Weltsilvester und Neujahrsgedanken

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 
VORTRAGE 

VORTRAGE VOR MITGLIEDERN 
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



RUDOLF STEINER 

Weltsilvester 
und Neujahrsgedanken 

Fiinf Vortrage, gehalten in Stuttgart 
vom 21. Dezember 1919 bis 1. Januar 1920 



1986 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgte Robert Friedenthal 



1. Auflage, Dornach 1931 

2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1962 

3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1986 



Bibliographie-Nr. 195 

Einbandgestaltung von Assja Turgenieff 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1962 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Satz: Kooperative Diirnau, Diirnau 
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt 

ISBN 3-7274-1950-4 Ln ISBN 3-7274-1951-2 Kt 



Zu den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen- 
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861 - 1925) geschriebenen und 
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch 
fur die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen 
Gesellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei 
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als 
«miindliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht 
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte 
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich 
veranlalk, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute 
er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra- 
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Her- 
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus 
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst kor- 
ngieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen 
sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge- 
nommen werden miissen, daft in den von mir nicht nachgesehenen 
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur 
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentli- 
chen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie 
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am 
Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleicher- 
mafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an 
einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft ver- 
trauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867- 1948) wurde gemafi 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt- 
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil 
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Anga- 
ben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



ERSTER VORTRAG, Stuttgart, 21. Dezember 1919 9 

Die drei Stromungen des Kulturlebens. Die Mysterien des Lichts (1), des 
Menschen (2) und der Erde (3). Zu 1) : Ursprung im alten orientalischen 
Geistesleben. Soziale Stofikraft der alten Initiation. WissenschaftHcher 
Weg von oben nach unten. Zunehmende Filtrierung im alten Griechen- 
land bis zur Abstraktion in unserer Zeit. Reprasentanten im Sozialen: 
Aristokratie, Feudalismus. Zu 2): Ursprung des Rechtslebens in den 
agyptischen Mysterien. Durchgang durch das Romertum. Juristischwer- 
den des Christentums in der Romisch-Katholischen Kirche. Reprasentant 
im Sozialen: Bourgeoisie. Zu 3): Ursprung des Wirtschaftslebens in den 
nordischen Mysterien. Auf das Wirtschaftsleben bezugliche Feste. Weg 
von unten nach oben. Beispiele: Newton, Darwin, Mill, Spencer, Hume. 
Verknauelung der drei Strome im heutigen Kulturchaos. Goethe, Wil- 
helm von Humboldt. Die russischen Revolutionary Gegner der Anthro- 
posophie: Domkapitular Laun, Ferrier. 

ZWEITER VORTRAG, 25. Dezember 1919 30 

Ein Weihnachtsvortrag. Der michaelische Weg zu Christus. Konnen wir 
noch Christen sein? (David Friedrich StraufS.) Die antichristlichen Ge- 
danken von Tirpitz und Ludendorff. Harnacks Christus-Begriff. Beginn 
der Regentschaft Michaels im November 1879. Michael heute. Die «Welt- 
luge» von der Freiheit der Nationen. Die friihere Verkorperung Luzifers 
und die zukiinftige von Ahriman. Das Christliche als Gleichgewicht zwi- 
schen diesen beiden Machten. Das Weihnachtsfest. Notwendigkeit einer 
neuen Offenbarung. 



DRITTER VORTRAG, 28. Dezember 1919 44 

Das Mysterium des menschlichen Willens. Zusammenhang zwischen 
Wille und Zerstorungsprozessen. Willenswirkungen und Naturablauf. 
Inkarnation Luzifers im alten China. Die Mysterien des Orients. Ihr Ab- 
straktwerden in der griechischen Philosophic und ihre Erstarrung zur 
Phrase in der Gegenwart. Die Vorbereitung der Inkarnation Ahrimans. 
Irrtiimliche Auffassung der Evangelien als Mittel zur Vorbereitung von 
Ahrimans Inkarnation. 



VIERTER VORTRAG, 31. Dezember 1919 59 

Das Verhaltnis des Menschenlebens zu Vergangenheit und Zukunft, als 
Spiegelungsvorgang betrachtet. Ich-Wahrnehmung dadurch, dafi das Be- 
wufitsein durch die Nachte eine Unterbrechung erfahrt. Notwendigkeit 
der neuen Offenbarung. Der heutige Tag als eine Art Weltsilvester. 
Notwendigkeit eines neuen Christus-Erlebnisses. Gogartens Schrift «Die 
Geisteswissenschaft und das Christentum». Die Angriffe des Jesuiten 
Zimmermann. Nach dem Weltsilvester mufi ein Neujahr der Geistes- 
zukunft kommen. 

FUNFTER VORTRAG, 1. Januar 1920 70 

Rudolf Steiners friihe Aufsatze «Die geistige Signatur der Gegenwart». 
Fichte und Hegel. Das Dogma der Offenbarung und das Dogma der blo- 
fien sinnlichen Erfahrung. Lenins soziale Ideen. Die Geisteswissenschaft 
strebt nach einer Sozialordnung, in welcher Gleichgewicht besteht zwi- 
schen Fahigkeiten und Bedurfnissen, d.h. zwischen Luzifer und Ahri- 
man. Das Charakteristische der heutigen osteuropaischen Kultur (Lenin, 
Trotzki) in bezug auf das Soziale. In Mitteleuropa Verleugnung des durch 
Goethe und Schiller reprasentierten deutschen Geisteslebens. Heinrich 
Deinhardt. 



Hinweise 85 

Personenregister 91 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 93 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 95 



ERSTER VORTRAG 



Stuttgart, 21. Dezember 1919 



Diejenigen von Ihnen, welche die letzten hier gehaltenen Vortrage 
gehort haben, werden aus den darin angestellten Betrachtungen ent- 
nommen haben, inwiefern es durchaus gegenwartig eine Zeitforde- 
rung ist, die sogenannte Wissenschaft der Initiation, die wirkliche 
Wissenschaft vom geistigen Leben in unsere ganze Kulturentwicke- 
lung einfliefien zu lassen. Und manches habe ich auch schon dariiber 
gesprochen, welches die Hindernisse sind, die sich diesem Einfliefien 
der Wissenschaft von der geistigen Welt in unser gegenwartiges Kul- 
turleben, und wohl auch noch in das Kulturleben der Zukunft, ent- 
gegenstellen. Da ist ja vor alien Dingen erstens dasjenige, was ich 6f- 
ters charakterisiert habe als die Furcht vor der geistigen Erkenntnis. 
Man braucht dieses wohl nur auszusprechen und es wird in der Ge- 
genwart von alien Seiten gewissermafien «beleidigt» getan werden. 
Denn wie sollte es denn nach der Ansicht mancher Menschen zu- 
treffend sein, daft in jener Zeit, in der man es so herrlich weit ge- 
bracht hat, die Menschen irgendwelche Furcht vor einer Erkenntnis 
haben? Die Menschen glauben ja heute, in der Lage zu sein, gewis- 
sermaften alles, alles mit ihren Erkenntniskraften umfassen zu kon- 
nen. Die Furcht aber, von der ich spreche und von der ich ofter ge- 
sprochen habe, die sitzt zunachst nicht im Bewufitsein der Men- 
schen. Im Bewufttsein machen sich die Menschen vor, daft sie mutig 
genug seien, um jede Art von Erkenntnis entgegenzunehmen. Aber 
tief in demjenigen in der Seele, wovon die Menschen nichts wissen 
und auch heute im Grunde genommen nichts wissen wollen, da sitzt 
diese unbewuftte Furcht, und weil diese Menschen diese unbewuftte 
Furcht haben, so steigt ihnen allerlei auf von der Art von Griinden, 
die sie logische Grunde nennen, von denen sie vorgeben, daft sie lo- 
gische Einwande gegen die Geisteswissenschaft seien. Es sind keine 
logischen Einwendungen, es sind nur Ausfliisse der in den Men- 
schenseelen unbewulk waltenden Furcht vor der Wissenschaft vom 
Geiste. In den Untergriinden des Seelenlebens weifi namlich eigent- 



lich ein jeder Mensch viel mehr als er denkt. Er will dieses Wissen, 
das in den Untergninden des Seelenlebens wurzek, nur nicht herauf- 
steigen lassen, weil er sich eben davor furchtet. Vor alien Dingen 
ahnt der Mensch eines von den iibersinnlichen Welten: Er ahnt, dafi 
in all dem, was er sein Denken nennt, in all dem, was er als seine Ge- 
dankenwelt bezeichnet, doch etwas enthalten ist von der iibersinnli- 
chen Welt. Selbst materialistisch gesinnte Menschen der Gegenwart 
konnen sich nicht immer der Ahnung entschlagen, dafi in dem Ge- 
dankenleben doch etwas enthalten sei, das irgendwie auf eine iiber- 
sinnliche Welt hinweist. Aber zu gleicher Zeit ahnt der Mensch 
noch etwas anderes von dieser Gedankenwelt : Er ahnt, daft diese 
Gedankenwelt sich zu einer gewissen Wirklichkeit etwa so verhalt 
wie das Bild, das man in einem Spiegel sieht, sich verhalt zu der 
Wirklichkeit, die abgespiegelt wird. Und so wie eigentlich das Bild 
im Spiegel keine Wirklichkeit ist, so miifite sich der Mensch auch ge- 
stehen, dafi seine Gedankenwelt keine Wirklichkeit ist. In dem Au- 
genblick, wo der Mensch den Mut, die Furchtlosigkeit hatte, sich zu 
gestehen, dafi die Gedankenwelt eben keine Wirklichkeit ist, in dem 
Augenblicke wiirde er auch fassen mussen die Sehnsucht nach einer 
Erkenntnis der geistigen Welt. Denn man mochte doch wissen, 
worauf es hinweist, was man als ein Spiegelbild nur sieht. 

Nun aber hat dasjenige, was ich eben gesagt habe, ich mochte 
sagen, einen wichtigen polarischen Gegensatz. Wenn man durch die 
Wissenschaft der Initiationen aufsteigt uber die Schwelle zur iiber- 
sinnlichen Welt hinweg in die geistige Welt, dann wird umgekehrt 
alles das, was man hier als sinnliche Wirklichkeit erlebt, zu einem 
blofien Bilde, zu einem Scheinbilde. Man steigt auf in die ubersinnli- 
che Welt und gerade so, wie hier, sagen wir, auf Erden die iibersinn- 
liche Welt ein Spiegelbild ist, im Spiegelbild vorhanden ist, so ist die 
Erdenwelt in der iibersinnlichen Welt nurmehr als ein Spiegelbild 
vorhanden. Und derjenige, der aus der Wissenschaft der Initiation 
heraus spricht, mufi daher selbstverstandlich von der sinnhchen 
Wirklichkeit wie von Bildern blofi sprechen. Das fuhlen dann die 
Menschen, dafi ihnen das, worauf sie so bequem stehen konnen, was 
sie so bequem einatmen konnen, was sie so bequem sehen konnen, 



ohne dafi sie etwas dazu tun als hochstens am Morgen die Augen 
aufzumachen und sie sich auszureiben, dafi das zu einem blofien Bil- 
de wird. Dies fuhlen dann die Menschen, und sie beginnen sich unsi- 
cher zu fuhlen; sie beginnen sich etwa so unsicher zu fuhlen wie ein 
Mensch, den man bei einem Spaziergang gefiihrt hat bis an den 
Rand eines Abgrundes, und den dann der Schwindel der Furcht er- 
greift. Auf der einen Seite also mufite der Mensch fuhlen, wie sein 
Denken hier in der Sinnenwelt blofi eine Summe von Bildern ist, auf 
der anderen miifite er fuhlen - und er fiihlt es auch, aber tauscht sich 
durch die unbewulke Furcht daniber hinweg -, dafi dasjenige, was 
von der ubersinnlichen Welt erzahlt, diese Welt hier zu einem Bilde 
macht. Das, wie gesagt, fuhlen die Menschen. Daher strauben sie 
sich gegen das, was von der Wissenschaft der Initiation kommt. Sie 
strauben sich, weil sie meinen, dafi ihnen der sichere Untergrund 
des Daseins dann fehle, wenn man ihnen die Sinneswelt gewisserma- 
fien zu einem blofien Bilde macht. 

Nun kann gewifi nicht jeder ohne weiteres in der Gegenwart 
durchmachen, was derjenige durchzumachen hat, der praktisch un- 
mittelbar in die Welt der Initiation eintritt. Denn ein solcher, der 
eintritt in die Welt der Initiation, mufi darinnen nicht nur erken- 
nen, was sich heute alle Menschen bestreben sollten zu erkennen, 
sondern er mufi darinnen auch leben; er mufi darinnen leben, wie 
man mit seinem Leibe lebt in der physisch-sinnlichen Welt. Das 
heilk, er mufi gewissermafien stellvertretend wirklich das durchma- 
chen, was in der physisch-sinnlichen Welt nur durchzumachen ist in 
dem Moment des Todes. Er mufi die Moglichkeit gewinnen, in 
einer Welt zu leben, fur die gar nicht eingestellt ist der physisch- 
sinnliche Mensch. Schon wenn wir uns nur in den Finger schneiden, 
fuhlen wir einen gewissen Schmerz, fuhlen wir etwas Unbequemes. 
Warum fuhlen wir da etwas Unbequemes, wenn wir uns in den Fin- 
ger schneiden? Nun, aus dem einfachen Grunde, weil das Messer 
wohl die Haut und den Muskel und den Nerv zerschneidet, aber 
nicht den ubersinnlichen Atherleib. Wenn wir den unzerschnitte- 
nen Finger haben, dann pafk unser ubersinnlicher Atherleib zu 
diesem unzerschnittenen Finger; wenn wir den Finger zerschnitten 



haben und wir den Atherleib doch nicht zerschneiden konnen, 
dann pafit der unzerschnittene Atherleib nicht zu dem zerschnit- 
tenen Finger, und das ist der Grund, warum der astralische Leib 
dann den Schmerz fuhlt. Von dem Nichtangepafksein an die sinnli- 
che Leiblichkeit kommt das. Wenn der Mensch iiber die Schwelle 
zur ubersinnlichen Welt eintritt in diese iibersinnliche Welt, dann 
ist er mit seinen ganzen Leibern nicht mehr angepafk an den sinn- 
lichen Leib, dann fuhlt er nach und nach so etwas ahnliches, wie er 
lokal fuhlt, wenn er sich den Finger zerschnitten hat. Und dieses, 
meine lieben Freunde, dieses ist in einer unbegrenzten Steigerung 
zu denken. 

Nun ist natiirlich gar nicht vorzustellen, was iiber die Menschen 
der Gegenwart, die in ihrem Bewufitsein oftmals so mutig, in ihrer 
Seele oftmals so wehleidig sind, was iiber sie kommen wiirde, wenn 
sie unmittelbar die Moglichkeit des Lebens in der ubersinnlichen 
Welt empfangen wiirden, wenn sie durchmachen sollten all das, was 
von der Unangepalkheit an diese iibersinnliche Welt kommt. Aber 
nicht nur, dafi die Menschheit der Gegenwart so weit ist, daft sie mit 
dem gesunden Menschenverstand alles das einsehen kann, was dieje- 
nigen erzahlen, die das Leben im Ubersinnlichen kennen, sondern 
es ist dieses Wissen vom Ubersinnlichen, dieses Empfangen der Wis- 
senschaft vom Ubersinnlichen fur den gesunden Menschenverstand 
der Gegenwart sogar eine unbedingte Notwendigkeit. Denn nur die- 
ses Wissen vom Ubersinnlichen kann heute aufklaren iiber alles das, 
was uns so chaotisch, so verheerend in der Gegenwart umgibt. Wir 
leben ja, so mufi man sagen, in einer Welt, in welcher Dinge zum 
Vorschein kommen, Dinge sich ausleben, von denen wir sagen miis- 
sen, sie konnen nicht so bleiben, sie miissen eine Umwandlung er- 
fahren. Aber die Menschheit der Gegenwart durchschaut gar nicht, 
was da eigentlich um sie herum lebt. Durchschauen, was da um die 
Menschheit herum in der Gegenwart lebt, man kann es nur durch 
die Wissenschaft der Initiation, man kann es nur dadurch, daft man 
vor alien Dingen das Leben der Gegenwart vergleichen kann mit all 
den Lebenserscheinungen, die im Laufe der Jahrhunderte, Jahrtau- 
sende, in die Entwickelung der Menschheit eingegriffen haben. 



Es mufite in einem gewissen Zeitpunkt gesagt werden zur heuti- 
gen Offentlichkek : Will man irgendeinen fruchtbringenden Impuls 
hineinbnngen in das Leben, das uns die heutigen zerstorenden Er- 
scheinungen zeigt, so ist dieser kein anderer als der von der Dreiglie- 
derung des sozialen Organismus. Damit mufke der Seelenblick der 
Menschen hingewiesen werden auf die drei Grundstromungen unse- 
res gegenwartigen Kulturlebens. Diese Grundstromungen, sie sind 
ja, wie Sie wohl heute schon geniigend wissen, die des eigentlichen 
geistigen Lebens, die des rechtlich-politischen Lebens, die des aufie- 
ren wirtschaftlichen Lebens. 

Wenn man diese drei Grundstromungen des Lebens vor die 
menschliche Seele hinstellt, dann umfafk man eigentlich, indem 
man die Worte fur diese Grundstromungen ausspricht, eine grofie 
Summe von Erscheinungen des Lebens in jeder einzelnen dieser 
Grundstromungen. Wollen wir einmal, ich mochte sagen, der Reihe 
nach diese drei Grundstromungen vor unserem geistigen Blick ein 
wenig vorbeiziehen lassen. 

Wir haben heute ein Geistesleben. In der einen oder anderen Wei- 
se wird der Mensch in dieses Geistesleben hineingestellt. Der eine, 
indem er nach den wirtschaftlichen oder nach den rechtlichen 
Grundlagen, auf denen sein Dasein aufgebaut ist, vielleicht nur eine 
Volksschule besucht, ein anderer vielleicht weitergetrieben wird in 
unseren Bildungsanstalten. Dasjenige, was da von den Menschen 
aufgenommen wird, das lebt ja unter uns in unserem sozialen Leben. 
Mit dem verhalten wir uns zu unseren Mitmenschen. Heute ist die 
Zeit, wo griindlich mufi aufgeworfen werden die Frage: Woher 
kommt denn gerade dieses ganze Geistesleben, und wodurch hat es 
im Verlaufe seines Herkommens, im Verlaufe seiner Entwickelung 
gerade denjenigen Charakter angenommen, den es heute hat? Geht 
man auf den wirklichen Ursprung dieses Geisteslebens zuriick, so 
mull man gewissermafien vorher gewisse Stationen durchmachen. 
Dasjenige, was heute unser Volksschulleben, unser hoheres Schul- 
leben durchdringt, das geht - aber in Zwischenstationen, die ich je- 
doch auslasse - doch alles zuriick auf langst Vergangenes. Man er- 
kennt nur gewohnlich nicht, wie es zuriickgeht, man erkennt im 



Volksschulwesen zum Beispiel nicht, wie es zuriickgeht auf das, was 
hervorgetreten ist im alten Griechenland. Im Grunde genommen 
wird unser geistiges Leben von den Impulsen gespeist, die im alten 
Griechenland, in etwas anderer Form, gelebt haben, die sich nur 
umgewandelt haben seither. Aber sie sind auch nicht im alten Grie- 
chenland entsprungen. Sie sind entsprungen driiben im Orient und 
haben, allerdings vor Jahrtausenden, an ihrer Quelle im Orient eine 
andere Form gehabt, als sie schon im alten Griechenland hatten. Da- 
mals, im Orient, waren sie Mysterienweisheit. Wenn wir weglassen 
unser rechtlich-politisches Leben, das ja chaotisch wie in einem 
Knauel verquickt ist mit dem geistigen Leben, und weglassen das 
Wirtschaftsleben, wenn wir herausschalen in Abstraktion unser 
Geistesleben, so konnen wir seinen Weg riickwarts verfolgen, hin- 
aufsteigend bis zu gewissen Mysterien des Orients, deren Ursprung 
allerdings vor Jahrtausenden liegt, in denen aber das, was heute fur 
uns in unseren Bildungsanstalten eine trockene, niichterne Abstrak- 
tion ist, einen lebensfremden Charakter hat, etwas durchaus Leben- 
diges war. Versetzen wir uns zuriick im Geiste nach jenen Mysterien 
des Orients, die ich damit eigentlich meine, so treffen wir als die 
Vorsteher dieser Mysterien Menschen, die wir bezeichnen konnen 
als eine Art von Zusammenflufi von Priester, von Konig und zu glei- 
cher Zeit - so sonderbar es dem heutigen Menschen klingt - von 
Okonom, von Wirtschafter. Denn in diesen Mysterien - ich mochte 
sie nennen die Mysterien des Lichts oder des Geistes - wurde eine 
umfassende Lebenserkenntnis getrieben, eine Lebenserkenntnis, die 
zunachst darauf ausging, aus den Tatsachen der Himmels- und Ster- 
nenwelt das Wesen des Menschen zu erforschen; aber auch eine 
Weisheit, welche darauf ausging, das rechtliche Zusammenleben der 
Menschen zu regeln im Sinne dieser gewonnenen Erkenntnisse. 
Und ausgegeben wurden aus diesen Mysterienstatten die Anweisun- 
gen, wie man das Vieh behiiten soil, wie man den Acker bebauen 
soil, wie man Kanale anlegen soil und so weiter. Diese Wissenschaft 
der Initiation eines grauen Altertums hatte eine soziale Stofikraft, 
war etwas, was den ganzen Menschen erfullte, war etwas, was in der 
Lage war, nicht blofi schone Dinge zu sagen iiber das Gute und 



Wahre, sondern was in der Lage war, aus dem Geiste heraus das 
praktische Leben zu beherrschen, zu organisieren und zu gestalten. 
Der Weg, welchen diese Mysterienvorsteher gingen, und welchen 
sie, soweit ihnen das moglich war, den Volkern zeigten, die zu 
einem solchen Mysterium gehorten, war ein Weg von oben nach un- 
ten. Erst strebten diese Mysterienvorsteher nach der Offenbarung 
der geistigen Welten, dann arbeiteten sie herunter, indem sie den 
Geist in concreto umfafiten nach den Grundsatzen der atavisti- 
schen Hellseherkunst, dann arbeiteten sie herunter zum politischen 
Leben, zur politischen Gestaltung der soziaien Organismen und 
dann bis zur Okonomie, bis zur Wirtschaft. Das war Weisheit mit 
Lebensstofikraft. Wodurch war diese Weisheit mit Lebensstoftkraft 
eigentlich unter die Menschen gekommen? 

Wenn wir zuriickgehen in die Zeiten, in denen diese Mysterien, 
die ich jetzt meine, noch nicht mafigebend waren, so haben wir iiber 
die Gegenden der damals zivilisierten Menschheit hin lauter Men- 
schen mit einer gewissen urspriinglichen atavistischen Hellseher- 
kraft, Menschen, die, wenn sie von dem, was sie fur das Leben 
brauchten, sprachen, sich auf die Eindrucke ihres Herzens, ihrer 
Seele, ihres Schauens berufen konnten. Diese Menschen waren aus- 
gebreitet iiber die Gegenden des heutigen Indiens, Persiens, Arme- 
niens, Nordafrikas, Sudeuropas und so weiter. Eines aber lebte nicht 
in den Seelen dieser Menschen. Das war dasjenige, was wir heute als 
unser stolzestes Seelengut betrachten : die Intelligenz, der Verstand. 
Verstand brauchte gewissermafien die Bevolkerung der damals zivi- 
lisierten Welt noch nicht. Denn, was heute der Verstand tut, das 
wurde aus den Eingebungen der Seele heraus von den Menschen ge- 
tan und das wurde geleitet und orientiert von den Fiihrern, die diese 
Menschen hatten. Da aber breitete sich gerade in jene Gegenden 
hinein aus etwas, was wir nennen konnten eine andere Menschen- 
rasse, was wir nennen konnten eine ganz andere Art von Menschen- 
wesen, als diese Bevolkerung war, von der ich gesprochen habe. 

In den Sagen und Mythen und wohl auch in der Geschichte wird 
das so erzahlt, dafi herabstiegen aus den Hochlandern Asiens gewis- 
se Menschen, die in sehr alten Zeiten nach dem Siiden und Siid- 



westen hin eine gewisse Kultur brachten. Geisteswissenschaft mufi 
ergriinden, welcher Art diese Menschen waren, die da herabstiegen 
zu jenen Menschen, die nur aus ihrem Innern heraus, aus ihren Ein- 
gebungen heraus die Richtkraft fiir das Leben empfingen. Da finden 
wir, geisteswissenschaftlich untersucht, dafi diese Menschen, die wie 
ein neues Bevolkerungselement hereinkamen in die damalige Zivili- 
sation, zwei Dinge miteinander vereinigten, die die anderen nicht 
hatten. Die anderen Menschen hatten die atavistische Hellseherkraft 
ohne den Verstand, ohne die Intelligenz; die da herabstiegen hatten 
auch noch etwas von der Hellseherkraft, aber sie hatten zugleich in 
ihrer Seele die erste Anlage zur Intelligenz, zum Verstand empfan- 
gen. Und so brachten sie iiber die damalige Zivilisation ein verstan- 
desdurchtranktes Hellsehertum. Das waren die ersten Arier, von de- 
nen die Geschichte erzahlt. Und aus der Gegensatzlichkeit der alten 
atavistisch-seelenhaft lebenden Menschen und diesen die alte Seelen- 
kraft mit dem Verstand durchdringenden Menschen entstand der er- 
ste Kastenunterschied aufierlich-physisch-empirisch, der jetzt noch 
nachwirkt in Asien, von dem zum Beispiel Tagore spricht. Die her- 
vorragendsten dieser Menschen, die zu gleicher Zeit alte Seelenschau 
und den eben in der Menschheit aufgehenden Verstand, Intelligenz 
hatten, die wurden die Vorsteher jener Mysterien, von denen ich 
eben gesprochen habe, den Mysterien des orientalischen Lichts, und 
von denen ging aus, was dann spater nach Griechenland heriiber 
kam. So dafi ich Ihnen, wenn ich es schematisch zeichnen soli, sagen 
kann: Von den Mysterien des Orients ging aus die Stromung des 
Geistes (siehe Zeichnung Seite 23). Sie war jene lebendige Weisheit 
mit lebenspraktischer Stofikraft, von der ich Ihnen eben gesprochen 
habe. Im Laufe der Zeit kam sie heriiber nach Griechenland. Wir 
versptiren ihre Nachwirkungen noch in der altesten griechischen 
Kultur. Aber sie wird im Fortgang der griechischen Kultur gewisser- 
mafien filtriert, verdiinnt, indem die Trager die alte Seelenschau ver- 
lieren und immer mehr und mehr sich der Verstand herausarbeitet 
aus dieser Seelenschau. Dadurch verlieren aber die Trager dieser 
Kultur gewisserma$en ihren Sinn. Denn den Sinn haben sie nur 
dadurch, dafi sie mit der Geistesseelenschau und mit der Intelligenz 



zugleich begabt sind. Aber in der Geschichte erhalt sich das, was in 
alten Zeiten einen Sinn hat, noch in einer spateren Zeit, und so le- 
ben im griechischen Kulturleben gewissermaften die Menschen noch 
so fort, gegliedert, wie es einen Sinn hatte fur jene alte Zeit, wo 
wirklich die Vorsteher der Mysterien gewissermafien Gesandte der 
Gotter waren. Und es verwandelte sich das, was Weisheit mit Stofi- 
kraft war, in griechische Logik und Dialektik, in die griechische 
Weisheit, die schon filtriert ist gegeniiber diesem ihrem orientali- 
schen Ursprung. 

Am orientalischen Ursprung wulke man genau, warum da Men- 
schen sind, die hinhorchten, wenn die Vorsteher ihnen ihre okono- 
mischen Anleitungen gaben; in Griechenland hatte man die Teilung 
in die Herren und Sklaven. Die Teilung der Menschen war noch da; 
aber der Sinn verlor sich allmahlich. Und was die Griechen noch ge- 
habt haben mit viel mehr Sinn, wovon die Griechen wenigstens 
wulken, dafi es von den alten Mysterien kam, das wurde noch mehr 
filtriert auf dem Wege, den es dann in unser neuzekliches Bildungs- 
leben hinein machte. Denn da, in unserem neuzeitlichen Bildungsle- 
ben, ist es ganz abstrakt geworden. Wir treiben heute abstrakte Wis- 
senschaft und finden keinen Zusammenhang mehr zwischen dieser 
abstrakten Wissenschaft und dem aufleren Leben. Denn die Stro- 
mung ist eben durch Griechenland weitergegangen in unsere Hoch- 
schulen, Gymnasien, Volksschulen und in das ganze populare Gei- 
stesleben der modernen Menschheit hinein, und wir konnen heute 
eine eigentiimliche Erscheinung beobachten. Wir treffen heute un- 
ter den Menschen, die unter uns herumwandeln, solche an, die wir 
Adelige nennen, die wir Aristokraten nennen. Vergeblich bemiihen 
wir uns einen Sinn herauszufinden, warum der eine ein Aristokrat 
ist, der andere nicht; denn was den Aristokraten von dem Nichtari- 
stokraten unterscheidet, das hat die Menschheit langst abgesch.liffen, 
langst verloren. Der Aristokrat war der Vorsteher der orientalischen 
Mysterien des Lichts, und er konnte das sein, weil von ihm alles das- 
jenige ausging, was im Politischen und Okonomischen wirkliche 
Lebensstofikraft hatte. Die Weisheit ist filtriert worden. Die Gliede- 
rung, die sie bewirkt hat unter den Menschen, ist zu einem aufieren 



Abstraktum geworden, ohne Sinn fiir denjenigen, der in diesem 
Leben drinnensteht, und aus dieser Stromung ist hervorgegangen, 
was wir unseren Feudalismus nennen. Im aufieren sozialen Leben 
lebt dieser Feudalismus geduldet, vielleicht auch die anderen verar- 
gernd, ohne Sinn. Man denkt nicht mehr nach iiber den Sinn, weil 
er auch heute nicht mehr im Leben zu finden ist, aber in unserer 
heutigen Zeit des Chaos zeigt sich noch ziemlich klar der feudale 
Ursprung unseres abstrakten Wissens und Erkennens. Als dann un- 
ser gegenwartiges Geistesleben ganz das Geistesleben vom Journali- 
stentum wurde, da, meine lieben Freunde, erfand man ein Wort, das 
eigentlich ein Wortungetiim ist, durch das man eine Umwandelung 
unseres Lebens bewirken mochte, das aber nur der Ausdruck des 
ganz rachitischen Geisteslebens geworden ist, da erfand man das 
Wort «Geistesaristokratie». Geistesaristokratie! Soli jemand Auf- 
schlufi dariiber geben, was eigentlich damit gemeint ist, so konnte er 
nur sagen: Es ist das, was, ausgequetscht bis zum Aufiersten, einmal 
in den Mysterien des Orients Stoftkraft hatte bis in die aufiersten 
Ranken des praktischen Lebens hinein, was da einen Sinn hatte und 
was heute jeden Sinn verloren hat. Wollte man nun unser Geistesle- 
ben zeichnen, so mufite man einen recht verwirrten Wollknauel 
zeichnen da unten, in dem alles so durcheinandergeknauelt ist. 
Hauptsachlich drei Faden sind durcheinandergeknauelt. Einen der 
Faden habe ich Ihnen jetzt gezeigt (siehe Zeichnung Seite 23). 

Das ist unsere wesentliche Aufgabe, dafi wir diesen Knauel ent- 
wirren, und wir wenden dazu unseren Seelenblick zu der zweiten 
Stromung. Diese zweite Stromung hat einen anderen Ursprung, der 
auch weit zuriickliegt in der Entwickelung der Menschheit, der aber 
auch im eigentlichen Mysterienwesen liegt, und zwar in den Myste- 
rien Agyptens. Ich mochte diese Mysterien - wie ich die des Orients 
genannt habe die Mysterien des Lichts - die Mysterien des Men- 
schen nennen. Diese Mysterien versuchten vor alien Dingen jene 
Weisheit zu gewinnen an ihrem agyptischen Ursprung, welche die 
Kraft gibt, das menschliche Zusammenleben zu gestalten, ein Ver- 
haltnis zu begriinden von einem Menschen zum andern. Aber diese 
Mysterienstromung verbreitete sich dann durch Siideuropa herauf 



und nahm ihren Weg - so wie jene durch das Griechentum ging - 
durch das phantasielose romische Volk. Stromung des Rechtes 
mochte ich es nennen. Den Durchgang nahm es durch Rom. Alles, 
was nach und nach im Laufe der Menschheitsentwickelung ein- 
geimpft ist an Jurisprudenz, an Rechtsbestimmungen, das ist das fil- 
trierte Wissen, die filtrierte Erkenntnis dieser Mysterien des Men- 
schen. Der zweite Faden in unserem Kulturknauel ist darinnen bis 
zu uns gelangt, aber sehr, sehr verandert, sehr metamorphosiert, 
eben durchgegangen durch die Unphantasie des Romertums. Man 
versteht das gegenwartige Leben nicht, wenn man nicht weifi, dafi 
die Menschen heute zunachst noch unfruchtbar geblieben sind fur 
das Geistesleben und fur das Rechtsleben, wenn man nicht weifi, 
dafi sie empfangen haben das eine, nachdem es den weiten Weg 
durchgemacht hat von den Mysterien des Orients durch Griechen- 
land bis zu uns, das andere, indem es den weiten Weg von den My- 
sterien Agyptens durch das Romertum bis zu uns durchgemacht 
hat. Unfruchtbar ist unsere gegenwartige Menschheit in bezug auf 
beide Stromungen. Man konnte viele Erscheinungen anfiihren, die 
das erweisen wiirden; aber man braucht ja nur auf die Wege des 
Christentums hinzuweisen. 

Als das Christentum in die Welt eintreten wollte, wo mufke der 
Christus Jesus erscheinen, damit das, was er der Welt zu geben hatte, 
einen Weg fand? Im Orient mufite er erscheinen, in dasjenige, was 
im Orient lebte, mufke er hineinlegen, was er der Menschheit zu ge- 
ben hatte. Das Mysterium von Golgatha ist eine Tatsache; was die 
Menschen dariiber wissen, ist in Entwickelung. Eingekleidet wurde 
das, was man iiber das Mysterium von Golgatha sagt, zunachst in al- 
les das, was man noch hatte von den Mysterien des Orients. Mit der 
Wissenschaft und Weisheit der Mysterien des Orients wurde umge- 
ben das Mysterium von Golgatha, und es wurde zu begreifen ver- 
sucht mit dieser Weisheit. So finden wir das Christentum noch etwa 
bei den griechischen Kirchenlehrern. 

Man kann auch noch auf eine andere Erscheinung hinweisen. Als 
die geistig ganzlich unfruchtbare westliche Kultur in einem ihrer 
Menschenvertreter nach einer geistigen Auffrischung suchte, was tat 



sie da? Da taten sich einige Leute Englands und Amerikas zusam- 
men und entnahmen die Weisheit aus dem besiegten und geknechte- 
ten Indervolk. Das heifit, sie gingen neuerdings nach dem Orient 
hiniiber, um da die geistige Stromung zu suchen, in dem zu suchen, 
was noch als letzter Rest da driiben im Orient geblieben war von je- 
ner geistigen Stromung. Daher die englisch-amerikanisch gefarbte 
Theosophie, die aus dieser Quelle schopfen wollte, aber aus ihrer ge- 
genwartigen Gestaltung. Es ist die Unfruchtbarkeit des gegenwarti- 
gen Geisteslebens, die am starksten hervortritt gerade in westlichen 
Landern. 

Und die zweite Stromung ist diejenige, die politisch-rechtlichen 
Charakter tragt, die durch das Romertum gegangen ist. Darin liegt 
nun der Ursprung unseres rechtlich-politischen Lebens, und nur in 
einem Seitenzweig ist diese Stromung hereingeflossen in das Rechts- 
leben und wirkt in ihm fort, so dafi wir vielfach dasjenige, was in 
uns, in unsere Kultur eingeflossen ist an Geistesleben, auf dem Um- 
weg durch das romisch-politisch-juristische System empfangen ha- 
ben. Daher ist auch so vieles darin. Selbst das Christentum, das auf 
romischem Wege sich im Abendlande ausgebreitet hat, hat die Ge- 
stalt angenommen, die durch diese Erscheinung bedingt ist. Was ist 
da das religiose Element durch diesen Durchgangspunkt durch das 
Romertum geworden? Es ist geworden jene grofie Jurisprudenz, die 
man romisch-katholische Religion nennt. Da ist der Gott mit seinen 
Nebengottern durchaus ein Wesen, das nach romischen Rechtsbe- 
griffen, nur in der iibersinnlichen Welt, richtet; da stecken die Be- 
griffe von Siinde und Schuld, die eigentlich juristische Begriffe sind, 
die nicht in den Mysterien des Orients und in der griechischen Le- 
bensanschauung waren, da stecken die juristischen Begriffe des R6- 
mertums darinnen. Das ist eine durch und durch verjuristete religio- 
se Stromung. Alles das, was sich im Leben aufiert, kann auch Schon- 
heitsformen annehmen. Und wenn wir jene juristisch-politische 
Szene, in der der Weltengott zum Weltenrichter wird, und die ganze 
Erdenentwickelung abgeschlossen wird durch eine juristische Tat, 
wenn wir das schon verklart in der sixtinischen Kapelle von Michel- 
angelo gemalt sehen, so ist das der gloriose Ausdruck des verjuriste- 



ten Christentums; aber eben des «verjuristeten» Christentums, das 
seine Kronung im Weltgerichte findet. 

Wir miissen den Knauel unseres Geisteslebens und unseres 
Rechts- und wirtschaftlichen Lebens auseinanderlosen, um zu sehen, 
was da drinnensteckt; denn wir leben in dem Kulturchaos darinnen. 
Die Stromungen wirken auf uns ein. Wir miissen sie auseinanderlo- 
sen. Aber noch eine dritte Stromung ist eingeflossen in diesen unse- 
ren Kulturknauel, die ihren Ursprung mehr genommen hat vom 
Norden und die vorzugsweise sich bis heute - auch filtriert, aber in 
anderer Richtung filtriert - in der anglo-amerikanischen Sozial- 
Organisation erhalten hat. Ich mochte das nennen die Mysterien des 
Nordens oder Mysterien der Erde. Was sich da zunachst an primiti- 
ver Geistigkeit aus den Mysterien der Erde entwickelt hat, das ist ein 
anderer Weg als der, den das Geistwesen im Orient genommen hat. 
Ich sagte : Dort hat es den Weg von oben nach unten genommen, zu- 
erst sich offenbarend als die Mysterien der Himmel und des Lichts 
und dann heruntergetragen in das Politische und die Okonomie. 
Hier im Norden gingen die Dinge von der Okonomie aus. Dieser 
Ursprung ist allerdings von dem au£eren Leben schon verschwun- 
den, man merkt ihn hochstens noch an alten Uberbleibseln, die noch 
erhalten sind. Nehmen Sie zum Beispiel solche Brauche, die noch 
beschrieben werden, wenn man von alter nordischer Kultur spricht, 
von der die englische eine Dependance ist. Da finden Sie zu einer ge- 
wissen Jahreszeit Ziige durch die Dorfer mit dem gekronten Stier, 
der eben die Kuhherde befruchten mufite. Das heifit, es wurde von 
unten nach oben herausgeholt eine Sehnsucht nach dem geistigen 
Leben; da wird der Weg von unten nach oben genommen. Da wird 
alles, selbst das, was an primitiver Geistigkeit da ist, aus dem Wirt- 
schaftsleben heraus genommen, und alle Feste waren urspriinglich 
aufs Wirtschaftsleben beziigliche Feste, irgend etwas ausdriickend 
vom Sinn des Wirtschaftslebens. So wie von oben nach unten der 
Weg in der orientalischen Kultur gemacht wurde, so mufi der Weg ge- 
macht werden hier im Norden von unten nach oben. Erhoben mufi 
werden die Menschheit von unten, von der Okonomie hinauf durch 
das Rechtsleben in die Mysterien des Geistes hinein. Aber sehen Sie, 



dieser Weg von unten nach oben, er ist noch nicht sehr weit gediehen. 
Wenn wir das juristische Leben priifen, wie es in den Gegenden des 
Westens sich entwickelt hat, so finden wir es durchaus von Rom her 
orientiert; wenn wir das Geistesleben priifen, so finden wir es zwar 
oft nicht so handgreiflich orientalisch orientiert wie jene indische 
Theosophie, von der ich vorhin gesprochen habe, aber wir finden 
doch dasjenige, was als ursprungliches Geistesleben da enthalten ist, 
was nicht vom Orient heriiber genommen wird oder verjuristet von 
Rom her bezogen wird, mit Miihe sich aus dem Wirtschaftsleben 
herauslosend. Nehmen wir einen charakteristischen Fall. 

Solche Philosophen, solche Naturforscher, wie Newton, Darwin, 
Mill, Spencer, Hume, man kann sie nur verstehen, wenn man sieht, 
wie sie sich aus dem Wirtschaftsleben herausentwickelten, wie sie 
versuchten, den Weg nach oben zu machen. Man kann zum Beispiel 
Mill auch nur nationalokonomisch verstehen, wenn man ihn heraus 
erklart aus den okonomischen Grundlagen, die um ihn herum waren, 
kann auch die englischen Philosophen nur verstehen, wenn man sie 
heraus erklart aus den okonomischen Grundlagen ihrer Umgebung. 
Das ist etwas, was dieser dritten Stromung anhaftet, dieser Stro- 
mung der Mysterien der Erde, die von unten nach oben stromt, und 
die, durchaus noch ungeklart, sich in unser modernes Zivilisations- 
leben als der dritte Faden in den Knauel hineinverwoben hat. 

Da haben Sie die drei Faden, die chaotisch in einem Knauel zu- 
sammen verwoben in unserer sogenannten Zivilisation leben. Man 
hat sich immer in einem gewissen Sinn dagegen aufgebaumt. Im We- 
sten am wenigsten; da nahm man auf der eine Seite, auch in Ameri- 
ka, das wirtschaftliche Leben, das man von den Mysterien des Nor- 
dens hatte, auf das man geistfremde und geistlose Theorien baute, 
wissenschaftlich baute; man nahm auf dem Umweg iiber Rom das 
juristisch-politisch-rechtliche Leben, nahm vom Orient das geistige 
Wesen. In Mitteleuropa baumte sich manches auf dagegen. Da ent- 
stand vielfach das Streben, diese Dinge in ihrer Reinheit zu fassen; 
im geistigen Leben am eindringlichsten in dem, was ich Goetheanis- 
mus nennen mochte. Goethe, der die Jurisprudenz aus der Natur- 
wissenschaft heraushaben wollte, er ist charakteristisch fur das Sich- 



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aufbaumen gegen das blofi orientalische Geistesleben. Wir haben 
namlich auch die Jurisprudenz in der Naturwissenschaft darinnen : 
wir sprechen von Naturgesetzen. Die Orientalen haben nicht von 
Naturgesetzen gesprochen, sondern vom Walten des Weltenwillens. 
Naturgesetz ist erst entstanden, als jener Nebenstrom aufgenommen 
worden ist. Da ist das juristische Gesetz eingeschlichen durch ein 
Fenster in das Naturerkennen und ist Naturgesetz geworden. Goe- 
the wollte erfassen die reine Erscheinung, die reine Tatsache, das 
reine Phanomen, das Urphanomen. Ohne dafi man reinigt unsere 
Naturwissenschaft von den Anhangseln der Jurisprudenz, kommen 
wir nicht zu einem gereinigten Geistesleben. Geisteswissenschaft er- 
fafit daher iiberall Tatsachen und weist nur auf Gesetze hin als eine 
Sekundarerscheinung. 

Dann haben wir auch ein gewisses Sichaufbaumen gegen das ro- 
mische Rechtswesen, das in den Kopfen auch der sozialistisch Orien- 
tierten steckt, zum Beispiel bei - ja, es war sogar ein preufiischer Un- 
terrichtsminister - bei Wilhelm von Humboldt. Als er seine schone 
Abhandlung schrieb iiber die Grenzen der Wirksamkeit des Staates, 
da lebte in ihm etwas von dem Drang, abzustofien das Kulturleben 
und das Wirtschaftsleben von dem blofien Staatsleben. Lesen Sie das 
schone Reclambiichelchen - ich weifi nicht, was es heute kostet, 
aber friiher war es um ein paar Pfennige zu haben - «Ideen zu einem 
Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen». 
Da lebt der Drang, das Rechtlich-Politische herauszuschalen aus den 
beiden anderen Richtekraften. Dann wiederum lebt dieses Sichauf- 
baumen gegen das Alte auch in der deutschen Philosophic Aber 
nicht anders, als wenn eine gesunde Anschauung iiber dasjenige, was 
die Wissenschaft der Initiation iiber den Ursprung unseres Kultur- 
lebens zu geben vermag, Platz greift, kann Heil, Gesundheit in diese 
Kulturentwickelung der Menschheit hineinkommen. 

Gefiihlsmafiig empfindet man ja insbesondere im Osten Europas 
und empfand immer dort die Notwendigkeit des Zusammenlebens 
der drei Elemente in unserem gegenwartigen Kulturleben. Denn 
von diesen drei Stromungen ist am charakteristischsten zum Aus- 
druck gekommen dasjenige, was vom Nordischen kommt fiir den 



Westen. Da ist alles iibertont vom Wirtschaftsleben. Was das Juristi- 
sche betrifft, da 1st namentlich viel davon in Mitteleuropa; und von 
dem, was die Mysterien des Orients, des Lichtes sind, finden wir vie- 
les in Osteuropa und in Asien. Da, wo wir noch Kastenbildungen 
treffen, da finden wir noch etwas von dem Sinn des alten, aus dem 
Geist heraus kommenden Feudalismus. Das juristisch durchsetzte 
Leben, das hat geziichtet die moderne Bourgeoisie. Die Bourgeoisie 
kommt von der Rechtsstromung. Diese Dinge miissen heute klar 
durchschaut werden. Ich mochte sagen: In dem Unbewuftten der 
Menschen findet sich schon der Drang, solche Dinge klar zu durch- 
schauen; aber nur die Geisteswissenschaft kann diese Sehnsucht, die- 
sen Drang, zur wirklichen Klarheit bringen. Es hat sich auch im 19. 
Jahrhundert immer gezeigt, wie man durch ein Ineinandergehen der 
vielfach unklaren Stromungen zu Zukunftsidealen zu kommen be- 
strebt war. Man wollte das namlich dadurch erreichen, daft die Men- 
schen nicht so abstrakt einander gegeniiberstehen, wie sie es heute 
tun dadurch, daft das Geistesleben filtriert worden ist und in seiner 
Abstraktion in uns hereinlebt, daft das Rechtsleben filtriert worden 
ist und auch in seiner Abstraktion in uns hereinlebt, und daft das 
Wirtschaftsleben nachkeucht, um den Weg von unten nach oben zu 
finden. 

In jenem Osteuropa, wo sich so viele Dinge von Bedeutung jetzt 
abspielen, so beunruhigende und verheerende Dinge sich abspielen, 
da zeigte es sich am ersten, wohl auch in dem vielfach unklaren 
19. Jahrhundert, wie man versuchte, gerade mit dem Sichaufbaumen 
gegen diese Verknauelung der Kultur fertig zu werden. Die russi- 
schen Revolutionare vom zweiten und letzten Drittel des 19. Jahr- 
hunderts, die versuchten namlich das zu befruchten, in dem noch 
zuriickgeblieben ist im Osten eine gewisse Vorstufe des Geistes- 
lebens, mit dem, was in Mitteleuropa schon an Sichaufbaumen ge- 
gen das Altiiberlieferte hervorgetreten ist. Und so finden wir bei 
solchen russischen Revolutionaren vom zweiten und letzten Drittel 
des 19. Jahrhunderts, wenn sie miteinander Briefe wechseln, wie 
sie gewissermaften darauf hinweisen, daft schon in Mitteleuropa 
der Intellekt, das reine, bloft abstrakte Verstandesleben, sich mit 



einer gewissen Geistigkeit zu durchdringen versucht hat. Und im- 
mer wieder und wiederum tritt auf unter diesen russischen Revo- 
lutionaren so etwas, was etwa ahnlich ist dem Satz: Es ist in der 
deutschen Philosophic versucht worden, den Intellekt, der die alte 
Seelenschau verloren hat, wiederum zu erheben zu einer gewissen 
Geistigkeit. Intim bekanntmachen wollte man sich im Osten mit 
dem, was da in Mitteleuropa hervorgetreten ist, und die Intimitat 
spiegelte sich ab in der Art, wie sich diese Revolutionare schrieben. 
Sie verehrten sehr den Philosophen «Iwan Petrowitsch», und spra- 
chen davon, wie dieser sich erhoben hat zum reinen Gedanken, wie 
er versucht hat, in das dialektische Gedankenspiel der abendlandi- 
schen Kultur wieder Geist hineinzubringen; und sie versuchten, 
Konsequenz aus seiner Philosophic zu ziehen. Sie nennen ihn, um 
mehr ihr Gefuhlsverhaltnis zu ihm auszudrucken, nicht Hegel, son- 
dern sagen «der Iwan Petrowitsch». Da sehen wir gerade in diesen 
Bestrebungen das, was spater verheerend werden mufite, ich mochte 
sagen, vorspuken. In unserer Zeit mufi Klarheit sein iiber die ganze 
Erde hiniiber. Daher mufi auch alles getan werden, um dieser Klar- 
heit zum Siege zu verhelfen. Aber man mufi sich dazu bewufit wer- 
den, was man heute alles gegen sich hat, wenn der Versuch gemacht 
wird, zu dieser Klarheit zu kommen, wie man auch gegen sich hat 
neben vielem anderem die Bequemlichkeit der Menschen. Die Nach- 
sicht mit der Bequemlichkeit der Menschen miissen wir uns auch 
abgewohnen, denn die Menschheit braucht den Geist, und der Geist 
wird auf den bequemen Wegen, die heute oftmals begangen werden, 
nicht zum Sieg zu bringen sein. Denn man kampft heute gegen das 
Hereindringen der Wissenschaft der Initiation mit merkwiirdigen 
Waffen. 

Es war mir neulich eine tiefe Befriedigung, als unser lieber Freund 
Dr. Stein nach Dornach schrieb, wie er, ohne Nachsicht zu iiben, ei- 
nen Feind des menschlichen Geisteslebens hier in der Nachbarschaft 
riickhaltlos abgefertigt habe, allerdings bei einer Gelegenheit, die 
kulturhistorisch recht bedeutsam ist. Denn da wurde es doch zustan- 
de gebracht - Sie werden mich ja korrigieren, wenn ich irren sollte, 
ich war ja selbst nicht dabei -, dafi der betreffende Pfarrer-Vorsit- 



zende einer Versammlung, als Bibelspriiche von einem unserer 
Freunde zitiert wurden und dem Pfarrer die Wahrheit der Bibel- 
spruche nicht mehr gefiel, er das Wort gebrauchte, dafi Christus hier 
irre. 1st das gesagt worden? [Zustimmung.] Wenn man heute sich 
auf jener Seite nicht mehr zu helfen weifi, dann ist man selber un- 
fehlbar, aber der Christus irrt. Wir haben es weit gebracht! 

Sehen Sie, diese Dinge zeugen alle von dem Wahrheitscharakter 
dessen, was heute als Geistesleben durch die Menschheit pulsiert. 
Wo das Geistesleben zur auftersten Abstraktion geworden ist, da 
kann es sich nicht mehr in der Sphare der Wahrheit halten. Aber 
man mufi empfinden, was da eigentlich vorhanden ist. Die Zeit- 
schrift «Dreigliederung des sozialen Organismus» brachte neulich ei- 
ne Notiz von einer Versammlung, die hier in Stuttgart stattgefunden 
haben soil, wo nun von romisch-katholischer Seite in Einklang mit 
jener protestantischen Seite aufgetreten worden ist gegen das, was 
hier als Geisteswissenschaft verbreitet wird. Der betreffende Dom- 
kapitular soli gesagt haben, eine Diskussion sei ja nicht notwendig, 
weil sich die Menschen aus den gegnerischen Schriften unterrichten 
konnten, was die Lehre des Dr. Steiner sei. Die Schriften des Dr. 
Steiner diirften aber nicht gelesen werden, denn die habe der Papst 
verboten. In der Tat ist das die neueste Jesuitenlehre von der Kon- 
gregation des Heiligen Offiziums, die vor alien Dingen auf die Ka- 
tholiken anzuwenden ist: die Lehre, daft den Katholiken verboten 
ist, die Schriften iiber Anthroposophie zu lesen. Daher werden die 
romischen Katholiken heute offiziell dazu angehalten, sich zu unter- 
richten iiber das, was ich lehre, aus den Schriften der Gegner, aus 
Schriften von Seiling und manchen anderen; denn die sind erlaubt, 
sind nicht verboten von der Heiligen Kongregation. Aber sie diirfen 
nicht lesen, was ich selber schreibe. Dagegen mufi man, wenn man 
die ganze Verfassung der romisch-katholischen Kirche kennt und 
weifi, wie der einzelne, so wie er eingefugt ist, nur der Vertreter der 
gesamten Organisation ist, in allem Ernst die Frage nach den morali- 
schen Qualitaten eines solchen Vorgehens in seiner tiefsten Seele auf- 
werfen und fragen : Ist ein solches Vorgehen iiberhaupt noch irgend- 
wie mit Menschheitsmoral zu vereinigen ? Ist es nicht tief unsittlich ? 



Solche Fragen miissen heute ohne Nachsicht gestellt werden. Wir le- 
ben eben in einer ernsten Zeit und diirfen nicht in leichter, bequem- 
licher und lassiger Weise fortschlafen. Wir miissen riickhaltlos dieje- 
nigen Dinge wirklich zum Ausdruck bringen, die geeignet sind, ein 
Heil herbeizufiihren, indem wir zu gleicher Zeit die Unmoralitat 
der heutigen Unwahrheit in das entsprechende Licht stellen. Und 
im Grunde genommen ist diese Unwahrheit gar nicht so wenig ver- 
breitet. 

Neulich brachte mir Dr. Boos einen Aufsatz eines Docteur en so- 
ciologie. Der begann etwa mit den folgenden Worten: Welch ein 
Weg ist von den klaren Gedanken von Waxweiler bis zu den obsku- 
ren Gedanken von Rudolf Steiner! Aber dieser Herr ist ja auch ge- 
wesen der Intimus von Guillaume II. und es wird gesagt, dafi er mit 
wichtigen Ratschlagen gerade in den letzten Jahren dem Wilhelm II. 
beigestanden hat, so dafi man auch diesen Mann den Rasputin bei 
Wilhelm II. nennen kann. Wir wollen uns nicht zum Vermittler die- 
ses Geruchtes machen, heifit es im nachsten Satz. 

Da konnen Sie zweierlei ersehen: Erstens die moralische Ver- 
sumpftheit eines solchen Menschen, der sich zum Trager dieses Ge- 
ruchtes macht, und seine schone Logik, indem er sagt: Indem ich 
dieses Geriicht hier vor meinen Lesern ausbreite, mache ich mich 
nicht zum Verbreker dieses Geruchtes. - So denken heute zahlrei- 
che Menschen, verlassen von alien Geistern der Wirklichkeit, indem 
das, was sie sagen, schon aufierhalb jeder Wirklichkeit steht. Denn 
ich kann nicht sagen: Ich sage etwas, indem ich es nicht sage. Denn 
das macht jenes Modell von einem Menschen, der Monsieur Ferriere, 
der dieses geschrieben hat. Man kann sich mit solch moralisch ver- 
kommenen Individuen nicht einlassen. Ich konnte nur feststellen - 
und hoffe, dafi ihm das entgegengeschleudert wird -, dafi ich folgen- 
de Beziehungen zu jenem Wilhelm II. hatte. Erstens: ich safi einmal 
in einem Berliner Theater, vielleicht im Jahre 1897, im ersten Rang 
oben, und in der Mitte des Theaters safi Wilhelm II. in der Hofloge, 
und ich sah ihn in einer Entfernung etwa wie von hier bis zum Ende 
dieses Saales. Das zweite Mai sah ich ihn, als er hinter dem Sarge der 
Grofiherzogin von Weimar schritt, ganz von feme. Das dritte Mai 



in der FriedrichstraEe in Berlin, wo er mit seinem Gefolge mit dem 
Marschallstab in der Hand durch die Straften ritt und die Leute 
Hurra schrieen. Das sind meine ganzen Beziehungen zu Wilhelm II., 
andere habe ich nie gehabt und nie gesucht. So entstehen heute Be- 
hauptungen, und manches von dem, was Sie lesen - mit Drucker- 
schwarze auf das Papier hingebannt -, das ist nicht mehr wert als 
dieses Dreckgeriicht, das heute dazu verwendet wird, urn in romani- 
schen Landern Anthroposophie zu verketzern. Heute mufi den Din- 
gen auf den Ursprung gegangen werden, heute geniigt es nicht, die 
Dinge blofi hinzunehmen, die gesagt werden, sondern es ist not- 
wendig, dafi die Menschen sich gewohnen, an den Ursprung dessen 
zu gehen, was gesagt und behauptet wird. Der Sinn aber fur den 
Wahrheitsursprung der aufieren Tatsachenwelt, er wird der Mensch- 
heit nur erbluhen aus einer Vertiefung in wirkliche Geisteswissen- 
schaft. 



ZWEITER VORTRAG 



Stuttgart, 25. Dezember 1919 



Wo ich in den letzten Jahren zu sprechen hatte an einer der Jahres- 
feiern, Weihnachtsfeier oder Osterfeier oder Pfingstfeier, da mufke 
ich darauf aufmerksam machen, dafi insbesondere bei solchen Gele- 
genheiten wir gegenwartig kein Recht dazu haben, in der altge- 
wohnten Weise solche Feiern zu begehen, gewissermafien den gan- 
zen Schmerz, das ganze Leid der Zeit zu vergessen und in solchen 
Tagen uns nur zu erinnern an das Grofite, das hereingespielt hat in 
die Erdenentwickelung. Insbesondere auf dem Boden jener geistigen 
Weltanschauung, auf dem wir stehen, haben wir die Verpflichtung, 
hereinstromen zu lassen bis an den Weihnachtsbaum heran alles das- 
jenige, was in der gegenwartigen Kulturwelt die Menschheit ergreift 
an Niedergangserscheinungen. Wir haben heute geradezu die Ver- 
pflichtung, auch die Geburt des Christus Jesus so in unsere Herzen, 
in unsere Seelen aufzunehmen, daft wir nicht aufier acht lassen den 
furchtbaren Niedergang, von dem die sogenannte Kulturmenschheit 
ergriffen worden ist. 

Denn gerade an diesem Tage ist es an uns, die Frage aufzuwerfen : 
Hat denn nicht eigentlich auch der Gedanke der Weihnacht schon 
das Schicksal gehabt, ergriffen zu werden von den allgemeinen Nie- 
dergangskraften? Verspiiren wir noch, wenn heute von Weihnacht 
die Rede ist, dasjenige, was der Mensch verspiiren soli, wenn er seine 
Gedanken und Empfindungen hinauferhebt zu dieser Christfeier? 
Verspiirt die Menschheit im allgemeinen den rechten Sinn des Her- 
einspielens des ganzen Mysteriums von Golgatha in die Menschheits- 
entwickelung? Wir ziinden heute unsere Weihnachtsbaume an, wir 
sprechen in altgewohnten Satzen und Worten iiber das, was mit 
dem Weihnachtsfest zusammenhangt, allein wir vermeiden es nur 
allzuoft, die Augen voll aufzumachen, das Bewufitsein voll erwa- 
chen zu machen gegemiber der Notwendigkeit, sich zu sagen: Es ist 
ein Niedergang vorhanden; wo bist du, Christus-Kraft, dafi du uns 
wirklich hilfst, damit wir einen neuen Aufgang bewirken konnen? 



Denn soviel durfte Ihnen aus den Betrachtungen, die durch die Jahr- 
zehnte schon angestellt worden sind uber geistige Weltanschauung 
in unseren Kreisen, klar geworden sein, dafi nur mit Hilfe der Chri- 
stus-Kraft es moglich sein wird, die verfallene Kultur wiederum mit 
demjenigen Impuls zu durchdringen, der sie zu einem neuen Auf- 
stieg bringen kann, 

Man mufi in diesen Tagen oftmals denken an Menschen, die etwa 
in der Mitte des 19. Jahrhunderts oder gegen das letzte Drittel dessel- 
ben aus einer gewissen materialistischen Gesinnung heraus anders 
gesprochen haben, als viele Menschen allerdings in der Gegenwart 
sprechen, die aber doch ehrlkher gesprochen haben als die Mehr- 
zahl der Menschen in der Gegenwart spricht. Ich mochte Sie heute 
erinnern an eine recht materialistisch gesinnte Personlichkeit, an 
den Schwaben David Friedrich Straufi. Sie wissen ja, «Der alte und 
der neue Glaube» von David Friedrich Straufi ist gewissermafien ei- 
ne Art Bibel des Materialismus. Unter den Fragen, die David Frie- 
drich Straufi in diesem Buche stellt, ist auch diese : Konnen wir noch 
Christen sein? - David Friedrich Straufi gibt eine Antwort. Diese 
Antwort hat die Eigentiimlichkeit, daft sie ganz aus urmaterialisti- 
scher Gesinnung heraus geboren ist, aber sie hat zu gleicher Zeit die 
Eigentiimlichkeit, dafi sie ehrlich ist. David Friedrich Straufi bildet 
sich den Gedanken, die Idee eines Weltgebaudes, das nur aus mate- 
rialistischen physikalischen Gesetzen aufgebaut ist, und er stellt den 
Menschen hinein in eine Weltenordnung so, dafi des Menschen We- 
sen auch nichts anderes enthalt als physikahsche Gesetze. Und von 
dieser seiner Uberzeugung aus beantwortet er die Frage: Konnen 
wir noch Christen sein? - mit einem ehrlichen «Nein». Denn dieje- 
nigen Menschen, weiche diese Art naturwissenschaftlicher Welt- 
anschauung, wie sie David Friedrich Straufi aus dem Zeitbewufit- 
sein heraus vertritt, mitvertreten, konnen keine Christen sein. So 
spricht uns aus dem Nein des David Friedrich Straufi eine fatale, 
aber durchaus ehrliche Gesinnung, und man hat heute manchmal 
die Empfindung: Konnten doch die sogenannten offiziellen Vertre- 
ter des einen oder des anderen Religionsbekenntnisses so ehrlich 
sein wie David Friedrich Straufi! Konnten Sie einsehen, wie sie den 



Christus-Namen zwar gebrauchen, aber im Grande genommen 
gegen das Christentum wirken! 

Man darf nicht heute sich der Bequemlichkeit hingeben, die Au- 
gen zuzudriicken gegeniiber den wesentlichsten, wichtigsten Er- 
scheinungen in der Gegenwart. Mag es manchem nicht weihnacht- 
lich diinken, mich diinkt es recht weihnachtlich, wenn ich eine 
gewisse Erfahrung erwahne, die mir geworden ist durch eine Art 
geistiger Untersuchung iiber ein Unimttelbares, Tatsachliches in der 
Gegen wart. 

Sie wissen, diejenigen Menschen, die zum grofien Teil, besonders 
in Mitteleuropa, schuldig sind - soweit Menschen an diesen Dingen 
schuldig genannt werden diirfen - an den furchtbaren Zustanden, in 
die wir hineingesegelt sind, diese Menschen, was tun sie, nachdem das 
Ungliick iiber Europa hereingebrochen ist? Sie schreiben Bucher! 
Und so haben wir denn von den verschiedensten Menschen Bucher. 
Wir haben ein Tirpitz-Buch, wir haben ein Ludendorff-JSuch und ich 
konnte noch manche anderen nennen; ich beschranke mich auf die- 
se beiden. Sehen Sie, man kann das folgende Experiment mit Hilfe 
der Geisteswissenschaft machen; man kann sich - aber durchaus im 
Sinne geisteswissenschaftlicher Gesinnung - die Frage vorlegen; 
Welche Formung der Gedanken spricht sich aus in den Biichern von 
Tirpitz, Ludendorff und ihresgleichen? Ich habe versucht, von alien 
Seiten diese Frage gewissenhaft zu priifen, habe mich gefragt: Wel- 
cher Art sind die Gedankenformen dieser Manner, von denen so viel 
von dem Schicksal Mitteleuropas abhangt? Wenn man nicht ab- 
strakt vorgeht, sondern in solchen Dingen in das Konkrete hinein- 
dringt, dann mufi man vergleichen, und so hat sich mir ein Ver- 
gleich ergeben, indem ich mich gefragt habe: Wann etwa hat man 
solche Gedankenformen nach dem normalen Entwickelungsgange 
in Europa ausgebildet, wie sie jetzt etwa Tirpitz und Ludendorff aus- 
bilden ? Und da ergibt sich nach gewissenhafter Priifung der Tatsa- 
chen, dafi etwa zur Zeit des romischen Casar man so gedacht hat. Es 
ist im Grunde genommen kein Unterschied zwischen der Art des 
Julius Casar, seelisch zu denken und zu leben - sagen wir, in seinem 
Gallischen Krieg - und zwischen der Art und Weise, wie Tirpitz 



und Ludendorff ihre Gedanken formen. Das heifit aber, dafi diese 
Menschen in einem Gedankenleben drinnenstehen, das vollig unbe- 
riihrt ist von dem Christentum, denn Julius Casar hat vor dem Her- 
einbrechen des Mysteriums von Golgatha gelebt. Und alles das, was 
diese Menschen auch zuweilen aussprechen, wenn sie den Namen 
des Christus Jesus auf die Lippen bringen, ist nichts anderes als eitel 
Luge, denn ihr Seelenleben hat sich so entwickelt, dafi sie mit dem 
konkreten Christentum nichts zu tun haben. 

Wir wissen ja aus mannigfaltigen Betrachtungen : Wenn irgend 
etwas zu seiner Zeit sich entwickelt, dann ist es im Grunde genom- 
men gut fur die Menschheit. Etwas anderes ist es, wenn es stehen 
bleibt und spater herauskommt; wenn dies der Fall ist, das heifit, 
wenn das Casarmafiige noch im 20. Jahrhundert eine Rolle spielt, 
dann ist das Casarmafiige ins Luziferische umgesetzt. Denn das, 
was eigentlich in anderer Zeit gewirkt haben sollte, wird, wenn es 
stehen bleibt, zum Luziferischen; das ist ja das Wesentliche des 
Luziferischen. 

Und nun wiederum fragen wir: Wie kann es denn kommen, dafi 
diejenigen Personlichkeiten, die ein Schicksal heraufgetragen hat, 
um fiihrende Stellungen einzunehmen, wie kann es denn sein, dafi 
diese Personlichkeiten in einer solchen Weise mit ihrem Leben zu- 
riickgeblieben sind? Da miissen wir, wenn wir uns diese Frage be- 
antworten wollen, unseren Blick hinwenden auf diejenigen, die das 
Geistesleben mit dem Christus-Impuls angeblich durchdringen, die 
aber eigentlich im antichristlichen Sinne wirken. Da miissen wir den 
Blick auf viele offizielle Vertreter der religiosen Bekenntnisse rich- 
ten, die angeblich aus den Evangelien heraus sprechen, die aber alles 
das bekampfen, was wirklich von dem lebendigen Christus in unse- 
rer Zeit kunden will. Die antichristlichsten Menschen sind heute 
oftmals unter den Pfarrern, unter den Predigern der sogenannten 
christlichen Bekenntnisse zu finden. Wer unter all den Schriften so 
etwas priift, wie das von vielen als tonangebend gehaltene Buch Adolf 
Harnacks «Das Wesen des Christentums», der bekommt Antwort 
auf eine solche Frage. Adolf Harnack hat «Das Wesen des Christen- 
tums» geschrieben. Wenn man in diesem Buche den Christus-Namen 



ausstreicht und ersetzt durch den Namen eines allgemeinen unbe- 
kannten Gottes, der die Natur ebenso durchwaltet und durchwebt 
wie das Menschenleben, wenn man den Christus-Namen ausstreicht 
und den alttestamentlichen Jahve-Namen an seine Stelle setzt, so 
wird das Buch wahrer als es 1st, denn dann erst hat es einen Sinn. 
Die Tatsache Hegt vor, dafi Adolf Harnack nichts weifi von der 
wirklichen Wesenheit des Christus, dafi er gar keine Ahnung hat 
von der wirklichen Wesenheit des Christus, dafi er einen allgemei- 
nen unbestimmten Gott verehrt und dann dem allgemeinen unbe- 
stimmten Gotte den Christus-Namen anheftet. Und wer ist dieser 
Adolf Harnack? Dieser Adolf Harnack ist der tonangebende Theo- 
loge gewesen fur all die Kreise, welche den Boden abgegeben haben 
fur die geistige Richtung, aus der auch aufgequollen sind Tirpitz und 
Ludendorff und so weiter! Weil von den Vertretern der Bekenntnis- 
se keine wirkliche Christus-Offenbarung mehr gekommen ist, liegt 
in den Ereignissen der Gegenwart durch die Menschen, die mit die- 
sen Ereignissen verkniipft sind, keine solche Empfindung fur die 
wirkliche Christus-Offenbarung. Gar keinen Sinn hat es fur Tausen- 
de und Millionen Menschen der Gegenwart, wenn sie von dem 
Weihnachtsfeste sprechen; denn sie kennen nicht in dem Sinne, wie 
das fur unsere Zeit notwendig ist, die Wesenheit des Christus-Jesus. 
Auf solche Dinge miissen wir blicken, wenn wir in einem tieferen 
Sinne uns klar werden wollen, welches die Ursachen fur den Nie- 
dergang unserer Zeitereignisse, des Menschenlebens in diesen Zeit- 
ereignissen sind. 

Ich habe Ihnen von dieser Statte aus oftmals gesprochen von 
jenem wichtigen Ereignis, das sich zugetragen hat im letzten Drit- 
tel des 19. Jahrhunderts, von jenem Ereignis, durch das ein be- 
sonderes Verhaltnis gebildet worden ist zwischen jener Erzengel- 
macht, die wir als die Erzengelmacht Michael bezeichnen, und 
den Geschicken der Menschheit. Ich habe Sie darauf aufmerksam 
gemacht, dafi seit dem November 1879 Michael gewissermaften 
der Regent sein mufi fur alle diejenigen, welche der Menschheit 
zu ihrem gedeihlichen Fortschritt die rechten Krafte zufiihren 
wollen. 



In unserer Zeit weist man, indem man so etwas andeutet, auf 
zweierlei hin: erstens auf eine objektive Tatsache, zweitens aber 
auch auf das, wie sich diese objektive Tatsache zu all dem verhalt, 
was die Menschen in ihren Willen, in ihr Bewufksein aufnehmen 
wollen. Die objektive Tatsache ist einfach die, dafi sich im Novem- 
ber 1879 jenseits der Sphare der sinnlichen Welt, im Ubersinnlichen, 
dasjenige abgespielt hat, was man so ausdriicken kann: Michael hat 
sich die Kraft erobert, wenn die Menschen ihm entgegenkommen 
mit all dem, was in ihren Seelen lebt, diese so zu durchdringen mit 
seiner Kraft, dafi sie die alte materialistische Verstandeskraft, die bis 
dahin in der Menschheit grofi geworden ist, umwandeln konnen in 
spirituelle Verstandeskraft, in geistige Verstandeskraft. Das ist die 
objektive Tatsache; sie hat sich vollzogen. Wir konnen davon spre- 
chen : Michael ist in ein anderes Verhaltnis zur Menschheit getreten, 
als dasjenige war, in dem er fruher gestanden hat, seit dem Novem- 
ber 1879. Aber es ist erforderlich, dafi man dem Michael dient. Was 
ich damit meine, es wird am klarsten werden, wenn ich Ihnen das 
Folgende auseinandersetze. 

Sie wissen, bevor das Mysterium von Golgatha sich auf der Erde 
vollzogen hat, schauten die alttestamentlichen Juden hinauf zu ih- 
rem Jahve oder Jehova. Diejenigen, die aus der judischen Priester- 
schaft mit vollem Bewufksein zu Jahve schauten, waren sich be- 
wufit, dafi sie nicht unmittelbar mit ihrem Menschenerkennen her- 
andringen konnten zu Jahve. Sogar der Name gait als unaussprech- 
lich, und wenn der Name ausgesprochen werden sollte, wurde nur 
ein Zeichen gemacht, das ahnlich ist gewissen Zeichenzusammen- 
hangen, die wir durch unsere Eurythmie aufsuchen. Aber diese Prie- 
sterschaft war sich auch klar dariiber, dafi sich der Mensch dem Jah- 
ve durch Michael nahern konne. Diese Priesterschaft nannte Mi- 
chael das Antlitz des Jahve oder des Jehova. So wie wir einen Men- 
schen ke'nnenlernen, wenn wir in sein Antlitz blicken, wie wir aus 
der Milde seines Antlitzes einen Schlufi auf die Milde der Seele, aus 
der Art, wie er uns anschaut, auf seinen Charakter ziehen, so wollte 
die alttestamentliche Priesterschaft aus dem, was sich in die Seele 
hereinschlich an atavistischen Hellschauungen in Traumen, von 



dem Antlitz des Jahve, von dem Michael schliefien auf Jahve, den zu 
erreichen der Menschheit doch nicht moglich war. Diese Priester- 
schaft stand richtig zu Michael und Jahve oder Jehova; sie stand rich- 
tig zu Michael, weil sie sich bewufit war, dafi, wenn sich der Mensch 
der damaligen Zeit zu Michael wendete, er durch Michael diejenige 
Kraft, die Jahve-Kraft oder Jehova-Kraft finden wiirde, welche zu 
suchen dem Menschen der damaligen Zeit ziemte. 

Andere seelische Menschheitsregenten traten seither an die Stelle 
des Michael; aber seit dem November 1879 ist Michael wiederum 
aufgetreten, und er kann rege gemacht werden im menschlichen See- 
lenleben, wenn man die Wege zu ihm sucht. Und diese Wege sind 
heute die Wege geisteswissenschaftlicher Erkenntnis. Man konnte 
ebensogut sagen die «Michaelswege», wie man sagen kann «die Wege 
geisteswissenschaftlicher Erkenntnis». Aber gerade seit jener Zeit, 
da Michael auf diese Weise in ein Verhaltnis zu den menschlichen 
Seelen eingetreten ist, um wiederum ihr unmittelbarer Inspirator 
durch drei Jahrhunderte zu werden, hat am allerstarksten auch die 
damonische Gegenkraft eingesetzt, nachdem sie sich vorher vorbe- 
reitet hatte. So ging ein Ruf durch die Welt, der wahrend unserer so- 
genannten Kriegs-, aber in Wirklichkeit Schreckensjahre zu einem 
grofien Welt-Unverstand geworden ist, der jetzt die Herzen und See- 
len der Menschen durchzieht. 

Was ware denn aus dem alttestamentlichen Judenvolk geworden, 
wenn es, statt sich dem Jahve durch Michael zu nahern, hatte unmit- 
telbar an Jahve herandringen wollen? Es ware aus ihm geworden ein 
intolerantes, volksegoistisches Volk, ein Volk, das nur an sich hatte 
denken konnen. Denn Jahve ist der Gott, der mit allem Natiirlichen 
zusammenhangt und im aufieren geschichtlichen Menschenwerden 
pragt er sein Wesen aus in dem Generationenzusammenhang der 
Menschen, wie er sich im Volkswesen ausspricht. Nur dadurch, dafi 
dazumal das althebraische Volk durch Michael dem Jahve sich na- 
hern wollte, hat es sich davor bewahrt, so volksegoistisch zu wer- 
den, dafi dann nicht einmal der Christus Jesus aus der Mitte dieses 
Volkes hatte hervorgehen konnen. Denn dadurch, daft es sich mit 
der Michael-Kraft, wie diese Kraft damals war, durchdrang, dadurch 



impragnierte sich das jiidische Volk mcht mit Kraften, die einen so 
starken Volksegoismus abgegeben hatten, als wenn man sich unmit- 
telbar an Jahve oder Jehova gewendet hatte. 

Heute nun ist Michael wieder der Weltregent, aber die Mensch- 
heit ist genotigt, sich zu ihm in einer neuen Weise zu verhalten. 
Denn jetzt soil Michael nicht das Antlitz Jahves sein, sondern das 
Antlitz des Christus Jesus. Jetzt sollen wir uns durch Michael dem 
Christus-Impuls nahern. Aber die Menschheit hat vielfach sich dazu 
noch nicht hindurchgerungen; die Menschheit hat atavistisch be- 
wahrt die alten Empfindungsqualitaten, durch die man sich dem Mi- 
chael so genahert hat wie damals, als er noch der Vermittler zu Jahve 
war. Und so hat heute die Menschheit noch ein falsches Verhaltnis 
zu Michael, und in einer charakteristischen Erscheinung kommt die- 
ses falsche Verhaltnis zu Michael zum Vorschein. 

Wir haben wahrend der kriegerischen Jahre immer wiederum die 
Weltluge vernommen: Freiheit den einzelnen, selbst den kleinsten 
Nationen. Diese Gesinnung, die eine liigenhafte ist,' weil heute in 
dieser Michaelzeit nicht Menschen-Gruppen, sondern Merfschen- 
Individualitaten es sind, worauf es ankommt, diese Luge ist nichts 
anderes als die Bestrebung, jedes einzelne Volk nicht mit der neuen 
Michael-Kraft zu durchdringen, sondern mit der alten der yorchrist- 
lichen Zeit, mit der Michael-Kraft des Alten Testamentes zu durch- 
dringen. So paradox es klingt, es besteht heute unter den Volkern 
der sogenannten zivilisierten Menschheit die Tendenz, dasjenige, 
was im alttestamentlichen Judenvolk berechtigt war, luziferisch um- 
zubilden und zum innersten Wirkungsimpuls jedes einzelnen Vol- 
kes zu machen. Mit alttestamentlicher Gesinnung mochte man heu- 
te aufbauen Polenreiche, Amerikareiche, Franzosenreiche und so 
weiter. Dem Michael zu folgen bestrebt man sich so, wie es richtig 
war ihm zu folgen vor dem Mysterium von Golgatha, wo man fin- 
den sollte durch ihn den Jahve, einen Volksgott. Heute sollen wir 
durch ihn den Christus Jesus finden, den gottlichen Fiihrer der gan- 
zen Menschheit. Dann aber miissen wir Empfindungen und Vorstel- 
lungen suchen, die nichts zu tun haben mit irgendwelchen menschli- 
chen Unterschieden auf der Erde; aber die konnen wir nicht an der 



Oberflache suchen, die mussen wir suchen da, wo das Menschlich- 
Geistige und Seelenhafte pulsiert, das heilk, wir mussen sie auf gei- 
steswissenschaftlichem Wege suchen. Und so liegen die Dinge, dafi 
man sich entschliefien mufi, auf geisteswissenschaftlichem Wege, das 
heifit auf michaelischem Wege den wirklichen Christus zu suchen, 
der nur gesucht und gefunden werden kann auf dem Boden geistigen 
Wahrheitsstrebens. Sonst sollte man lieber alle Weihnachtslichter 
ausloschen, alle Weihnachtsbaume ertoten und sich wenigstens 
wahrhaftig gestehen, dafi man nicht irgendeine Erinnerung an dasje- 
nige will, was der Christus Jesus in die Menschheitsentwickelung 
hineingebracht hat. 

Und so tont uns durch die Memoiren der Gegenwartsmenschen 
vorchristliche, das heifit in unserer Zeit antichristliche Gesinnung, 
und wenn Menschen, die man fiir representative halt, wie der Wil- 
son in der Gegenwart sich kundgeben, so tont durch solche vierzehn 
Punkte, wie er sie gegeben hat, rein alttestamentliche Gesinnung, 
die zur luziferischen Gesinnung in unserer Zeit wird. Woher 
kommt dieses? Was liegt da eigentlich vor? 

Wenn wir in der Zeitentwickelung der Menschheit zuriickgehen 
vor das Mysterium von Golgatha, dann kommen wir dazu, in alten 
Zeiten der orientalischen Kulturentwickelung eine menschliche Per- 
sonlichkeit auf Erden zu finden innerhalb derjenigen Kultur, aus der 
die heutige chinesische Kultur geworden ist, eine menschliche Per- 
sonlichkeit, die die aufiere menschliche Verkorperung Luzifers war, 
der dazumal wirklich als menschliche Verkorperung iiber den Erd- 
boden gegangen ist, und der der Trager des menschlichen Lichtes 
war, das wir auf dem Boden der alten vorchristlichen Weisheit fin- 
den, mit Ausnahme des Judentums. Noch im Griechentum stromt 
durch das, was an Kunst, an Weltanschauung, an Staatsmannschaft 
im Griechentum wirkte, dasjenige durch, was ausgegangen ist von 
der Luzifer-Inkarnation Jahrtausende vor dem Mysterium von 
Golgatha. 

Wir mussen uns nur klar sein dariiber, dafi alles das, was wir 
heute menschlichen Verstand nennen, noch immer, solange wir ihn 
nicht spiritualisiert haben, ein Geschenk jenes Luzifer ist. Wir 



miissen nur nicht philistros, bourgeoismafiig die Sektierergesinnung 
entwickeln: Luziferisches, das ist etwas Furchtbares, das muf$ man 
abstreifen. Will man es abstreifen, so fallt man ihm erst recht an- 
heim; denn es ist eben einmal durch Jahrtausende der Menschheits- 
entwickelung notwendig geworden, das Erbe des verkorperten Luzi- 
fer anzutreten. Dann kam das Mysterium von Golgatha, Dann aber 
wird eine Zeit kommen, wo ebenso wie im Orient in einer irdischen 
Personlichkeit sich Luzifer einstmals verkorpert hat, urn gerade das 
Christentum vorzubereiten bei den Heiden, wo ebenso im Westen 
die irdische Verkorperung des wirklichen Ahriman auftreten wird. 
Dieser Zeit gehen wir entgegen. Objektiv wird Ahriman auf der Er- 
de wandeln. So wahr als Luzifer gewandelt hat und Christus gewan- 
delt hat objektiv in einem Menschen, wird Ahriman mit ungeheurer 
Macht zu irdischer Verstandeskraft auf der Erde wandeln. Wir Men- 
schen haben nicht die Aufgabe, die Inkarnation des Ahriman etwa 
zu verhindern, aber wir haben die Aufgabe, die Menschheit so vor- 
zubereiten, dafi Ahriman in der richtigen Weise eingeschatzt wird. 
Denn Ahriman wird Aufgaben haben, er wird das eine und das an- 
dere tun miissen, aber die Menschen werden in der richtigen Weise 
dasjenige einschatzen und verwenden miissen, was durch Ahriman 
in die Welt kommt. Das werden sie nur konnen, wenn sie in der 
richtigen Weise sich einstellen konnen heute schon zu demjenigen, 
was jetzt schon Ahriman so von jenseitigen Welten aus auf die Erde 
sendet, dafi er einmal wirtschaften kann auf der Erde, ohne dafi er 
bemerkt wird. Das darf nicht sein. Ahriman darf nicht auf der Erde 
so wirtschaften, dafi er nicht bemerkt wird; man mufi ihn in seiner 
Eigentiimlichkeit voll erkennen, man mufi ihm mit vollem Bewufit- 
sein sich entgegenstellen konnen. 

Nun werde ich Ihnen in den Tagen, in denen ich hier in Stuttgart 
vortragen werde, mancherlei von dem zeigen, was wohl zu beachten 
ist in der Entwickelung der Menschheit bis zur Ahriman-Inkarna- 
tion hin, damit diese, wenn sie kommt, richtig eingeschatzt wird. 
Heute will ich Sie nur auf eines aufmerksam machen: Ebenso 
schlimm wie die schlimmste materialistische Weltanschauung ist in 
dieser Beziehung manche Evangelien-Interpretation in der Gegen- 



wart. Wenn heute einfach von den Vertretern der sogenannten 
Religionsgesellschaften die Evangelien genommen werden wie sie 
sind, und wenn jede neue Offenbarung abgewiesen wird, so bedeu- 
tet eine solche Hingabe an die Evangelien, eine solche Art, das 
Christentum zu pflegen, die beste Art, sich im ahrimanischen Sinne 
auf die irdische Erscheinung des Ahriman vorzubereiten. Am inten- 
sivsten arbeiten Ahriman vor eine grofie Anzahl von Vertretern 
der heutigen sogenannten Bekenntnisse, indem sie unbeachtet lassen 
die Wahrheit; «Ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Erden- 
zeiten», indem sie alles dasjenige als ketzerisch erklaren, was aus 
der unmittelbaren Anschauung des gegenwartigen Christus hervor- 
geht, und indem sie in bequemer Weise wortwortlich, nur aber in 
ihrer Art wortwortlich, an die Evangelien sich halten. Die Mensch- 
heit sollte durch eine Weisheit davor beschiitzt werden, in dieser 
Art sich an die Evangelien zu halten, indem die vier Evangelien 
rein aufierlich fur die physische Verstandeskraft einander wider- 
sprechen. Und wer heute nicht vordringt zur geistigen Interpre- 
tation der Evangelien, der verbreitet eine liigenhafte Interpretation 
der Evangelien, denn er tauscht die Menschen hinweg liber die 
aufieren Widerspriiche, die in den vier Evangelien bestehen. Und 
die Menschen uber ihre wichtigsten Angelegenheiten zu tauschen, 
das ist gerade dasjenige, was die Wege des Ahriman am allerbesten 
befordert. 

Die Menschen der Gegenwart haben es sehr notwendig, Christus 
mitten hineinzustellen zwischen Ahriman und Luzifer. Christus- 
Kraft mufi uns durchdringen. Aber wir miissen immer als Menschen 
das Gleichgewicht suchen zwischen demjenigen, was gewisserma- 
fien schwarmerisch-mystisch uber uns hinaus will, und dem, was 
Tins materialistisch-verstandesmafiig, philistros-schwer zur Erde her- 
unterziehen wilL In jedem Augenblick miissen wir das Gleichge- 
wicht suchen zwischen demjenigen, wodurch wir luziferisch hinauf- 
erhoben werden und demjenigen, wodurch wir ahrimanisch hinun- 
terstreben wollen, aber in dem Suchen dieses Gleichgewichtes liegt 
der Christus. Und wenn wir uns bestreben, dieses Gleichgewicht zu 
suchen, dann aMein kdnnen wir den Christus finden. 



Durch erne sonderbare Fiigung ist etwas sehr Merkwiirdiges ge- 
schehen in der neueren Menschheitsentwickelung in jener Zek, in 
der der Materialismus eingedrungen ist. Ich will nur hinweisen auf 
zwei Dokumente, auf Miltons «Verlorenes Paradies» und Klopstocks 
«Messias». Da werden die geistigen Welten so geschildert, als ob ein 
Paradies verlorengegangen und der Mensch daraus hinausgestofien 
worden ware. Sowohl Miltons «Verlorenes Paradies» wie Klop- 
stocks «Messias» arbeiten mit einer Zweiheit in der Welt, mit dem 
Gegensatz des Guten und des Bosen, des Gottlichen und des Teufli- 
schen. Sehen Sie, das ist aber der grofie Irrtum der neueren Zeit, dafi 
man sich die Weltkultur vorstellt nach einer Zweiheit, wahrend sie 
vorgestellt werden mufi im Sinne einer Dreiheit. Das eine sind die 
hinaufstrebenden luziferischen Krafte, die im Mystischen, Schwar- 
merischen, Phantasievollen, in der Ausartung aber auch im Phanta- 
stischen, an den Menschen herantreten, die im menschlichen Blut le- 
ben; das andere sind die ahrimanischen Krafte, die in allem Trocke- 
nen, Schweren leben, im Knochensystem, physiologisch gespro- 
chen; das Christliche steht in der Mitte zwischen beiden drinnen, 
das ist das dritte. Luziferisch ist das erste, ahrimanisch das zweite 
und in der Mitte zwischen beiden ist das Christliche. 

Was ist geschehen in der neueren Zeit? Etwas ist geschehen, auf 
das die Menschheit hinschauen sollte mit wahrhaftig spirituell-intel- 
lektueller Inbrunst, denn ehe sie dieses nicht versteht, wird sie nicht 
in richtiger Weise die Weihnachtswege finden. Wir lesen heute Mil- 
ton, Klopstock, ihre Schilderungen von der ubersinnlichen Welt; 
wie lesen wir sie? So lesen wir sie, dafi uberall luziferische Eigen- 
schaften iibertragen sind auf dasjenige, was man gottlich nennen 
will. Schildern wollen solche Menschen wie Klopstock und Milton 
den Kampf zwischen einem Luziferischen, das ihnen als das Gottli- 
che erscheint, und dem Ahrimanischen. Und ein grofter Teil desje- 
nigen, was die neuere Menschheit als ihr Gottliches schildert, ist nur 
ein Luziferisches. Man erkennt es aber nicht in der richtigen Weise, 
ebensowenig wie das Ahrimanische. Das spielt noch herein in 
Goethes «Faust», wenn wir dem «Herrn» gegeniibergestellt finden 
Mephistopheles; aber auch Goethe hat noch nicht trennen konnen 



das Ahrimanische vom Luziferischen. So ist sein Mephistopheles 
ein Durcheinandermischen geworden des Luzifer und des Ahriman. 
Ich habe schon darauf hingewiesen in meinem Biichlein «Goethes 
Geistesart». Man ist heute im rechten Sinne ein Goetheanist, wenn 
man nicht, wie etwa manche Akademiker und sonstige Leute der 
Gegenwart es tun, einfach das nachspricht, was aus Goethe wort- 
wortlich kommt, sondern wenn man sich den Weg bahnt so zu 
Goethe hin, dafi man auch dasjenige einsehen kann, was bei ihm an- 
ders werden mulke, gerade wenn man seiner Weltanschauung folgt 
iiber das Jahr 1832 hinaus; wenn wir heute nicht von einem Goethe 
des Jahres 1832 sprechen, sondern von einem Goethe des Jahres 
1919, nun schon bald 1920. Aber gefunden werden mufi der Weg, 
sich ruhig einzugestehen, dafi in demjenigen, was die materialisti- 
schen Jahrhunderte ihr Gottliches genannt haben, viel Luziferisches 
steckt, daft man vieles nehmen kann, wodurch heute die Menschen 
Religion verbreiten wollen, was nur als Worte auf den Fliigeln des 
Luziferischen in die Menschheit hineinzieht. Erst dann, wenn die 
Menschen den Dualismus wieder erkennen werden von dem Luzife- 
rischen, das sie hinauffuhren will, und dem Ahrimanischen, das sie 
unter sie hinunterfuhren will, zu dem wirklichen Christlichen, dann 
werden die Menschen im wahren Sinne wiederum stehen vor dem 
Weihnachts-Ereignis, vor jenem Ereignis, durch das erinnert werden 
soil, wie hereingezogen ist in die Menschheitsentwickelung dasjenige, 
was der Erde eigentlich Sinn gibt, einen wirklichen Sinn gibt. 

Heute mufi man manchmal an Leonardo da Vinci denken. Leo- 
nardo da Vinci hat einstens ja in Mailand sein grofies Bild gemalt, 
das Sie kennen, das heilige Abendmahl, den Christus mit seinen 
Aposteln rings herum. Er hat lange an diesem Bild gemalt, zwei 
Jahrzehnte. Er wollte vieles in dieses Bild hineinmalen. Er konnte 
nicht fertig werden, weil er immer wiederum den Ansatz machte, 
die Judas-Figur in der richtigen Weise zu malen. Nun war im Sinne 
der Stadtorganisation von Mailand der Abt jenes Klosters, fur das 
das Bild gemalt wurde, sein unmittelbarer Vorgesetzter, und als ein 
neuer Abt kam, der nun nicht so mild war wie der alte, sondern 
schneidig, da ging er den Leonardo hart an und verlangte von 



ihm, daft das Bild nun endlich fertig werden solle. Nun sagte Leonar- 
do, jetzt konne er es auch fertig machen, denn seit der neue Abt da 
sei, habe er ein Vorbild fur den Judas. Dann hat er in kurzer Zeit je- 
nes Judasgesicht hingemalt, das wir im Bilde sehen. Wie dem Leo- 
nardo am Ausgangspunkt der neueren Zeit das Judasgesicht gerade 
auf dem Boden des positiven Bekenntnisses erschienen ist, so haben 
wir schon heute vielfach Veranlassung, uns recht sehr in das Herz 
hinein und in die Seele zu schreiben, wie derjenige, an dessen Ge- 
burt wir uns erinnern an diesem heiligen Weihnachtsfeste, verraten 
wird am allermeisten von vielen derer, die angeben, ihm aus ihrem 
Bekenntnisse heraus die Feste zu bereiten. Wir wissen, auch dieses 
Weihnachtsfest, es gehort zu demjenigen, was die christliche Ent- 
wickelung aufgenommen hat. Erst im 3. und 4. Jahrhundert hat 
man begonnen, in diesen Dezembertagen die Geburt Christi zu fei- 
ern. Das Ereignis von Golgatha war schon Jahrhunderte dahin, da 
nahm die Anschauung, die sich hinwendete zu dem Ereignis von 
Golgatha, Neues auf, sogar so einschneidend Neues wie die Institu- 
tion des Weihnachtsfestes dazumal. Und viel, viel spater war es noch 
moglich, dem Christentum Neues einzupflanzen. Gekampft werden 
muftte auch dazumal gegen viele derer, die sich damals echte Chri- 
sten nannten. Aber heute sind zahlreiche solche an der Arbeit, die 
nicht verfahren wollen, wie ihr eigenes Bekenntnis verfahren ist, als 
es im 3., 4. Jahrhundert aufgenommen hat die Institution des Weih- 
nachtsfestes, die starr nur bei demjenigen bleiben, von dem sie 
sagen, daft es geschrieben steht, die ablehnen jede lebendige Offen- 
barung. Schrecklich ist es in unserer Zeit mit den Schlafrigen, mit 
denjenigen, die oftmals mit ihrer unmoralischen Gesinnung dasjeni- 
ge besudeln, was sich in das geistige Leben hereinfinden will, aber 
am schrecklichsten ist es mit denjenigen, die aus den Bekenntnissen 
heraus selbst den eigentlichen Geist der christlichen Entwickelung 
verraten. 

Das ist die ernste Stimmung, in die uns heute versetzen wollen die 
Lichter des Weihnachtsbaumes. Ich wollte auf dieseDinge heute hin- 
deuten. Aus einem anderen Zusammenhang heraus will ich Ihnen 
das nachste Mai sprechen. 



DRITTER VORTRAG 



Stuttgart, 28. Dezember 1919 

Aus den Betrachtungen, die wir hier schon seit langerer Zeit anstel- 
len, insbesondere aber auch aus den Betrachtungen dieser Tage sollte 
hervorgehen, wie sehr notwendig fur die weitere Kulturentwicke- 
lung der Menschheit es ist, dafi ein Einlaufen dessen, was man nen- 
nen kann die Erkenntnis der Initiation, in diese menschliche Kultur- 
entwickelung stattfindet. Man mufi heute schon ganz ohne Vorbe- 
halt sagen: Die Rettung der Menschheit von einer nach ab warts ge- 
henden Entwickelungsbahn liegt lediglich in der Hinwendung die- 
ser Menschheit zu einer Offenbarung, die hervorgeht aus demjeni- 
gen, was nur erschaut werden kann durch geistige Erkenntnis. 

Mogen von dieser oder jener Seite her noch soviel gefuhlsmafiige 
oder logische Einwande gemacht werden, moge gesagt werden, daft 
es fiir unsere Zeit schwierig sein wird, daft groftere Kreise solche Er- 
kenntnisse annehmen, die zunachst doch nur hervorgehen konnen 
von einzelnen wenigen, die sich bis zu einem hohen Grade in die 
Moglichkeit versetzen, in die geistige Welt hineinzuschauen : das al- 
les, was an solchen Einweftdungen sogar scheinbar berechtigterwei- 
se kommen kann, will ja gar nichts besagen gegeniiber der laut spre- 
chenden Tatsache, daft ohne Annahme dessen, was hier anthroposo- 
phisch orientierte Geisteswissenschaft benannt wird, die Kultur der 
Menschheit in den Abgrund versinken mufi, die Erdenarbeit Mach- 
ten zufallen mufi, die ihre Weiterentwickelung im Weltall nicht mk 
der Menschheit verkniipfen werden. Es wird nicht anders gehen, als 
dafi, wenn der Menschheit nach dieser Richtung Heil widerfahren 
soil, eine geniigend grofie Anzahl von Menschen sich durchdringt 
mit dem, was eben versucht worden ist zu sagen. Denn nur, wer 
nicht will, wer durchaus nicht will hinschauen auf dasjenige, was 
jetzt als Ergebnis der letzten katastrophalen Jahre in der ganzen 
Welt geschieht, nur der kann seine Augen davor verschliefien, daft 
wir im Beginne des Zerstorungsprozesses sind, daft aus diesem Zer- 
storungsprozesse auch nur herausfuhren kann ein Neues. Was man 



auch immer sucht innerhalb des Zerstorungsprozesses selbst, das 
wird ja niemals etwas anderes werden konnen als selbst eine Kraft 
der Zerstorung. Eine Kraft des Neuaufbaues kann nur dasjenige 
werden, was wirklich jetzt schopfen wird aus Quellen, die nicht der 
bisherigen Erdenentwickelung angehoren. 

Nun bestehen aber fiir das Hereinkommen der Ergebnisse solcher 
Quellen ganz bedeutsame Schwierigkeiten. Es wird ja oftmals davon 
gesprochen, dafi die Wissenschaft der Initiation nicht ohne weiteres, 
nicht vorbehaltlos an die Menschheit herangebracht werden konne, 
weil eine gewisse Art des Entgegennehmens notwendig ist fiir diese 
Wissenschaft der Initiation. Sehen Sie, das wird ja immer wieder und 
wiederum angehort; aber gerade gegen das wird auch immer wieder 
gesiindigt insoferne, als ja - nehmen wir nur ein sehr einfaches 
Beispiel - zu den allerersten, primitivsten Anforderungen beziiglich 
der Entgegennahme der Wissenschaft der Initiation die gehort, dafi 
jene Menschen, die sie annehmen, versuchen miissen von sich abzu- 
streifen, was man zum Beispiel Ehrgeiz nennt, namentlich wenn er 
sich auftert als eine Beurteilung der eigenen Personlichkeit im Ver- 
haltnis zu anderen Personlichkeiten. Nun ist ja leicht zu sehen, daft 
gerade in dem, was wir Anthroposophische Gesellschaft nennen - 
was wiirde es da niitzen, wenn solche Dinge nicht gesagt wiirden ? 
immer wieder zugegeben wird: «So etwas ist richtig», daft aber ge- 
rade die fatalsten Dinge innerhalb einer solchen Bewegung wie es 
die anthroposophische ist, bestehen, daft gerade in ihr gegenseitige 
Rankiinen, das gegenseitige Sich-Beneiden wachsen. Auf diese Er- 
scheinung will ich nur hinweisen. Denn ich mu!5 heute von den 
anderen grofieren Schwierigkeiten des Einlaufens der Initiations- 
Wissenschaft in die Erdenkultur sprechen. 

Sehen Sie, zum ersten, was da der Menschheit in umfassender 
Weise wird gezeigt werden miissen, gehort, was man nennen konnte 
das Mysterium des menschlichen Willens. Dieses Mysterium des 
menschlichen Willens hat sich insbesondere seit der Mitte des 15. 
Jahrhunderts, seit dem Heraufkommen des funften nachatlanti- 
schen Zeitraumes, vor der neueren Kulturmenschheit verhullt. Man 
kann sagen: Von dem Willen weifi die neue Menschheits-Welt- 



anschauung das allerwenigste. Wir haben es ja oftmals charakteri- 
siert: Der einzelne Mensch erlebt ja nie wachend das eigentliche We- 
sen seines Willens. Er erlebt wachend das Wesen seines Vorstellens, 
traumend das Wesen seines Fiihlens, aber er schlaft, auch wenn er 
wachend ist, partiell in bezug auf seinen Willen. Wir gehen als soge- 
nannte wachende Menschen durch die Welt, sind aber nur wach fur 
die Vorstellungen, halbwach, traumend fur das Fiihlen und sind 
vollstandig schlafend fiir das Wollen. Tauschen wir uns nicht dar- 
iiber. Wir haben Vorstellungen davon, was wir wollen; aber nur 
wenn der Wille zum Vorstellen wird, sich abbildet zur Intelligenz, 
erleben wir ihn wachend. Was da in den Tiefen des menschlichen 
Wesens vor sich geht, wenn der Mensch auch nur eine Hand erhebt, 
das heifit seinen Willen in Bewegung setzt, davon weifi der normale 
Mensch von heute gar nichts. Das heifit, das Mysterium des Willens 
ist dem neueren Menschen geradezu vollstandig unbekannt, und das 
hangt eigentlich damit zusammen, dafi unsere ganze neuere Kultur, 
insbesondere diejenige, die seit dem 15. Jahrhuridert Platz gegriffen 
hat, eine intellektualistische ist, eine Verstandeskultur, denn auch 
die naturwissenschaftliche Kultur ist eine Verstandeskultur. In alles 
das, was wir durch den Intellekt fassen, durch den Verstand betrei- 
ben, spielt der Wille am allerwenigsten hinein. Wenn wir denken, 
wenn wir vorstellen, so spielt naturlich auch in unser Vorstellen der 
Wille hinein, aber in einem sehr, sehr verfeinerten Zustande. Der 
Mensch bemerkt nicht, wie der Wille pulsiert in seinem Vorstellen 
und wie sonst der Wille wirkt in seinem Wesen; das weifi er eben 
nicht. Es ist gewissermafien durch die ausschliefilich intellektuali- 
stische Kultur der neueren Zeit gerade das Mysterium des Willens 
fur die Menschen dieser neueren Zeit vollig verdeckt. Wenn man 
nun mit jenen Mitteln der Geisteswissenschaft, von denen ich Ihnen 
hier oft gesprochen habe, herangeht an die Untersuchung des Wil- 
lens, das heilk wenn man versucht, mit Hilfe von Imagination und 
Inspiration rege zu machen diejenigen Krafte, die hineinschauen 
konnen in das Getriebe, das entsteht, wenn der Mensch will, dann 
merkt man, dafi in unserem physischen Leben zwischen Geburt und 
Tod das Wollen wesentlich gebunden ist nicht an Aufbauprozesse, 



sondern an Zerstorungsprozesse. Wir haben das oft auseinanderge- 
setzt. Wiirden in unserem Gehirne nur vor sich gehen aufbauende 
Prozesse, wiirde da nur das vor sich gehen, was zum Beispiel zu- 
nachst die von den Lebenskraften aufgenommene Ernahrung be- 
wirkt, so wiirden wir ein Seelen- und Geistesleben durch das Werk- 
zeug unserer Nerven, unseres Gehirnes nicht entwickeln konnen; 
nur dadurch, dafi fortwahrend in unserem Gehirn abgebaut wird, 
dafi fortwahrend Zerstorungsprozesse da sind, greift Platz in dem 
sich Zerstorenden das Seelische und Geistige. Darinnen aber wirkt 
gerade der Wille. Der Wille des Menschen ist im wesentlichen etwas, 
was wahrend unseres physischen Lebens schon teilweise fur den 
Tod des Menschen wirkt. In bezug auf unsere Kopforganisation 
sterben wir fortwahrend; in jedem Augenblick sterben wir. Nur da- 
durch, dafi von unserer iibrigen Organisation entgegengearbeitet 
wird diesem fortwahrenden Kopfsterben, dadurch leben wir. Tatig 
aber ist vor alien Dingen in diesem Kopfsterben der Wille. In unse- 
rem Haupte findet fortwahrend schon dasselbe statt, was, abgesehen 
von uns, objektiv in der Welt draufien vorgeht, wenn wir durch den 
physischen Tod gegangen sind. 

Unser Leichnam geht uns ja, insofern wir Menschenindividualita- 
ten sind und in die seelisch-geistigen Welten durch die Pforte des To- 
des eintreten, eigentlich mchts an; aber das Weltall geht er sehr viel 
an, dieser Leichnam; denn dieser Leichnam wird auf irgendeine Wei- 
se - es kommt auf diese jetzt nicht an, durch Verbrennung oder 
Beerdigung - den Elementen der Erde iiberliefert; da setzt er in sei- 
ner Art dasselbe fort, was unser menschlicher Wille partiell in unse- 
rem Nervensystem, in unserem Sinnensystem tut wahrend des Le- 
bens zwischen Geburt und Tod. Wir stellen vor, wir denken da- 
durch, dafi unser Wille in uns etwas zerstort. Wir iibergeben unse- 
ren Leichnam der Erde und mit Hilfe des sich auflosenden Leich- 
nams, der nur denselben Prozeft fortsetzt, den wir partiell im Leben 
ausfuhren, «denkt und stellt vor» die ganze Erde. Dasjenige - ich ha- 
be es von anderen Gesichtspunkten aus Ihnen einmal in friiheren 
Monaten charakterisiert -, was in der Erde sich fortwahrend abspielt 
durch die Wechselwirkung zwischen dem urspriinglkh Irdischen 



und dem, was in der Erde stattfindet durch die Vereinigung mit den 
abgestorbenen menschlichen Leibern, das ist eine Tatigkeit, die ganz 
gleich ist der Art nach derjenigen Willenstatigkeit, die in uns fort- 
wahrend unbewufit ausgeiibt wird, indem abgebaut, zerstort wird, 
leichenhaft gearbeitet wird zwischen Geburt und Tod in unserem 
Nerven- und Sinnessystem. Zwischen Geburt und Tod arbeitet 
durch die Zerstorung, indem er sich mit unserem Ich verbindet, der- 
selbe Wille innerhalb der Grenzen unserer Haut, der da arbeitet kos- 
misch durch unseren Leichnam nach unserem Tode im Denken und 
Vorstellen der ganzen Erde, wenn wir eben diesen Leichnam der Er- 
de ubergeben haben. So sind wir kosmisch verbunden mit dem, was 
man den seelisch-geistigen Prozefi des ganzen Erdenseins nennen 
konnte. Diese Vorstellung ist eine schwerwiegende; denn diese Vor- 
stellung ordnet den Menschen konkret ein in das Kosmische unseres 
Erdendaseins. Das zeigt, wie verwandt der menschliche Wille ist mit 
demjenigen, was Todeskrafte in unserem Erdendasein bewirken; es 
zeigt die Verwandtschaft des menschlichen Willens mit der Art und 
Weise, wie der allgemeine Weltenwille wirkt innerhalb des Erdenda- 
seins in der Zerstorung, im Herbeifuhren der Todesverhaltnisse. 

Aber ebenso wie unsere Fortentwickelung in der geistigen Welt, 
nachdem wir durch die Todespforte geschritten sind, davon ab- 
hangt, dafi wir unseren Leichnam nicht mehr haben, dafi wir nicht 
mehr mit diesen Kraften arbeiten, sondern mit anderen, ebenso 
hangt die gedeihliche Weiterentwickelung der ganzen Erde davon 
ab, ob sich die Menschheit dieser Erde mit etwas verbindet, was nun 
nicht diese Todeskrafte sind, sich mit etwas verbindet, was Lebe- 
krafte sind, die nach anderer Richtung hin sich entwickeln als diese 
Todeskrafte. Dies innerhalb der heutigen, von personlichen Inten- 
tionen und Empfindungen erfullten Menschheit auszusprechen, ist 
schon etwas, was eigentlich bitter ist; denn es wird der Ernst einer 
solchen Wahrheit heute nur in sehr eingeschranktem Mafie empfun- 
den. Die Menschheit hat ja verlernt, die grofien Wahrheiten mit 
dem schweren Ernst zu nehmen, mit dem sie genommen werden 
miissen. Aber es mufi trotzdem noch weiter gefragt werden: Wie 
hangt denn nun dasjenige, was im menschlichen Willen liegt, so wie 



ich es geschildert habe, mit den Zerstorungsvorgangen der aufieren 
Natur eigentlich zusammen? Wie hangt das, was ich im menschli- 
chen Willen als seinen eigentlichen Charakter geschildert habe, mit 
den Zerstorungsvorgangen der aufieren Natur zusammen? Sehen 
Sie, hier ist es, wo vor dem neueren Menschen, man mochte sagen, 
die grofite Illusion steht. Was tut denn eigentlich der neuere 
Mensch, wenn er auf die Natur hinschaut? Ja, er sagt: Da ist ein Na- 
turvorgang, der spielt sich ab. Vor ihm hat sich ein anderer abge- 
spielt, der ist seine Ursache; vor diesem wieder ein anderer, der ist 
wieder seine Ursache. Und so findet der moderne Mensch eine Kette 
von Ursachen und Wirkungen in der Natur und ist sehr stolz dar- 
auf, wenn er in diesem Sinne, wie er sagt, am Leitfaden der Kausali- 
tat die aufiere Welt begreift. Was kommt dabei zustande? Ja, fragen 
Sie aufs Gewissen hin einen heutigen Geologen, Physiker, Chemi- 
ker oder irgendeinen anderen rechtglaubigen Naturforscher - er 
wird ja oftmals davor Scheu tragen, die letzte Konsequenz seiner 
Weltanschauung zu ziehen -, aber fragen Sie ihn, ob er sich nicht 
vorstellen miisse, daft die Erde, wie sie ist als Erde - oder Steine, 
Pflanzen und viele Tiere auch - sich gerade so entwickelt hatten, wie 
sie sich entwickelt haben, wenn der Mensch gar nicht dabei ware, 
waren keine Hauser, keine Maschinen, keine Luftschiffe gebaut 
worden sein von den Biiffeln, Stieren und so weiter; aber alles iibri- 
ge, was man heute nicht als Menschenwerk empfindet, das ware da 
gewesen von Anfang bis zum Ende, wenn der Mensch auch nicht da 
gewesen ware, denn innerhalb der aufteren Natur besteht eine Kette 
von Ursachen und Wirkungen. Das Spatere ist die Folge des Vorher- 
gehenden und eigentlich ist der Mensch beim Sich-Bilden der Kette 
gar nicht dabei gewesen, nach der Anschauung der heutigen Zeit! 
Diese Anschauung, die hat ganz genau denselben Fehler in sich wie 
das Folgende: Denken Sie, ich schreibe auf die Tafel irgendeinen 
Satz, etwa: «Stuttgart ist eine Stadt». Jetzt kommt jemand iiber die- 
sen Satz und sagt : Ich untersuche wissenschaftlich dasjenige, was ich 
hier auf die Tafel geschrieben finde. Da habe ich, indem ich von hin- 
ten anfange, zuerst das t. Das geht hervor aus dem d. Dann nehme 
ich das d, das geht hervor aus dem vorhergehenden a, das a aus 



dem vorhergehenden t, das t aus dem vorhergehenden s. Jedesmal 
habe ich die Wirkung der vorhergehenden Ursache. Das t ist die 
Wirkung des d, das d ist die Wirkung des a, und so weiter. Sie sehen, 
es ist ein Unsinn. Jeder Buchstabe entsteht nur dadurch, dafi ich ihn 
hingeschrieben habe, und nicht etwa hat der vorhergehende Buch- 
stabe den nachfolgenden erzeugt. Es ist ein volliger Unsinn, zu sa- 
gen: der vorhergehende Buchstabe ist die Ursache des nachfolgen- 
den, der vorhergehende erzeugt den nachfolgenden. Eine eingehen- 
de, vorurteilslose Untersuchung des Wesens der Naturvorgange 
uberzeugt uns von dem gleichen. Wir sagen, indem wir uns der gro- 
fien Illusion der neueren Wissenschaft hingeben: Die Wirkungen 
sind die Folgen ihrer Ursachen. So ist es nicht. Die wirklichen Ursa- 
chen miissen wir da wo anders suchen, geradeso wie wir die Ursache 
for die Aufeinanderfolge der Buchstaben in unserm Verstande su- 
chen miissen. Und wo liegen die Ursachen fur das aufiere Naturge- 
schehen im Grofien? Das lafit sich ja nur durch die geistige Anschau- 
ung entscheiden. Diese Ursachen liegen in der Menschheit. Wissen 
Sie, wo Sie hinblicken miissen, wenn Sie die wirklichen Ursachen 
fur den Naturlauf der Erde einsehen wollen? Sie miissen untersu- 
chen, wie der menschliche Wille, dem heutigen Bewufitsein nach 
tief unterbewufit, im Schwerpunkt des Menschen, das ist im 
menschlichen Unterleibe, zentriert ist. Im menschlichen Kopfe ist ja 
nur ein Teil des Willens tatig; in dem anderen Organismus des Men- 
schen ist der Hauptteil des Willens zentriert. Und von dem, wie der 
Mensch in bezug auf diesen seinen unterbewufiten Willen ist, hangt 
das ab, was als aufierer Naturlauf ins Dasein tritt. Wir konnten bis- 
her nur einen signifikanten Fall fiir diesen Naturverlauf anfiihren; 
aber es ist der ganze Naturverlauf so. 

Ich habe Sie ofter darauf aufmerksam gemacht, dafi wahrend der 
atlantischen Zeit sich der Mensch einer Art schwarzen Magie hinge- 
geben hat. Die Folge davon war dann die Vereisung der zivilisierten 
Welt. So aber ist im umfassendsten Sinne in Wirklichkeit alles das, 
was der Naturverlauf ist, die Folge der Willenstatigkeit nicht des ein- 
zelnen Menschen, sondern dessen, was in der Menschheit zusam- 
menwirkt bei verschiedenen Willenskraften, die aus den menschli- 



chen Schwerpunkten kommen. Wenn ein entsprechend entwickel- 
tes Wesen, sagen wir, vom Mars oder Merkur aus die Erde studieren 
wiirde, ihren Verlauf studieren wiirde, also verstehen wollte, wie da 
der Naturverlauf vor sich geht, so wiirde dieses Wesen die Natur 
nicht so beschreiben, wie sie der Mensch beschreibt, wenn er gelehrt 
sein will, sondern solch ein Wesen wiirde die Erde iiberschauen und 
wiirde sagen : Da ist die Erde unten, da sind viele Punkte, in diesen 
Punkten sind die Krafte zentriert, die den Naturverlauf bewirken, 
Aber diese Punkte wiirden fur ihn nicht draufien in der Natur lie- 
gen, sondern immer in den Menschen drinnen. Derjenige, der von 
aufien schauen wiirde, wiirde sptiren, dafi er auf das Innere der 
Menschheit schauen mufi, wenn er die Ursachen suchen wollte fur 
das, was im Naturverlauf geschieht. Diese Einsicht des Zusammen- 
hangs des menschlichen Willens mit dem Naturverlauf im Groften - 
natiirlich, die Tauschung kann entstehen, wenn wir den Naturver- 
lauf nur soweit betrachten, wie unsere Nase reicht, da allerdings 
zeigt sich nicht der Zusammenhang diese Einsicht von dem Zu- 
sammenhang der Willenswirkungen, der Willensrichtung der 
Menschheit mit dem Naturverlauf, die wird ein Bestandteil werden 
miissen kiinftiger Naturwissenschaft fur die Menschheit. Mit einer 
solchen Naturwissenschaft wird sich der Mensch in einer ganz ande- 
ren Weise verantwortlich fiihlen fur das, was er ist, als er sich heute 
gemeiniglich verantwortlich fiihlt. Der Mensch wird aus einem Er- 
denbiirger ein kosmischer Burger. Der Mensch wird das Weltenall 
als zu sich gehorig betrachten lernen. 

Aber bedenken Sie, dafi ja sofort, wenn man auf solche Dinge auf- 
merksam macht, das Wissen von diesen Dingen in uns Platz greift. 
Dieses Wissen wirkt nicht so schattenhaft wie unser intellektualisti- 
sches Wissen, sondern es ist viel mehr den Realitaten entnommen, 
daher wirkt es auch viel realer. Und da es viel realer wirkt als das 
schattenhafte Wissen der neueren Menschheit, so ist eben notwen- 
dig, dafi der Mensch ernst nehme, was ihm durch dieses Wissen er- 
offnet wird. Man kann nicht auf der einen Seite ein Weltenburger in 
dem eben geschilderten Sinne werden und auf der anderen Seite der 
alte Philister bleiben, den die letzten Jahrhunderte seit der Mitte des 



15. Jahrhunderts in der neueren Menschheit herangebildet haben. 
Man kann nicht auf der einen Seite sich bewufit eingliedern wollen 
in die Vorgange des Kosmos und auf der anderen Seite seinen Ne- 
benmenschen ebenso verklatschen, wie im Bourgeoiszeitalter seit 
der Mitte des 15. Jahrhunderts bei jedem Kaffeeklatsch. Es ist not- 
wendig, dafi zu gleicher Zeit ein anderes Ethos, andere sittliche Im- 
pulse durch die Menschheit wallen, wenn ernsthaft einziehen soli 
die Wissenschaft der Initiation. Fur heute wirkt insbesondere hem- 
mend auf das Einziehen dieser Wissenschaft der Initiation alles das, 
was in unrichtiger Weise vorbereitet das, was ich nennen mochte: 
das Erscheinen des Ahriman auf unserer Erde. Ich habe letzthin, um 
Ihnen ein wenig die richtige Feststimmung der diesjahrigen Weih- 
nacht zu charakterisieren, auf diese Tatsache schon hingewiesen; ich 
will nur kurz wiederholen. 

Wenn wir zuriickgehen in der Erdenentwickelung, so finden wir 
vor unserer neueren materialistischen Kultur die griechisch-lateini- 
sche Kultur bis zuruck ins 8. vorchristliche Jahrhundert. Wir sehen 
dann auftauchen ein paar Jahrhunderte nach dem Beginne dieser 
griechisch-lateinischen Zeit, was man nennen mochte: das in Grie- 
chenland schon filtrierte, alte Weisheitsleben der Vorzeit. Nietzsche 
hat in dieser Beziehung merkwurdig, wenn auch krankhaft, emp- 
funden. Er fuhlte sich von Anfang seines geistigen Wirkens an als 
ein Gegner des Sokrates, und er wurde nicht miide, immer wieder 
und wiederum von der grofieren Wertigkeit der vorsokratischen 
griechischen Kultur gegeniiber der sokratischen und nachsokrati- 
schen zu sprechen. Ich will auf diese Sache nicht anders eingehen, als 
indem ich Ihnen sage: Allerdings ist es wahr, dafi mit Sokrates auf 
der einen Seite ein grofies Zeitalter der Menschheit angebrochen ist, 
das seine Kulmination gefunden hat im Ubergang des 14. und 15. 
Jahrhunderts, dafi aber dieses Zeitalter des Sokrates heute abgelau- 
fen ist, richtig abgelaufen ist : denn das sokratische Zeitalter ist dasje- 
nige, welches aus der fruheren impulsiven Weisheit herausgenom- 
men hat die blofie Logik, die blofte Dialektik. Dieses Herausnehmen 
der blofien Logik, der blofien Dialektik aus der alten hellseherischen 
Weisheit, das ist das Charakteristikum unserer abendlandischen 



Kultur. Das hat auch dem Christentum sein Geprage aufgedriickt; 
denn auch die Theologie des Abendlandes ist eine dialektische. Aber 
was als Dialektik, als bis zur Abstraktion filtrierte Geistigkeit in 
Griechenland aufgeht, geht eben zuriick bis zu den Mysterien des 
Orients, und bei diesen Mysterien waren auch diejenigen, die eine 
Kultur begriindet haben, welche dann zur chinesischen Kultur ge- 
worden ist, innerhalb derer sich inkarniert hat die Gestalt des Luzi- 
fer. Das darf man sich nicht verhehlen, daft Luzifer selber einmal in 
einem Leibe war, wie der Christus wahrend der Zeit des Mysteriums 
von Golgatha in einem Leibe auf der Erde herumgewandelt ist. Aber 
man verkennt in philistroser Weise diese luziferische Inkarnation, 
wenn man wie eine Art Ruhrmichnichtan alles betrachten will, was 
von Luzifer ausgegangen ist. Von Luzifer ist ausgegangen zum Bei- 
spiel auch die Hohe der griechischen Kultur selber, die eigentliche 
alte Kunst, der Kunstimpuls der Menschheit, so wie wir selber ihn 
noch immer eigentlich betrachten. Nur ist das alles in Europa bis 
zur Phrase, bis zur Inhaltslosigkeit erstarrt. Und luziferische Weis- 
heit war es, durch die zuerst das Christentum in Europa begriffen 
worden ist. Das ist das Bedeutsame, daft in der griechischen Weis- 
heit, die sich herausgebildet hat als Gnosis, urn das Mysterium von 
Golgatha zu begreifen, die alte luziferische Weisheit mitgewirkt hat, 
der alten Gnosis die Gestaltung gegeben hat. Es ist fur die damalige 
Zeit der grofite Sieg des Christentums gewesen, daft die Tatsache des 
Mysteriums von Golgatha sich gekleidet hat in das, was Luzifer der 
Erdenentwickelung gegeben hat. Aber wahrend die Luzifer-Kultur, 
die also durch die reale Inkarnation des Luzifer der Menschheit 
ubergeben worden ist, abflutet, flutet auf nach und nach, was die 
kunftige Inkarnation des Ahriman auf der westlichen Erde vorberei- 
tet. Es wird sich einfach, wenn die Zeit dazu reif ist - und sie bereitet 
sich dazu vor - in der westlichen Welt Ahriman in einem menschli- 
chen Leibe inkarnieren. Diese Tatsache muft ebenso kommen, wie 
die anderen da waren, daft sich Luzifer inkarniert hat und daft sich 
Christus inkarniert hat. Diese Tatsache ist der Erdenentwickelung 
vorgeschrieben. Worauf es ankommt, ist nur: diese Tatsache so ins 
Auge zu fassen, daft man sich richtig auf sie vorbereitet; denn Ahri- 



man wirkt nicht etwa dann erst, wenn er in einem Menschen auf der 
Erde erscheinen wird, sondern er bereitet jetzt von den iibersinnli- 
chen Welten aus sein Erscheinen vor. Er arbeitet schon hinein in die 
Menschheitsentwickelung; er sucht sich von jenseits her seine Werk- 
zeuge, durch die er sich vorbereitet, was da kommen soil. 

Nun ist ein wesentliches Mittel fur die giinstige Wirkung dessen, 
was Ahriman der Menschheit bringen sollte - er wird ebenso Giin- 
stiges bringen wie Luzifer -, dafi die Menschheit sich in der richtigen 
Weise dazu stellt. Das, worauf es ankommt, ist, dafi die Menschheit 
nicht das Erscheinen des Ahriman verschlaft. Wenn einstmals in der 
westlichen Welt der inkarnierte Ahriman auftritt, so wird man in 
den Gemeindebuchern verzeichnen: John William Smith ist gebo- 
ren - es wird dies natiirlich nicht der Name sein - und man wird ihn 
als einen behabigen Burger wie andere Burger ansehen und wird ver- 
schlafen, was da eigentlich geschieht. Unsere Universitatsprofesso- 
ren werden ganz gewifi nicht dafur sorgen, dafi man das nicht ver- 
schlaft. Fur sie wird das, was da erscheinen wird, der John William 
Smith sein. Aber darauf kommt es an, dafi in dem ahrimanischen 
Zeitalter die Menschen wissen, dafi es sich hier nur aufierlich urn 
den John William Smith handeln wird, dafi innerlich aber Ahriman 
vorhanden ist, dafi man sich iiber das, was geschieht, keiner Tau- 
schung hingibt in schlafriger Illusion. Ja man darf sich schon jetzt 
keiner Tauschung hingeben, daft sich diese Dinge vorbereiten. Un- 
ter den wichtigsten Mitteln, die Ahriman hat, um von dem Jenseits 
hereinzuwirken, ist das, das abstrakte Denken der Menschheit zu 
fordern. Und weil dieses abstrakte Denken heute so beliebt ist, ar- 
beitet man in ahrimanisch giinstigem Sinne der Erscheinung des Ah- 
riman gut vor. Nichts wiirde die Tatsache besser vorbereiten, dafi 
Ahriman die ganze Erde fischt fur seine Entwickelung, als wenn 
man das abstrakte und abstrahierende Leben, das heute schon sogar 
in das soziale Leben eingezogen ist, fortsetzt. Das ist eine der Finten, 
einer der Witze, durch die Ahriman in seinem Sinne seine Herr- 
schaft auf der Erde vorbereitet. Statt dafi man den Menschen heute 
aus der vollen Erfahrung heraus zeigt, was zu geschehen hat, redet 
man dieser Menschheit von allgemeinen Theorien, auch von sozia- 



len Theorien. Diejenigen, die von Theorien reden, finden gerade das 
Erfahrungsgemafte abstrakt, weil sie keine Ahnung vom Leben ha- 
ben. Das alles ist Vorbereitung in ahrimanischem Sinne. 

Aber es gibt noch eine andere Art der Vorbereitung fur Ahriman, 
und diese kann geschehen - und auch das ist etwas, was heute nun 
schon bekannt werden mufi - durch eine irrtumliche Auffassung der 
Evangelien. Sie wissen ja, dafi es heute zahlreiche Menschen, insbe- 
sondere unter den offiziellen Vertretern dieser oder jener Bekennt- 
nisse gibt, die alles das in Grund und Boden bekampfen, was gerade 
aus der Wissenschaft der Initiation heraus fur eine neue Christus- 
Erkenntnis unter uns auftritt. Solche Menschen, wenn sie nicht 
bloft einem Rationalismus huldigen, nehmen noch die Evangelien 
an; aber was wissen im Grunde genommen diese Menschen von der 
eigentlichen Natur der Evangelien? Menschen dieser Art sind es ja 
gerade gewesen, welche die aufterliche weltliche, historisch-wissen- 
schaftliche Methode auf die Evangelien im 19. Jahrhundert ange- 
wendet haben. Und was ist denn geworden aus diesen Evangelien 
unter der wissenschaftlichen Methode des 19. Jahrhunderts? Es ist 
aus den Evangelien ja nichts anderes geworden, als dafi diese Evange- 
lienauffassung allmahlich vermaterialisiert worden ist. Das erste, 
worauf man aufmerksam wurde, waren die Widerspriiche der vier 
Evangelien untereinander. Und von der Wahrnehmung dieser Wi- 
derspruche ist dann eigentlich der Rutsch nach abwarts gegangen bis 
zur Schmiedelei; denn schlieftlich, was ist denn in der Evangelienfor- 
schung alles das, was von dem Basler Schmiedel - ich meine nicht un- 
seren Dr. Schmiedel, sondern den Theologen, den Prof. Schmiedel -, 
was von dem kommt? Was ist dies anderes als, ich mochte sagen, das 
Aus-den-Angeln-Heben der Evangelien. Was sucht denn der gute 
Schmiedel in den Evangelien? Er sucht zu beweisen, dafi sie nicht 
bloft Phantasieprodukte sind, hervorgegangen, um den Christus Je- 
sus nur zu verherrlichen, und kommt da zu einer beschrankten An- 
zahl von Punkten, den beriihmten Schmiedelschen Hauptpunkten, 
in denen auch Ungiinstiges iiber den Christus gesagt worden ist. 
Die, meint er, waren weggeblieben, wenn die Evangelien nur zur 
Glorifizierung des Jesus geschrieben waren. Also man hat schliefilich 



schon das Gefiihl, er lafit sich auf alles das ein, wo dem Christus 
Jesus etwas aufgemutzt wird, um schliefilich noch ein Zipfelchen 
von der weltlichen Wissenschaft zu retten fur die Evangelien. Auch 
dieses Zipfelchen wird weichen; man wird aus der weltlichen Wis- 
senschaft nichts gewinnen, was in dem Sinne, wie es die Herren wol- 
len, die Echtheit der Evangelien wird beweisen konnen. Um sich zu 
diesen Evangelien richtig zu verhalten, wird man wissen miissen, 
warum die Evangelien entstanden sind, das heifit, man wird wissen 
miissen, was die Evangelien eigentlich wollen. Das wird man nur er- 
kennen, wenn man sich wirklich mit dem befruchtet, was aus der 
Geisteswissenschaft kommen kann. 

Vertieft man sich aber in die Evangelien, nimmt man ihren Inhalt 
und ihre Krafte auf, dann kommt man dazu, aus ihnen heraus einen 
Seeleninhalt zu gewinnen. Keine aufiere historische Wissenschaft 
wird einem die Evangelien entratseln; aber man kann sich in die 
Evangelien vertiefen, dann bekommt man einen Seeleninhalt. Die- 
ser Seeleninhalt ist eine grofie Halluzination, allerdings eine verfei- 
nerte Halluzination, die Halluzination des Mysteriums von Golga- 
tha. Das Hochste, was zu gewinnen ist aus den Evangelien, ist die 
Halluzination des Mysteriums von Golgatha, nicht mehr und nicht 
weniger. Sehen Sie, dieses Geheimnis kennt gerade die neuere katho- 
lische Kirche. Daher will sie nicht, dafi letzten Endes die Evangelien 
erkannt werden von den Laien, denn sie furchtet, dafi man darauf 
kommen wurde, dafi man durch die Evangelien nicht eine histori- 
sche Kunde von dem Christus-Mysterium haben kann, sondern nur 
eine Halluzination dieses Mysteriums von Golgatha, ich konnte 
auch sagen: eine Imagination; denn die Halluzination ist so verfei- 
nert, dafi sie eine wirkliche Imagination ist. Aber mehr als eine Ima- 
gination ist durch den Evangelieninhalt selber nicht zu gewinnen. 

Welches ist der Weg von der Imagination zu der Wirklichkeit? 
Der Weg wird eben durch die Geisteswissenschaft erschlossen, nicht 
durch das, was aufierhalb der Geisteswissenschaft steht, sondern 
durch die Geisteswissenschaft allein. Das heifk, es mufi die Imagina- 
tion der Evangelien durch die Geisteswissenschaft zur Realitat erho- 
ben werden. Es liegt im aufiersten Interesse Ahrimans, sich seine In- 



karnation so vorzubereiten, daft die Menschen diesen Weg von der 
Imagination in den Evangelien durch die Geisteswissenschaft zur 
Wirklichkeit des Mysteriums von Golgatha nicht machen. Geradeso 
wie Ahriman das groftte Interesse daran hat, den Sinn fur die Ab- 
straktion zu erhalten, so hat er auch das groftte Interesse daran, daft 
die Menschheit immer mehr und mehr jene Frommigkeit ausbilde, 
die bloft auf die Evangelien bauen will. Wenn Sie das bedenken, so 
werden Sie einsehen, daft ein grofter Teil der heute bestehenden Be- 
kenntnisse die Vorarbeit Ahrimans fiir seine Zwecke in diesem Er- 
dendasein ist. Wodurch konnte man dem Ahriman zum Beispiel 
mehr dienen, als wenn man sich entschlosse, eine auftere Macht, die 
man hat, dazu auszuniitzen, daft man denen, die an diese Macht 
glauben, die sich dieser Macht unterwerfen, befiehlt, sie sollen die 
anthroposophische Literatur nicht lesen! Man konnte ja Ahriman 
keinen grofteren Dienst leisten, als herbeizufuhren, daft eine Anzahl 
von Menschen die anthroposophische Literatur nicht liest. Die 
Menschen, die sich dazu entschlossen haben, diesen anthroposophi- 
schen Weg zu gehen, miissen sich mit diesen Dingen bekannt- 
machen. Es konnen eben gewisse Tatsachen heute nicht anders als 
riickhaltlos im Lichte der Wahrheit dargestellt werden. 

Es muft eingesehen werden, daft der Gang der Weltentwickelung 
von Luzifers Inkarnation vor Jahrtausenden voriiber an dem Myste- 
rium von Golgatha, das immer noch weiter wirken soli, gegen die in 
gar nicht ferner Zeit stattfindende Inkarnation Ahrimans zugeht. 
Diese muft sich der Entwickelung in den Weg stellen, damit sich die 
Krafte, die durch den Christus-Impuls aufgenommen wurden, am 
Widerstand erharten. Durch einen verschleierten Evangelienkult 
und durch Abstraktion wird man Ahriman auf den Weg helfen. Es 
haben heute viele Menschen ein inneres Bequemhchkeitsinteresse 
daran, sich zu verschlieften vor diesen ernsten Tatsachen. Die An- 
throposophen sollten dieses Interesse nicht haben; sie sollten viel- 
mehr einen gewissen Impetus entwickeln, soviel wie moglich zu 
tun, damit die Geisteswissenschaft unter die Menschheit verbreitet 
werde. Es ist etwas ganz Falsches, wenn immer wiederum geglaubt 
wird, man miisse sich mit solchen Leuten wie Traub verstandigen. 



Es ist unsinnig, zu glauben, man konne sich mit solchen Leuten ver- 
standigen; denn die wollen es nicht. Worauf es ankommt, ist, die 
iibrige Menschheit aufzuklaren iiber diese Menschen. Man hat zu 
der iibrigen Menschheit iiber diese Menschen zu sprechen. Damit sie 
sich mit uns verstandigen konnen, dazu ist ja wahrhaftig alles ge- 
schehen. Sie brauchten nur vorurteilslos zu lesen, was da ist, sich in 
das zu vertiefen, was da ist. Man mulS strenge unterscheiden zwi- 
schen der Charakteristik solcher Schadlinge der Fortentwickelung 
der Menschheit und den anderen Menschen, vor die man hintreten 
und sagen mull, wie es um jene Schadlinge bestellt ist. Das Versu- 
chen einer Verstandigung mit diesen Menschen hat gar keinen Sinn 
und gar keine Bedeutung; denn diese Menschen werden aufierdem 
sofort zur Verstandigung neigen, wenn sie keine Anhanger mehr ha- 
ben, die ihnen den Boden unter die Fiifie legen. Dann sind sie schon 
von selber bereit, sich zu verstandigen. Die Notwendigkeit, die vor- 
liegt, besteht gerade darin, die Menschen iiber sie aufzuklaren. 
Wenn nur nicht leider gerade innerhalb unserer Kreise oftmals das 
Bestreben bestiinde, in dieser Beziehung Kompromisse zu schliefien, 
in dieser Beziehung sich nicht unbedingt zum Mute der Wahrheit zu 
bekennen! Es ist gar nicht notig, dafi wir uns jemals der Illusion hin- 
geben, eine Verstandigung mit dem oder jenem herbeizufuhren, der 
sich ja gar nicht mit uns verstandigen will. Hiilfe es uns etwas? Was 
fur uns notwendig ist, das ist: mutvoll eintreten fiir die Wahrheit, 
soviel wir konnen. Und das scheint mir insbesondere aus der Auffas- 
sung dessen hervorzugehen, was mit der Entwickelung der Mensch- 
heit verbunden ist. 



VIERTER VORTRAG 



Stuttgart, 31. Dezember 1919 



An diesem Abende geziemt es uns immer, zu gedenken, wie im Le- 
ben und im Weltendasein sich verketten Vergangenheit und Zu- 
kunft, wie sich verketten Vergangenheit mit Zukunft im ganzen 
kosmischen Leben, in das der Mensch einverwoben ist, wie sich ver- 
ketten Vergangenheit und Zukunft in jedem Stuck des Lebens, in 
das zunachst unser eigenes individuelles Dasein eingesponnen ist, 
durch alles das, was es hat tun diirfen, denken diirfen in dem verflos- 
senen Jahreslauf, und was es sich vornehmen darf fiir den kommen- 
den Jahreslauf. Im Sinne unserer anthroposophischen Geisteswis- 
senschaft sollen sich diejenigen Gedanken, durch die wir uns gewis- 
sermaften bediirfnismafiig vor die Seele fuhren, wie wir es getrieben 
haben im vergangenen Jahreslauf und wie wir es zu treiben geden- 
ken im kommenden, mit dem entsprechenden Ernst, mit der ent- 
sprechenden Wiirde dadurch durchdringen, dafi wir sie mit einem 
hoheren Lichte beleuchten durch das, was wir gerade geisteswissen- 
schaftlich in uns aufnehmen konnen durch die Betrachtung der gro- 
fien kosmischen Ereignisse. Wie stellt sich denn eigentlich dieses un- 
ser Menschenleben im Verhaltnis zu Vergangenheit und Zukunft 
hin? Es ist wie ein Spiegel. Ja, dieser Vergleich mit einem Spiegel 
entspricht viel mehr der Wirklichkeit, als man sich zunachst vorstel- 
len mochte. Wir stehen in der Tat gerade dann, wenn wir ein wenig 
Selbsterkenntnis anstreben, wie vor einem Spiegel. Vor dem Spiegel, 
wo Wir uns selbst befinden und in ihn hineinschauen, da liegt dasje- 
nige der Vergangenheit, wovon wir wissen: das spiegelt sich in dem 
Spiegel. Und hinter dem Spiegel liegt dasjenige, in das zunachst 
nicht hineingeschaut werden kann; in das so wenig hineingeschaut 
werden kann, als man raumlich sehen kann, was hinter einem Spie- 
gel liegt. Die Frage mufi man sich da vielleicht besonders aufwerfen : 
Was ist eigentlich in diesem unserem Weltenspiegel der Spiegelbelag, 
durch den das Durchsichtige eben zum Spiegel wird? Beim raumli- 
chen Spiegel ist das Glas hinten belegt, so dafi unser Blick nicht 



durch dieses Glas dringt. Mit was ist denn jener Weltenspiegel be- 
legt, der uns spiegelnd das Vergangene zeigt, der uns zunachst das 
Zukiinftige hinter sich verbirgt ? Der ist, meine lieben Freunde, mit 
unserem eigenen Wesen belegt, mit unserem menschlichen Wesen 
belegt. 

Wir brauchen ja nur dessen zu gedenken, daft es uns in der Tat 
nicht gelingt, vor der gewdhnlichen Erkenntnis uns anschaulich zu 
machen, was wir selber sind. Wir durchschauen uns nicht; wir durch- 
schauen uns so wenig, wie wir einen Spiegel durchschauen. Vieles 
strahlt uns zuriick, wenn wir in uns selbst hineinschauen. Dasjenige, 
was wir erlebt haben, was wir gelernt haben, das strahlt zuriick; aber 
unser eigenes Wesen, es verbirgt sich, weil wir in unserem Selbst zu- 
nachst so wenig uns durchschauen konnen, wie wir den Spiegel im 
Raum durchschauen konnen. Im Grofien betrachtet, und ich moch- 
te sagen, im Abstrakten betrachtet, konnen wir diesen Spiegel- Ver- 
gleich so ansehen, wie ich ihn Ihnen jetzt dargestellt habe; aber im 
Einzelnen modifiziert er sich etwas. Blicken wir einmal zunachst in 
unser Leben und versuchen wir durch das Spiegeln - denn das Zu- 
riickblicken in unser Leben ist ja im Hinblick auf das, was gespiegelt 
wird durch unser Seelen-Inneres, ein Spiegel - zuriickzublicken in 
unser Leben, so miissen wir uns gestehen: es ist ja doch nur ein Teil 
dessen, was wir erlebt haben, was uns da erscheint, was sich da spie- 
gelt. Wenn Sie versuchen zuriickzuschauen auf Ihre Erlebnisse, so 
sind ja diese Erlebnisse fortwahrend unterbrochen. Sie blicken zu- 
riick auf das, was Ihnen der heutige Tag gebracht hat, aber Sie blik- 
ken nicht zuriick auf das, was Ihnen die vorige Nacht gebracht hat. 
Die Erlebnisse der Nacht sind eine Unterbrechung. Und wiederum 
blicken Sie zuriick auf den gestrigen Tag und wiederum blicken Sie 
nicht zuriick auf die vorgestrige Nacht und so weiter. Fortwahrend 
schalten sich ein die von den Gedanken an die Erlebnisse unausge- 
fullten nachtlichen Zeitspannen. Es ist eine Tauschung, wenn wir 
zuriickblicken und glauben, wir iiberschauen unser ganzes Leben: 
wir stiickeln gewissermafien nur das aneinander, was die Tage ent- 
halten; aber in Wirklichkeit miifiten wir unsere Lebensfahrt mit 
fortwahrenden Unterbrechungen uns vor die Seele fiihren. 



Wir konnen uns nun fragen: Sind diese Unterbrechungen in un- 
serem Lebensverlauf notwendig? Ja, sie sind notwendig. Wenn wir 
diese Unterbrechungen nicht hatten in unserem Lebenslauf, besser 
gesagt, in der Ruckschau auf unseren Lebenslauf, dann wiirden wir 
als Menschen unser Ich gar nicht gewahr werden. Wir wiirden unse- 
ren Lebenslauf wie von der blofien Aufienwelt erfullt sehen und es 
wiirde sich in unserem Lebenslaufe das Ich-Bewulksein gar nicht 
einstellen. Dafi wir unser Ich empfinden, fuhlen, das ruhrt davon 
her, dafi dieser Lebenslauf stiickweise immer unterbrochen ist. Ge- 
rade mit Bezug auf diese durch die Unterbrechungen des Lebenslau- 
fes herbeigefuhrte Ich-Wahrnehmung steht die Menschheit der Ge- 
genwart in einer kritischen Zeit. Wenn der Mensch der Gegenwart 
zuriickblickt und durch den Riickblick sein Ich auf die eben ange- 
fuhrte Weise hat, dann ist dieses Ich des Menschen der Gegenwart in 
einer gewissen Beziehung leer; wir wissen nur von unserem Ich. Die 
Menschen friiherer Epochen der Erdenentwickelung wufiten mehr. 
Wie im gewohnlichen Tageslauf herausschimmern fur den einzel- 
nen Menschen die Traume aus seinem nachtlichen Erleben, so ka- 
men heriiber aus dem Ich die hellseherisch-atavistischen Wahrneh- 
mungen, die die Menschen in friiheren Epochen hatten. Es waren 
diese hellseherisch-atavistischen Wahrnehmungen nur der Form 
nach Traume; was sie in sich enthielten, waren Wirklichkeiten. Man 
kann sagen: Das Ich ist entleert worden fur den Menschen der Ge- 
genwart seines hellseherisch-atavistischen Inhaltes, der die Men- 
schen abgelaufener Epochen getragen hat, der sie durchdrungen hat 
mit der Uberzeugung, dafi sie ein Gemeinsames haben mit einem 
Gottlichen, da$ sie zusammenhangen mit einem Gottlichen. Aus 
den atavistisch-hellseherischen Schauungen ist dem Menschen das- 
jenige aufgegangen, was sich fur das Gefiihlsleben als religiose 
Empfindung und als religiose Verehrung gegeniiber denen verdichtet 
hat, denen der religiose Kultus, der religiose Opferdienst gewidmet 
wurde. 

Wie steht die Sache heute? Heute ist das Ich entleert von diesen 
atavistisch-hellseherischen Schauungen, und wenn wir zuriickblik- 
ken auf das Ich, ist es gewissermafien mehr oder weniger nur ein 



Punkt in unserem Seelenleben. Es ist fiir jeden der Inhalt dieses Ichs 
ein fester Stiitzpunkt, aber eben nur ein Punkt. Zugleich aber leben 
wir in der Zeit, in der der Punkt wiederum zum Kreise werden soli, 
in der das Ich wiederum Inhalt bekommen soil. Damit das Ich wie- 
derum Inhalt bekomme, ragt seit dem letzten Drittel des 19. Jahr- 
hunderts die Geisteswelt so machtig in unsere sinnliche Welt herein; 
deshalb ist es, daft seit den letzten siebziger Jahren des 19. Jahrhun- 
derts die geistige Welt in ihren Offenbarungen in einer neuen Art 
wiederum herein will in unser physisches Dasein. Und was wir auf 
dem Boden der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft 
wollen, das ist : alles das willig aufzunehmen und in Formen zu klei- 
den, die es menschlich mitteilbar machen, was herein will durch spi- 
rituelle Offenbarungen aus einer anderen, aber doch diese Welt tra- 
genden Welt. Was ist das, was da herein will? Oh, es ist nichts Ge- 
ringeres als das, was uns in einer gewissen Beziehung die Menschen- 
zukunft garantiert. Es ist, wir konnen sagen, zwar nicht unmittelbar 
ein Blick hinter den Spiegel, aber es ist eine Garantie dafiir, daft, 
wenn wir der Zukunft entgegeneilen als Menschheit, das heiftt, den 
Weg hinter den Spiegel antreten - und das ist ja der Zukunft entge- 
genleben -, daft dann kraftvoll wird geschehen konnen, was wir in 
der Zukunft zu tun haben, wir und alle Menschen zu vollbringen 
haben, wenn wir die Krafte erst gestahlt haben, erst erstarkt haben 
durch das, was sich uns aus der geistigen Welt heraus geisteswissen- 
schaftlich offenbart. So wie das Ich sich erfullt hat fiir den Menschen 
der Vergangenheit mit atavistisch-hellseherischem Inhalt, der ihm 
garantiert hat seinen Zusammenhang mit dem Gottlichen, so soil 
sich in unserer Zeit erfullen unser Ich mit einem neuen, vollbewuftt 
aufgenommenen geistigen Inhalt, der uns wiederum das Band ab- 
gibt, das unsere Seele mit der gottlichen Seelenwesenheit verbindet. 
Die Menschen der Vorzeit haben das atavistische Hellsehen gehabt, 
und was als die letzte Erbschaft des atavistischen Hellsehens geblie- 
ben ist, das ist das abstrakte Nachdenken, das abstrakte Wissen der 
Menschen der Gegenwart. Verdiinnt aus dem fruheren atavistischen 
Hellsehen ist dies geblieben. Der Mensch der Gegenwart kann das 
Gefiihl haben, daft diese Verdiinnung, diese logisch-dialektische 



Verdiinnung des alten atavistischen hellseherischen Wesens, sein 
Seelenhaftes nicht mehr zu tragen vermag. Dann wird er die Sehn- 
sucht empfangen, etwas Neues in das Ich hereinzubekommen. Aber 
mit dem, was das Ende gebildet hat bei der Entwickelung der 
Menschheit von Urzeiten bis in die Gegenwart herein, mit dem 
mufi jetzt der Anfang gemacht werden. 

In alten Zeiten haben die Menschen hellseherische Offenbarun- 
gen gehabt und sie haben sie nicht verstanden; sie haben sie erst spa- 
ter verstehen gelernt. Heute mufi der Mensch zuerst verstehen, mufi 
anstrengen seine Intellektualitat, mufi anstrengen seinen Verstand, 
und wenn er ihn anstrengt durch das, was in der Geisteswissenschaft 
vorliegt, dann wird die Menschheit sich hinentwickeln wiederum 
zum hellseherischen Aufnehmen des Geistigen. Das ist allerdings 
etwas, was die meisten Menschen heute noch vermeiden mochten: 
ihren gesunden Menschenverstand anzuwenden, um die Geisteswis- 
senschaft zu verstehen. Wiirde man es vermeiden wollen, so wiirde 
man auch vermeiden wollen, iiberhaupt die geistigen Offenbarun- 
gen in unsere irdische Welt hereinzulassen. 

So verketten sich Vergangenheit und Zukunft an diesem in der 
Gegenwart liegenden Silvester-, Weltsilvestertag. Es ist schon einmal 
eine Art Weltsilvester, was heute vorhanden ist. Die Zukunft steht 
wie eine gewaltige Frage vor uns, aber nicht wie eine unbestimmte, 
abstrakte Frage, sondern wie eine konkrete Frage. Wie nahern wir 
uns demjenigen, was als eine Frage an die Menschheit eben als gei- 
stige Offenbarung, seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts 
immer mehr und mehr herein will in unsere irdische Welt? Und 
wie haben wir das ins Verhaltnis zu dem zu stellen, was in der 
Vergangenheit sich geoffenbart hat? Das mufite lebendig empfun- 
den werden, dann wiirde man fiihlen, welche Bedeutung es doch 
hat, hinzuneigen mit seinen Sehnsuchten zu dem, was hier als an- 
throposophisch orientierte Geisteswissenschaft gemeint ist. Dann 
wiirde man den Ernst und die Wiirde des geisteswissenschaftlichen 
Strebens empfinden. Gerade in der Gegenwart ware es notig, diese 
Empfindung zu haben; denn wir appellieren ja eigentlich nicht an ir- 
gendeine menschliche Willkiir, wir appellieren an dasjenige, was uns 



als Welterkenntnis aus der Weltentwickelung heraus selber sich of- 
fenbaren will, wir appellieren gewissermafien an das, was die Gotter 
mit den Menschen wollen. Aber da liegt die Tatsache vor, dafi, wenn 
man auf der Seite an den Geist sich wendet, dann werden auf der an- 
deren Seite die Menschen, die das Vergangene allein anbeten moch- 
ten, zu dem Geist des Widerspruchs, zu dem Geist des Widerstandes 
hingezogen. Und je mehr wir versuchen, mit aller Kraft zu ergreifen 
den Geist des Zukunft-Menschenseins, desto mehr werden gewisser- 
mafkn die Vergangenheitsmenschen besessen sein von dem Geist 
des Widerstandes. 

In der Menschheit ist es heute bemerkbar, wie das religiose Emp- 
finden versucht, ein neues Leben in sich hereinzubekommen. Es 
sind tastende Versuche vielfach. Geisteswissenschaftliche Versuche 
sollen keine tastenden sein; durch sie soil die wirkliche, konkrete 
Geisteswelt ergriffen werden. Aber, ich mochte sagen, wie eine Ah- 
nung davon, dafi es so sein soil, stehen die Menschen vor uns, die da 
sagen: Die blofi religiose Tradition geniigt uns nicht, wir wollen ein 
inneres religioses Erleben haben; wir wollen nicht blofi die Kunde 
vernehmen davon, dafi der Christus nach den Traditionen, Uberlie- 
ferungen, vor so und soviel Jahren in Palastina gelebt hat und gestor- 
ben ist, wir wollen das Christus-Erlebnis in der eigenen Seele erle- 
ben. - Auf vielen Gebieten sehen wir solches auftreten bei Men- 
schen, die da glauben, dafi ihnen in der innersten Seele ewas aufge- 
gangen ist von dem Christus-Erlebnis. Es sind tastende Versuche, 
die oftmals sogar bedenklich sind, weil dann die Menschen gleich in 
ihrer seelischen Selbstsucht zufrieden sind und alle Hinneigung zum 
Geiste ablehnen. Aber sie sind da, diese Sehnsuchten nach innerem 
geistigem Erleben, und beachtet werden sollten auch die durchaus 
tastenden Versuche nach solchem inneren Geist-Erleben, nach ei- 
nem neuen Interesse an der geistigen Welt. Dann aber regen sich die 
Geister des Widerspruchs. 

Und nach dem, was davon gedruckt worden ist, was er selbst hat 
drucken lassen, soil ja neulich hier in Stuttgart ein solcher Vertreter 
des Vergangenheitsgeistes ganz merkwurdige Worte gesprochen ha- 
ben iiber diese Versuche, die auf der einen Seite tastende Versuche 



sind, ein neues religioses Interesse, ein neues religioses Erleben 
heraufzubekommen, die auf der anderen Seite die Versuche sind, zu 
wirklich neuen konkreten Erkenntnissen der geistigen Welt zu 
kommen, wie sie sich durch die anthroposophisch orientierte Gei- 
steswissenschaft geltend machen wollen. Ich weift nicht, wie viele 
von Ihnen das Hirtenspiel gesehen haben, das jetzt in der Waldorf- 
schule aufgefuhrt worden ist, wo der eine Hirte, da er eine geistige 
Erscheinung hat, sagt, er hatte bald die Sprache verloren. Nun, als 
ich die letzte Seite von Gogartens «Geisteswissenschaft und das 
Christentum» las, mufke ich sagen, ich hatte auch bald die Sprache 
verloren; denn man steht tatsachlich staunend davor, dafi es moglich 
ist, dafi dergleichen Dinge in der Gegenwart gesprochen werden 
konnen. Gerade solche Dinge sollten anregen zur Weltsilvesterbe- 
trachtung, zur Vergleichung des Vergangenen mit dem notwendigen 
Zukiinftigen. Denn was hat der betreffende Religionsmann eigent- 
lich gesagt? Ich weifi nicht, ob es in seinem ganzen Gewicht emp- 
funden worden ist. Er hat gesagt: «Es ist heute - was sage ich heute, 
es ist immer die wichtigste Aufgabe der Frommigkeit dies Elementa- 
re, von dem ich sprach, zu bewahren. Es fehlt uns heute so gut wie 
ganz. Wir stecken im religiosen < Interesse > und im religiosen < Erle- 
ben >. Und weil die Anthroposophie fur das < Interesse > ein so guter 
Stoff und fur das < Erleben > ein so gutes Mittel ist, darum ist man ihr 
gegeniiber so gut wie ohne Hilfe und Widerstand. Man weifi eben 
wenig mehr von jener letzten elementaren Spannung, die von der 
Frommigkeit ins Leben getragen wird und die jedes religiose < Inter- 
esse > verjagt und jedes religioses < Erleben > sprengt, jene Spannung 
zwischen Gott und Geschopf. Und weil man von dieser Spannung 
wenig weifi, darum weifi man gerade so wenig von dem anderen, 
dem bedingungslosen, unmittelbaren Einssein von Gott und 
Mensch.» Hier sehen wir im Namen der Religion verpont jedes reli- 
giose Interesse, gesprengt jedes religiose Erleben; und eine ganz un- 
bestimmte Spannung, die ja selbstverstandlich nicht weiter differen- 
ziert werden kann, die er auch nicht weiter differenzieren will, die 
soil treten an die Stelle des religiosen Interesses, des religiosen Erle- 
bens. Man konnte die Sprache verlieren, wenn ein Religionsmann so 



spricht, dafi er sagt, die wahre Frommigkeit miisse jedes religiose In- 
teresse verjagen und jedes religiose Erleben sprengen! So weit haben 
wir es gebracht ! Und so weit haben wir es gebracht, daft gar nicht 
empfunden wird, was eigentlich darinnen liegt, wenn von einem 
offiziellen Religionsvertreter gesagt wird: Weg mit dem religiosen 
Interesse, weg mit dem religiosen Erleben! 

Sehen Sie, abgesehen davon, dafi der Mann nicht weifi, dafi er sel- 
ber niemals iiberhaupt von einer Religion sprechen konnte, wenn es 
nicht friiher atavistisches religioses Interesse und rehgioses Erleben 
gegeben hatte; abgesehen davon, dafi der Herr als offizieller Reli- 
gionsvertreter niemals vor Zuhorern stehen wiirde, wenn nicht auf 
dem Weg des religiosen Interesses und religiosen Erlebens die Reli- 
gion eingezogen ware in die menschliche Entwickelung, abgesehen 
davon, weist ja dasjenige, was ich Ihnen eben vorgefiihrt habe, dar- 
auf hin, dafi heute gerade die Menschen, die sich die rechten Vertre- 
ter des Religionswesens zu sein diinken, fur die Ausrottung jegli- 
chen religiosen Wesens wirken. Haben denn diese Menschen alle 
Moglichkeit verloren, das Menschlich-Seelische noch zu verstehen? 
Konnen denn diese Menschen gar nicht mehr verstehen, dafi alles 
das, wonach sich der Mensch wendet mit seiner Aufmerksamkeit, 
geleitet sein mufi von seinem Interesse, daft alles das, was iiberhaupt 
in das menschliche Bewufksein hereinkommen soli, getragen sein 
mufi vom Erleben? Es ist ja, als ob iiberhaupt nicht mehr das Men- 
schenwesen aus solchem Bewufksein heraus sprache, sondern nur 
noch der Geist des Widerstandes. Das ist es, was in allem Ernste vor 
unsere Seele treten sollte, wenn wir in den Spiegel schauen, der so 
geheimnisvoll das Vergangene enthiillt und das Zukiinftige verhullt, 
aber es doch in einer gewisser Weise offenbart, namlich in derjeni- 
gen Weise, wie ich es eben auseinandergesetzt habe. 

Ja, aber da will nun anthroposophisch orientierte Geisteswissen- 
schaft dem religiosen Interesse dienen, da will anthroposophisch 
orientierte Geisteswissenschaft dem religiosen Erleben Inhalt zufuh- 
ren. Und was geschieht? Sehen Sie, der romischen Kongregation 
wurde die Frage vorgelegt im Laufe dieses Jahres, ob die Lehren, die 
man heute theosophische nennt, sich mit den katholischen Lehren 



vereinigen lassen, und ob es denn erlaubt sei, sich theosophischen 
Gesellschaften anzuschliefien, theosophischen Versammlungen bei- 
zuwohnen und theosophische Zekschriften und Zeitungen zu lesen. 
Die Antwort hiefi: Nein in alien Punkten, «negative in omnibus». 
Dies ist der Geist des Widerstandes, und der Jesuit Zimmermann in- 
terpretiert das insbesondere dahin, dafi er diese Verfugung der romi- 
schen heiligen Kongregation auf die Anthroposophie anwendet. 
Nun, was jener Zimmermann schreibt, wird Ihnen ja bekannt sein, 
und ich brauche es Ihnen nicht besonders auseinanderzusetzen; 
aber wissen mussen Sie doch alle, welcher Wind von einer gewissen 
Seite her, durchsetzt von dem Geiste des Widerstandes, heute gegen 
anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft weht. 

Welcher Geist in diesem Winde durch die Welt geht, man kann es 
ja auch spiiren, wenn man weifi, dafi aus der Feder jenes selben Zim- 
mermann, der jahrelang die Luge kolportiert hat, daft ich ein ent- 
sprungener Priester sei, die folgenden Worte stammen: «Durch den 
Abfall ihres Generalsekretars Dr. Rudolf Steiner, der die meisten 
Mitglieder mit sich rift, anfanglich sehr geschwacht, hat sie sich» - 
die Theosophische Gesellschaft - «mit den Jahren wieder einigerma- 
ften erholt, zahlt gegenwartig etwa 25 Logen, darunter freilich etwa 
ein Fiinftel < schlafende >, und gibt in Diisseldorf als ihr Organ fur 
Deutschland und Osterreich das <Theosophische Streben> heraus. 
Uber Steiner, der seine Theosophie nach dem Abfall <Anthroposo- 
phie > genannt hatte, klagte man in der letzten Zeit unter seiner Um- 
gebung, dafi er steril werde, keine neuen < Schauungen > mehr habe 
und immer nur dasselbe vortrage; er werde vermutlich sich bald auf 
etwas Neues werfen» und so weiter. Damit bereitet man einen fol- 
genden Artikel vor, der dann in eben so gescheiter Weise uber die 
Dreigliederung handelt. Sie sehen, von welchem Geiste der Wahr- 
heit dieser Jesuit getragen ist. Ein Jesuit vertritt nicht blofi seine per- 
sonliche Meinung, sondern die Meinung der katholischen Kirche; 
denn er spricht nur als ein Glied der katholischen Kirche. Daher ist 
dasjenige, was er sagt, zu beziehen auf die katholische Kirche. Diese 
Dinge mussen heute auch vom moralischen Gesichtspunkt aus beur- 
teilt werden. Vom moralischen Gesichtspunkt aus muS gefragt wer- 



den, ob jemand, der es so mit der Wahrheit halt wie dieser Mensch, 
der ja allerdings durch die gegenwartigen Verhaltnisse gar sehr in Be- 
tracht kommt fur eine gewisse Religionsgesellschaft hier auf Erden, 
ob er vor dem echten Geist der Menschheit iiberhaupt in Betracht 
kommen kann. Solange nicht die Fragen solcher Art mit dem noti- 
gen Ernst betrachtet werden, solange sind wir nicht bei der richtigen 
Weltsilvesterbetrachtung angelangt. Aber heute ist es notwendig, 
dafi wir bei dieser richtigen Weltsilvesterbetrachtung anlangen. Es 
ist notwendig, dafi wir das oftmals leider egoistischen Urspriingen 
entstammende sogenannte Mitleid ausdehnen auf die grofien 
Menschheitsverhaltnisse und jenes Menschheitsmitleid empfinden, 
das uns antreibt, eine geistige Bewegung wie diese wirklich fur die 
Entwickelung der Menschheit fruchtbar zu machen. Mochten Sie, 
meine lieben Freunde, gerade am heutigen Tage empfinden, dafi es 
ja der Geist der Welt selber ist, der herein will seit Jahrzehnten; 
mochten Sie empfinden am heutigen Abend, dafi hier gedient wer- 
den will diesem in die Menschheit hereinwollenden Geiste; mochten 
Sie empfinden, daft hier diesem Geist so gedient werden will, dafi die 
Seelen derer, die da mitempfinden und mitdenken wollen mit dieser 
anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, ihre Vereini- 
gung fiihlen mit dem in die Welt hereinwollenden neuen Geist, der 
allein der sich zerstorenden irdischen Welt den aus dem Himmel 
wirkenden neuen Aufbauimpuls bringen kann ! Mochten Sie in die- 
ser Stunde, die immer in jedem Jahre symbolisch ist, weil gewisser- 
mafien sie uns auffordert, sie als Scheidestunde zu empfinden zwi- 
schen der Vergangenheit und der Zukunft, mochten Sie in dieser 
Stunde Ihre Seelen vereinigen mit dem neuen Geist; mochten Sie das 
Beriihren des vergangenen Jahres mit dem zukiinftigen Jahre in Hi- 
rer Seele so empfinden, dafi sich da beriihrt das abgelaufene Welten- 
jahr mit dem anbrechenden Weltenjahr! 

Das ablaufende Weltenjahr wird aber noch manche Nachwirkun- 
gen hineinsenden in die Zukunft; es werden geistige und rechtliche 
und wirtschaftliche zerstorende Krafte sein. Um so notwendiger 
wird es sein, dafi moglichst viele Menschen ergriffen werden in ihrer 
tiefsten Seele von dem Neujahr der Geisteszukunft und ein Wollen 



entwickeln, welches die Grundlage sein kann fiir ein Hineinbauen 
einer neuen geistigen Welt in die Zukunft der Menschheitsentwicke- 
lung. Nicht diejenigen werden fiir die Zukunft der Menschheit sor- 
gen, die ertoten wollen religioses Interesse, die wegschaffen wollen 
religioses Erleben, sondern einzig und allein diejenigen, die durch- 
schauen, wie durch unsere intellektualistische Zeit das alte religiose 
Interesse verglommen ist, das alte religiose Leben gelahmt ist, wie 
ein neues religioses Interesse die Menschheit ergreifen mufi, wie ein 
neues religioses Erleben erspriefien mufi in der Menschheit, damit 
die Menschen in den Kosmos neue Keime eines kiinftigen Daseins 
hineintragen konnen. 



FUNFTER VORTRAG 



Stuttgart, 1. Januar 1920 



Heute mochte ich vor Ihnen erscheinen mit jenen Neujahrsgriifien, 
welche dasjenige enthalten, was ich Ihnen hineinwunschen mochte 
in Ihre Seelen, damit Sie in unserer Zeit, die so sehr dessen bedarf, 
die grofien dringenden Forderungen sehen fur die Entwickelung der 
Menschheit, und damit Sie, jeder an seinem Platze, mitwirken mo- 
gen, soviel Sie eben konnen, zu der Erfullung dessen, was in unserer 
Gegenwart der Menschheit so sehr notig ist. In einer solchen Zeit, 
die symbolisch ausdriickt den Zusammenflufi von Vergangenheit 
und Zukunft, wird es vielleicht gestattet sein, dafi ich ankmipfe an 
etwas, von dem ich, obzwar es mit personlichen Erlebnissen zusam- 
menhangt, doch glaube, dafi es eine gewisse Bedeutung hat fur das 
Hineinschauen in die ganze geistige Gestaltung der Gegenwart. Mei- 
ne lieben Freunde, in der nachsten Zeit sollen Aufsatze von mir er- 
scheinen, die vor langer Zeit - einige davon vor mehr als dreifiig Jah- 
ren - von mir geschrieben worden sind. Diejenigen Aufsatze, die ich 
vor mehr als dreifiig Jahren, damals noch in Osterreich, geschrieben 
habe, sind gesammelt worden durch die Liebe, mit der sich dieser 
Sammlung unser Freund Dr. Kolisko unterzogen hat, und ich darf 
heute in dieser Neujahrsbetrachtung, die ja eben als solche mit 
Recht eine Zeitbetrachtung ist, einleitend auf einiges hinweisen, was 
von mir vor mehr als dreifiig Jahren geschrieben worden ist; was da- 
mals geschrieben worden ist, wie Sie gleich erkennen werden, um 
dem deutschen Volke, man kann schon sagen, ins Gewissen zu re- 
den, um Ausdruck zu geben dem, was man dazumal wahrnehmen 
konnte als einen Grundmangel in dem geistigen Leben dieses deut- 
schen Volkes. Gestatten Sie, dafi ich ein paar von diesen, nunmehr 
mehr als dreifiig Jahre alten Satzen vorlese. Sie stehen in dem Arti- 
kel, den ich iiberschrieben habe «Die geistige Signatur der Gegen- 
wart». Also, sie weisen auf eine mehr als dreifiig Jahre alte Vergan- 
genheit jetzt hin, die dazumal Gegenwart war. Ich schrieb dazumal, 
drinnenstehend in jenen Symptomen des allgemeinen geistigen Le- 



bens, das sich mehr im Gedankenleben der Nation offenbarte: 
«Achselzuckend gedenkt unser heutiges Geschlecht jener Zeit, in 
der ein philosophischer Zug durch das ganze deutsche Geistesleben 
ging. Die gewaltige Zeitstromung, die am Ende des vorigen und am 
Anfang dieses Jahrhunderts die Geister ergriff und kuhn sich die 
denkbar hochsten Aufgaben stellte, gilt gegenwartig als eine bedau- 
erliche Verirrung. Wer es wagt, zu widersprechen, wenn von den 
< Phantastereien Fichtes>, von den <wesenlosen Gedanken- und 
Wortspielen> Hegels die Rede ist, wird einfach als Dilettant hinge- 
stellt, <der von dem Geiste der heutigen Naturforschung ebenso we- 
nig wie von der Gediegenheit und Strenge der philosophischen Me- 
thode eine Ahnung hat >. Hochstens Kant und Schopenhauer finden 
Gnade bei unseren Zeitgenossen. Bei dem ersteren gelingt es nam- 
lich, die etwas sparlichen philosophischen Brocken, die sich die mo- 
derne Forschung zugrunde legt, scheinbar aus seinen Lehren abzu- 
leiten; der letztere hat neben seinen streng wissenschaftlichen Lei- 
stungen auch Arbeiten im leichten Stile und iiber Dinge geschrie- 
ben, die auch dem Menschen mit dem bescheidensten geistigen Ho- 
rizonte nicht zu entlegen zu sein brauchen. Fur jenes Streben nach 
den hochsten Spitzen der Gedankenwelt aber, fur jenen Schwung 
des Geistes, der auf wissenschaftlichem Gebiet unserer klassischen 
Kulturepoche parallel ging, fehlt jetzt der Sinn und das Verstandnis. 
Das Bedenkliche dieser Erscheinung tritt erst hervor, wenn man in 
Erwagung zieht, dafi ein dauerndes Abwenden von jener Geistes- 
richtung fur die Deutschen ein Verlieren ihres Selbsts, ein Bruch mit 
dem Volksgeiste ware. Denn jenes Streben entsprang einem tiefen 
Bediirfnisse des deutschen Wesens. Es fallt uns nicht ein, die mannig- 
fachen Irrtiimer und Einseitigkeiten, die Fichte, Hegel, Schelling, 
Oken u. a. auf ihren kiihnen Unternehmungen im Reiche des Idea- 
lismus begangen haben, leugnen zu wollen; aber die Tendenz, von 
der sie beseelt waren, sollte in ihrer Grofiartigkeit nicht verkannt 
werden. Sie ist so recht dem Volk der Denker angemessen. Nicht 
der lebendige Sinn fur die unmitelbare Wirklichkeit, fur die Auften- 
seite der Natur, der die Griechen zu ihren herrlichen, unvergangli- 
chen Schopfungen befahigte, eignet dem Deutschen, dafiir aber ein 



unablassiges Drangen des Geistes nach dem Grund der Dinge, nach 
den scheinbar verborgenen tieferen Ursachen der uns umgebenden 
Natur. Lebte sich der griechische Geist in seiner wunderbaren Welt 
von Formen und Gestalten aus, so mufite der auf sich selbst zuriick- 
gezogene Deutsche, der weniger mit der Natur, dafiir aber mehr mit 
seinem Herzen, mit seinem eigenen Inneren Umgang pflegt, auch 
seine Eroberungen auf dem Gebiet der reinen Gedankenwelt su- 
chen. Und darum war es deutscbe Art, wie sich Fichte und seine 
Nachfolger der Welt und dem Leben gegenuberstellten, darum fan- 
den ihre Lehren so begeisterte Aufnahme, darum wurde eine Zeit- 
lang das ganze Leben der Nation davon ergriffen. Darum aber auch 
diirfen wir mit dieser Richtung des Geistes nicht brechen. Uberwin- 
dung der Fehler, aber naturgemafie Entwickelung auf dem Grunde, 
der damals gelegt wurde, mufi unsere Losung werden. Nicht was 
diese Geister fanden oder zu finden glaubten, aber wie sie sich den 
Aufgaben der Forschung gegenuberstellten, das ist das bleibende 
Wertvolle 

Es sollte dazumal dieses deutsche Volk hingewiesen werden auf 
das, was eben drohte aus dem Gesichtskreis dieses Volkes zu ver- 
schwinden. Man lebte damals noch in einer anderen Zeit als heute; 
man lebte in der Zeit, in welcher, wenn man gewollt hatte, fur ge- 
wisse Kreise es noch moglich gewesen ware, sich mit dem im Begin- 
ne seines Niederganges befindlichen Geiste zu verbinden und Durch- 
greifendes fiir eine Neuentwickelung menschlicher Impulse anzu- 
bahnen. Allerdings, dazumal hatten sich finden miissen Menschen 
unter denen, die sich Fiihrer des Volkes nannten, Menschen unter 
denen, die die Jugend anleiteten fiir das spatere Leben. Damals gab 
es noch nicht Experimente solcher Art, wie sie jetzt in Rufiland her- 
vortreten; damals hatten diejenigen, welche die Bildner der Jugend 
waren, noch die Moglichkeit gehabt, zu den Intentionen dieses alten 
Geisteslebens zuriickzukehren und es im neuen Sinne wiederum 
auferstehen zu lassen. Damals aber wollte man nicht im geringsten 
auf irgendeine Stimme horen, welche sich erhob fiir dieses Wieder- 
auferstehenlassen eines wirklich spirituellen Strebens der Mensch- 
heit. Und alles, was insbesondere in den Kreisen der niederen oder 



hoheren Volkserzieher sich in diesen letzten dreifiig Jahren fest- 
gelegt hat, war ein Sturmlaufen gegen die Intentionen spiritueller 
Weltanschauung. Ich raufi heute gedenken, daft damals, als ich diese 
Worte schrieb, von mir ja bereits meine Interpretationen zu Goethes 
Weltanschauung, zu Goethes naturwissenschaftlichen Ideen verof- 
fentlicht waren; ich mufi gedenken, wie ich dazumal gerade die. auf 
dem Gebiete des Gedankens, des wissenschaftlichen Forschens Tati- 
gen aufmerksam gemacht habe auf zwei grofie Gefahren. Ich habe 
dazumal zwei Ausdriicke gepragt, die hinweisen sollten auf die bei- 
den grofien Feinde menschlichen Geistesfortschrittes. Ich sprach auf 
der einen Seite von dem Dogma der Offenbarung und ich sprach auf 
der anderen Seite von dem Dogma der blofien Erfahrung. Und ich 
wollte zeigen, daft die einseitige Pflege des Dogmas der Offenba- 
rung, wie sie sich heraufentwickelte in den Bekenntniskreisen, eben- 
so schadlich ist, wie das Pochen auf die sogenannten Dogmen der 
Erfahrung, das heiftt auf alles das, was nur die auftere Sinneswelt und 
die materielle Tatsachenwelt bei den Naturforschern und Soziolo- 
gen liefert. Es war dann die Aufgabe im Laufe der Zeit, diese Ideen, 
ich mochte sagen, konkreter zu fassen, hinzuweisen auf die realen 
Krafte, die hinter der einen und hinter der anderen Erscheinung 
stecken. 

Was steckt hinter all dem, worauf man hinweist, wenn man von 
dem Dogma der Offenbarung spricht? Darinnen steckt alles das, 
was wir heute im umfassenden Sinn als die luziferischen Einfliisse 
auf den Gang der Menschheitsentwickelung nennen. Und hinter 
dem Dogma der Erfahrung steckt alles das, was wir, wiederum in 
umfassendem Sinne, die ahrimanischen Einfliisse auf die Mensch- 
heitsentwickelung nennen. Derjenige, der in unserer heutigen Zeit 
die Menschheit bloft fiihren will unter dem Einflusse des Dogmas 
der Offenbarung, der leitet sie im luziferischen Sinne; wer sie, wie 
etwa die Naturforscher, nur leiten mochte im Sinne des Dogmas der 
aufteren sinnlichen Erfahrung, der leitet sie im ahrimanischen Sinne. 
Darf es nicht heute in unserer ernsten Zeit eine Neujahrsbetrach- 
tung sein, diese letzten drei bis vier Jahrzehnte zu uberblicken, 
hinzuweisen darauf, wie man heute ebenso noch notwendig hat, 



den damals erhobenen Ruf wieder zu erheben, nur in vielfach ver- 
starkter Art? 

Meine lieben Freunde, diese dreifiig bis vierzig Jahre, sie haben 
durch den Verlauf der aufieren Tatsachen klar gezeigt, wie berechtigt 
jener Ruf dazumal war; denn wer unbefangen durchblickt, was ge- 
schehen ist, der mulS sich sagen: Ware dazumal ein solcher Ruf etwas 
Reales geworden in den Gemutern der Menschen von Mitteleuropa: 
das, was wir heute als Elend und Not erleben, es ware nicht gekom- 
men. Dazumal verhallte jener Ruf; jetzt begegnet man ihm von Seite 
der romischen heiligen Kongregation mit dem Dekret vom 18. Juli 
1919; und die Domkapitulare verkiindigen, daft dasjenige, was An- 
throposophie ist, nicht aus meinen Schriften gelesen werden darf, 
weil der Papst es verboten hat, sondern daft man sich unterrichten 
miisse aus den Schriften der Gegner. Die Domkapitulare weisen also 
zu der Erkenntnis der Anthroposophie nicht auf meine Schriften, 
sondern auf Selling und Genossen hin. Das geschieht in derselben 
Zeit, wo unter den Auspizien einer sich sozialistisch aufspielenden 
Berliner Regierung iiber die Errichtung einer romisch-katholischen 
Nuntiatur in Berlin verhandelt wird. Das ist auch etwas, was hinweist 
auf die geistige Signatur der jetzigen Gegenwart. Und heute mochte 
man schon wirklich appellieren an die tiefsten Herzenskrafte derjeni- 
gen, die noch fahig sind, etwas von geistigen Impulsen innerhalb der 
Menschheitsentwickelung zu fiihlen, damit sie aufwachen, um doch 
einmal zu sehen, wie die Dinge eigentlich gehen. Denn sehen Sie, 
heute handelt es sich vor alien Dingen darum, daft die Menschen die 
Moglichkeit finden, zu ihrem Selbst zu kommen. Und zum Selbst 
zu kommen, dazu bedarf es des Vertrauens in die eigene Seelenkraft. 
Gerade mit dem Appell an dieses Vertrauen in die eigene Seelenkraft 
kommt man den Menschen heute nicht recht bei. Die Menschen 
mochten auf der einen Seite sich anlehnen an irgend etwas, was sie 
von innen heraus zwingt, das Richtige zu denken und zu wollen, und 
sie mochten auf der anderen Seite sich anlehnen an irgend etwas, was 
sie von aufien her zwingt, das Richtige zu denken und zu wollen. 

Immer weisen die Menschen irgendwie auf zwei solche Pole hin 
und niemals mochten sie sich aufraffen, nach dem Gleichgewicht 



zwischen den von diesen zwei Polen aus wirkenden Kraften zu 
streben. Fiihren wir uns noch einmal etwas von der geistigen Signa- 
tur der Gegenwart, die aber heute im Begriffe ist soziale und mate- 
rielle Signatur zu werden, fiihren wir uns wiederum etwas davon 
vor Augen! Da horen wir im Osten Europas den aken marxisti- 
schen Ruf sich erheben, es miisse eine soziale Ordnung unter den 
Menschen eintreten, in der jeder Mensch leben konne nach seinen 
Fahigkeiten und nach seinen Bediirfnissen; es miisse eine soziale 
Ordnung entwickelt sein, in welcher die individuellen Fahigkeiten 
jedes einzelnen Menschen zur Geltung kommen konnen, und in 
welcher befriedigt werden konnen die berechtigten Bediirfnisse je- 
des einzelnen Menschen. So wie das abstrakt ausgesprochen wird, 
kann nicht das Allergeringste gegen diese Abstraktion eingewendet 
werden; auf der anderen Seite aber wiederum horen wir eine Person- 
lichkeit wie Lenin sagen: Mit den Menschen der Gegenwart lalk 
sich eine solche soziale Ordnung nicht begriinden, mit ihnen kann 
man nur eine Ubergangs-Sozial-Ordnung begriinden. - Man kann 
nur begriinden irgend etwas, was Ungerechtigkeit im weitesten Sin- 
ne selbstverstandlich in sich schlieflt. Sie ist ja auch in lacherlichem 
Mafie in alle dem vorhanden, was Lenin und seine Anhanger be- 
griinden; denn er und seine Anhanger meinen, man konne nur 
durch den Durchgang durch dieses Ubergangsstadium eine neue 
Menschenrasse erzeugen, die jetzt noch nicht da ist; und wenn sie 
kommt, dann wird man in ihr jene soziale Ordnung einfiihren kon- 
nen, in der jeder seine Fahigkeiten wird verwenden konnen, in der 
jeder nach seinen Bediirfnissen wird leben konnen. Also die Erfin- 
dung einer nicht vorhandenen Menschenrasse, um eine Idee zu ver- 
wirklichen, die ja, wie ich gesagt habe, im abstrakten Sinne sogar 
berechtigt ist. 

Sollten nicht doch geniigend Menschen sich finden konnen, wel- 
che den ganzen Ernst dieser gegenwartigen Weltsituation erfassen, 
wenn sie so etwas vernehmen? Sollte es nicht an der Zeit sein, dafi 
aufhore jene Schlafrigkeit, die sich, wenn so etwas auftritt, was gera- 
de im tiefsten Sinne hinweist auf die Signatur der Gegenwart, sich 
ein wenig die Augen zumacht, um ja nicht die ganze Bedeutung 



einer solchen Sache ins Auge zu fassen? Es hilft nichts anderes, um 
zur konkreten Einsicht uber diese Dinge zu kommen, als die Wege 
der Abstraktion ins geistige Leben hinein zu verlassen. Aber dazu 
muf$ man erst wirklich ein Gefiihl dafiir erhalten, wo Abstraktion 
vorhanden ist, wo nur geredet wird im Sinne einer Phraseologie 
vom Geiste und von der Seele, und man mufi ftihlen, wo vom Geist 
und von der Seele als von einer Wirklichkeit geredet wird. Sehen 
Sie, wenn man spricht von den menschlichen Fahigkeiten : sie treten 
auf als die Offenbarungen aus des Menschen innerer Wesenheit, 
wenn der Mensch heranwachst. Die Menschheit fiihlt sich durch ei- 
ne Anzahl ihrer Vertreter veranlafk, diese Fahigkeiten und Krafte, 
die in dem werdenden Menschen zutage treten, in entsprechender 
Weise zu entwickeln. Richtig empfindet man auf diesem Gebiete 
nur, wenn man in einer gewissen Weise eine Offenbarung des Gott- 
lichen in der Offenbarung dieser Krafte und Fahigkeiten wahr- 
nimmt, wenn man sich sagt: Der Mensch ist hereingekommen aus 
einer geistig-seelischen Wesenswelt in diese sinnlich-wirkliche Welt, 
und was sich da als seine Krafte und Fahigkeiten aufiert, was wir sel- 
ber entwickelt haben in uns und anderen, das riihrt aus einer geisti- 
gen Welt her, das ist, indem es aus einer geistigen Welt herunterge- 
stiegen ist in diesen physischen Menschenleib, nunmehr in diesen 
physischen Menschenleib hineingestellt. Aber nehmen Sie den Geist 
und Sinn dessen, was hier seit Jahrzehnten auseinandergesetzt wird: 
dieser Geist und Sinn weist Sie darauf hin, dafi mit der Einkorpe- 
rung der menschlichen Fahigkeiten und Krafte in den physischen 
Menschenleib den luziferischen Wesenheiten die Moglichkeit gege- 
ben wird, an diese Fahigkeiten und Krafte heranzukommen. 

Man kann nicht irgend etwas in Selbsttatigkeit oder in erzieheri- 
scher oder in kulturfordernder Tatigkeit in den menschlichen indi- 
viduellen Fahigkeiten und Kraften tun, ohne dafi man mit den luzi- 
ferischen Kraften in Beriihrung kommt. In denjenigen Regionen, 
die der Mensch durchlaufen hat, bevor er durch die Geburt oder 
Empfangnis ins physische Dasein eingetreten ist, da konnte die luzi- 
ferische Macht nicht an die menschlichen Fahigkeiten und Krafte 
unmittelbar heran. Die Einkorperung in die physische menschliche 



Leiblichkeit, das ist das Mittel, durch das die luziferischen Machte 
an die menschlichen Fahigkeiten und Krafte herankommen konnen. 
Nur dadurch, daft man dieser Tatsache unbefangen ins Auge schaut, 
kommt man zu einer richtigen Stellung im Leben zu all dem, was als 
individuelle Fahigkeiten und Krafte aus der menschlichen Natur 
hervorquillt. Wenn man das Luziferische nicht sehen will, wenn 
man es ableugnet, dann verfallt man ihm. Dann aber gerat man gera- 
de in jene Seelenstimmung, welche sich durchaus an etwas Zwingen- 
des im Innern iiberliefern mochte, um da durch allerlei mystische 
oder religiose Krafte sich zu entlasten von der Notwendigkeit, an 
das freie Selbst des Menschen zu appellieren und in der Entfaltung 
des eigenen freien Selbstes in der Welt das Gottliche zu suchen. Die 
Menschen mochten nicht selber denken, sie mochten, daft eine un- 
bestimmte Kraft in ihrem Innern sich auftere, nach der sie logisch 
beweisen konnen. Sie mochten die Wahrheit nicht erleben, sie 
mochten sich nicht aufraffen zu jenem inneren freien Erleben, das 
auch die Wahrheit erlebt; sie mochten jenen inneren Zwang erleben, 
der von innen heraus sie zwingt und sich ausdriickt in dem Beweise, 
der nicht an das Erlebnis appelliert, sondern an die Macht eines Gei- 
stigen, das den Menschen iiberwaltigen, zwingen soil, so oder so zu 
denken iiber die Natur und iiber den Menschen selber. Damit aber, 
daft die Menschen an diesen inneren Zwang appellieren, an diese in- 
nere Macht, damit liefern sich die Menschen den luziferischen 
Machten aus. Das Mittel, das man ergreifen kann, damit die Men- 
schen also an diesen Zwang appellieren, damit sie sich nicht erheben 
zum freien Drinnenstehen in der geistigen Welt, das ist, daft man sie 
zwingt, zu denken, daft es keine drei Glieder der menschlichen Na- 
tur gibt: Leib, Seele und Geist, sondern wenn man ihnen, wie das 
auf dem achten allgemeinen Konstantinopeler Konzil geschehen ist, 
verbietet zu denken, daft der Mensch aus Leib, Seele und Geist beste- 
he, wenn man es abschafft, sich mit dem Geiste zu beschaftigen. Das 
sind innere Zusammenhange, die heute nicht mehr iibersehen wer- 
den diirfen, die heute klar und unbefangen ins Auge gefaftt werden 
miissen. Damals, im Jahre 869, als bestimmt wurde, daft man an den 
Geist im Menschen nicht glauben diirfe, damals zog der luziferische 



Hang in die europaische Zivilisation ein. Und heute haben wir die 
Erfiillung davon. Die Menschen haben sich lange genug hingegeben 
dem Hang, nicht die Wahrhek zu erleben, sondern den Zwang des 
Beweises, des unpersonlichen Beweises auf sich wirken zu lassen. 
Das hat sie hiniibergeworfen nach dem anderen Extrem. Man hat 
sich nicht in sachgemafier Weise zu beschaftigen verstanden mit den 
menschlichen Fahigkeiten und Kraften, man hat sich nicht zugeben 
wollen, dafi auf die Art, wie ich es eben auseinandergesetzt habe, in 
den menschlichen Fahigkeiten und Kraften, wenn diese im physi- 
schen Leibe verkorpert sind, luziferische Machte leben. Dadurch hat 
man erfahren jene schiefe Stellung, in die die moderne Menschheit 
zu den individuellen Fahigkeiten und Kraften in der menschlichen 
Natur gekommen ist, die heute an der Tagesordnung ist. 

Der andere Pol des Menschen, das sind seine Bedurfnisse, diese 
Bediirfnisse, die sich zuerst in der rein physischen Natur ausspre- 
chen. Diese Bedurfnisse, die Schiller in seinen «Asthetischen Briefen» 
so schon gegeniibergestellt hat der abstrakt logischen Macht und die 
er genannt hat die Notdurft, wahrend er den logischen Zwang als 
die andere Macht, als die ins Geistige abirrende Macht charakteri- 
siert hat. Damals war wahrend der grofien Periode der deutschen 
Entwickelung eine solche Personlichkeit wie Schiller auf dem Wege, 
den polarischen Gegensatz des Menschen richtig zu erfassen. Die 
Zeit war damals noch nicht reif, mehr zu sagen, als Schiller und 
Goethe und die ihnen Gleichgesinnten gesagt haben. Unsere neue 
Zeit ist in die Notwendigkeit versetzt, diese Dinge weiterzubauen. 
Baut man weiter, dann wird anthroposophisch orientierte Geistes- 
wissenschaft daraus. Derjenige, der nur die einseitige Macht des Be- 
weisens auf dem geistigen Gebiet kennt, der lernt im Leben auch 
nur kennen die einseitige Naturtriebmacht der menschlichen Be- 
diirfnisse. Sie konnen sich leicht vorstellen: Wenn der Mensch mit 
seinen Fahigkeiten und Kraften in die physisch-sinnliche Welt ein- 
tritt durch Konzeption oder Geburt, und Luzifer iiber ihn kommt 
und von dem, was der Mensch selbst haben sollte, auf der einen Sei- 
te, auf der Kopfseite gewissermafien des menschlichen Wesens etwas 
nimmt, dann bleibt auch im Menschen selbst eine geringere Macht, 



urn seine Selbstandigkeit auf dem Gebiete der Bediirfnisse geltend zu 
machen. Durch das, was sich Luzifer auf der einen Seite aneignet, er- 
langt Ahriman auf der anderen Seite die Moglichkeit, sich anzueig- 
nen, was in den Bediirfnissen der menschlichen Natur wirkt. Und 
so ist eingezogen auf der anderen Seite mit dem Dogma der blofi au- 
fieren sinnlichen Erfahrung die Durch-Ahrimanisierung des sinnli- 
chen Trieblebens der Menschheit im letzten Drittel des 19. Jahrhun- 
derts. Und so stent die moderne Menschheit, indem sie verkennt, 
dafi in der Gleichgewichtslage zwischen den beiden Extremen, zwi- 
schen den Fahigkeiten einerseits und den Bediirfnissen auf der ande- 
ren Seite, das Heil liegt, heute einer furchtbaren Tatsache gegen- 
liber. Sie sieht nur hin aus ihrem materialistischen Geiste heraus auf 
den Leib, der die Fahigkeiten erzeugt, daft heifit blofi auf die luziferi- 
sche Urkraft der Fahigkeiten; denn dadurch, daft die Fahigkeiten in 
den Leib einziehen, dadurch werden sie luziferisch, und wenn man 
glaubt, aus dem Leib entspringen die Fahigkeiten, so glaubt man an 
Luzifer. Und wenn man glaubt, aus dem menschlichen Leibe heraus 
entspringen die Bediirfnisse, so glaubt man nur an das Ahrimanische 
dieser Bediirfnisse. 

Und welches Experiment wird gegenwartig driiben im Osten Eu- 
ropas unter der Anleitung des Westens gemacht? Diese Anleitung 
des Westens tritt so handgreiflich nicht nur dadurch hervor, dafi Le- 
nin und Trotzki die Geistesschiiler des Westens sind, sondern auch 
dadurch, dafi Lenin im plombierten Wagen durch den Dr. Help- 
hand, der ihn begleitete, nach Rufiland hineinspediert worden ist, 
so dafi dasjenige, was Bolschewismus genannt wird, als eine Import- 
ware besorgt wurde durch die deutsche Regierung und die deutsche 
Heeresleitung. Was wird da versucht in der osteuropaischen Kultur? 
Da wird versucht, alles, was Menschliches ist, was als Menschliches 
sich in der menschlichen Leiblichkeit verkorpert, auszuschalten, 
und Luzifer mit Ahriman in ihrer Reinkultur zusammenzuspannen. 
Wiirde dies heute verwirklicht im Osten, so wiirde eine Schopfung 
aus der Kompanie- Arbeit von Luzifer und Ahriman auftreten, mit 
Ausschlufi alles dessen, was dem individuellen Menschen frommt; 
und dieser wiirde in diese luziferisch-ahrimanische Kultur hinein- 



gespannt wie das Glied einer Maschine in den ganzen Gang dieser 
Maschine, nur dafi das Glied einer Maschine leblos ist und sich 
daher einspannen lafit, wahrend die menschliche Natur innerlich 
lebendig, durchseelt, durchgeistigt ist und in eine blofi luziferisch- 
ahrimanische Organisation nicht hineinpafit, sondern dabei zugrun- 
de gehen mufi. 

Nur aus demjenigen heraus, was Geisteswissenschaft begreifen 
kann, kann auch begriffen werden, was heute in dieser geistig nebu- 
losesten materialistischen Welt eigentlich geschieht. Nur aus dieser 
geisteswissenschaft lichen Anschauung und aus dem in ihr lebenden 
Ernst kann aber auch begriffen werden, was es heifit, dafi man in 
den letzten dreifiig bis vierzig Jahren nicht sich zuriickwenden woll- 
te innerhalb des deutschen Wesens zu der deutschen Geistigkeit, auf 
die hier in meinem Aufsatze hingedeutet ist, sondern dafi man end- 
lich in dieser deutschen Kulturwelt soweit gekommen ist, dafi dieje- 
nigen mafigebend geworden sind, die als das Richtige befunden ha- 
ben, die Inauguratoren Luzifers und Ahrimans im plombierten Wa- 
gen nach Rufiland befordern zu lassen; und zwar durch einen Men- 
schen, der in ihrem Dienste stand und der dadurch von einem armen 
Schlucker, der er war, durch all die Dienste, die er geleistet hat, um 
in solcher Weise zwischen dem Osten und Westen zu vermitteln, 
ein Mensch geworden ist, der sich in dieser Zeit eine Villa in Kon- 
stantinopel, eine andere in der Schweiz, eine dritte in Kopenhagen 
gebaut hat. Es geht heute nicht, mit dem Blick nur so herumzu- 
schweifen, um beruhigt schlafen zu konnen gegeniiber dem, was in 
den Tiefen dieses heutigen Zeitwesens eigentlich geschieht. Es sollte 
heute empfunden werden, wie notwendig es ist zu sagen : Wir haben 
verleugnet und mit Fiifien getreten, was in der Zeit Schillers und 
Goethes geschaffen worden ist an deutschem Geistesleben. Und wir 
haben die Aufgabe, dort zu beginnen und weiter aufzubauen. Wir 
konnen keine besseren Neujahrsgedanken in unsere Seelen herein- 
ergiefien, als den Vorsatz, an das wieder anzukniipfen. 

An derjenigen Statte - und ich habe es auch hier schon erzahlt vor 
Jahren -, wo jetzt unser Freund Dr. Kolisko meine Aufsatze gesam- 
melt hat, da lebte in den siebziger und sechziger Jahren ein Mensch, 



der hiefi Heinrich Deinhardt, der war ein Wiener Padagoge. Er hatte 
in sich den Geist, von dem Standpunkt der Schillerschen Astheti- 
schen Briefe aus in seinem in den Materialismus hineinsegelnden 
Zeitalter in die Padagogik einzugreifen. Er hat schone Erklarungs- 
briefe geschrieben iiber Schillers Asthetische Briefe, die dazumal ge- 
druckt worden sind, dariiber, wie der Mensch erzogen werden solle, 
sich von der zwingenden logischen Notwendigkeit und der Not- 
durft, die nur in den Trieben lebt, zu befreien. Der war einer der 
Warner, die gesagt haben: Auf den Erziehungswegen mu!5 verhin- 
dert werden, was sonst kommen mufi. Er hat nicht schon mit geistes- 
wissenschaftlichen Begriffen reden konnen, aber er hat dazumal dar- 
auf hingewiesen mit seinen Worten, wie die luziferisch-ahri- 
manische Kultur kommen miisse, wenn man nicht in dieser Gleich- 
gewichtslage die Erziehungswissenschaft gestalte, die Erziehungs- 
kunst gestalte. Dieser Mann, Heinrich Deinhardt, hatte dazumal in 
Wien den Unfall, auf der Strafie umgestofien zu werden und sich das 
Bein zu brechen, eine Sache, die mit einer leichten Operation hatte 
geheilt werden konnen; aber dieser Mann war nach der Aussage sei- 
ner Arzte so schlecht ernahrt, dafi der Heilungsprozefi sich nicht 
vollziehen konnte. Und so starb an dem kleinen Unfall dieser eine 
Mann, der in das Getriebe der Zeit schon ganz tief hineingeschaut 
hat. Ja, so behandelte man in Mitteleuropa diejenigen, die aus der 
Spiritualitat heraus etwas wollten. Dieses Beispiel, es konnte verviel- 
faltigt werden. 

Nun, diejenigen werden wahrscheinlich nicht Hungers sterben, 
die so schreiben, wie der Ihnen gestern genannte Jesuitenpater Zim- 
mermann : «Auch wird geriihmt z.B. in dem Wochenblatt < Dreiglie- 
derung des sozialen Organismus>, Nr. 6, dafi der < neue Impuls> (ein 
Lieblingswort der Anthroposophen und der < Dreigliederungsleute >) 
sich auf der < Fiille der Steinerschen Geist-Erkenntnis > aufbaue. Der 
Leiter der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik zu Stuttgart hat fur die 
Kinder der Angestellten und Arbeiter des Unternehmens < die freie 
Waldorfschule > begnindet, < impulsiert von all dem, was ihm erflos- 
sen ist aus den Gedanken der anthroposophisch orientierten Gei- 
steswissenschaft Dr. Steiners>. Don soil < Anthroposophie kiinstle- 



rische Erziehungsmethode sein.>» Diejenigen, die spotten und in 
den Staub treten mochten, was aus dem Geist der Zeit heraus ge- 
wollt wird, die werden auch in unserer heutigen harten Zeit nicht 
Hungers sterben. Aber es wird gar sehr notwendig sein, daft wir uns 
solche Neujahrsimpulse in die Seele hineinschreiben, die bewirken, 
daft wir nicht schlafrig und unachtsam an dem vorubergehen, was 
wirklich geschieht: daft wir vor alien Dingen stark aufnehmen das 
stark Gemeinte der anthroposophisch orientierten Geisteswissen- 
schaft. Oh, ich sehe gar manchen gerade in unseren Reihen, der am 
liebsten gerade diejenigen Dinge verschlafen mochte, die aus dem 
vollen Mitleid heraus sich offenbaren, aus dem Mitleid mit demjeni- 
gen in unserer Zeit, was, wenn es sich selbst iiberlassen bleibt, dem 
Untergange zufuhren mu!5! Es gibt Schwachmutige, die sich ein- 
schreiben lassen in diese Anthroposophische Gesellschaft und die da 
sagen: Ja, Geisteswissenschaft, das mag ich; aber von der sozialen 
Tatigkeit will ich nichts wissen, die gehort da nicht herein. Die 
konnten sich ein Beispiel nehmen an den Gegnern. Der Jesuitenpa- 
ter Zimmermann, der verfolgt alles, was bei uns geschieht ! Er endet 
seinen Artikel damit, daft er sagt: «Das Wochenblatt <Dreigliede- 
rung des sozialen Organismus> meint freilich (Nr. 8), daft hier ein 
<Attentat der Kirche> gegen die geschichtliche Aufgabe der Selbstbe- 
stimmung des Individuums vorliege.» Und auch in anderen Artikeln 
hat der Jesuitenpater Zimmermann gezeigt, wie er sich um alles 
kummert, was bei uns vorgeht. 

So mochte man wiinschen, daft auch diejenigen, die in unseren 
Reihen stehen, sich in gutem Sinne um die Dinge kummern. Sehen 
Sie, ich mochte sagen, der Aufpasser, die da sehen, wie sie nur ir- 
gendeine Schwache auf dem Gebiet der anthroposophisch orientier- 
ten Geisteswissenschaft und dessen, was aus ihr hervorgeht, ent- 
decken konnen, dieser Aufpasser sind gar nicht wenige; aber ich 
glaube, Sie wissen, daft ich nicht so albern bin, um auf so etwas, wie 
ich es jetzt anfuhren werde, aus einer gewissen Eitelkeit hinzuwei- 
sen, und daher kann ich auch diesen Hinweis auch wagen. Man 
mochte natiirlich sehr leicht auf gegnerischer Seite, daft man da und 
dort einen Angriffspunkt finden konnte. Da ist es doch gut, wenn in 



dem Aufsatz, den Dr. Rittelmeyer geschrieben hat iiber «Steiner, 
Krieg und Revolution^ zu lesen ist: «Ich habe auch gerade in diesen 
Tagen mit einem jungen schwedischen volkswirtschaftlichen Ge- 
lehrten gesprochen aus der Schule des strengen Nationalokonomen 
Cassel, der mir sagte, er habe das Buch Steiners durchgelesen von Sei- 
te zu Seite mit der Erwartung, er werde ihn als Dilettanten entlarven 
konnen; es sei ihm aber nicht gelungen, ihm einen Fehler nachzu- 
weisen.» Ja, es sollten solche Dinge besser berucksichtigt werden in 
unseren Kreisen, es sollte gebaut werden auf der Grundlage der Er- 
kenntnis, daft hier etwas gewollt wird, was nichts zu tun hat mit 
dem landlaufigen Gewasche von Theosophie, das da und dort 
herrscht, sondern das auf ebenso strenge Einsicht in die Dinge baut, 
wie nur irgendeine Wissenschaft, die sich je einmal geltend gemacht 
hat. Wiirde so etwas grundlich gefiihlt werden, so wiirde man auch 
wissen, warum das erfolgt ist, was jetzt der Pater Zimmermann als 
einen Abfall bezeichnet. Sie wissen, daft es das nicht war, sondern 
daft wir herausgeworfen worden sind, weil es nicht gelungen ist, in 
diese Gesellschaft des mystischen Wischi-waschi-Herumredens 
wirklichen Ernst hineinzutragen; weil man wirklichen Ernst dort 
nicht wollte, weil man dort fortschwatzen wollte in derselben Art, 
wie man geschwatzt hat durch Jahre hindurch hochstens in An- 
kniipfung an irgend etwas, woriiber man ohne Erkenntnis der geisti- 
gen Welt alles mogliche sagen kann. Das, was unserer Zeit so notig 
ist, das ist voller Ernst auf dem Gebiete des Geisteslebens. Von die- 
sem vollen Ernst wollte ich Ihnen heute, da ja mein diesmaliges 
Hiersein in diesen Tagen zu Ende geht, am Neujahrstage nochmals 
sprechen, und ich hatte recht sehr den Wunsch, daft in unsere Rei- 
hen einziehe der Neujahrswunsch, den sich jeder einzelne nur selber 
von sich gestalten konnte : daft durch die Seelen und die Herzen un- 
serer Freunde etwas geoffnet wiirde der Blick fiir das, was nottut, ge- 
offnet wiirde fiir das, was aus dem Geiste heraus einzig und allein 
der Menschheit helfen kann. Wir konnen heute nicht aus demjeni- 
gen, was aufien an Einrichtungen erhalten ist, etwas Heilsames bil- 
den, wir miissen ein Neues einpragen dieser Menschheitsentwicke- 
lung. Das muft erkannt werden. Und das zu fiihlen, daft es erkannt 



werden musse, das ist wohl der wiirdigste Neujahrsgedanke, der in 
Ihren Herzen entstehen kann heute, im Beginne des Jahres 1920, das 
manche wichtige Entscheidung bringen wird, wenn sich Menschen 
finden, die das fur die Menschheit Notwendige, so wie es heute an- 
gedeutet wurde, erkennen. Erkannt mufi werden, dafi das Jahr 1920 
Not und Elend bringen wird, wenn solche Menschen sich nicht fin- 
den, und einzig und allein diejenigen den Ton angeben, die im Alten 
so weiterwirken mochten. 



HINWEISE 



Textunterlagen: Ende Dezember 1919 hielt Rudolf Steiner in Stuttgart zahlreiche Vortrage: 
Erster naturwissenschaftlicher Kurs (Lichtkurs), GA Bibl.-Nr. 320; Geisteswissenschaftliche 
Sprachbetrachtungen, GA Bibl.-Nr. 299, sowie die fiinf Mitgliedervortrage in diesem Bande. 
Ferner fanden Konferenzen mit dem Lehrerkollegium der Freien Waldorfschule statt. Alles 
wurde stenographisch aufgenommen und in Klartext iibertragen. Es ist jedoch nicht bekannt, 
wer im einzelnen Falle mitgeschrieben hat bzw. wessen Stenogramm gedruckt wurde. Es kam 
auch vor, dafi die Mitschreibenden sich nachtraglich zusammensetzten und gemeinsam einen 
Klartext erarbeiteten. Man weifi, dafi von den bekannten Stenographen sich Clara Michels, 
Hedda Hummel und Franz Seiler in Stuttgart befanden. Originalstenogramme sind nicht er- 
halten. Dem gedruckten Text liegen also die damals hergestellten Ubertragungen in Maschi- 
nenschrift zugrunde. 

Der Titel des Bandes stammt nicht von Rudolf Steiner, sondern geht auf die erste Heraus- 
gabe dieser Vortrage durch Marie Steiner im Jahre 1931 zuriick. 

Werke Rudolf Steiners innerhalb der Gesamtausgabe (GA) werden in den Hinweisen mit 
der Bibliographie-Nummer angegeben. Siehe auch die Ubersicht am Schlufi des Bandes. 

Zu Seite 

9 die letzten bier gebaltenen Vortrage: Gemeint sind siebzehn Vortrage, gehalten in Stutt- 
gart vom 21. April bis 28. September 1919, teilweise gedruckt in «Geisteswissenschaft- 
liche Behandlung sozialer und padagogischer Fragen», GA Bibl.-Nr. 192. 

13 Dreigliederung des sozialen Organismus: Vgl. hierzu R. Steiner, «Die Kernpunkte des 
sozialen Organismus», GA Bibl.-Nr. 23, und «National6konomischer Kurs», GA 
Bibl.-Nr. 340. 

16 Rabindranat Tagore, 1861 - 1941, indischer Dichter, Schriftsteller und Padagoge, dessen 
Werke durch Ubersetzungen in viele europaische Sprachen grofie Verbreitung gefun- 
den haben. 

19 Als die geistig ganzlich unfruchtbare westliche Kultur: Vgl. zu dieser Bemerkung die Noti- 
zen zu einem Vortrag in Basel am 25. September 1912, abgedruckt in «2ur Geschichte 
und aus den Inhalten der ersten Abteilung der Esoterischen Schule 1904-1914», 
GA Bibl.-Nr. 264. Es heilk da auf S. 338 : «. . . Ram Mohan Roy war der Griinder der 
Bramo Samaj . . ., diese hatte als Ableger die Arya Samaj. Um sich dieser Vereinigung 
anzuschliefien und davon alles Heil erwartend, zogen H. P. Blavatsky und Olcott 1878 
nach Indien . . .». 

22 Isaac Newton, 1643 - 1727, englischer Physiker, Mathematiker und Astronom. 

Charles Robert Darwin, 1809 - 1882, englischer Naturforscher, Begriinder der nach ihm 
benannten Abstammungslehre. 

John Stuart Mill, 1806- 1873, englischer Philbsoph und Politiker. 

Herbert Spencer, 1820 - 1903, englischer Philosoph. 

David Hume, 1711- 1776, schottischer Philosoph und Historiker. 



24 Wilhelm von Humboldt, 1767 - 1835, Diplomat, Sprachgelehrter, zeitweise preufiischer 
Unterrichtsminister, schrieb «Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkek 
eines Staates zu bestimmen» (geschrieben 1792, erstmals erschienen 1851). 

25 russische Revolutiondre: Bisher nicht ermittelt. 

26 Walter Johannes Stein, 1891 - 1957, Lehrer an der Waldorfschule in Stuttgart, Schriftstel- 
ler und Vortragender. 

27 Die Zeitschrijt «Dreigliederung des sozialen Organismus», hg. vom Bund fur Dreigliede- 
rung des sozialen Organismus, Stuttgart 1919-1923. Die erwahnte Notiz findet sich im 
1. Jg. Nr. 21, Stuttgart 1919. 

Max Seiling, 1852-1928, zuerst Anhanger von Dr. Steiner, wurde dann zum Gegner. 

28 Roman Boos, 1889- 1952, Nationalokonom und Schriftsteller. 

Welch ein Weg ist von den klaren Gedanken Ubersetzt aus Ad. Ferriere, Dr. en socio- 
logie: «La loi du progres economique et la justice sociale». II. L'organisme social. In 
Zeitschrift: «Suisse-Belgique Outremer» 1. Jg. Nr. 3-4, Juli-Aug. 1919, S. 19. 

Emile Waxweiler, Direktor des «Institut de sociologies in Brussel; Autor von: «Esquisse 
d'une sociologie», Bruxelles et Paris 1906 und «La Belgique neutre et loyale». 

Guillaume II: Wilhelm II., 1859-1941, deutscher Kaiser von 1888-1918. 

Grigori Jefimowitsch Rasputin, 1871-1916, russischer Monch, gewann Einflufi auf den 
russischen Hof, besonders auf die Zarin. 

31 David Friedrich Straufi, 1808-1874, «Der alte und der neue Glaube». Ein Bekenntnis, 
1872. 11. Aufl., Bonn 1881. 

32 Tirpitz-Buch: Alfred von Tirpitz (1849 - 1930), Grofiadmiral, Chef der deutschen Flotte 
wahrend des 1. Weltkriegs. «Erinnerungen», 1920. 

Ludendorff-Buch: Erich Ludendorff (1865-1937), im 1. Weltkrieg Generalstabschef 
Hindenburgs, 1916 1. Generalquartiermeister, 1918 wegen seines Willens zur Fortset- 
zung des Krieges entlassen. Anteil am «Hitlerputsch» am 8. Nov. 1923. «Meine Kriegs- 
erinnerungen 1914-1918», 1919. 

33 Adolf von Harnack, 1851-1930, deutscher protestantischer Kirchenhistoriker. «Das 
Wesen des Christentums», 16 Vorlesungen 1899-1900 an der Universitat Berlin. 
4. Aufl., Leipzig 1901. 

34 Ich habe Ihnen von dieser Stdtte aus oftmals gesprochen: z.B. im Vortrag vom 8. Septem- 
ber 1919 in «Geisteswissenschaftliche Behandlung sozialer und padagogischer Fragen», 
GA Bibl.-Nr. 192, S. 361. 

38 Wilsons Vierzehn Punkte: Prasident Wilsons Botschaft an den Kongrefi vom 8. Januar 
1918, mit vierzehn Punkten, welche das friedliche Zusammenleben der Volker nach 
dem Krieg regeln sollten, machten einen starken Eindruck auf die Weltoffentlichkeit. 
Der letzte Punkt betraf die Bildung eines allgemeinen Volkerbundes. 



40 «Ich bin bei euch die Tage ...»: Matth. 28, 20 



41 Miltons «Verlorenes Paradie$»: John Milton (1608 - 1674), englischer Dichter. «Paradise 
lost», 1667. (Das verlorene Paradies. Ein religioses Epos in 12 Gesangen.) 

Klopstocks «Messias»: Friedrich Gottlieb Klopstock (1724-1803), deutscher Dichter. 
«Messias», 20 Gesange, 1748-73. 

42 in meinem Biichlein «Goethes Geistesart»: «Goethes Geistesart in ihrer Offenbarung 
durch seinen <Faust> und durch das Marchen <Von der Schlange und der Lilie> » (1918), 
GA Bibl.-Nr. 22. 

Leonardo da Vinci, 1452- 1519, italienischer Maler, Gelehrter und Techniker. 

46 Wir haben es ja ofimals charakterisiert: Vgl. z.B. «Erdensterben und Weltenleben», 
3. Vortrag, GA Bibl.-Nr. 192. 

47 Wir haben das oft auseinandergesetzt: Siehe vorangehenden Hinweis. 

52 Nietzsche ... als Gegner des Sokrates: Vgl. Friedrich Nietzsche, «Die Philosophie im tra- 
gischen Zeitalter der Griechen», Fragment aus dem Jahre 1873. 

55 bis zur Schmiedelei: Otto Schmiedel, prot. Theologe (1858 - ?), vgl. sein Werk «Die 
Hauptprobleme der Leben-Jesu-Forschung», Tubingen 1902, S. 39 ff. 

unseren Dr. Schmiedel: Dr. Oskar Schmiedel, 1887-1959, Chemiker. 

58 Friedrich Traub, Professor in Tubingen. «Rudolf Steiner als Philosoph und Theosoph», 
Tubingen 1919. 

62 seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts: Siehe S. 34. 

65 Hirtenspiel: Es handelt sich um das sog. «Pfalzische Hirtenspiel». Vgl. «Mitteilungen an 
die Mitglieder des Waldorfschulvereins Stuttgart», Nr. 17 (Februar 1938), S. 15 (Dr. Ru- 
dolf Treichler). 

die letzte Seite von Gogartens «Geisteswissenschaft und das Christentum»: Friedrich Go- 
garten (1887- 1931), deutscher protestantischer Theologe, ein Hauptvertreter der Dia- 
lektischen Theologie. «Rudolf Steiners <Geisteswissenschaft> und das Christentum». 
Untersuchungen iiber Glaubens- und Lebensfragen fur die Gebildeten aller Stande, 
Heft 2, Verlag des Evangel. Volksbundes, Stuttgart 1920, S. 22. 

67 was jener Zimmermann schreibt: Otto Zimmermann S.J. polemisierte wahrend Jahren 
gegen Rudolf Steiner und die Anthroposophie in den katholischen Zeitschriften «Stim- 
men aus Maria Laach» und «Stimmen der Zeit». Vgl. auch Hinweis zu S. 74. 

«Durch denAbfall ihres Generalsekretdrs»: «Die kirchliche Verurteilung der Theosophie» 
in «Stimmen der Zeit», Katholische Monatsschrift fur das Geistesleben der Gegenwart, 
Freiburg i. Br., 98. Band, 50. Jg., 2. Heft, Nov. 1919, S. 149. 

Damit bereitet man einen folgenden Artikel vor: Anspielung auf den Artikel : «Dreiglie- 
derung des sozialen Organismus?» von Constantin Noppel S. J. in der vorgenannten 
Zeitschrift, S. 150 f. 



70 Eugen Kolisko, 1893- 1939, Arzt und Lehrer an der Waldorfschule in Stuttgart. 



70 «Die geistige Signatur der Gegenwart»: (betr. den verlorenen deutschen Idealismus). In 
«Deutsche Wochenschrift», Berlin, Wien, 1888, Nr. 24; erschien damals in der Zeit- 
schrift «Dreigliederung des sozialen Organismus», 3. Jg., Nr. 37, Stuttgart 1922; wieder- 
abgedruckt in: Rudolf Steiner «Methodische Grundlagen der Anthroposophie 1884- 
1901», GA Bibl.-Nr. 30, 1961, S. 253 f. 

71 «Achselzuckend gedenkt unser beutiges Geschlecht»: Siehe vorhergehenden Hinweis. 

73 meine Interpretationen zu Goethes Weltanschauung, zu Goethes naturwissenschaftlichm 
Ideen: Siehe: « Goethes Naturwissenschaftliche Schriften», hg. von Rudolf Steiner in 
Kiirschners «Deutsche National-LiteratuD>, 1884-1897, 5 Bande, Nachdruck Dornach 
1975, GA Bibl.-Nr. la-e. «Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen 
Weltanschauung, mit besonderer Rucksicht auf Schiller» (1886), GA Bibl.-Nr. 2; 
«Goethes Weltanschauung* (1897), GA Bibl.-Nr. 6; «Goethes Geistesart . . .» (1918), 
GA Bibl.-Nr. 22. 

74 Dekret vom 18. Juli 1919: Die Frage, die der Kongregation des Heiligen Offiziums vom 
18. Juli 1919 vorlag, lautete: «Ob die Lehren, die man heute theosophische nennt, mit 
der katholischen Lehre sich vereinigen lassen, und ob es darum erlaubt sei, sich theoso- 
phischen Gesellschaften anzuschliefien, ihren Versammlungen beizuwohnen, ihre Bii- 
cher, Zeitungen, Zeitschriften, Schriften (libros, ephemerides, diaria, scripta) zu lesen.» 
Die Antwort hiefi : «Nein in alien Punkten» - Negative in omnibus (Acta Apostolica 
Sedis 11, 1919, 317). Vgl. «Die kirchliche Verurteilung der Theosophie» in «Stimmen 
der Zeit», Katholische Monatsschrift fur das Geistesleben der Gegenwart, Freiburg 
i. Br., 98. Band, 50. Jg., 2. Heft, Nov. 1919, S. 150. 

Otto Zimmermann u. a. katholische Geistliche dehnten dann diesen Beschlufi auch auf 
die anthroposophischen Schriften aus. 

Selling und Genossen: Siehe Hinweis zu S. 27. 

einer sich sozialistisch aufspielenden Berliner Regierung: Die deutschen Regierungen wah- 
rend der Zeit des Waffenstillstandes und der Friedensverhandlungen beruhten im we- 
sentlichen auf einer unsicheren Koalition zwischen der sozialdemokratischen Partei 
und dem katholischen sog. Zentrum. Dieses unsichere Gleichgewicht wurde von zahl- 
reichen Gruppen und Personlichkeiten aus den verschiedensten Lagern beeinflufit. 
Vgl. Gerhard Schulz, Revolutionen und Friedensschltisse 1917-1920, dtv-Weltge- 
schichte des 20. Jahrhunderts, Bd. 2, 1967. 

75 jeder . . . mach seinen Fahigkeiten und seinen Bedurfhissen» : Lenin zitiert in «Staat und 
Revolution*, a.a.O., S. 145 aus der «Kritik des Gothaer Programms» von Karl Marx. 
Wortlich heifit es dort : «... nachdem mit der allseitigen Entwicklung der Individuen 
auch die Produktionskrafte gewachsen sind, und alle Springquellen des genossenschaft- 
lichen Reichtums voller fliefien - erst dann kann der enge biirgerliche Rechtshorizont 
ganz iiberschritten werden und die Gesellschaft auf ihre Fahnen schreiben : Jeder nach 
seinen Fahigkeiten, jedem nach seinen Bedurfnissen!» 

Lenin, (eigentlich: Wladimir Ujitsch Uljanow), 1870- 1924, Grunder und Fiihrer des 
Bolschewismus. 



77 auf dem achten allgemeinen Konstantinopeler Konzil: Auf dem achten okumenischen 
Konzil von Konstantinopel im Jahre 869, veranstaltet gegen den Patriarchen Photius, 
wurde in den «Canones contra Photium» unter Can. 11 festgelegt, dafi der Mensch 
nicht «zwei Seelen», sondern «unam animam rationabilem et intellectualem» habe. Der 
von Rudolf Steiner sehr geschatzte katholische Philosoph Otto Willmann schreibt in 
seinem dreibandigen Werk: «Geschichte des Idealismus», 1. Aufl. Braunschweig 1894, 
§ 54 : Der christliche Idealismus als Vollendung des antiken (Band II, 111): «Der Mifi- 
brauch, den die Gnostiker mit der paulinischen Unterscheidung des pneumatischen 
und des psychischen Menschen trieben, indem sie jenen als den Ausdruck ihrer Voll- 
kommenheit ausgaben, diesen als den Vertreter der im Gesetze der Kirche befangenen 
Christen erklarten, bestimmte die Kirche zur ausdxucklichen Verwerfung der Tricho- 
tomie». 

78 Schiller in seinen «Asthetischen Briefen»: «Uber die asthetische Erziehung des Menschen, 
in einer Reihe von Briefen» (1793 - 95). 

79 Leo Dawydowitsch Trotzkij, (eigentlich: Bronstein), 1879- 1940, russischer Bolschewi- 
stenfuhrer, von Stalin verdrangt, spater ins Exil vertrieben und in Mexico vom russi- 
schen Geheimdienst ermordet. 

Alexander Helphand, nannte sich selbst Parvus-Helphand, russischer Sozialist, zeitweise 
als politischer Fluchtling in Deutschland. Chefredakteur der «Sachsischen Arbeiter- 
zeitung», Dresden. Spielte im Ersten Weltkrieg und fur das Zustandekommen der bol- 
schewistischen Revolution sowie des Friedens von Brest-Litowsk (1918) eine bedeuten- 
de Rolle. Siehe Georg Wolf: «Warten aufs letzte Gefecht», Koln 1961. 

80 Kolisko: Siehe Hinweis zu S. 70. 

81 Heinrich Deinhardt: «Beitrage zur Wurdigung Schillers, Briefe iiber die asthetische 
Erziehung des Menschen». Neu herausgegeben Stuttgart 1922. 

der Jesuitenpater Zimmermann: Siehe Hinweis zu S. 67. 

«Auch wird geruhmt. . .»: «Die kirchliche Verurteilung der Theosophie» in «Stimmen 
der Zeit», Katholische Monatsschrift fiir das Geistesleben der Gegenwart, Freiburg 
i. Br., 98. Band, 50. Jg., 2. Heft, Nov. 1919, S. 149. 

in dem Wochenblatt «Dreigliederung des sozialen Organismus»: Siehe vorhergehenden 
Hinweis. 

die freie Waldorfschule : Die Freie Waldorfschule in Stuttgart wurde im Jahre 1919 von 
Emil Molt begriindet unter der padagogischen Leitung Rudolf Steiners, der auch die an 
ihr wirkenden Lehrkrafte berief und ihnen die vorbereitenden seminaristischen Kurse 
erteilte. Sie wurde zum Muster zahlreicher Schulgrundungen in Landern der ganzen 
Welt. 

82 «Das Wochenblatt <Dreigliederung des sozialen Organismus> meint freilich ...»: «Die 
kirchliche Verurteilung der Theosophie» in «Stimmen der Zeit», siehe Hinweis zu S. 81. 

83 Friedrich Rittelmeyer, 1872-1938, protestantischer Theologe, 1922 Mitbegriinder der 
Christengemeinschaft und deren Leiter bis zu seinem Tode. 



83 «Steiner, Krieg und Revolution^ Sonderdruck aus «Christentum und Gegenwart», 
Niirnberg 1919, S. 7. 



Gustav Cassel, 1866- 1945, schwedischer Nationalokonom. 

84 Dieser Vortrag endet mit folgenden persdnlichen Bemerkungen: «Meine lieben Freun- 
de, es ist bei der diesmaligen kurzen Anwesenheit hier jeder Tag vom Morgen bis zum 
Abend so ausgefiillt, weil viel zu inaugurieren, zu leisten, einzurichten ist, dafi es nicht 
moglich ist, dafi ich all die Wunsche, die an mich herangetreten sind, diesmal beriick- 
sichtigen kann. Ich kann nur sagen einerseits: Da nicht alles geschehen kann von dem, 
was zu geschehen hat, so werde ich in nicht allzuferner Zeit wieder da sein und dann 
werden personliche Wunsche beriicksichtigt werden konnen; aber ich bitte eben audi, 
Ihrerseits so etwas zu beriicksichtigen. Es geht nicht alles in ein paar Tagen zu machen, 
in ein paar Tagen, in denen auch grofiere Einrichtungen zu treffen sind, in denen mich 
auch plagt die Sorge fur unsere Waldorfschule, die nun wirklich tief eingreifen soil im 
neuen Sinn in die Entwickelung der Menschheit. Es ist mir auch deswegen nicht mog- 
lich, die Privatwunsche alle zu beriicksichtigen, da, wie Sie auch sehen, ich nicht recht 
sprechen kann. Das ist nicht eine Erkaltung, es ist dasselbe, was Sie in Ihren Armen ftih- 
len, wenn Sie den ganzen Tag Holz gehackt haben, es ist nichts weiter als eine Ermii- 
dung der Stimmbander, die nur einer Erkaltung leichter ausgesetzt sind. Aber heute ist 
es notwendig, dafi vor alien Dingen auf das gesehen werde, was im allgemeinen Dienst 
der Menschheit notwendig ist. Und verzeihen Sie daher, dafi Einzelwunsche diesmal 
nicht zu ihrem Rechte kommen konnen.» 



PERSONENREGISTER 



(H = Hinweis) 



Boos, Roman (1889-1952) 28 H 

Casar, Gaius Julius (100-44 v. Chr.) 
32, 33 

Cassel, Gustav (1866-1945) 83 H 

Darwin, Charles Robert (1809-1882) 
22 H 

Da Vinci, Leonardo (1452-1519) 
42 H, 43 

Deinhard, Heinrich (1821-1879) 81 H 

Ferriere, Adolphe Dr. (1879-1960) 28 
Fichte, Johann Gottlieb (1762-1814) 
71,72 

Goethe, Johann Wolfgang (1749-1832) 

22,24,41,42, 73 H, 80 
Gogarten, Friedrich (1887-1931) 65 H 
Grofiherzogin von Weimar Sophie Luise 

(1824-1897)28 

Harnack, Adolf (1851-1930) 33 H, 34 
Hegel, Georg Wilhelm Friedrich 

(1770-1831)26, 71 
Helphand, Alexander (gest. 1924) 79 H 
Humboldt, Wilhelm yon (1767-1835) 

24 H 

Hume, David (1 71 1-1 776) 

Kant, Immanuel (1724-1804) 71 
Klopstock, Friedrich Gottlieb 

(1724-1803) 41 H 
Kolisko, Eugen (1893-1939) 70 H, 80 

Lenin (Wladimir Iljitsch Uljanow) 

(1870-1924) 75 H 
Ludendorff, Erich (1865-1937) 32 H, 33, 

34 



Mill, John Stuart (1806-1873) 22 H 
Milton, John (1608-1674) 41 H 

Newton, Isaac (1643-1727) 22 H 
Nietzsche, Friedrich (1844-1900) 52 H 

Oken, Lorenz (1779-1851) 71 

Rasputin, Grigori Jefimowitsch 

(1871-1916) 28 H 
Rittelmeyer, Friedrich (1872-1938) 83 H 

Schelling, Friedrich Wilhelm Joseph 

(1775-1854) 71 
Schiller, Friedrich (1759-1805) 78 H, 80, 

81 

Schmiedel, Oskar (1887-1959) 55 H 
Schmiedel, Otto (*1858) 55 H 
Schopenhauer, Arthur (1788-1860) 71 
Seiling, Max (1852-1928) 27 H, 74 
Sokrates (urn 469-399 v. Chr.) 52 
Spencer, Herbert (1820-1903) 22 H 
Stein, Walter Johannes (1891-1957) 26 H 
Straufi, David Friedrich (1808-1874) 
31 H 

Tagore, Rabindranat (1861-1941) 16 H 
Tirpitz, Alfred von (1849-1930) 32 H, 34 
Traub, Friedrich (geb. 1860) 57 H 
Trotzki, Leo Dawidowitsch (Bronstein) 
(1879-1940) 79 H 

Waxweiler, Emile (gest. 1916) 28 H 
Wilson, Woodrow (1856-1924) 38 H 
Wilhelm II. (1859-1941) 28 H, 29 

Zimmermann, Otto S.J. 67 H, 81, 82 



UBER DIE VORTRAGSNACHSCHRIFTEN 



Aus Rudolf Steiners Autobiographic 
«Mein Lebensgang» (35. Kap., 1925) 

Es liegen nun aus meinem anthroposophischen Wirken zwei Ergebnisse 
vor; erstens meine vor aller Welt veroffentlichten Biicher, zweitens eine 
grofie Reihe von Kursen, die zunachst als Privatdruck gedacht und verkauf- 
lich nur an Mitglieder der Theosophischen (spater Anthroposophischen) 
Gesellschaft sein sollten. Es waren dies Nachschriften, die bei den Vortra- 
gen mehr oder weniger gut gemacht worden sind und die - wegen man- 
gelnder Zeit - nicht von mir korrigiert werden konnten. Mir ware es am 
liebsten gewesen, wenn mundlich gesprochenes Wort miindlich gesproche- 
nes Wort geblieben ware. Aber die Mitglieder wollten den Privatdruck der 
Kurse. Und so kam er zustande. Hatte ich Zeit gehabt, die Dinge zu korri- 
gieren, so hatte vom Anfange an die Einschrankung «Nur fur Mitglieder» 
nicht zu bestehen gebraucht. Jetzt ist sie seit mehr als einem Jahre ja fallen 
gelassen. 

Hier in meinem «Lebensgang» ist notwendig, vor allem zu sagen, wie 
sich die beiden: meine veroffentlichten Biicher und diese Privatdrucke in 
das einfugen, was ich als Anthroposophie ausarbeitete. 

Wer mein eigenes inneres Ringen und Arbeiten fur das Hinstellen der 
Anthroposophie vor das Bewufitsein der gegenwartigen Zeit verfolgen 
will, der mufi das an Hand der allgemein veroffentlichten Schriften tun. In 
ihnen setzte ich mich auch mit alle dem auseinander, was an Erkenntnis- 
streben in der Zeit vorhanden ist. Da ist gegeben, was sich mir in «geisti- 
gem Schauen» immer mehr gestaltete, was zum Gebaude der Anthroposo- 
phie - allerdings in vieler Hinsicht in unvollkommener Art - wurde. 

Neben diese Forderung, die «Anthroposophie» aufzubauen und dabei 
nur dem zu dienen, was sich ergab, wenn man Mitteilungen aus der Geist- 
Welt der allgemeinen Bildungswelt von heute zu iibergeben hat, trat nun 
aber die andere, auch dem voll entgegenzukommen, was aus der Mitglied- 
schaft heraus als Seelenbedurfnis, als Geistessehnsucht sich offenbarte. 

Da war vor allem eine starke Neigung vorhanden, die Evangelien und 
den Schrift-Inhalt der Bibel uberhaupt in dem Lichte dargestellt zu horen, 
das sich als das anthroposophische ergeben hatte. Man wollte in Kursen 
iiber diese der Menschheit gegebenen Offenbarungen horen. 



Indem interne Vortragskurse im Sinne dieser Forderungen gehalten wur- 
den, kam dazu noch ein anderes. Bei diesen Vortragen waren nur Mitglie- 
der. Sie waren mit den Anfangs-Mitteilungen aus Anthroposophie bekannt. 
Man konnte zu ihnen eben so sprechen, wie zu Vorgeschrittenen auf dem 
Gebiete der Anthroposophie. Die Haltung dieser internen Vortrage war 
eine solche, wie sie eben in Schriften nicht sein konnte, die ganz fur die 
Offentlichkeit bestimmt waren. 

Ich durfte in internen Kreisen in einer Art iiber Dinge sprechen, die ich 
fur die offentliche Darstellung, wenn sie fur sie von Anfang an bestimmt 
gewesen waren, hatte anders gestalten miissen. 

So liegt in der Zweiheit, den offentlichen und den privaten Schriften, in 
der Tat etwas vor, das aus zwei verschiedenen Untergriinden stammt. Die 
ganz offentlichen Schriften sind das Ergebnis dessen, was in mir rang und 
arbeitete; in den Privatdrucken ringt und arbeitet die Gesellschaft mit. Ich 
hore auf die Schwingungen im Seelenleben der Mitgliedschaft, und in mei- 
nem lebendigen Drinnenleben in dem, was ich da hore, entsteht die Hal- 
tung der Vortrage. 

Es ist nirgends auch nur in geringstem Mafie etwas gesagt, was nicht rein- 
stes Ergebnis der sich aufbauenden Anthroposophie ware. Von irgend einer 
Konzession an Vorurteile oder Vorempfindungen der Mitgliedschaft kann 
nicht die Rede sein. Wer diese Privatdrucke liest, kann sie im vollsten Sinne 
eben als das nehmen, was Anthroposophie zu sagen hat. Deshalb konnte ja 
auch ohne Bedenken, als die Anklagen nach dieser Richtung zu drangend 
wurden, von der Einrichtung abgegangen werden, diese Drucke nur im 
Kreise der Mitgliedschaft zu verbreiten. Es wird eben nur hingenommen 
werden miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich 
Fehlerhaftes findet. 

Ein Urteil iiber den Inhalt eines solchen Privatdruckes wird ja allerdings 
nur demjenigen zugestanden werden konnen, der kennt, was als Urteils- 
Voraussetzung angenommen wird. Und das ist fur die allermeisten dieser 
Drucke mindestens die anthroposophische Erkenntnis des Menschen, des 
Kosmos, insofern sein Wesen in der Anthroposophie dargestellt wird, und 
dessen, was als «anthroposophische Geschichte» in den Mitteilungen aus 
der Geist-Welt sich findet.