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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER
Gegensatze in der
Menschheitsentwickelung
West und Ost
Materialismus und Mystik
Wissen und Glauben
Elf Vortrage, gehalten in Stuttgart
zwischen dem 5. Marz und 22. November 1920
1996
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH / SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgten Robert Friedenthal und Paul G. Bellmann
1. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1967
2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1986
3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1996
Bibliographie-Nr.197
Zeichen auf dem Einband nach einem Entwurf Rudolf Steiners
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1967 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-1970-9
2,u den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedert
sich in die drei grofien Abteilungen: Schriften — Vortrage - Kiinst-
lerisches Werk (siehe die Ubersicht am Schlufi des Bandes).
Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fiir
Mitglieder derTheosophischen, spater Anthroposophischen Gesell-
schaft zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen hatte
Rudolf Steiner urspriinglich nicht gewollt, dafi sie schriftlich fest-
gehalten wiirden, da sie von ihm als «mundliche, nicht zum Druck
bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend
unvollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und
verbreitet wurden, sah er sich veranlafk, das Nachschreiben zu
regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner- von Sivers. Ihr
oblag die Bestimmung der Stenographierenden, die Verwaltung der
Nachschriften und die fiir die Herausgabe notwendige Durchsicht
der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen
Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, mufi gegeniiber
alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt berucksichtigt
werden: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, dafi
in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes
findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen 6f-
fentlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbio-
graphie «Mein Lebensgang»(35. Kapitel). Der entsprechendeWort-
laut ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte
gilt gleichermaften auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten,
welche sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geistes-
wissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere
Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
ERSJER VORTRAG, Stuttgart, 5. Marz 1920
Die Bewufitseinsentwickelung der Menschheit und die luziferischen
und ahrimanischen Wesen. Friiheres bildhaftes Vorstellen dank hohe-
rer Wesenheiten. Zunehmende Abschniirung von diesen und Ent-
stehen des Intellektualismus als Erziehung zu Freiheit. Ahrimans
Bestrebungen. Gegnerschaft in Norwegen.
ZWEITER VORTRAG, 7. Marz 1920
Die verschiedenen Anlagen der asiatischen und europaischen Bevolke-
rung und die Notwendigkeit eines neuen Christus-Verstandnisses.
Entwickelung des Intellektes seit Beginn der nachatlantischen Zeit.
Das intelligente Prinzip entwickelte sich bei den orientalischen Vol-
kern im Geistig-Seelischen, bei den europaischen im Leiblichen. Auf-
nahme des Christentums in der ostlichen Welt durch die Seele in
einer den modernen europaischen Wissenschaftlern unverstandlichen
Weise. Der an das Leibliche gebundene Verstand der westlichen Vol-
ker vermochte das Mysterium von Golgatha nicht zu verstehen. Neues
Erfassen des Christentums erforderlich. Der Goetheanismus. Die
Theosophie der Theosophischen Gesellschaft eine vorchristliche Weis-
heit. Ohne Einweihung kein soziales Denken.
Dritter Vortrag, 9. Marz 1920
Bewufitseinswandel im sozialen Leben im Laufe der Zeiten. Die Ent-
wickelung der irdischen Imperien in drei Stufen. 1. Stufe: Imperialis-
mus der halb vorgeschichtlichen Zeit; irdische und hierarchische Ord-
nung als Einheit. Beispiel dafiir aus der Gegenwart: ein bischdflicher
Hirtenbrief. 2. Stufe: Der Herrscher als Gottbegnadeter. Beispiel: das
Heilige Romische Reich Deutscher Nation. 3. Stufe: Verlust der Sub-
stanz der Worte und Zeichen. Entstehung von Phrase und Konven-
tion. Notwendigkeit neuer sozialer Impluse.
Vierter Vortrag, 13.Junil920
Die Niedergangskrafte in der gegenwartigen Zivilisation. Westliche
Geheimgesellschaften, Jesuitismus und Leninismus: drei Initiations-
stromungen der Gegenwart. Der Kampf gegen die Geisteswissenschaf-
ten von seiten der religidsen Konfessionen. Deren Ablehnung der
Praexistenz und ihre Lehre von der Ewigkeit der Holle. Die Verleum-
dungen von Professor Traub. Die Gegnerschaft der katholischen
Presse in der Schweiz.
F0NFTER VORTRAG, 24.Junil920
Der Niedergang der menschlichen Zivilisation als Folge des Materialis-
mus. Nicht dieser, nur Geist-Erkenntnis vermag das Materielle wirk-
lich zu erfassen. Die materialistische Auffassung des Herzens als
Pumpe. Das Haupt als Ergebnis des vorigen Erdenlebens. Materialisti-
sche Geschichtsauffassung. Das Wirtschaftsleben als Kopf-, Rechts-
leben als rhythmisches, Geistesleben als Stoffwechsel-Organ des
sozialen Organismus. Dreigliederung, Waldorf schule, Kommender
Tag. Die zerstorerische Kraft der Unwahrheit. Geisteswissenschaft
und Lebenspraxis.
Sechster VORTRAG, 25.Julil920
Materialismus und Mystik. Erkenntnis als Tat der Menschenseele.
Verkappter Materialismus in Theosophie und Spiritismus. Materialis-
mus der Naturwissenschaft. Die Mystik vermittelt Erleben der Erden-
materie durch Kennenlernen materieller Vorgange im Innern des Men-
schen. Mystik als Krankheit. Notwendiger Ubergang vom raumlichen
zum zeitlichen Erleben. Wesen der Gravitation. Inneres Erleben der
Schwere. Ahriman, Luzifer, Christus.
SlEBENTER VORTRAG, 30.Julil920
Die falschen Wege des Materialismus und der Mystik; Tat-Erkenntnis
der Anthroposophie. Suchen der Materie in den Phanomenen der
Aufienwelt fiihrt zum Schwachsinn; Suchen des Geistigen durch
innere Mystik fiihrt zur Infantilitat. Politik als Illusion: Das Konserva-
tive ist ahrimanisch, das Liberate luziferisch. Der Kampf der Jesuiten
gegen die Anthroposophie. Die Richtigkeit des Materialismus auf
seinem Gebiet.
AcHTER VORTRAG, 21. September 1920
Gegensatz von Wissen und Glauben. Die alte Urweisheit; sie mufite
verglimmen, um Freiheit zu ermoglichen. Im Zuge der Entstehung der
modernen Wissenschaft Abstumpfung des Wissens zum Glauben. Der
Jesuitismus. Rom als Quell des Materialismus. Loslosung des inneren
Erlebens vom Wort. Notwendigkeit, von der vorgeburtlichen Exi-
stenz des Menschen zu sprechen. Die Dreigliederung und ihre Gegner.
NEUNTER Vortrag, 8. November 1920
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Osten, Mitte und Westen. Die soziale Dreigliederung. Schlafen und
Wachen. Der Mensch als dreigliedriges Wesen. Im Osten bedeutet
Geist das Erleben des vorgeburtlichen Daseins. Dieser Geist ist deka-
dent geworden. In der Mitte materiell-spirituelle Kultur, Pflege des
Denkerischen (Hegel). Westen: Materielle Kultur, aber zugleich Vor-
bereitung kiinftiger Imaginationen; Bewufitwerden des iiber den Tod
Hinausreichenden. Im Osten: Instinktive Weisheit; in der Mitte: dia-
lektisch-intellektuelles Leben; im Westen: Materialismus, Geist der
Wirtschaft. Osten: Ende (Beispiel Tolstoi; Westen: Anfang (Beispiel
Keely). Gegenwartsmission der Mitte.
Zehnter Vortrag, 14. November 1920 167
Der Ubergang vom luziferischen zum ahrimanischen Zeitalter und das
kommende Christus-Ereignis. Die Technik; Mensch und Maschine.
Das Wirken ahrimanischer Damonen in der Gegenwart, luziferischer
Elementarwesenheiten in der Vergangenheit. Das Erscheinen des athe-
rischen Christus in der Gegenwart. Ahrimanisierung der Welt. Die
zunehmende Seelennot. Notwendigkeit, das kommende Christus-
Ereignis vorzubereiten.
Das Unpersdnliche der heutigen Wissenschaft. Ihre zukunftige
Durchchristung. Die Dreigliederung als Goetheanismus des 20. Jahr-
hunderts. Geistselbst, Lebensgeist und Geistesmensch konnen nicht
aus irdischen Kraften, sondern nur durch den Christus entwickelt
werden. Schillers «Asthetische Briefe» und Goethes «Marchen». Das
Mysteriendrama «Die Pforte der Einweihung» Umsetzung weltgestal-
tender Wesenskrafte aus Goethes «Marchen». Goldener, silberner und
eherner Konig als Reprasentanten der drei Glieder des sozialen Orga-
nismus.
Elfter Vortrag, 22. November 1920
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Hinweise
Zu dieseV Ausgabe
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213
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221
223
Hinweise zum Text
Namenregister ,
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften . .
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner-Gesamtausgabe
ERSTER VORTRAG
Stuttgart, 5.Marz 1920
Ich habe es ofter betont, wie notwendig es ist zum Hereinstellen des
Menschen in die groflen Aufgaben der Gegenwart, die heute eigentlich
jedem Menschen zufallen, sich ein Bewufitsein zu verschaffen von dem
Gang der Menschheitsentwickelung iiber die Erde hin. Dieser Gang der
Menschheitsentwickelung kann ja nur verstanden werden, wenn man
die tieferen Krafte jener Wesenheiten sich vor die Seele fiihrt, die in
den ganzen Gang der Erdenentwickelung und auch in das Menschen-
leben als solches eingreifen.
Nun habe ich von den verschiedensten Gesichtspunkten aus gezeigt,
wie wir Menschen drinnenleben in einer gewissermafien normal fort-
laufenden Entwickelung, und wie wir diese uberblicken konnen gerade
durch geisteswissenschaftlicheUntersuchung iiber langandauernde Zeit-
raume hin. Ich habe Sie aber auch darauf aufmerksam gemacht, wie
in diese gewissermafien normale menschliche Entwickelung eingreifen
von der einen Seite gewisse Wesenheiten, die ein anderes Ziel mit den
Menschen verfolgen als diejenigen Wesenheiten, welche den Menschen
die normale Entwickelung durch die verschiedenen Verkorperungen
der Erde geleiten mochten, Wesenheiten, die wir als luziferische haben
auf fassen miissen, und dafi von der andern Seite her Wesenheiten ein-
greifen, die wir als ahrimanische bezeichnen. Uber diese Dinge haben
wir wiederholt gesprochen. Allein der Ernst, der heute dem Menschen
so notwendig ist, kann eigentlich gar nicht in unser Gemiit einziehen,
wenn wir nicht das unmittelbare Eingreifen dieser luziferischen und
ahrimanischen Wesenheiten in das Menschenleben ins Auge fassen.
Wenn Sie sich erinnern, wie, scharf abgetrennt von dem, was friiher
geschehen ist, im 15. Jahrhundert ein neuer Zeitraum der Menschheits-
entwickelung beginnt, so werden Sie veranlafit werden, sich nach den
verschiedensten Unterschieden im Menschenleben unseres jetzigen Zeit-
raumes, der eben mit dem 15. Jahrhundert begonnen hat, zu dem frii-
heren, zu fragen. Wir konnen sagen, zu den mancherlei Eigentiimlich-
keiten des gegenwartigen Zeitraumes gehort es, dafi vor alien Dingen
das Denken, der Intellektualismus seit der Mitte des 15. Jahrhunderts
sich entwickelt hat. Die Menschheit mufite einmal in der grofien Er-
ziehung, die sie durchmacht durch die ganze Erdenentwickelung, auch
durch diese Erziehung des Intellektualismus hindurchgehen. Sie mufite
gewissermafien probieren, wie sich das Menschenleben leben lafit, wenn
vorzugsweise das intellektualistische Prinzip des Denkens ausgebildet
wird. Zur wahren Freiheit hatte der Mensch niemals erzogen werden
konnen ohne den Eintritt des intellektuellen Prinzips in sein Wesen.
Man macht sich heute gar keine genaue Vorstellung dariiber, wie ver-
schieden von den Menschen der Gegenwart die Menschen vor der Mitte
des 15. Jahrhunderts gerade in dieser Beziehung waren. Man nimmt ja
dasjenige, was den Menschen einmal gegeben ist, wie etwas Selbstver-
standliches hin; man denkt nicht weiter dariiber nach. Und so glaubt
man heute auch, weil hauptsachlich die Menschen der zivilisierten
Lander, mit denen wir es zu tun haben, im Intellektualistischen leben,
es ware immer so gewesen, die Menschen hatten immer so gedacht. Das
ist aber nicht der Fall. Die Art des Denkens ist eine andere gewesen
bei den Menschen vor der Mitte des 15. Jahrhunderts. Es ist gar nicht
ein solch abstraktes Denken bei diesen Menschen vorhanden gewesen
wie bei den heutigen Menschen. Ihr Denken war viel, viel mehr an-
schaulich mit den Dingen der Aufienwelt selber verknupft. Sie waren
viel mehr verknupft mit dem, was im Inneren des Menschen gefuhls-
mafiig und willensmafiig erlebt werden kann. Wir leben sehr stark in
Gedanken, nur sind wir nicht genugend darauf aufmerksam. Wir sind
nicht einmal aufmerksam darauf, woraus sich dieses Denken, dieser
Intellektualismus, den wir heute als etwas Selbstverstandliches hin-
nehmen, eigentlich entwickelt hat. Und wir mussen weit und immer
weiter zuriickgehen in der Menschheitsentwickelung, wenn wir so recht
verstehen wollen, woraus sich dieses Denken, dieses Intellektualistische
entwickelt hat. Wir mussen uns auch fragen: Gibt es heute noch irgend-
welche Uberreste derjenigen menschlichen Betatigung, aus der heraus
sich das Denken ergeben hat?
Sie wissen ja, es erhalten sich alte Entwickelungskrafte in spatere
Zeiten hinein neben denen, die sich fur spatere Zeiten normalerweise
ergeben. Und so ist es doch auch bei unserem Denken. Wir erleben
Reminiszenzen, Nachklange des Denkens, eine dem Denken ahnliche
Tatigkeit im Traum, in jener Bilderwelt, die auftaucht aus dem nacht-
lichen Schlaf . Wir lernen durch die Erfahrung unterscheiden, wie diese
Denkwelt, die wir vom Aufwachen bis zum Einschlafen in uns ent-
wickeln, sich verhalt zu der Weit der ganz passiv erlebten Traumbilder.
Wenn wir aber zuriickgehen in der menschlichen Entwickelung, dann
finden wir immer mehr und mehr, dafi auch das wache Seelenleben
sehr ahnlich war dem, wie heute der Mensch im Traum seine Seelen-
tatigkeit erlebt. Das heutige Denken ist ein spateres Entwickelungs-
produkt auf dem Wege, auf dessen friiheren Stadien die menschliche
Seele eine mehr traumhafte Tatigkeit entfaltete. Und wenn wir diese
traumhafte Tatigkeit der menschlichen Seele ganz, ganz weit zuriick-
verfolgen, dann kommen wir iiber all das hinaus, was Erdenentwicke-
lung ist; dann kommen wir zu der vorhergehenden kosmischen Ver-
korperung der Erde, die wir gewohnt worden sind, die «alte Monden-
entwickelung» zu nennen, innerhalb welcher der Mensch auch schon
gelebt hat, aber in einer ganz andern Form als heute. Und wahrend
dieser Mondenentwickelung, also wahrend der vorhergehenden Ver-
korperung unserer Erde, da hat jenes noch ganz atherische Menschen-
wesen, das der wirkliche Vorfahr des gegenwartigen Menschen ist,
tatsachlich eine traumhafte, eine bildhaft-traumhafte Seelentatigkeit
entwickelt. Diese bildhaft-traumhafte Seelentatigkeit hatte aber das
Eigentiimliche, dafi sie in einer ganz andern Beziehung stand zur Au-
fienwelt als unsere denkerische Seelentatigkeit. Ich mochte sagen, mit
unserer denkerischen Seelentatigkeit stehen wir doch recht isoliert da
in der Welt. Die Welt ist da draufien, sie hat ihre Vorgange. Wir den-
ken in unserem Inneren diese Vorgange nach, aber wir fiihlen uns
gerade dann, wenn wir im allertiefsten vermeinen nachzudenken iiber
die aufieren Vorgange, doch gar nicht drinnen in diesen aufieren Vor-
gangen. Wir fiihlen oftmals sogar, dafi wir am besten iiber die aufieren
Vorgange denken konnen, wenn wir uns recht von ihnen isolieren,
wenn wir uns ganz auf uns selbst zuriickziehen. Solch ein Gefiihl hatte
der Menschenvorfahr, der noch, wenn ich den Ausdruck gebrauchen
darf, traumerisch dachte, nicht. Wenn er auf diese Art das in seinen
Traumen entwickelte, was wir auf unsere Art seelisch in unserem
Denken entwickeln, dann wufite er, dafi er innig verbunden war in
seinem Erleben mit dem Geschehen der Welt. Wir sehen die Wolken,
wir denken iiber die Wolken, allein wir haben nicht das Gefiihl, daft
dieselben Krafte, die in der Wolke walten, auch in unserem Denken
waken. Das Gefiihl aber, dafi die gleichen Krafte, die in der Wolke
walten, auch in seinem traumhaften Denken walten, das hatte der
Menschenvorfahr. Der Menschenvorfahr sagte - wenn ich in unsere
Sprache ubersetzen will, was er in seiner, gegen die unsere eigentlich
stummen Sprache sagte: Die Krafte, die draufien in der Wolke weben
und leben, die bewirken in mir Bilder. - Er dachte sich ebensowenig
isoliert von jenem Weltenall, in dem die Wolke ihr Wesen entfaltet,
wie mein kleiner Finger sich isoliert denken kann von mir selbst.
Schneide ich ihn ab, so verdorrt er, ist nicht mehr mein Finger. Der
Menschenvorfahr fiihlte, dafi auch er nicht bestehen kann anders, denn
als ein Glied desWeltenalls,das zu ihm gehort. Der kleine Finger muftte
sagen: Das Blut, das im ganzen Korper pulsiert, das pulsiert in mir,
und mein ganzes organisches Dasein ist von denselben Gesetzen be-
herrscht, von denen das organische Dasein des ganzen iibrigen Korpers
beherrscht ist. Der Menschenvorfahr sagte: Ich bin ein Glied des Wel-
tenalls, und das, was in mir pulsiert, indem ich Bilder entwickle, das
ist dasselbe wie dasjenige, worauf diese Bilder weisen, ist dieselbe Kraft,
die in der Wolkenbildung webt und lebt. Also innig verwandt, intim
verbunden fiihlte sich dieser Menschenvorfahr mit der ganzen Welt.
Wir aber sind dadurch, dafi wir in unserem Denken uns so isoliert
fiihlen miissen von dem aufieren Geschehen, gewissermafien abge-
schniirt von den wirklich wesenhaften Ursachen des Weltendaseins.
Wir verspiiren im gewohnlichen Leben nicht, was eigentlich durch das
Weltenall hindurchpulsiert. Unser Denken hat einen abstrakten Cha-
rakter angenommen. Unser Denken verrat gewissermafien gar nichts
von dem, was in ihm lebt und webt. Darauf beruht gerade die Moglich-
keit, freie Menschen zu werden, dafi wir in unseren Gedanken nicht
fiihlen: Etwas anderes denkt in uns -, sondern: Wir selber sind es, die
denken. - Der Menschenvorfahr aber, der konnte sich nicht so isoliert
vorstellen von dem Weltganzen. Der Menschenvorfahr wufite, da er
sich verbunden fiihlte mit dem Weltendasein, dafi nicht allein abstrakte
Naturkrafte drauflen in diesem Weltendasein da sind, sondern dafi
waltend sind Wesenheiten, wenn auch Wesenheiten, die anders sind als
der Mensch, Wesenheiten, die nicht einen physischen Leib haben wie
der Mensch, mit denen sich aber der Mensch als in einem Weltbiirger-
tum zusammen begriffen denken konnte. Er fuhlte nicht etwas wie
«Naturkrafte», er fuhlte Gemeinschaft mit Naturwesenheiten. Gerade-
so wie wir heute sagen: Dasjenige, was vorgeht in der Natur, in das
wir selbst einbegriffen sind, vollzieht sich nach Naturgesetzen -, so
war es naturgemafi fur den Menschenvorfahren einer uralten Zeit, dafi
er sagte: Dasjenige, was draufien in der Natur vorgeht, das vollzieht
sich nach den Willensimpulsen der Naturwesenheiten. - Wir sagen:
Die Erde zieht die auf ihr befindlichen Korper an durch ihre Schwere
gemafl einem Gesetz, wonach diese Schwerkraft mit dem Quadrat der
Entfernung abnimmt, und nennen das den Spezialfall eines Natur-
gesetzes. - Wir beziehen uns, wenn wir von der Natur reden, auf eine
solche Abstraktion. Der Menschenvorfahr war sich dessen bewuftt,
dafi in dem, was wir heute abstrakt Schwerkraft nennen, Wesenhaftes
enthalten war.
Aber diese Beziehung zum Menschen, die da entfaltet wurde von
besonderen Wesenheiten, die gewissermafien zur menschlichen Ent-
wickelung gehorten, die horte normalerweise auf in dem Moment, in
dem eben fur den Menschen die eigentliche Erdenentwickelung begann.
Da wurde der Mensch gewissermafien entlassen aus der Leitung jener
iibersinnlichen Wesenheiten, die er in seinem Bilderdenken wahrend
der alten Mondenzeit als etwas wie in ihn Hereinfliefiendes und Her-
einschwebendes erfuhlte. Und fragen mussen wir uns: Welches war
denn eigentlich das Wirksame, das den Menschen abbrachte von der
Leitung dieser Wesenheiten, mit denen er, wenn auch nur seinem dunk-
len Bewufitsein nach, zusammengehorte? - Es war die Eingliederung des
mineralischen Reiches in die Menschen wesenheit. Denn in jenen alten
Zeiten, von denen ich Ihnen eben gesprochen habe, trug der Mensch
noch nicht das Mineralreich in sich. Er hatte eine Organisation, die
allerdings nicht fur die heutigen Sinnesorgane wahrnehmbar gewesen
ware, eine Organisation, die noch nicht mineralische Einschlusse in
sich enthielt. Will man dies verstehen, will man einer solchen Sache
nicht mit Vorurteil begegnen, dann mufi man schon ein wenig sich
klarmachen, was das eigentlich heifit: Ein Wesen schliefk das Mineral-
reich in sich ein. In dieser Beziehung denken ja die Menschen heute
aufierordentlich oberflachlich. Man sieht ein Mineral an, einen Stein,
und betrachtet ihn mit Recht als dasjenige, als was er sich von aufien
her prasentiert. Aber man sieht eine Pflanze heute genau so an, wie
man einen Stein ansieht, wahrend das, was man sieht, in Wirklichkeit
gar nicht die Pflanze ist. Die Pflanze ist in Wirklichkeit etwas ganz
Obersinnliches. Man stelle sich vor eine Organisation von Kraften, die
einen gewissen Bildcharakter hatte, und die zum Mineralreich in der
Beziehung steht, dafi sie sich, wahrend sie sonst unsichtbar ist, voll-
saugt mit dem Mineralreich und auch mit den Kraften, die zwischen
den einzelnen Gliedern des Mineralreiches spielen. Ich habe die Pflanze
vor mir: sie ist eine unsichtbare Struktur von Kraften, sie saugt sich
nur aus dem Mineralreich voll. Dadurch steht in dem Raumteil, der
eine unsichtbare Struktur von Kraften ist, vor meinen Augen auch das
Mineralische. Dieses Mineralische schaue ich an, aber es ist nur das-
jenige, wovon sich die ubersinnliche Pflanze vollgesogen hat. Die iiber-
sinnliche Pflanze mufi ich erst finden auf eine ganz andere Art, als die
ist, auf der mir das erscheint, womit sie sich vollgesogen hat. Das ist
schon bei der Pflanze der Fall. Wir reden iiberhaupt, wenn wir heute
von Pf lanzen reden, nur von dem mineralischen Einschlufi der Pflanze,
gar nicht von der Pflanze selbst.
Worauf es ankommt, ist, dafi wir bei der Pflanze das schon ein-
sehen, was in noch hoherem Mafie bei Tier und Mensch der Fall ist.
Der Mensch war also in der alten Mondenzeit ohne diesen minerali-
schen Einschlufi. Er ist auf der Erde so gemacht worden, dafi er ihn
braucht, dafi er sich gewissermafien vollsog mit dem Mineralreich und
seinen Kraften. Was hat er dadurch fur sein gesamtes Menschenwesen
bekommen? Er hat vor alien Dingen einen mineralischen Korper be-
kommen fur sein fruheres bildhaftes Vorstellen. Das ist in seiner wei-
teren Entwickelung dann durch den mineralischen Korper zu dem
intellektualistischen Denken geworden, und zwar erst verhaltnismafiig
spat, seit der Mitte des 15. Jahrhunderts, nachdem es sich lange vor-
bereitet hatte.
Dafi der Mensch heute intellektualistisch denkt, das beruht darauf,
dafl er einen mineralischen Korper als Einschlufi bekommen hat, Wir
brauchen als Mensch diesen mineralischen Korper zu nichts notwen-
diger als zu unserem Denken. Aber gerade durch die Aufgabe des
Mineralreiches im Irdischen hat sich das alte bildhafte Denken, das
sich nicht durch das Mineralreich, sondern durch das Reich, das man
das dritte Elementarreich nennt, ausgebildet hatte, umgewandelt.
Dadurch hat sich umgewandelt dieses vorirdische Vorstellen in das
irdische, denkerische Vorstellen. Dadurch aber sind im Weltenzusam-
menhange gewissermafien auch diejenigen Wesen abgesetzt, mit denen
sich der Mensch verbunden denken mufite fur sein bildhaftes Vorstellen
in jener alten Vorzeit, von der ich gesprochen habe. Aber diese Wesen-
heiten miissen wir uns doch etwas anders vorstellen, als wir gewohnt
sind, uns aufiermenschliche Wesenheiten vorzustellen. Da werden ja die
Menschen, sobald sie iiberhaupt anfangen, noch aus gutem Willen ein
Obersinnliches zuzugeben, vielleicht zu sehr anthropomorphisierend.
Der Anthropomorphismus ergreift dann das Menschenwesen, wenn die
Menschen sich alles, was iiber ihrer Sphare liegt, in ihrem Sinn vorstel-
len. Dann ist es leicht, Feuerbach und BUchner Anthropomorphismus
vorzuwerfen. Wir haben ja wahrhaftig vieles von dieser Art erlebt. Wir
haben erlebt, dafi sich im Abendlande die juristische Denkweise aus-
gebildet hat, nach der irdische Vergehen und Verbrechen von irdischen
Richtern beurteilt und mit Strafen belegt werden und so weiter. Es ist
nach und nach das uberirdische, im Sinne eines unvollkommenen
Christentums gedachte Belohnen und Bestrafen der Siinde, gar sehr
nach dem Muster eines irdischen Gerichtshofes gedacht worden. Wir
haben in unseren religidsen Vorstellungen des Abendlandes viel mensch-
liche Juristerei drinnen. Wir lassen die Gotter solche Strafen vollziehen,
wie wir sie von irdischen Gerichtshofen gewohnt sind. Aber wir miis-
sen uns entschliefien, wenn wir wirklich iiber das Menschliche hinaus-
kommen wollen, nicht blofi anthropomorphistisch vorzustellen, son-
dern, was ja gerade im Menschenleben das Wesentliche ist, tatsachlich
dann auch wirklich iiber das Anthropomorphistische hinauszudenken.
So etwas miissen wir schon anwenden, wenn wir uns klarwerden wol-
len, dafi diejenigen Wesenheiten, die in der alten Mondenzeit auf das
menschliche Bilddenken Einflufi gewonnen haben, im normalen Fort-
gang der Menschheitsentwickelung abgesetzt worden sind, aber das
nicht guten Willens hinnehmen. Man konnte ja sagen: Warum fiigen
sie sich nicht dem Willen der normal fiihrenden Gotter? - Sie tun es
nicht - das mufi man als Tatsache hinnehmen. Sie waren eigentlich
bestimmt, im Menschenzusammenhang nur einen Einflufi zu haben auf
das Traumen und auf alles dasjenige, was mit dem Traum verwandt
ist. Wir nennen diese Wesenheiten in unserem Zusammenhang luzi-
ferische Wesenheiten. Ihr Gebiet ware erstens alles dasjenige, was
Traum ist, und zweitens das, was mit dem Traum verwandt ist. Aber
sie begniigen sich nicht damit. Sie treiben ihr Wesen in dasjenige hin-
ein, was sich aus ihrem Gebiet herausentwickelt hat: in das an das
Mineralische gebundene menschliche Denken. Und in demselben Mafie,
in dem wir Eingang gewahren in unserem Denken alledem, was sonst
nur unseren Traum, unser Phantasieren beherrschen sollte, in dem
Mafie verfallen wir in unserem Denken dem luziferischen Wesen, dem
Einflufi derjenigen Wesenheiten, die nur wahrend der Menschenvor-
fahrenzeit einwirken sollten in das alte bildhafte menschliche Denken,
die aber zuriickgehalten haben ihre Macht und die jetzt, wahrend sie
nur sich beschranken sollten auf unser Traumen, unser Phantasieren,
unser Kunstschaffen, fortwahrend Einflufi suchen auf unsere Gedan-
ken, und diese Gedanken abhangig machen von ahnlichen Impulsen,
wie sie vorhanden waren in der menschlichen Vorzeit. Es fliefit vieles
noch ein in unser Denken, das von dieser Seite herkommt, von dieser
luziferischen Seite.
Daher ist gerade gegeniiber der Menschheitsentwickelung die ernste
Frage berechtigt: Aus welchen Kraften kommen denn diese Emfliisse
in unser Denken? - Ja, sie kommen aus dem Gebiete her, in dem wir
Menschen heute noch mit Recht traumen und mit Recht schlafen vor
alien Dingen; sie kommen aus dem Gebiet des Fiihlens,des Empfindens,
aus dem Gebiet der Emotionen. Wir erleben ja unsere Gefuhle nur so,
wie wir sonst die Traume erleben, und wir erleben unseren Willen, wie
wir sonst das Schlafen erleben. Da sind wir mit Recht noch einge-
sponnen in die Welt, die in dem Augenblick, wo sie fiir unser Denken
sich entwickelt, die luziferische Welt ist. Daher kommen wir mit un-
serer menschlichen Entwickelung nicht zurecht, wenn wir nicht uns
anhalten dazu, auch solche Gedanken zu entwickeln, welche unab-
hangig und immer unabhangiger werden von unseren blofien Geftihlen,
unseren blofien Emotionen, von dem, was gewissermafien innerlich auf-
steigt aus dem traumhaften inneren Erleben auch des wachen Tages-
lebens. Das kann man nicht durch theoretische Grundsatze und Prin-
zipien erreichen, sondern nur durch das Leben selbst. Aber da sieht
man, wie die Seelengewohnheiten der gegenwartigen Menschheit einer
auf diesem Gebiet notwendigen Seelenkultur gerade recht widerstreben,
so dafi man hier auf dieses Widerstreben sehr aufmerksam sein mufi.
Wir erleben es gerade in unserer Zeit, dafi die Menschen sich nicht ge-
wohnen wollen, hinzuhoren auf dasjenige, was nicht aus ihren inneren
Vorurteilen, aus ihrem Vorempfinden, ihrer inneren Vorliebe heraus-
kommt, sondern was gewissermafien unabhangig vom Menschen ent-
schieden wird, so dafi sich der Mensch ihm nur zu fiigen hat. Ein
kleines Beispiel mochte ich anfiihren, durch das ich einmal jemandem
klarzumachen versuchte, wie in bezug auf das, was der Mensch denkt,
ein wichtiger Unterschied waltet.
Ich habe einmal vor vielen Jahren in einer suddeutschen Stadt, die
heute keine suddeutsche Stadt mehr ist, einen Vortrag gehalten uber
die Weisheitslehren des Christentums. Sie wissen, dafi jeder Vortrag
sein begrenztes Thema haben mull und man im Sinne dieses Themas
zu reden hat. So macht, wenn jemand nur einen einzigen Vortrag hort,
ein solch einziger Vortrag, gerade wenn er sachlich gehalten ist, manch-
mal auf den einen diesen, auf den andern jenen Eindruck. Jedenfalls
kann niemand eigentlich aus einem einzigen Vortrag irgend etwas ent-
nehmen uber die ganze Weltanschauung, aus der dieser Vortrag hervor-
geht. Denn selbstverstandlich wird man nicht, wenn man zum Beispiel
uber die Weisheitslehren des Christentums zu sprechen hat, aus dem
Inhalt des Vortrages schliefien konnen, wie der Mensch, der den Vor-
trag halt, nun denkt liber, sagen wir, die Beziehungen des Lichtes zur
Elektrizitat, so dafi also auch der Fall eintreten konnte, der damals
eingetreten ist. Ich habe also iiber die Weisheitslehren des Christentums
gesprochen, und zwei katholische Pfarrer waren dort. Die kamen nach-
her zu mir und sagten: Es ist eigentlich nichts einzuwenden gegen das,
was Sie heute gesagt haben - es ist aber jetzt schon viele Jahre her -,
aber wir mussen doch sagen, wenn wir auch dasselbe sagen, so sagen
wir es doch auf die Art, dafi es jeder verstehen kann. Sie sagen es auf
die Art, dafi es nur fur vorbereitete Menschen gelten kann. - Ich sagte
dazumal: Ja, Hochwiirden, die Sache ist doch so: Ob Sie oder ich aus
innerlichem Gefuhl heraus empfinden, dafi wir fvir alle Menschen
reden, darauf kommt es nicht an, denn das entspringt aus einern sub-
jektiven Gefuhl. Es ist doch ganz natiirlich: Wenn wir blofi nach
unserem Gefuhl uns richten, so mufi ich ja auch denken, ich rede fur
alle Menschen, gerade wie Sie es denken; das ist ja selbstverstandlich,
sonst wiirden wir es ja anders machen. Aber wir leben heute in einer
Zeit, wo es auf das, was wir glauben, dafi es berechtigt sei, nicht an-
kommt. Wir mussen uns erziehen an der Sprache der Tatsachen. Wir
mussen lernen, die Tatsachen zu befragen. Also nach Ihrem subjektiven
Gefuhl denken Sie, Sie reden fur alle Leute. Aber ich frage Sie jetzt
nach einer Tatsache: Gehen heute noch alle Leute zu Ihnen in die Kir-
che? Daran wiirde sich dann zeigen, ob Sie fur alle Leute reden. Nun,
sehen Sie, fur diejenigen, die nicht in die Kirche gehen, wenn Sie reden,
fiir die rede ich! Fur diejenigen, die auch ein Recht haben, iiber die
Weisheitslehren des Christentums etwas zu horen, fiir die rede eben
ich. - Das ist Gefolgschaft leisten der Sprache der Tatsachen.
Es ist notwendig, dafi wir uns losreifien von den subjektiven Ge-
fiihlen, denn wenn wir das nicht tun, dann kommt gerade das Luzi-
ferische in unser Denken herein. Wir wiirden den ganzen furchtbaren
Feldzug der Unwahrhaftigkeit, der in den letzten fiinf Jahren durch
die Welt gegangen ist, als aufierste Konsequenz von etwas, was sich
lange vorbereitet hat, nicht haben erleben konnen, wenn die Menschen
gelernt hatten, in einem notigen Ausmafi sich nach der Sprache der Tat-
sachen zu richten, und nicht nach der Sprache derEmotionen,wobei die
Nationalisten die furchtbarsten Anreger von solchen Emotionen sind.
Auf der einen Seite steht heute die unbedingte Notwendigkeit, dafi
wir uns in unserem Denken erziehen so, dafi wir uns fiigen auch dem,
was nicht in uns selber liegt. Und auf der andern Seite liegt die Ab-
neigung der Menschen vor dieser Wahrhaftigkeit, die an den Tatsachen
ihre Richtschnur sucht.
Nur derjenige kann in die hoheren Welten mit ihren Erkenntnissen
aufsteigen, der sich streng erzieht an der aufieren Tatsachenwelt. Wer
ein biflchen sich gewdhnt hat, die Darstellung nach den Tatsachen lieb
zu gewinnen, der leidet oftmals furchtbare Qualen, wenn ihm die Men-
schen der Gegenwart etwas mitteilen wollen. Denn er hort sehr haufig
Dinge von der Art, dafi jemand ihm sagt: Es hat einer etwas gesagt,
das war furchtbar, das war entsetzlich! - Ja, wie war es denn eigent-
lich? Dafi es so entsetzlich war, zeigt mir ja nur an, wie Sie es empfun-
den haben. Ich mochte aber gern horen, was es denn eigentlich war. -
Ja, es war eben etwas Schreckliches, das da gekommen ist . . . - Und so
verstehen einen die Leute gar nicht, wenn sie immerfort subjektiv schil-
dern ihre Empfindungen iiber eine Sache, wahrend man doch eine ob-
jektive Darstellung desjenigen horen mochte, was sie aufierlich gesehen
haben. Insbesondere, wenn einem die Leute etwas mitteilen, was ihnen
jemand gesagt hat, dann kann man heute meistens nicht unterscheiden,
ob es sich um etwas handelt, was sie einfach weitersagen, oder ob sie
gepriift haben, was sie einem mitteilen. Auf diesem Gebiet mufi schon
immer wiederum darauf hingewiesen werden, dafi man Wahrhaftigkeit
im t)bersinnlichen fiir die Erkenntnis nur erzielen kann, wenn man sich
erzieht, hier in der gewohnlichen Sinneswelt moglichst nur dasjenige
darzustellen, was unmittelbare Tatsache ist. Und nur auf diesem Wege,
indem er sich zur Tatsachenanschauung erzieht, kann der Mensch die
luziferischen Einfliisse iiberwinden, die in sein Denken hereinfliefien.
Diese luziferischen Einfliisse sind dasjenige, dem die Menschheit der
Gegenwart auf der einen Seite ausgesetzt ist. Auf der andern Seite sind
die ahrimanischen Einfliisse. Wir haben ja sagen mussen: Dieses Erden-
denken hat sich eigentlich aus f riiheren Stadien des menschlichen See-
lenlebens nur herausentwickelt dadurch, dafi der Mensch gewisser-
maflen sich vollgesogen hat mit einem mineralischen Korper. Dieser
mineralische Korper ist schon das Organ des Erdendenkens. Aber da-
durch ist er vornehmlich in das Gebiet derjenigen Wesen geraten, die
man die ahrimanischen nennt.
Der Mensch kann ja allerdings sich bewufit werden, dafi er sich zu
erziehen hat an jener Tatsachenwelt, die ihm abgewohnt, sich blofi
nach seinen subjektiven Emotionen zu richten. Aber er sollte nicht ver-
fallen demjenigen Denken, das nun weiter nichts ist als eine innere
menschliche Tatigkeit, wie sie nun wiederum aus dem mineralischen
Leibe hervorgeht. Auf diesem Gebiete liegt eine fur viele Menschen
hochst unangenehme Wahrheit.
Nicht wahr, die einen sind Idealisten oder Spiritualisten, die andern
sind Materialisten. In der Welt wird viel gestritten dariiber, ob nun der
Spiritualismus oder der Materialismus das richtige ist. All dieses Strei-
ten hat fiir gewisse Gebiete der menschlichen Organisation gar nicht
den geringsten Wert. Denn der Mensch kann in der Tat zweierlei ent-
falten. Er kann seinen mineralischen Korper, mit dem er sich vollge-
sogen hat, als das Instrument benutzen zu seinem Denken, wie er es
mufi als Erdenmensch, sonst wiirde er ja nur traumen. Aber er kann
sich dann dazu erheben, mit seinen Gedanken iiber das Instrument
wieder hinauszukommen, er kann sich zu einer geistigen Auffassung,
zu einer Geistesschau erheben. Tut er das letztere, so hat er zwar mit
der materiellen Organisation gedacht, aber er hat sie benutzt, um zu
einer weiteren Entwickelungsstufe der Menschheit zu kommen, indem
er mit dem Resultat hinaufgeht in die geistige Welt. Er kann aber auch
dabei stehenbleiben als Erdenmensch, seinen mineralischen Korper
denken zu lassen; denn der kann denken! Das ist gerade das Gefahr-
liche, daft der Materialismus nicht unrecht hat, gerade gegeniiber dem
Denken nicht. Dieser mineralische Korper ist nicht eine blofie Photo-
graphic Er ist etwas, was fiir sich denken kann, nur bleibt er mit
seinem Denken im Bereich des irdischen Lebens. Der Mensch mufi das,
was er mit seinem mineralischen Korper erlebt, erst erheben in die
Reiche des "Obersinnlichen.
So dafi man sagen kann: Gewifi, es konnte richtig sein, dafi das-
jenige, was menschliche Gedanken sind, nur eine Ausschwitzung der
menschlichen mineralischen Organisation ist. Das konnte richtig sein,
nur mufi es der Mensch erst richtig machen. Der Mensch kann aus
seiner eigenen Freiheit heraus auf der Erde sich so entwickeln, dafi er
nur das Produkt der Materie ist. Die Tiere konnen das nicht; sie kom-
men nicht so weit, dafi sie durch mineralischen Einschlufi das Denken
entwickeln. Dem Tier steht es nicht frei, die materialistische Anschau-
ung zu bewahrheiten. Dem Menschen steht es frei, die materialistische
Ansicht zu bewahrheiten; er braucht nur aus materialistischer Ge-
sinnung heraus zu wollen.
Es ist so mit der menschlichen Freiheit beschaffen, dafi es sogar dem
Menschen frei steht, den Materialismus zu verwirklichen fiir das Men-
schenreich, das heifit, diesen Erdenmenschen so zu gestalten, dafi er in
der Materie aufgeht. Es ist daher im Grunde genommen eine Sache des
Beliebens, Materialist zu sein. Wenn man stark genug ist, das auch zu
verwirklichen, was man dem Menschen vorsagt als materialistische Ge-
sinnung, dann wird diese Gesinnung durch die Menschen erst wahr.
Was in dieser Form auf den Menschen wirkt, das kommt durch die
ahrimanischen Wesen. Die wollen alles dasjenige, was Erdenentwicke-
lung ist, auf der Stufe erhalten, die erst durch die Erdenentwickelung
an den Menschen herangekommen ist: bei der mineralischen Organi-
sation. Sie wollen den Menschen vollkommen machen, aber nur als
mineralische Organisation, wahrend die luziferischen Wesen den Men-
schen, auch nachdem er die mineralische Organisation in sein Wesen
hereinbekommen hat, doch auf der friiheren Stufe, die angemessen war
dem Zustand, bevor er die mineralische Organisation bekommen hat,
erhalten wollen. Das ist dieses An-zwei-Strangen-Ziehen des luziferi-
schen und des ahrimanischen Wesens. Die luziferischen Wesen moch-
ten den Menschen so entwickeln, daft er zuletzt seinen mineralischen
Korper abwirft und eine Entwickelung durchmacht, fiir die das Irdi-
sche uneigentlich bleibt, fiir die das Irdische gewissermaflen nur eine
episodische Erf ahrung war. Die luziferischen Wesen haben die Absicht,
das Irdische allmahlich auszustreichen aus der ganzen Entwickelung
der Menschheit. Die ahrimanischen Wesen haben die Absicht, dieses
irdische, mineralische Wesen des Menschen so recht zu ergreifen, es
dann herauszureifien aus der fortgehenden Entwickelung und es iso-
liert fiir sich hinzustellen. Auf diese Weise ziehen die luziferischen und
ahrimanischen Wesenheiten an verschiedenen Strangen.
Aber es kommt nun sehr darauf an, dafi wir das, was wir so im
Grofien charakterisieren konnen, anwenden lernen auf das allerall-
taglichste Leben, dafi wir wirklich, geradeso wie wir ein halbkreis-
formig gebogenes Eisen nicht als ein gewohnliches Hufeisen ansehen,
wenn es doch ein Magnet ist, dafi wir das menschliche Leben nicht so
ansehen, als ob es nur nach seiner Aufienseite zu charakterisieren ware.
Derjenige, der Pferdehufe beschlagt mit Magneten, der beriicksichtigt
nicht, dafi im Magneten etwas anderes lebt als im Hufeisen. Derjenige,
der das Menschenleben so charakterisiert, wie es heute oftmals ge-
schieht, der handelt aber ganz genau so wie der, der sein Pferd be-
schlagt mit Magneten anstatt mit Hufeisen. Man geniert sich nicht, von
positiver und negativer Elektrizitat zu sprechen, wenn man vom Un-
organischen spricht, oder von positivem und negativem Magnetismus,
aber man geniert sich, vom Luziferischen und Ahrimanischen zu spre-
chen fur das Menschenleben, trotzdem dieses im Menschenleben auf
einer hoheren Stufe ebenso wirksame Krafte sind wie positiver und
negativer Magnetismus auf dem Gebiete des Leblosen. Nur sind posi-
tiver und negativer Magnetismus einfachere Begriffe. Man braucht
sich nicht so viel Miihe zu geben, zu ihnen aufzurucken, wie man
braucht, wenn man aufriicken will zum Luziferischen und Ahrima-
nischen. Daher wird man auch nur zurechtkommen in bezug auf das-
jenige, was sich heute als Phrase geltend macht und aus der Phrase her-
aus zur Luge wird, wenn man weifi: Da wirkt das luziferische Wesen. -
Und man wird nur zurechtkommen mit alledem, was als materia-
listische Gesinnung da und dort auftritt, wenn man weifi: Da wirkt
das ahrimanische Wesen. - Denn mit der blofi aufieren Charakteristik
wird man fur das Verstandnis des Menschenlebens in der Zukunft
nichts mehr gewinnen konnen; man wird nur herumreden und die
grofiten Torheiten begehen, wenn man sie dann auf die Wirklichkeit
anwenden will; aber man wird das menschliche Leben nicht so ver-
stehen, dafi man auch fur menschliche Einrichtungen, fur menschliche
Institutionen aus seinenErkenntnissen heraus soziale Impulse gewinnen
kann. Das ist etwas, was innig zusammenhangt mit dem ganzen Ernste,
der einen iiberkommen mufi, wenn man alles dasjenige ansieht, was
heute in der Entwickelungstendenz der Menschheit liegt. Wir konnen
heute nicht zu einem Verstandnis des Lebens, in dem wir drinnen-
stehen, kommen, wenn wir nicht den Blick aufwarts werfen vom Irdi-
schen zum Aufierirdischen. Da liegt etwas Eigentiimliches vor.
Wenn wir zuriickblicken in altere, jetzt weniger alte als die friiher
charakterisierten Zeiten der Menschheitsentwickelung, so urteilen ja
die heutigen Menschen zumeist nur nach aufieren geschichtlichen Do-
kumenten. Es gibt sogar Historiker mit ganz beriihmten Namen, die
sagen: Die Geschichte der Menschheit hat alles dasjenige zum Inhalt,
was man aus dem Geschriebenen entnehmen kann. Wenn man die Ge-
schichte von vornherein so wie Ranke definiert, so ist es ja selbstver-
standlich, daft man dann zu einer sonderbaren Geschichtsdarstellung
kommt. Aber das Schreiben gehort ja selbst der Geschichte an, es ent-
wickelte sich erst wiederum aus etwas anderem heraus, und man kann
mit solchen Definitionen eigentlich in Wirklichkeit doch nichts an-
fangen. Aber geht man zuriick nur bis in die chaldaisch-babylonische,
in die agyptische Zeit, so sieht man, daft innerhalb dieser Entwicke-
lungsepoche der Menschheit die ganze Stellung des Menschen auch
noch zum Kosmos eine andere war. Man versteht ja heute gar nicht,
was eigentlich gemeint war, wenn der Mensch in dieser Zeit sein Leben
ankniipfte an den Gang der Sterne, der Planeten, oder deren Verhalt-
nis zu den Fixsternen, zum Tierkreis; das alles ist ja heute die leerste
Abstraktion geworden. Glauben Sie denn, daft der Astrologe, der heute
die alten astrologischen Werke durchstobert - und es ist noch gut, wenn
er sie durchsucht und keine neuen macht, denn die neuen sind schreck-
lich -, und da die Horoskope zusammenstellt, daft er in seiner Abstrak-
tion, in seiner abstrakten Denkweise noch eine Ahnung hat von jenem
lebendigen Zusammenhang, in dem sich noch der alte Agypter und
Chaldaer wufite als Mensch mit dem aufteren irdischen Gang, der Stel-
lung der Sterne? Es ist ja alles anders geworden heute. Man mufl sagen:
Etwas Wichtiges in der Menschheitsentwickeiung seit jenen Zeiten be-
steht gerade darin, daft dieses ganze Menschenbewufitsein eingeengt
worden ist auf das Physische. Wieviel hat solch ein Agypter von der
Erde gewufit? Sie war fur ihn ein Stuck Land. Vom Himmel hat er
mehr gewufit. Ins Senkrechte hinauf ging seine Erfahrung. Der Grieche
hatte auch noch nicht eine horizontale Erkenntnis,* ins Senkrechte ging
auch noch seine Erfahrung. Diese senkrechte Erfahrung schrankte sich
ein in dem Mafie, als sich die horizontale ausdehnte, und das Maximum
der Einschrankung der menschlichen Erkenntnis vom Himmel ist die
Ausbreitung der menschlichen Erkenntnis von der Erde, als man lernte,
die Erde zu umschiffen, um sich zu iiberzeugen: Wenn man nach
Westen fahrt, kommt man vom Osten wieder zuriick. Aber dieses Ver-
finstern der menschlichen Erkenntnis in vertikalerRichtung mufite ein-
treten. Der Mensch mufite einmal abgeschniirt werden vom Weltenall,
um in sich die Kraft zu suchen, die ihn allein zu seiner menschlichen
Freiheit fiihren konnte. Denn aus dieser menschlichen Freiheit kann
nun wiederum das Moralische hervorgehen.
Nun miissen wir, nachdem die Menschen aufgehort haben, so wie
die Griechen oder die Chaldaer in vertikaler Hinsicht im Aufierirdi-
schen Erfahrungen zu haben, nachdem wir die Erziehung genossen
haben, die wir eben haben konnen durch die blofi horizontale Flache,
wir miissen wiederum auf moralisch-ethischem Gebiet aufsteigen und
kennenlernen das Menschenleben, wie es beeinflufit ist von denjenigen
Kraften, die nicht im Verlaufe des aufieren Daseins zu bemerken sind.
Solche sind eben die luziferischen und ahrimanischen Krafte.
Die Menschen machen sich allerdings heute mit andern Dingen zu
schaffen, und ich habe ihnen manchmal auch etwas mitzuteilen von
unserer anthroposophisch orientierten Geistesbewegung, die gerade
sich zur Aufgabe macht, ihre Arbeit aus diesem ganzen Ernst der Zeit
zu leisten, und die Sprache zu horen, die gewissermafSen vom aufier-
irdischen Kosmos gesprochen wird, die uns sagt, dafi wir wieder er-
kennen lernen miissen den Zusammenhang des Menschen mit dem gan-
zen Kosmos. Dahinein tonen dann immer - verzeihen Sie den schrof fen
Obergang - die Dinge, die heute schon auf die merkwiirdigsten Ge-
sichtspunkte hinweisen, von denen aus die Gegnerschaften gegen soi-
chen gewollten Menschheitsfortschritt sich geltend machen. Da kann
ich Ihnen eine Stelle aus einem Briefe vorlesen, die recht charakteri-
stisch ist, Wie gesagt, verzeihen Sie den schrof fen Obergang, aber wir
haben schon die Verpflichtung, Sie bekanntzumachen mit allerlei, was
in der Gegenwart geschieht, um zu untergraben, zu vernichten diese
Bewegung, die gerade die Aufgabe der Zeit zu erfassen bestrebt ist.
In Norwegen macht sich ein Mensch geltend, der sich die Aufgabe
gesetzt hat, unsere Bewegung zu vernichten. Dieser Mann schreibt, um
sich zu vergewissern, dafi er dazu das Recht hat, an Autoritaten - wie
man das so heute macht -; er wendet sich an dasjenige, was sich nennt:
«Politisch-anthropologische Monatsschrift.» Von dieser Monatsschrift
wurde ihm nun die folgende Auskunft gegeben: «Dr. Steiner ist Jude
reinsten Wassers. Er ist mit den Zionisten verbunden, eigentlich an sie
gekniipft, und stent im Dienste der Entente. » Und der Redakteur fiigt
hinzu, «da!5 sie» - namlich die Leute dieser Art - «schon lange ihre
Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet halten».
Ich wollte Ihnen das nur am Schlusse erzahlen, wiederum als einen
Fall, wie sie sich jetzt so mehren, dafi man fast jeden Tag einen zu
Gesicht bekommt. So also verhalten sich die Anthropologen heute zu
dem, was von anthroposophischer Seite angestrebt wird.
2 WE ITER VORTRAG
Stuttgart, 7. Marz 1920
Es handelt sich darum, wie schon ofter hier gesagt und vorgestern von
einem wieder etwas andern Gesichtspunkte ausgefiihrt worden ist, aus
der Entwickelungsgeschichte der Menschheit heraus, wie sie der geistes-
wissenschaftlichen Forschung vor Augen treten kann, den Ernst der
gegenwartigen Zeit zu empf inden, und aus diesem Ernst der Zeit her-
aus, gleichgiiltig an welchem Platz man steht im Leben, zu handeln.
Ich mochte heute wiederum einige Bausteine beitragen zu dem Ge-
baude, das in seiner Ganze uns zeigen kann, wie die Geistesverfassung
der gegenwartigen Menschheit beschaffen ist und wie aus dieser Geistes-
verfassung heraus fur den weiteren Fortschritt der Menschheit ge-
arbeitet werden mufi. Wir werden zuriickgreifen zunachst zu einigem,
das uns in seinen Hauptziigen schon bekannt ist.
Wir wissen, daft die gegenwartige zivilisierte Menschheit im wesent-
lichen darstellt die Fortbildung derjenigen Menschheit, die sich vor der
atlantischen Katastrophe entwickelt hat auf dem atlantischen Kon-
tinent, von dem wir ja des ofteren gesagt haben, dafi er sich ausbreitete
zwischen dem heutigen Europa, Afrika und Amerika an der Stelle, wo
heute der Atlantische Ozean ist. Wir wissen, dafi unter dem Einflufi
der atlantischen Katastrophe, schon als sie sich vorbereitet hat und wie
sie dann ihren Fortgang nahm, die damalige Menschheit unseresWestens
sich zunachst nach Osten hin bewegte, Europa und weiterziehend Asien
bevolkerte, und dafi eigentlich die gegenwartige europaische und asia-
tische Bevolkerung besteht aus der Nachkommenschaft der alten atlan-
tischen Bevolkerung. Wir wissen auch, dafi die Zivilisation dann in
einer gewissen Weise den umgekehrten Weg genommen hat, dafi Zivili-
sationsinhalt, Kulturinhalt, der zunachst in Asien erobert worden ist,
von der Menschheit durch die Einwanderung von Kolonisatoren nach
Europa gebracht worden ist, dafi er dann da von verschiedenen Zentren
ausgegangen ist. So ist, ich mochte sagen, die physische Grundlage der
modernen Zivilisation, die Menschheit Europas und Asiens, Nach-
kommenschaft der alten atlantischen Bevolkerung, die vom Westen
nach Osten gezogen ist; die Zivilisation selbst aber hat den Zug von
Osten nach Westen gemacht. Diese zwei Wanderziige werden eigent-
lich nur richtig unterschieden, wenn man von geisteswissenschaftlicher
Forschung ausgeht. Die aufiere Anthropologic verwirrt die beiden
Dinge und weifi nicht, dafi dasjenige, was von Asien nach Europa sich
heriiber verpflanzt hat, eigentlich nur die Kultur ist, wahrend die
physische Grundlage Wanderziigen ihr Dasein verdankt, die von
Westen nach Osten sich erstreckten.
Nun aber ist der Mensch niemals ganz ohne Beziehung zu seiner
ortlichen Daseinsgrundlage. Er ist in einer gewissen Verwandtschaft
zu dem, was unter ihm der Erdboden ist, was der Erdboden hervor-
bringt, wie der Erdboden in klimatischen Verhaltnissen sich auslebt
und ihm eine Statte bereitet. Daraus konnen Sie schon schliefien - was
aber durch geisteswissenschaftliche Forschung voll bestatigt wird -,
dafi diejenigen Menschen, die durch die nachatlantischen Wanderungen
weiter nach Asien heriibergekommen sind, sich anders entwickeln mufi-
ten als diejenigen, die in Europa zuriickgeblieben sind. Trivial ge-
sprochen, kann man sagen: Der europaische Boden wirkte eben anders
auf die Nachkommen der Atlantier als der asiatische Boden. Und wir
konnen in einer gewissen Weise den Unterschied der asiatischen Bevol-
kerung von der europaischen Bevolkerung angeben. Dieser Unterschied
besteht darin, dafi tatsachlich gerade in den altesten Zeiten der nach-
atlantischen Zivilisationsentwickelung, im 9., 8., 7., 6. vorchristlichen
Jahrtausend und auch noch in den folgenden Jahrtausenden, die asia-
tische Bevolkerung in einer andern Weise dasjenige aufgenommen hat,
was eigentlich voll herausgekommen ist erst seit dem 15. Jahrhundert,
wie ich das letzte Mai angedeutet habe, was aber schon vorbereitet
worden ist in den fruheren Jahrhunderten nicht nur, sondern in Jahr-
tausenden: das Intellektualistische, das eigentliche Denken.
So wie wir heute dieses Denken kennen, so wie wir heute den
menschlichen Intellektualismus als innere Selbstbetatigung der Seele
anerkennen, so kam er in seiner ureigenen Gestalt erst heraus in der
allerneuesten Zeit. Aber die ganze Entwickelung, namentlich die nach-
atlantische, ist ein Hintendieren zu diesem Intellektualismus. Und das
Bedeutsame ist, dafi die asiatische nachatlantische Bevolkerung alles
dasjenige, was wir als Intellektualistisches ansprechen konnen, auf-
genommen hat mehr mit den seelischen Elementen; so dafi wir da,
innerhalb dieser asiatischen Bevolkerung, sagen konnen: Die ortlichen
Verhaltnisse pradestinieren diese Bevolkerung besonders dazu, das See-
lische mit den Vorstufen des intelligenten Wesens zu durchdringen.
Das ist das Bemerkenswerteste in der asiatischen Zivilisation, dafi das
Seelische als solches das Werkzeug wurde fur das Aufnehmen des
intelligenten Prinzips.
In Europa, bei den dort zuriickgebliebenen Menschen, war das
anders. Da war es ganz ausgesprochen so, dafi die korperliche Ent-
wickelung, die physische Organisation, nicht nur spater das wirkliche
Werkzeug des Intellektualismus wurde, sondern sich schon so heraus-
bildete, dafi sie das Wesentliche dieser europaischen Bevolkerung bil-
dete, daft sie sich besonders geeignet machte, der Trager des intelligen-
ten Wesens zu werden. Wenn man daher die Nachkommen der frii-
hesten Nachkommen der Atlantier, welche wir also selber sind, charak-
terisieren will, so muE man sagen: Die Asiaten gewohnten sich daran,
mehr mit der Seele zu denken; die Europaer gewohnten sich daran,
mehr mit dem Korper zu denken. - Das ist auch der wesentliche Unter-
schied zwischen asiatischer und europaischer Zivilisation. Wenn Sie
einendurchgreifendenUnterschied aufzeigen wollen zwischen dem, was
als intelligentes Wesen in den Veden oder in der Vedantaphilosophie
oder andern asiatischen Geistesstromungen hervortritt gegeniiber dem
europaischen Wesen, so werden Sie sich sagen miissen: Der Asiate denkt
eben mehr durch die Seele, der Europaer mehr durch das Leibliche.
Und so kommt es denn, dafi, weil der Asiate das Intellektuelle ge-
wissermafien mit einem hoheren menschlichen Wesensglied auffafite,
er viel friiher zu einem hohen Grade der Zivilisation, aber einer mehr
seelischen Zivilisation kam, einer Zivilisation, die weniger abstrakte
Begriffe in ihrer Struktur hatte, die aber die Wege weiter hinauf findet
zu dem seelisch-geistigen Weltinhalt durch den seelisch-geistigen Men-
scheninhalt, ohne zu abstrakten Begriffen ihre Zuflucht zu nehmen.
Das macht das spirituelle Wesen der asiatischen Zivilisation aus, dafi
sie im wesentlichen eine seelische Zivilisation ist. Der Asiate lie£ im
hohen Grade seine Leiblichkeit unbeniitzt bei seinem Denken; er trug
seinen Leib durch seine irdische Laufbahn. Dasjenige, was sein Geistes-
leben ausmachte, das pflegte er im Rein-Seelischen. Sie verstehen nicht
die ganze eigentiimliche Artung des asiatischen Wesens, wenn Sie sie
nicht von diesem Gesichtspunkte aus betrachten. Der Europaer dachte
immer mehr und mehr mit dem Korperlichen. Daher wurde auch bei
ihm mehr als beim Asiaten der Grund gelegt zu einer Kultur, welche
das Freiheitsprinzip in die Mitte stellen kann. Der Asiate, dem die
Intelligenz beschieden war im Seelischen, der war noch mehr darinnen
in dem allgemeinen Weltenorganismus. Der menschliche Leib sondert
sich ja besonders heraus aus dem iibrigen Weltenorganismus, und be-
nutzt man ihn als das besondere Werkzeug des intellektuellen Lebens,
so wird man selbstandiger, aber auch mehr mit seiner Selbstandigkeit
an den Leib gebunden als der Asiate, der die Intelligenz innerhalb des
seelischen Prinzips entwickelt hat und dafur weniger selbstandig wird.
Wir haben also iiber Asien hin, je mehr wir uns der Zeit nahern in
der Menschheitsentwickelung, die das Mysterium von Golgatha brachte,
eine hohe seelisch-geistige Kultur, die nun sogar schon wiederum ihren
Hohepunkt iiberschritten hatte, als das Mysterium von Golgatha ein-
trat, die schon wiederum etwas im Niedergang war. Denn man sollte
sich nicht dariiber tauschen: Mit europaischen Begriffen ist nicht so
ohne weiteres dasjenige zu fassen, was an hoher Kultur durch das
Seelisch-Geistige im Asiatentum hervorgebracht worden ist. Und wenn
so richtig europaisch denkende Menschen, das heilk Menschen, die ganz
mit dem Werkzeug des Leibes denken, wie zum Beispiel Deussen, es
unternehmen, das Asiatische dem Europaer nahezubringen, dann kommt
etwas heraus, was eben durchaus nicht dem Inhalt der seelisch-geistigen
Zivilisation Asiens entspricht, sondern das alles, was dort lebt, ins Eu-
ropaische iibersetzt. Es ist ja sogar unter solchen Einfliissen moglich
geworden, daft Interpretationen gewisser indischer Geistesstromungen
in Europa Aufsehen gemacht haben, wie die Garbeschen, die nichts
anderes bedeuten als die konfuse Ubersetzung des asiatischen seelisch-
geistigen Wesens durch den europaischen Materialismus. In den Schrif-
ten dieser Art ist eben auch nicht eine Spur vorhanden von dem, was
der Geist des alten Asiatentums war. Es ist notwendig, heute auf diese
Dinge streng hinzuweisen, weil gerade heute, wie ich des ofteren er-
wahnt habe, der Autoritatsglaube einen f urchtbar hohen Grad erreicht
hat und man eigentlich schon gar nichts mehr hat, was einen veranlaflt,
irgend etwas als giiltig anzusehen als die Tatsache, dafi irgend etwas
aus akademischen Kreisen kommt. Es gibt natiirlich keinen wirklich
inneren Grund, die Deussensche oder Garbesche Verhunzung des Asia-
tentums als irgend etwas Bedeutsameres anzusehen als den auf Irr-
pfaden gehenden Autoritatsglauben Europas, der gar nicht mehr in der
Lage ist, irgendwie innerliche Griinde zu finden, sondern der eben nur
auf auflere Autoritat hin noch glaubt, dafi das oder jenes richtig ist.
Es hilft nichts - wenn das auch neue Feindschaften hervorbringt -,
iiber diese Dinge nicht die Wahrheit zu sagen, denn der Ernst der Zeit
fordert durchaus, dafi in gewissen Dingen keine Kompromisse geschlos-
sen werden, sondern dafi auf die Wahrheit riickhaltlos hingedeutet wird.
Schon als die spirituelle Hochkultur Asiens in einem gewissen Nie-
dergang war, fiel in diese Hochkultur hinein das Ereignis von Golgatha.
Dieses Ereignis von Golgatha - man kann es nicht oft genug betonen -
wurde zunachst aufgefafit, begriffen durch dasjenige, was asiatische
Kultur hervorgebracht hat. Man mufi wirklich unterscheiden zwischen
dem Mysterium von Golgatha als Erdentatsache, zwischen dem, was
sich im Beginn unserer Zeitrechnung in Vorderasien zugetragen hat,
und demjenigen, was die Menschen sich als Vorstellung gemacht haben
iiber dieses Mysterium von Golgatha. Europa hatte zur Zeit, als das
Mysterium von Golgatha geschah, noch keine Moglichkeit, dieses
Mysterium von Golgatha voll zu begreifen, denn es war ein Ereignis,
das nur vom Geistig-SeeKschen aus zu begreifen war. Die europaische
Zivilisation aber hatte sich ausgebreitet mit dem Werkzeug des Mate-
riell-Korperlichen; mit dem, was in Europa hervorgebracht wurde an
materiell-kdrperlicher Zivilisation, war diese Tatsache, die da geschah
im Beginn unserer Zeitrechnung, aber nicht unmittelbar zu begreifen.
Die asiatische Zivilisation jedoch konnte Vorstellungen finden aus dem
geistig-seelischen Intellektualismus heraus, um dieses Ereignis von Gol-
gatha zu begreifen. Und so ist dasjenige, was geschehen ist in Palastina,
gegossen worden in die Vorstellungswelt des Orients. Und es ist als
solches gewandert nach dem Westen iiber Griechenland nach Italien
und ist als Tradition gebracht worden nach Europa.
Nun kann der Mensch aufierlich etwas empfangen, was er inner-
lich noch nicht erfassen kann; er kann es aufierlich empfangen durch
Tradition, durch Oberlieferung, durch das geschriebene Wort. Und
so bekam Europa zunachst die Erklarung, die Auffassung fur das
Mysterium von Golgatha durch die orientalische Oberlieferung, das
heifit, man verstand das Christentum im Lichte orientalischer, geistig-
seelischer Weisheit. Sie war grofi zur Zeit, als man noch gnostisch
begriff das Mysterium von Golgatha und die Stellung des Christus zur
ganzen Erdenentwickelung. Sie wurde immer geringer und geringer,
als die Europaer immer mehr und mehr ihre Eigenart hineinmischten
in die Tradition. Sie mufiten ihre Eigenart, das heifit das Gebundensein
mit dem Intellektualismus an das Leibliche, hineinmischen in ihre Auf-
fassung. Und was sich insbesondere in Europa zeigte, das war, dafi
zwar in den alten Zeiten der menschliche Leib der Europaer in hohem
Mafie das Werkzeug fur ihre Art elementaren Intellektualismus war,
dafi aber dieser Korper allmahlich erstarb. Und eigentlich ist die kor-
perliche Entwickelung der europaischen Menschheit bis ins 15.Jahr-
hundert und noch bis in unsereZeit herauf einErsterben des materiellen
Leibes. Unser materieller Leib wird immer dichter und knocheriger.
Das kann man nicht mit aufierer Anatomie und Physiologie nach-
weisen, aber es ist der Fall. Wir haben heute nicht mehr diesen innerlich
lebendigen Leib, den die Menschen des 1., des 3., ja sogar des 10. und
ll.Jahrhunderts noch hatten. Wir haben heute einen europaischen Leib,
welcher gegeniiber diesem alten, innerlich lebendigen Leib verknochert
ist, abgelahmt ist. Daher stand auf der einen Seite die fur das asiatische
Geistig-Seelische berechnete Tradition, die die kirchlichen Glaubens-
bekenntnisse bewahrten, und auf der andern Seite immer mehr und
mehr der europaische Leib, dem fremd und fremder wurde das, was
aus Asien herubergekommen war, und der nach und nach auch nicht
mehr empfangen konnte, was aus Asien herubergekommen war.
Und jetzt kam immer mehr und mehr seit der Mitte des 15. Jahr-
hunderts herauf unter dem Einflusse des verknocherten europaischen
Leibes die Tatsache, dafi die alte Tradition nur noch dem aufieren,
phrasenhaften Wortlaute nach innerhalb der Bekenntnisgemeinschaften
bewahrt wurde. Jahrhunderte hindurch war noch die Tradition so
lebendig, dafi man nicht viel Rucksicht nahm auf das Evangelium,
sondern sich an das Leben hielt. Unter dem Einflufi des ersterbenden
europaischen Leibes fand man sich dann gendtigt zu sagen: Die Tra-
dition wollen wir abwerf en, nur noch an das Wort wollen wir glauben,
an das Wort, das aufgeschrieben ist. Man glaubt namlich, man hatte
das Wort, indem man die schlechte Ubersetzung des Wortes hat. Und
so ist man allmahlich dazu gekommen, ohne dafi man sich das gestehen
will, dafi man eigentlich nur mehr die aufiere Hiille des alten Wortes
hatte, das in sich schlofi die Kunde iiber das Mysterium von Golgatha
in dem Gewande orientalischer geistig-seelischer Weisheit.
Diese orientalisch geistig-seelische Weisheit wird wenig verstanden
von denen, die heute oftmals die Evangelien interpretieren, oder iiber-
setzen, wenig, fast gar nicht. Wir stehen eben heute vor der Notwendig-
keit, das Mysterium von Golgatha neu aufzufassen; aber wir konnen
es nicht auffassen, wenn wir in Europa nicht hinauskommen iiber das,
was uns der schon ersterbende europaische Leib gibt. Wir mussen durch
geisteswissenschaftliche Entwickelung zu einem Erfassen der geistigen
Welt kommen, unabhangig von diesem Leibe. Und alles Heil der Zu-
kunft hangt daran, dafi wir zu einem solchen Erfassen der geistigen
Welt kommen, das unabhangig ist von dem Leiblichen, das direkt auf
das Geistige losgeht. Es wird sich unterscheiden mussen von dem, was
die orientalische geistig-seelische Kultur in sich hat. Diese orientalische
geistig-seelische Kultur kam durch die Entwickelung des Menschen wie
von selbst an diesen heran. Der Europaer der neueren Zeit mufi sie sich
erwerben. Er mufi Geisteswissenschaft pflegen. Er mufi die offentliche
Erziehung von der untersten Stufe an so einrichten, dafi nicht theo-
retisch Geisteswissenschaft getrieben wird, aber dafi diese einfliefit in
das ganze Gebaren namentlich des Unterrichts und der Erziehung, dafi
Geisteswissenschaft auch hineinfliefit in den hoheren Unterricht, dafi
Geisteswissenschaft lebt in alledem, was Kunst, Literatur und so weiter,
was in dieser Beziehung offentliches geistiges Leben ist. Und es mufi
diese europaische Kultur dafiir sorgen, dafi Geisteswissenschaft als
solche gepflegt werde. Was wird dann aus dieser Geisteswissenschaft
herauswachsen? Es wird herauswachsen ein neues Verstandnis des
Mysteriums von Golgatha. Und sagen wird man mussen: Das sind alte
Zeiten, in denen man nur nach der orientalischen geistig-seelischen
Weisheit interpretiert hat das Mysterium von Golgatha, und eine leben-
dige neue Weisheit muft in neuer Weise das Mysterium von Golgatha
erfassen.
In vieler Beziehung haben wir ja iiber diese Dinge ofter gesprochen,
aber sie miissen von alien Seiten unsere Seele ergreifen. Es ist notwen-
dig, dafl wir den Ernst in unsere Empfindung aufnehmen, der wirklich
uns durchdringt mit der Einsicht von der Notwendigkeit eines neuen
Verstandnisses des Mysteriums von Golgatha. Und da liegt immerhin
etwas vor, was, ich mochte sagen, den Ernst gerade fiir die mitteleuro-
paische Bevolkerung zu einem noch herberen macht.
Wenn wir mit einem tieferen Verstandnis hinblicken auf dasjenige,
was Geistesleben geworden ist in der zweiten Halfte des 18. Jahrhun-
derts, in der ersten Halfte des 19. Jahrhunderts gerade innerhalb Mittel-
europas, so werden Sie sagen miissen: Da ist, trotzdem natiirlich auch
die Bevolkerung dieses Mitteleuropa Leiber hatte, die schon im Ab-
sterben waren, doch noch so viel Lebendiges gewesen, dafi sich diese
Bevolkerung Mitteleuropas herauf erheben konnte zur Lebendigkeit
der Ideenwelt, wie sie eigentlich niemals vorher in der Menschheits-
entwickelung erreicht worden ist. Es gibt keine solche Erhebung des
Menschen zu abstrakten Begriffen, aber zugleich so, dafi, wenn man
in diesen abstrakten Begriffen lebt, man nicht im Toten lebt, sondern
im Lebendigen, wie es zum Beispiel erreicht worden ist vom Goethe-
anismus oder von den idealistischen deutschen Philosophen. Das gibt
es sonst in der Menschheitsentwickelung nicht. Das ist auch in einer
gewissen Beziehung ein Hohepunkt, den man sich nur wirklich ganz
klarmachen mufi. Die heutige Menschheit will eben nichts mehr davon
wissen, wie, um jetzt einmal einen Geist aus der Reihe der Goetheanisten
herauszugreifen, ein Mensch wie Schelling - ich habe das ofter geschil-
dert - sich in der Sphare abstrakter Begriffe bewegt, und doch, obwohl
er in abstrakten Begriffen redet, so lebendig in dieser Welt der abstrak-
ten Begriffe sich bewegt, wie sonst einer nur, wenn er von Essen und
Trinken spricht. Auch bei Ficbte war das der Fall. Dieses Herauf-
steigenkonnen in die Sphare der Begriffe und Ideen in Lebendigkeit
tritt uns auf diesem Gebiet menschlicher Entwickelung ganz besonders
entgegen. Daher liegt wirklich fur diese mitteleuropaische Bevolkerung
doch etwas ganzBesonderes vor im ganzen Zusammenhang der neueren
Menschheit. Bei dieser mitteleuropaischen Bevolkerung liegt namlich
tatsachlich das vor, daft sie durch ihre besondere Eigenart, die eigent-
lich erst in der zweiten Halfte des 19. Jahrhunderts iiberflutet worden
ist von etwas anderem, am ehesten ergreifen kann den Beruf der
modernen Menschheit, wiederum in die Geistigkeit hineinzukommen.
Deshalb ist es so furchtbar schmerzlich zu empfinden, daft es heute in
Mitteleuropa ein so schlafriges Menschenwesen gibt, das in einem ge-
wissen Sinn auf den Grabern Lessings und Goethes und Herders und
Schillings herumgeht und selber seine Aufgabe im seelischen Schlafen
sieht. Denn tatsachlich, im Wiederankniipfen an dasjenige, was diese
Geister geschrieben und gedacht haben, aber nicht in aufierlicher Weise,
sondern im Wiederankniipfen an den Geist, aus dem heraus sie ge-
schrieben haben, wiirde dasjenige liegen, was Europa in die Hohe
bringen konnte. Europa kann nicht in die Hohe gebracht werden,wenn
in seinen Kirchen die unverstandenen Evangelienworte nachgeplappert
werden. Europa kann nur in die Hohe gebracht werden, wenn die Er-
fassung der geistigen Welten gesucht wird in einer weiteren Fortbildung
desjenigen, was ein Herder, ein Goethe und andere erstrebt haben. Aber
davon wird in der Gegenwart fast gar nichts bemerkt. Es ist schon ein
trauriges Zeichen der Zeit, daft zum Beispiel innerhalb einer Kultur-
gemeinschaft, die so etwas besitzt wie Fichtes «Bestimmung des Men-
schen», wie Schellings «Bruno», wie Schillers «Asthetische Briefe», und
ich konnte Ihnen noch vieles nennen, daft innerhalb einer solchen Kul-
turgemeinschaft einStreben aufkommen konnte, das sich zu den lacher-
lichen, oberflachlichen Amerikanismen eines Ralph Waldo Trine und
ahnlichen andern hingewandt hat. Man hat hier weit, weit Hoheres,
laftt es schlafen und wendet sich zu anderem hin.
Und je mehr man in das eigentliche geistige Gebiet hineindringt,
desto starker offenbart es sich, daft im Leben der heutigen Menschheit
Neues offenbar wird. Der Mitteleuropaer wird von dem Westeuropaer
wenig verstanden; der Westeuropaer wird von dem Mitteleuropaer
wenig verstanden, auch schon im gewohnlichen Leben. Aber man be-
merkt es da nicht so. Man glaubt sich zu verstehen. Man merkt nicht,
daft man aneinander vorbeiredet. Ich will nicht reden von dem Anein-
andervorbeireden der Amerikaner und Europaer, sondern von dem der
Mittel- und Westeuropaer. In diesen Dingen kann man ja auch Merk-
wiirdiges erleben.
Ich habe Ihnen auch das letzte Mai, als ich hier war, erzahlt, daft
das Verleumdungssystem nicht nur hier innerhalb Deutschlands spielt,
sondern daft es auch aufterhalb der Grenzen Deutschlands spielt. Ich
habe Ihnen von diesem Ferriere erzahlt, der in einer belgisch-schwei-
zerischen Zeitschrift sich zum Verbreiter eines sonderbaren Marchens
gemacht hat, indem er erzahlte, daft es ja allbekannt ware von mir,
daft ich der «Rasputin» Wilhelms II. gewesen sei und wesentlich beige-
tragen hatte zu all den schlechten Ratschlagen, die Wilhelm II. in der
Schreckenszeit gegeben worden sind. Ich habe nun, genotigt durch
diese Verleumdung, die sich namentlich innerhalb der franzosischen
Schweiz ausgebreitet hatte, entgegnet in der Form, daft ich die Wahr-
heit, um die es sich hier handelt, niederschrieb, namlich die nackten
Tatsachen: daft ich den ehemaligen Kaiser nur von feme fliichtig ge-
sehen habe, daft ich niemals ein Wort mit ihm gesprochen habe, daft ich
niemals auch nur eine mittelbare Verbindung mit ihm gesucht habe.
Ich habe diese nackten Tatsachen niedergeschrieben in einem Brief an
Herrn Dr. Boos, der dann seinerseits dem Ferriere die notige Abferti-
gung gegeben hat. Es wurde dies aufgenommen in der betreffenden
Zeitschrift und auch gleich die Erwiderung abgedruckt. Diese Erwide-
rung hat ungefahr den folgenden Inhalt: Man sehe an diesem Beispiel
wiederum den groften Unterschied zwischen dem lateinischen Geist
und dem germanischen Geist. Der germanische Geist nahme alles so
serios. «Meine Leser», so schreibt Ferriere, «werden sich aber nicht
haben tauschen lassen; sie werden schon herausgefunden haben, daft
dasjenige, was ich niederschrieb, als <plaisanterie> gemeint ist und nicht
als <mechancete>. Im ubrigen konstatiere ich, daft man die Erfahrung
machen kann, daft auch dann, wenn man etwas hort von Menschen,
von denen man glaubt, daft man ihnen glauben konnte, auch wenn das
Geriicht eine weite Verbreitung gefunden hat, es doch nicht wahr sein
kann. Ich nehme davon Notiz.» Und so weiter.
Das war die elegante Erwiderung, die der «lateinische Geist* mit
«plaisanterie» iiber den seriosen germanischen Geist geben konnte.
Wenn solche Dinge noch hervortreten, dann kann man ja noch zufrie-
den sein, aber sie werden sehr haufig nicht bemerkt.
Aber noch bedeutsamer treten diese Dinge hervor gerade auf dem
Gebiet einer tief eren Weltauf f assung, da, wo diese Dinge hineinspielen
in die Wissenschaft von der Initiation, in die Wissenschaft der Ein-
weihung und in all das, was damit zusammenhangt. Und hier auf die-
sem Gebiet ist es in der Tat schon notwendig, dafi einmal an diese
Dinge geriihrt werde, an die zu riihren allerdings manche Menschen
heute noch fur aufierordentiich gefahrlich halten. Und so mochte ich
denn heute zu Ihnen von einer Tatsache sprechen, die nach der Mei-
nung namentlich westlicher Vertreter der Einweihungswissenschaft
eben nicht besprochen werden soil.
Sie konnen yon westlichen Vertretern der Einweihungswissenschaft
immer wieder und wiederum horen, dafi es eigentlich ganz untunlich
sei, dafi jemand von sich selber aus die selbsterkannte Einweihungs-
wissenschaft verbreitet. Sie werden daher immer finden, dafi, wenn
wirklich Eingeweihte des Westens durch offentliche Schriften Ein-
weihungswissenschaft zur Darstellung bringen, sie es ablehnen, selber
erfahrungsgemafi von den Dingen, die sie mitteilen, etwas zu wissen.
Sie finden es als eine typische Tatsache, dafi irgend jemand Dinge mit-
teilt, die durchaus Einweihungswissenschaft sind, besonders in Amerika
erscheinen solche Dinge, da wird dann eine Vorrede dazu gemacht, das
gehort einfach zur Technik der Behandlung der ganzen Sache, und
darin wird gesagt: Es ist selbstverstandlich, dafi ich alle diese Dinge
nicht von mir habe, denn hatte ich sie von mir, so wiirde ich sie nicht
mitteilen. - Sehen Sie nach, Sie werden bei einer grofien Anzahl von
Dokumenten gerade der Einweihungswissenschaft des Westens solche
Dinge finden. Und wenn dann die Frage entsteht, warum so verfahren
wird, dann bekommen Sie eine gewisse Antwort, die innerhalb be-
stimmter Grenzen fur westliche Einweihungswissenschaft durchaus zu-
treffend ist. Da wird Ihnen gesagt: Derjenige, der direkt, unmittelbar
in der geistigen Welt etwas erfahrt, der also die Geheimnisse der gei-
stigen Welt kennt, der kann ja dem andern nicht sagen, dafi er sie
durch eigene Erfahrung kennt - so wird in der Regel die Antwort
wortlich lauten denn verrat er, dafi er aus eigener unmittelbarer Er-
fahrung Einweihungserkenntnisse besitzt, so begibt er sich lebenslang-
lich in Abhangigkeit von dem, dem er sein Geheimnis verrat.
Diese Anschauung, die in dem Wesen der westlichen Einweihungs-
wissenschaft begriindet ist, fiihrt dazu, dafi in einer ganz aufier lichen
Weise iiber alles Einweihungsgemafie bei den westlichen Einweihungs-
gesellschaften gesprochen wird, daft durchaus unter den westlichen
Menschen Eingeweihte herumgehen, von denen kein Mensch weift, dafi
sie Eingeweihte sind. Diese Anschauung, die iiberwunden werden raufi
von der neueren Zeit, die kann gar nicht in Mitteleuropa gelten, und
es muii gerade der Geist, der in Mitteleuropa sein sollte, diese An-
schauung bekampfen. Und zwar mufi dieser mitteleuropaische Geist
sie dadurch bekampfen, daft er in der vorhin charakterisierten neuen
geistigen Weise verstehen lernt das Mysterium von Golgatha, ver-
stehen lernt das Leben nut dem Christus- Wesen.
Hier liegt ein wichtiges Geheimnis. In westlichen Landern ist es heute
mit der gebrauchlichen Einweihungswissenschaft noch vielfach so, dafi
sie ferne steht dem Christen turn; sonst hatte nicht die Theosophical
Society mit Ausschlufi des Christentums oder mit einem karikierten
Christentum eine rein orientalische, indische Weisheit, eine vorchrist-
liche Weisheit als etwas Neues angewandt. Es ist eine Eigentiimlichkeit
dieser westlichen Einweihungswissenschaft, dafi derjenige, der dort ein-
geweiht ist, nur etwas hat von seiner Einweihung, wenn er wenigstens
einen Schiiler hat, der seine Vorstellungen wiederholt. Es niitzt gar
nichts, die Einweihungswissenschaft nur fur sich allein zu haben. Ge-
radeso wie Sie geradeaus sehend mit Ihren Augen auf keinen Gegen-
stand treffen, so treffen Sie nicht auf Ihre eigenen geistigen Begriffe,
wenn Sie als westlicher Eingeweihter nicht schauen konnen auf die
Wiederholung Ihrer Vorstellungen bei einem andern. In der mannig-
faltigsten Form wird das schon angedeutet, aber man erkennt es nicht
richtig. In der Tat, wenn es so ist, dann gilt es, dafi derjenige, der einem
andern verrat, dafi er selber ein Eingeweihter ist, lebenslanglich in die
Gewalt dieses andern kommt; denn der andere kann ihm den Dienst
aufsagen und kann ihm sagen: Ich wiederhole deine Vorstellungen
nicht. - Es kommt eine gewisse Abhangigkeit heraus unter diesem
Prinzip. Das gehort im wesentlichen zu den charakteristischen Eigen-
schaften derjenigen Einweihungswissenschaft, von der ich Ihnen oft-
mals von andern Gesichtspunkten aus als herrschender Einweihungs-
wissenschaft des Westens erzahlt habe.
Nun gibt es gegeniiber dieser Abhangigkeit von der Anhangerschaft
nur ein einziges: Die Gemeinschaft zu haben mit dem Christus, der ja
seit dem Mysterium von Golgatha auf der Erde wirklich zu finden ist.
Wer in dieser Gemeinschaft nicht mit einem nichtsinnlichen Menschen-
wesen, sondern mit dem unter die Menschen gegangenen ersten Bruder
die Gemeinschaft halt, mit dem lebendigen, unter uns wandelnden
Christus diejenige Gemeinschaft halt, die man in der vorchristlichen
Einweihung mit einem andern Menschen haben muftte, der braucht
nicht davor zuriickzuschrecken, seine eigene Weisheit an die Mitwelt
mitzuteilen. Aber es gibt in der Gegenwart keinen andern Weg, ur-
spriingliche Initiationsweisheit unmittelbar mitzuteilen, als wenn man
die Gemeinschaft mit dem Christus halt. Einen andern Weg gibt es
nicht. Und daher wird wirkliche Initiationsweisheit der neueren Zeit
diese Gemeinschaft mit dem Christus suchen miissen. Wenn sie nicht
gesucht werden konnte, diese Initiationsweisheit, wir konnten in sozia-
ler Erkenntnis nicht vorwartskommen. Denn mit dem, was nicht aus
der Einweihung stammt, ist heute kein soziales Denken mehr zu ent-
wickeln. Das aber gerade brauchen wir. Und wenn aus der westlichen
Initiationsweisheit allein herausgeboren wiirde ein soziales System, so
wiirde das darauf beruhen miissen, daft die Initiationsweisheit selbst
bis in weite Gebiete herunter - gewisse hohere Gebiete konnen ja heute
den Menschen nicht mitgeteilt werden, weil dazu Vorbereitung notig
ist - geheimgehalten wird. Aber mit dieser Art von Geheimhaltung ist
ja von vornherein nicht vereinbar das Prinzip der Gleichheit aller
Menschen, welche immer mehr und mehr angestrebt wird von dem
neueren europaischen, uberhaupt vom modernen zivilisierten Men-
schentum. Daraus sehen Sie, daft gerade da, wo man Initiationsweisheit
findet, hineinspielt der kolossale Unterschied zwischen der Veran-
lagung der mitteleuropaischen Menschen und derjenigen der westlichen
Menschen. Viel mehr wird dieser Unterschied deutlich, wenn es sich
handelt um die Initiationsweisheit, als wenn es sich handelt um das-
jenige, worin man in der Gegenwart so aneinander vorbeigeht und
glaubt, man konne die Menschheit in eine abstrakte einheitliche Form
bringen. Das kann man nicht. Die Menschheit ist differenziert und die
Differenzierung zeigt sich besonders, wenn man in die Tiefen der Ein-
weihungswissenschaft hineingeht. Mit diesem Thema ist tatsachlich
etwas sehr Bedeutsames angeschlagen und ich werde es schon notig
haben, einzelne weitere Erklarungen zu diesem Thema noch zu geben
wahrend meiner hiesigen Anwesenheit. - Auf dem Gebiete der wirk-
lichen Geist-Erkenntnis kann nicht mit Uberhudeln, mit Nachlassig-
keiten, mit einem Wenig-Ernst-Nehmen der Wahrheit gerechnet wer-
den. Das geht eben einfach nicht. Es ist Wahrhaftigkeit notwendig.
DRITTER VORTRAG
Stuttgart, 9.Marz 1920
Ich mochte die Betrachtungen, die wir in diesen Tagen hier angestellt
haben, heute noch durch einiges erganzen, das geeignet sein kann, in
manche Begrif f e, aus denen heraus in der Gegenwart gehandelt werden
soil, Wirklichkeit einzufiillen, das, ich mochte sagen, geeignet sein kann,
Begriffe zu finden, die weniger abstrakt sind als fast alle Begriffe, von
denen sich die Menschheit heute beherrschen lafit. Solche Begriffe
haben wir gar sehr notwendig, denn nur solche Begriffe gehen ein in
die Empfindungswelt des Menschen und dadurch in das wirkliche
Leben, nur solche Begriffe konnen auch befeuern das menschliche
Wollen und Handeln.
Wir iiberblicken heute die Welt und sollten eigentlich als eigentiim-
lichstes Kennzeichen des sozialen Lebens iiber die zivilisierte Welt hin
das betrachten konnen, dafl sich an die Stelle f riiherer kleinerer mensch-
Iicher Zusammenhange grofiere menschliche Zusammenhange gestellt
haben. Wir brauchen ja nicht weit in der Menschheitsentwickelung
zuriickzugehen, um zu finden, dafi soziale Zusammenhange nur uber
ein geringes Territorium ausgebreitet waren. Wir finden, dafi Stadte-
gemeinschaften eine verhaltnismafiige Einheit bildeten, und im Grunde
genommen erst in der neuesten Zek entstehen die grofien imperialisti-
schen Gemeinschaf ten, aus denen heraus sich das ergeben hat, was Ihnen
ja auch schon ofter charakterisiert worden ist: das Imperium der eng-
lisch sprechenden Bevolkerung. Es sollte sich iiber die Folgen dieser
Geschehnisse eigentlich gerade in Mitteleuropa heute kein Mensch
irgendwelchen Illusionen hingeben. Aber ordentliche, wirklichkeits-
gesattigte Begriffe iiber diese Dinge sind doch nur zu haben, wenn man
geisteswissenschaftliche Gesichtspunkte einnehmen will. Diese geistes-
wissenschaftlichen Gesichtspunkte fiihren uns in altere Zustande der
Menschheitsentwickelung zuriick und zeigen uns, wie auch da gewisse
Zusammenhange sich offenbarten unter den Menschen, die man aber,
wie ich auch schon ofter erwahnte, nicht «Staaten» nennen sollte, weil
man dadurch ungeheure Konfusionen hervorruft, sondern die man mit
irgendeinem andern, mehr gleichgiiltigen Worte belegen sollte: sagen
wir, «Reiche» sind entstanden. Und solche Reiche wurden regiert von
einzelnen Menschen, von einzelnenMenschengemeinschaften. Aus ihnen
hat sich dann etwas ergeben, was im weiteren Fortgang zu Staaten-
bildungen fiihrte, die man heute als etwas so Selbstverstandliches an-
sieht, dafi man an ihnen nicht riitteln will - wenigstens auf gewissen
Gebieten will man nicht an ihnen riitteln -, und, was noch schlimmer
ist, liber die man, weil man sie als etwas Selbstverstandliches ansieht,
gar nicht einmal nachdenken will.
Alledem liegt aber etwas zugrunde, was den Menschen verbindet,
innerlich verbindet in seinem Seelenleben mit dem Geistig-Gottlichen,
wie er es in den verschiedenen Zeiten der Erdenentwickelung ge-
nannt hat.
Geht man in halb vorgeschichtliche Zeiten zuriick, in Zeiten, die nur
noch so hereinragen in das geschichtliche Leben, so findet man, dafi in
diesen vorgeschichtlichen Zeiten der Begrif f eines Reichsregierers, sagen
wir - denn all unsere Worte sind ja doch fur diese alteren Begrif fe nicht
zutref fend -, ganz anders geformt war, als wir heute geneigt sind, ihn
zu verstehen. Der Begrif f eines Regierers eines irdischen Reiches gro-
fieren oder kleineren Kalibers wurde sehr nahe herangebracht an das,
was der Mensch als seinen Gottesbegriff erkannte. Damit kommt man
ja zu Dingen, die dem heutigen Menschen aufierordentlich paradox
vorkommen miissen. Das ist aber nur deshalb, weil dieser heutige
Mensch so wenig geneigt ist, wirklich einzugehen auf dasjenige, was
einmal da war in der Menschheitsentwickelung und was sich nicht
deckt mit den seit drei bis vier Jahrhunderten gewohnt gewordenen
Begriffen des Abendlandes oder seines Anhanges Amerika.
Allerdings, in jenen alteren Zeiten, die halb vorhistorische sind,
wurde auch, wenigstens in vielen Imperien, der Reichsregierer auf eine
andere Art in sein Amt eingefiihrt, als das in spateren Zeiten geschehen
ist. Wir brauchen nur in das alte Agypten, aber in die alteren, die halb
vorhistorischen Zeiten des alten Agypten zuruckzugehen, oder in das
alte Chaldaa, so finden wir iiberall, dafi es als eine Art Selbstverstand-
lichkeit angesehen wird, dafi die Vorlaufer der heutigen Priesterschaft
die Regenten fur ihr Amt vorbereiteten. Man hatte ganz konkrete Vor-
stellungen iiber diese Art des Vorbereitens eines Regierers durch die
Priesterschaft und ihre Einrichtungen. Man hatte die Vorstellung, dafi
durch diese Vorbereitung aus dem zur Regentschaft Berufenen wirk-
lich etwas wird, was sich noch als letzte Andeutung erhalten hat in der
chinesischen Benennung «Sohn des Himmels». Man hatte das Bewufit-
sein, man mufite eine Art «Sohn des Himmels» machen aus demjenigen,
der zum Regierer irgendeines Gebietes berufen war oder berufen
wurde. Aber bei diesen Dingen hatte man nicht die Vorstellung, die
man heute einzig und allein eigentlich aufbringt, wenn von mensch-
licher Erziehung oder von der Vorbereitung des Menschen zu irgend
etwas die Rede ist. Wenn man sich auch wiederum viel Miihe gibt,
darauf hinzuweisen, dafi man den Menschen nicht nur so erziehen
soilte fur das eine oder andere Amt in der Welt, dafi man Intellektua-
listisches in sein Wesen, in seine Seele hineinpfropft, sondern dafi man
den ganzen Menschen entwickele, so haben doch fast alle unsere heu-
tigen Begrif f e von Entwickelung, von Erziehung und dergleichen etwas
im hochsten Grade Abstraktes. Man hat die Vorstellung, dafi eigentlich
nur irgend etwas im Menschenwesen selbst im Sinne eines Fortschrittes
geandert oder verwandelt werden soil beim Erziehen, beim Vorbereiten
zu einem Amt. Man hat nicht die Vorstellung, dafi bei einer solchen
Entwickelung aus dem Menschen etwas ganz anderes werden soil, als
er vorher war. Vor alien Dingen hat man nicht die Vorstellung, dafi
etwas Objektives in den Menschen einfliefien soli, was vorher nicht in
ihm war. Die Vorstellung hat man nicht, die ich etwa in der folgenden
Art charakterisieren konnte: Ich rede mit einem Menschen, der nun
einmal aus dem heutigen natiirlichen und sozialen Leben heraus ent-
standen ist. Er sagt zu mir dies oder jenes, ich sage zu ihm dies oder
jenes. Er spricht zu mir als der Trager eines Namens, der aus den ge-
wohnlichen staatlich-burgerlichen Zusammenhangen stammt, aus denen
der Mensch heute nun einmal herauswachst. Ich spreche zu ihm eben-
so. - Es ist dieses ja fast die einzige Art, wie wir uns als Menschen heute
zueinander verhalten und wie wir jeden Menschen unter uns ansehen.
Dies war fur die Zeiten, von denen ich hier sprach, im Grunde ge-
nommen etwas ganz Fremdes. Vor alien Dingen war es etwas Fremdes
fur die Menschen, die zu wichtigen Xmtern, zur Fuhrung innerhalb der
Menschheit selbst berufen waren. Da war der aufterliche Naturzusam-
menhang, Abstammung, Vater, Mutter, Grofivater, Grofimutter und
dergleichen etwas nicht weiter in Betracht Kommendes, wenn die Be-
treffenden in der richtigen Weise fiir ihr Amt vorbereitet waren. Da
war aber auch nicht dasjenige mafigebend, was wir heute in einem,
auch zu den hochsten Spharen emporgehobenen Gegenwartsmenschen
suchen und finden, sondern da war man sich bewufit: Spricht man mit
einem in dieser Beziehung richtig erzogenen Menschen, so redet durch
diesen Menschen gar nicht das gewohnliche Ich, das da oder dort ge-
boren ist, das durch diesen oder jenen biirgerlichen Zusammenhang
abgestempelt ist, sondern es redet etwas, was durch die Vorbereitung,
durch die Erziehung innerhalb der Mysterienkultur veranlaftt worden
ist, herunterzukommen aus geistigen Hohen und Wohnung zu nehmen
in dem betreffenden Menschen. Selbstverstandlich spricht man mit
solchen Dingen etwas fiir den heutigen Menschen ungeheuer Paradoxes
aus. Aber es ist heute notig, iiber solche Dinge sich nicht mehr kon-
fusen, sondern wahrheitsgemafien Begriffen hinzugeben.
Man hatte eben die Vorstellung, die Erziehung musse so sein - nicht
jede Erziehung, sondern die Erziehung derjenigen, die zu wichtigen
Amtern berufen waren -, dafi aus diesen Menschen fortan Wesen der
hoherenHierarchien sprechen,die sich in ihnen nur einWerkzeug schaf-
fen. Man mufi dieses Werkzeug durch die Erziehung zubereiten, dann
kann es geeignetwerdendazu,daft Wesen der hoherenHierarchien durch
diesesWerkzeug sprechen.Und was so gepflogen wurde, ging in das allge-
meine Bewufitsein iiber und machte sich in diesem insbesondere geltend,
wenn beurteilt wurde durch das allgemeine Volksbewufitsein, wer der
Herrschende, der Regierende ist. Es haben sich eben nur solche t)ber-
reste wie die Benennung des Regierers von China als «Sohn des Him-
mels» aus diesen Zeiten erhalten, in denen aber ein Menschheitsbewulk-
sein vorhanden war, wie es eben auf findbar ist fiir geisteswissenschaft-
liche Forschung in den altesten agyptischen und chaldaischen Zeiten.
Da war fiir das allgemeine Volksbewufitsein der Herrscher der Gott.
Und einen andern gottlichen Begriff hatte man im Grunde genommen
nicht. Der Herrscher wurde so vorbereitet, daft die aufierliche mensch-
liche Gestalt bei ihm nichts war, dafi sie nur die Gelegenheit dazu gab,
dafl unter den Menschen sich ein Gott bewegte. Es war ganz selbstver-
standlich fiir die altesten Bewohner des spateren agyptischen Reiches,
anzuerkennen mit ihrem Bewufitsein, dafi sie von Gottern regiert wer-
den, die in Menschengestalt auf der Erde wandeln. In diesem Sinne war
das alteste soziale Bewufitsein der Menschen auf der einen Seite ein
durchaus realistisches. Man erkannte nicht an irgendein besonderes Jen-
seits, eine besondere geistige Welt. Die geistige Welt war da, wo auch
die Welt war, in der die irdischen Menschen wandelten; aber in dieser
Welt, in der die irdischen Menschen wandelten, wandelten in Fleisches-
gestalt nicht nur gewohnliche Menschen, sondern auch die Gotter. Die
gottliche Welt war mitten drinnen, aber absolut sichtbar unter den
Verhaltnissen, die man durch die Mysterienkultur zu schaffen gewohnt
war. Wenn dieser Regierende etwas verfugte, etwas wollte, dann wollte
es ein Gott. Und im Bewufitsein der altesten Menschheit dieser halb
vorhistorischen Epoche ware es ein Unsinn gewesen, daruber zu dis-
kutieren, ob nun das geschehen solle oder nicht, was durch den Regie-
renden gewollt wurde; denn es war ja ein «Gott», der da wollte.
So verband altestes Menschheitsbewufitsein mit dem, was auf irdi-
schem Boden geschah, die geistige hierarchische Ordnung. Die war da
mitten unter den Menschen. Die war nicht etwas, zu dem man erst hin-
aufsteigt durch irgendwelche geistigen, innerlichen Mittel. Nein, sie
war da in den Mysterien als gehandhabte Erziehung fiir diejenigen Lei-
ber, die zu praparieren man geeignet fand, damit in ihnen die Wesen
der hoheren Hierarchien Wohnung nehmen und unter den Menschen
wandeln und regieren konnen.
So paradox das dem Gegenwartsmenschen erscheint, dieser Gegen-
wartsmensch muf$ endlich dazu kommen, aus seinen bornierten Begrif-
fen, die nur drei bis vier Jahrhunderte alt sind, so wie er sie heute fafit,
herauszukommen, und diese Begriffe zu erweitern. Denn man kann
nicht mehr in die Zukunft hiniiberdenkend sich entwickeln, wenn man
nicht dasjenige, was heute zu dem Borniertsein geworden ist auf fast
alien Gebieten des Lebens, erweitert dadurch, dafi man den Zeithori-
zont, den die Menschheit iiberblickt, ausdehnt, dafi man grofiere Ent-
wickelungsspannen iiberblickt, als heute der Mensch gewohnt ist, ge-
schichtlich zu uberblicken.
Das, was einmal da war in altesten Zeiten, in der historischen, in
der vorhistorischen Entwickelung, das wird allerdings im weiteren
Fortgang durch anderes ersetzt, aber es erhalt sich auf gewissen Ge-
bieten. Es erhalt sich oftmals auch so, dafi es sich veraufierlicht, sich
forttragt in aufierer Form und seinen inneren Sinn verliert. Dasjenige,
was dem altesten Imperialismus eigen ist: das Bewufitsein davon, dafi
der Herrschende der Gott ist, setzt sich in die Gegenwart herein da oder
dort noch fort, nur dafi es den Sinn nicht mehr hat, weil eine Mensch-
heitsentwickelung und nicht ein Menschheitsstillstand stattfindet.
Es ist noch nicht lange her, da erschien an einem gewissen Orte ein
Hirtenbrief eines katholischen Bischofs. Der setzte nicht mehr und
nicht weniger auseinander, als dafi der katholische Priester in seinen
Kultushandlungen machtiger sei als der Christus Jesus. Denn indem
der Priester auf dem Altar die heilige Handlung zelebriere, zwinge er
den Christus Jesus, den Gott des Christentums, hereinzutreten in die
irdische Welt, wenn der Priester die Transsubstantiation vollzieht. Der
Gott mag wollen oder nicht, er mufi durch die Transsubstantiation den
Weg nehmen, den ihm der Priester vorschreibt. Auf diese Ubermacht
des irdischen «Priestergottes» iiber den aus kosmischen Hohen her-
untersteigenden und im Fleische des Jesus auf der Erde wandelnden
«Untergott» hat in jiingster Zeit noch ein Hirtenbrief durchaus hinge-
wiesen. Solche Dinge stammen eben aus alteren Zeiten und sind in
unseren Zeiten sinnlos geworden. Gewisse Vertreter gewisser Bekennt-
nisse wissen ganz gut, warum sie solche Dinge aber wiederum in die
Menschheit hineinwerfen. Sie sind ebenso sinnlos geworden, wie wenn
Herrscher jiingster Zeiten in Stammbucher hineingeschrieben haben:
Des Konigs Wille ist oberstes Gesetz. - Wir haben auch diese Dinge
erlebt.Die schlafende Menschheit hat zu all diesenDingen geschwiegen,
wie sie auch jetzt wiederum schweigt zu den Dingen, die zum Unheil
der Menschheit vorgehen, an die man sich gewohnt, die man nicht sehen
will — wie man iiberhaupt heute kaum irgend etwas von den wich-
tigeren Vorgangen innerhalb der Menschheitsentwickelung sehen will.
Das ist eine erste Phase in der Entwickelung der irdischen Impe-
rien, dafi der Herrschende der Gott ist. In einer ziemlichen Lebendig-
keit geht diese Anschauung noch hinein in das Romertum. Wenn man
auch den Nero darstellen mag, ob man ihn darstellt als den Narren
oder den Bluthund, fiir grofie Kreise des romischen Volkes bedeutete
die furchtbare Tyrannis des Nero nichts anderes, als dafi sie staunten
dariiber, dafi ein Gott in soldier Gestalt auf der Erde herumwandeln
kann. Einen Zweifel, dafi das ein Gott sei, gab es fiir zahlreiche Be-
wohner des romischen Imperiums gegenuber der Gestalt des Nero nicht.
Ein zweites Stadium in der Entwickelung der Imperien ist der "Ober-
gang der Gottwesenhaf tigkeit des Herrschenden zu der Gottbegnadet-
heit des Herrschenden. Der Herrschende war der Gott in der ersten
Zeit der Menschheitsentwickelung der zivilisierten Erde. Der Herr-
schende bedeutet den Gott; er ist nicht von der Wesenheit des Gottes
durchdrungen, aber er ist inspiriert, begnadet von Gott. Was er tut,
gedeiht dadurch, dafi die gottliche Kraft, die jetzt schon nicht mehr in
ihm ist, sondern in einem Reich, das neben dem irdischen Reich steht,
in ihn hereinstromt, ihn inspiriert, ihn durchdringt, seine Handlungen
dirigiert.
Wollen wir einen Begriff finden fiir dasjenige, was so der Herrscher
der zweiten Stufe irdischer Imperien ist, so miissen wir sagen: der Herr-
schende ist ein Symbolum. Auf der ersten Stufe war der Herrschende
ein gottliches Wesen, das auf der Erde wandelte. Auf der zweiten Stufe
ist er dasjenige, was das Wesen bedeutet; er ist das Zeichen, das Bild,
durch das sich das Wesen ausdruckt. Der Herrschende ist das Bild des
Gottes.
Was sich so in den aufieren sozialen Verhaltnissen zur Geltung
bringt, das driickt sich dann aber auch aus in den Einrichtungen, in
den Institutionen. Wahrend in den altesten Zeiten die Imperien das
Gef iige haben, dafi eine Anzahl von Menschen dirigiert wird von einem
gottlichen Wesen, das aufierlich ihnen gleich aussieht, innerlich aber
von ihnen sehr verschieden ist, das ihr Gott ist, sehen wir auf der zwei-
ten Stufe der Imperien, wie der Fiihrende oder die Fuhrenden den Gott
oder die Gotter bedeuten, deren Symbole sind.
Wie auf der ersten Stufe menschlicher Imperien Diskussionen dar-
iiber, ob dasjenige, was der Herrschende, der Gott tut, berechtigt oder
unberechtigt ist, einUnsinn sind,beginnt auf der zweiten Stufe dieMog-
lichkeit, dariiber nachzudenken, ob irgend etwas von ihm Getanes recht
oder unrecht ist. Auf der ersten Stufe der Imperien ist immer recht, was
der Herrschende tut, was der Herrschende denkt, was der Herrschende
spricht, denn er ist der Gott. Erst auf der zweiten Stufe wird neben
dem, was als irdisches Reich den Gott in sich enthalt, den Gottbegna-
deten in sich enthalt, noch irgend etwas Geistiges vermutet, das neben
diesem irdischen Reiche besteht und aus dem in das irdische Reich die
Kraft hereinstromt, die das irdische Reich dirigiert und orientiert. Und
die Einrichtungen und menschlichen Wesenheiten dieses irdischen Rei-
ches bilden dasjenige ab, was von dem Reiche der hoheren Hierarchien
hereinstromt.
Es ist interessant zu verfolgen, wie zum Beispiel bei dem sogenann-
ten Pseudo-Dionysios, bei Dionysios dem Areopagiten, der viel echter
ist als die echte Wissenschaft sich traumen lafit, die richtige Theorie
auftritt von dieser Art der Beherrschung menschlicher Imperien durch
die gottlichen Imperien, so dafi dasjenige, was unter den Menschen
waltet und eingerichtet wird, Sinnbild, Symbol ist desjenigen, was im
gottlichen Reich vorhanden ist. Wir sehen, wie Dionysios der Areo-
pagite davon spricht, dafi es himmlische Hierarchien gibt gewisser-
mafien hinter demjenigen, was hier auf der Erde als Menschenhier-
archie herumwandelt. Dionysios der Areopagite macht ausdriicklich
darauf aufmerksam: Das, was hier in der Priesterhierarchie von den
Diakonen, den Archidiakonen bis hinauf zu den Bischofen angeord-
net ist, das mufi eine solche Form haben in der sozialen Struktur, dafi
da sich ausdriickt: So wie der Diakon zum Archidiakon, so steht in
der Ordnung der Engel zum Erzengel und so weiter. Die irdische
Hierarchie ist ein getreues Abbild der himmlischen Hierarchic Wir
sehen da den Hinweis auf die zweite Stufe des Imperiums. Da konnte
sich das entwickeln, was dann bis in gar nicht so weit zuriickliegende
Zeiten das menschliche Bewufitsein beherrschte. Denken Sie doch nur
einmal, dafi es bis zum Jahre 1806 in Mitteleuropa etwas gegeben hat,
was diese «Zusammendenkung», mochte ich sagen, des Himmlischen
und des Irdischen in dem Namen zum Ausdruck brachte: Das Heilige
Romische Reich Deutscher Nation. Indem iiberhaupt dieser Name ent-
standen ist «das Heilige Romische Reich», dasjenige also, was in sich
die Kraft des Himmels tr'agt, «Deutscher Nation», dasjenige, was aus
dem Irdischen hervorging, indem dieser Name entstanden ist, zeigt
sich, wie ein ganzes Reich sich gebildet hat so, dafi es als Abdruck einer
himmlischen Einrichtung gedacht sein sollte.
Aus solchen Ideen ist auch hervorgegangen so etwas wie der «Gottes-
staat» des heiligen Augustinus, ist hervorgegangen das Buch des Dante
«"Ober die Monarchies Wiirden die Menschen heute nur nicht so kurz-
denkend sein, wie sie sind, so wiirden sie sich umsehen bei so etwas wie
dieser Beschreibung der Monarchic von Dante, und sie wiirden dann
sehen, dafi Dante, den man doch selbstverstandlich fur einen grofien
Geist halten mufi, noch im 13. und 14. Jahrhundert Begriffe hat, die
radikal verschieden sind von den Begriffen, die der heutige Mensch
hat. Und wenn man solche Dinge ernst nehmen wiirde in der geschicht-
lichen Entwickelung, wiirde man aufhoren mit jenen bornierten Be-
griffen, die nicht einmal bis zu Dante zuruckreichen, sondern nur ein
paar Jahrhunderte alt sind, mit denen der heutige Mensch sich seine
Illusionen in den Kopf setzt und, nur bis ins Griechentum zuriick-
gehend, die Entwickelung begreifen will. Wahrend er zum Beispiel fiir
die alteren Zeiten des Agyptertums die ganze Struktur nur begreifen
kann, wenn er weifi: Fiir die alten Menschen wandelten die Gotter auf
der Erde herum; fiir die Zeiten, die darauf folgten, wandelten zwar
nicht die Gotter herum, aber es mufite dasjenige gebildet sein auf Erden,
was ein Symbolum, ein Abbild der gottlichen Weltenordnung ist.
Und dasjenige, was dann entstehen konnte, die Moglichkeit zum
Beispiel liber so etwas nachzudenken wie iiber das Recht, nachzudenken
dariiber, daiS man durch menschlichen Verstand etwas herausfinden
kann wie ein Urteil iiber das Rechte und Unrechte, das wurde ja erst
moglich in der zweiten Phase der Imperienentwickelung. In der altesten
Phase war es ein Unsinn, nachzudenken dariiber, was recht oder un-
recht sein konnte. Man hatte hinzuschauen auf dasjenige, was der Herr-
schende sagte, denn in ihm lebte der Gott, das heifit, er war der Gott.
Jetzt, in der zweiten Phase, handelte es sich darum, daft man durch
menschliches Urteil feststellen konnte: In dem angrenzenden geistigen
Reiche ist etwas, was man nicht durch seinen physischen Menschen
erreicht, sondern durch den seelisch-geistigen Menschen. Man glaubte
jetzt nicht mehr, wie man in den alteren Zeiten geglaubt hat, daft das
Gottliche sich mit dem ganzen physischen Menschen vereinigen konne,
dafi der Mensch selber ein Gott werden konne; man glaubte hochstens -
wenn man dasjenige, was in den offentlichen Einrichtungen lebte,
mystisch ausdruckt -, dafi das Seelische des Menschen sich mit dem
Gotte vereinigen konne.
Im Grunde genommen versteht heute niemand die Ausdrucksweise
der Schriften, die noch im 13., 14. Jahrhundert geschrieben und ver-
offentlicht wurden, der nicht weifi, wie da in den Menschen in ganz
anderer Weise, als das heute der Fall sein kann, das Bewufitsein lebte:
In gewissen Menschen, die zu einem Amt berufen und erzogen werden,
lebt wirklich etwas von gottlicher Inspiration. - Es ist ja die Eigentiim-
lichkeit, dafi Dinge, die oftmals auf etwas sehr Ernstes zuriickgehen,
spater, wenn die Entwickelung der Menschheit weitergegangen ist und
andere Formen angenommen hat, zum Spottausdruck werden. Wenn
heute zum Beispiel einer sagt: Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er
auch den Verstand -, so sagt er es im Grunde genommen nur mit einem
etwas humoristischen Gefuhl. Aber dasjenige, was heute mit einem
humoristischen Gefuhl durchtrankt wird, das war in den Zeiten der
zweiten Stufe der Imperienentwickelung durchaus etwas Wahres, etwas
Richtiges, war etwas das Bewufitsein der Menschen Erfullendes. Und
dasjenige, was vom Menschen gait, gait auch von dem, was innerhalb
gewisser Grenzen getan wurde. Die Kultushandlungen wurden so aus-
gestaltet, dafi das, was durch sie geschah, Bilder darstellte von dem,
was in den geistigen Reichen geschah. Kultushandlungen, die vollzogen
wurden, waren geistiges Geschehen, das hineinragte in physisch-
irdisches Geschehen. Man dachte sich durchaus, dafi das geistige Reich
neben dem irdischen sei, aber man dachte sich, dafi es hineinragte in das
irdische Reich, dafi im irdischen Reiche das Symbolum zu finden sei,
das Zeichen fur das geistige Reich.
Erst nach und nach horte man auf, das als etwas Giiltiges im Be-
wufitsein zu haben. Und wir sehen ein Zeitalter heraufkommen, in dem
hinschwindet dieses Bewufitsein des Zusammenhanges des Irdischen
mit dem Geistigen. Zu Wiclifs, zu Hus* Zeiten beginnen die Menschen
iiber etwas zu streiten, iiber das zu streiten friiher ein Unding gewesen
ware: iiber die Bedeutung der Transsubstantiation, das heifit iiber den
Zusammenhang dieser Kultushandlung mit etwas, was in geistigen
Welten sich abspielt. In Zeitaltern, in denen man iiber solche Dinge zu
streiten beginnt, horen die alten Bewufitseinsinhalte auf; man weifi
nicht mehr, wie man die Sachen aufzufassen hat, die man durch Jahr-
hunderte oder Jahrtausende aufzufassen wufite. Immer bleiben gewisse
Dinge, die in einem gewissen Zeitalter die normalen sind, in spatere
Zeitalter hinein wirksam. Da werden sie das Deplazierte, da werden
sie das Anachronistische, das Luziferische. Und so sind geblieben die
grofien, weittragenden Symbole, die hinweisen in ein gewisses Zeit-
alter, auf den Zusammenhang der irdischen Kultushandlungen oder
ahnlicher Dinge mit dem gottlich-geistigen Geschehen der Welt. Diese
Symbole haben sich verpflanzt in spatere Zeiten, wurden luziferisch
konserviert von gewissen Geheimgesellschaften. Namentlich konser-
vierten solche alten Symbole westliche Geheimgesellschaften. Sie sind
da traditionell, diese Symbole, aber sie haben ihren Inhalt verloren.
Und so sehen wir auf der einen Seite in gewissen Geheimgesellschaften,
deren Auslaufer zum Beispiel die Freimaurergemeinschaften, die Jesu-
itengemeinschaften, die Bekenntnisgemeinschaften sind, in gewisser
Weise die Symbole bewahrt, aber es ist das etwas, was einen Sinn eben
nur fiir ein voriges Zeitalter hatte. Wir sehen aber auch in den Worten
im Grunde genommen nur luziferisch bewahrt dasjenige, was fiir altere
Zeitalter eine Bedeutung hatte. Auch in den Worten, die man im offent-
lichen Leben anwendet, verliert sich der alte substantielle Gehalt, ver-
liert sich auch das Bewufitsein, dafi diese Worte Zeichen sind fiir ein
Geistiges. Denn das Geistige entschwindet allmahlich, das Wort wird
zum leeren Symbol, zum leeren Zeichen.
Im dritten Zeitalter, auf der dritten Stufe der Imperienbildung,
horte nun auch auf das Bewufitsein von der Gottbegnadetheit eines
Menschen, von der Durchdringung irdischen Geschehens, irdischen
Sprechens mit dem GottHchen. Es wird das geistige Reich vollig in ein
Jenseits verwiesen. Das Gegenbild tritt ein von dem, was auf der ersten
Stufe der Imperienbildung vorhanden war: Der Gott lebte auf der
Erde auf der ersten Stufe, er ging in Menschengestalt herum; der Gott
ist nur zu denken in der unsichtbaren, iibersinnlichen Welt auf der
dritten Stufe. Und alles dasjenige, was die Menschen einmal gehabt
haben, um ihre Beziehungen vom Gottlich-Geistigen auszudriicken,
verliert den Sinn. Man spricht weiterhin aus das Wort «Gott>. Wenn
man das Wort «Gott» vor Zeiten ausgesprochen hat, so suchte man
etwas, was aufierlich die Menschengestalt hatte, was unter den phy-
sischen Menschen wandelte. Nicht als ob die altesten Menschen Mate-
rialisten gewesen waren. Materialisten konnten erst entstehen, nach-
dem man die geistige Welt ins Obersinnliche abgeschoben hatte. In der
altesten Periode menschlicher Entwickelung war die geistige Welt
mitten unter den Menschen. Fur einen Bewohner des altesten Agypten
hatte man nicht erst zu sagen gebraucht: Das Reich des Gottlichen ist
mitten unter uns -, denn das war ihnen eine Selbstverstandlichkeit.
Fur das Zeitalter, in dem der Christus Jesus unter den Menschen er-
schien, mufite man den Menschen erst sagen: Das Reich der Gotter
kommt nicht mit aufieren Gebarden, es ist mitten unter uns.
Und jetzt leben wir in einem Zeitalter, in dem es unsinnig geworden
ist, in einem Menschen irgend etwas anderes zu suchen als die gerad-
linige, auf Ursache und Wirkung gebaute Fortentwickelung seines
Kindheitswesens. Wir leben in einem Zeitalter, in dem es ein Wahnsinn
ist, wenn sich der Mensch fur etwas anderes halt als fur das, was die
geradlinige Fortentwickelung desjenigen ist, was auch seine Kindschaft
umschliefit. Was eine Selbstverstandlichkeit war vor, sagen wir acht-
tausend Jahren, was dazumal lebte als allgemeines Bewufitsein, heute
behauptet, ist es ein Symptom dafiir, dafi der Mensch, der es behauptet,
ein Verriickter ist. Und nur indem man dasjenige, was in den alteren
Zeiten das Wirkliche war, nach dem Muster des gegenwartigen Denkens
uminterpretiert in diese Fable convenue, die wir «Geschichte» nennen,
nur dadurch breitet man sich einen Schleier iiber diese radikale Meta-
morphose, die man finden kann, wenn man wirklich der Wahrheit
gemafi die menschliche Entwickelung betrachtet. Dasjenige, was wir
heute vielfach aussprechen, was wir heute zeigen im aufieren Leben,
ist dadurch entstanden, dafi es sich einmal bezog auf etwas, was als
Wirklichkeit angeschaut worden ist. Wir sprechen heute noch Worte,
wie zum Beispiel «von Gottes Gnaden» - in den letzten Jahren haben
sich die Menschen das mehr oder weniger abzugewohnen versucht, es
ist ihnen aber schlecht gelungen -, aber wir wissen nicht, oder wir
beachten nicht, dafi das einmal fiir das Bewufitsein der Menschheit eine
voile Realitat, eine Selbstverstandlichkeit bedeutete.
Damit deute ich Ihnen aber auf diejenigen Tatsachen hin, welche
unserem offentlichen Leben den Charakter des Phrasenhaften, des
Konventionellen geben. Denn dasjenige, was wir durch unsere Sprache,
unsere Sitten, sogar durch unser Urteil im offentlichen Leben geltend
machen, das alles weist zuriick auf Zeiten, in denen man diese Worte,
auch wenn sie erst in der spateren Sprache entstanden sind - sie sind
der urspriinglichen Sprache nachgebildet worden -, in einem ganz
andern Sinne bildete und gebrauchte. Ausgeprefit sind heute die Worte,
die wir fiir das offentliche Leben verwenden. Manchen Worten und
Zeichen sieht man es an, manchen hat man es lange nicht angesehen.
Daft dasjenige, was einstmals, durch magische Handlungen zu einem
wichtigen magischen Teil des auf der Erde wandelnden Gottes um-
gewandelt, ein dem menschlichen Leibe umgehangtes Zeichen war, zu
der Nichtigkeit des modernen Ordens wurde, das ist eine Geschichte,
die wenig verfolgt wird von der Menschheit. Nicht blofi dasjenige, was
sich im Worte ausdriickt, kann Phrase werden, wie unsere wichtigsten,
auf das offentliche Leben beziiglichen Worte Phrasen sind, sondern
auch das, was in Gegenstanden an den Menschen angehangt ist, kann
einen ahnlichen Charakter tragen mit Bezug auf sein Verhaltnis zur
Wirklichkeit, wie das Wort, das heute leer ist und das einstmals einen
geheiligten, substantiellen Inhalt hatte.
Ehe man aber nicht einsieht, daft unsere Entwickelung zunachst eine
solche gewesen ist, daft ein alteres Bewufttsein seine Substanz verloren
hat, phrasenhaft und konventionell geworden ist, kann ein wirklicher
Aufbau unseres heute zerstorten offentlichen sozialen Lebens nicht
stattfinden. Wir miissen uns nach neuen Quellen umsehen, welche wie-
derum Inhalt bringen in dieses unser offentliches Leben. Fiir unser Be-
wufttsein wandeln die Gotter nicht in Menschengestalt herum. Deshalb
miissen wir uns die Fahigkeit erwerben, das zu erkennen, was nicht
Menschengestalt hat, sondern was diejenige Gestalt hat, die man nur
anschauen kann, wenn man sich zur Geistesschau erhebt. Da fiir unser
Bewufttsein die Gotter nicht mehr heruntersteigen auf die physischen
Throne, miissen wir uns die spirituellen Fahigkeiten erwerben, um zu
denjenigen Thronen schauend hinaufzusteigen, auf denen die Gotter,
die nur im Geistigen fiir uns leben konnen, vorhanden sind. Wir miissen
fahig werden, unsere phrasenhaften Abstraktionen zu durchtranken
mit einem erlebten geistigen Inhalt. Wir miissen fahig werden, diesen
Wahrheiten, die fiir den, der sie richtig erfafk, erschiitternd sind, ins
Antlitz zu schauen. Wir miissen fahig werden, die Dinge so zu sehen,
wie sie sind. Das tun wir manchmal nicht einmal iiber eine Zeitspanne
von Jahrzehnten hin. Wir glauben, wir leben innerhalb der europa-
ischen Zivilisation, wenn wir Mitteleuropaer sind. Wir sollten uns
fragen: Was machte denn eigentlich unser inneres seelisches Leben zu
einem so zwiespaltigen in den letzten fiinfzig Jahren oder noch etwas
langer?
Nun, ich mochte nur auf eines hinweisen: Wenn Sie nach Westen
sehen, so sehen Sie zunachst - vom ubrigen wollen wir nicht sprechen -
ein in der Dekadenz befindliches Volk, das franzosische Volk. Aber
eines hat innerhalb dieses franzosischen Volkes eine Bedeutung. Wenn
der Angehorige des franzosischen Volkes sagte: Ich bin ein Franzose -
er hat sich das durch Jahrhunderte gesagt -, so hat er damit etwas aus-
gesprochen, was mit den aufteren Tatsachen ubereinstimmend war und
ein erlaubtes, wahrhaftiges Bekenntnis gegeniiber dem aufieren Leben
war. Diejenigen unter uns, die noch gesprochen haben mit Menschen,
die ihre Jugend in der ersten Halfte des 19. Jahrhunderts als Deutsche
erlebt haben, die konnten mir das Folgende bestatigen: Herman Grimm
zum Beispiel hat es wiederholt charakterisiert, was es eigentlich be-
deutet hat fiir die Menschen, die in seiner Jugend eben auch noch jung
waren innerhalb Deutschlands, dafi dazumal derjenige, der hatte ge-
stehen wollen im aufieren Leben: Ich bin ein Deutscher, ich bekenne
mich dazu - nicht als Phrase, sondern als Realitat ein Staatsver-
brecher war. Man war Bayer, Wurttemberger, Preufie, aber man war
ein Verbrecher, wenn man sagte: Ich bin ein Deutscher. - Es hatte einen
Inhalt im Westen, zu sagen: Ich bin Franzose denn man durfte es
sein im aufieren Leben. Es hatte einen Inhalt, durch den man ins Ge-
. fangnis kam oder sonst unmoglich gemacht wurde, wenn man sich hatte
beifallen lassen zu sagen, man sei ein Deutscher, man gehore also einer
zusammengehorigen Nation an. Die heutige Menschheit hat das ver-
gessen; aber diese Dinge sind ja Realitaten. Und es kommt darauf an,
dafi man diesen Dingen ins Antlitz schaut. Aber man wird nicht den
notigen Enthusiasmus fiir solche Dinge aufbringen, wenn man nicht
sein inneres Leben bef ruchtet an den grofien, richtig gesehenen Erschei-
nungen der Weltgeschichte, nicht jener Fable convenue, die in unseren
heutigen Handbiichern steht, die auf unseren Schulen gelehrt wird,
sondern jener wirklichen Weltgeschichte, die durch eine geistige Be-
trachtung gewonnen werden kann.
Fiir einen heutigen normalen Evangelischen ist es ganz undenkbar,
dafi es einmal fiir Menschen einen Sinn gehabt haben konnte, zu sagen,
«der Gott wandelte auf der Erde und der Herrscher war der Gott» und
«es gibt nicht irgendein sinnliches Reich, wo noch Gotter sind, denn
diejenigen Vorgange, durch die man ^zum Gotte wird, die sind in dem
Reiche, wo das Ubersinnliche seine Wohnung hat, innerhalb des Myste-
riums». Das Mysterium war noch in den ersten Zeiten der halb vor-
historischen agyptischen Geschichte ein wirklich Obersinnliches, und
erst als die Mysterien zu Kirchen umgestaltet wurden, wurde die Kir-
che zum Symbol des Ubersinnlichen.
Eine Menschheit wie die heutige, die nicht hinschauen will zu den
Ausgangspunkten ihrer historischen Entwickelung, die lebt ihr Leben
so wie ein Mensch, der fiinfundvierzig Jahre alt geworden ist und ver-
gessen hat, was er in seiner Knaben- oder Madchenzeit erlebt hat, wie
ein Mensch, der fiinfundvierzig Jahre alt geworden ist und sich hoch-
stens bis zum fiinfundzwanzigsten Jahr zuriickerinnert. Malen Sie
sich einmal aus, was es fiir das innere Seelenleben eines Menschen fiir
eine Folge hatte, wenn er fiinfundvierzigjahrig nichts wiifite von alle-
dem, was dem fiinfundzwanzigsten Jahr vorangegangen ist. Das ist
aber die Geistesverfassung der gegenwartigen Menschheit und aus die-
ser Geistesverfassung heraus entstehen heute diejenigen, die Mensch-
heitsfiihrer sein wollen. Aus dieser Geistesverfassung wird heute das-
jenige versucht, was einer sozialen Struktur eingefiigt werden soli als
richtende Kraft. Was vor alien Dingen notwendig ist, das ist, dafi der
Mensch die Menschheit kennenlerne als einen lebendigen Organismus,
in dem ein Gedachtnis vorhanden ist, das nicht totgetreten werden
darf, das zuriickblickt auf Dinge, die noch in die Gegenwart herein-
wirken, aber durch die Art, wie sie wirken, geradezu herausfordern,
dafi sich etwas Neues in sie ergiefie.
Wenn man nur einmal ein paar solcher Tone anschlagt, dann sieht
man, dafi fur die Gegenwart etwas notwendig ist, dem gegeniiber all
das Phrasengedresche, das heute von vielen Seiten aufflackert, eine
Nichtigkeit ist. Und man mochte schon, dafi einmal eine genugend
grofie Anzahl von Menschen den Ernst der gegenwartigen Zeit einsahe
und die Kraft fande, aus diesem Ernst heraus nun wirklich zu einem
Neuen zu kommen. Das ist ja das recht Betriibliche, dafi die Menschen
der Gegenwart grofie Aufgaben haben und am liebsten diese grofien
Aufgaben verschlafen mochten. Das war im Grunde genommen seit
Jahrzehnten die Aufgabe, die gerade durch die anthroposophische Be-
wegung gestellt werden sollte: die schlafrige Menschheit aufzuriitteln,
hinzuweisen darauf, dafi der Menschheit heute etwas gegeben werden
mufi, was wirklich die Seelenverfassung gegeniiber derjenigen, die jetzt
besteht, so umgestaltet, wie sich am Morgen beim Aufwachen die trau-
mende Seelenverfassung in die des vollwachen Tageslebens umgestaltet.
Das ist dasjenige, wodurch ich die beiden geisteswissenschaftlichen
historischen Betrachtungen, die ich wahrend meiner diesmaligen An-
wesenheit vor Ihnen angestellt habe, heute abschliefien wollte. Wenn
doch von dem, was anthroposophische Bewegung ist, ausgehen konnte
das, was unsere sozialen Anregungen wirklich befeuern, durchwarmen,
durchkraf ten mtifite! Dafi die Menschheit soziale Impulse braucht in
der Gegenwart, das tritt ja so stark hervor fur die Betrachtung der Er-
scheinungen, dafi es wirklich nicht wieder verkannt werden durfte.
Dafi diesen sozialen Impulsen nur entsprochen werden kann, wenn
neuer Geist in die Menschheitsentwickelung gegossen wird, das sollten
gerade diejenigen einsehen, die sich von irgendeiner Seite her zur an-
throposophischen Bewegung bekennen. Dazu ist aber auf dem Boden
dieser anthroposophischen Bewegung eben Wahrhaftigkeit und Wach-
samkeit notwendig, wirklicheWachsamkeit. An das Schlafen im offent-
lichen Leben hat sich die neuere Kulturmenschheit gewohnt. Und heute
ist dieses Schlafen so stark, dafi man manchmal, wenn man eben nicht
im geistigen Leben drinnenstehen und den Gang der geistigen Ange-
legenheiten hinter diesem Physischen sehen wiirde, aus dem aufieren
Gang, dem sich die Menschen hingeben in der Verfolgung ihrer Ange-
legenheiten, recht sehr in Zweifel versetzt werden konnte. Dieser aufiere
Gang, dem sich die Menschen hingeben in der Verfolgung ihrer Ereig-
nisse, er spricht es ja formlich aus, dafi die Menschen es scheuen, an der
Ergreif ung des Wahrhaftigen in den Erscheinungen irgendwie noch teil-
zunehmen. Man ist so froh, wenn man nicht hinzuschauen braucht auf
die Vorgange, die geschehen! Man sieht es heute, wie die Menschen sich
sagen lassen: Da und dort geschieht das und das! - Sie stehen da auf
ihren Beinen, ohne sich irgendwie etwas davon merken zu lassen, dafi
sie von Dingen gehort haben, die eine tiefe Bedeutung haben fur den
Weitergang der Ereignisse. Die Menschen horen heute von den bedeut-
samsten Dingen, die in die Zerstorung, in den Niedergang hineinfiihren
miissen, und sie konnen nicht einmal entriistet sein dariiber. Jetzt wie-
derum gehen Dinge durch die Welt, Absichten gehen durch deutsche
Gegenden, iiber die die Menschen entsetzt sein sollten - und sie sind es
nicht! Wer aber iiber diese Dinge nicht entsetzt sein kann, der hat auch
nicht die Kraft, den Sinn fur die Wahrheit zu entwickeln.
Das ist dasjenige, worauf heute hingewiesen werden mufi, dafi eine
gesunde Entriistung iiber dasUngesunde der Quellpunkt sein mufi fiir die
Begeisterung, fiir die neuen notwendigen Wahrheiten. Es ist heute sogar
weniger notwendig, dafi man den Menschen Wahrheiten iiberliefert, als
es notwendig ist, dafi man in diese lethargischen Nervensysteme Feuer-
kraft hineinbringt. Denn Feuerkraft ist heute dem Menschen notwen-
dig, nicht mystische Schlaf erei. Nicht Sehnsucht nach mystischer Rune,
sondern Dienen dem Geistigen, das ist es, um was es sich heute handelt.
Die Verbindung mit dem Gottlichen mufi heute in der Aktivitat, nicht
in der mystischen Faulheit und Bequemlichkeit gesucht werden.
Das sind die Dinge, auf die einmal hingewiesen werden mufi. Denn
heute mufi gesucht werden, wie wir in unser Bewufitsein die Moglich-
keit hineinbringen, ein Gottliches wiederum mit dem Aufierlich-Wirk-
lichen zu verbinden. Und wir konnen das nur, wenn wir ohne Vorur-
teil hinschauen, wie in den Imperien der ersten Art die Menschen die
auf Erden wandelnden Gotter gefunden haben. Wir miissen die Mog-
lichkeit finden, als Menschenseelen spirituell wandeln zu konnen in
geistigen Welten, damit wir wieder Gotter finden!
VIERTER VORTRAG
Stuttgart, 13. Juni 1920
Was jetzt in dieser Zeit denjenigen besorgt macht, der in der Richtung
der hier gemeinten anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft
arbeiten mochte, das ist eine Tatsache, die ja als solche schon ofter hier
besprochen worden ist. Die Tatsache meine ich, dafi im Grunde ge-
nommen doch ein grofier Teil der gegenwartigen Menschheit unauf-
merksam voriibergehen lalk alles das, was sich in deutlicher Weise
zeigt an Kraften des Niederganges, an Kraften, die darauf hinwirken
miissen, wenn sie in der ihnen entsprechenden Weise zur Geltung kom-
men, unsere gegenwartige Zivilisation an den Abgrund zu fiihren.
Miissen wir uns denn nicht gestehen, dafi in der Gegenwart vieles
heraufschlagt aus tiefen menschlichen Untergriinden und sich abspielt
als diese oder jene Tatsache, dafi, mit andern Worten, gegenwartig
eigentlich recht viel geschieht, und dafi auf der andern Seite ein grofier
Teil unserer Zeitgenossen sich durchaus nicht entschliefien kann, ge-
biihrend aufmerksam zu sein auf das, was eigentlich sich zutragt.
Man kann sagen, dafi gegenwartig aus grofien Gesichtspunkten her-
aus mit einer wirklichen Aufmerksamkeit auf die weltgestaltenden
Krafte nur wenige geistige Richtungen arbeiten. Die eine geistige Rich-
tung ist diejenige, die ich nun schon seit Jahren ofter charakterisiert
habe, die ihre Wurzeln namentlich in der englisch sprechenden Be-
volkerung der Erde hat, die sehr im Verborgenen arbeitet, die aber
aufierordentlich wirksam arbeitet. Die zweite ist diejenige Bewegung,
die sich zusammenfindet aus alledem, was heute rechnen will mit den
ja ganz begreiflichen, auch berechtigten Instinkten der breiten Masse
der Menschheit. Es ist das eine Bewegung, die in ihren Extremen ver-
treten wird von Menschen, die von aller Menschheitsentwickelung
nichts verstehen, die nichts wissen von dem, was die Welt vorwarts-
bringen kann, die aber durch gewisse Verhaltnisse, auf die ich noch
hindeuten will, in der Lage sind, sich eine autoritative Stellung zu ver-
schaffen trotz ihrer Borniertheit, trotz ihrer sogar ziemlich weitgehen-
den verbrecherischen Naturanlagen, wenn sie auch gescheite Menschen
sind und sich dadurch, dafi sie vielen Menschen imponieren, an die
Oberflache der heutigen offentlichen Verhaltnisse bringen konnen.
Die dritte wirksame Geistesbewegung ist diejenige, die aus einzelnen
besonders tatkraftigen Vertretern der verschiedenen Bekenntnisse her-
vorgeht - Bekenntnisse aller Art - und die ebenfalls durchaus wissen,
was sie eigentlich wollen. Sie haben in ihrem Schofie alles dasjenige,
was man gewohnlich Jesuitismus nennt. Und trotzdem sehr viele Men-
schen sprechen iiber Jesuitismus und dergleichen, sind doch wiederum
eine grofie Anzahl unserer Zeitgenossen wenig geneigt, mit voller Auf-
merksamkeit zu verfolgen, was da eigentlich geschieht.
Wenn man sich ein Urteil verschaffen will iiber den Verlauf der
Ereignisse der Gegenwart, dann kommen verschiedene Dinge in Be-
tracht. Eines aber kommt vor alien Dingen in Betracht, was zu-
sammenhangt mit einer Tatsache, die ich schon in meinem ersten
offentlichen Vortrage hier erwahnt habe, mit der Tatsache, dafi mit
Bezug auf die innere Seelenverfassung, namentlich mit Bezug auf die
Vorstellungsstruktur, die Menschen der Gegenwart unendlich viel
fortsetzen von dem, was nur geeignet war zur Vorstellungsstruktur,
zur Vorstellungsform wahrend des Mittelalters. Diese war damals
grofi, war damals bedeutungsvoll, ist aber heute iiberholt. Diejenigen,
welche sich am allerintensivsten das ganze Empfinden und Vorstellen
in seinen mittelalterlichen Formen angeeignet haben, das sind heute die
weiten Kreise der mehr oder weniger sozialistischen Leute iiber die
Erde hin. Innerhalb dieser Kreise haben sich Vorstellungsformen ge-
bildet, die namentlich ihren Ausdruck finden in einem schier unend-
lich grofien Autoritatsglauben, in einem Sich-Ducken gegenuber aiiem,
was sich einfach durch die robuste Hand Autoritat verschafft inner-
halb dieser Kreise. Nur dadurch ist es ja moglich geworden, dafi solche
Menschen wie Lenin und Trotzkij y im Osten von Europa - und die
Bewegung setzt sich fort nach Asien hinuber mit rasender Schnellig-
keit — , mit Hilfe von wenigen tausend Menschen eine Tyrannis aus-
iiben iiber Millionen von Menschen, eine Tyrannis, die noch niemals
wahrend der schlimmsten Zeiten orientalischer Tyrannei so grofi war,
wie sie heute ist.
Alle diese Dinge kommen in Betracht, wenn man sich heute iiber
das, was vorgeht, ein Urteil bilden will. Denn es steht dem, was nur
mit ein paar Strichen jetzt charakterisiert werden kann, im Grunde
genommen nurgegeniiber,noch rechnend mit den grofien weltgeschicht-
lichen und weltgestaltenden Kraften, dasjenige, was eine ehrliche, auf-
richtige, wahre geisteswissenschaftliche Bewegung sein sollte. Und ver-
gleicht man das Interesse, welches gefunden hat eine solche geistes-
wissenschaftliche Bewegung, mit dem Interesse, welches gefunden
haben die andern charakterisierten Bewegungen im Laufe einer ver-
haltnismafiig kurzen Zeit, namentlich mit dem Einflufi, den diese Be-
wegungen gewonnen haben, so mufi man sagen, das Interesse fiir diese
geisteswissenschaftliche Bewegung ist heute noch nahezu gleich Null.
Gewifi, wir wollen nicht verkennen, dafi es ja zahlreiche Menschen
gibt, welche es mit dieser geisteswissenschaftlichen Bewegung halten,
welche sich wenigstens selber sagen, dafi sie es mit dieser geisteswissen-
schaftlichen Bewegung halten. Aber der Unterschied ware furchtbar
grofi, wenn man sich vor Augen riicken wiirde die Intensitat, mit der
die drei andern charakterisierten Geistesstromungen fiir das eintreten,
was sie an die Oberflache bringen wollen, und was an Intensitat des
Interesses der geisteswissenschaftlichen Bewegung entgegengebracht
wird. Denn diese geisteswissenschaftliche Bewegung wird im Grunde
genommen doch aufierordentlich oberflachlich auf gef afit, oberf lachlich
in Empfindung und im Gefuhlshaften, wahrend die andern Bewegun-
gen gerade vom Empfindungs- und Gefuhlshaften in unbegrenzter In-
tensitat aufgefalk werden.
Wer macht sich denn im Grunde genommen klar, so dafi er es in die
Mitte seines ganzen Empfindens und Denkens stellt, dafi es sich fiir ein
ernsthaftes Eingreifen in weltgestaltende Krafte von seiten der Geistes-
wissenschaft darum handelt, dasjenige zur Geltung und Anerkennung
unter den Menschen zu bringen, was von unserem Gesichtspunkte aus
genannt wird die Initiationswissenschaft? Die Initiationswissenschaft,
sie schliefit heute das ernsteste Interesse der Menschheit ein. Das Inter-
esse, das ihr von vielen, die da meinen, sich ehrlich dazu zu bekennen,
entgegengebracht wird, ist doch ein ziemlich aufierliches, ein nach alien
moglichen nebensachlichen Riicksichten eingerichtetes.
Initiationswissenschaft haben, wenn auch in einer fiir die Menschheit
durchaus nicht vorteilhaf ten Weise, diejenigen, die ich oftmals genannt
habe die eigentlichen Macher innerhalb der anglo-amerikanischen Welt-
bewegung. Initiations wissenschaft hat alles dasjenige, was vom Jesuitis-
mus abhangig ist. Und eine Inkiationswissenschaft eigentUmlicher Art
hat auch der Leninismus. Denn dafi der Leninismus versteht, sich in
einer so klugen Weise durch die Verstandesformen des Kopfes auszu-
driicken, das hat seinen ganz bestimmten Grand. Im Leninismus arbei-
tet sich an die Oberflache der Menschheitsentwickelung die Klugheit
des menschlichen Tieres, die Klugheit der menschlichen Animalitat.
Alles dasjenige, was aus den menschlichen Instinkten, aus mensch-
licher Selbstsucht flieftt, das nimmt Interpretationen und Formen an
in dem, was im Leninismus und Trotzkismus in einer aufierlich so klug
scheinenden Weise zutage tritt. Das Tier will sich einmal als geschei-
testes Tier an die Oberflache arbeiten und will alle ahrimanischen
Krafte, welche das Ziel haben, Menschliches, spezifisch Menschliches
auszuschliefien, und alles dasjenige, was an Klugheit verbreitet ist in
der Tierreihe - ich habe es oftmals betont -, zu menschheitsgestalten-
den Kraften machen.
Denn bedenken Sie nur - ich habe es ja auch hier oftmals betont -,
wie eingebildet die Menschen wurden, wenn sie nun irgend etwas er-
funden hatten wie zum Beispiel das Leinenlumpenpapier oder das
Holzpapier oder etwas dergleichen, das Papier uberhaupt. Ja, wieviel
friiher als die Menschen haben die Wespen oder ahnliche Tiere, die sich
ihre Nester machen aus denselben Stoffen, aus denen das Papier ist,
diese Erfindung gemacht! Da ist die menschliche Klugheit innerhalb
der Tierheh drinnen. Und wenn Sie zusammennehmen alles dasjenige,
was in der Tierheit ausgebreitet ist an solcher Klugheit, und wenn Sie
sich denken, dafi die ahrimanischen Krafte dieses aufnehmen, um es
heraufzuschopfen in die menschlichen Kopfe derjenigen, die nur nach
egoistischen Instinkten gehen, dann werden Sie begreifen, dafi eine
Wahrheit darin sein kann, wenn man sagt, Lenin, Trotzkij und ahn-
liche Leute sind die Werkzeuge dieser ahrimanischen Machte. Das ist
eine ahrimanische Initiation, die einfach einer andern Weltensphare
angehort, als unsere Weltensphare ist. Aber es ist eine Initiation, die in
ihrem Schofie die Macht hat, die menschliche Zivilisation von der Erde
hinwegzubekommen, alles dasjenige, was sich als menschliche Zivili-
sation gebildet hat, hinwegzubekommen von der Erde.
Mit drei Initiationsrichtungen hat man es zu tun: mit zwei auf dem
Plane der Menschheitsentwickelung liegenden und mit einer unterhalb
des Planes der Menschheitsentwickelung liegenden, aber ungeheuer
willensstarken, fast unbegrenzt willensstarken Initiation. Und das, was
Ordnung, was ein menschenwurdiges Ziel in diese ganze Richtung
bringen kann, das ist allein dasjenige, was innerhalb wahrer Geistes-
wissenschaft liegt. Aber es kann ein wahres Ziel, ein wirklicher Ernst
von dieser Geisteswissenschaft nur ausgehen, wenn man sie wirklich zu
einer durchgreifenden Angelegenheit des Lebens macht und wenn man
aufmerksam darauf ist, wieviel Geschwatz, wieviel Hochmutsteufel
und seelischer Egoismus sich vielfach in dem aufiert, was, meist ganz
ehrlich, angehangt wird dieser geisteswissenschaftlichen Bewegung. Es
niitzt nichts, diese Dinge zu verschweigen. Sie miissen im Gegenteil
immer wieder und wiederum besprochen werden. Denn wie sollte man
sonst heute jene Krafte in die Seelen hineinzubringen hoffen, welche
notwendig in den Seelen sein miissen, wenn die Zivilisation nicht ihrem
Niedergang entgegengehen soli!
Ich mochte ein paar Minuten etwas ganz anschaulich schildern. Da
habe ich vor ganz kurzer Zeit in einer Zeitung den folgenden Satz ge-
lesen: «Die Religion, die einen phantastischen Reflex in den Kopfen
der Menschen iiber ihre Beziehungen untereinander und zur Natur dar-
stellt, ist dem natiirlichen Untergang geweiht durch das Anwachsen
und den Sieg der wissenschaftlichen, klaren, naturalistischen Auffas-
sung von der Wirklichkeit, die sich parallel mit dem planmafiigen Auf-
bau der neuen Gesellschaft entwickeln wird.»
Nun, nach dem, was man heute erfahren kann mit Bezug auf die
schlafenden Seelen der Gegenwart, kann man sich wohl fragen: Wieviel
Menschen lesen denn das in einem Zeitungsartikel und zucken auf wie
von einer Viper gestochen, weil es das furchtbarste Symptom ist, das
in solchen Satzen ausgesprochen werden kann? Denn man denkt nicht,
was entsteht auf der Erde, wenn das verwirklicht wird, was in den
Worten liegt; «Die Religion, die einen phantastischen Reflex in den
Kopfen der Menschen iiber ihre Beziehungen untereinander und zur
Natur darstellt, ist dem natiirlichen Untergang geweiht durch das An-
wachsen und den Sieg der wissenschaftlichen, klaren, naturalistischen
Auf f assung von der Wirklichkeit, die sich parallel mit dem planmafii-
gen Aufbau der neuen Gesellschaft entwickeln wird.»
Das, was hier als Religion gemeint ist, ist nicht irgendein Bekennt-
nis, ist nicht irgendein berechtigt zu tadelndes religioses Bekenntnis,
ist nicht nur die Religion im engeren Sinn, es ist alle Sittlichkeit. Und
dasjenige, was folgen wiirde, wenn das sich bewahrheitete, was in die-
sen Satzen liegt, ist, dafi die menschliche Gesellschaft iiber die ganze
Erde hin sich verwandeln mufke in eine Tierherde, die nur raffiniert
denken kann. Wenn sich nicht die Moglichkeit findet, dafi Gegenkrafte
erwachen gegen dasjenige, was jetzt im Osten Europas grofi wird und
nach Asien hiniiber sich mit rasender Schnelligkeit ausbreitet, dann ist
es so, dafi alle Zivilisation dem Untergang geweiht ist. Dann wiirden
sich solche Ideale verwirklichen.
Ich glaube nicht, dafi es gerechtfertigt ist gegeniiber solchen welt-
geschichtlichen Impulsen, wenn da oder dort Leute auftreten, die wiin-
schen, dafi das vielfach getriebene mystische Schwatzen im engsten
Kreise, welches, gegen meine Intention, in der langen Zeit, in der anthro-
posophisch orientierten Geisteswissenschaft jetzt schon da ist, da oder
dort als ein Ideal betrachtet worden ist, in irgendeiner Weise fortgesetzt
werde, ohne Riicksicht darauf, was die grofien Interessen der Erden-
menschheit von uns fordern. Wir miissen den Willen haben, in diese
grofien Interessen der Menschheit vorurteilsfrei hineinzuschauen. Wir
miissen uns bequemen, nicht blofi theoretisch verstandesmafiig, sondern
instinktiv ganz Ernst zu machen mit gewissen Grundlehren, welche ver-
deckt sind durch alle europaischen und amerikanischen Bekenntnisse
und welche man noch weiter verdecken will.
Wir wissen ja, welche Kampfeshetze jetzt gegen anthroposophisch
orientierte Geisteswissenschaft losgeht, wie es von alien Ecken her
pfeift. Es ware schade, wenn man sich immer wieder und wiederum
hingeben wiirde der schadlichen und eigentlich heute schon strafwiir-
digen Illusion, dafi wir jemals hoffen konnten, in dieser oder jener
Ecke, wo man gegnerisch gegen uns auftritt, etwas zu erreichen da-
durch, dafi man den oder jenen bekehrt, der von Amts wegen verpflich-
tet ist, das oder jenes Alte zu vertreten. Kompromifiler und Opportu-
nisten konnen und diirfen wir nicht sein. Das sollten wir gewisser-
maften jeden Morgen als unseren besonderen Meditatkmssatz uns vor
Augen stellen. Es hat gutmeinende Leute gegeben, welche gesagt haben,
wir sollten nur nach der oder jener Richtung hin den Leuten klar-
machen, wie wir versuchen, das Christus-Geheimnis in die Welt hinein-
zutragen. Je mehr wir das tun, desto schlimmer pfeift es aus gewissen
Ecken heraus. Denn nichts widerstrebt zum Beispiel gewissen katho-
lischen oder evangelischen Bekenntnissen in der Gegenwart mehr, als
dafi eine wahre Ansicht iiber das Christus-Geheimnis unter derMensch-
heit Platz greift. Denn dort ist nicht ein Interesse daran vorhanden,
dafi das wahre Geheimnis iiber den Christus Platz greift, sondern dafi
am Alten festgehalten werde. Wiirden wir irgendein vertracktes Be-
kenntnis iiber den Christus haben, dann wiirde man uns als eine un-
schadliche Sekte behandeln, als Querkopfe, und uns nicht mit jener
Intensitat bekampfen, mit der man uns bekampft. Weil es aber inner-
halb der zwei Richtungen, abgesehen von der dritten, geniigend Leute
gibt, die wissen, dafi aus der Wahrheit heraus einmal geredet werden
soil iiber das Christus-Geheimnis, iiber die soziale Ordnung aus der
Dreigliederung heraus, da horchen sie auf, und dann sagen sie: Uns
wiirde ja der Boden entzogen, wenn wir der Wahrheit entgegenkommen
wollten, daher sei ihr Vernichtung geschworen! - Wir werden nicht
bekampft wegen eines Irrtums, sondern wir werden bekampft, weil
man auf gewissen Seiten merkt, dafi wir die Wahrheit wollen. Es niitzt
nichts heute, iiber gewisse Dinge, die vorgehen, anders als in diesem
Sinne zu sprechen. Denn diejenige Geistesbewegung, die hier gemeint
ist, hat das allergrofke Interesse an absoluter Klarheit, namentlich auch
an Klarheit des Denkens.
Denn erinnern Sie sich an manches, was ich ausgefiihrt habe! Auf
was kommt es denn an beim Einsehen desjenigen, was der Menschheit
heute vor alien Dingen not tut? Darauf kommt es an, dafi unsere den-
kerischen Krafte - alles dasjenige, was wir als Vorstellungskrafte in
uns tragen, abgesehen von den Sinneskraften -, dafi die eigentlichen
denkerischen Krafte ein Erbgut sind unseres Daseins vor unserer Ge-
burt beziehungsweise vor unserer Empfangnis. Was wir als Menschen
denken konnen, das bringen wir uns durch unsere Geburt aus unserem
vorgeburtlichen Dasein in die physische Welt herein. Alles was wir
als Gedanken in uns entwickeln, wahrend wir im physischen Leibe
sind, das sind die Krafte, welche unser ganzes Menschenwesen be-
herrschen zwischen dem letzten Tode und der Geburt, durch die wir
in dieses Erdenleben eingetreten sind. Jetzt denken wir, und was wir
als Denkkrafte, nicht als Gedanken aufwenden, das ist der Schatten
von dem, was Wirkung war vor unserer Geburt beziehungsweise Emp-
fangnis.
Denken Sie einmal an dasjenige, was wir heute Naturkrafte nennen,
an das, was wirkt im Blitz und Donner, in der bewegten Welle, in der
Wolkenbildung, in Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, in Wind und
Wetter, im Hervorgehen der Pflanzen aus der Erde, im Empfangen-
werden, Geborenwerden und Wachsen der Tiere, denken Sie an alles
das, was Sie als Naturkrafte ringsherum wahrnehmen, und denken Sie
davon jetzt nicht die reale Gestalt, sondern das blofie Bild. Also bitte,
denken Sie sich, dafi alles das, was Sie als Naturkrafte um sich herum
haben, sein Bild, sein Schattenbild irgendwohin wiirfe und dafi diese
Schattenbilder in einem Behalter aufgenommen wiirden und als Bilder
wirkten. Ein ahnliches Verhaltnis besteht zwischen der gegenwartigen
Naturwirklichkeit und der dahinterstehendenRealitat,wie Sie es haben
in dem Verhaltnis zwischen Ihrem vorgeburtlichen Dasein und Ihren
Denkkraften in diesem Erdenleben. Denken Sie sich einmal, da ware
alles das, was ich schematisch andeuten will, was geschieht mit Ihrer
Seele zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, und dann bildet sich
ein Schatten davon; von allem, was da ist, bildet sich ein Schatten, und
dieser Schatten, der wird zum Inhalt Ihres Kopfes, zum Inhalt Ihrer
Gedanken, der ist Ihre Denkkraft. Das, was Sie jetzt denken, das sind
die Wirkungskrafte vor Ihrer Geburt. Das ist dort Natur in der gei-
stigen Welt, wenn ich mich des paradoxen Ausdruckes bedienen darf .
Es geht nicht weiter in der Menschheitsentwickelung, wenn die Men-
schen nicht ein Bewufitsein davon bekommen: Indem ich denke, spielt
in meine Gedankenkrafte herein mein vorgeburtliches Dasein. Ich bin,
indem ich durch die Geburt in dieses Erdenleben eingetreten bin, indem
ich denke, der Fortsetzer meines vorgeburtlichen Daseins.
Wenn man dies nimmt, wem widerstrebt es dann am meisten? Am
meisten widerstrebt es denjenigen Bekenntnissen, welche etwa folgen-
des sagen: Ein Mensch wird geboren. Wenn es hier zwei Leuten, einem
mannlichen und einem weiblichen Individuum gef allt, sich zu begatten,
so wird in der geistigen Welt von Gott eine Seele geschaffen, damit sie
verbunden werden kann mit dem, was hier erzeugt wird von zwei sich
begattenden Menschen. So nimmt ein menschliches Individuum seinen
Anfang! - Das widerspricht allerdings sehr dem, was jetzt eben gesagt
worden ist! Aber davon leben ja die Bekenntnisse der heutigen zivili-
sierten Welt. Sie lehren ja alle: Wenn zwei Menschen sich hier begatten,
dann tut der Geist ihnen die Gef alligkeit, oben eine Seele zu erzeugen,
ganz frisch; die wird dann heruntergeschickt, damit sie sich mit dem
entstandenen physischen Leibe vereinigen kann, und dann ist etwas
Neues entstanden. - Zu wem reden aber all diese Bekenntnisse? Sie
reden ja zu furchtbar egoistischen Menschen, die vor allem den Ge-
danken der Ausloschung nach dem Tode nicht ertragen konnen. Jenen
andern Gedanken konnen sie aber ertragen, denn daran sind sie durch
Jahrhunderte, bald durch Jahrtausende gewohnt worden: dafi es Gott
gefallig sei, Seelen zu schaffen fiir die Menschenkinder, die hier erzeugt
werden. Aber dafi mit dem Tode alles aufhort, diesen Gedanken kon-
nen sie aus ihrem Egoismus heraus nicht ertragen.
Selbstverstandlich wissen Sie ja alle - ich brauche dariiber mich
nicht zu verbreiten wie das Leben der Menschen nach dem Tode ist,
aber wir wenden unsere Aufmerksamkeit einem ganz andern Gesichts-
punkte zu. Die Kanzelredner miissen iiberall voraussetzen, daft sie zu
Menschen reden, die den Gedanken der Ausloschung nach dem Tode
nicht ertragen konnen. Sie miissen ihnen dasjenige Wasser herunter-
giefien von der Kanzel, welchen Bekenntnisses die Leute auch sind, die
da unten sitzen, das ihnen «klar», das heifit unklar macht, wie es nach
dem Tode ist. Sie miissen gerade diejenigen Worte wahlen, durch die
der Egoismus der Menschen sich am meisten angeregt fiihlt; sie miissen
gerade diejenigen Satze aussprechen, durch die diesem seelischen Egois-
mus der Menschen besonders entgegengekommen wird.
Was wiirde denn eintreten - das Folgende fiihre ich Ihnen aus zu
einem besonderen Beispiel -, wenn zum Beispiel heute jemand ganz
unbefangen und ernsthaft gewisse Inhalte des katholischen Bekennt-
nisses aufs Korn nehmen wurde, sagen wir jenes Dogma, welches be-
sagt,daft es eben Gott gef alien muft,wenn zweiMenschen sich begatten,
ihnen eine Seele, die frisch gemacht ist, herunterzuschicken. Wenn
dieser Inhalt des Bekenntnisses aufs Korn genommen wurde, was wiirde
geschehen? - Da wiirde der, der vorurteilslos zu Werke geht, um die
ganze Sache zu untersuchen, finden, daft so etwas mit dem Inhalte des
wahren Christentums nicht das geringste zu tun hat, daft aber im
Mittelalter die Lehre des Aristoteles eingedrungen ist in die christliche
Theologie, und daft Aristoteles diese Lehre aus einem miftverstandenen
Platonismus heraus vertreten hat, daft jedesmal fiir einen f risch erzeug-
ten Menschenleib auch eine frische Seele geschaffen wird und sich mit
ihm vereinigt. Das, was da als selbstverstandliche Voraussetzung in
den christlichen Bekenntnissen figuriert, das hat mit dem Christentum
nichts zu tun, das ist aristotelische Anschauung.
Und weiter, nehmen wir etwas anderes: Wir finden als einen ge-
wissen Teil von Bekenntnissen die Lehre von der Ewigkeit der Hollen-
strafen. Wieder eine rein aristotelische Anschauung! Aristoteles hat
namlich angenommen: Wenn die Seele geschaffen ist, hier lebt bis zum
Tode und dann in die geistige Welt kommt, dann hat sie in dieser gei-
stigen Welt, wie er sie sich vorstellt, nichts anderes zu tun, als in aller
Ewigkeit zuriickzuschauen auf das, was sie in einem einmaligen Erden-
leben hier getan hat. Also Aristoteles stellt sich vor, daft eine frische
Seele geschaffen wird fiir jedes erzeugte Kind, daft diese Seele lebt auf
der Erde bis zum Tode und dann in alle Ewigkeit hinein sich beschaf-
tigt damit, hinzuschauen auf das, was in einem Erdenleben geschehen
ist. Hat einer einen andern ermordet, so hat er immer hinzuschauen
darauf . Das ist der Ursprung der Lehre von der Hollenstrafe. Es ist
eine rein aristotelische Lehre.
Denken Sie sich einmal, wenn nun an die Stelle des als Inhalt des
Christentums ausgegebenen Aristotelismus die Wahrheit auftritt, dann
haben ja diejenigen, die diesen als Christentum maskierten Aristotelis-
mus vertreten wollen, eine heillose Angst, daft man hinter das kommt,
um was es sich handelt, daft also die Leute erfahren wiirden: Unsere
Prediger, unsere Pfarrer, die predigen uns ja von den Kanzeln herunter
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gar nicht ein Christentum, sondern einen Aristotelismus, der sich in das
Christentum hineingeschlichen hatl
Ebenso ist im Christentum unendlich viel von der Gnosis. Ebenso
ist im katholischen Mefiopfer unendlich viel von agyptischen Myste-
rien. In zahlreichen Kultushandlungen des Katholizismus - und in vie-
lem selbst in dem evangelischen Bekenntnis - ist etwas enthalten, dessen
Ursprung man aufsuchen raufi in irgendwelchen orientalischen Reli-
gionen. Das, was die Leute anstreben, ist nur, dafi man ihnen nicht hin-
ter die Sachen kommt, dafi man ja nicht dahinterkommt, wo die Sachen
her sind. Also was mufi man tun? Man mufi verleumden! Man raufi
sagen, dafi diejenigen, welche heute mit der Wahrheit auftreten, ent-
lehnen und plagieren vom Orientalismus, von der Gnosis und so weiter.
Man mufi «Traubismus» treiben. Man mufi in einer solchen Weise mit
gelehrten Verleumdungen auftreten, wie der Pastor und Prof essor Traub
und alle diejenigen, die jetzt seine Nachbeter geworden sind. Warum
tun das die Leute? Weil die Wahrheit an den Tag kommt und weil sie
alles Interesse daran haben, die Wahrheit nicht an den Tag kommen zu
lassen. Immer wieder und wiederum werden Menschen auftreten und
sagen: Was ihr hier tut, ist diesem oder jenem entlehnt - und werden
dadurch etwas hervorrufen, was die Leute aufbringt gegen die Gnosis
und alles dasjenige, was sie in ihrem eigenen seelischen Fleische tragen,
was sie aber nicht an den Tag kommen lassen wollen in seiner wahren
Gestalt. Gnosis - so mufi man sagen -, das ist etwas Furchtbares, etwas
Greuliches! - Dann werden die Leute sich nicht kummern um die
Gnosis, weil sie sie furchten, und dann konnen die Pfarrer reden iiber
das, was eigentlich aus der Gnosis ist. Denn die Pfarrer sind es, die iiber
etwas reden, was aus der Gnosis stammt, nicht diejenigen, die iiber das
reden, was auf dem Boden der anthroposophisch orientierten Geistes-
wissenschaft wachst. Und was am meisten gefiirchtet wird, ist das, dafi
die Praexistenz der Seele, dafi das Leben der Seele vor der Geburt
beziehungsweise vor der Empfangnis, dafi dieses Wurzeln der Seele in
der geistigen Welt von all den Zeiten her, iiber die sich nur irgendein
wissenschaftliches Bekenntnis der Menschheit ergehen kann, besteht.
Denn lernt man die Wahrheit erkennen, dann wiirde bei vernunftig
denkenden Menschen nicht mehr Platz sein fur die Gotteslasterung,
dafi fur jeden einzelnen menschlichen Leib die Gotter verpflichtet sind,
eine f risch gebackene Seele aus der geistigen Welt herunterzuschicken,
die sich damit verbindet. Aber alle diese Dinge gehen doch zuriick auf
starke Geltendmachung des Machtgedankens. Hinter alledem steckt
der Machtgedanke. Und man kann einfach dadurch, dafi man ge-
wisse Lehren befolgt, dem Machtgedanken eine ungeheure Kraft zu-
fiihren.
Was passiert zum Beispiel jetzt in Dornach? Ringsherum, fast uber-
all in der Schweiz, erscheinen Artikel tiber die Anthroposophie, die
eigentlich nicht einen einzigen wahren Satz enthalten. Der ganze Feld-
zug fing damit an, dafi ein Artikel erschienen war, der dreiundzwanzig
Liigen enthielt. An diese dreiundzwanzig Liigen kniipfen sich nun schon
seit Wochen lauter Artikel an, die fast in die ganze katholische Presse
der Schweiz iibergehen und die alle keinen einzigen wahren Satz ent-
halten. Warum geschieht das? Das geschieht aus dem Grunde, weil der
zahlreiche Anhang dieser Menschen in eine bestimmte Geistesverfas-
sung gebracht wird, wenn man ihm die Unwahrheit sagt, in die Geistes-
verfassung, in der man Wahrheit von, Unwahrheit nicht mehr unter-
scheiden kann.
Denken Sie einmal, was alles aufgewendet wird innerhalb unserer
anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, um genugend klare
Vbrstellungen hervorzurufen, inwief ern zum Beispiel das, was in traum-
hafter Form im menschlichen Bewufttsein auftritt, ein Abglanz der
Wahrheit sein kann oder nicht. Ohne weiteres kann der Mensch Er-
logenes und Wahres nicht unterscheiden, wenn es ihm der Traumvor-
gang bietet. - In dieselbe Verfassung kommt eine Gemeinde, der man
etwas vorliigt, wenn man weifi, dafi diese Gemeinde das Erlogene
glaubt. Denn dadurch, dafi man die Seelenverfassung in die Stimmung
bringt, die durch das Erlogene hervorgerufen wird, dadurch hat man
sie als ein gefiigiges Werkzeug des Machtgedankens. Diejenigen konnen
am besten die Macht iiber die Menschheit ausiiben, welche den Leuten
die Illusionen unkenntlich einimpfen. So werden ganz systematisch
diese Liigenartikel geschrieben mit der Absicht, dasjenige als Stimmung
zu erreichen, was durch die Luge erreicht werden kann. Das ist das-
jenige, zu dem ganz selbstverstandlich der Probabilismus, der ja seit
langer Zeit gelehrt wird von den Jesuiten, kommen mufi. Das ist nur
der letzte Auslaufer.
Es ist ja schwer, gegen solche Leute die ja zum grofien Teil schlaf en-
den Seelen der Gegenwart aufzurufen. - Wir waren genotigt, einen
Vortrag zu arrangieren an dem Tag, bevor ich abgereist bin, weil man
ja selbstverstandlich kampfen mufi, audi wenn man nicht will, gegen
das, was sich da alsLiige geltend macht in Dornach. Und Herr Dr. Boos,
der zu unseren mutigsten jiingeren Kampfern gehort, hat dann, nach-
dem er inderDiskussion - der Vortrag war offentlich -jeden aufgerufen
hat, der sprechen will zu dem, was gesagt worden ist, und nachdem zu
alledem geschwiegen worden war, vor aller Offentlichkeit gesagt, er
erklare vor aller Offentlichkeit, dafi der erste Schreiber der dreiund-
zwanzig Liigen, der Pfarrer Arnet von Reinach, unwiirdig sei, sein
priesterliches Amt auszuiiben und dafi er ein geistiger Giftmischer sei.
Man kann sich nicht anders helfen. Und dann haben die Leute,
trotzdem ihnen dies gesagt wird, nur einen einzigen, ich mochte fast
sagen, einen in den Knien schlotternden Lehrer, der dann auftritt und
sagt: Wartet nur ab, es sind ja noch nicht alle Artikel erschienen; am
Ende wird es noch kommen ja, ich konnte nichts anderes sagen als:
Der Anfang bestand aus dreiundzwanzig Liigen, und es mag das Ende
erst am Ende der Welt kommen, die Wahrheit der dreiundzwanzig
Liigen wird ganz gewifi, wenn dieses Ende noch so lang auf sich war-
ten lafk, nicht herauskommen konnen. Denn in dem, was bisher er-
schienen ist - und es sind schon eine stattliche Anzahl von Artikeln
erschienen -, ist nicht der leiseste Versuch gemacht, einzugehen auf die
dreiundzwanzig Liigen.
Aber andere Proben sind gemacht worden von einer merkwurdigen
Logik. Es wurde namentlich die Broschiire von dem Tiibinger Redner
da ausgespielt - die spielt eine grofie Rolle -, aber die Leute, die in
diesen Artikeln die Broschiire des Professor Traub da ausspielen, die
verstehen sie nicht richtig. Sie schreiben: Der Steiner entlehnt alles
mogliche alten Schriften, den Upanishaden, den agyptischen Isis-
Mysterien und der«Akaska-Chronik» - nun, moglicherweise hat es der
Setzer nur so geschrieben, aber vielleicht hat es doch auch der geistliche
Herr getan. Nun also sagte ich dann, dafi es mir ja wahrhaftig nicht
darauf ankame, Druckfehler zu berichtigen, aber dafi es doch ein son-
derbarer Leser der Traubschen Broschure ware, der gleich hinterher
vergessen hat, dafi ja schliefilich nicht einmal der Traub den Blodsinn
behauptet hat, dafi die Akasha-Chronik etwas sei, was man in den
Bibliotheken stehen hat, und dafi man nicht gerade jemand vorwerfen
kann, er entlehne die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft
jenem alten Schmoker, der Akasha-Chronik.
Wir haben ja nun unter den liberalen Leuten auch einige Freunde
unter den Angriffen bekommen. So konnte Dr. Boos in einer liberalen
Zeitung, indem er sogleich scharfes Geschiitz auffahrt, sagen: Hier
ist eine wissentliche Unwahrheit. Denn der, der das geschrieben hat,
der mufi doch wissen, dafi er eine Akasha-Chronik nicht in seiner
Bibliothek stehen hat. Er kann sie nicht haben in seiner Bibliothek, also
mufi er es wissen; er muiS also eine wissentliche Unwahrheit hinschrei-
ben. Was tut aber der Betreffende? Er sagt: Herr Dr. Boos driicke sich
um die Sache herum, denn es sei selbstverstandlich, dafi nicht er, son-
dern der Setzer den Druckfehler «Akaska-Chronik» verursacht habe.
Und wenn jemand eine solche Sophisterei treibe, dafi er einem einen
solchen Druckfehler vorwerfe, dann zeige das, wes Geistes Kind er sei.
Nun, Sie sehen, mit welcher Geistesverf assung man es da zu tun hat.
Aber unterschatzen Sie diese Geistesverf assung nur ja nicht! Seien Sie
sich klar dariiber, dafi es ein harter Kampf sein wird, der immer mehr
und mehr nach dieser Seite gerade hingeht. Man will verhindern, dafi
dieLeute kennenlernen, was ich zunachst ausgesprochen habe im Arzte-
kursus. Ich sagte da: Gerade wenn man sich einem ernsthaftigen Be-
muhen unterzieht, aus dem heutigen Leben heraus die geistigen Gesetze
der Welt kennenzulernen, wenn man versucht, die tieferen Geheim-
nisse der menschlichen Natur kennenzulernen, sich diese Dinge also
selbst aus dem heutigen Leben heraus aneignet und dann sie wieder-
findet in den alten Schriften, wenn auch aus einem instinktiven ata-
vistischen Geistesleben heraus, dann bekommt man eine grofie Demut
vor der Grofie einer instinktiven atavistischen Geistesart, die die
Menschheit einmal gehabt hat, die verlorenging und die heute wieder-
gefunden werden mufi. - So spricht der, der sich bewufit ist, dafi das-
jenige, was heute vom Wissen her aus dem Leben heraus gesucht werden
mufi, als instinktive Weisheit in der Menschheit vorhanden war. Selbst-
verstandlich ist manches von dem, was von der alten instinktiven
Weisheit gewufit wurde, iibergegangen in die Bekenntnisse, die es nur
korrumpiert haben. Diese Bekenntnisse wollen aber der Menschheit
Angst machen vor dieser Urweisheit, und wenn sie dariiber reden,
dann reden sie in dem Sinne davon: Die schrecklichen Menschen, die
da heute Anthroposophie treiben, die entlehnen alles von dieser Ur-
weisheit. - Wiirde man der Sache zu Leibe gehen, so wiirde man sehen,
wie sehr sich unterscheidet dasjenige, was heute als anthroposophisch
orientierte Geisteswissenschaft den Menschen gebracht wird, von dem,
was jemals von irgend etwas, seien es dieUpanishaden oder was immer,
entlehnt wurde. - Aus der Akasha-Chronik, diesem « alten Schmoker»,
mufi man schon entlehnen! Und dafi das nicht gesehen werde, dafi nun
etwas auftritt, was in die Gegenwart hereingehort, das wollen diejeni-
gen bewirken, die heute aus alien Ecken mit der Gegnerschaft pfeifen.
Darum seien Sie sich iiber eines klar, wenn Sie immer wiederum
versucht sind, da oder dort Anklange lobend hervorzuheben: Das
Biindnis zwischen Jesuitismus und Sozialdemokratie, das sich jetzt
immer mehr und mehr zusammenschliefit, ist ein ganz natiirliches, das
hat nichts Unnaturliches. Denn die Sozialdemokraten sind nur, indem
sie die Sache umwenden, von der Reversseite mit denselben Gedanken-
formen ausgestattet, mit denen die Jesuiten ausgestattet sind. Aber das-
jenige, was so sehr sich von alien Empfindungen unterscheidet, das ist
die «Ewigkeit des Menschen», die eine Egoismuslehre geworden ist. In
ihre wahre Gestalt tritt sie, indem sie die Praexistenz des vor der Ge-
burt beziehungsweise vor derEmpfangnis bestehenden Lebens der Men-
schenseele wiederum zum wirksamen moralischen Agens macht. Diese
Anschauung wird bis aufs Messer bekampft werden. Und man wird
nur dadurch in der Welt vorwartskommen konnen, daft erstens die
Wahrheit eine innere Kraft hat; aber diese innere Kraft kann nur
wirken, wenn zweitens hinzukommt, dafi Menschen, wenn sie auch
in noch so geringer Anzahl vorhanden sind, den Mut haben, diese
Wahrheit in ihrer Seele zu tragen, ernsthaftig und aufrichtig und ehr-
lich und ohne Kompromisse in ihrer Seele zu tragen. Es niitzt nichts,
dafi wir uns verwischen den gewaltigen Unterschied, der besteht zwi-
schen dem katholischen und evangelischen Aristotelismus von dem
Schaffen der Seele fur einen erzeugten Menschenleib, und zwischen
wahrem Christentum. Wir diirfen uns diesen Unterschied nicht ver-
wischen. Denn wenn wir uns diesen Unterschied verwischen, merken
wir gar nicht, wo die Quellen des Machtgedankens, des Machtbewufit-
seins eigentlich liegen.
Ich mufi immer wieder hinweisen auf jenen Hirtenbrief eines katho-
lischen Bischofs, der tatsachlich besteht und der da besagt: Die Glau-
bigen haben die Verpflichtung, den Priester als ein hoheres Wesen
anzuschauen als Gott und Christus, weil jedesmal, wenn der Priester
am Altar die Konsekration vollbringt, der Christus gezwungen ist,
gegenwartig zu sein am Altar, mit seinem Leib und mit seinem Blut in
Brot und Wein gegenwartig zu sein. Da der Priester erzwingt, dafi der
Gott gegenwartig zu sein hat am Altar, so hat der Priester die grofiere
Macht im Weltenall als der Gott. - Das ist der Inhalt eines Hirten-
briefes, der wirklich besteht und der iibrigens in viele andere Hirten-
brief e ubergegangen ist. Und wenn Sie mich fragen: Ist das im Sinne
jenes Bekenntnisses, das 869 in jenem Konzil zu Konstantinopel den
Geist abschafft, konsequent? - dann sage ich Ihnen: Ja. - Denn der-
jenige, der da sagt, Gott sei machtiger als der Priester, der sagt es, wenn
er es als Katholik sagt, weil die Menschen das andere heute doch nicht
gelten lassen wollen. Aber ebenso, wie die Menschen der Gegenwart
in ihren Seelen schlafend genug sind, um sich nicht zu fragen: Was sagt
der Briefschreiber eigentlich, wenn eine Personlichkeit, die an Mole-
schott schrieb, mutig genug war, zu sagen, dafi der Verbrecher, der
Liigner, der Morder sittlich nur ist, wenn er die Gesamtheit seiner An-
lagen ausleben kann, und unsittlich ist, wenn er diese Anlagen, die in
ihm veranlagt sind, nicht zum Ausdmck bringt, denn dadurch wiirde
er seine Personlichkeit beschranken, und die morderischen Anlagen
seien ebenso berechtigt wie die andern Anlagen? Die gegenwartigen
Seelen sind eben nicht mutig genug, sich zu sagen: Wenn unsere Natur-
wissenschafter als Grundlage fur ein Weltbekenntnis weiter dasjenige
lehren, was sie jetzt lehren, dann mufi als eine notwendige Konsequenz
einfach gesagt werden: Der Verbrecher, der Morder ist gleichviel wert
wie der andere, der sich bemiiht, sozusagen sittlich zu sein; die Men-
schen sind nur zu feig, sich das zu gestehen. In der Zeit, in der die Blute
des Materialismus war, in der ein Vogt, ein Molescbott, ein Bilchner
geschrieben haben, die mutige Geister waren, in der Zeit hat man solche
Gestandnisse gemacht. Aber die Gegenwart ist zu feig, sich dieses Ge-
standnis zu machen. Ebenso ist die Gegenwart in den schlafenden
Seelen nicht mutig genug, sich einzugestehen: Ja, nach dem, was als
Geist in jenen Bekenntnissen ist, ist der Priester machtiger als der Gott.
Es handelt sich eben darum, daft diejenige Weltanschauung, die als
anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft besteht, tatsachlich
darauf angewiesen ist, nach alien Richtungen hin Klarheit des Denkens
zu schaffen. Denn das, was sie zu sagen hat, ist mit unklaren Gedanken
nicht zu fassen, ist nicht mit schwafelnder, schwefelnder Mystik zu
fassen, ist zu fassen allein mit kristallenen Gedanken, mit solchen Ge-
danken, wie ich sie versuchte, in der «Philosophie der Freiheit» zu
gleicher Zeit als Ausgangspunkt der wirklichen menschlichen Freiheit
zu erkennen.
t)ber solche Dinge konnen wir uns ja weiter sprechen, wenn ich in
der Lage sein sollte, wiederum vor Ihnen vorzutragen, was, wie ich
hoffe, sehr bald der Fall sein soil.
FONFTER VORTRAG
Stuttgart, 24. Juni 1920
Da heute noch einmal Gelegenheit ist, zu Ihnen gerade als zu den
Freunden der anthroposophischen Bewegung zu sprechen, bevor ich
abreise, so mochte ich dem nachkommen, was mir in gewisser Bezie-
hung ein Herzenswunsch ist: einiges zu besprechen, was jetzt notwen-
dig ist zu besprechen. Vielleicht wird ja das meiste von dem, was ich
gerade heute zu sagen habe, eine Art Wiederholung sein von Dingen,
die ofter aus den verschiedensten Gesichtspunkten heraus erwahnt
worden sind, die heute auch schon eine Rolle spielen in den Betrach-
tungen, die in offentlichen Vortragen dargestellt werden. Aber aus
gewissen Griinden heraus ist es doch notwendig, dafi wir uns iiber einige
Dinge heute noch einmal unterhalten.
Es mufi ja, wie ich oftmals betont habe, durchaus verstanden werden
von einer geniigend grofien Anzahl von Menschen, wenn der Nieder-
gang, in den wir uns hineingeritten haben als gegenwartige zivilisierte
Welt, nicht zum volligen Ruin fiihren soil, dafi die gegenwartige Zivili-
sation durchtrankt werden mufi mit gewissen Impulsen, die nur aus der
geisteswissenschaftlichen Erfassung der Welt im weitesten Umfange
kommen konnen.
Der Materialismus, der heraufgezogen ist seit den letzten drei bis
vier Jahrhunderten in der europaischen Welt, der dann seinen Hohe-
punkt erlangt hat im 19. Jahrhundert und sich uberschlagen hat im
20. Jahrhundert, dieser Materialismus hat ja eine Eigentiimlichkeit, die
besonders paradox sich ausnimmt, wenn man nicht richtig auf die
Griinde einzugehen weifi, um die es sich dabei eigentlich handelt. Dieser
Materialismus hat namlich die Eigentiimlichkeit, dafi ihm vollig ver-
sagt ist, die materielle Welt in ihrer Wirklichkeit zu erkennen. Ich habe
Ihnen ja vielleicht auch hier schon ein Beispiel dafiir angefiihrt. Oberall
f indet man aus der materialistischen Denkweise der neueren Zek heraus
die Anschauung vertreten, die eine breite Dffentlichkeit ergriffen hat,
dafi unser Herz innerhalb unseres Organismus eine Art von Pumpe sei,
welche das Blut durch den Organismus pumpt. In den mannigfaltigsten
Varianten findet man diese Anschauung von dem Pumpwerk des
menschlichen Herzens heute ausgebaut. Nun ist ja die Sache nicht so,
sondern dasjenige, was Wirklichkeit ist, das mufi so aufgefafit werden,
dafi man sagt: Unser ganzes rhythmisches Zirkulationssystem ist ein
Lebendiges, und nicht irgend etwas, was zu vergleichen ist mit irgend-
welchen Kanalen oder dergleichen, durch die Wasser fliefit, das durch
ein Pumpwerk in seinen Kreislauf getrieben wird. Unser rhythmisches
Zirkulationssystem, unser Blutsystem ist ein Lebendiges. Es wird in
seiner Lebendigkeit erhalten durch die verschiedenen Faktoren, von
denen die grobsten sind: Atmung, Hunger, Durst und dergleichen, also
Dinge, die durchaus geistig-seelischer Natur sind. Es bringen ganz
primare Urspriinge unser lebendiges Blutsystem in rhythmische Be-
wegung, und das, was Bewegung des Herzens ist, riihrt davon her, dafi
dieses Geistige sich einschaltet in diesen Blutrhythmus. Der Blutrhyth-
mus ist das Primare, Lebendige, und das Herz wird mitgerissen von
diesem Blutrhythmus. Die Tatsachen sind also vollig entgegengesetzt
dem, was heute von der gebrauchlichen Physiologie von alien Lehr-
kanzeln herunter verkiindet und daher auch von der Schule und von
friihester Kindheit an den Menschen eingepaukt wird.
Wir miissen also sagen: Der Materialismus hat nicht einmal ver-
mocht, das in Wirklichkeit zu erkennen, was die materiellen Vorgange
im menschlichen Organismus sind, die sich auf das Herz beziehen. Er
hat gerade das Materielle vollig mifiverstanden. Das ist aber nur ein
Beispiel fur viele. Gerade das Materielle ist absolut unerklart geblieben
unter dem Einflusse des Materialismus. Das Herz ist keine Pumpe,
sondern es ist etwas, was man eher ansehen kann als ein Sinnesorgan,
das einzuschalten ist in den menschlichen Organismus, damit der
Mensch in seinem Unterbewufitsein durch das Herz eine Art unter-
bewufites Wahrnehmen hat von seiner Zirkulation, so wie man durch
das Auge eine Wahrnehmung hat von den Farben der aufieren Welt.
Das Herz ist im Grunde genommen ein in die Blutzirkulation einge-
schaltetes Sinnesorgan. Von alledem wird das vollige Gegenteil heute
gelehrt.
Nun, das ist scheinbar ein recht in der Ecke stehendes Beispiel. Ich
kann mir denken, dafi mancher Philister heute geneigt ist zu sagen:
Was soli das schon fur Unheil anrichten, wenn die Menschen eine ganz
falsche Ansicht uber das Wesen des menschlichen Herzens haben!
Eher wird man schon zugeben miissen, dafi es eine ganz allgemein
bedenkliche Bedeutung hat, wenn alle Arzte eine falsche Ansicht iiber
das Wesen des menschlichen Herzens haben. Denn ob die Arzte eine
richtige oder falsche Ansicht uber das Herz haben, davon hangt doch
vieles im menschlichen Leben ab. - Aber so ist es ja mit andern Dingen
auch. Und dadurch, dafi alle Dinge im Leben zusammenhangen, da-
durch ist die Menschheit heute geradezu erfiillt von lauter verkehrten
Gedanken, von ganz inversen Gedanken. Und man konnte glauben,
wenn man nur wollte, dafi das Hangen in verkehrten Gedanken nun
iiberhaupt unser ganzes Denken ruiniert. Das tut es namlich auch.
Unser Denken wird griindlich ruiniert dadurch, dafi wir uns auf den
verschiedensten Gebieten gewohnen, weil es uns eingepaukt wird von
unserer Kindheit an, das Gegenteil von dem Wirklichen zu denken.
Wir gewohnen uns dadurch niemals ein sicheres, zielbewufites Denken
an. Denn wie kann ein zielbewufites Denken herauskommen zum Bei-
spiel im sozialen Leben, wenn man in den Dingen, wo vor alien Dingen
die Wahrheit gesucht werden mufi, auf dem entgegengesetztenWege ist?
Aber sehen Sie, gewisse Dinge bleiben iiberhaupt heute dem Men-
schen verschlossen, die wichtig sind zu wissen. Wenn heute in den ge-
brauchlichen Anstalten, in den physiologischen, biologischen Labora-
torien oder Kliniken oder sonstigen Anstalten der menschliche Orga-
nismus untersucht wird, so untersucht man, sagen wir, das Gehirn,
indem man es Stuck fur Stuck, so wie es zunachst ausschaut, analysiert,
und man untersucht die Leber, indem man sie geradeso analysiert. Aber
indem man das tut, sieht man niemals auf etwas, was ganz spezifisch
ist fur das Verstandnis des Menschen. Unsere ganze heutige Hauptes-
organisation und alles das, was von derselben beherrscht wird, ist
etwas wesentlich anderes als unser ubriger menschlicher Organismus.
Was da zugrunde liegt, will ich Ihnen auf folgende Weise zeigen:
Es ist etwas, was Sie zeichnen konnen in der folgenden Weise. Ich will
allmahlich zu dem, was ich eigentlich sagen will, hinfuhren. Sie konnen
sagen: Der Mensch hat zwei Wahrnehmungsorgane, deren Wahrneh-
mungsrichtungen etwa diese sind (siehe Zeichnung, a). Und in einem
gewissen Verhaltnis zu diesen Wahrnehmungsrichtungen stehen zwei
andere Wahrnehmungsrichtungen, die, wenn ich sie schematisch zeich-
nen will, so zu zeichnen sind (b) :
Das sind vier Wahrnehmungsrichtungen, die der Mensch hat, deren
Linien so verlaufen, wie ich es hier in dieser Weise aufgezeichnet habe.
Ich habe absichtlich nicht gesagt, wo am menschlichen Organismus
diese Wahrnehmungsrichtungen liegen. Wenn ich hier nichts zeichne
als zwei Richtungen (a), die man gewissermafien ausstreckt und mit
denen man wahrnimmt, und da zwei andere (b), durch die man seitlich
wahrnimmt, so ist es vollig gleichgttltig, ob das hier die Gefiihls- oder
Empfindungsrichtungen sind, die durch meine zwei Beine gehen, und
ob das da die Gefuhlsrichtungen sind, die durch meine Arme gehen.
Da haben Sie etwas Zusammenstimmendes. Ich nehme gewissermafien
meine eigene Schwere wahr, indem ich mit meinen zwei Beinen auf
dem Boden stehe. Da nehme ich wirklich etwas wahr. Und ich nehme
etwas wahr jedesmal, wenn ich auch nichts beriihre, wenn ich meine
Hand, meinen Arm ausstrecke. Das kann ich so zeichnen (a). Aber ich
kann auch etwas ganz anderes meinen mit derselben Zeichnung.
Denken Sie sich, ich habe die Horizontale, dann kann ich mit diesen
beiden Richtungen die beiden Augenachsen meinen, dann zeichne ich
die beiden Augenachsen so hin. Und mit dieser Richtung (b) kann ich
die Ohrenrichtung meinen, und ich kann dasselbe Schema fur Augen-
und Ohrenwahrnehmungen haben. Das eine Mai habe ich den ganzen
Organismus, nur im rechten Winkel gedreht, im Kopfe, das andere
Mai in dem ubrigen Organismus drinnen. Von einem gewissen hoheren
Gesichtspunkte aus ist beides dasselbe. Unsere zwei Beine sind nur
fleischgewordene Richtungen des Wahrnehmens, die wir in einer gei-
stigeren Weise auch haben, indem sie sich vom Gehirn durch die Augen
ausstrecken und da Farben wahrnehmen, wahrend wir sonst die
Schwere wahrnehmen und alles, was damit zusammenhangt. Wir sehen
unser Gewicht und wir treten auf die Farben, konnten wir etwa sagen,
wenn wir die beiden Dinge, aber ganz organisch, miteinander verwech-
seln wollten. Ich hore die Kreide, ich beriihre das C oder Cis. Das ist
nur ein gradueller Unterschied. Das, was da am Kopfe ist, ist im rech-
ten Winkel gedreht, geistiger, das andere ist in der Vertikalebene und
ist materiell. Aber beides geht zum Schlufi auf dasselbe zuriick. Nur
von dem einen weifi ich, von dem,was meine Augen betreten an Farben,
was meine Ohren beriihren an Tonen, von dem weifi ich, das ist in
meinem gewohnlichen Bewufitsein. Von dem, was meine Beine sehen
von den Verhaltnissen der Schwere, und von dem, was meine Arme
horen von alien andern Verhaltnissen, die da in Betracht kommen, ist
alles im Unterbewufksein. Und das, was da im Unterbewufitsein ist,
das sind die Verhaltnisse des Kosmischen. Mit diesem ganzen Unter-
bewufitsein weifi ich das Kosmische, weifi ich das Verhaltnis der Erde
zu den andern Weltenkorpern, weilS ich dasjenige, was mit der Schwere
universell zusammenhangt. Mit den Armen hore ich die Spharenmusik,
nicht natiirlich mit den Ohren. So dafi wir sagen konnen: Wir bestehen
aus unserem sogenannten niederen Organismus, der ein unterbewufites
kosmisches Bewufitsein hat, und aus unserem Haupte, das ein irdisches
Bewufitsein, aber eben ein «bewufites» Bewufitsein hat. Auf diesen Un-
terschied ist die ganze menschliche Organisation hingebildet. Wie wir
aufierlich gestaltet sind, das hangt durchaus ab von diesen Gegensatzen.
Und Sie wissen ja: Das, was wir heute als Kopf an uns tragen, das ist
der umgestaltete Leib aus der friiheren Inkarnation, dem friiheren Er-
denleben, wahrend unser jetziger iibriger Organismus zum Kopf im
nachsten Erdenleben wird. Diese Metamorphose machen wir von einem
Erdenleben zum andern durch. Der Kopf ist daher der ubrige umgestal-
tete Organismus. Der ist gewissermafien mehr vollkommen, mehr f ertig.
Und weil er das ist, sind die Beine so f ein geworden, dafi sie sich als Seh-
fiihlf aden aus den Augen heraus erstrecken, um da hochst beweglich auf
die Farben zu treten. Die Arme des vorigen Lebens sind so atherisch ge-
worden, dafi sie sich jetzt bei den Ohren herauserstrecken und die Tone
beriihren.
Nehmen Sie einmal diese konkreten Erkenntnisse des Menschen. Es
ist ja gar nichts damit getan, wenn die Leute wissen, es gibt wiederholte
Erdenleben und so weiter. Das sind schlieftlich Dogmen, und da ist es
gleich, ob man Dogmen der katholischen oder evangelischen Kirche
hat, oder ob man das Dogma von der Wiederholung der Erdenleben
hat. Es beginnt das eigentliche Denken erst dann, wenn man in die kon-
kreten Ereignisse eintritt, erst wenn man begreifen kann: Du schaust
das menschliche Haupt an, da siehst du es als Umgestaltung deines
Leibes aus dem vorigen Erdenleben, den du dir allerdings hauptlos
denken mufit, denn das vorige Haupt ist die Umgestaltung eines Leibes
in einem noch friiheren Erdenleben. Aber in dem, was du jetzt als
Haupt siehst, siehst du den umgestalteten Organismus des friiheren
Erdenlebens. Und was du jetzt siehst als iibrigen Organismus, darin
siehst du, was im nachsten Leben zum Haupte werden wird, wo sich
die Arme so metamorphosiert haben werden, daft sie zu Ohren gewor-
den sind, und die Beine sich so metamorphosiert haben werden, daft sie
zu Augen geworden sind. Erst dann, wenn man so hineinschaut in das
Materielle und es in seiner geistigen Umwandlung begreift, wenn man
den Geist so hat, daft er in das Materielle hineinleuchten kann, dann
erst ist dasjenige da, was die Menschheit heute notwendig braucht. Und
erst wenn man den menschlichen Geist so organisiert hat, daft er nicht
solcheTorheiten verkiindet, wie sie verkiindet worden sind, namentlich
in der zweiten Halfte des 19. Jahrhunderts, als mogliche soziale An-
schauungen, erst dann ist man wirklich reif dazu, solche sozialen An-
schauungen zu gewinnen, die als Wirklichkeiten in die Welt hinein-
getragen werden konnen. Es ist heute notwendig, daft dieses griindlich
durchschaut werde. Es ist eine ernste Angelegenheit, daft sich heute die
Leute sagen: Dasjenige, was verehrt wird als die Wissenschaft, die sich
heraufgebildet hat, das, was verkiindet wird iiberall, das muft durch
etwas anderes ersetzt werden. Es geht gar nicht anders.
Es ist ein Unsinn, wie ich neulich auch in einem offentlichen Vor-
trage sagte, von der Errichtung von Volkshochschulen zu reden und
zu glauben, man konne das, was getrieben wird heute in unseren ge-
wohnlichen Hochschulen, in die Volkshochschulen verpflanzen. Das,
was an unseren Hochschulen getrieben wird, das hat uns ja in diese
Katastrophen hineingetrieben, weil es die wenigen fiihrenden Person-
lichkeiten als ihre materialistische Grundgesinnung gehabt haben; nun
soil es in die ganzen Massen hineingetragen werden, das heifit, es sollen
Millionen hineinreiten in die Katastrophen, in die sie hineingeritten
worden sind durch eine falsche geistige Fiihrung von wenigen. Was fur
wenige nichts taugt, soil jetzt fiir viele ausgestreut werden. So bequem
geht es doch nicht mit der Verbreitung der Volksbildung, dafi man das,
was an Universitaten lebt, einfach hinaustragt, denn dadurch tragt
man hinaus, was fiir den Menschen iiberhaupt ungeeignet ist. Das klingt
heute radikal, aber es gehort zu dem Allernotwendigsten, dafi das un-
bedingtdurchschautwird,wenn man nur imEntferntesten daran denkt,
dafi der Niedergang nicht weiterrollen soil, sondern dafi ein Aufbau
zustande kommen soli.
Das ist es, wovon man mochte reden konnen in Worten, die wirklich
die Herzen ergreifen. Es mussen moglichst viele Herzen ergriffen wer-
den von diesen konkreten Wahrheiten. Deshalb war es mir ein solches
Bediirfnis, in offentlichen Vortragen darauf hinzuweisen, wie wir es
doch schon dazu gebracht haben in unserer Waldorfschule, dafi in ein-
zelnen Zweigen Anthroposophie positiv hineingetragen wurde in den
Geschichtsunterricht. Ebensogut konnte ich auch den anthropolo-
gischen Unterricht in der fiinften Klasse erwahnen, wo auch Anthro-
posophie wirkte, wirkte, nicht indem man den Kindern Anthroposo-
phie lehrt - das wurde uns nicht einfallen -, sondern indem man belebt
den Unterricht durch das, was aus der Anthroposophie kommt, indem
man Anthroposophie in den Unterrichtsstof f einf liefien lafit. Das wirkt
weekend auf die Seelen der Kinder; sie werden ganz anders durch diese
Einflusse. Es ware eine Bequemlichkeit, wenn man Anthroposophie in
den Schulen einfach lehren wollte. Darauf kommt es wahrhaftig nicht
an, sondern darauf, dafi man dasjenige, was man lehrt, den Kindern
zu beleben versteht durch Anthroposophie. Dazu allerdings mufi die
Anthroposophie in einem selbst vollig lebendig werden, und das ist ja
etwas, was so unendlich schwierig geht: dafi die Anthroposophie leben-
dig wird in den Menschen. Denn es ware heute schon moglich in einer
gewissen Beziehung, dafi die mannigfaltigsten Zweige nicht etwa nur
der Wissenschaft, sondern ich sage geradezu: die mannigfaltigsten
Zweige des Lebens durchdrungen waren von dem, was durch das Leben
in der Anthroposophie kommen kann.
Das ist so eine allgemeine Betrachtung. Ich will eine spezielle Be-
trachtung daran kniipfen, aus der Sie werden ersehen konnen, wie die
Dinge zusammenhangen, die hier in Betracht kommen.
Sie wissen ja, in der heute weitverbreiteten marxistischen Welt-
anschauung und Lebensauffassung, die ihren radikalen Ausdruck in
dem weltzerstorenden Leninismus und Trotzkismus findet, in dieser
marxistischen Lebensauffassung spielt eine grofie Rolle die Anschau-
ung, die man die «materialistische Geschichtsauffassung» nennt, und
namentlich das Dogma von der grundlegenden Wirkung der Produk-
tionsverhaltnisse. Es ist ein Dogma, zu dem heute Millionen von Men-
schen aus dem Proletariat sich bekennen, das Dogma, dafi dasjenige,
was Sitte, Recht, Wissenschaft, Religion und so weiter ist, etwas ist,
was wie ein Rauch, wie eine Ideologic - Sie konnen in den «Kern-
punkten» Genaueres dariiber nachlesen - aufsteigt aus den Produk-
tionsverhaltnissen, wahrend die Produktionsverhaltnisse das einzig
Wirkliche waren, dasjenige, was man in der Geschichtsbetrachtung
zugrunde zu legen habe.
Ich hielt es von ganz besonderer Wichtigkeit seinerzeit - und eigent-
lich hangt das zusammen mit meiner ganzen Meinung, dafi ich etwas
habe tun konnen in der Berliner Arbeiter-Bildungsschule, von dem man
hatte ausgehen konnen -, in proletarischen Kreisen iiber diese Anschau-
ung von der alleinigen Wirksarnkeit der Produktionsverhaltnisse im
menschlichen Werdegang aufklarend zu sprechen, und ich habe daher
nicht materialistische Geschichtsauffassung, sondern die Wahrheit zu
verkiinden versucht. Das war dann ja auch der Grund, warum ich her-
ausgeworfen wurde, weil das geradeso damals den Fuhrern widerstrebt
hat wie jetzt die Idee der Dreigliederung, weil tatsachlich innerhalb
der sozialistischen Bewegung dazumal und heute noch ein viel blin-
deres Autoritatsgefuhl und Autoritatsglaube war und ist als in der
Katholischen Kirche.
Aber Sie sehen, dasjenige, um was es sich gerade handelt, das ist,
zu durchschauen, richtig zu durchschauen, wie die Dinge auch sozial
in der Welt zusammenhangen. Wer eine richtige Einsicht gewinnt in
das, was ich angedeutet habe in meinem Buche «Von Seelenratseln»
als die naturgegebene Dreigliederung des menschlichen Organismus,
wer diese Gliederung des Menschen in den Nerven-Sinnesorganismus,
den rhythmischen Organismus und den Stoffwechselorganismus ver-
steht, der denkt so, daft er dieses Denken dann auch auf das soziale
Leben anwenden kann. Wenn man so etwas tut, so kommen die Toren
von heute und sagen: Du machst Analogien; weil der menschliche Leib
dreigegliedert ist, gliederst du auch den sozialen Organismus. - Das ist
Unsinn! Das tun die «Kernpunkte» gewifi nicht, da wird nicht mit
Analogien gearbeitet. Es wird blofi gesagt, daft, wenn einer sein Denken
aus den spanischen Stiefeln herauskriegt, in die es durch die heutige
Gelehrsamkeit und namentlich das heutige offentliche Leben einge-
schniirt ist, er dieses Denken dadurch, daft es auf Wirklichkeitsgemafies
kommt im menschlichen Organismus, so weit frei bekommt, daft er
auch im Sozialen ordentlich denken kann, wahrend das Denken, das
das Gehirn des Menschen neben die Leber legt und alles als gleiche
Substanzen untersucht, niemals zu einer verniinftigen Einsicht kommen
kann.
Wenn man so aufierlich Analogien bilden wurde, dann wurde man
sagen: Wir haben die Dreigliederung des sozialen Organismus und die
Dreigliederung des menschlichen Organismus. Der Kopf ist das geistige
Organ, also mufi man es vergleichen mit dem geistigen Leben des drei-
gliedrigen Organismus; das rhythmische System, das bringt Einklang
zwischen den verschiedenen Funktionen als Herztatigkeit, als Atmungs-
tatigkeit - also Rechtsteil des sozialen Organismus; den Stoffwechsel,
das Grobste, Materiellste, dasjenige, worauf der Mystiker mit einer
gewissen Verachtung herabsieht, trotzdem auch er erklart, daft er essen
und trinken mufi, den vergleicht man mit dem wirtschaftlichen Leben.
Das ist aber nicht so! Ich habe ofter darauf aufmerksam gemacht
bei andern Gelegenheiten, daft die Dinge eben in Wirklichkeit anders
liegen, als man nach bloften Analogien glaubt, daft man zum Beispiel
nicht sagen kann, die Sommerzeit lasse sich mit dem Wachzustand der
Erde vergleichen und die Winterzeit mit dem Schlafzustand. Die Wahr-
heit ist eine andere. Im Sommer schlaft die Erde, im Winter wacht sie.
Das habe ich ja in seinen Einzelheiten ausgefuhrt.
Aber so ist es auch, wenn man auf die Wirklichkeit und nicht auf
Analogien geht, bei dem Vergleichen des sozialen Organismus mit dem
menschlichen Organismus. Da mufi man vergleichen just das Wirt-
schaftsleben im sozialen Organismus mit der menschlichen Kopftatig-
keit; dasjenige, was Rechtsleben ist, das mufi man allerdings - weil es
das Mittlere ist, so haben sich die Leute auch nicht geirrt bei der Ana-
logic - mit der rhythmischen Tatigkeit vergleichen. Aber das Geistes-
leben, das mufi man vergleichen mit dem Stoffwechsel. Also das Wirt-
schaftsleben ist zu vergleichen mit den geistigen Organen, das geistige
Leben im sozialen Organismus mit den Stoffwechselorganen. Da hilft
nichts. Das Wirtschaftsleben ist der Kopf des sozialen Organismus, und
das geistige Leben ist Magen, Leber und Milz fur den sozialen Orga-
nismus, nicht fiir den einzelnen individuellen Menschen. Das ist natiir-
lich wieder viel zu unbequem, wenn man in spanischen Stiefeln steckt,
dafi man zu unterscheiden hat das soziale Leben und das Leben des
einzelnen, des individuellen Menschen.
Hier kommt es abermals darauf an, durch Geisteswissenschaft vor-
bereitet auf die Wirklichkeit hinzusehen und nicht Analogien und ver-
trackte Symbolistik zu treiben.Dann kommt man schon auf mancherlei
wichtige Dinge. Man kommt zum Beispiel darauf, dafi man sich sagen
kann: Ja, dann aber mufi ja das Wirtschaftsleben, wenn es eigentlich
der Kopf ist im sozialen Organismus, so wie der menschliche Kopf von
dem ubrigen Organismus zehren. Dann kann man nicht sagen, Sitt-
lichkeit, Erkenntnis, religioses Leben sei eine Ideologic, die aufsteigt
aus dem Wirtschaftsleben. Nein, ganz im Gegenteil! Das Wirtschafts-
leben ist etwas, was abhangt von dem geistigen Leben, vom Stoff-
wechsel des sozialen Organismus, wie der menschliche Kopf abhangt
vom Atmen, von Magen und Leber und Milz. Dann kommt man dar-
auf, einzusehen, dafi das Wirtschaftsleben dasjenige ist, was aufsteigt
aus dem geistigen und religiosen Leben. Wenn der Mensch keinen
Magen hatte, konnte er keinen Kopf haben. Gewifi konnte er auch
keinen Magen haben, wenn er keinen Kopf hatte, aber schliefilich wird
der Kopf vom Magen genahrt, und ebenso wird unterhalten das Wirt-
schaftsleben vom geistigen Leben und nicht umgekehrt. Daher ist das
ein Irrwahn, ein furchtbarer Aberglaube, der heute sich als sozialistische
Theorie iiber die ganze zivilisierte Welt zu verbreiten droht, weil nie-
mand darauf bedacht war in den letzten Jahrhunderten, die Wahrheit
zu erforschen, sondern jeder nur aus den Emotionen heraus dasjenige
als Wahrheit verkiindigte, was ihm nach seiner Klasse und nach seinem
Standpunkt angemessen war. Jetzt erst sieht man ein, welcher Irrwahn
es ist, die Produktionsverhaltnisse als die Grundlage fiir das geschicht-
liche Geschehen anzusehen. Denn man kommt jetzt darauf, wirklich
die Tatsachen zu vergleichen, nicht Analogien zu verbreiten. Man
schaut jetzt in der richtigen Weise hin und sieht ein, dafi, wenn der
Stoffwechsel untergraben wird im menschlichen Organismus, der Kopf
leidet, dafi also jedesmal, wenn das Ethische, das Religiose, das Er-
kenntnisleben untergraben wird, im sozialen Organismus nicht ein ge-
sunder Stoffwechsel wirkt und das Wirtschaftsleben dann zugrunde
gehen muE. Vom Wirtschaftsleben hangt gar nichts ab, sondern primar
hangt alles ab von Anschauungen, von Ideen, von dem geistigen Leben
der Menschen.
Und so wie unser Kopf eigentlich fortwahrend stirbt - ich habe das
in andern Vortragen ausgefiihrt so wie wir unseren Kopforganismus
nur dadurch unterhalten, dafi er in fortwahrendem Absterben ist, gegen
das sich der iibrige Organismus auflehnt, so ist es mit dem Wirtschafts-
leben. Das Wirtschaftsleben ist dasjenige, welches den geschichtlichen
Fortgang der Menschheit fortwahrend zum Absterben bringt, das nicht
etwa das iibrige aus sich hervortreibt, sondern nur den Tod von allem
hervorbringt. Und dieser Tod mufi fortwahrend wieder ausgeglichen
werden durch dasjenige, was im geistigen Organismus hervorgebracht
wird. Also gerade das Umgekehrte ist wahr. Wer im materialistischen
Sinne behauptet, das Wirtschaftsleben sei die Grundlage von dem, was
fortschreitet, sagt nicht das Wahre. Die Wahrheit ist, dafi das Wirt-
schaftsleben die Grundlage dessen ist, was immer wiederum in Etap-
pen abstirbt und dessen Absterben vom Geiste aus ausgeglichen werden
mufi. So vorzugehen, wie jetzt in Rufiland vorgegangen wird, bedeutet,
der Welt zum Absterben zu verhelfen. Es gibt keine andere Moglich-
keit, wenn man in dieser Weise fortarbeitet, als der Welt zum Abster-
ben zu verhelfen, aus dem einfachen Grunde, weil in dem, was man da
verrichtet, die Gesetzmafiigkeit des Absterbens drinnen liegt.
Sie sehen, welche sozial eminent wichtigen Dinge hier vorliegen.
Das war es, was ich immer wieder in den verschiedensten Tonen ver-
suchte, seit den zwei Jahrzehnten, seitdem Anthroposophie unter uns
getrieben wird, durch die verschiedenen Vortrage durchleuchten zu
lassen und klarzumachen, dafi es sich bei uns wahrhaftig nicht darum
handelt, eine innere seelisch-wolliistige Weltauffassung und Lebens-
anschauung, eine Art geistigen Snobismus zu kultivieren, sondern dafi
es sich handelt um dasjenige, was das Zeitalter als seinen wichtigsten
Impuls braucht.
Ich wollte dies heute noch einmal vor Ihnen aussprechen in einer
wieder etwas andern Form, zusammenhangend mit verschiedenen Din-
gen, die uns aufklaren konnen iiber das Wesen des Menschen, weil es
jetzt wichtig ist, dafi diejenigen, die als Freunde unserer anthroposo-
phischen Bewegung sich bekennen, den Zusammenhang dieser anthro-
posophischen Bewegung mit dem, was sonst jetzt unter uns vorgeht,
einsehen.
Es ist ja, da jetzt oftmals alles in einer recht entstellten Form be-
sprochen wird, was von mir oder andern Freunden ausgeht, es ist ja
schwer, einer grofien, auch anthroposophischen Versammlung so ganz
frei die Dinge zu sagen, aber es mufi, weil man ja keine andere Gelegen-
heit hat, im engeren Kreise so ohne weiteres zu sprechen, und weil iiber
die Dinge gesprochen werden mufi, auf einiges aufmerksam gemacht
werden. Wir miissen uns dessen bewufit sein, besonders hier in Stutt-
gart, dafi dasjenige, woran wir gehangen haben seit zwei Jahrzehnten
als anthroposophischer Bewegung, eben doch in ein neues Stadium ge-
treten ist, und dafi wir dadurch, wenn wir es ehrlich meinen mit dieser
Bewegung, die Verpflichtung auf uns genommen haben, mitzugehen
mit diesem Umschwung, uns anzupassen diesem Umschwung. Sie miis-
sen das nur ordentlich erfassen, dafi, indem durch unsere Freunde Molt y
Kiihn, Unger,Leinhas und einige andere hier der Versuch unternommen
worden ist, praktisch die Konsequenz der anthroposophischen Lebens-
auffassung zu ziehen, dafi dadurch eben etwas geschehen ist, was uns
alle angeht, was uns alle so angeht, daJ$ wir uns dafiir interessieren
miissen in unserem ganzen Verhalten. Es ist so, dafi bis dahin eigent-
lich - fassen wir das nur ganz scharf ins Auge - die anthroposophische
Bewegung eine Weltenstromung war. Eine geistige Weltenstromung ist
eben etwas Geistiges. Etwas Geistiges, das geht seinen Weg. Es mogen
sich Cliquen bilden, es mogen sich noch so verwerfliche kleine Zu-
sammenrottungen bilden, die personliche und was weifi ich welche In-
teressen noch haben, selbst iiber einen solchen Un-«Rat» wie den Max
Selling kann eine geistige Bewegung hinweggehen. Man mufi es ja natiir-
lich in dieser oder jener Weise richtig behandeln, aber so lange es sich
urn eine blofi geistige Bewegung handelt, kann dariiber hinweggegan-
gen werden. Aber nun haben wir doch drei Dinge herausgebildet aus
dieser geistigen Bewegung.
Das erste war dasjenige, was sich an meinen Aufruf vom vorigen
Jahr angeschlossen hat. Das ist iibergegangen in die ja heute noch f rag-
wiirdige Dreigliederungsbewegung, in den Bund fur Dreigliederung
des sozialen Organismus, der eigentlich dasjenige, was gewollt worden
ist, bis jetzt auch nicht in annahernder Weise hat erreichen konnen.
Denn das, was mit dem Aufruf gemeint war, ist ja in einem gewissen
Sinne abgelehnt worden, und es ware gut, wenn ein vollstandiges Be-
wufitsein davon vorhanden ware, dafi es abgelehnt worden ist, dafi das
wenigste davon erfiillt ist, was mit diesem Aufruf gemeint war.
Ich bin dadurch selbstverstandlich zu manchem genotigt. Als zum
Beispiel in Dornach die Idee auftrat, man solle einen weiteren Aufruf
machen, der im internationalen Leben klarmachen wiirde, was Dorn-
ach der Welt bedeutet, da mufite ich den Freunden klarmachen: Ja,
draufien im gewohnlichen Leben, das aber jetzt seinem Zusammen-
bruche entgegengeht, da ist man gewohnt, Aufruf an Aufruf, Pro-
gramm an Programm herauszusetzen. Das kann man nicht aus der
anthroposophischen Bewegung heraus. Da handelt es sich darum, ein-
zusehen, dafi es in einer gewissen Weise im hochsten Grade ungesund
ist, wenn irgend etwas gemacht wird, was nicht gelingt. Da handelt es
sich darum, daft man tatsachlich in der allerprazisesten Weise dieChan-
cen des Gelingens ins Auge fafit, dafi man nicht blofi das, was einem
gerade einfallt, tut, sondern dafi man nur das tut, was gelingen kann.
Deshalb sagte ich dazumal das Wort, das wichtig ist und das ich bitte
zu erwagen: Es wird mir nicht einf alien, in einer ahnlichen Weise
wiederum einen Aufruf zu machen, denn ein zweites Mai darf nicht
mit einem Aufruf dasselbe geschehen, was mit dem ersten geschehen
ist. - Ich konnte hier noch geschehen lassen den Kulturratsaufruf, der
nicht von mir selbst gemacht worden ist, aber man mufi sich klar sein,
daft die Dinge anfangen, ungeheuer viel ernster zu sein, als der Mensch
heute geneigt ist, sie aufzufassen, wenn etwas wie die anthroposophi-
sche Bewegung im Hintergrunde ist.
Nun haben wir drei Dinge gewissermafien herausgebildet aus der
anthroposophischen Bewegung, von denen jedes etwas ganz anderes
darstellt:
Die Dreigliederung aus jenem Aufruf - wir miissen daran arbeiten,
denn sie wird zum Teil abgelehnt; das zweite Glied ist die Waldorf-
schule; das dritte die finanzielle, kommerzielle, industrielle Unter-
nehmung «Der Kommende Tag».
Nun bin ich in friiheren Zeiten, als wir nur die anthroposophische
Bewegung hatten - ich spreche heute nur von Stuttgart -, hierher-
gekommen nach Stuttgart, da war ich ja vielleicht drei bis vier Tage
da, aber Sie wissen, mit wievielen Menschen ich immer einzeln sprechen
konnte. Das alles waren Dinge, die, wie jetzt der Erfolg zeigt, von
einer gewissen Bedeutung waren. Es war nicht bedeutungslos, dafi das-
jenige, was sich mittlerweile ereignet hatte - man wird mich verstehen,
wenn man mich verstehen will -, in solchen Unterredungen mit ein-
zelnen Personlichkeiten wiederum zurechtgeriickt werden konnte.
Dann konnte die Sache wieder fortgehen bis zum nachsten Mai. Nun,
so wie die Sachen unmittelbar stehen, hat man eigentlich jetzt, nach-
dem sich diese aufieren Dinge herausgebildet haben, mit Sitzungen vom
Morgen bis zum Abend, ja bis in die Nacht hinein zu tun, und es kann
nicht die Rede sein davon, jene alten Gewohnheiten fortzusetzen, die
da waren, als wir noch eine anthroposophische Bewegung waren. Von
alledem empf inden sehr viele nichts anderes, als dafi es eine Unannehm-
lichkeit sei, dafi es nicht mehr ist wie friiher. Es ist aber notwendig, auf
den ganzen Umschwung hinzuschauen und sich wirklich zu sagen: Es
ist etwas anders geworden seit dem Friihling des vorigen Jahres, und
dem mufi Rechnung getragen werden.
Nun wird es ja nicht so bleiben konnen, wie es jetzt ist, aber dafi es
nicht so bleiben kann, dazu mufi mitgearbeitet werden. So kann es aus
dem Grande nicht bleiben, weil alles das, was geschieht, sei es fur die
Waldorfschule, sei es fur den Dreigliederungsbund, sei es fiir den
«Kommenden Tag», ja auf der Grundlage der geistigen Arbeit entsteht.
Ohne die geistige Arbeit, die geleistet worden ist und weiter geleistet
werden mufi, hat ja das alles keinen Sinn. Diese geistige Arbeit mufi
dem Ganzen Konf iguration, mufi dem Ganzen Kraft und Inhalt geben.
Wenn wir dazu kommen, wozu wir kommen wiirden, wenn die Sache
so weitergehen wiirde, so ware die Folge, dafi die jetzigen Einrich-
tungen die urspriingliche geistige Bewegung auffressen wiirden; da ent-
ziehen wir der Sache ihre urspriinglichen Grundlagen. Es darf das, was
herauswachst aus der anthroposophischen Bewegung, nicht auffressen
diese anthroposophische Bewegung selbst.
Sie sehen, ich mufi sehr ernste Dinge heute besprechen, und es wer-
den mich einige wenigstens verstehen. Aber die Sache kann nicht anders
werden, wenn wir nicht das eine Realitat sein lassen, dafi eben anthro-
posophisch wirklich viele Jahre, jahrzehntelang gearbeitet worden ist.
Diese Arbeit mufi eine Realitat sein.
Nun bitte ich Sie, zu dem hinzuzunehmen eines: In der Welt gibt es
viel Kampf, aber wo ist eigentlich am meisten Kampf ? Er spielt sich
nur in einer gewissen Form ab, man merkt es nicht, aber er ist am aller-
meisten im geistigen Leben. Und zum Beispiel in dem, was sich anthro-
posophische Bewegung nennt, da ist ja kein Ende des Kampf es. Als aus
den alten Usancen heraus - man mufite ankniipfen an sie, Sie wissen ja
warum - unsere Bewegung sich gestaltete, das heifit, viele von den
Leuten mit den alten theosophischen Gewohnheiten sich anschlossen an
unsere Bewegung, hatte ich die Empfindung, dafi ein Herr, der damals
ein ganz besonders heftiger Verteidiger gerade unserer Richtung war,
sehr bald mit alien moglichen andern Leuten streiten werde; denn der
Kampf ist etwas, was sich da gerade furchtbar herausbildet. Ja, ich
habe sogar immer betont: Der Herr, der so ein ganz waschechter Theo-
soph ist, er wird nicht nur mit andern Leuten streiten, sondern seine
linke und seme rechte Halfte werden in einen furchtbaren Kampf
kommen. Man wird erleben, dafi die linke Seite dieser Personlichkeit
mit der rechten in der furchtbarsten Weise zankt.
Es mufi eben selbstverstandlich der andere Pol entwickelt werden,
der Pol, der die fortwahrend vorhandenen, aus dem Wesen jeder gei-
stigen Bewegung entstehenden Kampfe - weil jede geistige Bewegung
auf die Individualist hinarbeitet - tiberwinden mufi. Es mufi der
andere Pol vorhanden sein, der Pol der Menschenverstandigung, der
Pol, der darin besteht, dafi man in den Menschen eindringen kann, dafi
man in die Lebensimpulse eines andern Menschen sich vertiefen kann
und so weiter. Es mufi moglich sein, dafi dasjenige, was wir jetzt als
Dreigliederungsarbeit, was wir als «Kommender Tag», was wir als
Waldorfschule treiben, getragen wird von einer guten, moralischen
Grundlage unserer anthroposophischen Bewegung hier in Stuttgart,
von derjenigen moralischen Grundlage, die erarbeitet worden ist seit
Jahrzehnten, oder wenigstens erarbeitet werden sollte. Davon mufi es
getragen sein, denn nur so kommen wir weiter und konnen uns wieder-
um ein Gleichgewicht zuriickerobern zwischen dem Leben in Sitzungen
und dem notwendigen geistigen Arbeiten, das doch die Grundlage bil-
den mufi. Aber wir kommen natiirlich nicht dazu, wenn fortwahrend
solche Dinge sich abspielen hier wie etwa, dafi man gesagt bekommt:
Da ist wiederum etwas Schreckliches geschehen, da ist ein Mensch, der
stankert fortwahrend, der ist schadlich fur alle iibrigen. - Das mag
sein, das kann richtig sein. Aber mir ist es bis jetzt, trotzdem mir solche
Dinge wahrend meiner jetzigen Anwesenheit unzahlige Male entgegen-
getreten sind, nicht gelungen, eine solche Sache so weit zu verfolgen,
dafi, wenn ich zu dem zweiten gekommen bin, er mir dasselbe gesagt
hatte wie der erste. Und beim fiinften, sechsten wurde es schon das
Gegenteil von dem, was mir der erste verkiindet hatte. Ja, ich erzahle
nur Tatsachen. Ich will keine Kritik iiben, ich will nicht tadeln oder
loben, wirklich auch das erstere nicht, aber es ist so. Dasjenige aber,
was notwendig ist, dafi es gerade auf anthroposophischem Boden sich
entwickele - ich habe es ja ofter ausgefiihrt -, ist ein absolutes, treff-
sicheres Wahrheitsgefiihl. Es ist sehr schwierig, in all diesen Dingen
weiter zu arbeiten, wenn nicht die Grundlage da ist von Wahrheit, von
unmittelbar wirklicher Wahrheit. Ist diese Grundlage von wirklicher
Wahrheit da, dann mufi es doch so sein, dafi, wenn irgend etwas an
einen herantritt und man verfolgt es noch bei dem fiinften oder sech-
sten, es sich noch in derselben Weise darstellt. Aber ich erlebe, dafi mir
etwas, was «furchtbar» ist, mitgeteilt wird und jeder, den ich frage,
etwas anderes sagt. Ich kann ja selbstverstandlich nicht die Dinge, die
ich von andern Quellen her weifi, im aufieren Leben anwenden; das
habe ich oftmals ausgefiihrt. Darum handelt es sich nicht, ob ich die
Sache weifi oder nicht, ob das richtig sei oder nicht, sondern darum
handelt es sich,ob der erste dasselbe sagt wie der sechste, siebente; nicht
urn mein Wissen handelt es sich. Ich lasse mir in der Regel keine Illu-
sionen vormachen und frage auch gar nicht darum irgend jemand,
sondern um ganz anderer Griinde willen. Mich interessiert gewohnlich
gar nicht sehr stark, was mir mitgeteilt wird, aber es handelt sich jetzt
darum, dafi ich hinschauen kann auf das, was der erste und was der
siebente sagt, und da stellt sich sehr haufig heraus, daft der eine etwas
sagt, und beim siebenten ist es eben das Gegenteil. Nun glaube ich,
folgt mit einer gewissen Evidenz daraus etwas: dafi eines davon nicht
wahr ist. Das scheint mir doch daraus zu folgen.
Ja, im aufieren physischen Leben, das ja jetzt gerade deshalb dem
Niedergang entgegengeht, hat man immer nicht bemerken wollen die
Funktion, die einschneidende Bedeutung der Unwahrheit. Auch wenn
sie nicht beabsichtigt ist, wirkt die Unwahrheit doch zerstorend. Auf
dem Boden, auf dem anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft
steht, miifite man unter alien Umstanden einsehen: Das, was im phy-
sischen Leben eine zerstorende Bombe ist, das ist im Geistigen eine Un-
wahrheit. Sie ist eine zerstorende Kraft, ein zerstorendes Instrument,
und zwar ein ganz real zerstorendes Instrument. Es wurde tatsachlich
wiederum moglich sein, trotz der vielen Griindungen zu grofier frucht-
barer Arbeit zu kommen auch auf geistigem Gebiete, wenn man diesen
Dingen einige Aufmerksamkeit zuwenden wurde, aber eine sachliche
Aufmerksamkeit, nicht eine personliche Aufmerksamkeit.
Sie wissen, es ist nicht meine Art, Philippiken zu halten; Moral-
pauken zu halten ist ja nicht meine Art. Aber ich mufi Tatsachen, die
mir insbesondere jetzt stark entgegengetreten sind, wirklich einmal zur
Sprache bringen, weil wir in einer emsten Lage drinnenstehen. Wir
stehen vor Unternehmungen, die nicht mifilingen diirfen, die gelingen
miissen, bei denen gar keine Rede davon sein kann, dafi sie irgendwie
mifilingen, von denen wir heute sagen miissen: sie werden gelingen.
Aber dafi sie nicht die urspriingliche anthroposophische Bewegung auf-
fressen, das hangt davon ab, dafi ein jeder wirklich mitarbeitet daran,
dafi das, was sich moralisch ergeben sollte aus der jahrzehntelangen
Arbeit, wirklich da sei. Dazu mufi jeder mitarbeiten. Das ist schon ein-
mai notwendig, dafi dazu jeder mitarbeitet.
Mir tut es im Herzen weh, dafi ich fast keinen der Wiinsche befrie-
digen kann, die jetzt so zahlreich an mich herantreten. Aber ich mufi
immer die Freunde abweisen, weil ja einfach die Zeit sich nicht ver-
doppeln lafit und nicht blofi vom Morgen zum Abend, sondern in die
Nachte hinein Sitzungen sind. Man kann nicht zu gleicher Zeit mit
einzelnen Menschen sprechen selbstverstandlich. Aber wenn nicht -
die Dinge hangen zusammen - durch eine Besinnung im weitesten
Kreise unserer Mitarbeiterschaft diese Dinge weggenommen werden,
die so hineinspielen in alles Leben hier und die eben charakterisiert sind
mit dem, was ich eben jetzt charakterisiert habe, wenn diese Dinge
nicht durch Insichgehen jedes einzelnen gerade heute an diesem Orte
aus der Welt geschaffen werden, so is
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