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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
OFFENTLICHE VORTRAGE
RUDOLF STEINER
Die Aufgabe der
Anthroposophie gegemiber
Wissenschaft und Leben
Darmstadter Hochschulkurs
Vortrdge und Anspracben,
Darmstadt, 27. bis 30. Juli 1921,
darunter Fragenbeantwortungen
sowie erganzende Bemerkungen
zu Vortrdgen anderer Redner
1997
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgten Susi Lotscher und Ulla Trapp
1. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1997
Friihere Veroffentlichungen in Zeitschriften
siehe zu Beginn der «Hinweise»
Bibliographie-Nr. 77a
Alie Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung,
Dornach/Schweiz
© 1997 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Konkordia Druck, Buhl/ Baden
ISBN 3-7274-0771-9
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861 bis
1925) gliedert sich in die drei groften Abteilungen: Schrif-
ten - Vortrage - Kiinstlerisches Werk (siehe die Ubersicht
am Schlufi des Bandes).
Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich
wie fur die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthro-
posophischen Gesellschaft zahlreichen frei gehaltenen Vor-
tragen und Kursen hatte Rudolf Steiner urspriinglich nicht
gewollt, dafi sie schriftlich festgehalten wiirden, da sie
von ihm als «miindliche, nicht zum Druck bestimmte
Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend
unvollstandige und fehlerhafte Horernachschriften an-
gefertigt und verbreitet wurden, sah er sich veranlafk, das
Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er
Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der
Stenographierenden, die Verwaltung der Nachschriften
und die fur die Herausgabe notwendige Durchsicht der
Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz weni-
gen Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte,
mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vor-
behalt berucksichtigt werden: «Es wird eben nur hin-
genommen werden miissen, daft in den von mir nicht nach-
gesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde
gemafi ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf
Steiner Gesamtausgabe begonnen. Der vorliegende Band
bildet einen Bestandteil dieser Gesamtausgabe. Soweit er-
forderlich, finden sich nahere Angaben zu den Textunter-
lagen am Beginn der Hinweise.
I N H A L T
Erster Vortrag, Darmstadt, 27. Juli 1921 . . 13
Natur-Erkennen und Geist-Erkennen
Begriifiung. Auseinandersetzung mit der naturwissen-
schaftlichen Denkungsart. Das «Ignorabimus» bei Du
Bois-Reymond und bei Ranke. Gewissenhaftigkeit und
innere Disziplin. Der Satz «Ich denke, also bin ich
nicht». Ausschalten alles Personlichen in der Naturwis-
senschaft. Ich-Bewulksein und naturwissenschaftliches
Bewulksein; das Ich-Gefiihl im Traum und in patho-
logischen Zustanden. Pathologisches als Fortschritts-
prinzip im Darwinismus. Ich-Bewulksein und geistes-
wissenschaftliche Forschung. Erinnerungen als Spie-
gelungen am eigenen Organismus. Selbsterkenntnis
durch Schauen hinter den Gedachtnisspiegel. Die My-
stik der heiligen Therese und des Johannes vom Kreuz.
Schauen in das praexistente Leben. Umwandlung der
Kraft der Liebe in Erkenntniskraft. Bewufites Erleben
der geistigen Aufienwelt. Der Aufstieg vom Natur-
Erkennen zum Geist-Erkennen.
Schlusswort, 28. Juli 1921 41
nach dem Vortrag von Carl Unger uber «Technik als
freie Kunst»
Die Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus. -
Rudolf Steiners Hinweis 1914 auf die zu einer Kata-
strophe hindrangenden Verhaltnisse. Der Grund fur die
Katastrophe. - Vom Personlichen zum rein Sachlichen
im Kapitalismus. Eine Anekdote uber Rothschild. - Der
Techniker als etwas Neues im modernen Leben. Tech-
nik und soziale Frage. - Die Vierzehn Punkte W. Wil-
sons. Das Wirklichkeitsgemafte und Praktische der An-
throposophie.
Zweiter Vortrag, 28. Juli 1921 53
Die geistige Signatur der Gegenwart
Der Satz «Ich denke, also bin ich nicht». Alter und neuer
Autoritatsglauben. Angestrebtes Nivellement der Men-
schen im Intellektuellen und Herausbrechen des
Individuellen im Willens- und Gefiihlslebens als Gegen-
reaktion. - Ausbildung einer iibersinnlichen Erkennt-
niskraft. Einseitigkek oder Allseitigkeit in den Schilde-
rungen verschiedener Geistesforscher. Das Sprechen der
Anthroposophie zum individuellen Menschen. Eine So-
zialethik in der «Philosophie der Freiheit». - Ubersinn-
liche Erkenntnis und religioser Glaube. Das Christen-
turn als letzte Form der Religion; seine tiefere Be-
griindung durch die Anthroposophie. - Unterschiedli-
ches Empfinden gegeniiber dem Bewufksein der Romer
und dem Bewufitsein der Griechen. Zusammenhang des
seelisch-geistigen Lebens mit dem korperlichen in ver-
schiedenen Zeiten.
Fragenbeantwortung, 28. Juli 1921 .... 86
am Padagogischen Abend
Zum Anschaulichkeitsunterricht. Nachahmefahigkeit
beim Kind bis zum Zahnwechsel; Notwendigkeit eines
Autoritatsverhaltnisses bis zur Geschlechtsreife. Begrif-
fe und Anschauungen, die mit dem Kinde wachsen kon-
nen. Die Seelenverfassung des Lehrers. - Denk- und
korperliche Geschicklichkeit. - Die Waldorfschule. Der
freie Religionsunterricht. Moglichkeit eines Ubertritts
in jede andere Schule. Hinfuhren zum religiosen
Empfinden bis zum 8. Jahr, dann Hinaufleiten zum
christlichen Empfinden. Einfuhrung der Kinder in das
wirkliche Christentum.
Erganzende Bemerkungen
und Fragenbeantwortung, 29. Juli 1921 . . . 100
nach dem Vortrag von Alexander Strakosch iiber «Ge-
schichte der Architektur und einzelner technischer
Zweige»
Uber das Beurteilen von Baustilen. Ein neuer Stil fur
den Dornacher Bau. Zusammenfugen von Beton und
Holz. Stilgewissen. Die Gotik. Geheimnisse der «Bau-
hutten» und heutige Technik. Der Zweikuppelbau. -
Der griechische Tempel als Wohnhaus des Gottes. G6t-
terkultus als Metamorphose eines alteren Ahnenkultus.
Statische und dynamische Verhaltnisse des GliedmafSen-
menschen im griechischen Tempelbau und Betonung
des Gliedmafknorganismus in der Plastik. - Aufmerk-
samkeit auf den rhythmischen Menschen in der mittel-
alterlichen Menschendarstellung. Der gotische Dom. -
Imaginationen des Kopfmenschen als Stilformen der
Gegenwart. Einklang von gesprochenem Wort und
Umrahmung des Baus in Dornach. - Aufrechterhaltung
der kiinstlerischen Freiheit. - Zu einer Frage iiber das
Losen von Problemen im Halbschlaf.
Dritter Vortrag, 29. Juli 1921 128
Die Aufgabe der Anthroposophie gegeniiber
Wissenschaft und Leben
Heutige Experimentalwissenschaft und ihre Grenzen. -
Ausbildung meditativer Erkenntniskrafte. Imaginative
Erkenntnis durch Umwandlung des Erinnerungsvermo-
gens. Inspirierte Erkenntnis durch Ausbildung der Kraft
des Vergessens. Ubungen zur inneren Selbstzucht. Er-
starken des Willenslebens. - Verfolgen der physischen
Vorgange im menschlichen Organismus. Imagination
als eine hohere Entwicklungsstufe des «reinen Den-
kens»; die «Philosophie der Freiheit». Erkennen des
Denkens als Konsolidierung, des Wollens als Zerstau-
bung des Materiellen im Menschen. - Nebeneinander
von hoherer Erkenntnis und gewohnlichen Seelenzu-
standen beim anthroposophischen Geistesforscher. Er-
kenntnis des vorgeburtlichen und nachtodlichen geisti-
gen Lebens. - Instinktive soziale Bindungen in fruheren
Zeiten. Heutiges Theoretisieren in bezug auf das soziale
Leben und daraus resultierende Zerstorungskrafte. Die
«Kernpunkte der Sozialen Frage». Die Freie Waldorf-
schule.
Schlussrede, 30. Juli 1921
Dank an die Veranstalter des Hochschulkurses. Zur
Namengebung «Goetheanum». - Einige Bilder aus Ru-
dolf Steiners Leben. Wien: Technische Hochschule.
Aufkommen der Elektronenlehre. Karl Julius Schroer.
Teilnahme mit Vortragen an der «Deutschen Gesell-
schaft» und der «Deutschen Lesehalle». Redaktion der
«Deutschen Wochenschrift». - Weimar: Mitarbeiter-
schaft am Goethe-Schiller- Archiv. Auseinandersetzung
mit Haeckel und Nietzsche. Die «Philosophie der Frei-
heit». Wirken in der Theosophischen Gesellschaft; Um-
gestaltung derselben in die Anthroposophische Gesell-
schaft. Die lebendige Entwicklung der anthroposophi-
schen Geisteswissenschaft. - Angriffe der Gegnerschaft;
Fall eines gefalschten Briefes. Notwendigkeit der De-
maskierung der Unwahrhaftigkeit und des Enthusias-
mus fiir die Wahrhaftigkeit. Fruchtbarmachung der
Aufgangskrafte unseres Zeitalters durch die Anthropo-
sophie. Der Pessimismus bei Spengler, der Idealismus
bei Fichte. Worte an die jugendliche Menschheit. - Die
Bedeutung des Technikers in die Zukunft hinein.
ANHANG
Einladung und Programm zum Hochschulkurs
(Faksimile) 177
Briefwechsel im Zusammenhang mit den
Vorbereitungen fur den Hochschulkurs . . . 181
Notizbucheintragungen Rudolf Steiners
(Faksimiles mit Transkriptionen) 189
Abbildungen des «Saalbaus» in Darmstadt
(Aufien- und Innenaufnahme) 226
Pressestimmen:
Kurzreferate von Vortragen der anderen Redner . . 227
Hinweise
Zu dieser Ausgabe 243
Hinweise zum Text 246
Namenregister 259
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 261
ERSTER VORTRAG
NATUR-ERKENNEN
UND GEIST-ERKENNEN
Darmstadt, 27. Juli 1921
Verehrte Kommilitonen, verehrte Anwesende! Zuerst
wende ich mich an die verehrten Sprecher, die mich in so
freundlicher Weise begrufien wollten. Ich nehme an, dafi
diese Begriifiung auch der geistigen Angelegenheit gilt,
welche hier im Laufe dieser Hochschulveranstaltung
vertreten werden soil.
Wenn von meiner Seite - das mochte ich hier in bezug
auf diese Begriifiungen ganz besonders vorbringen -,
wenn von meiner Seite mit einer tiefen Befriedigung auf
diese freundlichen Griifie geantwortet wird, so geschieht
das aus zwei Grundiiberzeugungen heraus, die mich be-
seelen bei aller Vertretung dessen, was ich die anthro-
posophische Geisteswissenschaft nenne. Gewift, heute
wird diese anthroposophische Geisteswissenschaft noch
viel angegriffen, aber sie wird den Weg gehen konnen,
den sie durch ihre innere Kraft zu gehen bestimmt ist,
wenn ihr unter anderem namentlich zwei zeitgenossische
Krafte zur Seite stehen. Und gerade von diesen zwei
zeitgenossischen Kraften kommt ja Ihre freundliche Be-
griifiung her. Sie kommt erstens von seiten derjenigen,
die sich widmen wollen der Pflege wissenschaftlichen
Lebens, und sie kommt von der Jugend. Nun bin ich
eben tief uberzeugt, dafi unter den anderen manigfaltigen
Bedingungen, die da sein miissen, wenn anthroposophi-
sche Geisteswissenschaft ihren Weg wird gehen sollen,
zwei Dinge vor allem notwendig sein werden. Das ist,
daft man einsehen lerne, dafi diese Geisteswissenschaft
ihrerseits aus dem strengsten wissenschaftlichen Geiste
heraus arbeiten will. Und weil sie das will, ist mir diese
Begriifiung ganz besonders wertvoll. Und zweitens bin
ich tief davon iiberzeugt, dafi - wie auch mancher, der im
gegenwartigen Leben stent, heute noch iiber diese an-
throposophische Geisteswissenschaft denken mag -, dafi
wichtiger noch ist, wie die Jugend dariiber denkt. Denn
von demjenigen, was die Jugend in den nachsten Jahr-
zehnten wird hineintragen in die Menschheitsentwick-
lung, wird es ja abhangen, ob wir wieder den Weg her-
ausfinden aus den so zahlreich vorhandenen Nieder-
gangskraften zu den Aufgangskraften. Mitzuarbeiten
gerade an diesem Ziel soil ja auch das Bestreben anthro-
posophischer Geisteswissenschaft sein. Ihr mufi es daher
eine besondere Befriedigung gewahren, wenn sie von der
Jugend begriifit wird. Und glauben Sie es mir - glauben
Sie es, meine verehrten Begriifier, und glauben Sie es alle,
die Sie hier sitzen: Vor demjenigen, was berechtigte Kri-
tik ist, was vor alien Dingen ein vollkommen kritisches
Sich-Gegenuberstellen gegeniiber dieser anthroposo-
phischen Geisteswissenschaft ist, vor dem wird diese
letztere niemals zuriickschrecken. Im Gegenteil: Sie wird
die grolke Befriedigung daran haben, wenn aus einem
wirklichen Erkenntnisdrange und aus dem Drange, an
den Zielen der Menschheitsentwicklung praktisch mit-
zuarbeiten, diese Kritik kommt. Anthroposophische
Geisteswissenschaft ist im Anfang ihrer Entwicklung; sie
braucht wahrhafte und ehrliche Kritik. Sie braucht kein
blindes Vertrauen und kann eigentlich ein blindes Ver-
trauen nicht brauchen. Sie braucht denkende Beurteiler.
Mogen ihr diese denkenden Beurteiler gerade aus der
Jugend heraus erwachsen.
Deshalb, weil dies mein sehnlichster Wunsch ist, darf
ich von ganzem Herzen fiir die freundlichen Worte dan-
ken, die mir als dem Vertreter dieser anthroposophi-
schen Geisteswissenschaft hier eben gewidmet worden
sind. Haben Sie herzlichen Dank dafur und lassen Sie
mich den Wunsch aussprechen, dafi dasjenige, was im
Laufe dieser Woche, also in einer verhaltnismafiig recht
kurzen Zeit, hier notdurftig wird vorgebracht werden
konnen, wenigstens einigermafien in anregender Art
Ihren Voraussetzungen entsprechen kann. Diese Vor-
aussetzungen sind ja gewift solche, die gerade im Sinne
des eben Ausgesprochenen liegen, sonst hatte die Ver-
anstaltung nicht stattfinden konnen.
Und insbesondere mul! ich herzlich danken fiir die
freundliche Einladung, die mir von der allgemeinen Stu-
dentenschaft zugekommen ist. Ich darf diese gerade als
einen Ausdruck dafiir betrachten, dafi immer mehr und
mehr eingesehen wird, wie anthroposophische Geistes-
wissenschaft, wie sie von mir vertreten wird, das Gegen-
teil jeder sektiererischen Bestrebung ist, daft sie auch das
Gegenteil alles dessen ist, was im engherzigen Sinne an
irgendeinen Bekenntnisglauben oder etwas ahnliches
appelliert. Daher habe ich es als ein mich tief Befriedi-
gendes betrachtet, dafi sich die allgemeine Studenten-
schaft hier in Darmstadt der Einladung angeschlossen
hat, welche von den besonderen anthroposophischen
Gruppen ausgegangen ist. Und fiir diese Einladung las-
sen Sie mich noch all denjenigen, die an ihr teilgenom-
men haben, den allerherzlichsten Dank sagen.
Nun, verehrte Kommilitonen, sehr verehrte Anwe-
sende, das, was sich in der Gegenwart anthroposophi-
sche Geisteswissenschaft nennt, es wird in weiteren
Kreisen heute oftmals von Gesichtspunkten aus beur-
teilt, die eigentlich schon aus der Welt geschafft werden
konnten dadurch, daft man den Ausgangspunkt ins Auge
fafk, von dem diese anthroposophische Geisteswissen-
schaft ihren Anfang genommen hat. Dieser Ausgangs-
punkt war ja ganz gewifi nicht ein sektiererischer, nicht
ein im engeren Sinne der Zeit religioses Bekenntnis oder
dergleichen - obwohl die religiosen Bekenntnisse von
ihrer Seite aus gar sehr Ursache haben werden, sich mit
dieser anthroposophischen Geisteswissenschaft ausein-
anderzusetzen. Der Ausgangspunkt war eine Auseinan-
dersetzung mit dem naturwissenschaftlichen Denken
unserer weiteren Gegenwart, der Gegenwart, die etwa
umfafit die letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts und
die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts.
Die naturwissenschaftliche Denkungsweise hat ja
nicht nur Platz gegriffen innerhalb der Naturwissen-
schaft selbst, sondern sie hat - eigentlich erst in der neu-
sten Zeit - einen weiteren Umkreis des menschlichen
Anschauens sich erobert. Mit Recht ist von emsichtiger
Seite betont worden, dafi die Koryphaen des modernen
naturwissenschaftlichen Denkens - sagen wir Newton,
Kopernikus, Galilei, selbst ein Kepler an dessen Aus-
gangspunkt durchaus noch Anhanger eines alten Offen-
barungsglaubens waren, wie sie ihn angetroffen haben
innerhalb ihrer eigenen Zeit. Die grofie Auseinander-
setzung zwischen der naturwissenschaftlichen Den-
kungsweise und den grofien Weltanschauungsfragen ist
eigentlich erst eingetreten im Laufe des 19. Jahrhunderts.
Und diese naturwissenschaftliche Denkungsweise hat
auch das in einer gewissen Weise ergriffen, was sich zu-
nachst - nun nicht auf dem Boden der Anthropo-
sophie, sondern in der heutigen offiziellen Wissenschaft
- «Geisteswissenschaft» nennt. Sie hat ergriffen zum
Beispiel die Geschichte.
Wenn wir auf der einen Seite auf die naturwissen-
schaftliche Entwicklung sehen und auf der anderen Seite
auf die Entwicklung der geschichtlichen Anschauungen,
dann mufi man sagen: Wer mit allem Ernste und aus den
inneren Erlebnissen des gesamten Menschen, des Voll-
menschen heraus das letzte Entwicklungsstadium unse-
res geistigen Lebens am Ende des 19. Jahrhunderts und
am Beginn des 20. Jahrhunderts miterlebte, der begegne-
te gewissermafien zwei Eckpfeilern; zwei Eckpfeilern,
von denen der eine einmal gropes Aufsehen gemacht hat,
heute aber wiederum fast vergessen ist, das heifit verges-
sen ist von dem Gesichtspunkte aus, dafi man sich seiner
nicht mehr in vollem Bewufttsein erinnert. Aber er lebt
fort in der Art und Weise, wie man heute Weltanschau-
ungsfragen behandelt. Dieser eine Eckpfeiler ist das
einstmals beruhmte «Ignorabimus» - «Wir werden nie-
mals wissen» - Du Bois-Reymonds aus den siebziger
Jahren des 19. Jahrhunderts. Du Bois-Reymond, der ge-
radezu ein reprasentativer Naturforscher seiner Zeit war,
er hat die Grenzen naturwissenschaftlichen Denkens in
strenger Weise zeichnen wollen, und er hat ja auch jene
Auseinandersetzungen, in denen das Ignorabimus des
Naturforschers enthalten ist, mit den Worten beschlos-
sen: Naturwissenschaft werde niemals ergriinden kon-
nen das Wesen des Materiellen selbst, also das Wesen
dessen, was zugrunde liegt der aufieren, durch unsere
Sinne beobachtbaren, mit dem Verstande zu zergHe-
dernden Welt. Gegenuber dieser Welt miisse man das
Ignorabimus aussprechen - so meinte Du Bois-Rey-
mond -, denn alles dasjenige, was iiber die angedeuteten
Grenzen hinausgehen mochte, fiihre in den Supernatura-
lismus hinein. In eine Art iibersinnlicher Forschung fiih-
re das - meint Du Bois-Reymond, indem er den Satz
monumental hinstellt, dafi, wo Supernaturalismus an-
fangt, die Wissenschaft aufhort.
So war einstmals die grofte Frage, die am Ausgangs-
punkte anthroposophischen Denkens und anthroposo-
phischen Beobachtens stand: 1st es wirklich mit alier
Wissenschaft da aus, wo beginnen miifke iibersinnliche
Forschung, oder, wie Du Bois-Reymond meint, Super-
naturalismus?
Aber das ist ja nur der eine Eckpfeiler. Den anderen
Eckpfeiler hat nun nicht ein Naturforscher, sondern ein
Historiker hingestellt, der beriihmte Leopold von Ran-
ke. Und wiederum war es ein Ignorabimus, ein «Wir
konnen und werden nicht wissen!» - Ranke, der grofte
Geschichtsforscher, versuchte sich mit aller Objektivitat
in den Werdegang der durch geschichtliche Dokumente
erreichbaren menschlichen Entwicklung hineinzufinden.
Und er hat es ausgesprochen, dafi ja in dieses geschicht-
liche Werden hineingreift, was wir im Laufe der Erdent-
wicklung als das allereinschneidendste Ereignis sehen,
das Ereignis der Begriindung des Christentums, das Auf-
treten des Christus Jesus im Verlaufe der Menschheits-
entwicklung. Dafi dieses Ereignis weltumwalzend war
im geschichtlichen Werden, das leugnet Ranke auch
nicht; dafi aber geschichtliche Betrachtungsweise halt-
machen imisse vor der Entstehungsursache des Christen-
tums, das behauptet Ranke, wie auf der anderen Seite
Du Bois-Reymond behauptete, dafi Wissenschaft halt-
machen miisse vor dem Ubersinnhchen. Dasjenige, was
durch den Begriinder des Christentums in die geschicht-
liche Entwicklung eingeflossen ist - sagt etwa Ranke -,
das gehort zu den Urelementen des geschichtlichen Wer-
dens - so driickt er sich aus an die die methodische
Geschichtsforschung nicht heranreichen kann. Selbst-
verstandlich konnten noch viele solche Urelemente
aufgezeigt werden. Ich habe nur das fiir das Abendland
Wichtigste im Sinne Leopold von Rankes hier hervorge-
hoben. - Das ist der andere Eckpfeiler. Er wurde aufge-
richtet aus dem Grunde, weil ja im Verlaufe des 19. Jahr-
hunderts die Erziehung, welche die wissenschaftliche
Menschheit erhalten hat im Laufe der letzten vier bis
funf Jahrhunderte, ihre Krafte auch entfaltet hat in den
anderen wissenschaftlichen Betrachtungen. Und wenn
auch selbstverstandlich Leopold von Ranke weit ent-
fernt war davon, seine eigene historische Anschauungs-
art mit der Naturwissenschaft zusammenzubringen, so
mufi man doch sagen: Naturwissenschaftliche Erkennt-
nis mit ihren grofien, ihren gewaltigen Triumphen, mit
ihrer berechtigten Stellung in der neueren Geistesent-
wicklung der Menschheit, sie hat ihre Gewalt auch gel-
tend gemacht auf den anderen Gebieten. Diese mufiten,
wenn ich so sagen darf, sich ihr «anahnlichen». Und so
ist im Grunde genommen das Ignorabimus des Leopold
von Ranke nichts anderes als die historische Antwort auf
das naturwissenschaftliche Ignorabimus des Du Bois-
Reymond.
Eine Auseinandersetzung damit, was da lebte im mo-
dernen Geistesleben und - weil ja das Geistesleben doch
zugrunde liegt aller menschlichen Kultur- und Zivilisa-
tionsentwicklung - auch mit dem ganzen modernen
menschlichen Leben, eine solche Auseinandersetzung
mit diesen zwei Eckpfeilern steht am Ausgangspunk-
te dessen, was anthroposophische Geisteswissenschaft
werden wollte: eine Auseinandersetzung mit der natur-
wissenschaftlichen Denkungsart. Und ich sage aus-
driicklich: mit der naturwissenschaftlichen Denkungsart.
Denn gerade wenn von diesem Ausgangspunkte gespro-
chen wird, handelt es sich nicht etwa darum, auf einzelne
naturwissenschaftliche Ergebnisse einzugehen - auf die
ja in so dankenswerter Weise schon eingegangen worden
ist in den Vortragen, die bisher gehalten worden sind -,
sondern es handelt sich darum, hinzuschauen auf die Art
und Weise, wie sich gerade der naturwissenschaftliche
Forscher zu der Wirklichkeit verhalten will, und hinzu-
schauen insbesondere darauf, was man als Mensch mit
Bezug auf seine eigene menschliche Entwicklung in der
Gegenwart hat im Betatigen des naturwissenschaftlichen
Forschens oder auch nur im Aneignen naturwissen-
schaftlicher Resultate.
Sie werden es ja verstehen, wenn ich behaupte, daft die
Naturwissenschaft namentlich im Laufe des 19. Jahr-
hunderts - vorbereitet wurde es indessen schon fruher -
allmahlich Forschungsmethoden herausgebildet hat, an
denen insbesondere derjenige, der sich selbst forschend
in irgendeinem Zweige dieser Naturwissenschaft beta-
tigt, eine innere wissenschaftliche Gewissenhaftigkeit
und eine innere wissenschaftliche Disziplin sich aneig-
net, die man an nichts anderem als gerade in dieser
naturwissenschaftlichen Forschungsarbeit sich aneignen
kann. Und diese innere seelische Disziplin, diese innere
seelische Gewissenhaftigkeit, die man sich auf diese Art
aneignen kann, die brauchen wir im ganzen modernen
Zivilisations- und Kulturleben. Es entsteht nur die Fra-
ge: Kann die Naturwissenschaft das, was da innerhalb
der Menschheit anerzogen wird an Gewissenhaftigkeit
und innerer Disziplin, kann die Naturwissenschaft das
selbst bis zur letzten Konsequenz bringen? Mag dasjeni-
ge, zu dem sich die naturwissenschaftliche Forschung da
durchgearbeitet hat, berechtigt sein oder nicht, mag es in
der Zukunft modifiziert werden miissen oder nicht - die
relative Unberechtigung ist ja von einzelnen Rednern
dieser Veranstaltungen ins rechte Licht gesetzt wor-
den -, dasjenige, worauf es ankommt, ist, daft auch selbst
in dem radikalsten Extrem, dem sich die Naturwissen-
schaft mehr theoretisierend als praktisch oder experi-
mentierend zugewendet hat, ihr noch diese Gewissen-
haftigkeit und diese innere Disziplin zugrunde liegen.
Wir haben gesehen, wie die naturwissenschaftliche
Forschung nach und nach dazu gedrangt worden ist, sich
aus dem Qualitativen herauszuarbeiten, immer mehr
und mehr zum Quantitativen hin. Das ist, wie gesagt, in
bezug auf die Ergebnisse anfechtbar - davon spreche ich
jetzt nicht. Aber ich spreche von der Erziehung, die der
Forscher hat erhalten konnen gerade durch das Extrem
dieser Tendenz, die dahin gegangen ist, nur dasjenige
gelten zu lassen auf dem Gebiete naturwissenschaftlicher
Anschauung, was sich messen, zahlen oder wagen lafit,
was durch die Zahl, durch das Mafi oder durch das Ge-
wicht ausdrtickbar ist. Man bekennt sich in gewissen
Kreisen zu der Anschauung, daft man eigentlich zu einer
gewissen Objektivitat nur kommt, wenn man als objek-
tiv nur dasjenige gelten lafit, was der Zahl, dem Mafi und
dem Gewicht unterliegt. - Wie gesagt, in bezug auf die
Ergebnisse wird das sehr anfechtbar sein.
Ich mochte jetzt die andere Seite betrachten, diese
Seite, die in der Frage gipfeln kann: Was hat man als
Denker, als Forscher selber davon, wenn man darauf
hinarbeitet, durch Gewicht, Mafi und Zahl das Objektive
zu erlangen? Man hat das davon, dafi man immer mehr
und mehr genotigt ist, alles auszuschalten aus der
naturwissenschaftlichen Untersuchung, aus dem natur-
wissenschaftlichen Experiment oder der naturwissen-
schaftlichen Beobachtung, was vom Subjekt, von der
menschlichen Personhchkeit selber in die Statuierung
dieser naturwissenschaftlichen Feststellungen einfliefien
konnte. Weg soil das alles, was aus dem menschlichen
Subjekte selber kommt. Man will sich ein vollstandig
objektives Bild der Welt entwickeln. Fassen wir aber die-
se Tendenz einmal so, da$ wir sie ganz konsequent neh-
men, meine sehr verehrten Anwesenden, dann darf ja
dasjenige, womit der Forscher gewissermafien weggeht
von seiner Forschung, von seiner Beobachtung, von
seinem Experiment, womit er sich aufschwingt zur Sta-
tuierung der Naturgesetze, dann darf ja dasjenige, was er
da forttragt, was er dann in sich selber bewahrt, keinen
Anteil haben, nicht den geringsten Anteil haben an dem,
was er als die wahre Aufienwelt, als das wirklich Objek-
tive ansieht. Und wenn der Gedanke zu Ende gedacht
wird, dann kommt man dazu, sich sagen zu mussen: Soil
wirklich im Sinne strengster naturwissenschaftlicher
Forderung alles Subjektive ausgeschaltet werden, dann
darf auch das, was wir zuletzt im Geiste in uns tragen,
was ja doch hervorgegangen ist aus Kombinationen der
Naturerscheinungen, nicht in irgendeiner Weise drin-
nenstecken in dieser Aufienwelt. Was aber darf dann in
uns nur sein von dieser Aufienwelt, das wir in uns tragen,
indem wir forschen, wenn wir nicht mehr durch unsere
Geisteskraft in lebendiger Wechselwirkung mit dieser
Objektivitat sind, sondern wenn wir nur zuriicksehen
auf das, was subjektiv in uns gearbeitet hat, wahrend wir
der Forschung hingegeben waren? Das Subjektive darf
nicht drinnenstecken, das mufi ganz und gar als nur im
Menschen selber liegend anerkannt werden. Aber inso-
fern der Mensch doch auch angehoren mufi der Ob-
jektivitat, darf es auch nicht in der Objektivitat des Men-
schen selber stecken. Wir miissen also etwas von unseren
Forschungsergebnissen, insofern sie unser Seelengut
sind, in uns tragen, was nichts zu tun hat - trotzdem es
ein wahres Abbild der Aufienwelt darzustellen bemiiht
ist was nichts zu tun haben darf mit der eigenen Ob-
jektivitat. Indem wir denken iiber die Natur, darf also
keinerlei Sein, wie wir es zuschreiben unserer eigenen
Objektivitat, in diesem Denken iiber die Natur stecken.
Daher mu£ am Ausgangspunkte einer erkenntnistheore-
tischen Betrachtung der Satz stehen: «Ich denke, also bin
ich nicht. » - Nur dann, wenn wir wagen, diesen Satz
dem groflen Cartesianischen Irrtum «Ich denke, also bin
ich» entgegenzustellen, nur dann stellen wir uns wirklich
auf den Boden naturwissenschaftlichen Denkens.
Es ist heute notwendig, diese Wendung zu machen,
von dem allverehrten, mochte man sagen, Ausgangs-
punkte des neuzeitlichen Denkens, von dem «cogito,
ergo sum» iiberzugehen zu dem «cogito, ergo non sum»,
«Ich denke, also bin ich nicht»! Denn erst indem wir das
Nichtsein dessen emsehen, was wir gewinnen aus der
Objektivitat, werden wir uns bewufit, als was wir nun
unser Subjektives zunachst anzusprechen haben: als Bild
haben wir es anzusprechen. Wir leben, wenn wir unser
Seelenwesen richtig erfassen, im Bilde. - Das ist nun in
einer gewissen Weise der Eckpfeiler dessen - insofern es
sich um ein Denkerisches handelt -, was am Ausgangs-
punkte anthroposophischer Geisteswissenschaft steht.
Nun aber, was hat denn die Menschheit als solche
erlangt, namentlich in bezug auf - wenn ich mich des
Lessingschen Ausdruckes bedienen darf - die «Erzie-
hung dieser Menschheit» durch das naturwissenschaft-
liche Denken, durch die charakterisierte Methodik und
inn ere Disziplin? Auf das mochte ich ganz besonders
hindeuten, was da eigentlich im Laufe der neueren Zeit
erlangt worden ist. Und wenn man das in richtiger Weise
schatzen und wurdigen will, dann mufi man zuriick-
schauen in altere Zeiten der Menschheitsentwicklung, in
diejenigen Zeiten, in denen es noch nicht ein natur-
wissenschaftliches Denken in unserem heutigen Sinne
gegeben hat, in denen man gar nicht eine so strenge, be-
griffliche Lime gezogen hat zwischen dem, was der
Mensch subjektiv zu der Auftenwelt hinzugebracht hat,
und dem, was nun wirklich objektiv in der Aufienwelt
vorhanden ist. Man braucht heute nur irgendein Litera-
turwerk zu nehmen, das einen wissenschaftlichen Cha-
rakter haben wollte, und das noch jener alteren Zeit an-
gehort, die nicht den naturwissenschaftlichen Einschlag
hatte, so wird man sehen, wie der Mensch da noch nicht
in der Lage war, das Subjektive von dem Objektiven
wirklich zu trennen; aber wie er dafiir auch nicht in der
Lage war, etwas zu entwickeln, was gerade zur haupt-
sachlichsten Entwicklungskraft der neuesten Phase ge-
schichtlicher Menschheitsentwicklung gehort: das ist das
voile Ich-Bewufksein, die voile menschliche Besonnen-
heit, die sich hineinstellt in das Weltenall und sich immer
mehr und mehr bewulk wird, als eine Imdividualitat, als
eine Personhchkeit in diesem Weltenall drinnenzuste-
hen. Das Wachsen des Personlichkeitsbewufitseins, das
Wachsen des Ich-Gefuhls, das Wachsen der Besonnen-
heit, das ist dasjenige, was zunimmt in demselben MaEe,
in dem das moderne naturwissenschaftliche Bewufksein
heraufzieht. Der Mensch konsolidiert sich innerlich,
konnte man sagen, in bezug auf alle Krafte, mit denen er
seine Personlichkeit zusammenhalt gerade unter dem
Einflusse dieser Verehrung des Objektivitatsprinzips.
Der Mensch wird innerlich als Personlichkeit starker,
und seine Sehnsucht nach freier Individual! tat wird gro-
wer in demselben Mafte, in dem sich in der neuesten Zeit
das naturwissenschaftliche Bewuiksein herausentwik-
kelt. Schon aus dieser Betrachtung kann etwas folgen,
was Sie werden erhartet finden, wenn Sie in die ja jetzt
schon etwas verbreitete Literatur unserer anthroposo-
phischen Geisteswissenschaft eindringen. Und das, was
da aus dieser Betrachtung folgen kann, ist dieses, dafi der
Mensch umsomehr zu einem innerlichen Ich-Bewufit-
sein gelangt, je mehr er sich naturwissenschaftHch ergeht
in der Beobachtung der Sinneswelt und in der all-
mahlichen Bearbeitung dieser Sinneswelt. Mit diesen
zwei letzteren Elementen wachst dasjenige im Men-
schen, was ihn sicher hineinstellt als ein Ich in seine gan-
ze Umwelt. Insbesondere unter Technikern sollte dies
gefiihlt werden, weil man da eine Empfindung entwik-
keln kann, wie das menschliche innere Bewuiksein ein
anderes wird dadurch, daft man hinschaut nicht nur auf
das Konstatieren der Naturgesetze durch Beobachtung,
durch Experimentieren, sondern auf das Hineinverwe-
ben der Naturgesetze in das, was man fur die Welt an
Instrumenten, an Werkzeugen, an ganzen Unterneh-
mungen zu leisten hat. In dieser Hineinstellung der
Naturgesetze in Unternehmung, in dieser Hineinstel-
lung der Naturgesetze in die Wirklichkeit, kann man es
erfuhlen, wie menschliche innere Besonnenheit gerade
wachst unter dem Einflusse naturwissenschaftlicher
Denkungsart.
Wenn man dieses in der richtigen Weise einsieht,
meine sehr verehrten Anwesenden, dann darf auf der
anderen Seite die Frage gestellt werden: Unter welchen
Umstanden nimmt denn diese Besonnenheit ab? Unter
welchen Umstanden kommt man heraus aus diesem Ich-
Bewufitsein?
Es ist merkwiirdig: mit der Erweiterung der materiel-
len Erkenntnisse wird das Ich-Gefiihl starker. Geht man
gewissermafien auf im materiellen Erkennen, so erreicht
man zunachst das Maximum des gewohnlichen Ich-
Gefuhls. - Wann wird es schwacher? Nun, Sie brauchen
sich nur an die gewohnlichste, alltaglichste Erscheinung
zu erinnern, die zeigt, wann das Ich-Gefiihl schwacher
wird. Ich erinnere Sie da an den Traum, das Traumen.
Nicht wahr, es ist nicht notig, dafi irgendetwas eine
aufiere Wirklichkeitsbedeutung an sich habe, wenn man
auf dieses Etwas hinsieht, um daraus gerade zu erkennen,
wie man in die wahre Wirklichkeit hineinkommt. Das
Traumen kann schliefilich zum Gegenstand einer aufier-
ordentlich interessanten Forschung gemacht werden,
und es hat ein sehr bedeutender Philosoph der neueren
Zeit, Johannes Volkelt, als eine seiner ersten literarischen
Publikationen sein Buch iiber die Traumphantasie er-
scheinen lassen; es ist nur schade, dafi Volkelt die Wege,
die er damit beschritten hat und durch die er sich einer
wirklichen geisteswissenschaftlichen Erkenntnis gar sehr
hatte nahern konnen, unter der Gewalt der neuesten
Philosophic dann wiederum verlassen hat. - Wenn man
das Traumleben wirklich studiert, so merkt man ja im
Verlauf der Traume mancherlei, aber eines der wesent-
lichsten Kennzeichen gerade der interessanten Traume
ist ihre Symbolik. Sagen wir zum Beispiel, wenn drauften
auf der Strafie irgendwie Feuerlarm ist, wir aber noch im
Schlafe sind und den Feuerlarm nicht als solchen erken-
nen, so symbolisiert uns der Traum zuweilen irgendein
Ereignis, von dem wir dann, wenn wir erwachen, er-
kennen, wie es eben symbolisch ist fur das, was da als
aufierer Feuerlarm erscheint. Dies ein Beispiel fiir das
Symbolisieren aufierer Ereignisse. Aber so ist es auch mit
inneren Zustanden. Wir traumen von einem kochenden
Ofen, und erkennen, wenn wir erwachen: dieser kochen-
de Ofen ist das Traumsymbol, das vor uns hingestellt
wird fiir das Herzklopfen, mit dem wir aufwachen. Inne-
res und Aufieres symbolisiert uns der Traum in der
merkwiirdigsten Weise. Aber wir werden es nicht leug-
nen konnen: Das Traumgebiet stellt dasjenige dar, in
dem sich unser Ich gewissermafien wiederum verliert. Es
geht ja soweit, dafi wir das, was nur aus unserem eigenen
Ich kommen kann, im Traume wie aus einem fremden
Ich hervorgehend erleben. Der Traum lost, gewisser-
mafien als die chaotische Erscheinung unseres Seelen-
lebens, unseres zunachst mit der Aufienwelt nicht in Zu-
sammenhang stehenden Seelenlebens, unser Ich auf. Er
bringt uns heraus aus derjenigen Besonnenheit, in die
wir immer mehr und mehr hineinwachsen, gerade wenn
wir uns dem materiellen Erkennen hingeben.
Und verfolgt man, was im Traume sich zunachst noch
im gesunden Zustande zeigt, verfolgt man das durch alle
diese Erscheinungen, die sich anschliefien an das Trau-
mesleben, durch die ohnmachtahnlichen Zustande,
durch die beriichtigten medialen Zustande, durch man-
cherlei, was sonst den Menschen aus dem Phantasievol-
len in das Phantastische und Schwarmerische fuhrt, ver-
folgt man diesen ganzen Weg, wo - gewissermafien in
anderen Metamorphosen - wiederum das erscheint, was
uns beim Traum dadurch so charakteristisch entgegen-
tritt, dafi der Traum nicht mehr in der Lage ist, die Wirk-
lichkeit adaquat zu erfassen, sondern sie erfafit in dem
Symbolum, das ja eben noch strebt, die Wirklichkeit zu
erfassen, aber eben sie nicht mehr erfassen kann, - sieht
man auf all diese Erscheinungen hin, diese Fieber-
erscheinungen, auch auf alles das, was als pathologische
Zustande des Seelenlebens hervortritt, so hat man den
anderen Pol, den Pol, der, wenn sich das Ich nach ihm
entwickelt, so auf dieses Ich wirkt, dafi dieses sich auf-
lost, dafi es aus der Besonnenheit herauskommt, dafi es
ins Unbewufite iibergeht.
Nun besteht ein merkwiirdiger Zusammenhang zwi-
schen diesen inneren Erlebnissen des Menschen, die an
ihn herantreten zuerst noch gesund im Traume, dann, in
den andern Fallen, die ich aufgezahlt habe, sich immer
mehr und mehr dem Pathologischen nahernd - es be-
steht ein merkwiirdiger Zusammenhang dieses ganzen
Erlebens, ich mochte sagen des ichlos-werdenden Men-
schen mit demjenigen, was wir nennen konnen: ein vom
Leibe freies Seelenleben. Das zeigt sich ja einfach durch
die gewohnliche Beobachtung, da£ das eigentliche See-
lenleben freier wird vom Leibe. So haben wir also auf der
einen Seite dieses vom Leibe freier werdende Seelen-
leben. Und wenn wir dann, wie man sagen konnte, sein
naturwissenschaftliches Korrelat aufsuchen, dann kom-
men wir zu etwas hochst Eigentiimlichem. Da Hegt nun
etwas vor, was ich hier erwahnen will, was gut bekannt
ist in der heutigen aufieren Wissenschaft, was aber
eigentlich nicht immer seinem vollen Werte nach und
seiner ganzen Bedeutung nach ermessen wird.
Sie wissen ja alle, meine sehr verehrten Anwesenden,
welch grofien Einfluft die darwinistisch gerichtete Rich-
tung, die darwinistische Art der modernen Entwick-
lungslehre auf das ganze neuere Geistes- und Kultur-
leben ausgeiibt hat. Nun gibt es einen Punkt innerhalb
der Darwinschen Entwicklungslehre, der sich in ganz
seltsamer Weise beriihrt mit dem, was ich eben jetzt
charakterisiert habe als inneres Erlebnis. Das, was ich
meine, ist folgendes: Der richtige Darwinist, der ja heu-
te von wahrer Wissenschaft schon uberwunden ist in
gewissem Sinne, dessen Denkungsweise in den heutigen
Denktendenzen aber eben auch noch drin ist, der sagt:
Die verschiedenen Formen der Lebewesen haben sich
aus einander entwickelt, indem kleine, ganz geringe Ab-
anderungen, die irgend etwas, was man nur Zufall nen-
nen kann, bewirkt hat, sich immer weiter und weiter
summiert haben, so dafi sich schliefilich aus einem
Lebewesen mit gewissen, sagen wir morphologischen
Eigentiimlichkeiten durch Umwandlung ein anderes
Lebewesen mit ganz anderen morphologischen Eigen-
tiimlichkeiten entwickelt hat. Nehmen wir als konkretes
Beispiel die Entwicklung, wie man sie sich im Darwinis-
mus gedacht hat, dafi sich aus kiemenatmenden niede-
ren Lebewesen die lungenatmenden entwickelt hatten.
Man hat angenommen, dafi das Organ, das sich da all-
mahlich in die Lunge umgewandelt hat, die Schwimm-
blase gewesen sei. Man nahm also an, dafi die
Schwimmblase durch irgendeinen Zufall zunachst eine
kleine Abanderung erlitten habe, und dafi dann wieder
dadurch, dafi sich solche Abanderungen summiert hat-
ten, allmahlich aus einem Organ mit ganz bestimmtem
Dienste fur die Aufienwelt ein anderes Organ entstan-
den sei, sodafi die Kiementatigkeit allmahlich habe zu-
riicktreten konnen und die Lungentatigkeit durch die in
die Lunge verwandelte Schwimmblase habe eintreten
konnen.
Aber immer wieder und wiederum werden gewisse
Einwendungen, und zwar nicht von den am wenigsten
geistreichen Naturforschern, gegen dieses Prinzip der
kleinen Abanderungen gemacht, indem hervorgehoben
wird, dafi solche Abanderungen wegen der Strengheit
der Organe eines Lebewesens doch eigentlich nur
pathologischer Natur seien. Wenn also eine noch so Hei-
ne Deformation der Schwimmblase eintrete, so sei das
etwas Pathologisches, es konne sich nicht als zweckma-
fiig erweisen, es miisse wieder abgestreift werden; und es
konnten gerade dadurch, dafi solche kleine Deformie-
rungen pathologisch aufzufassen seien, auf diesem Wege
keine Umwandlungen der tierischen oder pflanzlichen
Lebewesen zustandekommen.
Das wesentliche fiir diese Betrachtung ist das, dafi
man also, um Fortschritt zu erklaren, in der aufieren
Naturforschung genotigt war, auf das Pathologische
hinzuschauen, auf dasjenige, was abweicht von dem
streng Organisierten, dem streng in der Objektivitat
durch Gesetze Angeordneten.
Man kann sagen - und gerade wenn man technisch
denkt, wird man dafur ein Gefuhl entwickeln konnen:
Dasjenige, was man technisch zustandebringt, damit
man sich in bezug auf seine Nutzlichkeit auf es verlassen
kann, das mufi durch die ganze Anordnung des Mecha-
nischen so durchorganisiert sein, daft es nirgends von
demjenigen abweicht, was man gesetzmaftig angeordnet
hat - eben damit man sich darauf verlassen kann. Der
Darwinismus baut eigentlich sein Fortschrittsprinzip
ganz auf solche Abweichungen von dem in der Natur
selbst streng Organisierten auf, auf Abweichungen von
dem, was man - zum Beispiel in der Morphologie - als
ebenso streng organisiert oder mechanisiert ansehen
mochte wie den Mechanismus einer Maschine. Er war
also genotigt, den Fortschritt in der Entwicklung der
Lebewesen auf Abweichungen zu griinden, auf dasjeni-
ge, was von vielen mit Recht als pathologisch angesehen
wird. 1st es da ein Wunder, dafi unser Ich - das zum
besonnenen Wesen sich heranzieht gerade an dem, was
in der Auftenwelt im hochsten MafJe gesetzmafiig geord-
net ist: an den aufleren Erscheinungen - dafi unser Ich,
wenn diese aufieren Erscheinungen auch nur eine Spur
ins Pathologische hineinkommen, als seelischen Gegen-
satz das Erlebnis des Herabschwindens des Bewufitseins
hat, das Sich-Verlieren des Bewufttseins? Man kann also
geradezu einen merkwiirdigen Parallelismus, einen Zu-
sammenhang sehen zwischen dem, was hinaus will aus
der Gesetzmafiigkeit, was iiberwinden will das, was wir
in der aufieren Natur oder in der Technik anerkennen
rmissen, und demjenigen, was das Ich herausreifk aus der
Besonnenheit, die es sich erringt gerade durch die mate-
rielle Betrachtung des Weltenalls.
Wir sehen hier hingewiesen auf den anderen Pol. Und
auf diesen anderen Pol weist nun Geisteswissenschaft
mit aller Energie hin. Denn durch Geisteswissenschaft
eroffnen sich Methoden, die es zuwege bringen, dafi
eben verhindert werde die Bewufitlosigkeit des Ich,
wenn dieses Ich sich herausreifk aus der gewohnlichen
Organisation, die ihm durch den Leib vorgeschrieben ist.
Alle Methoden geisteswissenschaftlicher Forschung ar-
beiten darauf hin, das Ich herauszureifien aus der Tatig-
keit des Leibes, und es dennoch nicht hineinsegeln zu
lassen in das Unbewufke, sondern es bewufit hineinzu-
leiten in eine Welt, in die es bewufklos und krankhaft
hineingerat, wenn die Organisation ohne sein Zutun
abweicht von dem, was man als ihre Gesetzmafiigkeit
anerkennen mu£.
Es ist tief bedeutsam, was da im modernen Mensch-
heitsbewufitsein heraufgekommen ist: dieses Sich-Hal-
ten an das Pathologische als Fortschrittsprinzip der Ent-
wicklung, und dann das Hinschauen auf dasjenige, was
im Abweichen von der festen Organisation eintritt, auf
das Verflattern des Ich. Dafi das Ich nicht verf latter e, dafi
man also in gesunder und nicht in kranker Weise eine
seelisch-geistige Tatigkeit entwickeln konne, das ist das
Bestreben der geisteswissenschaftlichen Methode. Und
diese geisteswissenschaftliche Methode, sie wird nun in
derselben Weise streng ausgestaltet, wie die auftere na-
turwissenschaftliche Methode ausgestaltet wird. Nur ist
es im hochsten Grade wunschenswert, da£ die, die maft-
geblich irgend etwas erforschen wollen in der geistigen
Welt, dasjenige genossen haben, was ich im Eingang
meiner Auseinandersetzung charakterisiert habe als die
durch das naturwissenschaftliche Forschen angeeignete
innere Disziplin und Gewissenhaftigkeit. Wer nicht die
Schulung durchgemacht hat durch die moderne Natur-
wissenschaft, der kann im Grunde genommen nur Ne-
buloses auf dem Gebiete der Geisteswissenschaft hervor-
bringen. Es sollte das, was die hier gemeinte anthroposo-
phische Geisteswissenschaft will, nicht verwechselt wer-
den mit dem, was die im Nebulosen verschwimmenden
Mystiker oder dergleichen hervorbringen, die ohne diese
innere Disziplin, manchmal geradezu mit Disziplm-
losigkeit, ohne diese innere Gewissenhaftigkeit, ja mit
Gewissenlosigkeit vorgehen, wenn sie der Welt ihre so-
genannten geistigen Erlebnisse vormachen, die leider nur
allzu leicht dann von Urteilslosen geglaubt werden.
Wahrhafte geisteswissenschaftliche Methodik muli in
demselben strengen Sinne errungen werden und auf der
Voraussetzung dessen, was man als naturwissenschaft-
licher Forscher ausbildet, wie eben die naturwissen-
schaftliche Methode selbst.
Zweierlei ist es, auf das man zunachst hinsehen mufi,
wenn man die geisteswissenschaftliche Methode ausbil-
den will. Das erste ist, was sich nach innen zu ergibt als
eine notwendige Kraft unseres alltaglichen Seelenlebens
und auch unseres gewohnlichen naturwissenschaftlichen
Forschens, namlich die Erinnerungsfahigkeit oder das
Gedachtnis. Dem, der die pathologischen Zustande stu-
diert hat, die den Menschen iiberkommen, wenn sein
Gedachtnis nicht intakt ist, wenn, sagen wir, aus seiner
Erinnerung gewisse Zeitraume seit seiner Geburt ausge-
loscht sind - Sie konnen ja dariiber hinreichende Studien
in der psychiatrischen Literatur machen -, wer studiert
hat, was der Mensch da erlebt durch die Diskontinuitat
seines Erinnerungsvermogens, dem zeigt sich, wie fur
das gewohnliche, gesunde Leben dieses Erinnerungsver-
mogen eine Grundlage bildet. Aber was bedeutet dieses
Erinnerungsvermogen? Gerade die geisteswissenschaft-
liche Forschung zeigt dieses. Wir miissen im gewohn-
lichen menschlichen Leben und auch in der gewohn-
lichen Wissenschaft dieses Erinnerungsvermogen haben.
Forscht man aber psychologisch, jetzt mit unbefangener
Psychologie, nach dem, was in diesem Erinnerungsver-
mogen eigentlich enthalten ist, forscht man namentlich
nach der Entwicklung dieses Erinnerungsvermogens von
den ersten Kinder] ahr en an, dann findet man, daft die
Vorstellungen, die da als Erinnerungen aus den Unter-
griinden unserer Seele herauftauchen, dasjenige sind, was
wir uns durch die Erfahrungen aus der Aufienwelt an-
geeignet haben, wenn es auch vielfach metamorphosiert
auftritt, manchmal auch durch berechtigte oder un-
berechtigte Phantasie umgestaltet. Aber studiert man die
ganze menschliche Entwicklung, so kommt man dazu, in
dieser Erinnerung etwas zu sehen wie eine Spiegelung
unseres Erfahrungslebens an unserem eigenen Organis-
mus. Wie wir im Spiegel dasjenige sehen, was vor dem
Spiegel ist - ich gebrauche jetzt einen Vergleich fiir das-
jenige, was Sie ausfiihrlich begriindet in der anthroposo-
phischen Literatur dargestellt finden wie man in einem
Spiegel dasjenige sieht, was vor dem Spiegel ist, und man
nicht hinter den Spiegel sieht, so sieht man mit dem ge-
wohnlichen Bewufitsein gewissermaften bis zu einer
Spiegelflache, einer seelischen Spiegelflache, die zuriick-
spiegelt die Erinnerungsvorstellungen. Wie der Wille da
hineinspielt, das kann heute nicht beriihrt werden; viel-
leicht in einem der nachsten Vortrage. Es ist unser eige-
ner Organismus, der da widerspiegelt dasjenige, was wir
erleben. Und ebensowenig, wie wir hinter den Spiegel
schauen konnen, wenn wir vor ihm stehen, ebensowenig
konnen wir in unseren eigenen Organismus hinein-
schauen und ihn kennenlernen als lebendigen Organis-
mus. Wir miissen ihn kennenlernen aus dem Leichnam
oder aus demjenigen, was er uns in pathologischen und
sonstigen Abweichungen zeigt. Wir lernen ihn von au-
fien kennen. Wir lernen vergleichsweise diesen Orga-
nismus aus demselben Grunde nicht von innen kennen,
wie wir nicht hinter den Spiegel sehen konnen. Es ist
aber moglich, wenn man zunachst durch die besondere
Methode der Meditation, wie sie beschrieben wird in
meinen Buchern «Wie erlangt man Erkenntnisse der
hoheren Welten?» und im zweiten Teil der «Ge-
heimwissenschaft», dieses Erinnerungsvermogen so aus-
gebildet hat, dafi man sich auf es verlassen kann, mit an-
deren Worten, wenn man nicht ein nebuloser Mystiker,
sondern ein verniinf tiger Mensch ist, der jedem Grade
innerer Forschung gewachsen ist, sodafi er nicht
«verdreht» werden kann, wenn er weiter geht, - es ist
moglich, auch durch Meditation das Gedachtnis zu «un-
terbrechen», so wie man den Spiegel zerbrechen und
dann auch das schauen kann, was dahinter ist. Wenn das
durch voile Willenskultur in Besonnenheit und mit Auf-
rechterhaltung des Ich-Bewufitseins geschieht, dann
fiihrt das den Menschen dazu, hinter das Gedachtnis zu
schauen. Nicht zu pathologischen Zustanden fiihrt es.
Wenn der Mensch durch geisteswissenschaftliche Me-
thodik, wie ich es hier nur im Prinzip kurz schildern
kann, Vorstellungen, die nicht Reminiszenzen sein diir-
fen, zu Dauervorstellungen macht, wenn er sich medita-
tiv leicht uberschaubaren Vorstellungen hingibt, wenn er
seine Seele darauf ruhen lafit, darauf konzentriert, aber
so, dafi alles ausgeschlossen ist, was nicht aus der
menschlichen Willensanwendung erfolgt, und wenn er
alle nebulose Mystik ausschliefit, dann gelangt der
Mensch in der Tat dazu, hinter das Gedachtnis zu schau-
en; er gelangt dazu, zur wirklichen Selbsterkenntnis zu
kommen. Diese Selbsterkenntnis, wie sie die anthropo-
sophische Geisteswissenschaft anstreben mufi mit ihren
empirischen Methoden, sie unterscheidet sich selbst gar
sehr von einer solchen poetischen, in einem gewissen
Sinne bewunderungswiirdigen Mystik eines Johannes
vom Kreuz oder der heiligen Therese. Wer sich den
Schriften dieser Geister hingibt, empfindet das Hoch-
poetische, empfindet, was in diesen wunderbaren Bil-
dern waltet. Wer im anthroposophischen Sinne ein
Geistesforscher geworden ist, der weifi ein anderes, der
weifi, daft gerade bei solchen Geistern aus den Unter-
griinden der menschlichen Natur, in die das gewohnliche
Bewufksein nicht hinunterschaut, besondere Tatsachen
in das Bewufksein heraufflammen, konnte man sagen.
Bei einer heiligen Therese oder bei Johannes vom Kreuz
geschehen in den menschlichen Organen, gerade in den
sogenannten physischen menschlichen Organen, in Le-
ber, Lunge und in den Verdauungswerkzeugen - man
moge das als noch so prosaisch oder profan ansehen,
es ist das nicht profan fur den, der die Sache durch-
schaut -, in diesen physischen Organen geschehen ab-
norme Dinge, die «dampfen herauf» in das Bewufitsein
und werden da zu solchen Bildern, wie sie sich dann
ausleben in solchen Personlichkeiten, die dazu geeignet
sind. Der wirkliche Geistesforscher aber durchbricht
den Gedachtnisspiegel. Er gelangt nicht zu solch nebulo-
ser Selbsterkenntnis, die man Mystik nennt und anhim-
melt, sondern er gelangt zu konkreter Selbsterkenntnis.
Er gelangt zur lebendigen Anschauung dessen, was die
menschlichen Organe sind. Da eroffnet sich der Weg zu
einer wirklichen Erkenntnis der menschlichen Organisa-
tion, der Weg, auf dem die Geisteswissenschaft auch in
das medizinische Gebiet hinuberfiihrt. Aber das ist nur
der Anfang. Denn sieht man auf diese Weise durch gei-
stig-iibersinnliche Krafte in das eigentlich Materielle
der menschlichen Organisation hinein, dann iiberwin-
det man auch das blofie materielle Anschauen dieser
menschlichen Organisation. Denn zuletzt sieht man, wie
das, was sich einem da als Materielles im Menschen dar-
stellt, nicht blofi aus der Vererbungsstromung heraus-
geboren ist, mit der es sich nur verbunden hat, sondern
wie es herausgeboren ist aus einer Welt, die der Mensch
durchlebt hat vor seiner Geburt oder Empfangnis. Man
schaut auf dem Umweg durch materielle Innenerkennt-
nis in das praexistente Menschenleben hinein. Eine
Realitat vor der ubersinnlichen Erkenntnis wird das
praexistente Leben. Die gewohnliche Mystik, wie sie von
kritiklosen Geistern angehimmelt wird, ist eher ein Hin-
dernis fur wirkliche Geist-Erkenntnis. - Das nach der
einen Seite.
Eine andere menschliche Kraft, die fur das Leben im
eminentesten Sinne notwendig ist, die wiederum ebenso-
wenig durchbrochen werden darf fur dieses gewohnliche
Leben, wie die Gedachtnis- oder Erinnerungskraft, ist
die Kraft der Liebe. Nun, Sie wissen alle, wie im ge-
wohnlichen Leben diese Kraft der Liebe gebunden ist an
den menschlichen Organismus. Sie wird ja in der Art,
wie sie fur das soziale Leben ihre besondere Bedeutung
hat, in einem besonderen Lebensalter erst geboren, nam-
lich wenn der Mensch geschlechtsreif wird, vorher ist sie
nur eine Art Vorbereitung - aber diese Liebe ist nur ein
Spezialfall dessen, was wir « Liebe » im Allgemeinen nen-
nen. So wie die Geschlechtsliebe gebunden ist an den
menschlichen Organismus, so ist zunachst auch die Lie-
be im gewohnlichen Sinne gebunden an den Organis-
mus. So wie aber losgerissen werden kann die Erkenntnis
im Zerbrechen des Gedachtnisses, so kann die Liebe frei-
gemacht werden von dem menschlichen Organismus,
wenn sie durch besondere Methodik geistig-seelisch aus-
gebildet wird. Man mufi dann nur nicht alles mogliche
im trivialen Sinne «platonische Liebe» nennen, was auch
nichts anderes ist als irgendein Dampf aus dem Organis-
mus heraus - sondern es mufi diese Liebe im hoheren
Sinne ausgebildet werden durch menschliche Selbst-
zucht, wiederum durch Ubungen, wie sie angegeben
werden in den genannten Schriften. Es kann diese Liebe,
die im gewohnlichen Leben keine Erkenntniskraft ist,
ausgebildet werden, so dafi sie sich umgestaltet zu der
Erkenntniskraft wahrer Intuition. Wenn wir dasjemge,
dem wir uns sonst nur hingeben im Leben, was uns
eigentlich im Leben erzieht, in Selbstzucht in die Hand
nehmen, wenn wir gewissermafien immer mehr und
mehr der eigene Begleiter unserer Selbsterziehung in
streng methodischer Weise werden, dann gelangen wir
dazu, die Liebe zu einer freien Kraft im menschlichen
Wesen, in der menschlichen Organisation zu machen,
und dann wird sie eine Erkenntniskraft. Und wie wir zur
Selbsterkenntnis gelangen dadurch, dafi wir das Ge-
dachtnis iiberwinden, so gelangen wir zu einer iibersinn-
lichen Erkenntnis, indem wir die Liebe zu einer Er-
kenntnis machen in bezug auf die Auftenwelt. Erkennt-
nisgrenzen in bezug auf die Auftenwelt miissen da sein,
sonst wiirden wir die Liebe in uns nicht entwickeln kon-
nen. Waren wir nicht getrennt von der aufieren Welt, so
konnten wir auch nicht so getrennt sein von Mensch zu
Mensch, daft wir die Liebe im sozialen Leben entwickeln
konnten. Wenn wir aber wiederum diese Liebe zur
hoheren Erkenntnis entwickelt haben, sie also in ausrei-
chend gesundem Mafie haben, und sie dann zur Erkennt-
niskraft ausgestalten, dann erlangen wir ebenso Welt-
erkenntnis, wie wir auf dem anderen Wege Selbst-
erkenntnis erlangen. Und diese Welterkenntnis fuhrt uns
zur Erkenntnis derjenigen Welt, in der wir nur leben
zwischen Einschlafen und Aufwachen, wenn wir kein
Bewufitsein haben, wenn das Bewufitsein wiederum hin-
schwindet. Wir erleben einen Zustand, der in einer ge-
wissen Weise ahnlich ist dem zwischen Einschlafen und
Aufwachen, wir erleben aber diesen Zustand in vollem
Bewufitsein. Da erleben wir eine neue Aufienwelt. Da
erleben wir keine atomistische Welt, die der aufieren Sin-
neswelt zugrunde liegt, sondern da erleben wir eine gei-
stige Welt. In der Liebe sich selbst zu erziehen bedeutet,
den Schritt zu machen in die wahre Wirklichkeit der
Aufienwelt, in geistige Wirklichkeit hinein; in diejenige
Wirklichkeit, die unsere Seele allabendlich aufnimmt,
wenn wir einschlafen, wenn unser gewohnliches Be-
wufitsein, das da noch an den Leib gebunden ist, unbe-
wufit wird, weil die Riicksehnsucht vorhanden ist nach
dem Leibe, der im Bette liegt. Wenn wir zu einem ho-
heren Bewufitsein aufsteigen, dann lernen wir diejenige
Welt kennen, die uns dann bewufit aufnimmt, wenn wir
durch des Todes Pforte gehen. So treten uns die beiden
Enden unseres Menschenlebens zunachst wissenschaft-
lich entgegen. Vieles andere soil dann in einem nachsten
Vortrage weiter charakterisiert werden. Heute wahlte
ich mir nur zur Aufgabe, zu zeigen, wie gerade erweitert
werden mufi dasjenige, was in der Naturwissenschaft
innerlich seelisch anerzogen werden kann, wenn durch
wahre Geisteswissenschaft wahres Geist-Erkennen er-
reicht werden soil. Deshalb, weil nicht in irgendeiner
laienhaften, dilettantischen Art, sondern in strenger
Methodik die Seele sich fortbilden will, wenn sie vom
Natur-Erkennen zum Geist-Erkennen aufsteigen will,
deshalb darf man auch glauben: Wer nun aus dem vollen
Menschentum heraus zu beurteilen vermag, was uns die
materielle Natur-Erkenntnis gibt, und wer da anzu-
erkennen vermag, dafi wir unser Ich erstarken durch
materielle Erkenntnis, der wird sich auch hineinfinden
konnen in die Anschauung, die diese Erstarkung des Ich
nach der anderen, der geistigen Seite sucht, in die wir
hineinschlafen, hineintraumen, oder die wir in patholo-
gischen Zustanden antreffen, die wir aber in vollstandig
gesunder Weise ausbilden konnen, um dann aufzu-
riicken zu einer geistigen Welterkenntnis. Deshalb glau-
be ich: Wer erfiillen kann das Natur-Erkennen in rich-
tiger Weise, der wird auch aufsteigen in ein Geist-Erken-
nen, das jedem Menschen, besonders aber dem an der
Naturwissenschaft Erzogenen, zuganglich ist. Deshalb
glaube ich, dafi die Anerkennung der Geisteswissen-
schaft gerade durch das Erstarken des wissenschaftlichen
Geistes und des Natur-Erkennens kommen werde.
SCHLUSSWORT
nach dem Vortrag von Carl Unger iiber
«Technik als freie Kunst»
Darmstadt, 28. Juli 1921
Liebe Kommilitonen, verehrte Anwesende! Ich mochte
mich sehr gerne streng an das Thema halten, und da iiber
Dreigliederung nachher noch gesprochen werden soli,
alle Fragen, die sich auf die Dreigliederung beziehen, auf
spater verschieben. Aber insofern glaube ich doch, dafi es
berechtigt ist, ein paar Worte auch hier iiber die Drei-
gliederung zu sagen, weil ja Herr Dr. Unger selber in
seinen Auseinandersetzungen von der Dreigliederungs-
idee als der Grundlage fur seine Anschauungen iiber die
Schopfung der Technik als einer freien Kunst ausge-
gangen ist.
Man kann in einem gewissen Sinne nicht ganz auf-
rechterhalten - ich habe das in meinen «Kernpunkten
der Sozialen Frage» auch zum Ausdruck gebracht, und
Herr Dr. Unger hat das ja wohl auch so gemeint man
kann nicht aufrechterhalten im strengen Sinne des Wor-
tes, dafi die Dreigliederungsidee als solche, also die Drei-
gliederung des sozialen Organismus als Idee, als Begriff,
eine Art neue Entdeckung sei. Eher liegt vielleicht eine
Art neue Entdeckung in den sozialen Gesetzmafiig-
keiten, auf die ich in den Aufsatzen 1905 hingewiesen
habe. Die Dreigliederungsidee ist eigentlich alt, und auch
in der Form als Dreigliederungsidee ist sie ofter erwahnt
worden. Das wesentliche, wie die Dreigliederungsidee
hier vor Sie hintritt und wie sie in der Gegenwart auftritt,
das ist nicht ihr eigentlicher Ideencharakter, sondern das
ist die Stellung, die sie einnehmen will gegeniiber dem
ganzen sozialen Organismus. Die Idee, das Gesamtleben
der Menschheit zu gliedern in einen geistigen Teil, in
einen staatlich-juristischen Teil und in einen wirtschaft-
Kchen Teil, diese Idee mufite ja immer wieder auftreten,
und es konnen da oder dort, wenn der Anspruch erho-
ben wiirde, dafi man es hier nut etwas vollstandig Neuem
als Idee zu tun hatte, wie ich glaube, ganz selbstverstand-
lich Primatanspruche gemacht werden, die mir sehr gut
bekannt sind. Deshalb habe ich in den «Kernpunkten»
darauf hingewiesen, dafi es sich, so wie die Dreigliede-
rungsidee hier auftritt, ja um etwas ganz anderes handelt.
Diese Dreigliederungsidee, so wie sie zum Beispiel
von mir vertreten wird, ist ganz aus einer jahrzehnte-
langen Beobachtung der Bedurfnisse der Gegenwarts-
menschheit hervorgegangen. Man mufite ja, wenn man
in der Gegenwart mit offenen Augen die Verhaltnisse
durchschaut, schon am Ende des 19. Jahrhunderts erken-
nen, daft die Dinge zu einer Katastrophe drangten. Und
ich habe im Friihling des Jahres 1914 darauf hingewiesen
in einem Vortragszyklus, den ich in Wien vor einem
kleineren Kreise gehalten habe - ein grofierer wiirde
mich dazumal wegen meiner Ausfiihrungen wahrschein-
lich ausgelacht haben - dafi schon in der nachsten Zeit
die Verhaltnisse der zivilisierten Welt - ich sagte dazu-
mal nicht etwa blofi: die europaischen Verhaltnisse - zu
einer entscheidenden Katastrophe drangten. Sehen Sie,
das war in einer Zeit, die schon sehr nahe vor der Kata-
strophe stand. Trotzdem mufite man es in den nachsten
Wochen erleben, dafi Leute, die in ihren Stellungen fur
den Gang der Ereignisse verantwortlich waren, etwa in
folgender Weise sprachen. Ein Staatsmann mit Verant-
wortung, hervorragend zu nennen - natiirlich nur im
Sinne desjenigen, was unsere Zeit so haufig «hervorra-
gend» nennt sagte, als es sich darum handelte, die
allgemeine Weltsituation in einem Parlament zu bespre-
chen: die Verhaltnisse Mitteleuropas zu Rutland standen
in der denkbar giinstigsten Weise; man konne iiberzeugt
sein davon, dafi der Friede immer mehr und mehr konso-
lidiert werde. Das diirfe er sagen durch die freundnach-
barlichen Beziehungen, die zum Beispiel herrschten zwi-
schen Petersburg und Berlin. - So wurde im Mai 1914
von verantwortlicher Stelle aus gesprochen, nachdem
man, wie es eben von mir geschah, schon vorher mit aller
Energie darauf hatte hinweisen miissen, da& die Verhalt-
nisse einer Katastrophe zudrangen mufken, und zwar ein-
fach deshalb, weil die drei Glieder des menschlichen Zu-
sammenlebens, das geistige, das juristisch-rechtliche und
das wirtschaftliche, im gesamten sozialen Leben so inein-
ander gewirkt hatten, dafi die Katastrophe in ihren Tiefen
eigentlich nur in dem Durcheinanderwirbeln dieser drei
Gebiete gesehen werden kann. Man konnte ja sehen, na-
mentlich wenn man ein Auge dafur hatte, wie der iiber-
handnehmende Intellektualismus der neueren Zeit auf
unser gesamtes offentliches Leben wirkte, wie die vollige
Hingabe der Menschen an das intellektualistische Ele-
ment, so wie es sich in der gebrauchlichen Wissen-
schaftsgesinnung herausgebildet hat, die ja alles andere
auch durchdrungen hat -, man konnte sehen, wie diese
Hingabe an das Intellektualistische alles in einem gewis-
sen Sinne fur die Katastrophe vorbereitete. Da liegen
doch die tieferen Griinde, und wer sie heute noch nicht da
liegen sieht, der kann auch nicht in fruchtbarer Weise an
einer Diskussion iiber Aufbaukrafte teilnehmen.
Sehen Sie, damals konnte man ja so etwas erleben - ich
sage das nicht aus Unbescheidenheit, sondern weil es mir
doch als eigenes Erlebnis symptomatisch bedeutsam er-
scheint -: Ich habe im Jahre 1914, Anfang des Sommers,
in Paris einen deutschen Vortrag gehalten iiber die Din-
ge, iiber die ich gewohnlich spreche und zum Beispiel
auch gestern gesprochen habe. Dieser Vortrag wurde
nicht etwa fur eine deutsche Kolonie dort gehalten, son-
dern er wurde Wort fur Wort iibersetzt, er wurde also
ausdrucklich fiir Franzosen gehalten, nicht fiir deutsche
Kolonisten, die in Paris lebten - die waren auch nicht
drinnen. Man konnte also im Mai 1914 mit dem, was aus
deutschem Geistesleben im strengsten Sinne geflossen ist
- denn im Grunde ist es doch so, dafi alles das, was hier
als Anthroposophie geltend gemacht wird, aus deut-
schem Geistesleben geflossen ist -, man konnte mit dem
in der ganzen Welt irgendwie einen gewissen Eindruck
machen. Wir waren soweit auf geistigem Gebiete. Was
aber dem entgegengearbeitet hat, war wiederum das
wirtschaftliche Gebiet. Und das mufi man nur einmal
genau durchschauen, wie dieses Nicht-in-Harmonie-
Arbeiten des geistigen Lebens mit dem wirtschaftlichen
Leben - wenn ich mich des kritischen Ausdrucks be-
dienen darf - das Urphanomen war all der Erscheinun-
gen, die sich vorbereiteten in den achtziger Jahren, die
auf ihrem Hohepunkt angelangt waren um die Wende
vom 19, zum 20. Jahrhundert. Es fliefien da natiirlich
unzahlige Krafte und Stromungen zusammen, so da$
man natiirlich nicht alles in ein paar Worten zusammen-
fassen kann.
Aber wenn man eine wichtige Erscheinung, eine
grundlegende Erscheinung hervorheben will, so konnte
das etwa in der Art geschehen, wie ich es 1908 einmal in
einem Vortrage in Niirnberg getan habe. Ich habe damals
darauf hingewiesen, wie charakteristisch es fur das mo-
derne soziale Leben ist, daft das Personliche eigentlich
immer mehr und mehr ausgeschaltet worden ist, nament-
lich auch in dem, was man Kapitalismus nennt, in dem
Kapitalismus im allgemeinen - ohne das Kapital in der
Wirtschaft verponen zu wollen, man kann ja selbstver-
standlich das moderne Wirtschaftsleben nicht ohne Ka-
pitalanlagen, also ohne Kapitalismus fiihren, und so zu
reden, wie heute vielfach geredet wird iiber Kapitalis-
mus, ist nichts anderes als purstes Laientum oder Dilet-
tantismus. Das, um was es sich handelt, das ist, dafi das
kapitalistische Wesen im Grunde genommen seit dem
Beginn des 20. Jahrhunderts, sagen wir - vorbereitet
wurde es schon fruher -, immer unpersonlicher und un-
personlicher geworden ist. Ich fuhre da sehr gerne eine
Anekdote an; Anekdoten sind ja manchmal charakteri-
stisch fur das, was sich abspielte. Als das internationale
Wirtschaftsleben noch mehr von der Personlichkeit ab-
hangig war, kam es einmal vor, daft zu Rothschild in
Paris auch der Finanzminister des Konigs von Frank-
reich kommen mufke, weil der Konig sich, aus Griinden,
die Sie sich leicht ausmalen konnen, an den Bankier wen-
den mufite. Er kam gerade in der Zeit, als Rothschild mit
einem Lederhandler beschaftigt war. Nun fiihrt ja der
Kapitalismus zu einem gewissen instinktiven Sozialis-
mus, das muli man sich klar machen. Rothschild, der ja
sehr machtig war und der in allem, was er kapitalistisch
verwaltete, das personliche Element drinnen geltend
machte, nicht das unpersonliche Kapitalistische - Roth-
schild war also beschaftigt mit einem Lederhandler. Der
Diener kam herein und meldete den Finanzminister des
Konigs. Er soil warten, bis ich fertig bin, - sagte Roth-
schild. Das konnte schon der Diener nicht recht begrei-
fen und der, der draufien wartete, erst recht nicht. Er
meinte, da miisse ein Mifiverstandnis vorliegen. Sagen Sie
doch, schickte er nochmals den Diener, der Minister des
Konigs von Frankreich ware da. - Rothschild liefi ihm
wieder sagen, ja, er miisse halt warten. Das verstand der
Minister erst recht nicht, er rift die Tiire auf und war
drinnen. Er sagte: Ich bin der Finanzminister des Konigs
von Frankreich. - Schon, sagte Rothschild, ich habe noch
zu tun, bitte nehmen Sie einen Stuhl und setzen Sie sich.
- Ja, aber ich bin doch der Minister des Konigs von
Frankreich! - Bitte nehmen Sie zwei Stiihle, - sagte
Rothschild.
Ich erzahle das darum, damit Sie auch aus dieser An-
ekdote sehen, daft in der Tat im Kapitalismus etwas tatig
war, was im personlichen Wollen, in den personlichen
Emotionen lag. Dieses personliche Element, das horte
auf. Was ich gesagt habe, ist selbstverstandlich keine Be-
weisfuhrung, nur eine Illustration. Die Beweisfuhrung
miiftte in einer ganzen Reihe von Vortragen geleistet
werden. Aber eben um die Wende vom 19. zum 20. Jahr-
hundert nahm dieses personliche Element die Wendung
zum rein Sachlichen. Ich mochte sagen: Es traten Krafte
ein, durch die sich die Kapitalmassen wie von selbst be-
wegten. Das Aktienkapital trat in den Vordergrund
gegeniiber dem einzelnen Kapital, die Gesellschaft an die
Stelle des Einflusses der einzelnen Personlichkeit. Damit
trat ein unpersonliches Element auf, so daft der Mensch
im modernen Wirtschaftsleben allmahlich wie in ein un-
personliches Element eingespannt wurde. Und an die
Stelle der personlichen Initiative trat das, was man nen-
nen kann die Routine. Es war nicht mehr moglich, im
Wirtschaftsleben etwas anderes zu entfalten als Routine.
Wer die Wirtschaftsgeschichte studiert, wird finden, wie
diese Dinge in der Entwicklung des modernen Wirt-
schaftslebens begriindet sind, und wie sie es sind, die zu
der furchtbaren Weltkatastrophe drangten. - Die war
nun da, und so konnte man gerade in dieser Zeit glauben,
dafi eben der rechte Zeitpunkt gekommen ware, wo die
Menschen aus der Lebenspraxis heraus begreifen konn-
ten, dafi das Zusammenwirken dieser drei Gebiete in
entsprechender Weise gesucht werden musse. Und das
ist es, was das Wesentliche ist an dem, was als Dreigliede-
rung des sozialen Organismus auftrat: nicht die Idee als
solche, sondern die Art und Weise, wie in jeder Emzel-
heit aus der unmittelbaren Lebenspraxis heraus die Din-
ge aus dem Konkreten gedacht sind. Es ist etwas durch
und durch Anti-Utopistisches in diesem Dreigliede-
rungsimpuls, wie er hier auftritt, etwas, was abweist jede
Art von Utopie, was nur aus dem Praktischen des Le-
bens heraus arbeiten will.
Das ist dasjenige, was so wenig gesehen wird und was
- auch oftmals von Anhangern des sogenannten Drei-
gliederungsgedankens - nicht in gebiihrender Weise be-
riicksichtigt wird. Es geschieht sehr haufig, dafi iiber die
Dreigliederung, auch sogar von Anhangern, so diskutiert
wird, als ware sie eine Utopie, als ware sie nicht hervor-
gegangen aus dem, was eigentlich alle Menschen auf
ihren Gebieten wollen. Man braucht eben nur die ein-
zelnen Willen zusammenzufassen. Bewufit sind sich die
Menschen meistens nicht dariiber, was sie wollen, aber
sie wollen es doch. Das Unterbewufite spielt eine viel
grofiere Rolle im sozialen Leben, als man denkt. Deshalb
haben mir immer wieder Leute gesagt: Ja, was da in den
«Kernpunkten» steht, die ja doch dem Dreigliederungs-
impuls, wie er heute auftritt, zugrunde liegen, das will
diese oder jene Gesellschaft auf diesem oder jenem Ge-
biete auch. - Ein anderer kam mit einem andern Spezial-
gebiet. Das ist nichts Neues, sagten sie. - Umso besser,
sagte ich. Je weniger etwas neu ist, desto besser. Je mehr
es wurzelt in dem, was die Menschen schon wollen,
umso besser. Es kommt eben lediglich darauf an, daft
eine gewisse Verstandigung unter den einzelnen Spezial-
gebieten eintrete. Und da glaube ich allerdings, daft der
Vortrag von Herrn Dr. Unger heute insofern eine aufter-
ordentliche Wichtigkeit haben konnte, weil er ja ganz
beseelt war von dem Gedanken, daft schliefilich dasjeni-
ge, was der Techniker auf seinem Gebiete will, nicht ge-
lost werden kann als eine besondere Frage, ohne daft der
Blick gewendet wird auf das gesamte soziale Leben. Es
hat deshalb keine grofte Bedeutung, wenn man davon
spricht, daft die Spezialideen schon mal geaufiert worden
sind oder da oder dort aufgetreten sind in Anklangen,
oder wenn man sagt, daft sogar alles schon mal aufgetre-
ten sei. Nehmen wir einmal die aufierste Hypothese an.
Nehmen wir an, Herr Dr. Unger hatte gar nichts Neues
gesagt, sondern seine Ideen seien seit Jahrzehnten mei-
netwillen von den verschiedensten technischen Zweigen
und Gesellschaften ausgesprochen worden. Ich glaube
aber, daft man mir in einem zustimmen muft, auch wenn
diese Hypothese richtig ware: Ausgefuhrt worden sind
sie aber nicht, diese Ideen - das wird ja wohl niemand
behaupten. Daft sie gehegt worden sind, kann mancher
behaupten, daft sie ausgefuhrt worden sind, kann aber
keiner behaupten. Sie sind heute Fragen, wie sie vor Jahr-
zehnten Fragen gewesen sind. Und das darum, weil sie
spezialistisch behandelt wurden, so daft sich der Techni-
ker auf seinen Kreis einschrankte, und von diesem Kreise
aus alle speziellen Technikerfragen behandelte. So lassen
sich die Dinge aber heute nicht loseru Wir haben nicht
nur eine Weltwirtschaft, wir haben auch ein Welt-
empfinden, etwas, was iiber die ganze Welt geht, und
was auf wirtschaftlich-technischem Gebiete nur als
Weltfrage behandelt werden kann. Die Antwort, warum
die Losung nicht gefunden werden konnte, ist die, daft
der Techniker gewissermafien alleinstand. Der Techm-
ker mufite dieses Alleinstehen sogar schmerzlich emp-
finden aus dem Grunde, weil er ja, so wie er sich heraus-
gebildet hat als moderner Techniker, das modernste an
Personlichkeit des modernen Lebens ist. Man kann von
den verschiedensten anderen Standen des modernen Le-
bens sagen: da und dort haben sie ihre Wurzeln. Was der
moderne Techniker ist, ist er mit der modernen Technik
geworden. Er stellt in der ganzen sozialen Ordnung
einen Stand dar, und durch seinen besonderen Beruf er-
gibt sich ein sozialer Zusammenhang, der selber eine
soziale Frage ist. Die kann aber nur im Zusammenhang
mit dem ganzen sozialen Leben behandelt werden. Da-
her wird dasjenige, was Dr. Unger formuliert hat mit
dem Worte «Technik als freie Kunst», solange eine Uto-
pie bleiben, solange nicht gefunden wird der Anschlufi
der speziellen Technikerwunsche und Technikerideen an
die universellen sozialen Ideen. Am meisten hat der
Techniker notig, sich einen universellen Blick fur die
sozialen Bediirfnisse anzueignen, und zwar aus dem
Grunde, weil er sich als etwas Neues hineingestellt hat in
das moderne Leben. Der Landwirt hat ja diesen sozialen
Blick auch notig, insofern die Landwirtschaft selber von
der Technik iibersponnen wird. Aber als Landwirt selbst
ist er uralt. Aber an dem, was sich da als etwas ganz
Neues hineingestellt hat in die moderne soziale Entwick-
lung, an dem mu6 gerade das Wesentliche der sozialen
Frage am bedeutsamsten hervortreten. Und das ist das,
was vielleicht besonders betont werden muE. Ich will
nicht auf spezielle Dreigliederungsfragen eingehen, die
sofort da sind, wenn man iiber spezielle Fragen der
Techniker spricht. Das Wesentliche liegt darin, dafi die
Technikerfragen behandelt werden als ein Kapitel der
allgemeinen grofien sozialen Fragen. Da kommt es nicht
darauf an, etwa anzunehmen, dafi man von anthroposo-
phischer Seite aus die Technikerfrage nun einfach au$er-
lich in die Dreigliederungsbewegung hineinziehen wolle.
Die Dreigliederungsbewegung ware ein blo£es Schlag-
wort, wenn man die Sache so behandeln wollte. Aber
nicht um Schlagworte handelt es sich, sondern um etwas
anderes. Darum handelt es sich, dafi durch die Bewe-
gung, die sich auch anders nennen konnte, die drei Glie-
der des sozialen Lebens in ein richtiges Verhaltnis ge-
bracht werden sollen gegeniiber dem Intellektualismus,
der das Bestreben hat, alles in einen Topf zusammen zu
werfen, wenn er auch dann aus dem einen Topf zum
Beispiel die Vierzehn Punkte herausnimmt, die, sofern es
Woodrow Wilsons Vierzehn Punkte waren, in bezug auf
ihren Intellektualismus wahrhaftig nichts zu wunschen
ubrig lassen. Die Dreigliederungsidee wurde von mir
zuerst geaufiert, gerade als man in einem furchtbar ern-
sten Moment wiederum einmal nicht aus der Lebenspra-
xis heraus die Losung der Fragen suchte, sondern aus
Kopfen, aus dem Intellektualismus heraus, mit den Vier-
zehn Punkten Wilsons. Man konnte besonders auch im
Ausland sehen, wie diese Vierzehn Punkte, als sie auf-
traten, etwas Pathologisches in der Menschheit anspra-
chen, und es war im hochsten Ma£e zu bedauern, dafi
im ernstesten Augenblick der neueren deutschen Ge-
schichtsentwicklung, im Herbste 1918, Mitteleuropa
sich sogar auf diese Vierzehn Punkte einlieft und nicht
sehen konnte, wie wir gerade im gegenwartigen Augen-
blick genotigt sind, uns ohne alle blassen Theorien un-
mittelbar auf die Lebenspraxis einzulassen und aus ihr
heraus die Dinge zu studieren. Die Vierzehn Punkte wa-
ren eine Utopie; die weitere Entwicklung hat das gezeigt.
Die Menschheit wird sich iiberzeugen miissen, daft mit
solchen Utopien nichts zu erreichen ist, sondern daft le-
digHch etwas erreicht wird, wenn man wirklichkeits-
gemaft sich auf das einlaftt, was da ist; wenn man aus dem
Daseienden heraus nicht nur logisch - das ist heute
leicht sondern wirklichkeitsgemafi zu denken versteht.
Nach einem solchen Denken strebt Anthroposophie,
die nur eingesehen werden kann, wenn man es, wenn
vom Geiste die Rede ist, nicht macht wie jener Bauer,
dem ein Magnet gezeigt wurde, und der sagte: Ach, Un-
sinn, das ist doch ein Hufeisen, damit will ich mein Pferd
beschlagen. - So ungefahr verhalt sich derjenige zur
Wirklichkeit, der dieser Wirklichkeit den Geist ableug-
net. Und das ist nicht zu umgehen, daft, wenn jemand
wirklichkeitsgemaft denken will, er auch auf das Geistige
zu sprechen kommen mufi. Daher ist Anthroposophie
eine Geisteswissenschaft. Und das, was sie mit den tief-
sten, bedeutsamsten Zeitforderungen gemein hat, das ist,
daft sie wirklichkeitsgemaft, daft sie praktisch sein will,
da, wo es sich um das Praktische, namentlich das wirt-
schaftlich-technische Leben handelt. Und jeder, wenn er
auch diese oder jene sonst abweichende Ansicht hat oder
zu haben glaubt - daft zum Beispiel die Anthroposophie
sich zu wenig mit Gott beschaftigte, was eine ganz unbe-
griindete Meinung ist, oder daft fur manche Leute sie
sich wieder viel zu viel mit Gott beschaftige, die von
dieser Seite her Gegner sind, und ebenso sind die ande-
ren Dinge, die hier erwahnt wurden, sie sind wieder von
anderen Gesichtspunkten aus gesagt - aber jeder, wenn
er auch irgendwelche andere Ansichten iiber das eine
oder das andere hat, wenn er es ernst meint mit einem
wirklichkeitsgemaften Gestalten unserer sozialen Ver-
haltnisse auf irgendeinem Spezialgebiet aus dem uni-
versalen Denken des Ganzen heraus, wird dann auch
Anknupfungspunkte finden zu dem, was als anthro-
posophische Bewegung sich geltend macht. Denn sie will
nicht phantastisch sein, sondern sie will menschlich sein.
Und mit dem, der das Menschliche versteht, wird sie sich
gerne zusammenfinden.
ZWEITER VORTRAG
DIE GEISTIGE SIGNATUR
DER GEGENWART
Darmstadt, 28. Juli 1921
Meine sehr verehrten Anwesenden, Hebe Kommilitonen!
Anthroposophie kann eine Angelegenheit sein, die der
einzelne Mensch in seinem Kammerchen mit sich ab-
macht, gewissermafien wie etwas, was eben die intimsten
Herzens- und Seelenfragen beriihrt, etwas, wovon man
die Uberzeugung gewinnen kann, dafi es zusammen-
hangt mit dem, was den einzelnen Menschen, indem er
sich in seiner vollen Individuality und Personlichkeit
erlebt, an das Ewige, an das Gottliche bindet. Mehr von
diesem Gesichtspunkte ist ja gestern von mir gesprochen
worden. Heute mochte ich von dem anderen Gesichts-
punkte einiges zu Ihnen sprechen, von dem Gesichts-
punkte, von dem aus anthroposophische Geisteswissen-
schaft eine Angelegenheit unseres gegenwartigen Zeit-
alters sein kann. Dieses Zeitalters, das ja aus den Unter-
griinden der Menschheitsentwicklung eine Unsumme
von Fragen an die Oberflache geworfen hat, die nun
nicht blofi den einzelnen Menschen in seinem stillen
Kammerchen angehen, sondern die eine gemeinsame,
eine, wenn man so sagen will, durchaus soziale Ange-
legenheit der ganzen Menschheit sind.
Wenn man von diesem Gesichtspunkte aus anthropo-
sophisches Streben beleuchten will, dann mufi man wohl
zunachst einige Gesichtspunkte angeben iiber dasjenige,
was ich nennen mochte «die Signatur unserer Zeit», was
gewisse Krafte und Stromungen, gewisse Bestrebungen
in unserer Zeit ganz besonders charakterisiert. Ich werde
selbstverstandlich nicht die Moglichkeit zur Charakte-
ristik von Einzelheiten unseres Zeitalters haben, ich
mochte aber diejenigen Strebungen und Stromungen,
die ja natiirlich in weitesten Kreisen gut bekannt sind,
obwohl sie in ihrem vollen Gewicht leider allzuwenig
gewiirdigt werden, in den groften Linien hinstellen, in
Linien, die zeigen, wie sich das einzelne in unserem Zeit-
alter gewissermafien bewegt, ohne daft man auf dieses
einzelne besonders Rucksicht nimmt.
Vielleicht wird es manchen sonderbar, ja paradox be-
riihrt haben, als ich gestern einen Satz aussprach, der
eigentlich mit sehr vielem in Widerspruch stent, was ge-
rade da in der neueren Menschheitsgeschichte herauf-
gezogen ist, wo man Weltanschauungen zu gestalten
beabsichtigt. Ich habe den Satz ausgesprochen, dafi der
Mensch, wenn er so recht heranwachst im naturwissen-
schaftlichen Bewufksein, das ja langst zum allgemeinen
Menschheitsbewufitsein geworden ist und das auch in
gewisse religiose Auffassungen iibergegangen ist -, da£
sich der Mensch da einen Seinsbegriff aneignet, ein Ge-
fuhl vom Existieren auch seiner selbst, den er nicht mehr
festhalten kann, wenn er in seiner Selbstbesinnung auf
sein eigenes Denken zurikkblickt. Ich habe den Satz
ausgesprochen, daE der Mensch aus dem Zeitbewufksein
allein - und ich meine damit das Bewufksein der letzten
drei bis vier Jahrhunderte schon - zu dem Satz kommen
kann: «Ich denke, also bin ich nicht». - Der Mensch
kann den Seinsbegriff, den er braucht, um seine na-
turwissenschaftliche Weltanschauung zu rechtfertigen,
nicht auch gleichzeitig anwenden darauf, was sich ihm in
seinem Denken, namentlich in seinem intellektuellen
Leben erschliefit. Und man mufi vielleicht in dem Welt-
anschauungsstreben, das mit Descartes heraufgezogen
ist, und das doch fast das ganze Weltanschauungsstreben
der neueren Zeit infiziert hat, man mufi in dem Satze
«Ich denke, also bin ich» mehr eine Art Rettungsversuch
sehen, ein Suchen nach irgendeinem festen Punkte im
eigenen Innern. Man muft das Heraufkommen dieses
Satzes «Ich denke, also bin ich» psychologisch ergreifen,
konnte man sagen. Und die Psychologie konnte uns sa-
gen: Die Philosophen und diejenigen, die ihnen anhan-
gen, beschaftigen sich mit diesem Satze, glauben an die-
sen Satz, weil er ihnen eine gewisse illusorische Hilfe
bietet gegen das Versinken im Nichtsein, [das einen
ereilt,] wenn man auf das eigene Innere blickt und sich
fur das Sein an der aufieren naturwissenschaftlichen
Weltanschauung heranerzogen hat. ~ Es konnte sogar
fur Anthroposophen paradox erscheinen, wenn dieser
Satz ausgesprochen wird von demjenigen, der ja mit der
«Philosophie der Freiheit» im Beginne der neunziger
Jahre gerade der Signatur unserer Zeit entgegentreten
wollte. Indem ich dazumal in meiner «Philosophie der
Freiheit» von dem reinen Denken ausgegangen bin,
konnte es scheinen, als ob das, was dazumal gesagt wor-
den ist iiber das reine Denken, durch das man die all-
gemeinen Weltenkrafte wie an einem Zipfel erfafk, - als
ob heute iiber dieses reine Denken gewissermaften der
Stab gebrochen werden sollte. Aber gerade das ist nicht
der Fall. Und gerade darum, daft man vom reinen Den-
ken ausgehend das seelische Sein wiederfindet, gerade
darum, im Sinne einer Zeitangelegenheit, handelt es sich
fur anthroposophische Geisteswissenschaft. Man wird
aber nur zum Verstandnis des eben Ausgesprochenen
gelangen, wenn man in dem Sinne, wie ich es angedeutet
habe, sich ein wenig bekanntmacht mit der Signatur un-
serer Zeit, mit den hauptsachlichsten charakteristischen
Eigenschaften dieser unserer Zeit.
Und eine solche, man kann sagen auf alle iibrigen
lichtwerfende Eigenschaft, folgt gerade aus der Art und
Weise, wie die Menschheit unseres Zeitalters der wissen-
schaftlichen Uberzeugung gegeniibertritt, in die man
sich in den letzten Jahrhunderten eingewohnt hat. Meine
verehrten Anwesenden, der Mensch ist heute so stolz
darauf, zu sagen, er habe den Autoritatsglauben der frii-
heren Jahrunderte, wie ihn die Bekenntnis-Verwaltun-
gen vorgeschrieben haben, abgestreift. Der Mensch ist
heute so stolz darauf, sich zu sagen, er glaube nur an das,
was er in seinem eigenen, personlichen Wesen ergreifen
konne. Und dennoch ist es fin* den Tieferblickenden so,
als ob der alte Autoritatsglaube der Bekenntnisreligio-
nen nur auf ein anderes Gebiet iibergesprungen ware,
und dieses Gebiet ist gerade das, was man mit einer gro-
$en Unbestimmtheit, aber dafiir mit einem umso starke-
ren Glauben, abstrakt «die Wissenschaft» nennt. Die
Wissenschaft. - Sobald der heutige Mensch hort: «die
Wissenschaft», dann regt sich in ihm wiederum alles, was
vom alten Autoritatsglauben einstmals nach ganz ande-
ren Richtungen hingegangen ist. Was wissenschaftlich
festgestellt sein soil, ist heute - aus Griinden, die sich die
Menschen in weiteren Kreisen gar nicht sehr stark klar
machen ~ eine Autoritat von viel starkerer Kraft, als je-
mals eine Autoritat es war. Wie oft hort man heute die
Antwort auf irgend etwas, was herausquillt als Frage aus
dem menschlichen Innern: Die Wissenschaft sagt dieses
oder jenes. - Diese allgemeine Macht, die Wissenschaft,
hat heute alle Autoritat fur sich in Anspruch genommen.
Sie hat diese Autoritat bei denjenigen Menschen, die von
sich selbst der Ansicht sind, daft sie auf der Hohe ihrer
Zeit stehen, auch mit Bezug auf Weltanschauungsfragen
in Anspruch genommen.
Nun aber, welcher Art ist das Verhaltnis der heutigen
Menschheit gerade gegeniiber der wissenschaftlichen
Autoritat? Die Dinge haben es mit sich gebracht, daft
wissenschaftlich dasjenige anerkannt wird, wovon man
glaubt, daft es jeder Mensch, so wie er nun einmal nach
der gewohnlichen Menschenerziehung, der gebrauchli-
chen Menschenerziehung bis zu einer gewissen Stufe hin
sich entwickelt hat, begreift. Wissenschaft soli im Grun-
de genommen nichts anderes feststellen, als wozu jeder
Mensch, wenn er eben nur die notigen Vorbedingungen
dazu hat, Ja sagen kann. Wissenschaft soil etwas ganz
Allgemeines sein. Wissenschaft soli in jedem Menschen
auf ein und dieselbe Art leben. Denn man weifi ja, wie es
von denen, die vor alien Dingen an der Autoritat der
Wissenschaft hangen, aufgenommen wird, wenn von
einer einzelnen Personlichkeit irgendwo ein Aufbaumen
gegen diese allgemeine Giiltigkeit des wissenschaftlichen
Urteils stattfindet. So daft man sagen konnte: Das Ideal
wissenschaftlicher Weltanschauung ist das, daft sie eine
Summe von Urteilen iiber Welt- und Menschheitsan-
gelegenheiten gibt, die mit vollstandigem Nivellement
in jedem Menschen auf die gleiche Art gelten. Eine
Uniformierung gigantischer Art, mochte man sagen, ist
das Ideal dieser wissenschaftlichen Uberzeugung.
Wenn man so etwas ausspricht, konnte es zunachst
vielleicht sogar als eine Trivialitat erscheinen. Im Leben
bedeutet diese Trivialitat aber aufterordentlich viel.
Denn bei dem grofien Einflusse, den Wissenschaft, na-
mentlich insofern, als sie sich auf naturwissenschaftliche
Grundlagen stiitzt, in unserer Zeit gewonnen hat - und
wie ich gestern ausgefiihrt habe, mit Recht auf gewissen
Gebieten - muE man annehmen, da£, wo Wissenschaft-
lichkeit die Menschen immer mehr und mehr unifor-
miert, es immer mehr und mehr so wird, dafi der eine
Mensch nur der Abklatsch des anderen wird. Und in der
Tat, wenn man Wissenschaft nun nicht ihrem Inhalte
nach nimmt, sondern darnach, was sie geleistet hat in der
neusten Zeit in bezug auf die Entwicklung des Men-
schengeschlechts, so sieht man, wie diese Uniformierung
aus der wissenschaftlichen Uberzeugungskraft heraus
zu einer allgemeinen Menschheitsangelegenheit gemacht
werden will. Man braucht nur hinzusehen auf die furcht-
baren, zerstorenden Machte, die heute im Osten von
Europa wtiten - Machte, deren Bedeutung hier leider in
bezug auf ihre Zerstorungsgewalt noch immer nicht hin-
langlich genug gewiirdigt werden so sieht man, wie ja
die Menschen, die sich heute solchen Zerstorungs-
gewalten mit einem gewissen Fanatismus hingeben,
eigentlich davon ausgegangen sind, gewisse Lehren, die
aus wissenschaftlichen Untergriinden herauskommen,
oder vielleicht besser gesagt eine gewisse Seelenver-
fassung, die aus diesen wissenschaftlichen Untergriinden
herauskommt, auch zur Basis des sozialen Denkens zu
machen. Und was durch dieses Uberfuhren der wissen-
schaftlichen Seelenverfassung in das soziale Denken
angestrebt wird, jenes grofte Menschheitsgefangnis, wo
eben der eine nur der Abklatsch des anderen auch in
sozialer Beziehung sein soil, wie etwa im Leninismus
oder Trotzkismus, da wird es bis zur Paradoxic, aber
allerdings bis zur hochst tragischen Paradoxic gefuhrt.
Man sieht schon iiberall - ich habe ja da nur hingewiesen
auf einen extremen, einen radikalen Fall -, man sieht
schon iiberall, man konnte sagen wie ausfliefiend in den
Entwicklungstendenzen unserer Zeit, wie die wissen-
schaftliche Seelenverfassung dieses Nivellement der
Menschheit bewirken will. Das ist im Grunde eine der
Hauptkrafte, welche in der Signatur der gegenwartigen
Menschheitsentwicklung sich finden: dieses Nivellement
von der Theorie, vom Denken, vom Forschen her. Da-
durch wird gar nichts gesagt gegen die Berechtigung die-
ses Forschens, wie aus meinen gestrigen Ausfiihrungen
hervorging. Denn auf naturwissenschaftHchem Boden ist
dieses Forschen eben voll begriindet, und es hat die Wis-
senschaft und die Technik einmal zu den grofien, voll
berechtigten Triumphen gefiihrt, die ich hier nicht zu
schildern brauche.
Diesem einen Pol der neuzeitlichen Menschheitsent-
wicklung steht nun aber allerdings ein anderer gegen-
iiber, der nicht minder zur Signatur der gegenwartigen
Geistigkeit der Menschheit gehort. In demselben Ma$e,
wie vom Intellekt und von der intellektualistischen Na-
turbeobachtung her dieses Nivellement der Menschheit
angestrebt wird, in demselben Mafie racht sich in der
menschlichen Natur das Individuelle, das Personliche; es
treten ja iiberall in der Welt Polaritaten auf, hier ist auch
eine solche, eine innerliche. Und wir sehen, wie gegen-
iiber dem eben geschilderten Nivellement auf der ande-
ren Seite die instinktiven Krafte der Menschennatur auf-
treten. Man mochte sagen bis zum animalischen Niveau
hin treten die Willensimpulse mit instinktiver Gewalt
aus dem Individuellen des Menschen heraus. Wahrend
die Menschen mit ihrem Kopf hinstreben nach einem
gewissen Nivellement, macht sich iiberall das Allerper-
sonlichste aus den Untergriinden des Menschen heraus
geltend, dasjenige, was den einzelnen Menschen von je-
dem Nebenmenschen im hochsten Mafie unterscheidet.
So daft wir in dem Augenblick, wo wir absehen von den
Gedanken, die sich die Menschen tiber die Welt im ange-
deuteten wissenschaftlichen Sinne machen mochten, und
iibergehen zu dem, was die Menschen fuhlen, was die
Menschen als Grundlage, als Impuls ihres Wollens aner-
kennen, wir sehen konnen, wie die Menschen vollstandig
aneinander vorbeigehen, wie der einzelne fur den ande-
ren nicht mehr ein irgendwie geartetes Verstandnis hat.
Nur auf engste Kreise noch beschrankt sich ein - oftmals
auch kiinstlich geziichtetes - Verstandnis des einen Men-
schen fur den anderen. Die Menschen verstehen sich
heute nicht. Wir reden so viel von sozialen Idealen, von
kiinstlichen Institutionen, welche ein soziales Leben
herbeifuhren sollen, und dies hauptsachHch aus dem
Grunde, um uns uber die elementare Tatsache hin-
wegzutauschen, dafi wir in unserem Instinkt, in unserer
Willens- und Gefuhlsentwicklung eigentlich furchtbar
antisozial geworden sind. Ein antisoziales Element geht
durch die Menschheit, sobald man von dem Gedanken-
leben absieht, und auf dasjenige sieht, was in den Unter-
griinden des Gefiihlslebens, in den Untergninden der
Willensimpulse eigentlich lebt. Das ist der grofie Streit in
unserer Zeit, in den die Menschheit eingesponnen ist:
dafi sie auf der einen Seite ein Kopfnivellement sucht und
auf der anderen Seite aus den Untergriinden der mensch-
lichen Organisation her aus eine Differenzierung ent-
wickelt, die eigentlich in unerhortester Weise antisozial
wirkt.
Da ist der Mensch im Grunde genommen hinein-
gestellt. Und aus dieser Frage, die zu den wichtigsten
Bestandteilen in der Signatur des geistigen Lebens der
Gegenwart gehort, gehen im Grunde genommen alle
anderen Fragen hervor; ging im Grunde genommen das
hervor, was sich als eine so furchtbare Katastrophe im
zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts entwickelt hat.
Verfolgt man, was an Urteilen an der Oberflache
schwebt, wie die Volker, die Menschen einander beur-
teilen, wie sie sich gegenseitig Schuld und Unschuld
zuschieben, wie sie reden iiber das, was sie als Recht oder
Unrecht anerkennen wollen, dann hat man ja eben im
Grunde genommen in allem, was da an der Oberflache
geredet wird, nur eine Oberflachenansicht. In den Un-
tergriinden wiitet jener Gegensatz, wuten jene Polari-
taten, von denen ich eben geredet habe.
Dem gegeniibergestellt findet sich in einer gewissen
Weise jene anthroposophisch orientierte Geisteswissen-
schaft, die eine Angelegenheit des ganzen, des Voll-
menschen werden will, die sein Gefiihl und seinen Wil-
len ergreifen will. Sie schopft auf der einen Seite, wie ich
gestern ausgefuhrt habe, aus Erkenntnisquellen, welche
in das menschliche Innere hineinschauen lernen. Sie
schopft aus gewissen Fahigkeiten, die iiber die alltag-
lichen hinaus durch die gestern angedeutete Methode
entwickelt werden konnen. Sie schopft aus diesen laten-
ten, im gewohnlichen Leben und in der gewohnlichen
Wissenschaft schlafenden Erkenntniskraften heraus et-
was, was hinunterschaut in die menschliche Natur, in
diejenigen Regionen, die im gewohnlichen Leben durch
das so notwendige Erinnerungsvermogen, durch das Ge-
dachtnis, zugedeckt werden, so wie der Raum, der hinter
einem Spiegel ist, durch den Spiegel zugedeckt wird.
Durchbrechen wir auf dem gestern angedeuteten Wege
das, wovor die Kraft unseres Erinnerungsvermogens
steht, entwickeln wir Krafte zur iibersinnlichen Schau,
dann gelangen wir allerdings, wie ich es gestern angedeu-
tet habe, zuerst dahin, die menschlichen Organe selbst in
ihrer Lebendigkeit zu durchschauen. Wir gelangen da
hinein, wohinein eine lebendige Medizin forschen mufi,
wohinein eine lebendige Anthropologic forschen muft.
Aber wir gelangen dann iiber das, was wir am gegen-
wartigen Menschen als das Geistig-Materielle finden,
hinaus zu dem vorgeburtlichen Menschen, besser gesagt
zu dem Menschen, wie er war in der geistigen Welt, be-
vor er dieses Erdenleben angetreten hat durch die Kon-
zeption. Wir gelangen zu einer wirklichen Erweiterung
derjenigen Krafte des menschlichen Seelenlebens, die
sich sonst - die Spanne Zeit ausfullend, die da liegt einige
Jahre nach unserer Geburt bis zu unserem gegenwarti-
gen Zeitpunkte - nur iiber dieses Leben innerhalb des
irdischen Daseins erstrecken. Wir gelangen dadurch, daft
wir das Gedachtnis durchbrechen, zu einer hoheren
Seelenkraft, zu einer hoheren Erkenntniskraft; wir ge-
langen dadurch zum Anschauen der geistig-seelischen
Wesenheit des Menschen, wie sie war, bevor der Mensch
fur dieses Erdenleben hier konzipiert worden ist. Und
von da aus geht dann die Stromung, an welche zu denken
dem heutigen Menschen so schwer wird: die Stromung,
von der Selbsterkenntnis aus zur Welterkenntnis vor-
zudringen.
Ich weift sehr gut, meine verehrten Anwesenden, wie
sehr paradox befunden wird, was ich von Welterkennt-
nis in meiner «Geheimwissenschaft» gezeichnet habe.
Ab er wer sich hineinfindet in dieses Wachsen einer iiber-
sinnlichen Erkenntniskraft, in dieses - ich mochte den
Ausdruck lieber gar nicht gebrauchen, weil heute so viel
Miftbrauch damit getrieben wird -, in dieses wahre, echte
Hellsehen, der wird schon finden, wie sich erweitert, was
sonst nur fur eine kleine Spanne Zeit in der Erinne-
rungsfahigkeit gegeben wird, wie es sich erweitert zu
einer Welterkenntniskraft.
Das, was hier vorliegt - gewifi, die Leute sagen immer,
man solle das beweisen. Aber diejenigen, die immerfort
und bei jeder Gelegenheit vom Beweisen sprechen, die
haben sich nie bekannt gemacht mit der Natur des Be-
weisens selbst. Bewiesen werden kann nur, was zunachst
als Tatsache wenigstens vermutet wird. Alles andere so-
genannte Beweisen ist ein dialektisches Spielen mit Be-
griffen, ist ein Haufen von Begriff auf Begriff. Und die
Menschhek gibt sich in bezug auf dieses Beweisen, das so
oftmals gefordert wird, nur grofien Illusionen hin; gegen
das berechtigte Beweisen soli damit nichts eingewendet
werden, selbstverstandlich. Der anthroposophische For-
scher hat einfach hinzuweisen darauf, was sich ihm er-
gibt, wenn das Erkenntnisvermogen in der angedeuteten
Weise erweitert wird. Und was da geschieht, mochte ich
in der folgenden Weise andeuten.
Wenn wir auf unser gewohnliches, irdisches Erinne-
rungsvermogen hinblicken, so werden wir sagen: Dieses
Erinnerungsvermogen gliedert uns zusammen mit all
den Erlebnissen, die wir von einem gewissen Zeitpunkte
dieses irdischen Daseins an durchgemacht haben. Diese
Erlebnisse liegen zunachst im gegenwartigen Augenblick
mehrheitlich im Unterbewufiten der menschlichen Or-
ganisation. Wir holen sie entweder willkiirlich herauf,
oder sie treiben durch ihre eigene Macht in das Bewufo-
sein herauf. Aus dem Strome der Erlebnisse, die wir
durchgemacht haben, tauchen die Erinnerungen auf.
Und die Erinnerungsmoglichkeit mufi eine kontinuier-
Hche sein, damit unser Seelenleben, unsere Seelenver-
fassung eine gesunde ist. Wir stehen so als Menschen,
dadurch, dafi wir diese Erinnerungsmoglichkeit haben,
nicht nur in uns drinnen, sondern wir hangen durchaus
auch zusammen mit alledem, womit wir durch die Erfah-
rungen durch das aufiere Leben Zusammenhang haben.
Durch unsere gesunde Besonnenheit finden wir schon
den Unterschied heraus zwischen dem Bilde, das heute
auftaucht als Nacherlebnis in der Erinnerung, und jenem
intensiven, durchsattigten Erleben, das einmal da war,
das in unserer Erinnerung lebt, dessen Erinnerung uns
zuruckgeblieben ist aus dem, was uns mit der Welt zu-
sammengeschlossen hatte. Indem wir ein Erlebnis hat-
ten, waren wir als Mensch daran beteiligt; wir hingen
zusammen mit den Objekten; die Objekte ergossen in
unsere Personlichkeit ihre Wesenheit aus. Alles, was da
in Lebendigkeit abflofi, was intensiv erlebt wurde, was
wir durchmachten mit der Auftenwelt, mit der Natur
oder mit anderen Menschen, es verwandelte sich in Bil-
der, und aus den Bildern heraus zaubern wir das Erleben
wiederum herauf. - Warum konnen wir in der Gegen-
wart das, was wir erlebt haben, wieder herauf zaubern?
Weil wir einmal als Mensch damit verbunden waren,
weil wir in dem Erlebnis mit der Aufienwelt eine Einheit
waren.
Wenn Sie das, was anthroposophische Geisteswissen-
schaft auf den verschiedensten Gebieten des Erkennens
durchgefuhrt hat, uberschauen, dann werden Sie wahr-
nehmen, wie der Mensch im gewohnlichen Leben ja
immer nur einen Teil dessen, was er ist, uberblickt. Wir
miissen ja unsere Erkenntniskraft erweitern, wenn wir
hinunterschauen wollen in unser eigenes Innere. Neh-
men Sie nur das, was ich schon gesagt habe, daft wir,
wenn wir unser gewohnliches Erinnerungsvermogen
durchbrechen, erst hinunterschauen in den lebendigen
Zusammenhang unserer Organisation, und wie wir dann
iiber die Organisation in diejenigen Krafte hinausschau-
en, innerhalb welcher wir gelebt haben in einem rein gei-
stig-seelischen Dasein vor dem irdischen Dasein. Der
Mensch hangt in seiner ganzen Wesenheit mit dem
gesamten Weltendasein zusammen. Und wie er als der
Mensch, der eingeschlossen ist zwischen Geburt und
Tod, nur damit zusammenhangt, was er in der charakte-
risierten Weise gemeinsam mit der Welt genossen oder
erlebt hat, so hangt er damit, was man dann durch weite-
res Forschen in sich entdeckt, mit der gesamten Mensch-
heitsentwicklung der Erde und auch mit der Erd-
entwicklung selber zusammen. Es ist nichts anderes, als
zu gleicher Zeit eine Uberwindung, ein Durchbrechen
des Gedachtnisses und ein Wiederauftreten der Gedacht-
niskraft auf einer hoheren Stufe. Indem wir diejenige
Gedachtniskraft im kleinen, die uns unsere irdischen Er-
lebnisse bewahrt, iiberwinden, gelangen wir auf einer
hoheren Stufe zu einer neuen Gedachtniskraft, durch die
wir die Bilder entwickeln konnen von den Schicksalen,
die die Erde selber durchgemacht hat in anderen planeta-
rischen Formen, wie ich das in meiner «Geheimwissen-
schaft» dargestellt habe. Und so wie wir durch unser
alltagliches Gedachtnis bildhaft heraufzaubern, was wir
erlebt haben seit unserer Geburt, so konnen wir, wenn
wir den ganzen Menschen kennenlernen, durch Geistes-
wissenschaft das aus der Menschheitsorganisation her-
aufzaubern, was diese ganze Menschheitsorganisation
mitgemacht hat, womit sie verbunden war: die gesamte
Weltenentwicklung. Denn der Mensch ist ein Mikro-
kosmos. Wir haben es nicht mit einer andern Welt zu
tun als mit derjenigen, mit der wir selbst verkniipft
waren. Das habe ich in meiner «Geheimwissenschaft»
gezeigt.
So sehen wir, meine sehr verehrten Anwesenden, wie
anthroposophische Geisteswissenschaft eine Erweite-
rung des Menschheitsbewulkseins wird. Wir sehen, wie
man dadurch, dafi man in groftere Tiefen des Menschen-
wesens hinuntersteigt, zu gleicher Zeit hineinsteigt in das
objektive Weltenwerden. In demselben Mafte, in dem
man gewissermafien fur Augenblicke verzichtet auf das
gewohnliche Innenleben, tritt in dieses Innenleben hin-
ein, was sonst objektives Aufienleben geblieben ist. In
demselben Augenblick, in dem man untertaucht in die
Regionen, die sonst dem Bewufitsein entzogen sind,
taucht man in diejenigen Regionen ein, die uns als objek-
tive Wesenheit, als Mensch herausgebildet haben aus
dem gesamten Weltenall. Nicht anders kommt das zu-
stande, was anthroposophische Geisteswissenschaft an
Welterkenntnis liefern will.
Aus der Signatur der Gegenwart heraus, wie ich sie
charakterisiert habe, wendet der heutige Mensch gegen
ein solches Welterkennen ein: Ja, aber da gelangt man ja
in eine Region hinein, in der die Subjektivitat in beliebi-
ger Weise sich geltend machen kann. - Und es wird im-
mer mit einem gewissen Wohlgefuhl, konnte man sagen,
von gewissen Leuten darauf hingewiesen, dafi ja die ver-
schiedensten Geistesforscher, die schon da waren, in ver-
schiedenster Art Kunde gegeben haben davon, was sie
geschaut haben im Weltenall. Allerdings wird diese Ver-
schiedenheit hauptsachlich von denen hervorgehoben,
die sich nicht intimer, nicht wirklich eigentlich mit dem
befafit haben, was von den verschiedensten Geistesfor-
schern gesagt wird. Denn geradeso, wie es begreiflich
erscheint, dafi ein Baum verschieden ausschaut, wenn
er von verschiedenen Seiten photographiert wird - und
eigentlich erst ein Gesamtbild des Baumes auf eine
aufierliche Weise zustandekommt, wenn der Baum von
vier oder sechs Seiten photographiert wird, und diese
Photographien dann miteinander angeschaut werden
so miifke es auch ganz begreiflich erscheinen, dafi der
Mensch, der die geisteswissenschaftliche Methode auf
sein eigenes Seelenleben anwendet, selbstverstandlich
zunachst von seinem subjektiven Gesichtspunkte aus-
geht, dafi aber, wenn er vorriickt in seinem Forschen,
sicher immer der Standpunkt bemerkbar sein wird, auf
dem er stent. Und geradeso, wie das Photographieren
eines Batimes von einer bestimmten Seite objektiv [rich-
tig] ist, so kann auch die Schilderung eines Geistesfor-
schers objektiv [richtig] sein - trotzdem sie anders lautet
als bei einem anderen, der eben von einem anderen Ge-
sichtspunkt ausgegangen ist. Man wird aber bemerken,
dafi die anthroposophische Geisteswissenschaft, die ich
zu vertreten habe, sich bemiiht, dasjenige, was charakte-
risiert wird, stets von den verschiedensten Seiten zu cha-
rakterisieren, und daft dadurch in einer gewissen Weise
ausgeglichen werden soil, was durch die Schilderung von
nur einem Gesichtspunkte aus einseitig werden kann -
dieses Schildern von einem Gesichtspunkte aus, das ja
namentlich auftreten kann, wenn irgend jemand meine
Biicher nimmt und sie in abstrakter Weise miteinander
vergleicht und sich dann sagt: Ja, da steht iiber eine
Sache dieses und hier steht jenes. - Das kann sehr
leicht ausgemiinzt werden, als ob Widersprixche da wa-
ren. Dieses entspringt aber aus nichts anderem, als aus
dem Bemiihen, die Dinge von den verschiedensten Seiten
her zu schildern, damit eben gerade durch diese beson-
deren Wendungen in der anthroposophischen Gei-
steswissenschaft eine Art Allseitigkeit erzielt werden
konne.
Wer das ganz kennenlernt, was auf dem inneren Wege
gesucht und gefunden wird, der wird immer mehr und
mehr sich klarmachen konnen, wie sich da ein inneres
Vermogen, eine innere Fahigkeit entwickelt, die eigent-
lich dem ahnlich ist, was der Mensch in der mathema-
tischen Seelenverfassung hat. [Es ist] wie in der Mathe-
matik, wo wir etwas haben, was uns einen bestimmten
seelischen Inhalt gibt, der ganz aus dem Innern gewon-
nen ist. Denn die Mathematik ist ganz aus dem Innern
gewonnen; wir wissen, daft eine mathematische Wahr-
heit wahr ist, wenn wir sie innerlich durchschaut haben,
mogen auch Millionen von Menschen es anders sagen.
Dasjenige, was sich da abspielt in der Seele, indem wir
eine mathematische Wahrheit festzuhalten wissen, die
zu gleicher Zeit innerlich und aufierlich ist, das spielt sich
in ahnlicher Weise [in der Seele] ab, wenn wir - aller-
dings durch das Subjektive hindurch - zu dem inner-
lich Objektiven kommen, das uns in anthroposophischer
Geisteswissenschaft wirklich vorliegen kann. Nur der
Anfang des Forschungsweges ist subjektiv, von dem
schweigt aber der wahre Anthroposoph. Das, was sich
dann nach Uberwindung der subjektiven Eigentiimlich-
keiten des Forschers ergibt, das ist durchaus ein Objek-
tives, von dem kann man sprechen wie von einer aufieren
Beobachtung, die man durch die Sinne oder auch durch
die Waage oder mit dem Mefistab gemacht hat; geradeso,
wie man von mathematischen Feststellungen sprechen
kann, nur dafi diese formal sind, wahrend diejenigen
Feststellungen, die man durch Geisteswissenschaft
macht, eben inhaltvoll sind.
Das zeigt aber, dafi diese anthroposophische Gei-
steswissenschaft vor alien Dingen bemiiht ist, unmittel-
bar zum Menschen zu sprechen. Das ist auch ihre Aufga-
be. Wahrend die gegenwartige Wissenschaftlichkeit nach
einem Nivellement strebt, gewissermafien danach strebt,
den einen Menschen zum Abklatsch des andern zu ma-
chen, kann anthroposophische Geisteswissenschaft nicht
anders, als zu jedem Menschen als zu einer Individuality
zu sprechen. Das ist, mochte ich sagen, das unmittelbare
soziale Vertrauen, das man sich im Wirken fur diese an-
throposophische Geisteswissenschaft erwirbt, dafi man
nicht irgendetwas hinstellen will, was dadurch, daft man
es erforscht hat, nun gelten soil fur alle Menschen, son-
dern durch das man nur appellieren will an die Men-
schen, indem man sagt: man hat den Inhalt anthroposo-
phischer Geisteswissenschaft selbst erforscht. Aber die-
ser Inhalt ist der wahre Inhalt der Menschennatur. Spre-
che ich zu den einzelnen Menschen, so spreche ich so,
daft ich sie nicht im Nivellement sehe, sondern jeden ein-
zelnen als Individuality anspreche. Ich rechne darauf,
dafi, weil ja der Mensch Mensch ist, weil die Menschen
gleichen seelisch-geistig-leiblichen Ursprungs sind, daft
verwandte Saiten anklingen, dafi aus dem Innersten her-
aus auf individuelle Weise dasselbe wiederkommt, was
von dem einen Menschen angeschlagen wird. Nicht so,
wie man sonst in der Wissenschaft spricht, spricht man
durch Anthroposophie zu den Menschen, als ob man
Anhangerschaft fur etwas nun einmal Festgestelltes su-
chen wiirde, sondern so spricht man durch Anthroposo-
phie, dafi man an das Innere eines jeden einzelnen Men-
schen appelliert und sagt: Wenn du in dein eigenes Inne-
res hineinschaust, dann entdeckst du auf diesem Wege in
deiner eigenen Wesenheit das, was ich dir mitteilen will,
weil ich es erforscht habe. - Die Art des Sprechens von
Mensch zu Mensch iiber Geisteswissenschaft, alle Art
des Unterrichtens nimmt einen anderen Ton, eine andere
Gesinnung an, indem man die Mitteilungen in Formeln
der anthroposophischen Geisteswissenschaft hiillt. Das
ist das, was an anthroposophischer Geisteswissenschaft
wirksam ist gegen die Signatur unserer Zeit, wie ich sie
geschildert habe: Dasjenige, was wiederum aus dem
Denken, aber aus dem Denken aus dem Vollmenschen
heraus, appelliert, appelliert zu gleicher Zeit an jeden
einzelnen Menschen. Das Gegenteil davon ist das, was
angestrebt wird im Nivellement. Es wird angestrebt die
Individualisierung des Menschen durch das, was Er-
kenntnis ist, durch das, was Erarbeitung eines Welt-
anschauungsinhaltes ist. Dieser Inhalt anthroposophi-
scher Geisteswissenschaft soil der allersubjektivste und
zugleich der objektive, der allerpersonlichste und zu-
gleich der allgemein geltende Inhalt der menschlichen
Wissenschaftlichkeit sein. Die Menschheit der Gegen-
wart braucht diesen Gegensatz gegen das Nivellement.
Von dem Nivellement ist ausgegangen das, was ich Ihnen
geschildert habe, was im Grunde genommen ein antiso-
ziales Element ist, weil es sich als Gegenpol geltend
macht: das Unverstandnis des einen Menschen gegen-
iiber dem anderen Menschen. Von anthroposophischer
Geisteswissenschaft soil ausgehen das liebevolle Verste-
hen des einen Menschen gegeniiber dem anderen; und es
wird vor alien Dingen nicht nur eine allgemeine Men-
schenkenntnis, eine allgemeine Anthroposophie kom-
men, sondern durch das, was diese allgemeine Anthro-
posophie und Welterkenntnis sein wird, wird eine
Seelenverfassung angeregt werden, die auch wiederum
liebevolles Verstandnis fur jede einzelne Eigentumlich-
keit unseres nachsten Menschen in sich schliefit.
Was soziales Leben ist, kann nicht begriindet werden,
wenn es nicht begriindet wird aus den tiefsten, heiligsten
Wurzeln der Menschenwesenheit selber heraus; die sind
aber doch fiir die heutige Menschheitsentwicklungs-
phase die individuellen, wie ich gestern andeutete. Daher
wird Geisteswissenschaft im wesentlichen diesen an-
deren Einschlag der geistigen Signatur der Gegenwart
geben, den wir so stark brauchen.
Damit ist aber schon gesagt, dafi auch der andere Pol,
der charakterisiert werden mufke mit Bezug auf die Si-
gnatur der Gegenwart, einen anderen Charakter anneh-
men wird. Im praktischen Leben wird eintreten, was nun
nicht ein antisoziales Element ist, sondern was ein so-
ziales Element ist. Dieses antisoziale Element, woher
kommt es denn eigentlich? Es kommt davon her, dafi,
indem gerade die Kopfkultur einen Hohepunkt erreicht
hat, die Instinkte aus der menschlichen Natur heraus
walten und das Fuhlen und Wollen ergreifen. Was
anthroposophisches Erkennen ist, leuchtet hinein in das
Fuhlen, leuchtet hinein in das Wollen; es stumpft nicht
ab die elementare Gewalt des Fiihlens und Wollens, wie
die Menschen so leicht glauben; es nimmt den Menschen
nicht ihre urspriingliche Naivitat. Nein, wenn irgend et-
was Schones beleuchtet wird, verliert es seine Eigentum-
lichkeit nicht, sondern sie tritt erst recht hervor. Das,
was in den Untergriinden der menschlichen Natur liegt,
wird nicht stumpfer, wenn es anthroposophisch be-
leuchtet wird, sondern es wird gerade in richtiger Weise
entfaltet, ohne daft der Mensch die heutige Zeitkrank-
heit, die Nervositat, dadurch mitzumachen hat. Der Ge-
danke leuchtet wiederum hinein in das Fuhlen, das Fiih-
len ergreift ihn, und indem wir in das Fuhlen mit dem
Gedanken hineinleuchten, verwandelt sich das «Ich den-
ke, also bin ich nicht», das «Ich bin nur im Bilde, indem
ich denke» - es verwandelt sich das Denken in ein Sein.
Und erst indem wir in das Wollen untertauchen, das
sonst nur im Schlafe erlebt wird - denn was weifi der
Mensch im gewohnlichen Erkennen von der Beziehung,
die da herrscht zwischen einem Gedanken, der zum Wil-
len fiihren soil, und dem Heben der Hand? indem
dieses Denken geisteswissenschaftlich in dieses Wollen
eintaucht, entwickelt sich das, was nun, wie man sagen
konnte, im hellen Licht der Geisteserkenntnis von dem
einen Menschen zum anderen Menschen hinfuhrt. Die
Menschheit kann ein soziales Ganzes nur dadurch wer-
den, dafi die Gefuhle, dafi die Willensimpulse durch-
leuchtet werden, jetzt nicht von abstrakter, intellektua-
listischer Erkenntnis, sondern von dem hoheren Schau-
en. Dadurch aber, daft sie von dem hoheren Schauen
durchtrankt werden, wird eine wahrhafte Sozialwissen-
schaft, eine Sozialethik entstehen. Gerade eine solche So-
zialethik sollte in meinem Buche «Die Philosophic der
Freiheit» gegeben werden. Da zeigte ich, dafi sich der
Mensch ja im Grunde genommmen nur frei fiihlen kann,
indem er aus dem reinsten Denken heraus einen Impuls
fur das Handeln, fur das Wollen entwickelt. Der Mensch
konnte sich niemals frei fiihlen, wenn er aus irgendwel-
chen anderen Untergriinden heraus Willensimpulse
schopfen miifite. Wenn wir einem Spiegel gegeniiberste-
hen, und blofi ein Bild vor uns haben - der Vergeich ist
mehr als ein Vergleich -, so kann uns dieses Bild nicht
zwingen. Wenn mich irgend etwas schiebt, so bin ich
gezwungen durch Kausalitat. Wenn ich das Bild an-
schaue, kann ich nicht gezwungen werden; das Bild hat
keine Kraft in sich, um mich zu zwingen. Wenn ich mei-
ne Willensimpulse in dem reinen Bildgedanken erfasse,
dann haben diese Bildgedanken keine kausale Macht,
keine Schwungkraft. Indem man die Bildhaftigkeit des
Denkens erkennt, erkennt man, wie im reinen Denken
der freie Wille wirklich aufgeht, so dafi nur im In-
dividuellsten des Menschen auch die Impulse fiir freies
Handeln gefunden werden konnen. Dadurch aber, dafi
in dieses reine Denken, das uns zunachst Bild ist, der
Wille einzieht, gerade dadurch, dafi der Wille einzieht,
wie es der Fall ist beim liebevollen sozialen Handeln
oder bei hoherer ubersinnlicher Erkenntnis, wie Sie in
den Ausfiihrungen meines Buches «Wie erlangt man Er-
kenntnisse der hoheren Welten?» sehen konnen, da-
durch wird das sonst reine Denken von dem erfullt, was
des Menschen ureigene, ewige Wesenheit ist. Und das
erste Hellsehen, meine verehrten Anwesenden, ist schon
da, wenn ein freier WillensentschluE im Gedanken auf-
leuchtet. Und im Grunde genommen ist alles das, was
dann von mir als Methode zum Herauffuhren in die
hochsten Geisteswelten angegeben wird, nichts anderes
als eine metamorphosierte Ausgestaltung dessen, was ich
in meiner «Philosophie der Freiheit» als dem freien Wol-
len zugrunde liegend geschildert habe. Erkennt man, wie
in diesem vom Willen durchzogenen reinen Denken
dasjenige vorliegt, worin der Mensch das Weltgeschehen
zunachst erfassen kann wie an einem Zipfel, dann lernt
man auch allmahlich einsehen, wie man diese Seelen-
verfassung, die sonst nur in der freien Handlung des
Menschen vorhanden ist, in der gestern geschilderten
Weise erweitern kann, und wie man dadurch zu iiber-
sinnlichen Erkenntnissen kommen kann. Will der
Mensch sich als freies Wesen erkennen, so muli er den
Anfang machen mit diesem wahren ubersinnlichen
Schauen, sonst wird ihm Freiheit immer etwas Unmog-
liches sein. Die Freiheit vertragt sich auch nicht mit der
Naturkausalitat - auch nicht fiir den Kantianer oder fiir
den, der wenigstens behauptet, einer zu sein. Und auf
keine andere Weise kommt man zu einem Harmoni-
sieren von Naturkausalitat und menschlicher Freiheit,
als indem man die Sache so durchschaut, wie ich es eben
geschildert habe.
Dann aber begriindet sich noch etwas anderes. Was
ich in meiner «Philosophie der Freiheit» geschildert habe
als Grundlage des sozialen Wollens, ist viel, viel verkannt
worden. Die Leute haben eingewendet: Wie sollen die
Menschen denn zusammenwirken im sozialen Organis-
mus, wenn jeder nur den inneren Antrieben seiner indi-
viduellen Wesenheit folgt? - Darum geht es aber gar
nicht. Es geht darum, daft durch eine wirkliche, echte,
wahre geistige Entwicklung des Menschen heranerzogen
werden kann, was ich nennen mochte: das wirkliche so-
ziale Vertrauen. Ein menschenwurdiges Dasein im sozia-
len Leben ist ja doch nur moglich, wenn wir nicht von
aufien her durch Gebote oder anderes zum Handeln ge-
zwungen werden, sondern wenn wir aus dem innersten
Triebe unseres Wesens heraus frei handeln konnen.
Dann aber mussen wir dieses grofte Vertrauen zum an-
deren entwickeln konnen, das Vertrauen, dafi er allmah-
lich auch dazu gelangt, aus dem innersten Trieb seiner
Menschennatur heraus zu handeln. Und dadurch, daft
der Mensch vorschreitet zum Innersten seines Wesens
und allmahlich sich ein solches Verstandnis des einen
zum anderen entwickelt, wird durch ein voiles gegen-
seitiges Vertrauen eine soziale Ethik, ein sozialer Orga-
nismus aus der individuellen Gestaltung des einzelnen
Wollens heraus sich ergeben konnen. - So hangt das, was
bewuikes Vertrauen ist, zusammen mit dem, was ja im
Sinne des heutigen Strebens der Menschennatur doch
nur als das soziale Wollen angesehen werden kann.
Man sieht am besten, wie anthroposophische Geistes-
wissenschaft zu der gegenwartigen Signatur des Geistes-
lebens steht, wenn man hinschaut darauf, was - aus den
Untergriinden heraus, die ich eben charakterisiert habe -
aus der religiosen Auffassung der Menschheit allmahlich
geworden ist. Geisteswissenschaft wird gerade von die-
ser Seite immer wieder angegriffen, indem gesagt wird,
Geisteswissenschaft wolle durch Erkenntnis in die iiber-
sinnlichen Welten eintreten, aber gerade darin bestiinde
doch das Wesen des religiosen Lebens, so sagt man, dafi
man eben dasjenige, zu dem man als gottliche Weltord-
nung Vertrauen hat, nicht kennt, dafi man also ein blofi
subjektives Vertrauen hat. Es wiirde also darnach das
Wesen der Religion gerade darin bestehen, daft man in
ihr eine blofie Glaubensgewifiheit entwickelt, und dafi
man die Erkenntnisgewifiheit ausschliefk. Aber meine
sehr verehrten Anwesenden, diese Glaubensgewifiheit,
die ja identisch ist mit dem, was man Vertrauen nennen
kann, die kann sich im Grunde genommen fur den, der in
diesen Sachen ehrlich denkt, innerhalb des religiosen
Lebens auch nicht auf einem anderen Wege herstellen,
als wiederum aus dem, was aus einer wirklich iibersinn-
lichen Erkenntnis folgt. Schon eine historische Betrach-
tung konnte die Menschheit das lehren. Was ist es denn,
woher die heutigen Menschen, die sich in der angedeute-
ten Weise gegen Anthroposophie auflehnen, ihr religio-
ses Vertrauen nehmen? Ist es etwas wirklich Elementa-
res? Das ist eine blofie Illusion. Es sind die Reste der
historischen Religionen. Es sind die Reste dessen, was
sich in der Geschichte heraufentwickelt hat als die histo-
rischen Religionen. Im Sinne anthroposophischer Gei-
steswissenschaft haben diese Religionen ihre voile Be-
rechtigung, und ihre letzte Hohe, wodurch die Erden-
entwicklung ihren eigentlichen Sinn erhalten hat, ihre
hochste Hohe haben sie eben in dem Christentum erhal-
ten. In dem Christentum ist dasjenige enthalten, was als
Urreligion zu gelten hat, die letzte Form der Religion, zu
der die Menschheit hat emporsteigen konnen, und die
fur die iibrige Zeit der Menschheit die fortgeltende sein
muE. Anthroposophische Geisteswissenschaft tastet das
Christentum nicht nur nicht an, sondern sie begriindet es
erst im tieferen Sinne. Aber auf der anderen Seite muE
man sagen: Woher haben denn die Religionen ihren In-
halt genommen? Sie haben ihn - das kann historisch
nachgewiesen werden -, sie haben ihn auch aus geistigen
Schauungen, wenn auch aus alten instinktiven geistigen
Schauungen, entnommen. Auf keinem anderen Wege, als
auf dem, den die Geisteswissenschaft in anthroposophi-
scher Orientierung jetzt wissenschaftlich weisen will,
haben die Religionen in alten instinktiven Schauungen
ihren ubersinnlichen Inhalt bekommen. Dieser hat sich
f ortgepflanzt, der ist da in Schrift und Tradition. Und die
Religionen hatten keinen Inhalt, wenn es nicht einmal
instinktive iibersinnliche Schauungen der Menschen ge-
geben hatte. Schon daraus, und noch aus vielem anderen,
ist zu entnehmen, wie unrecht es ist, zu sagen, es diirfe
von anthroposophischer Seite nicht ein Weg gewiesen
werden in die ubersinnlichen Welten, denn fur die Reli-
gionen miilken die ubersinnlichen Welten gerade als das
feme Unbekannte gewahrt werden, zu dem man nicht
durch das Erkennen kommen konne, sondern nur durch
das naive Vertrauen und durch den Glauben. Der Wert
der Religionen wird sich enthullen, wenn vom Lichte der
Erkenntnis in sie hineingeleuchtet wird. Diejenigen sind
im Grunde schwache Christen, die glauben, dafi durch
irgendeine geisteswissenschaftliche Entdeckung die
Grofte und Bedeutsamkeit des Christentums beeintrach-
tigt werden konnte. Diejenigen s'md gerade schwache
Christen nach meiner Auffassung, die da glauben, daft
man nicht mit irgendeiner Wissenschaft heran diirfe an
das Christentum, weil es darunter leiden konnte. Gera-
desowenig, wie in den Evangelien etwas von Amerika
steht, Amerika aber als Realitat gelten gelassen werden
muli, so miissen auch gelten gelassen werden die wieder-
holten Erdenleben, trotzdem in den Evangelien nichts
davon steht.
Das ist es, was aus einer bestimmten Seelenverfassung
heraus Anthroposophie zu einer Zeitangelegenheit
macht. Ich habe das dargestellt in meinen «Ratseln der
Philosophies wo ich gezeigt habe, wie die einzelnen phi-
losophischen Anschauungen bis zur Gegenwart dahin
tendieren, in die anthroposophische Anschauung einzu-
laufen. So daft in der Tat aus der Signatur der geistigen
Gegenwart heraus abgelesen werden kann, wie man zu
anthroposophischer Weltanschauung aufsteigen kann.
Diese Signatur der geistigen Gegenwart mochte ich
Ihnen jetzt zum Schlusse noch mit ein paar Strichen
zeichnen, aus der Anthroposophie selbst heraus, damit
Sie sehen, daft derjenige, der auf dem Boden der An-
throposophie steht, nicht davor zuriickschreckt, die Er-
gebnisse seiner Forschung mitzuteilen, die er auf dem
Wege, der Ihnen geschildert worden ist, erforscht hat,
und die fur ihn ebenso feststehen, wie die Ergebnisse
der Astronomie, der Physiologie, der Biologie, der
Pflanzenkunde.
Wenn wir mit anthroposophisch gescharftem Blick
eine verhaltnismaftig kurze Spanne in der Menschheits-
entwicklung zunickschauen, so finden wir, wie wir zum
Beispiel schon das Griechentum nicht verstehen kon-
nen. Es ist im vorhergehenden Vortrage von Herrn Dr.
Heyer darauf hingewiesen worden, wie sich das Be-
wulksein der Menschheit im Laufe der geschichtlichen
Entwicklung geandert hat. Wir brauchen, um das rein
empirisch zu erharten, nur hinzuschauen auf die be-
sondere Art des griechischen BewuEtseins. Herman
Grimm, der, trotzdem er in vieler Beziehung ange-
fochten wird, fiir solche Dinge den feinen Blick eines
historischen Schauers sich bewahrt hatte, er hat mit fol-
genden scharfen Worten auf dieses unser Verstandnis-
Verhaltnis zu den Griechen hingewiesen. Er sagte: Das-
jenige, was die Romer dargelebt haben, wie ein Casar,
ein Brutus gelebt hat, das konnen wir verstehen. Unsere
Bewufitseinselemente haben sich seither nicht so veran-
dert, daft wir das nicht verstehen konnten. Dasjenige,
was uns von Alkibiades, von Perikles, von Plato, So-
phokles erzahlt wird, das bilden sich die Leute nur ein
zu verstehen, wenn sie auf dem Standpunkte des heuti-
gen Menschheitsverstandnisses bleiben. Wie Marchen-
helden sind eigentlich die nur schattenhaft vor den ge-
wohnlichen Menschheitsideen aufsteigenden Gestalten
eines Perikles und Alkibiades. - Marchengestalten sieht
Herman Grimm in der ganzen griechischen Geschichte.
Geisteswissenschaft ist dazu berufen, das herbeizu-
fiihren, was das Bewufitsein erweitern kann, so dafi man
wirklich die innere Seelenverfassung so wandelt, dafi
man wiederum drinnenstehen kann in diesem besonde-
ren inneren Erleben der Griechen. Und da mufi man
sagen: Dieses Erleben der Griechen, es beruhte auf
einem historischen Gesetz, das heute erst von der
anthroposophischen Geisteswissenschaft in seinem vol-
len Umfange anerkannt wird. Es ist das Gesetz, das ich
Ihnen nun in der folgenden Weise charakterisieren will.
Je mehr wir zuriickgehen in der Menschheitsent-
wicklung, ins Griechentum, Agyptertum, ins Perser-
tum, ins Indertum und in die vorhistorischen Zeiten,
desto mehr finden wir, dafi eigentlich die ganze mensch-
liche Konstitution eine andere ist. Wir sehen heute das
Leben sich in dem Kinde so entwickeln, daft das Seelen-
leben in einem hohen Grade an die korperliche Orga-
nisation gebunden ist. Nehmen Sie mein Schriftchen
«Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der
Geisteswissenschaft» oder anderes, was ich im Zusam-
menhang mit der Padagogik gesagt habe, und Sie wer-
den sehen, wie mit dem Zahnwechsel im siebenten, ach-
ten Jahr die ganze Seelenverfassung des Kindes sich
andert. Und aus dem gewohnlichen Leben heraus ist ja
bekannt, wie die ganze Seelenverfassung des Menschen
sich andert, wenn er geschlechtsreif wird. Weniger be-
merkbar ist schon, daft ahnliche Veranderungen wie-
derum im Beginn der zwanziger Jahre und am Ende der
zwanziger Jahre vor sich gehen; diese spielen sich mehr
innerlich ab, aber sie sind ganz deutlich auch fur den
Gegenwartsmenschen noch vorhanden. Wenn wir dage-
gen in die hoheren Jahre heraufkommen, in die dreifti-
ger Jahre, dann wird da das seelisch-geistige Leben des
Menschen in hohem Grade unabhangig vom Korperli-
chen. Da treten wir ein in dasjenige Stadium unserer
Entwicklung, in dem wir durch auftere Erfahrung,
durch das Zusammensein mit der Welt, unsere Seele
verandern. Da verandern wir unsere Seele nicht mehr
durch das, was etwa in solcher Art wie der Zahnwech-
sel, die Geschlechtsreife, oder die Umanderungen nach
dem zwanzigsten Jahr in uns vorgeht. - Das aber, was
sich bei uns mehr auf die jugendlichen Jahre bis an das
Ende der zwanziger Jahre erstreckt, das erstreckte sich
in alten Zeiten bis hinauf in das hohe Menschenalter.
Dieses Gesetz ist ein historisches Gesetz. Das kann man
beobachten, wenn man sich jenes Beobachtungsvermo-
gen fur das innere Seelenleben angeeignet hat, das uns in
den Resten, die heute noch bei alten Menschen auftre-
ten, zeigt, dafi eine solche Entwicklung einmal da war.
Weifi man das, dann sieht man zum Beispiel in die alte
urindische Zeit zuriick, in Zeiten, die ins Vorhistorische
fiihren, wo der Mensch bis in die fiinfziger Jahre hinauf
in seinem seelisch-geistigen Leben von der korperlichen
Entwicklung abhangig war. Man wurde da ein Patriarch
gleichzeitig durch die korperliche Entwicklung und in
der seelischen Entwicklung, wie man heute ein ge-
schlechtsreifer Mensch gleichzeitig physisch und see-
lisch wird. Dieses Zusammenklingen des Korperlichen
mit dem Seelisch-Geistigen ging in alten Zeiten bis ins
hohe Menschenalter hinauf. Der Mensch erfuhr in jenen
alten Zeiten auch jene absteigende Linie der korperli-
chen Entwicklung, die etwa mit dem 35. Jahr beginnt.
Bis dahin wachst und sprofk unser Organismus; von da
ab geht es abwarts, von da ab ist eine niedersteigende
Entwicklung vorhanden. Diese niedersteigende Ent-
wicklung machen wir heute nicht in derselben Weise
durch; wir werden allerdings von dem Alter bedruckt,
das ist aber etwas anderes, als das in alten Zeiten war. In
alten Zeiten war es so, dafi gleichzeitig mit dem Steifer-
werden, mit dem Vertrockneterwerden der aufierlichen
Korperlichkeit ein helles Aufleuchten der Geistigkeit
vorhanden war, so dafi man im Patriarchenalter hin-
einwuchs in naturgemafier Entwicklung in eine gewisse
Geistigkeit. Was in alteren Zeiten fur ein hoheres Alter
noch vorhanden war, das war fur den Griechen bis in
die Mitte der dreifiiger Jahre noch vorhanden. Was der
Grieche bis ungefahr zu seinem 35. Lebensjahr noch
durchmachte, das machen wir als Menschen in den drei-
fiiger Jahren einfach nicht mehr durch und strahlen es
daher auch nicht mehr im sozialen Leben aus. Das
brachte in das ganze soziale Griechenleben das hinein,
was zum Beispiel Goethe empfand, als er in Italien von
Sehnsucht getrieben in sich das Griechentum nacherle-
ben wollte, und wo er sagte: Wenn ich aber diese grie-
chischen Kunstwerke ansehe, und sehe, wie die Grie-
chen bei der Schaffung ihrer Kunstwerke nach densel-
ben Gesetzen verfuhren, nach denen die Natur selber
verfahrt bei Schaffung ihrer Naturwerke, dann empfin-
de ich Notwendigkeit, dann empfinde ich Gott. - Das
haben die Griechen nicht anders vermocht, die Gesetze
der Natur in ihren Kunstwerken nachzuformen, als
dadurch, da£ sie das Sich-Empfinden in der Harmoni-
sierung des Geistig-Seelischen und des Physisch-Leib-
lichen, die da sind, wenn der Mensch gerade die Mitte
seines Lebens in voller, auch kdrperlicher Entwicklung
erreicht, dafi sie das in ihren vorzuglichsten Exemplaren
[?] haben durchmachen konnen. Aus dieser physisch-
seelischen Organisation ging die griechische Art kiinst-
lerischen Schaffens, ging die griechische Art des religio-
sen Fiihlens hervor, und ging auch das medizinische
Denken beim Griechen hervor. Das war die Signatur
der Geistigkeit in der Menschheit, die einfach davon
herruhrte, dafi in den dreifiiger Jahren das erlebt wurde,
was ich geschildert habe. Man konnte sagen: Wie in der
Mitte des Waagebalkens das Gleichgewicht des Waage-
balkens erlebt wird, so haben die Griechen das Gleich-
gewicht des Menschenlebens dadurch erlebt, dafi sie das
Hereinspielen des Seelisch-Geistigen bis in die Mitte
der dreiftiger Jahre noch erfafken. Wir erfassen es nicht
mehr. Wir erreichen - wenn ich in derselben Redeweise
fortfahren soil - eine physische Entwicklung, die auf die
seelische noch einen Einfluft hat, in unserem heutigen
Zeitalter nur bis zum Ende der zwanziger Jahre. Da-
durch hort fiir unsere spateren Lebensjahre dasjenige
auf, was aus den Tiefen der Menschennatur heraufsteigt
und die Weltanschauung durchzieht. Dadurch ist aber
auch die Notwendigkeit heraufgezogen, daft das, was
sich nicht mehr auf naturliche Art in der Menschheit
entwickelt nach dem 28. Lebensjahr, auf bewuftte Art
durch anthroposophisch-geisteswissenschaftliche Erzie-
hung errungen werde, daft das tatsachlich seelisch inner-
lich errungen werde, was friiher aus der Menschennatur
selber aufstieg. Das ist die Signatur unserer Zeit gewor-
den, daft wir nur noch in jungen Jahren in der Kor-
perlichkeit drinnen leben. Das ist das, was nun auch,
und zwar - jetzt darf ich es sagen, ohne miftverstanden
zu werden - in berechtigter Weise, in den Materialismus
hineingefuhrt hat. Denn das Kind mufi, indem es sich
selbst betrachtet, materialistisch sein, weil sich die Gei-
stigkeit aus der Materie heraus erst loslost. Wir sind als
Menschheit in den neueren Jahrhunderten in dem Mafie
materialistisch geworden, je mehr wir an dasjenige Zeit-
alter gebunden sind, das in der aufsteigenden materiel-
len, organischen Entwicklung ist, und je weniger wir
noch von der Natur bekommen in der ab warts gehenden
Entwicklung nach dem 35. Lebensjahr.
Das ist die Signatur unserer Zeit. Das hat uns in den
Materialismus hineingefuhrt, indem wir uns als Mensch-
heit in den letzten Jahrhunderten den unbewuftten Kraf-
ten iiberlassen haben.
Was anthroposophische Geisteswissenschaft will, das
ist, daft wir das, was uns die Natur nicht mehr gibt, nun-
mehr geradeso naiv, wie wir es friiher von der Natur
empfangen haben, vom Geiste empfangen, dafi wir den
Mut entwickeln, die Kraft entwickeln, vom Geisteslande
aus zu empfangen, was wir aus dem Naturlande nicht
mehr empfangen konnen. Die geistige Signatur unserer
Zeit weist uns darauf hin, unsere voile Menschlichkeit,
die wir nicht mehr von der Natur erlangen konnen, aus
geistiger, aus freier Willensbetatigung heraus zu entwik-
keln. Das begriindet nicht eine Dekadenz. Nein, die De-
kadenz wird gerade dadurch begriindet, dafi man sich in
einer Zeit, die den Geist verlangt, nur der Natur iiberlas-
sen will. Der Materialismus ist als eine notwendige Er-
scheinung heraufgezogen. Die Uberwindung des Mate-
rialismus mu6 ebenso als eine notwendige Erscheinung
eintreten. Das glaubt anthroposophische Geisteswissen-
schaft aus den Zeichen der Zeit, aus der Signatur der Zeit
ablesen zu konnen. Aus diesem Welt- und Menschheits-
bewufitsein heraus will sie wirken.
Menschen, die etwas tiefer eingedrungen sind in diese
Signatur unserer Zeit und die in der letzten Zeit da oder
dort gesprochen haben, haben im Grunde genommen
immer nur in negativer Weise darauf hingewiesen, was
an Niedergangskraften in unserer Zeit ist und was im
Grunde genommen sein mufi, wenn wir diese eben cha-
rakterisierte Entwicklung des Menschengeschlechts ins
Auge fassen. Man braucht da nicht auf Spengler hinzu-
weisen, auf den ja heute viel hingewiesen wird, sondern
man kann hinweisen auf einen unserer besten Philoso-
phen, Gideon Spicker, der aus weitherzigem BewuEtsein
seine Schrift verfafit hat und der immer wieder darauf
hingewiesen hat, wie der Mensch in unserer Zeit nicht
mehr die Verbindungsbriicke schaffen kann zu dem, was
ihm eigentlich das voile Bewufitsein als Mensch gibt,
was ihn anbindet wiederum an das Ewige, was ihn
durchdrungen sein lafit von dem Gottlich-Ewigen. Und
beherzigenswerte Worte hat gerade Gideon Spicker im
Jahre 1909 gesprochen, indem er in seiner Art die Signa-
tur unserer Zeit beschrieben hat. Er sagte: Wir haben es
dahin gebracht, eine Metaphysik zu haben ohne iiber-
sinnliche Uberzeugung; eine Erkenntnistheorie ohne
objektive Bedeutung; eine Logik ohne Inhalt, eine Psy-
chologic ohne Seele, eine Ethik ohne Verbindlichkeit
und eine Religion ohne Vernunftgriinde. -
Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, liebe Kom-
militonen. Anthroposophie will dem Menschen wieder-
um eine Erkenntnistheorie geben, die in die Wirklichkeit
hineinfiihrt, weil die Wirklichkeit zugleich materiell und
geistig ist. Anthroposophische Geisteswissenschaft will
dem Menschen eine wirkliche Uberzeugung von der
iibersinnlichen Welt geben - durch die Aufzeigung des
Weges zum Schauen dieser Welt. Anthroposophische
Geisteswissenschaft will eine Logik begriinden, die wie-
derum in die Wirklichkeit der Dinge untertaucht. An-
throposophische Geisteswissenschaft will von einem
Seelenleben als Wirklichkeit sprechen, nicht blofi von
demjenigen Seelenleben, das wir bildhaft herausdeuten
aus den naturwissenschaftlichen Ergebnissen der An-
thropologic Anthroposophische Geisteswissenschaft
will aus den Untergriinden der Menschheit heraus eine
verbindliche Sozialethik schaffen. Und anthroposo-
phische Geisteswissenschaft will eine religiose Uber-
zeugung geben, die gestutzt ist auf die Erkenntnisse, auf
das Schauen dessen, was im religiosen Leben als das gott-
liche Dasein existieren mufi.
So will anthroposophische Geisteswissenschaft auf
die Signatur unserer Zeit wirken, aber nicht deshalb,
weil das aus irgendeinem utopistischen Sinne oder aus
einem willkiirlichen Willensentschlufi hervorgeht, son-
dern weil das denjenigen, die nun die grofite Not und
die tiefste Sehnsucht unserer Zeit zu beobachten vermo-
gen, im allerwesentlichsten Sinne fur unser Zeitalter
notwendig erscheint.
FRAGENBEANTWORTUNG
am Padagogischen Abend
Darmstadt, 28. Juli 1921
Frage: Die neuere Zeit hat den Grundsatz der Anschauung [im
Unterricht] wieder ausgegraben. Nun zeigt sich, wenn das Kind
die Schule verlafit, dafi es dem Leben gegeniiber hilflos ist,
wenn es denken soil. Es ist vor lauter Anschauung haften ge-
blieben am Bilde.
Rudolf Steiner: Das ist eine aufierordentlich wichtige
padagogische Frage der Gegenwart, die Frage [nach] der
Anschaulichkeit beziehungsweise der ausschliefilichen
Anschaulichkeit des Unterrichts. Nun ist vielleicht diese
Frage nicht so spezialistisch, sondern nur im ganzen pad-
agogischen Denken drinnenstehend iiberhaupt erschop-
fend zu behandeln. Da mochte ich zunachst einmal er-
wahnen, daf5 ja der Unterricht in der Waldorf schule auf
unsere Erkenntnis von der Entwicklung des Menschen
gebaut ist. Nicht wahr, die Waldorfschule ist ganz si-
cher keine Weltanschauungsschule, aber was an padago-
gischer Geschicklichkeit, an padagogischer Methodik,
padagogischer Handhabung der Dinge gerade aus an-
throposophischer Seelenverfassung heraus erreicht wer-
den kann, das soil eben in die Praxis umgesetzt der Wal-
dorfschule zugute kommen. In dieser praktischen Bezie-
hung spielt eine grofie Rolle die Anschauung, dafi man es
bei dem Kinde bis etwa zum sechsten, siebenten Jahr mit
einem nachahmenden Wesen zu tun hat. Das Kind ist
Nachahmer bis in dieses Lebensalter hinein. Das geht so
weit, dafi in diesem Lebensalter, im Kindergartenalter
also, eigentlich nicht im gewohnlichen Sinne gelehrt
werden sollte, sondern auf die Nachahmefahigkeit des
Kindes gerechnet werden sollte. Sehen Sie, wenn man
sich jahrzehntelang mit solchen Dingen beschaftigt hat,
wie ich es mulke, da hat man allerlei Erfahrungen
gemacht. Die Leute kommen zu einem und fragen um
allerlei Dinge. So kam einmal ein Vater zu mir, ganz
ungliicklich, und sagte: Was sollen wir machen, unser
Junge, der immer ein braver Junge war, hat gestohlen. -
Ich fragte den Vater: Wie alt ist der Junge? - Vier bis fiinf
Jahre. - Dann, sagte ich, miissen wir doch erst untersu-
chen, ob er wirklich gestohlen hat. - Die Untersuchung
ergab, dafi er gar nicht gestohlen hatte, der kleine Junge,
trotzdem er Geld aus einer Schublade genommen hatte.
Er hatte nur jeden Tag gesehen, dafi die Mutter den Lie-
feranten aus ihrer Schublade Geld gibt. Er dachte: Die
Mutter hat es so gemacht, dann ist es doch so richtig, -
und er hat einfach auch Geld aus der Schublade genom-
men. Er hat Naschereien gekauft, aber sie nicht selber
verzehrt, sondern er hat sie verschenkt. Das Kind war
eben seinem Alter entsprechend ein Nachahmer. Was es
tat, war einfach eine Handlung der Nachahmung. Es
handelt sich darum, dafi man den Kindern in diesem
Alter tatsachlich nichts vormacht, was sie nicht nach-
ahmen diirfen. - Dann beginnt jenes Lebensalter, das mit
dem Zahnwechsel beginnt und mit der Geschlechtsreife
endigt, also das eigentliche volksschulmafiige Alter. Die-
ses volksschulmafiige Alter fordert einfach - was heute
aus manchen Parteirichtungen heraus verlangt wird, das
mu£ zuruckgestellt werden, das Sachliche mufi in den
Vordergrund gestellt werden -, dieses Alter fordert, dafi
das Kind auf Autoritat hin begreift und auch handeln
lernt. Es ist einmal fur das ganze spatere Leben, gerade
fur die Heranerziehung fur spatere schwere Zeiten und
fur alles Mogliche im Leben, von ganz besonderer Be-
deutung, dafi das Kind in diesem Lebensalter, vom sie-
benten bis zum vierzehnten Jahr ungefahr, auf Autoritat
hin etwas annimmt. Dieses Verhaltnis einer selbstver-
standlichen Autoritat des Lehrenden und Erziehenden
zum Kinde, das ist etwas, was fur den Menschen in sei-
nem ganzen spateren Leben nicht durch etwas anderes
ersetzt werden kann. Man konnte sehr leicht Beweise
finden fiir das, was der Mensch spater nicht haben kann,
wenn er nicht das grofie Gliick hatte, eine selbstver-
standliche Autoritat neben sich zu haben.
Da hinein, in dieses Lebensalter, fallt nun die Frage
des Anschauungsunterrichtes. Dieser Anschauungsun-
terricht, wie er heute gefordert wird, ist in seinem Ex-
trem aus dem Materialismus herausgewachsen. Man will
einfach alles vor das Auge hinstellen. Man glaubt an
nichts anderes, als was vor dem Auge ist; so soil auch
alles vor das Kind hingestellt werden. Aber nicht nur
diejenigen Schwierigkeiten entstehen, die Sie hervorge-
hoben haben, sondern auch andere, die auf der Lehrer-
seite entstehen. Man nehme einmal die Hilfsbiicher zur
Hand, die fiir Lehrer geschrieben sind, in denen Anlei-
tung gegeben wird zum Anschauungsunterricht. Die
Banalitaten und Trivialitaten, die man da aufgetischt be-
kommt, sind geradezu Ungeheuerlichkeiten. Da wird
instinktiv immerfort angestrebt, alles auf ein moglichst
niedriges Niveau zu schieben. Das ist der Anschauungs-
unterricht, in dem man dem Kinde nichts mehr bei-
bringt, als was es selber schon weiE. Das ist der denkbar
schlechteste Unterricht, der in dieser Weise Anschauung
liefert. Der Unterricht ist der beste, der nicht nur fur das
kindliche Alter sorgt, sondern fur das ganze Leben des
Menschen. Wenn das Leben nicht so ist, dafi man noch
im vierzigsten, fiinfzigsten Jahr etwas von seinem In-
der-Schule-Sitzen hat, dann war der Unterricht schlecht.
Man mu6 auf den Schulunterricht zuriickblicken konnen
in einer Weise, dafi lebendige Krafte in diesem Riickerin-
nern liegen. Wir wachsen ja auch, indem unsere Glied-
mafien grofier werden und sich auch sonst manches um-
gestaltet in uns; alles an uns wachst heran. Wenn wir dem
Kinde Begriffe beibringen, Vorstellungen und Anschau-
ungen beibringen, die nicht wachsen, die bleiben, bei
denen wir den grofien Wert darauf legen, dafi sie so blei-
ben, wie sie sind, dann versiindigen wir uns gegen das
Prinzip des Wachstums. Wir miissen die Dinge so an das
Kind heranbringen, dafi sie ins lebendige Wachstum
hineingestellt werden. Das konnen wir wiederum nicht
mit dem platten, banalen Anschauungsunterricht, son-
dern dann, wenn wir als Erziehende dem Kinde ge-
geniibertreten, da kommen dann Imponderabilien in
Betracht. Ich gebrauche sehr haufig ein solches Beispiel
wie dieses: Nehmen wir an, wir wollen dem Kinde bei-
bringen einen Begriff, - man kann das rein aus der Er-
kenntnis der Psychologie des Kindes heraus in einem
bestimmten Lebensalter -: den Begriff der Unsterblich-
keit. Man kann das versinnlichen an Naturvorgangen,
zum Beispiel an dem Schmetterling in der Puppe. Man
kann sagen: So steckt die unsterbliche Seele im Menschen
darinnen, wie der Schmetterling in der Puppe, nur dafi
sie sich in eine geistige Welt hinein entwickelt, wie sich
der Schmetterling aus der Puppe entwickelt. - Das ist ein
Bild. Man wird dieses Bild dem Kinde beibringen kon-
nen auf zwei verschiedene Weisen. Die erste ist diese,
dafi man sich denkt: Ich bin der Lehrer, ich bin ungeheu-
er gescheit; das Kind ist jung und furchtbar dumm. Ich
werde dem Kinde also dieses Symbolum hinstellen fiir
diesen Begriff. Ich bin selbstverstandlich iiber die Sache
langst hinaus, aber das Kind soil auf diese Weise die
Unsterblichkeit der Seele begreifen. Nun expliziere ich
das in intellektualistischer Weise. - Das ist die Weise,
durch die das Kind nichts lernt; nicht weil das Vorge-
brachte falsch ware, sondern weil man nicht in der rich-
tigen Weise eingestellt ist auf das Kind. Wenn ich mich in
anthroposophische Geisteswissenschaft einlebe, so ist
das nicht ein Bild, durch das ich mich gescheiter fuhle als
das Kind, sondern eine Wahrheit. Die Natur selber hat
auf einer niedrigeren Stufe den Schmetterling, der sich
aus der Puppe entwickelt, hingestellt, auf einer hoheren
Stufe den Durchgang durch die Pforte des Todes. Bringe
ich das, was in mir so lebendig lebt, zum Kinde, dann hat
das Kind etwas davon. Man kann nicht b\o& sagen, man
solle das so oder so machen, sondern auf Imponderabi-
lien kommt es an, auf eine gewisse Seelenverfassung, die
man selber hat als Lehrer - die ist das Wichtige. Da kom-
men die Schwierigkeiten in Betracht, wenn man bei dem
platten Anschauungsunterricht, der immer unperson-
licher und unpersonlicher wird, stehenbleibt; in dem Al-
ter, wo der Lehrer die wichtige Rolle als selbstverstand-
liche Autoritat spielen sollte, schaltet er sich aus. Es gibt
zum Beispiel gewisse Dinge, die man einfach auf Autori-
tat hin dem Kinde uberliefern soli. Man kann nicht alles
auf Grund von Anschauungsunterricht dem Kinde bei-
bringen - zum Beispiel die Moralbegriffe: da kann man
nicht vom Anschauungsunterricht, auch nicht von bio-
Sen Geboten ausgehen, die kann man nur auf dem Wege
der selbstverstandlichen Autoritat dem Kinde ubermit-
teln. Und es gehort zu den bedeutsamsten Erlebnissen,
die man im spateren Leben haben kann, wenn man etwas
aufgenommen hat im achten, neunten, zwolften Jahr,
weil es eine verehrte Personlichkeit als richtig ansieht -
dieses Verhaltnis zur verehrten Personlichkeit gehort zu
den Imponderabilien des Unterrichtes, der Erziehung -,
man wird dreiftig Jahre alt, und bei einem bestimmten
Erlebnis kommt das aus den Untergriinden des mensch-
lichen Bewufitseins herauf; jetzt versteht man etwas da-
von, was man eigentlich vor zwanzig oder dreifiig Jahren
aufgenommen hat, damals auf Autoritat hin. Das bedeu-
tet etwas Ungeheures im Leben. Das ist in der Tat ein
lebendiges Hiniiberwachsen dessen, was man in der
Kindheit aufgenommen hat. Deshalb ist all dieses Dis-
kutieren iiber mehr oder weniger Anschauung nicht so
wichtig. Die Dinge miissen sich am Objekt selber erge-
ben. Auch das Diskutieren iiber mehr oder weniger
Denken und so weiter, das ist auch wenig wichtig. Das
Wichtige ist, daft Lehrer an ihren richtigen Platz gestellt
werden, dafi in der richtigen Weise das Menschliche zu-
sammengefugt wird in einer Schulorganisation. Das ist
das, worin das Ziel hauptsachlich gesehen werden mu£.
Mit Lehrplanen oder mit irgendetwas, was in Paragra-
phen gefafit werden kann, kann man im wirklichen Le-
ben - und das Unterrichts- und Erziehungsleben ist ein
wirkliches Leben - doch nichts anfangen. Denn wenn
sich drei oder sechs oder zwolf Menschen zusam-
mensetzen, gleichgiiltig, wie ihre Antezedenzien sind,
aus welchem Kreise, aus welcher Vorbildung sie kom-
men, sie werden einen ideal schonen Lehrplan ausarbei-
ten konnen. Wenn man irgendwie aus dem Nachdenken
heraus paragraphenmafiig so etwas zusammenstellt, so
kann das ideal schon werden, es kann das Wunderbarste
drinnenstehen. Ich spotte nicht, es braucht nicht schlecht
zu sein, es kann aufierordentlich schon und grofiartig
sein, darauf kommt es aber nicht an. Es kommt darauf
an, dafi sich in der Schule drinnen, die eine Anzahl von
Lehrern hat, das lebendige Leben abspielt; jeder von die-
sen Lehrern hat seine besonderen Fahigkeiten, das ist das
Reale, mit dem mufi gearbeitet werden. Was niitzt es,
wenn der Lehrer darauf hinschauen kann: das und das ist
das Lehrziel. - Das ist doch nur eine Abstraktion. Das,
was er den Kindern als Personlichkeit sein kann dadurch,
dafi er in einer gewissen Weise in der Welt drinnen steht,
darauf kommt es an.
Die Schulfrage ist in unserer gegenwartigen Zeit im
wesentlichen eine Lehrerfrage, und von diesem Ge-
sichtspunkte aus sollten alle mehr ins Detail gehenden
Fragen, wie die Frage nach dem Anschauungsunterricht
und dergleichen, behandelt werden. Kann man also zum
Beispiel Kinder in ganz extremer Weise durch Anschau-
ungsunterricht unterrichten? - Ich mufi sagen, ich emp-
finde schon ein leises Grauen, wenn ich diese Torturen
mit den Rechenmaschinen in einer Klasse sehe, wo man
sogar Dinge, die auf ganz andere Weise gepflegt wer-
den sollen, in Anschauungsunterricht umwandeln will.
Wenn man blofi mit dem reinen Anschauungsunterricht
weitergehen will, so erzielt man - natiirlich sind das Din-
ge, die eine vorurteilslose Beobachtung ergibt -, man er-
zielt ungeschickte Kinder. - Mit Phanomenologie, mit
Phanomenalismus hat das nichts zu tun: um einen or-
dentlichen Phanomenalismus auszubilden, mufi man erst
recht denken konnen. In der Schule hat man es mit
padagogischer Methodik, nicht mit wissenschaftlicher
Methodik zu tun. Aber man mufi wissen, wie eng ein
ordentliches Denken nicht blofi mit dem Gehirn und
dem Kopf des Menschen zusammenhangt, sondern mit
dem ganzen Menschen. Es hangt von der Art und Weise,
wie jemand denken gelernt hat, ab, welche Geschicklich-
keit er in den Fingern hat. Denn der Mensch denkt ja in
Wirklichkeit mit dem ganzen Leibe. Man glaubt nur
heute, er denke mit dem Nervensystem, in Wahrheit
denkt er mit dem ganzen Organismus. Und auch umge-
kehrt ist es: Wenn man in richtiger Weise dem Kinde
Schlagfertigkeit im Denken, sogar bis zu einem gewissen
Grade Geistesgegenwart auf naturliche Weise beibringen
kann, arbeitet man fur die korperliche Geschicklichkeit,
und wenn man bis in die Korperlichkeit hinein diese
Denkgeschicklichkeit treibt, dann kommt einem auch
die Geschicklichkeit der Kinder zu Hilfe. Es ist viel
wich tiger, was wir jetzt in der Waldorf schule einge-
richtet haben, da£ die Kinder statt des gewohnlichen
Anschauungsunterrichts im Handfertigkeitsunterricht
ubergehen zum Selbstformen, wodurch sie in die Emp-
findung hineinbekommen die kunstlerische Gestaltung
der Flache. Das leitet dann wiederum hiniiber zur ma-
thematischen Auffassung der Flache in spateren Jahrgan-
gen. Dieses Sich-Hineinleben in die Sachen nicht durch
blofien Anschauungsunterricht fur die Sinne, sondern
durch einen Zusammenlebe-Unterricht mit der ganzen
Umwelt, der fur den ganzen Menschen erzielt wird, das
ist es, worauf hingearbeitet werden mufi.
Ich wollte nur darauf aufmerksam machen, dafi solche
Fragen in das Ganze des padagogischen Denkens hinein-
gestellt werden sollen, und dafi man heute viel zu viel im
Speziellen herumdiskutiert.
Rudolf Steiner (im Anschlufi an andere Fragen): Was
vorhin gesagt und oftmals betont worden ist, muft fest-
gehalten werden: Die Waldorfschule will als solche keine
Weltanschauungsschule sein. Dafi ihr anthroposophi-
sche Seelenverfassung zugrunde liegt, das ist eben nur
insofern [der Fall], als sie sich in die erzieherische Praxis
umsetzt. So handelt es sich jetzt zunachst bei dem, was in
der Waldorfschule vorliegt, um eine Entwicklung des-
sen, was auf rein padagogischem Wege aus der anthropo-
sophischen Bewegung heraus erreicht werden kann. Eine
Weltanschauungsschule kann und will die Waldorfschu-
le nach keiner Richtung hin sein. Daher hat die Waldorf-
schule auch niemals den Anspruch gemacht darauf - bis
jetzt -, den religiosen Unterricht der anvertrauten Kin-
der selbst in die Hand zu nehmen. Was schliefilich der
eine oder andere Anthroposoph fur eine Ansicht hat in
bezug auf Weltanschauungsfragen, das spielt dabei keine
Rolle, sondern es handelt sich darum, dafi Anthroposo-
phie in der Schule und alledem, was dazu gehort, nur in
padagogischer Praxis wirken will. Aus diesem Grunde
wurde, wie die Schule eingerichtet wurde, der Religions-
unterricht der katholischen Kinder dem katholischen
Pfarrer iibergeben und der Religionsunterricht der evan-
gelischen Kinder dem evangelischen Pfarrer. Nun ergab
es sich ~ das kam einfach aus den gegenwartigen Zeit-
verhaltnissen heraus - dafi eine ganze Menge Dissi-
denten-Kinder da waren, die eigentlich ohne Religion
aufgewachsen waren. Fur diese wird nun ein Religions-
unterricht erteilt, der aber als solcher sich nicht zur
Schule rechnet, sondern der sich neben den evange-
lischen und katholischen Religionsunterricht als freier
Religionsunterricht hinstellt. Wir haben immerhin den
Erfolg, dafi Kinder, die sonst einfach bei keinem Re-
ligionsunterricht zugelassen wiirden, dadurch nun doch
mit einem religiosen Leben aufwachsen. Das ist ein freier
Religionsunterricht, der von demjenigen erteilt wird, der
etwas davon versteht und der dazu berufen ist wie die
anderen, die den katholischen und evangelischen Unter-
richt erteilen. Das mufi aber streng festgehalten werden,
dafi die Absichten der Waldorfschule nach keiner Rich-
tung hin Weltanschauungsabsichten sind. Es soil nicht
zu einer Anthroposophie dressiert werden, sondern
Anthroposophie will nur padagogische Praxis darin wer-
den. Daher erledigen sich die diesbezuglichen Fragen, sie
haben keine Bedeutung. Anfangs handelte es sich darum,
dafi man einen entsprechenden Weg finden mufite zu
dem, was aus der Praxis heraus folgt. Man hat uber die
Art und Weise, wie ein sieben-, acht-, neunjahriges Kind
unterrichtet werden mufi, seine Anschauungen, die sach-
gemafi sind. Diese Dinge glaubten wir eben aus rein
sachlichen Grundsatzen entscheiden zu miissen. Nun ist
ja die Waldorfschule natiirlich keine Institution fur Ere-
miten oder Sekten, sondern sie ist eine Institution, die
sich voll ins Leben hineinstellen will, die fur das gegen-
wartige, ganz praktische Leben aus den Kindern tiichtige
Menschen machen will. Daher handelt es sich darum,
den Unterricht so einzurichten, dafi man auf der einen
Seite den streng padagogischen Anforderungen gerecht
wurde, und auf der anderen Seite handelt es sich darum,
dafi die Waldorfschule eben nicht irgendeine Institution
von Sonderlingen ist. Ich habe dann die Sache so ausge-
arbeitet, dafi man vom Schuleintritt bis zur vollendeten
dritten Klasse in den einzelnen Jahrgangen absolut freie
Hand hat, aber mit der vollendeten dritten Klasse sind
die Kinder soweit, dafi sie in jede Schule iibertreten kon-
nen. Vom neunten bis zum zwolften Jahr hat man wie-
derum freie Hand, dann mufi das Kind wiederum soweit
sein, dafi es in jede andere Schule iibertreten kann, eben-
so mit der Vollendung der Volksschule. Wir errichten bis
jetzt jedes Jahr eine Klasse; was weiter wird, mufi stu-
diert werden.
Sie sehen, es handelt sich nicht darum, irgendwie aus
parteimafiigen Anschauungen, durch Weltanschauung
oder so etwas, zu wirken, sondern lediglich darum, An-
throposophie in padagogische Praxis umzusetzen. Das
Ideal ware, dafi die Kinder zunachst - weil ja Anthropo-
sophie nur fur Erwachsene ausgebildet ist, wir haben
keine Kinderlehre, sind auch noch nicht in der Lage ge-
wesen, eine solche haben zu wollen nicht wiifiten, dafi
es eine Anthroposophie gibt, sondern dafi sie objektiv
gehalten wiirden, und durchaus so also in das Leben hin-
eingestellt wiirden. Diese Dinge sind nicht im Ideal zu
erreichen: auch wenn sich der Lehrer noch so viel be-
miiht, objektiv zu bleiben, so lebt doch das eine Kind im
Kreise dieser Eltern, das andere im Kreise jener Eltern;
es gibt auch anthroposophische Fanatiker, da bringen
die Kinder, wie sie auch sonst allerlei hereinbringen,
anthroposophische Ungezogenheiten, die es auch gibt,
in die Schule hinein. Das mufi durchaus festgehalten
werden, dafi es sich niemals darum handeln kann, dafi
die Waldorfschule in irgendeiner Weise eine Welt-
anschauungsschule oder so etwas ist. Das ist sie in gar
keiner Richtung, sondern sie will die Kinder zu dem
machen, wodurch sie tiichtige Menschen in der unmittel-
baren Gegenwart sind, also in dem Leben, in das wir
hineingestellt sind innerhalb von Staat und von allem,
um was es sich handelt, dafi sie da tiichtig drinnenstehen.
Es ist ja wohl selbstverstandlich, dafi die Waldorfschule
nicht etwa Dreigliederungsideen in die Schule hinein-
tragt. Durch die Bestrebungen der Waldorfpadagogik
kann das nicht geschehen, Parteimafiiges wird in die
Waldorfschule nicht hineingetragen von anthropo-
sophischer Seite aus.
Frage: 1st die Methodik, die der Pfarrer vornimmt, nicht etwas
dem iibrigen Unterricht Entgegengesetztes? Gibt es da nicht
einen Zwiespalt?
Rudolf Steiner: Vollkommen kann man im Leben nichts
erreichen. Es ware sehr angenehm, wenn wir nicht nur
einen evangelischen, sondern auch einen katholischen
Pfarrer fanden, der nach unserer Methodik unterrichten
wiirde. Unsere Schule will, wie gesagt, nur padagogische
Praxis ins Leben setzen, nicht Weltanschauung. Damit
kann das andere Hand in Hand gehen. Nun ist es ja
selbstverstandlich, daft im freien Religionsunterricht -
weil ja nach einem solchen, nur von Anthroposophen zu
haltenden, gefragt worden ist -, auch nach unserer Me-
thodik vorgegangen wird. Es ware uns ja sehr lieb, wenn
der evangelische und katholische Unterricht auch so
erteilt wurden, das haben wir aber noch nicht erreicht.
Frage: Wie ist im Unterricht fur Anthroposophenkinder der
Stoff inhaltlich?
Rudolf Steiner: Der Stoff ist so bestimmt, daft der Ver-
such gemacht wird, auch da durchaus auf das kindliche
Alter Riicksicht zu nehmen. Das ist das, was pyscholo-
gisch immer zugrunde liegt. Darum handelt es sich ja bei
alien Dingen, daft sie am wirksamsten an das Kind heran-
gebracht werden, wenn man genau das Lebensalter trifft,
in dem sie herangebracht werden sollen, in dem das In-
nere des Kindes am meisten auf die Dinge resonniert. Es
handelt sich darum, daft man in der Tat im siebten, ach-
ten Lebensjahr am wenigsten etwas mit objektiver Evan-
gelien- oder Bibelkunde, mit der Katechismuskunde
aber gar nichts erreicht. Das wird vom Kinde nicht
aufgenommen. Ein anthropologisches Gesetz ist das.
Dagegen wird vom Kinde in diesem Lebensalter sehr gut
alles Religiose aufgenommen, das sich unmittelbar aus
einer gewissen Gestaltung der Naturvorgange heraus
bilden lafit; alle ethischen und echt religiosen Begriffe,
die sich aus den Naturvorgangen gestalten lassen. Man
kann das Kind vor alien Dingen auf dem Umwege iiber
Naturbilder zum religiosen Empfinden fuhren.
Heraufleiten zum eigentlich christlichen Empfinden
kann man das Kind dann eigentlich erst vom achten
Jahr an, ja sogar erst gegen das neunte Jahr. Da fangt es
eigentlich erst zu begreifen an, was zum Beispiel hinter
der Gestalt des Christus Jesus steht. In diese Begriffe, die
man da dem Kinde beibringen mu£, wenn es begreifen
soli den Inhalt der Evangelien, in die wachst es erst hin-
ein. Es ist gut, wenn es einen Unterbau hat und erst ge-
gen das neunte Jahr entsprechend eingefuhrt wird in den
Inhalt der Evangelien, und dann allmahlich weiter hin-
aufgefiihrt wird in die tieferen Geheimnisse des Chri-
stentums. Es mufi betont werden, dafi ja auch dieser freie
Religionsunterricht im eminentesten Sinne ein durch
und durch christlicher ist, dafi also die verschiedenen
Konfessionen, die daran teilnehmen, in ein wirkh'ches
Christentum eingefuhrt werden. Es ist da schon so, da£
man ja selber, eben vom anthroposophischen Gesichts-
punkte aus, zu der [christlichen] Uberzeugung gekom-
men ist, wenn man Lehrer ist an der Waldorfschule. Man
ist von dieser Seite in das Christentum hereingekommen.
Man wird vielleicht die Worte anders stellen, aber die
Kinder werden in ein wirkliches Christentum einge-
fuhrt. Ebenso, wie wir frei lassen den evangelischen
und katholischen Religionsunterricht, so lassen wir auch
vollstandig frei den freien, nach anthroposophischer Sei-
te hin gehaltenen Religionsunterricht. Es ist durchaus
niemals mein Bestreben gewesen, dafiir zu agieren, daft
die Kinder in diesen freien Religionsunterricht hinein-
kommen. Sie kamen zahlreich, aber es ist wirklich nicht
das Bestreben, dem aufteren Ruf der Schule dadurch zu
schaden, daft es etwa auf solchen Umwegen zustande
kame, daft [man sagte, daft] diese Schule eine Weltan-
schauungsschule sei. Man will das zunachst nicht sein.
Deshalb sind wir vorsichtig in bezug auf den freien
Religionsunterricht und erteilen ihn nur, weil er eben
verlangt wird.
ERGANZENDE BEMERKUNGEN
UND FRAGENBEANTWORTUNG
nach dem Vortrag von Alexander Strakosch iiber
«Geschichte der Architektur und einzelner technischer 2weige»
Darmstadt, 29. Juli 1921
Es soil nicht ein Vortrag sein, den ich an die Ausfiih-
rungen des verehrten Herrn Strakosch anschliefien will,
sondern nehmen Sie das, was ich sagen will, nur als
erganzende Bemerkungen. Es soli auch damit nicht der
Anspruch verkmipft sein, etwas nach irgendeiner Rich-
tung hin Abschliefiendes zu sein.
Wenn ich in der letzten Zeit, in den letzten Jahren, an
die Aufgabe gestellt worden bin, [die Errichtung] des
Dornacher Baues zu leiten, so klang mir immer wieder
ein Wort in den Ohren, das ich horte, als ich in Wien an
der Technischen Hochschule studierte, und als wahrend
dieser Zeit der Erbauer der Wiener Votivkirche, der be-
ruhmte Architekt Ferstel, das Rektorat an dieser Hoch-
schule antrat. Er hielt seine Rektoratsrede iiber die Ge-
schichte der Baukunst. Ferstel sagte dazumal im Verlauf
seiner Rede ungefahr: Baustile konnen nicht erfunden
werden, sie mussen aus den Untergriinden des Volks-
tums auftauchen. - Ferstel erklarte aus dieser Anschau-
ung heraus die Tatsache, dafi die neuere Zeit in bezug auf
Baustile weniger produktiv sein konne, weil eben das
Volksseelentum so etwas wie Stile weniger an die Ober-
flache trage, und dafi sie mehr nur reproduktiv sein kon-
ne, weshalb zuriickgegriffen werde zum antiken, zum
gotischen, zum romanischen, zum Renaissancestil und
so weiter.
Im allgemeinen werden Sie zugeben, dafi gegeniiber
praktischen Aufgaben eine solche Anschauung aufieror-
dentlich entmutigend ist. Nun hat auch Herr Strakosch
im Verlauf seiner ausgezeichneten Ausfiihrungen einige
Bemerkungen gemacht, welche sozusagen diese Entmu-
tigung mit ganz festen Beweisen umgeben. Denn, sehen
Sie, er sagte erstens gerade am Anfang seiner Ausfiihrun-
gen: Uber den Stil kann man eigentlich nichts sagen.
Uber den Stil ist mancherlei gedacht worden, ist man-
cherlei diskutiert worden, allein, es kann ja vielleicht
nicht darauf ankommen, ein abschliefiendes Urteil sich
zu bilden iiber den Stil, dazu fehlen in gewissem Sinne
die Vorbedingungen.
Nun, wenn man so etwas hort, dann mufi man den-
ken, gerade wenn man praktischen Aufgaben gegeniiber-
gestellt ist: Ja, aber auf den Stil kommt es doch gerade an!
- Es kommt also auf das gerade an, woriiber man ein
abschliefiendes Urteil sich nicht bilden kann. Und insbe-
sondere, wenn fur eine neue Geistesstromung eine Um-
rahmung geschaffen werden soil, wie es beim Dornacher
Bau der Fall ist, dann kommt es ganz besonders auf das
Suchen eines Stiles an. Ich kann hier wegen der Kiirze
der Zeit nicht ausfiihren, dafi es gegeniiber den neuen
Aufgaben der Anthroposophie auch auf das Suchen eines
neuen Stiles beim Dornacher Bau ja ankam. Man mufi
also gerade etwas suchen, bei dem man gewissermafien
mit der Erorterung aufhoren mu£.
Noch eine andere Bemerkung von Herrn Strakosch
ist ebenso geeignet, streng beweisend zu umranken, was
gegeniiber der angedeuteten praktischen Aufgabe in
Betracht kommt. Ein gutes Snick des Dornacher Baues
mufke aus den Verhaltnissen heraus in Beton gebaut
werden, und der Beton-Unterbau, der bis zu einer ge-
wissen Hohe geht, mufke gekront werden von dem
eigentlichen Bauwerk, einem Holzbau. Beim Holzbau,
das werden Sie auch zugeben, sind aus dem Material her-
aus die Formen eigentlich mit einer gewissen Strenge ge-
geben. Beim Holzbau ist gerade das gegeben, was aus
dem Zusammenwirken von Bedurfnis, Zweck und Mate-
rialgefuhl entstehen mufi. Man hatte also in Dornach
eine ganz bestimmte Stilsache zusammenzuftigen mit et-
was, wovon nun Herr Strakosch gesagt hat: Man kann
alles damit machen; die verriicktesten Sachen kann man
aus dem Beton heraus bauen. -
Nun, wenn man nicht gerade dazu veranlagt ist, die
verriicktesten Sachen zu bauen, so hat man eigentlich
gerade dem Beton gegeniiber nun ein anderes Gefuhl als
bei Holz. Und da mufi ich schon sagen: ich mufi, aus der
Praxis heraus, das entgegengesetzte Urteil fallen gegen-
iiber dem, das eben gefallt worden ist. Wenn man zusam-
mennimmt, was man an Antezedenzien hat fur Baustile,
so kann man eigentlich aus dem Beton heraus heute
nichts bauen. Man kann nicht etwa alles bauen, sondern
man kann uberhaupt nichts bauen. Denn hat man Stilge-
wissen, so kann man naturlich mit dem «Man kann alles
machen» nichts anfangen. Man kann nur dann etwas an-
fangen, wenn man den Beton als Material nun auch aus
einem gewissen Stilgewissen heraus beniitzen kann. Man
ist j a da in einer gewissen Beziehung in einer parallelen
Lage mit demjenigen, was gegenwartig auch gerade auf
anthroposophischem Boden manchmal figuriert. Sehen
Sie, aus den mifiverstandenen Untergriinden mystischer
Versenkungen und so weker, die viele Leute im Auge
haben, wenn sie heute von Mystik, Theosophie, Anthro-
posophie reden, aus diesen mystischen Untergriinden
heraus kann man namlich alles machen. Man kann das
verriickteste Zeug machen. Aber das darf Anthroposo-
phie gerade nicht. Die darf gerade nicht das verriickteste
Zeug machen. So dafi man, wie gesagt, in der Lage ist: auf
der einen Seite hat man hier das verriickteste Zeug
moderner Mystiker, und auf der anderen Seite hat man
ein anthroposophisches Gebaude aufzufiihren, das vor
strenger Wissenschaft sich zu rechtfertigen hat, und man
hat das modernste Material, den Beton, mit dem man das
verriickteste Zeug ausfiihren kann, was man mit Stil-
gewissen aber doch nicht tun kann.
Nun bemerke ich ausdrucklich: Wenn man an der
Ausgestaltung eines Stiles praktisch arbeitet, so hilft
einem die Historie gar nichts. Die geschichtliche Be-
trachtung hilft einem da gar nichts. Alles, was da ge-
macht werden mufi, mufi aus dem Naiven heraus kom-
men, mufi also wirklich aus einem Schopferischen heraus
kommen. Anders lafit sich das nicht machen, was in einer
gewissen Weise sich auflehnen mufi, praktisch sich auf-
lehnen mufi gegeniiber einer solchen Anschauung, wie
sie Ferstel dazumal geaufiert hat: «Baustile konnen nicht
erfunden werden, sie miissen aus den Untergriinden des
Volkstums heraus kommen. » - Man mufi eben einfach
mit einem gewissen Stilgewissen zu der Anschauung
kommen: Aus einer bestimmten Realitat heraus, aus
einer Wirklichkeit heraus muE der Baustil geschaffen
werden. Er darf nicht aus dem Blauen heraus erfunden
werden, er mufi aus der Wirklichkeit heraus geschaffen
werden.
Nun mochte ich noch auf ein Drittes aufmerksam
machen, was auch Herr Strakosch ausgefiihrt hat. Er hat
auf die Gotik hingewiesen, er hat mit vollem Rechte ge-
zeigt, wie die Gotik eigentlich stark aus dem Handwerk-
lichen heraus arbeitet. Und es ist ja tatsachlich ein Hin-
tendieren zum Handwerklichen in der Gotik vorhanden.
Nach einer Richtung hin wurde die Stilfrage gelost durch
jene Kombination von Kreuzgewolbe, Spitzbogen und
Strebewerk, die die Gotik dann gefunden hat. Nun,
wenn wir aber das andere, was hervorgehoben worden
ist, ins Auge fassen, so gewinnt die Sache noch eine ande-
re Beleuchtung. Es wurde auch gesagt, dafi mit dem blo-
fien handwerklichen Ineinanderfugen der Bauteile den-
noch nicht die Gotik herauskommen wiirde, dafi da in
der Gotik noch bestimmte Formen leben, bestimmte
Anschauungen, die in der Gotik drinnen stilgemafi zu
finden sind, iiber die sogar in den «Bauhiitten» ein ge-
wisses Geheimnis bewahrt worden ist, das streng gehutet
worden ist, und das nun auch iiber das Handwerkliche
hinaus gehe. Wir finden da also ein Element, das hinein-
gebaut worden ist, das im Stil zu suchen ist, das aber -
es wird das im weitesten Sinne zugegeben werden
konnen das aber eigentlich fur die neuere Zeit seiner
eigentlichen Wesenheit nach doch verlorengegangen ist,
verlorengegangen ist wenigstens in bezug auf die Hand-
habung. Man tut heute nicht mehr das, was damals aus
den Geheimnissen der Baukunde heraus getan worden
ist, was aus gewissen ganz anderen Voraussetzungen
heraus entstanden ist, ohne dafi strenge Berechnungen
angestellt werden miissen und dergleichen. Gerade diese
Voraussetzungen konnten ja - ich will das zunachst hy-
pothetisch hinstellen - mit anderen Dingen zusammen-
hangen. Sie konnten damit zusammenhangen, daft heute
das reproduktive Element herrscht: nicht eigentlich das
produktive Stilschaffen herrscht, sondern das reproduk-
tive Stilgestalten herrscht. Vielleicht entstromten gerade
denjenigen Seelenentitaten, die da sehr streng bewahrt
worden sind, jene Krafte, welche der Produktivitat
zugrunde liegen, aus denen die Produktivitat des Stiles
kommt. Und vielleicht stammt gerade diese Ratlosigkeit
gegeniiber dem Stil in der neusten Zeit daher, dafi man
zunachst ein gewisses Element im Bauen verloren hat.
Dieses Element mufi ja in der Baukunst ganz besonders
beriicksichtigt werden, weil es sich da den strengen Ge-
setzen fiigen mufi, aus denen heraus dieser Bau eben ein-
fach halten, stehen mufi, sich also den statischen und so
weiter Bedingungen fiigen mufi, die Herr Strakosch
auseinandergesetzt hat. Man hat es in der Baukunst im
umfassendsten Sinn mit dem zu tun, was die wissen-
schaftlich begnindete Technik moglich macht, und auf
der anderen Seite ist man in die Notwendigkeit versetzt,
eben ein gewisses Stilelement hineinzubringen in das,
was man baut.
Die Frage entsteht nun: War nicht vielleicht in der
alteren Zeit das, was Technik ist, viel enger an den Stil
gebunden als heute? War nicht vielleicht das, was es da
als Bauregeln gab, an sich schon so gefafit, dafi es zu-
gleich die Technik mit enthielt, so dafi man gewisserma-
fien sicher bauen konnte, indem man sich dem uberliefi,
was sich ergab aus diesen gehuteten Regeln? Waren die
nicht, trotzdem sie kunstlerisch stilvoll waren, vielleicht
schon auch technisch durch und durch richtig?
Solch ein Gefuhl bekommt man wiederum, wenn man
so etwas erlebt, wie es eben in Dornach erlebt werden
konnte. Es ergab sich mir - wie gesagt, die Hauptdinge
ergeben sich ja immer aus dem Naiven heraus -, es ergab
sich mir, den Zuschauerraum durch eine Kuppel abzu-
schliefien und diese Kuppel anzugliedern an eine kleinere
Kuppel, welche den Buhnenraum kronen sollte. Da han-
delte es sich nun darum, die Technik fur die Verbindung
zu finden, und das bildete eine langere Zeit hindurch in
Dornach eine wichtige Frage. Ich empfand die Notwen-
digkeit, das so zu machen; auf der anderen Seite mufite
das technisch ausfiihrbar sein. Ich konnte, bis wir die
Losung gefunden hatten, nur immer sagen: Das, was sich
aus der Notwendigkeit des Stils heraus ergibt, dafur muft
auch die richtige technische Losung gefunden werden,
das muft auch eine gewisse Vollkommenheit in bezug auf
die Technik zeigen. Es miissen diese Dinge zusammen-
treffen. Natiirlich, wenn irgend etwas intellektualistisch
oder unkunstlerisch ausgedacht ist und man irgend wie
einen stillosen Bau auffiihren will, wird sich fiir ihn nicht
ein technisches Problem ergeben. Wenn aber etwas
wirklich in den Untergriinden, in denen der Stil liegen
mufi, gefunden ist, dann mufi sich auch die entsprechen-
de Technik dafiir finden.
Nun, wie gesagt, das Historische hilft einem nichts,
wenn man - wenn ich mich so ausdriicken darf - aus dem
Naiven heraus etwas wie einen Stil zu schaffen hat. Aber
orientieren kann man sich hinterher doch an dem, was
die Entwicklung ergeben kann. Und da mochte ich eben
in Erganzung dessen, was eben gesagt worden ist, einiges
bemerken, was vielleicht zunachst in der Gegenwart
noch etwas paradox erscheinen wird, wie so manche
Dinge, die von anthroposophischer Geisteswissenschaft
her ausgesprochen werden miissen, was sich aber wahr-
scheinlich im Laufe der Zeit als durch und durch prak-
tisch erweisen wird, so sehr es heute vielleicht noch man-
chem sogar phantastisch erscheinen konnte.
Ich will nicht zuruckgehen auf die orientalische oder
agyptische Baukunst, die ja hinlanglich betrachtet wor-
den ist soeben, sondern ich will zunachst auf das verwei-
sen, was schon auf den Untergriinden dessen steht, was
sich ergeben hat aus der orientalisch-agyptischen Bau-
kunst, ich will hinweisen auf die griechische Baukunst,
und da wiederum - zunachst von allem iibrigen ab-
sehend - auf den griechischen Tempelbau. Aber ich will
jetzt weniger das Technische beriihren, sondern ich
mochte dasjenige beriihren, was den Stil betrifft.
Ich glaube, wer die griechische Baukunst intimer stu-
diert, wird finden, daft den Formungen eigentlich doch
nicht beizukommen ist, wenn man sich allzusehr kon-
zentriert auf das, was da bei ihr das statische Element ist.
Die griechische Baukunst beriicksichtigt durchaus - das
ergibt sich deutlich - statische Elemente. Sie sind da, aber
in einer aufierordentlich freien Weise. Sie sind iiberall so
drinnen, daft man sieht: es wird in einer gewissen Weise
ganz frei umgegangen mit dem, was wir heute Statik nen-
nen. Das Tragen und Lasten ist da. Aber man ist weder in
den Fehler verfallen, das, was da hingestellt wurde, als
Dekoration anzusehen, noch ist man auf der anderen
Seite der Einseitigkeit verfallen, daft man gar zu sehr der
Sache ansieht das blofi Statische. Es ist da ein Element
verborgen, das vielleicht eben noch intimer gehiitet
worden ist als die Geheimnisse der spateren Bauhiitten,
das aus urspriinglichen, instinktiven Anschauungen der
Menschheit hervorgegangen ist, und das wiederum nur
durch anthroposophische, geisteswissenschaftliche Un-
tersuchung gefunden werden kann. In gewisser Bezie-
hung sind ja auch diese griechischen Tempelbauten
Zweckbauten. Ein griechischer Tempel fur sich betrach-
tet als bloftes Bauwerk ist ja eigentlich niemals etwas
Vollstandiges. Nimmt man die Gotterstatue heraus aus
dem griechischen Tempel und betrachtet ihn dann, so hat
man das Gefiihl, daft das WesentHchste fehlt. Man ver-
stand ihn eben nur als das Wohnhaus des Gottes, und
auch nur, wenn man voraussetzt, dafi eigentlich das Volk
nur von aufien her mit dem Tempel etwas zu tun hat, dafi
eigentlich nur der Gott seinen Wohnsitz in ihm haben
sollte. - Nun aber ergibt sich daraus, dafi der Tempel das
Wohnhaus des Gottes ist, eigentlich nicht viel fur jene
Intuitionen, die in den Tempelbau hineingeflossen sind.
Man mufi da doch auf etwas anderes noch zuriickgehen,
gerade mit Bezug auf den Zweck des Tempelbaus; wenn
ich es jetzt in einem iibertragenen Sinne so nennen darf:
in bezug auf die Bediirfnisfrage. Da kann man sagen: Die
reine Aufienseite der Bestimmung des Tempels ist fur
den, der sich zu diesen Dingen etwa feuilletonistisch be-
schreibend verhalten will, der Tatbestand, dafi der Tem-
pel das Wohnhaus des Gottes ist, nicht aber fur den, der
iiber das feuilletonistische Beschreiben hinausgehen will,
der die innere Formung des Tempels wirklich verstehen
will. Fur den ist namlich notwendig, dafi ein anderes
dazu kommt: dafi man den griechischen Tempel als
Umformung urspriinglicher Grabgewolbe, Grabgebau-
de, anzusehen hat. Es lafit sich der griechische Tempel
nicht anders verstehen, als dafi man in ihm eine Me-
tamorphose eines Grabgebaudes sehen mufi. Nun aber
fiihrt das zuriick in Zeiten, in denen die Seele des Ver-
storbenen in der Nahe des begrabenen Leichnams ge-
sucht worden ist. Fur die Seele, die noch da sein sollte,
wurde eigentlich der Bau in seinen Formen aufgerichtet,
auch als man iiberging vom Ahnenkultus zum Gotter-
kultus. Der Gotterkultus in den alteren Religionen ist
nichts anderes gewesen als ein metamorphosierter Ah-
nenkultus; die alten Gotter sind im Grunde genommen
Ahnen, sind als Ahnen gedacht, und dasjenige, wie man
das Waken des Seelisch-Geistigen bei den Gottern an-
schaute, war auch eine Umformung dessen, wie man das
Waken der Seele nach dem Tode bei dem verstorbenen
Menschen ansah -, da ergab sich in bezug auf die An-
schauungsformen durchaus etwas, was streng damit zu-
sammenhing. Nun handelte es sich darum, einer Seele
einen Umbau zu machen, und da mufite man auf diejeni-
gen Krafteverhaltnisse, auf eine solche Statik kommen,
die als auftere Statik mdglich war, aber zu gleicher Zeit
eben diesem Zwecke diente, einer Seele ein Umbau zu
sein, so daft die Seele drinnen wohnen konnte; denn
die Gotterseele muftte eben auch in einem solchen Bau
wohnen.
Woher kamen die Krafteverhaltnisse? - Das ist die
grofie Frage. Sehen Sie, auf solche Weise, wie wir das
heute in unserem Zeitalter mit Recht lernen, in solcher
Weise wurden diese Verhaltnisse ganz und gar nicht be-
rechnet. Das verstand man in jenen alter en Zeiten nicht.
Die wenige Literatur, die noch vorhanden ist, zeigt ganz
klar, daft man einen solchen Aufbau aus einer strengen
Statik und Mathematik und Mechanik heraus nicht hatte.
Aber etwas anderes hatten jene alteren Zeiten, und da
komme ich eben auf dasjenige, was heute naturlich als
phantasdsch angesehen wird und angesehen werden
kann, so praktisch es eigentlich auch gedacht ist: es han-
delt sich darum, zu ergrunden, mit welchen Mitteln,
sagen wir zum Beispiel die Lage des Schwerpunktes
gefunden wurde, des Schwerpunktes, der einfach so an-
gebracht werden mufke, daft man, indem man den Bau
ansah, wufite, wo er ist. Aber nicht mit dem Intellekt,
sondern mit dem Gefuhl, dem Stilgefiihl namentlich war
herauszufinden, wie man die Krafte verteilen muftte, wie
man die Materie verteilen muftte, um das herauszube-
kommen, was das richtige Gefuhl ergab. Da drinnen
wohnte eine Seele. Man hatte ja in jenen alter en Zeiten
nicht jene abstrakten Vorstellungen von der Seele, die
man heute etwa bei unseren Psychologen findet, wo die
Seele etwas ganz Unbestimmtes ist - manchen ist sie
ein Punkt, der gesucht wird an irgendeiner Stelle der
Leibesorganisation, und was dergleichen Undinge mehr
sind -; diese abstrakten Anschauungen von der Seele
hatten die alten Zeiten nicht. Sie hatten ganz bestimmte
Anschauungen von der Seele. Es wiirde interessant sein,
diese Anschauungen darzulegen, aber es ist dazu die Zeit
nicht gegeben. Es ware umso interessanter, als die An-
schauungen, welche diese Alten iiber die Seele hatten, in
einem gewissen Grade dasjenige in sich enthielten, was
die Beschreibungen der alten Seelenvorstellungen, zum
Beispiel in der Philosophie von Wundt, nicht enthalten,
dagegen alles dasjenige nicht enthielten, was Wundt von
den alten Seelenvorstellungen beschreibt. Diese Dinge
sind schon einmal so, dafi sie von einer materialistischen
Denkungsart nicht erfafit werden konnen. Aber sie leb-
ten in alten Zeiten und sie lebten so konkret, daft man
mit ihnen auch konkrete Vorstellungen in bezug auf das
Formen des Materiellen verbinden konnte. Aber wie
machte man denn das? Sehen Sie, alles, was man erbaute,
was man ausfindig machte in bezug auf statische Verhalt-
nisse, ergab sich namlich fur altere Zeiten, so sonderbar
es heute erscheint, aus der menschlichen Organisation
und ihrer Statik. Und zwar ergab sich das, was noch in
der griechischen Zeit fur die Baukunst in Betracht kam,
aus der Statik des menschlichen Gliedmaftenorga-
nismus. Ich meine da den menschlichen Gliedmafien-
organismus nicht nur etwa als Zusammenfassung der
Arme und Beine, sondern dazu gehort zum Beispiel auch
die untere Kinnlade und manches in dem mittleren Men-
schen, dem Brustmenschen und so weiter. Aber alles,
was in dem Gliedmaftenmenschen liegt, das konnte stu-
diert werden. Man konnte zum Beispiel probieren, wie
ein gewisser Kraftezusammenhang wirkt, wenn man, sa-
gen wir mit gebeugten Knien, halbsitzend, sich hinhockt.
Man bekam da Anschauungen von Beziehungen des
Schwerpunktes zu einem gewissen Kraftesystem, und
man bekam eine Anschauung von Beziehungen des
Schwerpunktes zu einem gewissen Kraftesystem, wenn
man die beste Art versuchte, den Mund offen zu halten,
um den idealen Kopfschwerpunkt zu finden, das macht
man an der unteren Kinnlade. Es ist interessant, einmal
die merkwlirdige Formung zu studieren, die bei grie-
chischen Plastiken durch diesen etwas geoffneten Mund
da ist; der entstand aus einem ganz bestimmten Studium
der Haltung der unteren Kinnlade, die man innerlich in
ihrer Statik und Dynamik erlebte.
Und geradeso erlebte man, was fur statische, dynami-
sche Verhaltnisse sich ergeben, wenn man zum Beispiel
sich hinhockt und die Arme auf die Knie aufstiitzt und
so weiter. Man studierte diese Dynamik am Menschen,
und in alteren Zeiten besonders am Gliedmaftenmen-
schen. Man beobachtete die Dynamik, wie sie sich am
Menschen ausdriickt, beim Gehen - weil er zu diesem
Gehen die Entfaltung ganz besonderer innerer statisch-
dynamischer Verhaltnisse braucht - und man bildete sich
daraus Anschauungen iiber ganz bestimmte statische
Verhaltnisse; und was da studiert werden konnte am
menschlichen Organismus selber, das finden wir wieder
in der Formung der Tempelbauten. Man sagte sich: Was
der Mensch als Kopf an sich hat, das ist zwar ein schoner
aufierer Ausdruck des physischen Menschen, aber es ist
eben nur ein Ausdruck fur den physischen Menschen.
Der Mensch ist ja Kopfmensch gerade, urn tiichtig zu
sein in der physischen Welt. Ebenso dachte man in einer
gewissen Weise iiber den Rumpf- und Atmungs-
menschen. Man sagte sich: das ist etwas, was zugrunde
liegt dem Zusammenhang des Menschen mit der ir-
dischen Umgebung. Kopf und Brustpartien, die fielen
gewissermafien weg, wenn man sich in alten Zeiten im
Menschen das Gehause des Seelischen dachte. Man dach-
te namentlich an das, was ja nicht unmittelbar durchseelt
werden kann an der menschlichen Gestalt, man dachte
an die Krafteverhaltnisse, die sich in der Handhabung
des GliedmaEenmenschen ergeben. Dieser Gliedmafien-
mensch war das Vehikel, durch welches der Mensch sein
Seelisches hier in die Erde hineintrug. Die Kraftesyste-
me, die da der Mensch entfaltete, traten in die Seele; sie
studierte man; von ihnen umschlossen wollte man die
Seele auch nach dem Tode sehen. Was man da erleben
konnte, indem man lebend seine Seele durch das Dasein
trug, das geheimniste man hinein in das, was man als die
UmschliefSung der Seele haben wollte, aber nicht in ab-
strakter Weise, sondern mit aller Konkretheit und Prak-
tischkeit der alten Anschauung.
Solche Dinge sind aufterlich immer nur so zu studie-
ren, dafi man auf gewisse Empfindungsqualitaten hin-
schaut. Man kann auch schon - Geisteswissenschaft er-
gibt das mit vollstandiger Sicherheit, was ich eben ausge-
fiihrt habe -, man kann auch schon aus aufieren Sympto-
men eine gewisse Anschauung bekommen von solchen
Dingen. Bedenken Sie einmal, worauf der griechische
Plastiker besonders hat hinweisen wollen, wenn er den
Menschen als physische Gestalt dargestellt hat: hohe
Beine und einen fur spatere Verhaltnisse au£erordentlich
grofien Kopf; die Kopflange ist in der griechischen Pla-
stik achtmal in der Gesamtlange des Menschen enthal-
ten. Er hat besonders den Kopf angeschaut, insofern der
Kopf eine gewisse Lange hat, also einen Gliedmafienor-
ganismus hat. Der griechische Plastiker studierte beson-
ders den Gliedmafienorganismus des Kopfes und stu-
dierte wiederum am ganzen Menschen den Gliedmafien-
organismus. Alles, was in einem System des Menschen
enthalten ist, ist ja auch im anderen enthalten. Der ganze
Mensch ist wiederum im Kopf enthalten, die Arm- und
Beinkonstruktion in den Kiefern, nur mul! man den
Kopf dann umgekehrt betrachten. So dafi man sagen
kann: Beim Griechen war das Hauptaugenmerk auf
dasjenige im Menschen gerichtet, was die GliedmaEen-
organisation war - bis in den Kopf. Das Gliedmafien-
system ist am schwachsten ausgedriickt im Brust- und
Rumpfmenschen; der tritt ganz zuriick in der griechi-
schen Plastik. Der ist eigentlich in der griechischen Pla-
stik der kiirzeste und schwachste Teil. Hohe Unterglied-
mafien, ein grower Kopf im Verhaltnis zum Ubrigen -
das ist eben die Hinlenkung der Aufmerksamkeit auf
dasjenige, aus dem eine innere Statik im Menschen folgt.
Und diese innere Statik wurde sorgfaltig studiert und
sorgfaltig behiitet. Daher war dazumal Baukiinstler sein
das Im-Besitz-Sein derjenigen Erkenntnisse, die an dem
edelsten, was man studieren konnte, an dem Menschen,
studiert waren.
Nun, da kommt nun das Mittelalter heran. Herr Stra-
kosch hat ausgezeichnet geschildert, wie da noch etwas
hineinfliefit in den Gewolbebau, in den Spitzbogenbau,
wie da irgend etwas drinnen lebt. Was da drinnen lebt,
das konnen Sie studieren, wenn Sie wiederum den Blick
hinwenden darauf, wie im Mittelalter der Mensch an-
geschaut worden ist. Wenn Sie die mittelalterliche Men-
schendarstellung betrachten, haben Sie nicht achtmal
den Kopf enthalten in der ganzen menschlichen Gestalt,
sondern etwa zehnmal. Die Beine sind kurz. Die Men-
schen haben einen kleinen Kopf, das heifk, dafi zuruck-
tritt der Gliedmaftenorganismus des Kopfes und da£
auch wenig Aufmerksamkeit gewendet wird auf die
iibrigen Gliedmafien. Daher der riesige, lange Rumpf;
der ist die Hauptsache bei der mittelalterlichen Plastik,
da wird alle Aufmerksamkeit darauf verwendet. Studiert
man diese Statik - ich mull mich paradigmatisch aus-
driicken, wegen der Kiirze der Zeit -, studiert man, was
in den Regeln der Bauhiitten enthalten war, so kann
man finden die Geheimnisse desjenigen Menschenteiles,
den wir heute den rhythmischen Menschenteil nennen,
dasjenige, was sich in der Rhythmik ausdriickt, in der
Statik der Rhythmen, an demjenigen Element, das zu
dem rein Handwerklichen in der Gotik dazugekommen
ist. Das ist in einem gewissen Sinne - man muft nur
nicht phantastisch werden, wenn man diese Sache er-
wahnt - dasjenige, was das Gottvertrauen ist - Herr
Strakosch hat es auf seine wirkliche Bedeutung richtig
zuruckgefuhrt es kommt ja aus dem Herzen, es
kommt aus dem mittleren Menschen, nicht aus dem
Kopfmenschen. So finden wir, dafi in demselben Zeit-
raum, in dem gewissermafien durch das Studium der
au£eren Natur und das Studium der reinen Mathematik
und Mechanik, die anzuwenden sind auf die Natur, die
Hinlenkung der Aufmerksamkeit auf den Menschen
verlorengeht, auch diejenigen Elemente abhanden kom-
men, die zu einem Stil fiihren. Denn zu einem Stil
kommt man nur, wenn der Mensch das, was er am
Mikrokosmos studieren kann, in der aufteren Gegen-
wart gestalten kann.
Und wenn man nun hingestellt ist vor die Aufgabe,
einen neuen Baustil [zu finden], so handelt es sich natiir-
lich darum, wiederum aus ahnlichen Untergriinden
heraus zu schaffen. Es handelt sich darum, wiederum
zuriickzukommen zu dem, was aus der menschlichen
Wesenheit selber heraus folgt. Jetzt, in unserer Zeit der
naturwissenschaftlichen Entwicklung, kann das natoir-
lich nicht so gefunden werden, wie ich das fur zwei Epo-
chen der Menschheit skizzenhaft geschildert habe,
sondern nur, indem man gewissermafien vom Glied-
mafienmenschen durch den rhythmischen Menschen
hinaufsteigt zum Kopfmenschen, Mit dem kann man
aber nichts anfangen, denn der hat schon im hochsten
Mafie seine Verhaltnisse ausgestaltet. Der Kopfmensch
ist ja dasjenige, worin sich das Individuelle des Menschen
am meisten in den Formen ausdriickt. Damit kann man
nicht in derselben Weise etwas anfangen wie zum
Beispiel in der griechischen Statik, wo man gerade das
gewissermafien in der Raumeszeichnung drinnen hatte,
was man nicht sehen kann am Menschen, wenn er ein-
fach vor einem steht. Ebenso in der spateren Zeit: Man
hatte das in der Raumzeichnung drinnen, was man nicht
sehen kann, sondern was sich nur aus einem Durch-
fiihlen jener Gewolbe ergibt, die den rhythmischen
Menschen ausmachen.
Jetzt in der Gegenwart kann es sich nur darum han-
deln, die geistig geschaute Grundlage zu finden, die der
eigentlichen Geistigkeit des Menschen zugrunde liegt.
Daher mufite im Dornacher Bau etwas aufgefuhrt wer-
den, was nicht nur ein Versammlungsraum ist, sondern
was auch ein Raum ist, der den einzelnen Menschen auf-
fordert, darin sich so zu fuhlen, dafi er gleichzeitig zur
Selbsterkenntnis kommt. Der griechische Bau war die
Umrahmung der Seele. Der gotische Bau ist durch alles
das, was ich eben ausgefiihrt habe, der Versammlungs-
ort; er ist nicht fertig, wenn man nicht die Gemeinde, die
Versammlung drinnen hat. «Versammlung» ist ja etwas,
was der «Duma» entspricht und etymologisch verwandt
ist mit «Dom». Die Versammlung gehort da hinein. -
Jetzt haben wir einen Bau notig, welcher nun den Men-
schen so ergibt, dafi man nicht mehr in der aufieren
menschlichen Gestalt, sondern in Imaginationen die
Formen in Anschauung haben kann. Wtirde man heute
in derselben Weise bauen wollen wie fruher, so wiirde
man in intellektualistisches Bauen verfallen, was unmog-
lich ware, weil es keine Kunst mehr ist. Man mufi in der
Kunst in der Anschauung bleiben, aber man mufi [auch]
den Stil finden fur das, was ja nun Kopfarbeit ist, namlich
unsere heutige Statik. Wahrend die Statik der Griechen
ganz Anschauung war, ist unsere Statik heute ein Erar-
beitetes, eine Kopfarbeit, und wir miissen dasjenige fin-
den, was sich dem Griechen gerade entzogen hat. Er hat
das, was er als Statik geschaut hat, auferbaut. Das ergibt
sich fur uns aus dem Intellekt heraus. Die Anschauung
mufi dazu geben, was nur in der Anschauung gegeben
werden kann. So ist der Dornacher Bau, der ganz und gar
nicht symbolisch ist, aufgefuhrt. Es ist eine Verleum-
dung, wenn man das sagt, denn das hiefie, dafi der Bau
unkunstlerisch aufgebaut ware. Es ist durchaus so, dafi
alles an diesem Bau nur kunstlerisch empfunden ist, aber
eben so, dafi das Kiinstlerische unmittelbar aus der An-
schauung heraus gestaltet ist. Es ist wiederum das Ein-
laufen in einen Stil, aber so, dafi [dabei] dieser Stil in
ebenso naiver Weise, wie fruher geschaffen worden ist,
aus der Notwendigkeit des unmittelbaren Anschauens
heraus gefunden worden ist. Daher wird derjenige, der
nach Dornach kommt, sich wiederum heimisch fiihlen
konnen in diesem Bau, weil dieser so aufgefiihrt ist dem
Stile nach, dafi der Mensch sich wiederfindet, wie man
immer in wirklichen Baukunstwerken den Menschen
gefunden hat. Im Dornacher Bau ist wahrhaftig nichts
Phantastisches, sondern alles ist aus dem eben konkret
charakterisierten Stilgewissen heraus entstanden. Des-
halb konnte nicht das geschehen, was ja in einem anderen
Fall durchaus geschehen ware. - Nicht wahr, die An-
throposophie war da, viele Jahre lang da, bevor sie einen
solchen Bau, wie es der Dornacher Bau ist, notig hatte.
Dann trat in einer Anzahl von Menschen, die sich dazu-
mal fiir iiberzeugt hielten von den anthroposophischen
Grundwahrheiten, der Gedanke auf - es ist ja die Idee
des Dornacher Baues nicht bei mir aufgetaucht -, fiir die
besondere Art des Lebens, das in kiinstlerischer und
praktischer Art aus der Anthroposophie sich ergibt,
einen solchen Bau aufzufiihren. Mir fiel nur die Aufgabe
zu, die Formen, das Stilvolle fiir diesen Bau zu finden.
Ich wurde sozusagen von den Anthroposophen beauf-
tragt, Der Bau entsprang durchaus nicht als Tatsache
meiner Idee.
Nun, nicht wahr, heute vollziehen sich ja dann solche
Dinge so, dafi man sagt: Da ist irgendeine Vereinigung,
eine Gesellschaft mit diesem oder jenem Ziel. Das ist
einmal die Ordnung des heutigen Tages: man griindet
iiberall Gesellschaften, Vereine, man stellt dann die Pro-
gramme auf, die fiir diesen oder jenen Verein ausgefiihrt
werden sollen. Diese Programme sind meistens sehr ge-
scheit, denn wenn sich die Leute zusammensetzen, kann
man intellektuell das Gescheiteste zusammenbringen,
aber mit alledem wiirde man ja nicht weiterkommen, als
bis zu einer Theorie; man wiirde mit alledem nicht wei-
terkommen als etwa in der Lenkung der Weltgeschichte
mit den Vierzehn Punkten Wilsons. Das ist auch ein sol-
ches Programm, gescheit, aber gegeniiber den wirklichen
Weltangelegenheiten etwas Undurchfiihrbares, etwas
ganz Abstrakt-Tdrichtes, kann man geradezu sagen.
Und dann, wenn solch eine Vereinigung da ist, die ein
eigenes Haus braucht, dann wahlt sie sich aus den vor-
handenen Stilen irgendeinen aus, nach dem sie ihren Bau
ausfuhren lafk. - So kann Anthroposophie, wenn sie mit
sich selber ehrlich ist, nicht zu Werke gehen. Das ist bei
Anthroposophie nicht moglich. Indem sie in sich durch
und durch ehrlich ist, weifi sie, dafi sie etwas hineinstellt
in die moderne Zivilisation, in die moderne Kulturent-
wicklung, was noch nicht drinnengestanden hat. Wer
nun iiberhaupt Stilgefiihl und anderes Kunstgefuhl hat,
der weift, wie alle Formen irgendeiner Kunst, also auch
der Baukunst, aus der Denkweise irgendeiner Zeit
herauswachsen, und wie sie gar nicht verstanden werden
konnen, ohne dafi man mit dem ganzen Menschen in der
Denkweise dieser Zeit drinnen lebt. Daher sind ja die
alten Baustile fur uns nur Reminiszenzen. Wir konnen
sie nur verstehen in dem Mafie, in dem wir uns hinein-
versetzen konnen in jene alten Zeiten. Daher ist fur die
meisten Menschen, die das nicht konnen, vieles unver-
standlich.
Bei Anthroposophie handelt es sich um etwas voll-
standig Neues, aber nicht um Theorien, sondern um
Leben. Das heifit, es handelt sich um etwas, was zu glei-
cher Zeit Kunst werden kann, weil es nicht das Gefiihl
abstumpft, wie der blofie Intellektualismus. Kiinstler
haben ja oftmals Angst vor Anthroposophie, weil sie sie
fur eine Theorie wie irgendeine Theorie halten. Durch
Theorie wird alles Kiinstlerische abgestumpft, aber nicht
durch Anthroposophie. Da werden Gefiihls- und Wil-
lensimpuls gerade angeregt. Der ganze Mensch wird an-
geregt. Anthroposophie macht den Menschen bis in die
Hand hinein geschickter - das sollte heute bedacht wer-
den, wo die meisten Manner so ungeschickt sind, daft sie
nicht einmal einen abgerissenen Hosenknopf wieder an-
nahen konnen. Darum handelt es sich, daft wir wirklich
einsehen, daft in die Geschicklichkeit, in die Hand-
fertigkeit, in die menschliche Beweglichkeit alles hinein-
geht, was anthroposophische Ideen sind, die nicht bloft
Gedanken sind, sondern die zu gleicher Zeit Welten-
krafte sind, in denen der Mensch lebt. Deshalb kann man
sie auch wieder so bauen, plastisch gestalten, malen, wie
man dasjenige baut, plastisch gestaltet, malt, was eben
in der geschilderten Weise aus dem Menschen heraus-
geholt ist.
Es muftte daher, weil Anthroposophie sich als etwas
Neues in unsere Kultur hineinstellt, fiir diese Anthropo-
sophie eine Umrahmung gefunden werden, die gerade
nur fiir sie dasein kann. Das heiftt, es muftte aus ihren
geistigen Impulsen heraus ihr Stil gefunden werden. Der
Dornacher Bau steht daher so da, daft das, was vom Po-
dium gesagt werden kann, daft das Wort, was dasein soil,
um den Inhalt der geistigen Welt zu verkiindigen, das
eine ist, die eine Art zu sprechen; eine andere Art ist die,
die man in der Umrahmung des Baues sieht. Jede Saule,
jedes Kapitell spricht genau ebenso wie die Worte, die
vom Podium gesprochen werden. Es ist ein Einklang
vorhanden, wie auch in der griechischen Seek zwischen
der Gottesanschauung und dem Tempelbau ein Einklang
war. Man muft aus den Impulsen des Kunstentstehens
schaffen. Dann kommt das heraus, woriiber man nicht
diskutieren kann: der Stil - der Stil, der erfafit werden
mufi aus dem ganzen Menschen, aus dem, wo man die
Gedanken, die mehr als blofte Gedanken sind, als Krafte
erlebt, die in einem sitzen und bis ins Blut den Menschen
durchpulsen, so daft man sie auch aufterlich gestalten
kann.
Nur ein paar Bemerkungen wollte ich machen, meine
lieben Kommilitonen, verehrte Anwesende. Ich wollte
nur darauf hinweisen, wie man doch dahin kommen
kann, wiederum Stile zu finden. Mag das in Dornach
noch so unvollkommen gelungen sein - ich bin selber der
strengste Kritiker dieses Baues, der ja nur ein erster An-
hub ist -, aber es ist versucht worden, wiederum den
Duktus des Stiles zu finden, wiederum das zu find en,
was im Stile sitzt. Und deshalb, weil hier etwas in den Stil
hineingestellt ist, was reale Geistigkeit ist, kann man
auch das Material, das so sprode sich erweist, wie Herr
Strakosch es geschildert hat, den Beton, bezwingen, so
daft man sich dann sagt: Gewift, aus dem Beton kann
man gar nichts machen, wenn man nicht das verriickteste
Zeug machen will, aber das verriickteste Zeug ist eben
gerade das Stilloseste. Man kann erst etwas machen aus
Beton, wenn man aus den iibrigen Voraussetzungen -
seien es bei Utilitatsbauten Utilitatsvoraussetzungen,
seien es bei einem solchen Bau einer Hochschule fur
Geisteswissenschaft wie dem Bau in Dornach, geistige
Voraussetzungen -, wenn man das, was als Lebendiges
drinnen ist, [auch] drinnen hat; dann kann man sagen,
auch wenn man den Beton vorliegen hat: Das gibt es
nicht, daft der Beton gestattet, daft man alles Mogliche
daraus macht, sondern man kann an eine Stelle nur ein
Einziges hinstellen. An der Stelle, wo der Mensch ein
Ohrlappchen hat, konnte keine grofie Zehe sein, die
Natur wiirde das nicht gestatten; wenn ein bestimmtes
Kraftemassiv des Organismus da ist, lafit sich an einer
Stelle nur eines ausgestalten - wenn man in der Anschau-
ung lebt. Das ist es, urn was es sich handelt, wenn man
von Stilgefiihl, von festgebildetem Stilgefiihl redet und
von dem absolut plastischen Betonmaterial.
So werden Sie vielleicht doch in Dornach erleben
konnen, dafi, trotzdem das wahr ist, was Herr Strakosch
aus gewissen Anschauungen heraus iiber das Betonmate-
rial gesagt hat, dafi doch das Betonmaterial in Dornach
so zu behandeln versucht worden ist - wenn auch nicht
alles gelungen ist -, dafi das, was an irgendeiner Stelle
sitzt, gerade dort als notwendig empfunden wird, und
dafi man sich aus der Anschauung heraus sagt: Wie an
einer bestimmten Stelle des Kopfes nur ein Ohrlappchen
sein kann, so kann hier nur eine ganz bestimmte Form
sein. - Da mufi aber vorausgehen die Uberfuhrung des
blofi Symmetrischen, des blofi Mafivoll-Metrischen in
das Organische, das innerlich erlebte Mafivolle, das in-
nerlich erlebte Symmetrische, wie man es hat, wenn man
iibergeht vom blofi Mechanischen zum Organismus. Es
mufite, um wiederum zu einem Stil zu kommen, einmal
der Schritt gemacht werden von dem geometrisch-sym-
metrischen, metrischen Stil und so weiter zum organi-
schen Stil. Das mag noch so unvollkommen gelungen
sein, aber es ist zweifellos in dieser Richtung das zu
suchen, was die weitere Stilentwicklung der Baukunst
sein mufi. Und man wird den [Stil fur einen] Utilitatsbau,
wie auch [fur] einen solchen Bau wie das Goetheanum in
Dornach, nur finden, wie ich meine, wenn man solche
Wege geht, sonst werden wir immer nur bis zum Re-
produktiven kommen. Zum Produktiven kommen wir
nur auf diesem Wege. Dann werden nicht mehr pessimi-
stische Betrachtungen dariiber angestellt zu werden
brauchen, daft Baustile nicht erfunden werden, sondern
dann wird aus dem vollen, kiinstlerischen Leben heraus
der Drang nach neuer Stilisierung, neuer Stilistik wieder-
um entstehen.
Frage: Ich mochte fragen, ob Herr Dr. Steiner das Verhaltnis
zwischen dem heutigen Menschen und der neuen Stilform des
Dornacher Baues auf dem Wege hoherer Erkenntnis gefunden
hat, wie das fruher fur geisteswissenschaftliche Dinge angedeu-
tet wurde, und ob im bejahenden Falle dieser Weg da ange-
wandt werden darf, wo es sich um intuitives und kunstlerisches
Schaffen handelt.
Rudolf Steiner: Es ist das eine Frage, die so allgemein
nicht behandelt werden kann. Ich habe ja, wie ich glaube,
den Prozeft, soweit es eben in der skizzenhaften Darstel-
lung ging, geschildert. Es handelt sich darum, daft die
Anschauung da ist, und diese Anschauung, sie kommt
mit einer gewissen Notwendigkeit. Man kann also nicht
sagen, daft fiir irgend etwas Spezielles Vorbereitungen
gemacht werden konnten oder so etwas, damit diese
Dinge dann kommen. Sondern es ist im Anthroposophi-
schen - man moge das heute glauben oder nicht - etwas
da, was gegeniiber dem bloft Abstrakten, Theoretischen
ein Element ist, das zusammenhangt mit Organisation,
mit Wachstum und so weiter. Es ist so, daft man sagen
kann: Sogar das, was ich als Idee erkenne, als irgendein
Wesenhaftes in der geistigen Welt, das ist da, das ist an-
geschaut, aber man hat jetzt nicht die Moglichkeit, dieses
in ebensolcher Weise festzuhalten, wie ein sinnliches Er-
leben, das dem Gedachtnis anhaftet; man kann immer
nur die Wege, durch die man zu einem solchen hoheren
Erlebnis gekommen ist, also das, was noch vor dem
Erlebnis liegt, nachkonstruieren und kann dann abwar-
ten, ob das Erlebnis wiederum da ist. Das Erlebnis ist die
Darlebung; und
…[truncated]