inhalt der Evangelien, und dann allmahlich weiter hin- 
aufgefiihrt wird in die tieferen Geheimnisse des Chri- 
stentums. Es mufi betont werden, dafi ja auch dieser freie 
Religionsunterricht im eminentesten Sinne ein durch 
und durch christlicher ist, dafi also die verschiedenen 
Konfessionen, die daran teilnehmen, in ein wirkh'ches 
Christentum eingefuhrt werden. Es ist da schon so, da£ 
man ja selber, eben vom anthroposophischen Gesichts- 
punkte aus, zu der [christlichen] Uberzeugung gekom- 
men ist, wenn man Lehrer ist an der Waldorfschule. Man 
ist von dieser Seite in das Christentum hereingekommen. 
Man wird vielleicht die Worte anders stellen, aber die 
Kinder werden in ein wirkliches Christentum einge- 
fuhrt. Ebenso, wie wir frei lassen den evangelischen 



und katholischen Religionsunterricht, so lassen wir auch 
vollstandig frei den freien, nach anthroposophischer Sei- 
te hin gehaltenen Religionsunterricht. Es ist durchaus 
niemals mein Bestreben gewesen, dafiir zu agieren, daft 
die Kinder in diesen freien Religionsunterricht hinein- 
kommen. Sie kamen zahlreich, aber es ist wirklich nicht 
das Bestreben, dem aufteren Ruf der Schule dadurch zu 
schaden, daft es etwa auf solchen Umwegen zustande 
kame, daft [man sagte, daft] diese Schule eine Weltan- 
schauungsschule sei. Man will das zunachst nicht sein. 
Deshalb sind wir vorsichtig in bezug auf den freien 
Religionsunterricht und erteilen ihn nur, weil er eben 
verlangt wird. 



ERGANZENDE BEMERKUNGEN 
UND FRAGENBEANTWORTUNG 



nach dem Vortrag von Alexander Strakosch iiber 
«Geschichte der Architektur und einzelner technischer 2weige» 

Darmstadt, 29. Juli 1921 

Es soil nicht ein Vortrag sein, den ich an die Ausfiih- 
rungen des verehrten Herrn Strakosch anschliefien will, 
sondern nehmen Sie das, was ich sagen will, nur als 
erganzende Bemerkungen. Es soli auch damit nicht der 
Anspruch verkmipft sein, etwas nach irgendeiner Rich- 
tung hin Abschliefiendes zu sein. 

Wenn ich in der letzten Zeit, in den letzten Jahren, an 
die Aufgabe gestellt worden bin, [die Errichtung] des 
Dornacher Baues zu leiten, so klang mir immer wieder 
ein Wort in den Ohren, das ich horte, als ich in Wien an 
der Technischen Hochschule studierte, und als wahrend 
dieser Zeit der Erbauer der Wiener Votivkirche, der be- 
ruhmte Architekt Ferstel, das Rektorat an dieser Hoch- 
schule antrat. Er hielt seine Rektoratsrede iiber die Ge- 
schichte der Baukunst. Ferstel sagte dazumal im Verlauf 
seiner Rede ungefahr: Baustile konnen nicht erfunden 
werden, sie mussen aus den Untergriinden des Volks- 
tums auftauchen. - Ferstel erklarte aus dieser Anschau- 
ung heraus die Tatsache, dafi die neuere Zeit in bezug auf 
Baustile weniger produktiv sein konne, weil eben das 
Volksseelentum so etwas wie Stile weniger an die Ober- 
flache trage, und dafi sie mehr nur reproduktiv sein kon- 
ne, weshalb zuriickgegriffen werde zum antiken, zum 



gotischen, zum romanischen, zum Renaissancestil und 
so weiter. 

Im allgemeinen werden Sie zugeben, dafi gegeniiber 
praktischen Aufgaben eine solche Anschauung aufieror- 
dentlich entmutigend ist. Nun hat auch Herr Strakosch 
im Verlauf seiner ausgezeichneten Ausfiihrungen einige 
Bemerkungen gemacht, welche sozusagen diese Entmu- 
tigung mit ganz festen Beweisen umgeben. Denn, sehen 
Sie, er sagte erstens gerade am Anfang seiner Ausfiihrun- 
gen: Uber den Stil kann man eigentlich nichts sagen. 
Uber den Stil ist mancherlei gedacht worden, ist man- 
cherlei diskutiert worden, allein, es kann ja vielleicht 
nicht darauf ankommen, ein abschliefiendes Urteil sich 
zu bilden iiber den Stil, dazu fehlen in gewissem Sinne 
die Vorbedingungen. 

Nun, wenn man so etwas hort, dann mufi man den- 
ken, gerade wenn man praktischen Aufgaben gegeniiber- 
gestellt ist: Ja, aber auf den Stil kommt es doch gerade an! 
- Es kommt also auf das gerade an, woriiber man ein 
abschliefiendes Urteil sich nicht bilden kann. Und insbe- 
sondere, wenn fur eine neue Geistesstromung eine Um- 
rahmung geschaffen werden soil, wie es beim Dornacher 
Bau der Fall ist, dann kommt es ganz besonders auf das 
Suchen eines Stiles an. Ich kann hier wegen der Kiirze 
der Zeit nicht ausfiihren, dafi es gegeniiber den neuen 
Aufgaben der Anthroposophie auch auf das Suchen eines 
neuen Stiles beim Dornacher Bau ja ankam. Man mufi 
also gerade etwas suchen, bei dem man gewissermafien 
mit der Erorterung aufhoren mu£. 

Noch eine andere Bemerkung von Herrn Strakosch 
ist ebenso geeignet, streng beweisend zu umranken, was 
gegeniiber der angedeuteten praktischen Aufgabe in 
Betracht kommt. Ein gutes Snick des Dornacher Baues 



mufke aus den Verhaltnissen heraus in Beton gebaut 
werden, und der Beton-Unterbau, der bis zu einer ge- 
wissen Hohe geht, mufke gekront werden von dem 
eigentlichen Bauwerk, einem Holzbau. Beim Holzbau, 
das werden Sie auch zugeben, sind aus dem Material her- 
aus die Formen eigentlich mit einer gewissen Strenge ge- 
geben. Beim Holzbau ist gerade das gegeben, was aus 
dem Zusammenwirken von Bedurfnis, Zweck und Mate- 
rialgefuhl entstehen mufi. Man hatte also in Dornach 
eine ganz bestimmte Stilsache zusammenzuftigen mit et- 
was, wovon nun Herr Strakosch gesagt hat: Man kann 
alles damit machen; die verriicktesten Sachen kann man 
aus dem Beton heraus bauen. - 

Nun, wenn man nicht gerade dazu veranlagt ist, die 
verriicktesten Sachen zu bauen, so hat man eigentlich 
gerade dem Beton gegeniiber nun ein anderes Gefuhl als 
bei Holz. Und da mufi ich schon sagen: ich mufi, aus der 
Praxis heraus, das entgegengesetzte Urteil fallen gegen- 
iiber dem, das eben gefallt worden ist. Wenn man zusam- 
mennimmt, was man an Antezedenzien hat fur Baustile, 
so kann man eigentlich aus dem Beton heraus heute 
nichts bauen. Man kann nicht etwa alles bauen, sondern 
man kann uberhaupt nichts bauen. Denn hat man Stilge- 
wissen, so kann man naturlich mit dem «Man kann alles 
machen» nichts anfangen. Man kann nur dann etwas an- 
fangen, wenn man den Beton als Material nun auch aus 
einem gewissen Stilgewissen heraus beniitzen kann. Man 
ist j a da in einer gewissen Beziehung in einer parallelen 
Lage mit demjenigen, was gegenwartig auch gerade auf 
anthroposophischem Boden manchmal figuriert. Sehen 
Sie, aus den mifiverstandenen Untergriinden mystischer 
Versenkungen und so weker, die viele Leute im Auge 
haben, wenn sie heute von Mystik, Theosophie, Anthro- 



posophie reden, aus diesen mystischen Untergriinden 
heraus kann man namlich alles machen. Man kann das 
verriickteste Zeug machen. Aber das darf Anthroposo- 
phie gerade nicht. Die darf gerade nicht das verriickteste 
Zeug machen. So dafi man, wie gesagt, in der Lage ist: auf 
der einen Seite hat man hier das verriickteste Zeug 
moderner Mystiker, und auf der anderen Seite hat man 
ein anthroposophisches Gebaude aufzufiihren, das vor 
strenger Wissenschaft sich zu rechtfertigen hat, und man 
hat das modernste Material, den Beton, mit dem man das 
verriickteste Zeug ausfiihren kann, was man mit Stil- 
gewissen aber doch nicht tun kann. 

Nun bemerke ich ausdrucklich: Wenn man an der 
Ausgestaltung eines Stiles praktisch arbeitet, so hilft 
einem die Historie gar nichts. Die geschichtliche Be- 
trachtung hilft einem da gar nichts. Alles, was da ge- 
macht werden mufi, mufi aus dem Naiven heraus kom- 
men, mufi also wirklich aus einem Schopferischen heraus 
kommen. Anders lafit sich das nicht machen, was in einer 
gewissen Weise sich auflehnen mufi, praktisch sich auf- 
lehnen mufi gegeniiber einer solchen Anschauung, wie 
sie Ferstel dazumal geaufiert hat: «Baustile konnen nicht 
erfunden werden, sie miissen aus den Untergriinden des 
Volkstums heraus kommen. » - Man mufi eben einfach 
mit einem gewissen Stilgewissen zu der Anschauung 
kommen: Aus einer bestimmten Realitat heraus, aus 
einer Wirklichkeit heraus muE der Baustil geschaffen 
werden. Er darf nicht aus dem Blauen heraus erfunden 
werden, er mufi aus der Wirklichkeit heraus geschaffen 
werden. 

Nun mochte ich noch auf ein Drittes aufmerksam 
machen, was auch Herr Strakosch ausgefiihrt hat. Er hat 
auf die Gotik hingewiesen, er hat mit vollem Rechte ge- 



zeigt, wie die Gotik eigentlich stark aus dem Handwerk- 
lichen heraus arbeitet. Und es ist ja tatsachlich ein Hin- 
tendieren zum Handwerklichen in der Gotik vorhanden. 
Nach einer Richtung hin wurde die Stilfrage gelost durch 
jene Kombination von Kreuzgewolbe, Spitzbogen und 
Strebewerk, die die Gotik dann gefunden hat. Nun, 
wenn wir aber das andere, was hervorgehoben worden 
ist, ins Auge fassen, so gewinnt die Sache noch eine ande- 
re Beleuchtung. Es wurde auch gesagt, dafi mit dem blo- 
fien handwerklichen Ineinanderfugen der Bauteile den- 
noch nicht die Gotik herauskommen wiirde, dafi da in 
der Gotik noch bestimmte Formen leben, bestimmte 
Anschauungen, die in der Gotik drinnen stilgemafi zu 
finden sind, iiber die sogar in den «Bauhiitten» ein ge- 
wisses Geheimnis bewahrt worden ist, das streng gehutet 
worden ist, und das nun auch iiber das Handwerkliche 
hinaus gehe. Wir finden da also ein Element, das hinein- 
gebaut worden ist, das im Stil zu suchen ist, das aber - 
es wird das im weitesten Sinne zugegeben werden 
konnen das aber eigentlich fur die neuere Zeit seiner 
eigentlichen Wesenheit nach doch verlorengegangen ist, 
verlorengegangen ist wenigstens in bezug auf die Hand- 
habung. Man tut heute nicht mehr das, was damals aus 
den Geheimnissen der Baukunde heraus getan worden 
ist, was aus gewissen ganz anderen Voraussetzungen 
heraus entstanden ist, ohne dafi strenge Berechnungen 
angestellt werden miissen und dergleichen. Gerade diese 
Voraussetzungen konnten ja - ich will das zunachst hy- 
pothetisch hinstellen - mit anderen Dingen zusammen- 
hangen. Sie konnten damit zusammenhangen, daft heute 
das reproduktive Element herrscht: nicht eigentlich das 
produktive Stilschaffen herrscht, sondern das reproduk- 
tive Stilgestalten herrscht. Vielleicht entstromten gerade 



denjenigen Seelenentitaten, die da sehr streng bewahrt 
worden sind, jene Krafte, welche der Produktivitat 
zugrunde liegen, aus denen die Produktivitat des Stiles 
kommt. Und vielleicht stammt gerade diese Ratlosigkeit 
gegeniiber dem Stil in der neusten Zeit daher, dafi man 
zunachst ein gewisses Element im Bauen verloren hat. 
Dieses Element mufi ja in der Baukunst ganz besonders 
beriicksichtigt werden, weil es sich da den strengen Ge- 
setzen fiigen mufi, aus denen heraus dieser Bau eben ein- 
fach halten, stehen mufi, sich also den statischen und so 
weiter Bedingungen fiigen mufi, die Herr Strakosch 
auseinandergesetzt hat. Man hat es in der Baukunst im 
umfassendsten Sinn mit dem zu tun, was die wissen- 
schaftlich begnindete Technik moglich macht, und auf 
der anderen Seite ist man in die Notwendigkeit versetzt, 
eben ein gewisses Stilelement hineinzubringen in das, 
was man baut. 

Die Frage entsteht nun: War nicht vielleicht in der 
alteren Zeit das, was Technik ist, viel enger an den Stil 
gebunden als heute? War nicht vielleicht das, was es da 
als Bauregeln gab, an sich schon so gefafit, dafi es zu- 
gleich die Technik mit enthielt, so dafi man gewisserma- 
fien sicher bauen konnte, indem man sich dem uberliefi, 
was sich ergab aus diesen gehuteten Regeln? Waren die 
nicht, trotzdem sie kunstlerisch stilvoll waren, vielleicht 
schon auch technisch durch und durch richtig? 

Solch ein Gefuhl bekommt man wiederum, wenn man 
so etwas erlebt, wie es eben in Dornach erlebt werden 
konnte. Es ergab sich mir - wie gesagt, die Hauptdinge 
ergeben sich ja immer aus dem Naiven heraus -, es ergab 
sich mir, den Zuschauerraum durch eine Kuppel abzu- 
schliefien und diese Kuppel anzugliedern an eine kleinere 
Kuppel, welche den Buhnenraum kronen sollte. Da han- 



delte es sich nun darum, die Technik fur die Verbindung 
zu finden, und das bildete eine langere Zeit hindurch in 
Dornach eine wichtige Frage. Ich empfand die Notwen- 
digkeit, das so zu machen; auf der anderen Seite mufite 
das technisch ausfiihrbar sein. Ich konnte, bis wir die 
Losung gefunden hatten, nur immer sagen: Das, was sich 
aus der Notwendigkeit des Stils heraus ergibt, dafur muft 
auch die richtige technische Losung gefunden werden, 
das muft auch eine gewisse Vollkommenheit in bezug auf 
die Technik zeigen. Es miissen diese Dinge zusammen- 
treffen. Natiirlich, wenn irgend etwas intellektualistisch 
oder unkunstlerisch ausgedacht ist und man irgend wie 
einen stillosen Bau auffiihren will, wird sich fiir ihn nicht 
ein technisches Problem ergeben. Wenn aber etwas 
wirklich in den Untergriinden, in denen der Stil liegen 
mufi, gefunden ist, dann mufi sich auch die entsprechen- 
de Technik dafiir finden. 

Nun, wie gesagt, das Historische hilft einem nichts, 
wenn man - wenn ich mich so ausdriicken darf - aus dem 
Naiven heraus etwas wie einen Stil zu schaffen hat. Aber 
orientieren kann man sich hinterher doch an dem, was 
die Entwicklung ergeben kann. Und da mochte ich eben 
in Erganzung dessen, was eben gesagt worden ist, einiges 
bemerken, was vielleicht zunachst in der Gegenwart 
noch etwas paradox erscheinen wird, wie so manche 
Dinge, die von anthroposophischer Geisteswissenschaft 
her ausgesprochen werden miissen, was sich aber wahr- 
scheinlich im Laufe der Zeit als durch und durch prak- 
tisch erweisen wird, so sehr es heute vielleicht noch man- 
chem sogar phantastisch erscheinen konnte. 

Ich will nicht zuruckgehen auf die orientalische oder 
agyptische Baukunst, die ja hinlanglich betrachtet wor- 
den ist soeben, sondern ich will zunachst auf das verwei- 



sen, was schon auf den Untergriinden dessen steht, was 
sich ergeben hat aus der orientalisch-agyptischen Bau- 
kunst, ich will hinweisen auf die griechische Baukunst, 
und da wiederum - zunachst von allem iibrigen ab- 
sehend - auf den griechischen Tempelbau. Aber ich will 
jetzt weniger das Technische beriihren, sondern ich 
mochte dasjenige beriihren, was den Stil betrifft. 

Ich glaube, wer die griechische Baukunst intimer stu- 
diert, wird finden, daft den Formungen eigentlich doch 
nicht beizukommen ist, wenn man sich allzusehr kon- 
zentriert auf das, was da bei ihr das statische Element ist. 
Die griechische Baukunst beriicksichtigt durchaus - das 
ergibt sich deutlich - statische Elemente. Sie sind da, aber 
in einer aufierordentlich freien Weise. Sie sind iiberall so 
drinnen, daft man sieht: es wird in einer gewissen Weise 
ganz frei umgegangen mit dem, was wir heute Statik nen- 
nen. Das Tragen und Lasten ist da. Aber man ist weder in 
den Fehler verfallen, das, was da hingestellt wurde, als 
Dekoration anzusehen, noch ist man auf der anderen 
Seite der Einseitigkeit verfallen, daft man gar zu sehr der 
Sache ansieht das blofi Statische. Es ist da ein Element 
verborgen, das vielleicht eben noch intimer gehiitet 
worden ist als die Geheimnisse der spateren Bauhiitten, 
das aus urspriinglichen, instinktiven Anschauungen der 
Menschheit hervorgegangen ist, und das wiederum nur 
durch anthroposophische, geisteswissenschaftliche Un- 
tersuchung gefunden werden kann. In gewisser Bezie- 
hung sind ja auch diese griechischen Tempelbauten 
Zweckbauten. Ein griechischer Tempel fur sich betrach- 
tet als bloftes Bauwerk ist ja eigentlich niemals etwas 
Vollstandiges. Nimmt man die Gotterstatue heraus aus 
dem griechischen Tempel und betrachtet ihn dann, so hat 
man das Gefiihl, daft das WesentHchste fehlt. Man ver- 



stand ihn eben nur als das Wohnhaus des Gottes, und 
auch nur, wenn man voraussetzt, dafi eigentlich das Volk 
nur von aufien her mit dem Tempel etwas zu tun hat, dafi 
eigentlich nur der Gott seinen Wohnsitz in ihm haben 
sollte. - Nun aber ergibt sich daraus, dafi der Tempel das 
Wohnhaus des Gottes ist, eigentlich nicht viel fur jene 
Intuitionen, die in den Tempelbau hineingeflossen sind. 
Man mufi da doch auf etwas anderes noch zuriickgehen, 
gerade mit Bezug auf den Zweck des Tempelbaus; wenn 
ich es jetzt in einem iibertragenen Sinne so nennen darf: 
in bezug auf die Bediirfnisfrage. Da kann man sagen: Die 
reine Aufienseite der Bestimmung des Tempels ist fur 
den, der sich zu diesen Dingen etwa feuilletonistisch be- 
schreibend verhalten will, der Tatbestand, dafi der Tem- 
pel das Wohnhaus des Gottes ist, nicht aber fur den, der 
iiber das feuilletonistische Beschreiben hinausgehen will, 
der die innere Formung des Tempels wirklich verstehen 
will. Fur den ist namlich notwendig, dafi ein anderes 
dazu kommt: dafi man den griechischen Tempel als 
Umformung urspriinglicher Grabgewolbe, Grabgebau- 
de, anzusehen hat. Es lafit sich der griechische Tempel 
nicht anders verstehen, als dafi man in ihm eine Me- 
tamorphose eines Grabgebaudes sehen mufi. Nun aber 
fiihrt das zuriick in Zeiten, in denen die Seele des Ver- 
storbenen in der Nahe des begrabenen Leichnams ge- 
sucht worden ist. Fur die Seele, die noch da sein sollte, 
wurde eigentlich der Bau in seinen Formen aufgerichtet, 
auch als man iiberging vom Ahnenkultus zum Gotter- 
kultus. Der Gotterkultus in den alteren Religionen ist 
nichts anderes gewesen als ein metamorphosierter Ah- 
nenkultus; die alten Gotter sind im Grunde genommen 
Ahnen, sind als Ahnen gedacht, und dasjenige, wie man 
das Waken des Seelisch-Geistigen bei den Gottern an- 



schaute, war auch eine Umformung dessen, wie man das 
Waken der Seele nach dem Tode bei dem verstorbenen 
Menschen ansah -, da ergab sich in bezug auf die An- 
schauungsformen durchaus etwas, was streng damit zu- 
sammenhing. Nun handelte es sich darum, einer Seele 
einen Umbau zu machen, und da mufite man auf diejeni- 
gen Krafteverhaltnisse, auf eine solche Statik kommen, 
die als auftere Statik mdglich war, aber zu gleicher Zeit 
eben diesem Zwecke diente, einer Seele ein Umbau zu 
sein, so daft die Seele drinnen wohnen konnte; denn 
die Gotterseele muftte eben auch in einem solchen Bau 
wohnen. 

Woher kamen die Krafteverhaltnisse? - Das ist die 
grofie Frage. Sehen Sie, auf solche Weise, wie wir das 
heute in unserem Zeitalter mit Recht lernen, in solcher 
Weise wurden diese Verhaltnisse ganz und gar nicht be- 
rechnet. Das verstand man in jenen alter en Zeiten nicht. 
Die wenige Literatur, die noch vorhanden ist, zeigt ganz 
klar, daft man einen solchen Aufbau aus einer strengen 
Statik und Mathematik und Mechanik heraus nicht hatte. 
Aber etwas anderes hatten jene alteren Zeiten, und da 
komme ich eben auf dasjenige, was heute naturlich als 
phantasdsch angesehen wird und angesehen werden 
kann, so praktisch es eigentlich auch gedacht ist: es han- 
delt sich darum, zu ergrunden, mit welchen Mitteln, 
sagen wir zum Beispiel die Lage des Schwerpunktes 
gefunden wurde, des Schwerpunktes, der einfach so an- 
gebracht werden mufke, daft man, indem man den Bau 
ansah, wufite, wo er ist. Aber nicht mit dem Intellekt, 
sondern mit dem Gefuhl, dem Stilgefiihl namentlich war 
herauszufinden, wie man die Krafte verteilen muftte, wie 
man die Materie verteilen muftte, um das herauszube- 
kommen, was das richtige Gefuhl ergab. Da drinnen 



wohnte eine Seele. Man hatte ja in jenen alter en Zeiten 
nicht jene abstrakten Vorstellungen von der Seele, die 
man heute etwa bei unseren Psychologen findet, wo die 
Seele etwas ganz Unbestimmtes ist - manchen ist sie 
ein Punkt, der gesucht wird an irgendeiner Stelle der 
Leibesorganisation, und was dergleichen Undinge mehr 
sind -; diese abstrakten Anschauungen von der Seele 
hatten die alten Zeiten nicht. Sie hatten ganz bestimmte 
Anschauungen von der Seele. Es wiirde interessant sein, 
diese Anschauungen darzulegen, aber es ist dazu die Zeit 
nicht gegeben. Es ware umso interessanter, als die An- 
schauungen, welche diese Alten iiber die Seele hatten, in 
einem gewissen Grade dasjenige in sich enthielten, was 
die Beschreibungen der alten Seelenvorstellungen, zum 
Beispiel in der Philosophie von Wundt, nicht enthalten, 
dagegen alles dasjenige nicht enthielten, was Wundt von 
den alten Seelenvorstellungen beschreibt. Diese Dinge 
sind schon einmal so, dafi sie von einer materialistischen 
Denkungsart nicht erfafit werden konnen. Aber sie leb- 
ten in alten Zeiten und sie lebten so konkret, daft man 
mit ihnen auch konkrete Vorstellungen in bezug auf das 
Formen des Materiellen verbinden konnte. Aber wie 
machte man denn das? Sehen Sie, alles, was man erbaute, 
was man ausfindig machte in bezug auf statische Verhalt- 
nisse, ergab sich namlich fur altere Zeiten, so sonderbar 
es heute erscheint, aus der menschlichen Organisation 
und ihrer Statik. Und zwar ergab sich das, was noch in 
der griechischen Zeit fur die Baukunst in Betracht kam, 
aus der Statik des menschlichen Gliedmaftenorga- 
nismus. Ich meine da den menschlichen Gliedmafien- 
organismus nicht nur etwa als Zusammenfassung der 
Arme und Beine, sondern dazu gehort zum Beispiel auch 
die untere Kinnlade und manches in dem mittleren Men- 



schen, dem Brustmenschen und so weiter. Aber alles, 
was in dem Gliedmaftenmenschen liegt, das konnte stu- 
diert werden. Man konnte zum Beispiel probieren, wie 
ein gewisser Kraftezusammenhang wirkt, wenn man, sa- 
gen wir mit gebeugten Knien, halbsitzend, sich hinhockt. 
Man bekam da Anschauungen von Beziehungen des 
Schwerpunktes zu einem gewissen Kraftesystem, und 
man bekam eine Anschauung von Beziehungen des 
Schwerpunktes zu einem gewissen Kraftesystem, wenn 
man die beste Art versuchte, den Mund offen zu halten, 
um den idealen Kopfschwerpunkt zu finden, das macht 
man an der unteren Kinnlade. Es ist interessant, einmal 
die merkwlirdige Formung zu studieren, die bei grie- 
chischen Plastiken durch diesen etwas geoffneten Mund 
da ist; der entstand aus einem ganz bestimmten Studium 
der Haltung der unteren Kinnlade, die man innerlich in 
ihrer Statik und Dynamik erlebte. 

Und geradeso erlebte man, was fur statische, dynami- 
sche Verhaltnisse sich ergeben, wenn man zum Beispiel 
sich hinhockt und die Arme auf die Knie aufstiitzt und 
so weiter. Man studierte diese Dynamik am Menschen, 
und in alteren Zeiten besonders am Gliedmaftenmen- 
schen. Man beobachtete die Dynamik, wie sie sich am 
Menschen ausdriickt, beim Gehen - weil er zu diesem 
Gehen die Entfaltung ganz besonderer innerer statisch- 
dynamischer Verhaltnisse braucht - und man bildete sich 
daraus Anschauungen iiber ganz bestimmte statische 
Verhaltnisse; und was da studiert werden konnte am 
menschlichen Organismus selber, das finden wir wieder 
in der Formung der Tempelbauten. Man sagte sich: Was 
der Mensch als Kopf an sich hat, das ist zwar ein schoner 
aufierer Ausdruck des physischen Menschen, aber es ist 
eben nur ein Ausdruck fur den physischen Menschen. 



Der Mensch ist ja Kopfmensch gerade, urn tiichtig zu 
sein in der physischen Welt. Ebenso dachte man in einer 
gewissen Weise iiber den Rumpf- und Atmungs- 
menschen. Man sagte sich: das ist etwas, was zugrunde 
liegt dem Zusammenhang des Menschen mit der ir- 
dischen Umgebung. Kopf und Brustpartien, die fielen 
gewissermafien weg, wenn man sich in alten Zeiten im 
Menschen das Gehause des Seelischen dachte. Man dach- 
te namentlich an das, was ja nicht unmittelbar durchseelt 
werden kann an der menschlichen Gestalt, man dachte 
an die Krafteverhaltnisse, die sich in der Handhabung 
des GliedmaEenmenschen ergeben. Dieser Gliedmafien- 
mensch war das Vehikel, durch welches der Mensch sein 
Seelisches hier in die Erde hineintrug. Die Kraftesyste- 
me, die da der Mensch entfaltete, traten in die Seele; sie 
studierte man; von ihnen umschlossen wollte man die 
Seele auch nach dem Tode sehen. Was man da erleben 
konnte, indem man lebend seine Seele durch das Dasein 
trug, das geheimniste man hinein in das, was man als die 
UmschliefSung der Seele haben wollte, aber nicht in ab- 
strakter Weise, sondern mit aller Konkretheit und Prak- 
tischkeit der alten Anschauung. 

Solche Dinge sind aufterlich immer nur so zu studie- 
ren, dafi man auf gewisse Empfindungsqualitaten hin- 
schaut. Man kann auch schon - Geisteswissenschaft er- 
gibt das mit vollstandiger Sicherheit, was ich eben ausge- 
fiihrt habe -, man kann auch schon aus aufieren Sympto- 
men eine gewisse Anschauung bekommen von solchen 
Dingen. Bedenken Sie einmal, worauf der griechische 
Plastiker besonders hat hinweisen wollen, wenn er den 
Menschen als physische Gestalt dargestellt hat: hohe 
Beine und einen fur spatere Verhaltnisse au£erordentlich 
grofien Kopf; die Kopflange ist in der griechischen Pla- 



stik achtmal in der Gesamtlange des Menschen enthal- 
ten. Er hat besonders den Kopf angeschaut, insofern der 
Kopf eine gewisse Lange hat, also einen Gliedmafienor- 
ganismus hat. Der griechische Plastiker studierte beson- 
ders den Gliedmafienorganismus des Kopfes und stu- 
dierte wiederum am ganzen Menschen den Gliedmafien- 
organismus. Alles, was in einem System des Menschen 
enthalten ist, ist ja auch im anderen enthalten. Der ganze 
Mensch ist wiederum im Kopf enthalten, die Arm- und 
Beinkonstruktion in den Kiefern, nur mul! man den 
Kopf dann umgekehrt betrachten. So dafi man sagen 
kann: Beim Griechen war das Hauptaugenmerk auf 
dasjenige im Menschen gerichtet, was die GliedmaEen- 
organisation war - bis in den Kopf. Das Gliedmafien- 
system ist am schwachsten ausgedriickt im Brust- und 
Rumpfmenschen; der tritt ganz zuriick in der griechi- 
schen Plastik. Der ist eigentlich in der griechischen Pla- 
stik der kiirzeste und schwachste Teil. Hohe Unterglied- 
mafien, ein grower Kopf im Verhaltnis zum Ubrigen - 
das ist eben die Hinlenkung der Aufmerksamkeit auf 
dasjenige, aus dem eine innere Statik im Menschen folgt. 
Und diese innere Statik wurde sorgfaltig studiert und 
sorgfaltig behiitet. Daher war dazumal Baukiinstler sein 
das Im-Besitz-Sein derjenigen Erkenntnisse, die an dem 
edelsten, was man studieren konnte, an dem Menschen, 
studiert waren. 

Nun, da kommt nun das Mittelalter heran. Herr Stra- 
kosch hat ausgezeichnet geschildert, wie da noch etwas 
hineinfliefit in den Gewolbebau, in den Spitzbogenbau, 
wie da irgend etwas drinnen lebt. Was da drinnen lebt, 
das konnen Sie studieren, wenn Sie wiederum den Blick 
hinwenden darauf, wie im Mittelalter der Mensch an- 
geschaut worden ist. Wenn Sie die mittelalterliche Men- 



schendarstellung betrachten, haben Sie nicht achtmal 
den Kopf enthalten in der ganzen menschlichen Gestalt, 
sondern etwa zehnmal. Die Beine sind kurz. Die Men- 
schen haben einen kleinen Kopf, das heifk, dafi zuruck- 
tritt der Gliedmaftenorganismus des Kopfes und da£ 
auch wenig Aufmerksamkeit gewendet wird auf die 
iibrigen Gliedmafien. Daher der riesige, lange Rumpf; 
der ist die Hauptsache bei der mittelalterlichen Plastik, 
da wird alle Aufmerksamkeit darauf verwendet. Studiert 
man diese Statik - ich mull mich paradigmatisch aus- 
driicken, wegen der Kiirze der Zeit -, studiert man, was 
in den Regeln der Bauhiitten enthalten war, so kann 
man finden die Geheimnisse desjenigen Menschenteiles, 
den wir heute den rhythmischen Menschenteil nennen, 
dasjenige, was sich in der Rhythmik ausdriickt, in der 
Statik der Rhythmen, an demjenigen Element, das zu 
dem rein Handwerklichen in der Gotik dazugekommen 
ist. Das ist in einem gewissen Sinne - man muft nur 
nicht phantastisch werden, wenn man diese Sache er- 
wahnt - dasjenige, was das Gottvertrauen ist - Herr 
Strakosch hat es auf seine wirkliche Bedeutung richtig 
zuruckgefuhrt es kommt ja aus dem Herzen, es 
kommt aus dem mittleren Menschen, nicht aus dem 
Kopfmenschen. So finden wir, dafi in demselben Zeit- 
raum, in dem gewissermafien durch das Studium der 
au£eren Natur und das Studium der reinen Mathematik 
und Mechanik, die anzuwenden sind auf die Natur, die 
Hinlenkung der Aufmerksamkeit auf den Menschen 
verlorengeht, auch diejenigen Elemente abhanden kom- 
men, die zu einem Stil fiihren. Denn zu einem Stil 
kommt man nur, wenn der Mensch das, was er am 
Mikrokosmos studieren kann, in der aufteren Gegen- 
wart gestalten kann. 



Und wenn man nun hingestellt ist vor die Aufgabe, 
einen neuen Baustil [zu finden], so handelt es sich natiir- 
lich darum, wiederum aus ahnlichen Untergriinden 
heraus zu schaffen. Es handelt sich darum, wiederum 
zuriickzukommen zu dem, was aus der menschlichen 
Wesenheit selber heraus folgt. Jetzt, in unserer Zeit der 
naturwissenschaftlichen Entwicklung, kann das natoir- 
lich nicht so gefunden werden, wie ich das fur zwei Epo- 
chen der Menschheit skizzenhaft geschildert habe, 
sondern nur, indem man gewissermafien vom Glied- 
mafienmenschen durch den rhythmischen Menschen 
hinaufsteigt zum Kopfmenschen, Mit dem kann man 
aber nichts anfangen, denn der hat schon im hochsten 
Mafie seine Verhaltnisse ausgestaltet. Der Kopfmensch 
ist ja dasjenige, worin sich das Individuelle des Menschen 
am meisten in den Formen ausdriickt. Damit kann man 
nicht in derselben Weise etwas anfangen wie zum 
Beispiel in der griechischen Statik, wo man gerade das 
gewissermafien in der Raumeszeichnung drinnen hatte, 
was man nicht sehen kann am Menschen, wenn er ein- 
fach vor einem steht. Ebenso in der spateren Zeit: Man 
hatte das in der Raumzeichnung drinnen, was man nicht 
sehen kann, sondern was sich nur aus einem Durch- 
fiihlen jener Gewolbe ergibt, die den rhythmischen 
Menschen ausmachen. 

Jetzt in der Gegenwart kann es sich nur darum han- 
deln, die geistig geschaute Grundlage zu finden, die der 
eigentlichen Geistigkeit des Menschen zugrunde liegt. 
Daher mufite im Dornacher Bau etwas aufgefuhrt wer- 
den, was nicht nur ein Versammlungsraum ist, sondern 
was auch ein Raum ist, der den einzelnen Menschen auf- 
fordert, darin sich so zu fuhlen, dafi er gleichzeitig zur 
Selbsterkenntnis kommt. Der griechische Bau war die 



Umrahmung der Seele. Der gotische Bau ist durch alles 
das, was ich eben ausgefiihrt habe, der Versammlungs- 
ort; er ist nicht fertig, wenn man nicht die Gemeinde, die 
Versammlung drinnen hat. «Versammlung» ist ja etwas, 
was der «Duma» entspricht und etymologisch verwandt 
ist mit «Dom». Die Versammlung gehort da hinein. - 
Jetzt haben wir einen Bau notig, welcher nun den Men- 
schen so ergibt, dafi man nicht mehr in der aufieren 
menschlichen Gestalt, sondern in Imaginationen die 
Formen in Anschauung haben kann. Wtirde man heute 
in derselben Weise bauen wollen wie fruher, so wiirde 
man in intellektualistisches Bauen verfallen, was unmog- 
lich ware, weil es keine Kunst mehr ist. Man mufi in der 
Kunst in der Anschauung bleiben, aber man mufi [auch] 
den Stil finden fur das, was ja nun Kopfarbeit ist, namlich 
unsere heutige Statik. Wahrend die Statik der Griechen 
ganz Anschauung war, ist unsere Statik heute ein Erar- 
beitetes, eine Kopfarbeit, und wir miissen dasjenige fin- 
den, was sich dem Griechen gerade entzogen hat. Er hat 
das, was er als Statik geschaut hat, auferbaut. Das ergibt 
sich fur uns aus dem Intellekt heraus. Die Anschauung 
mufi dazu geben, was nur in der Anschauung gegeben 
werden kann. So ist der Dornacher Bau, der ganz und gar 
nicht symbolisch ist, aufgefuhrt. Es ist eine Verleum- 
dung, wenn man das sagt, denn das hiefie, dafi der Bau 
unkunstlerisch aufgebaut ware. Es ist durchaus so, dafi 
alles an diesem Bau nur kunstlerisch empfunden ist, aber 
eben so, dafi das Kiinstlerische unmittelbar aus der An- 
schauung heraus gestaltet ist. Es ist wiederum das Ein- 
laufen in einen Stil, aber so, dafi [dabei] dieser Stil in 
ebenso naiver Weise, wie fruher geschaffen worden ist, 
aus der Notwendigkeit des unmittelbaren Anschauens 
heraus gefunden worden ist. Daher wird derjenige, der 



nach Dornach kommt, sich wiederum heimisch fiihlen 
konnen in diesem Bau, weil dieser so aufgefiihrt ist dem 
Stile nach, dafi der Mensch sich wiederfindet, wie man 
immer in wirklichen Baukunstwerken den Menschen 
gefunden hat. Im Dornacher Bau ist wahrhaftig nichts 
Phantastisches, sondern alles ist aus dem eben konkret 
charakterisierten Stilgewissen heraus entstanden. Des- 
halb konnte nicht das geschehen, was ja in einem anderen 
Fall durchaus geschehen ware. - Nicht wahr, die An- 
throposophie war da, viele Jahre lang da, bevor sie einen 
solchen Bau, wie es der Dornacher Bau ist, notig hatte. 
Dann trat in einer Anzahl von Menschen, die sich dazu- 
mal fiir iiberzeugt hielten von den anthroposophischen 
Grundwahrheiten, der Gedanke auf - es ist ja die Idee 
des Dornacher Baues nicht bei mir aufgetaucht -, fiir die 
besondere Art des Lebens, das in kiinstlerischer und 
praktischer Art aus der Anthroposophie sich ergibt, 
einen solchen Bau aufzufiihren. Mir fiel nur die Aufgabe 
zu, die Formen, das Stilvolle fiir diesen Bau zu finden. 
Ich wurde sozusagen von den Anthroposophen beauf- 
tragt, Der Bau entsprang durchaus nicht als Tatsache 
meiner Idee. 

Nun, nicht wahr, heute vollziehen sich ja dann solche 
Dinge so, dafi man sagt: Da ist irgendeine Vereinigung, 
eine Gesellschaft mit diesem oder jenem Ziel. Das ist 
einmal die Ordnung des heutigen Tages: man griindet 
iiberall Gesellschaften, Vereine, man stellt dann die Pro- 
gramme auf, die fiir diesen oder jenen Verein ausgefiihrt 
werden sollen. Diese Programme sind meistens sehr ge- 
scheit, denn wenn sich die Leute zusammensetzen, kann 
man intellektuell das Gescheiteste zusammenbringen, 
aber mit alledem wiirde man ja nicht weiterkommen, als 
bis zu einer Theorie; man wiirde mit alledem nicht wei- 



terkommen als etwa in der Lenkung der Weltgeschichte 
mit den Vierzehn Punkten Wilsons. Das ist auch ein sol- 
ches Programm, gescheit, aber gegeniiber den wirklichen 
Weltangelegenheiten etwas Undurchfiihrbares, etwas 
ganz Abstrakt-Tdrichtes, kann man geradezu sagen. 
Und dann, wenn solch eine Vereinigung da ist, die ein 
eigenes Haus braucht, dann wahlt sie sich aus den vor- 
handenen Stilen irgendeinen aus, nach dem sie ihren Bau 
ausfuhren lafk. - So kann Anthroposophie, wenn sie mit 
sich selber ehrlich ist, nicht zu Werke gehen. Das ist bei 
Anthroposophie nicht moglich. Indem sie in sich durch 
und durch ehrlich ist, weifi sie, dafi sie etwas hineinstellt 
in die moderne Zivilisation, in die moderne Kulturent- 
wicklung, was noch nicht drinnengestanden hat. Wer 
nun iiberhaupt Stilgefiihl und anderes Kunstgefuhl hat, 
der weift, wie alle Formen irgendeiner Kunst, also auch 
der Baukunst, aus der Denkweise irgendeiner Zeit 
herauswachsen, und wie sie gar nicht verstanden werden 
konnen, ohne dafi man mit dem ganzen Menschen in der 
Denkweise dieser Zeit drinnen lebt. Daher sind ja die 
alten Baustile fur uns nur Reminiszenzen. Wir konnen 
sie nur verstehen in dem Mafie, in dem wir uns hinein- 
versetzen konnen in jene alten Zeiten. Daher ist fur die 
meisten Menschen, die das nicht konnen, vieles unver- 
standlich. 

Bei Anthroposophie handelt es sich um etwas voll- 
standig Neues, aber nicht um Theorien, sondern um 
Leben. Das heifit, es handelt sich um etwas, was zu glei- 
cher Zeit Kunst werden kann, weil es nicht das Gefiihl 
abstumpft, wie der blofie Intellektualismus. Kiinstler 
haben ja oftmals Angst vor Anthroposophie, weil sie sie 
fur eine Theorie wie irgendeine Theorie halten. Durch 
Theorie wird alles Kiinstlerische abgestumpft, aber nicht 



durch Anthroposophie. Da werden Gefiihls- und Wil- 
lensimpuls gerade angeregt. Der ganze Mensch wird an- 
geregt. Anthroposophie macht den Menschen bis in die 
Hand hinein geschickter - das sollte heute bedacht wer- 
den, wo die meisten Manner so ungeschickt sind, daft sie 
nicht einmal einen abgerissenen Hosenknopf wieder an- 
nahen konnen. Darum handelt es sich, daft wir wirklich 
einsehen, daft in die Geschicklichkeit, in die Hand- 
fertigkeit, in die menschliche Beweglichkeit alles hinein- 
geht, was anthroposophische Ideen sind, die nicht bloft 
Gedanken sind, sondern die zu gleicher Zeit Welten- 
krafte sind, in denen der Mensch lebt. Deshalb kann man 
sie auch wieder so bauen, plastisch gestalten, malen, wie 
man dasjenige baut, plastisch gestaltet, malt, was eben 
in der geschilderten Weise aus dem Menschen heraus- 
geholt ist. 

Es muftte daher, weil Anthroposophie sich als etwas 
Neues in unsere Kultur hineinstellt, fiir diese Anthropo- 
sophie eine Umrahmung gefunden werden, die gerade 
nur fiir sie dasein kann. Das heiftt, es muftte aus ihren 
geistigen Impulsen heraus ihr Stil gefunden werden. Der 
Dornacher Bau steht daher so da, daft das, was vom Po- 
dium gesagt werden kann, daft das Wort, was dasein soil, 
um den Inhalt der geistigen Welt zu verkiindigen, das 
eine ist, die eine Art zu sprechen; eine andere Art ist die, 
die man in der Umrahmung des Baues sieht. Jede Saule, 
jedes Kapitell spricht genau ebenso wie die Worte, die 
vom Podium gesprochen werden. Es ist ein Einklang 
vorhanden, wie auch in der griechischen Seek zwischen 
der Gottesanschauung und dem Tempelbau ein Einklang 
war. Man muft aus den Impulsen des Kunstentstehens 
schaffen. Dann kommt das heraus, woriiber man nicht 
diskutieren kann: der Stil - der Stil, der erfafit werden 



mufi aus dem ganzen Menschen, aus dem, wo man die 
Gedanken, die mehr als blofte Gedanken sind, als Krafte 
erlebt, die in einem sitzen und bis ins Blut den Menschen 
durchpulsen, so daft man sie auch aufterlich gestalten 
kann. 

Nur ein paar Bemerkungen wollte ich machen, meine 
lieben Kommilitonen, verehrte Anwesende. Ich wollte 
nur darauf hinweisen, wie man doch dahin kommen 
kann, wiederum Stile zu finden. Mag das in Dornach 
noch so unvollkommen gelungen sein - ich bin selber der 
strengste Kritiker dieses Baues, der ja nur ein erster An- 
hub ist -, aber es ist versucht worden, wiederum den 
Duktus des Stiles zu finden, wiederum das zu find en, 
was im Stile sitzt. Und deshalb, weil hier etwas in den Stil 
hineingestellt ist, was reale Geistigkeit ist, kann man 
auch das Material, das so sprode sich erweist, wie Herr 
Strakosch es geschildert hat, den Beton, bezwingen, so 
daft man sich dann sagt: Gewift, aus dem Beton kann 
man gar nichts machen, wenn man nicht das verriickteste 
Zeug machen will, aber das verriickteste Zeug ist eben 
gerade das Stilloseste. Man kann erst etwas machen aus 
Beton, wenn man aus den iibrigen Voraussetzungen - 
seien es bei Utilitatsbauten Utilitatsvoraussetzungen, 
seien es bei einem solchen Bau einer Hochschule fur 
Geisteswissenschaft wie dem Bau in Dornach, geistige 
Voraussetzungen -, wenn man das, was als Lebendiges 
drinnen ist, [auch] drinnen hat; dann kann man sagen, 
auch wenn man den Beton vorliegen hat: Das gibt es 
nicht, daft der Beton gestattet, daft man alles Mogliche 
daraus macht, sondern man kann an eine Stelle nur ein 
Einziges hinstellen. An der Stelle, wo der Mensch ein 
Ohrlappchen hat, konnte keine grofie Zehe sein, die 
Natur wiirde das nicht gestatten; wenn ein bestimmtes 



Kraftemassiv des Organismus da ist, lafit sich an einer 
Stelle nur eines ausgestalten - wenn man in der Anschau- 
ung lebt. Das ist es, urn was es sich handelt, wenn man 
von Stilgefiihl, von festgebildetem Stilgefiihl redet und 
von dem absolut plastischen Betonmaterial. 

So werden Sie vielleicht doch in Dornach erleben 
konnen, dafi, trotzdem das wahr ist, was Herr Strakosch 
aus gewissen Anschauungen heraus iiber das Betonmate- 
rial gesagt hat, dafi doch das Betonmaterial in Dornach 
so zu behandeln versucht worden ist - wenn auch nicht 
alles gelungen ist -, dafi das, was an irgendeiner Stelle 
sitzt, gerade dort als notwendig empfunden wird, und 
dafi man sich aus der Anschauung heraus sagt: Wie an 
einer bestimmten Stelle des Kopfes nur ein Ohrlappchen 
sein kann, so kann hier nur eine ganz bestimmte Form 
sein. - Da mufi aber vorausgehen die Uberfuhrung des 
blofi Symmetrischen, des blofi Mafivoll-Metrischen in 
das Organische, das innerlich erlebte Mafivolle, das in- 
nerlich erlebte Symmetrische, wie man es hat, wenn man 
iibergeht vom blofi Mechanischen zum Organismus. Es 
mufite, um wiederum zu einem Stil zu kommen, einmal 
der Schritt gemacht werden von dem geometrisch-sym- 
metrischen, metrischen Stil und so weiter zum organi- 
schen Stil. Das mag noch so unvollkommen gelungen 
sein, aber es ist zweifellos in dieser Richtung das zu 
suchen, was die weitere Stilentwicklung der Baukunst 
sein mufi. Und man wird den [Stil fur einen] Utilitatsbau, 
wie auch [fur] einen solchen Bau wie das Goetheanum in 
Dornach, nur finden, wie ich meine, wenn man solche 
Wege geht, sonst werden wir immer nur bis zum Re- 
produktiven kommen. Zum Produktiven kommen wir 
nur auf diesem Wege. Dann werden nicht mehr pessimi- 
stische Betrachtungen dariiber angestellt zu werden 



brauchen, daft Baustile nicht erfunden werden, sondern 
dann wird aus dem vollen, kiinstlerischen Leben heraus 
der Drang nach neuer Stilisierung, neuer Stilistik wieder- 
um entstehen. 

Frage: Ich mochte fragen, ob Herr Dr. Steiner das Verhaltnis 
zwischen dem heutigen Menschen und der neuen Stilform des 
Dornacher Baues auf dem Wege hoherer Erkenntnis gefunden 
hat, wie das fruher fur geisteswissenschaftliche Dinge angedeu- 
tet wurde, und ob im bejahenden Falle dieser Weg da ange- 
wandt werden darf, wo es sich um intuitives und kunstlerisches 
Schaffen handelt. 

Rudolf Steiner: Es ist das eine Frage, die so allgemein 
nicht behandelt werden kann. Ich habe ja, wie ich glaube, 
den Prozeft, soweit es eben in der skizzenhaften Darstel- 
lung ging, geschildert. Es handelt sich darum, daft die 
Anschauung da ist, und diese Anschauung, sie kommt 
mit einer gewissen Notwendigkeit. Man kann also nicht 
sagen, daft fiir irgend etwas Spezielles Vorbereitungen 
gemacht werden konnten oder so etwas, damit diese 
Dinge dann kommen. Sondern es ist im Anthroposophi- 
schen - man moge das heute glauben oder nicht - etwas 
da, was gegeniiber dem bloft Abstrakten, Theoretischen 
ein Element ist, das zusammenhangt mit Organisation, 
mit Wachstum und so weiter. Es ist so, daft man sagen 
kann: Sogar das, was ich als Idee erkenne, als irgendein 
Wesenhaftes in der geistigen Welt, das ist da, das ist an- 
geschaut, aber man hat jetzt nicht die Moglichkeit, dieses 
in ebensolcher Weise festzuhalten, wie ein sinnliches Er- 
leben, das dem Gedachtnis anhaftet; man kann immer 
nur die Wege, durch die man zu einem solchen hoheren 
Erlebnis gekommen ist, also das, was noch vor dem 
Erlebnis liegt, nachkonstruieren und kann dann abwar- 



ten, ob das Erlebnis wiederum da ist. Das Erlebnis ist die 
Darlebung; und
…[truncated]